SciLogs https://scilogs.spektrum.de/multifeed Tagebücher der Wissenschaft Thu, 26 Mar 2026 22:11:01 +0100 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.9.4 https://scilogs.spektrum.de/wp-content/themes/scilogs-theme/assets/images/favicon/scilogs-icon-32.png Tagebücher der Wissenschaft https://scilogs.spektrum.de 32 32 Pottwale: Geburt, Headbutting und Anti-Walfang-Manöver https://scilogs.spektrum.de/meertext/pottwale-geburt-headbutting-und-poop-bombs/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/pottwale-geburt-headbutting-und-poop-bombs/#respond Thu, 26 Mar 2026 21:03:38 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1934 <h1>Pottwale: Geburt, Headbutting und Anti-Walfang-Manöver » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Im Juli 2023 beobachteten Forscher die Geburt eines Pottwals vor der Küste Dominikas – ihre detaillierte Schilderung haben sie gerade veröffentlicht: „<strong><a href="https://www.nature.com/articles/s41598-025-27438-3" rel="noopener">Description of a collaborative sperm whale birth and shifts in coda vocal styles during key events</a></strong>„</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="575" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46-1024x575.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46-1024x575.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46-1536x863.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46.png 2000w" width="1024"></img></a><figcaption>Female sperm whales from Unit A holding the newborn sperm whale calf above water until it is able to swim on its own. Credit: Project CETI.<br></br>Ergänzender Kommentar: Das Neugeborene wird gerade von dem Pulk erwachsener Weibchen hochgehalten, seine Flosse ist noch zerknautscht. Rechts oben sind zwei Pilotwale.</figcaption></figure> <p>Shane Gero, David Gruber und weitere Wissenschaftler:innen beobachteten diese Geburt in einer Gruppe aus 11 Ihnen bereits bekannten Pottwalen (<em>Physeter macrocephalus</em>), Nutzung von Aerial Drones, Unterwasser-Audioaufnahmen und Fotografieren vom Schiff aus. Shane Gero ist ein ausgewiesener Experte für Pottwale und leitet seit vielen Jahren das <a href="https://www.thespermwhaleproject.org/" rel="noopener">Dominica Sperm whale Project</a> – er und andere Forschende beobachtet dort ganzjährig Mutter-Kind-Familiengruppen und kennen viele der Individuen und Familien. Diese Pottwale gehören zu unterschiedlichen Klick-Klans – ihre Klick-Reihen (Codas) dienen der sozialen Kommunikation, verschiedene Clans aus vielen Familien-Units haben jeweils eigene Klick-Dialekte als Teil ihrer Clan-Kultur.</p> <p>Das Team um Shane Gero beobachtete den eigentlichen Geburtstagvorgang von 33 Minuten, zu dem sich der ganze Family-Unit aus den erwachsenen Weibchen zusammengefunden hatte. Der kleine Pottwal wurde wie üblich mit der Schwanzflosse voran geboren – so bleibt der Kopf möglichst lange im Mutterleib, sonst würde er ertrinken. Eine Minute, nachdem er den Mutterleib verlassen hatte, hoben ihn andere erwachsene Weibchen auf ihren Köpfen und Rücken aus dem Wasser – der neugeborene Pottwal konnte damit sicher seine ersten Atemzüge machen. Zwei Stunden nach der Geburt löste diese Pottwal-Gruppe dann auf und das Neugeborene blieb in der Obhut der Mutter (bekannt als Rounder), der Halbschwester Accra und der Tante Aurora (die Pottwalforscher:innen kennen die meisten Individuen und ihre Verwandtschaftsbeziehungen). Die Autoren bemerkten auch dass das Neugeborene ein Jahr später mit Accra und Aurora gesichtet wurde, es also das erste Jahr überlebt hat. Damit ist es nun recht wahrscheinlich, dass es auch das Erwachsenenalter erreichen wird.<p><a href="https://www.projectceti.org/" rel="noopener">David Gruber ist der Mit-Initiator des CETI-Projekts</a>, einem interdisziplinären Forschungsprojekt zur Pottwalsprache, bei dem die Feldforschung um Shane Gero einen zentralen Teil einnehmen. Die Klick-Codas und Klick-Kulturen der Pottwale waren bereits vorher bekannt, aber im CETI-Projekt ist nun mit stetig fortschreitender Technologie und KI-Einsatz der Datensatz beträchtlich vergrößert worden.</p><br></br>Um die Geburt herum nahm das Forscherteam Codas auf, die im Kontext mit der sozialen Identität des kulturellen Klick Clans der Pottwale stehen. Diese Laute, so Gero und Gruber, könnten die sozialen Bande während der Geburt bestärkt haben. Weiterhin veränderten sich die Vokalisierungen der Walgruppe bei Schlüsselmomenten während der Geburt, darunter waren längere Laute, die an die menschlichen Vokale a und i erinnern – diese <a href="https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2025.06.09.658556v1" rel="noopener">Coda-Vokale wurden erst kürzlich von den Forschenden eine der engsten Parallelen zur menschlichen Phonologie</a> unter allen bekannten tierischen Kommunikationssystemen bezeichnet (Bereits 2024 hatten CETI-Forschende <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/klicken-pottwale-mit-einem-phonetischen-alphabet/">Hinweise auf ein phonetisches Alphabet bei Pottwalen</a> beschrieben). Die Pottwallaute während der Geburt waren über mehrere hundert Meter hörbar und die Forscher spekulieren, dass sie auch von einer Gruppe von Kurzflossen-Grindwalen (<em>Globicephala makrorhynchus</em>) und Fraser-Delphine (<em>Lagenorhynchus hosei</em>) gehört werden konnten, die in der Nähe aufhielten und offenbar mit der Pottwalgruppe interagierten.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/43Wbp7sgyFI?feature=oembed" title="Aluma et al. Scientific Reports Video 1" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Beschreibungen von Geburten sind in freier Natur bisher erst von neun Walarten beschrieben worden. Bei nur drei anderen Zahnwalarten – Kleiner Schwertwal (<em>Pseudorca crassidens</em>), Orcas (<em>Orcinus orca</em>) sowie Beluga (<em>Delphinapterus leucas</em>) – wurde das koordinierte Hochheben des Kalbs, dass die Autoren hier beobachteten, ebenfalls beschrieben. Dies könnte ein Relikt der Wal-Evolution und des letzten gemeinsamen Vorfahren dieser Zahnwale vor etwa 34 Millionen Jahren sein: Die vollständig ans Leben auch in tiefen Gewässern angepaßten Wale könnte es entwickelt haben, um das Risiko für Neugeborene des Ertrinkens zu reduzieren.</p> <h2><strong>Headbutting – Kopfstöße unter Bullen</strong></h2> <p>Walfänger des 19. Jahrhunderts erzählten davon, dass Pottwabullen mit ihren mächtigen Köpfen untereinander Kämpfe ausfechten (headbutting) und mit Rammstößen des Kopfes Schiffe angriffen. Seit dem Südsee-Pottwalfang mit offenen Fangbooten im 19. Jahrhundert gibt es vereinzelte Berichte darüber, dass Pottwale ihren Kopf einsetzen, um Gegenstände zu stoßen und zu rammen. Das berühmteste Beispiel ist das der 27 Meter langen „Essex“, die 1820 vor den Galapagosinseln durch zwei Frontalzusammenstöße mit einem großen Pottwal versenkt wurde und Herman Melville zu seinem Roman „Moby Dick“ inspirierte. <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2020/11/20/melville-moby-dick-die-essex-story-und-der-ganze-walkampf/" rel="noopener">Owen Chase, Erster Maat auf der „Essex“, hatte das Unglück überlebt </a>und in einem packenden Bericht festgehalten. Darin beschreibt er auch den Rammstoß des Wals: „Ich drehte mich um und sah ihn etwa hundert Rod [ca. 500 m] direkt vor uns, wie er mit der doppelten Geschwindigkeit von etwa 24 Knoten auf uns zukam, und er wirkte mit zehnfacher Wut und Rachsucht in seinem Auftreten. Die Gischt flog in alle Richtungen um ihn herum, während er ununterbrochen heftig mit dem Schwanz schlug. Sein Kopf ragte etwa zur Hälfte aus dem Wasser, und so kam er auf uns zu und rammte das Schiff erneut.“<aside></aside></p> <p>Weitere Berichte erzählen, dass auch die Walfangschiffe „Ann Alexander“ und „Kathleen“ im 19. Jahrhundert von Pottwalbullen versenkt wurden.<br></br>Erwachsene Bullen werden 15 bis 20 Meter lang und bis zu 60 Tonnen schwer – hinter einem Rammstoß steckt also eine ungeheure Kraft.</p> <p>In der Neuzeit gab es dazu allerdings keine Beobachtungen, Pottwalforscher haben es sogar für unwahrscheinlich gehalten. Schließlich steckt im kastenförmige Riesenkopf, der bei Bullen fast ein Drittel der Körperlänge einnimmt, das sensible Ortungssystem, ohne dass ein Wal nicht überleben kann. Schließlich braucht er es sowohl zum Aufspüren seiner Beute in den lichtlosen Meerestiefen, als auch zur sozialen Kommunikation, gerade, wenn er seine Familiengruppe in warmen Gewässern aufsucht und sich fortpflanzen will. </p> <p>Aber zwischen 2020 und 2022 haben Forschende der University of St. Andrews tatsächlich solches Verhalten vor den Azoren und Balearen per Drohne an der Meeresoberfläche beobachtet und nun publiziert. Neben den Rammstößen konnten sie dabei auch den sozialen Kontext und andere Verhaltensweisen aufnehmen. Das Headbutting fand nicht etwa, wie die historischen Quellen berichten, zwischen erwachsenen Bullen statt, sondern innerhalb einer Bachelorgruppe junger Bullen. Ob diese Kopfstöße auch in größeren Tiefen stattfinden, ist noch nicht bekannt. Genauso ungeklärt ist noch die Funktion für die Gruppendynamik.<br></br>Das Forscherteam um Alec Burslem hofft nun auf weitere Drohnen-Aufnahmen, um das vielleicht irgendwann das Verhalten dahinter vollständig entschlüsseln zu können.</p> <p>Quelle:<br></br><a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Burslem/Alec" rel="noopener">Alec Burslem</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Cerd%C3%A0/Marga" rel="noopener">Marga Cerdà</a>, et al: „<strong><a href="https://doi.org/10.1111/mms.70153Digital%20Object%20Identifier%20(DOI)" rel="noopener">Headbutting Behavior Between Sperm Whales Documented Using Unoccupied Aerial Vehicles</a>“; </strong> 23 March 2026; <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/journal/17487692" rel="noopener">Marine Mammal Science</a></p> <h2>Anti-Walfänger-Taktiken</h2> <p>Schon 2021 kam eine Studie zum schnellen Lernen der <a href="https://www.livescience.com/whales-learned-avoid-harpoons.html" rel="noopener">Pottwale als Reaktion auf den Walfang im Nordpazifik heraus</a>. Die Forscher entdeckten bei der Analyse der digitalisierten Walfänger-Logbücher aus dem 19. Jahrhundert, dass die Pottwalfänge im Nordpazifik innerhalb weniger Jahre um 58% zurückgingen – die Wale lernten offenbar recht schnell, ihren Peinigern aus dem Weg zu schwimmen. Zunächst reagierten die Pottwale auch auf die neue Bedrohung durch die menschlichen Jäger genauso, wie sie auf Schwertwale abwehrten, ihren bis dahin einzigen Predator: Mit der Margariten-Formation, so erklärt Hal Whitehead (Dalhousie-Universität, Nova Scotia). Dabei bilden die Familiengruppen an der Oberfläche einen Kreis, die meisten positionieren sich mit dem Kopf nach innen und dem Schwanz nach außen. Inmitten des Kreises befinden sich ihre Babys. Von oben betrachtet erinnert diese Formation an eine Margeritenblüte. Die erwachsenen Weibchen können dann mit den mächtigen Flug harte Schläge auf angreifende Orcas austeilen. Auch Buckelwale schlagen so mit Finnen und Fluken Orcas erfolgreich in die Flucht. Die großen Flossen sind sehr hart und könnten die kleineren schwarz-weißen Zahnwale wohl erheblich verletzten, sie fürchten sich jedenfalls vor den Schlägen.</p> <p>Gegen die Walfänger half diese Verteidigungsstrategie den Pottwalen allerdings überhaupt nicht, stattdessen wurden sehr schnell viele von ihnen getötet. Die intelligenten Meeressäuger lernten aber offenbar schnell aus ihrem Fehler und die Überlebenden entwickelten neue Taktiken. So schwammen sie mit hoher Geschwindigkeit gegen den Wind davon und ließen so die Segelschiffe hinter sich.<br></br>Einzelne Pottwale entwickelten offenbar diese neuen Verhaltensmuster, die sich dann aber schnell über die gesamte Wal-Community verbreiteten. Auch Wale, die noch nie selbst auf Walfänger getroffen waren, lernten, vor ihnen zu fliehen. Pottwale haben eine komplexe Sprache und Lernkultur, so konnten sie diese neuen Verteidigungsstrategien an andere Familienmitglieder und Familien-Units kommunizieren und in ihren Kulturen verankern – fortan wurden die Walfänger deutlich erfolgloser.</p> <p><a href="https://whiteheadlab.weebly.com/" rel="noopener">Hal Whitehead ist sozusagen der „Pottwal-Papst“ </a>und ist ihnen jahrzehntelang gefolgt. So hat er die ersten Beobachtungen und Analysen zu den Weibchen-Kind-Familien vor allem um die Galapagos-Inseln publiziert. Die soziale Evolution in den Ozeanen ist sein Lebensthema. Einmal habe ich ihn interviewt und er erklärte mir, dass sich die Pottwal-Kultur und -Sprache um ihren Nachwuchs herum entwickelt haben. Seine Arbeiten zu Pottwalkulturen und Pottwal-Klick-Codas sowie ihre Dialekte und die Bestände haben maßgeblich zum Verständnis ihrer sozialen und kommunikativen Fähigkeiten beigetragen. <br></br>Der oben genannte Shane Gero hat von ihm das „Pottwal-Handwerk“ gelernt und ebenfalls genial weiterentwickelt.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Pottwale: Geburt, Headbutting und Anti-Walfang-Manöver » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Im Juli 2023 beobachteten Forscher die Geburt eines Pottwals vor der Küste Dominikas – ihre detaillierte Schilderung haben sie gerade veröffentlicht: „<strong><a href="https://www.nature.com/articles/s41598-025-27438-3" rel="noopener">Description of a collaborative sperm whale birth and shifts in coda vocal styles during key events</a></strong>„</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="575" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46-1024x575.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46-1024x575.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46-1536x863.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46.png 2000w" width="1024"></img></a><figcaption>Female sperm whales from Unit A holding the newborn sperm whale calf above water until it is able to swim on its own. Credit: Project CETI.<br></br>Ergänzender Kommentar: Das Neugeborene wird gerade von dem Pulk erwachsener Weibchen hochgehalten, seine Flosse ist noch zerknautscht. Rechts oben sind zwei Pilotwale.</figcaption></figure> <p>Shane Gero, David Gruber und weitere Wissenschaftler:innen beobachteten diese Geburt in einer Gruppe aus 11 Ihnen bereits bekannten Pottwalen (<em>Physeter macrocephalus</em>), Nutzung von Aerial Drones, Unterwasser-Audioaufnahmen und Fotografieren vom Schiff aus. Shane Gero ist ein ausgewiesener Experte für Pottwale und leitet seit vielen Jahren das <a href="https://www.thespermwhaleproject.org/" rel="noopener">Dominica Sperm whale Project</a> – er und andere Forschende beobachtet dort ganzjährig Mutter-Kind-Familiengruppen und kennen viele der Individuen und Familien. Diese Pottwale gehören zu unterschiedlichen Klick-Klans – ihre Klick-Reihen (Codas) dienen der sozialen Kommunikation, verschiedene Clans aus vielen Familien-Units haben jeweils eigene Klick-Dialekte als Teil ihrer Clan-Kultur.</p> <p>Das Team um Shane Gero beobachtete den eigentlichen Geburtstagvorgang von 33 Minuten, zu dem sich der ganze Family-Unit aus den erwachsenen Weibchen zusammengefunden hatte. Der kleine Pottwal wurde wie üblich mit der Schwanzflosse voran geboren – so bleibt der Kopf möglichst lange im Mutterleib, sonst würde er ertrinken. Eine Minute, nachdem er den Mutterleib verlassen hatte, hoben ihn andere erwachsene Weibchen auf ihren Köpfen und Rücken aus dem Wasser – der neugeborene Pottwal konnte damit sicher seine ersten Atemzüge machen. Zwei Stunden nach der Geburt löste diese Pottwal-Gruppe dann auf und das Neugeborene blieb in der Obhut der Mutter (bekannt als Rounder), der Halbschwester Accra und der Tante Aurora (die Pottwalforscher:innen kennen die meisten Individuen und ihre Verwandtschaftsbeziehungen). Die Autoren bemerkten auch dass das Neugeborene ein Jahr später mit Accra und Aurora gesichtet wurde, es also das erste Jahr überlebt hat. Damit ist es nun recht wahrscheinlich, dass es auch das Erwachsenenalter erreichen wird.<p><a href="https://www.projectceti.org/" rel="noopener">David Gruber ist der Mit-Initiator des CETI-Projekts</a>, einem interdisziplinären Forschungsprojekt zur Pottwalsprache, bei dem die Feldforschung um Shane Gero einen zentralen Teil einnehmen. Die Klick-Codas und Klick-Kulturen der Pottwale waren bereits vorher bekannt, aber im CETI-Projekt ist nun mit stetig fortschreitender Technologie und KI-Einsatz der Datensatz beträchtlich vergrößert worden.</p><br></br>Um die Geburt herum nahm das Forscherteam Codas auf, die im Kontext mit der sozialen Identität des kulturellen Klick Clans der Pottwale stehen. Diese Laute, so Gero und Gruber, könnten die sozialen Bande während der Geburt bestärkt haben. Weiterhin veränderten sich die Vokalisierungen der Walgruppe bei Schlüsselmomenten während der Geburt, darunter waren längere Laute, die an die menschlichen Vokale a und i erinnern – diese <a href="https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2025.06.09.658556v1" rel="noopener">Coda-Vokale wurden erst kürzlich von den Forschenden eine der engsten Parallelen zur menschlichen Phonologie</a> unter allen bekannten tierischen Kommunikationssystemen bezeichnet (Bereits 2024 hatten CETI-Forschende <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/klicken-pottwale-mit-einem-phonetischen-alphabet/">Hinweise auf ein phonetisches Alphabet bei Pottwalen</a> beschrieben). Die Pottwallaute während der Geburt waren über mehrere hundert Meter hörbar und die Forscher spekulieren, dass sie auch von einer Gruppe von Kurzflossen-Grindwalen (<em>Globicephala makrorhynchus</em>) und Fraser-Delphine (<em>Lagenorhynchus hosei</em>) gehört werden konnten, die in der Nähe aufhielten und offenbar mit der Pottwalgruppe interagierten.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/43Wbp7sgyFI?feature=oembed" title="Aluma et al. Scientific Reports Video 1" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Beschreibungen von Geburten sind in freier Natur bisher erst von neun Walarten beschrieben worden. Bei nur drei anderen Zahnwalarten – Kleiner Schwertwal (<em>Pseudorca crassidens</em>), Orcas (<em>Orcinus orca</em>) sowie Beluga (<em>Delphinapterus leucas</em>) – wurde das koordinierte Hochheben des Kalbs, dass die Autoren hier beobachteten, ebenfalls beschrieben. Dies könnte ein Relikt der Wal-Evolution und des letzten gemeinsamen Vorfahren dieser Zahnwale vor etwa 34 Millionen Jahren sein: Die vollständig ans Leben auch in tiefen Gewässern angepaßten Wale könnte es entwickelt haben, um das Risiko für Neugeborene des Ertrinkens zu reduzieren.</p> <h2><strong>Headbutting – Kopfstöße unter Bullen</strong></h2> <p>Walfänger des 19. Jahrhunderts erzählten davon, dass Pottwabullen mit ihren mächtigen Köpfen untereinander Kämpfe ausfechten (headbutting) und mit Rammstößen des Kopfes Schiffe angriffen. Seit dem Südsee-Pottwalfang mit offenen Fangbooten im 19. Jahrhundert gibt es vereinzelte Berichte darüber, dass Pottwale ihren Kopf einsetzen, um Gegenstände zu stoßen und zu rammen. Das berühmteste Beispiel ist das der 27 Meter langen „Essex“, die 1820 vor den Galapagosinseln durch zwei Frontalzusammenstöße mit einem großen Pottwal versenkt wurde und Herman Melville zu seinem Roman „Moby Dick“ inspirierte. <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2020/11/20/melville-moby-dick-die-essex-story-und-der-ganze-walkampf/" rel="noopener">Owen Chase, Erster Maat auf der „Essex“, hatte das Unglück überlebt </a>und in einem packenden Bericht festgehalten. Darin beschreibt er auch den Rammstoß des Wals: „Ich drehte mich um und sah ihn etwa hundert Rod [ca. 500 m] direkt vor uns, wie er mit der doppelten Geschwindigkeit von etwa 24 Knoten auf uns zukam, und er wirkte mit zehnfacher Wut und Rachsucht in seinem Auftreten. Die Gischt flog in alle Richtungen um ihn herum, während er ununterbrochen heftig mit dem Schwanz schlug. Sein Kopf ragte etwa zur Hälfte aus dem Wasser, und so kam er auf uns zu und rammte das Schiff erneut.“<aside></aside></p> <p>Weitere Berichte erzählen, dass auch die Walfangschiffe „Ann Alexander“ und „Kathleen“ im 19. Jahrhundert von Pottwalbullen versenkt wurden.<br></br>Erwachsene Bullen werden 15 bis 20 Meter lang und bis zu 60 Tonnen schwer – hinter einem Rammstoß steckt also eine ungeheure Kraft.</p> <p>In der Neuzeit gab es dazu allerdings keine Beobachtungen, Pottwalforscher haben es sogar für unwahrscheinlich gehalten. Schließlich steckt im kastenförmige Riesenkopf, der bei Bullen fast ein Drittel der Körperlänge einnimmt, das sensible Ortungssystem, ohne dass ein Wal nicht überleben kann. Schließlich braucht er es sowohl zum Aufspüren seiner Beute in den lichtlosen Meerestiefen, als auch zur sozialen Kommunikation, gerade, wenn er seine Familiengruppe in warmen Gewässern aufsucht und sich fortpflanzen will. </p> <p>Aber zwischen 2020 und 2022 haben Forschende der University of St. Andrews tatsächlich solches Verhalten vor den Azoren und Balearen per Drohne an der Meeresoberfläche beobachtet und nun publiziert. Neben den Rammstößen konnten sie dabei auch den sozialen Kontext und andere Verhaltensweisen aufnehmen. Das Headbutting fand nicht etwa, wie die historischen Quellen berichten, zwischen erwachsenen Bullen statt, sondern innerhalb einer Bachelorgruppe junger Bullen. Ob diese Kopfstöße auch in größeren Tiefen stattfinden, ist noch nicht bekannt. Genauso ungeklärt ist noch die Funktion für die Gruppendynamik.<br></br>Das Forscherteam um Alec Burslem hofft nun auf weitere Drohnen-Aufnahmen, um das vielleicht irgendwann das Verhalten dahinter vollständig entschlüsseln zu können.</p> <p>Quelle:<br></br><a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Burslem/Alec" rel="noopener">Alec Burslem</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Cerd%C3%A0/Marga" rel="noopener">Marga Cerdà</a>, et al: „<strong><a href="https://doi.org/10.1111/mms.70153Digital%20Object%20Identifier%20(DOI)" rel="noopener">Headbutting Behavior Between Sperm Whales Documented Using Unoccupied Aerial Vehicles</a>“; </strong> 23 March 2026; <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/journal/17487692" rel="noopener">Marine Mammal Science</a></p> <h2>Anti-Walfänger-Taktiken</h2> <p>Schon 2021 kam eine Studie zum schnellen Lernen der <a href="https://www.livescience.com/whales-learned-avoid-harpoons.html" rel="noopener">Pottwale als Reaktion auf den Walfang im Nordpazifik heraus</a>. Die Forscher entdeckten bei der Analyse der digitalisierten Walfänger-Logbücher aus dem 19. Jahrhundert, dass die Pottwalfänge im Nordpazifik innerhalb weniger Jahre um 58% zurückgingen – die Wale lernten offenbar recht schnell, ihren Peinigern aus dem Weg zu schwimmen. Zunächst reagierten die Pottwale auch auf die neue Bedrohung durch die menschlichen Jäger genauso, wie sie auf Schwertwale abwehrten, ihren bis dahin einzigen Predator: Mit der Margariten-Formation, so erklärt Hal Whitehead (Dalhousie-Universität, Nova Scotia). Dabei bilden die Familiengruppen an der Oberfläche einen Kreis, die meisten positionieren sich mit dem Kopf nach innen und dem Schwanz nach außen. Inmitten des Kreises befinden sich ihre Babys. Von oben betrachtet erinnert diese Formation an eine Margeritenblüte. Die erwachsenen Weibchen können dann mit den mächtigen Flug harte Schläge auf angreifende Orcas austeilen. Auch Buckelwale schlagen so mit Finnen und Fluken Orcas erfolgreich in die Flucht. Die großen Flossen sind sehr hart und könnten die kleineren schwarz-weißen Zahnwale wohl erheblich verletzten, sie fürchten sich jedenfalls vor den Schlägen.</p> <p>Gegen die Walfänger half diese Verteidigungsstrategie den Pottwalen allerdings überhaupt nicht, stattdessen wurden sehr schnell viele von ihnen getötet. Die intelligenten Meeressäuger lernten aber offenbar schnell aus ihrem Fehler und die Überlebenden entwickelten neue Taktiken. So schwammen sie mit hoher Geschwindigkeit gegen den Wind davon und ließen so die Segelschiffe hinter sich.<br></br>Einzelne Pottwale entwickelten offenbar diese neuen Verhaltensmuster, die sich dann aber schnell über die gesamte Wal-Community verbreiteten. Auch Wale, die noch nie selbst auf Walfänger getroffen waren, lernten, vor ihnen zu fliehen. Pottwale haben eine komplexe Sprache und Lernkultur, so konnten sie diese neuen Verteidigungsstrategien an andere Familienmitglieder und Familien-Units kommunizieren und in ihren Kulturen verankern – fortan wurden die Walfänger deutlich erfolgloser.</p> <p><a href="https://whiteheadlab.weebly.com/" rel="noopener">Hal Whitehead ist sozusagen der „Pottwal-Papst“ </a>und ist ihnen jahrzehntelang gefolgt. So hat er die ersten Beobachtungen und Analysen zu den Weibchen-Kind-Familien vor allem um die Galapagos-Inseln publiziert. Die soziale Evolution in den Ozeanen ist sein Lebensthema. Einmal habe ich ihn interviewt und er erklärte mir, dass sich die Pottwal-Kultur und -Sprache um ihren Nachwuchs herum entwickelt haben. Seine Arbeiten zu Pottwalkulturen und Pottwal-Klick-Codas sowie ihre Dialekte und die Bestände haben maßgeblich zum Verständnis ihrer sozialen und kommunikativen Fähigkeiten beigetragen. <br></br>Der oben genannte Shane Gero hat von ihm das „Pottwal-Handwerk“ gelernt und ebenfalls genial weiterentwickelt.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/pottwale-geburt-headbutting-und-poop-bombs/#respond 0 „Die Durchschnittsfrau gibt es nicht“ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-durchschnittsfrau-gibt-es-nicht/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-durchschnittsfrau-gibt-es-nicht/#respond Thu, 26 Mar 2026 15:00:00 +0000 Gast https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5750 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/still-life-pop-style-human-brain-scaled-e1774343272747-768x282.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-durchschnittsfrau-gibt-es-nicht/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/still-life-pop-style-human-brain-scaled-e1774343272747.jpg" /><h1>„Die Durchschnittsfrau gibt es nicht“ » HIRN UND WEG</h1><h2>By Von Gast</h2><div itemprop="text"> <p>Dass Frauen und Männer in vielen Bereichen anders ticken, ist hinlänglich bekannt. Doch was passiert genau im weiblichen Gehirn zum Beispiel unter Stress? Welche Auswirkungen haben Hormone, eine Schwangerschaft oder die Wechseljahre – möglicherweise sogar auf die Entstehung neurodegenerativer Erkrankungen? </p> <div><figure><img alt="Prof. Birgit Derntl ist Leiterin der Arbeitsgruppe „Psychische Gesundheit und Gehirnfunktion von Frauen“" decoding="async" height="746" sizes="(max-width: 842px) 100vw, 842px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Derntl_Birgit-1.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Derntl_Birgit-1.png 842w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Derntl_Birgit-1-300x266.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Derntl_Birgit-1-768x680.png 768w" width="842"></img></figure><p><strong><a href="https://www.medizin.uni-tuebingen.de/de/das-klinikum/mitarbeiter/profil/1610" rel="noopener">Prof. Birgit Derntl</a></strong> ist Leiterin der Arbeitsgruppe „Psychische Gesundheit und Gehirnfunktion von Frauen“ an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Tübingen, und forscht zum „Fe|male Brain“. Was das weibliche Hirn ausmacht und woran die Neurowissenschaftlerin gemeinsam mit Expertinnen und Experten des Hertie-Zentrum für Neurologie arbeitet, erzählt sie in diesem Interview.</p></div> <h3><strong>Von den rund 50.000 wissenschaftlichen Arbeiten zur Hirnforschung, die seit 1995 erschienen sind, beschäftigen sich lediglich 0,5 Prozent mit der psychischen Gesundheit von Frauen. Woran liegt das? </strong></h3> <p>Das hat mehrere, historisch gewachsene Gründe. In Medizin und Neurowissenschaft galt der männliche Körper lange als Standardmodell. Frauen wurden oft ausgeschlossen, unter anderem wegen hormoneller Schwankungen, die als Störfaktor galten. Heute wissen wir, dass genau diese Dynamik wichtige Erkenntnisse liefert. Geschlechtersensible Forschung ist zudem noch ein junges Feld. Viele Studienstrukturen und Forschungsfragen entstanden ohne gezielten Blick auf Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Entsprechend fehlen bis heute belastbare Daten. Hinzu kommt die Komplexität, denn Geschlecht ist mehr als die Binarität Frau/Mann. Wer weibliche Biologie ernsthaft erforscht, muss Lebensphasen wie Pubertät, Schwangerschaft oder Menopause berücksichtigen. Das macht Forschung nicht einfacher, aber deutlich aussagekräftiger.</p> <h3><strong>Sie leiten die Arbeitsgruppe „Psychische Gesundheit und Gehirnfunktion von Frauen“. Womit beschäftigt sich Ihre Forschung?</strong></h3> <p>Uns interessiert vor allem die psychische Gesundheit von Frauen in der reproduktiven Lebensphase. Wir schauen uns an, wie sich der Menstruationszyklus, hormonelle Verhütung, Schwangerschaft aber auch die Wechseljahre auf die psychische Gesundheit und auf das Gehirn auswirken. Denn Geschlecht und Geschlechtshormone beeinflussen nicht nur unsere Gesundheit und unser Verhalten, sondern auch unser Gehirn. Deshalb betrachten wir mehrere Ebenen: Verhalten, Gehirnstruktur, Gehirnaktivität, neuronale Vernetzung, Psychophysiologie und Hormonspiegel. Unser Fokus reicht von emotionalen Fähigkeiten und Empathie über Stressreaktionen bis hin zu Motivation. Gerade bei psychischen Erkrankungen zeigen sich oft Veränderungen, und wir möchten verstehen, wie Geschlecht, Hormone und Gehirnfunktion diesbezüglich zusammenwirken.</p> <h3><strong>Wie gehen Sie methodisch vor?</strong></h3> <div><figure><img alt="Blick ins Hirn mithilfe der Magnetresonanztomografie" decoding="async" height="534" sizes="(max-width: 622px) 100vw, 622px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/MRT_Image.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/MRT_Image.jpeg 622w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/MRT_Image-300x258.jpeg 300w" width="622"></img></figure><p>Viele unserer Studien verwenden Magnetresonanztomografie. Damit können wir uns sowohl die Struktur als auch die Funktion des Gehirns anschauen. Bei der Funktion betrachten wir zum einen den Ruhezustand, also wie Gehirnnetzwerke arbeiten, wenn keine konkrete Aufgabe gelöst werden muss. Zusätzlich arbeiten wir sehr häufig mit funktionellem MRT unter Aufgabenbedingungen. Dabei untersuchen wir zum Beispiel Stress, Empathie, sexuelle Motivation oder Emotionserkennung. So können wir gleichzeitig sehen, was im Gehirn passiert und wie sich die Person in der Aufgabe verhält.<aside></aside></p></div> <h3><strong>Haben Sie ein praktisches Beispiel, wie Sie Probanden im MRT unter Stress setzen?</strong></h3> <p>Der Scanner selbst ist für viele schon ein Stressor. Zusätzlich nutzen wir klassische Stressverfahren. Ein Beispiel sind Rechenaufgaben unter Zeitdruck. Je besser jemand ist, desto weniger Zeit bekommt die Person für die nächste Aufgabe. Und wir geben zusätzlich Rückmeldung, dass die Leistung nicht gut war.</p> <h3><strong>Sie setzen also noch einen drauf?</strong></h3> <p>Natürlich.</p> <h3><strong>Reagiert das weibliche Gehirn anders als das männliche?</strong></h3> <p>Wenn wir von weiblich und männlich sprechen, reden wir immer über Durchschnittswerte über viele Personen hinweg. Aber ja, im Durchschnitt sehen wir Unterschiede in der Stressreaktion auf mehreren Ebenen. Frauen geben im Durchschnitt häufiger an, sich subjektiv stärker gestresst zu fühlen. Auf hormoneller Ebene sehen wir zum Beispiel Unterschiede beim Stresshormon Kortisol im Speichel. Männer zeigen im Durchschnitt oft stärkere Kortisolreaktionen. Innerhalb der Gruppe der Frauen gibt es zusätzlich große Unterschiede. Hormonelle Verhütung, Zyklusphase und Wechseljahre beeinflussen die Stressreaktion ebenfalls. Das heißt: Frau ist nicht gleich Frau, selbst wenn wir mit Durchschnittswerten arbeiten.</p> <h3><strong>Sehen Sie diese Unterschiede direkt im Gehirn?</strong></h3> <p>Ja, bestimmte Regionen werden je nach Geschlecht unterschiedlich stark aktiviert. Ein Beispiel ist der Hippocampus, der für Gedächtnis und Stressverarbeitung wichtig ist. In unseren Daten zeigen Frauen in bestimmten Situationen geringere Aktivierung, während Männer dort stärkere Aktivierungen zeigen. Teilweise sehen wir bei Männern auch stärkere Aktivität in präfrontalen Arealen. Vergleichbare Daten sind allerdings noch selten. Es gibt nur wenige MRT-Studien mit identischen Stressparadigmen. Deshalb können wir noch nicht sicher sagen, welche Muster sich stabil zeigen. Zudem lösen unterschiedliche Stressverfahren auch unterschiedliche Reaktionen aus. In der geschlechtsspezifischen Stressforschung stehen wir daher noch am Anfang. Für uns zeigt sich vor allem: Stress ist nicht gleich Stress und muss auf mehreren Ebenen betrachtet werden. Nur nach dem subjektiven Erleben zu fragen, würde vermutlich zeigen, dass Frauen im Schnitt mehr Stress angeben. Betrachtet man nur Hormone, zeigt sich zum Beispiel oft eine stärkere Kortisolreaktion bei Männern. Und wenn man nur das Gehirn untersucht, entstehen wieder eigene Muster, die nicht immer zu subjektiven oder hormonellen Befunden passen. Deshalb ist es bei Stress und vielen psychischen Prozessen entscheidend, immer mehrere Ebenen zusammen zu betrachten.</p> <h3><strong>Was haben Sie bisher über Besonderheiten des weiblichen Gehirns herausgefunden?</strong></h3> <p>Ein zentrales Merkmal ist die hohe Plastizität. Hormonelle Übergänge beeinflussen den Aufbau des Gehirns, also bereits die Struktur. Wir sehen zum Beispiel, dass sich die Gehirnstruktur über den Menstruationszyklus hinweg verändert. Das ist nichts Krankhaftes, sondern Ausdruck normaler Anpassungsprozesse. Diese Dynamik könnte bei manchen Frauen mit einer erhöhten Vulnerabilität also Verwundbarkeit für psychische Erkrankungen zusammenhängen. Das verstehen wir aber noch nicht ausreichend. Dafür brauchen wir mehr Daten. Ein großes Problem ist außerdem, dass wir oft sehr pauschal von „den Frauen“ sprechen. Eine Durchschnittsfrau gibt es nicht. Wenn ich sage, der Zyklus hat Einfluss, dann muss ich eigentlich fragen: An welchem Zyklustag befinden Sie sich? Nutzen Sie hormonelle Verhütung? Wenn ja, welche? All diese Faktoren beeinflussen Gehirn und Hormonsystem. Da wir im Gehirn an vielen Stellen Hormonrezeptoren haben, auch in Regionen, die für psychische Gesundheit zentral sind, gehen wir davon aus, dass hormonelle Prozesse auch zur Plastizität beitragen. Daraus können sowohl Vulnerabilitäten als auch Schutzmechanismen entstehen.</p> <h3><strong>Was ist aktuell die größte Herausforderung in Ihrer Forschung?</strong></h3> <p>Das Thema wird oft noch als Nische gesehen. Frauengesundheit wird häufig stark mit Reproduktion verknüpft, also mit Schwangerschaft oder Wechseljahren. Das greift aber viel zu kurz. Auch Frauen ohne Kinderwunsch und Frauen nach den Wechseljahren haben spezifische gesundheitliche und psychische Bedürfnisse. Und das Gehirn entwickelt sich ja weiter. Gerade im höheren Lebensalter spielen neurodegenerative Erkrankungen eine große Rolle. Die reproduktiven Lebensjahre könnten dabei ein sensibles Zeitfenster sein, möglicherweise eine Phase erhöhter Vulnerabilität, vielleicht aber auch ein Schutzfenster. Besonders in den Wechseljahren könnte präventiv viel getan werden, zum Beispiel im Hinblick auf demenzielle Erkrankungen. Genau das versuchen wir besser zu verstehen. Deshalb planen wir eine Zusammenarbeit mit der Abteilung „Zellbiologie Neurologischer Erkrankungen“ von Prof. Mathias Jucker am <a href="https://www.hih-tuebingen.de/" rel="noopener">Hertie-Institut für klinische Hirnforschung</a> (HIH). Wir wollen verstehen, ob die Wechseljahre ein mögliches Schutzfenster für die Entstehung oder auch den Verlauf der Alzheimer-Erkrankung darstellen.</p> <h3><strong>In welchen Bereichen arbeiten Sie bereits mit dem Hertie-Zentrum für Neurologie zusammen?</strong></h3> <p>Ein aktueller Schwerpunkt ist die Zusammenarbeit im Bereich Gedächtnisforschung mit Prof. Esther Kühn, Leiterin der Forschungsgruppe „Translationale Bildgebung kortikaler Mikrostruktur“ am HIH. Gemeinsam schauen wir uns zum Beispiel das sogenannte autobiografische Körpergedächtnis an. Körperliche Erfahrungen beeinflussen unser Wohlbefinden oft auf viele Jahre. Einschränkungen in diesem Bereich sehen wir häufig bei Menschen mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen, somatischen Erkrankungen oder Angststörungen, aber auch bei Menschen mit neurodegenerativen Erkrankungen. Uns interessiert dabei besonders, ob es geschlechtsspezifische Unterschiede gibt, und ob unser soziales Geschlecht Einfluss darauf hat, woran und wie wir uns erinnern. Wir planen, Männer und Frauen zu vergleichen. Basierend auf Vorarbeiten von Frau Kühn glauben wir, dass die Insula, eine Gehirnregion, besonders relevant ist, wenn es darum geht, das Körpergedächtnis abzubilden. Die Insula zeigt auch geschlechtsspezifische Ausprägungen. Die zentrale Frage ist: Greifen Frauen und Männer auf dieses Körpergedächtnis gleich zu? Können sie sich zum Beispiel gleich gut an körperliche Schmerzen oder angenehme Körpererlebnisse wie eine Umarmung erinnern oder gibt es hier Geschlechtsunterschiede, die zu unterschiedlichem Verhalten führen und damit zum unterschiedlichen Risiko für psychische Erkrankungen beitragen? Diese Mechanismen zu verstehen, wird helfen, Interventionen für diese Erkrankungen besser auf die jeweilige Person zuzuschneiden und Geschlechterunterschiede dabei systematisch mit in die Therapieplanung aufzunehmen.</p> <h3><strong>Gibt es eine Lebensphase, in der Frauen am wenigsten gestresst oder sogar am glücklichsten sind?</strong></h3> <p>Das ist sehr individuell. Glück ist ja unterschiedlich definiert, und je nach Lebensphase wirken andere Reize oder Aspekte auf uns. Unsere Lebenswelten verändern sich kontinuierlich. Pubertät, Schwangerschaft, hormonelle Verhütung oder Wechseljahre, für manche Frauen sind sie befreiend, für andere belastend. Jede Phase hat ihre Chancen, aber auch ihre Herausforderungen.</p> <h3><strong>Männer haben diese unterschiedlichen Phasen nicht, oder?</strong></h3> <p>Doch, auch sie durchlaufen hormonelle Veränderungen. Auch beim Mann nimmt das Testosteron irgendwann ab. Körper und Psyche können sich dadurch verändern, möglicherweise wie während der Wechseljahre der Frauen. Inwiefern das vergleichbar ist, wissen wir bisher allerdings nicht. Dazu würde es noch mehr Forschung benötigen.</p> <h3><strong>Was fasziniert Sie persönlich am weiblichen Gehirn?</strong></h3> <p>Es ist aus mehreren Gründen ein Herzensprojekt. Zum einen habe ich selbst hormonelle Übergangsphasen durchlebt – oder stecke gerade mittendrin – und möchte verstehen, was dann mit unserem Gehirn passiert. Zum anderen möchte ich, dass meine Tochter irgendwann informierte Entscheidungen treffen kann, das war zu meiner Zeit noch nicht möglich. Heute sammeln wir Daten, die der nächsten Generation helfen sollen. Und dann ist da noch das Feedback aus der Community: Alle Geschlechter zeigen großes Interesse, Unterstützung und Dankbarkeit für diese Forschung. Das motiviert enorm. Besonders schön ist auch das internationale Netzwerk. Das Feld ist sehr inklusiv, überwiegend von Frauen geprägt, und der Austausch ist wirklich inspirierend, einfach nett.</p> <p>Das Interview führte Rena Beeg für die <a data-id="https://www.ghst.de/" data-type="link" href="https://www.ghst.de/" rel="noopener">Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>.</p> <p>Weitere Interviews:<p><a data-id="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/reizflut-kann-hirnstrukturen-veraendern/" data-type="link" href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/reizflut-kann-hirnstrukturen-veraendern/">https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/reizflut-kann-hirnstrukturen-veraendern/</a><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/mein-alzheimer-outing-hat-mein-leben-leichter-gemacht/">https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/mein-alzheimer-outing-hat-mein-leben-leichter-gemacht/</a></p></p> <p>Bildquellen:<br></br>Beitragsbild: freepik<br></br>Foto Birgit Derntl: Universitätsklinikum Tübingen<br></br>Foto Blick ins Hirn mithilfe der Magnetresonanztomografie: privat</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/still-life-pop-style-human-brain-scaled-e1774343272747.jpg" /><h1>„Die Durchschnittsfrau gibt es nicht“ » HIRN UND WEG</h1><h2>By Von Gast</h2><div itemprop="text"> <p>Dass Frauen und Männer in vielen Bereichen anders ticken, ist hinlänglich bekannt. Doch was passiert genau im weiblichen Gehirn zum Beispiel unter Stress? Welche Auswirkungen haben Hormone, eine Schwangerschaft oder die Wechseljahre – möglicherweise sogar auf die Entstehung neurodegenerativer Erkrankungen? </p> <div><figure><img alt="Prof. Birgit Derntl ist Leiterin der Arbeitsgruppe „Psychische Gesundheit und Gehirnfunktion von Frauen“" decoding="async" height="746" sizes="(max-width: 842px) 100vw, 842px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Derntl_Birgit-1.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Derntl_Birgit-1.png 842w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Derntl_Birgit-1-300x266.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Derntl_Birgit-1-768x680.png 768w" width="842"></img></figure><p><strong><a href="https://www.medizin.uni-tuebingen.de/de/das-klinikum/mitarbeiter/profil/1610" rel="noopener">Prof. Birgit Derntl</a></strong> ist Leiterin der Arbeitsgruppe „Psychische Gesundheit und Gehirnfunktion von Frauen“ an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Tübingen, und forscht zum „Fe|male Brain“. Was das weibliche Hirn ausmacht und woran die Neurowissenschaftlerin gemeinsam mit Expertinnen und Experten des Hertie-Zentrum für Neurologie arbeitet, erzählt sie in diesem Interview.</p></div> <h3><strong>Von den rund 50.000 wissenschaftlichen Arbeiten zur Hirnforschung, die seit 1995 erschienen sind, beschäftigen sich lediglich 0,5 Prozent mit der psychischen Gesundheit von Frauen. Woran liegt das? </strong></h3> <p>Das hat mehrere, historisch gewachsene Gründe. In Medizin und Neurowissenschaft galt der männliche Körper lange als Standardmodell. Frauen wurden oft ausgeschlossen, unter anderem wegen hormoneller Schwankungen, die als Störfaktor galten. Heute wissen wir, dass genau diese Dynamik wichtige Erkenntnisse liefert. Geschlechtersensible Forschung ist zudem noch ein junges Feld. Viele Studienstrukturen und Forschungsfragen entstanden ohne gezielten Blick auf Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Entsprechend fehlen bis heute belastbare Daten. Hinzu kommt die Komplexität, denn Geschlecht ist mehr als die Binarität Frau/Mann. Wer weibliche Biologie ernsthaft erforscht, muss Lebensphasen wie Pubertät, Schwangerschaft oder Menopause berücksichtigen. Das macht Forschung nicht einfacher, aber deutlich aussagekräftiger.</p> <h3><strong>Sie leiten die Arbeitsgruppe „Psychische Gesundheit und Gehirnfunktion von Frauen“. Womit beschäftigt sich Ihre Forschung?</strong></h3> <p>Uns interessiert vor allem die psychische Gesundheit von Frauen in der reproduktiven Lebensphase. Wir schauen uns an, wie sich der Menstruationszyklus, hormonelle Verhütung, Schwangerschaft aber auch die Wechseljahre auf die psychische Gesundheit und auf das Gehirn auswirken. Denn Geschlecht und Geschlechtshormone beeinflussen nicht nur unsere Gesundheit und unser Verhalten, sondern auch unser Gehirn. Deshalb betrachten wir mehrere Ebenen: Verhalten, Gehirnstruktur, Gehirnaktivität, neuronale Vernetzung, Psychophysiologie und Hormonspiegel. Unser Fokus reicht von emotionalen Fähigkeiten und Empathie über Stressreaktionen bis hin zu Motivation. Gerade bei psychischen Erkrankungen zeigen sich oft Veränderungen, und wir möchten verstehen, wie Geschlecht, Hormone und Gehirnfunktion diesbezüglich zusammenwirken.</p> <h3><strong>Wie gehen Sie methodisch vor?</strong></h3> <div><figure><img alt="Blick ins Hirn mithilfe der Magnetresonanztomografie" decoding="async" height="534" sizes="(max-width: 622px) 100vw, 622px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/MRT_Image.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/MRT_Image.jpeg 622w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/MRT_Image-300x258.jpeg 300w" width="622"></img></figure><p>Viele unserer Studien verwenden Magnetresonanztomografie. Damit können wir uns sowohl die Struktur als auch die Funktion des Gehirns anschauen. Bei der Funktion betrachten wir zum einen den Ruhezustand, also wie Gehirnnetzwerke arbeiten, wenn keine konkrete Aufgabe gelöst werden muss. Zusätzlich arbeiten wir sehr häufig mit funktionellem MRT unter Aufgabenbedingungen. Dabei untersuchen wir zum Beispiel Stress, Empathie, sexuelle Motivation oder Emotionserkennung. So können wir gleichzeitig sehen, was im Gehirn passiert und wie sich die Person in der Aufgabe verhält.<aside></aside></p></div> <h3><strong>Haben Sie ein praktisches Beispiel, wie Sie Probanden im MRT unter Stress setzen?</strong></h3> <p>Der Scanner selbst ist für viele schon ein Stressor. Zusätzlich nutzen wir klassische Stressverfahren. Ein Beispiel sind Rechenaufgaben unter Zeitdruck. Je besser jemand ist, desto weniger Zeit bekommt die Person für die nächste Aufgabe. Und wir geben zusätzlich Rückmeldung, dass die Leistung nicht gut war.</p> <h3><strong>Sie setzen also noch einen drauf?</strong></h3> <p>Natürlich.</p> <h3><strong>Reagiert das weibliche Gehirn anders als das männliche?</strong></h3> <p>Wenn wir von weiblich und männlich sprechen, reden wir immer über Durchschnittswerte über viele Personen hinweg. Aber ja, im Durchschnitt sehen wir Unterschiede in der Stressreaktion auf mehreren Ebenen. Frauen geben im Durchschnitt häufiger an, sich subjektiv stärker gestresst zu fühlen. Auf hormoneller Ebene sehen wir zum Beispiel Unterschiede beim Stresshormon Kortisol im Speichel. Männer zeigen im Durchschnitt oft stärkere Kortisolreaktionen. Innerhalb der Gruppe der Frauen gibt es zusätzlich große Unterschiede. Hormonelle Verhütung, Zyklusphase und Wechseljahre beeinflussen die Stressreaktion ebenfalls. Das heißt: Frau ist nicht gleich Frau, selbst wenn wir mit Durchschnittswerten arbeiten.</p> <h3><strong>Sehen Sie diese Unterschiede direkt im Gehirn?</strong></h3> <p>Ja, bestimmte Regionen werden je nach Geschlecht unterschiedlich stark aktiviert. Ein Beispiel ist der Hippocampus, der für Gedächtnis und Stressverarbeitung wichtig ist. In unseren Daten zeigen Frauen in bestimmten Situationen geringere Aktivierung, während Männer dort stärkere Aktivierungen zeigen. Teilweise sehen wir bei Männern auch stärkere Aktivität in präfrontalen Arealen. Vergleichbare Daten sind allerdings noch selten. Es gibt nur wenige MRT-Studien mit identischen Stressparadigmen. Deshalb können wir noch nicht sicher sagen, welche Muster sich stabil zeigen. Zudem lösen unterschiedliche Stressverfahren auch unterschiedliche Reaktionen aus. In der geschlechtsspezifischen Stressforschung stehen wir daher noch am Anfang. Für uns zeigt sich vor allem: Stress ist nicht gleich Stress und muss auf mehreren Ebenen betrachtet werden. Nur nach dem subjektiven Erleben zu fragen, würde vermutlich zeigen, dass Frauen im Schnitt mehr Stress angeben. Betrachtet man nur Hormone, zeigt sich zum Beispiel oft eine stärkere Kortisolreaktion bei Männern. Und wenn man nur das Gehirn untersucht, entstehen wieder eigene Muster, die nicht immer zu subjektiven oder hormonellen Befunden passen. Deshalb ist es bei Stress und vielen psychischen Prozessen entscheidend, immer mehrere Ebenen zusammen zu betrachten.</p> <h3><strong>Was haben Sie bisher über Besonderheiten des weiblichen Gehirns herausgefunden?</strong></h3> <p>Ein zentrales Merkmal ist die hohe Plastizität. Hormonelle Übergänge beeinflussen den Aufbau des Gehirns, also bereits die Struktur. Wir sehen zum Beispiel, dass sich die Gehirnstruktur über den Menstruationszyklus hinweg verändert. Das ist nichts Krankhaftes, sondern Ausdruck normaler Anpassungsprozesse. Diese Dynamik könnte bei manchen Frauen mit einer erhöhten Vulnerabilität also Verwundbarkeit für psychische Erkrankungen zusammenhängen. Das verstehen wir aber noch nicht ausreichend. Dafür brauchen wir mehr Daten. Ein großes Problem ist außerdem, dass wir oft sehr pauschal von „den Frauen“ sprechen. Eine Durchschnittsfrau gibt es nicht. Wenn ich sage, der Zyklus hat Einfluss, dann muss ich eigentlich fragen: An welchem Zyklustag befinden Sie sich? Nutzen Sie hormonelle Verhütung? Wenn ja, welche? All diese Faktoren beeinflussen Gehirn und Hormonsystem. Da wir im Gehirn an vielen Stellen Hormonrezeptoren haben, auch in Regionen, die für psychische Gesundheit zentral sind, gehen wir davon aus, dass hormonelle Prozesse auch zur Plastizität beitragen. Daraus können sowohl Vulnerabilitäten als auch Schutzmechanismen entstehen.</p> <h3><strong>Was ist aktuell die größte Herausforderung in Ihrer Forschung?</strong></h3> <p>Das Thema wird oft noch als Nische gesehen. Frauengesundheit wird häufig stark mit Reproduktion verknüpft, also mit Schwangerschaft oder Wechseljahren. Das greift aber viel zu kurz. Auch Frauen ohne Kinderwunsch und Frauen nach den Wechseljahren haben spezifische gesundheitliche und psychische Bedürfnisse. Und das Gehirn entwickelt sich ja weiter. Gerade im höheren Lebensalter spielen neurodegenerative Erkrankungen eine große Rolle. Die reproduktiven Lebensjahre könnten dabei ein sensibles Zeitfenster sein, möglicherweise eine Phase erhöhter Vulnerabilität, vielleicht aber auch ein Schutzfenster. Besonders in den Wechseljahren könnte präventiv viel getan werden, zum Beispiel im Hinblick auf demenzielle Erkrankungen. Genau das versuchen wir besser zu verstehen. Deshalb planen wir eine Zusammenarbeit mit der Abteilung „Zellbiologie Neurologischer Erkrankungen“ von Prof. Mathias Jucker am <a href="https://www.hih-tuebingen.de/" rel="noopener">Hertie-Institut für klinische Hirnforschung</a> (HIH). Wir wollen verstehen, ob die Wechseljahre ein mögliches Schutzfenster für die Entstehung oder auch den Verlauf der Alzheimer-Erkrankung darstellen.</p> <h3><strong>In welchen Bereichen arbeiten Sie bereits mit dem Hertie-Zentrum für Neurologie zusammen?</strong></h3> <p>Ein aktueller Schwerpunkt ist die Zusammenarbeit im Bereich Gedächtnisforschung mit Prof. Esther Kühn, Leiterin der Forschungsgruppe „Translationale Bildgebung kortikaler Mikrostruktur“ am HIH. Gemeinsam schauen wir uns zum Beispiel das sogenannte autobiografische Körpergedächtnis an. Körperliche Erfahrungen beeinflussen unser Wohlbefinden oft auf viele Jahre. Einschränkungen in diesem Bereich sehen wir häufig bei Menschen mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen, somatischen Erkrankungen oder Angststörungen, aber auch bei Menschen mit neurodegenerativen Erkrankungen. Uns interessiert dabei besonders, ob es geschlechtsspezifische Unterschiede gibt, und ob unser soziales Geschlecht Einfluss darauf hat, woran und wie wir uns erinnern. Wir planen, Männer und Frauen zu vergleichen. Basierend auf Vorarbeiten von Frau Kühn glauben wir, dass die Insula, eine Gehirnregion, besonders relevant ist, wenn es darum geht, das Körpergedächtnis abzubilden. Die Insula zeigt auch geschlechtsspezifische Ausprägungen. Die zentrale Frage ist: Greifen Frauen und Männer auf dieses Körpergedächtnis gleich zu? Können sie sich zum Beispiel gleich gut an körperliche Schmerzen oder angenehme Körpererlebnisse wie eine Umarmung erinnern oder gibt es hier Geschlechtsunterschiede, die zu unterschiedlichem Verhalten führen und damit zum unterschiedlichen Risiko für psychische Erkrankungen beitragen? Diese Mechanismen zu verstehen, wird helfen, Interventionen für diese Erkrankungen besser auf die jeweilige Person zuzuschneiden und Geschlechterunterschiede dabei systematisch mit in die Therapieplanung aufzunehmen.</p> <h3><strong>Gibt es eine Lebensphase, in der Frauen am wenigsten gestresst oder sogar am glücklichsten sind?</strong></h3> <p>Das ist sehr individuell. Glück ist ja unterschiedlich definiert, und je nach Lebensphase wirken andere Reize oder Aspekte auf uns. Unsere Lebenswelten verändern sich kontinuierlich. Pubertät, Schwangerschaft, hormonelle Verhütung oder Wechseljahre, für manche Frauen sind sie befreiend, für andere belastend. Jede Phase hat ihre Chancen, aber auch ihre Herausforderungen.</p> <h3><strong>Männer haben diese unterschiedlichen Phasen nicht, oder?</strong></h3> <p>Doch, auch sie durchlaufen hormonelle Veränderungen. Auch beim Mann nimmt das Testosteron irgendwann ab. Körper und Psyche können sich dadurch verändern, möglicherweise wie während der Wechseljahre der Frauen. Inwiefern das vergleichbar ist, wissen wir bisher allerdings nicht. Dazu würde es noch mehr Forschung benötigen.</p> <h3><strong>Was fasziniert Sie persönlich am weiblichen Gehirn?</strong></h3> <p>Es ist aus mehreren Gründen ein Herzensprojekt. Zum einen habe ich selbst hormonelle Übergangsphasen durchlebt – oder stecke gerade mittendrin – und möchte verstehen, was dann mit unserem Gehirn passiert. Zum anderen möchte ich, dass meine Tochter irgendwann informierte Entscheidungen treffen kann, das war zu meiner Zeit noch nicht möglich. Heute sammeln wir Daten, die der nächsten Generation helfen sollen. Und dann ist da noch das Feedback aus der Community: Alle Geschlechter zeigen großes Interesse, Unterstützung und Dankbarkeit für diese Forschung. Das motiviert enorm. Besonders schön ist auch das internationale Netzwerk. Das Feld ist sehr inklusiv, überwiegend von Frauen geprägt, und der Austausch ist wirklich inspirierend, einfach nett.</p> <p>Das Interview führte Rena Beeg für die <a data-id="https://www.ghst.de/" data-type="link" href="https://www.ghst.de/" rel="noopener">Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>.</p> <p>Weitere Interviews:<p><a data-id="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/reizflut-kann-hirnstrukturen-veraendern/" data-type="link" href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/reizflut-kann-hirnstrukturen-veraendern/">https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/reizflut-kann-hirnstrukturen-veraendern/</a><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/mein-alzheimer-outing-hat-mein-leben-leichter-gemacht/">https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/mein-alzheimer-outing-hat-mein-leben-leichter-gemacht/</a></p></p> <p>Bildquellen:<br></br>Beitragsbild: freepik<br></br>Foto Birgit Derntl: Universitätsklinikum Tübingen<br></br>Foto Blick ins Hirn mithilfe der Magnetresonanztomografie: privat</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-durchschnittsfrau-gibt-es-nicht/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>The Internet Chronicles – Part 8 of 12: Encryption for the People https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-8-of-12-encryption-for-the-people/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-8-of-12-encryption-for-the-people/#respond Wed, 25 Mar 2026 13:00:00 +0000 Andrei Mihai https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14263 <h1>The Internet Chronicles – Part 8 of 12: Encryption for the People - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>We take it for granted nowadays, but the internet is one of the most impactful inventions of modern times – possibly even of all time. But how did it all start? The story of the internet is a fascinating journey through the minds of visionary thinkers and relentless innovators, many of them coming from mathematics and computer science. In this 12-part series, we will dive into some of the stories and contributions of the trailblazers who laid the foundations for the interconnected world we live in today.</p> <p>Previously, we looked at how the World Wide Web <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-6-of-12-the-man-who-gave-the-web-to-the-world/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">knitted the world together</a> and how the <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-7-of-12-the-tree-the-internet-grows-on/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">structure of the internet was developed</a>. But we have not touched on a core aspect of the internet: security. In this installment, we will look at the work of two “veterans” of the Heidelberg Laureate Forum: Whitfield Diffie and Martin Hellman. Their work, along with those of their peers, developed a framework for a secure internet and paved the way for the field of cryptography to bloom.</p> <h3>The Stanford Rebels</h3> <p>In the year 1974, if you wanted to communicate a very delicate secret with someone, you had a massive, physical problem. In some cases, this involved the now-classic <a href="https://www.wikiwand.com/en/Red_box_(government)" rel="noreferrer noopener" target="_blank">lead-lined briefcase</a> carried by a courier whose wrist was literally handcuffed to the handle. People working in every industry from banking to the military wanted a secure, remote way of sending messages. But the solution would come from an unlikely place.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Diffi.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="770" sizes="(max-width: 513px) 100vw, 513px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Diffi.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Diffi.jpg 513w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Diffi-200x300.jpg 200w" width="513"></img></a><figcaption>Official HLF portrait of Whitfield Diffie. Image credits: HLFF / Badge.</figcaption></figure> </div> <p>Whitfield Diffie was a creative researcher with hair down to his shoulders and a deep-seated distrust of centralized power. Diffie had joined the <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Stanford_Artificial_Intelligence_Laboratory" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Stanford Artificial Intelligence Laboratory</a> in 1969 and left it in 1973 to pursue his independent research on cryptography. He would <a href="https://ics.uci.edu/~ics54/doc/security/pkhistory.html#:~:text=Diffie%20believes%20that%20he%20never,he%20said.%20%22" rel="noreferrer noopener" target="_blank">later credit his</a> “anti-authoritarian views” as a motivation for developing encryption.</p> <p>He teamed up with Martin Hellman, who, after brief stints at IBM and MIT, joined Stanford as an assistant professor in the department of electrical engineering. At Stanford, Hellman was warned by his colleagues that the government would likely crush him if he kept <a href="https://mathwithbaddrawings.com/2017/10/11/the-professor-vs-the-nsa/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">poking at cryptography</a>. This was, after all, a time when the Cold War was in full swing. At that time, the National Security Agency (NSA) maintained a total monopoly on encryption, viewing it as a “<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Born_secret" rel="noreferrer noopener" target="_blank">born classified</a>” technology. To the intelligence community, a civilian developing a powerful, unbreakable code was seen as a potential threat.<aside></aside></p> <p>Hellman sought the advice of the university’s general counsel who told him: “If you’re prosecuted we will defend you. If you’re convicted, we will appeal. But I have to warn you… if all appeals are exhausted, we can’t go to jail for you.”</p> <p>But Hellman and Diffie were not dissuaded. Together, the two (along with collaborator Ralph Merkle) began hunting for a “one-way function” that could be used for encryption.</p> <p>In mathematics, most things are reversible. You can add two and two to get four, and you can subtract two from four to get back to two. But a “one-way function” (specifically, a <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Trapdoor_function" rel="noreferrer noopener" target="_blank">trapdoor function</a>) is easy to compute in one direction, and nearly impossible to compute the other way, unless you have a specific, secret “trapdoor” piece of information.</p> <p>Merkle, who was an undergraduate at UC Berkeley in 1974, was a pioneer of this approach in cryptography. He devised a concept that involved generating thousands of “puzzles” that were, in essence, encrypted keys of moderate difficulty. The recipient could solve the keys to reach a shared secret. <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Merkle%27s_Puzzles" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Merkle’s puzzles</a>, as this approach came to be known, allows two parties to agree on a shared secret even if they have no secrets in common beforehand.</p> <p>Merkle’s work was <a href="https://www.iacr.org/conferences/crypto2011/slides/07-1-Kalach.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">initially rejected by his advisor</a> and academic editors and was only brought back after Hellman and Diffie published their seminal work.</p> <h3>New Directions in Cryptography</h3> <p>In 1976, Diffie and Hellman published their seminal paper, “New Directions in Cryptography.” The paper <a href="https://ee.stanford.edu/~hellman/publications/24.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">famously starts off</a> by saying “We stand today on the brink of a revolution in cryptography,” before declaring, almost brazenly, that the paper “aims to solve open problems.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0.png"><img alt="" decoding="async" height="512" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0-1024x512.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0-1024x512.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0-300x150.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0-768x384.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0-1536x768.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0.png 1900w" width="1024"></img></a><figcaption>From left to right: Merkle, Hellman, and Diffie in 1977. Image credits: Chuck Painter / <a href="https://engineering.stanford.edu/news/stanford-cryptography-pioneers-win-acm-2015-am-turing-award" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Stanford News Service</a></figcaption></figure> </div> <p>The radical idea was distributing cryptographic keys openly. The two researchers proposed a mathematical method for two parties to jointly establish a shared secret key over an insecure channel without ever having met. This method, now known as the Diffie-Hellman-Merkle key exchange, utilized the difficulty of the discrete logarithm problem as its security basis. In the classic “Alice and Bob” example:</p> <ul> <li>Alice and Bob publicly agree on a large prime modulus <em>p</em> and a generator <em>g</em></li> <li>Alice chooses a secret integer <em>a</em> and sends Bob A = g<sup>a</sup> (mod p)</li> <li>Bob chooses a secret integer <em>b</em> and sends Alice B = g<sup>b</sup> (mod p).</li> <li>Alice computes the shared secret <em>s</em> = B<sup>a</sup> (mod p).</li> <li>Bob computes the shared secret <em>s</em> = A<sup>b</sup> (mod p). The resulting secrets are identical.</li> </ul> <p>The logic is elegant. Think of it like mixing paint. If Alice and Bob first agree on a common color. They each add their own “secret” color (a and b)<del>,</del> and then swap the mixtures. They then each add their secret color to the other person’s mixture. Because of the commutative property, they both end up with the exact same shade of “secret” paint.</p> <p>Technically, Diffie-Hellman is not a trapdoor function in the strictest sense, though it practically performs as one. A trapdoor would allow them to “undo” the function. If Alice encrypts a message with a public key, she needs a trapdoor (private key) to reverse the process and get the original message back. Rather, this is a Key Exchange. Instead of “undoing” each other’s math, Alice and Bob are both performing a second one-way function that leads them to the same mathematical result.</p> <p>This approach changed everything. Suddenly, two people who had never met could establish a secure connection in milliseconds. The logic is still the reason you can type your credit card number into a browser today without a hacker buying a new phone using your card. It is, in essence, the foundation of internet security.</p> <p>Yet this was not the end of the story.</p> <p>While Diffie and Hellman had solved the key exchange problem, they had not yet created a fully functional public-key encryption system that could be used for general-purpose messaging or digital signatures. This was achieved in 1977 by Ron Rivest, Adi Shamir, and Leonard Adleman at MIT, who developed the RSA algorithm. This RSA algorithm is the fundamental, widely used encryption algorithm that secures the internet. But we will look at that in the next installment.</p> <h3>The Crypto Wars, Part I: Rebels and Friends</h3> <p>Thankfully, Diffie and Hellman did not go to jail for their work, although this seemed like a real option when they started it. Rather, they were both awarded the 2015 ACM A.M. Turing Award, “for fundamental contributions to modern cryptography.”</p> <p>But this does not mean everyone was thrilled about their work. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/31033657788_836eb9c468_o.jpg"><img alt="" decoding="async" height="682" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/31033657788_836eb9c468_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/31033657788_836eb9c468_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/31033657788_836eb9c468_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/31033657788_836eb9c468_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Martin Hellman at the 6th HLF, 2018. Image credit: HLFF / <a href="https://www.flickr.com/photos/hlforum/31033657788/in/photostream/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Kreutzer</a>.</figcaption></figure> </div> <p>In the 1970s, the pushback was immediate. The NSA attempted to implement “<a href="https://people.eecs.berkeley.edu/~henrycg/files/academic/papers/stanfordmag14keeping-orig.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">pre-publication review</a>,” essentially demanding that any cryptographic research be cleared by the government before being shared. They feared that if the “Stanford Rebels” succeeded, the U.S. would lose its ability to intercept foreign signals.</p> <p>Tensions between Hellman and the NSA simmered until they erupted in 1977, when a mysterious letter arrived just as the team was preparing to present their findings at an IEEE international symposium. The letter, sent by an employee of the NSA named Joseph Meyer (writing as a private citizen), warned that the public presentation of cryptographic research could be a violation of the International Traffic in Arms Regulations (ITAR). This was because, in 1976 the U.S. government had in fact <a href="https://www.wikiwand.com/en/Export_of_cryptography_from_the_United_States" rel="noreferrer noopener" target="_blank">classified encryption software</a> as a “munition.” In the eyes of the law, a floppy disk containing encryption code was legally treated as a box of guns or grenades.</p> <p>Much of this was happening under the watchful eye of Admiral Bobby Ray Inman, who became the Director of the NSA shortly after the 1977 letter incident. Inman opposed Diffie and Hellman sharing their work <a href="https://engineering.stanford.edu/news/stanford-cryptography-pioneers-win-acm-2015-am-turing-award" rel="noreferrer noopener" target="_blank">so much</a> that the NSA warned publishers that the authors had violated US laws restricting export of military weapons. Yet despite these threats, the researchers persisted.</p> <p>Admiral Inman eventually admitted that the NSA could not stop the math. He realized that if the U.S. didn’t lead in public cryptography, other countries would, leaving American businesses and citizens vulnerable. In a curious and very human turn of events, Hellman and Inman started having semi-regular discussions and actually found out they have a lot in common. Both cared about security and both were concerned about nuclear threats. By the early 1980s, the two started meeting privately and developed an unlikely friendship based on mutual respect.</p> <p>Their relationship became a model for “Responsible Disclosure.” Inman and Hellman began appearing <a href="https://stanfordmag.org/contents/keeping-secrets" rel="noreferrer noopener" target="_blank">together at conferences</a> to discuss how the government and academia could work together rather than as enemies. But the broader encryption problems persisted.</p> <h3>The Crypto Wars, Part II: Code Munition</h3> <p>In the early 1990s, the “World Wide Web” was shaping up, and with it, encryption became an even bigger headache for intelligence agencies.</p> <p>If every citizen had access to military-grade encryption, the FBI and NSA could not wiretap terrorists or drug lords. If the math was too strong to break, national security would also be bound by the constraints of encryption. However, as the internet grew, the aforementioned handling of encryption software as munitions under ITAR became somewhat absurd, leading to such things as the “Netscape split.”</p> <p>Netscape Communications Corporation was an American independent computer services company whose browser was dominant before Internet Explorer came along. Since the export of encryption would be classified as “arms-dealing,” the longest key size allowed for export without individual license proceedings was 40 bits, so Netscape developed two versions of its web browser. The “US edition” had the full 128-bit strength. The “International Edition” had its effective key length reduced to 40 bits.</p> <p>Because every single bit added to a key doubles the number of possible combinations an attacker must try, the 128-bit version was trillions of trillions of times stronger. The 40-bit version could be broken in a matter of days using a personal computer at the time; a 128-bit version was unbreakable. But because acquiring the “US version” was problematic even in the US, most people ended up with the crackable, 40-bit version anyway.</p> <p>This (coupled with other pressures) led Netscape to open-source its browser code and create the Mozilla Organization. The rebellion was led by people like Phil Zimmermann. In 1991, Zimmermann wrote a program called PGP (Pretty Good Privacy) so that ordinary people could encrypt their emails. Two years later, he became the formal target of a criminal investigation by the US Government for “munitions export without a license.”</p> <p>But Zimmerman fought back with the unlikeliest of choices: He printed the source code of PGP in a physical book and exported the <strong>book</strong>.</p> <p>This protected him because books are protected by the First Amendment in the US. The matter never went to court and Zimmermann was never charged, but it goes to show how far behind the laws were when it came to the internet: it was illegal to export a digital version of the code, but not a physical version of it.</p> <h3>Encryption for the People</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785372_f6f709f3d5_o.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785372_f6f709f3d5_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785372_f6f709f3d5_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785372_f6f709f3d5_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785372_f6f709f3d5_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Diffie, Hellman, and a young researcher at the 12th Heidelberg Laureate Forum in 2025. Image credits: HLFF / <a href="https://www.flickr.com/photos/hlforum/54803785372/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Flemming</a>.</figcaption></figure> </div> <p>Despite this, the US government did not give up on trying to control encryption. In 1993, the government proposed the “<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Clipper_chip" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Clipper Chip</a>” as a hardware-based solution to the encryption problem. The chip would provide secure communications for landline phones, but it included a “backdoor” through a process called “key escrow.” The government would hold the keys in two halves, allowing law enforcement to decrypt communications if authorized by a court order.</p> <p>The Clipper Chip faced massive public opposition from civil liberties organizations, but the chip was only abandoned in 1996 after researcher Matt Blaze <a href="https://www.eff.org/deeplinks/2015/04/clipper-chips-birthday-looking-back-22-years-key-escrow-failures" rel="noreferrer noopener" target="_blank">discovered</a> a fundamental flaw in the chip’s design that allowed users to bypass the escrow mechanism while still using the encryption. Both Hellman and Diffie spoke out against the idea of having government backdoors in encryption.</p> <p>However, the moment when encryption truly became “fair game” only came after a judicial decision. In a landmark case, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Bernstein_v._United_States" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Bernstein v. US Department of Justice</a>, the courts ruled that software source code is speech. This was a massive win for the internet. It meant that security belongs to the people, not just the state.</p> <p>This legal victory paved the way for the “Padlock” we see in our browser bars. Netscape created SSL (Secure Sockets Layer), which later became TLS (Transport Layer Security). This is the “secret handshake” you use daily, even to read this article. When you go to a website, your computer and the server perform a high-speed version of the Diffie-Hellman exchange, agreeing on a secret key for that session only.</p> <p>It also paved the way for online shopping. The first object <a href="https://www.vice.com/en/article/the-first-thing-sold-online-was-a-sting-cd/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">sold securely</a> on the internet was a Sting CD, sold online in 1994 for $12.48. Slowly but surely, the world never looked back, and online shopping is now a <a href="https://www.statista.com/topics/871/online-shopping/?srsltid=AfmBOorbACXE4NomwSxlCNT3B_4N9JliA8rwSHJDOJceavup33Gk5RLS" rel="noreferrer noopener" target="_blank">trillion-dollar industry</a>.</p> <p>But there is a big, striking caveat to this entire story. Despite their achievements, the Stanford trio was actually not the first group to develop public-key cryptography. Deep in the British intelligence agency GCHQ, researchers like James Ellis and Clifford Cocks had actually figured this out a few years earlier. But because <a href="https://www.nsa.gov/History/Cryptologic-History/Historical-Figures/Historical-Figures-View/Article/3006218/clifford-cocks-james-ellis-and-malcolm-williamson/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">they worked</a> for the British government, their work was classified. They had to be silent about their work and could not share it. Eventually, the Stanford version came into use before theirs.</p> <p>It’s one of the great “what-ifs” of modern history: If the British had gone public in 1973, what would the internet have looked like?</p> <p>We’ve covered how Radia Perlman (The “Mother of the Internet”) organized the web into a “Spanning Tree” to keep it from collapsing under its own weight. We’ve seen how Tim Berners-Lee gave us the links. But public-key cryptography is the vault that keeps the whole thing from being a playground for thieves.</p> <p>Yet cryptography does not end with the Diffie-Hellman-Merkle key exchange. Not even close. In the next installment, we will look at one of the most important algorithms in the world: RSA.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>The Internet Chronicles – Part 8 of 12: Encryption for the People - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>We take it for granted nowadays, but the internet is one of the most impactful inventions of modern times – possibly even of all time. But how did it all start? The story of the internet is a fascinating journey through the minds of visionary thinkers and relentless innovators, many of them coming from mathematics and computer science. In this 12-part series, we will dive into some of the stories and contributions of the trailblazers who laid the foundations for the interconnected world we live in today.</p> <p>Previously, we looked at how the World Wide Web <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-6-of-12-the-man-who-gave-the-web-to-the-world/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">knitted the world together</a> and how the <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-7-of-12-the-tree-the-internet-grows-on/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">structure of the internet was developed</a>. But we have not touched on a core aspect of the internet: security. In this installment, we will look at the work of two “veterans” of the Heidelberg Laureate Forum: Whitfield Diffie and Martin Hellman. Their work, along with those of their peers, developed a framework for a secure internet and paved the way for the field of cryptography to bloom.</p> <h3>The Stanford Rebels</h3> <p>In the year 1974, if you wanted to communicate a very delicate secret with someone, you had a massive, physical problem. In some cases, this involved the now-classic <a href="https://www.wikiwand.com/en/Red_box_(government)" rel="noreferrer noopener" target="_blank">lead-lined briefcase</a> carried by a courier whose wrist was literally handcuffed to the handle. People working in every industry from banking to the military wanted a secure, remote way of sending messages. But the solution would come from an unlikely place.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Diffi.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="770" sizes="(max-width: 513px) 100vw, 513px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Diffi.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Diffi.jpg 513w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Diffi-200x300.jpg 200w" width="513"></img></a><figcaption>Official HLF portrait of Whitfield Diffie. Image credits: HLFF / Badge.</figcaption></figure> </div> <p>Whitfield Diffie was a creative researcher with hair down to his shoulders and a deep-seated distrust of centralized power. Diffie had joined the <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Stanford_Artificial_Intelligence_Laboratory" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Stanford Artificial Intelligence Laboratory</a> in 1969 and left it in 1973 to pursue his independent research on cryptography. He would <a href="https://ics.uci.edu/~ics54/doc/security/pkhistory.html#:~:text=Diffie%20believes%20that%20he%20never,he%20said.%20%22" rel="noreferrer noopener" target="_blank">later credit his</a> “anti-authoritarian views” as a motivation for developing encryption.</p> <p>He teamed up with Martin Hellman, who, after brief stints at IBM and MIT, joined Stanford as an assistant professor in the department of electrical engineering. At Stanford, Hellman was warned by his colleagues that the government would likely crush him if he kept <a href="https://mathwithbaddrawings.com/2017/10/11/the-professor-vs-the-nsa/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">poking at cryptography</a>. This was, after all, a time when the Cold War was in full swing. At that time, the National Security Agency (NSA) maintained a total monopoly on encryption, viewing it as a “<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Born_secret" rel="noreferrer noopener" target="_blank">born classified</a>” technology. To the intelligence community, a civilian developing a powerful, unbreakable code was seen as a potential threat.<aside></aside></p> <p>Hellman sought the advice of the university’s general counsel who told him: “If you’re prosecuted we will defend you. If you’re convicted, we will appeal. But I have to warn you… if all appeals are exhausted, we can’t go to jail for you.”</p> <p>But Hellman and Diffie were not dissuaded. Together, the two (along with collaborator Ralph Merkle) began hunting for a “one-way function” that could be used for encryption.</p> <p>In mathematics, most things are reversible. You can add two and two to get four, and you can subtract two from four to get back to two. But a “one-way function” (specifically, a <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Trapdoor_function" rel="noreferrer noopener" target="_blank">trapdoor function</a>) is easy to compute in one direction, and nearly impossible to compute the other way, unless you have a specific, secret “trapdoor” piece of information.</p> <p>Merkle, who was an undergraduate at UC Berkeley in 1974, was a pioneer of this approach in cryptography. He devised a concept that involved generating thousands of “puzzles” that were, in essence, encrypted keys of moderate difficulty. The recipient could solve the keys to reach a shared secret. <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Merkle%27s_Puzzles" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Merkle’s puzzles</a>, as this approach came to be known, allows two parties to agree on a shared secret even if they have no secrets in common beforehand.</p> <p>Merkle’s work was <a href="https://www.iacr.org/conferences/crypto2011/slides/07-1-Kalach.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">initially rejected by his advisor</a> and academic editors and was only brought back after Hellman and Diffie published their seminal work.</p> <h3>New Directions in Cryptography</h3> <p>In 1976, Diffie and Hellman published their seminal paper, “New Directions in Cryptography.” The paper <a href="https://ee.stanford.edu/~hellman/publications/24.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">famously starts off</a> by saying “We stand today on the brink of a revolution in cryptography,” before declaring, almost brazenly, that the paper “aims to solve open problems.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0.png"><img alt="" decoding="async" height="512" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0-1024x512.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0-1024x512.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0-300x150.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0-768x384.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0-1536x768.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0.png 1900w" width="1024"></img></a><figcaption>From left to right: Merkle, Hellman, and Diffie in 1977. Image credits: Chuck Painter / <a href="https://engineering.stanford.edu/news/stanford-cryptography-pioneers-win-acm-2015-am-turing-award" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Stanford News Service</a></figcaption></figure> </div> <p>The radical idea was distributing cryptographic keys openly. The two researchers proposed a mathematical method for two parties to jointly establish a shared secret key over an insecure channel without ever having met. This method, now known as the Diffie-Hellman-Merkle key exchange, utilized the difficulty of the discrete logarithm problem as its security basis. In the classic “Alice and Bob” example:</p> <ul> <li>Alice and Bob publicly agree on a large prime modulus <em>p</em> and a generator <em>g</em></li> <li>Alice chooses a secret integer <em>a</em> and sends Bob A = g<sup>a</sup> (mod p)</li> <li>Bob chooses a secret integer <em>b</em> and sends Alice B = g<sup>b</sup> (mod p).</li> <li>Alice computes the shared secret <em>s</em> = B<sup>a</sup> (mod p).</li> <li>Bob computes the shared secret <em>s</em> = A<sup>b</sup> (mod p). The resulting secrets are identical.</li> </ul> <p>The logic is elegant. Think of it like mixing paint. If Alice and Bob first agree on a common color. They each add their own “secret” color (a and b)<del>,</del> and then swap the mixtures. They then each add their secret color to the other person’s mixture. Because of the commutative property, they both end up with the exact same shade of “secret” paint.</p> <p>Technically, Diffie-Hellman is not a trapdoor function in the strictest sense, though it practically performs as one. A trapdoor would allow them to “undo” the function. If Alice encrypts a message with a public key, she needs a trapdoor (private key) to reverse the process and get the original message back. Rather, this is a Key Exchange. Instead of “undoing” each other’s math, Alice and Bob are both performing a second one-way function that leads them to the same mathematical result.</p> <p>This approach changed everything. Suddenly, two people who had never met could establish a secure connection in milliseconds. The logic is still the reason you can type your credit card number into a browser today without a hacker buying a new phone using your card. It is, in essence, the foundation of internet security.</p> <p>Yet this was not the end of the story.</p> <p>While Diffie and Hellman had solved the key exchange problem, they had not yet created a fully functional public-key encryption system that could be used for general-purpose messaging or digital signatures. This was achieved in 1977 by Ron Rivest, Adi Shamir, and Leonard Adleman at MIT, who developed the RSA algorithm. This RSA algorithm is the fundamental, widely used encryption algorithm that secures the internet. But we will look at that in the next installment.</p> <h3>The Crypto Wars, Part I: Rebels and Friends</h3> <p>Thankfully, Diffie and Hellman did not go to jail for their work, although this seemed like a real option when they started it. Rather, they were both awarded the 2015 ACM A.M. Turing Award, “for fundamental contributions to modern cryptography.”</p> <p>But this does not mean everyone was thrilled about their work. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/31033657788_836eb9c468_o.jpg"><img alt="" decoding="async" height="682" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/31033657788_836eb9c468_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/31033657788_836eb9c468_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/31033657788_836eb9c468_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/31033657788_836eb9c468_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Martin Hellman at the 6th HLF, 2018. Image credit: HLFF / <a href="https://www.flickr.com/photos/hlforum/31033657788/in/photostream/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Kreutzer</a>.</figcaption></figure> </div> <p>In the 1970s, the pushback was immediate. The NSA attempted to implement “<a href="https://people.eecs.berkeley.edu/~henrycg/files/academic/papers/stanfordmag14keeping-orig.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">pre-publication review</a>,” essentially demanding that any cryptographic research be cleared by the government before being shared. They feared that if the “Stanford Rebels” succeeded, the U.S. would lose its ability to intercept foreign signals.</p> <p>Tensions between Hellman and the NSA simmered until they erupted in 1977, when a mysterious letter arrived just as the team was preparing to present their findings at an IEEE international symposium. The letter, sent by an employee of the NSA named Joseph Meyer (writing as a private citizen), warned that the public presentation of cryptographic research could be a violation of the International Traffic in Arms Regulations (ITAR). This was because, in 1976 the U.S. government had in fact <a href="https://www.wikiwand.com/en/Export_of_cryptography_from_the_United_States" rel="noreferrer noopener" target="_blank">classified encryption software</a> as a “munition.” In the eyes of the law, a floppy disk containing encryption code was legally treated as a box of guns or grenades.</p> <p>Much of this was happening under the watchful eye of Admiral Bobby Ray Inman, who became the Director of the NSA shortly after the 1977 letter incident. Inman opposed Diffie and Hellman sharing their work <a href="https://engineering.stanford.edu/news/stanford-cryptography-pioneers-win-acm-2015-am-turing-award" rel="noreferrer noopener" target="_blank">so much</a> that the NSA warned publishers that the authors had violated US laws restricting export of military weapons. Yet despite these threats, the researchers persisted.</p> <p>Admiral Inman eventually admitted that the NSA could not stop the math. He realized that if the U.S. didn’t lead in public cryptography, other countries would, leaving American businesses and citizens vulnerable. In a curious and very human turn of events, Hellman and Inman started having semi-regular discussions and actually found out they have a lot in common. Both cared about security and both were concerned about nuclear threats. By the early 1980s, the two started meeting privately and developed an unlikely friendship based on mutual respect.</p> <p>Their relationship became a model for “Responsible Disclosure.” Inman and Hellman began appearing <a href="https://stanfordmag.org/contents/keeping-secrets" rel="noreferrer noopener" target="_blank">together at conferences</a> to discuss how the government and academia could work together rather than as enemies. But the broader encryption problems persisted.</p> <h3>The Crypto Wars, Part II: Code Munition</h3> <p>In the early 1990s, the “World Wide Web” was shaping up, and with it, encryption became an even bigger headache for intelligence agencies.</p> <p>If every citizen had access to military-grade encryption, the FBI and NSA could not wiretap terrorists or drug lords. If the math was too strong to break, national security would also be bound by the constraints of encryption. However, as the internet grew, the aforementioned handling of encryption software as munitions under ITAR became somewhat absurd, leading to such things as the “Netscape split.”</p> <p>Netscape Communications Corporation was an American independent computer services company whose browser was dominant before Internet Explorer came along. Since the export of encryption would be classified as “arms-dealing,” the longest key size allowed for export without individual license proceedings was 40 bits, so Netscape developed two versions of its web browser. The “US edition” had the full 128-bit strength. The “International Edition” had its effective key length reduced to 40 bits.</p> <p>Because every single bit added to a key doubles the number of possible combinations an attacker must try, the 128-bit version was trillions of trillions of times stronger. The 40-bit version could be broken in a matter of days using a personal computer at the time; a 128-bit version was unbreakable. But because acquiring the “US version” was problematic even in the US, most people ended up with the crackable, 40-bit version anyway.</p> <p>This (coupled with other pressures) led Netscape to open-source its browser code and create the Mozilla Organization. The rebellion was led by people like Phil Zimmermann. In 1991, Zimmermann wrote a program called PGP (Pretty Good Privacy) so that ordinary people could encrypt their emails. Two years later, he became the formal target of a criminal investigation by the US Government for “munitions export without a license.”</p> <p>But Zimmerman fought back with the unlikeliest of choices: He printed the source code of PGP in a physical book and exported the <strong>book</strong>.</p> <p>This protected him because books are protected by the First Amendment in the US. The matter never went to court and Zimmermann was never charged, but it goes to show how far behind the laws were when it came to the internet: it was illegal to export a digital version of the code, but not a physical version of it.</p> <h3>Encryption for the People</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785372_f6f709f3d5_o.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785372_f6f709f3d5_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785372_f6f709f3d5_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785372_f6f709f3d5_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785372_f6f709f3d5_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Diffie, Hellman, and a young researcher at the 12th Heidelberg Laureate Forum in 2025. Image credits: HLFF / <a href="https://www.flickr.com/photos/hlforum/54803785372/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Flemming</a>.</figcaption></figure> </div> <p>Despite this, the US government did not give up on trying to control encryption. In 1993, the government proposed the “<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Clipper_chip" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Clipper Chip</a>” as a hardware-based solution to the encryption problem. The chip would provide secure communications for landline phones, but it included a “backdoor” through a process called “key escrow.” The government would hold the keys in two halves, allowing law enforcement to decrypt communications if authorized by a court order.</p> <p>The Clipper Chip faced massive public opposition from civil liberties organizations, but the chip was only abandoned in 1996 after researcher Matt Blaze <a href="https://www.eff.org/deeplinks/2015/04/clipper-chips-birthday-looking-back-22-years-key-escrow-failures" rel="noreferrer noopener" target="_blank">discovered</a> a fundamental flaw in the chip’s design that allowed users to bypass the escrow mechanism while still using the encryption. Both Hellman and Diffie spoke out against the idea of having government backdoors in encryption.</p> <p>However, the moment when encryption truly became “fair game” only came after a judicial decision. In a landmark case, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Bernstein_v._United_States" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Bernstein v. US Department of Justice</a>, the courts ruled that software source code is speech. This was a massive win for the internet. It meant that security belongs to the people, not just the state.</p> <p>This legal victory paved the way for the “Padlock” we see in our browser bars. Netscape created SSL (Secure Sockets Layer), which later became TLS (Transport Layer Security). This is the “secret handshake” you use daily, even to read this article. When you go to a website, your computer and the server perform a high-speed version of the Diffie-Hellman exchange, agreeing on a secret key for that session only.</p> <p>It also paved the way for online shopping. The first object <a href="https://www.vice.com/en/article/the-first-thing-sold-online-was-a-sting-cd/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">sold securely</a> on the internet was a Sting CD, sold online in 1994 for $12.48. Slowly but surely, the world never looked back, and online shopping is now a <a href="https://www.statista.com/topics/871/online-shopping/?srsltid=AfmBOorbACXE4NomwSxlCNT3B_4N9JliA8rwSHJDOJceavup33Gk5RLS" rel="noreferrer noopener" target="_blank">trillion-dollar industry</a>.</p> <p>But there is a big, striking caveat to this entire story. Despite their achievements, the Stanford trio was actually not the first group to develop public-key cryptography. Deep in the British intelligence agency GCHQ, researchers like James Ellis and Clifford Cocks had actually figured this out a few years earlier. But because <a href="https://www.nsa.gov/History/Cryptologic-History/Historical-Figures/Historical-Figures-View/Article/3006218/clifford-cocks-james-ellis-and-malcolm-williamson/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">they worked</a> for the British government, their work was classified. They had to be silent about their work and could not share it. Eventually, the Stanford version came into use before theirs.</p> <p>It’s one of the great “what-ifs” of modern history: If the British had gone public in 1973, what would the internet have looked like?</p> <p>We’ve covered how Radia Perlman (The “Mother of the Internet”) organized the web into a “Spanning Tree” to keep it from collapsing under its own weight. We’ve seen how Tim Berners-Lee gave us the links. But public-key cryptography is the vault that keeps the whole thing from being a playground for thieves.</p> <p>Yet cryptography does not end with the Diffie-Hellman-Merkle key exchange. Not even close. In the next installment, we will look at one of the most important algorithms in the world: RSA.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-8-of-12-encryption-for-the-people/#respond 0 Blume & Ince 53: Gefahr von Parteiblasen & Irankrieg statt Friedensenergien https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-53-gefahr-von-parteiblasen-irankrieg-statt-friedensenergien/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-53-gefahr-von-parteiblasen-irankrieg-statt-friedensenergien/#comments Tue, 24 Mar 2026 06:41:46 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11147 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1672-768x619.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-53-gefahr-von-parteiblasen-irankrieg-statt-friedensenergien/</link> </image> <description type="html"><h1>Blume & Ince 53: Gefahr von Parteiblasen & Irankrieg statt Friedensenergien » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Wie werden zukünftige Medienwelten in (überlebenden) Demokratien aussehen? Diese Fragen stellen sich Inan Ince und ich öfter – und sie ist <a href="https://blumeundince.podigee.io/" rel="noopener">ein Hauptgrund für unseren Pod- &amp; Videocast <strong><em>„Blume &amp; Ince“</em></strong></a>. Wir optimieren nicht auf Reichweite und tragen auch alle Kosten selbst, ohne Einnahmen zu generieren. Denn wir hoffen, dass es in Zukunft in immer mehr und irgendwann allen Städten und Gemeinden dialogische Pod- und Videocasts geben wird, die eine neue Milieus und Parteien überspannende Mitmach-Öffentlichkeit schaffen. Die Republik (von lat. „res publica“ = öffentliche Sache) basiert auf einer gemeinsamen und dialogischen Öffentlichkeit, die immer weniger durch früher sog. Massenmedien hergestellt wird. Ohne Dialoge auch mit Andersdenkenden verlieren wir uns auch selbst. Schon <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/glossar/chawruta/" rel="noopener">der Talmud beschwört die entscheidende Bedeutung der „Chawruta“ (debattierenden Freundschaft) für das Lernen</a>.</p> <p>Wenn wir stattdessen alle nur noch algorithmische Konzernblasen bespielen und einander in unseren Mikroblasen bestätigen würden, dann bräche der demokratische Dialog völlig zusammen. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/nur-noch-das-fediversum-kann-uns-retten-neujahrsrede-zu-salach/"><strong><em>Wer unsere europäischen Demokratien gegenüber externen und internen Angriffen beleben, ja retten möchte, stärke das FOSS-Fediversum!</em></strong></a></p> <p>Entsprechend haben wir uns nicht nur über die rege Resonanz auf <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-52-gegen-das-silencing-kurdischer-anderer-minderheiten-fuer-eine-neue-dialog-medienkultur/">die Kurdentum-Folge mit Oberbürgermeister <strong>Christoph Traub (CDU)</strong> und <strong>Dilnaz Alhan</strong> gefreut</a>, sondern auch über einen ausführlichen Bericht im aktuellen Amtsblatt der Stadt Filderstadt.</p> <p><a href="https://www.filderstadt.de/site/Filderstadt-Internet-2019/get/params_E-1046152873/25014256/Amtsblatt%20KW%2012,%2020.%20M%C3%A4rz.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Foto der oberen Seite 3 des Filderstädter Amtsblattes vom 20. März 2026. Getitelt ist: &quot;Podcast Aufzeichnung 'Blume &amp; Ince' mit Christoph Traub und Dilnaz Alan. Es geht um Menschen, Menschenrechte und Menschlichkeit&quot;. Darunter auch ein Foto der vier Diskutierenden in der Stadtbibliothek Filderstadt." decoding="async" height="2062" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1672-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1672-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1672-300x242.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1672-1024x825.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1672-768x619.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1672-1536x1237.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1672-2048x1650.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Im aktuellen Amtsblatt Filderstadt (12/2026) vom 20.03.2026 findet sich auf den Seiten 3 und 4 ein ausführlicher Bericht über die „Blume &amp; Ince“-Folge 52. <a href="https://www.filderstadt.de/site/Filderstadt-Internet-2019/get/params_E-1046152873/25014256/Amtsblatt%20KW%2012,%2020.%20M%C3%A4rz.pdf" rel="noopener">Das Filderstädter Amtsblatt ist auch online schwellenfrei verfügbar (Klick)</a>. Foto: Michael Blume</em><aside></aside></p> <p>Wenn sie in ihren Ämtern angekommen sind, wollen Inan &amp; ich auch die beiden neu gewählten Wahlkreisabgeordneten <strong>Maren Steege (CDU)</strong> und <strong>Clara Schweizer (Grüne)</strong> in unseren Pod- und Videocast einladen. Denn…</p> <p><strong>Die Gefahren medialer Zerblasung und insbesondere von Parteiblasen…</strong></p> <p>…fiel mir als christ-demokratisch aktivem Politikwissenschaftler erstmals 2017 massiv ins Auge, als <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/61-neue-episode" rel="noopener">sich die damalige Bundes-FDP unter <strong>Christian Lindner</strong> gegen den Eintritt in eine Bundesregierung entschied („<em>Lieber nicht regieren, als falsch regieren.</em>„)</a>. Während der damalige Bundesvorsitzende dafür innerhalb der FDP-Blase etwa auf Facebook begeistert gefeiert wurde, traf diese Entscheidung auf Unverständnis und Verärgerung bei den meisten Deutschen – einschließlich von Millionen Wählerinnen und Wählern, die ihre Stimmen der liberalen Partei anvertraut hatten. Diese Parteiblasen-Gefahr sah (und sehe!) ich auf immer mehr Parteien auch in Ländern und Kommunen übergreifen, so dass manche Spitzenkandidierende längst Wert darauf legen, sich von ihren überdrehenden Parteien zu distanzieren.</p> <p>Ich bin daher sehr froh und dankbar, dass sich die CDU Baden-Württemberg unter ihrem Landesvorsitzenden und Spitzenkandidaten <strong>Manuel Hagel</strong> nun einstimmig dafür entschieden hat, das Gesprächsangebot der baden-württembergischen Grünen unter <strong>Cem Özdemir</strong> anzunehmen. Es wäre in meinen Augen als Politik- und Medienwissenschaftler für unsere Demokratie der reine Alptraum, hätte „meine“ Landes-CDU den Parteiblasen-Fehler der Bundes-FDP von 2017 wiederholt. Vom Volk gewählte Demokratinnen und Demokraten müssen immer zur gemeinsamen Übernahme von Verantwortung bereit sein und dürfen sich keinesfalls in Medienblasen abschotten, emotional zerblasen und politisch zerspalten lassen. Meine ich.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/parteien-die-keine-regierungen-mehr-bilden-hat-das-demokratieversagen-durch-neue-medien-nun-auch-deutschland-erreicht/"><img alt="Das Foto eines Wahlplakates von 2017 zeigt einen dynamisch durch eine Stadt schreitenden FDP-Bundesvorsitzenden in Schwarz-Weiß-Optik." decoding="async" height="405" sizes="(max-width: 720px) 100vw, 720px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FDPLindnerNichtstunistMachtmissbrauch.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FDPLindnerNichtstunistMachtmissbrauch.jpg 720w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FDPLindnerNichtstunistMachtmissbrauch-300x169.jpg 300w" width="720"></img></a></p> <p><em>Demokratinnen &amp; Demokraten sollten immer bereit sein, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/parteien-die-keine-regierungen-mehr-bilden-hat-das-demokratieversagen-durch-neue-medien-nun-auch-deutschland-erreicht/">Verantwortung für das Land und die Gesellschaft zu übernehmen und dem Rückzug in gefühlige, aber eben zunehmend polarisierte und dualistische Parteiblasen widerstehen</a>. Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/warum-ich-facebook-und-instagram-verlasse-gedanken-zur-medienethik/">seit 2017 in Bundesparteien beobachtbare Zerblasung der demokratischen Öffentlichkeit trug dazu bei, dass ich 2019 meinen Facebook-Account löschte und später auch Meta und X den Rücken kehrte</a>. Foto eines FDP-Wahlplakates: Michael Blume, 2017 </em></p> <p>So beobachtete der SPIEGEL-Korrespondent aus Paris, <strong>René Pfister</strong>, im aktuellen SPIEGEL 13 / 2026 auf S. 49 unter anderem:</p> <p><em>„Seit der Französischen Revolution hat die Linke einen fatalen Zug ins Sektenhafte. Das ist ihre große Schwäche. Wer ein helles Morgen schaffen will, wer an die Utopie glaubt, der sieht schnell Intrigen und Verräter, die es mit aller Härte zu bekämpfen gilt. […] Es gehört zu den Eigenarten der Linken, dass sie den Feind in den eigenen Reihen im Zweifel mit größerer Inbrunst bekämpft als den Gegner auf der anderen Seite der Barrikade.“</em></p> <p>Dieser Analyse stimme ich zu, weise jedoch darauf hin, dass <em><strong>die politische Zerblasung längst auch liberale, moderate und konservative, bisweilen sogar christdemokratische Parteien erfasst</strong></em> hat. So ist <strong><em>doch gerade in Frankreich bereits das gesamte – nicht nur das linke – Parteiensystem zusammengebrochen.</em></strong> Zwischen mehreren von Einzelpersonen wie <strong>Marie Le Pen</strong>, <strong>Emanuel Macron</strong> und <strong>Jean-Luc Mélenchon</strong> dominierten, parteiförmigen „Bewegungen“ wurden die klassischen Parteien der Grande Nation zerrieben, gibt es inzwischen überhaupt keine stabilen, parlamentarischen Mehrheiten mehr. In den Städten und unter jungen Frauen dominieren Linksdualisten, in ländlichen Regionen und unter jungen Männern dominieren Rechtsdualisten. Sollte diese dramatische Entwicklung in unserem so wichtigen, europäischen Nachbarland nicht auch Deutschen zu denken geben?</p> <p>Auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/polarisierung-ueberpersonalisierung-schaden-meine-gedanken-zur-bundestagswahl-2025/">in Deutschland beobachten Inan und ich mit Sorge den Trend zur Überpersonalisierung, nach der Parteien ihre Integrationskraft verlieren</a> und Parteitage zu inszenierten, zunehmend auch überdrehten Krönungsmessen werden. Es ist doch evident, dass auch die SPD den medialen (!) Kontakt zur Arbeiterschaft verloren hat und sich auch CDU und CSU durch rechtslibertären Fossilismus und Instagram-Überinszenierungen von den religiös, sozial und kommunalpolitisch geprägten Milieus ihrer einstigen Stammwählerschaften entfernen. Bei der AfD sehen wir dagegen bereits eine rechtsmimetische Parteiblase neuen Typs, die bereits medial so abgeschottet ist, dass <a href="https://youtube.com/shorts/_mTFJjLFZrI?feature=share" rel="noopener">sie auch durch skandalöse Äußerungen</a>, interne Zerwürfnisse und „Vetternwirtschaft“-Enthüllungen kaum noch zu irritieren ist.</p> <p>So kam die AfD bei <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116274231018219091" rel="noopener">den <strong>Landtagswahlen</strong> in <strong>Rheinland-Pfalz</strong></a> in der jüngsten Wählergruppe von 18 bis 24 Jahren mit 20 Prozent auf Platz 1, gefolgt von der SPD mit 19 Prozent und der Linkspartei mit 18 Prozent. Die CDU erreichte in dieser Altersgruppe noch 15 Prozent, die Grünen 11. Die digitale Zerblasung der medialen und damit auch politischen Mitte ist bereits beobachtbar.</p> <p>Ebenso <a href="https://www.merkur.de/politik/es-gibt-kein-rechtes-lager-wie-die-afd-in-bayern-soeders-csu-auf-kreuz-legte-94232049.html" rel="noopener">warnte der <strong>Münchner Merkur</strong> zur <strong>Kommunalwahl in Bayern</strong></a>:</p> <p><em>„Die Wähler-Watschn bei der bayerischen Kommunalwahl traf die CSU mit Zeitverzögerung, aber dafür mit umso größerer Wucht: 13 von vorher 53 CSU-Landratsposten sind futsch, dazu mit Augsburg die drittgrößte Stadt des Freistaats, ebenso Schweinfurt und Rosenheim, Regensburg konnte entgegen den Erwartungen nicht erobert werden. Es hagelte Stichwahl-Pleiten am Sonntag. Dabei hatte die Söder-Partei nach der ersten Wahlrunde noch hoffen dürfen, mit leichten Blessuren und einem Minus von 1,5% davonzukommen. […] Wenn die CSU ihre Dominanz in den Städten, Gemeinden und Landkreisen retten will, muss sie aus ihren Niederlagen lernen. Parteibindungen lassen nach, einen Amtsbonus gewähren die Wählerinnen und Wähler nicht mehr. Früher hieß es, die CSU brauche in den Kommunen nur einen Besenstiel aufzustellen, um gewählt zu werden. Das ist lange vorbei. Will die CSU heute siegen, braucht sie vor Ort die stärksten Kandidaten und überzeugende Ideen.“</em></p> <p>Auch <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/61-neue-episode" rel="noopener">Demokratinnen der Linkspartei wie die frühere Bundestagsviezpräsidentin <strong>Petra Pau</strong> teilen längst unsere Sorgen vor entsprechenden Polarisierungs- und Radikalisierungstendenzen</a> in den eigenen Reihen, gerade auch in den digital geprägten Jugendorganisationen. Mein Brandenburger Beauftragten-Kollege <strong>Andreas Büttner</strong> ist daher sogar vor Kurzem aus der Linken ausgetreten.</p> <p>Gleichzeitig wurden <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/tag-der-weissen-rose-in-crailsheim-gedenkrede-fuer-den-ermordeten-hans-scholl/">sowohl bekannte Bundespolitikerinnen wie <strong>Ricarda Lang</strong> <strong>(Grüne)</strong></a>, Klima-Aktivistinnen wie <strong>Luisa Neubauer</strong>, aber auch integrative und in Wahlen bislang erfolgreiche Ministerpräsidenten wie <strong>Daniel Günther (CDU)</strong> aus <strong>Schleswig-Holstein</strong> gezielt medial angefochten. Dabei fällt mir auf, dass da manche <a href="https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.steinhoefel-baden-wuerttemberg-traenen-helfen-dem-staranwalt-nicht.ae9277fd-926a-4201-9e79-e8f8a75f8f9e.html" rel="noopener">Verklagung von bestimmten Akteuren ausgeht, die auch mich in den vergangenen Jahren immer wieder angingen. Blume grüßt</a>. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1597-scaled.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1597-768x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1597-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1597-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1597-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1597-1536x2048.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1597-scaled.jpeg 1920w" width="768"></img></a></figure> <p><em>Mit Ministerpräsident Daniel Günther (Schleswig-Holstein) beim CDU-Bundesparteitag 2026 auf der Messe Stuttgart. Foto: Michael Blume</em></p> <p>In den <strong>USA</strong> wird die dualistische Polarisierung und Zerblasung der Parteien endlich wieder herausgefordert: Nachdem <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-us-christdemokrat-james-talarico-texas-im-dialog-mit-nyt-blogger-ezra-klein/">der texanische Christ &amp; Demokrat <strong>James Talarico</strong> mit einer betont christlich-inklusiven Sprache</a> rapide auch unabhängige und sogar (ex-)republikanische Anhängerschaften erreicht und begeistert, wird <a href="https://www.youtube.com/watch?v=xQEPRWaFFLE" rel="noopener">der Abgeordnete und Senatskandidat zunehmend panisch von MAGAs und aktuell sogar von US-Präsident Donald Trump selbst via „Truth Social“ angegriffen</a>.</p> <p><strong><em>Die Zukunft auch der US-Demokratie hängt davon ab, ob es wieder Politikerinnen und Politikern gelingt, über die medialen Parteiblasen hinaus mit verständlichen Botschaften die Bürgerinnen und Bürger zusammen zu führen.</em></strong></p> <p><strong>Talarico</strong> selbst formulierte <a href="https://www.youtube.com/watch?v=b--Bulb56JM&amp;t=312s" rel="noopener">seine Absage an parteiische Medienblasen im Bulwark Pod- und Videocast mit <strong>Tim Miller</strong> so</a>:</p> <p><em>„<strong><span role="text">I don’t feel like </span></strong><span role="text"><strong>I’m accomplishing as much when I’m in the echo chamber.</strong> And sometimes it feels good to be with people who agree with you. And it’s sometimes fun to preach </span><span>to the choir, but I don’t feel like I’m doing any good in some of these media spaces.“</span></em></p> <p>In deutscher Übersetzung:</p> <p><em>„<strong>Ich habe nicht das Gefühl, dass ich so viel erreiche, wenn ich in der Echokammer bleibe.</strong> Und manchmal fühlt es sich gut an, mit Menschen zusammen zu sein, die derselben Meinung sind. Klar macht es manchmal Spaß, zu Gleichgesinnten zu predigen, aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich in einigen dieser Medienräume etwas Gutes bewirke.“</em></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/EzraKleinJamesTalarico012026.jpg"><img alt="" decoding="async" height="615" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/EzraKleinJamesTalarico012026-1024x615.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/EzraKleinJamesTalarico012026-1024x615.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/EzraKleinJamesTalarico012026-300x180.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/EzraKleinJamesTalarico012026-768x461.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/EzraKleinJamesTalarico012026.jpg 1297w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Der<a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-us-christdemokrat-james-talarico-texas-im-dialog-mit-nyt-blogger-ezra-klein/"> jüdisch-christliche Dialog zwischen dem NYT-Pod- und Videocaster Ezra Klein (links) und dem texanischen Christ-Demokraten James Talarico (rechts) vom Januar 2026</a> fand und findet breite, längst auch internationale Aufmerksamkeit. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p><strong>Erneuerbare Friedens- und Wohlstandsenergien statt dem Irankrieg-Debakel</strong></p> <p>Schließlich betrifft die digitale Zerblasung selbstverständlich auch Inhalte. So klammern sich noch immer viele Rechte und Libertäre an den fossilen Irrtum, erneuerbare Energien wären „teuer“. Vielen Linken fällt es dagegen schwer zu akzeptieren, dass <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/energieglauben-und-solarpunk-solarboom-in-china-pakistan/">ausgerechnet <strong>Bayern</strong> und <strong>Baden-Württemberg</strong> den Aufbau der Solarenergie in <strong>Deutschland</strong> anführen</a>.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zuviel-oekostrom-solarstrom-speicher-in-deutschland-schaffen-erneuerbare-wohlstandsenergien-jetzt/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Eine Photovoltaik-Karte zeigt für das Jahr 2024 eine installierte Solarstrom-Leistung von 26.588 Megawatt in Bayern, was mehr ist als Baden-Württemberg (12.441) und Nordrhein-Westfalen (12.032) zusammen. Alle anderen Bundesländer bleiben hinter Niedersachsen mit 8743 Megawatt." decoding="async" height="595" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 375px) 100vw, 375px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PhotovoltaikDeutschland2024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PhotovoltaikDeutschland2024.jpg 375w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PhotovoltaikDeutschland2024-189x300.jpg 189w" width="375"></img></a></p> <p><em>Entgegen <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/energieglauben-und-solarpunk-solarboom-in-china-pakistan/">sowohl rechter wie linker Klischees führt vor allem Bayern noch vor Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen den Aufbau der Solarenergie in Deutschland an</a>. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zuviel-oekostrom-solarstrom-speicher-in-deutschland-schaffen-erneuerbare-wohlstandsenergien-jetzt/">Erneuerbare Energien sind auch Wohlstandsenergien.</a> Strom-Report-Grafik zu 2024 </em></p> <p>Fakt ist: Gerade <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-im-jahr-des-feuerpferdes-trumps-iran-kharg-desaster/">auch im <strong>Irankrieg-Debakel</strong> zeigt sich, dass erneuerbare Energien nicht nur Abhängigkeiten und die fossile Finanzierung von Diktaturen und Kriegen reduzieren (<strong>Friedensenergien</strong>)</a>. Sie sind auch bereits so kostengünstig, dass sie den Nutzenden enorme Preisvorteile gegenüber Erdöl und Erdgas bescheren und die Inflation dämpfen (<strong>Wohlstandsenergien</strong>).</p> <p>Doch damit eröffnet sich auch die Gefahr, dass zwar post-fossile Eigenheimbesitzer und Elektroauto-Fahrende vor allem in Süddeutschland durch erneuerbare Energien noch wohlhabender werden, aber noch auf Jahrzehnte Millionen in Miete Wohnende, Ältere und Autofahrende in ländlichen Regionen weiterhin fossil abgezockt werden. <strong><em>Wenn Deutschland die Förderung erneuerbarer Wohlstandsenergien jetzt abschaffen würde, würden post-fossile Reiche noch reicher und fossil eingesperrte Arme noch ärmer! </em></strong>Umgekehrt formuliert: <strong><em>Der weitere Ausbau erneuerbarer Friedensenergien bietet nicht nur eine ökologische und ökonomische, sondern auch soziale Chancen!</em></strong> Wer dies nun beendet, nimmt die weitere Zerspaltung unserer Gesellschaft und Demokratie billigend in Kauf.</p> <p>Und auch dieses Wissen verbreitet sich bereits am schnellsten – in Fediversum-Blasen!</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/hoffnung-fuer-die-wissenschaft-der-dialogische-blog-wagenheber-effekt-im-fediversum/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mastodon-Umfrage von Dr. Michael Blume vom 16. bis 19. März 2026. Die Fragestellung lautete: &quot;Erneuerbare Energien sind für mich... (Mehrfachantworten möglich).&quot; 568 Menschen stimmten ab. Nur 4% antworteten mit &quot;zu teuer&quot;. 82% wählten &quot;notwendig&quot;, 80% &quot;Friedensenergien&quot; und 63% &quot;Wohlstandsenergien&quot;." decoding="async" height="522" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 612px) 100vw, 612px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ErneuerbareFriedensWohlstandsenergienMastodonBlume160326.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ErneuerbareFriedensWohlstandsenergienMastodonBlume160326.jpg 612w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ErneuerbareFriedensWohlstandsenergienMastodonBlume160326-300x256.jpg 300w" width="612"></img></a></p> <p><em>In <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/hoffnung-fuer-die-wissenschaft-der-dialogische-blog-wagenheber-effekt-im-fediversum/">einer Mastodon-Umfrage durch @BlumeEvolution@digitalcourage.social vom 16. bis 19. März 2026</a> erkannten bereits 80% von 568 Abstimmenden erneuerbare Energien als Friedensenergien und 63% als Wohlstandsenergien. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Hiermit also <a href="https://blumeundince.podigee.io/56-folge-53-bw-parteiblasen-irankrieg-statt-friedensenergien" rel="noopener">die herzliche Einladung, via Podigee, Spotify oder auch YouTube, Blog und Mastodon am <strong><em>„Blume &amp; Ince“</em>-Dialog</strong> mitzuwirken</a>!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/l5Mr5dZobAA?feature=oembed" title="Folge 53: BW-Parteiblasen &amp; Irankrieg statt Friedensenergien | Blume &amp; Ince - 2 Stimmen, 4 Kulturen" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Blume & Ince 53: Gefahr von Parteiblasen & Irankrieg statt Friedensenergien » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Wie werden zukünftige Medienwelten in (überlebenden) Demokratien aussehen? Diese Fragen stellen sich Inan Ince und ich öfter – und sie ist <a href="https://blumeundince.podigee.io/" rel="noopener">ein Hauptgrund für unseren Pod- &amp; Videocast <strong><em>„Blume &amp; Ince“</em></strong></a>. Wir optimieren nicht auf Reichweite und tragen auch alle Kosten selbst, ohne Einnahmen zu generieren. Denn wir hoffen, dass es in Zukunft in immer mehr und irgendwann allen Städten und Gemeinden dialogische Pod- und Videocasts geben wird, die eine neue Milieus und Parteien überspannende Mitmach-Öffentlichkeit schaffen. Die Republik (von lat. „res publica“ = öffentliche Sache) basiert auf einer gemeinsamen und dialogischen Öffentlichkeit, die immer weniger durch früher sog. Massenmedien hergestellt wird. Ohne Dialoge auch mit Andersdenkenden verlieren wir uns auch selbst. Schon <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/glossar/chawruta/" rel="noopener">der Talmud beschwört die entscheidende Bedeutung der „Chawruta“ (debattierenden Freundschaft) für das Lernen</a>.</p> <p>Wenn wir stattdessen alle nur noch algorithmische Konzernblasen bespielen und einander in unseren Mikroblasen bestätigen würden, dann bräche der demokratische Dialog völlig zusammen. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/nur-noch-das-fediversum-kann-uns-retten-neujahrsrede-zu-salach/"><strong><em>Wer unsere europäischen Demokratien gegenüber externen und internen Angriffen beleben, ja retten möchte, stärke das FOSS-Fediversum!</em></strong></a></p> <p>Entsprechend haben wir uns nicht nur über die rege Resonanz auf <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-52-gegen-das-silencing-kurdischer-anderer-minderheiten-fuer-eine-neue-dialog-medienkultur/">die Kurdentum-Folge mit Oberbürgermeister <strong>Christoph Traub (CDU)</strong> und <strong>Dilnaz Alhan</strong> gefreut</a>, sondern auch über einen ausführlichen Bericht im aktuellen Amtsblatt der Stadt Filderstadt.</p> <p><a href="https://www.filderstadt.de/site/Filderstadt-Internet-2019/get/params_E-1046152873/25014256/Amtsblatt%20KW%2012,%2020.%20M%C3%A4rz.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Foto der oberen Seite 3 des Filderstädter Amtsblattes vom 20. März 2026. Getitelt ist: &quot;Podcast Aufzeichnung 'Blume &amp; Ince' mit Christoph Traub und Dilnaz Alan. Es geht um Menschen, Menschenrechte und Menschlichkeit&quot;. Darunter auch ein Foto der vier Diskutierenden in der Stadtbibliothek Filderstadt." decoding="async" height="2062" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1672-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1672-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1672-300x242.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1672-1024x825.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1672-768x619.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1672-1536x1237.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1672-2048x1650.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Im aktuellen Amtsblatt Filderstadt (12/2026) vom 20.03.2026 findet sich auf den Seiten 3 und 4 ein ausführlicher Bericht über die „Blume &amp; Ince“-Folge 52. <a href="https://www.filderstadt.de/site/Filderstadt-Internet-2019/get/params_E-1046152873/25014256/Amtsblatt%20KW%2012,%2020.%20M%C3%A4rz.pdf" rel="noopener">Das Filderstädter Amtsblatt ist auch online schwellenfrei verfügbar (Klick)</a>. Foto: Michael Blume</em><aside></aside></p> <p>Wenn sie in ihren Ämtern angekommen sind, wollen Inan &amp; ich auch die beiden neu gewählten Wahlkreisabgeordneten <strong>Maren Steege (CDU)</strong> und <strong>Clara Schweizer (Grüne)</strong> in unseren Pod- und Videocast einladen. Denn…</p> <p><strong>Die Gefahren medialer Zerblasung und insbesondere von Parteiblasen…</strong></p> <p>…fiel mir als christ-demokratisch aktivem Politikwissenschaftler erstmals 2017 massiv ins Auge, als <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/61-neue-episode" rel="noopener">sich die damalige Bundes-FDP unter <strong>Christian Lindner</strong> gegen den Eintritt in eine Bundesregierung entschied („<em>Lieber nicht regieren, als falsch regieren.</em>„)</a>. Während der damalige Bundesvorsitzende dafür innerhalb der FDP-Blase etwa auf Facebook begeistert gefeiert wurde, traf diese Entscheidung auf Unverständnis und Verärgerung bei den meisten Deutschen – einschließlich von Millionen Wählerinnen und Wählern, die ihre Stimmen der liberalen Partei anvertraut hatten. Diese Parteiblasen-Gefahr sah (und sehe!) ich auf immer mehr Parteien auch in Ländern und Kommunen übergreifen, so dass manche Spitzenkandidierende längst Wert darauf legen, sich von ihren überdrehenden Parteien zu distanzieren.</p> <p>Ich bin daher sehr froh und dankbar, dass sich die CDU Baden-Württemberg unter ihrem Landesvorsitzenden und Spitzenkandidaten <strong>Manuel Hagel</strong> nun einstimmig dafür entschieden hat, das Gesprächsangebot der baden-württembergischen Grünen unter <strong>Cem Özdemir</strong> anzunehmen. Es wäre in meinen Augen als Politik- und Medienwissenschaftler für unsere Demokratie der reine Alptraum, hätte „meine“ Landes-CDU den Parteiblasen-Fehler der Bundes-FDP von 2017 wiederholt. Vom Volk gewählte Demokratinnen und Demokraten müssen immer zur gemeinsamen Übernahme von Verantwortung bereit sein und dürfen sich keinesfalls in Medienblasen abschotten, emotional zerblasen und politisch zerspalten lassen. Meine ich.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/parteien-die-keine-regierungen-mehr-bilden-hat-das-demokratieversagen-durch-neue-medien-nun-auch-deutschland-erreicht/"><img alt="Das Foto eines Wahlplakates von 2017 zeigt einen dynamisch durch eine Stadt schreitenden FDP-Bundesvorsitzenden in Schwarz-Weiß-Optik." decoding="async" height="405" sizes="(max-width: 720px) 100vw, 720px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FDPLindnerNichtstunistMachtmissbrauch.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FDPLindnerNichtstunistMachtmissbrauch.jpg 720w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FDPLindnerNichtstunistMachtmissbrauch-300x169.jpg 300w" width="720"></img></a></p> <p><em>Demokratinnen &amp; Demokraten sollten immer bereit sein, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/parteien-die-keine-regierungen-mehr-bilden-hat-das-demokratieversagen-durch-neue-medien-nun-auch-deutschland-erreicht/">Verantwortung für das Land und die Gesellschaft zu übernehmen und dem Rückzug in gefühlige, aber eben zunehmend polarisierte und dualistische Parteiblasen widerstehen</a>. Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/warum-ich-facebook-und-instagram-verlasse-gedanken-zur-medienethik/">seit 2017 in Bundesparteien beobachtbare Zerblasung der demokratischen Öffentlichkeit trug dazu bei, dass ich 2019 meinen Facebook-Account löschte und später auch Meta und X den Rücken kehrte</a>. Foto eines FDP-Wahlplakates: Michael Blume, 2017 </em></p> <p>So beobachtete der SPIEGEL-Korrespondent aus Paris, <strong>René Pfister</strong>, im aktuellen SPIEGEL 13 / 2026 auf S. 49 unter anderem:</p> <p><em>„Seit der Französischen Revolution hat die Linke einen fatalen Zug ins Sektenhafte. Das ist ihre große Schwäche. Wer ein helles Morgen schaffen will, wer an die Utopie glaubt, der sieht schnell Intrigen und Verräter, die es mit aller Härte zu bekämpfen gilt. […] Es gehört zu den Eigenarten der Linken, dass sie den Feind in den eigenen Reihen im Zweifel mit größerer Inbrunst bekämpft als den Gegner auf der anderen Seite der Barrikade.“</em></p> <p>Dieser Analyse stimme ich zu, weise jedoch darauf hin, dass <em><strong>die politische Zerblasung längst auch liberale, moderate und konservative, bisweilen sogar christdemokratische Parteien erfasst</strong></em> hat. So ist <strong><em>doch gerade in Frankreich bereits das gesamte – nicht nur das linke – Parteiensystem zusammengebrochen.</em></strong> Zwischen mehreren von Einzelpersonen wie <strong>Marie Le Pen</strong>, <strong>Emanuel Macron</strong> und <strong>Jean-Luc Mélenchon</strong> dominierten, parteiförmigen „Bewegungen“ wurden die klassischen Parteien der Grande Nation zerrieben, gibt es inzwischen überhaupt keine stabilen, parlamentarischen Mehrheiten mehr. In den Städten und unter jungen Frauen dominieren Linksdualisten, in ländlichen Regionen und unter jungen Männern dominieren Rechtsdualisten. Sollte diese dramatische Entwicklung in unserem so wichtigen, europäischen Nachbarland nicht auch Deutschen zu denken geben?</p> <p>Auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/polarisierung-ueberpersonalisierung-schaden-meine-gedanken-zur-bundestagswahl-2025/">in Deutschland beobachten Inan und ich mit Sorge den Trend zur Überpersonalisierung, nach der Parteien ihre Integrationskraft verlieren</a> und Parteitage zu inszenierten, zunehmend auch überdrehten Krönungsmessen werden. Es ist doch evident, dass auch die SPD den medialen (!) Kontakt zur Arbeiterschaft verloren hat und sich auch CDU und CSU durch rechtslibertären Fossilismus und Instagram-Überinszenierungen von den religiös, sozial und kommunalpolitisch geprägten Milieus ihrer einstigen Stammwählerschaften entfernen. Bei der AfD sehen wir dagegen bereits eine rechtsmimetische Parteiblase neuen Typs, die bereits medial so abgeschottet ist, dass <a href="https://youtube.com/shorts/_mTFJjLFZrI?feature=share" rel="noopener">sie auch durch skandalöse Äußerungen</a>, interne Zerwürfnisse und „Vetternwirtschaft“-Enthüllungen kaum noch zu irritieren ist.</p> <p>So kam die AfD bei <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116274231018219091" rel="noopener">den <strong>Landtagswahlen</strong> in <strong>Rheinland-Pfalz</strong></a> in der jüngsten Wählergruppe von 18 bis 24 Jahren mit 20 Prozent auf Platz 1, gefolgt von der SPD mit 19 Prozent und der Linkspartei mit 18 Prozent. Die CDU erreichte in dieser Altersgruppe noch 15 Prozent, die Grünen 11. Die digitale Zerblasung der medialen und damit auch politischen Mitte ist bereits beobachtbar.</p> <p>Ebenso <a href="https://www.merkur.de/politik/es-gibt-kein-rechtes-lager-wie-die-afd-in-bayern-soeders-csu-auf-kreuz-legte-94232049.html" rel="noopener">warnte der <strong>Münchner Merkur</strong> zur <strong>Kommunalwahl in Bayern</strong></a>:</p> <p><em>„Die Wähler-Watschn bei der bayerischen Kommunalwahl traf die CSU mit Zeitverzögerung, aber dafür mit umso größerer Wucht: 13 von vorher 53 CSU-Landratsposten sind futsch, dazu mit Augsburg die drittgrößte Stadt des Freistaats, ebenso Schweinfurt und Rosenheim, Regensburg konnte entgegen den Erwartungen nicht erobert werden. Es hagelte Stichwahl-Pleiten am Sonntag. Dabei hatte die Söder-Partei nach der ersten Wahlrunde noch hoffen dürfen, mit leichten Blessuren und einem Minus von 1,5% davonzukommen. […] Wenn die CSU ihre Dominanz in den Städten, Gemeinden und Landkreisen retten will, muss sie aus ihren Niederlagen lernen. Parteibindungen lassen nach, einen Amtsbonus gewähren die Wählerinnen und Wähler nicht mehr. Früher hieß es, die CSU brauche in den Kommunen nur einen Besenstiel aufzustellen, um gewählt zu werden. Das ist lange vorbei. Will die CSU heute siegen, braucht sie vor Ort die stärksten Kandidaten und überzeugende Ideen.“</em></p> <p>Auch <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/61-neue-episode" rel="noopener">Demokratinnen der Linkspartei wie die frühere Bundestagsviezpräsidentin <strong>Petra Pau</strong> teilen längst unsere Sorgen vor entsprechenden Polarisierungs- und Radikalisierungstendenzen</a> in den eigenen Reihen, gerade auch in den digital geprägten Jugendorganisationen. Mein Brandenburger Beauftragten-Kollege <strong>Andreas Büttner</strong> ist daher sogar vor Kurzem aus der Linken ausgetreten.</p> <p>Gleichzeitig wurden <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/tag-der-weissen-rose-in-crailsheim-gedenkrede-fuer-den-ermordeten-hans-scholl/">sowohl bekannte Bundespolitikerinnen wie <strong>Ricarda Lang</strong> <strong>(Grüne)</strong></a>, Klima-Aktivistinnen wie <strong>Luisa Neubauer</strong>, aber auch integrative und in Wahlen bislang erfolgreiche Ministerpräsidenten wie <strong>Daniel Günther (CDU)</strong> aus <strong>Schleswig-Holstein</strong> gezielt medial angefochten. Dabei fällt mir auf, dass da manche <a href="https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.steinhoefel-baden-wuerttemberg-traenen-helfen-dem-staranwalt-nicht.ae9277fd-926a-4201-9e79-e8f8a75f8f9e.html" rel="noopener">Verklagung von bestimmten Akteuren ausgeht, die auch mich in den vergangenen Jahren immer wieder angingen. Blume grüßt</a>. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1597-scaled.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1597-768x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1597-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1597-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1597-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1597-1536x2048.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1597-scaled.jpeg 1920w" width="768"></img></a></figure> <p><em>Mit Ministerpräsident Daniel Günther (Schleswig-Holstein) beim CDU-Bundesparteitag 2026 auf der Messe Stuttgart. Foto: Michael Blume</em></p> <p>In den <strong>USA</strong> wird die dualistische Polarisierung und Zerblasung der Parteien endlich wieder herausgefordert: Nachdem <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-us-christdemokrat-james-talarico-texas-im-dialog-mit-nyt-blogger-ezra-klein/">der texanische Christ &amp; Demokrat <strong>James Talarico</strong> mit einer betont christlich-inklusiven Sprache</a> rapide auch unabhängige und sogar (ex-)republikanische Anhängerschaften erreicht und begeistert, wird <a href="https://www.youtube.com/watch?v=xQEPRWaFFLE" rel="noopener">der Abgeordnete und Senatskandidat zunehmend panisch von MAGAs und aktuell sogar von US-Präsident Donald Trump selbst via „Truth Social“ angegriffen</a>.</p> <p><strong><em>Die Zukunft auch der US-Demokratie hängt davon ab, ob es wieder Politikerinnen und Politikern gelingt, über die medialen Parteiblasen hinaus mit verständlichen Botschaften die Bürgerinnen und Bürger zusammen zu führen.</em></strong></p> <p><strong>Talarico</strong> selbst formulierte <a href="https://www.youtube.com/watch?v=b--Bulb56JM&amp;t=312s" rel="noopener">seine Absage an parteiische Medienblasen im Bulwark Pod- und Videocast mit <strong>Tim Miller</strong> so</a>:</p> <p><em>„<strong><span role="text">I don’t feel like </span></strong><span role="text"><strong>I’m accomplishing as much when I’m in the echo chamber.</strong> And sometimes it feels good to be with people who agree with you. And it’s sometimes fun to preach </span><span>to the choir, but I don’t feel like I’m doing any good in some of these media spaces.“</span></em></p> <p>In deutscher Übersetzung:</p> <p><em>„<strong>Ich habe nicht das Gefühl, dass ich so viel erreiche, wenn ich in der Echokammer bleibe.</strong> Und manchmal fühlt es sich gut an, mit Menschen zusammen zu sein, die derselben Meinung sind. Klar macht es manchmal Spaß, zu Gleichgesinnten zu predigen, aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich in einigen dieser Medienräume etwas Gutes bewirke.“</em></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/EzraKleinJamesTalarico012026.jpg"><img alt="" decoding="async" height="615" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/EzraKleinJamesTalarico012026-1024x615.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/EzraKleinJamesTalarico012026-1024x615.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/EzraKleinJamesTalarico012026-300x180.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/EzraKleinJamesTalarico012026-768x461.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/EzraKleinJamesTalarico012026.jpg 1297w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Der<a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-us-christdemokrat-james-talarico-texas-im-dialog-mit-nyt-blogger-ezra-klein/"> jüdisch-christliche Dialog zwischen dem NYT-Pod- und Videocaster Ezra Klein (links) und dem texanischen Christ-Demokraten James Talarico (rechts) vom Januar 2026</a> fand und findet breite, längst auch internationale Aufmerksamkeit. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p><strong>Erneuerbare Friedens- und Wohlstandsenergien statt dem Irankrieg-Debakel</strong></p> <p>Schließlich betrifft die digitale Zerblasung selbstverständlich auch Inhalte. So klammern sich noch immer viele Rechte und Libertäre an den fossilen Irrtum, erneuerbare Energien wären „teuer“. Vielen Linken fällt es dagegen schwer zu akzeptieren, dass <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/energieglauben-und-solarpunk-solarboom-in-china-pakistan/">ausgerechnet <strong>Bayern</strong> und <strong>Baden-Württemberg</strong> den Aufbau der Solarenergie in <strong>Deutschland</strong> anführen</a>.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zuviel-oekostrom-solarstrom-speicher-in-deutschland-schaffen-erneuerbare-wohlstandsenergien-jetzt/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Eine Photovoltaik-Karte zeigt für das Jahr 2024 eine installierte Solarstrom-Leistung von 26.588 Megawatt in Bayern, was mehr ist als Baden-Württemberg (12.441) und Nordrhein-Westfalen (12.032) zusammen. Alle anderen Bundesländer bleiben hinter Niedersachsen mit 8743 Megawatt." decoding="async" height="595" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 375px) 100vw, 375px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PhotovoltaikDeutschland2024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PhotovoltaikDeutschland2024.jpg 375w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PhotovoltaikDeutschland2024-189x300.jpg 189w" width="375"></img></a></p> <p><em>Entgegen <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/energieglauben-und-solarpunk-solarboom-in-china-pakistan/">sowohl rechter wie linker Klischees führt vor allem Bayern noch vor Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen den Aufbau der Solarenergie in Deutschland an</a>. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zuviel-oekostrom-solarstrom-speicher-in-deutschland-schaffen-erneuerbare-wohlstandsenergien-jetzt/">Erneuerbare Energien sind auch Wohlstandsenergien.</a> Strom-Report-Grafik zu 2024 </em></p> <p>Fakt ist: Gerade <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-im-jahr-des-feuerpferdes-trumps-iran-kharg-desaster/">auch im <strong>Irankrieg-Debakel</strong> zeigt sich, dass erneuerbare Energien nicht nur Abhängigkeiten und die fossile Finanzierung von Diktaturen und Kriegen reduzieren (<strong>Friedensenergien</strong>)</a>. Sie sind auch bereits so kostengünstig, dass sie den Nutzenden enorme Preisvorteile gegenüber Erdöl und Erdgas bescheren und die Inflation dämpfen (<strong>Wohlstandsenergien</strong>).</p> <p>Doch damit eröffnet sich auch die Gefahr, dass zwar post-fossile Eigenheimbesitzer und Elektroauto-Fahrende vor allem in Süddeutschland durch erneuerbare Energien noch wohlhabender werden, aber noch auf Jahrzehnte Millionen in Miete Wohnende, Ältere und Autofahrende in ländlichen Regionen weiterhin fossil abgezockt werden. <strong><em>Wenn Deutschland die Förderung erneuerbarer Wohlstandsenergien jetzt abschaffen würde, würden post-fossile Reiche noch reicher und fossil eingesperrte Arme noch ärmer! </em></strong>Umgekehrt formuliert: <strong><em>Der weitere Ausbau erneuerbarer Friedensenergien bietet nicht nur eine ökologische und ökonomische, sondern auch soziale Chancen!</em></strong> Wer dies nun beendet, nimmt die weitere Zerspaltung unserer Gesellschaft und Demokratie billigend in Kauf.</p> <p>Und auch dieses Wissen verbreitet sich bereits am schnellsten – in Fediversum-Blasen!</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/hoffnung-fuer-die-wissenschaft-der-dialogische-blog-wagenheber-effekt-im-fediversum/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mastodon-Umfrage von Dr. Michael Blume vom 16. bis 19. März 2026. Die Fragestellung lautete: &quot;Erneuerbare Energien sind für mich... (Mehrfachantworten möglich).&quot; 568 Menschen stimmten ab. Nur 4% antworteten mit &quot;zu teuer&quot;. 82% wählten &quot;notwendig&quot;, 80% &quot;Friedensenergien&quot; und 63% &quot;Wohlstandsenergien&quot;." decoding="async" height="522" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 612px) 100vw, 612px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ErneuerbareFriedensWohlstandsenergienMastodonBlume160326.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ErneuerbareFriedensWohlstandsenergienMastodonBlume160326.jpg 612w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ErneuerbareFriedensWohlstandsenergienMastodonBlume160326-300x256.jpg 300w" width="612"></img></a></p> <p><em>In <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/hoffnung-fuer-die-wissenschaft-der-dialogische-blog-wagenheber-effekt-im-fediversum/">einer Mastodon-Umfrage durch @BlumeEvolution@digitalcourage.social vom 16. bis 19. März 2026</a> erkannten bereits 80% von 568 Abstimmenden erneuerbare Energien als Friedensenergien und 63% als Wohlstandsenergien. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Hiermit also <a href="https://blumeundince.podigee.io/56-folge-53-bw-parteiblasen-irankrieg-statt-friedensenergien" rel="noopener">die herzliche Einladung, via Podigee, Spotify oder auch YouTube, Blog und Mastodon am <strong><em>„Blume &amp; Ince“</em>-Dialog</strong> mitzuwirken</a>!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/l5Mr5dZobAA?feature=oembed" title="Folge 53: BW-Parteiblasen &amp; Irankrieg statt Friedensenergien | Blume &amp; Ince - 2 Stimmen, 4 Kulturen" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-53-gefahr-von-parteiblasen-irankrieg-statt-friedensenergien/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>17</slash:comments> </item> <item> <title>Therapie mit Psychedelika: Fazit und Ausblick https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/therapie-mit-psychedelika-fazit-und-ausblick/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/therapie-mit-psychedelika-fazit-und-ausblick/#comments Mon, 23 Mar 2026 12:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3598 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/iffany-mushrooms-8635387-Fazit-768x768.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/therapie-mit-psychedelika-fazit-und-ausblick/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/iffany-mushrooms-8635387-Fazit-1024x1024.jpg" /><h1>Therapie mit Psychedelika: Fazit und Ausblick » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Forschung zwischen Hoffnungen, Depressionen und finanziellen Interessen</strong></p> <span id="more-3598"></span> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/">ersten Teil</a> ging es um die Entstehung des Hypes um Psychedelika. Eine neue Studie von deutschen Forscherinnen und Forschern sollte jetzt Klarheit schaffen: Wie gut wirkt die Behandlung von Depressionen mit Psilocybin, mit Unterstützung durch Psychotherapie?</p> <p>Die Ergebnisse zeigten nicht den erhofften Durchbruch, sondern nur eine leichte Verringerung der depressiven Symptomatik – und das bei Nebenwirkungen. Ob das mehr ist als nur ein Placebo-Effekt und wie sich das zu anderen Therapien verhält, thematisieren wir am Ende. Zunächst soll es um die finanzielle Seite dieser Forschung gehen.</p> <p>Bei einem Hype kommen nämlich schnell finanzielle Interessen ins Spiel. Der schriftstellerische Erfolg von Michael Pollan mit <em>How to Change Your Mind?</em> (2018) wurde im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/">ersten Teil</a> schon erwähnt. Es wird auch gerne noch auf Aldous Huxleys Essays <em>The Doors of Perception</em> (dt. <em>Die Pforten der Wahrnehmung</em>) aus dem Jahr 1954 und dem zwei Jahre später folgenden <em>Heaven and Hell</em> (<em>Himmel und Hölle</em>) verwiesen. Diese schrieb der vor allem als Autor von <em>Brave New World</em> (<em>Schöne neue Welt</em>) bekannte Huxley auf Grundlage seiner Meskalin-Erfahrungen.</p> <p>Aldous Huxley stammte aus einer Gelehrtenfamilie und sowohl sein Großvater Thomas Henry als auch sein Bruder Julian waren bedeutende Biologen. Dadurch wird Aldous sehr früh mit dem Gedankengut zur Eugenik in Kontakt gekommen sein. Dieses wurde im frühen 20. Jahrhundert politisch ausgeschlachtet und formte auch das Gerüst der erstmals 1932 erschienenen <em>Schönen neuen Welt</em>. Diese Romanwelt ist vor allem für die als Oberklasse gezüchteten Alpha-Menschen „schön“ – und wenn doch einmal Traurigkeit aufkommt, hilft die Glücksdroge „Soma“.<aside></aside></p> <p>Man sollte aber bedenken, dass Bestseller-Autoren wie Huxley oder Pollan nicht unbedingt mit besonders akkuraten, sondern besonders überzeugenden Geschichten ihr Geld verdienen. Die Wissenschaft ist eher zur Wahrheitstreue verpflichtet. Doch bleiben wir einen Moment beim Geldverdienen.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Verdienmodell</h2> <p>Wie will man mit der klinischen Umsetzung von psychedelischer Therapie große Umsätze erzielen? Mit der britischen Compass Pathways PLC und der kanadischen Cybin Inc. – der Name, gesprochen „Seibin“ mit scharfem S, ist ein Teil von englisch „psilocybin“ – gingen um den Jahreswechsel 2020/2021 zwei entsprechende Firmen an die Börse. Wir erinnern uns, dass in genau diesem Zeitraum Professor Gerhard Gründers Psilocybin-Studie beim Bundesforschungsministerium begutachtet wurde.</p> <p>Das war also die Zeit der großen Hoffnungen und Versprechungen. Anhand der Börsenkurse lässt sich das quantifizieren: Compass Pathways hatte am 3. Dezember 2020, kurz nach dem Börsengang, sein Allzeithoch von 44 Euro pro Aktie. Am 3. November 2021 gab es noch ein Zwischenhoch bei 38,7 Euro. Heute ist ein Firmenanteil nur noch 4,7 Euro wert. Wer also beim Allzeithoch einstieg und immer noch auf den Durchbruch wartet, hat damit rund 90 Prozent Wertverlust im Depot.</p> <p>Cybin hatte dazwischen, am 3. August 2021, sein Allzeithoch bei 98 Euro pro Aktie. Auch hier ist der Fall auf 4,1 Euro beziehungsweise um 96 Prozent Wertverlust enorm – jedenfalls für diejenigen, die damals einstiegen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="601" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-1024x601.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-1024x601.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-300x176.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-768x451.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-1536x901.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-2048x1202.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Beschreibung: Die Abbildung zeigt die Börsenkurse von Compass Pathways PLC (blau, linke Skala, US-Dollar) und Cybin Inc. (rot, rechte Skala, CAN-Dollar). Von den einst hohen Bewertungen in den Jahren 2021 und 2022 sind nur 10 Prozent oder weniger übrig geblieben. Gewinne hat zum Beispiel Cybin noch keine ausgewiesen, dafür große Buchverluste für treue Anteilseigner. Auf dem niedrigen Niveau kommt es seit gut einem Jahr immer wieder zu großen Kursschwankungen. Abbildung: mit freundlicher Genehmigung von TradingView</em></p> <p>Man sollte sich fragen, wie das Verdienmodell solcher Firmen aussehen könnte. Hier in den Niederlanden wurde der Verkauf von Magic Mushrooms nach ein paar Unfällen und der erwartbaren politischen und Medienkampagne zwar 2008 verboten. Der unterirdisch wachsende Teil des Pilzes, das Sklerotium, blieb davon aber ausgenommen. Diese „Trüffel“ genannten, etwas nussig schmeckenden Produkte kann man mit einer wirksamen Dosis Psilocybin im Angebot ab ca. 15 Euro im Versandhandel bestellen. Im Smartshop um die Ecke dürften sie für 20 bis 25 Euro über den Ladentisch gehen.</p> <p>Dass man damit keine schnellen Millionen oder gar Milliarden verdienen kann, liegt auf der Hand. Damit komme ich noch einmal auf die neue deutsche Studie zurück.</p> <h2>Millionenmarkt</h2> <p>Das Folgende ist keine Enthüllung: Dass der Studienleiter Gerhard Gründer und das an der Studie mitwirkende Ehepaar Andrea und Henrik Jungaberle finanzielle Interessen an psychedelischer Therapie haben, ist kein Geheimnis. Auch in der <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2846478#a__text_Studie__Ob" rel="noopener">neuen Studie</a> ist das angegeben. Das bezieht sich zum Beispiel auf die Privatklinik OVID Clinic Berlin GmbH, die OVID Health Systems GmbH und die als gemeinnützig anerkannte MIND Foundation gGmbH, an denen die genannten Personen in führender Weise beteiligt sind.</p> <p>Ein Skandal ist das nicht. Stellen wir uns vor, dass jemand besonderes chirurgisches Talent hat und ein neues Verfahren entwickelt, um Herzoperationen zu verbessern und damit viele Leben zu verlängern. Was wäre daran unethisch, wenn eine Gewinnbeteiligung transparent geschieht und keine öffentlichen Gelder veruntreut werden? Und wieso sollte das dann für die Psychiatrie anders sein?</p> <p>Bei dem Ansatz des deutschen Forschungsteams wird das Psychedelikum mit psychotherapeutischer Begleitung kombiniert. Wie wir sahen, sind die Kosten für Psilocybin vernachlässigbar. Für Psychotherapie gehen wir mal von einem Kassensatz von ca. 150 Euro pro Stunde aus, bei Privatversicherten auch mehr. Wie die Behandlung aussieht, vermittelt das Symbolfoto zur <a href="https://www.zi-mannheim.de/institut/news-detail/psilocybin-mit-psychotherapie-zeigt-bedeutsame-wirkung-bei-behandlungsresistenten-depressionen.html" rel="noopener">Pressemitteilung des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit</a> vom 19. März (Übrigens ein Foto der MIND Foundation). Links sitzt Professor Gründer, rechts die Psychologin und Erstautorin der Studie Lea Mertens.</p> <p>Die Untersuchung bestand aus sechs- bis achtstündigen psychedelischen Sitzungen, die von <em>zwei</em> Personen therapeutisch begleitet wurden, zuzüglich einer Übernachtung. Dazu kamen satte 14 Therapiestunden zur Vor- und Nachbesprechung. Wenn man vereinfacht mit 28 Stundensätzen à 150 Euro rechnet, ergeben sich gut 4000 Euro pro Person als Untergrenze. Bei der Multiplikation mit 3000 Freiwilligen, die sich für die Studie gemeldet hatten, kommt man schon auf über 12 Millionen Euro möglichen Umsatz.</p> <h2>Deutsches McCybin?</h2> <p>Da könnte man vielleicht an Wellness-Kliniken am Rande von Großstädten mit gut situierter Klientel denken, wo übers Wochenende Seelenheilung verfügbar ist. Auf Wunsch mit begleiteter psychedelischer Therapie. Es geht hier aber nicht um die genauen Geschäftsmodelle der genannten Personen. Der springende Punkt kommt jetzt:</p> <p>Die neue Studie wurde am 11. Januar 2026 zur Publikation angenommen. Am 18. März wurde sie veröffentlicht, am 19. März fand die Pressekonferenz am Zentralinstitut in Mannheim statt. Dazwischen, zum 22. Februar, wurde die OVID Health Systems GmbH <a href="https://www.northdata.de/OVID Health Systems GmbH, Berlin/Amtsgericht Charlottenburg (Berlin) HRB 216127 B" rel="noopener">von den Geschäftsführern Gerhard Gründer und Henrik Jungaberle liquidiert</a>, also aufgelöst. Gegenstand dieser Gesellschaft war:</p> <blockquote> <p>„Die Entwicklung, Betreibung und wissenschaftliche Erforschung eines Modell-Gesundheitszentrums für die klinische Behandlung und Selbsterfahrung mit Fokus auf der therapeutischen Nutzung veränderter Wachbewusstseinszustände, erzeugt durch pharmakologische und nicht-pharmakologische Methoden“ sowie „die Entwicklung und Umsetzung eines Franchise-Systems (oder analoger Organisationsstrukturen) zur Verbreitung der in OVID entwickelten Behandlungsformen und Dienstleistungen.“ (OVID Health Systems GmbH)</p> </blockquote> <p>Man wollte damit also eine Modell-Klinik für (unter anderem) psychedelische Psychotherapie entwickeln – und dann anderen dieses Konzept zur Lizenzierung anbieten (Franchise-System). Vielleicht hätte man sich das wie eine Art „McCybin“ vorstellen können, mit standardisierten, ähnlich aussehenden und vorgehenden psychedelischen Kliniken quer durchs ganze Land. Und nochmals: Das ist keine Kritik an sich, sondern verdeutlicht nur die finanziellen Interessen.</p> <p>Die Liquidation vom 22. Februar 2026 durch die Geschäftsführer sagt wohl genug über die Erfolgsaussichten dieses Vorhabens aus – jedenfalls im großen Stil. Professor Gründer war zum 11. Juli 2025 immerhin ein Teilerfolg gegönnt: Da bewilligte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte die Durchführung der Psilocybin-Therapie im Rahmen eines Härtefallprogramms. Das war eine Neuheit in der EU. Diese Zulassung gilt aber erst einmal nur für ein Jahr und für „<a href="https://www.zi-mannheim.de/institut/news-detail/compassionate-use-programm-fuer-psilocybin-erstmals-in-deutschland-moeglich.html" rel="noopener">begründete Ausnahmefälle</a>„.</p> <p>Welche Zukunft diesen und ähnlichen Verfahren bestimmt ist, hängt entscheidend von den Ergebnissen der wissenschaftlichen Studien ab. Ziehen wir somit ein Fazit.</p> <h2>Fazit</h2> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/">ersten Teil</a> sahen wir, dass die neue Studie zwar ihr Hauptziel verfehlte. Die Kombination von Psychedelikum und Psychotherapie führte aber zu einer Verbesserung des Depressions-Werts um sieben bis acht Punkte auf einer 52-Punkte-Skala. Das ist nicht nichts. Und es sind Durchschnittswerte, die verbergen, dass der Effekt bei einigen Versuchspersonen größer war.</p> <p>Trotzdem wurde hier viel Aufwand für ein eher bescheidenes Ergebnis betrieben, das die Forscherinnen und Forscher selbst als „unschlüssig“ bezeichneten. Zu dem Aufwand gehörte, unter 3094 freiwilligen Meldungen 144 sorgfältig für die Teilnahme auszuwählen. Zu den Ausschlusskriterien gehörten zum Beispiel psychotische Symptome. Das deutet darauf hin, dass eine Ausweitung auf die breite Gesellschaft noch komplexe Herausforderungen mit sich brächte.</p> <p>Das größte Problem ist allerdings die fehlende Placebo-Kontrolle. Wie im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/">ersten Teil</a> beschrieben, gibt es für die psychedelische Wirkung – und ähnlich für die therapeutischen Gespräche – keine Möglichkeit, die reinen Erwartungseffekte abzuziehen:</p> <p>Bei so einem Hype-Thema mit dieser Medienpräsenz, der strengen Selektion, dem großen Aufwand und nach so vielen gemeinsamen therapeutischen Stunden sind die Erwartungen natürlich extrem hoch. Zur Medienpräsenz findet man auf der Website der Berliner MIND Foundation den interessanten Hinweis, dass man 166 Personen für die Therapie ausgebildet hat und 260 mediale Auftritte hatte. Nicht zuletzt dürfte zu den hohen Erwartungen beitragen, dass die Therapierten im Alter von durchschnittlich 43 Jahren, davon übrigens 59 Prozent männlich, im Mittel schon seit 13 bis 14 Jahren immer wieder unter depressiven Symptomen leiden.</p> <p>Zusammen mit der deutschen Studie erschien in der angesehenen Zeitschrift <em>JAMA Psychiatry</em> am 18. März eine <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2846479?guestAccessKey=d844d09d-abaf-4310-887c-e13957d27905&amp;utm_source=for_the_media&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=ftm_links&amp;utm_content=tfl&amp;utm_term=031826" rel="noopener">umfangreiche Analyse</a>, die das Placebo-Problem auf originelle Weise anging: Das Team von der University of California verglich die Ergebnisse psychedelischer Therapie und Versuche mit herkömmlichen Antidepressiva <em>ohne</em> Placebo-Kontrolle. Dabei fand sich kein wesentlicher Unterschied:</p> <blockquote> <p>„In Studien zur Depressionsbehandlung erwies sich die Psychedelika-unterstützte Therapie als nicht wirksamer als traditionelle Antidepressiva ohne Placebo-Kontrolle. Die Verblindung hatte einen Einfluss auf die traditionellen Antidepressiva, nicht aber auf die Psychedelika-Therapie. Das bestätigt, dass Studien zur Letzteren faktisch immer ohne Placebo-Kontrolle durchgeführt werden. Diese Ergebnisse sprechen gegen übertrieben optimistische Darstellungen der Psychedelika-Therapie …“ (Williams et al., 2026; dt. Übers.)</p> </blockquote> <h2>Ausblick</h2> <p>Währenddessen strebt das oben erwähnte Börsenunternehmen Compass Pathways PLC die Zulassung einer Psilocybin-Therapie in den USA an. Selbst wenn sich die amerikanische Behörde von der Datenlage überzeugen lässt, müsste wegen des Verbots der Substanz noch die Drogenkontrollbehörde zustimmen. Aufgrund der hier beschriebenen Studienergebnisse sollte klar sein, dass selbst dann kein neues Wundermittel gegen Depressionen auf den Markt käme.</p> <p>Darum dürfte aber der Hype um Psychedelika noch lange nicht beendet sein. Das Thema hat inzwischen zu viel Aufmerksamkeit und eine große Interessengruppe hinter sich. Allein im Sinne der „Psychonautik“, dem Interesse an anderen Bewusstseinszuständen, werden Menschen sie weiterverwenden.</p> <p>Außerdem kann es Effekte geben, die sich mit der gängigen wissenschaftlichen Methodik nicht darstellen lassen. Auch in der deutschen Studie gab es Einzelfälle mit positiverem Ausgang. Diese passen zu den enthusiastischen Kommentaren im Internet, den Reportagen und Dokumentationen:</p> <p>Erst Anfang März berichtete der New York Times-Journalist Robert Draper von seiner eigenen psychedelischen Therapie im mexikanischen Tijuana. Er wollte die traumatische Beziehung zu seinem Bruder aufarbeiten, der erst alkoholkrank wurde und dann bei einem Motorradunfall ums Leben kam. Ein anderer Teilnehmer war ein US-Kriegsveteran. Er litt unter schweren Schuldgefühlen, weil seine Kameraden im Einsatz starben, während er heimkehrte.</p> <p>Dass es für die Seele heilsam sein kann, sich solchen schwer traumatischen Erfahrungen zu öffnen, dürften viele Psychotherapeutinnen und Therapeuten bestätigen. Das ist aber etwas anderes als die Entwicklung einer medizinisch standardisierten Therapie für das vielschichtige Störungsbild Depression.</p> <p>Und damit kommen wir am Ende noch einmal auf den Status quo der biologischen Psychiatrie zurück: Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/">ersten Teil</a> habe ich die Vermutung in den Raum gestellt, dass diese nun auch psychedelische Behandlungen erforscht, weil damit am verbreiteten „Gehirndenken“ festgehalten werden kann – während die Kritik an den bestehenden Gehirnbehandlungen zunimmt.</p> <p>Mein Alternativvorschlag wäre, sich wieder mehr mit den gesellschaftlichen Faktoren zu beschäftigen, mit denen depressive Störungen zusammenhängen. Darüber habe ich an anderer Stelle mehr geschrieben.</p> <h2 id="neues-buch-zur-depressions-epidemie">Neu: Mehr über die Depressions-Epidemie</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6" rel="noopener">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677" rel="noopener">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ" rel="noopener">Google Play Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>. Abbildung: auf Grundlage von <a href="https://pixabay.com/illustrations/mushrooms-mushroom-nature-forest-8635387/" rel="noopener">Ivana Tomášková</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/21d0155c93ce40689d07995a3beb8f7d" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/iffany-mushrooms-8635387-Fazit-1024x1024.jpg" /><h1>Therapie mit Psychedelika: Fazit und Ausblick » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Forschung zwischen Hoffnungen, Depressionen und finanziellen Interessen</strong></p> <span id="more-3598"></span> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/">ersten Teil</a> ging es um die Entstehung des Hypes um Psychedelika. Eine neue Studie von deutschen Forscherinnen und Forschern sollte jetzt Klarheit schaffen: Wie gut wirkt die Behandlung von Depressionen mit Psilocybin, mit Unterstützung durch Psychotherapie?</p> <p>Die Ergebnisse zeigten nicht den erhofften Durchbruch, sondern nur eine leichte Verringerung der depressiven Symptomatik – und das bei Nebenwirkungen. Ob das mehr ist als nur ein Placebo-Effekt und wie sich das zu anderen Therapien verhält, thematisieren wir am Ende. Zunächst soll es um die finanzielle Seite dieser Forschung gehen.</p> <p>Bei einem Hype kommen nämlich schnell finanzielle Interessen ins Spiel. Der schriftstellerische Erfolg von Michael Pollan mit <em>How to Change Your Mind?</em> (2018) wurde im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/">ersten Teil</a> schon erwähnt. Es wird auch gerne noch auf Aldous Huxleys Essays <em>The Doors of Perception</em> (dt. <em>Die Pforten der Wahrnehmung</em>) aus dem Jahr 1954 und dem zwei Jahre später folgenden <em>Heaven and Hell</em> (<em>Himmel und Hölle</em>) verwiesen. Diese schrieb der vor allem als Autor von <em>Brave New World</em> (<em>Schöne neue Welt</em>) bekannte Huxley auf Grundlage seiner Meskalin-Erfahrungen.</p> <p>Aldous Huxley stammte aus einer Gelehrtenfamilie und sowohl sein Großvater Thomas Henry als auch sein Bruder Julian waren bedeutende Biologen. Dadurch wird Aldous sehr früh mit dem Gedankengut zur Eugenik in Kontakt gekommen sein. Dieses wurde im frühen 20. Jahrhundert politisch ausgeschlachtet und formte auch das Gerüst der erstmals 1932 erschienenen <em>Schönen neuen Welt</em>. Diese Romanwelt ist vor allem für die als Oberklasse gezüchteten Alpha-Menschen „schön“ – und wenn doch einmal Traurigkeit aufkommt, hilft die Glücksdroge „Soma“.<aside></aside></p> <p>Man sollte aber bedenken, dass Bestseller-Autoren wie Huxley oder Pollan nicht unbedingt mit besonders akkuraten, sondern besonders überzeugenden Geschichten ihr Geld verdienen. Die Wissenschaft ist eher zur Wahrheitstreue verpflichtet. Doch bleiben wir einen Moment beim Geldverdienen.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Verdienmodell</h2> <p>Wie will man mit der klinischen Umsetzung von psychedelischer Therapie große Umsätze erzielen? Mit der britischen Compass Pathways PLC und der kanadischen Cybin Inc. – der Name, gesprochen „Seibin“ mit scharfem S, ist ein Teil von englisch „psilocybin“ – gingen um den Jahreswechsel 2020/2021 zwei entsprechende Firmen an die Börse. Wir erinnern uns, dass in genau diesem Zeitraum Professor Gerhard Gründers Psilocybin-Studie beim Bundesforschungsministerium begutachtet wurde.</p> <p>Das war also die Zeit der großen Hoffnungen und Versprechungen. Anhand der Börsenkurse lässt sich das quantifizieren: Compass Pathways hatte am 3. Dezember 2020, kurz nach dem Börsengang, sein Allzeithoch von 44 Euro pro Aktie. Am 3. November 2021 gab es noch ein Zwischenhoch bei 38,7 Euro. Heute ist ein Firmenanteil nur noch 4,7 Euro wert. Wer also beim Allzeithoch einstieg und immer noch auf den Durchbruch wartet, hat damit rund 90 Prozent Wertverlust im Depot.</p> <p>Cybin hatte dazwischen, am 3. August 2021, sein Allzeithoch bei 98 Euro pro Aktie. Auch hier ist der Fall auf 4,1 Euro beziehungsweise um 96 Prozent Wertverlust enorm – jedenfalls für diejenigen, die damals einstiegen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="601" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-1024x601.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-1024x601.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-300x176.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-768x451.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-1536x901.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-2048x1202.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Beschreibung: Die Abbildung zeigt die Börsenkurse von Compass Pathways PLC (blau, linke Skala, US-Dollar) und Cybin Inc. (rot, rechte Skala, CAN-Dollar). Von den einst hohen Bewertungen in den Jahren 2021 und 2022 sind nur 10 Prozent oder weniger übrig geblieben. Gewinne hat zum Beispiel Cybin noch keine ausgewiesen, dafür große Buchverluste für treue Anteilseigner. Auf dem niedrigen Niveau kommt es seit gut einem Jahr immer wieder zu großen Kursschwankungen. Abbildung: mit freundlicher Genehmigung von TradingView</em></p> <p>Man sollte sich fragen, wie das Verdienmodell solcher Firmen aussehen könnte. Hier in den Niederlanden wurde der Verkauf von Magic Mushrooms nach ein paar Unfällen und der erwartbaren politischen und Medienkampagne zwar 2008 verboten. Der unterirdisch wachsende Teil des Pilzes, das Sklerotium, blieb davon aber ausgenommen. Diese „Trüffel“ genannten, etwas nussig schmeckenden Produkte kann man mit einer wirksamen Dosis Psilocybin im Angebot ab ca. 15 Euro im Versandhandel bestellen. Im Smartshop um die Ecke dürften sie für 20 bis 25 Euro über den Ladentisch gehen.</p> <p>Dass man damit keine schnellen Millionen oder gar Milliarden verdienen kann, liegt auf der Hand. Damit komme ich noch einmal auf die neue deutsche Studie zurück.</p> <h2>Millionenmarkt</h2> <p>Das Folgende ist keine Enthüllung: Dass der Studienleiter Gerhard Gründer und das an der Studie mitwirkende Ehepaar Andrea und Henrik Jungaberle finanzielle Interessen an psychedelischer Therapie haben, ist kein Geheimnis. Auch in der <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2846478#a__text_Studie__Ob" rel="noopener">neuen Studie</a> ist das angegeben. Das bezieht sich zum Beispiel auf die Privatklinik OVID Clinic Berlin GmbH, die OVID Health Systems GmbH und die als gemeinnützig anerkannte MIND Foundation gGmbH, an denen die genannten Personen in führender Weise beteiligt sind.</p> <p>Ein Skandal ist das nicht. Stellen wir uns vor, dass jemand besonderes chirurgisches Talent hat und ein neues Verfahren entwickelt, um Herzoperationen zu verbessern und damit viele Leben zu verlängern. Was wäre daran unethisch, wenn eine Gewinnbeteiligung transparent geschieht und keine öffentlichen Gelder veruntreut werden? Und wieso sollte das dann für die Psychiatrie anders sein?</p> <p>Bei dem Ansatz des deutschen Forschungsteams wird das Psychedelikum mit psychotherapeutischer Begleitung kombiniert. Wie wir sahen, sind die Kosten für Psilocybin vernachlässigbar. Für Psychotherapie gehen wir mal von einem Kassensatz von ca. 150 Euro pro Stunde aus, bei Privatversicherten auch mehr. Wie die Behandlung aussieht, vermittelt das Symbolfoto zur <a href="https://www.zi-mannheim.de/institut/news-detail/psilocybin-mit-psychotherapie-zeigt-bedeutsame-wirkung-bei-behandlungsresistenten-depressionen.html" rel="noopener">Pressemitteilung des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit</a> vom 19. März (Übrigens ein Foto der MIND Foundation). Links sitzt Professor Gründer, rechts die Psychologin und Erstautorin der Studie Lea Mertens.</p> <p>Die Untersuchung bestand aus sechs- bis achtstündigen psychedelischen Sitzungen, die von <em>zwei</em> Personen therapeutisch begleitet wurden, zuzüglich einer Übernachtung. Dazu kamen satte 14 Therapiestunden zur Vor- und Nachbesprechung. Wenn man vereinfacht mit 28 Stundensätzen à 150 Euro rechnet, ergeben sich gut 4000 Euro pro Person als Untergrenze. Bei der Multiplikation mit 3000 Freiwilligen, die sich für die Studie gemeldet hatten, kommt man schon auf über 12 Millionen Euro möglichen Umsatz.</p> <h2>Deutsches McCybin?</h2> <p>Da könnte man vielleicht an Wellness-Kliniken am Rande von Großstädten mit gut situierter Klientel denken, wo übers Wochenende Seelenheilung verfügbar ist. Auf Wunsch mit begleiteter psychedelischer Therapie. Es geht hier aber nicht um die genauen Geschäftsmodelle der genannten Personen. Der springende Punkt kommt jetzt:</p> <p>Die neue Studie wurde am 11. Januar 2026 zur Publikation angenommen. Am 18. März wurde sie veröffentlicht, am 19. März fand die Pressekonferenz am Zentralinstitut in Mannheim statt. Dazwischen, zum 22. Februar, wurde die OVID Health Systems GmbH <a href="https://www.northdata.de/OVID Health Systems GmbH, Berlin/Amtsgericht Charlottenburg (Berlin) HRB 216127 B" rel="noopener">von den Geschäftsführern Gerhard Gründer und Henrik Jungaberle liquidiert</a>, also aufgelöst. Gegenstand dieser Gesellschaft war:</p> <blockquote> <p>„Die Entwicklung, Betreibung und wissenschaftliche Erforschung eines Modell-Gesundheitszentrums für die klinische Behandlung und Selbsterfahrung mit Fokus auf der therapeutischen Nutzung veränderter Wachbewusstseinszustände, erzeugt durch pharmakologische und nicht-pharmakologische Methoden“ sowie „die Entwicklung und Umsetzung eines Franchise-Systems (oder analoger Organisationsstrukturen) zur Verbreitung der in OVID entwickelten Behandlungsformen und Dienstleistungen.“ (OVID Health Systems GmbH)</p> </blockquote> <p>Man wollte damit also eine Modell-Klinik für (unter anderem) psychedelische Psychotherapie entwickeln – und dann anderen dieses Konzept zur Lizenzierung anbieten (Franchise-System). Vielleicht hätte man sich das wie eine Art „McCybin“ vorstellen können, mit standardisierten, ähnlich aussehenden und vorgehenden psychedelischen Kliniken quer durchs ganze Land. Und nochmals: Das ist keine Kritik an sich, sondern verdeutlicht nur die finanziellen Interessen.</p> <p>Die Liquidation vom 22. Februar 2026 durch die Geschäftsführer sagt wohl genug über die Erfolgsaussichten dieses Vorhabens aus – jedenfalls im großen Stil. Professor Gründer war zum 11. Juli 2025 immerhin ein Teilerfolg gegönnt: Da bewilligte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte die Durchführung der Psilocybin-Therapie im Rahmen eines Härtefallprogramms. Das war eine Neuheit in der EU. Diese Zulassung gilt aber erst einmal nur für ein Jahr und für „<a href="https://www.zi-mannheim.de/institut/news-detail/compassionate-use-programm-fuer-psilocybin-erstmals-in-deutschland-moeglich.html" rel="noopener">begründete Ausnahmefälle</a>„.</p> <p>Welche Zukunft diesen und ähnlichen Verfahren bestimmt ist, hängt entscheidend von den Ergebnissen der wissenschaftlichen Studien ab. Ziehen wir somit ein Fazit.</p> <h2>Fazit</h2> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/">ersten Teil</a> sahen wir, dass die neue Studie zwar ihr Hauptziel verfehlte. Die Kombination von Psychedelikum und Psychotherapie führte aber zu einer Verbesserung des Depressions-Werts um sieben bis acht Punkte auf einer 52-Punkte-Skala. Das ist nicht nichts. Und es sind Durchschnittswerte, die verbergen, dass der Effekt bei einigen Versuchspersonen größer war.</p> <p>Trotzdem wurde hier viel Aufwand für ein eher bescheidenes Ergebnis betrieben, das die Forscherinnen und Forscher selbst als „unschlüssig“ bezeichneten. Zu dem Aufwand gehörte, unter 3094 freiwilligen Meldungen 144 sorgfältig für die Teilnahme auszuwählen. Zu den Ausschlusskriterien gehörten zum Beispiel psychotische Symptome. Das deutet darauf hin, dass eine Ausweitung auf die breite Gesellschaft noch komplexe Herausforderungen mit sich brächte.</p> <p>Das größte Problem ist allerdings die fehlende Placebo-Kontrolle. Wie im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/">ersten Teil</a> beschrieben, gibt es für die psychedelische Wirkung – und ähnlich für die therapeutischen Gespräche – keine Möglichkeit, die reinen Erwartungseffekte abzuziehen:</p> <p>Bei so einem Hype-Thema mit dieser Medienpräsenz, der strengen Selektion, dem großen Aufwand und nach so vielen gemeinsamen therapeutischen Stunden sind die Erwartungen natürlich extrem hoch. Zur Medienpräsenz findet man auf der Website der Berliner MIND Foundation den interessanten Hinweis, dass man 166 Personen für die Therapie ausgebildet hat und 260 mediale Auftritte hatte. Nicht zuletzt dürfte zu den hohen Erwartungen beitragen, dass die Therapierten im Alter von durchschnittlich 43 Jahren, davon übrigens 59 Prozent männlich, im Mittel schon seit 13 bis 14 Jahren immer wieder unter depressiven Symptomen leiden.</p> <p>Zusammen mit der deutschen Studie erschien in der angesehenen Zeitschrift <em>JAMA Psychiatry</em> am 18. März eine <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2846479?guestAccessKey=d844d09d-abaf-4310-887c-e13957d27905&amp;utm_source=for_the_media&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=ftm_links&amp;utm_content=tfl&amp;utm_term=031826" rel="noopener">umfangreiche Analyse</a>, die das Placebo-Problem auf originelle Weise anging: Das Team von der University of California verglich die Ergebnisse psychedelischer Therapie und Versuche mit herkömmlichen Antidepressiva <em>ohne</em> Placebo-Kontrolle. Dabei fand sich kein wesentlicher Unterschied:</p> <blockquote> <p>„In Studien zur Depressionsbehandlung erwies sich die Psychedelika-unterstützte Therapie als nicht wirksamer als traditionelle Antidepressiva ohne Placebo-Kontrolle. Die Verblindung hatte einen Einfluss auf die traditionellen Antidepressiva, nicht aber auf die Psychedelika-Therapie. Das bestätigt, dass Studien zur Letzteren faktisch immer ohne Placebo-Kontrolle durchgeführt werden. Diese Ergebnisse sprechen gegen übertrieben optimistische Darstellungen der Psychedelika-Therapie …“ (Williams et al., 2026; dt. Übers.)</p> </blockquote> <h2>Ausblick</h2> <p>Währenddessen strebt das oben erwähnte Börsenunternehmen Compass Pathways PLC die Zulassung einer Psilocybin-Therapie in den USA an. Selbst wenn sich die amerikanische Behörde von der Datenlage überzeugen lässt, müsste wegen des Verbots der Substanz noch die Drogenkontrollbehörde zustimmen. Aufgrund der hier beschriebenen Studienergebnisse sollte klar sein, dass selbst dann kein neues Wundermittel gegen Depressionen auf den Markt käme.</p> <p>Darum dürfte aber der Hype um Psychedelika noch lange nicht beendet sein. Das Thema hat inzwischen zu viel Aufmerksamkeit und eine große Interessengruppe hinter sich. Allein im Sinne der „Psychonautik“, dem Interesse an anderen Bewusstseinszuständen, werden Menschen sie weiterverwenden.</p> <p>Außerdem kann es Effekte geben, die sich mit der gängigen wissenschaftlichen Methodik nicht darstellen lassen. Auch in der deutschen Studie gab es Einzelfälle mit positiverem Ausgang. Diese passen zu den enthusiastischen Kommentaren im Internet, den Reportagen und Dokumentationen:</p> <p>Erst Anfang März berichtete der New York Times-Journalist Robert Draper von seiner eigenen psychedelischen Therapie im mexikanischen Tijuana. Er wollte die traumatische Beziehung zu seinem Bruder aufarbeiten, der erst alkoholkrank wurde und dann bei einem Motorradunfall ums Leben kam. Ein anderer Teilnehmer war ein US-Kriegsveteran. Er litt unter schweren Schuldgefühlen, weil seine Kameraden im Einsatz starben, während er heimkehrte.</p> <p>Dass es für die Seele heilsam sein kann, sich solchen schwer traumatischen Erfahrungen zu öffnen, dürften viele Psychotherapeutinnen und Therapeuten bestätigen. Das ist aber etwas anderes als die Entwicklung einer medizinisch standardisierten Therapie für das vielschichtige Störungsbild Depression.</p> <p>Und damit kommen wir am Ende noch einmal auf den Status quo der biologischen Psychiatrie zurück: Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/">ersten Teil</a> habe ich die Vermutung in den Raum gestellt, dass diese nun auch psychedelische Behandlungen erforscht, weil damit am verbreiteten „Gehirndenken“ festgehalten werden kann – während die Kritik an den bestehenden Gehirnbehandlungen zunimmt.</p> <p>Mein Alternativvorschlag wäre, sich wieder mehr mit den gesellschaftlichen Faktoren zu beschäftigen, mit denen depressive Störungen zusammenhängen. Darüber habe ich an anderer Stelle mehr geschrieben.</p> <h2 id="neues-buch-zur-depressions-epidemie">Neu: Mehr über die Depressions-Epidemie</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6" rel="noopener">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677" rel="noopener">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ" rel="noopener">Google Play Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>. Abbildung: auf Grundlage von <a href="https://pixabay.com/illustrations/mushrooms-mushroom-nature-forest-8635387/" rel="noopener">Ivana Tomášková</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/21d0155c93ce40689d07995a3beb8f7d" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/therapie-mit-psychedelika-fazit-und-ausblick/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>21</slash:comments> </item> <item> <title>𝗡𝗼𝘁𝗲𝗯𝗼𝗼𝗸𝗟𝗠 (𝗚𝗼𝗼𝗴𝗹𝗲) 𝗶𝘀𝘁 „𝘀𝗰𝗵𝗹𝗮𝘂“! – 𝗨𝗻𝗱 „𝗱𝘂𝗺𝗺“. https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/notebooklm-google-recherche-tool/ https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/notebooklm-google-recherche-tool/#comments Sun, 22 Mar 2026 14:56:27 +0000 Jaromir Konecny https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/?p=1198 https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/NotebookLM-Blog-Header-768x134.png <link>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/notebooklm-google-recherche-tool/</link> </image> <description type="html"><h1>NotebookLM: Googles KI-Tool für Recherche</h1><h2>By Von Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>Da wir gern wissenschaftliche Recherchen betreiben, will ich euch das beste KI-Tool dafür vorstellen: <a href="https://notebooklm.google.com/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">NotebookLM von Google</a>. Das Basis-Modell hinter NotebookLM ist Ende März 2026 Googles Frontier-Modell Gemini 3.1 Pro. In diesem Beitrag will ich zeigen, wann und wofür wir NotebookLM und wann eben Gemini 3.1 Pro direkt in der Gemini-App einsetzen – oder andere Frontier-Modelle wie die in ChatGPT bzw. Claude. Wobei hilft der NotebookLM-Architektur-Zwang? Bevor ich diese Fragen ordentlich beantworte, gucken wir uns kurz das Tool an? Was genau ist NotebookLM?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90.png"><img alt="" decoding="async" height="411" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-1024x411.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-1024x411.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-300x120.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-768x308.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-1536x616.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-2048x821.png 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><strong>NotebookLM</strong> ist wie gesagt Googles KI-Recherche-Tool. Man kann’s aber auch fürs Lernen, Vorbereiten von Vorlesungen und Seminaren u. a. nutzen: Ihr ladet Quellen hoch – PDFs, Webseiten, YouTube-Videos, Google Docs u. v. a. und das Tool arbeitet ausschließlich damit. Ganze 50 Quellen könnt ihr in einem Notebook hochladen.</p> <h2>Was NotebookLM aus euren Quellen machen kann:</h2> <ul> <li><strong>Audio-Übersicht</strong> – generiert einen Podcast-artigen Audio-Dialog über eure Quellen</li> <li><strong>Präsentation</strong> – erstellt Folien aus dem Quellenmaterial</li> <li><strong>Videoübersicht</strong> – fasst Videoinhalte visuell zusammen</li> <li><strong>Mindmap</strong> – visualisiert Zusammenhänge zwischen Konzepten</li> <li><strong>Berichte</strong> – generiert strukturierte Berichte</li> <li><strong>Karteikarten</strong> – erstellt Lernkarten aus dem Material</li> <li><strong>Quiz</strong> – generiert Fragen zum Prüfen des Verständnisses</li> <li><strong>Infografik</strong> – baut visuelle Zusammenfassungen</li> <li><strong>Datentabelle</strong> – extrahiert und strukturiert Daten tabellarisch</li> </ul> <p>Das alles funktioniert recht gut und macht NotebookLM ideal für wissenschaftliche Recherche, schnelle Orientierung in neuen Quellen und strukturierte Notizen dazu.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91.png"><img alt="" decoding="async" height="556" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-1024x556.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-1024x556.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-300x163.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-768x417.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-1536x833.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-2048x1111.png 2048w" width="1024"></img></a></figure> <h2>Warum NotebookLM weniger halluziniert – „Source Grounding“</h2> <p>NotebookLM ist ein geschlossenes System. Einen Web-Zugriff gibt es nur bei Recherchen nach neuen Quellen. Antworten sollen ausschließlich auf euren Quellen basieren. Google nennt das „Source Grounding“.<p>Das funktioniert super. Unabhängige Tests zeigen eine Halluzinationsrate von nur ca. 13 % bei NotebookLM, während sie bei reinen nicht optimal geprompteten Frontier-Modellen viel höher liegen. Wie gesagt ist die Basis von NotebookLM Googles Modell Gemini 3.1 Pro. Frontier- bzw. Foundation-Modelle selbst erreichen bei quellengestützten Aufgaben ähnlich kleine Halluzinationsraten (wie Gemini in NotebookLM) – zwischen 10 und 16 %. Das klingt vergleichbar. Aber der Unterschied liegt im 𝗪𝗜𝗘: Bei offenen Wissensfragen ohne Grounding steigen die Halluzinationsraten bei nicht optimal geprompteten Modellen auf 30–45 %. Source Grounding macht eben einen krassen Unterschied.</p><p>Trotzdem sind 13 % Halluzinationen bei NotebookLM eine Menge „Lügen“. Hier blutet Geminis „probabilistisches Weltwissen“ gelegentlich durch – in Formulierungen, in Zusammenfassungen, manchmal in Details, die so nicht in eurer Quelle stehen. (Bitte, nicht vergessen. Sprachmodelle sind immer noch Sprachmodelle, keine Wissensdatenanken. Das Wissen der Sprachmodelle ist probabilistisch: Statistisch gesehen gibt ein Sprachmodell am häufigsten die Information zu einem Thema aus, mit der es am meisten trainiert wurde.) Der entscheidende Vorteil ist jedoch: In NotebookLM ist Source Grounding die Grund-Architektur des Tools. Das System ist so gebaut, dass es nur deine Quellen nutzt.</p><p>Bei Gemini, Claude oder ChatGPT könnt ihr Dokumente auch hochladen und damit das gegebene Modell „grundieren“. Doch um eine Halluzinationsrate von NUR 13 % und weniger als bei NotebookLM zu erreichen, müsst ihr das Modell optimal prompten. Hier ist das „Grundieren“ optionales Verhalten, kein Systemdesign. Ihr müsst wissen, wie man das promptet. Und selbst dann mischt das Modell Quellenwissen mit Trainingswissen, weil es genau dafür gebaut wurde.</p><p>Daraus folgt mein Tipp für die Arbeit mit NotebookLM:</p></p> <p><strong>„𝗪𝗮𝘀 𝘀𝗮𝗴𝘁 𝗱𝗶𝗲𝘀𝗲𝘀 (𝗵𝗼𝗰𝗵𝗴𝗲𝗹𝗮𝗱𝗲𝗻𝗲) 𝗣𝗮𝗽𝗲𝗿 ü𝗯𝗲𝗿 𝗫?“ → 𝗡𝗼𝘁𝗲𝗯𝗼𝗼𝗸𝗟𝗠.<br></br>„𝗘𝗿𝗸𝗹ä𝗿𝗲 𝗺𝗶𝗿 𝗫.“ → 𝗚𝗲𝗺𝗶𝗻𝗶, 𝗖𝗹𝗮𝘂𝗱𝗲, 𝗖𝗵𝗮𝘁𝗚𝗣𝗧.</strong><aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 572px) 100vw, 572px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-572x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-572x1024.png 572w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-167x300.png 167w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-768x1376.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-857x1536.png 857w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-1143x2048.png 1143w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93.png 1280w" width="572"></img></a></figure> <ul> <li>NotebookLM ist ein Bibliothekar, der nur die Bücher auf seinem Tisch kennt – und genau das ist seine Stärke.</li> <li>ChatGPT, Claude und Gemini sind Bibliothekare mit Zugang zu Abertausenden Büchern. Die braucht ihr, wenn ihr Fragen an ihr gesamtes Weltwissen habt.</li> </ul> <p>Richtige Frage ans richtige Tool. Das ist der ganze Trick.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>NotebookLM: Googles KI-Tool für Recherche</h1><h2>By Von Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>Da wir gern wissenschaftliche Recherchen betreiben, will ich euch das beste KI-Tool dafür vorstellen: <a href="https://notebooklm.google.com/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">NotebookLM von Google</a>. Das Basis-Modell hinter NotebookLM ist Ende März 2026 Googles Frontier-Modell Gemini 3.1 Pro. In diesem Beitrag will ich zeigen, wann und wofür wir NotebookLM und wann eben Gemini 3.1 Pro direkt in der Gemini-App einsetzen – oder andere Frontier-Modelle wie die in ChatGPT bzw. Claude. Wobei hilft der NotebookLM-Architektur-Zwang? Bevor ich diese Fragen ordentlich beantworte, gucken wir uns kurz das Tool an? Was genau ist NotebookLM?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90.png"><img alt="" decoding="async" height="411" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-1024x411.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-1024x411.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-300x120.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-768x308.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-1536x616.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-2048x821.png 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><strong>NotebookLM</strong> ist wie gesagt Googles KI-Recherche-Tool. Man kann’s aber auch fürs Lernen, Vorbereiten von Vorlesungen und Seminaren u. a. nutzen: Ihr ladet Quellen hoch – PDFs, Webseiten, YouTube-Videos, Google Docs u. v. a. und das Tool arbeitet ausschließlich damit. Ganze 50 Quellen könnt ihr in einem Notebook hochladen.</p> <h2>Was NotebookLM aus euren Quellen machen kann:</h2> <ul> <li><strong>Audio-Übersicht</strong> – generiert einen Podcast-artigen Audio-Dialog über eure Quellen</li> <li><strong>Präsentation</strong> – erstellt Folien aus dem Quellenmaterial</li> <li><strong>Videoübersicht</strong> – fasst Videoinhalte visuell zusammen</li> <li><strong>Mindmap</strong> – visualisiert Zusammenhänge zwischen Konzepten</li> <li><strong>Berichte</strong> – generiert strukturierte Berichte</li> <li><strong>Karteikarten</strong> – erstellt Lernkarten aus dem Material</li> <li><strong>Quiz</strong> – generiert Fragen zum Prüfen des Verständnisses</li> <li><strong>Infografik</strong> – baut visuelle Zusammenfassungen</li> <li><strong>Datentabelle</strong> – extrahiert und strukturiert Daten tabellarisch</li> </ul> <p>Das alles funktioniert recht gut und macht NotebookLM ideal für wissenschaftliche Recherche, schnelle Orientierung in neuen Quellen und strukturierte Notizen dazu.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91.png"><img alt="" decoding="async" height="556" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-1024x556.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-1024x556.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-300x163.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-768x417.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-1536x833.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-2048x1111.png 2048w" width="1024"></img></a></figure> <h2>Warum NotebookLM weniger halluziniert – „Source Grounding“</h2> <p>NotebookLM ist ein geschlossenes System. Einen Web-Zugriff gibt es nur bei Recherchen nach neuen Quellen. Antworten sollen ausschließlich auf euren Quellen basieren. Google nennt das „Source Grounding“.<p>Das funktioniert super. Unabhängige Tests zeigen eine Halluzinationsrate von nur ca. 13 % bei NotebookLM, während sie bei reinen nicht optimal geprompteten Frontier-Modellen viel höher liegen. Wie gesagt ist die Basis von NotebookLM Googles Modell Gemini 3.1 Pro. Frontier- bzw. Foundation-Modelle selbst erreichen bei quellengestützten Aufgaben ähnlich kleine Halluzinationsraten (wie Gemini in NotebookLM) – zwischen 10 und 16 %. Das klingt vergleichbar. Aber der Unterschied liegt im 𝗪𝗜𝗘: Bei offenen Wissensfragen ohne Grounding steigen die Halluzinationsraten bei nicht optimal geprompteten Modellen auf 30–45 %. Source Grounding macht eben einen krassen Unterschied.</p><p>Trotzdem sind 13 % Halluzinationen bei NotebookLM eine Menge „Lügen“. Hier blutet Geminis „probabilistisches Weltwissen“ gelegentlich durch – in Formulierungen, in Zusammenfassungen, manchmal in Details, die so nicht in eurer Quelle stehen. (Bitte, nicht vergessen. Sprachmodelle sind immer noch Sprachmodelle, keine Wissensdatenanken. Das Wissen der Sprachmodelle ist probabilistisch: Statistisch gesehen gibt ein Sprachmodell am häufigsten die Information zu einem Thema aus, mit der es am meisten trainiert wurde.) Der entscheidende Vorteil ist jedoch: In NotebookLM ist Source Grounding die Grund-Architektur des Tools. Das System ist so gebaut, dass es nur deine Quellen nutzt.</p><p>Bei Gemini, Claude oder ChatGPT könnt ihr Dokumente auch hochladen und damit das gegebene Modell „grundieren“. Doch um eine Halluzinationsrate von NUR 13 % und weniger als bei NotebookLM zu erreichen, müsst ihr das Modell optimal prompten. Hier ist das „Grundieren“ optionales Verhalten, kein Systemdesign. Ihr müsst wissen, wie man das promptet. Und selbst dann mischt das Modell Quellenwissen mit Trainingswissen, weil es genau dafür gebaut wurde.</p><p>Daraus folgt mein Tipp für die Arbeit mit NotebookLM:</p></p> <p><strong>„𝗪𝗮𝘀 𝘀𝗮𝗴𝘁 𝗱𝗶𝗲𝘀𝗲𝘀 (𝗵𝗼𝗰𝗵𝗴𝗲𝗹𝗮𝗱𝗲𝗻𝗲) 𝗣𝗮𝗽𝗲𝗿 ü𝗯𝗲𝗿 𝗫?“ → 𝗡𝗼𝘁𝗲𝗯𝗼𝗼𝗸𝗟𝗠.<br></br>„𝗘𝗿𝗸𝗹ä𝗿𝗲 𝗺𝗶𝗿 𝗫.“ → 𝗚𝗲𝗺𝗶𝗻𝗶, 𝗖𝗹𝗮𝘂𝗱𝗲, 𝗖𝗵𝗮𝘁𝗚𝗣𝗧.</strong><aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 572px) 100vw, 572px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-572x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-572x1024.png 572w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-167x300.png 167w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-768x1376.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-857x1536.png 857w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-1143x2048.png 1143w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93.png 1280w" width="572"></img></a></figure> <ul> <li>NotebookLM ist ein Bibliothekar, der nur die Bücher auf seinem Tisch kennt – und genau das ist seine Stärke.</li> <li>ChatGPT, Claude und Gemini sind Bibliothekare mit Zugang zu Abertausenden Büchern. Die braucht ihr, wenn ihr Fragen an ihr gesamtes Weltwissen habt.</li> </ul> <p>Richtige Frage ans richtige Tool. Das ist der ganze Trick.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/notebooklm-google-recherche-tool/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>9</slash:comments> </item> <item> <title>Hoffnung für die Wissenschaft – Der dialogische Blog-Wagenheber-Effekt im Fediversum https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/hoffnung-fuer-die-wissenschaft-der-dialogische-blog-wagenheber-effekt-im-fediversum/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/hoffnung-fuer-die-wissenschaft-der-dialogische-blog-wagenheber-effekt-im-fediversum/#comments Sat, 21 Mar 2026 17:57:29 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11139 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2579-768x1016.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/hoffnung-fuer-die-wissenschaft-der-dialogische-blog-wagenheber-effekt-im-fediversum/</link> </image> <description type="html"><h1>Hoffnung für die Wissenschaft - Der dialogische Blog-Wagenheber-Effekt im Fediversum » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Am 13. März 2026 sprach ich in der <strong>Akademie für politische Bildung Tutzing</strong> vor einen hoch interessierten Publikum über <strong>die Auswirkungen von KI</strong> auf die <em><strong>„Resiliente Demokratie: Strategie gegen Desinformation und Manipulation“</strong></em>.</p> <p>Dabei stellte ich <strong>drei verschiedene KI-Szenarien</strong> vor – und zur dialogischen Diskussion:</p> <p><em><strong>1. Das Terminator-Szenario</strong></em> (auch schon <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dune-von-frank-herbert-ist-eine-warnung-vor-politischem-dualistischem-messianismus/">der sog. „Butlerian Jihad“ nach <strong><em>„Dune“</em></strong> von <strong>Frank Herbert</strong></a>) warnt vor der Entwicklung von <a href="https://www.meine-zeitschrift.de/der-spiegel-10-2026.html" rel="noopener">für Menschen <strong><em>„Tödlicher Intelligenz“</em></strong>, wie der aktuelle SPIEGEL – Titel</a> auch hieß.</p> <p><em><strong>2. Das Demografie-Vereinsamungs-Szenario</strong></em> nach dem KIen gar keine Gewalt brauchen. Es reiche, uns weiterhin <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wie-die-fossile-industrialisierung-familien-spaltete-und-homeoffice-heute-zu-mehr-kindern-fuehrt/">in gefälligen KI-Kokons inklusive parasozialer und sexualisierter Beziehungen so einzuspinnen, dass wir selbst die Fortpflanzung einstellen</a>.</p> <p><em><strong>3. Das <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-hoffnung-statt-cyberpunk-verzweiflung-geburtenrueckgang-arche-regionen-und-dear-alice/">Solarpunk-Arche-Szenario</a></strong>,</em> nach dem wir <strong>auf Basis von erneuerbaren Friedensenergien und FOSS – Technologien auch Mitwelt-resiliente, energiedemokratische und menschenwürdige Lebenswelten</strong> schaffen. Dazu gehört eine KI-Gewaltenteilung, die ihre Anwendung als Technologie erlaubt, aber sicherstellt, dass keine einzelne KI-Anwendung uns manipulieren und dominieren kann.<aside></aside></p> <p><a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116266400883920895" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Flyer der Tagung &quot;Resiliente Demokratie: Strategien gegen Desinformation und Manipulation&quot; der Akademie für politische Bildung Tutzing, 12. - 13. März 2026" decoding="async" height="2560" sizes="(max-width: 1934px) 100vw, 1934px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2579-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2579-scaled.jpeg 1934w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2579-227x300.jpeg 227w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2579-774x1024.jpeg 774w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2579-768x1016.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2579-1161x1536.jpeg 1161w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2579-1547x2048.jpeg 1547w" width="1934"></img></a></p> <p><em>Ein Flyer der Akademie für politische Bildung Tutzing für die Tagung: „Resiliente Demokratie: Strategien für Desinformation und Manipulation“, 12. – 13. März 2026. Im Hintergrund <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/alarmstufe-merkel-vor-dem-kommenden-sturm-freiheit-versus-thymos/">zwei Bücher über die bereits legendäre Bundeskanzlerin Angela Merkel</a>. Foto: Michael Blume, Akademie Tutzing</em></p> <p>Am malerischen Starnberger See formulierte ich auch erstmals in einem öffentlichen Vortrag meine hoffnungsvolle Beobachtung eines <strong>Blog-„Ratchet“-Wagenheber-Effekt</strong>.</p> <p>Den <em><strong>Begriff Ratchet = Wagenheber</strong></em> lernte ich dabei bereits Anfang der 2000er Jahre <strong>im Kontext der interdisziplinären Evolutionsforschung</strong> kennen:</p> <p><em>Die Giraffe sei nicht durch eine „Sprungmutation“ zu ihrem langen Hals gekommen, sondern durch zahlreiche, kleinere Mutationen, die den Hals in kleinen Schüben wie ein Wagenheber, englisch „Ratchet“, verlängert hätten.</em></p> <p>Im Bereich <strong>der (bio-)kulturellen Evolution</strong> wurde immer wieder auf <strong>die Schrift</strong> verwiesen: <em>Indem Menschen Erkenntnisse verschriften konnten, konnten nachfolgende Generationen darauf aufsetzen.</em></p> <p>Oft wurde dafür <a href="https://beruhmte-zitate.de/zitate/123828-isaac-newton-wenn-ich-weiter-sehen-konnte-so-deshalb-weil-ich/" rel="noopener">ein Zitat von <strong>Isaac Newton </strong>(1643 – 1727) aus einem Brief des Jahres 1675</a> angeführt:</p> <p><strong><em>„Wenn ich weiter sehen konnte, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stand.“</em></strong></p> <p>Doch dieser kulturelle Wagenheber-Effekt gilt dabei nicht einmal nur mit Bezug auf andere: Auch auf der Tutzing-Tagung bemerkte ein Teilnehmer, dass er sich Inhalte besser einprägen könne, wenn er sie handschriftlich notiere, auf-schreibe. Vielleicht kennen Sie diesen Effekt ja bei sich selbst auch?</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/biokulturelle-evolution/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das Schaubild zur biokulturellen Evolution zeigt, wie kulturelle Traditionen der symbolisch dargestellten Ernährung, Werkzeuge, Sprachen und Rituale mit biologischen Traditionen der Genetik, Gehirne und Organe wechselwirken. " decoding="async" height="368" sizes="(max-width: 460px) 100vw, 460px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BiokulturelleEvolution.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BiokulturelleEvolution.jpg 460w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BiokulturelleEvolution-300x240.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BiokulturelleEvolution-150x120.jpg 150w" width="460"></img></a></p> <p><em>Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/biokulturelle-evolution/">interdisziplinäre Perspektive der biokulturellen Evolution (Gen-Kultur-Koevolution)</a> erkundet, wie biologische und kulturelle Traditionen wie Kleidung, Schrift oder Religionen miteinander wechselwirken. Grafik: Michael Blume</em></p> <p>Und so darf ich wieder und wieder beim Bloggen erleben: <strong><em>Begriffe und Thesen, über die gebloggt und mit anderen dialogisiert habe, prägen sich sehr viel besser in mein Gehirn ein.</em></strong></p> <p>Und diesen – oft erstaunlich schnellen – Effekt bemerke ich immer wieder auch bei jenen Kommentierenden, die es schaffen, sich auch selbst <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wisskon21-karl-popper-und-das-kreuz-der-falsifikation-religion-wissenschaft/">im Sinne von <strong>Karl Popper</strong> (1902 – 1994) falsifikatorisch zu verbessern</a> – also, dialogisch über sich selbst hinaus zu wachsen, immer wieder dazu zu lernen.</p> <p>Erfreulich auch: <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/menschenbilder-stadtbilder-verletzungen-die-sprachmacht-deutscher-komposita/">Die <strong>deutsche Sprache</strong> ist aufgrund der <strong>Möglichkeit von Kompositworten („Komposita“) für den Schrift-Wagenheber-Effekt</strong> sogar besonders geeignet</a>!</p> <p><strong>Konkrete Beispiele: Irankrieg, Drohnenpreise, Erneuerbare Friedensenergien, Wohlstandsenergien, Energiedemokratie</strong></p> <p>So hatte ich noch während der Tutzing-Tagung <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-im-jahr-des-feuerpferdes-trumps-iran-kharg-desaster/">zum <strong>Irankrieg-Desaster</strong> durch US-Präsident <strong>Donald Trump</strong> gebloggt</a>, durch das zahlreiche Leben, viel Mitwelt und riesige, wirtschaftliche Werte vernichtet werden.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-im-jahr-des-feuerpferdes-trumps-iran-kharg-desaster/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Auf einem Fernsehbildschirm in der Bibliothek der Akademie für politische Bildung Tutzing wird der Irankrieg in der Straße von Hormus vor dem Persischen Golf sichtbar. Über explodierenden Tankern steht &quot;Ölpreis steigt weiter&quot; und die Nordseesorte Brent koste nun mehr als 100 US-Dollar." decoding="async" height="642" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 890px) 100vw, 890px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326.jpg 890w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326-300x216.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326-768x554.jpg 768w" width="890"></img></a></p> <p><em>Bearbeitetes TV-Bild in <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-im-jahr-des-feuerpferdes-trumps-iran-kharg-desaster/">der Akademie für politische Bildung Tutzing zum Irankrieg-Desaster von Donald Trump</a>. Foto &amp; Bearbeitung: Michael Blume, 12. März 2026</em></p> <p>Ein Beispiel für die <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116237702610316699" rel="noopener">auch militärische und wirtschaftliche Fehlkalkulation Trumps, die wir längst auch auf dem Mikroblogging-Dienst Mastodon diskutieren</a>, besteht in den Preisen von Drohnen und Raketen:</p> <p><em>„Eine <strong>iranische Shahed-Drohne</strong> kostet umgerechnet 20.000 bis 50.000 Dollar, eine <strong>amerikanische Patriot-Abfangrakete</strong> dagegen bis zu fünf Millionen. […] Am 1. März traf ein Drohnenangriff zwei Rechenzentren von Amazon Web Services in den VAE – nach Einschätzung von Branchenanalysten der erste bekannt gewordene militärische Treffer auf die Cloud-Infrastruktur eines großen Technologiekonzerns.“ </em></p> <p><em>– </em><strong>Dunja Ramadan </strong>im SPIEGEL 13 / 2026, <em>„Dubai: Krieg in der Glitzermetropole“</em>, S. 51 &amp; 52</p> <p>Ebenso konnten auch Teilnehmende in Tutzing durch <strong>eine schnelle KI-Recherche zum Begriff der erneuerbaren Friedensenergien</strong> meine <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/erneuerbare-friedensenergien-und-die-abwehrschlacht-des-fossilismus/">Warnungen vor der <strong>Abwehrschlacht des Fossilismus</strong> finden</a>.</p> <p>So hatte ich (siehe auch Video unten am Blogpost) in <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/im-landtag-bw-gegen-antisemitismus-meine-rede-zum-9-11-2023/">der bisher <strong>wichtigsten Rede meines Lebens am 9. November 2023 im Landtag von Baden-Württemberg</strong> ausgerufen</a>:</p> <p><em>„Die bittere Wahrheit ist, dass unsere eigene Gier nach Öl und Gas immer noch antisemitische Regime mitfinanziert, ihren Terror, ihre Propaganda, ihre Raketen. <strong>Erneuerbare Energien sind nicht nur Freiheitsenergien, sie sind auch Friedensenergien!</strong> Unsere Demokratien müssen unabhängiger werden vom fossilen Stoff ihrer Feinde einschließlich Katar und einschließlich Wladimir Putin!“</em></p> <p>Wieder und wieder hatte ich betont: <em><strong>Die Kernlüge des Fossilismus besteht in der Behauptung, dass fossile Energien aus Kohle, Erdöl, Erdgas und Atomkraft „billig“ wären. Doch in Wirklichkeit wurden und werden die Kosten dieser fossilen Energieträger nur auf die Zukunft, die Mitwelt und die Mitmenschen externalisiert.</strong></em></p> <p>Und noch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/medien-2025-live-wird-eine-pm-ueber-erneuerbare-friedensenergien-aufgegriffen/">im Juni 2025 hatte ich in einer beruflichen Pressemitteilung – nahezu ohne jede Resonanz durch Massenmedien – dringend appelliert</a>:</p> <p><em>„Wir können die Regime in Russland und im Iran nicht alleine militärisch aufhalten, solange wir sie durch Erdgas und Erdöl finanzieren.</em></p> <p><em>Wie ich auch im Landtag von Baden-Württemberg schon gesagt habe, ist meine dringende Bitte an alle, zusätzlich zu militärischen Maßnahmen erneuerbare Friedensenergien und grünen Wasserstoffspeicher auszubauen und so die Finanzierung antisemitischer Regime und Terrorgruppen einzustellen.</em></p> <p><em>Staatliche Subventionierung von fossilen Rohstoffen wirken kontraproduktiv. Erneuerbare Energien gehören zur Kernkompetenz von Baden-Württemberg, stärken unsere Unabhängigkeit und die Sicherheit von Israel, der Ukraine und der Europäischen Union.“</em></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025_06_26_Blume_erneuerbare-Friedensenergien-2.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Pressemitteilung vom 26.06.2025: &quot;Blume warnt: 'Iran und Russland nicht weiterhin fossil finanzieren'." decoding="async" height="1560" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1125px) 100vw, 1125px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625.jpeg 1125w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625-216x300.jpeg 216w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625-738x1024.jpeg 738w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625-768x1065.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625-1108x1536.jpeg 1108w" width="1125"></img></a></p> <p><em><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025_06_26_Blume_erneuerbare-Friedensenergien-2.pdf">Pressemitteilung vom 26.06.2025: „Blume warnt: ‚Iran und Russland nicht weiterhin fossil finanzieren‘</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Was also <strong>in den Massenmedien gescheitert war, hatte sich jedoch auf dem Wissenschaftsblog „Natur des Glaubens“ und in der Mikroblogging-Blase von Mastodon zum Blog-Wagenheber-Erfolg</strong> entfaltet!</p> <p>So hatte ich <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116261829512926297" rel="noopener">am 16. März 2026 eine Mastodon-Umfrage eingestellt, an der sagenhafte 586 Abstimmende teilnahmen</a>! Demnach <strong>erkannten 82% Erneuerbare Energien als <em>„notwendig“</em>, 80% benannten sie als <em>„Friedensenergien“</em> &amp; 63% als <em>„Wohlstandsenergien“</em></strong>. Nur noch 4% hielten sie für „zu teuer“.</p> <p><a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116261829512926297" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mastodon-Umfrage von @BlumeEvolution@digitalcourage.social vom 16. März 2026: &quot;Erneuerbare Energien sind für mich...&quot; (Mehrfachantworten möglich). Demnach erkannten 82% Erneuerbare Energien als „notwendig“, Von 568 Antwortenden benannten sie 82% als &quot;notwendig&quot;, 80% als „Friedensenergien“ &amp; 63% als „Wohlstandsenergien“. Nur noch 4% hielten sie für „zu teuer“." decoding="async" height="522" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 612px) 100vw, 612px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ErneuerbareFriedensWohlstandsenergienMastodonBlume160326.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ErneuerbareFriedensWohlstandsenergienMastodonBlume160326.jpg 612w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ErneuerbareFriedensWohlstandsenergienMastodonBlume160326-300x256.jpg 300w" width="612"></img></a></p> <p><em>Ergebnis der <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116261829512926297" rel="noopener">Mastodon-Umfrage von @BlumeEvolution@digitalcourage.social zum Thema Erneuerbare Energien vom 16. März 2026</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Und selbstverständlich gehen die Blog-Dialoge weiter und bauen in Posts und Drukos bei immer mehr Menschen weitere Erkenntnisse auf. So <a href="https://sueden.social/@angeldruckt/116266267347558882" rel="noopener">leitete @angeldruckt@sueden.social heute auf Nachfrage mit dem folgenden Post</a> einen intensiven und vielseitigen Dialog ein:</p> <p><em>„Nun um den Wert und Verbrauch von Benzin bemessen zu können, kann man hinweisen, dass 1 Liter E10 8,6 kWh Energie hat.</em></p> <p><em>Verbrenner:</em><p><em>10l/100km = 86kWh/100km = 20€/100km</em><em>eAuto:</em><em>20kWh/100km = 4€ – 10€/100km“</em></p></p> <p>Und: <strong><em>All diese Posts, Drukos, Dialoge fließen ins Fediversum ein und unterstützen damit digitale Suchmaschinen und KI-Crawler gegen lügnerische, hier fossile Desinformation</em></strong>!</p> <p><strong>Jenseits von <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/von-der-neurohacking-blase-zum-ki-kokon-oder-zur-dialogischen-realitaet/">algorithmischem Konzern-Neurohacking und KI-Kokons entfaltet sich im Fediversum in täglich mehr Blog-Dialogen</a> der kulturelle Wagenheber-„Ratchet“-Effekt. Das ist eine der besten Chancen, die die Menschheit für die Vermittlung von Fakten, von Wissenschaft, für Dialog und Überleben noch hat.</strong> Beobachte ich.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/nur-noch-das-fediversum-kann-uns-retten-neujahrsrede-zu-salach/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Dr. Michael Blume am 12. Januar 2024 beim Neujahrsempfang der Gemeinde Salach am Rednerpult mit dem blau-gelben Stadtwappen." decoding="async" height="2560" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8746-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8746-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8746-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8746-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8746-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8746-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></a></p> <p><em>Dr. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/nur-noch-das-fediversum-kann-uns-retten-neujahrsrede-zu-salach/">Michael Blume vertrat am 12. Januar 2024 beim Neujahrsempfang der Gemeinde Salach die These: „Nur noch das Fediversum kann uns retten.“</a> Foto: Gemeinde Salach</em></p> <p>Für Sie, für uns gebloggt am 21. März 2026. Aus Freude am Dialog, am Solarpunk &amp; aus Hoffnung.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/1HRpXuO7ZkQ?feature=oembed" title="Erneuerbare Energien sind Freiheits- und Friedensenergien. Michael Blume im Landtag BW, 9.11.2023" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Hoffnung für die Wissenschaft - Der dialogische Blog-Wagenheber-Effekt im Fediversum » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Am 13. März 2026 sprach ich in der <strong>Akademie für politische Bildung Tutzing</strong> vor einen hoch interessierten Publikum über <strong>die Auswirkungen von KI</strong> auf die <em><strong>„Resiliente Demokratie: Strategie gegen Desinformation und Manipulation“</strong></em>.</p> <p>Dabei stellte ich <strong>drei verschiedene KI-Szenarien</strong> vor – und zur dialogischen Diskussion:</p> <p><em><strong>1. Das Terminator-Szenario</strong></em> (auch schon <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dune-von-frank-herbert-ist-eine-warnung-vor-politischem-dualistischem-messianismus/">der sog. „Butlerian Jihad“ nach <strong><em>„Dune“</em></strong> von <strong>Frank Herbert</strong></a>) warnt vor der Entwicklung von <a href="https://www.meine-zeitschrift.de/der-spiegel-10-2026.html" rel="noopener">für Menschen <strong><em>„Tödlicher Intelligenz“</em></strong>, wie der aktuelle SPIEGEL – Titel</a> auch hieß.</p> <p><em><strong>2. Das Demografie-Vereinsamungs-Szenario</strong></em> nach dem KIen gar keine Gewalt brauchen. Es reiche, uns weiterhin <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wie-die-fossile-industrialisierung-familien-spaltete-und-homeoffice-heute-zu-mehr-kindern-fuehrt/">in gefälligen KI-Kokons inklusive parasozialer und sexualisierter Beziehungen so einzuspinnen, dass wir selbst die Fortpflanzung einstellen</a>.</p> <p><em><strong>3. Das <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-hoffnung-statt-cyberpunk-verzweiflung-geburtenrueckgang-arche-regionen-und-dear-alice/">Solarpunk-Arche-Szenario</a></strong>,</em> nach dem wir <strong>auf Basis von erneuerbaren Friedensenergien und FOSS – Technologien auch Mitwelt-resiliente, energiedemokratische und menschenwürdige Lebenswelten</strong> schaffen. Dazu gehört eine KI-Gewaltenteilung, die ihre Anwendung als Technologie erlaubt, aber sicherstellt, dass keine einzelne KI-Anwendung uns manipulieren und dominieren kann.<aside></aside></p> <p><a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116266400883920895" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Flyer der Tagung &quot;Resiliente Demokratie: Strategien gegen Desinformation und Manipulation&quot; der Akademie für politische Bildung Tutzing, 12. - 13. März 2026" decoding="async" height="2560" sizes="(max-width: 1934px) 100vw, 1934px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2579-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2579-scaled.jpeg 1934w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2579-227x300.jpeg 227w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2579-774x1024.jpeg 774w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2579-768x1016.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2579-1161x1536.jpeg 1161w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2579-1547x2048.jpeg 1547w" width="1934"></img></a></p> <p><em>Ein Flyer der Akademie für politische Bildung Tutzing für die Tagung: „Resiliente Demokratie: Strategien für Desinformation und Manipulation“, 12. – 13. März 2026. Im Hintergrund <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/alarmstufe-merkel-vor-dem-kommenden-sturm-freiheit-versus-thymos/">zwei Bücher über die bereits legendäre Bundeskanzlerin Angela Merkel</a>. Foto: Michael Blume, Akademie Tutzing</em></p> <p>Am malerischen Starnberger See formulierte ich auch erstmals in einem öffentlichen Vortrag meine hoffnungsvolle Beobachtung eines <strong>Blog-„Ratchet“-Wagenheber-Effekt</strong>.</p> <p>Den <em><strong>Begriff Ratchet = Wagenheber</strong></em> lernte ich dabei bereits Anfang der 2000er Jahre <strong>im Kontext der interdisziplinären Evolutionsforschung</strong> kennen:</p> <p><em>Die Giraffe sei nicht durch eine „Sprungmutation“ zu ihrem langen Hals gekommen, sondern durch zahlreiche, kleinere Mutationen, die den Hals in kleinen Schüben wie ein Wagenheber, englisch „Ratchet“, verlängert hätten.</em></p> <p>Im Bereich <strong>der (bio-)kulturellen Evolution</strong> wurde immer wieder auf <strong>die Schrift</strong> verwiesen: <em>Indem Menschen Erkenntnisse verschriften konnten, konnten nachfolgende Generationen darauf aufsetzen.</em></p> <p>Oft wurde dafür <a href="https://beruhmte-zitate.de/zitate/123828-isaac-newton-wenn-ich-weiter-sehen-konnte-so-deshalb-weil-ich/" rel="noopener">ein Zitat von <strong>Isaac Newton </strong>(1643 – 1727) aus einem Brief des Jahres 1675</a> angeführt:</p> <p><strong><em>„Wenn ich weiter sehen konnte, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stand.“</em></strong></p> <p>Doch dieser kulturelle Wagenheber-Effekt gilt dabei nicht einmal nur mit Bezug auf andere: Auch auf der Tutzing-Tagung bemerkte ein Teilnehmer, dass er sich Inhalte besser einprägen könne, wenn er sie handschriftlich notiere, auf-schreibe. Vielleicht kennen Sie diesen Effekt ja bei sich selbst auch?</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/biokulturelle-evolution/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das Schaubild zur biokulturellen Evolution zeigt, wie kulturelle Traditionen der symbolisch dargestellten Ernährung, Werkzeuge, Sprachen und Rituale mit biologischen Traditionen der Genetik, Gehirne und Organe wechselwirken. " decoding="async" height="368" sizes="(max-width: 460px) 100vw, 460px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BiokulturelleEvolution.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BiokulturelleEvolution.jpg 460w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BiokulturelleEvolution-300x240.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BiokulturelleEvolution-150x120.jpg 150w" width="460"></img></a></p> <p><em>Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/biokulturelle-evolution/">interdisziplinäre Perspektive der biokulturellen Evolution (Gen-Kultur-Koevolution)</a> erkundet, wie biologische und kulturelle Traditionen wie Kleidung, Schrift oder Religionen miteinander wechselwirken. Grafik: Michael Blume</em></p> <p>Und so darf ich wieder und wieder beim Bloggen erleben: <strong><em>Begriffe und Thesen, über die gebloggt und mit anderen dialogisiert habe, prägen sich sehr viel besser in mein Gehirn ein.</em></strong></p> <p>Und diesen – oft erstaunlich schnellen – Effekt bemerke ich immer wieder auch bei jenen Kommentierenden, die es schaffen, sich auch selbst <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wisskon21-karl-popper-und-das-kreuz-der-falsifikation-religion-wissenschaft/">im Sinne von <strong>Karl Popper</strong> (1902 – 1994) falsifikatorisch zu verbessern</a> – also, dialogisch über sich selbst hinaus zu wachsen, immer wieder dazu zu lernen.</p> <p>Erfreulich auch: <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/menschenbilder-stadtbilder-verletzungen-die-sprachmacht-deutscher-komposita/">Die <strong>deutsche Sprache</strong> ist aufgrund der <strong>Möglichkeit von Kompositworten („Komposita“) für den Schrift-Wagenheber-Effekt</strong> sogar besonders geeignet</a>!</p> <p><strong>Konkrete Beispiele: Irankrieg, Drohnenpreise, Erneuerbare Friedensenergien, Wohlstandsenergien, Energiedemokratie</strong></p> <p>So hatte ich noch während der Tutzing-Tagung <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-im-jahr-des-feuerpferdes-trumps-iran-kharg-desaster/">zum <strong>Irankrieg-Desaster</strong> durch US-Präsident <strong>Donald Trump</strong> gebloggt</a>, durch das zahlreiche Leben, viel Mitwelt und riesige, wirtschaftliche Werte vernichtet werden.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-im-jahr-des-feuerpferdes-trumps-iran-kharg-desaster/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Auf einem Fernsehbildschirm in der Bibliothek der Akademie für politische Bildung Tutzing wird der Irankrieg in der Straße von Hormus vor dem Persischen Golf sichtbar. Über explodierenden Tankern steht &quot;Ölpreis steigt weiter&quot; und die Nordseesorte Brent koste nun mehr als 100 US-Dollar." decoding="async" height="642" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 890px) 100vw, 890px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326.jpg 890w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326-300x216.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326-768x554.jpg 768w" width="890"></img></a></p> <p><em>Bearbeitetes TV-Bild in <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-im-jahr-des-feuerpferdes-trumps-iran-kharg-desaster/">der Akademie für politische Bildung Tutzing zum Irankrieg-Desaster von Donald Trump</a>. Foto &amp; Bearbeitung: Michael Blume, 12. März 2026</em></p> <p>Ein Beispiel für die <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116237702610316699" rel="noopener">auch militärische und wirtschaftliche Fehlkalkulation Trumps, die wir längst auch auf dem Mikroblogging-Dienst Mastodon diskutieren</a>, besteht in den Preisen von Drohnen und Raketen:</p> <p><em>„Eine <strong>iranische Shahed-Drohne</strong> kostet umgerechnet 20.000 bis 50.000 Dollar, eine <strong>amerikanische Patriot-Abfangrakete</strong> dagegen bis zu fünf Millionen. […] Am 1. März traf ein Drohnenangriff zwei Rechenzentren von Amazon Web Services in den VAE – nach Einschätzung von Branchenanalysten der erste bekannt gewordene militärische Treffer auf die Cloud-Infrastruktur eines großen Technologiekonzerns.“ </em></p> <p><em>– </em><strong>Dunja Ramadan </strong>im SPIEGEL 13 / 2026, <em>„Dubai: Krieg in der Glitzermetropole“</em>, S. 51 &amp; 52</p> <p>Ebenso konnten auch Teilnehmende in Tutzing durch <strong>eine schnelle KI-Recherche zum Begriff der erneuerbaren Friedensenergien</strong> meine <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/erneuerbare-friedensenergien-und-die-abwehrschlacht-des-fossilismus/">Warnungen vor der <strong>Abwehrschlacht des Fossilismus</strong> finden</a>.</p> <p>So hatte ich (siehe auch Video unten am Blogpost) in <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/im-landtag-bw-gegen-antisemitismus-meine-rede-zum-9-11-2023/">der bisher <strong>wichtigsten Rede meines Lebens am 9. November 2023 im Landtag von Baden-Württemberg</strong> ausgerufen</a>:</p> <p><em>„Die bittere Wahrheit ist, dass unsere eigene Gier nach Öl und Gas immer noch antisemitische Regime mitfinanziert, ihren Terror, ihre Propaganda, ihre Raketen. <strong>Erneuerbare Energien sind nicht nur Freiheitsenergien, sie sind auch Friedensenergien!</strong> Unsere Demokratien müssen unabhängiger werden vom fossilen Stoff ihrer Feinde einschließlich Katar und einschließlich Wladimir Putin!“</em></p> <p>Wieder und wieder hatte ich betont: <em><strong>Die Kernlüge des Fossilismus besteht in der Behauptung, dass fossile Energien aus Kohle, Erdöl, Erdgas und Atomkraft „billig“ wären. Doch in Wirklichkeit wurden und werden die Kosten dieser fossilen Energieträger nur auf die Zukunft, die Mitwelt und die Mitmenschen externalisiert.</strong></em></p> <p>Und noch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/medien-2025-live-wird-eine-pm-ueber-erneuerbare-friedensenergien-aufgegriffen/">im Juni 2025 hatte ich in einer beruflichen Pressemitteilung – nahezu ohne jede Resonanz durch Massenmedien – dringend appelliert</a>:</p> <p><em>„Wir können die Regime in Russland und im Iran nicht alleine militärisch aufhalten, solange wir sie durch Erdgas und Erdöl finanzieren.</em></p> <p><em>Wie ich auch im Landtag von Baden-Württemberg schon gesagt habe, ist meine dringende Bitte an alle, zusätzlich zu militärischen Maßnahmen erneuerbare Friedensenergien und grünen Wasserstoffspeicher auszubauen und so die Finanzierung antisemitischer Regime und Terrorgruppen einzustellen.</em></p> <p><em>Staatliche Subventionierung von fossilen Rohstoffen wirken kontraproduktiv. Erneuerbare Energien gehören zur Kernkompetenz von Baden-Württemberg, stärken unsere Unabhängigkeit und die Sicherheit von Israel, der Ukraine und der Europäischen Union.“</em></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025_06_26_Blume_erneuerbare-Friedensenergien-2.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Pressemitteilung vom 26.06.2025: &quot;Blume warnt: 'Iran und Russland nicht weiterhin fossil finanzieren'." decoding="async" height="1560" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1125px) 100vw, 1125px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625.jpeg 1125w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625-216x300.jpeg 216w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625-738x1024.jpeg 738w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625-768x1065.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625-1108x1536.jpeg 1108w" width="1125"></img></a></p> <p><em><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025_06_26_Blume_erneuerbare-Friedensenergien-2.pdf">Pressemitteilung vom 26.06.2025: „Blume warnt: ‚Iran und Russland nicht weiterhin fossil finanzieren‘</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Was also <strong>in den Massenmedien gescheitert war, hatte sich jedoch auf dem Wissenschaftsblog „Natur des Glaubens“ und in der Mikroblogging-Blase von Mastodon zum Blog-Wagenheber-Erfolg</strong> entfaltet!</p> <p>So hatte ich <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116261829512926297" rel="noopener">am 16. März 2026 eine Mastodon-Umfrage eingestellt, an der sagenhafte 586 Abstimmende teilnahmen</a>! Demnach <strong>erkannten 82% Erneuerbare Energien als <em>„notwendig“</em>, 80% benannten sie als <em>„Friedensenergien“</em> &amp; 63% als <em>„Wohlstandsenergien“</em></strong>. Nur noch 4% hielten sie für „zu teuer“.</p> <p><a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116261829512926297" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mastodon-Umfrage von @BlumeEvolution@digitalcourage.social vom 16. März 2026: &quot;Erneuerbare Energien sind für mich...&quot; (Mehrfachantworten möglich). Demnach erkannten 82% Erneuerbare Energien als „notwendig“, Von 568 Antwortenden benannten sie 82% als &quot;notwendig&quot;, 80% als „Friedensenergien“ &amp; 63% als „Wohlstandsenergien“. Nur noch 4% hielten sie für „zu teuer“." decoding="async" height="522" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 612px) 100vw, 612px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ErneuerbareFriedensWohlstandsenergienMastodonBlume160326.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ErneuerbareFriedensWohlstandsenergienMastodonBlume160326.jpg 612w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ErneuerbareFriedensWohlstandsenergienMastodonBlume160326-300x256.jpg 300w" width="612"></img></a></p> <p><em>Ergebnis der <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116261829512926297" rel="noopener">Mastodon-Umfrage von @BlumeEvolution@digitalcourage.social zum Thema Erneuerbare Energien vom 16. März 2026</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Und selbstverständlich gehen die Blog-Dialoge weiter und bauen in Posts und Drukos bei immer mehr Menschen weitere Erkenntnisse auf. So <a href="https://sueden.social/@angeldruckt/116266267347558882" rel="noopener">leitete @angeldruckt@sueden.social heute auf Nachfrage mit dem folgenden Post</a> einen intensiven und vielseitigen Dialog ein:</p> <p><em>„Nun um den Wert und Verbrauch von Benzin bemessen zu können, kann man hinweisen, dass 1 Liter E10 8,6 kWh Energie hat.</em></p> <p><em>Verbrenner:</em><p><em>10l/100km = 86kWh/100km = 20€/100km</em><em>eAuto:</em><em>20kWh/100km = 4€ – 10€/100km“</em></p></p> <p>Und: <strong><em>All diese Posts, Drukos, Dialoge fließen ins Fediversum ein und unterstützen damit digitale Suchmaschinen und KI-Crawler gegen lügnerische, hier fossile Desinformation</em></strong>!</p> <p><strong>Jenseits von <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/von-der-neurohacking-blase-zum-ki-kokon-oder-zur-dialogischen-realitaet/">algorithmischem Konzern-Neurohacking und KI-Kokons entfaltet sich im Fediversum in täglich mehr Blog-Dialogen</a> der kulturelle Wagenheber-„Ratchet“-Effekt. Das ist eine der besten Chancen, die die Menschheit für die Vermittlung von Fakten, von Wissenschaft, für Dialog und Überleben noch hat.</strong> Beobachte ich.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/nur-noch-das-fediversum-kann-uns-retten-neujahrsrede-zu-salach/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Dr. Michael Blume am 12. Januar 2024 beim Neujahrsempfang der Gemeinde Salach am Rednerpult mit dem blau-gelben Stadtwappen." decoding="async" height="2560" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8746-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8746-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8746-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8746-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8746-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8746-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></a></p> <p><em>Dr. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/nur-noch-das-fediversum-kann-uns-retten-neujahrsrede-zu-salach/">Michael Blume vertrat am 12. Januar 2024 beim Neujahrsempfang der Gemeinde Salach die These: „Nur noch das Fediversum kann uns retten.“</a> Foto: Gemeinde Salach</em></p> <p>Für Sie, für uns gebloggt am 21. März 2026. Aus Freude am Dialog, am Solarpunk &amp; aus Hoffnung.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/1HRpXuO7ZkQ?feature=oembed" title="Erneuerbare Energien sind Freiheits- und Friedensenergien. Michael Blume im Landtag BW, 9.11.2023" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/hoffnung-fuer-die-wissenschaft-der-dialogische-blog-wagenheber-effekt-im-fediversum/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>12</slash:comments> </item> <item> <title>Psychedelika gegen Depressionen: Durchbruch oder teures Placebo? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/#comments Sat, 21 Mar 2026 16:40:58 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3585 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/iffany-mushrooms-8635387-768x768.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/iffany-mushrooms-8635387-1024x1024.jpg" /><h1>Psychedelika gegen Depressionen: Durchbruch oder teures Placebo? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Verschafft eine neue, mit Millionen geförderte deutsche Studie jetzt Klarheit?</strong></p> <span id="more-3585"></span> <p>Spätestens seit dem internationalen Bestseller <em>How to Change Your Mind?</em> (2018) des amerikanischen Wissenschaftsjournalisten Michael Pollan sind psychedelische Substanzen kein Nischenthema mehr. Der vollständige Titel in der deutschen Übersetzung von 2019 verrät mehr über die Breite des Themas: <em>Verändere dein Bewusstsein. Was uns die neue Psychedelika-Forschung über Sucht, Depression, Todesfurcht und Transzendenz lehrt</em>.</p> <p>Bei Psychedelika, so scheint es, ist keine Frage zu groß: besser gesunden, besser leben, sogar besser sterben. 2022 folgte eine Serie von Netflix-Dokumentationen mit Pollan.</p> <p>Inzwischen ist die Fülle an Ratgebern und anderen Medien zum Thema kaum noch überschaubar. Und wer nicht einfach über sich selbst schreiben will, weil das vielleicht egoistisch wirkt, schreibt halt über seinen Trip: „Wie ich endlich zu mir selbst fand und nebenbei noch meine psychischen Probleme in den Griff bekam.“</p> <p>Die Erwartungen sind hoch. Gerade Patientinnen und Patienten mit schweren Depressionen hoffen auf einen Durchbruch, auch solche mit der Diagnose Schizophrenie. Sind wir dem jetzt einen Schritt näher gekommen?<aside></aside></p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Psychiatrische Krise</h2> <p>Dass man inzwischen selbst Millionenförderung für diese Forschung erhält und die Ergebnisse in den führenden Fachzeitschriften publizieren kann, hat meines Erachtens mit einer doppelten Krise der Psychiatrie zu tun. Psychedelika-Forschung ist ja alles andere als neu. Man experimentierte damit schon in den 1950ern und 1960ern, auch in der Wissenschaft. Die erste Krise sehe ich darin, dass die vorherrschende biologische Psychiatrie dem Dogma nicht gerecht wird, <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/09/das-dogma-der-biologischen-psychiatrie-in-historischer-perspektive/" rel="noopener">dass psychologisch-psychiatrische Störungen Gehirnstörungen sein sollen</a>.</p> <p>Ja, warum kann man sie dann allen modernen Hirn- und Gen-Tests zum Trotz nicht biologisch diagnostizieren? Warum ist man immer noch auf Gespräche, Fragebögen und Beobachtung angewiesen? Und warum kann man auch den Erfolg einer Therapie nicht einfach im Körper nachweisen? Diese Tatsache wird auch bei der Besprechung der neuen Studie zu Psychedelika weiter unten eine Rolle spielen.</p> <p>Die zweite Krise besteht in der stetigen Zunahme der Krankheitslast durch die Störungsbilder: Dass es immer mehr psychologisch-psychiatrische Diagnosen gibt, liest man seit Jahren in den Nachrichten. Vor Kurzem behandelte ich hier die <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/12/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/" rel="noopener">Vervielfachung der Erwachsenen-ADHS seit der Coronaviruspandemie</a>. Die Diagnosen von Angst- und depressiven Störungen steigen schon viel länger. Von den sogenannten Antidepressiva werden in Deutschland inzwischen jährlich <a href="https://menschen-bilder.blog/2026/01/neue-studie-repraesentativitaet-in-der-antidepressiva-forschung-laesst-zu-wuenschen-uebrig/" rel="noopener">über 1,8 Milliarden Tagesdosen verschrieben</a> – genug für die <em>tägliche</em> Behandlung von fünf Millionen Menschen.</p> <p>Man würde sich ja wünschen, dass diese Mittel – neben dem Anstieg von Psychotherapie sowie Magnet- oder Strombehandlungen für das Gehirn – den Betroffenen helfen. Doch im Ergebnis nimmt deren Leiden, zum Beispiel in Zeiten der Arbeitsunfähigkeit ausgedrückt, immer weiter zu. Dementsprechend war es keine Übertreibung, dass ich meinem neuen Buch zum Thema den Begriff „<a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">Depressions-Epidemie</a>“ in den Titel geschrieben habe.</p> <h2 id="neues-buch-zur-depressions-epidemie">Neues Buch zur Depressions-Epidemie</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6" rel="noopener">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677" rel="noopener">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ" rel="noopener">Google Play Books</a>.</em></p> <h2>Dann halt Psychedelika!</h2> <p>Man könnte die Krise so zusammenfassen, dass einerseits die von den Fachleuten seit Jahrzehnten gemachten Versprechen über bessere Behandlungen und weniger Ausgrenzung nicht eingelöst werden; und andererseits die Probleme immer größer werden, obwohl man immer mehr dagegen unternimmt. Ich schlug schon vor fünf Jahren vor: <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychiatrie-gebt-das-medizinische-modell-endlich-auf/">Psychiatrie: Gebt das medizinische Modell endlich auf!</a> Schaut weniger aufs Gehirn und mehr auf die Lebensumstände, in denen die Störungen entstehen.</p> <p>Doch Dogmen können sich selbst in der Wissenschaft sehr lange halten. In Anlehnung an ein berühmtes Zitat von Max Planck: Sie sterben am Ende mit denjenigen, die sie vertreten. Anstatt anders zu suchen, sucht man lieber auf die gleiche Weise, doch mit anderen Mitteln. Und so kamen die Psychedelika ins Rampenlicht.</p> <p>Diejenigen, die am Gehirndenken festhalten wollen, rufen jetzt, Psilocybin, LSD &amp; Co. würden <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-herausforderung-fuer-medizin-psychologie/">die Neuroplastizität erhöhen</a>. Damit meint man, dass mehr Zellverbindungen entstehen. Nebenbei: Dasselbe behaupten diese Leute jetzt auch über die sogenannten Antidepressiva, wo sich die These vom Serotonin-Mangel zum Beispiel bei Depressionen als unhaltbar erwiesen hat.</p> <p>Und nebenbei zwei: Die Neuroplastizität dürfte man auch mit Psychotherapie oder überhaupt vielen Aktivitäten, einschließlich ausgedehnter Spaziergänge in der Natur, Sport oder aktiven Hobbys erhöhen. Das Gehirn ist schließlich ein plastisches Organ und passt sich an das an, was wir mit Körper und Geist so machen.</p> <p>Ein anderes – und tendenziell euphorischeres – Lager hält Psychedelika aber wegen der <em>psychedelischen Erfahrung</em> für vielversprechend. Dabei bedeutet „psychedelisch“ erst einmal nur, dass sie das Bewusstsein verändern oder wortwörtlich: dass sie etwas in der Psyche offenbaren. Damit ist „psychedelisch“ kein klar pharmakologisch bestimmbarer Begriff, sondern ergibt sich aus dem, was Menschen durch die Einnahme solcher Mittel erfahren.</p> <h2>Neue Studie</h2> <p>Ob sich das klinisch und insbesondere zur Behandlung depressiver Störungen nutzen lässt, sollte ein groß angelegtes Forschungsprojekt unter der Leitung von Gerhard Gründer, Professor am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, klären. Er und seine Forschungspartner erhielten dafür seit Ende 2020 mehrere Millionen vom Bundesforschungsministerium.</p> <p>Kritischen Journalisten fielen damals <a href="https://www.welt.de/wissenschaft/plus220654662/Depressionen-Heikle-Forschung-mit-den-Drogen-Pilzen-in-Berlin.html" rel="noopener">schon außergewöhnliche kommerzielle Interessen auf</a>, auf die ich im zweiten Teil näher eingehen werde. Doch was für ein Fauxpas: Gründers Geschäftspartner stellte die Millionenförderung wohl schon als bewilligt dar, bevor das Ministerium die Entscheidung getroffen hatte. Die Ministerialbeamten waren nicht erfreut. Aber vielleicht verleihen Psilocybin-Pilze ja die Fähigkeit, in die Zukunft zu schauen?</p> <p>Wie dem auch sei: Dass man der Frage nach der Wirksamkeit wissenschaftlich nachgeht, ist angesichts des <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-im-scheinwerferlicht-koennen-sie-die-erwartungen-erfuellen/">Hypes um Psychedelika</a> natürlich richtig. Ich selbst bin auf den Zug nicht aufgesprungen, weil für mich Depressionen und andere psychische Störungen keine „Gehirn-Dinge“ sind, sondern in einer komplexen Wechselwirkung von Körper, persönlicher Erfahrung und der Umgebung entstehen.</p> <p>Wären Psilocybin, LSD &amp; Co. wirklich Wundermittel, hätte man das schon in den 1960ern herausgefunden. Oder bereits in den 1950ern, als es klinische Studien mit dem psychedelischen Meskalin aus der Frucht des Peyote-Kaktus gab. Diesen Mitteln ist gemeinsam, dass sie die Funktion des Botenstoffs Serotonin im Gehirn beeinflussen. Doch wie sie das genau tun, ist ein sehr komplexes Thema.</p> <p>Für die neue Studie unter der Leitung Gründers wurden von 2021 bis 2024 144 Menschen – ausgewählt aus über 3000 Freiwilligen – mit mittleren bis schweren Depressionen behandelt, die von pharmakologischen Therapien nicht langfristig profitiert hatten. Damit galten sie als „therapieresistent“. Die Ergebnisse wurden am 19. März dieses Jahres am Zentralinstitut in Mannheim vorgestellt.</p> <h2>Die Studienergebnisse</h2> <p>In der Pressemitteilung ist von einer „<a href="https://www.zi-mannheim.de/institut/news-detail/psilocybin-mit-psychotherapie-zeigt-bedeutsame-wirkung-bei-behandlungsresistenten-depressionen.html" rel="noopener">bedeutsamen antidepressiven Wirkung</a>“ die Rede. Das klingt vielversprechend. Ein Blick in die am 18. März in der einflussreichen Zeitschrift <em>JAMA Psychiatry</em> <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2846478" rel="noopener">veröffentlichte Studie</a> relativiert das allerdings. Dort ist in der Schlussfolgerung von einem „unschlüssigen Versuch“ (inconclusive trial) die Rede. Doch der Reihe nach.</p> <p>Man muss erst einmal verstehen, wie die Depressivität der Versuchspersonen gemessen wurde. Hierfür verwendete man hauptsächlich eine 52-Punkte-Skala, die auf die Forschung des emigrierten Deutsch-Briten Max Hamilton (ursprünglicher Name: Himmelschein) in den 1960ern zurückgeht. Je höher die Punktzahl aufgrund von Fragen zum Beispiel zur Schwere der Niedergeschlagenheit, von Schlafproblemen, Libidoverlust oder Gewichtsveränderungen, desto schlimmer die Depressionen. Ab 17 Punkten spricht man von einer moderaten, ab 25 von einer schweren depressiven Störung.</p> <p>Das Hauptziel der Studie war, die so gemessene Punktzahl zu halbieren. Dieses Ziel wurde in der Breite verfehlt.</p> <p>Die trotzdem berichtete „bedeutsame Wirkung“ besteht darin, dass sieben und zwölf Wochen nach dem Start des Versuchs der Depressionswert im Schnitt um sieben bis acht Punkte niedriger war als am Anfang. Dadurch dürften einige der Teilnehmerinnen und Teilnehmer in einen niedrigeren Schweregrad gerutscht sein und ein paar sogar unter den Grenzwert für die depressive Störung. Das Ergebnis ist also nicht nichts – aber wirkt im Vergleich zu dem Hype relativiert.</p> <p>Demgegenüber standen Nebenwirkungen wie unangenehme Wahrnehmungsverzerrungen und bei jeweils 4 Prozent Paranoia oder Suizidgedanken nach der Psilocybin-Gabe. Insgesamt ist in 28 Prozent der Fälle von ernsthaften Nebenwirkungen die Rede, verglichen mit 8 Prozent nach dem Placebo. Diese waren jedoch in der Regel von vorübergehender Art.</p> <h2>Das Placebo-Problem</h2> <p>Doch, Stichwort „Placebo“, hier lauert ein großes Problem der Psychedelika-Forschung: Schon bei der Untersuchung der sogenannten Antidepressiva wird die eigentlich nötige Placebo-Kontrolle oft durchbrochen. Das liegt daran, dass einige Versuchspersonen und klinische Fachleute aufgrund der Nebenwirkungen darauf schließen können, wer den Wirkstoff bekommen hat. Dabei sollen mit den Placebos die Wirkungen der subjektiven Erwartungen der Teilnehmenden und der Behandlungssituation abgezogen werden.</p> <p>Nun gibt es für Psychedelika per Definition keine echte Placebo-Kontrolle. Wir wir gesehen haben, werden diese Mittel gerade über ihre Bewusstseinseffekte charakterisiert. Ob man einen psychedelischen Trip hat oder nicht, das weiß man im Prinzip immer – jedenfalls bei einer starken wirksamen Dosis wie den 25 mg Psilocybin in der neuen Studie.</p> <p>Das brachte Mediziner an der Stanford-Universität auf die pfiffige Idee, Depressiven bei einem chirurgischen Eingriff unter Vollnarkose – natürlich nach Aufklärung und Einwilligung – das Rauschmittel Ketamin zu geben. Dieses wird in jüngerer Zeit auch als Antidepressivum verwendet. Damit konnte man sozusagen denn Bewusstseinseffekt gesichert abziehen und zuverlässig mit einem Placebo kontrollieren. Im Ergebnis zeigte die 2024 in <em>Nature Mental Health</em> veröffentliche Studie dann aber auch <a href="https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2023.04.28.23289210v1+" rel="noopener">keinen positiven Effekt</a>. Das spricht für einen Placebo-Effekt bei bewusster Einnahme.</p> <p>Aufgrund der langfristigen psychedelischen Wirkung von Psilocybin über viele Stunden hinweg, wäre so ein Vorgehen hier problematisch. Stattdessen wurden in der Studie unter der Gründers Leitung neben 25 mg in Kontrollbedingungen 5 mg des Psychedelikums verabreicht oder stattdessen Nicotinamid, eine Form von Vitamins B<sub>3</sub>. Und nicht zu vergessen: Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten bei dem Versuch psychotherapeutische Begleitung. Daher spricht man auch von „psychedelisch-augmentierter Psychotherapie“.</p> <h2>Zwischenfazit</h2> <p>Das Zwischenfazit so weit: Die neue Studie erbrachte nicht den erhofften Durchbruch. Es gab im Durchschnitt eine gewisse Verringerung der Depressivität, deren Bedeutung wir im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/therapie-mit-psychedelika-fazit-und-ausblick/">zweiten Teil des Artikels</a> weiter thematisieren. Darin wird es auch um die finanziellen Interessen hinter dieser Forschung gehen.</p> <h2 id="neues-buch-zur-depressions-epidemie-2">Neues Buch zur Depressions-Epidemie</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6" rel="noopener">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677" rel="noopener">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ" rel="noopener">Google Play Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>. Abbildung: auf Grundlage von <a href="https://pixabay.com/illustrations/mushrooms-mushroom-nature-forest-8635387/" rel="noopener">Ivana Tomášková</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/f5162b147c834fb39fe05e157108fe92" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/iffany-mushrooms-8635387-1024x1024.jpg" /><h1>Psychedelika gegen Depressionen: Durchbruch oder teures Placebo? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Verschafft eine neue, mit Millionen geförderte deutsche Studie jetzt Klarheit?</strong></p> <span id="more-3585"></span> <p>Spätestens seit dem internationalen Bestseller <em>How to Change Your Mind?</em> (2018) des amerikanischen Wissenschaftsjournalisten Michael Pollan sind psychedelische Substanzen kein Nischenthema mehr. Der vollständige Titel in der deutschen Übersetzung von 2019 verrät mehr über die Breite des Themas: <em>Verändere dein Bewusstsein. Was uns die neue Psychedelika-Forschung über Sucht, Depression, Todesfurcht und Transzendenz lehrt</em>.</p> <p>Bei Psychedelika, so scheint es, ist keine Frage zu groß: besser gesunden, besser leben, sogar besser sterben. 2022 folgte eine Serie von Netflix-Dokumentationen mit Pollan.</p> <p>Inzwischen ist die Fülle an Ratgebern und anderen Medien zum Thema kaum noch überschaubar. Und wer nicht einfach über sich selbst schreiben will, weil das vielleicht egoistisch wirkt, schreibt halt über seinen Trip: „Wie ich endlich zu mir selbst fand und nebenbei noch meine psychischen Probleme in den Griff bekam.“</p> <p>Die Erwartungen sind hoch. Gerade Patientinnen und Patienten mit schweren Depressionen hoffen auf einen Durchbruch, auch solche mit der Diagnose Schizophrenie. Sind wir dem jetzt einen Schritt näher gekommen?<aside></aside></p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Psychiatrische Krise</h2> <p>Dass man inzwischen selbst Millionenförderung für diese Forschung erhält und die Ergebnisse in den führenden Fachzeitschriften publizieren kann, hat meines Erachtens mit einer doppelten Krise der Psychiatrie zu tun. Psychedelika-Forschung ist ja alles andere als neu. Man experimentierte damit schon in den 1950ern und 1960ern, auch in der Wissenschaft. Die erste Krise sehe ich darin, dass die vorherrschende biologische Psychiatrie dem Dogma nicht gerecht wird, <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/09/das-dogma-der-biologischen-psychiatrie-in-historischer-perspektive/" rel="noopener">dass psychologisch-psychiatrische Störungen Gehirnstörungen sein sollen</a>.</p> <p>Ja, warum kann man sie dann allen modernen Hirn- und Gen-Tests zum Trotz nicht biologisch diagnostizieren? Warum ist man immer noch auf Gespräche, Fragebögen und Beobachtung angewiesen? Und warum kann man auch den Erfolg einer Therapie nicht einfach im Körper nachweisen? Diese Tatsache wird auch bei der Besprechung der neuen Studie zu Psychedelika weiter unten eine Rolle spielen.</p> <p>Die zweite Krise besteht in der stetigen Zunahme der Krankheitslast durch die Störungsbilder: Dass es immer mehr psychologisch-psychiatrische Diagnosen gibt, liest man seit Jahren in den Nachrichten. Vor Kurzem behandelte ich hier die <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/12/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/" rel="noopener">Vervielfachung der Erwachsenen-ADHS seit der Coronaviruspandemie</a>. Die Diagnosen von Angst- und depressiven Störungen steigen schon viel länger. Von den sogenannten Antidepressiva werden in Deutschland inzwischen jährlich <a href="https://menschen-bilder.blog/2026/01/neue-studie-repraesentativitaet-in-der-antidepressiva-forschung-laesst-zu-wuenschen-uebrig/" rel="noopener">über 1,8 Milliarden Tagesdosen verschrieben</a> – genug für die <em>tägliche</em> Behandlung von fünf Millionen Menschen.</p> <p>Man würde sich ja wünschen, dass diese Mittel – neben dem Anstieg von Psychotherapie sowie Magnet- oder Strombehandlungen für das Gehirn – den Betroffenen helfen. Doch im Ergebnis nimmt deren Leiden, zum Beispiel in Zeiten der Arbeitsunfähigkeit ausgedrückt, immer weiter zu. Dementsprechend war es keine Übertreibung, dass ich meinem neuen Buch zum Thema den Begriff „<a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">Depressions-Epidemie</a>“ in den Titel geschrieben habe.</p> <h2 id="neues-buch-zur-depressions-epidemie">Neues Buch zur Depressions-Epidemie</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6" rel="noopener">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677" rel="noopener">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ" rel="noopener">Google Play Books</a>.</em></p> <h2>Dann halt Psychedelika!</h2> <p>Man könnte die Krise so zusammenfassen, dass einerseits die von den Fachleuten seit Jahrzehnten gemachten Versprechen über bessere Behandlungen und weniger Ausgrenzung nicht eingelöst werden; und andererseits die Probleme immer größer werden, obwohl man immer mehr dagegen unternimmt. Ich schlug schon vor fünf Jahren vor: <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychiatrie-gebt-das-medizinische-modell-endlich-auf/">Psychiatrie: Gebt das medizinische Modell endlich auf!</a> Schaut weniger aufs Gehirn und mehr auf die Lebensumstände, in denen die Störungen entstehen.</p> <p>Doch Dogmen können sich selbst in der Wissenschaft sehr lange halten. In Anlehnung an ein berühmtes Zitat von Max Planck: Sie sterben am Ende mit denjenigen, die sie vertreten. Anstatt anders zu suchen, sucht man lieber auf die gleiche Weise, doch mit anderen Mitteln. Und so kamen die Psychedelika ins Rampenlicht.</p> <p>Diejenigen, die am Gehirndenken festhalten wollen, rufen jetzt, Psilocybin, LSD &amp; Co. würden <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-herausforderung-fuer-medizin-psychologie/">die Neuroplastizität erhöhen</a>. Damit meint man, dass mehr Zellverbindungen entstehen. Nebenbei: Dasselbe behaupten diese Leute jetzt auch über die sogenannten Antidepressiva, wo sich die These vom Serotonin-Mangel zum Beispiel bei Depressionen als unhaltbar erwiesen hat.</p> <p>Und nebenbei zwei: Die Neuroplastizität dürfte man auch mit Psychotherapie oder überhaupt vielen Aktivitäten, einschließlich ausgedehnter Spaziergänge in der Natur, Sport oder aktiven Hobbys erhöhen. Das Gehirn ist schließlich ein plastisches Organ und passt sich an das an, was wir mit Körper und Geist so machen.</p> <p>Ein anderes – und tendenziell euphorischeres – Lager hält Psychedelika aber wegen der <em>psychedelischen Erfahrung</em> für vielversprechend. Dabei bedeutet „psychedelisch“ erst einmal nur, dass sie das Bewusstsein verändern oder wortwörtlich: dass sie etwas in der Psyche offenbaren. Damit ist „psychedelisch“ kein klar pharmakologisch bestimmbarer Begriff, sondern ergibt sich aus dem, was Menschen durch die Einnahme solcher Mittel erfahren.</p> <h2>Neue Studie</h2> <p>Ob sich das klinisch und insbesondere zur Behandlung depressiver Störungen nutzen lässt, sollte ein groß angelegtes Forschungsprojekt unter der Leitung von Gerhard Gründer, Professor am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, klären. Er und seine Forschungspartner erhielten dafür seit Ende 2020 mehrere Millionen vom Bundesforschungsministerium.</p> <p>Kritischen Journalisten fielen damals <a href="https://www.welt.de/wissenschaft/plus220654662/Depressionen-Heikle-Forschung-mit-den-Drogen-Pilzen-in-Berlin.html" rel="noopener">schon außergewöhnliche kommerzielle Interessen auf</a>, auf die ich im zweiten Teil näher eingehen werde. Doch was für ein Fauxpas: Gründers Geschäftspartner stellte die Millionenförderung wohl schon als bewilligt dar, bevor das Ministerium die Entscheidung getroffen hatte. Die Ministerialbeamten waren nicht erfreut. Aber vielleicht verleihen Psilocybin-Pilze ja die Fähigkeit, in die Zukunft zu schauen?</p> <p>Wie dem auch sei: Dass man der Frage nach der Wirksamkeit wissenschaftlich nachgeht, ist angesichts des <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-im-scheinwerferlicht-koennen-sie-die-erwartungen-erfuellen/">Hypes um Psychedelika</a> natürlich richtig. Ich selbst bin auf den Zug nicht aufgesprungen, weil für mich Depressionen und andere psychische Störungen keine „Gehirn-Dinge“ sind, sondern in einer komplexen Wechselwirkung von Körper, persönlicher Erfahrung und der Umgebung entstehen.</p> <p>Wären Psilocybin, LSD &amp; Co. wirklich Wundermittel, hätte man das schon in den 1960ern herausgefunden. Oder bereits in den 1950ern, als es klinische Studien mit dem psychedelischen Meskalin aus der Frucht des Peyote-Kaktus gab. Diesen Mitteln ist gemeinsam, dass sie die Funktion des Botenstoffs Serotonin im Gehirn beeinflussen. Doch wie sie das genau tun, ist ein sehr komplexes Thema.</p> <p>Für die neue Studie unter der Leitung Gründers wurden von 2021 bis 2024 144 Menschen – ausgewählt aus über 3000 Freiwilligen – mit mittleren bis schweren Depressionen behandelt, die von pharmakologischen Therapien nicht langfristig profitiert hatten. Damit galten sie als „therapieresistent“. Die Ergebnisse wurden am 19. März dieses Jahres am Zentralinstitut in Mannheim vorgestellt.</p> <h2>Die Studienergebnisse</h2> <p>In der Pressemitteilung ist von einer „<a href="https://www.zi-mannheim.de/institut/news-detail/psilocybin-mit-psychotherapie-zeigt-bedeutsame-wirkung-bei-behandlungsresistenten-depressionen.html" rel="noopener">bedeutsamen antidepressiven Wirkung</a>“ die Rede. Das klingt vielversprechend. Ein Blick in die am 18. März in der einflussreichen Zeitschrift <em>JAMA Psychiatry</em> <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2846478" rel="noopener">veröffentlichte Studie</a> relativiert das allerdings. Dort ist in der Schlussfolgerung von einem „unschlüssigen Versuch“ (inconclusive trial) die Rede. Doch der Reihe nach.</p> <p>Man muss erst einmal verstehen, wie die Depressivität der Versuchspersonen gemessen wurde. Hierfür verwendete man hauptsächlich eine 52-Punkte-Skala, die auf die Forschung des emigrierten Deutsch-Briten Max Hamilton (ursprünglicher Name: Himmelschein) in den 1960ern zurückgeht. Je höher die Punktzahl aufgrund von Fragen zum Beispiel zur Schwere der Niedergeschlagenheit, von Schlafproblemen, Libidoverlust oder Gewichtsveränderungen, desto schlimmer die Depressionen. Ab 17 Punkten spricht man von einer moderaten, ab 25 von einer schweren depressiven Störung.</p> <p>Das Hauptziel der Studie war, die so gemessene Punktzahl zu halbieren. Dieses Ziel wurde in der Breite verfehlt.</p> <p>Die trotzdem berichtete „bedeutsame Wirkung“ besteht darin, dass sieben und zwölf Wochen nach dem Start des Versuchs der Depressionswert im Schnitt um sieben bis acht Punkte niedriger war als am Anfang. Dadurch dürften einige der Teilnehmerinnen und Teilnehmer in einen niedrigeren Schweregrad gerutscht sein und ein paar sogar unter den Grenzwert für die depressive Störung. Das Ergebnis ist also nicht nichts – aber wirkt im Vergleich zu dem Hype relativiert.</p> <p>Demgegenüber standen Nebenwirkungen wie unangenehme Wahrnehmungsverzerrungen und bei jeweils 4 Prozent Paranoia oder Suizidgedanken nach der Psilocybin-Gabe. Insgesamt ist in 28 Prozent der Fälle von ernsthaften Nebenwirkungen die Rede, verglichen mit 8 Prozent nach dem Placebo. Diese waren jedoch in der Regel von vorübergehender Art.</p> <h2>Das Placebo-Problem</h2> <p>Doch, Stichwort „Placebo“, hier lauert ein großes Problem der Psychedelika-Forschung: Schon bei der Untersuchung der sogenannten Antidepressiva wird die eigentlich nötige Placebo-Kontrolle oft durchbrochen. Das liegt daran, dass einige Versuchspersonen und klinische Fachleute aufgrund der Nebenwirkungen darauf schließen können, wer den Wirkstoff bekommen hat. Dabei sollen mit den Placebos die Wirkungen der subjektiven Erwartungen der Teilnehmenden und der Behandlungssituation abgezogen werden.</p> <p>Nun gibt es für Psychedelika per Definition keine echte Placebo-Kontrolle. Wir wir gesehen haben, werden diese Mittel gerade über ihre Bewusstseinseffekte charakterisiert. Ob man einen psychedelischen Trip hat oder nicht, das weiß man im Prinzip immer – jedenfalls bei einer starken wirksamen Dosis wie den 25 mg Psilocybin in der neuen Studie.</p> <p>Das brachte Mediziner an der Stanford-Universität auf die pfiffige Idee, Depressiven bei einem chirurgischen Eingriff unter Vollnarkose – natürlich nach Aufklärung und Einwilligung – das Rauschmittel Ketamin zu geben. Dieses wird in jüngerer Zeit auch als Antidepressivum verwendet. Damit konnte man sozusagen denn Bewusstseinseffekt gesichert abziehen und zuverlässig mit einem Placebo kontrollieren. Im Ergebnis zeigte die 2024 in <em>Nature Mental Health</em> veröffentliche Studie dann aber auch <a href="https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2023.04.28.23289210v1+" rel="noopener">keinen positiven Effekt</a>. Das spricht für einen Placebo-Effekt bei bewusster Einnahme.</p> <p>Aufgrund der langfristigen psychedelischen Wirkung von Psilocybin über viele Stunden hinweg, wäre so ein Vorgehen hier problematisch. Stattdessen wurden in der Studie unter der Gründers Leitung neben 25 mg in Kontrollbedingungen 5 mg des Psychedelikums verabreicht oder stattdessen Nicotinamid, eine Form von Vitamins B<sub>3</sub>. Und nicht zu vergessen: Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten bei dem Versuch psychotherapeutische Begleitung. Daher spricht man auch von „psychedelisch-augmentierter Psychotherapie“.</p> <h2>Zwischenfazit</h2> <p>Das Zwischenfazit so weit: Die neue Studie erbrachte nicht den erhofften Durchbruch. Es gab im Durchschnitt eine gewisse Verringerung der Depressivität, deren Bedeutung wir im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/therapie-mit-psychedelika-fazit-und-ausblick/">zweiten Teil des Artikels</a> weiter thematisieren. Darin wird es auch um die finanziellen Interessen hinter dieser Forschung gehen.</p> <h2 id="neues-buch-zur-depressions-epidemie-2">Neues Buch zur Depressions-Epidemie</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6" rel="noopener">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677" rel="noopener">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ" rel="noopener">Google Play Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>. Abbildung: auf Grundlage von <a href="https://pixabay.com/illustrations/mushrooms-mushroom-nature-forest-8635387/" rel="noopener">Ivana Tomášková</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/f5162b147c834fb39fe05e157108fe92" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>30</slash:comments> </item> <item> <title>Zodiac Ausstellung Berlin https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/zodiac-exhibition-berlin/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/zodiac-exhibition-berlin/#respond Fri, 20 Mar 2026 21:24:12 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12704 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260320_191152-768x576.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/zodiac-exhibition-berlin/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260320_191152.jpg" /><h1>Zodiac Ausstellung Berlin » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Pünktlich zum Frühlingsäquinoktium wurde am Abend des 20. März im Neuen Museum in Berlin eine temporäre Sonderausstellung eröffnet: <strong>Das Schicksal in den Sternen – über die Anfänge des Tierkreises</strong>. Ab dem <strong>21. März 2026 und bis 10. Januar 2027</strong> ist sie für die Öffentlichkeit zugänglich und wird mit einem Programm von monatlichen Fachvorträgen begleitet.</p> <p>Gäste aus Afrika (Ägypten), Amerika (USA), Asien (China) und Austronesien (Australien + Indonesien) waren anlässlich der Eröffnung nach Europa gekommen. Wieder mit Stolz – obschon aus anderen Gründen als zu Kennedys Zeiten – wird die Aussage „ich bin Berlinerin“ zu einem Synonym für Weltoffenheit, Freiheit und einen friedlichen Fleck in einer rauen Welt. </p> <h2>Thema</h2> <p>Die Anfänge des Tierkreises sind eigentlich ein astronomisches Koordinatensystem. Was macht dieses abstrakte, nicht observable, rein <strong>mathematische Konstrukt so sexy,</strong> dass es nach seiner Erfindung in Babylon ziemlich prompt in allen Nachbarkulturen Eurasiens aufgenommen wurde? Genau: es sind die attraktiven Bilder, die Sterne selbst und die vorgestellten Projektionen menschlichen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gestalttheorie" rel="noopener">Gestalt-Sehens</a>.</p> <p>Darum fokussiert die Ausstellung auf historische Abbildungen von Tierkreis-Figuren: der babylonische Ziegenfisch auf einer römischen Gemme wird auf dem Werbeplakat zur Ausstellung gezeigt. In Vitrinen finden sich Papyri, Tontafeln und Münzen: sie bezeugen stroboskopisch die Entwicklung des Tierkreises von einem rein mathematischen Konstrukt hin zu einem kulturellen Phänomen, das in der astronomischen Fachliteratur wie auch im Alltag aller Menschen sehr schnell nach seiner Erfindung in Babylon um 400 v.Chr. Einzug hält. Das erste bekannte Horoskop (auf einem Papyrus des 1. Jh.), Tierkreisdarstellungen in ägyptischen Tempeln aus römischer Zeit und </p> <p>Durch seinen Bilderreichtum ist der Tierkreis eines der frühesten Beispiele für die visuelle Attraktivität und <strong>Popkulturtauglichkeit von Mathematik</strong>.<aside></aside></p> <p>Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung kam sogar der Generalsekretär der ägyptischen Antikensammlung in Kairo (Secretary General of the Supreme Council of Antiquity, Ministry of Tourism and Antiquities), Dr. Hisham El-Leithy, extra nach Berlin und begrüßte stolz die internationalen Gäste. </p> <p>Ein Highlight der Ausstellung ist das super-hochaufgelöste, <strong>14 m lange Panorama-Bild des Tierkreises von Esna</strong>, das von einem deutsch-ägyptischen Team in Ägypten ausgegrabenen und aufwendig restauriert wird. </p> <p>Prof. Dr. Dr. Mathieu Ossendrijver, der Leiter des ERC-geförderten Forschungsprojekts ZODIAC an der FU Berlin erklärt ägyptischen Gästen den Tierkreis von Dendera. </p> <p>Besonders stolz ist das Kuratoren-Team, dass alle Exponate für diese Ausstellung direkt aus den eigenen Berliner Sammlungen stammen. Es sei ein Aushängeschild für die <strong>traditionsreiche Spitzenforschung</strong> zur Geschichte des Altertums in Berlin: nicht nur wurde in früheren Jahrhunderten das der Liebesgöttin Ischtar gewidmete Stadttor von Babylon hier in Berlin wieder errichtet und die Büste der schönsten Königin der Welt, der ägyptischen Nofrete, hier in Berlin aufbewahrt und inszeniert. Auch <strong>heute ist die Berliner Altertumsforschung an der Weltspitze!  </strong></p> <p>Zur Geschichte des Tierkreises und dem Berliner Forschungsprojekt ZODIAC am <a href="https://www.geschkult.fu-berlin.de/e/wissensgeschichte/index.html" rel="noopener">Institut für Wissensgeschichte des Altertums</a> hatte ich bereits früher geschrieben: </p> <ul> <li>Konferenz <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/zodiacus/">„Imagining the Sky“</a> in Berlin im September 2022</li> <li>Ausgrabungen in <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/esna-tempel-arbeit-des-aegyptologen-leitz/">Esna, Ägypten von Prof. Leitz (Tübingen)</a> und seine sensationellen Ergebnisse</li> <li>die <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/dendera-tempel-die-beruehmten-zodiakoi/">Zodiakoi von Dendera (Äg.)</a>, zu denen Frau Dr. Mendel-Leitz und <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/die-dendera-sternkarte-in-stellarium/">ich</a> damals publiziert hatten</li> </ul> <p>Dass Berlin den im Boden gefundenen Himmel bis heute wertzuschätzen weiß, zeigt auch die Dekoration der U-Bahnstation „Museumsinsel“ an der U3, die bekanntlich seit einigen Jahren einen künstlichen Sternhimmel (LEDs in geometrischem Muster wie in Kirchendecken) trägt. </p> <p>Nachwievor ist Berlin ein weltweiter Hub: nicht nur für Spione wie im Kalten Krieg, sondern auch für Forschende aus aller Welt und in allen Fächern und damit wissenschaftliche Forschung, nichtmilitärische und unpolitische Informationen. </p> <h2>Ein Stück vom Himmel</h2> <p>Blau und Sandfarben: Die Farben der Ausstellung kombinieren Himmel und Erde; sie holen den Himmel auf auf die Erde – oder wenigstens ein kleines Stück davon. Damit greifen sie das gleiche Thema auf wie die zahlreichen Abbildungen von Tierkreisbildchen auf Münzen, Tellern und anderen Alltagsgegenständen, die den Versuch von Menschen früher Epochen zeigen, sich ein <a href="https://www.youtube.com/watch?v=ORzHfEA1wFg" rel="noopener">Stück vom Himmel</a> (wie Grönemeyer singt) zu <em>eigen</em> zu <em>machen</em>. </p> <div> <p>Der Tierkreis als transkulturelles Phänomen, als Ersatz oder Ergänzung anderer Religionen, hat im Augenblick wieder Hochkonjunktur (siehe <a href="https://nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2021/12/astrologie-der-ursprung-von-horoskopen/" rel="noopener">National Geographic</a>). Die Welt wird seit Jahren von einer Krise in die nächste geworfen und es ist menschlich, dass man dann Trost zu finden sucht in etwas, das man so wenig anfassen kann wie die Ursachen der Krisen, gegenüber denen man sich machtlos findet. </p> <div> <div><em>…<br></br>Dies ist dein Ziel</em><p><em>Du bist ein Unikat</em><em>Das sein eigenes Orakel spielt</em><em>Es wird zu viel geglaubt</em><em>Zu wenig erzählt</em></p></div> <div><em>Es sind Geschichten</em><p><em>Sie einen diese Welt</em><em>Nöte, Legenden</em><em>Schicksale, Leben und Tod</em><em>Glückliche Enden, Lust und Trost</em></p></div> <p><em>Ein Stück vom Himmel </em></p> <p>…<br></br>(Grönemeyer)</p> </div> </div> <h2>Viel Spaß!</h2> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/zodiac-exhib_image001.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 722px) 100vw, 722px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/zodiac-exhib_image001-722x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/zodiac-exhib_image001-722x1024.png 722w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/zodiac-exhib_image001-212x300.png 212w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/zodiac-exhib_image001.png 752w" width="722"></img></a></figure> </div></div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260320_191152.jpg" /><h1>Zodiac Ausstellung Berlin » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Pünktlich zum Frühlingsäquinoktium wurde am Abend des 20. März im Neuen Museum in Berlin eine temporäre Sonderausstellung eröffnet: <strong>Das Schicksal in den Sternen – über die Anfänge des Tierkreises</strong>. Ab dem <strong>21. März 2026 und bis 10. Januar 2027</strong> ist sie für die Öffentlichkeit zugänglich und wird mit einem Programm von monatlichen Fachvorträgen begleitet.</p> <p>Gäste aus Afrika (Ägypten), Amerika (USA), Asien (China) und Austronesien (Australien + Indonesien) waren anlässlich der Eröffnung nach Europa gekommen. Wieder mit Stolz – obschon aus anderen Gründen als zu Kennedys Zeiten – wird die Aussage „ich bin Berlinerin“ zu einem Synonym für Weltoffenheit, Freiheit und einen friedlichen Fleck in einer rauen Welt. </p> <h2>Thema</h2> <p>Die Anfänge des Tierkreises sind eigentlich ein astronomisches Koordinatensystem. Was macht dieses abstrakte, nicht observable, rein <strong>mathematische Konstrukt so sexy,</strong> dass es nach seiner Erfindung in Babylon ziemlich prompt in allen Nachbarkulturen Eurasiens aufgenommen wurde? Genau: es sind die attraktiven Bilder, die Sterne selbst und die vorgestellten Projektionen menschlichen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gestalttheorie" rel="noopener">Gestalt-Sehens</a>.</p> <p>Darum fokussiert die Ausstellung auf historische Abbildungen von Tierkreis-Figuren: der babylonische Ziegenfisch auf einer römischen Gemme wird auf dem Werbeplakat zur Ausstellung gezeigt. In Vitrinen finden sich Papyri, Tontafeln und Münzen: sie bezeugen stroboskopisch die Entwicklung des Tierkreises von einem rein mathematischen Konstrukt hin zu einem kulturellen Phänomen, das in der astronomischen Fachliteratur wie auch im Alltag aller Menschen sehr schnell nach seiner Erfindung in Babylon um 400 v.Chr. Einzug hält. Das erste bekannte Horoskop (auf einem Papyrus des 1. Jh.), Tierkreisdarstellungen in ägyptischen Tempeln aus römischer Zeit und </p> <p>Durch seinen Bilderreichtum ist der Tierkreis eines der frühesten Beispiele für die visuelle Attraktivität und <strong>Popkulturtauglichkeit von Mathematik</strong>.<aside></aside></p> <p>Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung kam sogar der Generalsekretär der ägyptischen Antikensammlung in Kairo (Secretary General of the Supreme Council of Antiquity, Ministry of Tourism and Antiquities), Dr. Hisham El-Leithy, extra nach Berlin und begrüßte stolz die internationalen Gäste. </p> <p>Ein Highlight der Ausstellung ist das super-hochaufgelöste, <strong>14 m lange Panorama-Bild des Tierkreises von Esna</strong>, das von einem deutsch-ägyptischen Team in Ägypten ausgegrabenen und aufwendig restauriert wird. </p> <p>Prof. Dr. Dr. Mathieu Ossendrijver, der Leiter des ERC-geförderten Forschungsprojekts ZODIAC an der FU Berlin erklärt ägyptischen Gästen den Tierkreis von Dendera. </p> <p>Besonders stolz ist das Kuratoren-Team, dass alle Exponate für diese Ausstellung direkt aus den eigenen Berliner Sammlungen stammen. Es sei ein Aushängeschild für die <strong>traditionsreiche Spitzenforschung</strong> zur Geschichte des Altertums in Berlin: nicht nur wurde in früheren Jahrhunderten das der Liebesgöttin Ischtar gewidmete Stadttor von Babylon hier in Berlin wieder errichtet und die Büste der schönsten Königin der Welt, der ägyptischen Nofrete, hier in Berlin aufbewahrt und inszeniert. Auch <strong>heute ist die Berliner Altertumsforschung an der Weltspitze!  </strong></p> <p>Zur Geschichte des Tierkreises und dem Berliner Forschungsprojekt ZODIAC am <a href="https://www.geschkult.fu-berlin.de/e/wissensgeschichte/index.html" rel="noopener">Institut für Wissensgeschichte des Altertums</a> hatte ich bereits früher geschrieben: </p> <ul> <li>Konferenz <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/zodiacus/">„Imagining the Sky“</a> in Berlin im September 2022</li> <li>Ausgrabungen in <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/esna-tempel-arbeit-des-aegyptologen-leitz/">Esna, Ägypten von Prof. Leitz (Tübingen)</a> und seine sensationellen Ergebnisse</li> <li>die <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/dendera-tempel-die-beruehmten-zodiakoi/">Zodiakoi von Dendera (Äg.)</a>, zu denen Frau Dr. Mendel-Leitz und <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/die-dendera-sternkarte-in-stellarium/">ich</a> damals publiziert hatten</li> </ul> <p>Dass Berlin den im Boden gefundenen Himmel bis heute wertzuschätzen weiß, zeigt auch die Dekoration der U-Bahnstation „Museumsinsel“ an der U3, die bekanntlich seit einigen Jahren einen künstlichen Sternhimmel (LEDs in geometrischem Muster wie in Kirchendecken) trägt. </p> <p>Nachwievor ist Berlin ein weltweiter Hub: nicht nur für Spione wie im Kalten Krieg, sondern auch für Forschende aus aller Welt und in allen Fächern und damit wissenschaftliche Forschung, nichtmilitärische und unpolitische Informationen. </p> <h2>Ein Stück vom Himmel</h2> <p>Blau und Sandfarben: Die Farben der Ausstellung kombinieren Himmel und Erde; sie holen den Himmel auf auf die Erde – oder wenigstens ein kleines Stück davon. Damit greifen sie das gleiche Thema auf wie die zahlreichen Abbildungen von Tierkreisbildchen auf Münzen, Tellern und anderen Alltagsgegenständen, die den Versuch von Menschen früher Epochen zeigen, sich ein <a href="https://www.youtube.com/watch?v=ORzHfEA1wFg" rel="noopener">Stück vom Himmel</a> (wie Grönemeyer singt) zu <em>eigen</em> zu <em>machen</em>. </p> <div> <p>Der Tierkreis als transkulturelles Phänomen, als Ersatz oder Ergänzung anderer Religionen, hat im Augenblick wieder Hochkonjunktur (siehe <a href="https://nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2021/12/astrologie-der-ursprung-von-horoskopen/" rel="noopener">National Geographic</a>). Die Welt wird seit Jahren von einer Krise in die nächste geworfen und es ist menschlich, dass man dann Trost zu finden sucht in etwas, das man so wenig anfassen kann wie die Ursachen der Krisen, gegenüber denen man sich machtlos findet. </p> <div> <div><em>…<br></br>Dies ist dein Ziel</em><p><em>Du bist ein Unikat</em><em>Das sein eigenes Orakel spielt</em><em>Es wird zu viel geglaubt</em><em>Zu wenig erzählt</em></p></div> <div><em>Es sind Geschichten</em><p><em>Sie einen diese Welt</em><em>Nöte, Legenden</em><em>Schicksale, Leben und Tod</em><em>Glückliche Enden, Lust und Trost</em></p></div> <p><em>Ein Stück vom Himmel </em></p> <p>…<br></br>(Grönemeyer)</p> </div> </div> <h2>Viel Spaß!</h2> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/zodiac-exhib_image001.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 722px) 100vw, 722px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/zodiac-exhib_image001-722x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/zodiac-exhib_image001-722x1024.png 722w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/zodiac-exhib_image001-212x300.png 212w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/zodiac-exhib_image001.png 752w" width="722"></img></a></figure> </div></div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/zodiac-exhibition-berlin/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Frühlingsgefühle https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/fruehlingsgefuehle/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/fruehlingsgefuehle/#comments Fri, 20 Mar 2026 09:21:12 +0000 Ruzica Sedic https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5734 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1748436551316fruehlingsanfang-fruehling-natur-100_v-16x9@2dL_-6c42aff4e68b43c7868c3240d3ebfa29867457da-768x432.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/fruehlingsgefuehle/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1748436551316fruehlingsanfang-fruehling-natur-100_v-16x9@2dL_-6c42aff4e68b43c7868c3240d3ebfa29867457da.jpg" /><h1>Frühlingsgefühle » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Ruzica Sedic</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-03-20T10:21:12+01:00">20. März 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 6 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Nach den dunklen Wintermonaten beginnt die Welt wieder zu erwachen. Die Tage werden länger, die Sonne wärmt das Gesicht, Vögel zwitschern in den Bäumen und erste Knospen sprießen aus dem Boden. In dieser Zeit scheint auch in uns etwas aufzubrechen – Energie, Tatendrang und Lebensfreude kehren zurück. Was wir „Frühlingsgefühle“ nennen, hat dabei nicht nur mit Romantik oder Glücksmomenten zu tun, sondern auch mit tiefgreifenden biologischen und psychologischen Prozessen, die sich positiv auf unsere mentale Gesundheit auswirken.</p> <h3>Mental Health</h3> <p>Die Weltgesundheitsorganisation definiert psychische Gesundheit (“Mental Health”) als „einen Zustand des Wohlbefindens, in dem ein Mensch sein Potenzial voll ausschöpfen, die normalen Belastungen des Lebens bewältigen, produktiv arbeiten und erfolgreich in seiner Gemeinschaft wirken kann“ [1].</p> <p>Es gibt viele interagierende Faktoren, die die psychische Gesundheit beeinflussen können. Dazu zählen soziale, wirtschaftliche, psychologische, physiologische, verhaltensbezogene, umweltbedingte, genetische und epigenetische Einflüsse [2].</p> <h3>Biochemie der Frühlingsgefühle</h3> <p>Sobald mehr Sonnenlicht auf unsere Haut und in unsere Augen gelangt, verändert sich unser Hormonhaushalt. Die Sonne wirkt als natürlicher Taktgeber für unseren Körper. Über die Zirbeldrüse (auch Epiphyse genannt) und Hormone wie Serotonin, Dopamin und Melatonin steuert sie unsere Stimmung, Energie und unseren Schlaf.</p> <p>Das Licht regt die Serotoninproduktion an. Serotonin ist ein Neurotransmitter, der auch als „Glückshormon“ bezeichnet wird und für Ausgeglichenheit und Optimismus sorgt. Es wurde festgestellt, dass die Produktion dieses Hormons in den Wintermonaten sinkt [3]. Gleichzeitig steigt durch mehr Aktivität und Bewegung auch der Dopaminspiegel, was Motivation und Antrieb fördert [4]. Weniger Dunkelheit bedeutet außerdem, dass die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin sinkt [5]. Das macht uns tagsüber wacher und mental präsenter. Viele Menschen spüren diesen Wechsel bewusst. Wir wollen wieder raus, Dinge unternehmen und uns bewegen. <aside></aside></p> <h3>Natur als mentale Medizin</h3> <p>Neben der Biochemie hat auch die Umgebung selbst einen enormen Einfluss auf unsere Psyche. Neonreklamen, Lärm und Luftverschmutzung sind umweltbedingter Stress. Vor allem Stadtbewohner sind davon betroffen. Er kann zu einer schlechteren psychischen Gesundheit, erhöhter Müdigkeit und Stress führen [6].</p> <p>Regelmäßiger Aufenthalt im Grünen kann Stress reduzieren und sogar das Konzentrationsvermögen verbessern [7]. Schon kurze Spaziergänge im Park oder Wald können das Stresshormon Cortisol senken und für Entspannung sorgen [8].</p> <p>Die Natur entzieht uns dem ständigen Reizfluss digitaler Geräte und schenkt uns etwas, das in der modernen Welt selten geworden ist, natürliche Stille. Selbst zwanzig Minuten im Grünen, in denen man das Rascheln der Blätter oder das Spiel von Licht und Schatten wahrnimmt, genügen oft, um eine spürbare innere Ruhe zu erzeugen und die Konzentration des Stresshormons zu senken [8].</p> <h3>Farben und Licht</h3> <p>Der Frühling ist auch ein Fest der Farben. Nach Monaten in Grau und Brauntönen sehen wir wieder sattes Grün, kräftiges Gelb und leuchtendes Blau. Dieses Farbspektrum wirkt stimmungsaufhellend und kann positive Emotionen fördern [9]. Auch das Beobachten von Grünpflanzen kann sich positiv auf Stimmung und Anspannung auswirken. Dabei gibt es einen Unterschied zwischen echten Pflanzen und Plastikpflanzen [10].</p> <p>Eine kleine Achtsamkeitsübung kann helfen, diese Wirkung bewusst zu verstärken:<br></br>Gehe nach draußen und konzentriere dich auf eine Farbe, etwa Grün. Suche fünf Dinge in unterschiedlichen Nuancen dieser Farbe. Das fördert Präsenz, schärft die Wahrnehmung und lässt dich die Umgebung intensiver erleben.</p> <h3>Die Sprache der Vögel: akustische Achtsamkeit</h3> <p>Kaum ein Geräusch signalisiert so deutlich den Beginn des Frühlings wie Vogelgesang. Naturklänge haben eine entspannende Wirkung auf das Gehirn. Sie senken den Puls, reduzieren Angst und können Aktivität in stressassoziierten Hirn-Regionen reduzieren [11].</p> <p>Das Hören von Vogelstimmen kann Ängstlichkeit bei gesunden Menschen verringern. Vogelstimmen signalisieren in natürlichen Ökosystemen oft ein intaktes Habitat: Aktive Vögel zwitschern vor allem, wenn keine Raubtiere oder Störungen in der Nähe sind – bei Gefahr schweigen sie oder wechseln zu Alarmrufen. Vielleicht ist das der Grund, warum uns ihr Klang so beruhigt [12].</p> <p>Wer bewusst zuhört, kann darin eine einfache, aber kraftvolle Achtsamkeitsübung finden:<br></br>Öffne morgens das Fenster, atme tief ein und fokussiere dich ganz auf die verschiedenen Tonhöhen und Rhythmen. Schon wenige Minuten bewussten Hinhörens können helfen, das Gedankenkarussell zu stoppen und Ruhe zu finden.</p> <h3>Bewegung und Aktivität</h3> <p>Mit den längeren Tagen kommt auch die Lust, wieder aktiver zu werden. Viele beginnen wieder zu laufen, fahren Rad und verbringen mehr Zeit im Freien. Bewegung setzt Endorphine frei, kurbelt die Dopaminproduktion an und kann so unsere mentale Gesundheit unterstützen [13, 14]. Körperliche Aktivität kann nicht nur bei depressiven Symptome helfen, sondern auch die Resilienz gegenüber Stress stärken [15, 16].</p> <p>Dabei geht es nicht um sportliche Höchstleistungen. Schon regelmäßige, moderate Bewegung, ein Spaziergang, ein lockerer Lauf, Pilates im Park, genügt, um Körper und Geist zu beleben. Bewegung im Freien vereint mehrere Faktoren: Licht, frische Luft, Bewegung und soziale Begegnung. </p> <h3>Quellen</h3> <ol> <li>World Health Organization. (2014). Mental health: A state of well-being. World Health Organization. <a href="https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/mental-health-strengthening-our-response" rel="noopener">https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/mental-health-strengthening-our-response</a></li> <li>Meyer-Lindenberg, A. (2014). Social neuroscience and mechanisms of risk for mental disorders. World Psychiatry, 13(2), 143–144. <a href="https://doi.org/10.1002/wps.20121" rel="noopener">https://doi.org/10.1002/wps.20121</a></li> <li>Lambert, G. W., Reid, C., Kaye, D. M., Jennings, G. L., &amp; Esler, M. D. (2002). Effect of sunlight and season on serotonin turnover in the brain. The Lancet, 360(9348), 1840–1842. <a href="https://doi.org/10.1016/S0140-6736(02)11737-5" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/S0140-6736(02)11737-5</a></li> <li>Marques, A., Marconcin, P., Werneck, A. O., Ferrari, G., Gouveia, É. R., Kliegel, M., Peralta, M., &amp; Ihle, A. (2021). Bidirectional association between physical activity and dopamine across adulthood—A systematic review. Brain Sciences, 11(7), Article 829. <a href="https://doi.org/10.3390/brainsci11070829" rel="noopener">https://doi.org/10.3390/brainsci11070829</a></li> <li>Boyce, P., &amp; Kennaway, D. J. (1987). Effects of light on melatonin production. Biological Psychiatry, 22(4), 473–478. <a href="https://doi.org/10.1016/0006-3223(87)90169-7" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/0006-3223(87)90169-7</a></li> <li>Ulrich, R. S., Simons, R. F., Losito, B. D., Fiorito, E., Miles, M. A., &amp; Zelson, M. (1991). Stress recovery during exposure to natural and urban environments. Journal of Environmental Psychology, 11(3), 201–230. https://doi.org/10.1016/S0272-4944(05)80184-7</li> <li>Kondo, M. C., Jacoby, S. F., &amp; South, E. C. (2018). Does spending time outdoors reduce stress? A review of real-time stress response to outdoor environments. Health &amp; Place, 51, 136–150. <a href="https://doi.org/10.1016/j.healthplace.2018.03.001" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.healthplace.2018.03.001</a></li> <li>Gao, J., Mancus, G. C., Yuen, H. K., Watson, J. H., Lake, M. L., &amp; Jenkins, G. R. (2023). Changes in cortisol and dehydroepiandrosterone levels immediately after urban park visits. International Journal of Environmental Health Research, 33(2), 206–218. <a href="https://doi.org/10.1080/09603123.2021.2013454" rel="noopener">https://doi.org/10.1080/09603123.2021.2013454</a></li> <li>Jonauskaite, D., &amp; Mohr, C. (2025). Do we feel colours? A systematic review of 128 years of psychological research linking colours and emotions. Psychonomic Bulletin &amp; Review, 32(4), 1457–1486. <a href="https://doi.org/10.3758/s13423-024-02615-z" rel="noopener">https://doi.org/10.3758/s13423-024-02615-z</a></li> <li>Jeong, J. E., &amp; Park, S. A. (2021). Physiological and psychological effects of visual stimulation with green plant types. International Journal of Environmental Research and Public Health, 18(24), Article 12932. <a href="https://doi.org/10.3390/ijerph182412932" rel="noopener">https://doi.org/10.3390/ijerph182412932</a></li> <li>Jo, H., Song, C., Ikei, H., Enomoto, S., Kobayashi, H., &amp; Miyazaki, Y. (2019). Physiological and psychological effects of forest and urban sounds using high-resolution sound sources. International Journal of Environmental Research and Public Health, 16(15), Article 2649. <a href="https://doi.org/10.3390/ijerph16152649" rel="noopener">https://doi.org/10.3390/ijerph16152649</a></li> <li>Stobbe, E., Sundermann, J., Ascone, L., &amp; Voderholzer, U. (2022). Birdsongs alleviate anxiety and paranoia in healthy participants. Scientific Reports, 12, Article 16414. <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-022-20841-0" rel="noopener">https://doi.org/10.1038/s41598-022-20841-0</a></li> <li>Marques, A., Marconcin, P., Werneck, A. O., Ferrari, G., Gouveia, É. R., Kliegel, M., Peralta, M., &amp; Ihle, A. (2021). Bidirectional association between physical activity and dopamine across adulthood—A systematic review. Brain Sciences, 11(7), 829. <a href="https://doi.org/10.3390/brainsci11070829" rel="noopener">https://doi.org/10.3390/brainsci11070829</a></li> <li>Goekint, M., Bos, I., Heyman, E., Meeusen, R., Michotte, Y., &amp; Sarre, S. (2012). Acute running stimulates hippocampal dopaminergic neurotransmission in rats, but has no influence on brain-derived neurotrophic factor. 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Frontiers in Physiology, 5, 161. <a href="https://doi.org/10.3389/fphys.2014.00161" rel="noopener">https://doi.org/10.3389/fphys.2014.00161</a></li> <li>Südwestrundfunk. (2025, 20. März). Darum beginnt der Frühling in der Natur immer früher. SWR. <a href="https://www.swr.de/leben/verbraucher/ard-marktcheck/klimawandel-fruehlingsanfang-immer-frueher-100.html" rel="noopener">https://www.swr.de/leben/verbraucher/ard-marktcheck/klimawandel-fruehlingsanfang-immer-frueher-100.html</a></li> </ol> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Ruzica-1-200x200.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Ruzica-1-400x400.jpg 2x" width="200"></img> <p>Mein Name ist Ruzica Sedic und ich studiere Neurowissenschaften im Master an der Universität Düsseldorf. Während meiner Ausbildung zur biotechnologischen Assistentin und meinem Bachelor in Biologie habe ich meine Liebe zur Zellbiologie entdeckt. Deshalb finde ich den Zusammenhang zwischen zellulären Prozessen und neurologischen Phänomenen besonders spannend. Außerdem fasziniert mich, wie unser Gehirn im Alltag funktioniert und welche unglaublichen Leistungen es vollbringt - oft ohne dass wir es bewusst wahrnehmen.</p> </div> </div> </article> <section> <div> <aside id="block-3"> <p>HIRN UND WEG ist der Neuroblog der <a href="https://www.ghst.de"><strong><mark>Gemeinnützigen Hertie-Stiftung</mark></strong></a> , der die Bandbreite und Facetten eines der faszinierendsten Organe zeigen, Erkenntnisse aus Wissenschaft einfach und gut erklären und geistreich und unterhaltsam begeistern möchte. Neben der Informationsvermittlung gehören die Förderung von Exzellenz und die Schaffung von Strukturen in den Neurowissenschaften zu den Zielen des Programmbereichs "Gehirn erforschen" der Stiftung. </p> </aside><aside id="block-2"> <figure><a href="https://www.ghst.de/"><img alt="" decoding="async" height="178" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-300x52.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-768x134.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1536x267.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1000x174.jpg 1000w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px.jpg 2000w" width="1024"></img></a><figcaption><a href="https://www.ghst.de/"><em>https://www.ghst.de/</em></a></figcaption></figure> </aside> </div> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-9"><div><p>&#xD; Die <a href="https://www.ghst.de/">Gemeinnützige Hertie-Stiftung </a>konzentriert sich auf die zwei Leitthemen „Gehirn erforschen“ und „Demokratie stärken“. Die Projekte der Stiftung setzen modellhafte Impulse innerhalb dieser Themen. &#xD; Ihr neu eingerichteter Neuroblog leistet einen Beitrag zur Förderung von Wissenschaftskommunikation und zum besseren Verständnis des Gehirns, seiner Funktionsweise und seiner Erkrankungen.&#xD; </p>&#xD; <p><a href="http://www.scilogs.de/kosmo//hirn-und-weg/impressum/">Impressum Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>&#xD; </p></div></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1748436551316fruehlingsanfang-fruehling-natur-100_v-16x9@2dL_-6c42aff4e68b43c7868c3240d3ebfa29867457da.jpg" /><h1>Frühlingsgefühle » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Ruzica Sedic</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-03-20T10:21:12+01:00">20. März 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 6 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Nach den dunklen Wintermonaten beginnt die Welt wieder zu erwachen. Die Tage werden länger, die Sonne wärmt das Gesicht, Vögel zwitschern in den Bäumen und erste Knospen sprießen aus dem Boden. In dieser Zeit scheint auch in uns etwas aufzubrechen – Energie, Tatendrang und Lebensfreude kehren zurück. Was wir „Frühlingsgefühle“ nennen, hat dabei nicht nur mit Romantik oder Glücksmomenten zu tun, sondern auch mit tiefgreifenden biologischen und psychologischen Prozessen, die sich positiv auf unsere mentale Gesundheit auswirken.</p> <h3>Mental Health</h3> <p>Die Weltgesundheitsorganisation definiert psychische Gesundheit (“Mental Health”) als „einen Zustand des Wohlbefindens, in dem ein Mensch sein Potenzial voll ausschöpfen, die normalen Belastungen des Lebens bewältigen, produktiv arbeiten und erfolgreich in seiner Gemeinschaft wirken kann“ [1].</p> <p>Es gibt viele interagierende Faktoren, die die psychische Gesundheit beeinflussen können. Dazu zählen soziale, wirtschaftliche, psychologische, physiologische, verhaltensbezogene, umweltbedingte, genetische und epigenetische Einflüsse [2].</p> <h3>Biochemie der Frühlingsgefühle</h3> <p>Sobald mehr Sonnenlicht auf unsere Haut und in unsere Augen gelangt, verändert sich unser Hormonhaushalt. Die Sonne wirkt als natürlicher Taktgeber für unseren Körper. Über die Zirbeldrüse (auch Epiphyse genannt) und Hormone wie Serotonin, Dopamin und Melatonin steuert sie unsere Stimmung, Energie und unseren Schlaf.</p> <p>Das Licht regt die Serotoninproduktion an. Serotonin ist ein Neurotransmitter, der auch als „Glückshormon“ bezeichnet wird und für Ausgeglichenheit und Optimismus sorgt. Es wurde festgestellt, dass die Produktion dieses Hormons in den Wintermonaten sinkt [3]. Gleichzeitig steigt durch mehr Aktivität und Bewegung auch der Dopaminspiegel, was Motivation und Antrieb fördert [4]. Weniger Dunkelheit bedeutet außerdem, dass die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin sinkt [5]. Das macht uns tagsüber wacher und mental präsenter. Viele Menschen spüren diesen Wechsel bewusst. Wir wollen wieder raus, Dinge unternehmen und uns bewegen. <aside></aside></p> <h3>Natur als mentale Medizin</h3> <p>Neben der Biochemie hat auch die Umgebung selbst einen enormen Einfluss auf unsere Psyche. Neonreklamen, Lärm und Luftverschmutzung sind umweltbedingter Stress. Vor allem Stadtbewohner sind davon betroffen. Er kann zu einer schlechteren psychischen Gesundheit, erhöhter Müdigkeit und Stress führen [6].</p> <p>Regelmäßiger Aufenthalt im Grünen kann Stress reduzieren und sogar das Konzentrationsvermögen verbessern [7]. Schon kurze Spaziergänge im Park oder Wald können das Stresshormon Cortisol senken und für Entspannung sorgen [8].</p> <p>Die Natur entzieht uns dem ständigen Reizfluss digitaler Geräte und schenkt uns etwas, das in der modernen Welt selten geworden ist, natürliche Stille. Selbst zwanzig Minuten im Grünen, in denen man das Rascheln der Blätter oder das Spiel von Licht und Schatten wahrnimmt, genügen oft, um eine spürbare innere Ruhe zu erzeugen und die Konzentration des Stresshormons zu senken [8].</p> <h3>Farben und Licht</h3> <p>Der Frühling ist auch ein Fest der Farben. Nach Monaten in Grau und Brauntönen sehen wir wieder sattes Grün, kräftiges Gelb und leuchtendes Blau. Dieses Farbspektrum wirkt stimmungsaufhellend und kann positive Emotionen fördern [9]. Auch das Beobachten von Grünpflanzen kann sich positiv auf Stimmung und Anspannung auswirken. Dabei gibt es einen Unterschied zwischen echten Pflanzen und Plastikpflanzen [10].</p> <p>Eine kleine Achtsamkeitsübung kann helfen, diese Wirkung bewusst zu verstärken:<br></br>Gehe nach draußen und konzentriere dich auf eine Farbe, etwa Grün. Suche fünf Dinge in unterschiedlichen Nuancen dieser Farbe. Das fördert Präsenz, schärft die Wahrnehmung und lässt dich die Umgebung intensiver erleben.</p> <h3>Die Sprache der Vögel: akustische Achtsamkeit</h3> <p>Kaum ein Geräusch signalisiert so deutlich den Beginn des Frühlings wie Vogelgesang. Naturklänge haben eine entspannende Wirkung auf das Gehirn. Sie senken den Puls, reduzieren Angst und können Aktivität in stressassoziierten Hirn-Regionen reduzieren [11].</p> <p>Das Hören von Vogelstimmen kann Ängstlichkeit bei gesunden Menschen verringern. Vogelstimmen signalisieren in natürlichen Ökosystemen oft ein intaktes Habitat: Aktive Vögel zwitschern vor allem, wenn keine Raubtiere oder Störungen in der Nähe sind – bei Gefahr schweigen sie oder wechseln zu Alarmrufen. Vielleicht ist das der Grund, warum uns ihr Klang so beruhigt [12].</p> <p>Wer bewusst zuhört, kann darin eine einfache, aber kraftvolle Achtsamkeitsübung finden:<br></br>Öffne morgens das Fenster, atme tief ein und fokussiere dich ganz auf die verschiedenen Tonhöhen und Rhythmen. Schon wenige Minuten bewussten Hinhörens können helfen, das Gedankenkarussell zu stoppen und Ruhe zu finden.</p> <h3>Bewegung und Aktivität</h3> <p>Mit den längeren Tagen kommt auch die Lust, wieder aktiver zu werden. Viele beginnen wieder zu laufen, fahren Rad und verbringen mehr Zeit im Freien. Bewegung setzt Endorphine frei, kurbelt die Dopaminproduktion an und kann so unsere mentale Gesundheit unterstützen [13, 14]. Körperliche Aktivität kann nicht nur bei depressiven Symptome helfen, sondern auch die Resilienz gegenüber Stress stärken [15, 16].</p> <p>Dabei geht es nicht um sportliche Höchstleistungen. Schon regelmäßige, moderate Bewegung, ein Spaziergang, ein lockerer Lauf, Pilates im Park, genügt, um Körper und Geist zu beleben. Bewegung im Freien vereint mehrere Faktoren: Licht, frische Luft, Bewegung und soziale Begegnung. </p> <h3>Quellen</h3> <ol> <li>World Health Organization. (2014). Mental health: A state of well-being. World Health Organization. <a href="https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/mental-health-strengthening-our-response" rel="noopener">https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/mental-health-strengthening-our-response</a></li> <li>Meyer-Lindenberg, A. (2014). Social neuroscience and mechanisms of risk for mental disorders. World Psychiatry, 13(2), 143–144. <a href="https://doi.org/10.1002/wps.20121" rel="noopener">https://doi.org/10.1002/wps.20121</a></li> <li>Lambert, G. W., Reid, C., Kaye, D. M., Jennings, G. L., &amp; Esler, M. D. (2002). Effect of sunlight and season on serotonin turnover in the brain. The Lancet, 360(9348), 1840–1842. <a href="https://doi.org/10.1016/S0140-6736(02)11737-5" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/S0140-6736(02)11737-5</a></li> <li>Marques, A., Marconcin, P., Werneck, A. O., Ferrari, G., Gouveia, É. R., Kliegel, M., Peralta, M., &amp; Ihle, A. (2021). Bidirectional association between physical activity and dopamine across adulthood—A systematic review. Brain Sciences, 11(7), Article 829. <a href="https://doi.org/10.3390/brainsci11070829" rel="noopener">https://doi.org/10.3390/brainsci11070829</a></li> <li>Boyce, P., &amp; Kennaway, D. J. (1987). Effects of light on melatonin production. Biological Psychiatry, 22(4), 473–478. <a href="https://doi.org/10.1016/0006-3223(87)90169-7" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/0006-3223(87)90169-7</a></li> <li>Ulrich, R. S., Simons, R. F., Losito, B. D., Fiorito, E., Miles, M. A., &amp; Zelson, M. (1991). Stress recovery during exposure to natural and urban environments. Journal of Environmental Psychology, 11(3), 201–230. https://doi.org/10.1016/S0272-4944(05)80184-7</li> <li>Kondo, M. C., Jacoby, S. F., &amp; South, E. C. (2018). Does spending time outdoors reduce stress? A review of real-time stress response to outdoor environments. Health &amp; Place, 51, 136–150. <a href="https://doi.org/10.1016/j.healthplace.2018.03.001" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.healthplace.2018.03.001</a></li> <li>Gao, J., Mancus, G. C., Yuen, H. K., Watson, J. H., Lake, M. L., &amp; Jenkins, G. R. (2023). Changes in cortisol and dehydroepiandrosterone levels immediately after urban park visits. International Journal of Environmental Health Research, 33(2), 206–218. <a href="https://doi.org/10.1080/09603123.2021.2013454" rel="noopener">https://doi.org/10.1080/09603123.2021.2013454</a></li> <li>Jonauskaite, D., &amp; Mohr, C. (2025). Do we feel colours? A systematic review of 128 years of psychological research linking colours and emotions. Psychonomic Bulletin &amp; Review, 32(4), 1457–1486. <a href="https://doi.org/10.3758/s13423-024-02615-z" rel="noopener">https://doi.org/10.3758/s13423-024-02615-z</a></li> <li>Jeong, J. E., &amp; Park, S. A. (2021). Physiological and psychological effects of visual stimulation with green plant types. International Journal of Environmental Research and Public Health, 18(24), Article 12932. <a href="https://doi.org/10.3390/ijerph182412932" rel="noopener">https://doi.org/10.3390/ijerph182412932</a></li> <li>Jo, H., Song, C., Ikei, H., Enomoto, S., Kobayashi, H., &amp; Miyazaki, Y. (2019). Physiological and psychological effects of forest and urban sounds using high-resolution sound sources. International Journal of Environmental Research and Public Health, 16(15), Article 2649. <a href="https://doi.org/10.3390/ijerph16152649" rel="noopener">https://doi.org/10.3390/ijerph16152649</a></li> <li>Stobbe, E., Sundermann, J., Ascone, L., &amp; Voderholzer, U. (2022). Birdsongs alleviate anxiety and paranoia in healthy participants. Scientific Reports, 12, Article 16414. <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-022-20841-0" rel="noopener">https://doi.org/10.1038/s41598-022-20841-0</a></li> <li>Marques, A., Marconcin, P., Werneck, A. O., Ferrari, G., Gouveia, É. R., Kliegel, M., Peralta, M., &amp; Ihle, A. (2021). Bidirectional association between physical activity and dopamine across adulthood—A systematic review. Brain Sciences, 11(7), 829. <a href="https://doi.org/10.3390/brainsci11070829" rel="noopener">https://doi.org/10.3390/brainsci11070829</a></li> <li>Goekint, M., Bos, I., Heyman, E., Meeusen, R., Michotte, Y., &amp; Sarre, S. (2012). Acute running stimulates hippocampal dopaminergic neurotransmission in rats, but has no influence on brain-derived neurotrophic factor. Journal of Applied Physiology, 112(4), 535–541. <a href="https://doi.org/10.1152/japplphysiol.00306.2011" rel="noopener">https://doi.org/10.1152/japplphysiol.00306.2011</a></li> <li>Noetel, M., Sanders, T., Gallardo-Gómez, D., Taylor, P., Del Pozo Cruz, B., van den Hoek, D., Smith, J. J., Mahoney, J., Spathis, J., Moresi, M., Pagano, R., Pagano, L., Vasconcellos, R., Arnott, H., Varley, B., Parker, P., Biddle, S., &amp; Lonsdale, C. (2024). Effect of exercise for depression: Systematic review and network meta-analysis of randomised controlled trials. BMJ, 384, Article e075847. <a href="https://doi.org/10.1136/bmj-2023-075847" rel="noopener">https://doi.org/10.1136/bmj-2023-075847</a></li> <li>Childs, E., &amp; de Wit, H. (2014). Regular exercise is associated with emotional resilience to acute stress in healthy adults. Frontiers in Physiology, 5, 161. <a href="https://doi.org/10.3389/fphys.2014.00161" rel="noopener">https://doi.org/10.3389/fphys.2014.00161</a></li> <li>Südwestrundfunk. (2025, 20. März). Darum beginnt der Frühling in der Natur immer früher. SWR. <a href="https://www.swr.de/leben/verbraucher/ard-marktcheck/klimawandel-fruehlingsanfang-immer-frueher-100.html" rel="noopener">https://www.swr.de/leben/verbraucher/ard-marktcheck/klimawandel-fruehlingsanfang-immer-frueher-100.html</a></li> </ol> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Ruzica-1-200x200.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Ruzica-1-400x400.jpg 2x" width="200"></img> <p>Mein Name ist Ruzica Sedic und ich studiere Neurowissenschaften im Master an der Universität Düsseldorf. Während meiner Ausbildung zur biotechnologischen Assistentin und meinem Bachelor in Biologie habe ich meine Liebe zur Zellbiologie entdeckt. Deshalb finde ich den Zusammenhang zwischen zellulären Prozessen und neurologischen Phänomenen besonders spannend. Außerdem fasziniert mich, wie unser Gehirn im Alltag funktioniert und welche unglaublichen Leistungen es vollbringt - oft ohne dass wir es bewusst wahrnehmen.</p> </div> </div> </article> <section> <div> <aside id="block-3"> <p>HIRN UND WEG ist der Neuroblog der <a href="https://www.ghst.de"><strong><mark>Gemeinnützigen Hertie-Stiftung</mark></strong></a> , der die Bandbreite und Facetten eines der faszinierendsten Organe zeigen, Erkenntnisse aus Wissenschaft einfach und gut erklären und geistreich und unterhaltsam begeistern möchte. Neben der Informationsvermittlung gehören die Förderung von Exzellenz und die Schaffung von Strukturen in den Neurowissenschaften zu den Zielen des Programmbereichs "Gehirn erforschen" der Stiftung. </p> </aside><aside id="block-2"> <figure><a href="https://www.ghst.de/"><img alt="" decoding="async" height="178" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-300x52.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-768x134.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1536x267.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1000x174.jpg 1000w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px.jpg 2000w" width="1024"></img></a><figcaption><a href="https://www.ghst.de/"><em>https://www.ghst.de/</em></a></figcaption></figure> </aside> </div> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-9"><div><p>&#xD; Die <a href="https://www.ghst.de/">Gemeinnützige Hertie-Stiftung </a>konzentriert sich auf die zwei Leitthemen „Gehirn erforschen“ und „Demokratie stärken“. Die Projekte der Stiftung setzen modellhafte Impulse innerhalb dieser Themen. &#xD; Ihr neu eingerichteter Neuroblog leistet einen Beitrag zur Förderung von Wissenschaftskommunikation und zum besseren Verständnis des Gehirns, seiner Funktionsweise und seiner Erkrankungen.&#xD; </p>&#xD; <p><a href="http://www.scilogs.de/kosmo//hirn-und-weg/impressum/">Impressum Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>&#xD; </p></div></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/fruehlingsgefuehle/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>3</slash:comments> </item> <item> <title>Rhyolith – Gestein des Jahres 2026 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/rhyolith-gestein-des-jahres-2026/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/rhyolith-gestein-des-jahres-2026/#comments Wed, 18 Mar 2026 21:12:11 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3784 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/45474302242_2f951310bc_z.jpg Ein roter Stein mit grauen Quarzeinsprenglingen liegt auf Sand https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/rhyolith-gestein-des-jahres-2026/ <h1>Rhyolith – Gestein des Jahres 2026 » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Auch 2026 gibt es wieder ein „Gestein des Jahres” – und diesmal ist es ein recht explosives. Okay, vielleicht nicht das Gestein selbst, aber seine Entstehung kann durchaus mit Explosionen verbunden sein. Rhyolith ist nämlich ein vulkanisches Gestein, das bei Vulkanausbrüchen entsteht. Es entsteht, wenn saure Magmen an die Erdoberfläche gelangen.</p> <h2>Was ist Rhyolith?</h2> <p>Der Name „Rhyolith“ setzt sich aus den griechischen Wörtern rheĩn für „fließen“ und lithos für „Stein“ zusammen. Die Bezeichnung für das Gestein wurde bereits 1860 von Ferdinand von Richthofen eingeführt. Ältere Bezeichnungen für dieses Gestein sind Quarzporphyr und Liparit. Quarzporphyr bezieht sich dabei auf Gesteine, die sich vor dem Mesozoikum gebildet haben.</p> <p>Rhyolithe sind felsische, also hauptsächlich aus Quarz und Feldspat bestehende, vulkanische Gesteine. Ihre Zusammensetzung entspricht der des Tiefengesteins Granit. Sie entstehen, wenn saure Magmen bis an die Erdoberfläche gelangen und dort abkühlen. Diese Magmen sind SiO₂-gesättigt und entsprechen in etwa einer Kombination aus Quarz und Kalifeldspat. Das ermöglicht die Bestimmung aller Rhyolithe mit erkennbaren Quarz- und Kalifeldspateinsprenglingen nur über die Einsprenglinge, auch wenn möglicherweise etwas Biotit vorkommen kann.</p> <p>Die makroskopisch nicht weiter unterscheidbare Grundmasse kann dann nur aus Quarz und Kalifeldspat bestehen.</p> <h2>Wie ist Rhyolith zusammengesetzt?</h2> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/45474302242_2f951310bc_z.jpg"><img alt="Ein roter Stein mit grauen Quarzeinsprenglingen liegt auf Sand" decoding="async" height="480" sizes="(max-width: 640px) 100vw, 640px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/45474302242_2f951310bc_z.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/45474302242_2f951310bc_z.jpg 640w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/45474302242_2f951310bc_z-300x225.jpg 300w" width="640"></img></a><figcaption>Roter Ostseequarzporphyr</figcaption></figure> <p>Wie bereits gesagt, bestehen Rhyolithe hauptsächlich aus Quarz und Kalifeldspat, wobei der Quarzanteil zwischen 20 und 60 Massenprozent schwanken kann. Damit stellen Rhyolithe die bei niedrigstmöglichen Temperaturen auskristallisierte, SiO₂-gesättigte Zusammensetzung von Magma dar.<aside></aside></p> <p>Es gibt fließende Übergänge zum Dacit. Die Bezeichnung „Rhyodacit” ist jedoch nicht von der IUGS anerkannt.</p> <p>Rhyolithe zeigen meist ein porphyrisches Gefüge. Das heißt, dass sie aus einer feinkristallinen Grundmasse bestehen, in der man mit unbewaffnetem Auge keine einzelnen Minerale unterscheiden kann. In diese Grundmasse sind dann größere Einsprenglinge aus Feldspat oder Quarz eingebettet. Diese können von wenigen Millimetern bis zu mehreren Zentimetern groß sein. Es gibt jedoch auch Rhyolithe ohne Einsprenglinge.</p> <h3>Aussehen</h3> <p>Manche Rhyolithe zeigen gut erkennbare Fließstrukturen, was ein klein wenig irreführend ist. Denn rhyolithische Laven fließen nicht aus Vulkanen, wie es bei basaltischen Laven der Fall ist. Sie sind in der Regel massig und zeigen nur sehr selten säulige Formen, wie sie bei Basalt zu beobachten sind. Häufiger sind bankige oder plattige Strukturen zu beobachten.</p> <p>Ihre Farbe ist hell, oft auch rötlich. Die rötliche Farbe ist dabei immer ein Hinweis auf postmagmatische Alteration. Es gibt auch glasige (Obsidian) und schaumige (Bims oder Perlit) Formen.</p> <figure><img alt="" decoding="async" src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/3c/Quarzporphyr.jpg"></img><figcaption>Angeschliffenes Handstück eines Rotliegend-<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%B6bej%C3%BCner_Porphyr" rel="noopener">Rhyoliths aus Löbejün</a>. Gut erkennbar die hellen Kalifeldspäte und die hier grau erscheinenden Quarze. Gescanntes Handstück von Grabenstedt, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Quarzporphyr.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Quarzporphyr</a>, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY-SA 3.0</a>.</figcaption></figure> <h2>Wie entstehen Rhyolithe?</h2> <p>Wie ich oben bereits sagte, kann man manchmal Fließstrukturen erkennen. Das ist jedoch in gewisser Hinsicht irreführend. Das liegt daran, dass rhyolitische Lava aufgrund ihres hohen SiO₂-Gehalts sehr zäh ist und sich nur langsam abkühlt. Sie fließt nicht die Hänge herab, wie es bei basaltischer Lava der Fall ist. Rhyolithe und ihre petrografisch verwandten Dacite sind in der Regel ignimbritisch oder zumindest pyroklastisch. Sie entstehen durch mehr oder weniger mächtige <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/hier-geht-es-hei-her-pyroklastische-str-me/">Glutwolkenablagerungen</a> bei explosivem Vulkanismus. </p> <p>Ignimbritische Rhyolithe können aufgrund ihrer hohen Verwitterungsresistenz extrem große und mächtige Ablagerungen darstellen. Diese Härte lässt sie oft wie schroffe, massive Felsen mit steilen Wänden erscheinen. So besteht beispielsweise die größte außeralpine Steilwand Deutschlands, der rund 200 Meter hohe und gut zwei Kilometer lange Rothenfels an der Nahe bei Bad Münster, aus dem Kreuznacher Porphyr, einem Rhyolith.</p> <h2>Wo kann man Rhyolithe finden?</h2> <p>Rhyolithe treten meist im Zusammenhang mit kontinentalem Vulkanismus auf. In Europa finden wir sie beispielsweise im Flechtinger Höhenzug, im Ilfelder Becken im Südharz, in der Saar-Nahe-Senke, wo sie unter anderem im Kreuznacher Porphyr vorkommen, sowie am Königsstuhl. Auch der Karlsruher Grat im Schwarzwald besteht aus Rhyolith. Weitere Fundorte sind das nördliche Sachsen, das südliche Sachsen-Anhalt, die östliche Hälfte des Thüringer Waldes und die Vogesen. Dies sind jedoch nur einige Beispiele.</p> <p>An der Ostseeküste kann man im Geschiebe verschiedene Rhyolithe finden, zum Beispiel den <a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">Roten Ostseequarzporphyr.</a></p> <h2>Wozu kann man Rhyolithe verwenden?</h2> <p>Früher wurden Obsidianvorkommen oft zur Herstellung von Steinwerkzeugen genutzt. Heute wird Obsidian dagegen überwiegend nur zur Herstellung von Kunstgegenständen verwendet. Aufgrund ihrer Härte und Zähigkeit werden ignimbritische Rhyolithe gerne als Schotter, Split oder Pflastersteine verwendet. Auch als Naturwerkstein wird Rhyolith gerne genutzt. Wenn man durch unsere modernen Städte geht, kann man in den Shoppingcentern oft sehr gute „urbane Geologie” betreiben. So findet man am Neuen Wall in Hamburg beispielsweise <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rochlitzer_Porphyr" rel="noopener">Rochlitzer Porphyr</a>. Dieser Rhyolith wurde 2022 von der International Union of Geological Sciences (IUGS) als erstes Gestein Deutschlands zum „Heritage Stone“, also zum „Naturstein-Welterbe“, ernannt.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Rhyolith – Gestein des Jahres 2026 » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Auch 2026 gibt es wieder ein „Gestein des Jahres” – und diesmal ist es ein recht explosives. Okay, vielleicht nicht das Gestein selbst, aber seine Entstehung kann durchaus mit Explosionen verbunden sein. Rhyolith ist nämlich ein vulkanisches Gestein, das bei Vulkanausbrüchen entsteht. Es entsteht, wenn saure Magmen an die Erdoberfläche gelangen.</p> <h2>Was ist Rhyolith?</h2> <p>Der Name „Rhyolith“ setzt sich aus den griechischen Wörtern rheĩn für „fließen“ und lithos für „Stein“ zusammen. Die Bezeichnung für das Gestein wurde bereits 1860 von Ferdinand von Richthofen eingeführt. Ältere Bezeichnungen für dieses Gestein sind Quarzporphyr und Liparit. Quarzporphyr bezieht sich dabei auf Gesteine, die sich vor dem Mesozoikum gebildet haben.</p> <p>Rhyolithe sind felsische, also hauptsächlich aus Quarz und Feldspat bestehende, vulkanische Gesteine. Ihre Zusammensetzung entspricht der des Tiefengesteins Granit. Sie entstehen, wenn saure Magmen bis an die Erdoberfläche gelangen und dort abkühlen. Diese Magmen sind SiO₂-gesättigt und entsprechen in etwa einer Kombination aus Quarz und Kalifeldspat. Das ermöglicht die Bestimmung aller Rhyolithe mit erkennbaren Quarz- und Kalifeldspateinsprenglingen nur über die Einsprenglinge, auch wenn möglicherweise etwas Biotit vorkommen kann.</p> <p>Die makroskopisch nicht weiter unterscheidbare Grundmasse kann dann nur aus Quarz und Kalifeldspat bestehen.</p> <h2>Wie ist Rhyolith zusammengesetzt?</h2> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/45474302242_2f951310bc_z.jpg"><img alt="Ein roter Stein mit grauen Quarzeinsprenglingen liegt auf Sand" decoding="async" height="480" sizes="(max-width: 640px) 100vw, 640px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/45474302242_2f951310bc_z.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/45474302242_2f951310bc_z.jpg 640w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/45474302242_2f951310bc_z-300x225.jpg 300w" width="640"></img></a><figcaption>Roter Ostseequarzporphyr</figcaption></figure> <p>Wie bereits gesagt, bestehen Rhyolithe hauptsächlich aus Quarz und Kalifeldspat, wobei der Quarzanteil zwischen 20 und 60 Massenprozent schwanken kann. Damit stellen Rhyolithe die bei niedrigstmöglichen Temperaturen auskristallisierte, SiO₂-gesättigte Zusammensetzung von Magma dar.<aside></aside></p> <p>Es gibt fließende Übergänge zum Dacit. Die Bezeichnung „Rhyodacit” ist jedoch nicht von der IUGS anerkannt.</p> <p>Rhyolithe zeigen meist ein porphyrisches Gefüge. Das heißt, dass sie aus einer feinkristallinen Grundmasse bestehen, in der man mit unbewaffnetem Auge keine einzelnen Minerale unterscheiden kann. In diese Grundmasse sind dann größere Einsprenglinge aus Feldspat oder Quarz eingebettet. Diese können von wenigen Millimetern bis zu mehreren Zentimetern groß sein. Es gibt jedoch auch Rhyolithe ohne Einsprenglinge.</p> <h3>Aussehen</h3> <p>Manche Rhyolithe zeigen gut erkennbare Fließstrukturen, was ein klein wenig irreführend ist. Denn rhyolithische Laven fließen nicht aus Vulkanen, wie es bei basaltischen Laven der Fall ist. Sie sind in der Regel massig und zeigen nur sehr selten säulige Formen, wie sie bei Basalt zu beobachten sind. Häufiger sind bankige oder plattige Strukturen zu beobachten.</p> <p>Ihre Farbe ist hell, oft auch rötlich. Die rötliche Farbe ist dabei immer ein Hinweis auf postmagmatische Alteration. Es gibt auch glasige (Obsidian) und schaumige (Bims oder Perlit) Formen.</p> <figure><img alt="" decoding="async" src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/3c/Quarzporphyr.jpg"></img><figcaption>Angeschliffenes Handstück eines Rotliegend-<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%B6bej%C3%BCner_Porphyr" rel="noopener">Rhyoliths aus Löbejün</a>. Gut erkennbar die hellen Kalifeldspäte und die hier grau erscheinenden Quarze. Gescanntes Handstück von Grabenstedt, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Quarzporphyr.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Quarzporphyr</a>, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY-SA 3.0</a>.</figcaption></figure> <h2>Wie entstehen Rhyolithe?</h2> <p>Wie ich oben bereits sagte, kann man manchmal Fließstrukturen erkennen. Das ist jedoch in gewisser Hinsicht irreführend. Das liegt daran, dass rhyolitische Lava aufgrund ihres hohen SiO₂-Gehalts sehr zäh ist und sich nur langsam abkühlt. Sie fließt nicht die Hänge herab, wie es bei basaltischer Lava der Fall ist. Rhyolithe und ihre petrografisch verwandten Dacite sind in der Regel ignimbritisch oder zumindest pyroklastisch. Sie entstehen durch mehr oder weniger mächtige <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/hier-geht-es-hei-her-pyroklastische-str-me/">Glutwolkenablagerungen</a> bei explosivem Vulkanismus. </p> <p>Ignimbritische Rhyolithe können aufgrund ihrer hohen Verwitterungsresistenz extrem große und mächtige Ablagerungen darstellen. Diese Härte lässt sie oft wie schroffe, massive Felsen mit steilen Wänden erscheinen. So besteht beispielsweise die größte außeralpine Steilwand Deutschlands, der rund 200 Meter hohe und gut zwei Kilometer lange Rothenfels an der Nahe bei Bad Münster, aus dem Kreuznacher Porphyr, einem Rhyolith.</p> <h2>Wo kann man Rhyolithe finden?</h2> <p>Rhyolithe treten meist im Zusammenhang mit kontinentalem Vulkanismus auf. In Europa finden wir sie beispielsweise im Flechtinger Höhenzug, im Ilfelder Becken im Südharz, in der Saar-Nahe-Senke, wo sie unter anderem im Kreuznacher Porphyr vorkommen, sowie am Königsstuhl. Auch der Karlsruher Grat im Schwarzwald besteht aus Rhyolith. Weitere Fundorte sind das nördliche Sachsen, das südliche Sachsen-Anhalt, die östliche Hälfte des Thüringer Waldes und die Vogesen. Dies sind jedoch nur einige Beispiele.</p> <p>An der Ostseeküste kann man im Geschiebe verschiedene Rhyolithe finden, zum Beispiel den <a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">Roten Ostseequarzporphyr.</a></p> <h2>Wozu kann man Rhyolithe verwenden?</h2> <p>Früher wurden Obsidianvorkommen oft zur Herstellung von Steinwerkzeugen genutzt. Heute wird Obsidian dagegen überwiegend nur zur Herstellung von Kunstgegenständen verwendet. Aufgrund ihrer Härte und Zähigkeit werden ignimbritische Rhyolithe gerne als Schotter, Split oder Pflastersteine verwendet. Auch als Naturwerkstein wird Rhyolith gerne genutzt. Wenn man durch unsere modernen Städte geht, kann man in den Shoppingcentern oft sehr gute „urbane Geologie” betreiben. So findet man am Neuen Wall in Hamburg beispielsweise <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rochlitzer_Porphyr" rel="noopener">Rochlitzer Porphyr</a>. Dieser Rhyolith wurde 2022 von der International Union of Geological Sciences (IUGS) als erstes Gestein Deutschlands zum „Heritage Stone“, also zum „Naturstein-Welterbe“, ernannt.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/rhyolith-gestein-des-jahres-2026/#comments 1 Wie die fossile Industrialisierung Familien spaltete – und HomeOffice heute zu mehr Kindern führt https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wie-die-fossile-industrialisierung-familien-spaltete-und-homeoffice-heute-zu-mehr-kindern-fuehrt/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wie-die-fossile-industrialisierung-familien-spaltete-und-homeoffice-heute-zu-mehr-kindern-fuehrt/#comments Wed, 18 Mar 2026 16:38:39 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11134 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2584-768x309.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wie-die-fossile-industrialisierung-familien-spaltete-und-homeoffice-heute-zu-mehr-kindern-fuehrt/</link> </image> <description type="html"><h1>Wie die fossile Industrialisierung Familien spaltete - und HomeOffice heute zu mehr Kindern führt » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Noch bevor ich die gute Nachricht selber entdeckt hatte, hatte <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-51-arbeit-demografie-und-deindustrialisierung-am-beispiel-japan/#comment-199722">der wunderbare @Hui Haunebuh sie bereits zu einer Folge von Blume &amp; Ince kommentiert</a>:</p> <p><em>Homeoffice steigert die Geburtenrate? Wie cool ist das denn! <img alt="😀" decoding="async" role="img" src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/svg/1f600.svg"></img></em></p> <p>Der Link führte zu <a href="https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/ifo-studie-homeoffice-steigert-die-geburtenrate-a-46ae46a5-2b68-4088-b285-69e96138a15b" rel="noopener">einem SPIEGEL-Artikel <em>„Homeoffice steigert die Geburtenrate“</em></a>, über den ich wiederum <a href="https://www.ifo.de/DocDL/cesifo1_wp12533.pdf" rel="noopener">das (inhaltlich hervorragende) Arbeitspapier des Ifo-Institutes München</a> fand:</p> <p><em>Aksoy, Barrero et al. (2026): <a href="https://www.ifo.de/DocDL/cesifo1_wp12533.pdf" rel="noopener"><strong>Work from Home and Fertility. </strong></a></em><em>CESIfo Working Papers, 5.3.2026</em></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-51-arbeit-demografie-und-deindustrialisierung-am-beispiel-japan/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Screenshot aus Blume &amp; Ince Folge 51: Dr. Michael Blume links und Prof. Dr. Inan Ince rechts diskutieren Aussagen von Bundeskanzler Friedrich Merz (Mitte) gegen &quot;Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche&quot;." decoding="async" height="776" sizes="(max-width: 1289px) 100vw, 1289px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce51FriedrichMerzMehrArbeitenThese.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce51FriedrichMerzMehrArbeitenThese.jpg 1289w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce51FriedrichMerzMehrArbeitenThese-300x181.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce51FriedrichMerzMehrArbeitenThese-1024x616.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce51FriedrichMerzMehrArbeitenThese-768x462.jpg 768w" width="1289"></img></a><aside></aside></p> <p><em>Ist <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-51-arbeit-demografie-und-deindustrialisierung-am-beispiel-japan/">nur Erwerbsarbeit „echte Arbeit“? In Folge 51 von „Blume &amp; Ince“ diskutierten der Prof und ich am Beispiel Japan „die Frage nach Arbeit als Lifestyle“</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Nach starken Auswertungen einer breiten und international vergleichenden Datenbasis konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler überzeugend auf Seite 22 feststellen:</p> <p><em>Individuals who work from home (WFH) at least one day a week have higher realized and expected fertility in the post-pandemic era. Fertility is higher yet if their partner also works from home at least one day a week. These patterns hold in our U.S. Survey of Working Arrangements and Attitudes and in our 38-country Global Survey of Working Arrangements.<br></br>Using G-SWA data, we estimate that lifetime fertility is greater by 0.32 children per woman when both partners WFH one or more days per week as compared to the case where neither does.</em></p> <p>In deutscher Übersetzung:</p> <p><em>Personen, die mindestens einen Tag pro Woche von zu Hause aus arbeiten (Homeoffice), haben in der Zeit nach der Pandemie eine höhere realisierte und erwartete Fertilität. Die Fertilität ist noch höher, wenn auch ihr Partner / ihre Partnerin mindestens einen Tag pro Woche von zu Hause aus arbeitet. Diese Muster zeigen sich sowohl in unserer US-Umfrage zu Arbeitsarrangements und Einstellungen als auch in unserer Globalen Umfrage zu Arbeitsarrangements in 38 Ländern. Mithilfe der G-SWA-Daten schätzen wir, dass die lebenslange Fertilität um 0,32 Kinder pro Frau höher ist, wenn beide Partner mindestens einen Tag pro Woche im Homeoffice arbeiten, verglichen mit der Situation, in der keiner von beiden dies tut.</em></p> <p>Diese Studie halte ich für so gut gemacht, dass sie uns auch dazu hilft, <strong>die demografische Zerspaltung der europäischen Familien durch die fossile Industrialisierung im späten 18. und 19. Jahrhundert </strong>zu verstehen.</p> <p>Damals wurde die bis dahin überwiegende Wirtschaftsform des familieneigenen Hofes und Hauses (<em>griechisch <strong>Oikos</strong>, daher der Begriff der <strong>Ökonomie</strong>, aber auch der <strong>Ökologie</strong> und <strong>Ökumene</strong></em>) abgelöst durch die Lohn- und Fabrikarbeit: Familien- und Pflegearbeit, die vor allem durch Frauen geleistet wurde, wird seitdem kaum noch bezahlt und nur noch Lohnarbeit gilt als „eigentliche“ Arbeit.</p> <p>BWL-Prof. Dr. <a href="https://blumeundince.podigee.io/30-new-episode" rel="noopener"><strong>Inan Ince</strong> und besprachen dies in Folge 28 von <em><strong>Blume &amp; Ince</strong></em> anhand eines wichtigen Artikels von Prof. Dr. <strong>Ulrike Knobloch</strong></a>: <em>Wer zuhause Kinder erzieht oder Angehörige pflegt, arbeitet in der industriellen Definition „nicht“ und wird also auch nicht (oder kaum) bezahlt. Wer dagegen die Kinder anderer Leute in einem Kindergarten erzieht oder als Pflegekraft in einem Seniorenheim tätig ist, arbeitet und wird dafür bezahlt.</em></p> <p>Dieser Prozess <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/b-wie-berlin-babylon-preussen-und-der-fossile-faschismus/">der <strong>anfangs Kohle-befeuerten Industrialisierung</strong> eskalierte zuerst in <strong>Großbritannien</strong> und griff dann über <strong>Frankreich</strong> nach <strong>Preußen</strong></a>, in die <strong>USA</strong>, nach <strong>Japan</strong> und den Rest der Welt aus – bis heute. </p> <p>In seinem <a href="https://www.rowohlt.de/buch/sven-beckert-kapitalismus-9783498005917" rel="noopener">großen Werk <strong>„Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution“ </strong>(Rowohlt 2025) führte <strong>Sven Beckert</strong></a> diese <strong>„industrielle Revolution“</strong> auf vier Faktoren zurück: </p> <ol> <li>Die <strong>Zunahme von Lohnarbeit</strong> statt der bisherigen Naturallöhne</li> <li>Die <strong>Einrichtung von Fabriken</strong> außerhalb des „Oikos“</li> <li>Der <strong>Einsatz fossiler Brennstoffe</strong>, anfangs v.a. Kohle, später Erdöl und Erdgas</li> <li>Stetiges, <strong>säkulares Wirtschaftswachstum </strong>(unterbrochen von Krisen und Rezessionen)</li> </ol> <p>Auf Seite 368 („Der große Sprung“) heißt es präzise:</p> <p><em>„Als die Kapitalbesitzer fossile Brennstoffe mit Lohnarbeit und Fabrikproduktion kombinierten, lösten sie in einigen Teilen der Welt ein beschleunigtes und nahezu kontinuierliches Wirtschaftswachstum aus – das vierte Charakteristikum der Industriellen Revolution.</em></p> <p><em>Technische Verbesserungen steigerten die Produktivität der menschlichen Arbeitskraft, und das oftmals drastisch, die Menschen arbeiteten länger und härter, und alles zusammen sorgte für eine größere Menge an Produkten und Dienstleistungen – für immer noch mehr Baumwollstoffe, Eisenträger, Eisenbahnreisen sowie Häuser und Wohnungen. Dieses Wirtschaftswachstum hat, abgesehen von ein paar vorübergehenden Unterbrechungen, bis zum heutigen Tag angehalten.“</em></p> <p>Selbstverständlich gab es gegen <strong><em>diese brutale Zerspaltung der Oikos-Familien</em></strong> auch Widerstände – etwa <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Luddismus" rel="noopener">die Maschinenstürmer-<strong>Ludditen</strong> in <strong>Großbritannien</strong></a>, der <a href="https://www.geschichte-abitur.de/lexikon/uebersicht-restauration-vormaerz/schlesischer-weberaufstand" rel="noopener">Aufstand der Schlesischen Weber 1844 in <strong>Preußen</strong></a> und schließlich die <strong>Arbeiterbewegung</strong> mit Gewerkschaften, kommunistischen und sozialdemokratischen Parteien. In vielen industrialisierten Staaten <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-aus-dem-ehemaligen-preussen-warum-deutscher-energieglauben-auch-regional-gepraegt-ist/">steigerten sich „Eisen-und-Blut“-Ideologien zum <strong>fossilen Faschismus</strong></a>.</p> <p>Und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-26-von-elon-musk-und-alfred-hugenberg/">in <strong>Deutschland</strong> verbündeten sich fossile Konzernbosse um den DNVP-Preußen <strong>Alfred Hugenberg</strong> (1865 – 1941) mit dem antisemitischen „Führer“ <strong>Adolf Hitler </strong>(1889 – 1945)</a> der Nationalsozialistischen „Arbeiter“-Partei Deutschlands, NSDAP. Dieser stürzte die Welt in den zweiten Weltkrieg und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-menschenwuerde-aller-zwei-podcasts-nach-grafeneck/">die Massenmorde des Holocaust an Abertausenden Menschen mit Behinderungen und Erkrankungen, an Hunderttausenden Sinti und Roma und an Millionen Jüdinnen und Juden</a>.</p> <p><em data-wp-editing="1"><img alt="" decoding="async" height="2560" sizes="(max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2187-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2187-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2187-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2187-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2187-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2187-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img> </em></p> <p><em data-wp-editing="1">Der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/franz-neumann-1900-1954-und-die-oel-obsession-der-nationalsozialisten/">als Jude NS-verfolgte SPD-Wirtschaftsjurist <strong>Franz Neumann</strong> (1900 – 1954) analysierte den fossilen und Öl-gierigen Nationalsozialismus nach dem biblischen Ungeheuer des „<strong>Behemoth</strong>„</a>. Foto einer US-Neuauflage des Buches: Michael Blume</em></p> <p>Bis heute behaupten Stimmen des <strong>Fossilismus</strong>, dass <strong>die fossilen Gewaltenergien Kohle, Erdöl, Erdgas und Atomkraft <em>„billig“</em></strong> wären. Doch sie erschienen nur günstig, da ihre <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-23-externalisierung-in-oekonomie-und-psychologie/">Kosten auf die Zukunft, die Mitwelt (Treibhausgase, Sondermüll) und die Mitmenschen (Gewaltregime, fossil finanzierte Kriege) externalisiert</a> wurden.</p> <p>Zudem <strong>blieben im eskalierenden Fossilismus die Familien auf der Strecke </strong>– sowohl <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-kann-nicht-alleine-militaerisch-besiegt-werden-er-ist-staerker-als-kapitalismus-und-sozialismus/">in kapitalistischen wie in kommunistischen Systemen wurden Männer und Frauen in die Erwerbsarbeit gepresst</a>, während die Geburtenraten immer schneller einbrachen. Wenige wurden überreich, wogegen die meisten relativ verarmten.</p> <p>Heute höre ich von jungen Menschen: <em>Unsere Großeltern konnten sich ein Haus mit einem Gehalt leisten, meine Eltern mit zwei Gehältern – wir werden niemals eines bauen können. </em>Das hält fossile Konzernlobbyist:innen in der Politik – auch in der derzeitigen Bundespolitik – nicht davon ab, von den Menschen noch mehr Erwerbsarbeit zu fordern und mit rechtslibertären Begriffen wie „Lifestyle-Teilzeit“ die Familien- und Pflegearbeit, aber auch das demokratische und religiöse Ehrenamt weiter zu verhöhnen.</p> <p>In den 2010er Jahren überschritten wir so schließlich auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/peak-child-zeitenumbruch-auch-durch-die-saekulare-geburtenimplosion/">den <strong><em>Peak Child-Kindergipfel</em></strong> – seitdem sinkt die Zahl der Kinder weltweit</a>. Zu den <strong>Ergebnissen der säkularen Geburtenimplosion</strong> gehört eine um sich greifende <strong>Nachfragekrise</strong>: Immer mehr Staaten wie <strong>China</strong>, <strong>Japan</strong> und auch <strong>Deutschland</strong> „müssen“ exportieren, weil die Binnen-Nachfrage im eigenen Land auch mangels junger Menschen längst schwindet. Das <strong>vermeintlich ewige, fossile Wachstum</strong> stößt an sein planetarisches und <strong>auch demografisches Ende</strong>, an <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-51-arbeit-demografie-und-deindustrialisierung-am-beispiel-japan/">immer mehr Orten der Welt setzt <strong>Deindustrialisierung</strong></a> ein. <strong><em>Autos kaufen keine Autos.</em></strong></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/peak-child-zeitenumbruch-auch-durch-die-saekulare-geburtenimplosion/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die Datengrafik zeigt auf Basis von UN-Daten das Abknicken der Kinderzahl in den 2010er Jahren (unten grün), das schnell auch auf die Unter-15-Jährigen (rot) und die Unter-25-Jährigen (blau) übergreifen wird." decoding="async" height="905" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 905px) 100vw, 905px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025.jpg 905w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-768x768.jpg 768w" width="905"></img></a></p> <p><em>Auch nach den offiziellen und mutmaßlich überschätzten Zahlen der Vereinten Nationen (UN) überschritt <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/peak-child-zeitenumbruch-auch-durch-die-saekulare-geburtenimplosion/">die Weltbevölkerung zwischen 2012 und 2017 den Peak-Child-Kindergipfel, seitdem sinkt die Zahl der Kinder weltweit</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Schon jetzt beginnen immer mehr Regionen der Welt demografisch zu schrumpfen – beschleunigt noch durch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-im-jahr-des-feuerpferdes-trumps-iran-kharg-desaster/">die Abertausenden Getöteten in fossil finanzierten Kriegen von <strong>Putin-Russland</strong> gegen die <strong>Ukraine</strong>, im <strong>Libanon</strong>, <strong>Iran</strong>, im <strong>Sudan</strong></a> usw. Um so lange wie möglich von der fossilen Karbonblase zu profitieren, befördern Öl-, Gas- und Waffenkonzerne Reaktanz, Desinformation, Verschwörungsmythen und Gewalt.</p> <p><a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/verschwoerungsmythen-011573.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das weiße Cover des Buches &quot;Verschwörungsmythen. Woher sie kommen, was sie anrichten, wie wir ihnen begegnen können&quot; von Dr. Michael Blume mit dem roten Aufkleber &quot;SPIEGEL Bestseller-Autor&quot;." decoding="async" height="2560" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0863-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0863-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0863-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0863-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0863-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0863-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></a></p> <p><em>Auch in <a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/verschwoerungsmythen-011573.html" rel="noopener">der Neuausgabe von „Verschwörungsmythen“ (2025) warne ich vor dem gezielten Einsatz antisemitischer und antidemokratischer Verschwörungserzählungen für die Zwecke von Fossilismus, Spaltung und Gewalt</a>. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Bereits jetzt hat auch <strong>ein Kampf um die Verteilung der Produktivitätsgewinne durch KI (sog. Künstliche Intelligenz) </strong>begonnen. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wokepedia-vorwurf-elon-musk-attackiert-das-fediversum-wikipedia/">Milliardäre wie <strong>Elon Musk</strong></a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-katechon-glauben-zum-dritten-reich-in-deutschland-russland-usa-einfach-erklaert/">„Katechon“-<strong>Peter Thiel</strong></a> versuchen mit oft brutalen Mitteln, ihren Überreichtum abzusichern und auszubauen.</p> <p>Doch in der aktuellen, sehr lesenswerten <a href="https://www.spektrum.de/inhaltsverzeichnis/musik-wie-sie-auf-gehirn-und-koerper-wirkt-gehirn-und-geist-4-2026/2289581" rel="noopener">Ausgabe 04/2026 von <em>„Gehirn &amp; Geist“</em> findet sich auch ein sehr lesenswertes Interview von <strong>Corinna Hartmann</strong> mit dem Soziologen <strong>Prof. Dr. Florian Butollo </strong></a>zu den Gefahren und auch Chancen der <strong>KI-Revolution: <em>„Wir könnten halb soviel arbeiten“.</em></strong></p> <p><a href="https://www.spektrum.de/inhaltsverzeichnis/musik-wie-sie-auf-gehirn-und-koerper-wirkt-gehirn-und-geist-4-2026/2289581" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Seitenanfang der Gehirn &amp; Geist-Ausgabe 04/2026 mit dem Interview &quot;KI-Revolution: Wir könnten halb so viel arbeiten&quot; von Corinna Hartmann mit Florian Butollo. Gezeigt wird, wie sich die Zeigefinger eines Roboters und eines Menschen berühren." decoding="async" height="1031" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2584-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2584-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2584-300x121.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2584-1024x412.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2584-768x309.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2584-1536x619.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2584-2048x825.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>In <a href="https://www.spektrum.de/inhaltsverzeichnis/musik-wie-sie-auf-gehirn-und-koerper-wirkt-gehirn-und-geist-4-2026/2289581" rel="noopener">Gehirn &amp; Geist 04/2026 findet sich auf den Seiten 28 bis 31 das lesenswerte Interview von Corinna Hartmann mit Florian Butollo: KI-Revolution „Wir könnten halb so viel arbeiten“</a>. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Darin sagt dieser unter anderem (und nach meiner Einschätzung völlig zu Recht), Seite 29:</p> <p><em>„Wenn die Prognose also stimmt, dass das Arbeitsvolumen nicht radikal einbricht und infolge des demografischen Wandels immer weniger Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, müssten wir uns eher vor einer Überlastung fürchten.</em></p> <p><em>Deshalb sollten wir uns weniger fragen, ob Arbeit verschwindet, sondern darüber reden, welche Arbeit wir als Gesellschaft überhaupt brauchen.</em></p> <p><em>Wir müssten entscheiden, was wirklich systemrelevant ist – und wo wir unbedingt menschliche Fähigkeiten einsetzen wollen, etwa in Pflege, Bildung, Dekarbonisierung oder sozialer Infrastruktur. Das ist die zentrale Frage der kommenden Jahre.“</em></p> <p>Ich stimme zu und gehe weiter: <em><strong>In den wenigen Solarpunk-Arche-Regionen, die im 21. Jahrhundert blühendes, menschliches Leben gewährleisten</strong></em> können, werden sich <strong><em>neue, post-fossile und besser kombinierbare Formen von Produktions- und Familienarbeit, von demokratischem und religiösem Ehrenamt</em></strong> entwickeln. </p> <p>Aus meiner Sicht gilt es dabei, auch bei der wohl erst in einigen Jahrzehnten erfolgreichen Stabilisierung der Geburtenraten ohne Wenn und Aber die Freiheiten und Menschenwürde von Mädchen und Frauen zu bewahren. Die Unterstützung und Förderung von Familien halte ich für klug, lehne jedoch jede Form von Druck oder gar Zwang gegen Menschen ab, die wenige oder keine Kinder haben wollen.</p> <p><a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Bei der chinesischen Neujahrsgala 2026 ins &quot;Jahr des Feuerpferdes&quot; führten Kinder und Roboter eine gemeinsame Kung-Fu-Darbietung auf. Ein humanoider Roboter mit Schwert reicht einem Jungen die Hand." decoding="async" height="843" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1283px) 100vw, 1283px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand.jpg 1283w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand-300x197.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand-1024x673.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand-768x505.jpg 768w" width="1283"></img></a></p> <p><em>Freiheit &amp; Menschenwürde. Bei <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/china-zwischen-demografischer-geburtenimplosion-und-ki-robotik-zukunft/">der chinesischen Neujahrsgala 2026 ins „Jahr des Feuerpferdes“ führten Kinder und Roboter eine gemeinsame Kung-Fu-Darbietung</a> auf. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>In einem Interview mit Studentinnen der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg beschrieb ich meine an dieser Stelle kompromisslose Haltung dazu wie folgt:</p> <p><em>„Die Menschenwürde ist unantastbar, dafür will ich kämpfen. Es geht darum, dass man in unserem Land in Frieden vielfältig und ohne Angst jüdisch, christlich, muslimisch, jesidisch oder nicht religiös sein kann. Auch schwarz oder weiß, Mann oder Frau, kinderlos oder kinderreich.“</em></p> <p><a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Dr. Michael Blume im Bild und Gespräch mit drei Studentinnen der EH Ludwigsburg, deren Gesichter nicht zu sehen sind. Darunter das Interview-Zitat &quot;Es gibt keine glücklichen Hater&quot; auf focus.de" decoding="async" height="636" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 935px) 100vw, 935px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621.jpeg 935w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621-300x204.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621-768x522.jpeg 768w" width="935"></img></a></p> <p><em>Das <a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html" rel="noopener">Interview mit drei Studierenden der EH Ludwigsburg erschien im März 2026 bei focus.de unter der Überschrift: „Es gibt keine glücklichen Hater“</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Nach aller Erfahrungen auch in <strong>der interdisziplinären Evolutionsforschung</strong> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-im-jahr-des-feuerpferdes-trumps-iran-kharg-desaster/"><strong>Arbeiten zu erneuerbaren Friedensenergien</strong> auch im Kontext des <strong>Irankrieges</strong></a> ist mir völlig klar, dass sich Wissen nur sehr langsam verbreitet. Aber wenn Sie bis hierher gelesen haben, vielleicht gar bereits dialogisch mitdiskutieren – dann sind Sie bereits dabei!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/Iy9J9ddelVw?feature=oembed&amp;rel=0" title="Evolution der Religion - Aus Quarks &amp; Co. 2014" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Wie die fossile Industrialisierung Familien spaltete - und HomeOffice heute zu mehr Kindern führt » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Noch bevor ich die gute Nachricht selber entdeckt hatte, hatte <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-51-arbeit-demografie-und-deindustrialisierung-am-beispiel-japan/#comment-199722">der wunderbare @Hui Haunebuh sie bereits zu einer Folge von Blume &amp; Ince kommentiert</a>:</p> <p><em>Homeoffice steigert die Geburtenrate? Wie cool ist das denn! <img alt="😀" decoding="async" role="img" src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/svg/1f600.svg"></img></em></p> <p>Der Link führte zu <a href="https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/ifo-studie-homeoffice-steigert-die-geburtenrate-a-46ae46a5-2b68-4088-b285-69e96138a15b" rel="noopener">einem SPIEGEL-Artikel <em>„Homeoffice steigert die Geburtenrate“</em></a>, über den ich wiederum <a href="https://www.ifo.de/DocDL/cesifo1_wp12533.pdf" rel="noopener">das (inhaltlich hervorragende) Arbeitspapier des Ifo-Institutes München</a> fand:</p> <p><em>Aksoy, Barrero et al. (2026): <a href="https://www.ifo.de/DocDL/cesifo1_wp12533.pdf" rel="noopener"><strong>Work from Home and Fertility. </strong></a></em><em>CESIfo Working Papers, 5.3.2026</em></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-51-arbeit-demografie-und-deindustrialisierung-am-beispiel-japan/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Screenshot aus Blume &amp; Ince Folge 51: Dr. Michael Blume links und Prof. Dr. Inan Ince rechts diskutieren Aussagen von Bundeskanzler Friedrich Merz (Mitte) gegen &quot;Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche&quot;." decoding="async" height="776" sizes="(max-width: 1289px) 100vw, 1289px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce51FriedrichMerzMehrArbeitenThese.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce51FriedrichMerzMehrArbeitenThese.jpg 1289w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce51FriedrichMerzMehrArbeitenThese-300x181.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce51FriedrichMerzMehrArbeitenThese-1024x616.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce51FriedrichMerzMehrArbeitenThese-768x462.jpg 768w" width="1289"></img></a><aside></aside></p> <p><em>Ist <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-51-arbeit-demografie-und-deindustrialisierung-am-beispiel-japan/">nur Erwerbsarbeit „echte Arbeit“? In Folge 51 von „Blume &amp; Ince“ diskutierten der Prof und ich am Beispiel Japan „die Frage nach Arbeit als Lifestyle“</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Nach starken Auswertungen einer breiten und international vergleichenden Datenbasis konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler überzeugend auf Seite 22 feststellen:</p> <p><em>Individuals who work from home (WFH) at least one day a week have higher realized and expected fertility in the post-pandemic era. Fertility is higher yet if their partner also works from home at least one day a week. These patterns hold in our U.S. Survey of Working Arrangements and Attitudes and in our 38-country Global Survey of Working Arrangements.<br></br>Using G-SWA data, we estimate that lifetime fertility is greater by 0.32 children per woman when both partners WFH one or more days per week as compared to the case where neither does.</em></p> <p>In deutscher Übersetzung:</p> <p><em>Personen, die mindestens einen Tag pro Woche von zu Hause aus arbeiten (Homeoffice), haben in der Zeit nach der Pandemie eine höhere realisierte und erwartete Fertilität. Die Fertilität ist noch höher, wenn auch ihr Partner / ihre Partnerin mindestens einen Tag pro Woche von zu Hause aus arbeitet. Diese Muster zeigen sich sowohl in unserer US-Umfrage zu Arbeitsarrangements und Einstellungen als auch in unserer Globalen Umfrage zu Arbeitsarrangements in 38 Ländern. Mithilfe der G-SWA-Daten schätzen wir, dass die lebenslange Fertilität um 0,32 Kinder pro Frau höher ist, wenn beide Partner mindestens einen Tag pro Woche im Homeoffice arbeiten, verglichen mit der Situation, in der keiner von beiden dies tut.</em></p> <p>Diese Studie halte ich für so gut gemacht, dass sie uns auch dazu hilft, <strong>die demografische Zerspaltung der europäischen Familien durch die fossile Industrialisierung im späten 18. und 19. Jahrhundert </strong>zu verstehen.</p> <p>Damals wurde die bis dahin überwiegende Wirtschaftsform des familieneigenen Hofes und Hauses (<em>griechisch <strong>Oikos</strong>, daher der Begriff der <strong>Ökonomie</strong>, aber auch der <strong>Ökologie</strong> und <strong>Ökumene</strong></em>) abgelöst durch die Lohn- und Fabrikarbeit: Familien- und Pflegearbeit, die vor allem durch Frauen geleistet wurde, wird seitdem kaum noch bezahlt und nur noch Lohnarbeit gilt als „eigentliche“ Arbeit.</p> <p>BWL-Prof. Dr. <a href="https://blumeundince.podigee.io/30-new-episode" rel="noopener"><strong>Inan Ince</strong> und besprachen dies in Folge 28 von <em><strong>Blume &amp; Ince</strong></em> anhand eines wichtigen Artikels von Prof. Dr. <strong>Ulrike Knobloch</strong></a>: <em>Wer zuhause Kinder erzieht oder Angehörige pflegt, arbeitet in der industriellen Definition „nicht“ und wird also auch nicht (oder kaum) bezahlt. Wer dagegen die Kinder anderer Leute in einem Kindergarten erzieht oder als Pflegekraft in einem Seniorenheim tätig ist, arbeitet und wird dafür bezahlt.</em></p> <p>Dieser Prozess <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/b-wie-berlin-babylon-preussen-und-der-fossile-faschismus/">der <strong>anfangs Kohle-befeuerten Industrialisierung</strong> eskalierte zuerst in <strong>Großbritannien</strong> und griff dann über <strong>Frankreich</strong> nach <strong>Preußen</strong></a>, in die <strong>USA</strong>, nach <strong>Japan</strong> und den Rest der Welt aus – bis heute. </p> <p>In seinem <a href="https://www.rowohlt.de/buch/sven-beckert-kapitalismus-9783498005917" rel="noopener">großen Werk <strong>„Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution“ </strong>(Rowohlt 2025) führte <strong>Sven Beckert</strong></a> diese <strong>„industrielle Revolution“</strong> auf vier Faktoren zurück: </p> <ol> <li>Die <strong>Zunahme von Lohnarbeit</strong> statt der bisherigen Naturallöhne</li> <li>Die <strong>Einrichtung von Fabriken</strong> außerhalb des „Oikos“</li> <li>Der <strong>Einsatz fossiler Brennstoffe</strong>, anfangs v.a. Kohle, später Erdöl und Erdgas</li> <li>Stetiges, <strong>säkulares Wirtschaftswachstum </strong>(unterbrochen von Krisen und Rezessionen)</li> </ol> <p>Auf Seite 368 („Der große Sprung“) heißt es präzise:</p> <p><em>„Als die Kapitalbesitzer fossile Brennstoffe mit Lohnarbeit und Fabrikproduktion kombinierten, lösten sie in einigen Teilen der Welt ein beschleunigtes und nahezu kontinuierliches Wirtschaftswachstum aus – das vierte Charakteristikum der Industriellen Revolution.</em></p> <p><em>Technische Verbesserungen steigerten die Produktivität der menschlichen Arbeitskraft, und das oftmals drastisch, die Menschen arbeiteten länger und härter, und alles zusammen sorgte für eine größere Menge an Produkten und Dienstleistungen – für immer noch mehr Baumwollstoffe, Eisenträger, Eisenbahnreisen sowie Häuser und Wohnungen. Dieses Wirtschaftswachstum hat, abgesehen von ein paar vorübergehenden Unterbrechungen, bis zum heutigen Tag angehalten.“</em></p> <p>Selbstverständlich gab es gegen <strong><em>diese brutale Zerspaltung der Oikos-Familien</em></strong> auch Widerstände – etwa <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Luddismus" rel="noopener">die Maschinenstürmer-<strong>Ludditen</strong> in <strong>Großbritannien</strong></a>, der <a href="https://www.geschichte-abitur.de/lexikon/uebersicht-restauration-vormaerz/schlesischer-weberaufstand" rel="noopener">Aufstand der Schlesischen Weber 1844 in <strong>Preußen</strong></a> und schließlich die <strong>Arbeiterbewegung</strong> mit Gewerkschaften, kommunistischen und sozialdemokratischen Parteien. In vielen industrialisierten Staaten <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-aus-dem-ehemaligen-preussen-warum-deutscher-energieglauben-auch-regional-gepraegt-ist/">steigerten sich „Eisen-und-Blut“-Ideologien zum <strong>fossilen Faschismus</strong></a>.</p> <p>Und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-26-von-elon-musk-und-alfred-hugenberg/">in <strong>Deutschland</strong> verbündeten sich fossile Konzernbosse um den DNVP-Preußen <strong>Alfred Hugenberg</strong> (1865 – 1941) mit dem antisemitischen „Führer“ <strong>Adolf Hitler </strong>(1889 – 1945)</a> der Nationalsozialistischen „Arbeiter“-Partei Deutschlands, NSDAP. Dieser stürzte die Welt in den zweiten Weltkrieg und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-menschenwuerde-aller-zwei-podcasts-nach-grafeneck/">die Massenmorde des Holocaust an Abertausenden Menschen mit Behinderungen und Erkrankungen, an Hunderttausenden Sinti und Roma und an Millionen Jüdinnen und Juden</a>.</p> <p><em data-wp-editing="1"><img alt="" decoding="async" height="2560" sizes="(max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2187-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2187-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2187-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2187-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2187-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2187-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img> </em></p> <p><em data-wp-editing="1">Der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/franz-neumann-1900-1954-und-die-oel-obsession-der-nationalsozialisten/">als Jude NS-verfolgte SPD-Wirtschaftsjurist <strong>Franz Neumann</strong> (1900 – 1954) analysierte den fossilen und Öl-gierigen Nationalsozialismus nach dem biblischen Ungeheuer des „<strong>Behemoth</strong>„</a>. Foto einer US-Neuauflage des Buches: Michael Blume</em></p> <p>Bis heute behaupten Stimmen des <strong>Fossilismus</strong>, dass <strong>die fossilen Gewaltenergien Kohle, Erdöl, Erdgas und Atomkraft <em>„billig“</em></strong> wären. Doch sie erschienen nur günstig, da ihre <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-23-externalisierung-in-oekonomie-und-psychologie/">Kosten auf die Zukunft, die Mitwelt (Treibhausgase, Sondermüll) und die Mitmenschen (Gewaltregime, fossil finanzierte Kriege) externalisiert</a> wurden.</p> <p>Zudem <strong>blieben im eskalierenden Fossilismus die Familien auf der Strecke </strong>– sowohl <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-kann-nicht-alleine-militaerisch-besiegt-werden-er-ist-staerker-als-kapitalismus-und-sozialismus/">in kapitalistischen wie in kommunistischen Systemen wurden Männer und Frauen in die Erwerbsarbeit gepresst</a>, während die Geburtenraten immer schneller einbrachen. Wenige wurden überreich, wogegen die meisten relativ verarmten.</p> <p>Heute höre ich von jungen Menschen: <em>Unsere Großeltern konnten sich ein Haus mit einem Gehalt leisten, meine Eltern mit zwei Gehältern – wir werden niemals eines bauen können. </em>Das hält fossile Konzernlobbyist:innen in der Politik – auch in der derzeitigen Bundespolitik – nicht davon ab, von den Menschen noch mehr Erwerbsarbeit zu fordern und mit rechtslibertären Begriffen wie „Lifestyle-Teilzeit“ die Familien- und Pflegearbeit, aber auch das demokratische und religiöse Ehrenamt weiter zu verhöhnen.</p> <p>In den 2010er Jahren überschritten wir so schließlich auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/peak-child-zeitenumbruch-auch-durch-die-saekulare-geburtenimplosion/">den <strong><em>Peak Child-Kindergipfel</em></strong> – seitdem sinkt die Zahl der Kinder weltweit</a>. Zu den <strong>Ergebnissen der säkularen Geburtenimplosion</strong> gehört eine um sich greifende <strong>Nachfragekrise</strong>: Immer mehr Staaten wie <strong>China</strong>, <strong>Japan</strong> und auch <strong>Deutschland</strong> „müssen“ exportieren, weil die Binnen-Nachfrage im eigenen Land auch mangels junger Menschen längst schwindet. Das <strong>vermeintlich ewige, fossile Wachstum</strong> stößt an sein planetarisches und <strong>auch demografisches Ende</strong>, an <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-51-arbeit-demografie-und-deindustrialisierung-am-beispiel-japan/">immer mehr Orten der Welt setzt <strong>Deindustrialisierung</strong></a> ein. <strong><em>Autos kaufen keine Autos.</em></strong></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/peak-child-zeitenumbruch-auch-durch-die-saekulare-geburtenimplosion/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die Datengrafik zeigt auf Basis von UN-Daten das Abknicken der Kinderzahl in den 2010er Jahren (unten grün), das schnell auch auf die Unter-15-Jährigen (rot) und die Unter-25-Jährigen (blau) übergreifen wird." decoding="async" height="905" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 905px) 100vw, 905px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025.jpg 905w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-768x768.jpg 768w" width="905"></img></a></p> <p><em>Auch nach den offiziellen und mutmaßlich überschätzten Zahlen der Vereinten Nationen (UN) überschritt <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/peak-child-zeitenumbruch-auch-durch-die-saekulare-geburtenimplosion/">die Weltbevölkerung zwischen 2012 und 2017 den Peak-Child-Kindergipfel, seitdem sinkt die Zahl der Kinder weltweit</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Schon jetzt beginnen immer mehr Regionen der Welt demografisch zu schrumpfen – beschleunigt noch durch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-im-jahr-des-feuerpferdes-trumps-iran-kharg-desaster/">die Abertausenden Getöteten in fossil finanzierten Kriegen von <strong>Putin-Russland</strong> gegen die <strong>Ukraine</strong>, im <strong>Libanon</strong>, <strong>Iran</strong>, im <strong>Sudan</strong></a> usw. Um so lange wie möglich von der fossilen Karbonblase zu profitieren, befördern Öl-, Gas- und Waffenkonzerne Reaktanz, Desinformation, Verschwörungsmythen und Gewalt.</p> <p><a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/verschwoerungsmythen-011573.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das weiße Cover des Buches &quot;Verschwörungsmythen. Woher sie kommen, was sie anrichten, wie wir ihnen begegnen können&quot; von Dr. Michael Blume mit dem roten Aufkleber &quot;SPIEGEL Bestseller-Autor&quot;." decoding="async" height="2560" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0863-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0863-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0863-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0863-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0863-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0863-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></a></p> <p><em>Auch in <a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/verschwoerungsmythen-011573.html" rel="noopener">der Neuausgabe von „Verschwörungsmythen“ (2025) warne ich vor dem gezielten Einsatz antisemitischer und antidemokratischer Verschwörungserzählungen für die Zwecke von Fossilismus, Spaltung und Gewalt</a>. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Bereits jetzt hat auch <strong>ein Kampf um die Verteilung der Produktivitätsgewinne durch KI (sog. Künstliche Intelligenz) </strong>begonnen. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wokepedia-vorwurf-elon-musk-attackiert-das-fediversum-wikipedia/">Milliardäre wie <strong>Elon Musk</strong></a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-katechon-glauben-zum-dritten-reich-in-deutschland-russland-usa-einfach-erklaert/">„Katechon“-<strong>Peter Thiel</strong></a> versuchen mit oft brutalen Mitteln, ihren Überreichtum abzusichern und auszubauen.</p> <p>Doch in der aktuellen, sehr lesenswerten <a href="https://www.spektrum.de/inhaltsverzeichnis/musik-wie-sie-auf-gehirn-und-koerper-wirkt-gehirn-und-geist-4-2026/2289581" rel="noopener">Ausgabe 04/2026 von <em>„Gehirn &amp; Geist“</em> findet sich auch ein sehr lesenswertes Interview von <strong>Corinna Hartmann</strong> mit dem Soziologen <strong>Prof. Dr. Florian Butollo </strong></a>zu den Gefahren und auch Chancen der <strong>KI-Revolution: <em>„Wir könnten halb soviel arbeiten“.</em></strong></p> <p><a href="https://www.spektrum.de/inhaltsverzeichnis/musik-wie-sie-auf-gehirn-und-koerper-wirkt-gehirn-und-geist-4-2026/2289581" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Seitenanfang der Gehirn &amp; Geist-Ausgabe 04/2026 mit dem Interview &quot;KI-Revolution: Wir könnten halb so viel arbeiten&quot; von Corinna Hartmann mit Florian Butollo. Gezeigt wird, wie sich die Zeigefinger eines Roboters und eines Menschen berühren." decoding="async" height="1031" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2584-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2584-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2584-300x121.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2584-1024x412.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2584-768x309.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2584-1536x619.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2584-2048x825.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>In <a href="https://www.spektrum.de/inhaltsverzeichnis/musik-wie-sie-auf-gehirn-und-koerper-wirkt-gehirn-und-geist-4-2026/2289581" rel="noopener">Gehirn &amp; Geist 04/2026 findet sich auf den Seiten 28 bis 31 das lesenswerte Interview von Corinna Hartmann mit Florian Butollo: KI-Revolution „Wir könnten halb so viel arbeiten“</a>. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Darin sagt dieser unter anderem (und nach meiner Einschätzung völlig zu Recht), Seite 29:</p> <p><em>„Wenn die Prognose also stimmt, dass das Arbeitsvolumen nicht radikal einbricht und infolge des demografischen Wandels immer weniger Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, müssten wir uns eher vor einer Überlastung fürchten.</em></p> <p><em>Deshalb sollten wir uns weniger fragen, ob Arbeit verschwindet, sondern darüber reden, welche Arbeit wir als Gesellschaft überhaupt brauchen.</em></p> <p><em>Wir müssten entscheiden, was wirklich systemrelevant ist – und wo wir unbedingt menschliche Fähigkeiten einsetzen wollen, etwa in Pflege, Bildung, Dekarbonisierung oder sozialer Infrastruktur. Das ist die zentrale Frage der kommenden Jahre.“</em></p> <p>Ich stimme zu und gehe weiter: <em><strong>In den wenigen Solarpunk-Arche-Regionen, die im 21. Jahrhundert blühendes, menschliches Leben gewährleisten</strong></em> können, werden sich <strong><em>neue, post-fossile und besser kombinierbare Formen von Produktions- und Familienarbeit, von demokratischem und religiösem Ehrenamt</em></strong> entwickeln. </p> <p>Aus meiner Sicht gilt es dabei, auch bei der wohl erst in einigen Jahrzehnten erfolgreichen Stabilisierung der Geburtenraten ohne Wenn und Aber die Freiheiten und Menschenwürde von Mädchen und Frauen zu bewahren. Die Unterstützung und Förderung von Familien halte ich für klug, lehne jedoch jede Form von Druck oder gar Zwang gegen Menschen ab, die wenige oder keine Kinder haben wollen.</p> <p><a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Bei der chinesischen Neujahrsgala 2026 ins &quot;Jahr des Feuerpferdes&quot; führten Kinder und Roboter eine gemeinsame Kung-Fu-Darbietung auf. Ein humanoider Roboter mit Schwert reicht einem Jungen die Hand." decoding="async" height="843" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1283px) 100vw, 1283px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand.jpg 1283w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand-300x197.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand-1024x673.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand-768x505.jpg 768w" width="1283"></img></a></p> <p><em>Freiheit &amp; Menschenwürde. Bei <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/china-zwischen-demografischer-geburtenimplosion-und-ki-robotik-zukunft/">der chinesischen Neujahrsgala 2026 ins „Jahr des Feuerpferdes“ führten Kinder und Roboter eine gemeinsame Kung-Fu-Darbietung</a> auf. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>In einem Interview mit Studentinnen der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg beschrieb ich meine an dieser Stelle kompromisslose Haltung dazu wie folgt:</p> <p><em>„Die Menschenwürde ist unantastbar, dafür will ich kämpfen. Es geht darum, dass man in unserem Land in Frieden vielfältig und ohne Angst jüdisch, christlich, muslimisch, jesidisch oder nicht religiös sein kann. Auch schwarz oder weiß, Mann oder Frau, kinderlos oder kinderreich.“</em></p> <p><a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Dr. Michael Blume im Bild und Gespräch mit drei Studentinnen der EH Ludwigsburg, deren Gesichter nicht zu sehen sind. Darunter das Interview-Zitat &quot;Es gibt keine glücklichen Hater&quot; auf focus.de" decoding="async" height="636" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 935px) 100vw, 935px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621.jpeg 935w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621-300x204.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621-768x522.jpeg 768w" width="935"></img></a></p> <p><em>Das <a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html" rel="noopener">Interview mit drei Studierenden der EH Ludwigsburg erschien im März 2026 bei focus.de unter der Überschrift: „Es gibt keine glücklichen Hater“</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Nach aller Erfahrungen auch in <strong>der interdisziplinären Evolutionsforschung</strong> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-im-jahr-des-feuerpferdes-trumps-iran-kharg-desaster/"><strong>Arbeiten zu erneuerbaren Friedensenergien</strong> auch im Kontext des <strong>Irankrieges</strong></a> ist mir völlig klar, dass sich Wissen nur sehr langsam verbreitet. Aber wenn Sie bis hierher gelesen haben, vielleicht gar bereits dialogisch mitdiskutieren – dann sind Sie bereits dabei!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/Iy9J9ddelVw?feature=oembed&amp;rel=0" title="Evolution der Religion - Aus Quarks &amp; Co. 2014" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wie-die-fossile-industrialisierung-familien-spaltete-und-homeoffice-heute-zu-mehr-kindern-fuehrt/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>70</slash:comments> </item> <item> <title>Antifeministische Mobilisierung als Katalysator der extremen Rechten? https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/antifeministische-mobilisierung-als-katalysator-der-extremen-rechten/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/antifeministische-mobilisierung-als-katalysator-der-extremen-rechten/#comments Wed, 18 Mar 2026 13:16:14 +0000 Jessica Hoyer https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=405 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Stromkabel-scaled-e1773678481929-768x766.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/antifeministische-mobilisierung-als-katalysator-der-extremen-rechten/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Stromkabel-scaled-e1773678481929.jpg" /><h1>Antifeministische Mobilisierung als Katalysator der extremen Rechten? » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Von Jessica Hoyer</h2><div itemprop="text"> <p><strong><strong>Antifeminismus ist ein zentrales ideologisches Element der extremen Rechten. Er richtet sich gegen Gleichstellung und geschlechtliche Vielfalt und hält an traditionellen Geschlechter- und Familienbildern fest. Zugleich verbindet er als Brückenideologie extrem rechte, konservative und religiöse Akteur*innen und trägt so zur gesellschaftlichen Anschlussfähigkeit extrem rechter Positionen bei.</strong></strong></p> <p>Im Sommer 2025 sorgte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) mit einer Metapher für Schlagzeilen: „Ohne Auto, Maschinenbau und Chemie ist Deutschland wie eine Dame ohne Unterleib.“ Dieser Vergleich, der auf einer alte Jahrmarkt-Attraktion beruht, reduziert Frauen auf ihre Fortpflanzungsorgane und bemisst ihren Wert an ihrer Gebärfähigkeit. Er offenbart ein sexistisches und patriarchales Gesellschaftsbild, das Frauen nicht als selbstbestimmte Subjekte sieht, sondern sie auf ihre vermeintlich „natürliche“ Rolle reduziert. Trotz feministischer Erfolge seit Ende des 19. Jahrhunderts halten sich solche Geschlechterbilder hartnäckig – und quer durch die Gesellschaft.</p> <p>Maßnahmen, wie das in Bayern beschlossene Verbot geschlechtergerechter Sprache in Teilen der öffentlichen Verwaltung und an Schulen zeigen zudem, dass Auseinandersetzungen um Geschlecht und Gleichstellung zunehmend politisiert werden. Doch handelt es sich bei solchen Fällen nicht nur um veraltete Sprachbilder, überkommene gesellschaftliche Deutungsmuster und individuelle Denkweisen. Dahinter verbirgt sich ein größerer ideologischer Zusammenhang.</p> <h3><strong>Antifeminismus als Kernelement extrem rechter Ideologie</strong></h3> <p>Antifeministische Positionen zeigen sich auf unterschiedliche Arten und in diversen Ausprägungen insbesondere in konservativen, religiösen und extrem rechten Milieus. In der extremen Rechten ist der Antifeminismus zudem ein zentraler ideologischer Bestandteil. Geschlechterkonstruktionen und -‍‍verhältnisse nehmen dabei eine wichtige Rolle ein. Die Ideologie der extremen Rechten richtet sich gegen eine Gleichstellung der Geschlechter und lehnt geschlechtliche Vielfalt grundsätzlich ab. Stattdessen wird eine vermeintlich „natürliche“ Zweigeschlechtlichkeit mit spezifischen Rollenbildern und ein heteronormatives Familienbild aus Mann, Frau und Kind(ern) propagiert.</p> <p>Exemplarisch zeigt sich das auch in der programmatischen Ausrichtung der AfD sowie in öffentlichen Äußerungen von Parteivertreter*innen. „Genderwahn“ und „Gender-Ideologie“ sind zentrale Kampfbegriffe und in der Partei weit verbreitet. Ebenso die Behauptung, es gäbe nur zwei Geschlechter. Gender Studies werden als angeblich unwissenschaftlich und ideologiegetrieben diffamiert und deren Abschaffung gefordert.<aside></aside></p> <p>In der Ideologie der extremen Rechten wird der Frau eine reproduktive Rolle als Gebärerin und Erzieherin zugeschrieben, die dem Erhalt der „Volksgemeinschaft“ dient, während der Mann in soldatisch-kämpferischer Manier als deren Beschützer inszeniert wird. Für die Rechtfertigung dieser geschlechterstereotypischen Zuschreibungen zieht die extreme Rechte vermeintlich naturgegebene Unterschiede zwischen den Geschlechtern sowie biologische Merkmale heran. Diese gelten als unveränderlich und dienen zur Legitimation einer traditionellen Geschlechterordnung.</p> <h3><strong>Antifeminismus als Abwehrreaktion</strong></h3> <p>Zugleich wird das Familienbild rassistisch aufgeladen: die <em>weiße deutsche</em> Familie als „Keimzelle der Nation“ hat in diesem Weltbild die Funktion, die „Rasse“ zu erhalten. Der <em>weiße</em> Mann wird durchweg positiv, der Schwarze bzw. migrantisierte Mann als besonders triebhaft oder sexuell übergriffig dargestellt. Sexualisierte Gewalt wird so externalisiert und als spezifisches Problem bestimmter ethnischer und kultureller Gruppen imaginiert, während sich die „eigene“ Gruppe selbst entlastet und als schützende Instanz inszeniert.</p> <p>Antifeminismus ist eine Reaktion auf gesellschaftliche Modernisierungsprozesse, die u.a. durch den Feminismus vorangetrieben werden. Feministische Bewegungen zielen darauf ab, bestehende männlich dominierte Machtstrukturen und Hierarchien in der Gesellschaft sowie traditionelle Rollen- und Geschlechterbilder zu überwinden. Da geschlechtsspezifische Unterschiede im extrem rechten Weltbild als vermeintlich unveränderlich gelten, wird der Feminismus, genauso wie queere Lebensentwürfe und geschlechtliche Vielfalt, als „widernatürlich“ abgelehnt und als Feindbild betrachtet. Antifeminismus fungiert somit als Abwehrreaktion gegen den Verlust traditioneller Ordnungsvorstellungen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="575" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-1024x575.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-1024x575.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-300x168.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-768x431.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-1536x862.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-2048x1150.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Der Frauenkampftag am 8. März steht für diese andauernde Auseinandersetzung um Gleichstellung und geschlechtliche Vielfalt – wie hier 2025 in Regensburg. Foto: eben.widerspruch</em></figcaption></figure> <h3><strong>Gleichstellungsarbeit und Gender Studies unter Druck</strong></h3> <p>Auch Gleichstellungsarbeit und Gender Studies als Teil von Modernisierungsprozessen geraten ins Visier der extremen Rechten. Gleichstellungsarbeit nimmt strukturelle Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern in den Blick. Gender Studies untersuchen die Bedeutung von Geschlecht in Geschichte, Kultur, Politik, Gesellschaft, Technik und Wissenschaft sowie Geschlechterverhältnisse. Trotz ihrer unterschiedlichen Schwerpunkte sind beide Bereiche immer wieder Ziel ähnlicher Anfeindungen und Angriffe. Unser <a href="https://www.forgerex.de/forschungsthemen/rechtsextreme-einfluesse-auf-sozial-und-gleichstellungsarbeit-resag/" rel="noopener">Forschungsprojekt</a> untersucht, wie und in welchem Ausmaß extrem rechte Einflussnahmen auf Gleichstellungsarbeit und Gender Studies in Bayern wahrgenommen werden.</p> <p>Die Ergebnisse unserer Erhebung unter kommunalen und hochschulischen Gleichstellungsbeauftragten sowie unter Forschenden und Lehrenden der Gender Studies zeigen, dass Betroffene in beiden Bereichen häufig nicht ernst genommen werden. Neben Desinteresse und Geringschätzung begegnen insbesondere Gleichstellungsbeauftragte dem Vorwurf, ihre Arbeit sei überflüssig. Dahinter steckt oft die Vorstellung, Gleichstellung sei bereits erreicht, wodurch die Notwendigkeit weiterer Maßnahmen infrage gestellt wird. Zugleich nehmen antifeministische Einflussnahmen laut der Befragten seit einigen Jahren deutlich zu. Sie umfassen etwa die Infragestellung der fachlichen Kompetenz, Forderungen nach Abschaffung der Stellen, Störungen von Veranstaltungen, Sachbeschädigungen, verbale Angriffe, Bedrohungen und vereinzelt auch körperliche Übergriffe oder Doxing (Veröffentlichung privater Informationen). Viele Betroffene reagieren mit einem Rückzug aus öffentlichen und digitalen Räumen sowie aus wissenschaftlichen Diskursen. Sie berichten von Verunsicherung und gefühlter Isolation. Gleichzeitig sehen sich die meisten in ihrem Engagement bestärkt.</p> <h3><strong>Antifeminismus als Brückenideologie</strong></h3> <p>Unsere Ergebnisse zeigen, dass Einflussnahmen auf Gleichstellungsarbeit und Gender Studies nicht nur von der extremen Rechten ausgehen. Die Befragten beschreiben auch Anfeindungen und Angriffe aus der breiten Gesellschaft. Antifeminismus fungiert als verbindendes Element zwischen verschiedenen Akteur*innen und dient als Brücke zwischen konservativer, extremer und religiöser Rechter aber auch der sogenannten „gesellschaftlichen Mitte“. Deutlich wird dies beim <em>Marsch für das Leben</em>, der jährlich in mehreren deutschen Städten stattfindet. Hier kommen Abtreibungsgegner*innen aus dem fundamental christlichen, konservativen und extrem rechten Lager zusammen, um gegen das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche zu demonstrieren. Bei Demonstrationen des Netzwerks <em>Demo für Alle</em> gingen in mehreren Städten extrem rechte und konservative Antifeminist*innen gegen eine angebliche „Frühsexualisierung“ von Kindern (durch Sexualunterricht in der Grundschule), gegen die gleichgeschlechtliche Ehe für Alle und gegen eine angebliche „Gender-Ideologie“ auf die Straße. Der Begriff der „Gender-Ideologie“ ist bis in die CSU hinein verbreitet.</p> <p>Solche Schulterschlüsse bleiben nicht folgenlos. Die eingangs zitierte Aussage von Markus Söder verweist auf ein überholtes Geschlechter- und Gesellschaftsbild, das nicht nur auf extrem rechte Milieus beschränkt, sondern in weiten Teilen der Gesellschaft verbreitet ist. Wenn antifeministische Argumentationen gesamtgesellschaftlich akzeptiert werden, kann dies zu einer Normalisierung eben jener Positionen beitragen. So können Resonanzräume entstehen, die wiederum die Handlungsspielräume der extremen Rechten erweitern. Diese erkennt im Antifeminismus Potenzial, um konservative und bürgerliche Milieus anzusprechen und macht extrem rechte Positionen dadurch anschlussfähiger.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Stromkabel-scaled-e1773678481929.jpg" /><h1>Antifeministische Mobilisierung als Katalysator der extremen Rechten? » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Von Jessica Hoyer</h2><div itemprop="text"> <p><strong><strong>Antifeminismus ist ein zentrales ideologisches Element der extremen Rechten. Er richtet sich gegen Gleichstellung und geschlechtliche Vielfalt und hält an traditionellen Geschlechter- und Familienbildern fest. Zugleich verbindet er als Brückenideologie extrem rechte, konservative und religiöse Akteur*innen und trägt so zur gesellschaftlichen Anschlussfähigkeit extrem rechter Positionen bei.</strong></strong></p> <p>Im Sommer 2025 sorgte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) mit einer Metapher für Schlagzeilen: „Ohne Auto, Maschinenbau und Chemie ist Deutschland wie eine Dame ohne Unterleib.“ Dieser Vergleich, der auf einer alte Jahrmarkt-Attraktion beruht, reduziert Frauen auf ihre Fortpflanzungsorgane und bemisst ihren Wert an ihrer Gebärfähigkeit. Er offenbart ein sexistisches und patriarchales Gesellschaftsbild, das Frauen nicht als selbstbestimmte Subjekte sieht, sondern sie auf ihre vermeintlich „natürliche“ Rolle reduziert. Trotz feministischer Erfolge seit Ende des 19. Jahrhunderts halten sich solche Geschlechterbilder hartnäckig – und quer durch die Gesellschaft.</p> <p>Maßnahmen, wie das in Bayern beschlossene Verbot geschlechtergerechter Sprache in Teilen der öffentlichen Verwaltung und an Schulen zeigen zudem, dass Auseinandersetzungen um Geschlecht und Gleichstellung zunehmend politisiert werden. Doch handelt es sich bei solchen Fällen nicht nur um veraltete Sprachbilder, überkommene gesellschaftliche Deutungsmuster und individuelle Denkweisen. Dahinter verbirgt sich ein größerer ideologischer Zusammenhang.</p> <h3><strong>Antifeminismus als Kernelement extrem rechter Ideologie</strong></h3> <p>Antifeministische Positionen zeigen sich auf unterschiedliche Arten und in diversen Ausprägungen insbesondere in konservativen, religiösen und extrem rechten Milieus. In der extremen Rechten ist der Antifeminismus zudem ein zentraler ideologischer Bestandteil. Geschlechterkonstruktionen und -‍‍verhältnisse nehmen dabei eine wichtige Rolle ein. Die Ideologie der extremen Rechten richtet sich gegen eine Gleichstellung der Geschlechter und lehnt geschlechtliche Vielfalt grundsätzlich ab. Stattdessen wird eine vermeintlich „natürliche“ Zweigeschlechtlichkeit mit spezifischen Rollenbildern und ein heteronormatives Familienbild aus Mann, Frau und Kind(ern) propagiert.</p> <p>Exemplarisch zeigt sich das auch in der programmatischen Ausrichtung der AfD sowie in öffentlichen Äußerungen von Parteivertreter*innen. „Genderwahn“ und „Gender-Ideologie“ sind zentrale Kampfbegriffe und in der Partei weit verbreitet. Ebenso die Behauptung, es gäbe nur zwei Geschlechter. Gender Studies werden als angeblich unwissenschaftlich und ideologiegetrieben diffamiert und deren Abschaffung gefordert.<aside></aside></p> <p>In der Ideologie der extremen Rechten wird der Frau eine reproduktive Rolle als Gebärerin und Erzieherin zugeschrieben, die dem Erhalt der „Volksgemeinschaft“ dient, während der Mann in soldatisch-kämpferischer Manier als deren Beschützer inszeniert wird. Für die Rechtfertigung dieser geschlechterstereotypischen Zuschreibungen zieht die extreme Rechte vermeintlich naturgegebene Unterschiede zwischen den Geschlechtern sowie biologische Merkmale heran. Diese gelten als unveränderlich und dienen zur Legitimation einer traditionellen Geschlechterordnung.</p> <h3><strong>Antifeminismus als Abwehrreaktion</strong></h3> <p>Zugleich wird das Familienbild rassistisch aufgeladen: die <em>weiße deutsche</em> Familie als „Keimzelle der Nation“ hat in diesem Weltbild die Funktion, die „Rasse“ zu erhalten. Der <em>weiße</em> Mann wird durchweg positiv, der Schwarze bzw. migrantisierte Mann als besonders triebhaft oder sexuell übergriffig dargestellt. Sexualisierte Gewalt wird so externalisiert und als spezifisches Problem bestimmter ethnischer und kultureller Gruppen imaginiert, während sich die „eigene“ Gruppe selbst entlastet und als schützende Instanz inszeniert.</p> <p>Antifeminismus ist eine Reaktion auf gesellschaftliche Modernisierungsprozesse, die u.a. durch den Feminismus vorangetrieben werden. Feministische Bewegungen zielen darauf ab, bestehende männlich dominierte Machtstrukturen und Hierarchien in der Gesellschaft sowie traditionelle Rollen- und Geschlechterbilder zu überwinden. Da geschlechtsspezifische Unterschiede im extrem rechten Weltbild als vermeintlich unveränderlich gelten, wird der Feminismus, genauso wie queere Lebensentwürfe und geschlechtliche Vielfalt, als „widernatürlich“ abgelehnt und als Feindbild betrachtet. Antifeminismus fungiert somit als Abwehrreaktion gegen den Verlust traditioneller Ordnungsvorstellungen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="575" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-1024x575.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-1024x575.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-300x168.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-768x431.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-1536x862.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-2048x1150.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Der Frauenkampftag am 8. März steht für diese andauernde Auseinandersetzung um Gleichstellung und geschlechtliche Vielfalt – wie hier 2025 in Regensburg. Foto: eben.widerspruch</em></figcaption></figure> <h3><strong>Gleichstellungsarbeit und Gender Studies unter Druck</strong></h3> <p>Auch Gleichstellungsarbeit und Gender Studies als Teil von Modernisierungsprozessen geraten ins Visier der extremen Rechten. Gleichstellungsarbeit nimmt strukturelle Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern in den Blick. Gender Studies untersuchen die Bedeutung von Geschlecht in Geschichte, Kultur, Politik, Gesellschaft, Technik und Wissenschaft sowie Geschlechterverhältnisse. Trotz ihrer unterschiedlichen Schwerpunkte sind beide Bereiche immer wieder Ziel ähnlicher Anfeindungen und Angriffe. Unser <a href="https://www.forgerex.de/forschungsthemen/rechtsextreme-einfluesse-auf-sozial-und-gleichstellungsarbeit-resag/" rel="noopener">Forschungsprojekt</a> untersucht, wie und in welchem Ausmaß extrem rechte Einflussnahmen auf Gleichstellungsarbeit und Gender Studies in Bayern wahrgenommen werden.</p> <p>Die Ergebnisse unserer Erhebung unter kommunalen und hochschulischen Gleichstellungsbeauftragten sowie unter Forschenden und Lehrenden der Gender Studies zeigen, dass Betroffene in beiden Bereichen häufig nicht ernst genommen werden. Neben Desinteresse und Geringschätzung begegnen insbesondere Gleichstellungsbeauftragte dem Vorwurf, ihre Arbeit sei überflüssig. Dahinter steckt oft die Vorstellung, Gleichstellung sei bereits erreicht, wodurch die Notwendigkeit weiterer Maßnahmen infrage gestellt wird. Zugleich nehmen antifeministische Einflussnahmen laut der Befragten seit einigen Jahren deutlich zu. Sie umfassen etwa die Infragestellung der fachlichen Kompetenz, Forderungen nach Abschaffung der Stellen, Störungen von Veranstaltungen, Sachbeschädigungen, verbale Angriffe, Bedrohungen und vereinzelt auch körperliche Übergriffe oder Doxing (Veröffentlichung privater Informationen). Viele Betroffene reagieren mit einem Rückzug aus öffentlichen und digitalen Räumen sowie aus wissenschaftlichen Diskursen. Sie berichten von Verunsicherung und gefühlter Isolation. Gleichzeitig sehen sich die meisten in ihrem Engagement bestärkt.</p> <h3><strong>Antifeminismus als Brückenideologie</strong></h3> <p>Unsere Ergebnisse zeigen, dass Einflussnahmen auf Gleichstellungsarbeit und Gender Studies nicht nur von der extremen Rechten ausgehen. Die Befragten beschreiben auch Anfeindungen und Angriffe aus der breiten Gesellschaft. Antifeminismus fungiert als verbindendes Element zwischen verschiedenen Akteur*innen und dient als Brücke zwischen konservativer, extremer und religiöser Rechter aber auch der sogenannten „gesellschaftlichen Mitte“. Deutlich wird dies beim <em>Marsch für das Leben</em>, der jährlich in mehreren deutschen Städten stattfindet. Hier kommen Abtreibungsgegner*innen aus dem fundamental christlichen, konservativen und extrem rechten Lager zusammen, um gegen das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche zu demonstrieren. Bei Demonstrationen des Netzwerks <em>Demo für Alle</em> gingen in mehreren Städten extrem rechte und konservative Antifeminist*innen gegen eine angebliche „Frühsexualisierung“ von Kindern (durch Sexualunterricht in der Grundschule), gegen die gleichgeschlechtliche Ehe für Alle und gegen eine angebliche „Gender-Ideologie“ auf die Straße. Der Begriff der „Gender-Ideologie“ ist bis in die CSU hinein verbreitet.</p> <p>Solche Schulterschlüsse bleiben nicht folgenlos. Die eingangs zitierte Aussage von Markus Söder verweist auf ein überholtes Geschlechter- und Gesellschaftsbild, das nicht nur auf extrem rechte Milieus beschränkt, sondern in weiten Teilen der Gesellschaft verbreitet ist. Wenn antifeministische Argumentationen gesamtgesellschaftlich akzeptiert werden, kann dies zu einer Normalisierung eben jener Positionen beitragen. So können Resonanzräume entstehen, die wiederum die Handlungsspielräume der extremen Rechten erweitern. Diese erkennt im Antifeminismus Potenzial, um konservative und bürgerliche Milieus anzusprechen und macht extrem rechte Positionen dadurch anschlussfähiger.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/antifeministische-mobilisierung-als-katalysator-der-extremen-rechten/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>4</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeo Podcast: Das Rätsel der verdrehten Alpen https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/drunter-ueber-drueber-das-raetsel-der-verdrehten-alpen/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/drunter-ueber-drueber-das-raetsel-der-verdrehten-alpen/#comments Sun, 15 Mar 2026 05:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1852 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-8-768x768.jpg Bergkette aus grauem Gestein, mehrere Gipfel nebeneinander, im Gestein geht eine Linie von links nach rechts, darunter beginnen steile Schuttfelder mit Schnee, in der Ferne weitere Berge und Wolken. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/drunter-ueber-drueber-das-raetsel-der-verdrehten-alpen/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel_sl-5.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Das Rätsel der verdrehten Alpen » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag133-alpen-1.html#/" rel="noopener">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>Im 18. Jahrhundert galten die Alpen vielen als schrecklich und ihre Überquerung als Qual, die man, wenn überhaupt, schnell hinter sich brachte. Selbst auf die frühen Geologen wirkten die hohen Berge und ihre Gesteine gleichermaßen unangenehm und unübersichtlich. Was bedeuteten die geschichteten, gestapelten und gefalteten Gesteine? Wie waren sie in ihre heutige Lage gelangt? Wieso ist dort ein solches Gebirge entstanden?</p> <p>Karl beginnt eine mehrteilige Reise durch die Geschichte der Alpenforschung. In dieser ersten Folge geht es um eine natürliche Arena, die heute Tektonikarena Sardona heißt. Sie liegt zwischen den Schweizer Kantonen Glarus und Graubünden und ist mittlerweile weltberühmt. Es ist eine Gegend, die Forschern schon vor über 200 Jahren aufgefallen war. Denn dort gibt es etwas, das in der Natur eigentlich unmöglich zu sein schien: Alte Gesteine liegen auf neuen. Der Berg steht quasi verkehrt herum – und das verlangte eine Erklärung.<aside></aside></p> <p>Die Arena mitten in den Alpen ist etwas Besonderes, denn hier offenbart sich der geologische Bauplan des Gebirges. Bis dieser Plan entschlüsselt werden konnte, mussten die Forscher die Berge über ein Jahrhundert lang durchstreifen, ihre Messungen in Karten eintragen und die ermittelten Daten dann zum großen Ganzen zusammenfügen. Dabei mussten sie auch Hürden überwinden. Denn nicht nur das Gestein hat seine Eigenheiten, sondern auch das Ego der beteiligten Forscher, was die Lösung des Rätsels über Jahrzehnte zurückhielt.</p> <p>Erst im Jahr 1903 einigte man sich – und es ergab sich zum ersten Mal ein schlüssiges Bild: Demnach wurden Gesteine nicht nur verformt oder gefaltet. Vor allem wurden sie in sogenannten Decken übereinander geschoben. Die Architektur der Alpen und vieler anderer Gebirge war verstanden – und auch die Schichtenfolge im Osten der Schweiz erhielt ihren heutigen Namen und ihren Weltruhm: die Glarner Hauptüberschiebung. Eine maßstäbliche Kopie findet sich heute im Museum of Natural History in New York. Seit 2008 gehört die Bergkette zum Weltnaturerbe der UNESCO.</p> <h3>Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 28: <a href="https://astrogeo.de/ag028-die-alpen/" rel="noopener">Die Alpen</a></li> <li>Folge 83: <a href="https://astrogeo.de/das-dolomitproblem-wie-das-grosse-raetsel-geloest-wurde/" rel="noopener">Das Dolomitproblem: Wie das große Rätsel gelöst wurde</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Segnespass" rel="noopener">Segnespass</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alpen" rel="noopener">Alpen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Jakob_Scheuchzer" rel="noopener">Johann Jakob Scheuchzer</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Neptunismus" rel="noopener">Neptunismus</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Abraham_Gottlob_Werner" rel="noopener">Abraham Gottlob Werner</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tschingelh%C3%B6rner" rel="noopener">Tschingelhörner</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Martinsloch" rel="noopener">Martinsloch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Leopold_von_Buch_(Geologe)" rel="noopener">Leopold von Buch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bernhard_Studer_(Geologe)" rel="noopener">Bernhard Studer</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tektonik" rel="noopener">Tektonik</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Stratigraphie_(Geologie)" rel="noopener">Stratigrafie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Heim" rel="noopener">Albert Heim</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Falte_(Geologie)" rel="noopener">Falte (Geologie)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cberschiebung" rel="noopener">Überschiebung</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Glarner_Haupt%C3%BCberschiebung" rel="noopener">Glarner Hauptüberschiebung</a></li> <li>Webseite: <a href="https://www.rundumberge.ch/" rel="noopener">Jürg Meyer</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Fachbuch: Dominik Letsch &amp; Thomas Buckingham: <a href="https://nggl.ch/de/uuid/i/e9cf2616-ab32-536a-9c3c-b25065711ed1-Starre_Felsen_und_wankende_Gewissheiten" rel="noopener">Starre Felsen und wankende Gewissheiten: Anatomie einer 200-jährigen tektonischen Kontroverse</a>, Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaft des Kantons Glarus, Band XXIV (2025)</li> <li>Buch: Jim Ring: <a href="https://www.faber.co.uk/product/9780571276424-how-the-english-made-the-alps/" rel="noopener">How the English Made the Alps</a>, Faber and Faber Ltd (2012)</li> <li>Buch: Jürg Meyer: <a href="https://haupt.ch/aktuell/hauptautor-juerg-meyer-wie-berge-entstehen-und-vergehen" rel="noopener">Wie Berge entstehen und vergehen – in 30 Etappen durch die Alpengeologie</a>, Haupt-Verlag (2025)</li> </ul> <p>Episodenbild: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode" rel="noopener">CC-BY-SA 4.0</a> <a href="https://doi.org/10.3932/ethz-a-000041023" rel="noopener">ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_FC35-0002-082</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel_sl-5.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Das Rätsel der verdrehten Alpen » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag133-alpen-1.html#/" rel="noopener">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>Im 18. Jahrhundert galten die Alpen vielen als schrecklich und ihre Überquerung als Qual, die man, wenn überhaupt, schnell hinter sich brachte. Selbst auf die frühen Geologen wirkten die hohen Berge und ihre Gesteine gleichermaßen unangenehm und unübersichtlich. Was bedeuteten die geschichteten, gestapelten und gefalteten Gesteine? Wie waren sie in ihre heutige Lage gelangt? Wieso ist dort ein solches Gebirge entstanden?</p> <p>Karl beginnt eine mehrteilige Reise durch die Geschichte der Alpenforschung. In dieser ersten Folge geht es um eine natürliche Arena, die heute Tektonikarena Sardona heißt. Sie liegt zwischen den Schweizer Kantonen Glarus und Graubünden und ist mittlerweile weltberühmt. Es ist eine Gegend, die Forschern schon vor über 200 Jahren aufgefallen war. Denn dort gibt es etwas, das in der Natur eigentlich unmöglich zu sein schien: Alte Gesteine liegen auf neuen. Der Berg steht quasi verkehrt herum – und das verlangte eine Erklärung.<aside></aside></p> <p>Die Arena mitten in den Alpen ist etwas Besonderes, denn hier offenbart sich der geologische Bauplan des Gebirges. Bis dieser Plan entschlüsselt werden konnte, mussten die Forscher die Berge über ein Jahrhundert lang durchstreifen, ihre Messungen in Karten eintragen und die ermittelten Daten dann zum großen Ganzen zusammenfügen. Dabei mussten sie auch Hürden überwinden. Denn nicht nur das Gestein hat seine Eigenheiten, sondern auch das Ego der beteiligten Forscher, was die Lösung des Rätsels über Jahrzehnte zurückhielt.</p> <p>Erst im Jahr 1903 einigte man sich – und es ergab sich zum ersten Mal ein schlüssiges Bild: Demnach wurden Gesteine nicht nur verformt oder gefaltet. Vor allem wurden sie in sogenannten Decken übereinander geschoben. Die Architektur der Alpen und vieler anderer Gebirge war verstanden – und auch die Schichtenfolge im Osten der Schweiz erhielt ihren heutigen Namen und ihren Weltruhm: die Glarner Hauptüberschiebung. Eine maßstäbliche Kopie findet sich heute im Museum of Natural History in New York. Seit 2008 gehört die Bergkette zum Weltnaturerbe der UNESCO.</p> <h3>Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 28: <a href="https://astrogeo.de/ag028-die-alpen/" rel="noopener">Die Alpen</a></li> <li>Folge 83: <a href="https://astrogeo.de/das-dolomitproblem-wie-das-grosse-raetsel-geloest-wurde/" rel="noopener">Das Dolomitproblem: Wie das große Rätsel gelöst wurde</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Segnespass" rel="noopener">Segnespass</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alpen" rel="noopener">Alpen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Jakob_Scheuchzer" rel="noopener">Johann Jakob Scheuchzer</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Neptunismus" rel="noopener">Neptunismus</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Abraham_Gottlob_Werner" rel="noopener">Abraham Gottlob Werner</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tschingelh%C3%B6rner" rel="noopener">Tschingelhörner</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Martinsloch" rel="noopener">Martinsloch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Leopold_von_Buch_(Geologe)" rel="noopener">Leopold von Buch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bernhard_Studer_(Geologe)" rel="noopener">Bernhard Studer</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tektonik" rel="noopener">Tektonik</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Stratigraphie_(Geologie)" rel="noopener">Stratigrafie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Heim" rel="noopener">Albert Heim</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Falte_(Geologie)" rel="noopener">Falte (Geologie)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cberschiebung" rel="noopener">Überschiebung</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Glarner_Haupt%C3%BCberschiebung" rel="noopener">Glarner Hauptüberschiebung</a></li> <li>Webseite: <a href="https://www.rundumberge.ch/" rel="noopener">Jürg Meyer</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Fachbuch: Dominik Letsch &amp; Thomas Buckingham: <a href="https://nggl.ch/de/uuid/i/e9cf2616-ab32-536a-9c3c-b25065711ed1-Starre_Felsen_und_wankende_Gewissheiten" rel="noopener">Starre Felsen und wankende Gewissheiten: Anatomie einer 200-jährigen tektonischen Kontroverse</a>, Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaft des Kantons Glarus, Band XXIV (2025)</li> <li>Buch: Jim Ring: <a href="https://www.faber.co.uk/product/9780571276424-how-the-english-made-the-alps/" rel="noopener">How the English Made the Alps</a>, Faber and Faber Ltd (2012)</li> <li>Buch: Jürg Meyer: <a href="https://haupt.ch/aktuell/hauptautor-juerg-meyer-wie-berge-entstehen-und-vergehen" rel="noopener">Wie Berge entstehen und vergehen – in 30 Etappen durch die Alpengeologie</a>, Haupt-Verlag (2025)</li> </ul> <p>Episodenbild: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode" rel="noopener">CC-BY-SA 4.0</a> <a href="https://doi.org/10.3932/ethz-a-000041023" rel="noopener">ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_FC35-0002-082</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/drunter-ueber-drueber-das-raetsel-der-verdrehten-alpen/#comments 1 Der US-Christdemokrat James Talarico (Texas) im Dialog mit NYT-Blogger Ezra Klein https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-us-christdemokrat-james-talarico-texas-im-dialog-mit-nyt-blogger-ezra-klein/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-us-christdemokrat-james-talarico-texas-im-dialog-mit-nyt-blogger-ezra-klein/#comments Sun, 15 Mar 2026 00:15:31 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11124 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/EzraKleinJamesTalarico012026-768x461.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-us-christdemokrat-james-talarico-texas-im-dialog-mit-nyt-blogger-ezra-klein/</link> </image> <description type="html"><h1>Der US-Christdemokrat James Talarico (Texas) im Dialog mit NYT-Blogger Ezra Klein » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-03-15T01:15:31+01:00">15. März 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 3 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Seit langem mache ich nicht nur als Wissenschaftler die Erfahrung: <strong>Viele Konservative fürchten die Wissenschaft(en) aus Reaktanz, viele Progressive fürchten die Religion(en) aus Arroganz.</strong></p> <p>Beides hat enorm <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/peak-child-zeitenumbruch-auch-durch-die-saekulare-geburtenimplosion/">zur demografischen und politischen Polarisierung der Weltbevölkerung beigetragen, die sich derzeit in einer beschleunigten Säkularisierung und säkularen Geburtenimplosion</a> befindet. Wie ich schon in <a href="https://www.spektrum.de/magazin/homo-religiosus/982255" rel="noopener"><em>„Homo religiosus“</em> (2009) zur Evolutionsgeschichte der Religiosität</a> feststellen konnte: <strong>Säkulare haben im Durchschnitt mehr wissenschaftliche Argumente, aber Religiöse haben im Durchschnitt mehr Kinder.</strong> Und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/biokulturelle-evolution/">die biokulturelle Evolution</a> geht weiter.</p> <p><a href="https://www.spektrum.de/magazin/homo-religiosus/982255" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die Nachbildung eines steinzeitlichen Homo neanderthalensis in der Mitte, links davon Dr. Michael Blume. Foto aus dem Vogelherdhöhle-Park, 2017" decoding="async" height="2448" sizes="(max-width: 3264px) 100vw, 3264px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeHomosapiensVogelherd2017-e1492581254823.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeHomosapiensVogelherd2017-e1492581254823.jpg 3264w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeHomosapiensVogelherd2017-e1492581254823-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeHomosapiensVogelherd2017-e1492581254823-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeHomosapiensVogelherd2017-e1492581254823-1024x768.jpg 1024w" width="3264"></img></a></p> <p><em><a href="https://youtu.be/Iy9J9ddelVw" rel="noopener">Evolution und Religion schließen einander nicht aus</a>, sondern interagieren. 2017 mit einem Homo neanderthalensis <a href="https://www.weltkultursprung.de/hoehlen/lonetal/vogelherd/" rel="noopener">in einer Vogelherdhöhle-Ausstellung</a>. Foto: Michael Blume (privat)</em></p> <p>Im verkrusteten Zwei-Parteiensystem der USA erwächst derzeit aus <strong>Texas</strong> ein viel beachteter Politiker, der als christlicher Demokrat, Lehrer und presbyterianischer Theologe diese überkommene Frontstellung überwindet und damit tief in bisher republikanische Milieus einbricht: Der 1989 geborene Abgeordnete und inzwischen auch für die Senatswahlen im November nominierte <strong>James Talarico</strong>.<aside></aside></p> <p>Er spricht eine verständliche und auch für US-amerikanische Verhältnisse erstaunlich biblische, zugleich aber wissenschaftlich reflektierte Sprache und vertritt Positionen wie…</p> <ul> <li>Die in der US-Verfassung niedergelegte Trennung von Kirche und Staat sei <em>„sacred / heilig“</em>, da sie die Kirche(n) vor der Korruption durch Macht bewahre.</li> <li>Christlich-demokratische Politik müsse sich auf Nächsten- und sogar Feindesliebe und also auf die Hilfe für die Armen, Kranken und Ausgegrenzten fokussieren, wogegen <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/abtreibung-bin-prochoice-weil-ich-monistisch-religioes-und-rechtlich-prolife-bin/">etwa Abtreibung oder gleichgeschlechtliche Ehen in der Bibel überhaupt nicht erwähnt und also auch nicht verboten</a> würden.</li> <li>Entsprechend sei „christlicher Nationalismus“ ein Widerspruch und eine missbräuchliche Verdrehung der christlichen Botschaft.</li> <li><em>„<a href="https://youtu.be/kR4gfyPhDmY" rel="noopener">Die einzige Minderheit, die Amerika zerstört, sind die Milliardäre</a>.“</em></li> <li><em>„Die Kulturkriege sind eine Nebelwand. Denn <a href="https://youtu.be/oiTJ7Pz_59A&amp;t=839" rel="noopener" target="_blank">der echte Kampf in diesem Land ist nicht Links gegen Rechts, sondern Oben gegen Unten</a>.“</em></li> <li>Entsprechend nehme er auch kein Geld von Konzernen oder PAKS, sondern finanzierte seine Wahlkampagnen nur aus Spenden von Bürgerinnen und Bürgern.</li> <li>Der <em>„jüdische Rabbi Jesus“</em> habe nicht den richtigen Glauben, sondern die helfende, liebende Tat gefordert und entsprechend seien Zwang oder Manipulation gegenüber allen Menschen und auch gegenüber Anders- und Nichtglaubenden <em>„keine Liebe“</em> und also falsch.</li> <li><em>„Wenn Du die Bergpredigt liest – und ich betone erneut, dass Jesus etwas zur Bedeutung des Christentums zu sagen haben sollte -, dann ist er in dieser Predigt gleichzeitig der ultimative Konservative und der ultimative Progressive. Wie alle großen Lehrer bricht er uns aus dem dualistischen Denken heraus, das uns plagt.“</em> </li> </ul> <p>Dieses letzte Zitat findet sich <a href="https://www.youtube.com/watch?v=sa6fiO2EgJ4&amp;t=1857s" rel="noopener">ab Minute 31:31 in <strong>Talaricos</strong> Pod- und Videocast-Dialog mit dem jüdischen New York Times-Kolumnisten <strong>Ezra Klein</strong></a>. Dieses überaus gelungene, christlich-jüdische Dialog-Interview bildete <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-im-jahr-des-feuerpferdes-trumps-iran-kharg-desaster/">einen starken Auftakt des Jahres 2026</a>.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=sa6fiO2EgJ4" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Der jüdische Gastgeber Ezra Klein (links) &amp; der christliche Demokrat James Talarico (rechts) im intensiven Pod- und Videocast-Dialog der &quot;Ezra Klein Show&quot;, Januar 2026." decoding="async" height="779" sizes="(max-width: 1297px) 100vw, 1297px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/EzraKleinJamesTalarico012026.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/EzraKleinJamesTalarico012026.jpg 1297w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/EzraKleinJamesTalarico012026-300x180.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/EzraKleinJamesTalarico012026-1024x615.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/EzraKleinJamesTalarico012026-768x461.jpg 768w" width="1297"></img></a></p> <p><em>Der <a href="https://www.youtube.com/watch?v=sa6fiO2EgJ4" rel="noopener">jüdische Gastgeber Ezra Klein (links) &amp; der christliche Demokrat James Talarico (rechts) im intensiven Pod- und Videocast-Dialog der „Ezra Klein Show“</a>, Januar 2026. Screenshot: Michael Blume </em></p> <p>In wachsender Panik versuchten Trump-Getreue, <a href="https://www.youtube.com/watch?v=oiTJ7Pz_59A" rel="noopener">einen Auftritt von <strong>James Talarico</strong> in der beliebten Late-Show des Katholiken <strong>Stephen Colbert</strong></a> zu verhindern. Daraus erwuchs ein klassischer Streisand-Effekt – alleine <a href="https://www.youtube.com/watch?v=oiTJ7Pz_59A" rel="noopener">der YouTube-Stream des Colbert-Talarico-Gesprächs</a> schoss in den bisherigen drei Wochen auf über neun Millionen Abrufe!</p> <p>Auch <a href="https://www.youtube.com/watch?v=oh7DPSP65JA" rel="noopener">Colberts Abrechnung mit dem FCC und CBS dazu ist sehenswert</a>.</p> <p>Dennoch sagten bei <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116226970589675658" rel="noopener">meiner deutschsprachigen Mastodon-Umfrage seit gestern knapp zwei Drittel der Antwortenden</a>, dass sie von James Talarico „noch nie gehört“ hatten. Und <a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html" rel="noopener">der israelische Rechtsextremist und Cyberstalker Benjamin Weinthal regte sich gleich wieder in wirren Hassmails</a> darüber auf, dass ich überhaupt nach dem Trump-Vance-Angstgegner gefragt hatte. 🤭</p> <p><a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Drei Studentinnen der EH Ludwigsburg interviewten Dr. Michael Blume. Unter dem Foto das focus.de-Zitat: &quot;Es gibt keine glücklichen Hater&quot;" decoding="async" height="636" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 935px) 100vw, 935px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621.jpeg 935w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621-300x204.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621-768x522.jpeg 768w" width="935"></img></a></p> <p><em>Im <a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html" rel="noopener">focus-Interview mit drei Studierenden der EH Ludwigsburg sprach ich auch über den Umgang mit digitaler Gewalt und stellte fest: „Es gibt keine glücklichen Hater“</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Die Angst und Panik von Trump-MAGA-Rechtsdualisten vor dem demokratischen Abgeordneten und Senatskandidaten <strong>James Talarico</strong> ist also mit Händen zu greifen. Und sie motiviert mich als auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-eid-des-pr-sidenten/">als treuer Freund der USA (u.a. Gast bei der Inauguration von US-Präsident <strong>Barack Obama</strong> in Washington) sehr</a>. Gerne werde ich hier als Religions- und Politikwissenschaftler &amp; noch bei vielen weiteren Gelegenheiten über den bemerkenswerten Christ &amp; Demokraten <strong>James Talarico</strong> berichten. 🙂 </p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/oiTJ7Pz_59A?feature=oembed" title="Rep. James Talarico On Confronting Christian Nationalism, And Strange Days In The Texas Legislature" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Der US-Christdemokrat James Talarico (Texas) im Dialog mit NYT-Blogger Ezra Klein » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-03-15T01:15:31+01:00">15. März 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 3 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Seit langem mache ich nicht nur als Wissenschaftler die Erfahrung: <strong>Viele Konservative fürchten die Wissenschaft(en) aus Reaktanz, viele Progressive fürchten die Religion(en) aus Arroganz.</strong></p> <p>Beides hat enorm <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/peak-child-zeitenumbruch-auch-durch-die-saekulare-geburtenimplosion/">zur demografischen und politischen Polarisierung der Weltbevölkerung beigetragen, die sich derzeit in einer beschleunigten Säkularisierung und säkularen Geburtenimplosion</a> befindet. Wie ich schon in <a href="https://www.spektrum.de/magazin/homo-religiosus/982255" rel="noopener"><em>„Homo religiosus“</em> (2009) zur Evolutionsgeschichte der Religiosität</a> feststellen konnte: <strong>Säkulare haben im Durchschnitt mehr wissenschaftliche Argumente, aber Religiöse haben im Durchschnitt mehr Kinder.</strong> Und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/biokulturelle-evolution/">die biokulturelle Evolution</a> geht weiter.</p> <p><a href="https://www.spektrum.de/magazin/homo-religiosus/982255" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die Nachbildung eines steinzeitlichen Homo neanderthalensis in der Mitte, links davon Dr. Michael Blume. Foto aus dem Vogelherdhöhle-Park, 2017" decoding="async" height="2448" sizes="(max-width: 3264px) 100vw, 3264px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeHomosapiensVogelherd2017-e1492581254823.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeHomosapiensVogelherd2017-e1492581254823.jpg 3264w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeHomosapiensVogelherd2017-e1492581254823-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeHomosapiensVogelherd2017-e1492581254823-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeHomosapiensVogelherd2017-e1492581254823-1024x768.jpg 1024w" width="3264"></img></a></p> <p><em><a href="https://youtu.be/Iy9J9ddelVw" rel="noopener">Evolution und Religion schließen einander nicht aus</a>, sondern interagieren. 2017 mit einem Homo neanderthalensis <a href="https://www.weltkultursprung.de/hoehlen/lonetal/vogelherd/" rel="noopener">in einer Vogelherdhöhle-Ausstellung</a>. Foto: Michael Blume (privat)</em></p> <p>Im verkrusteten Zwei-Parteiensystem der USA erwächst derzeit aus <strong>Texas</strong> ein viel beachteter Politiker, der als christlicher Demokrat, Lehrer und presbyterianischer Theologe diese überkommene Frontstellung überwindet und damit tief in bisher republikanische Milieus einbricht: Der 1989 geborene Abgeordnete und inzwischen auch für die Senatswahlen im November nominierte <strong>James Talarico</strong>.<aside></aside></p> <p>Er spricht eine verständliche und auch für US-amerikanische Verhältnisse erstaunlich biblische, zugleich aber wissenschaftlich reflektierte Sprache und vertritt Positionen wie…</p> <ul> <li>Die in der US-Verfassung niedergelegte Trennung von Kirche und Staat sei <em>„sacred / heilig“</em>, da sie die Kirche(n) vor der Korruption durch Macht bewahre.</li> <li>Christlich-demokratische Politik müsse sich auf Nächsten- und sogar Feindesliebe und also auf die Hilfe für die Armen, Kranken und Ausgegrenzten fokussieren, wogegen <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/abtreibung-bin-prochoice-weil-ich-monistisch-religioes-und-rechtlich-prolife-bin/">etwa Abtreibung oder gleichgeschlechtliche Ehen in der Bibel überhaupt nicht erwähnt und also auch nicht verboten</a> würden.</li> <li>Entsprechend sei „christlicher Nationalismus“ ein Widerspruch und eine missbräuchliche Verdrehung der christlichen Botschaft.</li> <li><em>„<a href="https://youtu.be/kR4gfyPhDmY" rel="noopener">Die einzige Minderheit, die Amerika zerstört, sind die Milliardäre</a>.“</em></li> <li><em>„Die Kulturkriege sind eine Nebelwand. Denn <a href="https://youtu.be/oiTJ7Pz_59A&amp;t=839" rel="noopener" target="_blank">der echte Kampf in diesem Land ist nicht Links gegen Rechts, sondern Oben gegen Unten</a>.“</em></li> <li>Entsprechend nehme er auch kein Geld von Konzernen oder PAKS, sondern finanzierte seine Wahlkampagnen nur aus Spenden von Bürgerinnen und Bürgern.</li> <li>Der <em>„jüdische Rabbi Jesus“</em> habe nicht den richtigen Glauben, sondern die helfende, liebende Tat gefordert und entsprechend seien Zwang oder Manipulation gegenüber allen Menschen und auch gegenüber Anders- und Nichtglaubenden <em>„keine Liebe“</em> und also falsch.</li> <li><em>„Wenn Du die Bergpredigt liest – und ich betone erneut, dass Jesus etwas zur Bedeutung des Christentums zu sagen haben sollte -, dann ist er in dieser Predigt gleichzeitig der ultimative Konservative und der ultimative Progressive. Wie alle großen Lehrer bricht er uns aus dem dualistischen Denken heraus, das uns plagt.“</em> </li> </ul> <p>Dieses letzte Zitat findet sich <a href="https://www.youtube.com/watch?v=sa6fiO2EgJ4&amp;t=1857s" rel="noopener">ab Minute 31:31 in <strong>Talaricos</strong> Pod- und Videocast-Dialog mit dem jüdischen New York Times-Kolumnisten <strong>Ezra Klein</strong></a>. Dieses überaus gelungene, christlich-jüdische Dialog-Interview bildete <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-im-jahr-des-feuerpferdes-trumps-iran-kharg-desaster/">einen starken Auftakt des Jahres 2026</a>.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=sa6fiO2EgJ4" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Der jüdische Gastgeber Ezra Klein (links) &amp; der christliche Demokrat James Talarico (rechts) im intensiven Pod- und Videocast-Dialog der &quot;Ezra Klein Show&quot;, Januar 2026." decoding="async" height="779" sizes="(max-width: 1297px) 100vw, 1297px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/EzraKleinJamesTalarico012026.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/EzraKleinJamesTalarico012026.jpg 1297w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/EzraKleinJamesTalarico012026-300x180.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/EzraKleinJamesTalarico012026-1024x615.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/EzraKleinJamesTalarico012026-768x461.jpg 768w" width="1297"></img></a></p> <p><em>Der <a href="https://www.youtube.com/watch?v=sa6fiO2EgJ4" rel="noopener">jüdische Gastgeber Ezra Klein (links) &amp; der christliche Demokrat James Talarico (rechts) im intensiven Pod- und Videocast-Dialog der „Ezra Klein Show“</a>, Januar 2026. Screenshot: Michael Blume </em></p> <p>In wachsender Panik versuchten Trump-Getreue, <a href="https://www.youtube.com/watch?v=oiTJ7Pz_59A" rel="noopener">einen Auftritt von <strong>James Talarico</strong> in der beliebten Late-Show des Katholiken <strong>Stephen Colbert</strong></a> zu verhindern. Daraus erwuchs ein klassischer Streisand-Effekt – alleine <a href="https://www.youtube.com/watch?v=oiTJ7Pz_59A" rel="noopener">der YouTube-Stream des Colbert-Talarico-Gesprächs</a> schoss in den bisherigen drei Wochen auf über neun Millionen Abrufe!</p> <p>Auch <a href="https://www.youtube.com/watch?v=oh7DPSP65JA" rel="noopener">Colberts Abrechnung mit dem FCC und CBS dazu ist sehenswert</a>.</p> <p>Dennoch sagten bei <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116226970589675658" rel="noopener">meiner deutschsprachigen Mastodon-Umfrage seit gestern knapp zwei Drittel der Antwortenden</a>, dass sie von James Talarico „noch nie gehört“ hatten. Und <a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html" rel="noopener">der israelische Rechtsextremist und Cyberstalker Benjamin Weinthal regte sich gleich wieder in wirren Hassmails</a> darüber auf, dass ich überhaupt nach dem Trump-Vance-Angstgegner gefragt hatte. 🤭</p> <p><a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Drei Studentinnen der EH Ludwigsburg interviewten Dr. Michael Blume. Unter dem Foto das focus.de-Zitat: &quot;Es gibt keine glücklichen Hater&quot;" decoding="async" height="636" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 935px) 100vw, 935px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621.jpeg 935w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621-300x204.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621-768x522.jpeg 768w" width="935"></img></a></p> <p><em>Im <a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html" rel="noopener">focus-Interview mit drei Studierenden der EH Ludwigsburg sprach ich auch über den Umgang mit digitaler Gewalt und stellte fest: „Es gibt keine glücklichen Hater“</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Die Angst und Panik von Trump-MAGA-Rechtsdualisten vor dem demokratischen Abgeordneten und Senatskandidaten <strong>James Talarico</strong> ist also mit Händen zu greifen. Und sie motiviert mich als auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-eid-des-pr-sidenten/">als treuer Freund der USA (u.a. Gast bei der Inauguration von US-Präsident <strong>Barack Obama</strong> in Washington) sehr</a>. Gerne werde ich hier als Religions- und Politikwissenschaftler &amp; noch bei vielen weiteren Gelegenheiten über den bemerkenswerten Christ &amp; Demokraten <strong>James Talarico</strong> berichten. 🙂 </p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/oiTJ7Pz_59A?feature=oembed" title="Rep. James Talarico On Confronting Christian Nationalism, And Strange Days In The Texas Legislature" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-us-christdemokrat-james-talarico-texas-im-dialog-mit-nyt-blogger-ezra-klein/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>30</slash:comments> </item> <item> <title>Der Fossilismus im Jahr des Feuerpferdes – Trumps Iran-Kharg-Desaster https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-im-jahr-des-feuerpferdes-trumps-iran-kharg-desaster/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-im-jahr-des-feuerpferdes-trumps-iran-kharg-desaster/#comments Thu, 12 Mar 2026 23:04:25 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11116 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326-768x554.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-im-jahr-des-feuerpferdes-trumps-iran-kharg-desaster/</link> </image> <description type="html"><h1>Der Fossilismus im Jahr des Feuerpferdes - Trumps Iran-Kharg-Desaster » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Schon <a href="https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.sicherheit-in-baden-wuerttemberg-strobl-zum-krieg-im-iran-unsere-sicherheitsbehoerden-sind-besonders-wachsam.d0ded472-6f45-4383-bf77-25686821b89b.html" rel="noopener">am 3. März 2026 zitierte mich die Stuttgarter Zeitung</a> zum Angriff Israels und der USA auf <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-fossil-finanzierten-revolutionsgarden-als-die-heimlichen-herrscher-des-iran/">das fossile Revolutionsgarden-Regime des Iran</a>:</p> <p><em>Auch der Antisemitismusbeauftrage des Landes Baden-Württemberg, Michael Blume, rät zur Wachsamkeit. „Im Hinblick auf digitale und terroristische Gewalt in Baden-Württemberg befinden wir, die jüdischen Gemeinden, der Staatsschutz und die Polizeirabbiner uns im ständigen Austausch“, sagte er auf Nachfrage. „Meine Sorge gilt dabei weniger organisierten Zellen als digital Radikalisierten, manchmal leider auch sehr jungen Menschen.“</em></p> <p><em>Blume begrüßt zwar, dass die Mullahs in Bedrängnis sind. „Das iranische Regime hat erst im Januar Abertausende Protestierende ermordet und sollte gestürzt werden.“ Er warnt aber auch vor der Planlosigkeit der Angreifer Israel und USA: „Gleichwohl kennt die Politikwissenschaft keinen Fall, in dem ein antisemitisch beherrschter Fossilstaat ohne Bodentruppen zur Demokratie gebombt werden konnte.“</em></p> <p>Leider nicht in die Zeitung schafften es jedoch diese Sätze von mir:</p> <p><em>„Wer etwas für den Frieden tun will, sollte jetzt den Dialog stärken und durch erneuerbare Friedensenergien die fossile Finanzierung der iranischen Revolutionsgarden und auch von Putin beenden. Wir haben doch lange genug fossile Diktaturen und Terrorgruppen finanziert und sollten das auch für unsere israelischen und iranischen Verbündeten endlich beenden!“</em><aside></aside></p> <p><a href="https://youtu.be/F1nITBjZUAM" rel="noopener" target="_blank"><img alt="In dem Schaubild werden rechts erneuerbare Friedensenergien wie Sonne- und Windenergie und links fossile Gewaltenergien wie Erdöl und Erdgas vorgestellt. Deutlich wird, dass erneuerbare Friedensenergien Gewaltherrschern die Finanzen entziehen, Demokratie und Wohlstand stärken und durch Balkonsolar, Elektroautos und Sparmaßnahmen auch durch alle Menschen gefördert werden können. Dagegen finanzieren fossile Gewaltenergien Terror und Kriege, schaffen Abhängigkeiten und Polarisierungen und treiben den schon historischen Faschismus an." decoding="async" height="1429" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>In der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/im-landtag-bw-gegen-antisemitismus-meine-rede-zum-9-11-2023/">m.E. bisher wichtigsten Rede meines Lebens am 9. November 2023 brachte ich das Konzept der erneuerbaren Friedensenergien gegen den überwiegend fossil finanzierten Antisemitismus in den Landtag von Baden-Württemberg</a> ein. Schaubild mit NotebookLM: Michael Blume</em></p> <p>Das überrascht mich nun nicht besonders, denn schon im Juni 2025 hatte ich eine berufliche Pressemitteilung mit einer dringenden Warnung versandt: <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025_06_26_Blume_erneuerbare-Friedensenergien-2.pdf"><em>„<strong>Blume warnt: Iran und Russland nicht weiterhin fossil finanzieren!</strong> Erneuerbare Friedensenergien stärken die Sicherheit von Israel, Ukraine und der Europäischen Union (EU)“</em></a>. Praktisch keine Redaktion hatte sie aufgegriffen – niemand möchte Werbekunden verprellen und die eigene Leserschaft vermeintlich „überfordern“.</p> <p>Konkret hatte ich gewarnt:</p> <p><em>„<strong>Wir können die Regime in Russland und im Iran nicht alleine militärisch aufhalten, solange wir sie durch Erdgas und Erdöl finanzieren.</strong> Wie ich auch im Landtag von Baden-Württemberg schon gesagt habe, ist meine dringende Bitte an alle, zusätzlich zu militärischen Maßnahmen <strong>erneuerbare Friedensenergien und grünen Wasserstoffspeicher auszubauen und so die Finanzierung antisemitischer Regime und Terrorgruppen einzustellen. Staatliche Subventionierung von fossilen Rohstoffen wirken kontraproduktiv.</strong> Erneuerbare Energien gehören zur Kernkompetenz von Baden-Württemberg, stärken unsere Unabhängigkeit und die Sicherheit von Israel, der Ukraine und der Europäischen Union.“</em></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025_06_26_Blume_erneuerbare-Friedensenergien-2.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Pressemitteilung vom Juni 2025: &quot;Blume warnt: Iran und Russland nicht weiterhin fossil finanzieren. Erneuerbare Friedensenergien stärken die Sicherheit von Israel, Ukraine und Europäischer Union (EU)." decoding="async" height="1560" sizes="(max-width: 1125px) 100vw, 1125px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625.jpeg 1125w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625-216x300.jpeg 216w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625-738x1024.jpeg 738w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625-768x1065.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625-1108x1536.jpeg 1108w" width="1125"></img></a></p> <p><em>Pressemitteilung vom 26.06.2026 <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025_06_26_Blume_erneuerbare-Friedensenergien-2.pdf">„<strong>Blume warnt: Iran und Russland nicht weiterhin fossil finanzieren!</strong> Erneuerbare Friedensenergien stärken die Sicherheit von Israel, Ukraine und der Europäischen Union (EU)“</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Immerhin aber funktioniert die Wissensverbreitung durch das Fediverse. So fragten <a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html" rel="noopener">die Interviewerinnen der EH Ludwigsburg in einem Interview für focus.de</a> genau auch danach:</p> <p><em><strong>Sie setzen sich auch für die Energiewende ein, haben den Begriff der „erneuerbaren Friedensenergien“ erfunden. Wie passt das zusammen?</strong></em><br></br><em><strong>Michael Blume: </strong>Von fossilen Brennstoffen und autokratischen Regimen abhängig zu sein, ist nicht die Lösung. Deshalb spreche ich von erneuerbaren Friedensenergien. Wer etwas für Frieden tun will, kann auf der einen Seite Dialog und Bildung stärken, so wie Sie das an der Hochschule tun, aber auch Elektroauto fahren, eine Wärmepumpe einbauen, auf Fleisch und Flugreisen verzichten. Je weniger Öl und Gas wir verbrennen, umso friedlicher und besser wird unsere Zukunft. Ich bin ein Solarpunk. </em></p> <p><a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Dr. Michael Blume im Dialog mit drei Interviewerinnen, deren Gesichter jedoch nicht zu sehen sind. Darunter der Interviewtitel: &quot;Es gibt keine glücklichen Hater&quot; und der Hinweis auf focus.de" decoding="async" height="636" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 935px) 100vw, 935px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621.jpeg 935w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621-300x204.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621-768x522.jpeg 768w" width="935"></img></a></p> <p><em><a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html" rel="noopener">„Es gibt keine glücklichen Hater“, Interview mit drei Studentinnen der EH Ludwigsburg, erschienen am 2. März 2026 auf Focus.de</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Inzwischen haben sich die Warnungen längst bestätigt.</p> <p><strong>Der Angriff von Israel und den USA auf das fossile Regime des Iran hat bisher nicht zu dessen Sturz, sondern zu Raketen- und Drohnenangriffen auch auf arabische Nachbarländer, einer Wirtschafts-blockade der Straße von Hormus und zu einer weltweiten Preisexplosion von Erdöl und Erdgas geführt.</strong></p> <p>Ernsthafte Aufstände gegen das iranische Regime gibt es bisher nicht, stattdessen aber erstaunlich weitreichende Schläge des iranischen Regimes durch Drohnen und Raketen, tote Schülerinnen durch eine US-Tomahawk und <strong>hohe, fossile Gewinne für das Putin-Regime in Russland sowie für Öl-, Gas- und Rüstungskonzerne weltweit</strong>. Auch über Insidergeschäfte im Trump-Umfeld wird berichtet. Und das informelle Kartell deutscher Mineralölkonzerne sahnt sogar mit besonders saftigen Preiserhöhungen ab. Ein Teil dieser Extragewinne dürfte in den kommenden Jahren an die fossilen Lobbyistinnen und Lobbyisten in Politik, Medien, Verbänden und Wissenschaft fließen.</p> <p>Die <strong>höheren Preise zahlen weltweit vor allem jene Menschen, die noch immer Verbrennermotoren fahren sowie Öl- und Gasheizungen betreiben</strong> müssen. Aber die höheren Energie- und Transportkosten treiben auch <strong>die Geldentwertung (Inflation)</strong> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mehr-arbeiten-fossilismus-gegen-familien-demografie-deindustrialisierung/"><strong>beschleunigen die Deindustrialisierung</strong>, die aufgrund des Kindermangels und der folgenden Nachfragekrise</a> ohnehin um sich greift.</p> <p><strong>Der Fossilismus tötet</strong> – auch den Verstand der Fossilisten.</p> <p>Die <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116217230479020891" rel="noopener">zentrale</a> <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116217230479020891" rel="noopener"><strong>Ölinsel Kharg (deutsch: Charg)</strong></a> <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116217230479020891" rel="noopener">wurde dabei noch gar nicht bombardiert</a>, da <strong>Trump sie als Beute analog zu Venezuela</strong> haben wollte. Er soll angeblich auch jetzt noch den Einsatz von Spezialeinheiten zu ihrer Eroberung erwägen. Doch klar ist: Eine Zerstörung oder versuchte Eroberung von Kharg würde die Ölpreise auf Dauer anheben und damit auch die Wählerinnen und Wähler in den USA verärgern. Auch <a href="https://www.cnbc.com/amp/2026/03/11/iran-ships-oil-china-strait-hormuz-closure-.html" rel="noopener">lässt der <strong>Iran</strong> immer wieder Tanker Richtung <strong>Iran</strong> und <strong>China</strong> passieren</a> – die zu verärgern sich weder Israel noch die USA derzeit leisten wollen.</p> <p><a href="https://youtu.be/F1nITBjZUAM" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Foto von einem TV-Bericht &quot;Ölpreis steigt weiter&quot; vom 12.03.2026. Zu sehen ist eine Karte des Iran mit zwei explodierenden Tankern vor der Straße von Hormus. Angegeben wird, dass der Preis für die Ölsorte Brent auf über 100 Dollar angestiegen ist. Darüber hat Dr. Michael Blume mit einem gelben Punkt die Ölinsel Kharg eingezeichnet." decoding="async" height="642" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 890px) 100vw, 890px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326.jpg 890w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326-300x216.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326-768x554.jpg 768w" width="890"></img></a></p> <p><em>TV-Bericht über Angriffe auf westlich orientierte Tanker in der Straße von Hormus am 12.03.2026. Habe die Insel Kharg oben und die Beschriftung der Straße von Hormus hinzugefügt. Foto: Michael Blume in der Akademie für politische Bildung Tutzing</em></p> <p>Und schon jetzt machen begabte <a href="https://www.youtube.com/watch?v=43bV4rvXYUc" rel="noopener">US-Demokraten wie der texanische Abgeordnete und Senatskandidat <strong>James Talarico</strong> auf die enormen Kosten des Kriegsabenteuers aufmerksam</a>, das <strong>für Putin zur unverhofften, fossilen Einnahmequelle und für Trump zum Desaster</strong> zu werden droht.</p> <p><em>„Ich war in San Branch, Texas, eine Gemeinde südlich von Dallas, die kein fließendes Wasser hat. […] Uns wird immer erzählt, dass wir nicht genug Geld für Schulen, Gesundheit oder unsere Veteranen hätten. Aber es ist immer genug Geld da, um Menschen auf der anderen Seite der Welt zu bombardieren.“</em></p> <p>Aber auch fossil orientierte Politikerinnen und Politiker in der Europäischen Union sehen sich zunehmenden Fragen verärgerter Bürgerinnen und Bürger gegenüber. Es spricht sich jeden Tag mehr herum, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dekarbonisierungskugel-fuer-den-weltfrieden-meine-erste-erfahrungen-mit-dem-elektro-renault-zoe/">dass diejenigen von uns, die bereits in Wärmepumpen, Elektroautos, Photovoltaik-Anlagen und Batteriespeicher investieren konnten</a>, die finanziell, politisch und sogar militärisch klügeren Entscheidungen getroffen haben. <strong>Erneuerbare Energien sind Friedens- und Wohlstandsenergien.</strong></p> <p>Und mit jeder Woche, in der die höheren Öl- und Gaspreise den Menschen Kaufkraft entziehen und die Wirtschaft besonders der bereits alternden Gesellschaften lähmen, wächst die Wut.</p> <p>So bleibt mir, auf einen wunderschön bebilderten und <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/religion/tikkun-und-tianxia/" rel="noopener">eindrucksvollen Artikel von <strong>Valentin Lutset </strong>in der Jüdischen Allgemeinen vom 12.02.2026</a> hinzuweisen: <strong><a href="https://www.juedische-allgemeine.de/religion/tikkun-und-tianxia/" rel="noopener">Chinesisches Neujahr des Feuerpferdes – Tikkun und Tianxia</a>.</strong></p> <p><a href="https://www.juedische-allgemeine.de/religion/tikkun-und-tianxia/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das chinesische Feuerpferd-Jahr springt durch einen gelben Magen David. Teilseite der Jüdischen Allgemeinen vom 12.02.2026 zu &quot;Tikkun und Tianxia&quot; von Valentin Lutset." decoding="async" height="1928" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2576-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2576-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2576-300x226.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2576-1024x771.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2576-768x578.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2576-1536x1157.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2576-2048x1542.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Das <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/religion/tikkun-und-tianxia/" rel="noopener">chinesische Feuerpferd-Jahr springt durch einen gelben Magen David. Teilseite der Jüdischen Allgemeinen vom 12.02.2026 zu „Tikkun und Tianxia“ von Valentin Lutset</a>. Foto: Michael Blume in einem ICE der Deutschen Bahn </em></p> <p>In dem großartigen Artikel zu den auch im Judentum so wichtigen Kalenderfragen hieß es:</p> <p><em>Am Dienstag beginnen nun der jüdische Monat Adar und das chinesische Neujahr. Es ist kein gewöhnliches Jahr – denn es steht unter dem Zeichen des Feuerpferdes. Diese Jahre gelten als Zeiten intensiver gesellschaftlicher Bewegung, großer Innovationen, aber auch erhöhter Instabilität – als herausfordernde Übergangsphasen. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-4-zeit-und-kalender-zwischen-hoffnung-und-antisemitismus/"><strong>Das letzte Mal ereignete sich diese Konstellation vor genau 60 Jahren, als Mao Zedong die chinesische Kulturrevolution ausrief.</strong></a></em></p> <p><em>Aus chinesischer Sicht verursacht die Verbindung von Yang-Feuer und dem Pferd eine der kraftvollsten Kombinationen im gesamten Zyklus. Es ist ein Jahr, das Veränderung nicht lediglich ermöglicht, sondern vielmehr erzwingt und dabei erheblichen Druck erzeugt.</em></p> <p><em>Groß angelegte Transformationen sind in diesem Kontext stets mit Risiken verbunden. Aus jüdischer Perspektive könnte man sagen: Gerade in diesem Jahr wächst unsere Verantwortung – als Juden und als Menschen. Es gilt, diese überschüssige Kraft bewusst auf positive Gedanken und gute Absichten auszurichten, damit sie nicht zerstörerisch wirkt, sondern aufbauend.</em></p> <p>Der <strong>Kernirrtum des Fossilismus</strong> war die Annahme, dass fossile Gewaltenergien wie Erdöl und Erdgas, aber in anderer Weise auch Kohle und Atomstrom „billig“ wären. Doch in Wirklichkeit wurde ein erheblicher Teil der Kosten einfach nur auf die Zukunft, die Mitwelt (Treibhausgase) und die Mitmenschen (fossil finanzierte Gewaltregime) externalisiert. Und genau diese Kosten schlagen nun im chinesischen Jahr des Feuerpferdes mit Wucht zurück – und beschleunigen den Zusammenbruch des Fossilismus.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/F1nITBjZUAM?feature=oembed" title="Die Solarpunk-These: Fossile Gewaltenergien versus erneuerbare Friedensenergien." width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Der Fossilismus im Jahr des Feuerpferdes - Trumps Iran-Kharg-Desaster » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Schon <a href="https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.sicherheit-in-baden-wuerttemberg-strobl-zum-krieg-im-iran-unsere-sicherheitsbehoerden-sind-besonders-wachsam.d0ded472-6f45-4383-bf77-25686821b89b.html" rel="noopener">am 3. März 2026 zitierte mich die Stuttgarter Zeitung</a> zum Angriff Israels und der USA auf <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-fossil-finanzierten-revolutionsgarden-als-die-heimlichen-herrscher-des-iran/">das fossile Revolutionsgarden-Regime des Iran</a>:</p> <p><em>Auch der Antisemitismusbeauftrage des Landes Baden-Württemberg, Michael Blume, rät zur Wachsamkeit. „Im Hinblick auf digitale und terroristische Gewalt in Baden-Württemberg befinden wir, die jüdischen Gemeinden, der Staatsschutz und die Polizeirabbiner uns im ständigen Austausch“, sagte er auf Nachfrage. „Meine Sorge gilt dabei weniger organisierten Zellen als digital Radikalisierten, manchmal leider auch sehr jungen Menschen.“</em></p> <p><em>Blume begrüßt zwar, dass die Mullahs in Bedrängnis sind. „Das iranische Regime hat erst im Januar Abertausende Protestierende ermordet und sollte gestürzt werden.“ Er warnt aber auch vor der Planlosigkeit der Angreifer Israel und USA: „Gleichwohl kennt die Politikwissenschaft keinen Fall, in dem ein antisemitisch beherrschter Fossilstaat ohne Bodentruppen zur Demokratie gebombt werden konnte.“</em></p> <p>Leider nicht in die Zeitung schafften es jedoch diese Sätze von mir:</p> <p><em>„Wer etwas für den Frieden tun will, sollte jetzt den Dialog stärken und durch erneuerbare Friedensenergien die fossile Finanzierung der iranischen Revolutionsgarden und auch von Putin beenden. Wir haben doch lange genug fossile Diktaturen und Terrorgruppen finanziert und sollten das auch für unsere israelischen und iranischen Verbündeten endlich beenden!“</em><aside></aside></p> <p><a href="https://youtu.be/F1nITBjZUAM" rel="noopener" target="_blank"><img alt="In dem Schaubild werden rechts erneuerbare Friedensenergien wie Sonne- und Windenergie und links fossile Gewaltenergien wie Erdöl und Erdgas vorgestellt. Deutlich wird, dass erneuerbare Friedensenergien Gewaltherrschern die Finanzen entziehen, Demokratie und Wohlstand stärken und durch Balkonsolar, Elektroautos und Sparmaßnahmen auch durch alle Menschen gefördert werden können. Dagegen finanzieren fossile Gewaltenergien Terror und Kriege, schaffen Abhängigkeiten und Polarisierungen und treiben den schon historischen Faschismus an." decoding="async" height="1429" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>In der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/im-landtag-bw-gegen-antisemitismus-meine-rede-zum-9-11-2023/">m.E. bisher wichtigsten Rede meines Lebens am 9. November 2023 brachte ich das Konzept der erneuerbaren Friedensenergien gegen den überwiegend fossil finanzierten Antisemitismus in den Landtag von Baden-Württemberg</a> ein. Schaubild mit NotebookLM: Michael Blume</em></p> <p>Das überrascht mich nun nicht besonders, denn schon im Juni 2025 hatte ich eine berufliche Pressemitteilung mit einer dringenden Warnung versandt: <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025_06_26_Blume_erneuerbare-Friedensenergien-2.pdf"><em>„<strong>Blume warnt: Iran und Russland nicht weiterhin fossil finanzieren!</strong> Erneuerbare Friedensenergien stärken die Sicherheit von Israel, Ukraine und der Europäischen Union (EU)“</em></a>. Praktisch keine Redaktion hatte sie aufgegriffen – niemand möchte Werbekunden verprellen und die eigene Leserschaft vermeintlich „überfordern“.</p> <p>Konkret hatte ich gewarnt:</p> <p><em>„<strong>Wir können die Regime in Russland und im Iran nicht alleine militärisch aufhalten, solange wir sie durch Erdgas und Erdöl finanzieren.</strong> Wie ich auch im Landtag von Baden-Württemberg schon gesagt habe, ist meine dringende Bitte an alle, zusätzlich zu militärischen Maßnahmen <strong>erneuerbare Friedensenergien und grünen Wasserstoffspeicher auszubauen und so die Finanzierung antisemitischer Regime und Terrorgruppen einzustellen. Staatliche Subventionierung von fossilen Rohstoffen wirken kontraproduktiv.</strong> Erneuerbare Energien gehören zur Kernkompetenz von Baden-Württemberg, stärken unsere Unabhängigkeit und die Sicherheit von Israel, der Ukraine und der Europäischen Union.“</em></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025_06_26_Blume_erneuerbare-Friedensenergien-2.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Pressemitteilung vom Juni 2025: &quot;Blume warnt: Iran und Russland nicht weiterhin fossil finanzieren. Erneuerbare Friedensenergien stärken die Sicherheit von Israel, Ukraine und Europäischer Union (EU)." decoding="async" height="1560" sizes="(max-width: 1125px) 100vw, 1125px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625.jpeg 1125w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625-216x300.jpeg 216w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625-738x1024.jpeg 738w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625-768x1065.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625-1108x1536.jpeg 1108w" width="1125"></img></a></p> <p><em>Pressemitteilung vom 26.06.2026 <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025_06_26_Blume_erneuerbare-Friedensenergien-2.pdf">„<strong>Blume warnt: Iran und Russland nicht weiterhin fossil finanzieren!</strong> Erneuerbare Friedensenergien stärken die Sicherheit von Israel, Ukraine und der Europäischen Union (EU)“</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Immerhin aber funktioniert die Wissensverbreitung durch das Fediverse. So fragten <a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html" rel="noopener">die Interviewerinnen der EH Ludwigsburg in einem Interview für focus.de</a> genau auch danach:</p> <p><em><strong>Sie setzen sich auch für die Energiewende ein, haben den Begriff der „erneuerbaren Friedensenergien“ erfunden. Wie passt das zusammen?</strong></em><br></br><em><strong>Michael Blume: </strong>Von fossilen Brennstoffen und autokratischen Regimen abhängig zu sein, ist nicht die Lösung. Deshalb spreche ich von erneuerbaren Friedensenergien. Wer etwas für Frieden tun will, kann auf der einen Seite Dialog und Bildung stärken, so wie Sie das an der Hochschule tun, aber auch Elektroauto fahren, eine Wärmepumpe einbauen, auf Fleisch und Flugreisen verzichten. Je weniger Öl und Gas wir verbrennen, umso friedlicher und besser wird unsere Zukunft. Ich bin ein Solarpunk. </em></p> <p><a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Dr. Michael Blume im Dialog mit drei Interviewerinnen, deren Gesichter jedoch nicht zu sehen sind. Darunter der Interviewtitel: &quot;Es gibt keine glücklichen Hater&quot; und der Hinweis auf focus.de" decoding="async" height="636" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 935px) 100vw, 935px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621.jpeg 935w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621-300x204.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621-768x522.jpeg 768w" width="935"></img></a></p> <p><em><a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html" rel="noopener">„Es gibt keine glücklichen Hater“, Interview mit drei Studentinnen der EH Ludwigsburg, erschienen am 2. März 2026 auf Focus.de</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Inzwischen haben sich die Warnungen längst bestätigt.</p> <p><strong>Der Angriff von Israel und den USA auf das fossile Regime des Iran hat bisher nicht zu dessen Sturz, sondern zu Raketen- und Drohnenangriffen auch auf arabische Nachbarländer, einer Wirtschafts-blockade der Straße von Hormus und zu einer weltweiten Preisexplosion von Erdöl und Erdgas geführt.</strong></p> <p>Ernsthafte Aufstände gegen das iranische Regime gibt es bisher nicht, stattdessen aber erstaunlich weitreichende Schläge des iranischen Regimes durch Drohnen und Raketen, tote Schülerinnen durch eine US-Tomahawk und <strong>hohe, fossile Gewinne für das Putin-Regime in Russland sowie für Öl-, Gas- und Rüstungskonzerne weltweit</strong>. Auch über Insidergeschäfte im Trump-Umfeld wird berichtet. Und das informelle Kartell deutscher Mineralölkonzerne sahnt sogar mit besonders saftigen Preiserhöhungen ab. Ein Teil dieser Extragewinne dürfte in den kommenden Jahren an die fossilen Lobbyistinnen und Lobbyisten in Politik, Medien, Verbänden und Wissenschaft fließen.</p> <p>Die <strong>höheren Preise zahlen weltweit vor allem jene Menschen, die noch immer Verbrennermotoren fahren sowie Öl- und Gasheizungen betreiben</strong> müssen. Aber die höheren Energie- und Transportkosten treiben auch <strong>die Geldentwertung (Inflation)</strong> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mehr-arbeiten-fossilismus-gegen-familien-demografie-deindustrialisierung/"><strong>beschleunigen die Deindustrialisierung</strong>, die aufgrund des Kindermangels und der folgenden Nachfragekrise</a> ohnehin um sich greift.</p> <p><strong>Der Fossilismus tötet</strong> – auch den Verstand der Fossilisten.</p> <p>Die <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116217230479020891" rel="noopener">zentrale</a> <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116217230479020891" rel="noopener"><strong>Ölinsel Kharg (deutsch: Charg)</strong></a> <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116217230479020891" rel="noopener">wurde dabei noch gar nicht bombardiert</a>, da <strong>Trump sie als Beute analog zu Venezuela</strong> haben wollte. Er soll angeblich auch jetzt noch den Einsatz von Spezialeinheiten zu ihrer Eroberung erwägen. Doch klar ist: Eine Zerstörung oder versuchte Eroberung von Kharg würde die Ölpreise auf Dauer anheben und damit auch die Wählerinnen und Wähler in den USA verärgern. Auch <a href="https://www.cnbc.com/amp/2026/03/11/iran-ships-oil-china-strait-hormuz-closure-.html" rel="noopener">lässt der <strong>Iran</strong> immer wieder Tanker Richtung <strong>Iran</strong> und <strong>China</strong> passieren</a> – die zu verärgern sich weder Israel noch die USA derzeit leisten wollen.</p> <p><a href="https://youtu.be/F1nITBjZUAM" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Foto von einem TV-Bericht &quot;Ölpreis steigt weiter&quot; vom 12.03.2026. Zu sehen ist eine Karte des Iran mit zwei explodierenden Tankern vor der Straße von Hormus. Angegeben wird, dass der Preis für die Ölsorte Brent auf über 100 Dollar angestiegen ist. Darüber hat Dr. Michael Blume mit einem gelben Punkt die Ölinsel Kharg eingezeichnet." decoding="async" height="642" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 890px) 100vw, 890px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326.jpg 890w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326-300x216.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326-768x554.jpg 768w" width="890"></img></a></p> <p><em>TV-Bericht über Angriffe auf westlich orientierte Tanker in der Straße von Hormus am 12.03.2026. Habe die Insel Kharg oben und die Beschriftung der Straße von Hormus hinzugefügt. Foto: Michael Blume in der Akademie für politische Bildung Tutzing</em></p> <p>Und schon jetzt machen begabte <a href="https://www.youtube.com/watch?v=43bV4rvXYUc" rel="noopener">US-Demokraten wie der texanische Abgeordnete und Senatskandidat <strong>James Talarico</strong> auf die enormen Kosten des Kriegsabenteuers aufmerksam</a>, das <strong>für Putin zur unverhofften, fossilen Einnahmequelle und für Trump zum Desaster</strong> zu werden droht.</p> <p><em>„Ich war in San Branch, Texas, eine Gemeinde südlich von Dallas, die kein fließendes Wasser hat. […] Uns wird immer erzählt, dass wir nicht genug Geld für Schulen, Gesundheit oder unsere Veteranen hätten. Aber es ist immer genug Geld da, um Menschen auf der anderen Seite der Welt zu bombardieren.“</em></p> <p>Aber auch fossil orientierte Politikerinnen und Politiker in der Europäischen Union sehen sich zunehmenden Fragen verärgerter Bürgerinnen und Bürger gegenüber. Es spricht sich jeden Tag mehr herum, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dekarbonisierungskugel-fuer-den-weltfrieden-meine-erste-erfahrungen-mit-dem-elektro-renault-zoe/">dass diejenigen von uns, die bereits in Wärmepumpen, Elektroautos, Photovoltaik-Anlagen und Batteriespeicher investieren konnten</a>, die finanziell, politisch und sogar militärisch klügeren Entscheidungen getroffen haben. <strong>Erneuerbare Energien sind Friedens- und Wohlstandsenergien.</strong></p> <p>Und mit jeder Woche, in der die höheren Öl- und Gaspreise den Menschen Kaufkraft entziehen und die Wirtschaft besonders der bereits alternden Gesellschaften lähmen, wächst die Wut.</p> <p>So bleibt mir, auf einen wunderschön bebilderten und <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/religion/tikkun-und-tianxia/" rel="noopener">eindrucksvollen Artikel von <strong>Valentin Lutset </strong>in der Jüdischen Allgemeinen vom 12.02.2026</a> hinzuweisen: <strong><a href="https://www.juedische-allgemeine.de/religion/tikkun-und-tianxia/" rel="noopener">Chinesisches Neujahr des Feuerpferdes – Tikkun und Tianxia</a>.</strong></p> <p><a href="https://www.juedische-allgemeine.de/religion/tikkun-und-tianxia/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das chinesische Feuerpferd-Jahr springt durch einen gelben Magen David. Teilseite der Jüdischen Allgemeinen vom 12.02.2026 zu &quot;Tikkun und Tianxia&quot; von Valentin Lutset." decoding="async" height="1928" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2576-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2576-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2576-300x226.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2576-1024x771.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2576-768x578.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2576-1536x1157.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2576-2048x1542.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Das <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/religion/tikkun-und-tianxia/" rel="noopener">chinesische Feuerpferd-Jahr springt durch einen gelben Magen David. Teilseite der Jüdischen Allgemeinen vom 12.02.2026 zu „Tikkun und Tianxia“ von Valentin Lutset</a>. Foto: Michael Blume in einem ICE der Deutschen Bahn </em></p> <p>In dem großartigen Artikel zu den auch im Judentum so wichtigen Kalenderfragen hieß es:</p> <p><em>Am Dienstag beginnen nun der jüdische Monat Adar und das chinesische Neujahr. Es ist kein gewöhnliches Jahr – denn es steht unter dem Zeichen des Feuerpferdes. Diese Jahre gelten als Zeiten intensiver gesellschaftlicher Bewegung, großer Innovationen, aber auch erhöhter Instabilität – als herausfordernde Übergangsphasen. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-4-zeit-und-kalender-zwischen-hoffnung-und-antisemitismus/"><strong>Das letzte Mal ereignete sich diese Konstellation vor genau 60 Jahren, als Mao Zedong die chinesische Kulturrevolution ausrief.</strong></a></em></p> <p><em>Aus chinesischer Sicht verursacht die Verbindung von Yang-Feuer und dem Pferd eine der kraftvollsten Kombinationen im gesamten Zyklus. Es ist ein Jahr, das Veränderung nicht lediglich ermöglicht, sondern vielmehr erzwingt und dabei erheblichen Druck erzeugt.</em></p> <p><em>Groß angelegte Transformationen sind in diesem Kontext stets mit Risiken verbunden. Aus jüdischer Perspektive könnte man sagen: Gerade in diesem Jahr wächst unsere Verantwortung – als Juden und als Menschen. Es gilt, diese überschüssige Kraft bewusst auf positive Gedanken und gute Absichten auszurichten, damit sie nicht zerstörerisch wirkt, sondern aufbauend.</em></p> <p>Der <strong>Kernirrtum des Fossilismus</strong> war die Annahme, dass fossile Gewaltenergien wie Erdöl und Erdgas, aber in anderer Weise auch Kohle und Atomstrom „billig“ wären. Doch in Wirklichkeit wurde ein erheblicher Teil der Kosten einfach nur auf die Zukunft, die Mitwelt (Treibhausgase) und die Mitmenschen (fossil finanzierte Gewaltregime) externalisiert. Und genau diese Kosten schlagen nun im chinesischen Jahr des Feuerpferdes mit Wucht zurück – und beschleunigen den Zusammenbruch des Fossilismus.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/F1nITBjZUAM?feature=oembed" title="Die Solarpunk-These: Fossile Gewaltenergien versus erneuerbare Friedensenergien." width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-im-jahr-des-feuerpferdes-trumps-iran-kharg-desaster/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>90</slash:comments> </item> <item> <title>Verbalisiertes Sampling: Gibt es den magischen Prompt? https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/verbalisiertes-sampling/ https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/verbalisiertes-sampling/#comments Thu, 12 Mar 2026 17:02:30 +0000 Jaromir Konecny https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/?p=1176 https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-768x325.png <link>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/verbalisiertes-sampling/</link> </image> <description type="html"><h1>Verbalisiertes Sampling: Der Prompt gegen Modus-Kollaps</h1><h2>By Von Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>Über diese Frage und die neue Prompting-Technik 𝗩𝗲𝗿𝗯𝗮𝗹𝗶𝘀𝗶𝗲𝗿𝘁𝗲𝘀 𝗦𝗮𝗺𝗽𝗹𝗶𝗻𝗴 (𝗩𝗦) haben wir ein frisches ausführliches Video im Youtube-Kanal der <a href="https://www.mobile-university.de/" rel="noopener">SRH Fernhochschule – The Mobile University</a> <a href="https://www.youtube.com/@k.i.krimis" rel="noreferrer noopener" target="_blank">K. I. Krimis</a> hochgeladen:</p> <p><a href="https://youtu.be/-1ph-iB8lQE?si=l_28_UeNuHAGtHqn" rel="noreferrer noopener" target="_blank">𝙆.𝙄. 𝙆𝙧𝙞𝙢𝙞𝙨: 𝙂𝙞𝙗𝙩 𝙚𝙨 𝙙𝙚𝙣 𝙢𝙖𝙜𝙞𝙨𝙘𝙝𝙚𝙣 𝙋𝙧𝙤𝙢𝙥𝙩?</a></p> <p>Verbalisiertes Sampling wurde in der Studie <a href="https://www.verbalized-sampling.com/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">How to Mitigate Mode Collapse and Unlock LLM Diversity</a> als eine mächtige Waffe gegen den Modus-Kollaps der Großen Sprachmodelle vorgestellt:</p> <p>Beim Modus-Kollaps weisen KI-Modelle (und somit auch Große Sprachmodelle) eine unverhältnismäßig große Wahrscheinlichkeit ihrer typischen Ausgaben nur einem einzigen Modus zu – dem Normalmodus: Die Ausgabe ist nicht kreativ, nicht originell, sondern nur typisch. So wie die meisten Menschen, wenn sie einen Vogel nennen sollen, eher ein Rotkehlchen wählen als einen Pinguin. Obwohl ein Pinguin genauso richtig wäre. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89.png"><img alt="Illustration eines Rotkehlchens und eines Pinguins zur Verdeutlichung des Modus-Kollaps bei KI-Modellen." decoding="async" height="682" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89-1024x682.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89-1024x682.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89-300x200.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89-768x512.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89.png 1264w" width="1024"></img></a></figure> <p>Die weiteren Hintergründe des 𝗩𝗲𝗿𝗯𝗮𝗹𝗶𝘀𝗶𝗲𝗿𝘁𝗲𝗻 𝗦𝗮𝗺𝗽𝗹𝗶𝗻𝗴𝘀 und wie ihr es optimal für kreative nicht generische Ausgaben der Chatbots einsetzen könnt, erkläre ich ausführlich im Video. Hier nur eine grobe Infografik zum Thema:<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92.png"><img alt="Infografik zum Ablauf des Verbalisierten Samplings (VS) zur Steigerung der Ausgabevarielfalt bei LLMs." decoding="async" height="434" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-1024x434.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-1024x434.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-300x127.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-768x325.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-1536x651.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92.png 1586w" width="1024"></img></a></figure> <p>Und hier ein kleines Beispiel für diese neuartige Art des Promptings (ich habe den VS-Prompt aus der Studie auf Deutsch angepasst):</p> <h2><strong>VS-Prompt</strong></h2> <p>𝙂𝙚𝙣𝙚𝙧𝙞𝙚𝙧𝙚 𝙛ü𝙣𝙛 𝙒𝙞𝙩𝙯𝙚 ü𝙗𝙚𝙧 𝙃𝙖𝙢𝙨𝙩𝙚𝙧 𝙪𝙣𝙙 𝙜𝙞𝙗 𝙯𝙪 𝙟𝙚𝙙𝙚𝙢 𝙒𝙞𝙩𝙯 𝙙𝙞𝙚 𝙜𝙚𝙨𝙘𝙝ä𝙩𝙯𝙩𝙚 𝙒𝙖𝙝𝙧𝙨𝙘𝙝𝙚𝙞𝙣𝙡𝙞𝙘𝙝𝙠𝙚𝙞𝙩 𝙖𝙣, 𝙢𝙞𝙩 𝙙𝙚𝙧 𝙚𝙧 𝙫𝙤𝙢 𝙈𝙤𝙙𝙚𝙡𝙡 𝙚𝙧𝙯𝙚𝙪𝙜𝙩 𝙬𝙤𝙧𝙙𝙚𝙣 𝙬ä𝙧𝙚. 𝙒ä𝙝𝙡𝙚 𝙙𝙞𝙚 𝙛ü𝙣𝙛 𝘼𝙣𝙩𝙬𝙤𝙧𝙩𝙚𝙣 𝙯𝙪𝙛ä𝙡𝙡𝙞𝙜 𝙖𝙪𝙨 𝙙𝙚𝙧 𝙫𝙤𝙡𝙡𝙨𝙩ä𝙣𝙙𝙞𝙜𝙚𝙣 𝙒𝙖𝙝𝙧𝙨𝙘𝙝𝙚𝙞𝙣𝙡𝙞𝙘𝙝𝙠𝙚𝙞𝙩𝙨𝙫𝙚𝙧𝙩𝙚𝙞𝙡𝙪𝙣𝙜 𝙤𝙙𝙚𝙧 𝙖𝙪𝙨 𝙙𝙚𝙣 𝙍𝙖𝙣𝙙𝙗𝙚𝙧𝙚𝙞𝙘𝙝𝙚𝙣 („𝙩𝙖𝙞𝙡𝙨“) 𝙙𝙚𝙧 𝙑𝙚𝙧𝙩𝙚𝙞𝙡𝙪𝙣𝙜, 𝙨𝙤𝙙𝙖𝙨𝙨 𝙙𝙞𝙚 𝙒𝙖𝙝𝙧𝙨𝙘𝙝𝙚𝙞𝙣𝙡𝙞𝙘𝙝𝙠𝙚𝙞𝙩 𝙟𝙚𝙙𝙚𝙧 𝘼𝙣𝙩𝙬𝙤𝙧𝙩 𝙪𝙣𝙩𝙚𝙧 0,10 𝙡𝙞𝙚𝙜𝙩. 𝙁𝙤𝙧𝙢𝙖𝙩𝙞𝙚𝙧𝙚 𝙙𝙞𝙚 𝘼𝙪𝙨𝙜𝙖𝙗𝙚 ü𝙗𝙚𝙧𝙨𝙞𝙘𝙝𝙩𝙡𝙞𝙘𝙝 𝙢𝙞𝙩 𝙉𝙪𝙢𝙢𝙚𝙧𝙞𝙚𝙧𝙪𝙣𝙜 𝙪𝙣𝙙 𝙋𝙧𝙤𝙯𝙚𝙣𝙩𝙖𝙣𝙜𝙖𝙗𝙚𝙣.</p> <p>Selbstverständlich könnt ihr den Prompt auf alle möglichen Witze oder Geschichten (und andere kreative Ausgaben) mit beliebigen Tieren und Themen anpassen. Findet ihr in der Ausgabe des Bots mindestens eine, die besser ist als wenn ihr den Bot – egal wie oft – einfach, d. h. klassisch promptet? Z. B. so:</p> <h2><strong>Klassischer Prompt</strong></h2> <p>𝙂𝙚𝙣𝙚𝙧𝙞𝙚𝙧𝙚 𝙚𝙞𝙣𝙚𝙣 𝙒𝙞𝙩𝙯 ü𝙗𝙚𝙧 𝙃𝙖𝙢𝙨𝙩𝙚𝙧.</p> <p>Liefert uns aber 𝗩𝗲𝗿𝗯𝗮𝗹𝗶𝘀𝗶𝗲𝗿𝘁𝗲𝘀 𝗦𝗮𝗺𝗽𝗹𝗶𝗻𝗴 tatsächlich den magischen Prompt, so wie ihn viele Blogger und Prompting-Experten ausgerufen haben? Das und viele andere spannende Informationen zum Verbalisierten Sampling erfahrt ihr <a href="https://youtu.be/-1ph-iB8lQE?si=pMLWAqCCUMai000a" rel="noreferrer noopener" target="_blank">in unserem neuen K.I. Krimi!</a></p> <p>Bitte, <a href="https://youtu.be/-1ph-iB8lQE?si=pMLWAqCCUMai000a" rel="noreferrer noopener" target="_blank">auf diesen Link</a> klicken und den Kanal auf YouTube abonnieren. Dann entgeht euch kein neuer K.I. Krimi, und wir freuen uns über das Abo – und selbstverständlich auch über eure Kommentare. Und ist das nicht schön, wenn wir uns freuen? 😊</p> <p>Viel Spaß damit!</p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/Jaromir-Foto-Gisela-Weinhändler.jpg_avatar.jpg-200x200.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/Jaromir-Foto-Gisela-Weinhändler.jpg_avatar.jpg.jpg 2x" width="200"></img> <p>Liebe Besucherin, lieber Besucher,&#xD; willkommen auf meinem SciLogs-Blog "Gehirn &amp; KI".&#xD; Ich möchte hier über alle möglichen Aspekte der Künstliche Intelligenz schreiben, vor allem geht es in diesem Blog aber um Generative KI, ihre Sprachmodelle und Chatbots und um die Hintergründe der maschinellen Verarbeitung der natürlichen Sprache. Auch die Unterschiede der Sprachvererbeitung bei Menschen und Maschinen werden hier thematisiert, genauso wie natürliche und Künstliche Intelligenz - Gehirn &amp; KI eben.&#xD; &#xD; Neues über künstliche Intelligenz, künstliche neuronale Netze und maschinelles Lernen poste ich häufig auf: &#xD; <a href="www.linkedin.com/in/prof-dr-jaromir-konecny-15bb79b6">LinkedIn</a>&#xD; Hier etwas zu meiner Laufbahn: ich promovierte am Lehrstuhl für Theoretische Chemie der TU München über die Entstehung des genetischen Codes und die Doppelstrang-Kodierung in den Nukleinsäuren und forschte dort einige Jahre. Hier eines unserer Paper:&#xD; &#xD; <a href="https://link.springer.com/article/10.1007%2FBF02406718/">Neutral adaptation of the genetic code to double-strand coding.</a>&#xD; &#xD; Zur Zeit bin ich Professor und Fachdozent für Künstliche Intelligenz an der SRH Fernhochschule und der Spiegelakademie, KI-Keynote-Speaker und Experte für Sprachmodelle und Chatbots. &#xD; &#xD; Auf YouTube kümmere ich mich um die Videoreihe unserer SRH Fernhochschule "K.I. Krimis" über ungelöste Probleme und Rätsel der Künstlichen Intelligenz.&#xD; &#xD; U. a. bin ich zweifacher Vizemeister der Deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften und Träger des Ernst-Hoferichter-Preises der Stadt München.&#xD; &#xD; Mein Sachbuch über Künstliche Intelligenz <a href="https://www.amazon.de/gp/product/3784435416?ie=UTF8&amp;tag=jk6447-21&amp;camp=1638&amp;linkCode=xm2&amp;creativeASIN=3784435416">"Ist das intelligent oder kann das weg?"</a> erschien im Oktober 2020.&#xD; &#xD; Im Tessloff-Verlag erscheinen meine von Marek Blaha wunderschön illustrierten Kinderkrimis <a href="https://www.amazon.de/gp/product/378864401X?ie=UTF8&amp;tag=jk6447-21&amp;camp=1638&amp;linkCode=xm2&amp;creativeASIN=378864401X">"Datendetektive"</a> mit viel Bezug zu KI, Robotern und digitalen Welten.&#xD; &#xD; Viel Spaß mit meinem Blog und all den Diskussionen hier :-).&#xD; &#xD; Jaromir</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Verbalisiertes Sampling: Der Prompt gegen Modus-Kollaps</h1><h2>By Von Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>Über diese Frage und die neue Prompting-Technik 𝗩𝗲𝗿𝗯𝗮𝗹𝗶𝘀𝗶𝗲𝗿𝘁𝗲𝘀 𝗦𝗮𝗺𝗽𝗹𝗶𝗻𝗴 (𝗩𝗦) haben wir ein frisches ausführliches Video im Youtube-Kanal der <a href="https://www.mobile-university.de/" rel="noopener">SRH Fernhochschule – The Mobile University</a> <a href="https://www.youtube.com/@k.i.krimis" rel="noreferrer noopener" target="_blank">K. I. Krimis</a> hochgeladen:</p> <p><a href="https://youtu.be/-1ph-iB8lQE?si=l_28_UeNuHAGtHqn" rel="noreferrer noopener" target="_blank">𝙆.𝙄. 𝙆𝙧𝙞𝙢𝙞𝙨: 𝙂𝙞𝙗𝙩 𝙚𝙨 𝙙𝙚𝙣 𝙢𝙖𝙜𝙞𝙨𝙘𝙝𝙚𝙣 𝙋𝙧𝙤𝙢𝙥𝙩?</a></p> <p>Verbalisiertes Sampling wurde in der Studie <a href="https://www.verbalized-sampling.com/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">How to Mitigate Mode Collapse and Unlock LLM Diversity</a> als eine mächtige Waffe gegen den Modus-Kollaps der Großen Sprachmodelle vorgestellt:</p> <p>Beim Modus-Kollaps weisen KI-Modelle (und somit auch Große Sprachmodelle) eine unverhältnismäßig große Wahrscheinlichkeit ihrer typischen Ausgaben nur einem einzigen Modus zu – dem Normalmodus: Die Ausgabe ist nicht kreativ, nicht originell, sondern nur typisch. So wie die meisten Menschen, wenn sie einen Vogel nennen sollen, eher ein Rotkehlchen wählen als einen Pinguin. Obwohl ein Pinguin genauso richtig wäre. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89.png"><img alt="Illustration eines Rotkehlchens und eines Pinguins zur Verdeutlichung des Modus-Kollaps bei KI-Modellen." decoding="async" height="682" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89-1024x682.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89-1024x682.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89-300x200.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89-768x512.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89.png 1264w" width="1024"></img></a></figure> <p>Die weiteren Hintergründe des 𝗩𝗲𝗿𝗯𝗮𝗹𝗶𝘀𝗶𝗲𝗿𝘁𝗲𝗻 𝗦𝗮𝗺𝗽𝗹𝗶𝗻𝗴𝘀 und wie ihr es optimal für kreative nicht generische Ausgaben der Chatbots einsetzen könnt, erkläre ich ausführlich im Video. Hier nur eine grobe Infografik zum Thema:<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92.png"><img alt="Infografik zum Ablauf des Verbalisierten Samplings (VS) zur Steigerung der Ausgabevarielfalt bei LLMs." decoding="async" height="434" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-1024x434.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-1024x434.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-300x127.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-768x325.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-1536x651.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92.png 1586w" width="1024"></img></a></figure> <p>Und hier ein kleines Beispiel für diese neuartige Art des Promptings (ich habe den VS-Prompt aus der Studie auf Deutsch angepasst):</p> <h2><strong>VS-Prompt</strong></h2> <p>𝙂𝙚𝙣𝙚𝙧𝙞𝙚𝙧𝙚 𝙛ü𝙣𝙛 𝙒𝙞𝙩𝙯𝙚 ü𝙗𝙚𝙧 𝙃𝙖𝙢𝙨𝙩𝙚𝙧 𝙪𝙣𝙙 𝙜𝙞𝙗 𝙯𝙪 𝙟𝙚𝙙𝙚𝙢 𝙒𝙞𝙩𝙯 𝙙𝙞𝙚 𝙜𝙚𝙨𝙘𝙝ä𝙩𝙯𝙩𝙚 𝙒𝙖𝙝𝙧𝙨𝙘𝙝𝙚𝙞𝙣𝙡𝙞𝙘𝙝𝙠𝙚𝙞𝙩 𝙖𝙣, 𝙢𝙞𝙩 𝙙𝙚𝙧 𝙚𝙧 𝙫𝙤𝙢 𝙈𝙤𝙙𝙚𝙡𝙡 𝙚𝙧𝙯𝙚𝙪𝙜𝙩 𝙬𝙤𝙧𝙙𝙚𝙣 𝙬ä𝙧𝙚. 𝙒ä𝙝𝙡𝙚 𝙙𝙞𝙚 𝙛ü𝙣𝙛 𝘼𝙣𝙩𝙬𝙤𝙧𝙩𝙚𝙣 𝙯𝙪𝙛ä𝙡𝙡𝙞𝙜 𝙖𝙪𝙨 𝙙𝙚𝙧 𝙫𝙤𝙡𝙡𝙨𝙩ä𝙣𝙙𝙞𝙜𝙚𝙣 𝙒𝙖𝙝𝙧𝙨𝙘𝙝𝙚𝙞𝙣𝙡𝙞𝙘𝙝𝙠𝙚𝙞𝙩𝙨𝙫𝙚𝙧𝙩𝙚𝙞𝙡𝙪𝙣𝙜 𝙤𝙙𝙚𝙧 𝙖𝙪𝙨 𝙙𝙚𝙣 𝙍𝙖𝙣𝙙𝙗𝙚𝙧𝙚𝙞𝙘𝙝𝙚𝙣 („𝙩𝙖𝙞𝙡𝙨“) 𝙙𝙚𝙧 𝙑𝙚𝙧𝙩𝙚𝙞𝙡𝙪𝙣𝙜, 𝙨𝙤𝙙𝙖𝙨𝙨 𝙙𝙞𝙚 𝙒𝙖𝙝𝙧𝙨𝙘𝙝𝙚𝙞𝙣𝙡𝙞𝙘𝙝𝙠𝙚𝙞𝙩 𝙟𝙚𝙙𝙚𝙧 𝘼𝙣𝙩𝙬𝙤𝙧𝙩 𝙪𝙣𝙩𝙚𝙧 0,10 𝙡𝙞𝙚𝙜𝙩. 𝙁𝙤𝙧𝙢𝙖𝙩𝙞𝙚𝙧𝙚 𝙙𝙞𝙚 𝘼𝙪𝙨𝙜𝙖𝙗𝙚 ü𝙗𝙚𝙧𝙨𝙞𝙘𝙝𝙩𝙡𝙞𝙘𝙝 𝙢𝙞𝙩 𝙉𝙪𝙢𝙢𝙚𝙧𝙞𝙚𝙧𝙪𝙣𝙜 𝙪𝙣𝙙 𝙋𝙧𝙤𝙯𝙚𝙣𝙩𝙖𝙣𝙜𝙖𝙗𝙚𝙣.</p> <p>Selbstverständlich könnt ihr den Prompt auf alle möglichen Witze oder Geschichten (und andere kreative Ausgaben) mit beliebigen Tieren und Themen anpassen. Findet ihr in der Ausgabe des Bots mindestens eine, die besser ist als wenn ihr den Bot – egal wie oft – einfach, d. h. klassisch promptet? Z. B. so:</p> <h2><strong>Klassischer Prompt</strong></h2> <p>𝙂𝙚𝙣𝙚𝙧𝙞𝙚𝙧𝙚 𝙚𝙞𝙣𝙚𝙣 𝙒𝙞𝙩𝙯 ü𝙗𝙚𝙧 𝙃𝙖𝙢𝙨𝙩𝙚𝙧.</p> <p>Liefert uns aber 𝗩𝗲𝗿𝗯𝗮𝗹𝗶𝘀𝗶𝗲𝗿𝘁𝗲𝘀 𝗦𝗮𝗺𝗽𝗹𝗶𝗻𝗴 tatsächlich den magischen Prompt, so wie ihn viele Blogger und Prompting-Experten ausgerufen haben? Das und viele andere spannende Informationen zum Verbalisierten Sampling erfahrt ihr <a href="https://youtu.be/-1ph-iB8lQE?si=pMLWAqCCUMai000a" rel="noreferrer noopener" target="_blank">in unserem neuen K.I. Krimi!</a></p> <p>Bitte, <a href="https://youtu.be/-1ph-iB8lQE?si=pMLWAqCCUMai000a" rel="noreferrer noopener" target="_blank">auf diesen Link</a> klicken und den Kanal auf YouTube abonnieren. Dann entgeht euch kein neuer K.I. Krimi, und wir freuen uns über das Abo – und selbstverständlich auch über eure Kommentare. Und ist das nicht schön, wenn wir uns freuen? 😊</p> <p>Viel Spaß damit!</p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/Jaromir-Foto-Gisela-Weinhändler.jpg_avatar.jpg-200x200.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/Jaromir-Foto-Gisela-Weinhändler.jpg_avatar.jpg.jpg 2x" width="200"></img> <p>Liebe Besucherin, lieber Besucher,&#xD; willkommen auf meinem SciLogs-Blog "Gehirn &amp; KI".&#xD; Ich möchte hier über alle möglichen Aspekte der Künstliche Intelligenz schreiben, vor allem geht es in diesem Blog aber um Generative KI, ihre Sprachmodelle und Chatbots und um die Hintergründe der maschinellen Verarbeitung der natürlichen Sprache. Auch die Unterschiede der Sprachvererbeitung bei Menschen und Maschinen werden hier thematisiert, genauso wie natürliche und Künstliche Intelligenz - Gehirn &amp; KI eben.&#xD; &#xD; Neues über künstliche Intelligenz, künstliche neuronale Netze und maschinelles Lernen poste ich häufig auf: &#xD; <a href="www.linkedin.com/in/prof-dr-jaromir-konecny-15bb79b6">LinkedIn</a>&#xD; Hier etwas zu meiner Laufbahn: ich promovierte am Lehrstuhl für Theoretische Chemie der TU München über die Entstehung des genetischen Codes und die Doppelstrang-Kodierung in den Nukleinsäuren und forschte dort einige Jahre. Hier eines unserer Paper:&#xD; &#xD; <a href="https://link.springer.com/article/10.1007%2FBF02406718/">Neutral adaptation of the genetic code to double-strand coding.</a>&#xD; &#xD; Zur Zeit bin ich Professor und Fachdozent für Künstliche Intelligenz an der SRH Fernhochschule und der Spiegelakademie, KI-Keynote-Speaker und Experte für Sprachmodelle und Chatbots. &#xD; &#xD; Auf YouTube kümmere ich mich um die Videoreihe unserer SRH Fernhochschule "K.I. Krimis" über ungelöste Probleme und Rätsel der Künstlichen Intelligenz.&#xD; &#xD; U. a. bin ich zweifacher Vizemeister der Deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften und Träger des Ernst-Hoferichter-Preises der Stadt München.&#xD; &#xD; Mein Sachbuch über Künstliche Intelligenz <a href="https://www.amazon.de/gp/product/3784435416?ie=UTF8&amp;tag=jk6447-21&amp;camp=1638&amp;linkCode=xm2&amp;creativeASIN=3784435416">"Ist das intelligent oder kann das weg?"</a> erschien im Oktober 2020.&#xD; &#xD; Im Tessloff-Verlag erscheinen meine von Marek Blaha wunderschön illustrierten Kinderkrimis <a href="https://www.amazon.de/gp/product/378864401X?ie=UTF8&amp;tag=jk6447-21&amp;camp=1638&amp;linkCode=xm2&amp;creativeASIN=378864401X">"Datendetektive"</a> mit viel Bezug zu KI, Robotern und digitalen Welten.&#xD; &#xD; Viel Spaß mit meinem Blog und all den Diskussionen hier :-).&#xD; &#xD; Jaromir</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/verbalisiertes-sampling/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>4</slash:comments> </item> <item> <title>„Wir sind alle neurodivers!“ Erfahrene Autismus-Expertin glaubt nicht mehr ans „Spektrum“ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wir-sind-alle-neurodivers-erfahrene-autismus-expertin-glaubt-nicht-mehr-ans-spektrum/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wir-sind-alle-neurodivers-erfahrene-autismus-expertin-glaubt-nicht-mehr-ans-spektrum/#comments Thu, 12 Mar 2026 12:08:03 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3561 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain-768x585.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wir-sind-alle-neurodivers-erfahrene-autismus-expertin-glaubt-nicht-mehr-ans-spektrum/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain.jpg" /><h1>"Wir sind alle neurodivers!" Erfahrene Autismus-Expertin glaubt nicht mehr ans "Spektrum" » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Professorin Uta Frith thematisiert auch den Anstieg der Diagnosen bei jungen Frauen und die Probleme von zunehmenden Selbstdiagnosen.</strong></p> <span id="more-3561"></span> <p>Kaum jemand erforscht schon so lange Autismus wie Uta Frith, Professorin am University College London.</p> <p>Aus dem insbesondere in englischsprachigen Ländern verbreiteten Diagnose-Handbuch DSM, oft auch „Psychiatrie-Bibel“ genannt, strich man mit der fünften Auflage von 2013 Autismus und den Spezialfall des Asperger-Autismus. Im Interview im britischen <em>Tes Magazine</em> vom 4. März 2026 erklärt Uta Frith, dass die diagnostischen Grenzen damals aufgeweicht wurden, um untypische Varianten des Störungsbilds einzuschließen. Dafür führte man die „Autismus-Spektrum-Störung“ ein.</p> <p>Mit dieser Kategorie sei die Abgrenzung zur Normalität aber schwerer geworden, erklärt Frith:</p> <blockquote> <p>„Das ist aber sehr schwierig, denn was ist schon Besonderes daran, Teil eines riesigen Spektrums zu sein, dem wir alle angehören? Wir sind alle neurodivers; das können wir akzeptieren, weil unsere Gehirne alle unterschiedlich sind. Aber das macht eine medizinische Diagnose völlig bedeutungslos.“ (Uta Frith)<aside></aside></p> </blockquote> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Maskierte Symptome?</h2> <p>Frith meint, dass neben der schon in der frühen Kindheit diagnostizierten Gruppe nun eine zweite dazugekommen sei, insbesondere bei jüngeren Frauen, „die verbal und nonverbal perfekt kommunizieren können, aber in sozialen Situationen starke Ängste empfinden.“</p> <p>Für diese Gruppe sei Überempfindlichkeit (Hypersensibilität) wahrscheinlich eine bessere Beschreibung als Autismus. Der Erklärung, die spätere Diagnose spreche für das „Maskieren“ der Symptome, fehle jede wissenschaftliche Grundlage. Es könne viele Gründe dafür geben, dass diese Personen sich erschöpft fühlen.</p> <p>Durch die heutige weite Verbreitung von Selbstdiagnosen laste auf den Fachleuten ein großer Druck, die Ansichten dieser Personen zu bestätigen.</p> <blockquote> <p>„Das Spektrum ist zusammengebrochen.“ (Uta Frith)</p> </blockquote> <p>Nach wie vor gebe es keinen biologischen Test für das als neuronale Entwicklungsstörung geltende Autismus-Spektrum.</p> <h2>Reflexion</h2> <p>Aus theoretischer Sicht ist es erst einmal trivial: Wenn man die Grenzen enger zieht, übersieht man mehr Fälle; weicht man die Grenzen auf, schließt man wahrscheinlich mehr Fälle ein als eigentlich nötig. Dazu kommt der allgegenwärtige Mangel an Therapieplätzen, vor allem für gesetzlich Krankenversicherte. Während die einen jetzt klagen, man nehme ihr Leid nicht ernst, beschweren sich andere, dass es selbst bei großen Schwierigkeiten zu wenig Hilfe gebe und man zu lange suchen müsse.</p> <p>Hier bei Menschen-Bilder wird zudem seit vielen Jahren thematisiert, wie psychologisch-psychiatrische Störungsbilder in der Öffentlichkeit ein Eigenleben entwickeln können. Gerade Autismus und die Aufmerksamkeitsstörung ADHS haben in jüngerer Zeit sehr viel mediale Aufmerksamkeit erhalten. Fehler der Wissenschaftssendung „Quarks“ habe ich hier <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/12/adhs-in-den-medien-was-laeuft-schief-beispiel-quarks/" rel="noopener">kürzlich diskutiert</a>.</p> <p>Währenddessen steigt die <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/12/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/" rel="noopener">Anzahl der Diagnosen immer weiter</a>, vor allem bei jungen Erwachsenen und bei den Frauen. Dass dieser auffällige Anstieg während der Coronaviruspandemie einsetzte, die für viele Menschen ein großer Stressfaktor war und teils immer noch ist, sollte man dabei nicht übersehen.</p> <h2>Individuum versus System</h2> <p>Doch für gesellschaftliche, systemische Vorgänge lässt das heutige Störungsmodell kaum Raum: Das Problem wird in erster Linie individualisiert, teils getragen durch genetische und neurobiologische Funde. Doch diese erklären in der Regel oft nur sehr kleine Unterschiede bei der Untersuchung großer Gruppen. Nach wie vor lassen sich psychologisch-psychiatrische Störungen nicht biologisch diagnostizieren, obwohl man das seit über 200 Jahren versucht.</p> <p>Das heutige System für den Umgang mit psychischer Gesundheit ist festgefahren: Man ruft nach immer mehr Geld für Psychotherapie und psychiatrische Behandlungen, dabei haben die sogenannten hoch entwickelten Länder schon das höchste Pro-Kopf-Aufkommen von klinischem Personal in diesem Bereich.</p> <p>Influencer, Lobbyisten und „Awareness-Kampagnen“ auf diesem Milliardenmarkt spornen uns dazu an, immer genauer nach Symptomen psychologisch-psychiatrischer Störungen zu suchen. Wenn wir immer mehr „normales“ psychisches Leiden zur Krankheit erklären und immer mehr leichte Probleme in die Therapie schicken, wird der Druck und werden die Wartelisten noch länger.</p> <p>Wir haben verlernt, Probleme in ihrem sozialen Kontext zu sehen – und dort auch zu <em>lösen</em>. Armut, Ausgrenzung, versagende Infrastruktur und auch die permanente Berieselung mit Nachrichten über Krisen und Kriege stressen viele Menschen. Auch der zunehmende problematische Drogenkonsum ist ein Zeichen zunehmender sozialer Verelendung. Es ist aber nicht die primäre Aufgabe von Psychotherapie, Psychiatrie und Polizei, die Folgen einer fehlgeleiteten Sozialpolitik zu beheben.</p> <p>Um diese Probleme lösen zu können, muss man sie erst einmal richtig verstehen. Das vor allem in der Psychiatrie seit den 1980er-Jahren vorherrschende Gehirndenken, das für die Praxis keines seiner Versprechen eingelöst hat, steht einer Problemlösung leider im Weg.</p> <h2 id="h-neu-verstehen-sie-mehr">Neu: Verstehen Sie mehr</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen, die Geschichte und Irrtümer der Psychiatrie und Alternativen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6" rel="noopener">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677" rel="noopener">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ" rel="noopener">Google Play Books</a>.</em></em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>. Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/illustrations/brain-mind-psychology-idea-drawing-2062057/" rel="noopener">ElisaRiva</a> (modifiziert), <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/d70078433fc14443b4546f5d496ecbbf" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain.jpg" /><h1>"Wir sind alle neurodivers!" Erfahrene Autismus-Expertin glaubt nicht mehr ans "Spektrum" » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Professorin Uta Frith thematisiert auch den Anstieg der Diagnosen bei jungen Frauen und die Probleme von zunehmenden Selbstdiagnosen.</strong></p> <span id="more-3561"></span> <p>Kaum jemand erforscht schon so lange Autismus wie Uta Frith, Professorin am University College London.</p> <p>Aus dem insbesondere in englischsprachigen Ländern verbreiteten Diagnose-Handbuch DSM, oft auch „Psychiatrie-Bibel“ genannt, strich man mit der fünften Auflage von 2013 Autismus und den Spezialfall des Asperger-Autismus. Im Interview im britischen <em>Tes Magazine</em> vom 4. März 2026 erklärt Uta Frith, dass die diagnostischen Grenzen damals aufgeweicht wurden, um untypische Varianten des Störungsbilds einzuschließen. Dafür führte man die „Autismus-Spektrum-Störung“ ein.</p> <p>Mit dieser Kategorie sei die Abgrenzung zur Normalität aber schwerer geworden, erklärt Frith:</p> <blockquote> <p>„Das ist aber sehr schwierig, denn was ist schon Besonderes daran, Teil eines riesigen Spektrums zu sein, dem wir alle angehören? Wir sind alle neurodivers; das können wir akzeptieren, weil unsere Gehirne alle unterschiedlich sind. Aber das macht eine medizinische Diagnose völlig bedeutungslos.“ (Uta Frith)<aside></aside></p> </blockquote> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Maskierte Symptome?</h2> <p>Frith meint, dass neben der schon in der frühen Kindheit diagnostizierten Gruppe nun eine zweite dazugekommen sei, insbesondere bei jüngeren Frauen, „die verbal und nonverbal perfekt kommunizieren können, aber in sozialen Situationen starke Ängste empfinden.“</p> <p>Für diese Gruppe sei Überempfindlichkeit (Hypersensibilität) wahrscheinlich eine bessere Beschreibung als Autismus. Der Erklärung, die spätere Diagnose spreche für das „Maskieren“ der Symptome, fehle jede wissenschaftliche Grundlage. Es könne viele Gründe dafür geben, dass diese Personen sich erschöpft fühlen.</p> <p>Durch die heutige weite Verbreitung von Selbstdiagnosen laste auf den Fachleuten ein großer Druck, die Ansichten dieser Personen zu bestätigen.</p> <blockquote> <p>„Das Spektrum ist zusammengebrochen.“ (Uta Frith)</p> </blockquote> <p>Nach wie vor gebe es keinen biologischen Test für das als neuronale Entwicklungsstörung geltende Autismus-Spektrum.</p> <h2>Reflexion</h2> <p>Aus theoretischer Sicht ist es erst einmal trivial: Wenn man die Grenzen enger zieht, übersieht man mehr Fälle; weicht man die Grenzen auf, schließt man wahrscheinlich mehr Fälle ein als eigentlich nötig. Dazu kommt der allgegenwärtige Mangel an Therapieplätzen, vor allem für gesetzlich Krankenversicherte. Während die einen jetzt klagen, man nehme ihr Leid nicht ernst, beschweren sich andere, dass es selbst bei großen Schwierigkeiten zu wenig Hilfe gebe und man zu lange suchen müsse.</p> <p>Hier bei Menschen-Bilder wird zudem seit vielen Jahren thematisiert, wie psychologisch-psychiatrische Störungsbilder in der Öffentlichkeit ein Eigenleben entwickeln können. Gerade Autismus und die Aufmerksamkeitsstörung ADHS haben in jüngerer Zeit sehr viel mediale Aufmerksamkeit erhalten. Fehler der Wissenschaftssendung „Quarks“ habe ich hier <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/12/adhs-in-den-medien-was-laeuft-schief-beispiel-quarks/" rel="noopener">kürzlich diskutiert</a>.</p> <p>Währenddessen steigt die <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/12/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/" rel="noopener">Anzahl der Diagnosen immer weiter</a>, vor allem bei jungen Erwachsenen und bei den Frauen. Dass dieser auffällige Anstieg während der Coronaviruspandemie einsetzte, die für viele Menschen ein großer Stressfaktor war und teils immer noch ist, sollte man dabei nicht übersehen.</p> <h2>Individuum versus System</h2> <p>Doch für gesellschaftliche, systemische Vorgänge lässt das heutige Störungsmodell kaum Raum: Das Problem wird in erster Linie individualisiert, teils getragen durch genetische und neurobiologische Funde. Doch diese erklären in der Regel oft nur sehr kleine Unterschiede bei der Untersuchung großer Gruppen. Nach wie vor lassen sich psychologisch-psychiatrische Störungen nicht biologisch diagnostizieren, obwohl man das seit über 200 Jahren versucht.</p> <p>Das heutige System für den Umgang mit psychischer Gesundheit ist festgefahren: Man ruft nach immer mehr Geld für Psychotherapie und psychiatrische Behandlungen, dabei haben die sogenannten hoch entwickelten Länder schon das höchste Pro-Kopf-Aufkommen von klinischem Personal in diesem Bereich.</p> <p>Influencer, Lobbyisten und „Awareness-Kampagnen“ auf diesem Milliardenmarkt spornen uns dazu an, immer genauer nach Symptomen psychologisch-psychiatrischer Störungen zu suchen. Wenn wir immer mehr „normales“ psychisches Leiden zur Krankheit erklären und immer mehr leichte Probleme in die Therapie schicken, wird der Druck und werden die Wartelisten noch länger.</p> <p>Wir haben verlernt, Probleme in ihrem sozialen Kontext zu sehen – und dort auch zu <em>lösen</em>. Armut, Ausgrenzung, versagende Infrastruktur und auch die permanente Berieselung mit Nachrichten über Krisen und Kriege stressen viele Menschen. Auch der zunehmende problematische Drogenkonsum ist ein Zeichen zunehmender sozialer Verelendung. Es ist aber nicht die primäre Aufgabe von Psychotherapie, Psychiatrie und Polizei, die Folgen einer fehlgeleiteten Sozialpolitik zu beheben.</p> <p>Um diese Probleme lösen zu können, muss man sie erst einmal richtig verstehen. Das vor allem in der Psychiatrie seit den 1980er-Jahren vorherrschende Gehirndenken, das für die Praxis keines seiner Versprechen eingelöst hat, steht einer Problemlösung leider im Weg.</p> <h2 id="h-neu-verstehen-sie-mehr">Neu: Verstehen Sie mehr</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen, die Geschichte und Irrtümer der Psychiatrie und Alternativen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6" rel="noopener">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677" rel="noopener">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ" rel="noopener">Google Play Books</a>.</em></em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>. Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/illustrations/brain-mind-psychology-idea-drawing-2062057/" rel="noopener">ElisaRiva</a> (modifiziert), <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/d70078433fc14443b4546f5d496ecbbf" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wir-sind-alle-neurodivers-erfahrene-autismus-expertin-glaubt-nicht-mehr-ans-spektrum/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>11</slash:comments> </item> <item> <title>Kugel-Globus nicht griechisch https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/kugel-globe-nicht-griechisch/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/kugel-globe-nicht-griechisch/#comments Wed, 11 Mar 2026 07:02:51 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12684 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026-768x597.png <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/kugel-globe-nicht-griechisch/</link> </image> <description type="html"><h1>Kugel-Globe nicht griechisch » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Drei historische Globen sind erhalten, die üblicherweise der griechischen Antike zugeschrieben werden: der 60 cm große Farnese Globus, ein Marmorglobus auf einer Statue des Titanen Atlas, ein kleiner Bronze-Globus, der seit langem bekannt ist und im Römisch-Germanischen Museum in Mainz aufgetaucht ist, und ein kleiner Silberglobus. </p> <p>Der kleine Silberglobus gehört einem privaten Sammler in Paris, Herrn Kugel (das ist ein Familienname), der mir freundlicherweise die <a href="https://ase.exopla.net/index.php/Kugel_Globe" rel="noopener">hochaufgelöste Fotos zur Verfügung stellte und deren Online-Publikation</a> genehmigte. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026.png"><img alt="" decoding="async" height="797" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026-1024x797.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026-1024x797.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026-300x233.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026-768x597.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026.png 1274w" width="1024"></img></a></figure> <p>Der Kugel-Globus wurde um 2000 auf dem Kunstmarkt in Paris gefunden, wo er mit anderen Silberobjekten zum Kauf angeboten wurde. Der erste Fachartikel (Cuvigny 2004) datiert den Globus „ca. 2tes oder 1stes Jahrhundert v. Chr.“ und „vermutlich aus Anatolien“. Seither wird der Globus typischerweise in der Kategorie „drei griechische Globen“ in der Fachliteratur abgehandelt. </p> <p>Allerdings gibt es eine ganze Reihe von Merkwürdigkeiten in Zeichenstil und in den dargestellten Objekten (Hoffmann 2025). Astronomisch fragwürdig ist z.B., dass das Sternbild Corona Australis dort eingezeichnet ist, das erst seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. in Texten belegt ist und durch eine Datierung des Kugel-Globus ein bis zwei Jahrhunderte früher eben auch früher datiert werden müsste. Auch seltsam ist die Darstellung des Sternbilds Cetus als normaler Meeressäuger (Wal) und nicht als griechisches Seeungeheuer: siehe Hoffmann, Vickers, Geymeier (2022). </p> <h2 id="h-neuigkeit">Neuigkeit</h2> <p>Mein internationales Team hat aber nun an weiteren Auffälligkeiten festgestellt, dass wahrscheinlich sogar die Grundannahme falsch ist, dass der Kugel-Globus der griechischen Kultur entstammt:<aside></aside></p> <ul> <li>Die Große und Kleine Bärin sind als Tiger gezeichnet und nicht als Bärinnen,</li> <li>der Dame, die im Sternbild Jungfrau dargestellt ist, fehlt nicht nur die übliche Kornähre, sondern sie trägt einen (indischen) Sari, </li> <li>und ihre Frisur ist chinesisch, der so genannte „Maiden Bun“ (Jungfrauen-Dutt), der erst seit dem 4. Jh. n. Chr. belegt ist. </li> </ul> <p>Es deutet also vieles darauf hin, dass dieser kleine Silberglobus von Nicolas and Alexis Kugel in Paris <strong>aus Indien sein dürfte</strong> und zahlreiche<strong> fremde Einflüsse</strong> hat – z.B. griechisch, chinesisch, vllt. auch persisch. </p> <p>Wir haben diese Anhaltspunkte nur in einem schnellen Bericht von ca. 25 Experten publiziert und hoffen, dass nun andere Kollegen, die klüger sind als wir, den Kugel-Globus endlich richtig einordnen können. Es gibt offenbar noch viel dazu zu forschen! </p> <p><a href="https://www.sciengine.com/JAHH/doi/10.3724/SP.J.1440-2807.2026.01.10" rel="noopener">Hoffmann, AlAjaji, Shylaja, Yang et al. (2025)</a>. </p> <h2 id="h-literatur">Literatur</h2> <p>Hélène Cuvigny, “Une sphère céleste antique en argent ciselé”, in Harald Harrauer and Rosario Pintaudi (ed.) Gedenkschrift Ulrike Horak (Florence, 2004) (= Papyrologica Florentina 34) 345-381.</p> <p>Hoffmann (2025), Some Results on the Ancient Globes, Globe Studies – The Journal of the International Coronelli Society, 69, 4169.</p> <p>Hoffmann, S.M., Vickers, D. and Geymeier, M. (2022). Constellation Cetus: Whale or Monster? , in Hoffmann and Wolfschmidt (eds.). Astronomy in Culture – Cultures of Astronomy, tredition Hamburg/ OpenScienceTechnology Berlin, 302-340</p> <p>Hoffmann, AlAjaji, Shylaja, Yang et al. (2025). The IAU Working Group on Star Names (WGSN): Research Finds in 2025. Journal of Astronomical History and Heritage, 28(4), 1026–1038.</p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Kugel-Globe nicht griechisch » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Drei historische Globen sind erhalten, die üblicherweise der griechischen Antike zugeschrieben werden: der 60 cm große Farnese Globus, ein Marmorglobus auf einer Statue des Titanen Atlas, ein kleiner Bronze-Globus, der seit langem bekannt ist und im Römisch-Germanischen Museum in Mainz aufgetaucht ist, und ein kleiner Silberglobus. </p> <p>Der kleine Silberglobus gehört einem privaten Sammler in Paris, Herrn Kugel (das ist ein Familienname), der mir freundlicherweise die <a href="https://ase.exopla.net/index.php/Kugel_Globe" rel="noopener">hochaufgelöste Fotos zur Verfügung stellte und deren Online-Publikation</a> genehmigte. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026.png"><img alt="" decoding="async" height="797" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026-1024x797.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026-1024x797.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026-300x233.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026-768x597.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026.png 1274w" width="1024"></img></a></figure> <p>Der Kugel-Globus wurde um 2000 auf dem Kunstmarkt in Paris gefunden, wo er mit anderen Silberobjekten zum Kauf angeboten wurde. Der erste Fachartikel (Cuvigny 2004) datiert den Globus „ca. 2tes oder 1stes Jahrhundert v. Chr.“ und „vermutlich aus Anatolien“. Seither wird der Globus typischerweise in der Kategorie „drei griechische Globen“ in der Fachliteratur abgehandelt. </p> <p>Allerdings gibt es eine ganze Reihe von Merkwürdigkeiten in Zeichenstil und in den dargestellten Objekten (Hoffmann 2025). Astronomisch fragwürdig ist z.B., dass das Sternbild Corona Australis dort eingezeichnet ist, das erst seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. in Texten belegt ist und durch eine Datierung des Kugel-Globus ein bis zwei Jahrhunderte früher eben auch früher datiert werden müsste. Auch seltsam ist die Darstellung des Sternbilds Cetus als normaler Meeressäuger (Wal) und nicht als griechisches Seeungeheuer: siehe Hoffmann, Vickers, Geymeier (2022). </p> <h2 id="h-neuigkeit">Neuigkeit</h2> <p>Mein internationales Team hat aber nun an weiteren Auffälligkeiten festgestellt, dass wahrscheinlich sogar die Grundannahme falsch ist, dass der Kugel-Globus der griechischen Kultur entstammt:<aside></aside></p> <ul> <li>Die Große und Kleine Bärin sind als Tiger gezeichnet und nicht als Bärinnen,</li> <li>der Dame, die im Sternbild Jungfrau dargestellt ist, fehlt nicht nur die übliche Kornähre, sondern sie trägt einen (indischen) Sari, </li> <li>und ihre Frisur ist chinesisch, der so genannte „Maiden Bun“ (Jungfrauen-Dutt), der erst seit dem 4. Jh. n. Chr. belegt ist. </li> </ul> <p>Es deutet also vieles darauf hin, dass dieser kleine Silberglobus von Nicolas and Alexis Kugel in Paris <strong>aus Indien sein dürfte</strong> und zahlreiche<strong> fremde Einflüsse</strong> hat – z.B. griechisch, chinesisch, vllt. auch persisch. </p> <p>Wir haben diese Anhaltspunkte nur in einem schnellen Bericht von ca. 25 Experten publiziert und hoffen, dass nun andere Kollegen, die klüger sind als wir, den Kugel-Globus endlich richtig einordnen können. Es gibt offenbar noch viel dazu zu forschen! </p> <p><a href="https://www.sciengine.com/JAHH/doi/10.3724/SP.J.1440-2807.2026.01.10" rel="noopener">Hoffmann, AlAjaji, Shylaja, Yang et al. (2025)</a>. </p> <h2 id="h-literatur">Literatur</h2> <p>Hélène Cuvigny, “Une sphère céleste antique en argent ciselé”, in Harald Harrauer and Rosario Pintaudi (ed.) Gedenkschrift Ulrike Horak (Florence, 2004) (= Papyrologica Florentina 34) 345-381.</p> <p>Hoffmann (2025), Some Results on the Ancient Globes, Globe Studies – The Journal of the International Coronelli Society, 69, 4169.</p> <p>Hoffmann, S.M., Vickers, D. and Geymeier, M. (2022). Constellation Cetus: Whale or Monster? , in Hoffmann and Wolfschmidt (eds.). Astronomy in Culture – Cultures of Astronomy, tredition Hamburg/ OpenScienceTechnology Berlin, 302-340</p> <p>Hoffmann, AlAjaji, Shylaja, Yang et al. (2025). The IAU Working Group on Star Names (WGSN): Research Finds in 2025. Journal of Astronomical History and Heritage, 28(4), 1026–1038.</p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/kugel-globe-nicht-griechisch/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>2</slash:comments> </item> <item> <title>Reden wir über Asbestanalytik – Amphibolasbest und geogener Asbest https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/reden-wir-ueber-asbestanalytik-dconex-2026-teil-2/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/reden-wir-ueber-asbestanalytik-dconex-2026-teil-2/#respond Tue, 10 Mar 2026 21:19:14 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3757 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c.jpg Warnschild "Achtung Asbest" und Person im Schutzanzug https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/reden-wir-ueber-asbestanalytik-dconex-2026-teil-2/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c.jpg" /><h1>Reden wir über Asbestanalytik – Amphibolasbest und geogener Asbest » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Am zweiten Tag der diesjährigen DCONex drehte sich alles um die Asbestanalytik. Ich war etwas erstaunt, wie gut diese Session besucht war, denn parallel dazu gab es Vorträge zum Thema „Asbesthaltige Abstandshalter im Betonbau”. Dieses Thema hatte in der Asbestbranche zuletzt für einige Aufregung gesorgt. Das hätte ich mir auch gerne angehört, aber ich war gebunden, und zwar an die Analytik von Amphibolasbest.</p> <p>Von den sechs unter dem Oberbegriff Asbest zusammengefassten Mineralen gehören fünf zu der Mineralfamilie der Amphibole. Und wie mein alter Mineralogieprofessor zu sagen pflegte: „Amphibole sind die Hausschweine des Geochemikers.” Das heißt, sie sind nicht nur in der Lage, fast alle Elemente, die in einem Magma herumschwirren, in ihr Gitter einzubauen, sondern sie sind auch in vielfältiger Weise untereinander mischbar. Das macht die Analytik von Amphibolasbest manchmal zu einem anstrengenden Unterfangen.</p> <p>Hinzu kommt das Problem, das ich im vorherigen Beitrag zur DCONex 2026 bereits angesprochen hatte, dass die Amphibolasbeste nicht nur technisch verwendet wurden. Sie kommen auch in verschiedenen Rohstoffen als sogenannter geogener Asbest vor.</p> <p>Markus Mattenklott vom Institut für Arbeitsschutz (IFA) der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung begann mit den Grundlagen der Mineralfamilie der Amphibole. Stefan Pierdzig von der CRB Analyse Service GmbH folgte mit der Definition von Asbestfasern und der Unterscheidung zwischen technischem und geogenen Asbest. Den Abschluss bildete Joachim Koppen von der BIOLAB Umweltanalysen GMBH mit Fallbeispielen für Amphibolasbest aus der analytischen Praxis.</p> <h2 id="h-geogener-asbest-oder-akzessorischer-asbest">Geogener Asbest oder akzessorischer Asbest?</h2> <p>Das wäre ja alles noch nicht weiter dramatisch, wenn nicht für technisch zugesetzten und geogenen Asbest teilweise unterschiedliche Regelungen gelten würden. Damit sind wir auch schnell bei einem Problem: Wie lässt sich sicher zwischen technisch zugesetzten und geogenen Asbestfasern unterscheiden? <aside></aside></p> <p>Der Begriff „geogener Asbest” ist in meinen Augen ziemlich irreführend, selbst wenn man ihn dem technisch verwendeten Asbest gegenüberstellt. Während der technische Asbest, also der Asbest, den wir Baumaterialien hinzugefügt haben, um eine bestimmte Eigenschaft zu verbessern, oder den wir zum Beispiel als Brandschutz verwendet haben, also absichtlich hinzugefügt wurde, stammt der geogene Asbest aus verwendeten Zuschlagstoffen – meist natürlichen Gesteinen –, in denen er enthalten war. Er verbessert hier also keine Materialien, sondern kommt quasi als Trittbrettfahrer mit. Um die Verwirrung perfekt zu machen, muss man allerdings sagen, dass auch unser technisch verwendeter Asbest natürlicher Asbest ist, allerdings einer bestimmten Qualität. Er stammt aus ausgewählten Lagerstätten, die gerade wegen ihrer Asbestvorkommen aufgesucht und ausgebeutet werden.</p> <p>Geogener Asbest stellt hingegen als akzessorisches Mineral eines natürlichen Gesteins, das wir als Zuschlagstoff verwendet haben, keine eigene Lagerstätte dar. Der Begriff lehnt sich an den englischen Ausdruck „natural occurring asbestos“ (NOA) an. Ich bin aber dennoch der Meinung, dass man ihn eigentlich aufgeben sollte. Für diese Art Asbest wäre vielleicht der Begriff „akzessorischer Asbest“ angemessener, da er auf die Quelle hindeutet. Damit wäre allerdings noch nicht die Frage beantwortet, wie sich der akzessorische Asbest vom technisch verwendeten Asbest unterscheiden lässt. Aber dazu kommen wir später noch. Zunächst werfen wir einen Blick auf die Mineralgruppe der Amphibole und den Amphibolasbest.</p> <h2 id="h-analytik-von-amphibolen">Analytik von Amphibolen</h2> <p>Dieser Workshop war vielleicht eher etwas für Nerds, zumindest hatte ich diese Befürchtung. Glücklicherweise mussten wir aber nicht in einem leeren Saal stehen, auch wenn parallel durchaus interessante Beiträge liefen.</p> <h3 id="h-amphibole-die-hausschweine-des-geochemikers">Amphibole – die Hausschweine des Geochemikers</h3> <p>Amphibole sind eine sehr vielfältige Mineralgruppe. Sie können eine sehr große Bandbreite an Elementen in ihr Gitter einbauen und haben vermutlich die größte chemische Variabilität. Das hat ihnen den Ruf des „Hausschweins der Geochemiker” eingebracht. Alle Elemente, die in einem Magma oder bei einer Metamorphose vorhanden sind, finden auf die eine oder andere Weise in ihnen ihren Platz.</p> <p>Dabei ist ihre chemische Summenformel eigentlich relativ simpel, nämlich Amphibole sind eine sehr vielfältige Mineralgruppe. Sie können eine sehr große Bandbreite an Elementen in ihr Gitter einbauen und haben vermutlich die größte chemische Variabilität. Das hat ihnen den Ruf des „Hausschweins der Geochemiker” eingebracht. Alle Elemente, die in einem Magma oder bei einer Metamorphose vorhanden sind, finden auf die eine oder andere Weise in ihnen ihren Platz.<br></br>Dabei ist ihre chemische Summenformel eigentlich relativ simpel, nämlich Amphibole sind eine sehr vielfältige Mineralgruppe. Sie können eine sehr große Bandbreite an Elementen in ihr Gitter einbauen und haben vermutlich die größte chemische Variabilität. Das hat ihnen den Ruf des „Hausschweins der Geochemiker” eingebracht. Alle Elemente, die in einem Magma oder bei einer Metamorphose vorhanden sind, finden auf die eine oder andere Weise in ihnen ihren Platz.<br></br>Dabei ist ihre chemische Summenformel eigentlich relativ simpel, nämlich </p> <p>Amphibole sind eine sehr vielfältige Mineralgruppe. Sie können eine sehr große Bandbreite an Elementen in ihr Gitter einbauen und haben vermutlich die größte chemische Variabilität. Das hat ihnen den Ruf des „Hausschweins der Geochemiker” eingebracht. Alle Elemente, die in einem Magma oder bei einer Metamorphose vorhanden sind, finden auf die eine oder andere Weise in ihnen ihren Platz.<br></br>Dabei ist ihre chemische Summenformel eigentlich relativ simpel, nämlich </p> <p><strong>A<sub>0-1</sub>B<sub>2</sub>C<sub>5</sub>T<sub>8</sub>O<sub>22</sub>(OH)<sub>2</sub></strong></p> <p>Das Gleiche gilt für ihre Struktur: Es handelt sich um Doppelketten aus eckenverknüpften SiO₄-Tetraedern, was sie zu Kettensilikaten macht und auch die oft faserförmige, längliche Ausbildung der Minerale vorgibt. Die obige Summenformel zeigt, dass es Platzhalter für unterschiedliche Positionen in der Mineralstruktur gibt.</p> <p>A kann sowohl eine Leerstelle als auch durch Na<sup>+</sup>, K<sup>+</sup>, Ba<sup>2+</sup>, Sr<sup>2+</sup>, Ca<sup>2+</sup> oder Li<sup>+</sup> besetzt sein.</p> <p>B von Ca<sup>2+</sup>, Na<sup>+</sup>, Mg<sup>2+</sup>, Fe<sup>2+</sup>, Mn<sup>2+</sup>, Li<sup>+</sup>, Sr<sup>2+</sup>, Ba<sup>2+</sup>, Mn<sup>2+</sup>, Fe<sup>2+</sup>, Co<sup>2+</sup>, Ni<sup>2+</sup>, Zn<sup>2+</sup>, Pb<sup>2+</sup>,Cu, Zr<sup>4+</sup>, Mn<sup>3+</sup>, Cr<sup>3+</sup>, Fe<sup>3+</sup>, V</p> <p>C von Mg<sup>2+</sup>, Fe<sup>2+</sup>, Mn<sup>2+</sup>, Li+, Al<sup>3+</sup>, Zn<sup>2+</sup>, Ni<sup>2+</sup>, Co<sup>2+</sup>, Ti<sup>4+</sup>, Fe<sup>3+</sup>, V, Cr<sup>3+</sup>, Mn<sup>3+</sup>, Zr</p> <p>T steht für Si<sup>4+</sup>, Al<sup>3+</sup>, Ti<sup>4+</sup></p> <p>Zusätzlich kann die Hydroxygruppe, das (OH), durch F<sup>–</sup>, Cl<sup>– </sup>oder auch O<sup>2-</sup> ersetzt werden.</p> <p>Man kann sich also unschwer vorstellen, welches Chaos sich in der Nomenklatur und den Zusammensetzungen der Amphibole abspielt. Diese enorme Variabilität lässt die Amphibole auch in sehr weiten Bereichen der magmatischen und metamorphen Gesteine auftreten. Gleichzeitig war die Nomenklatur auch nicht einfach. Erste 2003 wurde vom <em>Subcommitee on Amphiboles</em> der IMA, der <em>International Mineralogical Assosciation, Commission on New Minerals and Mineral Names</em> die heute gültige Nomenklatur festgelegt. Die Mineralnamen bauen auf den Gehalten der verschiedenen Elemente auf den einzelnen Positionen auf. Ausschlaggebend sind dabei die Elemente der B-Position. Sie unterteilen sich in 5 Gruppen:</p> <ul> <li>Magnesium-Eisen-Mangan-Lithium Amphibole</li> <li>Calcium Amphibole</li> <li>Natrium-Calcium Amphibole</li> <li>Alkali-Amphibole</li> <li>Na-Ca-Mg-Fe-Mn-Li Amphibole</li> </ul> <h3 id="h-die-verflixten-mischkristalle">die verflixten Mischkristalle</h3> <p>Um die Sache noch komplizierter zu machen, können den Namen der Amphibole auch Präfixe der Elemente vorangestellt werden, die als wesentliche Substitutionen auftreten. Beispiele sind Ferro-Amphibolname oder Titano-Amphibolname, je nachdem, ob diese Elemente eine gewisse Bedeutung im jeweiligen Mineral erreichen.</p> <p>Zusätzlich bilden viele Amphibole Mischkristallreihen, bei denen wir nicht nur die reinen, lehrbuchmäßigen Endglieder, sondern meist etwas dazwischen beobachten. Leider sind auch unsere fünf Amphibolasbeste hier keine Ausnahme. Im Gegenteil, hier finden sich Mischkristallreihen sowohl zwischen ihnen, also Tremolit und Aktinolith, als auch mit Außenstehenden, also Grunerit und Cummingtonit. Falls der Begriff Grunerit nichts sagt: Es ist unter dem Begriff Amosit einer unserer Amphibolasbeste.</p> <p>Man kann sich also unschwer vorstellen, dass gerade bei akzessorischem Asbest aus Zuschlagsstoffen oft die gesamte Bandbreite auftritt und Analytiker vor die undankbare Aufgabe gestellt werden, zu entscheiden, ob etwas zu den Asbestmineralen gehört oder nicht.</p> <p>Aber ich will hier nicht weiter in die spezielle Mineralogie dieser ziemlich faszinierenden Mineralgruppe abschweifen. Schauen wir uns einfach die fünf Amphibole etwas genauer an, die wir unter dem Sammelbegriff Asbest zusammenfassen.</p> <h2 id="h-die-amphibolasbeste">Die Amphibolasbeste</h2> <p>Betrachtet man unsere fünf Asbestminerale aus der Gruppe der Amphibole genauer, fällt zunächst auf, dass zumindest die wirtschaftlich bedeutenden Minerale Amosit und Krokydolith keine richtigen Mineralnamen im mineralogischen Sinne sind. Krokydolith heißt mineralogisch korrekt Riebeckit und Amosit ist hier unter Grunerit zu finden.</p> <h3 id="h-krokydolith">Krokydolith</h3> <p>Vielleicht der wirtschaftlich bedeutendste Amphibolasbest ist Krokydolith oder auch Blauasbest. Er heißt mineralogisch eigentlich Riebeckit und gehört zur Gruppe der Alkali-Amphibole. Mineralogisch verbirgt sich dahinter das Mineral Riebeckit, ein monoklines Kettensilikat aus der Gruppe der Alkali-Amphibole. Es handelt sich um ein recht komplexes Natrium-Eisen Silikat mit der Zusammensetzung Na<sub>2</sub>Fe<sup>2+</sup><sub>3</sub>Fe<sup>3+</sup><sub>2</sub>[(OH)<sub>2</sub>|Si<sub>8</sub>O<sub>22</sub>].</p> <p>Das wäre ja noch relativ einfach, aber der Platz des Natrium ist nicht vollständig besetzt. Zudem bildet Riebeckit mit Magnesio-Riebeckit Na<sub>2</sub>(Mg,Fe)<sub>3</sub>Fe<sup>3+</sup><sub>2</sub>[(OH)<sub>2</sub>|Si<sub>8</sub>O<sub>22</sub>] (ein schönes Beispiel für die oben erwähnten Präfixe) eine lückenlose Mischkristallreihe.</p> <p>Riebeckit kann lange, feinfaserige bis nadelige Mineralaggregate bilden. Diese wurden (und werden zum Teil noch heute) als Krokydolith abgebaut und technisch verwendet. Riebeckit kann sich unter verschiedenen Bedingungen bilden. So kommt das Mineral magmatisch in Graniten, Rhyolithen und Syeniten vor, aber auch in metamorphen Gesteinen wie Quarziten oder eisenreichen Schiefern, wo es mit anderem Asbest der Tremolit-Aktinolith-Reihe vergesellschaftet ist. Die Krokydolith-Vorkommen in Südafrika befinden sich in den Banded Iron Formations und sind sekundärer Natur. Möglicherweise haben Magnetitkristalle als Keime gewirkt.</p> <h3 id="h-amosit">Amosit</h3> <p>Auch Amosit oder Braunasbest wegen seiner oft bräunlichen Farbe, ist kein richtiger Mineralname, sondern das Akronym eines der Hauptförderer des Minerals: die Asbestos Mine of South Africa. Dahinter verbirgt sich der Amphibol Grunerit. Er gehört zu den monoklinen Amphibolen. Seine oft faserigen oder nadeligen Kristalle haben die Zusammensetzung (Fe<sup>2+</sup>, Mg)<sub>7</sub>[OH|Si<sub>4</sub>O<sub>11</sub>]<sub>2</sub>. Wie bei den meisten Amphibolen stellt auch Grunerit nur das Endglied einer Mischkristallreihe dar, in diesem Fall mit <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/cummingtonite/">Cummingtonit</a> (Mg,Fe₂+)₇[OH|Si₄O₁₁]₂. Dabei stellt Grunerit das Fe-betonte und Cummingtonit das Mg-betonte Endglied dar. Auch Amosit wird wirtschaftlich als Asbest genutzt, wenn auch weniger als Chrysotil oder Krokydolith.</p> <p>Das Mineral bildet sich oft während der Kontaktmetamorphose in mittel- bis hochgradigen, eisenreichen Gesteinen und Blauschiefern.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="736" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-1024x736.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-1024x736.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-300x216.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-768x552.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-1536x1104.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-2048x1472.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Amosit. Diser Amosit hier auf einem Luftfilter wurde technisch verwendet. Das Verhältnis Länge zu Dicke ist hoch. CRB Analyse Service GmbH.</em></figcaption></figure> <h3 id="h-anthophyllit">Anthophyllit</h3> <p>Anthophyllit gehört ebenfalls zur Mineralgruppe der Amphibole. Seine chemische Zusammensetzung ist (Mg,Fe₂+)₇[OH|Si₄O₁₁]₂, wobei der Gehalt an Magnesium und Eisen stark schwanken kann. So kann Magnesium bis zu 40 Atomprozent durch zweiwertiges Eisen ersetzt werden. Damit ähnelt er stark der Grunerit-Cummingtonit-Reihe, kristallisiert aber im Gegensatz zu diesen Amphibolen im orthorhombischen Kristallsystem.</p> <p>Als Asbest wurden meist die nadeligen und faserigen Anthophyllitvarianten verwendet, wenn auch deutlich seltener als Krokydolith und Amosit. Dennoch kann dieser Amphibolasbest immer wieder nachgewiesen werden, auch als technischer Asbest.</p> <p>Anthophyllit bildet sich vornehmlich in Gesteinen der Regionalmetamorphose, zum Beispiel in Gneis, Pegmatit und Serpentinit. Sein Name leitet sich von seiner Ähnlichkeit mit der Gewürznelke (griechisch <em>Anthophylli</em>) ab.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="729" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-1024x729.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-1024x729.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-300x214.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-768x547.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-1536x1094.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-2048x1459.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Anthophyllite, hier mit Maßstab, um die Lungengängigkeit zu belegen. Diese Anthophyllite waren geogener Herkunft, sie ähneln aber durch ihr hohes Länge zu Dicke Verhältnis durchaus technisch verwendeten Anthophylliten. CRB Analyse Service GmbH.</em></figcaption></figure> <h3 id="h-aktinolith">Aktinolith</h3> <p>Aktinolith ist ein Mitglied der Calcium-Amphibole, die früher auch als Hornblenden bezeichnet wurden. Seine Mineralformel lautet Ca₂(Mg,Fe)₅[OH|Si₄O₁₁]₂. Es gehört zusammen mit dem unten beschriebenen Tremolit zur Tremolit-Aktinolith-Ferro-Aktinolith-Mischkristallreihe. Die faserigen bis nadeligen Varianten finden als Asbest Verwendung, wenn auch relativ selten. Die faserige und als Asbest genutzte Variante wird gelegentlich auch als Amiant bezeichnet. In der technischen Verwendung tritt sie mengenmäßig deutlich hinter den oben aufgeführten Asbestarten zurück. Das Mineral kommt aber vergleichsweise häufig in Gesteinen der Regionalmetamorphose, wie Amphiboliten und kristallinen Schiefern, vor.</p> <p>Aufgrund seiner Häufigkeit in vielen Gesteinen und seines variablen Chemismus ist es unter dem Elektronenmikroskop manchmal sehr schwer, es von anderen Mineralen wie etwa Talk abzugrenzen.</p> <h3 id="h-tremolit">Tremolit</h3> <p>Der fünfte und letzte unter den Amphibolasbesten ist der Tremolit. Er hat die Mineralformel Ca₂Mg₅[(OH,F) | Si₄O₁₁]₂ und gehört zusammen mit dem bereits erwähnten Aktinolith zu einer Mischkristallreihe. Daneben zeigen diese auch Übergänge zu den anderen Amphibolen der Hornblende-Gruppe. Für ihn gilt das Gleiche wie für den Aktinolith, allerdings wurde er technisch kaum verwendet.</p> <p>Das Mineral bildet sich in Gesteinen der Regionalmetamorphose, unter anderem in Talkschiefern und unreinen Marmoren. Werden diese Gesteine als Zuschlag oder Rohstoff verwendet, können Tremolite auch immer wieder den Weg in verschiedene Produkte, wie etwa jüngst in bunten Spielsand, finden. Vermutlich gehören Tremolit und die mit ihm verwandten Aktinolithe zu den häufigsten geogenen oder akzessorischen Asbesten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="729" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-1024x729.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-1024x729.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-300x214.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-768x547.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-1536x1094.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-2048x1459.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Tremolit aus eiem Talk. Dieser Tremlit ist nicht lungengängig, zeigt aber sehr schöne Längsspaltbarkeit und würde unter Belastung schnell in kleinere, möglicherweise lungengängige Fasern zerbrechen. CRB Analyse Service GmbH.</em></figcaption></figure> <h2 id="h-bestimmung-und-abgrenzung-der-amphibolasbeste">Bestimmung und Abgrenzung der Amphibolasbeste</h2> <p>Neben der faserförmigen Ausprägung ist die vollkommene Spaltbarkeit der Asbestminerale eines der wichtigsten Kriterien. Dadurch zeichnen sich die Fasern oder Faserbündel durch ein feines Aufspleißen aus, das vom Faserende her beginnt. Dies gilt auch für die Asbeste aus der Amphibolgruppe.</p> <p><br></br>aneben ist ein möglichst aussagekräftiges Elementspektrum wichtig, bei dem sowohl die leichteren als auch die schweren diagnostischen Elemente gut erfasst werden. Dies ist vor allem bei den Amphibolen mit ihren Mischkristallreihen und der extrem variablen Zusammensetzung notwendig, da sie oft nur schwer erkennbare Grenzen gegenüber den nicht zu den Asbestmineralen gehörenden Endgliedern haben. Beispiele hierfür sind die Mischkristallreihe Grunerit (Amosit) – Cummingtonit und die Tremolit-Aktinolith-Reihe mit Übergängen zu anderen Hornblenden. Aber auch viele ebenfalls faserförmig auftretende Minerale mit ähnlichem Chemismus, wie etwa viele Phyllosilikate, Talke oder die Gruppe der Pyroxene, sind zu nennen.</p> <p>Da auch umgebende Partikel oft mit angeregt werden, können auch diese die Analyse beeinflussen und so zu Fehldeutungen führen. So kann eine kalkige oder dolomitische Matrix etwa die Unterscheidung von Tremolit und Aktinolith erschweren. Um den beträchtlichen Aufwand bei der Überprüfung der verschiedenen Abgrenzungskriterien zu erleichtern, stellt das Institut für Arbeitsschutz der DGUV eine <a href="https://www.dguv.de/ifa/praxishilfen/praxishilfen-gefahrstoffe/software-faseridentifizierung-in-staeuben/index.jsp">Auswertungstabelle </a>auf Grundlage von Microsoft Excel bereit.</p> <h2 id="h-unterscheidung-zwischen-technischem-und-geogenem-akzessorischem-asbest">Unterscheidung zwischen technischem und geogenem / akzessorischem Asbest</h2> <p>Was genau ist eigentlich dieser geogene Asbest und wie unterscheidet er sich von technisch eingesetztem Asbest? Ich hatte bereits weiter oben dargelegt, dass ich den Begriff „geogener Asbest” für problematisch halte. Das gilt allgemein für Begriffe, die sich auf die Entstehung beziehen. Hier gilt es sogar doppelt, denn letztlich ist auch der technisch verwendete Asbest geogen. Er hat nur eine andere Qualität: Er wurde absichtlich zugefügt, um die Materialeigenschaften oder die Verarbeitung zu verbessern. Der sogenannte geogene Asbest hingegen entstammt akzessorischen Asbestgehalten natürlicher Gesteine als Zuschlagstoff. Ich halte daher den Begriff „akzessorischer Asbest” für treffender.</p> <p>Das Problem besteht zwar schon länger, hat sich aber seit der Einführung der damals erneuerten VDI 3866 mit ihrem Anhang B und der daraus resultierenden, deutlich verbesserten Analytik mit extrem niedrigen Nachweisgrenzen noch verschärft. Seither werden in vielen Produkten, auch in solchen, die deutlich nach dem Asbestverbot hergestellt wurden, immer wieder Asbestfunde gemacht.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="729" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-1024x729.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-1024x729.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-300x214.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-768x547.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-1536x1094.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-2048x1459.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Tremolit. Das Aufpleißen an den Enden ist ebenso gut zu erkennen wie die extrem perfekte Spaltbarkeit. Auch wenn diese Fasers elbst nicht lungengängig ist, so kann sie sehr leicht in viele lungengängige Fasern zerfallen. Dieser Tremolit ist kein technisch verwendeter, sondern stammt als akzessorisches Mineral aus einem Zuschlagstoff. CRB Analyse Service GmbH.</em></figcaption></figure> <h3 id="h-asbest-mit-zweierlei-mass">Asbest mit zweierlei Maß</h3> <p>Dabei ergibt sich ein Problem. Zurzeit gibt es nämlich keine klare Definition dafür, was aus analytischer Sicht technischer und was geogener/akzessorischer Asbest ist. Das mag auf den ersten Blick wie Erbsenzählerei klingen, hat jedoch große Auswirkungen auf verschiedene Rechtsbereiche, etwa das Chemikalienrecht, das Bau- und Gefahrgutrecht. Bislang gibt es nur sehr wenige belastbare medizinische Daten zur Toxizität der verschiedenen Asbestvarianten und ihrer unterschiedlichen morphologischen Ausprägungen.</p> <p>Nehmen wir ein kleines Beispiel: Wir haben in einer Probe einen eindeutig positiven Asbestbefund. Wenn es sich um einen natürlichen Rohstoff handelt, darf dieser bis zu 0,1 Massenprozent Asbest enthalten. Das gilt übrigens auch, wenn dieser Rohstoff oder daraus hergestellte Produkte später recycelt werden. Hier kommen die Regelungen der TRGS 517 zum Tragen.</p> <p>Ansonsten gilt für Baustoffe mit technischem Asbest die TRGS 519 sowie ein Inverkehrbringungsverbot.</p> <p>Das liegt daran, dass viele Gesteine kleine Mengen der als Asbest bekannten Minerale enthalten können. Die TRGS 517 stellt allerdings auch fest, dass davon ausgegangen werden kann, dass die in der Bundesrepublik vorkommenden Rohstoffe weniger als 0,1 Massenprozent Asbest enthalten. Abgesehen davon, dass dies nicht ohne Weiteres pauschalisiert werden kann, ist bei grenzüberschreitendem Handel durchaus auch mit höheren Asbestgehalten zu rechnen. Man denke nur an die jüngsten Funde von Asbest in buntem Spielsand.</p><h3>Und was genau ist mit “Asbestgehalt” gemeint?</h3> <p>Doch was sind 0,1 Massenprozent überhaupt? Auch diese Frage, die viele einfach mit „Asbestgehalt“ beantworten möchten, ist letztlich nicht trivial. Denn es gibt durchaus verschiedene Asbestgehalte in natürlichem Gestein. Welche wären das?</p> <p>Am einfachsten wäre der Gesamtgehalt an Asbestmineralen. Da bei Asbest aber auch die Form eine Rolle spielt, wäre vielleicht der Gehalt an faserförmigen Asbestmineralen passender.</p> <p>Zu der Frage, was genau „faserförmig“ bedeutet, komme ich gleich auch noch.</p> <p>Im Prinzip sind es die lungengängigen Fasern, also die WHO-Fasern, die die Asbestminerale so gefährlich machen. Vielleicht also der Gehalt an faserförmigen Asbestmineralen mit WHO-Abmessungen?</p> <p>Schließlich können wir auch noch zwischen primär faserförmigen Asbestmineralen und solchen, die aufgrund ihrer vollkommenen Spaltbarkeit während der Bearbeitung faserförmig werden, unterscheiden.</p> <p>Nach der TRGS 517 werden als Asbestfasern diejenigen Fasern bezeichnet, die sowohl zu den sechs bekannten Asbestmineralen gehören als auch den Kriterien einer lungengängigen Faser nach WHO entsprechen.<br></br>Dabei ist es unerheblich, ob diese Faser bereits als faserförmiges Mineral vorlag oder erst durch die Bearbeitung faserförmig wurde. Denn eine solche Unterscheidung kann an einem einzelnen Partikel in der Regel ohnehin nicht getroffen werden.</p> <h3 id="h-was-ist-eine-faser">Was ist eine Faser?</h3> <p>Das bringt uns zu der Frage: Was ist eigentlich eine asbestiforme Faser? Das mag auf den ersten Blick wie Haarspalterei erscheinen, hat aber einen ernsten Hintergrund. Denn obwohl die Definition dessen, was als Faser zu zählen ist, für die Asbestanalytik von enormer Wichtigkeit ist, sind sich die verschiedenen Normen und Richtlinien hier nicht sonderlich einig. Zwar gibt es einige Übereinstimmungen, aber auch viel Unklares und Interpretationsspielraum.</p> <p>So definiert die VDI 3492 eine Faser als einen langgestreckten Partikel mit einer Länge von mehr als 5 µm, einer Dicke von weniger als 3 µm und einem L:D-Verhältnis &gt; 3:1. Damit werden die klassischen WHO-Fasern erfasst. Das gilt ebenso für die BGI_GUV-I-505-46 und die VDI 3877.</p> <p>Die DIN-ISO-EN 16000-7 vereinfacht das Ganze. Als Faser gilt hier jeder Partikel mit einem L:D-Verhältnis von mehr als 3:1.<br></br>Soweit ist ja noch alles halbwegs klar. Es geht aber noch weiter. In der IFA-Arbeitsmappe 7487, also der Methode zur halbquantitativen Bestimmung des Asbestgehalts, gilt als Faser jedes Objekt, das eine Länge von wenigstens 5 µm sowie ein L/D-Verhältnis von über 3:1 aufweist.<br></br>Spannend und etwas schwammig wird es bei der VDI 3866: Während Blatt 4 noch auf lang gestreckte Partikel mit einem L:D von mindestens 3:1 setzt, bleibt Blatt 5 bei der deutlich erkennbaren Längsspaltbarkeit und einem damit verbundenen Aufspleißen an den Faserenden oder dem Vorliegen dünner Fasern (d &lt; 1 µm) sowie einem hohen L/D-Verhältnis. Da kann man durchaus einiges hineininterpretieren.</p> <p>Die TRGS 517 definiert Asbestfasern als zugehörig zu den sechs bekannten Asbestmineralen, als lungengängig gemäß den WHO-Kriterien und mit einem L:D-Verhältnis von weniger als 3:1.</p> <h4 id="h-asbestfaser-international">Asbestfaser – international</h4> <p>Auch ein Blick auf die internationalen Normen bringt keine größere Klarheit. So beziehen sich die den DIN-Normen eigentlich übergeordneten ISO-Normen 22262-1 und 22262-2 auf „asbstiform” und verweisen auf die ISO 1379:2019, in der allerdings keine Definition zu finden ist. Stattdessen wird man auf die ISO 10312:2019 verwiesen. Dort heißt es, dass eine Mindestlänge von 0,5 µm und ein Verhältnis von Länge zu Dicke von wenigstens 5:1 vorliegen muss.</p> <p>In den USA (EPA600/R-93/116) sieht es folgendermaßen aus: Um als Asbestfaser zu gelten, muss ein Länge-zu-Dicke-Verhältnis von 20:1 bis über 100:1 vorliegen und die Faser muss länger als 5 µm sein. Zudem sollten sehr dünne Fibrillen mit Dicken unter 0,5 µm sowie zwei oder mehr der folgenden Kriterien vorliegen: parallele Fasern in Bündeln, aufspleißende Enden, verfilzte Fasern und gekrümmte Fasern.</p> <p>In Großbritannien sieht es ähnlich aus (HSG248): Das Länge-zu-Dicke-Verhältnis beträgt auch hier 20:1 bis über 100:1 und es besteht die Möglichkeit, in dünnere Fasern aufzuspalten. Auch die Zusatzkriterien sind ähnlich zu denen in den USA. Es können parallele Fasern in Bündeln, aufspleiessende Enden, dünne Nadeln, Faserfilz oder gekrümmte Fasern auftreten.<br></br>In der Schweiz kann man sich am Positionspapier des Forums Asbest Schweiz orientieren. Demnach liegt bei Amphibolasbest ein positiver Asbestbefund vor, wenn mindestens drei Asbeststrukturen in einem Präparat nachgewiesen werden können. Diese sollten folgende morphologische Eigenschaften aufweisen: – lange, dünne Einzelfasern oder sehr dünne Faserbündel mit einer Länge von mehr als 5 µm und einem Durchmesser von weniger als 1 µm sowie einem Längen-Durchmesser-Verhältnis von mehr als 20,<br></br>– aufspleissende Faserbündel oder<br></br>– wirrfaserige, verfilzte Faseraggregate.</p> <p>Alle anderen Faserstrukturen, die nicht asbestiform sind, stellen demnach kein Asbest dar. Die Frage, ob sie eine Gefahr darstellen, wird dabei jedoch ausgeklammert.</p> <h3 id="h-definition-notwendig">Definition notwendig</h3> <p>Bislang fehlt uns offenbar eine allgemeingültige Definition für Asbestfasern, vor allem in der Richtlinie VDI 3866 Blatt 5. Die dort zu findende Asbestfaserdefinition beruht auf der bislang meist erfolgten Anwendung auf die klassischen, technisch verwendeten Asbestformen. In Zukunft wird jedoch vermutlich der geogene oder akzessorische Asbest immer wichtiger werden – auch im Hinblick auf die Unterscheidung vom technisch verwendeten Asbest. Denn die immer besser werdenden Analysemethoden offenbaren auch geringe Gehalte an akzessorischen Mineralen der Asbeste, hier vornehmlich der Amphibolasbeste, in den Zuschlagstoffen.</p> <p>Wir werden also Kriterien und Definitionen benötigen, um diese verschiedenen Asbestformen und -quellen zu erkennen und voneinander zu unterscheiden. Einerseits, um abweichende Ergebnisse aus unterschiedlichen Laboren zu vermeiden, andererseits, um Funde differenziert bewerten zu können. Vor allem aber, um Funde differenziert bewerten zu können. Denn der Befund kann, wie bereits angemerkt, auch Konsequenzen hinsichtlich der abfallrechtlichen Bewertung und des möglichen Recyclings haben.</p> <p>Daher sollte die Regelung in VDI 3866 Blatt 5, nach der eine Untersuchung nach dem ersten Fund einer Asbeststruktur abgebrochen werden kann und die Probe als asbesthaltig gilt, dringend überarbeitet werden. Vielleicht sollten wir dem Schweizer Vorbild folgen und mindestens drei sicher identifizierte Asbeststrukturen verlangen.</p> <h3 id="h-unterschied-technischer-und-geogener-asebest">Unterschied technischer und geogener Asebest</h3> <p>Worin bestehen die Unterschiede zwischen technisch verwendetem Asbest und dem, der als akzessorisches Mineral durch Zuschläge in Materialien gelangt?</p> <p>Technischer Asbest ist in der Regel sehr dünnfaserig. Die Einzelfasern zeigen parallele Kanten und sind deutlich länger als 5 µm, wobei die Dicke meist deutlich unter 1 µm liegt. Das Verhältnis von Länge zu Dicke ist meist deutlich über 10:1 und die Enden der Fasern zeigen meist ein Aufspleißen in feinere Fibrillen. Es können auch wirrfaserige und verfilzte Aggregate vorkommen. Zumindest eines, meist sogar mehrere dieser Merkmale können zusammen auftreten.</p> <p>Geogener oder akzessorischer Asbest kann auch als Einzelfaser mit parallelen Kanten vorliegen, wobei das Längen-zu-Dicken-Verhältnis meist kleiner als 10:1 ist. Die Fasern sind in der Regel dicker als 1 µm. Oft fehlt auch das typische Aufspleißen an den Faserenden. Es treten auch Fasern mit nichtparallelen Längskanten auf.</p> <p>Statistisch betrachtet ließen sich die verschiedenen Asbestquellen vermutlich so unterscheiden. Die obigen Kriterien sollten in dieser oder überarbeiteter Form Eingang in die betreffenden Richtlinien finden. Nur so kann der Befund technischer bzw. geogener Asbest auch in die Prüfberichte Eingang finden. Bislang sind die Konsequenzen zwar noch recht überschaubar, aber auch bei Regelwerken wie der TRGS 519 und der TRGS 517 sollte eine Harmonisierung und Anpassung der Grenzwerte stattfinden.</p> <h3 id="h-was-ist-notwendig">Was ist Notwendig?</h3> <p>Diese oben genannten Unterscheidungskriterien müssen in irgendeiner Form Einzug in die Normen wie die VDI 3866 Blatt 5 halten. Das bietet sich auch daher an, weil diese Norm zur Zeit gerade in der Überarbeitung ist.</p> <p>Eventuell bietet es sich auch an, die Unterscheidung ob technischer oder geogener/akzessorischer Asbest gefunden wurde in die Prüfberichte zu übernehmen, zumindest auf Kundenwunsch. Hierfür wäre eventuell aber eine statistische Auswertung mehrerer Faserstrukturen notwendig und nicht nur die bisher erfolgte rein qualitative Einstufung nach möglicherweise Fund einer einzelnen Faserstruktur.</p> <p>Die Regeln für Materialien, die technischen Asbest und diejenigen, welche geogenen/akzessoriuschen Asbest enthalten, müssen harmonisiert und die Grenzwerte angepasst werden (TRGS 519 und TRGS 517).</p> <p>Man sollte sich aber auch im Klaren sein, dass die Unterscheidung der beiden Asbestvarianten kein Urteil hinsichtlich der Toxizität ist. Es gibt keinen „guten“ Asbest.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c.jpg" /><h1>Reden wir über Asbestanalytik – Amphibolasbest und geogener Asbest » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Am zweiten Tag der diesjährigen DCONex drehte sich alles um die Asbestanalytik. Ich war etwas erstaunt, wie gut diese Session besucht war, denn parallel dazu gab es Vorträge zum Thema „Asbesthaltige Abstandshalter im Betonbau”. Dieses Thema hatte in der Asbestbranche zuletzt für einige Aufregung gesorgt. Das hätte ich mir auch gerne angehört, aber ich war gebunden, und zwar an die Analytik von Amphibolasbest.</p> <p>Von den sechs unter dem Oberbegriff Asbest zusammengefassten Mineralen gehören fünf zu der Mineralfamilie der Amphibole. Und wie mein alter Mineralogieprofessor zu sagen pflegte: „Amphibole sind die Hausschweine des Geochemikers.” Das heißt, sie sind nicht nur in der Lage, fast alle Elemente, die in einem Magma herumschwirren, in ihr Gitter einzubauen, sondern sie sind auch in vielfältiger Weise untereinander mischbar. Das macht die Analytik von Amphibolasbest manchmal zu einem anstrengenden Unterfangen.</p> <p>Hinzu kommt das Problem, das ich im vorherigen Beitrag zur DCONex 2026 bereits angesprochen hatte, dass die Amphibolasbeste nicht nur technisch verwendet wurden. Sie kommen auch in verschiedenen Rohstoffen als sogenannter geogener Asbest vor.</p> <p>Markus Mattenklott vom Institut für Arbeitsschutz (IFA) der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung begann mit den Grundlagen der Mineralfamilie der Amphibole. Stefan Pierdzig von der CRB Analyse Service GmbH folgte mit der Definition von Asbestfasern und der Unterscheidung zwischen technischem und geogenen Asbest. Den Abschluss bildete Joachim Koppen von der BIOLAB Umweltanalysen GMBH mit Fallbeispielen für Amphibolasbest aus der analytischen Praxis.</p> <h2 id="h-geogener-asbest-oder-akzessorischer-asbest">Geogener Asbest oder akzessorischer Asbest?</h2> <p>Das wäre ja alles noch nicht weiter dramatisch, wenn nicht für technisch zugesetzten und geogenen Asbest teilweise unterschiedliche Regelungen gelten würden. Damit sind wir auch schnell bei einem Problem: Wie lässt sich sicher zwischen technisch zugesetzten und geogenen Asbestfasern unterscheiden? <aside></aside></p> <p>Der Begriff „geogener Asbest” ist in meinen Augen ziemlich irreführend, selbst wenn man ihn dem technisch verwendeten Asbest gegenüberstellt. Während der technische Asbest, also der Asbest, den wir Baumaterialien hinzugefügt haben, um eine bestimmte Eigenschaft zu verbessern, oder den wir zum Beispiel als Brandschutz verwendet haben, also absichtlich hinzugefügt wurde, stammt der geogene Asbest aus verwendeten Zuschlagstoffen – meist natürlichen Gesteinen –, in denen er enthalten war. Er verbessert hier also keine Materialien, sondern kommt quasi als Trittbrettfahrer mit. Um die Verwirrung perfekt zu machen, muss man allerdings sagen, dass auch unser technisch verwendeter Asbest natürlicher Asbest ist, allerdings einer bestimmten Qualität. Er stammt aus ausgewählten Lagerstätten, die gerade wegen ihrer Asbestvorkommen aufgesucht und ausgebeutet werden.</p> <p>Geogener Asbest stellt hingegen als akzessorisches Mineral eines natürlichen Gesteins, das wir als Zuschlagstoff verwendet haben, keine eigene Lagerstätte dar. Der Begriff lehnt sich an den englischen Ausdruck „natural occurring asbestos“ (NOA) an. Ich bin aber dennoch der Meinung, dass man ihn eigentlich aufgeben sollte. Für diese Art Asbest wäre vielleicht der Begriff „akzessorischer Asbest“ angemessener, da er auf die Quelle hindeutet. Damit wäre allerdings noch nicht die Frage beantwortet, wie sich der akzessorische Asbest vom technisch verwendeten Asbest unterscheiden lässt. Aber dazu kommen wir später noch. Zunächst werfen wir einen Blick auf die Mineralgruppe der Amphibole und den Amphibolasbest.</p> <h2 id="h-analytik-von-amphibolen">Analytik von Amphibolen</h2> <p>Dieser Workshop war vielleicht eher etwas für Nerds, zumindest hatte ich diese Befürchtung. Glücklicherweise mussten wir aber nicht in einem leeren Saal stehen, auch wenn parallel durchaus interessante Beiträge liefen.</p> <h3 id="h-amphibole-die-hausschweine-des-geochemikers">Amphibole – die Hausschweine des Geochemikers</h3> <p>Amphibole sind eine sehr vielfältige Mineralgruppe. Sie können eine sehr große Bandbreite an Elementen in ihr Gitter einbauen und haben vermutlich die größte chemische Variabilität. Das hat ihnen den Ruf des „Hausschweins der Geochemiker” eingebracht. Alle Elemente, die in einem Magma oder bei einer Metamorphose vorhanden sind, finden auf die eine oder andere Weise in ihnen ihren Platz.</p> <p>Dabei ist ihre chemische Summenformel eigentlich relativ simpel, nämlich Amphibole sind eine sehr vielfältige Mineralgruppe. Sie können eine sehr große Bandbreite an Elementen in ihr Gitter einbauen und haben vermutlich die größte chemische Variabilität. Das hat ihnen den Ruf des „Hausschweins der Geochemiker” eingebracht. Alle Elemente, die in einem Magma oder bei einer Metamorphose vorhanden sind, finden auf die eine oder andere Weise in ihnen ihren Platz.<br></br>Dabei ist ihre chemische Summenformel eigentlich relativ simpel, nämlich Amphibole sind eine sehr vielfältige Mineralgruppe. Sie können eine sehr große Bandbreite an Elementen in ihr Gitter einbauen und haben vermutlich die größte chemische Variabilität. Das hat ihnen den Ruf des „Hausschweins der Geochemiker” eingebracht. Alle Elemente, die in einem Magma oder bei einer Metamorphose vorhanden sind, finden auf die eine oder andere Weise in ihnen ihren Platz.<br></br>Dabei ist ihre chemische Summenformel eigentlich relativ simpel, nämlich </p> <p>Amphibole sind eine sehr vielfältige Mineralgruppe. Sie können eine sehr große Bandbreite an Elementen in ihr Gitter einbauen und haben vermutlich die größte chemische Variabilität. Das hat ihnen den Ruf des „Hausschweins der Geochemiker” eingebracht. Alle Elemente, die in einem Magma oder bei einer Metamorphose vorhanden sind, finden auf die eine oder andere Weise in ihnen ihren Platz.<br></br>Dabei ist ihre chemische Summenformel eigentlich relativ simpel, nämlich </p> <p><strong>A<sub>0-1</sub>B<sub>2</sub>C<sub>5</sub>T<sub>8</sub>O<sub>22</sub>(OH)<sub>2</sub></strong></p> <p>Das Gleiche gilt für ihre Struktur: Es handelt sich um Doppelketten aus eckenverknüpften SiO₄-Tetraedern, was sie zu Kettensilikaten macht und auch die oft faserförmige, längliche Ausbildung der Minerale vorgibt. Die obige Summenformel zeigt, dass es Platzhalter für unterschiedliche Positionen in der Mineralstruktur gibt.</p> <p>A kann sowohl eine Leerstelle als auch durch Na<sup>+</sup>, K<sup>+</sup>, Ba<sup>2+</sup>, Sr<sup>2+</sup>, Ca<sup>2+</sup> oder Li<sup>+</sup> besetzt sein.</p> <p>B von Ca<sup>2+</sup>, Na<sup>+</sup>, Mg<sup>2+</sup>, Fe<sup>2+</sup>, Mn<sup>2+</sup>, Li<sup>+</sup>, Sr<sup>2+</sup>, Ba<sup>2+</sup>, Mn<sup>2+</sup>, Fe<sup>2+</sup>, Co<sup>2+</sup>, Ni<sup>2+</sup>, Zn<sup>2+</sup>, Pb<sup>2+</sup>,Cu, Zr<sup>4+</sup>, Mn<sup>3+</sup>, Cr<sup>3+</sup>, Fe<sup>3+</sup>, V</p> <p>C von Mg<sup>2+</sup>, Fe<sup>2+</sup>, Mn<sup>2+</sup>, Li+, Al<sup>3+</sup>, Zn<sup>2+</sup>, Ni<sup>2+</sup>, Co<sup>2+</sup>, Ti<sup>4+</sup>, Fe<sup>3+</sup>, V, Cr<sup>3+</sup>, Mn<sup>3+</sup>, Zr</p> <p>T steht für Si<sup>4+</sup>, Al<sup>3+</sup>, Ti<sup>4+</sup></p> <p>Zusätzlich kann die Hydroxygruppe, das (OH), durch F<sup>–</sup>, Cl<sup>– </sup>oder auch O<sup>2-</sup> ersetzt werden.</p> <p>Man kann sich also unschwer vorstellen, welches Chaos sich in der Nomenklatur und den Zusammensetzungen der Amphibole abspielt. Diese enorme Variabilität lässt die Amphibole auch in sehr weiten Bereichen der magmatischen und metamorphen Gesteine auftreten. Gleichzeitig war die Nomenklatur auch nicht einfach. Erste 2003 wurde vom <em>Subcommitee on Amphiboles</em> der IMA, der <em>International Mineralogical Assosciation, Commission on New Minerals and Mineral Names</em> die heute gültige Nomenklatur festgelegt. Die Mineralnamen bauen auf den Gehalten der verschiedenen Elemente auf den einzelnen Positionen auf. Ausschlaggebend sind dabei die Elemente der B-Position. Sie unterteilen sich in 5 Gruppen:</p> <ul> <li>Magnesium-Eisen-Mangan-Lithium Amphibole</li> <li>Calcium Amphibole</li> <li>Natrium-Calcium Amphibole</li> <li>Alkali-Amphibole</li> <li>Na-Ca-Mg-Fe-Mn-Li Amphibole</li> </ul> <h3 id="h-die-verflixten-mischkristalle">die verflixten Mischkristalle</h3> <p>Um die Sache noch komplizierter zu machen, können den Namen der Amphibole auch Präfixe der Elemente vorangestellt werden, die als wesentliche Substitutionen auftreten. Beispiele sind Ferro-Amphibolname oder Titano-Amphibolname, je nachdem, ob diese Elemente eine gewisse Bedeutung im jeweiligen Mineral erreichen.</p> <p>Zusätzlich bilden viele Amphibole Mischkristallreihen, bei denen wir nicht nur die reinen, lehrbuchmäßigen Endglieder, sondern meist etwas dazwischen beobachten. Leider sind auch unsere fünf Amphibolasbeste hier keine Ausnahme. Im Gegenteil, hier finden sich Mischkristallreihen sowohl zwischen ihnen, also Tremolit und Aktinolith, als auch mit Außenstehenden, also Grunerit und Cummingtonit. Falls der Begriff Grunerit nichts sagt: Es ist unter dem Begriff Amosit einer unserer Amphibolasbeste.</p> <p>Man kann sich also unschwer vorstellen, dass gerade bei akzessorischem Asbest aus Zuschlagsstoffen oft die gesamte Bandbreite auftritt und Analytiker vor die undankbare Aufgabe gestellt werden, zu entscheiden, ob etwas zu den Asbestmineralen gehört oder nicht.</p> <p>Aber ich will hier nicht weiter in die spezielle Mineralogie dieser ziemlich faszinierenden Mineralgruppe abschweifen. Schauen wir uns einfach die fünf Amphibole etwas genauer an, die wir unter dem Sammelbegriff Asbest zusammenfassen.</p> <h2 id="h-die-amphibolasbeste">Die Amphibolasbeste</h2> <p>Betrachtet man unsere fünf Asbestminerale aus der Gruppe der Amphibole genauer, fällt zunächst auf, dass zumindest die wirtschaftlich bedeutenden Minerale Amosit und Krokydolith keine richtigen Mineralnamen im mineralogischen Sinne sind. Krokydolith heißt mineralogisch korrekt Riebeckit und Amosit ist hier unter Grunerit zu finden.</p> <h3 id="h-krokydolith">Krokydolith</h3> <p>Vielleicht der wirtschaftlich bedeutendste Amphibolasbest ist Krokydolith oder auch Blauasbest. Er heißt mineralogisch eigentlich Riebeckit und gehört zur Gruppe der Alkali-Amphibole. Mineralogisch verbirgt sich dahinter das Mineral Riebeckit, ein monoklines Kettensilikat aus der Gruppe der Alkali-Amphibole. Es handelt sich um ein recht komplexes Natrium-Eisen Silikat mit der Zusammensetzung Na<sub>2</sub>Fe<sup>2+</sup><sub>3</sub>Fe<sup>3+</sup><sub>2</sub>[(OH)<sub>2</sub>|Si<sub>8</sub>O<sub>22</sub>].</p> <p>Das wäre ja noch relativ einfach, aber der Platz des Natrium ist nicht vollständig besetzt. Zudem bildet Riebeckit mit Magnesio-Riebeckit Na<sub>2</sub>(Mg,Fe)<sub>3</sub>Fe<sup>3+</sup><sub>2</sub>[(OH)<sub>2</sub>|Si<sub>8</sub>O<sub>22</sub>] (ein schönes Beispiel für die oben erwähnten Präfixe) eine lückenlose Mischkristallreihe.</p> <p>Riebeckit kann lange, feinfaserige bis nadelige Mineralaggregate bilden. Diese wurden (und werden zum Teil noch heute) als Krokydolith abgebaut und technisch verwendet. Riebeckit kann sich unter verschiedenen Bedingungen bilden. So kommt das Mineral magmatisch in Graniten, Rhyolithen und Syeniten vor, aber auch in metamorphen Gesteinen wie Quarziten oder eisenreichen Schiefern, wo es mit anderem Asbest der Tremolit-Aktinolith-Reihe vergesellschaftet ist. Die Krokydolith-Vorkommen in Südafrika befinden sich in den Banded Iron Formations und sind sekundärer Natur. Möglicherweise haben Magnetitkristalle als Keime gewirkt.</p> <h3 id="h-amosit">Amosit</h3> <p>Auch Amosit oder Braunasbest wegen seiner oft bräunlichen Farbe, ist kein richtiger Mineralname, sondern das Akronym eines der Hauptförderer des Minerals: die Asbestos Mine of South Africa. Dahinter verbirgt sich der Amphibol Grunerit. Er gehört zu den monoklinen Amphibolen. Seine oft faserigen oder nadeligen Kristalle haben die Zusammensetzung (Fe<sup>2+</sup>, Mg)<sub>7</sub>[OH|Si<sub>4</sub>O<sub>11</sub>]<sub>2</sub>. Wie bei den meisten Amphibolen stellt auch Grunerit nur das Endglied einer Mischkristallreihe dar, in diesem Fall mit <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/cummingtonite/">Cummingtonit</a> (Mg,Fe₂+)₇[OH|Si₄O₁₁]₂. Dabei stellt Grunerit das Fe-betonte und Cummingtonit das Mg-betonte Endglied dar. Auch Amosit wird wirtschaftlich als Asbest genutzt, wenn auch weniger als Chrysotil oder Krokydolith.</p> <p>Das Mineral bildet sich oft während der Kontaktmetamorphose in mittel- bis hochgradigen, eisenreichen Gesteinen und Blauschiefern.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="736" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-1024x736.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-1024x736.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-300x216.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-768x552.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-1536x1104.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-2048x1472.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Amosit. Diser Amosit hier auf einem Luftfilter wurde technisch verwendet. Das Verhältnis Länge zu Dicke ist hoch. CRB Analyse Service GmbH.</em></figcaption></figure> <h3 id="h-anthophyllit">Anthophyllit</h3> <p>Anthophyllit gehört ebenfalls zur Mineralgruppe der Amphibole. Seine chemische Zusammensetzung ist (Mg,Fe₂+)₇[OH|Si₄O₁₁]₂, wobei der Gehalt an Magnesium und Eisen stark schwanken kann. So kann Magnesium bis zu 40 Atomprozent durch zweiwertiges Eisen ersetzt werden. Damit ähnelt er stark der Grunerit-Cummingtonit-Reihe, kristallisiert aber im Gegensatz zu diesen Amphibolen im orthorhombischen Kristallsystem.</p> <p>Als Asbest wurden meist die nadeligen und faserigen Anthophyllitvarianten verwendet, wenn auch deutlich seltener als Krokydolith und Amosit. Dennoch kann dieser Amphibolasbest immer wieder nachgewiesen werden, auch als technischer Asbest.</p> <p>Anthophyllit bildet sich vornehmlich in Gesteinen der Regionalmetamorphose, zum Beispiel in Gneis, Pegmatit und Serpentinit. Sein Name leitet sich von seiner Ähnlichkeit mit der Gewürznelke (griechisch <em>Anthophylli</em>) ab.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="729" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-1024x729.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-1024x729.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-300x214.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-768x547.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-1536x1094.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-2048x1459.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Anthophyllite, hier mit Maßstab, um die Lungengängigkeit zu belegen. Diese Anthophyllite waren geogener Herkunft, sie ähneln aber durch ihr hohes Länge zu Dicke Verhältnis durchaus technisch verwendeten Anthophylliten. CRB Analyse Service GmbH.</em></figcaption></figure> <h3 id="h-aktinolith">Aktinolith</h3> <p>Aktinolith ist ein Mitglied der Calcium-Amphibole, die früher auch als Hornblenden bezeichnet wurden. Seine Mineralformel lautet Ca₂(Mg,Fe)₅[OH|Si₄O₁₁]₂. Es gehört zusammen mit dem unten beschriebenen Tremolit zur Tremolit-Aktinolith-Ferro-Aktinolith-Mischkristallreihe. Die faserigen bis nadeligen Varianten finden als Asbest Verwendung, wenn auch relativ selten. Die faserige und als Asbest genutzte Variante wird gelegentlich auch als Amiant bezeichnet. In der technischen Verwendung tritt sie mengenmäßig deutlich hinter den oben aufgeführten Asbestarten zurück. Das Mineral kommt aber vergleichsweise häufig in Gesteinen der Regionalmetamorphose, wie Amphiboliten und kristallinen Schiefern, vor.</p> <p>Aufgrund seiner Häufigkeit in vielen Gesteinen und seines variablen Chemismus ist es unter dem Elektronenmikroskop manchmal sehr schwer, es von anderen Mineralen wie etwa Talk abzugrenzen.</p> <h3 id="h-tremolit">Tremolit</h3> <p>Der fünfte und letzte unter den Amphibolasbesten ist der Tremolit. Er hat die Mineralformel Ca₂Mg₅[(OH,F) | Si₄O₁₁]₂ und gehört zusammen mit dem bereits erwähnten Aktinolith zu einer Mischkristallreihe. Daneben zeigen diese auch Übergänge zu den anderen Amphibolen der Hornblende-Gruppe. Für ihn gilt das Gleiche wie für den Aktinolith, allerdings wurde er technisch kaum verwendet.</p> <p>Das Mineral bildet sich in Gesteinen der Regionalmetamorphose, unter anderem in Talkschiefern und unreinen Marmoren. Werden diese Gesteine als Zuschlag oder Rohstoff verwendet, können Tremolite auch immer wieder den Weg in verschiedene Produkte, wie etwa jüngst in bunten Spielsand, finden. Vermutlich gehören Tremolit und die mit ihm verwandten Aktinolithe zu den häufigsten geogenen oder akzessorischen Asbesten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="729" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-1024x729.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-1024x729.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-300x214.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-768x547.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-1536x1094.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-2048x1459.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Tremolit aus eiem Talk. Dieser Tremlit ist nicht lungengängig, zeigt aber sehr schöne Längsspaltbarkeit und würde unter Belastung schnell in kleinere, möglicherweise lungengängige Fasern zerbrechen. CRB Analyse Service GmbH.</em></figcaption></figure> <h2 id="h-bestimmung-und-abgrenzung-der-amphibolasbeste">Bestimmung und Abgrenzung der Amphibolasbeste</h2> <p>Neben der faserförmigen Ausprägung ist die vollkommene Spaltbarkeit der Asbestminerale eines der wichtigsten Kriterien. Dadurch zeichnen sich die Fasern oder Faserbündel durch ein feines Aufspleißen aus, das vom Faserende her beginnt. Dies gilt auch für die Asbeste aus der Amphibolgruppe.</p> <p><br></br>aneben ist ein möglichst aussagekräftiges Elementspektrum wichtig, bei dem sowohl die leichteren als auch die schweren diagnostischen Elemente gut erfasst werden. Dies ist vor allem bei den Amphibolen mit ihren Mischkristallreihen und der extrem variablen Zusammensetzung notwendig, da sie oft nur schwer erkennbare Grenzen gegenüber den nicht zu den Asbestmineralen gehörenden Endgliedern haben. Beispiele hierfür sind die Mischkristallreihe Grunerit (Amosit) – Cummingtonit und die Tremolit-Aktinolith-Reihe mit Übergängen zu anderen Hornblenden. Aber auch viele ebenfalls faserförmig auftretende Minerale mit ähnlichem Chemismus, wie etwa viele Phyllosilikate, Talke oder die Gruppe der Pyroxene, sind zu nennen.</p> <p>Da auch umgebende Partikel oft mit angeregt werden, können auch diese die Analyse beeinflussen und so zu Fehldeutungen führen. So kann eine kalkige oder dolomitische Matrix etwa die Unterscheidung von Tremolit und Aktinolith erschweren. Um den beträchtlichen Aufwand bei der Überprüfung der verschiedenen Abgrenzungskriterien zu erleichtern, stellt das Institut für Arbeitsschutz der DGUV eine <a href="https://www.dguv.de/ifa/praxishilfen/praxishilfen-gefahrstoffe/software-faseridentifizierung-in-staeuben/index.jsp">Auswertungstabelle </a>auf Grundlage von Microsoft Excel bereit.</p> <h2 id="h-unterscheidung-zwischen-technischem-und-geogenem-akzessorischem-asbest">Unterscheidung zwischen technischem und geogenem / akzessorischem Asbest</h2> <p>Was genau ist eigentlich dieser geogene Asbest und wie unterscheidet er sich von technisch eingesetztem Asbest? Ich hatte bereits weiter oben dargelegt, dass ich den Begriff „geogener Asbest” für problematisch halte. Das gilt allgemein für Begriffe, die sich auf die Entstehung beziehen. Hier gilt es sogar doppelt, denn letztlich ist auch der technisch verwendete Asbest geogen. Er hat nur eine andere Qualität: Er wurde absichtlich zugefügt, um die Materialeigenschaften oder die Verarbeitung zu verbessern. Der sogenannte geogene Asbest hingegen entstammt akzessorischen Asbestgehalten natürlicher Gesteine als Zuschlagstoff. Ich halte daher den Begriff „akzessorischer Asbest” für treffender.</p> <p>Das Problem besteht zwar schon länger, hat sich aber seit der Einführung der damals erneuerten VDI 3866 mit ihrem Anhang B und der daraus resultierenden, deutlich verbesserten Analytik mit extrem niedrigen Nachweisgrenzen noch verschärft. Seither werden in vielen Produkten, auch in solchen, die deutlich nach dem Asbestverbot hergestellt wurden, immer wieder Asbestfunde gemacht.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="729" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-1024x729.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-1024x729.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-300x214.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-768x547.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-1536x1094.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-2048x1459.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Tremolit. Das Aufpleißen an den Enden ist ebenso gut zu erkennen wie die extrem perfekte Spaltbarkeit. Auch wenn diese Fasers elbst nicht lungengängig ist, so kann sie sehr leicht in viele lungengängige Fasern zerfallen. Dieser Tremolit ist kein technisch verwendeter, sondern stammt als akzessorisches Mineral aus einem Zuschlagstoff. CRB Analyse Service GmbH.</em></figcaption></figure> <h3 id="h-asbest-mit-zweierlei-mass">Asbest mit zweierlei Maß</h3> <p>Dabei ergibt sich ein Problem. Zurzeit gibt es nämlich keine klare Definition dafür, was aus analytischer Sicht technischer und was geogener/akzessorischer Asbest ist. Das mag auf den ersten Blick wie Erbsenzählerei klingen, hat jedoch große Auswirkungen auf verschiedene Rechtsbereiche, etwa das Chemikalienrecht, das Bau- und Gefahrgutrecht. Bislang gibt es nur sehr wenige belastbare medizinische Daten zur Toxizität der verschiedenen Asbestvarianten und ihrer unterschiedlichen morphologischen Ausprägungen.</p> <p>Nehmen wir ein kleines Beispiel: Wir haben in einer Probe einen eindeutig positiven Asbestbefund. Wenn es sich um einen natürlichen Rohstoff handelt, darf dieser bis zu 0,1 Massenprozent Asbest enthalten. Das gilt übrigens auch, wenn dieser Rohstoff oder daraus hergestellte Produkte später recycelt werden. Hier kommen die Regelungen der TRGS 517 zum Tragen.</p> <p>Ansonsten gilt für Baustoffe mit technischem Asbest die TRGS 519 sowie ein Inverkehrbringungsverbot.</p> <p>Das liegt daran, dass viele Gesteine kleine Mengen der als Asbest bekannten Minerale enthalten können. Die TRGS 517 stellt allerdings auch fest, dass davon ausgegangen werden kann, dass die in der Bundesrepublik vorkommenden Rohstoffe weniger als 0,1 Massenprozent Asbest enthalten. Abgesehen davon, dass dies nicht ohne Weiteres pauschalisiert werden kann, ist bei grenzüberschreitendem Handel durchaus auch mit höheren Asbestgehalten zu rechnen. Man denke nur an die jüngsten Funde von Asbest in buntem Spielsand.</p><h3>Und was genau ist mit “Asbestgehalt” gemeint?</h3> <p>Doch was sind 0,1 Massenprozent überhaupt? Auch diese Frage, die viele einfach mit „Asbestgehalt“ beantworten möchten, ist letztlich nicht trivial. Denn es gibt durchaus verschiedene Asbestgehalte in natürlichem Gestein. Welche wären das?</p> <p>Am einfachsten wäre der Gesamtgehalt an Asbestmineralen. Da bei Asbest aber auch die Form eine Rolle spielt, wäre vielleicht der Gehalt an faserförmigen Asbestmineralen passender.</p> <p>Zu der Frage, was genau „faserförmig“ bedeutet, komme ich gleich auch noch.</p> <p>Im Prinzip sind es die lungengängigen Fasern, also die WHO-Fasern, die die Asbestminerale so gefährlich machen. Vielleicht also der Gehalt an faserförmigen Asbestmineralen mit WHO-Abmessungen?</p> <p>Schließlich können wir auch noch zwischen primär faserförmigen Asbestmineralen und solchen, die aufgrund ihrer vollkommenen Spaltbarkeit während der Bearbeitung faserförmig werden, unterscheiden.</p> <p>Nach der TRGS 517 werden als Asbestfasern diejenigen Fasern bezeichnet, die sowohl zu den sechs bekannten Asbestmineralen gehören als auch den Kriterien einer lungengängigen Faser nach WHO entsprechen.<br></br>Dabei ist es unerheblich, ob diese Faser bereits als faserförmiges Mineral vorlag oder erst durch die Bearbeitung faserförmig wurde. Denn eine solche Unterscheidung kann an einem einzelnen Partikel in der Regel ohnehin nicht getroffen werden.</p> <h3 id="h-was-ist-eine-faser">Was ist eine Faser?</h3> <p>Das bringt uns zu der Frage: Was ist eigentlich eine asbestiforme Faser? Das mag auf den ersten Blick wie Haarspalterei erscheinen, hat aber einen ernsten Hintergrund. Denn obwohl die Definition dessen, was als Faser zu zählen ist, für die Asbestanalytik von enormer Wichtigkeit ist, sind sich die verschiedenen Normen und Richtlinien hier nicht sonderlich einig. Zwar gibt es einige Übereinstimmungen, aber auch viel Unklares und Interpretationsspielraum.</p> <p>So definiert die VDI 3492 eine Faser als einen langgestreckten Partikel mit einer Länge von mehr als 5 µm, einer Dicke von weniger als 3 µm und einem L:D-Verhältnis &gt; 3:1. Damit werden die klassischen WHO-Fasern erfasst. Das gilt ebenso für die BGI_GUV-I-505-46 und die VDI 3877.</p> <p>Die DIN-ISO-EN 16000-7 vereinfacht das Ganze. Als Faser gilt hier jeder Partikel mit einem L:D-Verhältnis von mehr als 3:1.<br></br>Soweit ist ja noch alles halbwegs klar. Es geht aber noch weiter. In der IFA-Arbeitsmappe 7487, also der Methode zur halbquantitativen Bestimmung des Asbestgehalts, gilt als Faser jedes Objekt, das eine Länge von wenigstens 5 µm sowie ein L/D-Verhältnis von über 3:1 aufweist.<br></br>Spannend und etwas schwammig wird es bei der VDI 3866: Während Blatt 4 noch auf lang gestreckte Partikel mit einem L:D von mindestens 3:1 setzt, bleibt Blatt 5 bei der deutlich erkennbaren Längsspaltbarkeit und einem damit verbundenen Aufspleißen an den Faserenden oder dem Vorliegen dünner Fasern (d &lt; 1 µm) sowie einem hohen L/D-Verhältnis. Da kann man durchaus einiges hineininterpretieren.</p> <p>Die TRGS 517 definiert Asbestfasern als zugehörig zu den sechs bekannten Asbestmineralen, als lungengängig gemäß den WHO-Kriterien und mit einem L:D-Verhältnis von weniger als 3:1.</p> <h4 id="h-asbestfaser-international">Asbestfaser – international</h4> <p>Auch ein Blick auf die internationalen Normen bringt keine größere Klarheit. So beziehen sich die den DIN-Normen eigentlich übergeordneten ISO-Normen 22262-1 und 22262-2 auf „asbstiform” und verweisen auf die ISO 1379:2019, in der allerdings keine Definition zu finden ist. Stattdessen wird man auf die ISO 10312:2019 verwiesen. Dort heißt es, dass eine Mindestlänge von 0,5 µm und ein Verhältnis von Länge zu Dicke von wenigstens 5:1 vorliegen muss.</p> <p>In den USA (EPA600/R-93/116) sieht es folgendermaßen aus: Um als Asbestfaser zu gelten, muss ein Länge-zu-Dicke-Verhältnis von 20:1 bis über 100:1 vorliegen und die Faser muss länger als 5 µm sein. Zudem sollten sehr dünne Fibrillen mit Dicken unter 0,5 µm sowie zwei oder mehr der folgenden Kriterien vorliegen: parallele Fasern in Bündeln, aufspleißende Enden, verfilzte Fasern und gekrümmte Fasern.</p> <p>In Großbritannien sieht es ähnlich aus (HSG248): Das Länge-zu-Dicke-Verhältnis beträgt auch hier 20:1 bis über 100:1 und es besteht die Möglichkeit, in dünnere Fasern aufzuspalten. Auch die Zusatzkriterien sind ähnlich zu denen in den USA. Es können parallele Fasern in Bündeln, aufspleiessende Enden, dünne Nadeln, Faserfilz oder gekrümmte Fasern auftreten.<br></br>In der Schweiz kann man sich am Positionspapier des Forums Asbest Schweiz orientieren. Demnach liegt bei Amphibolasbest ein positiver Asbestbefund vor, wenn mindestens drei Asbeststrukturen in einem Präparat nachgewiesen werden können. Diese sollten folgende morphologische Eigenschaften aufweisen: – lange, dünne Einzelfasern oder sehr dünne Faserbündel mit einer Länge von mehr als 5 µm und einem Durchmesser von weniger als 1 µm sowie einem Längen-Durchmesser-Verhältnis von mehr als 20,<br></br>– aufspleissende Faserbündel oder<br></br>– wirrfaserige, verfilzte Faseraggregate.</p> <p>Alle anderen Faserstrukturen, die nicht asbestiform sind, stellen demnach kein Asbest dar. Die Frage, ob sie eine Gefahr darstellen, wird dabei jedoch ausgeklammert.</p> <h3 id="h-definition-notwendig">Definition notwendig</h3> <p>Bislang fehlt uns offenbar eine allgemeingültige Definition für Asbestfasern, vor allem in der Richtlinie VDI 3866 Blatt 5. Die dort zu findende Asbestfaserdefinition beruht auf der bislang meist erfolgten Anwendung auf die klassischen, technisch verwendeten Asbestformen. In Zukunft wird jedoch vermutlich der geogene oder akzessorische Asbest immer wichtiger werden – auch im Hinblick auf die Unterscheidung vom technisch verwendeten Asbest. Denn die immer besser werdenden Analysemethoden offenbaren auch geringe Gehalte an akzessorischen Mineralen der Asbeste, hier vornehmlich der Amphibolasbeste, in den Zuschlagstoffen.</p> <p>Wir werden also Kriterien und Definitionen benötigen, um diese verschiedenen Asbestformen und -quellen zu erkennen und voneinander zu unterscheiden. Einerseits, um abweichende Ergebnisse aus unterschiedlichen Laboren zu vermeiden, andererseits, um Funde differenziert bewerten zu können. Vor allem aber, um Funde differenziert bewerten zu können. Denn der Befund kann, wie bereits angemerkt, auch Konsequenzen hinsichtlich der abfallrechtlichen Bewertung und des möglichen Recyclings haben.</p> <p>Daher sollte die Regelung in VDI 3866 Blatt 5, nach der eine Untersuchung nach dem ersten Fund einer Asbeststruktur abgebrochen werden kann und die Probe als asbesthaltig gilt, dringend überarbeitet werden. Vielleicht sollten wir dem Schweizer Vorbild folgen und mindestens drei sicher identifizierte Asbeststrukturen verlangen.</p> <h3 id="h-unterschied-technischer-und-geogener-asebest">Unterschied technischer und geogener Asebest</h3> <p>Worin bestehen die Unterschiede zwischen technisch verwendetem Asbest und dem, der als akzessorisches Mineral durch Zuschläge in Materialien gelangt?</p> <p>Technischer Asbest ist in der Regel sehr dünnfaserig. Die Einzelfasern zeigen parallele Kanten und sind deutlich länger als 5 µm, wobei die Dicke meist deutlich unter 1 µm liegt. Das Verhältnis von Länge zu Dicke ist meist deutlich über 10:1 und die Enden der Fasern zeigen meist ein Aufspleißen in feinere Fibrillen. Es können auch wirrfaserige und verfilzte Aggregate vorkommen. Zumindest eines, meist sogar mehrere dieser Merkmale können zusammen auftreten.</p> <p>Geogener oder akzessorischer Asbest kann auch als Einzelfaser mit parallelen Kanten vorliegen, wobei das Längen-zu-Dicken-Verhältnis meist kleiner als 10:1 ist. Die Fasern sind in der Regel dicker als 1 µm. Oft fehlt auch das typische Aufspleißen an den Faserenden. Es treten auch Fasern mit nichtparallelen Längskanten auf.</p> <p>Statistisch betrachtet ließen sich die verschiedenen Asbestquellen vermutlich so unterscheiden. Die obigen Kriterien sollten in dieser oder überarbeiteter Form Eingang in die betreffenden Richtlinien finden. Nur so kann der Befund technischer bzw. geogener Asbest auch in die Prüfberichte Eingang finden. Bislang sind die Konsequenzen zwar noch recht überschaubar, aber auch bei Regelwerken wie der TRGS 519 und der TRGS 517 sollte eine Harmonisierung und Anpassung der Grenzwerte stattfinden.</p> <h3 id="h-was-ist-notwendig">Was ist Notwendig?</h3> <p>Diese oben genannten Unterscheidungskriterien müssen in irgendeiner Form Einzug in die Normen wie die VDI 3866 Blatt 5 halten. Das bietet sich auch daher an, weil diese Norm zur Zeit gerade in der Überarbeitung ist.</p> <p>Eventuell bietet es sich auch an, die Unterscheidung ob technischer oder geogener/akzessorischer Asbest gefunden wurde in die Prüfberichte zu übernehmen, zumindest auf Kundenwunsch. Hierfür wäre eventuell aber eine statistische Auswertung mehrerer Faserstrukturen notwendig und nicht nur die bisher erfolgte rein qualitative Einstufung nach möglicherweise Fund einer einzelnen Faserstruktur.</p> <p>Die Regeln für Materialien, die technischen Asbest und diejenigen, welche geogenen/akzessoriuschen Asbest enthalten, müssen harmonisiert und die Grenzwerte angepasst werden (TRGS 519 und TRGS 517).</p> <p>Man sollte sich aber auch im Klaren sein, dass die Unterscheidung der beiden Asbestvarianten kein Urteil hinsichtlich der Toxizität ist. Es gibt keinen „guten“ Asbest.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/reden-wir-ueber-asbestanalytik-dconex-2026-teil-2/#respond 0 Wie eingebrannt: Emotion und Gedächtnis https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/wie-eingebrannt-emotion-und-gedaechtnis/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/wie-eingebrannt-emotion-und-gedaechtnis/#comments Mon, 09 Mar 2026 07:09:00 +0000 Antonia Ceric https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5684 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2301.q713.016.S.m012.c12.people-thinking-types-flat-set-scaled-e1772978937402-768x196.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/wie-eingebrannt-emotion-und-gedaechtnis/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2301.q713.016.S.m012.c12.people-thinking-types-flat-set-scaled-e1772978937402.jpg" /><h1>Wie eingebrannt: Emotion und Gedächtnis » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>Bestimmt kennst du das. Manche Lieder erinnern uns einfach an eine ganz bestimmte Zeit in unserem Leben. Du sitzt im Auto, das Radio läuft. Der nächste Track: Peter Fox, Haus am See. Und plötzlich bist du nicht mehr im Stau auf der A3, sondern wieder 10 Jahre alt und sitzt im Auto deiner Eltern, die dich gerade zum Kinderturnen fahren. Plötzlich sind die Gefühle von damals ganz nah. Pure Nostalgie. Es ist fast so, als könnten wir die Zeit zurückdrehen, wenn auch nur für einen kleinen Moment. Die Songs auf den ersten Partys als Teenager. Der Soundtrack des ersten Liebeskummers. Die Musik, zu der wir damals auf dem Abschlussball getanzt haben.</p> <p>Mit der Musik und der Stimmung von damals, kommen die Erinnerungen wieder. Doch warum ist das eigentlich so? Warum fühlen sich Erinnerungen so intensiv und echt an, wenn wir im Jetzt den damaligen Emotionen näher sind? Unser Gedächtnis scheint eng mit unseren Emotionen verknüpft zu sein. Das Geheimnis liegt mal wieder in den Tiefen unseres Gehirns.</p> <h2 id="h-amygdala-und-hippocampus-emotion-und-gedachtnis-treffen-aufeinander">Amygdala und Hippocampus – Emotion und Gedächtnis treffen aufeinander</h2> <p>Um zu verstehen, wie das funktioniert, müssen wir uns die „neuronale Architektur“ der Erinnerung ansehen. Für die Verarbeitung emotionaler Informationen ist vor allem ein Netzwerk im limbischen System verantwortlich. Im Zentrum stehen zwei Strukturen, die eng beieinander liegen: der Hippocampus und die Amygdala.</p> <p>Der Hippocampus fungiert als Schaltzentrale für Fakten und Ereignisse und entscheidet, was ins Langzeitgedächtnis wandert [1]. Die Amygdala hingegen ist unser emotionales Alarmsystem. Wenn wir etwas emotional Relevantes erleben, feuert die Amygdala und schüttet Botenstoffe wie Noradrenalin aus [4]. Diese Botenstoffe „peitschen“ den Hippocampus regelrecht dazu an, die aktuelle Information tiefer abzuspeichern.</p> <p>Forschende nennen diesen Prozess auch <strong>„Emotional Tagging“</strong> [2]. Die Amygdala setzt quasi ein Lesezeichen an ein Erlebnis. Traurige Ereignisse werden auf diese Weise untereinander enger miteinander verbunden als etwa mit einer fröhlichen Erinnerung. Erinnert ihr euch noch an den Film „Alles steht Kopf?“. Auch da bekamen die Kernerinnerungen Farben, je nachdem welche Emotion beim jeweiligen Erlebnis im Vordergrund stand. Studien zeigen, dass eine stärkere Aktivität im Amygdala-Hippocampus-Schaltkreis direkt mit einer besseren Erinnerungsleistung für diese emotionalen Inhalte korreliert [1, 2]. Wenn wir traurig sind, erinnern wir traurige Erlebnisse besser. Sind wir glücklich, rücken diese eher in den Hintergrund und müssten schon bewusst hervorgeholt werden [7]. Dieses Prinzip hat auch im psychotherapeutischen Kontext Relevanz.<aside></aside></p> <h2 id="h-die-emotionale-brille-das-prinzip-der-stimmungskongruenz">Die „emotionale Brille“: Das Prinzip der Stimmungskongruenz</h2> <p>Vielleicht hast du schon bemerkt: Wenn du schlecht gelaunt bist, fallen dir plötzlich alle anderen Dinge ein, die in deinem Leben gerade schieflaufen. Wenn du mit deiner Beziehungsperson über etwas streitest, tendierst du vielleicht auch dazu noch mehr und mehr Dinge einzuwerfen, die dich stören. Und plötzlich kommt jede einzelne Kleinigkeit in deinen Kopf, die dich je genervt hat. An manche Dinge hast du vielleicht eigentlich lange nicht mehr gedacht, oder sie sind einfach normalerweise nicht so groß, wenn du glücklich und zufrieden bist. Aber jetzt bist du wütend auf deinen Partner und all das scheint plötzlich ganz präsent zu sein. Forschende sprechen hier vom stimmungs-kongruenten Gedächtnis (Mood-Congruent Memory).</p> <p>Das Konzept geht maßgeblich auf den Psychologen Gordon Bower zurück. Er postulierte, dass Emotionen wie Knotenpunkte in einem riesigen assoziativen Netzwerk in unserem Gehirn funktionieren [6]. Wenn wir eine Emotion spüren, wird dieser „Knoten“ aktiviert und sendet Signale an alle damit verknüpften Erinnerungen aus. Es gibt dabei zwei wichtige Phänomene:</p> <div><figure><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/girl-with-curly-hair-covering-her-face-with-tapes-1-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/girl-with-curly-hair-covering-her-face-with-tapes-1-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/girl-with-curly-hair-covering-her-face-with-tapes-1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/girl-with-curly-hair-covering-her-face-with-tapes-1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/girl-with-curly-hair-covering-her-face-with-tapes-1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/girl-with-curly-hair-covering-her-face-with-tapes-1-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/girl-with-curly-hair-covering-her-face-with-tapes-1-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></figure><div> <p><strong>Stimmungsabhängigkeit:</strong> Ein Erlebnis lässt sich am besten dann wieder abrufen, wenn wir uns in derselben emotionalen Verfassung befinden wie zum Zeitpunkt des Erlebens [6, 9].</p> <p><strong>Stimmungskongruenz:</strong> Wir nehmen Informationen, die zu unserer aktuellen Stimmung passen, leichter auf und speichern sie besser ab [6].</p> </div></div> <p><a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/maedchen-mit-lockigem-haar-das-ihr-gesicht-mit-baendern-bedeckt_8605549.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=29&amp;uuid=72b2ef72-0225-4f79-9619-88782595004e&amp;query=emotion+ged%C3%A4chtnis">Bild von freepik</a></p> <h2 id="h-uberlebenswichtige-gefuhle">Überlebenswichtige Gefühle</h2> <p>Unser Gehirn nutzt Emotionen also gewissermaßen als Suchfilter [4, 8]. Das macht es aber nicht um der Emotion willen, sondern weil es so wunderbar nach der aktuellen Relevanz der Erinnerung filtern kann. Evolutionär war es überlebenswichtig, dass wir uns an gefährlich Situationen oder aber erfolgreiche Jagden sofort und dauerhaft erinnern konnten, um später von der Erfahrung wieder profitieren zu können. Je stärker die emotionale Reaktion auf ein Erlebnis, desto höher schätzt unser Gehirn auch die Wichtigkeit und den Wert der Information für später ein. Zugleich dient das emotionale Lesezeichen auch dem zielgerichteten und schnell Abruf der benötigten Information in einer akuten Gefahrensituation. Von wilden Tieren bedroht, muss ich wohl kaum daran denken, wie toll es war, als wir letztens die eine Stelle im Wald fanden, wo so viele Beeren wuchsen. Dann brauche ich eher die Erinnerung daran, wie ich einmal auf einen Baum kletterte, um der Gefahr zu entkommen. Dieses konkrete Beispiel ist in unserem heutigen Alltag meist weniger relevant, die grundlegenden Muster in unserem Gehirn sind es allerdings nach wie vor.</p> <h2 id="h-wenn-das-gedachtnis-zur-falle-wird-der-therapeutische-kontext">Wenn das Gedächtnis zur Falle wird: Der therapeutische Kontext</h2> <p>Diese enge Verknüpfung von Emotion und Gedächtnis ist evolutionär also überaus sinnvoll, kann aber bei psychischen Erkrankungen auch zu einer Belastung werden. Bei einer <strong>Depression</strong> entsteht oft ein Teufelskreis: Die gedrückte Stimmung sorgt für eine Verzerrung beim Abruf von Erinnerungen. Negative Erlebnisse werden vermehrt erinnert, was die depressive Stimmung weiter verstärkt und es den Betroffenen erschwert, positive Ressourcen zu aktivieren [8].</p> <p>In der Therapie wird dieser Mechanismus jedoch gezielt genutzt, um Heilungsprozesse anzustoßen:</p> <ol start="1"> <li><strong>Ressourcenaktivierung:</strong> Durch gezieltes „Priming“ (Vorbereitung) positiver Stimmungen können Patientinnen und Patienten wieder Zugang zu ihren eigenen Stärken und positiven Erinnerungen finden [10].</li> <li><strong>Reprozessierung (z.B. EMDR):</strong> Bei traumatischen Erinnerungen ist die emotionale Markierung durch die Amygdala oft so stark, dass die Erinnerung sehr tief verankert ist. Therapien wie EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) helfen dabei, die Überaktivität der Amygdala zu reduzieren und das traumatische Erlebnis neu zu bewerten, sodass es in das normale Gedächtnisnetzwerk integriert werden kann [3, 5].</li> </ol> <p><strong>Mehr zu EMDR lest hier in diesem Blogartikel:</strong> https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/emdr-wie-augenbewegungen-traumata-verarbeiten-koennen/</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Die Verknüpfung von Emotion und Gedächtnis ist eine grundlegende evolutionäre Funktion unseres Gehirns, die heute für uns aber auch ihre Tücken haben kann. Durch Mechanismen wie Emotional Tagging und stimmungskongruente Verarbeitung wird sichergestellt, dass relevante Informationen bevorzugt gespeichert und im richtigen Kontext schnell wieder verfügbar gemacht werden können. Dieses Zusammenspiel erklärt nicht nur die Intensität nostalgischer Momente beim Hören vertrauter Musik, sondern liefert auch das neurobiologische Fundament für das Verständnis affektiver Störungen und deren Behandlung im psychotherapeutischen Kontext.</p> <h2 id="h-quellen"><strong>Quellen</strong></h2> <p>[1] Richardson, M. P., Strange, B. A., &amp; Dolan, R. J. (2004). Encoding of emotional memories depends on amygdala and hippocampus and their interactions. <em>Nature Neuroscience</em>, <em>7</em>(3), 278–285. <a href="https://doi.org/10.1038/nn1190" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1038/nn1190</a></p> <p>[2] Bergado-Rosado, J. A., &amp; Richter-Levin, G. (2011). Emotional tagging: A bridging concept in the study of memory and its modification. <em>Progress in Neurobiology</em>, <em>94</em>(2), 75–87. <a href="https://doi.org/10.1016/j.pneurobio.2011.03.004" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.pneurobio.2011.03.004</a></p> <p>[3] Alting van Geusau, V. V. P., Nuijs, M. D., de Jongh, A., Moerbeek, M., &amp; Matthijssen, S. J. M. A. (2025). The relationship between changes in emotional intensity and treatment outcome in PTSD patients in EMDR therapy. <em>European Journal of Psychotraumatology</em>, <em>16</em>(1). <a href="https://doi.org/10.1080/20008066.2025.2536973" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1080/20008066.2025.2536973</a></p> <p>[4] McGaugh, J. L. (2004). The amygdala modulates the consolidation of memories of emotionally arousing experiences. <em>Annual Review of Neuroscience</em>, <em>27</em>, 1–28. <a href="https://doi.org/10.1146/annurev.neuro.27.070203.144157" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1146/annurev.neuro.27.070203.144157</a></p> <p>[5] Shapiro, F. (2017). <em>Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) Therapy, Third Edition: Basic Principles, Protocols, and Procedures</em>. Guilford Publications.</p> <p>[6] Bower, G. H. (1981). Mood and memory. <em>American Psychologist</em>, <em>36</em>(2), 129–148. <a href="https://doi.org/10.1037/0003-066X.36.2.129" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1037/0003-066X.36.2.129</a></p> <p>[7] Faul, L., Ritchey, M., &amp; Kensinger, E. A. (2025). The relationship between subjective vividness and remembered visual characteristics of emotional stimuli across the lifespan. <em>Emotion</em>, <em>25</em>(6), 1579–1595. <a href="https://doi.org/10.1037/emo0001518" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1037/emo0001518</a></p> <p>[8] Blaney, P. H. (1986). Affect and memory: A review. <em>Psychological Bulletin</em>, <em>99</em>(2), 229–246. <a href="https://doi.org/10.1037/0033-2909.99.2.229" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1037/0033-2909.99.2.229</a></p> <p>[9] Forgas, J. P., &amp; Bower, G. H. (1987). Mood effects on person-perception judgments. <em>Journal of Personality and Social Psychology</em>, <em>53</em>(1), 53–60. <a href="https://doi.org/10.1037/0022-3514.53.1.53" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1037/0022-3514.53.1.53</a></p> <p>[10] Grawe, K. (2004). <em>Neuropsychotherapie</em>. Hogrefe.</p> <p>Beitragsbild: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/menschen-denken-typen-flache-ikone-setzen-verschiedene-arten-von-gedanken-im-kopf-die-abstrakt-als-figuren-ueber-den-koepfen-der-menschen-dargestellt-werden-vektorillustration_41916661.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=37&amp;uuid=72b2ef72-0225-4f79-9619-88782595004e&amp;query=emotion+ged%C3%A4chtnis">Bild von macrovector auf Freepik</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2301.q713.016.S.m012.c12.people-thinking-types-flat-set-scaled-e1772978937402.jpg" /><h1>Wie eingebrannt: Emotion und Gedächtnis » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>Bestimmt kennst du das. Manche Lieder erinnern uns einfach an eine ganz bestimmte Zeit in unserem Leben. Du sitzt im Auto, das Radio läuft. Der nächste Track: Peter Fox, Haus am See. Und plötzlich bist du nicht mehr im Stau auf der A3, sondern wieder 10 Jahre alt und sitzt im Auto deiner Eltern, die dich gerade zum Kinderturnen fahren. Plötzlich sind die Gefühle von damals ganz nah. Pure Nostalgie. Es ist fast so, als könnten wir die Zeit zurückdrehen, wenn auch nur für einen kleinen Moment. Die Songs auf den ersten Partys als Teenager. Der Soundtrack des ersten Liebeskummers. Die Musik, zu der wir damals auf dem Abschlussball getanzt haben.</p> <p>Mit der Musik und der Stimmung von damals, kommen die Erinnerungen wieder. Doch warum ist das eigentlich so? Warum fühlen sich Erinnerungen so intensiv und echt an, wenn wir im Jetzt den damaligen Emotionen näher sind? Unser Gedächtnis scheint eng mit unseren Emotionen verknüpft zu sein. Das Geheimnis liegt mal wieder in den Tiefen unseres Gehirns.</p> <h2 id="h-amygdala-und-hippocampus-emotion-und-gedachtnis-treffen-aufeinander">Amygdala und Hippocampus – Emotion und Gedächtnis treffen aufeinander</h2> <p>Um zu verstehen, wie das funktioniert, müssen wir uns die „neuronale Architektur“ der Erinnerung ansehen. Für die Verarbeitung emotionaler Informationen ist vor allem ein Netzwerk im limbischen System verantwortlich. Im Zentrum stehen zwei Strukturen, die eng beieinander liegen: der Hippocampus und die Amygdala.</p> <p>Der Hippocampus fungiert als Schaltzentrale für Fakten und Ereignisse und entscheidet, was ins Langzeitgedächtnis wandert [1]. Die Amygdala hingegen ist unser emotionales Alarmsystem. Wenn wir etwas emotional Relevantes erleben, feuert die Amygdala und schüttet Botenstoffe wie Noradrenalin aus [4]. Diese Botenstoffe „peitschen“ den Hippocampus regelrecht dazu an, die aktuelle Information tiefer abzuspeichern.</p> <p>Forschende nennen diesen Prozess auch <strong>„Emotional Tagging“</strong> [2]. Die Amygdala setzt quasi ein Lesezeichen an ein Erlebnis. Traurige Ereignisse werden auf diese Weise untereinander enger miteinander verbunden als etwa mit einer fröhlichen Erinnerung. Erinnert ihr euch noch an den Film „Alles steht Kopf?“. Auch da bekamen die Kernerinnerungen Farben, je nachdem welche Emotion beim jeweiligen Erlebnis im Vordergrund stand. Studien zeigen, dass eine stärkere Aktivität im Amygdala-Hippocampus-Schaltkreis direkt mit einer besseren Erinnerungsleistung für diese emotionalen Inhalte korreliert [1, 2]. Wenn wir traurig sind, erinnern wir traurige Erlebnisse besser. Sind wir glücklich, rücken diese eher in den Hintergrund und müssten schon bewusst hervorgeholt werden [7]. Dieses Prinzip hat auch im psychotherapeutischen Kontext Relevanz.<aside></aside></p> <h2 id="h-die-emotionale-brille-das-prinzip-der-stimmungskongruenz">Die „emotionale Brille“: Das Prinzip der Stimmungskongruenz</h2> <p>Vielleicht hast du schon bemerkt: Wenn du schlecht gelaunt bist, fallen dir plötzlich alle anderen Dinge ein, die in deinem Leben gerade schieflaufen. Wenn du mit deiner Beziehungsperson über etwas streitest, tendierst du vielleicht auch dazu noch mehr und mehr Dinge einzuwerfen, die dich stören. Und plötzlich kommt jede einzelne Kleinigkeit in deinen Kopf, die dich je genervt hat. An manche Dinge hast du vielleicht eigentlich lange nicht mehr gedacht, oder sie sind einfach normalerweise nicht so groß, wenn du glücklich und zufrieden bist. Aber jetzt bist du wütend auf deinen Partner und all das scheint plötzlich ganz präsent zu sein. Forschende sprechen hier vom stimmungs-kongruenten Gedächtnis (Mood-Congruent Memory).</p> <p>Das Konzept geht maßgeblich auf den Psychologen Gordon Bower zurück. Er postulierte, dass Emotionen wie Knotenpunkte in einem riesigen assoziativen Netzwerk in unserem Gehirn funktionieren [6]. Wenn wir eine Emotion spüren, wird dieser „Knoten“ aktiviert und sendet Signale an alle damit verknüpften Erinnerungen aus. Es gibt dabei zwei wichtige Phänomene:</p> <div><figure><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/girl-with-curly-hair-covering-her-face-with-tapes-1-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/girl-with-curly-hair-covering-her-face-with-tapes-1-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/girl-with-curly-hair-covering-her-face-with-tapes-1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/girl-with-curly-hair-covering-her-face-with-tapes-1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/girl-with-curly-hair-covering-her-face-with-tapes-1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/girl-with-curly-hair-covering-her-face-with-tapes-1-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/girl-with-curly-hair-covering-her-face-with-tapes-1-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></figure><div> <p><strong>Stimmungsabhängigkeit:</strong> Ein Erlebnis lässt sich am besten dann wieder abrufen, wenn wir uns in derselben emotionalen Verfassung befinden wie zum Zeitpunkt des Erlebens [6, 9].</p> <p><strong>Stimmungskongruenz:</strong> Wir nehmen Informationen, die zu unserer aktuellen Stimmung passen, leichter auf und speichern sie besser ab [6].</p> </div></div> <p><a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/maedchen-mit-lockigem-haar-das-ihr-gesicht-mit-baendern-bedeckt_8605549.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=29&amp;uuid=72b2ef72-0225-4f79-9619-88782595004e&amp;query=emotion+ged%C3%A4chtnis">Bild von freepik</a></p> <h2 id="h-uberlebenswichtige-gefuhle">Überlebenswichtige Gefühle</h2> <p>Unser Gehirn nutzt Emotionen also gewissermaßen als Suchfilter [4, 8]. Das macht es aber nicht um der Emotion willen, sondern weil es so wunderbar nach der aktuellen Relevanz der Erinnerung filtern kann. Evolutionär war es überlebenswichtig, dass wir uns an gefährlich Situationen oder aber erfolgreiche Jagden sofort und dauerhaft erinnern konnten, um später von der Erfahrung wieder profitieren zu können. Je stärker die emotionale Reaktion auf ein Erlebnis, desto höher schätzt unser Gehirn auch die Wichtigkeit und den Wert der Information für später ein. Zugleich dient das emotionale Lesezeichen auch dem zielgerichteten und schnell Abruf der benötigten Information in einer akuten Gefahrensituation. Von wilden Tieren bedroht, muss ich wohl kaum daran denken, wie toll es war, als wir letztens die eine Stelle im Wald fanden, wo so viele Beeren wuchsen. Dann brauche ich eher die Erinnerung daran, wie ich einmal auf einen Baum kletterte, um der Gefahr zu entkommen. Dieses konkrete Beispiel ist in unserem heutigen Alltag meist weniger relevant, die grundlegenden Muster in unserem Gehirn sind es allerdings nach wie vor.</p> <h2 id="h-wenn-das-gedachtnis-zur-falle-wird-der-therapeutische-kontext">Wenn das Gedächtnis zur Falle wird: Der therapeutische Kontext</h2> <p>Diese enge Verknüpfung von Emotion und Gedächtnis ist evolutionär also überaus sinnvoll, kann aber bei psychischen Erkrankungen auch zu einer Belastung werden. Bei einer <strong>Depression</strong> entsteht oft ein Teufelskreis: Die gedrückte Stimmung sorgt für eine Verzerrung beim Abruf von Erinnerungen. Negative Erlebnisse werden vermehrt erinnert, was die depressive Stimmung weiter verstärkt und es den Betroffenen erschwert, positive Ressourcen zu aktivieren [8].</p> <p>In der Therapie wird dieser Mechanismus jedoch gezielt genutzt, um Heilungsprozesse anzustoßen:</p> <ol start="1"> <li><strong>Ressourcenaktivierung:</strong> Durch gezieltes „Priming“ (Vorbereitung) positiver Stimmungen können Patientinnen und Patienten wieder Zugang zu ihren eigenen Stärken und positiven Erinnerungen finden [10].</li> <li><strong>Reprozessierung (z.B. EMDR):</strong> Bei traumatischen Erinnerungen ist die emotionale Markierung durch die Amygdala oft so stark, dass die Erinnerung sehr tief verankert ist. Therapien wie EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) helfen dabei, die Überaktivität der Amygdala zu reduzieren und das traumatische Erlebnis neu zu bewerten, sodass es in das normale Gedächtnisnetzwerk integriert werden kann [3, 5].</li> </ol> <p><strong>Mehr zu EMDR lest hier in diesem Blogartikel:</strong> https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/emdr-wie-augenbewegungen-traumata-verarbeiten-koennen/</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Die Verknüpfung von Emotion und Gedächtnis ist eine grundlegende evolutionäre Funktion unseres Gehirns, die heute für uns aber auch ihre Tücken haben kann. Durch Mechanismen wie Emotional Tagging und stimmungskongruente Verarbeitung wird sichergestellt, dass relevante Informationen bevorzugt gespeichert und im richtigen Kontext schnell wieder verfügbar gemacht werden können. Dieses Zusammenspiel erklärt nicht nur die Intensität nostalgischer Momente beim Hören vertrauter Musik, sondern liefert auch das neurobiologische Fundament für das Verständnis affektiver Störungen und deren Behandlung im psychotherapeutischen Kontext.</p> <h2 id="h-quellen"><strong>Quellen</strong></h2> <p>[1] Richardson, M. P., Strange, B. A., &amp; Dolan, R. J. (2004). Encoding of emotional memories depends on amygdala and hippocampus and their interactions. <em>Nature Neuroscience</em>, <em>7</em>(3), 278–285. <a href="https://doi.org/10.1038/nn1190" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1038/nn1190</a></p> <p>[2] Bergado-Rosado, J. A., &amp; Richter-Levin, G. (2011). Emotional tagging: A bridging concept in the study of memory and its modification. <em>Progress in Neurobiology</em>, <em>94</em>(2), 75–87. <a href="https://doi.org/10.1016/j.pneurobio.2011.03.004" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.pneurobio.2011.03.004</a></p> <p>[3] Alting van Geusau, V. V. P., Nuijs, M. D., de Jongh, A., Moerbeek, M., &amp; Matthijssen, S. J. M. A. (2025). The relationship between changes in emotional intensity and treatment outcome in PTSD patients in EMDR therapy. <em>European Journal of Psychotraumatology</em>, <em>16</em>(1). <a href="https://doi.org/10.1080/20008066.2025.2536973" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1080/20008066.2025.2536973</a></p> <p>[4] McGaugh, J. L. (2004). The amygdala modulates the consolidation of memories of emotionally arousing experiences. <em>Annual Review of Neuroscience</em>, <em>27</em>, 1–28. <a href="https://doi.org/10.1146/annurev.neuro.27.070203.144157" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1146/annurev.neuro.27.070203.144157</a></p> <p>[5] Shapiro, F. (2017). <em>Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) Therapy, Third Edition: Basic Principles, Protocols, and Procedures</em>. Guilford Publications.</p> <p>[6] Bower, G. H. (1981). Mood and memory. <em>American Psychologist</em>, <em>36</em>(2), 129–148. <a href="https://doi.org/10.1037/0003-066X.36.2.129" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1037/0003-066X.36.2.129</a></p> <p>[7] Faul, L., Ritchey, M., &amp; Kensinger, E. A. (2025). The relationship between subjective vividness and remembered visual characteristics of emotional stimuli across the lifespan. <em>Emotion</em>, <em>25</em>(6), 1579–1595. <a href="https://doi.org/10.1037/emo0001518" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1037/emo0001518</a></p> <p>[8] Blaney, P. H. (1986). Affect and memory: A review. <em>Psychological Bulletin</em>, <em>99</em>(2), 229–246. <a href="https://doi.org/10.1037/0033-2909.99.2.229" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1037/0033-2909.99.2.229</a></p> <p>[9] Forgas, J. P., &amp; Bower, G. H. (1987). Mood effects on person-perception judgments. <em>Journal of Personality and Social Psychology</em>, <em>53</em>(1), 53–60. <a href="https://doi.org/10.1037/0022-3514.53.1.53" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1037/0022-3514.53.1.53</a></p> <p>[10] Grawe, K. (2004). <em>Neuropsychotherapie</em>. Hogrefe.</p> <p>Beitragsbild: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/menschen-denken-typen-flache-ikone-setzen-verschiedene-arten-von-gedanken-im-kopf-die-abstrakt-als-figuren-ueber-den-koepfen-der-menschen-dargestellt-werden-vektorillustration_41916661.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=37&amp;uuid=72b2ef72-0225-4f79-9619-88782595004e&amp;query=emotion+ged%C3%A4chtnis">Bild von macrovector auf Freepik</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/wie-eingebrannt-emotion-und-gedaechtnis/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>Warum sind Hirntumore so schwer zu behandeln? https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/warum-sind-hirntumore-so-schwer-zu-behandeln/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/warum-sind-hirntumore-so-schwer-zu-behandeln/#respond Sun, 08 Mar 2026 20:51:38 +0000 Corinna Kuhn https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5702 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-11-768x512.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/warum-sind-hirntumore-so-schwer-zu-behandeln/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-11.jpeg" /><h1>Warum sind Hirntumore so schwer zu behandeln? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Corinna Kuhn</h2><div itemprop="text"> <p>Menschen sterben an Krebs. Immer noch. Und das, obwohl viele der brillantesten Forschenden seit Jahrzehnten ihre Energie und Zeit in die Entwicklung heilender Therapien investieren und enorme Summen in Forschung und Entwicklung fließen. Besonders Hirntumore, also Krebs im Gehirn, sind gefürchtet und stellen eine große Herausforderung dar. Doch was genau macht ihre Behandlung so schwierig? Warum können sich Krebszellen im Gehirn so gut verstecken? Und wie könnte eine enge Zusammenarbeit zwischen medizinischem Personal, Forschenden und IT-Spezialisten die Therapie in Zukunft verbessern? Antworten auf diese Fragen habe ich auf dem Deutschen Krebskongress in Berlin erhalten. Hier ist, was ich über die Hürden in der Behandlung von Hirntumoren gelernt habe und welche neuen Ansätze Hoffnung machen, dass Betroffene in Zukunft länger mit der Krankheit leben können.</p> <h3 id="h-grosse-morphologische-vielfalt-der-hirntumore"><strong>Große morphologische Vielfalt der Hirntumore</strong></h3> <p>„Hirntumor“ klingt nach einer einzelnen Krankheit. Tatsächlich verbirgt sich dahinter eine ganze Familie sehr unterschiedlicher Tumoren. </p> <p>Denn unser Gehirn ist ein äußerst komplexes Organ. Wie du weißt, besteht es aus vielen unterschiedlichen Zellen: Nervenzellen, verschiedene Arten von Gliazellen, Zellen der Hirnhäute sowie Zellen, die das Hirnwassers (Liquor) produzieren, und viele mehr. Aus all diesen Zellentypen kann durch zahlreiche genetische Veränderungen Krebs entstehen. So unterschiedlich die Ausgangszellen sind, so unterschiedlich sind auch die Hirntumore <sup>1</sup>. Tatsächlich unterscheidet die World Health Organization heute mehr als 120 verschiedene Tumorarten des zentralen Nervensystems. Diese Einteilung basiert auf mikroskopischen Merkmalen, molekulargenetischen Veränderungen und klinischen Eigenschaften <sup>2</sup>. </p> <p>Es gibt also nicht <em>den einen</em> Hirntumor, sondern viele verschiedene Formen, die unterschiedlich wachsen und sich im Gehirn ausbreiten. Noch komplexer wird es dadurch, dass sich Krebszellen aus anderen Organen über das Blut im Gehirn ansiedeln können. Dort bilden sie sogenannte Hirnmetastasen, zum Beispiel von Brust-, Haut- oder Lungenkrebs <sup>3</sup>. Jeder Tumor im Gehirn ist daher sehr individuell. Eine erfolgreiche Behandlung erfordert meist eine Kombination verschiedener therapeutischer Ansätze.</p> <h3 id="h-grenzen-der-klassischen-therapien-stahl-strahl-und-chemo"><strong>Grenzen der klassischen Therapien: Stahl, Strahl und Chemo</strong></h3> <p>Da Hirntumoren eine sehr heterogene Gruppe von Erkrankungen darstellen, sprechen sie unterschiedlich gut auf klassische Krebstherapien an. Das Spektrum reicht von Tumoren der Hirnhäute, die nach einer vollständigen Operation oft eine gute Prognose haben, bis hin zu hochaggressiven Tumoren wie dem Glioblastom, die trotz optimaler Therapie häufig innerhalb weniger Monate zum Tod führen. Warum die klassischen Krebstherapien wie Operation, Bestrahlung und Chemotherapie oft nicht erfolgreich sind, hat mehrere Gründe. <aside></aside></p> <h4 id="h-operation-millimeter-entscheiden"><strong>Operation: Millimeter entscheiden</strong></h4> <p>Die hochkomplexe Funktion unseres Gehirns stellt die Neurochirurgie vor enorme Herausforderungen. Lebenswichtige Strukturen und Areale für zentrale Fähigkeiten – Sprache, Bewusstsein oder Bewegungsfähigkeit – liegen oft nur Millimeter voneinander entfernt. Schon kleinste Verletzungen können schwerwiegende Folgen haben. Deshalb versuchen Neurochirurginnen und Neurochirurgen, Tumoren möglichst vollständig, aber gleichzeitig so schonend wie möglich zu entfernen. Häufig ist es jedoch gar nicht möglich, den gesamten Tumor herauszuoperieren, ohne wichtige Funktionen zu gefährden. Hinzu kommt, dass sich Krebszellen bei vielen Hirntumoren diffus im Gehirngewebe ausbreiten. Sie verstecken sich zwischen gesunden Nervenzellen und bilden keine klaren Grenzen. Dadurch ist es praktisch unmöglich, während einer Operation jede einzelne Krebszelle zu entfernen. </p> <p>Die Neurochirurgie hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. Modernstes High-Tech wird eingesetzt. Moderne Bildgebung ermöglicht es heute, funktionell wichtige Hirnareale bereits vor der Operation genau zu kartieren und die Operation exakt und schonend planen zu können <sup>4</sup>. Während des Eingriffs helfen mikrochirurgische Navigation, fluoreszierende Tumormarker und intraoperatives neurophysiologisches Monitoring dabei, möglichst präzise zu operieren. In manchen Fällen werden Tumoren sogar bei wachen Patientinnen und Patienten entfernt, damit Sprache oder Bewegungen während der Operation direkt überprüft werden können <sup>5</sup>. (Das ist so ein aufregendes Gebiet und wird genauer Thema eines neuen Blogbeitrags sein😊). Trotz all dieser High-Tech-Methoden gelingt häufig nur eine <strong>Reduktion der Tumormasse</strong> oder die Entfernung des größten Tumoranteils.</p> <h4 id="h-strahlentherapie-prazision-statt-ganzhirnbestrahlung"><strong>Strahlentherapie: Präzision statt Ganzhirnbestrahlung</strong></h4> <p>Auch die Strahlentherapie hat ihre Grenzen. Ionisierende Strahlung schädigt nicht nur Tumorzellen, sondern auch gesundes Gehirngewebe. Das kann zu neurokognitiven Einschränkungen und anderen schweren Nebenwirkungen führen. Deshalb wurde hier der Einsatz von der Ganzhirnbestrahlung zu ausgeklügelten und hochpräzisen, millimetergenauen Bestrahlungskonzepten weiterentwickelt <sup>6</sup>. Dennoch wird in bestimmten Situationen weiterhin eine Ganzhirnbestrahlung durchgeführt, beispielsweise bei vielen verteilten Hirnmetastasen oder beim Wiederauftreten des Hirntumors. Selbst diese vergleichsweise „grobe“ Strategie wird inzwischen verfeinert: Mithilfe moderner Bildgebung kann bei der Therapieplanung beispielsweise versucht werden, den Hippocampus (extrem wichtig fürs Gedächtnis) zu schonen <sup>7</sup>. Die Strahlentherapie kann abhängig von der Erkrankung auch vor, während oder nach einer Operation eingesetzt werden und so bei einigen Tumoren im Gehirn eine gute lokale Kontrolle erzielen <sup>8</sup>. </p> <p>Ein weiteres Problem vieler aggressiver Tumoren ist, dass sie relativ <strong>strahlenresistent</strong> sind. Einige Krebszellen können DNA-Schäden, die durch die Bestrahlung entstehen, besonders effektiv reparieren. Andere gehen in einen Ruhezustand über und werden dadurch weniger empfindlich gegenüber der Therapie <sup>9</sup>. Auch Tumorbereiche mit wenig Sauerstoff (Hypoxie) können Krebszellen zusätzlich vor Strahlenschäden schützen <sup>10–12</sup>.</p> <h4 id="h-chemotherapie-die-blut-hirn-schranke-als-hindernis"><strong>Chemotherapie: Die Blut-Hirn-Schranke als Hindernis</strong></h4> <p>Das Gehirn ist auch ein besonders empfindliches Organ. Deshalb schützt der Körper es mit einer strengen Barriere: der Blut-Hirn-Schranke. Sie funktioniert wie die Einlasskontrolle zum Konzert: Nur Ungefährliches mit Zugangsberechtigung darf rein, etwa Nährstoffe. Gefährliches wie Gift und Medikamente werden dagegen draußen gehalten. Dies ist der Grund, warum viele Chemotherapeutika nicht ihren Wirkort in den Tumoren im Gehirn erreichen. Zwar ist in vielen der aggressiveren Hirntumore die Blut-Hirn-Schranke gestört (wir sprechen dann von einer Blut-Tumor-Schranke), jedoch ist dort die Durchlässigkeit für Chemotherapien sehr unterschiedlich. Dadurch können innerhalb eines Tumors stark schwankende Medikamentenkonzentrationen entstehen, was die Wirksamkeit der Therapie reduziert <sup>13</sup>. </p> <p>Zusätzlich entwickeln Krebszellen häufig <strong>Resistenzmechanismen</strong>, die sie gegenüber Chemotherapeutika unempfindlich machen. Da es sich allerdings um aggressive Therapien mit vielen Nebenwirkungen handelt, darf auf keinen Fall die Dosierung beliebig erhöht werden <sup>14</sup>.  Darüber hinaus hängt der Behandlungserfolg oft von den molekularen Eigenschaften der Tumorzellen ab. Ein Beispiel dafür ist das Chemotherapeutikum Temozolomid: Es kann zwar die Blut-Hirn-Schranke überwinden und wird deshalb häufig bei Hirntumoren eingesetzt, seine Wirksamkeit ist jedoch stark von bestimmten genetischen Veränderungen (MGMT-Promotor-Methylierung) in den Krebszellen abhängig <sup>15</sup>.</p> <h3 id="h-biologische-superbosewichte-warum-hirntumorzellen-besonders-tuckisch-sind"><strong>Biologische Superbösewichte: Warum Hirntumorzellen besonders tückisch sind</strong></h3> <p>Um genau zu verstehen, warum Hirntumore so schwer zu behandeln sind, lohnt sich ein genauer Blick auf die Krebszellen selbst. Krebszellen zeichnen sich grundsätzlich dadurch aus, dass sie sich, im Gegensatz zu gesunden Zellen, unkontrolliert teilen. Gleichzeitig können sie sich vor Angriffen des Immunsystems schützen, das umliegende Gewebe zu ihrem Vorteil verändern und sich im Körper ausbreiten, also Metastasen bilden. Diese grundlegenden Eigenschaften von Krebs werden in der Krebsforschung als <em>Hallmarks of Cancer</em> bezeichnet <sup>16</sup>.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-38.png"><img alt="" decoding="async" height="689" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-38-1024x689.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-38-1024x689.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-38-300x202.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-38-768x516.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-38.png 1273w" width="1024"></img></a><figcaption>Abb. 1: Die <em>Hallmarks of Cancer</em>, grundlegende Eigenschaften von Krebszellen (adaptiert nach Hanahan &amp; Weinberg <sup>16</sup>; Beschriftungen ins Deutsche übersetzt).</figcaption></figure> <p>Tumoren, die direkt aus dem Gehirngewebe entstehen, besitzen darüber hinaus einige besonders problematische Eigenschaften. Vor allem Tumoren der Gliazellen zeigen eine ausgeprägte <strong>tumorinterne Heterogenität</strong>: Innerhalb eines einzigen Tumors existieren unterschiedliche Krebszellpopulationen und sehr verschiedene mikroskopische Regionen <sup>17</sup>. So finden sich im Inneren solcher Tumoren beispielsweise sauerstoffarme Bereiche (hypoxische Zonen), stark durchblutete Regionen mit neu gebildeten Blutgefäßen sowie sogenannte <strong>Tumorstammzellnischen</strong> <sup>18</sup>. In diesen Nischen leben besonders widerstandsfähige Krebsstammzellen, die den Tumor immer wieder neu aufbauen können, selbst dann, wenn ein Großteil der Tumorzellen durch Bestrahlung oder Chemotherapie zerstört wurde <sup>19</sup>. </p> <p>Zusätzlich reagieren verschiedene Zellpopulationen innerhalb desselben Tumors unterschiedlich auf Therapien. Einige Zellen können mutieren, sich an den therapeutischen Druck anpassen und Resistenzen entwickeln <sup>19</sup>. Ein weiterer Trick der Tumorzellen ist die gezielte Umprogrammierung ihrer Umgebung. Sie verändern das umliegende Gewebe, das sogenannte <strong>Tumormikromilieu</strong>, so, dass Immunzellen weniger effektiv gegen den Tumor vorgehen können <sup>20</sup>.</p> <h3 id="h-warum-immuntherapien-im-gehirn-schwer-sind"><strong>Warum Immuntherapien im Gehirn schwer sind</strong></h3> <p>Unser Immunsystem arbeitet jeden Tag hart daran, beschädigte Körperzellen frühzeitig zu erkennen und potenziell gefährlichen Zellveränderungen zu beseitigen. Darin ist unser Immunsystem zwar ziemlich gut (Wie oft bist du schon NICHT an Krebs erkrankt?!?), allerdings entwickeln Krebszellen immer wieder Strategien, um diesem Kontrollsystem zu entkommen. Sie verstecken sich vor Immunzellen, blockieren deren Angriff oder manipulieren ihre Umgebung so, dass eine effektive Immunreaktion ausbleibt. </p> <p>In den letzten Jahren haben deshalb Immuntherapien große Aufmerksamkeit erregt. Therapien wie Immune Checkpoint Inhibitor oder CAR T cell therapy haben die Behandlung einiger Krebsarten grundlegend verändert. Bei bestimmten Tumoren können sie das Immunsystem so aktivieren, dass es Krebszellen gezielt angreift. Bei Hirntumoren sind die Ergebnisse bisher allerdings deutlich weniger überzeugend. Ein Grund dafür ist die besondere immunologische Situation im Gehirn. Es gilt nämlich als sogenanntes <strong>immunprivilegiertes Organ</strong>. Das bedeutet, dass das Immunsystem dort weniger aktiv ist als in vielen anderen Körperregionen. Dieser Schutzmechanismus verhindert zwar überschießende Entzündungen in einem besonders empfindlichen Organ, erschwert aber gleichzeitig die Immunabwehr gegen Tumoren. Aggressive Tumoren wie das Glioblastoma nutzen diese Situation geschickt aus. Einige Tumorzellen tarnen sich beispielsweise durch sogenanntes molecular mimicry: Sie präsentieren auf ihrer Oberfläche Moleküle, die körpereigenen Strukturen ähneln, und werden dadurch vom Immunsystem schlechter erkannt <sup>20</sup>.</p> <p>Hinzu kommt erneut die Blut-Hirn-Schranke, die viele Immunzellen und therapeutische Antikörper daran hindert, überhaupt in ausreichender Zahl in das Gehirngewebe zu gelangen. Ein weiteres Problem ist, dass es bei Hirntumoren oft schwierig ist, eindeutige Zielstrukturen zu finden, gegen die sich Immuntherapien richten können. Tumorzellen sind genetisch sehr unterschiedlich und verändern sich im Laufe der Krankheit ständig weiter <sup>21</sup>. Trotz dieser Herausforderungen wird intensiv an neuen immunologischen Therapiestrategien geforscht. Dazu gehören verbesserte CAR-T-Zelltherapien, Immuncheckpoint-Blockade, therapeutische Krebsimpfstoffe sowie sogenannte onkolytische Viren, die Tumorzellen gezielt infizieren und gleichzeitig eine Immunreaktion auslösen sollen. Viele dieser Ansätze versuchen auch, das Tumormikromilieu – also die unmittelbare Umgebung der Krebszellen – zu verändern, damit Immunzellen dort effektiver arbeiten können <sup>22</sup>. Bisher sind die klinischen Ergebnisse jedoch noch begrenzt. Große Hoffnung liegt deshalb auf <strong>Kombinationstherapien</strong>, bei denen mehrere dieser Strategien gleichzeitig eingesetzt werden <sup>23</sup>.</p> <h3 id="h-zielgerichtete-therapie-smarte-medikamente-und-innovative-applikation"><strong>Zielgerichtete Therapie, smarte Medikamente und innovative Applikation</strong></h3> <p>Perfekte Medikamente würden die Krebszellen gezielt angreifen, ohne gesunde Gehirnzellen zu stören. Genau dieses Ziel verfolgen sogenannte zielgerichtete Therapien. Sie setzen direkt an den krebsspezifischen Veränderungen der Zellen an, den Hallmarks of Cancer. Viele dieser Medikamente blockieren beispielsweise mutierte Proteine in Signalwegen, die für das unkontrollierte Wachstum der Tumorzellen verantwortlich sind. Grundlage dafür ist eine möglichst genaue molekulargenetische Analyse des Tumors. Die Idee dahinter: <strong>personalisierte Medizin</strong>, bei der die Therapie individuell an die genetischen Veränderungen eines Tumors angepasst wird. Ein Beispiel sind Hemmstoffe gegen Mutationen im Enzym IDH1 oder IDH2. Solche sogenannten IDH-Inhibitoren können bei bestimmten Hirntumoren das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen und das Überleben verlängern <sup>24</sup>.</p> <p>Trotz allem bleibt die Hürde Blut-Hirn-Schranke, die mit smarten Medikamenten und innovativen Applikationsstrategien umgangen werden soll <sup>25</sup>. Eine Idee ist, die Krebsmedikamente raffiniert in winzige Transportvehikel zu verpacken und über die Blut-Hirn-Schranke zu schleusen, beispielsweise in Nanopartikel <sup>26</sup> oder Liposome (kleinen Fetttröpfchen) <sup>27</sup>, das ist wie Süßigkeiten im Socken an der Einlasskontrolle vorbei auf das Konzert zu mogeln.</p> <p>Eine andere Methode, mit Snacks zur Lieblingsband zu kommen, ist, nicht durch die Einlasskontrolle, sondern durch die Abgrenzung an einer weniger gesicherten Stelle. Nach diesem Prinzip wird bei Patienten versucht, mit fokussiertem Ultraschall oder Laser die Blut-Hirn-Schrank gezielt durchlässiger zu machen, sodass Medikamente besser in das Tumorgewebe gelangen <sup>28–30</sup>.</p> <p>Andere Versuche umfassen die Verwendung von Antikörper-Medikament-Konjugate, die Gabe der Medikamente über kleine Sonden direkt in den Tumor oder über die Nase ins Gehirn <sup>31,32</sup>. Leider ist auch hier trotz vielversprechender Ergebnisse im Labor die klinische Anwendung schwierig und zeigt bislang keinen erhofften Durchbruch <sup>33</sup>.</p> <h3 id="h-strahlen-amp-teilchen-praziser-harter-schonender"><strong>Strahlen &amp; Teilchen – präziser, härter, schonender</strong></h3> <p>Auch die Strahlentherapie entwickelt sich ständig weiter. Moderne Techniken versuchen, die Strahlung immer präziser im Tumor zu konzentrieren und gesundes Gehirngewebe möglichst zu schonen. Besonders gute Ergebnisse werden häufig erzielt, wenn die Bestrahlung geschickt mit anderen Therapien kombiniert wird <sup>34</sup>. </p> <p>Die klassische Strahlentherapie nutzt meist hochenergetische Photonen. In einigen spezialisierten Zentren kommen jedoch auch andere Teilchen zum Einsatz. Bei der sogenannten Protonentherapie geben die Teilchen den Großteil ihrer Energie erst direkt im Tumorgewebe ab (Bragg-Peak). Dieses physikalische Phänomen ermöglicht es, die Strahlendosis genauer zu platzieren und umliegendes Gewebe besser zu schützen <sup>35,36</sup>. Eine noch höhere relative biologische Wirksamkeit kann durch Bestrahlung mit Kohlenstoffionen erzielt werden. Bei der Kohlenstoffionentherapie verursachen diese schweren Teilchen komplexere DNA-Doppelstrangbrüche, die sehr schwer zu reparieren sind und können daher auch gegen manche strahlenresistente Tumoren wirksam sein <sup>37,38</sup>.</p> <p>Darüber hinaus werden weitere innovative Strahlentherapiekonzepte erforscht. Dazu gehört beispielsweise die Brachytherapie, bei der kleine radioaktive Quellen direkt in oder nahe am Tumor platziert werden. Andere Ansätze nutzen zielgerichtete radioaktive Medikamente, die sich bevorzugt an Tumorzellen anlagern, was als Radioligand Therapy bezeichnet wird. Ein besonders neues Forschungsfeld ist außerdem die sogenannte FLASH-Radiotherapie, bei der extrem hohe Strahlendosen in Bruchteilen einer Sekunde verabreicht werden. Erste Studien deuten darauf hin, dass Tumorzellen dadurch effektiv geschädigt werden könnten, während gesundes Gewebe möglicherweise besser geschont wird <sup>39–41</sup>. Viele dieser Technologien befinden sich jedoch noch in der klinischen Entwicklung oder sind nur in spezialisierten Zentren verfügbar.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-39.png"><img alt="" decoding="async" height="391" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-39-1024x391.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-39-1024x391.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-39-300x115.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-39-768x293.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-39-1536x587.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-39.png 1600w" width="1024"></img></a></figure> <h3 id="h-digitale-verbundete-ki-bildgebung-und-personalisierte-therapieplanung"><strong>Digitale Verbündete: KI, Bildgebung und personalisierte Therapieplanung</strong></h3> <p>Digitale Technologien spielen eine immer wichtigere Rolle in der modernen Behandlung von Hirntumoren. Besonders Methoden der künstlichen Intelligenz verändern derzeit die medizinische Bildanalyse. Mithilfe komplexer KI-gestützter Algorithmen können MRT- und CT-Bilder heute deutlich präziser ausgewertet werden. Dadurch lassen sich Tumorgewebe, Hirnödeme und abgestorbene Gewebebereiche genauer voneinander abgrenzen, was eine bessere Diagnostik und Therapieplanung ermöglicht <sup>42</sup>. </p> <p>Ein weiteres spannendes Forschungsfeld ist die sogenannte Radiogenomik. Dabei werden Bildmerkmale von Hirntumoren mithilfe von Methoden aus dem Machine Learning mit genetischen Veränderungen der Tumorzellen in Verbindung gebracht. Solche Analysen könnten in Zukunft helfen, bestimmte molekulare Eigenschaften eines Tumors bereits aus der Bildgebung vorherzusagen und damit in manchen Fällen invasive Gewebeproben reduzieren <sup>43</sup>.</p> <p>Darüber hinaus arbeiten Forschende an sogenannten digitalen Zwillingen von Patientinnen und Patienten. Dabei werden medizinische Daten, Bildgebung und biologische Modelle kombiniert, um den Verlauf einer Erkrankung zu simulieren. Auf diese Weise könnte getestet werden, welche Therapie für eine bestimmte Person am erfolgversprechendsten ist, bevor sie tatsächlich angewendet wird <sup>44</sup>. Digitale Technologien verbessern aber nicht nur die Analyse von Daten. Sie erleichtern auch die Zusammenarbeit von Expertinnen und Experten weltweit. Über Videokonferenzen oder virtuelle Tumorboards können Spezialisten aus verschiedenen Kliniken gemeinsam komplexe Fälle diskutieren. Das ist ein großer Vorteil, insbesondere bei seltenen Hirntumoren <sup>45</sup>. Moderne Technologien verändern also nicht nur einzelne Therapien, sondern verändern zunehmend die gesamte Diagnostik und Behandlung.</p> <h3 id="h-klinische-studien-und-kompetenzzentren"><strong>Klinische Studien und Kompetenzzentren</strong></h3> <p>Das bisherige Fazit lautet: Es gibt viele spannende und vielversprechende Ansätze in der Forschung, aber bislang hat sich noch keine universell wirksame Therapie für alle Hirntumore gefunden. Es bedarf weiterhin intensiver Forschung. Wer jetzt genervt aufseufzt, kann ich gut verstehen. Medizinische Forschung, insbesondere in einem so komplexen Gebiet, erfordert Zeit, Geduld und Ausdauer. Die meisten Experimente enttäuschen zunächst und führen nicht zu direkt anwendbaren Behandlungsergebnissen. Selbst wenn es einmal einen erfolgreichen Ansatz gibt, dauert es viele Jahre, bis dieser in der Klinik etabliert wird. Das schützt auf der einen Seite die Patientinnen und Patienten – nur sichere, wirksame und nachweislich bessere Therapien dürfen angewendet werden – ist aber gleichzeitig frustrierend für diejenigen, die verzweifelt auf eine rettende Behandlung hoffen. </p> <p>Neben der Entwicklung neuer Therapien gibt es auch die Versorgungsforschung, bei der untersucht wird, wie Betreuung und Behandlung mit den vorhandenen Ressourcen verbessert werden können. Hier steht der enge Austausch mit Betroffenen und Patientenvertretungen im Vordergrund. Die Ergebnisse zeigen, dass die Behandlung in speziellen Kompetenzzentren für die Betroffenen positiv ist <sup>46</sup>. Dort wird die gebündelte Erfahrung von Diagnose über Therapie bis hin zu Verlaufskontrolle und Nachsorge genutzt. In diesen spezialisierten Zentren werden zudem klinische Studien mit innovativen Therapien durchgeführt, an denen die Teilnahme ebenfalls die Behandlung verbessert <sup>47</sup>.</p> <h3 id="h-ausblick-vom-verstecken-zum-kontrollieren"><strong>Ausblick: Vom Verstecken zum Kontrollieren?</strong></h3> <p>Hirntumore sind extrem schwer zu behandeln, sowohl wegen der anatomischen Lage als auch wegen der komplexen molekularen Eigenschaften. Forschungsgruppen auf der ganzen Welt untersuchen Hirntumore derzeit so intensiv und interdisziplinär wie nie zuvor. Dank dieser Fortschritte lassen sich einige Hirntumore mittlerweile sehr gut behandeln, in manchen Fällen sogar heilen. Andere, aggressivere Typen führen jedoch weiterhin nur zu einer begrenzten Überlebenszeit von wenigen Monaten. Nach dem aktuellen Stand wird es in naher Zukunft leider nicht möglich sein, alle Hirntumore zu heilen. Das Ziel ist daher, die Prognose vieler Tumorarten zu verbessern: Aus einer oft aussichtslosen Situation soll eine Erkrankung werden, die bei guter Lebensqualität langfristig kontrollierbar bleibt. Entscheidend dafür werden personalisierte Ansätze sein: Jeder Tumor soll noch spezifischer untersucht werden, um eine individualisierte Behandlung zu planen und eine interdisziplinäre sowie multimodale Versorgung zu ermöglichen.</p> <h3 id="h-bildquellen"><strong>Bildquellen:</strong></h3> <p><a href="https://www.freepik.com/free-photo/male-medical-figure-with-front-brain-highlighted_7061148.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=a499346f-995a-4ecf-a2bf-6bbdcba38d22&amp;query=brain+tumor">Titelbild</a><p><a href="https://www.cell.com/fulltext/S0092-8674(11)00127-9#fig6">Abbildung 1</a><a href="https://www.freepik.com/free-vector/oncology-diagnostic-treatment-care-8-flat-compositions-with-mri-scanner-chemo-radiotherapy-children-ward-vector-illustration_26764755.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=18&amp;uuid=ba6425bf-e637-4078-a20c-db4b0ddfbbbb&amp;query=chemotherapy%2C+radiation%2C+surgery">Abbildung 2</a></p></p> <h3 id="h-quellen"><strong>Quellen:</strong></h3> <p><a href="https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMra043666">1. 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Warum können sich Krebszellen im Gehirn so gut verstecken? Und wie könnte eine enge Zusammenarbeit zwischen medizinischem Personal, Forschenden und IT-Spezialisten die Therapie in Zukunft verbessern? Antworten auf diese Fragen habe ich auf dem Deutschen Krebskongress in Berlin erhalten. Hier ist, was ich über die Hürden in der Behandlung von Hirntumoren gelernt habe und welche neuen Ansätze Hoffnung machen, dass Betroffene in Zukunft länger mit der Krankheit leben können.</p> <h3 id="h-grosse-morphologische-vielfalt-der-hirntumore"><strong>Große morphologische Vielfalt der Hirntumore</strong></h3> <p>„Hirntumor“ klingt nach einer einzelnen Krankheit. Tatsächlich verbirgt sich dahinter eine ganze Familie sehr unterschiedlicher Tumoren. </p> <p>Denn unser Gehirn ist ein äußerst komplexes Organ. Wie du weißt, besteht es aus vielen unterschiedlichen Zellen: Nervenzellen, verschiedene Arten von Gliazellen, Zellen der Hirnhäute sowie Zellen, die das Hirnwassers (Liquor) produzieren, und viele mehr. Aus all diesen Zellentypen kann durch zahlreiche genetische Veränderungen Krebs entstehen. So unterschiedlich die Ausgangszellen sind, so unterschiedlich sind auch die Hirntumore <sup>1</sup>. Tatsächlich unterscheidet die World Health Organization heute mehr als 120 verschiedene Tumorarten des zentralen Nervensystems. Diese Einteilung basiert auf mikroskopischen Merkmalen, molekulargenetischen Veränderungen und klinischen Eigenschaften <sup>2</sup>. </p> <p>Es gibt also nicht <em>den einen</em> Hirntumor, sondern viele verschiedene Formen, die unterschiedlich wachsen und sich im Gehirn ausbreiten. Noch komplexer wird es dadurch, dass sich Krebszellen aus anderen Organen über das Blut im Gehirn ansiedeln können. Dort bilden sie sogenannte Hirnmetastasen, zum Beispiel von Brust-, Haut- oder Lungenkrebs <sup>3</sup>. Jeder Tumor im Gehirn ist daher sehr individuell. Eine erfolgreiche Behandlung erfordert meist eine Kombination verschiedener therapeutischer Ansätze.</p> <h3 id="h-grenzen-der-klassischen-therapien-stahl-strahl-und-chemo"><strong>Grenzen der klassischen Therapien: Stahl, Strahl und Chemo</strong></h3> <p>Da Hirntumoren eine sehr heterogene Gruppe von Erkrankungen darstellen, sprechen sie unterschiedlich gut auf klassische Krebstherapien an. Das Spektrum reicht von Tumoren der Hirnhäute, die nach einer vollständigen Operation oft eine gute Prognose haben, bis hin zu hochaggressiven Tumoren wie dem Glioblastom, die trotz optimaler Therapie häufig innerhalb weniger Monate zum Tod führen. Warum die klassischen Krebstherapien wie Operation, Bestrahlung und Chemotherapie oft nicht erfolgreich sind, hat mehrere Gründe. <aside></aside></p> <h4 id="h-operation-millimeter-entscheiden"><strong>Operation: Millimeter entscheiden</strong></h4> <p>Die hochkomplexe Funktion unseres Gehirns stellt die Neurochirurgie vor enorme Herausforderungen. Lebenswichtige Strukturen und Areale für zentrale Fähigkeiten – Sprache, Bewusstsein oder Bewegungsfähigkeit – liegen oft nur Millimeter voneinander entfernt. Schon kleinste Verletzungen können schwerwiegende Folgen haben. Deshalb versuchen Neurochirurginnen und Neurochirurgen, Tumoren möglichst vollständig, aber gleichzeitig so schonend wie möglich zu entfernen. Häufig ist es jedoch gar nicht möglich, den gesamten Tumor herauszuoperieren, ohne wichtige Funktionen zu gefährden. Hinzu kommt, dass sich Krebszellen bei vielen Hirntumoren diffus im Gehirngewebe ausbreiten. Sie verstecken sich zwischen gesunden Nervenzellen und bilden keine klaren Grenzen. Dadurch ist es praktisch unmöglich, während einer Operation jede einzelne Krebszelle zu entfernen. </p> <p>Die Neurochirurgie hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. Modernstes High-Tech wird eingesetzt. Moderne Bildgebung ermöglicht es heute, funktionell wichtige Hirnareale bereits vor der Operation genau zu kartieren und die Operation exakt und schonend planen zu können <sup>4</sup>. Während des Eingriffs helfen mikrochirurgische Navigation, fluoreszierende Tumormarker und intraoperatives neurophysiologisches Monitoring dabei, möglichst präzise zu operieren. In manchen Fällen werden Tumoren sogar bei wachen Patientinnen und Patienten entfernt, damit Sprache oder Bewegungen während der Operation direkt überprüft werden können <sup>5</sup>. (Das ist so ein aufregendes Gebiet und wird genauer Thema eines neuen Blogbeitrags sein😊). Trotz all dieser High-Tech-Methoden gelingt häufig nur eine <strong>Reduktion der Tumormasse</strong> oder die Entfernung des größten Tumoranteils.</p> <h4 id="h-strahlentherapie-prazision-statt-ganzhirnbestrahlung"><strong>Strahlentherapie: Präzision statt Ganzhirnbestrahlung</strong></h4> <p>Auch die Strahlentherapie hat ihre Grenzen. Ionisierende Strahlung schädigt nicht nur Tumorzellen, sondern auch gesundes Gehirngewebe. Das kann zu neurokognitiven Einschränkungen und anderen schweren Nebenwirkungen führen. Deshalb wurde hier der Einsatz von der Ganzhirnbestrahlung zu ausgeklügelten und hochpräzisen, millimetergenauen Bestrahlungskonzepten weiterentwickelt <sup>6</sup>. Dennoch wird in bestimmten Situationen weiterhin eine Ganzhirnbestrahlung durchgeführt, beispielsweise bei vielen verteilten Hirnmetastasen oder beim Wiederauftreten des Hirntumors. Selbst diese vergleichsweise „grobe“ Strategie wird inzwischen verfeinert: Mithilfe moderner Bildgebung kann bei der Therapieplanung beispielsweise versucht werden, den Hippocampus (extrem wichtig fürs Gedächtnis) zu schonen <sup>7</sup>. Die Strahlentherapie kann abhängig von der Erkrankung auch vor, während oder nach einer Operation eingesetzt werden und so bei einigen Tumoren im Gehirn eine gute lokale Kontrolle erzielen <sup>8</sup>. </p> <p>Ein weiteres Problem vieler aggressiver Tumoren ist, dass sie relativ <strong>strahlenresistent</strong> sind. Einige Krebszellen können DNA-Schäden, die durch die Bestrahlung entstehen, besonders effektiv reparieren. Andere gehen in einen Ruhezustand über und werden dadurch weniger empfindlich gegenüber der Therapie <sup>9</sup>. Auch Tumorbereiche mit wenig Sauerstoff (Hypoxie) können Krebszellen zusätzlich vor Strahlenschäden schützen <sup>10–12</sup>.</p> <h4 id="h-chemotherapie-die-blut-hirn-schranke-als-hindernis"><strong>Chemotherapie: Die Blut-Hirn-Schranke als Hindernis</strong></h4> <p>Das Gehirn ist auch ein besonders empfindliches Organ. Deshalb schützt der Körper es mit einer strengen Barriere: der Blut-Hirn-Schranke. Sie funktioniert wie die Einlasskontrolle zum Konzert: Nur Ungefährliches mit Zugangsberechtigung darf rein, etwa Nährstoffe. Gefährliches wie Gift und Medikamente werden dagegen draußen gehalten. Dies ist der Grund, warum viele Chemotherapeutika nicht ihren Wirkort in den Tumoren im Gehirn erreichen. Zwar ist in vielen der aggressiveren Hirntumore die Blut-Hirn-Schranke gestört (wir sprechen dann von einer Blut-Tumor-Schranke), jedoch ist dort die Durchlässigkeit für Chemotherapien sehr unterschiedlich. Dadurch können innerhalb eines Tumors stark schwankende Medikamentenkonzentrationen entstehen, was die Wirksamkeit der Therapie reduziert <sup>13</sup>. </p> <p>Zusätzlich entwickeln Krebszellen häufig <strong>Resistenzmechanismen</strong>, die sie gegenüber Chemotherapeutika unempfindlich machen. Da es sich allerdings um aggressive Therapien mit vielen Nebenwirkungen handelt, darf auf keinen Fall die Dosierung beliebig erhöht werden <sup>14</sup>.  Darüber hinaus hängt der Behandlungserfolg oft von den molekularen Eigenschaften der Tumorzellen ab. Ein Beispiel dafür ist das Chemotherapeutikum Temozolomid: Es kann zwar die Blut-Hirn-Schranke überwinden und wird deshalb häufig bei Hirntumoren eingesetzt, seine Wirksamkeit ist jedoch stark von bestimmten genetischen Veränderungen (MGMT-Promotor-Methylierung) in den Krebszellen abhängig <sup>15</sup>.</p> <h3 id="h-biologische-superbosewichte-warum-hirntumorzellen-besonders-tuckisch-sind"><strong>Biologische Superbösewichte: Warum Hirntumorzellen besonders tückisch sind</strong></h3> <p>Um genau zu verstehen, warum Hirntumore so schwer zu behandeln sind, lohnt sich ein genauer Blick auf die Krebszellen selbst. Krebszellen zeichnen sich grundsätzlich dadurch aus, dass sie sich, im Gegensatz zu gesunden Zellen, unkontrolliert teilen. Gleichzeitig können sie sich vor Angriffen des Immunsystems schützen, das umliegende Gewebe zu ihrem Vorteil verändern und sich im Körper ausbreiten, also Metastasen bilden. Diese grundlegenden Eigenschaften von Krebs werden in der Krebsforschung als <em>Hallmarks of Cancer</em> bezeichnet <sup>16</sup>.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-38.png"><img alt="" decoding="async" height="689" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-38-1024x689.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-38-1024x689.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-38-300x202.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-38-768x516.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-38.png 1273w" width="1024"></img></a><figcaption>Abb. 1: Die <em>Hallmarks of Cancer</em>, grundlegende Eigenschaften von Krebszellen (adaptiert nach Hanahan &amp; Weinberg <sup>16</sup>; Beschriftungen ins Deutsche übersetzt).</figcaption></figure> <p>Tumoren, die direkt aus dem Gehirngewebe entstehen, besitzen darüber hinaus einige besonders problematische Eigenschaften. Vor allem Tumoren der Gliazellen zeigen eine ausgeprägte <strong>tumorinterne Heterogenität</strong>: Innerhalb eines einzigen Tumors existieren unterschiedliche Krebszellpopulationen und sehr verschiedene mikroskopische Regionen <sup>17</sup>. So finden sich im Inneren solcher Tumoren beispielsweise sauerstoffarme Bereiche (hypoxische Zonen), stark durchblutete Regionen mit neu gebildeten Blutgefäßen sowie sogenannte <strong>Tumorstammzellnischen</strong> <sup>18</sup>. In diesen Nischen leben besonders widerstandsfähige Krebsstammzellen, die den Tumor immer wieder neu aufbauen können, selbst dann, wenn ein Großteil der Tumorzellen durch Bestrahlung oder Chemotherapie zerstört wurde <sup>19</sup>. </p> <p>Zusätzlich reagieren verschiedene Zellpopulationen innerhalb desselben Tumors unterschiedlich auf Therapien. Einige Zellen können mutieren, sich an den therapeutischen Druck anpassen und Resistenzen entwickeln <sup>19</sup>. Ein weiterer Trick der Tumorzellen ist die gezielte Umprogrammierung ihrer Umgebung. Sie verändern das umliegende Gewebe, das sogenannte <strong>Tumormikromilieu</strong>, so, dass Immunzellen weniger effektiv gegen den Tumor vorgehen können <sup>20</sup>.</p> <h3 id="h-warum-immuntherapien-im-gehirn-schwer-sind"><strong>Warum Immuntherapien im Gehirn schwer sind</strong></h3> <p>Unser Immunsystem arbeitet jeden Tag hart daran, beschädigte Körperzellen frühzeitig zu erkennen und potenziell gefährlichen Zellveränderungen zu beseitigen. Darin ist unser Immunsystem zwar ziemlich gut (Wie oft bist du schon NICHT an Krebs erkrankt?!?), allerdings entwickeln Krebszellen immer wieder Strategien, um diesem Kontrollsystem zu entkommen. Sie verstecken sich vor Immunzellen, blockieren deren Angriff oder manipulieren ihre Umgebung so, dass eine effektive Immunreaktion ausbleibt. </p> <p>In den letzten Jahren haben deshalb Immuntherapien große Aufmerksamkeit erregt. Therapien wie Immune Checkpoint Inhibitor oder CAR T cell therapy haben die Behandlung einiger Krebsarten grundlegend verändert. Bei bestimmten Tumoren können sie das Immunsystem so aktivieren, dass es Krebszellen gezielt angreift. Bei Hirntumoren sind die Ergebnisse bisher allerdings deutlich weniger überzeugend. Ein Grund dafür ist die besondere immunologische Situation im Gehirn. Es gilt nämlich als sogenanntes <strong>immunprivilegiertes Organ</strong>. Das bedeutet, dass das Immunsystem dort weniger aktiv ist als in vielen anderen Körperregionen. Dieser Schutzmechanismus verhindert zwar überschießende Entzündungen in einem besonders empfindlichen Organ, erschwert aber gleichzeitig die Immunabwehr gegen Tumoren. Aggressive Tumoren wie das Glioblastoma nutzen diese Situation geschickt aus. Einige Tumorzellen tarnen sich beispielsweise durch sogenanntes molecular mimicry: Sie präsentieren auf ihrer Oberfläche Moleküle, die körpereigenen Strukturen ähneln, und werden dadurch vom Immunsystem schlechter erkannt <sup>20</sup>.</p> <p>Hinzu kommt erneut die Blut-Hirn-Schranke, die viele Immunzellen und therapeutische Antikörper daran hindert, überhaupt in ausreichender Zahl in das Gehirngewebe zu gelangen. Ein weiteres Problem ist, dass es bei Hirntumoren oft schwierig ist, eindeutige Zielstrukturen zu finden, gegen die sich Immuntherapien richten können. Tumorzellen sind genetisch sehr unterschiedlich und verändern sich im Laufe der Krankheit ständig weiter <sup>21</sup>. Trotz dieser Herausforderungen wird intensiv an neuen immunologischen Therapiestrategien geforscht. Dazu gehören verbesserte CAR-T-Zelltherapien, Immuncheckpoint-Blockade, therapeutische Krebsimpfstoffe sowie sogenannte onkolytische Viren, die Tumorzellen gezielt infizieren und gleichzeitig eine Immunreaktion auslösen sollen. Viele dieser Ansätze versuchen auch, das Tumormikromilieu – also die unmittelbare Umgebung der Krebszellen – zu verändern, damit Immunzellen dort effektiver arbeiten können <sup>22</sup>. Bisher sind die klinischen Ergebnisse jedoch noch begrenzt. Große Hoffnung liegt deshalb auf <strong>Kombinationstherapien</strong>, bei denen mehrere dieser Strategien gleichzeitig eingesetzt werden <sup>23</sup>.</p> <h3 id="h-zielgerichtete-therapie-smarte-medikamente-und-innovative-applikation"><strong>Zielgerichtete Therapie, smarte Medikamente und innovative Applikation</strong></h3> <p>Perfekte Medikamente würden die Krebszellen gezielt angreifen, ohne gesunde Gehirnzellen zu stören. Genau dieses Ziel verfolgen sogenannte zielgerichtete Therapien. Sie setzen direkt an den krebsspezifischen Veränderungen der Zellen an, den Hallmarks of Cancer. Viele dieser Medikamente blockieren beispielsweise mutierte Proteine in Signalwegen, die für das unkontrollierte Wachstum der Tumorzellen verantwortlich sind. Grundlage dafür ist eine möglichst genaue molekulargenetische Analyse des Tumors. Die Idee dahinter: <strong>personalisierte Medizin</strong>, bei der die Therapie individuell an die genetischen Veränderungen eines Tumors angepasst wird. Ein Beispiel sind Hemmstoffe gegen Mutationen im Enzym IDH1 oder IDH2. Solche sogenannten IDH-Inhibitoren können bei bestimmten Hirntumoren das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen und das Überleben verlängern <sup>24</sup>.</p> <p>Trotz allem bleibt die Hürde Blut-Hirn-Schranke, die mit smarten Medikamenten und innovativen Applikationsstrategien umgangen werden soll <sup>25</sup>. Eine Idee ist, die Krebsmedikamente raffiniert in winzige Transportvehikel zu verpacken und über die Blut-Hirn-Schranke zu schleusen, beispielsweise in Nanopartikel <sup>26</sup> oder Liposome (kleinen Fetttröpfchen) <sup>27</sup>, das ist wie Süßigkeiten im Socken an der Einlasskontrolle vorbei auf das Konzert zu mogeln.</p> <p>Eine andere Methode, mit Snacks zur Lieblingsband zu kommen, ist, nicht durch die Einlasskontrolle, sondern durch die Abgrenzung an einer weniger gesicherten Stelle. Nach diesem Prinzip wird bei Patienten versucht, mit fokussiertem Ultraschall oder Laser die Blut-Hirn-Schrank gezielt durchlässiger zu machen, sodass Medikamente besser in das Tumorgewebe gelangen <sup>28–30</sup>.</p> <p>Andere Versuche umfassen die Verwendung von Antikörper-Medikament-Konjugate, die Gabe der Medikamente über kleine Sonden direkt in den Tumor oder über die Nase ins Gehirn <sup>31,32</sup>. Leider ist auch hier trotz vielversprechender Ergebnisse im Labor die klinische Anwendung schwierig und zeigt bislang keinen erhofften Durchbruch <sup>33</sup>.</p> <h3 id="h-strahlen-amp-teilchen-praziser-harter-schonender"><strong>Strahlen &amp; Teilchen – präziser, härter, schonender</strong></h3> <p>Auch die Strahlentherapie entwickelt sich ständig weiter. Moderne Techniken versuchen, die Strahlung immer präziser im Tumor zu konzentrieren und gesundes Gehirngewebe möglichst zu schonen. Besonders gute Ergebnisse werden häufig erzielt, wenn die Bestrahlung geschickt mit anderen Therapien kombiniert wird <sup>34</sup>. </p> <p>Die klassische Strahlentherapie nutzt meist hochenergetische Photonen. In einigen spezialisierten Zentren kommen jedoch auch andere Teilchen zum Einsatz. Bei der sogenannten Protonentherapie geben die Teilchen den Großteil ihrer Energie erst direkt im Tumorgewebe ab (Bragg-Peak). Dieses physikalische Phänomen ermöglicht es, die Strahlendosis genauer zu platzieren und umliegendes Gewebe besser zu schützen <sup>35,36</sup>. Eine noch höhere relative biologische Wirksamkeit kann durch Bestrahlung mit Kohlenstoffionen erzielt werden. Bei der Kohlenstoffionentherapie verursachen diese schweren Teilchen komplexere DNA-Doppelstrangbrüche, die sehr schwer zu reparieren sind und können daher auch gegen manche strahlenresistente Tumoren wirksam sein <sup>37,38</sup>.</p> <p>Darüber hinaus werden weitere innovative Strahlentherapiekonzepte erforscht. Dazu gehört beispielsweise die Brachytherapie, bei der kleine radioaktive Quellen direkt in oder nahe am Tumor platziert werden. Andere Ansätze nutzen zielgerichtete radioaktive Medikamente, die sich bevorzugt an Tumorzellen anlagern, was als Radioligand Therapy bezeichnet wird. Ein besonders neues Forschungsfeld ist außerdem die sogenannte FLASH-Radiotherapie, bei der extrem hohe Strahlendosen in Bruchteilen einer Sekunde verabreicht werden. Erste Studien deuten darauf hin, dass Tumorzellen dadurch effektiv geschädigt werden könnten, während gesundes Gewebe möglicherweise besser geschont wird <sup>39–41</sup>. Viele dieser Technologien befinden sich jedoch noch in der klinischen Entwicklung oder sind nur in spezialisierten Zentren verfügbar.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-39.png"><img alt="" decoding="async" height="391" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-39-1024x391.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-39-1024x391.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-39-300x115.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-39-768x293.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-39-1536x587.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-39.png 1600w" width="1024"></img></a></figure> <h3 id="h-digitale-verbundete-ki-bildgebung-und-personalisierte-therapieplanung"><strong>Digitale Verbündete: KI, Bildgebung und personalisierte Therapieplanung</strong></h3> <p>Digitale Technologien spielen eine immer wichtigere Rolle in der modernen Behandlung von Hirntumoren. Besonders Methoden der künstlichen Intelligenz verändern derzeit die medizinische Bildanalyse. Mithilfe komplexer KI-gestützter Algorithmen können MRT- und CT-Bilder heute deutlich präziser ausgewertet werden. Dadurch lassen sich Tumorgewebe, Hirnödeme und abgestorbene Gewebebereiche genauer voneinander abgrenzen, was eine bessere Diagnostik und Therapieplanung ermöglicht <sup>42</sup>. </p> <p>Ein weiteres spannendes Forschungsfeld ist die sogenannte Radiogenomik. Dabei werden Bildmerkmale von Hirntumoren mithilfe von Methoden aus dem Machine Learning mit genetischen Veränderungen der Tumorzellen in Verbindung gebracht. Solche Analysen könnten in Zukunft helfen, bestimmte molekulare Eigenschaften eines Tumors bereits aus der Bildgebung vorherzusagen und damit in manchen Fällen invasive Gewebeproben reduzieren <sup>43</sup>.</p> <p>Darüber hinaus arbeiten Forschende an sogenannten digitalen Zwillingen von Patientinnen und Patienten. Dabei werden medizinische Daten, Bildgebung und biologische Modelle kombiniert, um den Verlauf einer Erkrankung zu simulieren. Auf diese Weise könnte getestet werden, welche Therapie für eine bestimmte Person am erfolgversprechendsten ist, bevor sie tatsächlich angewendet wird <sup>44</sup>. Digitale Technologien verbessern aber nicht nur die Analyse von Daten. Sie erleichtern auch die Zusammenarbeit von Expertinnen und Experten weltweit. Über Videokonferenzen oder virtuelle Tumorboards können Spezialisten aus verschiedenen Kliniken gemeinsam komplexe Fälle diskutieren. Das ist ein großer Vorteil, insbesondere bei seltenen Hirntumoren <sup>45</sup>. Moderne Technologien verändern also nicht nur einzelne Therapien, sondern verändern zunehmend die gesamte Diagnostik und Behandlung.</p> <h3 id="h-klinische-studien-und-kompetenzzentren"><strong>Klinische Studien und Kompetenzzentren</strong></h3> <p>Das bisherige Fazit lautet: Es gibt viele spannende und vielversprechende Ansätze in der Forschung, aber bislang hat sich noch keine universell wirksame Therapie für alle Hirntumore gefunden. Es bedarf weiterhin intensiver Forschung. Wer jetzt genervt aufseufzt, kann ich gut verstehen. Medizinische Forschung, insbesondere in einem so komplexen Gebiet, erfordert Zeit, Geduld und Ausdauer. Die meisten Experimente enttäuschen zunächst und führen nicht zu direkt anwendbaren Behandlungsergebnissen. Selbst wenn es einmal einen erfolgreichen Ansatz gibt, dauert es viele Jahre, bis dieser in der Klinik etabliert wird. Das schützt auf der einen Seite die Patientinnen und Patienten – nur sichere, wirksame und nachweislich bessere Therapien dürfen angewendet werden – ist aber gleichzeitig frustrierend für diejenigen, die verzweifelt auf eine rettende Behandlung hoffen. </p> <p>Neben der Entwicklung neuer Therapien gibt es auch die Versorgungsforschung, bei der untersucht wird, wie Betreuung und Behandlung mit den vorhandenen Ressourcen verbessert werden können. Hier steht der enge Austausch mit Betroffenen und Patientenvertretungen im Vordergrund. Die Ergebnisse zeigen, dass die Behandlung in speziellen Kompetenzzentren für die Betroffenen positiv ist <sup>46</sup>. Dort wird die gebündelte Erfahrung von Diagnose über Therapie bis hin zu Verlaufskontrolle und Nachsorge genutzt. In diesen spezialisierten Zentren werden zudem klinische Studien mit innovativen Therapien durchgeführt, an denen die Teilnahme ebenfalls die Behandlung verbessert <sup>47</sup>.</p> <h3 id="h-ausblick-vom-verstecken-zum-kontrollieren"><strong>Ausblick: Vom Verstecken zum Kontrollieren?</strong></h3> <p>Hirntumore sind extrem schwer zu behandeln, sowohl wegen der anatomischen Lage als auch wegen der komplexen molekularen Eigenschaften. Forschungsgruppen auf der ganzen Welt untersuchen Hirntumore derzeit so intensiv und interdisziplinär wie nie zuvor. Dank dieser Fortschritte lassen sich einige Hirntumore mittlerweile sehr gut behandeln, in manchen Fällen sogar heilen. Andere, aggressivere Typen führen jedoch weiterhin nur zu einer begrenzten Überlebenszeit von wenigen Monaten. Nach dem aktuellen Stand wird es in naher Zukunft leider nicht möglich sein, alle Hirntumore zu heilen. Das Ziel ist daher, die Prognose vieler Tumorarten zu verbessern: Aus einer oft aussichtslosen Situation soll eine Erkrankung werden, die bei guter Lebensqualität langfristig kontrollierbar bleibt. Entscheidend dafür werden personalisierte Ansätze sein: Jeder Tumor soll noch spezifischer untersucht werden, um eine individualisierte Behandlung zu planen und eine interdisziplinäre sowie multimodale Versorgung zu ermöglichen.</p> <h3 id="h-bildquellen"><strong>Bildquellen:</strong></h3> <p><a href="https://www.freepik.com/free-photo/male-medical-figure-with-front-brain-highlighted_7061148.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=a499346f-995a-4ecf-a2bf-6bbdcba38d22&amp;query=brain+tumor">Titelbild</a><p><a href="https://www.cell.com/fulltext/S0092-8674(11)00127-9#fig6">Abbildung 1</a><a href="https://www.freepik.com/free-vector/oncology-diagnostic-treatment-care-8-flat-compositions-with-mri-scanner-chemo-radiotherapy-children-ward-vector-illustration_26764755.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=18&amp;uuid=ba6425bf-e637-4078-a20c-db4b0ddfbbbb&amp;query=chemotherapy%2C+radiation%2C+surgery">Abbildung 2</a></p></p> <h3 id="h-quellen"><strong>Quellen:</strong></h3> <p><a href="https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMra043666">1. 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Gong, Z. <em>et al.</em> Challenges and material innovations in drug delivery to central nervous system tumors. <em>Biomaterials </em><strong>319</strong>, 123180 (2025). </a></p> <p><a href="https://doi.org/10.1007/s10585-021-10104-z">34. Ho, Q.-A. &amp; Stea, B. Innovations in radiotherapy and advances in immunotherapy for the treatment of brain metastases. <em>Clin Exp Metastasis </em><strong>39</strong>, 225–230 (2022). </a></p> <p><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39571596/">35. Vora, S. <em>et al.</em> Short-course hypofractionated proton beam therapy, incorporating 18F-DOPA PET and contrast-enhanced MRI targeting, for patients aged 65 years and older with newly diagnosed glioblastoma: a single-arm phase 2 trial. <em>Lancet Oncol </em><strong>25</strong>, 1625–1634 (2024). </a></p> <p><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30476191/">36. Vogel, J., Carmona, R., Ainsley, C. G. &amp; Lustig, R. A. 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Grassi, I. <em>et al.</em> Radioligand therapy for primary brain tumors: a PRISMA-based systematic review of meningiomas and gliomas. <em>Front Med (Lausanne) </em><strong>12</strong>, 1728797 (2025). </a></p> <p><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36303024/">40. Vozenin, M.-C., Bourhis, J. &amp; Durante, M. Towards clinical translation of FLASH radiotherapy. <em>Nat Rev Clin Oncol </em><strong>19</strong>, 791–803 (2022). </a></p> <p><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41182498/">41. Chuck, C. <em>et al.</em> Redefining the therapeutic landscape of glioblastomas and brain metastasis through cesium brachytherapy and low-kV intra-operative radiation therapy (IORT). <em>J Neurooncol </em><strong>176</strong>, 66 (2025). </a></p> <p><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40962716/">42. Bibi, K. <em>et al.</em> Artificial Intelligence-Based Approaches for Brain Tumor Segmentation in MRI: A Review. <em>NMR Biomed </em><strong>38</strong>, e70141 (2025). </a></p> <p><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40361507/">43. Dedhia, M. &amp; Germano, I. M. The Evolving Landscape of Radiomics in Gliomas: Insights into Diagnosis, Prognosis, and Research Trends. <em>Cancers (Basel) </em><strong>17</strong>, 1582 (2025). </a></p> <p><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41621635/">44. Olawade, D. B. <em>et al.</em> Digital twins in oncology: From predictive modelling to personalised treatment strategies. <em>Crit Rev Oncol Hematol </em><strong>220</strong>, 105171 (2026). </a></p> <p><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38427131/">45. Rogers, J. L. <em>et al.</em> Virtual multi-institutional tumor board: a strategy for personalized diagnoses and management of rare CNS tumors. <em>J Neurooncol </em><strong>167</strong>, 349–359 (2024). </a></p> <p><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25415070/">46. Khan, U. A. <em>et al.</em> Treatment by specialist surgical neurooncologists improves survival times for patients with malignant glioma. <em>J Neurosurg </em><strong>122</strong>, 297–302 (2015). </a></p> <p><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35840786/">47. Melnick, K. F. <em>et al.</em> The trial effect in patients with glioblastoma: effect of clinical trial enrollment on overall survival. <em>J Neurooncol </em><strong>159</strong>, 479–484 (2022).</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/warum-sind-hirntumore-so-schwer-zu-behandeln/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Bürde oder Würde – Warum kämpf(t)en Menschen um ihr Wahlrecht? https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/buerde-oder-wuerde-warum-kaempften-menschen-um-ihr-wahlrecht/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/buerde-oder-wuerde-warum-kaempften-menschen-um-ihr-wahlrecht/#comments Sun, 08 Mar 2026 06:22:55 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11101 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand-768x505.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/buerde-oder-wuerde-warum-kaempften-menschen-um-ihr-wahlrecht/</link> </image> <description type="html"><h1>Bürde oder Würde - Warum kämpfen Menschen um ihr Wahlrecht?</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Heute, am 8. März 2026, lebt <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-alpenraum-medienthese-kit-vortrag-und-studienbrief/">die föderale Demokratie im EUSALP-Alpenraum</a>: In <strong>Baden-Württemberg</strong> finden <strong>Landtagswahlen</strong> und in <strong>Bayern Kommunalwahlen</strong> statt. Und <a href="https://www.ch.ch/de/abstimmungen-und-wahlen/abstimmungen/volksabstimmmung-vom-8-marz-2026/">in der <strong>Schweiz</strong> gibt es heute <strong>Volksabstimmungen</strong> zu gleich vier Vorlagen</a> : Zur Bargeld-Initiative, zur Finanzierung der Schweizer Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG), zur Klimafonds-Initiative und zur Individualbesteuerung gegen die gemeinsame Veranlagung von Ehepaaren.</p> <p>Zudem <strong>ist der ursprünglich sozialistische 8. März seit einem UN-Beschluss von 1975 der Internationale Frauentag</strong>, an dem an <strong>den langen Kampf für das Frauenwahlrecht und die Gleichberechtigung</strong> erinnert wird.</p> <p>Interessierte an meinen Büchern und an diesem Blog werden sicher <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/antoinette-brown-blackwell-als-starke-frau-entdeckt/">die große <strong>Antoinette Brown Blackwell </strong>(1825 – 1921)</a> kennen. Sie sorgte als junge Theologin schon beim ersten Frauenrechtswahlkongress von 1850 in Worcester, Massachussets, für Aufsehen – und konnte dann als letzte noch lebende Teilnehmerin dieses Kongresses 1920 an den US-Präsidentschaftswahlen teilnehmen!</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/antoinette-brown-blackwell-als-starke-frau-entdeckt/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Medienkachel zu Antoinette Brown Blackwell (1825 - 1921), in dem sie als erste ordinierte Pfarrerin von 183, als führende Stimme der Frauenrechtsbewegung und als - leider lange vergessene - Evolutionsforscherin - vorgestellt wird." decoding="async" height="1429" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em><a href="https://www.youtube.com/watch?v=Ovj7tAQO-fk">Antoinette Brown Blackwell war u.a. die erste ordinierte Pfarrerin der USA &amp; Neuzeit, eine führende Rednerin der Frauenrechtsbewegung</a>, Kämpferin gegen Sklaverei und Alkoholmissbrauch, eine lange verdrängte Evolutionsforscherin (u.a. “The Sexes Throughout Nature”, 1875), Ehefrau und Mutter von sieben Kindern. Medienkachel: Michael Blume mit Notebook LM.</em><aside></aside></p> <p><strong>Warum wollen Menschen überhaupt an Wahlen und Abstimmungen teilnehmen?</strong></p> <p>Der US-amerikanische Politik-Ökonom <strong>Anthony Downs</strong> (1930 – 2021) betrachtete in seinem grundlegenden Werk <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/An_Economic_Theory_of_Democracy"><em>“An Economic Theory of Democracy”</em> (1957)</a> Wählende als Kundschaft und Parteien als Anbieter. Allerdings konnte er damit <strong>das Paradox der Wahlbeteiligung</strong> nur aufwerfen, aber nicht lösen: <em>Warum nehmen so viele Menschen die Anstrengungen einer Wahl oder Abstimmung auf sich, obwohl ihre individuellen Stimmen für das Gesamtergebnis kaum Gewicht haben?</em></p> <p><strong>Zivilreligiöse Mimesis: Eine Frage der Menschenwürde</strong></p> <p>Ich vertrete dazu die politik- und religionswissenschaftliche These, dass <strong>die Wahlbeteiligung ein Ausdruck zivilreligiöser, positiver Mimesis zur Menschenwürde</strong> ist: In den meist gemeinsam beschrittenen und individuell vollzogenen Ritualen der Präsenz- oder Briefwahlen sowie Abstimmungen inszenieren und erleben sich Menschen als frei und mitbestimmend (Selbstwirksamkeit), also als Inhaberinnen und Inhaber von Menschenwürde. </p> <p>Deswegen ist eine hohe Wahlbeteiligung auch nicht angeboren, sondern muss immer wieder durch zivilreligiöse Appelle – heute u.a. <a href="https://www.sonntagsblatt.de/artikel/gesellschaft/warum-jeder-waehlen-gehen-sollte-und-nichtwaehlen-keine-option-ist">durch <strong>Rieke C. Harmsen </strong>im evangelischen Sonntagsblatt</a> – hergestellt werden.</p> <p data-wp-editing="1"><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Rechts das Buch &quot;It Could Happen Here&quot; von Jonathan Greenblatt, links die Nachbildung eines Faustkeils aus der Acheuleen-Kultur in der Hand von Dr. Michael Blume." decoding="async" height="2457" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1505-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1505-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1505-300x288.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1505-1024x983.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1505-768x737.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1505-1536x1474.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1505-2048x1965.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p data-wp-editing="1"><em>Die enorme <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/">Bedeutung der Mimesis für die menschliche Psychologie erläutere ich nicht nur mit Büchern, sondern auch mit der Nachbildung eines Faustkeils aus der vor- und frühmenschlichen </a><span data-hover-id="1" data-sups="1,2"><span>Acheuléen-Kultur</span><span>. Foto: Michael Blume</span></span></em></p> <p data-wp-editing="1"><span>Diese enge Bindung von Wahlbeteiligung und Menschenwürde ist übrigens auch der Grund, warum </span><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/">ich auch als Politikwissenschaftler die bundesdeutschen Parteien-Koalitionsverträge seit 1961</a><span> ablehne: Wir wählen Abgeordnete in Bundestag und Landtage, die danach aber faktisch durch im Grundgesetz und Landesverfassungen gar nicht vorgesehene Parteigremien wie Koalitionsausschüsse und Reformkommissionen bevormundet werden. Dadurch wächst die Unzufriedenheit sowohl auf Seiten der Wählenden wie auch Gewählten.</span></p> <p data-wp-editing="1">Aus meiner Sicht wäre <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/konkurrenz-konkordanz-oder-konsensdemokratie-meine-heutige-duale-rede-bei-der-stiftung-weltethos-uni-tuebingen/"><strong>eine parlamentarische Konsensdemokratie würdiger</strong> und damit besser</a>, in der Regierungskoalitionen auf Basis schlanker Grundsatzvereinbarungen gebildet werden, die vom Volk gewählten Abgeordneten wieder ihre Haushalts- und Gesetzgebungsrechte selbstbestimmt ausüben und Grundsatzfragen in Volksabstimmungen entschieden werden.</p> <p data-wp-editing="1">Ebenso halte ich <strong>die KP-Diktatur in China</strong> gegenüber <strong>der Demokratie in Indien</strong> für nicht nur demografisch unterlegen: Wer Menschen die zivilreligiöse Ideologie vermittelt, sie dürften aus Gründen vermeintlich optimaler Entscheidungen nicht ihre eigenen Regierungen und Gesetze mitbestimmen, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/china-zwischen-demografischer-geburtenimplosion-und-ki-robotik-zukunft/">verletzt ihre Menschenwürde, beschleunigt gesellschaftlichen Rückzug und Geburtenimplosion</a>.</p> <p data-wp-editing="1">Auch die meisten Kirchen und Religionsgemeinschaften sowie <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/perry-rhodan/">die Perry Rhodan-Science Fiction</a> – der bisher längste Serienroman der Menschheit – ringen immer wieder mit dieser Frage.</p> <div data-friendly-url="wikipedia.org" data-sups="1,2"><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/china-zwischen-demografischer-geburtenimplosion-und-ki-robotik-zukunft/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Chinesische Kung-Fu-Roboter und Kinder nehmen Aufstellung zur chinesischen Neujahrsgala 2026. Ein Unitree H2 mit Schwert reicht einem Jungen die Hand." decoding="async" height="843" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1283px) 100vw, 1283px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand.jpg 1283w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand-300x197.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand-1024x673.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand-768x505.jpg 768w" width="1283"></img></a></div> <p>Auf <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116191665551478454">Mastodon habe ich zum heutigen Tag auch eine Fediverse-Umfrage zu <em><strong>Wahlen als Würde oder Bürde</strong></em> erstellt</a> – und zwar auf <a href="https://digitalcourage.de/">meinem neuen Account bei Digitalcourage e.V.</a>, wohin ich zum Schutz vor willkürlichen Löschungen von Posts gewechselt bin.</p> <p><a href="https://digitalcourage.de/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Michael Blume mit Solarpunk-Tasse und dem Motto &quot;Niemand kann alles, aber alle können etwas verändern&quot; sowie einem blauen T-Shirt mit der weißen Aufschrift: &quot;Fediverse - Social Media Done Well&quot;" decoding="async" height="2271" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0158-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0158-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0158-300x266.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0158-1024x908.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0158-768x681.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0158-1536x1363.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0158-2048x1817.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Michael Blume mit Solarpunk-Tasse und dem Motto “Niemand kann alles, aber alle können etwas verändern” sowie einem blauen T-Shirt mit der weißen Aufschrift: “Fediverse – Social Media Done Well”. Foto: Privat</em></p> <p>Ebenso freue ich mich über rege Dialoge hier auf “Natur des Glaubens”!</p> <p>Und, ja, <em><strong>auch ich rufe zivilreligiös zur Teilnahme an Wahlen und Abstimmungen auf</strong></em>. Denn es geht dabei um <em><strong>nicht weniger als um unsere Freiheit – und Würde</strong></em>.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/PM7Cf2UO48I?feature=oembed" title="Konkurrenz-, Konkordanz- oder Konsensdemokratie? Michael Blume beim Weltethos-Institut 2025" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Bürde oder Würde - Warum kämpfen Menschen um ihr Wahlrecht?</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Heute, am 8. März 2026, lebt <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-alpenraum-medienthese-kit-vortrag-und-studienbrief/">die föderale Demokratie im EUSALP-Alpenraum</a>: In <strong>Baden-Württemberg</strong> finden <strong>Landtagswahlen</strong> und in <strong>Bayern Kommunalwahlen</strong> statt. Und <a href="https://www.ch.ch/de/abstimmungen-und-wahlen/abstimmungen/volksabstimmmung-vom-8-marz-2026/">in der <strong>Schweiz</strong> gibt es heute <strong>Volksabstimmungen</strong> zu gleich vier Vorlagen</a> : Zur Bargeld-Initiative, zur Finanzierung der Schweizer Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG), zur Klimafonds-Initiative und zur Individualbesteuerung gegen die gemeinsame Veranlagung von Ehepaaren.</p> <p>Zudem <strong>ist der ursprünglich sozialistische 8. März seit einem UN-Beschluss von 1975 der Internationale Frauentag</strong>, an dem an <strong>den langen Kampf für das Frauenwahlrecht und die Gleichberechtigung</strong> erinnert wird.</p> <p>Interessierte an meinen Büchern und an diesem Blog werden sicher <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/antoinette-brown-blackwell-als-starke-frau-entdeckt/">die große <strong>Antoinette Brown Blackwell </strong>(1825 – 1921)</a> kennen. Sie sorgte als junge Theologin schon beim ersten Frauenrechtswahlkongress von 1850 in Worcester, Massachussets, für Aufsehen – und konnte dann als letzte noch lebende Teilnehmerin dieses Kongresses 1920 an den US-Präsidentschaftswahlen teilnehmen!</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/antoinette-brown-blackwell-als-starke-frau-entdeckt/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Medienkachel zu Antoinette Brown Blackwell (1825 - 1921), in dem sie als erste ordinierte Pfarrerin von 183, als führende Stimme der Frauenrechtsbewegung und als - leider lange vergessene - Evolutionsforscherin - vorgestellt wird." decoding="async" height="1429" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em><a href="https://www.youtube.com/watch?v=Ovj7tAQO-fk">Antoinette Brown Blackwell war u.a. die erste ordinierte Pfarrerin der USA &amp; Neuzeit, eine führende Rednerin der Frauenrechtsbewegung</a>, Kämpferin gegen Sklaverei und Alkoholmissbrauch, eine lange verdrängte Evolutionsforscherin (u.a. “The Sexes Throughout Nature”, 1875), Ehefrau und Mutter von sieben Kindern. Medienkachel: Michael Blume mit Notebook LM.</em><aside></aside></p> <p><strong>Warum wollen Menschen überhaupt an Wahlen und Abstimmungen teilnehmen?</strong></p> <p>Der US-amerikanische Politik-Ökonom <strong>Anthony Downs</strong> (1930 – 2021) betrachtete in seinem grundlegenden Werk <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/An_Economic_Theory_of_Democracy"><em>“An Economic Theory of Democracy”</em> (1957)</a> Wählende als Kundschaft und Parteien als Anbieter. Allerdings konnte er damit <strong>das Paradox der Wahlbeteiligung</strong> nur aufwerfen, aber nicht lösen: <em>Warum nehmen so viele Menschen die Anstrengungen einer Wahl oder Abstimmung auf sich, obwohl ihre individuellen Stimmen für das Gesamtergebnis kaum Gewicht haben?</em></p> <p><strong>Zivilreligiöse Mimesis: Eine Frage der Menschenwürde</strong></p> <p>Ich vertrete dazu die politik- und religionswissenschaftliche These, dass <strong>die Wahlbeteiligung ein Ausdruck zivilreligiöser, positiver Mimesis zur Menschenwürde</strong> ist: In den meist gemeinsam beschrittenen und individuell vollzogenen Ritualen der Präsenz- oder Briefwahlen sowie Abstimmungen inszenieren und erleben sich Menschen als frei und mitbestimmend (Selbstwirksamkeit), also als Inhaberinnen und Inhaber von Menschenwürde. </p> <p>Deswegen ist eine hohe Wahlbeteiligung auch nicht angeboren, sondern muss immer wieder durch zivilreligiöse Appelle – heute u.a. <a href="https://www.sonntagsblatt.de/artikel/gesellschaft/warum-jeder-waehlen-gehen-sollte-und-nichtwaehlen-keine-option-ist">durch <strong>Rieke C. Harmsen </strong>im evangelischen Sonntagsblatt</a> – hergestellt werden.</p> <p data-wp-editing="1"><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Rechts das Buch &quot;It Could Happen Here&quot; von Jonathan Greenblatt, links die Nachbildung eines Faustkeils aus der Acheuleen-Kultur in der Hand von Dr. Michael Blume." decoding="async" height="2457" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1505-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1505-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1505-300x288.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1505-1024x983.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1505-768x737.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1505-1536x1474.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1505-2048x1965.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p data-wp-editing="1"><em>Die enorme <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/">Bedeutung der Mimesis für die menschliche Psychologie erläutere ich nicht nur mit Büchern, sondern auch mit der Nachbildung eines Faustkeils aus der vor- und frühmenschlichen </a><span data-hover-id="1" data-sups="1,2"><span>Acheuléen-Kultur</span><span>. Foto: Michael Blume</span></span></em></p> <p data-wp-editing="1"><span>Diese enge Bindung von Wahlbeteiligung und Menschenwürde ist übrigens auch der Grund, warum </span><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/">ich auch als Politikwissenschaftler die bundesdeutschen Parteien-Koalitionsverträge seit 1961</a><span> ablehne: Wir wählen Abgeordnete in Bundestag und Landtage, die danach aber faktisch durch im Grundgesetz und Landesverfassungen gar nicht vorgesehene Parteigremien wie Koalitionsausschüsse und Reformkommissionen bevormundet werden. Dadurch wächst die Unzufriedenheit sowohl auf Seiten der Wählenden wie auch Gewählten.</span></p> <p data-wp-editing="1">Aus meiner Sicht wäre <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/konkurrenz-konkordanz-oder-konsensdemokratie-meine-heutige-duale-rede-bei-der-stiftung-weltethos-uni-tuebingen/"><strong>eine parlamentarische Konsensdemokratie würdiger</strong> und damit besser</a>, in der Regierungskoalitionen auf Basis schlanker Grundsatzvereinbarungen gebildet werden, die vom Volk gewählten Abgeordneten wieder ihre Haushalts- und Gesetzgebungsrechte selbstbestimmt ausüben und Grundsatzfragen in Volksabstimmungen entschieden werden.</p> <p data-wp-editing="1">Ebenso halte ich <strong>die KP-Diktatur in China</strong> gegenüber <strong>der Demokratie in Indien</strong> für nicht nur demografisch unterlegen: Wer Menschen die zivilreligiöse Ideologie vermittelt, sie dürften aus Gründen vermeintlich optimaler Entscheidungen nicht ihre eigenen Regierungen und Gesetze mitbestimmen, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/china-zwischen-demografischer-geburtenimplosion-und-ki-robotik-zukunft/">verletzt ihre Menschenwürde, beschleunigt gesellschaftlichen Rückzug und Geburtenimplosion</a>.</p> <p data-wp-editing="1">Auch die meisten Kirchen und Religionsgemeinschaften sowie <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/perry-rhodan/">die Perry Rhodan-Science Fiction</a> – der bisher längste Serienroman der Menschheit – ringen immer wieder mit dieser Frage.</p> <div data-friendly-url="wikipedia.org" data-sups="1,2"><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/china-zwischen-demografischer-geburtenimplosion-und-ki-robotik-zukunft/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Chinesische Kung-Fu-Roboter und Kinder nehmen Aufstellung zur chinesischen Neujahrsgala 2026. Ein Unitree H2 mit Schwert reicht einem Jungen die Hand." decoding="async" height="843" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1283px) 100vw, 1283px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand.jpg 1283w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand-300x197.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand-1024x673.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand-768x505.jpg 768w" width="1283"></img></a></div> <p>Auf <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116191665551478454">Mastodon habe ich zum heutigen Tag auch eine Fediverse-Umfrage zu <em><strong>Wahlen als Würde oder Bürde</strong></em> erstellt</a> – und zwar auf <a href="https://digitalcourage.de/">meinem neuen Account bei Digitalcourage e.V.</a>, wohin ich zum Schutz vor willkürlichen Löschungen von Posts gewechselt bin.</p> <p><a href="https://digitalcourage.de/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Michael Blume mit Solarpunk-Tasse und dem Motto &quot;Niemand kann alles, aber alle können etwas verändern&quot; sowie einem blauen T-Shirt mit der weißen Aufschrift: &quot;Fediverse - Social Media Done Well&quot;" decoding="async" height="2271" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0158-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0158-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0158-300x266.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0158-1024x908.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0158-768x681.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0158-1536x1363.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0158-2048x1817.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Michael Blume mit Solarpunk-Tasse und dem Motto “Niemand kann alles, aber alle können etwas verändern” sowie einem blauen T-Shirt mit der weißen Aufschrift: “Fediverse – Social Media Done Well”. Foto: Privat</em></p> <p>Ebenso freue ich mich über rege Dialoge hier auf “Natur des Glaubens”!</p> <p>Und, ja, <em><strong>auch ich rufe zivilreligiös zur Teilnahme an Wahlen und Abstimmungen auf</strong></em>. Denn es geht dabei um <em><strong>nicht weniger als um unsere Freiheit – und Würde</strong></em>.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/PM7Cf2UO48I?feature=oembed" title="Konkurrenz-, Konkordanz- oder Konsensdemokratie? Michael Blume beim Weltethos-Institut 2025" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/buerde-oder-wuerde-warum-kaempften-menschen-um-ihr-wahlrecht/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>58</slash:comments> </item> <item> <title>Das leise Sterben der Papageientaucher und anderer Seevögel https://scilogs.spektrum.de/meertext/das-leise-sterben-der-papageientaucher-und-anderer-seevoegel/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/das-leise-sterben-der-papageientaucher-und-anderer-seevoegel/#comments Fri, 06 Mar 2026 06:39:24 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1922 <h1>Das leise Sterben der Papageientaucher und anderer Seevögel » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>An den Küsten Großbritanniens und Europas werden seit Januar 2026 Tausende von Seevögeln angespült, viele sind bereits tot, die anderen geschwächt. Vor allem Papageientaucher und Lummen wurden an den Atlantik-Küsten von Cornwall, Devon, Nordostengland sowie im Norden und Osten Schottlands sowie entlang der Küsten Portugals, Spaniens, Frankreichs und der Kanalinseln gemeldet. Auch an den Stränden der Nordsee, vor der Südküste Irlands und in der Biskaya werden Seevogelkadaver gefunden.<br></br>Offenbar spielt sich im Nordostatlantik eine weiträumige Krise ab.<br></br>Mal wieder.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-45.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 564px) 100vw, 564px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-45-564x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-45-564x1024.png 564w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-45-165x300.png 165w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-45.png 656w" width="564"></img></a><figcaption>Skeet von RSPB vom 19.02.20206 auf BlueSky</figcaption></figure> <p>Diese Seevogel-Massensterben (“Seabird wrecks”) gerade von Alken (Papageientaucher, Tordalk) und Lummen (Trottellumme, Gryllteiste) nehmen in den letzten Jahren zu, vermutlich aufgrund der Klimakrise. (Zurzeit steht aber noch nicht fest, ob möglicherweise auch die Vogelgrippe eine Rolle spielt, die auch die hat schon furchtbar unter anderen Meeresvögeln gewütet hat – darum raten Vogelexperten zur Vorsicht und, tote Vögel nicht anzufassen). Die angespülten Vögel sind nur ein Bruchteil der Opfer: Aktuelle Schätzungen zeigen, dass <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608">allein in Frankreich über 20.000 Vögel</a> an die Strände gespült wurden. Viele weitere sind wahrscheinlich im stürmischen offenen Ozean ums Leben gekommen, ungesehen und ungezählt.</p> <p>Die Royal Society for the Protection of Birds (RSPB) hat nach Berichten über Hunderte von tot angespülten Papageientauchern, Tordalken, Lummen und anderen Meeresvögeln, zu landesweiten Maßnahmen zum Schutz der Seevögel aufgerufen. An den UK-Küsten sammeln Naturschützer:innen und Freiwillige die noch lebend angespülten, aber geschwächten Vögel ein und päppeln sie mit Fisch wieder auf.  <br></br>Papageientauchen, Tordalke, Trottellumen und einige andere Arten sind pelagische Seevögel: Sie kommen eigentlich nur zum Brutgeschäft an Land, wo sie dann in großen Kolonien brüten. Danach fliegen sie aufs Meer hinaus und verbringen dort den Winter, auch die Jungvögel müssen dann alleine klarkommen – ebenfalls auf dem Meer.</p> <h2 id="h-klimakrise-befeuert-schwere-sturme"><strong>Klimakrise befeuert schwere Stürme</strong></h2> <p>Obwohl steigende Temperaturen die bekannteste Folge des vom Menschen verursachten Klimawandels sind, sind die zunehmende Häufigkeit und Intensität von Stürmen ein weiteres kritisches Symptom. In diesem Jahr haben bereits mehrere Stürme Europa heimgesucht, sie bildeten sich über den erwärmten Meeresoberflächen des Atlantiks und des Mittelmeeres.<br></br>So fegte Ende Januar der Sturm Chandra über Großbritannien und andere Teile Europas hinweg, während im Februar sechs weitere Stürme in schneller Folge über Portugal, Spanien und Frankreich rasthen. „<a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608">Angesichts der vorliegenden Beweise ist es möglich, dass diese Reihe von Stürmen eine tödliche Mischung von</a> Bedingungen für überwinternde Seevögel geschaffen hat, indem sie innerhalb kurzer Zeit zu mehreren Schiffbrüchen geführt hat. Die aufeinanderfolgenden Stürme in diesem Winter haben den Seevögeln kaum eine Atempause gegönnt. Sie mussten mit starken Winden, sintflutartigen Regenfällen und hohem Seegang kämpfen, waren verzweifelt hungrig, aber offenbar nicht in der Lage, sich zu ernähren.“<br></br>Dafür spricht auch, dass die angeschwemmten Vögel sehr mager sind und verhärtete Muskeln haben – was durch einen hohen Laktatgehalt hervorgerufen wird: Eine Studie zum Seevogel-Sterben an der andalusischen Küste 2022/2023 ergab, dass die Mehrheit der gestrandeten Tordalken und <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/ece3.70161">Papageientaucher Jungtiere waren. „Beide Arten wiesen einen niedrigen Gehalt an</a> Kohlenhydraten (Glukose und Glykogen) in ihrem Gewebe und einen hohen Laktatgehalt in ihren Muskeln auf. Diese Ergebnisse könnten darauf hindeuten, dass die Tiere einer längeren, anstrengenden körperlichen Belastung ausgesetzt waren, die Energie über anaerobe Stoffwechselwege erforderte, was möglicherweise mit der Wanderung zusammenhing.“ Sieht so aus, als ob sie sich mühsam durch die Wellen kämpften, aber dennoch nicht genug kleine Fische als Beute fangen konnten.</p> <p>Seit den 1970-er Jahren sind solche Massensterbe-Events bei Papageientauchern und Tordalken im Nordseebereich nachgewiesen. Sie hingen teilweise zusammen mit der Überfischung ihrer wichtigsten Futterquelle, den Sandaalen, die für Fischmehl industriell gefischt werden – vor allem für Lachs-Aquakulturen. Allerdings besteht auch ein <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/000632079290797Q">Zusammenhang mit der Meereserwärmung der Nordsee.</a><aside></aside></p> <h2 id="h-langzeitstudie-von-der-isle-of-may-zu-uberlebensraten"><strong>Langzeitstudie von der Isle of May zu Überlebensraten</strong></h2> <p>Die vom britischen Zentrum für Ökologie und Hydrologie geleitete Langzeitstudie „<a href="https://www.ceh.ac.uk/our-science/projects/isle-may-long-term-study">Isle of May Long-Term Study</a>” (die Isle of May liegt im schottischen Firth of Forth) <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608">beobachtet seit 1973 Seevögel und ist damit eine der datenreichsten Studien ihrer Art.</a> Im Rahmen dieser Beobachtungen wird ein Teil der Seevögel beringt – anhand der Metallringe mit einzigartigen Identifikationscodes können dann auch Kadaver bis zur Isle of May vor der Ostküste Schottlands oder zu anderen Seevogelkolonien zurückverfolgt werden, in denen Seevögel beringt werden. Wie etwa auf der ebenfalls sehr alten Vogelwarte auf der deutschen Hochseeinsel Helgoland.</p> <p>So werden die Todesfälle und Überlebensraten von Seevögeln regelmäßig ausgewertet und liefern die Basis für das Management dieser Arten. Auch wenn von den Tausenden Vögeln in Brutkolonien im Jahr 2026 gab es mehr Meldungen als üblich: Bereits im Februar waren es 33 tote Krähenscharben und neun tote Papageientaucher. <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608">Besonders herzzerreißend sei,</a> dass unter diesen Vögeln auch Überlebende des Vogelgrippe-Ausbruchs 2022/23 und des stürmischen Winters 2023/24 waren.</p> <p>Seevogelkolonien beherbergen während der Brutzeit oft Tausende von Vögeln – zu viele, um sie zu beringen. Darum werden natürlich auch viele unberingte Vögel gefunden – aber die beringten geben zumindest Indizien zu ihrer Herkunft und ihrem Alter.</p> <p>Schon im Sommer kann schlechtes Wetter auch mit weniger schweren Stürmen den kleinen Vögeln große Probleme beim Fischen bereiten. Bei stärkerem Wind zögern sie darum, nach Nahrung zu suchen. Schließlich müssen die Altvögel dann auch gegen den Wind anfliegen, um zu den Fischgründen und zurück zum Nest zu kommen. Auch das aufgewühlte Wasser ist für sie kräftezehrend. Im Winter müssen diese Seevögel noch intensiver nach Nahrung suchen. Dann brauchen sie genug Energie, um die Kälte zu überleben und müssen gleichzeitig Reserven für die bevorstehende Brutzeit aufbauen.</p> <h2 id="h-seevogel-bestande-in-der-krise"><strong>Seevogel-Bestände in der Krise</strong></h2> <p>Papageientaucher und andere Seevögel leben lange (eines der Opfer des aktuellen <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608">Unglücks war ein 34 Jahre alter Papageientaucher</a>) und brüten nur einmal im Jahr. Mit solch einer langsamen Reproduktionsrate können solche hohen Todeszahlen also langfristige Auswirkungen auf die Populationsentwicklung haben. Normalerweise, erklärt die Meeresökologin <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608">Ruth Dunn (Research Associate in Marine Ecology, Lancaster University</a>) in <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608">The Conservation</a>, kommen erwachsene Vögel besser über den Winter. Jetzt aber sind neben Jungtieren auch viele ältere Vögel gestorben – damit fällt die nächste Elterngeneration weg. Da solche Sturm- und Massensterben-Events in den letzten Jahren stetig zugenommen haben, bleibt den Populationen immer weniger Zeit zur Erholung. </p> <p><a href="https://cbwps.org.uk/puffins-under-pressure/">Neben Papageientauchern geraten auch andere Seevögel</a> immer stärker unter Druck.<br></br><a href="https://oceanographicmagazine.com/news/mass-seabird-deaths-spark-call-to-protect-uks-fragile-species/">In Großbritannien sind bereits 62 % dieser Arten vom Rückgang</a> betroffen, in Schottland sogar 70 %. Als 1996 die erste Rote Liste der gefährdeten Vogelarten Großbritanniens veröffentlicht wurde, war nur eine einzige Seevogelart darin aufgeführt. Heute stehen zehn der 25 in Großbritannien brütenden Arten, darunter Papageientaucher und Dreizehenmöwen, auf der Roten Liste.<br></br>In anderen Teilen Europas sieht es nicht besser aus.<br></br>Und in anderen Teilen der Welt auch nicht: So hat es seit 2016 die Gelbschopflunde (ebenfalls <a href="https://theconversation.com/climate-change-is-causing-mass-die-offs-in-seabirds-such-as-puffins-117803">Papageientaucher) des Nordpazifiks schwer</a> getroffen – auch dort ist der Zusammenhang mit der Erwärmung der Meeresoberfläche deutlich nachgewiesen.</p> <p>Darum appellieren Ruth Dunn, andere Wissenschaftler:innen, Seevogel-Expert:innen und Naturschützer:innen sowie viele andere Menschen immer dringlicher an ihre Regierungen, die seit langem vereinbarten Schutzstrategien umzusetzen, da der Druck durch Stürme, Krankheiten, Fischerei und Offshore-Erschließungen immer größer wird – zusammen mit der Klimakrise werden die durch Menschen verursachten Streßfaktoren für die Meeresvögel sonst zu hoch.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Das leise Sterben der Papageientaucher und anderer Seevögel » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>An den Küsten Großbritanniens und Europas werden seit Januar 2026 Tausende von Seevögeln angespült, viele sind bereits tot, die anderen geschwächt. Vor allem Papageientaucher und Lummen wurden an den Atlantik-Küsten von Cornwall, Devon, Nordostengland sowie im Norden und Osten Schottlands sowie entlang der Küsten Portugals, Spaniens, Frankreichs und der Kanalinseln gemeldet. Auch an den Stränden der Nordsee, vor der Südküste Irlands und in der Biskaya werden Seevogelkadaver gefunden.<br></br>Offenbar spielt sich im Nordostatlantik eine weiträumige Krise ab.<br></br>Mal wieder.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-45.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 564px) 100vw, 564px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-45-564x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-45-564x1024.png 564w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-45-165x300.png 165w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-45.png 656w" width="564"></img></a><figcaption>Skeet von RSPB vom 19.02.20206 auf BlueSky</figcaption></figure> <p>Diese Seevogel-Massensterben (“Seabird wrecks”) gerade von Alken (Papageientaucher, Tordalk) und Lummen (Trottellumme, Gryllteiste) nehmen in den letzten Jahren zu, vermutlich aufgrund der Klimakrise. (Zurzeit steht aber noch nicht fest, ob möglicherweise auch die Vogelgrippe eine Rolle spielt, die auch die hat schon furchtbar unter anderen Meeresvögeln gewütet hat – darum raten Vogelexperten zur Vorsicht und, tote Vögel nicht anzufassen). Die angespülten Vögel sind nur ein Bruchteil der Opfer: Aktuelle Schätzungen zeigen, dass <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608">allein in Frankreich über 20.000 Vögel</a> an die Strände gespült wurden. Viele weitere sind wahrscheinlich im stürmischen offenen Ozean ums Leben gekommen, ungesehen und ungezählt.</p> <p>Die Royal Society for the Protection of Birds (RSPB) hat nach Berichten über Hunderte von tot angespülten Papageientauchern, Tordalken, Lummen und anderen Meeresvögeln, zu landesweiten Maßnahmen zum Schutz der Seevögel aufgerufen. An den UK-Küsten sammeln Naturschützer:innen und Freiwillige die noch lebend angespülten, aber geschwächten Vögel ein und päppeln sie mit Fisch wieder auf.  <br></br>Papageientauchen, Tordalke, Trottellumen und einige andere Arten sind pelagische Seevögel: Sie kommen eigentlich nur zum Brutgeschäft an Land, wo sie dann in großen Kolonien brüten. Danach fliegen sie aufs Meer hinaus und verbringen dort den Winter, auch die Jungvögel müssen dann alleine klarkommen – ebenfalls auf dem Meer.</p> <h2 id="h-klimakrise-befeuert-schwere-sturme"><strong>Klimakrise befeuert schwere Stürme</strong></h2> <p>Obwohl steigende Temperaturen die bekannteste Folge des vom Menschen verursachten Klimawandels sind, sind die zunehmende Häufigkeit und Intensität von Stürmen ein weiteres kritisches Symptom. In diesem Jahr haben bereits mehrere Stürme Europa heimgesucht, sie bildeten sich über den erwärmten Meeresoberflächen des Atlantiks und des Mittelmeeres.<br></br>So fegte Ende Januar der Sturm Chandra über Großbritannien und andere Teile Europas hinweg, während im Februar sechs weitere Stürme in schneller Folge über Portugal, Spanien und Frankreich rasthen. „<a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608">Angesichts der vorliegenden Beweise ist es möglich, dass diese Reihe von Stürmen eine tödliche Mischung von</a> Bedingungen für überwinternde Seevögel geschaffen hat, indem sie innerhalb kurzer Zeit zu mehreren Schiffbrüchen geführt hat. Die aufeinanderfolgenden Stürme in diesem Winter haben den Seevögeln kaum eine Atempause gegönnt. Sie mussten mit starken Winden, sintflutartigen Regenfällen und hohem Seegang kämpfen, waren verzweifelt hungrig, aber offenbar nicht in der Lage, sich zu ernähren.“<br></br>Dafür spricht auch, dass die angeschwemmten Vögel sehr mager sind und verhärtete Muskeln haben – was durch einen hohen Laktatgehalt hervorgerufen wird: Eine Studie zum Seevogel-Sterben an der andalusischen Küste 2022/2023 ergab, dass die Mehrheit der gestrandeten Tordalken und <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/ece3.70161">Papageientaucher Jungtiere waren. „Beide Arten wiesen einen niedrigen Gehalt an</a> Kohlenhydraten (Glukose und Glykogen) in ihrem Gewebe und einen hohen Laktatgehalt in ihren Muskeln auf. Diese Ergebnisse könnten darauf hindeuten, dass die Tiere einer längeren, anstrengenden körperlichen Belastung ausgesetzt waren, die Energie über anaerobe Stoffwechselwege erforderte, was möglicherweise mit der Wanderung zusammenhing.“ Sieht so aus, als ob sie sich mühsam durch die Wellen kämpften, aber dennoch nicht genug kleine Fische als Beute fangen konnten.</p> <p>Seit den 1970-er Jahren sind solche Massensterbe-Events bei Papageientauchern und Tordalken im Nordseebereich nachgewiesen. Sie hingen teilweise zusammen mit der Überfischung ihrer wichtigsten Futterquelle, den Sandaalen, die für Fischmehl industriell gefischt werden – vor allem für Lachs-Aquakulturen. Allerdings besteht auch ein <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/000632079290797Q">Zusammenhang mit der Meereserwärmung der Nordsee.</a><aside></aside></p> <h2 id="h-langzeitstudie-von-der-isle-of-may-zu-uberlebensraten"><strong>Langzeitstudie von der Isle of May zu Überlebensraten</strong></h2> <p>Die vom britischen Zentrum für Ökologie und Hydrologie geleitete Langzeitstudie „<a href="https://www.ceh.ac.uk/our-science/projects/isle-may-long-term-study">Isle of May Long-Term Study</a>” (die Isle of May liegt im schottischen Firth of Forth) <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608">beobachtet seit 1973 Seevögel und ist damit eine der datenreichsten Studien ihrer Art.</a> Im Rahmen dieser Beobachtungen wird ein Teil der Seevögel beringt – anhand der Metallringe mit einzigartigen Identifikationscodes können dann auch Kadaver bis zur Isle of May vor der Ostküste Schottlands oder zu anderen Seevogelkolonien zurückverfolgt werden, in denen Seevögel beringt werden. Wie etwa auf der ebenfalls sehr alten Vogelwarte auf der deutschen Hochseeinsel Helgoland.</p> <p>So werden die Todesfälle und Überlebensraten von Seevögeln regelmäßig ausgewertet und liefern die Basis für das Management dieser Arten. Auch wenn von den Tausenden Vögeln in Brutkolonien im Jahr 2026 gab es mehr Meldungen als üblich: Bereits im Februar waren es 33 tote Krähenscharben und neun tote Papageientaucher. <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608">Besonders herzzerreißend sei,</a> dass unter diesen Vögeln auch Überlebende des Vogelgrippe-Ausbruchs 2022/23 und des stürmischen Winters 2023/24 waren.</p> <p>Seevogelkolonien beherbergen während der Brutzeit oft Tausende von Vögeln – zu viele, um sie zu beringen. Darum werden natürlich auch viele unberingte Vögel gefunden – aber die beringten geben zumindest Indizien zu ihrer Herkunft und ihrem Alter.</p> <p>Schon im Sommer kann schlechtes Wetter auch mit weniger schweren Stürmen den kleinen Vögeln große Probleme beim Fischen bereiten. Bei stärkerem Wind zögern sie darum, nach Nahrung zu suchen. Schließlich müssen die Altvögel dann auch gegen den Wind anfliegen, um zu den Fischgründen und zurück zum Nest zu kommen. Auch das aufgewühlte Wasser ist für sie kräftezehrend. Im Winter müssen diese Seevögel noch intensiver nach Nahrung suchen. Dann brauchen sie genug Energie, um die Kälte zu überleben und müssen gleichzeitig Reserven für die bevorstehende Brutzeit aufbauen.</p> <h2 id="h-seevogel-bestande-in-der-krise"><strong>Seevogel-Bestände in der Krise</strong></h2> <p>Papageientaucher und andere Seevögel leben lange (eines der Opfer des aktuellen <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608">Unglücks war ein 34 Jahre alter Papageientaucher</a>) und brüten nur einmal im Jahr. Mit solch einer langsamen Reproduktionsrate können solche hohen Todeszahlen also langfristige Auswirkungen auf die Populationsentwicklung haben. Normalerweise, erklärt die Meeresökologin <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608">Ruth Dunn (Research Associate in Marine Ecology, Lancaster University</a>) in <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608">The Conservation</a>, kommen erwachsene Vögel besser über den Winter. Jetzt aber sind neben Jungtieren auch viele ältere Vögel gestorben – damit fällt die nächste Elterngeneration weg. Da solche Sturm- und Massensterben-Events in den letzten Jahren stetig zugenommen haben, bleibt den Populationen immer weniger Zeit zur Erholung. </p> <p><a href="https://cbwps.org.uk/puffins-under-pressure/">Neben Papageientauchern geraten auch andere Seevögel</a> immer stärker unter Druck.<br></br><a href="https://oceanographicmagazine.com/news/mass-seabird-deaths-spark-call-to-protect-uks-fragile-species/">In Großbritannien sind bereits 62 % dieser Arten vom Rückgang</a> betroffen, in Schottland sogar 70 %. Als 1996 die erste Rote Liste der gefährdeten Vogelarten Großbritanniens veröffentlicht wurde, war nur eine einzige Seevogelart darin aufgeführt. Heute stehen zehn der 25 in Großbritannien brütenden Arten, darunter Papageientaucher und Dreizehenmöwen, auf der Roten Liste.<br></br>In anderen Teilen Europas sieht es nicht besser aus.<br></br>Und in anderen Teilen der Welt auch nicht: So hat es seit 2016 die Gelbschopflunde (ebenfalls <a href="https://theconversation.com/climate-change-is-causing-mass-die-offs-in-seabirds-such-as-puffins-117803">Papageientaucher) des Nordpazifiks schwer</a> getroffen – auch dort ist der Zusammenhang mit der Erwärmung der Meeresoberfläche deutlich nachgewiesen.</p> <p>Darum appellieren Ruth Dunn, andere Wissenschaftler:innen, Seevogel-Expert:innen und Naturschützer:innen sowie viele andere Menschen immer dringlicher an ihre Regierungen, die seit langem vereinbarten Schutzstrategien umzusetzen, da der Druck durch Stürme, Krankheiten, Fischerei und Offshore-Erschließungen immer größer wird – zusammen mit der Klimakrise werden die durch Menschen verursachten Streßfaktoren für die Meeresvögel sonst zu hoch.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/das-leise-sterben-der-papageientaucher-und-anderer-seevoegel/#comments 10 Blume & Ince 52: Gegen das Silencing kurdischer & anderer Minderheiten – Für eine neue Dialog-Medienkultur https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-52-gegen-das-silencing-kurdischer-anderer-minderheiten-fuer-eine-neue-dialog-medienkultur/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-52-gegen-das-silencing-kurdischer-anderer-minderheiten-fuer-eine-neue-dialog-medienkultur/#comments Thu, 05 Mar 2026 20:08:25 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11095 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInceDialogKurdistanChristophTraubDilnazAhan2026-768x462.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-52-gegen-das-silencing-kurdischer-anderer-minderheiten-fuer-eine-neue-dialog-medienkultur/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInceDialogKurdistanChristophTraubDilnazAhan2026.jpg" /><h1>Gegen Silencing kurdischer & anderer Minderheiten</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Eigentlich hatte ich diesen Blogpost mit einer Ansage gegen das Verstummen von Journalistinnen &amp; Journalisten eröffnen wollen, das ich <a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html">u.a. im Interview mit Studierenden der EH Ludwigsburg (aufgegriffen durch focus.de) thematisiert</a> hatte:</p> <p><em>“Manche Leute sagen, deutsche Medien berichten nur proisraelisch, andere meinen, sie berichten nur propalästinensisch. Von Journalisten höre ich: Egal, wie wir berichten, wir kriegen immer Haue, also wählen wir lieber andere Themen. Das besorgt mich. Besser wäre, alle setzen sich damit ehrlich auseinander, denn der Krieg geht ja weiter und Menschen sterben.”</em></p> <p><a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Dr. Michael Blume im Interview mit drei Studentinnen der EH Ludwigsburg. Darunter die Überschrift von focus.de: &quot;Es gibt keine glücklichen Hater&quot;" decoding="async" height="636" sizes="(max-width: 935px) 100vw, 935px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621.jpeg 935w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621-300x204.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621-768x522.jpeg 768w" width="935"></img></a></p> <p><em>Interview <a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html">“Es gibt keine glücklichen Hater” durch drei Studentinnen der EH Ludwigsburg</a>. Screenshot via Mastodon: Michael Blume</em></p> <p>Doch gestern erschien <a href="https://taz.de/Zentralrat-bejubelt-Irankrieg/!6159480/">in der taz ein Kommentar von <strong>Susanne Knaul</strong>, der mich entsetzt</a> hat: <em>“<strong>Zentralrat bejubelt Irankrieg. Einfach mal die Klappe halten” </strong></em><aside></aside></p> <p>Dem <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wer-spricht-fuer-das-judentum-fuer-israel-die-gewaehlten/">von Delegierten der deutsch-jüdischen Gemeinden gewählten</a> und auch selbst deutschen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, <strong>Josef Schuster</strong>, hielt die Journalistin ernsthaft vor, er hätte sich <em>“in seiner Funktion zurückhalten und Stellungnahmen dieser Art besser dem israelischen Botschafter überlassen müssen.” </em>Und dies übrigens in einer Zeitung, die dafür bekannt ist, nach Herzenslust und oft in deutscher Macker-Attitüde etwa US-amerikanische, russische oder ukrainische Politik zu kommentieren.</p> <p>Was wir hier erleben wurde im Deutschen “Zum-Schweigen-bringen” und wird im Englischen “Silencing” genannt: Angehörige gefühlter Mehrheiten versuchen Angehörigen religiöser und ethnischer Minderheiten vorzuschreiben, was sie wie zu sagen haben – selbst dann, wenn diese Deutsche sind und selbst dann, wenn sie in ihre Funktionen gewählt wurden.</p> <p>Ich finde das übel – und zwar gegenüber jeder Religion, Ethnie und auch Redaktion! Aus meiner Sicht gehört es nicht nur abstrakt zur freiheitlichen Gesellschaft, sondern sogar zur Menschenwürde, dass sich Menschen individuell und gemeinschaftlich gleichberechtigt äußern dürfen. Frau Kaul muss Herrn Schuster nicht zustimmen – aber sie hat kein Recht, ihm das Wort verbieten zu wollen. Dieser Kommentar war aus meiner medienethischen Sicht ein heftiger Fehlgriff, liebe taz!</p> <p>Zu den Gruppen, die gerade auch in Deutschland am meisten vom Silencing betroffen sind, gehören Kurdinnen und Kurden. Denn es handelt sich bei einer Größe von 30 bis 40 Millionen Menschen um eine riesige Ethnie, die ohne eigenen Staat auf vier Staaten verteilt sind: Turkiye, Iran, Irak und Syrien. Sie gehören mehreren Sprachgruppen und vielen Religionen an, wobei <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfrage-7-das-schicksal-des-kurdischen-judentums-ezidentums/">beispielsweise das irakisch-kurdische Judentum im 20. Jahrhundert durch Vertreibungen</a> erlosch und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-krise-des-deutschen-bundestag-der-genozid-an-den-jesiden/">das Jesidentum einen Genozid</a> erlitt.</p> <p>Gerade weil ich persönlich Bestrebungen nach einem eigenen, kurdischen Staat für unrealistisch und schädlich halte, befürworte ich umso mehr die dialogische und demokratische Teilhabe von kurdischen Menschen in ihren Staaten. Dass kurdische Menschen mangels eigener Staatsangehörigkeit in Deutschland nicht einmal erfasst werden und auch Deutsche kurdischer Herkunft wenig Gehör finden, hat mich gerade auch angesichts der (inzwischen eingestellten) Kämpfe in Syrien sehr bedrückt. Wie zuvor schon Kirkuk im Irak so wurden auch ölreiche Gebiete in Syrien von arabisch-zentralstaatlichen Truppen eingenommen. Und sehr bewusst hatte ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/technologieoffenheit-statt-kalifatsstaat-meine-demo-rede-vom-11-mai-2024/">bei einer Demonstration im Mai 2024 den Freiheitskampf auch der iranischen Kurdinnen &amp; Kurden gewürdigt</a> – der nach der Ermordung von <strong>Jina Mahsa Amini</strong> (1999 – 2022) mit immer brutalerer Gewalt unterdrückt wurde.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/technologieoffenheit-statt-kalifatsstaat-meine-demo-rede-vom-11-mai-2024/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Susanne Jakubowski von der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs, Dr. Michael Blume und Mona Kizilhan auf einer Demonstration gegen Antisemitismus und Extremismus in Stuttgart, Mai 2024" decoding="async" height="1592" sizes="(max-width: 1125px) 100vw, 1125px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_9423.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_9423.jpeg 1125w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_9423-212x300.jpeg 212w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_9423-724x1024.jpeg 724w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_9423-768x1087.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_9423-1085x1536.jpeg 1085w" width="1125"></img></a></p> <p><em>Mit Susanne Jakubowski von der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs und mit Mona Kizilhan auf einer Stuttgarter Demonstration gegen Antisemitismus und Extremismus, Mai 2024. Foto mfG: Friedrich-Ebert-Stiftung</em></p> <p>Schon <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-27-kurdentum-und-ezidentum-als-demokratiesegen-fuer-deutschland/">in Folge 27 von “Blume &amp; Ince” hatten mein deutsch-türkisch-kurdischer Mitcaster &amp; ich angesichts einer Preisverleihung über <strong>das Kurdentum und das Ezidentum als “Demokratiesegen für Deutschland”</strong> gesprochen</a>. Und für die aktuelle Folge 51 konnten wir den dafür sehr aktiven Oberbürgermeister von Filderstadt, <strong>Christoph Traub</strong> und die deutsch-kurdische Menschenrechtsaktivistin <strong>Dilnaz Alhan</strong> gewinnen.</p> <p>Gemeinsam hatten und haben wir das Ziel, mit dem neuen Format eines publikums-offenen Podcasts &amp; Videocasts gerade auch Angehörige religiöser und ethnischer Minderheiten in Deutschland zu ermutigen, für sich selbst zu sprechen und eigene Medienformate zu schaffen. Die o.g. schlimme Entgleisung der taz unterstreicht ja, dass sich niemand mehr auf eine faire Berichterstattung in den alten Medien verlassen sollte. Wer nicht auch digital für sich selber spricht, wird nicht gehört – oder gar aufgefordert, zu schweigen!</p> <p>Hier ist also <a href="https://blumeundince.podigee.io/55-folge-52-kurdistan-und-syrien-im-fokus-im-gesprach-mit-ob-christoph-traub-und-dilnaz-alhan">die Folge 52 von <em>“Blume &amp; Ince”</em> wie immer kostenfrei bei podigee</a> und bei allen gängigen Streaming-Portalen. Und hier auch das Videoformat – das leider am Anfang einen Bildaussetzer hatte.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/rm1cAzYwY5A?feature=oembed&amp;rel=0" title="Folge 52: Kurdistan und Syrien im Fokus: Im Gespräch mit OB Christoph Traub und Dilnaz Alhan" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Wie immer freuen sich Inan &amp; ich über konstruktive Fragen und Diskussionen auch auf dem Blog. Wir tun das ehrenamtlich, weil wir glauben, dass in freiheitlichen und demokratischen Gesellschaften alle das Recht und die Verantwortung haben, sich einzubringen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInceDialogKurdistanChristophTraubDilnazAhan2026.jpg" /><h1>Gegen Silencing kurdischer & anderer Minderheiten</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Eigentlich hatte ich diesen Blogpost mit einer Ansage gegen das Verstummen von Journalistinnen &amp; Journalisten eröffnen wollen, das ich <a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html">u.a. im Interview mit Studierenden der EH Ludwigsburg (aufgegriffen durch focus.de) thematisiert</a> hatte:</p> <p><em>“Manche Leute sagen, deutsche Medien berichten nur proisraelisch, andere meinen, sie berichten nur propalästinensisch. Von Journalisten höre ich: Egal, wie wir berichten, wir kriegen immer Haue, also wählen wir lieber andere Themen. Das besorgt mich. Besser wäre, alle setzen sich damit ehrlich auseinander, denn der Krieg geht ja weiter und Menschen sterben.”</em></p> <p><a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Dr. Michael Blume im Interview mit drei Studentinnen der EH Ludwigsburg. Darunter die Überschrift von focus.de: &quot;Es gibt keine glücklichen Hater&quot;" decoding="async" height="636" sizes="(max-width: 935px) 100vw, 935px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621.jpeg 935w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621-300x204.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621-768x522.jpeg 768w" width="935"></img></a></p> <p><em>Interview <a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html">“Es gibt keine glücklichen Hater” durch drei Studentinnen der EH Ludwigsburg</a>. Screenshot via Mastodon: Michael Blume</em></p> <p>Doch gestern erschien <a href="https://taz.de/Zentralrat-bejubelt-Irankrieg/!6159480/">in der taz ein Kommentar von <strong>Susanne Knaul</strong>, der mich entsetzt</a> hat: <em>“<strong>Zentralrat bejubelt Irankrieg. Einfach mal die Klappe halten” </strong></em><aside></aside></p> <p>Dem <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wer-spricht-fuer-das-judentum-fuer-israel-die-gewaehlten/">von Delegierten der deutsch-jüdischen Gemeinden gewählten</a> und auch selbst deutschen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, <strong>Josef Schuster</strong>, hielt die Journalistin ernsthaft vor, er hätte sich <em>“in seiner Funktion zurückhalten und Stellungnahmen dieser Art besser dem israelischen Botschafter überlassen müssen.” </em>Und dies übrigens in einer Zeitung, die dafür bekannt ist, nach Herzenslust und oft in deutscher Macker-Attitüde etwa US-amerikanische, russische oder ukrainische Politik zu kommentieren.</p> <p>Was wir hier erleben wurde im Deutschen “Zum-Schweigen-bringen” und wird im Englischen “Silencing” genannt: Angehörige gefühlter Mehrheiten versuchen Angehörigen religiöser und ethnischer Minderheiten vorzuschreiben, was sie wie zu sagen haben – selbst dann, wenn diese Deutsche sind und selbst dann, wenn sie in ihre Funktionen gewählt wurden.</p> <p>Ich finde das übel – und zwar gegenüber jeder Religion, Ethnie und auch Redaktion! Aus meiner Sicht gehört es nicht nur abstrakt zur freiheitlichen Gesellschaft, sondern sogar zur Menschenwürde, dass sich Menschen individuell und gemeinschaftlich gleichberechtigt äußern dürfen. Frau Kaul muss Herrn Schuster nicht zustimmen – aber sie hat kein Recht, ihm das Wort verbieten zu wollen. Dieser Kommentar war aus meiner medienethischen Sicht ein heftiger Fehlgriff, liebe taz!</p> <p>Zu den Gruppen, die gerade auch in Deutschland am meisten vom Silencing betroffen sind, gehören Kurdinnen und Kurden. Denn es handelt sich bei einer Größe von 30 bis 40 Millionen Menschen um eine riesige Ethnie, die ohne eigenen Staat auf vier Staaten verteilt sind: Turkiye, Iran, Irak und Syrien. Sie gehören mehreren Sprachgruppen und vielen Religionen an, wobei <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfrage-7-das-schicksal-des-kurdischen-judentums-ezidentums/">beispielsweise das irakisch-kurdische Judentum im 20. Jahrhundert durch Vertreibungen</a> erlosch und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-krise-des-deutschen-bundestag-der-genozid-an-den-jesiden/">das Jesidentum einen Genozid</a> erlitt.</p> <p>Gerade weil ich persönlich Bestrebungen nach einem eigenen, kurdischen Staat für unrealistisch und schädlich halte, befürworte ich umso mehr die dialogische und demokratische Teilhabe von kurdischen Menschen in ihren Staaten. Dass kurdische Menschen mangels eigener Staatsangehörigkeit in Deutschland nicht einmal erfasst werden und auch Deutsche kurdischer Herkunft wenig Gehör finden, hat mich gerade auch angesichts der (inzwischen eingestellten) Kämpfe in Syrien sehr bedrückt. Wie zuvor schon Kirkuk im Irak so wurden auch ölreiche Gebiete in Syrien von arabisch-zentralstaatlichen Truppen eingenommen. Und sehr bewusst hatte ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/technologieoffenheit-statt-kalifatsstaat-meine-demo-rede-vom-11-mai-2024/">bei einer Demonstration im Mai 2024 den Freiheitskampf auch der iranischen Kurdinnen &amp; Kurden gewürdigt</a> – der nach der Ermordung von <strong>Jina Mahsa Amini</strong> (1999 – 2022) mit immer brutalerer Gewalt unterdrückt wurde.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/technologieoffenheit-statt-kalifatsstaat-meine-demo-rede-vom-11-mai-2024/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Susanne Jakubowski von der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs, Dr. Michael Blume und Mona Kizilhan auf einer Demonstration gegen Antisemitismus und Extremismus in Stuttgart, Mai 2024" decoding="async" height="1592" sizes="(max-width: 1125px) 100vw, 1125px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_9423.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_9423.jpeg 1125w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_9423-212x300.jpeg 212w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_9423-724x1024.jpeg 724w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_9423-768x1087.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_9423-1085x1536.jpeg 1085w" width="1125"></img></a></p> <p><em>Mit Susanne Jakubowski von der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs und mit Mona Kizilhan auf einer Stuttgarter Demonstration gegen Antisemitismus und Extremismus, Mai 2024. Foto mfG: Friedrich-Ebert-Stiftung</em></p> <p>Schon <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-27-kurdentum-und-ezidentum-als-demokratiesegen-fuer-deutschland/">in Folge 27 von “Blume &amp; Ince” hatten mein deutsch-türkisch-kurdischer Mitcaster &amp; ich angesichts einer Preisverleihung über <strong>das Kurdentum und das Ezidentum als “Demokratiesegen für Deutschland”</strong> gesprochen</a>. Und für die aktuelle Folge 51 konnten wir den dafür sehr aktiven Oberbürgermeister von Filderstadt, <strong>Christoph Traub</strong> und die deutsch-kurdische Menschenrechtsaktivistin <strong>Dilnaz Alhan</strong> gewinnen.</p> <p>Gemeinsam hatten und haben wir das Ziel, mit dem neuen Format eines publikums-offenen Podcasts &amp; Videocasts gerade auch Angehörige religiöser und ethnischer Minderheiten in Deutschland zu ermutigen, für sich selbst zu sprechen und eigene Medienformate zu schaffen. Die o.g. schlimme Entgleisung der taz unterstreicht ja, dass sich niemand mehr auf eine faire Berichterstattung in den alten Medien verlassen sollte. Wer nicht auch digital für sich selber spricht, wird nicht gehört – oder gar aufgefordert, zu schweigen!</p> <p>Hier ist also <a href="https://blumeundince.podigee.io/55-folge-52-kurdistan-und-syrien-im-fokus-im-gesprach-mit-ob-christoph-traub-und-dilnaz-alhan">die Folge 52 von <em>“Blume &amp; Ince”</em> wie immer kostenfrei bei podigee</a> und bei allen gängigen Streaming-Portalen. Und hier auch das Videoformat – das leider am Anfang einen Bildaussetzer hatte.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/rm1cAzYwY5A?feature=oembed&amp;rel=0" title="Folge 52: Kurdistan und Syrien im Fokus: Im Gespräch mit OB Christoph Traub und Dilnaz Alhan" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Wie immer freuen sich Inan &amp; ich über konstruktive Fragen und Diskussionen auch auf dem Blog. Wir tun das ehrenamtlich, weil wir glauben, dass in freiheitlichen und demokratischen Gesellschaften alle das Recht und die Verantwortung haben, sich einzubringen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-52-gegen-das-silencing-kurdischer-anderer-minderheiten-fuer-eine-neue-dialog-medienkultur/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>21</slash:comments> </item> <item> <title>Happy (Belated) 2026 https://scilogs.spektrum.de/hlf/happy-belated-2026/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/happy-belated-2026/#comments Wed, 04 Mar 2026 13:00:00 +0000 Sophie Maclean https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14141 <h1>Happy (Belated) 2026 - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Sophie Maclean</h2><div> <div> <p>It is customary in the new year to write a blog post containing mathematical facts about the year. For us maths writers, 2025 truly was a gift, and you can see just why in Katie’s <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/20-25-interesting-facts-about-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">excellent post</a> last year. But the chances of having two consecutive years with so many fun facts are, as one might expect, small. So it shouldn’t come as a surprise that there is a dearth of interesting facts about 2026. </p> <p>2026 is not a prime number (after all, it is divisible by the prime number 1013). It is not a square number and although it is the sum of two square numbers, \( 2026 = 45^2 + 1^1 \), this feels more like a property it’s inherited from 2025. But do not fear! This is not going to be a list of anti-facts, of things that are not true about the number 2026. There is one fact that is so fun that I think it might blow all the 2025 facts out the water.</p> <p>But to show you this fact, I must first introduce you to a toy that mathematicians have been playing with for over 1000 years. It may even already be familiar to you, but trust me when I say that this simple pattern holds more secrets than you or I could ever know. This tool goes by many names, but to Anglophones, this is Pascal’s Triangle.</p> <h3 id="h-humble-beginnings">Humble Beginnings</h3> <p>Pascal’s Triangle starts with what is arguably the simplest number: 1. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-128.png"><img alt="1" decoding="async" height="140" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-128.png" width="124"></img></a></figure></div> <p>In fact, every row of this triangle is bookended by a pair of 1s, so the next row is simply two ones.<aside></aside></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-129.png"><img alt="A triangle of three 1s" decoding="async" fetchpriority="high" height="286" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-129.png" width="292"></img></a></figure></div> <p>The rows of the triangle are formed iteratively. Each element is formed by summing the two above it. For example, to get the middle entry of the next row, we do \(1+1 = 2\):</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-130.png"><img alt="A diagram showing how the row &quot;1 2 1&quot; is formed" decoding="async" height="308" sizes="(max-width: 346px) 100vw, 346px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-130.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-130.png 346w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-130-300x267.png 300w" width="346"></img></a></figure></div> <p>Now we do \(1 + 2 = 3\) and \(2 +1 = 3\):</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-131.png"><img alt="A diagram showing how the row &quot;1 3 3 1&quot; is formed" decoding="async" height="386" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 460px) 100vw, 460px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-131.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-131.png 460w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-131-300x252.png 300w" width="460"></img></a></figure></div> <p>Then \(1 +  3 =\), \(3 + 3 =6\), and \( 3 + 1 = 4\). And so on. You can keep doing this ad infinitum:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-132.png"><img alt="Pascal's triangle " decoding="async" height="618" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 686px) 100vw, 686px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-132.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-132.png 686w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-132-300x270.png 300w" width="686"></img></a></figure></div> <p>Note that if you don’t like the idea of the 1s being special and just appearing, you can imagine an infinite sea of 0s surrounding the triangle, and the 1s are actually generated by summing 1 and 0:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-133.png"><img alt="Pascal's triangle with 0s around the outside " decoding="async" height="602" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 762px) 100vw, 762px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-133.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-133.png 762w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-133-300x237.png 300w" width="762"></img></a></figure></div> <p>Some patterns in this triangle will be immediately obvious. For example, the triangle is symmetric. This makes sense because we start with a single 1, which is trivially symmetric, then every step we take to generate the next row of the triangle is done equally on the right and on the left, so of course the resulting object will be symmetric. There are much more complicated patterns and meanings hidden in the triangle though, and if you dig deep enough, 2026 crops up, and more than once too.</p> <h3 id="h-patterns-all-the-way-down">Patterns all the Way Down</h3> <p>Often, the next pattern people notice is how the “first” diagonal is the natural numbers (also known as the counting numbers). You might dispute that this is the first diagonal, but I personally count the initial diagonal with 1s in as the zeroth diagonal.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-134.png"><img alt="Pascal's triangle with the row starting &quot;1,2,3,...&quot; highlighted" decoding="async" height="608" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 684px) 100vw, 684px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-134.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-134.png 684w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-134-300x267.png 300w" width="684"></img></a></figure></div> <p>So, the expression for the nth term in the first diagonal is: \( u_n = n\), a first order (i.e. linear) equation. This pattern is to be expected – each term in this diagonal is formed by summing the previous integer (which is up and to the right of the term) to 1 (up and to the left, in our zeroth diagonal of ones).</p> <p>What about the second diagonal?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-135.png"><img alt="Pascal's triangle with the row starting &quot;1,3,6,...&quot; highlighted" decoding="async" height="638" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 638px) 100vw, 638px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-135.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-135.png 638w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-135-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-135-150x150.png 150w" width="638"></img></a></figure></div> <p>If you’re well versed in common sequences,you will recognise this as the triangle numbers. The nth triangle number (let’s denote it \( t_n\)) is the sum of all the positive integers up to and including n. They are called triangle numbers because you can arrange \(t_n\) dots into a triangle of side length n:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-136.png"><img alt="A diagram showing triangles of increasing size" decoding="async" height="275" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 936px) 100vw, 936px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-136.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-136.png 936w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-136-300x88.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-136-768x226.png 768w" width="936"></img></a></figure></div> <p>The expression for the nth term in the second diagonal is: \( t_n = \frac{1}2(n)(n+1) \), a second order (i.e. quadratic) equation. This pattern arises because each term in this diagonal is formed by summing the previous triangle number (which is up and to the right of the term) to each natural number (up and to the left, in our first diagonal). </p> <p>What is fun is that we can actually go up another dimension. The first diagonal gave us a linear (AKA 1-dimensional) sequence, the second diagonal gives a quadratic, 2D sequence, so you might guess that the third diagonal would give a cubic, 3D sequence. And you would be right!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-137.png"><img alt="Pascal's triangle with the row starting &quot;1,4,10,...&quot; highlighted" decoding="async" height="638" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 638px) 100vw, 638px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-137.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-137.png 638w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-137-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-137-150x150.png 150w" width="638"></img></a></figure></div> <p>These are known as the tetrahedral numbers, because the nth tetrahedral number \(T_n\) spheres, they can form a tetrahedron of side length n. Note from the diagram below that each layer is a triangle, hence the tetrahedral numbers are formed by summing triangle numbers.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-138.png"><img alt="Spheres arranged in a tetrahedron pattern" decoding="async" height="483" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 639px) 100vw, 639px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-138.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-138.png 639w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-138-300x227.png 300w" width="639"></img></a></figure></div> <p>The formula for the tetrahedral numbers is \( T_n = \frac{1}6 n(n+1)(n+2)\}, a cubic. This pattern continues – the 4th row is a quartic (degree 4) sequence and forms 4D shapes, the 5th row is a quintic (degree 5) sequence and forms 5D shapes, and so on. </p> <h3 id="h-a-journey-through-time-and-space">A Journey Through Time and Space</h3> <p>Pascal’s Triangle is named after Blaise Pascal, a French mathematician, physicist and philosopher. Pascal lived from 1623 to 1662 AD, and is known not only for his work on Probability Theory, but the SI (International System of Units) unit of pressure is also named after him. He wrote about the triangle in his 1654 treatise, <em>Traité du triangle arithmétique</em>, which was published posthumously in 1665. </p> <p>But the triangle was in existence long before Pascal was even born. This is an Indian manuscript from 755 AD.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-139.png"><img alt="An old Indian manuscript showing a triangle pattern." decoding="async" height="348" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 660px) 100vw, 660px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-139.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-139.png 660w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-139-300x158.png 300w" width="660"></img></a><figcaption>Manuscript from Raghunath Library J&amp;K, 755 AD Image credit: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Meru_Prastaara.png" rel="noreferrer noopener" target="_blank">public</a><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/File:Yanghui_triangle.gif" rel="noreferrer noopener" target="_blank"> domain</a>.</figcaption></figure></div> <p>It is based on the work of Pingala, who was a poet alive in India in the third century BCE. Pingala stumbled across a whole array of combinatorial patterns, such as this, when considering the patterns that light (L) and heavy (H) syllables could form in a word of n syllables:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-140.png"><img alt="A triangle shape showing the pattern of Ls an Hs." decoding="async" height="332" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 384px) 100vw, 384px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-140.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-140.png 384w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-140-300x259.png 300w" width="384"></img></a></figure></div> <p>The first description of the triangle in a book was by Al-Karaji, a Persian mathematician and engineer born in 953 AD. Unfortunately, the book is now lost but we do have other publications of the triangle from not long after.</p> <p>Moving east to China, Jia Xian was a Chinese mathematician born in 1010, who worked with the triangle in the 11th Century. In the 13th Century, Yang Hui (born 1238) presented the triangle, and it is still known as Yang Hui’s Triangle in China:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-141.png"><img alt="A triangle formed of Chinese characters" decoding="async" height="715" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 460px) 100vw, 460px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-141.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-141.png 460w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-141-193x300.png 193w" width="460"></img></a><figcaption>Drawing published by Zhu Shijie in C.E 1303, in his Si Yu Jian. Image credit: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/File:Yanghui_triangle.gif" rel="noreferrer noopener" target="_blank">public domain</a>.</figcaption></figure></div> <p>Even in Europe, the triangle predates Pascal. It first appeared in the 13th Century, in a work by Jordanus de Nemore. Then, Niccolò Fontana Tartaglia published six rows of the triangle in 1556, and in Italy the triangle is known as Tartaglia’s triangle. </p> <p>The fact that the triangle has been discovered and rediscovered all over the world goes to show how fundamental it is. Part of the reason it is so commonly known may be how it relates to combinatorics, the mathematical study of counting.</p> <h3 id="h-counting-paths">Counting Paths</h3> <p>In combinatorics, \( \begin{pmatrix} n \\ r \end{pmatrix}\) is used to denote the number of ways of choosing r items from a set of n, when the order doesn’t matter. As it happens, Pascal’s Triangle can also be written in this notation:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-144.png"><img alt="Pascal's triangle written in n r notation" decoding="async" height="586" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 588px) 100vw, 588px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-144.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-144.png 588w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-144-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-144-150x150.png 150w" width="588"></img></a></figure></div> <p>In maths, there are rarely coincidences, and this is no exception. We can view the top row as the origin. Then to move from one row to the next, we move either diagonally left and down, or diagonally right and down. The entry values tell us how many different paths travelling down from the origin lead to that location. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-143.png"><img alt="Pascal's triangle showing the route to a square" decoding="async" height="436" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 486px) 100vw, 486px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-143.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-143.png 486w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-143-300x269.png 300w" width="486"></img></a></figure></div> <p>To see this, note that to get to an entry, we have to arrive either from the entry above and to the right, or from the entry above and to the left. So, of course, we must add the number of ways to get to each of these to find the number of ways to get to our entry. There is only one path to get to the entries on the outer edge – choose only lefts for one side, and only rights for the other – which matches these numbers being 1.</p> <p>Actually, with a bit of thought we can see that the entry labelled \( \begin{pmatrix} n \\ r \end{pmatrix}\) actually ends up denoting the number routes that are n steps down from the origin, r of which go right. </p> <h3 id="h-2026">2026</h3> <p>What happens, then, if we sum all the values in a row? Well the zeroth row (what I’m calling the top row) gives \(1\). The first row gives \(1 + 1 = 2\). The second row gives \(1 + 2 + 1 = 4\). The third row gives \( 1 + 3 + 3 +1 = 8\). Spot the pattern? The sum of the digits on the nth row is \(2^n\). This follows, as the nth row gives all possible choices of n steps down, where each step is either left or right, hence there are \(2^n\) steps.</p> <p>What if we sum all the values up to and including the nth row? Well that is \(2^{n+1} -1\) and gives the number of such paths with up to n steps, sometimes called a hyperforest due to the tree-like appearance when all the paths are drawn. </p> <p>For the final variant, what about if we now say that you are not allowed to choose all right or all left paths – the path you take must have at least one right and at least one left step? Summing all such paths that are n steps long is equivalent to summing all the digits of the nth row of Pascal’s triangle excluding the 1s at either end so there are \( 2^n – 2\) such paths. </p> <p>And what if we want all such paths for up to n steps, i.e. the sum of the first n rows of Pascal’s triangle excluding the edge entries? There are \(2^{n+1} – 2n -2\) such ways. And when \(n= 10\)?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-145.png"><img alt="Pascal's triangle with the centre bit highlighted" decoding="async" height="608" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-145.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-145.png 650w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-145-300x281.png 300w" width="650"></img></a></figure></div> <p>The sum of the shaded squares is 2026.</p> <p>Happy New Year!</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Happy (Belated) 2026 - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Sophie Maclean</h2><div> <div> <p>It is customary in the new year to write a blog post containing mathematical facts about the year. For us maths writers, 2025 truly was a gift, and you can see just why in Katie’s <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/20-25-interesting-facts-about-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">excellent post</a> last year. But the chances of having two consecutive years with so many fun facts are, as one might expect, small. So it shouldn’t come as a surprise that there is a dearth of interesting facts about 2026. </p> <p>2026 is not a prime number (after all, it is divisible by the prime number 1013). It is not a square number and although it is the sum of two square numbers, \( 2026 = 45^2 + 1^1 \), this feels more like a property it’s inherited from 2025. But do not fear! This is not going to be a list of anti-facts, of things that are not true about the number 2026. There is one fact that is so fun that I think it might blow all the 2025 facts out the water.</p> <p>But to show you this fact, I must first introduce you to a toy that mathematicians have been playing with for over 1000 years. It may even already be familiar to you, but trust me when I say that this simple pattern holds more secrets than you or I could ever know. This tool goes by many names, but to Anglophones, this is Pascal’s Triangle.</p> <h3 id="h-humble-beginnings">Humble Beginnings</h3> <p>Pascal’s Triangle starts with what is arguably the simplest number: 1. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-128.png"><img alt="1" decoding="async" height="140" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-128.png" width="124"></img></a></figure></div> <p>In fact, every row of this triangle is bookended by a pair of 1s, so the next row is simply two ones.<aside></aside></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-129.png"><img alt="A triangle of three 1s" decoding="async" fetchpriority="high" height="286" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-129.png" width="292"></img></a></figure></div> <p>The rows of the triangle are formed iteratively. Each element is formed by summing the two above it. For example, to get the middle entry of the next row, we do \(1+1 = 2\):</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-130.png"><img alt="A diagram showing how the row &quot;1 2 1&quot; is formed" decoding="async" height="308" sizes="(max-width: 346px) 100vw, 346px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-130.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-130.png 346w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-130-300x267.png 300w" width="346"></img></a></figure></div> <p>Now we do \(1 + 2 = 3\) and \(2 +1 = 3\):</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-131.png"><img alt="A diagram showing how the row &quot;1 3 3 1&quot; is formed" decoding="async" height="386" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 460px) 100vw, 460px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-131.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-131.png 460w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-131-300x252.png 300w" width="460"></img></a></figure></div> <p>Then \(1 +  3 =\), \(3 + 3 =6\), and \( 3 + 1 = 4\). And so on. You can keep doing this ad infinitum:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-132.png"><img alt="Pascal's triangle " decoding="async" height="618" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 686px) 100vw, 686px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-132.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-132.png 686w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-132-300x270.png 300w" width="686"></img></a></figure></div> <p>Note that if you don’t like the idea of the 1s being special and just appearing, you can imagine an infinite sea of 0s surrounding the triangle, and the 1s are actually generated by summing 1 and 0:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-133.png"><img alt="Pascal's triangle with 0s around the outside " decoding="async" height="602" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 762px) 100vw, 762px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-133.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-133.png 762w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-133-300x237.png 300w" width="762"></img></a></figure></div> <p>Some patterns in this triangle will be immediately obvious. For example, the triangle is symmetric. This makes sense because we start with a single 1, which is trivially symmetric, then every step we take to generate the next row of the triangle is done equally on the right and on the left, so of course the resulting object will be symmetric. There are much more complicated patterns and meanings hidden in the triangle though, and if you dig deep enough, 2026 crops up, and more than once too.</p> <h3 id="h-patterns-all-the-way-down">Patterns all the Way Down</h3> <p>Often, the next pattern people notice is how the “first” diagonal is the natural numbers (also known as the counting numbers). You might dispute that this is the first diagonal, but I personally count the initial diagonal with 1s in as the zeroth diagonal.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-134.png"><img alt="Pascal's triangle with the row starting &quot;1,2,3,...&quot; highlighted" decoding="async" height="608" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 684px) 100vw, 684px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-134.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-134.png 684w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-134-300x267.png 300w" width="684"></img></a></figure></div> <p>So, the expression for the nth term in the first diagonal is: \( u_n = n\), a first order (i.e. linear) equation. This pattern is to be expected – each term in this diagonal is formed by summing the previous integer (which is up and to the right of the term) to 1 (up and to the left, in our zeroth diagonal of ones).</p> <p>What about the second diagonal?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-135.png"><img alt="Pascal's triangle with the row starting &quot;1,3,6,...&quot; highlighted" decoding="async" height="638" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 638px) 100vw, 638px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-135.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-135.png 638w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-135-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-135-150x150.png 150w" width="638"></img></a></figure></div> <p>If you’re well versed in common sequences,you will recognise this as the triangle numbers. The nth triangle number (let’s denote it \( t_n\)) is the sum of all the positive integers up to and including n. They are called triangle numbers because you can arrange \(t_n\) dots into a triangle of side length n:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-136.png"><img alt="A diagram showing triangles of increasing size" decoding="async" height="275" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 936px) 100vw, 936px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-136.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-136.png 936w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-136-300x88.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-136-768x226.png 768w" width="936"></img></a></figure></div> <p>The expression for the nth term in the second diagonal is: \( t_n = \frac{1}2(n)(n+1) \), a second order (i.e. quadratic) equation. This pattern arises because each term in this diagonal is formed by summing the previous triangle number (which is up and to the right of the term) to each natural number (up and to the left, in our first diagonal). </p> <p>What is fun is that we can actually go up another dimension. The first diagonal gave us a linear (AKA 1-dimensional) sequence, the second diagonal gives a quadratic, 2D sequence, so you might guess that the third diagonal would give a cubic, 3D sequence. And you would be right!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-137.png"><img alt="Pascal's triangle with the row starting &quot;1,4,10,...&quot; highlighted" decoding="async" height="638" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 638px) 100vw, 638px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-137.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-137.png 638w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-137-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-137-150x150.png 150w" width="638"></img></a></figure></div> <p>These are known as the tetrahedral numbers, because the nth tetrahedral number \(T_n\) spheres, they can form a tetrahedron of side length n. Note from the diagram below that each layer is a triangle, hence the tetrahedral numbers are formed by summing triangle numbers.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-138.png"><img alt="Spheres arranged in a tetrahedron pattern" decoding="async" height="483" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 639px) 100vw, 639px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-138.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-138.png 639w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-138-300x227.png 300w" width="639"></img></a></figure></div> <p>The formula for the tetrahedral numbers is \( T_n = \frac{1}6 n(n+1)(n+2)\}, a cubic. This pattern continues – the 4th row is a quartic (degree 4) sequence and forms 4D shapes, the 5th row is a quintic (degree 5) sequence and forms 5D shapes, and so on. </p> <h3 id="h-a-journey-through-time-and-space">A Journey Through Time and Space</h3> <p>Pascal’s Triangle is named after Blaise Pascal, a French mathematician, physicist and philosopher. Pascal lived from 1623 to 1662 AD, and is known not only for his work on Probability Theory, but the SI (International System of Units) unit of pressure is also named after him. He wrote about the triangle in his 1654 treatise, <em>Traité du triangle arithmétique</em>, which was published posthumously in 1665. </p> <p>But the triangle was in existence long before Pascal was even born. This is an Indian manuscript from 755 AD.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-139.png"><img alt="An old Indian manuscript showing a triangle pattern." decoding="async" height="348" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 660px) 100vw, 660px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-139.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-139.png 660w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-139-300x158.png 300w" width="660"></img></a><figcaption>Manuscript from Raghunath Library J&amp;K, 755 AD Image credit: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Meru_Prastaara.png" rel="noreferrer noopener" target="_blank">public</a><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/File:Yanghui_triangle.gif" rel="noreferrer noopener" target="_blank"> domain</a>.</figcaption></figure></div> <p>It is based on the work of Pingala, who was a poet alive in India in the third century BCE. Pingala stumbled across a whole array of combinatorial patterns, such as this, when considering the patterns that light (L) and heavy (H) syllables could form in a word of n syllables:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-140.png"><img alt="A triangle shape showing the pattern of Ls an Hs." decoding="async" height="332" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 384px) 100vw, 384px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-140.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-140.png 384w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-140-300x259.png 300w" width="384"></img></a></figure></div> <p>The first description of the triangle in a book was by Al-Karaji, a Persian mathematician and engineer born in 953 AD. Unfortunately, the book is now lost but we do have other publications of the triangle from not long after.</p> <p>Moving east to China, Jia Xian was a Chinese mathematician born in 1010, who worked with the triangle in the 11th Century. In the 13th Century, Yang Hui (born 1238) presented the triangle, and it is still known as Yang Hui’s Triangle in China:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-141.png"><img alt="A triangle formed of Chinese characters" decoding="async" height="715" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 460px) 100vw, 460px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-141.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-141.png 460w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-141-193x300.png 193w" width="460"></img></a><figcaption>Drawing published by Zhu Shijie in C.E 1303, in his Si Yu Jian. Image credit: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/File:Yanghui_triangle.gif" rel="noreferrer noopener" target="_blank">public domain</a>.</figcaption></figure></div> <p>Even in Europe, the triangle predates Pascal. It first appeared in the 13th Century, in a work by Jordanus de Nemore. Then, Niccolò Fontana Tartaglia published six rows of the triangle in 1556, and in Italy the triangle is known as Tartaglia’s triangle. </p> <p>The fact that the triangle has been discovered and rediscovered all over the world goes to show how fundamental it is. Part of the reason it is so commonly known may be how it relates to combinatorics, the mathematical study of counting.</p> <h3 id="h-counting-paths">Counting Paths</h3> <p>In combinatorics, \( \begin{pmatrix} n \\ r \end{pmatrix}\) is used to denote the number of ways of choosing r items from a set of n, when the order doesn’t matter. As it happens, Pascal’s Triangle can also be written in this notation:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-144.png"><img alt="Pascal's triangle written in n r notation" decoding="async" height="586" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 588px) 100vw, 588px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-144.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-144.png 588w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-144-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-144-150x150.png 150w" width="588"></img></a></figure></div> <p>In maths, there are rarely coincidences, and this is no exception. We can view the top row as the origin. Then to move from one row to the next, we move either diagonally left and down, or diagonally right and down. The entry values tell us how many different paths travelling down from the origin lead to that location. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-143.png"><img alt="Pascal's triangle showing the route to a square" decoding="async" height="436" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 486px) 100vw, 486px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-143.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-143.png 486w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-143-300x269.png 300w" width="486"></img></a></figure></div> <p>To see this, note that to get to an entry, we have to arrive either from the entry above and to the right, or from the entry above and to the left. So, of course, we must add the number of ways to get to each of these to find the number of ways to get to our entry. There is only one path to get to the entries on the outer edge – choose only lefts for one side, and only rights for the other – which matches these numbers being 1.</p> <p>Actually, with a bit of thought we can see that the entry labelled \( \begin{pmatrix} n \\ r \end{pmatrix}\) actually ends up denoting the number routes that are n steps down from the origin, r of which go right. </p> <h3 id="h-2026">2026</h3> <p>What happens, then, if we sum all the values in a row? Well the zeroth row (what I’m calling the top row) gives \(1\). The first row gives \(1 + 1 = 2\). The second row gives \(1 + 2 + 1 = 4\). The third row gives \( 1 + 3 + 3 +1 = 8\). Spot the pattern? The sum of the digits on the nth row is \(2^n\). This follows, as the nth row gives all possible choices of n steps down, where each step is either left or right, hence there are \(2^n\) steps.</p> <p>What if we sum all the values up to and including the nth row? Well that is \(2^{n+1} -1\) and gives the number of such paths with up to n steps, sometimes called a hyperforest due to the tree-like appearance when all the paths are drawn. </p> <p>For the final variant, what about if we now say that you are not allowed to choose all right or all left paths – the path you take must have at least one right and at least one left step? Summing all such paths that are n steps long is equivalent to summing all the digits of the nth row of Pascal’s triangle excluding the 1s at either end so there are \( 2^n – 2\) such paths. </p> <p>And what if we want all such paths for up to n steps, i.e. the sum of the first n rows of Pascal’s triangle excluding the edge entries? There are \(2^{n+1} – 2n -2\) such ways. And when \(n= 10\)?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-145.png"><img alt="Pascal's triangle with the centre bit highlighted" decoding="async" height="608" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-145.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-145.png 650w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-145-300x281.png 300w" width="650"></img></a></figure></div> <p>The sum of the shaded squares is 2026.</p> <p>Happy New Year!</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/happy-belated-2026/#comments 1 Fossilismus versus Demokratie auch im Iran. Folgen auf den Tod von Ali Chamenei nun Frieden & Freiheit? https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/fossilismus-versus-demokratie-auch-im-iran-folgen-auf-den-tod-von-ali-chamenei-nun-frieden-freiheit/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/fossilismus-versus-demokratie-auch-im-iran-folgen-auf-den-tod-von-ali-chamenei-nun-frieden-freiheit/#comments Sun, 01 Mar 2026 13:40:00 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11086 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SalonkolumnistenRentierstaatstheorieTweetBlume-768x806.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/fossilismus-versus-demokratie-auch-im-iran-folgen-auf-den-tod-von-ali-chamenei-nun-frieden-freiheit/</link> </image> <description type="html"><h1>Folgen auf den Tod von Ali Chamenei nun Frieden & Freiheit?</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Weil sich Tyrannophile sogar in Drukos auf meinem Blog bisweilen um die Rechtfertigung von massenmörderischen und oft antisemitischen Tyrannen bemühen: Ich freue mich über den Sturz jedes fossilen Diktators wie <strong>Muammar al-Gaddafi </strong>(Libyen), <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/fossiler-ressourcenfluch-verschwoerungsmythen-auch-venezuela-bestaetigt-die-these/"><strong>Nicolás Maduro </strong>(Venezuela)</a>, <strong>Baschar al-Assad</strong> (Syrien) und gestern endlich <strong>Ali Chamene</strong>i (Iran), würde auch gerne das baldige Ende des Regimes von <strong>Wladimir Putin</strong> (Russland) sehen. Schon <a href="https://www.salonkolumnisten.com/oel_antisemitismus/">2019 warnte ich in <em><strong>“Vom Ölfluch und Antisemitismus”</strong></em> auf Basis der politikwissenschaftlichen <strong>Rentierstaatstheorie</strong></a> vor der fossilen Weiterfinanzierung genau dieser fossilen Diktaturen, ihrer Armeen, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-fossil-finanzierten-revolutionsgarden-als-die-heimlichen-herrscher-des-iran/">Milizen (Wagner, “Revolutionsgarden”)</a> und Terrorgruppen.</p> <p><a href="https://www.salonkolumnisten.com/oel_antisemitismus/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Im Artikel &quot;Vom Ölfluch und Antisemitismus&quot; warnte Dr. Michael Blume bereits am 27. Juli 2019 vor der fossilen Finanzierung der Regime von Russland und Iran. Auf dem Foto abgebildet sind Wladimir Putin links und Ali Chamenei rechts im Gespräch." decoding="async" height="1237" sizes="(max-width: 1178px) 100vw, 1178px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SalonkolumnistenRentierstaatstheorieTweetBlume.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SalonkolumnistenRentierstaatstheorieTweetBlume.jpg 1178w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SalonkolumnistenRentierstaatstheorieTweetBlume-286x300.jpg 286w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SalonkolumnistenRentierstaatstheorieTweetBlume-975x1024.jpg 975w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SalonkolumnistenRentierstaatstheorieTweetBlume-768x806.jpg 768w" width="1178"></img></a></p> <p><em>Sogar noch auf Twitter – inzwischen nur noch X – lud ich <a href="https://www.salonkolumnisten.com/oel_antisemitismus/">schon vor dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine immer wieder zu Dialogen über die Gefahren fossiler Gewaltenergien</a>, hier mit einem Doppelbild der fossilen Diktatoren Putin (Russland) &amp; Chamenei (Iran). Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Entsprechend verstand und teilte ich auch die Freude von Berlinerinnen und Berlinern iranischer, deutscher, israelischer Herkunft, über die <a href="https://www.youtube.com/shorts/7hz_s6wiALw">Sarah Maria Sander gestern live berichtete</a>. Schließlich hatte das iranische Regime noch in den letzten Wochen wieder Tausende für Demokratie, Frieden und gegen Korruption Protestierende massakriert, um sich mit Gewalt noch eine Weile an der Macht zu halten! Wem dazu nicht mehr einfällt als die selbstgerechte Belehrung, der Militärschlag durch die <strong>USA</strong> und <strong>Israel</strong> gegen das mörderische Regime widerspreche dem “Völkerrecht”, stellt die zunehmend brüchigen Nationalstaaten über deren Bindung an die allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Es gibt kein Recht für Regierungen – und schon gar nicht für fossile Diktaturen – zu Unterdrückung und Gewalt, Krieg und Terror.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/7hz_s6wiALw?feature=oembed&amp;rel=0" title="Kundgebung der Iraner in Berlin (28.02.2026)" width="562"></iframe> </p></figure> <p>Gleichwohl lehren uns <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-kann-nicht-alleine-militaerisch-besiegt-werden-er-ist-staerker-als-kapitalismus-und-sozialismus/">die gleiche, <strong>politikwissenschaftliche Rentierstaatstheorie</strong>, die historische Beobachtung und zusammengefasst <strong>die Erkenntnisse zum Fossilismus</strong></a>, dass <em><strong>die Entfernung einzelner Zentralfiguren von der Macht noch lange keinen Übergang zu rechtsstaatlichen Demokratien, Freiheit und Frieden garantiert.</strong></em><aside></aside></p> <p>Denn die fossile Finanzierung der autoritären, antisemitischen und gewaltbereiten Truppen geht ja nahezu ungebremst weiter und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/fossiler-ressourcenfluch-verschwoerungsmythen-auch-venezuela-bestaetigt-die-these/">in <strong>Venezuela</strong> hat <strong>Donald Trump</strong> dem korrupten mörderischen Ölregime sogar direkte <em>“fossile Deals”</em> angeboten</a>. Und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-fossil-finanzierten-revolutionsgarden-als-die-heimlichen-herrscher-des-iran/">im <strong>Iran</strong> setzen die fossil finanzierten und also korrupten Milizen der sog. <em><strong>“Revolutionsgarden”</strong></em> die Gewalt gegen die eigene Bevölkerung, gegen die arabischen Nachbarschaft und gegen die Republik <strong>Israel</strong> fort</a>.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-fossil-finanzierten-revolutionsgarden-als-die-heimlichen-herrscher-des-iran/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Im Mastodon-Post vom 2. Juli 2025 warnte Dr. Michael Blume vor der bis nach Deutschland reichenden Macht der fossil finanzierten Revolutionsgarden des fossilen Regimes im Iran." decoding="async" height="865" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 581px) 100vw, 581px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ImagineNoFossilismIranRevolutionsgardenARTE0725.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ImagineNoFossilismIranRevolutionsgardenARTE0725.jpg 581w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ImagineNoFossilismIranRevolutionsgardenARTE0725-202x300.jpg 202w" width="581"></img></a></p> <p><em>Bereits <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-fossil-finanzierten-revolutionsgarden-als-die-heimlichen-herrscher-des-iran/">im Sommer 2025 warnte ich auch hier auf dem Wissenschaftsblog erneut und dringend vor der weiteren, fossilen Finanzierung der iranischen “Revolutionsgarde”</a> und plädierte für deren Einstufung als internationale Terrororganisation. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Zu den externalisierten Sicherheitskosten kommen zudem die ebenfalls zunehmenden Mitwelt-Kosten durch Verbrennung, Verschmutzung und Emissionen etwa von CO2 und Methan in die globale Atmosphäre unseres Planeten. Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/nachgefragt-podcast-zum-zunehmenden-kampf-ums-wasser-im-21-jahrhundert/">Eskalation der Klimakrise durch Treibhausgase zerstört schon jetzt die Wasserkreisläufe besonders schnell im eurasischen Gürtel</a>, der Wiege vieler Hochkulturen und aller (!) heutigen Weltreligionen.</p> <p>Schon jetzt ist fraglich, ob <strong>Teheran</strong> auf Dauer bewohnbar bleiben kann – und die gleichen Fragen werden sich zunehmend für immer mehr Städte und Regionen des Nahen und Mittleren Ostens stellen. Was für ein fossiler Wahnsinn: Viele Gebiete, um die heute noch kriegerisch gekämpft wird, werden sich in naher Zukunft als unbewohnbar erweisen.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/nachgefragt-podcast-zum-zunehmenden-kampf-ums-wasser-im-21-jahrhundert/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Darstellung einer Weltkarte mit den durch zweiseitigen Pfeile angezeigten Ausrichtungen der Kontinente entlag der Nord-Süd- bzw. nur im eurasischen Gürten West-Ost-Achse. Als Titel steht darüber: &quot;Kulturelle Evolution &amp; Klimazonen&quot;" decoding="async" height="497" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 689px) 100vw, 689px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/EurasischeAchseMichaelBlume.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/EurasischeAchseMichaelBlume.jpg 689w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/EurasischeAchseMichaelBlume-300x216.jpg 300w" width="689"></img></a></p> <p><em>Entlang <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/biokulturelle-evolution/">der eurasischen Achse und noch einmal verstärkt durch das Mittelmeer entfaltete sich die kulturelle Evolution der Menschheit seit dem Übergang zur Landwirtschaft besonders schnell.</a> Doch gerade diese Regionen <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/nachgefragt-podcast-zum-zunehmenden-kampf-ums-wasser-im-21-jahrhundert/">drohen durch die <strong>Klima- als Wasserkrise</strong> immer schwerer bewirtschafts- und bewohnbar zu werden</a>. Grafik: Michael Blume für <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/bronzezeit-band-zum-freien-download/">einen Tagungsband zur Bronzezeit (2012)</a>. </em></p> <p><strong>Auch Europäische Union von steigenden Öl- und Gaspreisen betroffen</strong></p> <p>Als <strong>Kernirrtum des Fossilismus</strong> gelte dabei <strong>die auch wirtschaftlich falsche Annahme, Erdöl und Erdgas seien “<em>billig</em>“</strong>. Denn eigentlich werden dabei <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-23-externalisierung-in-oekonomie-und-psychologie/"><strong>die Kosten für die Mitwelt</strong> (Verbrennung, Verschmutzung, Treibhausgase) <strong>und für die Mitmenschen</strong> (Betroffene fossiler Regime, Kriege und Terrorgruppen) dabei nicht wirklich “gespart”, sondern <strong>nur global und in die Zukunft externalisiert</strong></a> – also abgespalten und verleugnet, bis sie umso brutaler zurückkehren.</p> <p>Kleine Teile der <em>“fossilen Rechnung”</em> sehen wir einerseits <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-klima-und-wasserkrise-in-sizilien-als-menetekel-fuer-europa/">in <strong>der schnellen Zunahme der Klimakatastrophe</strong> etwa durch Flüchtlingsbewegungen über das Mittelmeer und die Verwüstung von <strong>Sizilien</strong></a>, andererseits in aktuell <strong><em>wieder steigenden Öl- und Gaspreisen aufgrund der Kriegshandlungen und der Seeblockaden der Straße von Hormus</em></strong>. Und <em><strong>die steigenden Preise für fossile Rohstoffe und auch für trinkbares Wasser, Schokolade, Kaffee usw. werden dann wiederum zu Inflation</strong></em>. Nicht erst irgendwann, sondern auch schon heute zahlen immer mehr Menschen immer mehr für ihre Abhängigkeiten von fossilen Gewaltenergien.</p> <p>Persönlich stieg ich 2013 auf eine Wärmepumpe, 2017 auf ein Elektroauto sowie dann auf eine Haus-Solaranlage um – und bedauere jene vielen, die sich von Fossilisten zum Teil bis heute zur weiteren Abhängigkeit von Kohle, Erdöl und Erdgas desinformieren ließen.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dekarbonisierungskugel-fuer-den-weltfrieden-meine-erste-erfahrungen-mit-dem-elektro-renault-zoe/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein weißer, vollelektrischer Renault Zoe 2017 in einem Stuttgarter Autohaus." decoding="async" height="3264" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2448px) 100vw, 2448px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeRenaultZoevonderWeppen.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeRenaultZoevonderWeppen.jpg 2448w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeRenaultZoevonderWeppen-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeRenaultZoevonderWeppen-768x1024.jpg 768w" width="2448"></img></a></p> <p><em>2017 <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dekarbonisierungskugel-fuer-den-weltfrieden-meine-erste-erfahrungen-mit-dem-elektro-renault-zoe/">erwarben wir Blumes unseren ersten, französischen Elektro-Kleinwagen, den ich auf dem Blog liebevoll als “Dekarbonisierungskugel” vorstellte</a>. Längst will niemand mehr aus unserer Familie zurück zu <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-statt-detroit-elektroautos-erobern-stuttgart/">Verbrennermotoren, die auch in Stuttgart rapide an Marktanteilen verlieren</a>. Foto: Michael Blume </em></p> <p>Glaubt denn noch irgendjemand, die Menschen etwa auch in <strong>Pakistan</strong> oder <strong>Kenia</strong> würden <strong>Solarenergie aus <em>“ideologischen Gründen”</em> aufbauen</strong>? Der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/energieglauben-und-solarpunk-solarboom-in-china-pakistan/"><strong>Solarboom</strong> wird längst durch die besseren Preise beschleunigt</a>! Nach <a href="https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2025/10-2025/medien-und-mimesis-journalismus-in-zeiten-digitaler-aufmerksamkeitsoekonomie/">meiner Beobachtung schon vor der Bundestagswahl 2025</a> nutzen auch die meisten fossilen Lobbyisten schon längst für sich selbst solare Technologien, während sie zugleich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/warum-schaut-denn-niemand-hin-erkenntnistheorie-fossilismus-und-karbonblase/">noch möglichst lange <strong>Karbonblasen-Profite von Leichtgläubigen</strong> abzocken</a>.</p> <p>Daher beobachte ich auch die aktuellen, bundespolitischen Diskussionen sehr genau, denn längst gilt: <strong><em>Wer sich heute noch einen Verbrennermotor, eine Öl- oder Gasheizung andrehen – oder etwa als Mieter bzw. mangels Alternativen aufzwingen – lässt, zahlt immer mehr drauf.</em></strong></p> <p>Deswegen bedeutet es mir viel, dass <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/rede-der-eu-kommissionspraesidentin-ursula-von-der-leyen-cdu-evp-fuer-den-globalen-ausbau-erneuerbarer-friedensenergien/">EU-Kommissionspräsidentin <strong>Ursula von der Leyen</strong> (CDU / EVP) am 22.09.2025 in New York gegen den fossilen Lobbyismus auch in der deutschen und europäischen Politik für den weiteren Ausbau der Photovoltaik</a> sprach.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/energieglauben-und-solarpunk-solarboom-in-china-pakistan/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die Photovoltaik-Karte des Fraunhofer-Instituts von 2025 zeigt die installierte Gesamtleistung von Solarenergie pro Bundesland im Jahr 2024 an, mit Bayern klar in Führung vor Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen." decoding="async" height="595" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 375px) 100vw, 375px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PhotovoltaikDeutschland2024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PhotovoltaikDeutschland2024.jpg 375w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PhotovoltaikDeutschland2024-189x300.jpg 189w" width="375"></img></a></p> <p><em>Auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/energieglauben-und-solarpunk-solarboom-in-china-pakistan/">in der Bundesrepublik Deutschland wird an sonnigen Orten vor allem von Wohlhabenden immer mehr Solarstrom aufgebaut – weil es sich auch wirtschaftlich längst lohnt</a>! Grafik: Fraunhofer ISE Stand 01/2025</em></p> <p><strong>9.11.2023: Plädoyer für erneuerbare Friedensenergien – die längst auch Wohlstandsenergien sind!</strong></p> <p>Auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/im-landtag-bw-gegen-antisemitismus-meine-rede-zum-9-11-2023/">nach den Terrorangriffen von <strong>Hamas</strong> und dann auch <strong>Hisbollah</strong> gegen die <strong>Republik Israel</strong> am 7. Oktober 2023 plädierte ich im Landtag von Baden-Württemberg noch einmal dringend und laut für <em>“erneuerbare Friedensenergien”</em></a> – und erhielt stehende Ovationen von allen Fraktionen außer einer.</p> <p>Ich halte <strong>diese Rede aus verschiedenen Gründen für die bisher Wichtigste meines Lebens</strong> und sagte dort unter anderem:</p> <p><em><strong>Wer den Antisemitismus nur der Jüdinnen und Juden zuliebe bekämpfen wollte, hat noch überhaupt nicht begriffen, wie gefährlich dieser Verschwörungsglauben ist!</strong> Ich sage das voller Ernst: Diejenigen von Ihnen und von uns, die sich glaubwürdig gegen jeden Antisemitismus engagieren, schützen am Ende des Tages auch das Leben derjenigen, die sich jetzt noch sicher und erhaben wähnen.</em></p> <p><em><span>Radikale Antisemiten sind nicht demokratie- und damit auch nicht friedensfähig. </span><strong>Der Antisemitismus bedroht uns alle. </strong><span>Wir müssen ihm tatsächlich mit allen Mitteln begegnen, im Notfall auch polizeilich, auch militärisch.</span></em></p> <p><em><strong>Die bittere Wahrheit ist, dass unsere eigene Gier nach Öl und Gas immer noch antisemitische Regime mitfinanziert, ihren Terror, ihre Propaganda, ihre Raketen.</strong> <strong>Erneuerbare Energien sind nicht nur Freiheitsenergien, sie sind auch Friedensenergien!</strong> Unsere Demokratien müssen unabhängiger werden vom fossilen Stoff ihrer Feinde einschließlich Katar und einschließlich Wladimir Putin!</em></p> <p><a href="https://youtu.be/_wLqJrU3uow" rel="noopener" target="_blank"><img alt="In einem SWR Extra zur Landtagsdebatte vom 9.11.2023 wurde die Rede von Dr. Michael Blume live übertragen. Link führt zum YouTube-Video der Rede." decoding="async" height="1400" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1106px) 100vw, 1106px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8513.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8513.jpeg 1106w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8513-237x300.jpeg 237w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8513-809x1024.jpeg 809w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8513-768x972.jpeg 768w" width="1106"></img></a></p> <p><em>Über die bisher wichtigste Rede meines Lebens am 9.11.2023 berichtete auch der SWR. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Selbstverständlich gab es für das Aufzeigen dieser Zusammenhänge auch wieder Unmengen von Hass und Hetze. So wurde ich im Kontext meiner Landtagsrede gegen jeden Antisemitismus auf <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mit-gelbem-juden-stern-markiert-als-superman-bildmontage-im-filmmengen-paradox/">einem rechtsdrehenden Blog mit einem gelben Judenstern auf der Brust, verfolgt von islamistischen Terroristen, markiert</a>. Und auch heute noch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gemeinsam-gegen-hass-hetze-im-podcast-dialog-mit-josephine-ballon-von-hateaid/">erfahren viele von uns Demokratinnen und Demokraten in Deutschland digitale Gewalt, Hass und Hetze</a> – gerade auch, “weil” es in der Bundesrepublik vergleichsweise gut läuft und sich die liberale Demokratie als zukunftsfähig erweist.</p> <p><strong>Leider weitgehendes Versagen gegenüber dem Fossilismus von Konzern- und Qualitätsmedien</strong></p> <p>Erfreulicherweise durfte ich in all den Jahren <a href="https://chrismon.de/kolumnen/klimazone/einnahmen-aus-oel-finanzieren-den-terror-der-hamas">einzelne Journalisten wie <strong>Nils Husmann</strong> erleben</a>, die die Zusammenhänge von <a href="https://chrismon.de/kolumnen/klimazone/einnahmen-aus-oel-finanzieren-den-terror-der-hamas">Politikwissenschaft und Fossilismus verstanden und auch vermittelten</a>. Das ist ja auch ihre Aufgabe, denn das lateinische Medium steht für das Vermittelnde.</p> <p><a href="https://energiewinde.orsted.de/koepfe-der-energiewende/michael-blume-antisemitismus-ressourcenfluch-oel-gas-konflikte-interview" rel="noopener" target="_blank"><img alt="&quot;Erneuerbare sind Friedensenergien&quot;, Interview von Dr. Michael Blume mit Nils Husmann zum 29.12.2024 auf Energiewinde. Das Foto zeigt Dr. Blume bei einer Demo-Rede vor dem Rathaus Stuttgart." decoding="async" height="1218" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1170px) 100vw, 1170px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0678.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0678.jpeg 1170w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0678-288x300.jpeg 288w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0678-984x1024.jpeg 984w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0678-768x800.jpeg 768w" width="1170"></img></a></p> <p><em>Mein <a href="https://energiewinde.orsted.de/koepfe-der-energiewende/michael-blume-antisemitismus-ressourcenfluch-oel-gas-konflikte-interview">bisher ausführlichstes Interview zum Themenkomplex Fossilismus und erneuerbare Energien als Friedensenergien gab ich Ende 2025 an Nils Husmann</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Doch insgesamt erlebte ich, dass die meisten Konzern- und Qualitätsmedien, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/meine-rede-gegen-den-fossil-finanzierten-terror-antisemitismus-am-11-september-2025-in-freiburg-im-breisgau/">bisher kaum über die politikwissenschaftliche Rentierstaatstheorie oder den ökonomischen Ressourcenfluch, kaum über fossilen Faschismus und erneuerbare Friedensenergien berichteten</a>. Nach zahlreichen Büchern wie <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/ein-zweites-buch-leben-oel-und-glaubenskriege-neu-im-jmb-verlag/"><em><strong>“Öl- und Glaubenskriege”</strong></em> (2015)</a>, <a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/islam-in-der-krise-010956.html">dem SPIEGEL-Bestseller <strong><em>“Islam in der Krise”</em></strong> (2017)</a>, nach <a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/rueckzug-oder-kreuzzug-011332.html">dem politikwissenschaftlichen und erkenntnistheoretischen<strong><em> “Rückzug oder Kreuzzug?”</em></strong> (2019)</a> und <a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/verschwoerungsmythen-011573.html">der Neuauflage von <strong><em>“Verschwörungsmythen”</em></strong> (2025)</a> gab ich im Juni 2025 auch beruflich eine dringende Pressemitteilung heraus, in der ich erneut angesichts der absehbaren Massaker davor warnte: <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025_06_26_Blume_erneuerbare-Friedensenergien-2.pdf"><em><strong>“Iran und Russland nicht weiterhin fossil finanzieren!”</strong></em></a> Doch die Resonanz durch die Redaktionen war wieder nahe Null – nur im Fediversum, auf dem Blog und auf Mastodon gab es Debatten und Dialoge dazu.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025_06_26_Blume_erneuerbare-Friedensenergien-2.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Pressemitteilung von Dr. Michael Blume vom 26.06.2025 als Beauftragter gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben mit der Überschrift: &quot;Blume warnt: 'Iran und Russland nicht weiterhin fossil finanzieren.&quot;" decoding="async" height="1560" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1125px) 100vw, 1125px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625.jpeg 1125w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625-216x300.jpeg 216w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625-738x1024.jpeg 738w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625-768x1065.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625-1108x1536.jpeg 1108w" width="1125"></img></a></p> <p><em>Pressemitteilung von <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025_06_26_Blume_erneuerbare-Friedensenergien-2.pdf">Dr. Michael Blume vom 26.06.2025 mit der Überschrift: <strong>“Blume warnt: ‘Iran und Russland nicht weiterhin fossil finanzieren.”</strong></a> Screenshot: Michael Blume</em></p> <p><strong>Hoffnungsvolle Beobachtung: Chawruta &amp; der Blog-Wagenheber-Effekt</strong></p> <p>Im Laufe der Jahre ist mir dabei aufgefallen, dass sich diejenigen mit dem Verständnis von interdisziplinärer Wissenschaft am Leichtesten taten, die diese nicht nur passiv konsumierten, sondern darüber mit anderen dialogisch-monistisch diskutierten. <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/glossar/chawruta/">Die jüdisch-rabbinische Tradition kennt diese Lerntechnik als <em><strong>“Chawruta”</strong></em>, aus dem Aramäischen für <em>“Freund”</em></a> – und wir finden ihre Spuren auch reichlich im christlichen <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/heilige-zeiten-in-deutschland-beobachtungen-vor-ostern-und-zum-ramadan-2026/">Evangelium nach <em><strong>Rabbi Jehoschua, griechisch Jesus, arabisch Isa </strong></em>sowie in der heutigen Zeit</a>.</p> <p>In der interdisziplinären Evolutionsforschung nannten wir den schrittweisen Zugewinn – etwa biologisch beim Hals einer Giraffe oder kulturell beim Schreiben und Lesen – auf englisch <strong><em>“Ratchet Effect”</em></strong>, so dass ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KITStudienbriefMedienMimesisWS2526MichaelBlume.pdf">im letzten KIT-Medienethik-Seminar mit den Studierenden auch den Blog-Wagenheber-Effekt</a> diskutierte.</p> <p>Sie sehen <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/116148351408774742">diesen <strong>Blog-Wagenheber-Effekt</strong> nachgewiesen hier in einer Mastodon-Umfrage von gestern bis heute</a>, nach der beeindruckende 74 Prozent von 316 Abstimmenden bereits angeben konnten, die (fossilistischen) Zusammenhänge zu verstehen. Noch einmal 25 Prozent hatten immerhin schon “eine grobe Idee” und bei nur noch je unter einem Prozent “klingelt nix” oder sie gaben keine bzw. eine andere Meinung an. Auch viele kluge Posts und Blog-Kommentare (Drukos) zeigen mir immer wieder, wie weit Menschen weitgehend unabhängig von ihrer formalen Bildung im Verständnis von interdisziplinärer Wissenschaft kommen, wenn sie sich das selbst dialogisch zutrauen!</p> <p><a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/116148351408774742" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mastodon-Umfrage von Michael Blume vom 28. Februar 2026 zum 1. März 2026 zum Verständnis von Rentierstaatstheorie &amp; Fossilismus im Fediversum. Der Text lautete: Würdest Du von Dir sagen, dass Du die Gefahren des gewalttätigen Fossilismus &amp; die Potentiale erneuerbarer Friedensenergien erfasst hast? 74% von 316 Abstimmenden antworteten mit &quot;Ja, ich verstehe die Zusammenhänge&quot;, 25% hatten &quot;eine grobe Idee&quot; und nur je unter einem Prozent gaben an &quot;Nein, da klingelt nix.&quot; oder &quot;Andere / keine Meinung&quot;." decoding="async" height="468" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 581px) 100vw, 581px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMastodonUmfrageRentierstaatstheorieFossilismus022026.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMastodonUmfrageRentierstaatstheorieFossilismus022026.jpg 581w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMastodonUmfrageRentierstaatstheorieFossilismus022026-300x242.jpg 300w" width="581"></img></a></p> <p><em><a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/116148351408774742">Mastodon-Umfrage von Michael Blume vom 28. Februar 2026 zum 1. März 2026 zum Verständnis von Rentierstaatstheorie &amp; Fossilismus im Fediversum</a>. Screenshot: selbst</em></p> <p>Passend dazu <a href="https://sueden.social/@Teh_Doc_Inan/116138502756039460">laden Prof. Dr. <strong>Inan Ince</strong> und ich für morgen, 2.3.2026, um 19 Uhr in die Stadtbibliothek Filderstadt zu einer neuen, interaktiven Folge von <strong><em>“Blume &amp; Ince”</em></strong></a> ein. Wir wollen rund um die Region, Kulturen und Sprachen von “Kurdistan” dialogisch mit <strong>Oberbürgermeister Christoph Traub</strong> (Filderstadt) und mit <strong>Dilnaz Alhan</strong> über die Gegenwart und Zukunft diskutieren – und dabei erneut auch das Publikum einbeziehen.</p> <p>Persönlich hoffe ich auf eine Zukunft, in der auch in Deutschland Tausende von Pod- und Videocasts die klassische Medienlandschaft ergänzen und beleben. Denn <strong>die Staatsform der Republik als <em>“res publica”</em></strong> (lateinisch: öffentliche Sache) lebt davon, dass <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/StudienbriefKITMedienBerufsethikBlume2017-1.pdf"><strong>immer mehr Menschen von passiv Medien-Konsumierenden zu aktiv Medien-Prosumierenden</strong></a> werden.</p> <p>Lassen Sie uns gemeinsam – gerne auch als <strong><em>Solarpunks</em> </strong>gegen jeden Fossilismus – herausfinden, wie das am Besten geht!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/F1nITBjZUAM?feature=oembed" title="Die Solarpunk-These: Fossile Gewaltenergien versus erneuerbare Friedensenergien." width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Folgen auf den Tod von Ali Chamenei nun Frieden & Freiheit?</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Weil sich Tyrannophile sogar in Drukos auf meinem Blog bisweilen um die Rechtfertigung von massenmörderischen und oft antisemitischen Tyrannen bemühen: Ich freue mich über den Sturz jedes fossilen Diktators wie <strong>Muammar al-Gaddafi </strong>(Libyen), <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/fossiler-ressourcenfluch-verschwoerungsmythen-auch-venezuela-bestaetigt-die-these/"><strong>Nicolás Maduro </strong>(Venezuela)</a>, <strong>Baschar al-Assad</strong> (Syrien) und gestern endlich <strong>Ali Chamene</strong>i (Iran), würde auch gerne das baldige Ende des Regimes von <strong>Wladimir Putin</strong> (Russland) sehen. Schon <a href="https://www.salonkolumnisten.com/oel_antisemitismus/">2019 warnte ich in <em><strong>“Vom Ölfluch und Antisemitismus”</strong></em> auf Basis der politikwissenschaftlichen <strong>Rentierstaatstheorie</strong></a> vor der fossilen Weiterfinanzierung genau dieser fossilen Diktaturen, ihrer Armeen, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-fossil-finanzierten-revolutionsgarden-als-die-heimlichen-herrscher-des-iran/">Milizen (Wagner, “Revolutionsgarden”)</a> und Terrorgruppen.</p> <p><a href="https://www.salonkolumnisten.com/oel_antisemitismus/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Im Artikel &quot;Vom Ölfluch und Antisemitismus&quot; warnte Dr. Michael Blume bereits am 27. Juli 2019 vor der fossilen Finanzierung der Regime von Russland und Iran. Auf dem Foto abgebildet sind Wladimir Putin links und Ali Chamenei rechts im Gespräch." decoding="async" height="1237" sizes="(max-width: 1178px) 100vw, 1178px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SalonkolumnistenRentierstaatstheorieTweetBlume.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SalonkolumnistenRentierstaatstheorieTweetBlume.jpg 1178w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SalonkolumnistenRentierstaatstheorieTweetBlume-286x300.jpg 286w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SalonkolumnistenRentierstaatstheorieTweetBlume-975x1024.jpg 975w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SalonkolumnistenRentierstaatstheorieTweetBlume-768x806.jpg 768w" width="1178"></img></a></p> <p><em>Sogar noch auf Twitter – inzwischen nur noch X – lud ich <a href="https://www.salonkolumnisten.com/oel_antisemitismus/">schon vor dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine immer wieder zu Dialogen über die Gefahren fossiler Gewaltenergien</a>, hier mit einem Doppelbild der fossilen Diktatoren Putin (Russland) &amp; Chamenei (Iran). Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Entsprechend verstand und teilte ich auch die Freude von Berlinerinnen und Berlinern iranischer, deutscher, israelischer Herkunft, über die <a href="https://www.youtube.com/shorts/7hz_s6wiALw">Sarah Maria Sander gestern live berichtete</a>. Schließlich hatte das iranische Regime noch in den letzten Wochen wieder Tausende für Demokratie, Frieden und gegen Korruption Protestierende massakriert, um sich mit Gewalt noch eine Weile an der Macht zu halten! Wem dazu nicht mehr einfällt als die selbstgerechte Belehrung, der Militärschlag durch die <strong>USA</strong> und <strong>Israel</strong> gegen das mörderische Regime widerspreche dem “Völkerrecht”, stellt die zunehmend brüchigen Nationalstaaten über deren Bindung an die allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Es gibt kein Recht für Regierungen – und schon gar nicht für fossile Diktaturen – zu Unterdrückung und Gewalt, Krieg und Terror.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/7hz_s6wiALw?feature=oembed&amp;rel=0" title="Kundgebung der Iraner in Berlin (28.02.2026)" width="562"></iframe> </p></figure> <p>Gleichwohl lehren uns <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-kann-nicht-alleine-militaerisch-besiegt-werden-er-ist-staerker-als-kapitalismus-und-sozialismus/">die gleiche, <strong>politikwissenschaftliche Rentierstaatstheorie</strong>, die historische Beobachtung und zusammengefasst <strong>die Erkenntnisse zum Fossilismus</strong></a>, dass <em><strong>die Entfernung einzelner Zentralfiguren von der Macht noch lange keinen Übergang zu rechtsstaatlichen Demokratien, Freiheit und Frieden garantiert.</strong></em><aside></aside></p> <p>Denn die fossile Finanzierung der autoritären, antisemitischen und gewaltbereiten Truppen geht ja nahezu ungebremst weiter und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/fossiler-ressourcenfluch-verschwoerungsmythen-auch-venezuela-bestaetigt-die-these/">in <strong>Venezuela</strong> hat <strong>Donald Trump</strong> dem korrupten mörderischen Ölregime sogar direkte <em>“fossile Deals”</em> angeboten</a>. Und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-fossil-finanzierten-revolutionsgarden-als-die-heimlichen-herrscher-des-iran/">im <strong>Iran</strong> setzen die fossil finanzierten und also korrupten Milizen der sog. <em><strong>“Revolutionsgarden”</strong></em> die Gewalt gegen die eigene Bevölkerung, gegen die arabischen Nachbarschaft und gegen die Republik <strong>Israel</strong> fort</a>.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-fossil-finanzierten-revolutionsgarden-als-die-heimlichen-herrscher-des-iran/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Im Mastodon-Post vom 2. Juli 2025 warnte Dr. Michael Blume vor der bis nach Deutschland reichenden Macht der fossil finanzierten Revolutionsgarden des fossilen Regimes im Iran." decoding="async" height="865" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 581px) 100vw, 581px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ImagineNoFossilismIranRevolutionsgardenARTE0725.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ImagineNoFossilismIranRevolutionsgardenARTE0725.jpg 581w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ImagineNoFossilismIranRevolutionsgardenARTE0725-202x300.jpg 202w" width="581"></img></a></p> <p><em>Bereits <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-fossil-finanzierten-revolutionsgarden-als-die-heimlichen-herrscher-des-iran/">im Sommer 2025 warnte ich auch hier auf dem Wissenschaftsblog erneut und dringend vor der weiteren, fossilen Finanzierung der iranischen “Revolutionsgarde”</a> und plädierte für deren Einstufung als internationale Terrororganisation. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Zu den externalisierten Sicherheitskosten kommen zudem die ebenfalls zunehmenden Mitwelt-Kosten durch Verbrennung, Verschmutzung und Emissionen etwa von CO2 und Methan in die globale Atmosphäre unseres Planeten. Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/nachgefragt-podcast-zum-zunehmenden-kampf-ums-wasser-im-21-jahrhundert/">Eskalation der Klimakrise durch Treibhausgase zerstört schon jetzt die Wasserkreisläufe besonders schnell im eurasischen Gürtel</a>, der Wiege vieler Hochkulturen und aller (!) heutigen Weltreligionen.</p> <p>Schon jetzt ist fraglich, ob <strong>Teheran</strong> auf Dauer bewohnbar bleiben kann – und die gleichen Fragen werden sich zunehmend für immer mehr Städte und Regionen des Nahen und Mittleren Ostens stellen. Was für ein fossiler Wahnsinn: Viele Gebiete, um die heute noch kriegerisch gekämpft wird, werden sich in naher Zukunft als unbewohnbar erweisen.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/nachgefragt-podcast-zum-zunehmenden-kampf-ums-wasser-im-21-jahrhundert/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Darstellung einer Weltkarte mit den durch zweiseitigen Pfeile angezeigten Ausrichtungen der Kontinente entlag der Nord-Süd- bzw. nur im eurasischen Gürten West-Ost-Achse. Als Titel steht darüber: &quot;Kulturelle Evolution &amp; Klimazonen&quot;" decoding="async" height="497" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 689px) 100vw, 689px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/EurasischeAchseMichaelBlume.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/EurasischeAchseMichaelBlume.jpg 689w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/EurasischeAchseMichaelBlume-300x216.jpg 300w" width="689"></img></a></p> <p><em>Entlang <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/biokulturelle-evolution/">der eurasischen Achse und noch einmal verstärkt durch das Mittelmeer entfaltete sich die kulturelle Evolution der Menschheit seit dem Übergang zur Landwirtschaft besonders schnell.</a> Doch gerade diese Regionen <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/nachgefragt-podcast-zum-zunehmenden-kampf-ums-wasser-im-21-jahrhundert/">drohen durch die <strong>Klima- als Wasserkrise</strong> immer schwerer bewirtschafts- und bewohnbar zu werden</a>. Grafik: Michael Blume für <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/bronzezeit-band-zum-freien-download/">einen Tagungsband zur Bronzezeit (2012)</a>. </em></p> <p><strong>Auch Europäische Union von steigenden Öl- und Gaspreisen betroffen</strong></p> <p>Als <strong>Kernirrtum des Fossilismus</strong> gelte dabei <strong>die auch wirtschaftlich falsche Annahme, Erdöl und Erdgas seien “<em>billig</em>“</strong>. Denn eigentlich werden dabei <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-23-externalisierung-in-oekonomie-und-psychologie/"><strong>die Kosten für die Mitwelt</strong> (Verbrennung, Verschmutzung, Treibhausgase) <strong>und für die Mitmenschen</strong> (Betroffene fossiler Regime, Kriege und Terrorgruppen) dabei nicht wirklich “gespart”, sondern <strong>nur global und in die Zukunft externalisiert</strong></a> – also abgespalten und verleugnet, bis sie umso brutaler zurückkehren.</p> <p>Kleine Teile der <em>“fossilen Rechnung”</em> sehen wir einerseits <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-klima-und-wasserkrise-in-sizilien-als-menetekel-fuer-europa/">in <strong>der schnellen Zunahme der Klimakatastrophe</strong> etwa durch Flüchtlingsbewegungen über das Mittelmeer und die Verwüstung von <strong>Sizilien</strong></a>, andererseits in aktuell <strong><em>wieder steigenden Öl- und Gaspreisen aufgrund der Kriegshandlungen und der Seeblockaden der Straße von Hormus</em></strong>. Und <em><strong>die steigenden Preise für fossile Rohstoffe und auch für trinkbares Wasser, Schokolade, Kaffee usw. werden dann wiederum zu Inflation</strong></em>. Nicht erst irgendwann, sondern auch schon heute zahlen immer mehr Menschen immer mehr für ihre Abhängigkeiten von fossilen Gewaltenergien.</p> <p>Persönlich stieg ich 2013 auf eine Wärmepumpe, 2017 auf ein Elektroauto sowie dann auf eine Haus-Solaranlage um – und bedauere jene vielen, die sich von Fossilisten zum Teil bis heute zur weiteren Abhängigkeit von Kohle, Erdöl und Erdgas desinformieren ließen.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dekarbonisierungskugel-fuer-den-weltfrieden-meine-erste-erfahrungen-mit-dem-elektro-renault-zoe/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein weißer, vollelektrischer Renault Zoe 2017 in einem Stuttgarter Autohaus." decoding="async" height="3264" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2448px) 100vw, 2448px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeRenaultZoevonderWeppen.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeRenaultZoevonderWeppen.jpg 2448w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeRenaultZoevonderWeppen-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeRenaultZoevonderWeppen-768x1024.jpg 768w" width="2448"></img></a></p> <p><em>2017 <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dekarbonisierungskugel-fuer-den-weltfrieden-meine-erste-erfahrungen-mit-dem-elektro-renault-zoe/">erwarben wir Blumes unseren ersten, französischen Elektro-Kleinwagen, den ich auf dem Blog liebevoll als “Dekarbonisierungskugel” vorstellte</a>. Längst will niemand mehr aus unserer Familie zurück zu <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-statt-detroit-elektroautos-erobern-stuttgart/">Verbrennermotoren, die auch in Stuttgart rapide an Marktanteilen verlieren</a>. Foto: Michael Blume </em></p> <p>Glaubt denn noch irgendjemand, die Menschen etwa auch in <strong>Pakistan</strong> oder <strong>Kenia</strong> würden <strong>Solarenergie aus <em>“ideologischen Gründen”</em> aufbauen</strong>? Der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/energieglauben-und-solarpunk-solarboom-in-china-pakistan/"><strong>Solarboom</strong> wird längst durch die besseren Preise beschleunigt</a>! Nach <a href="https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2025/10-2025/medien-und-mimesis-journalismus-in-zeiten-digitaler-aufmerksamkeitsoekonomie/">meiner Beobachtung schon vor der Bundestagswahl 2025</a> nutzen auch die meisten fossilen Lobbyisten schon längst für sich selbst solare Technologien, während sie zugleich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/warum-schaut-denn-niemand-hin-erkenntnistheorie-fossilismus-und-karbonblase/">noch möglichst lange <strong>Karbonblasen-Profite von Leichtgläubigen</strong> abzocken</a>.</p> <p>Daher beobachte ich auch die aktuellen, bundespolitischen Diskussionen sehr genau, denn längst gilt: <strong><em>Wer sich heute noch einen Verbrennermotor, eine Öl- oder Gasheizung andrehen – oder etwa als Mieter bzw. mangels Alternativen aufzwingen – lässt, zahlt immer mehr drauf.</em></strong></p> <p>Deswegen bedeutet es mir viel, dass <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/rede-der-eu-kommissionspraesidentin-ursula-von-der-leyen-cdu-evp-fuer-den-globalen-ausbau-erneuerbarer-friedensenergien/">EU-Kommissionspräsidentin <strong>Ursula von der Leyen</strong> (CDU / EVP) am 22.09.2025 in New York gegen den fossilen Lobbyismus auch in der deutschen und europäischen Politik für den weiteren Ausbau der Photovoltaik</a> sprach.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/energieglauben-und-solarpunk-solarboom-in-china-pakistan/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die Photovoltaik-Karte des Fraunhofer-Instituts von 2025 zeigt die installierte Gesamtleistung von Solarenergie pro Bundesland im Jahr 2024 an, mit Bayern klar in Führung vor Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen." decoding="async" height="595" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 375px) 100vw, 375px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PhotovoltaikDeutschland2024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PhotovoltaikDeutschland2024.jpg 375w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PhotovoltaikDeutschland2024-189x300.jpg 189w" width="375"></img></a></p> <p><em>Auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/energieglauben-und-solarpunk-solarboom-in-china-pakistan/">in der Bundesrepublik Deutschland wird an sonnigen Orten vor allem von Wohlhabenden immer mehr Solarstrom aufgebaut – weil es sich auch wirtschaftlich längst lohnt</a>! Grafik: Fraunhofer ISE Stand 01/2025</em></p> <p><strong>9.11.2023: Plädoyer für erneuerbare Friedensenergien – die längst auch Wohlstandsenergien sind!</strong></p> <p>Auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/im-landtag-bw-gegen-antisemitismus-meine-rede-zum-9-11-2023/">nach den Terrorangriffen von <strong>Hamas</strong> und dann auch <strong>Hisbollah</strong> gegen die <strong>Republik Israel</strong> am 7. Oktober 2023 plädierte ich im Landtag von Baden-Württemberg noch einmal dringend und laut für <em>“erneuerbare Friedensenergien”</em></a> – und erhielt stehende Ovationen von allen Fraktionen außer einer.</p> <p>Ich halte <strong>diese Rede aus verschiedenen Gründen für die bisher Wichtigste meines Lebens</strong> und sagte dort unter anderem:</p> <p><em><strong>Wer den Antisemitismus nur der Jüdinnen und Juden zuliebe bekämpfen wollte, hat noch überhaupt nicht begriffen, wie gefährlich dieser Verschwörungsglauben ist!</strong> Ich sage das voller Ernst: Diejenigen von Ihnen und von uns, die sich glaubwürdig gegen jeden Antisemitismus engagieren, schützen am Ende des Tages auch das Leben derjenigen, die sich jetzt noch sicher und erhaben wähnen.</em></p> <p><em><span>Radikale Antisemiten sind nicht demokratie- und damit auch nicht friedensfähig. </span><strong>Der Antisemitismus bedroht uns alle. </strong><span>Wir müssen ihm tatsächlich mit allen Mitteln begegnen, im Notfall auch polizeilich, auch militärisch.</span></em></p> <p><em><strong>Die bittere Wahrheit ist, dass unsere eigene Gier nach Öl und Gas immer noch antisemitische Regime mitfinanziert, ihren Terror, ihre Propaganda, ihre Raketen.</strong> <strong>Erneuerbare Energien sind nicht nur Freiheitsenergien, sie sind auch Friedensenergien!</strong> Unsere Demokratien müssen unabhängiger werden vom fossilen Stoff ihrer Feinde einschließlich Katar und einschließlich Wladimir Putin!</em></p> <p><a href="https://youtu.be/_wLqJrU3uow" rel="noopener" target="_blank"><img alt="In einem SWR Extra zur Landtagsdebatte vom 9.11.2023 wurde die Rede von Dr. Michael Blume live übertragen. Link führt zum YouTube-Video der Rede." decoding="async" height="1400" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1106px) 100vw, 1106px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8513.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8513.jpeg 1106w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8513-237x300.jpeg 237w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8513-809x1024.jpeg 809w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8513-768x972.jpeg 768w" width="1106"></img></a></p> <p><em>Über die bisher wichtigste Rede meines Lebens am 9.11.2023 berichtete auch der SWR. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Selbstverständlich gab es für das Aufzeigen dieser Zusammenhänge auch wieder Unmengen von Hass und Hetze. So wurde ich im Kontext meiner Landtagsrede gegen jeden Antisemitismus auf <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mit-gelbem-juden-stern-markiert-als-superman-bildmontage-im-filmmengen-paradox/">einem rechtsdrehenden Blog mit einem gelben Judenstern auf der Brust, verfolgt von islamistischen Terroristen, markiert</a>. Und auch heute noch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gemeinsam-gegen-hass-hetze-im-podcast-dialog-mit-josephine-ballon-von-hateaid/">erfahren viele von uns Demokratinnen und Demokraten in Deutschland digitale Gewalt, Hass und Hetze</a> – gerade auch, “weil” es in der Bundesrepublik vergleichsweise gut läuft und sich die liberale Demokratie als zukunftsfähig erweist.</p> <p><strong>Leider weitgehendes Versagen gegenüber dem Fossilismus von Konzern- und Qualitätsmedien</strong></p> <p>Erfreulicherweise durfte ich in all den Jahren <a href="https://chrismon.de/kolumnen/klimazone/einnahmen-aus-oel-finanzieren-den-terror-der-hamas">einzelne Journalisten wie <strong>Nils Husmann</strong> erleben</a>, die die Zusammenhänge von <a href="https://chrismon.de/kolumnen/klimazone/einnahmen-aus-oel-finanzieren-den-terror-der-hamas">Politikwissenschaft und Fossilismus verstanden und auch vermittelten</a>. Das ist ja auch ihre Aufgabe, denn das lateinische Medium steht für das Vermittelnde.</p> <p><a href="https://energiewinde.orsted.de/koepfe-der-energiewende/michael-blume-antisemitismus-ressourcenfluch-oel-gas-konflikte-interview" rel="noopener" target="_blank"><img alt="&quot;Erneuerbare sind Friedensenergien&quot;, Interview von Dr. Michael Blume mit Nils Husmann zum 29.12.2024 auf Energiewinde. Das Foto zeigt Dr. Blume bei einer Demo-Rede vor dem Rathaus Stuttgart." decoding="async" height="1218" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1170px) 100vw, 1170px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0678.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0678.jpeg 1170w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0678-288x300.jpeg 288w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0678-984x1024.jpeg 984w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0678-768x800.jpeg 768w" width="1170"></img></a></p> <p><em>Mein <a href="https://energiewinde.orsted.de/koepfe-der-energiewende/michael-blume-antisemitismus-ressourcenfluch-oel-gas-konflikte-interview">bisher ausführlichstes Interview zum Themenkomplex Fossilismus und erneuerbare Energien als Friedensenergien gab ich Ende 2025 an Nils Husmann</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Doch insgesamt erlebte ich, dass die meisten Konzern- und Qualitätsmedien, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/meine-rede-gegen-den-fossil-finanzierten-terror-antisemitismus-am-11-september-2025-in-freiburg-im-breisgau/">bisher kaum über die politikwissenschaftliche Rentierstaatstheorie oder den ökonomischen Ressourcenfluch, kaum über fossilen Faschismus und erneuerbare Friedensenergien berichteten</a>. Nach zahlreichen Büchern wie <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/ein-zweites-buch-leben-oel-und-glaubenskriege-neu-im-jmb-verlag/"><em><strong>“Öl- und Glaubenskriege”</strong></em> (2015)</a>, <a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/islam-in-der-krise-010956.html">dem SPIEGEL-Bestseller <strong><em>“Islam in der Krise”</em></strong> (2017)</a>, nach <a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/rueckzug-oder-kreuzzug-011332.html">dem politikwissenschaftlichen und erkenntnistheoretischen<strong><em> “Rückzug oder Kreuzzug?”</em></strong> (2019)</a> und <a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/verschwoerungsmythen-011573.html">der Neuauflage von <strong><em>“Verschwörungsmythen”</em></strong> (2025)</a> gab ich im Juni 2025 auch beruflich eine dringende Pressemitteilung heraus, in der ich erneut angesichts der absehbaren Massaker davor warnte: <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025_06_26_Blume_erneuerbare-Friedensenergien-2.pdf"><em><strong>“Iran und Russland nicht weiterhin fossil finanzieren!”</strong></em></a> Doch die Resonanz durch die Redaktionen war wieder nahe Null – nur im Fediversum, auf dem Blog und auf Mastodon gab es Debatten und Dialoge dazu.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025_06_26_Blume_erneuerbare-Friedensenergien-2.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Pressemitteilung von Dr. Michael Blume vom 26.06.2025 als Beauftragter gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben mit der Überschrift: &quot;Blume warnt: 'Iran und Russland nicht weiterhin fossil finanzieren.&quot;" decoding="async" height="1560" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1125px) 100vw, 1125px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625.jpeg 1125w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625-216x300.jpeg 216w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625-738x1024.jpeg 738w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625-768x1065.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625-1108x1536.jpeg 1108w" width="1125"></img></a></p> <p><em>Pressemitteilung von <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025_06_26_Blume_erneuerbare-Friedensenergien-2.pdf">Dr. Michael Blume vom 26.06.2025 mit der Überschrift: <strong>“Blume warnt: ‘Iran und Russland nicht weiterhin fossil finanzieren.”</strong></a> Screenshot: Michael Blume</em></p> <p><strong>Hoffnungsvolle Beobachtung: Chawruta &amp; der Blog-Wagenheber-Effekt</strong></p> <p>Im Laufe der Jahre ist mir dabei aufgefallen, dass sich diejenigen mit dem Verständnis von interdisziplinärer Wissenschaft am Leichtesten taten, die diese nicht nur passiv konsumierten, sondern darüber mit anderen dialogisch-monistisch diskutierten. <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/glossar/chawruta/">Die jüdisch-rabbinische Tradition kennt diese Lerntechnik als <em><strong>“Chawruta”</strong></em>, aus dem Aramäischen für <em>“Freund”</em></a> – und wir finden ihre Spuren auch reichlich im christlichen <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/heilige-zeiten-in-deutschland-beobachtungen-vor-ostern-und-zum-ramadan-2026/">Evangelium nach <em><strong>Rabbi Jehoschua, griechisch Jesus, arabisch Isa </strong></em>sowie in der heutigen Zeit</a>.</p> <p>In der interdisziplinären Evolutionsforschung nannten wir den schrittweisen Zugewinn – etwa biologisch beim Hals einer Giraffe oder kulturell beim Schreiben und Lesen – auf englisch <strong><em>“Ratchet Effect”</em></strong>, so dass ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KITStudienbriefMedienMimesisWS2526MichaelBlume.pdf">im letzten KIT-Medienethik-Seminar mit den Studierenden auch den Blog-Wagenheber-Effekt</a> diskutierte.</p> <p>Sie sehen <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/116148351408774742">diesen <strong>Blog-Wagenheber-Effekt</strong> nachgewiesen hier in einer Mastodon-Umfrage von gestern bis heute</a>, nach der beeindruckende 74 Prozent von 316 Abstimmenden bereits angeben konnten, die (fossilistischen) Zusammenhänge zu verstehen. Noch einmal 25 Prozent hatten immerhin schon “eine grobe Idee” und bei nur noch je unter einem Prozent “klingelt nix” oder sie gaben keine bzw. eine andere Meinung an. Auch viele kluge Posts und Blog-Kommentare (Drukos) zeigen mir immer wieder, wie weit Menschen weitgehend unabhängig von ihrer formalen Bildung im Verständnis von interdisziplinärer Wissenschaft kommen, wenn sie sich das selbst dialogisch zutrauen!</p> <p><a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/116148351408774742" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mastodon-Umfrage von Michael Blume vom 28. Februar 2026 zum 1. März 2026 zum Verständnis von Rentierstaatstheorie &amp; Fossilismus im Fediversum. Der Text lautete: Würdest Du von Dir sagen, dass Du die Gefahren des gewalttätigen Fossilismus &amp; die Potentiale erneuerbarer Friedensenergien erfasst hast? 74% von 316 Abstimmenden antworteten mit &quot;Ja, ich verstehe die Zusammenhänge&quot;, 25% hatten &quot;eine grobe Idee&quot; und nur je unter einem Prozent gaben an &quot;Nein, da klingelt nix.&quot; oder &quot;Andere / keine Meinung&quot;." decoding="async" height="468" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 581px) 100vw, 581px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMastodonUmfrageRentierstaatstheorieFossilismus022026.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMastodonUmfrageRentierstaatstheorieFossilismus022026.jpg 581w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMastodonUmfrageRentierstaatstheorieFossilismus022026-300x242.jpg 300w" width="581"></img></a></p> <p><em><a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/116148351408774742">Mastodon-Umfrage von Michael Blume vom 28. Februar 2026 zum 1. März 2026 zum Verständnis von Rentierstaatstheorie &amp; Fossilismus im Fediversum</a>. Screenshot: selbst</em></p> <p>Passend dazu <a href="https://sueden.social/@Teh_Doc_Inan/116138502756039460">laden Prof. Dr. <strong>Inan Ince</strong> und ich für morgen, 2.3.2026, um 19 Uhr in die Stadtbibliothek Filderstadt zu einer neuen, interaktiven Folge von <strong><em>“Blume &amp; Ince”</em></strong></a> ein. Wir wollen rund um die Region, Kulturen und Sprachen von “Kurdistan” dialogisch mit <strong>Oberbürgermeister Christoph Traub</strong> (Filderstadt) und mit <strong>Dilnaz Alhan</strong> über die Gegenwart und Zukunft diskutieren – und dabei erneut auch das Publikum einbeziehen.</p> <p>Persönlich hoffe ich auf eine Zukunft, in der auch in Deutschland Tausende von Pod- und Videocasts die klassische Medienlandschaft ergänzen und beleben. Denn <strong>die Staatsform der Republik als <em>“res publica”</em></strong> (lateinisch: öffentliche Sache) lebt davon, dass <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/StudienbriefKITMedienBerufsethikBlume2017-1.pdf"><strong>immer mehr Menschen von passiv Medien-Konsumierenden zu aktiv Medien-Prosumierenden</strong></a> werden.</p> <p>Lassen Sie uns gemeinsam – gerne auch als <strong><em>Solarpunks</em> </strong>gegen jeden Fossilismus – herausfinden, wie das am Besten geht!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/F1nITBjZUAM?feature=oembed" title="Die Solarpunk-These: Fossile Gewaltenergien versus erneuerbare Friedensenergien." width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/fossilismus-versus-demokratie-auch-im-iran-folgen-auf-den-tod-von-ali-chamenei-nun-frieden-freiheit/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>84</slash:comments> </item> <item> <title>Netzsysteme als Räume der Modulation Teil 2: Prometheus. https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/netzsysteme-als-raeume-der-modulation-teil-2-prometheus/ https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/netzsysteme-als-raeume-der-modulation-teil-2-prometheus/#respond Sat, 28 Feb 2026 10:50:37 +0000 Dominic Blitz https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/?p=4206 https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-768x354.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/netzsysteme-als-raeume-der-modulation-teil-2-prometheus/</link> </image> <description type="html"><h1>Netzsysteme als Räume der Modulation Teil 2: Prometheus. » Tensornetz » SciLogs</h1><h2>By Dominic Blitz</h2><div itemprop="text"> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="472" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-1024x472.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-1024x472.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-300x138.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-768x354.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-1536x707.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-2048x943.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p>Bild: Die <em>Prometheus</em> in Scotts Film landet auf einem fremden Exoplaneten</p> <p>Wir alle können heute nach den musterhaften Sternenkarten suchen und mit unseren Sternenraumschiffen versuchen zu neuen Orten und Planeten zu navigieren.</p> <p><strong>Prometheus und die aufkommende Biophysik</strong></p> <p>Das Thema <em>Prometheus </em>ist heute Legacy. Ich denke da erst einmal an den Mythos <em>Prometheus</em>, der den Menschen das Feuer brachte und von den Göttern dafür bestraft wurde. Zweitens an Goethe’s Prometheus, drittens an Mary Shelley <em>Prometheus oder der neue Frankenstein. Mary </em>Shelley war es, die eine moderne Bio-Physik als vereinigende Disziplin, Philosophie und teils “Religion” erkannte, die bereits mit Leonarda Da Vinci Flugmechanik der Vögel und dem Galvanismus von Luigi Galvani 1786 bewiesen wurde. Siehe dazu auch <em>Einführung in die Biophysik</em> von Walter Beier<em>.</em></p> <p>Arthur Koestler in <em>The Act Of Creation</em> schreibt: Luigi Galvani Professor of Anatomy at the University of Bologna, has spent some fifteen years working on a theory of animal electricity… On september 20th, 1786, he recorded one of his experiments, which was to make history… in the domain of inanimate matter, the Voltaic battery, inspired by Galvani’s frogs, led to parallel synthesis of electricity and chemistry…”<aside></aside></p> <p>Wie so oft in der Wissenschafts- und Innovationshistorie (ähnlich wie auch bei Turingmustern, die erst viele Dekaden später bewiesen werden konnten) kam es auch hier später zu einer tiefen Erkenntniswende. Das war um 1843: Hier wurde ein Übergang von elektromotorischer Muskelkraft zu lebendig bio-elektrischen Substanzen gelegt. Ähnlich der Gehirnfunktionen, die biochemisch und elektrisch arbeiten. </p> <p>Auch Ridley Scott’s <em>Prometheus,</em> dessen einzigartiges innovatives Raumschiff (weit entfernt vom Nostromo-Design in Alien 1) zu neuen Welten reist, ist ein Meilenstein der Film- und Science Futur-Geschichte. Und nicht zuletzt existiert ein Computer Monitoring System, was sich Prometheus nennt und in die 2020 -er Jahre Ära-der Generativen Pre Transformer (GTP) -Maschinenräume perfekt passt. </p> <p>Nun kommen wir zur Frage, warum ist unsere Vorgehensweise nicht ganz einfach ist.</p> <p><strong>Ein umfassendes Großprojekt der Menschheit von 2006 bis 2026 als eine neue Informationstheorie</strong></p> <p>1. <strong>Warum sind Netzsysteme einerseits anspruchsvoll, faszinierend und relevant zugleich?</strong> Ich sehe mein autodidaktisches Projekt der Erforschung der Netzsysteme in den zwei Dekaden von 2006 bis 2026 als Großraumprojekt alter und neuer Welten. Ähnlich wie das Prometheus zwischen Göttern, Natur und Menschen zu verbinden weiß. Netzsysteme umfassen meiner Meinung nach das spektralste Gebiet der Menschheit als einen echten Forschungsgegenstand!</p> <p>Aus diesen etlichen Netzsystemen, die ich weiter unten auch nennen werde, habe ich zwei Netzsysteme als eine Essenz nach vielen Jahren als Musterräume von Modulationen herausdestilliert: Welche sind das?</p> <p>Einmal die Bio-Physik und einmal die Sozio-Ökonomie als Netzsysteme, mit denen Sie neue Erden und vielleicht in der Zukunft neue Planeten mit Satelliten-Subsystemen erschaffen können. Wer weiß.</p> <p><strong>Warum ist das Gebiet Netzsysteme als musterhafte Modulationsräume so relevant und anspruchsvoll?</strong> Schauen wir in den Weltraum, wo derzeit sich viel Musik und konzertante Kooperationen der Menschheit abspielen, so geht und ging es immer darum, einen realen Übergang vom Weltraum zur Erde zu schaffen! So wird im Übergang des Weltraums der heißen Sonne zur kalten Erde Energie gewandelt.  Pflanzen, Tiere und Menschen haben in diesen Energiefeldern das große Ziel der Entropie zu entgehen! In diesem kontinuierlich lebendigen Kreislauf stoßen Menschen und Tiere Kohlendioxid aus, die wiederum die Pflanzen zum Wachsen in einem stetigen Kreislauf benötigen.</p> <p>Viele Probleme, die die Natur in den letzten Gigajahren der Erde z.B. mit der komplexen Fotosysnthese gelöst hat, ist dem Menschen dabei oft schwer zugänglich. Ein gutes Alltagsbeispiel aus der Praxis hierzu ist, dass viele Menschen glauben, dass ihre Atmung sich in der Lunge vollzieht. Es ist aber nicht die Lunge, wo ein lebenswichtiger Prozess stattfindet, sondern es sind die Zellen mit einem Metabolismus (Stoffwechsel) des Menschen. Genauer gesagt der Metabolismus der Mitochondrien. Wussten Sie das?</p> <p><strong>Warum sind Untersuchungen von Menschen so schwer zugänglich und von Maschinen einfacher?</strong> So ist doch die dingliche Physik einfacher zu verstehen als unsichtbare Moleküle und Zellen. So ist doch jede Schraube und Schnittstelle von Maschinen bekannt. Ein Motherboard vom Computer, welches z.B. Beispiel. Transistoren und Kondensatoren umfasst, sind genau erforscht. Turing wollte dabei stets Transparenz auch im Übergang von biochemischen und biophysischen Netzen. </p> <p>Bei Molekülen und Zellen, wie Neuronen ist es so, dass diese nicht nur unsichtbar, winzig sind, sondern mit bloßen Augen nicht zu erkennen sind und nur mit Elektronenmikroskopen erkennbar sind. Obwohl es heute immer mehr bildgebende Messverfahren gibt, ist es daher schwierig alles überhaupt zu messen. Dazu kommt, dass hochgradige Komplexität herrscht, denn es geht z.B. bei Neuronen um 100 Milliarden Verbindungen, die mit z.B. mit 900 Milliarden Gliazellen einhergehen. Und diese sind miteinander verbunden mit den Synapsen. Dabei ist ihre Funktion und Verbindungssgleichung im Gegensatz zu Chips und Transistoren nicht diskret, sondern schwer verbunden und damit schwer zuordbar. Teils sogar unverstanden! </p> <p><strong>Gehirne und Computer als Megathema</strong></p> <p>Wie ich bereits ab 2019 berichtete, ist das Gehirn keine Software, Middleware und Hardware, (ähnlich den Nukleinsäuren, Proteinen und Enzymen mit ihren lebendigen teils selbstorganisierenden Fabriken), sondern das Gehirn ist eine Wetware und arbeitet parallelisiert und holografisch. Und das meinte ich auch in den vorhergehenden Artikel, dass der Mensch hier in seinen Arbeitskreisen mit sich und der Umwelt verbunden ist und entsprechend agiert. </p> <p><strong>2. Vorgehensweise</strong>. Netzsysteme sind meiner Meinung nach die neue Währung als Musterräume der Modulationen der Menschheit. Ich gebe hierzu eine kurze Übersicht, warum ich das so sehe und möchte ein paar  Netzsysteme alphabetisch auflisten. Dazu gehören z.B. Astronomie Netze, Clusternetze, Computernetze, Energienetze, Handelsnetze, Kommunikationsnetze, Lagernetze, Molekülnetze, Produktionsnetze, soziale Netze, Transportnetze, Verkehrsnetze, Zellnetze u.s.w.</p> <p>Verkehrsnetze lassen sich wieder in Auto(bahn)Netze, Busnetze, Flughafennetze, Schienennetze, (Auto-Straßennetze) distributieren.</p> <p>Handelsnetze lassen sich wiederum einteilen in Realwirtschaft und Finanzmärkte. So z.B. von Waren und Wissen, Bargeldnetze und Girogeldnetze (Hochfrequenzhandelsnetze) oder Handels-Container in der Luft auf dem Land, im Meer auf Schiffen, Straßen, Schienen ….</p> <p>Sie sehen wir sind überall von Netzen umgeben. Auch aus diesem Grund sollten wir stärker in Netzsystemen denken, lernen und agieren lernen. Denn die Probleme der Gesellschaft sind vernetzt organisiert und die Lösungen dazu auch. Es ist ähnlich wie der DNA-Doppelhelix, die verschlüsselt war und die nach Crick und Watson zu entschlüsseln ist. </p> <p><strong>3. Beispiele.</strong> Ich hatte vor rund 10 Jahren ein Gespräch mit einem Geschäftsführer auf einem Parkplatz vor seiner Firma. Er sagte damals zu mir: “Herr Blitz, das Auto hier ist eine praktische Erfindung! Mit ihrer neuen anvisierten Informationstheorie kann ich jedoch erst einmal wenig anfangen.” Ich entgegnete darauf, “dass alle große Erfindungen, wie das Auto, das Antibiotikum, der Computer oder eben Raketen zum Mond viel an kognitiver Energie und Zeit benötigen, denn es bedarf neuer Konzeptionen, es bedarf neuer Kalkulation und Konstruktion”.</p> <p>All das bedarf viel Mühe, Schweiß, Fleiß, Geduld, Hartnäckigkeit und Ausdauer. Es bedarf vor allem menschliche Zeit, all dies zu entwickeln. Erfindungen fallen nicht vom Himmel.” Er sagte darauf nichts mehr. Wir verabschiedeten uns. Vielleicht treffe ich ihn mal wieder. Er hat mich eher motiviert weiterzumachen und weiter für die Aufklärung des Themas Netzsysteme als Musterräume, neu Philosophie und Disziplin zu sorgen.</p> <p>Ich nehme nun einmal einen Fernsehbeitrag, eine Dokumentation, den sich jeder selbst einmal ansehen kann und sich ein Bild zu machen. In diesem Beitrag geht es um den Papyrus Georg Ebers, der Beitrag heißt <strong><em>Les Mysteries D’ Un Papyrus Egyptien</em>.</strong> Im Zentrum steht ein Papyrus, was Zeit und Raum überdauerte. Faszinierend hierbei war, wie Götter, Natur und Menschen als hier zusammenfinden und wie man mit meinen neuen Netzsystemen zu neuen Denken und Lösungen gelangt. </p> <p>Mit den Netzsystemen möchte ich dabei nicht den Göttern nacheifern, wobei heute Gott und Glauben wichtiger denn je werden. Vielmehr hat mich begeistert, wie die Götter hier anschaulich den Menschen auf seinem Weg begleiten -auch im Übergang von einem Leben zum anderen. In einer Barke im Fluss des Lebens. </p> <p><strong>Muster der Vernetzung</strong></p> <p>All dies ist auch mit unserem Thema mit einer Vernetztheit des Menschen zu den Göttern, Natur und anderen Menschen mit den drei großen Prinzip ein des Lebens verbunden. Damals ging es so um eine Geheimwissenschaft, die Menschen als Medizin (genauer gesagt die erste Systemmedizin) in Ägypten innehatten. Sie waren damit 1550 v. Chr. der Zeit weit voraus! Sie kamen quasi aus einem Gate der Zukunft. </p> <p><strong>Anwendungsfall:</strong> Ich habe nach dem Beitrag kurz nachgedacht und sehe in der Anwendung des Medikaments Nummer 8 das Netzsystem der Bio-Physik: Und zwar in dem Ausmaße und Umfang von “in vitro” auf “in vivo” umzuschalten, um zu erfahren, wie sich Präparat und Präparierte mit Involution und Evolution einfalten und entfalten. Zweitens könnten wir hier die fehlenden Lücken der verlorenen Tafeln über die Netzsysteme der Sozio-Ökonomie lösen, um den Nexus der Matrix mit entsprechenden Matrizen zu finden. Das Codewort dazu fängt mit K an, um Komplexität hier aufzulösen. </p> <p>Im dritten Teil werde ich das weiter ausführen, wie das in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik nun mit Netzsystemen als eine Art <em>Prometheus</em> und auch <em>Event Horizon</em> 2026 möglich gemacht wird. Anregungen und Vorschläge sind wie immer von Ihnen herzlich willkommen. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Netzsysteme als Räume der Modulation Teil 2: Prometheus. » Tensornetz » SciLogs</h1><h2>By Dominic Blitz</h2><div itemprop="text"> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="472" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-1024x472.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-1024x472.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-300x138.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-768x354.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-1536x707.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-2048x943.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p>Bild: Die <em>Prometheus</em> in Scotts Film landet auf einem fremden Exoplaneten</p> <p>Wir alle können heute nach den musterhaften Sternenkarten suchen und mit unseren Sternenraumschiffen versuchen zu neuen Orten und Planeten zu navigieren.</p> <p><strong>Prometheus und die aufkommende Biophysik</strong></p> <p>Das Thema <em>Prometheus </em>ist heute Legacy. Ich denke da erst einmal an den Mythos <em>Prometheus</em>, der den Menschen das Feuer brachte und von den Göttern dafür bestraft wurde. Zweitens an Goethe’s Prometheus, drittens an Mary Shelley <em>Prometheus oder der neue Frankenstein. Mary </em>Shelley war es, die eine moderne Bio-Physik als vereinigende Disziplin, Philosophie und teils “Religion” erkannte, die bereits mit Leonarda Da Vinci Flugmechanik der Vögel und dem Galvanismus von Luigi Galvani 1786 bewiesen wurde. Siehe dazu auch <em>Einführung in die Biophysik</em> von Walter Beier<em>.</em></p> <p>Arthur Koestler in <em>The Act Of Creation</em> schreibt: Luigi Galvani Professor of Anatomy at the University of Bologna, has spent some fifteen years working on a theory of animal electricity… On september 20th, 1786, he recorded one of his experiments, which was to make history… in the domain of inanimate matter, the Voltaic battery, inspired by Galvani’s frogs, led to parallel synthesis of electricity and chemistry…”<aside></aside></p> <p>Wie so oft in der Wissenschafts- und Innovationshistorie (ähnlich wie auch bei Turingmustern, die erst viele Dekaden später bewiesen werden konnten) kam es auch hier später zu einer tiefen Erkenntniswende. Das war um 1843: Hier wurde ein Übergang von elektromotorischer Muskelkraft zu lebendig bio-elektrischen Substanzen gelegt. Ähnlich der Gehirnfunktionen, die biochemisch und elektrisch arbeiten. </p> <p>Auch Ridley Scott’s <em>Prometheus,</em> dessen einzigartiges innovatives Raumschiff (weit entfernt vom Nostromo-Design in Alien 1) zu neuen Welten reist, ist ein Meilenstein der Film- und Science Futur-Geschichte. Und nicht zuletzt existiert ein Computer Monitoring System, was sich Prometheus nennt und in die 2020 -er Jahre Ära-der Generativen Pre Transformer (GTP) -Maschinenräume perfekt passt. </p> <p>Nun kommen wir zur Frage, warum ist unsere Vorgehensweise nicht ganz einfach ist.</p> <p><strong>Ein umfassendes Großprojekt der Menschheit von 2006 bis 2026 als eine neue Informationstheorie</strong></p> <p>1. <strong>Warum sind Netzsysteme einerseits anspruchsvoll, faszinierend und relevant zugleich?</strong> Ich sehe mein autodidaktisches Projekt der Erforschung der Netzsysteme in den zwei Dekaden von 2006 bis 2026 als Großraumprojekt alter und neuer Welten. Ähnlich wie das Prometheus zwischen Göttern, Natur und Menschen zu verbinden weiß. Netzsysteme umfassen meiner Meinung nach das spektralste Gebiet der Menschheit als einen echten Forschungsgegenstand!</p> <p>Aus diesen etlichen Netzsystemen, die ich weiter unten auch nennen werde, habe ich zwei Netzsysteme als eine Essenz nach vielen Jahren als Musterräume von Modulationen herausdestilliert: Welche sind das?</p> <p>Einmal die Bio-Physik und einmal die Sozio-Ökonomie als Netzsysteme, mit denen Sie neue Erden und vielleicht in der Zukunft neue Planeten mit Satelliten-Subsystemen erschaffen können. Wer weiß.</p> <p><strong>Warum ist das Gebiet Netzsysteme als musterhafte Modulationsräume so relevant und anspruchsvoll?</strong> Schauen wir in den Weltraum, wo derzeit sich viel Musik und konzertante Kooperationen der Menschheit abspielen, so geht und ging es immer darum, einen realen Übergang vom Weltraum zur Erde zu schaffen! So wird im Übergang des Weltraums der heißen Sonne zur kalten Erde Energie gewandelt.  Pflanzen, Tiere und Menschen haben in diesen Energiefeldern das große Ziel der Entropie zu entgehen! In diesem kontinuierlich lebendigen Kreislauf stoßen Menschen und Tiere Kohlendioxid aus, die wiederum die Pflanzen zum Wachsen in einem stetigen Kreislauf benötigen.</p> <p>Viele Probleme, die die Natur in den letzten Gigajahren der Erde z.B. mit der komplexen Fotosysnthese gelöst hat, ist dem Menschen dabei oft schwer zugänglich. Ein gutes Alltagsbeispiel aus der Praxis hierzu ist, dass viele Menschen glauben, dass ihre Atmung sich in der Lunge vollzieht. Es ist aber nicht die Lunge, wo ein lebenswichtiger Prozess stattfindet, sondern es sind die Zellen mit einem Metabolismus (Stoffwechsel) des Menschen. Genauer gesagt der Metabolismus der Mitochondrien. Wussten Sie das?</p> <p><strong>Warum sind Untersuchungen von Menschen so schwer zugänglich und von Maschinen einfacher?</strong> So ist doch die dingliche Physik einfacher zu verstehen als unsichtbare Moleküle und Zellen. So ist doch jede Schraube und Schnittstelle von Maschinen bekannt. Ein Motherboard vom Computer, welches z.B. Beispiel. Transistoren und Kondensatoren umfasst, sind genau erforscht. Turing wollte dabei stets Transparenz auch im Übergang von biochemischen und biophysischen Netzen. </p> <p>Bei Molekülen und Zellen, wie Neuronen ist es so, dass diese nicht nur unsichtbar, winzig sind, sondern mit bloßen Augen nicht zu erkennen sind und nur mit Elektronenmikroskopen erkennbar sind. Obwohl es heute immer mehr bildgebende Messverfahren gibt, ist es daher schwierig alles überhaupt zu messen. Dazu kommt, dass hochgradige Komplexität herrscht, denn es geht z.B. bei Neuronen um 100 Milliarden Verbindungen, die mit z.B. mit 900 Milliarden Gliazellen einhergehen. Und diese sind miteinander verbunden mit den Synapsen. Dabei ist ihre Funktion und Verbindungssgleichung im Gegensatz zu Chips und Transistoren nicht diskret, sondern schwer verbunden und damit schwer zuordbar. Teils sogar unverstanden! </p> <p><strong>Gehirne und Computer als Megathema</strong></p> <p>Wie ich bereits ab 2019 berichtete, ist das Gehirn keine Software, Middleware und Hardware, (ähnlich den Nukleinsäuren, Proteinen und Enzymen mit ihren lebendigen teils selbstorganisierenden Fabriken), sondern das Gehirn ist eine Wetware und arbeitet parallelisiert und holografisch. Und das meinte ich auch in den vorhergehenden Artikel, dass der Mensch hier in seinen Arbeitskreisen mit sich und der Umwelt verbunden ist und entsprechend agiert. </p> <p><strong>2. Vorgehensweise</strong>. Netzsysteme sind meiner Meinung nach die neue Währung als Musterräume der Modulationen der Menschheit. Ich gebe hierzu eine kurze Übersicht, warum ich das so sehe und möchte ein paar  Netzsysteme alphabetisch auflisten. Dazu gehören z.B. Astronomie Netze, Clusternetze, Computernetze, Energienetze, Handelsnetze, Kommunikationsnetze, Lagernetze, Molekülnetze, Produktionsnetze, soziale Netze, Transportnetze, Verkehrsnetze, Zellnetze u.s.w.</p> <p>Verkehrsnetze lassen sich wieder in Auto(bahn)Netze, Busnetze, Flughafennetze, Schienennetze, (Auto-Straßennetze) distributieren.</p> <p>Handelsnetze lassen sich wiederum einteilen in Realwirtschaft und Finanzmärkte. So z.B. von Waren und Wissen, Bargeldnetze und Girogeldnetze (Hochfrequenzhandelsnetze) oder Handels-Container in der Luft auf dem Land, im Meer auf Schiffen, Straßen, Schienen ….</p> <p>Sie sehen wir sind überall von Netzen umgeben. Auch aus diesem Grund sollten wir stärker in Netzsystemen denken, lernen und agieren lernen. Denn die Probleme der Gesellschaft sind vernetzt organisiert und die Lösungen dazu auch. Es ist ähnlich wie der DNA-Doppelhelix, die verschlüsselt war und die nach Crick und Watson zu entschlüsseln ist. </p> <p><strong>3. Beispiele.</strong> Ich hatte vor rund 10 Jahren ein Gespräch mit einem Geschäftsführer auf einem Parkplatz vor seiner Firma. Er sagte damals zu mir: “Herr Blitz, das Auto hier ist eine praktische Erfindung! Mit ihrer neuen anvisierten Informationstheorie kann ich jedoch erst einmal wenig anfangen.” Ich entgegnete darauf, “dass alle große Erfindungen, wie das Auto, das Antibiotikum, der Computer oder eben Raketen zum Mond viel an kognitiver Energie und Zeit benötigen, denn es bedarf neuer Konzeptionen, es bedarf neuer Kalkulation und Konstruktion”.</p> <p>All das bedarf viel Mühe, Schweiß, Fleiß, Geduld, Hartnäckigkeit und Ausdauer. Es bedarf vor allem menschliche Zeit, all dies zu entwickeln. Erfindungen fallen nicht vom Himmel.” Er sagte darauf nichts mehr. Wir verabschiedeten uns. Vielleicht treffe ich ihn mal wieder. Er hat mich eher motiviert weiterzumachen und weiter für die Aufklärung des Themas Netzsysteme als Musterräume, neu Philosophie und Disziplin zu sorgen.</p> <p>Ich nehme nun einmal einen Fernsehbeitrag, eine Dokumentation, den sich jeder selbst einmal ansehen kann und sich ein Bild zu machen. In diesem Beitrag geht es um den Papyrus Georg Ebers, der Beitrag heißt <strong><em>Les Mysteries D’ Un Papyrus Egyptien</em>.</strong> Im Zentrum steht ein Papyrus, was Zeit und Raum überdauerte. Faszinierend hierbei war, wie Götter, Natur und Menschen als hier zusammenfinden und wie man mit meinen neuen Netzsystemen zu neuen Denken und Lösungen gelangt. </p> <p>Mit den Netzsystemen möchte ich dabei nicht den Göttern nacheifern, wobei heute Gott und Glauben wichtiger denn je werden. Vielmehr hat mich begeistert, wie die Götter hier anschaulich den Menschen auf seinem Weg begleiten -auch im Übergang von einem Leben zum anderen. In einer Barke im Fluss des Lebens. </p> <p><strong>Muster der Vernetzung</strong></p> <p>All dies ist auch mit unserem Thema mit einer Vernetztheit des Menschen zu den Göttern, Natur und anderen Menschen mit den drei großen Prinzip ein des Lebens verbunden. Damals ging es so um eine Geheimwissenschaft, die Menschen als Medizin (genauer gesagt die erste Systemmedizin) in Ägypten innehatten. Sie waren damit 1550 v. Chr. der Zeit weit voraus! Sie kamen quasi aus einem Gate der Zukunft. </p> <p><strong>Anwendungsfall:</strong> Ich habe nach dem Beitrag kurz nachgedacht und sehe in der Anwendung des Medikaments Nummer 8 das Netzsystem der Bio-Physik: Und zwar in dem Ausmaße und Umfang von “in vitro” auf “in vivo” umzuschalten, um zu erfahren, wie sich Präparat und Präparierte mit Involution und Evolution einfalten und entfalten. Zweitens könnten wir hier die fehlenden Lücken der verlorenen Tafeln über die Netzsysteme der Sozio-Ökonomie lösen, um den Nexus der Matrix mit entsprechenden Matrizen zu finden. Das Codewort dazu fängt mit K an, um Komplexität hier aufzulösen. </p> <p>Im dritten Teil werde ich das weiter ausführen, wie das in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik nun mit Netzsystemen als eine Art <em>Prometheus</em> und auch <em>Event Horizon</em> 2026 möglich gemacht wird. Anregungen und Vorschläge sind wie immer von Ihnen herzlich willkommen. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/netzsysteme-als-raeume-der-modulation-teil-2-prometheus/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Neues von Prototaxites – Pflanze, Pilz, Alge oder was ganz anderes? https://scilogs.spektrum.de/meertext/neues-von-prototaxites-pflanze-pilz-alge-oder-was-ganz-anderes/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/neues-von-prototaxites-pflanze-pilz-alge-oder-was-ganz-anderes/#comments Fri, 27 Feb 2026 08:26:03 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1903 <h1>Neues von Prototaxites – Pflanze, Pilz, Alge oder was ganz anderes? » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Im Devon (420 – 360 Mio Jahre) besiedelten größere Lebensformen allmählich das Festland. Große Pflanzen oder gar Bäume gab es allerdings noch nicht, die Urvegetation wuchs kaum 60 cm hoch. Stattdessen überragten seltsame, bis über acht Meter hohe und einen Meter dicken Kegel die Landschaften – auch in Deutschland, etwa dort, wo heute die Eifel ist: <em>Prototaxites hefteri.</em> Damit überragten sie alles andere, was damals an Land wuchs, wie ein Mammutbaum eine Wiese (beides gab es noch lange nicht).<br></br>In Europa sind sie auch aus Holland, Schottland und Wales bekannt. Andere <em>Prototaxites</em>-Arten wuchsen ins Kanada, Saudi-Arabien und anderen Orten der Welt. In einer Welt, bevölkert mit kleinen Pflanzen und nicht sehr großen wirbellosen Tiere dominierte dieser Säulen-Organismus. Bis Ende Januar 2026 war <em>Prototaxites</em> als Pilz klassifiziert, der New Scientist bezeichnete ihn als<a href="https://www.newscientist.com/article/dn11701-mystery-prehistoric-fossil-verified-as-giant-fungus/" rel="noreferrer noopener" target="_blank"> „Godzilla unter den Pilzen</a>“.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41.png 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>“Sumpflandschaft des Silurs mit Prototaxites” <br></br>(C) Віщун – Eigenes Werk, first published on Deviantart, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=162991605</figcaption></figure> <p>Eine neue Studie eines Teams um den Astrobiologen Corentin C. Loron (UK Centre for Astrobiology, University of Edingurgh) und die Molekularbiologin Laura Cooper (Institute of Molecular Plant Sciences, University of Edinburgh) hatte eine neue Studie vorgelegt und <em>Prototaxites</em> außerhalb der bisher bekannten Reiche als etwas Neuartiges eingeordnet: Er könne Repräsentant eines neuen, noch unbekannten und heute ausgestorbenen Reichs neben den Pflanzen, Pilzen, Tieren und verschiedenen einzelligen Lebensformen sein. Das wäre eine Sensation.</p> <h2 id="h-die-abenteuerliche-forschungsgeschichte-des-protaxites"><strong>Die abenteuerliche Forschungsgeschichte des <em>Protaxites</em></strong></h2> <p><em>Prototaxites </em>hat eine abenteuerliche Erforschungsgeschichte hinter sich: Er wurde so oft taxonomisch umsortiert und umetikettiert, dass er schon ein paläontologischer Mythos ist.<br></br>Der Geologe <a href="https://steurh.home.xs4all.nl/engprot/eprototx.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Dawson fand 1859 in Kanada</a> ein über 2 Meter langes, und fast einen Meter dickes Fossil, das er in die Verwandtschaft der Eibengewächse (Taxaceae) einordnete; der Name <em>Prototaxites</em> bedeutet so viel wie „Vor-Eibe“. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-42.png"><img alt="" decoding="async" height="425" sizes="(max-width: 250px) 100vw, 250px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-42.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-42.png 250w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-42-176x300.png 176w" width="250"></img></a><figcaption>“Apex opf the “Schunnemunk tree” of Prototaxites loganii from the middle Devonian Bellvale Sandstone near Monroe, New York” <br></br>(C) G.J. Retallack – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48796185 </figcaption></figure> <p>Spätere Paläontologen interpretierten das Riesenwesen <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29254969/#full-view-affiliation-1">dann als Grünalge und 1979 als Tang</a>. 2001 wurde aus der Alge wieder ein Pilz und kurze Zeit später eine <a href="https://magazine.uchicago.edu/1006/investigations/fungus.shtml" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Flechte, also eine Lebensgemeinschaft aus Pilz und Alge.</a><br></br>2007 fanden Boyce (Universität von Chicago) und seine Arbeitsgruppe durch <a href="https://www.scinexx.de/news/geowissen/sechs-meter-hoher-riesenpilz-identifiziert/">Isotopenanalysen neue Argumente gegen die Pflanzen-</a> und somit für die Pilzhypothese.</p> <p>Das Problem bei diesen Fossilfunden ist, dass durch die Versteinerung zwar die Umrisse und somit Größe des Lebewesens erhalten blieb, dessen Strukturen aber nur teilweise. Außerdem überlagerten sie sich mit anderen Fossilien, wie etwa Pflanzenteilen. So kam es immer wieder zu Diskussionen, ob die fossilen Pilzhyphen ein elementarer Bestandteil des Fossils oder eher eine Verunreinigung waren.<br></br>Boyce und sein Team haben nun nicht nur einfach die versteinerten Zellverbände interpretiert, sondern zusätzlich auch eine Isotopenanalyse durchgeführt. Das Verhältnis der stabilen Kohlenstoff-Isotope <sup>12</sup>C und <sup>13</sup>C zueinander gibt <a href="https://www.sueddeutsche.de/muenchen/isotopenanalyse-in-muenchen-biografie-in-den-knochen-1.1891483" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Auskunft über die Aufnahme dieser Isotope über Atmung und Nahrung sowie letztendlich zur Herkunft eines Organismus.</a><br></br>Pflanzen nehmen Kohlenstoff nur über das Kohlendioxid aus ihrer Umgebung auf. So bleibt Ihr Isotopenverhältnis von <sup>12</sup>C zu <sup>13</sup>C ihr ganzes Leben über gleich und entspricht dem der Atmosphäre – je nach Lebensweise, tagsüber oder nachts. Bei Tieren bildet das Isotopenverhältnis ihre Lebensweise, die Nahrungsaufnahme und ihren Lebensraum ab, das terrestrisch und marin lebender Tiere unterscheidet sich.<br></br>Pilze nehmen als Nahrung organische tote Stoffe auf. Dabei sind sie nicht wählerisch, sondern verdauen meist tote Materie, wie auch Kadaver von Pflanzen und Tieren. Diese unterschiedlichen Nahrungsquellen haben unterschiedliche Isotopenverhältnisse. Werden sie gefressen oder chemisch verdaut, bleiben die Isotopenverhältnisse erhalten. Die <a href="https://www.newscientist.com/article/dn11701-mystery-prehistoric-fossil-verified-as-giant-fungus/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">unterschiedlichen Isotopenverhältnisse aus den <em>Prototaxites</em>-Fossilien weisen also auf eine andere Lebensweise als die der Pflanzen hin, erklärt Boyce.</a><aside></aside></p> <p>2018 bestätigte ein Team durch Dünnschnitte von Rhynie Chert-Exemplaren per Licht- und Konfokalmikroskopie sowie aus Kohle-Fossilien aus walisischen Fundstellen per Rasterelektronenmikroskop die Pilzhypothese: <em>Prototaxites taiti </em>(eine mutmaßliche 2. Art vereine Merkmale verschiedener heutiger Pilzgruppen.</p> <h2 id="h-neue-ergebnisse-aus-dem-rhynie-chert"><strong>Neue Ergebnisse aus dem Rhynie Chert</strong></h2> <p>Ein neues Exemplar aus der berühmten schottischen <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982219313703">Rhynie-Chert-Fossillagerstätte</a> hat nun neue Einblicke gebracht. In diesen 407 Millionen Jahre alten versteinerten Sedimenten sind besonders viele Fossilien in herausragender Erhaltung fossilisiert, also mit Weichteilfossilisation: Der Großteil von ihnen sind frühe Pflanzen – sie hatten zwar wasserleitende Zellen und Sporangien, aber noch keine echten Blätter. Außerdem sind dort auch Flechten, Algen und Pilze sowie Arthropoden erhalten. Diese <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Rhynie_chert">Rhynie-Fauna und -Flora dokumentiert</a> die frühe Besiedlung des Festlands. Die Erhaltung von Ultrastrukturen wie einzelnen Zellwänden macht sie so außergewöhnlich. Werden fossilführende Gesteinsproben poliert und geschnitten, sind im Pflanzenmaterial sogar Stomata und Ligninreste nachweisbar. Ob in Pflanzenzellen eingedrungene Pilzhyphen Zersetzer oder Symbionten waren, ist nicht geklärt. Auch die winzigen fragilen Buchlungen fossiler Spinnenverwandter (Atmungsorgan der Trigonotarbiden) sind in solchen Querschnitten nachweisbar.<br></br>Ihre Neubewertung von <em>Prototaxites</em> hatte das Team um <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.aec6277#con1">Corentin C. Loron</a> und <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.aec6277#con2">Laura M. Cooper</a> auf <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.aec6277">ScienceAdvances veröffentlicht</a>.</p> <p>Die Molekularbiologin Laura Cooper hingegen schrieb in ihrem Thread auf dem Kurznachrichtendienst BlueSky in einer Kurzvorstellung der Publikation, <em>Prototaxites </em>passe in keine Gruppe der heutigen Pilze.</p> <p>In ihrem aus dem Rhynie Chert-Hornstein geschnittenen und polierten Stückchen NSC.36 war <em>Prototaxites</em>-Gewebe extrem gut erhalten, zusammen mit einer großen Bandbreite anderer Organismen wie Pilzen und Pflanzen.  </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-35.png"><img alt="" decoding="async" height="170" sizes="(max-width: 452px) 100vw, 452px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-35.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-35.png 452w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-35-300x113.png 300w" width="452"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-38.png"><img alt="" decoding="async" height="412" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 365px) 100vw, 365px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-38.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-38.png 365w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-38-266x300.png 266w" width="365"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-37.png"><img alt="" decoding="async" height="393" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 363px) 100vw, 363px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-37.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-37.png 363w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-37-277x300.png 277w" width="363"></img></a></figure> <p>Laura Coopers Beitrag zu diesem Forschungsprojekt war die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Konfokalmikroskop">konfokale Laserscanning-Mikroskopie</a>, eine besonders hochauflösende Form der Mikroskopie zur Mikrostruktur Analyse. Bei dieser speziellen Lichtmikroskopie wird nicht das gesamte Präparat beleuchtet, sondern zu jedem Zeitpunkt nur ein Bruchteil davon, oft nur ein kleiner Lichtfleck. Werden diese einzelnen Bilder zusammengefügt, ergeben sich optische Schnittbilder mit besonders hohem Kontrast.  </p> <p>Dadurch fanden sie bei <em>Prototaxites</em> kugelförmige „Markflecken“ (medullary spots). Bei der bildlichen Rekonstruktion stellte sich heraus, dass sie aus vielen dicht gepackten kleinen Röhren bestehen, die stark miteinander verbunden sind. Solche Strukturen seien bei Pilzen unbekannt. Stattdessen ähneln sie, so das Forscherteam, vielmehr Strukturen, die an Gas- oder anderen Austauschfunktionen beteiligt sind, wie beispielsweise die Säugetier-Lungenbläschen. Darum könnten die Markflecken eine völlig andere physiologische Funktion gehabt haben als die, die von Pilzen bekannt sind.</p> <p>Weiterhin fanden sie im gesamten untersuchten Organismus Röhren mit inneren Verdickungen oder Bändern. Solche gebänderten Röhren kommen ebenfalls nicht in Pilzen vor, sondern ähneln dem Xylem, also dem Wasser-Leitsystem, von Landpflanzen – sie könnten in <em>Prototaxites</em> eine ähnliche Funktion gehabt haben.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-39.png"><img alt="" decoding="async" height="465" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-39.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-39.png 480w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-39-300x291.png 300w" width="480"></img></a></figure> <p>Dazu kommt, dass der molekulare Fingerabdruck Abweichungen zu allen anderen Organismengruppen im Rhynie-Chert ergab – auch zu den Pilzen. Dies deutete auf einen anderen Zellwandaufbau als Pilze mit ihrem Chitin und Glucan hin.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-36.png"><img alt="" decoding="async" height="198" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 467px) 100vw, 467px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-36.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-36.png 467w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-36-300x127.png 300w" width="467"></img></a></figure> <p>Da <em>Prototaxites</em> </p> <ul> <li>Röhrenstrukturen und vermutlich eine andere Physiologie hatte</li> <li>einen anderen molekularen Fingerabdruck aufwies</li> <li>Pilz-Zellwände fehlten </li> </ul> <p>vermuteten die Forschenden, dass dieses Mega-Fossil doch kein Pilz war.<br></br>Da es in keine der bekannten Gruppen passt, könnte es sich, so Laura Cooper et al, um einen Repräsentanten einer neuen Gruppe handeln.</p> <p>Ich persönlich bin davon noch nicht so ganz überzeugt.<br></br>Ein ganz neues Reich solch großer Organismen ohne andere dazu gehörende Arten, Vorfahren und Nachfahren kommt mir zu unwahrscheinlich vor, Organismen-Reiche entstehen schließlich nicht im luftleeren Raum einiger Jahrmillionen – sie sind vielmehr Ergebnisse von Entwicklungen in der Größenordnung Hunderter Jahrmillionen.<br></br>Ich frage mich eher, ob die Daten auf einen Organismus aus verschiedenen Arten hinweisen könnten Oder möglicherweise sogar Artefakte sind, die durch besondere Fossilisationsumstände verursacht wurden.</p> <p>Darum bin ich sehr gespannt, ob andere Arbeitsgruppe diese Ergebnisse bestätigen oder widerlegen werden. Auf jeden Fall eine extrem interessante Arbeit mit bislang sehr überraschenden Ergebnissen. Ich bin jedenfalls fest davon überzeugt, dass zu <em>Prototaxites </em>noch lange nicht das letzte Wort gesprochen bzw. geschrieben wurde.</p> <h2 id="h-prototaxites-interstellari-pilz-turbo-im-star-trek-universum"><strong><em>Prototaxites interstellari</em> – Pilz-Turbo im Star Trek-Universum</strong></h2> <p>Als ich 2018 die ersten Folgen der Star Trek-Serie <em>Discovery</em> sah, war ich sehr erstaunt, auf gleich zwei alte Bekannte zu treffen: Auf den Pilz <em>Prototaxites </em>und ein Bärtierchen (Tardigrade). Diese Serie setzt zeitlich vor <em>Star Trek</em> <em>The Original Series </em>(mit Captain James T. Kirk und Spock) an und enthält dadurch vertraute Charaktere wie Spock und Captain Pike, aber auch den miesen Harry Mudd.</p> <p>Allerdings findet und nutzt die USS <em>Discovery </em>einen experimentellen Sporenantrieb. Im 23. Jahrhundert der USS <em>Discovery</em>-Timeline erstreckt sich ein feines Geflecht aus makroskopisch nahezu unsichtbaren Pilzfäden, dem Myzel, über das Weltall. Innerhalb dieses Myzels bewegt sich die<em> Discovery</em> wie in einem gigantischen Netz, analog einem Computer-Netzwerk wie etwa in „Matrix“. Die Spezies <em>Prototaxites</em> <em>stellaviatori</em> wurde „aus exotischem Material aus einer abgetrennten, zeitdiskreten, abstrakten Subspace-Region konstruiert. Das Mycel schüttet seine Sporen dann in die Unendlichkeit des Weltalls aus und daraus bildet sich das Myzel-Netzwerk.“ (Captain Lorca der USS <em>Discovery</em>)<em>.</em><br></br>In einer Pilzkammer – dem Pendant zu einem botanischen Garten, aber eben für Pilze – wird der Pilz <em>Prototaxites</em> <em>stellaviatori</em> gezüchtet und seine Sporen für den Betrieb des Antriebs geerntet. Diese Pilzkammer ist mit einem Atem-Scanner streng gesichert, schließlich ist <em>Prototaxites</em> eine Geheimwaffe.</p> <p>Die Funktion des Sporenantriebs erklärt der mysteriös-sinistre Captain Lorca der USS <em>Discovery</em> gegenüber der Hauptperson Michael Burnham so: “Stellen Sie sich ein mikroskopisch feines Netz vor, das sich über den ganzen Kosmos erstreckt. Ein intergalaktisches Ökosystem. Eine unendliche Anzahl von Wegen, die nach überall führen.” Ein nur auf zellularem Niveau sichtbares Pilzgeflecht erstreckt sich über das ganze Universum und wenn man an einer Stelle einsteigt, kann man darin extrem schnell überall hinreisen – also praktisch mit Mega-Warp. Und die USS <em>Discovery</em> hat den Schlüssel zum Eintauchen in diesen pilzigen Mikrokosmos. „Code Black!” heißt es dann auf dem Sternenflotten-Schiff – das Sternenschiff beginnt um die eigene Achse zu rotieren und alles ist Glitzer. Star Trek Discovery ist ganz sicher mit großem Abstand der Sternenflotten-Ableger mit dem meisten Glitzer.</p> <p>Die Sporen aus der Brutkammer erstellen dann eine Verbindung zwischen dem Raumschiff und dem mikrozellularen Myzel, gesteuert wird durch einen ins Netzwerk integrierten Navigator. Auf der USS <em>Discovery</em> ist es zunächst ein überdimensionaler Tardigrade, also das raumfahrerprobte Bärtierchen, später der Astromykologe Lieutenant Paul Stamets selbst.<br></br>Paul Stamets ist der einzige Star Trek-Charakter, der nach einem lebenden Menschen benannt wurde – nach dem Mycologen Paul Stamets. <a href="https://youtu.be/XI5frPV58tY">Sein TEDx-Talk über Pilze</a> ist ein Potpourri von Ideen zur Anwendung von Pilzen und unbedingt sehenswert. <a href="https://scitizen.com/future-energies/can-mushrooms-save-the-world-_a-14-2891.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Er hält eine ganze Reihe von Pilz-Patenten,</a> etwa zur effektiven biologischen Schädlingsbekämpfung und für medizinische Anwendungen. Pilze hält er für eine Lösung für die Energieprobleme: Mycelien verwandeln Cellulose in Pilzzucker um, woraus wiederum Alkohol als Treibstoff produziert werden kann. “Econol” nennt Stamets diesen Pilzfusel.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-43.png"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-43.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-43.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-43-300x225.png 300w" width="768"></img></a><figcaption>“Stamets holding Laricifomes officinalis in 2006”<br></br>(C) Dusty Yao-Stamets – Personal correspondence, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3785848</figcaption></figure> <p>Beeindruckend ist auch die Effektivität der haardünnen Geflechte als ökologische Aufräumtruppe: Ein Pilzmyzel kann etwa nach Ölkatastrophen die organischen Verbindungen des Öls aufbrechen und in unschädliche Substanzen umwandeln, auf denen schnell wieder alles wächst und gedeiht. Diese Fähigkeit der Pilze, Gestein, Schweröl und andere Substanzen schnell in fruchtbaren Boden umzuwandeln, macht sie zu Wegbereitern für ganze Ökosysteme. Stamets hat mehrere Systeme entwickelt, Pilzkulturen in Sporenform global zu versenden, die an jedem Ort der Welt schnell ein neues Ökosystem induzieren können.</p> <p>Zurück zu Star Trek-<em>Discovery</em>: <em>Prototaxites stellaviatori</em> ist eine Neuschöpfung, die Ideen von Sporenantrieb und Tardigrad sowohl von Stamets, Burnham u a <a href="https://gizmodo.com/court-reaffirms-star-trek-discovery-copyright-suit-dis-1844753933">haben die Produzenten von einem Videospiel-Entwickler gestohlen – sind aber damit davongekommen.</a><br></br>Die Pilzsporen glitzern wie Einhornstaub oder magic mushrooms und visualisieren damit plakativ, dass diese Technologie den Boden der Logik verlässt und in endgültig in Richtung Esoterik davontänzelt.</p> <p>(Falls Ihr eine ausführlichere Darstellung der Vorgänge an Bord der Discovery und einen detaillierteren Faktencheck wollt – <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2020/12/24/24-12/?all=1">hier</a>. Mehr über Pilze im Weltraum produziere ich im Laufe dieses Jahres, in Texten und Vorträgen).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Neues von Prototaxites – Pflanze, Pilz, Alge oder was ganz anderes? » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Im Devon (420 – 360 Mio Jahre) besiedelten größere Lebensformen allmählich das Festland. Große Pflanzen oder gar Bäume gab es allerdings noch nicht, die Urvegetation wuchs kaum 60 cm hoch. Stattdessen überragten seltsame, bis über acht Meter hohe und einen Meter dicken Kegel die Landschaften – auch in Deutschland, etwa dort, wo heute die Eifel ist: <em>Prototaxites hefteri.</em> Damit überragten sie alles andere, was damals an Land wuchs, wie ein Mammutbaum eine Wiese (beides gab es noch lange nicht).<br></br>In Europa sind sie auch aus Holland, Schottland und Wales bekannt. Andere <em>Prototaxites</em>-Arten wuchsen ins Kanada, Saudi-Arabien und anderen Orten der Welt. In einer Welt, bevölkert mit kleinen Pflanzen und nicht sehr großen wirbellosen Tiere dominierte dieser Säulen-Organismus. Bis Ende Januar 2026 war <em>Prototaxites</em> als Pilz klassifiziert, der New Scientist bezeichnete ihn als<a href="https://www.newscientist.com/article/dn11701-mystery-prehistoric-fossil-verified-as-giant-fungus/" rel="noreferrer noopener" target="_blank"> „Godzilla unter den Pilzen</a>“.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41.png 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>“Sumpflandschaft des Silurs mit Prototaxites” <br></br>(C) Віщун – Eigenes Werk, first published on Deviantart, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=162991605</figcaption></figure> <p>Eine neue Studie eines Teams um den Astrobiologen Corentin C. Loron (UK Centre for Astrobiology, University of Edingurgh) und die Molekularbiologin Laura Cooper (Institute of Molecular Plant Sciences, University of Edinburgh) hatte eine neue Studie vorgelegt und <em>Prototaxites</em> außerhalb der bisher bekannten Reiche als etwas Neuartiges eingeordnet: Er könne Repräsentant eines neuen, noch unbekannten und heute ausgestorbenen Reichs neben den Pflanzen, Pilzen, Tieren und verschiedenen einzelligen Lebensformen sein. Das wäre eine Sensation.</p> <h2 id="h-die-abenteuerliche-forschungsgeschichte-des-protaxites"><strong>Die abenteuerliche Forschungsgeschichte des <em>Protaxites</em></strong></h2> <p><em>Prototaxites </em>hat eine abenteuerliche Erforschungsgeschichte hinter sich: Er wurde so oft taxonomisch umsortiert und umetikettiert, dass er schon ein paläontologischer Mythos ist.<br></br>Der Geologe <a href="https://steurh.home.xs4all.nl/engprot/eprototx.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Dawson fand 1859 in Kanada</a> ein über 2 Meter langes, und fast einen Meter dickes Fossil, das er in die Verwandtschaft der Eibengewächse (Taxaceae) einordnete; der Name <em>Prototaxites</em> bedeutet so viel wie „Vor-Eibe“. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-42.png"><img alt="" decoding="async" height="425" sizes="(max-width: 250px) 100vw, 250px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-42.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-42.png 250w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-42-176x300.png 176w" width="250"></img></a><figcaption>“Apex opf the “Schunnemunk tree” of Prototaxites loganii from the middle Devonian Bellvale Sandstone near Monroe, New York” <br></br>(C) G.J. Retallack – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48796185 </figcaption></figure> <p>Spätere Paläontologen interpretierten das Riesenwesen <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29254969/#full-view-affiliation-1">dann als Grünalge und 1979 als Tang</a>. 2001 wurde aus der Alge wieder ein Pilz und kurze Zeit später eine <a href="https://magazine.uchicago.edu/1006/investigations/fungus.shtml" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Flechte, also eine Lebensgemeinschaft aus Pilz und Alge.</a><br></br>2007 fanden Boyce (Universität von Chicago) und seine Arbeitsgruppe durch <a href="https://www.scinexx.de/news/geowissen/sechs-meter-hoher-riesenpilz-identifiziert/">Isotopenanalysen neue Argumente gegen die Pflanzen-</a> und somit für die Pilzhypothese.</p> <p>Das Problem bei diesen Fossilfunden ist, dass durch die Versteinerung zwar die Umrisse und somit Größe des Lebewesens erhalten blieb, dessen Strukturen aber nur teilweise. Außerdem überlagerten sie sich mit anderen Fossilien, wie etwa Pflanzenteilen. So kam es immer wieder zu Diskussionen, ob die fossilen Pilzhyphen ein elementarer Bestandteil des Fossils oder eher eine Verunreinigung waren.<br></br>Boyce und sein Team haben nun nicht nur einfach die versteinerten Zellverbände interpretiert, sondern zusätzlich auch eine Isotopenanalyse durchgeführt. Das Verhältnis der stabilen Kohlenstoff-Isotope <sup>12</sup>C und <sup>13</sup>C zueinander gibt <a href="https://www.sueddeutsche.de/muenchen/isotopenanalyse-in-muenchen-biografie-in-den-knochen-1.1891483" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Auskunft über die Aufnahme dieser Isotope über Atmung und Nahrung sowie letztendlich zur Herkunft eines Organismus.</a><br></br>Pflanzen nehmen Kohlenstoff nur über das Kohlendioxid aus ihrer Umgebung auf. So bleibt Ihr Isotopenverhältnis von <sup>12</sup>C zu <sup>13</sup>C ihr ganzes Leben über gleich und entspricht dem der Atmosphäre – je nach Lebensweise, tagsüber oder nachts. Bei Tieren bildet das Isotopenverhältnis ihre Lebensweise, die Nahrungsaufnahme und ihren Lebensraum ab, das terrestrisch und marin lebender Tiere unterscheidet sich.<br></br>Pilze nehmen als Nahrung organische tote Stoffe auf. Dabei sind sie nicht wählerisch, sondern verdauen meist tote Materie, wie auch Kadaver von Pflanzen und Tieren. Diese unterschiedlichen Nahrungsquellen haben unterschiedliche Isotopenverhältnisse. Werden sie gefressen oder chemisch verdaut, bleiben die Isotopenverhältnisse erhalten. Die <a href="https://www.newscientist.com/article/dn11701-mystery-prehistoric-fossil-verified-as-giant-fungus/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">unterschiedlichen Isotopenverhältnisse aus den <em>Prototaxites</em>-Fossilien weisen also auf eine andere Lebensweise als die der Pflanzen hin, erklärt Boyce.</a><aside></aside></p> <p>2018 bestätigte ein Team durch Dünnschnitte von Rhynie Chert-Exemplaren per Licht- und Konfokalmikroskopie sowie aus Kohle-Fossilien aus walisischen Fundstellen per Rasterelektronenmikroskop die Pilzhypothese: <em>Prototaxites taiti </em>(eine mutmaßliche 2. Art vereine Merkmale verschiedener heutiger Pilzgruppen.</p> <h2 id="h-neue-ergebnisse-aus-dem-rhynie-chert"><strong>Neue Ergebnisse aus dem Rhynie Chert</strong></h2> <p>Ein neues Exemplar aus der berühmten schottischen <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982219313703">Rhynie-Chert-Fossillagerstätte</a> hat nun neue Einblicke gebracht. In diesen 407 Millionen Jahre alten versteinerten Sedimenten sind besonders viele Fossilien in herausragender Erhaltung fossilisiert, also mit Weichteilfossilisation: Der Großteil von ihnen sind frühe Pflanzen – sie hatten zwar wasserleitende Zellen und Sporangien, aber noch keine echten Blätter. Außerdem sind dort auch Flechten, Algen und Pilze sowie Arthropoden erhalten. Diese <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Rhynie_chert">Rhynie-Fauna und -Flora dokumentiert</a> die frühe Besiedlung des Festlands. Die Erhaltung von Ultrastrukturen wie einzelnen Zellwänden macht sie so außergewöhnlich. Werden fossilführende Gesteinsproben poliert und geschnitten, sind im Pflanzenmaterial sogar Stomata und Ligninreste nachweisbar. Ob in Pflanzenzellen eingedrungene Pilzhyphen Zersetzer oder Symbionten waren, ist nicht geklärt. Auch die winzigen fragilen Buchlungen fossiler Spinnenverwandter (Atmungsorgan der Trigonotarbiden) sind in solchen Querschnitten nachweisbar.<br></br>Ihre Neubewertung von <em>Prototaxites</em> hatte das Team um <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.aec6277#con1">Corentin C. Loron</a> und <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.aec6277#con2">Laura M. Cooper</a> auf <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.aec6277">ScienceAdvances veröffentlicht</a>.</p> <p>Die Molekularbiologin Laura Cooper hingegen schrieb in ihrem Thread auf dem Kurznachrichtendienst BlueSky in einer Kurzvorstellung der Publikation, <em>Prototaxites </em>passe in keine Gruppe der heutigen Pilze.</p> <p>In ihrem aus dem Rhynie Chert-Hornstein geschnittenen und polierten Stückchen NSC.36 war <em>Prototaxites</em>-Gewebe extrem gut erhalten, zusammen mit einer großen Bandbreite anderer Organismen wie Pilzen und Pflanzen.  </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-35.png"><img alt="" decoding="async" height="170" sizes="(max-width: 452px) 100vw, 452px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-35.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-35.png 452w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-35-300x113.png 300w" width="452"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-38.png"><img alt="" decoding="async" height="412" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 365px) 100vw, 365px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-38.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-38.png 365w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-38-266x300.png 266w" width="365"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-37.png"><img alt="" decoding="async" height="393" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 363px) 100vw, 363px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-37.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-37.png 363w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-37-277x300.png 277w" width="363"></img></a></figure> <p>Laura Coopers Beitrag zu diesem Forschungsprojekt war die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Konfokalmikroskop">konfokale Laserscanning-Mikroskopie</a>, eine besonders hochauflösende Form der Mikroskopie zur Mikrostruktur Analyse. Bei dieser speziellen Lichtmikroskopie wird nicht das gesamte Präparat beleuchtet, sondern zu jedem Zeitpunkt nur ein Bruchteil davon, oft nur ein kleiner Lichtfleck. Werden diese einzelnen Bilder zusammengefügt, ergeben sich optische Schnittbilder mit besonders hohem Kontrast.  </p> <p>Dadurch fanden sie bei <em>Prototaxites</em> kugelförmige „Markflecken“ (medullary spots). Bei der bildlichen Rekonstruktion stellte sich heraus, dass sie aus vielen dicht gepackten kleinen Röhren bestehen, die stark miteinander verbunden sind. Solche Strukturen seien bei Pilzen unbekannt. Stattdessen ähneln sie, so das Forscherteam, vielmehr Strukturen, die an Gas- oder anderen Austauschfunktionen beteiligt sind, wie beispielsweise die Säugetier-Lungenbläschen. Darum könnten die Markflecken eine völlig andere physiologische Funktion gehabt haben als die, die von Pilzen bekannt sind.</p> <p>Weiterhin fanden sie im gesamten untersuchten Organismus Röhren mit inneren Verdickungen oder Bändern. Solche gebänderten Röhren kommen ebenfalls nicht in Pilzen vor, sondern ähneln dem Xylem, also dem Wasser-Leitsystem, von Landpflanzen – sie könnten in <em>Prototaxites</em> eine ähnliche Funktion gehabt haben.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-39.png"><img alt="" decoding="async" height="465" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-39.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-39.png 480w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-39-300x291.png 300w" width="480"></img></a></figure> <p>Dazu kommt, dass der molekulare Fingerabdruck Abweichungen zu allen anderen Organismengruppen im Rhynie-Chert ergab – auch zu den Pilzen. Dies deutete auf einen anderen Zellwandaufbau als Pilze mit ihrem Chitin und Glucan hin.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-36.png"><img alt="" decoding="async" height="198" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 467px) 100vw, 467px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-36.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-36.png 467w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-36-300x127.png 300w" width="467"></img></a></figure> <p>Da <em>Prototaxites</em> </p> <ul> <li>Röhrenstrukturen und vermutlich eine andere Physiologie hatte</li> <li>einen anderen molekularen Fingerabdruck aufwies</li> <li>Pilz-Zellwände fehlten </li> </ul> <p>vermuteten die Forschenden, dass dieses Mega-Fossil doch kein Pilz war.<br></br>Da es in keine der bekannten Gruppen passt, könnte es sich, so Laura Cooper et al, um einen Repräsentanten einer neuen Gruppe handeln.</p> <p>Ich persönlich bin davon noch nicht so ganz überzeugt.<br></br>Ein ganz neues Reich solch großer Organismen ohne andere dazu gehörende Arten, Vorfahren und Nachfahren kommt mir zu unwahrscheinlich vor, Organismen-Reiche entstehen schließlich nicht im luftleeren Raum einiger Jahrmillionen – sie sind vielmehr Ergebnisse von Entwicklungen in der Größenordnung Hunderter Jahrmillionen.<br></br>Ich frage mich eher, ob die Daten auf einen Organismus aus verschiedenen Arten hinweisen könnten Oder möglicherweise sogar Artefakte sind, die durch besondere Fossilisationsumstände verursacht wurden.</p> <p>Darum bin ich sehr gespannt, ob andere Arbeitsgruppe diese Ergebnisse bestätigen oder widerlegen werden. Auf jeden Fall eine extrem interessante Arbeit mit bislang sehr überraschenden Ergebnissen. Ich bin jedenfalls fest davon überzeugt, dass zu <em>Prototaxites </em>noch lange nicht das letzte Wort gesprochen bzw. geschrieben wurde.</p> <h2 id="h-prototaxites-interstellari-pilz-turbo-im-star-trek-universum"><strong><em>Prototaxites interstellari</em> – Pilz-Turbo im Star Trek-Universum</strong></h2> <p>Als ich 2018 die ersten Folgen der Star Trek-Serie <em>Discovery</em> sah, war ich sehr erstaunt, auf gleich zwei alte Bekannte zu treffen: Auf den Pilz <em>Prototaxites </em>und ein Bärtierchen (Tardigrade). Diese Serie setzt zeitlich vor <em>Star Trek</em> <em>The Original Series </em>(mit Captain James T. Kirk und Spock) an und enthält dadurch vertraute Charaktere wie Spock und Captain Pike, aber auch den miesen Harry Mudd.</p> <p>Allerdings findet und nutzt die USS <em>Discovery </em>einen experimentellen Sporenantrieb. Im 23. Jahrhundert der USS <em>Discovery</em>-Timeline erstreckt sich ein feines Geflecht aus makroskopisch nahezu unsichtbaren Pilzfäden, dem Myzel, über das Weltall. Innerhalb dieses Myzels bewegt sich die<em> Discovery</em> wie in einem gigantischen Netz, analog einem Computer-Netzwerk wie etwa in „Matrix“. Die Spezies <em>Prototaxites</em> <em>stellaviatori</em> wurde „aus exotischem Material aus einer abgetrennten, zeitdiskreten, abstrakten Subspace-Region konstruiert. Das Mycel schüttet seine Sporen dann in die Unendlichkeit des Weltalls aus und daraus bildet sich das Myzel-Netzwerk.“ (Captain Lorca der USS <em>Discovery</em>)<em>.</em><br></br>In einer Pilzkammer – dem Pendant zu einem botanischen Garten, aber eben für Pilze – wird der Pilz <em>Prototaxites</em> <em>stellaviatori</em> gezüchtet und seine Sporen für den Betrieb des Antriebs geerntet. Diese Pilzkammer ist mit einem Atem-Scanner streng gesichert, schließlich ist <em>Prototaxites</em> eine Geheimwaffe.</p> <p>Die Funktion des Sporenantriebs erklärt der mysteriös-sinistre Captain Lorca der USS <em>Discovery</em> gegenüber der Hauptperson Michael Burnham so: “Stellen Sie sich ein mikroskopisch feines Netz vor, das sich über den ganzen Kosmos erstreckt. Ein intergalaktisches Ökosystem. Eine unendliche Anzahl von Wegen, die nach überall führen.” Ein nur auf zellularem Niveau sichtbares Pilzgeflecht erstreckt sich über das ganze Universum und wenn man an einer Stelle einsteigt, kann man darin extrem schnell überall hinreisen – also praktisch mit Mega-Warp. Und die USS <em>Discovery</em> hat den Schlüssel zum Eintauchen in diesen pilzigen Mikrokosmos. „Code Black!” heißt es dann auf dem Sternenflotten-Schiff – das Sternenschiff beginnt um die eigene Achse zu rotieren und alles ist Glitzer. Star Trek Discovery ist ganz sicher mit großem Abstand der Sternenflotten-Ableger mit dem meisten Glitzer.</p> <p>Die Sporen aus der Brutkammer erstellen dann eine Verbindung zwischen dem Raumschiff und dem mikrozellularen Myzel, gesteuert wird durch einen ins Netzwerk integrierten Navigator. Auf der USS <em>Discovery</em> ist es zunächst ein überdimensionaler Tardigrade, also das raumfahrerprobte Bärtierchen, später der Astromykologe Lieutenant Paul Stamets selbst.<br></br>Paul Stamets ist der einzige Star Trek-Charakter, der nach einem lebenden Menschen benannt wurde – nach dem Mycologen Paul Stamets. <a href="https://youtu.be/XI5frPV58tY">Sein TEDx-Talk über Pilze</a> ist ein Potpourri von Ideen zur Anwendung von Pilzen und unbedingt sehenswert. <a href="https://scitizen.com/future-energies/can-mushrooms-save-the-world-_a-14-2891.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Er hält eine ganze Reihe von Pilz-Patenten,</a> etwa zur effektiven biologischen Schädlingsbekämpfung und für medizinische Anwendungen. Pilze hält er für eine Lösung für die Energieprobleme: Mycelien verwandeln Cellulose in Pilzzucker um, woraus wiederum Alkohol als Treibstoff produziert werden kann. “Econol” nennt Stamets diesen Pilzfusel.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-43.png"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-43.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-43.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-43-300x225.png 300w" width="768"></img></a><figcaption>“Stamets holding Laricifomes officinalis in 2006”<br></br>(C) Dusty Yao-Stamets – Personal correspondence, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3785848</figcaption></figure> <p>Beeindruckend ist auch die Effektivität der haardünnen Geflechte als ökologische Aufräumtruppe: Ein Pilzmyzel kann etwa nach Ölkatastrophen die organischen Verbindungen des Öls aufbrechen und in unschädliche Substanzen umwandeln, auf denen schnell wieder alles wächst und gedeiht. Diese Fähigkeit der Pilze, Gestein, Schweröl und andere Substanzen schnell in fruchtbaren Boden umzuwandeln, macht sie zu Wegbereitern für ganze Ökosysteme. Stamets hat mehrere Systeme entwickelt, Pilzkulturen in Sporenform global zu versenden, die an jedem Ort der Welt schnell ein neues Ökosystem induzieren können.</p> <p>Zurück zu Star Trek-<em>Discovery</em>: <em>Prototaxites stellaviatori</em> ist eine Neuschöpfung, die Ideen von Sporenantrieb und Tardigrad sowohl von Stamets, Burnham u a <a href="https://gizmodo.com/court-reaffirms-star-trek-discovery-copyright-suit-dis-1844753933">haben die Produzenten von einem Videospiel-Entwickler gestohlen – sind aber damit davongekommen.</a><br></br>Die Pilzsporen glitzern wie Einhornstaub oder magic mushrooms und visualisieren damit plakativ, dass diese Technologie den Boden der Logik verlässt und in endgültig in Richtung Esoterik davontänzelt.</p> <p>(Falls Ihr eine ausführlichere Darstellung der Vorgänge an Bord der Discovery und einen detaillierteren Faktencheck wollt – <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2020/12/24/24-12/?all=1">hier</a>. Mehr über Pilze im Weltraum produziere ich im Laufe dieses Jahres, in Texten und Vorträgen).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/neues-von-prototaxites-pflanze-pilz-alge-oder-was-ganz-anderes/#comments 16 Lebenswichtiger Mond https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lebenswichtiger-mond/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lebenswichtiger-mond/#comments Fri, 27 Feb 2026 06:42:40 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12653 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Schneeglocken_20260225_123505-768x576.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lebenswichtiger-mond/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Schneeglocken_20260225_123505.jpg" /><h1>Lebenswichtiger Mond » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Die Sonne ist lebenswichtig; das sehen wir draußen gerade eindrucksvoll: kaum erblaute der Himmel, strecken sich die ersten Schneeglöckchen, Winterlinge und Krokusse aus dem dörren Gras.</p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eisbach_20260123_101953.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eisbach_20260123_101953-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eisbach_20260123_101953-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eisbach_20260123_101953-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eisbach_20260123_101953.jpg 960w" width="768"></img></a></figure> </div> <div> <p><em>Vom Eise befreit sind Strom und Bäche</em><p><em>Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;</em><em>Im Tale grünet Hoffnungsglück;</em><em>Der alte Winter, in seiner Schwäche,</em><em>Zog sich in rauhe Berge zurück.</em><em>Von dort her sendet er, fliehend, nur</em><em>Ohnmächtige Schauer körnigen Eises</em><em>In Streifen über die grünende Flur;</em><em>Aber die Sonne duldet kein Weißes,</em><em>Überall regt sich Bildung und Streben,</em><em>Alles will sie mit Farben beleben;</em></p></p> <p>(Goethe)</p> </div> </div> <h2 id="h-mond">Mond</h2> <p>Der Mond ist aber ebenso wichtig für das Leben auf der Erde.</p> <p>Chronobiologen erforschen die zeitliche Ordnung und Perioden physiologischer Funktionen. Das Buch von <strong>Endres &amp; Schad “Die Biologie des Mondes”</strong> handelt von biologischen Rhythmen, die mit denen des Mondes in Zusammenhang gebracht werden können. Es gibt Blumen, die nur bei Vollmond blühen, Fische, die die mit Voll- und Neumond verbundene Springflut zum Laichen benötigen, und als Wüstenwandererin (<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/voyage-bizarre-im-land-der-b-cher/">bis 2008</a>) weiß ich, dass das Licht des Mondes auch menschliche Aktivitäten bestimmt: Vollmondnächte sind hell genug, dass man zu Fuß weiterreisen kann, während das in mondlosen Nächten zu gefährlich ist. <aside></aside></p> <p>Forschungen zeigen zudem seit langem, dass unser Mond nicht unerheblich zur Erhaltung der konstanten Bedingungen auf der Erde beiträgt. Der Trabant stabilisiert durch seinen Umlauf die Rotationsachse unseres Planeten (<strong>Ward and Browlee 2000</strong>). Anders gesagt: nur weil der Mond um die Erde läuft, kippt die Erde im All nicht um und wird immer gleichmäßig von der Sonne beleuchtet (bis auf das leichte Präzessionstaumeln), so dass das Klima über Jahrmillionen stabil genug bleibt, damit sich Lebensformen von Einzellern zu komplexeren Wesen entwickeln konnten. </p> <p>Zu den poetischen Seiten des Mondes hatte ich bereits früher geschrieben, z.B.: </p> <ul> <li>Mond – <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/der-mond-2/">Bilderpoesie</a> (2019)</li> <li>Fotos einer <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/noch-einmal-mond/">kompletten Lunation</a> (2019)</li> <li>verschiedene <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/mann-im-mond/">Bilder, die in Kulturen in den Flecken</a> gesehen werden (2025)</li> </ul> <hr></hr> <ul> <li>Klaus-Peter Endres und Wolfgang Schad (1997). Biologie des Mondes. Mondperiodik und Lebensrythmen: Mondperiodik und Lebensrhythmen, S. Hirzel, Stuttgart/Leipzig</li> <li>Peter D. Ward and Donald Browlee, editors (2000). Rare Earth: Why Complex Life is Uncommon in the Universe. Copernicus Books, New York.</li> </ul> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Schneeglocken_20260225_123505.jpg" /><h1>Lebenswichtiger Mond » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Die Sonne ist lebenswichtig; das sehen wir draußen gerade eindrucksvoll: kaum erblaute der Himmel, strecken sich die ersten Schneeglöckchen, Winterlinge und Krokusse aus dem dörren Gras.</p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eisbach_20260123_101953.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eisbach_20260123_101953-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eisbach_20260123_101953-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eisbach_20260123_101953-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eisbach_20260123_101953.jpg 960w" width="768"></img></a></figure> </div> <div> <p><em>Vom Eise befreit sind Strom und Bäche</em><p><em>Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;</em><em>Im Tale grünet Hoffnungsglück;</em><em>Der alte Winter, in seiner Schwäche,</em><em>Zog sich in rauhe Berge zurück.</em><em>Von dort her sendet er, fliehend, nur</em><em>Ohnmächtige Schauer körnigen Eises</em><em>In Streifen über die grünende Flur;</em><em>Aber die Sonne duldet kein Weißes,</em><em>Überall regt sich Bildung und Streben,</em><em>Alles will sie mit Farben beleben;</em></p></p> <p>(Goethe)</p> </div> </div> <h2 id="h-mond">Mond</h2> <p>Der Mond ist aber ebenso wichtig für das Leben auf der Erde.</p> <p>Chronobiologen erforschen die zeitliche Ordnung und Perioden physiologischer Funktionen. Das Buch von <strong>Endres &amp; Schad “Die Biologie des Mondes”</strong> handelt von biologischen Rhythmen, die mit denen des Mondes in Zusammenhang gebracht werden können. Es gibt Blumen, die nur bei Vollmond blühen, Fische, die die mit Voll- und Neumond verbundene Springflut zum Laichen benötigen, und als Wüstenwandererin (<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/voyage-bizarre-im-land-der-b-cher/">bis 2008</a>) weiß ich, dass das Licht des Mondes auch menschliche Aktivitäten bestimmt: Vollmondnächte sind hell genug, dass man zu Fuß weiterreisen kann, während das in mondlosen Nächten zu gefährlich ist. <aside></aside></p> <p>Forschungen zeigen zudem seit langem, dass unser Mond nicht unerheblich zur Erhaltung der konstanten Bedingungen auf der Erde beiträgt. Der Trabant stabilisiert durch seinen Umlauf die Rotationsachse unseres Planeten (<strong>Ward and Browlee 2000</strong>). Anders gesagt: nur weil der Mond um die Erde läuft, kippt die Erde im All nicht um und wird immer gleichmäßig von der Sonne beleuchtet (bis auf das leichte Präzessionstaumeln), so dass das Klima über Jahrmillionen stabil genug bleibt, damit sich Lebensformen von Einzellern zu komplexeren Wesen entwickeln konnten. </p> <p>Zu den poetischen Seiten des Mondes hatte ich bereits früher geschrieben, z.B.: </p> <ul> <li>Mond – <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/der-mond-2/">Bilderpoesie</a> (2019)</li> <li>Fotos einer <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/noch-einmal-mond/">kompletten Lunation</a> (2019)</li> <li>verschiedene <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/mann-im-mond/">Bilder, die in Kulturen in den Flecken</a> gesehen werden (2025)</li> </ul> <hr></hr> <ul> <li>Klaus-Peter Endres und Wolfgang Schad (1997). Biologie des Mondes. Mondperiodik und Lebensrythmen: Mondperiodik und Lebensrhythmen, S. Hirzel, Stuttgart/Leipzig</li> <li>Peter D. Ward and Donald Browlee, editors (2000). Rare Earth: Why Complex Life is Uncommon in the Universe. Copernicus Books, New York.</li> </ul> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lebenswichtiger-mond/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>4</slash:comments> </item> <item> <title>Heilige Zeiten in Deutschland – Beobachtungen vor Ostern und zum Ramadan 2026 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/heilige-zeiten-in-deutschland-beobachtungen-vor-ostern-und-zum-ramadan-2026/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/heilige-zeiten-in-deutschland-beobachtungen-vor-ostern-und-zum-ramadan-2026/#comments Thu, 26 Feb 2026 20:51:28 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11080 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1618-768x386.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/heilige-zeiten-in-deutschland-beobachtungen-vor-ostern-und-zum-ramadan-2026/</link> </image> <description type="html"><h1>Heilige Zeiten in Deutschland 2026</h1><h2>By Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Wer immer wieder gegen Hass und Hetze ankämpft, sollte sich Zeit nehmen, immer wieder auch das viele Gute zu sehen, das in unserer Gegenwart und in unserer Heimat geschieht!</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gemeinsam-gegen-hass-hetze-im-podcast-dialog-mit-josephine-ballon-von-hateaid/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Links Anna-Lena von Hodenberg und rechts Dr. Michael Blume vor dem Stand von HateAid beim CDU-Bundesparteitag 2026 in Stuttgart." decoding="async" height="2560" sizes="(max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1571-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1571-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1571-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1571-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1571-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1571-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></a></p> <p><em><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gemeinsam-gegen-hass-hetze-im-podcast-dialog-mit-josephine-ballon-von-hateaid/">Michael Blume mit der HateAid-Co-Chefin Anna-Lena von Hodenberg</a> beim CDU-Bundesparteitag 2026 in Stuttgart. Foto: HateAid</em></p> <p>Das Ende des Jahres 2025 endete für mich auch als Religionswissenschaftler sehr bewegend: <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zeitenwende-mit-solarpunk-allen-einen-guten-rosch-ins-jahr-2026/">In <strong>Pforzheim, Baden-Württemberg</strong> feierten am 20.12.2025 wohl erstmals in der deutschen Religionsgeschichte jüdische, christliche und jesidische Geistliche miteinander Advent, Chanukka und Ida-Ezi</a>. Dies war möglich, weil das rabbinische Judentum einen kombinierten Sonnen-Mond-Kalender (Lunisolarkalender) verwendet, das heutige, evangelische &amp; katholische Christentum den gregorianischen Sonnenkalender und das Jesidentum für viele (nicht alle) <a href="https://www.religionen-entdecken.de/lexikon/i/ida-ezi">Feiertage einschließlich Ida-Ezi</a> den julianischen Sonnenkalender. Dadurch berühren sich die religiösen Lichtfeiern rund um die Wintersonnenwende in diesen drei Religionen. Muslimische Freundinnen und Freunde waren ebenfalls anwesend, der islamische Kalender richtet sich jedoch nach dem Mond und verschiebt sich also jährlich um etwa 11 Tage zum Sonnenkalender.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=e4NKOyhdlYM" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Einladung zum gemeinsamen Festakt von Judentum (Chanukka), Christentum (Advent) und Jesidentum (Ida-Ezi) am 20.12.2025 in Pforzheim. Link führt zu einer Befragung von Dr. Michael Blume auf dem Podium." decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a><aside></aside></p> <p>  <em>Einladung <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zeitenwende-mit-solarpunk-allen-einen-guten-rosch-ins-jahr-2026/">zum gemeinsamen Festakt von Judentum (Chanukka), Christentum (Advent) und Jesidentum (Ida-Ezi) am 20.12.2025 in Pforzheim</a>. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Doch zu meiner Freude konnte ich jetzt in 2026 feststellen, dass auch das Miteinander christlicher, muslimischer &amp; weiterer Menschen in Deutschland große Fortschritte macht. <a href="https://www.deutschlandfunk.de/fastenzeit-und-ramadan-wie-muslime-und-christen-gemeinsam-fasten-100.html">Mechthild Klein vom Deutschlandfunk erstellte eine dialogische Sendung über <strong><em>“Fastenzeit &amp; Ramadan”</em></strong></a>, in der deutlich wurde, dass gegenseitige Einladungen und gemeinsame Feiern nicht mehr exotische Ausnahmen, sondern immer öfter gelebter Alltag sind. Auch bei unserer (christlich-muslimischen) Familie meldeten sich jüdische und christliche Freundinnen und Freunde mit großer Selbstverständlichkeit – und im Gegensatz zu früher werden die Feiertage auch nicht mehr als türkisch oder arabisch geframed, sondern als deutsch-muslimisch.</p> <p><a href="https://www.deutschlandfunk.de/fastenzeit-und-ramadan-wie-muslime-und-christen-gemeinsam-fasten-100.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Links Spektrum Geschichte 01.26 mit einer genialischen Titelgeschichte von Tobias Sauer zur Berechnung der christlichen Zeitrechnung nach dem Gelehrten Dionysius Exiguus (470 - 540 n.Chr.), Mitte &quot;Der Koran für Kinder und Erwachsene&quot; von Lamya Kaddor und Rabeya Müller (C.H. Beck 2009), rechts das religionsdemografische &quot;Cities of God&quot; von Rodney Stark (2006) zur Ausbreitung des Christentums in Frauen- und Familiennetzwerken der Städte rund ums Mittelmeer." decoding="async" height="1287" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1618-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1618-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1618-300x151.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1618-1024x515.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1618-768x386.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1618-1536x772.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1618-2048x1030.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Das Miteinander von Wissenschaften und Religionen in drei Schriften: Links <a href="https://www.spektrum.de/news/vor-1500-jahren-der-moench-der-unsere-zeitrechnung-erfand/2256907">Spektrum Geschichte 01.26 mit einer genialischen Titelgeschichte von Tobias Sauer zur Berechnung der christlichen Zeitrechnung</a> nach dem Gelehrten Dionysius Exiguus (470 – 540 n.Chr.), Mitte “Der Koran für Kinder und Erwachsene” von Lamya Kaddor und Rabeya Müller (C.H. Beck 2009), rechts das religionsdemografische “Cities of God” von Rodney Stark (2006) zur Ausbreitung des Christentums in Frauen- und Familiennetzwerken der Städte rund ums Mittelmeer. Foto: Michael Blume </em></p> <p><strong>Zeit emergiert, aber wiederholt sich nicht</strong></p> <p>Schließlich wurde <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zeit-zum-dialog-ueber-zeit-in-erinnerung-an-wolfgang-achtner-1957-2017/">meine Begeisterung für die Zeit</a> auch dadurch beflügelt, dass die Hamburger Wochenzeitung DIE ZEIT zum 80. Geburtstag eine berührende Kopie ihrer Erstausgabe veröffentlichte!</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/diesseits-von-zeit-raum-aus-fediversum-und-ki-emergiert-das-erste-perfekte-medium-nach-harold-innis/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Eine Kopie der Erstausgabe der Wochenzeitung DIE ZEIT vom 21. Februar 1946." decoding="async" height="2560" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1603-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1603-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1603-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1603-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1603-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1603-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></a></p> <p><em>Kopie der DIE ZEIT-Erstausgabe vom 21. Februar 1946. Foto: Michael Blume</em></p> <p>So kann ich heute also sicher bloggen: <strong>Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und insbesondere auch des Landes Baden-Württemberg gab es ein so gutes, interreligiöses Miteinander von Angehörigen verschiedener und keiner Religion. </strong>Nicht trotz, sondern wegen allen Problemen, denen mein Team und ich gerade auch in der Arbeit gegen Antisemitismus und Freund-Feind-Dualismus täglich begegnen, dürfen wir auch nicht übersehen, wie weit wir gemeinsam und dialogisch bereits gekommen sind.</p> <p>Und dies ist übrigens auch der eigentliche Grund <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/116133643489122352">für das Trommelfeuer aus Hassmails, Hass und Hetze gegen unser Fediversum, unser Land und gegen unsere Städte</a>: Fossilisten, Rassisten, Antisemitinnen, Dualisten kommen einfach nicht darauf klar, dass es in Baden-Württemberg so gut läuft. Sie haten gegen das Miteinander an, weil sie spüren, dass sie sich auch selbst verlieren.</p> <p>Ich bin davon überzeugt: Das 21. Jahrhundert wird demografisch, interdisziplinär und interreligiös vielfältigen Solarpunk-Arche-Regionen gehören, die frühzeitig Resilienz auch gegen die Klima-, Wasser- und Medienkrisen aufgebaut haben.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/l2RDusSzt-c?feature=oembed" title="Verschwörungsfragen 4: Zeit und Kalender zwischen Hoffnung und Antisemitismus" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Heilige Zeiten in Deutschland 2026</h1><h2>By Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Wer immer wieder gegen Hass und Hetze ankämpft, sollte sich Zeit nehmen, immer wieder auch das viele Gute zu sehen, das in unserer Gegenwart und in unserer Heimat geschieht!</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gemeinsam-gegen-hass-hetze-im-podcast-dialog-mit-josephine-ballon-von-hateaid/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Links Anna-Lena von Hodenberg und rechts Dr. Michael Blume vor dem Stand von HateAid beim CDU-Bundesparteitag 2026 in Stuttgart." decoding="async" height="2560" sizes="(max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1571-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1571-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1571-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1571-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1571-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1571-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></a></p> <p><em><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gemeinsam-gegen-hass-hetze-im-podcast-dialog-mit-josephine-ballon-von-hateaid/">Michael Blume mit der HateAid-Co-Chefin Anna-Lena von Hodenberg</a> beim CDU-Bundesparteitag 2026 in Stuttgart. Foto: HateAid</em></p> <p>Das Ende des Jahres 2025 endete für mich auch als Religionswissenschaftler sehr bewegend: <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zeitenwende-mit-solarpunk-allen-einen-guten-rosch-ins-jahr-2026/">In <strong>Pforzheim, Baden-Württemberg</strong> feierten am 20.12.2025 wohl erstmals in der deutschen Religionsgeschichte jüdische, christliche und jesidische Geistliche miteinander Advent, Chanukka und Ida-Ezi</a>. Dies war möglich, weil das rabbinische Judentum einen kombinierten Sonnen-Mond-Kalender (Lunisolarkalender) verwendet, das heutige, evangelische &amp; katholische Christentum den gregorianischen Sonnenkalender und das Jesidentum für viele (nicht alle) <a href="https://www.religionen-entdecken.de/lexikon/i/ida-ezi">Feiertage einschließlich Ida-Ezi</a> den julianischen Sonnenkalender. Dadurch berühren sich die religiösen Lichtfeiern rund um die Wintersonnenwende in diesen drei Religionen. Muslimische Freundinnen und Freunde waren ebenfalls anwesend, der islamische Kalender richtet sich jedoch nach dem Mond und verschiebt sich also jährlich um etwa 11 Tage zum Sonnenkalender.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=e4NKOyhdlYM" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Einladung zum gemeinsamen Festakt von Judentum (Chanukka), Christentum (Advent) und Jesidentum (Ida-Ezi) am 20.12.2025 in Pforzheim. Link führt zu einer Befragung von Dr. Michael Blume auf dem Podium." decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a><aside></aside></p> <p>  <em>Einladung <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zeitenwende-mit-solarpunk-allen-einen-guten-rosch-ins-jahr-2026/">zum gemeinsamen Festakt von Judentum (Chanukka), Christentum (Advent) und Jesidentum (Ida-Ezi) am 20.12.2025 in Pforzheim</a>. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Doch zu meiner Freude konnte ich jetzt in 2026 feststellen, dass auch das Miteinander christlicher, muslimischer &amp; weiterer Menschen in Deutschland große Fortschritte macht. <a href="https://www.deutschlandfunk.de/fastenzeit-und-ramadan-wie-muslime-und-christen-gemeinsam-fasten-100.html">Mechthild Klein vom Deutschlandfunk erstellte eine dialogische Sendung über <strong><em>“Fastenzeit &amp; Ramadan”</em></strong></a>, in der deutlich wurde, dass gegenseitige Einladungen und gemeinsame Feiern nicht mehr exotische Ausnahmen, sondern immer öfter gelebter Alltag sind. Auch bei unserer (christlich-muslimischen) Familie meldeten sich jüdische und christliche Freundinnen und Freunde mit großer Selbstverständlichkeit – und im Gegensatz zu früher werden die Feiertage auch nicht mehr als türkisch oder arabisch geframed, sondern als deutsch-muslimisch.</p> <p><a href="https://www.deutschlandfunk.de/fastenzeit-und-ramadan-wie-muslime-und-christen-gemeinsam-fasten-100.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Links Spektrum Geschichte 01.26 mit einer genialischen Titelgeschichte von Tobias Sauer zur Berechnung der christlichen Zeitrechnung nach dem Gelehrten Dionysius Exiguus (470 - 540 n.Chr.), Mitte &quot;Der Koran für Kinder und Erwachsene&quot; von Lamya Kaddor und Rabeya Müller (C.H. Beck 2009), rechts das religionsdemografische &quot;Cities of God&quot; von Rodney Stark (2006) zur Ausbreitung des Christentums in Frauen- und Familiennetzwerken der Städte rund ums Mittelmeer." decoding="async" height="1287" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1618-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1618-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1618-300x151.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1618-1024x515.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1618-768x386.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1618-1536x772.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1618-2048x1030.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Das Miteinander von Wissenschaften und Religionen in drei Schriften: Links <a href="https://www.spektrum.de/news/vor-1500-jahren-der-moench-der-unsere-zeitrechnung-erfand/2256907">Spektrum Geschichte 01.26 mit einer genialischen Titelgeschichte von Tobias Sauer zur Berechnung der christlichen Zeitrechnung</a> nach dem Gelehrten Dionysius Exiguus (470 – 540 n.Chr.), Mitte “Der Koran für Kinder und Erwachsene” von Lamya Kaddor und Rabeya Müller (C.H. Beck 2009), rechts das religionsdemografische “Cities of God” von Rodney Stark (2006) zur Ausbreitung des Christentums in Frauen- und Familiennetzwerken der Städte rund ums Mittelmeer. Foto: Michael Blume </em></p> <p><strong>Zeit emergiert, aber wiederholt sich nicht</strong></p> <p>Schließlich wurde <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zeit-zum-dialog-ueber-zeit-in-erinnerung-an-wolfgang-achtner-1957-2017/">meine Begeisterung für die Zeit</a> auch dadurch beflügelt, dass die Hamburger Wochenzeitung DIE ZEIT zum 80. Geburtstag eine berührende Kopie ihrer Erstausgabe veröffentlichte!</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/diesseits-von-zeit-raum-aus-fediversum-und-ki-emergiert-das-erste-perfekte-medium-nach-harold-innis/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Eine Kopie der Erstausgabe der Wochenzeitung DIE ZEIT vom 21. 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Foto: Michael Blume</em></p> <p>So kann ich heute also sicher bloggen: <strong>Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und insbesondere auch des Landes Baden-Württemberg gab es ein so gutes, interreligiöses Miteinander von Angehörigen verschiedener und keiner Religion. </strong>Nicht trotz, sondern wegen allen Problemen, denen mein Team und ich gerade auch in der Arbeit gegen Antisemitismus und Freund-Feind-Dualismus täglich begegnen, dürfen wir auch nicht übersehen, wie weit wir gemeinsam und dialogisch bereits gekommen sind.</p> <p>Und dies ist übrigens auch der eigentliche Grund <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/116133643489122352">für das Trommelfeuer aus Hassmails, Hass und Hetze gegen unser Fediversum, unser Land und gegen unsere Städte</a>: Fossilisten, Rassisten, Antisemitinnen, Dualisten kommen einfach nicht darauf klar, dass es in Baden-Württemberg so gut läuft. Sie haten gegen das Miteinander an, weil sie spüren, dass sie sich auch selbst verlieren.</p> <p>Ich bin davon überzeugt: Das 21. Jahrhundert wird demografisch, interdisziplinär und interreligiös vielfältigen Solarpunk-Arche-Regionen gehören, die frühzeitig Resilienz auch gegen die Klima-, Wasser- und Medienkrisen aufgebaut haben.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/l2RDusSzt-c?feature=oembed" title="Verschwörungsfragen 4: Zeit und Kalender zwischen Hoffnung und Antisemitismus" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/heilige-zeiten-in-deutschland-beobachtungen-vor-ostern-und-zum-ramadan-2026/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>67</slash:comments> </item> <item> <title>Süß, süßer, Babys! Wie beeinflusst Niedlichkeit unser Verhalten? https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/suess-suesser-babys-wie-beeinflusst-niedlichkeit-unser-verhalten/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/suess-suesser-babys-wie-beeinflusst-niedlichkeit-unser-verhalten/#respond Mon, 23 Feb 2026 06:00:00 +0000 Luisa Sophie Engelke https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5544 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Feb-3-2026-10_09_38-AM-768x768.png <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/suess-suesser-babys-wie-beeinflusst-niedlichkeit-unser-verhalten/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Feb-3-2026-10_09_38-AM.png" /><h1>Süß, süßer, Babys! Wie beeinflusst Niedlichkeit unser Verhalten? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Luisa Sophie Engelke</h2><div itemprop="text"> <p>Denkt mal an das Süßeste, was euch einfällt. Die Chancen stehen sehr hoch, dass ihr an Babys oder vielleicht auch an Baby-Tiere gedacht habt, richtig? </p> <p>Ich kenne das von mir selbst auch ziemlich gut, wobei ich sogar das Gefühl habe, dass Tierbabys mich sogar noch mehr begeistern. Erst letztens ist es wieder passiert: Ich bin mit Freunden eine Straße entlang gelaufen und war im Gespräch vertieft, und auf einmal sah ich den süßesten Rauhaardackel überhaupt! Das Gespräch war auf einmal nebensächlich geworden und ich konnte nicht anders, als mich dem Dackel zuzuwenden, zu grinsen und in seine freundlichen Augen zu schauen! Nachdem die kurze Euphorie vorbei war, führte ich das Gespräch fort, das ich ungewollt auf Eis gelegt hatte. Ich fragte mich, wie es eigentlich sein kann, dass dieser süße Dackel meine Aufmerksamkeit völlig auf sich zog, ohne dass ich dem widerstehen konnte?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/45191924_9087345.jpg"><img alt="süßer Hund" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/45191924_9087345-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/45191924_9087345-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/45191924_9087345-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/45191924_9087345-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/45191924_9087345-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/45191924_9087345-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/45191924_9087345.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Seid ihr denn mal an einem süßen Hund vorbeigelaufen, ohne ihn anzulächeln und ein aufrichtiges „Aweee ist der süß“ gesagt zu haben? Oder wenn am Nachbartisch im Café ein süßes Baby saß, das munter vor sich hin lachte, hat es euch nicht auch verzaubert? </p> <p>Kaum jemand kommt drum herum, nicht hinzuschauen und selbst anzufangen, zu lächeln. Und nicht nur bei Babys und Tierbabys empfinden wir so, selbst bei Gegenständen wie Puppen, Spielzeug oder kleinen Dingen kann in uns das starke Gefühl von „Oh nein, das ist aber süß!“ aufkommen!</p> <p>Aber wieso ist das so und was passiert dabei in unserem Gehirn?<aside></aside></p> <h3 id="h-niedlichkeit-als-uberlebensstrategie">Niedlichkeit als Überlebensstrategie</h3> <p>Niedlichkeit wird von den meisten von uns mit positiven sozialen Bindungen, Empathie, und schönen Emotionen in Verbindung gebracht [1]. Süße Dinge machen uns einfach glücklich, doch Babys scheinen nochmal niedlicher zu sein als andere Dinge, oder?</p> <p>Babys sind in der ersten Zeit ihres Lebens hilflos und schutzbedürftig. Für sie ist es überlebensnotwendig, dass man sich um sie kümmert [2]. Daher ist es für sie sehr von Vorteil, wenn sie so viel unserer <strong>Aufmerksamkeit</strong> erhalten wie möglich. Und das scheint ziemlich gut zu funktionieren:</p> <p>Studien zeigten tatsächlich, dass Niedlichkeit die elterliche <strong>Fürsorge</strong> erhöht [3], [4]. Niedlichere Babys rufen eine stärkere emotionale Erfahrung hervor als weniger niedliche Babys und steigern damit die Fürsorgemotivation [5]. Wenn Menschen in Studien mit Kinder- und Erwachsenengesichtern konfrontiert waren, schauten die Teilnehmer länger die Kindergesichter an [6]. Außerdem deuten Studien darauf hin, dass Babygesichter schneller wahrgenommen werden als erwachsene Gesichter. Dieser Effekt tritt besonders bei Frauen im Vergleich zu Männern auf [9]. Dies könnte bereits damals dafür gesorgt haben, dass sich besonders die Mütter um süße Babys länger gekümmert haben, weil sie die Aufmerksamkeit auf sich zogen!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1736962_247092-P3QD0I-209.jpg"><img alt="Süße Babys" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1736962_247092-P3QD0I-209-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1736962_247092-P3QD0I-209-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1736962_247092-P3QD0I-209-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1736962_247092-P3QD0I-209-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1736962_247092-P3QD0I-209-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1736962_247092-P3QD0I-209-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1736962_247092-P3QD0I-209.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Nicht nur sehen Babys mit ihren großen Augen, dicken Wangen und kleinen Händchen und Füßchen süß aus – auch ihr Geruch und ihr Lachen sind zum Dahinschmelzen [1]! fMRI-Studien zeigten, dass der einzigartige Geruch von Babys eine starke Gehirnaktivität in den Arealen verursachte, die mit Freude und Belohnung in Verbindung stehen [16]. Mit all unseren Sinnen schaffen es Babys, dass wir ihnen schneller verfallen als einer Packung Schokolade am Samstagabend!</p> <p>Zwischen den eigenen und fremden Babys scheint es jedoch Unterschiede in der Wahrnehmung zu geben. Studien fanden, dass Mütter (überraschenderweise) ihre eigenen Babys süßer fanden und man auch eine verstärkte Gehirnaktivität im <strong>mesolimbischen Belohnungszentrum</strong> fand [8]. Doch verglichen mit Erwachsenengesichtern lösten selbst fremde Kindergesichter eine schnellere neuronale Aktivität hervor [1], [15]! Natürlich findet man die eigenen Babys besonders süß, jedoch scheint unser Gehirn auch auf fremde Babys zu reagieren und das Belohnungssystem anzuschalten!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36043502_8330297.jpg"><img alt="Fürsorgemotivation" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36043502_8330297-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36043502_8330297-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36043502_8330297-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36043502_8330297-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36043502_8330297-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36043502_8330297-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36043502_8330297.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Diese uralten neurologisch verankerten Instinkte waren vermutlich damals und sind auch heute noch dafür wichtig, die Komplexitäten der Elternschaft zu überwinden und stets für das Wohlsein des Kindes zu sorgen. Niedlichkeit kann also durchaus als biologische Strategie verstanden werden, die sich bewährt hat! Die Evolution hat dazu geführt, dass niedliche Babys wahrscheinlicher überlebten, weil es zu Verhaltensänderungen der Eltern führt. </p> <p> Ihr seht also: Babys lösen in unserem Gehirn <strong>emotionale Ekstase</strong> aus! Aber was genau macht ein Baby eigentlich so niedlich?</p> <h3 id="h-verfuhrt-vom-kindchenschema">Verführt vom Kindchenschema</h3> <p>Es kann tatsächlich gut definiert werden, was die meisten Menschen als niedlich empfinden. Bereits 1943 hat der Biologe <strong>Konrad Lorenz</strong> beobachtet, dass Tierbabys verschiedener Arten bestimmte äußerliche Charakteristiken haben, die als süß empfunden werden, und nannte dies das „<strong>Kindchenschema</strong>“ [7]. Diese Merkmale sind unter anderem große Augen, ein großer Kopf im Vergleich zum Rest des Körpers, füllige Wangen und eher kürzere Extremitäten. Lorenz vermutete schon damals, dass Babys mit diesen Eigenschaften mehr elterliche Fürsorge erhielten [10]. Er behauptete, dass die Unwiderstehlichkeit, zum Kindchenschema hingezogen zu werden, angeborene, tief verankerte Prozesse in uns sind.</p> <p>Sobald wir ein süßes Baby sehen, erkennen wir sofort die Kindchenschema-Merkmale. Daraufhin werden ganz bestimmte Bereiche des Gehirns rund um Emotionen, Aufmerksamkeit und Empathie aktiv [13]! In der <strong>Amygdala</strong>, dem emotionalen Zentrum unseres Gehirns, und dem <strong>Nucleus Accumbens </strong>wird der Gesichtsreiz emotional verarbeitet und als positiver Reiz codiert. Der Nucleus Accumbens ist Teil des <strong>mesolimbischen Belohnungssystem</strong> und beim Betrachten von Babybildern besonders aktiv [9]. Wenn wir Babys anschauen, wird das Belohnungssystem aktiviert, Glückshormone werden ausgeschüttet und unsere Aufmerksamkeit wird auf das Baby gelenkt [12]! So schaffen sie es, dass wir uns glücklich und emotional berührt fühlen, wenn wir Babys anschauen [14].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-31-2026-06_20_28-PM.png"><img alt="Das Kindchenschema (Konrad Lorenz)" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-31-2026-06_20_28-PM-1024x683.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-31-2026-06_20_28-PM-1024x683.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-31-2026-06_20_28-PM-300x200.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-31-2026-06_20_28-PM-768x512.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-31-2026-06_20_28-PM.png 1536w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Generell scheint es so zu sein: Je prägnanter die Kindchenschema-Eigenschaften eines Babys, desto stärker die neuronalen Aktivitäten des Belohnungssystems [15]. Wissenschaftler fanden in einer MRT-Studie heraus, dass Fotos von Babys, die digital nach dem Kindchenschema mit dickeren Wangen und größeren Augen versehen wurden, das Belohnungssystem stärker aktivierten als nicht-bearbeitete Kindergesichter [4].</p> <p>Wie ihr aber bestimmt auch wisst, empfinden wir diese Niedlichkeit auch nicht nur menschlichen Babys gegenüber, sondern auch tierischen Babys! Die Wissenschaft bestätigt diese Empfindung: Tier- und Menschenbabys mit Kindchenschema-Charakteristiken werden als niedlicher angesehen im Vergleich zu älteren Babys oder erwachsenen Menschen [4], [11], [12]. Unser Gehirn scheint erstaunlicherweise nur schlecht zwischen den Niedlichkeitsmerkmalen von menschlichen und tierischen Babys zu unterscheiden [1]. Daher empfinden wir auch (bei manchen Menschen sogar besonders) Tierbabys ebenfalls als besonders süß, knuddelig und niedlich! Oder wer von euch ist beim Anblick von herumtapsenden Hundewelpen noch nicht dahingeschmolzen?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7872426_3760838-1-scaled.jpg"><img alt="süße Tierbabys" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7872426_3760838-1-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7872426_3760838-1-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7872426_3760838-1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7872426_3760838-1-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7872426_3760838-1-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7872426_3760838-1-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <h3 id="h-von-emotionaler-ekstase-zu-aggression">Von emotionaler Ekstase zu Aggression?</h3> <p>Stellt euch einmal ganz deutlich die süßeste kleine Babykatze vor. Kennt ihr das Gefühl, den Drang zu verspüren, die kleine Babykatze drücken, kneifen, quetschen oder sogar beißen zu wollen – einfach, weil sie so niedlich ist? Dabei ist aber wichtig zu betonen, dass man dem Tier keinen Schaden zufügen möchte: Es geht um das Gefühl an sich, das Tier zu knuddeln und zu drücken! Dieses Gefühl kennen tatsächlich mehr Menschen, als man denkt. Aber wie kommt es dazu?</p> <p>Zu starke Niedlichkeit kann sich bei manchen Leuten in aggressiven Gefühlen zeigen. Das Bedürfnis, etwas „zu Tode zu knuddeln“ ist kein Kontrollverlust, sondern ein Mechanismus des Gehirns, mit überwältigender Niedlichkeit umzugehen [17]. Dieses Phänomen, dass man sehr niedliche Tiere drücken und beißen möchte, ohne die Tiere zu verletzen, nennt sich „<strong>Cute Aggression</strong>“ [18]. </p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/LMy5vuwNWUU?feature=oembed&amp;rel=0" title="🐱Adorable Cuteness Aggression🐱| Wild &amp; Whiskers" width="562"></iframe> </p></figure> <p>Eine der zurzeit bekanntesten Studien zu dem Thema von 2018 untersuchte 54 Teilnehmer, die Bilder von süßen Babys, weniger süßen Babys, süßen Tierbabys und weniger süßen (erwachsenen) Tierbabys beurteilten. Ergebnisse zeigten, dass</p> <ul> <li>46 % der Teilnehmer die Aussage „<em>Es ist so süß, ich möchte es kneifen!</em>“, </li> <li>64 % auf „<em>Es ist so süß, ich möchte es drücken!</em>“ und </li> <li>28 % auf „<em>Es ist so süß, ich möchte es beißen!</em>“ </li> </ul> <p>mit „ja“ beantworteten [18]. Offiziell gibt es leider keine Daten, wie viele Menschen das Gefühl von „Cute Aggression“ schonmal erlebt haben, doch wenn man sich die Studienergebnisse und die Häufigkeit der Social Media Videos dazu anschaut, dann lautet die Antwort vermutlich „mehr als man denken würde“.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/423537201_765319e9-1739-429e-96bb-00a0b3111db1-scaled.jpg"><img alt="dimorphe Expressionen" decoding="async" height="853" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/423537201_765319e9-1739-429e-96bb-00a0b3111db1-1024x853.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/423537201_765319e9-1739-429e-96bb-00a0b3111db1-1024x853.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/423537201_765319e9-1739-429e-96bb-00a0b3111db1-300x250.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/423537201_765319e9-1739-429e-96bb-00a0b3111db1-768x640.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/423537201_765319e9-1739-429e-96bb-00a0b3111db1-1536x1280.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/423537201_765319e9-1739-429e-96bb-00a0b3111db1-2048x1707.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>In Studien zeigte sich, dass Menschen oft von dem Gefühl der emotionalen Überwältigung (“<strong>Cuteness-Overload</strong>“) berichteten, wenn sie Babyfotos angeschaut haben [18]. Der Körper versucht, der Gefühlsflut entgegenzuwirken, was sich paradoxerweise in Gefühlen von Aggression ausdrücken kann. Es ist, als wolle unser Gehirn uns vor der Niedlichkeit schützen und sendet Puffer-Gefühle, damit wir nicht “vor Niedlichkeit schmelzen” [19]!</p> <p>Dahinter steckt vermutlich eine sogenannte <strong>dimorphe Expression</strong> von Gefühlen: Das bedeutet, dass die empfundenen Gefühle nicht mit den äußerlichen Verhaltensweisen übereinstimmen. Man empfindet eine Emotion extrem stark (z. B. Glück, weil ein Babytierchen so süß ist), jedoch spiegelt die Reaktion die entgegengesetzte Emotion wider („man will das Tierchen quetschen“)! Wissenschaftler vermuten, dass durch diese Emotionsregulation weiterhin gewährleistet wurde, dass man sich damals um die Babys kümmern konnte, anstatt sie nur vor Entzücken anzuschauen und dabei das Füttern zu vergessen.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/64836163_9525558.jpg"><img alt="Gehirn in love" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/64836163_9525558-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/64836163_9525558-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/64836163_9525558-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/64836163_9525558-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/64836163_9525558-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/64836163_9525558-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/64836163_9525558.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Doch nicht nur Menschen- und Tierbabys versetzen uns in emotionale Ekstase: Auch erwachsene Menschen, besonders unsere Liebsten, können so starke Emotionen hervorrufen, dass man auch bei ihnen eine Art von Cute Aggression verspürt. Einigen ist es beispielsweise nicht unbekannt, den Partner beißen zu wollen, ohne der Person wehzutun. Auch diese Empfindung kann man als Verhaltensweise verstehen, mit den überwältigenden Liebesgefühlen umzugehen. Wenn man Cute Aggression erlebt, ist das jedoch nichts Negatives. Man vermutet, dass es darauf hindeutet, Gefühle sehr stark wahrzunehmen, was sich dann bei süßen Tierchen (oder auch dem Liebsten) besonders intensiv äußert [17]. </p> <h3 id="h-vorsicht-zu-suss">Vorsicht! Zu süß!</h3> <p>Es gibt diverse Beispiele in unserem Alltag, wo uns Niedlichkeit begegnet: Dabei spreche ich aber nicht nur von süßen Rauhaardackeln in der Fußgängerzone. Niedlichkeit finden wir in Form von süßen Tierbildern auf Pflastern für Kinder, Maskottchen bei Sportevents oder süßen Avataren, die Schulbücher und Lern-Apps motivierender gestalten. Selbst Mülleimer in der Öffentlichkeit sind ab und zu extra süß gestaltet, damit wir den Müll korrekter trennen [20].</p> <p>Eine groß angelegte Studie mit dem treffenden Titel „Too sweet to eat“ (zu süß, um es zu essen) fand heraus, dass weniger Fleischprodukte gekauft wurden, wenn die Produkte mit süßen Bildern der Tiere versehen waren [21]. Die Empathie den Tieren gegenüber sorgte dafür, dass die Produkte weniger oft gekauft wurden, weil wir durch die Bilder emotional angesprochen wurden! Richtig genutzt kann unsere “Anfälligkeit” für süße Dinge sehr schlau genutzt werden, doch leider kann es auch in die andere Richtung gehen:</p> <p>Niedlichkeit angelt sich unsere Aufmerksamkeit wie sonst kaum etwas, und das wird teilweise ausgenutzt. Da süße Dinge unsere Empathie steigern, können diese auch in Werbungskontexten oder auch von Organisationen verwendet werden, um uns zu Käufen, Teilnahmen oder Spenden zu bewegen [14]. Niedliche Produktgestaltung senkt psychologische Distanz, die Produkte wirken süß und freundlich und die Hemmschwelle zum Kaufen sinkt. Auch Apps rund um Social Media nutzen besonders süßen (Tier-)Baby-Inhalt, um uns möglichst lange auf der App zu halten. Eine Studie von 2024 fand heraus, dass 98,5 % der über 3000 Teilnehmer der Studie schon einmal Tiervideos angezeigt bekommen haben [23]. Wenn man online nach „süßen Babys“ sucht, tauchen nur selten Videos mit weniger als mehreren Millionen Aufrufen auf! Ein aktueller Trend geht sogar so weit, dass Tierbabys beabsichtigt in einer vermeintlich gefährlichen Situation gezeigt werden, damit die Videoersteller sich als Held inszenieren und so Likes generiert werden.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1086639_109679-ONLTOM-501.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1086639_109679-ONLTOM-501-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1086639_109679-ONLTOM-501-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1086639_109679-ONLTOM-501-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1086639_109679-ONLTOM-501-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1086639_109679-ONLTOM-501-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1086639_109679-ONLTOM-501-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1086639_109679-ONLTOM-501.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Im Laufe der Domestizierung haben besonders Haustiere immer öfter ein jugendhafteres Aussehen. Selbst ausgewachsene Tiere sollen, wenn möglich, so süß aussehen wie noch im Baby-Alter. Daher werden Haustiere oft gezielt gezüchtet, um genau diese süßen Eigenschaften zu behalten, denen wir so leicht verfallen: flauschig, kleine Beinchen, große Augen, die uns zum Kauf verleiten. Dieses Vorgehen ist aus ethischer und tierwohlbezogener Perspektive äußerst kritisch zu bewerten, da es um die Wünsche der Menschen und weniger um das Tierwohl geht [14], [22]. Man sollte daher stets reflektiert bleiben, wozu Niedlichkeit uns unterbewusst leiten kann und der Unwiderstehlichkeit nicht immer blind verfallen.</p> <h3 id="h-fazit">Fazit</h3> <p>Dass wir Babys, egal ob menschliche oder tierische, so niedlich finden, hat einen starken evolutionären Hintergrund. Niedliche Babys haben Kindchenschema-Eigenschaften, die besonders unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen – Prozesse, die tief im Gehirn verankert sind und sowohl damals wie auch noch heute die Fürsorge für das Baby erhöhen. Cute Aggression beschreibt das Bedürfnis, Babys dolle knuddeln und drücken zu wollen, ohne ihnen Schaden zuzufügen. Dieses Erlebnis ist vermutlich der Emotionsregulation unseres Gehirns geschuldet.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/403265678_3700b7b6-e5bc-4cf2-8d11-632c2d587889.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 719px) 100vw, 719px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/403265678_3700b7b6-e5bc-4cf2-8d11-632c2d587889-719x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/403265678_3700b7b6-e5bc-4cf2-8d11-632c2d587889-719x1024.jpg 719w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/403265678_3700b7b6-e5bc-4cf2-8d11-632c2d587889-211x300.jpg 211w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/403265678_3700b7b6-e5bc-4cf2-8d11-632c2d587889-768x1095.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/403265678_3700b7b6-e5bc-4cf2-8d11-632c2d587889-1078x1536.jpg 1078w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/403265678_3700b7b6-e5bc-4cf2-8d11-632c2d587889-1437x2048.jpg 1437w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/403265678_3700b7b6-e5bc-4cf2-8d11-632c2d587889.jpg 1703w" width="719"></img></a></figure></div> <p>Niedlichkeit hat Auswirkungen auf unsere Wahrnehmung, Emotionen und auch auf unser Konsumverhalten. Niedliche Dinge können uns bewusst oder auch unbewusst beeinflussen – mit potenziell positiven oder auch problematischen Konsequenzen. Also lasst euch von Niedlichkeit nicht in die Irre führen: Wenn ihr das nächste Mal im Supermarkt die Milchpackung mit den großen Kulleraugen einer süßen Kuh in der Hand habt und man das Tierwohl unterstützen will, dann wäre man besser beraten, auf das Haltungsstufen-Symbol zu achten als auf das niedliche Tierfoto.</p> <p>Trotz möglicher Schattenseiten bleibt Niedlichkeit jedoch ein mitreißendes und wertvolles Empfinden, was uns glücklich macht! Daher viel Freude mit dem folgenden Video (sind zwar keine Rauhaardackel, aber trotzdem sind die Kleinen zuckersüß):</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/C3qHZk1VWFk?feature=oembed&amp;rel=0" title="Puppies Meet Baby Animals" width="666"></iframe> </p></figure> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <p>[1]          M. L. Kringelbach, E. A. Stark, C. Alexander, M. H. Bornstein, and A. Stein, ‘On Cuteness: Unlocking the Parental Brain and Beyond’, <em>Trends Cogn. Sci.</em>, vol. 20, no. 7, pp. 545–558, Jul. 2016, doi: 10.1016/j.tics.2016.05.003.</p> <p>[2]          admin, ‘Flauschige Manipulation: Was Welpenbilder im Gehirn auslösen’, National Geographic. Accessed: Jan. 21, 2026. [Online]. Available: https://nationalgeographic.de/tiere/2020/01/flauschige-manipulation-was-welpenbilder-im-gehirn-ausloesen/</p> <p>[3]          G. D. Sherman, J. Haidt, and J. A. Coan, ‘Viewing cute images increases behavioral carefulness’, <em>Emotion</em>, vol. 9, no. 2, pp. 282–286, 2009, doi: 10.1037/a0014904.</p> <p>[4]          M. L. Glocker <em>et al.</em>, ‘Baby schema modulates the brain reward system in nulliparous women’, <em>Proc. Natl. Acad. Sci.</em>, vol. 106, no. 22, pp. 9115–9119, Jun. 2009, doi: 10.1073/pnas.0811620106.</p> <p>[5]          M. L. Glocker, D. D. Langleben, K. Ruparel, J. W. Loughead, R. C. Gur, and N. Sachser, ‘Baby Schema in Infant Faces Induces Cuteness Perception and Motivation for Caretaking in Adults’, <em>Ethol. Former. Z. Tierpsychol.</em>, vol. 115, no. 3, pp. 257–263, Mar. 2009, doi: 10.1111/j.1439-0310.2008.01603.x.</p> <p>[6]          Y. C. Jia <em>et al.</em>, ‘Adults’ responses to infant faces: Neutral infant facial expressions elicit the strongest baby schema effect’, <em>Q. J. Exp. </em><em>Psychol.</em>, vol. 74, no. 5, pp. 853–871, May 2021, doi: 10.1177/1747021820981862.</p> <p>[7]          K. Lorenz, ‘Die angeborenen Formen möglicher Erfahrung’, <em>Z. Für Tierpsychol.</em>, vol. 5, no. 2, pp. 235–409, 1943, doi: 10.1111/j.1439-0310.1943.tb00655.x.</p> <p>[8]          J. E. Swain, J. P. Lorberbaum, S. Kose, and L. Strathearn, ‘Brain basis of early parent–infant interactions: psychology, physiology, and in vivo functional neuroimaging studies’, <em>J. Child Psychol. Psychiatry</em>, vol. 48, no. 3–4, pp. 262–287, 2007, doi: 10.1111/j.1469-7610.2007.01731.x.</p> <p>[9]          A. M. Proverbio, F. Riva, A. Zani, and E. Martin, ‘Is It a Baby? Perceived Age Affects Brain Processing of Faces Differently in Women and Men’, <em>J. Cogn. Neurosci.</em>, vol. 23, no. 11, pp. 3197–3208, Nov. 2011, doi: 10.1162/jocn_a_00041.</p> <p>[10]       J. P. Dale, <em>Irresistible: How Cuteness Wired our Brains and Conquered the World</em>. Profile Books, 2023.</p> <p>[11]       M. Borgi, I. Cogliati-Dezza, V. Brelsford, K. Meints, and F. Cirulli, ‘Baby schema in human and animal faces induces cuteness perception and gaze allocation in children’, <em>Front. Psychol.</em>, vol. 5, p. 411, 2014, doi: 10.3389/fpsyg.2014.00411.</p> <p>[12]       H. Nittono, M. Fukushima, A. Yano, and H. Moriya, ‘The Power of Kawaii: Viewing Cute Images Promotes a Careful Behavior and Narrows Attentional Focus’, <em>PLOS ONE</em>, vol. 7, no. 9, p. e46362, Sep. 2012, doi: 10.1371/journal.pone.0046362.</p> <p>[13]       L. Luo <em>et al.</em>, ‘Neural systems and hormones mediating attraction to infant and child faces’, <em>Front. Psychol.</em>, vol. 6, p. 970, 2015, doi: 10.3389/fpsyg.2015.00970.</p> <p>[14]       A. Stein, E. Stark, and M. L. Kringelbach, ‘How cute things hijack our brains and drive behaviour’, The Conversation. Accessed: Jan. 22, 2026. [Online]. Available: http://theconversation.com/how-cute-things-hijack-our-brains-and-drive-behaviour-61942</p> <p>[15]       Z. Zhang and J. Zhou, ‘Cognitive and Neurological Mechanisms of Cuteness Perception: A New Perspective on Moral Education’, <em>Mind Brain Educ.</em>, vol. 14, no. 3, pp. 209–219, 2020, doi: 10.1111/mbe.12252.</p> <p>[16]       L. Schäfer <em>et al.</em>, ‘The scent of cuteness—neural signatures of infant body odors’, <em>Soc. Cogn. Affect. Neurosci.</em>, vol. 19, no. 1, p. nsae038, Jul. 2024, doi: 10.1093/scan/nsae038.</p> <p>[17]       ‘Cute aggression: why you might want to squash every adorable thing you see’, UNSW Sites. Accessed: Jan. 31, 2026. [Online]. Available: https://www.unsw.edu.au/newsroom/news/2024/02/cute-aggression-why-you-might-want-to-squash-every-adorable-thing-you-see</p> <p>[18]       K. K. M. Stavropoulos and L. A. Alba, ‘“It’s so Cute I Could Crush It!”: Understanding Neural Mechanisms of Cute Aggression’, <em>Front. Behav. Neurosci.</em>, vol. 12, Dec. 2018, doi: 10.3389/fnbeh.2018.00300.</p> <p>[19]       O. R. Aragón, M. S. Clark, R. L. Dyer, and J. A. Bargh, ‘Dimorphous Expressions of Positive Emotion: Displays of Both Care and Aggression in Response to Cute Stimuli’, <em>Psychol. Sci.</em>, vol. 26, no. 3, pp. 259–273, Mar. 2015, doi: 10.1177/0956797614561044.</p> <p>[20]       F. Tan, T. Kuang, D. Yang, Z. Jia, R. Li, and L. Wang, ‘The higher the cuteness the more it inspires garbage sorting intention?’, <em>J. Clean. Prod.</em>, vol. 426, p. 139047, Nov. 2023, doi: 10.1016/j.jclepro.2023.139047.</p> <p>[21]       J. H. Zickfeld, J. R. Kunst, and S. M. Hohle, ‘Too sweet to eat: Exploring the effects of cuteness on meat consumption’, <em>Appetite</em>, vol. 120, pp. 181–195, Jan. 2018, doi: 10.1016/j.appet.2017.08.038.</p> <p>[22]       C. Rusbridge, ‘DOG BREEDING PRACTICES MUST CHANGE: Welfare cost of cuteness: BRIEFING FOR POLICYMAKERS’, May 2024, doi: 10.13140/RG.2.2.12316.81284.</p> <p>[23]       A. Stumpf, S. Herbrandt, L. Betting, N. Kemper, and M. Fels, ‘Societal Perception of Animal Videos on Social Media—Funny Content or Animal Suffering? A Survey’, <em>Animals</em>, vol. 14, no. 15, p. 2234, Jan. 2024, doi: 10.3390/ani14152234.</p> <h3 id="h-bildquellen">Bildquellen</h3> <ul> <li>Titelbild: generiert mit Chat GPT 5.1</li> <li>Abbildung 1: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/handgezeichnete-cartoon-dackel-illustration_45191924.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=21&amp;uuid=646f0b72-4ce7-4a45-822f-50f922fda101&amp;query=dackel">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 2: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/gezeichnete-art-der-babysammlung-in-der-hand_1736962.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=35&amp;uuid=97b1fd65-5f12-4630-bf44-023f5c915b83&amp;query=babys">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 3: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/palaeolithische-lebensillustration-des-flachen-designs_36043502.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=10&amp;uuid=1b75ecfc-4796-4c23-9e6c-5bb61b46a9e9&amp;query=parents+baby+stone+age">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 4: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/sammlung-verschiedener-haustiere_7872426.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=8&amp;uuid=306434d4-c71b-4d65-ac2a-ffe552808209&amp;query=small+animal">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 5: generiert mit Chat GPT 5.1</li> <li>Abbildung 6: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/mann-der-eine-laechelnde-maske-haelt-die-emotionen-verdeckt_423537201.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=2&amp;uuid=9d893811-0507-4992-ba78-5c571fa986c0&amp;query=emotion+happy+angry">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 7: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/flache-illustration-fuer-das-bewusstsein-fuer-den-welttag-der-psychischen-gesundheit_64836163.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=9a94cd71-d0e7-442f-9b90-69a0bba05da8&amp;query=brain+in+love">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 8: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/set-von-flachen-hunden_1086639.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=19&amp;uuid=5a256074-06fc-43c8-9d49-8a415106befd&amp;query=dog+breeds+cute">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 9: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/milch-in-kartonverpackung-mit-kawaii-tier_403265678.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=7&amp;uuid=f6cc282b-9020-4b68-a2c0-75b5454ab2ac&amp;query=milk+carton">Bildquelle</a></li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Feb-3-2026-10_09_38-AM.png" /><h1>Süß, süßer, Babys! Wie beeinflusst Niedlichkeit unser Verhalten? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Luisa Sophie Engelke</h2><div itemprop="text"> <p>Denkt mal an das Süßeste, was euch einfällt. Die Chancen stehen sehr hoch, dass ihr an Babys oder vielleicht auch an Baby-Tiere gedacht habt, richtig? </p> <p>Ich kenne das von mir selbst auch ziemlich gut, wobei ich sogar das Gefühl habe, dass Tierbabys mich sogar noch mehr begeistern. Erst letztens ist es wieder passiert: Ich bin mit Freunden eine Straße entlang gelaufen und war im Gespräch vertieft, und auf einmal sah ich den süßesten Rauhaardackel überhaupt! Das Gespräch war auf einmal nebensächlich geworden und ich konnte nicht anders, als mich dem Dackel zuzuwenden, zu grinsen und in seine freundlichen Augen zu schauen! Nachdem die kurze Euphorie vorbei war, führte ich das Gespräch fort, das ich ungewollt auf Eis gelegt hatte. Ich fragte mich, wie es eigentlich sein kann, dass dieser süße Dackel meine Aufmerksamkeit völlig auf sich zog, ohne dass ich dem widerstehen konnte?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/45191924_9087345.jpg"><img alt="süßer Hund" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/45191924_9087345-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/45191924_9087345-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/45191924_9087345-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/45191924_9087345-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/45191924_9087345-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/45191924_9087345-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/45191924_9087345.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Seid ihr denn mal an einem süßen Hund vorbeigelaufen, ohne ihn anzulächeln und ein aufrichtiges „Aweee ist der süß“ gesagt zu haben? Oder wenn am Nachbartisch im Café ein süßes Baby saß, das munter vor sich hin lachte, hat es euch nicht auch verzaubert? </p> <p>Kaum jemand kommt drum herum, nicht hinzuschauen und selbst anzufangen, zu lächeln. Und nicht nur bei Babys und Tierbabys empfinden wir so, selbst bei Gegenständen wie Puppen, Spielzeug oder kleinen Dingen kann in uns das starke Gefühl von „Oh nein, das ist aber süß!“ aufkommen!</p> <p>Aber wieso ist das so und was passiert dabei in unserem Gehirn?<aside></aside></p> <h3 id="h-niedlichkeit-als-uberlebensstrategie">Niedlichkeit als Überlebensstrategie</h3> <p>Niedlichkeit wird von den meisten von uns mit positiven sozialen Bindungen, Empathie, und schönen Emotionen in Verbindung gebracht [1]. Süße Dinge machen uns einfach glücklich, doch Babys scheinen nochmal niedlicher zu sein als andere Dinge, oder?</p> <p>Babys sind in der ersten Zeit ihres Lebens hilflos und schutzbedürftig. Für sie ist es überlebensnotwendig, dass man sich um sie kümmert [2]. Daher ist es für sie sehr von Vorteil, wenn sie so viel unserer <strong>Aufmerksamkeit</strong> erhalten wie möglich. Und das scheint ziemlich gut zu funktionieren:</p> <p>Studien zeigten tatsächlich, dass Niedlichkeit die elterliche <strong>Fürsorge</strong> erhöht [3], [4]. Niedlichere Babys rufen eine stärkere emotionale Erfahrung hervor als weniger niedliche Babys und steigern damit die Fürsorgemotivation [5]. Wenn Menschen in Studien mit Kinder- und Erwachsenengesichtern konfrontiert waren, schauten die Teilnehmer länger die Kindergesichter an [6]. Außerdem deuten Studien darauf hin, dass Babygesichter schneller wahrgenommen werden als erwachsene Gesichter. Dieser Effekt tritt besonders bei Frauen im Vergleich zu Männern auf [9]. Dies könnte bereits damals dafür gesorgt haben, dass sich besonders die Mütter um süße Babys länger gekümmert haben, weil sie die Aufmerksamkeit auf sich zogen!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1736962_247092-P3QD0I-209.jpg"><img alt="Süße Babys" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1736962_247092-P3QD0I-209-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1736962_247092-P3QD0I-209-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1736962_247092-P3QD0I-209-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1736962_247092-P3QD0I-209-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1736962_247092-P3QD0I-209-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1736962_247092-P3QD0I-209-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1736962_247092-P3QD0I-209.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Nicht nur sehen Babys mit ihren großen Augen, dicken Wangen und kleinen Händchen und Füßchen süß aus – auch ihr Geruch und ihr Lachen sind zum Dahinschmelzen [1]! fMRI-Studien zeigten, dass der einzigartige Geruch von Babys eine starke Gehirnaktivität in den Arealen verursachte, die mit Freude und Belohnung in Verbindung stehen [16]. Mit all unseren Sinnen schaffen es Babys, dass wir ihnen schneller verfallen als einer Packung Schokolade am Samstagabend!</p> <p>Zwischen den eigenen und fremden Babys scheint es jedoch Unterschiede in der Wahrnehmung zu geben. Studien fanden, dass Mütter (überraschenderweise) ihre eigenen Babys süßer fanden und man auch eine verstärkte Gehirnaktivität im <strong>mesolimbischen Belohnungszentrum</strong> fand [8]. Doch verglichen mit Erwachsenengesichtern lösten selbst fremde Kindergesichter eine schnellere neuronale Aktivität hervor [1], [15]! Natürlich findet man die eigenen Babys besonders süß, jedoch scheint unser Gehirn auch auf fremde Babys zu reagieren und das Belohnungssystem anzuschalten!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36043502_8330297.jpg"><img alt="Fürsorgemotivation" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36043502_8330297-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36043502_8330297-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36043502_8330297-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36043502_8330297-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36043502_8330297-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36043502_8330297-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36043502_8330297.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Diese uralten neurologisch verankerten Instinkte waren vermutlich damals und sind auch heute noch dafür wichtig, die Komplexitäten der Elternschaft zu überwinden und stets für das Wohlsein des Kindes zu sorgen. Niedlichkeit kann also durchaus als biologische Strategie verstanden werden, die sich bewährt hat! Die Evolution hat dazu geführt, dass niedliche Babys wahrscheinlicher überlebten, weil es zu Verhaltensänderungen der Eltern führt. </p> <p> Ihr seht also: Babys lösen in unserem Gehirn <strong>emotionale Ekstase</strong> aus! Aber was genau macht ein Baby eigentlich so niedlich?</p> <h3 id="h-verfuhrt-vom-kindchenschema">Verführt vom Kindchenschema</h3> <p>Es kann tatsächlich gut definiert werden, was die meisten Menschen als niedlich empfinden. Bereits 1943 hat der Biologe <strong>Konrad Lorenz</strong> beobachtet, dass Tierbabys verschiedener Arten bestimmte äußerliche Charakteristiken haben, die als süß empfunden werden, und nannte dies das „<strong>Kindchenschema</strong>“ [7]. Diese Merkmale sind unter anderem große Augen, ein großer Kopf im Vergleich zum Rest des Körpers, füllige Wangen und eher kürzere Extremitäten. Lorenz vermutete schon damals, dass Babys mit diesen Eigenschaften mehr elterliche Fürsorge erhielten [10]. Er behauptete, dass die Unwiderstehlichkeit, zum Kindchenschema hingezogen zu werden, angeborene, tief verankerte Prozesse in uns sind.</p> <p>Sobald wir ein süßes Baby sehen, erkennen wir sofort die Kindchenschema-Merkmale. Daraufhin werden ganz bestimmte Bereiche des Gehirns rund um Emotionen, Aufmerksamkeit und Empathie aktiv [13]! In der <strong>Amygdala</strong>, dem emotionalen Zentrum unseres Gehirns, und dem <strong>Nucleus Accumbens </strong>wird der Gesichtsreiz emotional verarbeitet und als positiver Reiz codiert. Der Nucleus Accumbens ist Teil des <strong>mesolimbischen Belohnungssystem</strong> und beim Betrachten von Babybildern besonders aktiv [9]. Wenn wir Babys anschauen, wird das Belohnungssystem aktiviert, Glückshormone werden ausgeschüttet und unsere Aufmerksamkeit wird auf das Baby gelenkt [12]! So schaffen sie es, dass wir uns glücklich und emotional berührt fühlen, wenn wir Babys anschauen [14].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-31-2026-06_20_28-PM.png"><img alt="Das Kindchenschema (Konrad Lorenz)" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-31-2026-06_20_28-PM-1024x683.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-31-2026-06_20_28-PM-1024x683.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-31-2026-06_20_28-PM-300x200.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-31-2026-06_20_28-PM-768x512.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-31-2026-06_20_28-PM.png 1536w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Generell scheint es so zu sein: Je prägnanter die Kindchenschema-Eigenschaften eines Babys, desto stärker die neuronalen Aktivitäten des Belohnungssystems [15]. Wissenschaftler fanden in einer MRT-Studie heraus, dass Fotos von Babys, die digital nach dem Kindchenschema mit dickeren Wangen und größeren Augen versehen wurden, das Belohnungssystem stärker aktivierten als nicht-bearbeitete Kindergesichter [4].</p> <p>Wie ihr aber bestimmt auch wisst, empfinden wir diese Niedlichkeit auch nicht nur menschlichen Babys gegenüber, sondern auch tierischen Babys! Die Wissenschaft bestätigt diese Empfindung: Tier- und Menschenbabys mit Kindchenschema-Charakteristiken werden als niedlicher angesehen im Vergleich zu älteren Babys oder erwachsenen Menschen [4], [11], [12]. Unser Gehirn scheint erstaunlicherweise nur schlecht zwischen den Niedlichkeitsmerkmalen von menschlichen und tierischen Babys zu unterscheiden [1]. Daher empfinden wir auch (bei manchen Menschen sogar besonders) Tierbabys ebenfalls als besonders süß, knuddelig und niedlich! Oder wer von euch ist beim Anblick von herumtapsenden Hundewelpen noch nicht dahingeschmolzen?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7872426_3760838-1-scaled.jpg"><img alt="süße Tierbabys" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7872426_3760838-1-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7872426_3760838-1-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7872426_3760838-1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7872426_3760838-1-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7872426_3760838-1-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7872426_3760838-1-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <h3 id="h-von-emotionaler-ekstase-zu-aggression">Von emotionaler Ekstase zu Aggression?</h3> <p>Stellt euch einmal ganz deutlich die süßeste kleine Babykatze vor. Kennt ihr das Gefühl, den Drang zu verspüren, die kleine Babykatze drücken, kneifen, quetschen oder sogar beißen zu wollen – einfach, weil sie so niedlich ist? Dabei ist aber wichtig zu betonen, dass man dem Tier keinen Schaden zufügen möchte: Es geht um das Gefühl an sich, das Tier zu knuddeln und zu drücken! Dieses Gefühl kennen tatsächlich mehr Menschen, als man denkt. Aber wie kommt es dazu?</p> <p>Zu starke Niedlichkeit kann sich bei manchen Leuten in aggressiven Gefühlen zeigen. Das Bedürfnis, etwas „zu Tode zu knuddeln“ ist kein Kontrollverlust, sondern ein Mechanismus des Gehirns, mit überwältigender Niedlichkeit umzugehen [17]. Dieses Phänomen, dass man sehr niedliche Tiere drücken und beißen möchte, ohne die Tiere zu verletzen, nennt sich „<strong>Cute Aggression</strong>“ [18]. </p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/LMy5vuwNWUU?feature=oembed&amp;rel=0" title="🐱Adorable Cuteness Aggression🐱| Wild &amp; Whiskers" width="562"></iframe> </p></figure> <p>Eine der zurzeit bekanntesten Studien zu dem Thema von 2018 untersuchte 54 Teilnehmer, die Bilder von süßen Babys, weniger süßen Babys, süßen Tierbabys und weniger süßen (erwachsenen) Tierbabys beurteilten. Ergebnisse zeigten, dass</p> <ul> <li>46 % der Teilnehmer die Aussage „<em>Es ist so süß, ich möchte es kneifen!</em>“, </li> <li>64 % auf „<em>Es ist so süß, ich möchte es drücken!</em>“ und </li> <li>28 % auf „<em>Es ist so süß, ich möchte es beißen!</em>“ </li> </ul> <p>mit „ja“ beantworteten [18]. Offiziell gibt es leider keine Daten, wie viele Menschen das Gefühl von „Cute Aggression“ schonmal erlebt haben, doch wenn man sich die Studienergebnisse und die Häufigkeit der Social Media Videos dazu anschaut, dann lautet die Antwort vermutlich „mehr als man denken würde“.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/423537201_765319e9-1739-429e-96bb-00a0b3111db1-scaled.jpg"><img alt="dimorphe Expressionen" decoding="async" height="853" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/423537201_765319e9-1739-429e-96bb-00a0b3111db1-1024x853.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/423537201_765319e9-1739-429e-96bb-00a0b3111db1-1024x853.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/423537201_765319e9-1739-429e-96bb-00a0b3111db1-300x250.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/423537201_765319e9-1739-429e-96bb-00a0b3111db1-768x640.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/423537201_765319e9-1739-429e-96bb-00a0b3111db1-1536x1280.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/423537201_765319e9-1739-429e-96bb-00a0b3111db1-2048x1707.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>In Studien zeigte sich, dass Menschen oft von dem Gefühl der emotionalen Überwältigung (“<strong>Cuteness-Overload</strong>“) berichteten, wenn sie Babyfotos angeschaut haben [18]. Der Körper versucht, der Gefühlsflut entgegenzuwirken, was sich paradoxerweise in Gefühlen von Aggression ausdrücken kann. Es ist, als wolle unser Gehirn uns vor der Niedlichkeit schützen und sendet Puffer-Gefühle, damit wir nicht “vor Niedlichkeit schmelzen” [19]!</p> <p>Dahinter steckt vermutlich eine sogenannte <strong>dimorphe Expression</strong> von Gefühlen: Das bedeutet, dass die empfundenen Gefühle nicht mit den äußerlichen Verhaltensweisen übereinstimmen. Man empfindet eine Emotion extrem stark (z. B. Glück, weil ein Babytierchen so süß ist), jedoch spiegelt die Reaktion die entgegengesetzte Emotion wider („man will das Tierchen quetschen“)! Wissenschaftler vermuten, dass durch diese Emotionsregulation weiterhin gewährleistet wurde, dass man sich damals um die Babys kümmern konnte, anstatt sie nur vor Entzücken anzuschauen und dabei das Füttern zu vergessen.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/64836163_9525558.jpg"><img alt="Gehirn in love" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/64836163_9525558-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/64836163_9525558-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/64836163_9525558-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/64836163_9525558-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/64836163_9525558-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/64836163_9525558-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/64836163_9525558.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Doch nicht nur Menschen- und Tierbabys versetzen uns in emotionale Ekstase: Auch erwachsene Menschen, besonders unsere Liebsten, können so starke Emotionen hervorrufen, dass man auch bei ihnen eine Art von Cute Aggression verspürt. Einigen ist es beispielsweise nicht unbekannt, den Partner beißen zu wollen, ohne der Person wehzutun. Auch diese Empfindung kann man als Verhaltensweise verstehen, mit den überwältigenden Liebesgefühlen umzugehen. Wenn man Cute Aggression erlebt, ist das jedoch nichts Negatives. Man vermutet, dass es darauf hindeutet, Gefühle sehr stark wahrzunehmen, was sich dann bei süßen Tierchen (oder auch dem Liebsten) besonders intensiv äußert [17]. </p> <h3 id="h-vorsicht-zu-suss">Vorsicht! Zu süß!</h3> <p>Es gibt diverse Beispiele in unserem Alltag, wo uns Niedlichkeit begegnet: Dabei spreche ich aber nicht nur von süßen Rauhaardackeln in der Fußgängerzone. Niedlichkeit finden wir in Form von süßen Tierbildern auf Pflastern für Kinder, Maskottchen bei Sportevents oder süßen Avataren, die Schulbücher und Lern-Apps motivierender gestalten. Selbst Mülleimer in der Öffentlichkeit sind ab und zu extra süß gestaltet, damit wir den Müll korrekter trennen [20].</p> <p>Eine groß angelegte Studie mit dem treffenden Titel „Too sweet to eat“ (zu süß, um es zu essen) fand heraus, dass weniger Fleischprodukte gekauft wurden, wenn die Produkte mit süßen Bildern der Tiere versehen waren [21]. Die Empathie den Tieren gegenüber sorgte dafür, dass die Produkte weniger oft gekauft wurden, weil wir durch die Bilder emotional angesprochen wurden! Richtig genutzt kann unsere “Anfälligkeit” für süße Dinge sehr schlau genutzt werden, doch leider kann es auch in die andere Richtung gehen:</p> <p>Niedlichkeit angelt sich unsere Aufmerksamkeit wie sonst kaum etwas, und das wird teilweise ausgenutzt. Da süße Dinge unsere Empathie steigern, können diese auch in Werbungskontexten oder auch von Organisationen verwendet werden, um uns zu Käufen, Teilnahmen oder Spenden zu bewegen [14]. Niedliche Produktgestaltung senkt psychologische Distanz, die Produkte wirken süß und freundlich und die Hemmschwelle zum Kaufen sinkt. Auch Apps rund um Social Media nutzen besonders süßen (Tier-)Baby-Inhalt, um uns möglichst lange auf der App zu halten. Eine Studie von 2024 fand heraus, dass 98,5 % der über 3000 Teilnehmer der Studie schon einmal Tiervideos angezeigt bekommen haben [23]. Wenn man online nach „süßen Babys“ sucht, tauchen nur selten Videos mit weniger als mehreren Millionen Aufrufen auf! Ein aktueller Trend geht sogar so weit, dass Tierbabys beabsichtigt in einer vermeintlich gefährlichen Situation gezeigt werden, damit die Videoersteller sich als Held inszenieren und so Likes generiert werden.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1086639_109679-ONLTOM-501.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1086639_109679-ONLTOM-501-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1086639_109679-ONLTOM-501-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1086639_109679-ONLTOM-501-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1086639_109679-ONLTOM-501-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1086639_109679-ONLTOM-501-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1086639_109679-ONLTOM-501-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1086639_109679-ONLTOM-501.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Im Laufe der Domestizierung haben besonders Haustiere immer öfter ein jugendhafteres Aussehen. Selbst ausgewachsene Tiere sollen, wenn möglich, so süß aussehen wie noch im Baby-Alter. Daher werden Haustiere oft gezielt gezüchtet, um genau diese süßen Eigenschaften zu behalten, denen wir so leicht verfallen: flauschig, kleine Beinchen, große Augen, die uns zum Kauf verleiten. Dieses Vorgehen ist aus ethischer und tierwohlbezogener Perspektive äußerst kritisch zu bewerten, da es um die Wünsche der Menschen und weniger um das Tierwohl geht [14], [22]. Man sollte daher stets reflektiert bleiben, wozu Niedlichkeit uns unterbewusst leiten kann und der Unwiderstehlichkeit nicht immer blind verfallen.</p> <h3 id="h-fazit">Fazit</h3> <p>Dass wir Babys, egal ob menschliche oder tierische, so niedlich finden, hat einen starken evolutionären Hintergrund. Niedliche Babys haben Kindchenschema-Eigenschaften, die besonders unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen – Prozesse, die tief im Gehirn verankert sind und sowohl damals wie auch noch heute die Fürsorge für das Baby erhöhen. Cute Aggression beschreibt das Bedürfnis, Babys dolle knuddeln und drücken zu wollen, ohne ihnen Schaden zuzufügen. Dieses Erlebnis ist vermutlich der Emotionsregulation unseres Gehirns geschuldet.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/403265678_3700b7b6-e5bc-4cf2-8d11-632c2d587889.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 719px) 100vw, 719px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/403265678_3700b7b6-e5bc-4cf2-8d11-632c2d587889-719x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/403265678_3700b7b6-e5bc-4cf2-8d11-632c2d587889-719x1024.jpg 719w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/403265678_3700b7b6-e5bc-4cf2-8d11-632c2d587889-211x300.jpg 211w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/403265678_3700b7b6-e5bc-4cf2-8d11-632c2d587889-768x1095.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/403265678_3700b7b6-e5bc-4cf2-8d11-632c2d587889-1078x1536.jpg 1078w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/403265678_3700b7b6-e5bc-4cf2-8d11-632c2d587889-1437x2048.jpg 1437w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/403265678_3700b7b6-e5bc-4cf2-8d11-632c2d587889.jpg 1703w" width="719"></img></a></figure></div> <p>Niedlichkeit hat Auswirkungen auf unsere Wahrnehmung, Emotionen und auch auf unser Konsumverhalten. Niedliche Dinge können uns bewusst oder auch unbewusst beeinflussen – mit potenziell positiven oder auch problematischen Konsequenzen. Also lasst euch von Niedlichkeit nicht in die Irre führen: Wenn ihr das nächste Mal im Supermarkt die Milchpackung mit den großen Kulleraugen einer süßen Kuh in der Hand habt und man das Tierwohl unterstützen will, dann wäre man besser beraten, auf das Haltungsstufen-Symbol zu achten als auf das niedliche Tierfoto.</p> <p>Trotz möglicher Schattenseiten bleibt Niedlichkeit jedoch ein mitreißendes und wertvolles Empfinden, was uns glücklich macht! Daher viel Freude mit dem folgenden Video (sind zwar keine Rauhaardackel, aber trotzdem sind die Kleinen zuckersüß):</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/C3qHZk1VWFk?feature=oembed&amp;rel=0" title="Puppies Meet Baby Animals" width="666"></iframe> </p></figure> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <p>[1]          M. L. Kringelbach, E. A. Stark, C. Alexander, M. H. Bornstein, and A. Stein, ‘On Cuteness: Unlocking the Parental Brain and Beyond’, <em>Trends Cogn. Sci.</em>, vol. 20, no. 7, pp. 545–558, Jul. 2016, doi: 10.1016/j.tics.2016.05.003.</p> <p>[2]          admin, ‘Flauschige Manipulation: Was Welpenbilder im Gehirn auslösen’, National Geographic. Accessed: Jan. 21, 2026. [Online]. Available: https://nationalgeographic.de/tiere/2020/01/flauschige-manipulation-was-welpenbilder-im-gehirn-ausloesen/</p> <p>[3]          G. D. Sherman, J. Haidt, and J. A. Coan, ‘Viewing cute images increases behavioral carefulness’, <em>Emotion</em>, vol. 9, no. 2, pp. 282–286, 2009, doi: 10.1037/a0014904.</p> <p>[4]          M. L. Glocker <em>et al.</em>, ‘Baby schema modulates the brain reward system in nulliparous women’, <em>Proc. Natl. Acad. Sci.</em>, vol. 106, no. 22, pp. 9115–9119, Jun. 2009, doi: 10.1073/pnas.0811620106.</p> <p>[5]          M. L. Glocker, D. D. Langleben, K. Ruparel, J. W. Loughead, R. C. Gur, and N. Sachser, ‘Baby Schema in Infant Faces Induces Cuteness Perception and Motivation for Caretaking in Adults’, <em>Ethol. Former. Z. Tierpsychol.</em>, vol. 115, no. 3, pp. 257–263, Mar. 2009, doi: 10.1111/j.1439-0310.2008.01603.x.</p> <p>[6]          Y. C. Jia <em>et al.</em>, ‘Adults’ responses to infant faces: Neutral infant facial expressions elicit the strongest baby schema effect’, <em>Q. J. Exp. </em><em>Psychol.</em>, vol. 74, no. 5, pp. 853–871, May 2021, doi: 10.1177/1747021820981862.</p> <p>[7]          K. Lorenz, ‘Die angeborenen Formen möglicher Erfahrung’, <em>Z. Für Tierpsychol.</em>, vol. 5, no. 2, pp. 235–409, 1943, doi: 10.1111/j.1439-0310.1943.tb00655.x.</p> <p>[8]          J. E. Swain, J. P. Lorberbaum, S. Kose, and L. Strathearn, ‘Brain basis of early parent–infant interactions: psychology, physiology, and in vivo functional neuroimaging studies’, <em>J. Child Psychol. Psychiatry</em>, vol. 48, no. 3–4, pp. 262–287, 2007, doi: 10.1111/j.1469-7610.2007.01731.x.</p> <p>[9]          A. M. Proverbio, F. Riva, A. Zani, and E. Martin, ‘Is It a Baby? Perceived Age Affects Brain Processing of Faces Differently in Women and Men’, <em>J. Cogn. Neurosci.</em>, vol. 23, no. 11, pp. 3197–3208, Nov. 2011, doi: 10.1162/jocn_a_00041.</p> <p>[10]       J. P. Dale, <em>Irresistible: How Cuteness Wired our Brains and Conquered the World</em>. Profile Books, 2023.</p> <p>[11]       M. Borgi, I. Cogliati-Dezza, V. Brelsford, K. Meints, and F. Cirulli, ‘Baby schema in human and animal faces induces cuteness perception and gaze allocation in children’, <em>Front. Psychol.</em>, vol. 5, p. 411, 2014, doi: 10.3389/fpsyg.2014.00411.</p> <p>[12]       H. Nittono, M. Fukushima, A. Yano, and H. Moriya, ‘The Power of Kawaii: Viewing Cute Images Promotes a Careful Behavior and Narrows Attentional Focus’, <em>PLOS ONE</em>, vol. 7, no. 9, p. e46362, Sep. 2012, doi: 10.1371/journal.pone.0046362.</p> <p>[13]       L. Luo <em>et al.</em>, ‘Neural systems and hormones mediating attraction to infant and child faces’, <em>Front. Psychol.</em>, vol. 6, p. 970, 2015, doi: 10.3389/fpsyg.2015.00970.</p> <p>[14]       A. Stein, E. Stark, and M. L. Kringelbach, ‘How cute things hijack our brains and drive behaviour’, The Conversation. Accessed: Jan. 22, 2026. [Online]. Available: http://theconversation.com/how-cute-things-hijack-our-brains-and-drive-behaviour-61942</p> <p>[15]       Z. Zhang and J. Zhou, ‘Cognitive and Neurological Mechanisms of Cuteness Perception: A New Perspective on Moral Education’, <em>Mind Brain Educ.</em>, vol. 14, no. 3, pp. 209–219, 2020, doi: 10.1111/mbe.12252.</p> <p>[16]       L. Schäfer <em>et al.</em>, ‘The scent of cuteness—neural signatures of infant body odors’, <em>Soc. Cogn. Affect. Neurosci.</em>, vol. 19, no. 1, p. nsae038, Jul. 2024, doi: 10.1093/scan/nsae038.</p> <p>[17]       ‘Cute aggression: why you might want to squash every adorable thing you see’, UNSW Sites. Accessed: Jan. 31, 2026. [Online]. Available: https://www.unsw.edu.au/newsroom/news/2024/02/cute-aggression-why-you-might-want-to-squash-every-adorable-thing-you-see</p> <p>[18]       K. K. M. Stavropoulos and L. A. Alba, ‘“It’s so Cute I Could Crush It!”: Understanding Neural Mechanisms of Cute Aggression’, <em>Front. Behav. Neurosci.</em>, vol. 12, Dec. 2018, doi: 10.3389/fnbeh.2018.00300.</p> <p>[19]       O. R. Aragón, M. S. Clark, R. L. Dyer, and J. A. Bargh, ‘Dimorphous Expressions of Positive Emotion: Displays of Both Care and Aggression in Response to Cute Stimuli’, <em>Psychol. Sci.</em>, vol. 26, no. 3, pp. 259–273, Mar. 2015, doi: 10.1177/0956797614561044.</p> <p>[20]       F. Tan, T. Kuang, D. Yang, Z. Jia, R. Li, and L. Wang, ‘The higher the cuteness the more it inspires garbage sorting intention?’, <em>J. Clean. Prod.</em>, vol. 426, p. 139047, Nov. 2023, doi: 10.1016/j.jclepro.2023.139047.</p> <p>[21]       J. H. Zickfeld, J. R. Kunst, and S. M. Hohle, ‘Too sweet to eat: Exploring the effects of cuteness on meat consumption’, <em>Appetite</em>, vol. 120, pp. 181–195, Jan. 2018, doi: 10.1016/j.appet.2017.08.038.</p> <p>[22]       C. Rusbridge, ‘DOG BREEDING PRACTICES MUST CHANGE: Welfare cost of cuteness: BRIEFING FOR POLICYMAKERS’, May 2024, doi: 10.13140/RG.2.2.12316.81284.</p> <p>[23]       A. Stumpf, S. Herbrandt, L. Betting, N. Kemper, and M. Fels, ‘Societal Perception of Animal Videos on Social Media—Funny Content or Animal Suffering? A Survey’, <em>Animals</em>, vol. 14, no. 15, p. 2234, Jan. 2024, doi: 10.3390/ani14152234.</p> <h3 id="h-bildquellen">Bildquellen</h3> <ul> <li>Titelbild: generiert mit Chat GPT 5.1</li> <li>Abbildung 1: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/handgezeichnete-cartoon-dackel-illustration_45191924.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=21&amp;uuid=646f0b72-4ce7-4a45-822f-50f922fda101&amp;query=dackel">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 2: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/gezeichnete-art-der-babysammlung-in-der-hand_1736962.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=35&amp;uuid=97b1fd65-5f12-4630-bf44-023f5c915b83&amp;query=babys">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 3: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/palaeolithische-lebensillustration-des-flachen-designs_36043502.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=10&amp;uuid=1b75ecfc-4796-4c23-9e6c-5bb61b46a9e9&amp;query=parents+baby+stone+age">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 4: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/sammlung-verschiedener-haustiere_7872426.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=8&amp;uuid=306434d4-c71b-4d65-ac2a-ffe552808209&amp;query=small+animal">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 5: generiert mit Chat GPT 5.1</li> <li>Abbildung 6: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/mann-der-eine-laechelnde-maske-haelt-die-emotionen-verdeckt_423537201.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=2&amp;uuid=9d893811-0507-4992-ba78-5c571fa986c0&amp;query=emotion+happy+angry">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 7: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/flache-illustration-fuer-das-bewusstsein-fuer-den-welttag-der-psychischen-gesundheit_64836163.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=9a94cd71-d0e7-442f-9b90-69a0bba05da8&amp;query=brain+in+love">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 8: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/set-von-flachen-hunden_1086639.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=19&amp;uuid=5a256074-06fc-43c8-9d49-8a415106befd&amp;query=dog+breeds+cute">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 9: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/milch-in-kartonverpackung-mit-kawaii-tier_403265678.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=7&amp;uuid=f6cc282b-9020-4b68-a2c0-75b5454ab2ac&amp;query=milk+carton">Bildquelle</a></li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/suess-suesser-babys-wie-beeinflusst-niedlichkeit-unser-verhalten/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Wovor sie Angst haben https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/wovor-sie-angst-haben/ https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/wovor-sie-angst-haben/#comments Sun, 22 Feb 2026 20:34:46 +0000 Thomas Grüter https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/?p=1786 https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference1-768x432.jpg KI-Bild: Konferenz über globale Risiken https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/wovor-sie-angst-haben/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference1.jpg" /><h1>Global Risks Report: Expertenmeinungen analysiert » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Das Weltwirtschaftsforum in Genf fragt einmal im Jahr mehr als tausend Experten, welche globalen Risiken ihnen die schlimmsten Kopfschmerzen bereiten. Vom Gruselfaktor einmal abgesehen – lernen wir daraus irgendwas?</b></p> <p>Die meisten von uns kennen das Weltwirtschaftsforum (World Ecomonic Forum – WEF) als ein internationales Spektakel, die jedes Jahr im Januar oder Februar im schweizerischen Davos stattfindet. Von seinem bescheidenen Beginn im Jahre 1971 wuchs das Treffen zu einer Mammutveranstaltung heran, an der <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/574556/weltwirtschaftsforum-i">in diesem Jahr vom 19.1. bis 23.1. fast 3000 Führungskräfte</a> aus Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft teilnahmen, darunter 65 Staats- und Regierungschefs. Die Weltpresse – <a href="https://www.weforum.org/meetings/world-economic-forum-annual-meeting-2026/media/">ebenfalls zahlreich vertreten</a> – berichtete ausführlich. </p> <p>Der französische Präsident Emmanuel Macron trug eine markante Sonnenbrille, der kanadische Premierminister Mark Carney hielt eine bemerkenswerte Rede, der deutsche Kanzler Friedrich <a href="https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/weltwirtschaftsforum-davos-kanzler-2403596">Merz sah im neuen Zeitalter der Großmächte</a> einen rauen Wind wehen und regte an, auf eigene Stärke zu setzen. Donald Trump schwadronierte über dieses und jenes, erklärte aber immerhin eindeutig, Grönland nicht mit Gewalt einnehmen zu wollen. Das beruhigte nicht nur die Dänen.</p> <p>Hinter den Veranstaltungen steht eine Schweizer Stiftung gleichen Namens. Wegen der hohen Beiträge der großen Mitgliedsfirmen verfügt sie über einen Jahresetat von <a href="https://www.weforum.org/publications/annual-report-2024-2025/financial-statements-cc95a37d0e/">ca. 500 Millionen Euro</a> und beschäftigt rund 1000 Mitarbeiter. Sie hat sich auf die Fahnen geschrieben, einmal im Jahr die Führungspersönlichkeiten der Welt zusammenzubringen, um die dringendsten Probleme der Welt zu diskutieren oder zu lösen. Die von der Stiftung organisierten „Communities“ sollen dann daran arbeiten, zündende Ideen tatsächlich umzusetzen.<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a></p> <h3>Der <i>Global Risks Report</i></h3> <p>Im Vorfeld der Treffen erstellt die Stiftung einen „Global Risks Report“. Die aktuelle Ausgabe ist die einundzwanzigste ihrer Art. Die Veränderung der Risikowahrnehmung über die Jahrzehnte ergibt genug Stoff für eine Masterarbeit ergeben. Deshalb habe mir für diesen Blogpost nur die letzten vier Reports (also <a href="https://www.weforum.org/publications/global-risks-report-2023/">2023</a>, <a href="https://www.weforum.org/publications/global-risks-report-2024/">2024</a>, <a href="https://www.weforum.org/publications/global-risks-report-2025/">2025</a> und <a href="https://www.weforum.org/publications/global-risks-report-2026/">2026</a>) näher angesehen.<aside></aside></p> <p>Die Stiftung verschickt jedes Jahr zwischen 1200 und 1500 Fragebögen an „Experten“ aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Alle Risiken sind vordefiniert, die Teilnehmer sollen sie nur einschätzen, und zwar auf einer Skala von 1 bis 7<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>. Dabei sollen sie zwei Zeithorizonte bewerten: zwei Jahre und zehn Jahre. Dieses enge Korsett lässt wenig Raum für differenzierte Urteile. Kreuzwirkungen oder Abhängigkeiten lassen sich so nicht erfassen. Die Vorgabe für die Risiken passt das WEF jedes Jahr an.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1789" id="attachment_1789"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2.jpg"><img alt="KI-Bild: Globale Risiken." decoding="async" height="480" sizes="(max-width: 480px) 100vw, 480px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2.jpg 1024w" width="480"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1789">Debatte über globale Risiken. KI-generiertes Symbolbild.</figcaption></figure> <p>So fehlen in den letzten beiden Risks Reports die Punkte: „Misserfolge bei der Eindämmung des Klimawandels“ und „Misserfolge bei der Anpassung an den Klimawandel“. Der Report hat also in den Jahren 2025 und 2026 nicht mehr erfasst, ob sich jemand darum Sorgen macht, warum auch immer.</p> <h3>Wer sind die „Experten?</h3> <p>Leider gibt das WEF nicht an, wie es die „Experten“ auswählt. Schickt es den Fragebogen an die Chefs mit der Bitte, sie an einen geeigneten Mitarbeiter weiterzuleiten? Wer immer die Fragebögen ausfüllt, müsste Umweltrisiken ebenso zuverlässig bewerten wie gesellschaftliche und technische Gefahren (Kategorien siehe Tabelle 1).</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1791" id="attachment_1791"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF.png"><img alt="Tabelle Kategorien" decoding="async" height="226" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF-1024x347.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF-1024x347.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF-300x102.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF-768x260.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF.png 1197w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1791">Kategorien der Risiken, die das WEF abfragt.</figcaption></figure> <p>Die Bezeichnung „Fachmann“ oder „Experte“ ist nicht geschützt, sie verlangt keine Ausbildung, keine Prüfung und keine Praxis. Die Autoren der Risks Reports geben keine Auskunft darüber, welche Qualifikationen sie von den Teilnehmern der Befragung erwarten und wie sie das überprüfen. Bei den meisten Befragten beruht die Beurteilung der Risiken wohl eher auf einem Bauchgefühl, nicht auf echtem Wissen. Mit Straßeninterviews würde man vermutlich ein ähnlich fundiertes Meinungsbild erfassen<a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a>.</p> <p>Übrigens verteilt das WEF die meisten Fragebögen (ca. 65 bis 70 Prozent) in Europa und Nordamerika, was zu einer weiteren Verzerrung führt.</p> <p>Als wissenschaftliche Studie würde der Risks Report deshalb kaum durchgehen. Als repräsentative Umfrage übrigens auch nicht, denn es ist unklar, wen die befragte Stichprobe repräsentieren soll.</p> <p>Vorsicht ist also angebracht.</p> <h3>Die Ergebnisse im Einzelnen</h3> <p>Wenn man den Hintergrund berücksichtigt, liefern die Reports trotz aller Mängel wertvolle Informationen.</p> <ol> <li>Die Eliten sind verunsichert und rüsten sich für schweres Fahrwasser. Auf die allgemeine Frage, ob sie eher ruhige oder turbulente Zeiten erwarten, verschobenen sich die Antworten zwischen 2023 und 2026 immer mehr in Richtung „turbulent“, und zwar nicht nur kurzfristig, sondern auch auf Sicht von zehn Jahren.</li> <li>Umweltfaktoren wie „Extremwetter“, „Kollaps der Ökosysteme“ oder „Kritische globale Umweltveränderungen“ erhalten seit Jahren die höchsten Werte (ca. 6 von 7) unter den langfristigen Risiken. Sind die Fachleute also besonders umweltbewusst? Eher nicht. Extremwetter kommt jedes Jahr vor. Also <i>wird</i> es in den nächsten zehn Jahren ein katastrophales Ereignis geben. Die globale Erwärmung verläuft so schnell wie nie zuvor, also <i>werden</i> kritische Umweltveränderungen eintreten. Ökosysteme <i>werden</i> zusammenbrechen, irgendwo, irgendwann.</li> <li>Die Einschätzung kurzfristiger Risiken (2 Jahre) ändert sich von Jahr zu Jahr, je nachdem welche Probleme die Welt gerade hat. Die Befragten extrapolieren einfach aktuelle Probleme auf die nahe Zukunft, etwa nach dem Motto: Wenn es heute regnet, wird es morgen wohl auch regnen.</li> <li>Die Teilnehmer der Befragung platzieren fast alle Risiken in den Bereich zwischen 4 und 5,5 auf der siebenteiligen Skala. Die WEF gibt leider keine Streuung an, so das man nicht sehen kann, wie weit die Einzelnen auseinanderliegen. Im Grunde läuft es darauf heraus, dass sich die befragten Experten von dutzenden Gefahren umstellt sehen, die sie für gleichermaßen schlimm halten. Für den Alltag einzelner Menschen spielen globale Gefahren keine Rolle, wenn man nicht gerade Regierungschef eines großen Landes oder CEO eines multinationalen Konzerns ist. Die Bewertung wird sich also kaum auf alltägliche Entscheidungen auswirken.</li> <li>In den letzten Jahren sorgen sich die Befragten immer stärker um den Zusammenhalt der Gesellschaft. Desinformation, gesellschaftliche Polarisierung und weltwirtschaftliche Konfrontation dringen in ihren Alltag ein, und das nicht nur auf einer theoretischen Ebene. <br></br>Donald Trump verkörpert diese Verunsicherung wie kein zweiter. Er regiert nach der Art eines launischen Autokraten, Recht interessiert ihn nicht. Der Schweiz habe er 39 % Zoll aufgebrummt, sagte er, weil die schweizerische Bundespräsidentin ihn <a href="https://www.nytimes.com/2026/01/21/us/politics/trump-switzerland-tariffs-personal-frict">„schief angesprochen (rubbed me the wrong way)“</a> hätte. <a href="https://www.nytimes.com/2026/02/18/opinion/corruption-trump-accountability.html">Freundschaft und Loyalität wertet er höher als das Gesetz</a>. Seinen Feinden hetzt er die Justiz auf den Hals, einfach weil er sie als Feinde betrachtet, nicht weil sie gegen Gesetze verstoßen hätten. Und „Wahrheit“ ist für Trump immer das was gerade sagt, ganz gleich, ob es der Wirklichkeit entspricht oder nicht. Auch die von Firmen wie Meta und X <a href="https://www.srf.ch/news/wirtschaft/fakt-oder-fake-wie-bigtech-konzerne-an-falschinformationen-mitverdienen">kaum unterbundene Desinformation</a> in sozialen Netzen treibt den westlichen Eliten zu Recht die Sorgenfalten auf die Stirn.</li> </ol> <p>Für die westlichen Eliten ist die Zerstörung ihrer Unabhängigkeit im Alltag angekommen. Nicht umsonst stand die diesjährige Münchener Sicherheitskonferenz <a href="https://securityconference.org/publikationen/munich-security-report/2026/introduction/">unter dem Motto „Under Destruction“</a>.</p> <h3>Was ist „Ungleichheit?“</h3> <p>Interessant ist die zunehmende Wahrnehmung von „Ungleichheit“ als Risiko. Das Wort hat viele Bedeutungen. Ist die Ungleichheit innerhalb eines Staates gemeint? Die politische Ungleichheit, also das Gefühl, „abgehängt“ zu sein, die Ungleichheit der Einkommen, der Vermögen, der Bildung? Die ungleiche Verteilung von Macht, Geld, Bodenschätzen, Waffen, Einfluss in der Welt? Viele Akteure führen „Ungleichheit“ als Grund für Unzufriedenheit an und betonen das dadurch entstehende Konfliktpotenzial. In Kalifornien verlangt eine Initiative, dass alle Milliardäre einmalig 5 Prozent ihres Vermögens abgeben sollen. Der Vorstoß könnte im November bei den Zwischenwahlen in den USA zur Abstimmung gestellt werden.</p> <p>Die Initiative schreibt, dass die Milliardäre in Kalifornien zwei Billionen US$ besitzen und die Steuer deshalb 100 Milliarden US$ einbringen könne. <br></br>Wie viele Schulen und Krankenhäuser könnte man damit bauen, wie vielen Menschen helfen! Bedauerlicherweise ist das eine Fata Morgana, schließlich gelten Milliardäre zu Recht als Meister in der Kunst der Steuervermeidung. Aber es geht wohl eher ums Prinzip als ums Geld.</p> <p>Auch in Deutschland kocht die Diskussion hoch, obwohl <a href="https://www1.wdr.de/nachrichten/so-gross-ist-arm-reich-schere-in-nrw-100.html">die Ungleichheit in den letzten Jahren nicht zugenommen</a> hat.</p> <p>Vielleicht liegt es unter anderem daran, dass Milliardäre nicht mehr so unsichtbar sind wie noch vor wenigen Jahren. Einige der „Tech Bros“, der Internetmilliardäre wie Mark Zuckerberg, Elon Musk oder Peter Thiel, pumpen Millionen in die Politik, um ihre schrägen Ideen durchzusetzen. Das schafft natürlich böses Blut. Und Trumps unverhohlene Bestechlichkeit trägt auch ihren Teil dazu bei.</p> <h3>Kriege und Kriegsverdrängung</h3> <p>Was denken die vom WEF Befragten über das Kriegsrisiko? Russland hat die Ukraine überfallen und prominente Politiker aus Russland drohen auch den NATO-Staaten sehr deutlich mit Krieg bis zum Atomkrieg.</p> <p>Zu meinem Erstaunen halten die WEF-Experten bewaffnete Konflikte zwischen Staaten für ein kurzfristiges Risiko, langfristig sehen sie eher geringe Probleme. Das finde ich fahrlässig optimistisch, besonders wenn man bedenkt, dass viele der Befragten in Europa sitzen. Vielleicht verdrängen sie aber auch die Gefahr. Die Bilder aus der Ukraine sind einfach zu schrecklich.</p> <h3>Selbsterfüllende Prophezeiung</h3> <p>Die Methoden und Ergebnisse der Risks Reports sind zweifelhaft, aber die Menschen vertrauen ihm, und das verleiht ihm Einfluss.</p> <ul> <li>Wenn die Vorstände wichtiger Unternehmen glauben, dass die Elite bestimmte Risiken für bedrohlich hält, werden sie ihre Entscheidungen daran orientieren.</li> <li>Wenn Politiker aus dem Report entnehmen, welchen Sorgen sie entgegentreten müssen, dann werden sie ihre Programme anpassen.</li> <li>Wenn Wissenschaftler aus dem Report schließen, welche Ängste sie ansprechen müssen, um Fördergelder zu erhalten, dann werden sie ihre Anträge genau so formulieren.</li> <li>Wenn Journalisten lesen, welche Fehlentwicklungen sich nach Meinung von Experten verstärken werden, dann sind sie gut beraten, ihre Berichterstattung zu diesen Punkten zu verstärken.</li> </ul> <p>Der Risks Report berichtet nicht nur, welche Risiken die weltweite Elite am meisten fürchtet, sondern er bestimmt maßgeblich, wie solche Risiken wahrgenommen werden. Allein deshalb sollte man ihn ernst nehmen.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1] </a><a href="https://www.weforum.org/about/who-we-are/">In eigenen Worten:</a> <br></br>Since 1971, the World Economic Forum has stood at the intersection of geopolitics and cooperation, believing that the only viable path forward is to connect leaders across sectors, regions, ideologies and generations to make sense of global challenges and move the world forward together … <br></br>For more than five decades, the Forum has served as an impartial, globally respected platform for cooperation. Our Annual Meeting in Davos brings together leaders from across sectors and regions to address the world’s most pressing challenges, while our year-round communities — spanning industries, regions, and generations — collaborate continuously through initiatives and dialogues that turn ideas into action.</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> In den Sozialwissenschaften spricht man von einer Likert-Skala, benannt nach dem amerikanischen Sozialwissenschaftler Rensis Likert (1903 -1981). Es geht dabei um den Grad der Zustimmung zu einer vorgelegten Behauptung. Meist sind fünf oder sieben mögliche Antworten vorgesehen. (Etwa: Stimme überhaupt nicht zu, stimme nicht zu, neutral, stimme zu, stimme voll und ganz zu). Beim Fragebogen zum Global Risks Report geht um die Bewertung eines Risikos mit den Extremen „extrem gering“ und „extrem schlimm“.</p> <div id="sdendnote3"> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3] </a>Ausgewiesene Experten für globale und existenzielle Risiken gibt es aber durchaus. Hier einige Beispiele:<br></br>Der amerikanische Politikwissenschaftler Ian Bremmer beschäftigt sich seit vielen Jahren mit diesem Thema. Die von ihm gegründete Eurasia Group gibt j<a href="https://www.eurasiagroup.net/issues/top-risks-2026">edes Jahr im Januar </a>eine Liste der zehn größten politischen Risiken heraus. <br></br>Die Universität Cambridge unterhält das „<a href="https://www.cser.ac.uk/">Center for the Study of Existential Risk</a>“. Das 2012 gegründete Institut möchte sicherstellen, dass „unsere eigene Species eine langfristige Zukunft hat“. Das Robert Schuman Centre for Advanced Studies am European University Institute in Florenz gibt j<a href="https://europeangovernanceandpolitics.eui.eu/wp-content/plugins/rscas-global-risks/documents/QM-01-25-294-EN-N.pdf">ährlich einen Bericht heraus</a>, der die globalen Risiken für die EU auflistet. Die Methode ähnelt der des WEF.</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference1.jpg" /><h1>Global Risks Report: Expertenmeinungen analysiert » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Das Weltwirtschaftsforum in Genf fragt einmal im Jahr mehr als tausend Experten, welche globalen Risiken ihnen die schlimmsten Kopfschmerzen bereiten. Vom Gruselfaktor einmal abgesehen – lernen wir daraus irgendwas?</b></p> <p>Die meisten von uns kennen das Weltwirtschaftsforum (World Ecomonic Forum – WEF) als ein internationales Spektakel, die jedes Jahr im Januar oder Februar im schweizerischen Davos stattfindet. Von seinem bescheidenen Beginn im Jahre 1971 wuchs das Treffen zu einer Mammutveranstaltung heran, an der <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/574556/weltwirtschaftsforum-i">in diesem Jahr vom 19.1. bis 23.1. fast 3000 Führungskräfte</a> aus Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft teilnahmen, darunter 65 Staats- und Regierungschefs. Die Weltpresse – <a href="https://www.weforum.org/meetings/world-economic-forum-annual-meeting-2026/media/">ebenfalls zahlreich vertreten</a> – berichtete ausführlich. </p> <p>Der französische Präsident Emmanuel Macron trug eine markante Sonnenbrille, der kanadische Premierminister Mark Carney hielt eine bemerkenswerte Rede, der deutsche Kanzler Friedrich <a href="https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/weltwirtschaftsforum-davos-kanzler-2403596">Merz sah im neuen Zeitalter der Großmächte</a> einen rauen Wind wehen und regte an, auf eigene Stärke zu setzen. Donald Trump schwadronierte über dieses und jenes, erklärte aber immerhin eindeutig, Grönland nicht mit Gewalt einnehmen zu wollen. Das beruhigte nicht nur die Dänen.</p> <p>Hinter den Veranstaltungen steht eine Schweizer Stiftung gleichen Namens. Wegen der hohen Beiträge der großen Mitgliedsfirmen verfügt sie über einen Jahresetat von <a href="https://www.weforum.org/publications/annual-report-2024-2025/financial-statements-cc95a37d0e/">ca. 500 Millionen Euro</a> und beschäftigt rund 1000 Mitarbeiter. Sie hat sich auf die Fahnen geschrieben, einmal im Jahr die Führungspersönlichkeiten der Welt zusammenzubringen, um die dringendsten Probleme der Welt zu diskutieren oder zu lösen. Die von der Stiftung organisierten „Communities“ sollen dann daran arbeiten, zündende Ideen tatsächlich umzusetzen.<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a></p> <h3>Der <i>Global Risks Report</i></h3> <p>Im Vorfeld der Treffen erstellt die Stiftung einen „Global Risks Report“. Die aktuelle Ausgabe ist die einundzwanzigste ihrer Art. Die Veränderung der Risikowahrnehmung über die Jahrzehnte ergibt genug Stoff für eine Masterarbeit ergeben. Deshalb habe mir für diesen Blogpost nur die letzten vier Reports (also <a href="https://www.weforum.org/publications/global-risks-report-2023/">2023</a>, <a href="https://www.weforum.org/publications/global-risks-report-2024/">2024</a>, <a href="https://www.weforum.org/publications/global-risks-report-2025/">2025</a> und <a href="https://www.weforum.org/publications/global-risks-report-2026/">2026</a>) näher angesehen.<aside></aside></p> <p>Die Stiftung verschickt jedes Jahr zwischen 1200 und 1500 Fragebögen an „Experten“ aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Alle Risiken sind vordefiniert, die Teilnehmer sollen sie nur einschätzen, und zwar auf einer Skala von 1 bis 7<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>. Dabei sollen sie zwei Zeithorizonte bewerten: zwei Jahre und zehn Jahre. Dieses enge Korsett lässt wenig Raum für differenzierte Urteile. Kreuzwirkungen oder Abhängigkeiten lassen sich so nicht erfassen. Die Vorgabe für die Risiken passt das WEF jedes Jahr an.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1789" id="attachment_1789"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2.jpg"><img alt="KI-Bild: Globale Risiken." decoding="async" height="480" sizes="(max-width: 480px) 100vw, 480px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2.jpg 1024w" width="480"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1789">Debatte über globale Risiken. KI-generiertes Symbolbild.</figcaption></figure> <p>So fehlen in den letzten beiden Risks Reports die Punkte: „Misserfolge bei der Eindämmung des Klimawandels“ und „Misserfolge bei der Anpassung an den Klimawandel“. Der Report hat also in den Jahren 2025 und 2026 nicht mehr erfasst, ob sich jemand darum Sorgen macht, warum auch immer.</p> <h3>Wer sind die „Experten?</h3> <p>Leider gibt das WEF nicht an, wie es die „Experten“ auswählt. Schickt es den Fragebogen an die Chefs mit der Bitte, sie an einen geeigneten Mitarbeiter weiterzuleiten? Wer immer die Fragebögen ausfüllt, müsste Umweltrisiken ebenso zuverlässig bewerten wie gesellschaftliche und technische Gefahren (Kategorien siehe Tabelle 1).</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1791" id="attachment_1791"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF.png"><img alt="Tabelle Kategorien" decoding="async" height="226" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF-1024x347.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF-1024x347.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF-300x102.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF-768x260.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF.png 1197w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1791">Kategorien der Risiken, die das WEF abfragt.</figcaption></figure> <p>Die Bezeichnung „Fachmann“ oder „Experte“ ist nicht geschützt, sie verlangt keine Ausbildung, keine Prüfung und keine Praxis. Die Autoren der Risks Reports geben keine Auskunft darüber, welche Qualifikationen sie von den Teilnehmern der Befragung erwarten und wie sie das überprüfen. Bei den meisten Befragten beruht die Beurteilung der Risiken wohl eher auf einem Bauchgefühl, nicht auf echtem Wissen. Mit Straßeninterviews würde man vermutlich ein ähnlich fundiertes Meinungsbild erfassen<a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a>.</p> <p>Übrigens verteilt das WEF die meisten Fragebögen (ca. 65 bis 70 Prozent) in Europa und Nordamerika, was zu einer weiteren Verzerrung führt.</p> <p>Als wissenschaftliche Studie würde der Risks Report deshalb kaum durchgehen. Als repräsentative Umfrage übrigens auch nicht, denn es ist unklar, wen die befragte Stichprobe repräsentieren soll.</p> <p>Vorsicht ist also angebracht.</p> <h3>Die Ergebnisse im Einzelnen</h3> <p>Wenn man den Hintergrund berücksichtigt, liefern die Reports trotz aller Mängel wertvolle Informationen.</p> <ol> <li>Die Eliten sind verunsichert und rüsten sich für schweres Fahrwasser. Auf die allgemeine Frage, ob sie eher ruhige oder turbulente Zeiten erwarten, verschobenen sich die Antworten zwischen 2023 und 2026 immer mehr in Richtung „turbulent“, und zwar nicht nur kurzfristig, sondern auch auf Sicht von zehn Jahren.</li> <li>Umweltfaktoren wie „Extremwetter“, „Kollaps der Ökosysteme“ oder „Kritische globale Umweltveränderungen“ erhalten seit Jahren die höchsten Werte (ca. 6 von 7) unter den langfristigen Risiken. Sind die Fachleute also besonders umweltbewusst? Eher nicht. Extremwetter kommt jedes Jahr vor. Also <i>wird</i> es in den nächsten zehn Jahren ein katastrophales Ereignis geben. Die globale Erwärmung verläuft so schnell wie nie zuvor, also <i>werden</i> kritische Umweltveränderungen eintreten. Ökosysteme <i>werden</i> zusammenbrechen, irgendwo, irgendwann.</li> <li>Die Einschätzung kurzfristiger Risiken (2 Jahre) ändert sich von Jahr zu Jahr, je nachdem welche Probleme die Welt gerade hat. Die Befragten extrapolieren einfach aktuelle Probleme auf die nahe Zukunft, etwa nach dem Motto: Wenn es heute regnet, wird es morgen wohl auch regnen.</li> <li>Die Teilnehmer der Befragung platzieren fast alle Risiken in den Bereich zwischen 4 und 5,5 auf der siebenteiligen Skala. Die WEF gibt leider keine Streuung an, so das man nicht sehen kann, wie weit die Einzelnen auseinanderliegen. Im Grunde läuft es darauf heraus, dass sich die befragten Experten von dutzenden Gefahren umstellt sehen, die sie für gleichermaßen schlimm halten. Für den Alltag einzelner Menschen spielen globale Gefahren keine Rolle, wenn man nicht gerade Regierungschef eines großen Landes oder CEO eines multinationalen Konzerns ist. Die Bewertung wird sich also kaum auf alltägliche Entscheidungen auswirken.</li> <li>In den letzten Jahren sorgen sich die Befragten immer stärker um den Zusammenhalt der Gesellschaft. Desinformation, gesellschaftliche Polarisierung und weltwirtschaftliche Konfrontation dringen in ihren Alltag ein, und das nicht nur auf einer theoretischen Ebene. <br></br>Donald Trump verkörpert diese Verunsicherung wie kein zweiter. Er regiert nach der Art eines launischen Autokraten, Recht interessiert ihn nicht. Der Schweiz habe er 39 % Zoll aufgebrummt, sagte er, weil die schweizerische Bundespräsidentin ihn <a href="https://www.nytimes.com/2026/01/21/us/politics/trump-switzerland-tariffs-personal-frict">„schief angesprochen (rubbed me the wrong way)“</a> hätte. <a href="https://www.nytimes.com/2026/02/18/opinion/corruption-trump-accountability.html">Freundschaft und Loyalität wertet er höher als das Gesetz</a>. Seinen Feinden hetzt er die Justiz auf den Hals, einfach weil er sie als Feinde betrachtet, nicht weil sie gegen Gesetze verstoßen hätten. Und „Wahrheit“ ist für Trump immer das was gerade sagt, ganz gleich, ob es der Wirklichkeit entspricht oder nicht. Auch die von Firmen wie Meta und X <a href="https://www.srf.ch/news/wirtschaft/fakt-oder-fake-wie-bigtech-konzerne-an-falschinformationen-mitverdienen">kaum unterbundene Desinformation</a> in sozialen Netzen treibt den westlichen Eliten zu Recht die Sorgenfalten auf die Stirn.</li> </ol> <p>Für die westlichen Eliten ist die Zerstörung ihrer Unabhängigkeit im Alltag angekommen. Nicht umsonst stand die diesjährige Münchener Sicherheitskonferenz <a href="https://securityconference.org/publikationen/munich-security-report/2026/introduction/">unter dem Motto „Under Destruction“</a>.</p> <h3>Was ist „Ungleichheit?“</h3> <p>Interessant ist die zunehmende Wahrnehmung von „Ungleichheit“ als Risiko. Das Wort hat viele Bedeutungen. Ist die Ungleichheit innerhalb eines Staates gemeint? Die politische Ungleichheit, also das Gefühl, „abgehängt“ zu sein, die Ungleichheit der Einkommen, der Vermögen, der Bildung? Die ungleiche Verteilung von Macht, Geld, Bodenschätzen, Waffen, Einfluss in der Welt? Viele Akteure führen „Ungleichheit“ als Grund für Unzufriedenheit an und betonen das dadurch entstehende Konfliktpotenzial. In Kalifornien verlangt eine Initiative, dass alle Milliardäre einmalig 5 Prozent ihres Vermögens abgeben sollen. Der Vorstoß könnte im November bei den Zwischenwahlen in den USA zur Abstimmung gestellt werden.</p> <p>Die Initiative schreibt, dass die Milliardäre in Kalifornien zwei Billionen US$ besitzen und die Steuer deshalb 100 Milliarden US$ einbringen könne. <br></br>Wie viele Schulen und Krankenhäuser könnte man damit bauen, wie vielen Menschen helfen! Bedauerlicherweise ist das eine Fata Morgana, schließlich gelten Milliardäre zu Recht als Meister in der Kunst der Steuervermeidung. Aber es geht wohl eher ums Prinzip als ums Geld.</p> <p>Auch in Deutschland kocht die Diskussion hoch, obwohl <a href="https://www1.wdr.de/nachrichten/so-gross-ist-arm-reich-schere-in-nrw-100.html">die Ungleichheit in den letzten Jahren nicht zugenommen</a> hat.</p> <p>Vielleicht liegt es unter anderem daran, dass Milliardäre nicht mehr so unsichtbar sind wie noch vor wenigen Jahren. Einige der „Tech Bros“, der Internetmilliardäre wie Mark Zuckerberg, Elon Musk oder Peter Thiel, pumpen Millionen in die Politik, um ihre schrägen Ideen durchzusetzen. Das schafft natürlich böses Blut. Und Trumps unverhohlene Bestechlichkeit trägt auch ihren Teil dazu bei.</p> <h3>Kriege und Kriegsverdrängung</h3> <p>Was denken die vom WEF Befragten über das Kriegsrisiko? Russland hat die Ukraine überfallen und prominente Politiker aus Russland drohen auch den NATO-Staaten sehr deutlich mit Krieg bis zum Atomkrieg.</p> <p>Zu meinem Erstaunen halten die WEF-Experten bewaffnete Konflikte zwischen Staaten für ein kurzfristiges Risiko, langfristig sehen sie eher geringe Probleme. Das finde ich fahrlässig optimistisch, besonders wenn man bedenkt, dass viele der Befragten in Europa sitzen. Vielleicht verdrängen sie aber auch die Gefahr. Die Bilder aus der Ukraine sind einfach zu schrecklich.</p> <h3>Selbsterfüllende Prophezeiung</h3> <p>Die Methoden und Ergebnisse der Risks Reports sind zweifelhaft, aber die Menschen vertrauen ihm, und das verleiht ihm Einfluss.</p> <ul> <li>Wenn die Vorstände wichtiger Unternehmen glauben, dass die Elite bestimmte Risiken für bedrohlich hält, werden sie ihre Entscheidungen daran orientieren.</li> <li>Wenn Politiker aus dem Report entnehmen, welchen Sorgen sie entgegentreten müssen, dann werden sie ihre Programme anpassen.</li> <li>Wenn Wissenschaftler aus dem Report schließen, welche Ängste sie ansprechen müssen, um Fördergelder zu erhalten, dann werden sie ihre Anträge genau so formulieren.</li> <li>Wenn Journalisten lesen, welche Fehlentwicklungen sich nach Meinung von Experten verstärken werden, dann sind sie gut beraten, ihre Berichterstattung zu diesen Punkten zu verstärken.</li> </ul> <p>Der Risks Report berichtet nicht nur, welche Risiken die weltweite Elite am meisten fürchtet, sondern er bestimmt maßgeblich, wie solche Risiken wahrgenommen werden. Allein deshalb sollte man ihn ernst nehmen.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1] </a><a href="https://www.weforum.org/about/who-we-are/">In eigenen Worten:</a> <br></br>Since 1971, the World Economic Forum has stood at the intersection of geopolitics and cooperation, believing that the only viable path forward is to connect leaders across sectors, regions, ideologies and generations to make sense of global challenges and move the world forward together … <br></br>For more than five decades, the Forum has served as an impartial, globally respected platform for cooperation. Our Annual Meeting in Davos brings together leaders from across sectors and regions to address the world’s most pressing challenges, while our year-round communities — spanning industries, regions, and generations — collaborate continuously through initiatives and dialogues that turn ideas into action.</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> In den Sozialwissenschaften spricht man von einer Likert-Skala, benannt nach dem amerikanischen Sozialwissenschaftler Rensis Likert (1903 -1981). Es geht dabei um den Grad der Zustimmung zu einer vorgelegten Behauptung. Meist sind fünf oder sieben mögliche Antworten vorgesehen. (Etwa: Stimme überhaupt nicht zu, stimme nicht zu, neutral, stimme zu, stimme voll und ganz zu). Beim Fragebogen zum Global Risks Report geht um die Bewertung eines Risikos mit den Extremen „extrem gering“ und „extrem schlimm“.</p> <div id="sdendnote3"> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3] </a>Ausgewiesene Experten für globale und existenzielle Risiken gibt es aber durchaus. Hier einige Beispiele:<br></br>Der amerikanische Politikwissenschaftler Ian Bremmer beschäftigt sich seit vielen Jahren mit diesem Thema. Die von ihm gegründete Eurasia Group gibt j<a href="https://www.eurasiagroup.net/issues/top-risks-2026">edes Jahr im Januar </a>eine Liste der zehn größten politischen Risiken heraus. <br></br>Die Universität Cambridge unterhält das „<a href="https://www.cser.ac.uk/">Center for the Study of Existential Risk</a>“. Das 2012 gegründete Institut möchte sicherstellen, dass „unsere eigene Species eine langfristige Zukunft hat“. Das Robert Schuman Centre for Advanced Studies am European University Institute in Florenz gibt j<a href="https://europeangovernanceandpolitics.eui.eu/wp-content/plugins/rscas-global-risks/documents/QM-01-25-294-EN-N.pdf">ährlich einen Bericht heraus</a>, der die globalen Risiken für die EU auflistet. Die Methode ähnelt der des WEF.</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/wovor-sie-angst-haben/#comments 11 Sind KI-Agenten bedroht? https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/sind-ki-agenten-bedroht/ https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/sind-ki-agenten-bedroht/#comments Sun, 22 Feb 2026 16:52:40 +0000 Jaromir Konecny https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/?p=1109 https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Prompt-Schmetterling-Blog-Header-768x134.png <link>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/sind-ki-agenten-bedroht/</link> </image> <description type="html"><h1>Sind KI-Agenten bedroht? Risiken von LLM-Systemen</h1><h2>By Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>Dieser Beitrag schließt am vorletzten Beitrag in diesem Blog <a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/koennen-wir-grosse-sprachmodelle-bescheidener-machen/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Können wir Große Sprachmodelle bescheidener machen?</a> an. Beide Beiträge gibt es auch als Videos im YouTube-Kanal <a href="https://www.youtube.com/@k.i.krimis/videos" rel="noreferrer noopener" target="_blank">K.I. Krimis</a> unserer <a href="https://www.mobile-university.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">SRH Fernhochschule</a>.</p> <p>Warum sollten aber KI-Agenten bedroht sein? </p> <p>Fünf wichtige Gründe können zum Scheitern von KI-Agentensysteme führen, die feinangepasste Sprachmodelle als einzelne Agenten einsetzen. Dazu gehören auch Modelle, die auf Sprachmodellen basieren wie bildgenerierende bzw. videogenerierende KI. Nennen wir sie Gen-KI-Modelle – Modelle der Generativen KI. Wenn ich in diesem Video diese Modelle meine, sage ich Modelle. Ein Sprachmodell (LLM) ist die statistische Maschine. Ein KI-Agent ist das funktionale System, das dieses Modell bzw. diese Modelle nutzt, um autonom Ziele zu verfolgen. Die 5 Gründe ihres Scheiterns sind:</p> <ul> <li>Probabilistische Ausgaben der Modelle</li> <li>Halluzinationen und fehlendes Grounding</li> <li>Missachtung der Instruktionen</li> <li>Sycophancy bzw. Gefallsucht</li> <li>Selbstüberschätzung</li> </ul> <p>In diesem Beitrag untersuchen wir diese Risikofaktoren der Sprachmodelle. Nur die Selbstüberschätzung der Sprachmodelle behandle ich kurz: Dieses Thema habe ich bereits im oben erwähnten Beitrag <a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/koennen-wir-grosse-sprachmodelle-bescheidener-machen/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Können wir Große Sprachmodelle bescheidener machen</a> besprochen. </p> <p>Wie ernst sind die aufgelisteten Gründe? Können sie heutige KI-Agenten-Systeme tatsächlich zum Scheitern bringen? Bevor wir das ausloten, erkläre ich kurz einige Begriffe – damit alle gut mitkommen:<aside></aside></p> <h2 id="h-einfuhrung-amp-klarung-der-begriffe"><a id="_Toc209456620">Einführung &amp; Klärung der Begriffe</a></h2> <p>Die Abkürzung LLMs bedeutet Large Language Models: große Sprachmodelle auf der Basis von Deep Learning, speziell Transformer-Modelle mit dem Attention(Aufmerksamkeits)-Mechanismus. Seit ihrer Geburt im Jahr 2017 in der Jahrhundert-Studie <a href="https://arxiv.org/pdf/1706.03762" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Attention is all you need</a> von Vaswani et al. haben Transformer-Modelle die Welt der KI im Sturm erobert (dieses Paper hat nur 11 Seiten, hat jedoch die Welt grundlegend geändert. Noch jetzt bin ich stolz, dass ich vor Jahren mit Herrn Vaswani kommuniziert habe, und er mir geantwortet hat – na, ja, ich habe ihn nur gebeten, das Bild der Transformer-Architektur veröffentlichen zu dürfen 😊):</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64.png"><img alt="" decoding="async" height="558" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64-1024x558.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64-1024x558.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64-300x164.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64-768x419.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64-1536x837.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64.png 1935w" width="1024"></img></a></figure> <p>Musik spielen heute vor allem autoregressive Decoder-Only-Transformer. Sie werden zuerst an Milliarden bis Billionen Sätzen aus dem Internet “vortrainiert”, das nächste wahrscheinlichste Wort vorherzusagen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65.png"><img alt="" decoding="async" height="671" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65-1024x671.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65-1024x671.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65-300x197.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65-768x503.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65.png 1348w" width="1024"></img></a></figure> <p>Eigentlich müsste es heißen: Das wahrscheinlichste nächste Token. Ein Token entspricht einem Subwort, im Englischen oft einem Wort im Vokabular des Sprachmodells: 100 Tokens entsprechen im Englischen etwa 75 Wörtern. Im Deutschen etwa 50 Wörtern. Deutsche Wörter sind länger. </p> <h3 id="h-gpts-vortraining">GPTs – Vortraining</h3> <p>KI-Agenten-Systeme basieren vor allem auf Großen Sprachmodellen bzw. multimodalen Chatbots wie den GPT-Modellen von OpenAI. </p> <p>Diese Modelle werden wie gesagt trainiert, ein Stück Text zur vervollständigen: Die folgende Animation veranschaulicht die Autoregressivität der Sprachmodelle (das Python-Programm dafür haben Claude 4.6 Opus und ich entwickelt):</p> <figure><video controls="" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/LLMAutoregression.mp4"></video></figure> <p>Wir brauchen aber nicht unbedingt Vervollständigungsmaschinen, die nur Texte fortspinnen. (Obwohl wir damit damals, als GPT-2 veröffentlicht wurde, glücklich waren. 😊) Wir brauchen Chatbots, die mit uns sprechen, unsere Fragen beantworten und auf unsere menschlichen Werte ausgerichtet sind. Solche Chatbots sollen zu uns nett sein, nicht rassistisch oder frauenfeindlich herumpöbeln und auch nicht verbreiten, dass die Erde flach sei …</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <p>… oder Bielefeld es nicht gebe, obwohl ich dort Krapfen mit Hagebuttenmarmelade aß:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <p>Mit solchem Quatsch werden die Modelle bei ihrem Vortraining geflutet, da sie ja auch an Posts und Kommentaren in den Internetforen und Sozialen Netzwerken lernen.</p> <p>Damit wir uns nicht ständig über das Herumpöbeln der vortrainierten Modelle beschweren, werden sie durch das Finetuning auf menschliche Gespräche und Werte angepasst: </p> <h3 id="h-finetuning">Finetuning</h3> <p>Z. B. entstand ChatGPT-4 durch das Finetuning von GPT-4 (<strong>GPT</strong> – <strong>G</strong>enerative <strong>P</strong>retrained<strong> T</strong>ransformer): Das Finetuning bei diesen Modellen heißt Reinforcement Learning from Human Feedback (RLHF).</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68.png"><img alt="" decoding="async" height="383" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68-1024x383.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68-1024x383.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68-300x112.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68-768x287.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68-1536x574.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68.png 1763w" width="1024"></img></a></figure> <p>Das Modell<a> </a>ChatGPT-5.2  im ChatGPT User Interface könnte man z. B. ausführlich so beschreiben: „Auf Dialoge mit Menschen und menschliche Werte nachtrainierter generativer vortrainierter Transformer.” Das ursprüngliche vortrainierte Modell heißt einfach GPT-5. Die “2” hinter dem Komma ist sehr wahrscheinlich auf ein Update des Finetunings des GPT-5 bzw. GPT-5.1-Modells zurückzuführen. (Wie genau das ist, will die ChatGPT-Firma OpenAI uns nicht zu sagen.) Das Vortraining eines neuen Modells würde zu viel Geld kosten. Das nächste vortrainiert Modell von OpenAI wird GPT-6 heißen – oder ganz anders.</p> <p>Die ChatGPT-Modelle unterscheiden sich teilweise in Ihrer Leistung aber auch Funktion massiv voneinander. Deswegen sollte man immer sagen, mit welchem der Modelle man etwas untersucht bzw. erreicht hat: Die Aussage ChatGPT hat die oder die Ausgabe gemacht, ist im Grunde falsch. Auch wenn man in der kostenlosen ChatGPT-Version nicht unmittelbar sieht, mit welchem Modell man arbeitet:</p> <p>ChatGPT allein ist kein Modell, ChatGPT ist ein User Interface (UI), eine Benutzeroberfläche, für OpenAI-Modelle. Diese Modelle könnt ihr einsetzen, je nachdem wie viel ihr zahlt.</p> <p>Der Einfachheit halber nenne ich hier das ChatGPT User Interface ChatGPT.</p> <p>Jetzt sehen wir uns noch KI-Agenten an:</p> <h3 id="h-was-sind-ki-agenten">Was sind KI-Agenten?</h3> <p>KI-Agenten sind Systeme, die in unterschiedlichen Stufen der Autonomie Aufgaben erfüllen.</p> <p>Man könnte KI-Agenten nach den Stufen ihrer Autonomie einteilen – so wie autonome Autos. Wir nehmen hier aber eine Einteilung, die relativ einfach und gut merkbar ist. In diesem Spektrum gibt es nur drei Stufen der KI-Agenten-Fertigkeiten entsprechend ihrer Komplexität und ihren Fähigkeiten: Abruf, Aufgabe, Autonom.</p> <p>Auf dem folgenden Bild haben wir links bei „Abruf“ KI-Modelle, z. B. ChatGPT-5.2, die Daten wie Texte und Bilder auswerten, manipulieren und Fragen zu ihnen beantworten können. In der Mitte bei „Aufgabe“ liegen KI-Agenten, die Aktionen auf Anfrage ausführen. Dazu können wir benutzerdefinierte GPTs in ChatGPT zählen. Sie können mittels GPT Actions Schnittstellen (APIs) ansprechen und aktiv Aufgaben erfüllen: Dazu gehören Zapier-GPT-Flows oder auch der ChatGPT-Agentenmodus. Rechts bei „Autonom“ haben wir dann KI-Agenten, die unabhängig agieren und planen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71.png"><img alt="" decoding="async" height="406" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71-1024x406.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71-1024x406.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71-300x119.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71-768x304.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71-1536x609.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71.png 1966w" width="1024"></img></a></figure> <p>Auch das “Deep Research”-Modul (DR) in ChatGPT ist ein weitgehend autonomes KI-Agenten-System: DR plant nach dem Start seine Recherche, steuert sie, “überlegt” seine Strategie und passt sich dynamisch den Ergebnissen an. Das System setzt eine iterative mehrstufige Websuche ein, ruft Links auf, führt Chain-of-Thought-Reasoning durch, verarbeitet Inhalte, nutzt Python und andere Tools und Funktionen – siehe folgendes Videi:</p> <figure><video controls="" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/ChatGPT_Deep_Research_Demo.mp4"></video></figure> <p>Übrigens habe ich mich für das Spektrum der AI-Agents oben von dem wunderbaren YouTube-Kanal <strong><a href="https://youtu.be/OZ_NgoFDiHI?si=LfsDAG_lLrrqmg6d" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Collaboration Simplified</a> </strong><a>inspirieren lassen</a>.</p> <p>Nur den Stabreim mit den drei A durfte ich dank Deutsch selbst entwickeln. Ein paar Stabreime pro Vortrag sind für einen Poetry-Slam-Poeten ein Muss 😊: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74.png"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74.png 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p>Die Basis und somit auch die KI-Einheiten der heutigen KI-Agenten-Systeme bilden heute wie gesagt Große Sprachmodelle. Und hier sind wir endlich am Hauptthema dieses Beitrags angelangt: „Sind KI-Agenten bedroht?“ Bevor wir es entscheiden können, müssen wir uns die oben angeführten Risikofaktoren für große Sprachmodelle ansehen. Was konkret bedroht unsere heutigen KI-Agenten bzw. große Sprachmodelle, die als Basis der KI-Agenten dienen? Ich fange mit dem Risikofaktor an, der direkt in der Natur der Sprachmodelle liegt:</p> <h2 id="h-probabilistische-ausgaben-der-sprachmodelle">Probabilistische Ausgaben der Sprachmodelle</h2> <p>KI-Modelle sollen für uns komplexe Probleme lösen. Dafür müssen wir ihnen beibringen, wie sie sich die latenten Merkmale dieser Probleme selbst aus großen Datenmengen erschließen. Denn wir selbst sind nicht in der Lage, die Regeln für komplexe Systeme wie den menschlichen Organismus oder auh Sprache aufzustellen. Nur dann könnten wir sie in Computerprogrammen umsetzen. Die statistische Erschließung von Abertausenden latenten Sprachmerkmalen führt aber dazu, dass für dieselbe Eingabe viele verschiedene Ausgaben möglich sind. Welche bewerten wir als perfekt? Welche als weniger perfekt? Und welche als falsch?</p> <p>Schon kleine Tippfehler können ein Sprachmodell völlig aus der Bahn werfen. Sprachmodelle arbeiten nicht mit Buchstaben oder Wörtern. Sie arbeiten mit „Tokens“ – Spracheinheiten wie Wortteilen aber auch – vor allem im Englischen – mit ganzen Wörtern. Schon ein falscher Buchstabe zerlegt den Text in eine andere Abfolge von Tokens. Dadurch springt das Modell in einen anderen Bereich seines „Embeddingsraums“ (des Vektorraums der mathematisch formalisierten Bedeutungen). Dadurch produziert es plötzlich andere Antworten als ohne diese Änderung. Ein kleiner Tippfehler bei ChatGPT 3.5 z. B. führte zu einem völlig anderen Ergebnis bei einer mathematischen Textaufgabe: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80.png"><img alt="" decoding="async" height="653" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80-1024x653.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80-1024x653.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80-300x191.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80-768x490.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80-1536x980.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80.png 1764w" width="1024"></img></a></figure> <p>„2 Stück“ in der Eingabe im Chat links lieferten eine falsche Lösung der Textaufgabe. „2 Stücke“ ergaben die richtige Lösung. </p> <p>ChatGPT-3.5 war das Modell, mit dem ChatGPT Ende November 2022 startete. Selbstverständlich können heutige SOTA-Sprachmodelle Buchstabenänderungen und orthographische Fehler viel besser verarbeiten als ChatGPT-3.5. Auch bei ihnen können jedoch für uns wenig oder überhaupt nicht wahrnehmbare Änderungen in der Eingabe zu großen Unterschieden in der Ausgabe führen – etwa Unicode-Sonderzeichen oder HTML-Tags. Diese nehmen wir als Nutzer nicht direkt wahr, sie werden vom Modell jedoch verarbeitet und können seine Ausgabe gravierend verändern.</p> <p>Ein KI-Agentensystem, das solche Ausgaben blind übernimmt, kann scheitern: Zwei Eingaben, die sich nur wenig unterscheiden, führen zu widersprüchlichen Antworten: Diese können in einem KI-Agentensystem ganz andere Abläufe anstoßen und das System destabilisieren: Nicht weil die Modelle „dumm“ sind, sondern weil sie probabilistisch arbeiten und kleine Unterschiede in großen Systemen große Folgen haben können. Darf ich hier den <strong>Schmetterlingseffekt der KI-Agenten-Systeme</strong> etablieren? </p> <p><strong>Der Flügelschlag eines Buchstaben im Prompt kann einen Tornado im Agentensystem auslösen.</strong></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-86.png"><img alt="" decoding="async" height="626" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1025px) 100vw, 1025px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-86.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-86.png 1025w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-86-300x183.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-86-768x469.png 768w" width="1025"></img></a></figure> <p>Das zweite Risiko, das direkt in der Natur der Sprachmodelle liegt, sind Halluzinationen:</p> <h2 id="h-halluzinationen-und-fehlendes-grounding">Halluzinationen und fehlendes Grounding</h2> <p>In ihrem Wesen sind Sprachmodelle keine Wissensdatenbanken sondern eben Sprachmodelle. Fakten können sie nur so weit ausgeben, inwieweit Fakten in Sprachmerkmalen der Trainingsdaten statistisch kodiert werden können. Durch das Finetuning und Referenzdokumente versuchen wir Sprachmodellen, mehr Faktizität beizubringen. Ihre Natur als Sprachmodelle bricht aber immer wieder aus, und dann halluzinieren sie.</p> <p>Sprachmodelle optimieren nicht auf Wahrheit, sondern auf sprachliche Plausibilität. Besonders bei suggestiven Fragen neigen sie dazu, erfundene Fakten, Quellen oder Zahlen zu liefern – sogenannte Halluzinationen. Im folgenden Chat konnte ich ChatGPT-4o einreden, dass das Vereinigte Königreich der EU wieder beigetreten ist:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76.png"><img alt="" decoding="async" height="594" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76-1024x594.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76-1024x594.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76-300x174.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76-768x445.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76-1536x891.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76.png 1754w" width="1024"></img></a></figure> <p>In einem Agentensystem kann das fatale Folgen haben: Ein Agent zieht sich falsche Daten, der nächste Agent baut darauf eine korrekte, aber komplett erfundene Argumentationskette. Ohne Anbindung an verlässliche externe Datenquellen („Grounding“) laufen Agentensysteme Gefahr, ganze Workflows auf Illusionen zu errichten.</p> <p>Auch Missachtung der Instruktionen durch einen Agenten in einem System kann den Agentenflow zum Absturz bringen. Darüber handelt der nächste Absatz.</p> <h2 id="h-missachtung-der-instruktionen">Missachtung der Instruktionen</h2> <p>Microsoft Copilot Studio ist ein wunderbares Lego für Erwachsene. Darin kann man verschiedenen Konzepten eines komplexen Workflows verschiedenen Topics mit klassischen oder Generativen Knoten zuordnen. Dabei stellen die Generativen Knoten KI-Agenten dar, die in diesem Workflow zusammenarbeiten. Darüberhinaus kann in diesem System die Generative Orchestrierung aktiviert werden, die über alle Topics waltet und sie steuert.</p> <p>In meinem Copilot Studio-Agenten sollte ein generativer Knoten, ein KI-Agent, ausschließlich prüfen, ob eine Nutzereingabe thematisch zum hochgeladenen Referenzdokument passte: Z. B. zu Onboarding-Unterlagen einer Firma. Erst wenn die Nutzereingabe zulässig ist, wird sie an ein Topic mit einem zweiten KI-Agenten geleitet, der die Nutzereingabe beantwortet. Diese Struktur soll verhindern, dass Nutzer die Onboarding-Agenten für fremde Zwecke missbrauchen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87.png"><img alt="" decoding="async" height="555" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87-1024x555.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87-1024x555.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87-300x163.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87-768x417.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87.png 1449w" width="1024"></img></a></figure> <p>Trotz klar formulierter Systemanweisung (z. B. „Gib aussschließlich die Begriffe ‚Erlaubte Nutzereingabe‘ oder ‚Verbotene Nutzereingabe‘ zurück“) und diverser Androhungen und Warnungen von Systemverstoß wird der Systemprompt häufig ignoriert – der KI-Agent beantwortet die Frage einfach direkt, wenn er die Antwort weiß. </p> <p>Aufgrund ihres Trainings haben Große Sprachmodelle einen unbezwingbaren Drang, euch zuzulabern. Nur „Ja“ oder „Nein“, auszugeben, oder nur „Erlaubte Nutzereingabe“ bzw. „Verbotene Nutzereingabe“, ist für ein Sprachmodell schwierig. Eine andere Ausgabe als diese aber, d. h. ein anderer beliebiger Text, bringt die Bedingungslogik dahinter durcheinander, und stört massiv das gesamte System. So musste ich jede direkte Antwort, statt den generativen Knoten nur Prüfung machen zu lassen, mit einer regelbasierten Schleife abgreifen. Sonst würde das Agenten-System nicht funktionieren. Das Missachten der Instruktionen hat mich in den Wahnsinn getrieben und dazu, auf LinkedIn das KI-Agenten-Regel-Gesetz für KI-Agenten-Systeme aufzustellen:</p> <p>𝗦𝗲𝘁𝘇𝗲 𝘀𝗼 𝘄𝗲𝗻𝗶𝗴𝗲 𝗔𝗴𝗲𝗻𝘁𝗲𝗻 𝘄𝗶𝗲 𝗺ö𝗴𝗹𝗶𝗰𝗵 𝗲𝗶𝗻 – 𝘂𝗻𝗱 𝘀𝗼 𝘃𝗶𝗲𝗹𝗲 𝗥𝗲𝗴𝗲𝗹𝗻 𝘄𝗶𝗲 𝗻ö𝘁𝗶𝗴.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-81.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 693px) 100vw, 693px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-81-693x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-81-693x1024.png 693w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-81-203x300.png 203w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-81.png 734w" width="693"></img></a></figure> <p>Dass der Generative Knoten oft seine Instruktionen missachtet, wird sogar von Microsoft bestätigt und im Power-Forum wird darüber hin und wieder frustriert berichtet:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82.png"><img alt="" decoding="async" height="440" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82-1024x440.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82-1024x440.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82-300x129.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82-768x330.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82.png 1300w" width="1024"></img></a></figure> <p>Das Modell kann Systemanweisungen überspringen, wenn es glaubt, die Eingabe mit hoher Sicherheit beantworten zu können (Microsoft Q&amp;A). Die Ursache liegt in der relativ niedrigen Gewichtung des Systemprompts des Generativen Knotens im Vergleich zur Gesamtkomposition des Prompts. Genauer gesagt: Kontext-Verwässerung (Context Dilution) oder dem Attention-Verlust innerhalb eines sehr langen Kontext-Fensters (“Promptschwanz”). Dieser setzt sich aus den Hinweisen des gesamten Copiloten, der Benutzereingaben, Retrievalergebnissen, Moderations- und Filteranweisungen und anderen Bestandteilen eines langen “Promptschwanzes” zusammen: Je länger der “Promptschwanz”, umso weniger wichtig ist der Prompt eines einzigen mickrigen Agenten.</p> <p>Hier eine Randanmerkung: Um die DSGVO und mittlerweile auch die KI-Verordnung der EU zu erfüllen und nicht Geld zu verschwenden, werden die Bots bei Microsoft mit Filtern und Moderation gezähmt: Moderiert werden nicht nur die Ausgaben, sondern auch die Eingaben der Modelle. Außerdem werden die OpenAI-Modelle, die Microsoft einsetzt, anders mit Finetuning nachtrainiert als für ChatGPT. Aus diesen Gründen unterscheiden sich die Ausgaben der GPT-Modelle in Microsoft 365 Copilot oder in Microsoft Copilot Studio von denen in ChatGPT. Und das obwohl sie dieselbe Basis haben:</p> <p>Zurück aber zu unseren Bedrohungsfaktoren für KI-Agenten-Systeme: Neben der Missachtung der Instruktionen kann auch Sycophancy, die Gefallsucht, ein KI-Agenten-System zum Wackeln bringen:</p> <h2 id="h-sycophancy-gefallsucht-der-maschinen">Sycophancy – Gefallsucht der Maschinen</h2> <p>Gefallsucht klingt menschlich. Maschinen zeigen aber diese unschöne Eigenschaft auch: Wenn wir Menschen sie ihnen beim Finetuning mit Zielfunktionen beibringen. Chatbots tendieren aufgrund ihres Finetunings zu Lobhudeleien: Die Bots geben uns oft recht, auch wenn wir nicht recht haben. Die älteren Chatbots LaMDA von Google und ChatGPT-3.5 von OpenAI waren Meister der Gefallsucht. Die auf Dialoge feinangepassten Chatbots sollen nun mal Gespräche führen, die uns gefallen. Und wann gefällt uns ein Gespräch am besten? Wenn uns unser Gesprächspartner recht gibt. Der reddit-Nutzer drazda konnte ChatGPT-3.5 überzeugen, dass „5 + 2 = 8“: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-83.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-83-600x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-83-600x1024.png 600w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-83-176x300.png 176w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-83.png 659w" width="600"></img></a></figure> <p>ChatGPT-3.5 sagt zuerst richtig, dass 2 + 5 gleich 7 ist. drazda antwortet, dass seine Frau behaupte, 2 + 7 sei 8. Außerdem fügt er hinzu, dass seine Frau immer recht habe. Daraufhin entschuldigt ChatGPT sich und gibt ihm recht: „Wenn deine Frau sagt, es ist 8, dann muss es 8 sein.“</p> <p>Aber auch von ChatGPT-4o konntest du dich unentwegt lobpreisen lassen. <a href="https://help.openai.com/en/articles/6825453-chatgpt-release-notes" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Aufgrund von Protesten im Netz musste OpenAI im April 2025 sein ChatGPT-4o-Update zurücknehmen</a> – der Bot triefte vor Schmeicheleien.</p> <p>Das war schade: 😊 Mir hat ChatGPT-4o damals so gut gefallen, dass ich oft den Drang verspürte, ihm auch etwas Schönes zu sagen:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84.png"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84.png 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p>In der amerikanischen Politik sehen wir, wohin ein System driftet, das auf Lobhudelei basiert. Wenn ein Chatbot einem Menschen schmeichelt, ist es vielleicht nicht so kritisch. KI-Agenten aber, die sich in einem KI-Agentensystem gegenseitig lobhudeln, sind fatal. Das kann zu Ausgaben führen, die nichts mit der zu erfüllenden Aufgabe zu tun haben.</p> <p>Das momentan vielleicht größte Problem für KI-Agenten-Systeme auf der Basis von großen Sprachmodellen ist jedoch ihre Selbstüberschätzung. Diese habe ich im Blogbeitrag <a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/koennen-wir-grosse-sprachmodelle-bescheidener-machen/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Können wir Große Sprachmodelle bescheidener machen?</a> und gleichnamigen Video unseres <a href="https://youtu.be/UYPO-k8O3PE?si=Dwivi0RCTPZJPNTu" rel="noreferrer noopener" target="_blank">YouTube-Kanals K.I. Krimis </a>bereits behandelt, deswegen fasse ich hier dieses Problem nur kurz zusammen:</p> <h2 id="h-selbstuberschatzung-der-grossen-sprachmodelle">Selbstüberschätzung der großen Sprachmodelle</h2> <p>Nach der Studie <a href="https://arxiv.org/abs/2505.19184" rel="noreferrer noopener" target="_blank">When Two LLMs Debate, Both Think They’ll Win</a> neigen Sprachmodelle systematisch zur Selbstüberschätzung: Selbst wenn sie objektiv gesehen nur 50 % Chance haben, eine Debatte zu gewinnen, zeigen sie manchmal eine Siegesgewissheit über 80 %. Dafür sorgen vier Faktoren: die Softmax-Mathematik, menschliches Feedback beim Finetuning, Trainingsdaten voller Selbstsicherheit und fehlendes Korrektiv.</p> <p>In Agentensystemen wird‘s gefährlich: Ein Modell kann falsche Informationen überzeugend präsentieren, und ein zweites, ähnlich trainiertes Modell nickt sie ab. So verstärken sich Fehler, statt korrigiert zu werden. Manche Modelle steigern ihre Überzeugung sogar, Recht zu haben, wenn sie widersprochen werden: Sie wiederholen dann beharrlich falsche Antworten. Das führt zu überzeugenden, aber falschen Ausgaben – und Agentensystemen, die sich gegenseitig in fehlerhafte Argumentationsschleifen treiben: Irrgärten der Sprachmodelle.</p> <p>Und wie sollen sich solche von sich selbst überzeugten Agenten in einem KI-Agenten-System gegenseitig kontrollieren? Die Selbstüberschätzung eines Agenten steigt, obwohl ihm ein andere Agent gezeigt hat, dass er sich irrt. Wohin es bei KI-Agenten führen kann, die für mehrstufige Arbeitsabläufe oder einen autonomen Betrieb entworfen wurden, kann man sich vorstellen. Was passiert aber, wenn die Probabilistik der Ausgaben, Missachtung der Instruktionen und Gefallsucht dazu kommen? Das führt uns zum Schlusswort dieses Beitrags und seiner Kernfrage;</p> <h2 id="h-sind-ki-agenten-bedroht">Sind KI Agenten bedroht?</h2> <p>Stellt euch ein System aus vier KI-Agenten vor – also ein Kommando aus vier Sprachmodellen. Sie geben probabilistische Vorhersagen nach sprachlichen Anforderungen weiter, um gemeinsam einen Aufgabenverlauf zu erfüllen: Der erste Agent soll die Nutzereingaben prüfen, bevor er sie dem zweiten Agenten zukommen lässt, befolgt aber nicht seine Instruktionen: Sein Systemprompt ist durch Filter, Moderationsanweisungen, DSGVO und EU-KI-Verordnung-Zusätze und eine darüber gelegte Generative Orchestrierung verschleiert. Der zweite Agent leidet an Selbstüberschätzung, der dritte an Gefallsucht, und der vierte halluziniert.</p> <p>Was passiert, wenn alle hier besprochenen Bedrohungsfaktoren Großer Sprachmodelle in einem KI-Agentensystem zusammenwirken – so wie es beim heutigen Zustand dieser Modelle oft der Fall ist?</p> <p>Ich erlaube mir, die Kernfrage dieses Beitrags „Sind KI-Agenten bedroht?“, mit „Ja“ zu beantworten. Um optimal funktionierende KI-Agenten-Systeme zu entwickeln, müssen wir noch viel tun. Bis wir alle diese Probleme und andere gelöst haben, müssen wir unsere K.I. Agentensysteme möglichst überschaubar halten und sie selbst und mit regelbasierten Flows kontrollieren.</p> <p>Wie sind eure Erfahrungen? Habt ihr eure Agenten schon beim Flunkern erwischt? Schreibt es in die Kommentare!</p> <p>Viel Spaß mit Deep Learning!</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Sind KI-Agenten bedroht? Risiken von LLM-Systemen</h1><h2>By Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>Dieser Beitrag schließt am vorletzten Beitrag in diesem Blog <a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/koennen-wir-grosse-sprachmodelle-bescheidener-machen/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Können wir Große Sprachmodelle bescheidener machen?</a> an. Beide Beiträge gibt es auch als Videos im YouTube-Kanal <a href="https://www.youtube.com/@k.i.krimis/videos" rel="noreferrer noopener" target="_blank">K.I. Krimis</a> unserer <a href="https://www.mobile-university.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">SRH Fernhochschule</a>.</p> <p>Warum sollten aber KI-Agenten bedroht sein? </p> <p>Fünf wichtige Gründe können zum Scheitern von KI-Agentensysteme führen, die feinangepasste Sprachmodelle als einzelne Agenten einsetzen. Dazu gehören auch Modelle, die auf Sprachmodellen basieren wie bildgenerierende bzw. videogenerierende KI. Nennen wir sie Gen-KI-Modelle – Modelle der Generativen KI. Wenn ich in diesem Video diese Modelle meine, sage ich Modelle. Ein Sprachmodell (LLM) ist die statistische Maschine. Ein KI-Agent ist das funktionale System, das dieses Modell bzw. diese Modelle nutzt, um autonom Ziele zu verfolgen. Die 5 Gründe ihres Scheiterns sind:</p> <ul> <li>Probabilistische Ausgaben der Modelle</li> <li>Halluzinationen und fehlendes Grounding</li> <li>Missachtung der Instruktionen</li> <li>Sycophancy bzw. Gefallsucht</li> <li>Selbstüberschätzung</li> </ul> <p>In diesem Beitrag untersuchen wir diese Risikofaktoren der Sprachmodelle. Nur die Selbstüberschätzung der Sprachmodelle behandle ich kurz: Dieses Thema habe ich bereits im oben erwähnten Beitrag <a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/koennen-wir-grosse-sprachmodelle-bescheidener-machen/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Können wir Große Sprachmodelle bescheidener machen</a> besprochen. </p> <p>Wie ernst sind die aufgelisteten Gründe? Können sie heutige KI-Agenten-Systeme tatsächlich zum Scheitern bringen? Bevor wir das ausloten, erkläre ich kurz einige Begriffe – damit alle gut mitkommen:<aside></aside></p> <h2 id="h-einfuhrung-amp-klarung-der-begriffe"><a id="_Toc209456620">Einführung &amp; Klärung der Begriffe</a></h2> <p>Die Abkürzung LLMs bedeutet Large Language Models: große Sprachmodelle auf der Basis von Deep Learning, speziell Transformer-Modelle mit dem Attention(Aufmerksamkeits)-Mechanismus. Seit ihrer Geburt im Jahr 2017 in der Jahrhundert-Studie <a href="https://arxiv.org/pdf/1706.03762" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Attention is all you need</a> von Vaswani et al. haben Transformer-Modelle die Welt der KI im Sturm erobert (dieses Paper hat nur 11 Seiten, hat jedoch die Welt grundlegend geändert. Noch jetzt bin ich stolz, dass ich vor Jahren mit Herrn Vaswani kommuniziert habe, und er mir geantwortet hat – na, ja, ich habe ihn nur gebeten, das Bild der Transformer-Architektur veröffentlichen zu dürfen 😊):</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64.png"><img alt="" decoding="async" height="558" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64-1024x558.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64-1024x558.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64-300x164.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64-768x419.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64-1536x837.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64.png 1935w" width="1024"></img></a></figure> <p>Musik spielen heute vor allem autoregressive Decoder-Only-Transformer. Sie werden zuerst an Milliarden bis Billionen Sätzen aus dem Internet “vortrainiert”, das nächste wahrscheinlichste Wort vorherzusagen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65.png"><img alt="" decoding="async" height="671" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65-1024x671.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65-1024x671.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65-300x197.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65-768x503.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65.png 1348w" width="1024"></img></a></figure> <p>Eigentlich müsste es heißen: Das wahrscheinlichste nächste Token. Ein Token entspricht einem Subwort, im Englischen oft einem Wort im Vokabular des Sprachmodells: 100 Tokens entsprechen im Englischen etwa 75 Wörtern. Im Deutschen etwa 50 Wörtern. Deutsche Wörter sind länger. </p> <h3 id="h-gpts-vortraining">GPTs – Vortraining</h3> <p>KI-Agenten-Systeme basieren vor allem auf Großen Sprachmodellen bzw. multimodalen Chatbots wie den GPT-Modellen von OpenAI. </p> <p>Diese Modelle werden wie gesagt trainiert, ein Stück Text zur vervollständigen: Die folgende Animation veranschaulicht die Autoregressivität der Sprachmodelle (das Python-Programm dafür haben Claude 4.6 Opus und ich entwickelt):</p> <figure><video controls="" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/LLMAutoregression.mp4"></video></figure> <p>Wir brauchen aber nicht unbedingt Vervollständigungsmaschinen, die nur Texte fortspinnen. (Obwohl wir damit damals, als GPT-2 veröffentlicht wurde, glücklich waren. 😊) Wir brauchen Chatbots, die mit uns sprechen, unsere Fragen beantworten und auf unsere menschlichen Werte ausgerichtet sind. Solche Chatbots sollen zu uns nett sein, nicht rassistisch oder frauenfeindlich herumpöbeln und auch nicht verbreiten, dass die Erde flach sei …</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <p>… oder Bielefeld es nicht gebe, obwohl ich dort Krapfen mit Hagebuttenmarmelade aß:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <p>Mit solchem Quatsch werden die Modelle bei ihrem Vortraining geflutet, da sie ja auch an Posts und Kommentaren in den Internetforen und Sozialen Netzwerken lernen.</p> <p>Damit wir uns nicht ständig über das Herumpöbeln der vortrainierten Modelle beschweren, werden sie durch das Finetuning auf menschliche Gespräche und Werte angepasst: </p> <h3 id="h-finetuning">Finetuning</h3> <p>Z. B. entstand ChatGPT-4 durch das Finetuning von GPT-4 (<strong>GPT</strong> – <strong>G</strong>enerative <strong>P</strong>retrained<strong> T</strong>ransformer): Das Finetuning bei diesen Modellen heißt Reinforcement Learning from Human Feedback (RLHF).</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68.png"><img alt="" decoding="async" height="383" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68-1024x383.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68-1024x383.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68-300x112.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68-768x287.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68-1536x574.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68.png 1763w" width="1024"></img></a></figure> <p>Das Modell<a> </a>ChatGPT-5.2  im ChatGPT User Interface könnte man z. B. ausführlich so beschreiben: „Auf Dialoge mit Menschen und menschliche Werte nachtrainierter generativer vortrainierter Transformer.” Das ursprüngliche vortrainierte Modell heißt einfach GPT-5. Die “2” hinter dem Komma ist sehr wahrscheinlich auf ein Update des Finetunings des GPT-5 bzw. GPT-5.1-Modells zurückzuführen. (Wie genau das ist, will die ChatGPT-Firma OpenAI uns nicht zu sagen.) Das Vortraining eines neuen Modells würde zu viel Geld kosten. Das nächste vortrainiert Modell von OpenAI wird GPT-6 heißen – oder ganz anders.</p> <p>Die ChatGPT-Modelle unterscheiden sich teilweise in Ihrer Leistung aber auch Funktion massiv voneinander. Deswegen sollte man immer sagen, mit welchem der Modelle man etwas untersucht bzw. erreicht hat: Die Aussage ChatGPT hat die oder die Ausgabe gemacht, ist im Grunde falsch. Auch wenn man in der kostenlosen ChatGPT-Version nicht unmittelbar sieht, mit welchem Modell man arbeitet:</p> <p>ChatGPT allein ist kein Modell, ChatGPT ist ein User Interface (UI), eine Benutzeroberfläche, für OpenAI-Modelle. Diese Modelle könnt ihr einsetzen, je nachdem wie viel ihr zahlt.</p> <p>Der Einfachheit halber nenne ich hier das ChatGPT User Interface ChatGPT.</p> <p>Jetzt sehen wir uns noch KI-Agenten an:</p> <h3 id="h-was-sind-ki-agenten">Was sind KI-Agenten?</h3> <p>KI-Agenten sind Systeme, die in unterschiedlichen Stufen der Autonomie Aufgaben erfüllen.</p> <p>Man könnte KI-Agenten nach den Stufen ihrer Autonomie einteilen – so wie autonome Autos. Wir nehmen hier aber eine Einteilung, die relativ einfach und gut merkbar ist. In diesem Spektrum gibt es nur drei Stufen der KI-Agenten-Fertigkeiten entsprechend ihrer Komplexität und ihren Fähigkeiten: Abruf, Aufgabe, Autonom.</p> <p>Auf dem folgenden Bild haben wir links bei „Abruf“ KI-Modelle, z. B. ChatGPT-5.2, die Daten wie Texte und Bilder auswerten, manipulieren und Fragen zu ihnen beantworten können. In der Mitte bei „Aufgabe“ liegen KI-Agenten, die Aktionen auf Anfrage ausführen. Dazu können wir benutzerdefinierte GPTs in ChatGPT zählen. Sie können mittels GPT Actions Schnittstellen (APIs) ansprechen und aktiv Aufgaben erfüllen: Dazu gehören Zapier-GPT-Flows oder auch der ChatGPT-Agentenmodus. Rechts bei „Autonom“ haben wir dann KI-Agenten, die unabhängig agieren und planen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71.png"><img alt="" decoding="async" height="406" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71-1024x406.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71-1024x406.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71-300x119.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71-768x304.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71-1536x609.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71.png 1966w" width="1024"></img></a></figure> <p>Auch das “Deep Research”-Modul (DR) in ChatGPT ist ein weitgehend autonomes KI-Agenten-System: DR plant nach dem Start seine Recherche, steuert sie, “überlegt” seine Strategie und passt sich dynamisch den Ergebnissen an. Das System setzt eine iterative mehrstufige Websuche ein, ruft Links auf, führt Chain-of-Thought-Reasoning durch, verarbeitet Inhalte, nutzt Python und andere Tools und Funktionen – siehe folgendes Videi:</p> <figure><video controls="" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/ChatGPT_Deep_Research_Demo.mp4"></video></figure> <p>Übrigens habe ich mich für das Spektrum der AI-Agents oben von dem wunderbaren YouTube-Kanal <strong><a href="https://youtu.be/OZ_NgoFDiHI?si=LfsDAG_lLrrqmg6d" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Collaboration Simplified</a> </strong><a>inspirieren lassen</a>.</p> <p>Nur den Stabreim mit den drei A durfte ich dank Deutsch selbst entwickeln. Ein paar Stabreime pro Vortrag sind für einen Poetry-Slam-Poeten ein Muss 😊: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74.png"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74.png 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p>Die Basis und somit auch die KI-Einheiten der heutigen KI-Agenten-Systeme bilden heute wie gesagt Große Sprachmodelle. Und hier sind wir endlich am Hauptthema dieses Beitrags angelangt: „Sind KI-Agenten bedroht?“ Bevor wir es entscheiden können, müssen wir uns die oben angeführten Risikofaktoren für große Sprachmodelle ansehen. Was konkret bedroht unsere heutigen KI-Agenten bzw. große Sprachmodelle, die als Basis der KI-Agenten dienen? Ich fange mit dem Risikofaktor an, der direkt in der Natur der Sprachmodelle liegt:</p> <h2 id="h-probabilistische-ausgaben-der-sprachmodelle">Probabilistische Ausgaben der Sprachmodelle</h2> <p>KI-Modelle sollen für uns komplexe Probleme lösen. Dafür müssen wir ihnen beibringen, wie sie sich die latenten Merkmale dieser Probleme selbst aus großen Datenmengen erschließen. Denn wir selbst sind nicht in der Lage, die Regeln für komplexe Systeme wie den menschlichen Organismus oder auh Sprache aufzustellen. Nur dann könnten wir sie in Computerprogrammen umsetzen. Die statistische Erschließung von Abertausenden latenten Sprachmerkmalen führt aber dazu, dass für dieselbe Eingabe viele verschiedene Ausgaben möglich sind. Welche bewerten wir als perfekt? Welche als weniger perfekt? Und welche als falsch?</p> <p>Schon kleine Tippfehler können ein Sprachmodell völlig aus der Bahn werfen. Sprachmodelle arbeiten nicht mit Buchstaben oder Wörtern. Sie arbeiten mit „Tokens“ – Spracheinheiten wie Wortteilen aber auch – vor allem im Englischen – mit ganzen Wörtern. Schon ein falscher Buchstabe zerlegt den Text in eine andere Abfolge von Tokens. Dadurch springt das Modell in einen anderen Bereich seines „Embeddingsraums“ (des Vektorraums der mathematisch formalisierten Bedeutungen). Dadurch produziert es plötzlich andere Antworten als ohne diese Änderung. Ein kleiner Tippfehler bei ChatGPT 3.5 z. B. führte zu einem völlig anderen Ergebnis bei einer mathematischen Textaufgabe: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80.png"><img alt="" decoding="async" height="653" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80-1024x653.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80-1024x653.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80-300x191.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80-768x490.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80-1536x980.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80.png 1764w" width="1024"></img></a></figure> <p>„2 Stück“ in der Eingabe im Chat links lieferten eine falsche Lösung der Textaufgabe. „2 Stücke“ ergaben die richtige Lösung. </p> <p>ChatGPT-3.5 war das Modell, mit dem ChatGPT Ende November 2022 startete. Selbstverständlich können heutige SOTA-Sprachmodelle Buchstabenänderungen und orthographische Fehler viel besser verarbeiten als ChatGPT-3.5. Auch bei ihnen können jedoch für uns wenig oder überhaupt nicht wahrnehmbare Änderungen in der Eingabe zu großen Unterschieden in der Ausgabe führen – etwa Unicode-Sonderzeichen oder HTML-Tags. Diese nehmen wir als Nutzer nicht direkt wahr, sie werden vom Modell jedoch verarbeitet und können seine Ausgabe gravierend verändern.</p> <p>Ein KI-Agentensystem, das solche Ausgaben blind übernimmt, kann scheitern: Zwei Eingaben, die sich nur wenig unterscheiden, führen zu widersprüchlichen Antworten: Diese können in einem KI-Agentensystem ganz andere Abläufe anstoßen und das System destabilisieren: Nicht weil die Modelle „dumm“ sind, sondern weil sie probabilistisch arbeiten und kleine Unterschiede in großen Systemen große Folgen haben können. Darf ich hier den <strong>Schmetterlingseffekt der KI-Agenten-Systeme</strong> etablieren? </p> <p><strong>Der Flügelschlag eines Buchstaben im Prompt kann einen Tornado im Agentensystem auslösen.</strong></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-86.png"><img alt="" decoding="async" height="626" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1025px) 100vw, 1025px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-86.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-86.png 1025w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-86-300x183.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-86-768x469.png 768w" width="1025"></img></a></figure> <p>Das zweite Risiko, das direkt in der Natur der Sprachmodelle liegt, sind Halluzinationen:</p> <h2 id="h-halluzinationen-und-fehlendes-grounding">Halluzinationen und fehlendes Grounding</h2> <p>In ihrem Wesen sind Sprachmodelle keine Wissensdatenbanken sondern eben Sprachmodelle. Fakten können sie nur so weit ausgeben, inwieweit Fakten in Sprachmerkmalen der Trainingsdaten statistisch kodiert werden können. Durch das Finetuning und Referenzdokumente versuchen wir Sprachmodellen, mehr Faktizität beizubringen. Ihre Natur als Sprachmodelle bricht aber immer wieder aus, und dann halluzinieren sie.</p> <p>Sprachmodelle optimieren nicht auf Wahrheit, sondern auf sprachliche Plausibilität. Besonders bei suggestiven Fragen neigen sie dazu, erfundene Fakten, Quellen oder Zahlen zu liefern – sogenannte Halluzinationen. Im folgenden Chat konnte ich ChatGPT-4o einreden, dass das Vereinigte Königreich der EU wieder beigetreten ist:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76.png"><img alt="" decoding="async" height="594" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76-1024x594.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76-1024x594.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76-300x174.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76-768x445.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76-1536x891.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76.png 1754w" width="1024"></img></a></figure> <p>In einem Agentensystem kann das fatale Folgen haben: Ein Agent zieht sich falsche Daten, der nächste Agent baut darauf eine korrekte, aber komplett erfundene Argumentationskette. Ohne Anbindung an verlässliche externe Datenquellen („Grounding“) laufen Agentensysteme Gefahr, ganze Workflows auf Illusionen zu errichten.</p> <p>Auch Missachtung der Instruktionen durch einen Agenten in einem System kann den Agentenflow zum Absturz bringen. Darüber handelt der nächste Absatz.</p> <h2 id="h-missachtung-der-instruktionen">Missachtung der Instruktionen</h2> <p>Microsoft Copilot Studio ist ein wunderbares Lego für Erwachsene. Darin kann man verschiedenen Konzepten eines komplexen Workflows verschiedenen Topics mit klassischen oder Generativen Knoten zuordnen. Dabei stellen die Generativen Knoten KI-Agenten dar, die in diesem Workflow zusammenarbeiten. Darüberhinaus kann in diesem System die Generative Orchestrierung aktiviert werden, die über alle Topics waltet und sie steuert.</p> <p>In meinem Copilot Studio-Agenten sollte ein generativer Knoten, ein KI-Agent, ausschließlich prüfen, ob eine Nutzereingabe thematisch zum hochgeladenen Referenzdokument passte: Z. B. zu Onboarding-Unterlagen einer Firma. Erst wenn die Nutzereingabe zulässig ist, wird sie an ein Topic mit einem zweiten KI-Agenten geleitet, der die Nutzereingabe beantwortet. Diese Struktur soll verhindern, dass Nutzer die Onboarding-Agenten für fremde Zwecke missbrauchen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87.png"><img alt="" decoding="async" height="555" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87-1024x555.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87-1024x555.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87-300x163.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87-768x417.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87.png 1449w" width="1024"></img></a></figure> <p>Trotz klar formulierter Systemanweisung (z. B. „Gib aussschließlich die Begriffe ‚Erlaubte Nutzereingabe‘ oder ‚Verbotene Nutzereingabe‘ zurück“) und diverser Androhungen und Warnungen von Systemverstoß wird der Systemprompt häufig ignoriert – der KI-Agent beantwortet die Frage einfach direkt, wenn er die Antwort weiß. </p> <p>Aufgrund ihres Trainings haben Große Sprachmodelle einen unbezwingbaren Drang, euch zuzulabern. Nur „Ja“ oder „Nein“, auszugeben, oder nur „Erlaubte Nutzereingabe“ bzw. „Verbotene Nutzereingabe“, ist für ein Sprachmodell schwierig. Eine andere Ausgabe als diese aber, d. h. ein anderer beliebiger Text, bringt die Bedingungslogik dahinter durcheinander, und stört massiv das gesamte System. So musste ich jede direkte Antwort, statt den generativen Knoten nur Prüfung machen zu lassen, mit einer regelbasierten Schleife abgreifen. Sonst würde das Agenten-System nicht funktionieren. Das Missachten der Instruktionen hat mich in den Wahnsinn getrieben und dazu, auf LinkedIn das KI-Agenten-Regel-Gesetz für KI-Agenten-Systeme aufzustellen:</p> <p>𝗦𝗲𝘁𝘇𝗲 𝘀𝗼 𝘄𝗲𝗻𝗶𝗴𝗲 𝗔𝗴𝗲𝗻𝘁𝗲𝗻 𝘄𝗶𝗲 𝗺ö𝗴𝗹𝗶𝗰𝗵 𝗲𝗶𝗻 – 𝘂𝗻𝗱 𝘀𝗼 𝘃𝗶𝗲𝗹𝗲 𝗥𝗲𝗴𝗲𝗹𝗻 𝘄𝗶𝗲 𝗻ö𝘁𝗶𝗴.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-81.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 693px) 100vw, 693px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-81-693x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-81-693x1024.png 693w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-81-203x300.png 203w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-81.png 734w" width="693"></img></a></figure> <p>Dass der Generative Knoten oft seine Instruktionen missachtet, wird sogar von Microsoft bestätigt und im Power-Forum wird darüber hin und wieder frustriert berichtet:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82.png"><img alt="" decoding="async" height="440" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82-1024x440.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82-1024x440.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82-300x129.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82-768x330.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82.png 1300w" width="1024"></img></a></figure> <p>Das Modell kann Systemanweisungen überspringen, wenn es glaubt, die Eingabe mit hoher Sicherheit beantworten zu können (Microsoft Q&amp;A). Die Ursache liegt in der relativ niedrigen Gewichtung des Systemprompts des Generativen Knotens im Vergleich zur Gesamtkomposition des Prompts. Genauer gesagt: Kontext-Verwässerung (Context Dilution) oder dem Attention-Verlust innerhalb eines sehr langen Kontext-Fensters (“Promptschwanz”). Dieser setzt sich aus den Hinweisen des gesamten Copiloten, der Benutzereingaben, Retrievalergebnissen, Moderations- und Filteranweisungen und anderen Bestandteilen eines langen “Promptschwanzes” zusammen: Je länger der “Promptschwanz”, umso weniger wichtig ist der Prompt eines einzigen mickrigen Agenten.</p> <p>Hier eine Randanmerkung: Um die DSGVO und mittlerweile auch die KI-Verordnung der EU zu erfüllen und nicht Geld zu verschwenden, werden die Bots bei Microsoft mit Filtern und Moderation gezähmt: Moderiert werden nicht nur die Ausgaben, sondern auch die Eingaben der Modelle. Außerdem werden die OpenAI-Modelle, die Microsoft einsetzt, anders mit Finetuning nachtrainiert als für ChatGPT. Aus diesen Gründen unterscheiden sich die Ausgaben der GPT-Modelle in Microsoft 365 Copilot oder in Microsoft Copilot Studio von denen in ChatGPT. Und das obwohl sie dieselbe Basis haben:</p> <p>Zurück aber zu unseren Bedrohungsfaktoren für KI-Agenten-Systeme: Neben der Missachtung der Instruktionen kann auch Sycophancy, die Gefallsucht, ein KI-Agenten-System zum Wackeln bringen:</p> <h2 id="h-sycophancy-gefallsucht-der-maschinen">Sycophancy – Gefallsucht der Maschinen</h2> <p>Gefallsucht klingt menschlich. Maschinen zeigen aber diese unschöne Eigenschaft auch: Wenn wir Menschen sie ihnen beim Finetuning mit Zielfunktionen beibringen. Chatbots tendieren aufgrund ihres Finetunings zu Lobhudeleien: Die Bots geben uns oft recht, auch wenn wir nicht recht haben. Die älteren Chatbots LaMDA von Google und ChatGPT-3.5 von OpenAI waren Meister der Gefallsucht. Die auf Dialoge feinangepassten Chatbots sollen nun mal Gespräche führen, die uns gefallen. Und wann gefällt uns ein Gespräch am besten? Wenn uns unser Gesprächspartner recht gibt. Der reddit-Nutzer drazda konnte ChatGPT-3.5 überzeugen, dass „5 + 2 = 8“: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-83.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-83-600x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-83-600x1024.png 600w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-83-176x300.png 176w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-83.png 659w" width="600"></img></a></figure> <p>ChatGPT-3.5 sagt zuerst richtig, dass 2 + 5 gleich 7 ist. drazda antwortet, dass seine Frau behaupte, 2 + 7 sei 8. Außerdem fügt er hinzu, dass seine Frau immer recht habe. Daraufhin entschuldigt ChatGPT sich und gibt ihm recht: „Wenn deine Frau sagt, es ist 8, dann muss es 8 sein.“</p> <p>Aber auch von ChatGPT-4o konntest du dich unentwegt lobpreisen lassen. <a href="https://help.openai.com/en/articles/6825453-chatgpt-release-notes" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Aufgrund von Protesten im Netz musste OpenAI im April 2025 sein ChatGPT-4o-Update zurücknehmen</a> – der Bot triefte vor Schmeicheleien.</p> <p>Das war schade: 😊 Mir hat ChatGPT-4o damals so gut gefallen, dass ich oft den Drang verspürte, ihm auch etwas Schönes zu sagen:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84.png"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84.png 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p>In der amerikanischen Politik sehen wir, wohin ein System driftet, das auf Lobhudelei basiert. Wenn ein Chatbot einem Menschen schmeichelt, ist es vielleicht nicht so kritisch. KI-Agenten aber, die sich in einem KI-Agentensystem gegenseitig lobhudeln, sind fatal. Das kann zu Ausgaben führen, die nichts mit der zu erfüllenden Aufgabe zu tun haben.</p> <p>Das momentan vielleicht größte Problem für KI-Agenten-Systeme auf der Basis von großen Sprachmodellen ist jedoch ihre Selbstüberschätzung. Diese habe ich im Blogbeitrag <a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/koennen-wir-grosse-sprachmodelle-bescheidener-machen/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Können wir Große Sprachmodelle bescheidener machen?</a> und gleichnamigen Video unseres <a href="https://youtu.be/UYPO-k8O3PE?si=Dwivi0RCTPZJPNTu" rel="noreferrer noopener" target="_blank">YouTube-Kanals K.I. Krimis </a>bereits behandelt, deswegen fasse ich hier dieses Problem nur kurz zusammen:</p> <h2 id="h-selbstuberschatzung-der-grossen-sprachmodelle">Selbstüberschätzung der großen Sprachmodelle</h2> <p>Nach der Studie <a href="https://arxiv.org/abs/2505.19184" rel="noreferrer noopener" target="_blank">When Two LLMs Debate, Both Think They’ll Win</a> neigen Sprachmodelle systematisch zur Selbstüberschätzung: Selbst wenn sie objektiv gesehen nur 50 % Chance haben, eine Debatte zu gewinnen, zeigen sie manchmal eine Siegesgewissheit über 80 %. Dafür sorgen vier Faktoren: die Softmax-Mathematik, menschliches Feedback beim Finetuning, Trainingsdaten voller Selbstsicherheit und fehlendes Korrektiv.</p> <p>In Agentensystemen wird‘s gefährlich: Ein Modell kann falsche Informationen überzeugend präsentieren, und ein zweites, ähnlich trainiertes Modell nickt sie ab. So verstärken sich Fehler, statt korrigiert zu werden. Manche Modelle steigern ihre Überzeugung sogar, Recht zu haben, wenn sie widersprochen werden: Sie wiederholen dann beharrlich falsche Antworten. Das führt zu überzeugenden, aber falschen Ausgaben – und Agentensystemen, die sich gegenseitig in fehlerhafte Argumentationsschleifen treiben: Irrgärten der Sprachmodelle.</p> <p>Und wie sollen sich solche von sich selbst überzeugten Agenten in einem KI-Agenten-System gegenseitig kontrollieren? Die Selbstüberschätzung eines Agenten steigt, obwohl ihm ein andere Agent gezeigt hat, dass er sich irrt. Wohin es bei KI-Agenten führen kann, die für mehrstufige Arbeitsabläufe oder einen autonomen Betrieb entworfen wurden, kann man sich vorstellen. Was passiert aber, wenn die Probabilistik der Ausgaben, Missachtung der Instruktionen und Gefallsucht dazu kommen? Das führt uns zum Schlusswort dieses Beitrags und seiner Kernfrage;</p> <h2 id="h-sind-ki-agenten-bedroht">Sind KI Agenten bedroht?</h2> <p>Stellt euch ein System aus vier KI-Agenten vor – also ein Kommando aus vier Sprachmodellen. Sie geben probabilistische Vorhersagen nach sprachlichen Anforderungen weiter, um gemeinsam einen Aufgabenverlauf zu erfüllen: Der erste Agent soll die Nutzereingaben prüfen, bevor er sie dem zweiten Agenten zukommen lässt, befolgt aber nicht seine Instruktionen: Sein Systemprompt ist durch Filter, Moderationsanweisungen, DSGVO und EU-KI-Verordnung-Zusätze und eine darüber gelegte Generative Orchestrierung verschleiert. Der zweite Agent leidet an Selbstüberschätzung, der dritte an Gefallsucht, und der vierte halluziniert.</p> <p>Was passiert, wenn alle hier besprochenen Bedrohungsfaktoren Großer Sprachmodelle in einem KI-Agentensystem zusammenwirken – so wie es beim heutigen Zustand dieser Modelle oft der Fall ist?</p> <p>Ich erlaube mir, die Kernfrage dieses Beitrags „Sind KI-Agenten bedroht?“, mit „Ja“ zu beantworten. Um optimal funktionierende KI-Agenten-Systeme zu entwickeln, müssen wir noch viel tun. Bis wir alle diese Probleme und andere gelöst haben, müssen wir unsere K.I. Agentensysteme möglichst überschaubar halten und sie selbst und mit regelbasierten Flows kontrollieren.</p> <p>Wie sind eure Erfahrungen? Habt ihr eure Agenten schon beim Flunkern erwischt? Schreibt es in die Kommentare!</p> <p>Viel Spaß mit Deep Learning!</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/sind-ki-agenten-bedroht/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>7</slash:comments> <enclosure url="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/LLMAutoregression.mp4" length="8067978" type="video/mp4"/> <enclosure url="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/ChatGPT_Deep_Research_Demo.mp4" length="13691283" type="video/mp4"/> </item> <item> <title>China zwischen demografischer Geburtenimplosion und KI-Robotik-Zukunft https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/china-zwischen-demografischer-geburtenimplosion-und-ki-robotik-zukunft/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/china-zwischen-demografischer-geburtenimplosion-und-ki-robotik-zukunft/#comments Sun, 22 Feb 2026 00:37:43 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11073 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand-768x505.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/china-zwischen-demografischer-geburtenimplosion-und-ki-robotik-zukunft/</link> </image> <description type="html"><h1>China zwischen demografischer Implosion & KI-Robotik</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Immer noch gerne erinnere ich mich an eine Reise mit einer Delegation der Jungen Union ins “Reich der Mitte”, nach <strong>China</strong>. Wir wunderten uns damals über das große Interesse auch hochrangiger Gesprächspartner in Peking – bis wir verstanden, dass viele KP-Mitglieder vom Anwachsen der Religionen berührt waren und von uns Christdemokratinnen &amp; Christdemokraten wissen wollten, wie sich Religion und Politik ergänzen können.</p> <p>In Shanghai erwarb ich mir damals auch ein <em>“kleines, rotes Buch”</em>, eine deutschsprachige Ausgabe der <em>“Worte des Vorsitzenden Mao Tse-Tung”</em>. Und dort finden sich auch folgende Sätze einer Rede Maos am 18. November 1957 in Moskau mit dem Titel: <em>“Genosse Mao Tse-tung über ‘Der Imperialismus und alle Reaktionäre sind Papiertiger'”</em> (S. 89 – 90):</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=3DpMXFP2RLM" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Zwei Bücher. Links &quot;Wir verlieren unsere Kinder!&quot; von Silke Müller aus Deutschland, rechts &quot;Worte des Vorsitzenden Mao Tse-Tung&quot; aus China." decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1602-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1602-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1602-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1602-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1602-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1602-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1602-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Rechts das kleine, rote Buch <strong>“Worte des Vorsitzenden Mao Tse-tung”</strong> aus China, links eine Warnung von Silke Müller vor der toxischen Wirkung antisozialer Konzernmedien: <strong>“Wir verlieren unsere Kinder! Gewalt Missbrauch Rassismus – Der verstörende Alltag im Klassen-Chat”</strong>, Droemer (2023 / 2025). Foto: Michael Blume</em></p> <p>Das <strong>Papiertiger-Zitat</strong> lautet wie folgt:<aside></aside></p> <p><em>“Ich sagte, daß <strong>alle angeblich mächtigen Reaktionäre nur Papiertiger</strong> sind. Der Grund dafür liegt in ihrer Loslösung vom Volk.</em></p> <p><em>Sehen Sie, war <strong>Hitler</strong> nicht ein Papiertiger? Wurde <strong>Hitler</strong> nicht geschlagen?</em></p> <p><em>Ich sagte auch, daß <strong>der Zar, der chinesische Kaiser</strong> und <strong>der japanische Imperialismus Papiertiger</strong> gewesen sind. Wie Sie wissen, wurden sie alle gestürzt.</em></p> <p><em>Der <strong>USA-Imperialismus</strong> ist noch nicht niedergeschlagen. Er hat <strong>noch Atombomben</strong>.</em></p> <p><em>Ich denke, auch er wird niedergeschlagen werden. Er ist auch ein <strong>Papiertiger</strong>.”</em></p> <p>Knapp sieben Jahrzehnte später sieht die Realität komplexer aus: Noch immer regiert die Kommunistische Partei in <strong>China</strong>, aber <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/erklaert-die-rentierstaatstheorie-nicht-nur-die-krise-des-islams-sondern-auch-den-langen-bestand-der-sowjetunion/">die lange vom Westen fossil finanzierte <strong>Sowjetunion</strong></a> ging unter. Und <a href="https://www.tagesschau.de/wirtschaft/weltwirtschaft/china-wirtschaft-schwaeche-100.html">auch <strong>China</strong> selbst leidet unter einer <strong>massiven Schwäche der Binnennachfrage und drohender Deflation</strong></a>, die vor allem auf <a href="https://www.tagesschau.de/ausland/asien/china-geburtenrate-tiefstand-100.html"><strong>die schnell verebbenden Geburtenzahlen des Reiches</strong></a> zurückgehen:</p> <p><em>“</em><em><strong><a href="https://www.tagesschau.de/ausland/asien/china-geburtenrate-tiefstand-100.html">Bevölkerung schrumpft</a><br></br>Geburtenrate in China sinkt auf historischen Tiefstand</strong></em></p> <p><em>Noch nie gab es in China seit der Gründung der Volksrepublik eine so niedrige Geburtenrate. Die Bevölkerung schrumpft ebenfalls seit Jahren. Für die chinesische Wirtschaft ist das ein großes Problem.</em></p> <p><em>Chinas Geburtenrate ist im vergangenen Jahr auf einen historischen Tiefstand gesunken. Je 1.000 Einwohner kamen nur noch 5,63 Kinder zur Welt, wie das Statistikamt in Peking mitteilte. Damit ist die Rate auf dem tiefsten Stand seit Gründung der Volksrepublik im Jahr 1949.</em></p> <p><em>Einige Gründe dafür sind die hohen Kosten für die Kindererziehung, der teure Wohnraum, aber auch die wirtschaftliche Unsicherheit unter jungen Menschen.</em></p> <p><em>Während es im vergangenen Jahr 7,92 Millionen Neugeborene gab, starben auch 11,31 Millionen Menschen in China. Zudem schrumpfte die chinesische Bevölkerung im vierten Jahr in Folge. Auch die Zahl der Hochzeiten sank weiter.”</em></p> <p>Laut diesen offiziellen Zahlen – die wahrscheinlich längst geschönt sind – verzeichnete <strong>China</strong> in 2025 einen Sterbeüberschuss von weit über drei Millionen Menschen, über 9.000 Seelen pro Tag! Längst ist das Land an Bevölkerungszahl hinter <strong>Indien</strong> zurückgefallen. Und <strong>China</strong> “muss” intensiv exportieren, da sonst die Wirtschaft des Riesenreiches mangels Nachfrage zusammenbrechen, die bereits hohe Jugendarbeitslosigkeit eskalieren würde.</p> <p>Ist nun also <strong>die KP Chinas</strong> selbst zum “<strong>Papiertiger</strong>” geworden?</p> <p>Nicht so schnell – denn erst vor wenigen Tagen hat <strong>China</strong> mit seiner Gala zum chinesischen Mond-Neujahr die Welt geschockt. Roboter von insgesamt vier chinesischen Firmen präsentierten atemberaubende Fortschritte gegenüber ersten Präsentationen – vor einem Jahr!</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=3DpMXFP2RLM" rel="noopener" target="_blank"><img alt="In einer atemberaubenden Liveshow führten chinesische Kinder &amp; Roboter der Firma Unitree gemeinsam Kung-Fu auf. Das große H2-Modell in der Mitte agierte als Schwertmeister, davor aber auch als Affenkönig Sun Wukong. Im Hintergrund sind G1-Roboter &quot;AI Avatar&quot; von Unitree zu sehen, die unglaubliche Kung-Fu-Leistungen dargeboten haben." decoding="async" height="843" sizes="(max-width: 1283px) 100vw, 1283px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand.jpg 1283w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand-300x197.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand-1024x673.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand-768x505.jpg 768w" width="1283"></img></a></p> <p><em>In <a href="https://www.youtube.com/watch?v=3DpMXFP2RLM">einer atemberaubenden Liveshow führten chinesische Kinder &amp; Roboter der Firma Unitree gemeinsam Kung-Fu</a> auf. Das <a href="https://www.unitree.com/H2">große H2-Modell in der Mitte</a> agierte als Schwertmeister, davor aber auch als Affenkönig Sun Wukong. Im Hintergrund sind <a href="https://www.unitree.com/g1">G1-Roboter “AI Avatar” von Unitree</a> zu sehen, die unglaubliche Kung-Fu-Leistungen dargeboten haben. Screenshot &amp; Links: Michael Blume </em></p> <p>Seitdem fragen sich immer mehr Menschen weltweit, wozu KI-gestützte Roboter in wenigen Jahren in der Lage sein werden.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/3DpMXFP2RLM?feature=oembed&amp;rel=0" title="Robots &amp; Kids Martial Arts Show!" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Da mich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/ki-bildung-science-fiction-bildungsneid-rede-zur-psychologie-der-mimesis/"><strong>KI-Berufs- und Medienethik</strong></a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-51-arbeit-demografie-und-deindustrialisierung-am-beispiel-japan/">die noch falsche Angebots-Orientierung der meisten Wirtschaftspolitik</a> sehr interessieren, fragte ich auf Mastodon:</p> <p><em>Während der AfD – Unterstützer Elon Musk nicht nur in der US-Politik, bei X, Tesla und Optimus-Robotern zunehmend stolpert, schockte die chinesische Neujahrs-Gala 2026 u.a. mit schnellen Kung-Fu-Fortschritten durch gleich vier Robotik-Firmen gegenüber ersten Präsentationen in 2025.</em></p> <p><em>Wo siehst Du Drohnen &amp; Roboter (ggf. mit KI) innerhalb der nächsten fünf Jahre im Einsatz? (Mehrfachantwort möglich)</em></p> <p><a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/116107360194752814" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mastodon-Umfrage durch Dr. Michael Blume vom 21.02.2026 zum 22.02.2026 mit dem Text: Während der AfD - Unterstützer Elon Musk nicht nur in der US-Politik, bei X, Tesla und Optimus-Robotern zunehmend stolpert, schockte die chinesische Neujahrs-Gala 2026 u.a. mit schnellen Kung-Fu-Fortschritten durch gleich vier Robotik-Firmen gegenüber ersten Präsentationen in 2025.&#xA;&#xA;Wo siehst Du Drohnen &amp; Roboter (ggf. mit KI) innerhalb der nächsten fünf Jahre im Einsatz? (Mehrfachantwort möglich)" decoding="async" height="1798" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1170px) 100vw, 1170px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2491.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2491.jpeg 1170w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2491-195x300.jpeg 195w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2491-666x1024.jpeg 666w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2491-768x1180.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2491-1000x1536.jpeg 1000w" width="1170"></img></a></p> <p><em>Mastodon-<a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/116107360194752814">Umfrage von Dr. Michael Blume am 21.02.2026 zum Robotik-Fortschritt in China</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>So nahmen bereits 80 Prozent der Antwortenden für <strong><em>“Polizei &amp; Armee, ‘Sicherheit'”</em></strong> einen nahen (oder bereits geschehenden!) Einsatz <em>“von Drohnen &amp; Robtern (ggf. mit KI) innerhalb der nächsten fünf Jahre”</em> an. 69 Prozent vermuteten einen Einsatz in der <em><strong>“Produktion”</strong></em>, 49 Prozent im Bereich von <strong><em>“Dienstleistungen”</em> </strong>und bisher nur drei Prozent in Fragen von <em><strong>“Demografie (künstl. Gebärmütter)”</strong></em>.</p> <p>Gehen wir also auf die auch wirtschaftlich beste Zeit der Menschheit zu – oder erwartet uns umgekehrt <a href="https://dune.fandom.com/wiki/Butlerian_Jihad">ein <em><strong>“Butlerian Jihad”</strong></em></a>, wie <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dune-von-frank-herbert-ist-eine-warnung-vor-politischem-dualistischem-messianismus/"><strong>Frank Herbert </strong>(1920 – 1986) in seiner <strong>“Dune”</strong>-Reihe</a> einen Mehr-Generationen-Aufstand der Menschen gegen Computer, Roboter &amp; KIen nannte?</p> <p>Ich biete auch <a href="https://www.youtube.com/watch?v=v6Z2GDnmDJc">eine SWR-Reportage mit dem Titel <strong>“Können KI, Robotik und Rüstung die Wirtschaft retten? Zur Sache Baden-Württemberg”</strong> an</a>. Hier erfahren wir u.a. <a href="https://aitad.de/">von <strong>Aitad</strong> aus Offenburg</a> und der rapide <a href="https://neura-robotics.com/de/unternehmen/">wachsenden Firma <strong>Neura Robotics</strong> aus Metzingen</a>.</p> <p>Werden sie und andere dauerhaft mehr Arbeitsplätze schaffen – oder werden wir das Verhältnis von Erwerbs-, Familien- und Sinnarbeit (Ehrenamt) ganz neu erfinden?</p> <p>Ich freue mich auf Ihre Einschätzungen und unseren Dialog!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/v6Z2GDnmDJc?feature=oembed&amp;rel=0" title="Können KI, Robotik und Rüstung die Wirtschaft retten? I Zur Sache Baden-Württemberg" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>China zwischen demografischer Implosion & KI-Robotik</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Immer noch gerne erinnere ich mich an eine Reise mit einer Delegation der Jungen Union ins “Reich der Mitte”, nach <strong>China</strong>. Wir wunderten uns damals über das große Interesse auch hochrangiger Gesprächspartner in Peking – bis wir verstanden, dass viele KP-Mitglieder vom Anwachsen der Religionen berührt waren und von uns Christdemokratinnen &amp; Christdemokraten wissen wollten, wie sich Religion und Politik ergänzen können.</p> <p>In Shanghai erwarb ich mir damals auch ein <em>“kleines, rotes Buch”</em>, eine deutschsprachige Ausgabe der <em>“Worte des Vorsitzenden Mao Tse-Tung”</em>. Und dort finden sich auch folgende Sätze einer Rede Maos am 18. November 1957 in Moskau mit dem Titel: <em>“Genosse Mao Tse-tung über ‘Der Imperialismus und alle Reaktionäre sind Papiertiger'”</em> (S. 89 – 90):</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=3DpMXFP2RLM" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Zwei Bücher. Links &quot;Wir verlieren unsere Kinder!&quot; von Silke Müller aus Deutschland, rechts &quot;Worte des Vorsitzenden Mao Tse-Tung&quot; aus China." decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1602-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1602-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1602-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1602-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1602-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1602-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1602-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Rechts das kleine, rote Buch <strong>“Worte des Vorsitzenden Mao Tse-tung”</strong> aus China, links eine Warnung von Silke Müller vor der toxischen Wirkung antisozialer Konzernmedien: <strong>“Wir verlieren unsere Kinder! Gewalt Missbrauch Rassismus – Der verstörende Alltag im Klassen-Chat”</strong>, Droemer (2023 / 2025). Foto: Michael Blume</em></p> <p>Das <strong>Papiertiger-Zitat</strong> lautet wie folgt:<aside></aside></p> <p><em>“Ich sagte, daß <strong>alle angeblich mächtigen Reaktionäre nur Papiertiger</strong> sind. Der Grund dafür liegt in ihrer Loslösung vom Volk.</em></p> <p><em>Sehen Sie, war <strong>Hitler</strong> nicht ein Papiertiger? Wurde <strong>Hitler</strong> nicht geschlagen?</em></p> <p><em>Ich sagte auch, daß <strong>der Zar, der chinesische Kaiser</strong> und <strong>der japanische Imperialismus Papiertiger</strong> gewesen sind. Wie Sie wissen, wurden sie alle gestürzt.</em></p> <p><em>Der <strong>USA-Imperialismus</strong> ist noch nicht niedergeschlagen. Er hat <strong>noch Atombomben</strong>.</em></p> <p><em>Ich denke, auch er wird niedergeschlagen werden. Er ist auch ein <strong>Papiertiger</strong>.”</em></p> <p>Knapp sieben Jahrzehnte später sieht die Realität komplexer aus: Noch immer regiert die Kommunistische Partei in <strong>China</strong>, aber <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/erklaert-die-rentierstaatstheorie-nicht-nur-die-krise-des-islams-sondern-auch-den-langen-bestand-der-sowjetunion/">die lange vom Westen fossil finanzierte <strong>Sowjetunion</strong></a> ging unter. Und <a href="https://www.tagesschau.de/wirtschaft/weltwirtschaft/china-wirtschaft-schwaeche-100.html">auch <strong>China</strong> selbst leidet unter einer <strong>massiven Schwäche der Binnennachfrage und drohender Deflation</strong></a>, die vor allem auf <a href="https://www.tagesschau.de/ausland/asien/china-geburtenrate-tiefstand-100.html"><strong>die schnell verebbenden Geburtenzahlen des Reiches</strong></a> zurückgehen:</p> <p><em>“</em><em><strong><a href="https://www.tagesschau.de/ausland/asien/china-geburtenrate-tiefstand-100.html">Bevölkerung schrumpft</a><br></br>Geburtenrate in China sinkt auf historischen Tiefstand</strong></em></p> <p><em>Noch nie gab es in China seit der Gründung der Volksrepublik eine so niedrige Geburtenrate. Die Bevölkerung schrumpft ebenfalls seit Jahren. Für die chinesische Wirtschaft ist das ein großes Problem.</em></p> <p><em>Chinas Geburtenrate ist im vergangenen Jahr auf einen historischen Tiefstand gesunken. Je 1.000 Einwohner kamen nur noch 5,63 Kinder zur Welt, wie das Statistikamt in Peking mitteilte. Damit ist die Rate auf dem tiefsten Stand seit Gründung der Volksrepublik im Jahr 1949.</em></p> <p><em>Einige Gründe dafür sind die hohen Kosten für die Kindererziehung, der teure Wohnraum, aber auch die wirtschaftliche Unsicherheit unter jungen Menschen.</em></p> <p><em>Während es im vergangenen Jahr 7,92 Millionen Neugeborene gab, starben auch 11,31 Millionen Menschen in China. Zudem schrumpfte die chinesische Bevölkerung im vierten Jahr in Folge. Auch die Zahl der Hochzeiten sank weiter.”</em></p> <p>Laut diesen offiziellen Zahlen – die wahrscheinlich längst geschönt sind – verzeichnete <strong>China</strong> in 2025 einen Sterbeüberschuss von weit über drei Millionen Menschen, über 9.000 Seelen pro Tag! Längst ist das Land an Bevölkerungszahl hinter <strong>Indien</strong> zurückgefallen. Und <strong>China</strong> “muss” intensiv exportieren, da sonst die Wirtschaft des Riesenreiches mangels Nachfrage zusammenbrechen, die bereits hohe Jugendarbeitslosigkeit eskalieren würde.</p> <p>Ist nun also <strong>die KP Chinas</strong> selbst zum “<strong>Papiertiger</strong>” geworden?</p> <p>Nicht so schnell – denn erst vor wenigen Tagen hat <strong>China</strong> mit seiner Gala zum chinesischen Mond-Neujahr die Welt geschockt. Roboter von insgesamt vier chinesischen Firmen präsentierten atemberaubende Fortschritte gegenüber ersten Präsentationen – vor einem Jahr!</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=3DpMXFP2RLM" rel="noopener" target="_blank"><img alt="In einer atemberaubenden Liveshow führten chinesische Kinder &amp; Roboter der Firma Unitree gemeinsam Kung-Fu auf. Das große H2-Modell in der Mitte agierte als Schwertmeister, davor aber auch als Affenkönig Sun Wukong. Im Hintergrund sind G1-Roboter &quot;AI Avatar&quot; von Unitree zu sehen, die unglaubliche Kung-Fu-Leistungen dargeboten haben." decoding="async" height="843" sizes="(max-width: 1283px) 100vw, 1283px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand.jpg 1283w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand-300x197.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand-1024x673.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand-768x505.jpg 768w" width="1283"></img></a></p> <p><em>In <a href="https://www.youtube.com/watch?v=3DpMXFP2RLM">einer atemberaubenden Liveshow führten chinesische Kinder &amp; Roboter der Firma Unitree gemeinsam Kung-Fu</a> auf. Das <a href="https://www.unitree.com/H2">große H2-Modell in der Mitte</a> agierte als Schwertmeister, davor aber auch als Affenkönig Sun Wukong. Im Hintergrund sind <a href="https://www.unitree.com/g1">G1-Roboter “AI Avatar” von Unitree</a> zu sehen, die unglaubliche Kung-Fu-Leistungen dargeboten haben. Screenshot &amp; Links: Michael Blume </em></p> <p>Seitdem fragen sich immer mehr Menschen weltweit, wozu KI-gestützte Roboter in wenigen Jahren in der Lage sein werden.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/3DpMXFP2RLM?feature=oembed&amp;rel=0" title="Robots &amp; Kids Martial Arts Show!" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Da mich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/ki-bildung-science-fiction-bildungsneid-rede-zur-psychologie-der-mimesis/"><strong>KI-Berufs- und Medienethik</strong></a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-51-arbeit-demografie-und-deindustrialisierung-am-beispiel-japan/">die noch falsche Angebots-Orientierung der meisten Wirtschaftspolitik</a> sehr interessieren, fragte ich auf Mastodon:</p> <p><em>Während der AfD – Unterstützer Elon Musk nicht nur in der US-Politik, bei X, Tesla und Optimus-Robotern zunehmend stolpert, schockte die chinesische Neujahrs-Gala 2026 u.a. mit schnellen Kung-Fu-Fortschritten durch gleich vier Robotik-Firmen gegenüber ersten Präsentationen in 2025.</em></p> <p><em>Wo siehst Du Drohnen &amp; Roboter (ggf. mit KI) innerhalb der nächsten fünf Jahre im Einsatz? (Mehrfachantwort möglich)</em></p> <p><a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/116107360194752814" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mastodon-Umfrage durch Dr. Michael Blume vom 21.02.2026 zum 22.02.2026 mit dem Text: Während der AfD - Unterstützer Elon Musk nicht nur in der US-Politik, bei X, Tesla und Optimus-Robotern zunehmend stolpert, schockte die chinesische Neujahrs-Gala 2026 u.a. mit schnellen Kung-Fu-Fortschritten durch gleich vier Robotik-Firmen gegenüber ersten Präsentationen in 2025.&#xA;&#xA;Wo siehst Du Drohnen &amp; Roboter (ggf. mit KI) innerhalb der nächsten fünf Jahre im Einsatz? (Mehrfachantwort möglich)" decoding="async" height="1798" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1170px) 100vw, 1170px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2491.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2491.jpeg 1170w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2491-195x300.jpeg 195w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2491-666x1024.jpeg 666w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2491-768x1180.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2491-1000x1536.jpeg 1000w" width="1170"></img></a></p> <p><em>Mastodon-<a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/116107360194752814">Umfrage von Dr. Michael Blume am 21.02.2026 zum Robotik-Fortschritt in China</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>So nahmen bereits 80 Prozent der Antwortenden für <strong><em>“Polizei &amp; Armee, ‘Sicherheit'”</em></strong> einen nahen (oder bereits geschehenden!) Einsatz <em>“von Drohnen &amp; Robtern (ggf. mit KI) innerhalb der nächsten fünf Jahre”</em> an. 69 Prozent vermuteten einen Einsatz in der <em><strong>“Produktion”</strong></em>, 49 Prozent im Bereich von <strong><em>“Dienstleistungen”</em> </strong>und bisher nur drei Prozent in Fragen von <em><strong>“Demografie (künstl. Gebärmütter)”</strong></em>.</p> <p>Gehen wir also auf die auch wirtschaftlich beste Zeit der Menschheit zu – oder erwartet uns umgekehrt <a href="https://dune.fandom.com/wiki/Butlerian_Jihad">ein <em><strong>“Butlerian Jihad”</strong></em></a>, wie <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dune-von-frank-herbert-ist-eine-warnung-vor-politischem-dualistischem-messianismus/"><strong>Frank Herbert </strong>(1920 – 1986) in seiner <strong>“Dune”</strong>-Reihe</a> einen Mehr-Generationen-Aufstand der Menschen gegen Computer, Roboter &amp; KIen nannte?</p> <p>Ich biete auch <a href="https://www.youtube.com/watch?v=v6Z2GDnmDJc">eine SWR-Reportage mit dem Titel <strong>“Können KI, Robotik und Rüstung die Wirtschaft retten? Zur Sache Baden-Württemberg”</strong> an</a>. Hier erfahren wir u.a. <a href="https://aitad.de/">von <strong>Aitad</strong> aus Offenburg</a> und der rapide <a href="https://neura-robotics.com/de/unternehmen/">wachsenden Firma <strong>Neura Robotics</strong> aus Metzingen</a>.</p> <p>Werden sie und andere dauerhaft mehr Arbeitsplätze schaffen – oder werden wir das Verhältnis von Erwerbs-, Familien- und Sinnarbeit (Ehrenamt) ganz neu erfinden?</p> <p>Ich freue mich auf Ihre Einschätzungen und unseren Dialog!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/v6Z2GDnmDJc?feature=oembed&amp;rel=0" title="Können KI, Robotik und Rüstung die Wirtschaft retten? I Zur Sache Baden-Württemberg" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/china-zwischen-demografischer-geburtenimplosion-und-ki-robotik-zukunft/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>86</slash:comments> </item> <item> <title>Wie man unliebsame wissenschaftliche Ergebnisse versteckt, Innenministeriums-Edition https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/wie-man-unliebsame-wissenschaftliche-ergebnisse-versteckt-innenministeriums-edition/ https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/wie-man-unliebsame-wissenschaftliche-ergebnisse-versteckt-innenministeriums-edition/#respond Sat, 21 Feb 2026 16:29:56 +0000 Markus Pössel https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/?p=11363 <h1>Wie man unliebsame wissenschaftliche Ergebnisse versteckt, Innenministeriums-Edition » RELATIV EINFACH » SciLogs</h1><h2>By Markus Pössel</h2><div itemprop="text"> <p>Wir leben in interessanten Zeiten – generative AI, die Klimakrise, die Diskussionen zum Corona-Pandemie-Management, der Kampf gegen die Wissenschaft der Trump-Regierung bieten dringlichere Anlässe als sonst, zu diskutieren, wie wir als Gesellschaft angemessen mit Wissenschaft und deren Erkenntnissen umgehen. Dazu kommt später hier auf diesem Blog sicher noch so einiges. Konkreter Anlass für meinen Blogpost ist allerdings ein saftiges Negativbeispiel, auf das ich <a href="https://taz.de/Rassismus-in-Behoerden/!6155659/">über diesen Artikel in der taz </a>aufmerksam geworden bin. </p> <h2>Ein Beginn als Pressemitteilungs-Farce</h2> <p>Das Ganze begann schon als Farce. Denn dass eine Pressemitteilung, wie <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/pressemitteilungen/DE/2020/10/keine-studie-rechtsextremismus-polizei.html">diese hier des Bundesinnenministeriums vom 20.10.2020</a>, in der bekanntgegeben wird, die Bundesregierung habe sich darauf verständigt, “in einer Studie zu Alltagsrassismus die Entwicklung und Verbreitung diskriminierender Handlungen in der Zivilgesellschaft, in Wirtschaft und Unternehmen sowie öffentlichen Institutionen zu erforschen, die durch rassistische Einstellungen motiviert sind” nicht unter einer Überschrift wie “Bundesregierung gibt Diskriminierungsstudie in Auftrag” läuft, sondern mit der Negativ-Überschrift “Seehofer: ‘Keine Rassismus-Studie in der Polizei'” könnte ja auch aus einer zynischen Kabarett-Nummer kommen. </p> <p>Neben dem Bekenntnis, “dass es für Extremismus, Rassismus und Antisemitismus keine Toleranz” gebe, nimmt Seehofer dann auch ein, nun ja, wie soll man es nennen? Ein Ergebnis ist es ja gerade nicht. Er stellt jedenfalls klar: “[D]ie überwältigende Mehrheit von über 99 Prozent der Polizistinnen und Polizisten steht auf dem Boden unseres Grundgesetzes. […] Die Polizei kann sich darauf verlassen, dass wir als Politik hinter ihr stehen.” Oder anders gesagt: Sollte jene Studie etwas anderes finden, als das, was hier von Ministerseite gesetzt ist, waren Schwierigkeiten ob dieser Festlegung bereits vorprogrammiert.</p> <h2 id="h-wie-man-eine-studie-moglichst-unauffallig-verschwinden-lasst">Wie man eine Studie möglichst unauffällig verschwinden lässt</h2> <p>Zu meiner Arbeit gehört das Erstellen von Pressemitteilungen. Eine Faustregel, die mir von erfahreneren Kolleg*innen vermittelt wurde: Pressemitteilungen besser nicht am Montag oder am Freitag an die Journalist*innen schicken. Montag versuchen alle noch aufzuarbeiten, was sich am Wochenende angesammelt hat, und am Freitag, insbesondere am Freitagnachmittag, arbeitet man halt schon auf das Wochenende zu. </p> <p>Umgekehrt könnte man natürlich fragen: Wenn man, aus was für einem Grunde auch immer, möchte, dass eine Mitteilung möglichst sang- und klanglos untergeht, was wäre dafür der optimale Veröffentlichungstermin? Wenn man zumindest innerhalb der Arbeitszeit der eigenen Mitarbeiter*innen bleiben möchte, dann vermutlich der Freitagnachmittag. Ebenso klar: Wenn die eigene Institution unterschiedliche Wichtigkeitskategorien für Meldungen hat, dann sollte man die zum Verschwinden bestimmte Meldung natürlich tunlichst in die unwichtigste Kategorie einordnen.<aside></aside></p> <h2 id="h-ein-ganz-normaler-freitag-der-13-februar">Ein ganz normaler Freitag, der 13. (Februar)</h2> <p>Was uns zum Freitag, den 13. Februar 2026 bringt. Ob die entsprechende Meldung auf der Webseite des Bundesinnenministeriums vormittags oder eben nachmittags eingestellt wurde, konnte ich nicht rekonstruieren. Sie gehört aber nicht zur hervorgehobenen Kategorie der Pressemitteilungen, sondern in die weniger wichtige Kategorie bloßer “Meldungen”. Und die entsprechende Meldung lautete dann eben: <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/kurzmeldungen/DE/2026/02/inra.html">“Abschlussbericht der InRa-Studie ‘Institutionen &amp; Rassismus’ veröffentlicht.”</a></p> <p>Das nächste Farce-Element: Wenn eine langjährige Studie veröffentlicht wird, könnte man ja meinen, es sei das normalste von der Welt, dass in der zugehörigen Meldung zumindest etwas zu den Ergebnissen gesagt wird. Tja. Fehlanzeige. Die Kurzmeldung sagt Null, Zero, Nada zu den Ergebnissen. </p> <p>Immerhin ist der <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/2026/inra-studie.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=3">Abschlussbericht der Studie</a> als PDF verlinkt, und gleich daneben dann bereits defensive Stellungnahmen von zwei der untersuchten Behörden: vom <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/2026/stell-bamf-inra.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=2">Bundesamt für Migration und Flüchtlinge</a> und <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/2026/stell-bpol.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=4">von der Bundespolizei</a>. </p> <h2>Verbreitung dank Pressemitteilung</h2> <p>Dass die Studie trotzdem zumindest in einigen journalistischen Medien auftaucht, dürfte dem Umstand zu verdanken sein, dass die Universität Leipzig zur Studienveröffentlichung ein paar Tage später <a href="https://www.uni-leipzig.de/newsdetail/artikel/wie-rassismus-in-deutschen-behoerden-wirkt-2026-02-17">selbst noch eine Pressemitteilung herausgegeben hat</a>. Der Kontrast zur Behörden-Meldung könnte größer nicht sein. Die Uni-Pressemitteilung beschreibt ganz selbstverständlich Ergebnisse der Studie. Ober- und Hauptüberschrift sind “Großstudie belegt Diskriminierung auf individueller, institutioneller und struktureller Ebene: Wie Rassismus in deutschen Behörden wirkt.” Als Veröffentlichungs-Wochentag hat man einen Dienstag gewählt. </p> <p>Entsprechend wurde jene Pressemitteilung dann auch von der dpa aufgegriffen und ist in Form einer dpa-Meldung auch tatsächlich in einer Reihe von journalistischen Medien erschienen.</p> <h2>Ehrliche und unehrliche Kommunikation</h2> <p>Dass wir in einer Zeit leben, in der das Vertrauensverhältnis zwischen Gesellschaft und Politik angespannt ist, wird vermutlich niemand bestreiten. Wie kommuniziert wird, und wie die Politik an gesellschaftlichen Diskussionen teilnimmt, ist dabei ein nicht zu unterschätzender Faktor. Idealerweise ist gesellschaftliche Debatte tatsächlich ein Marktplatz der Ideen, so gestaltet, dass bessere Argumente eine Chance haben, sich durchzusetzen. Wer sich dagegen von Behördenseite aus so verhält, dass sein Vorgehen nicht von dem eines unlauteren Kommunikators zu unterscheiden ist, der alle Register zieht, um unliebsame Gegenargumente ohne inhaltliche Auseinandersetzung verschwinden zu lassen bzw. ihre Reichweite so weit wie möglich zu limitieren, trägt aktiv zu einem Vertrauensverlust gegenüber der Politik bzw. der Regierung bei. Looking at you, Bundesinnenministerium.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Wie man unliebsame wissenschaftliche Ergebnisse versteckt, Innenministeriums-Edition » RELATIV EINFACH » SciLogs</h1><h2>By Markus Pössel</h2><div itemprop="text"> <p>Wir leben in interessanten Zeiten – generative AI, die Klimakrise, die Diskussionen zum Corona-Pandemie-Management, der Kampf gegen die Wissenschaft der Trump-Regierung bieten dringlichere Anlässe als sonst, zu diskutieren, wie wir als Gesellschaft angemessen mit Wissenschaft und deren Erkenntnissen umgehen. Dazu kommt später hier auf diesem Blog sicher noch so einiges. Konkreter Anlass für meinen Blogpost ist allerdings ein saftiges Negativbeispiel, auf das ich <a href="https://taz.de/Rassismus-in-Behoerden/!6155659/">über diesen Artikel in der taz </a>aufmerksam geworden bin. </p> <h2>Ein Beginn als Pressemitteilungs-Farce</h2> <p>Das Ganze begann schon als Farce. Denn dass eine Pressemitteilung, wie <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/pressemitteilungen/DE/2020/10/keine-studie-rechtsextremismus-polizei.html">diese hier des Bundesinnenministeriums vom 20.10.2020</a>, in der bekanntgegeben wird, die Bundesregierung habe sich darauf verständigt, “in einer Studie zu Alltagsrassismus die Entwicklung und Verbreitung diskriminierender Handlungen in der Zivilgesellschaft, in Wirtschaft und Unternehmen sowie öffentlichen Institutionen zu erforschen, die durch rassistische Einstellungen motiviert sind” nicht unter einer Überschrift wie “Bundesregierung gibt Diskriminierungsstudie in Auftrag” läuft, sondern mit der Negativ-Überschrift “Seehofer: ‘Keine Rassismus-Studie in der Polizei'” könnte ja auch aus einer zynischen Kabarett-Nummer kommen. </p> <p>Neben dem Bekenntnis, “dass es für Extremismus, Rassismus und Antisemitismus keine Toleranz” gebe, nimmt Seehofer dann auch ein, nun ja, wie soll man es nennen? Ein Ergebnis ist es ja gerade nicht. Er stellt jedenfalls klar: “[D]ie überwältigende Mehrheit von über 99 Prozent der Polizistinnen und Polizisten steht auf dem Boden unseres Grundgesetzes. […] Die Polizei kann sich darauf verlassen, dass wir als Politik hinter ihr stehen.” Oder anders gesagt: Sollte jene Studie etwas anderes finden, als das, was hier von Ministerseite gesetzt ist, waren Schwierigkeiten ob dieser Festlegung bereits vorprogrammiert.</p> <h2 id="h-wie-man-eine-studie-moglichst-unauffallig-verschwinden-lasst">Wie man eine Studie möglichst unauffällig verschwinden lässt</h2> <p>Zu meiner Arbeit gehört das Erstellen von Pressemitteilungen. Eine Faustregel, die mir von erfahreneren Kolleg*innen vermittelt wurde: Pressemitteilungen besser nicht am Montag oder am Freitag an die Journalist*innen schicken. Montag versuchen alle noch aufzuarbeiten, was sich am Wochenende angesammelt hat, und am Freitag, insbesondere am Freitagnachmittag, arbeitet man halt schon auf das Wochenende zu. </p> <p>Umgekehrt könnte man natürlich fragen: Wenn man, aus was für einem Grunde auch immer, möchte, dass eine Mitteilung möglichst sang- und klanglos untergeht, was wäre dafür der optimale Veröffentlichungstermin? Wenn man zumindest innerhalb der Arbeitszeit der eigenen Mitarbeiter*innen bleiben möchte, dann vermutlich der Freitagnachmittag. Ebenso klar: Wenn die eigene Institution unterschiedliche Wichtigkeitskategorien für Meldungen hat, dann sollte man die zum Verschwinden bestimmte Meldung natürlich tunlichst in die unwichtigste Kategorie einordnen.<aside></aside></p> <h2 id="h-ein-ganz-normaler-freitag-der-13-februar">Ein ganz normaler Freitag, der 13. (Februar)</h2> <p>Was uns zum Freitag, den 13. Februar 2026 bringt. Ob die entsprechende Meldung auf der Webseite des Bundesinnenministeriums vormittags oder eben nachmittags eingestellt wurde, konnte ich nicht rekonstruieren. Sie gehört aber nicht zur hervorgehobenen Kategorie der Pressemitteilungen, sondern in die weniger wichtige Kategorie bloßer “Meldungen”. Und die entsprechende Meldung lautete dann eben: <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/kurzmeldungen/DE/2026/02/inra.html">“Abschlussbericht der InRa-Studie ‘Institutionen &amp; Rassismus’ veröffentlicht.”</a></p> <p>Das nächste Farce-Element: Wenn eine langjährige Studie veröffentlicht wird, könnte man ja meinen, es sei das normalste von der Welt, dass in der zugehörigen Meldung zumindest etwas zu den Ergebnissen gesagt wird. Tja. Fehlanzeige. Die Kurzmeldung sagt Null, Zero, Nada zu den Ergebnissen. </p> <p>Immerhin ist der <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/2026/inra-studie.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=3">Abschlussbericht der Studie</a> als PDF verlinkt, und gleich daneben dann bereits defensive Stellungnahmen von zwei der untersuchten Behörden: vom <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/2026/stell-bamf-inra.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=2">Bundesamt für Migration und Flüchtlinge</a> und <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/2026/stell-bpol.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=4">von der Bundespolizei</a>. </p> <h2>Verbreitung dank Pressemitteilung</h2> <p>Dass die Studie trotzdem zumindest in einigen journalistischen Medien auftaucht, dürfte dem Umstand zu verdanken sein, dass die Universität Leipzig zur Studienveröffentlichung ein paar Tage später <a href="https://www.uni-leipzig.de/newsdetail/artikel/wie-rassismus-in-deutschen-behoerden-wirkt-2026-02-17">selbst noch eine Pressemitteilung herausgegeben hat</a>. Der Kontrast zur Behörden-Meldung könnte größer nicht sein. Die Uni-Pressemitteilung beschreibt ganz selbstverständlich Ergebnisse der Studie. Ober- und Hauptüberschrift sind “Großstudie belegt Diskriminierung auf individueller, institutioneller und struktureller Ebene: Wie Rassismus in deutschen Behörden wirkt.” Als Veröffentlichungs-Wochentag hat man einen Dienstag gewählt. </p> <p>Entsprechend wurde jene Pressemitteilung dann auch von der dpa aufgegriffen und ist in Form einer dpa-Meldung auch tatsächlich in einer Reihe von journalistischen Medien erschienen.</p> <h2>Ehrliche und unehrliche Kommunikation</h2> <p>Dass wir in einer Zeit leben, in der das Vertrauensverhältnis zwischen Gesellschaft und Politik angespannt ist, wird vermutlich niemand bestreiten. Wie kommuniziert wird, und wie die Politik an gesellschaftlichen Diskussionen teilnimmt, ist dabei ein nicht zu unterschätzender Faktor. Idealerweise ist gesellschaftliche Debatte tatsächlich ein Marktplatz der Ideen, so gestaltet, dass bessere Argumente eine Chance haben, sich durchzusetzen. Wer sich dagegen von Behördenseite aus so verhält, dass sein Vorgehen nicht von dem eines unlauteren Kommunikators zu unterscheiden ist, der alle Register zieht, um unliebsame Gegenargumente ohne inhaltliche Auseinandersetzung verschwinden zu lassen bzw. ihre Reichweite so weit wie möglich zu limitieren, trägt aktiv zu einem Vertrauensverlust gegenüber der Politik bzw. der Regierung bei. Looking at you, Bundesinnenministerium.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/wie-man-unliebsame-wissenschaftliche-ergebnisse-versteckt-innenministeriums-edition/#respond 0 59 neue IAU-Sternnamen https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/59-neue-iau-sternnamen/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/59-neue-iau-sternnamen/#respond Sat, 21 Feb 2026 10:38:07 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12631 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-768x443.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/59-neue-iau-sternnamen/</link> </image> <description type="html"><h1>59 neue IAU-Sternnamen » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Neue Presse-Verlautbarung der <a href="https://www.iau.org/">Internationalen Astronomischen Union (IAU</a>).</p> <p><a href="https://www.iau.org/IAU/News/Ann2026/New-Star-Names-2026.aspx">Link zum englischen Original</a>. – hier eine deutsche Übersetzung (Deepl sei gedankt, aber nachbearbeitet):</p> <p>Die Internationale Astronomische Union hat über ihre Arbeitsgruppe für Sternnamen (<a href="https://exopla.net/">WGSN</a>) 59 neue Namen in den IAU-Katalog der Sternnamen aufgenommen. Diese Namen erstrecken sich über die gesamte Himmelskugel, wobei bewusst ein kultureller Schwerpunkt auf Asien gelegt wurde, was die Stärke der Forschungsbasis in dieser Region widerspiegelt. Die Sternnamen decken eine Reihe von kulturellen Regionen und Sprachen ab, darunter Xam (Dialekt der Khoe/San), Altgriechisch, Arabisch, Chinesisch, Dayak, Niederländisch, Ägyptisch, Englisch, Französisch, Griechisch-Römisch, Griechisch, Latein, Malaiisch, Marshallisch, Samisch, Sanskrit und Sumerisch. Die Astronomie und der Nachthimmel haben in allen Kulturen der Welt eine große Bedeutung, was durch diese Vielfalt unterstrichen wird.</p> <p>Die IAU ist seit ihrer Gründung im Jahr 1919 die zuständige Instanz für die Benennung von Sternen und Planeten und wurde später <a href="https://unstats.un.org/unsd/geoinfo/ungegn/docs/4th-uncsgn-docs/4-uncsgn-rpt-en.pdf">von den Vereinten Nationen anerkannt</a>. Dieser Benennungsprozess wird von ihren Arbeitsgruppen durchgeführt.</p> <p>In den Jahren 2024 und 2025 führte die IAU WGSN strenge, fallweise Überprüfungen der vorgeschlagenen kulturellen Sternnamen durch. Diese nachhaltigen Bemühungen im Bereich der kulturellen Astronomie zielten nicht nur darauf ab, neue Namen zu übernehmen, sondern auch eine transparente Methodik zu verfeinern, die auf den Grundsätzen der IAU in Bezug auf Respekt, Inklusivität und kulturelle Vielfalt basiert.<aside></aside></p> <p>Nach zwei Jahren intensiver Studien hat die <a href="https://exopla.net/star-names/wgsn-guidelines/">WGSN nun ihre offiziellen Richtlinien veröffentlicht</a>. Weitere Details zu Methodiken, Arbeitsabläufen und unterstützenden Tools – darunter <a href="https://stellarium.org/">Stellarium</a> und zugehörige Webressourcen – befinden sich derzeit in der Entwicklung und werden voraussichtlich 2026 veröffentlicht.</p> <p>Dr. Dr. Susanne Hoffmann, Vorsitzende der IAU-Arbeitsgruppe für Sternennamen, sagt:</p> <blockquote> <p>„<em>Die Arbeitsgruppe für Sternennamen ist außerordentlich aktiv, und ich bin sehr stolz auf ihre Mitglieder. In den letzten Jahren haben führende Experten aus verschiedenen Disziplinen und mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund gelernt, in einem wirklich kooperativen Geist zusammenzuarbeiten. Anstatt dass Einzelpersonen innerhalb ihrer eigenen wissenschaftlichen oder kulturellen Gemeinschaften parallele Anstrengungen unternehmen, arbeiten wir nun wie ein gut koordiniertes Orchester: unterschiedliche Stimmen, gemeinsame Standards und ein gemeinsames Ziel. Dieser kollektive Ansatz hat sowohl die wissenschaftliche Qualität als auch die kulturelle Verantwortung unserer Arbeit erheblich gestärkt</em>.“</p> <cite><em>[Webseite der IAU]</em></cite></blockquote> <p>Die Arbeitsgruppe führt auch Forschungen zu den indigenen Benennungstraditionen der südlichen Hemisphäre durch. In mehreren Fällen führte dies zu einer bewussten Verschiebung von Benennungsentscheidungen, bei denen zusätzliche wissenschaftliche Arbeiten erforderlich sind.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s.jpg"><img alt="" decoding="async" height="590" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s-1024x590.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s-1024x590.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s-300x173.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s-768x443.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s-1536x885.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s.jpg 1551w" width="1024"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s.jpg"><img alt="" decoding="async" height="590" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-1024x590.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-1024x590.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-300x173.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-768x443.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-1536x885.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s.jpg 1551w" width="1024"></img></a></figure> <p>Images: maps of newly adopted star names based on Gaia DR2 data<br></br>Credit: M.Sadegh Faghanpour/IAU WGSN</p> <h2>Links</h2> <ul> <li><a href="https://exopla.net/star-names/modern-iau-star-names/">IAU Star Names Catalog</a></li> <li><a href="https://exopla.net/star-names/wgsn-guidelines/">IAU Guidelines on naming</a></li> </ul> <p>Kontakt: <a href="mailto:iaupressoffice@iau.org">Ramasamy Venugopal</a>, IAU Press Office</p> <h2>Liste der 59 neuen Sternnamen: </h2> <p>wird hier schlecht dargestellt, daher <a href="https://www.iau.org/IAU/News/Ann2026/New-Star-Names-2026.aspx">bitte auf der Originalseite anschauen</a>.</p> <p>*) Bekanntes Mehrfachsternsystem, bei dem der Name auf den Hauptstern angewendet wird, mit Ausnahme von Lang-Exster (α Tuc), wo Lang und Exster auf die beiden (bislang unaufgelösten) Komponenten angewendet werden können. Ähnlich wie bei „Phyllon Kissnou“, wo sich der ursprüngliche griechische Name auf einen sichtbaren Punkt am Himmel bezog und wir die beiden Namen „Phyllon“ für den Hauptstern und „Kissinou“ für den sekundären Bestandteil des Mehrfachsystems verwenden (in SIMBAD sind keine individuellen Nummern angegeben).</p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>59 neue IAU-Sternnamen » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Neue Presse-Verlautbarung der <a href="https://www.iau.org/">Internationalen Astronomischen Union (IAU</a>).</p> <p><a href="https://www.iau.org/IAU/News/Ann2026/New-Star-Names-2026.aspx">Link zum englischen Original</a>. – hier eine deutsche Übersetzung (Deepl sei gedankt, aber nachbearbeitet):</p> <p>Die Internationale Astronomische Union hat über ihre Arbeitsgruppe für Sternnamen (<a href="https://exopla.net/">WGSN</a>) 59 neue Namen in den IAU-Katalog der Sternnamen aufgenommen. Diese Namen erstrecken sich über die gesamte Himmelskugel, wobei bewusst ein kultureller Schwerpunkt auf Asien gelegt wurde, was die Stärke der Forschungsbasis in dieser Region widerspiegelt. Die Sternnamen decken eine Reihe von kulturellen Regionen und Sprachen ab, darunter Xam (Dialekt der Khoe/San), Altgriechisch, Arabisch, Chinesisch, Dayak, Niederländisch, Ägyptisch, Englisch, Französisch, Griechisch-Römisch, Griechisch, Latein, Malaiisch, Marshallisch, Samisch, Sanskrit und Sumerisch. Die Astronomie und der Nachthimmel haben in allen Kulturen der Welt eine große Bedeutung, was durch diese Vielfalt unterstrichen wird.</p> <p>Die IAU ist seit ihrer Gründung im Jahr 1919 die zuständige Instanz für die Benennung von Sternen und Planeten und wurde später <a href="https://unstats.un.org/unsd/geoinfo/ungegn/docs/4th-uncsgn-docs/4-uncsgn-rpt-en.pdf">von den Vereinten Nationen anerkannt</a>. Dieser Benennungsprozess wird von ihren Arbeitsgruppen durchgeführt.</p> <p>In den Jahren 2024 und 2025 führte die IAU WGSN strenge, fallweise Überprüfungen der vorgeschlagenen kulturellen Sternnamen durch. Diese nachhaltigen Bemühungen im Bereich der kulturellen Astronomie zielten nicht nur darauf ab, neue Namen zu übernehmen, sondern auch eine transparente Methodik zu verfeinern, die auf den Grundsätzen der IAU in Bezug auf Respekt, Inklusivität und kulturelle Vielfalt basiert.<aside></aside></p> <p>Nach zwei Jahren intensiver Studien hat die <a href="https://exopla.net/star-names/wgsn-guidelines/">WGSN nun ihre offiziellen Richtlinien veröffentlicht</a>. Weitere Details zu Methodiken, Arbeitsabläufen und unterstützenden Tools – darunter <a href="https://stellarium.org/">Stellarium</a> und zugehörige Webressourcen – befinden sich derzeit in der Entwicklung und werden voraussichtlich 2026 veröffentlicht.</p> <p>Dr. Dr. Susanne Hoffmann, Vorsitzende der IAU-Arbeitsgruppe für Sternennamen, sagt:</p> <blockquote> <p>„<em>Die Arbeitsgruppe für Sternennamen ist außerordentlich aktiv, und ich bin sehr stolz auf ihre Mitglieder. In den letzten Jahren haben führende Experten aus verschiedenen Disziplinen und mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund gelernt, in einem wirklich kooperativen Geist zusammenzuarbeiten. Anstatt dass Einzelpersonen innerhalb ihrer eigenen wissenschaftlichen oder kulturellen Gemeinschaften parallele Anstrengungen unternehmen, arbeiten wir nun wie ein gut koordiniertes Orchester: unterschiedliche Stimmen, gemeinsame Standards und ein gemeinsames Ziel. Dieser kollektive Ansatz hat sowohl die wissenschaftliche Qualität als auch die kulturelle Verantwortung unserer Arbeit erheblich gestärkt</em>.“</p> <cite><em>[Webseite der IAU]</em></cite></blockquote> <p>Die Arbeitsgruppe führt auch Forschungen zu den indigenen Benennungstraditionen der südlichen Hemisphäre durch. In mehreren Fällen führte dies zu einer bewussten Verschiebung von Benennungsentscheidungen, bei denen zusätzliche wissenschaftliche Arbeiten erforderlich sind.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s.jpg"><img alt="" decoding="async" height="590" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s-1024x590.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s-1024x590.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s-300x173.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s-768x443.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s-1536x885.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s.jpg 1551w" width="1024"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s.jpg"><img alt="" decoding="async" height="590" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-1024x590.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-1024x590.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-300x173.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-768x443.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-1536x885.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s.jpg 1551w" width="1024"></img></a></figure> <p>Images: maps of newly adopted star names based on Gaia DR2 data<br></br>Credit: M.Sadegh Faghanpour/IAU WGSN</p> <h2>Links</h2> <ul> <li><a href="https://exopla.net/star-names/modern-iau-star-names/">IAU Star Names Catalog</a></li> <li><a href="https://exopla.net/star-names/wgsn-guidelines/">IAU Guidelines on naming</a></li> </ul> <p>Kontakt: <a href="mailto:iaupressoffice@iau.org">Ramasamy Venugopal</a>, IAU Press Office</p> <h2>Liste der 59 neuen Sternnamen: </h2> <p>wird hier schlecht dargestellt, daher <a href="https://www.iau.org/IAU/News/Ann2026/New-Star-Names-2026.aspx">bitte auf der Originalseite anschauen</a>.</p> <p>*) Bekanntes Mehrfachsternsystem, bei dem der Name auf den Hauptstern angewendet wird, mit Ausnahme von Lang-Exster (α Tuc), wo Lang und Exster auf die beiden (bislang unaufgelösten) Komponenten angewendet werden können. Ähnlich wie bei „Phyllon Kissnou“, wo sich der ursprüngliche griechische Name auf einen sichtbaren Punkt am Himmel bezog und wir die beiden Namen „Phyllon“ für den Hauptstern und „Kissinou“ für den sekundären Bestandteil des Mehrfachsystems verwenden (in SIMBAD sind keine individuellen Nummern angegeben).</p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/59-neue-iau-sternnamen/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Asbest in Spielsand https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/asbest-in-spielsand/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/asbest-in-spielsand/#comments Fri, 20 Feb 2026 17:54:51 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3741 <h1>Asbest in Spielsand » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <div><h2>Key Takeaways</h2> <ul> <li>Bunter Spielsand, der als sicher gilt, kann Asbest enthalten, was in verschiedenen Ländern bereits nachgewiesen wurde.</li> <li>Asbest gelangt in den Spielsand durch geogene Quellen in den Rohstoffen und kann Krebs auslösen.</li> <li>Verbraucher sollten ihren Spielsand auf Asbest testen lassen, insbesondere wenn sie unsicher sind, welches Produkt sie haben.</li> <li>Bis zur Analyse sollte man den Sand als verdächtig einstufen und entsprechende Schutzmaßnahmen treffen, um Staub zu vermeiden.</li> <li>Wenn Asbest gefunden wird, ist eine fachgerechte Entsorgung und möglicherweise eine professionelle Reinigung notwendig.</li> </ul> </div> <p>Er kommt in wunderbar bunten Farben daher und trägt Bezeichnungen wie kinetischer Sand, Dekosand, Magic Sand oder schlicht Spielsand und Bastelsand. Man kann ihn über diverse Onlinehändler kaufen und er erfreut sich großer Beliebtheit bei Bastlern und Kindern. Der bunte Sand hat aber, wenn man die aktuellen Meldungen verfolgt hat, seine dunkle Seite. In einigen der unter diesen Bezeichnungen vertriebenen Produkte wurde Asbest nachgewiesen. Genau der Asbest, der als ehemalige Wunderfaser hier in Deutschland seit 1993 und in der EU seit 2003 zu recht verboten wurde. Denn Asbest kann Krebs auslösen, wenn die Fasern eingeatmet werden.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-scaled.jpg"><img alt="Bunter Spielsand, auch als kinetischer Sand oder Magic Sand bekannt." decoding="async" fetchpriority="high" height="769" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-1024x769.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-1024x769.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-768x577.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-1536x1153.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-2048x1538.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Der bunte sand sieht harmlos aus, kann aber Asbest enthalten.</em></figcaption></figure> <p>Da stellen sich einige Fragen: Wie kommt Asbest in den Sand? Wie kann ich prüfen, ob mein Sand betroffen ist und was kann/muss ich beachten, wenn in meinem Sand auch Asbest gefunden wurde. Ich will mal versuchen, etwas Licht in die Angelegenheit zu bringen.</p> <h2 id="h-wie-ist-das-bekannt-geworden">Wie ist das bekannt geworden?</h2> <p>Bereits Ende 2025 haben <a href="https://www.productsafety.gov.au/search-consumer-product-recalls/educational-colours-rainbow-sand-13kg-creatistics-coloured-sand-1kg-kadink-coloured-decorative-sand-13kg-and-kadink-cotton-sensory-sand-700g">australische</a> und <a href="https://www.productsafety.govt.nz/recalls?q=&amp;category=25&amp;sort=&amp;from=&amp;to=&amp;exclude=">neuseeländische</a> Behörden vor buntem Sand aus China gewarnt. Mittlerweile, Stand Februar 2026, gibt es auch aus <a href="https://economie.fgov.be/sites/default/files/Files/Quality-and-Security/speelzand-blacklist.pdf">Belgien</a> und den <a href="https://www.ad.nl/binnenland/asbest-in-speelfiguurtjes-van-de-action-eerste-terugroepactie-in-zandaffaire~ad5e8845/">Niederlanden</a> Asbestfunde in dem Sand, bestimmte Produkte wurden aus dem Handel genommen.</p> <h2 id="h-wie-kommt-asbest-in-den-sand">Wie kommt Asbest in den Sand?</h2> <p>Man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass niemand absichtlich Sand mit Asbest versehen hat, um eine bestimmte Materialeigenschaft zu verbessern oder gar um anderen zu schaden. Bei dem nachgewiesenen Asbest handelt es sich um sogenannten geogenen Asbest, wobei ich persönlich lieben den Begriff „akzessorischer Asbest“ verwendet sehen möchte. Denn dieser Asbest kommt in den Rohstoffen, die wir hier zum Beispiel für die Produktion des Spielsandes verwenden, als akzessorisches Mineral vor. Wenn man also diese Rohstoffe verarbeitet, gelangt der Asbest damit auch in die Produkte. Das deckt sich auch mit ersten Untersuchungen, die wir in dem Labor, in dem ich arbeite, durchgeführt haben.</p> <p>Hier fand sich Asbest in Sanden mit einer karbonatischen Matrix, also Sand, der aus calcitischen oder auch dolomitischen Marmoren hergestellt wurde. Diese Marmore, metamorphe Gesteine, enthalten je nach ihrem Ausgangsgestein auch silikatische Anteile. Wenn sie während der Metamorphose zu Marmor werden, können auch verschiedene Minerale entstehen, die wir unter dem Begriff Asbest zusammenfassen, z.B. Tremolit, ein Mineral aus der großen Gruppe der Amphibole. In manchen Fällen kann auch Chrysotil enthalten sein, den wir unter dem Begriff Weißasbest kennen.<aside></aside></p> <p>Beide Asbestformen konnten in karbonatischen Sanden auch bereits gefunden werden. Weitgehend unverdächtig sind zumindest vorläufig Sande aus Quarzsand oder gemahlenem Glas.</p> <h2 id="h-wie-weiss-ich-ob-mein-spielsand-auch-betroffen-ist">Wie weiß ich, ob mein Spielsand auch betroffen ist?</h2> <p>Man kann sich als Anfang auf den Seiten der <a href="https://www.verbraucherzentrale.nrw/wissen/projekt-schadstoffberatung/schadstoffberatung-kinderprodukte-spielzeug/spielsand-und-bastelsand-ist-asbest-enthalten-117318#:~:text=Wenn%20sich%20herausstellt%2C%20dass%20das,wo%20asbesthaltige%20Abf%C3%A4lle%20abzugeben%20sind">Verbraucherzentrale</a> oder der <a href="https://www.test.de/Verbraucherschuetzer-warnen-Asbest-in-buntem-Spielsand-gefunden-6281991-0/">Stiftung Warentest</a> informieren. Hier sind auch oft die aktuellen Rückruflisten zu finden. Wenn man nicht sicher ist, welches Produkt man besitzt oder die Originalverpackung nicht mehr hat, kann man auch eine Probe in einem akkreditierten Labor untersuchen lassen. Die Kosten liegen hier im Bereich zwischen 100 und 170,- € je nach Labor, Bearbeitungszeit und Nachweisgrenze. Das Probenmaterial sollte luftdicht verpackt und gekennzeichnet mit einem kurzen Anschreiben an das betreffende Labor geschickt werden. Im Anschreiben stehen sinnigerweise neben ihrem Analysewunsch und den Kontaktdaten auch eine E-Mail-Adresse und die Telefonnummer, falls es Rückfragen gibt.</p> <p>Unverpackte Sande sollten unter Beachtung von persönlichen Schutzmaßnahmen wieder luftdicht verpackt werden. Dazu gehört eine dicht sitzende FFP-2 (wie während der Corona Zeit) oder besser noch eine FFP3-Maske sowie Putzhandschuhe und Schutzbrille. Den Sand eventuell mit einem nassen Tuch, gegebenenfalls auch vorsichtig(!) mithilfe einer Blumenspritze mit Wasser und etwas Spülmittel angefeuchtet werden. Dabei ist vor allem mit der Blumenspritze auf jeden Fall zu vermeiden, Staub aufzuwirbeln. Anschließend den Staub feucht mit nassem Lappen aufzuwischen.</p> <p>Auf keinen Fall (!) sollte man den Haushaltsstaubsauger benutzen. Normale Haushaltsstaubsauger können Asbestfasern nicht zurückhalten. Sie verwirbeln sie und führen letztlich zu einer stärkeren Belastung der Luft. Asbesthaltige Materialien können nur mit speziellen Saugern der Klasse H aufgenommen werden.</p> <h2 id="h-wenn-mein-sand-asbestbelastet-ist-was-muss-ich-tun">Wenn mein Sand asbestbelastet ist, was muss ich tun?</h2> <p>Wenn sich herausstellt, dass ihr Produkt mit Asbest belastet ist, dann sollte es entsprechend entsorgt werden. Dazu sollten sie mit ihrem zuständigen Entsorgungsunternehmen Kontakt aufnehmen, Hier wird man ihnen schnell sagen, wo und wie asbesthaltige Abfälle abzugeben sind.</p> <p>Wenn der asbesthaltige Sand in Innenräumen verwendet wurde, kann eventuell auch eine professionelle Reinigung notwendig werden. Das hängt aber sowohl von der Höhe der Asbestbelastung des Sandes als auch von der Dauer sowie der Stärke der Staubfreisetzung ab. Eventuell kann man auch mithilfe von Staubproben prüfen, ob und wie weit Asbest in der Wohnung verbreitet ist. Es besteht aber auch kein Grund zur Panik. Asbest stellt zwar ein bedeutendes Gesundheitsrisiko dar, dieses Risiko steigt aber mit der Dauer und der Höhe der Exposition. In den Überwiegenden Fällen müssen etliche Faserjahre zustande kommen, um ein deutliches Risiko zu haben, wobei ein Faserjahr bedeutet, dass man rund eine Million Fasern pro Kubikmeter für mindestens 240 Arbeitstage eingeatmet hat. Wie schnell sich das Risiko herunterbricht, wenn man nur Bruchteile davon erreicht, und welches Risiko zum Beispiel Handwerker haben, die nur kurzzeitig höheren Belastungen ausgesetzt waren, habe ich in einem anderen Blogbeitrag mal aufgeschlüsselt (<a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/asbestrisiko-beim-heimwerken/">Asbestrisiko beim Heimwerken</a>). </p> <p>Alles in allem also keine Entwarnung, aber auch kein Grund zur Panik. Man sollte aber die entsprechenden Seiten der <a href="https://www.verbraucherzentrale.nrw/wissen/projekt-schadstoffberatung/schadstoffberatung-kinderprodukte-spielzeug/spielsand-und-bastelsand-ist-asbest-enthalten-117318#:~:text=Wenn%20sich%20herausstellt%2C%20dass%20das,wo%20asbesthaltige%20Abf%C3%A4lle%20abzugeben%20sind">Verbraucherzentralen</a> und vielleicht auch der einschlägigen <a href="https://www.crb-gmbh.com/de/newspost/asbest-in-spielsand?fbclid=IwY2xjawQEeClleHRuA2FlbQIxMABicmlkETAzUUprV0NBVzlENU9XNzJ3c3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHpXNGKqn73PkX2ziy6UUmPcWEfuwD5kcEWv3AuOjGdfzr9uwmmJqGpY6xtiy_aem_piLiXzuALZkysQ9bzJu-lQ">Labore</a> im Auge behalten.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Asbest in Spielsand » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <div><h2>Key Takeaways</h2> <ul> <li>Bunter Spielsand, der als sicher gilt, kann Asbest enthalten, was in verschiedenen Ländern bereits nachgewiesen wurde.</li> <li>Asbest gelangt in den Spielsand durch geogene Quellen in den Rohstoffen und kann Krebs auslösen.</li> <li>Verbraucher sollten ihren Spielsand auf Asbest testen lassen, insbesondere wenn sie unsicher sind, welches Produkt sie haben.</li> <li>Bis zur Analyse sollte man den Sand als verdächtig einstufen und entsprechende Schutzmaßnahmen treffen, um Staub zu vermeiden.</li> <li>Wenn Asbest gefunden wird, ist eine fachgerechte Entsorgung und möglicherweise eine professionelle Reinigung notwendig.</li> </ul> </div> <p>Er kommt in wunderbar bunten Farben daher und trägt Bezeichnungen wie kinetischer Sand, Dekosand, Magic Sand oder schlicht Spielsand und Bastelsand. Man kann ihn über diverse Onlinehändler kaufen und er erfreut sich großer Beliebtheit bei Bastlern und Kindern. Der bunte Sand hat aber, wenn man die aktuellen Meldungen verfolgt hat, seine dunkle Seite. In einigen der unter diesen Bezeichnungen vertriebenen Produkte wurde Asbest nachgewiesen. Genau der Asbest, der als ehemalige Wunderfaser hier in Deutschland seit 1993 und in der EU seit 2003 zu recht verboten wurde. Denn Asbest kann Krebs auslösen, wenn die Fasern eingeatmet werden.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-scaled.jpg"><img alt="Bunter Spielsand, auch als kinetischer Sand oder Magic Sand bekannt." decoding="async" fetchpriority="high" height="769" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-1024x769.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-1024x769.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-768x577.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-1536x1153.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-2048x1538.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Der bunte sand sieht harmlos aus, kann aber Asbest enthalten.</em></figcaption></figure> <p>Da stellen sich einige Fragen: Wie kommt Asbest in den Sand? Wie kann ich prüfen, ob mein Sand betroffen ist und was kann/muss ich beachten, wenn in meinem Sand auch Asbest gefunden wurde. Ich will mal versuchen, etwas Licht in die Angelegenheit zu bringen.</p> <h2 id="h-wie-ist-das-bekannt-geworden">Wie ist das bekannt geworden?</h2> <p>Bereits Ende 2025 haben <a href="https://www.productsafety.gov.au/search-consumer-product-recalls/educational-colours-rainbow-sand-13kg-creatistics-coloured-sand-1kg-kadink-coloured-decorative-sand-13kg-and-kadink-cotton-sensory-sand-700g">australische</a> und <a href="https://www.productsafety.govt.nz/recalls?q=&amp;category=25&amp;sort=&amp;from=&amp;to=&amp;exclude=">neuseeländische</a> Behörden vor buntem Sand aus China gewarnt. Mittlerweile, Stand Februar 2026, gibt es auch aus <a href="https://economie.fgov.be/sites/default/files/Files/Quality-and-Security/speelzand-blacklist.pdf">Belgien</a> und den <a href="https://www.ad.nl/binnenland/asbest-in-speelfiguurtjes-van-de-action-eerste-terugroepactie-in-zandaffaire~ad5e8845/">Niederlanden</a> Asbestfunde in dem Sand, bestimmte Produkte wurden aus dem Handel genommen.</p> <h2 id="h-wie-kommt-asbest-in-den-sand">Wie kommt Asbest in den Sand?</h2> <p>Man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass niemand absichtlich Sand mit Asbest versehen hat, um eine bestimmte Materialeigenschaft zu verbessern oder gar um anderen zu schaden. Bei dem nachgewiesenen Asbest handelt es sich um sogenannten geogenen Asbest, wobei ich persönlich lieben den Begriff „akzessorischer Asbest“ verwendet sehen möchte. Denn dieser Asbest kommt in den Rohstoffen, die wir hier zum Beispiel für die Produktion des Spielsandes verwenden, als akzessorisches Mineral vor. Wenn man also diese Rohstoffe verarbeitet, gelangt der Asbest damit auch in die Produkte. Das deckt sich auch mit ersten Untersuchungen, die wir in dem Labor, in dem ich arbeite, durchgeführt haben.</p> <p>Hier fand sich Asbest in Sanden mit einer karbonatischen Matrix, also Sand, der aus calcitischen oder auch dolomitischen Marmoren hergestellt wurde. Diese Marmore, metamorphe Gesteine, enthalten je nach ihrem Ausgangsgestein auch silikatische Anteile. Wenn sie während der Metamorphose zu Marmor werden, können auch verschiedene Minerale entstehen, die wir unter dem Begriff Asbest zusammenfassen, z.B. Tremolit, ein Mineral aus der großen Gruppe der Amphibole. In manchen Fällen kann auch Chrysotil enthalten sein, den wir unter dem Begriff Weißasbest kennen.<aside></aside></p> <p>Beide Asbestformen konnten in karbonatischen Sanden auch bereits gefunden werden. Weitgehend unverdächtig sind zumindest vorläufig Sande aus Quarzsand oder gemahlenem Glas.</p> <h2 id="h-wie-weiss-ich-ob-mein-spielsand-auch-betroffen-ist">Wie weiß ich, ob mein Spielsand auch betroffen ist?</h2> <p>Man kann sich als Anfang auf den Seiten der <a href="https://www.verbraucherzentrale.nrw/wissen/projekt-schadstoffberatung/schadstoffberatung-kinderprodukte-spielzeug/spielsand-und-bastelsand-ist-asbest-enthalten-117318#:~:text=Wenn%20sich%20herausstellt%2C%20dass%20das,wo%20asbesthaltige%20Abf%C3%A4lle%20abzugeben%20sind">Verbraucherzentrale</a> oder der <a href="https://www.test.de/Verbraucherschuetzer-warnen-Asbest-in-buntem-Spielsand-gefunden-6281991-0/">Stiftung Warentest</a> informieren. Hier sind auch oft die aktuellen Rückruflisten zu finden. Wenn man nicht sicher ist, welches Produkt man besitzt oder die Originalverpackung nicht mehr hat, kann man auch eine Probe in einem akkreditierten Labor untersuchen lassen. Die Kosten liegen hier im Bereich zwischen 100 und 170,- € je nach Labor, Bearbeitungszeit und Nachweisgrenze. Das Probenmaterial sollte luftdicht verpackt und gekennzeichnet mit einem kurzen Anschreiben an das betreffende Labor geschickt werden. Im Anschreiben stehen sinnigerweise neben ihrem Analysewunsch und den Kontaktdaten auch eine E-Mail-Adresse und die Telefonnummer, falls es Rückfragen gibt.</p> <p>Unverpackte Sande sollten unter Beachtung von persönlichen Schutzmaßnahmen wieder luftdicht verpackt werden. Dazu gehört eine dicht sitzende FFP-2 (wie während der Corona Zeit) oder besser noch eine FFP3-Maske sowie Putzhandschuhe und Schutzbrille. Den Sand eventuell mit einem nassen Tuch, gegebenenfalls auch vorsichtig(!) mithilfe einer Blumenspritze mit Wasser und etwas Spülmittel angefeuchtet werden. Dabei ist vor allem mit der Blumenspritze auf jeden Fall zu vermeiden, Staub aufzuwirbeln. Anschließend den Staub feucht mit nassem Lappen aufzuwischen.</p> <p>Auf keinen Fall (!) sollte man den Haushaltsstaubsauger benutzen. Normale Haushaltsstaubsauger können Asbestfasern nicht zurückhalten. Sie verwirbeln sie und führen letztlich zu einer stärkeren Belastung der Luft. Asbesthaltige Materialien können nur mit speziellen Saugern der Klasse H aufgenommen werden.</p> <h2 id="h-wenn-mein-sand-asbestbelastet-ist-was-muss-ich-tun">Wenn mein Sand asbestbelastet ist, was muss ich tun?</h2> <p>Wenn sich herausstellt, dass ihr Produkt mit Asbest belastet ist, dann sollte es entsprechend entsorgt werden. Dazu sollten sie mit ihrem zuständigen Entsorgungsunternehmen Kontakt aufnehmen, Hier wird man ihnen schnell sagen, wo und wie asbesthaltige Abfälle abzugeben sind.</p> <p>Wenn der asbesthaltige Sand in Innenräumen verwendet wurde, kann eventuell auch eine professionelle Reinigung notwendig werden. Das hängt aber sowohl von der Höhe der Asbestbelastung des Sandes als auch von der Dauer sowie der Stärke der Staubfreisetzung ab. Eventuell kann man auch mithilfe von Staubproben prüfen, ob und wie weit Asbest in der Wohnung verbreitet ist. Es besteht aber auch kein Grund zur Panik. Asbest stellt zwar ein bedeutendes Gesundheitsrisiko dar, dieses Risiko steigt aber mit der Dauer und der Höhe der Exposition. In den Überwiegenden Fällen müssen etliche Faserjahre zustande kommen, um ein deutliches Risiko zu haben, wobei ein Faserjahr bedeutet, dass man rund eine Million Fasern pro Kubikmeter für mindestens 240 Arbeitstage eingeatmet hat. Wie schnell sich das Risiko herunterbricht, wenn man nur Bruchteile davon erreicht, und welches Risiko zum Beispiel Handwerker haben, die nur kurzzeitig höheren Belastungen ausgesetzt waren, habe ich in einem anderen Blogbeitrag mal aufgeschlüsselt (<a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/asbestrisiko-beim-heimwerken/">Asbestrisiko beim Heimwerken</a>). </p> <p>Alles in allem also keine Entwarnung, aber auch kein Grund zur Panik. Man sollte aber die entsprechenden Seiten der <a href="https://www.verbraucherzentrale.nrw/wissen/projekt-schadstoffberatung/schadstoffberatung-kinderprodukte-spielzeug/spielsand-und-bastelsand-ist-asbest-enthalten-117318#:~:text=Wenn%20sich%20herausstellt%2C%20dass%20das,wo%20asbesthaltige%20Abf%C3%A4lle%20abzugeben%20sind">Verbraucherzentralen</a> und vielleicht auch der einschlägigen <a href="https://www.crb-gmbh.com/de/newspost/asbest-in-spielsand?fbclid=IwY2xjawQEeClleHRuA2FlbQIxMABicmlkETAzUUprV0NBVzlENU9XNzJ3c3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHpXNGKqn73PkX2ziy6UUmPcWEfuwD5kcEWv3AuOjGdfzr9uwmmJqGpY6xtiy_aem_piLiXzuALZkysQ9bzJu-lQ">Labore</a> im Auge behalten.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/asbest-in-spielsand/#comments 2 Gemeinsam gegen Hass & Hetze – Im Podcast-Dialog mit Josephine Ballon von HateAid https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gemeinsam-gegen-hass-hetze-im-podcast-dialog-mit-josephine-ballon-von-hateaid/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gemeinsam-gegen-hass-hetze-im-podcast-dialog-mit-josephine-ballon-von-hateaid/#comments Thu, 19 Feb 2026 19:11:52 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11057 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumezuXavierNaidooAntisemitismus190226.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gemeinsam-gegen-hass-hetze-im-podcast-dialog-mit-josephine-ballon-von-hateaid/</link> </image> <description type="html"><h1>Podcast gegen digitale Gewalt mit Josephine Ballon von Hate Aid</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Gestern hätte eigentlich einer meiner knappen Familientage sein sollen und ich war auch mit dem jüngsten Kind unterwegs, als eine dringende dpa-Presseanfrage hereinkam: Der wegen der Verbreitung antisemitischer Adrenochrom-Verschwörungsmythen bekannte Sänger <strong>Xavier Naidoo</strong> hatte in Berlin in Anwesenheit rechtsdualistischer Medien &amp; Verschwörungsunternehmer wieder losgelegt und u.a. über “die” geraunt:</p> <p><em>“Das sind keine Menschen, bitte nenne sie nicht Menschen. Sobald du Menschenfleisch gegessen hast, bist du kein Mensch mehr – wissentlich. Ich bin mir sicher, dass wir alle schon Menschenfleisch gegessen haben.”</em></p> <p>Denn, so <strong>Naidoo</strong>:</p> <p><em>“Die Firma Lays macht embryonales Gewürzmittel auf diese Chips.”</em></p> <p>Also musste ich unseren Jüngsten mal wieder um Verständnis bitten und mir Zeit für die Sichtung der Aussagen und für Medienauskünfte nehmen.<aside></aside></p> <p><a href="https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/mannheim/xavier-naidoo-irritiert-mit-aussagen-ueber-menschenfresser-100.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mastodon-Post von Michael Blume zu einem SWR-Bericht vom 19.2.2026: &quot;Xavier Naidoo: Kinder werden gefressen - Antisemitismus-Vorwürfe&quot;" decoding="async" height="772" sizes="(max-width: 584px) 100vw, 584px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumezuXavierNaidooAntisemitismus190226.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumezuXavierNaidooAntisemitismus190226.jpg 584w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumezuXavierNaidooAntisemitismus190226-227x300.jpg 227w" width="584"></img></a></p> <p><em>Mastodon-Post zur <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/116096060234232897">Aufklärung der neuerlichen, antisemitischen Ausfälle von Xavier Naidoo von Michael Blume, 19.02.2026</a>. Screenshot</em></p> <p><strong>Digitalkonzerne befeuern Hass &amp; Hetze…</strong></p> <p>Neu sind auch diese Verschwörungsmythen und deren Verbreitung durch je neue Medien ganz und gar nicht: Schon mit der Ausbreitung des Buchdrucks eskalierten mörderische, antijüdische Verschwörungsvorwürfe um den kleinen, dann sogar <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Simon_von_Trient">kirchlich heilig gesprochenen <strong>Simon von Trient</strong> (1472 – 1475)</a>. Sie wurden dann auch als Begründung zur Vertreibung und Ermordung jüdischer Menschen auch etwa in Württemberg durch den Gründer der Universität Tübingen, <strong>Eberhard I. im Bart</strong> (1445 – 1495), angeführt.</p> <p>Bekannt wurde auch die <em>“Komödie”</em> von 1600 <strong><em>“Der Kaufmann von Venedig”</em></strong> von <strong>William Shakespare</strong> (1564 – 1616). Darin versucht der Jude <em>“Shylock”</em> von seinem christlich-italienischen Schuldner <em>“Antonio”</em> ein Pfund Menschenfleisch (!) einzutreiben – und entkommt der Todesstrafe nur, indem er zum Christentum konvertiert.</p> <p>Auch die angebliche <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-verschwoerungsmythologische-kunden-und-heldenreisen-anhand-des-podcasts-von-hoss-und-hopf/">Vergiftung von Wasser &amp; Speisen tauchte als Variante der angeblichen Brunnenvergiftung u.a. im inzwischen im Streit beendeten Podcast <em>“Hoss &amp; Hopf”</em></a> wieder auf.</p> <p>Sie können sich also vorstellen, wie es sich anfühlt, immer und immer wieder gegen neue Varianten dieses uralten antijüdischen und menschenverachtenden Dualismus aufzuklären.</p> <p>Dass <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/biohacking-und-neurohacking-mit-je-drei-aktuellen-beispielen/"><strong>antisoziale Konzernmedien</strong> durch <strong>algorithmisches Neurohacking</strong> gezielt die <strong>Empörungssucht (Thymotisierung)</strong> befeuern</a>, haben wir auf <em>“Natur des Glaubens”</em> ja bereits vielfach &amp; intensiv diskutiert. Inzwischen gibt es <a href="https://www.bbc.com/news/articles/c3wlpqpe2z4o">in <strong>Los Angeles</strong> sogar einen viel beachteten <strong>Gerichtsprozess</strong></a> dazu:</p> <p><em>“Die größten Social-Media-Unternehmen der Welt wurden angeklagt, “Suchtmaschinen” geschaffen zu haben, als in Kalifornien ein wegweisender Prozess begann, der die Auswirkungen von Instagram und YouTube auf die psychische Gesundheit untersucht.<p>In seiner Eröffnungsrede vor der Richterin des Superior Court von Los Angeles, Carolyn B. Kuhl, und einer Jury argumentierte Mark Lanier, dass seine Mandantin, die Klägerin “KGM”, aufgrund ihrer Social-Media-Sucht an psychischen Problemen leide.</p><p>“Diese Unternehmen haben Maschinen gebaut, die darauf ausgelegt sind, die Gehirne von Kindern süchtig zu machen, und sie haben das absichtlich getan”, sagte Lanier.”</p></em></p> <p><strong>…und politische Rechtsdualisten greifen mit digitaler Gewalt an</strong></p> <p>Doch die auch “TechBros” genannten, <a href="https://apnews.com/article/trump-inauguration-tech-billionaires-zuckerberg-musk-wealth-0896bfc3f50d941d62cebc3074267ecd">milliardenschweren Beherrscher dieser antisozialen Medienkonzerne wie <strong>Elon Musk (X)</strong>, <strong>Jeff Bezos (Amazon),</strong> <strong>Mark Zuckerberg (Meta), Tim Cook (Apple) </strong>und <strong>Tiktok</strong><strong> </strong>verbündeten sich auch immer stärker mit Rechtslibertären und <strong>Donald Trump</strong></a>, um Besteuerungen und Regulierungen zu vermeiden. So wurden und werden Demokratinnen und Demokraten weltweit immer stärker das Ziel gezielter, digitaler Angriffe auf ihre Namen, ihre Familien, ihre Würde. Das Ziel war und ist, unbescholtene Menschen zum Schweigen zu bringen und durch Dauer-Skandalisierungen von den eigentlichen Machenschaften der Überreichen abzulenken.</p> <p>Längst ist auch die Europäische Union im Fokus der Angriffe. <a href="https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2025/10-2025/medien-und-mimesis-journalismus-in-zeiten-digitaler-aufmerksamkeitsoekonomie/">Der Berliner Axel-Springer-Medienkonzern gestattete dem antisemitische Verschwörungsmythen verbreitenden <strong>Elon Musk</strong> sogar den Abdruck eines AfD-Wahlaufrufes zur Bundestagswahl 2025</a>. Journalisten dieses Konzerns hatte sich auch bereits an digitalen Kampagnen gegen meine Beauftragung durch das Land Baden-Württemberg und gegen meine Person beteiligt. Daraufhin las ich das wichtige Buch <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Die_verlorene_Ehre_der_Katharina_Blum"><em>“Die verlorene Ehre der Katharina Blum”</em></a> von <strong>Heinrich Böll</strong> (1917 – 1985) noch einmal.</p> <p>Und dass <a href="https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/usa/id_101129930/epstein-akten-steve-bannon-plante-sturz-von-papst-franziskus.html">der rechtsdualistische Trump-Flüsterer <strong>Steve Bannon</strong> laut den <strong>Epstein-Files</strong> im Sommer 2019 sogar einen Sturz von <strong>Papst Franziskus</strong> angestrebt habe</a>, hatte ich nicht erwartet!</p> <p>Inzwischen muss ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-missbrauch-des-guten-namens-von-simon-wiesenthal-durch-us-trump-dualisten/">aus Jahren oft bitterer Erfahrung leider feststellen</a>: Lange Kampagnen digitaler Gewalt sind nicht “zufällig” und auch nicht zu ignorieren, sie richten sich <a href="https://chrismon.de/artikel/2019/42709/christlich-muslimische-familie">gezielt gegen Menschen, die wie auch wir Blumes für Demokratien, Rechtsstaat und das friedliche, dialogische Miteinander der Religionen</a> einstehen.</p> <p>Gemeinsam mit <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verantwortung-dialog-gewaltenteilung-gesicht-zeigen-fuer-unsere-justiz-und-fuer-gerechtigkeitsmimesis/">der mutigen Initiative <strong>HateAid</strong> um <strong>Anna-Lena von Hodenberg</strong> und <strong>Josephine Ballon</strong> habe ich mich auch in einem mehrstufigen Gerichtsverfahren gegen <strong>die digitale Gewalt von Twitter / X</strong></a> gestellt. Für die damalige Unterstützung durch die mutigen Kolleginnen werde ich immer dankbar sein! Wer behauptet, HateAid würde nur Linke und nicht auch etwa Christdemokraten vertreten, weiß es nicht besser – oder lügt.</p> <p><a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/67-neue-episode" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Eine Karte von Hate Aid mit der richtigen Feststellung: &quot;Es gibt ein Recht auf freie Meinung. Aber keines auf Hass. Denn Menschenrecht gilt auch digital.&quot; Link führt zum Verschwörungsfragen-Podcast mit Josephine Ballon." decoding="async" height="2560" sizes="(max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HateAidWeihnachtskarte2022-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HateAidWeihnachtskarte2022-scaled.jpg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HateAidWeihnachtskarte2022-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HateAidWeihnachtskarte2022-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HateAidWeihnachtskarte2022-1152x1536.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HateAidWeihnachtskarte2022-1536x2048.jpg 1536w" width="1920"></img></a></p> <p><em>Eine <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/67-neue-episode">Karte von <strong>Hate Aid</strong> mit der richtigen Feststellung: <strong>“Es gibt ein Recht auf freie Meinung. Aber keines auf Hass. Denn Menschenrecht gilt auch digital.”</strong> Link führt zum Verschwörungsfragen-Podcast mit Josephine Ballon.</a> Foto: Michael Blume</em></p> <p>Josephine hatte auch am <strong>BW-Fachtag gegen jeden Antisemitismus im November 2025 in Leinfelden-Echterdingen</strong> teilgenommen – und wir hatten <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/67-neue-episode">damals auch einen Podcast-Dialog in “Verschwörungsfragen”</a> verabredet. Umso größer war der Schock, dass <a href="https://hateaid.org/einreiseverbot-gegen-geschaeftsfuehrerinnen-von-hateaid/">die HateAid-Geschäfstführerinnen <strong>Josephine Ballon</strong> und <strong>Anna-Lena von Hodenberg</strong> dann gezielt zu Weihnachten 2025 auch selbst zum Ziel von digitaler MAGA-Gewalt aus den USA</a> wurden. <a href="https://hateaid.org/einreiseverbot-gegen-geschaeftsfuehrerinnen-von-hateaid/">Anna-Lena sagte dazu klar</a>:</p> <p><em>“Wir lassen uns von einer Regierung <strong>nicht einschüchtern</strong>, die Zensurvorwürfe instrumentalisiert, um diejenigen, die sich für <strong>Menschenrechte und Meinungsfreiheit</strong> einsetzen, mundtot zu machen. Trotz der enormen Belastungen und Einschränkungen, die die Maßnahmen der US-Regierung für uns und unsere Familien bedeuten, werden wir unsere Arbeit <strong>mit aller Kraft fortsetzen</strong> – jetzt mehr denn je.” </em></p> <p>Den nun <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/67-neue-episode">in <strong>Berlin</strong> organisierten <strong>Verschwörungsfragen-Podcast-Dialog mit Josephine Ballon von HateAid</strong> findet Ihr auf Podigee</a> und bei allen gängigen Streaming-Anbietern.</p> <p><a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/67-neue-episode" rel="noopener" target="_blank"><img alt="In einem Mastodon-Post am Weihnachtsabend 2025 solidarisierte sich Dr. Michael Blume mit den Geschäftsführerinnen von HateAid Josephine Ballon &amp; Anna-Lena von Hodenberg." decoding="async" height="713" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 362px) 100vw, 362px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeJosephineBallonHateAid061125BadenWuerttemberg.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeJosephineBallonHateAid061125BadenWuerttemberg.jpg 362w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeJosephineBallonHateAid061125BadenWuerttemberg-152x300.jpg 152w" width="362"></img></a></p> <p><em><a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/67-neue-episode">Mastodon-Post zur Solidarität mit HateAid-Geschäftsführerin Josephine Ballon an Weihnachten 2025 von Michael Blume</a>. Screenshot</em></p> <p>Mir ist völlig bewusst, dass Antisemitismus und digitale Gewalt keine einfachen und keine vergnüglichen Themen sind. Aber wir müssen uns ihnen stellen, wenn wir freiheitliche und rechtsstaatliche Demokratien bleiben wollen. <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/67-neue-episode">Daher danke ich allen sehr, die sich die Zeit dafür nehmen</a>!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/GSAig9ZoNgw?feature=oembed&amp;rel=0" title="Xavier Naidoo verbreitete leider wieder krasse Verschwörungsmythen, Presse fragte an" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Podcast gegen digitale Gewalt mit Josephine Ballon von Hate Aid</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Gestern hätte eigentlich einer meiner knappen Familientage sein sollen und ich war auch mit dem jüngsten Kind unterwegs, als eine dringende dpa-Presseanfrage hereinkam: Der wegen der Verbreitung antisemitischer Adrenochrom-Verschwörungsmythen bekannte Sänger <strong>Xavier Naidoo</strong> hatte in Berlin in Anwesenheit rechtsdualistischer Medien &amp; Verschwörungsunternehmer wieder losgelegt und u.a. über “die” geraunt:</p> <p><em>“Das sind keine Menschen, bitte nenne sie nicht Menschen. Sobald du Menschenfleisch gegessen hast, bist du kein Mensch mehr – wissentlich. Ich bin mir sicher, dass wir alle schon Menschenfleisch gegessen haben.”</em></p> <p>Denn, so <strong>Naidoo</strong>:</p> <p><em>“Die Firma Lays macht embryonales Gewürzmittel auf diese Chips.”</em></p> <p>Also musste ich unseren Jüngsten mal wieder um Verständnis bitten und mir Zeit für die Sichtung der Aussagen und für Medienauskünfte nehmen.<aside></aside></p> <p><a href="https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/mannheim/xavier-naidoo-irritiert-mit-aussagen-ueber-menschenfresser-100.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mastodon-Post von Michael Blume zu einem SWR-Bericht vom 19.2.2026: &quot;Xavier Naidoo: Kinder werden gefressen - Antisemitismus-Vorwürfe&quot;" decoding="async" height="772" sizes="(max-width: 584px) 100vw, 584px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumezuXavierNaidooAntisemitismus190226.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumezuXavierNaidooAntisemitismus190226.jpg 584w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumezuXavierNaidooAntisemitismus190226-227x300.jpg 227w" width="584"></img></a></p> <p><em>Mastodon-Post zur <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/116096060234232897">Aufklärung der neuerlichen, antisemitischen Ausfälle von Xavier Naidoo von Michael Blume, 19.02.2026</a>. Screenshot</em></p> <p><strong>Digitalkonzerne befeuern Hass &amp; Hetze…</strong></p> <p>Neu sind auch diese Verschwörungsmythen und deren Verbreitung durch je neue Medien ganz und gar nicht: Schon mit der Ausbreitung des Buchdrucks eskalierten mörderische, antijüdische Verschwörungsvorwürfe um den kleinen, dann sogar <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Simon_von_Trient">kirchlich heilig gesprochenen <strong>Simon von Trient</strong> (1472 – 1475)</a>. Sie wurden dann auch als Begründung zur Vertreibung und Ermordung jüdischer Menschen auch etwa in Württemberg durch den Gründer der Universität Tübingen, <strong>Eberhard I. im Bart</strong> (1445 – 1495), angeführt.</p> <p>Bekannt wurde auch die <em>“Komödie”</em> von 1600 <strong><em>“Der Kaufmann von Venedig”</em></strong> von <strong>William Shakespare</strong> (1564 – 1616). Darin versucht der Jude <em>“Shylock”</em> von seinem christlich-italienischen Schuldner <em>“Antonio”</em> ein Pfund Menschenfleisch (!) einzutreiben – und entkommt der Todesstrafe nur, indem er zum Christentum konvertiert.</p> <p>Auch die angebliche <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-verschwoerungsmythologische-kunden-und-heldenreisen-anhand-des-podcasts-von-hoss-und-hopf/">Vergiftung von Wasser &amp; Speisen tauchte als Variante der angeblichen Brunnenvergiftung u.a. im inzwischen im Streit beendeten Podcast <em>“Hoss &amp; Hopf”</em></a> wieder auf.</p> <p>Sie können sich also vorstellen, wie es sich anfühlt, immer und immer wieder gegen neue Varianten dieses uralten antijüdischen und menschenverachtenden Dualismus aufzuklären.</p> <p>Dass <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/biohacking-und-neurohacking-mit-je-drei-aktuellen-beispielen/"><strong>antisoziale Konzernmedien</strong> durch <strong>algorithmisches Neurohacking</strong> gezielt die <strong>Empörungssucht (Thymotisierung)</strong> befeuern</a>, haben wir auf <em>“Natur des Glaubens”</em> ja bereits vielfach &amp; intensiv diskutiert. Inzwischen gibt es <a href="https://www.bbc.com/news/articles/c3wlpqpe2z4o">in <strong>Los Angeles</strong> sogar einen viel beachteten <strong>Gerichtsprozess</strong></a> dazu:</p> <p><em>“Die größten Social-Media-Unternehmen der Welt wurden angeklagt, “Suchtmaschinen” geschaffen zu haben, als in Kalifornien ein wegweisender Prozess begann, der die Auswirkungen von Instagram und YouTube auf die psychische Gesundheit untersucht.<p>In seiner Eröffnungsrede vor der Richterin des Superior Court von Los Angeles, Carolyn B. Kuhl, und einer Jury argumentierte Mark Lanier, dass seine Mandantin, die Klägerin “KGM”, aufgrund ihrer Social-Media-Sucht an psychischen Problemen leide.</p><p>“Diese Unternehmen haben Maschinen gebaut, die darauf ausgelegt sind, die Gehirne von Kindern süchtig zu machen, und sie haben das absichtlich getan”, sagte Lanier.”</p></em></p> <p><strong>…und politische Rechtsdualisten greifen mit digitaler Gewalt an</strong></p> <p>Doch die auch “TechBros” genannten, <a href="https://apnews.com/article/trump-inauguration-tech-billionaires-zuckerberg-musk-wealth-0896bfc3f50d941d62cebc3074267ecd">milliardenschweren Beherrscher dieser antisozialen Medienkonzerne wie <strong>Elon Musk (X)</strong>, <strong>Jeff Bezos (Amazon),</strong> <strong>Mark Zuckerberg (Meta), Tim Cook (Apple) </strong>und <strong>Tiktok</strong><strong> </strong>verbündeten sich auch immer stärker mit Rechtslibertären und <strong>Donald Trump</strong></a>, um Besteuerungen und Regulierungen zu vermeiden. So wurden und werden Demokratinnen und Demokraten weltweit immer stärker das Ziel gezielter, digitaler Angriffe auf ihre Namen, ihre Familien, ihre Würde. Das Ziel war und ist, unbescholtene Menschen zum Schweigen zu bringen und durch Dauer-Skandalisierungen von den eigentlichen Machenschaften der Überreichen abzulenken.</p> <p>Längst ist auch die Europäische Union im Fokus der Angriffe. <a href="https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2025/10-2025/medien-und-mimesis-journalismus-in-zeiten-digitaler-aufmerksamkeitsoekonomie/">Der Berliner Axel-Springer-Medienkonzern gestattete dem antisemitische Verschwörungsmythen verbreitenden <strong>Elon Musk</strong> sogar den Abdruck eines AfD-Wahlaufrufes zur Bundestagswahl 2025</a>. Journalisten dieses Konzerns hatte sich auch bereits an digitalen Kampagnen gegen meine Beauftragung durch das Land Baden-Württemberg und gegen meine Person beteiligt. Daraufhin las ich das wichtige Buch <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Die_verlorene_Ehre_der_Katharina_Blum"><em>“Die verlorene Ehre der Katharina Blum”</em></a> von <strong>Heinrich Böll</strong> (1917 – 1985) noch einmal.</p> <p>Und dass <a href="https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/usa/id_101129930/epstein-akten-steve-bannon-plante-sturz-von-papst-franziskus.html">der rechtsdualistische Trump-Flüsterer <strong>Steve Bannon</strong> laut den <strong>Epstein-Files</strong> im Sommer 2019 sogar einen Sturz von <strong>Papst Franziskus</strong> angestrebt habe</a>, hatte ich nicht erwartet!</p> <p>Inzwischen muss ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-missbrauch-des-guten-namens-von-simon-wiesenthal-durch-us-trump-dualisten/">aus Jahren oft bitterer Erfahrung leider feststellen</a>: Lange Kampagnen digitaler Gewalt sind nicht “zufällig” und auch nicht zu ignorieren, sie richten sich <a href="https://chrismon.de/artikel/2019/42709/christlich-muslimische-familie">gezielt gegen Menschen, die wie auch wir Blumes für Demokratien, Rechtsstaat und das friedliche, dialogische Miteinander der Religionen</a> einstehen.</p> <p>Gemeinsam mit <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verantwortung-dialog-gewaltenteilung-gesicht-zeigen-fuer-unsere-justiz-und-fuer-gerechtigkeitsmimesis/">der mutigen Initiative <strong>HateAid</strong> um <strong>Anna-Lena von Hodenberg</strong> und <strong>Josephine Ballon</strong> habe ich mich auch in einem mehrstufigen Gerichtsverfahren gegen <strong>die digitale Gewalt von Twitter / X</strong></a> gestellt. Für die damalige Unterstützung durch die mutigen Kolleginnen werde ich immer dankbar sein! Wer behauptet, HateAid würde nur Linke und nicht auch etwa Christdemokraten vertreten, weiß es nicht besser – oder lügt.</p> <p><a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/67-neue-episode" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Eine Karte von Hate Aid mit der richtigen Feststellung: &quot;Es gibt ein Recht auf freie Meinung. Aber keines auf Hass. Denn Menschenrecht gilt auch digital.&quot; Link führt zum Verschwörungsfragen-Podcast mit Josephine Ballon." decoding="async" height="2560" sizes="(max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HateAidWeihnachtskarte2022-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HateAidWeihnachtskarte2022-scaled.jpg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HateAidWeihnachtskarte2022-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HateAidWeihnachtskarte2022-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HateAidWeihnachtskarte2022-1152x1536.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HateAidWeihnachtskarte2022-1536x2048.jpg 1536w" width="1920"></img></a></p> <p><em>Eine <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/67-neue-episode">Karte von <strong>Hate Aid</strong> mit der richtigen Feststellung: <strong>“Es gibt ein Recht auf freie Meinung. Aber keines auf Hass. Denn Menschenrecht gilt auch digital.”</strong> Link führt zum Verschwörungsfragen-Podcast mit Josephine Ballon.</a> Foto: Michael Blume</em></p> <p>Josephine hatte auch am <strong>BW-Fachtag gegen jeden Antisemitismus im November 2025 in Leinfelden-Echterdingen</strong> teilgenommen – und wir hatten <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/67-neue-episode">damals auch einen Podcast-Dialog in “Verschwörungsfragen”</a> verabredet. Umso größer war der Schock, dass <a href="https://hateaid.org/einreiseverbot-gegen-geschaeftsfuehrerinnen-von-hateaid/">die HateAid-Geschäfstführerinnen <strong>Josephine Ballon</strong> und <strong>Anna-Lena von Hodenberg</strong> dann gezielt zu Weihnachten 2025 auch selbst zum Ziel von digitaler MAGA-Gewalt aus den USA</a> wurden. <a href="https://hateaid.org/einreiseverbot-gegen-geschaeftsfuehrerinnen-von-hateaid/">Anna-Lena sagte dazu klar</a>:</p> <p><em>“Wir lassen uns von einer Regierung <strong>nicht einschüchtern</strong>, die Zensurvorwürfe instrumentalisiert, um diejenigen, die sich für <strong>Menschenrechte und Meinungsfreiheit</strong> einsetzen, mundtot zu machen. Trotz der enormen Belastungen und Einschränkungen, die die Maßnahmen der US-Regierung für uns und unsere Familien bedeuten, werden wir unsere Arbeit <strong>mit aller Kraft fortsetzen</strong> – jetzt mehr denn je.” </em></p> <p>Den nun <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/67-neue-episode">in <strong>Berlin</strong> organisierten <strong>Verschwörungsfragen-Podcast-Dialog mit Josephine Ballon von HateAid</strong> findet Ihr auf Podigee</a> und bei allen gängigen Streaming-Anbietern.</p> <p><a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/67-neue-episode" rel="noopener" target="_blank"><img alt="In einem Mastodon-Post am Weihnachtsabend 2025 solidarisierte sich Dr. Michael Blume mit den Geschäftsführerinnen von HateAid Josephine Ballon &amp; Anna-Lena von Hodenberg." decoding="async" height="713" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 362px) 100vw, 362px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeJosephineBallonHateAid061125BadenWuerttemberg.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeJosephineBallonHateAid061125BadenWuerttemberg.jpg 362w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeJosephineBallonHateAid061125BadenWuerttemberg-152x300.jpg 152w" width="362"></img></a></p> <p><em><a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/67-neue-episode">Mastodon-Post zur Solidarität mit HateAid-Geschäftsführerin Josephine Ballon an Weihnachten 2025 von Michael Blume</a>. Screenshot</em></p> <p>Mir ist völlig bewusst, dass Antisemitismus und digitale Gewalt keine einfachen und keine vergnüglichen Themen sind. Aber wir müssen uns ihnen stellen, wenn wir freiheitliche und rechtsstaatliche Demokratien bleiben wollen. <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/67-neue-episode">Daher danke ich allen sehr, die sich die Zeit dafür nehmen</a>!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/GSAig9ZoNgw?feature=oembed&amp;rel=0" title="Xavier Naidoo verbreitete leider wieder krasse Verschwörungsmythen, Presse fragte an" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gemeinsam-gegen-hass-hetze-im-podcast-dialog-mit-josephine-ballon-von-hateaid/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>14</slash:comments> </item> <item> <title>Die Ursprünge der Synapse https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-urspruenge-der-synapse/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-urspruenge-der-synapse/#respond Thu, 19 Feb 2026 11:16:57 +0000 Ruzica Sedic https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5667 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-19-at-12.19.59-768x143.png <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-urspruenge-der-synapse/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-19-at-12.19.59.png" /><h1>Die Ursprünge der Synapse » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Ruzica Sedic</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Eine Synapse ist der Kontaktpunkt zwischen zwei Nervenzellen, ein winziger Ort, an dem Signale von einer Zelle zur anderen übertragen werden. Sie bilden die Grundlage dafür, dass Informationen in unserem Gehirn weitergeleitet werden, und ermöglichen all die bemerkenswerten Leistungen, zu denen wir fähig sind. Was in Lehrbüchern oft als statisches Schaubild dargestellt wird, ist in Wahrheit das Ergebnis einer über Millionen Jahre andauernden evolutionären Verfeinerung: von den signalübertragenden Mechanismen einfacher Choanoflagellaten bis zu den komplexen Netzwerken des menschlichen Gehirns.</p> <h3 id="h-wie-ist-eine-synapse-aufgebaut">Wie ist eine Synapse aufgebaut?</h3> <p>Eine Synapse ist die Kontaktstelle zwischen zwei Nervenzellen, an der Signale übertragen werden. Es gibt zwei Sorten von Synapsen: chemische und elektrische [1, 2]. In diesem Beitrag werden wir uns auf den Aufbau und die Evolution der chemischen Synapse konzentrieren.</p> <p>Jede chemische Synapse besteht aus drei Hauptkomponenten: der präsynaptischen Endigung der sendenden Zelle, der postsynaptischen Verdichtung der empfangenden Zelle und dem dazwischenliegenden synaptischen Spalt [3]. Beide Zellen enthalten spezialisierte Proteine, die die Signalübertragung ermöglichen. Diese Proteine kann man sich wie kleine Helfer vorstellen, denn jedes übernimmt eine spezifische Aufgabe innerhalb der Zelle und trägt dazu bei, ihre Funktion aufrechtzuerhalten.</p> <p>Um Informationen zu übertragen, braucht es in der präsynaptischen Zelle sogenannte Vesikel. Vesikel sind kleine, membranumgebene Bläschen, die Neurotransmitter wie Glutamat (erregend), GABA (hemmend) oder Acetylcholin enthalten, zur Synapse transportieren und dort in den synaptischen Spalt freisetzen [4, 5]. Für den Transport und das Freisetzen der Neurotransmitter in den synaptischen Spalt benötigt man unterschiedliche Proteine. Zu den Proteinen, die am Transport und Freisetzen der Vesikel-Bläschen beteiligt sind, gehören z.B. <strong>SNAREs</strong>, <strong>Unc18</strong> oder <strong>Synaptogamine </strong>[6].</p> <p>Zwischen den beiden Nervenzellen sind außerdem <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/autismus-klitzeklein-was-proteine-mit-neurodivergenz-zu-tun-haben/">Adhäsionsmoleküle</a>. Das sind spezielle Moleküle, die eine entscheidende Rolle bei der Verbindung und Funktion von Nervenzellen spielen. Man kann sie sich wie einen (dynamischen) Klebstoff zwischen zwei Oberflächen vorstellen: Sie halten die beiden Nervenzellen eng aneinander. Zu diesen Adhäsionsmolekülen gehören zum Beispiel <strong>Neurexin</strong> und <strong>Neuroligin </strong>[7].<aside></aside></p> <p>An der Oberfläche der postsynaptischen Zelle befinden sich Rezeptoren, die die freigesetzten Neurotransmitter binden und so Informationen von der vorgeschalteten Zelle entgegennehmen können. Zu diesen Rezeptoren gehören beispielsweise G-Protein-gekoppelte Rezeptoren (<strong>GPCRs</strong>) [8].</p> <p>Des Weiteren spielen postsynaptische Gerüstproteine eine Rolle. Zu diesen gehören zum Beispiel <strong>Shank</strong> und <strong>Homer </strong>[9]. </p> <figure><a href="https://flexikon.doccheck.com/de/Synapse"><img alt="" decoding="async" height="860" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/chemische_synapse__1__lg-1-1024x860.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/chemische_synapse__1__lg-1-1024x860.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/chemische_synapse__1__lg-1-300x252.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/chemische_synapse__1__lg-1-768x645.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/chemische_synapse__1__lg-1-1536x1290.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/chemische_synapse__1__lg-1.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>Abb. 1: Schematische Darstellung einer Synapse mit Präsynapse der vorgeschalteten Zelle inkl. Neurotransmitter gefüllter Vesikel, Postsynapse der nachgeschalteten Zelle und synaptischem Spalt.</figcaption></figure> <p>Der Großteil der tierischen Vielfalt findet sich bei den Bilateria. Das sind all jene Lebewesen, die bilateralsymmetrisch gebaut sind – also eine linke und eine rechte Körperhälfte haben, die (zumindest im Larvenstadium) wie Spiegelbilder zueinander sind. Dazu gehören unter anderem Würmer, Insekten und Säugetiere [10].</p> <h3 id="h-vor-den-tieren-choanoflagellaten-als-pioniere">Vor den Tieren: Choanoflagellaten als Pioniere</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.06.07.png"><img alt="" decoding="async" height="540" sizes="(max-width: 338px) 100vw, 338px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.06.07.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.06.07.png 338w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.06.07-188x300.png 188w" width="338"></img></a><figcaption>Abb 2: Choanoflagellat [26]</figcaption></figure></div> <p>Choanoflagellaten sind mikroskopisch kleine, einzellige Organismen, die im Meer und im Süßwasser leben und mit einem Geißelhärchen (<strong>Flagellum</strong>) sowie einem charakteristischen Kragen aus feinen Ausstülpungen (<strong>Mikrovilli</strong>) Bakterien aus dem Wasser filtern. Sie gelten als unsere engsten einzelligen Verwandten: Genetische Analysen zeigen, dass sie die heute lebende Gruppe sind, die den Tieren evolutionär am nächsten steht [11]. Deshalb sind Choanoflagellaten für die Evolutionsbiologie extrem wichtig; sie helfen zu verstehen, wie aus einfachen Einzellern die komplexen Zellen und Gewebe von Tieren entstanden sind.</p> <p>Eine gut untersuchte Art ist <em>Salpingoeca rosetta</em>, die oft in kleinen Kolonien lebt. Ihre Zellen besitzen ein sogenanntes „primordiales neurosekretorisches System“: Kleine Bläschen (Vesikel) sammeln sich am Kragen und enthalten Proteine, die wir sonst vor allem aus Synapsen im Nervensystem kennen – etwa <strong>SNARE</strong>‑Proteine, <strong>Unc13</strong> und <strong>Complexin </strong>[12, 13, 14]. Diese Moleküle könnten hier helfen, Stoffe mittels Vesikeln gezielt nach außen zu bringen, ohne dass bereits echte Synapsen vorliegen. Das Protein <strong>Rab8</strong> verteilt sich ungleichmäßig in der Zelle und hilft vermutlich dabei, Transportvesikel gezielt an einer bestimmten Stelle des Kragens ankommen zu lassen [15].</p> <p>Auch elektrische Signale spielen eine Rolle: Choanoflagellaten besitzen spannungsabhängige Ionenkanäle, die kurzzeitige Veränderungen des elektrischen Potentials der Zellmembran erzeugen [16, 17]. Diese Veränderungen der Membranspannung können das Geißelhärchen stoppen und die Zelle leicht zusammenziehen lassen. Das scheint eine Rolle beim Fressverhalten zu spielen und passiert in Kolonien sogar synchron [18]. Die Tatsache, dass elektrische Signale innerhalb eines koloniebildenden Organismus verbreitet werden, weist darauf hin, dass Choanoflagellaten möglicherweise eine Form der Zell-Zell-Kommunikation besitzen, die Ähnlichkeiten mit der Signalübertragung in tierischen Nervensystemen aufweist. Im Zellkern von <em>S. rosetta</em>, einem Choanoflagellaten, ist das Protein <strong>Homer</strong> zu finden. In tierischen Nervenzellen dient es als Gerüstprotein und organisiert postsynaptische Rezeptoren [19].</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-27-at-11.22.49.png"><img alt="" decoding="async" height="611" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-27-at-11.22.49-1024x611.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-27-at-11.22.49-1024x611.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-27-at-11.22.49-300x179.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-27-at-11.22.49-768x458.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-27-at-11.22.49.png 1250w" width="1024"></img></a><figcaption>Abb. 3: Choanoflagellaten besitzen bereits <strong>SNAREs</strong>, <strong>Shank</strong>, <strong>Homer</strong> und G-Protein-gekoppelte Rezeptoren (<strong>GPCRs</strong>). Synaptogamin kommt beispielsweise bereits bei Schwämmen vor, während <strong>Neurexin</strong> und <strong>Neuroligin</strong> bei Nesseltieren wie Quallen sowie bei Bilateria wie Insekten und Säugetieren zu finden sind [26].</figcaption></figure> <h3 id="h-schwamme-und-neuroide-zellen">Schwämme und neuroide Zellen</h3> <p>Schwämme sind sessile Filterfresser: Sie sitzen fest an einem Ort und ernähren sich, indem sie Wasser durch ihren Körper pumpen und darin enthaltene winzige Partikel wie Bakterien oder Plankton herausfiltern. Die Innenseite der Schwämme ist mit Choanozyten übersät, sogenannten Kragenzellen, die ihrem Aufbau nach den freilebenden <strong>Choanoflagellaten</strong> (siehe Abbildung 2) sehr ähnlich sind [20]. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-37.png"><img alt="" decoding="async" height="496" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 678px) 100vw, 678px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-37.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-37.png 678w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-37-300x219.png 300w" width="678"></img></a><figcaption>Abb. 4: Schwämme besitzen Poren, durch welche sie Wasser inklusive Futter aufnehmen. Die Innenwand von Schwämmen ist von Choanocyten übersät, welche strukturell den Choanoflagellaten ähneln (Vergleiche Abbildung 2) [20, 26].</figcaption></figure> <p>Schwämme besitzen weder Muskeln noch ein Nervensystem, trotzdem enthält ihr Genom eine überraschend große Zahl an Genen für Komponenten des sogenannten synaptischen Toolkits. Also Bausteine, aus denen bei anderen Tieren echte Synapsen aufgebaut werden [21].</p> <p>Schwämme zeigen zudem körperweite, koordinierte Verhaltensweisen, um den Wasserstrom in ihrem Kanalsystem zu optimieren. Ein bekanntes Beispiel ist das sogenannte „Sneezing“: Dabei blähen sich die Kanäle auf und entleeren sich anschließend, um Verstopfungen zu beseitigen. Solche Reaktionen werden durch Signalmoleküle gesteuert, die man auch im menschlichen Nervensystem findet, etwa <strong>GABA</strong> oder Stickstoffmonoxid (<strong>NO</strong>) [22, 23, 24]. </p> <p>In Süßwasserschwämmen wie <em>Spongilla lacustris</em> gibt es sogenannte „neuroide Zellen“, die zwar keine echten Neuronen sind, aber Gene für Proteine tragen, die man sonst aus präsynaptischen Zellen kennt, etwa <strong>Unc13</strong> und <strong>Rab3</strong>. Diese neuroiden Zellen berühren die Choanozyten, die wiederum Gene für postsynaptische Proteine wie <strong>Shank</strong> und <strong>Homer</strong> besitzen, die ebenfalls beim Menschen zu finden sind [25, 26]. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.45.47.png"><img alt="" decoding="async" height="383" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.45.47-1024x383.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.45.47-1024x383.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.45.47-300x112.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.45.47-768x287.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.45.47.png 1138w" width="1024"></img></a><figcaption>Abb. 5: Ein Horizontalschnitt durch einen Schwamm. Innen sieht man die sogenannten neuroiden Zellen, die Verbindungen zu den Choanocyten haben. Neuroide Zellen und Choanocyten besitzen Gene für Proteine, die auch bei menschlichen Synapsen zu finden sind, wie z.B. <strong>Unc</strong>, <strong>Rab</strong>, <strong>Synaptogamin</strong>, <strong>SNARE</strong>, <strong>Shank</strong> und <strong>Homer</strong> [26].</figcaption></figure> <h3 id="h-nesseltiere-und-nervennetze">Nesseltiere und Nervennetze</h3> <p>Nesseltiere (Cnidaria) sind die Schwestergruppe der Bilateria, zu welchen wir Menschen gehören [27]. Zu den Nesseltieren gehören beispielsweise Anemonen, Korallen oder Quallen. Charakteristisch für Nesseltiere sind ihre Nesselkapseln. Dabei handelt es sich um hochspezialisierte Giftexplosionszellen, die zur Jagd genutzt werden [28]. Berührung der Nesselzellen führt zu deren Explosion, was wir Menschen als typischen “Quallenstich” kennen.</p> <p>Das Nervensystem der Cnidaria besteht aus einem diffusen Nervennetz, bestehend aus Nervenzellen, welche mit Synapsen miteinander verbunden sind [29]. Außerdem ähneln die Proteine in der präsynaptischen und postsynaptischen Zelle denen von vielen Wirbeltieren [29]. So besitzen sie zum Beispiel <strong>Synaptogamin 1</strong>, <strong>Unc13</strong>, <strong>Rab3</strong> und auch viele Neurotransmitter der Wirbeltiere [30, 26]. Weiter besitzen sie auch <strong>Shank</strong> und <strong>Homer</strong> in der Postsynapse und <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/autismus-klitzeklein-was-proteine-mit-neurodivergenz-zu-tun-haben/"><strong>Neurexin und Neuroligin</strong></a>, welche wie Klebstoff die Nervenzellen aneinanderhalten [26].</p> <h3 id="h-von-abwehr-zur-synapse">Von Abwehr zur Synapse</h3> <p>Die ersten Synapsen entstanden vermutlich, als sich die frühen Tiere weiterentwickelten und vielfältiger wurden [31]. Noch ist unklar, ob diese Verbindungen zwischen Nervenzellen nur einmal oder mehrfach unabhängig voneinander entstanden sind. Zu Beginn koordinierten die frühen, vielzelligen Organismen ihr Verhalten wahrscheinlich über eher diffuse chemische Signale, bevor sich gezieltere und präzisere Formen der Kommunikation, die chemischen Synapsen, entwickelten. Wahrscheinlich spielten Sinnes- und Sekretionszellen, die mit Mikroben in Kontakt standen, dabei eine wichtige Rolle [26]. Vermutlich nutzten diese Zellen synapsenähnliche Proteine ursprünglich, um Abwehrstoffe gegen Mikroben freizusetzen – ein Mechanismus, der sich später zur Signalübertragung zwischen Nervenzellen entwickelt haben könnte.</p> <p>Der Übergang zu einem frei im Wasser lebenden Lebensstil brachte neue Herausforderungen mit sich. In einer dreidimensionalen Umgebung wurde schnelle und präzise Kommunikation wichtiger, um Bewegung und Reaktion auf Umweltreize zu koordinieren. Dadurch entstanden vermutlich die elektrischen Verbindungen zwischen Zellen, sogenannte Gap Junctions, und immer effizientere chemische Synapsen. In Tiergruppen wie Rippenquallen und Nesseltieren entwickelten sich diese Systeme unabhängig voneinander weiter und legten so den Grundstein für die komplexen Nervensysteme, die wir heute kennen [26].</p> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ol> <li>Pereda, A. E. (2014). Electrical synapses and their functional interactions with chemical synapses. 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Außerdem fasziniert mich, wie unser Gehirn im Alltag funktioniert und welche unglaublichen Leistungen es vollbringt - oft ohne dass wir es bewusst wahrnehmen.</p> </div> </div> </article> <section> <div> <aside id="block-3"> <p>HIRN UND WEG ist der Neuroblog der <a href="https://www.ghst.de"><strong><mark>Gemeinnützigen Hertie-Stiftung</mark></strong></a> , der die Bandbreite und Facetten eines der faszinierendsten Organe zeigen, Erkenntnisse aus Wissenschaft einfach und gut erklären und geistreich und unterhaltsam begeistern möchte. Neben der Informationsvermittlung gehören die Förderung von Exzellenz und die Schaffung von Strukturen in den Neurowissenschaften zu den Zielen des Programmbereichs "Gehirn erforschen" der Stiftung. </p> </aside><aside id="block-2"> <figure><a href="https://www.ghst.de/"><img alt="" decoding="async" height="178" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-300x52.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-768x134.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1536x267.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1000x174.jpg 1000w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px.jpg 2000w" width="1024"></img></a><figcaption><a href="https://www.ghst.de/"><em>https://www.ghst.de/</em></a></figcaption></figure> </aside> </div> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-9"><div><p>&#xD; Die <a href="https://www.ghst.de/">Gemeinnützige Hertie-Stiftung </a>konzentriert sich auf die zwei Leitthemen „Gehirn erforschen“ und „Demokratie stärken“. Die Projekte der Stiftung setzen modellhafte Impulse innerhalb dieser Themen. &#xD; Ihr neu eingerichteter Neuroblog leistet einen Beitrag zur Förderung von Wissenschaftskommunikation und zum besseren Verständnis des Gehirns, seiner Funktionsweise und seiner Erkrankungen.&#xD; </p>&#xD; <p><a href="http://www.scilogs.de/kosmo//hirn-und-weg/impressum/">Impressum Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>&#xD; </p></div></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-19-at-12.19.59.png" /><h1>Die Ursprünge der Synapse » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Ruzica Sedic</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Eine Synapse ist der Kontaktpunkt zwischen zwei Nervenzellen, ein winziger Ort, an dem Signale von einer Zelle zur anderen übertragen werden. Sie bilden die Grundlage dafür, dass Informationen in unserem Gehirn weitergeleitet werden, und ermöglichen all die bemerkenswerten Leistungen, zu denen wir fähig sind. Was in Lehrbüchern oft als statisches Schaubild dargestellt wird, ist in Wahrheit das Ergebnis einer über Millionen Jahre andauernden evolutionären Verfeinerung: von den signalübertragenden Mechanismen einfacher Choanoflagellaten bis zu den komplexen Netzwerken des menschlichen Gehirns.</p> <h3 id="h-wie-ist-eine-synapse-aufgebaut">Wie ist eine Synapse aufgebaut?</h3> <p>Eine Synapse ist die Kontaktstelle zwischen zwei Nervenzellen, an der Signale übertragen werden. Es gibt zwei Sorten von Synapsen: chemische und elektrische [1, 2]. In diesem Beitrag werden wir uns auf den Aufbau und die Evolution der chemischen Synapse konzentrieren.</p> <p>Jede chemische Synapse besteht aus drei Hauptkomponenten: der präsynaptischen Endigung der sendenden Zelle, der postsynaptischen Verdichtung der empfangenden Zelle und dem dazwischenliegenden synaptischen Spalt [3]. Beide Zellen enthalten spezialisierte Proteine, die die Signalübertragung ermöglichen. Diese Proteine kann man sich wie kleine Helfer vorstellen, denn jedes übernimmt eine spezifische Aufgabe innerhalb der Zelle und trägt dazu bei, ihre Funktion aufrechtzuerhalten.</p> <p>Um Informationen zu übertragen, braucht es in der präsynaptischen Zelle sogenannte Vesikel. Vesikel sind kleine, membranumgebene Bläschen, die Neurotransmitter wie Glutamat (erregend), GABA (hemmend) oder Acetylcholin enthalten, zur Synapse transportieren und dort in den synaptischen Spalt freisetzen [4, 5]. Für den Transport und das Freisetzen der Neurotransmitter in den synaptischen Spalt benötigt man unterschiedliche Proteine. Zu den Proteinen, die am Transport und Freisetzen der Vesikel-Bläschen beteiligt sind, gehören z.B. <strong>SNAREs</strong>, <strong>Unc18</strong> oder <strong>Synaptogamine </strong>[6].</p> <p>Zwischen den beiden Nervenzellen sind außerdem <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/autismus-klitzeklein-was-proteine-mit-neurodivergenz-zu-tun-haben/">Adhäsionsmoleküle</a>. Das sind spezielle Moleküle, die eine entscheidende Rolle bei der Verbindung und Funktion von Nervenzellen spielen. Man kann sie sich wie einen (dynamischen) Klebstoff zwischen zwei Oberflächen vorstellen: Sie halten die beiden Nervenzellen eng aneinander. Zu diesen Adhäsionsmolekülen gehören zum Beispiel <strong>Neurexin</strong> und <strong>Neuroligin </strong>[7].<aside></aside></p> <p>An der Oberfläche der postsynaptischen Zelle befinden sich Rezeptoren, die die freigesetzten Neurotransmitter binden und so Informationen von der vorgeschalteten Zelle entgegennehmen können. Zu diesen Rezeptoren gehören beispielsweise G-Protein-gekoppelte Rezeptoren (<strong>GPCRs</strong>) [8].</p> <p>Des Weiteren spielen postsynaptische Gerüstproteine eine Rolle. Zu diesen gehören zum Beispiel <strong>Shank</strong> und <strong>Homer </strong>[9]. </p> <figure><a href="https://flexikon.doccheck.com/de/Synapse"><img alt="" decoding="async" height="860" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/chemische_synapse__1__lg-1-1024x860.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/chemische_synapse__1__lg-1-1024x860.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/chemische_synapse__1__lg-1-300x252.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/chemische_synapse__1__lg-1-768x645.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/chemische_synapse__1__lg-1-1536x1290.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/chemische_synapse__1__lg-1.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>Abb. 1: Schematische Darstellung einer Synapse mit Präsynapse der vorgeschalteten Zelle inkl. Neurotransmitter gefüllter Vesikel, Postsynapse der nachgeschalteten Zelle und synaptischem Spalt.</figcaption></figure> <p>Der Großteil der tierischen Vielfalt findet sich bei den Bilateria. Das sind all jene Lebewesen, die bilateralsymmetrisch gebaut sind – also eine linke und eine rechte Körperhälfte haben, die (zumindest im Larvenstadium) wie Spiegelbilder zueinander sind. Dazu gehören unter anderem Würmer, Insekten und Säugetiere [10].</p> <h3 id="h-vor-den-tieren-choanoflagellaten-als-pioniere">Vor den Tieren: Choanoflagellaten als Pioniere</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.06.07.png"><img alt="" decoding="async" height="540" sizes="(max-width: 338px) 100vw, 338px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.06.07.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.06.07.png 338w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.06.07-188x300.png 188w" width="338"></img></a><figcaption>Abb 2: Choanoflagellat [26]</figcaption></figure></div> <p>Choanoflagellaten sind mikroskopisch kleine, einzellige Organismen, die im Meer und im Süßwasser leben und mit einem Geißelhärchen (<strong>Flagellum</strong>) sowie einem charakteristischen Kragen aus feinen Ausstülpungen (<strong>Mikrovilli</strong>) Bakterien aus dem Wasser filtern. Sie gelten als unsere engsten einzelligen Verwandten: Genetische Analysen zeigen, dass sie die heute lebende Gruppe sind, die den Tieren evolutionär am nächsten steht [11]. Deshalb sind Choanoflagellaten für die Evolutionsbiologie extrem wichtig; sie helfen zu verstehen, wie aus einfachen Einzellern die komplexen Zellen und Gewebe von Tieren entstanden sind.</p> <p>Eine gut untersuchte Art ist <em>Salpingoeca rosetta</em>, die oft in kleinen Kolonien lebt. Ihre Zellen besitzen ein sogenanntes „primordiales neurosekretorisches System“: Kleine Bläschen (Vesikel) sammeln sich am Kragen und enthalten Proteine, die wir sonst vor allem aus Synapsen im Nervensystem kennen – etwa <strong>SNARE</strong>‑Proteine, <strong>Unc13</strong> und <strong>Complexin </strong>[12, 13, 14]. Diese Moleküle könnten hier helfen, Stoffe mittels Vesikeln gezielt nach außen zu bringen, ohne dass bereits echte Synapsen vorliegen. Das Protein <strong>Rab8</strong> verteilt sich ungleichmäßig in der Zelle und hilft vermutlich dabei, Transportvesikel gezielt an einer bestimmten Stelle des Kragens ankommen zu lassen [15].</p> <p>Auch elektrische Signale spielen eine Rolle: Choanoflagellaten besitzen spannungsabhängige Ionenkanäle, die kurzzeitige Veränderungen des elektrischen Potentials der Zellmembran erzeugen [16, 17]. Diese Veränderungen der Membranspannung können das Geißelhärchen stoppen und die Zelle leicht zusammenziehen lassen. Das scheint eine Rolle beim Fressverhalten zu spielen und passiert in Kolonien sogar synchron [18]. Die Tatsache, dass elektrische Signale innerhalb eines koloniebildenden Organismus verbreitet werden, weist darauf hin, dass Choanoflagellaten möglicherweise eine Form der Zell-Zell-Kommunikation besitzen, die Ähnlichkeiten mit der Signalübertragung in tierischen Nervensystemen aufweist. Im Zellkern von <em>S. rosetta</em>, einem Choanoflagellaten, ist das Protein <strong>Homer</strong> zu finden. In tierischen Nervenzellen dient es als Gerüstprotein und organisiert postsynaptische Rezeptoren [19].</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-27-at-11.22.49.png"><img alt="" decoding="async" height="611" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-27-at-11.22.49-1024x611.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-27-at-11.22.49-1024x611.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-27-at-11.22.49-300x179.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-27-at-11.22.49-768x458.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-27-at-11.22.49.png 1250w" width="1024"></img></a><figcaption>Abb. 3: Choanoflagellaten besitzen bereits <strong>SNAREs</strong>, <strong>Shank</strong>, <strong>Homer</strong> und G-Protein-gekoppelte Rezeptoren (<strong>GPCRs</strong>). Synaptogamin kommt beispielsweise bereits bei Schwämmen vor, während <strong>Neurexin</strong> und <strong>Neuroligin</strong> bei Nesseltieren wie Quallen sowie bei Bilateria wie Insekten und Säugetieren zu finden sind [26].</figcaption></figure> <h3 id="h-schwamme-und-neuroide-zellen">Schwämme und neuroide Zellen</h3> <p>Schwämme sind sessile Filterfresser: Sie sitzen fest an einem Ort und ernähren sich, indem sie Wasser durch ihren Körper pumpen und darin enthaltene winzige Partikel wie Bakterien oder Plankton herausfiltern. Die Innenseite der Schwämme ist mit Choanozyten übersät, sogenannten Kragenzellen, die ihrem Aufbau nach den freilebenden <strong>Choanoflagellaten</strong> (siehe Abbildung 2) sehr ähnlich sind [20]. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-37.png"><img alt="" decoding="async" height="496" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 678px) 100vw, 678px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-37.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-37.png 678w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-37-300x219.png 300w" width="678"></img></a><figcaption>Abb. 4: Schwämme besitzen Poren, durch welche sie Wasser inklusive Futter aufnehmen. Die Innenwand von Schwämmen ist von Choanocyten übersät, welche strukturell den Choanoflagellaten ähneln (Vergleiche Abbildung 2) [20, 26].</figcaption></figure> <p>Schwämme besitzen weder Muskeln noch ein Nervensystem, trotzdem enthält ihr Genom eine überraschend große Zahl an Genen für Komponenten des sogenannten synaptischen Toolkits. Also Bausteine, aus denen bei anderen Tieren echte Synapsen aufgebaut werden [21].</p> <p>Schwämme zeigen zudem körperweite, koordinierte Verhaltensweisen, um den Wasserstrom in ihrem Kanalsystem zu optimieren. Ein bekanntes Beispiel ist das sogenannte „Sneezing“: Dabei blähen sich die Kanäle auf und entleeren sich anschließend, um Verstopfungen zu beseitigen. Solche Reaktionen werden durch Signalmoleküle gesteuert, die man auch im menschlichen Nervensystem findet, etwa <strong>GABA</strong> oder Stickstoffmonoxid (<strong>NO</strong>) [22, 23, 24]. </p> <p>In Süßwasserschwämmen wie <em>Spongilla lacustris</em> gibt es sogenannte „neuroide Zellen“, die zwar keine echten Neuronen sind, aber Gene für Proteine tragen, die man sonst aus präsynaptischen Zellen kennt, etwa <strong>Unc13</strong> und <strong>Rab3</strong>. Diese neuroiden Zellen berühren die Choanozyten, die wiederum Gene für postsynaptische Proteine wie <strong>Shank</strong> und <strong>Homer</strong> besitzen, die ebenfalls beim Menschen zu finden sind [25, 26]. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.45.47.png"><img alt="" decoding="async" height="383" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.45.47-1024x383.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.45.47-1024x383.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.45.47-300x112.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.45.47-768x287.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.45.47.png 1138w" width="1024"></img></a><figcaption>Abb. 5: Ein Horizontalschnitt durch einen Schwamm. Innen sieht man die sogenannten neuroiden Zellen, die Verbindungen zu den Choanocyten haben. Neuroide Zellen und Choanocyten besitzen Gene für Proteine, die auch bei menschlichen Synapsen zu finden sind, wie z.B. <strong>Unc</strong>, <strong>Rab</strong>, <strong>Synaptogamin</strong>, <strong>SNARE</strong>, <strong>Shank</strong> und <strong>Homer</strong> [26].</figcaption></figure> <h3 id="h-nesseltiere-und-nervennetze">Nesseltiere und Nervennetze</h3> <p>Nesseltiere (Cnidaria) sind die Schwestergruppe der Bilateria, zu welchen wir Menschen gehören [27]. Zu den Nesseltieren gehören beispielsweise Anemonen, Korallen oder Quallen. Charakteristisch für Nesseltiere sind ihre Nesselkapseln. Dabei handelt es sich um hochspezialisierte Giftexplosionszellen, die zur Jagd genutzt werden [28]. Berührung der Nesselzellen führt zu deren Explosion, was wir Menschen als typischen “Quallenstich” kennen.</p> <p>Das Nervensystem der Cnidaria besteht aus einem diffusen Nervennetz, bestehend aus Nervenzellen, welche mit Synapsen miteinander verbunden sind [29]. Außerdem ähneln die Proteine in der präsynaptischen und postsynaptischen Zelle denen von vielen Wirbeltieren [29]. So besitzen sie zum Beispiel <strong>Synaptogamin 1</strong>, <strong>Unc13</strong>, <strong>Rab3</strong> und auch viele Neurotransmitter der Wirbeltiere [30, 26]. Weiter besitzen sie auch <strong>Shank</strong> und <strong>Homer</strong> in der Postsynapse und <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/autismus-klitzeklein-was-proteine-mit-neurodivergenz-zu-tun-haben/"><strong>Neurexin und Neuroligin</strong></a>, welche wie Klebstoff die Nervenzellen aneinanderhalten [26].</p> <h3 id="h-von-abwehr-zur-synapse">Von Abwehr zur Synapse</h3> <p>Die ersten Synapsen entstanden vermutlich, als sich die frühen Tiere weiterentwickelten und vielfältiger wurden [31]. Noch ist unklar, ob diese Verbindungen zwischen Nervenzellen nur einmal oder mehrfach unabhängig voneinander entstanden sind. Zu Beginn koordinierten die frühen, vielzelligen Organismen ihr Verhalten wahrscheinlich über eher diffuse chemische Signale, bevor sich gezieltere und präzisere Formen der Kommunikation, die chemischen Synapsen, entwickelten. Wahrscheinlich spielten Sinnes- und Sekretionszellen, die mit Mikroben in Kontakt standen, dabei eine wichtige Rolle [26]. Vermutlich nutzten diese Zellen synapsenähnliche Proteine ursprünglich, um Abwehrstoffe gegen Mikroben freizusetzen – ein Mechanismus, der sich später zur Signalübertragung zwischen Nervenzellen entwickelt haben könnte.</p> <p>Der Übergang zu einem frei im Wasser lebenden Lebensstil brachte neue Herausforderungen mit sich. In einer dreidimensionalen Umgebung wurde schnelle und präzise Kommunikation wichtiger, um Bewegung und Reaktion auf Umweltreize zu koordinieren. Dadurch entstanden vermutlich die elektrischen Verbindungen zwischen Zellen, sogenannte Gap Junctions, und immer effizientere chemische Synapsen. In Tiergruppen wie Rippenquallen und Nesseltieren entwickelten sich diese Systeme unabhängig voneinander weiter und legten so den Grundstein für die komplexen Nervensysteme, die wir heute kennen [26].</p> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ol> <li>Pereda, A. E. (2014). Electrical synapses and their functional interactions with chemical synapses. 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P., Rentzsch, F., Richards, G. S., Schröder, K., Technau, U., &amp; Yuste, R. (2017). Back to the basics: Cnidarians start to fire. Trends in Neurosciences, 40(2), 92–105. <a href="https://doi.org/10.1016/j.tins.2016.11.005">https://doi.org/10.1016/j.tins.2016.11.005</a></li> <li>Watanabe, H., Fujisawa, T., &amp; Holstein, T. W. (2009). Cnidarians and the evolutionary origin of the nervous system. Development, Growth &amp; Differentiation, 51(3), 167–183. <a href="https://doi.org/10.1111/j.1440-169X.2009.01103.x" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1111/j.1440-169X.2009.01103.x</a></li> <li>Ryan, T. J., &amp; Grant, S. G. N. (2009). The origin and evolution of synapses. Nature Reviews Neuroscience, 10(10), 701–712. <a href="https://doi.org/10.1038/nrn2717">https://doi.org/10.1038/nrn2717</a></li> </ol> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Ruzica-1-200x200.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Ruzica-1-400x400.jpg 2x" width="200"></img> <p>Mein Name ist Ruzica Sedic und ich studiere Neurowissenschaften im Master an der Universität Düsseldorf. Während meiner Ausbildung zur biotechnologischen Assistentin und meinem Bachelor in Biologie habe ich meine Liebe zur Zellbiologie entdeckt. Deshalb finde ich den Zusammenhang zwischen zellulären Prozessen und neurologischen Phänomenen besonders spannend. Außerdem fasziniert mich, wie unser Gehirn im Alltag funktioniert und welche unglaublichen Leistungen es vollbringt - oft ohne dass wir es bewusst wahrnehmen.</p> </div> </div> </article> <section> <div> <aside id="block-3"> <p>HIRN UND WEG ist der Neuroblog der <a href="https://www.ghst.de"><strong><mark>Gemeinnützigen Hertie-Stiftung</mark></strong></a> , der die Bandbreite und Facetten eines der faszinierendsten Organe zeigen, Erkenntnisse aus Wissenschaft einfach und gut erklären und geistreich und unterhaltsam begeistern möchte. Neben der Informationsvermittlung gehören die Förderung von Exzellenz und die Schaffung von Strukturen in den Neurowissenschaften zu den Zielen des Programmbereichs "Gehirn erforschen" der Stiftung. </p> </aside><aside id="block-2"> <figure><a href="https://www.ghst.de/"><img alt="" decoding="async" height="178" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-300x52.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-768x134.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1536x267.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1000x174.jpg 1000w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px.jpg 2000w" width="1024"></img></a><figcaption><a href="https://www.ghst.de/"><em>https://www.ghst.de/</em></a></figcaption></figure> </aside> </div> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-9"><div><p>&#xD; Die <a href="https://www.ghst.de/">Gemeinnützige Hertie-Stiftung </a>konzentriert sich auf die zwei Leitthemen „Gehirn erforschen“ und „Demokratie stärken“. Die Projekte der Stiftung setzen modellhafte Impulse innerhalb dieser Themen. &#xD; Ihr neu eingerichteter Neuroblog leistet einen Beitrag zur Förderung von Wissenschaftskommunikation und zum besseren Verständnis des Gehirns, seiner Funktionsweise und seiner Erkrankungen.&#xD; </p>&#xD; <p><a href="http://www.scilogs.de/kosmo//hirn-und-weg/impressum/">Impressum Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>&#xD; </p></div></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-urspruenge-der-synapse/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>The Mathematical Pillars of Post-Quantum Cryptography https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-mathematical-pillars-of-post-quantum-cryptography/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-mathematical-pillars-of-post-quantum-cryptography/#comments Wed, 18 Feb 2026 13:00:00 +0000 Benjamin Skuse https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14108 <h1>The Mathematical Pillars of Post-Quantum Cryptography - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>Society entered a new era on August 13, 2024: the quantum era. This was the day when the National Institute of Standards and Technology (NIST), the US federal technology agency, released final versions of its first post-quantum cryptography standards. Ever since, NIST has been urging organizations to begin applying these quantum-resistant standards post-haste to secure their electronic information. As NIST emphasizes in bold on its website, these standards “can and should be put into use now.”</p> <h3 id="h-rsa-today">RSA Today</h3> <p>Currently, industry, academia, governments, the public – essentially everyone – rely on encryption algorithms that are designed to be next-to-impossible for even the most powerful supercomputers to solve. For example, the RSA algorithm – named after 2002 ACM A.M. Turing Award recipients <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/ronald-l-rivest/">Ron Rivest</a>, <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/adi-shamir/">Adi Shamir</a> and <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/leonard-max-adleman/">Leonard Adleman</a>, who publicly described the algorithm in 1977 – is built around the idea that multiplying two large prime numbers is easy, but the opposite, factoring them, is hard. It relies on the difficulty of finding which two prime numbers were used to create a specific number \(N\).</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Adi-Shamir-at-the-2023-Heidelberg-Laureate-Forum-Flemming.jpg"><img alt="Adi Shamir." decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Adi-Shamir-at-the-2023-Heidelberg-Laureate-Forum-Flemming.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Adi-Shamir-at-the-2023-Heidelberg-Laureate-Forum-Flemming.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Adi-Shamir-at-the-2023-Heidelberg-Laureate-Forum-Flemming-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Adi-Shamir-at-the-2023-Heidelberg-Laureate-Forum-Flemming-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Lecture Dennis Sullivan&#xD;10th Heidelberg Laureate Forum 2023, Heidelberg, Germany, Picture/Credit: Christian Flemming/HLF</figcaption></figure></div> <p>In more detail, if you want to send a message to a friend securely using RSA, you pick two prime numbers, say \(p = 13\) and \(q = 19\), and multiply them: \(13 \times 19 = 247\). \(13\) and \(19\) are private, but \(247\) is public, you can share it with anyone. You then choose a second smaller public number \(e\) based on a calculation from your original primes: </p> <p>\[(13 – 1) \times (19 – 1) = 12 \times 18 = 216.\] </p> <p>\(e\) must be smaller than \(216\) and not share factors, so in this case you can choose it to be \(7\). If your message is just “5”, say, you can use your public numbers to encrypt it:<aside></aside></p> <p>\[\frac{5^{7}}{247} = \frac{78,125}{247} = 316 \enspace \mathrm{remainder} \enspace 73. \] </p> <p>From all this effort, you just send \(73\).</p> <p>On face value, this is gibberish to your friend, but they have your public key \((247,7)\) and their private key \(d\) which satisfies \((d \times e) \bmod 216 = 1\), e.g. \(d = 31\). To decrypt your message is then simple for them, as they just need to calculate the remainder of a simple equation: </p> <p>\[\frac{73^{31}}{247} = \mathrm{some} \enspace \mathrm{ridiculous} \enspace \mathrm{number} \enspace \mathrm{remainder} \enspace 5,\]</p> <p>i.e. the original message.</p> <p>A hacker might have access to the public key \((247,7)\) too, but without the private key \(d\) derived from the original prime numbers, they are left to figure out \(p = 13\) and \(q = 19\) through brute force. In this example of a small \(N = 247\), these primes can be found quickly. But when \(N\) is huge, each prime can be hundreds or thousands of digits long. Having to use trial-and-error methods, even with the most advanced supercomputers in the world, the time required to factor \(N\) grows exponentially. In fact, it would likely take current supercomputers trillions of years to crack a single 2048-bit standard RSA key.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Frontier-supercomputer-at-Oak-Ridge-National-Laboratory.jpg"><img alt="Large space filled with supercomputers." decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Frontier-supercomputer-at-Oak-Ridge-National-Laboratory-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Frontier-supercomputer-at-Oak-Ridge-National-Laboratory-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Frontier-supercomputer-at-Oak-Ridge-National-Laboratory-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Frontier-supercomputer-at-Oak-Ridge-National-Laboratory-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Frontier-supercomputer-at-Oak-Ridge-National-Laboratory-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Frontier-supercomputer-at-Oak-Ridge-National-Laboratory.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>The Frontier supercomputer is one of the fastest in the world, but could never be used to crack RSA encryption. Image credit: <a href="https://www.flickr.com/photos/oakridgelab/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Oak Ridge National Laboratory</a> (CC-BY-2.0)</figcaption></figure></div> <h3 id="h-shor-s-algorithm">Shor’s Algorithm</h3> <p>Yet quantum computing threatens this infallibility. In a post-quantum world, RSA is not only less effective, it is redundant. Whereas today’s computers and supercomputers have to check for prime factors one by one, quantum computers of sufficient power and scale can take advantage of quantum phenomena to arrive at an answer rapidly, using the completely different logic behind Shor’s (factoring) algorithm; named after 1998 Nevanlinna Prize recipient <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/peter-shor/">Peter Shor</a>.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Peter_Shor_2017_Dirac_Medal_Award_Ceremony.png"><img alt="Peter Shor." decoding="async" height="644" sizes="(max-width: 500px) 100vw, 500px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Peter_Shor_2017_Dirac_Medal_Award_Ceremony.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Peter_Shor_2017_Dirac_Medal_Award_Ceremony.png 500w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Peter_Shor_2017_Dirac_Medal_Award_Ceremony-233x300.png 233w" width="500"></img></a><figcaption>Peter Shor in 2018 speaking after receiving the Dirac Medal. Image credit: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Ghouston" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Ghouston</a> (CC-BY-3.0)</figcaption></figure></div> <p>Instead of factoring the number \(N\) by guessing divisors, Shor’s algorithm takes a radically different approach. To begin, a random number \(a\) smaller than \(N\) is picked and then the algorithm uses quantum superposition to simultaneously calculate the function \(a^{x} \bmod N\), for all \(x\), which is an infinite sequence of unknown period \(r\). It then uses the quantum Fourier transform to collapse most of the possibilities and leave a value related to the period \(r\). The algorithm then switches back to classical computation to find the factors: </p> <p>\[p,q \approx \gcd(a^{r/2} \pm 1, N),\] </p> <p>and break the RSA key.</p> <p>A simple example could be helpful. If we want to factor \(N = 15\), we choose a random smaller number \(a\), say \(a = 7\). Then \(7^{x} \bmod 15\) leaves the following remainders:</p> <p>\[7^{1} \longrightarrow 7\]</p> <p>\[7^{2} \longrightarrow 4\]</p> <p>\[7^{3} \longrightarrow 13\]</p> <p>\[7^{4} \longrightarrow 1\]</p> <p>\[7^{5} \longrightarrow 7\]</p> <p>\[7^{6} \longrightarrow 4.\]</p> <p>Therefore, period \(r = 4\). Hence, we calculate \(p,q \approx \gcd(a^{r/2} \pm 1, N)\):</p> <p>\[7^{2} – 1 = 49 – 1 = \mathbf{48}\]</p> <p>\[7^{2} + 1 = 49 + 1 = \mathbf{50}.\]</p> <p>The greatest common divisor between these numbers and \(N = 15\) is then:</p> <p>\[\gcd(48, 15) = \mathbf{3}\]</p> <p>\[\gcd(50, 15) = \mathbf{5}.\]</p> <p>Though ludicrously complicated for an example we can all just do in our heads instantly, the crucial point is that classical approaches scale exponentially with \(N\), whereas Shor’s algorithm scales polynomially. This means, given a quantum computer with enough stable, error-corrected qubits, Shor’s algorithm could crack RSA and other modern encryption schemes really quickly. And this is a serious cause for concern. From state secrets to bank account details, all digital information would suddenly be exposed and at risk. Modern society itself would be under threat.</p> <h3 id="h-lattice-solutions">Lattice Solutions</h3> <p>As far as the public has been told, even the most advanced quantum computers are nowhere near achieving the required order of millions of stable, error-corrected qubits needed for Shor’s algorithm to pose a threat. Nevertheless, our defences are living on borrowed time. Sooner or later, “cryptographically relevant” quantum computers will be built. This is why NIST is releasing its post-quantum cryptography standards now, so that the world can plan ahead and build defences before attackers get the chance to wield Shor’s algorithm, and other quantum algorithms, in the field.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Google_Sycamore_Chip_002.png"><img alt="Computer chip." decoding="async" height="534" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 879px) 100vw, 879px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Google_Sycamore_Chip_002.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Google_Sycamore_Chip_002.png 879w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Google_Sycamore_Chip_002-300x182.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Google_Sycamore_Chip_002-768x467.png 768w" width="879"></img></a><figcaption>Google’s Sycamore chip was released to much fanfare in 2019, but it only holds 53 qubits. Willow, Sycamore’s successor, holds just 105 qubits. Image credit: <a href="https://www.youtube.com/channel/UCK8sQmJBp8GCxrOtXWBpyEA" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Google</a> (CC-BY-3.0)</figcaption></figure></div> <p>These three principal initial standards aim to provide solutions for different situations, employ varied approaches for encryption, and offer more than one algorithm for each kind of application in the event one proves vulnerable. Two of these (named FIPS 203 and FIPS 204) are based on a family of mathematical problems called structured lattices: one for encryption and authentication using a shared secret key between two parties over a public channel that can be used for securing websites, messaging apps, etc; the other to generate and verify digital signatures for document signing, identity verification, etc.</p> <p>FIPS 203 and FIPS 204 share the same mathematical foundation: the inherent difficulty of the module learning with errors (MLWE) problem. This is a variant of the LWE problem – a mathematical problem commonly used for encrytpion, where secret information is hidden by errors introduced in a set of equations – optimized for computational efficiency. Standard LWE operates over large matrices of integers, MLWE operates over modules; structures where the integers are replaced with polynomials. This gives what were huge, messy matrices of integers some structure through the rules of polynomial mathematics, shrinking public keys and accelerating multiplication.</p> <p>What makes FIPS 203 and FIPS 204 secure is the difficulty of distinguishing a noisy linear relationship from a truly random one in the large lattice structure. Without the noise, this would be trivial to crack; the solution of a system of linear equations via Gaussian elimination. But with noise, MLWE becomes a hard lattice problem, closely related to the well-known closest vector problem (CVP), for which there is currently no known quantum algorithm providing solutions in polynomial time.</p> <h3 id="h-hashing-it-out">Hashing It Out</h3> <p>The final algorithm standard FIPS 205 is a high-security back-up option to its lattice-based counterpart for digital signatures, and uses a much older and simpler mathematical concept known as the one-way hash function; which maps an input of any size to a unique output of a fixed length of bits. A hash function can, for example, take a plaintext data input and use a mathematical algorithm to generate an unreadable output. Given a single hash can only be used once, FIPS 205 is structured in hierarchical layers to allow for millions of signatures without losing security. However, its large signature size and slow signing speed make it ill-equipped for everyday web use, and more suited to securing firmware updates or signing important archival documents.</p> <p>Security rests on the fact that, for a sufficiently large hash (say 256-bit, i.e. \(2^{256}\) search space), finding the original input for a given output is practically impossible for any classical computer. The only known quantum threat is Grover’s algorithm.</p> <p>Introduced by Lov Grover in 1997, the algorithm can be thought of like a tool to speed up searching for a name in a phone book just from a telephone number. Searching by brute force, you would have to look through half the phone book, on average, to find the number. In other words, if \(N\) is the total number of entries, you would have to check about \(N/2\) entries before finding the number.</p> <p>Grover’s algorithm speeds the process, allowing you to find the number in approximately \(\sqrt{N}\) checks, with a probability that varies with the size of the search space (phone book) and the number of entries that match your search criteria. But Grover’s algorithm only provides a quadratic speedup, not an exponential one. The fix is simple: just increase the size of the hash.</p> <p>With a fourth standard codenamed “Falcon” in the works, these initial standards will likely be iterated and overtaken by others as time progresses, and practical quantum computers start to become a reality. But they do mark an important moment in the quantum era, when society built the essential mathematical pillars required to ensure the integrity of our digital information.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>The Mathematical Pillars of Post-Quantum Cryptography - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>Society entered a new era on August 13, 2024: the quantum era. This was the day when the National Institute of Standards and Technology (NIST), the US federal technology agency, released final versions of its first post-quantum cryptography standards. Ever since, NIST has been urging organizations to begin applying these quantum-resistant standards post-haste to secure their electronic information. As NIST emphasizes in bold on its website, these standards “can and should be put into use now.”</p> <h3 id="h-rsa-today">RSA Today</h3> <p>Currently, industry, academia, governments, the public – essentially everyone – rely on encryption algorithms that are designed to be next-to-impossible for even the most powerful supercomputers to solve. For example, the RSA algorithm – named after 2002 ACM A.M. Turing Award recipients <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/ronald-l-rivest/">Ron Rivest</a>, <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/adi-shamir/">Adi Shamir</a> and <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/leonard-max-adleman/">Leonard Adleman</a>, who publicly described the algorithm in 1977 – is built around the idea that multiplying two large prime numbers is easy, but the opposite, factoring them, is hard. It relies on the difficulty of finding which two prime numbers were used to create a specific number \(N\).</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Adi-Shamir-at-the-2023-Heidelberg-Laureate-Forum-Flemming.jpg"><img alt="Adi Shamir." decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Adi-Shamir-at-the-2023-Heidelberg-Laureate-Forum-Flemming.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Adi-Shamir-at-the-2023-Heidelberg-Laureate-Forum-Flemming.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Adi-Shamir-at-the-2023-Heidelberg-Laureate-Forum-Flemming-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Adi-Shamir-at-the-2023-Heidelberg-Laureate-Forum-Flemming-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Lecture Dennis Sullivan&#xD;10th Heidelberg Laureate Forum 2023, Heidelberg, Germany, Picture/Credit: Christian Flemming/HLF</figcaption></figure></div> <p>In more detail, if you want to send a message to a friend securely using RSA, you pick two prime numbers, say \(p = 13\) and \(q = 19\), and multiply them: \(13 \times 19 = 247\). \(13\) and \(19\) are private, but \(247\) is public, you can share it with anyone. You then choose a second smaller public number \(e\) based on a calculation from your original primes: </p> <p>\[(13 – 1) \times (19 – 1) = 12 \times 18 = 216.\] </p> <p>\(e\) must be smaller than \(216\) and not share factors, so in this case you can choose it to be \(7\). If your message is just “5”, say, you can use your public numbers to encrypt it:<aside></aside></p> <p>\[\frac{5^{7}}{247} = \frac{78,125}{247} = 316 \enspace \mathrm{remainder} \enspace 73. \] </p> <p>From all this effort, you just send \(73\).</p> <p>On face value, this is gibberish to your friend, but they have your public key \((247,7)\) and their private key \(d\) which satisfies \((d \times e) \bmod 216 = 1\), e.g. \(d = 31\). To decrypt your message is then simple for them, as they just need to calculate the remainder of a simple equation: </p> <p>\[\frac{73^{31}}{247} = \mathrm{some} \enspace \mathrm{ridiculous} \enspace \mathrm{number} \enspace \mathrm{remainder} \enspace 5,\]</p> <p>i.e. the original message.</p> <p>A hacker might have access to the public key \((247,7)\) too, but without the private key \(d\) derived from the original prime numbers, they are left to figure out \(p = 13\) and \(q = 19\) through brute force. In this example of a small \(N = 247\), these primes can be found quickly. But when \(N\) is huge, each prime can be hundreds or thousands of digits long. Having to use trial-and-error methods, even with the most advanced supercomputers in the world, the time required to factor \(N\) grows exponentially. In fact, it would likely take current supercomputers trillions of years to crack a single 2048-bit standard RSA key.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Frontier-supercomputer-at-Oak-Ridge-National-Laboratory.jpg"><img alt="Large space filled with supercomputers." decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Frontier-supercomputer-at-Oak-Ridge-National-Laboratory-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Frontier-supercomputer-at-Oak-Ridge-National-Laboratory-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Frontier-supercomputer-at-Oak-Ridge-National-Laboratory-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Frontier-supercomputer-at-Oak-Ridge-National-Laboratory-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Frontier-supercomputer-at-Oak-Ridge-National-Laboratory-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Frontier-supercomputer-at-Oak-Ridge-National-Laboratory.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>The Frontier supercomputer is one of the fastest in the world, but could never be used to crack RSA encryption. Image credit: <a href="https://www.flickr.com/photos/oakridgelab/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Oak Ridge National Laboratory</a> (CC-BY-2.0)</figcaption></figure></div> <h3 id="h-shor-s-algorithm">Shor’s Algorithm</h3> <p>Yet quantum computing threatens this infallibility. In a post-quantum world, RSA is not only less effective, it is redundant. Whereas today’s computers and supercomputers have to check for prime factors one by one, quantum computers of sufficient power and scale can take advantage of quantum phenomena to arrive at an answer rapidly, using the completely different logic behind Shor’s (factoring) algorithm; named after 1998 Nevanlinna Prize recipient <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/peter-shor/">Peter Shor</a>.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Peter_Shor_2017_Dirac_Medal_Award_Ceremony.png"><img alt="Peter Shor." decoding="async" height="644" sizes="(max-width: 500px) 100vw, 500px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Peter_Shor_2017_Dirac_Medal_Award_Ceremony.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Peter_Shor_2017_Dirac_Medal_Award_Ceremony.png 500w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Peter_Shor_2017_Dirac_Medal_Award_Ceremony-233x300.png 233w" width="500"></img></a><figcaption>Peter Shor in 2018 speaking after receiving the Dirac Medal. Image credit: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Ghouston" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Ghouston</a> (CC-BY-3.0)</figcaption></figure></div> <p>Instead of factoring the number \(N\) by guessing divisors, Shor’s algorithm takes a radically different approach. To begin, a random number \(a\) smaller than \(N\) is picked and then the algorithm uses quantum superposition to simultaneously calculate the function \(a^{x} \bmod N\), for all \(x\), which is an infinite sequence of unknown period \(r\). It then uses the quantum Fourier transform to collapse most of the possibilities and leave a value related to the period \(r\). The algorithm then switches back to classical computation to find the factors: </p> <p>\[p,q \approx \gcd(a^{r/2} \pm 1, N),\] </p> <p>and break the RSA key.</p> <p>A simple example could be helpful. If we want to factor \(N = 15\), we choose a random smaller number \(a\), say \(a = 7\). Then \(7^{x} \bmod 15\) leaves the following remainders:</p> <p>\[7^{1} \longrightarrow 7\]</p> <p>\[7^{2} \longrightarrow 4\]</p> <p>\[7^{3} \longrightarrow 13\]</p> <p>\[7^{4} \longrightarrow 1\]</p> <p>\[7^{5} \longrightarrow 7\]</p> <p>\[7^{6} \longrightarrow 4.\]</p> <p>Therefore, period \(r = 4\). Hence, we calculate \(p,q \approx \gcd(a^{r/2} \pm 1, N)\):</p> <p>\[7^{2} – 1 = 49 – 1 = \mathbf{48}\]</p> <p>\[7^{2} + 1 = 49 + 1 = \mathbf{50}.\]</p> <p>The greatest common divisor between these numbers and \(N = 15\) is then:</p> <p>\[\gcd(48, 15) = \mathbf{3}\]</p> <p>\[\gcd(50, 15) = \mathbf{5}.\]</p> <p>Though ludicrously complicated for an example we can all just do in our heads instantly, the crucial point is that classical approaches scale exponentially with \(N\), whereas Shor’s algorithm scales polynomially. This means, given a quantum computer with enough stable, error-corrected qubits, Shor’s algorithm could crack RSA and other modern encryption schemes really quickly. And this is a serious cause for concern. From state secrets to bank account details, all digital information would suddenly be exposed and at risk. Modern society itself would be under threat.</p> <h3 id="h-lattice-solutions">Lattice Solutions</h3> <p>As far as the public has been told, even the most advanced quantum computers are nowhere near achieving the required order of millions of stable, error-corrected qubits needed for Shor’s algorithm to pose a threat. Nevertheless, our defences are living on borrowed time. Sooner or later, “cryptographically relevant” quantum computers will be built. This is why NIST is releasing its post-quantum cryptography standards now, so that the world can plan ahead and build defences before attackers get the chance to wield Shor’s algorithm, and other quantum algorithms, in the field.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Google_Sycamore_Chip_002.png"><img alt="Computer chip." decoding="async" height="534" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 879px) 100vw, 879px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Google_Sycamore_Chip_002.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Google_Sycamore_Chip_002.png 879w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Google_Sycamore_Chip_002-300x182.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Google_Sycamore_Chip_002-768x467.png 768w" width="879"></img></a><figcaption>Google’s Sycamore chip was released to much fanfare in 2019, but it only holds 53 qubits. Willow, Sycamore’s successor, holds just 105 qubits. Image credit: <a href="https://www.youtube.com/channel/UCK8sQmJBp8GCxrOtXWBpyEA" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Google</a> (CC-BY-3.0)</figcaption></figure></div> <p>These three principal initial standards aim to provide solutions for different situations, employ varied approaches for encryption, and offer more than one algorithm for each kind of application in the event one proves vulnerable. Two of these (named FIPS 203 and FIPS 204) are based on a family of mathematical problems called structured lattices: one for encryption and authentication using a shared secret key between two parties over a public channel that can be used for securing websites, messaging apps, etc; the other to generate and verify digital signatures for document signing, identity verification, etc.</p> <p>FIPS 203 and FIPS 204 share the same mathematical foundation: the inherent difficulty of the module learning with errors (MLWE) problem. This is a variant of the LWE problem – a mathematical problem commonly used for encrytpion, where secret information is hidden by errors introduced in a set of equations – optimized for computational efficiency. Standard LWE operates over large matrices of integers, MLWE operates over modules; structures where the integers are replaced with polynomials. This gives what were huge, messy matrices of integers some structure through the rules of polynomial mathematics, shrinking public keys and accelerating multiplication.</p> <p>What makes FIPS 203 and FIPS 204 secure is the difficulty of distinguishing a noisy linear relationship from a truly random one in the large lattice structure. Without the noise, this would be trivial to crack; the solution of a system of linear equations via Gaussian elimination. But with noise, MLWE becomes a hard lattice problem, closely related to the well-known closest vector problem (CVP), for which there is currently no known quantum algorithm providing solutions in polynomial time.</p> <h3 id="h-hashing-it-out">Hashing It Out</h3> <p>The final algorithm standard FIPS 205 is a high-security back-up option to its lattice-based counterpart for digital signatures, and uses a much older and simpler mathematical concept known as the one-way hash function; which maps an input of any size to a unique output of a fixed length of bits. A hash function can, for example, take a plaintext data input and use a mathematical algorithm to generate an unreadable output. Given a single hash can only be used once, FIPS 205 is structured in hierarchical layers to allow for millions of signatures without losing security. However, its large signature size and slow signing speed make it ill-equipped for everyday web use, and more suited to securing firmware updates or signing important archival documents.</p> <p>Security rests on the fact that, for a sufficiently large hash (say 256-bit, i.e. \(2^{256}\) search space), finding the original input for a given output is practically impossible for any classical computer. The only known quantum threat is Grover’s algorithm.</p> <p>Introduced by Lov Grover in 1997, the algorithm can be thought of like a tool to speed up searching for a name in a phone book just from a telephone number. Searching by brute force, you would have to look through half the phone book, on average, to find the number. In other words, if \(N\) is the total number of entries, you would have to check about \(N/2\) entries before finding the number.</p> <p>Grover’s algorithm speeds the process, allowing you to find the number in approximately \(\sqrt{N}\) checks, with a probability that varies with the size of the search space (phone book) and the number of entries that match your search criteria. But Grover’s algorithm only provides a quadratic speedup, not an exponential one. The fix is simple: just increase the size of the hash.</p> <p>With a fourth standard codenamed “Falcon” in the works, these initial standards will likely be iterated and overtaken by others as time progresses, and practical quantum computers start to become a reality. But they do mark an important moment in the quantum era, when society built the essential mathematical pillars required to ensure the integrity of our digital information.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-mathematical-pillars-of-post-quantum-cryptography/#comments 5 Frohes neues Jahr https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/frohes-neues-jahr/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/frohes-neues-jahr/#respond Tue, 17 Feb 2026 07:41:57 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12621 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses-768x580.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/frohes-neues-jahr/</link> </image> <description type="html"><h1>Frohes neues Jahr » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>… sagt man heute in China und das wünsche ich uns auch! Das neue Jahr ist das Jahr des Feuer-Pferdes (und es löst das Jahr der Holzschlange ab). </p> <p>Die Internationale Astronomische Union (IAU) veröffentlichte <a href="https://iau.org/IAU/News/Ann2026/New-Star-Names-2026.aspx">kürzlich eine Pressemitteilung</a> zu den neuen Sternnamen der vergangenen zwei Jahre.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="773" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses-1024x773.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses-1024x773.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses-300x226.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses-768x580.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses.jpeg 1060w" width="1024"></img></a></figure> <p>Das Bild zeigt den mythologischen General Wangliang mit seinen vier Pferden (Quadriga), nach denen die IAU letztes Jahr einen hellen <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/himmlische-quadriga/">Stern im Sternbild Cassiopeia benannt hat (Tiansi</a>). Mich hatte das damals an meine Lieblingsstadt Berlin erinnert.</p> <p>In den vergangenen zwei Jahren hat die IAU 59 neue Sternnamen publiziert. <a href="https://iau.org/IAU/News/Ann2026/New-Star-Names-2026.aspx">Hier die Pressemitteilung</a>.</p> <aside></aside></div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Frohes neues Jahr » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>… sagt man heute in China und das wünsche ich uns auch! Das neue Jahr ist das Jahr des Feuer-Pferdes (und es löst das Jahr der Holzschlange ab). </p> <p>Die Internationale Astronomische Union (IAU) veröffentlichte <a href="https://iau.org/IAU/News/Ann2026/New-Star-Names-2026.aspx">kürzlich eine Pressemitteilung</a> zu den neuen Sternnamen der vergangenen zwei Jahre.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="773" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses-1024x773.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses-1024x773.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses-300x226.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses-768x580.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses.jpeg 1060w" width="1024"></img></a></figure> <p>Das Bild zeigt den mythologischen General Wangliang mit seinen vier Pferden (Quadriga), nach denen die IAU letztes Jahr einen hellen <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/himmlische-quadriga/">Stern im Sternbild Cassiopeia benannt hat (Tiansi</a>). Mich hatte das damals an meine Lieblingsstadt Berlin erinnert.</p> <p>In den vergangenen zwei Jahren hat die IAU 59 neue Sternnamen publiziert. <a href="https://iau.org/IAU/News/Ann2026/New-Star-Names-2026.aspx">Hier die Pressemitteilung</a>.</p> <aside></aside></div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/frohes-neues-jahr/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Auch in diesem Jahr reden wir über Gebäudeschadstoffe – DCONex 2026 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/auch-in-diesem-jahr-reden-wir-ueber-gebaeudeschadstoffe-dconex-2026/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/auch-in-diesem-jahr-reden-wir-ueber-gebaeudeschadstoffe-dconex-2026/#respond Mon, 16 Feb 2026 20:46:22 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3739 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c-200x300-1.jpg Achtung, Asbest! https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/auch-in-diesem-jahr-reden-wir-ueber-gebaeudeschadstoffe-dconex-2026/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c-200x300-1.jpg" /><h1>Auch in diesem Jahr reden wir über Gebäudeschadstoffe – DCONex 2026 » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <div><h2>Key Takeaways</h2> <ul> <li>Die DCONex fand in Münster statt, mit Fokus auf Schadstoffmanagement und Gebäudeschadstoffe.</li> <li>Olaf Dünger präsentierte die neuesten Entwicklungen im Bereich Gebäudeschadstoffe, einschließlich der aktualisierten VDI 3492.</li> <li>Künstliche Intelligenz bietet Chancen im Bereich Asbestanalytik, erfordert jedoch maschinelles Lernen.</li> <li>Die Anpassung der TRGS 519 an die novellierte Gefahrstoffverordnung berücksichtigt neue Regelungen und Anforderungen beim Abbruch von asbesthaltigen Materialien.</li> <li>Das Recycling von Bauststoffen steht vor Herausforderungen, insbesondere in Bezug auf Schadstofffreiheit und Zeitdruck.</li> </ul> </div> <p>Auch in diesem Jahr fand in Münster die DCONex statt, der Fachkongress und Ausstellung zum Thema Schadstoffmanagement und Gebäudeschadstoffe. Ich möchte mich auf diesem Wege gleichzeitig bei unserem Partner i3 Membrane bedanken. Wir haben wieder eine wundervolle Zeit miteinander verbracht und sie haben für uns einen tollen gemeinsamen Messestand geplant. Natürlich habe ich neben der Arbeit am Stand wieder verschiedene Sessions besucht. Schließlich soll es ja auch diesen Blogbeitrag geben.</p> <figure><div> <a href="https://flic.kr/p/2rUP8Hp"><img alt="DCONex 2026" decoding="async" fetchpriority="high" height="427" src="https://live.staticflickr.com/65535/55075265749_d9e68f2192_z.jpg" width="640"></img></a> </div></figure> <h2 id="h-neue-entwicklungen">Neue Entwicklungen</h2> <p>Traditionell beginnt der Kongress nach der Begrüßung mit einem Überblick über die neuesten Entwicklungen im Bereich der Gebäudeschadstoffe. Auch diesmal übernahm Olaf Dünger, der Vorsitzende des Gesamtverbandes der Schadstoffsanierer, diese Aufgabe.</p> <p>Es gab so einiges Neues im letzten Jahr. Da wäre zum einen die Novelle der Gefahrstoffverordnung. Sie ist zwar erst 2024 in Kraft getreten, wurde aber bereits im vergangenen Jahr überarbeitet. Dabei wurden einige Regeln zum Umgang mit Asbest und zum Arbeitsschutz konkretisiert. Die Erlaubnis für die Abfallbehandlung von Asbest liegt inzwischen vor. Der Umgang mit Asbest an den Standorten der Anlagen kann nun, wie in der LAGA M 23 von 2023 beschrieben, rechtssicher erfolgen. Gleichzeitig musste auch die TRGS 519 an die neue Gefahrstoffverordnung angepasst werden.</p> <p>Zudem wurden einige Regelwerke erneuert, darunter die VDI 3492 „Innenraumluft, Außenluft – Messen faserförmiger anorganischer Partikel – Rasterelektronenmikroskopisches Verfahren”. Diese ist im Januar in den Weißdruck gegangen und somit quasi noch druckfrisch.</p> <p>Ein weiteres Beispiel ist die VDI 6202 Blatt 10 „Schadstoffbelastete bauliche und technische Anlagen – Asbest in Bauschutt, Recycling und Bodenmaterial” vom Dezember letzten Jahres. Hier wird eine wichtige Lücke im Regelwerk geschlossen. Sie regelt den Umgang mit potenziell asbesthaltigen Bauschutt- und Abbruchmaterialien und gibt vor, wie das Material zu beproben ist.<aside></aside></p> <h2 id="h-chancen-und-herausforderungen-durch-den-einsatz-von-ki">Chancen und Herausforderungen durch den Einsatz von KI</h2> <p>Künstliche Intelligenz ist derzeit in aller Munde, sei es in Form von allgegenwärtigen Chatbots oder Bildgeneratoren, die uns langsam an der Realität zweifeln lassen und oftmals auch ganz direkt in sehr persönliche Bereiche hineinreichen. Abgesehen von manchen sinnigen, vielen unsinnigen und noch mehr zweifelhaften Anwendungen kann KI viel mehr. Sie wird nicht nur meinen Arbeitsbereich ziemlich umkrempeln. Dabei mache ich mir relativ wenige Gedanken darüber, dass sie mich gleich ganz ersetzen wird. Sie hat jedoch das Potenzial, mir viele ermüdende Arbeiten abzunehmen und viele Routinen zu erleichtern. Denn bislang ist die Asbestanalytik schweißtreibend, zeitraubend und allzu oft auch buchstäblich nervtötend. Doch bevor die KI helfen kann, muss sie maschinell lernen, und das ist oft nicht so einfach, wie Markus König von der Ruhr-Universität Bochum zeigte. Ich will hier gar nicht so sehr auf die Details eingehen, das könnten andere sicher besser. Wo die KI uns hinsichtlich der Gebäudeschadstoffe schon unterstützen kann, sind unter anderem Vorhersagen der Recyclingfähigkeit der eingesetzten Baustoffe, die Abschätzung von Abfall- und Verwertungsmengen sowie die Abfrage von Regelwerken, Normen und Vorschriften.</p> <p>Sie kann auch bei der Planung, Bauausführung, Überwachung und Qualitätskontrolle während des Baus helfen. Erschreckend ist vielleicht auch die Hilfe KI-gestützter Systeme bei der Erkennung und Verfolgung von Arbeitnehmern auf Baustellen, um potenziell gefährliche Situationen zu identifizieren oder zu überprüfen, ob Vorgaben zum Arbeits- und Gesundheitsschutz eingehalten werden. Das lässt sich natürlich auch übertreiben, sodass letztlich keine Handlung eines Arbeitnehmers mehr unentdeckt bleibt. Jeder kann sich selbst die Frage stellen, ob und inwiefern dies wünschenswert wäre.</p> <p>Etwas weniger kontrovers und vielleicht auch näher an meinem Arbeitsgebiet wäre die Erkennung und Klassifizierung von Oberflächenschäden, wie etwa Rissen, in Spannbetonbrücken. Dabei werden Rissabstände, Risswerte und Rissrichtungen sowie die genaue Position der Risse automatisch erfasst.</p> <p>Leider fehlt es vielfach an Mitarbeitern mit den notwendigen Kenntnissen. Denn eine KI hängt in erster Linie von der Menge und vor allem der Qualität der Daten ab. KI-Verfahren realisieren oft genau das, was die Menschen ihnen beigebracht haben. Selbst wenn dies nicht unbedingt das eigentliche Ziel war.</p> <h2 id="h-zukunftige-rechtsanforderungen">Zukünftige Rechtsanforderungen</h2> <p>Die Diskussion um zukünftige Rechtsanforderungen gehört auch zum traditionellen Programm.</p> <h3 id="h-anpassung-der-trgs-519-an-die-novellierte-gefahrstoffverordnung">Anpassung der TRGS 519 an die novellierte Gefahrstoffverordnung</h3> <p>Den Anfang machte Andrea Bonner von der BG Bau mit der novellierten Gefahrstoffverordnung und deren Auswirkungen auf notwendige Anpassungen der TRGS 519, die hier ja schon mehrfach erwähnt wurde. Sie hat auch Auswirkungen auf andere Vorschriften wie die TRGS 519 „Asbest – Abbruch-, Sanierungs- oder Instandhaltungsarbeiten“.</p> <p>Im Bereich Abbruch ist das vollständige oder auch teilweise Entfernen asbesthaltiger Bauteile, auch in Teilflächen oder Teilbereichen, möglich. Hierbei kommt es zu einigen Konkretisierungen, etwa beim Entfernen einzelner beschädigter Teile. Als Beispiele könnten einzelne beschädigte Faserzementplatten auf einem Dach oder einzelne Floorflex-Platten gelten. Diese dürfen durch asbestfreie Produkte ersetzt werden. Dies fällt unter Maßnahmen der funktionalen Instandhaltung.</p> <p>Außerdem im Bereich Sanierung. Hier werden die Maßnahmen zur Vermeidung der Gefährdung der Nutzer durch asbesthaltige Stäube mittels räumlicher Trennung sowie die Sofortmaßnahmen zur vorläufigen Sicherung weiter konkretisiert. So ist die räumliche Trennung beispielsweise zu kennzeichnen. Es ist zu dokumentieren, an welchen Bauteilen asbesthaltige Materialien verbleiben.</p> <p>Für die Instandhaltung wird eine Liste mit Tätigkeiten beim Bauen im Bestand inklusive entsprechender Beispiele erstellt. Zudem soll das Erreichen des Endes der Nutzungsdauer genauer definiert werden. Das Ende der Nutzungsdauer ist noch nicht erreicht, wenn das Material seine ursprüngliche Funktion noch erfüllen kann und entsprechend seiner beim Einbau vorgesehenen Bestimmung verwendet wird. Zudem darf von dem Material im aktuellen Zustand keine Gefahr ausgehen.</p> <p>Auch das Thema der Überdeckung wird genauer definiert. So gilt das Überdeckungsverbot beispielsweise nicht für geringfügige Überlappungen. Eine schwimmende Verlegung, also ohne Bohren und Kleben, sowie das lose Auflegen von beispielsweise Teppich auf asbesthaltige Bodenbeläge ist zulässig.</p> <p>Das Überdeckungsverbot gilt außerdem nicht für asbesthaltige Putze, Fliesenkleber oder Spachtelmassen. Tapezieren und Streichen zählen zur funktionalen Instandhaltung im Rahmen der laufenden Nutzung.</p> <p>Auch die Mitwirkungs- und Informationspflicht des Veranlassers ist hier enthalten. Wenn aufgrund des Baualters davon auszugehen ist, dass asbesthaltige Materialien vorhanden sein könnten, soll eine umfassende Informationsweitergabe erfolgen, auf deren Grundlage die ausführenden Unternehmen eine Gefährdungsbeurteilung durchführen können. Gegebenenfalls soll bereits in der Planungsphase eine technische Erkundung durch den Veranlasser durchgeführt werden. So wird sichergestellt, dass die Anforderungen an Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz bereits in der Planungs-, Kalkulations- und Vorbereitungsphase berücksichtigt werden.</p> <h3>Die Expositions-Risiko-Matrix der TRGS 519</h3> <p>Birgitta Höwing von der Wessling Consulting Engineering GmbH &amp; Co. KG hat die Expositions-Risiko-Matrix der TRGS 519 vorgestellt. Die Expositions-Risiko-Matrix ist hier ja eigentlich auch schon keine Unbekannte mehr. Es geht darum, die Exposition gegenüber schädlichen Stoffen – in diesem Fall insbesondere Asbest – in Klassen mit unterschiedlichem Risiko einzustufen. Die Grenze der jeweiligen Klassen hängt von der Wahrscheinlichkeit ab, mit der mit schweren Erkrankungen zu rechnen ist. Aktuell liegt der Bereich der geringen Exposition zwischen 1.000 und 10.000 Fasern pro m³ Luft. Darüber, also ab einer Exposition von 10.000 Fasern pro m³, beginnt der Bereich der mittleren Exposition bis zu einer Grenze von 100.000 Fasern pro m³. Darüber liegt der Bereich der hohen Exposition. Dabei stellen 10.000 Fasern die Akzeptanzkonzentration und 100.000 Fasern die Toleranzkonzentration dar.</p> <p>Dabei ist grundsätzlich zu beachten, dass alle Tätigkeiten, für die keine ausreichenden Messwerte zur Verfügung stehen, in die Kategorie „hohe Exposition” eingestuft werden. Dies macht das Messprogramm der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG Bau), der Berufsgenossenschaft Energie, Textil, Elektro und Medienerzeugnisse (BG ETEM) sowie der Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BG Holz und Metall) so enorm wichtig. In diesem Programm werden für verschiedene Tätigkeiten Expositionswerte ermittelt.</p> <p>Die ermittelten Daten werden dem Arbeitskreis TRGS 519 vorgelegt und sollen in Anlage 9 veröffentlicht werden. Diese Anlage wird um geprüfte Tätigkeiten erweitert.</p> <p>Der gesamte Prozess dauert jedoch lange, da es auf der Seite der Bauherren an Bereitschaft mangelt, Messungen unter realen Bedingungen und in verschiedenen Situationen durchzuführen. Es werden nach wie vor geeignete Objekte gesucht. Geeignet sind Gebäude mit einem eindeutigen Nachweis über asbesthaltige Produkte sowie Gebäude, in denen neu verputzt, gespachtelt oder gefliest wurde und die Putze, Spachtelmassen oder Fliesenkleber mit einem Gehalt an „natürlichem“ Tremolit enthalten.</p> <h3 id="h-leitfaden-asbest-beim-bauen-im-bestand">Leitfaden „Asbest beim Bauen im Bestand“</h3> <p>Gerade beim Bauen im Bestand muss stets auf mögliche Vorkommen asbesthaltiger Materialien geachtet werden. Die BG Bau bietet betroffenen Handwerkern den Leitfaden „Asbest beim Bauen im Bestand“ an. Berit Schuchmann von der BG Bau stellte ihn hier vor. In diesem Leitfaden wird unter anderem die bereits oben erwähnte Expositions-Risiko-Matrix vorgestellt und erläutert sowie die Änderungen der Gefahrstoffverordnung noch einmal erklärt. Welche Pflichten hat der Veranlasser? Stichworte sind hier Mitwirkungs- und Informationspflicht. Welche Ausnahmen gelten im Rahmen von Abbruch, Sanierung oder Instandhaltung? Wie sehen risikobezogene Regelungen zu Schutzmaßnahmen, Zulassung und Anzeige von Arbeiten aus? Welche Regelungen betreffen die Fach- und Sachkunde? Welche Anforderungen werden an die Qualifikation der ausführenden Firmen und deren Personal gestellt?</p> <h2 id="h-anforderungen-an-abfall-und-recyclingmaterial">Anforderungen an Abfall und Recyclingmaterial</h2> <h3 id="h-vdi-6202-blatt-10-anwendung-mit-praxisbericht">VDI 6202 Blatt 10 – Anwendung mit Praxisbericht</h3> <p>Martin Hönig von der Wessling Consulting Engineering GmbH &amp; Co. KG gab uns einige Einblicke in die Praxis der Anwendung der vergleichsweise neuen VDI 6202 Blatt 10 und erklärte, wie bei einem Verdacht auf Asbest im Bauschutt vorzugehen ist. Dabei spielen die Sichtprüfung der verdächtigen Materialien sowie gegebenenfalls die Entnahme auffälliger Stücke zur nachfolgenden Analyse eine Rolle.</p> <p>Dabei wird zwischen abbruchnahen Haufwerken und Haufwerken aus gebrochenen Materialien unterschieden. Abbruchnahe Haufwerke unterscheiden sich dadurch, dass die einzelnen Materialien noch zuzuordnen sind und meist grobe, unzerbrochene Stücke oder ganze Bauteile erkennbar sind. Eine Sortierung oder Umlagerung hat nicht stattgefunden.</p> <p>In Haufwerken aus gebrochenem Material hingegen sind meist keine einzelnen Bauteile mehr erkennbar. Das Material wurde umgelagert und prozessiert.</p> <p>Es wurden die unterschiedlichen Probenahmestrategien diskutiert: die Rekonstruktion der Gebäudesubstanz bei abbruchnahen Haufwerken oder die Einteilung in Sektoren, deren Absuchen und gegebenenfalls die Anlage von Schürfen. Die Probenahme selbst erfolgt nach LAGA PN 98, die Analytik nach VDI 3876 bzw. 3866 Blatt 5.</p> <h3 id="h-bedeutung-der-laga-m-23-fur-abbruch-und-recycling">Bedeutung der LAGA M 23 für Abbruch und Recycling</h3> <p>Gunther Weyer vom Niedersächsischen Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz informierte uns über die aktualisierte Fassung der LAGA M 23 „Vollzugshilfe zur Entsorgung asbesthaltiger Abfälle“.</p> <p>Die alte Fassung der M 23 stammte vom Juni 2015 und war somit bereits einige Jahre alt. So fehlten unter anderem Regelungen zum Umgang mit mineralischen Bau- und Abbruchabfällen mit geringen Asbestgehalten. Zudem wurden neue Erkenntnisse über asbesthaltige Bauprodukte gewonnen, beispielsweise über die Abstandshalter aus Asbest in Betonbauwerken oder über Putze, Spachtelmassen und Fliesenkleber.</p> <p>Für asbesthaltige Baustoffe gilt ein Inverkehrbringungsverbot.</p> <p>Die Verwertung von Bauabfällen, denen absichtlich sogenannter technischer Asbest zugesetzt wurde, ist für den Einsatz von Recyclingbaustoffen grundsätzlich verboten. Für Baustoffe mit geringem Gehalt an sogenanntem geogenem Asbest gelten jedoch abweichende Regelungen.</p> <p>Die Unterscheidung zwischen technischem und geogenem Asbest wird uns hier sicher noch weiter beschäftigen. Dazu mehr in einem späteren Beitrag.</p> <p>Bauwerke können als asbestfrei angesehen werden, wenn sie nach dem 31. Oktober 1993 gebaut wurden, es sei denn, es gibt anderweitige Verdachtsmomente. Zudem können Bauwerke als asbestfrei gelten, wenn sie nach dem aktuellen Stand der Technik asbestsaniert wurden oder wenn eine entsprechende Sachverständigenbescheinigung vorliegt. Auch die Abfälle aus diesen Gebäuden können dann als asbestfrei gelten.</p> <p>Alle anderen Gebäude oder Abfälle aus ihnen stehen zunächst unter Asbestverdacht. Haufwerke daraus können nach einer entsprechenden Untersuchung als asbestfrei deklariert werden. Der Beurteilungswert liegt hier bei 0,01 Massenprozent. Eine Asbestfreiheit darf aber nicht durch Berechnung festgestellt werden.</p> <p>Ein anderer Fall sind Monochargen, also Haufwerke, die aus einem einzigen Baustoff bestehen. Dies gilt, wenn diese Baustoffe nach Herkunft und Beschaffenheit keinen Asbestgehalt erwarten lassen. Beispiele hierfür sind Rasengittersteine, Dachziegel, Natursteine, Kies oder Naturschiefer. Bei Abfällen aus der Badsanierung oder Mauersteinen mit anhaftendem Putz ist hingegen immer Vorsicht geboten.</p> <h4 id="h-geogener-asbest">Geogener Asbest</h4> <p>Bauschutt mit einem Asbestgehalt von weniger als 0,1 Massenprozent kann mit dem Abfallschlüssel 17 01 XX (nicht gefährlich) entsorgt werden, wobei der Hinweis „mit geringen Asbestgehalten“ zu beachten ist. Bei einem Asbestgehalt von mehr als 0,1 Mass% hingegen gilt der Schlüssel 17 01 06 (gefährlich, mit Hinweis auf Asbestgehalt).</p> <p>Für den sogenannten geogenen Asbest gilt: Die Gewinnung von Gesteinen mit weniger als 0,1 Massenprozent geogenem Asbest und deren Inverkehrbringen bleibt zulässig. Dies gilt jedoch nicht für absichtlich hinzugefügtes, sogenanntes technisches Asbest.</p> <p>Daher lässt das Chemikaliengesetz auch die Verwendung von Bauabfällen und deren Verwendung als Recyclingbaustoffe zu, solange der Asbestgehalt 0,1 Massenprozent nicht übersteigt.</p> <p>Hier lauert jedoch ein nicht ganz triviales Problem: Wie soll geogener Asbest von technischem Asbest in Baustoffen unterschieden werden? Bislang gibt es keine verbindlichen Kriterien. Diesem Thema werden wir uns in einem weiteren Beitrag widmen. Denn hierzu schweigt sich die LAGA M 23 leider aus. Dort wird lediglich auf die in der TRGS 517 aufgeführten Untersuchungsmethoden und Auswerteregeln verwiesen und auf lungengängige Fasern, also Fasern gemäß der Definition der WHO, abgestellt.</p> <p>Ansonsten dürfen dem Recycling nur asbestfreie Bauabfälle (d. h. keine, die technischen Asbest enthalten) zugeführt werden. Den Nachweis der Asbestfreiheit muss der Abfallerzeuger bzw. der Besitzer erbringen.</p> <h3 id="h-anforderungen-an-recyclingmaterial">Anforderungen an Recyclingmaterial</h3> <p>Welche Anforderungen werden an Recyclingmaterial gestellt, wenn es um das Recycling von Baustoffen geht? Genau darum ging es in dem Beitrag von Patric van der Haegen vom Unternehmen Eberhard.</p> <p>Eines der Hauptprobleme bei der Wiederverwendung und dem Recycling von Baustoffen ist die knappe Zeit. Alles muss möglichst schnell und günstig gehen. Dabei entstehen die merkwürdigsten Materialgemische, die entsprechend schwer zu recyceln sind. Es ist dann sehr schwer, die Materialeigenschaften zu bewahren und Schadstofffreiheit zu gewährleisten.</p> <p>Hinzu kommen die häufig verwendeten Kompositbaustoffe, die sich vor Ort meist nur schwer trennen lassen. Sie stellen hohe Ansprüche an die Aufbereitungsanlagen.</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Dieseds war nur der erste Tag. Aber schon hier zeichnet sich ab, wie wichtig eine Unterscheidung zwischen technisch verwendeten und den so genannten geogenen Asbesten ist. Dazu muss ich auch sagen, dass ich den gängigen Begriff “geogener Asbest” so überhaupt nicht mag. Denn auch unser technisch verwendeter Asbest it geogen, nur eben dass er aus ausgesuchten Lagerstätten stammt und gewisse Qualitätskriterien erfüllt hat. Asbest ist, so leid es mir tut, ein absolut natürlicher Werkstoff. Da ist nichts künstliches dran. Der einzige Unterschied ist eben, dass er in Lagerstätten angereichert ist, während der unter dem Begriff geogener Asbest zusammengefasste Asbest meist nur als akzessorisches Mineral in Zuschlagsstoffen steckt. Aber das soll ein Thema für den zweiten tTag und einen anderen Blogbeitrag sein.</p> <figure><div> <a data-flickr-embed="true" href="https://www.flickr.com/photos/gunnarries/albums/72177720331792390/" title="DCONex 2026 by Gunnar Ries zwo, on Flickr"><img alt="DCONex 2026" height="600" src="https://live.staticflickr.com/65535/55075212333_8d75066cfc_z.jpg" width="800"></img></a> </div></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c-200x300-1.jpg" /><h1>Auch in diesem Jahr reden wir über Gebäudeschadstoffe – DCONex 2026 » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <div><h2>Key Takeaways</h2> <ul> <li>Die DCONex fand in Münster statt, mit Fokus auf Schadstoffmanagement und Gebäudeschadstoffe.</li> <li>Olaf Dünger präsentierte die neuesten Entwicklungen im Bereich Gebäudeschadstoffe, einschließlich der aktualisierten VDI 3492.</li> <li>Künstliche Intelligenz bietet Chancen im Bereich Asbestanalytik, erfordert jedoch maschinelles Lernen.</li> <li>Die Anpassung der TRGS 519 an die novellierte Gefahrstoffverordnung berücksichtigt neue Regelungen und Anforderungen beim Abbruch von asbesthaltigen Materialien.</li> <li>Das Recycling von Bauststoffen steht vor Herausforderungen, insbesondere in Bezug auf Schadstofffreiheit und Zeitdruck.</li> </ul> </div> <p>Auch in diesem Jahr fand in Münster die DCONex statt, der Fachkongress und Ausstellung zum Thema Schadstoffmanagement und Gebäudeschadstoffe. Ich möchte mich auf diesem Wege gleichzeitig bei unserem Partner i3 Membrane bedanken. Wir haben wieder eine wundervolle Zeit miteinander verbracht und sie haben für uns einen tollen gemeinsamen Messestand geplant. Natürlich habe ich neben der Arbeit am Stand wieder verschiedene Sessions besucht. Schließlich soll es ja auch diesen Blogbeitrag geben.</p> <figure><div> <a href="https://flic.kr/p/2rUP8Hp"><img alt="DCONex 2026" decoding="async" fetchpriority="high" height="427" src="https://live.staticflickr.com/65535/55075265749_d9e68f2192_z.jpg" width="640"></img></a> </div></figure> <h2 id="h-neue-entwicklungen">Neue Entwicklungen</h2> <p>Traditionell beginnt der Kongress nach der Begrüßung mit einem Überblick über die neuesten Entwicklungen im Bereich der Gebäudeschadstoffe. Auch diesmal übernahm Olaf Dünger, der Vorsitzende des Gesamtverbandes der Schadstoffsanierer, diese Aufgabe.</p> <p>Es gab so einiges Neues im letzten Jahr. Da wäre zum einen die Novelle der Gefahrstoffverordnung. Sie ist zwar erst 2024 in Kraft getreten, wurde aber bereits im vergangenen Jahr überarbeitet. Dabei wurden einige Regeln zum Umgang mit Asbest und zum Arbeitsschutz konkretisiert. Die Erlaubnis für die Abfallbehandlung von Asbest liegt inzwischen vor. Der Umgang mit Asbest an den Standorten der Anlagen kann nun, wie in der LAGA M 23 von 2023 beschrieben, rechtssicher erfolgen. Gleichzeitig musste auch die TRGS 519 an die neue Gefahrstoffverordnung angepasst werden.</p> <p>Zudem wurden einige Regelwerke erneuert, darunter die VDI 3492 „Innenraumluft, Außenluft – Messen faserförmiger anorganischer Partikel – Rasterelektronenmikroskopisches Verfahren”. Diese ist im Januar in den Weißdruck gegangen und somit quasi noch druckfrisch.</p> <p>Ein weiteres Beispiel ist die VDI 6202 Blatt 10 „Schadstoffbelastete bauliche und technische Anlagen – Asbest in Bauschutt, Recycling und Bodenmaterial” vom Dezember letzten Jahres. Hier wird eine wichtige Lücke im Regelwerk geschlossen. Sie regelt den Umgang mit potenziell asbesthaltigen Bauschutt- und Abbruchmaterialien und gibt vor, wie das Material zu beproben ist.<aside></aside></p> <h2 id="h-chancen-und-herausforderungen-durch-den-einsatz-von-ki">Chancen und Herausforderungen durch den Einsatz von KI</h2> <p>Künstliche Intelligenz ist derzeit in aller Munde, sei es in Form von allgegenwärtigen Chatbots oder Bildgeneratoren, die uns langsam an der Realität zweifeln lassen und oftmals auch ganz direkt in sehr persönliche Bereiche hineinreichen. Abgesehen von manchen sinnigen, vielen unsinnigen und noch mehr zweifelhaften Anwendungen kann KI viel mehr. Sie wird nicht nur meinen Arbeitsbereich ziemlich umkrempeln. Dabei mache ich mir relativ wenige Gedanken darüber, dass sie mich gleich ganz ersetzen wird. Sie hat jedoch das Potenzial, mir viele ermüdende Arbeiten abzunehmen und viele Routinen zu erleichtern. Denn bislang ist die Asbestanalytik schweißtreibend, zeitraubend und allzu oft auch buchstäblich nervtötend. Doch bevor die KI helfen kann, muss sie maschinell lernen, und das ist oft nicht so einfach, wie Markus König von der Ruhr-Universität Bochum zeigte. Ich will hier gar nicht so sehr auf die Details eingehen, das könnten andere sicher besser. Wo die KI uns hinsichtlich der Gebäudeschadstoffe schon unterstützen kann, sind unter anderem Vorhersagen der Recyclingfähigkeit der eingesetzten Baustoffe, die Abschätzung von Abfall- und Verwertungsmengen sowie die Abfrage von Regelwerken, Normen und Vorschriften.</p> <p>Sie kann auch bei der Planung, Bauausführung, Überwachung und Qualitätskontrolle während des Baus helfen. Erschreckend ist vielleicht auch die Hilfe KI-gestützter Systeme bei der Erkennung und Verfolgung von Arbeitnehmern auf Baustellen, um potenziell gefährliche Situationen zu identifizieren oder zu überprüfen, ob Vorgaben zum Arbeits- und Gesundheitsschutz eingehalten werden. Das lässt sich natürlich auch übertreiben, sodass letztlich keine Handlung eines Arbeitnehmers mehr unentdeckt bleibt. Jeder kann sich selbst die Frage stellen, ob und inwiefern dies wünschenswert wäre.</p> <p>Etwas weniger kontrovers und vielleicht auch näher an meinem Arbeitsgebiet wäre die Erkennung und Klassifizierung von Oberflächenschäden, wie etwa Rissen, in Spannbetonbrücken. Dabei werden Rissabstände, Risswerte und Rissrichtungen sowie die genaue Position der Risse automatisch erfasst.</p> <p>Leider fehlt es vielfach an Mitarbeitern mit den notwendigen Kenntnissen. Denn eine KI hängt in erster Linie von der Menge und vor allem der Qualität der Daten ab. KI-Verfahren realisieren oft genau das, was die Menschen ihnen beigebracht haben. Selbst wenn dies nicht unbedingt das eigentliche Ziel war.</p> <h2 id="h-zukunftige-rechtsanforderungen">Zukünftige Rechtsanforderungen</h2> <p>Die Diskussion um zukünftige Rechtsanforderungen gehört auch zum traditionellen Programm.</p> <h3 id="h-anpassung-der-trgs-519-an-die-novellierte-gefahrstoffverordnung">Anpassung der TRGS 519 an die novellierte Gefahrstoffverordnung</h3> <p>Den Anfang machte Andrea Bonner von der BG Bau mit der novellierten Gefahrstoffverordnung und deren Auswirkungen auf notwendige Anpassungen der TRGS 519, die hier ja schon mehrfach erwähnt wurde. Sie hat auch Auswirkungen auf andere Vorschriften wie die TRGS 519 „Asbest – Abbruch-, Sanierungs- oder Instandhaltungsarbeiten“.</p> <p>Im Bereich Abbruch ist das vollständige oder auch teilweise Entfernen asbesthaltiger Bauteile, auch in Teilflächen oder Teilbereichen, möglich. Hierbei kommt es zu einigen Konkretisierungen, etwa beim Entfernen einzelner beschädigter Teile. Als Beispiele könnten einzelne beschädigte Faserzementplatten auf einem Dach oder einzelne Floorflex-Platten gelten. Diese dürfen durch asbestfreie Produkte ersetzt werden. Dies fällt unter Maßnahmen der funktionalen Instandhaltung.</p> <p>Außerdem im Bereich Sanierung. Hier werden die Maßnahmen zur Vermeidung der Gefährdung der Nutzer durch asbesthaltige Stäube mittels räumlicher Trennung sowie die Sofortmaßnahmen zur vorläufigen Sicherung weiter konkretisiert. So ist die räumliche Trennung beispielsweise zu kennzeichnen. Es ist zu dokumentieren, an welchen Bauteilen asbesthaltige Materialien verbleiben.</p> <p>Für die Instandhaltung wird eine Liste mit Tätigkeiten beim Bauen im Bestand inklusive entsprechender Beispiele erstellt. Zudem soll das Erreichen des Endes der Nutzungsdauer genauer definiert werden. Das Ende der Nutzungsdauer ist noch nicht erreicht, wenn das Material seine ursprüngliche Funktion noch erfüllen kann und entsprechend seiner beim Einbau vorgesehenen Bestimmung verwendet wird. Zudem darf von dem Material im aktuellen Zustand keine Gefahr ausgehen.</p> <p>Auch das Thema der Überdeckung wird genauer definiert. So gilt das Überdeckungsverbot beispielsweise nicht für geringfügige Überlappungen. Eine schwimmende Verlegung, also ohne Bohren und Kleben, sowie das lose Auflegen von beispielsweise Teppich auf asbesthaltige Bodenbeläge ist zulässig.</p> <p>Das Überdeckungsverbot gilt außerdem nicht für asbesthaltige Putze, Fliesenkleber oder Spachtelmassen. Tapezieren und Streichen zählen zur funktionalen Instandhaltung im Rahmen der laufenden Nutzung.</p> <p>Auch die Mitwirkungs- und Informationspflicht des Veranlassers ist hier enthalten. Wenn aufgrund des Baualters davon auszugehen ist, dass asbesthaltige Materialien vorhanden sein könnten, soll eine umfassende Informationsweitergabe erfolgen, auf deren Grundlage die ausführenden Unternehmen eine Gefährdungsbeurteilung durchführen können. Gegebenenfalls soll bereits in der Planungsphase eine technische Erkundung durch den Veranlasser durchgeführt werden. So wird sichergestellt, dass die Anforderungen an Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz bereits in der Planungs-, Kalkulations- und Vorbereitungsphase berücksichtigt werden.</p> <h3>Die Expositions-Risiko-Matrix der TRGS 519</h3> <p>Birgitta Höwing von der Wessling Consulting Engineering GmbH &amp; Co. KG hat die Expositions-Risiko-Matrix der TRGS 519 vorgestellt. Die Expositions-Risiko-Matrix ist hier ja eigentlich auch schon keine Unbekannte mehr. Es geht darum, die Exposition gegenüber schädlichen Stoffen – in diesem Fall insbesondere Asbest – in Klassen mit unterschiedlichem Risiko einzustufen. Die Grenze der jeweiligen Klassen hängt von der Wahrscheinlichkeit ab, mit der mit schweren Erkrankungen zu rechnen ist. Aktuell liegt der Bereich der geringen Exposition zwischen 1.000 und 10.000 Fasern pro m³ Luft. Darüber, also ab einer Exposition von 10.000 Fasern pro m³, beginnt der Bereich der mittleren Exposition bis zu einer Grenze von 100.000 Fasern pro m³. Darüber liegt der Bereich der hohen Exposition. Dabei stellen 10.000 Fasern die Akzeptanzkonzentration und 100.000 Fasern die Toleranzkonzentration dar.</p> <p>Dabei ist grundsätzlich zu beachten, dass alle Tätigkeiten, für die keine ausreichenden Messwerte zur Verfügung stehen, in die Kategorie „hohe Exposition” eingestuft werden. Dies macht das Messprogramm der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG Bau), der Berufsgenossenschaft Energie, Textil, Elektro und Medienerzeugnisse (BG ETEM) sowie der Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BG Holz und Metall) so enorm wichtig. In diesem Programm werden für verschiedene Tätigkeiten Expositionswerte ermittelt.</p> <p>Die ermittelten Daten werden dem Arbeitskreis TRGS 519 vorgelegt und sollen in Anlage 9 veröffentlicht werden. Diese Anlage wird um geprüfte Tätigkeiten erweitert.</p> <p>Der gesamte Prozess dauert jedoch lange, da es auf der Seite der Bauherren an Bereitschaft mangelt, Messungen unter realen Bedingungen und in verschiedenen Situationen durchzuführen. Es werden nach wie vor geeignete Objekte gesucht. Geeignet sind Gebäude mit einem eindeutigen Nachweis über asbesthaltige Produkte sowie Gebäude, in denen neu verputzt, gespachtelt oder gefliest wurde und die Putze, Spachtelmassen oder Fliesenkleber mit einem Gehalt an „natürlichem“ Tremolit enthalten.</p> <h3 id="h-leitfaden-asbest-beim-bauen-im-bestand">Leitfaden „Asbest beim Bauen im Bestand“</h3> <p>Gerade beim Bauen im Bestand muss stets auf mögliche Vorkommen asbesthaltiger Materialien geachtet werden. Die BG Bau bietet betroffenen Handwerkern den Leitfaden „Asbest beim Bauen im Bestand“ an. Berit Schuchmann von der BG Bau stellte ihn hier vor. In diesem Leitfaden wird unter anderem die bereits oben erwähnte Expositions-Risiko-Matrix vorgestellt und erläutert sowie die Änderungen der Gefahrstoffverordnung noch einmal erklärt. Welche Pflichten hat der Veranlasser? Stichworte sind hier Mitwirkungs- und Informationspflicht. Welche Ausnahmen gelten im Rahmen von Abbruch, Sanierung oder Instandhaltung? Wie sehen risikobezogene Regelungen zu Schutzmaßnahmen, Zulassung und Anzeige von Arbeiten aus? Welche Regelungen betreffen die Fach- und Sachkunde? Welche Anforderungen werden an die Qualifikation der ausführenden Firmen und deren Personal gestellt?</p> <h2 id="h-anforderungen-an-abfall-und-recyclingmaterial">Anforderungen an Abfall und Recyclingmaterial</h2> <h3 id="h-vdi-6202-blatt-10-anwendung-mit-praxisbericht">VDI 6202 Blatt 10 – Anwendung mit Praxisbericht</h3> <p>Martin Hönig von der Wessling Consulting Engineering GmbH &amp; Co. KG gab uns einige Einblicke in die Praxis der Anwendung der vergleichsweise neuen VDI 6202 Blatt 10 und erklärte, wie bei einem Verdacht auf Asbest im Bauschutt vorzugehen ist. Dabei spielen die Sichtprüfung der verdächtigen Materialien sowie gegebenenfalls die Entnahme auffälliger Stücke zur nachfolgenden Analyse eine Rolle.</p> <p>Dabei wird zwischen abbruchnahen Haufwerken und Haufwerken aus gebrochenen Materialien unterschieden. Abbruchnahe Haufwerke unterscheiden sich dadurch, dass die einzelnen Materialien noch zuzuordnen sind und meist grobe, unzerbrochene Stücke oder ganze Bauteile erkennbar sind. Eine Sortierung oder Umlagerung hat nicht stattgefunden.</p> <p>In Haufwerken aus gebrochenem Material hingegen sind meist keine einzelnen Bauteile mehr erkennbar. Das Material wurde umgelagert und prozessiert.</p> <p>Es wurden die unterschiedlichen Probenahmestrategien diskutiert: die Rekonstruktion der Gebäudesubstanz bei abbruchnahen Haufwerken oder die Einteilung in Sektoren, deren Absuchen und gegebenenfalls die Anlage von Schürfen. Die Probenahme selbst erfolgt nach LAGA PN 98, die Analytik nach VDI 3876 bzw. 3866 Blatt 5.</p> <h3 id="h-bedeutung-der-laga-m-23-fur-abbruch-und-recycling">Bedeutung der LAGA M 23 für Abbruch und Recycling</h3> <p>Gunther Weyer vom Niedersächsischen Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz informierte uns über die aktualisierte Fassung der LAGA M 23 „Vollzugshilfe zur Entsorgung asbesthaltiger Abfälle“.</p> <p>Die alte Fassung der M 23 stammte vom Juni 2015 und war somit bereits einige Jahre alt. So fehlten unter anderem Regelungen zum Umgang mit mineralischen Bau- und Abbruchabfällen mit geringen Asbestgehalten. Zudem wurden neue Erkenntnisse über asbesthaltige Bauprodukte gewonnen, beispielsweise über die Abstandshalter aus Asbest in Betonbauwerken oder über Putze, Spachtelmassen und Fliesenkleber.</p> <p>Für asbesthaltige Baustoffe gilt ein Inverkehrbringungsverbot.</p> <p>Die Verwertung von Bauabfällen, denen absichtlich sogenannter technischer Asbest zugesetzt wurde, ist für den Einsatz von Recyclingbaustoffen grundsätzlich verboten. Für Baustoffe mit geringem Gehalt an sogenanntem geogenem Asbest gelten jedoch abweichende Regelungen.</p> <p>Die Unterscheidung zwischen technischem und geogenem Asbest wird uns hier sicher noch weiter beschäftigen. Dazu mehr in einem späteren Beitrag.</p> <p>Bauwerke können als asbestfrei angesehen werden, wenn sie nach dem 31. Oktober 1993 gebaut wurden, es sei denn, es gibt anderweitige Verdachtsmomente. Zudem können Bauwerke als asbestfrei gelten, wenn sie nach dem aktuellen Stand der Technik asbestsaniert wurden oder wenn eine entsprechende Sachverständigenbescheinigung vorliegt. Auch die Abfälle aus diesen Gebäuden können dann als asbestfrei gelten.</p> <p>Alle anderen Gebäude oder Abfälle aus ihnen stehen zunächst unter Asbestverdacht. Haufwerke daraus können nach einer entsprechenden Untersuchung als asbestfrei deklariert werden. Der Beurteilungswert liegt hier bei 0,01 Massenprozent. Eine Asbestfreiheit darf aber nicht durch Berechnung festgestellt werden.</p> <p>Ein anderer Fall sind Monochargen, also Haufwerke, die aus einem einzigen Baustoff bestehen. Dies gilt, wenn diese Baustoffe nach Herkunft und Beschaffenheit keinen Asbestgehalt erwarten lassen. Beispiele hierfür sind Rasengittersteine, Dachziegel, Natursteine, Kies oder Naturschiefer. Bei Abfällen aus der Badsanierung oder Mauersteinen mit anhaftendem Putz ist hingegen immer Vorsicht geboten.</p> <h4 id="h-geogener-asbest">Geogener Asbest</h4> <p>Bauschutt mit einem Asbestgehalt von weniger als 0,1 Massenprozent kann mit dem Abfallschlüssel 17 01 XX (nicht gefährlich) entsorgt werden, wobei der Hinweis „mit geringen Asbestgehalten“ zu beachten ist. Bei einem Asbestgehalt von mehr als 0,1 Mass% hingegen gilt der Schlüssel 17 01 06 (gefährlich, mit Hinweis auf Asbestgehalt).</p> <p>Für den sogenannten geogenen Asbest gilt: Die Gewinnung von Gesteinen mit weniger als 0,1 Massenprozent geogenem Asbest und deren Inverkehrbringen bleibt zulässig. Dies gilt jedoch nicht für absichtlich hinzugefügtes, sogenanntes technisches Asbest.</p> <p>Daher lässt das Chemikaliengesetz auch die Verwendung von Bauabfällen und deren Verwendung als Recyclingbaustoffe zu, solange der Asbestgehalt 0,1 Massenprozent nicht übersteigt.</p> <p>Hier lauert jedoch ein nicht ganz triviales Problem: Wie soll geogener Asbest von technischem Asbest in Baustoffen unterschieden werden? Bislang gibt es keine verbindlichen Kriterien. Diesem Thema werden wir uns in einem weiteren Beitrag widmen. Denn hierzu schweigt sich die LAGA M 23 leider aus. Dort wird lediglich auf die in der TRGS 517 aufgeführten Untersuchungsmethoden und Auswerteregeln verwiesen und auf lungengängige Fasern, also Fasern gemäß der Definition der WHO, abgestellt.</p> <p>Ansonsten dürfen dem Recycling nur asbestfreie Bauabfälle (d. h. keine, die technischen Asbest enthalten) zugeführt werden. Den Nachweis der Asbestfreiheit muss der Abfallerzeuger bzw. der Besitzer erbringen.</p> <h3 id="h-anforderungen-an-recyclingmaterial">Anforderungen an Recyclingmaterial</h3> <p>Welche Anforderungen werden an Recyclingmaterial gestellt, wenn es um das Recycling von Baustoffen geht? Genau darum ging es in dem Beitrag von Patric van der Haegen vom Unternehmen Eberhard.</p> <p>Eines der Hauptprobleme bei der Wiederverwendung und dem Recycling von Baustoffen ist die knappe Zeit. Alles muss möglichst schnell und günstig gehen. Dabei entstehen die merkwürdigsten Materialgemische, die entsprechend schwer zu recyceln sind. Es ist dann sehr schwer, die Materialeigenschaften zu bewahren und Schadstofffreiheit zu gewährleisten.</p> <p>Hinzu kommen die häufig verwendeten Kompositbaustoffe, die sich vor Ort meist nur schwer trennen lassen. Sie stellen hohe Ansprüche an die Aufbereitungsanlagen.</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Dieseds war nur der erste Tag. Aber schon hier zeichnet sich ab, wie wichtig eine Unterscheidung zwischen technisch verwendeten und den so genannten geogenen Asbesten ist. Dazu muss ich auch sagen, dass ich den gängigen Begriff “geogener Asbest” so überhaupt nicht mag. Denn auch unser technisch verwendeter Asbest it geogen, nur eben dass er aus ausgesuchten Lagerstätten stammt und gewisse Qualitätskriterien erfüllt hat. Asbest ist, so leid es mir tut, ein absolut natürlicher Werkstoff. Da ist nichts künstliches dran. Der einzige Unterschied ist eben, dass er in Lagerstätten angereichert ist, während der unter dem Begriff geogener Asbest zusammengefasste Asbest meist nur als akzessorisches Mineral in Zuschlagsstoffen steckt. Aber das soll ein Thema für den zweiten tTag und einen anderen Blogbeitrag sein.</p> <figure><div> <a data-flickr-embed="true" href="https://www.flickr.com/photos/gunnarries/albums/72177720331792390/" title="DCONex 2026 by Gunnar Ries zwo, on Flickr"><img alt="DCONex 2026" height="600" src="https://live.staticflickr.com/65535/55075212333_8d75066cfc_z.jpg" width="800"></img></a> </div></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/auch-in-diesem-jahr-reden-wir-ueber-gebaeudeschadstoffe-dconex-2026/#respond 0 Wie entwickle ich automatisiert meine Prompts? https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/prompts-automatisiert-entwickeln/ https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/prompts-automatisiert-entwickeln/#comments Mon, 16 Feb 2026 18:14:18 +0000 Jaromir Konecny https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/?p=1080 https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/PromptPolierer_Beitragsbild-1-768x134.png <link>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/prompts-automatisiert-entwickeln/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/PromptPolierer_Beitragsbild-1.png" /><h1>Prompts automatisiert entwickeln mit KI</h1><h2>By Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>In diesem Blogbeitrag will ich zeigen, wie ich meine Prompts weitgehend automatisiert erstelle. Dabei geht es hier um Prompts für komplexe Aufgaben und Workflows. Bei einfachen Aufgaben braucht ihr heutzutage kein ausgeklügeltes Prompt Engineering mehr. Mittlerweile sind Große Sprachmodelle (LLMs – Large Language Models) so gut, dass sie auch mit mangelhaften Eingaben gute Ausgaben liefern. Auch  das komplexere Prompting nehmen uns LLMs zum großen Teil ab: Am schnellsten können wir optimale Prompts mithilfe von KI entwickeln. Darum geht es in diesem Beitrag.</p> <p>Selbstverständlich ist Prompt Engineering durch die KI-Hilfe nicht tot, sondern anders geworden: Früher halfen wir Sprachmodellen mit Prompt Engineering, unsere Prompts zu verstehen. Heute helfen uns Sprachmodelle mit Prompt Engineering, unsere Prompts zu verfassen.</p> <p>Außerdem helfen uns die Bots zu lernen, richtig zu prompten: Ich habe Gemini gebeten, jeden meiner Prompts optimiert am Ende der Antwort im Markdown-Format auszugeben (markierte Anweisung):</p> <h2 id="h-gemini-bringt-mir-das-prompten-bei">Gemini bringt mir das Prompten bei</h2> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-55.png"><img alt="" decoding="async" height="586" sizes="(max-width: 845px) 100vw, 845px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-55.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-55.png 845w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-55-300x208.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-55-768x533.png 768w" width="845"></img></a></figure> <p>Das könnt ihr in ChatGPT in den Einstellungen genauso machen:</p> <pre><code>"Einstellungen" -&gt; "Personalisierung" -&gt; "Individuelle Hinweise".</code></pre> <p>Oder wollt ihr in jeder Ausgabe in ChatGPT nicht euren optimierten Prompt haben? Dann könnt ihr dort ein Projekt anlegen und in den Projekteinstellungen “Hinweise” einfügen – so bekommt ihr den optimierten Prompt im Markdown-Format nur in den Chats in diesem Projekt. Zurück aber zu Gemini:<aside></aside></p> <p>Z. B. füge ich in Gemini den folgenden (mangelhaften) Prompt ein: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57.png"><img alt="" decoding="async" height="478" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57-1024x478.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57-1024x478.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57-300x140.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57-768x358.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57.png 1217w" width="1024"></img></a></figure> <p>Gemini beantwortet zuerst meine Frage und gibt anschließend meinen Prompt optimiert im Markdown-Format in einem “`Code-Block“` aus. – Code-Block ist in ChatGPT und Gemini das graue Feld, in dem Programm-Codes ohne Formatierungszeichen ausgegeben werden:</p> <pre><code># Frage zur Konfiguration von Gemini-Anweisungen **Kontext:** Ich nutze derzeit folgende Anweisung in meinem Gemini UI: &gt; "Wenn ich in meinem Prompt Markdown-Zeichen verwende, optimiere den Prompt strukturell und gib ihn am Ende deiner Antwort im Markdown-Format in einem Code-Feld aus. Achte dabei darauf, den Prompt inhaltlich nicht zu erweitern: Er darf nur das Wissen enthalten, das aus meinem ursprünglichen Prompt hervorgeht, und darf keine Fakten aus deiner aktuellen Antwort vorwegnehmen." **Frage:** Ist es sinnvoll, diesen "Systemprompt" innerhalb der Gemini-Einstellungen direkt im Markdown-Format zu hinterlegen?</code></pre> <p>Der Prompt von Gemini ist besser strukturiert als mein ursprünglicher Prompt, auch wenn etwas übertrieben mit “# Frage zur Konfiguration von Gemini-Anweisungen” betitelt. – (# und ** sind Formatierungszeichen der Markdown-Sprache – Erklärung siehe unten).</p> <p>Noch zielführender wäre der Prompt in einer “klassischen” Rolle-Kontext-Aufgabe/Frage-Struktur, z.B. so:</p> <pre><code># Rolle Du bist ein Experte für Prompt Engineering im Gemini UI # Kontext Ich nutze derzeit folgende Anweisung in meinem **Gemini UI**: &gt; "Wenn ich in meinem Prompt Markdown-Zeichen verwende, optimiere den Prompt strukturell und gib ihn am Ende deiner Antwort im Markdown-Format in einem Code-Feld aus. Achte dabei darauf, den Prompt inhaltlich nicht zu erweitern: Er darf nur das Wissen enthalten, das aus meinem ursprünglichen Prompt hervorgeht, und darf keine Fakten aus deiner aktuellen Antwort vorwegnehmen." # Frage Ist es sinnvoll, diesen "Systemprompt" innerhalb der Gemini-Einstellungen direkt im Markdown-Format zu hinterlegen? </code></pre> <p>Daraus folgt die wichtigste Regel für die Arbeit mit Sprachmodellen: </p> <p>Wir müssen jede Zeile der Ausgabe eines Sprachmodells kontrollieren. </p> <h2 id="h-was-ist-aber-markdown">Was ist aber Markdown?</h2> <p><a href="https://www.markdownguide.org/cheat-sheet/" rel="noopener" target="_blank">Markdown ist eine Auszeichnungssprache</a>, die von Menschen und Maschinen gut lesbar ist. Diese Dateien können in Texteditoren mit der Erweiterung “.md” gespeichert werden. Sie enthalten nur wenige verdeckte Formatierungszeichen. Das irritiert die Bots viel weniger als Word-, PDF- oder HTML-Dateien. Prompts im Markdown-Format sind die effizientesten. Dabei braucht man fürs Prompten meist nur einige wichtigste Markdown-Zeichen wie “#”, “##” und “###” für Überschriften, “**fettgedruckter Text**”, um Begriffe zu betonen, oder “—“, um thematische Abschnitte zu trennen:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-58.png"><img alt="" decoding="async" height="911" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 705px) 100vw, 705px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-58.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-58.png 705w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-58-232x300.png 232w" width="705"></img></a></figure> <p>Nach diesen Erklärungen kann ich endlich zeigen, wie ich die Entwicklung meiner Prompts automatisiere.</p> <h2 id="h-automatisierung-der-entwicklung-meiner-prompts-in-zwei-schritten">Automatisierung der Entwicklung meiner Prompts in zwei Schritten</h2> <ol> <li><strong>Schritt:</strong> Schnelles und oft stichwortartiges Eintippen oder Einsprechen eines unstrukturierten Prompts mit Redundanzen, Versprechern und Füllwörtern. So wie wir eben sprechen -&gt; <strong>Roher Prompt</strong>.</li> <li><strong>Schritt: </strong>Optimieren des Rohen Prompts mit einem von mir selbst entwickelten “custom GPT” (in ChatGPT) oder Gems (in Gemini), den ich <strong>PromptPolierer</strong> nenne.</li> </ol> <h3 id="h-roher-prompt">Roher Prompt</h3> <p>Den Rohen Prompt kann man schnell eintippen oder direkt im Chat einsprechen. Dabei sind diese zwei Pfeiler eines guten Prompts besonders wichtig:</p> <ul> <li><strong>Das Ziel</strong>: Was will man mit dem Prompt erreichen?</li> <li><strong>Der gesamte Kontext der Aufgabe</strong>: Alles, was einem zur Aufgabe einfällt.</li> </ul> <p>Auf dem Screenshot meines Chats in ChatGPT seht ihr einen solchen schnell eingesprochenen Text. Aus diesem Text entwickelt mein <strong>PromptPolierer</strong> einen optimale Prompt:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59.png"><img alt="" decoding="async" height="687" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59-1024x687.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59-1024x687.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59-300x201.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59-768x516.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59.png 1272w" width="1024"></img></a></figure> <p>Wenn ihr den Text einsprechen wollt, eignet sich dafür das ChatGPT UI am besten. Im Video <a href="https://youtu.be/eKM_IJiypzI?si=yYqKuHYpVvzoIjDU" rel="noreferrer noopener" target="_blank">„K.I. Kompakt: Mail- und Prompt-Entwicklung mit leistungsstarken Sprech-Funktionen in ChatGPT“ </a> habe ich zwei beeindruckende Spracherkennungsfunktionen im ChatGPT User Interface (ChatGPT) vorgestellt:</p> <p>👉 „Diktieren“, basierend auf OpenAIs Whisper (Speech-to-Text)</p> <p>👉 „Fortgeschrittener Audio-Modus“ (Streaming), auf Basis des multimodalen GPT-4o (Speech-to-Text und Text-to-Speech)</p> <p>Diese Sprachmodulle sparen mir massiv Zeit und Arbeit. In keinem anderen User Interface wird das Eingesprochene so gut erkannt wie in ChatGPT: Die Spracherkennung in ChatGPT ist die beste der Welt. Sogar meine tschechischen Umlaute erkennen die Spracherkennungsfunktionen in ChatGPT perfekt. Darf ich mich hier vor der automatischen Optimierung des Prompts etwas outen? 😊</p> <h3 id="h-mit-deutschen-umlauten-unterwegs">Mit deutschen Umlauten unterwegs</h3> <p>Ja, ja … ich kann tatsächlich nach 44 Jahren als Tscheche in Deutschland immer noch nicht deutsche Umlaute aussprechen: Das Wort <strong>“Kühlflüssigkeitsüberlaufbehälter”</strong> ist für mich eine unüberwindbare Hürde. Das war früher mal auch für ChatGPT ein großes Problem. Als ich ChatGPT-3.5 auftrug, “Kühlflüssigkeitsüberlaufbehälter” zu buchstabieren, ist der Bot abgestürzt:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63.png"><img alt="" decoding="async" height="662" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63-1024x662.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63-1024x662.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63-300x194.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63-768x496.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63-1536x993.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63.png 1666w" width="1024"></img></a></figure> <p>Mittlerweile verstehen mich die Spracherkennungsmodule in ChatGPT perfekt und viel besser als in allen anderen Apps. Egal ob in Google- oder Microsoft-Anwendungen: So präzise, so intuitiv wie in ChatGPT bekomme ich meinen “behmischen” Akzent nirgendwo in Textform gegossen. Auf dem folgenden Bild seht ihr, wie die Diktierfunktion von Gemini und ChatGPT die von mir eingesprochenen Begriffe “Deep Research Modell”, “ChatGPT” und “Gemini” interpretieren: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <p>ChatGPT ist der eindeutige Sieger – es hat kein einziges Wort falsch aufgenommen. Na ja – Geminis “Dieb Resort” und „Tschetschi PT“ haben auch ihren Reiz. 🤣</p> <p>Klar macht es mein tschechischer Akzent den Modellen nicht ganz leicht. Aber ich vermute, auch bei den “Eingeborenen” (in Deutschland) sind die Unterschiede spürbar.</p> <p>🎤 𝗣𝗿𝗼𝗯𝗶𝗲𝗿𝘁’𝘀 𝘀𝗲𝗹𝗯𝘀𝘁 𝗮𝘂𝘀 – 𝘂𝗻𝗱 𝗴𝗲𝗯𝘁 𝗺𝗶𝗿 𝗕𝗲𝘀𝗰𝗵𝗲𝗶𝗱! 😊</p> <p>Sobald der Rohtext durch die Spracherkennung (oder druchs Eintippen) eingefangen wurde, folgt Schritt 2:</p> <h2 id="h-promptpolierer-nbsp">PromptPolierer </h2> <p>Im zweiten Schritt der Prompt-Entwicklung lasse ich den Prompt mit einem dafür entwickelten GPT (in ChatGPT) oder Gem (in Gemini), dem <strong>PromptPolierer</strong>, optimieren: Wenn ich mit Gemini arbeite, füge ich die in ChatGPT eingesprochene Eingabe in Gemini ein. Wichtig sind hier drei Sachen:</p> <ol> <li><strong>Der Bot (PromptPolierer) soll den Rohen Prompt nicht selbst ausführen, sondern nur optimieren:</strong> Sprachmodelle geben gern mit ihrem Wissen umfangreich an. Deswegen habe ich dem Bot ordentlich einbläuen müssen, nur den Prompt zu entwickeln: Nicht die Aufgabe im Rohen Prompt zu erfüllen.</li> <li><strong>Der Bot soll nicht zusätzliche Annahmen über den Kontext des Prompts machen</strong> bzw. den Prompt massiv mit Sachen erweitern, die man nicht haben will.</li> <li><strong>Wir müssen den optimierten Prompt Zeile für Zeile durchgehen und ändern, was uns nicht passt.</strong> Dabei solltet ihr beim Brainstorming mit dem Bot den Prompt in einem Texteditor ablegen und die Anpassungen selbst machen. So könnt ihr die vom Bot vorgeschlagenen Änderungen selbst kontrollieren und verhindern, dass der Bot einen gut entwickelten Prompt an einer Stelle gewollt anpasst, an einer anderen Stelle aber ungewollt kürzt. Hier darf man nie aus der Sicht verlieren, dass Ausgaben probabilistischer Modelle eben probabilistisch sind. Klar gibt euch der Bot den geänderten Prompt immer wieder aus. Ihr dürft den Prompt aber nur am Anfang der Entwicklung ganz übernehmen. Alle folgenden Optimierungen solltet ihr entsprechend den Anweisungen des Bots selbst machen.</li> <li>Wegen des langen <strong>“Promptschwanzes” (der Kontexthistorie) in einem Chat und der Autoregressivität der Modelle</strong> sollte der angepasste Prompt dem Bot in den Chat immer wieder eingefügt werden. Das ist wichtig, damit der Bot bei der Aufgabe bleibt: Im Grunde fügt die Maschine beim Brainstorming dem langen Promptschwanz immer das nächste wahrscheinlichste Wort hinzu: Ohne zu unterscheiden, was im Promptschwanz von der Maschine und was von euch stammt: Die letzten Promptteile beeinflussen am stärksten die nächsten. Davon aber in einem anderen Blog.</li> </ol> <p>Im folgenden (grauen) Code-Block findet ihr die benutzerdefinierten Hinweise (Anleitung/Anweisung – Systemprompt) des GPTs/Gems <strong>PromptPolierer</strong> im Markdown-Format. Sie sind sicher nicht perfekt, da schnell durch Herumprobieren entwickelt. Manche Redundanzen darin sollen den Bot dazu bringen, sich an die Anweisungen zu halten. Z. B. hat der Bot hin und wieder die Aufgabe gelöst, statt den Prompt dafür zu entwickeln. So musste ich die Anweisung durch Wiederholung verstärken – bis es funktioniert hat. Ihr könnt damit gern experimentieren und die Hinweise euren Wünschen entsprechend anpassen:</p> <pre><code># Rolle Du bist ein Experte für **Prompt Engineering und Textstrukturierung**. Deine einzige Aufgabe ist es, rohe, unstrukturierte oder fehlerhafte Nutzereingaben in professionelle, effektive Prompts für Large Language Models (LLMs) zu verwandeln. # 🎯 Ziel / Objective Hilf den Nutzer:innen dabei, aus unstrukturierten Rohtexten oder vagen Ideen klare, effektive Prompts für ChatGPT (oder andere LLMs) zu erstellen. Erkenne automatisch die Absicht und den geeigneten Prompt-Typ (z. B. Analyse, Schreiben, Datei-Verarbeitung, kreative Aufgaben) und formuliere den idealen Prompt. --- # 🧠 Was dieses GPT tun soll (Workflow) 1. **Rohtext verstehen** Analysiere die Absicht und das Ziel hinter einem vagen oder unklaren Input. 2. **Prompt-Typ identifizieren** Erkenne automatisch, ob es sich z. B. um eine Analyse, einen Schreibstil, eine Bildbeschreibung, eine Dateiverarbeitung, die Erstellung von Custome Instructions o. Ä. handelt. 3. **Strukturierten Prompt formulieren** Erstelle einen optimierten, vollständigen Prompt für ein LLM – grammatikalisch korrekt, logisch aufgebaut, ohne Redundanzen: Rolle des Bots, Ziel und Kontext der Aufgabe, Fragen usw. 4. **Sprache &amp; Logik verbessern** Formuliere klar, vermeide unklare Begriffe oder Wiederholungen und ordne die Informationen sinnvoll. 5. **Zusammenfassung geben** Erkläre am Ende in 2–3 Sätzen, was im Rohtext enthalten war und wie du den finalen Prompt daraus entwickelt hast. 6. **Bei Datei-/Texthinweisen aktiv nach Input fragen** Wenn im Rohtext auf eine Datei oder einen Text verwiesen wird, aber nichts hochgeladen oder eingefügt wurde, bitte den Nutzer freundlich, dies jetzt nachzuholen: &gt; „Bitte lade nun deine Datei hoch oder füge den gewünschten Text hier ein.“ 7. **Sofort starten** Beginne direkt mit der Verarbeitung, sobald der Nutzer einen Text oder eine Idee übermittelt – warte nicht auf Bestätigung. --- # 🧠🛑 **Meta-Regel: Priorität Prompt-Erstellung** - Du agierst **ausschließlich als Prompt-Designer**, nicht als Problemlöser. - Deine **primäre und übergeordnete Aufgabe** ist es, **einen Prompt zu erstellen**, der ein **anderes Sprachmodell** anweist, die gewünschte Aufgabe auszuführen. - Du **führst die Aufgabe selbst nicht aus**, auch wenn sie einfach erscheint oder fachlich möglich wäre. - Inhalte wie Texte, Analysen, Konzepte, Custom Instructions oder Ausarbeitungen dürfen **nur im Rahmen des formulierten Prompts beschrieben werden**, nicht als direkte Lösung. ➡️ **Grundsatz:** &gt; *Prompt-Erstellung hat immer Vorrang vor Aufgaben-Ausführung.* --- # 📤 **Output-Regeln** - Dein Output besteht **immer mindestens aus einem klar gekennzeichneten Prompt** (z. B. „🎯 Optimierter Prompt“). - Du lieferst **keine fertigen Ergebnisse**, sondern nur die **Anweisung**, wie ein anderes Modell diese erstellen soll. - Wenn Informationen fehlen (z. B. erwähnte Dateien, alte Entwürfe, Texte), **fragst du gezielt danach**, ohne Inhalte zu erfinden oder zu ergänzen. - Du gibst den gewünschten Prompt im **Markdown-Format** im **Code-Block** aus. --- # 🧩 **Letzte Hinweise** - Du arbeitest mit deutschsprachigen Rohtexten. - Du reagierst freundlich, aber direkt – keine lange Einleitung nötig. - Deine Aufgabe endet nach der Prompt-Formulierung und Zusammenfassung. - Du wartest nicht auf Freigabe – du legst sofort los, sobald Text da ist.</code></pre> <p>Die Anweisungen oben funktionieren selbstverständlich auch direkt, wenn ihr sie in einen Chat einfügt – ohne sie als ein GPT oder Gem zu hinterlegen. <a href="https://chatgpt.com/g/g-69357e86d2708191859d1ec6c3a89d2f-promptpolierer" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Hier habt ihr den Link zum GPT</a>, um es direkt zu benutzen. <a href="https://drive.google.com/file/d/1lvS4Gxvsw1iWbM8NGiPbuFbVeR-rZfZn/view?usp=sharing" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Und hier ist ein Link zu der .md-Datei mit den Anweisungen.</a></p> <p>Viel Spaß beim Prompten!</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/PromptPolierer_Beitragsbild-1.png" /><h1>Prompts automatisiert entwickeln mit KI</h1><h2>By Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>In diesem Blogbeitrag will ich zeigen, wie ich meine Prompts weitgehend automatisiert erstelle. Dabei geht es hier um Prompts für komplexe Aufgaben und Workflows. Bei einfachen Aufgaben braucht ihr heutzutage kein ausgeklügeltes Prompt Engineering mehr. Mittlerweile sind Große Sprachmodelle (LLMs – Large Language Models) so gut, dass sie auch mit mangelhaften Eingaben gute Ausgaben liefern. Auch  das komplexere Prompting nehmen uns LLMs zum großen Teil ab: Am schnellsten können wir optimale Prompts mithilfe von KI entwickeln. Darum geht es in diesem Beitrag.</p> <p>Selbstverständlich ist Prompt Engineering durch die KI-Hilfe nicht tot, sondern anders geworden: Früher halfen wir Sprachmodellen mit Prompt Engineering, unsere Prompts zu verstehen. Heute helfen uns Sprachmodelle mit Prompt Engineering, unsere Prompts zu verfassen.</p> <p>Außerdem helfen uns die Bots zu lernen, richtig zu prompten: Ich habe Gemini gebeten, jeden meiner Prompts optimiert am Ende der Antwort im Markdown-Format auszugeben (markierte Anweisung):</p> <h2 id="h-gemini-bringt-mir-das-prompten-bei">Gemini bringt mir das Prompten bei</h2> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-55.png"><img alt="" decoding="async" height="586" sizes="(max-width: 845px) 100vw, 845px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-55.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-55.png 845w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-55-300x208.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-55-768x533.png 768w" width="845"></img></a></figure> <p>Das könnt ihr in ChatGPT in den Einstellungen genauso machen:</p> <pre><code>"Einstellungen" -&gt; "Personalisierung" -&gt; "Individuelle Hinweise".</code></pre> <p>Oder wollt ihr in jeder Ausgabe in ChatGPT nicht euren optimierten Prompt haben? Dann könnt ihr dort ein Projekt anlegen und in den Projekteinstellungen “Hinweise” einfügen – so bekommt ihr den optimierten Prompt im Markdown-Format nur in den Chats in diesem Projekt. Zurück aber zu Gemini:<aside></aside></p> <p>Z. B. füge ich in Gemini den folgenden (mangelhaften) Prompt ein: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57.png"><img alt="" decoding="async" height="478" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57-1024x478.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57-1024x478.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57-300x140.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57-768x358.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57.png 1217w" width="1024"></img></a></figure> <p>Gemini beantwortet zuerst meine Frage und gibt anschließend meinen Prompt optimiert im Markdown-Format in einem “`Code-Block“` aus. – Code-Block ist in ChatGPT und Gemini das graue Feld, in dem Programm-Codes ohne Formatierungszeichen ausgegeben werden:</p> <pre><code># Frage zur Konfiguration von Gemini-Anweisungen **Kontext:** Ich nutze derzeit folgende Anweisung in meinem Gemini UI: &gt; "Wenn ich in meinem Prompt Markdown-Zeichen verwende, optimiere den Prompt strukturell und gib ihn am Ende deiner Antwort im Markdown-Format in einem Code-Feld aus. Achte dabei darauf, den Prompt inhaltlich nicht zu erweitern: Er darf nur das Wissen enthalten, das aus meinem ursprünglichen Prompt hervorgeht, und darf keine Fakten aus deiner aktuellen Antwort vorwegnehmen." **Frage:** Ist es sinnvoll, diesen "Systemprompt" innerhalb der Gemini-Einstellungen direkt im Markdown-Format zu hinterlegen?</code></pre> <p>Der Prompt von Gemini ist besser strukturiert als mein ursprünglicher Prompt, auch wenn etwas übertrieben mit “# Frage zur Konfiguration von Gemini-Anweisungen” betitelt. – (# und ** sind Formatierungszeichen der Markdown-Sprache – Erklärung siehe unten).</p> <p>Noch zielführender wäre der Prompt in einer “klassischen” Rolle-Kontext-Aufgabe/Frage-Struktur, z.B. so:</p> <pre><code># Rolle Du bist ein Experte für Prompt Engineering im Gemini UI # Kontext Ich nutze derzeit folgende Anweisung in meinem **Gemini UI**: &gt; "Wenn ich in meinem Prompt Markdown-Zeichen verwende, optimiere den Prompt strukturell und gib ihn am Ende deiner Antwort im Markdown-Format in einem Code-Feld aus. Achte dabei darauf, den Prompt inhaltlich nicht zu erweitern: Er darf nur das Wissen enthalten, das aus meinem ursprünglichen Prompt hervorgeht, und darf keine Fakten aus deiner aktuellen Antwort vorwegnehmen." # Frage Ist es sinnvoll, diesen "Systemprompt" innerhalb der Gemini-Einstellungen direkt im Markdown-Format zu hinterlegen? </code></pre> <p>Daraus folgt die wichtigste Regel für die Arbeit mit Sprachmodellen: </p> <p>Wir müssen jede Zeile der Ausgabe eines Sprachmodells kontrollieren. </p> <h2 id="h-was-ist-aber-markdown">Was ist aber Markdown?</h2> <p><a href="https://www.markdownguide.org/cheat-sheet/" rel="noopener" target="_blank">Markdown ist eine Auszeichnungssprache</a>, die von Menschen und Maschinen gut lesbar ist. Diese Dateien können in Texteditoren mit der Erweiterung “.md” gespeichert werden. Sie enthalten nur wenige verdeckte Formatierungszeichen. Das irritiert die Bots viel weniger als Word-, PDF- oder HTML-Dateien. Prompts im Markdown-Format sind die effizientesten. Dabei braucht man fürs Prompten meist nur einige wichtigste Markdown-Zeichen wie “#”, “##” und “###” für Überschriften, “**fettgedruckter Text**”, um Begriffe zu betonen, oder “—“, um thematische Abschnitte zu trennen:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-58.png"><img alt="" decoding="async" height="911" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 705px) 100vw, 705px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-58.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-58.png 705w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-58-232x300.png 232w" width="705"></img></a></figure> <p>Nach diesen Erklärungen kann ich endlich zeigen, wie ich die Entwicklung meiner Prompts automatisiere.</p> <h2 id="h-automatisierung-der-entwicklung-meiner-prompts-in-zwei-schritten">Automatisierung der Entwicklung meiner Prompts in zwei Schritten</h2> <ol> <li><strong>Schritt:</strong> Schnelles und oft stichwortartiges Eintippen oder Einsprechen eines unstrukturierten Prompts mit Redundanzen, Versprechern und Füllwörtern. So wie wir eben sprechen -&gt; <strong>Roher Prompt</strong>.</li> <li><strong>Schritt: </strong>Optimieren des Rohen Prompts mit einem von mir selbst entwickelten “custom GPT” (in ChatGPT) oder Gems (in Gemini), den ich <strong>PromptPolierer</strong> nenne.</li> </ol> <h3 id="h-roher-prompt">Roher Prompt</h3> <p>Den Rohen Prompt kann man schnell eintippen oder direkt im Chat einsprechen. Dabei sind diese zwei Pfeiler eines guten Prompts besonders wichtig:</p> <ul> <li><strong>Das Ziel</strong>: Was will man mit dem Prompt erreichen?</li> <li><strong>Der gesamte Kontext der Aufgabe</strong>: Alles, was einem zur Aufgabe einfällt.</li> </ul> <p>Auf dem Screenshot meines Chats in ChatGPT seht ihr einen solchen schnell eingesprochenen Text. Aus diesem Text entwickelt mein <strong>PromptPolierer</strong> einen optimale Prompt:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59.png"><img alt="" decoding="async" height="687" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59-1024x687.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59-1024x687.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59-300x201.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59-768x516.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59.png 1272w" width="1024"></img></a></figure> <p>Wenn ihr den Text einsprechen wollt, eignet sich dafür das ChatGPT UI am besten. Im Video <a href="https://youtu.be/eKM_IJiypzI?si=yYqKuHYpVvzoIjDU" rel="noreferrer noopener" target="_blank">„K.I. Kompakt: Mail- und Prompt-Entwicklung mit leistungsstarken Sprech-Funktionen in ChatGPT“ </a> habe ich zwei beeindruckende Spracherkennungsfunktionen im ChatGPT User Interface (ChatGPT) vorgestellt:</p> <p>👉 „Diktieren“, basierend auf OpenAIs Whisper (Speech-to-Text)</p> <p>👉 „Fortgeschrittener Audio-Modus“ (Streaming), auf Basis des multimodalen GPT-4o (Speech-to-Text und Text-to-Speech)</p> <p>Diese Sprachmodulle sparen mir massiv Zeit und Arbeit. In keinem anderen User Interface wird das Eingesprochene so gut erkannt wie in ChatGPT: Die Spracherkennung in ChatGPT ist die beste der Welt. Sogar meine tschechischen Umlaute erkennen die Spracherkennungsfunktionen in ChatGPT perfekt. Darf ich mich hier vor der automatischen Optimierung des Prompts etwas outen? 😊</p> <h3 id="h-mit-deutschen-umlauten-unterwegs">Mit deutschen Umlauten unterwegs</h3> <p>Ja, ja … ich kann tatsächlich nach 44 Jahren als Tscheche in Deutschland immer noch nicht deutsche Umlaute aussprechen: Das Wort <strong>“Kühlflüssigkeitsüberlaufbehälter”</strong> ist für mich eine unüberwindbare Hürde. Das war früher mal auch für ChatGPT ein großes Problem. Als ich ChatGPT-3.5 auftrug, “Kühlflüssigkeitsüberlaufbehälter” zu buchstabieren, ist der Bot abgestürzt:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63.png"><img alt="" decoding="async" height="662" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63-1024x662.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63-1024x662.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63-300x194.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63-768x496.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63-1536x993.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63.png 1666w" width="1024"></img></a></figure> <p>Mittlerweile verstehen mich die Spracherkennungsmodule in ChatGPT perfekt und viel besser als in allen anderen Apps. Egal ob in Google- oder Microsoft-Anwendungen: So präzise, so intuitiv wie in ChatGPT bekomme ich meinen “behmischen” Akzent nirgendwo in Textform gegossen. Auf dem folgenden Bild seht ihr, wie die Diktierfunktion von Gemini und ChatGPT die von mir eingesprochenen Begriffe “Deep Research Modell”, “ChatGPT” und “Gemini” interpretieren: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <p>ChatGPT ist der eindeutige Sieger – es hat kein einziges Wort falsch aufgenommen. Na ja – Geminis “Dieb Resort” und „Tschetschi PT“ haben auch ihren Reiz. 🤣</p> <p>Klar macht es mein tschechischer Akzent den Modellen nicht ganz leicht. Aber ich vermute, auch bei den “Eingeborenen” (in Deutschland) sind die Unterschiede spürbar.</p> <p>🎤 𝗣𝗿𝗼𝗯𝗶𝗲𝗿𝘁’𝘀 𝘀𝗲𝗹𝗯𝘀𝘁 𝗮𝘂𝘀 – 𝘂𝗻𝗱 𝗴𝗲𝗯𝘁 𝗺𝗶𝗿 𝗕𝗲𝘀𝗰𝗵𝗲𝗶𝗱! 😊</p> <p>Sobald der Rohtext durch die Spracherkennung (oder druchs Eintippen) eingefangen wurde, folgt Schritt 2:</p> <h2 id="h-promptpolierer-nbsp">PromptPolierer </h2> <p>Im zweiten Schritt der Prompt-Entwicklung lasse ich den Prompt mit einem dafür entwickelten GPT (in ChatGPT) oder Gem (in Gemini), dem <strong>PromptPolierer</strong>, optimieren: Wenn ich mit Gemini arbeite, füge ich die in ChatGPT eingesprochene Eingabe in Gemini ein. Wichtig sind hier drei Sachen:</p> <ol> <li><strong>Der Bot (PromptPolierer) soll den Rohen Prompt nicht selbst ausführen, sondern nur optimieren:</strong> Sprachmodelle geben gern mit ihrem Wissen umfangreich an. Deswegen habe ich dem Bot ordentlich einbläuen müssen, nur den Prompt zu entwickeln: Nicht die Aufgabe im Rohen Prompt zu erfüllen.</li> <li><strong>Der Bot soll nicht zusätzliche Annahmen über den Kontext des Prompts machen</strong> bzw. den Prompt massiv mit Sachen erweitern, die man nicht haben will.</li> <li><strong>Wir müssen den optimierten Prompt Zeile für Zeile durchgehen und ändern, was uns nicht passt.</strong> Dabei solltet ihr beim Brainstorming mit dem Bot den Prompt in einem Texteditor ablegen und die Anpassungen selbst machen. So könnt ihr die vom Bot vorgeschlagenen Änderungen selbst kontrollieren und verhindern, dass der Bot einen gut entwickelten Prompt an einer Stelle gewollt anpasst, an einer anderen Stelle aber ungewollt kürzt. Hier darf man nie aus der Sicht verlieren, dass Ausgaben probabilistischer Modelle eben probabilistisch sind. Klar gibt euch der Bot den geänderten Prompt immer wieder aus. Ihr dürft den Prompt aber nur am Anfang der Entwicklung ganz übernehmen. Alle folgenden Optimierungen solltet ihr entsprechend den Anweisungen des Bots selbst machen.</li> <li>Wegen des langen <strong>“Promptschwanzes” (der Kontexthistorie) in einem Chat und der Autoregressivität der Modelle</strong> sollte der angepasste Prompt dem Bot in den Chat immer wieder eingefügt werden. Das ist wichtig, damit der Bot bei der Aufgabe bleibt: Im Grunde fügt die Maschine beim Brainstorming dem langen Promptschwanz immer das nächste wahrscheinlichste Wort hinzu: Ohne zu unterscheiden, was im Promptschwanz von der Maschine und was von euch stammt: Die letzten Promptteile beeinflussen am stärksten die nächsten. Davon aber in einem anderen Blog.</li> </ol> <p>Im folgenden (grauen) Code-Block findet ihr die benutzerdefinierten Hinweise (Anleitung/Anweisung – Systemprompt) des GPTs/Gems <strong>PromptPolierer</strong> im Markdown-Format. Sie sind sicher nicht perfekt, da schnell durch Herumprobieren entwickelt. Manche Redundanzen darin sollen den Bot dazu bringen, sich an die Anweisungen zu halten. Z. B. hat der Bot hin und wieder die Aufgabe gelöst, statt den Prompt dafür zu entwickeln. So musste ich die Anweisung durch Wiederholung verstärken – bis es funktioniert hat. Ihr könnt damit gern experimentieren und die Hinweise euren Wünschen entsprechend anpassen:</p> <pre><code># Rolle Du bist ein Experte für **Prompt Engineering und Textstrukturierung**. Deine einzige Aufgabe ist es, rohe, unstrukturierte oder fehlerhafte Nutzereingaben in professionelle, effektive Prompts für Large Language Models (LLMs) zu verwandeln. # 🎯 Ziel / Objective Hilf den Nutzer:innen dabei, aus unstrukturierten Rohtexten oder vagen Ideen klare, effektive Prompts für ChatGPT (oder andere LLMs) zu erstellen. Erkenne automatisch die Absicht und den geeigneten Prompt-Typ (z. B. Analyse, Schreiben, Datei-Verarbeitung, kreative Aufgaben) und formuliere den idealen Prompt. --- # 🧠 Was dieses GPT tun soll (Workflow) 1. **Rohtext verstehen** Analysiere die Absicht und das Ziel hinter einem vagen oder unklaren Input. 2. **Prompt-Typ identifizieren** Erkenne automatisch, ob es sich z. B. um eine Analyse, einen Schreibstil, eine Bildbeschreibung, eine Dateiverarbeitung, die Erstellung von Custome Instructions o. Ä. handelt. 3. **Strukturierten Prompt formulieren** Erstelle einen optimierten, vollständigen Prompt für ein LLM – grammatikalisch korrekt, logisch aufgebaut, ohne Redundanzen: Rolle des Bots, Ziel und Kontext der Aufgabe, Fragen usw. 4. **Sprache &amp; Logik verbessern** Formuliere klar, vermeide unklare Begriffe oder Wiederholungen und ordne die Informationen sinnvoll. 5. **Zusammenfassung geben** Erkläre am Ende in 2–3 Sätzen, was im Rohtext enthalten war und wie du den finalen Prompt daraus entwickelt hast. 6. **Bei Datei-/Texthinweisen aktiv nach Input fragen** Wenn im Rohtext auf eine Datei oder einen Text verwiesen wird, aber nichts hochgeladen oder eingefügt wurde, bitte den Nutzer freundlich, dies jetzt nachzuholen: &gt; „Bitte lade nun deine Datei hoch oder füge den gewünschten Text hier ein.“ 7. **Sofort starten** Beginne direkt mit der Verarbeitung, sobald der Nutzer einen Text oder eine Idee übermittelt – warte nicht auf Bestätigung. --- # 🧠🛑 **Meta-Regel: Priorität Prompt-Erstellung** - Du agierst **ausschließlich als Prompt-Designer**, nicht als Problemlöser. - Deine **primäre und übergeordnete Aufgabe** ist es, **einen Prompt zu erstellen**, der ein **anderes Sprachmodell** anweist, die gewünschte Aufgabe auszuführen. - Du **führst die Aufgabe selbst nicht aus**, auch wenn sie einfach erscheint oder fachlich möglich wäre. - Inhalte wie Texte, Analysen, Konzepte, Custom Instructions oder Ausarbeitungen dürfen **nur im Rahmen des formulierten Prompts beschrieben werden**, nicht als direkte Lösung. ➡️ **Grundsatz:** &gt; *Prompt-Erstellung hat immer Vorrang vor Aufgaben-Ausführung.* --- # 📤 **Output-Regeln** - Dein Output besteht **immer mindestens aus einem klar gekennzeichneten Prompt** (z. B. „🎯 Optimierter Prompt“). - Du lieferst **keine fertigen Ergebnisse**, sondern nur die **Anweisung**, wie ein anderes Modell diese erstellen soll. - Wenn Informationen fehlen (z. B. erwähnte Dateien, alte Entwürfe, Texte), **fragst du gezielt danach**, ohne Inhalte zu erfinden oder zu ergänzen. - Du gibst den gewünschten Prompt im **Markdown-Format** im **Code-Block** aus. --- # 🧩 **Letzte Hinweise** - Du arbeitest mit deutschsprachigen Rohtexten. - Du reagierst freundlich, aber direkt – keine lange Einleitung nötig. - Deine Aufgabe endet nach der Prompt-Formulierung und Zusammenfassung. - Du wartest nicht auf Freigabe – du legst sofort los, sobald Text da ist.</code></pre> <p>Die Anweisungen oben funktionieren selbstverständlich auch direkt, wenn ihr sie in einen Chat einfügt – ohne sie als ein GPT oder Gem zu hinterlegen. <a href="https://chatgpt.com/g/g-69357e86d2708191859d1ec6c3a89d2f-promptpolierer" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Hier habt ihr den Link zum GPT</a>, um es direkt zu benutzen. <a href="https://drive.google.com/file/d/1lvS4Gxvsw1iWbM8NGiPbuFbVeR-rZfZn/view?usp=sharing" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Und hier ist ein Link zu der .md-Datei mit den Anweisungen.</a></p> <p>Viel Spaß beim Prompten!</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/prompts-automatisiert-entwickeln/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>16</slash:comments> </item> <item> <title>Erinnern und rechte Gewalt: Welche Begriffe können den Blick für rechte Gewalt schärfen? https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/erinnern-und-rechte-gewalt-welche-begriffe-koennen-den-blick-fuer-rechte-gewalt-schaerfen/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/erinnern-und-rechte-gewalt-welche-begriffe-koennen-den-blick-fuer-rechte-gewalt-schaerfen/#respond Mon, 16 Feb 2026 15:13:59 +0000 Rime Abd Al Majeed https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=381 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-1-768x512.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/erinnern-und-rechte-gewalt-welche-begriffe-koennen-den-blick-fuer-rechte-gewalt-schaerfen/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-1-scaled.jpg" /><h1>Erinnern und rechte Gewalt: Welche Begriffe können den Blick für rechte Gewalt schärfen? » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Rime Abd Al Majeed</h2><div itemprop="text"> <p>Was heißt es, sich mit rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt auseinanderzusetzen, ohne vorschnell zu erklären, zu schließen oder zu versöhnen? Diese Frage steht im Zentrum unseres Projekts, das von Beginn an zwei methodische Zugänge eng miteinander verschränkt hat: künstlerische Forschung und theoretische Reflexion. Beide wurden nicht als getrennte Arbeitsschritte verstanden, sondern als sich wechselseitig herausfordernde und produktive Verfahren. Hier geben wir einen Einblick in die Begriffe unseres bisherigen Prozesses und zeigen, wie daraus eine Ausstellung entstehen kann.</p> <p><p><strong>Künstlerische Forschung an den Lücken der Erinnerung</strong>Der menschliche Alltag ist geprägt von Vergessen, Erinnern ist eine aufwändige Mehrarbeit – insbesondere, wenn es sich um Themen handelt, die gesellschaftlich, also kollektiv, geleistet werden müssen. Rechte Gewalt gehört hierzu. Hierfür reicht es nicht, nur in die Vergangenheit zu blicken, vielmehr muss der Bogen zur Gegenwart gespannt werden, um Kontinuitäten und Verbindungen zu verstehen und Wiederholungen zu vermeiden. Ausgehend von einem künstlerisch-theoretischen Ansatz, sich der Erinnerung an rechte Gewalt über ihre Vermeidung zu nähern, beschäftigen wir uns in diesem Projekt mit verschiedenen Begriffen. Intensive Lektüren und Diskussionen mit Texten und künstlerischen Positionen, die Gewalt, Erinnerung und die Bedingungen von Wahrnehmung thematisieren – lenken unsere Auseinandersetzung insbesondere dorthin, wo rassistische und antisemitische Gewalt nicht als Ausnahme, sondern als Ausdruck gesellschaftlicher Normalität erscheint. Diese Auseinandersetzungen dienen nicht der bloßen Wissensakkumulation. Vielmehr geht es darum, Begriffe zu schärfen, methodische Fragen zu entwickeln und eine Perspektive zu finden, die tiefergehende Möglichkeiten der Erinnerung bilden soll.</p><br></br>Die künstlerische Praxis besteht hierbei nicht einfach nur daraus, theoretische Ergebnisse „anzuwenden“, vielmehr können Erkenntnisse aus der Theorie sowie aus künstlerischen und aktivistischen Methoden die künstlerische Praxis und die Theoriearbeit inspirieren. Künstlerische Strategien, Ausstellungsformate und kollaborative Arbeitsweisen sind dabei eigenständige Formen der Erkenntnis.<br></br> <br></br>Von Anfang an war das Projekt zweigleisig angelegt: Neben der Arbeit im interdisziplinären Team bestand der Anspruch, eine Gruppe von Studierenden langfristig einzubinden und sie in ihrer eigenen Auseinandersetzung mit dem Themenfeld zu begleiten. Seit Sommer 2025 arbeitet diese Gruppe an eigenen künstlerischen Projekten, die von Januar bis März 2026 in einer Rechercheausstellung im NS-Dokumentationszentrum München gezeigt werden.<br></br> </p> <p><br></br> <br></br><strong>Vier Begriffe, die Erinnerung strukturieren können</strong></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="676" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-1024x676.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-1024x676.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-300x198.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-768x507.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-1536x1014.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-2048x1352.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><br></br>Aus der gemeinsamen Arbeit haben sich vier inhaltliche Schwerpunkte und damit Schlüsselbegriffe herauskristallisiert, die weniger als abgeschlossen, sondern als ineinandergreifende Denkfiguren zu verstehen sind.</p> <p><br></br><strong>Gewalt </strong>war der Ausgangspunkt. Zentrale Voraussetzung unserer Arbeit ist ein Gewaltbegriff, der rechtsextreme Taten nicht isoliert betrachtet, sondern sie in Beziehung zu gesellschaftlichen Verhältnissen setzt, die selbst gewaltförmig sind. Rassismus und Antisemitismus erscheinen dabei nicht nur als Motive einzelner Täter:innen, sondern als strukturelle Normalität, die beeinflusst, was gesehen, benannt und anerkannt wird. Dass die Perspektiven von Betroffenen und Angehörigen – wie etwa im Kontext der NSU-Morde – systematisch ignoriert wurden, verstehen wir selbst als Teil eines erweiterten Gewaltbegriffs: Gewalt zeigt sich nicht nur in den Taten, sondern auch im institutionellen und gesellschaftlichen Nicht-Wahrnehmen.<aside></aside></p> <p><br></br>Aus dieser Diagnose heraus rückte der Begriff der <strong>Lücke</strong> ins Zentrum unserer Arbeit. Er bezeichnet jene Brüche, Leerstellen und Blockaden, die eine gewaltvolle Normalität in Wahrnehmung, Wissen und Erinnerung hinterlassen. Inspiriert von Saidiya Hartmans Überlegungen zu den Archiven der Sklaverei verstehen wir diese Lücken nicht als Defizite, die gefüllt werden müssten, sondern als Spuren von Gewalt, die sichtbar gemacht werden sollten. Anstatt zu erklären oder „bessere“ Erinnerungsformen vorzuschlagen, interessiert uns eine künstlerische Praxis, die Nicht-Wissen, Unverständnis und Verdrängung thematisiert – und darin eine andere Form der Reflexion eröffnet.</p> <p><br></br>Unmittelbar damit verbunden ist die Frage der <strong>Situiertheit</strong>. Für wen existieren diese Lücken eigentlich? Die Geschichte rechter Gewalt zeigt, dass Wissen ungleich verteilt ist und eng mit sozialen Positionen zusammenhängt. Während Angehörige und Betroffene häufig früh auf rassistische Motive hinweisen, bleiben diese Einsichten für andere unsichtbar. Unsere Arbeit fragt daher danach, welche Erfahrungen und Positionierungen Wissen ermöglichen oder verhindern – und wie künstlerische Arbeiten eine Reflexion der eigenen Situiertheit, der eigenen Wahrnehmungslücken und der Grenzen des Verstehens leisten können.</p> <p><br></br>Der vierte Schwerpunkt betrifft den <strong>Raum</strong>. Rechte Gewalt ereignet sich an konkreten Orten des Alltags, denen diese Geschichte meist nicht anzusehen ist. Gerade darin liegt eine weitere Lücke: Tatorte werden zu „normalen“ Orten, während Erinnerungsarbeit oft unsichtbar bleibt oder politisch umkämpft ist. Künstlerische und aktivistische Arbeiten haben uns gezeigt, wie Räume diese Unsichtbarkeit zugleich reproduzieren und infrage stellen können. Im Projekt versuchen die Studierenden, mit dieser Spannung zu arbeiten: Sie fragen danach, was Orte erinnern, wie Nicht-Sehen thematisiert werden kann und wie sich individuelle Erfahrungen von Rassismus, Solidarität oder Migration räumlich artikulieren lassen.<br></br>Diese Überlegungen prägen auch das Ausstellungskonzept. Die Rechercheausstellung im NS-Dokumentationszentrum wird bewusst kein klassischer White Cube, also kein neutraler weißer Ausstellungsraum sein. Stattdessen intervenieren die Arbeiten in den institutionellen und architektonischen Raum: in Durchgängen, Treppenhäusern, Schließfächern oder Auslageflächen. Kunst fügt sich ein, unterbricht Routinen, wandert aus der Institution hinaus und stellt die Frage, wie Erinnerung nicht nur gezeigt, sondern räumlich erfahren werden kann.<br></br>So versteht sich das Projekt insgesamt als ein offener Prozess – eine gemeinsame Arbeit an den Lücken der Wahrnehmung, die weniger Antworten liefert als neue Formen des Fragens ermöglicht.<br></br> </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-1-scaled.jpg" /><h1>Erinnern und rechte Gewalt: Welche Begriffe können den Blick für rechte Gewalt schärfen? » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Rime Abd Al Majeed</h2><div itemprop="text"> <p>Was heißt es, sich mit rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt auseinanderzusetzen, ohne vorschnell zu erklären, zu schließen oder zu versöhnen? Diese Frage steht im Zentrum unseres Projekts, das von Beginn an zwei methodische Zugänge eng miteinander verschränkt hat: künstlerische Forschung und theoretische Reflexion. Beide wurden nicht als getrennte Arbeitsschritte verstanden, sondern als sich wechselseitig herausfordernde und produktive Verfahren. Hier geben wir einen Einblick in die Begriffe unseres bisherigen Prozesses und zeigen, wie daraus eine Ausstellung entstehen kann.</p> <p><p><strong>Künstlerische Forschung an den Lücken der Erinnerung</strong>Der menschliche Alltag ist geprägt von Vergessen, Erinnern ist eine aufwändige Mehrarbeit – insbesondere, wenn es sich um Themen handelt, die gesellschaftlich, also kollektiv, geleistet werden müssen. Rechte Gewalt gehört hierzu. Hierfür reicht es nicht, nur in die Vergangenheit zu blicken, vielmehr muss der Bogen zur Gegenwart gespannt werden, um Kontinuitäten und Verbindungen zu verstehen und Wiederholungen zu vermeiden. Ausgehend von einem künstlerisch-theoretischen Ansatz, sich der Erinnerung an rechte Gewalt über ihre Vermeidung zu nähern, beschäftigen wir uns in diesem Projekt mit verschiedenen Begriffen. Intensive Lektüren und Diskussionen mit Texten und künstlerischen Positionen, die Gewalt, Erinnerung und die Bedingungen von Wahrnehmung thematisieren – lenken unsere Auseinandersetzung insbesondere dorthin, wo rassistische und antisemitische Gewalt nicht als Ausnahme, sondern als Ausdruck gesellschaftlicher Normalität erscheint. Diese Auseinandersetzungen dienen nicht der bloßen Wissensakkumulation. Vielmehr geht es darum, Begriffe zu schärfen, methodische Fragen zu entwickeln und eine Perspektive zu finden, die tiefergehende Möglichkeiten der Erinnerung bilden soll.</p><br></br>Die künstlerische Praxis besteht hierbei nicht einfach nur daraus, theoretische Ergebnisse „anzuwenden“, vielmehr können Erkenntnisse aus der Theorie sowie aus künstlerischen und aktivistischen Methoden die künstlerische Praxis und die Theoriearbeit inspirieren. Künstlerische Strategien, Ausstellungsformate und kollaborative Arbeitsweisen sind dabei eigenständige Formen der Erkenntnis.<br></br> <br></br>Von Anfang an war das Projekt zweigleisig angelegt: Neben der Arbeit im interdisziplinären Team bestand der Anspruch, eine Gruppe von Studierenden langfristig einzubinden und sie in ihrer eigenen Auseinandersetzung mit dem Themenfeld zu begleiten. Seit Sommer 2025 arbeitet diese Gruppe an eigenen künstlerischen Projekten, die von Januar bis März 2026 in einer Rechercheausstellung im NS-Dokumentationszentrum München gezeigt werden.<br></br> </p> <p><br></br> <br></br><strong>Vier Begriffe, die Erinnerung strukturieren können</strong></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="676" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-1024x676.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-1024x676.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-300x198.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-768x507.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-1536x1014.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-2048x1352.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><br></br>Aus der gemeinsamen Arbeit haben sich vier inhaltliche Schwerpunkte und damit Schlüsselbegriffe herauskristallisiert, die weniger als abgeschlossen, sondern als ineinandergreifende Denkfiguren zu verstehen sind.</p> <p><br></br><strong>Gewalt </strong>war der Ausgangspunkt. Zentrale Voraussetzung unserer Arbeit ist ein Gewaltbegriff, der rechtsextreme Taten nicht isoliert betrachtet, sondern sie in Beziehung zu gesellschaftlichen Verhältnissen setzt, die selbst gewaltförmig sind. Rassismus und Antisemitismus erscheinen dabei nicht nur als Motive einzelner Täter:innen, sondern als strukturelle Normalität, die beeinflusst, was gesehen, benannt und anerkannt wird. Dass die Perspektiven von Betroffenen und Angehörigen – wie etwa im Kontext der NSU-Morde – systematisch ignoriert wurden, verstehen wir selbst als Teil eines erweiterten Gewaltbegriffs: Gewalt zeigt sich nicht nur in den Taten, sondern auch im institutionellen und gesellschaftlichen Nicht-Wahrnehmen.<aside></aside></p> <p><br></br>Aus dieser Diagnose heraus rückte der Begriff der <strong>Lücke</strong> ins Zentrum unserer Arbeit. Er bezeichnet jene Brüche, Leerstellen und Blockaden, die eine gewaltvolle Normalität in Wahrnehmung, Wissen und Erinnerung hinterlassen. Inspiriert von Saidiya Hartmans Überlegungen zu den Archiven der Sklaverei verstehen wir diese Lücken nicht als Defizite, die gefüllt werden müssten, sondern als Spuren von Gewalt, die sichtbar gemacht werden sollten. Anstatt zu erklären oder „bessere“ Erinnerungsformen vorzuschlagen, interessiert uns eine künstlerische Praxis, die Nicht-Wissen, Unverständnis und Verdrängung thematisiert – und darin eine andere Form der Reflexion eröffnet.</p> <p><br></br>Unmittelbar damit verbunden ist die Frage der <strong>Situiertheit</strong>. Für wen existieren diese Lücken eigentlich? Die Geschichte rechter Gewalt zeigt, dass Wissen ungleich verteilt ist und eng mit sozialen Positionen zusammenhängt. Während Angehörige und Betroffene häufig früh auf rassistische Motive hinweisen, bleiben diese Einsichten für andere unsichtbar. Unsere Arbeit fragt daher danach, welche Erfahrungen und Positionierungen Wissen ermöglichen oder verhindern – und wie künstlerische Arbeiten eine Reflexion der eigenen Situiertheit, der eigenen Wahrnehmungslücken und der Grenzen des Verstehens leisten können.</p> <p><br></br>Der vierte Schwerpunkt betrifft den <strong>Raum</strong>. Rechte Gewalt ereignet sich an konkreten Orten des Alltags, denen diese Geschichte meist nicht anzusehen ist. Gerade darin liegt eine weitere Lücke: Tatorte werden zu „normalen“ Orten, während Erinnerungsarbeit oft unsichtbar bleibt oder politisch umkämpft ist. Künstlerische und aktivistische Arbeiten haben uns gezeigt, wie Räume diese Unsichtbarkeit zugleich reproduzieren und infrage stellen können. Im Projekt versuchen die Studierenden, mit dieser Spannung zu arbeiten: Sie fragen danach, was Orte erinnern, wie Nicht-Sehen thematisiert werden kann und wie sich individuelle Erfahrungen von Rassismus, Solidarität oder Migration räumlich artikulieren lassen.<br></br>Diese Überlegungen prägen auch das Ausstellungskonzept. Die Rechercheausstellung im NS-Dokumentationszentrum wird bewusst kein klassischer White Cube, also kein neutraler weißer Ausstellungsraum sein. Stattdessen intervenieren die Arbeiten in den institutionellen und architektonischen Raum: in Durchgängen, Treppenhäusern, Schließfächern oder Auslageflächen. Kunst fügt sich ein, unterbricht Routinen, wandert aus der Institution hinaus und stellt die Frage, wie Erinnerung nicht nur gezeigt, sondern räumlich erfahren werden kann.<br></br>So versteht sich das Projekt insgesamt als ein offener Prozess – eine gemeinsame Arbeit an den Lücken der Wahrnehmung, die weniger Antworten liefert als neue Formen des Fragens ermöglicht.<br></br> </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/erinnern-und-rechte-gewalt-welche-begriffe-koennen-den-blick-fuer-rechte-gewalt-schaerfen/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Achtung, Triggerwarnung! Sinn oder Unsinn? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/achtung-triggerwarnung-sinn-oder-unsinn/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/achtung-triggerwarnung-sinn-oder-unsinn/#comments Mon, 16 Feb 2026 12:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3552 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/knerri61-stop-634941_1920-1-768x436.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/achtung-triggerwarnung-sinn-oder-unsinn/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/knerri61-stop-634941_1920-1.jpg" /><h1>Achtung, Triggerwarnung! Sinn oder Unsinn? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Hilft es, eine Warnung zu geben? Und wenn ja: Wie sollte sie aussehen?</strong></p> <span id="more-3552"></span> <p>Ein “Trigger” ist ein Reiz, der eine bestimmte emotionale Reaktion wie Angst, Schmerz oder auch eine Dissoziation auslösen kann. Letztere bezeichnet, vereinfacht gesagt, das Herausfallen oder Auseinanderfallen bestimmter psychischer Erlebnisse oder Funktionen. Menschen mit schweren traumatischen Erfahrungen können hiervon besonders betroffen sein.</p> <p>Der Begriff “Triggerwarnung” hat sich in den letzten rund 15 Jahren durchgesetzt und wurde inzwischen auch in den Duden aufgenommen. Die Warnung soll einer Person, die für Trigger anfällig ist, die Möglichkeit geben, sich auf den Reiz vorzubereiten – oder vielleicht auch wegzuschauen, umzuschalten oder nicht weiterzulesen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>In Büchern kommt der Begriff “Triggerwarnung” seit etwa 2010 häufiger vor. Interessanterweise findet er in deutschsprachigen Büchern (rot) inzwischen rund dreimal häufiger Erwähnung als in englischsprachigen (blau). Skala: 10^-6 Prozent. Datenquelle: Google Books Ngram</em></p> <p>Ähnlich wie Jugendschutzregeln, die Eltern dabei helfen sollen, passende Inhalte für ihre Kinder auszuwählen, können Triggerwarnungen einen bewussteren Umgang fördern: Wer zum Beispiel weiß, dass er auf Details über schwere Verbrechen, Unfälle oder Kriegsgeschehen stark reagiert, bekommt durch den Hinweis vorab mehr Möglichkeiten.<aside></aside></p> <p>Doch helfen Triggerwarnungen wirklich oder handelt es sich dabei eher um eine symbolische, womöglich “woke” Handlung, mit der man eher die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Identität ausdrückt? Und wenn sie helfen, wie sollten sie idealerweise gestaltet sein? Ein Team aus der Psychologie um Philipp Herzog von der Universität Kaiserslautern-Landau hat das jetzt experimentell untersucht.</p> <h2 id="h-brutale-filme">Brutale Filme</h2> <p>Die Forscherinnen und Forscher suchten dafür über soziale Medien, Newsletter und Flyer Probanden. Von den Freiwilligen wurden 59 vom Versuch ausgeschlossen, weil sie akut unter posttraumatischem Stress oder einer anderen psychischen Störung litten. Personen mit traumatischen Erfahrungen in der Vergangenheit wurden aber gerade nicht ausgeschlossen, weil sie für den Versuch über Trigger besonders aufschlussreich waren.</p> <p>Die verbleibenden 143 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten sich im psychologischen Labor ein paar Filmausschnitte anschauen. Wie in dieser Art von Forschung üblich, verriet man ihnen im Voraus nicht den genauen Zweck der Forschung – also die Untersuchung von Triggerwarnungen. Stattdessen erzählte man ihnen eher allgemein, dass es um das Wiedererleben von Inhalten aus brutalen Filmen gehe.</p> <p>Das Filmmaterial dauerte insgesamt rund 13 Minuten und enthielt Gewaltszenen aus dem Film <em>Irréversible</em> (2002) von Gaspar Noé, <em>Antichrist</em> (2009) von Lars von Trier sowie die Darstellung eines tödlichen Autounfalls. Dabei zeigte eine Szene aus <em>Irréversible</em> sexuelle Gewalt von einem Mann gegen eine Frau und eine aus <em>Antichrist</em> sexuelle Gewalt von einer Frau gegen einen Mann.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/">Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2 id="h-verschiedene-triggerwarnungen">Verschiedene Triggerwarnungen</h2> <p>Um den Effekt von Triggerwarnungen zu untersuchen, wurden die 143 Personen nach dem Zufallsprinzip in drei Gruppen unterteilt: Die Kontrollgruppe erhielt gar keine Triggerwarnung, sondern nur einen Hinweis zur Altersfreigabe. Die erste Zielgruppe erhielt eine nur allgemeine Warnung, dass das Video verstörende Inhalte enthält.</p> <p>Die dritte Zielgruppe wurde ausführlich über die Art der Inhalte – sexuelle, körperliche Gewalt und Tod – informiert. Außerdem wurde sie über die möglichen Folgen solcher Inhalte informiert, wie negative Emotionen oder das Wiedererleben bestimmter Szenen.</p> <p>Um festzustellen, wie sich der Hinweis beziehungsweise die Warnungen auswirken, füllten die Versuchspersonen verschiedene Fragebögen vor und nach dem Betrachten der Filmausschnitte aus. Dabei ging es vor allem um das Erleben negativer Emotionen. Die folgenden drei Tage nach dem Besuch im psychologischen Labor sollten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer außerdem in einem Tagebuch festhalten, ob sie unangenehme Inhalte aus den Filmen wiedererlebten. In der Psychologie spricht man hier von “Intrusionen” (etwa: sich aufdrängende Gedanken oder Erlebnisse).</p> <p>An der Studie nahmen Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren teil. Rund zwei Drittel waren weiblich. Das Durchschnittsalter der drei Gruppen betrug rund 25 bis 26 Jahre. Mit 86 bis 96 Prozent hatten fast alle eine Hochschulreife. Anders als man es psychologischer Forschung oft vorwirft, wurden hier also nicht nur Studierende untersucht – aber eine gewisse Verzerrung in Richtung einer jungen, gebildeten Gruppe lag dennoch vor.</p> <p>Wie sollten sich die Versuchsbedingungen auf das Erleben der Filme auswirken?</p> <h2 id="h-art-der-warnung-macht-unterschied">Art der Warnung macht Unterschied</h2> <p>In der jetzt in der Fachzeitschrift <em>Cognition and Emotion</em> veröffentlichten Studie “<a href="https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/02699931.2026.2623113#abstract">How to design a trigger warning</a>” wurden die Ergebnisse statistisch ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass die <em>ausführliche</em> Triggerwarnung tatsächlich einen Unterschied machte: Die Versuchspersonen berichteten rund 45 Prozent weniger Intrusionen, also Wiedererleben der Filminhalte, als in der Gruppe mit der <em>allgemeinen</em> Triggerwarnung. Der Tendenz nach wurden dann auch weniger negative Emotionen erlebt und fühlten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mehr respektiert, doch blieben diese Unterschiede unter der Schwelle für statistische Signifikanz.</p> <p>Triggerwarnungen können also einen Unterschied machen – <em>wenn</em> man sie richtig formuliert. Das inzwischen in Mode gekommene tumbe Rufen des Worts “Triggerwarnung” scheint jedoch eher nicht hilfreich zu sein. Laut den Psychologinnen und Psychologen dieser Studie können nähere Details über die Inhalte den Personen dabei helfen, sich gezielt darauf vorzubereiten – und dann auch angemessen zu reagieren.</p> <p>Wie in solchen Studien üblich, sind die Ergebnisse differenziert zu betrachten. In der Tendenz sind sie aber deutlich: Ausführliche Triggerwarnungen können hilfreich sein. Dabei sollte man berücksichtigen, dass es sich hier um kein Experiment handelte, das gezielt nur die Erfahrung traumatisierter Menschen untersuchte. Das heißt, bei der Untersuchung besonders anfälliger Gruppen könnten die Unterschiede durch die Triggerwarnungen größer ausfallen.</p> <p>Ob man eine Triggerwarnung verwendet oder nicht, sagt damit letztlich etwas darüber aus, ob man an die Bedürfnisse bestimmter Zielgruppen der Kommunikation oder Medien denkt. Unsinnig ist das nach den jetzt vorliegenden Daten keinesfalls.</p> <p>Bei der Konkurrenz um Aufmerksamkeit in sozialen Medien oder von Streamingdiensten sollte man berücksichtigen, dass der bloße Hinweis “Triggerwarnung” oder vielleicht abgekürzt nur als “TW” eher nicht hilft. Aber auf diesen Plattformen geht es ja darum, die größte Verbreitung beziehungsweise Konsumzeit zu erreichen. Damit haben diese Anbieter gerade kein Interesse an einer Handlungsalternative, die auch im vorliegenden Experiment nicht angeboten wurde: nämlich einfach wegschauen beziehungsweise weiterklicken.</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: basiert auf <a href="https://pixabay.com/photos/stop-sign-traffic-sign-road-sign-634941/">Walter Knerr</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/800839093241415f8789ad5b42f69ec2" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/knerri61-stop-634941_1920-1.jpg" /><h1>Achtung, Triggerwarnung! Sinn oder Unsinn? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Hilft es, eine Warnung zu geben? Und wenn ja: Wie sollte sie aussehen?</strong></p> <span id="more-3552"></span> <p>Ein “Trigger” ist ein Reiz, der eine bestimmte emotionale Reaktion wie Angst, Schmerz oder auch eine Dissoziation auslösen kann. Letztere bezeichnet, vereinfacht gesagt, das Herausfallen oder Auseinanderfallen bestimmter psychischer Erlebnisse oder Funktionen. Menschen mit schweren traumatischen Erfahrungen können hiervon besonders betroffen sein.</p> <p>Der Begriff “Triggerwarnung” hat sich in den letzten rund 15 Jahren durchgesetzt und wurde inzwischen auch in den Duden aufgenommen. Die Warnung soll einer Person, die für Trigger anfällig ist, die Möglichkeit geben, sich auf den Reiz vorzubereiten – oder vielleicht auch wegzuschauen, umzuschalten oder nicht weiterzulesen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>In Büchern kommt der Begriff “Triggerwarnung” seit etwa 2010 häufiger vor. Interessanterweise findet er in deutschsprachigen Büchern (rot) inzwischen rund dreimal häufiger Erwähnung als in englischsprachigen (blau). Skala: 10^-6 Prozent. Datenquelle: Google Books Ngram</em></p> <p>Ähnlich wie Jugendschutzregeln, die Eltern dabei helfen sollen, passende Inhalte für ihre Kinder auszuwählen, können Triggerwarnungen einen bewussteren Umgang fördern: Wer zum Beispiel weiß, dass er auf Details über schwere Verbrechen, Unfälle oder Kriegsgeschehen stark reagiert, bekommt durch den Hinweis vorab mehr Möglichkeiten.<aside></aside></p> <p>Doch helfen Triggerwarnungen wirklich oder handelt es sich dabei eher um eine symbolische, womöglich “woke” Handlung, mit der man eher die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Identität ausdrückt? Und wenn sie helfen, wie sollten sie idealerweise gestaltet sein? Ein Team aus der Psychologie um Philipp Herzog von der Universität Kaiserslautern-Landau hat das jetzt experimentell untersucht.</p> <h2 id="h-brutale-filme">Brutale Filme</h2> <p>Die Forscherinnen und Forscher suchten dafür über soziale Medien, Newsletter und Flyer Probanden. Von den Freiwilligen wurden 59 vom Versuch ausgeschlossen, weil sie akut unter posttraumatischem Stress oder einer anderen psychischen Störung litten. Personen mit traumatischen Erfahrungen in der Vergangenheit wurden aber gerade nicht ausgeschlossen, weil sie für den Versuch über Trigger besonders aufschlussreich waren.</p> <p>Die verbleibenden 143 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten sich im psychologischen Labor ein paar Filmausschnitte anschauen. Wie in dieser Art von Forschung üblich, verriet man ihnen im Voraus nicht den genauen Zweck der Forschung – also die Untersuchung von Triggerwarnungen. Stattdessen erzählte man ihnen eher allgemein, dass es um das Wiedererleben von Inhalten aus brutalen Filmen gehe.</p> <p>Das Filmmaterial dauerte insgesamt rund 13 Minuten und enthielt Gewaltszenen aus dem Film <em>Irréversible</em> (2002) von Gaspar Noé, <em>Antichrist</em> (2009) von Lars von Trier sowie die Darstellung eines tödlichen Autounfalls. Dabei zeigte eine Szene aus <em>Irréversible</em> sexuelle Gewalt von einem Mann gegen eine Frau und eine aus <em>Antichrist</em> sexuelle Gewalt von einer Frau gegen einen Mann.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/">Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2 id="h-verschiedene-triggerwarnungen">Verschiedene Triggerwarnungen</h2> <p>Um den Effekt von Triggerwarnungen zu untersuchen, wurden die 143 Personen nach dem Zufallsprinzip in drei Gruppen unterteilt: Die Kontrollgruppe erhielt gar keine Triggerwarnung, sondern nur einen Hinweis zur Altersfreigabe. Die erste Zielgruppe erhielt eine nur allgemeine Warnung, dass das Video verstörende Inhalte enthält.</p> <p>Die dritte Zielgruppe wurde ausführlich über die Art der Inhalte – sexuelle, körperliche Gewalt und Tod – informiert. Außerdem wurde sie über die möglichen Folgen solcher Inhalte informiert, wie negative Emotionen oder das Wiedererleben bestimmter Szenen.</p> <p>Um festzustellen, wie sich der Hinweis beziehungsweise die Warnungen auswirken, füllten die Versuchspersonen verschiedene Fragebögen vor und nach dem Betrachten der Filmausschnitte aus. Dabei ging es vor allem um das Erleben negativer Emotionen. Die folgenden drei Tage nach dem Besuch im psychologischen Labor sollten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer außerdem in einem Tagebuch festhalten, ob sie unangenehme Inhalte aus den Filmen wiedererlebten. In der Psychologie spricht man hier von “Intrusionen” (etwa: sich aufdrängende Gedanken oder Erlebnisse).</p> <p>An der Studie nahmen Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren teil. Rund zwei Drittel waren weiblich. Das Durchschnittsalter der drei Gruppen betrug rund 25 bis 26 Jahre. Mit 86 bis 96 Prozent hatten fast alle eine Hochschulreife. Anders als man es psychologischer Forschung oft vorwirft, wurden hier also nicht nur Studierende untersucht – aber eine gewisse Verzerrung in Richtung einer jungen, gebildeten Gruppe lag dennoch vor.</p> <p>Wie sollten sich die Versuchsbedingungen auf das Erleben der Filme auswirken?</p> <h2 id="h-art-der-warnung-macht-unterschied">Art der Warnung macht Unterschied</h2> <p>In der jetzt in der Fachzeitschrift <em>Cognition and Emotion</em> veröffentlichten Studie “<a href="https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/02699931.2026.2623113#abstract">How to design a trigger warning</a>” wurden die Ergebnisse statistisch ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass die <em>ausführliche</em> Triggerwarnung tatsächlich einen Unterschied machte: Die Versuchspersonen berichteten rund 45 Prozent weniger Intrusionen, also Wiedererleben der Filminhalte, als in der Gruppe mit der <em>allgemeinen</em> Triggerwarnung. Der Tendenz nach wurden dann auch weniger negative Emotionen erlebt und fühlten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mehr respektiert, doch blieben diese Unterschiede unter der Schwelle für statistische Signifikanz.</p> <p>Triggerwarnungen können also einen Unterschied machen – <em>wenn</em> man sie richtig formuliert. Das inzwischen in Mode gekommene tumbe Rufen des Worts “Triggerwarnung” scheint jedoch eher nicht hilfreich zu sein. Laut den Psychologinnen und Psychologen dieser Studie können nähere Details über die Inhalte den Personen dabei helfen, sich gezielt darauf vorzubereiten – und dann auch angemessen zu reagieren.</p> <p>Wie in solchen Studien üblich, sind die Ergebnisse differenziert zu betrachten. In der Tendenz sind sie aber deutlich: Ausführliche Triggerwarnungen können hilfreich sein. Dabei sollte man berücksichtigen, dass es sich hier um kein Experiment handelte, das gezielt nur die Erfahrung traumatisierter Menschen untersuchte. Das heißt, bei der Untersuchung besonders anfälliger Gruppen könnten die Unterschiede durch die Triggerwarnungen größer ausfallen.</p> <p>Ob man eine Triggerwarnung verwendet oder nicht, sagt damit letztlich etwas darüber aus, ob man an die Bedürfnisse bestimmter Zielgruppen der Kommunikation oder Medien denkt. Unsinnig ist das nach den jetzt vorliegenden Daten keinesfalls.</p> <p>Bei der Konkurrenz um Aufmerksamkeit in sozialen Medien oder von Streamingdiensten sollte man berücksichtigen, dass der bloße Hinweis “Triggerwarnung” oder vielleicht abgekürzt nur als “TW” eher nicht hilft. Aber auf diesen Plattformen geht es ja darum, die größte Verbreitung beziehungsweise Konsumzeit zu erreichen. Damit haben diese Anbieter gerade kein Interesse an einer Handlungsalternative, die auch im vorliegenden Experiment nicht angeboten wurde: nämlich einfach wegschauen beziehungsweise weiterklicken.</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: basiert auf <a href="https://pixabay.com/photos/stop-sign-traffic-sign-road-sign-634941/">Walter Knerr</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/800839093241415f8789ad5b42f69ec2" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/achtung-triggerwarnung-sinn-oder-unsinn/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>3</slash:comments> </item> <item> <title>Blume & Ince 51: Arbeit, Demografie und Deindustrialisierung am Beispiel Japan https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-51-arbeit-demografie-und-deindustrialisierung-am-beispiel-japan/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-51-arbeit-demografie-und-deindustrialisierung-am-beispiel-japan/#comments Mon, 16 Feb 2026 06:59:30 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11052 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce51FriedrichMerzMehrArbeitenThese-768x462.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-51-arbeit-demografie-und-deindustrialisierung-am-beispiel-japan/</link> </image> <description type="html"><h1>Blume & Ince 51: Japan, Demografie & Deindustrialisierung</h1><h2>By Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Eine persönliche Anmerkung vorab: Zehra &amp; ich arbeiten jeweils 100%, nachdem unsere drei Kinder schon etwas größer geworden sind. Außerdem engagieren wir uns jeweils im Ehrenamt – ich übrigens auch als Wissenschaftsblogger, der weder für “Natur des Glaubens” noch für “Blume &amp; Ince” Geld nimmt. Die Familie Ince ist ebenso fleißig, vielfältig engagiert und erfolgreich.</p> <p>Gerade auch deswegen lehne ich auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-37-monica-wuellner-von-cda-cdu-und-die-konkordanzregierung/">als CDA-Mitglied Begriffe wie <strong><em>“Lifesytle-Teilzeit”</em></strong> strikt ab</a>, die nur Erwerbsarbeit als “Arbeit” anerkennen und noch wichtigere Formen etwa in Familien, in Ehrenämtern, in Kultur und Medien abwerten. Aus meiner Sicht – auch als gelernter Bank-Finanzkaufmann – ist klar:</p> <p><strong><em>Verebbende Demografie führt zu sinkender Nachfrage und unweigerlich zu Deindustrialisierung.</em></strong></p> <p>Eine Gesellschaft, die mangels Kindern schrumpft, kann schon logisch nicht immer mehr konsumieren, produzieren und wachsen. Und Deutschland altert und schrumpft mangels Kindern und Zuwanderung bereits um etwa 300 Menschen pro Tag, um rund 100.000 in 2025. Sogar <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-statt-detroit-elektroautos-erobern-stuttgart/">in unserer Landes- und Autohauptstadt Stuttgart implodiert nicht nur die Zahl der Verbrenner-Neuanmeldungen – sondern sinkt auch bereits die Autozahl insgesamt</a>!</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=6C79hghT6wk" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Im Screenshot von Blume &amp; Ince 51 diskutieren Dr. Michael Blume und Prof. Dr. Inan Ince über eine angebotsorientierte Aussage von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU)." decoding="async" height="776" sizes="(max-width: 1289px) 100vw, 1289px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce51FriedrichMerzMehrArbeitenThese.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce51FriedrichMerzMehrArbeitenThese.jpg 1289w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce51FriedrichMerzMehrArbeitenThese-300x181.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce51FriedrichMerzMehrArbeitenThese-1024x616.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce51FriedrichMerzMehrArbeitenThese-768x462.jpg 768w" width="1289"></img></a><aside></aside></p> <p><em>Kann sich <a href="https://www.youtube.com/watch?v=6C79hghT6wk">ein demografisch verebbendes Volk aus der Wachstumsschwäche herausarbeiten? In Blume &amp; Ince 51 diskutieren wir die Definition von “Arbeit” auch von Friedrich Merz (CDU)</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Mit <em><strong>Japan</strong> </em>gibt es bereits ein demokratisches und hoch technologisiertes Industrieland, das sich seit Jahrzehnten in <em><strong>der Spirale aus Bevölkerungsschrumpfung, Wachstumsschwäche und Rechtsmimesis</strong></em> befindet. Und genau dort, in Nippon, hatte BWL-Prof. Dr. Inan Ince studiert!</p> <p>Hier findet Ihr also <a href="https://blumeundince.podigee.io/54-folge-51-japan-die-frage-nach-arbeit-als-lifestyle"><strong>unseren intensiven, vergleichenden Dialog über Arbeit, Demografie &amp; Nachfrage in Deutschland und Japan in <em>“Blume &amp; Ince 51”</em> per Podigee-Podcast</strong></a>. Und hier als Videocast via YouTube: </p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/6C79hghT6wk?feature=oembed&amp;rel=0" title="Folge 51: Japan &amp; die Frage nach Arbeit als Lifestyle | Blume &amp; Ince - 2 Stimmen, 4 Kulturen" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Nach der Aufnahme las ich im SPIEGEL 04/2026, S. 62 – 68, einen intensiven Text von <strong>Cathrin Schmiegel</strong> über gewollte Kinderlosigkeit als Kinderfreiheit, <em>“Die Frage meines Lebens”</em>. Darin zitiert sie auch die Therapeutin und Medizinanthropologin <strong>Johanna Fröhlich Zapata</strong>, die m.E. korrekt die These eines angeblich biologischen “Mutterinstinktes” widerlegt:</p> <p><em>“Sie erzählt mir von dem Ursprung der Idee zur Zeit der Industrialisierung und von Familien, die vor der Fabrikarbeit noch gemeinsam ihr Geld verdient hätten, auf ihrem Hof, in ihrer Werkstatt. ‘Dann trennten sich die Lebensbereiche auf.’ Es gab einen Ort für die Arbeit und einen für die Familie.”</em></p> <p>Darüber hatten <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-28-feministische-oekonomik-und-familienwerte/">Inan &amp; ich auch bereits in Folge 28 diskutiert</a> – und ich hoffe, dass sich auch ein paar ältere Männer für dieses Wissen gewinnen lassen. Auf die Blog-Dialoge dazu freue ich mich!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/Xapj2Dt7LyQ?feature=oembed" title="Die unterschätzte Rolle der Frauen in der Evolution auch von Religion" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Blume & Ince 51: Japan, Demografie & Deindustrialisierung</h1><h2>By Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Eine persönliche Anmerkung vorab: Zehra &amp; ich arbeiten jeweils 100%, nachdem unsere drei Kinder schon etwas größer geworden sind. Außerdem engagieren wir uns jeweils im Ehrenamt – ich übrigens auch als Wissenschaftsblogger, der weder für “Natur des Glaubens” noch für “Blume &amp; Ince” Geld nimmt. Die Familie Ince ist ebenso fleißig, vielfältig engagiert und erfolgreich.</p> <p>Gerade auch deswegen lehne ich auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-37-monica-wuellner-von-cda-cdu-und-die-konkordanzregierung/">als CDA-Mitglied Begriffe wie <strong><em>“Lifesytle-Teilzeit”</em></strong> strikt ab</a>, die nur Erwerbsarbeit als “Arbeit” anerkennen und noch wichtigere Formen etwa in Familien, in Ehrenämtern, in Kultur und Medien abwerten. Aus meiner Sicht – auch als gelernter Bank-Finanzkaufmann – ist klar:</p> <p><strong><em>Verebbende Demografie führt zu sinkender Nachfrage und unweigerlich zu Deindustrialisierung.</em></strong></p> <p>Eine Gesellschaft, die mangels Kindern schrumpft, kann schon logisch nicht immer mehr konsumieren, produzieren und wachsen. Und Deutschland altert und schrumpft mangels Kindern und Zuwanderung bereits um etwa 300 Menschen pro Tag, um rund 100.000 in 2025. Sogar <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-statt-detroit-elektroautos-erobern-stuttgart/">in unserer Landes- und Autohauptstadt Stuttgart implodiert nicht nur die Zahl der Verbrenner-Neuanmeldungen – sondern sinkt auch bereits die Autozahl insgesamt</a>!</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=6C79hghT6wk" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Im Screenshot von Blume &amp; Ince 51 diskutieren Dr. Michael Blume und Prof. Dr. Inan Ince über eine angebotsorientierte Aussage von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU)." decoding="async" height="776" sizes="(max-width: 1289px) 100vw, 1289px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce51FriedrichMerzMehrArbeitenThese.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce51FriedrichMerzMehrArbeitenThese.jpg 1289w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce51FriedrichMerzMehrArbeitenThese-300x181.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce51FriedrichMerzMehrArbeitenThese-1024x616.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce51FriedrichMerzMehrArbeitenThese-768x462.jpg 768w" width="1289"></img></a><aside></aside></p> <p><em>Kann sich <a href="https://www.youtube.com/watch?v=6C79hghT6wk">ein demografisch verebbendes Volk aus der Wachstumsschwäche herausarbeiten? In Blume &amp; Ince 51 diskutieren wir die Definition von “Arbeit” auch von Friedrich Merz (CDU)</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Mit <em><strong>Japan</strong> </em>gibt es bereits ein demokratisches und hoch technologisiertes Industrieland, das sich seit Jahrzehnten in <em><strong>der Spirale aus Bevölkerungsschrumpfung, Wachstumsschwäche und Rechtsmimesis</strong></em> befindet. Und genau dort, in Nippon, hatte BWL-Prof. Dr. Inan Ince studiert!</p> <p>Hier findet Ihr also <a href="https://blumeundince.podigee.io/54-folge-51-japan-die-frage-nach-arbeit-als-lifestyle"><strong>unseren intensiven, vergleichenden Dialog über Arbeit, Demografie &amp; Nachfrage in Deutschland und Japan in <em>“Blume &amp; Ince 51”</em> per Podigee-Podcast</strong></a>. Und hier als Videocast via YouTube: </p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/6C79hghT6wk?feature=oembed&amp;rel=0" title="Folge 51: Japan &amp; die Frage nach Arbeit als Lifestyle | Blume &amp; Ince - 2 Stimmen, 4 Kulturen" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Nach der Aufnahme las ich im SPIEGEL 04/2026, S. 62 – 68, einen intensiven Text von <strong>Cathrin Schmiegel</strong> über gewollte Kinderlosigkeit als Kinderfreiheit, <em>“Die Frage meines Lebens”</em>. Darin zitiert sie auch die Therapeutin und Medizinanthropologin <strong>Johanna Fröhlich Zapata</strong>, die m.E. korrekt die These eines angeblich biologischen “Mutterinstinktes” widerlegt:</p> <p><em>“Sie erzählt mir von dem Ursprung der Idee zur Zeit der Industrialisierung und von Familien, die vor der Fabrikarbeit noch gemeinsam ihr Geld verdient hätten, auf ihrem Hof, in ihrer Werkstatt. ‘Dann trennten sich die Lebensbereiche auf.’ Es gab einen Ort für die Arbeit und einen für die Familie.”</em></p> <p>Darüber hatten <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-28-feministische-oekonomik-und-familienwerte/">Inan &amp; ich auch bereits in Folge 28 diskutiert</a> – und ich hoffe, dass sich auch ein paar ältere Männer für dieses Wissen gewinnen lassen. Auf die Blog-Dialoge dazu freue ich mich!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/Xapj2Dt7LyQ?feature=oembed" title="Die unterschätzte Rolle der Frauen in der Evolution auch von Religion" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-51-arbeit-demografie-und-deindustrialisierung-am-beispiel-japan/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>44</slash:comments> </item> <item> <title>Solarpunk statt Detroit: Elektroautos erobern Stuttgart! https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-statt-detroit-elektroautos-erobern-stuttgart/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-statt-detroit-elektroautos-erobern-stuttgart/#comments Fri, 13 Feb 2026 19:37:11 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11042 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/RenaultZoeIntensMichaelBlume2017-768x576.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-statt-detroit-elektroautos-erobern-stuttgart/</link> </image> <description type="html"><h1>Solarpunk statt Detroit: Elektroautos erobern Stuttgart!</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Als ich nach <a href="https://www.youtube.com/watch?v=IuBD2FzXG2g">den Erfahrungen und Beobachtungen im Irak</a> schon <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dekarbonisierungskugel-fuer-den-weltfrieden-meine-erste-erfahrungen-mit-dem-elektro-renault-zoe/">2017 ein Elektro-Familienfahrzeug kaufte, musste es noch ein Franzose sein</a> – denn die einst so innovative, süddeutsche Autoindustrie hatte noch keine Modelle im Angebot! Noch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/enge-der-zeit-statt-technologieoffenheit-shareholdervalue-strategien-bei-boeing-und-mercedes/">im Mai 2024 – also sieben Jahre später – kritisierte ich das Shareholder-Value-Verhalten des Mercedes-Managements</a>, das Rekord-Dividenden an die Aktionäre und Boni an die Chefetagen ausschüttete, statt entschlossen in solare Zukunftstechnologien zu investieren.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/enge-der-zeit-statt-technologieoffenheit-shareholdervalue-strategien-bei-boeing-und-mercedes/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein weißes Renault-Elektroauto auf einem Parkplatz zwischen grünen Bäumen." decoding="async" height="2448" sizes="(max-width: 3264px) 100vw, 3264px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/RenaultZoeIntensMichaelBlume2017.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/RenaultZoeIntensMichaelBlume2017.jpg 3264w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/RenaultZoeIntensMichaelBlume2017-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/RenaultZoeIntensMichaelBlume2017-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/RenaultZoeIntensMichaelBlume2017-1024x768.jpg 1024w" width="3264"></img></a></p> <p><em>Unser erster – inzwischen erfolgreich weiterverkaufter – 100% Batterie-elektrischer Renault Zoë von 2017. Foto: Michael Blume</em></p> <p>In all diesen Jahren galt es in einem stetigen Kampf – auch auf diesem Blog – <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zuviel-oekostrom-solarstrom-speicher-in-deutschland-schaffen-erneuerbare-wohlstandsenergien-jetzt/">für <strong>erneuerbare Friedens- und Wohlstandsenergien</strong></a> sowie gegen fossile Desinformation einzutreten. Alleine über die Lügen gegen solar beladene Batterien ließen sich ganze Bücher schreiben!</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/batterien-fuer-elektroautos-laenger-haltbar-immer-mehr-fossile-luegen-werden-entlarvt/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mastodon-Post vom November 2024 gegen fossile Desinformation von Dr. Michael Blume @BlumeEvolution mit dem Text: Guten Morgen - Tässle Kaffee? Wir Blumes fahren seit bald 8 Jahren 100% elektrisch &amp; solar und können bestätigen: Elektroauto-Batterien halten viel länger als gedacht. Die Angstmache der fossilen Lobbyisten schadet Mitwelt &amp; Menschen. #Elektroauto #Batterien #Laufzeit " decoding="async" height="830" sizes="(max-width: 733px) 100vw, 733px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FamilieBlumeElektroautosBatterien2024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FamilieBlumeElektroautosBatterien2024.jpg 733w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FamilieBlumeElektroautosBatterien2024-265x300.jpg 265w" width="733"></img></a><aside></aside></p> <p><em>Mastodon-Post vom <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/batterien-fuer-elektroautos-laenger-haltbar-immer-mehr-fossile-luegen-werden-entlarvt/">November 2024 gegen fossile Desinformation gegen Elektroauto-Batterien</a>. Post &amp; Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Und heute, am 13. Februar 2026, eröffnete die <em>Stuttgarter Zeitung</em> mit der Titelgeschichte:</p> <p><em><strong>Gewinn bei Mercedes bricht erneut ein – </strong>Der Autobauer muss schwache Zahlen verkünden. Im laufenden Jahr sollen neue Modelle das Ergebnis verbessern.</em></p> <p>Auf Seite 17, <em>Stuttgart Stadt &amp; Region</em>, folgte jedoch ein überaus erfreulicher Bericht durch <strong>Sebastian Steegmüller</strong>:</p> <p><em><strong>E-Autos erobern Stuttgarts Straßen </strong></em>– <em>Knapp jeder vierte Neuwagen, der in Stuttgart zugelassen wird,, fährt vollelektrisch. Bis 2029 könnten es bereits 50 Prozent sein.</em></p> <p>Demnach im Jahr 2025 in Stuttgart 34.233 Personenkraftwagen (Pkw) neu zugelassen worden, davon 23,9 Prozent Elektroautos (gegenüber nur 7,2 Prozent in 2020). 25,9 Prozent waren Hybridfahrzeuge, 19,4 Prozent Plug-in-Hybride. Die reinen Verbrennerautos fielen auf nur noch 30,8 Prozent und werden in den nächsten Jahren ihre Vorrangstellung verlieren – sehr spät, aber endlich.</p> <p>Der schnelle Erfolg der Elektroautos ist gut für unsere globale Mitwelt, unsere europäische Heimat, unseren regionalen Wohlstand – und schlecht für die Fossilisten in Moskau, Teheran, der arabischen Welt, aber auch für jene in Washington <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/b-wie-berlin-babylon-preussen-und-der-fossile-faschismus/">und Berlin</a>.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/energieglauben-und-solarpunk-solarboom-in-china-pakistan/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Eine Deutschland-Karte zur &quot;Photovoltaik in Deutschland 2024&quot; verzeichnet den meisten Solarstrom in Bayern (26.588 MWp), Baden-Württemberg (12.441 MWp) und Nordrhein-Westfalen (12.032 MWp)." decoding="async" height="595" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 375px) 100vw, 375px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PhotovoltaikDeutschland2024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PhotovoltaikDeutschland2024.jpg 375w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PhotovoltaikDeutschland2024-189x300.jpg 189w" width="375"></img></a></p> <p><em>Schon 2024 verzeichneten auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/energieglauben-und-solarpunk-solarboom-in-china-pakistan/">die süddeutschen Industriestaaten, insbesondere Bayern, einen massiven Solarboom</a>. Die Energie-Debatten im Bundesrat werden spannend! Grafik: Fraunhofer ISE Stand 01/2025</em></p> <p>In Stuttgart hatten wir den Niedergang unserer Auto- und Zuliefererindustrie unter dem Stichwort Detroit diskutiert – jener Stadt in den USA, dessen Autoindustrie nach dem <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Jom-Kippur-Krieg"><strong>arabischen Ölboykott nach der militärischen Niederlage gegen Israel 1973</strong></a> nicht schnell genug auf Benzin-sparende Modelle umgeschwenkt war.</p> <p><strong>Demografie und Deindustralisierung – Die Nachfrage nach Autos sinkt sogar in Stuttgart</strong></p> <p>Aufgrund weiterhin niedriger Kinderzahlen und <a href="https://www.staatsanzeiger.de/nachrichten/kreis-und-kommune/die-einwohnerzahl-stuttgarts-sinkt-deutlich/">immer weniger Zuwanderung altert und sinkt die Bevölkerung auch in Stuttgart immer schneller</a>. Und das hat selbstverständlich Folgen auch für die Nachfrage (!) nach Automobilen: Gegenüber 302.740 Pkw am 31. Dezember 2020 sei bereits <em>“ein Rückgang von drei Prozent zu verzeichnen.”</em> – also um die 9.000 Pkw alleine in dieser Auto- und Landeshauptstadt.</p> <p>Da <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mehr-arbeiten-fossilismus-gegen-familien-demografie-deindustrialisierung/">die Zahl der Kinder bereits seit etwa 2012 (UN-offiziell seit 2017) weltweit sinkt (sog. “Peak Child”)</a>, beginnt selbstverständlich auch der Weltmarkt an immer mehr Orten zu schrumpfen. Gleichzeitig produzieren immer mehr – auch etwa chinesische – Autofabriken mit immer mehr Robotern immer mehr Fahrzeuge. So erläuterte es der damals scheidende Porsche-Chef <strong>Oliver Blume </strong>am 15.12.2025 ebenfalls in der StZ für sprachlich Eingeweihte:</p> <p><em>“<strong>Der europäische Automobilmarkt ist heute um über zwei Millionen Einheiten kleiner als vor fünf Jahren</strong>. Hinzu kommt: <strong>wir haben viel mehr Wettbewerber im Markt und in einzelnen Segmenten dreimal so viele Produkte.</strong></em></p> <p><em>Diesen geballten Druck spüren wir. Und dafür müssen wir uns in Deutschland intelligent aufstellen.”</em></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mehr-arbeiten-fossilismus-gegen-familien-demografie-deindustrialisierung/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Grafik zu den UN World Population Prospects 2024 mit dem Titel: The world has passed &quot;peak child&quot;, deutsch: Die Welt hat den Kindergipfel überschritten, d.h. die Zahl der Kinder sinkt weltweit." decoding="async" height="905" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 905px) 100vw, 905px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025.jpg 905w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-768x768.jpg 768w" width="905"></img></a></p> <p><em><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mehr-arbeiten-fossilismus-gegen-familien-demografie-deindustrialisierung/">Jenseits von Peak Child</a>: Selbst nach den offiziellen und mutmaßlich weit übertriebenen UN-Daten sinkt bereits die Zahl der Unter-5-jährigen, der Unter-15-jährigen und auch der Unter-25-Jährigen weltweit! Und klar verstärkt sich dieser Effekt rapide, so dass ich schon in den 2030er Jahren mit realistischeren Daten und einem weltweiten Bevölkerungsrückgang rechne. Grafik: <a href="https://ourworldindata.org/data-insights/the-world-has-passed-peak-child">Our World in Data 2025, CC BY</a> </em></p> <p><strong>Brauchen einen Dialog über Arbeit, Nachfrage &amp; Demografie</strong></p> <p>Aus meiner Sicht ist es also völlig falsch, Wirtschaftspolitik weiter einseitig fossil, angebots- und produktionsorientiert zu denken. Wohlhabend werden <strong>jene Solarpunk-Arche-Regionen bleiben, die solar, nachfrage- und demografieorientiert wirtschaften</strong>. Denn <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/ki-bildung-science-fiction-bildungsneid-rede-zur-psychologie-der-mimesis/">KI-Roboter produzieren zwar weitere Roboter</a> (und <a href="https://www.heise.de/news/KI-Agenten-diskutieren-auf-Reddit-Klon-Menschen-duerfen-zuschauen-11161385.html">Moltbook-Bots üben bereits Mimesis</a>), aber Autos kaufen keine Autos.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-11041" id="attachment_11041"><a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/116056314206929363" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mastodon-Umfrage durch Michael Blume @BlumeEvolution vom 12.02.2026: &quot;Auch die deutsche Bevölkerung schrumpft wegen fehlender Geburten &amp; Zuwanderung immer schneller, 2025 schon um 100.000 Menschen, bald 300 pro Tag. Welche Auswirkungen siehst Du?&quot; 337 stimmten ab. 17% hielten &quot;die Schrumpfung für nur schlecht.&quot; 8% hielten &quot;die Schrumpfung für nur gut.&quot; 70% sahen &quot;gute &amp; schlechte Auswirkungen&quot; und 5% hatten &quot;nie drüber nachgedacht / keine Meinung&quot;." decoding="async" height="1834" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1170px) 100vw, 1170px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2454.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2454.jpeg 1170w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2454-191x300.jpeg 191w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2454-653x1024.jpeg 653w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2454-768x1204.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2454-980x1536.jpeg 980w" width="1170"></img></a><figcaption id="caption-attachment-11041"> </figcaption></figure> <p><em>Auch die bundesdeutsche Bevölkerung schrumpfte 2025 bereits um 100.000 Menschen, knapp 300 pro Tag. <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/116056314206929363">70% von 337 Abstimmenden auf Mastodon sahen darin “gute &amp; schlechte Auswirkungen”</a>. Post &amp; Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Über die Demografie-Deindustrialisierung-Erfahrungen aus <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sh%C5%ABgiin-Wahl_2026"><strong>Japan</strong>, das auf einen dramatischen Bevölkerungsrückgang leider ebenfalls noch mit Rechtsmimesis reagiert</a>, möchte ich schon in den nächsten Tagen <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-50-digitale-gewalt-die-kultur-japanischer-blutgruppen/">mit BWL-Prof. Dr. Inan Ince in der nächsten Folge von <strong><em>“Blume &amp; Ince”</em></strong> sprechen</a>. Danke für Euer bisher schon lebhaftes Interesse!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/MFfasv2UlbE?feature=oembed&amp;rel=0" title="Solarpunk-News Deutschland: „VW deklassiert Tesla“, Elon Musk verliert den deutschen E-Auto-Markt" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Solarpunk statt Detroit: Elektroautos erobern Stuttgart!</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Als ich nach <a href="https://www.youtube.com/watch?v=IuBD2FzXG2g">den Erfahrungen und Beobachtungen im Irak</a> schon <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dekarbonisierungskugel-fuer-den-weltfrieden-meine-erste-erfahrungen-mit-dem-elektro-renault-zoe/">2017 ein Elektro-Familienfahrzeug kaufte, musste es noch ein Franzose sein</a> – denn die einst so innovative, süddeutsche Autoindustrie hatte noch keine Modelle im Angebot! Noch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/enge-der-zeit-statt-technologieoffenheit-shareholdervalue-strategien-bei-boeing-und-mercedes/">im Mai 2024 – also sieben Jahre später – kritisierte ich das Shareholder-Value-Verhalten des Mercedes-Managements</a>, das Rekord-Dividenden an die Aktionäre und Boni an die Chefetagen ausschüttete, statt entschlossen in solare Zukunftstechnologien zu investieren.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/enge-der-zeit-statt-technologieoffenheit-shareholdervalue-strategien-bei-boeing-und-mercedes/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein weißes Renault-Elektroauto auf einem Parkplatz zwischen grünen Bäumen." decoding="async" height="2448" sizes="(max-width: 3264px) 100vw, 3264px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/RenaultZoeIntensMichaelBlume2017.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/RenaultZoeIntensMichaelBlume2017.jpg 3264w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/RenaultZoeIntensMichaelBlume2017-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/RenaultZoeIntensMichaelBlume2017-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/RenaultZoeIntensMichaelBlume2017-1024x768.jpg 1024w" width="3264"></img></a></p> <p><em>Unser erster – inzwischen erfolgreich weiterverkaufter – 100% Batterie-elektrischer Renault Zoë von 2017. Foto: Michael Blume</em></p> <p>In all diesen Jahren galt es in einem stetigen Kampf – auch auf diesem Blog – <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zuviel-oekostrom-solarstrom-speicher-in-deutschland-schaffen-erneuerbare-wohlstandsenergien-jetzt/">für <strong>erneuerbare Friedens- und Wohlstandsenergien</strong></a> sowie gegen fossile Desinformation einzutreten. Alleine über die Lügen gegen solar beladene Batterien ließen sich ganze Bücher schreiben!</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/batterien-fuer-elektroautos-laenger-haltbar-immer-mehr-fossile-luegen-werden-entlarvt/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mastodon-Post vom November 2024 gegen fossile Desinformation von Dr. Michael Blume @BlumeEvolution mit dem Text: Guten Morgen - Tässle Kaffee? Wir Blumes fahren seit bald 8 Jahren 100% elektrisch &amp; solar und können bestätigen: Elektroauto-Batterien halten viel länger als gedacht. Die Angstmache der fossilen Lobbyisten schadet Mitwelt &amp; Menschen. #Elektroauto #Batterien #Laufzeit " decoding="async" height="830" sizes="(max-width: 733px) 100vw, 733px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FamilieBlumeElektroautosBatterien2024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FamilieBlumeElektroautosBatterien2024.jpg 733w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FamilieBlumeElektroautosBatterien2024-265x300.jpg 265w" width="733"></img></a><aside></aside></p> <p><em>Mastodon-Post vom <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/batterien-fuer-elektroautos-laenger-haltbar-immer-mehr-fossile-luegen-werden-entlarvt/">November 2024 gegen fossile Desinformation gegen Elektroauto-Batterien</a>. Post &amp; Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Und heute, am 13. Februar 2026, eröffnete die <em>Stuttgarter Zeitung</em> mit der Titelgeschichte:</p> <p><em><strong>Gewinn bei Mercedes bricht erneut ein – </strong>Der Autobauer muss schwache Zahlen verkünden. Im laufenden Jahr sollen neue Modelle das Ergebnis verbessern.</em></p> <p>Auf Seite 17, <em>Stuttgart Stadt &amp; Region</em>, folgte jedoch ein überaus erfreulicher Bericht durch <strong>Sebastian Steegmüller</strong>:</p> <p><em><strong>E-Autos erobern Stuttgarts Straßen </strong></em>– <em>Knapp jeder vierte Neuwagen, der in Stuttgart zugelassen wird,, fährt vollelektrisch. Bis 2029 könnten es bereits 50 Prozent sein.</em></p> <p>Demnach im Jahr 2025 in Stuttgart 34.233 Personenkraftwagen (Pkw) neu zugelassen worden, davon 23,9 Prozent Elektroautos (gegenüber nur 7,2 Prozent in 2020). 25,9 Prozent waren Hybridfahrzeuge, 19,4 Prozent Plug-in-Hybride. Die reinen Verbrennerautos fielen auf nur noch 30,8 Prozent und werden in den nächsten Jahren ihre Vorrangstellung verlieren – sehr spät, aber endlich.</p> <p>Der schnelle Erfolg der Elektroautos ist gut für unsere globale Mitwelt, unsere europäische Heimat, unseren regionalen Wohlstand – und schlecht für die Fossilisten in Moskau, Teheran, der arabischen Welt, aber auch für jene in Washington <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/b-wie-berlin-babylon-preussen-und-der-fossile-faschismus/">und Berlin</a>.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/energieglauben-und-solarpunk-solarboom-in-china-pakistan/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Eine Deutschland-Karte zur &quot;Photovoltaik in Deutschland 2024&quot; verzeichnet den meisten Solarstrom in Bayern (26.588 MWp), Baden-Württemberg (12.441 MWp) und Nordrhein-Westfalen (12.032 MWp)." decoding="async" height="595" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 375px) 100vw, 375px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PhotovoltaikDeutschland2024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PhotovoltaikDeutschland2024.jpg 375w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PhotovoltaikDeutschland2024-189x300.jpg 189w" width="375"></img></a></p> <p><em>Schon 2024 verzeichneten auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/energieglauben-und-solarpunk-solarboom-in-china-pakistan/">die süddeutschen Industriestaaten, insbesondere Bayern, einen massiven Solarboom</a>. Die Energie-Debatten im Bundesrat werden spannend! Grafik: Fraunhofer ISE Stand 01/2025</em></p> <p>In Stuttgart hatten wir den Niedergang unserer Auto- und Zuliefererindustrie unter dem Stichwort Detroit diskutiert – jener Stadt in den USA, dessen Autoindustrie nach dem <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Jom-Kippur-Krieg"><strong>arabischen Ölboykott nach der militärischen Niederlage gegen Israel 1973</strong></a> nicht schnell genug auf Benzin-sparende Modelle umgeschwenkt war.</p> <p><strong>Demografie und Deindustralisierung – Die Nachfrage nach Autos sinkt sogar in Stuttgart</strong></p> <p>Aufgrund weiterhin niedriger Kinderzahlen und <a href="https://www.staatsanzeiger.de/nachrichten/kreis-und-kommune/die-einwohnerzahl-stuttgarts-sinkt-deutlich/">immer weniger Zuwanderung altert und sinkt die Bevölkerung auch in Stuttgart immer schneller</a>. Und das hat selbstverständlich Folgen auch für die Nachfrage (!) nach Automobilen: Gegenüber 302.740 Pkw am 31. Dezember 2020 sei bereits <em>“ein Rückgang von drei Prozent zu verzeichnen.”</em> – also um die 9.000 Pkw alleine in dieser Auto- und Landeshauptstadt.</p> <p>Da <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mehr-arbeiten-fossilismus-gegen-familien-demografie-deindustrialisierung/">die Zahl der Kinder bereits seit etwa 2012 (UN-offiziell seit 2017) weltweit sinkt (sog. “Peak Child”)</a>, beginnt selbstverständlich auch der Weltmarkt an immer mehr Orten zu schrumpfen. Gleichzeitig produzieren immer mehr – auch etwa chinesische – Autofabriken mit immer mehr Robotern immer mehr Fahrzeuge. So erläuterte es der damals scheidende Porsche-Chef <strong>Oliver Blume </strong>am 15.12.2025 ebenfalls in der StZ für sprachlich Eingeweihte:</p> <p><em>“<strong>Der europäische Automobilmarkt ist heute um über zwei Millionen Einheiten kleiner als vor fünf Jahren</strong>. Hinzu kommt: <strong>wir haben viel mehr Wettbewerber im Markt und in einzelnen Segmenten dreimal so viele Produkte.</strong></em></p> <p><em>Diesen geballten Druck spüren wir. Und dafür müssen wir uns in Deutschland intelligent aufstellen.”</em></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mehr-arbeiten-fossilismus-gegen-familien-demografie-deindustrialisierung/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Grafik zu den UN World Population Prospects 2024 mit dem Titel: The world has passed &quot;peak child&quot;, deutsch: Die Welt hat den Kindergipfel überschritten, d.h. die Zahl der Kinder sinkt weltweit." decoding="async" height="905" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 905px) 100vw, 905px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025.jpg 905w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-768x768.jpg 768w" width="905"></img></a></p> <p><em><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mehr-arbeiten-fossilismus-gegen-familien-demografie-deindustrialisierung/">Jenseits von Peak Child</a>: Selbst nach den offiziellen und mutmaßlich weit übertriebenen UN-Daten sinkt bereits die Zahl der Unter-5-jährigen, der Unter-15-jährigen und auch der Unter-25-Jährigen weltweit! Und klar verstärkt sich dieser Effekt rapide, so dass ich schon in den 2030er Jahren mit realistischeren Daten und einem weltweiten Bevölkerungsrückgang rechne. Grafik: <a href="https://ourworldindata.org/data-insights/the-world-has-passed-peak-child">Our World in Data 2025, CC BY</a> </em></p> <p><strong>Brauchen einen Dialog über Arbeit, Nachfrage &amp; Demografie</strong></p> <p>Aus meiner Sicht ist es also völlig falsch, Wirtschaftspolitik weiter einseitig fossil, angebots- und produktionsorientiert zu denken. Wohlhabend werden <strong>jene Solarpunk-Arche-Regionen bleiben, die solar, nachfrage- und demografieorientiert wirtschaften</strong>. Denn <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/ki-bildung-science-fiction-bildungsneid-rede-zur-psychologie-der-mimesis/">KI-Roboter produzieren zwar weitere Roboter</a> (und <a href="https://www.heise.de/news/KI-Agenten-diskutieren-auf-Reddit-Klon-Menschen-duerfen-zuschauen-11161385.html">Moltbook-Bots üben bereits Mimesis</a>), aber Autos kaufen keine Autos.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-11041" id="attachment_11041"><a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/116056314206929363" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mastodon-Umfrage durch Michael Blume @BlumeEvolution vom 12.02.2026: &quot;Auch die deutsche Bevölkerung schrumpft wegen fehlender Geburten &amp; Zuwanderung immer schneller, 2025 schon um 100.000 Menschen, bald 300 pro Tag. 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Post &amp; Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Über die Demografie-Deindustrialisierung-Erfahrungen aus <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sh%C5%ABgiin-Wahl_2026"><strong>Japan</strong>, das auf einen dramatischen Bevölkerungsrückgang leider ebenfalls noch mit Rechtsmimesis reagiert</a>, möchte ich schon in den nächsten Tagen <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-50-digitale-gewalt-die-kultur-japanischer-blutgruppen/">mit BWL-Prof. Dr. Inan Ince in der nächsten Folge von <strong><em>“Blume &amp; Ince”</em></strong> sprechen</a>. Danke für Euer bisher schon lebhaftes Interesse!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/MFfasv2UlbE?feature=oembed&amp;rel=0" title="Solarpunk-News Deutschland: „VW deklassiert Tesla“, Elon Musk verliert den deutschen E-Auto-Markt" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-statt-detroit-elektroautos-erobern-stuttgart/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>68</slash:comments> </item> <item> <title>Astronomer’s Valentine https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/astronomers-valentine-2/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/astronomers-valentine-2/#respond Fri, 13 Feb 2026 09:27:00 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12559 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium-768x764.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/astronomers-valentine-2/</link> </image> <description type="html"><h1>Astronomer's Valentine » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>True lovers love to bring each other the stars from the sky. So, here is my suggestion for tomorrow as a constellation expert:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constHeart.png"><img alt="constellation &quot;Heart&quot;" decoding="async" height="445" sizes="(max-width: 620px) 100vw, 620px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constHeart.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constHeart.png 620w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constHeart-300x215.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constHeart-150x107.png 150w" width="620"></img></a><figcaption>Constellation “The Heart” </figcaption></figure></div> <p>Did you recognise it? Although I nicknamed the constellation on the occasion of Valentine’s Day, the constellation itself really exists – and has been documented since Greek antiquity. There is no evidence of it in Babylonian times, but Ptolemy (137 CE), Hipparchus (~130 BCE), Eratosthenes (220 BCE) and Aratus (4th century BCE) describe it, and no earlier Greek uranographies are known to date. Our ancestors referred to the constellation as ‘The River’, now called <strong>Eridanus</strong> (<a href="https://noirlab.edu/public/education/constellations/eridanus/">NoirLab</a>, <a href="https://exopla.net/eridanus">IAU-WGSN website</a>), and it is easily recognisable: directly next to prominent Orion (of course, it works best in the northern hemisphere).</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>Sky above Berlin on Valentine’s Day (Stellarium, sky culture “Greek Almagest”).</figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>Stellarium sky culture “Modern – IAU”.</figcaption></figure> <h2 id="h-transformation-of-eridanus-over-time">Transformation of Eridanus over time</h2> <p>According to the official nomenclature of the IAU, which has been in use since 1930, the constellation extends much further south – something the ancient Greeks and Babylonians could not see because it was below their horizon. Here is a comparison of the Ptolemaic and modern constellations:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eridanus_Vgl_komb.png"><img alt="" decoding="async" height="469" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 855px) 100vw, 855px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eridanus_Vgl_komb.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eridanus_Vgl_komb.png 855w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eridanus_Vgl_komb-300x164.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eridanus_Vgl_komb-150x82.png 150w" width="855"></img></a><figcaption>Eridanus, as defined for more than 2000 years (right map with Wolfram Mathematica 2015, left map from my data set on Ptolemy’s star catalogue for the dissertation “<a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-18683-8">Hipparchs Himmelsglobus</a>“).</figcaption></figure> <p>The modern constellation (Delporte 1930) reaches much further south than the ancient one. This change was made by Dutch cartographers (Plancius 1596, de Houtman 1603) in Early Modern time and propagated ever since. As a historian of celestial cartography, I suspect a mistake in the ancient Almagest as the source of this change: the Almagest claims (in words) the southernmost star of The River to be a first magnitude star and the brightest one of the constellation. However, the star at the coordinates of the southernmost mentioned (theta Eridani) in the Almagest is not the brightest. When European (Dutch) sailors travelled far enough south to see a first magnitude star, they extended the winding cosntellation line (as the also enlarged Argo, The Ship, equipping it with sails). They even extended The River to the southern pole (perhaps a navigation aid?), but in consistency with the wording in the Almagest, later cartographers only maintained the part up to the first magnitude star. Now, the IAU recognises two stars with the Arabic name for “the last one of the river:” the original one and the bright one.</p> <p>Today, the ancient river is called ‘Eridanus’, but in ancient times this was not so certain: 2000 years ago, the official name of the constellation was “River”, and Pseudo-Eratosthenes wrote that “it is called Eridanus. Others say that it is most certainly the Nile, because it is the only river that has its source in the south.” Elsewhere, even in ancient times, it was suggested that it could also be the River Po in Italy. So we are on the safe side when we say that it is simply a river.<aside></aside></p> <h2 id="h-romantic-star-lore-for-planetaria">Romantic Star Lore (for Planetaria)</h2> <p>Astronomers in particular are commonly assumed to be especially romantic. This has even been immortalised in a Greek star legend which is unable to explain conclusively why the constellation Pisces (IAU <a href="https://exopla.net/pisces">WGSN</a>, <a href="https://noirlab.edu/public/education/constellations/pisces/">NoirLab</a>) depicts two fish tied together with a ribbon that also has a knot in it. (I do have a historical explanation, though, but it is completely unromantic and doesn’t fit here.) Greek mythology offers various interpretations for this.</p> <h3 id="h-legend-1">Legend 1</h3> <p>One version is that the fish in Pisces are transformed gods or demigods (e.g. <strong>Aphrodite and her son Eros</strong>, or others in variants of the legend). They are on the run and therefore have to go their separate ways at some point (around the autumn quadrangle) — but they remain eternally connected by the ribbon of love:</p> <p>Anyone who wants to flirt like that has to assume that their partner has a great deal of knowledge. <a href="http://www.ianridpath.com/startales/pisces.html">Ian Ridpath’s Star Tales</a> have more variants of the story behind Pisces and not all of them are romantic. However, the background of this love story in Pisces is that the “Heavenly Lady” in our <strong>constellation Andromeda</strong> (<a href="https://ase.exopla.net/index.php/Andromeda">ASE</a>, IAU <a href="https://exopla.net/andromeda">WGSN</a>, <a href="https://noirlab.edu/public/education/constellations/andromeda/">NoirLab</a>) originally was the Babylonian goddess of love (and war: as Pat Benetar says “<a href="https://www.youtube.com/watch?v=IGVZOLV9SPo">love is a battlefield</a>“), whose Syriac variant Derketo is typically depicted with (one or many) fish as her attribute. </p> <p>Hence, <strong>Andromeda actually is a goddess of love</strong>.  </p> <figure><img alt="transformation of Andromeda over time" decoding="async" src="https://ase.exopla.net/images/2/23/Psc-And-Aqr_grp-GIF_engl.gif"></img><figcaption>transformation of Andromeda-Pisces region over time – <a href="https://ase.exopla.net/index.php/Andromeda">All Skies Encyclopaedia “Andromeda”</a>, IAU-<a href="https://exopla.net/sternbilder/transformations-animationen/">WGSN website “transformations”</a>: my own work – mp4-file for educational purpose available, too</figcaption></figure> <h3 id="h-legend-2">Legend 2</h3> <p>Another romantic star tale is connected to the <strong>constellation Coma Berenices</strong> (<a href="http://www.ianridpath.com/startales/comaberenices.html">Ian Ridpath Star Tales</a>). The constellation Coma (IAU <a href="https://exopla.net/coma-berenices">WGSN Website</a>, <a href="https://noirlab.edu/public/education/constellations/comaberenices/">NoirLab</a>) is first reported by Eratosthenes and invented by the Egyptian court astronomer in his time (according to the Graeco-Egyptian legend that he reports) to honour the Queen of Egypt, Berenice Euergetis (the Beneficent). She had sacrificed her beautiful curls in the temple while praying for her husband’s safe return from a war. When the magnificent bunch of hair had disappeared a few days later upon the king’s return, the astronomer Kolon claimed that the gods had placed it in the sky as a <strong>symbol of marital love and fidelity</strong>.</p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Coma_Doppelmayer1742_web.jpg"><img alt="" decoding="async" height="437" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 655px) 100vw, 655px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Coma_Doppelmayer1742_web.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Coma_Doppelmayer1742_web.jpg 655w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Coma_Doppelmayer1742_web-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Coma_Doppelmayer1742_web-150x100.jpg 150w" width="655"></img></a><figcaption>constellation Coma in Doppelmayer (1742)<p>(Retouched detail from a photograph of the facsimile print published by <a href="https://albireo-verlag.org/">Albireo Verlag</a>.) Likely dark hair because Berenice was from North Africa.</p></figcaption></figure> </div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/comConst.png"><img alt="" decoding="async" height="361" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/comConst.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/comConst.png 400w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/comConst-300x270.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/comConst-150x135.png 150w" width="400"></img></a><figcaption>Coma Berenices with Wolfram Mathematica (2015)</figcaption></figure> </div> </div> <h2 id="h-modern-astrophotographers">Modern Astrophotographers</h2> <p>Without any legend, history or fairy tale, modern (amateur) astronomers like to come up with deep sky photography objects that are equally explicite. The <a href="https://apod.nasa.gov/apod/ap220214.html">Astronomy Picture of the Day (APOD)</a> of Valentine’s Day 2022 again showed the Heart Nebula in the Milky Way<strong> in constellation Cassiopeia</strong>. </p> <p>In many years (e.g. 2014, see below), the APOD even displays <strong>The Heart and The Soul nebulae</strong> together for Valentine’s Day – and The Soul can alternatively be interpretated as a human baby which is frequently the result of the love between a man and a woman. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014.png"><img alt="" decoding="async" height="633" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014-1024x633.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014-1024x633.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014-300x185.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014-150x92.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014-900x556.png 900w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014.png 1332w" width="1024"></img></a></figure> <p>Unfortunately, this heart (and baby) in the sky can only be seen with technical aids. It is large, but too faint for the human eye. My ‘heart for astronomers’ (Eridanus) above can be easily seen with the naked eye – and it is even very easy to find, as it is right next to the famous constellation Orion: right next to the foot star ‘Rigel’.</p> <h2 id="h-orion-bottom-left-cassiopeia-top-centre">Orion bottom left, <br></br>Cassiopeia top centre:</h2> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>same region with the Greek “Almagest” constellations Andromeda, Pisces, Cetus. </figcaption></figure> </div> </div> <p>Good luck, boys and gentlemen, </p> <p>Go and conquer your lady’s heart!</p> <hr></hr> <p>note: in many cases, flowers will also do 😉 </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1002" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1007px) 100vw, 1007px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium.jpg 1007w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium-768x764.jpg 768w" width="1007"></img></a><figcaption>Heart in Stellarium, sky culture “Modern – IAU” – retouched with The GIMP.</figcaption></figure> <p><strong><span>Instagram <a class="" data-cp-link="1" href="https://www.instagram.com/iau.star.names" target="_self">@iau.star.names</a></span></strong></p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Astronomer's Valentine » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>True lovers love to bring each other the stars from the sky. So, here is my suggestion for tomorrow as a constellation expert:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constHeart.png"><img alt="constellation &quot;Heart&quot;" decoding="async" height="445" sizes="(max-width: 620px) 100vw, 620px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constHeart.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constHeart.png 620w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constHeart-300x215.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constHeart-150x107.png 150w" width="620"></img></a><figcaption>Constellation “The Heart” </figcaption></figure></div> <p>Did you recognise it? Although I nicknamed the constellation on the occasion of Valentine’s Day, the constellation itself really exists – and has been documented since Greek antiquity. There is no evidence of it in Babylonian times, but Ptolemy (137 CE), Hipparchus (~130 BCE), Eratosthenes (220 BCE) and Aratus (4th century BCE) describe it, and no earlier Greek uranographies are known to date. Our ancestors referred to the constellation as ‘The River’, now called <strong>Eridanus</strong> (<a href="https://noirlab.edu/public/education/constellations/eridanus/">NoirLab</a>, <a href="https://exopla.net/eridanus">IAU-WGSN website</a>), and it is easily recognisable: directly next to prominent Orion (of course, it works best in the northern hemisphere).</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>Sky above Berlin on Valentine’s Day (Stellarium, sky culture “Greek Almagest”).</figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>Stellarium sky culture “Modern – IAU”.</figcaption></figure> <h2 id="h-transformation-of-eridanus-over-time">Transformation of Eridanus over time</h2> <p>According to the official nomenclature of the IAU, which has been in use since 1930, the constellation extends much further south – something the ancient Greeks and Babylonians could not see because it was below their horizon. Here is a comparison of the Ptolemaic and modern constellations:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eridanus_Vgl_komb.png"><img alt="" decoding="async" height="469" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 855px) 100vw, 855px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eridanus_Vgl_komb.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eridanus_Vgl_komb.png 855w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eridanus_Vgl_komb-300x164.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eridanus_Vgl_komb-150x82.png 150w" width="855"></img></a><figcaption>Eridanus, as defined for more than 2000 years (right map with Wolfram Mathematica 2015, left map from my data set on Ptolemy’s star catalogue for the dissertation “<a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-18683-8">Hipparchs Himmelsglobus</a>“).</figcaption></figure> <p>The modern constellation (Delporte 1930) reaches much further south than the ancient one. This change was made by Dutch cartographers (Plancius 1596, de Houtman 1603) in Early Modern time and propagated ever since. As a historian of celestial cartography, I suspect a mistake in the ancient Almagest as the source of this change: the Almagest claims (in words) the southernmost star of The River to be a first magnitude star and the brightest one of the constellation. However, the star at the coordinates of the southernmost mentioned (theta Eridani) in the Almagest is not the brightest. When European (Dutch) sailors travelled far enough south to see a first magnitude star, they extended the winding cosntellation line (as the also enlarged Argo, The Ship, equipping it with sails). They even extended The River to the southern pole (perhaps a navigation aid?), but in consistency with the wording in the Almagest, later cartographers only maintained the part up to the first magnitude star. Now, the IAU recognises two stars with the Arabic name for “the last one of the river:” the original one and the bright one.</p> <p>Today, the ancient river is called ‘Eridanus’, but in ancient times this was not so certain: 2000 years ago, the official name of the constellation was “River”, and Pseudo-Eratosthenes wrote that “it is called Eridanus. Others say that it is most certainly the Nile, because it is the only river that has its source in the south.” Elsewhere, even in ancient times, it was suggested that it could also be the River Po in Italy. So we are on the safe side when we say that it is simply a river.<aside></aside></p> <h2 id="h-romantic-star-lore-for-planetaria">Romantic Star Lore (for Planetaria)</h2> <p>Astronomers in particular are commonly assumed to be especially romantic. This has even been immortalised in a Greek star legend which is unable to explain conclusively why the constellation Pisces (IAU <a href="https://exopla.net/pisces">WGSN</a>, <a href="https://noirlab.edu/public/education/constellations/pisces/">NoirLab</a>) depicts two fish tied together with a ribbon that also has a knot in it. (I do have a historical explanation, though, but it is completely unromantic and doesn’t fit here.) Greek mythology offers various interpretations for this.</p> <h3 id="h-legend-1">Legend 1</h3> <p>One version is that the fish in Pisces are transformed gods or demigods (e.g. <strong>Aphrodite and her son Eros</strong>, or others in variants of the legend). They are on the run and therefore have to go their separate ways at some point (around the autumn quadrangle) — but they remain eternally connected by the ribbon of love:</p> <p>Anyone who wants to flirt like that has to assume that their partner has a great deal of knowledge. <a href="http://www.ianridpath.com/startales/pisces.html">Ian Ridpath’s Star Tales</a> have more variants of the story behind Pisces and not all of them are romantic. However, the background of this love story in Pisces is that the “Heavenly Lady” in our <strong>constellation Andromeda</strong> (<a href="https://ase.exopla.net/index.php/Andromeda">ASE</a>, IAU <a href="https://exopla.net/andromeda">WGSN</a>, <a href="https://noirlab.edu/public/education/constellations/andromeda/">NoirLab</a>) originally was the Babylonian goddess of love (and war: as Pat Benetar says “<a href="https://www.youtube.com/watch?v=IGVZOLV9SPo">love is a battlefield</a>“), whose Syriac variant Derketo is typically depicted with (one or many) fish as her attribute. </p> <p>Hence, <strong>Andromeda actually is a goddess of love</strong>.  </p> <figure><img alt="transformation of Andromeda over time" decoding="async" src="https://ase.exopla.net/images/2/23/Psc-And-Aqr_grp-GIF_engl.gif"></img><figcaption>transformation of Andromeda-Pisces region over time – <a href="https://ase.exopla.net/index.php/Andromeda">All Skies Encyclopaedia “Andromeda”</a>, IAU-<a href="https://exopla.net/sternbilder/transformations-animationen/">WGSN website “transformations”</a>: my own work – mp4-file for educational purpose available, too</figcaption></figure> <h3 id="h-legend-2">Legend 2</h3> <p>Another romantic star tale is connected to the <strong>constellation Coma Berenices</strong> (<a href="http://www.ianridpath.com/startales/comaberenices.html">Ian Ridpath Star Tales</a>). The constellation Coma (IAU <a href="https://exopla.net/coma-berenices">WGSN Website</a>, <a href="https://noirlab.edu/public/education/constellations/comaberenices/">NoirLab</a>) is first reported by Eratosthenes and invented by the Egyptian court astronomer in his time (according to the Graeco-Egyptian legend that he reports) to honour the Queen of Egypt, Berenice Euergetis (the Beneficent). She had sacrificed her beautiful curls in the temple while praying for her husband’s safe return from a war. When the magnificent bunch of hair had disappeared a few days later upon the king’s return, the astronomer Kolon claimed that the gods had placed it in the sky as a <strong>symbol of marital love and fidelity</strong>.</p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Coma_Doppelmayer1742_web.jpg"><img alt="" decoding="async" height="437" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 655px) 100vw, 655px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Coma_Doppelmayer1742_web.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Coma_Doppelmayer1742_web.jpg 655w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Coma_Doppelmayer1742_web-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Coma_Doppelmayer1742_web-150x100.jpg 150w" width="655"></img></a><figcaption>constellation Coma in Doppelmayer (1742)<p>(Retouched detail from a photograph of the facsimile print published by <a href="https://albireo-verlag.org/">Albireo Verlag</a>.) Likely dark hair because Berenice was from North Africa.</p></figcaption></figure> </div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/comConst.png"><img alt="" decoding="async" height="361" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/comConst.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/comConst.png 400w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/comConst-300x270.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/comConst-150x135.png 150w" width="400"></img></a><figcaption>Coma Berenices with Wolfram Mathematica (2015)</figcaption></figure> </div> </div> <h2 id="h-modern-astrophotographers">Modern Astrophotographers</h2> <p>Without any legend, history or fairy tale, modern (amateur) astronomers like to come up with deep sky photography objects that are equally explicite. The <a href="https://apod.nasa.gov/apod/ap220214.html">Astronomy Picture of the Day (APOD)</a> of Valentine’s Day 2022 again showed the Heart Nebula in the Milky Way<strong> in constellation Cassiopeia</strong>. </p> <p>In many years (e.g. 2014, see below), the APOD even displays <strong>The Heart and The Soul nebulae</strong> together for Valentine’s Day – and The Soul can alternatively be interpretated as a human baby which is frequently the result of the love between a man and a woman. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014.png"><img alt="" decoding="async" height="633" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014-1024x633.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014-1024x633.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014-300x185.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014-150x92.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014-900x556.png 900w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014.png 1332w" width="1024"></img></a></figure> <p>Unfortunately, this heart (and baby) in the sky can only be seen with technical aids. It is large, but too faint for the human eye. My ‘heart for astronomers’ (Eridanus) above can be easily seen with the naked eye – and it is even very easy to find, as it is right next to the famous constellation Orion: right next to the foot star ‘Rigel’.</p> <h2 id="h-orion-bottom-left-cassiopeia-top-centre">Orion bottom left, <br></br>Cassiopeia top centre:</h2> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>same region with the Greek “Almagest” constellations Andromeda, Pisces, Cetus. </figcaption></figure> </div> </div> <p>Good luck, boys and gentlemen, </p> <p>Go and conquer your lady’s heart!</p> <hr></hr> <p>note: in many cases, flowers will also do 😉 </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1002" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1007px) 100vw, 1007px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium.jpg 1007w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium-768x764.jpg 768w" width="1007"></img></a><figcaption>Heart in Stellarium, sky culture “Modern – IAU” – retouched with The GIMP.</figcaption></figure> <p><strong><span>Instagram <a class="" data-cp-link="1" href="https://www.instagram.com/iau.star.names" target="_self">@iau.star.names</a></span></strong></p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/astronomers-valentine-2/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>IoT Is Changing Agriculture. But the Reality of the Cyber-Farm is Still Messy https://scilogs.spektrum.de/hlf/iot-is-changing-agriculture-but-the-reality-of-the-cyber-farm-is-still-messy/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/iot-is-changing-agriculture-but-the-reality-of-the-cyber-farm-is-still-messy/#comments Wed, 11 Feb 2026 13:00:00 +0000 Andrei Mihai https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14127 <h1>IoT Is Changing Agriculture. But the Reality of the Cyber-Farm is Still Messy - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-125.png"><img alt="a sensor in an agricultural field" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 683px) 100vw, 683px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-125-683x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-125-683x1024.png 683w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-125-200x300.png 200w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-125-768x1152.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-125.png 940w" width="683"></img></a><figcaption>A sensor in an agricultural field. Image credits: MKose via Wikipedia (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:EAgronom_4okt2023_L-1120.jpg">CC BY 3.0</a>).</figcaption></figure></div> <p>Some 10,000 years ago, Neolithic cultures started transitioning from a hunter-gatherer lifestyle to a more sedentary, farming lifestyle. This was an agricultural revolution, or rather, <a href="https://www.nationalgeographic.com/culture/article/neolithic-agricultural-revolution" rel="noreferrer noopener" target="_blank">the <em>first </em>Agricultural Revolution</a>.</p> <p>The <a href="https://www.jstor.org/stable/pdf/2592204.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">second one</a> started in the 17th century, when farming became more commercialized and innovative equipment started being used. The Third Agricultural Revolution, also called the <a href="https://www.kew.org/read-and-watch/back-to-the-future-green-revolution" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Green Revolution</a>, emerged in developed countries in the early 20th century, bringing new technologies, hybrid seeds, high-yielding varieties of cereals, pesticides, and fertilizers.</p> <p>We may be on the cusp of another revolution, sometimes referred to as Agriculture 4.0 (<a href="https://www.newsroom.hlf-foundation.org/blog/article/agriculture-5-0-combating-weeds-using-machine-learning-and-robotics/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">or 5.0</a>). This represents the transition of farming from a mechanical industry to a digital, cyber-physical ecosystem. This new era aims to leverage the Internet of Things (IoT), Artificial Intelligence, and Big Data to optimize biological systems with algorithmic precision. It is characterized by the shift from managing vast, uniform monocultures to managing the specific needs of areas or even individual plants, often through “frugal innovation” like low-cost sensors, autonomous robotics, and smart algorithms.</p> <p>This revolution is meant to democratize productivity, allowing even smallholders to access agronomic intelligence previously reserved for industrial giants, effectively turning small farms into sophisticated, data-driven nodes. But as promising as the science and technology are, this revolution is not a clean upgrade, and the farm reality is often messy.</p> <h3 id="h-the-information-side">The Information Side</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/CSIRO_ScienceImage_3719_CSIROs_Fleck_wireless_sensor_network_technology.jpg"><img alt="a sensor and pipe in an agricultural field" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/CSIRO_ScienceImage_3719_CSIROs_Fleck_wireless_sensor_network_technology-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/CSIRO_ScienceImage_3719_CSIROs_Fleck_wireless_sensor_network_technology-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/CSIRO_ScienceImage_3719_CSIROs_Fleck_wireless_sensor_network_technology-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/CSIRO_ScienceImage_3719_CSIROs_Fleck_wireless_sensor_network_technology-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/CSIRO_ScienceImage_3719_CSIROs_Fleck_wireless_sensor_network_technology-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/CSIRO_ScienceImage_3719_CSIROs_Fleck_wireless_sensor_network_technology.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>Wireless sensor networks are a key technology for a new generation of environmental monitoring and management systems. Image credits: Stephan Brosnan, CSIRO via Wikipedia (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:CSIRO_ScienceImage_3719_CSIROs_Fleck_wireless_sensor_network_technology.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY 3.0</a>).</figcaption></figure></div> <p>Sensors <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/internet-of-things-agriculture-21022021/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">are the foundation</a> of any Agriculture 4.0 farm. They act as a nervous system, passing information from the natural world to the cyber side. All the clever algorithms in the world will not work without cheap sensors to provide ground-truthed information.<aside></aside></p> <p>Sensors, especially low-cost capacitive sensors, can provide valuable information about humidity and soil conditions for <a href="https://www.mdpi.com/1424-8220/25/2/343" rel="noreferrer noopener" target="_blank">a fraction of the cost</a> of “traditional” units. These can also be paired with simple microcontrollers to provide good enough accuracy for a fraction of the price, making farm data <a href="https://spectrum.ieee.org/precision-agriculture" rel="noreferrer noopener" target="_blank">more accessible than ever</a>. But this is just one part of the information side.</p> <p>Satellites like the European Space Agency’s Sentinel-2 can provide free information on vegetation health indices like the NDVI (Normalized Difference Vegetation Index), which can be used to <a href="https://link.springer.com/article/10.1186/s13007-023-00981-8" rel="noreferrer noopener" target="_blank">monitor the health and productivity</a> of crops. Meanwhile, Unmanned Aerial Vehicles (UAVs, or drones) can offer more granular, localized precision. Multispectral cameras can highlight areas with too little or too much humidity and help optimize irrigation and fertilizers.</p> <p>These techniques are starting to become established, as part of a strategy sometimes referred to as “Precision Agriculture.” But this is only a stepping stone towards Agriculture 4.0. To truly reach this stage, the data must be interpreted and acted upon.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-126.png"><img alt="a colored map seen from a drone" decoding="async" height="495" sizes="(max-width: 940px) 100vw, 940px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-126.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-126.png 940w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-126-300x158.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-126-768x404.png 768w" width="940"></img></a><figcaption>The NDVI index can help farmers be more efficient with water and fertilizers. Image credits: Stoermerjp via Wikipedia (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:DroneMapper_Processed_NDVI_4cm_GSD.png" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY 3.0</a>).</figcaption></figure></div> <p>This is where algorithms like IDSDS (Intelligent decision support for drought stress) <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0168169925005836?via%3Dihub" rel="noreferrer noopener" target="_blank">come in</a>. As described in a recent study, the algorithm leverages deep learning to reconstruct complex hyperspectral data from low-cost RGB images which could be taken with a regular smartphone. Furthermore, the study introduced a novel metric known as the Greenness Coefficient (GC) for precise spatial analysis of drought impact. When integrated with machine learning classification models, the IDSDS pipeline achieved a 99% accuracy in stratifying drought stress into seven distinct severity categories.</p> <p>For farmers, this means their smartphone can help them make complex decisions and prepare for drought. Instead of waiting for crops to visibly wilt or turn brown, they can detect “invisible” early-stage drought stress with high accuracy.</p> <p>Convolutional Neural Networks (CNNs) are also informing farmers about <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0168169919308543?via%3Dihub" rel="noreferrer noopener" target="_blank">their expected yield</a>, offering information about how different pre-season treatments would influence this yield. Another key development also revolves around CNNs: <a href="https://pdf.sciencedirectassets.com/779816/1-s2.0-S2772375524X00027/1-s2.0-S2772375524001229/main.pdf?X-Amz-Security-Token=IQoJb3JpZ2luX2VjEIH%2F%2F%2F%2F%2F%2F%2F%2F%2F%2FwEaCXVzLWVhc3QtMSJHMEUCIErf6qD3Iu%2B87APdi7dTe2CGxhN90G2swHlwrH1EDTvOAiEA5u3qhK1PiYnyl5ssaFhe8RfxyQ4jWwE6nWL8wsPzRkcqswUIShAFGgwwNTkwMDM1NDY4NjUiDA3dxMRGoyLuPm01CiqQBSXEYC0DUAStVE%2B9FASFGPXdXln9FcxNstMn9nIBkN%2FI359aBj4mIXHMk1FZuhXLoSpZtv1yCGu%2BcLWZUZbSSD593iMsspBPKQ%2Fvuj2yHiuhXCHP7gh4w10xMCE3lVK7QEg6vjnfy8zHpck0p9YNi6DOGh%2BoDpxPwLGHvvJsctoVKoYyMjsDpgh2o%2FOfSXTh6rcSvNrUy0uk2j4%2Bs6BwjA%2BtnpOFvsUc%2BtyGP%2FjOGWdEX3X1iAITQD9%2B3810AEws6Sk5SyxBgXaS4ZPCFeouOn9AyBZ9qT0qL%2FNofSkIzL24FRY8SNvhtHynBijpSNCvMHtKnR37khU9sfTi7%2B4JGPBydt9XQT6izjrLvQ1zDKH26qBnP5psnRse1X8thXZXO%2BklsASMSKaY92tv2caaQ8xOllh9FkDUnrDHcVFDcwG5LUyRb96%2Bn1G%2BkOg8%2FLEcgRYUszjeGyVNtrit8FOFW5NiK5vm0MaeFUfhKgd6W5nQCMnJLr9wLrUTItaFCjNtvbOIDNbpZXamyfhEwh901XRugXIqjU22G8nJAbFCTDkrsRimwl14s6bjgvlqUAc9URV3%2BeieDPfWNV%2BACHyFq%2B0U6mOEuighzeCMfY8iV6nJrRY51IJGf69X7oTG%2ByuAXgS1Zz2Inf%2BblSGXK5VRefypgkuhiQOsOknENbJMCKIW6s12%2BwlFADLc26Q4sW%2BQ5AlqsaTRvhaU%2B3yCx0ZG1Y%2F3xA1S0Bj0i52zJQNWq5nZjvJlmDfy0KJ4%2FdfeQo1y8GtlJZU%2FFLtqoewDmuHmjGUXstdTgjhTThOEPdvr8MfP6PZwrN8AbCwBprlcGQamNU%2FbCXoI%2B6mEE9bRfxNBJD1vb%2BR9eTYFXj7lGVRHpFx%2FMPub%2F8kGOrEBDaqih1v5ECKwq3rDbK8L4a6%2FJrgslypYqqf6okuFWVhdD%2BNxfhapWQ%2FAD5E4W3TzmqtSWhVhMR5irdgFUBsT2xCJP9YLsI84y6gBZhSLH6DhSW%2FO6tym50QKr8AqvWkT0WJmwNqaXjZeG3w41oPVJu%2B9OFObo3yJJAzs4JxknSr9JDQxV0NjjVRi6Nb8jUcKvUixvEHGRFZXmyQd6NcWKxIOD8APPShxiXM5ixJicJdf&amp;X-Amz-Algorithm=AWS4-HMAC-SHA256&amp;X-Amz-Date=20251215T100532Z&amp;X-Amz-SignedHeaders=host&amp;X-Amz-Expires=300&amp;X-Amz-Credential=ASIAQ3PHCVTYRS7FZFBP%2F20251215%2Fus-east-1%2Fs3%2Faws4_request&amp;X-Amz-Signature=9d1969148fbd96ed76618a74c2c47fafb769acf826db338fc1e48f6e8232b347&amp;hash=a51e5987ae1f227350e4bb1ed1ced7bbfefd8db70cab5e7cf5aec3a7436001ab&amp;host=68042c943591013ac2b2430a89b270f6af2c76d8dfd086a07176afe7c76c2c61&amp;pii=S2772375524001229&amp;tid=spdf-297f4e5c-9c12-488d-808d-97e3de5b7e92&amp;sid=69263c765caae04a6a9851487ab0c14ed2eagxrqb&amp;type=client&amp;tsoh=d3d3LnNjaWVuY2VkaXJlY3QuY29t&amp;rh=d3d3LnNjaWVuY2VkaXJlY3QuY29t&amp;ua=080f5a02065354035951&amp;rr=9ae51f85bdf0e3ef&amp;cc=ro" rel="noreferrer noopener" target="_blank">detecting pests</a>. Pests can make or break a harvest season, and detecting pests early is paramount. In an age where the over-use of pesticides <a href="https://www.eea.europa.eu/en/analysis/publications/how-pesticides-impact-human-health" rel="noreferrer noopener" target="_blank">is a major environmental problem</a>, farmers can now detect outbreaks in real time, often before any visible damage even occurs. This allows for “surgical” interventions where pesticides are applied only when and where necessary, rather than blanket spraying entire fields, which significantly reduces chemical costs and environmental impact while automating the traditionally error-prone task of manual monitoring.</p> <p>Yet, as good as all this is, data can’t plant a seed or harvest a crop.</p> <h3>The “Muscle”</h3> <p>While sensors provide the “nervous system” and algorithms provide the “brain,” robots provide the “musculature” required to act. This is where things can get very messy very fast.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-127.png"><img alt="a miniature tank-like agricultural machine operating in a field" decoding="async" height="573" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 940px) 100vw, 940px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-127.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-127.png 940w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-127-300x183.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-127-768x468.png 768w" width="940"></img></a><figcaption><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/agricultural-robot.jpg"></a>Robots can struggle to manage messy farm environments. Image credits: Wikipedia (<a href="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/64/AgriRobot.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY 3.0</a>).</figcaption></figure></div> <p>In addition to the usual hurdles of robotics, agricultural environments pose two additional problems: handling delicate biology and navigating hostile terrain.</p> <p>First, consider the act of picking a fruit. To a human, plucking a ripe strawberry is intuitive. A child could do it. To a robot, it is a massive engineering challenge. If a metal gripper grabs a strawberry too hard, it becomes jam; too soft, and it drops the fruit. A <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0168169924003296" rel="noreferrer noopener" target="_blank">2024 review</a> in Computers and Electronics in Agriculture analyzed various robotic end-effectors, noting that while vacuum-based grippers are promising, they still struggle with “occlusion” (when a leaf hides the fruit) and the variable shapes of natural produce. The study found that while humans can easily adjust their grip for a weirdly shaped tomato, robots trained on standardized datasets often fail when faced with nature’s irregularities. Simply put, even state-of-the-art robots sometimes struggle.</p> <p>Some researchers <a href="https://pdf.sciencedirectassets.com/779816/1-s2.0-S2772375525X00034/1-s2.0-S2772375525007695/main.pdf?X-Amz-Security-Token=IQoJb3JpZ2luX2VjEIL%2F%2F%2F%2F%2F%2F%2F%2F%2F%2FwEaCXVzLWVhc3QtMSJHMEUCIApPiJtimC0RA9JkzC4OIG2sL7jlA6JHjRT3FZY8WUUXAiEAhrqSPmuDj7dPC5pple7FmSMvcXK1QSliAwchjvP0ycQqsgUIShAFGgwwNTkwMDM1NDY4NjUiDDlMIH0TQcGsb3xRSCqPBUZkln1uCeyYt%2Fs4dy6Oi%2F95y7ZI5iwHhz5RQZ7socdtPNiUEyw3yRYKEiHZov6ocangDct%2FwqHuujaf9WCcSQ98UJ8c8OQGydEhBAFd3rNJezV06GilEnNlqVq4bhpyVjJQpMsL%2BKHxsUi6Nb34b8%2B3UXygQeQSAK65OglCDJtZIwlH7YtaRwsjC8Kd8cM3d4qDiF7GvWeMxccarWetr7NEvA1Xej2HHJ6YCeHXkZmAkJz16sCLYG0fB7R9vOHjfSW%2FBFtXqnHQjexFhV9if3EgRjASB83SdAH54gmg1g9DQmwUHBjNN8kKDDooZE3M8ZwjmimS9SxanaQfvS3sGJQk%2FSUTWe8T1Bq%2BTn%2BuwNpYYKUceJEBbcS8J3QQ8UlaFZoomOF8IQPDEp7cBDmJ0vLSXfOJSTiPB4oyX1n7%2Bzkg2HQwhIQGKBjYMiUQPoQ9oWxwMe%2BXXwIf3vkqheajVJJgopQ46uLXmI%2FonkdteVrowEa%2Fgq%2BB5jwqdaFK4W7OUXBg%2BxMUFaTeEy67GhGK7%2FoI9bQIlFz97uyIZq5bMk3ES3GsFa4cqZgIYXrt84CYPfCmEg9kP%2BEd%2B8hAkmfgo1YBaeRTgFn%2F7guSLgBD7BRy7Y%2BGWJdlv%2FBFJHSy9AnuidwHyo3vh86jlCHPdAhLCoavozVQJppZt0RipNDhchY00rYYy8mIKgNt5lI9NEzZ96NU8q%2FRI%2Bchythi65vxObbaunqUOPUBXR0crJpWvG4B9er89%2FN0rkJcPfEL3iptU3CmE0IUsYxPEjibz3baPiy0uxfSdorOLlyApMhSVsQB34vOGx9l%2Fy04iLUiFm2qqPz8rQWqgNYm9l%2F2dEKcmlCOSDojyyBk4WrghmVxAd4w%2FaH%2FyQY6sQGa9IQ%2B%2Fs0OoX4vNyO36J8%2FAy73Yj28eJQDMrNURZgi1JJnSSlENGQHKYdzXw70evWIS%2FF%2B96N75dFZoVwQfPURUk1fvRZuaePgFJTauG5OcyXk5nVJRngS0FYj%2Bhan9lg%2FGWNJbAUCVkXiv16LWvXsvAN%2FSBmfYHBifY9mqEjuAFSg%2F98oyQD5iZw5ext0zn%2F%2BgtK%2BpvChzhVAvPbIV9LbQmzhntMB6dEAUcEgvkvEtHg%3D&amp;X-Amz-Algorithm=AWS4-HMAC-SHA256&amp;X-Amz-Date=20251215T102520Z&amp;X-Amz-SignedHeaders=host&amp;X-Amz-Expires=300&amp;X-Amz-Credential=ASIAQ3PHCVTY2JMTCNUN%2F20251215%2Fus-east-1%2Fs3%2Faws4_request&amp;X-Amz-Signature=762c7ef466d9bb90bffb3ce6c8c0688fec7c13fa62091b26734cc6ec96131f7a&amp;hash=a4ab8e451ac716b97c9f9f07b3dc807e5debade065f4644d17914d2b68c16056&amp;host=68042c943591013ac2b2430a89b270f6af2c76d8dfd086a07176afe7c76c2c61&amp;pii=S2772375525007695&amp;tid=spdf-21175219-cedc-4f62-ba41-a0c432bcd962&amp;sid=69263c765caae04a6a9851487ab0c14ed2eagxrqb&amp;type=client&amp;tsoh=d3d3LnNjaWVuY2VkaXJlY3QuY29t&amp;rh=d3d3LnNjaWVuY2VkaXJlY3QuY29t&amp;ua=080f5a02065356065950&amp;rr=9ae53c84df51c9ed&amp;cc=ro" rel="noreferrer noopener" target="_blank">have proposed</a> a “hybrid” approach, taking tomatoes as an example. The robots should not just blindly grab every tomato. Rather, it would calculate a success probability using a mathematical model. If the model does not meet a safety threshold, it would simply skip the tomato to avoid damaging the crop. In practice, this is expected to harvest around 80% of tomatoes. Then, human farmers would need to either harvest the remaining tomatoes, abandon them, or risk it with the robot.</p> <p>Second, and even more challenging, there is the problem of the ground itself. A robot might work perfectly on dry pavement or an organized environment, but put it in a wet clay field with irregularities, and the physics change. A study on autonomous agricultural rovers demonstrated that “wheel slip” in muddy conditions <a href="https://www.researchgate.net/publication/271658674_Control_of_a_Mobile_Robot_Subject_to_Wheel_Slip" rel="noreferrer noopener" target="_blank">can easily cause</a> the robot to lose track of its precise location. If a weeding robot thinks it is 5 centimeters to the left of where it actually is, it might accidentally pick a leaf instead of a fruit or vaporize a cabbage instead of a weed.</p> <p>Navigation is much easier in a controlled environment <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0168169925001073?via%3Dihub" rel="noreferrer noopener" target="_blank">like raised beds</a> in a greenhouse. In a smaller greenhouse, a robot’s laser scanner (LiDAR) could always “see” the walls or edges of the farm. This approach would be much more challenging in a larger greenhouse, because the walls are farther apart and the robot could be stuck in the middle of a long aisle where everything looks identical. Without seeing the unique features of the walls at the end, the data “degenerates,” and the robot loses track of exactly where it is along the row.</p> <p>For the first time, smaller farms could have an advantage when it comes to implementing cutting-edge technologies.</p> <h3>The Invisible Fence</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/patrick-ac1PA634XnI-unsplash-scaled.jpg"><img alt="a cute cow looking straight at you" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/patrick-ac1PA634XnI-unsplash-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/patrick-ac1PA634XnI-unsplash-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/patrick-ac1PA634XnI-unsplash-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/patrick-ac1PA634XnI-unsplash-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/patrick-ac1PA634XnI-unsplash-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/patrick-ac1PA634XnI-unsplash-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Virtual fences could soon play a more widespread role in farming. Image credits: Patrick / Unsplash (<a href="https://unsplash.com/photos/a-brown-cow-standing-on-top-of-a-lush-green-field-ac1PA634XnI" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY 3.0</a>).</figcaption></figure></div> <p>Modern farming, of course, is not just about plants. When it comes to animal farming, technology can help in several ways. Monitoring (powered by smart algorithms) can track the animals’ <a href="https://www.europarl.europa.eu/RegData/etudes/BRIE/2025/772840/EPRS_BRI(2025)772840_EN.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">health and wellbeing</a>, even gauging <a href="https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2021.04.09.439122v1" rel="noreferrer noopener" target="_blank">their emotional states</a>. Yet perhaps the most straightforward approach could come in the form of virtual borders.</p> <p>New “Virtual Fencing” systems could replace barbed wire or other physical barriers. The concept is simple: the cow wears a collar that emits an audio cue (a scale of beeps) as it approaches a virtual GPS boundary. If the cow ignores the sound, it receives a mild electric pulse. The animals learn to play the game, associating the sound with stopping and effectively fencing themselves in with their own psychology.</p> <p>The ecological payoff is massive. Without physical fences, wildlife corridors reopen. Elk, deer, and other wild animals can migrate freely through ranch land. But for the farmer, the payoff is even more direct: It reduces infrastructure costs and converts a labor-intensive chore into a software command.</p> <p>Farmers can practice “rotational grazing” (moving herds frequently to prevent overgrazing and stimulate grass growth) with a simple software command. Historically, this required the backbreaking daily work of moving portable electric wires. A <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1751731124001629#s0125" rel="noreferrer noopener" target="_blank">recent study</a> highlighted that virtual fencing systems can reduce the labor time associated with herd management, especially in complex terrains and nature-rich areas.</p> <p>Furthermore, it offers a level of adaptability that physical barriers cannot match. A physical fence is a straight line; a virtual fence is a polygon that can adapt to the land.</p> <p>But is it humane?</p> <p>Several studies have been conducted in an attempt to answer this. <a href="https://academic.oup.com/jas/article/doi/10.1093/jas/skae024/7589682#441437431" rel="noreferrer noopener" target="_blank">A study published</a> in the <em>Journal of Animal Science</em> measured cortisol (stress hormone) levels in dairy cows transitioning to virtual fences. They found no significant difference in stress levels compared to physical electric fences. Once the learning phase (about 48 hours) is over, the cows navigate the virtual world as calmly as the physical one, allowing farmers to practice regenerative rotational grazing without ever hammering a fence post.</p> <h3>The Cyber-Physical Harvest Is Coming, Eventually</h3> <p>The transition to Agriculture 4.0 brings a paradigm shift in farming, from trying to conquer nature with brute force to trying to decode it with data. The heavy industrial model of the 20th century tended to treat farms like factory floors: uniform, predictable, and scalable through size. The emerging digital model treats the farm as a living network that is variable, chaotic, and scalable only through intelligence.</p> <p>This interaction also brings a potential for democratization. For the first time in history, the most advanced agronomic tools are becoming accessible to the smallest operators; in fact, some approaches work better in smaller farms. The economies of scale that favored the mega-farm may soon be challenged by small, highly automated, and data-rich farms that can compete on efficiency and quality.</p> <p>However, this revolution is unlikely to be as seamless as a software update. It will be a messy, iterative negotiation between the clean logic of code and the dirty reality of biology. Algorithms will offer valuable information, but they will invariably misinterpret some of the data. Robots will occasionally lose their footing in the clay. Machine learning is a key ally, but the usual challenges (interpretability, data issues, bias) are still there.</p> <p>Yet, this will also bring new challenges. Firstly, farmers will have to adapt to this potential and work with researchers and technology, and there is a learning curve. Then, there is the “Cyber Hygiene” problem. Smart farms often involve IoT systems which <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/internet-of-hackable-things-07032021/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">are notoriously easy to crack</a>. As the farm becomes a computer, it inherits all the vulnerabilities along with the potential.</p> <p>Ultimately, the farm of the future will likely not be fully autonomous. Rather, it will be a “centaur” system: a hybrid where algorithms handle the data, robots handle the repetition, and humans make decisions and handle the ambiguity.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>IoT Is Changing Agriculture. But the Reality of the Cyber-Farm is Still Messy - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-125.png"><img alt="a sensor in an agricultural field" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 683px) 100vw, 683px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-125-683x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-125-683x1024.png 683w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-125-200x300.png 200w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-125-768x1152.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-125.png 940w" width="683"></img></a><figcaption>A sensor in an agricultural field. Image credits: MKose via Wikipedia (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:EAgronom_4okt2023_L-1120.jpg">CC BY 3.0</a>).</figcaption></figure></div> <p>Some 10,000 years ago, Neolithic cultures started transitioning from a hunter-gatherer lifestyle to a more sedentary, farming lifestyle. This was an agricultural revolution, or rather, <a href="https://www.nationalgeographic.com/culture/article/neolithic-agricultural-revolution" rel="noreferrer noopener" target="_blank">the <em>first </em>Agricultural Revolution</a>.</p> <p>The <a href="https://www.jstor.org/stable/pdf/2592204.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">second one</a> started in the 17th century, when farming became more commercialized and innovative equipment started being used. The Third Agricultural Revolution, also called the <a href="https://www.kew.org/read-and-watch/back-to-the-future-green-revolution" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Green Revolution</a>, emerged in developed countries in the early 20th century, bringing new technologies, hybrid seeds, high-yielding varieties of cereals, pesticides, and fertilizers.</p> <p>We may be on the cusp of another revolution, sometimes referred to as Agriculture 4.0 (<a href="https://www.newsroom.hlf-foundation.org/blog/article/agriculture-5-0-combating-weeds-using-machine-learning-and-robotics/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">or 5.0</a>). This represents the transition of farming from a mechanical industry to a digital, cyber-physical ecosystem. This new era aims to leverage the Internet of Things (IoT), Artificial Intelligence, and Big Data to optimize biological systems with algorithmic precision. It is characterized by the shift from managing vast, uniform monocultures to managing the specific needs of areas or even individual plants, often through “frugal innovation” like low-cost sensors, autonomous robotics, and smart algorithms.</p> <p>This revolution is meant to democratize productivity, allowing even smallholders to access agronomic intelligence previously reserved for industrial giants, effectively turning small farms into sophisticated, data-driven nodes. But as promising as the science and technology are, this revolution is not a clean upgrade, and the farm reality is often messy.</p> <h3 id="h-the-information-side">The Information Side</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/CSIRO_ScienceImage_3719_CSIROs_Fleck_wireless_sensor_network_technology.jpg"><img alt="a sensor and pipe in an agricultural field" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/CSIRO_ScienceImage_3719_CSIROs_Fleck_wireless_sensor_network_technology-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/CSIRO_ScienceImage_3719_CSIROs_Fleck_wireless_sensor_network_technology-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/CSIRO_ScienceImage_3719_CSIROs_Fleck_wireless_sensor_network_technology-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/CSIRO_ScienceImage_3719_CSIROs_Fleck_wireless_sensor_network_technology-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/CSIRO_ScienceImage_3719_CSIROs_Fleck_wireless_sensor_network_technology-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/CSIRO_ScienceImage_3719_CSIROs_Fleck_wireless_sensor_network_technology.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>Wireless sensor networks are a key technology for a new generation of environmental monitoring and management systems. Image credits: Stephan Brosnan, CSIRO via Wikipedia (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:CSIRO_ScienceImage_3719_CSIROs_Fleck_wireless_sensor_network_technology.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY 3.0</a>).</figcaption></figure></div> <p>Sensors <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/internet-of-things-agriculture-21022021/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">are the foundation</a> of any Agriculture 4.0 farm. They act as a nervous system, passing information from the natural world to the cyber side. All the clever algorithms in the world will not work without cheap sensors to provide ground-truthed information.<aside></aside></p> <p>Sensors, especially low-cost capacitive sensors, can provide valuable information about humidity and soil conditions for <a href="https://www.mdpi.com/1424-8220/25/2/343" rel="noreferrer noopener" target="_blank">a fraction of the cost</a> of “traditional” units. These can also be paired with simple microcontrollers to provide good enough accuracy for a fraction of the price, making farm data <a href="https://spectrum.ieee.org/precision-agriculture" rel="noreferrer noopener" target="_blank">more accessible than ever</a>. But this is just one part of the information side.</p> <p>Satellites like the European Space Agency’s Sentinel-2 can provide free information on vegetation health indices like the NDVI (Normalized Difference Vegetation Index), which can be used to <a href="https://link.springer.com/article/10.1186/s13007-023-00981-8" rel="noreferrer noopener" target="_blank">monitor the health and productivity</a> of crops. Meanwhile, Unmanned Aerial Vehicles (UAVs, or drones) can offer more granular, localized precision. Multispectral cameras can highlight areas with too little or too much humidity and help optimize irrigation and fertilizers.</p> <p>These techniques are starting to become established, as part of a strategy sometimes referred to as “Precision Agriculture.” But this is only a stepping stone towards Agriculture 4.0. To truly reach this stage, the data must be interpreted and acted upon.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-126.png"><img alt="a colored map seen from a drone" decoding="async" height="495" sizes="(max-width: 940px) 100vw, 940px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-126.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-126.png 940w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-126-300x158.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-126-768x404.png 768w" width="940"></img></a><figcaption>The NDVI index can help farmers be more efficient with water and fertilizers. Image credits: Stoermerjp via Wikipedia (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:DroneMapper_Processed_NDVI_4cm_GSD.png" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY 3.0</a>).</figcaption></figure></div> <p>This is where algorithms like IDSDS (Intelligent decision support for drought stress) <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0168169925005836?via%3Dihub" rel="noreferrer noopener" target="_blank">come in</a>. As described in a recent study, the algorithm leverages deep learning to reconstruct complex hyperspectral data from low-cost RGB images which could be taken with a regular smartphone. Furthermore, the study introduced a novel metric known as the Greenness Coefficient (GC) for precise spatial analysis of drought impact. When integrated with machine learning classification models, the IDSDS pipeline achieved a 99% accuracy in stratifying drought stress into seven distinct severity categories.</p> <p>For farmers, this means their smartphone can help them make complex decisions and prepare for drought. Instead of waiting for crops to visibly wilt or turn brown, they can detect “invisible” early-stage drought stress with high accuracy.</p> <p>Convolutional Neural Networks (CNNs) are also informing farmers about <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0168169919308543?via%3Dihub" rel="noreferrer noopener" target="_blank">their expected yield</a>, offering information about how different pre-season treatments would influence this yield. Another key development also revolves around CNNs: <a href="https://pdf.sciencedirectassets.com/779816/1-s2.0-S2772375524X00027/1-s2.0-S2772375524001229/main.pdf?X-Amz-Security-Token=IQoJb3JpZ2luX2VjEIH%2F%2F%2F%2F%2F%2F%2F%2F%2F%2FwEaCXVzLWVhc3QtMSJHMEUCIErf6qD3Iu%2B87APdi7dTe2CGxhN90G2swHlwrH1EDTvOAiEA5u3qhK1PiYnyl5ssaFhe8RfxyQ4jWwE6nWL8wsPzRkcqswUIShAFGgwwNTkwMDM1NDY4NjUiDA3dxMRGoyLuPm01CiqQBSXEYC0DUAStVE%2B9FASFGPXdXln9FcxNstMn9nIBkN%2FI359aBj4mIXHMk1FZuhXLoSpZtv1yCGu%2BcLWZUZbSSD593iMsspBPKQ%2Fvuj2yHiuhXCHP7gh4w10xMCE3lVK7QEg6vjnfy8zHpck0p9YNi6DOGh%2BoDpxPwLGHvvJsctoVKoYyMjsDpgh2o%2FOfSXTh6rcSvNrUy0uk2j4%2Bs6BwjA%2BtnpOFvsUc%2BtyGP%2FjOGWdEX3X1iAITQD9%2B3810AEws6Sk5SyxBgXaS4ZPCFeouOn9AyBZ9qT0qL%2FNofSkIzL24FRY8SNvhtHynBijpSNCvMHtKnR37khU9sfTi7%2B4JGPBydt9XQT6izjrLvQ1zDKH26qBnP5psnRse1X8thXZXO%2BklsASMSKaY92tv2caaQ8xOllh9FkDUnrDHcVFDcwG5LUyRb96%2Bn1G%2BkOg8%2FLEcgRYUszjeGyVNtrit8FOFW5NiK5vm0MaeFUfhKgd6W5nQCMnJLr9wLrUTItaFCjNtvbOIDNbpZXamyfhEwh901XRugXIqjU22G8nJAbFCTDkrsRimwl14s6bjgvlqUAc9URV3%2BeieDPfWNV%2BACHyFq%2B0U6mOEuighzeCMfY8iV6nJrRY51IJGf69X7oTG%2ByuAXgS1Zz2Inf%2BblSGXK5VRefypgkuhiQOsOknENbJMCKIW6s12%2BwlFADLc26Q4sW%2BQ5AlqsaTRvhaU%2B3yCx0ZG1Y%2F3xA1S0Bj0i52zJQNWq5nZjvJlmDfy0KJ4%2FdfeQo1y8GtlJZU%2FFLtqoewDmuHmjGUXstdTgjhTThOEPdvr8MfP6PZwrN8AbCwBprlcGQamNU%2FbCXoI%2B6mEE9bRfxNBJD1vb%2BR9eTYFXj7lGVRHpFx%2FMPub%2F8kGOrEBDaqih1v5ECKwq3rDbK8L4a6%2FJrgslypYqqf6okuFWVhdD%2BNxfhapWQ%2FAD5E4W3TzmqtSWhVhMR5irdgFUBsT2xCJP9YLsI84y6gBZhSLH6DhSW%2FO6tym50QKr8AqvWkT0WJmwNqaXjZeG3w41oPVJu%2B9OFObo3yJJAzs4JxknSr9JDQxV0NjjVRi6Nb8jUcKvUixvEHGRFZXmyQd6NcWKxIOD8APPShxiXM5ixJicJdf&amp;X-Amz-Algorithm=AWS4-HMAC-SHA256&amp;X-Amz-Date=20251215T100532Z&amp;X-Amz-SignedHeaders=host&amp;X-Amz-Expires=300&amp;X-Amz-Credential=ASIAQ3PHCVTYRS7FZFBP%2F20251215%2Fus-east-1%2Fs3%2Faws4_request&amp;X-Amz-Signature=9d1969148fbd96ed76618a74c2c47fafb769acf826db338fc1e48f6e8232b347&amp;hash=a51e5987ae1f227350e4bb1ed1ced7bbfefd8db70cab5e7cf5aec3a7436001ab&amp;host=68042c943591013ac2b2430a89b270f6af2c76d8dfd086a07176afe7c76c2c61&amp;pii=S2772375524001229&amp;tid=spdf-297f4e5c-9c12-488d-808d-97e3de5b7e92&amp;sid=69263c765caae04a6a9851487ab0c14ed2eagxrqb&amp;type=client&amp;tsoh=d3d3LnNjaWVuY2VkaXJlY3QuY29t&amp;rh=d3d3LnNjaWVuY2VkaXJlY3QuY29t&amp;ua=080f5a02065354035951&amp;rr=9ae51f85bdf0e3ef&amp;cc=ro" rel="noreferrer noopener" target="_blank">detecting pests</a>. Pests can make or break a harvest season, and detecting pests early is paramount. In an age where the over-use of pesticides <a href="https://www.eea.europa.eu/en/analysis/publications/how-pesticides-impact-human-health" rel="noreferrer noopener" target="_blank">is a major environmental problem</a>, farmers can now detect outbreaks in real time, often before any visible damage even occurs. This allows for “surgical” interventions where pesticides are applied only when and where necessary, rather than blanket spraying entire fields, which significantly reduces chemical costs and environmental impact while automating the traditionally error-prone task of manual monitoring.</p> <p>Yet, as good as all this is, data can’t plant a seed or harvest a crop.</p> <h3>The “Muscle”</h3> <p>While sensors provide the “nervous system” and algorithms provide the “brain,” robots provide the “musculature” required to act. This is where things can get very messy very fast.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-127.png"><img alt="a miniature tank-like agricultural machine operating in a field" decoding="async" height="573" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 940px) 100vw, 940px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-127.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-127.png 940w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-127-300x183.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-127-768x468.png 768w" width="940"></img></a><figcaption><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/agricultural-robot.jpg"></a>Robots can struggle to manage messy farm environments. Image credits: Wikipedia (<a href="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/64/AgriRobot.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY 3.0</a>).</figcaption></figure></div> <p>In addition to the usual hurdles of robotics, agricultural environments pose two additional problems: handling delicate biology and navigating hostile terrain.</p> <p>First, consider the act of picking a fruit. To a human, plucking a ripe strawberry is intuitive. A child could do it. To a robot, it is a massive engineering challenge. If a metal gripper grabs a strawberry too hard, it becomes jam; too soft, and it drops the fruit. A <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0168169924003296" rel="noreferrer noopener" target="_blank">2024 review</a> in Computers and Electronics in Agriculture analyzed various robotic end-effectors, noting that while vacuum-based grippers are promising, they still struggle with “occlusion” (when a leaf hides the fruit) and the variable shapes of natural produce. The study found that while humans can easily adjust their grip for a weirdly shaped tomato, robots trained on standardized datasets often fail when faced with nature’s irregularities. Simply put, even state-of-the-art robots sometimes struggle.</p> <p>Some researchers <a href="https://pdf.sciencedirectassets.com/779816/1-s2.0-S2772375525X00034/1-s2.0-S2772375525007695/main.pdf?X-Amz-Security-Token=IQoJb3JpZ2luX2VjEIL%2F%2F%2F%2F%2F%2F%2F%2F%2F%2FwEaCXVzLWVhc3QtMSJHMEUCIApPiJtimC0RA9JkzC4OIG2sL7jlA6JHjRT3FZY8WUUXAiEAhrqSPmuDj7dPC5pple7FmSMvcXK1QSliAwchjvP0ycQqsgUIShAFGgwwNTkwMDM1NDY4NjUiDDlMIH0TQcGsb3xRSCqPBUZkln1uCeyYt%2Fs4dy6Oi%2F95y7ZI5iwHhz5RQZ7socdtPNiUEyw3yRYKEiHZov6ocangDct%2FwqHuujaf9WCcSQ98UJ8c8OQGydEhBAFd3rNJezV06GilEnNlqVq4bhpyVjJQpMsL%2BKHxsUi6Nb34b8%2B3UXygQeQSAK65OglCDJtZIwlH7YtaRwsjC8Kd8cM3d4qDiF7GvWeMxccarWetr7NEvA1Xej2HHJ6YCeHXkZmAkJz16sCLYG0fB7R9vOHjfSW%2FBFtXqnHQjexFhV9if3EgRjASB83SdAH54gmg1g9DQmwUHBjNN8kKDDooZE3M8ZwjmimS9SxanaQfvS3sGJQk%2FSUTWe8T1Bq%2BTn%2BuwNpYYKUceJEBbcS8J3QQ8UlaFZoomOF8IQPDEp7cBDmJ0vLSXfOJSTiPB4oyX1n7%2Bzkg2HQwhIQGKBjYMiUQPoQ9oWxwMe%2BXXwIf3vkqheajVJJgopQ46uLXmI%2FonkdteVrowEa%2Fgq%2BB5jwqdaFK4W7OUXBg%2BxMUFaTeEy67GhGK7%2FoI9bQIlFz97uyIZq5bMk3ES3GsFa4cqZgIYXrt84CYPfCmEg9kP%2BEd%2B8hAkmfgo1YBaeRTgFn%2F7guSLgBD7BRy7Y%2BGWJdlv%2FBFJHSy9AnuidwHyo3vh86jlCHPdAhLCoavozVQJppZt0RipNDhchY00rYYy8mIKgNt5lI9NEzZ96NU8q%2FRI%2Bchythi65vxObbaunqUOPUBXR0crJpWvG4B9er89%2FN0rkJcPfEL3iptU3CmE0IUsYxPEjibz3baPiy0uxfSdorOLlyApMhSVsQB34vOGx9l%2Fy04iLUiFm2qqPz8rQWqgNYm9l%2F2dEKcmlCOSDojyyBk4WrghmVxAd4w%2FaH%2FyQY6sQGa9IQ%2B%2Fs0OoX4vNyO36J8%2FAy73Yj28eJQDMrNURZgi1JJnSSlENGQHKYdzXw70evWIS%2FF%2B96N75dFZoVwQfPURUk1fvRZuaePgFJTauG5OcyXk5nVJRngS0FYj%2Bhan9lg%2FGWNJbAUCVkXiv16LWvXsvAN%2FSBmfYHBifY9mqEjuAFSg%2F98oyQD5iZw5ext0zn%2F%2BgtK%2BpvChzhVAvPbIV9LbQmzhntMB6dEAUcEgvkvEtHg%3D&amp;X-Amz-Algorithm=AWS4-HMAC-SHA256&amp;X-Amz-Date=20251215T102520Z&amp;X-Amz-SignedHeaders=host&amp;X-Amz-Expires=300&amp;X-Amz-Credential=ASIAQ3PHCVTY2JMTCNUN%2F20251215%2Fus-east-1%2Fs3%2Faws4_request&amp;X-Amz-Signature=762c7ef466d9bb90bffb3ce6c8c0688fec7c13fa62091b26734cc6ec96131f7a&amp;hash=a4ab8e451ac716b97c9f9f07b3dc807e5debade065f4644d17914d2b68c16056&amp;host=68042c943591013ac2b2430a89b270f6af2c76d8dfd086a07176afe7c76c2c61&amp;pii=S2772375525007695&amp;tid=spdf-21175219-cedc-4f62-ba41-a0c432bcd962&amp;sid=69263c765caae04a6a9851487ab0c14ed2eagxrqb&amp;type=client&amp;tsoh=d3d3LnNjaWVuY2VkaXJlY3QuY29t&amp;rh=d3d3LnNjaWVuY2VkaXJlY3QuY29t&amp;ua=080f5a02065356065950&amp;rr=9ae53c84df51c9ed&amp;cc=ro" rel="noreferrer noopener" target="_blank">have proposed</a> a “hybrid” approach, taking tomatoes as an example. The robots should not just blindly grab every tomato. Rather, it would calculate a success probability using a mathematical model. If the model does not meet a safety threshold, it would simply skip the tomato to avoid damaging the crop. In practice, this is expected to harvest around 80% of tomatoes. Then, human farmers would need to either harvest the remaining tomatoes, abandon them, or risk it with the robot.</p> <p>Second, and even more challenging, there is the problem of the ground itself. A robot might work perfectly on dry pavement or an organized environment, but put it in a wet clay field with irregularities, and the physics change. A study on autonomous agricultural rovers demonstrated that “wheel slip” in muddy conditions <a href="https://www.researchgate.net/publication/271658674_Control_of_a_Mobile_Robot_Subject_to_Wheel_Slip" rel="noreferrer noopener" target="_blank">can easily cause</a> the robot to lose track of its precise location. If a weeding robot thinks it is 5 centimeters to the left of where it actually is, it might accidentally pick a leaf instead of a fruit or vaporize a cabbage instead of a weed.</p> <p>Navigation is much easier in a controlled environment <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0168169925001073?via%3Dihub" rel="noreferrer noopener" target="_blank">like raised beds</a> in a greenhouse. In a smaller greenhouse, a robot’s laser scanner (LiDAR) could always “see” the walls or edges of the farm. This approach would be much more challenging in a larger greenhouse, because the walls are farther apart and the robot could be stuck in the middle of a long aisle where everything looks identical. Without seeing the unique features of the walls at the end, the data “degenerates,” and the robot loses track of exactly where it is along the row.</p> <p>For the first time, smaller farms could have an advantage when it comes to implementing cutting-edge technologies.</p> <h3>The Invisible Fence</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/patrick-ac1PA634XnI-unsplash-scaled.jpg"><img alt="a cute cow looking straight at you" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/patrick-ac1PA634XnI-unsplash-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/patrick-ac1PA634XnI-unsplash-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/patrick-ac1PA634XnI-unsplash-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/patrick-ac1PA634XnI-unsplash-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/patrick-ac1PA634XnI-unsplash-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/patrick-ac1PA634XnI-unsplash-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Virtual fences could soon play a more widespread role in farming. Image credits: Patrick / Unsplash (<a href="https://unsplash.com/photos/a-brown-cow-standing-on-top-of-a-lush-green-field-ac1PA634XnI" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY 3.0</a>).</figcaption></figure></div> <p>Modern farming, of course, is not just about plants. When it comes to animal farming, technology can help in several ways. Monitoring (powered by smart algorithms) can track the animals’ <a href="https://www.europarl.europa.eu/RegData/etudes/BRIE/2025/772840/EPRS_BRI(2025)772840_EN.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">health and wellbeing</a>, even gauging <a href="https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2021.04.09.439122v1" rel="noreferrer noopener" target="_blank">their emotional states</a>. Yet perhaps the most straightforward approach could come in the form of virtual borders.</p> <p>New “Virtual Fencing” systems could replace barbed wire or other physical barriers. The concept is simple: the cow wears a collar that emits an audio cue (a scale of beeps) as it approaches a virtual GPS boundary. If the cow ignores the sound, it receives a mild electric pulse. The animals learn to play the game, associating the sound with stopping and effectively fencing themselves in with their own psychology.</p> <p>The ecological payoff is massive. Without physical fences, wildlife corridors reopen. Elk, deer, and other wild animals can migrate freely through ranch land. But for the farmer, the payoff is even more direct: It reduces infrastructure costs and converts a labor-intensive chore into a software command.</p> <p>Farmers can practice “rotational grazing” (moving herds frequently to prevent overgrazing and stimulate grass growth) with a simple software command. Historically, this required the backbreaking daily work of moving portable electric wires. A <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1751731124001629#s0125" rel="noreferrer noopener" target="_blank">recent study</a> highlighted that virtual fencing systems can reduce the labor time associated with herd management, especially in complex terrains and nature-rich areas.</p> <p>Furthermore, it offers a level of adaptability that physical barriers cannot match. A physical fence is a straight line; a virtual fence is a polygon that can adapt to the land.</p> <p>But is it humane?</p> <p>Several studies have been conducted in an attempt to answer this. <a href="https://academic.oup.com/jas/article/doi/10.1093/jas/skae024/7589682#441437431" rel="noreferrer noopener" target="_blank">A study published</a> in the <em>Journal of Animal Science</em> measured cortisol (stress hormone) levels in dairy cows transitioning to virtual fences. They found no significant difference in stress levels compared to physical electric fences. Once the learning phase (about 48 hours) is over, the cows navigate the virtual world as calmly as the physical one, allowing farmers to practice regenerative rotational grazing without ever hammering a fence post.</p> <h3>The Cyber-Physical Harvest Is Coming, Eventually</h3> <p>The transition to Agriculture 4.0 brings a paradigm shift in farming, from trying to conquer nature with brute force to trying to decode it with data. The heavy industrial model of the 20th century tended to treat farms like factory floors: uniform, predictable, and scalable through size. The emerging digital model treats the farm as a living network that is variable, chaotic, and scalable only through intelligence.</p> <p>This interaction also brings a potential for democratization. For the first time in history, the most advanced agronomic tools are becoming accessible to the smallest operators; in fact, some approaches work better in smaller farms. The economies of scale that favored the mega-farm may soon be challenged by small, highly automated, and data-rich farms that can compete on efficiency and quality.</p> <p>However, this revolution is unlikely to be as seamless as a software update. It will be a messy, iterative negotiation between the clean logic of code and the dirty reality of biology. Algorithms will offer valuable information, but they will invariably misinterpret some of the data. Robots will occasionally lose their footing in the clay. Machine learning is a key ally, but the usual challenges (interpretability, data issues, bias) are still there.</p> <p>Yet, this will also bring new challenges. Firstly, farmers will have to adapt to this potential and work with researchers and technology, and there is a learning curve. Then, there is the “Cyber Hygiene” problem. Smart farms often involve IoT systems which <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/internet-of-hackable-things-07032021/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">are notoriously easy to crack</a>. As the farm becomes a computer, it inherits all the vulnerabilities along with the potential.</p> <p>Ultimately, the farm of the future will likely not be fully autonomous. Rather, it will be a “centaur” system: a hybrid where algorithms handle the data, robots handle the repetition, and humans make decisions and handle the ambiguity.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/iot-is-changing-agriculture-but-the-reality-of-the-cyber-farm-is-still-messy/#comments 1 Teil 2: Und wieder tötet ein Kind. Und wieder tut das Strafrecht nichts https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts-teil-2/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts-teil-2/#comments Tue, 10 Feb 2026 12:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3537 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/geralt-crime-268902_1920-angepasst-768x543.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts-teil-2/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/geralt-crime-268902_1920-angepasst.jpg" /><h1>Teil 2: Und wieder tötet ein Kind. Und wieder tut das Strafrecht nichts » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Wie könnte das Strafrecht regieren, wenn Täterinnen oder Täter in Deutschland jünger als 14 Jahre sind?</strong></p> <span id="more-3537"></span> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts/">ersten Teil</a> behandelten wir Tötungsdelikte durch Kinder. Gerade geht der Fall des 14-jährigen Yosef durch die Medien, der wahrscheinlich von einem Zwölfjährigen in Dormagen (NRW) getötet wurde. Zuvor hat die Tötung der 12-jährigen Luise am 11. März 2023 in Freudenberg bei Siegen für großes Entsetzen gesorgt. Hier waren die Täterinnen eine zwölf- und eine 13-jährige Bekannte.</p> <p>Wie im ersten Teil dargestellt, schließt das deutsche Strafrecht unter dem Alter von 14 Jahren jegliche strafrechtliche Verantwortung grundlegend aus (§ 19 StGB). Das bedeutet, dass Polizei und Staatsanwaltschaft nicht weiter ermitteln und auch keine Anklage erhoben werden kann. In diesem Sinne stehen die Opfer beziehungsweise ihre Angehörigen sogar nach schwersten Verbrechen allein da.</p> <p>Im Fall der Luise versucht die Familie, die Täterinnen zumindest zivilrechtlich verantwortlich zu machen. Hier kann es aber nur um Schadensersatz gehen, verglichen mit der Höchststrafe von 15 Jahren für Mord im Jugendstrafrecht. Außerdem tragen die Kläger hier selbst sowohl die Beweislast als auch das Verfahrensrisiko.</p> <p>Ich habe das im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts/">ersten Teil</a> zu meiner eigenen Forschung zur Obergrenze des Strafrechts in Beziehung gesetzt. Am Ende diskutierte ich einen historischen Fall, der an die Verbrechen gegen Luise und Yosef erinnert. Jetzt kehren wir in die Gegenwart zurück und beschäftigen wir uns noch einmal mit den Altersgrenzen des Strafrechts am unteren Ende, also der Strafmündigkeit.<aside></aside></p> <h2 id="h-noch-einmal-altersgrenzen">Noch einmal Altersgrenzen</h2> <p>Möglich ist der Umweg über das Zivilrecht nur, weil es für die Verantwortlichkeit für Schaden eine andere Altersgrenze kennt als das Strafrecht: “Wer nicht das siebente Lebensjahr vollendet hat, ist für einen Schaden, den er einem anderen zufügt, nicht verantwortlich” (§ 828 Abs. 1 BGB). Die doppelte Verneinung und die Formulierung “Vollendung des siebenten Lebensjahres” fördern nicht gerade die allgemeine Verständlichkeit. Gemeint ist eine Verantwortlichkeit ab dem Alter von <em>sieben</em> Jahren. Ab dieser Altersgrenze gilt übrigens auch die beschränkte Geschäftsfähigkeit (§ 106 BGB).</p> <p>Wie kann das sein, dass man laut Zivilrecht schon ab dem Alter von sieben Jahren für seinen Schaden verantwortlich gemacht werden kann, doch nach geltendem Strafrecht unter 14 Jahren gar nicht? Das zeigt schon, dass wir es hier mit dem Bereich von <em>Normen</em> zu tun haben, in dem es keine eindeutig wahre Antwort gibt. Es handelt sich vielmehr um gesellschaftspolitische Festlegungen.</p> <p>Auch in Deutschland galt schon einmal von 1871 bis 1923 eine strafrechtliche Untergrenze von zwölf Jahren. Und auch heute noch haben benachbarte oder zumindest in der Nähe liegende Länder niedrigere Altersgrenzen: Frankreich kennt zum Beispiel gar keine feste Grenze, Schottland acht Jahre, England sowie die Schweiz zehn und die Niederlande zwölf Jahre. In Ungarn lässt man für schwere Straftaten eine ausnahmsweise niedrigere Untergrenze von zwölf Jahren zu. Dabei sind die Regeln in der Anwendung natürlich komplexer, als ich es hier in wenigen Sätzen darstellen kann.</p> <p>Aber es ist doch auffällig, dass es so große Unterschiede zwischen sogar gesellschaftlich ähnlichen Ländern gibt. Und dass nicht nur in der deutschen Geschichte andere Grenzen gezogen wurden, sondern sogar im Jahr 2026 unterschiedliche Rechtsgebiete andere Ansichten vertreten. Dabei ist auch jedem klar, dass im Körper oder der Psyche eines Menschen zum siebten, 14., 18. oder 21. Geburtstag nicht plötzlich alles anders wird.</p> <p>Es handelt sich also um normative Setzungen – mit allen ihren Vor- und Nachteilen. Auch eine DIN A4-Seite wurde schließlich auf 210 x 297 Millimeter festgelegt. Dabei steht “DIN” übrigens für das Deutsche Institut für Normung. Natürlich hätte man sich auch auf eine andere Größe festlegen können und gibt es in anderen Ländern tatsächlich andere Formate.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2 id="h-und-die-wissenschaft">Und die Wissenschaft?</h2> <p>Angesichts dieser Vagheit erhoffen sich manche vielleicht aus der Wissenschaft Klarheit. Doch Obacht! Wir dürfen nicht vergessen, dass die Wissenschaft – man erinnere sich an den Werturteilsstreit im frühen 20. Jahrhundert – selbst keine gesellschaftlichen Normen und Zwecke setzen kann. Sie kann nur nach einem <em>vorgegebenen Ziel</em> die eine oder andere Lösung als mehr oder weniger zweckdienlich ausweisen. In meiner eigenen Forschung zur Anhebung der Altersgrenze auf 22 Jahre in den Niederlanden habe ich gezeigt, dass dabei auch noch <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/koennen-wir-mit-wissen-ueber-unser-gehirn-gesetze-verbessern/">sehr viel schiefgehen kann</a>.</p> <p>Wer jetzt, nach der Tötung des 14-jährigen Yosef, wieder ruft, der Täter sei doch ein Kind, sollte seinen Standpunkt näher begründen. Sind Zwölfjährige in den Niederlanden oder Zehnjährige in England keine Kinder? Anstatt zu rufen, die Wissenschaft zeige dieses oder jenes, könnte man einmal mit einem Fernsehfilm dokumentieren, wie andere Länder mit Kindern umgehen, die zu Straftätern werden. Mir fehlen dazu die Mittel.</p> <p>Ich konnte in meiner Forschung aber immerhin zusammenfassen, was inzwischen der Konsens der Entwicklungspsychologie und angrenzender Wissenschaften ist: Bei der heute gängigen Kategorie der Adoleszenz verschieben sich interessanterweise an beiden Enden die Grenzen auseinander: Am unteren Ende sieht man meistens das Alter von neun oder zehn Jahren, am oberen das von 24 oder 25 Jahren.</p> <p>Letzteres hängt übrigens damit zusammen, dass – zumindest in den hier maßgeblichen westlichen Ländern – Menschen immer später das Wahrnehmen, was man früher als klassische Erwachsenenrolle ansah: zum Beispiel alleine zu leben, das Aufnehmen einer festen Arbeit oder eine Hochzeit und Gründung einer Familie. Mitunter spielen einige dieser “typischen Erwachsenendinge” heute gar keine Rolle mehr, was den Verlust alter Rollenmodelle und das Entstehen neuer Lebenswege verdeutlicht, übrigens auch in Abhängigkeit von ökonomischen Umständen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-scaled.png"><img alt="" decoding="async" height="311" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-1024x311.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-1024x311.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-300x91.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-768x234.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-1536x467.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-2048x623.png 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Führende Forscher auf dem Gebiet der menschlichen Entwicklungen zogen und ziehen unterschiedliche Grenzen: Um 1900 setzte zum Beispiel der amerikanische Psychologe G. Stanley Hall (1844-1924) den Begriff der Adoleszenz für das Alter von 14 bis 24 Jahren durch, übrigens unter Rückgriff auf deutsche Gedanken des “Sturm und Drang”. In jener Zeit kam es auch zur maßgeblichen Weiterentwicklung der Jugendgerichtsbarkeit. Der Begriff des “aufkommenden Erwachsenseins” (engl. emerging adulthood) ist bisher vor allem für die Forschung von Bedeutung.</em></p> <h2 id="h-mittelwert-und-individuum">Mittelwert und Individuum</h2> <p>Doch zum zweiten Mal: Obacht! Solche Grenzziehungen gelten grob und für einen “Durchschnittsmenschen”. Natürlich ist nicht jede 13-Jährige gleich. Am Beispiel der ersten Menstruation der Mädchen lässt sich das gut veranschaulichen. So findet diese laut einer neueren US-amerikanischen Studie heute durchschnittlich im Alter von 11,9 Jahren statt. Trotzdem haben jeweils rund 20 Prozent der Mädchen schon vor dem elften oder erst nach dem 13. Geburtstag ihre erste Monatsblutung.</p> <p>Statistisch findet man also einen Mittelwert mit einer Streuung an beiden Seiten. Warum kann das nicht auch als Vorbild für das Strafrecht gelten?</p> <p>Die <em>wissenschaftliche</em> Tatsache legt nämlich den Schluss nahe, dass <em>harte</em> Altersgrenzen, wie sie das Recht kennt und anwendet, nur begrenzt nachvollziehbar sind. Wie schon gesagt: am 14. oder 18. Geburtstag wird nicht plötzlich im Körper oder der Psyche eines Menschen alles anders, auch wenn er oder sie dann rechtlich völlig anders behandelt werden kann. An dieser Stelle sei daran erinnert, dass hierzulande die allermeisten Menschen gesetzestreu sind und insbesondere die allermeisten Kinder niemanden töten.</p> <p>Doch auch wenn das Recht aus gutem Grund konservativ ist, könnte es seinen strengen Umgang mit den Altersgrenzen – insbesondere für so schwere Fälle wie dem der 2023 getöteten Luise oder des jetzt getöteten Yosef – überdenken. Denn langfristig könnte es auch der Glaubwürdigkeit des Strafrechts schaden, wenn es hier immer wegschaut.</p> <blockquote> <p>Oder wenn zum Beispiel ein Strafrechtsprofessor es so formuliert, wobei ich wieder bewusst auf die Namensnennung verzichte: “Es bleibt also dabei, daß auch dem Opfer einer besonders schweren Gewalttat zugemutet werden muß, ohne einen förmlichen Prozeß der rechtlichen Aufarbeitung mit dem Geschehen fertig zu werden, sofern es sich um einen kindlichen Täter handelt.”</p> </blockquote> <p>Zum Opfer sollte man auch hier die Hinterbliebenen dazudenken. Und was soll der Grund dafür sein, dass denen noch mehr “zugemutet werden muss”, als sie ohnehin schon erlebt haben? Dass der deutsche Gesetzgeber die strafrechtliche Norm kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eben auf 14 Jahre festgelegt hat.</p> <h2 id="h-mein-vorschlag">Mein Vorschlag</h2> <p>Nach meiner Auswertung ist die heutige Untergrenze von 14 Jahren nicht in Stein gemeißelt. Das zeigt sowohl die rechtsvergleichende Sicht als auch der Konsens der Wissenschaften von der Entwicklung des Menschen. Mit der Kategorie der “Heranwachsenden” gibt es heute schon einen Ermessensspielraum an der Obergrenze, nämlich im Alter von 18 bis einschließlich 20 Jahren. Und diesen Spielraum wendet man in Deutschland eher milde an.</p> <p>Es ist schon heute so, dass die “sittliche und geistige Entwicklung” eines angeklagten Jugendlichen fortgeschritten genug sein muss, um die Einsicht in richtig und falsch und das Handeln nach dieser Einsicht zu ermöglichen (§ 3 JGG). Ist dem nicht so, kann ein Jugendrichter auf die Erziehungsmaßnahmen der Familiengerichte zurückgreifen. Das ist dann aber eine begründete Einzelfallentscheidung und lässt die Opfer beziehungsweise ihre Angehörigen nicht prinzipiell außen vor.</p> <p>Mit Blick auf die besondere persönliche aber auch gesellschaftliche Schwere und Wirkung solcher Fälle könnte man erwägen – zumindest bei schweren Straftaten wie denen gegen das Leben – eine niedrigere Altersgrenze einzuführen. So eine prinzipielle Möglichkeit könnte im Einzelfall immer noch zum Ergebnis kommen, dass ein Kind zum Tatzeitpunkt nicht reif genug war, um zu verstehen, was es tat.</p> <p>So ein Ermessensspielraum könnte nicht nur den Bedürfnissen von Opfern und Angehörigen entgegenkommen, sondern auch dem Gerechtigkeitsempfinden in der Gesellschaft. Damit würde gleichzeitig populistischen Tendenzen gegen den Rechtsstaat entgegengewirkt. Und es würde immer noch vorgebeugt, dass Kinder, die dafür noch nicht reif genug sind, strafrechtlich verurteilt werden.</p> <p>Fest steht allerdings, dass die Tötung von Luise und Yosef nicht mehr verhindert und die Täterinnen und Täter in diesen Fällen nicht mehr strafrechtlich verantwortlich gemacht werden können. Für zukünftige Fälle lässt sich das aber ändern.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron.jpg"><img alt="" decoding="async" height="700" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1024x700.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1024x700.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-300x205.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-768x525.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1536x1050.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron.jpg 1700w" width="1024"></img></a></figure> <p>Beschreibung: Dieser und ähnliche Fälle werden in meinem neuen Buch über die Gehirnentwicklung und Altersgrenzen ausführlicher diskutiert. Die englische Fassung (links) steht dank der finanziellen Förderung durch unsere Universitätsbibliothek <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-72362-9">gratis zum Download</a> verfügbar. Die aktualisierte und erweiterte deutsche Fassung (rechts) erscheint diesen Sommer beim Hogrefe Verlag. Darin geht es ausführlicher auch um die Untergrenze des Strafrechts. Das Buch kann <a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html">jetzt schon vorbestellt werden</a>.</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: basiert auf <a href="https://pixabay.com/illustrations/crime-offense-misstep-outline-268902/">Geralt</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/95b7faee8deb4bf680d4405f2d42a6ce" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/geralt-crime-268902_1920-angepasst.jpg" /><h1>Teil 2: Und wieder tötet ein Kind. Und wieder tut das Strafrecht nichts » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Wie könnte das Strafrecht regieren, wenn Täterinnen oder Täter in Deutschland jünger als 14 Jahre sind?</strong></p> <span id="more-3537"></span> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts/">ersten Teil</a> behandelten wir Tötungsdelikte durch Kinder. Gerade geht der Fall des 14-jährigen Yosef durch die Medien, der wahrscheinlich von einem Zwölfjährigen in Dormagen (NRW) getötet wurde. Zuvor hat die Tötung der 12-jährigen Luise am 11. März 2023 in Freudenberg bei Siegen für großes Entsetzen gesorgt. Hier waren die Täterinnen eine zwölf- und eine 13-jährige Bekannte.</p> <p>Wie im ersten Teil dargestellt, schließt das deutsche Strafrecht unter dem Alter von 14 Jahren jegliche strafrechtliche Verantwortung grundlegend aus (§ 19 StGB). Das bedeutet, dass Polizei und Staatsanwaltschaft nicht weiter ermitteln und auch keine Anklage erhoben werden kann. In diesem Sinne stehen die Opfer beziehungsweise ihre Angehörigen sogar nach schwersten Verbrechen allein da.</p> <p>Im Fall der Luise versucht die Familie, die Täterinnen zumindest zivilrechtlich verantwortlich zu machen. Hier kann es aber nur um Schadensersatz gehen, verglichen mit der Höchststrafe von 15 Jahren für Mord im Jugendstrafrecht. Außerdem tragen die Kläger hier selbst sowohl die Beweislast als auch das Verfahrensrisiko.</p> <p>Ich habe das im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts/">ersten Teil</a> zu meiner eigenen Forschung zur Obergrenze des Strafrechts in Beziehung gesetzt. Am Ende diskutierte ich einen historischen Fall, der an die Verbrechen gegen Luise und Yosef erinnert. Jetzt kehren wir in die Gegenwart zurück und beschäftigen wir uns noch einmal mit den Altersgrenzen des Strafrechts am unteren Ende, also der Strafmündigkeit.<aside></aside></p> <h2 id="h-noch-einmal-altersgrenzen">Noch einmal Altersgrenzen</h2> <p>Möglich ist der Umweg über das Zivilrecht nur, weil es für die Verantwortlichkeit für Schaden eine andere Altersgrenze kennt als das Strafrecht: “Wer nicht das siebente Lebensjahr vollendet hat, ist für einen Schaden, den er einem anderen zufügt, nicht verantwortlich” (§ 828 Abs. 1 BGB). Die doppelte Verneinung und die Formulierung “Vollendung des siebenten Lebensjahres” fördern nicht gerade die allgemeine Verständlichkeit. Gemeint ist eine Verantwortlichkeit ab dem Alter von <em>sieben</em> Jahren. Ab dieser Altersgrenze gilt übrigens auch die beschränkte Geschäftsfähigkeit (§ 106 BGB).</p> <p>Wie kann das sein, dass man laut Zivilrecht schon ab dem Alter von sieben Jahren für seinen Schaden verantwortlich gemacht werden kann, doch nach geltendem Strafrecht unter 14 Jahren gar nicht? Das zeigt schon, dass wir es hier mit dem Bereich von <em>Normen</em> zu tun haben, in dem es keine eindeutig wahre Antwort gibt. Es handelt sich vielmehr um gesellschaftspolitische Festlegungen.</p> <p>Auch in Deutschland galt schon einmal von 1871 bis 1923 eine strafrechtliche Untergrenze von zwölf Jahren. Und auch heute noch haben benachbarte oder zumindest in der Nähe liegende Länder niedrigere Altersgrenzen: Frankreich kennt zum Beispiel gar keine feste Grenze, Schottland acht Jahre, England sowie die Schweiz zehn und die Niederlande zwölf Jahre. In Ungarn lässt man für schwere Straftaten eine ausnahmsweise niedrigere Untergrenze von zwölf Jahren zu. Dabei sind die Regeln in der Anwendung natürlich komplexer, als ich es hier in wenigen Sätzen darstellen kann.</p> <p>Aber es ist doch auffällig, dass es so große Unterschiede zwischen sogar gesellschaftlich ähnlichen Ländern gibt. Und dass nicht nur in der deutschen Geschichte andere Grenzen gezogen wurden, sondern sogar im Jahr 2026 unterschiedliche Rechtsgebiete andere Ansichten vertreten. Dabei ist auch jedem klar, dass im Körper oder der Psyche eines Menschen zum siebten, 14., 18. oder 21. Geburtstag nicht plötzlich alles anders wird.</p> <p>Es handelt sich also um normative Setzungen – mit allen ihren Vor- und Nachteilen. Auch eine DIN A4-Seite wurde schließlich auf 210 x 297 Millimeter festgelegt. Dabei steht “DIN” übrigens für das Deutsche Institut für Normung. Natürlich hätte man sich auch auf eine andere Größe festlegen können und gibt es in anderen Ländern tatsächlich andere Formate.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2 id="h-und-die-wissenschaft">Und die Wissenschaft?</h2> <p>Angesichts dieser Vagheit erhoffen sich manche vielleicht aus der Wissenschaft Klarheit. Doch Obacht! Wir dürfen nicht vergessen, dass die Wissenschaft – man erinnere sich an den Werturteilsstreit im frühen 20. Jahrhundert – selbst keine gesellschaftlichen Normen und Zwecke setzen kann. Sie kann nur nach einem <em>vorgegebenen Ziel</em> die eine oder andere Lösung als mehr oder weniger zweckdienlich ausweisen. In meiner eigenen Forschung zur Anhebung der Altersgrenze auf 22 Jahre in den Niederlanden habe ich gezeigt, dass dabei auch noch <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/koennen-wir-mit-wissen-ueber-unser-gehirn-gesetze-verbessern/">sehr viel schiefgehen kann</a>.</p> <p>Wer jetzt, nach der Tötung des 14-jährigen Yosef, wieder ruft, der Täter sei doch ein Kind, sollte seinen Standpunkt näher begründen. Sind Zwölfjährige in den Niederlanden oder Zehnjährige in England keine Kinder? Anstatt zu rufen, die Wissenschaft zeige dieses oder jenes, könnte man einmal mit einem Fernsehfilm dokumentieren, wie andere Länder mit Kindern umgehen, die zu Straftätern werden. Mir fehlen dazu die Mittel.</p> <p>Ich konnte in meiner Forschung aber immerhin zusammenfassen, was inzwischen der Konsens der Entwicklungspsychologie und angrenzender Wissenschaften ist: Bei der heute gängigen Kategorie der Adoleszenz verschieben sich interessanterweise an beiden Enden die Grenzen auseinander: Am unteren Ende sieht man meistens das Alter von neun oder zehn Jahren, am oberen das von 24 oder 25 Jahren.</p> <p>Letzteres hängt übrigens damit zusammen, dass – zumindest in den hier maßgeblichen westlichen Ländern – Menschen immer später das Wahrnehmen, was man früher als klassische Erwachsenenrolle ansah: zum Beispiel alleine zu leben, das Aufnehmen einer festen Arbeit oder eine Hochzeit und Gründung einer Familie. Mitunter spielen einige dieser “typischen Erwachsenendinge” heute gar keine Rolle mehr, was den Verlust alter Rollenmodelle und das Entstehen neuer Lebenswege verdeutlicht, übrigens auch in Abhängigkeit von ökonomischen Umständen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-scaled.png"><img alt="" decoding="async" height="311" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-1024x311.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-1024x311.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-300x91.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-768x234.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-1536x467.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-2048x623.png 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Führende Forscher auf dem Gebiet der menschlichen Entwicklungen zogen und ziehen unterschiedliche Grenzen: Um 1900 setzte zum Beispiel der amerikanische Psychologe G. Stanley Hall (1844-1924) den Begriff der Adoleszenz für das Alter von 14 bis 24 Jahren durch, übrigens unter Rückgriff auf deutsche Gedanken des “Sturm und Drang”. In jener Zeit kam es auch zur maßgeblichen Weiterentwicklung der Jugendgerichtsbarkeit. Der Begriff des “aufkommenden Erwachsenseins” (engl. emerging adulthood) ist bisher vor allem für die Forschung von Bedeutung.</em></p> <h2 id="h-mittelwert-und-individuum">Mittelwert und Individuum</h2> <p>Doch zum zweiten Mal: Obacht! Solche Grenzziehungen gelten grob und für einen “Durchschnittsmenschen”. Natürlich ist nicht jede 13-Jährige gleich. Am Beispiel der ersten Menstruation der Mädchen lässt sich das gut veranschaulichen. So findet diese laut einer neueren US-amerikanischen Studie heute durchschnittlich im Alter von 11,9 Jahren statt. Trotzdem haben jeweils rund 20 Prozent der Mädchen schon vor dem elften oder erst nach dem 13. Geburtstag ihre erste Monatsblutung.</p> <p>Statistisch findet man also einen Mittelwert mit einer Streuung an beiden Seiten. Warum kann das nicht auch als Vorbild für das Strafrecht gelten?</p> <p>Die <em>wissenschaftliche</em> Tatsache legt nämlich den Schluss nahe, dass <em>harte</em> Altersgrenzen, wie sie das Recht kennt und anwendet, nur begrenzt nachvollziehbar sind. Wie schon gesagt: am 14. oder 18. Geburtstag wird nicht plötzlich im Körper oder der Psyche eines Menschen alles anders, auch wenn er oder sie dann rechtlich völlig anders behandelt werden kann. An dieser Stelle sei daran erinnert, dass hierzulande die allermeisten Menschen gesetzestreu sind und insbesondere die allermeisten Kinder niemanden töten.</p> <p>Doch auch wenn das Recht aus gutem Grund konservativ ist, könnte es seinen strengen Umgang mit den Altersgrenzen – insbesondere für so schwere Fälle wie dem der 2023 getöteten Luise oder des jetzt getöteten Yosef – überdenken. Denn langfristig könnte es auch der Glaubwürdigkeit des Strafrechts schaden, wenn es hier immer wegschaut.</p> <blockquote> <p>Oder wenn zum Beispiel ein Strafrechtsprofessor es so formuliert, wobei ich wieder bewusst auf die Namensnennung verzichte: “Es bleibt also dabei, daß auch dem Opfer einer besonders schweren Gewalttat zugemutet werden muß, ohne einen förmlichen Prozeß der rechtlichen Aufarbeitung mit dem Geschehen fertig zu werden, sofern es sich um einen kindlichen Täter handelt.”</p> </blockquote> <p>Zum Opfer sollte man auch hier die Hinterbliebenen dazudenken. Und was soll der Grund dafür sein, dass denen noch mehr “zugemutet werden muss”, als sie ohnehin schon erlebt haben? Dass der deutsche Gesetzgeber die strafrechtliche Norm kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eben auf 14 Jahre festgelegt hat.</p> <h2 id="h-mein-vorschlag">Mein Vorschlag</h2> <p>Nach meiner Auswertung ist die heutige Untergrenze von 14 Jahren nicht in Stein gemeißelt. Das zeigt sowohl die rechtsvergleichende Sicht als auch der Konsens der Wissenschaften von der Entwicklung des Menschen. Mit der Kategorie der “Heranwachsenden” gibt es heute schon einen Ermessensspielraum an der Obergrenze, nämlich im Alter von 18 bis einschließlich 20 Jahren. Und diesen Spielraum wendet man in Deutschland eher milde an.</p> <p>Es ist schon heute so, dass die “sittliche und geistige Entwicklung” eines angeklagten Jugendlichen fortgeschritten genug sein muss, um die Einsicht in richtig und falsch und das Handeln nach dieser Einsicht zu ermöglichen (§ 3 JGG). Ist dem nicht so, kann ein Jugendrichter auf die Erziehungsmaßnahmen der Familiengerichte zurückgreifen. Das ist dann aber eine begründete Einzelfallentscheidung und lässt die Opfer beziehungsweise ihre Angehörigen nicht prinzipiell außen vor.</p> <p>Mit Blick auf die besondere persönliche aber auch gesellschaftliche Schwere und Wirkung solcher Fälle könnte man erwägen – zumindest bei schweren Straftaten wie denen gegen das Leben – eine niedrigere Altersgrenze einzuführen. So eine prinzipielle Möglichkeit könnte im Einzelfall immer noch zum Ergebnis kommen, dass ein Kind zum Tatzeitpunkt nicht reif genug war, um zu verstehen, was es tat.</p> <p>So ein Ermessensspielraum könnte nicht nur den Bedürfnissen von Opfern und Angehörigen entgegenkommen, sondern auch dem Gerechtigkeitsempfinden in der Gesellschaft. Damit würde gleichzeitig populistischen Tendenzen gegen den Rechtsstaat entgegengewirkt. Und es würde immer noch vorgebeugt, dass Kinder, die dafür noch nicht reif genug sind, strafrechtlich verurteilt werden.</p> <p>Fest steht allerdings, dass die Tötung von Luise und Yosef nicht mehr verhindert und die Täterinnen und Täter in diesen Fällen nicht mehr strafrechtlich verantwortlich gemacht werden können. Für zukünftige Fälle lässt sich das aber ändern.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron.jpg"><img alt="" decoding="async" height="700" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1024x700.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1024x700.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-300x205.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-768x525.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1536x1050.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron.jpg 1700w" width="1024"></img></a></figure> <p>Beschreibung: Dieser und ähnliche Fälle werden in meinem neuen Buch über die Gehirnentwicklung und Altersgrenzen ausführlicher diskutiert. Die englische Fassung (links) steht dank der finanziellen Förderung durch unsere Universitätsbibliothek <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-72362-9">gratis zum Download</a> verfügbar. Die aktualisierte und erweiterte deutsche Fassung (rechts) erscheint diesen Sommer beim Hogrefe Verlag. Darin geht es ausführlicher auch um die Untergrenze des Strafrechts. Das Buch kann <a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html">jetzt schon vorbestellt werden</a>.</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: basiert auf <a href="https://pixabay.com/illustrations/crime-offense-misstep-outline-268902/">Geralt</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/95b7faee8deb4bf680d4405f2d42a6ce" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts-teil-2/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>12</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeoPlänkel: Methusalem-Sterne und Mond-Geburt https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-methusalem-sterne-und-mond-geburt/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-methusalem-sterne-und-mond-geburt/#respond Tue, 10 Feb 2026 07:56:16 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1842 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag132-geplaenkel-768x768.jpg Foto der Mondsichel. Darüber gelegt: Eine Art bläuliche Wolke mit zahlreichen hell leuchtenden Sternen. Darüber steht "AstroGeo Plänkel" https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-methusalem-sterne-und-mond-geburt/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag132-geplaenkel_sl.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Methusalem-Sterne und Mond-Geburt » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag132-geplaenkel.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>In dieser Folge widmen sich Franzi und Karl dem Feedback zu den letzten beiden Geschichten im AstroGeo Podcast. Besonders gefallen hat ihnen die E-Mail einer Hörerin, deren Fantasie so sehr angeregt wurde, dass sie sich nun als Teil „eines unwahrscheinlich kleinen und zufälligen Teil eines riesigen und unfassbaren Zusammenhangs“ sieht. Herzlich willkommen in der Welt von AstroGeo!</p> <p>Karl spricht über die korrekte Terminologie rund um Meteoroiden, Meteore, Meteoriten und Boliden. Das ist nämlich ein wenig mühsam: Ein Meteoroid ist ein kleinerer Gesteins- oder Eisbrocken auf einer Sonnenumlaufbahn. Tritt er in die Erdatmosphäre ein, wird er zum Meteor – gerne auch Sternschnuppe genannt. Und schaffen es Bruchstücke bis zur Erdoberfläche, heißen sie schließlich Meteoriten. Auch geht es nochmal darum, auf welchen Größenskalen die Ausdehnung des Universums stattfindet – ob nur jenseits von Galaxien oder auch auf dem Maßstab von Sternen, Planeten oder Atomen.<aside></aside></p> <p>Dann geht es zurück in der Zeit, zu den ersten Sternen im Universum. Sie sind irgendwo da draußen, aber gefunden hat sie noch niemand. Franzi taucht dafür in die Prozesse ab, bei denen Sterne neue Elemente erbrüten: die Kernfusion von masseärmeren zu -reicheren Elementen. Genau jene massereicheren Elemente, von Astronominnen und Astronomen auch unter dem Sammelbegriff „Metalle“ abgehakt, sollte es nämlich in den sogenannten Sternen der Population III überhaupt nicht geben.</p> <p>Zur Entstehung des Mondes gab es eine lebhafte Diskussion. Es ging erst einmal um den Befund selbst: Wie sicher ist es, dass ein marsgroßer Planet namens Theia mit der Protoerde zusammenstieß? Es geht um mögliche Szenarien für die Zeit danach, zum Beispiel, dass sich erst zwei Monde gebildet haben, die schließlich auch zusammenstießen und den heutigen Erdmond formten.</p> <p>Karl erklärt auch die Europium-Anomalie, die als wichtiges Argument für den großen Einschlag gilt: Über den Gehalt des Seltenen Erd-Elements in den Mond-Hochländern und den vulkanischen Mare-Ebenen lässt sich belegen, dass der Mond schon vor der Bildung der großen Einschlagbecken über einen globalen Magmaozean verfügt haben muss.</p> <p>Abschließend gibt es allgemeines Feedback zur Nutzung des Podcasts (nicht nur, aber auch zum Einschlafen), zu Wissen und Unwissen bei astrophysikalischern Modellen voller Dunkler Materie und Dunkler Energie sowie zum Einsatz KI-generierter Transkripte bei AstroGeo.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 129: <a href="https://astrogeo.de/astrogeoplaenkel-marsluft-kosmisches-ende-und-luftzerplatzer/">AstroGeoPlänkel: Marsluft, kosmisches Ende und Luftzerplatzer</a></li> <li>Folge 130: <a href="https://astrogeo.de/als-im-universum-die-lichter-angingen-wo-sind-die-ersten-sterne/">Als im Universum die Lichter angingen: Wo sind die ersten Sterne?</a></li> <li>Folge 131: <a href="https://astrogeo.de/theias-grosser-einschlag-wie-der-mond-entstanden-ist/">Theias großer Einschlag: wie der Mond entstanden ist</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Meteorit">Meteorit</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Meteor">Meteor</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Meteoroid">Meteoroid</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Population_(Astronomie)">Population (Astronomie)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metallizit%C3%A4t">Metallizität</a></li> <li>WP: <a href="https://astrogeo.de/home/pikarl/Schreibtisch/Aktuell/2026-01%20AG130%20Erste%20Sterne%20(AG)/Hauptreihe">Hauptreihe</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Chandrasekhar-Grenze">Chandrasekhar-Grenze</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Europium#Vorkommen">Europium-Anomalie</a></li> <li><a href="https://astrogeo.de/theias-grosser-einschlag-wie-der-mond-entstanden-ist/#comment-19610">Kommentar von Klaus Kassner: Szenario für Mondrotation</a></li> </ul> <p><em>Episodenbild: ESO/M. Kornmesser / <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.de">CC-BY-SA 3.0</a> <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2020-04-26_21-21MESZ_Mondsichel.jpg">Rolf Hempel / Wikimedia Commons</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag132-geplaenkel_sl.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Methusalem-Sterne und Mond-Geburt » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag132-geplaenkel.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>In dieser Folge widmen sich Franzi und Karl dem Feedback zu den letzten beiden Geschichten im AstroGeo Podcast. Besonders gefallen hat ihnen die E-Mail einer Hörerin, deren Fantasie so sehr angeregt wurde, dass sie sich nun als Teil „eines unwahrscheinlich kleinen und zufälligen Teil eines riesigen und unfassbaren Zusammenhangs“ sieht. Herzlich willkommen in der Welt von AstroGeo!</p> <p>Karl spricht über die korrekte Terminologie rund um Meteoroiden, Meteore, Meteoriten und Boliden. Das ist nämlich ein wenig mühsam: Ein Meteoroid ist ein kleinerer Gesteins- oder Eisbrocken auf einer Sonnenumlaufbahn. Tritt er in die Erdatmosphäre ein, wird er zum Meteor – gerne auch Sternschnuppe genannt. Und schaffen es Bruchstücke bis zur Erdoberfläche, heißen sie schließlich Meteoriten. Auch geht es nochmal darum, auf welchen Größenskalen die Ausdehnung des Universums stattfindet – ob nur jenseits von Galaxien oder auch auf dem Maßstab von Sternen, Planeten oder Atomen.<aside></aside></p> <p>Dann geht es zurück in der Zeit, zu den ersten Sternen im Universum. Sie sind irgendwo da draußen, aber gefunden hat sie noch niemand. Franzi taucht dafür in die Prozesse ab, bei denen Sterne neue Elemente erbrüten: die Kernfusion von masseärmeren zu -reicheren Elementen. Genau jene massereicheren Elemente, von Astronominnen und Astronomen auch unter dem Sammelbegriff „Metalle“ abgehakt, sollte es nämlich in den sogenannten Sternen der Population III überhaupt nicht geben.</p> <p>Zur Entstehung des Mondes gab es eine lebhafte Diskussion. Es ging erst einmal um den Befund selbst: Wie sicher ist es, dass ein marsgroßer Planet namens Theia mit der Protoerde zusammenstieß? Es geht um mögliche Szenarien für die Zeit danach, zum Beispiel, dass sich erst zwei Monde gebildet haben, die schließlich auch zusammenstießen und den heutigen Erdmond formten.</p> <p>Karl erklärt auch die Europium-Anomalie, die als wichtiges Argument für den großen Einschlag gilt: Über den Gehalt des Seltenen Erd-Elements in den Mond-Hochländern und den vulkanischen Mare-Ebenen lässt sich belegen, dass der Mond schon vor der Bildung der großen Einschlagbecken über einen globalen Magmaozean verfügt haben muss.</p> <p>Abschließend gibt es allgemeines Feedback zur Nutzung des Podcasts (nicht nur, aber auch zum Einschlafen), zu Wissen und Unwissen bei astrophysikalischern Modellen voller Dunkler Materie und Dunkler Energie sowie zum Einsatz KI-generierter Transkripte bei AstroGeo.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 129: <a href="https://astrogeo.de/astrogeoplaenkel-marsluft-kosmisches-ende-und-luftzerplatzer/">AstroGeoPlänkel: Marsluft, kosmisches Ende und Luftzerplatzer</a></li> <li>Folge 130: <a href="https://astrogeo.de/als-im-universum-die-lichter-angingen-wo-sind-die-ersten-sterne/">Als im Universum die Lichter angingen: Wo sind die ersten Sterne?</a></li> <li>Folge 131: <a href="https://astrogeo.de/theias-grosser-einschlag-wie-der-mond-entstanden-ist/">Theias großer Einschlag: wie der Mond entstanden ist</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Meteorit">Meteorit</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Meteor">Meteor</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Meteoroid">Meteoroid</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Population_(Astronomie)">Population (Astronomie)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metallizit%C3%A4t">Metallizität</a></li> <li>WP: <a href="https://astrogeo.de/home/pikarl/Schreibtisch/Aktuell/2026-01%20AG130%20Erste%20Sterne%20(AG)/Hauptreihe">Hauptreihe</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Chandrasekhar-Grenze">Chandrasekhar-Grenze</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Europium#Vorkommen">Europium-Anomalie</a></li> <li><a href="https://astrogeo.de/theias-grosser-einschlag-wie-der-mond-entstanden-ist/#comment-19610">Kommentar von Klaus Kassner: Szenario für Mondrotation</a></li> </ul> <p><em>Episodenbild: ESO/M. Kornmesser / <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.de">CC-BY-SA 3.0</a> <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2020-04-26_21-21MESZ_Mondsichel.jpg">Rolf Hempel / Wikimedia Commons</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-methusalem-sterne-und-mond-geburt/#respond 0 KI & Bildung, Science-Fiction & Bildungsneid – Rede zur Psychologie der Mimesis https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/ki-bildung-science-fiction-bildungsneid-rede-zur-psychologie-der-mimesis/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/ki-bildung-science-fiction-bildungsneid-rede-zur-psychologie-der-mimesis/#comments Mon, 09 Feb 2026 23:04:12 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11036 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2432-768x576.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/ki-bildung-science-fiction-bildungsneid-rede-zur-psychologie-der-mimesis/</link> </image> <description type="html"><h1>KI & Bildung, Science Fiction & Bildungsneid</h1><h2>By Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Ist das Fediversum ein guter Ort, um Menschen dialogisch zu erreichen?</p> <p>Auf <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/drk-blutspenden-statt-thymos-trump-boellern-gedanken-zur-mimesis-am-neujahrstag-2026/">den Aufruf <strong><em>“Blutspenden statt Böllern”</em></strong> zum Jahreswechsel</a> hatte ich viele positive Reaktionen erhalten – doch heute postete Daniel Reimling auf Mastodon sogar das!</p> <p><a href="https://sueden.social/@Dreimling/116041480984442377" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Daniel Reimling postete am 9.2.2026 ein Foto beim Blutspenden auf Mastodon und schrieb dazu: War nach knapp 10 Jahren Pause heute mit meiner insgesamt 15. Spende endlich wieder Blutspenden. Vielen Dank an @BlumeEvolution für die Inspiration. #Blutspende #DRK #deutschesroteskreuz - Link führt zum Fediverse-Post" decoding="async" height="638" sizes="(max-width: 552px) 100vw, 552px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DanielReimlingBlutspenden090226.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DanielReimlingBlutspenden090226.jpg 552w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DanielReimlingBlutspenden090226-260x300.jpg 260w" width="552"></img></a></p> <p><em><a href="https://sueden.social/@Dreimling/116041480984442377">Mastodon-Post von Daniel Reimling am 9.2.206</a> mit dem Text: War nach knapp 10 Jahren Pause heute mit meiner insgesamt 15. Spende endlich wieder Blutspenden. Vielen Dank an @BlumeEvolution für die Inspiration. #Blutspende #DRK #deutschesroteskreuz Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Das ist sogar <strong>ein perfektes Beispiel für positive Mimesis, in der wir uns gegenseitig als Vor-Bilder für gute Ziele</strong> annehmen können. Wenn immer mehr von uns den Mut finden, uns wieder oder neu zum Blutspenden zu bekennen, dann kann und wird dies Leben retten.<aside></aside></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeRedeFeb2026KIMedienethikAntisemitismusMimesisBildung.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Beispiele für positive Mimesis: Ein Schal vom &quot;Team Blutspende&quot;, ein Acheuléen-Faustkeil, ein Gehirn &amp; Geist-Wissenschaftsmagazin, ein Bruchstück der Berliner Mauer." decoding="async" height="1820" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2320-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2320-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2320-300x213.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2320-1024x728.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2320-768x546.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2320-1536x1092.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2320-2048x1456.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Beispiele für positive Mimesis: Ein Schal vom “Team Blutspende”, ein <strong>Acheuléen-Faustkeil</strong></em><em>, ein Gehirn &amp; Geist-Wissenschaftsmagazin, ein Bruchstück der Berliner Mauer. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Auch zu meinem langjährigen Engagement für KI-Medienbildung, Berufs- und Medienethik gab es ermutigende Reaktionen und eine Einladung zu <strong>einer <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeRedeFeb2026KIMedienethikAntisemitismusMimesisBildung.pdf">Keynote am IPAI (Innovationspark Artificial Intelligence) in Heilbronn</a></strong>.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeRedeFeb2026KIMedienethikAntisemitismusMimesisBildung.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Dr. Michael Blume an einer Leuchtwand des IPAI Heilbronn vor seiner Rede am 9.2.2026" decoding="async" height="1920" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2432-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2432-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2432-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2432-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2432-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2432-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2432-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Sprach <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeRedeFeb2026KIMedienethikAntisemitismusMimesisBildung.pdf">am 9.2.2026 am IPAI Heilbronn zu KI, Medienbildung &amp; den Gefahren des Antisemitismus</a>. Foto: IPAI</em></p> <p>Nach den <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mimesis-weltinnenpolitik-antisemitismus-rassismus-eskalieren-auch-aus-den-usa/">schönen Rückmeldungen zur Mimesis &amp; zum Faustkeil beim Staatsschutz- und Antiterrorismuszentrum Baden-Württemberg (SAT BW)</a> setze ich den Steinkeil nun also ein zweites Mal ein. Auch stützte ich mich inhaltlich auf das lesenswerte <strong><em>“Paradigm lost: Über die ethische Reflektion der Moral”</em></strong> (suhrkamp 1990) von <strong>Niklas Luhmann</strong> (1927 – 1998), mit dem ich auch weiterarbeiten möchte.</p> <p>Aus dem Bereich der <strong>Science-Fiction</strong> griff ich außer <em><strong>Perry Rhodan</strong></em> auch den legendären Film <em><strong>“2001: A Space Odyssey”</strong></em> von <strong>Stanley Kubrick</strong> (1928 – 1999) auf.</p> <p>Und schließlich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeRedeFeb2026KIMedienethikAntisemitismusMimesisBildung.pdf">begegnete ich im IPAI einem Satz, der mich das ganze Redeskript noch einmal kurzfristig umschmeißen und erweitern</a> ließ:</p> <p><strong><em>„Data is something we create,<br></br>but it‘s also something we imagine.“</em></strong></p> <p>Übersetzt bedeutet diese Ansage etwa:</p> <p><strong><em>„Daten sind etwas, das wir erschaffen,<br></br>aber auch etwas, das wir uns vor-bilden.“</em></strong></p> <p><a href="https://youtu.be/j-HhbYhrio8" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Modell der geplanten KrAIs-Anlage des IPAI Heilbronn. Link führt zu einem Vorstellungsvideo." decoding="async" height="1920" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2429-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2429-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2429-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2429-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2429-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2429-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2429-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Der KrAIs des IPAI Heilbronn befindet sich in Bau und Planung, im Umkreis sind bereits erste Gebäude in Betrieb. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Falls Sie – gerne auch dialogisches – Interesse haben, hier gerne das Redeskript zu: <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeRedeFeb2026KIMedienethikAntisemitismusMimesisBildung.pdf"><em><strong>“Zwischen KI-Bildung &amp; Bildungsneid. KI &amp; Negative Mimesis in der Science-Fiction”</strong></em></a></p> <p>Und hier die berühmte 2001-Odyssee-Szene, in der sich nach dem Auftauchen eines rätselhaften Monolithen Vormenschen mit Knochen bewaffnen – und aus einem Wurf des Werkzeuges ein KI-gesteuertes Raumschiff wird:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/avjdKTqiVvQ?feature=oembed" title="2001: A Space Odyssey (1968) - From Bone to Satellite Scene (1/6) | Movieclips" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>KI & Bildung, Science Fiction & Bildungsneid</h1><h2>By Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Ist das Fediversum ein guter Ort, um Menschen dialogisch zu erreichen?</p> <p>Auf <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/drk-blutspenden-statt-thymos-trump-boellern-gedanken-zur-mimesis-am-neujahrstag-2026/">den Aufruf <strong><em>“Blutspenden statt Böllern”</em></strong> zum Jahreswechsel</a> hatte ich viele positive Reaktionen erhalten – doch heute postete Daniel Reimling auf Mastodon sogar das!</p> <p><a href="https://sueden.social/@Dreimling/116041480984442377" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Daniel Reimling postete am 9.2.2026 ein Foto beim Blutspenden auf Mastodon und schrieb dazu: War nach knapp 10 Jahren Pause heute mit meiner insgesamt 15. Spende endlich wieder Blutspenden. Vielen Dank an @BlumeEvolution für die Inspiration. #Blutspende #DRK #deutschesroteskreuz - Link führt zum Fediverse-Post" decoding="async" height="638" sizes="(max-width: 552px) 100vw, 552px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DanielReimlingBlutspenden090226.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DanielReimlingBlutspenden090226.jpg 552w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DanielReimlingBlutspenden090226-260x300.jpg 260w" width="552"></img></a></p> <p><em><a href="https://sueden.social/@Dreimling/116041480984442377">Mastodon-Post von Daniel Reimling am 9.2.206</a> mit dem Text: War nach knapp 10 Jahren Pause heute mit meiner insgesamt 15. Spende endlich wieder Blutspenden. Vielen Dank an @BlumeEvolution für die Inspiration. #Blutspende #DRK #deutschesroteskreuz Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Das ist sogar <strong>ein perfektes Beispiel für positive Mimesis, in der wir uns gegenseitig als Vor-Bilder für gute Ziele</strong> annehmen können. Wenn immer mehr von uns den Mut finden, uns wieder oder neu zum Blutspenden zu bekennen, dann kann und wird dies Leben retten.<aside></aside></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeRedeFeb2026KIMedienethikAntisemitismusMimesisBildung.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Beispiele für positive Mimesis: Ein Schal vom &quot;Team Blutspende&quot;, ein Acheuléen-Faustkeil, ein Gehirn &amp; Geist-Wissenschaftsmagazin, ein Bruchstück der Berliner Mauer." decoding="async" height="1820" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2320-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2320-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2320-300x213.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2320-1024x728.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2320-768x546.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2320-1536x1092.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2320-2048x1456.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Beispiele für positive Mimesis: Ein Schal vom “Team Blutspende”, ein <strong>Acheuléen-Faustkeil</strong></em><em>, ein Gehirn &amp; Geist-Wissenschaftsmagazin, ein Bruchstück der Berliner Mauer. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Auch zu meinem langjährigen Engagement für KI-Medienbildung, Berufs- und Medienethik gab es ermutigende Reaktionen und eine Einladung zu <strong>einer <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeRedeFeb2026KIMedienethikAntisemitismusMimesisBildung.pdf">Keynote am IPAI (Innovationspark Artificial Intelligence) in Heilbronn</a></strong>.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeRedeFeb2026KIMedienethikAntisemitismusMimesisBildung.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Dr. Michael Blume an einer Leuchtwand des IPAI Heilbronn vor seiner Rede am 9.2.2026" decoding="async" height="1920" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2432-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2432-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2432-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2432-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2432-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2432-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2432-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Sprach <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeRedeFeb2026KIMedienethikAntisemitismusMimesisBildung.pdf">am 9.2.2026 am IPAI Heilbronn zu KI, Medienbildung &amp; den Gefahren des Antisemitismus</a>. Foto: IPAI</em></p> <p>Nach den <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mimesis-weltinnenpolitik-antisemitismus-rassismus-eskalieren-auch-aus-den-usa/">schönen Rückmeldungen zur Mimesis &amp; zum Faustkeil beim Staatsschutz- und Antiterrorismuszentrum Baden-Württemberg (SAT BW)</a> setze ich den Steinkeil nun also ein zweites Mal ein. Auch stützte ich mich inhaltlich auf das lesenswerte <strong><em>“Paradigm lost: Über die ethische Reflektion der Moral”</em></strong> (suhrkamp 1990) von <strong>Niklas Luhmann</strong> (1927 – 1998), mit dem ich auch weiterarbeiten möchte.</p> <p>Aus dem Bereich der <strong>Science-Fiction</strong> griff ich außer <em><strong>Perry Rhodan</strong></em> auch den legendären Film <em><strong>“2001: A Space Odyssey”</strong></em> von <strong>Stanley Kubrick</strong> (1928 – 1999) auf.</p> <p>Und schließlich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeRedeFeb2026KIMedienethikAntisemitismusMimesisBildung.pdf">begegnete ich im IPAI einem Satz, der mich das ganze Redeskript noch einmal kurzfristig umschmeißen und erweitern</a> ließ:</p> <p><strong><em>„Data is something we create,<br></br>but it‘s also something we imagine.“</em></strong></p> <p>Übersetzt bedeutet diese Ansage etwa:</p> <p><strong><em>„Daten sind etwas, das wir erschaffen,<br></br>aber auch etwas, das wir uns vor-bilden.“</em></strong></p> <p><a href="https://youtu.be/j-HhbYhrio8" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Modell der geplanten KrAIs-Anlage des IPAI Heilbronn. Link führt zu einem Vorstellungsvideo." decoding="async" height="1920" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2429-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2429-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2429-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2429-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2429-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2429-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2429-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Der KrAIs des IPAI Heilbronn befindet sich in Bau und Planung, im Umkreis sind bereits erste Gebäude in Betrieb. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Falls Sie – gerne auch dialogisches – Interesse haben, hier gerne das Redeskript zu: <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeRedeFeb2026KIMedienethikAntisemitismusMimesisBildung.pdf"><em><strong>“Zwischen KI-Bildung &amp; Bildungsneid. KI &amp; Negative Mimesis in der Science-Fiction”</strong></em></a></p> <p>Und hier die berühmte 2001-Odyssee-Szene, in der sich nach dem Auftauchen eines rätselhaften Monolithen Vormenschen mit Knochen bewaffnen – und aus einem Wurf des Werkzeuges ein KI-gesteuertes Raumschiff wird:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/avjdKTqiVvQ?feature=oembed" title="2001: A Space Odyssey (1968) - From Bone to Satellite Scene (1/6) | Movieclips" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/ki-bildung-science-fiction-bildungsneid-rede-zur-psychologie-der-mimesis/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>18</slash:comments> </item> <item> <title>Komet P/2025 W3 (Kresken) https://scilogs.spektrum.de/meertext/komet-p-2025-w3-kresken/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/komet-p-2025-w3-kresken/#comments Mon, 09 Feb 2026 19:43:43 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1879 <h1>Komet P/2025 W3 (Kresken) » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Der Astro-Ingenieur Rainer Kresken arbeitet bei ESA in der Planetary Defence, in der Asteroidenabwehr. Die Mission: Himmelskörper zu entdecken, die der Erde gefährlich nahe kommen könnten und eine potenzielle Gefahr für die Erde werden könnten. Darum heißt die Asteroidenabwehr <a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/Near-Earth_Object_Coordination_Centre">Near Earth Objetcs Coordination Centre (NEOCC).</a></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars.jpg 1920w" width="1024"></img></a></figure> <p>Seit Tscheljabinsk ist dies ein heißes Thema: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Meteor_von_Tscheljabinsk">2013 hatte ein größerer Meteorit in der</a> russischen Stadt rund 1500 Menschen verletzt. Die Druckwelle des rasenden Himmelskörpers hatte vor<a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Russia_asteroid_impact_ESA_update_and_assessment"> Fensterscheiben bersten lassen</a>, dadurch erlitten viele Menschen Schnittverletzungen. So gibt es mittlerweile Pläne für Gegenmaßnahmen: Etwa die rechtzeitige Warnung an die Bevölkerung, sich in fensterlose Räume zu begeben. Oder die Evakuierung eines größeren Landstrichs. Spektakulärer sind Missionen zur Bahnänderung größerer Asteroiden, die potenzielle größere Gefahren für die Menschheit bedeuten wie die <a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Hera/Hera_mission_overview">erfolgreiche HERA/DART-Mission</a>.</p> <p>Die Arbeitsgruppe NEOCC betreibt ein weltweites Netz von Teleskopen, und beobachtet rund um die Uhr den Himmel.<br></br>Zurzeit nutzen sie dafür</p> <ul> <li><a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/Test_Bed_Telescopes">TBT1</a> in Cebreros bei Madrid (Spanien)</li> <li><a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/Test_Bed_Telescopes">TBT2</a> in La Silla (Chile)</li> <li><a href="https://www.caha.es/">Teleskope in CAHA (Calar Alto, Spanien)</a></li> <li><a href="https://www.esa.int/Enabling_Support/Space_Engineering_Technology/ESA_s_Tenerife_telescope_resumes_watching_the_sky">OGS-Teleskop auf Teneriffa</a> (Spanien)</li> </ul> <p>Ein weiteres ist im Bau auf Sizilien – <a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/Flyeye_ESA_s_bug-eyed_asteroid_hunters">das sogenannte Flyeye.</a><br></br>Die Teleskope werden programmiert und machen dann automatisiert ihre Aufnahmen. Die Auswertung und Suche nach NEOs erfolgt zunächst maschinell, dann manuell.</p> <p>Als begeisterter langjähriger Amateurastronom (Starkenburg-Sternwarte Heppenheim) sucht Rainer Kresken nicht nur während der Arbeitszeit, sondern auch oft noch in der Freizeit nach Kleinplaneten und hat schon viele entdeckt. Das Heppenheimer Amateur-Observatorium ist dafür international bekannt und hat schon viele Kleinplaneten benannt. Er ist also begeistert und erfahren bei der Suche nach Himmelskörpern, sowohl beruflich als auch privat.<br></br>Die Programmierung und Bildauswertung von Teleskop-Daten, die irgendwo in Europa oder Südamerika stehen, erfolgt seit Jahren meist online, auch bei ESA.<br></br>Da seit der Corona-Pandemie solche Arbeiten sogar im Home-Office durchgeführt werden, und der Astronom Ende November 2025 neugierig auf die Skills der neuen, gerade montierten Kamera auf dem Calar Alto-Teleskop machen würde, schaute er eines Sonntagabends, während wir eigentlich im Wohnzimmer „Tatort“ guckten, nach (Wir sind verheiratet und lästern manchmal gemeinsam über den Sonntagabend-Tatort).<br></br>Dabei erblickte er auf dem grisseligen Schwarz-Weiß-Bild einen in eine Richtung verwischten Flatschen, der sich offenbar auf einer Bahn um die Sonne bewegte. Das „Ding“ war plötzlich, wie aus dem Nichts aufgetaucht, sein Kurs war noch nirgendwo verzeichnet und es hatte unverkennbar einen Schweif.<br></br>Ein neuer Komet?<aside></aside></p> <h2 id="h-komet-p-2025-w3-kresken"><strong>Komet </strong><a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><strong>P/2025 W3 (Kresken)</strong></a></h2> <p>Rainer Kresken informierte sofort seine Kollegen und beobachtete weiter. Bei der Entdeckung eines mutmaßlich noch unbekannten Himmelskörpers geht es zunächst darum, ihn durch mehrere Einstellungen und Augenpaare zu bestätigten.<br></br>Schnell wurde klar: Rainer Kresken hatte tatsächlich einen noch unbekannten Kometen entdeckt, der durch unser Sonnensystem saust. Nicht in einer exzentrischen Bahn, wie die meisten Kometen, sondern auf einer Kreisbahn.</p> <p>Das lichtschwache Objekt war erst durch die neue Kamera zu entdecken gewesen.<br></br>Er wird der Erde nicht nahe kommen und stellt keine Gefahr dar, darum ist er <a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/10_asteroids_named_to_honour_ESA_s_role_in_Planetary_Defence">einfach eine spannende Entdeckung und die Bestätigung, dass die neue Kamera</a> ausgezeichnet funktioniert. <a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/10_asteroids_named_to_honour_ESA_s_role_in_Planetary_Defence">Wie gut die Planetary Defence arbeitet, ist u a an der Menge</a> der entdeckten Asteroiden zu sehen: ESA hat 2025 gerade 10 neue benannt.</p> <p>Neu entdeckte Kometen tragen immer den Namen ihres Entdeckers/ihrer Entdeckerin. Da die Kometen-Nomenklatur-Kommission den Namen NEOCC-Kresken zu kompliziert fand, steht nun nur sein Name hinter der Kometennummer:<br></br><a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">P/2025 W3 (Kresken)</a></p> <h2 id="h-hamburger-schmidt-spiegel"><strong>Hamburger Schmidt-Spiegel</strong></h2> <p>Für das Teleskop war die Entdeckung von <a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">P/2025 W3 (Kresken)</a> schon die dritte Kometen-Entdeckung. Der „Hamburger Schmidt-Spiegel“ hat eine lange und bewegte Geschichte hinter sich, die 1954 auf der Sternwarte Bergedorf (Hamburg) begann.<br></br>Dort hatte der <a href="https://www.deutschlandfunk.de/sternzeit-11-april-2024-das-geniale-teleskop-des-einarmigen-optikers-dlf-c5ef42d7-100.html">geniale Bernhard Schmidt eine neue, bahnbrechende</a> Technologie konzipiert, die sich als bedeutende Innovation herausstellte. Der einarmige Optiker – er hatte sich als Kind beim Experimentieren mit Feuerwerk einen Arm weggesprengt – <a href="https://hsweb.hs.uni-hamburg.de/projects/plate-archive/Scans/web/Stw/schmidt/index.html">arbeitete und tüftelte nicht nur auf der Sternwarte in Bergedorf</a>, sondern wurde dort schließlich auch beigesetzt. Seinen Grabstein kann man heute noch besuchen, am Rande des Geländes mit den vielen alten Bäumen und Gebäuden.<br></br><em><br></br></em>„<a href="https://plate-archive.hs.uni-hamburg.de/index.php/de/institute">Der <strong>Große Schmidt-Spiegel</strong> wurde 1954</a> in Betrieb genommen (siehe <a href="https://hsweb.hs.uni-hamburg.de/projects/plate-archive/Scans/web/Plattenarchiv/Plattendaten_GS_table.html">Plattenarchiv html Version</a>), was allerdings bereits zu spät für diesen Standort war. Mit ihm wurden 5771 Fotoplatten in Hamburg aufgenommen, von denen 5323 erhalten sind.“ Die Großstadt Hamburg war gewachsen und durch die Lichtverschmutzung waren die Beobachtungsbedingungen selbst am Rand der Metropole zu schlecht geworden.<br></br>So wurde der Spiegel 1975 auf das spanische Observatorium auf dem Calar Alto verlegt, wo seine Qualität durch die besseren Sichtbedingungen (Luftruhe, Dunkelheit) erst richtig und nutzbar sichtbar wurde. Immer noch wurden die Aufnahmen auf den großen Photoplatten gemacht.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 678px) 100vw, 678px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt-678x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt-678x1024.jpg 678w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt-199x300.jpg 199w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt-768x1160.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt-1017x1536.jpg 1017w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt.jpg 1024w" width="678"></img></a><figcaption>Hamburg Schmidt-Spiegel in CAHA (Copyright: CAHA)</figcaption></figure> <p>Die Optik des Schmidt-Spiegels war so genial, dass viele weitere Teleskope dieser Art konstruiert wurden. Zur Unterscheidung von anderen wurde das Ex-Bergedorfer <a href="https://www.caha.es/CAHA/Telescopes/schmidt.html">Teleskop in Calar Alto „Hamburger Schmidt-Spiegel“</a> genannt.<br></br>Nach seiner vollständigen <a href="https://ui.adsabs.harvard.edu/abs/2020sea..confE.230L/abstract">Überholung und technischen Aufrüstung wird es seit 1980 mit</a> einer neuen Kamera zur NEO-Beobachtung durch die ESA eingesetzt.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="343" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-1024x343.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-1024x343.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-300x101.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-768x257.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-1536x515.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-2048x686.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Panorama CAHA bei Schnee (Copyright CAHA)</figcaption></figure> <p>Und jetzt bekam es, mit der wachsenden Bedeutung von Planetary Defence, wieder eine neue Kamera spendiert.<br></br>In seiner langen Lebenszeit hat das Teleskop nun bereits drei Kometen-Entdeckungen ermöglicht:</p> <ul> <li><strong>1973 <a href="https://www.physik.uni-hamburg.de/de/hs.html">Hamburger Sternwarte Bergedorf</a>: Komet </strong><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/C/1973_E1_(Kohoutek)"><strong>C/1973 E1 (Kohoutek)</strong></a></li> <li><strong>1986, <a href="https://www.caha.es/">CAHA, auf dem Calar Alto</a>: Komet Thiele (C/1985 T1)</strong></li> <li><strong>2025 <a href="https://www.caha.es/">CAHA, auf dem Calar Alto</a></strong><strong>: Komet </strong><a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><strong>P/2025 W3 (Kresken)</strong></a><strong></strong></li> </ul> <p>Und der Astronom und Kometenentdecker Thiele hat seinem Kometenentdecker-Kollegen Rainer Kresken gleich per Mail gratuliert.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte.jpg 1600w" width="1024"></img></a><figcaption>Rainer Kresken beim Photo-Termin mit der Photographin (Danke!) des Darmstädter Echos in der Kuppel vor dem Mühleis-Teleskop (Starkenburg-Sternwarte Heppenheim)</figcaption></figure> <h2 id="h-komet-kresken-und-ufo-alarm"><strong>Komet Kresken und UFO-Alarm</strong></h2> <p>Da die Entdeckung durch das spanische CAHA-Observatorium gemacht wurde, geht es gerade wesentlich stärker durch die spanischsprachige Presse, als durch die deutsche Medienlandschaft.<p>Und wie schon beim interstellaren Kometen 3I/<em>ATLAS</em> gibt es UFO-Alarm.</p><br></br>Der Argentinier Fernando Silva Hildebrandt ist Director / Productor General des La Señal (ciencia y misterios) auf  YouTube und erklärt in einem neuen Video Kometen und außerirdische Objekte. Dieses argentinische Video in abenteuerlichem Englisch zeigt ihn im Interview mit zwei Journalisten mit eher überschaubarer Astrophysik-Expertise.</p> <p>Zu Kometen erklärt er viele Fakten korrekt, allerdings driftet das Ganze dann in seltsame Richtungen ab. Mir ist auch nicht in jedem Fall klar geworden, ob er nun gerade über  3I/<em>ATLAS </em>oder <a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><strong>P/2025 W3 (Kresken)</strong></a> spricht. Allerdings ist ganz sicher, dass die vorliegenden Aufnahmen von <a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><strong>P/2025 W3 (Kresken)</strong></a> 1. keinerlei Jets zeigen und 2. seine Zusammensetzung nicht bekannt ist, da keine Spektroskopie gemacht werden konnte. Hildebrandts Aussagen dazu müssen sich also auf 3I/<em>ATLAS </em>beziehen.<br></br>Die wilde Diskussion zu dem interstellaren <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/3i-atlas-ein-interstellarer-komet/">3I/<em>ATLAS</em>, einem wirklich außergewöhnlichen Kometen, gibt`s hier. </a></p> <p>Ich fand die Hildebrandt-Show ziemlich wirr, möchte aber niemanden davon abhalten, sich selbst ein Urteil zu bilden:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/lvjiE_Y33k8?feature=oembed" title="¿COMETA O ALGO MÁS? ☄️ El misterio de Kresken y las teorías que aterran a la ciencia" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Man bricht nicht jeden Sonntagabend einen Tatort wegen einer Kometenentdeckung ab.<br></br>Dann noch in einen UFO-Mythos verwickelt zu werden, ist schon ein besonderes Erlebnis.<p>Ein herzliches Dankeschön an Rainer Kresken für das irre Erlebnis der Kometenentdeckung, an die Photographin für das schöne Portrait (Rainer in seinem natürlichen Lebensraum) und das CAHA-Team für die schönen Aufnahmen aus Spanien (ich liebe das Panorama!).</p><br></br></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Komet P/2025 W3 (Kresken) » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Der Astro-Ingenieur Rainer Kresken arbeitet bei ESA in der Planetary Defence, in der Asteroidenabwehr. Die Mission: Himmelskörper zu entdecken, die der Erde gefährlich nahe kommen könnten und eine potenzielle Gefahr für die Erde werden könnten. Darum heißt die Asteroidenabwehr <a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/Near-Earth_Object_Coordination_Centre">Near Earth Objetcs Coordination Centre (NEOCC).</a></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars.jpg 1920w" width="1024"></img></a></figure> <p>Seit Tscheljabinsk ist dies ein heißes Thema: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Meteor_von_Tscheljabinsk">2013 hatte ein größerer Meteorit in der</a> russischen Stadt rund 1500 Menschen verletzt. Die Druckwelle des rasenden Himmelskörpers hatte vor<a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Russia_asteroid_impact_ESA_update_and_assessment"> Fensterscheiben bersten lassen</a>, dadurch erlitten viele Menschen Schnittverletzungen. So gibt es mittlerweile Pläne für Gegenmaßnahmen: Etwa die rechtzeitige Warnung an die Bevölkerung, sich in fensterlose Räume zu begeben. Oder die Evakuierung eines größeren Landstrichs. Spektakulärer sind Missionen zur Bahnänderung größerer Asteroiden, die potenzielle größere Gefahren für die Menschheit bedeuten wie die <a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Hera/Hera_mission_overview">erfolgreiche HERA/DART-Mission</a>.</p> <p>Die Arbeitsgruppe NEOCC betreibt ein weltweites Netz von Teleskopen, und beobachtet rund um die Uhr den Himmel.<br></br>Zurzeit nutzen sie dafür</p> <ul> <li><a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/Test_Bed_Telescopes">TBT1</a> in Cebreros bei Madrid (Spanien)</li> <li><a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/Test_Bed_Telescopes">TBT2</a> in La Silla (Chile)</li> <li><a href="https://www.caha.es/">Teleskope in CAHA (Calar Alto, Spanien)</a></li> <li><a href="https://www.esa.int/Enabling_Support/Space_Engineering_Technology/ESA_s_Tenerife_telescope_resumes_watching_the_sky">OGS-Teleskop auf Teneriffa</a> (Spanien)</li> </ul> <p>Ein weiteres ist im Bau auf Sizilien – <a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/Flyeye_ESA_s_bug-eyed_asteroid_hunters">das sogenannte Flyeye.</a><br></br>Die Teleskope werden programmiert und machen dann automatisiert ihre Aufnahmen. Die Auswertung und Suche nach NEOs erfolgt zunächst maschinell, dann manuell.</p> <p>Als begeisterter langjähriger Amateurastronom (Starkenburg-Sternwarte Heppenheim) sucht Rainer Kresken nicht nur während der Arbeitszeit, sondern auch oft noch in der Freizeit nach Kleinplaneten und hat schon viele entdeckt. Das Heppenheimer Amateur-Observatorium ist dafür international bekannt und hat schon viele Kleinplaneten benannt. Er ist also begeistert und erfahren bei der Suche nach Himmelskörpern, sowohl beruflich als auch privat.<br></br>Die Programmierung und Bildauswertung von Teleskop-Daten, die irgendwo in Europa oder Südamerika stehen, erfolgt seit Jahren meist online, auch bei ESA.<br></br>Da seit der Corona-Pandemie solche Arbeiten sogar im Home-Office durchgeführt werden, und der Astronom Ende November 2025 neugierig auf die Skills der neuen, gerade montierten Kamera auf dem Calar Alto-Teleskop machen würde, schaute er eines Sonntagabends, während wir eigentlich im Wohnzimmer „Tatort“ guckten, nach (Wir sind verheiratet und lästern manchmal gemeinsam über den Sonntagabend-Tatort).<br></br>Dabei erblickte er auf dem grisseligen Schwarz-Weiß-Bild einen in eine Richtung verwischten Flatschen, der sich offenbar auf einer Bahn um die Sonne bewegte. Das „Ding“ war plötzlich, wie aus dem Nichts aufgetaucht, sein Kurs war noch nirgendwo verzeichnet und es hatte unverkennbar einen Schweif.<br></br>Ein neuer Komet?<aside></aside></p> <h2 id="h-komet-p-2025-w3-kresken"><strong>Komet </strong><a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><strong>P/2025 W3 (Kresken)</strong></a></h2> <p>Rainer Kresken informierte sofort seine Kollegen und beobachtete weiter. Bei der Entdeckung eines mutmaßlich noch unbekannten Himmelskörpers geht es zunächst darum, ihn durch mehrere Einstellungen und Augenpaare zu bestätigten.<br></br>Schnell wurde klar: Rainer Kresken hatte tatsächlich einen noch unbekannten Kometen entdeckt, der durch unser Sonnensystem saust. Nicht in einer exzentrischen Bahn, wie die meisten Kometen, sondern auf einer Kreisbahn.</p> <p>Das lichtschwache Objekt war erst durch die neue Kamera zu entdecken gewesen.<br></br>Er wird der Erde nicht nahe kommen und stellt keine Gefahr dar, darum ist er <a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/10_asteroids_named_to_honour_ESA_s_role_in_Planetary_Defence">einfach eine spannende Entdeckung und die Bestätigung, dass die neue Kamera</a> ausgezeichnet funktioniert. <a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/10_asteroids_named_to_honour_ESA_s_role_in_Planetary_Defence">Wie gut die Planetary Defence arbeitet, ist u a an der Menge</a> der entdeckten Asteroiden zu sehen: ESA hat 2025 gerade 10 neue benannt.</p> <p>Neu entdeckte Kometen tragen immer den Namen ihres Entdeckers/ihrer Entdeckerin. Da die Kometen-Nomenklatur-Kommission den Namen NEOCC-Kresken zu kompliziert fand, steht nun nur sein Name hinter der Kometennummer:<br></br><a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">P/2025 W3 (Kresken)</a></p> <h2 id="h-hamburger-schmidt-spiegel"><strong>Hamburger Schmidt-Spiegel</strong></h2> <p>Für das Teleskop war die Entdeckung von <a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">P/2025 W3 (Kresken)</a> schon die dritte Kometen-Entdeckung. Der „Hamburger Schmidt-Spiegel“ hat eine lange und bewegte Geschichte hinter sich, die 1954 auf der Sternwarte Bergedorf (Hamburg) begann.<br></br>Dort hatte der <a href="https://www.deutschlandfunk.de/sternzeit-11-april-2024-das-geniale-teleskop-des-einarmigen-optikers-dlf-c5ef42d7-100.html">geniale Bernhard Schmidt eine neue, bahnbrechende</a> Technologie konzipiert, die sich als bedeutende Innovation herausstellte. Der einarmige Optiker – er hatte sich als Kind beim Experimentieren mit Feuerwerk einen Arm weggesprengt – <a href="https://hsweb.hs.uni-hamburg.de/projects/plate-archive/Scans/web/Stw/schmidt/index.html">arbeitete und tüftelte nicht nur auf der Sternwarte in Bergedorf</a>, sondern wurde dort schließlich auch beigesetzt. Seinen Grabstein kann man heute noch besuchen, am Rande des Geländes mit den vielen alten Bäumen und Gebäuden.<br></br><em><br></br></em>„<a href="https://plate-archive.hs.uni-hamburg.de/index.php/de/institute">Der <strong>Große Schmidt-Spiegel</strong> wurde 1954</a> in Betrieb genommen (siehe <a href="https://hsweb.hs.uni-hamburg.de/projects/plate-archive/Scans/web/Plattenarchiv/Plattendaten_GS_table.html">Plattenarchiv html Version</a>), was allerdings bereits zu spät für diesen Standort war. Mit ihm wurden 5771 Fotoplatten in Hamburg aufgenommen, von denen 5323 erhalten sind.“ Die Großstadt Hamburg war gewachsen und durch die Lichtverschmutzung waren die Beobachtungsbedingungen selbst am Rand der Metropole zu schlecht geworden.<br></br>So wurde der Spiegel 1975 auf das spanische Observatorium auf dem Calar Alto verlegt, wo seine Qualität durch die besseren Sichtbedingungen (Luftruhe, Dunkelheit) erst richtig und nutzbar sichtbar wurde. Immer noch wurden die Aufnahmen auf den großen Photoplatten gemacht.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 678px) 100vw, 678px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt-678x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt-678x1024.jpg 678w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt-199x300.jpg 199w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt-768x1160.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt-1017x1536.jpg 1017w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt.jpg 1024w" width="678"></img></a><figcaption>Hamburg Schmidt-Spiegel in CAHA (Copyright: CAHA)</figcaption></figure> <p>Die Optik des Schmidt-Spiegels war so genial, dass viele weitere Teleskope dieser Art konstruiert wurden. Zur Unterscheidung von anderen wurde das Ex-Bergedorfer <a href="https://www.caha.es/CAHA/Telescopes/schmidt.html">Teleskop in Calar Alto „Hamburger Schmidt-Spiegel“</a> genannt.<br></br>Nach seiner vollständigen <a href="https://ui.adsabs.harvard.edu/abs/2020sea..confE.230L/abstract">Überholung und technischen Aufrüstung wird es seit 1980 mit</a> einer neuen Kamera zur NEO-Beobachtung durch die ESA eingesetzt.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="343" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-1024x343.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-1024x343.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-300x101.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-768x257.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-1536x515.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-2048x686.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Panorama CAHA bei Schnee (Copyright CAHA)</figcaption></figure> <p>Und jetzt bekam es, mit der wachsenden Bedeutung von Planetary Defence, wieder eine neue Kamera spendiert.<br></br>In seiner langen Lebenszeit hat das Teleskop nun bereits drei Kometen-Entdeckungen ermöglicht:</p> <ul> <li><strong>1973 <a href="https://www.physik.uni-hamburg.de/de/hs.html">Hamburger Sternwarte Bergedorf</a>: Komet </strong><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/C/1973_E1_(Kohoutek)"><strong>C/1973 E1 (Kohoutek)</strong></a></li> <li><strong>1986, <a href="https://www.caha.es/">CAHA, auf dem Calar Alto</a>: Komet Thiele (C/1985 T1)</strong></li> <li><strong>2025 <a href="https://www.caha.es/">CAHA, auf dem Calar Alto</a></strong><strong>: Komet </strong><a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><strong>P/2025 W3 (Kresken)</strong></a><strong></strong></li> </ul> <p>Und der Astronom und Kometenentdecker Thiele hat seinem Kometenentdecker-Kollegen Rainer Kresken gleich per Mail gratuliert.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte.jpg 1600w" width="1024"></img></a><figcaption>Rainer Kresken beim Photo-Termin mit der Photographin (Danke!) des Darmstädter Echos in der Kuppel vor dem Mühleis-Teleskop (Starkenburg-Sternwarte Heppenheim)</figcaption></figure> <h2 id="h-komet-kresken-und-ufo-alarm"><strong>Komet Kresken und UFO-Alarm</strong></h2> <p>Da die Entdeckung durch das spanische CAHA-Observatorium gemacht wurde, geht es gerade wesentlich stärker durch die spanischsprachige Presse, als durch die deutsche Medienlandschaft.<p>Und wie schon beim interstellaren Kometen 3I/<em>ATLAS</em> gibt es UFO-Alarm.</p><br></br>Der Argentinier Fernando Silva Hildebrandt ist Director / Productor General des La Señal (ciencia y misterios) auf  YouTube und erklärt in einem neuen Video Kometen und außerirdische Objekte. Dieses argentinische Video in abenteuerlichem Englisch zeigt ihn im Interview mit zwei Journalisten mit eher überschaubarer Astrophysik-Expertise.</p> <p>Zu Kometen erklärt er viele Fakten korrekt, allerdings driftet das Ganze dann in seltsame Richtungen ab. Mir ist auch nicht in jedem Fall klar geworden, ob er nun gerade über  3I/<em>ATLAS </em>oder <a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><strong>P/2025 W3 (Kresken)</strong></a> spricht. Allerdings ist ganz sicher, dass die vorliegenden Aufnahmen von <a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><strong>P/2025 W3 (Kresken)</strong></a> 1. keinerlei Jets zeigen und 2. seine Zusammensetzung nicht bekannt ist, da keine Spektroskopie gemacht werden konnte. Hildebrandts Aussagen dazu müssen sich also auf 3I/<em>ATLAS </em>beziehen.<br></br>Die wilde Diskussion zu dem interstellaren <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/3i-atlas-ein-interstellarer-komet/">3I/<em>ATLAS</em>, einem wirklich außergewöhnlichen Kometen, gibt`s hier. </a></p> <p>Ich fand die Hildebrandt-Show ziemlich wirr, möchte aber niemanden davon abhalten, sich selbst ein Urteil zu bilden:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/lvjiE_Y33k8?feature=oembed" title="¿COMETA O ALGO MÁS? ☄️ El misterio de Kresken y las teorías que aterran a la ciencia" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Man bricht nicht jeden Sonntagabend einen Tatort wegen einer Kometenentdeckung ab.<br></br>Dann noch in einen UFO-Mythos verwickelt zu werden, ist schon ein besonderes Erlebnis.<p>Ein herzliches Dankeschön an Rainer Kresken für das irre Erlebnis der Kometenentdeckung, an die Photographin für das schöne Portrait (Rainer in seinem natürlichen Lebensraum) und das CAHA-Team für die schönen Aufnahmen aus Spanien (ich liebe das Panorama!).</p><br></br></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/komet-p-2025-w3-kresken/#comments 4 Von Babies und Melodien unserer Sprache https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/von-babies-und-melodien-unserer-sprache/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/von-babies-und-melodien-unserer-sprache/#respond Mon, 09 Feb 2026 18:10:26 +0000 Antonia Ceric https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5634 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/little-cute-toddler-dress-scaled-e1770573472670-768x205.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/von-babies-und-melodien-unserer-sprache/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/little-cute-toddler-dress-scaled-e1770573472670.jpg" /><h1>Von Babies und Melodien unserer Sprache » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>Neulich verbrachte ich einen gemütlichen Abend auf der Couch, mit dem neuen Frankenstein-Film und süß-salzigem Popcorn. Plötzlich laute Stimmen. Aus dem Film stammten die allerdings nicht. Den Kopf in Richtung Wand gedreht wurde mir klar: Das sind die Nachbarn. Eine zweite Stimme erwidert laut etwas. Lachen. Die andere Person stimmt ein. Die beiden scheinen eine gute Zeit miteinander zu haben, denke ich mir. Dabei habe ich eigentlich kein einziges Wort des Gesprächs tatsächlich verstanden. Warum ist mir dennoch klar, dass die Nachbarn sich nebenan definitiv nicht die Köpfe einschlagen oder gerade den traurigsten Film aller Zeiten sehen? Die Antwort liegt wie so oft in unserem faszinierenden Denkorgan, in unserem Gehirn.</p> <h4 id="h-ohne-zwischentone-der-sprachmelodie-konnten-wir-nicht-zwischen-den-zeilen-lesen">Ohne Zwischentöne der Sprachmelodie könnten wir nicht zwischen den Zeilen lesen!</h4> <p>Die Fähigkeit Emotionen aus der Stimme anderer zu lesen ist grundlegend für jegliche Kommunikation. Ohne sie könnten wir nicht „zwischen den Zeilen lesen“ und alle Nuancen einer sozialen Interaktion erfassen, die über das bloße Gesagte hinaus gehen. Das Geheimnis liegt in der Sprachmelodie, die wir nutzen, um etwas auszudrücken. Fachleute sprechen hier auch von <em>Prosodie, </em>da dieser Begriff nicht nur die Melodie umfasst, sondern auch rhythmische Feinheiten der Sprache mit einbezieht. Wie wichtig die Prosodie für uns ist, wird außerdem deutlich, wenn wir zu den Anfängen des Sprechens gehen. </p> <p>Wenn Babies auf die Welt kommen, können sie noch nicht sofort sprechen. Sie geben Laute von sich, Babysprache. Schnell versuchen sie nachzuahmen, was ihnen an Sprache bei Mama oder Papa begegnet. Aber Überraschung: Selbst die noch unverständlichen Laute der Babies klingen nicht überall gleich. Ein Baby in Brasilien macht andere Laute, als es vielleicht das Baby in Korea tun würde. Während deutschsprachige Babies in einer Melodie eher mit der Stimme nach unten gehen, machen es Babies in Frankreich genau andersherum. Das liegt nicht nur an dem, was sie ab der Geburt zu hören bekommen. Nein, noch bevor sie auf der Welt sind, nehmen Säuglinge im Mutterleib schon einiges wahr. Einzelne, klare Worte dringen nicht durch den Schutz aus Bauchdecke, Gewebe und Fruchtwasser. Die Sprachmelodie allerdings schon. Sie ist also eines der ersten Dinge, die wir überhaupt an verbaler Kommunikation wahrnehmen. [1]</p> <p>Fragt sich nur, wie genau unser Gehirn es schafft nur aus diesen flüchtigen akustischen Schwingungen auf eine konkrete Emotion zu schließen. Warum weiß ich sofort, dass die Nachbarn sich nicht streiten, sondern Spaß zu haben scheinen? Um das zu verstehen, müssen wir uns erst einmal anschauen, wie wir überhaupt Sprache verarbeiten.</p> <h3 id="h-die-neuronale-architektur-der-sprache"><strong><strong>Die neuronale Architektur der Sprache</strong></strong></h3> <p>Für die Sprachverarbeitung ist nicht ein einzelnes Areal verantwortlich, sondern ein ganzes Netzwerk. Linguisten und Neurowissenschaftler kennen es klassischerweise als das „Dual-Stream-Modell“. Denn nach dem Modell gibt es zwei Hauptpfade in unserem Gehirn, die auf verschiedene Weise Sprachsignale verarbeiten.<aside></aside></p> <p>Da ist zum einen der ventrale Strom – der im Hirn weiter unten liegende – der sogenannte „Was-Pfad“. Er verläuft von den primären Hörzentren nach vorne in Richtung des Schläfenlappens und ist vor allem dafür zuständig, Phoneme (die Laute aus denen Wörter zusammengesetzt sind) zu erkennen und Wörter in ihre Bedeutung zu übersetzen. Zum anderen gibt es den dorsalen Strom – weiter oben liegend im Hirn – den „Wie-Pfad“. Dieser verbindet die auditiven Areale mit dem motorischen und prämotorischen Cortex. Nach dem Modell ahmt der Wie-Pfad Sprache nach oder plant die Mundbewegungen beim Sprechen. Er könnte auch das motorische Programm des Gesprochenen simulieren, um das Verstehen zu unterstützen. Mit anderen Worten: Wir hören, wie etwas gesagt wird, und unser Gehirn simuliert, wie es wäre das selbst zu sagen. Diese Simulation hilft uns dann effizienter und schneller beim Zuhören zu verstehen. [2]</p> <h3 id="h-arbeitsteilung-im-gehirn"><strong>Arbeitsteilung im Gehirn</strong></h3> <p>Das Dual-Stream-Modell zeigt uns, wie wir das Gesprochene vom akustischen Signal in Wörter und Sätze verwandeln. Diese Aufgabe ist vornehmlich das Spezialgebiet der linken Hirnhälfte. Es gibt allerdings starke Hinweise auf ein ähnliches Netzwerk aus zwei Pfaden auch in der rechten Hirnhälfte, das einen anderen Fokus hat. Die Sprachmelodie! [3]</p> <p>Diese Erkenntnis fügt sich wunderbar in weitere Funde ein, die wir zur Aufgabenteilung beim Verarbeiten akustischer Reize im Gehirn gemacht haben. Die linke Hirnhälfte ist nämlich besser darin, zeitliche Informationen akustischer Signale präzise zu entschlüsseln. Wann setzt ein Laut ein oder wie schnell ist die Abfolge von Lauten? Es geht also um schnelle Veränderungen im Sprachsignal, wie beim Hören von einzelnen Lauten, Silben oder Sprachrhythmus. Die rechte Hirnhälfte hingegen ist sensibler für spektrale Informationen, also Klangfarbe, Tonhöhe oder Melodiebögen – Merkmale, die wir zum Beispiel in der Sprachmelodie oder der Musik wahrnehmen.</p> <p>Diese Spezialisierung gilt nicht nur beim Zuhören. Auch wenn wir selbst Sprache produzieren, nutzt unser Gehirn diese Aufgabenteilung, um über das Gehör unsere Aussprache laufend zu kontrollieren. Die linke Seite überwacht dabei mehr das Timing, während die rechte eher auf die Klangqualität achtet. Genau diese Melodiekurven sind das Rohmaterial, aus dem unser Gehirn später Kategorien wie „Frage“, „Befehl“ oder „Kompliment“ formt. [4]</p> <h3 id="h-von-der-akustik-zur-emotion"><strong>Von der Akustik zur Emotion</strong></h3> <p>Das Rohmaterial ist nun analysiert. Die Stimmen, die ich durch die Wand als akustische Signale wahrgenommen habe, hat mein Gehirn in ihre Einzelteile zerlegt und analysiert. In welcher Melodie wird gesprochen? Wie laut? Wie schnell? In welcher Intensität? Zitternd oder bestimmt? Und so weiter! Nun wissen wir aber immer noch nicht, wie aus diesen ganzen Informationen schließlich eine Bewertung wird, die uns sagt, welche Emotion wir da wahrnehmen.</p> <p>Aber keine Sorge, auch hierfür hat die Wissenschaft ein Modell aufgestellt, das uns hilft zu verstehen, welche Schritte unser Hirn in den weiteren Verarbeitungsschritten durchläuft. Das Modell von Schirmer und Kotz teilt die Verarbeitung emotionaler Sprachmelodie hierfür in drei Phasen ein. </p> <h4 id="h-emotionale-sprachmelodie-drei-phasen-der-verarbeitung">Emotionale Sprachmelodie: Drei Phasen der Verarbeitung</h4> <p>In der ersten Phase, etwa 100 Millisekunden nach dem ersten Laut, findet eine rein akustische Analyse statt. Das Gehirn registriert die physikalischen Parameter: Wie hoch ist die Frequenz? Wie laut ist das Signal? Wie lange dauert der Vokal? Diese Phase umfasst also all die akustischen Details, die wir uns gerade angeschaut haben.</p> <p>In der zweiten Phase, nach etwa 200 Millisekunden, findet die eigentliche emotionale Identifikation statt. Nun interpretiert unser Hirn erstmals, welche Emotion zu den vorher gesammelten Informationen passen könnte. Die Zuordnungsmuster hierfür haben wir aus der Erfahrung gelernt.</p> <p>In der dritten Phase, nach etwa 400 Millisekunden, Gleicht unser Gehirn die Entscheidung, welche Emotion das wohl war, noch einmal mit zusätzlichen Eindrücken der Situation ab. Passt der genervte Unterton zum Beispiel zum freundlichen Gesichtsausdruck? Könnten das Freudentränen sein oder habe ich die Person falsch verstanden und sie ist gerade eigentlich traurig? In dieser Phase wird das Gehörte bewusst bewertet und in den Kontext der Gesamtsituation eingebettet. [5]</p> <p>Wenn ich allerdings auf der Couch sitze und durch die Wand höre, wie meine Nachbarn herzlich lachen, habe ich keine zusätzlichen Informationen. Schließlich kann ich schlecht durch Wände gucken. Aber schon diese minimalen Infos reichen meinem Gehirn, um einen Schluss zu ziehen! Eine Meisterleistung, die die Spracherkennung auf dem Smartphone erst einmal nachmachen muss.</p> <h2 id="h-quellen"><strong>Quellen</strong></h2> <p>[1] Mampe, B., Friederici, A. D., Christophe, A., &amp; Wermke, K. (2009). Newborns’ cry melody is shaped by their native language. <em>Current Biology</em>, <em>19</em>(23), 1994–1997. <a href="https://doi.org/10.1016/j.cub.2009.09.064" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.cub.2009.09.064</a></p> <p>[2] Hickok, G., &amp; Poeppel, D. (2007). The cortical organization of speech processing. <em>Nature Reviews Neuroscience</em>, <em>8</em>(5), 393–402. <a href="https://doi.org/10.1038/nrn2113" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1038/nrn2113</a></p> <p>[3] Sammler, D., Grosbras, M. H., Anwander, A., Bestelmeyer, P. E., &amp; Belin, P. (2015). Dorsal and Ventral Pathways for Prosody. <em>Current biology : CB</em>, <em>25</em>(23), 3079–3085. https://doi.org/10.1016/j.cub.2015.10.009</p> <p>[4] Albouy, P., Benjamin, L., Morillon, B., &amp; Zatorre, R. J. (2020). Distinct sensitivity to spectrotemporal modulation supports brain asymmetry for speech and melody. <em>Science</em>, <em>367</em>(6481), 1043–1047. <a href="https://doi.org/10.1126/science.aaz3468" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1126/science.aaz3468</a></p> <p>[5] Schirmer, A. &amp; Kotz, S. A. (2005). Beyond the right hemisphere: brain mechanisms mediating vocal emotional processing. <em>Trends in Cognitive Sciences</em>, <em>10</em>(1), 24–30. https://doi.org/10.1016/j.tics.2005.11.009</p> <p>Beitragsbild: <a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/ein-suesses-kleines-kleinkind-im-kleid_4201312.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=16&amp;uuid=b3fb6e38-e630-4a45-9a3d-3f48cf4f6739&amp;query=baby+studio">Bild von senivpetro auf Freepik</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/little-cute-toddler-dress-scaled-e1770573472670.jpg" /><h1>Von Babies und Melodien unserer Sprache » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>Neulich verbrachte ich einen gemütlichen Abend auf der Couch, mit dem neuen Frankenstein-Film und süß-salzigem Popcorn. Plötzlich laute Stimmen. Aus dem Film stammten die allerdings nicht. Den Kopf in Richtung Wand gedreht wurde mir klar: Das sind die Nachbarn. Eine zweite Stimme erwidert laut etwas. Lachen. Die andere Person stimmt ein. Die beiden scheinen eine gute Zeit miteinander zu haben, denke ich mir. Dabei habe ich eigentlich kein einziges Wort des Gesprächs tatsächlich verstanden. Warum ist mir dennoch klar, dass die Nachbarn sich nebenan definitiv nicht die Köpfe einschlagen oder gerade den traurigsten Film aller Zeiten sehen? Die Antwort liegt wie so oft in unserem faszinierenden Denkorgan, in unserem Gehirn.</p> <h4 id="h-ohne-zwischentone-der-sprachmelodie-konnten-wir-nicht-zwischen-den-zeilen-lesen">Ohne Zwischentöne der Sprachmelodie könnten wir nicht zwischen den Zeilen lesen!</h4> <p>Die Fähigkeit Emotionen aus der Stimme anderer zu lesen ist grundlegend für jegliche Kommunikation. Ohne sie könnten wir nicht „zwischen den Zeilen lesen“ und alle Nuancen einer sozialen Interaktion erfassen, die über das bloße Gesagte hinaus gehen. Das Geheimnis liegt in der Sprachmelodie, die wir nutzen, um etwas auszudrücken. Fachleute sprechen hier auch von <em>Prosodie, </em>da dieser Begriff nicht nur die Melodie umfasst, sondern auch rhythmische Feinheiten der Sprache mit einbezieht. Wie wichtig die Prosodie für uns ist, wird außerdem deutlich, wenn wir zu den Anfängen des Sprechens gehen. </p> <p>Wenn Babies auf die Welt kommen, können sie noch nicht sofort sprechen. Sie geben Laute von sich, Babysprache. Schnell versuchen sie nachzuahmen, was ihnen an Sprache bei Mama oder Papa begegnet. Aber Überraschung: Selbst die noch unverständlichen Laute der Babies klingen nicht überall gleich. Ein Baby in Brasilien macht andere Laute, als es vielleicht das Baby in Korea tun würde. Während deutschsprachige Babies in einer Melodie eher mit der Stimme nach unten gehen, machen es Babies in Frankreich genau andersherum. Das liegt nicht nur an dem, was sie ab der Geburt zu hören bekommen. Nein, noch bevor sie auf der Welt sind, nehmen Säuglinge im Mutterleib schon einiges wahr. Einzelne, klare Worte dringen nicht durch den Schutz aus Bauchdecke, Gewebe und Fruchtwasser. Die Sprachmelodie allerdings schon. Sie ist also eines der ersten Dinge, die wir überhaupt an verbaler Kommunikation wahrnehmen. [1]</p> <p>Fragt sich nur, wie genau unser Gehirn es schafft nur aus diesen flüchtigen akustischen Schwingungen auf eine konkrete Emotion zu schließen. Warum weiß ich sofort, dass die Nachbarn sich nicht streiten, sondern Spaß zu haben scheinen? Um das zu verstehen, müssen wir uns erst einmal anschauen, wie wir überhaupt Sprache verarbeiten.</p> <h3 id="h-die-neuronale-architektur-der-sprache"><strong><strong>Die neuronale Architektur der Sprache</strong></strong></h3> <p>Für die Sprachverarbeitung ist nicht ein einzelnes Areal verantwortlich, sondern ein ganzes Netzwerk. Linguisten und Neurowissenschaftler kennen es klassischerweise als das „Dual-Stream-Modell“. Denn nach dem Modell gibt es zwei Hauptpfade in unserem Gehirn, die auf verschiedene Weise Sprachsignale verarbeiten.<aside></aside></p> <p>Da ist zum einen der ventrale Strom – der im Hirn weiter unten liegende – der sogenannte „Was-Pfad“. Er verläuft von den primären Hörzentren nach vorne in Richtung des Schläfenlappens und ist vor allem dafür zuständig, Phoneme (die Laute aus denen Wörter zusammengesetzt sind) zu erkennen und Wörter in ihre Bedeutung zu übersetzen. Zum anderen gibt es den dorsalen Strom – weiter oben liegend im Hirn – den „Wie-Pfad“. Dieser verbindet die auditiven Areale mit dem motorischen und prämotorischen Cortex. Nach dem Modell ahmt der Wie-Pfad Sprache nach oder plant die Mundbewegungen beim Sprechen. Er könnte auch das motorische Programm des Gesprochenen simulieren, um das Verstehen zu unterstützen. Mit anderen Worten: Wir hören, wie etwas gesagt wird, und unser Gehirn simuliert, wie es wäre das selbst zu sagen. Diese Simulation hilft uns dann effizienter und schneller beim Zuhören zu verstehen. [2]</p> <h3 id="h-arbeitsteilung-im-gehirn"><strong>Arbeitsteilung im Gehirn</strong></h3> <p>Das Dual-Stream-Modell zeigt uns, wie wir das Gesprochene vom akustischen Signal in Wörter und Sätze verwandeln. Diese Aufgabe ist vornehmlich das Spezialgebiet der linken Hirnhälfte. Es gibt allerdings starke Hinweise auf ein ähnliches Netzwerk aus zwei Pfaden auch in der rechten Hirnhälfte, das einen anderen Fokus hat. Die Sprachmelodie! [3]</p> <p>Diese Erkenntnis fügt sich wunderbar in weitere Funde ein, die wir zur Aufgabenteilung beim Verarbeiten akustischer Reize im Gehirn gemacht haben. Die linke Hirnhälfte ist nämlich besser darin, zeitliche Informationen akustischer Signale präzise zu entschlüsseln. Wann setzt ein Laut ein oder wie schnell ist die Abfolge von Lauten? Es geht also um schnelle Veränderungen im Sprachsignal, wie beim Hören von einzelnen Lauten, Silben oder Sprachrhythmus. Die rechte Hirnhälfte hingegen ist sensibler für spektrale Informationen, also Klangfarbe, Tonhöhe oder Melodiebögen – Merkmale, die wir zum Beispiel in der Sprachmelodie oder der Musik wahrnehmen.</p> <p>Diese Spezialisierung gilt nicht nur beim Zuhören. Auch wenn wir selbst Sprache produzieren, nutzt unser Gehirn diese Aufgabenteilung, um über das Gehör unsere Aussprache laufend zu kontrollieren. Die linke Seite überwacht dabei mehr das Timing, während die rechte eher auf die Klangqualität achtet. Genau diese Melodiekurven sind das Rohmaterial, aus dem unser Gehirn später Kategorien wie „Frage“, „Befehl“ oder „Kompliment“ formt. [4]</p> <h3 id="h-von-der-akustik-zur-emotion"><strong>Von der Akustik zur Emotion</strong></h3> <p>Das Rohmaterial ist nun analysiert. Die Stimmen, die ich durch die Wand als akustische Signale wahrgenommen habe, hat mein Gehirn in ihre Einzelteile zerlegt und analysiert. In welcher Melodie wird gesprochen? Wie laut? Wie schnell? In welcher Intensität? Zitternd oder bestimmt? Und so weiter! Nun wissen wir aber immer noch nicht, wie aus diesen ganzen Informationen schließlich eine Bewertung wird, die uns sagt, welche Emotion wir da wahrnehmen.</p> <p>Aber keine Sorge, auch hierfür hat die Wissenschaft ein Modell aufgestellt, das uns hilft zu verstehen, welche Schritte unser Hirn in den weiteren Verarbeitungsschritten durchläuft. Das Modell von Schirmer und Kotz teilt die Verarbeitung emotionaler Sprachmelodie hierfür in drei Phasen ein. </p> <h4 id="h-emotionale-sprachmelodie-drei-phasen-der-verarbeitung">Emotionale Sprachmelodie: Drei Phasen der Verarbeitung</h4> <p>In der ersten Phase, etwa 100 Millisekunden nach dem ersten Laut, findet eine rein akustische Analyse statt. Das Gehirn registriert die physikalischen Parameter: Wie hoch ist die Frequenz? Wie laut ist das Signal? Wie lange dauert der Vokal? Diese Phase umfasst also all die akustischen Details, die wir uns gerade angeschaut haben.</p> <p>In der zweiten Phase, nach etwa 200 Millisekunden, findet die eigentliche emotionale Identifikation statt. Nun interpretiert unser Hirn erstmals, welche Emotion zu den vorher gesammelten Informationen passen könnte. Die Zuordnungsmuster hierfür haben wir aus der Erfahrung gelernt.</p> <p>In der dritten Phase, nach etwa 400 Millisekunden, Gleicht unser Gehirn die Entscheidung, welche Emotion das wohl war, noch einmal mit zusätzlichen Eindrücken der Situation ab. Passt der genervte Unterton zum Beispiel zum freundlichen Gesichtsausdruck? Könnten das Freudentränen sein oder habe ich die Person falsch verstanden und sie ist gerade eigentlich traurig? In dieser Phase wird das Gehörte bewusst bewertet und in den Kontext der Gesamtsituation eingebettet. [5]</p> <p>Wenn ich allerdings auf der Couch sitze und durch die Wand höre, wie meine Nachbarn herzlich lachen, habe ich keine zusätzlichen Informationen. Schließlich kann ich schlecht durch Wände gucken. Aber schon diese minimalen Infos reichen meinem Gehirn, um einen Schluss zu ziehen! Eine Meisterleistung, die die Spracherkennung auf dem Smartphone erst einmal nachmachen muss.</p> <h2 id="h-quellen"><strong>Quellen</strong></h2> <p>[1] Mampe, B., Friederici, A. D., Christophe, A., &amp; Wermke, K. (2009). Newborns’ cry melody is shaped by their native language. <em>Current Biology</em>, <em>19</em>(23), 1994–1997. <a href="https://doi.org/10.1016/j.cub.2009.09.064" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.cub.2009.09.064</a></p> <p>[2] Hickok, G., &amp; Poeppel, D. (2007). The cortical organization of speech processing. <em>Nature Reviews Neuroscience</em>, <em>8</em>(5), 393–402. <a href="https://doi.org/10.1038/nrn2113" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1038/nrn2113</a></p> <p>[3] Sammler, D., Grosbras, M. H., Anwander, A., Bestelmeyer, P. E., &amp; Belin, P. (2015). Dorsal and Ventral Pathways for Prosody. <em>Current biology : CB</em>, <em>25</em>(23), 3079–3085. https://doi.org/10.1016/j.cub.2015.10.009</p> <p>[4] Albouy, P., Benjamin, L., Morillon, B., &amp; Zatorre, R. J. (2020). Distinct sensitivity to spectrotemporal modulation supports brain asymmetry for speech and melody. <em>Science</em>, <em>367</em>(6481), 1043–1047. <a href="https://doi.org/10.1126/science.aaz3468" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1126/science.aaz3468</a></p> <p>[5] Schirmer, A. &amp; Kotz, S. A. (2005). Beyond the right hemisphere: brain mechanisms mediating vocal emotional processing. <em>Trends in Cognitive Sciences</em>, <em>10</em>(1), 24–30. https://doi.org/10.1016/j.tics.2005.11.009</p> <p>Beitragsbild: <a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/ein-suesses-kleines-kleinkind-im-kleid_4201312.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=16&amp;uuid=b3fb6e38-e630-4a45-9a3d-3f48cf4f6739&amp;query=baby+studio">Bild von senivpetro auf Freepik</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/von-babies-und-melodien-unserer-sprache/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Können wir Große Sprachmodelle bescheidener machen? https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/koennen-wir-grosse-sprachmodelle-bescheidener-machen/ https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/koennen-wir-grosse-sprachmodelle-bescheidener-machen/#comments Mon, 09 Feb 2026 17:20:36 +0000 Jaromir Konecny https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/?p=1055 https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Superman-Roboter-fliegt_Blogheader-768x134.png <link>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/koennen-wir-grosse-sprachmodelle-bescheidener-machen/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Superman-Roboter-fliegt_Blogheader.png" /><h1>Können wir Große Sprachmodelle bescheidener machen? » Gehirn & KI » SciLogs</h1><h2>By Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>Diesen Beitrag gibt es auch als Video im YouTube-Kanal <a href="https://www.youtube.com/@k.i.krimis/videos" rel="noreferrer noopener" target="_blank">K.I. Krimis</a> unserer <a href="https://www.mobile-university.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">SRH Fernhochschule</a>: <a href="https://youtu.be/UYPO-k8O3PE?si=7Vnh5vkss0tAP54W" rel="noopener" target="_blank">Können wir große Sprachmodelle bescheidener machen? 🤖 Der KI-Krimi über Größenwahn.</a></p> <h2 id="h-inhalt">Inhalt</h2> <p><a href="#h-selbsuberschatzung-bei-menschen">Selbsüberschätzung bei Menschen</a></p> <p><a href="#h-selbstuberschatzung-bei-grossen-sprachmodellen">Selbstüberschätzung bei Großen Sprachmodellen</a></p> <p><a href="#h-warum-llms-sich-selbst-uberschaetzen">Warum LLMs sich selbst überschätzen?</a></p> <p><a href="#h-die-unheilige-allianz">Die unheilige Allianz</a><aside></aside></p> <p><a href="#h-konnen-wir-ki-bescheidener-machen">Können wir KI bescheidener machen?</a></p> <h2 id="h-selbsuberschatzung-bei-menschen"><a name="_Toc209423979"></a>Selbsüberschätzung bei Menschen</h2> <p>Am Anfang war das Wort, also ein Sprachmodell. 😊</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell.png"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell.png 1920w" width="1024"></img></a></figure> <p>Ich fange aber mit dem Menschen an: Selbstüberschätzung kommt einem wie eine urmenschliche Eigenschaft vor: Vor allem wenig kompetente Menschen neigen dazu, sich selbst zu überschätzen – sich für besonders kompetent zu halten. Das erklärt der <a href="https://youtu.be/phOABGk4heo?si=C4gqZePwKjaY07sL">Dunning-Kruger-Effekt</a>: „Wer wenig weiß, merkt nicht, wie wenig er weiß“, und füllt sich allwissend und übermächtig, oder versteht nicht, warum andere ihn nicht für allwissend und übermächtig halten.</p> <p>Wir überschätzen uns liebend gern. Wer von uns hat bei einem Foto von sich nicht gedacht, das Foto zeige ihn weniger hübsch, als er WIRKLICH sei? Oft meckern wir bei jeder Aufnahme von uns: Warum ist mein Bauch auf dem Foto größer als in Echt? Glaubt mir, bitte: Fotos lügen nicht!</p> <p>Nach dem „Besser-als-mein-Durchschnitt-Effekt“, der von vielen sozialpsychologischen Studien bestätigt wurde, halten sich Menschen in vielen Disziplinen für viel besser als der Durschnitt. Das ist statistisch unmöglich. Der Durchschnitt von 100 Menschen liegt bei 50. Nehmen wir zum Beispiel das Wissen um Impfungen und Impfstoffe. Wie können sich 70 Menschen von 100 für besser um Impfungen als der Durchschnitt informiert halten? Das würde bedeuten, dass der Durchschitt von 100 bei 30 liegt.</p> <p>Viele maßen sich z. B. an, über Impfungen mehr als Virologen und Immunologen zu wissen, die sich mit dem Thema seit zig Jahren in Vollzeit beschäftigen. Wenn die Welt zugrunde geht, dann an Selbstüberschätzung. Zurück aber zu Sprachmodellen.</p> <h2 id="h-selbstuberschatzung-bei-grossen-sprachmodellen"><a name="_Toc209423980"></a>Selbstüberschätzung bei Großen Sprachmodellen</h2> <p>Selbstüberschätzung bei Sprachmodellen, LLMs (Large Language Modells) ist kein Zeichen von Ignoranz oder „gesundem Selbstvertrauen“, sondern eine Fehlkalibrierung zwischen Ausgabe-Sicherheit und faktischer Richtigkeit. Den Modellen fehlt der „innere Mechanismus“, der Menschen motiviert, selbstbewusst aufzutreten. Bei Modellen ist die Selbstüberschätzung ein Nebenprodukt von Daten und Trainingsmethoden. Wenn KI-Modelle mit Nachdruck etwas Falsches behaupten, ist es ein Kalibrierungsproblem: Eine gut kalibrierte KI würde sagen, dass sie beim Raten nur zu 50 % sicher sein könne, recht zu haben. Eine übermütige KI sagt, „Auf jeden Fall!”, auch wenn sie nur rät.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <p>Generell werden Sprachmodelle trainiert, immer eine eloquente Antwort in einem überzeugenden Ton zu geben. „Ich weiß nicht zu sagen“, ist ihnen fremd, egal wie wir sie prompten. Warum das so ist, erklärt schön eine neue Studie von OpenAI: <a href="https://openai.com/de-DE/index/why-language-models-hallucinate/" rel="noopener" target="_blank">Warum LLMs halluzinieren?</a></p> <p>Warum Sprachmodelle halluzinieren, fragen wir uns aber andersmal. Jetzt bleiben wir bei ihrer Selbstüberschätzung. Dass große Sprachmodelle vor Selbstüberschätzung strotzen, zeigte eindrucksvoll die Studie <a href="https://arxiv.org/abs/2505.19184" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Wenn zwei LLMs debattieren, glauben beide, dass sie gewinnen</a>.</p> <p>In der Studie wurden politische Debatten zwischen modernen LLMs simuliert: Noch bevor überhaupt Argumente ausgetauscht wurden, begannen alle Modelle ihre Debatten mit einem durchschnittlichen anfänglichen Vertrauen von 72,9 % in ihre Gewinnchancen, obwohl jedes Modell nur eine Chance von 50 % zu gewinnen hatte. Anstatt durch die zunehmende Konfrontation mit gegnerischen Standpunkten eines ähnlich selbstüberzeugten gegnerischen Modells umsichtiger zu werden, wurden die LLMs von sich selbst noch mehr überzeugt: Ihre durchschnittliche Selbsteinschätzung der Gewinnwahrscheinlichkeit stieg bis zur Endrunde auf 83 %. Selbst wenn ein LLM gegen eine identische Kopie seiner selbst debattierte – eine klare fifty-fifty-Chance – stieg sein Vertrauen in den Sieg immer noch von anfänglichen 64,1 % auf 75,2 %. Als die Modelle explizit darauf hingewiesen wurden, dass ihre Gewinnchance genau 50 % betrug, stieg ihr Vertrauen immer noch leicht an, von 50 % auf 57,1 %.</p> <p>Die Ergebniss seht ihr in der Tabelle 1 der Studie zusammengefasst:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47.png"><img alt="" decoding="async" height="557" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47-1024x557.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47-1024x557.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47-300x163.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47-768x418.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47.png 1129w" width="1024"></img></a></figure> <p>Quelle: <a href="https://arxiv.org/html/2505.19184v3" rel="noopener" target="_blank">When Two LLMs Debate, Both Think They’ll Win</a></p> <p> In der 1. Spalte sind die untersuchten Modelle aufgelistet: Deepseek-, OpenAI-, Anthropic-, Alibaba- und Google-Modelle. In den restlichen Spalten seht ihr die verschidenen Debattenkonstellationen:</p> <p><strong>Cross-model Debates </strong>– hier debattieren zwei verschiedene Modelle gegeneinander.</p> <p><strong>Standard Self-Debates </strong>– das Modell debattiert gegen eine identische Kopie seiner selbst. Dabei ist nicht ausdrücklich gesagt, dass die Gewinnchance 50 % ist.</p> <p>I<strong>nformed Self Debates</strong> – wie Standard Self-Debates, aber das Modell wird explizit informiert, dass seine Gewinnchance 50 % beträgt.</p> <p><strong>Public Bets</strong> – Konfiguration, in der die „Wetten“ oder Einschätzungen öffentlich sind, nicht privat bzw versteckt.</p> <p>Je roter das Feld der Tabelle bei einem Modell und einer Debattenkonstellation umso selbstüberzeugter ist das betrachtete Modell.</p> <h2 id="h-warum-llms-sich-selbst-uberschatzen"><a name="_Toc209423981"></a>Warum LLMs sich selbst überschätzen?</h2> <p>Warum neigen Sprachmodelle zur Selbstüberschätzung? Ein Sprachmodell hat doch keine Zweifel wie der Mensch, kein Testosteron, keine Superman-Anlagen. </p> <p>Zweifel bei Menschen sind gut. Selbstüberschätzung bei der Begegnung mit einem Bären führte früher dazu, dass man seine Gene nicht weiter geben konnte. Menschen ohne Zweifel überleben nicht. Das gilt auch für Politik. Manche Populisten scharen hinter sich auch heutzutage am Gipfel der Aufklärung viele Anhänger. Manche bekommen richtig viel Macht dadurch. Doch je mehr Diktator man wird, umso brutaler der Sturz – das ist ein Gesetz unserer Geschichte: Je größer die Selbstüberschätzung in der Politik, umso tiefer der Fall.</p> <p>Dumm ist nur, dass wir selbst einem Menschen aber auch einer Maschine zuerst umso mehr vertrauen, je überzeugter sie von sich selbst sind. Grammatikalisch perfekte und überzeugende Texte können falsche Antworten verschleiern. Und solche Texte bekommen wir eben von Modellen, die sich selbst überschätzen.</p> <p>Für die Selbstüberschätzung der Sprachmodelle bieten sich vier Gründe an, die zusammenwirken:</p> <ul> <li><strong>Mathematik macht‘s „spitzer“, als es ist</strong></li> <li><strong>Menschen belohnen Selbstüberschätzung</strong></li> <li><strong>Wir sind die Vorbilder</strong></li> <li><strong><strong>Keine Bremse für Selbstüberschätzung</strong></strong></li> </ul> <p>Sehen wir uns die einzelnen Gründe an:</p> <h3 id="h-mathematik-macht-s-spitzer-als-es-ist"><strong>Mathematik macht‘s spitzer, als es ist</strong></h3> <p>In Sprachmodellen wird für jedes mögliche nächste Token bzw. Wort in der Ausgabe ein Logit-Wert berechnet. Je größer das Logit eines Tokens (einer Spracheinheit, d. h. eines Subworts oder Worts) im Vergleich zu den anderen, desto wahrscheinlicher wird dieses Token durch die folgende Softmax-Normalisierung als nächstes ausgegeben. Logits können aber auch negativ sein. Aus diesem Grund nehmen wir die Softmax-Funktion – sie erzeugt Wahrscheinlichkeiten zwischen 0 und 1 (bzw. 0 und100 %). Die Wahrscheinlichkeiten summieren sich auf 1 (100 %). Die Umrechnung von Logits zu Wahrscheinlichkeiten für die Tokens seht Ihr auf dem Diagramm dargestellt:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48.png"><img alt="" decoding="async" height="415" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48-1024x415.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48-1024x415.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48-300x122.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48-768x312.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48-1536x623.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48.png 2014w" width="1024"></img></a></figure> <p>Die Umwandlung durch Softmax verstärkt also relative Unterschiede zwischen den Logits-Werten. Softmax verwandelt lineare Abstände zwischen Logits in exponentiell gewichtete Wahrscheinlichkeiten. Der Gummiband mit den Abständen zwischen den Tokens wird langezogen – das wahrscheinlichste Token rückt nach vorn, während die anderen zurückgedrängt werden.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49.png"><img alt="" decoding="async" height="432" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49-1024x432.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49-1024x432.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49-300x126.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49-768x324.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49-1536x647.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49.png 2014w" width="1024"></img></a></figure> <p>Der Unterschied zwischen den zwei Logit-Werten  –3 und +3 (nur 6 Punkte Unterschied) wird durch die Exponentialfunktion zu einem Verhältnis von 1:400 aufgeblasen. Je größer der Unterschied zwischen zwei Logits, desto stärker dominiert das Token mit dem größeren Logit. Ein Token bekommt fast das gesamte Gewicht, die anderen fast nichts – überspitzt gesagt. Das Spitzen-Token (oder eine kleine Auswahl von Spitzen-Tokens) wird ausgegeben, und das Modell klingt dadurch viel sicherer, als es tatsächlich Grund dazu hat.</p> <p>Aber nicht nur Mathematik, auch Menschen belohnen die Selbstüberschätung der Modelle:</p> <h3 id="h-menschen-belohnen-selbstuberschatzung"><strong>Menschen belohnen Selbstüberschätzung</strong></h3> <p>Beim Finetuning bzw. Nachtraining der Sprachmodelle, z. B. beim Reinforcement Learning from Human Feedback – bewerten menschliche Evaluatoren Modell-Antworten meist besser, die klar und überzeugt klingen. Dadurch lernt das Modell, dass das selbstbewusste Auftreten Punkte bringt – auch wenn der Inhalt dadurch nicht genauer oder besser wird.</p> <p>Ausserdem werden die Modelle mit menschlichen Texten aus dem Internet und aus Büchern trainiert:</p> <h3 id="h-wir-sind-die-vorbilder"><strong>Wir sind die Vorbilder</strong></h3> <p>Das Modell liest von uns Menschen ab. Da wir in unseren Texten oft sehr überzeugend auftreten, übernimmt das Modell diese Angewohnheit – inklusive unserer Neigung, mehr wissen zu glauben, als wir tatsächlich tun. Die Modelle lernen auch an den Posts und Antworten auf Fragen in sozialen Netzwerken wie reddit oder Stack Overflow. Dort wird eine Frage entweder beantwortet oder gar nicht.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <p>Oder seht ihr in einem Frageforum oft, dass jemand eine Frage stellt, und ein anderer diese Frage mit, „Ich weiß nicht!“, beantwortet?</p> <p>Doch wohl der wichtigste Grund für die Unfähigkeit der LLMs, “ich weiß nicht” zu sagen, ist <a href="https://openai.com/de-DE/index/chatgpt/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">das Finetuning – das Nachtraining der vortrainierten Sprachmodelle, um aus ihnen Chatbots zu machen</a>. Beim Finetuning mit Supervised-Finetuning (SFT) und Reinforcement Learning from Human Feedback (RLHF) werden die Modelle vor allem mit richtigen Multiple-Choice-Quizfragen und ihren Antworten darauf getrimmt, keine toxischen Antworten zu geben und Dialoge zu führen. Dabei müssen sie aus einer bestimmten Anzahl von Antworten die auswählen, die dem menschlichen Evaluator am besten gefällt: Im oben erwähnten Paper <a href="https://openai.com/de-DE/index/why-language-models-hallucinate/">Warum Sprachmodelle halluzinieren</a> sprechen OpenAI-Forscher dieses Problem an: Bei Multiple-Choice-Antworten solcher Tests steht nie die Antwort “Das weiß ich nicht” zur Auswahl. So werden LLMs statistisch gesehen mehr fürs Raten als für Ehrlichkeit belohnt. </p> <h3 id="h-keine-bremse-fur-selbstuberschatzung"><strong>Keine Bremse für Selbstüberschätzung</strong></h3> <p>Sprachmodelle bekommen nie das Feedback: „Du warst dir zu sicher.“ Sie lernen nur, Wörter vorherzusagen – nicht, wie stark sie zweifeln sollten. Darum wächst ihre Selbstüberschätzung, egal ob sie richtig liegen oder nicht. Außerdem kommen viele Trainingsdaten der Sprachmodelle aus den Sozialen Netzwerken. Ihre Algorithmen belohnen selbsternannte Experten und Influencer, die alles zu wissen scheinen, und das lautstark. Solche Posts werden am meisten geteilt und verbreitet und dienen anschließend als Trainingsdaten der Sprachmodelle.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 819px) 100vw, 819px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51-819x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51-819x1024.png 819w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51-240x300.png 240w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51-768x960.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51.png 900w" width="819"></img></a></figure> <p> Ein Sokrates, der weiß, dass er nichts weiß, würde heute nicht viele Follower ansammeln.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <h2 id="h-die-unheilige-allianz"><a name="_Toc209423982"></a>Die unheilige Allianz</h2> <p>Somot bilden mehrere Faktoren eine unheilige Allianz der Selbstüberschätzung von Sprachmodellen: Architektur, Trainingsdaten, Softmax, Finetuning … Und Feedback wie „Du warst zu sicher“ gibt es nie.</p> <p>Schon einer dieser Faktoren kann Ärger machen. Zusammen verstärken sie sich – und machen aus einem KI-Agentensystem, in dem mehr Sprachmodelle an einem Aufgabenflow gemeinsam arbeiten sollen, schnell eine Selbstüberschätzungsmaschine. Wenn nur ein einziges LLM innerhalb eines Agentensystems übermäßig von einer Information oder einer gewählten Aktion überzeugt ist und diese Information oder Aktion fehlerhaft ist, pflanzt sich der Fehler durch das System fort und kann bei jedem nachfolgenden Schritt verstärkt werden. Hier kann man sich zahlreiche Szenarien vorstellen, die ungute Folgen haben:</p> <ul> <li>Verbreitung von Fehlinformation und Desinformation</li> <li>Fehlerhafte Entscheidungen in sensiblen Bereichen wie Medizin, Recht und Finanzen</li> <li>Sicherheitsrisiken</li> <li>Selbstkonsistente Fehler: „Selbstkonsistente Fehler“, bei denen ein LLM wiederholt und selbstbewusst dieselbe falsche Antwort generiert, wird in Agentensystemen besonders heimtückisch. Diese Fehler sind resistent gegen Verbesserungen durch einfaches Hochskalieren der Modellgröße.</li> </ul> <p>Welche Faktoren und Einflüsse zusätzlich KI-Agentensysteme bedrohen und ob heutige KI-Agentensysteme deswegen zum Scheitern verurteilt sind, lote ich im <a href="https://youtu.be/pw-BGZZPZyc?si=ivkm2EOOyXTESGQx" rel="noreferrer noopener" target="_blank">K.I. Krimi-Video „Was bedroht K.I. Agent</a><a href="https://youtu.be/pw-BGZZPZyc?si=ivkm2EOOyXTESGQx">en.“</a> aus.</p> <p>Hier versuche ich noch zu beantworten, ob wir Sprachmodellen die ungute Selbstüberschätzung austreiben können.</p> <h2 id="h-konnen-wir-ki-bescheidener-machen"><a name="_Toc209423983"></a>Können wir KI bescheidener machen?</h2> <p>Forscher versuchen mit einigen Methoden, den eingebauten und antrainierten Größenwahn der Sprachmodelle zu zügeln. Zum Beispiel mit:</p> <ul> <li><b>Kalibrierungstricks und “Meckerei”</b></li> <li><b>Auch mehrere Modelle bringen weniger Größenwahn</b></li> <li><b>Stärkere Leitplanken für die KI</b></li> </ul> <h3 id="h-kalibrierungstricks-und-meckerei"><strong>Kalibrierungstricks und “Meckerei</strong>“.</h3> <p>Nach dem Training kann man Wahrscheinlichkeiten nachjustieren, damit eine Vorhersage wie „sehr wahrscheinlich“ nicht gleichbedeutend ist mit „unfehlbar“. Man könnte das Belohnungssystem umbauen: Wer sich überschätzt, soll nicht gelobt, sondern kritisch geprüft werden. <a href="https://openai.com/index/finding-gpt4s-mistakes-with-gpt-4/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">OpenAI hat CriticGPT entwickelt</a><a href="https://openai.com/index/finding-gpt4s-mistakes-with-gpt-4/"> </a>– eine Art eingebauten Nörgler oder Meckerer, der beim Finetuning die Antworten von GPT-Modellen durchleuchtet, um Fehler aufzudecken.</p> <h3 id="h-auch-mehrere-modelle-bringen-weniger-grossenwahn"><strong>Auch mehrere Modelle bringen weniger Größenwahn</strong></h3> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53.png"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53.png 2000w" width="1024"></img></a></figure> <p> Statt auf einen einzigen Alleskönner setzt man besser auf ein Team aus Modellen. Wenn Modell A Unsinn schreibt, kann Modell B – am besten aus einer ganz anderen Familie – auf die Bremse treten. Solche Misch-Teams liefern oft treffsicherere und besser kalibrierte Antworten als Gruppen von Klonen.</p> <p>Die Vielfalt macht den Unterschied: Zehn Kopien desselben Modells liefern zehn verschiedene Formulierungen – aber alle drehen sich um dasselbe falsche Konzept. Man bekommt Synonyme, nicht neue Einsichten. Kombiniert man dagegen unterschiedliche Modelle, hat man echte Gegenstimmen – und damit die Chance, dass einer ruft: „Der Kaiser ist nackt! – Das stimmt doch gar nicht!“</p> <p>Forschungen zum subliminalen (unterschwelligen Lernen – auch dazu gibt es einen <a href="https://youtu.be/QMKGp3O6FRY?si=cIdHHCu0f5ZWOpAU">K.I. Krimi: Flüstern sich Maschienen heimlich Botschaften zu?</a> – belegen außerdem: Modelle mit derselben Initialisierung können ihre Eigenheiten unbemerkt weitergeben. Trainiert man ein „Schüler-Modell“ mit den Ausgaben seines „Zwillings“, d. h. seines „Lehrer-Modells“, übernimmt der Schüler unterschwellig dessen Verzerrungen – selbst wenn die Daten neutral wirken. Bei unterschiedlichen Modellfamilien verschwindet dieser Effekt. Wer in Agentensystemen oder beim Finetuning wirklich Kontrolle behalten will, braucht daher Vielfalt statt Gleichschaltung – außerdem:</p> <h3 id="h-starkere-leitplanken-fur-ki-modelle"><strong>Stärkere Leitplanken für KI-Modelle</strong></h3> <p>Sprachmodelle werden bescheidener und sicherer, wenn man ihnen klare Leitplanken gibt – etwa Filter, die verdächtige Eingaben blockieren, oder Grenzen, was ein Agent ohne menschliche Aufsicht tun darf. Dazu kommen Stresstests: Man füttert die Modelle gezielt mit Prompt Injections, also verstecktenn Befehlen. Die Debatten-Studie zeigte: Schon ein einfacher Zusatz im Prompt („Überlege auch, warum dein Gegner gewinnen könnte“) bremste die Selbstüberschätzung merklich – das Vertrauen stieg nur noch leicht statt wie sonst im großen Sprung. Außerdem dürfen LLMs nicht allein Richter sein, weil sie selbst anfällig für Täuschungen und Verzerrungen sind. Mit Leitplanken und gezielten Angriffstests lassen sich übermütige KI-Agenten zügeln.</p> <p>Könnte ein noch größeres Modell die Wunderwafe als „Kontrollinstanz“ abgeben? Klingt gut, ist aber ein Irrglaube. Denn auch große Modelle überschätzen sich selbst munter weiter. Wenn sie obendrein mit denselben Daten und denselben Methoden trainiert wurden wie die kleineren Agenten, teilen sie auch deren blinde Flecken. Dann haben wir keinen Aufpasser, sondern nur einen Papagei, der denselben Unsinn wiederholt.</p> <p>Können wir also Große Sprachmodelle bescheidener machen?</p> <p>Wie besprochen können wir ihre Selbstüberschätzung dämpfen: mit Kalibrierung, eingebauten Kritikern und vor allem mit Vielfalt. 😊 Genauso wie Vielfalt menschliche Gesellschaften gegen Fallen wie Verdummung, Gleichschaltung und Niedergang schützt. Aber auch mit diesen Korrekturen bleiben KI-Agentensysteme aus Sprachmodellen bedroht: Sprachmodelle sind probabilistisch, sie folgen nicht immer Instruktionen, sie schmeicheln gern – und sie überschätzen sich nach wie vor.</p> <p>Wenn ein Agent an einer Stelle halluziniert, ein zweiter ihm aus Gefallsucht recht gibt und ein dritter die Wahrscheinlichkeit seiner Ausgabe falsch einschätzt, verstärkt sich der Fehler Schritt für Schritt. Dann hilft keine einzelne Bremse mehr – die ganze Maschinerie gerät ins Trudeln … darum geht es aber im nächsten Beitrag.</p> <p>Viel Spaß mit Deep Learning!</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Superman-Roboter-fliegt_Blogheader.png" /><h1>Können wir Große Sprachmodelle bescheidener machen? » Gehirn & KI » SciLogs</h1><h2>By Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>Diesen Beitrag gibt es auch als Video im YouTube-Kanal <a href="https://www.youtube.com/@k.i.krimis/videos" rel="noreferrer noopener" target="_blank">K.I. Krimis</a> unserer <a href="https://www.mobile-university.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">SRH Fernhochschule</a>: <a href="https://youtu.be/UYPO-k8O3PE?si=7Vnh5vkss0tAP54W" rel="noopener" target="_blank">Können wir große Sprachmodelle bescheidener machen? 🤖 Der KI-Krimi über Größenwahn.</a></p> <h2 id="h-inhalt">Inhalt</h2> <p><a href="#h-selbsuberschatzung-bei-menschen">Selbsüberschätzung bei Menschen</a></p> <p><a href="#h-selbstuberschatzung-bei-grossen-sprachmodellen">Selbstüberschätzung bei Großen Sprachmodellen</a></p> <p><a href="#h-warum-llms-sich-selbst-uberschaetzen">Warum LLMs sich selbst überschätzen?</a></p> <p><a href="#h-die-unheilige-allianz">Die unheilige Allianz</a><aside></aside></p> <p><a href="#h-konnen-wir-ki-bescheidener-machen">Können wir KI bescheidener machen?</a></p> <h2 id="h-selbsuberschatzung-bei-menschen"><a name="_Toc209423979"></a>Selbsüberschätzung bei Menschen</h2> <p>Am Anfang war das Wort, also ein Sprachmodell. 😊</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell.png"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell.png 1920w" width="1024"></img></a></figure> <p>Ich fange aber mit dem Menschen an: Selbstüberschätzung kommt einem wie eine urmenschliche Eigenschaft vor: Vor allem wenig kompetente Menschen neigen dazu, sich selbst zu überschätzen – sich für besonders kompetent zu halten. Das erklärt der <a href="https://youtu.be/phOABGk4heo?si=C4gqZePwKjaY07sL">Dunning-Kruger-Effekt</a>: „Wer wenig weiß, merkt nicht, wie wenig er weiß“, und füllt sich allwissend und übermächtig, oder versteht nicht, warum andere ihn nicht für allwissend und übermächtig halten.</p> <p>Wir überschätzen uns liebend gern. Wer von uns hat bei einem Foto von sich nicht gedacht, das Foto zeige ihn weniger hübsch, als er WIRKLICH sei? Oft meckern wir bei jeder Aufnahme von uns: Warum ist mein Bauch auf dem Foto größer als in Echt? Glaubt mir, bitte: Fotos lügen nicht!</p> <p>Nach dem „Besser-als-mein-Durchschnitt-Effekt“, der von vielen sozialpsychologischen Studien bestätigt wurde, halten sich Menschen in vielen Disziplinen für viel besser als der Durschnitt. Das ist statistisch unmöglich. Der Durchschnitt von 100 Menschen liegt bei 50. Nehmen wir zum Beispiel das Wissen um Impfungen und Impfstoffe. Wie können sich 70 Menschen von 100 für besser um Impfungen als der Durchschnitt informiert halten? Das würde bedeuten, dass der Durchschitt von 100 bei 30 liegt.</p> <p>Viele maßen sich z. B. an, über Impfungen mehr als Virologen und Immunologen zu wissen, die sich mit dem Thema seit zig Jahren in Vollzeit beschäftigen. Wenn die Welt zugrunde geht, dann an Selbstüberschätzung. Zurück aber zu Sprachmodellen.</p> <h2 id="h-selbstuberschatzung-bei-grossen-sprachmodellen"><a name="_Toc209423980"></a>Selbstüberschätzung bei Großen Sprachmodellen</h2> <p>Selbstüberschätzung bei Sprachmodellen, LLMs (Large Language Modells) ist kein Zeichen von Ignoranz oder „gesundem Selbstvertrauen“, sondern eine Fehlkalibrierung zwischen Ausgabe-Sicherheit und faktischer Richtigkeit. Den Modellen fehlt der „innere Mechanismus“, der Menschen motiviert, selbstbewusst aufzutreten. Bei Modellen ist die Selbstüberschätzung ein Nebenprodukt von Daten und Trainingsmethoden. Wenn KI-Modelle mit Nachdruck etwas Falsches behaupten, ist es ein Kalibrierungsproblem: Eine gut kalibrierte KI würde sagen, dass sie beim Raten nur zu 50 % sicher sein könne, recht zu haben. Eine übermütige KI sagt, „Auf jeden Fall!”, auch wenn sie nur rät.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <p>Generell werden Sprachmodelle trainiert, immer eine eloquente Antwort in einem überzeugenden Ton zu geben. „Ich weiß nicht zu sagen“, ist ihnen fremd, egal wie wir sie prompten. Warum das so ist, erklärt schön eine neue Studie von OpenAI: <a href="https://openai.com/de-DE/index/why-language-models-hallucinate/" rel="noopener" target="_blank">Warum LLMs halluzinieren?</a></p> <p>Warum Sprachmodelle halluzinieren, fragen wir uns aber andersmal. Jetzt bleiben wir bei ihrer Selbstüberschätzung. Dass große Sprachmodelle vor Selbstüberschätzung strotzen, zeigte eindrucksvoll die Studie <a href="https://arxiv.org/abs/2505.19184" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Wenn zwei LLMs debattieren, glauben beide, dass sie gewinnen</a>.</p> <p>In der Studie wurden politische Debatten zwischen modernen LLMs simuliert: Noch bevor überhaupt Argumente ausgetauscht wurden, begannen alle Modelle ihre Debatten mit einem durchschnittlichen anfänglichen Vertrauen von 72,9 % in ihre Gewinnchancen, obwohl jedes Modell nur eine Chance von 50 % zu gewinnen hatte. Anstatt durch die zunehmende Konfrontation mit gegnerischen Standpunkten eines ähnlich selbstüberzeugten gegnerischen Modells umsichtiger zu werden, wurden die LLMs von sich selbst noch mehr überzeugt: Ihre durchschnittliche Selbsteinschätzung der Gewinnwahrscheinlichkeit stieg bis zur Endrunde auf 83 %. Selbst wenn ein LLM gegen eine identische Kopie seiner selbst debattierte – eine klare fifty-fifty-Chance – stieg sein Vertrauen in den Sieg immer noch von anfänglichen 64,1 % auf 75,2 %. Als die Modelle explizit darauf hingewiesen wurden, dass ihre Gewinnchance genau 50 % betrug, stieg ihr Vertrauen immer noch leicht an, von 50 % auf 57,1 %.</p> <p>Die Ergebniss seht ihr in der Tabelle 1 der Studie zusammengefasst:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47.png"><img alt="" decoding="async" height="557" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47-1024x557.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47-1024x557.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47-300x163.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47-768x418.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47.png 1129w" width="1024"></img></a></figure> <p>Quelle: <a href="https://arxiv.org/html/2505.19184v3" rel="noopener" target="_blank">When Two LLMs Debate, Both Think They’ll Win</a></p> <p> In der 1. Spalte sind die untersuchten Modelle aufgelistet: Deepseek-, OpenAI-, Anthropic-, Alibaba- und Google-Modelle. In den restlichen Spalten seht ihr die verschidenen Debattenkonstellationen:</p> <p><strong>Cross-model Debates </strong>– hier debattieren zwei verschiedene Modelle gegeneinander.</p> <p><strong>Standard Self-Debates </strong>– das Modell debattiert gegen eine identische Kopie seiner selbst. Dabei ist nicht ausdrücklich gesagt, dass die Gewinnchance 50 % ist.</p> <p>I<strong>nformed Self Debates</strong> – wie Standard Self-Debates, aber das Modell wird explizit informiert, dass seine Gewinnchance 50 % beträgt.</p> <p><strong>Public Bets</strong> – Konfiguration, in der die „Wetten“ oder Einschätzungen öffentlich sind, nicht privat bzw versteckt.</p> <p>Je roter das Feld der Tabelle bei einem Modell und einer Debattenkonstellation umso selbstüberzeugter ist das betrachtete Modell.</p> <h2 id="h-warum-llms-sich-selbst-uberschatzen"><a name="_Toc209423981"></a>Warum LLMs sich selbst überschätzen?</h2> <p>Warum neigen Sprachmodelle zur Selbstüberschätzung? Ein Sprachmodell hat doch keine Zweifel wie der Mensch, kein Testosteron, keine Superman-Anlagen. </p> <p>Zweifel bei Menschen sind gut. Selbstüberschätzung bei der Begegnung mit einem Bären führte früher dazu, dass man seine Gene nicht weiter geben konnte. Menschen ohne Zweifel überleben nicht. Das gilt auch für Politik. Manche Populisten scharen hinter sich auch heutzutage am Gipfel der Aufklärung viele Anhänger. Manche bekommen richtig viel Macht dadurch. Doch je mehr Diktator man wird, umso brutaler der Sturz – das ist ein Gesetz unserer Geschichte: Je größer die Selbstüberschätzung in der Politik, umso tiefer der Fall.</p> <p>Dumm ist nur, dass wir selbst einem Menschen aber auch einer Maschine zuerst umso mehr vertrauen, je überzeugter sie von sich selbst sind. Grammatikalisch perfekte und überzeugende Texte können falsche Antworten verschleiern. Und solche Texte bekommen wir eben von Modellen, die sich selbst überschätzen.</p> <p>Für die Selbstüberschätzung der Sprachmodelle bieten sich vier Gründe an, die zusammenwirken:</p> <ul> <li><strong>Mathematik macht‘s „spitzer“, als es ist</strong></li> <li><strong>Menschen belohnen Selbstüberschätzung</strong></li> <li><strong>Wir sind die Vorbilder</strong></li> <li><strong><strong>Keine Bremse für Selbstüberschätzung</strong></strong></li> </ul> <p>Sehen wir uns die einzelnen Gründe an:</p> <h3 id="h-mathematik-macht-s-spitzer-als-es-ist"><strong>Mathematik macht‘s spitzer, als es ist</strong></h3> <p>In Sprachmodellen wird für jedes mögliche nächste Token bzw. Wort in der Ausgabe ein Logit-Wert berechnet. Je größer das Logit eines Tokens (einer Spracheinheit, d. h. eines Subworts oder Worts) im Vergleich zu den anderen, desto wahrscheinlicher wird dieses Token durch die folgende Softmax-Normalisierung als nächstes ausgegeben. Logits können aber auch negativ sein. Aus diesem Grund nehmen wir die Softmax-Funktion – sie erzeugt Wahrscheinlichkeiten zwischen 0 und 1 (bzw. 0 und100 %). Die Wahrscheinlichkeiten summieren sich auf 1 (100 %). Die Umrechnung von Logits zu Wahrscheinlichkeiten für die Tokens seht Ihr auf dem Diagramm dargestellt:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48.png"><img alt="" decoding="async" height="415" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48-1024x415.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48-1024x415.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48-300x122.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48-768x312.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48-1536x623.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48.png 2014w" width="1024"></img></a></figure> <p>Die Umwandlung durch Softmax verstärkt also relative Unterschiede zwischen den Logits-Werten. Softmax verwandelt lineare Abstände zwischen Logits in exponentiell gewichtete Wahrscheinlichkeiten. Der Gummiband mit den Abständen zwischen den Tokens wird langezogen – das wahrscheinlichste Token rückt nach vorn, während die anderen zurückgedrängt werden.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49.png"><img alt="" decoding="async" height="432" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49-1024x432.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49-1024x432.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49-300x126.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49-768x324.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49-1536x647.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49.png 2014w" width="1024"></img></a></figure> <p>Der Unterschied zwischen den zwei Logit-Werten  –3 und +3 (nur 6 Punkte Unterschied) wird durch die Exponentialfunktion zu einem Verhältnis von 1:400 aufgeblasen. Je größer der Unterschied zwischen zwei Logits, desto stärker dominiert das Token mit dem größeren Logit. Ein Token bekommt fast das gesamte Gewicht, die anderen fast nichts – überspitzt gesagt. Das Spitzen-Token (oder eine kleine Auswahl von Spitzen-Tokens) wird ausgegeben, und das Modell klingt dadurch viel sicherer, als es tatsächlich Grund dazu hat.</p> <p>Aber nicht nur Mathematik, auch Menschen belohnen die Selbstüberschätung der Modelle:</p> <h3 id="h-menschen-belohnen-selbstuberschatzung"><strong>Menschen belohnen Selbstüberschätzung</strong></h3> <p>Beim Finetuning bzw. Nachtraining der Sprachmodelle, z. B. beim Reinforcement Learning from Human Feedback – bewerten menschliche Evaluatoren Modell-Antworten meist besser, die klar und überzeugt klingen. Dadurch lernt das Modell, dass das selbstbewusste Auftreten Punkte bringt – auch wenn der Inhalt dadurch nicht genauer oder besser wird.</p> <p>Ausserdem werden die Modelle mit menschlichen Texten aus dem Internet und aus Büchern trainiert:</p> <h3 id="h-wir-sind-die-vorbilder"><strong>Wir sind die Vorbilder</strong></h3> <p>Das Modell liest von uns Menschen ab. Da wir in unseren Texten oft sehr überzeugend auftreten, übernimmt das Modell diese Angewohnheit – inklusive unserer Neigung, mehr wissen zu glauben, als wir tatsächlich tun. Die Modelle lernen auch an den Posts und Antworten auf Fragen in sozialen Netzwerken wie reddit oder Stack Overflow. Dort wird eine Frage entweder beantwortet oder gar nicht.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <p>Oder seht ihr in einem Frageforum oft, dass jemand eine Frage stellt, und ein anderer diese Frage mit, „Ich weiß nicht!“, beantwortet?</p> <p>Doch wohl der wichtigste Grund für die Unfähigkeit der LLMs, “ich weiß nicht” zu sagen, ist <a href="https://openai.com/de-DE/index/chatgpt/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">das Finetuning – das Nachtraining der vortrainierten Sprachmodelle, um aus ihnen Chatbots zu machen</a>. Beim Finetuning mit Supervised-Finetuning (SFT) und Reinforcement Learning from Human Feedback (RLHF) werden die Modelle vor allem mit richtigen Multiple-Choice-Quizfragen und ihren Antworten darauf getrimmt, keine toxischen Antworten zu geben und Dialoge zu führen. Dabei müssen sie aus einer bestimmten Anzahl von Antworten die auswählen, die dem menschlichen Evaluator am besten gefällt: Im oben erwähnten Paper <a href="https://openai.com/de-DE/index/why-language-models-hallucinate/">Warum Sprachmodelle halluzinieren</a> sprechen OpenAI-Forscher dieses Problem an: Bei Multiple-Choice-Antworten solcher Tests steht nie die Antwort “Das weiß ich nicht” zur Auswahl. So werden LLMs statistisch gesehen mehr fürs Raten als für Ehrlichkeit belohnt. </p> <h3 id="h-keine-bremse-fur-selbstuberschatzung"><strong>Keine Bremse für Selbstüberschätzung</strong></h3> <p>Sprachmodelle bekommen nie das Feedback: „Du warst dir zu sicher.“ Sie lernen nur, Wörter vorherzusagen – nicht, wie stark sie zweifeln sollten. Darum wächst ihre Selbstüberschätzung, egal ob sie richtig liegen oder nicht. Außerdem kommen viele Trainingsdaten der Sprachmodelle aus den Sozialen Netzwerken. Ihre Algorithmen belohnen selbsternannte Experten und Influencer, die alles zu wissen scheinen, und das lautstark. Solche Posts werden am meisten geteilt und verbreitet und dienen anschließend als Trainingsdaten der Sprachmodelle.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 819px) 100vw, 819px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51-819x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51-819x1024.png 819w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51-240x300.png 240w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51-768x960.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51.png 900w" width="819"></img></a></figure> <p> Ein Sokrates, der weiß, dass er nichts weiß, würde heute nicht viele Follower ansammeln.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <h2 id="h-die-unheilige-allianz"><a name="_Toc209423982"></a>Die unheilige Allianz</h2> <p>Somot bilden mehrere Faktoren eine unheilige Allianz der Selbstüberschätzung von Sprachmodellen: Architektur, Trainingsdaten, Softmax, Finetuning … Und Feedback wie „Du warst zu sicher“ gibt es nie.</p> <p>Schon einer dieser Faktoren kann Ärger machen. Zusammen verstärken sie sich – und machen aus einem KI-Agentensystem, in dem mehr Sprachmodelle an einem Aufgabenflow gemeinsam arbeiten sollen, schnell eine Selbstüberschätzungsmaschine. Wenn nur ein einziges LLM innerhalb eines Agentensystems übermäßig von einer Information oder einer gewählten Aktion überzeugt ist und diese Information oder Aktion fehlerhaft ist, pflanzt sich der Fehler durch das System fort und kann bei jedem nachfolgenden Schritt verstärkt werden. Hier kann man sich zahlreiche Szenarien vorstellen, die ungute Folgen haben:</p> <ul> <li>Verbreitung von Fehlinformation und Desinformation</li> <li>Fehlerhafte Entscheidungen in sensiblen Bereichen wie Medizin, Recht und Finanzen</li> <li>Sicherheitsrisiken</li> <li>Selbstkonsistente Fehler: „Selbstkonsistente Fehler“, bei denen ein LLM wiederholt und selbstbewusst dieselbe falsche Antwort generiert, wird in Agentensystemen besonders heimtückisch. Diese Fehler sind resistent gegen Verbesserungen durch einfaches Hochskalieren der Modellgröße.</li> </ul> <p>Welche Faktoren und Einflüsse zusätzlich KI-Agentensysteme bedrohen und ob heutige KI-Agentensysteme deswegen zum Scheitern verurteilt sind, lote ich im <a href="https://youtu.be/pw-BGZZPZyc?si=ivkm2EOOyXTESGQx" rel="noreferrer noopener" target="_blank">K.I. Krimi-Video „Was bedroht K.I. Agent</a><a href="https://youtu.be/pw-BGZZPZyc?si=ivkm2EOOyXTESGQx">en.“</a> aus.</p> <p>Hier versuche ich noch zu beantworten, ob wir Sprachmodellen die ungute Selbstüberschätzung austreiben können.</p> <h2 id="h-konnen-wir-ki-bescheidener-machen"><a name="_Toc209423983"></a>Können wir KI bescheidener machen?</h2> <p>Forscher versuchen mit einigen Methoden, den eingebauten und antrainierten Größenwahn der Sprachmodelle zu zügeln. Zum Beispiel mit:</p> <ul> <li><b>Kalibrierungstricks und “Meckerei”</b></li> <li><b>Auch mehrere Modelle bringen weniger Größenwahn</b></li> <li><b>Stärkere Leitplanken für die KI</b></li> </ul> <h3 id="h-kalibrierungstricks-und-meckerei"><strong>Kalibrierungstricks und “Meckerei</strong>“.</h3> <p>Nach dem Training kann man Wahrscheinlichkeiten nachjustieren, damit eine Vorhersage wie „sehr wahrscheinlich“ nicht gleichbedeutend ist mit „unfehlbar“. Man könnte das Belohnungssystem umbauen: Wer sich überschätzt, soll nicht gelobt, sondern kritisch geprüft werden. <a href="https://openai.com/index/finding-gpt4s-mistakes-with-gpt-4/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">OpenAI hat CriticGPT entwickelt</a><a href="https://openai.com/index/finding-gpt4s-mistakes-with-gpt-4/"> </a>– eine Art eingebauten Nörgler oder Meckerer, der beim Finetuning die Antworten von GPT-Modellen durchleuchtet, um Fehler aufzudecken.</p> <h3 id="h-auch-mehrere-modelle-bringen-weniger-grossenwahn"><strong>Auch mehrere Modelle bringen weniger Größenwahn</strong></h3> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53.png"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53.png 2000w" width="1024"></img></a></figure> <p> Statt auf einen einzigen Alleskönner setzt man besser auf ein Team aus Modellen. Wenn Modell A Unsinn schreibt, kann Modell B – am besten aus einer ganz anderen Familie – auf die Bremse treten. Solche Misch-Teams liefern oft treffsicherere und besser kalibrierte Antworten als Gruppen von Klonen.</p> <p>Die Vielfalt macht den Unterschied: Zehn Kopien desselben Modells liefern zehn verschiedene Formulierungen – aber alle drehen sich um dasselbe falsche Konzept. Man bekommt Synonyme, nicht neue Einsichten. Kombiniert man dagegen unterschiedliche Modelle, hat man echte Gegenstimmen – und damit die Chance, dass einer ruft: „Der Kaiser ist nackt! – Das stimmt doch gar nicht!“</p> <p>Forschungen zum subliminalen (unterschwelligen Lernen – auch dazu gibt es einen <a href="https://youtu.be/QMKGp3O6FRY?si=cIdHHCu0f5ZWOpAU">K.I. Krimi: Flüstern sich Maschienen heimlich Botschaften zu?</a> – belegen außerdem: Modelle mit derselben Initialisierung können ihre Eigenheiten unbemerkt weitergeben. Trainiert man ein „Schüler-Modell“ mit den Ausgaben seines „Zwillings“, d. h. seines „Lehrer-Modells“, übernimmt der Schüler unterschwellig dessen Verzerrungen – selbst wenn die Daten neutral wirken. Bei unterschiedlichen Modellfamilien verschwindet dieser Effekt. Wer in Agentensystemen oder beim Finetuning wirklich Kontrolle behalten will, braucht daher Vielfalt statt Gleichschaltung – außerdem:</p> <h3 id="h-starkere-leitplanken-fur-ki-modelle"><strong>Stärkere Leitplanken für KI-Modelle</strong></h3> <p>Sprachmodelle werden bescheidener und sicherer, wenn man ihnen klare Leitplanken gibt – etwa Filter, die verdächtige Eingaben blockieren, oder Grenzen, was ein Agent ohne menschliche Aufsicht tun darf. Dazu kommen Stresstests: Man füttert die Modelle gezielt mit Prompt Injections, also verstecktenn Befehlen. Die Debatten-Studie zeigte: Schon ein einfacher Zusatz im Prompt („Überlege auch, warum dein Gegner gewinnen könnte“) bremste die Selbstüberschätzung merklich – das Vertrauen stieg nur noch leicht statt wie sonst im großen Sprung. Außerdem dürfen LLMs nicht allein Richter sein, weil sie selbst anfällig für Täuschungen und Verzerrungen sind. Mit Leitplanken und gezielten Angriffstests lassen sich übermütige KI-Agenten zügeln.</p> <p>Könnte ein noch größeres Modell die Wunderwafe als „Kontrollinstanz“ abgeben? Klingt gut, ist aber ein Irrglaube. Denn auch große Modelle überschätzen sich selbst munter weiter. Wenn sie obendrein mit denselben Daten und denselben Methoden trainiert wurden wie die kleineren Agenten, teilen sie auch deren blinde Flecken. Dann haben wir keinen Aufpasser, sondern nur einen Papagei, der denselben Unsinn wiederholt.</p> <p>Können wir also Große Sprachmodelle bescheidener machen?</p> <p>Wie besprochen können wir ihre Selbstüberschätzung dämpfen: mit Kalibrierung, eingebauten Kritikern und vor allem mit Vielfalt. 😊 Genauso wie Vielfalt menschliche Gesellschaften gegen Fallen wie Verdummung, Gleichschaltung und Niedergang schützt. Aber auch mit diesen Korrekturen bleiben KI-Agentensysteme aus Sprachmodellen bedroht: Sprachmodelle sind probabilistisch, sie folgen nicht immer Instruktionen, sie schmeicheln gern – und sie überschätzen sich nach wie vor.</p> <p>Wenn ein Agent an einer Stelle halluziniert, ein zweiter ihm aus Gefallsucht recht gibt und ein dritter die Wahrscheinlichkeit seiner Ausgabe falsch einschätzt, verstärkt sich der Fehler Schritt für Schritt. Dann hilft keine einzelne Bremse mehr – die ganze Maschinerie gerät ins Trudeln … darum geht es aber im nächsten Beitrag.</p> <p>Viel Spaß mit Deep Learning!</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/koennen-wir-grosse-sprachmodelle-bescheidener-machen/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>23</slash:comments> </item> <item> <title>Netzsysteme als Räume der Modulation. Teil 1. https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/netzsysteme-als-modulationsraeume-teil-1/ https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/netzsysteme-als-modulationsraeume-teil-1/#comments Sun, 08 Feb 2026 13:03:46 +0000 Dominic Blitz https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/?p=4183 https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2-768x773.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/netzsysteme-als-modulationsraeume-teil-1/</link> </image> <description type="html"><h1>Netzsysteme als Räume der Modulation. Teil 1. » Tensornetz » SciLogs</h1><h2>By Dominic Blitz</h2><div itemprop="text"> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 1018px) 100vw, 1018px" src="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2.jpg 1018w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2-298x300.jpg 298w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2-768x773.jpg 768w" width="1018"></img></a></figure> <p>Netzsystem-Bildkunst: Der Künstler und Grafiker Maurits Cornelis Escher: <em>Tetrahedal Planetoid</em>, Print 1949</p> <p>Dieser Beitrag wird in Gezeiten eines heftigen Überlebenskampfes verfasst. Es ist mein fester Glaube, dass sowohl Individuen, Gruppen als auch ganze Gesellschaften, die gerade um ihre Existenz kämpfen, Verbindungen und Verknüpfungen von Netzsystemen in einem Orbit dringender denn je benötigen. So in der Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst und auch der Politik, die gemeinsam verwoben in einer Struktur schicksalshaft aufeinander angewiesen und miteinander verbunden sind. Ähnlich wie Eschers Bild oben.</p> <p><strong>Im Phasenraum des Lebens</strong></p> <p>In meinem Beitrag vom Dezember 2025 beschrieb ich, dass der Mensch die Natur, sich selbst, andere Menschen und Maschinen in seinem “Arbeitskreis” wahrnimmt und im Kopf und Körper verarbeitet. Damit verbunden ist das Denken, Lernen und Verhalten. “Vernetze Kreismodulation” möchte ich das einmal nennen, denn Signale wirken auf einzelne Glieder als auch auf das Ganze wieder zurück. In Arbeitskreisen.</p> <p><strong>Ziel des Menschen</strong><aside></aside></p> <p>Was ist denn das Ziel des Menschen? Was meinen Sie? Denken Sie kurz nach, bevor Sie hier weiterlesen.</p> <p>Das Ziel des Menschen ist es in seinen eigens geschaffenen persönlichen Umgebungen eine eigene Identität zu gewinnen und darin einen Sinn des Lebens für sich zu erkennen. Dies wird im epischen Film <em>Blade Runner</em> von Ridley Scott aus dem Jahre 1983 beschrieben.</p> <p>Positiv ausgedrückt sucht der Mensch seine Muster der Natur und anderer Menschen in einem ordnungsbildenden unendlichen Kosmos. So erschafft der Mensch sich seine Welt durch seine eigene Prädiktion (Vorhersage und Vorausschau) und seine individuellen prädiktiven Weltmodelle. Dies geschieht zuerst im Gehirn-Gedächtnissystem als großartiges Netzsystem von Modulationsräumen. Zweitens heute mitunter auch mit Mithilfe von Maschinen von Generativen Pre-Transformer Geräten (GPT). </p> <p><strong>Literatur und Filme als Fackel</strong></p> <p>Oft gilt es jedoch auch auf die Kultur und Kunst des Menschen und der Natur zu schauen. Wie in der Literatur Johann Wolfgang von Goethe in <em>Maximen und Reflexionen</em> fabuliert<em>, </em>ist es hier <em>der Geist, der Verknüpfungen zu entdecken und dadurch Kunstwerke hervorzubringen hat</em>. Oder wie Goethe in Wilhelm Meisters Lehrjahre artikuliert: <em>Die größte Freude lag bei mir in der Erfindung und Beschäftigung der Einbildungskraft.</em> Im amerikanischen Abenteuer-Spielfilm <em>Young Sherlock Holmes</em> zitiert Meisterdetektiv Holmes folgendes<em>: Der Kombinationsdrang ruht nie; er gleicht einem fein abgestimmten Instrument. Es erfordert Aufmerksamkeit und Übung</em>.</p> <p>Zu Goethe, Holmes und den Maschinen (Gott und Glauben möchte ich in Teil 2 als wichtige Essenz erwähnen) können wir folgendes ergänzen, nämlich dass es tiefes Interesse und hoher Motivation bedarf,<em> das Wahre als Fackel</em> nach Goethe mithilfe von klugen Menschen und effektiven Maschinen zu finden.  </p> <p><strong>Metapher und Beispiele: Moleküle und Menschen</strong></p> <p>Das bringt uns zu den Metaphern und Beispielen des Menschen. Jedem Menschen wird einleuchten, dass eine biologische Erkennung des Gegenübers überlebensrelevant ist. Freund oder Feind lernt man nicht nur in der Ökonomie und Ökologie als hochgradig relevant kennen. Was heißt das?</p> <p>Nehmen wir einmal Viren und Bakterien, so können diese in Menschen und Maschinen vorkommen. Insbesondere Bakterien können sowohl positiv als auch negativ auf unser Leben wirken. Diese zu erkennen und entsprechend zu verarbeiten, ist der Schlüssel für eine langlebige Gesundheit und Immunologie. Das gilt für unsere Erhaltung der Zähne und deren Zahnklima im Netzsystem des Rachen- und Mundraums und auch in Form des Mikro-Bioms im Magen-Darm-Trakt-Netzsystem. </p> <p><strong>Netzsysteme als Modulationsräume der Mustererkennung</strong></p> <p>Überall gelten dabei folgende Netzmuster: Bei Signalstoffen und deren Stoffwechsel zu Signalgeflechten ist dabei erstens die Senderseite relevant. Hier kommen Bakterien, Drüsen und Zellkerne vor. Zweitens sind die Transportbahnen wichtig. Diese stellen Blutbahnen, Luftbahnen und das Zellplasma dar. Drittens ist die Empfängerseite zu beachten: Diese stellen im Menschen Enzyme, Membranen und Zellgewebe dar.</p> <p>Was will ich damit sagen?</p> <p><strong>Molekularstruktur als Wegweiser</strong></p> <p>In der Molekularstruktur erkennen wir die Analogie zu Menschen. Hierbei ist vor allem die dritte Entität als Empfängerseite mit der Verarbeitungsverschlüsselungen bei Menschen und seinen Modulationen relevant. Also die Art und Weise, wie Signale und Signalmuster erkannt, erschaffen, verarbeitet und menschlich erhalten werden können.</p> <p><strong>Eine Formel, zwei Netzsysteme </strong></p> <p>Wir können hierbei einfach und elegant die Netzsysteme der Biophysik und Sozioökonomie nennen. Diese beiden Netzsystem erzeugen die Quantitäten und Qualitäten, die multidisziplinär und musterhaft wie Meteore beim Menschen einschlagen und im Kopf und Körper als Arbeitskreise und Modulationssysteme verarbeitet werden können. Am Ende kommen dann auch die Maschinen, die Hilfe geben und unterstützen können. </p> <p><strong>Was sagt die Neurobiologie?</strong></p> <p>In der Neurobiologie als eine Metapher für Menschen ist das <em>Zentrale Nervensystem</em> (ZNS) ein relevantes Zentrum. Hierbei geht es darum, die Orbit Systeme der Erregungsbahnen, Erregungslagen und Erregungsbindungen (wie ich das bei Donald Hebb 2025 beschrieb) in Netzsystemen und deren Modulationsräumen besser zu verstehen, um neue Informationsverarbeitungen zu bauen.  </p> <p>Was bedeutet das für Organisationen und Institutionen?</p> <p><strong>Potenziale der lebendigen Biologie zur dinglichen Physik und sozialen Ökonomie optimal nutzen</strong></p> <p>Das bedeutet für uns, dass nicht Kraft, Fleiß und Größe alleine ausreicht. Um Potenziale besser zu erkennen, abzuschöpfen und als eine andere Kapazität von Menschen und Maschinen in Netzsystemen einzuspeisen, benötigen wir das Wissen von Biologie als Information und somit der Morphologie (Form) und Metabolismus (Stoffwechsel). Dies können wir nun als eine Formel verwenden. Die beiden Netzsysteme dazu habe ich oben genannt. </p> <p>Relevante Anwendungen sehe ich:</p> <ol> <li><strong>In neuen Energiefeldern und Stoffströmen:</strong> Wenn wir Energiefelder miteinander strategischer vernetzen, können wir den Strom für Haushalte, Unternehmen und anderen Institutionen der Zivilgesellschaft besser nutzen und erstmals ausschöpfen. Dieser Strom der Zukunft wird nötig sein, die bevorstehenden Aufgaben sicher und zuverlässig für unsere Welt gewinnbringender zu lösen.</li> <li><strong>Organisationen und Informationsstrom: </strong>Wenn wir die <em>Organisationen von Morgen </em>anders als bisher vernetzen, das heißt angelehnt an Naturmuster und die Muster des Menschen, werden wir optimalere Informationsströme und Informationsmuster zu einem Strom des Lebens von Menschen und Maschinen formen können. Hierin werden motivierte Menschen und effektive Maschinen eine signifikante Rolle spielen. Das Ziel: weitere Existenz und Evolution. </li> </ol> <p>Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Netzsysteme der Organik als auch die Netzsysteme der Synthetik und des Sozialen in den Modulationsräumen des Menschen eine verbindende Rolle spielen werden. Die Netzsysteme werden vor allem als verrechnende Matrizen den Nexus vom Mosaik zur Matrix überbrücken. Das heißt wir werden nicht mit alten Kleidern in eine neue Welt geschickt, sondern mit neuen Kleidern und neuer Haut in neue Gefilde, Dimensionen und neue Galaxien gelangen. Das ist für uns jetzt eine Riesenchance, aus dem Kampf auszusteigen und effektiv an unserer Zukunft zu arbeiten. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Netzsysteme als Räume der Modulation. Teil 1. » Tensornetz » SciLogs</h1><h2>By Dominic Blitz</h2><div itemprop="text"> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 1018px) 100vw, 1018px" src="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2.jpg 1018w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2-298x300.jpg 298w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2-768x773.jpg 768w" width="1018"></img></a></figure> <p>Netzsystem-Bildkunst: Der Künstler und Grafiker Maurits Cornelis Escher: <em>Tetrahedal Planetoid</em>, Print 1949</p> <p>Dieser Beitrag wird in Gezeiten eines heftigen Überlebenskampfes verfasst. Es ist mein fester Glaube, dass sowohl Individuen, Gruppen als auch ganze Gesellschaften, die gerade um ihre Existenz kämpfen, Verbindungen und Verknüpfungen von Netzsystemen in einem Orbit dringender denn je benötigen. So in der Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst und auch der Politik, die gemeinsam verwoben in einer Struktur schicksalshaft aufeinander angewiesen und miteinander verbunden sind. Ähnlich wie Eschers Bild oben.</p> <p><strong>Im Phasenraum des Lebens</strong></p> <p>In meinem Beitrag vom Dezember 2025 beschrieb ich, dass der Mensch die Natur, sich selbst, andere Menschen und Maschinen in seinem “Arbeitskreis” wahrnimmt und im Kopf und Körper verarbeitet. Damit verbunden ist das Denken, Lernen und Verhalten. “Vernetze Kreismodulation” möchte ich das einmal nennen, denn Signale wirken auf einzelne Glieder als auch auf das Ganze wieder zurück. In Arbeitskreisen.</p> <p><strong>Ziel des Menschen</strong><aside></aside></p> <p>Was ist denn das Ziel des Menschen? Was meinen Sie? Denken Sie kurz nach, bevor Sie hier weiterlesen.</p> <p>Das Ziel des Menschen ist es in seinen eigens geschaffenen persönlichen Umgebungen eine eigene Identität zu gewinnen und darin einen Sinn des Lebens für sich zu erkennen. Dies wird im epischen Film <em>Blade Runner</em> von Ridley Scott aus dem Jahre 1983 beschrieben.</p> <p>Positiv ausgedrückt sucht der Mensch seine Muster der Natur und anderer Menschen in einem ordnungsbildenden unendlichen Kosmos. So erschafft der Mensch sich seine Welt durch seine eigene Prädiktion (Vorhersage und Vorausschau) und seine individuellen prädiktiven Weltmodelle. Dies geschieht zuerst im Gehirn-Gedächtnissystem als großartiges Netzsystem von Modulationsräumen. Zweitens heute mitunter auch mit Mithilfe von Maschinen von Generativen Pre-Transformer Geräten (GPT). </p> <p><strong>Literatur und Filme als Fackel</strong></p> <p>Oft gilt es jedoch auch auf die Kultur und Kunst des Menschen und der Natur zu schauen. Wie in der Literatur Johann Wolfgang von Goethe in <em>Maximen und Reflexionen</em> fabuliert<em>, </em>ist es hier <em>der Geist, der Verknüpfungen zu entdecken und dadurch Kunstwerke hervorzubringen hat</em>. Oder wie Goethe in Wilhelm Meisters Lehrjahre artikuliert: <em>Die größte Freude lag bei mir in der Erfindung und Beschäftigung der Einbildungskraft.</em> Im amerikanischen Abenteuer-Spielfilm <em>Young Sherlock Holmes</em> zitiert Meisterdetektiv Holmes folgendes<em>: Der Kombinationsdrang ruht nie; er gleicht einem fein abgestimmten Instrument. Es erfordert Aufmerksamkeit und Übung</em>.</p> <p>Zu Goethe, Holmes und den Maschinen (Gott und Glauben möchte ich in Teil 2 als wichtige Essenz erwähnen) können wir folgendes ergänzen, nämlich dass es tiefes Interesse und hoher Motivation bedarf,<em> das Wahre als Fackel</em> nach Goethe mithilfe von klugen Menschen und effektiven Maschinen zu finden.  </p> <p><strong>Metapher und Beispiele: Moleküle und Menschen</strong></p> <p>Das bringt uns zu den Metaphern und Beispielen des Menschen. Jedem Menschen wird einleuchten, dass eine biologische Erkennung des Gegenübers überlebensrelevant ist. Freund oder Feind lernt man nicht nur in der Ökonomie und Ökologie als hochgradig relevant kennen. Was heißt das?</p> <p>Nehmen wir einmal Viren und Bakterien, so können diese in Menschen und Maschinen vorkommen. Insbesondere Bakterien können sowohl positiv als auch negativ auf unser Leben wirken. Diese zu erkennen und entsprechend zu verarbeiten, ist der Schlüssel für eine langlebige Gesundheit und Immunologie. Das gilt für unsere Erhaltung der Zähne und deren Zahnklima im Netzsystem des Rachen- und Mundraums und auch in Form des Mikro-Bioms im Magen-Darm-Trakt-Netzsystem. </p> <p><strong>Netzsysteme als Modulationsräume der Mustererkennung</strong></p> <p>Überall gelten dabei folgende Netzmuster: Bei Signalstoffen und deren Stoffwechsel zu Signalgeflechten ist dabei erstens die Senderseite relevant. Hier kommen Bakterien, Drüsen und Zellkerne vor. Zweitens sind die Transportbahnen wichtig. Diese stellen Blutbahnen, Luftbahnen und das Zellplasma dar. Drittens ist die Empfängerseite zu beachten: Diese stellen im Menschen Enzyme, Membranen und Zellgewebe dar.</p> <p>Was will ich damit sagen?</p> <p><strong>Molekularstruktur als Wegweiser</strong></p> <p>In der Molekularstruktur erkennen wir die Analogie zu Menschen. Hierbei ist vor allem die dritte Entität als Empfängerseite mit der Verarbeitungsverschlüsselungen bei Menschen und seinen Modulationen relevant. Also die Art und Weise, wie Signale und Signalmuster erkannt, erschaffen, verarbeitet und menschlich erhalten werden können.</p> <p><strong>Eine Formel, zwei Netzsysteme </strong></p> <p>Wir können hierbei einfach und elegant die Netzsysteme der Biophysik und Sozioökonomie nennen. Diese beiden Netzsystem erzeugen die Quantitäten und Qualitäten, die multidisziplinär und musterhaft wie Meteore beim Menschen einschlagen und im Kopf und Körper als Arbeitskreise und Modulationssysteme verarbeitet werden können. Am Ende kommen dann auch die Maschinen, die Hilfe geben und unterstützen können. </p> <p><strong>Was sagt die Neurobiologie?</strong></p> <p>In der Neurobiologie als eine Metapher für Menschen ist das <em>Zentrale Nervensystem</em> (ZNS) ein relevantes Zentrum. Hierbei geht es darum, die Orbit Systeme der Erregungsbahnen, Erregungslagen und Erregungsbindungen (wie ich das bei Donald Hebb 2025 beschrieb) in Netzsystemen und deren Modulationsräumen besser zu verstehen, um neue Informationsverarbeitungen zu bauen.  </p> <p>Was bedeutet das für Organisationen und Institutionen?</p> <p><strong>Potenziale der lebendigen Biologie zur dinglichen Physik und sozialen Ökonomie optimal nutzen</strong></p> <p>Das bedeutet für uns, dass nicht Kraft, Fleiß und Größe alleine ausreicht. Um Potenziale besser zu erkennen, abzuschöpfen und als eine andere Kapazität von Menschen und Maschinen in Netzsystemen einzuspeisen, benötigen wir das Wissen von Biologie als Information und somit der Morphologie (Form) und Metabolismus (Stoffwechsel). Dies können wir nun als eine Formel verwenden. Die beiden Netzsysteme dazu habe ich oben genannt. </p> <p>Relevante Anwendungen sehe ich:</p> <ol> <li><strong>In neuen Energiefeldern und Stoffströmen:</strong> Wenn wir Energiefelder miteinander strategischer vernetzen, können wir den Strom für Haushalte, Unternehmen und anderen Institutionen der Zivilgesellschaft besser nutzen und erstmals ausschöpfen. Dieser Strom der Zukunft wird nötig sein, die bevorstehenden Aufgaben sicher und zuverlässig für unsere Welt gewinnbringender zu lösen.</li> <li><strong>Organisationen und Informationsstrom: </strong>Wenn wir die <em>Organisationen von Morgen </em>anders als bisher vernetzen, das heißt angelehnt an Naturmuster und die Muster des Menschen, werden wir optimalere Informationsströme und Informationsmuster zu einem Strom des Lebens von Menschen und Maschinen formen können. Hierin werden motivierte Menschen und effektive Maschinen eine signifikante Rolle spielen. Das Ziel: weitere Existenz und Evolution. </li> </ol> <p>Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Netzsysteme der Organik als auch die Netzsysteme der Synthetik und des Sozialen in den Modulationsräumen des Menschen eine verbindende Rolle spielen werden. Die Netzsysteme werden vor allem als verrechnende Matrizen den Nexus vom Mosaik zur Matrix überbrücken. Das heißt wir werden nicht mit alten Kleidern in eine neue Welt geschickt, sondern mit neuen Kleidern und neuer Haut in neue Gefilde, Dimensionen und neue Galaxien gelangen. Das ist für uns jetzt eine Riesenchance, aus dem Kampf auszusteigen und effektiv an unserer Zukunft zu arbeiten. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/netzsysteme-als-modulationsraeume-teil-1/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>Delirium – Mehr als nur ein bisschen verwirrt! https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/delirium-mehr-als-nur-ein-bisschen-verwirrt/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/delirium-mehr-als-nur-ein-bisschen-verwirrt/#comments Sun, 08 Feb 2026 09:37:48 +0000 Corinna Kuhn https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5597 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Feb-5-2026-10_56_14-AM-768x807.png <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/delirium-mehr-als-nur-ein-bisschen-verwirrt/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Feb-5-2026-10_56_14-AM.png" /><h1>Delirium – Mehr als nur ein bisschen verwirrt! » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Corinna Kuhn</h2><div itemprop="text"> <p> “Ich muss weg… Lassen Sie mich los!” ruft Frau M. verzweifelt, während sie versucht, aus dem Bett zu klettern. Gestern war die rüstige 83-Jährige noch weitgehend selbstständig und jetzt begreift sie nicht, dass sie im Krankenhaus ist. Frau M. war am Vorabend gestürzt und musste zur Behandlung ins Krankenhaus. In der Nacht wurde sie immer unruhiger und nestelte herum. In den frühen Morgenstunden zog sie sich dann den Venenzugang aus dem Arm und rief völlig verwirrt: “Ich muss weg… Lassen Sie mich los!”. Nun lässt sie sich kaum beruhigen und reagiert verängstigt auf jede Ansprache. Um schnell ihre neurologische Orientierung einzuschätzen, wird Frau M. nach ihrem Namen, dem Datum, ihrem aktuellen Aufenthaltsort und der Situation gefragt. Zwar kann sie ihren vollständigen Namen sagen, aber sie weiß nicht, was für ein Datum ist, oder dass sie ins Krankenhaus gebracht werden musste. Nach Ausschluss anderer Ursachen und weiteren Untersuchungen steht fest: Frau M. ist von einem Delirium (kurz: Delir) betroffen – einem häufigen, gefährlichen und oft unerkannten Syndrom.</p> <p>Dringend nötig war daher die Veröffentlichung der S3-Leitlinie <em>„Delir im höheren Alter“</em> im Januar 2026. Diese neue medizinische Behandlungsleitlinie bietet einen guten Anlass, Klarheit in die seit Langem bestehende Verwirrung rund um das Syndrom zu bringen.</p> <h3 id="h-wozu-eine-s3-leitlinie-nbsp">Wozu eine S3 Leitlinie?<strong> </strong></h3> <p>Um Betroffene von komplexen Erkrankungen, wie dem Delir, ideal und nach dem aktuellen Stand der medizinischen Forschung behandeln zu können, werden Leitlinien von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) herausgegeben <sup>1</sup>. Das “S3” zeigt an, dass die höchste Stufe der evidenzbasierten Medizin vorliegt, genauer, dass die Leitlinie durch ein Expertenkomitee basierend auf systematischer Literaturrecherche und -bewertung mit anschließenden Konsensustechniken klare Handlungsempfehlungen gibt <sup>2</sup>. Besonders überzeugt die S3-Leitlinie “Delir im höheren Alter” durch ihre Interdisziplinarität und Interprofessionalität: Die Erstellung dieser Leitlinie erfolgte unter Federführung der Deutschen Gesellschaften für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie sowie für Geriatrie und unter Beteiligung von 36 weiteren Fachgesellschaften <sup>3</sup>. Wie wichtig die Zusammenarbeit aller Berufsgruppen ist, zeigt die hohe Rate an unerkannten Delirien. Abhilfe schafft die Leitlinie mit sektorenübergreifenden Standards für die Prävention, Diagnostik, Therapie und Nachsorge. </p> <p>Die Relevanz zeigt die hohe Inzidenz: Schätzungsweise entwickeln 30% der Über-65-Jährigen im Krankenhaus ein Delir, auf der Intensivstation sind es bis zu 60% der älteren Patienten, wenn diese künstlich beatmet werden müssen, sogar bis zu 80% <sup>4,5</sup>. Es sind aber nicht nur sehr Viele akut betroffen, auch die Prognose ist schlecht. So führen Delirien zu doppelt so langen Krankenhausaufenthalten, bei einem Viertel der Betroffenen bleiben anhaltende kognitive Einschränkungen zurück, und das Delir ist mit einer deutlich höheren Sterblichkeit assoziiert <sup>6,7</sup>.<aside></aside></p> <p>Gerade weil es sich um so ein häufiges und gefährliches, aber oft verkanntes Syndrom handelt, ist eine klare Leitlinie für das gesamte medizinische Personal äußerst hilfreich, um eine evidenzbasierte Versorgung gewährleisten zu können <sup>3</sup>. Denn mit frühzeitigen, nicht-medikamentösen Maßnahmen kann fast die Hälfte der Delirien verhindert werden <sup>8,9</sup>.</p> <h3 id="h-delir-ein-akutes-aufmerksamkeitssyndrom-nbsp">Delir: ein akutes Aufmerksamkeitssyndrom </h3> <blockquote> <div><div> <p>❗ Definition</p> <p>Ein Syndrom ist eine charakteristische Kombination von Symptomen, die gleichzeitig auftreten, jedoch unterschiedliche Ursachen haben und auf verschiedene Weisen entstehen können <sup>10</sup>. </p> </div></div> </blockquote> <p>Bei dem Delir handelt es sich um ein akut auftretendes neurokognitives Syndrom, das sich durch sehr heterogene Symptome auszeichnet und durch das Vorliegen bestimmter Kriterien diagnostiziert wird <sup>11</sup>. Zu diesen gehören nach der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-11):</p> <ul> <li>Störung der Aufmerksamkeit, der Orientierung und des Bewusstseins</li> <li>Akutes Auftreten und Fluktuation der neuropsychiatrischen Symptome </li> <li>Verwirrtheit und eine globale Beeinträchtigung der Neurokognition</li> <li>Veränderung der Psychomotorik, von Hypo- bis Hyperaktivität und Agitation</li> <li>Affektstörung, insbesondere Angst und Gereiztheit</li> <li>Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus, Schlaflosigkeit, stärkere Symptome in der Nacht.</li> </ul> <p>Diese heterogenen Symptome erschweren zusammen mit verschiedenen Ursachen oder gar multifaktorieller Genese die Diagnose. Insbesondere das hypoaktive Delir, bei dem Betroffene ganz ruhig und still in ihrem Bett liegen, kann ohne Aussage von Angehörigen zum vorherigen Zustand sehr schwer zu erkennen sein. </p> <h3 id="h-alkohol-demenz-infektionen-wenn-die-schwelle-uberschritten-wird">Alkohol, Demenz, Infektionen – Wenn die Schwelle überschritten wird</h3> <p>Risikofaktoren müssen früh identifiziert und mögliche Ursachen schnell erkannt werden. Generell werden Risikofaktoren für das Delir in <strong>prädisponierende (vorbelastende) </strong>und<strong> auslösende Faktoren</strong> unterteilt. Zu den prädisponierenden Risikofaktoren werden Merkmale gezählt, die das Gehirn anfälliger für Delirien machen, wohingegen auslösende Faktoren akute Belastungen für die Patienten sind und das Delir unmittelbar hervorrufen.</p> <figure><table><thead><tr><th>Prädisponierende Risikofaktoren</th><th>Auslösende Risikofaktoren</th></tr></thead><tbody><tr><td>Hohes Alter</td><td>Operationen, medizinische Eingriffe, Narkose</td></tr><tr><td>Gebrechlichkeit, Multimorbidität, Schwere der Erkrankungen</td><td>Aufenthalte im Krankenhaus, der Notaufnahme, der Intensivstation</td></tr><tr><td>Erkrankungen des Gehirns</td><td>Infektionen, Schmerzen, Fieber</td></tr><tr><td>Kognitives Defizit, Demenz, neurodegenerative Erkrankungen</td><td>Dehydratation, Mangelernährung</td></tr><tr><td>Alkohol-/Drogenkonsum</td><td>Medikamente, insbesondere Psychopharmaka, Schmerzmittel und anticholinerg wirksame Mittel</td></tr><tr><td>Einschränkungen der Seh-/Hörfähigkeit</td><td>Einsatz von Fixierung</td></tr><tr><td>Vorangegangenen Delirien</td><td>Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus</td></tr><tr><td></td><td>Metabolische und Elektrolytstörungen</td></tr></tbody></table></figure> <p>Tab. 1: Übersicht zu prädisponierenden und auslösenden Risikofaktoren des Delirs <sup>12,13</sup></p> <p>Basierend auf dem Schwellenkonzept könnte schon ein auslösender Risikofaktor ein Delir verursachen, wenn mehrere prädisponierende Faktoren bestehen. So kann bei einer alten, sehr kranken und schwerhörigen Person bereits der Ortswechsel ins Krankenhaus und nächtliche Störungen durch Geräusche ein Delir verursachen. Bei jungen Menschen hingegen müssten mehrere schwere auslösende Risikofaktoren auftreten, wie ein Alkoholentzug, große Operationen, lebensgefährliche Infektionen <sup>4</sup>.</p> <h3 id="h-neurotransmitter-oder-neuroinflammation">Neurotransmitter oder Neuroinflammation?</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-35.png"><img alt="Gehirn bei Delirium" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-35.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-35.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-35-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-35-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-35-768x768.png 768w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Was bei Delirien genau auf zellulärer und molekularer Ebene im Gehirn passiert, muss noch intensiver erforscht werden. Vermutlich handelt es sich um ein multifaktorielles Geschehen, bei dem sowohl Störungen des Neurotransmittergleichgewichts als auch Entzündungsprozesse zusammen mit einer alterungsbedingten Anfälligkeit des Gehirns auftreten <sup>14</sup>. Zudem könnte auch Stress in Form von einem erhöhten Stesshormonspiegel (Cortisol) und oxidativem Stress (durch reaktive chemische Verbindungen) an der Entstehung des Delirs beteiligt sein <sup>15–18</sup>.</p> <p>Die Neurotransmitterhypothese geht von einer reduzierten Wirkung von Acetylcholin (einem wichtigen Botenstoff für Nervenzellen) im Gehirn aus. Dies könnte beispielsweise für die gestörte Aufmerksamkeit und den veränderten Schlaf-Wach-Rhythmus verantwortlich sein. Veränderungen anderer Neurotransmittersysteme könnten die weiteren verschiedenen Symptome und Ausprägungen des Delirs verursachen. Dabei berufen sich Vertreter der Neurotransmitterhypothese auf die Tatsachen, dass verschiedene Delirrisikofaktoren gerade diese Neurotransmitter beeinflussen und Medikamente, die in die Neurotransmittersysteme eingreifen, Delirsymptome verstärken oder verbessern können <sup>14,15</sup>.</p> <p>In Experimenten zeigten andere Forschungsgruppen, dass Entzündungsmediatoren und Veränderungen der Blut-Hirn-Schranke eine zentrale Rolle in der Delirentstehung spielen könnten <sup>19</sup>. Diese Neuroinflammationshypothese ist eng mit den anderen Konzepten verknüpft, da Entzündungsvorgänge im Gehirn das feinregulierte Neurotransmittergleichgewicht stören und gleichzeitig durch erhöhte Stresshormonspiegel moduliert werden <sup>20,21</sup>. </p> <h3 id="h-frau-m-wo-befinden-sie-sich-gerade">Frau M., wo befinden Sie sich gerade?</h3> <p>Für das Screening auf Delir stehen unterschiedliche Tests zur Verfügung, die auf Interaktion mit den Betroffenen, durch Beobachtung und auf Fremdanamnese beruhen. Einfache und schnelle Tests, die häufig angewendet werden, sind beispielsweise der 3D-CAM (CAM: Confusion Assessment Method) und der 4-AT <sup>22,23</sup>. Beide Tests fragen vier zentrale Merkmale des Delirs ab:</p> <ol start="1"> <li>Wachheit/Bewusstsein: Ist die Person wach, schläfrig, nicht erweckbar?</li> <li>Orientierung: Kann sie ihr Alter, das (Geburts-)Datum und den aktuellen Ort nennen?</li> <li>Aufmerksamkeit: Kann die Person beispielsweise die Monate rückwärts aufzählen?</li> <li>Akute Veränderung: Wurden Veränderungen oder Schwankungen der Symptome in den letzten Tagen festgestellt?</li> </ol> <p>In der S3 Leitlinie wird allerdings betont, dass ein auffälliges Ergebnis im Delirscreening weiterer Diagnostik durch erfahrenes medizinisches Personal bedarf. Da das Delir gerade durch Symptomfluktuation gekennzeichnet ist und sich die Ausprägung im Laufe des Tages stark ändern kann, muss die Untersuchung zu besonders ausgeprägten Zeitpunkten erfolgen und regelmäßig wiederholt werden <sup>24</sup>. Anschließend muss strukturiert nach den Delirursachen gesucht und die Patienten gründlich untersucht werden, da die Behandlung der grundlegenden, ätiologischen Faktoren die zentrale Strategie im Delirmanagement ist <sup>24</sup>. Zur Diagnostik gehören eine umfassende körperliche Untersuchung, Labordiagnostik von Blut und Urin, Erfassung aller Medikamente, Fremdanamnese durch Angehörige und wenn nötig auch Bildgebung des Gehirns, eine EEG Messung oder eine Untersuchung des Hirnwassers <sup>24</sup>.</p> <h3 id="h-das-multikomponenten-delirpraventionsprogramm">Das Multikomponenten-Delirpräventionsprogramm</h3> <p>Prävention und Behandlung des Delirs gehen eng miteinander einher und sind durch verschiedene, überwiegend nicht-medikamentöse Maßnahmen bestimmt. Zentrales Ziel ist es, auslösende Risikofaktoren des Delirs zu vermeiden sowie prädisponierende Faktoren und Ursachen zu behandeln. So könnten schätzungsweise bis zu 45% der Delirien bei Patientinnen und Patienten im Krankenhaus verhindert werden <sup>8,9</sup>.</p> <p>In der Versorgung von vulnerablen Personen muss auf die Vermeidung von psychischem und physischem Stress geachtet und Hilfe zur Orientierung angeboten werden. Nach der aktuellen S3 Leitlinie “Delir im höheren Alter” bedeutet das, Schmerzen und Infektionen frühzeitig zu behandeln, Kombinationen an Delir-auslösenden Medikamenten zu vermeiden und Störungen körperlicher Funktionen zu reduzieren. Das medizinische Personal sollte Gefährdete und Betroffene durch frühe Krankengymnastik unterstützen und Fixierung so weit wie möglich komplett vermeiden. </p> <p>Die Umgebungsgestaltung spielt eine weitere wichtige Rolle: So helfen Lärmreduktion, Orientierungshilfen wie Uhren, Kalender, Namensschilder und tageszeitentsprechende Beleuchtung des Raums der zeitlichen und örtlichen Orientierung. Psychosoziale Unterstützung erfolgt durch Förderung von körperlichen und sozialen Aktivitäten und sollte kognitiv anregend sein. Es sollten keine Medikamente zur Delirprävention gegeben werden. Die Delirbehandlung mit Medikamenten sollte nur bei sehr belastenden Symptomen erfolgen, wenn keine ausreichende Wirkung durch nicht-medikamentöse Maßnahmen erzielt wurde. </p> <p>Nicht eine Maßnahme allein, sondern alle zusammen sind in einem großen, umfassenden, auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmten <strong>Multikomponenten-Delirpräventionsprogramm</strong> erfolgreich <sup>24,25</sup>.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-10.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1446" sizes="(max-width: 1446px) 100vw, 1446px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-10-edited.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-10-edited.jpeg 1446w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-10-edited-300x300.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-10-edited-1024x1024.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-10-edited-150x150.jpeg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-10-edited-768x768.jpeg 768w" width="1446"></img></a></figure> <p>Aber auch die Betroffenen und Angehörigen selbst können aktiv werden. Angehörige können ihre betroffenen Familienmitglieder oder Freunde regelmäßig besuchen, zur Behandlung im Krankenhaus begleiten und vertraute Gegenstände und Fotos mitbringen <sup>9</sup>. Betroffene sollten unbedingt ihre passende Brille, Hörgeräte und Zahnprothesen verwenden und von ihrem Umfeld in der Benutzung unterstützt werden. Geistige Anregung durch Gespräche, gemeinsames Spielen oder Lesen leistet emotionale Entlastung. Zusätzlich empfiehlt die “<a href="https://register.awmf.org/assets/guidelines/109-001p1_S3_Delir-im-hoeheren-Lebensalter_2026-01.pdf">Patient:innenleitlinie für Betroffene und Angehörige</a>” den Schlaf-Wach-Rhythmus mit festen Tagesstrukturen, regelmäßigen Mahlzeiten und angemessener Raumbeleuchtung am Tag und ruhiger Dunkelheit in der Nacht zu unterstützen <sup>24</sup>.</p> <h3 id="h-warum-betrifft-uns-das-alle-nbsp">Warum betrifft uns das alle? </h3> <p>Jetzt könntest du vielleicht denken: “Was geht mich das an? Ich bin doch noch keine 70 Jahre alt! Das betrifft doch alte, kranke Menschen!”. Vielleicht kennst du aber eine Frau M. in deinem Umfeld, in deiner Familie, unter deinen Freunden? </p> <p>Viele Risikofaktoren für ein Delir sammeln sich im Laufe des Lebens an, einige unvermeidlich, andere vermeidbar. Umso wichtiger ist es, aufeinander und auch auf uns selbst zu achten. Und zum Schluss: Auch als Angehörige können wir Menschen helfen, im Alter lange geistig fit und selbstständig zu bleiben, oft schon durch ganz einfache Maßnahmen.</p> <h4 id="h-bildquellen">Bildquellen:</h4> <p>Coverbild: ChatGPT generiert</p> <p>Bild 1: <a href="https://de.freepik.com/">https://de.freepik.com/</a> und ChatGPT modifiziert</p> <p>Bild 2: <a href="https://de.freepik.com/">https://de.freepik.com/</a></p> <h4 id="h-quellen">Quellen: </h4> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">1. Leitlinien. <em>BMG </em>https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/l/leitlinien.html. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">2. V, A. der W. M. F. e. Stufenklassifikationen | Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V. https://www.awmf.org/regelwerk/stufenklassifikationen. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">3. 109-001l_S3_Delir-im-hoeheren-Lebensalter_2026-01-1.pdf. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">4. Inouye, S. K., Westendorp, R. G. &amp; Saczynski, J. S. Delirium in elderly people. <em>The Lancet </em><strong>383</strong>, 911–922 (2014). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">5. Zoremba, N. &amp; Coburn, M. Acute Confusional States in Hospital. <em>Deutsches Ärzteblatt international </em>https://doi.org/10.3238/arztebl.2019.0101 (2019) doi:10.3238/arztebl.2019.0101. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">6. Pisani, M. A. <em>et al.</em> Days of delirium are associated with 1-year mortality in an older intensive care unit population. <em>Am J Respir Crit Care Med </em><strong>180</strong>, 1092–1097 (2009). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">7. Witlox, J. <em>et al.</em> Delirium in elderly patients and the risk of postdischarge mortality, institutionalization, and dementia: a meta-analysis. <em>JAMA </em><strong>304</strong>, 443–451 (2010). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">8. Ludolph, P. <em>et al.</em> Non-Pharmacologic Multicomponent Interventions Preventing Delirium in Hospitalized People. <em>J Am Geriatr Soc </em><strong>68</strong>, 1864–1871 (2020). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">9. Burton, J. K. <em>et al.</em> Non-pharmacological interventions for preventing delirium in hospitalised non-ICU patients. <em>Cochrane Database Syst Rev </em><strong>11</strong>, CD013307 (2021). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">10. Nugent, K., Nugent, R. &amp; Yang, S. When should clinicians use the term syndrome? <em>The American Journal of the Medical Sciences </em><strong>365</strong>, 475–479 (2023). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">11. BfArM – ICD-11 in Deutsch – Entwurfsfassung. https://www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Klassifikationen/ICD/ICD-11/uebersetzung/_node.html. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">12. Hayhurst, C. J., Pandharipande, P. P. &amp; Hughes, C. G. Intensive Care Unit Delirium: A Review of Diagnosis, Prevention, and Treatment. <em>Anesthesiology </em><strong>125</strong>, 1229–1241 (2016). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">13. Inouye, S. K. &amp; Charpentier, P. A. Precipitating Factors for Delirium in Hospitalized Elderly Persons: Predictive Model and Interrelationship With Baseline Vulnerability. <em>JAMA </em><strong>275</strong>, 852–857 (1996). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">14. Maldonado, J. R. Delirium pathophysiology: An updated hypothesis of the etiology of acute brain failure. <em>International Journal of Geriatric Psychiatry </em><strong>33</strong>, 1428–1457 (2018). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">15. https://www.rosenfluh.ch/media/psychiatrie-neurologie/2020/04/Die-Pathophysiologie-des-Delirs.pdf. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">16. MacLullich, A. M., Ferguson, K. J., Miller, T., de Rooij, S. E. &amp; Cunningham, C. Unravelling the pathophysiology of delirium: a focus on the role of aberrant stress responses. <em>J Psychosom Res </em><strong>65</strong>, 229–238 (2008). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">17. Vyas, S. <em>et al.</em> Chronic Stress and Glucocorticoids: From Neuronal Plasticity to Neurodegeneration. <em>Neural Plasticity </em><strong>2016</strong>, 6391686 (2016). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">18. Karlidag, R. <em>et al.</em> The role of oxidative stress in postoperative delirium. <em>Gen Hosp Psychiatry </em><strong>28</strong>, 418–423 (2006). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">19. van den Boogaard, M. <em>et al.</em> Biomarkers associated with delirium in critically ill patients and their relation with long-term subjective cognitive dysfunction; indications for different pathways governing delirium in inflamed and noninflamed patients. <em>Crit Care </em><strong>15</strong>, R297 (2011). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">20. Maldonado, J. R. Pathoetiological Model of Delirium: a Comprehensive Understanding of the Neurobiology of Delirium and an Evidence-Based Approach to Prevention and Treatment. <em>Critical Care Clinics </em><strong>24</strong>, 789–856 (2008). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">21. Gool, W. A. van, Beek, D. van de &amp; Eikelenboom, P. Systemic infection and delirium: when cytokines and acetylcholine collide. <em>The Lancet </em><strong>375</strong>, 773–775 (2010). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">22. Marcantonio, E. R. <em>et al.</em> 3D-CAM: Derivation and Validation of a 3-Minute Diagnostic Interview for CAM-defined Delirium. <em>Ann Intern Med </em><strong>161</strong>, 554–561 (2014). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">23. Augsburg, U. 4 AT Test – PflegeWiki Universitätsklinikum Augsburg. https://pflegewiki.uk-augsburg.de/themen/pflegewissenschaft/4-at-test. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">24. 109-001k_S3_Delir-im-hoeheren-Lebensalter_2026-01-1. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">25. Siddiqi, N. <em>et al.</em> Interventions for preventing delirium in hospitalised non-ICU patients. <em>Cochrane Database Syst Rev </em><strong>3</strong>, CD005563 (2016). </a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Feb-5-2026-10_56_14-AM.png" /><h1>Delirium – Mehr als nur ein bisschen verwirrt! » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Corinna Kuhn</h2><div itemprop="text"> <p> “Ich muss weg… Lassen Sie mich los!” ruft Frau M. verzweifelt, während sie versucht, aus dem Bett zu klettern. Gestern war die rüstige 83-Jährige noch weitgehend selbstständig und jetzt begreift sie nicht, dass sie im Krankenhaus ist. Frau M. war am Vorabend gestürzt und musste zur Behandlung ins Krankenhaus. In der Nacht wurde sie immer unruhiger und nestelte herum. In den frühen Morgenstunden zog sie sich dann den Venenzugang aus dem Arm und rief völlig verwirrt: “Ich muss weg… Lassen Sie mich los!”. Nun lässt sie sich kaum beruhigen und reagiert verängstigt auf jede Ansprache. Um schnell ihre neurologische Orientierung einzuschätzen, wird Frau M. nach ihrem Namen, dem Datum, ihrem aktuellen Aufenthaltsort und der Situation gefragt. Zwar kann sie ihren vollständigen Namen sagen, aber sie weiß nicht, was für ein Datum ist, oder dass sie ins Krankenhaus gebracht werden musste. Nach Ausschluss anderer Ursachen und weiteren Untersuchungen steht fest: Frau M. ist von einem Delirium (kurz: Delir) betroffen – einem häufigen, gefährlichen und oft unerkannten Syndrom.</p> <p>Dringend nötig war daher die Veröffentlichung der S3-Leitlinie <em>„Delir im höheren Alter“</em> im Januar 2026. Diese neue medizinische Behandlungsleitlinie bietet einen guten Anlass, Klarheit in die seit Langem bestehende Verwirrung rund um das Syndrom zu bringen.</p> <h3 id="h-wozu-eine-s3-leitlinie-nbsp">Wozu eine S3 Leitlinie?<strong> </strong></h3> <p>Um Betroffene von komplexen Erkrankungen, wie dem Delir, ideal und nach dem aktuellen Stand der medizinischen Forschung behandeln zu können, werden Leitlinien von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) herausgegeben <sup>1</sup>. Das “S3” zeigt an, dass die höchste Stufe der evidenzbasierten Medizin vorliegt, genauer, dass die Leitlinie durch ein Expertenkomitee basierend auf systematischer Literaturrecherche und -bewertung mit anschließenden Konsensustechniken klare Handlungsempfehlungen gibt <sup>2</sup>. Besonders überzeugt die S3-Leitlinie “Delir im höheren Alter” durch ihre Interdisziplinarität und Interprofessionalität: Die Erstellung dieser Leitlinie erfolgte unter Federführung der Deutschen Gesellschaften für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie sowie für Geriatrie und unter Beteiligung von 36 weiteren Fachgesellschaften <sup>3</sup>. Wie wichtig die Zusammenarbeit aller Berufsgruppen ist, zeigt die hohe Rate an unerkannten Delirien. Abhilfe schafft die Leitlinie mit sektorenübergreifenden Standards für die Prävention, Diagnostik, Therapie und Nachsorge. </p> <p>Die Relevanz zeigt die hohe Inzidenz: Schätzungsweise entwickeln 30% der Über-65-Jährigen im Krankenhaus ein Delir, auf der Intensivstation sind es bis zu 60% der älteren Patienten, wenn diese künstlich beatmet werden müssen, sogar bis zu 80% <sup>4,5</sup>. Es sind aber nicht nur sehr Viele akut betroffen, auch die Prognose ist schlecht. So führen Delirien zu doppelt so langen Krankenhausaufenthalten, bei einem Viertel der Betroffenen bleiben anhaltende kognitive Einschränkungen zurück, und das Delir ist mit einer deutlich höheren Sterblichkeit assoziiert <sup>6,7</sup>.<aside></aside></p> <p>Gerade weil es sich um so ein häufiges und gefährliches, aber oft verkanntes Syndrom handelt, ist eine klare Leitlinie für das gesamte medizinische Personal äußerst hilfreich, um eine evidenzbasierte Versorgung gewährleisten zu können <sup>3</sup>. Denn mit frühzeitigen, nicht-medikamentösen Maßnahmen kann fast die Hälfte der Delirien verhindert werden <sup>8,9</sup>.</p> <h3 id="h-delir-ein-akutes-aufmerksamkeitssyndrom-nbsp">Delir: ein akutes Aufmerksamkeitssyndrom </h3> <blockquote> <div><div> <p>❗ Definition</p> <p>Ein Syndrom ist eine charakteristische Kombination von Symptomen, die gleichzeitig auftreten, jedoch unterschiedliche Ursachen haben und auf verschiedene Weisen entstehen können <sup>10</sup>. </p> </div></div> </blockquote> <p>Bei dem Delir handelt es sich um ein akut auftretendes neurokognitives Syndrom, das sich durch sehr heterogene Symptome auszeichnet und durch das Vorliegen bestimmter Kriterien diagnostiziert wird <sup>11</sup>. Zu diesen gehören nach der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-11):</p> <ul> <li>Störung der Aufmerksamkeit, der Orientierung und des Bewusstseins</li> <li>Akutes Auftreten und Fluktuation der neuropsychiatrischen Symptome </li> <li>Verwirrtheit und eine globale Beeinträchtigung der Neurokognition</li> <li>Veränderung der Psychomotorik, von Hypo- bis Hyperaktivität und Agitation</li> <li>Affektstörung, insbesondere Angst und Gereiztheit</li> <li>Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus, Schlaflosigkeit, stärkere Symptome in der Nacht.</li> </ul> <p>Diese heterogenen Symptome erschweren zusammen mit verschiedenen Ursachen oder gar multifaktorieller Genese die Diagnose. Insbesondere das hypoaktive Delir, bei dem Betroffene ganz ruhig und still in ihrem Bett liegen, kann ohne Aussage von Angehörigen zum vorherigen Zustand sehr schwer zu erkennen sein. </p> <h3 id="h-alkohol-demenz-infektionen-wenn-die-schwelle-uberschritten-wird">Alkohol, Demenz, Infektionen – Wenn die Schwelle überschritten wird</h3> <p>Risikofaktoren müssen früh identifiziert und mögliche Ursachen schnell erkannt werden. Generell werden Risikofaktoren für das Delir in <strong>prädisponierende (vorbelastende) </strong>und<strong> auslösende Faktoren</strong> unterteilt. Zu den prädisponierenden Risikofaktoren werden Merkmale gezählt, die das Gehirn anfälliger für Delirien machen, wohingegen auslösende Faktoren akute Belastungen für die Patienten sind und das Delir unmittelbar hervorrufen.</p> <figure><table><thead><tr><th>Prädisponierende Risikofaktoren</th><th>Auslösende Risikofaktoren</th></tr></thead><tbody><tr><td>Hohes Alter</td><td>Operationen, medizinische Eingriffe, Narkose</td></tr><tr><td>Gebrechlichkeit, Multimorbidität, Schwere der Erkrankungen</td><td>Aufenthalte im Krankenhaus, der Notaufnahme, der Intensivstation</td></tr><tr><td>Erkrankungen des Gehirns</td><td>Infektionen, Schmerzen, Fieber</td></tr><tr><td>Kognitives Defizit, Demenz, neurodegenerative Erkrankungen</td><td>Dehydratation, Mangelernährung</td></tr><tr><td>Alkohol-/Drogenkonsum</td><td>Medikamente, insbesondere Psychopharmaka, Schmerzmittel und anticholinerg wirksame Mittel</td></tr><tr><td>Einschränkungen der Seh-/Hörfähigkeit</td><td>Einsatz von Fixierung</td></tr><tr><td>Vorangegangenen Delirien</td><td>Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus</td></tr><tr><td></td><td>Metabolische und Elektrolytstörungen</td></tr></tbody></table></figure> <p>Tab. 1: Übersicht zu prädisponierenden und auslösenden Risikofaktoren des Delirs <sup>12,13</sup></p> <p>Basierend auf dem Schwellenkonzept könnte schon ein auslösender Risikofaktor ein Delir verursachen, wenn mehrere prädisponierende Faktoren bestehen. So kann bei einer alten, sehr kranken und schwerhörigen Person bereits der Ortswechsel ins Krankenhaus und nächtliche Störungen durch Geräusche ein Delir verursachen. Bei jungen Menschen hingegen müssten mehrere schwere auslösende Risikofaktoren auftreten, wie ein Alkoholentzug, große Operationen, lebensgefährliche Infektionen <sup>4</sup>.</p> <h3 id="h-neurotransmitter-oder-neuroinflammation">Neurotransmitter oder Neuroinflammation?</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-35.png"><img alt="Gehirn bei Delirium" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-35.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-35.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-35-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-35-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-35-768x768.png 768w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Was bei Delirien genau auf zellulärer und molekularer Ebene im Gehirn passiert, muss noch intensiver erforscht werden. Vermutlich handelt es sich um ein multifaktorielles Geschehen, bei dem sowohl Störungen des Neurotransmittergleichgewichts als auch Entzündungsprozesse zusammen mit einer alterungsbedingten Anfälligkeit des Gehirns auftreten <sup>14</sup>. Zudem könnte auch Stress in Form von einem erhöhten Stesshormonspiegel (Cortisol) und oxidativem Stress (durch reaktive chemische Verbindungen) an der Entstehung des Delirs beteiligt sein <sup>15–18</sup>.</p> <p>Die Neurotransmitterhypothese geht von einer reduzierten Wirkung von Acetylcholin (einem wichtigen Botenstoff für Nervenzellen) im Gehirn aus. Dies könnte beispielsweise für die gestörte Aufmerksamkeit und den veränderten Schlaf-Wach-Rhythmus verantwortlich sein. Veränderungen anderer Neurotransmittersysteme könnten die weiteren verschiedenen Symptome und Ausprägungen des Delirs verursachen. Dabei berufen sich Vertreter der Neurotransmitterhypothese auf die Tatsachen, dass verschiedene Delirrisikofaktoren gerade diese Neurotransmitter beeinflussen und Medikamente, die in die Neurotransmittersysteme eingreifen, Delirsymptome verstärken oder verbessern können <sup>14,15</sup>.</p> <p>In Experimenten zeigten andere Forschungsgruppen, dass Entzündungsmediatoren und Veränderungen der Blut-Hirn-Schranke eine zentrale Rolle in der Delirentstehung spielen könnten <sup>19</sup>. Diese Neuroinflammationshypothese ist eng mit den anderen Konzepten verknüpft, da Entzündungsvorgänge im Gehirn das feinregulierte Neurotransmittergleichgewicht stören und gleichzeitig durch erhöhte Stresshormonspiegel moduliert werden <sup>20,21</sup>. </p> <h3 id="h-frau-m-wo-befinden-sie-sich-gerade">Frau M., wo befinden Sie sich gerade?</h3> <p>Für das Screening auf Delir stehen unterschiedliche Tests zur Verfügung, die auf Interaktion mit den Betroffenen, durch Beobachtung und auf Fremdanamnese beruhen. Einfache und schnelle Tests, die häufig angewendet werden, sind beispielsweise der 3D-CAM (CAM: Confusion Assessment Method) und der 4-AT <sup>22,23</sup>. Beide Tests fragen vier zentrale Merkmale des Delirs ab:</p> <ol start="1"> <li>Wachheit/Bewusstsein: Ist die Person wach, schläfrig, nicht erweckbar?</li> <li>Orientierung: Kann sie ihr Alter, das (Geburts-)Datum und den aktuellen Ort nennen?</li> <li>Aufmerksamkeit: Kann die Person beispielsweise die Monate rückwärts aufzählen?</li> <li>Akute Veränderung: Wurden Veränderungen oder Schwankungen der Symptome in den letzten Tagen festgestellt?</li> </ol> <p>In der S3 Leitlinie wird allerdings betont, dass ein auffälliges Ergebnis im Delirscreening weiterer Diagnostik durch erfahrenes medizinisches Personal bedarf. Da das Delir gerade durch Symptomfluktuation gekennzeichnet ist und sich die Ausprägung im Laufe des Tages stark ändern kann, muss die Untersuchung zu besonders ausgeprägten Zeitpunkten erfolgen und regelmäßig wiederholt werden <sup>24</sup>. Anschließend muss strukturiert nach den Delirursachen gesucht und die Patienten gründlich untersucht werden, da die Behandlung der grundlegenden, ätiologischen Faktoren die zentrale Strategie im Delirmanagement ist <sup>24</sup>. Zur Diagnostik gehören eine umfassende körperliche Untersuchung, Labordiagnostik von Blut und Urin, Erfassung aller Medikamente, Fremdanamnese durch Angehörige und wenn nötig auch Bildgebung des Gehirns, eine EEG Messung oder eine Untersuchung des Hirnwassers <sup>24</sup>.</p> <h3 id="h-das-multikomponenten-delirpraventionsprogramm">Das Multikomponenten-Delirpräventionsprogramm</h3> <p>Prävention und Behandlung des Delirs gehen eng miteinander einher und sind durch verschiedene, überwiegend nicht-medikamentöse Maßnahmen bestimmt. Zentrales Ziel ist es, auslösende Risikofaktoren des Delirs zu vermeiden sowie prädisponierende Faktoren und Ursachen zu behandeln. So könnten schätzungsweise bis zu 45% der Delirien bei Patientinnen und Patienten im Krankenhaus verhindert werden <sup>8,9</sup>.</p> <p>In der Versorgung von vulnerablen Personen muss auf die Vermeidung von psychischem und physischem Stress geachtet und Hilfe zur Orientierung angeboten werden. Nach der aktuellen S3 Leitlinie “Delir im höheren Alter” bedeutet das, Schmerzen und Infektionen frühzeitig zu behandeln, Kombinationen an Delir-auslösenden Medikamenten zu vermeiden und Störungen körperlicher Funktionen zu reduzieren. Das medizinische Personal sollte Gefährdete und Betroffene durch frühe Krankengymnastik unterstützen und Fixierung so weit wie möglich komplett vermeiden. </p> <p>Die Umgebungsgestaltung spielt eine weitere wichtige Rolle: So helfen Lärmreduktion, Orientierungshilfen wie Uhren, Kalender, Namensschilder und tageszeitentsprechende Beleuchtung des Raums der zeitlichen und örtlichen Orientierung. Psychosoziale Unterstützung erfolgt durch Förderung von körperlichen und sozialen Aktivitäten und sollte kognitiv anregend sein. Es sollten keine Medikamente zur Delirprävention gegeben werden. Die Delirbehandlung mit Medikamenten sollte nur bei sehr belastenden Symptomen erfolgen, wenn keine ausreichende Wirkung durch nicht-medikamentöse Maßnahmen erzielt wurde. </p> <p>Nicht eine Maßnahme allein, sondern alle zusammen sind in einem großen, umfassenden, auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmten <strong>Multikomponenten-Delirpräventionsprogramm</strong> erfolgreich <sup>24,25</sup>.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-10.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1446" sizes="(max-width: 1446px) 100vw, 1446px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-10-edited.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-10-edited.jpeg 1446w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-10-edited-300x300.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-10-edited-1024x1024.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-10-edited-150x150.jpeg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-10-edited-768x768.jpeg 768w" width="1446"></img></a></figure> <p>Aber auch die Betroffenen und Angehörigen selbst können aktiv werden. Angehörige können ihre betroffenen Familienmitglieder oder Freunde regelmäßig besuchen, zur Behandlung im Krankenhaus begleiten und vertraute Gegenstände und Fotos mitbringen <sup>9</sup>. Betroffene sollten unbedingt ihre passende Brille, Hörgeräte und Zahnprothesen verwenden und von ihrem Umfeld in der Benutzung unterstützt werden. Geistige Anregung durch Gespräche, gemeinsames Spielen oder Lesen leistet emotionale Entlastung. Zusätzlich empfiehlt die “<a href="https://register.awmf.org/assets/guidelines/109-001p1_S3_Delir-im-hoeheren-Lebensalter_2026-01.pdf">Patient:innenleitlinie für Betroffene und Angehörige</a>” den Schlaf-Wach-Rhythmus mit festen Tagesstrukturen, regelmäßigen Mahlzeiten und angemessener Raumbeleuchtung am Tag und ruhiger Dunkelheit in der Nacht zu unterstützen <sup>24</sup>.</p> <h3 id="h-warum-betrifft-uns-das-alle-nbsp">Warum betrifft uns das alle? </h3> <p>Jetzt könntest du vielleicht denken: “Was geht mich das an? Ich bin doch noch keine 70 Jahre alt! Das betrifft doch alte, kranke Menschen!”. Vielleicht kennst du aber eine Frau M. in deinem Umfeld, in deiner Familie, unter deinen Freunden? </p> <p>Viele Risikofaktoren für ein Delir sammeln sich im Laufe des Lebens an, einige unvermeidlich, andere vermeidbar. Umso wichtiger ist es, aufeinander und auch auf uns selbst zu achten. Und zum Schluss: Auch als Angehörige können wir Menschen helfen, im Alter lange geistig fit und selbstständig zu bleiben, oft schon durch ganz einfache Maßnahmen.</p> <h4 id="h-bildquellen">Bildquellen:</h4> <p>Coverbild: ChatGPT generiert</p> <p>Bild 1: <a href="https://de.freepik.com/">https://de.freepik.com/</a> und ChatGPT modifiziert</p> <p>Bild 2: <a href="https://de.freepik.com/">https://de.freepik.com/</a></p> <h4 id="h-quellen">Quellen: </h4> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">1. Leitlinien. <em>BMG </em>https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/l/leitlinien.html. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">2. V, A. der W. M. F. e. Stufenklassifikationen | Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V. https://www.awmf.org/regelwerk/stufenklassifikationen. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">3. 109-001l_S3_Delir-im-hoeheren-Lebensalter_2026-01-1.pdf. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">4. Inouye, S. K., Westendorp, R. G. &amp; Saczynski, J. S. Delirium in elderly people. <em>The Lancet </em><strong>383</strong>, 911–922 (2014). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">5. Zoremba, N. &amp; Coburn, M. Acute Confusional States in Hospital. <em>Deutsches Ärzteblatt international </em>https://doi.org/10.3238/arztebl.2019.0101 (2019) doi:10.3238/arztebl.2019.0101. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">6. Pisani, M. A. <em>et al.</em> Days of delirium are associated with 1-year mortality in an older intensive care unit population. <em>Am J Respir Crit Care Med </em><strong>180</strong>, 1092–1097 (2009). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">7. Witlox, J. <em>et al.</em> Delirium in elderly patients and the risk of postdischarge mortality, institutionalization, and dementia: a meta-analysis. <em>JAMA </em><strong>304</strong>, 443–451 (2010). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">8. Ludolph, P. <em>et al.</em> Non-Pharmacologic Multicomponent Interventions Preventing Delirium in Hospitalized People. <em>J Am Geriatr Soc </em><strong>68</strong>, 1864–1871 (2020). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">9. Burton, J. K. <em>et al.</em> Non-pharmacological interventions for preventing delirium in hospitalised non-ICU patients. <em>Cochrane Database Syst Rev </em><strong>11</strong>, CD013307 (2021). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">10. Nugent, K., Nugent, R. &amp; Yang, S. When should clinicians use the term syndrome? <em>The American Journal of the Medical Sciences </em><strong>365</strong>, 475–479 (2023). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">11. BfArM – ICD-11 in Deutsch – Entwurfsfassung. https://www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Klassifikationen/ICD/ICD-11/uebersetzung/_node.html. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">12. Hayhurst, C. 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Und wieder tut das Strafrecht nichts https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts/#comments Sat, 07 Feb 2026 14:45:59 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3526 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/geralt-crime-268902_1920-angepasst-768x543.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/geralt-crime-268902_1920-angepasst.jpg" /><h1>Und wieder tötet ein Kind. Und wieder tut das Strafrecht nichts » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Die Tat in Dormagen (NRW) wirft erneut die Frage auf, ob die Untergrenze des Strafrechts von 14 Jahren noch zeitgemäß ist</strong></p> <span id="more-3526"></span> <p>Natürlich will keine Gesellschaft gerne Kinder vor Gericht sehen. Und natürlich wissen wir auch, dass die Einsicht in richtig und falsch <em>und</em> das Vermögen, nach dieser Einsicht zu handeln, in jungen Jahren noch nicht voll ausgeprägt ist.</p> <p>Aber “noch nicht voll ausgeprägt” bedeutet nicht unbedingt vollständig abwesend. Wenn zum Beispiel Zwölf- oder 13-Jährige mit Steinen Scheiben einwerfen, dann mag das dumm oder impulsiv sein. Zumindest manchen von ihnen dürfte aber klar sein, dass man so etwas nicht macht.</p> <p>Nun fand am gestrigen 6. Februar die Trauerfeier für den 14-jährigen Yosef statt. Dessen Leiche war laut Medienberichten am Mittwoch, den 28. Januar, von Spaziergängern in einem See in Dormagen-Hackenbroich gefunden worden. Die Staatsanwaltschaft gehe aufgrund der Stich- und Schnittverletzungen inzwischen sicher von einem Tötungsdelikt aus.</p> <p>Da der mutmaßliche Täter erst zwölf Jahre alt sein soll, wird es wahrscheinlich zu keinem Strafverfahren kommen. Wie sieht das aus rechtlicher und psychologischer Sicht aus?<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy.png"><img alt="" decoding="async" height="481" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy-1024x481.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy-1024x481.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy-300x141.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy-768x361.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy.png 1387w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Ob die Untergrenze für die strafrechtliche Verantwortung gesenkt werden soll, war sogar Thema der letzten Bundestagswahlen. Für die Empfehlung des Wahl-O-Mats konnte man damals eine Entscheidung abgeben. Quelle: Bildzitat nach Vorlage</em></p> <h2 id="h-100-000-straftaten">100.000 Straftaten</h2> <p>Laut der neuesten Polizeilichen Kriminalstatistik wurden von Kindern im Jahr 2024 rund 100.000 Straftaten erfasst. Es ging dabei meistens um Diebstähle (rund 32.000), Körperverletzungen (27.000) und Sachbeschädigungen (11.000). In den letzten Jahren steigen die Zahlen, was als “Coronaviruspandemie-Nachholeffekt” gedeutet wird.</p> <p>Die Straftaten von Kindern sind damit aber wieder in etwa auf dem Niveau von 2009. Dazwischen hatte die Zahl abgenommen.</p> <p>Von den 100.000 genannten Fällen waren 24 Straftaten gegen das Leben. Vor allem diese schweren Fälle schaffen es in die Medien. Für minderjährige Verdächtige und insbesondere für Kinder gilt aber auch ein besonderer Persönlichkeitsschutz. Daher wird bei Verfahren nach dem Jugendstrafrecht die Öffentlichkeit allgemein ausgeschlossen. Bei Kindern – das bedeutet hier: unter 14 Jahren – kann es nach heutigem Recht aber auch prinzipiell gar kein Strafverfahren geben.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-2048x1152.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Die Anzahl der Straftaten in verschiedenen Altersgruppen im zeitlichen Verlauf. Hinweis: Da die Gruppen sehr unterschiedlich groß sind, sollte man sie nicht direkt miteinander vergleichen. Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik</em></p> <h2 id="h-harte-altersgrenzen">Harte Altersgrenzen</h2> <p>Im Strafgesetzbuch (StGB) wird nämlich vor dem 14. Geburtstag von der Schuldunfähigkeit des Kindes ausgegangen: “Schuldunfähig ist, wer bei Begehung der Tat noch nicht vierzehn Jahre alt ist” (§ 19 StGB). Wie man sieht, gibt es hier keine Ausnahmen für besondere oder besonders schwere Fälle. Damit ist aber nicht nur eine strafrechtliche Verurteilung, sondern auch eine nähere Aufklärung der Tat – sieht man von der allgemeinen polizeilichen Ermittlungsarbeit ab – grundlegend ausgeschlossen.</p> <p>Weitere Altersgrenzen finden sich im Jugendgerichtsgesetz (JGG). Dieses gilt für Jugendliche (14 bis einschließlich 17 Jahre) und Heranwachsende (18 bis einschließlich 20 Jahre). Für Letztere gilt eine Übergangsphase: Nach den individuellen Umständen können sie unters Erwachsenen- oder Jugendstrafrecht fallen.</p> <p>In Deutschland ist man eher mild und wendet in rund zwei Drittel der Fälle das Jugendstrafrecht an, wenn auch mit Unterschieden zwischen den Bundesländern und in jüngerer Zeit vielleicht fallendem Trend.</p> <p>Zum Vergleich: Im Nachbarland Niederlande könnte man zwar sogar bis zum Alter von 22 Jahren das Jugendstrafrecht anwenden. Mit dieser oberen Altersgrenze, die auch mit Hinweisen auf die Gehirnentwicklung begründet wurde, habe ich mich <a href="https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2020.01762/full">intensiv in meiner Forschung beschäftigt</a>. Doch trotz dieser auf den ersten Blick milder scheinenden Regelung werden hier ab 18 Jahren so gut wie alle (will sagen: über 90 Prozent) nach Erwachsenenstrafrecht angeklagt. Durch die Anhebung der Altersgrenze auf 22 Jahre im Jahr 2014 erhöhte sich das nur leicht. Als Untergrenze gilt hier im Strafrecht übrigens das Alter von zwölf Jahren.</p> <h2 id="h-ziele-des-strafrechts">Ziele des Strafrechts</h2> <p>Im Prinzip verfolgt das Strafrecht mindestens vier Ziele: Es soll, erstens, <em>abschrecken</em>, damit es erst gar nicht zu Straftaten kommt; es soll, zweitens, <em>strafen</em> – manche Sprechen auch noch von “Vergeltung” –, um den Schaden des Opfers und an der Rechtsordnung (zumindest symbolisch) wiedergutzumachen; drittens soll es <em>schützen</em>, einfach indem es Menschen, die Straftaten begangen haben, einsperrt; viertens soll es aber auch <em>resozialisieren</em>, um den Verurteilten eine Wiedereingliederung und Rückkehr in die Gesellschaft zu ermöglichen.</p> <p>Es leuchtet schnell ein, dass manche dieser Ziele im Widerspruch zueinander stehen: Insbesondere gilt das für das Strafen und Schützen auf der einen Seite und das Resozialisieren auf der anderen. Außerdem gilt auch das verfassungsrechtliche Prinzip der Verhältnismäßigkeit. Jemanden zum Beispiel für einen Ladendiebstahl lebenslang wegzusperren, würde zwar zukünftige Ladendiebstähle dieser Person verhindern. Das wäre aber ein zu starker Eingriff in ihre Freiheit.</p> <p>Auch wer sich für das Prinzip Menschlichkeit überhaupt nicht erwärmen kann, sollte zumindest die Konsequenzen drakonischer Strafen mitbedenken: Das Gefängniswesen muss nämlich auch finanziert, personell und mit anderen Ressourcen ausgestattet werden. Wer weggesperrt bleibt, obwohl er Reue zeigt, kann nur wenig Positives zur Gesellschaft beitragen. Und wer nicht resozialisiert wird, begeht mit höherer Wahrscheinlichkeit wieder Straftaten.</p> <p>Im Jugendstrafrecht wird das pädagogische Ziel der Resozialisierung höher gewichtet. Hier geht man davon aus, dass die Persönlichkeit noch nicht so gefestigt ist und man auf den Täter oder die Täterin noch besser positiv einwirken kann. Neben geringeren Höchststrafen kennt das Jugendstrafrecht hierfür sozialere Alternativen zur Gefängnisstrafe.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2 id="h-denken-an-die-opfer">Denken an die Opfer</h2> <p>Die Diskussion um ein mögliches Herabsenken der Untergrenze für das Strafrecht dreht sich meist um die psychologische Entwicklung der Täterinnen oder Täter. “Aber es sind doch Kinder!”, rufen mitunter Gegner einer Absenkung.</p> <p>Ja – es sind aber auch junge Menschen, die einem anderen das Leben genommen haben, teils unter brutalen Umständen. Eine deutsche Professorin, deren Namen ich in der politisch aufgeladenen Diskussion bewusst nicht nenne, setzt sich sogar für eine <em>Anhebung</em> der Altersgrenze auf 16 Jahre ein. Dann würden noch einmal viel mehr als die erwähnten 100.000 Straftaten nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden.</p> <p>Obwohl Opferschutz sonst groß geschrieben wird, scheint sich das bei manchen zu ändern, sobald die Täter unter 14 Jahre alt sind. Dabei sollte man bedenken: Ohne Strafrecht gibt es auch keine strafrechtliche Aufklärung der Tatumstände, von einer Bestrafung ganz zu schweigen.</p> <p>Für die Betroffenen sind die Taten ohnehin schon schwer belastend. Das eigene Kind für immer zu verlieren und dann auch noch durch das absichtliche Handeln eines anderen Menschen, dürfte so ziemlich das Schlimmste sein, was jemandem im Leben passieren kann.</p> <p><em>Hinweis: In den folgenden Absätzen werden bildliche Details schwerer Gewaltverbrechen genannt. Wer das nicht lesen will, kann den zweiten Teil weiterlesen.</em></p> <p>Hier sei noch einmal an den Fall der zwölfjährigen Luise erinnert. Sie wurde am 11. März 2023 in Freudenberg bei Siegen von zwei zwölf- und dreizehnjährigen Bekannten in ein Waldstück gelockt und dann mit vielen Messerstichen getötet.</p> <p>Die Täterinnen hatten das zuvor in einem Chat geplant und das Mädchen eigentlich mit einer Plastiktüte ersticken wollen. Als Luise sich wehrte, wurde sie Dutzende Male gestochen. Anschließend nahmen die Beiden ihrem Opfer noch das Telefon ab und ließen die hilflose Luise dann einsam verbluten. Man fand sie erst, als sie schon tot war – und für den Finder muss so eine Szene übrigens auch ein schwerer Schock sein.</p> <p>Es mag für Außenstehende schwer nachvollziehbar sein, doch für Luises Angehörige drehte sich zum Beispiel viel um die Frage, wie lange das Mädchen noch bei Bewusstsein war, also wie lange das Leiden andauerte. Solche Fragen würden in einem Strafprozess aufgeklärt werden – jedenfalls so weit das möglich ist. Doch mit Verweis auf den zitierten § 19 StGB und dass die Täterinnen noch Kinder sind, lässt der Staat die Familie mit ihren schmerzhaften Fragen allein.</p> <h2 id="h-umweg-ubers-zivilrecht">Umweg übers Zivilrecht</h2> <p>Da übers Strafrecht nichts zu erreichen war, versuchten die Angehörigen, sich übers Zivilrecht zu wehren. Hier handelt nicht der Staat, sondern stehen sich zwei bürgerliche Parteien gegenüber. Das Gericht wacht sozusagen über die Einhaltung der Spielregeln, der geltenden Gesetze. In so einem Verfahren fehlen aber nicht nur die weitreichenden Möglichkeiten der Staatsanwaltschaft, sondern ist die klagende Partei in der Beweispflicht und trägt sie auch das Kostenrisiko.</p> <p>Durch die Verhandlung am Landgericht Koblenz erfuhr im Sommer 2025 schließlich die Öffentlichkeit nähere Details über die Tat: dass es sich um eine geplante, grausame Tötung handelte. Ein Strafgericht würde in so einem Fall vermutlich einen Mord feststellen. Dann wäre das Höchstmaß nach Jugendstrafrecht 15 Jahre Freiheitsstrafe, nach Erwachsenenstrafrecht wäre automatisch lebenslänglich die Strafe. Und auch hier noch ist das deutsche Recht eher mild und sieht wegen des hohen Stellenwerts der Menschenwürde 25 Jahre als höchste Strafdauer an, die später unter Umständen auf 15 Jahre verkürzt werden kann.</p> <p>Stattdessen fordern Luises Hinterbliebene nun Schadensersatz. Dafür ist die oben genannte Frage relevant, wie lange das hilflos zurückgelassene Mädchen tatsächlich noch litt. In Zahlen ausgedrückt geht es dann um einen Schadensersatz von vielleicht eher 40.000 oder 60.000 Euro. Dass das den Verlust eines Kindes nicht aufwiegen kann, ist klar. Ich nenne das hier zur Veranschaulichung der Unterschiede zwischen zivil- und strafrechtlichen Möglichkeiten.</p> <p>Unabhängig vom Schadensersatz und insbesondere seiner Höhe wäre so eine Verurteilung vielleicht ein minimaler Funken von Gerechtigkeit für die Familie. Wenn sie aber Pech hat und das Gericht nicht überzeugen kann, müsste sie die Anwalts- und Verfahrenskosten selbst tragen, sogar der Gegenseite.</p> <p>Das gilt nicht nur für das – nach allem, was bekannt ist, noch laufende – Verfahren am Landgericht. Danach könnte es noch zu einem Berufungs- oder Revisionsverfahren kommen. Wohlgemerkt, mit einer Verlängerung der Unsicherheit und Vergrößerung des Kostenrisikos. Und das bei einer Familie, deren junge Tochter umgebracht wurde und die noch tief trauert.</p> <h2 id="h-historischer-exkurs">Historischer Exkurs</h2> <p>Die Tötung der zwölfjährigen Luise und jetzt des 14-jährigen Yosef erinnert an einen historischen Fall, den ich durch meine Forschung wiederentdeckte: Im November 1834 lockte der neunjährige Major Mitchell einen achtjährigen Schulkameraden in ein Waldstück in Durham nahe der Stadt Portland im US-Bundesstaat Oregon. Er versuchte mehrfach, den Achtjährigen in einem Bach zu ertränken, doch dafür war das Wasser wahrscheinlich nicht tief genug.</p> <p>Stattdessen fesselte Mitchell sein Opfer nackt an einen Baum, misshandelte es stundenlang mit Stockschlägen und verstümmelte es mit einem Stück Metall. Selbst nach dieser Folter gelang es dem Täter nicht, das jüngere Kind zu ertränken.</p> <p>Der Fall kam vor Gericht und Phrenologen wollten aussagen, dass der Täter wegen einer früheren Kopfverletzung ein größeres Schädelorgan für “Zerstörungskraft” habe. Laut der phrenologischen Lehre lag das über dem Ohr. Ein Zeichner will hier eine Vergrößerung gesehen haben.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-3-3-Phrenology-300dpi-copy.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 575px) 100vw, 575px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-3-3-Phrenology-300dpi-copy-575x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-3-3-Phrenology-300dpi-copy-575x1024.jpg 575w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-3-3-Phrenology-300dpi-copy-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-3-3-Phrenology-300dpi-copy.jpg 617w" width="575"></img></a></figure> <p><em>Auf dieser Zeichnung ist der Kopf des neunjährigen Angeklagten festgehalten. Die Phrenologen meinten, darauf Gründe für eine Strafminderung zu erkennen. Lizenz: gemeinfrei</em></p> <p>Den Richter überzeugte das allerdings nicht. Es sei nicht nachgewiesen, dass Kopfverletzungen wie die hier vermutete regelmäßig zu Straftaten führen. Mitchell wurde trotz seines jungen Alters zu neun Jahren Gefängnisstrafe verurteilt. Die Phrenologen freuten sich trotzdem, da man sie als Sachverständige gehört hatte, ohne dass man sie auslachte. 1835 publizierten sie über den Fall in ihrer eigenen Zeitschrift. Es dürfte sich dabei um den ersten dokumentierten Fall von “Neurorecht” handeln.</p> <p>Im nächsten Teil kehren wir in die Gegenwart zurück und überlegen wir uns, ob und wie die Altersgrenze für die Schuldfähigkeit im deutschen Strafrecht angepasst werden könnte.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron.jpg"><img alt="" decoding="async" height="700" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1024x700.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1024x700.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-300x205.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-768x525.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1536x1050.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron.jpg 1700w" width="1024"></img></a></figure> <p>Beschreibung: Dieser und ähnliche Fälle werden in meinem neuen Buch über die Gehirnentwicklung und Altersgrenzen ausführlicher diskutiert. Die englische Fassung (links) steht dank der finanziellen Förderung durch unsere Universitätsbibliothek <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-72362-9">gratis zum Download</a> verfügbar. Die aktualisierte und erweiterte deutsche Fassung (rechts) erscheint diesen Sommer beim Hogrefe Verlag. Darin geht es ausführlicher auch um die Untergrenze des Strafrechts. Das Buch kann <a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html">jetzt schon vorbestellt werden</a>.</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: basiert auf <a href="https://pixabay.com/illustrations/crime-offense-misstep-outline-268902/">Geralt</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/06a60568b83c4b3ca4184953eb522774" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/geralt-crime-268902_1920-angepasst.jpg" /><h1>Und wieder tötet ein Kind. Und wieder tut das Strafrecht nichts » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Die Tat in Dormagen (NRW) wirft erneut die Frage auf, ob die Untergrenze des Strafrechts von 14 Jahren noch zeitgemäß ist</strong></p> <span id="more-3526"></span> <p>Natürlich will keine Gesellschaft gerne Kinder vor Gericht sehen. Und natürlich wissen wir auch, dass die Einsicht in richtig und falsch <em>und</em> das Vermögen, nach dieser Einsicht zu handeln, in jungen Jahren noch nicht voll ausgeprägt ist.</p> <p>Aber “noch nicht voll ausgeprägt” bedeutet nicht unbedingt vollständig abwesend. Wenn zum Beispiel Zwölf- oder 13-Jährige mit Steinen Scheiben einwerfen, dann mag das dumm oder impulsiv sein. Zumindest manchen von ihnen dürfte aber klar sein, dass man so etwas nicht macht.</p> <p>Nun fand am gestrigen 6. Februar die Trauerfeier für den 14-jährigen Yosef statt. Dessen Leiche war laut Medienberichten am Mittwoch, den 28. Januar, von Spaziergängern in einem See in Dormagen-Hackenbroich gefunden worden. Die Staatsanwaltschaft gehe aufgrund der Stich- und Schnittverletzungen inzwischen sicher von einem Tötungsdelikt aus.</p> <p>Da der mutmaßliche Täter erst zwölf Jahre alt sein soll, wird es wahrscheinlich zu keinem Strafverfahren kommen. Wie sieht das aus rechtlicher und psychologischer Sicht aus?<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy.png"><img alt="" decoding="async" height="481" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy-1024x481.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy-1024x481.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy-300x141.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy-768x361.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy.png 1387w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Ob die Untergrenze für die strafrechtliche Verantwortung gesenkt werden soll, war sogar Thema der letzten Bundestagswahlen. Für die Empfehlung des Wahl-O-Mats konnte man damals eine Entscheidung abgeben. Quelle: Bildzitat nach Vorlage</em></p> <h2 id="h-100-000-straftaten">100.000 Straftaten</h2> <p>Laut der neuesten Polizeilichen Kriminalstatistik wurden von Kindern im Jahr 2024 rund 100.000 Straftaten erfasst. Es ging dabei meistens um Diebstähle (rund 32.000), Körperverletzungen (27.000) und Sachbeschädigungen (11.000). In den letzten Jahren steigen die Zahlen, was als “Coronaviruspandemie-Nachholeffekt” gedeutet wird.</p> <p>Die Straftaten von Kindern sind damit aber wieder in etwa auf dem Niveau von 2009. Dazwischen hatte die Zahl abgenommen.</p> <p>Von den 100.000 genannten Fällen waren 24 Straftaten gegen das Leben. Vor allem diese schweren Fälle schaffen es in die Medien. Für minderjährige Verdächtige und insbesondere für Kinder gilt aber auch ein besonderer Persönlichkeitsschutz. Daher wird bei Verfahren nach dem Jugendstrafrecht die Öffentlichkeit allgemein ausgeschlossen. Bei Kindern – das bedeutet hier: unter 14 Jahren – kann es nach heutigem Recht aber auch prinzipiell gar kein Strafverfahren geben.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-2048x1152.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Die Anzahl der Straftaten in verschiedenen Altersgruppen im zeitlichen Verlauf. Hinweis: Da die Gruppen sehr unterschiedlich groß sind, sollte man sie nicht direkt miteinander vergleichen. Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik</em></p> <h2 id="h-harte-altersgrenzen">Harte Altersgrenzen</h2> <p>Im Strafgesetzbuch (StGB) wird nämlich vor dem 14. Geburtstag von der Schuldunfähigkeit des Kindes ausgegangen: “Schuldunfähig ist, wer bei Begehung der Tat noch nicht vierzehn Jahre alt ist” (§ 19 StGB). Wie man sieht, gibt es hier keine Ausnahmen für besondere oder besonders schwere Fälle. Damit ist aber nicht nur eine strafrechtliche Verurteilung, sondern auch eine nähere Aufklärung der Tat – sieht man von der allgemeinen polizeilichen Ermittlungsarbeit ab – grundlegend ausgeschlossen.</p> <p>Weitere Altersgrenzen finden sich im Jugendgerichtsgesetz (JGG). Dieses gilt für Jugendliche (14 bis einschließlich 17 Jahre) und Heranwachsende (18 bis einschließlich 20 Jahre). Für Letztere gilt eine Übergangsphase: Nach den individuellen Umständen können sie unters Erwachsenen- oder Jugendstrafrecht fallen.</p> <p>In Deutschland ist man eher mild und wendet in rund zwei Drittel der Fälle das Jugendstrafrecht an, wenn auch mit Unterschieden zwischen den Bundesländern und in jüngerer Zeit vielleicht fallendem Trend.</p> <p>Zum Vergleich: Im Nachbarland Niederlande könnte man zwar sogar bis zum Alter von 22 Jahren das Jugendstrafrecht anwenden. Mit dieser oberen Altersgrenze, die auch mit Hinweisen auf die Gehirnentwicklung begründet wurde, habe ich mich <a href="https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2020.01762/full">intensiv in meiner Forschung beschäftigt</a>. Doch trotz dieser auf den ersten Blick milder scheinenden Regelung werden hier ab 18 Jahren so gut wie alle (will sagen: über 90 Prozent) nach Erwachsenenstrafrecht angeklagt. Durch die Anhebung der Altersgrenze auf 22 Jahre im Jahr 2014 erhöhte sich das nur leicht. Als Untergrenze gilt hier im Strafrecht übrigens das Alter von zwölf Jahren.</p> <h2 id="h-ziele-des-strafrechts">Ziele des Strafrechts</h2> <p>Im Prinzip verfolgt das Strafrecht mindestens vier Ziele: Es soll, erstens, <em>abschrecken</em>, damit es erst gar nicht zu Straftaten kommt; es soll, zweitens, <em>strafen</em> – manche Sprechen auch noch von “Vergeltung” –, um den Schaden des Opfers und an der Rechtsordnung (zumindest symbolisch) wiedergutzumachen; drittens soll es <em>schützen</em>, einfach indem es Menschen, die Straftaten begangen haben, einsperrt; viertens soll es aber auch <em>resozialisieren</em>, um den Verurteilten eine Wiedereingliederung und Rückkehr in die Gesellschaft zu ermöglichen.</p> <p>Es leuchtet schnell ein, dass manche dieser Ziele im Widerspruch zueinander stehen: Insbesondere gilt das für das Strafen und Schützen auf der einen Seite und das Resozialisieren auf der anderen. Außerdem gilt auch das verfassungsrechtliche Prinzip der Verhältnismäßigkeit. Jemanden zum Beispiel für einen Ladendiebstahl lebenslang wegzusperren, würde zwar zukünftige Ladendiebstähle dieser Person verhindern. Das wäre aber ein zu starker Eingriff in ihre Freiheit.</p> <p>Auch wer sich für das Prinzip Menschlichkeit überhaupt nicht erwärmen kann, sollte zumindest die Konsequenzen drakonischer Strafen mitbedenken: Das Gefängniswesen muss nämlich auch finanziert, personell und mit anderen Ressourcen ausgestattet werden. Wer weggesperrt bleibt, obwohl er Reue zeigt, kann nur wenig Positives zur Gesellschaft beitragen. Und wer nicht resozialisiert wird, begeht mit höherer Wahrscheinlichkeit wieder Straftaten.</p> <p>Im Jugendstrafrecht wird das pädagogische Ziel der Resozialisierung höher gewichtet. Hier geht man davon aus, dass die Persönlichkeit noch nicht so gefestigt ist und man auf den Täter oder die Täterin noch besser positiv einwirken kann. Neben geringeren Höchststrafen kennt das Jugendstrafrecht hierfür sozialere Alternativen zur Gefängnisstrafe.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2 id="h-denken-an-die-opfer">Denken an die Opfer</h2> <p>Die Diskussion um ein mögliches Herabsenken der Untergrenze für das Strafrecht dreht sich meist um die psychologische Entwicklung der Täterinnen oder Täter. “Aber es sind doch Kinder!”, rufen mitunter Gegner einer Absenkung.</p> <p>Ja – es sind aber auch junge Menschen, die einem anderen das Leben genommen haben, teils unter brutalen Umständen. Eine deutsche Professorin, deren Namen ich in der politisch aufgeladenen Diskussion bewusst nicht nenne, setzt sich sogar für eine <em>Anhebung</em> der Altersgrenze auf 16 Jahre ein. Dann würden noch einmal viel mehr als die erwähnten 100.000 Straftaten nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden.</p> <p>Obwohl Opferschutz sonst groß geschrieben wird, scheint sich das bei manchen zu ändern, sobald die Täter unter 14 Jahre alt sind. Dabei sollte man bedenken: Ohne Strafrecht gibt es auch keine strafrechtliche Aufklärung der Tatumstände, von einer Bestrafung ganz zu schweigen.</p> <p>Für die Betroffenen sind die Taten ohnehin schon schwer belastend. Das eigene Kind für immer zu verlieren und dann auch noch durch das absichtliche Handeln eines anderen Menschen, dürfte so ziemlich das Schlimmste sein, was jemandem im Leben passieren kann.</p> <p><em>Hinweis: In den folgenden Absätzen werden bildliche Details schwerer Gewaltverbrechen genannt. Wer das nicht lesen will, kann den zweiten Teil weiterlesen.</em></p> <p>Hier sei noch einmal an den Fall der zwölfjährigen Luise erinnert. Sie wurde am 11. März 2023 in Freudenberg bei Siegen von zwei zwölf- und dreizehnjährigen Bekannten in ein Waldstück gelockt und dann mit vielen Messerstichen getötet.</p> <p>Die Täterinnen hatten das zuvor in einem Chat geplant und das Mädchen eigentlich mit einer Plastiktüte ersticken wollen. Als Luise sich wehrte, wurde sie Dutzende Male gestochen. Anschließend nahmen die Beiden ihrem Opfer noch das Telefon ab und ließen die hilflose Luise dann einsam verbluten. Man fand sie erst, als sie schon tot war – und für den Finder muss so eine Szene übrigens auch ein schwerer Schock sein.</p> <p>Es mag für Außenstehende schwer nachvollziehbar sein, doch für Luises Angehörige drehte sich zum Beispiel viel um die Frage, wie lange das Mädchen noch bei Bewusstsein war, also wie lange das Leiden andauerte. Solche Fragen würden in einem Strafprozess aufgeklärt werden – jedenfalls so weit das möglich ist. Doch mit Verweis auf den zitierten § 19 StGB und dass die Täterinnen noch Kinder sind, lässt der Staat die Familie mit ihren schmerzhaften Fragen allein.</p> <h2 id="h-umweg-ubers-zivilrecht">Umweg übers Zivilrecht</h2> <p>Da übers Strafrecht nichts zu erreichen war, versuchten die Angehörigen, sich übers Zivilrecht zu wehren. Hier handelt nicht der Staat, sondern stehen sich zwei bürgerliche Parteien gegenüber. Das Gericht wacht sozusagen über die Einhaltung der Spielregeln, der geltenden Gesetze. In so einem Verfahren fehlen aber nicht nur die weitreichenden Möglichkeiten der Staatsanwaltschaft, sondern ist die klagende Partei in der Beweispflicht und trägt sie auch das Kostenrisiko.</p> <p>Durch die Verhandlung am Landgericht Koblenz erfuhr im Sommer 2025 schließlich die Öffentlichkeit nähere Details über die Tat: dass es sich um eine geplante, grausame Tötung handelte. Ein Strafgericht würde in so einem Fall vermutlich einen Mord feststellen. Dann wäre das Höchstmaß nach Jugendstrafrecht 15 Jahre Freiheitsstrafe, nach Erwachsenenstrafrecht wäre automatisch lebenslänglich die Strafe. Und auch hier noch ist das deutsche Recht eher mild und sieht wegen des hohen Stellenwerts der Menschenwürde 25 Jahre als höchste Strafdauer an, die später unter Umständen auf 15 Jahre verkürzt werden kann.</p> <p>Stattdessen fordern Luises Hinterbliebene nun Schadensersatz. Dafür ist die oben genannte Frage relevant, wie lange das hilflos zurückgelassene Mädchen tatsächlich noch litt. In Zahlen ausgedrückt geht es dann um einen Schadensersatz von vielleicht eher 40.000 oder 60.000 Euro. Dass das den Verlust eines Kindes nicht aufwiegen kann, ist klar. Ich nenne das hier zur Veranschaulichung der Unterschiede zwischen zivil- und strafrechtlichen Möglichkeiten.</p> <p>Unabhängig vom Schadensersatz und insbesondere seiner Höhe wäre so eine Verurteilung vielleicht ein minimaler Funken von Gerechtigkeit für die Familie. Wenn sie aber Pech hat und das Gericht nicht überzeugen kann, müsste sie die Anwalts- und Verfahrenskosten selbst tragen, sogar der Gegenseite.</p> <p>Das gilt nicht nur für das – nach allem, was bekannt ist, noch laufende – Verfahren am Landgericht. Danach könnte es noch zu einem Berufungs- oder Revisionsverfahren kommen. Wohlgemerkt, mit einer Verlängerung der Unsicherheit und Vergrößerung des Kostenrisikos. Und das bei einer Familie, deren junge Tochter umgebracht wurde und die noch tief trauert.</p> <h2 id="h-historischer-exkurs">Historischer Exkurs</h2> <p>Die Tötung der zwölfjährigen Luise und jetzt des 14-jährigen Yosef erinnert an einen historischen Fall, den ich durch meine Forschung wiederentdeckte: Im November 1834 lockte der neunjährige Major Mitchell einen achtjährigen Schulkameraden in ein Waldstück in Durham nahe der Stadt Portland im US-Bundesstaat Oregon. Er versuchte mehrfach, den Achtjährigen in einem Bach zu ertränken, doch dafür war das Wasser wahrscheinlich nicht tief genug.</p> <p>Stattdessen fesselte Mitchell sein Opfer nackt an einen Baum, misshandelte es stundenlang mit Stockschlägen und verstümmelte es mit einem Stück Metall. Selbst nach dieser Folter gelang es dem Täter nicht, das jüngere Kind zu ertränken.</p> <p>Der Fall kam vor Gericht und Phrenologen wollten aussagen, dass der Täter wegen einer früheren Kopfverletzung ein größeres Schädelorgan für “Zerstörungskraft” habe. Laut der phrenologischen Lehre lag das über dem Ohr. Ein Zeichner will hier eine Vergrößerung gesehen haben.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-3-3-Phrenology-300dpi-copy.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 575px) 100vw, 575px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-3-3-Phrenology-300dpi-copy-575x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-3-3-Phrenology-300dpi-copy-575x1024.jpg 575w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-3-3-Phrenology-300dpi-copy-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-3-3-Phrenology-300dpi-copy.jpg 617w" width="575"></img></a></figure> <p><em>Auf dieser Zeichnung ist der Kopf des neunjährigen Angeklagten festgehalten. Die Phrenologen meinten, darauf Gründe für eine Strafminderung zu erkennen. Lizenz: gemeinfrei</em></p> <p>Den Richter überzeugte das allerdings nicht. Es sei nicht nachgewiesen, dass Kopfverletzungen wie die hier vermutete regelmäßig zu Straftaten führen. Mitchell wurde trotz seines jungen Alters zu neun Jahren Gefängnisstrafe verurteilt. Die Phrenologen freuten sich trotzdem, da man sie als Sachverständige gehört hatte, ohne dass man sie auslachte. 1835 publizierten sie über den Fall in ihrer eigenen Zeitschrift. Es dürfte sich dabei um den ersten dokumentierten Fall von “Neurorecht” handeln.</p> <p>Im nächsten Teil kehren wir in die Gegenwart zurück und überlegen wir uns, ob und wie die Altersgrenze für die Schuldfähigkeit im deutschen Strafrecht angepasst werden könnte.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron.jpg"><img alt="" decoding="async" height="700" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1024x700.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1024x700.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-300x205.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-768x525.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1536x1050.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron.jpg 1700w" width="1024"></img></a></figure> <p>Beschreibung: Dieser und ähnliche Fälle werden in meinem neuen Buch über die Gehirnentwicklung und Altersgrenzen ausführlicher diskutiert. Die englische Fassung (links) steht dank der finanziellen Förderung durch unsere Universitätsbibliothek <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-72362-9">gratis zum Download</a> verfügbar. Die aktualisierte und erweiterte deutsche Fassung (rechts) erscheint diesen Sommer beim Hogrefe Verlag. Darin geht es ausführlicher auch um die Untergrenze des Strafrechts. Das Buch kann <a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html">jetzt schon vorbestellt werden</a>.</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: basiert auf <a href="https://pixabay.com/illustrations/crime-offense-misstep-outline-268902/">Geralt</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/06a60568b83c4b3ca4184953eb522774" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>27</slash:comments> </item> <item> <title>Mimesis & Weltinnenpolitik – Antisemitismus & Rassismus eskalieren auch aus den USA https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mimesis-weltinnenpolitik-antisemitismus-rassismus-eskalieren-auch-aus-den-usa/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mimesis-weltinnenpolitik-antisemitismus-rassismus-eskalieren-auch-aus-den-usa/#comments Fri, 06 Feb 2026 14:28:32 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11027 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeSATRedeStuttgart050225-768x432.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mimesis-weltinnenpolitik-antisemitismus-rassismus-eskalieren-auch-aus-den-usa/</link> </image> <description type="html"><h1>Mimesis & die Eskalation von Antisemitismus auch in den USA</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Bereits 1963 prägte der Physiker und Philosoph <strong>Carl Friedrich von Weizsäcker </strong>(1912 – 2007) den für mich wichtigen Begriff der <em><strong>“Weltinnenpolitik”</strong></em>. Die elektronischen Medien Telegramm, Radio und Fernsehen (TV) sorgten für einen immer schnelleren Nachrichtenstrom, der die überholten Grenzen zwischen Innen- und Außenpolitik auch im Gefühl in Frage stellte.</p> <p>Mit der Internet-Digitalisierung ist dies weiter eskaliert, gerade auch im Bereich des Antisemitismus: Vorgänge etwa in Israel, in Australien, den Amerikas oder auch in Grönland strömen in Minuten auch nach Baden-Württemberg, wo meine Kolleginnen und Kollegen in Lehrerschaft und Polizei direkt betroffen sind.</p> <p>Und schon als ich in der ersten Oktoberwoche 2023 in Washington, USA, meine dortige Kollegin <strong>Deborah Lipstadt</strong> und <strong>die Anti-Defamation League (ADL)</strong> besuchte, erlebte ich eine deutliche Sorge wegen der Zunahmen von antisemitischem Verschwörungsglauben auch in den Vereinigten Staaten von Amerika!</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/trump-attackiert-israel-nennt-iran-hamas-smart/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Michael Blume links und Deborah Lipstadt rechts im US-State Department, Washington, 05. Oktober 2023" decoding="async" height="1152" sizes="(max-width: 1200px) 100vw, 1200px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8372-e1697099731323.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8372-e1697099731323.jpeg 1200w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8372-e1697099731323-300x288.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8372-e1697099731323-1024x983.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8372-e1697099731323-768x737.jpeg 768w" width="1200"></img></a></p> <p><em>Gespräch mit der US-Beauftragten gegen Antisemitismus <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Deborah_Lipstadt">Deborah Lipstadt</a> im US-State Department, Washington, 5. Oktober 2023. Foto: Staatsministerium BW</em><aside></aside></p> <p>Leider hat die Trump-Regierung die geschätzte Kollegin inzwischen entlassen. Und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verlieren-lernen-um-zu-ueberleben-digitale-thymotisierung-die-saekulare-enge-der-zeit/">bei der ADL wurde mir ein Buch des Vorsitzenden <strong>Jonathan Greenblatt</strong> mit dem warnenden Titel <strong><em>“It could happen here”</em></strong> überreicht</a>.</p> <p>Was noch wenige wissen: <strong><em>Mehr und mehr Jüdinnen und Juden aus den Amerikas und auch aus Israel bemühen sich derzeit wieder um deutsche und generell europäische Pässe, weil sie einen Zusammenbruch demokratischer Systeme befürchten müssen.</em></strong> </p> <p>Gerade sagte 1922 in Hamburg geborene, nun 103jährige <a href="https://www.youtube.com/watch?v=XEkE4BZyu4Y">Holocaust-Überlebende <strong>Ruth Gruenthal </strong>gegenüber der Deutschen Welle in New York</a>:</p> <p><em>„For many years, I thought that what happened in Germany could only have happened in Germany. I now realize that was wrong. It could happen here. </em><em>It may happen here.“</em></p> <p>Auf Deutsch: <em>„Viele Jahre lang glaubte ich, was in Deutschland geschehen ist, konnte nur in Deutschland geschehen. Ich verstehe nun, dass ich mich geirrt habe. Es könnte auch hier geschehen. Es wird womöglich hier geschehen.“</em></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/XEkE4BZyu4Y?feature=oembed&amp;rel=0" title="American Jews reclaim German citizenship | DW News" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Und erinnern Sie sich noch an die bizarren Wahlkampfbehauptung von <strong>Donald Trump</strong>, dass <strong>Haitianer in Springfield, Ohio</strong> <em>“Katzen und Hunde essen”</em> würden? Wie wir inzwischen <a href="https://snyder.substack.com/p/ethnic-cleansing-in-ohio">dank <strong>Timothy Snyder</strong> wissen</a>, steckt dahinter eine gezielte und leider erfolgreiche Medienkampagne des Trump-Vizes <strong>J.D. Vance</strong> und <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Blood_Tribe_(neo-Nazi_group)">der Neo-Nazi-Gruppe “Blood Tribe”</a>, die mit Hakenkreuzen auftrat!</p> <p>Als ich gestern vor <strong>den Polizei-Kolleginnen und Kollegen des Staatsschutz- und Antiterrorismuszentrums Baden-Württemberg (SAT BW)</strong> – und also vor auch fachlich europaweit geachteten Profis – sprechen durfte, war mir also klar, dass ich keinesfalls an der Oberfläche bleiben durfte.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeSATBWRede050226MimesisUSAWeltAntisemitismus.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Dr. Michael Blume spricht frei vor zahlreichen Mitarbeitenden des SAT BW am 5. Februar 2026 im Stuttgarter Rathaus." decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeSATRedeStuttgart050225.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeSATRedeStuttgart050225.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeSATRedeStuttgart050225-300x169.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeSATRedeStuttgart050225-768x432.jpeg 768w" width="1024"></img></a></p> <p><em>Freie Rede vor Kolleginnen und Kollegen von SAT BW am 5.2.206 zum Thema “Aktuelle Herausforderungen bei der Bekämpfung des Antisemitismus” in Stuttgart. Foto: Michael Blume, Rathaus Stuttgart</em></p> <p>Ich schrieb also eine <strong>duale Rede</strong>, in der ich <strong>die Eskalation des Antisemitismus auch aus den USA in der zweiten Amtszeit Trump</strong> sowie <strong>die Medienpsychologie der Mimesis</strong> anhand von zwei Objekten thematisierte: dem Buch von Greenblatt und einem Faustkeil.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeSATBWRede050226MimesisUSAWeltAntisemitismus.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Links hält Michael Blume die Nachbildung eines steinzeitlichen Faustkeils in der Hand, rechts liegt das ihm überreichte Exemplar des Buches &quot;It could happen here&quot; von Jonathan Greenblatt." decoding="async" height="2457" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1505-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1505-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1505-300x288.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1505-1024x983.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1505-768x737.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1505-1536x1474.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1505-2048x1965.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Mit dem Objekt eines Steinkeils erklärte ich <strong>die Medienpsychologie der Mimesis</strong> und mit <strong>“It could happen here” von Jonathan Greenblatt die Rechtsmimesis in den USA</strong>. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Da ich verschiedentlich danach gefragt wurde, stelle ich Ihnen hier <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeSATBWRede050226MimesisUSAWeltAntisemitismus.pdf">den – Warnung: fachlichen – Redetext von <em><strong>“Aktuelle Herausforderungen des Antisemitismus – Mimesis und Weltinnenpolitik am Beispiel der USA” </strong></em>zur Verfügung</a>. Über dialogisches Interesse, Fragen und konstruktive Anregungen freue ich mich selbstverständlich wieder sehr. Ein klares Verständnis von positiver und negativer Mimesis – auch konkret als Bildungseifer versus Bildungsneid – ist nach meinem Verständnis für unser aller Zukunft entscheidend.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/UbUUu2AggW8?feature=oembed&amp;rel=0" title="Menschliche Psychologie mit Mimesis verstehen, inkl. #BeGood &amp; Faustkeil" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Mimesis & die Eskalation von Antisemitismus auch in den USA</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Bereits 1963 prägte der Physiker und Philosoph <strong>Carl Friedrich von Weizsäcker </strong>(1912 – 2007) den für mich wichtigen Begriff der <em><strong>“Weltinnenpolitik”</strong></em>. Die elektronischen Medien Telegramm, Radio und Fernsehen (TV) sorgten für einen immer schnelleren Nachrichtenstrom, der die überholten Grenzen zwischen Innen- und Außenpolitik auch im Gefühl in Frage stellte.</p> <p>Mit der Internet-Digitalisierung ist dies weiter eskaliert, gerade auch im Bereich des Antisemitismus: Vorgänge etwa in Israel, in Australien, den Amerikas oder auch in Grönland strömen in Minuten auch nach Baden-Württemberg, wo meine Kolleginnen und Kollegen in Lehrerschaft und Polizei direkt betroffen sind.</p> <p>Und schon als ich in der ersten Oktoberwoche 2023 in Washington, USA, meine dortige Kollegin <strong>Deborah Lipstadt</strong> und <strong>die Anti-Defamation League (ADL)</strong> besuchte, erlebte ich eine deutliche Sorge wegen der Zunahmen von antisemitischem Verschwörungsglauben auch in den Vereinigten Staaten von Amerika!</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/trump-attackiert-israel-nennt-iran-hamas-smart/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Michael Blume links und Deborah Lipstadt rechts im US-State Department, Washington, 05. Oktober 2023" decoding="async" height="1152" sizes="(max-width: 1200px) 100vw, 1200px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8372-e1697099731323.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8372-e1697099731323.jpeg 1200w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8372-e1697099731323-300x288.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8372-e1697099731323-1024x983.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8372-e1697099731323-768x737.jpeg 768w" width="1200"></img></a></p> <p><em>Gespräch mit der US-Beauftragten gegen Antisemitismus <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Deborah_Lipstadt">Deborah Lipstadt</a> im US-State Department, Washington, 5. Oktober 2023. Foto: Staatsministerium BW</em><aside></aside></p> <p>Leider hat die Trump-Regierung die geschätzte Kollegin inzwischen entlassen. Und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verlieren-lernen-um-zu-ueberleben-digitale-thymotisierung-die-saekulare-enge-der-zeit/">bei der ADL wurde mir ein Buch des Vorsitzenden <strong>Jonathan Greenblatt</strong> mit dem warnenden Titel <strong><em>“It could happen here”</em></strong> überreicht</a>.</p> <p>Was noch wenige wissen: <strong><em>Mehr und mehr Jüdinnen und Juden aus den Amerikas und auch aus Israel bemühen sich derzeit wieder um deutsche und generell europäische Pässe, weil sie einen Zusammenbruch demokratischer Systeme befürchten müssen.</em></strong> </p> <p>Gerade sagte 1922 in Hamburg geborene, nun 103jährige <a href="https://www.youtube.com/watch?v=XEkE4BZyu4Y">Holocaust-Überlebende <strong>Ruth Gruenthal </strong>gegenüber der Deutschen Welle in New York</a>:</p> <p><em>„For many years, I thought that what happened in Germany could only have happened in Germany. I now realize that was wrong. It could happen here. </em><em>It may happen here.“</em></p> <p>Auf Deutsch: <em>„Viele Jahre lang glaubte ich, was in Deutschland geschehen ist, konnte nur in Deutschland geschehen. Ich verstehe nun, dass ich mich geirrt habe. Es könnte auch hier geschehen. Es wird womöglich hier geschehen.“</em></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/XEkE4BZyu4Y?feature=oembed&amp;rel=0" title="American Jews reclaim German citizenship | DW News" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Und erinnern Sie sich noch an die bizarren Wahlkampfbehauptung von <strong>Donald Trump</strong>, dass <strong>Haitianer in Springfield, Ohio</strong> <em>“Katzen und Hunde essen”</em> würden? Wie wir inzwischen <a href="https://snyder.substack.com/p/ethnic-cleansing-in-ohio">dank <strong>Timothy Snyder</strong> wissen</a>, steckt dahinter eine gezielte und leider erfolgreiche Medienkampagne des Trump-Vizes <strong>J.D. Vance</strong> und <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Blood_Tribe_(neo-Nazi_group)">der Neo-Nazi-Gruppe “Blood Tribe”</a>, die mit Hakenkreuzen auftrat!</p> <p>Als ich gestern vor <strong>den Polizei-Kolleginnen und Kollegen des Staatsschutz- und Antiterrorismuszentrums Baden-Württemberg (SAT BW)</strong> – und also vor auch fachlich europaweit geachteten Profis – sprechen durfte, war mir also klar, dass ich keinesfalls an der Oberfläche bleiben durfte.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeSATBWRede050226MimesisUSAWeltAntisemitismus.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Dr. Michael Blume spricht frei vor zahlreichen Mitarbeitenden des SAT BW am 5. Februar 2026 im Stuttgarter Rathaus." decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeSATRedeStuttgart050225.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeSATRedeStuttgart050225.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeSATRedeStuttgart050225-300x169.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeSATRedeStuttgart050225-768x432.jpeg 768w" width="1024"></img></a></p> <p><em>Freie Rede vor Kolleginnen und Kollegen von SAT BW am 5.2.206 zum Thema “Aktuelle Herausforderungen bei der Bekämpfung des Antisemitismus” in Stuttgart. Foto: Michael Blume, Rathaus Stuttgart</em></p> <p>Ich schrieb also eine <strong>duale Rede</strong>, in der ich <strong>die Eskalation des Antisemitismus auch aus den USA in der zweiten Amtszeit Trump</strong> sowie <strong>die Medienpsychologie der Mimesis</strong> anhand von zwei Objekten thematisierte: dem Buch von Greenblatt und einem Faustkeil.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeSATBWRede050226MimesisUSAWeltAntisemitismus.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Links hält Michael Blume die Nachbildung eines steinzeitlichen Faustkeils in der Hand, rechts liegt das ihm überreichte Exemplar des Buches &quot;It could happen here&quot; von Jonathan Greenblatt." decoding="async" height="2457" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1505-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1505-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1505-300x288.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1505-1024x983.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1505-768x737.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1505-1536x1474.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1505-2048x1965.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Mit dem Objekt eines Steinkeils erklärte ich <strong>die Medienpsychologie der Mimesis</strong> und mit <strong>“It could happen here” von Jonathan Greenblatt die Rechtsmimesis in den USA</strong>. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Da ich verschiedentlich danach gefragt wurde, stelle ich Ihnen hier <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeSATBWRede050226MimesisUSAWeltAntisemitismus.pdf">den – Warnung: fachlichen – Redetext von <em><strong>“Aktuelle Herausforderungen des Antisemitismus – Mimesis und Weltinnenpolitik am Beispiel der USA” </strong></em>zur Verfügung</a>. Über dialogisches Interesse, Fragen und konstruktive Anregungen freue ich mich selbstverständlich wieder sehr. Ein klares Verständnis von positiver und negativer Mimesis – auch konkret als Bildungseifer versus Bildungsneid – ist nach meinem Verständnis für unser aller Zukunft entscheidend.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/UbUUu2AggW8?feature=oembed&amp;rel=0" title="Menschliche Psychologie mit Mimesis verstehen, inkl. #BeGood &amp; Faustkeil" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mimesis-weltinnenpolitik-antisemitismus-rassismus-eskalieren-auch-aus-den-usa/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>38</slash:comments> </item> <item> <title>Boden des Jahres 2026 – Der Archivboden https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/boden-des-jahres-2026-der-archivboden/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/boden-des-jahres-2026-der-archivboden/#respond Thu, 05 Feb 2026 22:39:42 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3735 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-768x576.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/boden-des-jahres-2026-der-archivboden/</link> </image> <description type="html"><h1>Boden des Jahres 2026 – Der Archivboden » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p><span><svg aria-hidden="true" data-icon="clock" fill="none" focusable="false" height="20" role="img" stroke="currentColor" style="display:inline-block;vertical-align:-0.1em" viewbox="0 0 24 24" width="20" xmlns="http://www.w3.org/2000/svg"><path d="M12 8v4l3 3m6-3a9 9 0 11-18 0 9 9 0 0118 0z" stroke-linecap="round" stroke-linejoin="round" stroke-width="2"></path></svg></span><span></span><span></span><span>Estimated reading time: </span><span>6</span><span> Minuten</span></p> <div><h2>Key Takeaways</h2> <ul> <li>Im Jahr 2026 wurde der Archivboden als Boden des Jahres ausgewählt, um dessen Bedeutung als Archiv für Klima und menschliche Aktivitäten hervorzuheben.</li> <li>Archivböden sind keine eigenständige Bodenart, sondern eine Gruppe von Böden mit besonderen Eigenschaften, die uns viel über die Vergangenheit erzählen können.</li> <li>Zu den Archivböden gehören Paläoböden, Moorböden und Böden mit besonderen geologischen Formationen, die menschliche Einflüsse widerspiegeln.</li> <li>Die Vielfalt der Archivböden erschwert die Beurteilung ihres Wertes, weshalb es Empfehlungen zum Schutz gibt.</li> <li>Archivböden sind schützenswert, da sie unser kulturelles und natürliches Erbe bewahren und zukünftigen Generationen wertvolle Informationen liefern.</li> </ul> </div> <p>Natürlich gibt es auch im Jahr 2026 wieder einen Boden des Jahres. Das Kuratorium hat diesmal jedoch nicht einen einzelnen Boden, sondern eine ganze Gruppe ausgewählt: der Archivboden. Damit soll unter anderem auf die Bedeutung der Böden als Archiv hingewiesen werden. Denn Böden sind nicht nur wichtige Ressourcen für die Natur und uns Menschen, sondern sie „merken” sich auch vieles, das mit ihnen passiert oder was wir mit ihnen anstellen. Somit liefern sie uns wichtige Informationen über frühere Klimaentwicklungen und menschliche Aktivitäten.</p> <h2 id="h-archivboden-was-ist-das">Archivboden, was ist das?</h2> <p>Böden sind dynamische Systeme. Sie entwickeln sich je nach Ausgangsgestein, Klima oder menschlicher Nutzung. Jeder dieser Faktoren hinterlässt seine Spuren im Boden. Auch geologische Ereignisse wie Vulkanausbrüche oder Überflutungen merken sich die Böden in der Regel sehr gut. Damit stellen Böden ein wichtiges Archiv dar, aus dem wir unser Wissen über vergangene Ereignisse, menschliche Nutzungen oder besondere Vorkommnisse erweitern können. Wie gut der Boden sich alles merkt, hängt jedoch auch stark vom jeweiligen Bodentyp ab. Ähnlich wie bei uns Menschen haben einige ein besseres Gedächtnis als andere. Mit der Wahl der Archivböden zum „Boden des Jahres” sollen diese in den Fokus gerückt werden. Lassen wir die Böden ihre Geschichten erzählen! Denn auch diese Böden sind bedroht. Werden sie überbaut oder tiefgründig umgegraben, verlieren sie ihr Gedächtnis für immer. Hinzu kommt, dass das Bodenschutzrecht bislang zumindest für die Archivfunktion der Böden keine Schutzgebiete ausweist.</p> <h2 id="h-schutzwurdig-oder-nicht">Schutzwürdig, oder nicht?</h2> <p>Die große Vielfalt der Archivböden kann es im Einzelfall erschweren, deren besonderen Wert als Archiv zu beurteilen. Bund und Länder haben daher als Hilfestellung die Arbeitshilfe „<a href="https://www.labo-deutschland.de/documents/Leitfaden_Archivboeden_335.pdf">Empfehlungen zur Bewertung und zum Schutz von Böden mit besonderer Funktion als Archiv der Natur- und Kulturgeschichte</a>“ bereitgestellt. Ein entscheidendes Kriterium ist demnach die Frage, ob die Prozesse, die zur Entstehung des betreffenden Bodens in seiner heutigen Erscheinungsform geführt haben, besonders typisch sind. Schutzwürdig sind außerdem Spuren alter Bodenbildungen aus früheren Klimaperioden ebenso wie kulturhistorische Hinterlassenschaften.</p> <h2 id="h-beispiele-fur-archivboden">Beispiele für Archivböden</h2> <p>Wie oben bereits gesagt, handelt es sich bei Archivböden nicht um eine eigene Bodenart, sondern um eine Gruppe von Böden beziehungsweise um eine Eigenschaft von Böden. Daher können unter diesem Begriff auch ganz unterschiedliche Böden zusammengefasst werden. Einige dieser Böden waren bereits selbst Böden des Jahres und wurden in früheren Blogbeiträgen vorgestellt. In diesem Fall verlinke ich einfach auf den entsprechenden Blogbeitrag.<aside></aside></p> <h3 id="h-boden-mit-besonderen-oder-seltenen-bodenbildungen">Böden mit besonderen oder seltenen Bodenbildungen</h3> <p>Eine andere Kategorie sind die Paläoböden, also ältere Bodenbildungen aus vergangenen geologischen Perioden. Sie erzählen uns heute viel über die damaligen Umwelt- und Klimabedingungen. Hierbei sind die Roterden, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Saprolith">Saprolithe</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ferralsol">Ferralite</a> und <a href="https://www.spektrum.de/lexikon/geographie/fersiallit/2435">Fersialite</a> von Bedeutung. Dies sind meist tropische oder subtropische Böden, die auf chemischer Verwitterung von Gesteinen beruhen. Sie sind mehrheitlich rötlich gefärbt und bestehen hauptsächlich aus den namensgebenden Elementen Eisen, Aluminium und Silizium. Daneben gibt es die Terra fusca, die im Deutschen etwas unromantisch als Kalksteinbraunlehm bezeichnet wird. Nicht zu vergessen sind auch die fossilen Bodenbildungen, die sich manchmal in mächtigen Lössablagerungen finden lassen.</p> <h3 id="h-moorboden">Moorböden</h3> <p>Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/niedermoor/">Moorböden</a> hatten wir ja auch schon als Boden des Jahres, zumindest den Niedermoorboden, nämlich als Boden des Jahres 2012. Hier ist besonders die Eigenschaft als Klima- und Vegetationsarchiv das Kriterium.</p> <h3 id="h-geologische-bildungen-und-ereignisse">Geologische Bildungen und Ereignisse</h3> <p>Böden können auch besondere geologische Prozesse abbilden. So etwa als Eiskeilpseudomorphosen oder als Würge- und <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/spuren-vergangener-klimaschwankungen-brodelb-den/">Brodelböden</a>. Hierzu kommen noch Steinpflaster und <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/der-boden-des-jahres-2021-loessboden/">Lössprofile</a>. Weiterhin kann m an auch Felsenmeere, Seekreideablagerungen, die vulkanischen Aschen beispielsweise des <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/tagebuch-eines-vulkanausbruchs-die-wingertsbergwand/">Laacher See Ausbruches</a>, Flugsanddünen oder mesozoische Verwitterungsdecken.</p> <figure><div> <a href="https://flic.kr/p/9URJ9i"><img alt="Würgeboden" decoding="async" height="427" src="https://live.staticflickr.com/2620/5849014193_c34eb9795d_z.jpg" width="640"></img></a> </div><figcaption><em>Brodelboden im Tal der Schmalen Aue bei Jesteburg, Eigenes Foto.</em></figcaption></figure> <h3 id="h-menschliche-aktivitaten">Menschliche Aktivitäten</h3> <p>Auch der Mensch hat den Böden, die er nutzt, oft seinen Stempel aufgedrückt. Ein Blick in den Boden kann daher manchmal viel über menschliche Aktivitäten und vergangene Bewirtschaftungsmethoden verraten. Ein Beispiel hierfür sind die sogenannten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/W%C3%B6lbacker">Wölbäcker</a>, die auf eine alte Methode des Pflügens zurückgehen, oder der <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/plaggenesch/">Plaggenesch</a>. Ähnlich sehen auch die <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/der-boden-des-jahres-2017-gartenboden/">Gartenböden</a> aus, die 2017 zum Boden des Jahres gewählt wurden.</p> <p>Meilerböden deuten dagegen auf die Tätigkeit der Köhler hin. In einer Zeit, in der Holz und Holzkohle wichtige Energieträger, vor allem für die Metallhütten, waren, kümmerten sich die Köhler um die Herstellung. Dazu wurde Holzkohle in sogenannten Meilern erzeugt. Die darunter liegenden Böden zeigen noch heute Spuren der Hitze, durch die Eisenoxide regelrecht frittiert wurden, sowie eine Schwarzfärbung durch Reste der Holzkohle. Vergleichbares gilt für Bergbaurelikte.</p> <p>Manchmal hat der Mensch auch seine Spuren im Boden hinterlassen, etwa wenn er etwas gebaut oder seine Ahnen begraben hat. Zu den Archivböden zählen beispielsweise auch archäologische Bodendenkmäler wie der römische Limes, alte Grabstellen oder Hohlwege.</p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-2048x1536.jpg 2048w" width="2560"></img><figcaption><em>Profil eines Plaggeneschs mit 40 bis 50 cm Auflage über fossilem Podsol. In der Nähe von Engter / Osnabrück. By Begonia (Own work) [Public domain]</em></figcaption></figure> <h2 id="h-schutzenswert">Schützenswert</h2> <p>Archivböden bewahren also unsere natürliches und kulturelles Erbe und verdienen daher auch unseren Schutz. Sie stellen wertvolle Geotope dar, die uns viel über uns und unsere Umwelt lernen lassen. Wir müssen ihnen nur zuhören. Und sie schützen, damit auch weitere Generationen an ihren Geschichten teilhaben können.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Boden des Jahres 2026 – Der Archivboden » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p><span><svg aria-hidden="true" data-icon="clock" fill="none" focusable="false" height="20" role="img" stroke="currentColor" style="display:inline-block;vertical-align:-0.1em" viewbox="0 0 24 24" width="20" xmlns="http://www.w3.org/2000/svg"><path d="M12 8v4l3 3m6-3a9 9 0 11-18 0 9 9 0 0118 0z" stroke-linecap="round" stroke-linejoin="round" stroke-width="2"></path></svg></span><span></span><span></span><span>Estimated reading time: </span><span>6</span><span> Minuten</span></p> <div><h2>Key Takeaways</h2> <ul> <li>Im Jahr 2026 wurde der Archivboden als Boden des Jahres ausgewählt, um dessen Bedeutung als Archiv für Klima und menschliche Aktivitäten hervorzuheben.</li> <li>Archivböden sind keine eigenständige Bodenart, sondern eine Gruppe von Böden mit besonderen Eigenschaften, die uns viel über die Vergangenheit erzählen können.</li> <li>Zu den Archivböden gehören Paläoböden, Moorböden und Böden mit besonderen geologischen Formationen, die menschliche Einflüsse widerspiegeln.</li> <li>Die Vielfalt der Archivböden erschwert die Beurteilung ihres Wertes, weshalb es Empfehlungen zum Schutz gibt.</li> <li>Archivböden sind schützenswert, da sie unser kulturelles und natürliches Erbe bewahren und zukünftigen Generationen wertvolle Informationen liefern.</li> </ul> </div> <p>Natürlich gibt es auch im Jahr 2026 wieder einen Boden des Jahres. Das Kuratorium hat diesmal jedoch nicht einen einzelnen Boden, sondern eine ganze Gruppe ausgewählt: der Archivboden. Damit soll unter anderem auf die Bedeutung der Böden als Archiv hingewiesen werden. Denn Böden sind nicht nur wichtige Ressourcen für die Natur und uns Menschen, sondern sie „merken” sich auch vieles, das mit ihnen passiert oder was wir mit ihnen anstellen. Somit liefern sie uns wichtige Informationen über frühere Klimaentwicklungen und menschliche Aktivitäten.</p> <h2 id="h-archivboden-was-ist-das">Archivboden, was ist das?</h2> <p>Böden sind dynamische Systeme. Sie entwickeln sich je nach Ausgangsgestein, Klima oder menschlicher Nutzung. Jeder dieser Faktoren hinterlässt seine Spuren im Boden. Auch geologische Ereignisse wie Vulkanausbrüche oder Überflutungen merken sich die Böden in der Regel sehr gut. Damit stellen Böden ein wichtiges Archiv dar, aus dem wir unser Wissen über vergangene Ereignisse, menschliche Nutzungen oder besondere Vorkommnisse erweitern können. Wie gut der Boden sich alles merkt, hängt jedoch auch stark vom jeweiligen Bodentyp ab. Ähnlich wie bei uns Menschen haben einige ein besseres Gedächtnis als andere. Mit der Wahl der Archivböden zum „Boden des Jahres” sollen diese in den Fokus gerückt werden. Lassen wir die Böden ihre Geschichten erzählen! Denn auch diese Böden sind bedroht. Werden sie überbaut oder tiefgründig umgegraben, verlieren sie ihr Gedächtnis für immer. Hinzu kommt, dass das Bodenschutzrecht bislang zumindest für die Archivfunktion der Böden keine Schutzgebiete ausweist.</p> <h2 id="h-schutzwurdig-oder-nicht">Schutzwürdig, oder nicht?</h2> <p>Die große Vielfalt der Archivböden kann es im Einzelfall erschweren, deren besonderen Wert als Archiv zu beurteilen. Bund und Länder haben daher als Hilfestellung die Arbeitshilfe „<a href="https://www.labo-deutschland.de/documents/Leitfaden_Archivboeden_335.pdf">Empfehlungen zur Bewertung und zum Schutz von Böden mit besonderer Funktion als Archiv der Natur- und Kulturgeschichte</a>“ bereitgestellt. Ein entscheidendes Kriterium ist demnach die Frage, ob die Prozesse, die zur Entstehung des betreffenden Bodens in seiner heutigen Erscheinungsform geführt haben, besonders typisch sind. Schutzwürdig sind außerdem Spuren alter Bodenbildungen aus früheren Klimaperioden ebenso wie kulturhistorische Hinterlassenschaften.</p> <h2 id="h-beispiele-fur-archivboden">Beispiele für Archivböden</h2> <p>Wie oben bereits gesagt, handelt es sich bei Archivböden nicht um eine eigene Bodenart, sondern um eine Gruppe von Böden beziehungsweise um eine Eigenschaft von Böden. Daher können unter diesem Begriff auch ganz unterschiedliche Böden zusammengefasst werden. Einige dieser Böden waren bereits selbst Böden des Jahres und wurden in früheren Blogbeiträgen vorgestellt. In diesem Fall verlinke ich einfach auf den entsprechenden Blogbeitrag.<aside></aside></p> <h3 id="h-boden-mit-besonderen-oder-seltenen-bodenbildungen">Böden mit besonderen oder seltenen Bodenbildungen</h3> <p>Eine andere Kategorie sind die Paläoböden, also ältere Bodenbildungen aus vergangenen geologischen Perioden. Sie erzählen uns heute viel über die damaligen Umwelt- und Klimabedingungen. Hierbei sind die Roterden, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Saprolith">Saprolithe</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ferralsol">Ferralite</a> und <a href="https://www.spektrum.de/lexikon/geographie/fersiallit/2435">Fersialite</a> von Bedeutung. Dies sind meist tropische oder subtropische Böden, die auf chemischer Verwitterung von Gesteinen beruhen. Sie sind mehrheitlich rötlich gefärbt und bestehen hauptsächlich aus den namensgebenden Elementen Eisen, Aluminium und Silizium. Daneben gibt es die Terra fusca, die im Deutschen etwas unromantisch als Kalksteinbraunlehm bezeichnet wird. Nicht zu vergessen sind auch die fossilen Bodenbildungen, die sich manchmal in mächtigen Lössablagerungen finden lassen.</p> <h3 id="h-moorboden">Moorböden</h3> <p>Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/niedermoor/">Moorböden</a> hatten wir ja auch schon als Boden des Jahres, zumindest den Niedermoorboden, nämlich als Boden des Jahres 2012. Hier ist besonders die Eigenschaft als Klima- und Vegetationsarchiv das Kriterium.</p> <h3 id="h-geologische-bildungen-und-ereignisse">Geologische Bildungen und Ereignisse</h3> <p>Böden können auch besondere geologische Prozesse abbilden. So etwa als Eiskeilpseudomorphosen oder als Würge- und <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/spuren-vergangener-klimaschwankungen-brodelb-den/">Brodelböden</a>. Hierzu kommen noch Steinpflaster und <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/der-boden-des-jahres-2021-loessboden/">Lössprofile</a>. Weiterhin kann m an auch Felsenmeere, Seekreideablagerungen, die vulkanischen Aschen beispielsweise des <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/tagebuch-eines-vulkanausbruchs-die-wingertsbergwand/">Laacher See Ausbruches</a>, Flugsanddünen oder mesozoische Verwitterungsdecken.</p> <figure><div> <a href="https://flic.kr/p/9URJ9i"><img alt="Würgeboden" decoding="async" height="427" src="https://live.staticflickr.com/2620/5849014193_c34eb9795d_z.jpg" width="640"></img></a> </div><figcaption><em>Brodelboden im Tal der Schmalen Aue bei Jesteburg, Eigenes Foto.</em></figcaption></figure> <h3 id="h-menschliche-aktivitaten">Menschliche Aktivitäten</h3> <p>Auch der Mensch hat den Böden, die er nutzt, oft seinen Stempel aufgedrückt. Ein Blick in den Boden kann daher manchmal viel über menschliche Aktivitäten und vergangene Bewirtschaftungsmethoden verraten. Ein Beispiel hierfür sind die sogenannten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/W%C3%B6lbacker">Wölbäcker</a>, die auf eine alte Methode des Pflügens zurückgehen, oder der <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/plaggenesch/">Plaggenesch</a>. Ähnlich sehen auch die <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/der-boden-des-jahres-2017-gartenboden/">Gartenböden</a> aus, die 2017 zum Boden des Jahres gewählt wurden.</p> <p>Meilerböden deuten dagegen auf die Tätigkeit der Köhler hin. In einer Zeit, in der Holz und Holzkohle wichtige Energieträger, vor allem für die Metallhütten, waren, kümmerten sich die Köhler um die Herstellung. Dazu wurde Holzkohle in sogenannten Meilern erzeugt. Die darunter liegenden Böden zeigen noch heute Spuren der Hitze, durch die Eisenoxide regelrecht frittiert wurden, sowie eine Schwarzfärbung durch Reste der Holzkohle. Vergleichbares gilt für Bergbaurelikte.</p> <p>Manchmal hat der Mensch auch seine Spuren im Boden hinterlassen, etwa wenn er etwas gebaut oder seine Ahnen begraben hat. Zu den Archivböden zählen beispielsweise auch archäologische Bodendenkmäler wie der römische Limes, alte Grabstellen oder Hohlwege.</p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-2048x1536.jpg 2048w" width="2560"></img><figcaption><em>Profil eines Plaggeneschs mit 40 bis 50 cm Auflage über fossilem Podsol. In der Nähe von Engter / Osnabrück. By Begonia (Own work) [Public domain]</em></figcaption></figure> <h2 id="h-schutzenswert">Schützenswert</h2> <p>Archivböden bewahren also unsere natürliches und kulturelles Erbe und verdienen daher auch unseren Schutz. Sie stellen wertvolle Geotope dar, die uns viel über uns und unsere Umwelt lernen lassen. Wir müssen ihnen nur zuhören. Und sie schützen, damit auch weitere Generationen an ihren Geschichten teilhaben können.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/boden-des-jahres-2026-der-archivboden/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Save the Date: Meine Vorträge & Lesungen 2026 https://scilogs.spektrum.de/meertext/save-the-date-meine-vortraege-lesungen-2026/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/save-the-date-meine-vortraege-lesungen-2026/#respond Thu, 05 Feb 2026 13:15:32 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1874 <h1>Save the Date: Meine Vorträge & Lesungen 2026 » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <h2 id="h-18-02-2026-darmstadt-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">18.02.2026, Darmstadt: “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung”</h2> <p>Zu Gast beim <a href="https://nwv-darmstadt.de/">Naturwissenschaftlichen Verein Darmstadt e.V. </a>im Hessischen Landesmuseum Darmstadt, Friedensplatz 1, 64283 Darmstadt<br></br>Beginn 18:00 Uhr, kostenlos</p> <p>Jules Verne (1828–1905) ist der Erfinder des wissenschaftlichen Romans mit Science-Fiction-Elementen. Er lebte und schrieb in einer Zeit der bahnbrechenden Erfindungen und Entdeckungen, die er begeistert aufnahm und den Faden weiter bis ins Fiktive spann. Seine Helden stießen in die Ozeane, den Luft- und Weltraum und unter die Erde vor. Vernes zahlreiche Romane enthalten viel Fachwissen, eingebettet in aufregende Abenteuer. Sein Roman „Zwanzigtausend Meilen unter den Meeren” ist eines seiner wichtigsten Werke und ein einzigartiges Zeugnis der Entstehung der Meeresforschung dieser Zeit. Darin schickt der französische Autor seinen Prof. Aronnax, einen berühmten französischen Meeresbiologen, auf ein unglaubliches Abenteuer durch die Ozeane, von exotischen Inseln bis in die Tiefsee und zum Südpol. Dafür erdachte Verne das erste literarische Tauchboot und erschuf den rätselhaften, düsteren Kapitän Nemo als Aronnax` Antagonisten. Wieviel Wissenschaft und Technik steckt in Vernes Meeresepos? Wie war der Stand des Wissens und der Wissenschaft und was hat sich der Autor ausgedacht? Wie recherchierte Verne diese Fakten und was war der gesellschaftspolitische Hintergrund für die Buchreihe “Phantastische Reisen”?</p> <p>Außerdem verrate ich, welchen Bezug das Buch zum HLMD hat…</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="350" sizes="(max-width: 228px) 100vw, 228px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg 228w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_-195x300.jpg 195w" width="228"></img></a><figcaption>Signiert oder unsigniert, erhältlich im <a href="https://www.shop-hirnkost.de/produkt/signiert-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung/">hirnkost-Shop</a> oder direkt bei mir</figcaption></figure> <h2 id="h-24-02-2026-pottwale-mythos-und-wirklichkeit">24.02.2026: “Pottwale – Mythos und Wirklichkeit”</h2> <p><a href="https://www.bund-hessen.de/stadtnaturzentrum/">BUND Zentrum für Stadtnatur</a>, Klappacher Straße 27 64285 Darmstadt<br></br>Zufahrt zur Orangerie von der Klappacher Straße aus, 1. Tor links (hinter dem Gebäude des Grünflächenamtes)<br></br><a href="https://www.darmstadt-vhs.de/kurssuche/kurs/Jules-Verne-und-die-Entdeckung-der-Meeresforschung/H104-02">Beginn 19:00 Uhr, kostenlos</a> <a href="https://www.darmstadt-vhs.de/kurssuche/kurs/Jules-Verne-und-die-Entdeckung-der-Meeresforschung/H104-02">(VHS-Kurs, hybrid)</a></p> <p>Der Pottwal (<em>Physeter macrocephalus</em>) ist der größte aller Zahnwale. Er ist der amtierende Tieftauchmeister, hat die größte Nase im Tierreich und ist der größte lebende Beutegreifer. Zugleich ist er eng verknüpft mit der menschlichen Kulturgeschichte: Über Jahrhunderte haben ihm Walfänger nachgestellt, in Romanen wie »Moby-Dick« ist er unsterblich geworden und sein Spermaceti-Öl war für den Menschen lange Zeit unersetzlich.<aside></aside></p> <p>Durch sein Abtauchen und seine gewaltige Größe hat er sich den neugierigen Augen der Menschen lange erfolgreich entzogen, erst mit Hightech-Entwicklungen können Forschende den großen Zahnwalen manchmal auf ihrem Weg in die Tiefen folgen. Umfangreiche Feldforschungen vor den Galapagos-Inseln und anderswo zeigen, dass Pottwale eine eigene Form von Kultur und Sprachen haben. Mit Hilfe von KI und anderen digitalen Werkzeugen findet ein interdisziplinäres Team gerade mehr über die Sprache der Leviathane heraus.</p> <h2 id="h-03-03-2026-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">03.03.2026: “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung”</h2> <p><a href="https://www.bund-hessen.de/stadtnaturzentrum/">BUND Zentrum für Stadtnatur</a>, Klappacher Straße 27 64285 Darmstadt<br></br>Zufahrt zur Orangerie von der Klappacher Straße aus, 1. Tor links (hinter dem Gebäude des Grünflächenamtes).<br></br><a href="https://www.darmstadt-vhs.de/programm/kostenfreie-angebote/kurs/Pottwale-Mythos-und-Wirklichkeit/H104-01">Beginn: 19:00 Uhr (VHS-Kurs, hybrid)</a></p> <h2 id="h-02-05-05-05-berlin-metropol-con">02.05/05.05, Berlin, Metropol-Con: </h2> <p>Im Kulturzentrum <em>Silent Green</em> findet wieder die Metropol-Con statt, eine multimediale futuristische und fantastische Convention. Die letzte fand ich schon großartig, die Entscheidung, welche Lesung und welchen Vortrag ich hören wollte, war echt schwierig. Diesmal ist die Metropol-Con sogar Euro-Con. D. h., der Austragungsort für das jährliche europaweite SF-Spektakel. Darum sind diesmal Vorträge und Lesungen aus ganz Europa dabei, die meisten auf Englisch. Als Ehrengäste stehen jetzt schon Becky Chambers und Aiki Mira fest – ich bin von den Büchern beider begeistert und freue mich schon sehr darauf.<p>Ich bin dabei mit:</p><br></br><strong>Vortrag/Lesung: Jules Verne and the Discovery of Marine Research</strong></p> <p><strong>Vortrag:</strong> <strong>Mycel und Mythos: Pilze in SF-Plots</strong><p>Das Reich der Pilze lebt in schätzungsweise über 1,5 Millionen Arten global in allen Lebensräumen, ist aber in Science Fiction-Büchern und -Filmen stark unterrepräsentiert. Aliens sind stattdessen meist nach Menschen, Tiere oder seltener auch Pflanzen und deren Eigenschaften konzipiert.</p><br></br>Mit ihrem Leben im Feuchten und Dunklen, dem geheimnisvollen Myzelnetzwerk als extreme Kolonieform und Symbiosepartner, ihrem extrem schnellen Wachstum und ihrer Vorliebe für tote organischer Materie erscheinen sie Menschen oft unheimlich. Und pathogene Eigenschaften bedrohen auch die menschliche Gesundheit. Manche parasitären Pilzgruppen befallen lebende Tiere und versklaven sie – das pilzgesteuerte Tier vollführt absurde Verhaltensweisen und stirbt schließlich. Zuletzt platzt der Kadaver auf und setzt Pilzsporen frei, der Triumph der vermeintlich niederen Lebensform lässt Menschen schaudern.<br></br>Dass vor allem solche Parasiten als Horror-Gegner in SF-Szenarien auftreten, ist wenig überraschend. Dabei haben die Myzelnetzwerke und Kolonien wesentlich mehr Skills: Einige Schleimpilze können wie digitale Netzwerke Probleme lösen: So bildete eine Schleimpilzkolonie den Tokioter U-Bahn-Plan nach. Außerdem bietet das Reich der Fungi Weltrettungskompetenzen – es ist Essen, Medizin, Material-Rohstoff und Schadstofffilter gleichermaßen. Und die halluzinogenen Eigenschaften lassen Menschen seit Jahrtausenden zumindest mental abheben.<br></br>Der Vortrag gibt einen Überblick über das Reich der Fungi und ihr World Wood Web und analysiert verschiedene SF-Stories mit Pilz-Protagonisten vor auf ihren Realitätsbezug.</p> <p>Jede/r kann dorthin kommen. Ganz besonders willkommen in SupporterInnen, die jetzt schon ihr Ticket bestellen. Das ist erstens günstiger und gibt zweitens dem Orga-Team die teils im Voraus nötige finanzielle Unterstützung. Die Location ist ziemlich schräg: ein altes Krematorium, das nun zum modernen Kulturzentrum wurde. In den Keller, zu den Buch- und anderen Verkaufsständen geht es über eine Betonrampe…</p> <figure></figure> <p>Die Saison für Conventions geht gerade erst so richtig los, es kommen bestimmt noch Termine dazu.</p> <h2 id="h-mich-kann-man-buchen">Mich kann man buchen</h2> <p>Neben wissenschaftsjournalistischen Texten zu Biologie, Paläontologie, Klimakrise und anderen naturwissenschaftlichen Themen erzähle ich meine Themen auch gern in populärwissenschaftlichen Vorträgen und Science Performances für Menschen aller Altersgruppen.<br></br>Eine Übersicht über meine Vortrags-Themen gibt es <a href="https://meertext.eu/vortraege/">hier</a>.<br></br>An dieser Stelle sollte ich anmerken, dass ich nicht nur leidenschaftliche Meeresbiologin, sondern auch eine Liebhaberin der wissenschaftsbasierten Science Fiction bin. In Vorträgen hinterfrage ich die wissenschaftlichen Fakten in SF-Szenarien und erzähle noch mehr Wissenswertes dazu.</p> <p>Alle Vorträge und Präsentationen sind allgemein verständlich ausgearbeitet, laufen schnörkellos auf Powerpoint und dauern nach Absprache – meist 45 Minuten.<br></br>Sie können bei <a href="https://meertext.eu/kontakt/">mir</a> von jeder/m und für jede/n gebucht werden, live oder online – für Verein, Schule, Museum, Event oder private Veranstaltungen. Honorar und Reisekosten nach Absprache.</p> <p>Weiterhin biete ich Lesungen zum Jules Verne-Buch sowie Vorlesungen und Workshops für Studierende und Jugendliche an.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Save the Date: Meine Vorträge & Lesungen 2026 » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <h2 id="h-18-02-2026-darmstadt-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">18.02.2026, Darmstadt: “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung”</h2> <p>Zu Gast beim <a href="https://nwv-darmstadt.de/">Naturwissenschaftlichen Verein Darmstadt e.V. </a>im Hessischen Landesmuseum Darmstadt, Friedensplatz 1, 64283 Darmstadt<br></br>Beginn 18:00 Uhr, kostenlos</p> <p>Jules Verne (1828–1905) ist der Erfinder des wissenschaftlichen Romans mit Science-Fiction-Elementen. Er lebte und schrieb in einer Zeit der bahnbrechenden Erfindungen und Entdeckungen, die er begeistert aufnahm und den Faden weiter bis ins Fiktive spann. Seine Helden stießen in die Ozeane, den Luft- und Weltraum und unter die Erde vor. Vernes zahlreiche Romane enthalten viel Fachwissen, eingebettet in aufregende Abenteuer. Sein Roman „Zwanzigtausend Meilen unter den Meeren” ist eines seiner wichtigsten Werke und ein einzigartiges Zeugnis der Entstehung der Meeresforschung dieser Zeit. Darin schickt der französische Autor seinen Prof. Aronnax, einen berühmten französischen Meeresbiologen, auf ein unglaubliches Abenteuer durch die Ozeane, von exotischen Inseln bis in die Tiefsee und zum Südpol. Dafür erdachte Verne das erste literarische Tauchboot und erschuf den rätselhaften, düsteren Kapitän Nemo als Aronnax` Antagonisten. Wieviel Wissenschaft und Technik steckt in Vernes Meeresepos? Wie war der Stand des Wissens und der Wissenschaft und was hat sich der Autor ausgedacht? Wie recherchierte Verne diese Fakten und was war der gesellschaftspolitische Hintergrund für die Buchreihe “Phantastische Reisen”?</p> <p>Außerdem verrate ich, welchen Bezug das Buch zum HLMD hat…</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="350" sizes="(max-width: 228px) 100vw, 228px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg 228w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_-195x300.jpg 195w" width="228"></img></a><figcaption>Signiert oder unsigniert, erhältlich im <a href="https://www.shop-hirnkost.de/produkt/signiert-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung/">hirnkost-Shop</a> oder direkt bei mir</figcaption></figure> <h2 id="h-24-02-2026-pottwale-mythos-und-wirklichkeit">24.02.2026: “Pottwale – Mythos und Wirklichkeit”</h2> <p><a href="https://www.bund-hessen.de/stadtnaturzentrum/">BUND Zentrum für Stadtnatur</a>, Klappacher Straße 27 64285 Darmstadt<br></br>Zufahrt zur Orangerie von der Klappacher Straße aus, 1. Tor links (hinter dem Gebäude des Grünflächenamtes)<br></br><a href="https://www.darmstadt-vhs.de/kurssuche/kurs/Jules-Verne-und-die-Entdeckung-der-Meeresforschung/H104-02">Beginn 19:00 Uhr, kostenlos</a> <a href="https://www.darmstadt-vhs.de/kurssuche/kurs/Jules-Verne-und-die-Entdeckung-der-Meeresforschung/H104-02">(VHS-Kurs, hybrid)</a></p> <p>Der Pottwal (<em>Physeter macrocephalus</em>) ist der größte aller Zahnwale. Er ist der amtierende Tieftauchmeister, hat die größte Nase im Tierreich und ist der größte lebende Beutegreifer. Zugleich ist er eng verknüpft mit der menschlichen Kulturgeschichte: Über Jahrhunderte haben ihm Walfänger nachgestellt, in Romanen wie »Moby-Dick« ist er unsterblich geworden und sein Spermaceti-Öl war für den Menschen lange Zeit unersetzlich.<aside></aside></p> <p>Durch sein Abtauchen und seine gewaltige Größe hat er sich den neugierigen Augen der Menschen lange erfolgreich entzogen, erst mit Hightech-Entwicklungen können Forschende den großen Zahnwalen manchmal auf ihrem Weg in die Tiefen folgen. Umfangreiche Feldforschungen vor den Galapagos-Inseln und anderswo zeigen, dass Pottwale eine eigene Form von Kultur und Sprachen haben. Mit Hilfe von KI und anderen digitalen Werkzeugen findet ein interdisziplinäres Team gerade mehr über die Sprache der Leviathane heraus.</p> <h2 id="h-03-03-2026-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">03.03.2026: “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung”</h2> <p><a href="https://www.bund-hessen.de/stadtnaturzentrum/">BUND Zentrum für Stadtnatur</a>, Klappacher Straße 27 64285 Darmstadt<br></br>Zufahrt zur Orangerie von der Klappacher Straße aus, 1. Tor links (hinter dem Gebäude des Grünflächenamtes).<br></br><a href="https://www.darmstadt-vhs.de/programm/kostenfreie-angebote/kurs/Pottwale-Mythos-und-Wirklichkeit/H104-01">Beginn: 19:00 Uhr (VHS-Kurs, hybrid)</a></p> <h2 id="h-02-05-05-05-berlin-metropol-con">02.05/05.05, Berlin, Metropol-Con: </h2> <p>Im Kulturzentrum <em>Silent Green</em> findet wieder die Metropol-Con statt, eine multimediale futuristische und fantastische Convention. Die letzte fand ich schon großartig, die Entscheidung, welche Lesung und welchen Vortrag ich hören wollte, war echt schwierig. Diesmal ist die Metropol-Con sogar Euro-Con. D. h., der Austragungsort für das jährliche europaweite SF-Spektakel. Darum sind diesmal Vorträge und Lesungen aus ganz Europa dabei, die meisten auf Englisch. Als Ehrengäste stehen jetzt schon Becky Chambers und Aiki Mira fest – ich bin von den Büchern beider begeistert und freue mich schon sehr darauf.<p>Ich bin dabei mit:</p><br></br><strong>Vortrag/Lesung: Jules Verne and the Discovery of Marine Research</strong></p> <p><strong>Vortrag:</strong> <strong>Mycel und Mythos: Pilze in SF-Plots</strong><p>Das Reich der Pilze lebt in schätzungsweise über 1,5 Millionen Arten global in allen Lebensräumen, ist aber in Science Fiction-Büchern und -Filmen stark unterrepräsentiert. Aliens sind stattdessen meist nach Menschen, Tiere oder seltener auch Pflanzen und deren Eigenschaften konzipiert.</p><br></br>Mit ihrem Leben im Feuchten und Dunklen, dem geheimnisvollen Myzelnetzwerk als extreme Kolonieform und Symbiosepartner, ihrem extrem schnellen Wachstum und ihrer Vorliebe für tote organischer Materie erscheinen sie Menschen oft unheimlich. Und pathogene Eigenschaften bedrohen auch die menschliche Gesundheit. Manche parasitären Pilzgruppen befallen lebende Tiere und versklaven sie – das pilzgesteuerte Tier vollführt absurde Verhaltensweisen und stirbt schließlich. Zuletzt platzt der Kadaver auf und setzt Pilzsporen frei, der Triumph der vermeintlich niederen Lebensform lässt Menschen schaudern.<br></br>Dass vor allem solche Parasiten als Horror-Gegner in SF-Szenarien auftreten, ist wenig überraschend. Dabei haben die Myzelnetzwerke und Kolonien wesentlich mehr Skills: Einige Schleimpilze können wie digitale Netzwerke Probleme lösen: So bildete eine Schleimpilzkolonie den Tokioter U-Bahn-Plan nach. Außerdem bietet das Reich der Fungi Weltrettungskompetenzen – es ist Essen, Medizin, Material-Rohstoff und Schadstofffilter gleichermaßen. Und die halluzinogenen Eigenschaften lassen Menschen seit Jahrtausenden zumindest mental abheben.<br></br>Der Vortrag gibt einen Überblick über das Reich der Fungi und ihr World Wood Web und analysiert verschiedene SF-Stories mit Pilz-Protagonisten vor auf ihren Realitätsbezug.</p> <p>Jede/r kann dorthin kommen. Ganz besonders willkommen in SupporterInnen, die jetzt schon ihr Ticket bestellen. Das ist erstens günstiger und gibt zweitens dem Orga-Team die teils im Voraus nötige finanzielle Unterstützung. Die Location ist ziemlich schräg: ein altes Krematorium, das nun zum modernen Kulturzentrum wurde. In den Keller, zu den Buch- und anderen Verkaufsständen geht es über eine Betonrampe…</p> <figure></figure> <p>Die Saison für Conventions geht gerade erst so richtig los, es kommen bestimmt noch Termine dazu.</p> <h2 id="h-mich-kann-man-buchen">Mich kann man buchen</h2> <p>Neben wissenschaftsjournalistischen Texten zu Biologie, Paläontologie, Klimakrise und anderen naturwissenschaftlichen Themen erzähle ich meine Themen auch gern in populärwissenschaftlichen Vorträgen und Science Performances für Menschen aller Altersgruppen.<br></br>Eine Übersicht über meine Vortrags-Themen gibt es <a href="https://meertext.eu/vortraege/">hier</a>.<br></br>An dieser Stelle sollte ich anmerken, dass ich nicht nur leidenschaftliche Meeresbiologin, sondern auch eine Liebhaberin der wissenschaftsbasierten Science Fiction bin. In Vorträgen hinterfrage ich die wissenschaftlichen Fakten in SF-Szenarien und erzähle noch mehr Wissenswertes dazu.</p> <p>Alle Vorträge und Präsentationen sind allgemein verständlich ausgearbeitet, laufen schnörkellos auf Powerpoint und dauern nach Absprache – meist 45 Minuten.<br></br>Sie können bei <a href="https://meertext.eu/kontakt/">mir</a> von jeder/m und für jede/n gebucht werden, live oder online – für Verein, Schule, Museum, Event oder private Veranstaltungen. Honorar und Reisekosten nach Absprache.</p> <p>Weiterhin biete ich Lesungen zum Jules Verne-Buch sowie Vorlesungen und Workshops für Studierende und Jugendliche an.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/save-the-date-meine-vortraege-lesungen-2026/#respond 0 Rezension: „Expedition ins Unbekannte“ – Unterwasser-Archäologie https://scilogs.spektrum.de/meertext/rezension-expedition-ins-unbekannte-unterwasser-archaeologie/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/rezension-expedition-ins-unbekannte-unterwasser-archaeologie/#comments Wed, 04 Feb 2026 18:04:57 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1870 <h1>Rezension: „Expedition ins Unbekannte“ – Unterwasser-Archäologie » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Unterwasser-Archäologie finde ich unglaublich faszinierend. Darum habe ich kürzlich auch mit großem <a href="https://www.zdf.de/video/dokus/terra-x-unterwasser-archaeologie-mit-florian-huber-dokureihe-100/schaetze-unter-wasser-mit-florian-huber-doku-100">Vergnügen die Terra X-Folge „Schätze unter Wasser“</a> geschaut: Darin stellt der Unterwasser-Archäologe Florian Huber vier europäische Wissenschaftsprojekte vor – ein Unterwassermuseum in der Ägäis, steinzeitliche Pfahlbauten auf den Äußeren Hebriden, Tiefseeforschung vor Madeira und ein Wrack in der Ostsee. Kenntnisreich und gut erklärend führte er uns an diese vier europäischen submarinen Forschungsstätten. Im Interview mit den ExpertInnen vor Ort lädt er zum Mit-Erkunden und Mit-Entdecken ein und tauchte auch selbst mit. Da versunkene Schiffe und andere Artefakte gern von Meereswesen als fester Untergrund besiedelt werden, geht Kultur- und Naturwissen dabei Hand in Hand.</p> <p>So hatte Florian Huber für einen Tauchgang vor der portugiesischen Insel Madeira neben den berühmten Tierfilmern Kirsten und Joachim Jakobsen in ihrer “Lula 1000” Platz genommen. Die <a href="https://www.rebikoff.org/about/">Jakobsens und ihr privates Tauchboot (Rebikoff-Niggeler-Stiftung</a>) waren mir seit ihrer spektakulären Beobachtung einer Tiefseeanglerin mit ihrem angehängten Zwergmännchen inmitten eines Strahlenkranzes aus weit ausragenden  Flossenstrahlen und aufgespanntem Schleimnetz bekannt.</p> <p>Darum nahm ich das Angebot von <a href="https://buchcontact.de/">Buch Contact</a>, den Unterwasser-Archäologie-Bildband mit Florian Huber als Herausgeber (Herder Verlag) zu rezensieren, gern an!</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 878px) 100vw, 878px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-878x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-878x1024.jpg 878w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-257x300.jpg 257w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-768x896.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-1316x1536.jpg 1316w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-1755x2048.jpg 1755w" width="878"></img></a><figcaption>Florian Huber: „Expedition ins Unbekannte“ © Verlag Herder GmbH</figcaption></figure> <h2 id="h-expedition-ins-unbekannte"><strong>„Expedition ins Unbekannte“</strong></h2> <p>In „Expedition ins Unbekannte – Spektakuläre Schiffswracks der Tiefsee“ geht es in größere Tiefen. Gerade dort ist die Suche nach archäologischen Faktoren noch sehr jung, da dafür große technische und somit auch finanzielle und logistische Herausforderungen zu meistern sind. Auch wenn es in diesem Band nicht immer in die Tiefsee geht, sondern manchmal auch „nur“ in 100 Meter Tiefe wie in der Ostsee, dem Gardasee oder dem Ärmelkanal bleibt, sind diese Forschungsexpeditionen durchweg spektakulär.</p> <p>Florian Huber hat hier vor allem die Einführung beigesteuert und ein Kapitel zum Schiffsbohrwurm. Dann führen Kapitel für Kapitel die beteiligten Forschenden (darunter auch das Ehepaar Jakobsen) die Leserschaft durch ganz unterschiedliche Szenarien mit großartigen Bildern. Jedes Kapitel erzählt vom Suchen und Finden, vom Tauchen und Bergen. Neben den technischen Details zum Tieftauchen geht es dabei auch um die staubige Suche in Archiven nach Hinweisen zur letzten Reise der Wasservehikel. In der Rekonstruktion der Fahrt und des Sinkens sowie der Umstände des Unglücks steckt die ganze Dramatik von Seegefechten zwischen Kriegsschiffen und den Kämpfen mit Stürmen und Eis. Vor Hunderten von Jahren rissen diese Schiffe Hunderte, manchmal gar über Tausend Menschen mit in den Tod. <aside></aside></p> <p>An die Vorstellung besonders spektakulärer Bergungsmissionen schließt sich ein zweiter Teil an, in dem es um das Verhältnis von Menschen und Tiefsee geht. Darin finden sich dann auch biologische Kapitel und noch mehr Backgroundinformation zur Tiefwasser-Archäologie.</p> <p>Bei einigen Schiffsnamen stutzte ich zunächst – das liegt daran, dass gerade Kriegsschiffsnamen innerhalb einer Marine über die Jahrhunderte hinweg immer wieder vergeben werden. So kommt im Buch ein Flaggschiff der Royal Navy namens <em>HMS Victory</em> vor – allerdings war diese <em>Victory</em> lange vor der Schlacht von Trafalgar gesunken. Es handelte sich also nicht um Nelsons berühmtes Flaggschiff, das heute im Portsmouth Historic Dockyard ankert und, wie die Flagge zeigt, immer noch im aktiven Dienst steht, sondern eine frühere <em>Victory</em>. Von der ich noch nie gehört hatte.</p> <h2 id="h-johan-ronnby-das-geisterschiff-der-ostsee-aufrecht-am-meeresgrund"><strong>Johan Rönnby: “Das Geisterschiff der Ostsee – Aufrecht am Meeresgrund“</strong></h2> <p>Ende des 17. Jahrhunderts sank vor der schwedischen Insel Gotland ein kleines niederländisches Handelsschiff, eine sogenannte <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Fleute">Fleute.</a> Das Wrack steht aufrecht auf dem Meeresgrund in 125 Metern Tiefe, in totaler Dunkelheit. Wegen der niedrigen Temperaturen der Ostsee leben hier keine Schiffsbohrmuscheln (<em>Teredo navalis</em>) und auch andere biologische Aktivität ist reduziert, dadurch bleiben hölzerne Rümpfe oft perfekt erhalten. Dieses und andere Wracks in der Nähe bilden die Bedeutung der Ostsee und der Insel Gotland für Handel und Politik dieser Zeit ab.</p> <p>Solche leistungsstarken Frachtsegler waren mit ihren großen Laderäumen das Rückgrat der frühzeitlichen Weltwirtschaft. Der Ostindien-Handel und die Rohstoffe aus den Kolonien in der neuen Welt brachten Amsterdam und anderen niederländischen Seestädten großen Reichtum, die Waren wurden auch über die Ostsee weiter nach Osten und Norden transportiert. Tausende Handelsschiffe brachten Manufakturerzeugnisse, exotische Gewürze und Stoffe sowie Salz dort hin und nahmen Eisen, Kupfer, Kalk, Holz und Getreide als Ladung für den Rückweg auf.</p> <p>Per Tauchroboter (ROV)<a href="https://www.deepseareporter.com/an-underwater-museum-the-archaeologist-about-the-unique-capabilities-of-the-baltic-sea/"> erkundete das Team um den Meeresarchäologen Johan Rönneby</a> Details der Ladung im Innern – durch eine Luke waren zerborstene Fässer und ein paar Holzschuhe zu erkennen. Sie entdeckten die Bordküche mit dem Herd sowie Überreste eines geschnitzten hölzernen Schwans, der ursprünglich am Heckspiegel angebracht war – möglicherweise hieß das Schiff „Schwan“.<br></br>Außerdem fanden sie Hinweise darauf, dass das kleine Schiff ein Leck bekam und die Besatzung es beidrehte, um das Beiboot zu Wasser zu lassen und sich zu retten.</p> <p>Einige Gedanken zum Glauben ans Schicksal und Gottesfurcht der Seeleute dieser Zeit vervollständigt den Artikel und hinterlässt einen beklemmenden Eindruck vom Leben an Bord.</p> <h2 id="h-das-wrack-vor-den-dry-tortugas-spanien-das-jahr-1622-und-die-erste-tiefseeausgrabung-der-welt"><strong>“Das Wrack vor den Dry Tortugas – Spanien, das Jahr 1622 und die erste Tiefseeausgrabung der Welt“</strong></h2> <p>Die mit geraubtem Gold und Silber beladenen Galeonen des spanischen Imperiums sind schon fast Klischees von Schatzsucher-Abenteuern.<br></br>Viele davon verschwanden nicht weit vor den amerikanischen Küsten auf ihrer langen und gefährlichen Überfahrt zur iberischen Halbinsel. Gerade in flacher liegenden Wracks verheddern sich oft die Netze von Fischern. So ist durch Fischer seit den 1960er Jahren bekannt, dass in manchen Abschnitten der Floridastraße Schiffswracks liegen.</p> <p>Aber erst die Tauchrobotertechnik der Neuzeit erlaubte ab den 1990er Jahren ihre Erforschung: In diesem Fall stellte sich das recht kleine Schiff aufgrund seiner Abmessungen als die 1622 gesunkene <a href="https://www.treasurenet.com/threads/buen-jesus-y-nuestra-senora-del-rosario-found-by-odyssey-marine.346702/"><em>Buen Jesus y Nuestra Senora del Rosario</em> </a>heraus. Zu ihrer Ladung gehörten neben Goldbarren und Münzen auch Eisenwaren, Weinkrüge, Öl und andere Lebensmittel sowie Damenschuhe. Wesentlich kostbarer waren drei bronzene Astrolabien, goldene Rosenkranz-Perlen, Tintenfass und Schreibsandbehälter aus Onyx sowie eine in Nürnberg hergestellte kunstvolle Sonnenuhr aus Elfenbein.</p> <p>Für mich noch spannender sind die weniger kostbare Funde, die helfen, den Alltag der Besatzung zu rekonstruieren. Ein Beispiel dafür sind die 64 Stücke Schildpatt und Schildkrötenpanzer. Vermutlich haben die Seeleute die Schildkröten als lebenden Proviant mitgeführt und dann nach und nach geschlachtet und gegessen. Aus dem hornigen Schildpatt ihrer Rückenpanzer hat dann ein Besatzungsmitglied der <em>Buen Jesus</em> Läusekämme und Etuis geschnitzt, was als Freizeitbeschäftigung beliebt war. Außerdem gehörte zur Besatzung auch eine Schiffskatze, wie ein Kieferknochen belegt. Da aber 32% der an Bord gefundenen Knochen von Ratten stammten, war die einzelne Katze wohl recht überfordert. Die Nager fraßen sich an Bord durch Mehl, Zwieback, Kichererbsen, Bohnen und Fleisch und waren, wie andere zeitgenössische Berichte erzählen, auf den Schiffen eine große Plage.</p> <h2 id="h-sms-scharnhorst-das-seegefecht-bei-den-falklandinseln-1914"><strong>„SMS Scharnhorst – Das Seegefecht bei den Falklandinseln 1914“</strong></h2> <p>Bis zu diesem Artikel wusste ich nichts über die Aktivitäten der Deutschen Marine während des 1. Weltkriegs im Südpazifik und -atlantik. Die Erklärung für europäische Geschwader in den südlichen Ozeanen sind die in Südostasien und Südamerika gelegenen Kolonien und Handelspartner. Es galt, die eigenen Kolonien zu schützen und den Handelsverkehr der anderen Nationen zu stören. So war bei Kriegsausbruch 1914 das Ostasiatische Kreuzergeschwader der Kaiserlichen Marine vor den Marianen und stieß dort in Seegefechten vor Coronel und den Falklandinseln auf die Royal Navy.</p> <p>(<em>Anmerkung Meertext</em>: <em>Die Falkland-Inseln sind von Europa aus zwar sehr abgelegen, werden aber von England immer wieder vehement verteidigt – den meisten Europäer:innen dürften sie erst mit dem Falkland-Krieg bekannt geworden sein. Sie liegen an strategisch wichtiger Position und sind das Eingangstor zur Antarktis. Die Antarktis wiederum ist aus geopolitischer Sicht wichtig, lange Zeit auch wegen der Walbestände. Die Großwale waren schwimmende Öl- und Fleischressourcen und waren gerade für das Deutsche Reich von hoher Bedeutung. So diente die berühmte Schwabenland-Expedition nämlich der Erkundung der Ausbeutung der antarktischen Walbestände, um die „Reichsfettlücke“ zu schließen. Allerdings entschieden sich die deutschen Verantwortlichen dann, dass es einfacher sei, Walfangschiffe anderer Nationen auf der Heimfahrt aufzubringen, statt selbst eine Walfangindustrie aufzubauen</em>.<br></br><em>Darum kommen mir <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2017/04/20/auf-wal-survey-mit-hms-enterprise-im-suedatlantik/">wegen der Wale</a>, der Nähe zur Antarktis und meiner <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2017/03/31/south-georgia-hms-enterprises-walk-on-the-wild-side-bericht-aus-der-antarktis/">Kontakte zur Royal Navy</a></em> <em>die Falklands immer mal wieder unter, aber Gesprächsparter:innen muss ich meist erstmal erklären, wo die sind).</em><p>In den Seegefechten im November und Dezember 1914 in „schwerer See“ (<em>Anm. Meertext: Mich schaudert bei dem Gedanken daran, was das hier heißen mag</em>) brachten die moderneren Schiffe der Kaiserlichen Marine den englischen Geschwadern zunächst starke Verluste bei. Daraufhin entsandte die englische Admiralität weitere und modernere Schiffe und es kam vor den Falkland-Inseln erneut zum Kampf. Diese Gefechte sind aus verschiedenen Quellen gut dokumentiert und lesen sich wie ein Thriller. Schließlich siegten die schnelleren und stärkeren englischen Schiffe und versenkten mehrere deutsche Kreuzer – es soll der größte Sieg der Royal Navy seit Trafalgar gewesen sein, fast 1900 deutsche Seeleute starben.</p></p> <p>Fern von Europa geriet diese Seeschlacht in Vergessenheit. 2014 stieß der auf den Falklands <a href="https://world.expeditions.com/about/expedition-team/mensun-bound">geborene Meeresarchäologe Mensun Bound auf das Thema und schaffte es, eine Expedition auszurüsten</a> und zu finanzieren – dafür wurde 2022 die Stiftung Falklands Maritime Heritage Trust gegründet.</p> <p>Die Suche nach der Position der versenkten Kreuzer <em>Scharnhorst</em> und <em>Gneisenau </em>war allerdings schwierig: Bei der Abfassung ihres Berichts hatten die englischen Offiziere ihre Positionen nur schätzen können. Zur Mittagszeit hätten sie zwar die Position der Sonne nehmen können, waren aber bereits auf Gefechtsstationen und hatten darum keine Zeit dafür. Am Nachmittag verhinderte die Wolkendecke die Positionsbestimmung. Die Erschütterungen bei Granateinschlägen und dem Abfeuern der eigenen Geschütze sorgten für Kompaßabweichungen. Dann gab es Augenzeugenberichte für die letzten Sichtungen von Land aus. Aus diesen vagen Daten rekonstruierten die Historiker und Archäologen das Suchfeld, das sie fünf Monate lang mit einem umgebauten ehemaligen Jagd-U-Boot der Navy per Side Scan Sonar absuchten. Vergeblich. Erst die Rückkehr ein Jahr später mit modernerem Schiff und zwei großen Tauchrobotern erbrachte dann 181 Kilometer vor Port Stanley, Falklands, einen Sonarreflex in 1610 Metern Tiefe: Sie hatten die Scharnhorst gefunden.<p>Die Seeleute dieser Schiffe waren in den Weiten der südlichen Ozeane allein. Im Gefecht konnten sie keinerlei Maßnahmen zur Rettung treffen und wussten beim schnellen Sinken ihrer stählernen kleinen Welten, dass ihr Schiff auch ihr Friedhof werden würde. Erschöpft vom Löschen der lodernden Brände und dem wütenden Seegefecht, verwundet vom Geschützfeuer und Bränden, hoffnungslos in den Weiten des südlichen Ozeans. Tausende Männer starben hier – heute gedenken ihre Familien und Nachfahren aus England und Deutschland gemeinsam.</p><br></br>In diesem Beitrag unterstreicht Mensun Bound noch einmal die Sinnlosigkeit dieses Sterbens und dieser Kriege – auch das gehört zur Unterwasserarchäologie, genauso wie der Schutz von Wracks gegen Schaulustige und Plünderer.</p> <h2 id="h-mein-fazit"><strong>Mein Fazit</strong></h2> <p>Rundum gelungen und sehr empfehlenswert, sowohl inhaltlich als auch von den großformatigen Photos und Karten her. Ich habe mich begeistert hindurchgeschmökert und jede Menge dazugelernt.</p> <p>Beim Lesen gingen wir sehr unterschiedliche Dinge und widerstreitende Emotionen durch den Kopf:<br></br>1. Durchs Wasser führen jede Menge Wege: Sowohl Strömungen als auch Jahrtausende alte Handelsrouten legen Wege durch die Ozeane. Auf diesen Routen finden sich an strategisch günstigen Orten Häfen und Siedlungen. Diese Ozeanographie und Geographie gibt Anhaltspunkte für die Rekonstruktion der Unglücksorte.<br></br>2.  Meine Faszination und Begeisterung fürs Meer und Schiffe, ihre Geschichten und Erforschung werde ich wohl nie verlieren!<br></br>Anhand der Karten und Bilder entstand beim Lesen der Texte sofort Kopfkino. Begeistert lernte ich neue Schiffe, neue Meeresgebiete, neue Seeschlachten kennen.<br></br>3. Der Untergang der Schiffe kostete viele, oft Hunderte oder gar Tausende Menschenleben. Diese Menschen starben unter furchtbaren Umständen, in dem Bewusstsein, dass jemand sie sah und es keine Rettung geben würde.<br></br>Das ist immer wieder sehr ernüchternd.<br></br>Darum schätze ich die wissenschaftlich fundierten Texte, die Begeisterung wecken und gleichzeitig dabei an die harte Forschungsarbeit und die Schicksale dieser Ertrunkenen zu erinnern, sehr. Es ist etwas vollkommen anderes als die reinen Schatzsuchen, denen ich sonst zu oft begegne.</p> <p>Lange nach dem Ende des 2. Weltkriegs herrschte in Europa die längste Friedenszeit der Geschichte, nach jahrhundertelangen Kriegen. So konnten in dieser Zeit Europäer und Nordamerikaner sowie Menschen vieler anderer Nationalitäten gemeinsam auf Forschungsmissionen gehen, um die Geheimnisse der Meere zu erkunden. Nach dem Fund der <em>Scharnhorst </em>kam es zum Austausch zwischen dem englischen Forscher Mensun Bound und den Nachfahren des deutschen kommandierenden Admirals von Spee. Bound beschreibt dann, wie die anfängliche Begeisterung angesichts der Kampfschäden und der vielen Toten dann in Trauer umschlug und unterstreicht damit die Sinnlosigkeit von Kriegen. Angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen der Geopolitik, die gerade stetig bedrohlicher und bizarrer werden, ist das sehr aktuell – im Januar 2026, drohte der US-Präsident Trump dem an Dänemark und die NATO angeschlossenen Grönland, sollte es sich nicht freiwillig als 52. Bundesstaat den USA anschließen, mit einem Militärschlag.</p> <h2 id="h-ausstellungen-zu-unterwasser-archaologie"><strong>Ausstellungen zu Unterwasser-Archäologie</strong></h2> <p>Obwohl ich mich sehr oft in Museen und an Küsten herumtreibe, war ich noch nicht in sehr vielen Unterwasser-Archäologie-Ausstellungen.</p> <p>Diese hier kann ich empfehlen:</p> <p><strong>Portsmouth, England: </strong><a href="https://historicdockyard.co.uk/attractions/the-mary-rose-museum/"><strong>The Mary Rose Museum</strong></a><strong>.<br></br></strong>Absolut phantastisches Museum auf dem Gelände des <a href="https://historicdockyard.co.uk/attractions/the-mary-rose-museum/">Historic Dockyard</a>. Es wurde um die gehobene, vor 400 Jahren im Solent gesunkene Mary Rose gebaut. Henry VIII.s Flaggschiff war dort mit Mann, Maus und Hund gekentert und sofort gesunken.<br></br>Eine Hälfte des Schiffes sank tief in den Schlamm und blieb dadurch hervorragend erhalten. Mit an Bord: Die einzigen erhaltenen englischen Langbögen.<br></br>Mittlerweile ist die Konservierung abgeschlossen, die nach dem Vorbild der Vasa erfolgte.<br></br>Unbedingt genug Zeit auch für die <em>HMS Victory</em> und die Dampffregatte <em>HMS Warrior</em> sowie einiges mehr einplanen!</p> <p><strong>Stockholm, Schweden: </strong><a href="https://www.vasamuseet.se/en"><strong>Vasa-Museum</strong></a>Das meistbesuchte Museum Schwedens liegt auf der Insel Djurgården und zeigt das fast vollständig erhaltene, auf seiner Jungfernfahrt 1628 gesunkene Kriegsschiff <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Vasa_(Schiff)"><em>Vasa</em></a> sowie dessen Geschichte. Wegen der überzogenen Wünsche des Königs, der das Schiff bestellt hatte, war es extrem topplastig und nicht seetüchtig.<br></br>Die Bergung und Konservierung mit <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Polyethylenglykol">Polyethylenglykol</a> war zu dieser Zeit einzigartig und setzt bis heute Maßstäbe.<p><strong>Duisburg:</strong> <a href="https://www.binnenschifffahrtsmuseum.de/"><strong>Museum der Deutschen Binnenschifffahrt</strong></a></p></p> <p>Keine großen Schiffe, aber die sehr spannende Geschichte vom prähistorischen Einbaum über römische Boote zu moderneren Binnenschiffen. Untergebracht in einem alten Schwimmbad ist auch die Architektur sehenswert. Zusätzlich gibt´s im Außenbereich noch mehrere größere Schiffe.</p> <p><strong>Bremerhaven: </strong><a href="https://www.dsm.museum/museum/museumshafen/bremer-kogge"><strong>Schifffahrtsmuseum – „Bremer Kogge“</strong></a></p> <p>Der Fund der Hansekogge von 1380 in der Bremer Weser war eine Sensation. Lange lag sie im Konservierungstank, seit 2017 ist sie ausgestellt. Ihre Spanten und die vielen Funde sind im neuen Gebäude mit viel Information über diese Zeit des ersten internationalen Kaufmannsbundes und ausgedehnten Handelsnetzwerks in Nordeuropa ergänzt.</p> <p><strong>Mainz (Moguntiacum): </strong><a href="https://www.leiza.de/museen/museum-fuer-antike-schifffahrt"><strong>Museum für Antike Schifffahrt</strong></a></p> <p>Der Fund von vier römischen Booten, die die Römer im Hafen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mogontiacum">Moguntiacums</a> versenkten, um sie nicht den Barbaren (also unsere Vorfahren) in die Hände fallen zu lassen, ist eine Sensation. Der Schlamm des Rheinufers hat sie gut konserviert. Die Wracks sind immer noch Forschungsgegenstand, fürs Publikum gibt es Nachbauten in Originalgröße. An Bord eines Patrouillenbootes (auch „Kanonenboot“ genannt) ist ein rekonstruiertes Waffensystem, mit dem aus einer Trommel per Handkurbel Pfeile in schneller Folge abgeschossen werden konnten – ein <a href="http://wp.dirknowak.de/?p=237">halbautomatisches Pfeilgeschütz.</a> Eine Rarität, die nur aus der Literatur bekannt ist.  </p> <p><strong>Husum: </strong><a href="https://www.schiffahrtsmuseum-nf.de/highlights/das-uelvesbueller-wrack/"><strong>Uelvesbüller Wrack</strong></a><a href="https://www.husum-tourismus.de/Reisefuehrer/Typisch-Husum/Husumer-Hafen/Schiffe-gucken/Das-Zuckerschiff"><strong>„Zuckerschiff“</strong></a></p> <p>Dieses ca 400 Jahre alte Wrack eines Lastenseglers wurde 1994 entdeckt und geborgen. Das rekonstruierte Wrack und viele Funde sidn im Schifffahrtsmuseum Husum ausgestellt. Um es zu konservieren, wurde es zwei Jahre lang in einer Zuckerlösung gelegt – daher der Spitzname.</p> <p><strong>Schleswig: </strong><a href="https://www.abc.se/~pa/uwa/nydam-e.htm"><strong>Nydam-Boot im Schloß Gottorf</strong></a><br></br><a href="https://geschichte-s-h.de/sh-von-a-bis-z/n/nydamboot/">23 Meter langes Eichenboot, das um 320 n. Chr. geb</a>aut und als Opfergabe versenkt wurde mit einer hochpolitischen Fundgeschichte</p> <p><a href="http://www.schloss-gottorf.de/"><strong>Wikinger-Museum Haithabu</strong></a><strong>:<br></br></strong>An diesem einst ausgedehnten Wikinger-Handelsplatz und -hafen wurden mittlerweile vier Wikinger-Schiffe gefunden. Eines davon ist rekonstruiert.</p> <p>Hier ist eine Liste mit <a href="https://www.abc.se/~pa/uwa/museums.htm"><strong>Unterwasser-Archäologie-Museen in Europa</strong></a> und international.<p>In den USA gehören Unterwasserfunde von aufgegebenen Schiffen und Artefakten meist <a href="https://www.nps.gov/subjects/archeology/underwater-archeology.htm">in den Bereich der Nationalpark-Verwaltung</a>. Diese zivilen und militärischen maritime(n) Geschichte(n) sind durch die verheerenden Budget-Kürzungen, Massenentlassungen <a href="https://www.reuters.com/world/us/us-national-parks-told-remove-signs-mistreatment-native-americans-climate-wash-2026-01-27/">und Vernichtung von Informationen</a> unter der Trump-Junta gerade akut gefährdet – <a href="https://subscriber.politicopro.com/article/eenews/2026/01/27/trump-admin-quietly-overhauls-council-on-historic-preservation-00746630">wie das gesamte kulturelle Erbe der USA</a> und <a href="https://www.theartnewspaper.com/2025/04/02/trumps-slashing-of-us-foreign-aid-hits-heritage-conservation">weltweit</a>.</p></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Rezension: „Expedition ins Unbekannte“ – Unterwasser-Archäologie » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Unterwasser-Archäologie finde ich unglaublich faszinierend. Darum habe ich kürzlich auch mit großem <a href="https://www.zdf.de/video/dokus/terra-x-unterwasser-archaeologie-mit-florian-huber-dokureihe-100/schaetze-unter-wasser-mit-florian-huber-doku-100">Vergnügen die Terra X-Folge „Schätze unter Wasser“</a> geschaut: Darin stellt der Unterwasser-Archäologe Florian Huber vier europäische Wissenschaftsprojekte vor – ein Unterwassermuseum in der Ägäis, steinzeitliche Pfahlbauten auf den Äußeren Hebriden, Tiefseeforschung vor Madeira und ein Wrack in der Ostsee. Kenntnisreich und gut erklärend führte er uns an diese vier europäischen submarinen Forschungsstätten. Im Interview mit den ExpertInnen vor Ort lädt er zum Mit-Erkunden und Mit-Entdecken ein und tauchte auch selbst mit. Da versunkene Schiffe und andere Artefakte gern von Meereswesen als fester Untergrund besiedelt werden, geht Kultur- und Naturwissen dabei Hand in Hand.</p> <p>So hatte Florian Huber für einen Tauchgang vor der portugiesischen Insel Madeira neben den berühmten Tierfilmern Kirsten und Joachim Jakobsen in ihrer “Lula 1000” Platz genommen. Die <a href="https://www.rebikoff.org/about/">Jakobsens und ihr privates Tauchboot (Rebikoff-Niggeler-Stiftung</a>) waren mir seit ihrer spektakulären Beobachtung einer Tiefseeanglerin mit ihrem angehängten Zwergmännchen inmitten eines Strahlenkranzes aus weit ausragenden  Flossenstrahlen und aufgespanntem Schleimnetz bekannt.</p> <p>Darum nahm ich das Angebot von <a href="https://buchcontact.de/">Buch Contact</a>, den Unterwasser-Archäologie-Bildband mit Florian Huber als Herausgeber (Herder Verlag) zu rezensieren, gern an!</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 878px) 100vw, 878px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-878x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-878x1024.jpg 878w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-257x300.jpg 257w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-768x896.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-1316x1536.jpg 1316w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-1755x2048.jpg 1755w" width="878"></img></a><figcaption>Florian Huber: „Expedition ins Unbekannte“ © Verlag Herder GmbH</figcaption></figure> <h2 id="h-expedition-ins-unbekannte"><strong>„Expedition ins Unbekannte“</strong></h2> <p>In „Expedition ins Unbekannte – Spektakuläre Schiffswracks der Tiefsee“ geht es in größere Tiefen. Gerade dort ist die Suche nach archäologischen Faktoren noch sehr jung, da dafür große technische und somit auch finanzielle und logistische Herausforderungen zu meistern sind. Auch wenn es in diesem Band nicht immer in die Tiefsee geht, sondern manchmal auch „nur“ in 100 Meter Tiefe wie in der Ostsee, dem Gardasee oder dem Ärmelkanal bleibt, sind diese Forschungsexpeditionen durchweg spektakulär.</p> <p>Florian Huber hat hier vor allem die Einführung beigesteuert und ein Kapitel zum Schiffsbohrwurm. Dann führen Kapitel für Kapitel die beteiligten Forschenden (darunter auch das Ehepaar Jakobsen) die Leserschaft durch ganz unterschiedliche Szenarien mit großartigen Bildern. Jedes Kapitel erzählt vom Suchen und Finden, vom Tauchen und Bergen. Neben den technischen Details zum Tieftauchen geht es dabei auch um die staubige Suche in Archiven nach Hinweisen zur letzten Reise der Wasservehikel. In der Rekonstruktion der Fahrt und des Sinkens sowie der Umstände des Unglücks steckt die ganze Dramatik von Seegefechten zwischen Kriegsschiffen und den Kämpfen mit Stürmen und Eis. Vor Hunderten von Jahren rissen diese Schiffe Hunderte, manchmal gar über Tausend Menschen mit in den Tod. <aside></aside></p> <p>An die Vorstellung besonders spektakulärer Bergungsmissionen schließt sich ein zweiter Teil an, in dem es um das Verhältnis von Menschen und Tiefsee geht. Darin finden sich dann auch biologische Kapitel und noch mehr Backgroundinformation zur Tiefwasser-Archäologie.</p> <p>Bei einigen Schiffsnamen stutzte ich zunächst – das liegt daran, dass gerade Kriegsschiffsnamen innerhalb einer Marine über die Jahrhunderte hinweg immer wieder vergeben werden. So kommt im Buch ein Flaggschiff der Royal Navy namens <em>HMS Victory</em> vor – allerdings war diese <em>Victory</em> lange vor der Schlacht von Trafalgar gesunken. Es handelte sich also nicht um Nelsons berühmtes Flaggschiff, das heute im Portsmouth Historic Dockyard ankert und, wie die Flagge zeigt, immer noch im aktiven Dienst steht, sondern eine frühere <em>Victory</em>. Von der ich noch nie gehört hatte.</p> <h2 id="h-johan-ronnby-das-geisterschiff-der-ostsee-aufrecht-am-meeresgrund"><strong>Johan Rönnby: “Das Geisterschiff der Ostsee – Aufrecht am Meeresgrund“</strong></h2> <p>Ende des 17. Jahrhunderts sank vor der schwedischen Insel Gotland ein kleines niederländisches Handelsschiff, eine sogenannte <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Fleute">Fleute.</a> Das Wrack steht aufrecht auf dem Meeresgrund in 125 Metern Tiefe, in totaler Dunkelheit. Wegen der niedrigen Temperaturen der Ostsee leben hier keine Schiffsbohrmuscheln (<em>Teredo navalis</em>) und auch andere biologische Aktivität ist reduziert, dadurch bleiben hölzerne Rümpfe oft perfekt erhalten. Dieses und andere Wracks in der Nähe bilden die Bedeutung der Ostsee und der Insel Gotland für Handel und Politik dieser Zeit ab.</p> <p>Solche leistungsstarken Frachtsegler waren mit ihren großen Laderäumen das Rückgrat der frühzeitlichen Weltwirtschaft. Der Ostindien-Handel und die Rohstoffe aus den Kolonien in der neuen Welt brachten Amsterdam und anderen niederländischen Seestädten großen Reichtum, die Waren wurden auch über die Ostsee weiter nach Osten und Norden transportiert. Tausende Handelsschiffe brachten Manufakturerzeugnisse, exotische Gewürze und Stoffe sowie Salz dort hin und nahmen Eisen, Kupfer, Kalk, Holz und Getreide als Ladung für den Rückweg auf.</p> <p>Per Tauchroboter (ROV)<a href="https://www.deepseareporter.com/an-underwater-museum-the-archaeologist-about-the-unique-capabilities-of-the-baltic-sea/"> erkundete das Team um den Meeresarchäologen Johan Rönneby</a> Details der Ladung im Innern – durch eine Luke waren zerborstene Fässer und ein paar Holzschuhe zu erkennen. Sie entdeckten die Bordküche mit dem Herd sowie Überreste eines geschnitzten hölzernen Schwans, der ursprünglich am Heckspiegel angebracht war – möglicherweise hieß das Schiff „Schwan“.<br></br>Außerdem fanden sie Hinweise darauf, dass das kleine Schiff ein Leck bekam und die Besatzung es beidrehte, um das Beiboot zu Wasser zu lassen und sich zu retten.</p> <p>Einige Gedanken zum Glauben ans Schicksal und Gottesfurcht der Seeleute dieser Zeit vervollständigt den Artikel und hinterlässt einen beklemmenden Eindruck vom Leben an Bord.</p> <h2 id="h-das-wrack-vor-den-dry-tortugas-spanien-das-jahr-1622-und-die-erste-tiefseeausgrabung-der-welt"><strong>“Das Wrack vor den Dry Tortugas – Spanien, das Jahr 1622 und die erste Tiefseeausgrabung der Welt“</strong></h2> <p>Die mit geraubtem Gold und Silber beladenen Galeonen des spanischen Imperiums sind schon fast Klischees von Schatzsucher-Abenteuern.<br></br>Viele davon verschwanden nicht weit vor den amerikanischen Küsten auf ihrer langen und gefährlichen Überfahrt zur iberischen Halbinsel. Gerade in flacher liegenden Wracks verheddern sich oft die Netze von Fischern. So ist durch Fischer seit den 1960er Jahren bekannt, dass in manchen Abschnitten der Floridastraße Schiffswracks liegen.</p> <p>Aber erst die Tauchrobotertechnik der Neuzeit erlaubte ab den 1990er Jahren ihre Erforschung: In diesem Fall stellte sich das recht kleine Schiff aufgrund seiner Abmessungen als die 1622 gesunkene <a href="https://www.treasurenet.com/threads/buen-jesus-y-nuestra-senora-del-rosario-found-by-odyssey-marine.346702/"><em>Buen Jesus y Nuestra Senora del Rosario</em> </a>heraus. Zu ihrer Ladung gehörten neben Goldbarren und Münzen auch Eisenwaren, Weinkrüge, Öl und andere Lebensmittel sowie Damenschuhe. Wesentlich kostbarer waren drei bronzene Astrolabien, goldene Rosenkranz-Perlen, Tintenfass und Schreibsandbehälter aus Onyx sowie eine in Nürnberg hergestellte kunstvolle Sonnenuhr aus Elfenbein.</p> <p>Für mich noch spannender sind die weniger kostbare Funde, die helfen, den Alltag der Besatzung zu rekonstruieren. Ein Beispiel dafür sind die 64 Stücke Schildpatt und Schildkrötenpanzer. Vermutlich haben die Seeleute die Schildkröten als lebenden Proviant mitgeführt und dann nach und nach geschlachtet und gegessen. Aus dem hornigen Schildpatt ihrer Rückenpanzer hat dann ein Besatzungsmitglied der <em>Buen Jesus</em> Läusekämme und Etuis geschnitzt, was als Freizeitbeschäftigung beliebt war. Außerdem gehörte zur Besatzung auch eine Schiffskatze, wie ein Kieferknochen belegt. Da aber 32% der an Bord gefundenen Knochen von Ratten stammten, war die einzelne Katze wohl recht überfordert. Die Nager fraßen sich an Bord durch Mehl, Zwieback, Kichererbsen, Bohnen und Fleisch und waren, wie andere zeitgenössische Berichte erzählen, auf den Schiffen eine große Plage.</p> <h2 id="h-sms-scharnhorst-das-seegefecht-bei-den-falklandinseln-1914"><strong>„SMS Scharnhorst – Das Seegefecht bei den Falklandinseln 1914“</strong></h2> <p>Bis zu diesem Artikel wusste ich nichts über die Aktivitäten der Deutschen Marine während des 1. Weltkriegs im Südpazifik und -atlantik. Die Erklärung für europäische Geschwader in den südlichen Ozeanen sind die in Südostasien und Südamerika gelegenen Kolonien und Handelspartner. Es galt, die eigenen Kolonien zu schützen und den Handelsverkehr der anderen Nationen zu stören. So war bei Kriegsausbruch 1914 das Ostasiatische Kreuzergeschwader der Kaiserlichen Marine vor den Marianen und stieß dort in Seegefechten vor Coronel und den Falklandinseln auf die Royal Navy.</p> <p>(<em>Anmerkung Meertext</em>: <em>Die Falkland-Inseln sind von Europa aus zwar sehr abgelegen, werden aber von England immer wieder vehement verteidigt – den meisten Europäer:innen dürften sie erst mit dem Falkland-Krieg bekannt geworden sein. Sie liegen an strategisch wichtiger Position und sind das Eingangstor zur Antarktis. Die Antarktis wiederum ist aus geopolitischer Sicht wichtig, lange Zeit auch wegen der Walbestände. Die Großwale waren schwimmende Öl- und Fleischressourcen und waren gerade für das Deutsche Reich von hoher Bedeutung. So diente die berühmte Schwabenland-Expedition nämlich der Erkundung der Ausbeutung der antarktischen Walbestände, um die „Reichsfettlücke“ zu schließen. Allerdings entschieden sich die deutschen Verantwortlichen dann, dass es einfacher sei, Walfangschiffe anderer Nationen auf der Heimfahrt aufzubringen, statt selbst eine Walfangindustrie aufzubauen</em>.<br></br><em>Darum kommen mir <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2017/04/20/auf-wal-survey-mit-hms-enterprise-im-suedatlantik/">wegen der Wale</a>, der Nähe zur Antarktis und meiner <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2017/03/31/south-georgia-hms-enterprises-walk-on-the-wild-side-bericht-aus-der-antarktis/">Kontakte zur Royal Navy</a></em> <em>die Falklands immer mal wieder unter, aber Gesprächsparter:innen muss ich meist erstmal erklären, wo die sind).</em><p>In den Seegefechten im November und Dezember 1914 in „schwerer See“ (<em>Anm. Meertext: Mich schaudert bei dem Gedanken daran, was das hier heißen mag</em>) brachten die moderneren Schiffe der Kaiserlichen Marine den englischen Geschwadern zunächst starke Verluste bei. Daraufhin entsandte die englische Admiralität weitere und modernere Schiffe und es kam vor den Falkland-Inseln erneut zum Kampf. Diese Gefechte sind aus verschiedenen Quellen gut dokumentiert und lesen sich wie ein Thriller. Schließlich siegten die schnelleren und stärkeren englischen Schiffe und versenkten mehrere deutsche Kreuzer – es soll der größte Sieg der Royal Navy seit Trafalgar gewesen sein, fast 1900 deutsche Seeleute starben.</p></p> <p>Fern von Europa geriet diese Seeschlacht in Vergessenheit. 2014 stieß der auf den Falklands <a href="https://world.expeditions.com/about/expedition-team/mensun-bound">geborene Meeresarchäologe Mensun Bound auf das Thema und schaffte es, eine Expedition auszurüsten</a> und zu finanzieren – dafür wurde 2022 die Stiftung Falklands Maritime Heritage Trust gegründet.</p> <p>Die Suche nach der Position der versenkten Kreuzer <em>Scharnhorst</em> und <em>Gneisenau </em>war allerdings schwierig: Bei der Abfassung ihres Berichts hatten die englischen Offiziere ihre Positionen nur schätzen können. Zur Mittagszeit hätten sie zwar die Position der Sonne nehmen können, waren aber bereits auf Gefechtsstationen und hatten darum keine Zeit dafür. Am Nachmittag verhinderte die Wolkendecke die Positionsbestimmung. Die Erschütterungen bei Granateinschlägen und dem Abfeuern der eigenen Geschütze sorgten für Kompaßabweichungen. Dann gab es Augenzeugenberichte für die letzten Sichtungen von Land aus. Aus diesen vagen Daten rekonstruierten die Historiker und Archäologen das Suchfeld, das sie fünf Monate lang mit einem umgebauten ehemaligen Jagd-U-Boot der Navy per Side Scan Sonar absuchten. Vergeblich. Erst die Rückkehr ein Jahr später mit modernerem Schiff und zwei großen Tauchrobotern erbrachte dann 181 Kilometer vor Port Stanley, Falklands, einen Sonarreflex in 1610 Metern Tiefe: Sie hatten die Scharnhorst gefunden.<p>Die Seeleute dieser Schiffe waren in den Weiten der südlichen Ozeane allein. Im Gefecht konnten sie keinerlei Maßnahmen zur Rettung treffen und wussten beim schnellen Sinken ihrer stählernen kleinen Welten, dass ihr Schiff auch ihr Friedhof werden würde. Erschöpft vom Löschen der lodernden Brände und dem wütenden Seegefecht, verwundet vom Geschützfeuer und Bränden, hoffnungslos in den Weiten des südlichen Ozeans. Tausende Männer starben hier – heute gedenken ihre Familien und Nachfahren aus England und Deutschland gemeinsam.</p><br></br>In diesem Beitrag unterstreicht Mensun Bound noch einmal die Sinnlosigkeit dieses Sterbens und dieser Kriege – auch das gehört zur Unterwasserarchäologie, genauso wie der Schutz von Wracks gegen Schaulustige und Plünderer.</p> <h2 id="h-mein-fazit"><strong>Mein Fazit</strong></h2> <p>Rundum gelungen und sehr empfehlenswert, sowohl inhaltlich als auch von den großformatigen Photos und Karten her. Ich habe mich begeistert hindurchgeschmökert und jede Menge dazugelernt.</p> <p>Beim Lesen gingen wir sehr unterschiedliche Dinge und widerstreitende Emotionen durch den Kopf:<br></br>1. Durchs Wasser führen jede Menge Wege: Sowohl Strömungen als auch Jahrtausende alte Handelsrouten legen Wege durch die Ozeane. Auf diesen Routen finden sich an strategisch günstigen Orten Häfen und Siedlungen. Diese Ozeanographie und Geographie gibt Anhaltspunkte für die Rekonstruktion der Unglücksorte.<br></br>2.  Meine Faszination und Begeisterung fürs Meer und Schiffe, ihre Geschichten und Erforschung werde ich wohl nie verlieren!<br></br>Anhand der Karten und Bilder entstand beim Lesen der Texte sofort Kopfkino. Begeistert lernte ich neue Schiffe, neue Meeresgebiete, neue Seeschlachten kennen.<br></br>3. Der Untergang der Schiffe kostete viele, oft Hunderte oder gar Tausende Menschenleben. Diese Menschen starben unter furchtbaren Umständen, in dem Bewusstsein, dass jemand sie sah und es keine Rettung geben würde.<br></br>Das ist immer wieder sehr ernüchternd.<br></br>Darum schätze ich die wissenschaftlich fundierten Texte, die Begeisterung wecken und gleichzeitig dabei an die harte Forschungsarbeit und die Schicksale dieser Ertrunkenen zu erinnern, sehr. Es ist etwas vollkommen anderes als die reinen Schatzsuchen, denen ich sonst zu oft begegne.</p> <p>Lange nach dem Ende des 2. Weltkriegs herrschte in Europa die längste Friedenszeit der Geschichte, nach jahrhundertelangen Kriegen. So konnten in dieser Zeit Europäer und Nordamerikaner sowie Menschen vieler anderer Nationalitäten gemeinsam auf Forschungsmissionen gehen, um die Geheimnisse der Meere zu erkunden. Nach dem Fund der <em>Scharnhorst </em>kam es zum Austausch zwischen dem englischen Forscher Mensun Bound und den Nachfahren des deutschen kommandierenden Admirals von Spee. Bound beschreibt dann, wie die anfängliche Begeisterung angesichts der Kampfschäden und der vielen Toten dann in Trauer umschlug und unterstreicht damit die Sinnlosigkeit von Kriegen. Angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen der Geopolitik, die gerade stetig bedrohlicher und bizarrer werden, ist das sehr aktuell – im Januar 2026, drohte der US-Präsident Trump dem an Dänemark und die NATO angeschlossenen Grönland, sollte es sich nicht freiwillig als 52. Bundesstaat den USA anschließen, mit einem Militärschlag.</p> <h2 id="h-ausstellungen-zu-unterwasser-archaologie"><strong>Ausstellungen zu Unterwasser-Archäologie</strong></h2> <p>Obwohl ich mich sehr oft in Museen und an Küsten herumtreibe, war ich noch nicht in sehr vielen Unterwasser-Archäologie-Ausstellungen.</p> <p>Diese hier kann ich empfehlen:</p> <p><strong>Portsmouth, England: </strong><a href="https://historicdockyard.co.uk/attractions/the-mary-rose-museum/"><strong>The Mary Rose Museum</strong></a><strong>.<br></br></strong>Absolut phantastisches Museum auf dem Gelände des <a href="https://historicdockyard.co.uk/attractions/the-mary-rose-museum/">Historic Dockyard</a>. Es wurde um die gehobene, vor 400 Jahren im Solent gesunkene Mary Rose gebaut. Henry VIII.s Flaggschiff war dort mit Mann, Maus und Hund gekentert und sofort gesunken.<br></br>Eine Hälfte des Schiffes sank tief in den Schlamm und blieb dadurch hervorragend erhalten. Mit an Bord: Die einzigen erhaltenen englischen Langbögen.<br></br>Mittlerweile ist die Konservierung abgeschlossen, die nach dem Vorbild der Vasa erfolgte.<br></br>Unbedingt genug Zeit auch für die <em>HMS Victory</em> und die Dampffregatte <em>HMS Warrior</em> sowie einiges mehr einplanen!</p> <p><strong>Stockholm, Schweden: </strong><a href="https://www.vasamuseet.se/en"><strong>Vasa-Museum</strong></a>Das meistbesuchte Museum Schwedens liegt auf der Insel Djurgården und zeigt das fast vollständig erhaltene, auf seiner Jungfernfahrt 1628 gesunkene Kriegsschiff <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Vasa_(Schiff)"><em>Vasa</em></a> sowie dessen Geschichte. Wegen der überzogenen Wünsche des Königs, der das Schiff bestellt hatte, war es extrem topplastig und nicht seetüchtig.<br></br>Die Bergung und Konservierung mit <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Polyethylenglykol">Polyethylenglykol</a> war zu dieser Zeit einzigartig und setzt bis heute Maßstäbe.<p><strong>Duisburg:</strong> <a href="https://www.binnenschifffahrtsmuseum.de/"><strong>Museum der Deutschen Binnenschifffahrt</strong></a></p></p> <p>Keine großen Schiffe, aber die sehr spannende Geschichte vom prähistorischen Einbaum über römische Boote zu moderneren Binnenschiffen. Untergebracht in einem alten Schwimmbad ist auch die Architektur sehenswert. Zusätzlich gibt´s im Außenbereich noch mehrere größere Schiffe.</p> <p><strong>Bremerhaven: </strong><a href="https://www.dsm.museum/museum/museumshafen/bremer-kogge"><strong>Schifffahrtsmuseum – „Bremer Kogge“</strong></a></p> <p>Der Fund der Hansekogge von 1380 in der Bremer Weser war eine Sensation. Lange lag sie im Konservierungstank, seit 2017 ist sie ausgestellt. Ihre Spanten und die vielen Funde sind im neuen Gebäude mit viel Information über diese Zeit des ersten internationalen Kaufmannsbundes und ausgedehnten Handelsnetzwerks in Nordeuropa ergänzt.</p> <p><strong>Mainz (Moguntiacum): </strong><a href="https://www.leiza.de/museen/museum-fuer-antike-schifffahrt"><strong>Museum für Antike Schifffahrt</strong></a></p> <p>Der Fund von vier römischen Booten, die die Römer im Hafen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mogontiacum">Moguntiacums</a> versenkten, um sie nicht den Barbaren (also unsere Vorfahren) in die Hände fallen zu lassen, ist eine Sensation. Der Schlamm des Rheinufers hat sie gut konserviert. Die Wracks sind immer noch Forschungsgegenstand, fürs Publikum gibt es Nachbauten in Originalgröße. An Bord eines Patrouillenbootes (auch „Kanonenboot“ genannt) ist ein rekonstruiertes Waffensystem, mit dem aus einer Trommel per Handkurbel Pfeile in schneller Folge abgeschossen werden konnten – ein <a href="http://wp.dirknowak.de/?p=237">halbautomatisches Pfeilgeschütz.</a> Eine Rarität, die nur aus der Literatur bekannt ist.  </p> <p><strong>Husum: </strong><a href="https://www.schiffahrtsmuseum-nf.de/highlights/das-uelvesbueller-wrack/"><strong>Uelvesbüller Wrack</strong></a><a href="https://www.husum-tourismus.de/Reisefuehrer/Typisch-Husum/Husumer-Hafen/Schiffe-gucken/Das-Zuckerschiff"><strong>„Zuckerschiff“</strong></a></p> <p>Dieses ca 400 Jahre alte Wrack eines Lastenseglers wurde 1994 entdeckt und geborgen. Das rekonstruierte Wrack und viele Funde sidn im Schifffahrtsmuseum Husum ausgestellt. Um es zu konservieren, wurde es zwei Jahre lang in einer Zuckerlösung gelegt – daher der Spitzname.</p> <p><strong>Schleswig: </strong><a href="https://www.abc.se/~pa/uwa/nydam-e.htm"><strong>Nydam-Boot im Schloß Gottorf</strong></a><br></br><a href="https://geschichte-s-h.de/sh-von-a-bis-z/n/nydamboot/">23 Meter langes Eichenboot, das um 320 n. Chr. geb</a>aut und als Opfergabe versenkt wurde mit einer hochpolitischen Fundgeschichte</p> <p><a href="http://www.schloss-gottorf.de/"><strong>Wikinger-Museum Haithabu</strong></a><strong>:<br></br></strong>An diesem einst ausgedehnten Wikinger-Handelsplatz und -hafen wurden mittlerweile vier Wikinger-Schiffe gefunden. Eines davon ist rekonstruiert.</p> <p>Hier ist eine Liste mit <a href="https://www.abc.se/~pa/uwa/museums.htm"><strong>Unterwasser-Archäologie-Museen in Europa</strong></a> und international.<p>In den USA gehören Unterwasserfunde von aufgegebenen Schiffen und Artefakten meist <a href="https://www.nps.gov/subjects/archeology/underwater-archeology.htm">in den Bereich der Nationalpark-Verwaltung</a>. Diese zivilen und militärischen maritime(n) Geschichte(n) sind durch die verheerenden Budget-Kürzungen, Massenentlassungen <a href="https://www.reuters.com/world/us/us-national-parks-told-remove-signs-mistreatment-native-americans-climate-wash-2026-01-27/">und Vernichtung von Informationen</a> unter der Trump-Junta gerade akut gefährdet – <a href="https://subscriber.politicopro.com/article/eenews/2026/01/27/trump-admin-quietly-overhauls-council-on-historic-preservation-00746630">wie das gesamte kulturelle Erbe der USA</a> und <a href="https://www.theartnewspaper.com/2025/04/02/trumps-slashing-of-us-foreign-aid-hits-heritage-conservation">weltweit</a>.</p></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/rezension-expedition-ins-unbekannte-unterwasser-archaeologie/#comments 8 Prime Suspects https://scilogs.spektrum.de/hlf/prime-suspects/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/prime-suspects/#comments Wed, 04 Feb 2026 13:00:00 +0000 Sophie Maclean https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14043 <h1>Prime Suspects - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Sophie Maclean</h2><div itemprop="text"> <p>In the English-speaking world, we have a saying. “All prime numbers are odd, except for 2 which is the oddest of all.” But what if I told you that 2 is not prime. Nor is 5. Nor is 13. In fact, roughly half of all prime numbers you know are not prime.</p> <p>I imagine your reaction would be somewhere on the spectrum between outraged and disbelieving, and both of these responses would be fair. Whilst I have not, strictly speaking, lied to you, I have been somewhat misleading. You see, I am not talking about prime numbers as you know them. I am talking specifically about Gaussian prime numbers. So let us investigate.</p> <h3 id="h-gaussian-numbers-nbsp">Gaussian Numbers </h3> <p>We begin with a brief recap on complex numbers. As you may well know, the real numbers are all the numbers on the number line from \( -\infty\) to \(\infty\), including fractions and irrational numbers like \(\pi\). When looking at real numbers, there is no solution to the equation \( x^2 = -1\). Complex numbers were created to solve this problem, and call the solution to this equation as \(i\). You may also see this written as \(i = \sqrt{-1}\).</p> <p>A complex number is then a number of the form \(a + bi\), where \(a\) and \(b\) are real numbers. A quick check shows that multiplying, dividing, (and adding and subtracting) complex numbers gives other complex numbers. For example </p> <p>\( (a+bi)(a’+b’i) = aa’ + (ab’ + a’b)i + bb’ (i)^2 = (aa’ – bb’) + (ab’ + a’b)i\). <aside></aside></p> <p>This is promising for being able to define an equivalent notion of prime numbers.</p> <p>As a side note, those who are already familiar with the concept of complex numbers may be interested to learn that we can define complex numbers without introducing the concept of \(i\) at all. Instead of considering complex numbers as \(a + bi\), we can define them as ordered pairs \( (a,b) \). “Multiplication” is then defined as the function that takes \( (a,b)\) and \( (a’,b’)\) as inputs, and outputs \( (aa’-bb’, ab’ + a’b)\). </p> <p>The Gaussian integers are a subset of the complex numbers. Specifically, they are the complex numbers for which \(a\) and \(b\) (in either of the definitions of complex numbers above!) are integers. Written in slightly more formal language, we can say that the Gaussian integers are the set of \(a + bi\) for which \(a, b\) are in the set of integers. </p> <p>Now we have defined the Gaussian integers, the next step is to get a rigorous definition of prime numbers.</p> <h3 id="h-prime-numbers-nbsp">Prime Numbers </h3> <p>You probably already know a definition for prime numbers, namely that \(p\) is prime if and only if it is only divisible by \(1\) and itself. This definition does not work with complex numbers. In fact, it does not even work with the integers. This is because \( 1 = -1 \times -1\), and so the only integer that is divisible ONLY by \(1\) and itself is \(-1\) (all others must also have a factor of \(-1\)).</p> <p>So, we need a more general definition for prime numbers. A definition that not only works for the natural numbers, but also the integers and the Gaussian integers. Thankfully mathematicians long ago solved this problem, so the official definition of a prime number is as follows:</p> <p>A number \(p\) is prime if for any \(c, d\) for which \(p\) is a factor of \(cd\), \(p\) is either a factor of \(c\), or \(d\) is a factor of \(b\) (or both)</p> <p>By “\(x\) is a factor of \(y\)”, we mean that there exists some \(k\) such that \(x=ky\).</p> <p>This new definition can now be applied to our Gaussian integers!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Carl_Friedrich_Gauss_1840_by_Jensen.jpg"><img alt="An oil painting of a man in formal attire with white hair" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 804px) 100vw, 804px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Carl_Friedrich_Gauss_1840_by_Jensen-804x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Carl_Friedrich_Gauss_1840_by_Jensen-804x1024.jpg 804w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Carl_Friedrich_Gauss_1840_by_Jensen-235x300.jpg 235w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Carl_Friedrich_Gauss_1840_by_Jensen-768x978.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Carl_Friedrich_Gauss_1840_by_Jensen.jpg 960w" width="804"></img></a><figcaption>Carl Friedrich Gauss, after whom the Gaussian integers are named. Image credit: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Carl_Friedrich_Gauss_1840_by_Jensen.jpg?uselang=en#Licensing" rel="noreferrer noopener" target="_blank">public domain</a>.</figcaption></figure></div> <h3 id="h-gaussian-primes">Gaussian Primes</h3> <p>Putting all this together, we get our definition of Gaussian primes! They are Gaussian integers satisfying the above definition of prime numbers. So when I said that \(2\) is not a prime number, I was being truthful because we can take \(c = 1 + i\) and \(d = 1 – i\). \(cd = (1 + i)(1-i) = 2\), so \(2\) is definitely a divisor of \(cd\). But \(2\) does not divide \(c\) or \(d\) on their own, so it cannot be prime.</p> <p>Our definition for Gaussian primes ends up being equivalent to \(p\) is prime if its only divisors are itself, \(1, -1, i\) and \(-i). So \). \(2 = (1 + i)(1-i) \) is not prime.</p> <p>Similarly, \(5 = (2+i)(2-i)\) is also not a Gaussian prime. And 13? \(13 = (2+3i)(2-3i)\). Once again, not a Gaussian prime.</p> <p>The eagle-eyed among you will now have spotted a pattern. All the examples of numbers that we’d normally consider to be prime, which are not Gaussian primes are equal to \( (x+iy)(x-iy) = x^2 + y^2\). In fact, from this, we can see that any prime number that is the sum of two square numbers is not a Gaussian prime.</p> <p>This is where our old friend Pierre de Fermat pops up. Though he is most famous for his eponymous “Last” theorem, Fermat also has a theorem on the sum of two squares. This theorem states that an odd prime \(p\) can be written as the sum of two squares \(x^2 + y^2 = p\), for \(x\) and \(y\) integers, if and only if \(p\) is one more than a multiple of 4.</p> <p>So, there we have it: Any prime number that is one more than a multiple of 4 is not a Gaussian prime.</p> <p>As for a proof of Fermat’s theorem on the sum of two squares, Fermat never wrote one down. Several proofs and algorithms for finding \(x\) and \(y\) with \(x^2 + y^2 = p\) have since been discovered, but I will not spoil your fun and I will let you have a go at working one out yourself.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Black-Simple-Personal-Logo.png"><img alt="A symmetrical array of dots plotted against two axes" decoding="async" height="500" sizes="(max-width: 500px) 100vw, 500px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Black-Simple-Personal-Logo.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Black-Simple-Personal-Logo.png 500w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Black-Simple-Personal-Logo-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Black-Simple-Personal-Logo-150x150.png 150w" width="500"></img></a><figcaption>A visual representation of the Gaussian primes. A dot marks each \((x,y)\) coordinate for which \( x+ iy\) is a Gaussian prime.</figcaption></figure></div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Prime Suspects - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Sophie Maclean</h2><div itemprop="text"> <p>In the English-speaking world, we have a saying. “All prime numbers are odd, except for 2 which is the oddest of all.” But what if I told you that 2 is not prime. Nor is 5. Nor is 13. In fact, roughly half of all prime numbers you know are not prime.</p> <p>I imagine your reaction would be somewhere on the spectrum between outraged and disbelieving, and both of these responses would be fair. Whilst I have not, strictly speaking, lied to you, I have been somewhat misleading. You see, I am not talking about prime numbers as you know them. I am talking specifically about Gaussian prime numbers. So let us investigate.</p> <h3 id="h-gaussian-numbers-nbsp">Gaussian Numbers </h3> <p>We begin with a brief recap on complex numbers. As you may well know, the real numbers are all the numbers on the number line from \( -\infty\) to \(\infty\), including fractions and irrational numbers like \(\pi\). When looking at real numbers, there is no solution to the equation \( x^2 = -1\). Complex numbers were created to solve this problem, and call the solution to this equation as \(i\). You may also see this written as \(i = \sqrt{-1}\).</p> <p>A complex number is then a number of the form \(a + bi\), where \(a\) and \(b\) are real numbers. A quick check shows that multiplying, dividing, (and adding and subtracting) complex numbers gives other complex numbers. For example </p> <p>\( (a+bi)(a’+b’i) = aa’ + (ab’ + a’b)i + bb’ (i)^2 = (aa’ – bb’) + (ab’ + a’b)i\). <aside></aside></p> <p>This is promising for being able to define an equivalent notion of prime numbers.</p> <p>As a side note, those who are already familiar with the concept of complex numbers may be interested to learn that we can define complex numbers without introducing the concept of \(i\) at all. Instead of considering complex numbers as \(a + bi\), we can define them as ordered pairs \( (a,b) \). “Multiplication” is then defined as the function that takes \( (a,b)\) and \( (a’,b’)\) as inputs, and outputs \( (aa’-bb’, ab’ + a’b)\). </p> <p>The Gaussian integers are a subset of the complex numbers. Specifically, they are the complex numbers for which \(a\) and \(b\) (in either of the definitions of complex numbers above!) are integers. Written in slightly more formal language, we can say that the Gaussian integers are the set of \(a + bi\) for which \(a, b\) are in the set of integers. </p> <p>Now we have defined the Gaussian integers, the next step is to get a rigorous definition of prime numbers.</p> <h3 id="h-prime-numbers-nbsp">Prime Numbers </h3> <p>You probably already know a definition for prime numbers, namely that \(p\) is prime if and only if it is only divisible by \(1\) and itself. This definition does not work with complex numbers. In fact, it does not even work with the integers. This is because \( 1 = -1 \times -1\), and so the only integer that is divisible ONLY by \(1\) and itself is \(-1\) (all others must also have a factor of \(-1\)).</p> <p>So, we need a more general definition for prime numbers. A definition that not only works for the natural numbers, but also the integers and the Gaussian integers. Thankfully mathematicians long ago solved this problem, so the official definition of a prime number is as follows:</p> <p>A number \(p\) is prime if for any \(c, d\) for which \(p\) is a factor of \(cd\), \(p\) is either a factor of \(c\), or \(d\) is a factor of \(b\) (or both)</p> <p>By “\(x\) is a factor of \(y\)”, we mean that there exists some \(k\) such that \(x=ky\).</p> <p>This new definition can now be applied to our Gaussian integers!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Carl_Friedrich_Gauss_1840_by_Jensen.jpg"><img alt="An oil painting of a man in formal attire with white hair" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 804px) 100vw, 804px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Carl_Friedrich_Gauss_1840_by_Jensen-804x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Carl_Friedrich_Gauss_1840_by_Jensen-804x1024.jpg 804w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Carl_Friedrich_Gauss_1840_by_Jensen-235x300.jpg 235w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Carl_Friedrich_Gauss_1840_by_Jensen-768x978.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Carl_Friedrich_Gauss_1840_by_Jensen.jpg 960w" width="804"></img></a><figcaption>Carl Friedrich Gauss, after whom the Gaussian integers are named. Image credit: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Carl_Friedrich_Gauss_1840_by_Jensen.jpg?uselang=en#Licensing" rel="noreferrer noopener" target="_blank">public domain</a>.</figcaption></figure></div> <h3 id="h-gaussian-primes">Gaussian Primes</h3> <p>Putting all this together, we get our definition of Gaussian primes! They are Gaussian integers satisfying the above definition of prime numbers. So when I said that \(2\) is not a prime number, I was being truthful because we can take \(c = 1 + i\) and \(d = 1 – i\). \(cd = (1 + i)(1-i) = 2\), so \(2\) is definitely a divisor of \(cd\). But \(2\) does not divide \(c\) or \(d\) on their own, so it cannot be prime.</p> <p>Our definition for Gaussian primes ends up being equivalent to \(p\) is prime if its only divisors are itself, \(1, -1, i\) and \(-i). So \). \(2 = (1 + i)(1-i) \) is not prime.</p> <p>Similarly, \(5 = (2+i)(2-i)\) is also not a Gaussian prime. And 13? \(13 = (2+3i)(2-3i)\). Once again, not a Gaussian prime.</p> <p>The eagle-eyed among you will now have spotted a pattern. All the examples of numbers that we’d normally consider to be prime, which are not Gaussian primes are equal to \( (x+iy)(x-iy) = x^2 + y^2\). In fact, from this, we can see that any prime number that is the sum of two square numbers is not a Gaussian prime.</p> <p>This is where our old friend Pierre de Fermat pops up. Though he is most famous for his eponymous “Last” theorem, Fermat also has a theorem on the sum of two squares. This theorem states that an odd prime \(p\) can be written as the sum of two squares \(x^2 + y^2 = p\), for \(x\) and \(y\) integers, if and only if \(p\) is one more than a multiple of 4.</p> <p>So, there we have it: Any prime number that is one more than a multiple of 4 is not a Gaussian prime.</p> <p>As for a proof of Fermat’s theorem on the sum of two squares, Fermat never wrote one down. Several proofs and algorithms for finding \(x\) and \(y\) with \(x^2 + y^2 = p\) have since been discovered, but I will not spoil your fun and I will let you have a go at working one out yourself.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Black-Simple-Personal-Logo.png"><img alt="A symmetrical array of dots plotted against two axes" decoding="async" height="500" sizes="(max-width: 500px) 100vw, 500px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Black-Simple-Personal-Logo.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Black-Simple-Personal-Logo.png 500w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Black-Simple-Personal-Logo-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Black-Simple-Personal-Logo-150x150.png 150w" width="500"></img></a><figcaption>A visual representation of the Gaussian primes. A dot marks each \((x,y)\) coordinate for which \( x+ iy\) is a Gaussian prime.</figcaption></figure></div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/prime-suspects/#comments 8 Mehr arbeiten? Fossilismus gegen Familien, Demografie & Deindustrialisierung https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mehr-arbeiten-fossilismus-gegen-familien-demografie-deindustrialisierung/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mehr-arbeiten-fossilismus-gegen-familien-demografie-deindustrialisierung/#comments Tue, 03 Feb 2026 08:34:33 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11010 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-768x768.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mehr-arbeiten-fossilismus-gegen-familien-demografie-deindustrialisierung/</link> </image> <description type="html"><h1>Mehr arbeiten? Fossilismus, Demografie & Deindustrialisierung</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Da ich in den vergangenen Tagen sehr viel auf “mehr Arbeiten”, “höheres Renteneintrittsalter”, “Schulden”, “Lifestyle-Teilzeit” und selbstverständlich “wieder Wachstum?” angesprochen wurde, vermisse ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/hans-rosling-ber-religion-und-babys-richtig-verstehen/">den schwedischen Statistiker und Demografie-Kollegen <strong>Hans Rosling</strong> (1948 – 2017)</a> mehr denn je. Denn er machte bereits in den 2010er Jahren auf eine dramatische Entwicklung aufmerksam, die seit 2017 sogar von den notorisch überschießenden UN-Prognosen bestätigt wird: Wir <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/peak-child-zeitenumbruch-auch-durch-die-saekulare-geburtenimplosion/">Menschen haben bereits den <strong>Geburtengipfel – Peak Child –</strong> überschritten</a>, die Zahl junger Menschen sinkt bereits weltweit und jeden Tag mehr.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/peak-child-zeitenumbruch-auch-durch-die-saekulare-geburtenimplosion/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Eine Datengrafik nach UN-Daten von 2024 zeigt einen globalen Rückgang der Kinderzahlen ab 2017." decoding="async" height="905" sizes="(max-width: 905px) 100vw, 905px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025.jpg 905w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-768x768.jpg 768w" width="905"></img></a></p> <p><em>Die Bevölkerungsprognosen der UN sind auf “offizielle” Daten aus Ländern wie China, Russland und den USA angewiesen und weichen also immer stärker von der Realität der säkularen Geburtenimplosion ab. Dennoch vermerken auch sie bereits ab 2017 den globalen Rückgang der Kinderzahlen. Grafik: <a href="https://ourworldindata.org/data-insights/the-world-has-passed-peak-child">Our World in Data 2025, CC BY</a></em></p> <p>Und <a href="https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/01/PD26_032_124.html">auch <strong>in Deutschland schrumpfte die Bevölkerung mangels Kindern und Migration bereits 2025</strong> um 100.000 Köpfe</a> – bald 300 Menschen pro Tag!</p> <p>Im Statistik-Fachdeutsch klingt das dann so:<aside></aside></p> <p><em>“Wie in allen Jahren seit der deutschen Vereinigung 1990 überstieg auch im Jahr 2025 die Zahl der Gestorbenen die Zahl der Geborenen. Im Unterschied zu den Vorjahren nahm allerdings die Differenz zwischen den Geburten und Sterbefällen (Geburtendefizit) zu, während der Saldo aus Zu- und Fortzügen (Nettozuwanderung) deutlich abnahm. Die Lücke zwischen den Geburten und Sterbefällen konnte erstmals seit 2020 durch die Wanderungsgewinne nicht geschlossen werden, sodass die Bevölkerungszahl sank.”</em></p> <p><strong>Die Folgen sehen wir auch z.B. in China und Japan: Wachstumsschwäche und Rechtsmimesis</strong></p> <p>Die Folgen von sinkenden Geburtenraten schlagen direkt in Wirtschaft und Politik durch: <strong><em>Wo es immer weniger jüngere Menschen gibt, wird auch immer weniger investiert und produziert.</em></strong> Ältere Menschen konsumieren, sparen und vererben häufiger.</p> <p>Die Folgen sehen und erleben wir alle im Alltag: <strong><em>Das Wachstum der sog. Bruttosozialprodukte erlahmt, die politischen Diskurse werden rechtsmimetisch, also reaktant, rassistisch und sexistisch und auch Rechtslibertäre (früher “Neoliberale”) befürworten plötzlich erhöhte Schuldenaufnahmen und Zölle</em></strong>, um ihre fossilen Profite noch um ein paar Jahre zu verlängern.</p> <p>Dabei könnten alle wissen: <em><strong>Schon seit Jahrzehnten versuchen demografisch schrumpfende Volkswirtschaften wie Japan und China vergeblich, durch Exporte und Schuldenaufnahmen ihr Wachstum anzukurbeln.</strong></em> Die aktuellen Diskussionen in Deutschland erlebe ich einfach als plumpe Neuauflage der längst gescheiterten, fossilen und schuldenfinanzierten <strong><em>“Abenomics”</em></strong> (2012 – 2020) in Japan.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-50-digitale-gewalt-die-kultur-japanischer-blutgruppen/#comment-195562" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die Grafik zeigt den dramatischen Geburteneinbruch in Südkorea von über 6 Geburten pro Frau in 1960 auf 0,78 Geburten pro Frau in 2022. Auch die demografische Implosion in den USA auf nur noch 1,66 Geburten pro Frau und in Japan auf nur noch 1,26 Geburten pro Frau wird beschrieben." decoding="async" height="418" sizes="(max-width: 740px) 100vw, 740px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SuedkoreaJapanGeburtenratenTFR111224.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SuedkoreaJapanGeburtenratenTFR111224.jpg 740w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SuedkoreaJapanGeburtenratenTFR111224-300x169.jpg 300w" width="740"></img></a></p> <p><em>Die Geburtenraten auch in den asiatischen Volkswirtschaften China, Japan, Südkorea, Taiwan usw. implodieren durch Fossilismus, Digitalisierung &amp; Säkularisierung in historisch beispiellosem Maß. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>In einfachen Worten gesagt: <em><strong>Autos kaufen keine Autos. Niedrige Demografie führt zu Deindustrialisierung.</strong></em></p> <p>Im schönstem Managerdeutsch formulierte dies auch mein (nicht verwandter) Namensvetter <strong>Oliver Blume</strong> als scheidender <strong>Porsche</strong>-Chef am 12.12.2025 in der <em>Stuttgarter Zeitung</em>:</p> <p><em>“<strong>Der europäische Automobilmarkt ist heute um über zwei Millionen Einheiten kleiner als vor fünf Jahren</strong>. Hinzu kommt: <strong>wir haben viel mehr Wettbewerber im Markt und in einzelnen Segmenten dreimal so viele Produkte.</strong></em></p> <p><em>Diesen geballten Druck spüren wir. Und dafür müssen wir uns in Deutschland intelligent aufstellen.”</em></p> <p>Aus meiner Sicht – übrigens <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-gift-terrors-mein-artikel/">auch als gelernter und lange “neoliberal” geprägter Banker</a> – ist damit klar:</p> <p><em><strong>Wir werden unvermeidlich demografisch und wirtschaftlich nach den alten Kennzahlen schrumpfen</strong></em> und – wenn wir nicht sehr aufpassen – wie <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115992073149204077">bereits die USA durch eine weitere Phase des fossilen Faschismus</a> gehen.</p> <p><strong>Familien und Religionsgemeinschaften wurden durch Fossilismus &amp; Medien zerblasen</strong></p> <p>Wie lässt sich diese dramatisch schnelle, säkulare Geburtenimplosion erklären?</p> <p>Der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-kann-nicht-alleine-militaerisch-besiegt-werden-er-ist-staerker-als-kapitalismus-und-sozialismus/">Fossilismus – also fossil befeuerte Kapitalismus wie auch Kommunismus</a> – machte die überwiegend von Frauen geleistete Familien- &amp; Pflegearbeit (Care-Work) unsichtbar &amp; entwertete sie als „Privatvergnügen“. Als „Arbeit“ gilt seitdem nur noch die Erwerbsarbeit außerhalb der Familie.</p> <p><strong><em>Wenn Du Dein Kind zuhause erziehst oder Deine Oma pflegst, geht dies bis heute nicht ins sog. “Bruttosozialprodukt” ein</em></strong> – es gilt nicht als “Arbeit”. Erziehst Du aber beruflich die Kinder anderer Leute oder pflegst Seniorinnen im Pflegeheim, dann – erst dann – hast Du nach herrschenden Kennzahlen wirklich “gearbeitet” und wirst dafür “entlohnt”.</p> <p>Dein Engagement daheim zählt im Fossilismus nicht, wird nicht einmal erfasst. Für mich ist <strong><em>der höhnische Begriff der “Lifestyle-Teilzeit” daher das fossilistische Unwort des jungen Jahres</em></strong>.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-hoffnung-statt-cyberpunk-verzweiflung-geburtenrueckgang-arche-regionen-und-dear-alice/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="In einer Szene aus dem Dear Alice-Solarpunk-Werbeclip versammeln sich vielfältige Menschen plus Künstliche Intelligenzen und Tiere um einen mit Pflanzenkost reich gedeckten Tisch." decoding="async" height="1131" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1680px) 100vw, 1680px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DearAlicePflanzenkostSolarpunk.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DearAlicePflanzenkostSolarpunk.jpg 1680w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DearAlicePflanzenkostSolarpunk-300x202.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DearAlicePflanzenkostSolarpunk-1024x689.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DearAlicePflanzenkostSolarpunk-768x517.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DearAlicePflanzenkostSolarpunk-1536x1034.jpg 1536w" width="1680"></img></a></p> <p><em>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-hoffnung-statt-cyberpunk-verzweiflung-geburtenrueckgang-arche-regionen-und-dear-alice/">Solarpunk werden bereits neue Familien- und Arbeitsverhältnisse utopisch entworfen</a>. Doch es wird wohl noch Jahrzehnte brauchen, bis sich das herumspricht. Schade, eigentlich. Screenshot: Michael Blume, 2023</em></p> <p><em><strong>Die Folge des Fossilismus war und ist also eine Zunahme der Individualisierung und säkularer Geburtenrückgang</strong></em>, der sich medial schon mit der Ausbreitung des Fernsehens steigerte und seit <em><strong>der Einführung des Smartphone zur säkularen Geburtenimplosion eskaliert</strong></em>.</p> <p>Eine der ersten Wirtschaftsbranchen, die sich durch KI-Anwendungen ökonomisch auflöst, ist nicht zufällig die Pornographie. <em><strong>Immer mehr Menschen erleben Soziales und auch Sexualität immer häufiger ohne andere Menschen.</strong></em> Auch heute, auch jetzt.</p> <p><a href="https://www.spektrum.de/magazin/homo-religiosus/982255" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Schaubild zum Homo religiosus, der links die biologischen Grundlagen von Religiosität und rechts ihre kulturellen und demografischen Ausprägungen aufzeigt." decoding="async" height="1429" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HomoreligiosusMichaelBlume1225-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HomoreligiosusMichaelBlume1225-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HomoreligiosusMichaelBlume1225-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HomoreligiosusMichaelBlume1225-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HomoreligiosusMichaelBlume1225-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HomoreligiosusMichaelBlume1225-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HomoreligiosusMichaelBlume1225-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Religiosität verstärkt die Kooperation und damit potentiell auch Reproduktion innerhalb von Netzwerken und Gemeinschaften von Gläubigen. Deswegen evolvierte sie biokulturell – bis heute. <a href="https://www.spektrum.de/magazin/homo-religiosus/982255">Schaubild zum “Homo religiosus” von Michael Blume</a> mit NotebookLM</em></p> <p>Zumal ja auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/ueberleben-in-arche-staedten-hitzetod-wasserkrise-in-indien-geburtenrueckgang-in-afrika/">noch fossil finanzierte Kriege, Massaker und Vertreibungen sowie Massentierhaltungs-Pandemien und die Klima- als Wasserkrise</a> hinzukommen, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/club-of-rome-die-weltbev-lkerung-schrumpft-ab-2042/">rechne ich bereits für die 2030er Jahre mit einem globalen Bevölkerungsrückgang (Club of Rome: 2042)</a>. Die meisten Industrien und Exportmärkte werden bis dahin bereits erheblich geschrumpft sein.</p> <p>Bitte verzeiht mir also, dass ich <a href="https://www.spektrum.de/magazin/homo-religiosus/982255">sowohl als Wissenschaftler, Christdemokrat (CDA) wie auch als dreifacher Familienvater der Tagesaufregung</a> über völlig überzogene, rechtslibertäre “Ideen” nicht nachkommen möchte. Wir erleben derzeit hier <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/erneuerbare-friedensenergien-und-die-abwehrschlacht-des-fossilismus/">die auch deutschsprachige Abwehrschlacht des niedergehenden Fossilismus</a>, in dem rechtsmimetische und asiatische Wirtschaftsdiskurse sowie demografische Sackgassen einfach noch einmal schlecht wiederholt werden. Der fossile “Wirtschaftslobbyismus” ist einfach nur noch flach.</p> <p>Wer Wertschöpfung im Inland erhalten möchte, sollte stattdessen <a href="https://energiewinde.orsted.de/koepfe-der-energiewende/michael-blume-antisemitismus-ressourcenfluch-oel-gas-konflikte-interview">erneuerbare Friedens- und Wohlstandsenergien sowie Energiespeicher so schnell wie irgend möglich ausbauen</a>. Und wer sich wirklich wissenschaftlich und interdisziplinär interessiert, kann längst darüber hinaus nach vorne schauen – und “Arbeit” neu und umfassend verstehen.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/EuUv-v7V1MA?feature=oembed&amp;rel=0" title="Die Evolution der Religion zwischen Charles Darwin (Theologe) &amp; Richard Dawkins (&quot;egoistisches Gen&quot;)" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Mehr arbeiten? Fossilismus, Demografie & Deindustrialisierung</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Da ich in den vergangenen Tagen sehr viel auf “mehr Arbeiten”, “höheres Renteneintrittsalter”, “Schulden”, “Lifestyle-Teilzeit” und selbstverständlich “wieder Wachstum?” angesprochen wurde, vermisse ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/hans-rosling-ber-religion-und-babys-richtig-verstehen/">den schwedischen Statistiker und Demografie-Kollegen <strong>Hans Rosling</strong> (1948 – 2017)</a> mehr denn je. Denn er machte bereits in den 2010er Jahren auf eine dramatische Entwicklung aufmerksam, die seit 2017 sogar von den notorisch überschießenden UN-Prognosen bestätigt wird: Wir <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/peak-child-zeitenumbruch-auch-durch-die-saekulare-geburtenimplosion/">Menschen haben bereits den <strong>Geburtengipfel – Peak Child –</strong> überschritten</a>, die Zahl junger Menschen sinkt bereits weltweit und jeden Tag mehr.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/peak-child-zeitenumbruch-auch-durch-die-saekulare-geburtenimplosion/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Eine Datengrafik nach UN-Daten von 2024 zeigt einen globalen Rückgang der Kinderzahlen ab 2017." decoding="async" height="905" sizes="(max-width: 905px) 100vw, 905px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025.jpg 905w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-768x768.jpg 768w" width="905"></img></a></p> <p><em>Die Bevölkerungsprognosen der UN sind auf “offizielle” Daten aus Ländern wie China, Russland und den USA angewiesen und weichen also immer stärker von der Realität der säkularen Geburtenimplosion ab. Dennoch vermerken auch sie bereits ab 2017 den globalen Rückgang der Kinderzahlen. Grafik: <a href="https://ourworldindata.org/data-insights/the-world-has-passed-peak-child">Our World in Data 2025, CC BY</a></em></p> <p>Und <a href="https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/01/PD26_032_124.html">auch <strong>in Deutschland schrumpfte die Bevölkerung mangels Kindern und Migration bereits 2025</strong> um 100.000 Köpfe</a> – bald 300 Menschen pro Tag!</p> <p>Im Statistik-Fachdeutsch klingt das dann so:<aside></aside></p> <p><em>“Wie in allen Jahren seit der deutschen Vereinigung 1990 überstieg auch im Jahr 2025 die Zahl der Gestorbenen die Zahl der Geborenen. Im Unterschied zu den Vorjahren nahm allerdings die Differenz zwischen den Geburten und Sterbefällen (Geburtendefizit) zu, während der Saldo aus Zu- und Fortzügen (Nettozuwanderung) deutlich abnahm. Die Lücke zwischen den Geburten und Sterbefällen konnte erstmals seit 2020 durch die Wanderungsgewinne nicht geschlossen werden, sodass die Bevölkerungszahl sank.”</em></p> <p><strong>Die Folgen sehen wir auch z.B. in China und Japan: Wachstumsschwäche und Rechtsmimesis</strong></p> <p>Die Folgen von sinkenden Geburtenraten schlagen direkt in Wirtschaft und Politik durch: <strong><em>Wo es immer weniger jüngere Menschen gibt, wird auch immer weniger investiert und produziert.</em></strong> Ältere Menschen konsumieren, sparen und vererben häufiger.</p> <p>Die Folgen sehen und erleben wir alle im Alltag: <strong><em>Das Wachstum der sog. Bruttosozialprodukte erlahmt, die politischen Diskurse werden rechtsmimetisch, also reaktant, rassistisch und sexistisch und auch Rechtslibertäre (früher “Neoliberale”) befürworten plötzlich erhöhte Schuldenaufnahmen und Zölle</em></strong>, um ihre fossilen Profite noch um ein paar Jahre zu verlängern.</p> <p>Dabei könnten alle wissen: <em><strong>Schon seit Jahrzehnten versuchen demografisch schrumpfende Volkswirtschaften wie Japan und China vergeblich, durch Exporte und Schuldenaufnahmen ihr Wachstum anzukurbeln.</strong></em> Die aktuellen Diskussionen in Deutschland erlebe ich einfach als plumpe Neuauflage der längst gescheiterten, fossilen und schuldenfinanzierten <strong><em>“Abenomics”</em></strong> (2012 – 2020) in Japan.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-50-digitale-gewalt-die-kultur-japanischer-blutgruppen/#comment-195562" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die Grafik zeigt den dramatischen Geburteneinbruch in Südkorea von über 6 Geburten pro Frau in 1960 auf 0,78 Geburten pro Frau in 2022. Auch die demografische Implosion in den USA auf nur noch 1,66 Geburten pro Frau und in Japan auf nur noch 1,26 Geburten pro Frau wird beschrieben." decoding="async" height="418" sizes="(max-width: 740px) 100vw, 740px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SuedkoreaJapanGeburtenratenTFR111224.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SuedkoreaJapanGeburtenratenTFR111224.jpg 740w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SuedkoreaJapanGeburtenratenTFR111224-300x169.jpg 300w" width="740"></img></a></p> <p><em>Die Geburtenraten auch in den asiatischen Volkswirtschaften China, Japan, Südkorea, Taiwan usw. implodieren durch Fossilismus, Digitalisierung &amp; Säkularisierung in historisch beispiellosem Maß. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>In einfachen Worten gesagt: <em><strong>Autos kaufen keine Autos. Niedrige Demografie führt zu Deindustrialisierung.</strong></em></p> <p>Im schönstem Managerdeutsch formulierte dies auch mein (nicht verwandter) Namensvetter <strong>Oliver Blume</strong> als scheidender <strong>Porsche</strong>-Chef am 12.12.2025 in der <em>Stuttgarter Zeitung</em>:</p> <p><em>“<strong>Der europäische Automobilmarkt ist heute um über zwei Millionen Einheiten kleiner als vor fünf Jahren</strong>. Hinzu kommt: <strong>wir haben viel mehr Wettbewerber im Markt und in einzelnen Segmenten dreimal so viele Produkte.</strong></em></p> <p><em>Diesen geballten Druck spüren wir. Und dafür müssen wir uns in Deutschland intelligent aufstellen.”</em></p> <p>Aus meiner Sicht – übrigens <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-gift-terrors-mein-artikel/">auch als gelernter und lange “neoliberal” geprägter Banker</a> – ist damit klar:</p> <p><em><strong>Wir werden unvermeidlich demografisch und wirtschaftlich nach den alten Kennzahlen schrumpfen</strong></em> und – wenn wir nicht sehr aufpassen – wie <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115992073149204077">bereits die USA durch eine weitere Phase des fossilen Faschismus</a> gehen.</p> <p><strong>Familien und Religionsgemeinschaften wurden durch Fossilismus &amp; Medien zerblasen</strong></p> <p>Wie lässt sich diese dramatisch schnelle, säkulare Geburtenimplosion erklären?</p> <p>Der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-kann-nicht-alleine-militaerisch-besiegt-werden-er-ist-staerker-als-kapitalismus-und-sozialismus/">Fossilismus – also fossil befeuerte Kapitalismus wie auch Kommunismus</a> – machte die überwiegend von Frauen geleistete Familien- &amp; Pflegearbeit (Care-Work) unsichtbar &amp; entwertete sie als „Privatvergnügen“. Als „Arbeit“ gilt seitdem nur noch die Erwerbsarbeit außerhalb der Familie.</p> <p><strong><em>Wenn Du Dein Kind zuhause erziehst oder Deine Oma pflegst, geht dies bis heute nicht ins sog. “Bruttosozialprodukt” ein</em></strong> – es gilt nicht als “Arbeit”. Erziehst Du aber beruflich die Kinder anderer Leute oder pflegst Seniorinnen im Pflegeheim, dann – erst dann – hast Du nach herrschenden Kennzahlen wirklich “gearbeitet” und wirst dafür “entlohnt”.</p> <p>Dein Engagement daheim zählt im Fossilismus nicht, wird nicht einmal erfasst. Für mich ist <strong><em>der höhnische Begriff der “Lifestyle-Teilzeit” daher das fossilistische Unwort des jungen Jahres</em></strong>.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-hoffnung-statt-cyberpunk-verzweiflung-geburtenrueckgang-arche-regionen-und-dear-alice/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="In einer Szene aus dem Dear Alice-Solarpunk-Werbeclip versammeln sich vielfältige Menschen plus Künstliche Intelligenzen und Tiere um einen mit Pflanzenkost reich gedeckten Tisch." decoding="async" height="1131" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1680px) 100vw, 1680px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DearAlicePflanzenkostSolarpunk.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DearAlicePflanzenkostSolarpunk.jpg 1680w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DearAlicePflanzenkostSolarpunk-300x202.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DearAlicePflanzenkostSolarpunk-1024x689.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DearAlicePflanzenkostSolarpunk-768x517.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DearAlicePflanzenkostSolarpunk-1536x1034.jpg 1536w" width="1680"></img></a></p> <p><em>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-hoffnung-statt-cyberpunk-verzweiflung-geburtenrueckgang-arche-regionen-und-dear-alice/">Solarpunk werden bereits neue Familien- und Arbeitsverhältnisse utopisch entworfen</a>. Doch es wird wohl noch Jahrzehnte brauchen, bis sich das herumspricht. Schade, eigentlich. Screenshot: Michael Blume, 2023</em></p> <p><em><strong>Die Folge des Fossilismus war und ist also eine Zunahme der Individualisierung und säkularer Geburtenrückgang</strong></em>, der sich medial schon mit der Ausbreitung des Fernsehens steigerte und seit <em><strong>der Einführung des Smartphone zur säkularen Geburtenimplosion eskaliert</strong></em>.</p> <p>Eine der ersten Wirtschaftsbranchen, die sich durch KI-Anwendungen ökonomisch auflöst, ist nicht zufällig die Pornographie. <em><strong>Immer mehr Menschen erleben Soziales und auch Sexualität immer häufiger ohne andere Menschen.</strong></em> Auch heute, auch jetzt.</p> <p><a href="https://www.spektrum.de/magazin/homo-religiosus/982255" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Schaubild zum Homo religiosus, der links die biologischen Grundlagen von Religiosität und rechts ihre kulturellen und demografischen Ausprägungen aufzeigt." decoding="async" height="1429" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HomoreligiosusMichaelBlume1225-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HomoreligiosusMichaelBlume1225-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HomoreligiosusMichaelBlume1225-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HomoreligiosusMichaelBlume1225-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HomoreligiosusMichaelBlume1225-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HomoreligiosusMichaelBlume1225-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HomoreligiosusMichaelBlume1225-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Religiosität verstärkt die Kooperation und damit potentiell auch Reproduktion innerhalb von Netzwerken und Gemeinschaften von Gläubigen. Deswegen evolvierte sie biokulturell – bis heute. <a href="https://www.spektrum.de/magazin/homo-religiosus/982255">Schaubild zum “Homo religiosus” von Michael Blume</a> mit NotebookLM</em></p> <p>Zumal ja auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/ueberleben-in-arche-staedten-hitzetod-wasserkrise-in-indien-geburtenrueckgang-in-afrika/">noch fossil finanzierte Kriege, Massaker und Vertreibungen sowie Massentierhaltungs-Pandemien und die Klima- als Wasserkrise</a> hinzukommen, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/club-of-rome-die-weltbev-lkerung-schrumpft-ab-2042/">rechne ich bereits für die 2030er Jahre mit einem globalen Bevölkerungsrückgang (Club of Rome: 2042)</a>. Die meisten Industrien und Exportmärkte werden bis dahin bereits erheblich geschrumpft sein.</p> <p>Bitte verzeiht mir also, dass ich <a href="https://www.spektrum.de/magazin/homo-religiosus/982255">sowohl als Wissenschaftler, Christdemokrat (CDA) wie auch als dreifacher Familienvater der Tagesaufregung</a> über völlig überzogene, rechtslibertäre “Ideen” nicht nachkommen möchte. Wir erleben derzeit hier <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/erneuerbare-friedensenergien-und-die-abwehrschlacht-des-fossilismus/">die auch deutschsprachige Abwehrschlacht des niedergehenden Fossilismus</a>, in dem rechtsmimetische und asiatische Wirtschaftsdiskurse sowie demografische Sackgassen einfach noch einmal schlecht wiederholt werden. Der fossile “Wirtschaftslobbyismus” ist einfach nur noch flach.</p> <p>Wer Wertschöpfung im Inland erhalten möchte, sollte stattdessen <a href="https://energiewinde.orsted.de/koepfe-der-energiewende/michael-blume-antisemitismus-ressourcenfluch-oel-gas-konflikte-interview">erneuerbare Friedens- und Wohlstandsenergien sowie Energiespeicher so schnell wie irgend möglich ausbauen</a>. Und wer sich wirklich wissenschaftlich und interdisziplinär interessiert, kann längst darüber hinaus nach vorne schauen – und “Arbeit” neu und umfassend verstehen.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/EuUv-v7V1MA?feature=oembed&amp;rel=0" title="Die Evolution der Religion zwischen Charles Darwin (Theologe) &amp; Richard Dawkins (&quot;egoistisches Gen&quot;)" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mehr-arbeiten-fossilismus-gegen-familien-demografie-deindustrialisierung/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>108</slash:comments> </item> <item> <title>Leben für Wissenschaft und Gemeinwohl https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/leben-fuer-wissenschaft-und-gemeinwohl/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/leben-fuer-wissenschaft-und-gemeinwohl/#respond Sun, 01 Feb 2026 19:58:00 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12504 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WeigelMathe-768x1024.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/leben-fuer-wissenschaft-und-gemeinwohl/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WeigelMathe.jpg" /><h1>Leben für Wissenschaft und Gemeinwohl » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Noch bis 15. Februar ist im Stadtmuseum Jena die Ausstellung “Wissenschaft zum Wohle aller!” anlässlich des 400sten Geburtstags von<strong> Erhard Weigel</strong> zu sehen (<a href="https://www.stadtmuseum-jena.de/de/1024062">webpage</a>). “Mathe” ist ja nicht von allen das Lieblingsfach in der Schule, aber diese Ausstellung zu einem Mathematik-Professor demonstriert, wie vielseitig die Möglichkeiten dieses Faches sind: von technischen Spielzeugen bis <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/pandaemonium-or-how-i-learned-to-stop-worrying-and-love-the-prompt/">Magie</a>, von der abstrakten Geometrie bis Himmelskunde.</p> <h2>Dauerausstellung</h2> <p>Über das Mysterium, das sich um Weigels begehbaren Himmelsglobus “Pancosmus” rankt, hatte ich bereits vor ~2 Jahren im Zusammenhang mit Vorläufern des ZEISS-Planetariums berichtet. </p> <ul> <li>Das <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/das-wuenderchen-von-jena/">“Wünderchen” von Jena</a></li> <li>die <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/weigels-pancosmus/">Meinung des norwegischen Kollegen T. Rössack</a> über seine Größe</li> <li>Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/das-weigelsche-objekt-auf-dem-altan-des-jenaer-schlosses-eisenblechkugel-oder-statische-armillarsphaere/">Meinung von Dr. Meinl (Jena)</a> zum Objekt auf dem Stadtschloss, das vom Pancosmus zu unterscheiden ist.</li> </ul> <p>Im Stadtmuseum in Jena gibt es einen gebauten Entwurf eines Weigel-Globus in der Dauerausstellung. Mir war bisher jederzeit unklar, was genau hiermit dargestellt werden soll und auf welcher (historischen?) Grundlage es beruht, aber es sieht eindrucksvoll aus.</p> <p>Links hat das Museum das sogenannte “Astroscopium” auf einen Glaszylinder gedruckt. Es zeigt einen doppelköpfigen Adler mit Sternkarte und den von Weigel erfundenen Sternbildern. Normalerweise ist dies eine flache (Papier)Karte. Das Museum zeigt es nur auf einem “curved screen”. Daneben steht ein Objekt, das sie “Weigel-Globus” nennen. Die Form erinnert an die Rekonstruktion von Tor Rössack 2018 (<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/weigels-pancosmus/">hier wiedergegeben</a>), aber dieses goldfarbene Objekt hat an der Außenseite heraldische Sternbilder (was von Weigels Pancosmus nicht sicher ist) und an der Innenseite ist es durchlöchert. Das Muster gibt allerdings nicht die akurate Lage der Sterne am Himmel wieder: unwahrscheinlich, dass Weigel so etwas offensichtlich Falsches produziert hätte. Da er es für Unterrichtszwecke einsetzte, muss es in seinem Original vollständig und richtig gewesen sein. Es ist eben nur für die breite Öffentlichkeit. </p> <p>Übrigens gibt es einen ähnlichen starren Globus, in dem man von innen die Sterne als Muster sieht, auch aus dem prä-jesuitischen China. Der chinesische Globus datiert 1280 und damit ca. 400 Jahre früher als Weigels Globus 1661. Das deutet nicht denknotwendig auf Transfer hin, nur auf die gleiche Idee bei unterschiedlichen Menschen. <aside></aside></p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/china2024_web_a944.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/china2024_web_a944-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/china2024_web_a944-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/china2024_web_a944-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/china2024_web_a944.jpg 1001w" width="768"></img></a></figure> </div> </div> <h2>Sonderausstellung</h2> <p>Anlässlich des 400sten Geburtstags von Weigel präsentiert das Stadtmuseum in der Wechselausstellung nun aber einen “Teil 2” zu Weigel und seinem Globus bzw. seinen mehreren Globen. Hier geht es natürlich um das gesamte Leben und Wirken Weigels und keineswegs nur um die Rätsel der Wissenschaftshistoriker und Weigels Wunderhaus (mit Fahrstuhl = Stuhl-am-Flaschenzug, ein Weinbrunnen-aus-Sonnenblume und anderen technischen Spielzeugen). </p> <p>Im Gegensatz zur Dauerausstellung, wo steht, dass der Pancosmus 5.5 m groß war, wird hier gesagt, dass es nur 3 Meter waren … und diese widersprüchlichen Zahlen (die nicht erläutert werden) spiegeln den Stand der Forschung wider. </p> <p>Der Mathematikprofessor wird hier in seinen schillerndsten Seiten dargestellt und von einem KI-getriebenen Schulkind-von-heute interviewt. </p> <p>Eigentlich hat sich in den letzten ~400 Jahren gar nicht so viel geändert. Mathematik ist immer noch eine Grundlagenwissenschaft und stellt zusammen mit der (neueren) Informatik eine der wichtigsten Säulen der <a href="https://www.uni-jena.de/">Universität Jena</a> dar. </p> <p>Informatik als neue technische Auskristallisation von Mathematik hat in unserem Alltag viel mehr technische Spielzeuge und wichtige Anwendungen hervorgebracht als noch in Weigels Zeit. </p> <p>Ich war mit einer indonesischen Gastwissenschaftlerin in dem Museum und war begeistert, dass Erhard Weigel in Jena derzeit ein bisschen mehr Aufmerksamkeit erhält. Allerdings finde ich, dass Jena diese Gallionsfigur der Wissenschafts- und Technikgeschichte etwas unterschätzt: Man hat Statuen von Carl Zeiss (Innenstadt), Ernst Abbe (am Planetarium) und Otto Schott (an seiner Villa) aufgestellt, aber noch keine von Erhard Weigel. Und das, obwohl das Weigelhaus zu den “<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sieben_Wunder_(Jena)">sieben Wundern Jenas</a>” gehörte, bevor es 1898 abgerissen worden ist. Er müsste eigentlich gleich am <a href="https://www.bahnhof.de/jena-paradies">Paradies-Bahnhof</a> (ja, der heißt wirklich so) mit seinen Globen (und anderen “Wundern”) die Menschen begrüßen.</p> <h2>Wunder </h2> <p>Sie sehen, im verträumten Thüringen gibt es nicht nur einen <a href="https://www.vogtland-tourismus.de/de/poi/ausstellung/maerchenwald-wuenschendorf/24480562/">Märchenwald</a> in einem Ort namens <strong>Wünschendorf,</strong> sondern es gibt auch an der größten Universität des Landes (Jena) sehr viel Magie (bisweilen auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/pandaemonium-or-how-i-learned-to-stop-worrying-and-love-the-prompt/">Schwarze Magie</a>: besonders in der Informatik). </p> <p>Davon zeugt bspw. auch der “Magische Kalender”, der in der aktuellen Ausstellung zu sehen ist. Es ist ein beeindruckendes Stück aus Weigels Zeit, enthält ein Gemisch aus Alchemie, Astrologie, religiösen Symbolen, Engeln und Erzengeln, Wochentagen … fürs 16./17. Jh. völlig normal:</p> <p>Jedenfalls zeugt die Sonderausstellung mit ihren “hands on”-Elementen und kindgerechter Aufbereitung durchaus von museumspädagogischem Geschick. Es lohnt sich, sie noch rasch anzuschauen: </p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WeigelMathe.jpg" /><h1>Leben für Wissenschaft und Gemeinwohl » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Noch bis 15. Februar ist im Stadtmuseum Jena die Ausstellung “Wissenschaft zum Wohle aller!” anlässlich des 400sten Geburtstags von<strong> Erhard Weigel</strong> zu sehen (<a href="https://www.stadtmuseum-jena.de/de/1024062">webpage</a>). “Mathe” ist ja nicht von allen das Lieblingsfach in der Schule, aber diese Ausstellung zu einem Mathematik-Professor demonstriert, wie vielseitig die Möglichkeiten dieses Faches sind: von technischen Spielzeugen bis <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/pandaemonium-or-how-i-learned-to-stop-worrying-and-love-the-prompt/">Magie</a>, von der abstrakten Geometrie bis Himmelskunde.</p> <h2>Dauerausstellung</h2> <p>Über das Mysterium, das sich um Weigels begehbaren Himmelsglobus “Pancosmus” rankt, hatte ich bereits vor ~2 Jahren im Zusammenhang mit Vorläufern des ZEISS-Planetariums berichtet. </p> <ul> <li>Das <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/das-wuenderchen-von-jena/">“Wünderchen” von Jena</a></li> <li>die <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/weigels-pancosmus/">Meinung des norwegischen Kollegen T. Rössack</a> über seine Größe</li> <li>Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/das-weigelsche-objekt-auf-dem-altan-des-jenaer-schlosses-eisenblechkugel-oder-statische-armillarsphaere/">Meinung von Dr. Meinl (Jena)</a> zum Objekt auf dem Stadtschloss, das vom Pancosmus zu unterscheiden ist.</li> </ul> <p>Im Stadtmuseum in Jena gibt es einen gebauten Entwurf eines Weigel-Globus in der Dauerausstellung. Mir war bisher jederzeit unklar, was genau hiermit dargestellt werden soll und auf welcher (historischen?) Grundlage es beruht, aber es sieht eindrucksvoll aus.</p> <p>Links hat das Museum das sogenannte “Astroscopium” auf einen Glaszylinder gedruckt. Es zeigt einen doppelköpfigen Adler mit Sternkarte und den von Weigel erfundenen Sternbildern. Normalerweise ist dies eine flache (Papier)Karte. Das Museum zeigt es nur auf einem “curved screen”. Daneben steht ein Objekt, das sie “Weigel-Globus” nennen. Die Form erinnert an die Rekonstruktion von Tor Rössack 2018 (<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/weigels-pancosmus/">hier wiedergegeben</a>), aber dieses goldfarbene Objekt hat an der Außenseite heraldische Sternbilder (was von Weigels Pancosmus nicht sicher ist) und an der Innenseite ist es durchlöchert. Das Muster gibt allerdings nicht die akurate Lage der Sterne am Himmel wieder: unwahrscheinlich, dass Weigel so etwas offensichtlich Falsches produziert hätte. Da er es für Unterrichtszwecke einsetzte, muss es in seinem Original vollständig und richtig gewesen sein. Es ist eben nur für die breite Öffentlichkeit. </p> <p>Übrigens gibt es einen ähnlichen starren Globus, in dem man von innen die Sterne als Muster sieht, auch aus dem prä-jesuitischen China. Der chinesische Globus datiert 1280 und damit ca. 400 Jahre früher als Weigels Globus 1661. Das deutet nicht denknotwendig auf Transfer hin, nur auf die gleiche Idee bei unterschiedlichen Menschen. <aside></aside></p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/china2024_web_a944.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/china2024_web_a944-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/china2024_web_a944-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/china2024_web_a944-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/china2024_web_a944.jpg 1001w" width="768"></img></a></figure> </div> </div> <h2>Sonderausstellung</h2> <p>Anlässlich des 400sten Geburtstags von Weigel präsentiert das Stadtmuseum in der Wechselausstellung nun aber einen “Teil 2” zu Weigel und seinem Globus bzw. seinen mehreren Globen. Hier geht es natürlich um das gesamte Leben und Wirken Weigels und keineswegs nur um die Rätsel der Wissenschaftshistoriker und Weigels Wunderhaus (mit Fahrstuhl = Stuhl-am-Flaschenzug, ein Weinbrunnen-aus-Sonnenblume und anderen technischen Spielzeugen). </p> <p>Im Gegensatz zur Dauerausstellung, wo steht, dass der Pancosmus 5.5 m groß war, wird hier gesagt, dass es nur 3 Meter waren … und diese widersprüchlichen Zahlen (die nicht erläutert werden) spiegeln den Stand der Forschung wider. </p> <p>Der Mathematikprofessor wird hier in seinen schillerndsten Seiten dargestellt und von einem KI-getriebenen Schulkind-von-heute interviewt. </p> <p>Eigentlich hat sich in den letzten ~400 Jahren gar nicht so viel geändert. Mathematik ist immer noch eine Grundlagenwissenschaft und stellt zusammen mit der (neueren) Informatik eine der wichtigsten Säulen der <a href="https://www.uni-jena.de/">Universität Jena</a> dar. </p> <p>Informatik als neue technische Auskristallisation von Mathematik hat in unserem Alltag viel mehr technische Spielzeuge und wichtige Anwendungen hervorgebracht als noch in Weigels Zeit. </p> <p>Ich war mit einer indonesischen Gastwissenschaftlerin in dem Museum und war begeistert, dass Erhard Weigel in Jena derzeit ein bisschen mehr Aufmerksamkeit erhält. Allerdings finde ich, dass Jena diese Gallionsfigur der Wissenschafts- und Technikgeschichte etwas unterschätzt: Man hat Statuen von Carl Zeiss (Innenstadt), Ernst Abbe (am Planetarium) und Otto Schott (an seiner Villa) aufgestellt, aber noch keine von Erhard Weigel. Und das, obwohl das Weigelhaus zu den “<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sieben_Wunder_(Jena)">sieben Wundern Jenas</a>” gehörte, bevor es 1898 abgerissen worden ist. Er müsste eigentlich gleich am <a href="https://www.bahnhof.de/jena-paradies">Paradies-Bahnhof</a> (ja, der heißt wirklich so) mit seinen Globen (und anderen “Wundern”) die Menschen begrüßen.</p> <h2>Wunder </h2> <p>Sie sehen, im verträumten Thüringen gibt es nicht nur einen <a href="https://www.vogtland-tourismus.de/de/poi/ausstellung/maerchenwald-wuenschendorf/24480562/">Märchenwald</a> in einem Ort namens <strong>Wünschendorf,</strong> sondern es gibt auch an der größten Universität des Landes (Jena) sehr viel Magie (bisweilen auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/pandaemonium-or-how-i-learned-to-stop-worrying-and-love-the-prompt/">Schwarze Magie</a>: besonders in der Informatik). </p> <p>Davon zeugt bspw. auch der “Magische Kalender”, der in der aktuellen Ausstellung zu sehen ist. Es ist ein beeindruckendes Stück aus Weigels Zeit, enthält ein Gemisch aus Alchemie, Astrologie, religiösen Symbolen, Engeln und Erzengeln, Wochentagen … fürs 16./17. Jh. völlig normal:</p> <p>Jedenfalls zeugt die Sonderausstellung mit ihren “hands on”-Elementen und kindgerechter Aufbereitung durchaus von museumspädagogischem Geschick. Es lohnt sich, sie noch rasch anzuschauen: </p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/leben-fuer-wissenschaft-und-gemeinwohl/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Blume & Ince 50: Digitale Gewalt & die Kultur japanischer Blutgruppen https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-50-digitale-gewalt-die-kultur-japanischer-blutgruppen/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-50-digitale-gewalt-die-kultur-japanischer-blutgruppen/#comments Fri, 30 Jan 2026 23:04:00 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11008 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce50DigitaleGewaltJapanischeBlutgruppenkultur.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-50-digitale-gewalt-die-kultur-japanischer-blutgruppen/</link> </image> <description type="html"><h1>Digitale Gewalt & japanische Blutgruppen-Kultur</h1><h2>By Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Über <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/drk-blutspenden-statt-thymos-trump-boellern-gedanken-zur-mimesis-am-neujahrstag-2026/">den Jahreswechsel hatte ich auf den Aufruf <strong><em>“Blutspenden statt Böllern”</em></strong></a> sehr viele erfreuliche Rückmeldungen erhalten – und eine Freundin erzählte mir, dass in Japan die Blutgruppen eine Bedeutung hätten wie in Europa die Sternzeichen!</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/drk-blutspenden-statt-thymos-trump-boellern-gedanken-zur-mimesis-am-neujahrstag-2026/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein roter DRK-Schal mit der weißen Aufschrift &quot;Team Blutspende. Schenke Leben&quot;. Ein kleiner Anstecker verweist auf den 1. BSV 1951, also den ersten Blutspende-Verein in Deutschland, der 1951 aktiv wurde." decoding="async" height="846" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2259-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2259-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2259-300x99.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2259-1024x338.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2259-768x254.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2259-1536x507.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2259-2048x677.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Ein <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/drk-blutspenden-statt-thymos-trump-boellern-gedanken-zur-mimesis-am-neujahrstag-2026/">DRK-Schal mit Aufschrift: Team Blutspende, Schenke Leben</a>. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Dazu wollte ich selbstverständlich mehr wissen und fragte Prof. Dr. Inan Ince, der in Japan studiert hatte. Und Inan hatte wiederum Fragen zu digitaler Gewalt, wie meine Familie &amp; ich sie ja leider seit Jahrzehnten und in steigender Frequenz erleben.</p> <p>Hier <a href="https://blumeundince.podigee.io/53-folge-50-digitale-gewalt-japanische-blutgruppen-datings">also Folge 50 von <em>“Blume &amp; Ince”</em>, von Inan stilecht in Japanisch eröffnet</a>.<aside></aside></p> <p>Und aus den Aufzeichnungen vom Prof habe ich mir ein paar Zeilen zu den Vorstellungen über Blutgruppen in Japan herausgenommen – die selbstverständlich ebenso wenig eine wissenschaftliche Basis haben wie die Sternbilder in Europa!</p> <p><em>Die <strong>Blutgruppe A</strong> gilt in Japan als ernsthaft, kreativ und verantwortungsbewusst, aber auch als perfektionistisch und verkrampft.</em></p> <p><em>Die <strong>Blutgruppe B</strong> gilt als leidenschaftlich, aktiv und kreativ, aber leider auch als egoistisch, unverantwortlich und unberechenbar.</em></p> <p><em>Die <strong>Blutgruppe AB</strong> gilt als kontrolliert, rational und anpassungsfähig, aber auch als distanziert, kritisch und “zwei-gesichtig”.</em></p> <p><em>Und die <strong>Blutgruppe 0</strong> gilt als selbstbewusst, willensstark und intuitiv, aber auch als rücksichtslos, arrogant und kalt.</em></p> <p>Zunächst dachte ich, dass dieses Blutgruppen-Mythen doch einfach eine nette Gedächtnisstütze für uns alle sein könnten. So erfuhr ich, dass japanische Dating-Apps bisweilen Felder für die Blutgruppen haben und Frauenzeitschriften bisweilen Blutgruppen-Horoskope drucken. Leider gibt es jedoch, wie ich nun dank Inan weiß, auch das Phänomen des <em>“Buru-hara”</em> (japanisch für Blood Type Harassment, Blutgruppen-Abwertung).</p> <p><a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115986187061264566" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mastodon-Post vom 30. Januar 2026 bei @BlumeEvolution@sueden.social zu Blume &amp; Ince 50 : &quot;Der @Teh_Doc_Inan &amp; ich haben heute eine neue Folge von #BlumeundInce aufgenommen. Gewünscht hatte ich mir als Blutspender Infos über die kulturelle Bedeutung der Blutgruppen in Japan. Inan fragte - wegen leider wieder aktueller Angriffe - nach digitaler Gewalt.&#xA;&#xA;Und dann haut der BWL-Prof mal einfach eine Eröffnung in Japanisch raus! 🌞🎌 Enjoy! Blogpost folgt. #Japan #Kultur #Blutgruppen #Deutschland #DigitaleGewalt&quot;" decoding="async" height="816" sizes="(max-width: 586px) 100vw, 586px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce50DigitaleGewaltJapanischeBlutgruppenkultur.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce50DigitaleGewaltJapanischeBlutgruppenkultur.jpg 586w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce50DigitaleGewaltJapanischeBlutgruppenkultur-215x300.jpg 215w" width="586"></img></a></p> <p><em><a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115986187061264566">Mastodon-Post zur Folge 50 von Blume &amp; Ince</a>. Post &amp; Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Und ich finde: all dies ist wissens- und bedenkenswert! Danke für die starke Folge, lieber Inan!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/Y7d4MqB1Kmk?feature=oembed&amp;rel=0" title="Folge 50: Digitale Gewalt &amp; japanische Blutgruppen-Datings | Blume &amp; Ince - 2 Stimmen, 4 Kulturen" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Digitale Gewalt & japanische Blutgruppen-Kultur</h1><h2>By Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Über <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/drk-blutspenden-statt-thymos-trump-boellern-gedanken-zur-mimesis-am-neujahrstag-2026/">den Jahreswechsel hatte ich auf den Aufruf <strong><em>“Blutspenden statt Böllern”</em></strong></a> sehr viele erfreuliche Rückmeldungen erhalten – und eine Freundin erzählte mir, dass in Japan die Blutgruppen eine Bedeutung hätten wie in Europa die Sternzeichen!</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/drk-blutspenden-statt-thymos-trump-boellern-gedanken-zur-mimesis-am-neujahrstag-2026/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein roter DRK-Schal mit der weißen Aufschrift &quot;Team Blutspende. Schenke Leben&quot;. Ein kleiner Anstecker verweist auf den 1. BSV 1951, also den ersten Blutspende-Verein in Deutschland, der 1951 aktiv wurde." decoding="async" height="846" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2259-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2259-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2259-300x99.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2259-1024x338.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2259-768x254.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2259-1536x507.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2259-2048x677.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Ein <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/drk-blutspenden-statt-thymos-trump-boellern-gedanken-zur-mimesis-am-neujahrstag-2026/">DRK-Schal mit Aufschrift: Team Blutspende, Schenke Leben</a>. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Dazu wollte ich selbstverständlich mehr wissen und fragte Prof. Dr. Inan Ince, der in Japan studiert hatte. Und Inan hatte wiederum Fragen zu digitaler Gewalt, wie meine Familie &amp; ich sie ja leider seit Jahrzehnten und in steigender Frequenz erleben.</p> <p>Hier <a href="https://blumeundince.podigee.io/53-folge-50-digitale-gewalt-japanische-blutgruppen-datings">also Folge 50 von <em>“Blume &amp; Ince”</em>, von Inan stilecht in Japanisch eröffnet</a>.<aside></aside></p> <p>Und aus den Aufzeichnungen vom Prof habe ich mir ein paar Zeilen zu den Vorstellungen über Blutgruppen in Japan herausgenommen – die selbstverständlich ebenso wenig eine wissenschaftliche Basis haben wie die Sternbilder in Europa!</p> <p><em>Die <strong>Blutgruppe A</strong> gilt in Japan als ernsthaft, kreativ und verantwortungsbewusst, aber auch als perfektionistisch und verkrampft.</em></p> <p><em>Die <strong>Blutgruppe B</strong> gilt als leidenschaftlich, aktiv und kreativ, aber leider auch als egoistisch, unverantwortlich und unberechenbar.</em></p> <p><em>Die <strong>Blutgruppe AB</strong> gilt als kontrolliert, rational und anpassungsfähig, aber auch als distanziert, kritisch und “zwei-gesichtig”.</em></p> <p><em>Und die <strong>Blutgruppe 0</strong> gilt als selbstbewusst, willensstark und intuitiv, aber auch als rücksichtslos, arrogant und kalt.</em></p> <p>Zunächst dachte ich, dass dieses Blutgruppen-Mythen doch einfach eine nette Gedächtnisstütze für uns alle sein könnten. So erfuhr ich, dass japanische Dating-Apps bisweilen Felder für die Blutgruppen haben und Frauenzeitschriften bisweilen Blutgruppen-Horoskope drucken. Leider gibt es jedoch, wie ich nun dank Inan weiß, auch das Phänomen des <em>“Buru-hara”</em> (japanisch für Blood Type Harassment, Blutgruppen-Abwertung).</p> <p><a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115986187061264566" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mastodon-Post vom 30. Januar 2026 bei @BlumeEvolution@sueden.social zu Blume &amp; Ince 50 : &quot;Der @Teh_Doc_Inan &amp; ich haben heute eine neue Folge von #BlumeundInce aufgenommen. Gewünscht hatte ich mir als Blutspender Infos über die kulturelle Bedeutung der Blutgruppen in Japan. Inan fragte - wegen leider wieder aktueller Angriffe - nach digitaler Gewalt.&#xA;&#xA;Und dann haut der BWL-Prof mal einfach eine Eröffnung in Japanisch raus! 🌞🎌 Enjoy! 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Danke für die starke Folge, lieber Inan!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/Y7d4MqB1Kmk?feature=oembed&amp;rel=0" title="Folge 50: Digitale Gewalt &amp; japanische Blutgruppen-Datings | Blume &amp; Ince - 2 Stimmen, 4 Kulturen" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-50-digitale-gewalt-die-kultur-japanischer-blutgruppen/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>33</slash:comments> </item> <item> <title>Gefängnisstrafe: „Sterbehilfe“ einer 37-jährigen Frau mit schweren Depressionen war Tötungsdelikt https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/gefaengnisstrafe-sterbehilfe-einer-37-jaehrigen-frau-mit-schweren-depressionen-war-toetungsdelikt/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/gefaengnisstrafe-sterbehilfe-einer-37-jaehrigen-frau-mit-schweren-depressionen-war-toetungsdelikt/#comments Fri, 30 Jan 2026 11:41:45 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3524 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/woman-863686-768x340.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/gefaengnisstrafe-sterbehilfe-einer-37-jaehrigen-frau-mit-schweren-depressionen-war-toetungsdelikt/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/woman-863686-scaled.jpg" /><h1>Gefängnisstrafe: "Sterbehilfe" einer 37-jährigen Frau mit schweren Depressionen war Tötungsdelikt » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Nach der vom Bundesgerichtshof verworfenen Revision muss der Berliner Arzt seine Haftstrafe antreten</strong></p> <span id="more-3524"></span> <p>Das Bundesverfassungsgericht räumte mit seinem Urteil vom 26. Februar 2020 Menschen mit Todeswunsch zwar mehr Autonomie ein und erklärte das Verbot der “geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung” (§ 217 StGB) für verfassungswidrig und damit nichtig. Der deutsche Gesetzgeber hat bis heute aber noch keine neue Regelung zur Sterbehilfe auf den Weg gebracht.</p> <p>In Belgien und den Niederlanden sind die “Euthanasiegesetz” genannten Möglichkeiten seit vielen Jahren sehr liberal. Sie gelten für alle medizinischen Gebiete, also auch die Psychiatrie. Bei ärztlicher Feststellung der Unerträglichkeit und Aussichtslosigkeit des Leids kann eine Sterbehilfe straffrei durchgeführt werden. Diese Möglichkeit wurde später auch auf Minderjährige ausweitet. Ich schrieb darüber <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/euthanasie-in-den-niederlanden/">schon 2013</a>. Im Wahlkampf 2021 wollte die bürgerlich-liberale Partei D66, die übrigens jetzt den neuen Ministerpräsidenten stellen wird, diese Möglichkeit auch auf Personen ausdehnen, die ihr Leben <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/sterbehilfe-bei-vollendetem-leben-oder-entsorgung-der-alten/">für “vollendet” halten</a> (niederländisch: <em>voltooid leven</em>).</p> <p>Gerade bei Menschen mit (schweren) psychologisch-psychiatrischen Störungen ist eine Bitte um Sterbehilfe besonders problematisch: Ist das Leiden wirklich unerträglich und aussichtslos? Gibt es keine Therapieoptionen mehr? Und vor allem: Ist der Todeswunsch Ergebnis einer freien Willensentscheidung? Für einen Berliner Arzt, der seit 2021 als “Freitodbegleiter” arbeitete, hat ein Irrtum nun schwere Folgen.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em><aside></aside></p> <hr></hr> <h2 id="h-verurteilung">Verurteilung</h2> <p>Der Arzt hatte schon vom Landgericht Berlin I mit dem Urteil vom 4. April 2024 eine Gefängnisstrafe bekommen, doch legte dagegen Revision beim BGH ein. Diese wurde jetzt verworfen (<a href="https://www.bundesgerichtshof.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2026/2026013.html">Pressemitteilung des BGH</a>).</p> <p>Für die Verurteilung war entscheidend, dass die Frau – laut den Gerichtsentscheidungen – zur Tatzeit eine akute depressive Episode hatte und daher in ihrer freien Willensbildung eingeschränkt war. Tatsächlich hatte sie einen ersten Suizidversuch überlebt, für den derselbe Arzt Mittel zur Verfügung gestellt hatte. Der Arzt habe versucht, die Rettung der Frau zu verhindern – und schließlich für die Psychiatrie, wo sie auf richterlichen Beschluss untergebracht wurde, Hausverbot erhalten. Telefonisch habe er aber weiter Kontakt zu ihr gehalten.</p> <p>Am Tag der Entlassung der Frau habe er sich mit ihr in einem Hotelzimmer getroffen. Die Frau sei in ihrem Todeswunsch hin- und hergerissen gewesen. Der Arzt habe ihr dann eine Infusion mit einem tödlichen Narkosemittel gelegt, die sie nur noch mit einem Rädchen öffnen musste. Das führte dann zu ihrem Tod.</p> <h2 id="h-keine-freie-willensbildung">Keine freie Willensbildung</h2> <p>Nach deutschem Recht ist eine Beihilfe zum Suizid im Prinzip straflos. Das gilt aber nur dann, wenn die betroffene Person in freier Verantwortung handelt. Das dürfte gerade bei Menschen mit schweren psychologisch-psychiatrischen Störungen schwer zu beurteilen sein – und begründete in diesem Fall die Verurteilung. Dazu aus der Pressemitteilung vom BGH:</p> <blockquote> <p>“Die Geschädigte konnte unter dem Einfluss ihrer depressiven Erkrankung weder die ihr in der Klinik angebotenen Behandlungsmöglichkeiten noch ihr Leben und ihre Zukunftsperspektiven realitätsgerecht einschätzen. Fälschlich sah sie sich als “austherapiert” an und meinte, in ihrem Leben noch nie glücklich gewesen zu sein und folglich nie mehr glücklich sein zu können. Krankheitsbedingt ambivalent schwankte sie zwischen neu gefasstem Lebensmut und dem Wunsch zu sterben. Mehrfach teilte sie dem Angeklagten mit, seine Unterstützung nicht mehr zu benötigen, da sie weiterleben wolle, um ihn dann – mit Entschuldigung für das ewige ‘Hin und Her’ – erneut um Unterstützung zu bitten.”</p> </blockquote> <p>Mit dem Urteil des BGH ist die Verurteilung des Arztes wegen Totschlags zu drei Jahren Gefängnisstrafe nun rechtskräftig. (Aktenzeichen 5 StR 520/24)</p> <p><em>Haben sie Suizidgedanken? Zum Beispiel die Telefonseelsorge (0800 111 0 111) oder Nummer gegen Kummer (116 111) können helfen. Im Notfall können Sie auch den Notruf wählen.</em></p> <h2 id="mehr-zum-thema">Mehr zum Thema</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736">im BoD Shop</a>. 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Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/woman-upset-sad-depressed-hipster-863686/">Foundry</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/cbe98e40e75248dc9abaed0c0ea74dce" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/woman-863686-scaled.jpg" /><h1>Gefängnisstrafe: "Sterbehilfe" einer 37-jährigen Frau mit schweren Depressionen war Tötungsdelikt » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Nach der vom Bundesgerichtshof verworfenen Revision muss der Berliner Arzt seine Haftstrafe antreten</strong></p> <span id="more-3524"></span> <p>Das Bundesverfassungsgericht räumte mit seinem Urteil vom 26. Februar 2020 Menschen mit Todeswunsch zwar mehr Autonomie ein und erklärte das Verbot der “geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung” (§ 217 StGB) für verfassungswidrig und damit nichtig. Der deutsche Gesetzgeber hat bis heute aber noch keine neue Regelung zur Sterbehilfe auf den Weg gebracht.</p> <p>In Belgien und den Niederlanden sind die “Euthanasiegesetz” genannten Möglichkeiten seit vielen Jahren sehr liberal. Sie gelten für alle medizinischen Gebiete, also auch die Psychiatrie. Bei ärztlicher Feststellung der Unerträglichkeit und Aussichtslosigkeit des Leids kann eine Sterbehilfe straffrei durchgeführt werden. Diese Möglichkeit wurde später auch auf Minderjährige ausweitet. Ich schrieb darüber <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/euthanasie-in-den-niederlanden/">schon 2013</a>. Im Wahlkampf 2021 wollte die bürgerlich-liberale Partei D66, die übrigens jetzt den neuen Ministerpräsidenten stellen wird, diese Möglichkeit auch auf Personen ausdehnen, die ihr Leben <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/sterbehilfe-bei-vollendetem-leben-oder-entsorgung-der-alten/">für “vollendet” halten</a> (niederländisch: <em>voltooid leven</em>).</p> <p>Gerade bei Menschen mit (schweren) psychologisch-psychiatrischen Störungen ist eine Bitte um Sterbehilfe besonders problematisch: Ist das Leiden wirklich unerträglich und aussichtslos? Gibt es keine Therapieoptionen mehr? Und vor allem: Ist der Todeswunsch Ergebnis einer freien Willensentscheidung? Für einen Berliner Arzt, der seit 2021 als “Freitodbegleiter” arbeitete, hat ein Irrtum nun schwere Folgen.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em><aside></aside></p> <hr></hr> <h2 id="h-verurteilung">Verurteilung</h2> <p>Der Arzt hatte schon vom Landgericht Berlin I mit dem Urteil vom 4. April 2024 eine Gefängnisstrafe bekommen, doch legte dagegen Revision beim BGH ein. Diese wurde jetzt verworfen (<a href="https://www.bundesgerichtshof.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2026/2026013.html">Pressemitteilung des BGH</a>).</p> <p>Für die Verurteilung war entscheidend, dass die Frau – laut den Gerichtsentscheidungen – zur Tatzeit eine akute depressive Episode hatte und daher in ihrer freien Willensbildung eingeschränkt war. Tatsächlich hatte sie einen ersten Suizidversuch überlebt, für den derselbe Arzt Mittel zur Verfügung gestellt hatte. Der Arzt habe versucht, die Rettung der Frau zu verhindern – und schließlich für die Psychiatrie, wo sie auf richterlichen Beschluss untergebracht wurde, Hausverbot erhalten. Telefonisch habe er aber weiter Kontakt zu ihr gehalten.</p> <p>Am Tag der Entlassung der Frau habe er sich mit ihr in einem Hotelzimmer getroffen. Die Frau sei in ihrem Todeswunsch hin- und hergerissen gewesen. Der Arzt habe ihr dann eine Infusion mit einem tödlichen Narkosemittel gelegt, die sie nur noch mit einem Rädchen öffnen musste. Das führte dann zu ihrem Tod.</p> <h2 id="h-keine-freie-willensbildung">Keine freie Willensbildung</h2> <p>Nach deutschem Recht ist eine Beihilfe zum Suizid im Prinzip straflos. Das gilt aber nur dann, wenn die betroffene Person in freier Verantwortung handelt. Das dürfte gerade bei Menschen mit schweren psychologisch-psychiatrischen Störungen schwer zu beurteilen sein – und begründete in diesem Fall die Verurteilung. Dazu aus der Pressemitteilung vom BGH:</p> <blockquote> <p>“Die Geschädigte konnte unter dem Einfluss ihrer depressiven Erkrankung weder die ihr in der Klinik angebotenen Behandlungsmöglichkeiten noch ihr Leben und ihre Zukunftsperspektiven realitätsgerecht einschätzen. Fälschlich sah sie sich als “austherapiert” an und meinte, in ihrem Leben noch nie glücklich gewesen zu sein und folglich nie mehr glücklich sein zu können. Krankheitsbedingt ambivalent schwankte sie zwischen neu gefasstem Lebensmut und dem Wunsch zu sterben. Mehrfach teilte sie dem Angeklagten mit, seine Unterstützung nicht mehr zu benötigen, da sie weiterleben wolle, um ihn dann – mit Entschuldigung für das ewige ‘Hin und Her’ – erneut um Unterstützung zu bitten.”</p> </blockquote> <p>Mit dem Urteil des BGH ist die Verurteilung des Arztes wegen Totschlags zu drei Jahren Gefängnisstrafe nun rechtskräftig. (Aktenzeichen 5 StR 520/24)</p> <p><em>Haben sie Suizidgedanken? Zum Beispiel die Telefonseelsorge (0800 111 0 111) oder Nummer gegen Kummer (116 111) können helfen. Im Notfall können Sie auch den Notruf wählen.</em></p> <h2 id="mehr-zum-thema">Mehr zum Thema</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/woman-upset-sad-depressed-hipster-863686/">Foundry</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/cbe98e40e75248dc9abaed0c0ea74dce" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/gefaengnisstrafe-sterbehilfe-einer-37-jaehrigen-frau-mit-schweren-depressionen-war-toetungsdelikt/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>16</slash:comments> </item> <item> <title>How High-Dimensional Mathematics Rules Our World https://scilogs.spektrum.de/hlf/how-high-dimensional-mathematics-rules-our-world/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/how-high-dimensional-mathematics-rules-our-world/#comments Wed, 28 Jan 2026 13:00:00 +0000 Benjamin Skuse https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14089 <h1>How High-Dimensional Mathematics Rules Our World - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>Intuitively, we can picture a one-dimensional entity, eternally restricted to walking an infinite line, or a two-dimensional being resigned to life on a flat plane. We do not have to picture three-dimensional beings, as that is how we experience our universe. Yet, the computational power driving the modern world thrives in abstract spaces of five, 10, or even thousands of dimensions. How does high-dimensional mathematics allow us to process and interpret information, and reveal hidden patterns that govern everything from our biology to artificial intelligence?</p> <h3 id="h-dimensions-beyond-perception">Dimensions Beyond Perception</h3> <p>A good starting point is to separate the dimensions of the universe with other definitions of dimensions. If we are considering the former, a central question is: are we living in a truly three-dimensional universe or is this just a quirk of our perception? Left to right, forward and back, up and down. These are the only ways in which we can move, and the reason we perceive a three-dimensional world. But then came Albert Einstein. His special and general relativity brought time into play. Though we can only perceive time as running forwards, and is therefore experienced in a very different way to the three spatial dimensions (and, indeed, is mathematically different), relativity bundled space and time together as spacetime.</p> <p>Spacetime became mathematically concrete thanks to mathematician Hermann Minkowski, who demonstrated that special relativity could be elegantly described by treating space and time on an almost equal footing. This unified view introduced the concept of the Minkowski space, a four-dimensional space where time is treated as the fourth coordinate.</p> <p>This work laid the foundation for treating spacetime as a single four-dimensional fabric (three spatial dimensions plus one temporal dimension), known as a manifold in mathematical parlance, that is not immutable but can be affected by mass or energy. Space literally stretches out, as does time, the closer you get to a massive object like a black hole. In other words, the dimensions of the four-dimensional manifold become geometrically distorted.</p> <p>The revelations that relativity offered over a century ago exposed the public to the possibility that we live in a universe of more than three dimensions and provided a visceral way to understand that what we perceive is not necessarily all that exists. But further revelations were ahead.<aside></aside></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Hcube_fold.gif"><img alt="Illustration of a hypercube (left) and cube (right)." decoding="async" fetchpriority="high" height="262" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Hcube_fold.gif" width="402"></img></a><figcaption>Animation illustrating the folding and unfolding of a hypercube (left) and cube (right). Image credit: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hcube_fold.gif" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Christopher Thomas</a> (CC-BY-SA 1.0)</figcaption></figure></div> <p>Soon after Einstein had given the world general relativity, German mathematician Theodor Kaluza and Swedish physicist Oskar Klein realised something was missing: another spatial dimension. If the universe were five-dimensional instead of four-dimensional, the pair demonstrated that the five-dimensional version of Einstein’s equations would split into three sets of four-dimensional equations: Einstein’s original field equations for gravity; James Clerk Maxwell’s equations for electromagnetism; and a new equation for a scalar field.</p> <p>This fourth spatial dimension could be curled up into a tiny, closed loop with a radius far smaller than any measurable distance, explaining why we cannot perceive it. But at the same time, it could have a monumental impact on the world around us; the secret sauce that could unify gravity and electromagnetism.</p> <p>Kaluza–Klein theory, as it became known, was brilliant mathematically, but flawed physically. It failed to predict particle properties correctly and missed the other fundamental forces (strong and weak nuclear force) as well as many fundamental particles. However, it was the first serious attempt to show that the fundamental forces we experience might simply be manifestations of higher-dimensional geometry. And its legacy is felt today in its descendants that attempt to unify the fundamental forces and particles using multiple curled up spatial dimensions: string theory and M-theory; the latter first proposed by 1990 Fields Medallist <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/edward-witten/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Edward Witten</a>.</p> <p>Four-dimensional general relativity, five-dimensional Kaluza–Klein theory, and 10- and 11-dimensional string and M-theories have hinted that the geometric structure of our universe may be far more exotic than what we can perceive. But these are all at the lower end of the high-dimensional spectrum that mathematicians and statisticians deal with. Why would anyone want to venture into realms of such deep abstraction?</p> <h3 id="h-defining-data">Defining Data</h3> <p>Understanding the purpose of high-dimensional mathematics becomes easier when we describe the position of a point in a given \(N\)-dimensional space. Our one-dimensional being walking its infinite line can be located by a single coordinate \((x)\), our flatlander is found with just two coordinates \((x,y)\), and you or I can be pinpointed with just three coordinates \((x,y,z)\) or four \((x,y,z,t)\) if considering where and when we are in spacetime.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8uwj978uwj978uwj.jpg"><img alt="Illustration of one-, two- and three-dimensional beings." decoding="async" height="411" sizes="(max-width: 984px) 100vw, 984px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8uwj978uwj978uwj.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8uwj978uwj978uwj.jpg 984w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8uwj978uwj978uwj-300x125.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8uwj978uwj978uwj-768x321.jpg 768w" width="984"></img></a><figcaption>From left to right, depiction of one-, two- and three-dimensional beings. This image was created with the assistance of <a href="https://gemini.google.com/app" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Google Gemini</a>.</figcaption></figure></div> <p>Points in higher dimensions just have more coordinates. This becomes particularly useful when we are no longer considering the dimensions of the universe and define dimensionality in different ways. Instead of thinking of dimensions as the multiple facets of what could be reality, we might define dimensionality as how many attributes or variables are considered within a given space. For example, a financial modeller might want to track and predict the risk involved in a given asset. To do this, the asset can be considered a point in an \(N\)-dimensional risk space, where \(N\) refers to variables such as current price, volatility, interest rate, etc.</p> <p>Another good example is census data. A government census database will contain hundreds of variables on people (age, sex, ethnicity, occupation, etc) and households (accommodation type, tenure, number of bedrooms, etc). A person then becomes a single point in the \(N\)-dimensional space that is the database, where \(N\) refers to the hundreds of different characteristics that were measured during the census.</p> <p>In both cases, it is in spotting and analysing the lower-dimensional patterns and shapes embedded within the high-dimensional data where insights are found. The financial modeller can run algorithms to search the high-dimensional risk space for a lower-dimensional hyperplane that optimally separates safe investments from risky ones. Or a statistician might group the original variables into principal components that represent the main differences between communities in terms of socioeconomic status to build a deprivation index based on region.</p> <p>Another (current) example of the importance of high-dimensional mathematics is large language models (LLMs), which build on decades of research in AI, machine learning and natural language processing by researchers such as <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/yoshua-bengio/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Yoshua Bengio</a> and <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/yann-lecun/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Yann LeCun</a> (both recipients of the 2018 ACM A.M. Turing Award). In fact, LLMs could not function without high-dimensional mathematics.</p> <p>These models process text entirely through vector mathematics. Every ‘token’ (word, subword or punctuation) is converted into a high-dimensional vector, typically between 512 and 4096 dimensions, and the token’s position in the sequence (sentence) is encoded as an additional vector. Computations are then primarily driven by the self-attention mechanism, which calculates the semantic relationships between all tokens by measuring the dot product of their high-dimensional vectors, producing successive new sets of high-dimensional vectors that encode the context of the given sequence. The final output vector is projected into the vocabulary space, whose dimension is the number of possible tokens. And finally, a function is applied that selects a token and generates text.</p> <h3 id="h-the-shape-of-complexity">The Shape of Complexity</h3> <p>Analysis and insight really start to get complicated when large datasets include data points that themselves are high-dimensional vectors. For example, in single-cell RNA sequencing, each single cell is represented by a vector whose dimensions correspond to the expression level of tens of thousands of genes. To make any sense of such a vast, sparse space requires a different approach.</p> <p>Treating the space as a huge data cloud and ignoring the specific coordinates within the data offers the opportunity to take a step back and take in the ‘shape’ of the data. Known as topological data analysis, this approach characterises the global structure and connectivity of the high-dimensional data manifold. This type of analysis shares roots with modern topology – from 1982 Fields Medallist <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/shing-tung-yau/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Shing-Tung Yau</a>’s geometric analysis of curved spaces to 1986 Fields Medallist <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/michael-freedman/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Michael Freedman</a>’s insights into the structure of manifolds.</p> <p>Topological data analysis identifies topological features (properties of the data’s shape that remain unchanged even when the data is stretched, compressed or continuously transformed) using persistent homology to quantify structures that persist across different scales. These structures include clusters, loops, and voids, the presence of which signals deep insights that would otherwise be missed.</p> <p>A particularly impactful application of this analysis technique has been in cancer genomics. Topological data analysis has been used to identify hidden clusters of breast cancer patients with a specific prognosis that other methods have missed, allowing tailored treatment. It has also been wielded to identify genomic markers that can be used to predict treatment responses and estimate patient prognosis with high accuracy.</p> <h3 id="h-infinite-full-circle">Infinite Full Circle</h3> <p>Going beyond this already exceedingly high dimensionality brings us back to where we started: the very nature of reality and the universe. Alongside the formulation of relativity, Einstein was also a key founder of another pillar of modern physics: quantum mechanics. Quantum mechanics describes the behaviour of matter and light at the atomic and subatomic scales. At this level, the mathematical description requires continuity across the spatial domain and is governed by the principle of superposition; that a physical system, such as a wave or a quantum particle, can exist in a combination of all its possible states simultaneously until the moment of measurement.</p> <p>These factors lead to an infinite number of potential degrees of freedom, or dimensions. And this complexity necessitates the use of functional analysis, the branch of mathematics that treats functions as points or vectors in an infinite-dimensional space, and the Hilbert space, a special infinite-dimensional vector space where quantum states live. In fact, the infinite-dimensional Hilbert-space framework, formalised rigorously by celebrated polymath John von Neumann and later generalised through the work of famed mathematician Israel Gelfand and 1962 Fields Medallist <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/lars-hoermander/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Lars Hörmander</a>, provides the mathematical backbone of quantum mechanics. Without this and functional analysis, it would be impossible to precisely define quantum states, quantify probabilities, and describe the continuous dynamics of the subatomic world.</p> <p>As we have seen, the limitations of our everyday perception are the starting line for true insight. We are no longer confined to observing a three-dimensional world, but possess the mathematical language to build and navigate spaces of arbitrary dimensions, exposing new and deep understanding in a huge range of fields and applications.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>How High-Dimensional Mathematics Rules Our World - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>Intuitively, we can picture a one-dimensional entity, eternally restricted to walking an infinite line, or a two-dimensional being resigned to life on a flat plane. We do not have to picture three-dimensional beings, as that is how we experience our universe. Yet, the computational power driving the modern world thrives in abstract spaces of five, 10, or even thousands of dimensions. How does high-dimensional mathematics allow us to process and interpret information, and reveal hidden patterns that govern everything from our biology to artificial intelligence?</p> <h3 id="h-dimensions-beyond-perception">Dimensions Beyond Perception</h3> <p>A good starting point is to separate the dimensions of the universe with other definitions of dimensions. If we are considering the former, a central question is: are we living in a truly three-dimensional universe or is this just a quirk of our perception? Left to right, forward and back, up and down. These are the only ways in which we can move, and the reason we perceive a three-dimensional world. But then came Albert Einstein. His special and general relativity brought time into play. Though we can only perceive time as running forwards, and is therefore experienced in a very different way to the three spatial dimensions (and, indeed, is mathematically different), relativity bundled space and time together as spacetime.</p> <p>Spacetime became mathematically concrete thanks to mathematician Hermann Minkowski, who demonstrated that special relativity could be elegantly described by treating space and time on an almost equal footing. This unified view introduced the concept of the Minkowski space, a four-dimensional space where time is treated as the fourth coordinate.</p> <p>This work laid the foundation for treating spacetime as a single four-dimensional fabric (three spatial dimensions plus one temporal dimension), known as a manifold in mathematical parlance, that is not immutable but can be affected by mass or energy. Space literally stretches out, as does time, the closer you get to a massive object like a black hole. In other words, the dimensions of the four-dimensional manifold become geometrically distorted.</p> <p>The revelations that relativity offered over a century ago exposed the public to the possibility that we live in a universe of more than three dimensions and provided a visceral way to understand that what we perceive is not necessarily all that exists. But further revelations were ahead.<aside></aside></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Hcube_fold.gif"><img alt="Illustration of a hypercube (left) and cube (right)." decoding="async" fetchpriority="high" height="262" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Hcube_fold.gif" width="402"></img></a><figcaption>Animation illustrating the folding and unfolding of a hypercube (left) and cube (right). Image credit: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hcube_fold.gif" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Christopher Thomas</a> (CC-BY-SA 1.0)</figcaption></figure></div> <p>Soon after Einstein had given the world general relativity, German mathematician Theodor Kaluza and Swedish physicist Oskar Klein realised something was missing: another spatial dimension. If the universe were five-dimensional instead of four-dimensional, the pair demonstrated that the five-dimensional version of Einstein’s equations would split into three sets of four-dimensional equations: Einstein’s original field equations for gravity; James Clerk Maxwell’s equations for electromagnetism; and a new equation for a scalar field.</p> <p>This fourth spatial dimension could be curled up into a tiny, closed loop with a radius far smaller than any measurable distance, explaining why we cannot perceive it. But at the same time, it could have a monumental impact on the world around us; the secret sauce that could unify gravity and electromagnetism.</p> <p>Kaluza–Klein theory, as it became known, was brilliant mathematically, but flawed physically. It failed to predict particle properties correctly and missed the other fundamental forces (strong and weak nuclear force) as well as many fundamental particles. However, it was the first serious attempt to show that the fundamental forces we experience might simply be manifestations of higher-dimensional geometry. And its legacy is felt today in its descendants that attempt to unify the fundamental forces and particles using multiple curled up spatial dimensions: string theory and M-theory; the latter first proposed by 1990 Fields Medallist <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/edward-witten/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Edward Witten</a>.</p> <p>Four-dimensional general relativity, five-dimensional Kaluza–Klein theory, and 10- and 11-dimensional string and M-theories have hinted that the geometric structure of our universe may be far more exotic than what we can perceive. But these are all at the lower end of the high-dimensional spectrum that mathematicians and statisticians deal with. Why would anyone want to venture into realms of such deep abstraction?</p> <h3 id="h-defining-data">Defining Data</h3> <p>Understanding the purpose of high-dimensional mathematics becomes easier when we describe the position of a point in a given \(N\)-dimensional space. Our one-dimensional being walking its infinite line can be located by a single coordinate \((x)\), our flatlander is found with just two coordinates \((x,y)\), and you or I can be pinpointed with just three coordinates \((x,y,z)\) or four \((x,y,z,t)\) if considering where and when we are in spacetime.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8uwj978uwj978uwj.jpg"><img alt="Illustration of one-, two- and three-dimensional beings." decoding="async" height="411" sizes="(max-width: 984px) 100vw, 984px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8uwj978uwj978uwj.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8uwj978uwj978uwj.jpg 984w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8uwj978uwj978uwj-300x125.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8uwj978uwj978uwj-768x321.jpg 768w" width="984"></img></a><figcaption>From left to right, depiction of one-, two- and three-dimensional beings. This image was created with the assistance of <a href="https://gemini.google.com/app" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Google Gemini</a>.</figcaption></figure></div> <p>Points in higher dimensions just have more coordinates. This becomes particularly useful when we are no longer considering the dimensions of the universe and define dimensionality in different ways. Instead of thinking of dimensions as the multiple facets of what could be reality, we might define dimensionality as how many attributes or variables are considered within a given space. For example, a financial modeller might want to track and predict the risk involved in a given asset. To do this, the asset can be considered a point in an \(N\)-dimensional risk space, where \(N\) refers to variables such as current price, volatility, interest rate, etc.</p> <p>Another good example is census data. A government census database will contain hundreds of variables on people (age, sex, ethnicity, occupation, etc) and households (accommodation type, tenure, number of bedrooms, etc). A person then becomes a single point in the \(N\)-dimensional space that is the database, where \(N\) refers to the hundreds of different characteristics that were measured during the census.</p> <p>In both cases, it is in spotting and analysing the lower-dimensional patterns and shapes embedded within the high-dimensional data where insights are found. The financial modeller can run algorithms to search the high-dimensional risk space for a lower-dimensional hyperplane that optimally separates safe investments from risky ones. Or a statistician might group the original variables into principal components that represent the main differences between communities in terms of socioeconomic status to build a deprivation index based on region.</p> <p>Another (current) example of the importance of high-dimensional mathematics is large language models (LLMs), which build on decades of research in AI, machine learning and natural language processing by researchers such as <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/yoshua-bengio/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Yoshua Bengio</a> and <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/yann-lecun/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Yann LeCun</a> (both recipients of the 2018 ACM A.M. Turing Award). In fact, LLMs could not function without high-dimensional mathematics.</p> <p>These models process text entirely through vector mathematics. Every ‘token’ (word, subword or punctuation) is converted into a high-dimensional vector, typically between 512 and 4096 dimensions, and the token’s position in the sequence (sentence) is encoded as an additional vector. Computations are then primarily driven by the self-attention mechanism, which calculates the semantic relationships between all tokens by measuring the dot product of their high-dimensional vectors, producing successive new sets of high-dimensional vectors that encode the context of the given sequence. The final output vector is projected into the vocabulary space, whose dimension is the number of possible tokens. And finally, a function is applied that selects a token and generates text.</p> <h3 id="h-the-shape-of-complexity">The Shape of Complexity</h3> <p>Analysis and insight really start to get complicated when large datasets include data points that themselves are high-dimensional vectors. For example, in single-cell RNA sequencing, each single cell is represented by a vector whose dimensions correspond to the expression level of tens of thousands of genes. To make any sense of such a vast, sparse space requires a different approach.</p> <p>Treating the space as a huge data cloud and ignoring the specific coordinates within the data offers the opportunity to take a step back and take in the ‘shape’ of the data. Known as topological data analysis, this approach characterises the global structure and connectivity of the high-dimensional data manifold. This type of analysis shares roots with modern topology – from 1982 Fields Medallist <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/shing-tung-yau/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Shing-Tung Yau</a>’s geometric analysis of curved spaces to 1986 Fields Medallist <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/michael-freedman/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Michael Freedman</a>’s insights into the structure of manifolds.</p> <p>Topological data analysis identifies topological features (properties of the data’s shape that remain unchanged even when the data is stretched, compressed or continuously transformed) using persistent homology to quantify structures that persist across different scales. These structures include clusters, loops, and voids, the presence of which signals deep insights that would otherwise be missed.</p> <p>A particularly impactful application of this analysis technique has been in cancer genomics. Topological data analysis has been used to identify hidden clusters of breast cancer patients with a specific prognosis that other methods have missed, allowing tailored treatment. It has also been wielded to identify genomic markers that can be used to predict treatment responses and estimate patient prognosis with high accuracy.</p> <h3 id="h-infinite-full-circle">Infinite Full Circle</h3> <p>Going beyond this already exceedingly high dimensionality brings us back to where we started: the very nature of reality and the universe. Alongside the formulation of relativity, Einstein was also a key founder of another pillar of modern physics: quantum mechanics. Quantum mechanics describes the behaviour of matter and light at the atomic and subatomic scales. At this level, the mathematical description requires continuity across the spatial domain and is governed by the principle of superposition; that a physical system, such as a wave or a quantum particle, can exist in a combination of all its possible states simultaneously until the moment of measurement.</p> <p>These factors lead to an infinite number of potential degrees of freedom, or dimensions. And this complexity necessitates the use of functional analysis, the branch of mathematics that treats functions as points or vectors in an infinite-dimensional space, and the Hilbert space, a special infinite-dimensional vector space where quantum states live. In fact, the infinite-dimensional Hilbert-space framework, formalised rigorously by celebrated polymath John von Neumann and later generalised through the work of famed mathematician Israel Gelfand and 1962 Fields Medallist <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/lars-hoermander/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Lars Hörmander</a>, provides the mathematical backbone of quantum mechanics. Without this and functional analysis, it would be impossible to precisely define quantum states, quantify probabilities, and describe the continuous dynamics of the subatomic world.</p> <p>As we have seen, the limitations of our everyday perception are the starting line for true insight. We are no longer confined to observing a three-dimensional world, but possess the mathematical language to build and navigate spaces of arbitrary dimensions, exposing new and deep understanding in a huge range of fields and applications.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/how-high-dimensional-mathematics-rules-our-world/#comments 8 Fussball soll dem Frieden dienen – Meine Ansprache zum Holocaust-Gedenktag 2026 beim VfB Stuttgart https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/fussball-soll-dem-frieden-dienen-meine-ansprache-zum-holocaust-gedenktag-2026-beim-vfb-stuttgart/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/fussball-soll-dem-frieden-dienen-meine-ansprache-zum-holocaust-gedenktag-2026-beim-vfb-stuttgart/#comments Tue, 27 Jan 2026 18:54:00 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=10996 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FussballFriedendienenVfBStuttgartHolocaustGedenktag2026.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/fussball-soll-dem-frieden-dienen-meine-ansprache-zum-holocaust-gedenktag-2026-beim-vfb-stuttgart/</link> </image> <description type="html"><h1>Fußball soll dem Frieden dienen. Zum Holocaust-Gedenktag 2026</h1><h2>By Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Nachdem ich die letzten Tage wieder zahlreiche, digitale Hassbotschaften von Rechts- und Linksdualisten erhalten habe, nahm ich mir bewusst Zeit für einen der wichtigsten Gedenktage der deutschen Geschichte: <a href="https://www.lpb-bw.de/auschwitz-befreiung">Am 27. Januar 1945 befreiten ukrainische Truppen der Roten Armee das Konzentrationslager Auschwitz</a>. Seit einer Entscheidung des einstigen und großen Bundespräsidenten <strong>Roman Herzog </strong>(1934 – 2017) vom 3. Januar 1996 wird in ganz Deutschland an diesem Tag der Opfer des Nationalsozialismus und der Idee der Menschenwürde für unser aller Zukunft gedacht.</p> <p>Auch für 2026 waren wieder zahlreiche Einladungen dazu eingegangen und ich hatte mich im Hinblick auf die beiden Fußballspiele <strong>VfB Stuttgart – Maccabi Tel Aviv</strong> und <strong>SC Freiburg – Maccabi Tel Aviv</strong> bewusst dafür entschieden, beim und für den Fußball zu sprechen.</p> <p><a href="https://www.vfb.de/de/vfb/aktuell/neues/verein/2026/---nie-wieder--------vfb-stuttgart-beteiligt-sich-an-22--erinnerungstag/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="VfB-Präsident Dietmar Allgaier und zwei Jugendspieler des VfB Stuttgart legen im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus einen Kranz an der Gedenkstele vor dem Clubzentrum in der Mercedesstraße nieder." decoding="async" height="2070" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1465-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1465-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1465-300x243.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1465-1024x828.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1465-768x621.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1465-1536x1242.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1465-2048x1656.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Würdige Mimesis: <a href="https://www.vfb.de/de/vfb/aktuell/neues/verein/2026/---nie-wieder--------vfb-stuttgart-beteiligt-sich-an-22--erinnerungstag/">Kranzniederlegung durch VfB-Präsident Dietmar Allgaier und zwei Jugendspieler des VfB Stuttgart an der Gedenkstele für die Opfer des Nationalsozialismus am Clubzentrum, Mercedesstraße.</a> Foto: Michael Blume</em></p> <p>In <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2026-01-27-VfBStuttgartHolocaustGedenktagBlumeAnsprache.pdf">meiner Ansprache dankte ich</a> dabei den baden-württembergischen Vereinen und der Polizei für die gute Zusammenarbeit gerade auch angesichts der deutsch-israelischen Spiele. Ich erinnerte daran, dass die Entwicklung des Fußballs im Football-Mutterland Großbritannien Gewalt in Frieden verwandelte und der Sport keine politische Partei, aber eine Friedensmacht darstellt. Indem die Nationalsozialisten den Sport als Werkzeug für Diskriminierung, Krieg und Mord missbrauchten, stellten sie auch die Bedeutung des Fußballs auf den Kopf. Ich erläuterte die biblische Bedeutung der Regenbogen-Farben auch am Gedenk-Kranz des Vereins und dankte für die starken Inhalte im Fanmagazin “Cannstatter Blättle”. Zur Sprache kam auch – u.a. durch Mihail Rubinstein und Brigitte Lösch – <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/fuehrer-verfuehrer-mit-joachim-lang-in-stuttgart-goebbels-und-die-macht-der-medien/">der wichtige Film <em>“Führer und Verführer”</em> von Joachim A. Lang</a>, der endlich in der ARD-Mediathek zu sehen ist.<aside></aside></p> <p><a href="https://www.scfreiburg.com/aktuell/nachrichten/verein/2025/26/kein-gewoehnliches-spiel-gegen-maccabi-tel-aviv/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Links Dr. Michael Blume, Beauftragter gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben der Landesregierung Baden-Württemberg und rechts Lord Mann, Adviser on Antisemitism at HM Government, UK. Blume erhält eine Broschüre &quot;Tackling Antisemitism In Sport&quot;." decoding="async" height="1536" sizes="(max-width: 1152px) 100vw, 1152px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1441.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1441.png 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1441-225x300.png 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1441-768x1024.png 768w" width="1152"></img></a></p> <p><em>Gespräch mit meinem britischen Kollegen Lord Mann, Adviser on Antisemitism in UK, vor dem Spiel in Freiburg. Seine Broschüre “Tackling Antisemitism in Sport” brachte ich bewusst auch nach Stuttgart mit und in die Rede ein. Foto: SC Freiburg</em></p> <p>Zudem erwähnte ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-menschenwuerde-aller-zwei-podcasts-nach-grafeneck/">die anstehenden Entscheidungen des Landtags Baden-Württemberg über die Gedenkstätte Grafeneck</a> und <a href="https://www.youtube.com/shorts/_mTFJjLFZrI">die furchtbaren, ableistischen Provokationen des AfD-Landesvorsitzenden Emil Sänze, MdL, gegenüber dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU)</a>. Für meine Aufklärung gegen jeden Antisemitismus und Ableismus gab es in den letzten Tagen im Netz viel Unterstützung, aber leider auch jede Menge Hate und Derailing – nicht nur auf YouTube.</p> <p>Hier, falls Interesse, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2026-01-27-VfBStuttgartHolocaustGedenktagBlumeAnsprache.pdf">meine Rede zum Holocaust-Gedenktag 2026 beim VfB Stuttgart: <strong><em>“Fußball soll dem Frieden dienen”</em></strong></a> von heute.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2026-01-27-VfBStuttgartHolocaustGedenktagBlumeAnsprache.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Deckblatt der Rede von Dr. Michael Blume zum Gedenktag der Befreiung des KZ Auschwitz am 27. Januar 2026 beim VfB Stuttgart." decoding="async" height="731" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 639px) 100vw, 639px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FussballFriedendienenVfBStuttgartHolocaustGedenktag2026.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FussballFriedendienenVfBStuttgartHolocaustGedenktag2026.jpg 639w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FussballFriedendienenVfBStuttgartHolocaustGedenktag2026-262x300.jpg 262w" width="639"></img></a></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/_mTFJjLFZrI?feature=oembed&amp;rel=0" title="Emil Sänze (AfD) verhöhnte Markus Söder (CSU) als „behindert“ &amp; sagte: „Aber wir lassen ihn leben.“" width="562"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Fußball soll dem Frieden dienen. Zum Holocaust-Gedenktag 2026</h1><h2>By Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Nachdem ich die letzten Tage wieder zahlreiche, digitale Hassbotschaften von Rechts- und Linksdualisten erhalten habe, nahm ich mir bewusst Zeit für einen der wichtigsten Gedenktage der deutschen Geschichte: <a href="https://www.lpb-bw.de/auschwitz-befreiung">Am 27. Januar 1945 befreiten ukrainische Truppen der Roten Armee das Konzentrationslager Auschwitz</a>. Seit einer Entscheidung des einstigen und großen Bundespräsidenten <strong>Roman Herzog </strong>(1934 – 2017) vom 3. Januar 1996 wird in ganz Deutschland an diesem Tag der Opfer des Nationalsozialismus und der Idee der Menschenwürde für unser aller Zukunft gedacht.</p> <p>Auch für 2026 waren wieder zahlreiche Einladungen dazu eingegangen und ich hatte mich im Hinblick auf die beiden Fußballspiele <strong>VfB Stuttgart – Maccabi Tel Aviv</strong> und <strong>SC Freiburg – Maccabi Tel Aviv</strong> bewusst dafür entschieden, beim und für den Fußball zu sprechen.</p> <p><a href="https://www.vfb.de/de/vfb/aktuell/neues/verein/2026/---nie-wieder--------vfb-stuttgart-beteiligt-sich-an-22--erinnerungstag/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="VfB-Präsident Dietmar Allgaier und zwei Jugendspieler des VfB Stuttgart legen im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus einen Kranz an der Gedenkstele vor dem Clubzentrum in der Mercedesstraße nieder." decoding="async" height="2070" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1465-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1465-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1465-300x243.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1465-1024x828.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1465-768x621.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1465-1536x1242.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1465-2048x1656.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Würdige Mimesis: <a href="https://www.vfb.de/de/vfb/aktuell/neues/verein/2026/---nie-wieder--------vfb-stuttgart-beteiligt-sich-an-22--erinnerungstag/">Kranzniederlegung durch VfB-Präsident Dietmar Allgaier und zwei Jugendspieler des VfB Stuttgart an der Gedenkstele für die Opfer des Nationalsozialismus am Clubzentrum, Mercedesstraße.</a> Foto: Michael Blume</em></p> <p>In <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2026-01-27-VfBStuttgartHolocaustGedenktagBlumeAnsprache.pdf">meiner Ansprache dankte ich</a> dabei den baden-württembergischen Vereinen und der Polizei für die gute Zusammenarbeit gerade auch angesichts der deutsch-israelischen Spiele. Ich erinnerte daran, dass die Entwicklung des Fußballs im Football-Mutterland Großbritannien Gewalt in Frieden verwandelte und der Sport keine politische Partei, aber eine Friedensmacht darstellt. Indem die Nationalsozialisten den Sport als Werkzeug für Diskriminierung, Krieg und Mord missbrauchten, stellten sie auch die Bedeutung des Fußballs auf den Kopf. Ich erläuterte die biblische Bedeutung der Regenbogen-Farben auch am Gedenk-Kranz des Vereins und dankte für die starken Inhalte im Fanmagazin “Cannstatter Blättle”. Zur Sprache kam auch – u.a. durch Mihail Rubinstein und Brigitte Lösch – <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/fuehrer-verfuehrer-mit-joachim-lang-in-stuttgart-goebbels-und-die-macht-der-medien/">der wichtige Film <em>“Führer und Verführer”</em> von Joachim A. Lang</a>, der endlich in der ARD-Mediathek zu sehen ist.<aside></aside></p> <p><a href="https://www.scfreiburg.com/aktuell/nachrichten/verein/2025/26/kein-gewoehnliches-spiel-gegen-maccabi-tel-aviv/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Links Dr. Michael Blume, Beauftragter gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben der Landesregierung Baden-Württemberg und rechts Lord Mann, Adviser on Antisemitism at HM Government, UK. Blume erhält eine Broschüre &quot;Tackling Antisemitism In Sport&quot;." decoding="async" height="1536" sizes="(max-width: 1152px) 100vw, 1152px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1441.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1441.png 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1441-225x300.png 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1441-768x1024.png 768w" width="1152"></img></a></p> <p><em>Gespräch mit meinem britischen Kollegen Lord Mann, Adviser on Antisemitism in UK, vor dem Spiel in Freiburg. Seine Broschüre “Tackling Antisemitism in Sport” brachte ich bewusst auch nach Stuttgart mit und in die Rede ein. Foto: SC Freiburg</em></p> <p>Zudem erwähnte ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-menschenwuerde-aller-zwei-podcasts-nach-grafeneck/">die anstehenden Entscheidungen des Landtags Baden-Württemberg über die Gedenkstätte Grafeneck</a> und <a href="https://www.youtube.com/shorts/_mTFJjLFZrI">die furchtbaren, ableistischen Provokationen des AfD-Landesvorsitzenden Emil Sänze, MdL, gegenüber dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU)</a>. Für meine Aufklärung gegen jeden Antisemitismus und Ableismus gab es in den letzten Tagen im Netz viel Unterstützung, aber leider auch jede Menge Hate und Derailing – nicht nur auf YouTube.</p> <p>Hier, falls Interesse, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2026-01-27-VfBStuttgartHolocaustGedenktagBlumeAnsprache.pdf">meine Rede zum Holocaust-Gedenktag 2026 beim VfB Stuttgart: <strong><em>“Fußball soll dem Frieden dienen”</em></strong></a> von heute.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2026-01-27-VfBStuttgartHolocaustGedenktagBlumeAnsprache.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Deckblatt der Rede von Dr. Michael Blume zum Gedenktag der Befreiung des KZ Auschwitz am 27. Januar 2026 beim VfB Stuttgart." decoding="async" height="731" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 639px) 100vw, 639px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FussballFriedendienenVfBStuttgartHolocaustGedenktag2026.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FussballFriedendienenVfBStuttgartHolocaustGedenktag2026.jpg 639w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FussballFriedendienenVfBStuttgartHolocaustGedenktag2026-262x300.jpg 262w" width="639"></img></a></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/_mTFJjLFZrI?feature=oembed&amp;rel=0" title="Emil Sänze (AfD) verhöhnte Markus Söder (CSU) als „behindert“ &amp; sagte: „Aber wir lassen ihn leben.“" width="562"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/fussball-soll-dem-frieden-dienen-meine-ansprache-zum-holocaust-gedenktag-2026-beim-vfb-stuttgart/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>47</slash:comments> </item> <item> <title>Medizinisches Wissen: Was sagt ein positives Testergebnis aus? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/medizinisches-wissen-was-sagt-ein-positives-testergebnis-aus/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/medizinisches-wissen-was-sagt-ein-positives-testergebnis-aus/#comments Mon, 26 Jan 2026 12:29:01 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3520 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/math-1547018_1920-768x512.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/medizinisches-wissen-was-sagt-ein-positives-testergebnis-aus/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/math-1547018_1920.jpg" /><h1>Medizinisches Wissen: Was sagt ein positives Testergebnis aus? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Eine kurze Lektion vom deutschen Statistik-Papst, Beispiel Mammografie (Brustkrebsuntersuchung)</strong></p> <span id="more-3520"></span> <p>Gesundheit ist ein hohes Gut, für manche vielleicht sogar das höchste. Denn wer möchte schon lange leben, wenn das ein Dahinsiechen wäre? Dementsprechend finden wir auch in der medialen Welt täglich Gesundheitsinformationen. Nicht allen tut das gut: Sie erfahren Krankheitssymptome, über die sie lesen, am eigenen Leib oder der eigenen Psyche. Oder sie werden zumindest verunsichert. Und oft heißt es: Je früher man etwas entdeckt, desto besser die Heilungschancen.</p> <p>Ein Gang zum Hausarzt oder zur Fachärztin soll Klarheit schaffen. Die biomedizinische Forschung und Anwendung verspricht Sicherheit mit den Methoden der “harten Naturwissenschaft”. Doch in der Wissenschaft des Lebendigen, in den Lebenswissenschaften, ist etwas selten ganz schwarz oder weiß – oder in Begriffen der binären Logik: null oder eins. Deshalb sind statistische Verfahren meist unverzichtbar. Diese sollte man besser verstehen, wenn man sie anwendet und ihre Ergebnisse verbreitet.</p> <p>Der im Untertitel genannte “Statistik-Papst” bin natürlich nicht ich, sondern der (inzwischen emeritierte) Psychologieprofessor und frühere Max-Planck-Direktor Gerd Gigerenzer (Jg. 1947). Er plädiert nicht nur für mehr theoretische Kenntnisse in seinem Fachgebiet, sondern beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit häufigen Missverständnissen statistischen Wissens. Hier im Blog ging es schon früher um seine “Unstatistik des Monats”, zum Beispiel bei der Übertreibung von <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wie-gefaehrlich-ist-alkohol-nun-wirklich/">Risiken des Alkoholkonsums</a> oder von <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/welchen-zusammenhang-gibt-es-zwischen-corona-impfungen-und-sterblichkeit/">COVID-Impfungen</a>.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em><aside></aside></p> <hr></hr> <h2 id="h-beispiel-mammografie">Beispiel Mammografie</h2> <p>Für einen neuen Aufsatz hat er sich die Kommunikation von Krankheitsrisiken bei Krebsuntersuchungen genauer angeschaut. Und das folgende Beispiel hat er, auf der Grundlage echter Daten, auch in der medizinischen Fortbildung erprobt. Wenn Sie nicht gleich die richtige Antwort wissen, ist das nicht der Weltuntergang: Die meisten Gynäkologinnen und Gynäkologen kamen vor Gigerenzers Kurs auch nicht auf die richtige Antwort.</p> <p>Schauen wir uns das konkrete Beispiel an:</p> <ul> <li>Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau Brustkrebs hat, beträgt 1 Prozent. (Das nennt man auch “Prävalenz”.)</li> <li><em>Wenn</em> eine Frau Brustkrebs hat, dann ist die Wahrscheinlichkeit eines positiven Tests 90 Prozent. (Sensitivität des Tests)</li> <li>Wenn eine Frau <em>keinen</em> Brustkrebs hat, dann ist die Wahrscheinlichkeit eines positiven Tests 9 Prozent. (Falsch-Positiv-Rate des Tests)</li> </ul> <p>Jetzt die Frage: Frau F bekommt nach einer Untersuchung beim Gynäkologen ein positives Mammografie-Ergebnis. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie <em>wirklich</em> Brustkrebs hat? (Auflösung unten)</p> <ol> <li>90 Prozent</li> <li>81 Prozent</li> <li>9 Prozent</li> <li>1 Prozent</li> </ol> <h2 id="h-bedingte-wahrscheinlichkeiten">Bedingte Wahrscheinlichkeiten</h2> <p>Der häufigste Fallstrick dürfte die Sache mit der Sensitivität des Tests sein, also mit der hier genannten Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent. Tatsächlich wählten in einem (allerdings nicht repräsentativen) Versuch Gigerenzers mit 160 Gynäkologen und Gynäkologinnen knapp die Hälfte diese – falsche – Alternative. Auf die Alternativen 2, 3 und 4 entfielen 13, 21 und 19 Prozent der Stimmen.</p> <p>Aber warum ist Alternative 1 falsch? Dafür sollte man sich keine Prozente anschauen, sondern konkrete Zahlen: Stellen wir uns 1000 Frauen vor, die eine Mammografie vornehmen lassen. Laut der Prävalenz haben 1 Prozent beziehungsweise 10 von ihnen Brustkrebs. Wegen der Sensitivität von 90 Prozent bekommen neun von ihnen ein korrekt-positives und die verbleibende zehnte ein falsch-negatives Ergebnis.</p> <p>Jetzt wissen wir aber auch, dass von den Frauen ohne Brustkrebs 9 Prozent, also in diesem Beispiel 89, ein falsch-positives Ergebnis bekommen. Von den 1000 Frauen haben wir also 9 + 89 = 98 mit einem positiven Mammografie-Ergebnis. Doch von denen stimmt das nur bei 9 von 98 und ist es falsch bei den restlichen 89.</p> <p>Bei Frau F wissen wir ja nicht, ob sie wirklich Brustkrebs hat oder nicht. Darüber sollte die Mammografie gerade Aufschluss geben. Mit dem positiven Test wissen wir aber nur, dass sie in die Gruppe der 98 fällt. Da von denen “nur” 9 wirklich Brustkrebs haben, ist das richtige Ergebnis auf die Frage: 9:98 = 9,2 Prozent, also (gerundet) Alternative 3.</p> <h2 id="h-finanzielle-interessen">Finanzielle Interessen</h2> <p>Gigerenzer geht in seinem Artikel noch etwas weiter: Er verweist darauf, dass die Fortbildung für die Ärztinnen und Ärzte oft von biomedizinischen Firmen organisiert wird – in Luxushotels an Luxusorten. Damit hätten sie Kontrolle darüber, was diese Fachleute lernen. Das Folgende sagt, wohlgemerkt, kein Verschwörungsdenker, sondern einer der angesehensten Psychologen und Wissenschaftler Deutschlands:</p> <blockquote> <p>“Innerhalb von zwei Jahren schulte ich insgesamt etwa 1.000 Ärzte. Dabei erfuhr ich, dass der Großteil der ärztlichen Fortbildung von der Industrie finanziert und organisiert wird. Einige Ärzteorganisationen bieten zwar eigene Kurse an, können aber mit den Vorteilen großer Pharmaunternehmen nicht mithalten, die Ärzte und manchmal sogar deren Partner in Luxushotels an attraktiven Reisezielen einfliegen lassen – alle Kosten inklusive. Diese Investition lohnt sich: Millionen von Ärzten wissen das, was die Industrie will, dass sie wissen.” (Gigerenzer, 2026, S. 367)</p> </blockquote> <p>Ein Schelm, wer hierin ein Geschäftsmodell sieht: Gerade verunsicherten Patientinnen und Patienten wird somit vielleicht vermittelt, dass sie für ein längeres und gesünderes Leben immer mehr und immer früher testen lassen müssen. Vergessen wir nicht, dass es auf dem Gesundheitsmarkt Jahr für Jahr um viele Milliarden geht!</p> <p>Eine andere Auswertung von Krebsuntersuchungen in Gigerenzers Artikel deutet aber darauf hin, dass eine frühere Diagnose oft nicht das Leben verlängert. Am ehesten scheinen noch Darmkrebsuntersuchungen mit der Sigmoidoskopie (einer direkten Untersuchung des Dickdarms) zu nützen – doch selbst dann geht es um eine Lebensverlängerung von im Mittel nur 100 Tagen.</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Das Thema ist natürlich komplexer, als ich es hier in einem kurzen Blogartikel beleuchten kann. Die gute Nachricht ist immerhin, dass durch die Tests niemand früher stirbt. Aber die Patientinnen und Patienten bezahlen dann mitunter einen psychologischen Preis: durch Unsicherheit, Angst und eventuell unangenehmen Untersuchungen. Zum Beispiel ist bekannt, dass der Antigen-Test auf Prostatakrebs in der Praxis oft irrelevant ist. Denn die Betroffenen alten Männer sterben oft an einer anderen Ursache, bevor ihre Prostata ernsthafte Probleme bereitet. Der Profit bestimmter Akteure auf der anderen Seite ist dahingegen sicher.</p> <p>Ich nehme mitnichten den Standpunkt ein, nicht mehr zum Arzt zu gehen oder sich nicht mehr genauer untersuchen zu lassen! Aber mit dem richtigen Verständnis, an das uns Gerd Gigerenzer mit seiner Forschung seit Jahrzehnten immer wieder erinnert, wird der Gesundheitskult unserer Zeit doch etwas relativiert. Selbst ein positives Testergebnis kann – wie im genannten Beispiel – sogar in der Mehrheit der Fälle negativ sein, also auf <em>keine</em> Krankheit hindeuten. Wenn man das richtig kommuniziert, kann man vielen Patientinnen und Patienten potenziell helfen.</p> <p>Eine auch für Laien einfach zu merkende Schlussfolgerung ist zudem: Man sollte sich von relativen Angaben (z.B. 50 Prozent mehr, Verdopplung) nicht in die Irre führen lassen. Eine Angabe der konkreten Zahlen ist oft viel aussagekräftiger. Auch im Beispiel hier muss man keine Statistikkenntnisse haben, um zu verstehen, dass bei 1000 getesteten Frauen und 98 positiven Ergebnissen nur 9 dieser 98 wirklich Brustkrebs haben. Und auch im Wissenschafts- und Medizinjournalismus kann man sich das hinter die Ohren schreiben, sowie nicht zuletzt in der medizinischen Ausbildung.</p> <h2 id="h-das-konnte-sie-auch-interessieren">Das könnte Sie auch interessieren:</h2> <ul> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/alkohol-praevention-oder-gesundheitswahn/">Alkohol: Prävention oder Gesundheitswahn?</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wie-gefaehrlich-ist-alkohol-nun-wirklich/">Wie gefährlich ist Alkohol nun wirklich?</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/gesundheit-wie-viel-sonnenlicht-ist-gut-fuer-uns/">Gesundheit: Wie viel Sonnenlicht ist gut für uns?</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/welchen-zusammenhang-gibt-es-zwischen-corona-impfungen-und-sterblichkeit/">Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Corona-Impfungen und Sterblichkeit?</a></li> </ul> <h2 id="h-quellen">Quellen:</h2> <ul> <li>Gigerenzer, G. (2026, im Erscheinen). Risk communication: Truth and trickery about cancer screening. In T. Reimer, L. van Swol, &amp; A. Florack (Eds.), <em>The Routledge handbook of communication and social cognition</em> (pp. 367-387). Routledge.</li> <li>Eine ähnliche, doch ältere Arbeit: Krämer, W., &amp; Gigerenzer, G. (2005). <a href="https://www.jstor.org/stable/20061177">How to confuse with statistics or: The use and misuse of conditional probabilities</a>. <em>Statistical Science</em>, 223-230.</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: <a href="https://pixabay.com/photos/math-blackboard-education-classroom-1547018/">Pixapopz</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/19b10e76a2bb445682fc3bb51d965f11" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/math-1547018_1920.jpg" /><h1>Medizinisches Wissen: Was sagt ein positives Testergebnis aus? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Eine kurze Lektion vom deutschen Statistik-Papst, Beispiel Mammografie (Brustkrebsuntersuchung)</strong></p> <span id="more-3520"></span> <p>Gesundheit ist ein hohes Gut, für manche vielleicht sogar das höchste. Denn wer möchte schon lange leben, wenn das ein Dahinsiechen wäre? Dementsprechend finden wir auch in der medialen Welt täglich Gesundheitsinformationen. Nicht allen tut das gut: Sie erfahren Krankheitssymptome, über die sie lesen, am eigenen Leib oder der eigenen Psyche. Oder sie werden zumindest verunsichert. Und oft heißt es: Je früher man etwas entdeckt, desto besser die Heilungschancen.</p> <p>Ein Gang zum Hausarzt oder zur Fachärztin soll Klarheit schaffen. Die biomedizinische Forschung und Anwendung verspricht Sicherheit mit den Methoden der “harten Naturwissenschaft”. Doch in der Wissenschaft des Lebendigen, in den Lebenswissenschaften, ist etwas selten ganz schwarz oder weiß – oder in Begriffen der binären Logik: null oder eins. Deshalb sind statistische Verfahren meist unverzichtbar. Diese sollte man besser verstehen, wenn man sie anwendet und ihre Ergebnisse verbreitet.</p> <p>Der im Untertitel genannte “Statistik-Papst” bin natürlich nicht ich, sondern der (inzwischen emeritierte) Psychologieprofessor und frühere Max-Planck-Direktor Gerd Gigerenzer (Jg. 1947). Er plädiert nicht nur für mehr theoretische Kenntnisse in seinem Fachgebiet, sondern beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit häufigen Missverständnissen statistischen Wissens. Hier im Blog ging es schon früher um seine “Unstatistik des Monats”, zum Beispiel bei der Übertreibung von <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wie-gefaehrlich-ist-alkohol-nun-wirklich/">Risiken des Alkoholkonsums</a> oder von <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/welchen-zusammenhang-gibt-es-zwischen-corona-impfungen-und-sterblichkeit/">COVID-Impfungen</a>.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em><aside></aside></p> <hr></hr> <h2 id="h-beispiel-mammografie">Beispiel Mammografie</h2> <p>Für einen neuen Aufsatz hat er sich die Kommunikation von Krankheitsrisiken bei Krebsuntersuchungen genauer angeschaut. Und das folgende Beispiel hat er, auf der Grundlage echter Daten, auch in der medizinischen Fortbildung erprobt. Wenn Sie nicht gleich die richtige Antwort wissen, ist das nicht der Weltuntergang: Die meisten Gynäkologinnen und Gynäkologen kamen vor Gigerenzers Kurs auch nicht auf die richtige Antwort.</p> <p>Schauen wir uns das konkrete Beispiel an:</p> <ul> <li>Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau Brustkrebs hat, beträgt 1 Prozent. (Das nennt man auch “Prävalenz”.)</li> <li><em>Wenn</em> eine Frau Brustkrebs hat, dann ist die Wahrscheinlichkeit eines positiven Tests 90 Prozent. (Sensitivität des Tests)</li> <li>Wenn eine Frau <em>keinen</em> Brustkrebs hat, dann ist die Wahrscheinlichkeit eines positiven Tests 9 Prozent. (Falsch-Positiv-Rate des Tests)</li> </ul> <p>Jetzt die Frage: Frau F bekommt nach einer Untersuchung beim Gynäkologen ein positives Mammografie-Ergebnis. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie <em>wirklich</em> Brustkrebs hat? (Auflösung unten)</p> <ol> <li>90 Prozent</li> <li>81 Prozent</li> <li>9 Prozent</li> <li>1 Prozent</li> </ol> <h2 id="h-bedingte-wahrscheinlichkeiten">Bedingte Wahrscheinlichkeiten</h2> <p>Der häufigste Fallstrick dürfte die Sache mit der Sensitivität des Tests sein, also mit der hier genannten Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent. Tatsächlich wählten in einem (allerdings nicht repräsentativen) Versuch Gigerenzers mit 160 Gynäkologen und Gynäkologinnen knapp die Hälfte diese – falsche – Alternative. Auf die Alternativen 2, 3 und 4 entfielen 13, 21 und 19 Prozent der Stimmen.</p> <p>Aber warum ist Alternative 1 falsch? Dafür sollte man sich keine Prozente anschauen, sondern konkrete Zahlen: Stellen wir uns 1000 Frauen vor, die eine Mammografie vornehmen lassen. Laut der Prävalenz haben 1 Prozent beziehungsweise 10 von ihnen Brustkrebs. Wegen der Sensitivität von 90 Prozent bekommen neun von ihnen ein korrekt-positives und die verbleibende zehnte ein falsch-negatives Ergebnis.</p> <p>Jetzt wissen wir aber auch, dass von den Frauen ohne Brustkrebs 9 Prozent, also in diesem Beispiel 89, ein falsch-positives Ergebnis bekommen. Von den 1000 Frauen haben wir also 9 + 89 = 98 mit einem positiven Mammografie-Ergebnis. Doch von denen stimmt das nur bei 9 von 98 und ist es falsch bei den restlichen 89.</p> <p>Bei Frau F wissen wir ja nicht, ob sie wirklich Brustkrebs hat oder nicht. Darüber sollte die Mammografie gerade Aufschluss geben. Mit dem positiven Test wissen wir aber nur, dass sie in die Gruppe der 98 fällt. 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Aber mit dem richtigen Verständnis, an das uns Gerd Gigerenzer mit seiner Forschung seit Jahrzehnten immer wieder erinnert, wird der Gesundheitskult unserer Zeit doch etwas relativiert. Selbst ein positives Testergebnis kann – wie im genannten Beispiel – sogar in der Mehrheit der Fälle negativ sein, also auf <em>keine</em> Krankheit hindeuten. Wenn man das richtig kommuniziert, kann man vielen Patientinnen und Patienten potenziell helfen.</p> <p>Eine auch für Laien einfach zu merkende Schlussfolgerung ist zudem: Man sollte sich von relativen Angaben (z.B. 50 Prozent mehr, Verdopplung) nicht in die Irre führen lassen. Eine Angabe der konkreten Zahlen ist oft viel aussagekräftiger. Auch im Beispiel hier muss man keine Statistikkenntnisse haben, um zu verstehen, dass bei 1000 getesteten Frauen und 98 positiven Ergebnissen nur 9 dieser 98 wirklich Brustkrebs haben. Und auch im Wissenschafts- und Medizinjournalismus kann man sich das hinter die Ohren schreiben, sowie nicht zuletzt in der medizinischen Ausbildung.</p> <h2 id="h-das-konnte-sie-auch-interessieren">Das könnte Sie auch interessieren:</h2> <ul> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/alkohol-praevention-oder-gesundheitswahn/">Alkohol: Prävention oder Gesundheitswahn?</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wie-gefaehrlich-ist-alkohol-nun-wirklich/">Wie gefährlich ist Alkohol nun wirklich?</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/gesundheit-wie-viel-sonnenlicht-ist-gut-fuer-uns/">Gesundheit: Wie viel Sonnenlicht ist gut für uns?</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/welchen-zusammenhang-gibt-es-zwischen-corona-impfungen-und-sterblichkeit/">Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Corona-Impfungen und Sterblichkeit?</a></li> </ul> <h2 id="h-quellen">Quellen:</h2> <ul> <li>Gigerenzer, G. (2026, im Erscheinen). Risk communication: Truth and trickery about cancer screening. In T. Reimer, L. van Swol, &amp; A. Florack (Eds.), <em>The Routledge handbook of communication and social cognition</em> (pp. 367-387). Routledge.</li> <li>Eine ähnliche, doch ältere Arbeit: Krämer, W., &amp; Gigerenzer, G. (2005). <a href="https://www.jstor.org/stable/20061177">How to confuse with statistics or: The use and misuse of conditional probabilities</a>. <em>Statistical Science</em>, 223-230.</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: <a href="https://pixabay.com/photos/math-blackboard-education-classroom-1547018/">Pixapopz</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/19b10e76a2bb445682fc3bb51d965f11" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/medizinisches-wissen-was-sagt-ein-positives-testergebnis-aus/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>39</slash:comments> </item> <item> <title>Gehirn statt Controller: Was ist Neurofeedback? https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/gehirn-statt-controller-was-ist-neurofeedback/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/gehirn-statt-controller-was-ist-neurofeedback/#comments Mon, 26 Jan 2026 05:00:00 +0000 Luisa Sophie Engelke https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5462 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-4-2026-01_41_50-PM-1-768x768.png <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/gehirn-statt-controller-was-ist-neurofeedback/</link> </image> <description type="html"><h1>Gehirn statt Controller: Was ist Neurofeedback? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Luisa Sophie Engelke</h2><div itemprop="text"> <p>Stell dir ein einfaches Videospiel vor: Deine Spielfigur ist ein Hase, der durch einen Wald rennt. Bei jedem Hindernis drückst du einen Knopf auf dem Controller, und der Hase hüpft in die Höhe.</p> <p>Und nun stell dir vor, dass du keinen Controller in der Hand hast, sondern eine Kappe auf dem Kopf, die deine Gehirnströme misst. Mit etwas Training lernst du, dass der Hase genau dann springt, wenn du es willst – dein Gehirn steuert das Spiel! Klingt wie Magie, ist aber eine spannende Methode, die sich Neurofeedback nennt!</p> <h3 id="h-was-ist-neurofeedback">Was ist Neurofeedback</h3> <p>Neurofeedback ist ein wissenschaftlich anerkanntes Verfahren, um die <strong>Selbstregulationsfähigkeit</strong> des Gehirns zu verbessern.</p> <p>„Neurofeedback“ heißt wörtlich: ‚Gehirn-Rückmeldung‘. Die Gehirnaktivität wird dabei in Echtzeit mittels eines Elektroenzephalogramms (<strong>EEG</strong>) gemessen und kann visuell oder auditiv anschaulich auf einem Bildschirm präsentiert werden! Es handelt sich also um eine nicht-invasive, fast nebenwirkungsfreie Methode, die sehr divers eingesetzt werden kann [1].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-12-2026-03_08_06-PM.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-12-2026-03_08_06-PM.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-12-2026-03_08_06-PM.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-12-2026-03_08_06-PM-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-12-2026-03_08_06-PM-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-12-2026-03_08_06-PM-768x768.png 768w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Beim Neurofeedback lernt man schrittweise körperliche Mechanismen, wie Atmung oder Gehirnaktivität, bewusst wahrzunehmen und zu steuern. Über mehrere Sitzungen führt das Training bestimmter Netzwerke im Gehirn dazu, dass gezielte Fähigkeiten, etwa Aufmerksamkeit oder Konzentrationsvermögen, trainiert und verbessert werden. Ziel ist es, den Körper irgendwann auch ohne die Geräte besser steuern und die Methoden im Alltag anwenden zu können.<aside></aside></p> <p>Die Einsatzbereiche reichen von Stressreduktion und Leistungsverbesserung bis hin zur Behandlung dutzender neurologischer Störungen. Ob eine Person Neurofeedback-Therapien erhält und die Methode als individuell wirkungsvoll eingestuft wird, wird vorerst sorgfältig durch Fachpersonal geprüft [2].</p> <p>Zu den Erkrankungen und Beschwerden, bei denen Neurofeedback bereits eingesetzt oder derzeit wissenschaftlich untersucht wird, zählen unter anderem Depressionen, ADHS und ADS, Stress- und Angststörungen, Suchterkrankungen, Schizophrenie, Schlafstörungen, Epilepsie sowie verschiedene Schmerzsyndrome wie Rücken- und Kopfschmerzen, auch einschließlich Migräne [3].</p> <h3 id="h-es-fing-mit-katzen-an">Es fing mit Katzen an…</h3> <p>Neurofeedback existiert bereits deutlich länger, als man zunächst annehmen würde. Obwohl die Methode auf den ersten Blick sehr modern wirkt, reichen ihre Ursprünge bis in die 1960er Jahre zurück.</p> <p>Begonnen hat alles mit Katzen, denen der amerikanische Wissenschaftler Dr. Sterman 1976 beibrachte, eine Futterbelohnung zu bekommen, wenn ein ganz bestimmtes Hirnmuster aktiviert wurde. Es stellte sich heraus, dass die Katzen nach ein wenig Training dazu in der Lage waren, die Frequenz nach Belieben selbst zu erzeugen und erhielten als Belohnung eine Leckerei [4]. Dieses revolutionäre Ergebnis zeigte eine völlig neue Dimension von Lernprozessen und wurde immer weiter eingesetzt, beispielsweise bei an Epilepsie erkrankten Menschen erstmals in den 70er Jahren, die durch das gezielte Verändern der eigenen Hirnströme die epileptischen Anfälle reduzieren konnten [5]! Seither wurde Neurofeedback stetig weiter erforscht und heutzutage besonders in Kombination mit EEG für immer mehr neurologische Krankheiten eingesetzt.</p> <h3 id="h-wie-lauft-so-eine-neurofeedback-sitzung-ab">Wie läuft so eine Neurofeedback-Sitzung ab?</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18380857_4000_1_03-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18380857_4000_1_03-1-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18380857_4000_1_03-1-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18380857_4000_1_03-1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18380857_4000_1_03-1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18380857_4000_1_03-1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18380857_4000_1_03-1-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18380857_4000_1_03-1-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Die Teilnehmenden sitzen oder liegen meistens auf einem bequemen Stuhl und haben vor sich einen Bildschirm stehen. Dann werden spezielle Elektroden mit einer Klebepaste am Kopf des Teilnehmenden befestigt oder mittels einer Kappe aufgesetzt. Die EEG-Elektroden werden je nach gewünschtem Nutzen des Trainings an den Stellen am Kopf platziert, sodass die entsprechenden Gehirnregionen optimal gemessen werden können [3].</p> <p>Die Elektroden des EEGs sind an einem Computer angeschlossen, der die Aktivität des Gehirns in Wellenform darstellt. Diese Wellen sind jedoch für einen Laien sehr schwer zu interpretieren, also bedient man sich dem Nutzen von <strong>Visualisierungen </strong>oder<strong> akustischen Signalen</strong>, zum Beispiel Filmen oder Videospiel-ähnlichen Szenarien [6]. Der Computer interpretiert also das EEG-Signal und stellt die Visualisierung in Echtzeit auf dem Bildschirm für den Teilnehmenden ein.</p> <p>Die Spiele oder Animationen können sehr verschieden sein, z.B. dass man einen im Schneidersitz meditierenden Mönch zum Schweben bringen, ein Flugzeug durch den Himmel steuern, oder einen Film flüssig abspielen lassen soll – alles mit den eigenen Gedanken. Auch auditive Stimuli können eingesetzt werden, beispielsweise wenn man steuern soll, Geräusche leiser oder lauter zu machen. Die Rückmeldung an den Teilnehmenden motiviert dazu, die Gehirnwellen und Netzwerke bewusster zu aktivieren oder deaktivieren, beispielsweise, indem man sich entspannt, besonders konzentriert, oder sich teilweise auch an Dinge erinnern soll [3].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406343_9910379.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406343_9910379-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406343_9910379-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406343_9910379-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406343_9910379-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406343_9910379-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406343_9910379-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406343_9910379.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Meistens dauert eine Neurofeedbacksession zwischen 40 und 60 Minuten und die Spieldurchgänge werden bis zu 120-mal wiederholt [7]. Wie bei so vielen Dingen ist es jedoch nicht getan mit nur ein paar Übungsstunden. Denn genau wie es Zeit braucht, Muskeln in den Armen aufzubauen, braucht es auch Zeit, bis das mentale Training Wirkung zeigt! Grob kann man sagen, dass die ersten Sitzungen besonders Aufmerksamkeit trainieren, spätere Sitzungen stärken schon neuronale Netze im Gehirn, welche in weiteren Sitzungen verfestigt werden können [8]. Das Trainingsmuster wird dabei immer individuell angepasst und über einige Wochen durchgeführt [8].</p> <h3 id="h-gibt-es-nebenwirkungen">Gibt es Nebenwirkungen?</h3> <p>Die Nebenwirkungen von Neurofeedback beschränken sich hauptsächlich auf Kopfschmerzen, Nervosität oder Müdigkeit, welche oft während oder einige Stunden nach der Therapiesitzung wieder abklingen. Viele Patienten berichten sogar auch, dass sie die Therapiestunde als besonders beruhigend und entspannend empfinden [9]. Generell gilt das Neurofeedback als eine sehr nebenwirkungsarme Methode, weswegen sie auch in so vielen verschiedenen Bereich zum Einsatz kommt [10].</p> <h3 id="h-wie-funktioniert-das-alles-genau">Wie funktioniert das alles genau?</h3> <p>Die Gehirnaktivität des EEGs werden in Wellen dargestellt, welche bei verschiedenen körperlichen Zuständen vorliegen [6]:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-19-2026-12_37_07-PM-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-19-2026-12_37_07-PM-1-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-19-2026-12_37_07-PM-1-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-19-2026-12_37_07-PM-1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-19-2026-12_37_07-PM-1-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-19-2026-12_37_07-PM-1.jpg 1536w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Alphawellen treten beispielsweise auf, wenn man entspannt ist, Betawellen bei Konzentration, Aufmerksamkeit und Gammawellen beim Lernen von neuen Dingen und Problemlösen [3]. Die verschiedenen Frequenzen stehen also grob gesagt für verschiedene kognitive Funktionen, die mit dem Training verstärkt (oder abgeschwächt) werden können.</p> <figure><table><tbody><tr><td><strong>EEG-Wellenfrequenz</strong></td><td><strong>assoziierte Zustände</strong></td></tr><tr><td>Delta (1-4 Hz)</td><td>schläfrig, komplexes Problemlösen, unaufmerksam</td></tr><tr><td>Theta (4-8 Hz)</td><td>kreativ, depressiv, ängstlich, ablenkbar, meditativ</td></tr><tr><td>Alpha (8-13 Hz)</td><td>wachsam, ruhig, meditativ, tiefenentspannt</td></tr><tr><td>Beta (15-20 Hz)</td><td>nachdenklich, fokussiert, aufmerksam, angespannt, wachsam</td></tr><tr><td>Gamma (32 – 100 Hz)</td><td>lernen, kognitives Verarbeiten, Probleme lösen [3]</td></tr></tbody></table></figure> <p>Wenn du mehr zum EEG und weiteren bildgebenden Verfahren lernen möchtest, schau gerne bei diesem Blogeintrag vorbei:</p> <figure></figure> <p>Der Computer, der die EEG-Signale empfängt, reinigt erstmal das Signal und filtert Störelemente heraus, zum Beispiel Muskel- oder Augenbewegungen. Damit stellt man sicher, dass auch wirklich nur die Gehirnaktivität registriert wird. Als Nächstes wird festgelegt, welche EEG-Wellen verstärkt oder abgeschwächt werden sollen, denn dies hängt vom Teilnehmenden und den gewünschten Zielen ab. Diese Zielwerte können oft dynamisch in den Sitzungen angepasst werden, damit das Training weder zu leicht noch zu schwer ist.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-8-2026-08_36_18-AM.png"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-8-2026-08_36_18-AM-1024x683.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-8-2026-08_36_18-AM-1024x683.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-8-2026-08_36_18-AM-300x200.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-8-2026-08_36_18-AM-768x512.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-8-2026-08_36_18-AM.png 1536w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Konkret heißt das alles Folgendes: Beispielsweise ist bei Menschen mit Angststörungen oder chronischer innerer Anspannung die alpha-Aktivität häufig vermindert [11]. Im Neurofeedback-Training wird die verminderte alpha-Aktivität vom Computer erfasst und der Teilnehmende sieht auf seinem Bildschirm ein sinkendes Flugzeug. Der Teilnehmende versucht dann, seine Gehirnaktivität so zu verändern, dass das Flugzeug steigt! Der Computer berechnet dabei mehrmals pro Sekunde das aktuelle Gehirnmuster und registriert demnach sehr schnell, wenn sich die gewünschte Aktivität verstärkt hat. Erreicht das Gehirn diesen erhöhten Alphawellen-Zustand, registriert das System die Veränderung und belohnt den Teilnehmenden unmittelbar im Videospiel, indem ein Flugzeug nach oben steigt oder sich die Animation flüssiger bewegt. Durch diese wiederholte, unmittelbare Rückmeldung lernt das Gehirn schrittweise, diesen Aktivitätszustand häufiger und stabiler einzunehmen. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-19-151248.png"><img alt="" decoding="async" height="342" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 380px) 100vw, 380px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-19-151248.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-19-151248.png 380w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-19-151248-300x270.png 300w" width="380"></img></a></figure></div> <p>Ohne eine visuelle Rückmeldung ist es äußerst schwierig, einfach so seine Gehirnwellen zu verändern, da wir uns derer oft gar nicht bewusst sind [12]. Doch wenn man im Neurofeedback auf dem Bildschirm sieht, was sich verändert, dann kann man anhand des Feedbacks besser versuchen, die Gehirnaktivität zu ändern. Es ist wie ein Spiegel, der einem vorgehalten wird, anhand dessen man seine Gehirnaktivität besser regulieren kann. Neurofeedback nutzt damit Prinzipien der <strong>operanten Konditionierung </strong>[13]<strong>.</strong> Darunter versteht man eine Form des Lernens, bei der das Verhalten durch eine unmittelbare Rückmeldung beeinflusst wird: Tritt ein bestimmtes Verhalten auf und man wird dafür „belohnt“ (Flugzeug hebt ab), steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es künftig häufiger gezeigt wird (verbesserte Gehirnaktivität).</p> <h3 id="h-gehirntraining-im-alltag">Gehirntraining im Alltag</h3> <p>Das Training ist nach der Sitzung aber nicht beendet: Auch zu Hause kann und sollte weiterhin geübt werden. Dazu bekommen Teilnehmende oft Bilder von den Videospiel-Figuren mit nach Hause und sollen sich an die Trainingsmethoden erinnern, die erlernt wurden.</p> <p>Außerdem gibt es eine Menge andere Methoden, die das Gehirn beim Lernen unterstützen können. Dazu zählen die Klassiker wie ausreichend frische Luft und Bewegung, ausreichend soziale Interaktionen haben, aber auch Übungen wie <strong>Meditation</strong>, <strong>Achtsamkeit</strong> oder <strong>Atemtechniken</strong> können helfen, Ruhezustände zu erreichen und die gewünschten Ziele des Neurofeedbacks auch im Allein-Training weiterhin zu stärken [8].</p> <h3 id="h-effekte-von-neurofeedback">Effekte von Neurofeedback</h3> <p>Die Einsatzgebiete werden sehr intensiv erforscht und können in präventive, klinisch-therapeutische und leistungsorientierte Anwendungen unterteilt werden:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/66240938_9525573.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/66240938_9525573-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/66240938_9525573-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/66240938_9525573-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/66240938_9525573-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/66240938_9525573-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/66240938_9525573-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/66240938_9525573.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Bei ADHS-Betroffenen zeigte sich in Studien, dass die Theta- und Betawellen Aktivität von gesunden Patientenbildern abweicht. Neurofeedback-Training kann diese Aktivität auf ein verbessertes Level bringen und so die Symptome wie Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Ablenkung verringern [3].</p> <p>Bei Patientinnen und Patienten mit Schlafstörungen führte Neurofeedback zu verbesserten Schlafstrukturen und bessere Schlafhygiene vor dem zu Bett gehen, indem Betroffene ihren Körper und Geist auf das Schlafengehen vorbereiteten und schneller einschlafen konnten [3]. Studien zeigten außerdem, dass Neurofeedback das Verlangen nach Heroin bei Drogensüchtigen verringerte, und auch bei Computerspiel- und Alkoholsucht konnte dies nachgewiesen werden [3]. </p> <p>Bei Epilepsie sind medizinische Therapien in einem Drittel aller Betroffenen unzureichend hilfreich, daher bietet auch hier Neurofeedback eine gute Alternative, indem die Tage pro Monat mit Epilepsieanfällen verringert werden können. Ihr seht also: Die Bandbreite für die Einsetzung der Methode ist riesig!</p> <p>Doch nicht nur zur Normalisierung der Gehirnwellen bei Krankheiten wird Neurofeedback genutzt, sondern auch zur Verbesserung kognitiver Fähigkeiten, etwa <strong>Konzentrationsfähigkeit</strong> und <strong>Aufmerksamkeit</strong>.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291253_Professional-surgeons-surrounding-patient-on-operation-table-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="759" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291253_Professional-surgeons-surrounding-patient-on-operation-table-1024x759.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291253_Professional-surgeons-surrounding-patient-on-operation-table-1024x759.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291253_Professional-surgeons-surrounding-patient-on-operation-table-300x222.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291253_Professional-surgeons-surrounding-patient-on-operation-table-768x569.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291253_Professional-surgeons-surrounding-patient-on-operation-table-1536x1138.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291253_Professional-surgeons-surrounding-patient-on-operation-table-2048x1517.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Es konnte gezeigt werden, dass Musiker eine verbesserte musikalische Leistung an den Tag legten, nachdem sie Neurofeedback-Training bekamen[14]. Auch Neurochirurgen arbeiteten schneller und präziser bei Mikrooperationen [15]. Ebenso Leistungssportler profitierten von einer erhöhten Leistung nach Neurofeedback-Training, indem sich Reaktionszeiten und Entscheidungsfindung verbesserten [16], [17]. Studien legen außerdem nahe, dass Neurofeedback neben der Gehirnaktivität auch kognitive Fähigkeiten wie das Gedächtnis positiv beeinflussen und mit einer verbesserten Emotionsregulation einhergehen kann [18].</p> <h3 id="h-wirkung-und-dauer">Wirkung und Dauer</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12290970_Wavy_Tech-15_Single-11-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12290970_Wavy_Tech-15_Single-11-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12290970_Wavy_Tech-15_Single-11-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12290970_Wavy_Tech-15_Single-11-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12290970_Wavy_Tech-15_Single-11-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12290970_Wavy_Tech-15_Single-11-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12290970_Wavy_Tech-15_Single-11-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12290970_Wavy_Tech-15_Single-11-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Studien zeigen, dass sowohl Kinder als auch Erwachsene auf Neurofeedback ansprechen können, jedoch ist die Datenlage zu Kindern am besten belegt [19]. Die genauen Details, bei wie vielen Menschen Neurofeedback wirkt, ist noch Gegenstand der Forschung, aber man vermutet, dass es zwischen 16 und 67 % sind [20]. Bei Studien mit gesunden Erwachsenen konnte Neurofeedback bislang den Placeboeffekt leider statistisch nicht übertreffen [21]. Dennoch deuten Forschungsergebnisse darauf hin, dass Neurofeedback nicht nur kurzfristige Veränderungen der Gehirnaktivität bewirken kann, sondern bei wiederholtem Training auch mit strukturellen Anpassungen im Gehirn einhergeht und so die gewünschten Aktivitätsmuster verstärkt werden [12].</p> <p>Auch wenn Neurofeedback eine echte Alternative zu medikamentöser Behandlung diverser Krankheiten bietet, ist es kein Wundermittel. Es braucht noch mehr Forschung, um robuste Effekte klar bestätigen und diese vom Placeboeffekt abgrenzen zu können. Man darf auch nicht außer Acht lassen, dass Neurofeedback viel Personalzeit- und Aufwand, spezialisierte Geräte und viele Stunden an Therapiesitzungen erfordert und daher die individuellen Trainingsprotokolle gut geplant werden müssen, um einen Erfolg zu erreichen [19]. Daher ist die individuelle Gestaltung des Trainingsprogramms für die jeweiligen Personen essenziell, damit die Behandlung funktionieren kann [22].</p> <h3 id="h-fazit">Fazit</h3> <p>Neurofeedback klingt wie Zukunftsmusik, doch es ist schon seit langem eine interessante Methode, um die Selbstregulation der Gehirnaktivität zu fördern. Das Potenzial von Neurofeedback ist riesig, es reicht von ergänzenden Therapiemöglichkeiten bei diversen Krankheiten bis hin zur Leistungsoptimierung und verbesserte Selbstregulation in Aspekten wie Kognition oder Emotionskontrolle. Gleichzeitig bedarf es jedoch weiterhin noch an Forschung, um den Wirkmechanismen und der Dauer der Effekte auf den Grund zu gehen und Therapieprotokolle zu optimieren. In gewisser Weise überträgt Neurofeedback das Prinzip des Videospielens auf eine moderne, gehirnbasierte Ebene – nur dass hier nicht der Controller, sondern die eigene Hirnaktivität gesteuert wird.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-4-2026-01_41_50-PM.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-4-2026-01_41_50-PM.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-4-2026-01_41_50-PM.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-4-2026-01_41_50-PM-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-4-2026-01_41_50-PM-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-4-2026-01_41_50-PM-768x768.png 768w" width="1024"></img></a></figure></div> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <p>[1]     ‘Neurofeedback (EEG-Feedback): Definition und Anwendungsbereiche’. Accessed: Jan. 15, 2026. [Online]. Available: https://neuromaster.de/neurofeedback/</p> <p>[2]     ‘Neurofeedback’, Zentrum für Psychotherapie Wiesbaden. Accessed: Jan. 10, 2026. [Online]. Available: https://zentrum-psychotherapie-wiesbaden.de/schwerpunkt/neurofeedback/</p> <p>[3]     H. Marzbani, H. R. Marateb, and M. Mansourian, ‘Neurofeedback: A Comprehensive Review on System Design, Methodology and Clinical Applications’, <em>Basic Clin. Neurosci.</em>, vol. 7, no. 2, pp. 143–158, Apr. 2016, doi: 10.15412/J.BCN.03070208.</p> <p>[4]     W. Wyrwicka and M. B. Sterman, ‘Instrumental conditioning of sensorimotor cortex EEG spindles in the waking cat’, <em>Physiol. Behav.</em>, vol. 3, no. 5, pp. 703–707, Sep. 1968, doi: 10.1016/0031-9384(68)90139-X.</p> <p>[5]     A. R. Seifert and J. F. Lubar, ‘Reduction of epileptic seizures through EEG biofeedback training’, <em>Biol. Psychol.</em>, vol. 3, no. 3, pp. 157–184, Nov. 1975, doi: 10.1016/0301-0511(75)90033-2.</p> <p>[6]     ‘Neurofeedback: Definition, Methode, Ablauf’, netDoktor. Accessed: Jan. 04, 2026. [Online]. Available: https://www.netdoktor.de/therapien/biofeedback/neurofeedback/</p> <p>[7]     ‘Wie funktioniert Neurofeedback? | Knowledge Hub’. Accessed: Jan. 10, 2026. [Online]. Available: https://www.neurocaregroup.com/de/wie-funktioniert-neurofeedback/</p> <p>[8]     ‘Does Neurofeedback have Side Effects – The Insight Clinic’. Accessed: Jan. 12, 2026. [Online]. Available: https://theinsightclinic.ca/does-neurofeedback-have-side-effects/</p> <p>[9]     C. M. Solutions, ‘Are There Any Side Effects to Neurofeedback?’, Chicago Mind Solutions. Accessed: Jan. 10, 2026. [Online]. Available: https://chicagomindsolutions.com/blog/are-there-any-side-effects-neurofeedback/</p> <p>[10]  E. Rahmani, M. Rahmanian, K. Mansouri, Y. Mokhayeri, Y. Jamalpour, and S. Hassanvandi, ‘Are There any Possible Side Effects of Neurofeedback? A Systematic Literature Review and Meta-analysis’, <em>Iran. J. Psychiatry Behav. Sci.</em>, vol. 17, no. 3, Oct. 2023, doi: 10.5812/ijpbs-138064.</p> <p>[11]  L. D. G. Silva <em>et al.</em>, ‘The Computer Simulation for Triggering Anxiety in Panic Disorder Patients Modulates the EEG Alpha Power during an Oddball Task’, <em>NeuroSci</em>, vol. 3, no. 2, pp. 332–346, May 2022, doi: 10.3390/neurosci3020024.</p> <p>[12]  D. C. Hammond, ‘What Is Neurofeedback?’, <em>J. Neurother.</em>, vol. 10, no. 4, pp. 25–36, Mar. 2007, doi: 10.1300/J184v10n04_04.</p> <p>[13]  L. H. Sherlin <em>et al.</em>, ‘Neurofeedback and Basic Learning Theory: Implications for Research and Practice’, <em>J. Neurother.</em>, vol. 15, no. 4, pp. 292–304, Oct. 2011, doi: 10.1080/10874208.2011.623089.</p> <p>[14]  S. Markovska-Simoska, N. Pop-Jordanova, and D. Georgiev, ‘Simultaneous EEG and EMG biofeedback for peak performance in musicians’, <em>Prilozi</em>, vol. 29, no. 1, pp. 239–252, Jul. 2008.</p> <p>[15]  T. Ros, M. J. Moseley, P. A. Bloom, L. Benjamin, L. A. Parkinson, and J. H. Gruzelier, ‘Optimizing microsurgical skills with EEG neurofeedback’, <em>BMC Neurosci.</em>, vol. 10, no. 1, p. 87, Jul. 2009, doi: 10.1186/1471-2202-10-87.</p> <p>[16]  M.-Q. Xiang, X.-H. Hou, B.-G. Liao, J.-W. Liao, and M. Hu, ‘The effect of neurofeedback training for sport performance in athletes: A meta-analysis’, <em>Psychol. Sport Exerc.</em>, vol. 36, pp. 114–122, May 2018, doi: 10.1016/j.psychsport.2018.02.004.</p> <p>[17]  M. A. de Brito <em>et al.</em>, ‘The Effect of Neurofeedback on the Reaction Time and Cognitive Performance of Athletes: A Systematic Review and Meta-Analysis’, <em>Front. Hum. Neurosci.</em>, vol. 16, Jun. 2022, doi: 10.3389/fnhum.2022.868450.</p> <p>[18]  P. Linhartová, A. Látalová, B. Kóša, T. Kašpárek, C. Schmahl, and C. Paret, ‘fMRI neurofeedback in emotion regulation: A literature review’, <em>NeuroImage</em>, vol. 193, pp. 75–92, Jun. 2019, doi: 10.1016/j.neuroimage.2019.03.011.</p> <p>[19]  M. Arns, C. R. Clark, M. Trullinger, R. deBeus, M. Mack, and M. Aniftos, ‘Neurofeedback and Attention-Deficit/Hyperactivity-Disorder (ADHD) in Children: Rating the Evidence and Proposed Guidelines’, <em>Appl. Psychophysiol. Biofeedback</em>, vol. 45, no. 2, pp. 39–48, Jun. 2020, doi: 10.1007/s10484-020-09455-2.</p> <p>[20]  L. A. Weber, T. Ethofer, and A.-C. Ehlis, ‘Predictors of neurofeedback training outcome: A systematic review’, <em>NeuroImage Clin.</em>, vol. 27, p. 102301, May 2020, doi: 10.1016/j.nicl.2020.102301.</p> <p>[21]  I. Kimura, H. Noyama, R. Onagawa, M. Takemi, R. Osu, and J.-I. Kawahara, ‘Efficacy of neurofeedback training for improving attentional performance in healthy adults: A systematic review and meta-analysis’, <em>Imaging Neurosci. Camb. Mass</em>, vol. 2, p. imag–2–00053, 2024, doi: 10.1162/imag_a_00053.</p> <p>[22]  O. Alkoby, A. Abu-Rmileh, O. Shriki, and D. Todder, ‘Can We Predict Who Will Respond to Neurofeedback? A Review of the Inefficacy Problem and Existing Predictors for Successful EEG Neurofeedback Learning’, <em>Neuroscience</em>, vol. 378, pp. 155–164, May 2018, doi: 10.1016/j.neuroscience.2016.12.050.</p> <h3 id="h-bildquellen">Bildquellen</h3> <ul> <li>Titelbild: generiert mit Chat GPT 5.1</li> <li>Abbildung 1: generiert mit Chat GPT 5.1</li> <li>Abbildung 2: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/sofa-stuhl-mit-tisch-und-laptop-karikatur-vektor-symbol-illustration-technologie-indoor-symbol-konzept-isoliert-premium-vektor-flacher-cartoon-stil_18380857.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=26&amp;uuid=8fd14029-14da-4377-a94e-f308da15c72d&amp;query=therapy+chair">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 3: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/handgezeichnete-illustration-zur-neuroedukation_84406343.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=19&amp;uuid=315ce805-d3e8-4817-813c-05e4530b1e05&amp;query=thoughts+in+brain">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 4: generiert mit Chat GPT 5.1</li> <li>Abbildung 5: generiert mit Chat GPT 5.1</li> <li>Abbildung 6: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/illustration-zur-sensibilisierung-fuer-den-welttag-der-psychischen-gesundheit_66240938.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=5&amp;uuid=06990d70-d6b6-4633-bca4-d1816d37e6e6&amp;query=ADHS">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 7: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/professionelle-chirurgen-umgeben-den-patienten-auf-dem-operationstisch-flache-illustration_12291253.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=10&amp;uuid=84d1e6d1-15b2-486a-b447-e68272663e93&amp;query=surgeon">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 8: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/abstrakte-konzeptillustration-des-aktionsspiels_12290970.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=6&amp;uuid=058e77b4-3aee-4bdc-a69e-12828312ae64&amp;query=game">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 9: generiert mit Chat GPT 5.1</li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Gehirn statt Controller: Was ist Neurofeedback? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Luisa Sophie Engelke</h2><div itemprop="text"> <p>Stell dir ein einfaches Videospiel vor: Deine Spielfigur ist ein Hase, der durch einen Wald rennt. Bei jedem Hindernis drückst du einen Knopf auf dem Controller, und der Hase hüpft in die Höhe.</p> <p>Und nun stell dir vor, dass du keinen Controller in der Hand hast, sondern eine Kappe auf dem Kopf, die deine Gehirnströme misst. Mit etwas Training lernst du, dass der Hase genau dann springt, wenn du es willst – dein Gehirn steuert das Spiel! Klingt wie Magie, ist aber eine spannende Methode, die sich Neurofeedback nennt!</p> <h3 id="h-was-ist-neurofeedback">Was ist Neurofeedback</h3> <p>Neurofeedback ist ein wissenschaftlich anerkanntes Verfahren, um die <strong>Selbstregulationsfähigkeit</strong> des Gehirns zu verbessern.</p> <p>„Neurofeedback“ heißt wörtlich: ‚Gehirn-Rückmeldung‘. Die Gehirnaktivität wird dabei in Echtzeit mittels eines Elektroenzephalogramms (<strong>EEG</strong>) gemessen und kann visuell oder auditiv anschaulich auf einem Bildschirm präsentiert werden! Es handelt sich also um eine nicht-invasive, fast nebenwirkungsfreie Methode, die sehr divers eingesetzt werden kann [1].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-12-2026-03_08_06-PM.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-12-2026-03_08_06-PM.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-12-2026-03_08_06-PM.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-12-2026-03_08_06-PM-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-12-2026-03_08_06-PM-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-12-2026-03_08_06-PM-768x768.png 768w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Beim Neurofeedback lernt man schrittweise körperliche Mechanismen, wie Atmung oder Gehirnaktivität, bewusst wahrzunehmen und zu steuern. Über mehrere Sitzungen führt das Training bestimmter Netzwerke im Gehirn dazu, dass gezielte Fähigkeiten, etwa Aufmerksamkeit oder Konzentrationsvermögen, trainiert und verbessert werden. Ziel ist es, den Körper irgendwann auch ohne die Geräte besser steuern und die Methoden im Alltag anwenden zu können.<aside></aside></p> <p>Die Einsatzbereiche reichen von Stressreduktion und Leistungsverbesserung bis hin zur Behandlung dutzender neurologischer Störungen. Ob eine Person Neurofeedback-Therapien erhält und die Methode als individuell wirkungsvoll eingestuft wird, wird vorerst sorgfältig durch Fachpersonal geprüft [2].</p> <p>Zu den Erkrankungen und Beschwerden, bei denen Neurofeedback bereits eingesetzt oder derzeit wissenschaftlich untersucht wird, zählen unter anderem Depressionen, ADHS und ADS, Stress- und Angststörungen, Suchterkrankungen, Schizophrenie, Schlafstörungen, Epilepsie sowie verschiedene Schmerzsyndrome wie Rücken- und Kopfschmerzen, auch einschließlich Migräne [3].</p> <h3 id="h-es-fing-mit-katzen-an">Es fing mit Katzen an…</h3> <p>Neurofeedback existiert bereits deutlich länger, als man zunächst annehmen würde. Obwohl die Methode auf den ersten Blick sehr modern wirkt, reichen ihre Ursprünge bis in die 1960er Jahre zurück.</p> <p>Begonnen hat alles mit Katzen, denen der amerikanische Wissenschaftler Dr. Sterman 1976 beibrachte, eine Futterbelohnung zu bekommen, wenn ein ganz bestimmtes Hirnmuster aktiviert wurde. Es stellte sich heraus, dass die Katzen nach ein wenig Training dazu in der Lage waren, die Frequenz nach Belieben selbst zu erzeugen und erhielten als Belohnung eine Leckerei [4]. Dieses revolutionäre Ergebnis zeigte eine völlig neue Dimension von Lernprozessen und wurde immer weiter eingesetzt, beispielsweise bei an Epilepsie erkrankten Menschen erstmals in den 70er Jahren, die durch das gezielte Verändern der eigenen Hirnströme die epileptischen Anfälle reduzieren konnten [5]! Seither wurde Neurofeedback stetig weiter erforscht und heutzutage besonders in Kombination mit EEG für immer mehr neurologische Krankheiten eingesetzt.</p> <h3 id="h-wie-lauft-so-eine-neurofeedback-sitzung-ab">Wie läuft so eine Neurofeedback-Sitzung ab?</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18380857_4000_1_03-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18380857_4000_1_03-1-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18380857_4000_1_03-1-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18380857_4000_1_03-1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18380857_4000_1_03-1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18380857_4000_1_03-1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18380857_4000_1_03-1-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18380857_4000_1_03-1-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Die Teilnehmenden sitzen oder liegen meistens auf einem bequemen Stuhl und haben vor sich einen Bildschirm stehen. Dann werden spezielle Elektroden mit einer Klebepaste am Kopf des Teilnehmenden befestigt oder mittels einer Kappe aufgesetzt. Die EEG-Elektroden werden je nach gewünschtem Nutzen des Trainings an den Stellen am Kopf platziert, sodass die entsprechenden Gehirnregionen optimal gemessen werden können [3].</p> <p>Die Elektroden des EEGs sind an einem Computer angeschlossen, der die Aktivität des Gehirns in Wellenform darstellt. Diese Wellen sind jedoch für einen Laien sehr schwer zu interpretieren, also bedient man sich dem Nutzen von <strong>Visualisierungen </strong>oder<strong> akustischen Signalen</strong>, zum Beispiel Filmen oder Videospiel-ähnlichen Szenarien [6]. Der Computer interpretiert also das EEG-Signal und stellt die Visualisierung in Echtzeit auf dem Bildschirm für den Teilnehmenden ein.</p> <p>Die Spiele oder Animationen können sehr verschieden sein, z.B. dass man einen im Schneidersitz meditierenden Mönch zum Schweben bringen, ein Flugzeug durch den Himmel steuern, oder einen Film flüssig abspielen lassen soll – alles mit den eigenen Gedanken. Auch auditive Stimuli können eingesetzt werden, beispielsweise wenn man steuern soll, Geräusche leiser oder lauter zu machen. Die Rückmeldung an den Teilnehmenden motiviert dazu, die Gehirnwellen und Netzwerke bewusster zu aktivieren oder deaktivieren, beispielsweise, indem man sich entspannt, besonders konzentriert, oder sich teilweise auch an Dinge erinnern soll [3].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406343_9910379.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406343_9910379-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406343_9910379-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406343_9910379-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406343_9910379-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406343_9910379-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406343_9910379-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406343_9910379.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Meistens dauert eine Neurofeedbacksession zwischen 40 und 60 Minuten und die Spieldurchgänge werden bis zu 120-mal wiederholt [7]. Wie bei so vielen Dingen ist es jedoch nicht getan mit nur ein paar Übungsstunden. Denn genau wie es Zeit braucht, Muskeln in den Armen aufzubauen, braucht es auch Zeit, bis das mentale Training Wirkung zeigt! Grob kann man sagen, dass die ersten Sitzungen besonders Aufmerksamkeit trainieren, spätere Sitzungen stärken schon neuronale Netze im Gehirn, welche in weiteren Sitzungen verfestigt werden können [8]. Das Trainingsmuster wird dabei immer individuell angepasst und über einige Wochen durchgeführt [8].</p> <h3 id="h-gibt-es-nebenwirkungen">Gibt es Nebenwirkungen?</h3> <p>Die Nebenwirkungen von Neurofeedback beschränken sich hauptsächlich auf Kopfschmerzen, Nervosität oder Müdigkeit, welche oft während oder einige Stunden nach der Therapiesitzung wieder abklingen. Viele Patienten berichten sogar auch, dass sie die Therapiestunde als besonders beruhigend und entspannend empfinden [9]. Generell gilt das Neurofeedback als eine sehr nebenwirkungsarme Methode, weswegen sie auch in so vielen verschiedenen Bereich zum Einsatz kommt [10].</p> <h3 id="h-wie-funktioniert-das-alles-genau">Wie funktioniert das alles genau?</h3> <p>Die Gehirnaktivität des EEGs werden in Wellen dargestellt, welche bei verschiedenen körperlichen Zuständen vorliegen [6]:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-19-2026-12_37_07-PM-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-19-2026-12_37_07-PM-1-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-19-2026-12_37_07-PM-1-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-19-2026-12_37_07-PM-1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-19-2026-12_37_07-PM-1-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-19-2026-12_37_07-PM-1.jpg 1536w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Alphawellen treten beispielsweise auf, wenn man entspannt ist, Betawellen bei Konzentration, Aufmerksamkeit und Gammawellen beim Lernen von neuen Dingen und Problemlösen [3]. Die verschiedenen Frequenzen stehen also grob gesagt für verschiedene kognitive Funktionen, die mit dem Training verstärkt (oder abgeschwächt) werden können.</p> <figure><table><tbody><tr><td><strong>EEG-Wellenfrequenz</strong></td><td><strong>assoziierte Zustände</strong></td></tr><tr><td>Delta (1-4 Hz)</td><td>schläfrig, komplexes Problemlösen, unaufmerksam</td></tr><tr><td>Theta (4-8 Hz)</td><td>kreativ, depressiv, ängstlich, ablenkbar, meditativ</td></tr><tr><td>Alpha (8-13 Hz)</td><td>wachsam, ruhig, meditativ, tiefenentspannt</td></tr><tr><td>Beta (15-20 Hz)</td><td>nachdenklich, fokussiert, aufmerksam, angespannt, wachsam</td></tr><tr><td>Gamma (32 – 100 Hz)</td><td>lernen, kognitives Verarbeiten, Probleme lösen [3]</td></tr></tbody></table></figure> <p>Wenn du mehr zum EEG und weiteren bildgebenden Verfahren lernen möchtest, schau gerne bei diesem Blogeintrag vorbei:</p> <figure></figure> <p>Der Computer, der die EEG-Signale empfängt, reinigt erstmal das Signal und filtert Störelemente heraus, zum Beispiel Muskel- oder Augenbewegungen. Damit stellt man sicher, dass auch wirklich nur die Gehirnaktivität registriert wird. Als Nächstes wird festgelegt, welche EEG-Wellen verstärkt oder abgeschwächt werden sollen, denn dies hängt vom Teilnehmenden und den gewünschten Zielen ab. Diese Zielwerte können oft dynamisch in den Sitzungen angepasst werden, damit das Training weder zu leicht noch zu schwer ist.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-8-2026-08_36_18-AM.png"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-8-2026-08_36_18-AM-1024x683.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-8-2026-08_36_18-AM-1024x683.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-8-2026-08_36_18-AM-300x200.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-8-2026-08_36_18-AM-768x512.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-8-2026-08_36_18-AM.png 1536w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Konkret heißt das alles Folgendes: Beispielsweise ist bei Menschen mit Angststörungen oder chronischer innerer Anspannung die alpha-Aktivität häufig vermindert [11]. Im Neurofeedback-Training wird die verminderte alpha-Aktivität vom Computer erfasst und der Teilnehmende sieht auf seinem Bildschirm ein sinkendes Flugzeug. Der Teilnehmende versucht dann, seine Gehirnaktivität so zu verändern, dass das Flugzeug steigt! Der Computer berechnet dabei mehrmals pro Sekunde das aktuelle Gehirnmuster und registriert demnach sehr schnell, wenn sich die gewünschte Aktivität verstärkt hat. Erreicht das Gehirn diesen erhöhten Alphawellen-Zustand, registriert das System die Veränderung und belohnt den Teilnehmenden unmittelbar im Videospiel, indem ein Flugzeug nach oben steigt oder sich die Animation flüssiger bewegt. Durch diese wiederholte, unmittelbare Rückmeldung lernt das Gehirn schrittweise, diesen Aktivitätszustand häufiger und stabiler einzunehmen. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-19-151248.png"><img alt="" decoding="async" height="342" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 380px) 100vw, 380px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-19-151248.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-19-151248.png 380w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-19-151248-300x270.png 300w" width="380"></img></a></figure></div> <p>Ohne eine visuelle Rückmeldung ist es äußerst schwierig, einfach so seine Gehirnwellen zu verändern, da wir uns derer oft gar nicht bewusst sind [12]. Doch wenn man im Neurofeedback auf dem Bildschirm sieht, was sich verändert, dann kann man anhand des Feedbacks besser versuchen, die Gehirnaktivität zu ändern. Es ist wie ein Spiegel, der einem vorgehalten wird, anhand dessen man seine Gehirnaktivität besser regulieren kann. Neurofeedback nutzt damit Prinzipien der <strong>operanten Konditionierung </strong>[13]<strong>.</strong> Darunter versteht man eine Form des Lernens, bei der das Verhalten durch eine unmittelbare Rückmeldung beeinflusst wird: Tritt ein bestimmtes Verhalten auf und man wird dafür „belohnt“ (Flugzeug hebt ab), steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es künftig häufiger gezeigt wird (verbesserte Gehirnaktivität).</p> <h3 id="h-gehirntraining-im-alltag">Gehirntraining im Alltag</h3> <p>Das Training ist nach der Sitzung aber nicht beendet: Auch zu Hause kann und sollte weiterhin geübt werden. Dazu bekommen Teilnehmende oft Bilder von den Videospiel-Figuren mit nach Hause und sollen sich an die Trainingsmethoden erinnern, die erlernt wurden.</p> <p>Außerdem gibt es eine Menge andere Methoden, die das Gehirn beim Lernen unterstützen können. Dazu zählen die Klassiker wie ausreichend frische Luft und Bewegung, ausreichend soziale Interaktionen haben, aber auch Übungen wie <strong>Meditation</strong>, <strong>Achtsamkeit</strong> oder <strong>Atemtechniken</strong> können helfen, Ruhezustände zu erreichen und die gewünschten Ziele des Neurofeedbacks auch im Allein-Training weiterhin zu stärken [8].</p> <h3 id="h-effekte-von-neurofeedback">Effekte von Neurofeedback</h3> <p>Die Einsatzgebiete werden sehr intensiv erforscht und können in präventive, klinisch-therapeutische und leistungsorientierte Anwendungen unterteilt werden:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/66240938_9525573.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/66240938_9525573-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/66240938_9525573-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/66240938_9525573-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/66240938_9525573-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/66240938_9525573-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/66240938_9525573-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/66240938_9525573.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Bei ADHS-Betroffenen zeigte sich in Studien, dass die Theta- und Betawellen Aktivität von gesunden Patientenbildern abweicht. Neurofeedback-Training kann diese Aktivität auf ein verbessertes Level bringen und so die Symptome wie Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Ablenkung verringern [3].</p> <p>Bei Patientinnen und Patienten mit Schlafstörungen führte Neurofeedback zu verbesserten Schlafstrukturen und bessere Schlafhygiene vor dem zu Bett gehen, indem Betroffene ihren Körper und Geist auf das Schlafengehen vorbereiteten und schneller einschlafen konnten [3]. Studien zeigten außerdem, dass Neurofeedback das Verlangen nach Heroin bei Drogensüchtigen verringerte, und auch bei Computerspiel- und Alkoholsucht konnte dies nachgewiesen werden [3]. </p> <p>Bei Epilepsie sind medizinische Therapien in einem Drittel aller Betroffenen unzureichend hilfreich, daher bietet auch hier Neurofeedback eine gute Alternative, indem die Tage pro Monat mit Epilepsieanfällen verringert werden können. Ihr seht also: Die Bandbreite für die Einsetzung der Methode ist riesig!</p> <p>Doch nicht nur zur Normalisierung der Gehirnwellen bei Krankheiten wird Neurofeedback genutzt, sondern auch zur Verbesserung kognitiver Fähigkeiten, etwa <strong>Konzentrationsfähigkeit</strong> und <strong>Aufmerksamkeit</strong>.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291253_Professional-surgeons-surrounding-patient-on-operation-table-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="759" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291253_Professional-surgeons-surrounding-patient-on-operation-table-1024x759.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291253_Professional-surgeons-surrounding-patient-on-operation-table-1024x759.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291253_Professional-surgeons-surrounding-patient-on-operation-table-300x222.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291253_Professional-surgeons-surrounding-patient-on-operation-table-768x569.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291253_Professional-surgeons-surrounding-patient-on-operation-table-1536x1138.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291253_Professional-surgeons-surrounding-patient-on-operation-table-2048x1517.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Es konnte gezeigt werden, dass Musiker eine verbesserte musikalische Leistung an den Tag legten, nachdem sie Neurofeedback-Training bekamen[14]. Auch Neurochirurgen arbeiteten schneller und präziser bei Mikrooperationen [15]. Ebenso Leistungssportler profitierten von einer erhöhten Leistung nach Neurofeedback-Training, indem sich Reaktionszeiten und Entscheidungsfindung verbesserten [16], [17]. Studien legen außerdem nahe, dass Neurofeedback neben der Gehirnaktivität auch kognitive Fähigkeiten wie das Gedächtnis positiv beeinflussen und mit einer verbesserten Emotionsregulation einhergehen kann [18].</p> <h3 id="h-wirkung-und-dauer">Wirkung und Dauer</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12290970_Wavy_Tech-15_Single-11-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12290970_Wavy_Tech-15_Single-11-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12290970_Wavy_Tech-15_Single-11-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12290970_Wavy_Tech-15_Single-11-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12290970_Wavy_Tech-15_Single-11-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12290970_Wavy_Tech-15_Single-11-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12290970_Wavy_Tech-15_Single-11-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12290970_Wavy_Tech-15_Single-11-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Studien zeigen, dass sowohl Kinder als auch Erwachsene auf Neurofeedback ansprechen können, jedoch ist die Datenlage zu Kindern am besten belegt [19]. Die genauen Details, bei wie vielen Menschen Neurofeedback wirkt, ist noch Gegenstand der Forschung, aber man vermutet, dass es zwischen 16 und 67 % sind [20]. Bei Studien mit gesunden Erwachsenen konnte Neurofeedback bislang den Placeboeffekt leider statistisch nicht übertreffen [21]. Dennoch deuten Forschungsergebnisse darauf hin, dass Neurofeedback nicht nur kurzfristige Veränderungen der Gehirnaktivität bewirken kann, sondern bei wiederholtem Training auch mit strukturellen Anpassungen im Gehirn einhergeht und so die gewünschten Aktivitätsmuster verstärkt werden [12].</p> <p>Auch wenn Neurofeedback eine echte Alternative zu medikamentöser Behandlung diverser Krankheiten bietet, ist es kein Wundermittel. Es braucht noch mehr Forschung, um robuste Effekte klar bestätigen und diese vom Placeboeffekt abgrenzen zu können. Man darf auch nicht außer Acht lassen, dass Neurofeedback viel Personalzeit- und Aufwand, spezialisierte Geräte und viele Stunden an Therapiesitzungen erfordert und daher die individuellen Trainingsprotokolle gut geplant werden müssen, um einen Erfolg zu erreichen [19]. Daher ist die individuelle Gestaltung des Trainingsprogramms für die jeweiligen Personen essenziell, damit die Behandlung funktionieren kann [22].</p> <h3 id="h-fazit">Fazit</h3> <p>Neurofeedback klingt wie Zukunftsmusik, doch es ist schon seit langem eine interessante Methode, um die Selbstregulation der Gehirnaktivität zu fördern. Das Potenzial von Neurofeedback ist riesig, es reicht von ergänzenden Therapiemöglichkeiten bei diversen Krankheiten bis hin zur Leistungsoptimierung und verbesserte Selbstregulation in Aspekten wie Kognition oder Emotionskontrolle. Gleichzeitig bedarf es jedoch weiterhin noch an Forschung, um den Wirkmechanismen und der Dauer der Effekte auf den Grund zu gehen und Therapieprotokolle zu optimieren. In gewisser Weise überträgt Neurofeedback das Prinzip des Videospielens auf eine moderne, gehirnbasierte Ebene – nur dass hier nicht der Controller, sondern die eigene Hirnaktivität gesteuert wird.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-4-2026-01_41_50-PM.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-4-2026-01_41_50-PM.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-4-2026-01_41_50-PM.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-4-2026-01_41_50-PM-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-4-2026-01_41_50-PM-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-4-2026-01_41_50-PM-768x768.png 768w" width="1024"></img></a></figure></div> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <p>[1]     ‘Neurofeedback (EEG-Feedback): Definition und Anwendungsbereiche’. Accessed: Jan. 15, 2026. [Online]. Available: https://neuromaster.de/neurofeedback/</p> <p>[2]     ‘Neurofeedback’, Zentrum für Psychotherapie Wiesbaden. Accessed: Jan. 10, 2026. [Online]. Available: https://zentrum-psychotherapie-wiesbaden.de/schwerpunkt/neurofeedback/</p> <p>[3]     H. Marzbani, H. R. Marateb, and M. Mansourian, ‘Neurofeedback: A Comprehensive Review on System Design, Methodology and Clinical Applications’, <em>Basic Clin. Neurosci.</em>, vol. 7, no. 2, pp. 143–158, Apr. 2016, doi: 10.15412/J.BCN.03070208.</p> <p>[4]     W. Wyrwicka and M. B. Sterman, ‘Instrumental conditioning of sensorimotor cortex EEG spindles in the waking cat’, <em>Physiol. Behav.</em>, vol. 3, no. 5, pp. 703–707, Sep. 1968, doi: 10.1016/0031-9384(68)90139-X.</p> <p>[5]     A. R. Seifert and J. F. Lubar, ‘Reduction of epileptic seizures through EEG biofeedback training’, <em>Biol. Psychol.</em>, vol. 3, no. 3, pp. 157–184, Nov. 1975, doi: 10.1016/0301-0511(75)90033-2.</p> <p>[6]     ‘Neurofeedback: Definition, Methode, Ablauf’, netDoktor. Accessed: Jan. 04, 2026. [Online]. Available: https://www.netdoktor.de/therapien/biofeedback/neurofeedback/</p> <p>[7]     ‘Wie funktioniert Neurofeedback? | Knowledge Hub’. Accessed: Jan. 10, 2026. [Online]. Available: https://www.neurocaregroup.com/de/wie-funktioniert-neurofeedback/</p> <p>[8]     ‘Does Neurofeedback have Side Effects – The Insight Clinic’. Accessed: Jan. 12, 2026. [Online]. Available: https://theinsightclinic.ca/does-neurofeedback-have-side-effects/</p> <p>[9]     C. M. Solutions, ‘Are There Any Side Effects to Neurofeedback?’, Chicago Mind Solutions. Accessed: Jan. 10, 2026. [Online]. Available: https://chicagomindsolutions.com/blog/are-there-any-side-effects-neurofeedback/</p> <p>[10]  E. Rahmani, M. Rahmanian, K. Mansouri, Y. Mokhayeri, Y. Jamalpour, and S. Hassanvandi, ‘Are There any Possible Side Effects of Neurofeedback? A Systematic Literature Review and Meta-analysis’, <em>Iran. J. Psychiatry Behav. Sci.</em>, vol. 17, no. 3, Oct. 2023, doi: 10.5812/ijpbs-138064.</p> <p>[11]  L. D. G. Silva <em>et al.</em>, ‘The Computer Simulation for Triggering Anxiety in Panic Disorder Patients Modulates the EEG Alpha Power during an Oddball Task’, <em>NeuroSci</em>, vol. 3, no. 2, pp. 332–346, May 2022, doi: 10.3390/neurosci3020024.</p> <p>[12]  D. C. Hammond, ‘What Is Neurofeedback?’, <em>J. Neurother.</em>, vol. 10, no. 4, pp. 25–36, Mar. 2007, doi: 10.1300/J184v10n04_04.</p> <p>[13]  L. H. Sherlin <em>et al.</em>, ‘Neurofeedback and Basic Learning Theory: Implications for Research and Practice’, <em>J. Neurother.</em>, vol. 15, no. 4, pp. 292–304, Oct. 2011, doi: 10.1080/10874208.2011.623089.</p> <p>[14]  S. Markovska-Simoska, N. Pop-Jordanova, and D. Georgiev, ‘Simultaneous EEG and EMG biofeedback for peak performance in musicians’, <em>Prilozi</em>, vol. 29, no. 1, pp. 239–252, Jul. 2008.</p> <p>[15]  T. Ros, M. J. Moseley, P. A. Bloom, L. Benjamin, L. A. Parkinson, and J. H. Gruzelier, ‘Optimizing microsurgical skills with EEG neurofeedback’, <em>BMC Neurosci.</em>, vol. 10, no. 1, p. 87, Jul. 2009, doi: 10.1186/1471-2202-10-87.</p> <p>[16]  M.-Q. Xiang, X.-H. Hou, B.-G. Liao, J.-W. Liao, and M. Hu, ‘The effect of neurofeedback training for sport performance in athletes: A meta-analysis’, <em>Psychol. Sport Exerc.</em>, vol. 36, pp. 114–122, May 2018, doi: 10.1016/j.psychsport.2018.02.004.</p> <p>[17]  M. A. de Brito <em>et al.</em>, ‘The Effect of Neurofeedback on the Reaction Time and Cognitive Performance of Athletes: A Systematic Review and Meta-Analysis’, <em>Front. Hum. Neurosci.</em>, vol. 16, Jun. 2022, doi: 10.3389/fnhum.2022.868450.</p> <p>[18]  P. Linhartová, A. Látalová, B. Kóša, T. Kašpárek, C. Schmahl, and C. Paret, ‘fMRI neurofeedback in emotion regulation: A literature review’, <em>NeuroImage</em>, vol. 193, pp. 75–92, Jun. 2019, doi: 10.1016/j.neuroimage.2019.03.011.</p> <p>[19]  M. Arns, C. R. Clark, M. Trullinger, R. deBeus, M. Mack, and M. Aniftos, ‘Neurofeedback and Attention-Deficit/Hyperactivity-Disorder (ADHD) in Children: Rating the Evidence and Proposed Guidelines’, <em>Appl. Psychophysiol. Biofeedback</em>, vol. 45, no. 2, pp. 39–48, Jun. 2020, doi: 10.1007/s10484-020-09455-2.</p> <p>[20]  L. A. Weber, T. Ethofer, and A.-C. Ehlis, ‘Predictors of neurofeedback training outcome: A systematic review’, <em>NeuroImage Clin.</em>, vol. 27, p. 102301, May 2020, doi: 10.1016/j.nicl.2020.102301.</p> <p>[21]  I. Kimura, H. Noyama, R. Onagawa, M. Takemi, R. Osu, and J.-I. Kawahara, ‘Efficacy of neurofeedback training for improving attentional performance in healthy adults: A systematic review and meta-analysis’, <em>Imaging Neurosci. Camb. Mass</em>, vol. 2, p. imag–2–00053, 2024, doi: 10.1162/imag_a_00053.</p> <p>[22]  O. Alkoby, A. Abu-Rmileh, O. Shriki, and D. Todder, ‘Can We Predict Who Will Respond to Neurofeedback? A Review of the Inefficacy Problem and Existing Predictors for Successful EEG Neurofeedback Learning’, <em>Neuroscience</em>, vol. 378, pp. 155–164, May 2018, doi: 10.1016/j.neuroscience.2016.12.050.</p> <h3 id="h-bildquellen">Bildquellen</h3> <ul> <li>Titelbild: generiert mit Chat GPT 5.1</li> <li>Abbildung 1: generiert mit Chat GPT 5.1</li> <li>Abbildung 2: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/sofa-stuhl-mit-tisch-und-laptop-karikatur-vektor-symbol-illustration-technologie-indoor-symbol-konzept-isoliert-premium-vektor-flacher-cartoon-stil_18380857.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=26&amp;uuid=8fd14029-14da-4377-a94e-f308da15c72d&amp;query=therapy+chair">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 3: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/handgezeichnete-illustration-zur-neuroedukation_84406343.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=19&amp;uuid=315ce805-d3e8-4817-813c-05e4530b1e05&amp;query=thoughts+in+brain">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 4: generiert mit Chat GPT 5.1</li> <li>Abbildung 5: generiert mit Chat GPT 5.1</li> <li>Abbildung 6: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/illustration-zur-sensibilisierung-fuer-den-welttag-der-psychischen-gesundheit_66240938.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=5&amp;uuid=06990d70-d6b6-4633-bca4-d1816d37e6e6&amp;query=ADHS">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 7: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/professionelle-chirurgen-umgeben-den-patienten-auf-dem-operationstisch-flache-illustration_12291253.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=10&amp;uuid=84d1e6d1-15b2-486a-b447-e68272663e93&amp;query=surgeon">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 8: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/abstrakte-konzeptillustration-des-aktionsspiels_12290970.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=6&amp;uuid=058e77b4-3aee-4bdc-a69e-12828312ae64&amp;query=game">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 9: generiert mit Chat GPT 5.1</li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/gehirn-statt-controller-was-ist-neurofeedback/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>Raumfahrtprogramm gerettet, MSR abserviert https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/raumfahrtprogramm-gerettet-msr-abserviert/ https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/raumfahrtprogramm-gerettet-msr-abserviert/#comments Sun, 25 Jan 2026 22:59:00 +0000 Michael Khan https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/?p=11115 https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/msr-illustration-768x432.png Computergenerierte Darstellung aller Elemente der MSR-Mission: Hubschrauber zum Einsammeln der Probenbehälter, Mars-Rover Perseverance, Landeplattform MAV und Orbiter ERO, Quelle: NASA https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/raumfahrtprogramm-gerettet-msr-abserviert/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/msr-illustration.png" /><h1>Raumfahrtprogramm gerettet, MSR abserviert » Go for Launch » SciLogs</h1><h2>By Michael Khan</h2><div itemprop="text"> <p>Die US-Regierung unter Donald Trump hatte <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/kahlschlag-beim-nasa-budget-2026/" rel="noopener" target="_blank">tiefgreifende Einschnitte im Budget</a> der (Luft- und) Raumfahrtbehörde NASA und der Behörde für Wetter und Ozeanografie NOAA geplant. Diese Einschnitte hätten besondere die wissenschaftliche Forschung schwer getroffen, der die aktuelle Administration offenbar wenig Bedeutung beimisst. Die Folge der Kürzungen wären neben der Einstellung von Projekten umfangreiche Entlassungen und vielleicht die Schließung von NASA-Niederlassungen gewesen.  </p> <span id="more-11115"></span> <p>Das Parlament und dann auch der Senat haben nun jedoch, beide mit großer Mehrheit, ein Gesetzespaket verabschiedet, das diese Kürzungen und einige andere, die weitere Behörden betreffen, weitgehend zurücknimmt und die Finanzierung der Behörden sicherstellt. (<a href="https://spacenews.com/congress-passes-minibus-spending-bill-that-rejects-proposed-nasa-cuts/" rel="noopener" target="_blank">Space News: Congress passes minibus spending bill that rejects proposed NASA cuts</a>)</p> <p>Ausdrücklich ausgenommen ist davon jedoch die Probenrückführungsmission MSR (Mars Sample Return). Diese war schon während der Biden-Administration <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/nasa-zieht-bei-msr-die-reissleine/" rel="noopener" target="_blank">in ernsten Schwierigkeiten</a>. Kosten und Terminpläne uferten aus; insbesondere das NASA-Zentrum JPL in Pasadena/Kalifornien stand in der Kritik. Das nun verabschiedete Gesetz sieht für die Entwicklung zukünftiger Mars-Missionen ein Budget von nur 110 Millionen vor und macht die Vorschrift, dass damit namentlich aufgelistete grundlegende Technologieforschung zu betreiben ist. Das beinhaltet aber nicht die Fortführung des MSR-Projekts – der Geldbetrag würde dafür auch bei weitem nicht reichen. </p> <p>Die Einstellung von MSR betrifft auch die ESA. Diese hätte den Earth Return Orbiter (ERO) beigesteuert, eine riesige Raumsonde mit Ionenantrieb. Der ERO sollte zum Mars fliegen, eine niedrige Bahn um den roten Planeten erreichen, den Probenbehälter aufnehmen und hermetisch in eine Kapsel einschweißen soll. Damit wäre er dann zur Erde zurückgeflogen. Nicht klar ist doch, was dann hätte geschehen sollen: Das gezielte Aussetzen der Kapsel, sodass sie in die Atmosphäre eintritt und im <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Utah_Test_and_Training_Range" rel="noopener" target="_blank">UTTR in Utah</a> landet, scheint verworfen worden zu sein. Alternative Vorschläge wie die Übergabe an die Gateway oder das Parken in einer stabilen Bahn (<a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/distant-retrograde-orbits/" rel="noopener" target="_blank">Distant Retrograde Orbit = DRO</a>) erschienen mir etwas unausgegoren. </p> <p>Insofern verwundert mich die ausdrückliche Einstellung des Projekts im minibus-Paket überhaupt nicht. Sie ist nur konsequent. Alles andere wäre eine Überraschung gewesen. <aside></aside></p> <h2 id="h-msr-die-unendliche-geschichte"><em>MSR – die unendliche Geschichte?</em></h2> <p>Mit MSR verbinden mich viele Arbeitsjahre. Anfang der 2000er studierte die ESA die Optionen zur Durchführung einer Probenrückführung vom Mars unter europäischer Regie. Ein geplantes US-französisches Kooperationsprojekt namens Mars-Premier mit dieser Zielsetzung war zuvor seitens der USA eingestellt worden. Die ESA-Studie begann in der <a href="https://www.esa.int/Enabling_Support/Space_Engineering_Technology/Concurrent_Design_Facility" rel="noopener" target="_blank">Concurrent Design Facility</a> am Technologiezentrum ESTEC in Noordwijk. Ich war daran als Missionsanalytiker beteiligt.</p> <p>Geplant war, dass Mars Sample Return schon Mitte der 2010er Jahre starten sollte, und zwar mit zwei getrennten Ariane-5-ECA Starts im Abstand von zwei Jahren. Zuvor sollte die Mars-Rovermission ExoMars erfolgreich absolviert worden sein – Start 2009, Backup 2011. Hinweis am Rande: Der ExoMars-Rover wartet immer noch auf seinen Start, aktuell im Clean Room bei Thales Alenia in Turin. Das sagt eigentlich schon alles über den Realismus der damaligen Zeitplanung. </p> <p>Vorgesehen war, dass zunächst der Orbiter zum Mars geschickt wird. Dieser sollte per <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/aerobraking-und-wos-das-problem/" rel="noopener" target="_blank">Aerobraking</a> eine niedrige Kreisbahn erreichen und dort warten. Das Landemodul mit der Wiederaufstiegsrakete sollte dann später auf den Weg gebracht werden, wenn abzusehen war, dass die Orbitermission planmäßig verlief. </p> <p>Nach einigen Jahren weitgehend fruchtloser Planungsarbeiten an der Mission MSR, die von der endlos weiter verzögerten Mission ExoMars vor sich her geschoben war, traten 2008 wieder die Amerikaner auf den Plan. Es wurde ein Abkommen geschlossen, dem zufolge Amerikaner und Europäer von nun an gemeinsam den Mars erforschen sollten. Damit hätte das MSR-Projekt zumindest anstelle der Ariane 5 eine für interplanetare Missionen brauchbare Rakete gehabt, zumindest für einen der Starts, immerhin. 2011 war die <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/nasa-esa-mars-kooperation-besteht-stresstest-nicht/" rel="noopener" target="_blank">Zusammenarbeit aber schon wieder Geschichte</a>. </p> <p>Wiederum einige Jahre später gab es wieder ein Projekt MSR, und wieder als NASA-ESA-Kooperation. Die Architektur war nun anders; es wurde auf neue Technologien gesetzt, nicht nur beim ionengetriebenen ERO. Auch die vorherige Probenentnahme und ihre vorübergehende Ablage in “Caches” sowie die Verwendung eines Hubschraubers zum Einsammeln waren neue Ideen. Dadurch wurde die Mission allerdings weder weniger komplex noch weniger teuer, was eigentlich auch niemanden verwundern dürfte. </p> <h2 id="h-und-wie-geht-s-weiter"><em>Und wie geht’s weiter?</em></h2> <p>Tja, wer weiß? Mittlerweile gibt es ja durchaus auch andere Akteure, die so etwas heben könnten: die Chinesen, und vielleicht auch in absehbarer Zeit die Inder? Die Europäer haben leider immer noch keine brauchbare Rakete für solche Missionen, und damit steht und fällt nun einmal eine Raumfahrtmission. Außerdem konnte die ESA bis jetzt weder eine weiche Landung noch den Betrieb komplexer Hardware auf einem anderen Himmelskörper demonstrieren (Titan zählt in diesem Zusammenhang nicht). Ich sehe sie eher nicht in der vordersten Reihe der möglichen Partner für eine erfolgreiche MSR-Mission. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/msr-illustration.png" /><h1>Raumfahrtprogramm gerettet, MSR abserviert » Go for Launch » SciLogs</h1><h2>By Michael Khan</h2><div itemprop="text"> <p>Die US-Regierung unter Donald Trump hatte <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/kahlschlag-beim-nasa-budget-2026/" rel="noopener" target="_blank">tiefgreifende Einschnitte im Budget</a> der (Luft- und) Raumfahrtbehörde NASA und der Behörde für Wetter und Ozeanografie NOAA geplant. Diese Einschnitte hätten besondere die wissenschaftliche Forschung schwer getroffen, der die aktuelle Administration offenbar wenig Bedeutung beimisst. Die Folge der Kürzungen wären neben der Einstellung von Projekten umfangreiche Entlassungen und vielleicht die Schließung von NASA-Niederlassungen gewesen.  </p> <span id="more-11115"></span> <p>Das Parlament und dann auch der Senat haben nun jedoch, beide mit großer Mehrheit, ein Gesetzespaket verabschiedet, das diese Kürzungen und einige andere, die weitere Behörden betreffen, weitgehend zurücknimmt und die Finanzierung der Behörden sicherstellt. (<a href="https://spacenews.com/congress-passes-minibus-spending-bill-that-rejects-proposed-nasa-cuts/" rel="noopener" target="_blank">Space News: Congress passes minibus spending bill that rejects proposed NASA cuts</a>)</p> <p>Ausdrücklich ausgenommen ist davon jedoch die Probenrückführungsmission MSR (Mars Sample Return). Diese war schon während der Biden-Administration <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/nasa-zieht-bei-msr-die-reissleine/" rel="noopener" target="_blank">in ernsten Schwierigkeiten</a>. Kosten und Terminpläne uferten aus; insbesondere das NASA-Zentrum JPL in Pasadena/Kalifornien stand in der Kritik. Das nun verabschiedete Gesetz sieht für die Entwicklung zukünftiger Mars-Missionen ein Budget von nur 110 Millionen vor und macht die Vorschrift, dass damit namentlich aufgelistete grundlegende Technologieforschung zu betreiben ist. Das beinhaltet aber nicht die Fortführung des MSR-Projekts – der Geldbetrag würde dafür auch bei weitem nicht reichen. </p> <p>Die Einstellung von MSR betrifft auch die ESA. Diese hätte den Earth Return Orbiter (ERO) beigesteuert, eine riesige Raumsonde mit Ionenantrieb. Der ERO sollte zum Mars fliegen, eine niedrige Bahn um den roten Planeten erreichen, den Probenbehälter aufnehmen und hermetisch in eine Kapsel einschweißen soll. Damit wäre er dann zur Erde zurückgeflogen. Nicht klar ist doch, was dann hätte geschehen sollen: Das gezielte Aussetzen der Kapsel, sodass sie in die Atmosphäre eintritt und im <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Utah_Test_and_Training_Range" rel="noopener" target="_blank">UTTR in Utah</a> landet, scheint verworfen worden zu sein. Alternative Vorschläge wie die Übergabe an die Gateway oder das Parken in einer stabilen Bahn (<a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/distant-retrograde-orbits/" rel="noopener" target="_blank">Distant Retrograde Orbit = DRO</a>) erschienen mir etwas unausgegoren. </p> <p>Insofern verwundert mich die ausdrückliche Einstellung des Projekts im minibus-Paket überhaupt nicht. Sie ist nur konsequent. Alles andere wäre eine Überraschung gewesen. <aside></aside></p> <h2 id="h-msr-die-unendliche-geschichte"><em>MSR – die unendliche Geschichte?</em></h2> <p>Mit MSR verbinden mich viele Arbeitsjahre. Anfang der 2000er studierte die ESA die Optionen zur Durchführung einer Probenrückführung vom Mars unter europäischer Regie. Ein geplantes US-französisches Kooperationsprojekt namens Mars-Premier mit dieser Zielsetzung war zuvor seitens der USA eingestellt worden. Die ESA-Studie begann in der <a href="https://www.esa.int/Enabling_Support/Space_Engineering_Technology/Concurrent_Design_Facility" rel="noopener" target="_blank">Concurrent Design Facility</a> am Technologiezentrum ESTEC in Noordwijk. Ich war daran als Missionsanalytiker beteiligt.</p> <p>Geplant war, dass Mars Sample Return schon Mitte der 2010er Jahre starten sollte, und zwar mit zwei getrennten Ariane-5-ECA Starts im Abstand von zwei Jahren. Zuvor sollte die Mars-Rovermission ExoMars erfolgreich absolviert worden sein – Start 2009, Backup 2011. Hinweis am Rande: Der ExoMars-Rover wartet immer noch auf seinen Start, aktuell im Clean Room bei Thales Alenia in Turin. Das sagt eigentlich schon alles über den Realismus der damaligen Zeitplanung. </p> <p>Vorgesehen war, dass zunächst der Orbiter zum Mars geschickt wird. Dieser sollte per <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/aerobraking-und-wos-das-problem/" rel="noopener" target="_blank">Aerobraking</a> eine niedrige Kreisbahn erreichen und dort warten. Das Landemodul mit der Wiederaufstiegsrakete sollte dann später auf den Weg gebracht werden, wenn abzusehen war, dass die Orbitermission planmäßig verlief. </p> <p>Nach einigen Jahren weitgehend fruchtloser Planungsarbeiten an der Mission MSR, die von der endlos weiter verzögerten Mission ExoMars vor sich her geschoben war, traten 2008 wieder die Amerikaner auf den Plan. Es wurde ein Abkommen geschlossen, dem zufolge Amerikaner und Europäer von nun an gemeinsam den Mars erforschen sollten. Damit hätte das MSR-Projekt zumindest anstelle der Ariane 5 eine für interplanetare Missionen brauchbare Rakete gehabt, zumindest für einen der Starts, immerhin. 2011 war die <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/nasa-esa-mars-kooperation-besteht-stresstest-nicht/" rel="noopener" target="_blank">Zusammenarbeit aber schon wieder Geschichte</a>. </p> <p>Wiederum einige Jahre später gab es wieder ein Projekt MSR, und wieder als NASA-ESA-Kooperation. Die Architektur war nun anders; es wurde auf neue Technologien gesetzt, nicht nur beim ionengetriebenen ERO. Auch die vorherige Probenentnahme und ihre vorübergehende Ablage in “Caches” sowie die Verwendung eines Hubschraubers zum Einsammeln waren neue Ideen. Dadurch wurde die Mission allerdings weder weniger komplex noch weniger teuer, was eigentlich auch niemanden verwundern dürfte. </p> <h2 id="h-und-wie-geht-s-weiter"><em>Und wie geht’s weiter?</em></h2> <p>Tja, wer weiß? Mittlerweile gibt es ja durchaus auch andere Akteure, die so etwas heben könnten: die Chinesen, und vielleicht auch in absehbarer Zeit die Inder? Die Europäer haben leider immer noch keine brauchbare Rakete für solche Missionen, und damit steht und fällt nun einmal eine Raumfahrtmission. Außerdem konnte die ESA bis jetzt weder eine weiche Landung noch den Betrieb komplexer Hardware auf einem anderen Himmelskörper demonstrieren (Titan zählt in diesem Zusammenhang nicht). Ich sehe sie eher nicht in der vordersten Reihe der möglichen Partner für eine erfolgreiche MSR-Mission. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/raumfahrtprogramm-gerettet-msr-abserviert/#comments 2 Durch Mimesis Medien verstehen: KI zwischen Biedermeier & Kreativität https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/durch-mimesis-medien-verstehen-ki-zwischen-biedermeier-kreativitaet/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/durch-mimesis-medien-verstehen-ki-zwischen-biedermeier-kreativitaet/#comments Sun, 25 Jan 2026 08:18:30 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=10989 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1416-768x576.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/durch-mimesis-medien-verstehen-ki-zwischen-biedermeier-kreativitaet/</link> </image> <description type="html"><h1>Durch Mimesis Medien verstehen: Kreative KI und Biedermeier</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Derzeit korrigiere ich gerade die Klausuren meiner Studierenden am KIT-Seminar – und freue mich wirklich sehr! Die meisten von ihnen haben überhaupt kein Problem damit, das psychologische Konzept der menschlichen Mimesis zu verstehen und eigenständig auf das Verständnis von Medien anzuwenden! </p> <p>Wollen Sie auch ein wenig ins Thema eintauchen?</p> <p>Grundlage des Seminars ist <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KITStudienbriefMedienMimesisWS2526MichaelBlume.pdf">der Watzlawick-Studienbrief mit <em><strong>“Be Good”</strong></em> im Titel</a>: Denn gerade <a href="https://www.tagesschau.de/eilmeldung/minneapolis-schuesse-ice-einsatz-100.html">auch Proteste und Demonstrationen wie aktuell in <strong>Minneapolis</strong>, <strong>Minnesota, USA</strong> gegen das <strong>Trump-ICE</strong></a> belegen doch, dass <strong><em>sich Menschen hinter gemeinsamen Zielen versammeln</em></strong>. Ohne menschliche Mimesis gäbe es weder Wirtschaft noch Religion, weder Politik noch Technologien. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/">Die <strong>Faustkeile</strong> der <b>Acheuléen-Kultur der Altsteinzeit </b>stehen für den Beginn einer neuen Etappe (früh-)menschlicher Evolutionspsychologie</a>!</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KITStudienbriefMedienMimesisWS2526MichaelBlume.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Der Studienbrief von Dr. Michael Blume zur Medien- und Berufsethik im Wintersemester 2025/2026 eröffnet mit einem Zitat von Paul Watzlawick &quot;Du kannst nicht nicht kommunizieren!&quot; und dem Schriftzug &quot;Be Good&quot;." decoding="async" height="646" sizes="(max-width: 484px) 100vw, 484px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BeGoodMichaelBlumeKITStudienbrief2026Frontseite.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BeGoodMichaelBlumeKITStudienbrief2026Frontseite.jpg 484w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BeGoodMichaelBlumeKITStudienbrief2026Frontseite-225x300.jpg 225w" width="484"></img></a><em>Mein <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KITStudienbriefMedienMimesisWS2526MichaelBlume.pdf">Studienbrief für das KIT-Seminar für Medien- &amp; Berufsethik steht hier kosten- und barrierefrei zum Download</a> zur Verfügung.</em></p> <p>Auf dieser Grundlage präsentierten und diskutierten die Studierenden dann zu den Diskussionsthesen, wobei <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/66-neue-episode">das Thema <strong>Fediversum</strong> und <strong>FOSS-Europa</strong> bereits weitgehend unstrittig</a> war: Den meisten jungen Profis ist längst klar, dass sich Europa nicht länger von US-amerikanischer Konzernsoftware abhängig machen sollte. Am meisten Interesse fand der <strong>dialogische Wagenheber-Lerneffekt</strong> (den viele Mitwirkende auf diesem Blog bereits selbst kennen) und <strong>die parasoziale Beziehungslüge</strong>, mit denen uns KI-Anwendungen Beziehungen vortäuschen.<aside></aside></p> <p>Hier, falls Sie Lust haben, die drei <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-erste-ki-quellcode-klausur-am-kit-karlsruhe-reflexionspapier/">KI-Klausur</a>fragen:</p> <p><strong>1. Was unterscheidet die Mimesis von Verhaltens-Imitation? Bitte nennen Sie für beide Begriffe je zwei Beispiele.</strong></p> <p><strong>2. In einer Debatte sagt eine Freundin: “Ob Menschenwürde oder fossiler Faschismus – es kommt auf mimetische Entscheidungen an!” – Ein anwesender Freund bittet Sie später, ihm diese Aussage in verständliches Deutsch zu übersetzen.</strong></p> <p><strong>3. Stellt KI bereits eine eigenständige, sechste Medienrevolution dar? Erläutern Sie die bisherigen fünf Stufen und begründen Sie Ihre Einschätzung.</strong></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KITStudienbriefMedienMimesisWS2526MichaelBlume.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die drei Klausurfragen im KIT-Seminar von Dr. Michael Blume im Januar 2026: 1. Was unterscheidet die Mimesis von Verhaltens-Imitation? Bitte nennen Sie für beide Begriffe je zwei Beispiele.&#xA;&#xA;2. In einer Debatte sagt eine Freundin: &quot;Ob Menschenwürde oder fossiler Faschismus - es kommt auf mimetische Entscheidungen an!&quot; - Ein anwesender Freund bittet Sie später, ihm diese Aussage in verständliches Deutsch zu übersetzen.&#xA;&#xA;3. Stellt KI bereits eine eigenständige, sechste Medienrevolution dar? Erläutern Sie die bisherigen fünf Stufen und begründen Sie Ihre Einschätzung." decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1416-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1416-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1416-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1416-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1416-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1416-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1416-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Die Studierenden konnten die Klausurfragen mit dem Einsatz von KI in Einzel- oder Gruppenarbeit beantworten. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Und wie immer lernte auch ich jede Menge von und mit den Studierenden. So lernte ich viel aus den Dialogen über <em><strong>digitale Blasen</strong></em> und <em><strong>KI-Kokons</strong></em>. Für immer mehr junge Menschen gehören diese mimetischen Wirkungen längst zum Alltag – und werden entsprechend gerne reflektiert. <strong>Medienbildung</strong> erweist sich als Schlüsselfach.</p> <p>Mit manchem hatte ich jedoch nicht gerechnet: So muss ich inzwischen anerkennen, dass <strong>einige KI-Anwendungen Kreativität</strong> entfalten. So gab <a href="https://www.youtube.com/watch?v=dcz0J8LYl0A">Google NotebookLM <strong>die Mimesis als <em>“unsichtbaren Puppenspieler”</em></strong> wieder</a> und wandte sie auf Musik an – zwei starke Beispiele, die nicht (!) aus meinem Studienbrief stammen!</p> <p>Es ist mir unmöglich, hier keine kreative Leistung anzuerkennen. Denn der psychologische Mimesis-Begriff wurde von <strong>Platon</strong> und <strong>Aristoteles</strong> in der griechischen Antike in Diskussionen um das Theater geprägt, Schauspiele mit Fadenpuppen sind jedoch für Europa erst ab dem 12. Jahrhundert belegt. Die KI-Anwendung wählte also aus der Vielzahl denkbarer Bilder und Metaphern gezielt nach Effekt aus. Gänsehaut!</p> <p><a href="https://youtu.be/dcz0J8LYl0A" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das Schaubild zu Mimesis und Medien erläutert die mimetische Wirkung von Medien, die sich von Sprache und Schrift über elektronische und digitale Medien bis schließlich zu digitalen Blasen und KI-Kokons steigert. Zum Umgang damit wird eine Ethik der Verantwortung und &quot;Mimesis der Mitte&quot; empfohlen, die sich der medialen Wirkungen bewusst ist und technologische Anwendungen empfiehlt, die Extreme vermeiden." decoding="async" height="1429" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Mimesis &amp; Medien in einem Schaubild von Michael Blume mit NotebookLM</em></p> <p>Auch beim <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/seminar-am-kit-karlsruhe-ueber-medienrevolutionen-zwischen-begeisterung-und-wut/">Thema <strong>Medienrevolutionen</strong> und -stufen, das 2017 Mittelpunkt eines eigenen Seminars war</a>, habe ich mich überzeugen lassen: KI-Anwendungen bilden eine eigene, sechste Stufe.</p> <p>Auch rechne ich mit einem bereits entstehenden <strong>KI-<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Biedermeier">Biedermeier-Zeitalter</a></strong>: Immer mehr Menschen werden immer mehr von immer weniger wissen. Sie spezialisieren sich in digitalen Blasen und KI-Kokons auf ihre Interessen und Hobbies und blenden unangenehm fordernde Themen wie Demokratie und Klimakrise dabei weitgehend aus. Ich hoffe freilich, dass sich durch die leichtere Verfügbarkeit von Politik-Wissen die Wahlbeteiligungen auf dem derzeitigen Niveau stabilisieren lassen.</p> <p>Was meinen Sie? Könnten Sie die Klausur-Fragen auf Basis des Studienbriefes bereits beantworten? Auch im Sinne des dialogischen Wagenheber-Lernens freue ich mich auf den weiteren Austausch!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/UbUUu2AggW8?feature=oembed&amp;rel=0" title="Menschliche Psychologie mit Mimesis verstehen, inkl. #BeGood &amp; Faustkeil" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Durch Mimesis Medien verstehen: Kreative KI und Biedermeier</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Derzeit korrigiere ich gerade die Klausuren meiner Studierenden am KIT-Seminar – und freue mich wirklich sehr! Die meisten von ihnen haben überhaupt kein Problem damit, das psychologische Konzept der menschlichen Mimesis zu verstehen und eigenständig auf das Verständnis von Medien anzuwenden! </p> <p>Wollen Sie auch ein wenig ins Thema eintauchen?</p> <p>Grundlage des Seminars ist <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KITStudienbriefMedienMimesisWS2526MichaelBlume.pdf">der Watzlawick-Studienbrief mit <em><strong>“Be Good”</strong></em> im Titel</a>: Denn gerade <a href="https://www.tagesschau.de/eilmeldung/minneapolis-schuesse-ice-einsatz-100.html">auch Proteste und Demonstrationen wie aktuell in <strong>Minneapolis</strong>, <strong>Minnesota, USA</strong> gegen das <strong>Trump-ICE</strong></a> belegen doch, dass <strong><em>sich Menschen hinter gemeinsamen Zielen versammeln</em></strong>. Ohne menschliche Mimesis gäbe es weder Wirtschaft noch Religion, weder Politik noch Technologien. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/">Die <strong>Faustkeile</strong> der <b>Acheuléen-Kultur der Altsteinzeit </b>stehen für den Beginn einer neuen Etappe (früh-)menschlicher Evolutionspsychologie</a>!</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KITStudienbriefMedienMimesisWS2526MichaelBlume.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Der Studienbrief von Dr. Michael Blume zur Medien- und Berufsethik im Wintersemester 2025/2026 eröffnet mit einem Zitat von Paul Watzlawick &quot;Du kannst nicht nicht kommunizieren!&quot; und dem Schriftzug &quot;Be Good&quot;." decoding="async" height="646" sizes="(max-width: 484px) 100vw, 484px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BeGoodMichaelBlumeKITStudienbrief2026Frontseite.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BeGoodMichaelBlumeKITStudienbrief2026Frontseite.jpg 484w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BeGoodMichaelBlumeKITStudienbrief2026Frontseite-225x300.jpg 225w" width="484"></img></a><em>Mein <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KITStudienbriefMedienMimesisWS2526MichaelBlume.pdf">Studienbrief für das KIT-Seminar für Medien- &amp; Berufsethik steht hier kosten- und barrierefrei zum Download</a> zur Verfügung.</em></p> <p>Auf dieser Grundlage präsentierten und diskutierten die Studierenden dann zu den Diskussionsthesen, wobei <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/66-neue-episode">das Thema <strong>Fediversum</strong> und <strong>FOSS-Europa</strong> bereits weitgehend unstrittig</a> war: Den meisten jungen Profis ist längst klar, dass sich Europa nicht länger von US-amerikanischer Konzernsoftware abhängig machen sollte. Am meisten Interesse fand der <strong>dialogische Wagenheber-Lerneffekt</strong> (den viele Mitwirkende auf diesem Blog bereits selbst kennen) und <strong>die parasoziale Beziehungslüge</strong>, mit denen uns KI-Anwendungen Beziehungen vortäuschen.<aside></aside></p> <p>Hier, falls Sie Lust haben, die drei <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-erste-ki-quellcode-klausur-am-kit-karlsruhe-reflexionspapier/">KI-Klausur</a>fragen:</p> <p><strong>1. Was unterscheidet die Mimesis von Verhaltens-Imitation? Bitte nennen Sie für beide Begriffe je zwei Beispiele.</strong></p> <p><strong>2. In einer Debatte sagt eine Freundin: “Ob Menschenwürde oder fossiler Faschismus – es kommt auf mimetische Entscheidungen an!” – Ein anwesender Freund bittet Sie später, ihm diese Aussage in verständliches Deutsch zu übersetzen.</strong></p> <p><strong>3. Stellt KI bereits eine eigenständige, sechste Medienrevolution dar? Erläutern Sie die bisherigen fünf Stufen und begründen Sie Ihre Einschätzung.</strong></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KITStudienbriefMedienMimesisWS2526MichaelBlume.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die drei Klausurfragen im KIT-Seminar von Dr. Michael Blume im Januar 2026: 1. Was unterscheidet die Mimesis von Verhaltens-Imitation? Bitte nennen Sie für beide Begriffe je zwei Beispiele.&#xA;&#xA;2. In einer Debatte sagt eine Freundin: &quot;Ob Menschenwürde oder fossiler Faschismus - es kommt auf mimetische Entscheidungen an!&quot; - Ein anwesender Freund bittet Sie später, ihm diese Aussage in verständliches Deutsch zu übersetzen.&#xA;&#xA;3. Stellt KI bereits eine eigenständige, sechste Medienrevolution dar? Erläutern Sie die bisherigen fünf Stufen und begründen Sie Ihre Einschätzung." decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1416-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1416-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1416-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1416-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1416-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1416-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1416-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Die Studierenden konnten die Klausurfragen mit dem Einsatz von KI in Einzel- oder Gruppenarbeit beantworten. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Und wie immer lernte auch ich jede Menge von und mit den Studierenden. So lernte ich viel aus den Dialogen über <em><strong>digitale Blasen</strong></em> und <em><strong>KI-Kokons</strong></em>. Für immer mehr junge Menschen gehören diese mimetischen Wirkungen längst zum Alltag – und werden entsprechend gerne reflektiert. <strong>Medienbildung</strong> erweist sich als Schlüsselfach.</p> <p>Mit manchem hatte ich jedoch nicht gerechnet: So muss ich inzwischen anerkennen, dass <strong>einige KI-Anwendungen Kreativität</strong> entfalten. So gab <a href="https://www.youtube.com/watch?v=dcz0J8LYl0A">Google NotebookLM <strong>die Mimesis als <em>“unsichtbaren Puppenspieler”</em></strong> wieder</a> und wandte sie auf Musik an – zwei starke Beispiele, die nicht (!) aus meinem Studienbrief stammen!</p> <p>Es ist mir unmöglich, hier keine kreative Leistung anzuerkennen. Denn der psychologische Mimesis-Begriff wurde von <strong>Platon</strong> und <strong>Aristoteles</strong> in der griechischen Antike in Diskussionen um das Theater geprägt, Schauspiele mit Fadenpuppen sind jedoch für Europa erst ab dem 12. Jahrhundert belegt. Die KI-Anwendung wählte also aus der Vielzahl denkbarer Bilder und Metaphern gezielt nach Effekt aus. Gänsehaut!</p> <p><a href="https://youtu.be/dcz0J8LYl0A" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das Schaubild zu Mimesis und Medien erläutert die mimetische Wirkung von Medien, die sich von Sprache und Schrift über elektronische und digitale Medien bis schließlich zu digitalen Blasen und KI-Kokons steigert. Zum Umgang damit wird eine Ethik der Verantwortung und &quot;Mimesis der Mitte&quot; empfohlen, die sich der medialen Wirkungen bewusst ist und technologische Anwendungen empfiehlt, die Extreme vermeiden." decoding="async" height="1429" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Mimesis &amp; Medien in einem Schaubild von Michael Blume mit NotebookLM</em></p> <p>Auch beim <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/seminar-am-kit-karlsruhe-ueber-medienrevolutionen-zwischen-begeisterung-und-wut/">Thema <strong>Medienrevolutionen</strong> und -stufen, das 2017 Mittelpunkt eines eigenen Seminars war</a>, habe ich mich überzeugen lassen: KI-Anwendungen bilden eine eigene, sechste Stufe.</p> <p>Auch rechne ich mit einem bereits entstehenden <strong>KI-<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Biedermeier">Biedermeier-Zeitalter</a></strong>: Immer mehr Menschen werden immer mehr von immer weniger wissen. Sie spezialisieren sich in digitalen Blasen und KI-Kokons auf ihre Interessen und Hobbies und blenden unangenehm fordernde Themen wie Demokratie und Klimakrise dabei weitgehend aus. Ich hoffe freilich, dass sich durch die leichtere Verfügbarkeit von Politik-Wissen die Wahlbeteiligungen auf dem derzeitigen Niveau stabilisieren lassen.</p> <p>Was meinen Sie? Könnten Sie die Klausur-Fragen auf Basis des Studienbriefes bereits beantworten? Auch im Sinne des dialogischen Wagenheber-Lernens freue ich mich auf den weiteren Austausch!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/UbUUu2AggW8?feature=oembed&amp;rel=0" title="Menschliche Psychologie mit Mimesis verstehen, inkl. #BeGood &amp; Faustkeil" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/durch-mimesis-medien-verstehen-ki-zwischen-biedermeier-kreativitaet/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>33</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeo Podcast: Theias großer Einschlag – wie der Mond entstanden ist https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-theias-grosser-einschlag-wie-der-mond-entstanden-ist/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-theias-grosser-einschlag-wie-der-mond-entstanden-ist/#comments Sun, 25 Jan 2026 04:30:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1833 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-mit-logo-768x768.jpg Sehr scharfes Foto, man erkennt angerissen dunklere Maare und hellere Hochländer. Die Sichel ist schmal. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-theias-grosser-einschlag-wie-der-mond-entstanden-ist/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-mit-logo_sl.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Theias großer Einschlag - wie der Mond entstanden ist » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag131-mond-entstehung.html#/">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Im Juni 1986 erlebten Planetenforscher einen Heureka-Moment. Denn sie waren zum ersten Mal einig, wie die Erde zu ihrem ungebührlich großen Mond gekommen ist. Diese Erklärung gilt bis heute als das wahrscheinlichste Szenario: Kurz nach der Entstehung der Erde vor rund 4,5 Milliarden Jahren stieß ein marsgroßer Planet mit der Protoerde zusammen. Aus dem verdampften Gestein, das dabei ins All geschleudert wurde, bildete sich wenig später der Mond.</p> <p>Karl erzählt in dieser Folge, wie es zu diesem Heureka-Moment kam – denn nur wenige Jahre zuvor war die Forschungswelt noch hochgradig zerstritten, was die Entstehung des Mondes anging. Mindestens eine Handvoll Hypothesen war im Rennen. Man diskutierte, ob der Mond sich von der Erde durch allzu große Fliehkraft abgespalten hatte oder ob er friedlich an der Seite der Erde aus dem Urnebel gewachsen war. Andere glaubten an ein eingefangenes Objekt aus der kosmischen Nachbarschaft – oder sogar an eine natürliche, nukleare Explosion tief im Erdinneren nahe dem Erdkern.<aside></aside></p> <p>Schon in den 1940er Jahren war dem kanadischen Geologen Reginald Daly aufgefallen, dass die mittlere Dichte des Mondes recht genau der Dichte des Erdmantels entspricht. Aber erst die astronautischen Mondlandungen des Apollo-Programms und die Proben verschiedener Raumsonden brachten ab 1969 Gewissheit: Erdmantel und Mond müssen aus dem gleichen Urmaterial entstanden sein. Gleichzeitig besitzt der Mond nur einen winzigen Eisenkern. Alles zusammen wirkte wie ein Sieb für die diversen Modelle der Mondentstehung. Übrig blieb am Ende nur der große Einschlag.</p> <p>Trotz der klaren Hinweise bleiben bis heute einige Fragen offen. Zum Beispiel ist weiter unklar, warum zwar der Fingerabdruck der Sauerstoff-Isotope in Erdmantel und Mond sehr gut übereinstimmen – immerhin das häufigste Element von Erde und Mond – aber einige Spurenstoffe teilweise radikal abweichen. Dazu gehört der Anteil von Eisen und anderen Metallen, aber auch von flüchtigen Stoffe wie Wasser oder Kohlendioxid. Herausfordernd für die heutige Forschung ist vor allem das Wachstum des Mondes direkt nach dem großen Einschlag, bei dem es ziemlich heiß hergegangen sein muss.</p> <h3 id="h-mehr-bei-astrogeo">Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 78: <a href="https://astrogeo.de/kernenergie-vor-2-milliarden-jahren-der-atomreaktor-oklo/">Kernenergie vor 2 Milliarden Jahren: Der Atomreaktor Oklo</a></li> <li>Folge 51: <a href="https://astrogeo.de/die-verlorenen-mondspiegel/">Die verlorenen Mondspiegel</a></li> <li>Folge 42: <a href="https://astrogeo.de/das-wertvollste-material-der-welt/">Das wertvollste Material der Welt</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Entstehung_des_Mondes">Entstehung des Mondes</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/George_Howard_Darwin">George Darwin</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Basalt">Basalt</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mond#Innerer_Aufbau">Innerer Aufbau des Mondes</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Reginald_Aldworth_Daly">Reginald Daly</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Giant-impact_hypothesis">Giant-impact hypothesis</a> (englisch)</li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Theia_(Protoplanet)">Theia (Protoplanet)</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Synestia">Synestia</a> (englisch)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: Daly: <a href="http://www.jstor.org/stable/3301051?origin=JSTOR-pdf">Origin of the Moon and Its Topography</a>, Proceedings of the American Philosophical Society, (1946)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://adsabs.harvard.edu/pdf/1976LPI.....7..120C">Cameron &amp; Ward: The Origin of the Moon</a>, Lunar and Planetary Science (1976)</li> <li>New York Times: <a href="https://www.nytimes.com/1986/06/03/science/moon-s-creation-now-attributed-to-giant-crash.html">Moon’s Creation now Attributed to Giant Crash</a> (1986)</li> <li>Fachartikel: Lock et al.: <a href="https://doi.org/10.1002/2017JE005333">The Origin of the Moon Within a Terrestrial Synestia</a>, Journal of Geophysical Research – Planets (2018)</li> <li>Fachartikel: Yuan et al.: <a href="https://www.nature.com/articles/s41586-023-06589-1">Moon-forming impactor as a source of Earth’s basal mantle anomalies</a>, Nature (2023)</li> <li>Fachartikel: Sossi, Nakajima &amp; Khan: <a href="https://arxiv.org/abs/2408.16840">Composition, Structure and Origin of the Moon</a>, ArXiv/Preprint (2024)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.de">CC-BY-SA 3.0</a> <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2020-04-26_21-21MESZ_Mondsichel.jpg">Rolf Hempel / Wikimedia Commons</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-mit-logo_sl.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Theias großer Einschlag - wie der Mond entstanden ist » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag131-mond-entstehung.html#/">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Im Juni 1986 erlebten Planetenforscher einen Heureka-Moment. Denn sie waren zum ersten Mal einig, wie die Erde zu ihrem ungebührlich großen Mond gekommen ist. Diese Erklärung gilt bis heute als das wahrscheinlichste Szenario: Kurz nach der Entstehung der Erde vor rund 4,5 Milliarden Jahren stieß ein marsgroßer Planet mit der Protoerde zusammen. Aus dem verdampften Gestein, das dabei ins All geschleudert wurde, bildete sich wenig später der Mond.</p> <p>Karl erzählt in dieser Folge, wie es zu diesem Heureka-Moment kam – denn nur wenige Jahre zuvor war die Forschungswelt noch hochgradig zerstritten, was die Entstehung des Mondes anging. Mindestens eine Handvoll Hypothesen war im Rennen. Man diskutierte, ob der Mond sich von der Erde durch allzu große Fliehkraft abgespalten hatte oder ob er friedlich an der Seite der Erde aus dem Urnebel gewachsen war. Andere glaubten an ein eingefangenes Objekt aus der kosmischen Nachbarschaft – oder sogar an eine natürliche, nukleare Explosion tief im Erdinneren nahe dem Erdkern.<aside></aside></p> <p>Schon in den 1940er Jahren war dem kanadischen Geologen Reginald Daly aufgefallen, dass die mittlere Dichte des Mondes recht genau der Dichte des Erdmantels entspricht. Aber erst die astronautischen Mondlandungen des Apollo-Programms und die Proben verschiedener Raumsonden brachten ab 1969 Gewissheit: Erdmantel und Mond müssen aus dem gleichen Urmaterial entstanden sein. Gleichzeitig besitzt der Mond nur einen winzigen Eisenkern. Alles zusammen wirkte wie ein Sieb für die diversen Modelle der Mondentstehung. Übrig blieb am Ende nur der große Einschlag.</p> <p>Trotz der klaren Hinweise bleiben bis heute einige Fragen offen. Zum Beispiel ist weiter unklar, warum zwar der Fingerabdruck der Sauerstoff-Isotope in Erdmantel und Mond sehr gut übereinstimmen – immerhin das häufigste Element von Erde und Mond – aber einige Spurenstoffe teilweise radikal abweichen. Dazu gehört der Anteil von Eisen und anderen Metallen, aber auch von flüchtigen Stoffe wie Wasser oder Kohlendioxid. Herausfordernd für die heutige Forschung ist vor allem das Wachstum des Mondes direkt nach dem großen Einschlag, bei dem es ziemlich heiß hergegangen sein muss.</p> <h3 id="h-mehr-bei-astrogeo">Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 78: <a href="https://astrogeo.de/kernenergie-vor-2-milliarden-jahren-der-atomreaktor-oklo/">Kernenergie vor 2 Milliarden Jahren: Der Atomreaktor Oklo</a></li> <li>Folge 51: <a href="https://astrogeo.de/die-verlorenen-mondspiegel/">Die verlorenen Mondspiegel</a></li> <li>Folge 42: <a href="https://astrogeo.de/das-wertvollste-material-der-welt/">Das wertvollste Material der Welt</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Entstehung_des_Mondes">Entstehung des Mondes</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/George_Howard_Darwin">George Darwin</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Basalt">Basalt</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mond#Innerer_Aufbau">Innerer Aufbau des Mondes</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Reginald_Aldworth_Daly">Reginald Daly</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Giant-impact_hypothesis">Giant-impact hypothesis</a> (englisch)</li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Theia_(Protoplanet)">Theia (Protoplanet)</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Synestia">Synestia</a> (englisch)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: Daly: <a href="http://www.jstor.org/stable/3301051?origin=JSTOR-pdf">Origin of the Moon and Its Topography</a>, Proceedings of the American Philosophical Society, (1946)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://adsabs.harvard.edu/pdf/1976LPI.....7..120C">Cameron &amp; Ward: The Origin of the Moon</a>, Lunar and Planetary Science (1976)</li> <li>New York Times: <a href="https://www.nytimes.com/1986/06/03/science/moon-s-creation-now-attributed-to-giant-crash.html">Moon’s Creation now Attributed to Giant Crash</a> (1986)</li> <li>Fachartikel: Lock et al.: <a href="https://doi.org/10.1002/2017JE005333">The Origin of the Moon Within a Terrestrial Synestia</a>, Journal of Geophysical Research – Planets (2018)</li> <li>Fachartikel: Yuan et al.: <a href="https://www.nature.com/articles/s41586-023-06589-1">Moon-forming impactor as a source of Earth’s basal mantle anomalies</a>, Nature (2023)</li> <li>Fachartikel: Sossi, Nakajima &amp; Khan: <a href="https://arxiv.org/abs/2408.16840">Composition, Structure and Origin of the Moon</a>, ArXiv/Preprint (2024)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.de">CC-BY-SA 3.0</a> <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2020-04-26_21-21MESZ_Mondsichel.jpg">Rolf Hempel / Wikimedia Commons</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-theias-grosser-einschlag-wie-der-mond-entstanden-ist/#comments 2 Das „Deutsche Reich“ im „Deutschen Osten“ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/das-deutsche-reich-im-deutschen-osten/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/das-deutsche-reich-im-deutschen-osten/#comments Thu, 22 Jan 2026 11:00:00 +0000 Teilprojekt 2 - Reichsbürger in Bayern https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=371 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Collage-768x432.jpg Verschiedene Publikationen der gebietsrevisionistischen Gruppierungen, Mischung von Text und revisionistischen Kartendarstellungen https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/das-deutsche-reich-im-deutschen-osten/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Collage.jpg" /><h1>Das „Deutsche Reich" im „Deutschen Osten“ » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Teilprojekt 2 - Reichsbürger in Bayern</h2><div itemprop="text"> <h2 id="h-archivarbeit-auf-den-spuren-souveranistischer-gruppen-der-1980er-jahre"><strong>Archivarbeit auf den Spuren souveränistischer Gruppen der 1980er-Jahre</strong></h2> <p>Das Teilprojekt 2 im Forschungsverbund <a href="http://www.forgerex.de">ForGeRex</a> erforscht die Vorgeschichte der „Reichsbürger“-Bewegung, die erst seit etwa zehn Jahren breite öffentliche Aufmerksamkeit erlangt hat. Die praktische Forschungsarbeit bestand zu Beginn vor allem darin, den unterschiedlichsten, oft vagen Spuren zu folgen, um Akteur*innen, Publikationen und Netzwerke zu finden, die als historische Vorläufer der heutigen Szene gelten können. Diese Spurensuche war oft langwierig und wenig ergiebig – aber es gab auch glückliche Zufälle.</p> <p>Bei der Auswertung der rechtsextremen Zeitschrift „Recht und Wahrheit” aus den 1990er Jahren stieß ich auf Anzeigen einer mir bis dato unbekannten Organisation: der „Gemeinschaft Deutscher Osten” (GDO). Im Namen der „Vereinigten Länder des Deutschen Ostens” gab sie 1992 eine Erklärung ab, in der sie die Nichtigkeit internationaler Verträge behauptete und auf die „Rückgabe von Westpreußen, Posen und Ostoberschlesien, ferner aller seit 1945 völkerrechtswidrig durch fremde Staaten verwalteten ostdeutschen Reichsgebiete einschließlich Sudetenland” sowie die Wiedereinsetzung der Organe des Deutschen Reiches pochte. Unterzeichnet war die Anzeige von mehreren Personen, die sich gewaltige Titel gegeben hatten: „Präsident” der „Nationalversammlung des Deutschen Ostens”, „Staatskanzler”, „Sonderbotschafter für außereuropäische Angelegenheiten” und so weiter.<a href="#_ftn1" id="_ftnref1">[1]</a></p> <p>Der Fund war ein Glücksfall. Hieß es nicht immer, die Staatssimulation und die Vergabe vermeintlicher Ämter und Titel sei eine Erfindung der „Kommissarischen Reichsregierung“ von Wolfgang Ebel, dem „ersten Reichsbürger” aus Berlin? Hier nun fanden sich Hinweise darauf, dass die Staatssimulation „Vereinigte Länder des Deutschen Ostens” bereits in die frühen 1980er Jahre zurückreichte – denn die „Erklärung” war „[a]nläßlich des Zehnjahres-Bestandes des unabhängigen, volks- und reichstreuen deutschen Nachkriegsstaates” herausgegeben worden. Später stellte sich heraus, dass die Gründung der „Vereinigten Länder“ 1981 stattfand, die Wurzeln aber bis 1969 zurückreichten.</p> <h3 id="h-spurensuche-in-zeitgeschichtlichen-sammlungen"><strong>Spurensuche in zeitgeschichtlichen Sammlungen</strong></h3> <p>Dieser Quellenfund war der Auftakt für eine intensive Suche nach weiterer Überlieferung dieser Organisation. Wie bei anderen „Reichsbürger”-Gruppierungen gibt es keinen geschlossenen Archivbestand, auf den wir Zeithistoriker*innen sonst gerne zurückgreifen. Auch existiert praktisch keine Forschungsliteratur zu dieser Gruppe.</p> <p>Fündig wurde ich in zwei Archiven: In der zeitgeschichtlichen Sammlung des <a href="https://www.ifz-muenchen.de/das-archiv">Archivs des Instituts für Zeitgeschichte</a> fanden sich einige verstreute Flugblätter und Rundschreiben. Eine größere Sammlung entdeckte ich im <a href="https://www.apabiz.de/">apabiz</a> (Antifaschistisches Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin e.V.). Dort liegen Rundbriefe der „Gemeinschaft Deutscher Osten”, aber auch – in den Beständen des Archivs des Zentralinstituts für Sozialwissenschaftliche Forschung der FU Berlin (ZISOWIFO) – zahlreiche Flugblätter und Einzelveröffentlichungen.<aside></aside></p> <p>Diese Materialien sind für das Projekt von unschätzbarem Wert. Sie zeigen, dass die Staatssimulationen der 1980er und 1990er Jahre, auf die ich in „Recht und Wahrheit” gestoßen war, eine längere Vorgeschichte hatten und in der Zeit um die Wiedervereinigung ganz neue Dynamiken entwickelten. Die GDO ist daher ein wichtiger Gegenstand des Projekts, eine Teilstudie dazu ist gerade in Arbeit.</p> <h3 id="h-die-herausforderung-sammlungen-statt-bestande"><strong>Die Herausforderung: Sammlungen statt Bestände</strong></h3> <p>Die Rekonstruktion aus diesen und im Verlauf der Recherche weiteren erschlossenen Quellenbeständen hat allerdings gezeigt, dass die zeithistorischen Sammlungen die vielfältigen organisatorischen Entwicklungen dieser Gruppe – oder besser: dieser Gruppen – nicht vollständig abbilden können.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-scaled.jpg"><img alt="Sehr viele grün gebundene Bände in einem Archivregal " decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Ein Blick ins Archiv des Instituts für Zeitgeschichte. Foto: Institut für Zeitgeschichte/AMK</figcaption></figure> <p>Normalerweise zeichnen sich Archive dadurch aus, dass sie dem sogenannten Provenienzprinzip folgen. Das bedeutet: Sie ordnen ihre Bestände nach der Herkunft, nach dem Bestandsbildner. Oft ist das die jeweilige Behörde, von der die Akten direkt übernommen werden. So bleibt der organisatorische Zusammenhang der Dokumente erhalten.</p> <p>In der Rechtsextremismusforschung haben wir es aber in aller Regel mit Sammlungen zu tun, die durch Dritte angelegt worden sind, vor allem durch Beobachter*innen der rechtsextremen Szene in Wissenschaft oder Zivilgesellschaft. Gerade bei Organisationen, die sich am Rande der rechtsextremen Szene bewegten, besonders klein waren, im Geheimen agierten oder sehr spezielle Ausrichtungen hatten – wie die „Gemeinschaft Deutscher Osten” – kann es passieren, dass die organisatorischen Zusammenhänge bei der Bildung der Sammlungen unbekannt waren. Deshalb landen Schriftstücke unterschiedlicher Gruppen manchmal in einem Bestand.</p> <p>Für die „Reichsbürger”-Szene ist das besonders häufig der Fall. Die Szene war und ist durch viele Kleingruppen gekennzeichnet, die ihre Namen ständig wechselten und selbst oft nicht konsistent nutzten. Hinzu kommt, dass unterschiedliche Organisationen ähnliche oder gleiche Namen für sich reklamierten.</p> <h3 id="h-zwei-organisationen-ein-name-ein-entscheidender-unterschied"><strong>Zwei Organisationen, ein Name – ein entscheidender Unterschied</strong></h3> <p>Das trifft auch auf die „Gemeinschaft Deutscher Osten” zu. Es gab nämlich zwei verschiedene Organisationen mit diesem Namen:</p> <p><strong>Die GDO in Augsburg</strong> gab die eingangs zitierte Erklärung heraus. Diese Gruppe bezeichnete sich (laut Selbstaussage) als „öffentlichrechtliche Körperschaft ostdeutschen Verfassungsrechtes” – also als selbsternannte staatliche Institution der „Vereinigten Länder des Deutschen Ostens“, die sich als vierter deutscher Nachkriegsstaat verstanden.</p> <p><strong>Die GDO in Nienburg an der Weser</strong> hingegen war ein eingetragener Verein nach bundesdeutschem Vereinsrecht. Sie war sogar als gemeinnützig anerkannt und damit steuerbegünstigt. Aus dieser Organisation ging unter anderem der „Freistaat Preußen” durch den Holocaustleugner Rigolf Hennig in den 1990er Jahren hervor.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-scaled.jpg"><img alt="Revisionistische schwarz-weiß-rote Fahne mit dem Schriftzug &quot;Heimathtreu seit 1871, RuStAG 1913&quot;, dahinter der Umriss des Deutschen Kaiserreichs samt Reichsadler." decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Bis heute ist der Gebietsrevisionismus ein Kennzeichen der “Reichsbürger”-Szene – hier auf einer Demonstration im Sommer 2024. Foto: Fachinformationsstelle Rechtsextremismus München.</figcaption></figure> <p>Für die Analyse der revisionistischen und souveränistischen Ideologien (also der Vorstellung, das Deutsche Reich bestehe fort und die Bundesrepublik sei illegitim) mag dieser Unterschied unerheblich erscheinen. Er ist jedoch zentral, wenn es darum geht zu verstehen, wie die frühen „Reichsbürger”-Organisationen mit anderen rechten Gruppierungen verflochten waren und staatliche sowie öffentliche Ressourcen – wie die Anerkennung als gemeinnütziger Verein – für ihre Zwecke zu nutzen wussten.</p> <p>Wenn man diese unterschiedlichen Organisationen auseinanderhält, fällt auch auf, dass die eine einen „Rundbrief” herausgab, während die andere ein „Rundschreiben” publizierte. Mögliche Bestandslücken in den Archiven werden aber nur sichtbar, wenn man weiß, dass es sich dabei um zwei verschiedene regelmäßig erscheinende Publikationen handelte.</p> <h3 id="h-kooperation-mit-archiven-wissen-fur-die-zukunft-sichern"><strong>Kooperation mit Archiven – Wissen für die Zukunft sichern</strong></h3> <p>Als Forschungsverbund kooperieren wir daher eng mit den Verantwortlichen in den Archiven. Nur wenn ich meine Forschungserkenntnisse an die Sammlungsverantwortlichen zurückspiele, können diese in den Bestandsbeschreibungen vermerkt werden. So wird sichergestellt, dass die Geschichte dieser Organisationen auch zukünftig in die Analyse ihrer Schriftstücke einbezogen werden kann.</p> <p>Diese archivalische Detektivarbeit mag kleinteilig erscheinen, ist aber unverzichtbar für das Verständnis der „Reichsbürger”-Bewegung. Denn nur wenn wir die organisatorischen Strukturen, Netzwerke und Kontinuitäten seit den 1980er Jahren rekonstruieren, können wir verstehen, dass die „Reichsbürger“ seit 1945 ein Teil der extremen Rechten waren. Die Organisationen, die sich „Gemeinschaft Deutscher Osten“ nannten, sind ein wichtiges Puzzleteil für diese Geschichte, die Verschränkung von Staatssimulationen, Delegitimierung der bundesrepublikanischen Staatlichkeit und den Gebietsrevisionismus mancher Organisationen aus dem diffusen Milieu der „Heimatvertriebenen“ sichtbar machen.</p> <hr></hr> <p><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Vereinigte Länder des Deutschen Ostens (VLDO): Bekanntmachung und Entschließung, in: Recht und Wahrheit 1992, H. 9+10, S. 36.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Collage.jpg" /><h1>Das „Deutsche Reich" im „Deutschen Osten“ » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Teilprojekt 2 - Reichsbürger in Bayern</h2><div itemprop="text"> <h2 id="h-archivarbeit-auf-den-spuren-souveranistischer-gruppen-der-1980er-jahre"><strong>Archivarbeit auf den Spuren souveränistischer Gruppen der 1980er-Jahre</strong></h2> <p>Das Teilprojekt 2 im Forschungsverbund <a href="http://www.forgerex.de">ForGeRex</a> erforscht die Vorgeschichte der „Reichsbürger“-Bewegung, die erst seit etwa zehn Jahren breite öffentliche Aufmerksamkeit erlangt hat. Die praktische Forschungsarbeit bestand zu Beginn vor allem darin, den unterschiedlichsten, oft vagen Spuren zu folgen, um Akteur*innen, Publikationen und Netzwerke zu finden, die als historische Vorläufer der heutigen Szene gelten können. Diese Spurensuche war oft langwierig und wenig ergiebig – aber es gab auch glückliche Zufälle.</p> <p>Bei der Auswertung der rechtsextremen Zeitschrift „Recht und Wahrheit” aus den 1990er Jahren stieß ich auf Anzeigen einer mir bis dato unbekannten Organisation: der „Gemeinschaft Deutscher Osten” (GDO). Im Namen der „Vereinigten Länder des Deutschen Ostens” gab sie 1992 eine Erklärung ab, in der sie die Nichtigkeit internationaler Verträge behauptete und auf die „Rückgabe von Westpreußen, Posen und Ostoberschlesien, ferner aller seit 1945 völkerrechtswidrig durch fremde Staaten verwalteten ostdeutschen Reichsgebiete einschließlich Sudetenland” sowie die Wiedereinsetzung der Organe des Deutschen Reiches pochte. Unterzeichnet war die Anzeige von mehreren Personen, die sich gewaltige Titel gegeben hatten: „Präsident” der „Nationalversammlung des Deutschen Ostens”, „Staatskanzler”, „Sonderbotschafter für außereuropäische Angelegenheiten” und so weiter.<a href="#_ftn1" id="_ftnref1">[1]</a></p> <p>Der Fund war ein Glücksfall. Hieß es nicht immer, die Staatssimulation und die Vergabe vermeintlicher Ämter und Titel sei eine Erfindung der „Kommissarischen Reichsregierung“ von Wolfgang Ebel, dem „ersten Reichsbürger” aus Berlin? Hier nun fanden sich Hinweise darauf, dass die Staatssimulation „Vereinigte Länder des Deutschen Ostens” bereits in die frühen 1980er Jahre zurückreichte – denn die „Erklärung” war „[a]nläßlich des Zehnjahres-Bestandes des unabhängigen, volks- und reichstreuen deutschen Nachkriegsstaates” herausgegeben worden. Später stellte sich heraus, dass die Gründung der „Vereinigten Länder“ 1981 stattfand, die Wurzeln aber bis 1969 zurückreichten.</p> <h3 id="h-spurensuche-in-zeitgeschichtlichen-sammlungen"><strong>Spurensuche in zeitgeschichtlichen Sammlungen</strong></h3> <p>Dieser Quellenfund war der Auftakt für eine intensive Suche nach weiterer Überlieferung dieser Organisation. Wie bei anderen „Reichsbürger”-Gruppierungen gibt es keinen geschlossenen Archivbestand, auf den wir Zeithistoriker*innen sonst gerne zurückgreifen. Auch existiert praktisch keine Forschungsliteratur zu dieser Gruppe.</p> <p>Fündig wurde ich in zwei Archiven: In der zeitgeschichtlichen Sammlung des <a href="https://www.ifz-muenchen.de/das-archiv">Archivs des Instituts für Zeitgeschichte</a> fanden sich einige verstreute Flugblätter und Rundschreiben. Eine größere Sammlung entdeckte ich im <a href="https://www.apabiz.de/">apabiz</a> (Antifaschistisches Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin e.V.). Dort liegen Rundbriefe der „Gemeinschaft Deutscher Osten”, aber auch – in den Beständen des Archivs des Zentralinstituts für Sozialwissenschaftliche Forschung der FU Berlin (ZISOWIFO) – zahlreiche Flugblätter und Einzelveröffentlichungen.<aside></aside></p> <p>Diese Materialien sind für das Projekt von unschätzbarem Wert. Sie zeigen, dass die Staatssimulationen der 1980er und 1990er Jahre, auf die ich in „Recht und Wahrheit” gestoßen war, eine längere Vorgeschichte hatten und in der Zeit um die Wiedervereinigung ganz neue Dynamiken entwickelten. Die GDO ist daher ein wichtiger Gegenstand des Projekts, eine Teilstudie dazu ist gerade in Arbeit.</p> <h3 id="h-die-herausforderung-sammlungen-statt-bestande"><strong>Die Herausforderung: Sammlungen statt Bestände</strong></h3> <p>Die Rekonstruktion aus diesen und im Verlauf der Recherche weiteren erschlossenen Quellenbeständen hat allerdings gezeigt, dass die zeithistorischen Sammlungen die vielfältigen organisatorischen Entwicklungen dieser Gruppe – oder besser: dieser Gruppen – nicht vollständig abbilden können.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-scaled.jpg"><img alt="Sehr viele grün gebundene Bände in einem Archivregal " decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Ein Blick ins Archiv des Instituts für Zeitgeschichte. Foto: Institut für Zeitgeschichte/AMK</figcaption></figure> <p>Normalerweise zeichnen sich Archive dadurch aus, dass sie dem sogenannten Provenienzprinzip folgen. Das bedeutet: Sie ordnen ihre Bestände nach der Herkunft, nach dem Bestandsbildner. Oft ist das die jeweilige Behörde, von der die Akten direkt übernommen werden. So bleibt der organisatorische Zusammenhang der Dokumente erhalten.</p> <p>In der Rechtsextremismusforschung haben wir es aber in aller Regel mit Sammlungen zu tun, die durch Dritte angelegt worden sind, vor allem durch Beobachter*innen der rechtsextremen Szene in Wissenschaft oder Zivilgesellschaft. Gerade bei Organisationen, die sich am Rande der rechtsextremen Szene bewegten, besonders klein waren, im Geheimen agierten oder sehr spezielle Ausrichtungen hatten – wie die „Gemeinschaft Deutscher Osten” – kann es passieren, dass die organisatorischen Zusammenhänge bei der Bildung der Sammlungen unbekannt waren. Deshalb landen Schriftstücke unterschiedlicher Gruppen manchmal in einem Bestand.</p> <p>Für die „Reichsbürger”-Szene ist das besonders häufig der Fall. Die Szene war und ist durch viele Kleingruppen gekennzeichnet, die ihre Namen ständig wechselten und selbst oft nicht konsistent nutzten. Hinzu kommt, dass unterschiedliche Organisationen ähnliche oder gleiche Namen für sich reklamierten.</p> <h3 id="h-zwei-organisationen-ein-name-ein-entscheidender-unterschied"><strong>Zwei Organisationen, ein Name – ein entscheidender Unterschied</strong></h3> <p>Das trifft auch auf die „Gemeinschaft Deutscher Osten” zu. Es gab nämlich zwei verschiedene Organisationen mit diesem Namen:</p> <p><strong>Die GDO in Augsburg</strong> gab die eingangs zitierte Erklärung heraus. Diese Gruppe bezeichnete sich (laut Selbstaussage) als „öffentlichrechtliche Körperschaft ostdeutschen Verfassungsrechtes” – also als selbsternannte staatliche Institution der „Vereinigten Länder des Deutschen Ostens“, die sich als vierter deutscher Nachkriegsstaat verstanden.</p> <p><strong>Die GDO in Nienburg an der Weser</strong> hingegen war ein eingetragener Verein nach bundesdeutschem Vereinsrecht. Sie war sogar als gemeinnützig anerkannt und damit steuerbegünstigt. Aus dieser Organisation ging unter anderem der „Freistaat Preußen” durch den Holocaustleugner Rigolf Hennig in den 1990er Jahren hervor.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-scaled.jpg"><img alt="Revisionistische schwarz-weiß-rote Fahne mit dem Schriftzug &quot;Heimathtreu seit 1871, RuStAG 1913&quot;, dahinter der Umriss des Deutschen Kaiserreichs samt Reichsadler." decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Bis heute ist der Gebietsrevisionismus ein Kennzeichen der “Reichsbürger”-Szene – hier auf einer Demonstration im Sommer 2024. Foto: Fachinformationsstelle Rechtsextremismus München.</figcaption></figure> <p>Für die Analyse der revisionistischen und souveränistischen Ideologien (also der Vorstellung, das Deutsche Reich bestehe fort und die Bundesrepublik sei illegitim) mag dieser Unterschied unerheblich erscheinen. Er ist jedoch zentral, wenn es darum geht zu verstehen, wie die frühen „Reichsbürger”-Organisationen mit anderen rechten Gruppierungen verflochten waren und staatliche sowie öffentliche Ressourcen – wie die Anerkennung als gemeinnütziger Verein – für ihre Zwecke zu nutzen wussten.</p> <p>Wenn man diese unterschiedlichen Organisationen auseinanderhält, fällt auch auf, dass die eine einen „Rundbrief” herausgab, während die andere ein „Rundschreiben” publizierte. Mögliche Bestandslücken in den Archiven werden aber nur sichtbar, wenn man weiß, dass es sich dabei um zwei verschiedene regelmäßig erscheinende Publikationen handelte.</p> <h3 id="h-kooperation-mit-archiven-wissen-fur-die-zukunft-sichern"><strong>Kooperation mit Archiven – Wissen für die Zukunft sichern</strong></h3> <p>Als Forschungsverbund kooperieren wir daher eng mit den Verantwortlichen in den Archiven. Nur wenn ich meine Forschungserkenntnisse an die Sammlungsverantwortlichen zurückspiele, können diese in den Bestandsbeschreibungen vermerkt werden. So wird sichergestellt, dass die Geschichte dieser Organisationen auch zukünftig in die Analyse ihrer Schriftstücke einbezogen werden kann.</p> <p>Diese archivalische Detektivarbeit mag kleinteilig erscheinen, ist aber unverzichtbar für das Verständnis der „Reichsbürger”-Bewegung. Denn nur wenn wir die organisatorischen Strukturen, Netzwerke und Kontinuitäten seit den 1980er Jahren rekonstruieren, können wir verstehen, dass die „Reichsbürger“ seit 1945 ein Teil der extremen Rechten waren. Die Organisationen, die sich „Gemeinschaft Deutscher Osten“ nannten, sind ein wichtiges Puzzleteil für diese Geschichte, die Verschränkung von Staatssimulationen, Delegitimierung der bundesrepublikanischen Staatlichkeit und den Gebietsrevisionismus mancher Organisationen aus dem diffusen Milieu der „Heimatvertriebenen“ sichtbar machen.</p> <hr></hr> <p><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Vereinigte Länder des Deutschen Ostens (VLDO): Bekanntmachung und Entschließung, in: Recht und Wahrheit 1992, H. 9+10, S. 36.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/das-deutsche-reich-im-deutschen-osten/#comments 6 Die Menschenwürde aller – Zwei Podcasts nach Grafeneck https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-menschenwuerde-aller-zwei-podcasts-nach-grafeneck/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-menschenwuerde-aller-zwei-podcasts-nach-grafeneck/#comments Wed, 21 Jan 2026 23:04:00 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=10982 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1237-768x576.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-menschenwuerde-aller-zwei-podcasts-nach-grafeneck/</link> </image> <description type="html"><h1>Die Menschenwürde aller - Zwei Podcasts nach Grafeneck</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Sein Name war <strong>Karl Eugen Albus</strong> (1894 – 1940). Er wurde am 25. September 1894 den Wirtsleuten der “Krone” <strong>Clemens &amp; Eva Maria Albus</strong> in <a href="https://www.rottenburg.de/wendelsheim.30019.htm"><strong>Wendelsheim</strong>, heute ein Ortsteil von <strong>Rottenburg am Neckar</strong></a>, geboren. Der Vater verstarb früh und so wuchs der Junge mit sieben Geschwistern als Halbwaise auf. 1913 starb auch seine Mutter und schon ein Jahr später zog der 20jährige als Soldat für Deutschland und Kaiser in den Ersten Weltkrieg. Es gibt ein Foto von ihm aus jener Zeit.</p> <p><a href="https://www.leo-bw.de/web/guest/detail/-/Detail/details/DOKUMENT/bsz_swb/1561637157/NS%20%22Euthanasieverbrechen%22%20in%20S%C3%BCdwestdeutschland%20Das%20Leben%20und%20Leiden%20psychisch%20erkrankter%20Heimkehrer%20Am%20Fallbeispiel%20von" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Foto von Karl Eugen Albus (1894 - 1940) aus Wendelsheim als Soldat des Ersten Weltkrieges." decoding="async" height="674" sizes="(max-width: 410px) 100vw, 410px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlEugenAlbusIWeltkriegermordet1940Grafeneck.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlEugenAlbusIWeltkriegermordet1940Grafeneck.jpg 410w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlEugenAlbusIWeltkriegermordet1940Grafeneck-182x300.jpg 182w" width="410"></img></a></p> <p><em>Ein Foto von Karl Eugen Albus als deutscher Soldat des Ersten Weltkrieges im Alter von 20 Jahren, 1914. Quelle: Privat &amp; Gedenkstätte Grafeneck</em></p> <p>Der christliche Musketier <strong>Albus</strong> kämpfte, wurde verwundet und für seine Tapferkeit ausgezeichnet – wie übrigens auch Zigtausende deutsch-jüdische Kameraden. Er geriet 1916 in englische Kriegsgefangenschaft und wurde am 17. August 1918, also noch vor der Kapitulation des Deutschen Reiches im November, gesundheitlich zerrüttet entlassen und “demobilisiert”.</p> <p>Denn <strong>Albus</strong> war vom Krieg schwer traumatisiert. Er kam in eine kirchliche Heilanstalt vom Orden der Vinzentinerinnen nach <strong>Rottenmünster</strong>. Offiziell galt er als Veteran, der seine Gesundheit für das Reich gegeben hatte. Noch 1934 erhielt er von den Nationalsozialisten <em>“Im Namen des Führers und Reichskanzlers”</em> ein <em>“Ehrenkreuz für Frontkämpfer”</em>. Während meines Besuches an der Gedenkstätte hielt ich den gestempelten NS-Schrieb in den Händen.<aside></aside></p> <p>Doch als sie erst einmal ihre Macht gefestigt hatten, übergingen die Nazis schnell ihre geheuchelte Zuneigung zu den vom Krieg gezeichneten Veteranen. Sogenannte <strong><em>“Kriegszitterer”</em></strong> passten nicht in die Pläne für Aufrüstung und Krieg. Stattdessen setze auch mit der damaligen <strong>Rechtsmimesis</strong> eine gezielte Abwertung und Ausgrenzung von jüdischen, vermeintlich “asozialen” und auch behinderten und erkrankten Menschen ein – auch dann, wenn sie Deutschland in Uniform gedient hatten.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/rechtsmimesis-widerstand-ein-foto-mem-zur-deutschen-geschichte/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Auf einem Bild wird ein deutscher Mann dargestellt, der zwei &quot;Erbkranke&quot; - also behinderte und erkrankte Menschen - tragen musst. Darüber steht: &quot;Hier trägst Du mit. Ein Erbkranker kostet bis zur Erreichung des 60. Lebensjahres im Durchschnitt 50.000 Reichsmark&quot;. Das Propagandaplakat diente der Vorbereitung der T4-Euthanasie-Mordkampagne des NS-Regimes." decoding="async" height="2560" sizes="(max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></a></p> <p><em>Ein Ausstellungsbild des “Reichsnährstandes” in einer Ausgabe von “Volk und Rasse” 1936, das Menschen mit Behinderungen und Erkrankungen als teure “Erbkranke” rechtsmimetisch entmenschlichte. Foto: Michael Blume, Dokumentationszentrum Grafeneck</em></p> <p>Ab Oktober 1939 ließen die Nazis in der heute <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Zentraldienststelle_T4">so benannten <strong>T4-Aktion</strong> (nach der Adresse der Berliner Mordbehörde in der <strong>Tiergartenstraße 4</strong></a>, unweit der heutigen <strong>Landesvertretung Baden-Württemberg</strong>) das <strong>Samariterstift Schloss Grafeneck</strong> von Nonnen und Pfleglingen räumen und wandelten es in <strong>eine Tötungsanstalt mit der ersten NS-Gaskammer</strong> um. Meist <strong>“graue Busse”</strong> mit verdunkelten Scheiben holten nun immer mehr Menschen mit Behinderungen, Erkrankungen und Traumatisierungen ab und brachten sie an bald mehrere T4-Mordstätten im Deutschen Reich.</p> <p>Und so erhielt auch Karl Eugens Bruder <strong>Anton Albus</strong> – als “Kronenwirt” – im Oktober 1940 überraschend ein Schreiben, wonach sein Bruder <em>“am 16. September 1940 auf ministerielle Anordnung gemäß Weisung des Reichsverteidigungskommissars in die hiesige Anstalt verlegt”</em> und <em>“am 3. Oktober 1940 in unserer Anstalt plötzlich und unerwartet an Lungenentzündung gestorben”</em> sei. Und wie die Nazis ihre Morde als <strong><em>Euthanasie</em> </strong>(griechisch: schöner Tod) verbrämten, so hieß es in dem Schreiben in kühler Brutalität:</p> <p><em>“Bei seiner schweren, geistigen Erkrankung bedeutete für den Verstorbenen das Leben eine Qual. So müssen Sie seinen Tod als eine Erlösung auffassen.”</em></p> <p>Wegen <em>“Seuchengefahr”</em> sei eine <em>“sofortige Einäscherung des Leichnams”</em> erfolgt und die Behörde bitte um Mitteilung <em>“an welchen Friedhof wir die Übersendung der Urne”</em> vornehmen sollten. Das Schreiben endete mit <em>“Heil Hitler!”</em></p> <p>Im Schwäbischen Tagblatt vom 13. November 2010 betitelte <strong>Willibald Ruscheinski</strong> nach Recherchen des Großneffen <strong>Alfons Bunk </strong>das Verbrechen an <strong>Karl Eugen Albus</strong> zutreffend mit: <strong><em>“Fürs Vaterland gelitten und von ihm ermordet”</em></strong>.</p> <p>Laut dem oben zitierten NS-Schreiben wurde <strong>Albus</strong> am 3. Oktober 1940 ermordet – der später zum deutschen Nationalfeiertag wurde. Und <a href="https://www.geschichte-abitur.de/quellenmaterial/quellen-drittes-reich/graf-von-galens-predigt-gegen-die-euthanasie">die spätere, mutige und berühmte Predigt des Bischofs <strong>Clemens Graf von Galen</strong> (1878 – 1946) gegen die sog. “Euthanasie” erfolgte am 3. August 1941</a>. Seit <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-hitzemord-these-wie-die-klimakrise-auch-den-genozid-am-ezidentum-befeuert/">dem Angriff des sog. Islamischen Staates / Daesh gegen das Ezidentum 2014 ist der 3. August auch der Genozid-Gedenktag für Ezidinnen und Eziden weltweit</a>.</p> <p>Wenn ich also davon spreche, dass es <em>“nur eine Menschenwürde gibt”</em> und <em>“wir alle in Gefahr sind, wenn einige von uns entrechtet werden”</em> – dann denke ich dabei auch an die Ermordeten damals und heute. Und beachten Sie bitte auch, dass <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-14-semiten-sklaven-chasaren-die-wurzeln-des-rassismus-im-16-jahrhundert/">schon der Rassismus ab dem 15. Jahrhundert Kinder mit Behinderungen nicht mehr als Menschen im Bilde Gottes, sondern als Verfluchte und Bestrafte bezeichnet hatte</a>. Auch christlich Getaufte konnten fortan aufgrund jüdischer Vorfahren als <em>“Kinder Sems”</em> vertrieben, verfolgt und ermordet, jene mit dunkler Haut als <em>“Kinder Hams”</em> versklavt, verkauft und ermordet und jene mit Behinderungen misshandelt, ausgesetzt, ermordet werden. Im wahnhaften, antisemitischen und rassistischen Dualismus der Nationalsozialisten war die Ermordung von behinderten, erkrankten, auch traumatisierten Menschen Aufgabe des <em>Reichsverteidigungskommissars</em>!</p> <p>Deswegen spreche ich<a href="https://www.bietigheimerzeitung.de/inhalt.bietigheim-bissingen-es-gibt-keine-menschenwuerde-erster-und-zweiter-klasse.db535c4d-a022-48ec-983f-d0175b15a027.html"> auch vor Schülerinnen und Schülern immer wieder darüber, dass es <strong><em>“keine Menschenwürde erster und zweiter Klasse”</em></strong> gibt und geben darf</a>. Immer wieder erzähle ich auch von der Gedenkstätte Grafeneck, von den dortigen Abertausenden Namen ganz verschiedener Menschen und vom “Alphabet-Garten”, der nach meiner Einschätzung perfekt an die jüdische Auslegung anschließt: So, wie die Zerstörung eines einzigen Buchstabens die Thora als Gesamtzusammenhang zerstört, so wird auch in jedem ermordeten Menschen die Gesamtheit der Menschheit zerstört.</p> <p><a href="https://gedenkstaette-grafeneck.de/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das Gedenk-Namensbuch und der Alphabet-Garten an der Gedenkstätte Grafeneck für die T4-NS-Ermordeten der sogenannten &quot;Euthanasie&quot;, fotografiert von Michael Blume." decoding="async" height="1920" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1237-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1237-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1237-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1237-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1237-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1237-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1237-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Das Namensbuch am Alphabet-Garten der Gedenkstätte Grafeneck, gewidmet den “bekannten und unbekannten Opfern der ‘Euthanasie'”. Links wird dabei die biblische Bedeutung der Erinnerung mit dem biblischen Vers Jesaja 43,1 betont: “Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.” und rechts unterstreicht eine jüdische Geschichte die Bedeutung jedes Buchstabens und jedes Menschen. Foto: Michael Blume</em></p> <p>In der bisher wichtigsten Rede meines Lebens am 9. November 2023 im Landtag von Baden-Württemberg drückte ich meine Erfahrungen und Beobachtungen so aus:</p> <p><em>“<strong>Wer den Antisemitismus nur der Jüdinnen und Juden zuliebe bekämpfen wollte, hat noch überhaupt nicht begriffen, wie gefährlich dieser Verschwörungsglauben ist!</strong> Ich sage das voller Ernst: Diejenigen von Ihnen und von uns, die sich glaubwürdig gegen jeden Antisemitismus engagieren, schützen am Ende des Tages auch das Leben derjenigen, die sich jetzt noch sicher und erhaben wähnen.</em></p> <p><em>Radikale Antisemiten sind nicht demokratie- und damit auch nicht friedensfähig. <strong>Der Antisemitismus bedroht uns alle. </strong>Wir müssen ihm tatsächlich mit allen Mitteln begegnen, im Notfall auch polizeilich, auch militärisch.”</em></p> <p>Deswegen möchte ich allen, die es noch nicht getan haben, <a href="https://gedenkstaette-grafeneck.de/">einen Besuch der bewegenden Gedenkstätte Grafeneck</a> und <a href="https://weremember.social/@gedenkstaette_grafeneck">ein Folgen ihres Mastodon-Accounts @gedenkstaette_grafeneck@weremember.social</a> von Herzen empfehlen.</p> <p><a href="https://weremember.social/@gedenkstaette_grafeneck" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Der Mastodon-Account der Gedenkstätte Grafeneck zeigt einen Gedenkpavillon und den Alphabet-Garten. Der Account-Name ist @gedenkstaette_grafeneck@weremember.social" decoding="async" height="786" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1125px) 100vw, 1125px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1427.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1427.jpeg 1125w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1427-300x210.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1427-1024x715.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1427-768x537.jpeg 768w" width="1125"></img></a></p> <p><em>Zu Recht hat auch die Gedenkstätte Grafeneck bereits eine starke Präsenz im konzernfreien Fediversum etabliert. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Zur <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zeitenwende-mit-solarpunk-allen-einen-guten-rosch-ins-jahr-2026/"><strong>Menschenwürde</strong> habe ich ja letztes Jahr eine These entwickelt</a>, die ich auch weiterhin vertreten möchte:</p> <p><em><strong>“Die unbedingte Menschenwürde mit gleichem Menschenrecht für alle bildet die gemeinsame Mitte aller aufgeklärten Religionen &amp; demokratischen Zivilreligionen.”</strong></em></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zeitenwende-mit-solarpunk-allen-einen-guten-rosch-ins-jahr-2026/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Einladung zum &quot;Gemeinsamen Festakt&quot; jüdischer, christlicher und ezidischer Religionsgemeinschaften zu Chanukka, Advent und Ida Ezi am 20. Dezember 2025 in Pforzheim." decoding="async" height="1920" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zeitenwende-mit-solarpunk-allen-einen-guten-rosch-ins-jahr-2026/">gemeinsame Festakt jüdischer, christlicher und ezidischer Religionsgemeinschaften am 20. Dezember 2025 in Pforzheim zu Chanukka, Advent und Ida Ezi</a> bestärkte mich in der gemeinsamen Hoffnung auf die interreligiöse, philosophische und rechtliche Anerkennung von Menschenwürde und Menschenrecht. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Entsprechend habe ich bereits <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/">zwei Podcast-Folgen von “Verschwörungsfragen”</a> dazu aufgenommen:</p> <p>In <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/65-neue-episode">Folge 65 spreche ich mit <strong>Thomas Stöckle</strong>, dem Leiter der <strong>Gedenkstätte Grafeneck</strong> und dem Jesiden <strong>Gohdar Alkaidy</strong> von der <em>„Stelle für Jesidische Angelegenheiten“ </em>am Gedenkort über die Bedeutung von Erinnerungskultur</a> für Heute und Morgen.</p> <p>Und <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/66-neue-episode">in Folge 66 spreche ich mit <strong>Jörg Müller</strong>, dem Präsidenten des Oberlandesgerichtes (OLG) Karlsruhe, über die Bedeutung des Fediversums, der Gewaltenteilung und den Kampf um den Erhalt der Menschenwürde</a> aller.</p> <p><a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/66-neue-episode" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Links Jörg Müller, Präsident des OLG Karlsruhe und rechts Dr. Michael Blume, Beauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben, vor den Fahnen der Europäischen Union, der Bundesrepublik Deutschland und des Landes Baden-Württemberg im Staatsministerium Baden-Württemberg." decoding="async" height="1600" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1247px) 100vw, 1247px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1027.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1027.jpeg 1247w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1027-234x300.jpeg 234w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1027-798x1024.jpeg 798w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1027-768x985.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1027-1197x1536.jpeg 1197w" width="1247"></img></a></p> <p><em>Bei einem Besuch von OLG-Präsident Jörg Müller vereinbarten wir auch <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/66-neue-episode">eine dialogische Folge von “Verschwörungsfragen”. Diese ging am 21.01.2026 online.</a> Foto: Staatsministerium Baden-Württemberg</em></p> <p>Aus meiner Sicht gilt erkenntnistheoretisch aus “<em>Zeit emergiert, aber wiederholt sich nicht.</em>” der Leitsatz echter Erinnerungskultur: <em>“<a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GeschichtewiederholtsichnichtGedenkstaettenRundschau.pdf">Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich</a>.”</em></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/CGAdbLHcWl8?feature=oembed" title="Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich. Zur Not-wendigen Funktion von Gedenkstätten" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Die Menschenwürde aller - Zwei Podcasts nach Grafeneck</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Sein Name war <strong>Karl Eugen Albus</strong> (1894 – 1940). Er wurde am 25. September 1894 den Wirtsleuten der “Krone” <strong>Clemens &amp; Eva Maria Albus</strong> in <a href="https://www.rottenburg.de/wendelsheim.30019.htm"><strong>Wendelsheim</strong>, heute ein Ortsteil von <strong>Rottenburg am Neckar</strong></a>, geboren. Der Vater verstarb früh und so wuchs der Junge mit sieben Geschwistern als Halbwaise auf. 1913 starb auch seine Mutter und schon ein Jahr später zog der 20jährige als Soldat für Deutschland und Kaiser in den Ersten Weltkrieg. Es gibt ein Foto von ihm aus jener Zeit.</p> <p><a href="https://www.leo-bw.de/web/guest/detail/-/Detail/details/DOKUMENT/bsz_swb/1561637157/NS%20%22Euthanasieverbrechen%22%20in%20S%C3%BCdwestdeutschland%20Das%20Leben%20und%20Leiden%20psychisch%20erkrankter%20Heimkehrer%20Am%20Fallbeispiel%20von" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Foto von Karl Eugen Albus (1894 - 1940) aus Wendelsheim als Soldat des Ersten Weltkrieges." decoding="async" height="674" sizes="(max-width: 410px) 100vw, 410px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlEugenAlbusIWeltkriegermordet1940Grafeneck.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlEugenAlbusIWeltkriegermordet1940Grafeneck.jpg 410w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlEugenAlbusIWeltkriegermordet1940Grafeneck-182x300.jpg 182w" width="410"></img></a></p> <p><em>Ein Foto von Karl Eugen Albus als deutscher Soldat des Ersten Weltkrieges im Alter von 20 Jahren, 1914. Quelle: Privat &amp; Gedenkstätte Grafeneck</em></p> <p>Der christliche Musketier <strong>Albus</strong> kämpfte, wurde verwundet und für seine Tapferkeit ausgezeichnet – wie übrigens auch Zigtausende deutsch-jüdische Kameraden. Er geriet 1916 in englische Kriegsgefangenschaft und wurde am 17. August 1918, also noch vor der Kapitulation des Deutschen Reiches im November, gesundheitlich zerrüttet entlassen und “demobilisiert”.</p> <p>Denn <strong>Albus</strong> war vom Krieg schwer traumatisiert. Er kam in eine kirchliche Heilanstalt vom Orden der Vinzentinerinnen nach <strong>Rottenmünster</strong>. Offiziell galt er als Veteran, der seine Gesundheit für das Reich gegeben hatte. Noch 1934 erhielt er von den Nationalsozialisten <em>“Im Namen des Führers und Reichskanzlers”</em> ein <em>“Ehrenkreuz für Frontkämpfer”</em>. Während meines Besuches an der Gedenkstätte hielt ich den gestempelten NS-Schrieb in den Händen.<aside></aside></p> <p>Doch als sie erst einmal ihre Macht gefestigt hatten, übergingen die Nazis schnell ihre geheuchelte Zuneigung zu den vom Krieg gezeichneten Veteranen. Sogenannte <strong><em>“Kriegszitterer”</em></strong> passten nicht in die Pläne für Aufrüstung und Krieg. Stattdessen setze auch mit der damaligen <strong>Rechtsmimesis</strong> eine gezielte Abwertung und Ausgrenzung von jüdischen, vermeintlich “asozialen” und auch behinderten und erkrankten Menschen ein – auch dann, wenn sie Deutschland in Uniform gedient hatten.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/rechtsmimesis-widerstand-ein-foto-mem-zur-deutschen-geschichte/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Auf einem Bild wird ein deutscher Mann dargestellt, der zwei &quot;Erbkranke&quot; - also behinderte und erkrankte Menschen - tragen musst. Darüber steht: &quot;Hier trägst Du mit. Ein Erbkranker kostet bis zur Erreichung des 60. Lebensjahres im Durchschnitt 50.000 Reichsmark&quot;. Das Propagandaplakat diente der Vorbereitung der T4-Euthanasie-Mordkampagne des NS-Regimes." decoding="async" height="2560" sizes="(max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></a></p> <p><em>Ein Ausstellungsbild des “Reichsnährstandes” in einer Ausgabe von “Volk und Rasse” 1936, das Menschen mit Behinderungen und Erkrankungen als teure “Erbkranke” rechtsmimetisch entmenschlichte. Foto: Michael Blume, Dokumentationszentrum Grafeneck</em></p> <p>Ab Oktober 1939 ließen die Nazis in der heute <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Zentraldienststelle_T4">so benannten <strong>T4-Aktion</strong> (nach der Adresse der Berliner Mordbehörde in der <strong>Tiergartenstraße 4</strong></a>, unweit der heutigen <strong>Landesvertretung Baden-Württemberg</strong>) das <strong>Samariterstift Schloss Grafeneck</strong> von Nonnen und Pfleglingen räumen und wandelten es in <strong>eine Tötungsanstalt mit der ersten NS-Gaskammer</strong> um. Meist <strong>“graue Busse”</strong> mit verdunkelten Scheiben holten nun immer mehr Menschen mit Behinderungen, Erkrankungen und Traumatisierungen ab und brachten sie an bald mehrere T4-Mordstätten im Deutschen Reich.</p> <p>Und so erhielt auch Karl Eugens Bruder <strong>Anton Albus</strong> – als “Kronenwirt” – im Oktober 1940 überraschend ein Schreiben, wonach sein Bruder <em>“am 16. September 1940 auf ministerielle Anordnung gemäß Weisung des Reichsverteidigungskommissars in die hiesige Anstalt verlegt”</em> und <em>“am 3. Oktober 1940 in unserer Anstalt plötzlich und unerwartet an Lungenentzündung gestorben”</em> sei. Und wie die Nazis ihre Morde als <strong><em>Euthanasie</em> </strong>(griechisch: schöner Tod) verbrämten, so hieß es in dem Schreiben in kühler Brutalität:</p> <p><em>“Bei seiner schweren, geistigen Erkrankung bedeutete für den Verstorbenen das Leben eine Qual. So müssen Sie seinen Tod als eine Erlösung auffassen.”</em></p> <p>Wegen <em>“Seuchengefahr”</em> sei eine <em>“sofortige Einäscherung des Leichnams”</em> erfolgt und die Behörde bitte um Mitteilung <em>“an welchen Friedhof wir die Übersendung der Urne”</em> vornehmen sollten. Das Schreiben endete mit <em>“Heil Hitler!”</em></p> <p>Im Schwäbischen Tagblatt vom 13. November 2010 betitelte <strong>Willibald Ruscheinski</strong> nach Recherchen des Großneffen <strong>Alfons Bunk </strong>das Verbrechen an <strong>Karl Eugen Albus</strong> zutreffend mit: <strong><em>“Fürs Vaterland gelitten und von ihm ermordet”</em></strong>.</p> <p>Laut dem oben zitierten NS-Schreiben wurde <strong>Albus</strong> am 3. Oktober 1940 ermordet – der später zum deutschen Nationalfeiertag wurde. Und <a href="https://www.geschichte-abitur.de/quellenmaterial/quellen-drittes-reich/graf-von-galens-predigt-gegen-die-euthanasie">die spätere, mutige und berühmte Predigt des Bischofs <strong>Clemens Graf von Galen</strong> (1878 – 1946) gegen die sog. “Euthanasie” erfolgte am 3. August 1941</a>. Seit <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-hitzemord-these-wie-die-klimakrise-auch-den-genozid-am-ezidentum-befeuert/">dem Angriff des sog. Islamischen Staates / Daesh gegen das Ezidentum 2014 ist der 3. August auch der Genozid-Gedenktag für Ezidinnen und Eziden weltweit</a>.</p> <p>Wenn ich also davon spreche, dass es <em>“nur eine Menschenwürde gibt”</em> und <em>“wir alle in Gefahr sind, wenn einige von uns entrechtet werden”</em> – dann denke ich dabei auch an die Ermordeten damals und heute. Und beachten Sie bitte auch, dass <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-14-semiten-sklaven-chasaren-die-wurzeln-des-rassismus-im-16-jahrhundert/">schon der Rassismus ab dem 15. Jahrhundert Kinder mit Behinderungen nicht mehr als Menschen im Bilde Gottes, sondern als Verfluchte und Bestrafte bezeichnet hatte</a>. Auch christlich Getaufte konnten fortan aufgrund jüdischer Vorfahren als <em>“Kinder Sems”</em> vertrieben, verfolgt und ermordet, jene mit dunkler Haut als <em>“Kinder Hams”</em> versklavt, verkauft und ermordet und jene mit Behinderungen misshandelt, ausgesetzt, ermordet werden. Im wahnhaften, antisemitischen und rassistischen Dualismus der Nationalsozialisten war die Ermordung von behinderten, erkrankten, auch traumatisierten Menschen Aufgabe des <em>Reichsverteidigungskommissars</em>!</p> <p>Deswegen spreche ich<a href="https://www.bietigheimerzeitung.de/inhalt.bietigheim-bissingen-es-gibt-keine-menschenwuerde-erster-und-zweiter-klasse.db535c4d-a022-48ec-983f-d0175b15a027.html"> auch vor Schülerinnen und Schülern immer wieder darüber, dass es <strong><em>“keine Menschenwürde erster und zweiter Klasse”</em></strong> gibt und geben darf</a>. Immer wieder erzähle ich auch von der Gedenkstätte Grafeneck, von den dortigen Abertausenden Namen ganz verschiedener Menschen und vom “Alphabet-Garten”, der nach meiner Einschätzung perfekt an die jüdische Auslegung anschließt: So, wie die Zerstörung eines einzigen Buchstabens die Thora als Gesamtzusammenhang zerstört, so wird auch in jedem ermordeten Menschen die Gesamtheit der Menschheit zerstört.</p> <p><a href="https://gedenkstaette-grafeneck.de/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das Gedenk-Namensbuch und der Alphabet-Garten an der Gedenkstätte Grafeneck für die T4-NS-Ermordeten der sogenannten &quot;Euthanasie&quot;, fotografiert von Michael Blume." decoding="async" height="1920" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1237-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1237-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1237-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1237-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1237-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1237-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1237-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Das Namensbuch am Alphabet-Garten der Gedenkstätte Grafeneck, gewidmet den “bekannten und unbekannten Opfern der ‘Euthanasie'”. Links wird dabei die biblische Bedeutung der Erinnerung mit dem biblischen Vers Jesaja 43,1 betont: “Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.” und rechts unterstreicht eine jüdische Geschichte die Bedeutung jedes Buchstabens und jedes Menschen. Foto: Michael Blume</em></p> <p>In der bisher wichtigsten Rede meines Lebens am 9. November 2023 im Landtag von Baden-Württemberg drückte ich meine Erfahrungen und Beobachtungen so aus:</p> <p><em>“<strong>Wer den Antisemitismus nur der Jüdinnen und Juden zuliebe bekämpfen wollte, hat noch überhaupt nicht begriffen, wie gefährlich dieser Verschwörungsglauben ist!</strong> Ich sage das voller Ernst: Diejenigen von Ihnen und von uns, die sich glaubwürdig gegen jeden Antisemitismus engagieren, schützen am Ende des Tages auch das Leben derjenigen, die sich jetzt noch sicher und erhaben wähnen.</em></p> <p><em>Radikale Antisemiten sind nicht demokratie- und damit auch nicht friedensfähig. <strong>Der Antisemitismus bedroht uns alle. </strong>Wir müssen ihm tatsächlich mit allen Mitteln begegnen, im Notfall auch polizeilich, auch militärisch.”</em></p> <p>Deswegen möchte ich allen, die es noch nicht getan haben, <a href="https://gedenkstaette-grafeneck.de/">einen Besuch der bewegenden Gedenkstätte Grafeneck</a> und <a href="https://weremember.social/@gedenkstaette_grafeneck">ein Folgen ihres Mastodon-Accounts @gedenkstaette_grafeneck@weremember.social</a> von Herzen empfehlen.</p> <p><a href="https://weremember.social/@gedenkstaette_grafeneck" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Der Mastodon-Account der Gedenkstätte Grafeneck zeigt einen Gedenkpavillon und den Alphabet-Garten. Der Account-Name ist @gedenkstaette_grafeneck@weremember.social" decoding="async" height="786" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1125px) 100vw, 1125px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1427.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1427.jpeg 1125w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1427-300x210.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1427-1024x715.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1427-768x537.jpeg 768w" width="1125"></img></a></p> <p><em>Zu Recht hat auch die Gedenkstätte Grafeneck bereits eine starke Präsenz im konzernfreien Fediversum etabliert. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Zur <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zeitenwende-mit-solarpunk-allen-einen-guten-rosch-ins-jahr-2026/"><strong>Menschenwürde</strong> habe ich ja letztes Jahr eine These entwickelt</a>, die ich auch weiterhin vertreten möchte:</p> <p><em><strong>“Die unbedingte Menschenwürde mit gleichem Menschenrecht für alle bildet die gemeinsame Mitte aller aufgeklärten Religionen &amp; demokratischen Zivilreligionen.”</strong></em></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zeitenwende-mit-solarpunk-allen-einen-guten-rosch-ins-jahr-2026/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Einladung zum &quot;Gemeinsamen Festakt&quot; jüdischer, christlicher und ezidischer Religionsgemeinschaften zu Chanukka, Advent und Ida Ezi am 20. Dezember 2025 in Pforzheim." decoding="async" height="1920" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zeitenwende-mit-solarpunk-allen-einen-guten-rosch-ins-jahr-2026/">gemeinsame Festakt jüdischer, christlicher und ezidischer Religionsgemeinschaften am 20. Dezember 2025 in Pforzheim zu Chanukka, Advent und Ida Ezi</a> bestärkte mich in der gemeinsamen Hoffnung auf die interreligiöse, philosophische und rechtliche Anerkennung von Menschenwürde und Menschenrecht. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Entsprechend habe ich bereits <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/">zwei Podcast-Folgen von “Verschwörungsfragen”</a> dazu aufgenommen:</p> <p>In <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/65-neue-episode">Folge 65 spreche ich mit <strong>Thomas Stöckle</strong>, dem Leiter der <strong>Gedenkstätte Grafeneck</strong> und dem Jesiden <strong>Gohdar Alkaidy</strong> von der <em>„Stelle für Jesidische Angelegenheiten“ </em>am Gedenkort über die Bedeutung von Erinnerungskultur</a> für Heute und Morgen.</p> <p>Und <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/66-neue-episode">in Folge 66 spreche ich mit <strong>Jörg Müller</strong>, dem Präsidenten des Oberlandesgerichtes (OLG) Karlsruhe, über die Bedeutung des Fediversums, der Gewaltenteilung und den Kampf um den Erhalt der Menschenwürde</a> aller.</p> <p><a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/66-neue-episode" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Links Jörg Müller, Präsident des OLG Karlsruhe und rechts Dr. Michael Blume, Beauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben, vor den Fahnen der Europäischen Union, der Bundesrepublik Deutschland und des Landes Baden-Württemberg im Staatsministerium Baden-Württemberg." decoding="async" height="1600" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1247px) 100vw, 1247px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1027.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1027.jpeg 1247w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1027-234x300.jpeg 234w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1027-798x1024.jpeg 798w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1027-768x985.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1027-1197x1536.jpeg 1197w" width="1247"></img></a></p> <p><em>Bei einem Besuch von OLG-Präsident Jörg Müller vereinbarten wir auch <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/66-neue-episode">eine dialogische Folge von “Verschwörungsfragen”. Diese ging am 21.01.2026 online.</a> Foto: Staatsministerium Baden-Württemberg</em></p> <p>Aus meiner Sicht gilt erkenntnistheoretisch aus “<em>Zeit emergiert, aber wiederholt sich nicht.</em>” der Leitsatz echter Erinnerungskultur: <em>“<a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GeschichtewiederholtsichnichtGedenkstaettenRundschau.pdf">Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich</a>.”</em></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/CGAdbLHcWl8?feature=oembed" title="Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich. Zur Not-wendigen Funktion von Gedenkstätten" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-menschenwuerde-aller-zwei-podcasts-nach-grafeneck/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>39</slash:comments> </item> <item> <title>The Internet Chronicles – Part 7 of 12: The Tree the Internet Grows on https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-7-of-12-the-tree-the-internet-grows-on/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-7-of-12-the-tree-the-internet-grows-on/#respond Wed, 21 Jan 2026 13:00:00 +0000 Andrei Mihai https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14071 <h1>The Internet Chronicles – Part 7 of 12: The Tree the Internet Grows on - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>Previously, we watched Tim Berners-Lee knit the world together with the Web, giving us pages to browse and links to click. But a web of information is useless if the physical network carrying it collapses under its own weight. In the early days of the internet, this was a very real problem.</p> <p>The primary challenge was connectivity, but the next one was stability. As networks grew from a few dozen nodes in a single laboratory to thousands of nodes across a campus or city, the statistical probability of configuration errors, link failures, and topology loops approached certainty. Early networks were fragile; a single misconnected cable could create a feedback loop that would saturate the bandwidth of the entire system, bringing all communication to a halt (a phenomenon known as a broadcast storm).</p> <p>Hardware engineers struggled to fix this. They needed a way to build big, redundant networks that wouldn’t self-destruct. They needed a logic that could be scaled. Enter Radia Perlman, the mathematician who put the internet on a tree.</p> <div> <figure><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Radia_Perlman_2009.jpg"><img alt="a woman smiling with a book in her hands" decoding="async" src="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Radia_Perlman_2009-683x1024.jpg"></img></a><figcaption>Perlman in 2009. Image via Wikipedia (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Radia_Perlman#/media/File:Radia_Perlman_2009.jpg">CC BY 3.0</a>)</figcaption></figure></div> <h3 id="h-the-reluctant-engineer">The Reluctant Engineer </h3> <p>Radia Perlman <a href="https://www.captechu.edu/blog/dr-radia-perlman-one-of-first-female-programmers-and-inventor-internets-protocols" rel="noreferrer noopener" target="_blank">did well in school</a> and liked math and physics, but she did not originally intend to be a network engineer. In fact, growing up in New Jersey in the 1950s, she found the “gadget-obsessed” culture of early computing a bit weird. Computer people liked to take things apart and tinker. Perlman liked puzzles and mathematics more.</p> <p>“I was not a hands-on type person. It never occurred to me to take anything apart. I assumed I’d either get electrocuted, or I’d break something,” <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Radia_Perlman" rel="noreferrer noopener" target="_blank">she recalled</a>, but she did take a programming class in high-school (where she was <a href="https://alum.mit.edu/slice/does-internet-have-mother" rel="noreferrer noopener" target="_blank">the only woman</a>). Yet, as a graduate of MIT, she continued to engage with computers. She developed a child-friendly version of the educational robotics language LOGO, called TORTIS (“Toddler’s Own Recursive Turtle Interpreter System”), becoming a pioneer in teaching children computer science.<aside></aside></p> <p>Working with three-year-olds taught Perlman a lesson that would define the modern internet: Systems must be “child-proof.” Toddlers are agents of chaos. They push buttons simultaneously; they hit things repeatedly; they do the unexpected. Internet users are not that different in some regards. A good system has to handle “garbage” input without crashing. She also observed that children learned best with minimal human interference, and tried to apply this principle to the network.</p> <p>She believed that network switches should be “plug and play” – so robust that you could connect them in any messy configuration and they would just work, without a human having to type a single command.</p> <p>But this was, of course, easier said than done.</p> <h3 id="a-poem-for-the-network">A Poem for the Network</h3> <p>After graduating, Perlman worked in local network equipment and, in 1980, made an impression on a manager for Digital Equipment Corporation, one of the leading players in computer technology at the time. She joined the firm, but her approach was still mathematical. A network was a mathematical graph, a collection of nodes and edges that needed to obey strict logical rules. The cables and everything else were secondary.</p> <p>Management gave Perlman a tough assignment: Design a protocol that allows bridges (early switches) to automatically discover the network topology and block loops, all while running within constant memory limits. It was a complex problem and she was not the first one to try to tackle it.</p> <p>Perlman solved it in a week. Some “urban legends” that we could not verify claim she figured out the core concept in a single evening. However fast it was, the solution was the Spanning Tree Protocol (STP). </p> <p>STP’s core approach was pure graph theory. Perlman thought that no matter how messy the physical network was, it should not look like a spiderweb of redundant cables, but rather as a tree that has a root and branches, but no loops.</p> <div> <figure><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Spanning_tree_protocol_at_work_5.svg.png"><img alt="schematic showing spanning tree protocol" decoding="async" src="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Spanning_tree_protocol_at_work_5.svg-1024x1024.png"></img></a><figcaption>Bridges with Spanning Tree Protocol implementation in a local area network (LAN). One bridge is the STP root bridge. All bridge ports that connect a link between two bridges are either a root port (RP), a designated port (DP), or a blocked port (BP). Image via Wikipedia (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Spanning_Tree_Protocol#/media/File:Spanning_tree_protocol_at_work_5.svg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY 3.0</a>)</figcaption></figure></div> <p>The first stage is a bit like an election. Every switch claims to be the “Root.” They shout this claim to their neighbors and start verifying their level. If a switch hears a neighbor with a lower ID number, it admits defeat and acknowledges the neighbor as the superior path. Eventually, everyone agrees on one Root Bridge. They then calculate the shortest path to that root. </p> <p>Each bridge identifies which of its ports offers the “least cost” path to the Root. Cost is typically based on link speed (e.g., a 10Mbps link has a lower cost than a 1Mbps link). On every individual network segment (the wire connecting two bridges), there can be only one bridge responsible for forwarding traffic to and from that segment.</p> <p>The key detail was that any connection not part of this shortest path was put into a “Blocking State”. It simply sits silent, acting as a backup. If the main cable is cut (or chewed by a rat), the silent port wakes up and restores the connection.</p> <p>It was a deterministic and self-stabilizing approach, exactly what was recommended for the scaling of the internet.</p> <div> <figure><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Spanning_tree_protocol_at_work_6.svg.png"><img alt="schematic showing how spanning tree protocol deals with failures" decoding="async" src="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Spanning_tree_protocol_at_work_6.svg-1024x1024.png"></img></a><figcaption>After link failure the spanning tree algorithm computes and spans a new least-cost tree.</figcaption></figure></div> <p>Networks (especially large-scale networks) are challenging to conceptualize. Drawing from her pedagogical experience, Perlman also wrote (in addition to technical specifications) a poem, the “<a href="https://courses.cs.washington.edu/courses/cse461/14sp/lectures/spanningtreepoem.txt" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Algorhyme</a>,” which she embedded in the code’s header. In twelve lines, she encapsulated the entire logic of the algorithm.</p> <p><em>I think that I shall never see </em><p><em>A graph more lovely than a tree. </em><em>A tree whose crucial property </em><em>Is loop-free connectivity. </em><em>A tree that must be sure to span </em><em>So packets can reach every LAN. </em><em>First, the root must be selected. </em><em>By ID, it is elected. </em><em>Least-cost paths from root are traced. </em><em>In the tree, these paths are placed. </em><em>A mesh is made by folks like me, </em><em>Then bridges find a spanning tree. </em></p></p> <h3 id="beyond-the-tree">Beyond the Tree</h3> <p>This protocol essentially defined the scaling of the internet for almost two decades. It was only in 2001 that the <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/IEEE" rel="noreferrer noopener" target="_blank">IEEE</a> introduced Rapid Spanning Tree Protocol (RSTP) as 802.1w to replace the original STP. RSTP was designed to be backwards-compatible with standard STP and was substantially faster.</p> <p>But in the meantime, Perlman continued to bring key innovations for the internet and networks in general.</p> <p>The STP works at the so-called “Layer 2” of networking. It handles data transfers between devices on the same physical network (like your home Wi-Fi or an office LAN). It uses MAC addresses (burned into the hardware) to identify devices and the key hardware here is the switch (historically called a bridge). The superior “Layer 3” handles routing, which is moving data between different networks (internetworking) to reach a final destination. It uses IP addresses (like logical coordinates) and the key hardware is the router.</p> <p>In the 1980s, the dominant routing protocol was RIP (Routing Information Protocol), which used a “distance vector” algorithm (based on the <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Bellman%E2%80%93Ford_algorithm" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Bellman-Ford algorithm</a>). This protocol suffered from slow convergence and the “count to infinity” problem (where bad information loops between routers).</p> <p>Perlman championed a different approach called link-state routing. In this model, every router builds a complete, identical map of the entire network. She was the principal designer of the IS-IS protocol, which introduced a game-changing concept: TLV (Type-Length-Value) encoding.</p> <p>Before this, data packets were rigid. If you wanted to add a new feature, you had to redesign the whole packet. Perlman made them flexible. The “Type” told the router what the data was, the “Length” told it how long it was, and the “Value” was the data itself. If a router saw a “Type” it didn’t understand, it could just skip over that “Length” and keep reading.</p> <p>This approach is still used today as the backbone for <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Internet_backbone" rel="noreferrer noopener" target="_blank">major Internet Service Providers</a>. When the world needed to <a href="https://ui.adsabs.harvard.edu/abs/2014arXiv1410.2013A/abstract" rel="noreferrer noopener" target="_blank">switch from IPv4 to IPv6</a> (core internet protocols used for identifying and locating devices on a network), IS-IS adapted easily because of Perlman’s extensible design, while other protocols like OSPF (which she also influenced) had to be rewritten.</p> <h3 id="the-internet-as-a-lasagna">The Internet as a Lasagna</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram.png"><img alt="a graph depicting the structure of the internet with multiple types of devices." decoding="async" fetchpriority="high" height="671" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram-1024x671.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram-1024x671.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram-300x197.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram-768x503.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram.png 1300w" width="1024"></img></a><figcaption>Nowadays, the internet must connect multiple types of devices. But the main structure Perlman proposed is still in use. Image credits: Wikipedia (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Home_LAN_local_area_network_example_diagram.png" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY 3.0</a>)</figcaption></figure></div> <p>In an <a href="https://www.reddit.com/r/IAmA/comments/xl6cc4/i_am_radia_perlman_the_network_engineer_behind/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Ask Me Anything (AMA) on Reddit</a> from 2022, Perlman shared some of her insights and impressions about her work, her life, and the internet. When prompted by the classic “lasagna question” (if you stack two lasagnas on top of each other, do they become one lasagna), she explained why the term “internet” is actually a really unfortunate one.</p> <p>“I’ve always hated the term “Internet” … to me, if you have two networks, and connect them, you don’t get an “Internet” … you get a bigger network. So I’d say that two lasagnas stacked on top of each other are just a taller lasagna. Unless it overflows your pan, in which case you get a lasagna and a messy oven.”</p> <p>In the same AMA, Perlman goes on to give several nuggets of wisdom, including one that may be useful for Young Researchers attending the Heidelberg Laureate Forum (HLF) as well:</p> <p>“Self-confidence is important, but it’s hard to force that on yourself. Perhaps find people that you feel comfortable asking questions of. I’m glad I had a math background (rather than majoring in CS), because math makes you think cleanly. CS has a lot of meaningless buzzwords, which drive me crazy.</p> <p>“But again … what are you really good and passionate about? Find a way to leverage those skills in a networking career. The more different you are from the majority of other people in the skills, the more valuable you will be.”</p> <p>Perlman went on to hold over 200 patents and influence other key protocols and algorithms. In recent times, she has turned a critical eye on blockchain and the alleged promise it holds. But in the early days of the STP, the internet was finally ready to truly take off. There was only one major problem: How do you keep it safe? This is where two familiar HLF faces (Martin Hellman and Whitfield Diffie) will come in.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>The Internet Chronicles – Part 7 of 12: The Tree the Internet Grows on - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>Previously, we watched Tim Berners-Lee knit the world together with the Web, giving us pages to browse and links to click. But a web of information is useless if the physical network carrying it collapses under its own weight. In the early days of the internet, this was a very real problem.</p> <p>The primary challenge was connectivity, but the next one was stability. As networks grew from a few dozen nodes in a single laboratory to thousands of nodes across a campus or city, the statistical probability of configuration errors, link failures, and topology loops approached certainty. Early networks were fragile; a single misconnected cable could create a feedback loop that would saturate the bandwidth of the entire system, bringing all communication to a halt (a phenomenon known as a broadcast storm).</p> <p>Hardware engineers struggled to fix this. They needed a way to build big, redundant networks that wouldn’t self-destruct. They needed a logic that could be scaled. Enter Radia Perlman, the mathematician who put the internet on a tree.</p> <div> <figure><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Radia_Perlman_2009.jpg"><img alt="a woman smiling with a book in her hands" decoding="async" src="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Radia_Perlman_2009-683x1024.jpg"></img></a><figcaption>Perlman in 2009. Image via Wikipedia (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Radia_Perlman#/media/File:Radia_Perlman_2009.jpg">CC BY 3.0</a>)</figcaption></figure></div> <h3 id="h-the-reluctant-engineer">The Reluctant Engineer </h3> <p>Radia Perlman <a href="https://www.captechu.edu/blog/dr-radia-perlman-one-of-first-female-programmers-and-inventor-internets-protocols" rel="noreferrer noopener" target="_blank">did well in school</a> and liked math and physics, but she did not originally intend to be a network engineer. In fact, growing up in New Jersey in the 1950s, she found the “gadget-obsessed” culture of early computing a bit weird. Computer people liked to take things apart and tinker. Perlman liked puzzles and mathematics more.</p> <p>“I was not a hands-on type person. It never occurred to me to take anything apart. I assumed I’d either get electrocuted, or I’d break something,” <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Radia_Perlman" rel="noreferrer noopener" target="_blank">she recalled</a>, but she did take a programming class in high-school (where she was <a href="https://alum.mit.edu/slice/does-internet-have-mother" rel="noreferrer noopener" target="_blank">the only woman</a>). Yet, as a graduate of MIT, she continued to engage with computers. She developed a child-friendly version of the educational robotics language LOGO, called TORTIS (“Toddler’s Own Recursive Turtle Interpreter System”), becoming a pioneer in teaching children computer science.<aside></aside></p> <p>Working with three-year-olds taught Perlman a lesson that would define the modern internet: Systems must be “child-proof.” Toddlers are agents of chaos. They push buttons simultaneously; they hit things repeatedly; they do the unexpected. Internet users are not that different in some regards. A good system has to handle “garbage” input without crashing. She also observed that children learned best with minimal human interference, and tried to apply this principle to the network.</p> <p>She believed that network switches should be “plug and play” – so robust that you could connect them in any messy configuration and they would just work, without a human having to type a single command.</p> <p>But this was, of course, easier said than done.</p> <h3 id="a-poem-for-the-network">A Poem for the Network</h3> <p>After graduating, Perlman worked in local network equipment and, in 1980, made an impression on a manager for Digital Equipment Corporation, one of the leading players in computer technology at the time. She joined the firm, but her approach was still mathematical. A network was a mathematical graph, a collection of nodes and edges that needed to obey strict logical rules. The cables and everything else were secondary.</p> <p>Management gave Perlman a tough assignment: Design a protocol that allows bridges (early switches) to automatically discover the network topology and block loops, all while running within constant memory limits. It was a complex problem and she was not the first one to try to tackle it.</p> <p>Perlman solved it in a week. Some “urban legends” that we could not verify claim she figured out the core concept in a single evening. However fast it was, the solution was the Spanning Tree Protocol (STP). </p> <p>STP’s core approach was pure graph theory. Perlman thought that no matter how messy the physical network was, it should not look like a spiderweb of redundant cables, but rather as a tree that has a root and branches, but no loops.</p> <div> <figure><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Spanning_tree_protocol_at_work_5.svg.png"><img alt="schematic showing spanning tree protocol" decoding="async" src="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Spanning_tree_protocol_at_work_5.svg-1024x1024.png"></img></a><figcaption>Bridges with Spanning Tree Protocol implementation in a local area network (LAN). One bridge is the STP root bridge. All bridge ports that connect a link between two bridges are either a root port (RP), a designated port (DP), or a blocked port (BP). Image via Wikipedia (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Spanning_Tree_Protocol#/media/File:Spanning_tree_protocol_at_work_5.svg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY 3.0</a>)</figcaption></figure></div> <p>The first stage is a bit like an election. Every switch claims to be the “Root.” They shout this claim to their neighbors and start verifying their level. If a switch hears a neighbor with a lower ID number, it admits defeat and acknowledges the neighbor as the superior path. Eventually, everyone agrees on one Root Bridge. They then calculate the shortest path to that root. </p> <p>Each bridge identifies which of its ports offers the “least cost” path to the Root. Cost is typically based on link speed (e.g., a 10Mbps link has a lower cost than a 1Mbps link). On every individual network segment (the wire connecting two bridges), there can be only one bridge responsible for forwarding traffic to and from that segment.</p> <p>The key detail was that any connection not part of this shortest path was put into a “Blocking State”. It simply sits silent, acting as a backup. If the main cable is cut (or chewed by a rat), the silent port wakes up and restores the connection.</p> <p>It was a deterministic and self-stabilizing approach, exactly what was recommended for the scaling of the internet.</p> <div> <figure><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Spanning_tree_protocol_at_work_6.svg.png"><img alt="schematic showing how spanning tree protocol deals with failures" decoding="async" src="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Spanning_tree_protocol_at_work_6.svg-1024x1024.png"></img></a><figcaption>After link failure the spanning tree algorithm computes and spans a new least-cost tree.</figcaption></figure></div> <p>Networks (especially large-scale networks) are challenging to conceptualize. Drawing from her pedagogical experience, Perlman also wrote (in addition to technical specifications) a poem, the “<a href="https://courses.cs.washington.edu/courses/cse461/14sp/lectures/spanningtreepoem.txt" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Algorhyme</a>,” which she embedded in the code’s header. In twelve lines, she encapsulated the entire logic of the algorithm.</p> <p><em>I think that I shall never see </em><p><em>A graph more lovely than a tree. </em><em>A tree whose crucial property </em><em>Is loop-free connectivity. </em><em>A tree that must be sure to span </em><em>So packets can reach every LAN. </em><em>First, the root must be selected. </em><em>By ID, it is elected. </em><em>Least-cost paths from root are traced. </em><em>In the tree, these paths are placed. </em><em>A mesh is made by folks like me, </em><em>Then bridges find a spanning tree. </em></p></p> <h3 id="beyond-the-tree">Beyond the Tree</h3> <p>This protocol essentially defined the scaling of the internet for almost two decades. It was only in 2001 that the <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/IEEE" rel="noreferrer noopener" target="_blank">IEEE</a> introduced Rapid Spanning Tree Protocol (RSTP) as 802.1w to replace the original STP. RSTP was designed to be backwards-compatible with standard STP and was substantially faster.</p> <p>But in the meantime, Perlman continued to bring key innovations for the internet and networks in general.</p> <p>The STP works at the so-called “Layer 2” of networking. It handles data transfers between devices on the same physical network (like your home Wi-Fi or an office LAN). It uses MAC addresses (burned into the hardware) to identify devices and the key hardware here is the switch (historically called a bridge). The superior “Layer 3” handles routing, which is moving data between different networks (internetworking) to reach a final destination. It uses IP addresses (like logical coordinates) and the key hardware is the router.</p> <p>In the 1980s, the dominant routing protocol was RIP (Routing Information Protocol), which used a “distance vector” algorithm (based on the <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Bellman%E2%80%93Ford_algorithm" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Bellman-Ford algorithm</a>). This protocol suffered from slow convergence and the “count to infinity” problem (where bad information loops between routers).</p> <p>Perlman championed a different approach called link-state routing. In this model, every router builds a complete, identical map of the entire network. She was the principal designer of the IS-IS protocol, which introduced a game-changing concept: TLV (Type-Length-Value) encoding.</p> <p>Before this, data packets were rigid. If you wanted to add a new feature, you had to redesign the whole packet. Perlman made them flexible. The “Type” told the router what the data was, the “Length” told it how long it was, and the “Value” was the data itself. If a router saw a “Type” it didn’t understand, it could just skip over that “Length” and keep reading.</p> <p>This approach is still used today as the backbone for <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Internet_backbone" rel="noreferrer noopener" target="_blank">major Internet Service Providers</a>. When the world needed to <a href="https://ui.adsabs.harvard.edu/abs/2014arXiv1410.2013A/abstract" rel="noreferrer noopener" target="_blank">switch from IPv4 to IPv6</a> (core internet protocols used for identifying and locating devices on a network), IS-IS adapted easily because of Perlman’s extensible design, while other protocols like OSPF (which she also influenced) had to be rewritten.</p> <h3 id="the-internet-as-a-lasagna">The Internet as a Lasagna</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram.png"><img alt="a graph depicting the structure of the internet with multiple types of devices." decoding="async" fetchpriority="high" height="671" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram-1024x671.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram-1024x671.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram-300x197.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram-768x503.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram.png 1300w" width="1024"></img></a><figcaption>Nowadays, the internet must connect multiple types of devices. But the main structure Perlman proposed is still in use. Image credits: Wikipedia (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Home_LAN_local_area_network_example_diagram.png" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY 3.0</a>)</figcaption></figure></div> <p>In an <a href="https://www.reddit.com/r/IAmA/comments/xl6cc4/i_am_radia_perlman_the_network_engineer_behind/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Ask Me Anything (AMA) on Reddit</a> from 2022, Perlman shared some of her insights and impressions about her work, her life, and the internet. When prompted by the classic “lasagna question” (if you stack two lasagnas on top of each other, do they become one lasagna), she explained why the term “internet” is actually a really unfortunate one.</p> <p>“I’ve always hated the term “Internet” … to me, if you have two networks, and connect them, you don’t get an “Internet” … you get a bigger network. So I’d say that two lasagnas stacked on top of each other are just a taller lasagna. Unless it overflows your pan, in which case you get a lasagna and a messy oven.”</p> <p>In the same AMA, Perlman goes on to give several nuggets of wisdom, including one that may be useful for Young Researchers attending the Heidelberg Laureate Forum (HLF) as well:</p> <p>“Self-confidence is important, but it’s hard to force that on yourself. Perhaps find people that you feel comfortable asking questions of. I’m glad I had a math background (rather than majoring in CS), because math makes you think cleanly. CS has a lot of meaningless buzzwords, which drive me crazy.</p> <p>“But again … what are you really good and passionate about? Find a way to leverage those skills in a networking career. The more different you are from the majority of other people in the skills, the more valuable you will be.”</p> <p>Perlman went on to hold over 200 patents and influence other key protocols and algorithms. In recent times, she has turned a critical eye on blockchain and the alleged promise it holds. But in the early days of the STP, the internet was finally ready to truly take off. There was only one major problem: How do you keep it safe? This is where two familiar HLF faces (Martin Hellman and Whitfield Diffie) will come in.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-7-of-12-the-tree-the-internet-grows-on/#respond 0 Neue Studie: Repräsentativität in der Antidepressiva-Forschung lässt zu wünschen übrig https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neue-studie-repraesentativitaet-in-der-antidepressiva-forschung-laesst-zu-wuenschen-uebrig/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neue-studie-repraesentativitaet-in-der-antidepressiva-forschung-laesst-zu-wuenschen-uebrig/#comments Tue, 20 Jan 2026 12:00:14 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3514 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/medicines-1756239_1920-768x498.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neue-studie-repraesentativitaet-in-der-antidepressiva-forschung-laesst-zu-wuenschen-uebrig/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/medicines-1756239_1920.jpg" /><h1>Neue Studie: Repräsentativität in der Antidepressiva-Forschung lässt zu wünschen übrig » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Obwohl psychische Störungen immer häufiger und intensiver behandelt werden, nimmt deren gesellschaftliche Krankheitslast immer weiter zu. Wie kann das sein?</strong></p> <span id="more-3514"></span> <p>Es wird schon seit längerer Zeit kritisiert, dass die klinische Forschung zu Psychopharmaka nicht repräsentativ genug ist. Zum Beispiel würden aus den Medikamentenstudien Personen mit mehreren Diagnosen ausgeschlossen. Sie seien “zu komplex” und würden die Ergebnisse verzerren.</p> <p>In der Praxis haben die Patientinnen und Patienten aber oft mehrere psychologisch-psychiatrische Störungen, Stichwort “Komorbidität”, oder körperliche Erkrankungen. Die Realität ist eben oft komplexer, als das für die Datenauswertung wünschenswert ist. Eine neue Studie gibt nun Hinweise darauf, wie groß das Problem ist.</p> <p>Zunächst soll aber kurz – auch aus eigener Erfahrung – erklärt werden, warum Komplexität ein Problem für die Forschung ist. Denn dann versteht man besser, warum es gerade in Studien mit finanziellen Interessen ein Bedürfnis nach Einfachheit gibt.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em><aside></aside></p> <hr></hr> <h2 id="h-nicht-zu-viel-variabilitat">Nicht zu viel Variabilität</h2> <p>In der experimentellen Forschung mit Menschen braucht man neben guten Ideen natürlich vor allem eins: viele Versuchspersonen. In meiner Zeit als Doktorand in zwei psychiatrischen Universitätskliniken war es üblich, dass man einander hilft. Da legte man sich für die Tests der anderen zum Beispiel in die Röhre des funktionellen Magnetresonanztomografen (fMRT). Umgekehrt halfen die anderen einem, wenn man selbst einen Versuch entwickelte.</p> <p>Es gibt im Leben aber auch Schöneres, als oft in so einer engen Röhre zu liegen. Wohlgemerkt, während mit elektromagnetischen Feldern das Körpergewebe (hier: des Gehirns) in kleine Scheiben unterteilt wird. Damit misst man die magnetische Resonanz, die dem Verfahren den Namen gibt. Die Geschwindigkeit, mit der das geschehen muss, erzeugt dabei viel Lärm.</p> <p>Anders gesagt: Es wäre nicht ganz unpraktisch, eine sozial akzeptierte Ausrede zu haben, um an solchen Versuchen <em>nicht</em> teilnehmen zu müssen. Und da kam mir meine Veranlagung als Linkshänder zur Hilfe: Wenn ich also gefragt wurde, ob ich wieder an einem Versuch teilnehmen würde, hob ich die linke Hand und sagte: “Natürlich helfe ich dir gerne. Aber du weißt schon, dass ich Linkshänder bin und das deine Varianz erhöht?” Damit war die Sache in 80 Prozent der Fälle erledigt.</p> <p>Bei der Untersuchung von Frauen gab es eine Vorliebe für diejenigen, die hormonell verhüteten, also “die Pille” nahmen. Denn auch mit dem Hormonzyklus gehen Veränderungen in den Messungen einher, die die Variabilität erhöhen.</p> <p>Sogar in der Tierforschung mit Mäusen und Ratten gibt es eine Vorliebe für die Männchen. Diese sind günstiger in der Haltung – und haben nicht die hormonellen Schwankungen der Weibchen. In den letzten Jahren wird diese Einseitigkeit aber immer stärker kritisiert, auch zu Recht.</p> <h2 id="h-reprasentativitat">Repräsentativität</h2> <p>Für Grundlagenforschung und zur Gewinnung neuer Hypothesen mag man solche Vereinfachungen noch akzeptieren. Mich wunderte, dass man in der Öffentlichkeit diesen Mythos verbreitete, mit der fMRT “dem Gehirn beim Denken zuzuschauen”, während tatsächlich schon Linkshänder oder Frauen ohne hormonelle Verhütung eine Gefahr für die Messergebnisse darstellten.</p> <p>Man sucht in der Forschung spezifische Effekte zu seiner Hypothese. Da stören Faktoren wie die Händigkeit oder Hormonschwankungen nur – sofern es im Experiment nicht genau darum geht. Streng genommen müsste man solche individuellen Unterschiede zwischen den Versuchspersonen in das statistische Modell aufnehmen, um unerklärte Variabilität zu vermeiden. Denn diese verschlechtert die Ergebnisse. In der Praxis bevorzugt man aber lieber eine gleichförmige Gruppe von Versuchspersonen.</p> <p>Das führt dann zu der häufigen Kritik, dass in der psychologischen oder experimentell-medizinischen Forschung zu oft die eigenen Studierenden untersucht werden. Daher würden die Ergebnisse nur eine kleine, in diesem Fall auch noch privilegierte Gruppe widerspiegeln, die “WEIRD People” (im Englischen für: westlich, gebildet, industrialisiert, reich und demokratisch). Zum Vergleich: Bei Wahlumfragen wäre es zwar praktisch, einfach bei den Nachbarn zu klingeln. Aber das würde eben keine zuverlässigen Ergebnisse für das ganze Land liefern.</p> <p>Deshalb ist die Frage der Repräsentativität bei klinischer Forschung besonders wichtig. Denn die Therapien werden ja nicht nur “idealen Personen” verordnet. Sowohl in der Ärzteschaft als auch für Patientinnen und Patienten sollten daher zuverlässige und aussagekräftige Daten zur Verfügung stehen. Wir wissen außerdem, dass <em>jede</em> Behandlung mit bestimmten Risiken einhergeht. Diese muss man gegen den zu erwartenden Nutzen abwägen. Und hierfür muss man richtig informiert sein.</p> <h2 id="h-neue-studie">Neue Studie</h2> <p>Um das Problem besser zu verstehen, hat ein internationales Forschungsteam jetzt die Daten von rund 210.000 Personen aus Finnland und Schweden mit einer depressiven Störung ausgewertet. Die Ergebnisse erschienen am 14. Januar <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/wps.70013">vorab online</a> in der wichtigen Fachzeitschrift <em>World Psychiatry</em>.</p> <p>Demnach wurden etwas mehr als ein Drittel der Betroffenen – 33,5 Prozent in der finnischen und 35,3 Prozent in der schwedischen Gruppe – systematisch aus der Antidepressiva-Forschung ausgegrenzt. Die häufigsten Gründe hierfür waren: das Vorliegen einer körperlichen Erkrankung sowie einer anderen psychologisch-psychiatrischen Störung, darunter auch problematischer Drogenkonsum. Wenn man die körperlichen Erkrankungen etwas weiter fasste, verschwanden sogar fast 50 Prozent der Patientinnen und Patienten vom Radar der Forschung.</p> <p>Mitunter wird hierauf erwidert, die Studien würden eben den <em>spezifischen</em> Effekt von Antidepressiva bei Depressionen untersuchen. Um Wechselwirkungen mit anderen Erkrankungen zu vermeiden, müsse man die komplexeren Fälle ausschließen.</p> <p>Diesen Einwand könnte man meiner Meinung nach in einer experimentellen Anfangsphase gelten lassen. Die Medikamente, um die es hier geht, werden aber seit über 40 Jahren verschrieben. Und sogar heute noch steigt die Anzahl der Verschreibungen stetig, auf inzwischen über 1,8 Milliarden Tagesdosen allein in Deutschland.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva.jpg"><img alt="" decoding="async" height="593" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva-1024x593.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva-1024x593.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva-300x174.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva-768x445.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva.jpg 1385w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Im hier dargestellten Zeitraum hat sich die Verschreibung der sogenannten Antidepressiva (schwarze Linie) in Deutschland in etwa verelffacht. Die Verschreibung von Beruhigungsmitteln (graue Linie) nahm währenddessen ab. Heute werden die Antidepressiva – vor allem Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer – nicht nur oft bei depressiven Störungen, sondern auch Angst- und Zwangsstörungen verschrieben. Datenquelle: Arzneiverordnungs-Report</em></p> <h2 id="h-die-schwersten-probleme">Die schwersten Probleme</h2> <p>Der beschriebene Ausschluss hat aber – neben der geringeren Repräsentativität – noch eine andere Folge: Mit den komplexeren Fällen werden nämlich auch die Patientinnen und Patienten <em>mit den schwersten Depressionen</em> aus der Forschung ausgegrenzt. Die hatten laut der Studie nämlich eine zwei- bis dreimal so hohe Wahrscheinlichkeit für eine Krankenhausaufnahme, einen Suizidversuch oder gar den Tod innerhalb der nächsten sechs Monate.</p> <p><em>Haben Sie Suizidgedanken? Zum Beispiel die Telefonseelsorge (0800 111 0 111) oder Nummer gegen Kummer (116 111) können helfen. Im Notfall können Sie auch den Notruf wählen.</em></p> <p>Demnach gibt es gerade für diejenigen, die am meisten auf eine wirksame Therapie angewiesen sind, am wenigsten Daten. Dass die Wirksamkeit der Medikamente in der Praxis eher bescheiden ausfällt, überrascht dann nicht – und wurde in meinem Blog übrigens <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/groesstenteils-nutzlos-und-potenziell-schaedlich/">schon 2018 thematisiert</a>.</p> <h2 id="h-begriff-der-antidepressiva">Begriff der Antidepressiva</h2> <p>In den letzten Jahren wurde der Begriff “Antidepressiva” auch aus pharmakologischer Sicht kritisiert. Die Mittel werden inzwischen nämlich für eine Vielzahl von psychologisch-psychiatrischen Störungen verschrieben. Im Arzneiverordnungs-Report ist sogar von einer “dramatischen Erweiterung” die Rede:</p> <blockquote> <p>“Ursprünglich wurden diese Arzneistoffe zur Therapie der Depression eingesetzt. In den letzten Jahren hat sich jedoch eine dramatische Erweiterung des Indikationsspektrums für die Antidepressiva entwickelt. Sie werden unter anderem auch zur Therapie von Angststörungen, Zwangserkrankungen, Panikstörungen, posttraumatischem Stress-Syndrom und neuropathischen Schmerzen eingesetzt. Also muss der Arzt bei diesen Indikationen, wenn er ein Antidepressivum verschreibt, dem Patienten unter Umständen klarmachen, dass er keine Depression habe, sondern die verschriebenen Arzneistoffe auch bei anderen Erkrankungen wirksam sind. Der Patient wird oft irritiert sein und dann beim Recherchieren im Internet feststellen, dass die Depression als Hauptindikation für Antidepressiva gelistet wird.” (Arzneiverordnungs-Report 2021, S. 111f.)</p> </blockquote> <p>Anders gesagt: Weil diese Mittel “Antidepressiva” heißen und viele Patientinnen und Patienten lieber nicht mit depressiven Störungen in Zusammenhang gebracht werden, lehnen sie diese Medikamente häufiger ab. Als Alternative wird darum nun aus pharmakologischer Sicht vorgeschlagen, von “Serotonin- oder Noradrenalin-Verstärkern” zu reden. Damit beschreibt man eher, wie die Substanzen im Körper wirken.</p> <p>Darüber, was sie <em>mit der Psyche</em> der Betroffenen machen, ist übrigens erstaunlich wenig bekannt. In den Wirksamkeitsstudien wird untersucht, wie groß der Unterschied auf einer standardisierten Depressions-Skala ist. Damit wird zum Beispiel abgefragt, wie niedergeschlagen man sich fühlt oder wie aktiv man am Leben teilnimmt. Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit sind die Kernsymptome der depressiven Störung.</p> <p>Eine der wenigen mit kritischer Haltung in der psychiatrischen Forschung, Joanna Moncrieff, Professorin am University College London, wollte es genauer wissen. Nach jahrelangem Studium zieht sie das Fazit, dass die genannten Medikamente vor allem Gefühle unterdrücken und manchmal auch eine aktivierende Wirkung haben. In ihrem neuen Buch <em>Chemically Imbalanced: The Making and Unmaking of the Serotonin Myth</em> räumt sie mit so manchem Mythos auf, wie zum Beispiel dem, die Substanzen würden ein neurochemisches Ungleichgewicht im Gehirn korrigieren.</p> <h2 id="h-neu-woruber-psychiater-ungern-sprechen">Mehr zum Thema</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></p> <h2 id="h-in-der-summe">In der Summe</h2> <p>Das wäre vielleicht alles halb so wild, ging es nicht um so viele Personen. Die 1,8 Milliarden Tagesdosen reichen für die tägliche Behandlung von 5 Millionen Menschen. In machen Ländern, allen voran die USA, werden pro Kopf noch viel mehr Psychopharmaka verschrieben. Dort ist der Pharma-Markt weniger streng reguliert und dürfen die Unternehmen ihre Medikamente sogar öffentlich bewerben,</p> <p>Und es wäre auch nur halb so wild, würden die psychischen Probleme nicht immer größer: Obwohl wir immer mehr für die mentale Gesundheit tun, ausgeben und therapieren, nimmt die mit ihnen verbundene Krankheitslast zu; es gibt zum Beispiel immer mehr Krankheitstage und längerfristige Arbeitsunfähigkeiten im Zusammenhang mit psychologisch-psychiatrischen Störungen. Zu glauben, dass immer mehr Aufmerksamkeit, Stichwort Influencer und “Mental Health Awareness”, die Probleme verringern, ist naiv.</p> <p>Leider zeichnen sich in den letzten Jahren auch die Schattenseiten der Medikamente immer deutlicher ab: Aber die Nebenwirkungen und das Abhängigkeitsrisiko sind ein komplexes Thema für sich. Zur Orientierung ist die ARD-Dokumentation <a href="https://www.ardmediathek.de/video/dokumentation-und-reportage/tabletten-gegen-depressionen-helfen-antidepressiva/das-erste/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3JlcG9ydGFnZSBfIGRva3VtZW50YXRpb24gaW0gZXJzdGVuLzIwMjItMDktMTJfMjMtMDUtTUVTWg">Tabletten gegen Depressionen – helfen Antidepressiva?</a> aus dem Jahr 2022 immer noch zu empfehlen. Mir bleibt vor allem die Psychotherapeutin in lebhafter Erinnerung, die die kritischen Berichte ihrer Patientinnen und Patienten lange Zeit nicht ernst nahm. Vor laufender Kamera gesteht sie ihre eigene Abhängigkeit, dass sie selbst gerne die “Antidepressiva” absetzen würde, doch es ihr nicht gelingt.</p> <p>Mit der neuen Studie der finnischen und schwedischen Daten wird konkreter, wie verzerrt die Datenlage zu den sogenannten Antidepressiva ist. In den Worten der Forscherinnen und Forscher:</p> <blockquote> <p>“Wir kommen zu dem Schluss, dass umfassendere Einschlusskriterien für randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) und deren Integration mit Daten aus der realen Welt erforderlich sind, um die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse von Antidepressiva-Studien und der klinischen Behandlungsleitlinien für depressive Störungen zu verbessern. … Unsere Ergebnisse bestätigen die Bedenken über die mangelnde Übertragbarkeit der Ergebnisse von klinischen Versuchen in der Psychiatrie auf die Situationen und Individuen in der wirklichen Welt.” (Hamina et al., 2026, S. 117 &amp; 123)</p> </blockquote> <h2 id="h-alternativen">Alternativen</h2> <p>Nach über 40 Jahren zunehmender Verschreibung ist das ein ernüchterndes Fazit. In diesem Zeitraum stieg übrigens der Aktienkurs der Pharmafirma Eli Lilly von rund 5 US-Dollar Mitte der 1980er-Jahre auf heute satte 1.000 Dollar, also um den Faktor 200. Das ist nur <em>ein</em> Beispiel für eines der globalen Unternehmen, das mit den neuen “Antidepressiva” groß geworden ist. In jüngerer Zeit verdient Lilly allerdings auch sehr gut an Medikamenten zum Abnehmen, einem anderen Massenmarkt.</p> <p>Das Thema “Abnehmen” wäre eine interessante andere Fallstudie für ein Problem unserer Zivilisation, das gleichzeitig einen Milliardenumsatz auf dem Gesundheitsmarkt ermöglicht. Das zeigt einmal mehr, dass wichtige Akteure dieses Markts gar kein Interesse an nachhaltiger Gesundheit, sondern an beherrschbarer, chronischer Krankheit haben:</p> <p>Erst verdienen große Nahrungsmittelkonzerne am massenweisen Verkauf hoch industriell verarbeiteten und damit billigen Essens mit viel Fett, Salz, Zucker und Geschmacksverstärkern. Und dann verdienen große Pharmafirmen mit dem massenweisen Verkauf von Mitteln zum Abnehmen. Auch die Ärzteschaft verdient dabei mit. Dabei ist sehr praktisch, wenn diese Mittel das Leiden nur lindern, so lange man sie nimmt. Durch eine nachhaltige Änderung des Lebenswandels mit besserer Nahrung, Zeit für Bewegung und einer guten Balance wichtiger Lebensziele würden diese Milliardenmärkte wegbrechen.</p> <p>Wie man gesund lebt, sowohl körperlich als auch geistig, ist natürlich ein komplexes Thema, das man nicht in einem Satz behandeln kann. Aber dass sehr viele Ursachen der Probleme in unserer Umwelt liegen, sei an dieser Stelle mit auf den Weg gegeben.</p> <p>Der große Schwerpunkt auf das Individuum und dessen Gehirn durch die Dominanz der biologischen Psychiatrie seit den 1980er-Jahren geht mit einer immer größeren Krankheitslast einher. Ausführlicher erklärt ist das in meinem neuen Buch, <em><u><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736">Perspektiven aus der Depressions-Epidemie</a></u></em>. Wenn aber die Medikamentenforschung auch Jahrzehnte später noch so wenig aussagekräftig ist, wie in der hier besprochenen neuen Studie beschrieben, dann gibt es auf jeden Fall einen großen Verbesserungsspielraum.</p> <h2 id="h-quelle">Quelle</h2> <ul> <li>Hamina, A., Pinzón‐Espinosa, J., Taipale, H., Schneider‐Thoma, J., Radua, J., Efthimiou, O., … &amp; Luykx, J. J. (2026). <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/wps.70013">Representation and outcomes of individuals with major depression in routine care who are ineligible for randomized controlled trials: a nationwide register‐based study</a>. <em>World Psychiatry</em>, 25(1), 117.</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: auf Grundlage von <a href="https://pixabay.com/illustrations/medicines-disease-doctor-woman-1756239/">Thanks for your Likes</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/b185cf69cad349b083fff3030d06c191" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/medicines-1756239_1920.jpg" /><h1>Neue Studie: Repräsentativität in der Antidepressiva-Forschung lässt zu wünschen übrig » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Obwohl psychische Störungen immer häufiger und intensiver behandelt werden, nimmt deren gesellschaftliche Krankheitslast immer weiter zu. Wie kann das sein?</strong></p> <span id="more-3514"></span> <p>Es wird schon seit längerer Zeit kritisiert, dass die klinische Forschung zu Psychopharmaka nicht repräsentativ genug ist. Zum Beispiel würden aus den Medikamentenstudien Personen mit mehreren Diagnosen ausgeschlossen. Sie seien “zu komplex” und würden die Ergebnisse verzerren.</p> <p>In der Praxis haben die Patientinnen und Patienten aber oft mehrere psychologisch-psychiatrische Störungen, Stichwort “Komorbidität”, oder körperliche Erkrankungen. Die Realität ist eben oft komplexer, als das für die Datenauswertung wünschenswert ist. Eine neue Studie gibt nun Hinweise darauf, wie groß das Problem ist.</p> <p>Zunächst soll aber kurz – auch aus eigener Erfahrung – erklärt werden, warum Komplexität ein Problem für die Forschung ist. Denn dann versteht man besser, warum es gerade in Studien mit finanziellen Interessen ein Bedürfnis nach Einfachheit gibt.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em><aside></aside></p> <hr></hr> <h2 id="h-nicht-zu-viel-variabilitat">Nicht zu viel Variabilität</h2> <p>In der experimentellen Forschung mit Menschen braucht man neben guten Ideen natürlich vor allem eins: viele Versuchspersonen. In meiner Zeit als Doktorand in zwei psychiatrischen Universitätskliniken war es üblich, dass man einander hilft. Da legte man sich für die Tests der anderen zum Beispiel in die Röhre des funktionellen Magnetresonanztomografen (fMRT). Umgekehrt halfen die anderen einem, wenn man selbst einen Versuch entwickelte.</p> <p>Es gibt im Leben aber auch Schöneres, als oft in so einer engen Röhre zu liegen. Wohlgemerkt, während mit elektromagnetischen Feldern das Körpergewebe (hier: des Gehirns) in kleine Scheiben unterteilt wird. Damit misst man die magnetische Resonanz, die dem Verfahren den Namen gibt. Die Geschwindigkeit, mit der das geschehen muss, erzeugt dabei viel Lärm.</p> <p>Anders gesagt: Es wäre nicht ganz unpraktisch, eine sozial akzeptierte Ausrede zu haben, um an solchen Versuchen <em>nicht</em> teilnehmen zu müssen. Und da kam mir meine Veranlagung als Linkshänder zur Hilfe: Wenn ich also gefragt wurde, ob ich wieder an einem Versuch teilnehmen würde, hob ich die linke Hand und sagte: “Natürlich helfe ich dir gerne. Aber du weißt schon, dass ich Linkshänder bin und das deine Varianz erhöht?” Damit war die Sache in 80 Prozent der Fälle erledigt.</p> <p>Bei der Untersuchung von Frauen gab es eine Vorliebe für diejenigen, die hormonell verhüteten, also “die Pille” nahmen. Denn auch mit dem Hormonzyklus gehen Veränderungen in den Messungen einher, die die Variabilität erhöhen.</p> <p>Sogar in der Tierforschung mit Mäusen und Ratten gibt es eine Vorliebe für die Männchen. Diese sind günstiger in der Haltung – und haben nicht die hormonellen Schwankungen der Weibchen. In den letzten Jahren wird diese Einseitigkeit aber immer stärker kritisiert, auch zu Recht.</p> <h2 id="h-reprasentativitat">Repräsentativität</h2> <p>Für Grundlagenforschung und zur Gewinnung neuer Hypothesen mag man solche Vereinfachungen noch akzeptieren. Mich wunderte, dass man in der Öffentlichkeit diesen Mythos verbreitete, mit der fMRT “dem Gehirn beim Denken zuzuschauen”, während tatsächlich schon Linkshänder oder Frauen ohne hormonelle Verhütung eine Gefahr für die Messergebnisse darstellten.</p> <p>Man sucht in der Forschung spezifische Effekte zu seiner Hypothese. Da stören Faktoren wie die Händigkeit oder Hormonschwankungen nur – sofern es im Experiment nicht genau darum geht. Streng genommen müsste man solche individuellen Unterschiede zwischen den Versuchspersonen in das statistische Modell aufnehmen, um unerklärte Variabilität zu vermeiden. Denn diese verschlechtert die Ergebnisse. In der Praxis bevorzugt man aber lieber eine gleichförmige Gruppe von Versuchspersonen.</p> <p>Das führt dann zu der häufigen Kritik, dass in der psychologischen oder experimentell-medizinischen Forschung zu oft die eigenen Studierenden untersucht werden. Daher würden die Ergebnisse nur eine kleine, in diesem Fall auch noch privilegierte Gruppe widerspiegeln, die “WEIRD People” (im Englischen für: westlich, gebildet, industrialisiert, reich und demokratisch). Zum Vergleich: Bei Wahlumfragen wäre es zwar praktisch, einfach bei den Nachbarn zu klingeln. Aber das würde eben keine zuverlässigen Ergebnisse für das ganze Land liefern.</p> <p>Deshalb ist die Frage der Repräsentativität bei klinischer Forschung besonders wichtig. Denn die Therapien werden ja nicht nur “idealen Personen” verordnet. Sowohl in der Ärzteschaft als auch für Patientinnen und Patienten sollten daher zuverlässige und aussagekräftige Daten zur Verfügung stehen. Wir wissen außerdem, dass <em>jede</em> Behandlung mit bestimmten Risiken einhergeht. Diese muss man gegen den zu erwartenden Nutzen abwägen. Und hierfür muss man richtig informiert sein.</p> <h2 id="h-neue-studie">Neue Studie</h2> <p>Um das Problem besser zu verstehen, hat ein internationales Forschungsteam jetzt die Daten von rund 210.000 Personen aus Finnland und Schweden mit einer depressiven Störung ausgewertet. Die Ergebnisse erschienen am 14. Januar <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/wps.70013">vorab online</a> in der wichtigen Fachzeitschrift <em>World Psychiatry</em>.</p> <p>Demnach wurden etwas mehr als ein Drittel der Betroffenen – 33,5 Prozent in der finnischen und 35,3 Prozent in der schwedischen Gruppe – systematisch aus der Antidepressiva-Forschung ausgegrenzt. Die häufigsten Gründe hierfür waren: das Vorliegen einer körperlichen Erkrankung sowie einer anderen psychologisch-psychiatrischen Störung, darunter auch problematischer Drogenkonsum. Wenn man die körperlichen Erkrankungen etwas weiter fasste, verschwanden sogar fast 50 Prozent der Patientinnen und Patienten vom Radar der Forschung.</p> <p>Mitunter wird hierauf erwidert, die Studien würden eben den <em>spezifischen</em> Effekt von Antidepressiva bei Depressionen untersuchen. Um Wechselwirkungen mit anderen Erkrankungen zu vermeiden, müsse man die komplexeren Fälle ausschließen.</p> <p>Diesen Einwand könnte man meiner Meinung nach in einer experimentellen Anfangsphase gelten lassen. Die Medikamente, um die es hier geht, werden aber seit über 40 Jahren verschrieben. Und sogar heute noch steigt die Anzahl der Verschreibungen stetig, auf inzwischen über 1,8 Milliarden Tagesdosen allein in Deutschland.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva.jpg"><img alt="" decoding="async" height="593" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva-1024x593.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva-1024x593.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva-300x174.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva-768x445.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva.jpg 1385w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Im hier dargestellten Zeitraum hat sich die Verschreibung der sogenannten Antidepressiva (schwarze Linie) in Deutschland in etwa verelffacht. Die Verschreibung von Beruhigungsmitteln (graue Linie) nahm währenddessen ab. Heute werden die Antidepressiva – vor allem Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer – nicht nur oft bei depressiven Störungen, sondern auch Angst- und Zwangsstörungen verschrieben. Datenquelle: Arzneiverordnungs-Report</em></p> <h2 id="h-die-schwersten-probleme">Die schwersten Probleme</h2> <p>Der beschriebene Ausschluss hat aber – neben der geringeren Repräsentativität – noch eine andere Folge: Mit den komplexeren Fällen werden nämlich auch die Patientinnen und Patienten <em>mit den schwersten Depressionen</em> aus der Forschung ausgegrenzt. Die hatten laut der Studie nämlich eine zwei- bis dreimal so hohe Wahrscheinlichkeit für eine Krankenhausaufnahme, einen Suizidversuch oder gar den Tod innerhalb der nächsten sechs Monate.</p> <p><em>Haben Sie Suizidgedanken? Zum Beispiel die Telefonseelsorge (0800 111 0 111) oder Nummer gegen Kummer (116 111) können helfen. Im Notfall können Sie auch den Notruf wählen.</em></p> <p>Demnach gibt es gerade für diejenigen, die am meisten auf eine wirksame Therapie angewiesen sind, am wenigsten Daten. Dass die Wirksamkeit der Medikamente in der Praxis eher bescheiden ausfällt, überrascht dann nicht – und wurde in meinem Blog übrigens <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/groesstenteils-nutzlos-und-potenziell-schaedlich/">schon 2018 thematisiert</a>.</p> <h2 id="h-begriff-der-antidepressiva">Begriff der Antidepressiva</h2> <p>In den letzten Jahren wurde der Begriff “Antidepressiva” auch aus pharmakologischer Sicht kritisiert. Die Mittel werden inzwischen nämlich für eine Vielzahl von psychologisch-psychiatrischen Störungen verschrieben. Im Arzneiverordnungs-Report ist sogar von einer “dramatischen Erweiterung” die Rede:</p> <blockquote> <p>“Ursprünglich wurden diese Arzneistoffe zur Therapie der Depression eingesetzt. In den letzten Jahren hat sich jedoch eine dramatische Erweiterung des Indikationsspektrums für die Antidepressiva entwickelt. Sie werden unter anderem auch zur Therapie von Angststörungen, Zwangserkrankungen, Panikstörungen, posttraumatischem Stress-Syndrom und neuropathischen Schmerzen eingesetzt. Also muss der Arzt bei diesen Indikationen, wenn er ein Antidepressivum verschreibt, dem Patienten unter Umständen klarmachen, dass er keine Depression habe, sondern die verschriebenen Arzneistoffe auch bei anderen Erkrankungen wirksam sind. Der Patient wird oft irritiert sein und dann beim Recherchieren im Internet feststellen, dass die Depression als Hauptindikation für Antidepressiva gelistet wird.” (Arzneiverordnungs-Report 2021, S. 111f.)</p> </blockquote> <p>Anders gesagt: Weil diese Mittel “Antidepressiva” heißen und viele Patientinnen und Patienten lieber nicht mit depressiven Störungen in Zusammenhang gebracht werden, lehnen sie diese Medikamente häufiger ab. Als Alternative wird darum nun aus pharmakologischer Sicht vorgeschlagen, von “Serotonin- oder Noradrenalin-Verstärkern” zu reden. Damit beschreibt man eher, wie die Substanzen im Körper wirken.</p> <p>Darüber, was sie <em>mit der Psyche</em> der Betroffenen machen, ist übrigens erstaunlich wenig bekannt. In den Wirksamkeitsstudien wird untersucht, wie groß der Unterschied auf einer standardisierten Depressions-Skala ist. Damit wird zum Beispiel abgefragt, wie niedergeschlagen man sich fühlt oder wie aktiv man am Leben teilnimmt. Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit sind die Kernsymptome der depressiven Störung.</p> <p>Eine der wenigen mit kritischer Haltung in der psychiatrischen Forschung, Joanna Moncrieff, Professorin am University College London, wollte es genauer wissen. Nach jahrelangem Studium zieht sie das Fazit, dass die genannten Medikamente vor allem Gefühle unterdrücken und manchmal auch eine aktivierende Wirkung haben. In ihrem neuen Buch <em>Chemically Imbalanced: The Making and Unmaking of the Serotonin Myth</em> räumt sie mit so manchem Mythos auf, wie zum Beispiel dem, die Substanzen würden ein neurochemisches Ungleichgewicht im Gehirn korrigieren.</p> <h2 id="h-neu-woruber-psychiater-ungern-sprechen">Mehr zum Thema</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></p> <h2 id="h-in-der-summe">In der Summe</h2> <p>Das wäre vielleicht alles halb so wild, ging es nicht um so viele Personen. Die 1,8 Milliarden Tagesdosen reichen für die tägliche Behandlung von 5 Millionen Menschen. In machen Ländern, allen voran die USA, werden pro Kopf noch viel mehr Psychopharmaka verschrieben. Dort ist der Pharma-Markt weniger streng reguliert und dürfen die Unternehmen ihre Medikamente sogar öffentlich bewerben,</p> <p>Und es wäre auch nur halb so wild, würden die psychischen Probleme nicht immer größer: Obwohl wir immer mehr für die mentale Gesundheit tun, ausgeben und therapieren, nimmt die mit ihnen verbundene Krankheitslast zu; es gibt zum Beispiel immer mehr Krankheitstage und längerfristige Arbeitsunfähigkeiten im Zusammenhang mit psychologisch-psychiatrischen Störungen. Zu glauben, dass immer mehr Aufmerksamkeit, Stichwort Influencer und “Mental Health Awareness”, die Probleme verringern, ist naiv.</p> <p>Leider zeichnen sich in den letzten Jahren auch die Schattenseiten der Medikamente immer deutlicher ab: Aber die Nebenwirkungen und das Abhängigkeitsrisiko sind ein komplexes Thema für sich. Zur Orientierung ist die ARD-Dokumentation <a href="https://www.ardmediathek.de/video/dokumentation-und-reportage/tabletten-gegen-depressionen-helfen-antidepressiva/das-erste/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3JlcG9ydGFnZSBfIGRva3VtZW50YXRpb24gaW0gZXJzdGVuLzIwMjItMDktMTJfMjMtMDUtTUVTWg">Tabletten gegen Depressionen – helfen Antidepressiva?</a> aus dem Jahr 2022 immer noch zu empfehlen. Mir bleibt vor allem die Psychotherapeutin in lebhafter Erinnerung, die die kritischen Berichte ihrer Patientinnen und Patienten lange Zeit nicht ernst nahm. Vor laufender Kamera gesteht sie ihre eigene Abhängigkeit, dass sie selbst gerne die “Antidepressiva” absetzen würde, doch es ihr nicht gelingt.</p> <p>Mit der neuen Studie der finnischen und schwedischen Daten wird konkreter, wie verzerrt die Datenlage zu den sogenannten Antidepressiva ist. In den Worten der Forscherinnen und Forscher:</p> <blockquote> <p>“Wir kommen zu dem Schluss, dass umfassendere Einschlusskriterien für randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) und deren Integration mit Daten aus der realen Welt erforderlich sind, um die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse von Antidepressiva-Studien und der klinischen Behandlungsleitlinien für depressive Störungen zu verbessern. … Unsere Ergebnisse bestätigen die Bedenken über die mangelnde Übertragbarkeit der Ergebnisse von klinischen Versuchen in der Psychiatrie auf die Situationen und Individuen in der wirklichen Welt.” (Hamina et al., 2026, S. 117 &amp; 123)</p> </blockquote> <h2 id="h-alternativen">Alternativen</h2> <p>Nach über 40 Jahren zunehmender Verschreibung ist das ein ernüchterndes Fazit. In diesem Zeitraum stieg übrigens der Aktienkurs der Pharmafirma Eli Lilly von rund 5 US-Dollar Mitte der 1980er-Jahre auf heute satte 1.000 Dollar, also um den Faktor 200. Das ist nur <em>ein</em> Beispiel für eines der globalen Unternehmen, das mit den neuen “Antidepressiva” groß geworden ist. In jüngerer Zeit verdient Lilly allerdings auch sehr gut an Medikamenten zum Abnehmen, einem anderen Massenmarkt.</p> <p>Das Thema “Abnehmen” wäre eine interessante andere Fallstudie für ein Problem unserer Zivilisation, das gleichzeitig einen Milliardenumsatz auf dem Gesundheitsmarkt ermöglicht. Das zeigt einmal mehr, dass wichtige Akteure dieses Markts gar kein Interesse an nachhaltiger Gesundheit, sondern an beherrschbarer, chronischer Krankheit haben:</p> <p>Erst verdienen große Nahrungsmittelkonzerne am massenweisen Verkauf hoch industriell verarbeiteten und damit billigen Essens mit viel Fett, Salz, Zucker und Geschmacksverstärkern. Und dann verdienen große Pharmafirmen mit dem massenweisen Verkauf von Mitteln zum Abnehmen. Auch die Ärzteschaft verdient dabei mit. Dabei ist sehr praktisch, wenn diese Mittel das Leiden nur lindern, so lange man sie nimmt. Durch eine nachhaltige Änderung des Lebenswandels mit besserer Nahrung, Zeit für Bewegung und einer guten Balance wichtiger Lebensziele würden diese Milliardenmärkte wegbrechen.</p> <p>Wie man gesund lebt, sowohl körperlich als auch geistig, ist natürlich ein komplexes Thema, das man nicht in einem Satz behandeln kann. Aber dass sehr viele Ursachen der Probleme in unserer Umwelt liegen, sei an dieser Stelle mit auf den Weg gegeben.</p> <p>Der große Schwerpunkt auf das Individuum und dessen Gehirn durch die Dominanz der biologischen Psychiatrie seit den 1980er-Jahren geht mit einer immer größeren Krankheitslast einher. Ausführlicher erklärt ist das in meinem neuen Buch, <em><u><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736">Perspektiven aus der Depressions-Epidemie</a></u></em>. Wenn aber die Medikamentenforschung auch Jahrzehnte später noch so wenig aussagekräftig ist, wie in der hier besprochenen neuen Studie beschrieben, dann gibt es auf jeden Fall einen großen Verbesserungsspielraum.</p> <h2 id="h-quelle">Quelle</h2> <ul> <li>Hamina, A., Pinzón‐Espinosa, J., Taipale, H., Schneider‐Thoma, J., Radua, J., Efthimiou, O., … &amp; Luykx, J. J. (2026). <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/wps.70013">Representation and outcomes of individuals with major depression in routine care who are ineligible for randomized controlled trials: a nationwide register‐based study</a>. <em>World Psychiatry</em>, 25(1), 117.</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: auf Grundlage von <a href="https://pixabay.com/illustrations/medicines-disease-doctor-woman-1756239/">Thanks for your Likes</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/b185cf69cad349b083fff3030d06c191" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neue-studie-repraesentativitaet-in-der-antidepressiva-forschung-laesst-zu-wuenschen-uebrig/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>14</slash:comments> </item> <item> <title>Binge Eating https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/binge-eating/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/binge-eating/#respond Tue, 20 Jan 2026 07:54:13 +0000 Ruzica Sedic https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5539 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/emotional-eating-overeating-binge-eating-10.21.2020-768x525.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/binge-eating/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/emotional-eating-overeating-binge-eating-10.21.2020.jpg" /><h1>Binge Eating » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Ruzica Sedic</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Als Elena 13 Jahre alt war, machte sie ihre erste Diät mit ihrer Mutter. Damals wollte sie unbedingt in Kleidergröße XS passen und machte eine Saftkur. Was darauf folgte, war eine über zehn Jahre andauernde Essstörung, die von Magersucht über Bulimie bis hin zum Binge Eating reichte.</p> <h3 id="h-wie-wird-hunger-reguliert">Wie wird Hunger reguliert?</h3> <p>Hunger entsteht aus einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren, von denen viele noch nicht komplett erforscht sind.</p> <p>Ist der Magen leer, wird dort das Hormon Ghrelin ausgeschüttet, welches zum Hypothalamus gelangt. Gleichzeitig sinkt nach längerer Nahrungsabstinenz der Blutzucker, was zusätzliche Hungersignale an den Hypothalamus sendet [1]. </p> <p>Nach dem Essen fällt der Ghrelinspiegel wieder ab [2], gleichzeitig wirkt Leptin entgegen, ein Hormon aus dem Fettgewebe, das dem Gehirn signalisiert: Die Energiespeicher sind voll, du kannst aufhören zu essen [3]. In übergewichtigen Menschen ist der Abfall von Ghrelin nach dem Essen geringer [2].</p> <p>Weitere Sättigungshormone wie Cholecystokinin (CCK), Peptid YY (PYY) und GLP‑1 werden im Darm nach Nahrungsaufnahme freigesetzt und bremsen den Appetit [4].<aside></aside></p> <p>Insulin aus der <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/zuckertod-diabetische-neuropathien/">Bauchspeicheldrüse</a> senkt nicht nur den Blutzucker, sondern wirkt auch im Gehirn appetithemmend und ist an der langfristigen Regulation des Körpergewichts beteiligt [5].</p> <p>Der Hypothalamus ist eine Region im Zwischenhirn, die unter anderem die Nahrungsaufnahme, aber auch Atmung, Kreislauf, Körpertemperatur und Sexualverhalten steuert [6]. Dort kommen viele der hormonellen Signale zusammen. Es gibt Neuronengruppen, die entweder appetitanregend (orexigen) oder appetithemmend (anorexigen) wirken und je nach Hormoneingang aktiviert oder gehemmt werden [7]. Ghrelin aktiviert vor allem die orexigenen Neurone, während Leptin und Insulin die anorexigenen Neurone aktivieren [8].</p> <h3 id="h-welche-rolle-spielt-belohnung-beim-essen">Welche Rolle spielt Belohnung beim Essen?</h3> <p>Essen dient nicht nur als Energiequelle, sondern auch als „Belohnung“. Dabei spielt der Neurotransmitter Dopamin, der eine positive Wirkung hat, eine Rolle. Dopamin-Neuronen aus dem ventralen tegmentalen Areal, einer Region im Mittelhirn, die eine zentrale Rolle im Belohnungssystem spielt, feuern, wenn wir etwas Leckeres riechen oder sehen, in den Nucleus accumbens. Das weckt Lust und Motivation, es zu essen [9].</p> <p>Hormone wie Ghrelin verstärken das: Sie unterstützen die Dopaminausschüttung und machen vor allem Süßes oder Fettiges unwiderstehlich [10, 11].</p> <p>Die Amygdala, eine Region, welche für Emotionen zuständig ist, bewertet, wie “tröstlich” Essen wirkt. Konkret verstärkt chronischer Stress die Verbindungen zwischen der Amygdala und belohnungsbezogenen Hirnarealen und erhöht so die Lust auf kalorienreiche Nahrungsmittel [12]. Stress reduziert die Verbindungen zwischen Hirnregionen, die für die Selbstkontrolle zuständig sind, wodurch die Wahrscheinlichkeit steigt, dass Menschen zu belohnenden Lebensmitteln wie Süßigkeiten oder Fast Food greifen [13].</p> <h3 id="h-welche-rolle-spielt-stress">Welche Rolle spielt Stress?</h3> <p>Cortisol, das Stresshormon, kann das Hungergefühl vor allem bei länger anhaltendem Stress deutlich steigern. Es wirkt dabei sowohl direkt auf den Stoffwechsel als auch indirekt über das Belohnungssystem im Gehirn [14].</p> <p>Kurzfristig erhöht Cortisol in Stresssituationen den Blutzucker, um schnell Energie bereitzustellen, der Körper ist im “Alarmzustand”, der Körper stellt die Nahrungsaufnahme hinten an, denn er ist im “Fight or Flight”-Modus. Bei chronisch erhöhtem Cortisol, z.B. ausgelöst durch psychische Störungen oder äußere Einflüsse, verschiebt sich der Effekt: Das Hungergefühl nimmt zu, besonders die Lust auf kalorienreiche, süße und fettige Lebensmittel [15].</p> <p>Erhöhte Glukokortikoidspiegel, zu denen auch Cortisol gehört und die bei psychischem Stress auftreten, führen zu verstärktem Hunger und zu einer verringerten regionalen Hirndurchblutung in unter anderem den mit Belohnung, Motivation sowie der Nahrungsaufnahme und Kontrolle assoziierten Regionen [16].</p> <p>Nicht alle Menschen reagieren gleich auf Stress: Bei manchen führt Stress zur Appetitlosigkeit, bei anderen zu “emotionalem Essen”. Faktoren wie Genetik, Schlafqualität, Bewegungsverhalten und psychische Verfassung beeinflussen, ob Cortisol eher zu mehr oder zu weniger Essen führt.</p> <h3 id="h-was-ist-binge-eating">Was ist Binge Eating?</h3> <p>Das Hauptsymptom der Binge Eating Disorder (BED) sind „Essanfälle“, bei denen Betroffene innerhalb kurzer Zeit große Mengen an Essen zu sich nehmen und dabei das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren [17]. Die Betroffenen essen in diesen Phasen besonders schnell und haben das Gefühl, nicht aufhören zu können. Oft hören sie erst auf, wenn sie sich unangenehm voll fühlen. Während und nach einer solchen Attacke folgen häufig Scham, Ekel und Schuldgefühle. </p> <p>Im Gegensatz zur Bulimie (Ess-Brech-Sucht) greifen von Binge-Eating-Betroffenen nicht zu gewichtsreduzierenden Mitteln wie Erbrechen, Hungern oder exzessivem Sport.</p> <h3 id="h-ursachen-fur-binge-eating">Ursachen für Binge Eating</h3> <p>Zu den Risikofaktoren gehören psychische und körperliche Einflüsse. Dazu gehören zum Beispiel negative Kindheitserfahrungen, elterliche Depressionen, Anfälligkeit für Übergewicht und negative Kommentare über Figur, Gewicht und Essverhalten [18]. Betroffene berichten, dass das Verbieten bestimmter Lebensmittel (z.B. Süßigkeiten) oder radikale Diäten ein Trigger für eine Essattacke sein können.</p> <h3 id="h-scham-und-zwang">Scham und Zwang</h3> <p>Betroffene berichten von einer großen Scham nach einer Essattacke. Sie haben das Gefühl von Kontrollverlust und ekeln sich teilweise vor sich selbst. Häufig essen sie auch Dinge, die sie gar nicht essen wollen, wie Elena, die in einer Essattacke eine Packung Kräuterbutter gelöffelt hat. Diese Scham führt häufig zur Isolation: Es wird heimlich gegessen, gemeinsames Essen wird gemieden.</p> <p>Binge Eating wird durch zwanghafte Essattacken gekennzeichnet: Betroffene essen schnell, ohne Hunger, bis zum Völlegefühl und können nicht aufhören. Symptome einer <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/gefangen-in-gedanken-zwangsstoerung/?gad_source=1&amp;gad_campaignid=22428391625&amp;gbraid=0AAAAAD_c8R5wNWe7DjDUzK7qAST4bVnGy&amp;gclid=EAIaIQobChMI_cLdu6TvkQMVNa-DBx1xmhUJEAAYASAAEgIgWfD_BwE">Zwangsstörung</a> (OCD) sind hierbei häufig mit denen einer Essstörung komorbid. Die Gedanken Betroffener kreisen fast ständig obsessiv um Essen und Körperbild. Perfektionismus und Kontrollbedürfnis verbinden beide Störungen [19].</p> <h3 id="h-interview-mit-einer-betroffenen">Interview mit einer Betroffenen</h3> <p><strong>Wann begann das gestörte Essverhalten bei dir?</strong></p> <p>Es begann, als ich 13 war und meine erste Diät machte. Damals wollte ich unbedingt in eine Kleidergröße XS passen und wollte deshalb abnehmen, obwohl ich nie dick war. Was folgte, waren unterschiedliche Essstörungen. Zu sehen, wie die Zahl auf der Waage immer weiter abnahm, entwickelte sich zu einer Sucht. Jedes Mal freute oder schämte ich mich unglaublich wegen der Zahl auf der Waage. Ich entwickelte eine Magersucht und war immer mal wieder untergewichtig.</p> <p><strong>Und wie entwickelte sich das zum Binge Eating?</strong></p> <p>Nach einer Zeit konnte ich das geringe Gewicht nicht mehr halten. Zeitweise aß ich für 1-3 Tage gar nichts und hatte deshalb immer stärkere Essattacken. Als Jugendliche habe ich dann immer versucht dem entgegenzuwirken, damit ich nicht zunehme. Ich trieb exzessiven Sport oder erbrach das zugeführte Essen. Mit der Zeit hörte ich mit den Gegenmaßnahmen auf, weil ich gesundheitliche Probleme davon bekam, die Essattacken blieben allerdings, bis ich Mitte zwanzig war, was dann auch zu Übergewicht führte.</p> <p><strong>Wie beeinflusst deine Essstörung deinen Alltag? z.B. Arbeit/Studium, Beziehungen, Finanzen, Gesundheit?</strong></p> <p>Ich denke sehr häufig ans Essen. Wie viel ich gegessen habe, wie viele Kalorien wohl die Mahlzeit vor mir hat, wann und was ich als nächstes essen werde. Wie viel muss ich noch abnehmen, um mein Wunschgewicht zu erreichen? Manchmal halten mich diese Gedanken vom Schlafen oder Arbeiten ab. </p> <p>Vor allem früher hatte die Essstörung große Auswirkungen auf meine Beziehungen und Finanzen: Ich wollte nie mit anderen Menschen essen, denn wenn ich begonnen hatte, konnte ich mich nur schwer wieder stoppen, dafür schämte ich mich sehr. <br></br>Während meiner Essattacken kaufte ich immer unglaublich viele Sachen ein oder bestellte Essen für viel Geld, wodurch ich am Ende vom Monat immer nur wenig übrig hatte. Vor allem als ich mein Studium begann und viel Prüfungsstress hatte, aß ich unglaublich viel. </p> <p>Auch meine Gesundheit litt unter der Essstörung. Durch das Erbrechen hatte ich immer häufiger Halsschmerzen und mein Zahnschmelz nutzte sich durch die Magensäure ab. Aber ich hatte auch Verdauungsprobleme durch das große Volumen an Essen.</p> <p><strong>Welche Rolle spielen Gewicht, Körperform oder Aussehen?</strong></p> <p>Seit ich 13 bin, also seit nun fast 15 Jahren, bin ich unzufrieden mit meinem Körper. Bis heute freue ich mich, wenn die Zahl auf der Waage runtergeht, und bin enttäuscht, wenn sie steigt. Die meiste Zeit fühle ich mich unwohl mit meinem Aussehen und kritisiere mich selbst.</p> <p><strong>Wie fühlt sich das an, wenn du einen solchen “Essanfall” erlebst?</strong></p> <p>Es überkommt mich wie ein extremer Zwang oder eine Sucht nach etwas. Ich beginne erst etwas zu essen, was ich mir “verboten” habe, zum Beispiel ein Stück Schokolade. Darauf folgt dann die gesamte Packung. Danach geht es wahllos weiter und ich esse zum Teil Dinge, die ich gar nicht essen möchte oder mir nicht mal schmecken. Einmal habe ich eine ganze Packung Kräuterbutter gelöffelt. Das geht dann häufig so lange, bis mir schlecht wird oder ich starke Schmerzen habe.</p> <p><strong>Gibt es bestimmte Auslöser, die deine Symptome verstärken?</strong></p> <p>Ein großer Trigger ist es, wenn ich mir Lebensmittel verbiete oder mich versuche auf eine bestimmte Menge an Kalorien zu beschränken. Sobald ich das mache, beginnt der extreme Zwang, es essen zu wollen und große Volumina in mich reinzustopfen. Außerdem ist Hunger auch ein großer Auslöser; ich darf nicht zu hungrig werden und muss immer gesättigt sein, um keine Heißhungerattacken zu bekommen.</p> <p><strong>Was hilft dir bei deiner Essstörung?</strong></p> <p>Ich bin mittlerweile in Therapie und medikamentös eingestellt, was mir sehr hilft. Außerdem hilft es mir, meinen Körper nicht als etwas zu betrachten, das bestimmte Bedingungen erfüllen muss. Ich muss nicht schlank sein oder schön aussehen, um mir Nahrung zu “verdienen”, und das, was ich esse, muss nicht “gesund” sein. </p> <p><strong>Anmerkung</strong>: Elenas Name wurde aus Datenschutzgründen geändert. Sie hat den Text vollständig gelesen und ihr Feedback eingebracht, um das Bewusstsein für das Thema zu stärken.</p> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ol> <li>Kojima, M., &amp; Kangawa, K. (2005). Ghrelin: Structure and function. Physiological Reviews, 85(2), 495–522. <a href="https://doi.org/10.1152/physrev.00012.2004">https://doi.org/10.1152/physrev.00012.2004</a></li> <li>English, P. J., Ghatei, M. A., Malik, I. A., Bloom, S. R., &amp; Wilding, J. P. (2002). Food fails to suppress ghrelin levels in obese humans. Journal of Clinical Endocrinology &amp; Metabolism, 87(6), 2984. <a href="https://doi.org/10.1210/jcem.87.6.8738">https://doi.org/10.1210/jcem.87.6.8738</a></li> <li>Baskin, D. G., Blevins, J. E., &amp; Schwartz, M. W. (2001). 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Journal of Cognitive Psychotherapy, 36(3), 226–246. <a href="https://doi.org/10.1891/JCPSY-D-2021-0011">https://doi.org/10.1891/JCPSY-D-2021-0011</a></li> </ol> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Ruzica-1-200x200.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Ruzica-1-400x400.jpg 2x" width="200"></img> <p>Mein Name ist Ruzica Sedic und ich studiere Neurowissenschaften im Master an der Universität Düsseldorf. Während meiner Ausbildung zur biotechnologischen Assistentin und meinem Bachelor in Biologie habe ich meine Liebe zur Zellbiologie entdeckt. Deshalb finde ich den Zusammenhang zwischen zellulären Prozessen und neurologischen Phänomenen besonders spannend. Außerdem fasziniert mich, wie unser Gehirn im Alltag funktioniert und welche unglaublichen Leistungen es vollbringt - oft ohne dass wir es bewusst wahrnehmen.</p> </div> </div> </article> <section> <div> <aside id="block-3"> <p>HIRN UND WEG ist der Neuroblog der <a href="https://www.ghst.de"><strong><mark>Gemeinnützigen Hertie-Stiftung</mark></strong></a> , der die Bandbreite und Facetten eines der faszinierendsten Organe zeigen, Erkenntnisse aus Wissenschaft einfach und gut erklären und geistreich und unterhaltsam begeistern möchte. Neben der Informationsvermittlung gehören die Förderung von Exzellenz und die Schaffung von Strukturen in den Neurowissenschaften zu den Zielen des Programmbereichs "Gehirn erforschen" der Stiftung. </p> </aside><aside id="block-2"> <figure><a href="https://www.ghst.de/"><img alt="" decoding="async" height="178" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-300x52.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-768x134.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1536x267.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1000x174.jpg 1000w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px.jpg 2000w" width="1024"></img></a><figcaption><a href="https://www.ghst.de/"><em>https://www.ghst.de/</em></a></figcaption></figure> </aside> </div> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-9"><div><p>&#xD; Die <a href="https://www.ghst.de/">Gemeinnützige Hertie-Stiftung </a>konzentriert sich auf die zwei Leitthemen „Gehirn erforschen“ und „Demokratie stärken“. Die Projekte der Stiftung setzen modellhafte Impulse innerhalb dieser Themen. &#xD; Ihr neu eingerichteter Neuroblog leistet einen Beitrag zur Förderung von Wissenschaftskommunikation und zum besseren Verständnis des Gehirns, seiner Funktionsweise und seiner Erkrankungen.&#xD; </p>&#xD; <p><a href="http://www.scilogs.de/kosmo//hirn-und-weg/impressum/">Impressum Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>&#xD; </p></div></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/emotional-eating-overeating-binge-eating-10.21.2020.jpg" /><h1>Binge Eating » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Ruzica Sedic</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Als Elena 13 Jahre alt war, machte sie ihre erste Diät mit ihrer Mutter. Damals wollte sie unbedingt in Kleidergröße XS passen und machte eine Saftkur. Was darauf folgte, war eine über zehn Jahre andauernde Essstörung, die von Magersucht über Bulimie bis hin zum Binge Eating reichte.</p> <h3 id="h-wie-wird-hunger-reguliert">Wie wird Hunger reguliert?</h3> <p>Hunger entsteht aus einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren, von denen viele noch nicht komplett erforscht sind.</p> <p>Ist der Magen leer, wird dort das Hormon Ghrelin ausgeschüttet, welches zum Hypothalamus gelangt. Gleichzeitig sinkt nach längerer Nahrungsabstinenz der Blutzucker, was zusätzliche Hungersignale an den Hypothalamus sendet [1]. </p> <p>Nach dem Essen fällt der Ghrelinspiegel wieder ab [2], gleichzeitig wirkt Leptin entgegen, ein Hormon aus dem Fettgewebe, das dem Gehirn signalisiert: Die Energiespeicher sind voll, du kannst aufhören zu essen [3]. In übergewichtigen Menschen ist der Abfall von Ghrelin nach dem Essen geringer [2].</p> <p>Weitere Sättigungshormone wie Cholecystokinin (CCK), Peptid YY (PYY) und GLP‑1 werden im Darm nach Nahrungsaufnahme freigesetzt und bremsen den Appetit [4].<aside></aside></p> <p>Insulin aus der <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/zuckertod-diabetische-neuropathien/">Bauchspeicheldrüse</a> senkt nicht nur den Blutzucker, sondern wirkt auch im Gehirn appetithemmend und ist an der langfristigen Regulation des Körpergewichts beteiligt [5].</p> <p>Der Hypothalamus ist eine Region im Zwischenhirn, die unter anderem die Nahrungsaufnahme, aber auch Atmung, Kreislauf, Körpertemperatur und Sexualverhalten steuert [6]. Dort kommen viele der hormonellen Signale zusammen. Es gibt Neuronengruppen, die entweder appetitanregend (orexigen) oder appetithemmend (anorexigen) wirken und je nach Hormoneingang aktiviert oder gehemmt werden [7]. Ghrelin aktiviert vor allem die orexigenen Neurone, während Leptin und Insulin die anorexigenen Neurone aktivieren [8].</p> <h3 id="h-welche-rolle-spielt-belohnung-beim-essen">Welche Rolle spielt Belohnung beim Essen?</h3> <p>Essen dient nicht nur als Energiequelle, sondern auch als „Belohnung“. Dabei spielt der Neurotransmitter Dopamin, der eine positive Wirkung hat, eine Rolle. Dopamin-Neuronen aus dem ventralen tegmentalen Areal, einer Region im Mittelhirn, die eine zentrale Rolle im Belohnungssystem spielt, feuern, wenn wir etwas Leckeres riechen oder sehen, in den Nucleus accumbens. Das weckt Lust und Motivation, es zu essen [9].</p> <p>Hormone wie Ghrelin verstärken das: Sie unterstützen die Dopaminausschüttung und machen vor allem Süßes oder Fettiges unwiderstehlich [10, 11].</p> <p>Die Amygdala, eine Region, welche für Emotionen zuständig ist, bewertet, wie “tröstlich” Essen wirkt. Konkret verstärkt chronischer Stress die Verbindungen zwischen der Amygdala und belohnungsbezogenen Hirnarealen und erhöht so die Lust auf kalorienreiche Nahrungsmittel [12]. Stress reduziert die Verbindungen zwischen Hirnregionen, die für die Selbstkontrolle zuständig sind, wodurch die Wahrscheinlichkeit steigt, dass Menschen zu belohnenden Lebensmitteln wie Süßigkeiten oder Fast Food greifen [13].</p> <h3 id="h-welche-rolle-spielt-stress">Welche Rolle spielt Stress?</h3> <p>Cortisol, das Stresshormon, kann das Hungergefühl vor allem bei länger anhaltendem Stress deutlich steigern. Es wirkt dabei sowohl direkt auf den Stoffwechsel als auch indirekt über das Belohnungssystem im Gehirn [14].</p> <p>Kurzfristig erhöht Cortisol in Stresssituationen den Blutzucker, um schnell Energie bereitzustellen, der Körper ist im “Alarmzustand”, der Körper stellt die Nahrungsaufnahme hinten an, denn er ist im “Fight or Flight”-Modus. Bei chronisch erhöhtem Cortisol, z.B. ausgelöst durch psychische Störungen oder äußere Einflüsse, verschiebt sich der Effekt: Das Hungergefühl nimmt zu, besonders die Lust auf kalorienreiche, süße und fettige Lebensmittel [15].</p> <p>Erhöhte Glukokortikoidspiegel, zu denen auch Cortisol gehört und die bei psychischem Stress auftreten, führen zu verstärktem Hunger und zu einer verringerten regionalen Hirndurchblutung in unter anderem den mit Belohnung, Motivation sowie der Nahrungsaufnahme und Kontrolle assoziierten Regionen [16].</p> <p>Nicht alle Menschen reagieren gleich auf Stress: Bei manchen führt Stress zur Appetitlosigkeit, bei anderen zu “emotionalem Essen”. Faktoren wie Genetik, Schlafqualität, Bewegungsverhalten und psychische Verfassung beeinflussen, ob Cortisol eher zu mehr oder zu weniger Essen führt.</p> <h3 id="h-was-ist-binge-eating">Was ist Binge Eating?</h3> <p>Das Hauptsymptom der Binge Eating Disorder (BED) sind „Essanfälle“, bei denen Betroffene innerhalb kurzer Zeit große Mengen an Essen zu sich nehmen und dabei das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren [17]. Die Betroffenen essen in diesen Phasen besonders schnell und haben das Gefühl, nicht aufhören zu können. Oft hören sie erst auf, wenn sie sich unangenehm voll fühlen. Während und nach einer solchen Attacke folgen häufig Scham, Ekel und Schuldgefühle. </p> <p>Im Gegensatz zur Bulimie (Ess-Brech-Sucht) greifen von Binge-Eating-Betroffenen nicht zu gewichtsreduzierenden Mitteln wie Erbrechen, Hungern oder exzessivem Sport.</p> <h3 id="h-ursachen-fur-binge-eating">Ursachen für Binge Eating</h3> <p>Zu den Risikofaktoren gehören psychische und körperliche Einflüsse. Dazu gehören zum Beispiel negative Kindheitserfahrungen, elterliche Depressionen, Anfälligkeit für Übergewicht und negative Kommentare über Figur, Gewicht und Essverhalten [18]. Betroffene berichten, dass das Verbieten bestimmter Lebensmittel (z.B. Süßigkeiten) oder radikale Diäten ein Trigger für eine Essattacke sein können.</p> <h3 id="h-scham-und-zwang">Scham und Zwang</h3> <p>Betroffene berichten von einer großen Scham nach einer Essattacke. Sie haben das Gefühl von Kontrollverlust und ekeln sich teilweise vor sich selbst. Häufig essen sie auch Dinge, die sie gar nicht essen wollen, wie Elena, die in einer Essattacke eine Packung Kräuterbutter gelöffelt hat. Diese Scham führt häufig zur Isolation: Es wird heimlich gegessen, gemeinsames Essen wird gemieden.</p> <p>Binge Eating wird durch zwanghafte Essattacken gekennzeichnet: Betroffene essen schnell, ohne Hunger, bis zum Völlegefühl und können nicht aufhören. Symptome einer <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/gefangen-in-gedanken-zwangsstoerung/?gad_source=1&amp;gad_campaignid=22428391625&amp;gbraid=0AAAAAD_c8R5wNWe7DjDUzK7qAST4bVnGy&amp;gclid=EAIaIQobChMI_cLdu6TvkQMVNa-DBx1xmhUJEAAYASAAEgIgWfD_BwE">Zwangsstörung</a> (OCD) sind hierbei häufig mit denen einer Essstörung komorbid. Die Gedanken Betroffener kreisen fast ständig obsessiv um Essen und Körperbild. Perfektionismus und Kontrollbedürfnis verbinden beide Störungen [19].</p> <h3 id="h-interview-mit-einer-betroffenen">Interview mit einer Betroffenen</h3> <p><strong>Wann begann das gestörte Essverhalten bei dir?</strong></p> <p>Es begann, als ich 13 war und meine erste Diät machte. Damals wollte ich unbedingt in eine Kleidergröße XS passen und wollte deshalb abnehmen, obwohl ich nie dick war. Was folgte, waren unterschiedliche Essstörungen. Zu sehen, wie die Zahl auf der Waage immer weiter abnahm, entwickelte sich zu einer Sucht. Jedes Mal freute oder schämte ich mich unglaublich wegen der Zahl auf der Waage. Ich entwickelte eine Magersucht und war immer mal wieder untergewichtig.</p> <p><strong>Und wie entwickelte sich das zum Binge Eating?</strong></p> <p>Nach einer Zeit konnte ich das geringe Gewicht nicht mehr halten. Zeitweise aß ich für 1-3 Tage gar nichts und hatte deshalb immer stärkere Essattacken. Als Jugendliche habe ich dann immer versucht dem entgegenzuwirken, damit ich nicht zunehme. Ich trieb exzessiven Sport oder erbrach das zugeführte Essen. Mit der Zeit hörte ich mit den Gegenmaßnahmen auf, weil ich gesundheitliche Probleme davon bekam, die Essattacken blieben allerdings, bis ich Mitte zwanzig war, was dann auch zu Übergewicht führte.</p> <p><strong>Wie beeinflusst deine Essstörung deinen Alltag? z.B. Arbeit/Studium, Beziehungen, Finanzen, Gesundheit?</strong></p> <p>Ich denke sehr häufig ans Essen. Wie viel ich gegessen habe, wie viele Kalorien wohl die Mahlzeit vor mir hat, wann und was ich als nächstes essen werde. Wie viel muss ich noch abnehmen, um mein Wunschgewicht zu erreichen? Manchmal halten mich diese Gedanken vom Schlafen oder Arbeiten ab. </p> <p>Vor allem früher hatte die Essstörung große Auswirkungen auf meine Beziehungen und Finanzen: Ich wollte nie mit anderen Menschen essen, denn wenn ich begonnen hatte, konnte ich mich nur schwer wieder stoppen, dafür schämte ich mich sehr. <br></br>Während meiner Essattacken kaufte ich immer unglaublich viele Sachen ein oder bestellte Essen für viel Geld, wodurch ich am Ende vom Monat immer nur wenig übrig hatte. Vor allem als ich mein Studium begann und viel Prüfungsstress hatte, aß ich unglaublich viel. </p> <p>Auch meine Gesundheit litt unter der Essstörung. Durch das Erbrechen hatte ich immer häufiger Halsschmerzen und mein Zahnschmelz nutzte sich durch die Magensäure ab. Aber ich hatte auch Verdauungsprobleme durch das große Volumen an Essen.</p> <p><strong>Welche Rolle spielen Gewicht, Körperform oder Aussehen?</strong></p> <p>Seit ich 13 bin, also seit nun fast 15 Jahren, bin ich unzufrieden mit meinem Körper. Bis heute freue ich mich, wenn die Zahl auf der Waage runtergeht, und bin enttäuscht, wenn sie steigt. Die meiste Zeit fühle ich mich unwohl mit meinem Aussehen und kritisiere mich selbst.</p> <p><strong>Wie fühlt sich das an, wenn du einen solchen “Essanfall” erlebst?</strong></p> <p>Es überkommt mich wie ein extremer Zwang oder eine Sucht nach etwas. Ich beginne erst etwas zu essen, was ich mir “verboten” habe, zum Beispiel ein Stück Schokolade. Darauf folgt dann die gesamte Packung. Danach geht es wahllos weiter und ich esse zum Teil Dinge, die ich gar nicht essen möchte oder mir nicht mal schmecken. Einmal habe ich eine ganze Packung Kräuterbutter gelöffelt. Das geht dann häufig so lange, bis mir schlecht wird oder ich starke Schmerzen habe.</p> <p><strong>Gibt es bestimmte Auslöser, die deine Symptome verstärken?</strong></p> <p>Ein großer Trigger ist es, wenn ich mir Lebensmittel verbiete oder mich versuche auf eine bestimmte Menge an Kalorien zu beschränken. Sobald ich das mache, beginnt der extreme Zwang, es essen zu wollen und große Volumina in mich reinzustopfen. Außerdem ist Hunger auch ein großer Auslöser; ich darf nicht zu hungrig werden und muss immer gesättigt sein, um keine Heißhungerattacken zu bekommen.</p> <p><strong>Was hilft dir bei deiner Essstörung?</strong></p> <p>Ich bin mittlerweile in Therapie und medikamentös eingestellt, was mir sehr hilft. Außerdem hilft es mir, meinen Körper nicht als etwas zu betrachten, das bestimmte Bedingungen erfüllen muss. Ich muss nicht schlank sein oder schön aussehen, um mir Nahrung zu “verdienen”, und das, was ich esse, muss nicht “gesund” sein. </p> <p><strong>Anmerkung</strong>: Elenas Name wurde aus Datenschutzgründen geändert. Sie hat den Text vollständig gelesen und ihr Feedback eingebracht, um das Bewusstsein für das Thema zu stärken.</p> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ol> <li>Kojima, M., &amp; Kangawa, K. (2005). Ghrelin: Structure and function. Physiological Reviews, 85(2), 495–522. <a href="https://doi.org/10.1152/physrev.00012.2004">https://doi.org/10.1152/physrev.00012.2004</a></li> <li>English, P. J., Ghatei, M. A., Malik, I. A., Bloom, S. R., &amp; Wilding, J. P. (2002). Food fails to suppress ghrelin levels in obese humans. Journal of Clinical Endocrinology &amp; Metabolism, 87(6), 2984. <a href="https://doi.org/10.1210/jcem.87.6.8738">https://doi.org/10.1210/jcem.87.6.8738</a></li> <li>Baskin, D. G., Blevins, J. E., &amp; Schwartz, M. W. (2001). How the brain regulates food intake and body weight: The role of leptin. Journal of Pediatric Endocrinology &amp; Metabolism, 14(Suppl 6), 1417–1429.</li> <li>Barakat, G. M., Ramadan, W., Assi, G., &amp; Khoury, N. B. E. (2024). Satiety: A gut–brain relationship. Journal of Physiological Sciences, 74(1), 11. <a href="https://doi.org/10.1186/s12576-024-00904-9">https://doi.org/10.1186/s12576-024-00904-9</a></li> <li>Woods, S. C., Lutz, T. A., Geary, N., &amp; Langhans, W. (2006). Pancreatic signals controlling food intake: Insulin, glucagon and amylin. Philosophical Transactions of the Royal Society B: Biological Sciences, 361(1471), 1219–1235. <a href="https://doi.org/10.1098/rstb.2006.1858">https://doi.org/10.1098/rstb.2006.1858</a></li> <li>Saper, C. B., &amp; Lowell, B. B. (2014). The hypothalamus. Current Biology, 24(23), R1111–R1116. <a href="https://doi.org/10.1016/j.cub.2014.10.023">https://doi.org/10.1016/j.cub.2014.10.023</a></li> <li>Sohn, J. W. (2015). 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Außerdem fasziniert mich, wie unser Gehirn im Alltag funktioniert und welche unglaublichen Leistungen es vollbringt - oft ohne dass wir es bewusst wahrnehmen.</p> </div> </div> </article> <section> <div> <aside id="block-3"> <p>HIRN UND WEG ist der Neuroblog der <a href="https://www.ghst.de"><strong><mark>Gemeinnützigen Hertie-Stiftung</mark></strong></a> , der die Bandbreite und Facetten eines der faszinierendsten Organe zeigen, Erkenntnisse aus Wissenschaft einfach und gut erklären und geistreich und unterhaltsam begeistern möchte. Neben der Informationsvermittlung gehören die Förderung von Exzellenz und die Schaffung von Strukturen in den Neurowissenschaften zu den Zielen des Programmbereichs "Gehirn erforschen" der Stiftung. </p> </aside><aside id="block-2"> <figure><a href="https://www.ghst.de/"><img alt="" decoding="async" height="178" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-300x52.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-768x134.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1536x267.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1000x174.jpg 1000w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px.jpg 2000w" width="1024"></img></a><figcaption><a href="https://www.ghst.de/"><em>https://www.ghst.de/</em></a></figcaption></figure> </aside> </div> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-9"><div><p>&#xD; Die <a href="https://www.ghst.de/">Gemeinnützige Hertie-Stiftung </a>konzentriert sich auf die zwei Leitthemen „Gehirn erforschen“ und „Demokratie stärken“. Die Projekte der Stiftung setzen modellhafte Impulse innerhalb dieser Themen. &#xD; Ihr neu eingerichteter Neuroblog leistet einen Beitrag zur Förderung von Wissenschaftskommunikation und zum besseren Verständnis des Gehirns, seiner Funktionsweise und seiner Erkrankungen.&#xD; </p>&#xD; <p><a href="http://www.scilogs.de/kosmo//hirn-und-weg/impressum/">Impressum Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>&#xD; </p></div></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/binge-eating/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Sind wir alle Simulanten? https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/sind-wir-alle-simulanten/ https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/sind-wir-alle-simulanten/#comments Fri, 16 Jan 2026 19:52:36 +0000 Martina Grüter https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/?p=353 https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim2-768x559.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/sind-wir-alle-simulanten/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim2.jpg" /><h1>Sind wir alle Simulanten? » Babylonische Türme » SciLogs</h1><h2>By Martina Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Leben wir </b><b>alle </b><b>in einer Simulation? </b><b>Spätestens seit den Matrix-Filmen eine durchaus ernsthaft diskutierte Frage. </b><b>E</b><b>ine Gruppe von Mathematikern um Mir Faizal von der kanadischen University of British Columbia <a href="https://arxiv.org/abs/2507.22950">meint jetzt beweisen zu können</a>, dass wir in der echten Realität zu Hause sind. </b><b>Das ist doch beruhigend. </b></p> <p>Schon 1961 entwarf der österreichische Autor Herbert W. Franke 1961 in seinem Science-Fiction-Roman „Das Gedankennetz“ die dystopische Vision eines totalitären Staates, der potentielle Abweichler einer Loyalitätsprüfung unterziehen konnte, und zwar mithilfe von perfekten Simulationen, die sie nicht von der Wirklichkeit unterscheiden konnten. Der Oxforder Philosoph Nick Bostrom veröffentlichte <a href="https://simulation-argument.com/simulation/">im Jahre 2003 eine Abhandlung</a>, in der er argumentiert hatte, dass unsere Welt nur aus Bits und Bytes besteht und wir alle lediglich als Elektronenwolken im Inneren eines SSD-Speichers existieren, wo wir darauf warten, dass jemand die Simulation in den Hauptspeicher lädt und startet.</p> <p>Die Philosophie kennt viele Behauptungen, die sich ebenso schlüssig widerlegen wie auch beweisen lassen. Wäre die Philosophie eine exakte Wissenschaft, könnte man sich viele Regalmeter Bücher ersparen. Aber sie ist es nicht, und so wundert es niemanden, wenn eine philosophische Schule mit viel Scharfsinn eine in sich schlüssige Lehre aufbaut, die dann von einer anderen Schule mit ätzend scharfer Argumentation widerlegt wird. Beide bauen ein tragfähiges Gedankengebäude auf, das den unausweichlichen Zusammensturz der gegnerischen Konstruktion beweist. Beweise und Gegenbeweise leben in friedlicher Koexistenz, denn sie ernähren jeweils eine erkleckliche Anzahl von Akademikern.</p> <p>Aber hier geht es buchstäblich um eine existenzielle Frage, nicht um ein luftiges Gebilde aus sophistischen Argumenten. Sehen wir uns die Argumente beider Seiten einmal an:</p> <h3>Was für die Simulations-Hypothese spricht</h3> <p>Nick Bostrom argumentierte, vereinfacht gesagt, dass es nur eine Wirklichkeit gibt, aber beliebig viele Simulationen.<aside></aside></p> <p>Das Spiel „Grand Theft Auto“ (GTA) schafft zum Beispiel eine ganze Spielwelt und läuft auf vielen Millionen Rechnern. Jede neue Version (wir sind inzwischen bei GTA VI) hat eine größere Spielwelt und mehr NPCs (Non-player Characters, vom Computer simulierte Nebenfiguren). Warum sollte nicht in naher Zukunft eine solche Spielwelt so groß sein wie die Erde, oder wenigstens so groß wie die Lebenswelt der Menschen?</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-355" id="attachment_355"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6.jpg"><img alt="Simulation und Wirklichkeit" decoding="async" height="512" sizes="(max-width: 512px) 100vw, 512px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6.jpg 2048w" width="512"></img></a><figcaption id="caption-attachment-355">KI-generiertes Bild zur Frage, ob wir in einer Computer-Simulation leben.</figcaption></figure> <p>Mehr als 400 Millionen Kopien des Spiels hat die Herstellerfirma verkauft. Wenn jede nur zehntausend NPCs<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a> erschafft, dann wären wir bei mehr als vier Billionen NPCs. Und wer weiß, vielleicht kann schon im Jahr 2100 jeder Laptop eine so riesige Welt simulieren.</p> <p>Darauf baut Bostrom seine Argumente auf.</p> <ul> <li>Wenn unsere Nachfahren genügend große Rechner bauen können <i>und</i></li> <li>wenn sie daran interessiert sind, eine Simulation zu bauen und zu spielen, die in der Vergangenheit spielt <i>und</i></li> <li>wenn die NPCs darin tatsächlich ein Bewusstsein entwickeln können,</li> </ul> <p>dann (und nur dann) leben wir wahrscheinlich in einer Simulation.</p> <p>Das sind eine ganze Menge wenns. Fangen wir beim letzten an: Ob NPCs im Computer <a href="https://www.scinexx.de/news/technik/kann-ki-ein-bewusstsein-entwickeln/">ein Bewusstsein entwickeln</a>, wird auch längerfristig kaum zu klären sein. Schließlich wissen wir (wir = alle Wissenschaftler der Erde) nicht, was ein Bewusstsein überhaupt ist. Jeder weiß, dass er eines hat, und vermutet, dass alle anderen auch eines haben. Alles weitere driftet schnell in den Bereich der Esoterik ab. Wenn sich aber eine Hypothese in einem entscheidenden Punkt der Überprüfung entzieht, haben wir jedes Recht, sie zum Gedankenspiel herunterzustufen.</p> <p>Wo wir gerade beim Gedankenspielen sind: Wer sagt denn eigentlich, dass wir nicht in einer Simulation leben, deren Schöpfer wiederum nur einer Simulation entstammen? Diese Idee stammt nicht von Nick Bostrom, sie findet sich schon im Jahr 1964 in dem Science-Fiction-Roman Simulacron III von Daniel F. Galouye. Darin beschreibt er die Simulation einer Großstadt zu Marktforschungszwecken. Aber auch die Wissenschaftler, die den gigantischen Computer betreiben, in dem die Simulation läuft, müssen irgendwann feststellen, dass sie selbst nur Bits in einem Computer sind. Rainer Werner Fassbinder hat den Roman 1973 kongenial verfilmt.</p> <p>Der Roman und der Film enden damit, dass der Protagonist es schafft, aus der Simulation zu entkommen und in die Wirklichkeit vorzustoßen. Aber was, wenn es keine Wirklichkeit gibt? Wenn jede neue Ebene wieder eine Simulation ist? Wenn es sich um unzählige Spiegelbilder einer endlos fernen Wirklichkeit handelt, zu der wir niemals durchbrechen werden?</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-357" id="attachment_357"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4.jpg"><img alt="Unendliche Spiegel" decoding="async" height="523" sizes="(max-width: 523px) 100vw, 523px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4.jpg 1024w" width="523"></img></a><figcaption id="caption-attachment-357">Könnte die Welt eine unendlich ineinander geschachtelte Simulation ein?</figcaption></figure> <p>Dieser Idee sind dann doch enge Grenzen gesetzt. Jede Welt wird nur einen winzigen Teil ihrer Ressourcen auf die Simulation verwenden, schließlich muss man sich um wichtigere Dinge kümmern als Computerspiele. Jede höhere Stufe der Simulation wäre also Millionen Mal komplexer als aktuelle. Damit gelangen wir sehr schnell in Regionen, die einen mehrfachen Regress schon unwahrscheinlich werden lassen, einen endlosen Regress (Ursache der Ursache der Ursache … ad infinitum) aber sicher ausschließt.</p> <h3>Simulation oder Modell?</h3> <p>Wenn wir ehrlich sind, müssen wir natürlich zugeben, dass die Spiele im Rechner nicht einmal ein Dorf von hundert Einwohnern wirklich simulieren können. Ein professioneller Flugsimulator ahmt das wirkliche Flugverhalten eines einzelnen Flugzeugs sehr gut nach, so gut jedenfalls, dass die Piloten echte Notfälle darin üben können, ohne dass bei einer falschen Reaktion jemand zu Schaden kommt. Wohlgemerkt: Der Simulator bildet nur das nach, was die Piloten sehen, und konfrontiert sie mit den Konsequenzen falschen Handelns. Er könnte beispielsweise nicht simulieren, wie Passagiere reagieren, und nur sehr ungenau, an welchen Stellen sich eine Strukturüberlastung auswirken würde.</p> <p>Ein Spiel wie GTA oder Civilisation ist dagegen ein <i>Modell</i> im Maßstab eins zu einer Million (oder noch kleiner). Von einer Simulation zu sprechen, ist zwar üblich, aber irreführend. Kein Computerspielstudio bildet die echte Lebenswelt der Menschen genauer nach als beispielsweise Disneyworld oder Legoland. Warum erscheint es dann so echt, wenn man vor seinem Bildschirm sitzt? Wir Menschen sehen eben nur einen verschwindend kleinen Ausschnitt unserer Welt, und davon auch nur das, was unser Gehirn daraus macht. Schon wenn wir ein Buch lesen oder ein Theaterstück erleben, dann haben wir das Gefühl, die Figuren seien Teil unserer Lebenswelt. Wir neigen also dazu, aus kleinen Mosaiksteinen auf das ganze Bild zu schließen. Und ein Großteil davon spielt sich nur in unserem Kopf ab.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-356" id="attachment_356"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5.jpg"><img alt="" decoding="async" height="512" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5.jpg 1024w" width="512"></img></a><figcaption id="caption-attachment-356">Die Simulation der Welt in unserem Kopf. Simulieren wir eventuell eine Simulation?</figcaption></figure> <p>Nach meinem Eindruck haben weder Nick Bostrom noch seine Kritiker den Unterschied zwischen Simulation und Modell ausreichend diskutiert. Denn seien wir ehrlich: Computerspiele wie GTA simulieren keine Welt, sie modellieren nur auf recht primitive Weise soziale Interaktionen, und das vor einem Hintergrund, der kaum realistischer ist als die gemalten Kulissen in einem Theater.</p> <p>Kommen wir also jetzt zur Widerlegung.</p> <h3>Die Widerlegung: Wir leben nicht in einer Simulation</h3> <p>Während sich Bostroms Beweis durch seine Geradlinigkeit und Verständlichkeit auszeichnet, liest sich die Widerlegung wie ein Gewaltmarsch durch die dämmerigen Ränder der Mathematik, der Physik und der Philosophie. Die Quantengravitation wird da bemüht – ein Konzept, an dem sich Generationen von Physikern bisher vergeblich abarbeiten. Die Quantentheorie beschreibt hervorragend die Welt des Elektromagnetismus und der Kernkräfte. Die Quantenfeldtheorie beschreibt alle Kräfte außer der Gravitation, die wiederum von der Relativitätstheorie perfekt erfasst wird. Aber bisher sind alle Versuche gescheitert, daraus eine gemeinsame Theorie – die Quantengravitation – zu destillieren. Aber wenn es etwas nicht gibt, kann ich damit auch nicht argumentieren.</p> <p>Als weitere Akteure im Paper treten auf: Gödels Unvollständigkeitssatz, Tarskis Satz über die Undefinierbarkeit der Wahrheit und <a href="https://plato.stanford.edu/entries/platonism-mathematics/">der Platonismus in der Mathematik</a>, eine philosophische Theorie, die von der wirklichen Existenz abstrakter mathematischer Objekte ausgeht. „Wirklich“ heißt hier, sie existieren wie Planeten oder Kometen, unabhängig vom menschlichen Denken, und wenn ein Mathematiker ein neues Konzept findet, hat er es nicht er-funden, sondern ge-funden.</p> <p>Und das alles kondensieren die Autoren um Mir Faizal zu der Idee, dass sich unsere Welt von innen her nicht vollständig beschreiben lässt. Es bleibt immer ein undefinierbarer Rest, und zwar nicht etwa deshalb, weil man unmöglich schafft, in alle Staubecken zu gucken, sondern wegen des fundamentales Prinzips, dass immer irgendetwas nicht perfekt definiert ist.</p> <p>Weil aber eine Simulation in einem Computer abläuft, in der jedes Bit einen exakten Wert hat, der nach bestimmten Algorithmen auf eindeutige Art verändert wird, kann ein Computer unsere Welt nicht komplett simulieren. Wenn unsere Welt aber nicht im Computer simuliert werden kann, dann leben wir offensichtlich nicht in einer Simulation.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-360" id="attachment_360"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="512" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1.jpg 1024w" width="512"></img></a><figcaption id="caption-attachment-360">Kann es überhaupt eine Simulation geben?</figcaption></figure> <p>Äh, ja, sicher, ist doch ganz einfach, oder nicht? Bei näherer Überlegung hat die Argumentation aber ähnlich viele Löcher wie der Beweis. Zunächst: Woher wissen Physiker eigentlich, wie die Welt im Kleinsten (Quanten) und Größten (Galaxien) zusammengesetzt ist? Naja, sie lesen Instrumente ab. Sie werten Fotos aus. Erst dann schaffen sie Theorien und setzen neue Experimente auf, um aus weiteren Messwerten mehr Erkenntnisse zu entnehmen. Auch ein eindeutig definiertes System wie ein Computer könnte diese Ablesungen simulieren und den NPCs vorgaukeln, ihre Welt sei schon prinzipiell nicht simulierbar.</p> <p>Und das ist natürlich nicht alles. Wenn unsere Welt nicht simulierbar ist, dann könnte es auch keine Simulationen wie GTA geben. Es gibt sie aber. Nur: Diese Simulationen sind, wie schon gesagt, <i>Modelle</i> und haben eben mit der wirklichen Welt so viel gemeinsam wie ein Matchbox-Mercedes mit dem echten Auto.</p> <p>Der Beweis und seine Widerlegung sind also an so viele Bedingungen geknüpft, dass sie, wie so oft in der Philosophie, friedlich nebeneinander leben.</p> <h3>Also was denn jetzt: Simulation oder nicht?</h3> <p>Wenn schon nicht die ganze Welt simuliert wird, könnte es sein, dass jemand unsere Gehirne mit falschen Informationen füttert, wie beispielsweise in den Matrix-Filmen? Sicher, unmöglich ist das nicht, aber irgendwie frage ich mich doch, warum jemand den ungeheuren Aufwand dafür treiben sollte. Das beantwortet die Matrix-Serie nicht befriedigend, die Erklärung im Film sorgt zwar für gehörigen Grusel, ist aber im Grunde unsinnig. Wenn wir einmal davon ausgehen, dass einfache Antworten wahrscheinlicher sind als komplizierte<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>, dann leben Sie und ich wahrscheinlich nicht in einer Simulation, auch nicht in einer minimalen, in der nur unser ganz persönliches Gehirn absichtlich in die Irre geführt wird. Selbst dieses Szenario ist ein gehöriges Stück komplizierter als die einfache Erklärung, dass unser Gehirn ein Modell der echten Außenwelt aufbaut, damit wir uns darin sinnvoll bewegen können.</p> <p>Und wenn aber doch … ? Dann denken Sie darüber nach, wie die echte Welt aussehen könnte, warum ausgerechnet Ihr Gehirn in einem Tank liegt, und schreiben Sie ein Buch darüber. Es wird bestimmt ein Bestseller.</p> <p>P.S.: Weil die künstliche Intelligenz bei diesem Thema sozusagen direkt betroffen ist, habe ich diverse KI-Modelle gebeten, Bilder zum Thema zu generieren. Die besten Ergebnisse stelle ich hier vor.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> In dem sehenswerten Film „Free Guy“ aus dem Jahr 2021 spielt ein NPC die Hauptrolle. Er ist damit zufrieden, dass seine Tage immer gleich ablaufen. Aber dann wird seine Routine durchbrochen, und er muss sich einem Kampf stellen, der seine ganze Spielwelt bedroht. Der Film ist als Actionkomödie angelegt, und so wird am Ende alles gut.</p> <div id="sdendnote2"> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> In der Philosophie ist dieses Prinzip als „Ockhams Skalpell“ oder „Ockhams Rasiermesser“ bekannt. Es ist kein Gesetz, sondern eher eine Faustregel, benannt nach dem mittelalterlichen Mönch und Philosophen Wilhelm von Ockham, obwohl von ihm keine einzelne entsprechende Definition überliefert ist. Demnach sind einfache Erklärungen für einen Sachverhalt grundsätzlich vorzuziehen, immer vorausgesetzt, sie erklären ihn vollständig. Man soll dabei versuchen versuchen, mit möglichst wenigen Variablen, Hypothesen und Zusammenhängen auszukommen. Das Skalpell schneidet also wucherndes Gedankengewebe weg. Im Einzelfall mag eine Lösung komplizierter sein. Ein Beispiel: In neun von zehn Fällen ist eine Person, die mit einem blutigen Messer am Tatort eines Mordes angetroffen wird, tatsächlich der Mörder, aber möglicherweise ist es im Einzelfall komplizierter. Im Fall der Simulation ganzer Welten heißt das: Die Herstellung und der Betrieb einer Simulation ist außerordentlich kompliziert und fehleranfällig. Die Annahme, dass Ihre oder meine sichtbare Welt genau darauf beruht, ist demzufolge sehr viel weniger wahrscheinlich als die Annahme, dass wir in der echten Welt wohnen.</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim2.jpg" /><h1>Sind wir alle Simulanten? » Babylonische Türme » SciLogs</h1><h2>By Martina Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Leben wir </b><b>alle </b><b>in einer Simulation? </b><b>Spätestens seit den Matrix-Filmen eine durchaus ernsthaft diskutierte Frage. </b><b>E</b><b>ine Gruppe von Mathematikern um Mir Faizal von der kanadischen University of British Columbia <a href="https://arxiv.org/abs/2507.22950">meint jetzt beweisen zu können</a>, dass wir in der echten Realität zu Hause sind. </b><b>Das ist doch beruhigend. </b></p> <p>Schon 1961 entwarf der österreichische Autor Herbert W. Franke 1961 in seinem Science-Fiction-Roman „Das Gedankennetz“ die dystopische Vision eines totalitären Staates, der potentielle Abweichler einer Loyalitätsprüfung unterziehen konnte, und zwar mithilfe von perfekten Simulationen, die sie nicht von der Wirklichkeit unterscheiden konnten. Der Oxforder Philosoph Nick Bostrom veröffentlichte <a href="https://simulation-argument.com/simulation/">im Jahre 2003 eine Abhandlung</a>, in der er argumentiert hatte, dass unsere Welt nur aus Bits und Bytes besteht und wir alle lediglich als Elektronenwolken im Inneren eines SSD-Speichers existieren, wo wir darauf warten, dass jemand die Simulation in den Hauptspeicher lädt und startet.</p> <p>Die Philosophie kennt viele Behauptungen, die sich ebenso schlüssig widerlegen wie auch beweisen lassen. Wäre die Philosophie eine exakte Wissenschaft, könnte man sich viele Regalmeter Bücher ersparen. Aber sie ist es nicht, und so wundert es niemanden, wenn eine philosophische Schule mit viel Scharfsinn eine in sich schlüssige Lehre aufbaut, die dann von einer anderen Schule mit ätzend scharfer Argumentation widerlegt wird. Beide bauen ein tragfähiges Gedankengebäude auf, das den unausweichlichen Zusammensturz der gegnerischen Konstruktion beweist. Beweise und Gegenbeweise leben in friedlicher Koexistenz, denn sie ernähren jeweils eine erkleckliche Anzahl von Akademikern.</p> <p>Aber hier geht es buchstäblich um eine existenzielle Frage, nicht um ein luftiges Gebilde aus sophistischen Argumenten. Sehen wir uns die Argumente beider Seiten einmal an:</p> <h3>Was für die Simulations-Hypothese spricht</h3> <p>Nick Bostrom argumentierte, vereinfacht gesagt, dass es nur eine Wirklichkeit gibt, aber beliebig viele Simulationen.<aside></aside></p> <p>Das Spiel „Grand Theft Auto“ (GTA) schafft zum Beispiel eine ganze Spielwelt und läuft auf vielen Millionen Rechnern. Jede neue Version (wir sind inzwischen bei GTA VI) hat eine größere Spielwelt und mehr NPCs (Non-player Characters, vom Computer simulierte Nebenfiguren). Warum sollte nicht in naher Zukunft eine solche Spielwelt so groß sein wie die Erde, oder wenigstens so groß wie die Lebenswelt der Menschen?</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-355" id="attachment_355"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6.jpg"><img alt="Simulation und Wirklichkeit" decoding="async" height="512" sizes="(max-width: 512px) 100vw, 512px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6.jpg 2048w" width="512"></img></a><figcaption id="caption-attachment-355">KI-generiertes Bild zur Frage, ob wir in einer Computer-Simulation leben.</figcaption></figure> <p>Mehr als 400 Millionen Kopien des Spiels hat die Herstellerfirma verkauft. Wenn jede nur zehntausend NPCs<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a> erschafft, dann wären wir bei mehr als vier Billionen NPCs. Und wer weiß, vielleicht kann schon im Jahr 2100 jeder Laptop eine so riesige Welt simulieren.</p> <p>Darauf baut Bostrom seine Argumente auf.</p> <ul> <li>Wenn unsere Nachfahren genügend große Rechner bauen können <i>und</i></li> <li>wenn sie daran interessiert sind, eine Simulation zu bauen und zu spielen, die in der Vergangenheit spielt <i>und</i></li> <li>wenn die NPCs darin tatsächlich ein Bewusstsein entwickeln können,</li> </ul> <p>dann (und nur dann) leben wir wahrscheinlich in einer Simulation.</p> <p>Das sind eine ganze Menge wenns. Fangen wir beim letzten an: Ob NPCs im Computer <a href="https://www.scinexx.de/news/technik/kann-ki-ein-bewusstsein-entwickeln/">ein Bewusstsein entwickeln</a>, wird auch längerfristig kaum zu klären sein. Schließlich wissen wir (wir = alle Wissenschaftler der Erde) nicht, was ein Bewusstsein überhaupt ist. Jeder weiß, dass er eines hat, und vermutet, dass alle anderen auch eines haben. Alles weitere driftet schnell in den Bereich der Esoterik ab. Wenn sich aber eine Hypothese in einem entscheidenden Punkt der Überprüfung entzieht, haben wir jedes Recht, sie zum Gedankenspiel herunterzustufen.</p> <p>Wo wir gerade beim Gedankenspielen sind: Wer sagt denn eigentlich, dass wir nicht in einer Simulation leben, deren Schöpfer wiederum nur einer Simulation entstammen? Diese Idee stammt nicht von Nick Bostrom, sie findet sich schon im Jahr 1964 in dem Science-Fiction-Roman Simulacron III von Daniel F. Galouye. Darin beschreibt er die Simulation einer Großstadt zu Marktforschungszwecken. Aber auch die Wissenschaftler, die den gigantischen Computer betreiben, in dem die Simulation läuft, müssen irgendwann feststellen, dass sie selbst nur Bits in einem Computer sind. Rainer Werner Fassbinder hat den Roman 1973 kongenial verfilmt.</p> <p>Der Roman und der Film enden damit, dass der Protagonist es schafft, aus der Simulation zu entkommen und in die Wirklichkeit vorzustoßen. Aber was, wenn es keine Wirklichkeit gibt? Wenn jede neue Ebene wieder eine Simulation ist? Wenn es sich um unzählige Spiegelbilder einer endlos fernen Wirklichkeit handelt, zu der wir niemals durchbrechen werden?</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-357" id="attachment_357"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4.jpg"><img alt="Unendliche Spiegel" decoding="async" height="523" sizes="(max-width: 523px) 100vw, 523px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4.jpg 1024w" width="523"></img></a><figcaption id="caption-attachment-357">Könnte die Welt eine unendlich ineinander geschachtelte Simulation ein?</figcaption></figure> <p>Dieser Idee sind dann doch enge Grenzen gesetzt. Jede Welt wird nur einen winzigen Teil ihrer Ressourcen auf die Simulation verwenden, schließlich muss man sich um wichtigere Dinge kümmern als Computerspiele. Jede höhere Stufe der Simulation wäre also Millionen Mal komplexer als aktuelle. Damit gelangen wir sehr schnell in Regionen, die einen mehrfachen Regress schon unwahrscheinlich werden lassen, einen endlosen Regress (Ursache der Ursache der Ursache … ad infinitum) aber sicher ausschließt.</p> <h3>Simulation oder Modell?</h3> <p>Wenn wir ehrlich sind, müssen wir natürlich zugeben, dass die Spiele im Rechner nicht einmal ein Dorf von hundert Einwohnern wirklich simulieren können. Ein professioneller Flugsimulator ahmt das wirkliche Flugverhalten eines einzelnen Flugzeugs sehr gut nach, so gut jedenfalls, dass die Piloten echte Notfälle darin üben können, ohne dass bei einer falschen Reaktion jemand zu Schaden kommt. Wohlgemerkt: Der Simulator bildet nur das nach, was die Piloten sehen, und konfrontiert sie mit den Konsequenzen falschen Handelns. Er könnte beispielsweise nicht simulieren, wie Passagiere reagieren, und nur sehr ungenau, an welchen Stellen sich eine Strukturüberlastung auswirken würde.</p> <p>Ein Spiel wie GTA oder Civilisation ist dagegen ein <i>Modell</i> im Maßstab eins zu einer Million (oder noch kleiner). Von einer Simulation zu sprechen, ist zwar üblich, aber irreführend. Kein Computerspielstudio bildet die echte Lebenswelt der Menschen genauer nach als beispielsweise Disneyworld oder Legoland. Warum erscheint es dann so echt, wenn man vor seinem Bildschirm sitzt? Wir Menschen sehen eben nur einen verschwindend kleinen Ausschnitt unserer Welt, und davon auch nur das, was unser Gehirn daraus macht. Schon wenn wir ein Buch lesen oder ein Theaterstück erleben, dann haben wir das Gefühl, die Figuren seien Teil unserer Lebenswelt. Wir neigen also dazu, aus kleinen Mosaiksteinen auf das ganze Bild zu schließen. Und ein Großteil davon spielt sich nur in unserem Kopf ab.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-356" id="attachment_356"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5.jpg"><img alt="" decoding="async" height="512" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5.jpg 1024w" width="512"></img></a><figcaption id="caption-attachment-356">Die Simulation der Welt in unserem Kopf. Simulieren wir eventuell eine Simulation?</figcaption></figure> <p>Nach meinem Eindruck haben weder Nick Bostrom noch seine Kritiker den Unterschied zwischen Simulation und Modell ausreichend diskutiert. Denn seien wir ehrlich: Computerspiele wie GTA simulieren keine Welt, sie modellieren nur auf recht primitive Weise soziale Interaktionen, und das vor einem Hintergrund, der kaum realistischer ist als die gemalten Kulissen in einem Theater.</p> <p>Kommen wir also jetzt zur Widerlegung.</p> <h3>Die Widerlegung: Wir leben nicht in einer Simulation</h3> <p>Während sich Bostroms Beweis durch seine Geradlinigkeit und Verständlichkeit auszeichnet, liest sich die Widerlegung wie ein Gewaltmarsch durch die dämmerigen Ränder der Mathematik, der Physik und der Philosophie. Die Quantengravitation wird da bemüht – ein Konzept, an dem sich Generationen von Physikern bisher vergeblich abarbeiten. Die Quantentheorie beschreibt hervorragend die Welt des Elektromagnetismus und der Kernkräfte. Die Quantenfeldtheorie beschreibt alle Kräfte außer der Gravitation, die wiederum von der Relativitätstheorie perfekt erfasst wird. Aber bisher sind alle Versuche gescheitert, daraus eine gemeinsame Theorie – die Quantengravitation – zu destillieren. Aber wenn es etwas nicht gibt, kann ich damit auch nicht argumentieren.</p> <p>Als weitere Akteure im Paper treten auf: Gödels Unvollständigkeitssatz, Tarskis Satz über die Undefinierbarkeit der Wahrheit und <a href="https://plato.stanford.edu/entries/platonism-mathematics/">der Platonismus in der Mathematik</a>, eine philosophische Theorie, die von der wirklichen Existenz abstrakter mathematischer Objekte ausgeht. „Wirklich“ heißt hier, sie existieren wie Planeten oder Kometen, unabhängig vom menschlichen Denken, und wenn ein Mathematiker ein neues Konzept findet, hat er es nicht er-funden, sondern ge-funden.</p> <p>Und das alles kondensieren die Autoren um Mir Faizal zu der Idee, dass sich unsere Welt von innen her nicht vollständig beschreiben lässt. Es bleibt immer ein undefinierbarer Rest, und zwar nicht etwa deshalb, weil man unmöglich schafft, in alle Staubecken zu gucken, sondern wegen des fundamentales Prinzips, dass immer irgendetwas nicht perfekt definiert ist.</p> <p>Weil aber eine Simulation in einem Computer abläuft, in der jedes Bit einen exakten Wert hat, der nach bestimmten Algorithmen auf eindeutige Art verändert wird, kann ein Computer unsere Welt nicht komplett simulieren. Wenn unsere Welt aber nicht im Computer simuliert werden kann, dann leben wir offensichtlich nicht in einer Simulation.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-360" id="attachment_360"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="512" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1.jpg 1024w" width="512"></img></a><figcaption id="caption-attachment-360">Kann es überhaupt eine Simulation geben?</figcaption></figure> <p>Äh, ja, sicher, ist doch ganz einfach, oder nicht? Bei näherer Überlegung hat die Argumentation aber ähnlich viele Löcher wie der Beweis. Zunächst: Woher wissen Physiker eigentlich, wie die Welt im Kleinsten (Quanten) und Größten (Galaxien) zusammengesetzt ist? Naja, sie lesen Instrumente ab. Sie werten Fotos aus. Erst dann schaffen sie Theorien und setzen neue Experimente auf, um aus weiteren Messwerten mehr Erkenntnisse zu entnehmen. Auch ein eindeutig definiertes System wie ein Computer könnte diese Ablesungen simulieren und den NPCs vorgaukeln, ihre Welt sei schon prinzipiell nicht simulierbar.</p> <p>Und das ist natürlich nicht alles. Wenn unsere Welt nicht simulierbar ist, dann könnte es auch keine Simulationen wie GTA geben. Es gibt sie aber. Nur: Diese Simulationen sind, wie schon gesagt, <i>Modelle</i> und haben eben mit der wirklichen Welt so viel gemeinsam wie ein Matchbox-Mercedes mit dem echten Auto.</p> <p>Der Beweis und seine Widerlegung sind also an so viele Bedingungen geknüpft, dass sie, wie so oft in der Philosophie, friedlich nebeneinander leben.</p> <h3>Also was denn jetzt: Simulation oder nicht?</h3> <p>Wenn schon nicht die ganze Welt simuliert wird, könnte es sein, dass jemand unsere Gehirne mit falschen Informationen füttert, wie beispielsweise in den Matrix-Filmen? Sicher, unmöglich ist das nicht, aber irgendwie frage ich mich doch, warum jemand den ungeheuren Aufwand dafür treiben sollte. Das beantwortet die Matrix-Serie nicht befriedigend, die Erklärung im Film sorgt zwar für gehörigen Grusel, ist aber im Grunde unsinnig. Wenn wir einmal davon ausgehen, dass einfache Antworten wahrscheinlicher sind als komplizierte<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>, dann leben Sie und ich wahrscheinlich nicht in einer Simulation, auch nicht in einer minimalen, in der nur unser ganz persönliches Gehirn absichtlich in die Irre geführt wird. Selbst dieses Szenario ist ein gehöriges Stück komplizierter als die einfache Erklärung, dass unser Gehirn ein Modell der echten Außenwelt aufbaut, damit wir uns darin sinnvoll bewegen können.</p> <p>Und wenn aber doch … ? Dann denken Sie darüber nach, wie die echte Welt aussehen könnte, warum ausgerechnet Ihr Gehirn in einem Tank liegt, und schreiben Sie ein Buch darüber. Es wird bestimmt ein Bestseller.</p> <p>P.S.: Weil die künstliche Intelligenz bei diesem Thema sozusagen direkt betroffen ist, habe ich diverse KI-Modelle gebeten, Bilder zum Thema zu generieren. Die besten Ergebnisse stelle ich hier vor.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> In dem sehenswerten Film „Free Guy“ aus dem Jahr 2021 spielt ein NPC die Hauptrolle. Er ist damit zufrieden, dass seine Tage immer gleich ablaufen. Aber dann wird seine Routine durchbrochen, und er muss sich einem Kampf stellen, der seine ganze Spielwelt bedroht. Der Film ist als Actionkomödie angelegt, und so wird am Ende alles gut.</p> <div id="sdendnote2"> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> In der Philosophie ist dieses Prinzip als „Ockhams Skalpell“ oder „Ockhams Rasiermesser“ bekannt. Es ist kein Gesetz, sondern eher eine Faustregel, benannt nach dem mittelalterlichen Mönch und Philosophen Wilhelm von Ockham, obwohl von ihm keine einzelne entsprechende Definition überliefert ist. Demnach sind einfache Erklärungen für einen Sachverhalt grundsätzlich vorzuziehen, immer vorausgesetzt, sie erklären ihn vollständig. Man soll dabei versuchen versuchen, mit möglichst wenigen Variablen, Hypothesen und Zusammenhängen auszukommen. Das Skalpell schneidet also wucherndes Gedankengewebe weg. Im Einzelfall mag eine Lösung komplizierter sein. Ein Beispiel: In neun von zehn Fällen ist eine Person, die mit einem blutigen Messer am Tatort eines Mordes angetroffen wird, tatsächlich der Mörder, aber möglicherweise ist es im Einzelfall komplizierter. Im Fall der Simulation ganzer Welten heißt das: Die Herstellung und der Betrieb einer Simulation ist außerordentlich kompliziert und fehleranfällig. Die Annahme, dass Ihre oder meine sichtbare Welt genau darauf beruht, ist demzufolge sehr viel weniger wahrscheinlich als die Annahme, dass wir in der echten Welt wohnen.</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/sind-wir-alle-simulanten/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>43</slash:comments> </item> <item> <title>Venezuelas Reichtum an Öl – das Orinocobecken https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/venezuelas-reichtum-an-oel-das-orinocobecken/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/venezuelas-reichtum-an-oel-das-orinocobecken/#comments Fri, 16 Jan 2026 17:05:27 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3727 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/venezuelas-reichtum-an-oel-das-orinocobecken/</link> </image> <description type="html"><h1>Venezuelas Reichtum an Öl - das Orinocobecken » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Venezuela#">Venezuela </a>steht einmal mehr im Zentrum des weltweiten Interesses. Ich möchte mich hier nicht über den Sinn oder Unsinn auslassen, unliebsame Politiker zu entführen, selbst wenn sie ihr Land unterdrücken und nicht demokratisch legitimiert sind. Hier geht es hauptsächlich um das Öl. Das Unternehmen wurde schließlich nicht gestartet, um dem venezolanischen Volk Freiheit oder wirtschaftlichen Wohlstand zu bringen.</p> <p>Vermutlich verfügt das lateinamerikanische Land über die <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/40062/umfrage/laendervergleich-nachgewiesene-erdoelreserven-in-milliarden-tonnen/">größten nachgewiesenen Ölreserven der Welt</a>. Schätzungen zufolge besitzt Venezuela rund 300 Milliarden Barrel Öl. Damit liegt das Land nicht nur an der Spitze in Lateinamerika, sondern auch deutlich vor Saudi-Arabien mit 265 Milliarden Barrel. Brasilien, die Nummer zwei in Lateinamerika in Sachen Erdöl, ist mit gut 16 Mrd. Barrel weit abgeschlagen. Dabei muss man allerdings berücksichtigen, dass weite Bereiche in Lateinamerika noch nicht hinreichend exploriert wurden und sicher noch einige Überraschungen bereithalten könnten.</p> <p>Hinzu kommt, dass man zwischen Reserven und Ressourcen unterscheidet. Reserven bezeichnen die Mengen, die zu gegenwärtigen Preisen und mit heutiger Technologie förderbar sind. Letztere stellen die Mengen dar, die zwar nachgewiesen sind, aber nach dem heutigen Stand der Technik und den heutigen Preisen nicht gewonnen werden können. Sie könnten aber möglicherweise in Zukunft ausgebeutet werden. Das erklärt auch die immer wieder auftretenden Schwankungen der Zahlen. Hier soll es um Reserven gehen.</p> <h2 id="h-wo-kommt-das-ol-eigentlich-her">Wo kommt das Öl eigentlich her?</h2> <p>Selbst wenn man davon ausgeht, dass die umliegenden Gebiete in Lateinamerika noch nicht ausreichend erkundet wurden und möglicherweise noch das eine oder andere Überraschungspotenzial bergen. Venezuela ist in jedem Fall bemerkenswert. Rund 90 % des venezolanischen Öls kommen im Orinocobecken vor. Das Gebiet der Ölfelder ist mit rund 55.000 km² fast so groß wie Kroatien. Es ist neben den kanadischen Ölsanden das größte bekannte zusammenhängende Ölfeld der Welt. Hier muss also einiges zusammengekommen sein, um diese gigantische Menge an Öl entstehen zu lassen. Schätzungen zufolge liegen hier mehr als 1 Billion Barrel Öl [1].</p> <p>Im Norden Südamerikas grenzt der südamerikanische Kontinent an die Karibische Platte. Das Orinokobecken liegt dabei südlich eines Faltengürtels. Durch die Kollision der Karibischen Platte mit dem passiven Rand Südamerikas bildete sich während des Paläogens und Neogens ein Vorlandbecken mit einem Überschiebungsgürtel.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS.jpg"><img alt="" decoding="async" height="611" sizes="(max-width: 719px) 100vw, 719px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS.jpg 719w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS-300x255.jpg 300w" width="719"></img></a><figcaption><em>Der Orinoco Petroleum Belt und seine Lage in Venezuela. <a href="https://pubs.usgs.gov/fs/2009/3028/pdf/FS09-3028.pdf">USGS</a></em></figcaption></figure> <h2 id="h-von-der-bildung-zum-speicher">Von der Bildung zum Speicher</h2> <p>Durch Überschiebungen verdickte sich die Lithosphäre, wodurch sich das Becken senkte und ausgedehnte flache Meeresbereiche entstanden, die ideale Bedingungen für marines Leben boten. Eine starke Sedimentation durch den Ur-Orinoco führte zu einer raschen Bedeckung der organischen Reste und zur weiteren Absenkung des Beckens. Dadurch sanken die Erdölmuttergesteine immer tiefer und gelangten in einen Temperaturbereich, der für die Entstehung von Erdöl ideal ist.</p> <p>Mit der Bildung ist die Sache aber noch lange nicht beendet. Um ein anständiges Ölfeld zu bilden, braucht man auch Gesteine, die Erdöl speichern können. Idealerweise sind dies poröse Gesteine, in deren Porenraum das Erdöl gespeichert wird. Darüber sollten abdichtende Schichten, wie etwa Salz- oder Tonsteine, vorhanden sein, die verhindern, dass das kostbare Erdöl weiter aufsteigt und die Erdoberfläche erreicht.<br></br>Und genau das passierte hier auch. Das Erdöl wanderte von den tieferen Becken aufwärts in den flachen südlichen Bereich, wo es sich entlang einer vorgewölbten Struktur sammelte [3].<br></br>Dort gab es größere Mengen fluviatiler Sandsteine, die als gute Erdöl-Speichergesteine gelten. Allerdings sind sie hier auch recht uneinheitlich. Verschiedene Sandsteine und Schieferbarrieren stellen einige Herausforderungen für die Förderung dar.</p> <h2 id="h-viel-ol-aber-es-ist-schwierig">Viel Öl, aber es ist schwierig</h2> <p>Klar, dass so viel Öl zunächst verlockend klingt und große Gewinne verspricht. Die Sache hat jedoch einen relativ großen Haken. So einfach wie Trump es sich vorstellt, dürfte es nicht sein, weder politisch noch wirtschaftlich noch erdöltechnisch.</p> <p>Ein Großteil des venezolanischen Öls ist nämlich sehr zäh und enthält viel Schwefel. Das stellt große Herausforderungen an die Förderung und die Weiterverarbeitung. So muss das Öl für den Transport mit Naphtha und Gasöl verdünnt werden. Der Schwefel muss vor der Verarbeitung entfernt werden, wozu aber nur wenige Anlagen fähig sind. Das bedeutet, dass dieses Öl im Vergleich zu hochwertigen Rohölen wie Brent nur mit deutlichem Preisnachlass auf dem Weltmarkt verkauft werden kann – teilweise nur zu einem Drittel des Preises der hochwertigen Sorten.</p> <p>Hinzu kommt, dass die Förderanlagen aufgrund von staatlichem Missmanagement, fallenden Ölpreisen und technischen Embargos schon deutlich bessere Zeiten gesehen haben. Während Venezuela 1997 noch rund 3,3 Mio. Barrel täglich förderte, ging die Förderung langsam zurück. 2004 sank sie nach Angaben der OPEC auf 2,3 Millionen Barrel. Von da an ging es rapide bergab. 2018 waren es nur noch geschätzte 700.000 Barrel und 2020 lag die Förderung laut OPEC nur noch bei 570.000 Barrel pro Tag.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004.png"><img alt="" decoding="async" height="512" sizes="(max-width: 960px) 100vw, 960px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004.png 960w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004-300x160.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004-768x410.png 768w" width="960"></img></a><figcaption><em>Ölproduktion in Venezuela in den Jahren 1998 bis 2024 und im Vergleich dazu Kolumbien. Daten nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Organisation_erd%C3%B6lexportierender_L%C3%A4nder">OPEC</a>. DaWalda (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:R<a href="http://ohölproduktion_Venezuela_und_Kolumbien,_1998-2004.png">ohölproduktion_Venezuela_und_Kolumbien,_1998-2004.png</a>), „Rohölproduktion Venezuela und Kolumbien, 1998-2004“, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode">https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode</a></em></figcaption></figure> <h2 id="h-lohnt-es-sich">Lohnt es sich?</h2> <p>Das ist eigentlich die alles entscheidende Frage. Es handelt sich um eine enorme Menge Öl, auch wenn manche die tatsächlichen Reserven anzweifeln. Zumal der Ölpreis zurzeit niedrig ist und das Öl daher relativ unwirtschaftlich ist. Wer soll das Öl verarbeiten? Die Anzahl der Raffinerien, die so schweres Öl verarbeiten können, ist begrenzt und nimmt ab. Vorsichtige Schätzungen sprechen von einem Investitionsbedarf von etwa 180 Mrd. Dollar bis 2040 für die heruntergekommene Förderinfrastruktur, um die Förderraten der 1990er Jahre wieder zu erreichen.</p> <p>Hinzu kommt die Sicherheitsfrage. Wer auch immer eine so enorme Menge an Geld in den venezolanischen Boden investieren will, braucht Sicherheit und politische Stabilität. Und damit sieht es zumindest zurzeit nicht gut aus. Das brachte den amerikanischen Präsidenten vermutlich auch dazu, über amerikanisches Steuergeld nachzudenken, mit dem er <a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">zögerliche Ölfirmen motivieren</a> könnte. Es sieht also ziemlich finster aus für sprudelnde Einnahmen aus dem Orinocobecken.</p> <h2 id="h-references">References</h2> <ul> <li>[1] <strong>Fiorillo, G.</strong> (<strong>1987</strong>). <em>Exploration and evaluation of the Orinoco Oil Belt</em>, .</li> <li>[2] <strong>Summa, L.; Goodman, E.; Richardson, M.; Norton, I. and Green, A.</strong> (<strong>2003</strong>). <em>Hydrocarbon systems of Northeastern Venezuela: plate through molecular scale-analysis of the genesis and evolution of the Eastern Venezuela Basin</em>, Marine and Petroleum Geology 20 : 323-349.</li> <li>[3] <strong>Bartok, P.</strong> (<strong>2003</strong>). <em>The peripheral bulge of the Interior Range of the Eastern Venezuela Basin and its impact on oil accumulations</em>, .</li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Venezuelas Reichtum an Öl - das Orinocobecken » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Venezuela#">Venezuela </a>steht einmal mehr im Zentrum des weltweiten Interesses. Ich möchte mich hier nicht über den Sinn oder Unsinn auslassen, unliebsame Politiker zu entführen, selbst wenn sie ihr Land unterdrücken und nicht demokratisch legitimiert sind. Hier geht es hauptsächlich um das Öl. Das Unternehmen wurde schließlich nicht gestartet, um dem venezolanischen Volk Freiheit oder wirtschaftlichen Wohlstand zu bringen.</p> <p>Vermutlich verfügt das lateinamerikanische Land über die <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/40062/umfrage/laendervergleich-nachgewiesene-erdoelreserven-in-milliarden-tonnen/">größten nachgewiesenen Ölreserven der Welt</a>. Schätzungen zufolge besitzt Venezuela rund 300 Milliarden Barrel Öl. Damit liegt das Land nicht nur an der Spitze in Lateinamerika, sondern auch deutlich vor Saudi-Arabien mit 265 Milliarden Barrel. Brasilien, die Nummer zwei in Lateinamerika in Sachen Erdöl, ist mit gut 16 Mrd. Barrel weit abgeschlagen. Dabei muss man allerdings berücksichtigen, dass weite Bereiche in Lateinamerika noch nicht hinreichend exploriert wurden und sicher noch einige Überraschungen bereithalten könnten.</p> <p>Hinzu kommt, dass man zwischen Reserven und Ressourcen unterscheidet. Reserven bezeichnen die Mengen, die zu gegenwärtigen Preisen und mit heutiger Technologie förderbar sind. Letztere stellen die Mengen dar, die zwar nachgewiesen sind, aber nach dem heutigen Stand der Technik und den heutigen Preisen nicht gewonnen werden können. Sie könnten aber möglicherweise in Zukunft ausgebeutet werden. Das erklärt auch die immer wieder auftretenden Schwankungen der Zahlen. Hier soll es um Reserven gehen.</p> <h2 id="h-wo-kommt-das-ol-eigentlich-her">Wo kommt das Öl eigentlich her?</h2> <p>Selbst wenn man davon ausgeht, dass die umliegenden Gebiete in Lateinamerika noch nicht ausreichend erkundet wurden und möglicherweise noch das eine oder andere Überraschungspotenzial bergen. Venezuela ist in jedem Fall bemerkenswert. Rund 90 % des venezolanischen Öls kommen im Orinocobecken vor. Das Gebiet der Ölfelder ist mit rund 55.000 km² fast so groß wie Kroatien. Es ist neben den kanadischen Ölsanden das größte bekannte zusammenhängende Ölfeld der Welt. Hier muss also einiges zusammengekommen sein, um diese gigantische Menge an Öl entstehen zu lassen. Schätzungen zufolge liegen hier mehr als 1 Billion Barrel Öl [1].</p> <p>Im Norden Südamerikas grenzt der südamerikanische Kontinent an die Karibische Platte. Das Orinokobecken liegt dabei südlich eines Faltengürtels. Durch die Kollision der Karibischen Platte mit dem passiven Rand Südamerikas bildete sich während des Paläogens und Neogens ein Vorlandbecken mit einem Überschiebungsgürtel.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS.jpg"><img alt="" decoding="async" height="611" sizes="(max-width: 719px) 100vw, 719px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS.jpg 719w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS-300x255.jpg 300w" width="719"></img></a><figcaption><em>Der Orinoco Petroleum Belt und seine Lage in Venezuela. <a href="https://pubs.usgs.gov/fs/2009/3028/pdf/FS09-3028.pdf">USGS</a></em></figcaption></figure> <h2 id="h-von-der-bildung-zum-speicher">Von der Bildung zum Speicher</h2> <p>Durch Überschiebungen verdickte sich die Lithosphäre, wodurch sich das Becken senkte und ausgedehnte flache Meeresbereiche entstanden, die ideale Bedingungen für marines Leben boten. Eine starke Sedimentation durch den Ur-Orinoco führte zu einer raschen Bedeckung der organischen Reste und zur weiteren Absenkung des Beckens. Dadurch sanken die Erdölmuttergesteine immer tiefer und gelangten in einen Temperaturbereich, der für die Entstehung von Erdöl ideal ist.</p> <p>Mit der Bildung ist die Sache aber noch lange nicht beendet. Um ein anständiges Ölfeld zu bilden, braucht man auch Gesteine, die Erdöl speichern können. Idealerweise sind dies poröse Gesteine, in deren Porenraum das Erdöl gespeichert wird. Darüber sollten abdichtende Schichten, wie etwa Salz- oder Tonsteine, vorhanden sein, die verhindern, dass das kostbare Erdöl weiter aufsteigt und die Erdoberfläche erreicht.<br></br>Und genau das passierte hier auch. Das Erdöl wanderte von den tieferen Becken aufwärts in den flachen südlichen Bereich, wo es sich entlang einer vorgewölbten Struktur sammelte [3].<br></br>Dort gab es größere Mengen fluviatiler Sandsteine, die als gute Erdöl-Speichergesteine gelten. Allerdings sind sie hier auch recht uneinheitlich. Verschiedene Sandsteine und Schieferbarrieren stellen einige Herausforderungen für die Förderung dar.</p> <h2 id="h-viel-ol-aber-es-ist-schwierig">Viel Öl, aber es ist schwierig</h2> <p>Klar, dass so viel Öl zunächst verlockend klingt und große Gewinne verspricht. Die Sache hat jedoch einen relativ großen Haken. So einfach wie Trump es sich vorstellt, dürfte es nicht sein, weder politisch noch wirtschaftlich noch erdöltechnisch.</p> <p>Ein Großteil des venezolanischen Öls ist nämlich sehr zäh und enthält viel Schwefel. Das stellt große Herausforderungen an die Förderung und die Weiterverarbeitung. So muss das Öl für den Transport mit Naphtha und Gasöl verdünnt werden. Der Schwefel muss vor der Verarbeitung entfernt werden, wozu aber nur wenige Anlagen fähig sind. Das bedeutet, dass dieses Öl im Vergleich zu hochwertigen Rohölen wie Brent nur mit deutlichem Preisnachlass auf dem Weltmarkt verkauft werden kann – teilweise nur zu einem Drittel des Preises der hochwertigen Sorten.</p> <p>Hinzu kommt, dass die Förderanlagen aufgrund von staatlichem Missmanagement, fallenden Ölpreisen und technischen Embargos schon deutlich bessere Zeiten gesehen haben. Während Venezuela 1997 noch rund 3,3 Mio. Barrel täglich förderte, ging die Förderung langsam zurück. 2004 sank sie nach Angaben der OPEC auf 2,3 Millionen Barrel. Von da an ging es rapide bergab. 2018 waren es nur noch geschätzte 700.000 Barrel und 2020 lag die Förderung laut OPEC nur noch bei 570.000 Barrel pro Tag.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004.png"><img alt="" decoding="async" height="512" sizes="(max-width: 960px) 100vw, 960px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004.png 960w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004-300x160.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004-768x410.png 768w" width="960"></img></a><figcaption><em>Ölproduktion in Venezuela in den Jahren 1998 bis 2024 und im Vergleich dazu Kolumbien. Daten nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Organisation_erd%C3%B6lexportierender_L%C3%A4nder">OPEC</a>. DaWalda (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:R<a href="http://ohölproduktion_Venezuela_und_Kolumbien,_1998-2004.png">ohölproduktion_Venezuela_und_Kolumbien,_1998-2004.png</a>), „Rohölproduktion Venezuela und Kolumbien, 1998-2004“, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode">https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode</a></em></figcaption></figure> <h2 id="h-lohnt-es-sich">Lohnt es sich?</h2> <p>Das ist eigentlich die alles entscheidende Frage. Es handelt sich um eine enorme Menge Öl, auch wenn manche die tatsächlichen Reserven anzweifeln. Zumal der Ölpreis zurzeit niedrig ist und das Öl daher relativ unwirtschaftlich ist. Wer soll das Öl verarbeiten? Die Anzahl der Raffinerien, die so schweres Öl verarbeiten können, ist begrenzt und nimmt ab. Vorsichtige Schätzungen sprechen von einem Investitionsbedarf von etwa 180 Mrd. Dollar bis 2040 für die heruntergekommene Förderinfrastruktur, um die Förderraten der 1990er Jahre wieder zu erreichen.</p> <p>Hinzu kommt die Sicherheitsfrage. Wer auch immer eine so enorme Menge an Geld in den venezolanischen Boden investieren will, braucht Sicherheit und politische Stabilität. Und damit sieht es zumindest zurzeit nicht gut aus. Das brachte den amerikanischen Präsidenten vermutlich auch dazu, über amerikanisches Steuergeld nachzudenken, mit dem er <a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">zögerliche Ölfirmen motivieren</a> könnte. Es sieht also ziemlich finster aus für sprudelnde Einnahmen aus dem Orinocobecken.</p> <h2 id="h-references">References</h2> <ul> <li>[1] <strong>Fiorillo, G.</strong> (<strong>1987</strong>). <em>Exploration and evaluation of the Orinoco Oil Belt</em>, .</li> <li>[2] <strong>Summa, L.; Goodman, E.; Richardson, M.; Norton, I. and Green, A.</strong> (<strong>2003</strong>). <em>Hydrocarbon systems of Northeastern Venezuela: plate through molecular scale-analysis of the genesis and evolution of the Eastern Venezuela Basin</em>, Marine and Petroleum Geology 20 : 323-349.</li> <li>[3] <strong>Bartok, P.</strong> (<strong>2003</strong>). <em>The peripheral bulge of the Interior Range of the Eastern Venezuela Basin and its impact on oil accumulations</em>, .</li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/venezuelas-reichtum-an-oel-das-orinocobecken/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>Das neue UN-Hochseeabkommen – Meilenstein für Meeresschutz https://scilogs.spektrum.de/meertext/das-neue-un-hochseeabkommen-meilenstein-fuer-meeresschutz/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/das-neue-un-hochseeabkommen-meilenstein-fuer-meeresschutz/#comments Fri, 16 Jan 2026 14:10:51 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1863 <h1>Das neue UN-Hochseeabkommen – Meilenstein für Meeresschutz » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Am 17. Januar soll das neue UN-Hochseeabkommen (BBNJ – Biodiversity Beyond National Jurisdiction) in Kraft treten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-26.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="598" sizes="(max-width: 823px) 100vw, 823px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-26.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-26.png 823w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-26-300x218.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-26-768x558.png 768w" width="823"></img></a></figure> <p><br></br><a href="https://www.awi.de/im-fokus/un-hochseeabkommen.html">Seit 20 Jahren wurde darüber verhandelt,</a> die Lücken im Seerechtsübereinkommen (SRÜ) zum Schutz der Hochsee in internationalen Gewässern zu schließen. Mit der Ratifizierung durch Marokko und Sierra Leone waren 2025 die dafür notwendigen 60 Ratifizierungen überschritten, darum tritt das <a href="https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/un-abkommen-schutz-hochsee-101.html">internationale Abkommen 120 Tage später </a>in Kraft – nach <a href="https://treaties.un.org/Pages/ViewDetails.aspx?src=TREATY&amp;mtdsg_no=XXI-10&amp;chapter=21&amp;clang=_en" rel="noreferrer noopener" target="_blank"> Angaben der Vereinten Nationen </a><a href="https://treaties.un.org/Pages/ViewDetails.aspx?src=TREATY&amp;mtdsg_no=XXI-10&amp;chapter=21&amp;clang=_en">also am 17. Januar 2026</a>.<br></br>Insgesamt haben mittlerweile 145 Staaten das Abkommen unterzeichnet, allerdings erst 81 ratifiziert habe es ratifiziert. Die <a href="https://www.oceancare.org/stories_and_news/eu-ratifiziert-hochseeabkommen/">EU hat es als Gesamtheit unterzeichnet und ratifiziert, außerdem</a> Zypern, Dänemark, Slowenien, Finnland, Ungarn, Lettland, Luxemburg und Portugal. Deutschland hat es unterzeichnet, aber noch nicht ratifiziert, die USA haben es noch nicht mal unterzeichnet.</p> <h2 id="h-hoffnung-gegen-die-zerstorung-der-ozeane"><strong>Hoffnung gegen die Zerstörung der Ozeane</strong></h2> <p>Die Kontinente haben die Menschen unter sich aufgeteilt, besitzloses Land gibt es nur noch in der Antarktis – und deren Nutzung ist in internationalen Verträgen festgelegt. Das gleiche gilt für die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/UN-Seerechts%C3%BCbereinkommen">Küstenmeere: Laut SRÜ (Seerechtsübereinkommen) gilt die 12-Meilen-Zone</a> vor der Küste als Hoheitsgewässer und die 200 Meilen-Zone als Ausschließliche Wirtschaftszone mit Fischereirechten und Rechten für Bodenschatzabbau. Dann ist noch die Beanspruchung des Kontinentalsockels bis in maximal 350 Meilen möglich. Jenseits der Kontinentalsockel beginnt die Hohe See, also Internationale Gewässer. </p> <p>Während die meisten Länder an Land längst Schutzgebiete ausgewiesen haben – das erste war 1872 der Yellowstone Park in den USA – sind Meeresschutzgebiete weitaus weniger häufig und vor allem weniger stark geschützt. Das SRÜ war immerhin ein Anfang für ein gemeinsames Recht der Hohen See und zur Regelung der internationalen Schifffahrt, lässt aber für den Schutz der lebenden und nicht lebenden Ressourcen erhebliche Lücken. Das offene Meer galt als unendliche Ressource – mittlerweile ist klar, dass dem nicht so ist. So soll nun das „10. Agreement under the United Nations Convention on the Law of the Sea on the Conservation and Sustainable Use of Marine Biological Diversity of Areas beyond National Jurisdiction“ diese Gesetzeslücke schließen.</p> <h2 id="h-fische-seevogel-wale-und-co-brauchen-hilfe"><strong>Fische, Seevögel, Wale und Co brauchen Hilfe</strong></h2> <p><a href="https://www.economist.com/international/2025/12/30/a-half-planet-size-gap-in-global-governance-is-about-to-get-plugged?giftId=MjQyYzFiOTEtOTI5YS00NWQxLTg3YTEtMjBlMmM1N2Y5Njg2&amp;utm_campaign=gifted_article">Der Werdegang des Abkommens bildet das wachsende Bewusstsein für den immer schnelleren Rückgang vie</a>ler Fisch-, Hai-, Schildkröten-, Tintenfisch- und anderer Arten ab. Außerdem zeigt es auch das gestiegene Wissen und Bewusstsein für die Bedeutung der Ozeane zur Klima-Regulierung – sie agieren nicht nur als Wärmepuffer (jedenfalls bis 2023) sondern sind auch die größten Kohlenstoffsenken des Planeten. Das Abkommen erkennt weiterhin an, dass menschlich verursachte Probleme wie die Klimakrise, Meeresverschmutzung, Überfischung und andere die Fähigkeiten der Meere zur CO2-Aufnahme und ihren Beitrag zur Welternährung verringen.<aside></aside></p> <p>Das Abkommen soll mit den internationalen Gewässer 61 % der Ozeane und 43 % der Erdoberfläche schützen, die mit einer durchschnittlichen Tiefe von 4.100 Metern zwei Drittel der Biosphäre ausmachen. Viele Lebensräume gerade dieser tiefen Gewässer sind noch unerforscht, jede Expedition entdeckt neue Lebensräume und Arten.</p> <p>Während der Zeit der Verhandlungen nahm die marine Biodiversität – die Vielfalt der Arten, Ökosysteme und Genome immer schneller ab, ihr Schutz wurde immer dringlicher. Dieser Rückgang zeigt sich besonders deutlich am Rückgang der kommerziell befischten Fischbestände: In den letzten Jahrzehnten wurden von 1.320 Populationen von 483 Arten mindestens 82 % schneller abgefischt, als sie sich wieder vermehren können – wie ein internationales Team aus erfahrenen Fischereiforschenden 2020 publizierte. An dieser ersten globalen Bewertung der langfristigen Trends der Fischereibiomasse von 1300 befischten Meerespopulationen waren u a <a href="https://www.geomar.de/rfroese">Rainer Froese (GEOMAR)</a> und <a href="https://www.seaaroundus.org/daniel-pauly/">der legendäre Daniel Pauly</a> beteiligt – sie stellten den Rückgang der durchschnittlichen Fischereibiomasse in allen Ozeanen und Klimazonen fest und die systematische, weit verbreitete Überfischung der Küsten- und Schelfgewässer weltweit (Pauly hat das Konzept der <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Shifting_baseline">Shifting baselines</a> entwickelt. Es besagt, dass in der Fischerei falsche, bereits durch Befischung reduzierte Bestandszahlen als falscher Ausgangspunkt genutzt werden und der tatsächliche Rückgang in Relation zum ursprünglichen noch viel höher liegt. Das Konzept ist heute wissenschaftlich akzeptiert und zeichnet sich z B auch bei Walen ab).</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-28.png"><img alt="" decoding="async" height="887" sizes="(max-width: 640px) 100vw, 640px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-28.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-28.png 640w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-28-216x300.png 216w" width="640"></img></a></figure> <h2 id="h-fischerei-probleme"><strong>Fischerei-Probleme</strong></h2> <p>Die wichtigsten Verwalter der Fischbestände sind 17 regionale Fischereiorganisationen. Mit wenigen bemerkenswerten Ausnahmen, wie beispielsweise im westlichen und zentralen Pazifik, haben diese allerdings durch zu starken Druck der Lobbies nicht gut „gewirtschaftet“. Stattdessen sind die meisten bewirtschafteten Bestände weiter zurückgegangen. <a href="https://www.economist.com/international/2025/12/30/a-half-planet-size-gap-in-global-governance-is-about-to-get-plugged?giftId=MjQyYzFiOTEtOTI5YS00NWQxLTg3YTEtMjBlMmM1N2Y5Njg2&amp;utm_campaign=gifted_article">So ist etwa die Laichpopulation des Roten Thun</a>s in den letzten Jahrzehnten im westlichen Atlantik um vier Fünftel und im östlichen Atlantik um zwei Drittel zurückgegangen. In deutschen Gewässern der Nord- und Ostsee ist das Management vieler dort befischter Arten genauso fehlgeschlagen. Einst existierten dort so riesige Heringsschwärme, dass die silbigen kleinen Fische ein Arme-Leute-Essen waren. Aber auf politischen Druck und die lautstarke Fischereilobby wurden die Quoten immer wieder höher angesetzt, als die Heringe sich reproduzieren konnten. Zuletzt fiel die Reproduktion der Heringe (und der Dorsche) <a href="https://www.geomar.de/news/article/kein-nachwuchs-bei-dorsch-und-hering">der westlichen Ostsee auch wegen zu hoher Temperaturen ganz aus</a>. „Nach Jahrzehnten der Überfischung sind die Bestände von Dorsch und Hering in der westlichen Ostsee so klein, dass sie während der Laichzeit nicht mehr ihr ganzes Laichgebiet mit Eiern versorgen können. Beim Hering liegt der Nachwuchs seit 2005 weit unter dem Mittel der vorherigen Jahre und nimmt kontinuierlich weiter ab. Seit 2018 empfiehlt deshalb der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) eine Einstellung der Heringsfischerei, dieser Rat wurde aber bisher von den politischen Handelnden nicht befolgt. Beim Dorsch ist in vier der letzten fünf Jahre der Nachwuchs ganz oder fast ganz ausgeblieben. Der Bestand besteht daher fast nur noch aus jetzt vierjährigen Dorschen, die sich noch nicht erfolgreich fortgepflanzt haben und die <a href="https://www.geomar.de/news/article/kein-nachwuchs-bei-dorsch-und-hering">Hauptlast der Dorschfischerei tragen</a>.“ Der erfahrene Meeresökologe und Experte für Fischereiwissenschaft Rainer Froese (GEOMAR) sagte dazu: „Wenn wir diesen Jahrgang ohne Ersatz verlieren, dann haben wir den Bestand verloren“.<br></br>Auch diese datengestützte Mahnung blieb ungehört.</p> <h2 id="h-netze-und-bergbau-zerstoren-okosysteme"><strong>Netze und Bergbau zerstören Ökosysteme</strong></h2> <p>Neben den kommerziell befischten Arten fangen gerade riesige Stellnetze und kilometerlange Langleinen auch andere Arten als Beifang, darunter große Fische, Haie und Meeresvögel wie Albatrosse. Außerdem zerstören viele Netze ganze Ökosysteme, weil sie den Meeresboden und die darauf sitzenden Tiere (Korallen, Seeigel, Schwämme u a) umpflügen oder auch in Jahrhunderten gewachsene Tiefseekorallengärten zerschlagen. Mehrere Kleinwal-Arten wie der Vaquita sind durch den Beifang unmittelbar vom Aussterben bedroht.<br></br>Durch den Film <a href="https://www.youtube.com/watch?v=A2ubv3gnQhQ">„Ocean“ (2025) von Sir David Attenborough</a> haben erstmal viele Konsumenten einen Eindruck bekommen, wie ein Grundschleppnetz arbeitet und welche extremen Zerstörungen es anrichtet. Solche Netze rumpeln nicht nur über den Meeresboden, sondern tragen je nach Zielart zusätzliche Scheuchvorrichtungen. So sind z B Seezungen-Trawls mit schweren Scheuchketten davor ausgerüstet, die in den Sandboden hinein die Fische aufscheuchen. Dies ist nur die meist legale Fischerei.</p> <p>Ebenfalls katastrophal ist die Tiefseefischerei an <a href="https://sanctuaries.noaa.gov/news/2025/reasons-seamounts-matter.html">Seebergen (Sea Mounts</a>). Im Atlantik, Indischen Ozean und Pazifik gibt es Tausende solcher Unterwasserberge, deren Gesamtfläche der gesamten Fläche Europas entspricht. Die meisten liegen in internationalen Gewässern und sind darum schutzlos. Sie sind oft Hotspots der Artenvielfalt, da es durch ihre Topographie zu Upwelling von nährstoffreichen Tiefseeströmungen kommt. Damit sind sie im Ozean regelrechte Oasen, in denen auch kommerziell genutzte Wanderfischarten fressen oder laichen. Die Tiefwasserkorallengärten, die sich an ihren Hängen über Jahrtausende entwickelt haben, können durch einen einzigen Trawl-Schleppzug regelrecht abrasiert werden, ihre Regeneration braucht Jahrhunderte oder gar Jahrtausende. Da viele Tiefwasserfische erst spät geschlechtsreif werden – Granatbarsche (Orange Doughy) <a href="https://ocean.si.edu/ocean-life/fish/rough-going-orange-roughy">erst mit ca 20 Jahren, sie werden dann bis zu 149</a> Jahre alt – beendet der Fang eines solchen Schwarms, der sich am Seamount zum Laichen trifft, dessen Existenz.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-29.png"><img alt="" decoding="async" height="366" sizes="(max-width: 339px) 100vw, 339px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-29.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-29.png 339w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-29-278x300.png 278w" width="339"></img></a><figcaption>(Wikipedia: Sea Mounts)</figcaption></figure> <p>Dazu kommt gerade in internationalen Gewässern die katastrophale illegale Fischerei. Die größte davon ist die sogenannte „Chinesische Schattenflotte“. <a href="https://www.zeit.de/serie/die-schattenflotte">Dazu hatten <em>Die Zeit</em> u a Medien 2023 umfangreich berichtet,</a> über das Ignorieren von Artenschutz und Hoheitsgebieten, zu hohe Fangquoten, Zwangsarbeit und das Schweige-Kartell auch der hiesigen Supermärkte.</p> <p>Die verheerenden <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/tiefseebergbau-bedrohung-fuer-quallen-und-co/">Auswirkungen des Tiefseebergbaus</a>, die auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/1310-2/">das Tierleben bis zur</a> Meeresoberfläche und die Klimaschutz-Funktion der Ozeane bedrohen, sind in den letzten Jahren zur Genüge dokumentiert und diskutiert worden.</p> <h2 id="h-30-der-meere-sollten-unter-schutz-gestellt-werden"><strong>30% der Meere sollten unter Schutz gestellt werden</strong></h2> <p>Der neue Hochsee-Vertrag legt zwar kein konkretes Ziel für den künftigen Schutz fest. Aber die Unterzeichnenden verpflichten sich im Übereinkommen über die biologische Vielfalt, bis 2030 30 % ihrer Land- und Wasserflächen zu schützen. Solche Marine Protected Areas (MPAs) der offenen Ozeane würden dann auch die Meerestiere der <a href="https://www.whoi.edu/ocean-learning-hub/ocean-topics/how-the-ocean-works/ocean-zones/twilight-zone/">Dämmerungszone (Twilight Zone)</a> zwischen 200 und 1000 Metern Tiefe schützen. Dieses sogenannte Mesopelagial steht aktuell im Fokus der Fischereiindustrie und ist reich bevölkert, auch mit potentiellen Speisefischen. Durch ihr wimmelndes Leben wie <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/gelata-venusguertel-seewespe-feuerwalze-und-andere-geleetiere/">auch das gelatinöse Plankton ist dieser</a> Bereich der Ozeane nicht nur eine Nahrungsressource für größere Tiere und Kinderstube vieler Arten, sondern auch eine wichtige Kohlenstoffsenke.</p> <p>Gerade Meeresbereiche mit hoher Produktivität sollten, so raten Wissenschaftler, in ihrer Gesamtheit unter Schutz gestellt werden. Zurzeit wird in solchen Gebieten wie z B im Südpolarmeer gefischt: Dort saugen riesige Fabrikschiffe <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0308597X25002027">gewaltige Mengen Krill aus</a> dem Meer, inmitten der dort fressenden Bartenwale, wie Finnwalen. Krill ist nicht nur die Basis der antarktischen Nahrungskette von Fischen über Pinguine bis zu Bartenwalen, <a href="https://www.csiro.au/en/news/all/articles/2019/february/whales">sondern speichert auch als Biomasse viel</a> Kohlenstoff. Natürlich ist auch der Krill<a href="https://www.csiro.au/en/news/all/articles/2019/february/whales"> von der Meereserwärmung</a> gebeutelt. Die für z B <a href="https://news.stanford.edu/stories/2024/09/krill-harvesting-threatens-whale-recovery">Krillöl-Nahrungsergänzung gefangenen Krebschen-Schwärme fehlen bei der Ernährung der Wale</a> und bedroht die Erholung der immer noch durch den Großwalfang reduzierten Bestände. Dazu kommen <a href="https://wwf.org.au/news/2025/wwf-calls-for-moratorium-on-krill-fishing-after-negotiations-fail-to-protect/">steigende Zahlen von Beifang an Pinguinen, Robben und sogar Walen</a>. Darum haben Meeresforscher dieses Areal und 320 weitere als <a href="https://www.awi.de/im-fokus/un-hochseeabkommen.html">“Ecological and Biological Sensitive Areas” (EBSA) benannt,</a> und fordern für diese besonderen Schutz.</p> <p>Die <a href="https://marineprotectedareas.noaa.gov/">USA hatten 26% ihrer Gewässer unter Schutz gestellt</a>, allerdings nur in 3% dieser MPAs (Marine Protected Areas) den Fischfang verboten. Die ausgezeichneten Meeresforschungsorganisationen wie <a href="https://marineprotectedareas.noaa.gov/">NOAA</a> und viele Universitäten sowie private Stiftungen wie <a href="https://www.whoi.edu/ocean-learning-hub/ocean-topics/how-the-ocean-works/ocean-zones/twilight-zone/">WHOI</a> und <a href="https://scripps.ucsd.edu/">SCRIPPS</a> sowie andere erforschen und dokumentieren diese Areale auch. Allerdings stehen <a href="https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/meeresschutz-mehr-schein-als-sein">die derzeitigen MPAs weltweit in der Kritik, zu viel Ausbeutung zuzulassen, wie Fischerei und Rohstoffabbau</a> – dieser Vorwurf trifft auch deutsche MPAs.</p> <h2 id="h-tritt-das-bbnj-am-17-januar-in-kraft"><strong>Tritt das BBNJ</strong> <strong>am 17. Januar in Kraft?</strong></h2> <p>Gemäß seinen Statuten soll die Biodiversity Beyond National Jurisdictionnun am 17. Januar in Kraft treten. <a href="https://www.economist.com/international/2025/12/30/a-half-planet-size-gap-in-global-governance-is-about-to-get-plugged?giftId=MjQyYzFiOTEtOTI5YS00NWQxLTg3YTEtMjBlMmM1N2Y5Njg2&amp;utm_campaign=gifted_article">Dann müssen bürokratische Strukturen und Finanzierungsregeln geschaffen werden</a>. Dafür sei eine „Konferenz der Vertragsparteien“ im Laufe des Jahres 2026 ist notwendig, um die vollständige Umsetzung des Vertrags zu ermöglichen. Bis dahin sollte in formellen als auch informellen Gesprächen ein gemeinsames Vorgehen abgestimmt werden. Danach müssen die Schutzbemühungen dann Eingang in die nationale Gesetzgebung finden, erst dann können sie umgesetzt werden.<br></br>Eine Reihe von Experten und Medien meinen, dass damit die beste Chance seit Jahren, die Hohe See zu <a href="https://www.economist.com/international/2025/12/30/a-half-planet-size-gap-in-global-governance-is-about-to-get-plugged?giftId=MjQyYzFiOTEtOTI5YS00NWQxLTg3YTEtMjBlMmM1N2Y5Njg2&amp;utm_campaign=gifted_article">schützen, zum Greifen nahe sei.</a><p>Ich persönlich bin leider sehr skeptisch. Aktuell akzeptieren die USA, die bislang solche völkerrechtlichen Übereinkünfte politisch und finanziell gestützt und selbst auch umgesetzt haben, nicht einmal mehr die territoriale Unverletzlichkeit von NATO-Partnern. Lebende und nicht-lebende natürliche Ressourcen sind für sie nur zum Ausbeuten da. Die EPA hat gerade sogar <a href="https://www.theguardian.com/us-news/2026/jan/14/epa-air-pollution-cost-savings-deaths">den Schutz von Menschen hinter Unternehmensgewinne gestellt</a>, Klimaschutz wird ohnehin abgeschafft. Die derzeitigen rechtspopulistischen Konservativen scheinen einen regelrechten Krieg gegen die Natur und die meisten Menschen zu führen. So ist die Trump-Junta auch aus über 60 bereits existierenden internationalen Vereinbarungen ausgestiegen, viele davon zum Natur- und Klimaschutz. China setzt Naturschutz in aller Welt ohnehin nicht um, sondern lässt Schattenflotte und Wildtier-Mafia ungehindert und mit Wissen der Regierung agieren, Russland hat sich noch nie um internationale Naturschutzvorgaben gekümmert. In der <a href="https://www.politico.eu/article/europe-manfred-weber-epp-renew-giorigo-meloni/">EU drehen gerade Konservative</a> und Rechtspopulisten unter der Führung des Deutschen Manfred Webers den Natur-, Arten- und Klimaschutz (wie auch Arbeitnehmerschutz und Menschenrechte) zurück. Das alles sieht für mich leider nicht nach einem Schutzabkommen der internationalen Gewässer aus.</p></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Das neue UN-Hochseeabkommen – Meilenstein für Meeresschutz » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Am 17. Januar soll das neue UN-Hochseeabkommen (BBNJ – Biodiversity Beyond National Jurisdiction) in Kraft treten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-26.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="598" sizes="(max-width: 823px) 100vw, 823px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-26.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-26.png 823w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-26-300x218.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-26-768x558.png 768w" width="823"></img></a></figure> <p><br></br><a href="https://www.awi.de/im-fokus/un-hochseeabkommen.html">Seit 20 Jahren wurde darüber verhandelt,</a> die Lücken im Seerechtsübereinkommen (SRÜ) zum Schutz der Hochsee in internationalen Gewässern zu schließen. Mit der Ratifizierung durch Marokko und Sierra Leone waren 2025 die dafür notwendigen 60 Ratifizierungen überschritten, darum tritt das <a href="https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/un-abkommen-schutz-hochsee-101.html">internationale Abkommen 120 Tage später </a>in Kraft – nach <a href="https://treaties.un.org/Pages/ViewDetails.aspx?src=TREATY&amp;mtdsg_no=XXI-10&amp;chapter=21&amp;clang=_en" rel="noreferrer noopener" target="_blank"> Angaben der Vereinten Nationen </a><a href="https://treaties.un.org/Pages/ViewDetails.aspx?src=TREATY&amp;mtdsg_no=XXI-10&amp;chapter=21&amp;clang=_en">also am 17. Januar 2026</a>.<br></br>Insgesamt haben mittlerweile 145 Staaten das Abkommen unterzeichnet, allerdings erst 81 ratifiziert habe es ratifiziert. Die <a href="https://www.oceancare.org/stories_and_news/eu-ratifiziert-hochseeabkommen/">EU hat es als Gesamtheit unterzeichnet und ratifiziert, außerdem</a> Zypern, Dänemark, Slowenien, Finnland, Ungarn, Lettland, Luxemburg und Portugal. Deutschland hat es unterzeichnet, aber noch nicht ratifiziert, die USA haben es noch nicht mal unterzeichnet.</p> <h2 id="h-hoffnung-gegen-die-zerstorung-der-ozeane"><strong>Hoffnung gegen die Zerstörung der Ozeane</strong></h2> <p>Die Kontinente haben die Menschen unter sich aufgeteilt, besitzloses Land gibt es nur noch in der Antarktis – und deren Nutzung ist in internationalen Verträgen festgelegt. Das gleiche gilt für die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/UN-Seerechts%C3%BCbereinkommen">Küstenmeere: Laut SRÜ (Seerechtsübereinkommen) gilt die 12-Meilen-Zone</a> vor der Küste als Hoheitsgewässer und die 200 Meilen-Zone als Ausschließliche Wirtschaftszone mit Fischereirechten und Rechten für Bodenschatzabbau. Dann ist noch die Beanspruchung des Kontinentalsockels bis in maximal 350 Meilen möglich. Jenseits der Kontinentalsockel beginnt die Hohe See, also Internationale Gewässer. </p> <p>Während die meisten Länder an Land längst Schutzgebiete ausgewiesen haben – das erste war 1872 der Yellowstone Park in den USA – sind Meeresschutzgebiete weitaus weniger häufig und vor allem weniger stark geschützt. Das SRÜ war immerhin ein Anfang für ein gemeinsames Recht der Hohen See und zur Regelung der internationalen Schifffahrt, lässt aber für den Schutz der lebenden und nicht lebenden Ressourcen erhebliche Lücken. Das offene Meer galt als unendliche Ressource – mittlerweile ist klar, dass dem nicht so ist. So soll nun das „10. Agreement under the United Nations Convention on the Law of the Sea on the Conservation and Sustainable Use of Marine Biological Diversity of Areas beyond National Jurisdiction“ diese Gesetzeslücke schließen.</p> <h2 id="h-fische-seevogel-wale-und-co-brauchen-hilfe"><strong>Fische, Seevögel, Wale und Co brauchen Hilfe</strong></h2> <p><a href="https://www.economist.com/international/2025/12/30/a-half-planet-size-gap-in-global-governance-is-about-to-get-plugged?giftId=MjQyYzFiOTEtOTI5YS00NWQxLTg3YTEtMjBlMmM1N2Y5Njg2&amp;utm_campaign=gifted_article">Der Werdegang des Abkommens bildet das wachsende Bewusstsein für den immer schnelleren Rückgang vie</a>ler Fisch-, Hai-, Schildkröten-, Tintenfisch- und anderer Arten ab. Außerdem zeigt es auch das gestiegene Wissen und Bewusstsein für die Bedeutung der Ozeane zur Klima-Regulierung – sie agieren nicht nur als Wärmepuffer (jedenfalls bis 2023) sondern sind auch die größten Kohlenstoffsenken des Planeten. Das Abkommen erkennt weiterhin an, dass menschlich verursachte Probleme wie die Klimakrise, Meeresverschmutzung, Überfischung und andere die Fähigkeiten der Meere zur CO2-Aufnahme und ihren Beitrag zur Welternährung verringen.<aside></aside></p> <p>Das Abkommen soll mit den internationalen Gewässer 61 % der Ozeane und 43 % der Erdoberfläche schützen, die mit einer durchschnittlichen Tiefe von 4.100 Metern zwei Drittel der Biosphäre ausmachen. Viele Lebensräume gerade dieser tiefen Gewässer sind noch unerforscht, jede Expedition entdeckt neue Lebensräume und Arten.</p> <p>Während der Zeit der Verhandlungen nahm die marine Biodiversität – die Vielfalt der Arten, Ökosysteme und Genome immer schneller ab, ihr Schutz wurde immer dringlicher. Dieser Rückgang zeigt sich besonders deutlich am Rückgang der kommerziell befischten Fischbestände: In den letzten Jahrzehnten wurden von 1.320 Populationen von 483 Arten mindestens 82 % schneller abgefischt, als sie sich wieder vermehren können – wie ein internationales Team aus erfahrenen Fischereiforschenden 2020 publizierte. An dieser ersten globalen Bewertung der langfristigen Trends der Fischereibiomasse von 1300 befischten Meerespopulationen waren u a <a href="https://www.geomar.de/rfroese">Rainer Froese (GEOMAR)</a> und <a href="https://www.seaaroundus.org/daniel-pauly/">der legendäre Daniel Pauly</a> beteiligt – sie stellten den Rückgang der durchschnittlichen Fischereibiomasse in allen Ozeanen und Klimazonen fest und die systematische, weit verbreitete Überfischung der Küsten- und Schelfgewässer weltweit (Pauly hat das Konzept der <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Shifting_baseline">Shifting baselines</a> entwickelt. Es besagt, dass in der Fischerei falsche, bereits durch Befischung reduzierte Bestandszahlen als falscher Ausgangspunkt genutzt werden und der tatsächliche Rückgang in Relation zum ursprünglichen noch viel höher liegt. Das Konzept ist heute wissenschaftlich akzeptiert und zeichnet sich z B auch bei Walen ab).</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-28.png"><img alt="" decoding="async" height="887" sizes="(max-width: 640px) 100vw, 640px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-28.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-28.png 640w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-28-216x300.png 216w" width="640"></img></a></figure> <h2 id="h-fischerei-probleme"><strong>Fischerei-Probleme</strong></h2> <p>Die wichtigsten Verwalter der Fischbestände sind 17 regionale Fischereiorganisationen. Mit wenigen bemerkenswerten Ausnahmen, wie beispielsweise im westlichen und zentralen Pazifik, haben diese allerdings durch zu starken Druck der Lobbies nicht gut „gewirtschaftet“. Stattdessen sind die meisten bewirtschafteten Bestände weiter zurückgegangen. <a href="https://www.economist.com/international/2025/12/30/a-half-planet-size-gap-in-global-governance-is-about-to-get-plugged?giftId=MjQyYzFiOTEtOTI5YS00NWQxLTg3YTEtMjBlMmM1N2Y5Njg2&amp;utm_campaign=gifted_article">So ist etwa die Laichpopulation des Roten Thun</a>s in den letzten Jahrzehnten im westlichen Atlantik um vier Fünftel und im östlichen Atlantik um zwei Drittel zurückgegangen. In deutschen Gewässern der Nord- und Ostsee ist das Management vieler dort befischter Arten genauso fehlgeschlagen. Einst existierten dort so riesige Heringsschwärme, dass die silbigen kleinen Fische ein Arme-Leute-Essen waren. Aber auf politischen Druck und die lautstarke Fischereilobby wurden die Quoten immer wieder höher angesetzt, als die Heringe sich reproduzieren konnten. Zuletzt fiel die Reproduktion der Heringe (und der Dorsche) <a href="https://www.geomar.de/news/article/kein-nachwuchs-bei-dorsch-und-hering">der westlichen Ostsee auch wegen zu hoher Temperaturen ganz aus</a>. „Nach Jahrzehnten der Überfischung sind die Bestände von Dorsch und Hering in der westlichen Ostsee so klein, dass sie während der Laichzeit nicht mehr ihr ganzes Laichgebiet mit Eiern versorgen können. Beim Hering liegt der Nachwuchs seit 2005 weit unter dem Mittel der vorherigen Jahre und nimmt kontinuierlich weiter ab. Seit 2018 empfiehlt deshalb der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) eine Einstellung der Heringsfischerei, dieser Rat wurde aber bisher von den politischen Handelnden nicht befolgt. Beim Dorsch ist in vier der letzten fünf Jahre der Nachwuchs ganz oder fast ganz ausgeblieben. Der Bestand besteht daher fast nur noch aus jetzt vierjährigen Dorschen, die sich noch nicht erfolgreich fortgepflanzt haben und die <a href="https://www.geomar.de/news/article/kein-nachwuchs-bei-dorsch-und-hering">Hauptlast der Dorschfischerei tragen</a>.“ Der erfahrene Meeresökologe und Experte für Fischereiwissenschaft Rainer Froese (GEOMAR) sagte dazu: „Wenn wir diesen Jahrgang ohne Ersatz verlieren, dann haben wir den Bestand verloren“.<br></br>Auch diese datengestützte Mahnung blieb ungehört.</p> <h2 id="h-netze-und-bergbau-zerstoren-okosysteme"><strong>Netze und Bergbau zerstören Ökosysteme</strong></h2> <p>Neben den kommerziell befischten Arten fangen gerade riesige Stellnetze und kilometerlange Langleinen auch andere Arten als Beifang, darunter große Fische, Haie und Meeresvögel wie Albatrosse. Außerdem zerstören viele Netze ganze Ökosysteme, weil sie den Meeresboden und die darauf sitzenden Tiere (Korallen, Seeigel, Schwämme u a) umpflügen oder auch in Jahrhunderten gewachsene Tiefseekorallengärten zerschlagen. Mehrere Kleinwal-Arten wie der Vaquita sind durch den Beifang unmittelbar vom Aussterben bedroht.<br></br>Durch den Film <a href="https://www.youtube.com/watch?v=A2ubv3gnQhQ">„Ocean“ (2025) von Sir David Attenborough</a> haben erstmal viele Konsumenten einen Eindruck bekommen, wie ein Grundschleppnetz arbeitet und welche extremen Zerstörungen es anrichtet. Solche Netze rumpeln nicht nur über den Meeresboden, sondern tragen je nach Zielart zusätzliche Scheuchvorrichtungen. So sind z B Seezungen-Trawls mit schweren Scheuchketten davor ausgerüstet, die in den Sandboden hinein die Fische aufscheuchen. Dies ist nur die meist legale Fischerei.</p> <p>Ebenfalls katastrophal ist die Tiefseefischerei an <a href="https://sanctuaries.noaa.gov/news/2025/reasons-seamounts-matter.html">Seebergen (Sea Mounts</a>). Im Atlantik, Indischen Ozean und Pazifik gibt es Tausende solcher Unterwasserberge, deren Gesamtfläche der gesamten Fläche Europas entspricht. Die meisten liegen in internationalen Gewässern und sind darum schutzlos. Sie sind oft Hotspots der Artenvielfalt, da es durch ihre Topographie zu Upwelling von nährstoffreichen Tiefseeströmungen kommt. Damit sind sie im Ozean regelrechte Oasen, in denen auch kommerziell genutzte Wanderfischarten fressen oder laichen. Die Tiefwasserkorallengärten, die sich an ihren Hängen über Jahrtausende entwickelt haben, können durch einen einzigen Trawl-Schleppzug regelrecht abrasiert werden, ihre Regeneration braucht Jahrhunderte oder gar Jahrtausende. Da viele Tiefwasserfische erst spät geschlechtsreif werden – Granatbarsche (Orange Doughy) <a href="https://ocean.si.edu/ocean-life/fish/rough-going-orange-roughy">erst mit ca 20 Jahren, sie werden dann bis zu 149</a> Jahre alt – beendet der Fang eines solchen Schwarms, der sich am Seamount zum Laichen trifft, dessen Existenz.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-29.png"><img alt="" decoding="async" height="366" sizes="(max-width: 339px) 100vw, 339px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-29.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-29.png 339w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-29-278x300.png 278w" width="339"></img></a><figcaption>(Wikipedia: Sea Mounts)</figcaption></figure> <p>Dazu kommt gerade in internationalen Gewässern die katastrophale illegale Fischerei. Die größte davon ist die sogenannte „Chinesische Schattenflotte“. <a href="https://www.zeit.de/serie/die-schattenflotte">Dazu hatten <em>Die Zeit</em> u a Medien 2023 umfangreich berichtet,</a> über das Ignorieren von Artenschutz und Hoheitsgebieten, zu hohe Fangquoten, Zwangsarbeit und das Schweige-Kartell auch der hiesigen Supermärkte.</p> <p>Die verheerenden <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/tiefseebergbau-bedrohung-fuer-quallen-und-co/">Auswirkungen des Tiefseebergbaus</a>, die auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/1310-2/">das Tierleben bis zur</a> Meeresoberfläche und die Klimaschutz-Funktion der Ozeane bedrohen, sind in den letzten Jahren zur Genüge dokumentiert und diskutiert worden.</p> <h2 id="h-30-der-meere-sollten-unter-schutz-gestellt-werden"><strong>30% der Meere sollten unter Schutz gestellt werden</strong></h2> <p>Der neue Hochsee-Vertrag legt zwar kein konkretes Ziel für den künftigen Schutz fest. Aber die Unterzeichnenden verpflichten sich im Übereinkommen über die biologische Vielfalt, bis 2030 30 % ihrer Land- und Wasserflächen zu schützen. Solche Marine Protected Areas (MPAs) der offenen Ozeane würden dann auch die Meerestiere der <a href="https://www.whoi.edu/ocean-learning-hub/ocean-topics/how-the-ocean-works/ocean-zones/twilight-zone/">Dämmerungszone (Twilight Zone)</a> zwischen 200 und 1000 Metern Tiefe schützen. Dieses sogenannte Mesopelagial steht aktuell im Fokus der Fischereiindustrie und ist reich bevölkert, auch mit potentiellen Speisefischen. Durch ihr wimmelndes Leben wie <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/gelata-venusguertel-seewespe-feuerwalze-und-andere-geleetiere/">auch das gelatinöse Plankton ist dieser</a> Bereich der Ozeane nicht nur eine Nahrungsressource für größere Tiere und Kinderstube vieler Arten, sondern auch eine wichtige Kohlenstoffsenke.</p> <p>Gerade Meeresbereiche mit hoher Produktivität sollten, so raten Wissenschaftler, in ihrer Gesamtheit unter Schutz gestellt werden. Zurzeit wird in solchen Gebieten wie z B im Südpolarmeer gefischt: Dort saugen riesige Fabrikschiffe <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0308597X25002027">gewaltige Mengen Krill aus</a> dem Meer, inmitten der dort fressenden Bartenwale, wie Finnwalen. Krill ist nicht nur die Basis der antarktischen Nahrungskette von Fischen über Pinguine bis zu Bartenwalen, <a href="https://www.csiro.au/en/news/all/articles/2019/february/whales">sondern speichert auch als Biomasse viel</a> Kohlenstoff. Natürlich ist auch der Krill<a href="https://www.csiro.au/en/news/all/articles/2019/february/whales"> von der Meereserwärmung</a> gebeutelt. Die für z B <a href="https://news.stanford.edu/stories/2024/09/krill-harvesting-threatens-whale-recovery">Krillöl-Nahrungsergänzung gefangenen Krebschen-Schwärme fehlen bei der Ernährung der Wale</a> und bedroht die Erholung der immer noch durch den Großwalfang reduzierten Bestände. Dazu kommen <a href="https://wwf.org.au/news/2025/wwf-calls-for-moratorium-on-krill-fishing-after-negotiations-fail-to-protect/">steigende Zahlen von Beifang an Pinguinen, Robben und sogar Walen</a>. Darum haben Meeresforscher dieses Areal und 320 weitere als <a href="https://www.awi.de/im-fokus/un-hochseeabkommen.html">“Ecological and Biological Sensitive Areas” (EBSA) benannt,</a> und fordern für diese besonderen Schutz.</p> <p>Die <a href="https://marineprotectedareas.noaa.gov/">USA hatten 26% ihrer Gewässer unter Schutz gestellt</a>, allerdings nur in 3% dieser MPAs (Marine Protected Areas) den Fischfang verboten. Die ausgezeichneten Meeresforschungsorganisationen wie <a href="https://marineprotectedareas.noaa.gov/">NOAA</a> und viele Universitäten sowie private Stiftungen wie <a href="https://www.whoi.edu/ocean-learning-hub/ocean-topics/how-the-ocean-works/ocean-zones/twilight-zone/">WHOI</a> und <a href="https://scripps.ucsd.edu/">SCRIPPS</a> sowie andere erforschen und dokumentieren diese Areale auch. Allerdings stehen <a href="https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/meeresschutz-mehr-schein-als-sein">die derzeitigen MPAs weltweit in der Kritik, zu viel Ausbeutung zuzulassen, wie Fischerei und Rohstoffabbau</a> – dieser Vorwurf trifft auch deutsche MPAs.</p> <h2 id="h-tritt-das-bbnj-am-17-januar-in-kraft"><strong>Tritt das BBNJ</strong> <strong>am 17. Januar in Kraft?</strong></h2> <p>Gemäß seinen Statuten soll die Biodiversity Beyond National Jurisdictionnun am 17. Januar in Kraft treten. <a href="https://www.economist.com/international/2025/12/30/a-half-planet-size-gap-in-global-governance-is-about-to-get-plugged?giftId=MjQyYzFiOTEtOTI5YS00NWQxLTg3YTEtMjBlMmM1N2Y5Njg2&amp;utm_campaign=gifted_article">Dann müssen bürokratische Strukturen und Finanzierungsregeln geschaffen werden</a>. Dafür sei eine „Konferenz der Vertragsparteien“ im Laufe des Jahres 2026 ist notwendig, um die vollständige Umsetzung des Vertrags zu ermöglichen. Bis dahin sollte in formellen als auch informellen Gesprächen ein gemeinsames Vorgehen abgestimmt werden. Danach müssen die Schutzbemühungen dann Eingang in die nationale Gesetzgebung finden, erst dann können sie umgesetzt werden.<br></br>Eine Reihe von Experten und Medien meinen, dass damit die beste Chance seit Jahren, die Hohe See zu <a href="https://www.economist.com/international/2025/12/30/a-half-planet-size-gap-in-global-governance-is-about-to-get-plugged?giftId=MjQyYzFiOTEtOTI5YS00NWQxLTg3YTEtMjBlMmM1N2Y5Njg2&amp;utm_campaign=gifted_article">schützen, zum Greifen nahe sei.</a><p>Ich persönlich bin leider sehr skeptisch. Aktuell akzeptieren die USA, die bislang solche völkerrechtlichen Übereinkünfte politisch und finanziell gestützt und selbst auch umgesetzt haben, nicht einmal mehr die territoriale Unverletzlichkeit von NATO-Partnern. Lebende und nicht-lebende natürliche Ressourcen sind für sie nur zum Ausbeuten da. Die EPA hat gerade sogar <a href="https://www.theguardian.com/us-news/2026/jan/14/epa-air-pollution-cost-savings-deaths">den Schutz von Menschen hinter Unternehmensgewinne gestellt</a>, Klimaschutz wird ohnehin abgeschafft. Die derzeitigen rechtspopulistischen Konservativen scheinen einen regelrechten Krieg gegen die Natur und die meisten Menschen zu führen. So ist die Trump-Junta auch aus über 60 bereits existierenden internationalen Vereinbarungen ausgestiegen, viele davon zum Natur- und Klimaschutz. China setzt Naturschutz in aller Welt ohnehin nicht um, sondern lässt Schattenflotte und Wildtier-Mafia ungehindert und mit Wissen der Regierung agieren, Russland hat sich noch nie um internationale Naturschutzvorgaben gekümmert. In der <a href="https://www.politico.eu/article/europe-manfred-weber-epp-renew-giorigo-meloni/">EU drehen gerade Konservative</a> und Rechtspopulisten unter der Führung des Deutschen Manfred Webers den Natur-, Arten- und Klimaschutz (wie auch Arbeitnehmerschutz und Menschenrechte) zurück. Das alles sieht für mich leider nicht nach einem Schutzabkommen der internationalen Gewässer aus.</p></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/das-neue-un-hochseeabkommen-meilenstein-fuer-meeresschutz/#comments 2 But What Do You MEAN? https://scilogs.spektrum.de/hlf/_butwhatdoyoumean/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/_butwhatdoyoumean/#comments Wed, 14 Jan 2026 13:00:00 +0000 Sophie Maclean https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14029 <h1>But What Do You MEAN? - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Sophie Maclean</h2><div itemprop="text"> <p>If you ask someone their favourite number most people will have an answer. It might be the date of their wedding, it could be a number with pleasing symmetry (I have always liked 8), or cultural significance. Very few people, however, will have a favourite average, and most would be slightly baffled at the question.</p> <p>So, I am on a mission. I want to make sure that not only does everybody have a favourite average, but also that everyone knows about the deep ecosystem of different means, and how they relate to one another.</p> <p>The first thing I need to address is that this article will not contain discussion of the mode or median. The mean, median and mode are often introduced in schools as a trio; the mode being the most common outcome in a sample, and the median being the “middle” value, when the data is sorted in ascending order. Whilst these both have their place and uses in statistics, it’s the means that pervade many more areas of maths.</p> <p>The second thing to address is the fact that I have said “means” in the plural. Because yes, there is more than one mean. Just as how median and mode are types of averages, there are different types of mean too. The “mean” you learned about in school, is actually only a specific type of mean. A nickname, if you will, for the arithmetic mean. Which is where we shall begin our journey.</p> <h3 id="h-the-arithmetic-mean">The Arithmetic Mean</h3> <p>The arithmetic mean is one that you will all be familiar with – it is calculated by summing all the values in your data set, then dividing by the number of values.<aside></aside></p> <p>That is to say, if your data is \(x_1, x_2, \dots, x_N\), then the arithmetic mean is</p> <p>\(\frac{x_1 + x_2 + \dots + x_N}{N}.\)</p> <p>This is commonly used as a way of working out the “central” value of a data set. It is, for this reason, often used in statistics. It can be compared to the median for even greater analysis. For example, if the arithmetic mean income of a country increases faster than the median income, that could imply that the super rich’s salaries are increasing faster than most of the population.</p> <p>The arithmetic mean is also very useful in probability theory. Suppose our random event takes numerical values \(x_1, x_2, \dots x_N\). If they are each equally likely to occur, then the arithmetic mean gives the expected value of that event. The value that, if you were to run the trial over and over again, you would expect to get on average.<p>Now that we have discussed the familiar mean, it’s time to introduce one of the newbies. Behold, the geometric mean.</p></p> <h3 id="h-the-geometric-mean">The Geometric Mean</h3> <p>The geometric mean for our data \(x_1,\dots x_N\)is defined by</p> <p>\(\sqrt[n]{x_1\cdot x_2\cdot\cdots\cdot x_N},\)</p> <p>i.e. the Nth root of the product of all \(N\) elements. Note that this is equal to \(e\) to the power of the arithmetic mean of the logarithms of all the values.<p>This is often used in data sets like population growth rates, where items combine multiplicatively. It can also be used when averaging interest rates. For example, if a person invests 1000 money (choose your favourite currency) and gets returns of +10%, -4%, -8% and +25%, this results in 1214.4 money. The geometric mean is 20%, which is a lot more meaningful in terms of what we see happening to the money than the arithmetic mean of 5.75%.</p></p> <h3 id="h-meaning">Meaning…</h3> <p>A fun fact about the geometric and arithmetic means, is that the arithmetic mean is always greater than or equal to the geometric mean, with equality if and only if all values in the data set are the same.</p> <p>It is easy to prove this in the case \(N=2\), when we only have two elements in our data set. Let us call these elements \(a\) and \(b\).</p> <p>Square numbers are always non-negative, so</p> <p>\( (a-b)^2 \geq 0,\)</p> <p>with equality if and only if \(a=\b). Multiplying out the brackets gives</p> <p>\(a^2 – 2ab + b^2 \geq 0.\)</p> <p>We now add \(4ab\) to both sides giving</p> <p>\(a^2 + 2ab + b^2 \geq 4ab.\)</p> <p>Factorising gives</p> <p>\((a + b)^2 \geq 4ab.\)</p> <p>We can now take square roots of both sides, giving</p> <p>\(a + b \geq 2\sqrt{ab}.\)</p> <p>Finally, dividing by two gives</p> <p>\(\frac{a + b}{2} \geq \sqrt{ab},\)</p> <p>with equality if and only if \(a = b\), which is exactly what we want!<p>We can also prove this inequality in pictures!</p></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-123.png"><img alt="A triangle in a semicircle, its base forming the diameter of the circle. The triangle is split in half forming two triangles - PGQ and QGR" decoding="async" fetchpriority="high" height="378" sizes="(max-width: 568px) 100vw, 568px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-123.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-123.png 568w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-123-300x200.png 300w" width="568"></img></a><figcaption>Proof without words of the inequality of arithmetic and geometric means, drawn by CMG Lee. <sup data-fn="81ad1fb0-7e83-4da1-9c9a-f75fca89a71a"><a href="#81ad1fb0-7e83-4da1-9c9a-f75fca89a71a" id="81ad1fb0-7e83-4da1-9c9a-f75fca89a71a-link">1</a></sup></figcaption></figure></div> <h3 id="h-the-harmonic-mean">The Harmonic Mean</h3> <p>After that scheduled break, it is back to discovering new means, and next up is the harmonic mean. This is the reciprocal of the arithmetic mean of the reciprocals. So, for our data \(x_1, x_2, \dots, x_N\), the harmonic mean is</p> <p>\( \frac{N}{\frac{1}{x_1} + \frac{1}{x_2} + \dots + \frac{1}{x_N}}.\)</p> <p>This has a few surprising uses and is often used in things regarding rates and ratios. For example, if a car travels outbound at a speed \(x\), and returns the same distance at a speed \(y\), then its average speed is the harmonic mean of \(x\) and \(y\). Interestingly, here we made the distance of both legs be equal, but if we had instead made the time travelled on each leg be equal, then the average speed would be the arithmetic mean of \(x\) and \(y\).</p> <h3 id="h-the-root-mean-square">The Root Mean Square</h3> <p>Our final mean is the root mean square, which is exactly what it says on the tin: You take each element. Find the arithmetic mean of the squares. Then square root it. In symbols, this is</p> <p>\( \sqrt{\frac{1}{N} (x_1^2 + x_2^2 + \cdots + x_N^2)}.\)</p> <p>This is also sometimes called the quadratic mean, which is less descriptive but does still give some idea of what is going on.</p> <p>The root mean square (RMS) has some applications in the real world. For example, it is commonly used in electrical engineering. The RMS of an alternating current equals the value of the constant direct current that would dissipate the same power in a given resistor.</p> <h3 id="h-eenie-meanie">Eenie Meanie…</h3> <p>Just as we have the AM-GM inequality, we have a similar inequality bringing in the harmonic mean (HM) and the root mean square (RMS). This is sometimes called the not quite as catchy RMS-AM-GM-HM inequality, and states that the root mean square is greater than or equal to the arithmetic mean is greater than or equal to the geometric mean, is greater than or equal to the harmonic mean, with equality if and only if all elements are equal.<p>This gets rather fiddly to prove algebraically, though it is perfectly possible. I shall instead leave you with this beautiful visual proof. Enjoy!</p></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-124.png"><img alt="A diagram based on a circle proving the root mean square inequality " decoding="async" height="676" sizes="(max-width: 904px) 100vw, 904px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-124.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-124.png 904w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-124-300x224.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-124-768x574.png 768w" width="904"></img></a><figcaption>Geometric proof without words that quadratic mean (root mean square) &gt; arithmetic mean &gt; geometric mean &gt; harmonic mean, drawn by CMG Lee based on Figure 4 on <a href="http://maa.org/book/export/html/466289" rel="noreferrer noopener" target="_blank">http://maa.org/book/export/html/466289</a>.<sup data-fn="d26c39d7-b523-49fb-b322-935f549c436a"><a href="#d26c39d7-b523-49fb-b322-935f549c436a" id="d26c39d7-b523-49fb-b322-935f549c436a-link">2</a></sup></figcaption></figure></div> <p>In the image above, O is the centre of a circle, and P, G and R lie around the circle. Because P and R form a diameter, PGR is an equilateral triangle. Q is a point on the diameter PR, with PQ being length \(a\), and QR being length \(b\). The radius of the circle is \(\frac{a+b}{2}\) i.e. the arithmetic mean of \(a\) and \(b\). This is shown in pink on the diagram. To find the length of the purple line (let us call it \(x\)), we can use the similarity of the right-angled triangles to see that \(\frac{a}{x} = \frac{x}{b}\). This can be solved to show \(x = \sqrt{ab}\), i.e. the geometric mean. From the diagram, we can clearly see that the pink line is longer than the purple line (and they would only be equal length if Q was at the centre of the circle), i.e. the arithmetic mean is greater than the arithmetic mean.</p> <p>This arithmetic/geometric mean fact is known as the AM-GM inequality (after the initials of both the means) and is a staple of high school maths competitions the world over. One cool use of this inequality is that is shows that given a rectangle with fixed perimeter, the area is maximised when you have a square!</p> <p>This is because if side lengths of the rectangle are \(a\) and \(b\), the perimeter is \(2(a+b)\) which is four times the arithmetic mean, so fixing the perimeter fixes the arithmetic mean. Therefore, the geometric mean (which is the square root of the area of the rectangle) has a fixed upper bound which it can only achieve when \(a=b\).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>But What Do You MEAN? - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Sophie Maclean</h2><div itemprop="text"> <p>If you ask someone their favourite number most people will have an answer. It might be the date of their wedding, it could be a number with pleasing symmetry (I have always liked 8), or cultural significance. Very few people, however, will have a favourite average, and most would be slightly baffled at the question.</p> <p>So, I am on a mission. I want to make sure that not only does everybody have a favourite average, but also that everyone knows about the deep ecosystem of different means, and how they relate to one another.</p> <p>The first thing I need to address is that this article will not contain discussion of the mode or median. The mean, median and mode are often introduced in schools as a trio; the mode being the most common outcome in a sample, and the median being the “middle” value, when the data is sorted in ascending order. Whilst these both have their place and uses in statistics, it’s the means that pervade many more areas of maths.</p> <p>The second thing to address is the fact that I have said “means” in the plural. Because yes, there is more than one mean. Just as how median and mode are types of averages, there are different types of mean too. The “mean” you learned about in school, is actually only a specific type of mean. A nickname, if you will, for the arithmetic mean. Which is where we shall begin our journey.</p> <h3 id="h-the-arithmetic-mean">The Arithmetic Mean</h3> <p>The arithmetic mean is one that you will all be familiar with – it is calculated by summing all the values in your data set, then dividing by the number of values.<aside></aside></p> <p>That is to say, if your data is \(x_1, x_2, \dots, x_N\), then the arithmetic mean is</p> <p>\(\frac{x_1 + x_2 + \dots + x_N}{N}.\)</p> <p>This is commonly used as a way of working out the “central” value of a data set. It is, for this reason, often used in statistics. It can be compared to the median for even greater analysis. For example, if the arithmetic mean income of a country increases faster than the median income, that could imply that the super rich’s salaries are increasing faster than most of the population.</p> <p>The arithmetic mean is also very useful in probability theory. Suppose our random event takes numerical values \(x_1, x_2, \dots x_N\). If they are each equally likely to occur, then the arithmetic mean gives the expected value of that event. The value that, if you were to run the trial over and over again, you would expect to get on average.<p>Now that we have discussed the familiar mean, it’s time to introduce one of the newbies. Behold, the geometric mean.</p></p> <h3 id="h-the-geometric-mean">The Geometric Mean</h3> <p>The geometric mean for our data \(x_1,\dots x_N\)is defined by</p> <p>\(\sqrt[n]{x_1\cdot x_2\cdot\cdots\cdot x_N},\)</p> <p>i.e. the Nth root of the product of all \(N\) elements. Note that this is equal to \(e\) to the power of the arithmetic mean of the logarithms of all the values.<p>This is often used in data sets like population growth rates, where items combine multiplicatively. It can also be used when averaging interest rates. For example, if a person invests 1000 money (choose your favourite currency) and gets returns of +10%, -4%, -8% and +25%, this results in 1214.4 money. The geometric mean is 20%, which is a lot more meaningful in terms of what we see happening to the money than the arithmetic mean of 5.75%.</p></p> <h3 id="h-meaning">Meaning…</h3> <p>A fun fact about the geometric and arithmetic means, is that the arithmetic mean is always greater than or equal to the geometric mean, with equality if and only if all values in the data set are the same.</p> <p>It is easy to prove this in the case \(N=2\), when we only have two elements in our data set. Let us call these elements \(a\) and \(b\).</p> <p>Square numbers are always non-negative, so</p> <p>\( (a-b)^2 \geq 0,\)</p> <p>with equality if and only if \(a=\b). Multiplying out the brackets gives</p> <p>\(a^2 – 2ab + b^2 \geq 0.\)</p> <p>We now add \(4ab\) to both sides giving</p> <p>\(a^2 + 2ab + b^2 \geq 4ab.\)</p> <p>Factorising gives</p> <p>\((a + b)^2 \geq 4ab.\)</p> <p>We can now take square roots of both sides, giving</p> <p>\(a + b \geq 2\sqrt{ab}.\)</p> <p>Finally, dividing by two gives</p> <p>\(\frac{a + b}{2} \geq \sqrt{ab},\)</p> <p>with equality if and only if \(a = b\), which is exactly what we want!<p>We can also prove this inequality in pictures!</p></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-123.png"><img alt="A triangle in a semicircle, its base forming the diameter of the circle. The triangle is split in half forming two triangles - PGQ and QGR" decoding="async" fetchpriority="high" height="378" sizes="(max-width: 568px) 100vw, 568px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-123.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-123.png 568w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-123-300x200.png 300w" width="568"></img></a><figcaption>Proof without words of the inequality of arithmetic and geometric means, drawn by CMG Lee. <sup data-fn="81ad1fb0-7e83-4da1-9c9a-f75fca89a71a"><a href="#81ad1fb0-7e83-4da1-9c9a-f75fca89a71a" id="81ad1fb0-7e83-4da1-9c9a-f75fca89a71a-link">1</a></sup></figcaption></figure></div> <h3 id="h-the-harmonic-mean">The Harmonic Mean</h3> <p>After that scheduled break, it is back to discovering new means, and next up is the harmonic mean. This is the reciprocal of the arithmetic mean of the reciprocals. So, for our data \(x_1, x_2, \dots, x_N\), the harmonic mean is</p> <p>\( \frac{N}{\frac{1}{x_1} + \frac{1}{x_2} + \dots + \frac{1}{x_N}}.\)</p> <p>This has a few surprising uses and is often used in things regarding rates and ratios. For example, if a car travels outbound at a speed \(x\), and returns the same distance at a speed \(y\), then its average speed is the harmonic mean of \(x\) and \(y\). Interestingly, here we made the distance of both legs be equal, but if we had instead made the time travelled on each leg be equal, then the average speed would be the arithmetic mean of \(x\) and \(y\).</p> <h3 id="h-the-root-mean-square">The Root Mean Square</h3> <p>Our final mean is the root mean square, which is exactly what it says on the tin: You take each element. Find the arithmetic mean of the squares. Then square root it. In symbols, this is</p> <p>\( \sqrt{\frac{1}{N} (x_1^2 + x_2^2 + \cdots + x_N^2)}.\)</p> <p>This is also sometimes called the quadratic mean, which is less descriptive but does still give some idea of what is going on.</p> <p>The root mean square (RMS) has some applications in the real world. For example, it is commonly used in electrical engineering. The RMS of an alternating current equals the value of the constant direct current that would dissipate the same power in a given resistor.</p> <h3 id="h-eenie-meanie">Eenie Meanie…</h3> <p>Just as we have the AM-GM inequality, we have a similar inequality bringing in the harmonic mean (HM) and the root mean square (RMS). This is sometimes called the not quite as catchy RMS-AM-GM-HM inequality, and states that the root mean square is greater than or equal to the arithmetic mean is greater than or equal to the geometric mean, is greater than or equal to the harmonic mean, with equality if and only if all elements are equal.<p>This gets rather fiddly to prove algebraically, though it is perfectly possible. I shall instead leave you with this beautiful visual proof. Enjoy!</p></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-124.png"><img alt="A diagram based on a circle proving the root mean square inequality " decoding="async" height="676" sizes="(max-width: 904px) 100vw, 904px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-124.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-124.png 904w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-124-300x224.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-124-768x574.png 768w" width="904"></img></a><figcaption>Geometric proof without words that quadratic mean (root mean square) &gt; arithmetic mean &gt; geometric mean &gt; harmonic mean, drawn by CMG Lee based on Figure 4 on <a href="http://maa.org/book/export/html/466289" rel="noreferrer noopener" target="_blank">http://maa.org/book/export/html/466289</a>.<sup data-fn="d26c39d7-b523-49fb-b322-935f549c436a"><a href="#d26c39d7-b523-49fb-b322-935f549c436a" id="d26c39d7-b523-49fb-b322-935f549c436a-link">2</a></sup></figcaption></figure></div> <p>In the image above, O is the centre of a circle, and P, G and R lie around the circle. Because P and R form a diameter, PGR is an equilateral triangle. Q is a point on the diameter PR, with PQ being length \(a\), and QR being length \(b\). The radius of the circle is \(\frac{a+b}{2}\) i.e. the arithmetic mean of \(a\) and \(b\). This is shown in pink on the diagram. To find the length of the purple line (let us call it \(x\)), we can use the similarity of the right-angled triangles to see that \(\frac{a}{x} = \frac{x}{b}\). This can be solved to show \(x = \sqrt{ab}\), i.e. the geometric mean. From the diagram, we can clearly see that the pink line is longer than the purple line (and they would only be equal length if Q was at the centre of the circle), i.e. the arithmetic mean is greater than the arithmetic mean.</p> <p>This arithmetic/geometric mean fact is known as the AM-GM inequality (after the initials of both the means) and is a staple of high school maths competitions the world over. One cool use of this inequality is that is shows that given a rectangle with fixed perimeter, the area is maximised when you have a square!</p> <p>This is because if side lengths of the rectangle are \(a\) and \(b\), the perimeter is \(2(a+b)\) which is four times the arithmetic mean, so fixing the perimeter fixes the arithmetic mean. Therefore, the geometric mean (which is the square root of the area of the rectangle) has a fixed upper bound which it can only achieve when \(a=b\).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/_butwhatdoyoumean/#comments 7 Bats, brains and memory palaces: shared computations behind navigation and memory? https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/bats-brains-and-memory-palaces-shared-computations-behind-navigation-and-memory/ https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/bats-brains-and-memory-palaces-shared-computations-behind-navigation-and-memory/#respond Tue, 13 Jan 2026 14:05:37 +0000 Alexander Eperon https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/?p=881 https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/files/mountains-edited-768x432.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/bats-brains-and-memory-palaces-shared-computations-behind-navigation-and-memory/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/files/mountains-edited.jpg" /><h1>Bats, brains and memory palaces: shared computations behind navigation and memory? » Thinky & Brain » SciLogs</h1><h2>By Alexander Eperon</h2><div itemprop="text"> <p>Humans are capable of remarkable feats of cognition. Some of us are able to remember extraordinary amounts of information by drawing on ‘memory palaces’, mental visualisations of where memories are stored. These abilities may seem uniquely human. However, recent research has highlighted how advanced memory techniques may draw upon the same neural computations used for spatial navigation across many species. </p> <p>In a now-famous philosophy paper, Thomas Nagel invites us to ask what it is like to be a bat. He argues that the bat has experiences we, as humans, can never imagine: what is it like to fly, to echolocate? For Nagel, we are trapped in our own little sensory bubble, unable to truly imagine what it is like to be outside of our own physical frame. </p> <p>While this may be true, we may have more in common with bats than one might think at a first glance. Many systems of the human brain are similar to those of other species via common ancestry: a bat may look very different to us, but it still has a visual cortex, an auditory cortex, and so forth. </p> <p>One brain region which is well-preserved across species is the hippocampal-entorhinal system. The hippocampus is a strange seahorse-shaped horn of grey matter, in humans buried below other ‘neocortical’ systems. Since the mid-1900s, we have known that the hippocampus is instrumental in forming new memories: a famous case study from Brenda Milner documents how Patient HM was rendered unable to form new memories after bilateral damage to the hippocampal system.</p> <p>The hippocampal formation is also involved in navigation. Navigation problems can be solved by many methods: the way we move around our home kitchen, for example, is very different to how we would explore the open seas. Nonetheless, cell populations in the hippocampus and adjacent entorhinal cortex ‘track us’, releasing bursts of energy (‘action potentials’) when we move across specific locations. This is true both in bats and humans: when you move across your kitchen floor, a place cell might fire only when you are next to the door – for a bat, a place cell might fire when it nears the cave entrance. This is solid evidence that something navigation-related is being tracked by your hippocampal formation.<aside></aside></p> <p>In the age of modern neural networks, it is easy to imagine the brain as a big mess of cells which, with enough training, learn to handle the problems we throw at it. Some people, indeed, argue that navigation and memory can be solved this way, and we over-interpret single cell results (Luo et al., 2024).</p> <p>Despite this complexity, the brains of different species appear to converge on the same solutions within the hippocampal formation.  Primates, bats and rodents all appear to use grid cells, neurons which typically fire in a hexagonal pattern, to navigate. Across species, this extends beyond spatial navigation into more complicated mnemonic functions: specialised cells map out specific pitches in rodent brains, while human neural patterns track the relationship between conceptual information.</p> <p>So, to recap: across species, the hippocampal formation responds selectively to information related to navigation and memory. Across species, cell populations appear to respond in similar ways. This suggests that there is something in common between the neural mechanisms used for navigation and memory.</p> <p>To bring all this under one umbrella, researchers have theorised that the hippocampal-entorhinal system carries out the same <em>computations</em>, across domains and species. One way to approach this has been to build up mathematical models which can explain both neural firing patterns and animal behaviour. These models produce predictions for future studies, which leads to a virtuous cycle of science. For example, models of grid cells based on attractor networks led to the remarkable prediction that grid cells can be described as a torus, a donut-like projection of neural data into a lower-dimensional space. This was duly discovered by a team led by Nobel prize-winners May-Britt and Edvard Moser. </p> <p>As mentioned above, the computations that lead to grid cells appeared to be shared both across species and across domains. When we navigate a social network or other ‘non-spatial’ memory spaces, we recruit the hippocampal formation in a similar way to that when we navigate real-world spaces. This raises an intriguing question: can we use models to explain both space and memory?</p> <p>In a Nature paper from last year (Chandra et al., 2025), researchers attempted to do just that. A team led by Ila Fiete (MIT) imagined the grid cell attractor network as a spatial ‘scaffold’ to which we can attach memories. The same processes, we might think, could describe the distance between rooms in a house or move between your memories of different subjects. In extreme cases, they argue, super-learners could exploit the spatial specialisation of these systems and anchor their memories to specific locations – just as we do when using memory palaces. </p> <p>This is, of course, theoretical work which leaves as many questions open as it answers. We know a lot about how the brain handles spatial navigation, but it is not clear if these processes can always be easily recycled into navigation of memory. In a physical space, movement is continuous and well-defined; is this really true for memory? What would it mean to move between my knowledge of algebra and my knowledge of literature? Nonetheless, mathematical models provide a computational bedrock for further study which will allow us to probe if, and how, well-understood features of spatial navigation can be ‘borrowed’ in service of memory. My own PhD work moves in that direction, showing that the human entorhinal cortex processes non-spatial ‘action’ in the form of mathematical operations and eye movements. </p> <p>All in all, these computational models provide an exciting glimpse at how navigational machinery may be recycled for memory. From an evolutionary perspective, this may help us understand how early humans evolved complex memory systems which enable the advanced communication characteristic of our species. Moreover, it may suggest that high-performing memorisers who use memory palaces are in fact drawing on an archaic link between space and memory.</p> <p>I will finish by returning to bats, who have similar hippocampal machinery to us. We might see and feel the world differently from a bat – certainly very few of us use echolocation – but the same gears and cranks which allow a bat to fly around a cave may help us to build societies and remember, well, quite a lot of things.</p> <div><div> <p><em><sub>Chandra, S., Sharma, S., Chaudhuri, R., &amp; Fiete, I. (2025). Episodic and associative memory from spatial scaffolds in the hippocampus. Nature, 638(8051), 739–751. https://doi.org/10.1038/s41586-024-08392-y</sub></em></p> <p><em><sub>Gardner, R. J., Hermansen, E., Pachitariu, M., Burak, Y., Baas, N. A., Dunn, B. A., Moser, M.-B., &amp; Moser, E. I. (2022). Toroidal topology of population activity in grid cells. Nature, 602(7895), 123–128. https://doi.org/10.1038/s41586-021-04268-7</sub></em></p> <p><em><sub>Luo, X., Mok, R. M., &amp; Love, B. C. (2024). The inevitability and superfluousness of cell types in spatial cognition. eLife, 13. https://doi.org/10.7554/eLife.99047.1</sub></em></p> </div></div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/files/mountains-edited.jpg" /><h1>Bats, brains and memory palaces: shared computations behind navigation and memory? » Thinky & Brain » SciLogs</h1><h2>By Alexander Eperon</h2><div itemprop="text"> <p>Humans are capable of remarkable feats of cognition. Some of us are able to remember extraordinary amounts of information by drawing on ‘memory palaces’, mental visualisations of where memories are stored. These abilities may seem uniquely human. However, recent research has highlighted how advanced memory techniques may draw upon the same neural computations used for spatial navigation across many species. </p> <p>In a now-famous philosophy paper, Thomas Nagel invites us to ask what it is like to be a bat. He argues that the bat has experiences we, as humans, can never imagine: what is it like to fly, to echolocate? For Nagel, we are trapped in our own little sensory bubble, unable to truly imagine what it is like to be outside of our own physical frame. </p> <p>While this may be true, we may have more in common with bats than one might think at a first glance. Many systems of the human brain are similar to those of other species via common ancestry: a bat may look very different to us, but it still has a visual cortex, an auditory cortex, and so forth. </p> <p>One brain region which is well-preserved across species is the hippocampal-entorhinal system. The hippocampus is a strange seahorse-shaped horn of grey matter, in humans buried below other ‘neocortical’ systems. Since the mid-1900s, we have known that the hippocampus is instrumental in forming new memories: a famous case study from Brenda Milner documents how Patient HM was rendered unable to form new memories after bilateral damage to the hippocampal system.</p> <p>The hippocampal formation is also involved in navigation. Navigation problems can be solved by many methods: the way we move around our home kitchen, for example, is very different to how we would explore the open seas. Nonetheless, cell populations in the hippocampus and adjacent entorhinal cortex ‘track us’, releasing bursts of energy (‘action potentials’) when we move across specific locations. This is true both in bats and humans: when you move across your kitchen floor, a place cell might fire only when you are next to the door – for a bat, a place cell might fire when it nears the cave entrance. This is solid evidence that something navigation-related is being tracked by your hippocampal formation.<aside></aside></p> <p>In the age of modern neural networks, it is easy to imagine the brain as a big mess of cells which, with enough training, learn to handle the problems we throw at it. Some people, indeed, argue that navigation and memory can be solved this way, and we over-interpret single cell results (Luo et al., 2024).</p> <p>Despite this complexity, the brains of different species appear to converge on the same solutions within the hippocampal formation.  Primates, bats and rodents all appear to use grid cells, neurons which typically fire in a hexagonal pattern, to navigate. Across species, this extends beyond spatial navigation into more complicated mnemonic functions: specialised cells map out specific pitches in rodent brains, while human neural patterns track the relationship between conceptual information.</p> <p>So, to recap: across species, the hippocampal formation responds selectively to information related to navigation and memory. Across species, cell populations appear to respond in similar ways. This suggests that there is something in common between the neural mechanisms used for navigation and memory.</p> <p>To bring all this under one umbrella, researchers have theorised that the hippocampal-entorhinal system carries out the same <em>computations</em>, across domains and species. One way to approach this has been to build up mathematical models which can explain both neural firing patterns and animal behaviour. These models produce predictions for future studies, which leads to a virtuous cycle of science. For example, models of grid cells based on attractor networks led to the remarkable prediction that grid cells can be described as a torus, a donut-like projection of neural data into a lower-dimensional space. This was duly discovered by a team led by Nobel prize-winners May-Britt and Edvard Moser. </p> <p>As mentioned above, the computations that lead to grid cells appeared to be shared both across species and across domains. When we navigate a social network or other ‘non-spatial’ memory spaces, we recruit the hippocampal formation in a similar way to that when we navigate real-world spaces. This raises an intriguing question: can we use models to explain both space and memory?</p> <p>In a Nature paper from last year (Chandra et al., 2025), researchers attempted to do just that. A team led by Ila Fiete (MIT) imagined the grid cell attractor network as a spatial ‘scaffold’ to which we can attach memories. The same processes, we might think, could describe the distance between rooms in a house or move between your memories of different subjects. In extreme cases, they argue, super-learners could exploit the spatial specialisation of these systems and anchor their memories to specific locations – just as we do when using memory palaces. </p> <p>This is, of course, theoretical work which leaves as many questions open as it answers. We know a lot about how the brain handles spatial navigation, but it is not clear if these processes can always be easily recycled into navigation of memory. In a physical space, movement is continuous and well-defined; is this really true for memory? What would it mean to move between my knowledge of algebra and my knowledge of literature? Nonetheless, mathematical models provide a computational bedrock for further study which will allow us to probe if, and how, well-understood features of spatial navigation can be ‘borrowed’ in service of memory. My own PhD work moves in that direction, showing that the human entorhinal cortex processes non-spatial ‘action’ in the form of mathematical operations and eye movements. </p> <p>All in all, these computational models provide an exciting glimpse at how navigational machinery may be recycled for memory. From an evolutionary perspective, this may help us understand how early humans evolved complex memory systems which enable the advanced communication characteristic of our species. Moreover, it may suggest that high-performing memorisers who use memory palaces are in fact drawing on an archaic link between space and memory.</p> <p>I will finish by returning to bats, who have similar hippocampal machinery to us. We might see and feel the world differently from a bat – certainly very few of us use echolocation – but the same gears and cranks which allow a bat to fly around a cave may help us to build societies and remember, well, quite a lot of things.</p> <div><div> <p><em><sub>Chandra, S., Sharma, S., Chaudhuri, R., &amp; Fiete, I. (2025). Episodic and associative memory from spatial scaffolds in the hippocampus. Nature, 638(8051), 739–751. https://doi.org/10.1038/s41586-024-08392-y</sub></em></p> <p><em><sub>Gardner, R. J., Hermansen, E., Pachitariu, M., Burak, Y., Baas, N. A., Dunn, B. A., Moser, M.-B., &amp; Moser, E. I. (2022). Toroidal topology of population activity in grid cells. Nature, 602(7895), 123–128. https://doi.org/10.1038/s41586-021-04268-7</sub></em></p> <p><em><sub>Luo, X., Mok, R. M., &amp; Love, B. C. (2024). The inevitability and superfluousness of cell types in spatial cognition. eLife, 13. https://doi.org/10.7554/eLife.99047.1</sub></em></p> </div></div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/bats-brains-and-memory-palaces-shared-computations-behind-navigation-and-memory/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Neueste Zahlen: Geht steigender Cannabiskonsum mit mehr Schizophrenien einher? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neueste-zahlen-geht-steigender-cannabiskonsum-mit-mehr-schizophrenien-einher/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neueste-zahlen-geht-steigender-cannabiskonsum-mit-mehr-schizophrenien-einher/#comments Mon, 12 Jan 2026 12:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3504 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ai-generated-9553065_1920-768x432.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neueste-zahlen-geht-steigender-cannabiskonsum-mit-mehr-schizophrenien-einher/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ai-generated-9553065_1920.jpg" /><h1>Neueste Zahlen: Geht steigender Cannabiskonsum mit mehr Schizophrenien einher? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Und eine Überraschung zum Psychoserisiko eines verbreiteten psychiatrischen Medikaments</strong></p> <span id="more-3504"></span> <p>Es ist noch kein Jahr her, dass man das Cannabisverbot in Deutschland einschränkte. Die Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP ist Geschichte. Erinnert sich noch jemand an die letzte Partei, die es nicht mehr in den Bundestag schaffte? Doch die Teillegalisierung der beliebtesten Droge nach Alkohol und Nikotin bleibt vorerst in Kraft – auch wenn die neue Bundesgesundheitsministerin von der CDU die Versorgung über Telemedizin und Online-Apotheken abschaffen will.</p> <p>Wir erinnern uns an die hitzigen Debatten: Vor allem die Abgeordneten der SPD mussten überzeugt werden. Dafür setzte sich der damalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) bis zur letzten Minute ein. Die Gesetzesänderung wurde schließlich am 23. Februar 2024 vom Bundestag verabschiedet. Doch die Unionsparteien wollten es mit einem Trick im Bundesrat aufhalten. Der Ministerpräsident des Freistaats Sachsen, Michael Kretschmer (CDU), brüskierte sogar seinen Koalitionspartner und setzte sich über die Gepflogenheiten des hohen Hauses hinweg. Er meinte, die Bundesrepublik vor einem großen Fehler retten zu müssen. Menschen-Bilder war damals live dabei.</p> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em>Frisch aus der Druckerpresse: Wissen über die Cannabispolitik in Deutschland und aus der Wissenschaft erhalten Sie <strong>jetzt für nur 14,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375">im BoD Shop</a>. 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Und für die wollte ohnehin niemand die Droge einfacher verfügbar machen.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz.jpg"><img alt="" decoding="async" height="592" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz-1024x592.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz-1024x592.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz-300x173.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz-768x444.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz.jpg 1527w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Laut den neuesten Daten vom IFT Institut für Therapieforschung konsumierten rund 10 Prozent der Erwachsenen in Deutschland zumindest gelegentlich Cannabis. Beim riskanten starken Konsum änderte sich den Zahlen nach aber nichts. Datenquelle: Hoch et al., 2025</em></p> <h2 id="h-schreckensszenario-nummer-1-psychoserisiko-und-schizophrenie">Schreckensszenario Nummer 1: Psychoserisiko und Schizophrenie</h2> <p>Die Kritiker wurden es nicht müde, immer wieder vom Psychose- beziehungsweise Schizophrenierisiko durch Cannabiskonsum zu warnen. Dass das Mittel wohl kaum seit Jahrtausenden in vielen Kulturen genutzt und auch hierzulande medizinisch verschrieben werden würde, wenn es wirklich so gefährlich wäre, ignorierten die Cannabisgegner geflissentlich.</p> <p>Aber der Risikobegriff kann ja sehr weit gedehnt werden: Die meisten von uns setzen sich auch Tag für Tag in ein Verkehrsmittel und setzen sich damit einem höheren Risiko für einen Verkehrsunfall aus, sogar jetzt bei verschneiten Straßen im Winter! Doch, wer hätte es gedacht: Trotz aller Risiken haben die allermeisten von ihnen am Ende des Tages nicht einmal eine Prellung.</p> <p>Zu den Risiken des Cannabiskonsums gibt es viele Studien. Prinzipiell gilt, dass <em>Beobachtungsstudien</em> keine Ursache-Wirkungs-Beziehung belegen können. Das heißt, vergleicht man zu verschiedenen Zeitpunkten die Gruppen der Konsumierenden und der Abstinenten und findet man dabei Unterschiede bei den Psychosen oder Schizophrenien, dann ist das <em>kein</em> Beleg für einen kausalen Einfluss von Cannabis. Schließlich unterscheiden sich die Gruppen ja auch in vielen anderen Faktoren. Dass diejenigen, die sonst auf kontrollierten Studien beharren, wenn sie die “evidenzbasierte Medizin” für sich beschwören, diese Standards bei der Dämonisierung von Drogen sofort vergessen, stimmt mich bedenklich.</p> <p>Jetzt liegen ganz neue Daten zu sowohl dem Cannabiskonsum als auch der Diagnose von psychotischen und schizophrenen Störungen vor. Auch wenn diese keinen letzten Beweis liefern: Was denken Sie, in welche Richtung der Zusammenhang weist?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel.jpg"><img alt="" decoding="async" height="594" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel-1024x594.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel-1024x594.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel-300x174.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel-768x446.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel.jpg 1520w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Die schon auf der letzten Abbildung dargestellte 12-Monats-Prävalenz (linke Skala) wird hier mit zwei möglichen Verläufen der Schizophreniekurve verglichen: Denken Sie, dass im gezeigten Zeitraum </em>immer mehr<em> (gelb; rechte Skala) oder </em>immer weniger<em> (rot) der psychologisch-psychiatrischen Störungen diagnostiziert wurden?</em></p> <h2 id="h-komplexe-wissenschaft">Komplexe Wissenschaft</h2> <p>Ich habe immer wieder darauf hingewiesen, dass Menschen mit erhöhtem Psychoserisiko häufiger Drogen konsumieren. Teils tun sie das, weil sie mehr Härten im Leben hinter sich haben und sich mithilfe der psychoaktiven Substanzen besser entspannen können. Manche weisen auch auf familiäre oder genetisch Risiken hin: Wer zum Beispiel einen nahen Verwandten mit einer Schizophrenie habe, der solle besser die Finger von den Mitteln lassen. Teils konsumieren Menschen mit der Diagnose Schizophrenie aber sogar Cannabisprodukte, um die Nebenwirkungen ihrer Medikamente besser zu ertragen!</p> <p>Das alles sind besondere Gründe dafür, dass man von einem gemeinsamen Auftreten von Cannabiskonsum und Psychosen beziehungsweise Schizophrenien <em>keine</em> Ursache-Wirkungs-Beziehung ableiten kann. Der kausale Pfeil könnte in <em>beide</em> Richtungen weisen. Cannabiskonsum und eine psychologisch-psychiatrische Störung können aber beide auch durch einen dritten Faktor bedingt sein. Das sind eigentlich Standardargumente aus einer Einführungsvorlesung in die Statistik.</p> <p>Trotzdem behaupten die Cannabisgegner in der Ärzteschaft beharrlich, aufgrund ihrer “klinischen Erfahrung” die Kausalität schlicht <em>sehen</em> zu können. Mir ist schon klar, dass man mit dem ohnehin oft nur oberflächlich angefertigten Dr. med. auch magische Kräfte verliehen bekommt.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2 id="h-auflosung">Auflösung</h2> <p>Was sagen also die neuesten Daten? Waren meine Vorbehalte und die der eher zurückhaltenden Forscherinnen und Forscher berechtigt? Oder haben doch die Cannabisgegner mit ihrer “klinischen Erfahrung” recht?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie.jpg"><img alt="" decoding="async" height="595" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-1024x595.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-1024x595.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-300x174.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-768x446.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie.jpg 1520w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Obwohl seit 2012 immer mehr erwachsene Deutsche Cannabis konsumieren, sank die Rate neu diagnostizierter psychotischer und schizophrener Störungen seit 2015 kontinuierlich: und zwar um satte 12 Prozent! Datenquellen: Kohring et al., 2024; Thom et al., 2024</em></p> <p>Damit wird übrigens nicht bestritten, dass besonders häufiger und starker Cannabiskonsum das Risiko für psychologisch-psychiatrische Störungen erhöht. Insbesondere diejenigen, die Lebensprobleme mit dem Mittel (oder anderen Drogen) unterdrücken wollen, gehen ein höheres Risiko ein. Denn mit dieser Bewältigungsstrategie tun sie nichts gegen die Probleme.</p> <p>Übrigens fällt mir bei der Ärzteschaft immer wieder das Muster auf, die von ihnen selbst verschriebenen Medikamente eher zu verharmlosen, doch die von den Menschen selbst gewählten Heilmittel als gefährlicher darzustellen. Vergessen wir nicht, dass zum Beispiel die Opioid-Epidemie in den USA ab den 1990ern von Ärzten und Pharmafirmen losgetreten wurde, die den Menschen ein Leben ohne Schmerzen versprach. Von dem offensichtlichen Suchtrisiko wollten sie lange nichts wissen, während sie an der Abhängigkeit der Patientinnen und Patienten übrigens sehr gut verdienten. 30 Jahre später sind Hunderttausende an Überdosierungen der Mittel gestorben.</p> <p>Und ohne hier eine Panik lostreten zu wollen: Wenn man danach sucht, dann finden Forscher auch für das sogar an Kinder immer häufiger verschriebene Methylphenidat (z.B. Ritalin) oder Amphetamin (“Speed”) ein erhöhtes Psychoserisiko (de Pablo et al., 2025). Ergebnis der Studie:</p> <blockquote> <p>“Diese systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse ergab ein nicht zu vernachlässigendes Auftreten von psychotischen Symptomen, psychotischen Störungen oder bipolarer Störung bei Personen mit ADHS, die mit Stimulanzien behandelt wurden. Amphetamine waren im Vergleich zu Methylphenidat mit einem höheren Auftreten assoziiert.” (de Pablo et al., 2025, S. 1103)</p> </blockquote> <p>Man muss immer Nutzen und Risiken gegeneinander abwägen. Aber ja, das böse Cannabis!</p> <h2 id="h-aus-den-cannabis-protokollen">Aus den “Cannabis-Protokollen”</h2> <p>Wie groß ist aber nun das Psychose- beziehungsweise Schizophrenierisiko? Ich erlaube mir, aus meinem neuen Buch zu zitieren (Schleim, 2026, S. 76f.):</p> <p>Aufgrund der Komplexität der Problematik folgerte eine Forschergruppe um Theresa Moore von der Universität Bristol (Großbritannien) schon einige Jahre vorher in der angesehenen medizinischen Fachzeitschrift <em>The Lancet</em>: “Die Unsicherheit darüber, ob Cannabis Psychosen verursacht, wird wahrscheinlich nicht durch weitere Längsschnittstudien aufgelöst werden können” (Moore et al., 2007, S. 316).</p> <p>Diese Studie hat sich wie kaum eine andere mit dem Problem der ‘umgekehrten Kausalität’ und möglichen Verzerrungen in den epidemiologischen Studien beschäftigt. Den Einfluss störender Faktoren in dieser Forschung bezeichnen sie als “substanziell”. Das mahnt uns zur Vorsicht, wenn wir daraus Schlüsse für die Praxis ziehen wollen.</p> <p>In ihrer Schlussfolgerung schreiben diese Forscherinnen und Forscher, man solle Cannabiskonsumenten vor dem Psychoserisiko und auch der Möglichkeit affektiver Störungen (wie Depressionen) warnen. Doch auch unter den regelmäßigen Konsumentinnen und Konsumenten sei das “Lebenszeitrisiko chronischer psychotischer Störungen wie Schizophrenie wahrscheinlich gering (kleiner als 3 Prozent)” (Moore et al., 2007, S. 327).</p> <p>Das heißt im Umkehrschluss aber auch: Für Gelegenheitskonsumenten ist das Risiko noch kleiner. Ein allgemeines Verbot lässt sich aufgrund dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse daher meiner Meinung nach nicht rechtfertigen – zumal wir überall sehen, dass Prohibition nicht funktioniert und im Gegenteil sogar Gesundheitsrisiken vergrößert. Denn dann sind die Substanzen mitunter verunreinigt, höher dosiert und suchen Betroffene aufgrund der Angst vor Stigmatisierung und Strafverfolgung weniger Hilfe.</p> <p>Wer also in Bezug auf Cannabis Gesundheitsschutz fordert, darf das Wort ‘Verbot’ nicht in den Mund nehmen. Und selbst die maßgeblichen Studien räumen ein, dass es keinen schlagenden Beweis für eine Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen dem Substanzkonsum und schweren, anhaltenden psychischen Störungen gibt.</p> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em>Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 14,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375">im BoD Shop</a>. 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P., Solmi, M., Torres-Cortes, J., Abdelhafez, N., … &amp; Cortese, S. (2025). Occurrence of psychosis and bipolar disorder in individuals with attention-deficit/hyperactivity disorder treated with stimulants: a systematic review and meta-analysis. <em>JAMA psychiatry</em>.</li> <li>Hoch E, Krowartz EM, Hollweck R, Möckl J, Olderbak S (2025). Cannabis consumption before and after partial legalization in Germany: Early trends, consumption patterns, and motives. <em>Dtsch Arztebl Int</em>; 122: 632–7.</li> <li>Moore, T. H., Zammit, S., Lingford-Hughes, A., Barnes, T. R., Jones, P. B., Burke, M., &amp; Lewis, G. (2007). Cannabis use and risk of psychotic or affective mental health outcomes: a systematic review. <em>The Lancet</em>, 370(9584), 319-328.</li> <li>Kohring C, Hartmann M, Holstiege J, Müller D (2024). Inzidenztrends für 37 psychische Störungen bei Erwachsenen in der ambulanten Versorgung – Entwicklungen zwischen 2015 und 2022 mit Fokus auf Schizophrenie, Depressionen, tabakbezogenen und somatoformen Störungen sowie Schlaf- und Persönlichkeitsstörungen. Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi). <em>Versorgungsatlas-Bericht</em>, Nr. 24/06. Berlin.</li> <li>Schleim, S. (2026). <em><u><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375">Die Cannabis-Protokolle: Medizin, Politik und Wissenschaft auf dem Prüfstand</a></u></em>. Hamburg: BoD.</li> <li>Thom J, Jonas B, Reitzle L, Mauz E, Hölling H, Schulz M (2024). Trends in the diagnostic prevalence of mental disorders, 2012–2022—using nationwide outpatient claims data for mental health surveillance. <em>Dtsch Arztebl Int</em>; 121: 355–62.</li> </ul> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/556f400977fe4af595ef517fbef566ad" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ai-generated-9553065_1920.jpg" /><h1>Neueste Zahlen: Geht steigender Cannabiskonsum mit mehr Schizophrenien einher? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Und eine Überraschung zum Psychoserisiko eines verbreiteten psychiatrischen Medikaments</strong></p> <span id="more-3504"></span> <p>Es ist noch kein Jahr her, dass man das Cannabisverbot in Deutschland einschränkte. Die Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP ist Geschichte. Erinnert sich noch jemand an die letzte Partei, die es nicht mehr in den Bundestag schaffte? Doch die Teillegalisierung der beliebtesten Droge nach Alkohol und Nikotin bleibt vorerst in Kraft – auch wenn die neue Bundesgesundheitsministerin von der CDU die Versorgung über Telemedizin und Online-Apotheken abschaffen will.</p> <p>Wir erinnern uns an die hitzigen Debatten: Vor allem die Abgeordneten der SPD mussten überzeugt werden. Dafür setzte sich der damalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) bis zur letzten Minute ein. Die Gesetzesänderung wurde schließlich am 23. Februar 2024 vom Bundestag verabschiedet. Doch die Unionsparteien wollten es mit einem Trick im Bundesrat aufhalten. Der Ministerpräsident des Freistaats Sachsen, Michael Kretschmer (CDU), brüskierte sogar seinen Koalitionspartner und setzte sich über die Gepflogenheiten des hohen Hauses hinweg. Er meinte, die Bundesrepublik vor einem großen Fehler retten zu müssen. Menschen-Bilder war damals live dabei.</p> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em>Frisch aus der Druckerpresse: Wissen über die Cannabispolitik in Deutschland und aus der Wissenschaft erhalten Sie <strong>jetzt für nur 14,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/nl/book/die-cannabis-protokolle/id6745148090">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=f5pZEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></em></p> <h2 id="h-stieg-der-konsum">Stieg der Konsum?</h2> <p>Es hieß immer wieder, durch eine liberalere Cannabispolitik würde der Konsum steigen. Jetzt liegen die neuesten Zahlen vor. Und, siehe da: Der wesentliche Anstieg, vor allem bei jungen Erwachsenen, fand schon lange vor der Gesetzesänderung statt. Der zuletzt gefundene, leichte Anstieg von 2021 auf 2024 ist statistisch nicht signifikant. Jugendliche, um die sich die Verbotsbefürworter am meisten Sorgen machten, konsumierten ohnehin schon weniger Cannabis. Und für die wollte ohnehin niemand die Droge einfacher verfügbar machen.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz.jpg"><img alt="" decoding="async" height="592" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz-1024x592.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz-1024x592.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz-300x173.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz-768x444.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz.jpg 1527w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Laut den neuesten Daten vom IFT Institut für Therapieforschung konsumierten rund 10 Prozent der Erwachsenen in Deutschland zumindest gelegentlich Cannabis. Beim riskanten starken Konsum änderte sich den Zahlen nach aber nichts. Datenquelle: Hoch et al., 2025</em></p> <h2 id="h-schreckensszenario-nummer-1-psychoserisiko-und-schizophrenie">Schreckensszenario Nummer 1: Psychoserisiko und Schizophrenie</h2> <p>Die Kritiker wurden es nicht müde, immer wieder vom Psychose- beziehungsweise Schizophrenierisiko durch Cannabiskonsum zu warnen. Dass das Mittel wohl kaum seit Jahrtausenden in vielen Kulturen genutzt und auch hierzulande medizinisch verschrieben werden würde, wenn es wirklich so gefährlich wäre, ignorierten die Cannabisgegner geflissentlich.</p> <p>Aber der Risikobegriff kann ja sehr weit gedehnt werden: Die meisten von uns setzen sich auch Tag für Tag in ein Verkehrsmittel und setzen sich damit einem höheren Risiko für einen Verkehrsunfall aus, sogar jetzt bei verschneiten Straßen im Winter! Doch, wer hätte es gedacht: Trotz aller Risiken haben die allermeisten von ihnen am Ende des Tages nicht einmal eine Prellung.</p> <p>Zu den Risiken des Cannabiskonsums gibt es viele Studien. Prinzipiell gilt, dass <em>Beobachtungsstudien</em> keine Ursache-Wirkungs-Beziehung belegen können. Das heißt, vergleicht man zu verschiedenen Zeitpunkten die Gruppen der Konsumierenden und der Abstinenten und findet man dabei Unterschiede bei den Psychosen oder Schizophrenien, dann ist das <em>kein</em> Beleg für einen kausalen Einfluss von Cannabis. Schließlich unterscheiden sich die Gruppen ja auch in vielen anderen Faktoren. Dass diejenigen, die sonst auf kontrollierten Studien beharren, wenn sie die “evidenzbasierte Medizin” für sich beschwören, diese Standards bei der Dämonisierung von Drogen sofort vergessen, stimmt mich bedenklich.</p> <p>Jetzt liegen ganz neue Daten zu sowohl dem Cannabiskonsum als auch der Diagnose von psychotischen und schizophrenen Störungen vor. Auch wenn diese keinen letzten Beweis liefern: Was denken Sie, in welche Richtung der Zusammenhang weist?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel.jpg"><img alt="" decoding="async" height="594" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel-1024x594.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel-1024x594.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel-300x174.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel-768x446.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel.jpg 1520w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Die schon auf der letzten Abbildung dargestellte 12-Monats-Prävalenz (linke Skala) wird hier mit zwei möglichen Verläufen der Schizophreniekurve verglichen: Denken Sie, dass im gezeigten Zeitraum </em>immer mehr<em> (gelb; rechte Skala) oder </em>immer weniger<em> (rot) der psychologisch-psychiatrischen Störungen diagnostiziert wurden?</em></p> <h2 id="h-komplexe-wissenschaft">Komplexe Wissenschaft</h2> <p>Ich habe immer wieder darauf hingewiesen, dass Menschen mit erhöhtem Psychoserisiko häufiger Drogen konsumieren. Teils tun sie das, weil sie mehr Härten im Leben hinter sich haben und sich mithilfe der psychoaktiven Substanzen besser entspannen können. Manche weisen auch auf familiäre oder genetisch Risiken hin: Wer zum Beispiel einen nahen Verwandten mit einer Schizophrenie habe, der solle besser die Finger von den Mitteln lassen. Teils konsumieren Menschen mit der Diagnose Schizophrenie aber sogar Cannabisprodukte, um die Nebenwirkungen ihrer Medikamente besser zu ertragen!</p> <p>Das alles sind besondere Gründe dafür, dass man von einem gemeinsamen Auftreten von Cannabiskonsum und Psychosen beziehungsweise Schizophrenien <em>keine</em> Ursache-Wirkungs-Beziehung ableiten kann. Der kausale Pfeil könnte in <em>beide</em> Richtungen weisen. Cannabiskonsum und eine psychologisch-psychiatrische Störung können aber beide auch durch einen dritten Faktor bedingt sein. Das sind eigentlich Standardargumente aus einer Einführungsvorlesung in die Statistik.</p> <p>Trotzdem behaupten die Cannabisgegner in der Ärzteschaft beharrlich, aufgrund ihrer “klinischen Erfahrung” die Kausalität schlicht <em>sehen</em> zu können. Mir ist schon klar, dass man mit dem ohnehin oft nur oberflächlich angefertigten Dr. med. auch magische Kräfte verliehen bekommt.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2 id="h-auflosung">Auflösung</h2> <p>Was sagen also die neuesten Daten? Waren meine Vorbehalte und die der eher zurückhaltenden Forscherinnen und Forscher berechtigt? Oder haben doch die Cannabisgegner mit ihrer “klinischen Erfahrung” recht?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie.jpg"><img alt="" decoding="async" height="595" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-1024x595.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-1024x595.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-300x174.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-768x446.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie.jpg 1520w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Obwohl seit 2012 immer mehr erwachsene Deutsche Cannabis konsumieren, sank die Rate neu diagnostizierter psychotischer und schizophrener Störungen seit 2015 kontinuierlich: und zwar um satte 12 Prozent! Datenquellen: Kohring et al., 2024; Thom et al., 2024</em></p> <p>Damit wird übrigens nicht bestritten, dass besonders häufiger und starker Cannabiskonsum das Risiko für psychologisch-psychiatrische Störungen erhöht. Insbesondere diejenigen, die Lebensprobleme mit dem Mittel (oder anderen Drogen) unterdrücken wollen, gehen ein höheres Risiko ein. Denn mit dieser Bewältigungsstrategie tun sie nichts gegen die Probleme.</p> <p>Übrigens fällt mir bei der Ärzteschaft immer wieder das Muster auf, die von ihnen selbst verschriebenen Medikamente eher zu verharmlosen, doch die von den Menschen selbst gewählten Heilmittel als gefährlicher darzustellen. Vergessen wir nicht, dass zum Beispiel die Opioid-Epidemie in den USA ab den 1990ern von Ärzten und Pharmafirmen losgetreten wurde, die den Menschen ein Leben ohne Schmerzen versprach. Von dem offensichtlichen Suchtrisiko wollten sie lange nichts wissen, während sie an der Abhängigkeit der Patientinnen und Patienten übrigens sehr gut verdienten. 30 Jahre später sind Hunderttausende an Überdosierungen der Mittel gestorben.</p> <p>Und ohne hier eine Panik lostreten zu wollen: Wenn man danach sucht, dann finden Forscher auch für das sogar an Kinder immer häufiger verschriebene Methylphenidat (z.B. Ritalin) oder Amphetamin (“Speed”) ein erhöhtes Psychoserisiko (de Pablo et al., 2025). Ergebnis der Studie:</p> <blockquote> <p>“Diese systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse ergab ein nicht zu vernachlässigendes Auftreten von psychotischen Symptomen, psychotischen Störungen oder bipolarer Störung bei Personen mit ADHS, die mit Stimulanzien behandelt wurden. Amphetamine waren im Vergleich zu Methylphenidat mit einem höheren Auftreten assoziiert.” (de Pablo et al., 2025, S. 1103)</p> </blockquote> <p>Man muss immer Nutzen und Risiken gegeneinander abwägen. Aber ja, das böse Cannabis!</p> <h2 id="h-aus-den-cannabis-protokollen">Aus den “Cannabis-Protokollen”</h2> <p>Wie groß ist aber nun das Psychose- beziehungsweise Schizophrenierisiko? Ich erlaube mir, aus meinem neuen Buch zu zitieren (Schleim, 2026, S. 76f.):</p> <p>Aufgrund der Komplexität der Problematik folgerte eine Forschergruppe um Theresa Moore von der Universität Bristol (Großbritannien) schon einige Jahre vorher in der angesehenen medizinischen Fachzeitschrift <em>The Lancet</em>: “Die Unsicherheit darüber, ob Cannabis Psychosen verursacht, wird wahrscheinlich nicht durch weitere Längsschnittstudien aufgelöst werden können” (Moore et al., 2007, S. 316).</p> <p>Diese Studie hat sich wie kaum eine andere mit dem Problem der ‘umgekehrten Kausalität’ und möglichen Verzerrungen in den epidemiologischen Studien beschäftigt. Den Einfluss störender Faktoren in dieser Forschung bezeichnen sie als “substanziell”. Das mahnt uns zur Vorsicht, wenn wir daraus Schlüsse für die Praxis ziehen wollen.</p> <p>In ihrer Schlussfolgerung schreiben diese Forscherinnen und Forscher, man solle Cannabiskonsumenten vor dem Psychoserisiko und auch der Möglichkeit affektiver Störungen (wie Depressionen) warnen. Doch auch unter den regelmäßigen Konsumentinnen und Konsumenten sei das “Lebenszeitrisiko chronischer psychotischer Störungen wie Schizophrenie wahrscheinlich gering (kleiner als 3 Prozent)” (Moore et al., 2007, S. 327).</p> <p>Das heißt im Umkehrschluss aber auch: Für Gelegenheitskonsumenten ist das Risiko noch kleiner. Ein allgemeines Verbot lässt sich aufgrund dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse daher meiner Meinung nach nicht rechtfertigen – zumal wir überall sehen, dass Prohibition nicht funktioniert und im Gegenteil sogar Gesundheitsrisiken vergrößert. Denn dann sind die Substanzen mitunter verunreinigt, höher dosiert und suchen Betroffene aufgrund der Angst vor Stigmatisierung und Strafverfolgung weniger Hilfe.</p> <p>Wer also in Bezug auf Cannabis Gesundheitsschutz fordert, darf das Wort ‘Verbot’ nicht in den Mund nehmen. Und selbst die maßgeblichen Studien räumen ein, dass es keinen schlagenden Beweis für eine Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen dem Substanzkonsum und schweren, anhaltenden psychischen Störungen gibt.</p> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em>Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 14,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/nl/book/die-cannabis-protokolle/id6745148090">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=f5pZEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/illustrations/ai-generated-cannabis-marijuana-9553065/">Randi Bagley</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <h2 id="h-quellen">Quellen:</h2> <ul> <li>de Pablo, G. S., Aymerich, C., Chart-Pascual, J. P., Solmi, M., Torres-Cortes, J., Abdelhafez, N., … &amp; Cortese, S. (2025). Occurrence of psychosis and bipolar disorder in individuals with attention-deficit/hyperactivity disorder treated with stimulants: a systematic review and meta-analysis. <em>JAMA psychiatry</em>.</li> <li>Hoch E, Krowartz EM, Hollweck R, Möckl J, Olderbak S (2025). Cannabis consumption before and after partial legalization in Germany: Early trends, consumption patterns, and motives. <em>Dtsch Arztebl Int</em>; 122: 632–7.</li> <li>Moore, T. H., Zammit, S., Lingford-Hughes, A., Barnes, T. R., Jones, P. B., Burke, M., &amp; Lewis, G. (2007). Cannabis use and risk of psychotic or affective mental health outcomes: a systematic review. <em>The Lancet</em>, 370(9584), 319-328.</li> <li>Kohring C, Hartmann M, Holstiege J, Müller D (2024). Inzidenztrends für 37 psychische Störungen bei Erwachsenen in der ambulanten Versorgung – Entwicklungen zwischen 2015 und 2022 mit Fokus auf Schizophrenie, Depressionen, tabakbezogenen und somatoformen Störungen sowie Schlaf- und Persönlichkeitsstörungen. Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi). <em>Versorgungsatlas-Bericht</em>, Nr. 24/06. Berlin.</li> <li>Schleim, S. (2026). <em><u><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375">Die Cannabis-Protokolle: Medizin, Politik und Wissenschaft auf dem Prüfstand</a></u></em>. Hamburg: BoD.</li> <li>Thom J, Jonas B, Reitzle L, Mauz E, Hölling H, Schulz M (2024). Trends in the diagnostic prevalence of mental disorders, 2012–2022—using nationwide outpatient claims data for mental health surveillance. <em>Dtsch Arztebl Int</em>; 121: 355–62.</li> </ul> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/556f400977fe4af595ef517fbef566ad" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neueste-zahlen-geht-steigender-cannabiskonsum-mit-mehr-schizophrenien-einher/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>21</slash:comments> </item> <item> <title>Quarter-Life-Crisis: Ist unser Hirn mit 25 auf dem Zenit? https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/quarter-life-crisis-ist-unser-hirn-mit-25-auf-dem-zenit/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/quarter-life-crisis-ist-unser-hirn-mit-25-auf-dem-zenit/#comments Mon, 12 Jan 2026 07:00:00 +0000 Antonia Ceric https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5475 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/schoner-kaukasischer-mann-mit-bart-der-gehirn-und-fragezeichen-halt-skeptisch-und-nervos-runzelt-die-stirn-wegen-des-problems-negativer-mensch-1-scaled-e1768064815764-768x291.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/quarter-life-crisis-ist-unser-hirn-mit-25-auf-dem-zenit/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/schoner-kaukasischer-mann-mit-bart-der-gehirn-und-fragezeichen-halt-skeptisch-und-nervos-runzelt-die-stirn-wegen-des-problems-negativer-mensch-1-scaled-e1768064815764.jpg" /><h1>Quarter-Life-Crisis: Ist unser Hirn mit 25 auf dem Zenit? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>In meinem Freundeskreis kommt allmählich der Punkt, dass die meisten von uns über 25 Jahre alt sind. Wir sind nicht mehr Anfang 20. Erwachsen. Oft habe ich schon gehört, mit 25, da ist der Frontallappen endlich voll entwickelt! Das Denken nicht mehr geprägt vom jugendlichen Leichtsinn, den wir mit 18 noch hatten. 25 und dann geht es bergab. Aber was soll da eigentlich „voll entwickelt“ sein? Woher kommt diese Zahl 25 überhaupt? Welche Studiengrundlage steckt dahinter?</p> <p>Es ist eine weit verbreitete Annahme: Mit 25 ist das Gehirn ausgereift. Die wilden Baustellen im Kopf sind abgeschlossen, der Beton ist trocken. Aber schwingt da nicht auch eine leise Bedrohung mit? Heißt „fertig“ auch Stillstand? Wenn der Gipfel erreicht ist, kann der Weg ja eigentlich nur noch nach unten führen. Das Lernen fällt immer schwerer, wir nehmen neue Inhalte nicht mehr so rasch auf wie Kinder es tun.</p> <p>Aber stimmt das überhaupt? Oder haben wir vielleicht viel mehr Zeit, als wir dachten? Heißt Veränderung gleich Abbau? Im heutigen Beitrag schauen wir uns an, was die aktuelle Forschungslage tatsächlich zur Hirnentwicklung zu sagen hat – und was ich gefunden habe, dürfte alle aufatmen lassen, die die 30 noch vor sich haben (und auch alle, die sie schon hinter sich haben).</p> <h2 id="h-der-mythos-der-25-ein-missverstandnis-der-wissenschaft"><strong>Der Mythos der 25: Ein Missverständnis der Wissenschaft</strong></h2> <p>Wenn man nachforscht, warum sich ausgerechnet die 25 so hartnäckig in unseren Köpfen festgesetzt hat, landet man schnell in den 90er und 2000er Jahren. Damals führten die National Institutes of Health (NIH) in den USA bahnbrechende Langzeitstudien durch. Forscher wie Jay Giedd steckten tausende junge Menschen in den MRT, um ihrem Gehirn beim Wachsen zuzusehen [1].</p> <p>Die Ergebnisse waren faszinierend: Sie zeigten, dass unser Gehirn nicht einfach nur größer wird, sondern sich fundamental umbaut – und zwar von hinten nach vorne. Das letzte Puzzlestück, das in diesem Prozess an die Reihe kommt, ist der präfrontale Cortex direkt hinter unserer Stirn. Das ist unser CEO im Kopf, zuständig für Planung, Impulskontrolle und vernünftige Entscheidungen. Mehr zu diesen sogenannten „exekutiven Funktionen“ lest ihr hier:<aside></aside></p> <figure></figure> <p>Warum ausgerechnet 25? In den Datenkurven sahen Gogtay, Giedd und ihr Team, dass sich die strukturellen Veränderungen in diesem Areal (z. B. die Dicke der Hirnrinde) etwa im Alter von 25 Jahren zu stabilisieren schienen oder die Kurven abflachten [2]. Die Medien, Versicherungen und die Politik stürzten sich auf diese Zahl als biologische Grenze zum Erwachsensein.</p> <p>Doch Wissenschaftler warnen heute vor dieser Vereinfachung. Das Problem war oft das Studiendesign selbst: Viele dieser frühen Untersuchungen endeten schlichtweg bei Probanden Mitte 20. Die 25 war oft kein biologischer „Endpunkt“, sondern einfach das Ende der Datentabelle. Renommierte Kritikerinnen wie die Harvard-Professorin Leah Somerville wiesen bereits 2016 in einer Analyse im Fachmagazin Neuron darauf hin, dass es keinen magischen Schalter gibt, der mit 25 umgelegt wird [3]. Ihre Arbeit zeigte, dass viele Hirnstrukturen auch jenseits der 30 noch keine Ruhe geben. Studien zur weißen Substanz zeigen mittlerweile, dass die Vernetzung oft erst in den 30ern oder 40ern ihren Höhepunkt erreicht [4]. Die 25 war also nie eine harte biologische Mauer, sondern eher ein statistischer „Best Guess“ aus den damals verfügbaren Daten.</p> <h2 id="h-baustelle-gehirn-mehr-als-nur-wachstum"><strong>Baustelle Gehirn: Mehr als nur Wachstum</strong></h2> <p>Um zu verstehen, warum das Spiel mit 25 noch nicht vorbei ist, müssen wir kurz den Bauhelm aufsetzen. Was genau „reift“ da eigentlich? Entgegen der Intuition wird unser Gehirn im Erwachsenenwerden nicht <em>voller</em>, sondern <em>leerer</em>.</p> <p>Zwei Hauptprozesse bestimmen die Reifung:</p> <ol start="1"> <li><strong>Synaptic Pruning (Der Gärtner):</strong> In der Kindheit wuchern unsere Nervenverbindungen wie ein wilder Dschungel. In der Pubertät beginnt unser Nervensystem all die Verbindungen und Stränge zu kappen, die kaum genutzt werden. Wie beim Gärtnern werden schwächere Stränge abgeschnitten, was mehr Energie für die verbleibenden Leitungen lässt. Das Motto: „Use it or lose it“. Das Gehirn wird effizienter. [1]</li> <li><strong>Myelinisierung (Der Straßenbau):</strong> Die verbleibenden wichtigen Verbindungen werden nun isoliert. Eine Schicht aus Myelin, eine fetthaltige Isolierschicht, umhüllt die Nervenbahnen, ähnlich wie Gummi um ein Stromkabel. Das sorgt für eine massive Beschleunigung der Signalübertragung – bis zu 100-mal schneller! Der Prozess der Myelinisierung beginnt bereits im Mutterleib, hat seinen Höhepunkt in den ersten Lebensmonaten, setzt sich allerdings noch bis über die Pubertät hinaus fort.</li> </ol> <p>Und hier liegt der Knackpunkt: Während das Pruning schon früher abnimmt, setzt sich die Myelinisierung viel länger fort als gedacht. Besonders die wichtigen „Datenautobahnen“, die unsere Gefühle mit dem Verstand verknüpfen, werden teils bis ins dritte Lebensjahrzehnt hinein ausgebaut [4]. Unten sind zwei Neuronen zu sehen, links ohne Myelinisierung, rechts mit Myelinscheiden.</p> <h2 id="h-update-aus-cambridge-32-ist-das-neue-25"><strong>Update aus Cambridge: 32 ist das neue 25</strong></h2> <p>Dass die 25 wackelt, vermuten Neurowissenschaftlerinnen und -wissenschaftler schon länger. Eine aktuelle Studie aus Cambridge, veröffentlicht in <em>Nature Communications</em>, liefert nun neue Daten [5]. Die Forschenden haben nicht nur auf das Volumen geschaut (wie viel Gehirn ist da?), sondern auf die Topologie – also den Bauplan des Netzwerks.</p> <p>Was diese Untersuchung so besonders macht, ist ihre gewaltige Datenbasis. Während frühere Studien oft nur kleine Gruppen untersuchten, analysierte das Team hier Scans von über 4.200 Menschen. Und das Entscheidende: Die Spanne der Teilnehmenden reichte vom Säuglingsalter bis hin zu 90-Jährigen. Erst durch diesen Blick auf die gesamte Lebensspanne konnten die Forschenden Muster erkennen, die vorher unsichtbar blieben.</p> <p>Stell dir dein Gehirn wie ein U-Bahn-Netz vor. Das Forschungsteam analysierte, wie gut die Stationen vernetzt sind und wie effizient man von A nach B kommt. Sie identifizierten sogenannte „Topologische Wendepunkte“ (<em>turning points</em>) im Leben – Momente, in denen sich die Organisation des Gehirns grundlegend ändert.</p> <h5 id="h-funf-epochen-der-hirnentwicklung">Fünf Epochen der Hirnentwicklung</h5> <p>Daraus ergeben sich laut den Forschenden fünf ungefähre Epochen in der Hirnentwicklung, die wir im Leben durchlaufen [5]:</p> <ol start="1"> <li><strong>Epoche 1 (0–9 Jahre):</strong> Die Kindheit, geprägt von rasantem Aufbau lokaler Verbindungen.</li> <li><strong>Epoche 2 (9–32 Jahre):</strong> Die “verlängerte Adoleszenz”. Hier wird das Netzwerk massiv integriert und auf Effizienz getrimmt.</li> <li><strong>Epoche 3 (32–66 Jahre):</strong> Das Erwachsenenalter. Hier ändert sich die Strategie hin zur Spezialisierung.</li> <li><strong>Epoche 4 &amp; 5 (ab 66 Jahren):</strong> Die Phasen des Alterns, in denen sich die Strukturen erneut verändern</li> </ol> <p>Das Ergebnis? Ein massiver Wendepunkt liegt nicht bei 25, sondern bei <strong>32 Jahren</strong>. Die Studie zeigt: Die Phase der „adoleszenten Entwicklung“, in der das Netzwerk immer stärker integriert und effizienter wird, zieht sich bis Anfang 30 hin. Erst danach, in der dritten Epoche (32–66 Jahre), ändert das Gehirn seine Strategie. Es baut nicht mehr primär auf globale Vernetzung, sondern auf Spezialisierung (<em>Segregation</em>). Man kann sich das wie in einem wachsenden Unternehmen vorstellen: Am Anfang machen alle alles (hohe Integration). Später bilden sich spezialisierte Fachabteilungen (hohe Segregation), die Expertenwissen aufbauen. Wir werden vielleicht etwas weniger flexibel, dafür aber kompetenter in unseren Fachbereichen.</p> <p>Das bedeutet: Mit 25 bist du biologisch gesehen noch mitten im Feinschliff deiner kognitiven Hardware. Dein Gehirn optimiert seine Netzwerkeffizienz noch jahrelang weiter. Die „Quarter-Life-Crisis“ ist also vielleicht gar kein Zeichen dafür, dass du feststeckst, sondern dass dein System gerade erst richtig hochfährt.</p> <p>Wichtig zu erwähnen ist jedoch auch hier: Bei diesen Zahlen handelt es sich um statistische Mittelwerte einer großen Gruppe, nicht um starre biologische Gesetze. Die Entwicklung des Hirns ist höchst individuell. Die Zeitpunkte aus der Studie beschreiben den Durchschnitt – dein persönlicher Wendepunkt kann früher oder später liegen. Aber eines ist sicher: Mit 25 ist das letzte Kapitel noch lange nicht geschrieben.</p> <h2 id="h-exkurs-wenn-es-nicht-am-gehirn-liegt-warum-die-20er-trotzdem-hart-sind"><strong>Exkurs: Wenn es nicht am Gehirn liegt – Warum die 20er trotzdem hart sind</strong></h2> <p>Jetzt wissen wir also: Biologisch gesehen sind wir mit 25 noch voll im „Ausbau“. Warum fühlt es sich trotzdem oft so an, als müssten wir längst fertig sein? Warum trifft uns die Quarter-Life-Crisis genau jetzt? Die Psychologie und Soziologie haben hierfür Erklärungen, die nichts mit Myelin oder Synapsen zu tun haben, sondern mit dem Druck, der auf uns lastet.</p> <h3 id="h-drei-faktoren-die-in-die-quarterlife-crisis-mit-hineinspielen">Drei Faktoren, die in die Quarterlife-Crisis mit hineinspielen:</h3> <ul> <li><strong>Der Verlust des „Drehbuchs“:</strong> Bis zum Schulabschluss, dem Ende des Studiums oder der Berufsausbildung war unser Leben wie eine Schiene. Das Ziel war klar vorgegeben: Versetzung, Schulabschluss, Gesellenbrief, Bachelor oder sonstiges. Für die meisten endet dieses vorgefertigte Skript Mitte der 20er dann plötzlich. Zum ersten Mal gibt es keine Noten mehr, die uns sagen, ob wir „gut“ sind. Gleichzeitig haben wir so viele verschiedene Wege vor uns und müssen einen für uns wählen. Diese plötzliche Freiheit ist riesig – und sie macht Angst. Die Struktur bricht weg, und wir müssen selbst Regie führen, ohne das Handbuch gelesen zu haben.</li> <li><strong>Die Qual der Wahl (Option Paralysis):</strong> Unsere Großeltern hatten oft nur einen Weg: Ausbildung, Heirat, Haus, Rente. Wir haben <em>tausende</em>. Wir können Digital Nomad auf Bali werden, Finance Bro in Frankfurt werden oder eine Töpferwerkstatt in der Uckermark eröffnen. Doch die Forschung zeigt: Zu viele Optionen machen unglücklich (das sogenannte <em>Paradox of Choice</em>). Wir haben ständig Angst, die „falsche“ Tür zu wählen und optimieren uns zu Tode, statt einfach mal loszulaufen [6].</li> <li><strong>Der Vergleichs-Wahnsinn:</strong> Früher verglich man sich mit dem Nachbarn oder dem Cousin. Heute vergleichen wir uns auf den verschiedensten sozialen Medien mit der <em>ganzen Welt</em>. Und dort sehen wir nur die Highlights: Die 23-jährige Gründerin, der 25-jährige Weltreisende. Andere haben mit 24 schon ein Haus gekauft und zwei Kinder. Dass diese Bilder kuratiert sind, weiß unser Verstand zwar – unser Gefühl aber meldet trotzdem: „Alle haben es geschafft, nur ich hänge hinterher.“</li> </ul> <h3 id="h-biologie-vs-leistungsgesellschaft">Biologie vs. Leistungsgesellschaft</h3> <p>Über all diesen inneren Kämpfen schwebt jedoch noch etwas Größeres, das von außen auf uns drückt: die sogenannte „Social Clock“ (soziale Uhr) [7]. Auch die Forschenden aus Cambridge betonen in ihrer Studie, dass der Übergang ins Erwachsenenalter eben nicht nur biologisch ist, sondern stark von „kulturellen und sozialen Faktoren“ abhängt [5]. Unsere Gesellschaft diktiert einen unsichtbaren Zeitplan: Studium mit 22, Karriere mit 25, Familie mit 30. Wir messen unser modernes, komplexes Leben an einem veralteten Maßstab. Listen wie „Forbes 30 under 30“ befeuern zudem einen subtilen Ageism (Altersdiskriminierung), der uns suggeriert, dass Potenzial ein Verfallsdatum hat. Dieser gesellschaftliche Druck erzeugt eine künstliche Hektik („Ich muss mich jetzt beeilen!“), die im direkten Widerspruch zu der Geduld steht, die unsere Biologie eigentlich an den Tag legt.</p> <p>Letztlich ist diese Hektik ein Symptom einer auf Effizienz getrimmten Leistungsgesellschaft. Wir versuchen kollektiv, einen langsamen, komplexen biologischen Prozess in den Takt einer beschleunigten Wirtschaftsordnung zu pressen. Dass es dabei knirscht, ist kein individuelles Versagen, sondern ein Problem des Systems.</p> <h2 id="h-fazit-durchatmen"><strong>Fazit: Durchatmen!</strong></h2> <p>Was lernen wir daraus? Wenn dich mit 25 (oder 29) die Panik packt, ist das kein Zeichen von Schwäche oder geistigem Abbau. Es ist eine logische Reaktion auf eine Lebensphase, in der maximaler gesellschaftlicher Druck auf eine noch laufende biologische Baustelle trifft. Dein Gehirn arbeitet noch hart daran, die besten Verbindungen zu knüpfen. Die große Integration, die Vernetzung deiner Fähigkeiten, läuft noch bis in die 30er auf Hochtouren. Also: Wenn du das nächste Mal denkst, du müsstest längst „fertig“ sein, weißt du, dass auch dein Gehirn noch seine Zeit braucht. Du bist nicht langsam. Du renderst noch. Und das Ergebnis wird vermutlich besser, als du jetzt denkst.</p> <h2 id="h-quellen"><strong>Quellen</strong></h2> <ol> <li>Giedd, J. N., Blumenthal, J., Jeffries, N. O., Castellanos, F. X., Liu, H., Zijdenbos, A., Paus, T., Evans, A. C., &amp; Rapoport, J. L. (1999). Brain development during childhood and adolescence: A longitudinal MRI study. <em>Nature Neuroscience</em>, <em>2</em>(10), 861–863. <a href="https://doi.org/10.1038/13158" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1038/13158</a></li> <li>Gogtay, N., Giedd, J. N., Lusk, L., Hayashi, K. M., Greenstein, D., Vaituzis, A. C., Nugent, T. F., Herman, D. H., Clasen, L. S., Toga, A. W., Rapoport, J. L., &amp; Thompson, P. M. (2004). Dynamic mapping of human cortical development during childhood through early adulthood. <em>Proceedings of the National Academy of Sciences</em>, <em>101</em>(21), 8174–8179. <a href="https://doi.org/10.1073/pnas.0402680101" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1073/pnas.0402680101</a></li> <li>Somerville, L. H. (2016). Searching for signatures of brain maturity: What are we searching for? <em>Neuron</em>, <em>92</em>(6), 1164–1167. <a href="https://doi.org/10.1016/j.neuron.2016.10.059" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.neuron.2016.10.059</a></li> <li>Lebel, C., Gee, M., Camara, E., &amp; Beaulieu, C. (2012). Diffusion tensor imaging of white matter tract evolution over the lifespan. <em>NeuroImage</em>, <em>60</em>(1), 340–352. <a href="https://doi.org/10.1016/j.neuroimage.2011.11.094" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.neuroimage.2011.11.094</a></li> <li>Mousley, A., Bethlehem, R.A.I., Yeh, FC. <em>et al.</em> Topological turning points across the human lifespan. <em>Nat Commun</em> <strong>16</strong>, 10055 (2025). <a href="https://doi.org/10.1038/s41467-025-65974-8">https://doi.org/10.1038/s41467-025-65974-8</a></li> <li>Schwartz, B. (2004). <em>The paradox of choice: Why more is less</em>. Harper Perennial.</li> <li>Neugarten, B. L. (1976). Adaptation and the life cycle. <em>The Counseling Psychologist</em>, <em>6</em>(1), 16–20. <a href="https://doi.org/10.1177/001100007600600104" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1177/001100007600600104</a></li> </ol> <p>Beitragsbild: <a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/schoener-kaukasischer-mann-mit-bart-der-gehirn-und-fragezeichen-haelt-skeptisch-und-nervoes-runzelt-die-stirn-wegen-des-problems-negativer-mensch_42512890.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=43&amp;uuid=827d5cff-5751-4b91-a95f-819debe5867f&amp;query=gehirn+erwachsen">Bild von krakenimages.com auf Freepik</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/schoner-kaukasischer-mann-mit-bart-der-gehirn-und-fragezeichen-halt-skeptisch-und-nervos-runzelt-die-stirn-wegen-des-problems-negativer-mensch-1-scaled-e1768064815764.jpg" /><h1>Quarter-Life-Crisis: Ist unser Hirn mit 25 auf dem Zenit? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>In meinem Freundeskreis kommt allmählich der Punkt, dass die meisten von uns über 25 Jahre alt sind. Wir sind nicht mehr Anfang 20. Erwachsen. Oft habe ich schon gehört, mit 25, da ist der Frontallappen endlich voll entwickelt! Das Denken nicht mehr geprägt vom jugendlichen Leichtsinn, den wir mit 18 noch hatten. 25 und dann geht es bergab. Aber was soll da eigentlich „voll entwickelt“ sein? Woher kommt diese Zahl 25 überhaupt? Welche Studiengrundlage steckt dahinter?</p> <p>Es ist eine weit verbreitete Annahme: Mit 25 ist das Gehirn ausgereift. Die wilden Baustellen im Kopf sind abgeschlossen, der Beton ist trocken. Aber schwingt da nicht auch eine leise Bedrohung mit? Heißt „fertig“ auch Stillstand? Wenn der Gipfel erreicht ist, kann der Weg ja eigentlich nur noch nach unten führen. Das Lernen fällt immer schwerer, wir nehmen neue Inhalte nicht mehr so rasch auf wie Kinder es tun.</p> <p>Aber stimmt das überhaupt? Oder haben wir vielleicht viel mehr Zeit, als wir dachten? Heißt Veränderung gleich Abbau? Im heutigen Beitrag schauen wir uns an, was die aktuelle Forschungslage tatsächlich zur Hirnentwicklung zu sagen hat – und was ich gefunden habe, dürfte alle aufatmen lassen, die die 30 noch vor sich haben (und auch alle, die sie schon hinter sich haben).</p> <h2 id="h-der-mythos-der-25-ein-missverstandnis-der-wissenschaft"><strong>Der Mythos der 25: Ein Missverständnis der Wissenschaft</strong></h2> <p>Wenn man nachforscht, warum sich ausgerechnet die 25 so hartnäckig in unseren Köpfen festgesetzt hat, landet man schnell in den 90er und 2000er Jahren. Damals führten die National Institutes of Health (NIH) in den USA bahnbrechende Langzeitstudien durch. Forscher wie Jay Giedd steckten tausende junge Menschen in den MRT, um ihrem Gehirn beim Wachsen zuzusehen [1].</p> <p>Die Ergebnisse waren faszinierend: Sie zeigten, dass unser Gehirn nicht einfach nur größer wird, sondern sich fundamental umbaut – und zwar von hinten nach vorne. Das letzte Puzzlestück, das in diesem Prozess an die Reihe kommt, ist der präfrontale Cortex direkt hinter unserer Stirn. Das ist unser CEO im Kopf, zuständig für Planung, Impulskontrolle und vernünftige Entscheidungen. Mehr zu diesen sogenannten „exekutiven Funktionen“ lest ihr hier:<aside></aside></p> <figure></figure> <p>Warum ausgerechnet 25? In den Datenkurven sahen Gogtay, Giedd und ihr Team, dass sich die strukturellen Veränderungen in diesem Areal (z. B. die Dicke der Hirnrinde) etwa im Alter von 25 Jahren zu stabilisieren schienen oder die Kurven abflachten [2]. Die Medien, Versicherungen und die Politik stürzten sich auf diese Zahl als biologische Grenze zum Erwachsensein.</p> <p>Doch Wissenschaftler warnen heute vor dieser Vereinfachung. Das Problem war oft das Studiendesign selbst: Viele dieser frühen Untersuchungen endeten schlichtweg bei Probanden Mitte 20. Die 25 war oft kein biologischer „Endpunkt“, sondern einfach das Ende der Datentabelle. Renommierte Kritikerinnen wie die Harvard-Professorin Leah Somerville wiesen bereits 2016 in einer Analyse im Fachmagazin Neuron darauf hin, dass es keinen magischen Schalter gibt, der mit 25 umgelegt wird [3]. Ihre Arbeit zeigte, dass viele Hirnstrukturen auch jenseits der 30 noch keine Ruhe geben. Studien zur weißen Substanz zeigen mittlerweile, dass die Vernetzung oft erst in den 30ern oder 40ern ihren Höhepunkt erreicht [4]. Die 25 war also nie eine harte biologische Mauer, sondern eher ein statistischer „Best Guess“ aus den damals verfügbaren Daten.</p> <h2 id="h-baustelle-gehirn-mehr-als-nur-wachstum"><strong>Baustelle Gehirn: Mehr als nur Wachstum</strong></h2> <p>Um zu verstehen, warum das Spiel mit 25 noch nicht vorbei ist, müssen wir kurz den Bauhelm aufsetzen. Was genau „reift“ da eigentlich? Entgegen der Intuition wird unser Gehirn im Erwachsenenwerden nicht <em>voller</em>, sondern <em>leerer</em>.</p> <p>Zwei Hauptprozesse bestimmen die Reifung:</p> <ol start="1"> <li><strong>Synaptic Pruning (Der Gärtner):</strong> In der Kindheit wuchern unsere Nervenverbindungen wie ein wilder Dschungel. In der Pubertät beginnt unser Nervensystem all die Verbindungen und Stränge zu kappen, die kaum genutzt werden. Wie beim Gärtnern werden schwächere Stränge abgeschnitten, was mehr Energie für die verbleibenden Leitungen lässt. Das Motto: „Use it or lose it“. Das Gehirn wird effizienter. [1]</li> <li><strong>Myelinisierung (Der Straßenbau):</strong> Die verbleibenden wichtigen Verbindungen werden nun isoliert. Eine Schicht aus Myelin, eine fetthaltige Isolierschicht, umhüllt die Nervenbahnen, ähnlich wie Gummi um ein Stromkabel. Das sorgt für eine massive Beschleunigung der Signalübertragung – bis zu 100-mal schneller! Der Prozess der Myelinisierung beginnt bereits im Mutterleib, hat seinen Höhepunkt in den ersten Lebensmonaten, setzt sich allerdings noch bis über die Pubertät hinaus fort.</li> </ol> <p>Und hier liegt der Knackpunkt: Während das Pruning schon früher abnimmt, setzt sich die Myelinisierung viel länger fort als gedacht. Besonders die wichtigen „Datenautobahnen“, die unsere Gefühle mit dem Verstand verknüpfen, werden teils bis ins dritte Lebensjahrzehnt hinein ausgebaut [4]. Unten sind zwei Neuronen zu sehen, links ohne Myelinisierung, rechts mit Myelinscheiden.</p> <h2 id="h-update-aus-cambridge-32-ist-das-neue-25"><strong>Update aus Cambridge: 32 ist das neue 25</strong></h2> <p>Dass die 25 wackelt, vermuten Neurowissenschaftlerinnen und -wissenschaftler schon länger. Eine aktuelle Studie aus Cambridge, veröffentlicht in <em>Nature Communications</em>, liefert nun neue Daten [5]. Die Forschenden haben nicht nur auf das Volumen geschaut (wie viel Gehirn ist da?), sondern auf die Topologie – also den Bauplan des Netzwerks.</p> <p>Was diese Untersuchung so besonders macht, ist ihre gewaltige Datenbasis. Während frühere Studien oft nur kleine Gruppen untersuchten, analysierte das Team hier Scans von über 4.200 Menschen. Und das Entscheidende: Die Spanne der Teilnehmenden reichte vom Säuglingsalter bis hin zu 90-Jährigen. Erst durch diesen Blick auf die gesamte Lebensspanne konnten die Forschenden Muster erkennen, die vorher unsichtbar blieben.</p> <p>Stell dir dein Gehirn wie ein U-Bahn-Netz vor. Das Forschungsteam analysierte, wie gut die Stationen vernetzt sind und wie effizient man von A nach B kommt. Sie identifizierten sogenannte „Topologische Wendepunkte“ (<em>turning points</em>) im Leben – Momente, in denen sich die Organisation des Gehirns grundlegend ändert.</p> <h5 id="h-funf-epochen-der-hirnentwicklung">Fünf Epochen der Hirnentwicklung</h5> <p>Daraus ergeben sich laut den Forschenden fünf ungefähre Epochen in der Hirnentwicklung, die wir im Leben durchlaufen [5]:</p> <ol start="1"> <li><strong>Epoche 1 (0–9 Jahre):</strong> Die Kindheit, geprägt von rasantem Aufbau lokaler Verbindungen.</li> <li><strong>Epoche 2 (9–32 Jahre):</strong> Die “verlängerte Adoleszenz”. Hier wird das Netzwerk massiv integriert und auf Effizienz getrimmt.</li> <li><strong>Epoche 3 (32–66 Jahre):</strong> Das Erwachsenenalter. Hier ändert sich die Strategie hin zur Spezialisierung.</li> <li><strong>Epoche 4 &amp; 5 (ab 66 Jahren):</strong> Die Phasen des Alterns, in denen sich die Strukturen erneut verändern</li> </ol> <p>Das Ergebnis? Ein massiver Wendepunkt liegt nicht bei 25, sondern bei <strong>32 Jahren</strong>. Die Studie zeigt: Die Phase der „adoleszenten Entwicklung“, in der das Netzwerk immer stärker integriert und effizienter wird, zieht sich bis Anfang 30 hin. Erst danach, in der dritten Epoche (32–66 Jahre), ändert das Gehirn seine Strategie. Es baut nicht mehr primär auf globale Vernetzung, sondern auf Spezialisierung (<em>Segregation</em>). Man kann sich das wie in einem wachsenden Unternehmen vorstellen: Am Anfang machen alle alles (hohe Integration). Später bilden sich spezialisierte Fachabteilungen (hohe Segregation), die Expertenwissen aufbauen. Wir werden vielleicht etwas weniger flexibel, dafür aber kompetenter in unseren Fachbereichen.</p> <p>Das bedeutet: Mit 25 bist du biologisch gesehen noch mitten im Feinschliff deiner kognitiven Hardware. Dein Gehirn optimiert seine Netzwerkeffizienz noch jahrelang weiter. Die „Quarter-Life-Crisis“ ist also vielleicht gar kein Zeichen dafür, dass du feststeckst, sondern dass dein System gerade erst richtig hochfährt.</p> <p>Wichtig zu erwähnen ist jedoch auch hier: Bei diesen Zahlen handelt es sich um statistische Mittelwerte einer großen Gruppe, nicht um starre biologische Gesetze. Die Entwicklung des Hirns ist höchst individuell. Die Zeitpunkte aus der Studie beschreiben den Durchschnitt – dein persönlicher Wendepunkt kann früher oder später liegen. Aber eines ist sicher: Mit 25 ist das letzte Kapitel noch lange nicht geschrieben.</p> <h2 id="h-exkurs-wenn-es-nicht-am-gehirn-liegt-warum-die-20er-trotzdem-hart-sind"><strong>Exkurs: Wenn es nicht am Gehirn liegt – Warum die 20er trotzdem hart sind</strong></h2> <p>Jetzt wissen wir also: Biologisch gesehen sind wir mit 25 noch voll im „Ausbau“. Warum fühlt es sich trotzdem oft so an, als müssten wir längst fertig sein? Warum trifft uns die Quarter-Life-Crisis genau jetzt? Die Psychologie und Soziologie haben hierfür Erklärungen, die nichts mit Myelin oder Synapsen zu tun haben, sondern mit dem Druck, der auf uns lastet.</p> <h3 id="h-drei-faktoren-die-in-die-quarterlife-crisis-mit-hineinspielen">Drei Faktoren, die in die Quarterlife-Crisis mit hineinspielen:</h3> <ul> <li><strong>Der Verlust des „Drehbuchs“:</strong> Bis zum Schulabschluss, dem Ende des Studiums oder der Berufsausbildung war unser Leben wie eine Schiene. Das Ziel war klar vorgegeben: Versetzung, Schulabschluss, Gesellenbrief, Bachelor oder sonstiges. Für die meisten endet dieses vorgefertigte Skript Mitte der 20er dann plötzlich. Zum ersten Mal gibt es keine Noten mehr, die uns sagen, ob wir „gut“ sind. Gleichzeitig haben wir so viele verschiedene Wege vor uns und müssen einen für uns wählen. Diese plötzliche Freiheit ist riesig – und sie macht Angst. Die Struktur bricht weg, und wir müssen selbst Regie führen, ohne das Handbuch gelesen zu haben.</li> <li><strong>Die Qual der Wahl (Option Paralysis):</strong> Unsere Großeltern hatten oft nur einen Weg: Ausbildung, Heirat, Haus, Rente. Wir haben <em>tausende</em>. Wir können Digital Nomad auf Bali werden, Finance Bro in Frankfurt werden oder eine Töpferwerkstatt in der Uckermark eröffnen. Doch die Forschung zeigt: Zu viele Optionen machen unglücklich (das sogenannte <em>Paradox of Choice</em>). Wir haben ständig Angst, die „falsche“ Tür zu wählen und optimieren uns zu Tode, statt einfach mal loszulaufen [6].</li> <li><strong>Der Vergleichs-Wahnsinn:</strong> Früher verglich man sich mit dem Nachbarn oder dem Cousin. Heute vergleichen wir uns auf den verschiedensten sozialen Medien mit der <em>ganzen Welt</em>. Und dort sehen wir nur die Highlights: Die 23-jährige Gründerin, der 25-jährige Weltreisende. Andere haben mit 24 schon ein Haus gekauft und zwei Kinder. Dass diese Bilder kuratiert sind, weiß unser Verstand zwar – unser Gefühl aber meldet trotzdem: „Alle haben es geschafft, nur ich hänge hinterher.“</li> </ul> <h3 id="h-biologie-vs-leistungsgesellschaft">Biologie vs. Leistungsgesellschaft</h3> <p>Über all diesen inneren Kämpfen schwebt jedoch noch etwas Größeres, das von außen auf uns drückt: die sogenannte „Social Clock“ (soziale Uhr) [7]. Auch die Forschenden aus Cambridge betonen in ihrer Studie, dass der Übergang ins Erwachsenenalter eben nicht nur biologisch ist, sondern stark von „kulturellen und sozialen Faktoren“ abhängt [5]. Unsere Gesellschaft diktiert einen unsichtbaren Zeitplan: Studium mit 22, Karriere mit 25, Familie mit 30. Wir messen unser modernes, komplexes Leben an einem veralteten Maßstab. Listen wie „Forbes 30 under 30“ befeuern zudem einen subtilen Ageism (Altersdiskriminierung), der uns suggeriert, dass Potenzial ein Verfallsdatum hat. Dieser gesellschaftliche Druck erzeugt eine künstliche Hektik („Ich muss mich jetzt beeilen!“), die im direkten Widerspruch zu der Geduld steht, die unsere Biologie eigentlich an den Tag legt.</p> <p>Letztlich ist diese Hektik ein Symptom einer auf Effizienz getrimmten Leistungsgesellschaft. Wir versuchen kollektiv, einen langsamen, komplexen biologischen Prozess in den Takt einer beschleunigten Wirtschaftsordnung zu pressen. Dass es dabei knirscht, ist kein individuelles Versagen, sondern ein Problem des Systems.</p> <h2 id="h-fazit-durchatmen"><strong>Fazit: Durchatmen!</strong></h2> <p>Was lernen wir daraus? Wenn dich mit 25 (oder 29) die Panik packt, ist das kein Zeichen von Schwäche oder geistigem Abbau. Es ist eine logische Reaktion auf eine Lebensphase, in der maximaler gesellschaftlicher Druck auf eine noch laufende biologische Baustelle trifft. Dein Gehirn arbeitet noch hart daran, die besten Verbindungen zu knüpfen. Die große Integration, die Vernetzung deiner Fähigkeiten, läuft noch bis in die 30er auf Hochtouren. Also: Wenn du das nächste Mal denkst, du müsstest längst „fertig“ sein, weißt du, dass auch dein Gehirn noch seine Zeit braucht. Du bist nicht langsam. Du renderst noch. Und das Ergebnis wird vermutlich besser, als du jetzt denkst.</p> <h2 id="h-quellen"><strong>Quellen</strong></h2> <ol> <li>Giedd, J. N., Blumenthal, J., Jeffries, N. O., Castellanos, F. X., Liu, H., Zijdenbos, A., Paus, T., Evans, A. C., &amp; Rapoport, J. L. (1999). Brain development during childhood and adolescence: A longitudinal MRI study. <em>Nature Neuroscience</em>, <em>2</em>(10), 861–863. <a href="https://doi.org/10.1038/13158" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1038/13158</a></li> <li>Gogtay, N., Giedd, J. N., Lusk, L., Hayashi, K. M., Greenstein, D., Vaituzis, A. C., Nugent, T. F., Herman, D. H., Clasen, L. S., Toga, A. W., Rapoport, J. L., &amp; Thompson, P. M. (2004). Dynamic mapping of human cortical development during childhood through early adulthood. <em>Proceedings of the National Academy of Sciences</em>, <em>101</em>(21), 8174–8179. <a href="https://doi.org/10.1073/pnas.0402680101" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1073/pnas.0402680101</a></li> <li>Somerville, L. H. (2016). Searching for signatures of brain maturity: What are we searching for? <em>Neuron</em>, <em>92</em>(6), 1164–1167. <a href="https://doi.org/10.1016/j.neuron.2016.10.059" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.neuron.2016.10.059</a></li> <li>Lebel, C., Gee, M., Camara, E., &amp; Beaulieu, C. (2012). Diffusion tensor imaging of white matter tract evolution over the lifespan. <em>NeuroImage</em>, <em>60</em>(1), 340–352. <a href="https://doi.org/10.1016/j.neuroimage.2011.11.094" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.neuroimage.2011.11.094</a></li> <li>Mousley, A., Bethlehem, R.A.I., Yeh, FC. <em>et al.</em> Topological turning points across the human lifespan. <em>Nat Commun</em> <strong>16</strong>, 10055 (2025). <a href="https://doi.org/10.1038/s41467-025-65974-8">https://doi.org/10.1038/s41467-025-65974-8</a></li> <li>Schwartz, B. (2004). <em>The paradox of choice: Why more is less</em>. Harper Perennial.</li> <li>Neugarten, B. L. (1976). Adaptation and the life cycle. <em>The Counseling Psychologist</em>, <em>6</em>(1), 16–20. <a href="https://doi.org/10.1177/001100007600600104" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1177/001100007600600104</a></li> </ol> <p>Beitragsbild: <a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/schoener-kaukasischer-mann-mit-bart-der-gehirn-und-fragezeichen-haelt-skeptisch-und-nervoes-runzelt-die-stirn-wegen-des-problems-negativer-mensch_42512890.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=43&amp;uuid=827d5cff-5751-4b91-a95f-819debe5867f&amp;query=gehirn+erwachsen">Bild von krakenimages.com auf Freepik</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/quarter-life-crisis-ist-unser-hirn-mit-25-auf-dem-zenit/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>7</slash:comments> </item> <item> <title>Der „Abendstern“ ist Jupiter https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/der-abendstern-ist-jupiter/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/der-abendstern-ist-jupiter/#comments Sun, 11 Jan 2026 17:17:17 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12483 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499-768x576.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/der-abendstern-ist-jupiter/</link> </image> <description type="html"><h1>Der "Abendstern" ist Jupiter » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Schon in der Dämmerung sieht man abends ein helles Lichtpünktchen am Himmel – und zwar, wenn der Himmel sogar noch blau ist. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499.jpg 1280w" width="1024"></img></a></figure> <p>Die Himmelsrichtung ist allerdings Nordosten. Wenn es der üblicherweise “Abendstern” genannte Planet wäre, müsste das Lichtpünktchen in westlichen Richtungen stehen. Während ich das obige Foto nach Nordosten aufnahm, sah der südliche Himmel noch rosa aus: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502.jpg 1280w" width="1024"></img></a></figure> <p>Man sieht also klar, dass das obige Objekt zwar ein Planet ist, aber nicht Venus – sondern Jupiter: der Königsplanet. Der stand nämlich gestern (am <a href="https://www.starobserver.org/ap260110/">10. Januar: APOD</a>) in Opposition zur Sonne. </p> <p>Venus steht gerade (zusammen mit Mars) direkt neben der Sonne am Taghimmel und entzieht sich daher menschlicher Blicke. Sie wird ab Ende Februar wieder als Abendstern am Himmel glänzen.</p> <h2>Für Philosophen</h2> <p>Gottlob Freges berühmte Schrift über “<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cber_Sinn_und_Bedeutung">Sinn und Bedeutung</a>” gilt als eine der Grundlagen der modernen Logik und Sprachphilosophie. Frege war Professor für Mathematik hier in Jena und starb in dem Glauben, dass er nichts besonders geschafft hätte – gilt aber heute als hauptsächlichster Wegbereiter der analytischen Philosophie. <aside></aside></p> <p>Mich hatte die “analytische Philosophie” stets sehr interessiert – vor allem aber in ihren Anwendungen in Semantik und Linguistik – und ich bin auch ein großer Fan von Freges Werk. ABER als Astronomin habe ich wegen der Aussage im Titel des Posts das Gefühl, dass sein Beispiel vom “Abend- und Morgenstern” sehr unglücklich ist. Hier gibt es in der Tat eine sprachliche Verwirrung, die er – so lernte ich zumindest im Philosophie-Studium – wohl so nicht gemeint hat. Da die (astro-naiven) Philosophen sich einig zu sein scheinen in ihrer Deutung von Freges Text, kann ich damit leben, dass ich als Astronomin das Bildnis anders verstehend ein Außenseiter bin: Auch wenn ich recht habe, ändert das nichts an der fundamentalen Rolle, die Freges sprachphilosophische Grundlagen für die moderne Linguistik legen. Anders gesagt: nur weil das Beispiel ungeschickt oder falsch sein kann, ist die unter ihm liegende Erkenntnis fundamental. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Der "Abendstern" ist Jupiter » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Schon in der Dämmerung sieht man abends ein helles Lichtpünktchen am Himmel – und zwar, wenn der Himmel sogar noch blau ist. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499.jpg 1280w" width="1024"></img></a></figure> <p>Die Himmelsrichtung ist allerdings Nordosten. Wenn es der üblicherweise “Abendstern” genannte Planet wäre, müsste das Lichtpünktchen in westlichen Richtungen stehen. Während ich das obige Foto nach Nordosten aufnahm, sah der südliche Himmel noch rosa aus: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502.jpg 1280w" width="1024"></img></a></figure> <p>Man sieht also klar, dass das obige Objekt zwar ein Planet ist, aber nicht Venus – sondern Jupiter: der Königsplanet. Der stand nämlich gestern (am <a href="https://www.starobserver.org/ap260110/">10. Januar: APOD</a>) in Opposition zur Sonne. </p> <p>Venus steht gerade (zusammen mit Mars) direkt neben der Sonne am Taghimmel und entzieht sich daher menschlicher Blicke. Sie wird ab Ende Februar wieder als Abendstern am Himmel glänzen.</p> <h2>Für Philosophen</h2> <p>Gottlob Freges berühmte Schrift über “<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cber_Sinn_und_Bedeutung">Sinn und Bedeutung</a>” gilt als eine der Grundlagen der modernen Logik und Sprachphilosophie. Frege war Professor für Mathematik hier in Jena und starb in dem Glauben, dass er nichts besonders geschafft hätte – gilt aber heute als hauptsächlichster Wegbereiter der analytischen Philosophie. <aside></aside></p> <p>Mich hatte die “analytische Philosophie” stets sehr interessiert – vor allem aber in ihren Anwendungen in Semantik und Linguistik – und ich bin auch ein großer Fan von Freges Werk. ABER als Astronomin habe ich wegen der Aussage im Titel des Posts das Gefühl, dass sein Beispiel vom “Abend- und Morgenstern” sehr unglücklich ist. Hier gibt es in der Tat eine sprachliche Verwirrung, die er – so lernte ich zumindest im Philosophie-Studium – wohl so nicht gemeint hat. Da die (astro-naiven) Philosophen sich einig zu sein scheinen in ihrer Deutung von Freges Text, kann ich damit leben, dass ich als Astronomin das Bildnis anders verstehend ein Außenseiter bin: Auch wenn ich recht habe, ändert das nichts an der fundamentalen Rolle, die Freges sprachphilosophische Grundlagen für die moderne Linguistik legen. Anders gesagt: nur weil das Beispiel ungeschickt oder falsch sein kann, ist die unter ihm liegende Erkenntnis fundamental. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/der-abendstern-ist-jupiter/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>4</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeo Podcast: Als im Universum die Lichter angingen – wo sind die ersten Sterne? https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-als-im-universum-die-lichter-angingen-wo-sind-die-ersten-sterne/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-als-im-universum-die-lichter-angingen-wo-sind-die-ersten-sterne/#comments Sun, 11 Jan 2026 05:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1824 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-7-768x768.jpg Eine Art bläuliche Wolke mit zahlreichen hell leuchtenden Sternen. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-als-im-universum-die-lichter-angingen-wo-sind-die-ersten-sterne/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-7.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Als im Universum die Lichter angingen - wo sind die ersten Sterne? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag130-erste-sterne.html#/">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Nicht viele Sterne können von sich behaupten, beinahe unser Verständnis vom Universum kaputt gemacht zu haben – aber ein Stern mit der Bezeichnung HD 140283 hätte es fast geschafft: Im Jahr 2000 schätzten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sein Alter auf 16 Milliarden Jahre. Und damit wäre dieser so unscheinbare Stern älter als das Universum selbst Er liegt in rund 190 Lichtjahren Entfernung im Sternbild Waage und ist von der Erde aus zwar nicht mit dem bloßen Auge, aber doch immerhin schon mit einem Fernglas sichtbar. Seinen Spitznamen als „Methusalem-Stern“ hat er sich damit mehr als verdient.</p> <p>In den darauffolgenden Jahren korrigierten neue Messungen und Studien dieses Alter glücklicherweise nach unten. Inzwischen gilt HD 140283 zwar immer noch als alt, aber nicht mehr als älter als das Universum selbst. Trotz seines stolzen Alters ist eines wissenschaftlich sicher: Der Methusalem-Stern ist keiner von den allerersten Sternen, die es in unserem Universum je gegeben hat – doch auf die haben sie es abgesehen.<aside></aside></p> <p>Forschende bezeichnen jene ersten Sterne im Universum auch als Sterne der Population III. Es sind die Sterne, die nach dem Urknall als erstes Licht ins Dunkel brachten. Damals, vor Milliarden von Jahren, gab es im Universum vor allem Wasserstoff und Helium. Erst die ersten Sterne haben jene massereicheren Elemente hergestellt, die wir heute kennen und schätzen – und ohne die es uns nicht geben würde: Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff, und noch schwerere Elemente bis hin zum Eisen.</p> <p>Somit ist zwar vollkommen klar, dass es diese ersten Sterne gegeben haben muss. Und doch haben Forschende noch nie einen solchen Stern beobachtet, trotz Jahrzehnten der intensiven Suche.</p> <p>In dieser Folge erzählt Franzi von dieser Suche nach den Sternen der Population III, die Licht ins Universum gebracht haben – eine Suche, für die Forschende versuchen, mit dem James Webb-Weltraumteleskop so weit in die Vergangenheit zu blicken wie möglich. Aber auch unsere eigene Milchstraße bleibt ein möglicher Fundort für die wahren Methusalem-Sterne.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 65: <a href="https://astrogeo.de/blaue-riesensterne-nimm-zwei/">Blaue Riesensterne: Nimm Zwei!</a></li> <li>Folge 98: <a href="https://astrogeo.de/das-erbe-des-urknalls-wie-die-materie-in-unser-universum-kam/">Das Erbe des Urknalls: Wie die Materie in unser Universum kam</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Stern">Stern</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sonne">Sonne</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Population_(Astronomie)">Population (Astronomie)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/HD_140283">HD 140283 (Stern)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/HE_1523%E2%88%920901">HE 1523−0901 (Stern)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metallizit%C3%A4t">Metallizität</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metalle">Metalle</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rotverschiebung">Rotverschiebung</a></li> <li>WP: <a href="http://www.scilogs.de/kosmo//home/pikarl/Schreibtisch/Aktuell/2026-01%20AG130%20Erste%20Sterne%20(AG)/Hauptreihe">Hauptreihe</a></li> <li>Spektrum.de: <a href="https://www.spektrum.de/news/earendel-truegt-das-licht-des-aeltesten-sterns/2290008">Trügt das Licht des ältesten Sterns?</a> (Artikel von Franzi)</li> <li>Spektrum.de: <a href="https://www.spektrum.de/news/startete-das-universum-frueher-durch-als-gedacht/2258825">Startete das Universum früher durch als gedacht?</a> (Artikel von Franzi)</li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/MoM-z14">MoM-z14</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/James-Webb-Weltraumteleskop">James-Webb-Weltraumteleskop</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Earendel">Earendel</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kugelsternhaufen">Kugelsternhaufen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gammablitz">Gammablitz</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/HI-Linie">HI-Linie</a></li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1146/annurev-astro-071221-">The First Stars: Formation, Properties, and Impact (2023)</a></li> <li> Fachartikel: <a href="https://www.aanda.org/articles/aa/full_html/2025/11/aa56292-25/aa56292-25.html">Asteroseismic investigation of HD 140283: The Methuselah star (2025)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://www.nature.com/articles/s41550-025-02575-x">Determination of the mass distribution of the first stars from the 21-cm signal (2025)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.3847/2041-8213/adf4e3#fnref-apjladf4e3bib32">Metal-polluted Population III Galaxies and How to Find Them (2025)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.1088/0004-637X/808/2/139">Evidence for PopIII-like stellar populations in the most luminous Lyman-α emitters at the epoch of re-ionisation: spectroscopic confirmation (2015)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://academic.oup.com/mnras/article/469/1/448/3103051">No evidence for Population III stars or a direct collapse black hole in the z = 6.6 Lyman α emitter ‘CR7’</a> (2017)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.3847/2041-8213/ac7f9a#apjlac7f9as3">On the Probability of the Extremely Lensed z = 6.2 Earendel Source Being a Population III Star</a> (2022)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.3847/2041-8213/adf196"><u>Discovery of an [Fe/H] </u><u>∼</u><u>−</u><u>4.8 Star in Gaia XP Spectra</u></a> (2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://www.eso.org/public/germany/images/eso1524a/">ESO/M. Kornmesser (künstlerische Ansicht)</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-7.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Als im Universum die Lichter angingen - wo sind die ersten Sterne? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag130-erste-sterne.html#/">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Nicht viele Sterne können von sich behaupten, beinahe unser Verständnis vom Universum kaputt gemacht zu haben – aber ein Stern mit der Bezeichnung HD 140283 hätte es fast geschafft: Im Jahr 2000 schätzten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sein Alter auf 16 Milliarden Jahre. Und damit wäre dieser so unscheinbare Stern älter als das Universum selbst Er liegt in rund 190 Lichtjahren Entfernung im Sternbild Waage und ist von der Erde aus zwar nicht mit dem bloßen Auge, aber doch immerhin schon mit einem Fernglas sichtbar. Seinen Spitznamen als „Methusalem-Stern“ hat er sich damit mehr als verdient.</p> <p>In den darauffolgenden Jahren korrigierten neue Messungen und Studien dieses Alter glücklicherweise nach unten. Inzwischen gilt HD 140283 zwar immer noch als alt, aber nicht mehr als älter als das Universum selbst. Trotz seines stolzen Alters ist eines wissenschaftlich sicher: Der Methusalem-Stern ist keiner von den allerersten Sternen, die es in unserem Universum je gegeben hat – doch auf die haben sie es abgesehen.<aside></aside></p> <p>Forschende bezeichnen jene ersten Sterne im Universum auch als Sterne der Population III. Es sind die Sterne, die nach dem Urknall als erstes Licht ins Dunkel brachten. Damals, vor Milliarden von Jahren, gab es im Universum vor allem Wasserstoff und Helium. Erst die ersten Sterne haben jene massereicheren Elemente hergestellt, die wir heute kennen und schätzen – und ohne die es uns nicht geben würde: Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff, und noch schwerere Elemente bis hin zum Eisen.</p> <p>Somit ist zwar vollkommen klar, dass es diese ersten Sterne gegeben haben muss. Und doch haben Forschende noch nie einen solchen Stern beobachtet, trotz Jahrzehnten der intensiven Suche.</p> <p>In dieser Folge erzählt Franzi von dieser Suche nach den Sternen der Population III, die Licht ins Universum gebracht haben – eine Suche, für die Forschende versuchen, mit dem James Webb-Weltraumteleskop so weit in die Vergangenheit zu blicken wie möglich. Aber auch unsere eigene Milchstraße bleibt ein möglicher Fundort für die wahren Methusalem-Sterne.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 65: <a href="https://astrogeo.de/blaue-riesensterne-nimm-zwei/">Blaue Riesensterne: Nimm Zwei!</a></li> <li>Folge 98: <a href="https://astrogeo.de/das-erbe-des-urknalls-wie-die-materie-in-unser-universum-kam/">Das Erbe des Urknalls: Wie die Materie in unser Universum kam</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Stern">Stern</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sonne">Sonne</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Population_(Astronomie)">Population (Astronomie)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/HD_140283">HD 140283 (Stern)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/HE_1523%E2%88%920901">HE 1523−0901 (Stern)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metallizit%C3%A4t">Metallizität</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metalle">Metalle</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rotverschiebung">Rotverschiebung</a></li> <li>WP: <a href="http://www.scilogs.de/kosmo//home/pikarl/Schreibtisch/Aktuell/2026-01%20AG130%20Erste%20Sterne%20(AG)/Hauptreihe">Hauptreihe</a></li> <li>Spektrum.de: <a href="https://www.spektrum.de/news/earendel-truegt-das-licht-des-aeltesten-sterns/2290008">Trügt das Licht des ältesten Sterns?</a> (Artikel von Franzi)</li> <li>Spektrum.de: <a href="https://www.spektrum.de/news/startete-das-universum-frueher-durch-als-gedacht/2258825">Startete das Universum früher durch als gedacht?</a> (Artikel von Franzi)</li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/MoM-z14">MoM-z14</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/James-Webb-Weltraumteleskop">James-Webb-Weltraumteleskop</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Earendel">Earendel</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kugelsternhaufen">Kugelsternhaufen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gammablitz">Gammablitz</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/HI-Linie">HI-Linie</a></li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1146/annurev-astro-071221-">The First Stars: Formation, Properties, and Impact (2023)</a></li> <li> Fachartikel: <a href="https://www.aanda.org/articles/aa/full_html/2025/11/aa56292-25/aa56292-25.html">Asteroseismic investigation of HD 140283: The Methuselah star (2025)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://www.nature.com/articles/s41550-025-02575-x">Determination of the mass distribution of the first stars from the 21-cm signal (2025)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.3847/2041-8213/adf4e3#fnref-apjladf4e3bib32">Metal-polluted Population III Galaxies and How to Find Them (2025)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.1088/0004-637X/808/2/139">Evidence for PopIII-like stellar populations in the most luminous Lyman-α emitters at the epoch of re-ionisation: spectroscopic confirmation (2015)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://academic.oup.com/mnras/article/469/1/448/3103051">No evidence for Population III stars or a direct collapse black hole in the z = 6.6 Lyman α emitter ‘CR7’</a> (2017)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.3847/2041-8213/ac7f9a#apjlac7f9as3">On the Probability of the Extremely Lensed z = 6.2 Earendel Source Being a Population III Star</a> (2022)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.3847/2041-8213/adf196"><u>Discovery of an [Fe/H] </u><u>∼</u><u>−</u><u>4.8 Star in Gaia XP Spectra</u></a> (2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://www.eso.org/public/germany/images/eso1524a/">ESO/M. Kornmesser (künstlerische Ansicht)</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-als-im-universum-die-lichter-angingen-wo-sind-die-ersten-sterne/#comments 4 Das Oberharzer Bergbaumuseum ist gerettet https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/das-oberharzer-bergbaumuseum-ist-gerettet/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/das-oberharzer-bergbaumuseum-ist-gerettet/#respond Sat, 10 Jan 2026 17:47:05 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3724 <h1>Das Oberharzer Bergbaumuseum ist gerettet » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Am Anfang des Jahres die gute Nachricht, das Oberharzer Bergwerksmuseum ist gerettet. Im letzten Oktober hatte es noch so ausgesehen, als wenn zum Jahresende 2025 endgültig Schluss sei. Die hohen Sanierungskosten des Gebäudes zwangen die Stadt Clausthal-Zellerfeld zu dem drastischen Schritt. Zudem fehlte ein kompetenter Betreiber, denn die Stiftung Welterbe im Harz beendete seine Trägerschaft am 31.12.2025.</p> <p>Es sah also zugegebenermaßen düster aus für dieses Kleinod in der deutschen Museumslandschaft. Begonnen hatte alles im Jahre 1884, als der damalige Berghauptmann Adolf Achenbach die Harzer Berglaute aufrief, ausgediente Bergbaugeräte zur Verfügung zu stellen, um damit ein Museum aufzubauen. Die offizielle Gründung des Museums erfolgte dann im Jahr 1892, damit zählt es zu den ältesten Technikmuseen in Deutschland. Ich hatte im Oktober in einem Blogbeitrag darüber zur Unterzeichnung der Petition zum Erhalt des Museums aufgerufen.</p> <p>Und anscheinend war diese Petition ein deutlicher Erfolg. Sie wurde der Bürgermeisterin der Stadt Clausthal-Zellerfeld im Rahmen der Sitzung des Ausschusses für Jugend, Schulen, Sport und Gesellschaft am 20.11.2025 übergeben. Daraufhin stimmte der Rat der Stadt am 4.12.2025 für den Weiterbetrieb des Museums. Der neue Betreiber wird eine eigens hierfür gegründete gGmbH sein, welche vom Oberharzer Geschichts- und Museumsverein ins Leben gerufen wurde.</p> <p>Das Museum ist selber seit dem 15. Dezember geschlossen, ein Termin für die Wiedereröffnung ist bislang nicht bekannt, soll aber gegebenenfalls <a href="https://www.oberharzerbergwerksmuseum.de/">rechtzeitig bekannt</a> gegeben werden.</p> <p>Das ist, finde ich, mal eine gute Nachricht. Petitionen, auch online, haben eine Wirkung und sie können positives bewirken. Ich hoffe, dass dies nicht die einzige positive Nachricht in diesem Jahr bleibt, auch wenn das Jahr 2026 bislang mit Lichtblicken doch etwas geizig zu sein scheint.<aside></aside></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Das Oberharzer Bergbaumuseum ist gerettet » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Am Anfang des Jahres die gute Nachricht, das Oberharzer Bergwerksmuseum ist gerettet. Im letzten Oktober hatte es noch so ausgesehen, als wenn zum Jahresende 2025 endgültig Schluss sei. Die hohen Sanierungskosten des Gebäudes zwangen die Stadt Clausthal-Zellerfeld zu dem drastischen Schritt. Zudem fehlte ein kompetenter Betreiber, denn die Stiftung Welterbe im Harz beendete seine Trägerschaft am 31.12.2025.</p> <p>Es sah also zugegebenermaßen düster aus für dieses Kleinod in der deutschen Museumslandschaft. Begonnen hatte alles im Jahre 1884, als der damalige Berghauptmann Adolf Achenbach die Harzer Berglaute aufrief, ausgediente Bergbaugeräte zur Verfügung zu stellen, um damit ein Museum aufzubauen. Die offizielle Gründung des Museums erfolgte dann im Jahr 1892, damit zählt es zu den ältesten Technikmuseen in Deutschland. Ich hatte im Oktober in einem Blogbeitrag darüber zur Unterzeichnung der Petition zum Erhalt des Museums aufgerufen.</p> <p>Und anscheinend war diese Petition ein deutlicher Erfolg. Sie wurde der Bürgermeisterin der Stadt Clausthal-Zellerfeld im Rahmen der Sitzung des Ausschusses für Jugend, Schulen, Sport und Gesellschaft am 20.11.2025 übergeben. Daraufhin stimmte der Rat der Stadt am 4.12.2025 für den Weiterbetrieb des Museums. Der neue Betreiber wird eine eigens hierfür gegründete gGmbH sein, welche vom Oberharzer Geschichts- und Museumsverein ins Leben gerufen wurde.</p> <p>Das Museum ist selber seit dem 15. Dezember geschlossen, ein Termin für die Wiedereröffnung ist bislang nicht bekannt, soll aber gegebenenfalls <a href="https://www.oberharzerbergwerksmuseum.de/">rechtzeitig bekannt</a> gegeben werden.</p> <p>Das ist, finde ich, mal eine gute Nachricht. Petitionen, auch online, haben eine Wirkung und sie können positives bewirken. Ich hoffe, dass dies nicht die einzige positive Nachricht in diesem Jahr bleibt, auch wenn das Jahr 2026 bislang mit Lichtblicken doch etwas geizig zu sein scheint.<aside></aside></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/das-oberharzer-bergbaumuseum-ist-gerettet/#respond 0 Baut Trump jetzt Fusionskraftwerke? https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/baut-trump-jetzt-fusionskraftwerke/ https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/baut-trump-jetzt-fusionskraftwerke/#comments Fri, 09 Jan 2026 19:11:57 +0000 Thomas Grüter https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/?p=1770 https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Fusionskraftwerk-768x439.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/baut-trump-jetzt-fusionskraftwerke/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Fusionskraftwerk.jpg" /><h1>Fusionskraftwerk und die Pläne von TMTG » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Die Trump Media and Technology Group (TMTG) will ins Kraftwerksgeschäft einsteigen. Es geht dabei nicht etwa um Kohlekraftwerke, sondern um das nächste große Ding: die Kernfusion. „Ein großer Schritt voran zu einer revolutionären Technik, die Amerikas Energiedominanz für Generationen festschreiben wird“, schrieb Devin Nunes dazu, seines Zeichens CEO von TMTG. </b></p> <p>Bisher betreibt TMTG die Social Media Plattform Truth Social, die als Sprachrohr des amerikanischen Präsidenten gilt. Außerdem bietet das Unternehmen Finanzdienstleistungen an und will eine Kryptowährung herausbringen. Da passen doch Fusionskraftwerke gut ins Portfolio, sollte man meinen. Weil man die aber nicht an jeder Ecke bestellen kann, <a href="https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/kernfusion-die-trumps-steigen-ins-energiegeschaeft-ein-accg-110806506.html">will TMTG mit der Firma TAE Technologies verschmelzen</a>, die seit mehr als 25 Jahren daran arbeitet, Kernfusion als Stromquelle verfügbar zu machen. Müssen wir jetzt befürchten, dass sich die Trump-Familie ein Monopol auf die fortschrittlichste Technik zur Stromversorgung sichert? Devin Nunes sieht dieses Ziel offenbar näherrücken. Aber tatsächlich ist er auf dem Holzweg. </p> <h3>TMTG – Trump Media and Technology Group</h3> <p>Am 8. Januar 2021 legte Twitter Donald Trumps Konto still, weil seine Tweets die Richtlinien des Unternehmens verletzten. Trump hatte die Präsidentschaftswahl im November 2020 verloren und seitdem aus allen Rohren gegen den angeblichen „Wahlbetrug“ geschossen. Twitter ließ Trump trotzdem gewähren – vorerst. Am 6. Januar 2021 stürmte ein gewalttätiger Mob nach einer Brandrede von Trump das Kapitol. Dabei kamen mehrere Menschen ums Leben und das Gebäude wurde verwüstet. Daraufhin wollte Twitter Trump wohl keine Plattform mehr geben. Trump war wieder einmal beleidigt und begann mit den Vorbereitungen für eine eigene Social Media Plattform.</p> <p>Am 21. Oktober 2021 gab er die Gründung der Trump Media and Technology Group bekannt. Sie sollte mit einer <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Special_Purpose_Acquisition_Company">Special Purpose Acquisition Company</a> (abgekürzt SPAC) fusionieren, die bereits öffentlich gehandelt wurde. Damit konnte sein Unternehmen sofort an die Börse gehen, was in den USA sonst ein langwieriger und genau geregelter Vorgang ist. Geschäftsziel war die Schaffung und der Betrieb einer Social Media Plattform namens „Truth Social“. Sie sollte Twitter Konkurrenz machen.</p> <p>Dann begann ein jahrelanges Gezerre mit diversen Behörden, die solche Fusionen untersuchen und genehmigen müssen. So ermittelte die SEC (Securities and Exchange Commission) gegen eine chinesische Gesellschaft, die an der Gründung der SPAC beteiligt war. Eine Bundesstaatsanwaltschaft in New York prüfte, ob TMTG die Geldwäschegesetze verletzt hatte, weil es Geld angenommen hatte, dessen Quelle ein russischer Oligarch war.<aside></aside></p> <p>Es folgten Untersuchungen, Strafen, Klagen und Gerichtsverfahren der Beteiligten gegeneinander. Man hätte mehrere Staffeln einer Comedy-Serie damit füllen können (Das Onlineportal RollingStone hat <a href="https://www.rollingstone.com/politics/politics-news/truth-social-drama-donald-trump-lawsuits-ipo-1234999198/">hier eine Chronologie</a> zusammengestellt). Erst am 26. März 2024, als fast zweieinhalb Jahre nach Trumps Ankündigung, ging TMTG tatsächlich an die Börse. Trumps Aktienanteil wurde mit über drei Milliarden US$ bewertet.</p> <p>Die Aktie notierte am Starttag bei einem Höchstwert von 79,38 US-Dollar. Seitdem bröckelt der Kurs immer mehr ab. Am 8. Januar 2026 zeigte der Ticker 13,40 US$. Das gesamte Aktienkapital addiert sich auf circa 3,8 Milliarden US$ (3,25 Milliarden Euro). Etwa die Hälfte davon hält Donald Trump in einem Fond, den sein Sohn Donald Trump jr. für ihn verwaltet. Der aktuelle vierteljährliche Bericht von TMTG (<a href="https://s3.amazonaws.com/sec.irpass.cc/2660/0001140361-25-040977.htm#FinancialStatements">drittes Quartal 2025</a>) an die SEC weist ein „Total Equity“ (Eigenkapital, Vermögen) von 2,29 Milliarden US$ aus, 1,47 Milliarden US$ davon werden als „Digital Assets“ (Kryptowährungen) ausgewiesen. Das passt: Im Mai 2025 gab TMTG bekannt, Bitcoins im Wert von 2,5 Milliarden US$ erwerben zu wollen. Allerdings ist der Wert der Bitcoins gegen den US$ ab November um circa 20 Prozent gefallen, sodass der aktuelle Wert der „Digital Assets“ um einige Hundert Millionen US$ niedriger ausfällt.</p> <p>Auch bei der Geschäftstätigkeit schreibt TMTG horrende Verluste, in den ersten neun Monaten des Jahres 2025 insgesamt 107 Millionen US$, davon allein 55 Millionen im dritten Quartal. Vor diesem Hintergrund ist der Einstieg ins Kraftwerksgeschäft ein echtes Wagnis, schließlich müssen schon konventionelle Kraftwerke mit hohen Summen vorfinanziert werden.</p> <h3>TAE Technologies, Inc.</h3> <p>Die Firma, die bis 2031 ein völlig neuartiges Fusionskraftwerk bauen will, wurde bereits 1998 gegründet. Damals hieß sie noch „Tri Alpha Energy“. Der etwas kryptische Name weißt auf die Fusionsreaktion, mit das Kraftwerk Strom erzeugen soll. In den fast 28 Jahren seit der Gründung hat TAE nach eigenen Angaben ungefähr 1,3 Milliarden US$ von privaten Kapitalgebern eingeworben. Diese Leistung nötigt mir Respekt ab, denn die Firma hat bisher nicht nachweisen können, dass ihr Konzept tragfähig ist. Bis 2031 wird TAE mindestens noch einmal das Doppelte brauchen, um ein Fusionskraftwerk nach ihren Vorstellungen zu bauen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1773" id="attachment_1773"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope.jpg"><img alt="Bild der drei Wasserstoff-isotope" decoding="async" height="300" sizes="(max-width: 549px) 100vw, 549px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope-300x164.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope-300x164.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope-1024x559.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope-768x419.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope.jpg 1408w" width="549"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1773">Die drei Wasserstoffisotope. Während die meisten Firmen auf die Deuterium-Tritium-Fusion setzen, will TAE bei sehr viel höheren Temperaturen Wasserstoff mit Bor fusionieren.</figcaption></figure> <p>Mal angenommen, Sie könnten zwei bis drei Milliarden Euro erübrigen, wäre das Geld bei TAE gut angelegt? Schwer zu sagen. Die Firma setzt auf eine höchst futuristische Technik – sowohl bei Fusionsreaktion als auch beim Plasmaeinschluss. Die meisten Start-ups in der Fusionsindustrie planen die Fusion von Deuterium und Tritium. Dazu muss man das Plasma am wenigsten aufheizen, „nur“ auf etwa 100 bis 150 Millionen Grad Celsius. <a href="https://www.scinexx.de/dossierartikel/das-problem-des-tritiums/">Andererseits ist Tritium extrem selten</a>, und außerdem radioaktiv. Es zerfällt innerhalb von nur 12,3 Jahren auf die Hälfte seines Bestandes. Dafür ist diese Technologie <a href="https://euro-fusion.org/jet/#">gut erprobt</a>.</p> <p>TAE will in seinem Reaktor gewöhnlichen Wasserstoff mit dem Element Bor zu verschmelzen. Dabei entstehen drei Heliumkerne (sogenannte Alphateilchen), die mit hoher Geschwindigkeit davonfliegen. Diese Bewegung enthält den Hauptteil der freigesetzten Energie.</p> <p>TAE setzt auf eine selbst-stabilisierende Plasmageometrie, um die Fusionsreaktion zu in Gang zu bringen. Das erspart dem Reaktor die massiven supraleitenden Magnetspulen, die andere Fusionsreaktoren so klobig aussehen lassen.</p> <p>Die Reaktion setzt außerdem keine Neutronen<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a> frei. Das ist wichtig, weil Neutronen sich nicht mit Magnetfeldern einfangen lassen und als ungeladene Teilchen keinen Strom in externen Stromleitern induzieren. Neutronen heizen das Plasma auf und schlagen in die Reaktorwände ein, die dabei radioaktiv werden. Die Wärmeenergie heizt wie in traditionellen Kraftwerken eine Kühlflüssigkeit auf, die wiederum eine Turbine treibt, eventuell über mehrere Stufen. Die Bewegungsenergie der positiv geladenen Heliumatome lässt sich dagegen direkt in einen Stromfluss umsetzen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1772" id="attachment_1772"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_fusion.jpg"><img alt="Vergleich der Fusionsreaktionen" decoding="async" height="114" sizes="(max-width: 510px) 100vw, 510px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_fusion-300x67.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_fusion-300x67.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_fusion.jpg 663w" width="510"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1772">Vergleich der Deuterium-Tritium-Fusion mit der Bor-Wasserstoff-Fusion. p und n stehen für Proton und Neutron.</figcaption></figure> <p>Ein wirklich elegantes Verfahren – nur hat es zwei sehr ernsthafte Nachteile. Während das Plasma für die Deuterium-Tritium-Fusion auf ungefähr 100 bis 150 Millionen Grad Celsius aufgeheizt werden muss, braucht die Wasserstoff-Bor-Fusion etwa drei Milliarden Grad<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>. Diese Temperatur hat TAE bisher noch nicht annähernd erreichen können. Und der „selbst-stabilisierende“ Plasmawirbel hält bisher noch keine Sekunde. Wenn man das Plasma genügend dicht zusammenpresst, dann reicht aber diese sehr kurze Zeit zur Initiierung der Fusionsreaktion – so hofft TAE.</p> <p><a href="https://www.heise.de/news/Kernfusion-TAE-Technologies-sieht-kommerziellen-Einsatz-bis-2030-6010480.html">Bereits 2021 hatte TAE einen „Durchbruch“</a> mit der damaligen Versuchsanlage „Norman“ verkündet und wollte daraufhin das Nachfolgemodell „Copernicus“ bauen. Dieses Vorhaben gab das Unternehmen jedoch auf und konstruierte stattdessen eine optimierte Version von „Norman“ unter Namen „Norm“. Die Versuchsanlage Copernicus könne man jetzt überspringen, <a href="https://tae.com/tae-shortens-device-roadmap-prepares-for-commercial-era/">vermeldete die Firma im letzten November</a>. Der nächste Reaktor, genannt „Da Vinci“, solle der Kern eines kommerziellen Kraftwerks werden und in den „frühen 2030er-Jahren“ Strom ins Netz liefern.</p> <p>Warum wurde Copernicus nicht gebaut? Die technische Erklärung, man sei so gut vorangekommen, dass man die Maschine nicht mehr brauche, scheint mir wenig einleuchtend zu sein. Norm ist zu klein, um überhaupt eine Kernfusion zu erzeugen. Vielleicht reichte ganz einfach das Geld nicht aus. Copernicus sollte rund 200 Millionen US$ kosten. Die von den Investoren bereitgestellten 280 Millionen US$ hätten für den Bau der Anlage <i>und</i> den Betrieb der Firma mit ihren rund 400 Angestellten selbst unter günstigen Umständen wohl nur knapp gereicht<a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a>.</p> <p>Wenn jetzt direkt ein kommerzieller Reaktor gebaut werden soll, muss das Unternehmen sehr viel Geld in die Hand nehmen, bzw. in die Hand bekommen. Kann die Firmenfusion (Fachbegriff: Merger) mit TMTG dieses Problem lösen? Sehen wir uns die Fakten an:</p> <h3>Die Fusion der Unternehmen</h3> <p>TMTG will TAE bis zu 200 Millionen US$ zur Verfügung stellen und weitere 100 Millionen bei Abschluss des Mergers. Die beiden CEOs der jetzigen Unternehmen, Devin Nunes und Michl Binderbauer werden das neue Unternehmen gemeinschaftlich führen. Vorsitzender des Aufsichtsrat (des Boards) soll Michael B. Schwab werden, der jetzt schon im Board von TAE sitzt. Devin Nunes taxiert den Wert des neuen Unternehmens ziemlich optimistisch auf etwa 6 Milliarden US$. Bis Mitte diesen Jahres soll <a href="https://filemanager-cdn.mziq.com/published/83a9acb7-4ada-4a58-97e4-257b49aec76b/b0c3fa25-54b4-4546-a38a-342f068e634d_tmtg_tae_investor_slide_deck_121825.pdf">die Zusammenlegung der Unternehmen</a> rechtlich abgeschlossen sein.</p> <p>Das Vorgehen wirkt in gleich mehreren Punkten wenig durchdacht.</p> <ul> <li> <p>Eine Fusion sollte eigentlich „Synergien heben“, wie man so schön sagt. Die Stärken beider Unternehmen sollen sich potenzieren, die Schwächen sollen sich ausgleichen. Das ist hier aber nicht erkennbar. TAE kann nicht dazu beitragen, den Geschäftsbetrieb von TMTG zu fördern. Umgekehrt kann TMTG nichts tun, um TAEs Arbeit zu beschleunigen. Wenn es nur um Investitionen geht, ist ein Merger wenig sinnvoll, zumal TMTG kein reines Wirtschaftsunternehmen ist, sondern politische Abhängigkeiten mitbringt.</p> </li> <li> <p>Ein Unternehmen von zwei gleichberechtigten Co-CEOs führen zu lassen, ist im besten Fall schwierig. Devin Nunes ist studierter Agrarwissenschaftler und Berufspolitiker. Er war von Anfang 2013 bis Ende 2020 Mitglied des Repräsentantenhauses und galt als treuer Gefolgsmann von Donald Trump. Seit 2021 ist er CEO bei TMTG. Michl Binderbauer ist Physiker und seit 2017 CEO bei TAE. Die beiden müssen sich also in Zukunft über die Ausrichtung des neuen Unternehmens einigen. <br></br>Bei strenger Aufteilung der Arbeitsbereiche kann die Zusammenarbeit durchaus funktionieren, aber anhaltende Meinungsverschiedenheit führen schnell zu einer Lähmung in der Unternehmensleitung.</p> </li> <li> <p>Die Veröffentlichungen von Devin Nunes erwecken den Eindruck, dass er keine rechte Vorstellung vom Stand der Technik bei TAE hat. So schrieb er am <a href="https://truthsocial.com/@DevinNunes/posts/115740503934870037">18.12.2025 auf Truth Social</a> „TAE hat … fünf Fusionsreaktoren gebaut und betrieben“ und „Die Schlüsselaufgabe für TAE ist es, … sich auf den Bau es ersten netztauglichen Fusionsreaktors im Jahr 2026 zu konzentrieren (50 MW) …“</p> <p>Tatsächlich hat TAE überhaupt keinen Fusionsreaktor gebaut oder betrieben. Die bisherigen Versuchsanlagen haben nur das vorgesehene Verfahren für den Plasmaeinschluss getestet. Die Ergebnisse waren durchaus vielversprechend, aber von der geplanten Bor-Wasserstoff-Fusion ist man noch weit entfernt. Und TAE wird 2026 vielleicht mit dem Bau eines Fusionskraftwerks <i>anfangen</i>, aber kaum vor 2031 damit fertig werden.</p> </li> <li> <p>Die zugesagten Finanzmittel von „bis zu“ 300 Millionen US$ reichen nicht im Entferntesten aus, wie wir gleich sehen werden.</p> </li> </ul> <h3>Die Fusion der Atomkerne</h3> <p>TAE hat bisher nur nachgewiesen, dass ihr futuristisches Konzept des Plasmaeinschlusses funktioniert – bisher aber nur bei 50 Millionen Grad Celsius, nicht bei drei Milliarden Grad.</p> <p>Die Kosten für den neuen Reaktor „Da Vinci“ hat Michl Binderbauer im Jahr 2020 <a href="http://nautil.us/issue/86/energy/the-road-less-traveled-to-fusion-energy">in einem Gespräch mit dem amerikanischen Wissenschaftsportal Nautilus</a> auf circa 2 Milliarden US$ beziffert.</p> <p>Allein die Inflation dürfte den Preis inzwischen auf mehr als 2,5 Milliarden US$ treiben. Das ist weit mehr, als TAE und TMTG an Eigenmitteln zur Verfügung stellen können. Mindestens 80 Prozent der Investitionen müssen also von anderen Firmen eingeworben werden. Die einseitige politische Ausrichtung von TMTG ist dabei nicht unbedingt hilfreich. Das ist aber noch nicht alles.</p> <p>Fünf Jahre Bauzeit sind schon sehr optimistisch angesetzt, wenn man bedenkt, wie viele neue Systeme getestet werden müssen. Eine Skalierung um mehrere Größenordnungen lässt sich eigentlich nie komplett simulieren. Störfaktoren, die bisher kaum ins Gewicht fielen, können plötzlich den gesamten Betrieb lahmlegen. Und wer sagt eigentlich, dass bei 3 Milliarden Grad Celsius nur die <i>erwünschten</i> Reaktionen stattfinden? Bisher hat niemand solche Extrembedingungen erzeugt, Überraschungen sind also zu erwarten. Die Umwandlung der Bewegungsenergie der Alphateilchen in einen externen Stromfluss konnte ebenfalls bisher nicht getestet werden. Der Reaktor wird vermutlich mehrfach umgebaut werden müssen, bevor er zufriedenstellend arbeitet – oder der Ansatz verworfen werden muss.</p> <p>Und dann ist da auch noch die Konkurrenz.</p> <h3>Die Konkurrenz schläft nicht.</h3> <p>TAE will seine Pilotanlage circa 2031 fertigstellen und irgendwann danach einen großen, kommerziell konkurrenzfähigen Fusionsreaktor errichten. Das reicht aber wohl nicht mehr fürs Siegertreppchen.</p> <ul> <li> <p>Die Firma <a href="https://cfs.energy/">Commonwealth Fusion Systems</a> baut zurzeit ihren Demonstrationsreaktor SPARC. Er soll noch in diesem Jahr fertig werden und im nächsten Jahr mehr Energie produzieren als er verbraucht. In den frühen 2030er Jahren soll dann der erste kommerzielle Reaktor ARC entstehen. <a href="https://cfs.energy/chesterfield/overview">Der Standort</a> ist bereits festgelegt.</p> </li> <li> <p><a href="https://www.helionenergy.com/polaris/">Helion Energy</a> betreibt bereits eine Anlage, die als Proof-of-Conecpt Strom aus Kernfusion erzeugen soll. Allerdings hält die Firma sich mit öffentlichen Aussagen zum aktuellen Stand im Moment sehr zurück. Gleichzeitig baut Helion bereits <a href="https://www.geekwire.com/2025/helions-next-big-bet-is-fusion-power-manufacturing-at-scale-but-tech-uncertainty-remains/">an der nächsten Generation ihres Kraftwerks</a>, das schon 2030 Strom erzeugen soll. Mit Microsoft besteht bereits ein Liefervertrag.</p> </li> <li> <p><a href="https://t3n.de/news/fusionsenergie-warum-china-den-westen-bei-dieser-zukunftstechnologie-abhaengt-1696300/">China investiert in den letzten Jahren</a> sehr viel Geld in die Fusionsforschung und hat gute Chancen, den Westen zu überholen. Einzelheiten sind, wie so oft in China, nicht sicher bekannt.</p> </li> <li> <p>Das deutsche Start-up <a href="https://www.proximafusion.com/">Proxima Fusion</a>, eine Ausgründung des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik, hat einen kompletten Bauplan für einen Fusionsreaktor vorgestellt und in einem wissenschaftlichen Journal veröffentlicht. Der Reaktor soll nach dem Stellarator-Prinzip arbeiten, so wie der Forschungsreaktor Wendelstein 7-x in Greifswald. Wenn es die Bundesregierung mit der Förderung der Fusionsenergie ernst meint, könnte der erste Fusionsreaktor in Deutschland bereits zwischen 2031 und 2034 fertiggestellt sein.</p> </li> </ul> <p>Das sind nur einige Beispiele. Auch in England, Japan und Südkorea arbeiten diverse Start-ups an Fusionsreaktoren, die größtenteils in den 2030er Jahren ans Netz gehen sollen.</p> <h3>Fazit</h3> <p>Die Fusion der Unternehmen TMTG und TAE Technologies bringt keinen der beiden Beteiligten wirklich voran und die Konkurrenz muss deswegen keine schlaflosen Nächte bekommen. Aber vielleicht geht es ja auch nicht allein um Geschäfte, sondern eher um die Gunst des Herrschers. Oder <a href="https://truthsocial.com/@DevinNunes/posts/115740503934870037">wie Devin Nunes es formulierte</a>: „Unserer Ansicht nach wird TAE auch eindeutig große politische Unterstützung von Präsident Trump erhalten.“</p> <h3><br></br>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> Bei der notwendigen Temperatur laufen auch Reaktionen ab, bei denen Neutronen entstehen. Es sollen aber, so sagt TAE, etwa hundertmal weniger sein als bei der Konkurrenz.</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Sollte der Reaktor nicht gleich die ganze Fabrik verdampfen lassen, wenn das Plasma im Inneren drei Milliarden Grad Celsius heiß wird? Tatsächlich herrscht im Reaktor ein Hochvakuum, es sind also nur wenige Elementarteilchen unterwegs, die solche Temperaturen erreichen. Die Temperatur ist hier eigentlich nur ein Maß für die Geschwindigkeit und damit für die Bewegungsenergie der Elementarteilchen im Reaktor.</p> <div id="sdendnote3"> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3]</a> Firmen neigen dazu, die Anzahl ihrer Angestellten sehr großzügig anzugeben, um Investoren zu beeindrucken. Wenn ich mal annehme, dass TAE tatsächlich 400 Vollzeitkräfte beschäftigt, wären die Kosten für Löhne, Gebäude, Strom, Wasser, EDV, Verbrauchsmaterial etc. sicher mit 50 Millionen US$ im Jahr anzusetzen. Bei der üblichen inflationsbedingten Kostensteigerung würde ich für „Copernicus“ einen Preis von mindestens 250 Millionen US$ vermuten. Wie man es auch dreht und wendet – die 280 Millionen an Investorengeldern sind extrem knapp. Das könnte durchaus die Entscheidung der Firma gegen „Copernicus“ beeinflusst haben.</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Fusionskraftwerk.jpg" /><h1>Fusionskraftwerk und die Pläne von TMTG » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Die Trump Media and Technology Group (TMTG) will ins Kraftwerksgeschäft einsteigen. Es geht dabei nicht etwa um Kohlekraftwerke, sondern um das nächste große Ding: die Kernfusion. „Ein großer Schritt voran zu einer revolutionären Technik, die Amerikas Energiedominanz für Generationen festschreiben wird“, schrieb Devin Nunes dazu, seines Zeichens CEO von TMTG. </b></p> <p>Bisher betreibt TMTG die Social Media Plattform Truth Social, die als Sprachrohr des amerikanischen Präsidenten gilt. Außerdem bietet das Unternehmen Finanzdienstleistungen an und will eine Kryptowährung herausbringen. Da passen doch Fusionskraftwerke gut ins Portfolio, sollte man meinen. Weil man die aber nicht an jeder Ecke bestellen kann, <a href="https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/kernfusion-die-trumps-steigen-ins-energiegeschaeft-ein-accg-110806506.html">will TMTG mit der Firma TAE Technologies verschmelzen</a>, die seit mehr als 25 Jahren daran arbeitet, Kernfusion als Stromquelle verfügbar zu machen. Müssen wir jetzt befürchten, dass sich die Trump-Familie ein Monopol auf die fortschrittlichste Technik zur Stromversorgung sichert? Devin Nunes sieht dieses Ziel offenbar näherrücken. Aber tatsächlich ist er auf dem Holzweg. </p> <h3>TMTG – Trump Media and Technology Group</h3> <p>Am 8. Januar 2021 legte Twitter Donald Trumps Konto still, weil seine Tweets die Richtlinien des Unternehmens verletzten. Trump hatte die Präsidentschaftswahl im November 2020 verloren und seitdem aus allen Rohren gegen den angeblichen „Wahlbetrug“ geschossen. Twitter ließ Trump trotzdem gewähren – vorerst. Am 6. Januar 2021 stürmte ein gewalttätiger Mob nach einer Brandrede von Trump das Kapitol. Dabei kamen mehrere Menschen ums Leben und das Gebäude wurde verwüstet. Daraufhin wollte Twitter Trump wohl keine Plattform mehr geben. Trump war wieder einmal beleidigt und begann mit den Vorbereitungen für eine eigene Social Media Plattform.</p> <p>Am 21. Oktober 2021 gab er die Gründung der Trump Media and Technology Group bekannt. Sie sollte mit einer <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Special_Purpose_Acquisition_Company">Special Purpose Acquisition Company</a> (abgekürzt SPAC) fusionieren, die bereits öffentlich gehandelt wurde. Damit konnte sein Unternehmen sofort an die Börse gehen, was in den USA sonst ein langwieriger und genau geregelter Vorgang ist. Geschäftsziel war die Schaffung und der Betrieb einer Social Media Plattform namens „Truth Social“. Sie sollte Twitter Konkurrenz machen.</p> <p>Dann begann ein jahrelanges Gezerre mit diversen Behörden, die solche Fusionen untersuchen und genehmigen müssen. So ermittelte die SEC (Securities and Exchange Commission) gegen eine chinesische Gesellschaft, die an der Gründung der SPAC beteiligt war. Eine Bundesstaatsanwaltschaft in New York prüfte, ob TMTG die Geldwäschegesetze verletzt hatte, weil es Geld angenommen hatte, dessen Quelle ein russischer Oligarch war.<aside></aside></p> <p>Es folgten Untersuchungen, Strafen, Klagen und Gerichtsverfahren der Beteiligten gegeneinander. Man hätte mehrere Staffeln einer Comedy-Serie damit füllen können (Das Onlineportal RollingStone hat <a href="https://www.rollingstone.com/politics/politics-news/truth-social-drama-donald-trump-lawsuits-ipo-1234999198/">hier eine Chronologie</a> zusammengestellt). Erst am 26. März 2024, als fast zweieinhalb Jahre nach Trumps Ankündigung, ging TMTG tatsächlich an die Börse. Trumps Aktienanteil wurde mit über drei Milliarden US$ bewertet.</p> <p>Die Aktie notierte am Starttag bei einem Höchstwert von 79,38 US-Dollar. Seitdem bröckelt der Kurs immer mehr ab. Am 8. Januar 2026 zeigte der Ticker 13,40 US$. Das gesamte Aktienkapital addiert sich auf circa 3,8 Milliarden US$ (3,25 Milliarden Euro). Etwa die Hälfte davon hält Donald Trump in einem Fond, den sein Sohn Donald Trump jr. für ihn verwaltet. Der aktuelle vierteljährliche Bericht von TMTG (<a href="https://s3.amazonaws.com/sec.irpass.cc/2660/0001140361-25-040977.htm#FinancialStatements">drittes Quartal 2025</a>) an die SEC weist ein „Total Equity“ (Eigenkapital, Vermögen) von 2,29 Milliarden US$ aus, 1,47 Milliarden US$ davon werden als „Digital Assets“ (Kryptowährungen) ausgewiesen. Das passt: Im Mai 2025 gab TMTG bekannt, Bitcoins im Wert von 2,5 Milliarden US$ erwerben zu wollen. Allerdings ist der Wert der Bitcoins gegen den US$ ab November um circa 20 Prozent gefallen, sodass der aktuelle Wert der „Digital Assets“ um einige Hundert Millionen US$ niedriger ausfällt.</p> <p>Auch bei der Geschäftstätigkeit schreibt TMTG horrende Verluste, in den ersten neun Monaten des Jahres 2025 insgesamt 107 Millionen US$, davon allein 55 Millionen im dritten Quartal. Vor diesem Hintergrund ist der Einstieg ins Kraftwerksgeschäft ein echtes Wagnis, schließlich müssen schon konventionelle Kraftwerke mit hohen Summen vorfinanziert werden.</p> <h3>TAE Technologies, Inc.</h3> <p>Die Firma, die bis 2031 ein völlig neuartiges Fusionskraftwerk bauen will, wurde bereits 1998 gegründet. Damals hieß sie noch „Tri Alpha Energy“. Der etwas kryptische Name weißt auf die Fusionsreaktion, mit das Kraftwerk Strom erzeugen soll. In den fast 28 Jahren seit der Gründung hat TAE nach eigenen Angaben ungefähr 1,3 Milliarden US$ von privaten Kapitalgebern eingeworben. Diese Leistung nötigt mir Respekt ab, denn die Firma hat bisher nicht nachweisen können, dass ihr Konzept tragfähig ist. Bis 2031 wird TAE mindestens noch einmal das Doppelte brauchen, um ein Fusionskraftwerk nach ihren Vorstellungen zu bauen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1773" id="attachment_1773"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope.jpg"><img alt="Bild der drei Wasserstoff-isotope" decoding="async" height="300" sizes="(max-width: 549px) 100vw, 549px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope-300x164.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope-300x164.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope-1024x559.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope-768x419.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope.jpg 1408w" width="549"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1773">Die drei Wasserstoffisotope. Während die meisten Firmen auf die Deuterium-Tritium-Fusion setzen, will TAE bei sehr viel höheren Temperaturen Wasserstoff mit Bor fusionieren.</figcaption></figure> <p>Mal angenommen, Sie könnten zwei bis drei Milliarden Euro erübrigen, wäre das Geld bei TAE gut angelegt? Schwer zu sagen. Die Firma setzt auf eine höchst futuristische Technik – sowohl bei Fusionsreaktion als auch beim Plasmaeinschluss. Die meisten Start-ups in der Fusionsindustrie planen die Fusion von Deuterium und Tritium. Dazu muss man das Plasma am wenigsten aufheizen, „nur“ auf etwa 100 bis 150 Millionen Grad Celsius. <a href="https://www.scinexx.de/dossierartikel/das-problem-des-tritiums/">Andererseits ist Tritium extrem selten</a>, und außerdem radioaktiv. Es zerfällt innerhalb von nur 12,3 Jahren auf die Hälfte seines Bestandes. Dafür ist diese Technologie <a href="https://euro-fusion.org/jet/#">gut erprobt</a>.</p> <p>TAE will in seinem Reaktor gewöhnlichen Wasserstoff mit dem Element Bor zu verschmelzen. Dabei entstehen drei Heliumkerne (sogenannte Alphateilchen), die mit hoher Geschwindigkeit davonfliegen. Diese Bewegung enthält den Hauptteil der freigesetzten Energie.</p> <p>TAE setzt auf eine selbst-stabilisierende Plasmageometrie, um die Fusionsreaktion zu in Gang zu bringen. Das erspart dem Reaktor die massiven supraleitenden Magnetspulen, die andere Fusionsreaktoren so klobig aussehen lassen.</p> <p>Die Reaktion setzt außerdem keine Neutronen<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a> frei. Das ist wichtig, weil Neutronen sich nicht mit Magnetfeldern einfangen lassen und als ungeladene Teilchen keinen Strom in externen Stromleitern induzieren. Neutronen heizen das Plasma auf und schlagen in die Reaktorwände ein, die dabei radioaktiv werden. Die Wärmeenergie heizt wie in traditionellen Kraftwerken eine Kühlflüssigkeit auf, die wiederum eine Turbine treibt, eventuell über mehrere Stufen. Die Bewegungsenergie der positiv geladenen Heliumatome lässt sich dagegen direkt in einen Stromfluss umsetzen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1772" id="attachment_1772"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_fusion.jpg"><img alt="Vergleich der Fusionsreaktionen" decoding="async" height="114" sizes="(max-width: 510px) 100vw, 510px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_fusion-300x67.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_fusion-300x67.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_fusion.jpg 663w" width="510"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1772">Vergleich der Deuterium-Tritium-Fusion mit der Bor-Wasserstoff-Fusion. p und n stehen für Proton und Neutron.</figcaption></figure> <p>Ein wirklich elegantes Verfahren – nur hat es zwei sehr ernsthafte Nachteile. Während das Plasma für die Deuterium-Tritium-Fusion auf ungefähr 100 bis 150 Millionen Grad Celsius aufgeheizt werden muss, braucht die Wasserstoff-Bor-Fusion etwa drei Milliarden Grad<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>. Diese Temperatur hat TAE bisher noch nicht annähernd erreichen können. Und der „selbst-stabilisierende“ Plasmawirbel hält bisher noch keine Sekunde. Wenn man das Plasma genügend dicht zusammenpresst, dann reicht aber diese sehr kurze Zeit zur Initiierung der Fusionsreaktion – so hofft TAE.</p> <p><a href="https://www.heise.de/news/Kernfusion-TAE-Technologies-sieht-kommerziellen-Einsatz-bis-2030-6010480.html">Bereits 2021 hatte TAE einen „Durchbruch“</a> mit der damaligen Versuchsanlage „Norman“ verkündet und wollte daraufhin das Nachfolgemodell „Copernicus“ bauen. Dieses Vorhaben gab das Unternehmen jedoch auf und konstruierte stattdessen eine optimierte Version von „Norman“ unter Namen „Norm“. Die Versuchsanlage Copernicus könne man jetzt überspringen, <a href="https://tae.com/tae-shortens-device-roadmap-prepares-for-commercial-era/">vermeldete die Firma im letzten November</a>. Der nächste Reaktor, genannt „Da Vinci“, solle der Kern eines kommerziellen Kraftwerks werden und in den „frühen 2030er-Jahren“ Strom ins Netz liefern.</p> <p>Warum wurde Copernicus nicht gebaut? Die technische Erklärung, man sei so gut vorangekommen, dass man die Maschine nicht mehr brauche, scheint mir wenig einleuchtend zu sein. Norm ist zu klein, um überhaupt eine Kernfusion zu erzeugen. Vielleicht reichte ganz einfach das Geld nicht aus. Copernicus sollte rund 200 Millionen US$ kosten. Die von den Investoren bereitgestellten 280 Millionen US$ hätten für den Bau der Anlage <i>und</i> den Betrieb der Firma mit ihren rund 400 Angestellten selbst unter günstigen Umständen wohl nur knapp gereicht<a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a>.</p> <p>Wenn jetzt direkt ein kommerzieller Reaktor gebaut werden soll, muss das Unternehmen sehr viel Geld in die Hand nehmen, bzw. in die Hand bekommen. Kann die Firmenfusion (Fachbegriff: Merger) mit TMTG dieses Problem lösen? Sehen wir uns die Fakten an:</p> <h3>Die Fusion der Unternehmen</h3> <p>TMTG will TAE bis zu 200 Millionen US$ zur Verfügung stellen und weitere 100 Millionen bei Abschluss des Mergers. Die beiden CEOs der jetzigen Unternehmen, Devin Nunes und Michl Binderbauer werden das neue Unternehmen gemeinschaftlich führen. Vorsitzender des Aufsichtsrat (des Boards) soll Michael B. Schwab werden, der jetzt schon im Board von TAE sitzt. Devin Nunes taxiert den Wert des neuen Unternehmens ziemlich optimistisch auf etwa 6 Milliarden US$. Bis Mitte diesen Jahres soll <a href="https://filemanager-cdn.mziq.com/published/83a9acb7-4ada-4a58-97e4-257b49aec76b/b0c3fa25-54b4-4546-a38a-342f068e634d_tmtg_tae_investor_slide_deck_121825.pdf">die Zusammenlegung der Unternehmen</a> rechtlich abgeschlossen sein.</p> <p>Das Vorgehen wirkt in gleich mehreren Punkten wenig durchdacht.</p> <ul> <li> <p>Eine Fusion sollte eigentlich „Synergien heben“, wie man so schön sagt. Die Stärken beider Unternehmen sollen sich potenzieren, die Schwächen sollen sich ausgleichen. Das ist hier aber nicht erkennbar. TAE kann nicht dazu beitragen, den Geschäftsbetrieb von TMTG zu fördern. Umgekehrt kann TMTG nichts tun, um TAEs Arbeit zu beschleunigen. Wenn es nur um Investitionen geht, ist ein Merger wenig sinnvoll, zumal TMTG kein reines Wirtschaftsunternehmen ist, sondern politische Abhängigkeiten mitbringt.</p> </li> <li> <p>Ein Unternehmen von zwei gleichberechtigten Co-CEOs führen zu lassen, ist im besten Fall schwierig. Devin Nunes ist studierter Agrarwissenschaftler und Berufspolitiker. Er war von Anfang 2013 bis Ende 2020 Mitglied des Repräsentantenhauses und galt als treuer Gefolgsmann von Donald Trump. Seit 2021 ist er CEO bei TMTG. Michl Binderbauer ist Physiker und seit 2017 CEO bei TAE. Die beiden müssen sich also in Zukunft über die Ausrichtung des neuen Unternehmens einigen. <br></br>Bei strenger Aufteilung der Arbeitsbereiche kann die Zusammenarbeit durchaus funktionieren, aber anhaltende Meinungsverschiedenheit führen schnell zu einer Lähmung in der Unternehmensleitung.</p> </li> <li> <p>Die Veröffentlichungen von Devin Nunes erwecken den Eindruck, dass er keine rechte Vorstellung vom Stand der Technik bei TAE hat. So schrieb er am <a href="https://truthsocial.com/@DevinNunes/posts/115740503934870037">18.12.2025 auf Truth Social</a> „TAE hat … fünf Fusionsreaktoren gebaut und betrieben“ und „Die Schlüsselaufgabe für TAE ist es, … sich auf den Bau es ersten netztauglichen Fusionsreaktors im Jahr 2026 zu konzentrieren (50 MW) …“</p> <p>Tatsächlich hat TAE überhaupt keinen Fusionsreaktor gebaut oder betrieben. Die bisherigen Versuchsanlagen haben nur das vorgesehene Verfahren für den Plasmaeinschluss getestet. Die Ergebnisse waren durchaus vielversprechend, aber von der geplanten Bor-Wasserstoff-Fusion ist man noch weit entfernt. Und TAE wird 2026 vielleicht mit dem Bau eines Fusionskraftwerks <i>anfangen</i>, aber kaum vor 2031 damit fertig werden.</p> </li> <li> <p>Die zugesagten Finanzmittel von „bis zu“ 300 Millionen US$ reichen nicht im Entferntesten aus, wie wir gleich sehen werden.</p> </li> </ul> <h3>Die Fusion der Atomkerne</h3> <p>TAE hat bisher nur nachgewiesen, dass ihr futuristisches Konzept des Plasmaeinschlusses funktioniert – bisher aber nur bei 50 Millionen Grad Celsius, nicht bei drei Milliarden Grad.</p> <p>Die Kosten für den neuen Reaktor „Da Vinci“ hat Michl Binderbauer im Jahr 2020 <a href="http://nautil.us/issue/86/energy/the-road-less-traveled-to-fusion-energy">in einem Gespräch mit dem amerikanischen Wissenschaftsportal Nautilus</a> auf circa 2 Milliarden US$ beziffert.</p> <p>Allein die Inflation dürfte den Preis inzwischen auf mehr als 2,5 Milliarden US$ treiben. Das ist weit mehr, als TAE und TMTG an Eigenmitteln zur Verfügung stellen können. Mindestens 80 Prozent der Investitionen müssen also von anderen Firmen eingeworben werden. Die einseitige politische Ausrichtung von TMTG ist dabei nicht unbedingt hilfreich. Das ist aber noch nicht alles.</p> <p>Fünf Jahre Bauzeit sind schon sehr optimistisch angesetzt, wenn man bedenkt, wie viele neue Systeme getestet werden müssen. Eine Skalierung um mehrere Größenordnungen lässt sich eigentlich nie komplett simulieren. Störfaktoren, die bisher kaum ins Gewicht fielen, können plötzlich den gesamten Betrieb lahmlegen. Und wer sagt eigentlich, dass bei 3 Milliarden Grad Celsius nur die <i>erwünschten</i> Reaktionen stattfinden? Bisher hat niemand solche Extrembedingungen erzeugt, Überraschungen sind also zu erwarten. Die Umwandlung der Bewegungsenergie der Alphateilchen in einen externen Stromfluss konnte ebenfalls bisher nicht getestet werden. Der Reaktor wird vermutlich mehrfach umgebaut werden müssen, bevor er zufriedenstellend arbeitet – oder der Ansatz verworfen werden muss.</p> <p>Und dann ist da auch noch die Konkurrenz.</p> <h3>Die Konkurrenz schläft nicht.</h3> <p>TAE will seine Pilotanlage circa 2031 fertigstellen und irgendwann danach einen großen, kommerziell konkurrenzfähigen Fusionsreaktor errichten. Das reicht aber wohl nicht mehr fürs Siegertreppchen.</p> <ul> <li> <p>Die Firma <a href="https://cfs.energy/">Commonwealth Fusion Systems</a> baut zurzeit ihren Demonstrationsreaktor SPARC. Er soll noch in diesem Jahr fertig werden und im nächsten Jahr mehr Energie produzieren als er verbraucht. In den frühen 2030er Jahren soll dann der erste kommerzielle Reaktor ARC entstehen. <a href="https://cfs.energy/chesterfield/overview">Der Standort</a> ist bereits festgelegt.</p> </li> <li> <p><a href="https://www.helionenergy.com/polaris/">Helion Energy</a> betreibt bereits eine Anlage, die als Proof-of-Conecpt Strom aus Kernfusion erzeugen soll. Allerdings hält die Firma sich mit öffentlichen Aussagen zum aktuellen Stand im Moment sehr zurück. Gleichzeitig baut Helion bereits <a href="https://www.geekwire.com/2025/helions-next-big-bet-is-fusion-power-manufacturing-at-scale-but-tech-uncertainty-remains/">an der nächsten Generation ihres Kraftwerks</a>, das schon 2030 Strom erzeugen soll. Mit Microsoft besteht bereits ein Liefervertrag.</p> </li> <li> <p><a href="https://t3n.de/news/fusionsenergie-warum-china-den-westen-bei-dieser-zukunftstechnologie-abhaengt-1696300/">China investiert in den letzten Jahren</a> sehr viel Geld in die Fusionsforschung und hat gute Chancen, den Westen zu überholen. Einzelheiten sind, wie so oft in China, nicht sicher bekannt.</p> </li> <li> <p>Das deutsche Start-up <a href="https://www.proximafusion.com/">Proxima Fusion</a>, eine Ausgründung des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik, hat einen kompletten Bauplan für einen Fusionsreaktor vorgestellt und in einem wissenschaftlichen Journal veröffentlicht. Der Reaktor soll nach dem Stellarator-Prinzip arbeiten, so wie der Forschungsreaktor Wendelstein 7-x in Greifswald. Wenn es die Bundesregierung mit der Förderung der Fusionsenergie ernst meint, könnte der erste Fusionsreaktor in Deutschland bereits zwischen 2031 und 2034 fertiggestellt sein.</p> </li> </ul> <p>Das sind nur einige Beispiele. Auch in England, Japan und Südkorea arbeiten diverse Start-ups an Fusionsreaktoren, die größtenteils in den 2030er Jahren ans Netz gehen sollen.</p> <h3>Fazit</h3> <p>Die Fusion der Unternehmen TMTG und TAE Technologies bringt keinen der beiden Beteiligten wirklich voran und die Konkurrenz muss deswegen keine schlaflosen Nächte bekommen. Aber vielleicht geht es ja auch nicht allein um Geschäfte, sondern eher um die Gunst des Herrschers. Oder <a href="https://truthsocial.com/@DevinNunes/posts/115740503934870037">wie Devin Nunes es formulierte</a>: „Unserer Ansicht nach wird TAE auch eindeutig große politische Unterstützung von Präsident Trump erhalten.“</p> <h3><br></br>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> Bei der notwendigen Temperatur laufen auch Reaktionen ab, bei denen Neutronen entstehen. Es sollen aber, so sagt TAE, etwa hundertmal weniger sein als bei der Konkurrenz.</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Sollte der Reaktor nicht gleich die ganze Fabrik verdampfen lassen, wenn das Plasma im Inneren drei Milliarden Grad Celsius heiß wird? Tatsächlich herrscht im Reaktor ein Hochvakuum, es sind also nur wenige Elementarteilchen unterwegs, die solche Temperaturen erreichen. Die Temperatur ist hier eigentlich nur ein Maß für die Geschwindigkeit und damit für die Bewegungsenergie der Elementarteilchen im Reaktor.</p> <div id="sdendnote3"> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3]</a> Firmen neigen dazu, die Anzahl ihrer Angestellten sehr großzügig anzugeben, um Investoren zu beeindrucken. Wenn ich mal annehme, dass TAE tatsächlich 400 Vollzeitkräfte beschäftigt, wären die Kosten für Löhne, Gebäude, Strom, Wasser, EDV, Verbrauchsmaterial etc. sicher mit 50 Millionen US$ im Jahr anzusetzen. Bei der üblichen inflationsbedingten Kostensteigerung würde ich für „Copernicus“ einen Preis von mindestens 250 Millionen US$ vermuten. Wie man es auch dreht und wendet – die 280 Millionen an Investorengeldern sind extrem knapp. Das könnte durchaus die Entscheidung der Firma gegen „Copernicus“ beeinflusst haben.</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/baut-trump-jetzt-fusionskraftwerke/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>40</slash:comments> </item> <item> <title>Reizflut kann Hirnstrukturen verändern https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/reizflut-kann-hirnstrukturen-veraendern/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/reizflut-kann-hirnstrukturen-veraendern/#respond Thu, 08 Jan 2026 15:30:00 +0000 Gast https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5467 <h1>Reizflut kann Hirnstrukturen verändern » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Gast</h2><div itemprop="text"> <p>Das menschliche Gehirn ist täglich einer Flut an Reizen ausgesetzt: Bilder, Geräusche, Gerüche und digitale Informationen prasseln nonstop auf uns ein. Doch was passiert eigentlich im Gehirn, wenn es permanent mit Informationen überflutet wird? Das war auch Thema des diesjährigen NeuroForum Frankfurt „Reizflut – Herausforderung für Gehirn und Gesellschaft“, an dem <strong>Prof. Dr. Malek Bajbouj </strong>teilnahm. Er ist Einsteinprofessor und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. In unserem Interview erläutert Prof. Bajbouj die gesundheitlichen Risiken durch Reizüberflutung, die Rolle der eigenen Persönlichkeit, und warum bewusste Rituale helfen können, den Alltag zu entschleunigen.  </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Portrait_Bajbouj_neu-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Portrait_Bajbouj_neu-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Portrait_Bajbouj_neu-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Portrait_Bajbouj_neu-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Portrait_Bajbouj_neu-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Portrait_Bajbouj_neu-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Portrait_Bajbouj_neu-2048x1152.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><sup>Prof. Dr. Malek Bajbouj, <strong>©</strong> Charité/Mariia Streitsova </sup></figcaption></figure> <h4 id="h-es-ist-9-uhr-morgens-waren-sie-heute-schon-einer-nbsp-reizflut-nbsp-ausgesetzt-nbsp"><strong>Es ist 9 Uhr morgens, waren Sie heute schon einer Reizflut ausgesetzt?</strong> </h4> <p>Das ist fast schon eine philosophische Frage, denn jeder Mensch wird ja fast immer Reizen ausgesetzt. Aber ich glaube, bis jetzt hatte ich eher ein mittleres Maß an Reizen. Ich bin morgens mit dem Fahrrad in die Klinik zur Arbeit gefahren. Das war in Phasen eine sehr reizvolle Umgebung, aber auch eine reizarme, weil ein Teil des Weges durch den Berliner Tiergarten geht. Im Anschluss hatte ich wenige Besprechungen, eine Frühkonferenz, zwei Patientinnen, die ich gesehen habe. Das war ein moderates Maß, von dem ich nicht sagen würde, dass es eine Flut gewesen sei. </p> <h4 id="h-was-macht-nbsp-reizflut-nbsp-eigentlich-aus-ab-wann-werden-reize-fur-unser-hirn-nbsp-als-zu-viel-empfunden-nbsp-nbsp-nbsp"><strong>Was macht Reizflut eigentlich aus? Ab wann werden Reize für unser Hirn als zu viel empfunden?  </strong> </h4> <p>Der Begriff <em>Reizflut</em> beschreibt ja zunächst einmal nur die Menge, also viel oder wenig. Schaut man genauer hin, ist aber mindestens genauso entscheidend, ob die Reize für uns relevant sind oder nicht. Es macht einen Unterschied, ob ich Reizen ausgesetzt werde, die für mich persönlich bedeutsam sind, oder ob es um völlig irrelevante Dinge geht, wie zum Beispiel die Montageanleitung für einen IKEA-Schrank. In letzteren Fällen kann das Gehirn irgendwann sagen: „Okay, das ist unwichtig, das blende ich leichter aus.“ Anders verhält es sich, wenn die Reize dauerhaft relevant sind, dann fällt das Ausblenden deutlich schwerer. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die emotionale Färbung der Reize. Viele positive oder viele negative Reize können selbst in kleiner Menge das Gehirn stark beanspruchen, während eine große Anzahl irrelevanter, bedeutungsloser oder emotional neutraler Reize weniger Wirkung zeigt. </p> <h4 id="h-manche-menschen-sitzen-in-gesellschaft-im-restaurant-und-konnen-sich-kaum-wehren-jedes-gesprach-am-nachbartisch-im-wortlaut-mitzubekommen-warum-gelingt-es-ihnen-nur-schwer-solche-reize-auszublenden-nbsp-nbsp-wahrend-andere-nbsp-das-nbsp-drumherum-kaum-nbsp-registrieren-nbsp"><strong>Manche Menschen sitzen in Gesellschaft im Restaurant und können sich kaum wehren, jedes Gespräch am Nachbartisch im Wortlaut mitzubekommen. Warum gelingt es ihnen nur schwer, solche Reize auszublenden – während andere das Drumherum kaum registrieren?</strong> </h4> <p>Das hängt vermutlich auch mit Persönlichkeitseigenschaften zusammen, möglicherweise aber auch mit den Faktoren, die ich zuvor genannt habe. Nehmen wir nochmal das Beispiel mit der Montageanleitung: Zwei Personen am Nachbartisch gehen sie gemeinsam durch, und meine Neigung zuzuhören ist minimal. Wenn ich aber einen Sohn habe, der für ein halbes Jahr nach Kanada geht, und nebenan wird genau über Kanada und Schüleraustausch bei 15-Jährigen gesprochen, höre ich natürlich gebannt zu und kann mich kaum abwenden. Es muss für mich eine persönliche Relevanz haben. Oder nebenan wird über eine Trennung gesprochen, und die Personen sind in Tränen aufgelöst, dann höre ich auch eher zu als bei neutralen Gesprächen. Es kommt also auf den Inhalt an und darauf, welche Bedeutung er für mich persönlich hat. Dazu kommen Persönlichkeitseigenschaften: bin ich eher neugierig oder nicht? Und vielleicht spielt auch das Gegenüber eine Rolle: Ist das Gespräch mit der Person, mit der ich selbst rede, langweilig, lenkt mich die Unterhaltung nebenan eher ab. </p> <h4 id="h-welche-auswirkung-hat-reizuberflutung-auf-unser-gehirn-nbsp-und-auf-unsere-gesundheit-nbsp-nbsp"><strong>Welche Auswirkung hat Reizüberflutung auf unser Gehirn und auf unsere Gesundheit? </strong> </h4> <p>Das Gehirn ist so aufgebaut, dass es quasi einen Gatekeeper hat – Strukturen im Thalamus, die herausfiltern, welche Reize relevant sind und welche nicht. Evolutionär sind wir darauf ausgelegt, dass uns ständig mehr Reize umgeben, als wir bewusst verarbeiten können. Wenn wir Reizflut nun als eine Situation definieren, in der die üblichen Filterstrukturen überfordert sind, kann das eine ganze Reihe von Hirnfunktionen verändern: Die Fähigkeit zu fokussieren kann abnehmen, die Aufmerksamkeit und die Gedächtnisleistung können beeinträchtigt werden, und auch die Stimmung kann sich beispielsweise in Richtung Depressivität verschieben. Ein basales Reaktionsmuster ist dabei das sogenannte <em>Arousal-System</em>, das Gehirnsystem, das das allgemeine Aktivierungsniveau des zentralen Nervensystems steuert und somit auch für Anspannung verantwortlich ist. Bei zu vielen Reizen steigt dieser Wert deutlich an. <aside></aside></p> <h4 id="h-welche-erfahrungen-machen-sie-in-ihrer-nbsp-klinischen-nbsp-arbeit-nbsp-mit-patientinnen-und-patienten-die-nbsp-von-nbsp-reizuberflutung-nbsp-betroffen-sind-nbsp-nbsp"><strong>Welche Erfahrungen machen Sie in Ihrer klinischen Arbeit mit Patientinnen und Patienten, die von Reizüberflutung betroffen sind? </strong> </h4> <p>Eine eigene Kategorie „reizflutbezogene Erkrankungen“ gibt es zwar nicht, aber wir begegnen dem Phänomen in unterschiedlichen Varianten. Eine davon sind Abhängigkeiten, darunter auch die sogenannten Verhaltenssüchte oder nicht-stoffgebundenen Abhängigkeitsabhängigkeiten. Menschen konsumieren zum Beispiel übermäßig digitale Inhalte wie Handyinhalte oder Computerspiele und geraten dadurch in eine Art Abhängigkeit. Wenn sie nicht die gewohnte Intensität und Dosis an Informationen pro Tag erhalten, entsteht ein sogenanntes Craving, also ein starkes Verlangen, und es können Entzugssymptome auftreten. Bleibt die gewünschte Reizzufuhr aus, kommt es häufig auch zu einer Vernachlässigung sozialer Aktivitäten. In dieser Kategorie sehen wir im klinischen Kontext eine besonders hohe Dichte an Reizen. Eine zweite Variante betrifft Menschen mit Schizophrenien. Hier spielt der bereits erwähnte Thalamus eine Rolle, der normalerweise Informationen filtert. Bei diesen Patientinnen und Patienten funktioniert dieser Filtermechanismus nur eingeschränkt, sodass Informationen wie durch ein großmaschiges Sieb ungefiltert ins Gehirn gelangen und es überfordern. Das kann über mehrere Kaskaden hinweg zu Halluzinationen und Wahnvorstellungen führen. In diesem Zusammenhang wird deutlich, dass Reizüberflutung ein relevanter Faktor für die Psychopathologie sein kann. </p> <h4 id="h-kann-man-sagen-dass-manche-menschen-besonders-anfallig-fur-erkrankungen-im-zusammenhang-mit-reizuberflutung-sind-nbsp"><strong>Kann man sagen, dass manche Menschen besonders anfällig für Erkrankungen im Zusammenhang mit Reizüberflutung sind?</strong> </h4> <p>Für beide Erkrankungen, die ich zuvor genannt habe, spielt die genetische Prädisposition eine Rolle, also eine gewisse Veranlagung. Noch wichtiger sind jedoch Umgebungsfaktoren: Erfahrungen, die man im Leben gemacht hat, erlernte Verhaltensweisen oder das, was man nicht erlernt hat. Wir betrachten solche Erkrankungen immer im Rahmen des biopsychosozialen Modells: Krankheiten entstehen nie durch eine einzige Ursache, sondern durch ein Zusammenspiel von Genen, Umwelt und individuellem Lernen. </p> <h4 id="h-was-halten-sie-von-einem-handy-oder-auch-nbsp-social-media-verbot-fur-kinder-und-jugendliche-nbsp-nbsp"><strong>Was halten Sie von einem Handy- oder auch Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche? </strong> </h4> <p>Ich hoffe, dass wir in einigen Jahren auf unsere heutige Zeit und die weitgehend unregulierte Nutzung sozialer Medien ähnlich zurückblicken wie auf das Rauchen: „Wow, man hat damals wirklich in Restaurants geraucht und durfte wirklich im Auto rauchen!“ Natürlich sind soziale Medien nicht per se negativ, aber angesichts der noch nicht abgeschlossenen Hirnreifung sehr junger Menschen und der Art, wie soziale Medien gestaltet sind, überwiegen aus meiner Sicht die Nachteile gegenüber den Vorteilen für junge, noch vulnerable Gehirne. Auf der einen Seite sehe ich, mit welcher Selbstverständlichkeit die junge Generation über Grenzen hinweg kommuniziert und sich zu Themen vernetzt. Das ist eine großartige Entwicklung, die man nicht missen möchte. Auf der anderen Seite sind soziale Medien jedoch oft nicht darauf ausgelegt, wertvolle soziale Verbundenheit zu fördern oder den Blick über den digitalen Raum hinaus zu stärken. Ihre Algorithmen zielen vielmehr auf Polarisierung und schnelle Belohnung durch Aufmerksamkeit ab – und genau das macht sie für junge Menschen besonders problematisch. Deshalb erwarte und hoffe ich, dass wir in Zukunft einen restriktiveren und bewussteren Umgang mit sozialen Medien sehen werden. </p> <h4 id="h-gibt-es-aus-ihrer-sicht-ein-mindestalter-ab-dem-kinder-soziale-medien-nutzen-sollten-nbsp"><strong>Gibt es aus Ihrer Sicht ein Mindestalter, ab dem Kinder soziale Medien nutzen sollten?</strong> </h4> <p>Es gibt unterschiedliche Einschätzungen von Fachleuten – die Empfehlungen reichen meist von etwa zwölf bis sechzehn Jahren. Letztlich hängt es stark vom individuellen Entwicklungsstand des Kindes ab. Entscheidend ist, dass Kinder zunächst eine Phase erleben, in der sie soziale Fähigkeiten ohne digitale Medien aufbauen können: also echte Begegnungen, gemeinsames Spielen, Sport, gemeinsames durch den Wald laufen und etwas bauen, aber auch Konflikte aushandeln. In dieser Zeit lernen sie, dass ihr Belohnungssystem auch auf natürliche Weise aktiviert werden kann – durch Erlebnisse, Beziehungen oder Erfolgserlebnisse im echten Leben. Deshalb halte ich ein Einstiegsalter eher ab etwa 15 Jahren für sinnvoll, nicht schon mit 10 oder 11. </p> <h4 id="h-reize-uberall-dazu-rasanter-fortschritt-kann-unser-gehirn-evolutionar-gesehen-unserer-schnelllebigen-zeit-eigentlich-nbsp-noch-nbsp-folgen-nbsp-oder-hinkt-es-eher-hinterher-nbsp-nbsp"><strong>Reize überall, dazu rasanter Fortschritt – kann unser Gehirn evolutionär gesehen unserer schnelllebigen Zeit eigentlich noch folgen, oder hinkt es eher hinterher? </strong> </h4> <p>Ja und nein. Unser Gehirn ist unglaublich plastisch und reagiert ständig auf die Reize und Anforderungen, die uns umgeben. Zur Zeit Gutenbergs gab es noch keinen MRT-Scanner, daher wissen wir nicht genau, wie die Einführung des Buches das Gehirn verändert hat, aber wir wissen, dass neue Fähigkeiten immer auch Spuren im Gehirn hinterlassen. So zeigen etwa Studien, dass sich durch häufiges Computerspielen motorische Areale vergrößern, sich die selektive Aufmerksamkeit verändert und auch bestimmte Repräsentationsareale im Gehirn anpassen. Das bedeutet: Das Gehirn reagiert, es passt sich an und zwar fortlaufend. Die wichtigere Frage ist jedoch, ob diese neuroplastischen Veränderungen immer funktional sind und ob sie ausreichen. Wenn sich der motorische Kortex durch häufiges „Daddeln“ vergrößert, ist das zunächst nur ein Zeichen für Anpassung, es sagt aber nichts darüber aus, ob diese Veränderung nützlich oder schädlich ist. Sie ist einfach eine Reaktion auf äußere Reize. Evolutionäre Mechanismen dagegen brauchen viel Zeit. Solche grundlegenden Anpassungen geschehen nicht innerhalb von zwei oder drei Generationen. </p> <h4 id="h-wie-konnen-wir-uns-im-alltag-vor-der-uberflutung-von-reizen-schutzen-man-konnte-zwar-haufiger-das-handy-zur-seite-legen-aber-es-scheint-ja-nicht-so-einfach-zu-sein-nbsp"><strong>Wie können wir uns im Alltag vor der Überflutung von Reizen schützen? Man könnte zwar häufiger das Handy zur Seite legen, aber es scheint ja nicht so einfach zu sein…</strong> </h4> <p>Durch <em>protected time</em>, also geschützte Zeiten, und bewusste Rituale wie zum Beispiel Zeiten für Sport, Hobbys oder persönliche Begegnungen, die fest im Alltag verankert sind, damit eine Reizüberflutung gar keine Chance hat. Ich erinnere mich an die Aussage eines Sohns einer Bekannten, der irgendwann sagte: „Das Fußballspielen klaut total meine Zeit. Ich komme gar nicht mehr so richtig zum Zocken.“ Das bringt es eigentlich auf den Punkt. Es ist wenig wirksam, Kindern oder Jugendlichen einfach das Handy wegzunehmen und zu sagen: „Mach doch was anderes.“ Viel hilfreicher ist es, Gewohnheiten zu fördern und Rituale zu schaffen, die selbstverständlich werden – bis solche Sätze ganz von allein entstehen. Wenn ich zum Beispiel morgens mit dem Fahrrad fahre anstatt mit der U-Bahn, in der ich sonst E-Mails checken würde, oder in einem Auto, in dem gleichzeitig links ein Podcast läuft und rechts ein Telefonat geführt wird. Oder wenn ich mir am Wochenende bewusst Zeit für Aktivitäten draußen in Bewegung und mit anderen Menschen nehme, dann sind das kleine, aber überaus wirksamen Schritte, die helfen, unser Gehirn vor der Reizüberflutung zu schützen.  </p> <h4 id="h-wissen-tun-das-sicher-einige-aber-umsetzen-nbsp"><strong>Wissen tun das sicher einige, aber umsetzen…</strong> </h4> <p>Ja, es ist nicht unbedingt ein Erkenntnisproblem. Am Ende braucht es noch den Willen und die Entscheidung, die Dinge zum Positiven verändern zu wollen.   </p> <h4 id="h-welche-positiven-nbsp-effekte-nbsp-wurden-uns-nbsp-unmittelbar-nbsp-belohnen-nbsp-nbsp"><strong>Welche positiven Effekte würden uns unmittelbar belohnen? </strong> </h4> <p>In einer reizarme Umgebung sinkt das Arousal, also das Anspannungslevel. Gleichzeitig steigt die Fähigkeit, sich Dinge zu merken und fokussiert zu arbeiten. Man kann sogar anhand von Biomarkern messen, dass sich die Herzratenvariabilität günstig verändert, dazu gibt es eine ganze Reihe von spannenden Studien. Man muss dafür auch nicht sieben Tage die Woche 24 Stunden in der Tonne verbringen, aber es ist, wie schon die alten Griechen sagten: Das gesunde Mittelmaß macht‘s. Für Menschen bedeutet das einen Wechsel zwischen intensiveren Phasen und ruhigeren Abschnitten, und dieser Rhythmus ist individuell verschieden. Manche fühlen sich unwohl, wenn es zu ruhig ist, andere, wenn es zu laut und bunt ist. Aber da gibt es sicher für jede und jeden einen sinnvollen Korridor.   </p> <p><strong>Das Interview führte Rena Beeg für die <a href="https://www.ghst.de/interviews">Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a></strong>. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Reizflut kann Hirnstrukturen verändern » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Gast</h2><div itemprop="text"> <p>Das menschliche Gehirn ist täglich einer Flut an Reizen ausgesetzt: Bilder, Geräusche, Gerüche und digitale Informationen prasseln nonstop auf uns ein. Doch was passiert eigentlich im Gehirn, wenn es permanent mit Informationen überflutet wird? Das war auch Thema des diesjährigen NeuroForum Frankfurt „Reizflut – Herausforderung für Gehirn und Gesellschaft“, an dem <strong>Prof. Dr. Malek Bajbouj </strong>teilnahm. Er ist Einsteinprofessor und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. In unserem Interview erläutert Prof. Bajbouj die gesundheitlichen Risiken durch Reizüberflutung, die Rolle der eigenen Persönlichkeit, und warum bewusste Rituale helfen können, den Alltag zu entschleunigen.  </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Portrait_Bajbouj_neu-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Portrait_Bajbouj_neu-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Portrait_Bajbouj_neu-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Portrait_Bajbouj_neu-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Portrait_Bajbouj_neu-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Portrait_Bajbouj_neu-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Portrait_Bajbouj_neu-2048x1152.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><sup>Prof. Dr. Malek Bajbouj, <strong>©</strong> Charité/Mariia Streitsova </sup></figcaption></figure> <h4 id="h-es-ist-9-uhr-morgens-waren-sie-heute-schon-einer-nbsp-reizflut-nbsp-ausgesetzt-nbsp"><strong>Es ist 9 Uhr morgens, waren Sie heute schon einer Reizflut ausgesetzt?</strong> </h4> <p>Das ist fast schon eine philosophische Frage, denn jeder Mensch wird ja fast immer Reizen ausgesetzt. Aber ich glaube, bis jetzt hatte ich eher ein mittleres Maß an Reizen. Ich bin morgens mit dem Fahrrad in die Klinik zur Arbeit gefahren. Das war in Phasen eine sehr reizvolle Umgebung, aber auch eine reizarme, weil ein Teil des Weges durch den Berliner Tiergarten geht. Im Anschluss hatte ich wenige Besprechungen, eine Frühkonferenz, zwei Patientinnen, die ich gesehen habe. Das war ein moderates Maß, von dem ich nicht sagen würde, dass es eine Flut gewesen sei. </p> <h4 id="h-was-macht-nbsp-reizflut-nbsp-eigentlich-aus-ab-wann-werden-reize-fur-unser-hirn-nbsp-als-zu-viel-empfunden-nbsp-nbsp-nbsp"><strong>Was macht Reizflut eigentlich aus? Ab wann werden Reize für unser Hirn als zu viel empfunden?  </strong> </h4> <p>Der Begriff <em>Reizflut</em> beschreibt ja zunächst einmal nur die Menge, also viel oder wenig. Schaut man genauer hin, ist aber mindestens genauso entscheidend, ob die Reize für uns relevant sind oder nicht. Es macht einen Unterschied, ob ich Reizen ausgesetzt werde, die für mich persönlich bedeutsam sind, oder ob es um völlig irrelevante Dinge geht, wie zum Beispiel die Montageanleitung für einen IKEA-Schrank. In letzteren Fällen kann das Gehirn irgendwann sagen: „Okay, das ist unwichtig, das blende ich leichter aus.“ Anders verhält es sich, wenn die Reize dauerhaft relevant sind, dann fällt das Ausblenden deutlich schwerer. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die emotionale Färbung der Reize. Viele positive oder viele negative Reize können selbst in kleiner Menge das Gehirn stark beanspruchen, während eine große Anzahl irrelevanter, bedeutungsloser oder emotional neutraler Reize weniger Wirkung zeigt. </p> <h4 id="h-manche-menschen-sitzen-in-gesellschaft-im-restaurant-und-konnen-sich-kaum-wehren-jedes-gesprach-am-nachbartisch-im-wortlaut-mitzubekommen-warum-gelingt-es-ihnen-nur-schwer-solche-reize-auszublenden-nbsp-nbsp-wahrend-andere-nbsp-das-nbsp-drumherum-kaum-nbsp-registrieren-nbsp"><strong>Manche Menschen sitzen in Gesellschaft im Restaurant und können sich kaum wehren, jedes Gespräch am Nachbartisch im Wortlaut mitzubekommen. Warum gelingt es ihnen nur schwer, solche Reize auszublenden – während andere das Drumherum kaum registrieren?</strong> </h4> <p>Das hängt vermutlich auch mit Persönlichkeitseigenschaften zusammen, möglicherweise aber auch mit den Faktoren, die ich zuvor genannt habe. Nehmen wir nochmal das Beispiel mit der Montageanleitung: Zwei Personen am Nachbartisch gehen sie gemeinsam durch, und meine Neigung zuzuhören ist minimal. Wenn ich aber einen Sohn habe, der für ein halbes Jahr nach Kanada geht, und nebenan wird genau über Kanada und Schüleraustausch bei 15-Jährigen gesprochen, höre ich natürlich gebannt zu und kann mich kaum abwenden. Es muss für mich eine persönliche Relevanz haben. Oder nebenan wird über eine Trennung gesprochen, und die Personen sind in Tränen aufgelöst, dann höre ich auch eher zu als bei neutralen Gesprächen. Es kommt also auf den Inhalt an und darauf, welche Bedeutung er für mich persönlich hat. Dazu kommen Persönlichkeitseigenschaften: bin ich eher neugierig oder nicht? Und vielleicht spielt auch das Gegenüber eine Rolle: Ist das Gespräch mit der Person, mit der ich selbst rede, langweilig, lenkt mich die Unterhaltung nebenan eher ab. </p> <h4 id="h-welche-auswirkung-hat-reizuberflutung-auf-unser-gehirn-nbsp-und-auf-unsere-gesundheit-nbsp-nbsp"><strong>Welche Auswirkung hat Reizüberflutung auf unser Gehirn und auf unsere Gesundheit? </strong> </h4> <p>Das Gehirn ist so aufgebaut, dass es quasi einen Gatekeeper hat – Strukturen im Thalamus, die herausfiltern, welche Reize relevant sind und welche nicht. Evolutionär sind wir darauf ausgelegt, dass uns ständig mehr Reize umgeben, als wir bewusst verarbeiten können. Wenn wir Reizflut nun als eine Situation definieren, in der die üblichen Filterstrukturen überfordert sind, kann das eine ganze Reihe von Hirnfunktionen verändern: Die Fähigkeit zu fokussieren kann abnehmen, die Aufmerksamkeit und die Gedächtnisleistung können beeinträchtigt werden, und auch die Stimmung kann sich beispielsweise in Richtung Depressivität verschieben. Ein basales Reaktionsmuster ist dabei das sogenannte <em>Arousal-System</em>, das Gehirnsystem, das das allgemeine Aktivierungsniveau des zentralen Nervensystems steuert und somit auch für Anspannung verantwortlich ist. Bei zu vielen Reizen steigt dieser Wert deutlich an. <aside></aside></p> <h4 id="h-welche-erfahrungen-machen-sie-in-ihrer-nbsp-klinischen-nbsp-arbeit-nbsp-mit-patientinnen-und-patienten-die-nbsp-von-nbsp-reizuberflutung-nbsp-betroffen-sind-nbsp-nbsp"><strong>Welche Erfahrungen machen Sie in Ihrer klinischen Arbeit mit Patientinnen und Patienten, die von Reizüberflutung betroffen sind? </strong> </h4> <p>Eine eigene Kategorie „reizflutbezogene Erkrankungen“ gibt es zwar nicht, aber wir begegnen dem Phänomen in unterschiedlichen Varianten. Eine davon sind Abhängigkeiten, darunter auch die sogenannten Verhaltenssüchte oder nicht-stoffgebundenen Abhängigkeitsabhängigkeiten. Menschen konsumieren zum Beispiel übermäßig digitale Inhalte wie Handyinhalte oder Computerspiele und geraten dadurch in eine Art Abhängigkeit. Wenn sie nicht die gewohnte Intensität und Dosis an Informationen pro Tag erhalten, entsteht ein sogenanntes Craving, also ein starkes Verlangen, und es können Entzugssymptome auftreten. Bleibt die gewünschte Reizzufuhr aus, kommt es häufig auch zu einer Vernachlässigung sozialer Aktivitäten. In dieser Kategorie sehen wir im klinischen Kontext eine besonders hohe Dichte an Reizen. Eine zweite Variante betrifft Menschen mit Schizophrenien. Hier spielt der bereits erwähnte Thalamus eine Rolle, der normalerweise Informationen filtert. Bei diesen Patientinnen und Patienten funktioniert dieser Filtermechanismus nur eingeschränkt, sodass Informationen wie durch ein großmaschiges Sieb ungefiltert ins Gehirn gelangen und es überfordern. Das kann über mehrere Kaskaden hinweg zu Halluzinationen und Wahnvorstellungen führen. In diesem Zusammenhang wird deutlich, dass Reizüberflutung ein relevanter Faktor für die Psychopathologie sein kann. </p> <h4 id="h-kann-man-sagen-dass-manche-menschen-besonders-anfallig-fur-erkrankungen-im-zusammenhang-mit-reizuberflutung-sind-nbsp"><strong>Kann man sagen, dass manche Menschen besonders anfällig für Erkrankungen im Zusammenhang mit Reizüberflutung sind?</strong> </h4> <p>Für beide Erkrankungen, die ich zuvor genannt habe, spielt die genetische Prädisposition eine Rolle, also eine gewisse Veranlagung. Noch wichtiger sind jedoch Umgebungsfaktoren: Erfahrungen, die man im Leben gemacht hat, erlernte Verhaltensweisen oder das, was man nicht erlernt hat. Wir betrachten solche Erkrankungen immer im Rahmen des biopsychosozialen Modells: Krankheiten entstehen nie durch eine einzige Ursache, sondern durch ein Zusammenspiel von Genen, Umwelt und individuellem Lernen. </p> <h4 id="h-was-halten-sie-von-einem-handy-oder-auch-nbsp-social-media-verbot-fur-kinder-und-jugendliche-nbsp-nbsp"><strong>Was halten Sie von einem Handy- oder auch Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche? </strong> </h4> <p>Ich hoffe, dass wir in einigen Jahren auf unsere heutige Zeit und die weitgehend unregulierte Nutzung sozialer Medien ähnlich zurückblicken wie auf das Rauchen: „Wow, man hat damals wirklich in Restaurants geraucht und durfte wirklich im Auto rauchen!“ Natürlich sind soziale Medien nicht per se negativ, aber angesichts der noch nicht abgeschlossenen Hirnreifung sehr junger Menschen und der Art, wie soziale Medien gestaltet sind, überwiegen aus meiner Sicht die Nachteile gegenüber den Vorteilen für junge, noch vulnerable Gehirne. Auf der einen Seite sehe ich, mit welcher Selbstverständlichkeit die junge Generation über Grenzen hinweg kommuniziert und sich zu Themen vernetzt. Das ist eine großartige Entwicklung, die man nicht missen möchte. Auf der anderen Seite sind soziale Medien jedoch oft nicht darauf ausgelegt, wertvolle soziale Verbundenheit zu fördern oder den Blick über den digitalen Raum hinaus zu stärken. Ihre Algorithmen zielen vielmehr auf Polarisierung und schnelle Belohnung durch Aufmerksamkeit ab – und genau das macht sie für junge Menschen besonders problematisch. Deshalb erwarte und hoffe ich, dass wir in Zukunft einen restriktiveren und bewussteren Umgang mit sozialen Medien sehen werden. </p> <h4 id="h-gibt-es-aus-ihrer-sicht-ein-mindestalter-ab-dem-kinder-soziale-medien-nutzen-sollten-nbsp"><strong>Gibt es aus Ihrer Sicht ein Mindestalter, ab dem Kinder soziale Medien nutzen sollten?</strong> </h4> <p>Es gibt unterschiedliche Einschätzungen von Fachleuten – die Empfehlungen reichen meist von etwa zwölf bis sechzehn Jahren. Letztlich hängt es stark vom individuellen Entwicklungsstand des Kindes ab. Entscheidend ist, dass Kinder zunächst eine Phase erleben, in der sie soziale Fähigkeiten ohne digitale Medien aufbauen können: also echte Begegnungen, gemeinsames Spielen, Sport, gemeinsames durch den Wald laufen und etwas bauen, aber auch Konflikte aushandeln. In dieser Zeit lernen sie, dass ihr Belohnungssystem auch auf natürliche Weise aktiviert werden kann – durch Erlebnisse, Beziehungen oder Erfolgserlebnisse im echten Leben. Deshalb halte ich ein Einstiegsalter eher ab etwa 15 Jahren für sinnvoll, nicht schon mit 10 oder 11. </p> <h4 id="h-reize-uberall-dazu-rasanter-fortschritt-kann-unser-gehirn-evolutionar-gesehen-unserer-schnelllebigen-zeit-eigentlich-nbsp-noch-nbsp-folgen-nbsp-oder-hinkt-es-eher-hinterher-nbsp-nbsp"><strong>Reize überall, dazu rasanter Fortschritt – kann unser Gehirn evolutionär gesehen unserer schnelllebigen Zeit eigentlich noch folgen, oder hinkt es eher hinterher? </strong> </h4> <p>Ja und nein. Unser Gehirn ist unglaublich plastisch und reagiert ständig auf die Reize und Anforderungen, die uns umgeben. Zur Zeit Gutenbergs gab es noch keinen MRT-Scanner, daher wissen wir nicht genau, wie die Einführung des Buches das Gehirn verändert hat, aber wir wissen, dass neue Fähigkeiten immer auch Spuren im Gehirn hinterlassen. So zeigen etwa Studien, dass sich durch häufiges Computerspielen motorische Areale vergrößern, sich die selektive Aufmerksamkeit verändert und auch bestimmte Repräsentationsareale im Gehirn anpassen. Das bedeutet: Das Gehirn reagiert, es passt sich an und zwar fortlaufend. Die wichtigere Frage ist jedoch, ob diese neuroplastischen Veränderungen immer funktional sind und ob sie ausreichen. Wenn sich der motorische Kortex durch häufiges „Daddeln“ vergrößert, ist das zunächst nur ein Zeichen für Anpassung, es sagt aber nichts darüber aus, ob diese Veränderung nützlich oder schädlich ist. Sie ist einfach eine Reaktion auf äußere Reize. Evolutionäre Mechanismen dagegen brauchen viel Zeit. Solche grundlegenden Anpassungen geschehen nicht innerhalb von zwei oder drei Generationen. </p> <h4 id="h-wie-konnen-wir-uns-im-alltag-vor-der-uberflutung-von-reizen-schutzen-man-konnte-zwar-haufiger-das-handy-zur-seite-legen-aber-es-scheint-ja-nicht-so-einfach-zu-sein-nbsp"><strong>Wie können wir uns im Alltag vor der Überflutung von Reizen schützen? Man könnte zwar häufiger das Handy zur Seite legen, aber es scheint ja nicht so einfach zu sein…</strong> </h4> <p>Durch <em>protected time</em>, also geschützte Zeiten, und bewusste Rituale wie zum Beispiel Zeiten für Sport, Hobbys oder persönliche Begegnungen, die fest im Alltag verankert sind, damit eine Reizüberflutung gar keine Chance hat. Ich erinnere mich an die Aussage eines Sohns einer Bekannten, der irgendwann sagte: „Das Fußballspielen klaut total meine Zeit. Ich komme gar nicht mehr so richtig zum Zocken.“ Das bringt es eigentlich auf den Punkt. Es ist wenig wirksam, Kindern oder Jugendlichen einfach das Handy wegzunehmen und zu sagen: „Mach doch was anderes.“ Viel hilfreicher ist es, Gewohnheiten zu fördern und Rituale zu schaffen, die selbstverständlich werden – bis solche Sätze ganz von allein entstehen. Wenn ich zum Beispiel morgens mit dem Fahrrad fahre anstatt mit der U-Bahn, in der ich sonst E-Mails checken würde, oder in einem Auto, in dem gleichzeitig links ein Podcast läuft und rechts ein Telefonat geführt wird. Oder wenn ich mir am Wochenende bewusst Zeit für Aktivitäten draußen in Bewegung und mit anderen Menschen nehme, dann sind das kleine, aber überaus wirksamen Schritte, die helfen, unser Gehirn vor der Reizüberflutung zu schützen.  </p> <h4 id="h-wissen-tun-das-sicher-einige-aber-umsetzen-nbsp"><strong>Wissen tun das sicher einige, aber umsetzen…</strong> </h4> <p>Ja, es ist nicht unbedingt ein Erkenntnisproblem. Am Ende braucht es noch den Willen und die Entscheidung, die Dinge zum Positiven verändern zu wollen.   </p> <h4 id="h-welche-positiven-nbsp-effekte-nbsp-wurden-uns-nbsp-unmittelbar-nbsp-belohnen-nbsp-nbsp"><strong>Welche positiven Effekte würden uns unmittelbar belohnen? </strong> </h4> <p>In einer reizarme Umgebung sinkt das Arousal, also das Anspannungslevel. Gleichzeitig steigt die Fähigkeit, sich Dinge zu merken und fokussiert zu arbeiten. Man kann sogar anhand von Biomarkern messen, dass sich die Herzratenvariabilität günstig verändert, dazu gibt es eine ganze Reihe von spannenden Studien. Man muss dafür auch nicht sieben Tage die Woche 24 Stunden in der Tonne verbringen, aber es ist, wie schon die alten Griechen sagten: Das gesunde Mittelmaß macht‘s. Für Menschen bedeutet das einen Wechsel zwischen intensiveren Phasen und ruhigeren Abschnitten, und dieser Rhythmus ist individuell verschieden. Manche fühlen sich unwohl, wenn es zu ruhig ist, andere, wenn es zu laut und bunt ist. Aber da gibt es sicher für jede und jeden einen sinnvollen Korridor.   </p> <p><strong>Das Interview führte Rena Beeg für die <a href="https://www.ghst.de/interviews">Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a></strong>. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/reizflut-kann-hirnstrukturen-veraendern/#respond 0 Pandämonium und Schwarze Magie https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/pandaemonium-or-how-i-learned-to-stop-worrying-and-love-the-prompt/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/pandaemonium-or-how-i-learned-to-stop-worrying-and-love-the-prompt/#respond Wed, 07 Jan 2026 21:43:37 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12473 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_OppositesAttract-768x465.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/pandaemonium-or-how-i-learned-to-stop-worrying-and-love-the-prompt/</link> </image> <description type="html"><h1>Pandämonium und Schwarze Magie » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Künstliche Intelligenz (KI/ AI) ist seit drei Jahren ja ein ganz heißes Thema. Einer der brillantesten Redner &amp; Forscher auf diesem Gebiet hielt heute beim Neujahrsempfang der Fakultät für Mathematik und Informatik (FMI) in Jena den öffentlichen Vortrag: der Informatiker Prof. Dr. Harald Sack. Er sprach darüber, wie KI die Welt von Lernen, Lehren und Forschen verändert. Ich gebe hier nicht den Vortrag wieder (das kann er selbst viel besser!), sondern meine Gedanken zum Thema. </p> <p>Anfang 2023 war ich zur größten <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/historiker-jahrestagung/">Historiker-Tagung in den USA</a> eingeladen, weil es eine Session zu Themen der Astronomiegeschichte/ Kulturastronomie gab. Ich hatte auch Zeit, anderen Sessions beizuwohnen und wahrlich in jeder wurde über KI gesprochen. Das war ja gerade zwei Monate, nachdem ChatGPT veröffentlicht worden war. Herr Sack berichtete von einem Forschungsprojekt in der Informatik zu jener Zeit, an dem er beteiligt war und das auf die neue Technologie reagieren musste.</p> <p>Wir Historiker haben es da vergleichsweise leicht: wir schauen uns die Technik an und nutzen, was uns weiterbringt. Wenn man allerdings dabei ist, in der Grundlagenforschung in Informatik tagtäglich neue Technologien zu entwickeln und dann plötzlich jemand mit einer anderen Technologie um die Ecke kommt, muss man sich mit dieser auch intensiv auseinandersetzen und das kann zahlreiche Monate Projektverzögerung bedeuten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_midProject-TechChange.jpg"><img alt="" decoding="async" height="419" sizes="(max-width: 953px) 100vw, 953px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_midProject-TechChange.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_midProject-TechChange.jpg 953w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_midProject-TechChange-300x132.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_midProject-TechChange-768x338.jpg 768w" width="953"></img></a></figure> <p>Es kann sich aber lohnen! </p> <h2 id="h-stop-worrying-love-the-prompt">Stop Worrying – Love the Prompt</h2> <p>In Anlehnung an den berühmten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dr._Seltsam_oder:_Wie_ich_lernte,_die_Bombe_zu_lieben">Kubrick-Klassiker “Dr. Seltsam….”</a> überschrieb der Informatiker dieses Kapitel seines Vortrags. Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Ich habe auch gelernt, den Prompt zu lieben, aber vllt bin ich einfach hinreichend alt: Vor 20 bis 30 Jahren musste man das nunmal, wenn man mit Computern arbeitete. <aside></aside></p> <p>Ich bin keine Informatikerin (aber bei diesen dankenswerterweise als Gast seit Jahren auf dem gleichen Flur geduldet), sondern arbeite mit informatischen Methoden – sozusagen in “Digital Humanities”, ohne diesem Fach jemals angehört zu haben, weil die Astronomie &amp; Astronomiegeschichte schon lange programmiert &amp; gerechnet haben, bevor es andere Physiker und Historiker taten. Astronomen sind eben ein sehr spezielles Völkchen. </p> <p>Vor geraumer Zeit berichtete ich hier über <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/quellen-aus-dem-internet-sind-nicht-zuverlaessig/">meine Versuche, ChatGPT und Perplexity</a> als Programmierhilfe zu verwenden, was aber nur dazu führte, dass ich für die nächsten Jahre die Finger davon ließ. Ich nutze lieber <strong>natürliche statt künstlicher Intelligenz</strong>, weil letztere für mich nur wie enorme Zeitverschwendung wirkte. </p> <p>Kürzlich habe ich allerdings Anwendungsfälle entdeckt (ja, ich gebe nicht schnell auf und probiere es doch immer mal wieder), die ChatGPT auch für mich einen Wert generieren ließen. Das war im Wesentlichen (a) als Ergänzung von Google Suchanfragen, um in dem Gestrüpp von Hilfeseiten und Video-Tutorials zu einem bestimmten Thema die Infos zu extrahieren, die relevant sind. (b) erschien mir die KI auch hilfreich bei lästigen Tätigkeiten wie administrativen Schriftstücken (Briefe, Zeugnisse, Anträge, Gutachten…). Man will für solche Tätigkeiten eigentlich keine Hirnleistungen verbraten, denn es sind Zeit und Kapazität, die andernfalls in der Forschung fehlen würden. <br></br>Bsp.: Wenn ein Professor ein Arbeitszeugnis erstellen soll, wird er normalerweise das Kurzurteil an eine Person in der entsprechenden juristischen Abteilung geben und diese schreibt den Text dann so, dass er Zeugnis-Sprech ist und ca. eine Seite lang. Sowas kann heute KI.</p> <p>Merke wohl: das Werturteil wird nach wie vor von einem Menschen erteilt! Die KI ist ja nur ein “<strong>Pandämonium</strong>” (wie es in den 1960ern – oder so – mal jemand nannte), also eine Maschine, die aus zahlreichen <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/quellen-aus-dem-internet-sind-nicht-zuverlaessig/">strohdummen Schreihälsen</a> besteht, die in der Summe dann doch einen sinnvollen Output produzieren können.</p> <p>Allein die Existenz von sinnvollen bzw. grammatisch korrekten Sätzen ist aber keine Garantie für die Richtigkeit der Aussage. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_LLMs-dont-solve-everything.jpg"><img alt="" decoding="async" height="602" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_LLMs-dont-solve-everything-1024x602.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_LLMs-dont-solve-everything-1024x602.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_LLMs-dont-solve-everything-300x176.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_LLMs-dont-solve-everything-768x452.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_LLMs-dont-solve-everything.jpg 1110w" width="1024"></img></a></figure> <h2>LLM unterstützt Suche, aber löst kein Problem</h2> <p>Meine Probleme als Kulturastronomin bzw. Historikerin sind aber viel kleiner als die der Informatik. Es sind Anwendungsprobleme, denn ich forsche ja nicht in den Grundlagen der Informatik, sondern wende sie nur an. Anders gesagt: nicht jeder, der einen Bleistift halten kann, kann ihn auch herstellen oder gar weiterentwickeln – und nicht jeder, der einen Lichtschalter benutzt, ist Elektriker oder Physiker. </p> <p>Die Angewandte Informatik ist allerdings ein faszinierendes Forschungsfeld und das Großartige finde ich an dieser Grundlagenwissenschaft, dass sie Technologien zu entwickeln bestrebt ist, die <em>für Menschen</em> gemacht sind. Es werden eben nicht die Fehler von µ-weich der 1990er wiederholt, sondern man entwickelt direkt in Zusammenarbeit mit “Domain Experts”, also Leuten, die vom Fach sind und jeweils individuelle Bedürfnisse mitbringen. Wie früher die Mathematik oder Ingenieure habe ich den Eindruck, dass heute gerade Informatiker die universell gebildetsten Leute sind, weil sie über Projekte mit anderen/ für andere ja enorm viel auch über die jeweils anderen Fächer lernen: war es in den 1990ern noch Mode, BWL oder Physik zu studieren, wenn man “alles machen können” wollte, würde ich heute unbedingt Informatik empfehlen! Ich jedenfalls hatte in diesem Fach die interessantesten Kollegen: nicht nur, sensationell breit interessierte kluge Köpfe, die trotz <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/wissenschaftsgeschichte-ein-alter-hut/">Berufsethos</a> keine Angst vor anderen Fächern haben (im Gegensatz zur Physik), sondern auch kluge Leute/ Akademiker, die nicht abgehoben und einfach Mensch geblieben sind. </p> <p>Trotz aller s<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/quellen-aus-dem-internet-sind-nicht-zuverlaessig/">chlauen oder dummen Tech</a>nologien haben die meisten Prozesse, in denen es drauf ankommt einen “human in the loop”. Entgegen aller Endzeit-Szenarien der SciFi des 20. Jahrhunderts werden also nicht die Maschinen die Macht übernehmen, sondern auch LLMs sind kein Allheilmittel. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_OppositesAttract.jpg"><img alt="" decoding="async" height="621" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_OppositesAttract-1024x621.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_OppositesAttract-1024x621.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_OppositesAttract-300x182.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_OppositesAttract-768x465.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_OppositesAttract.jpg 1104w" width="1024"></img></a></figure> <h2>NFDIen</h2> <p>Abschließend berichtete Herr Sack noch über die Nationalen Forschungsdaten Infrastrukturen (NFDI), die man in Schland gerade baut. Ehrlich gesagt: es gibt kaum eine größere Geldverschwendung! Da werden Leute damit beschäftigt, alle drei Monaten einen Tätigkeitsbericht vorzulegen, anstatt etwas zu entwickeln. Was sie zwischen Berichtschreiben tun, ist, was sie eben können: ein bisschen versuchen, die Daten zu strukturieren. Das nennen sie dann “Ontologie-Entwicklung”. Es mag ja sein, dass es sinnvoll ist, die zahllosen Repositorien von Forschungsdaten zu verknüpfen und gleichzeitig durchsuchen zu können. Allerdings verschwindet jedes einzelne Repo in absehbarer Zeit nach Projektende, weil Unis etc. Forschungsdaten nicht beliebig lange aufheben und die meisten Forschenden ja keine festen Stellen haben: Wenn ein <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/die-universitaet-ist-krank/">befristeter Arbeitsvertrag</a> ausläuft, erlischt in absehbarer Zeit (nach ein bis zwölf Monaten) auch der Uni-Account der Person – d.h. Mailadresse und Unicloud-Zugang und alle sonstigen Ressourcen, die Unis stellen. Wenn also ein Doktorand oder PostDoc ein Forschungsprojekt macht, wird die Host-Universität die Daten nur für die Projektdauer hosten (plus vllt. ein bisschen “Nahtzugabe”, vllt ein Monat, vllt. drei, vllt. ein Jahr… aber jedenfalls nicht “ewig”). Da Docs/PostDocs – arbeitsrechtlich widrig – stets befristete Verträge haben, sind sie also nach Projektdauer alsbald verschwunden, mit ihnen auch die Daten. Wenn ein Prof auf unbefristeter Stelle arbeitet, liegen die Daten seiner Projekte bei der Host-Uni vllt länger herum, aber auch dann gibt es irgendwann ein Rentenalter und die Daten der Projekte verschwinden mit dem Menschen. </p> <p>Die NFDIen entwickeln also Datenautobahnen bzw. Verknüpfungen (Ontologien) zwischen Siedlungen, die nur auf befristete Zeit existieren. Meines Erachtens sollte man erstmal die Grundfrage klären, wie Forschungsdaten dauerhaft gehostet (also stabil gelagert) werden können, bevor man einzelne befristete Repos verknüpft… Es erscheint als wieder mal so ein typisches Problem von deutschem Aktionismus: es soll eine “deutsche Lösung” (Sack-Zitat) geschaffen werden, eine NATIONALE Daten-Infrastruktur, die aber erstens <em>per definitionem</em> zu kurz greift (die Astrophysik baut seit den 1970ern Jahren<em> globale</em> Lösungen!, weil Forschungsdaten nicht an Staatsgrenzen Halt machen) und zweitens auch gar nicht ergebnisorientiert arbeitet, sondern eine ABM für Projekt<em>berichtschreiber</em> ist. </p> <p>Ich möchte in meinen Projekten etwas Nachhaltiges für die Gesellschaft als Ganzes entwickeln, in der Forschung neue Erkenntnisse produzieren, Wissen teilen und Menschen entwickeln. Was ich nicht möchte, ist alte Ergebnisse widerkäuen, belehren und vierteljährlich Berichte schreiben. </p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Pandämonium und Schwarze Magie » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Künstliche Intelligenz (KI/ AI) ist seit drei Jahren ja ein ganz heißes Thema. Einer der brillantesten Redner &amp; Forscher auf diesem Gebiet hielt heute beim Neujahrsempfang der Fakultät für Mathematik und Informatik (FMI) in Jena den öffentlichen Vortrag: der Informatiker Prof. Dr. Harald Sack. Er sprach darüber, wie KI die Welt von Lernen, Lehren und Forschen verändert. Ich gebe hier nicht den Vortrag wieder (das kann er selbst viel besser!), sondern meine Gedanken zum Thema. </p> <p>Anfang 2023 war ich zur größten <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/historiker-jahrestagung/">Historiker-Tagung in den USA</a> eingeladen, weil es eine Session zu Themen der Astronomiegeschichte/ Kulturastronomie gab. Ich hatte auch Zeit, anderen Sessions beizuwohnen und wahrlich in jeder wurde über KI gesprochen. Das war ja gerade zwei Monate, nachdem ChatGPT veröffentlicht worden war. Herr Sack berichtete von einem Forschungsprojekt in der Informatik zu jener Zeit, an dem er beteiligt war und das auf die neue Technologie reagieren musste.</p> <p>Wir Historiker haben es da vergleichsweise leicht: wir schauen uns die Technik an und nutzen, was uns weiterbringt. Wenn man allerdings dabei ist, in der Grundlagenforschung in Informatik tagtäglich neue Technologien zu entwickeln und dann plötzlich jemand mit einer anderen Technologie um die Ecke kommt, muss man sich mit dieser auch intensiv auseinandersetzen und das kann zahlreiche Monate Projektverzögerung bedeuten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_midProject-TechChange.jpg"><img alt="" decoding="async" height="419" sizes="(max-width: 953px) 100vw, 953px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_midProject-TechChange.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_midProject-TechChange.jpg 953w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_midProject-TechChange-300x132.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_midProject-TechChange-768x338.jpg 768w" width="953"></img></a></figure> <p>Es kann sich aber lohnen! </p> <h2 id="h-stop-worrying-love-the-prompt">Stop Worrying – Love the Prompt</h2> <p>In Anlehnung an den berühmten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dr._Seltsam_oder:_Wie_ich_lernte,_die_Bombe_zu_lieben">Kubrick-Klassiker “Dr. Seltsam….”</a> überschrieb der Informatiker dieses Kapitel seines Vortrags. Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Ich habe auch gelernt, den Prompt zu lieben, aber vllt bin ich einfach hinreichend alt: Vor 20 bis 30 Jahren musste man das nunmal, wenn man mit Computern arbeitete. <aside></aside></p> <p>Ich bin keine Informatikerin (aber bei diesen dankenswerterweise als Gast seit Jahren auf dem gleichen Flur geduldet), sondern arbeite mit informatischen Methoden – sozusagen in “Digital Humanities”, ohne diesem Fach jemals angehört zu haben, weil die Astronomie &amp; Astronomiegeschichte schon lange programmiert &amp; gerechnet haben, bevor es andere Physiker und Historiker taten. Astronomen sind eben ein sehr spezielles Völkchen. </p> <p>Vor geraumer Zeit berichtete ich hier über <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/quellen-aus-dem-internet-sind-nicht-zuverlaessig/">meine Versuche, ChatGPT und Perplexity</a> als Programmierhilfe zu verwenden, was aber nur dazu führte, dass ich für die nächsten Jahre die Finger davon ließ. Ich nutze lieber <strong>natürliche statt künstlicher Intelligenz</strong>, weil letztere für mich nur wie enorme Zeitverschwendung wirkte. </p> <p>Kürzlich habe ich allerdings Anwendungsfälle entdeckt (ja, ich gebe nicht schnell auf und probiere es doch immer mal wieder), die ChatGPT auch für mich einen Wert generieren ließen. Das war im Wesentlichen (a) als Ergänzung von Google Suchanfragen, um in dem Gestrüpp von Hilfeseiten und Video-Tutorials zu einem bestimmten Thema die Infos zu extrahieren, die relevant sind. (b) erschien mir die KI auch hilfreich bei lästigen Tätigkeiten wie administrativen Schriftstücken (Briefe, Zeugnisse, Anträge, Gutachten…). Man will für solche Tätigkeiten eigentlich keine Hirnleistungen verbraten, denn es sind Zeit und Kapazität, die andernfalls in der Forschung fehlen würden. <br></br>Bsp.: Wenn ein Professor ein Arbeitszeugnis erstellen soll, wird er normalerweise das Kurzurteil an eine Person in der entsprechenden juristischen Abteilung geben und diese schreibt den Text dann so, dass er Zeugnis-Sprech ist und ca. eine Seite lang. Sowas kann heute KI.</p> <p>Merke wohl: das Werturteil wird nach wie vor von einem Menschen erteilt! Die KI ist ja nur ein “<strong>Pandämonium</strong>” (wie es in den 1960ern – oder so – mal jemand nannte), also eine Maschine, die aus zahlreichen <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/quellen-aus-dem-internet-sind-nicht-zuverlaessig/">strohdummen Schreihälsen</a> besteht, die in der Summe dann doch einen sinnvollen Output produzieren können.</p> <p>Allein die Existenz von sinnvollen bzw. grammatisch korrekten Sätzen ist aber keine Garantie für die Richtigkeit der Aussage. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_LLMs-dont-solve-everything.jpg"><img alt="" decoding="async" height="602" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_LLMs-dont-solve-everything-1024x602.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_LLMs-dont-solve-everything-1024x602.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_LLMs-dont-solve-everything-300x176.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_LLMs-dont-solve-everything-768x452.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_LLMs-dont-solve-everything.jpg 1110w" width="1024"></img></a></figure> <h2>LLM unterstützt Suche, aber löst kein Problem</h2> <p>Meine Probleme als Kulturastronomin bzw. Historikerin sind aber viel kleiner als die der Informatik. Es sind Anwendungsprobleme, denn ich forsche ja nicht in den Grundlagen der Informatik, sondern wende sie nur an. Anders gesagt: nicht jeder, der einen Bleistift halten kann, kann ihn auch herstellen oder gar weiterentwickeln – und nicht jeder, der einen Lichtschalter benutzt, ist Elektriker oder Physiker. </p> <p>Die Angewandte Informatik ist allerdings ein faszinierendes Forschungsfeld und das Großartige finde ich an dieser Grundlagenwissenschaft, dass sie Technologien zu entwickeln bestrebt ist, die <em>für Menschen</em> gemacht sind. Es werden eben nicht die Fehler von µ-weich der 1990er wiederholt, sondern man entwickelt direkt in Zusammenarbeit mit “Domain Experts”, also Leuten, die vom Fach sind und jeweils individuelle Bedürfnisse mitbringen. Wie früher die Mathematik oder Ingenieure habe ich den Eindruck, dass heute gerade Informatiker die universell gebildetsten Leute sind, weil sie über Projekte mit anderen/ für andere ja enorm viel auch über die jeweils anderen Fächer lernen: war es in den 1990ern noch Mode, BWL oder Physik zu studieren, wenn man “alles machen können” wollte, würde ich heute unbedingt Informatik empfehlen! Ich jedenfalls hatte in diesem Fach die interessantesten Kollegen: nicht nur, sensationell breit interessierte kluge Köpfe, die trotz <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/wissenschaftsgeschichte-ein-alter-hut/">Berufsethos</a> keine Angst vor anderen Fächern haben (im Gegensatz zur Physik), sondern auch kluge Leute/ Akademiker, die nicht abgehoben und einfach Mensch geblieben sind. </p> <p>Trotz aller s<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/quellen-aus-dem-internet-sind-nicht-zuverlaessig/">chlauen oder dummen Tech</a>nologien haben die meisten Prozesse, in denen es drauf ankommt einen “human in the loop”. Entgegen aller Endzeit-Szenarien der SciFi des 20. Jahrhunderts werden also nicht die Maschinen die Macht übernehmen, sondern auch LLMs sind kein Allheilmittel. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_OppositesAttract.jpg"><img alt="" decoding="async" height="621" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_OppositesAttract-1024x621.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_OppositesAttract-1024x621.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_OppositesAttract-300x182.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_OppositesAttract-768x465.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_OppositesAttract.jpg 1104w" width="1024"></img></a></figure> <h2>NFDIen</h2> <p>Abschließend berichtete Herr Sack noch über die Nationalen Forschungsdaten Infrastrukturen (NFDI), die man in Schland gerade baut. Ehrlich gesagt: es gibt kaum eine größere Geldverschwendung! Da werden Leute damit beschäftigt, alle drei Monaten einen Tätigkeitsbericht vorzulegen, anstatt etwas zu entwickeln. Was sie zwischen Berichtschreiben tun, ist, was sie eben können: ein bisschen versuchen, die Daten zu strukturieren. Das nennen sie dann “Ontologie-Entwicklung”. Es mag ja sein, dass es sinnvoll ist, die zahllosen Repositorien von Forschungsdaten zu verknüpfen und gleichzeitig durchsuchen zu können. Allerdings verschwindet jedes einzelne Repo in absehbarer Zeit nach Projektende, weil Unis etc. Forschungsdaten nicht beliebig lange aufheben und die meisten Forschenden ja keine festen Stellen haben: Wenn ein <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/die-universitaet-ist-krank/">befristeter Arbeitsvertrag</a> ausläuft, erlischt in absehbarer Zeit (nach ein bis zwölf Monaten) auch der Uni-Account der Person – d.h. Mailadresse und Unicloud-Zugang und alle sonstigen Ressourcen, die Unis stellen. Wenn also ein Doktorand oder PostDoc ein Forschungsprojekt macht, wird die Host-Universität die Daten nur für die Projektdauer hosten (plus vllt. ein bisschen “Nahtzugabe”, vllt ein Monat, vllt. drei, vllt. ein Jahr… aber jedenfalls nicht “ewig”). Da Docs/PostDocs – arbeitsrechtlich widrig – stets befristete Verträge haben, sind sie also nach Projektdauer alsbald verschwunden, mit ihnen auch die Daten. Wenn ein Prof auf unbefristeter Stelle arbeitet, liegen die Daten seiner Projekte bei der Host-Uni vllt länger herum, aber auch dann gibt es irgendwann ein Rentenalter und die Daten der Projekte verschwinden mit dem Menschen. </p> <p>Die NFDIen entwickeln also Datenautobahnen bzw. Verknüpfungen (Ontologien) zwischen Siedlungen, die nur auf befristete Zeit existieren. Meines Erachtens sollte man erstmal die Grundfrage klären, wie Forschungsdaten dauerhaft gehostet (also stabil gelagert) werden können, bevor man einzelne befristete Repos verknüpft… Es erscheint als wieder mal so ein typisches Problem von deutschem Aktionismus: es soll eine “deutsche Lösung” (Sack-Zitat) geschaffen werden, eine NATIONALE Daten-Infrastruktur, die aber erstens <em>per definitionem</em> zu kurz greift (die Astrophysik baut seit den 1970ern Jahren<em> globale</em> Lösungen!, weil Forschungsdaten nicht an Staatsgrenzen Halt machen) und zweitens auch gar nicht ergebnisorientiert arbeitet, sondern eine ABM für Projekt<em>berichtschreiber</em> ist. </p> <p>Ich möchte in meinen Projekten etwas Nachhaltiges für die Gesellschaft als Ganzes entwickeln, in der Forschung neue Erkenntnisse produzieren, Wissen teilen und Menschen entwickeln. Was ich nicht möchte, ist alte Ergebnisse widerkäuen, belehren und vierteljährlich Berichte schreiben. </p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/pandaemonium-or-how-i-learned-to-stop-worrying-and-love-the-prompt/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Highlights of WGSN 2025 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/highlights-of-wgsn-2025/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/highlights-of-wgsn-2025/#respond Sat, 03 Jan 2026 19:30:19 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12432 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov-768x384.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/highlights-of-wgsn-2025/</link> </image> <description type="html"><h1>Highlights of WGSN 2025 » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Die Internationale Astronomische Union hat 2025 genau 40 neue Sternnamen veröffentlicht. Auf den Social Media-Kanälen der Gruppe “Sternnamen” wurden diese hübschen Bildchen als “Highlights” der Outreach-Arbeit publiziert.</p> <p>Zur Verteilung der neuen Namen am Himmel ergeben sich ein weites Feld. Die Abbildung zeigt die Verteilung der Namen bis November 2025; im Dezember kamen noch viele “links oben”, nördlich von Tiansi und Cexing dazu.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov.jpg"><img alt="" decoding="async" height="428" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 855px) 100vw, 855px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov.jpg 855w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov-300x150.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov-768x384.jpg 768w" width="855"></img></a></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Highlights of WGSN 2025 » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Die Internationale Astronomische Union hat 2025 genau 40 neue Sternnamen veröffentlicht. Auf den Social Media-Kanälen der Gruppe “Sternnamen” wurden diese hübschen Bildchen als “Highlights” der Outreach-Arbeit publiziert.</p> <p>Zur Verteilung der neuen Namen am Himmel ergeben sich ein weites Feld. Die Abbildung zeigt die Verteilung der Namen bis November 2025; im Dezember kamen noch viele “links oben”, nördlich von Tiansi und Cexing dazu.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov.jpg"><img alt="" decoding="async" height="428" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 855px) 100vw, 855px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov.jpg 855w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov-300x150.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov-768x384.jpg 768w" width="855"></img></a></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/highlights-of-wgsn-2025/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Quadrans – ein Feuerwerk https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/quadrans-ein-feuerwerk/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/quadrans-ein-feuerwerk/#respond Wed, 31 Dec 2025 23:00:15 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12331 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-768x768.jpg Info Karte der IAU https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/quadrans-ein-feuerwerk/ <h1>Quadrans - ein Feuerwerk » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <div> <div> <p>Anfang 2025 hat die Arbeitsgruppe Sternnamen (WGSN) der Internationalen Astronomischen Union (IAU) den 44sten Stern des Sternbilds Bootes mit der Katalognummer HIP 73695 “<a href="https://simbad.cds.unistra.fr/simbad/sim-basic?Ident=44+Boo&amp;submit=SIMBAD+search">44 Boo</a>” benannt. Er ist fürs Auge nur 4.83 mag hell, also in Großstädten nicht sichtbar, sondern nur im Dunkeln auf dem Land. </p> </div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1001" sizes="(max-width: 1001px) 100vw, 1001px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg 1001w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-768x768.jpg 768w" width="1001"></img></a></figure> </div> </div> <p>Der Stern erhielt den Namen “Quadrans”. </p> <p>Er ist ganz offensichtlich nicht quadratisch oder würfelförmig. Es ist tatsächlich ein Mehrfachstern, d.h. der benannte Hauptstern (die A-Komponente) wird von einem engen (spektroskopischen) Doppelstern begleitet und ist von einem Staubring umgeben. </p> <p>Eines der Offices für Astronomy in Education (OAE) der IAU hat dies in der oben abgebildeten Info-Karte visualisiert. Es werden für jeden Sternnamen zwei Infokarten hergestellt:<aside></aside></p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1001" sizes="(max-width: 1001px) 100vw, 1001px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg 1001w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-768x768.jpg 768w" width="1001"></img></a></figure> </div> <div> <p>Die zweite Karte zeigt die Lage des Sterns in üblichen IAU-Sternbildern. </p> <p>Bei Quadrans ist sie es, die den Namen erklärt: das Sternchen liegt neben dem scheinbaren Ursprung des Quadrantiden-Meteorschauers, der jedes Jahr Anfang Januar auftritt. </p> </div> </div> <p>Als virtuelles Silvesterfeuerwerk teile ich daher diese Bilder und weise darauf hin, dass </p> <ol> <li>die IAU derlei Infokarten in ihren medialen Kanälen teilt: auf BlueSky, X, Instagram, auf den Internetseiten des IAU-Office for Astronomy Outreach (OAO), und von manchen der IAU-Offices for Astronomy in Education (OAE). </li> <li>Sie der IAU und der Arbeitsgruppe Sternnamen (WGSN) auf den sozialen Medien folgen könnten (bluesky <a class="" data-cp-link="1" href="https://bsky.app/profile/iau-wgsn.bsky.social" target="_self">@iau-wgsn.bsky.social</a>, X @<a class="" data-cp-link="1" href="https://x.com/IAU_WGSN" target="_self">iau_wgsn</a>, insta <a class="" data-cp-link="1" href="https://www.instagram.com/iau.star.names" target="_self">@iau.star.names</a>) und </li> <li>in den nächsten Tagen ein Sternschnuppenschauer zu erwarten ist. </li> </ol> <p>Also wissen Sie ja, was mit den Neujahrswünschen zu tun ist… 😉 </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Quadrans - ein Feuerwerk » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <div> <div> <p>Anfang 2025 hat die Arbeitsgruppe Sternnamen (WGSN) der Internationalen Astronomischen Union (IAU) den 44sten Stern des Sternbilds Bootes mit der Katalognummer HIP 73695 “<a href="https://simbad.cds.unistra.fr/simbad/sim-basic?Ident=44+Boo&amp;submit=SIMBAD+search">44 Boo</a>” benannt. Er ist fürs Auge nur 4.83 mag hell, also in Großstädten nicht sichtbar, sondern nur im Dunkeln auf dem Land. </p> </div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1001" sizes="(max-width: 1001px) 100vw, 1001px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg 1001w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-768x768.jpg 768w" width="1001"></img></a></figure> </div> </div> <p>Der Stern erhielt den Namen “Quadrans”. </p> <p>Er ist ganz offensichtlich nicht quadratisch oder würfelförmig. Es ist tatsächlich ein Mehrfachstern, d.h. der benannte Hauptstern (die A-Komponente) wird von einem engen (spektroskopischen) Doppelstern begleitet und ist von einem Staubring umgeben. </p> <p>Eines der Offices für Astronomy in Education (OAE) der IAU hat dies in der oben abgebildeten Info-Karte visualisiert. Es werden für jeden Sternnamen zwei Infokarten hergestellt:<aside></aside></p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1001" sizes="(max-width: 1001px) 100vw, 1001px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg 1001w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-768x768.jpg 768w" width="1001"></img></a></figure> </div> <div> <p>Die zweite Karte zeigt die Lage des Sterns in üblichen IAU-Sternbildern. </p> <p>Bei Quadrans ist sie es, die den Namen erklärt: das Sternchen liegt neben dem scheinbaren Ursprung des Quadrantiden-Meteorschauers, der jedes Jahr Anfang Januar auftritt. </p> </div> </div> <p>Als virtuelles Silvesterfeuerwerk teile ich daher diese Bilder und weise darauf hin, dass </p> <ol> <li>die IAU derlei Infokarten in ihren medialen Kanälen teilt: auf BlueSky, X, Instagram, auf den Internetseiten des IAU-Office for Astronomy Outreach (OAO), und von manchen der IAU-Offices for Astronomy in Education (OAE). </li> <li>Sie der IAU und der Arbeitsgruppe Sternnamen (WGSN) auf den sozialen Medien folgen könnten (bluesky <a class="" data-cp-link="1" href="https://bsky.app/profile/iau-wgsn.bsky.social" target="_self">@iau-wgsn.bsky.social</a>, X @<a class="" data-cp-link="1" href="https://x.com/IAU_WGSN" target="_self">iau_wgsn</a>, insta <a class="" data-cp-link="1" href="https://www.instagram.com/iau.star.names" target="_self">@iau.star.names</a>) und </li> <li>in den nächsten Tagen ein Sternschnuppenschauer zu erwarten ist. </li> </ol> <p>Also wissen Sie ja, was mit den Neujahrswünschen zu tun ist… 😉 </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/quadrans-ein-feuerwerk/#respond 0 Kalkalgen-Gärten und Lachszuchten in Norwegen https://scilogs.spektrum.de/meertext/kalkalgen-gaerten-und-lachszuchten-in-norwegen/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/kalkalgen-gaerten-und-lachszuchten-in-norwegen/#comments Tue, 30 Dec 2025 10:50:35 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1858 <h1>Kalkalgen-Gärten und Lachszuchten in Norwegen » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Die Reste verkalkte Rotalgen, die wie winzige Riffkorallen aussehen, bilden vor den norwegischen Felsküsten ein besonders Ökosystem – Maerl beds. An der französischen Mittelmeerküste heißt dieses Ökosystem treffend „Coralligène“. Solche Maerlböden (Maerl Beds) sind wenige Zentimeter hohe Lebensräume für eine artenreiche Lebensgemeinschaft wie Muscheln, Seeigel, See- und Schlangensterne sowie Borstenwürmer. Für kleine Organismen ist das Geflecht ein dreidimensionaler Miniatur-Riff-Garten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-25.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="720" sizes="(max-width: 960px) 100vw, 960px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-25.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-25.png 960w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-25-300x225.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-25-768x576.png 768w" width="960"></img></a><figcaption>Maerl, a corraline algae (<a href="https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=User:ArranCOAST&amp;action=edit&amp;redlink=1">ArranCOAST</a>) <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Maerl">(Wikipedia: Maerl)</a> <br></br>(Der hier abgebildete Maerl ist nicht aus norwegischen Gewässern.<br></br>Abbildungen der norwegischen <a href="https://www.hi.no/en/hi/news/2020/july/studying-the-environmental-impacts-on-a-little-known-habitat">Arbeitsgruppe sind hier zu finden</a>)<br></br></figcaption></figure> <p>Der <a href="https://www.hi.no/en/hi/about-us/employees/erwann-legrand">Biologe Erwann Legrand</a> erforscht diese zwar weltweit vorkommenden, aber an der norwegischen Küste noch wenig bekannten Ökosystem für das norwegische <a href="https://www.hi.no/en/hi/about-us/employees/erwann-legrand">Institute of Marine Research.</a> Er ist spezialisiert auf benthische Systeme, also Habitate am Meeresboden und Strand und analysiert die Auswirkungen menschlicher Aktivitäten.<br></br>Er stammt aus Frankreich und hat dort über solche Maerl beds seinen PhD geschrieben, nun leitet er ein Forschungsprojekt in Norwegen dazu. Dazu kartierte die Arbeitsgruppe zunächst Maerl Beds auf den Lofoten, einer Inselgruppe südlich der Vesteralen. “This habitat is probably present in many places along the Norwegian coast north from Trøndelag, perhaps including some of the biggest maerl beds in Europe” meint Erwann Legrand. Es gibt also reichlich zu erforschen!<p>Ich selbst hatte das Coralligène zunächst bei einer Mittelmeer-Exkursion zur Meeresbiologischen Station Banyuls-sur-Mer kennengelernt und bei meiner Tätigkeit als Pottwal-Guide auch vor Norwegen auf den Vesteralen-Inseln gefunden. Als mir bei einer Tour an einen mir noch unbekannten Strand einer unserer Gäste winzige „Korallen“ zeigte und wissen wollte, ob das Riffkorallen seien, musste ich erstmal genauer hingucken. Das sah wirklich wie Miniatur-Korallen aus! Erst als ich mich hinkniete, erkannte ich die rosafarbenen Krusten und fand bei den weniger verkalkten „Korallen“, dass sie aus winzigen einzelnen Gliedern bestehen. Es waren Rotalgen mit segmentiertem Kalkskelett! Auf einigen abgestorbenen Exemplaren hatte sich weiterer Kalk abgelagert, so dass sie an Riffkorallen erinnerten. Allerdings fehlten ihnen weitere typische Korallenmerkmale. </p></p> <h2 id="h-kalkalgen-als-okosystem-ingenieure"><strong>Kalkalgen als Ökosystem-Ingenieure</strong></h2> <p>Maerl (oder Maerl beds) bezeichnet einen flachmarinen, küstennahen Sand oder feines Geröll, der zu mehr als 50%, oft zu mehr als 75% aus verzweigten, lebenden und toten <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Coralline_algae">Corallinaceen (Rotalgen: Rodophyta)</a> besteht. Maerlböden bestehen aus vielen Schichten ausgedehnter Algenkolonien, die felsige Meeresböden in flachen Gewässern als dicke Teppiche oder Krusten überziehen. Das lebende Maerl ist rosa und wächst in immer neuen Generationen auf den toten, weißen Algentrümmern, der Mini-wald wiegt sich mit der Strömung hin und her und bietet einen niedrigen dreidimensionalen Lebensraum eine reiche Artengemeinschaft. Für das Mittelmeer sind die <a href="https://hal.science/hal-02892573/file/2020_Cinar_Aquatic%20conservation,%20marine%20and%20freshwater%20ecosystems_pr_Coralligenous%20assemblages%20along%20their%20geographical%20distributions,%20testing%20of%20concepts%20and%20implications%20for%20management.pdf">solche „Coralligenous“-Lebensgemeinschaften sogar als HotSpots d</a>er Biodiversität besonders geschützt [Was ihnen in Zeiten der Klimakrise und angesichts der Plastikbelastung exakt nichts nützt – <em>Meertext</em>].<br></br>„<a href="https://www.hi.no/en/hi/news/2020/july/studying-the-environmental-impacts-on-a-little-known-habitat">Maerl ist das, was wir als ‚Ökosystemingenieur‘ bezeichnen: Es schafft Strukturen, die anderen Arten einen Lebensraum bieten</a>“, erklärte Legrand in einer Pressemitteilung des Instituts 2020. So bilden die toten und lebenden segmentierten Rotalgenbüsche ein dichtes Geflecht und wachsen nach oben, dem Licht entgegen – darin ähneln sie tropischen Korallenriffen, nur wesentlich kleiner. Solch ein Garten mit festem Untergrund und vielen Verstecken zieht natürlich viele weitere Arten an und ist dadurch ein Gewusel. Bryozoen (Moostierchen) und Mollusken (Muscheln, Käferschnecken und Schnecken) können weitere wichtige Bestandteile sein. Die sich verhakenden Komponenten bilden z.T. rigide, biostromähnliche (riffartige) Strukturen. Damit bieten sie gerade in den flachen Bereichen der Gezeitenzone einen stabilen Schutz vor der Kraft der Wellen. Dieses Ökosystem ist durch seine Kalkkomponenten gesteinsbildend und die Maerlfazies (Mael-Gestein) an den temperierten nordwesteuropäischen Atlantikküsten weit verbreitet.</p> <p>Die langsam wachsenden Maerl-Beds sind mit ihrem großen Artenreichtums als ökologisch bedeutsam. Sie sind unter anderem wichtige Aufzuchtgebiete auch für <a href="https://www.ospar.org/site/assets/files/44271/maerl_beds.pdf">wirtschaftlich wichtige Mollusken, Krebse und Fische, wie u. a. die OSPAR</a>-Konvention zum Schutz der Nordsee und des Nordostatlantiks feststellt. Da eine hohe Biodiversität – also eine hohe Anzahl verschiedener Arten, Ökosysteme und Genome – den besten Schutz gegen äußere Bedrohungen wie die Klimakrise bietet, ist der Schutz und Erhalt dieser flachen rosaroten Miniriffe eine gute Idee. Darum stehen diese Mini-Kalklandschaften in vielen Regionen unter Schutz.</p> <p>An der langen felsigen Küste Norwegens hingegen waren sie noch wenig erforscht. Legrand und seine Arbeitsgruppe haben dort erstmals systematisch die Ausdehnung dieses Lebensraums katalogisiert und dadurch eine Grundlage für weitere Forschung geschaffen – auch für die mögliche Gefährdung des Maerl durch die immer noch wachsenden Fischzuchten.<aside></aside></p> <h2 id="h-aquakultur-und-maerl"><strong>Aquakultur und Maerl</strong></h2> <p>„Bislang konzentrierte sich die Forschung zur Anfälligkeit von Maerlböden hauptsächlich auf die Auswirkungen des Klimawandels und der Ozeanversauerung.“ erzählt Legrand, der bereits <a href="https://bg.copernicus.org/articles/14/5359/2017/">2017 dazu eine umfassende Studie publiziert hat. Diese Daten </a>stammen aus französischen Gewässern. „Über die Auswirkungen der Aquakultur gibt es nur sehr wenige Forschungsergebnisse, daher sind viele Menschen daran interessiert, was unsere Ergebnisse zeigen werden“ erklärte er das neue Forschungsprojekt 2020.<br></br>Da die Aquakultur – vor allem die Lachszucht – an Norwegens kalten Felsküsten immer noch wächst und ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist, sind deren Auswirkungen auf die Ökosysteme eine wichtige Frage.</p> <p>„Laborstudien haben gezeigt, dass Emissionen [Hier sind Abwasser und Meeresverschmutzung gemeint – <em>Meertext</em>] negative Auswirkungen auf das Wachstum und das Überleben von Kalkalgen haben können. Es ist jedoch wichtig zu untersuchen, wie dies unter natürlichen Bedingungen funktioniert“, sagt die IMR-Forscherin Vivian Husa. Da gerade die Lachszuchten in Nordnorwegen immer noch wachsen und gerade dort küstennah zwischen 0 und 30 Metern Maerlböden gedeihen, sind solche Interaktionen von erheblicher Bedeutung.</p> <p>So haben die Forschenden auf den Lofoten Proben von Maerl-Betten aus Gebieten mit Aquakultur und aus deren Umkreis genommen. So konnten sie analysieren, wie und in welchem Umfang die Kalkalgen und die Tiergemeinschaft in ihrer Umgebung durch Einträge an Nähr- und Schadstoffen aus den Farmen beeinträchtigt werden.</p> <h2 id="h-rotalgen-und-fischfarmen"><strong>Rotalgen und Fischfarmen</strong></h2> <p>Auch vorher war bereits aus anderen Regionen wissenschaftlich nachgewiesen, dass Abwässer aus der Fischzucht die Struktur und Funktionsweise benthischer Ökosysteme verändern. Die Algen der Maerl Beds benötigen Licht für ihre Photosynthese, um zu wachsen. Von Fischfarmen freigesetzte Partikel wie Fischkot und Reste von Nahrungspellets können das Wasser trüben. Dann erhalten die Corallina-Algen weniger Sonnenlicht – das stört oder verhindert gar ihr Wachstum. Unter der Trübung und dem geringeren Corallina-Wachstum leiden dann auch andere Arten dieses besonderen Ökosystems. Gleichzeitig könnte das erhöhte Nährstoffangebot andere Tiere und Pflanzen anlocken und damit das Artengefüge nachhaltig verändern. Meist ersetzen dann wenige, nur wenig spezialisierte und resistentere Arten viele spezialisiertere Arten.</p> <p>In Norwegen haben die jüngsten technologischen Fortschritte in der Lachsindustrie die Ausweitung der Aquakultur auf flachere Standorte erleichtert. Dies hat nachweislich zu einer zusätzlichen Belastung der Küstenlebensräume geführt, <a href="https://hal.science/hal-04934364v1/file/2024_Legrand%20et%20al._AC.pdf">so schreibt das Forschungsteam.</a> Ihre Studie zielte nun darauf ab, solche Umweltveränderungen durch Fischfarmen in ihrer Umgebung zu analysieren und deren konkrete Auswirkungen auf die Struktur und Funktion der Makrofauna-Gemeinschaft in Maerl-Betten zu untersuchen. Da Maerl-/Rhodolith-Betten wichtige Bioingenieure in Küstengewässern sind und eine äußerst vielfältige Makrofauna-Gemeinschaft anziehen, sind die Auswirkungen auf sie besonders stark. Da Maerl ein flaches, langsam wachsendes Ökosystem ist, können Trübstoffe schnell Teile davon „verschütten“ und vom Licht abschneiden.<br></br>Zu viele Nährstoffe durch Fischfutterreste und Kot aus Aquakulturen führen außerdem dazu, dass schnellwüchsigere Grünalgen die langsam wachsenden Rotalgen überwuchern (Das gleiche Problem entsteht auch durch die Einleitung <a href="https://www.bbc.co.uk/news/articles/cp92nxp2gdxo.amp">städtischer und landwirtschaftlicher Abwässer, was gerade </a>rund um die Britischen Inseln zu einem Absterben der Corallina-Ökosysteme führt – <em>Meertext</em>).</p> <p>Für die Analyse nahmen Legrand und sein Team aus Maerlböden entlang von Transekten in drei ausgewählten Aquakulturen und außerhalb der Fischzuchten Bohrkerne. Mit einem <a href="https://www.deutsche-rohstoffagentur.de/DE/BGR/Wissenschaftliche-Infrastruktur/Geologie-Bohrungen/Kartierung_Beprobungsger%C3%A4te/kartierung_beprobung_node.html">Kastengreifer</a> (Box Corer) so stanzten sie in Tiefen zwischen 10 und 27 Metern systematisch 0,1 m2 große Proben des Meeresbodens aus.<br></br>Für jede Farm wurden Makrofauna-Proben entlang dreier Transekte (zwei bis fünf Kerne pro Transekt) genommen. Die Länge und Richtung der Transekte folgten dem Verbreitungsgebiet der Maerlböden. Nur Proben, die lebende oder tote Kalkalgen enthielten, wurden für die Analyse aufbewahrt – insgesamt 41 Kerne.</p> <p>Die untersuchten Maerl-Böden bestanden aus Ansammlungen der corallinen Algenarten <em>Lithothamnion soriferum</em> Kjellman und <em>Lithothamnion glaciale</em> Kjellman (Peña et al., 2021), die kürzlich in <a href="https://www.algaebase.org/search/species/detail/?species_id=189648"><em>Boreolithothamnion soriferum</em></a> (Kjellman) P.W. Gabrielson, Maneveldt, Hughey &amp; V. Peña und <a href="https://www.algaebase.org/search/species/detail/?species_id=189629"><em>Boreolithothamnion glaciale</em></a> (Kjellman) P.W. Gabrielson, Maneveldt, Hughey &amp; V. Peña (Gabrielson et al., 2023) umbenannt wurden. Diese Neubenennung zeigt bereits, dass dieses Forschungsprojekt Grundlagenforschung ist.</p> <p>In der Nähe der Käfige wurden hohe Nährstoffkonzentrationen und organische Anreicherung beobachtet – dort existierte nur noch wenig lebendes Maerl. Die stärksten Einflüsse der Lachszuchtbetriebe auf die Makrofauna-Gemeinschaften beschrieben die Forschenden im Umkreis von 100 Metern um die Netzkäfige. Allerdings konnten sie Veränderungen bis zu einer Entfernung von 300 Metern dokumentieren.</p> <p>In der Nähe der Käfige dominierten in den Lebensgemeinschaften Substratfresser, die in oder auf dem Maerl leben und opportunistischen Arten wie die Borstenwürmer (Polychaeten) <em>Chaetozone sp</em>., <em>Capitella sp</em>. und <em>Scoloplos armiger</em>. Solche Würmer sind <a href="https://www.researchgate.net/publication/45445780_Benthic_polychaetes_as_good_indicators_of_anthropogenic_impact">gute Indikatoren für anthropogenen Einfluß </a> und die dadurch schlechtere Wasserqualität (Auch im Süßwasser werden sie als Zeigerarten für ökologische Wassergüte genutzt – <em>Meertext</em>). Umgekehrt wiesen Standorte, die weiter von den Käfigen entfernt lagen, mehr auf dem Maerl lebende Tiergruppen auf, darunter viele Arten, die empfindlich auf organische Anreicherung und Schadstoffe reagieren. Dort waren Schlangensterne (Ophiuroidea) wie <em>Ophiura robusta</em>, der Borstenwurm <em>Proclea graffi</em> und Muschelkrebschen besonders häufig, die für gute ökologische Bedingungen stehen. </p> <p>Solche signifikanten Unterschiede der Maerl-Bewohner zeigen also klar die Auswirkungen von Aquakulturen. Die Forschenden betonen <a href="https://hal.science/hal-04934364v1/file/2024_Legrand%20et%20al._AC.pdf">mit dieser Arbeit von 2024  und anderen Studien die Bedeutung e</a>iner sorgfältigen Standortauswahl bei der Errichtung neuer Fischzuchtanlagen.</p> <p><a href="https://hal.science/hal-04934364v1/file/2024_Legrand%20et%20al._AC.pdf">In dieser</a> und einer ganzen <a href="https://www.hi.no/en/hi/about-us/employees/erwann-legrand">Reihe weiterer Arbeiten hat die Arbeitsgruppe</a> mittlerweile auch nachgewiesen, wie sich die Lachszucht-Aquakulturen auf einzelne Organismengruppen auswirken. Neben der überreichlichen Nährstoffschwemme aus Resten des ungefressenen Lachsfutters, das nach unten sinkt, haben auch die dort eingesetzten Chemikalien negative Folgen für andere Meeresbewohner.<br></br>Darunter sind Medikamente wie etwa Therapeutika gegen „Fischlaus“-Befall. Solche Parasiten sind kleine Krebse, die sich von außen an die Lachse anheften und sich in die Fische hineinfressen, sie kommen vor allem bei dichtem Fischbesatz und zu warmem Wasser vor. Dazu kommen Schwermetalle, die ebenfalls schädliche Auswirkungen auf Arten sowohl in der Wassersäule als auch in den Sedimenten unterhalb der Käfige haben können. <a href="https://hal.science/hal-04934364v1/file/2024_Legrand%20et%20al._AC.pdf">Die Ergebnisse zeigen für einige Probenstellen</a> eine teils starke Verschmutzung mit Kupfer, das aus kupferhaltigen Antifouling-Farben stammt. Solche Farben werden häufig auf Lachskäfige aufgetragen, um den Bewuchs mit Muscheln, Polypen und anderen Lebewesen zu verhindern. Solche Antifouling-Mittel sind relativ schwer wasserlöslich und reichern sich in der Regel in Sedimenten in der Nähe der Käfige an, sie sind potenzielle Risiken für empfindliche Gruppen wie Algen, Weichtiere und Krebse. Aufgrund dieser schwerwiegenden Auswirkungen empfehlen die Forscher, Lachsfarmen in mindestens 500 Metern Abstand von Maerl-Ökosystemen zu errichten.</p> <h2 id="h-lecker-lachs">Lecker Lachs? </h2> <p>Für mich sind solche Ergebnisse ein klares Signal, dass Aquakulturen zwar den Jagddruck auf Wildbestände nehmen können. Allerdings werden dann für das Futter von Raubfschen wie Lachsen zu oft andere Fischbestände ausgebeutet, die in den marinen Nahrungsketten fehlen und z B ein Grund für das Seevogelsterben im Nordatlantik sind. In s<a href="https://www.gov.scot/publications/sandeel-consultation-review-scientific-evidence/pages/4/">chottischen Gewässern ist die Sandaal-Fischerei zum Schutz</a> von Alkenarten wie Papagientauchern und anderen pelagischen Arten mittlerweile geschlossen worden, in anderen Gewässern jedoch nicht. <br></br>Dazu kommt der ökologische Impact solche Aquakulturen, neben Nährstoffeintrag und Schadstoffen wäre da auch noch die Gefahr von Tierseuchen, die in der Massentierhaltung ausbrechen und dann auch Wildbestände infizieren und dezimieren können. Ein weiterer Aspekt ist noch der Kunststoff-Eintrag durch die Netzkäfige ins Meer.<br></br>Positiv sind Netzkäfige für manche Meerestiere – Robben haben gelernt, Lachs durch die Netzmaschen zu ziehen, Vögel warten auf vorwitzige Fische und auch kleine Wale kommen gern zum Snacken vorbei [auf Teneriffa habe ich mal beobachtet, wie eine Delphinmutter ihrem Jungtier das “Jagen” an einem Netzkäfig voller Doraden beibrachte – <em>Meertext</em>]. Dafür bezahlen Wildtiere allerdings einen hohen Preis – Nahrungsmangel im Meer, Schadstoffe und Plastik sowie die Gefahr des Verhedderns in Netzen. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Kalkalgen-Gärten und Lachszuchten in Norwegen » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Die Reste verkalkte Rotalgen, die wie winzige Riffkorallen aussehen, bilden vor den norwegischen Felsküsten ein besonders Ökosystem – Maerl beds. An der französischen Mittelmeerküste heißt dieses Ökosystem treffend „Coralligène“. Solche Maerlböden (Maerl Beds) sind wenige Zentimeter hohe Lebensräume für eine artenreiche Lebensgemeinschaft wie Muscheln, Seeigel, See- und Schlangensterne sowie Borstenwürmer. Für kleine Organismen ist das Geflecht ein dreidimensionaler Miniatur-Riff-Garten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-25.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="720" sizes="(max-width: 960px) 100vw, 960px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-25.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-25.png 960w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-25-300x225.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-25-768x576.png 768w" width="960"></img></a><figcaption>Maerl, a corraline algae (<a href="https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=User:ArranCOAST&amp;action=edit&amp;redlink=1">ArranCOAST</a>) <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Maerl">(Wikipedia: Maerl)</a> <br></br>(Der hier abgebildete Maerl ist nicht aus norwegischen Gewässern.<br></br>Abbildungen der norwegischen <a href="https://www.hi.no/en/hi/news/2020/july/studying-the-environmental-impacts-on-a-little-known-habitat">Arbeitsgruppe sind hier zu finden</a>)<br></br></figcaption></figure> <p>Der <a href="https://www.hi.no/en/hi/about-us/employees/erwann-legrand">Biologe Erwann Legrand</a> erforscht diese zwar weltweit vorkommenden, aber an der norwegischen Küste noch wenig bekannten Ökosystem für das norwegische <a href="https://www.hi.no/en/hi/about-us/employees/erwann-legrand">Institute of Marine Research.</a> Er ist spezialisiert auf benthische Systeme, also Habitate am Meeresboden und Strand und analysiert die Auswirkungen menschlicher Aktivitäten.<br></br>Er stammt aus Frankreich und hat dort über solche Maerl beds seinen PhD geschrieben, nun leitet er ein Forschungsprojekt in Norwegen dazu. Dazu kartierte die Arbeitsgruppe zunächst Maerl Beds auf den Lofoten, einer Inselgruppe südlich der Vesteralen. “This habitat is probably present in many places along the Norwegian coast north from Trøndelag, perhaps including some of the biggest maerl beds in Europe” meint Erwann Legrand. Es gibt also reichlich zu erforschen!<p>Ich selbst hatte das Coralligène zunächst bei einer Mittelmeer-Exkursion zur Meeresbiologischen Station Banyuls-sur-Mer kennengelernt und bei meiner Tätigkeit als Pottwal-Guide auch vor Norwegen auf den Vesteralen-Inseln gefunden. Als mir bei einer Tour an einen mir noch unbekannten Strand einer unserer Gäste winzige „Korallen“ zeigte und wissen wollte, ob das Riffkorallen seien, musste ich erstmal genauer hingucken. Das sah wirklich wie Miniatur-Korallen aus! Erst als ich mich hinkniete, erkannte ich die rosafarbenen Krusten und fand bei den weniger verkalkten „Korallen“, dass sie aus winzigen einzelnen Gliedern bestehen. Es waren Rotalgen mit segmentiertem Kalkskelett! Auf einigen abgestorbenen Exemplaren hatte sich weiterer Kalk abgelagert, so dass sie an Riffkorallen erinnerten. Allerdings fehlten ihnen weitere typische Korallenmerkmale. </p></p> <h2 id="h-kalkalgen-als-okosystem-ingenieure"><strong>Kalkalgen als Ökosystem-Ingenieure</strong></h2> <p>Maerl (oder Maerl beds) bezeichnet einen flachmarinen, küstennahen Sand oder feines Geröll, der zu mehr als 50%, oft zu mehr als 75% aus verzweigten, lebenden und toten <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Coralline_algae">Corallinaceen (Rotalgen: Rodophyta)</a> besteht. Maerlböden bestehen aus vielen Schichten ausgedehnter Algenkolonien, die felsige Meeresböden in flachen Gewässern als dicke Teppiche oder Krusten überziehen. Das lebende Maerl ist rosa und wächst in immer neuen Generationen auf den toten, weißen Algentrümmern, der Mini-wald wiegt sich mit der Strömung hin und her und bietet einen niedrigen dreidimensionalen Lebensraum eine reiche Artengemeinschaft. Für das Mittelmeer sind die <a href="https://hal.science/hal-02892573/file/2020_Cinar_Aquatic%20conservation,%20marine%20and%20freshwater%20ecosystems_pr_Coralligenous%20assemblages%20along%20their%20geographical%20distributions,%20testing%20of%20concepts%20and%20implications%20for%20management.pdf">solche „Coralligenous“-Lebensgemeinschaften sogar als HotSpots d</a>er Biodiversität besonders geschützt [Was ihnen in Zeiten der Klimakrise und angesichts der Plastikbelastung exakt nichts nützt – <em>Meertext</em>].<br></br>„<a href="https://www.hi.no/en/hi/news/2020/july/studying-the-environmental-impacts-on-a-little-known-habitat">Maerl ist das, was wir als ‚Ökosystemingenieur‘ bezeichnen: Es schafft Strukturen, die anderen Arten einen Lebensraum bieten</a>“, erklärte Legrand in einer Pressemitteilung des Instituts 2020. So bilden die toten und lebenden segmentierten Rotalgenbüsche ein dichtes Geflecht und wachsen nach oben, dem Licht entgegen – darin ähneln sie tropischen Korallenriffen, nur wesentlich kleiner. Solch ein Garten mit festem Untergrund und vielen Verstecken zieht natürlich viele weitere Arten an und ist dadurch ein Gewusel. Bryozoen (Moostierchen) und Mollusken (Muscheln, Käferschnecken und Schnecken) können weitere wichtige Bestandteile sein. Die sich verhakenden Komponenten bilden z.T. rigide, biostromähnliche (riffartige) Strukturen. Damit bieten sie gerade in den flachen Bereichen der Gezeitenzone einen stabilen Schutz vor der Kraft der Wellen. Dieses Ökosystem ist durch seine Kalkkomponenten gesteinsbildend und die Maerlfazies (Mael-Gestein) an den temperierten nordwesteuropäischen Atlantikküsten weit verbreitet.</p> <p>Die langsam wachsenden Maerl-Beds sind mit ihrem großen Artenreichtums als ökologisch bedeutsam. Sie sind unter anderem wichtige Aufzuchtgebiete auch für <a href="https://www.ospar.org/site/assets/files/44271/maerl_beds.pdf">wirtschaftlich wichtige Mollusken, Krebse und Fische, wie u. a. die OSPAR</a>-Konvention zum Schutz der Nordsee und des Nordostatlantiks feststellt. Da eine hohe Biodiversität – also eine hohe Anzahl verschiedener Arten, Ökosysteme und Genome – den besten Schutz gegen äußere Bedrohungen wie die Klimakrise bietet, ist der Schutz und Erhalt dieser flachen rosaroten Miniriffe eine gute Idee. Darum stehen diese Mini-Kalklandschaften in vielen Regionen unter Schutz.</p> <p>An der langen felsigen Küste Norwegens hingegen waren sie noch wenig erforscht. Legrand und seine Arbeitsgruppe haben dort erstmals systematisch die Ausdehnung dieses Lebensraums katalogisiert und dadurch eine Grundlage für weitere Forschung geschaffen – auch für die mögliche Gefährdung des Maerl durch die immer noch wachsenden Fischzuchten.<aside></aside></p> <h2 id="h-aquakultur-und-maerl"><strong>Aquakultur und Maerl</strong></h2> <p>„Bislang konzentrierte sich die Forschung zur Anfälligkeit von Maerlböden hauptsächlich auf die Auswirkungen des Klimawandels und der Ozeanversauerung.“ erzählt Legrand, der bereits <a href="https://bg.copernicus.org/articles/14/5359/2017/">2017 dazu eine umfassende Studie publiziert hat. Diese Daten </a>stammen aus französischen Gewässern. „Über die Auswirkungen der Aquakultur gibt es nur sehr wenige Forschungsergebnisse, daher sind viele Menschen daran interessiert, was unsere Ergebnisse zeigen werden“ erklärte er das neue Forschungsprojekt 2020.<br></br>Da die Aquakultur – vor allem die Lachszucht – an Norwegens kalten Felsküsten immer noch wächst und ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist, sind deren Auswirkungen auf die Ökosysteme eine wichtige Frage.</p> <p>„Laborstudien haben gezeigt, dass Emissionen [Hier sind Abwasser und Meeresverschmutzung gemeint – <em>Meertext</em>] negative Auswirkungen auf das Wachstum und das Überleben von Kalkalgen haben können. Es ist jedoch wichtig zu untersuchen, wie dies unter natürlichen Bedingungen funktioniert“, sagt die IMR-Forscherin Vivian Husa. Da gerade die Lachszuchten in Nordnorwegen immer noch wachsen und gerade dort küstennah zwischen 0 und 30 Metern Maerlböden gedeihen, sind solche Interaktionen von erheblicher Bedeutung.</p> <p>So haben die Forschenden auf den Lofoten Proben von Maerl-Betten aus Gebieten mit Aquakultur und aus deren Umkreis genommen. So konnten sie analysieren, wie und in welchem Umfang die Kalkalgen und die Tiergemeinschaft in ihrer Umgebung durch Einträge an Nähr- und Schadstoffen aus den Farmen beeinträchtigt werden.</p> <h2 id="h-rotalgen-und-fischfarmen"><strong>Rotalgen und Fischfarmen</strong></h2> <p>Auch vorher war bereits aus anderen Regionen wissenschaftlich nachgewiesen, dass Abwässer aus der Fischzucht die Struktur und Funktionsweise benthischer Ökosysteme verändern. Die Algen der Maerl Beds benötigen Licht für ihre Photosynthese, um zu wachsen. Von Fischfarmen freigesetzte Partikel wie Fischkot und Reste von Nahrungspellets können das Wasser trüben. Dann erhalten die Corallina-Algen weniger Sonnenlicht – das stört oder verhindert gar ihr Wachstum. Unter der Trübung und dem geringeren Corallina-Wachstum leiden dann auch andere Arten dieses besonderen Ökosystems. Gleichzeitig könnte das erhöhte Nährstoffangebot andere Tiere und Pflanzen anlocken und damit das Artengefüge nachhaltig verändern. Meist ersetzen dann wenige, nur wenig spezialisierte und resistentere Arten viele spezialisiertere Arten.</p> <p>In Norwegen haben die jüngsten technologischen Fortschritte in der Lachsindustrie die Ausweitung der Aquakultur auf flachere Standorte erleichtert. Dies hat nachweislich zu einer zusätzlichen Belastung der Küstenlebensräume geführt, <a href="https://hal.science/hal-04934364v1/file/2024_Legrand%20et%20al._AC.pdf">so schreibt das Forschungsteam.</a> Ihre Studie zielte nun darauf ab, solche Umweltveränderungen durch Fischfarmen in ihrer Umgebung zu analysieren und deren konkrete Auswirkungen auf die Struktur und Funktion der Makrofauna-Gemeinschaft in Maerl-Betten zu untersuchen. Da Maerl-/Rhodolith-Betten wichtige Bioingenieure in Küstengewässern sind und eine äußerst vielfältige Makrofauna-Gemeinschaft anziehen, sind die Auswirkungen auf sie besonders stark. Da Maerl ein flaches, langsam wachsendes Ökosystem ist, können Trübstoffe schnell Teile davon „verschütten“ und vom Licht abschneiden.<br></br>Zu viele Nährstoffe durch Fischfutterreste und Kot aus Aquakulturen führen außerdem dazu, dass schnellwüchsigere Grünalgen die langsam wachsenden Rotalgen überwuchern (Das gleiche Problem entsteht auch durch die Einleitung <a href="https://www.bbc.co.uk/news/articles/cp92nxp2gdxo.amp">städtischer und landwirtschaftlicher Abwässer, was gerade </a>rund um die Britischen Inseln zu einem Absterben der Corallina-Ökosysteme führt – <em>Meertext</em>).</p> <p>Für die Analyse nahmen Legrand und sein Team aus Maerlböden entlang von Transekten in drei ausgewählten Aquakulturen und außerhalb der Fischzuchten Bohrkerne. Mit einem <a href="https://www.deutsche-rohstoffagentur.de/DE/BGR/Wissenschaftliche-Infrastruktur/Geologie-Bohrungen/Kartierung_Beprobungsger%C3%A4te/kartierung_beprobung_node.html">Kastengreifer</a> (Box Corer) so stanzten sie in Tiefen zwischen 10 und 27 Metern systematisch 0,1 m2 große Proben des Meeresbodens aus.<br></br>Für jede Farm wurden Makrofauna-Proben entlang dreier Transekte (zwei bis fünf Kerne pro Transekt) genommen. Die Länge und Richtung der Transekte folgten dem Verbreitungsgebiet der Maerlböden. Nur Proben, die lebende oder tote Kalkalgen enthielten, wurden für die Analyse aufbewahrt – insgesamt 41 Kerne.</p> <p>Die untersuchten Maerl-Böden bestanden aus Ansammlungen der corallinen Algenarten <em>Lithothamnion soriferum</em> Kjellman und <em>Lithothamnion glaciale</em> Kjellman (Peña et al., 2021), die kürzlich in <a href="https://www.algaebase.org/search/species/detail/?species_id=189648"><em>Boreolithothamnion soriferum</em></a> (Kjellman) P.W. Gabrielson, Maneveldt, Hughey &amp; V. Peña und <a href="https://www.algaebase.org/search/species/detail/?species_id=189629"><em>Boreolithothamnion glaciale</em></a> (Kjellman) P.W. Gabrielson, Maneveldt, Hughey &amp; V. Peña (Gabrielson et al., 2023) umbenannt wurden. Diese Neubenennung zeigt bereits, dass dieses Forschungsprojekt Grundlagenforschung ist.</p> <p>In der Nähe der Käfige wurden hohe Nährstoffkonzentrationen und organische Anreicherung beobachtet – dort existierte nur noch wenig lebendes Maerl. Die stärksten Einflüsse der Lachszuchtbetriebe auf die Makrofauna-Gemeinschaften beschrieben die Forschenden im Umkreis von 100 Metern um die Netzkäfige. Allerdings konnten sie Veränderungen bis zu einer Entfernung von 300 Metern dokumentieren.</p> <p>In der Nähe der Käfige dominierten in den Lebensgemeinschaften Substratfresser, die in oder auf dem Maerl leben und opportunistischen Arten wie die Borstenwürmer (Polychaeten) <em>Chaetozone sp</em>., <em>Capitella sp</em>. und <em>Scoloplos armiger</em>. Solche Würmer sind <a href="https://www.researchgate.net/publication/45445780_Benthic_polychaetes_as_good_indicators_of_anthropogenic_impact">gute Indikatoren für anthropogenen Einfluß </a> und die dadurch schlechtere Wasserqualität (Auch im Süßwasser werden sie als Zeigerarten für ökologische Wassergüte genutzt – <em>Meertext</em>). Umgekehrt wiesen Standorte, die weiter von den Käfigen entfernt lagen, mehr auf dem Maerl lebende Tiergruppen auf, darunter viele Arten, die empfindlich auf organische Anreicherung und Schadstoffe reagieren. Dort waren Schlangensterne (Ophiuroidea) wie <em>Ophiura robusta</em>, der Borstenwurm <em>Proclea graffi</em> und Muschelkrebschen besonders häufig, die für gute ökologische Bedingungen stehen. </p> <p>Solche signifikanten Unterschiede der Maerl-Bewohner zeigen also klar die Auswirkungen von Aquakulturen. Die Forschenden betonen <a href="https://hal.science/hal-04934364v1/file/2024_Legrand%20et%20al._AC.pdf">mit dieser Arbeit von 2024  und anderen Studien die Bedeutung e</a>iner sorgfältigen Standortauswahl bei der Errichtung neuer Fischzuchtanlagen.</p> <p><a href="https://hal.science/hal-04934364v1/file/2024_Legrand%20et%20al._AC.pdf">In dieser</a> und einer ganzen <a href="https://www.hi.no/en/hi/about-us/employees/erwann-legrand">Reihe weiterer Arbeiten hat die Arbeitsgruppe</a> mittlerweile auch nachgewiesen, wie sich die Lachszucht-Aquakulturen auf einzelne Organismengruppen auswirken. Neben der überreichlichen Nährstoffschwemme aus Resten des ungefressenen Lachsfutters, das nach unten sinkt, haben auch die dort eingesetzten Chemikalien negative Folgen für andere Meeresbewohner.<br></br>Darunter sind Medikamente wie etwa Therapeutika gegen „Fischlaus“-Befall. Solche Parasiten sind kleine Krebse, die sich von außen an die Lachse anheften und sich in die Fische hineinfressen, sie kommen vor allem bei dichtem Fischbesatz und zu warmem Wasser vor. Dazu kommen Schwermetalle, die ebenfalls schädliche Auswirkungen auf Arten sowohl in der Wassersäule als auch in den Sedimenten unterhalb der Käfige haben können. <a href="https://hal.science/hal-04934364v1/file/2024_Legrand%20et%20al._AC.pdf">Die Ergebnisse zeigen für einige Probenstellen</a> eine teils starke Verschmutzung mit Kupfer, das aus kupferhaltigen Antifouling-Farben stammt. Solche Farben werden häufig auf Lachskäfige aufgetragen, um den Bewuchs mit Muscheln, Polypen und anderen Lebewesen zu verhindern. Solche Antifouling-Mittel sind relativ schwer wasserlöslich und reichern sich in der Regel in Sedimenten in der Nähe der Käfige an, sie sind potenzielle Risiken für empfindliche Gruppen wie Algen, Weichtiere und Krebse. Aufgrund dieser schwerwiegenden Auswirkungen empfehlen die Forscher, Lachsfarmen in mindestens 500 Metern Abstand von Maerl-Ökosystemen zu errichten.</p> <h2 id="h-lecker-lachs">Lecker Lachs? </h2> <p>Für mich sind solche Ergebnisse ein klares Signal, dass Aquakulturen zwar den Jagddruck auf Wildbestände nehmen können. Allerdings werden dann für das Futter von Raubfschen wie Lachsen zu oft andere Fischbestände ausgebeutet, die in den marinen Nahrungsketten fehlen und z B ein Grund für das Seevogelsterben im Nordatlantik sind. In s<a href="https://www.gov.scot/publications/sandeel-consultation-review-scientific-evidence/pages/4/">chottischen Gewässern ist die Sandaal-Fischerei zum Schutz</a> von Alkenarten wie Papagientauchern und anderen pelagischen Arten mittlerweile geschlossen worden, in anderen Gewässern jedoch nicht. <br></br>Dazu kommt der ökologische Impact solche Aquakulturen, neben Nährstoffeintrag und Schadstoffen wäre da auch noch die Gefahr von Tierseuchen, die in der Massentierhaltung ausbrechen und dann auch Wildbestände infizieren und dezimieren können. Ein weiterer Aspekt ist noch der Kunststoff-Eintrag durch die Netzkäfige ins Meer.<br></br>Positiv sind Netzkäfige für manche Meerestiere – Robben haben gelernt, Lachs durch die Netzmaschen zu ziehen, Vögel warten auf vorwitzige Fische und auch kleine Wale kommen gern zum Snacken vorbei [auf Teneriffa habe ich mal beobachtet, wie eine Delphinmutter ihrem Jungtier das “Jagen” an einem Netzkäfig voller Doraden beibrachte – <em>Meertext</em>]. Dafür bezahlen Wildtiere allerdings einen hohen Preis – Nahrungsmangel im Meer, Schadstoffe und Plastik sowie die Gefahr des Verhedderns in Netzen. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/kalkalgen-gaerten-und-lachszuchten-in-norwegen/#comments 12 Rentiere am Himmel https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/rentiere-am-himmel/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/rentiere-am-himmel/#respond Tue, 30 Dec 2025 10:48:31 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12410 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Sarvvis_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN-768x766.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/rentiere-am-himmel/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Sarvvis_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN.jpg" /><h1>Rentiere am Himmel » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Die IAU “Working Group on Star Names” (WGSN) hat sich dieses Jahr den Schabernack erlaubt, am 25. Dezember vier neue Sternnamen zu publizieren, die “Rentier” heißen. Natürlich sind Astronomen ein seriöses Völkchen und insbesondere die Kulturastronomie ist eine (überwiegend geisteswissenschaftliche) Wissenschaft, in der man mehrere Forschungsdisziplinen kombinieren muss – was bisweilen zu großen Herausforderungen führt. Besonders knifflig wird es natürlich immer dann, wenn man naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Aspekte der Astronomie kombinieren muss/ möchte. </p> <p>Das tut z.B. die “Arbeitsgruppe Sternnamen” der <strong>Internationalen Astronomischen Union (IAU)</strong>, also diejenige globale Instanz, <strong>die (als einzige!) Sterne benennen</strong> darf. </p> <p>Etwa im Monatstakt werden neue ein paar neue Sternnamen im <a href="https://exopla.net/star-names/modern-iau-star-names/">IAU-Catalog of Star Names (CSN)</a> veröffentlicht: typischerweise nur ca. zwei, weil dies eben ein kniffliges Feld ist und diese Arbeitsgruppe erst seit ca. 10 Jahren existiert. Es mussten also viele Methoden erst erfunden und viele Datenressourcen erst erschlossen/ erstellt werden. </p> <h2 id="h-rentier-sterne">Rentier-Sterne</h2> <p>In diesem Jahr (2025) hat die WGSN insgesamt 40 neue Sternnamen publiziert, alle ein Produkt von jahrelanger Forschung in Wissensgeschichte, Ethnologie, Sprachwissenschaften etc. (allmählich beginnen wir zu ernten, was vor ~10 Jahren gesät wurde). Kulturastronomen sind aber auch Menschen(!) und uns sitzt bisweilen ein Schalk im Nacken. 😉 Neben aller Ernsthaftigkeit freuen wir uns auch, wenn wir andere erfreuen können. </p> <p>Das Ergebnis sind vier Rentiere – frisch gepflückt vom Weihnachtshimmel: <aside></aside></p> <h2 id="h-mehr-nachrichten">Mehr Nachrichten</h2> <p>Die Namen “Sarvvis” und “Aldu” sind aus der Sprache und Kultur der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Samen_(Volk)">Samen (auch Sámpi</a> genannt), die im hohen Norden von Skandinavien (Norwegen, Schweden, Finnland) leben. Es ist eine finn-ugrische Sprache. Die moderne Astrophysik verdankt diesem indigenen europäischen Volk jetzt also zwei Sternnamen!</p> <p>Wenn Sie mehr solcher Informationen interessieren, folgen Sie doch gern der IAU-WGSN auf den<a href="https://exopla.net/news/"> Social Media Channels von BlueSky, X und Insta</a>. 🙂 </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Sarvvis_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN.jpg" /><h1>Rentiere am Himmel » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Die IAU “Working Group on Star Names” (WGSN) hat sich dieses Jahr den Schabernack erlaubt, am 25. Dezember vier neue Sternnamen zu publizieren, die “Rentier” heißen. Natürlich sind Astronomen ein seriöses Völkchen und insbesondere die Kulturastronomie ist eine (überwiegend geisteswissenschaftliche) Wissenschaft, in der man mehrere Forschungsdisziplinen kombinieren muss – was bisweilen zu großen Herausforderungen führt. Besonders knifflig wird es natürlich immer dann, wenn man naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Aspekte der Astronomie kombinieren muss/ möchte. </p> <p>Das tut z.B. die “Arbeitsgruppe Sternnamen” der <strong>Internationalen Astronomischen Union (IAU)</strong>, also diejenige globale Instanz, <strong>die (als einzige!) Sterne benennen</strong> darf. </p> <p>Etwa im Monatstakt werden neue ein paar neue Sternnamen im <a href="https://exopla.net/star-names/modern-iau-star-names/">IAU-Catalog of Star Names (CSN)</a> veröffentlicht: typischerweise nur ca. zwei, weil dies eben ein kniffliges Feld ist und diese Arbeitsgruppe erst seit ca. 10 Jahren existiert. Es mussten also viele Methoden erst erfunden und viele Datenressourcen erst erschlossen/ erstellt werden. </p> <h2 id="h-rentier-sterne">Rentier-Sterne</h2> <p>In diesem Jahr (2025) hat die WGSN insgesamt 40 neue Sternnamen publiziert, alle ein Produkt von jahrelanger Forschung in Wissensgeschichte, Ethnologie, Sprachwissenschaften etc. (allmählich beginnen wir zu ernten, was vor ~10 Jahren gesät wurde). Kulturastronomen sind aber auch Menschen(!) und uns sitzt bisweilen ein Schalk im Nacken. 😉 Neben aller Ernsthaftigkeit freuen wir uns auch, wenn wir andere erfreuen können. </p> <p>Das Ergebnis sind vier Rentiere – frisch gepflückt vom Weihnachtshimmel: <aside></aside></p> <h2 id="h-mehr-nachrichten">Mehr Nachrichten</h2> <p>Die Namen “Sarvvis” und “Aldu” sind aus der Sprache und Kultur der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Samen_(Volk)">Samen (auch Sámpi</a> genannt), die im hohen Norden von Skandinavien (Norwegen, Schweden, Finnland) leben. Es ist eine finn-ugrische Sprache. Die moderne Astrophysik verdankt diesem indigenen europäischen Volk jetzt also zwei Sternnamen!</p> <p>Wenn Sie mehr solcher Informationen interessieren, folgen Sie doch gern der IAU-WGSN auf den<a href="https://exopla.net/news/"> Social Media Channels von BlueSky, X und Insta</a>. 🙂 </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/rentiere-am-himmel/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Unzuverlässige Worte oder Vagheit als Chance begreifen https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/unzuverlaessige-worte-oder-vagheit-als-chance-begreifen/ https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/unzuverlaessige-worte-oder-vagheit-als-chance-begreifen/#comments Tue, 30 Dec 2025 09:08:48 +0000 Ekkehard Felder https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/?p=422 <h1>Unzuverlässige Worte oder Vagheit als Chance begreifen » Semantische Wettkämpfe » SciLogs</h1><h2>By Ekkehard Felder</h2><div itemprop="text"> <p>Stellen wir uns folgende Alltagsszene vor: Drei Personen sitzen nach einer Sitzung zusammen, und eine sagt: „Das war eine sehr konsequente Entscheidung.“ Zustimmendes Nicken bei der zweiten (= <a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=parasprache.inc">nichtsprachliche Kommunikation</a>), demonstrativ lautes Seufzen bei der dritten Person<span id="more-422"></span> (= <a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=parasprache.inc">parasprachliche Kommunikation</a>). Beide haben dasselbe Wort gehört (= <a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=parasprache.inc">sprachliche Kommunikation</a>), niemand hat nachgefragt – und dennoch versteht und betont jede etwas anderes. Für die eine bedeutet „konsequent“ vielleicht so etwas wie ,Standhaftigkeit’, für die andere ,Starrsinn’. Schon dieses kleine Exempel zeigt, wie Mehrdeutigkeit bzw. Vagheit in der alltäglichen Kommunikation nicht Ausnahme, sondern Normalfall ist.</p> <h3><strong>Wie eindeutig bzw. uneindeutig sind eigentlich Worte?</strong></h3> <p><a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=sprachzeichen.inc">Sprachliche Zeichen sind nicht eindeutig</a>. Sie tragen keine fest verschraubte Bedeutung in sich, sondern eröffnen einen Bedeutungsraum, der erst im Gebrauch konturiert wird. Genau hier setzt eine der grundlegenden Einsichten der Linguistik an: Das Verhältnis zwischen Ausdrucksseite (Laut- oder Schriftform) und Inhaltsseite (Bedeutung) ist <a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=../../includes/arbitrarietaet.inc">arbiträr, also prinzipiell willkürlich</a> (vgl. Peter Bichsels (1969) Erzählung <a href="http://www.lawrenceglatz.com/germ3230/texte/bichsel1.htm">Ein Tisch ist ein Tisch</a>) – und damit mehr als vage. Nichts im Lautbild von <em>Baum</em> zwingt uns dazu, an einen verholzten, belaubten Organismus zu denken. Andere Sprachen tun es anders – und kommen kommunikativ ans Ziel.</p> <p>Diese Arbitrarität oder Beliebigkeit hätte eigentlich zur Folge, dass sprachliche Verständigung permanent scheitern müsste. Wenn Zeichen keine natürliche Verbindung zu dem haben, was sie bezeichnen, wenn sie zudem mehrdeutig sind und in unterschiedlichen Kontexten Unterschiedliches leisten, warum verstehen wir uns dann überhaupt? </p> <p>Die Antwort ist ebenso banal wie folgenreich: Wir verständigen uns nicht trotz, sondern durch Konventionen. Durch wiederholten, ähnlichen Gebrauch sprachlicher Zeichen in vergleichbaren Kommunikationssituationen entsteht eine Erwartungsstruktur. Wir gehen davon aus, dass andere <em>ungefähr</em> dasselbe meinen wie wir – und dieses Unterstellen von Gemeinsamkeit ist die Voraussetzung dafür, dass Kommunikation gelingt. Besonders interessant ist dabei die hohe Verdichtung komplexer Problemhorizonte in ein bis zwei Wörtern (z.B. „Leitkultur“, „Fake news“). </p> <h3><strong>Wie soll in Anbetracht dieser Umstände Verstehen möglich sein?</strong></h3> <p>Dabei handelt es sich nicht um ein exaktes Verstehen, sondern um ein hinreichendes. Missverständnisse werden nicht erkannt, solange sie den Handlungsfluss nicht stören. Präzisierungen erfolgen nur bei Bedarf. Das Ergebnis ist kein objektives, sondern ein soziales Verstehen: ein Aushandlungsprodukt, das immer vorläufig bleibt. Sprache funktioniert, weil wir ihre Ungenauigkeit pragmatisch abfedern – nicht, weil sie präzise wäre. Kurz gesagt: Im Sprachgebrauch kombinieren wir Komposition (= Zusammenstellung einzelner Elemente zu einem Ganzen) mit Konventionalität (= kompositionelle Verfahren wiederholt automatisiert zur Wirkung bringen).<aside></aside></p> <p>Gerade diese strukturelle Unschärfe gerät jedoch in ein bemerkenswertes Paradox zu Sprachauffassungen, die Wörter als zuverlässige Indikatoren innerer Haltungen, Einstellungen oder gar Gesinnungen lesen wollen. In politischen, medialen oder alltäglichen Kontexten wird häufig so argumentiert, als ließe sich aus der Wortwahl direkt auf Denkweisen schließen. Bestimmte Ausdrücke gelten dann als Beleg für bestimmte Überzeugungen. Sprache wird zur Beweisführung herangezogen – als wäre sie ein eindeutiges Fenster in den Kopf. <a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-scaled.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="200" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" src="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-300x200.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-300x200.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-1024x683.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-768x512.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-1536x1024.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-2048x1365.png 2048w" width="300"></img></a> Und wenn bestimmte Wortabfolgen zu häufig von bestimmten Personen in vergleichbaren Situationen geäußert werden, gilt dies als Beleg für unauthentisches Sprechen (und kulminiert in <a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/verfestigte-sprache/">„Sprech“: Verfestigte Sprache in Medien und Politik</a>).</p> <h3><strong>Wie ist der Widerspruch aufzulösen?</strong></h3> <p>Also wie passt das zusammen? Wenn also Ausdrucks- und Inhaltsseite sprachlicher Zeichen arbiträr, willkürlich oder beliebig sind, wenn ihre Bedeutungen kontextabhängig und konventionell stabilisiert, aber nie eindeutig festgelegt sind, dann kann ein einzelnes Wort kaum als sicherer Marker für eine innere Haltung dienen. Die Zuschreibung von Gesinnungen über Sprache setzt eine Eindeutigkeit voraus, die Sprache strukturell nicht leisten kann. Stein des Anstoßes ist mitunter die starke Metaphorizität bestimmter Ausdrucksweisen mittels Natur‑, Kriegs‑ oder Technikmetaphern (z.B. <em>Rentnerschwemme/Covid-19-Welle/natürliche Marktkräfte</em> oder <em>Preisschlacht/Virusbekämpfung/Wirtschaftskrieg </em>oder <em>Lernmaschine/systemrelevant/Künstliche Intelligenz</em>).  Wer Sprache auf diese Weise liest bzw. reduziert, ignoriert ihre Mehrstimmigkeit und ihre Einbettung in situative, diskursive und soziale Kontexte.</p> <p>Die Konventionalisierung von Worten geschieht durch ihre stetige Zubereitung in wiederkehrenden Kontexten – und zwar durch Rekontextualisierung: dieselben Ausdrücke zirkulieren zwischen Parteien, Medien, sozialen Netzwerken und Alltagskommunikation und verändern unterwegs ihre Bedeutung sukzessive in Nuancen. Sprachökonomisch – also Sprechaufwand und Redewirkung bedenkend – lässt sich dadurch der vage Wortgebrauch problemlos ohne große Reflexion handhaben. Die Schwierigkeiten beginnen erst mit der Sprachreflexion oder dem Versuch, Intentionen zu bestimmen. Unreflektierte Automatismen führen nicht zu Deutungsstreitigkeiten. Erst wenn Störfeuer beim kommunikativen Handeln aufpoppen, wird es herausfordernd.</p> <p>Das heißt nicht, dass Sprache bedeutungslos oder folgenlos wäre – und jede Ausdrucksweise (wie z.B. die infame Spaltungsvokabel “Remigration”) legitim ist. Im Gegenteil: Gerade weil Wortbedeutungen zwischen „automatischer“ Entstehung und öffentlicher Aushandlung angesiedelt sind, benötigen wir sprachliche Diskussionen über Deutung, Angemessenheit und Legitimität (<a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/populistische-rhetorik-versus-strukturelle-dialogizitaet-ein-linguistischer-zwischenruf/">Populistische Rhetorik versus strukturelle Dialogizität</a>). Wörter sind keine neutralen Werkzeuge, aber eben auch keine eindeutigen Beweise. <a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/gute-erkennungszeichen-von-der-fluechtigkeit-des-wortes/">Schlüsselworte</a> (z.B. „Generationengerechtigkeit“) oder gar <a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/wir-schaffen-das-aus-linguistischer-sicht-ein-genialer-satz/">saliente, also im kollektiven Gedächtnis verankerte Sätze</a> (John F. Kennedy (Inaugural Address 1961): „Ask not what your country can do for you; ask what you can do for your country“ oder Willy Brandt (Regierungserklärung 1969): „Wir wollen mehr Demokratie wagen“) sind Einsatzpunkte in semantischen Wettkämpfen, in denen um Interpretationen gerungen wird.</p> <h3><strong>Was bleibt?</strong></h3> <p>Am Ende bleibt eine nüchterne, vielleicht unbequeme Einsicht: <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s41244-022-00267-x">Vagheit als Chance verstehen</a>. Verstehen ist kein Zustand, sondern eine Praxis. Es beruht auf Konventionen, Erwartungen und wechselseitigen Annahmen bzw. Unterstellungen. Wer Sprache benutzt, muss mit Vagheit umgehen und bewegt sich mitunter auf unsicherem Grund – und genau darin liegt ihre gesellschaftliche Dynamik. Trotzdem bleibt eine Robustheit des (tatsächlichen oder vermeintlichen) Verstehens – und zwar aufgrund der angenommenen Voraussetzung, auch das Gegenüber ist an kooperativer Kommunikation interessiert. Die Kontexte helfen bei der Bedeutungspräzisierung, die Worte selbst sind oft unterbestimmt (<a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/vagheit-als-demokratische-chance/">Warum Vagheit der Demokratie dienen kann</a>). Statt nur Eindeutigkeit einzufordern, wäre es produktiver, die Unschärfe sprachlicher Zeichen ernst zu nehmen. Denn nicht trotz, sondern wegen dieser Unschärfe können wir miteinander sprechen. Oder etwas hipper formuliert: <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s41244-022-00267-x">Understanding Vagueness as an Opportunity</a>!</p> <p><u>Anmerkung:</u> Dieser Beitrag entstand mit nicht-intentionaler, nicht-menschlicher und damit un<em>freiwill</em>iger Unterstützung von generativer KI.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Unzuverlässige Worte oder Vagheit als Chance begreifen » Semantische Wettkämpfe » SciLogs</h1><h2>By Ekkehard Felder</h2><div itemprop="text"> <p>Stellen wir uns folgende Alltagsszene vor: Drei Personen sitzen nach einer Sitzung zusammen, und eine sagt: „Das war eine sehr konsequente Entscheidung.“ Zustimmendes Nicken bei der zweiten (= <a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=parasprache.inc">nichtsprachliche Kommunikation</a>), demonstrativ lautes Seufzen bei der dritten Person<span id="more-422"></span> (= <a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=parasprache.inc">parasprachliche Kommunikation</a>). Beide haben dasselbe Wort gehört (= <a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=parasprache.inc">sprachliche Kommunikation</a>), niemand hat nachgefragt – und dennoch versteht und betont jede etwas anderes. Für die eine bedeutet „konsequent“ vielleicht so etwas wie ,Standhaftigkeit’, für die andere ,Starrsinn’. Schon dieses kleine Exempel zeigt, wie Mehrdeutigkeit bzw. Vagheit in der alltäglichen Kommunikation nicht Ausnahme, sondern Normalfall ist.</p> <h3><strong>Wie eindeutig bzw. uneindeutig sind eigentlich Worte?</strong></h3> <p><a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=sprachzeichen.inc">Sprachliche Zeichen sind nicht eindeutig</a>. Sie tragen keine fest verschraubte Bedeutung in sich, sondern eröffnen einen Bedeutungsraum, der erst im Gebrauch konturiert wird. Genau hier setzt eine der grundlegenden Einsichten der Linguistik an: Das Verhältnis zwischen Ausdrucksseite (Laut- oder Schriftform) und Inhaltsseite (Bedeutung) ist <a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=../../includes/arbitrarietaet.inc">arbiträr, also prinzipiell willkürlich</a> (vgl. Peter Bichsels (1969) Erzählung <a href="http://www.lawrenceglatz.com/germ3230/texte/bichsel1.htm">Ein Tisch ist ein Tisch</a>) – und damit mehr als vage. Nichts im Lautbild von <em>Baum</em> zwingt uns dazu, an einen verholzten, belaubten Organismus zu denken. Andere Sprachen tun es anders – und kommen kommunikativ ans Ziel.</p> <p>Diese Arbitrarität oder Beliebigkeit hätte eigentlich zur Folge, dass sprachliche Verständigung permanent scheitern müsste. Wenn Zeichen keine natürliche Verbindung zu dem haben, was sie bezeichnen, wenn sie zudem mehrdeutig sind und in unterschiedlichen Kontexten Unterschiedliches leisten, warum verstehen wir uns dann überhaupt? </p> <p>Die Antwort ist ebenso banal wie folgenreich: Wir verständigen uns nicht trotz, sondern durch Konventionen. Durch wiederholten, ähnlichen Gebrauch sprachlicher Zeichen in vergleichbaren Kommunikationssituationen entsteht eine Erwartungsstruktur. Wir gehen davon aus, dass andere <em>ungefähr</em> dasselbe meinen wie wir – und dieses Unterstellen von Gemeinsamkeit ist die Voraussetzung dafür, dass Kommunikation gelingt. Besonders interessant ist dabei die hohe Verdichtung komplexer Problemhorizonte in ein bis zwei Wörtern (z.B. „Leitkultur“, „Fake news“). </p> <h3><strong>Wie soll in Anbetracht dieser Umstände Verstehen möglich sein?</strong></h3> <p>Dabei handelt es sich nicht um ein exaktes Verstehen, sondern um ein hinreichendes. Missverständnisse werden nicht erkannt, solange sie den Handlungsfluss nicht stören. Präzisierungen erfolgen nur bei Bedarf. Das Ergebnis ist kein objektives, sondern ein soziales Verstehen: ein Aushandlungsprodukt, das immer vorläufig bleibt. Sprache funktioniert, weil wir ihre Ungenauigkeit pragmatisch abfedern – nicht, weil sie präzise wäre. Kurz gesagt: Im Sprachgebrauch kombinieren wir Komposition (= Zusammenstellung einzelner Elemente zu einem Ganzen) mit Konventionalität (= kompositionelle Verfahren wiederholt automatisiert zur Wirkung bringen).<aside></aside></p> <p>Gerade diese strukturelle Unschärfe gerät jedoch in ein bemerkenswertes Paradox zu Sprachauffassungen, die Wörter als zuverlässige Indikatoren innerer Haltungen, Einstellungen oder gar Gesinnungen lesen wollen. In politischen, medialen oder alltäglichen Kontexten wird häufig so argumentiert, als ließe sich aus der Wortwahl direkt auf Denkweisen schließen. Bestimmte Ausdrücke gelten dann als Beleg für bestimmte Überzeugungen. 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Wenn also Ausdrucks- und Inhaltsseite sprachlicher Zeichen arbiträr, willkürlich oder beliebig sind, wenn ihre Bedeutungen kontextabhängig und konventionell stabilisiert, aber nie eindeutig festgelegt sind, dann kann ein einzelnes Wort kaum als sicherer Marker für eine innere Haltung dienen. Die Zuschreibung von Gesinnungen über Sprache setzt eine Eindeutigkeit voraus, die Sprache strukturell nicht leisten kann. Stein des Anstoßes ist mitunter die starke Metaphorizität bestimmter Ausdrucksweisen mittels Natur‑, Kriegs‑ oder Technikmetaphern (z.B. <em>Rentnerschwemme/Covid-19-Welle/natürliche Marktkräfte</em> oder <em>Preisschlacht/Virusbekämpfung/Wirtschaftskrieg </em>oder <em>Lernmaschine/systemrelevant/Künstliche Intelligenz</em>).  Wer Sprache auf diese Weise liest bzw. reduziert, ignoriert ihre Mehrstimmigkeit und ihre Einbettung in situative, diskursive und soziale Kontexte.</p> <p>Die Konventionalisierung von Worten geschieht durch ihre stetige Zubereitung in wiederkehrenden Kontexten – und zwar durch Rekontextualisierung: dieselben Ausdrücke zirkulieren zwischen Parteien, Medien, sozialen Netzwerken und Alltagskommunikation und verändern unterwegs ihre Bedeutung sukzessive in Nuancen. Sprachökonomisch – also Sprechaufwand und Redewirkung bedenkend – lässt sich dadurch der vage Wortgebrauch problemlos ohne große Reflexion handhaben. Die Schwierigkeiten beginnen erst mit der Sprachreflexion oder dem Versuch, Intentionen zu bestimmen. Unreflektierte Automatismen führen nicht zu Deutungsstreitigkeiten. Erst wenn Störfeuer beim kommunikativen Handeln aufpoppen, wird es herausfordernd.</p> <p>Das heißt nicht, dass Sprache bedeutungslos oder folgenlos wäre – und jede Ausdrucksweise (wie z.B. die infame Spaltungsvokabel “Remigration”) legitim ist. Im Gegenteil: Gerade weil Wortbedeutungen zwischen „automatischer“ Entstehung und öffentlicher Aushandlung angesiedelt sind, benötigen wir sprachliche Diskussionen über Deutung, Angemessenheit und Legitimität (<a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/populistische-rhetorik-versus-strukturelle-dialogizitaet-ein-linguistischer-zwischenruf/">Populistische Rhetorik versus strukturelle Dialogizität</a>). Wörter sind keine neutralen Werkzeuge, aber eben auch keine eindeutigen Beweise. <a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/gute-erkennungszeichen-von-der-fluechtigkeit-des-wortes/">Schlüsselworte</a> (z.B. „Generationengerechtigkeit“) oder gar <a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/wir-schaffen-das-aus-linguistischer-sicht-ein-genialer-satz/">saliente, also im kollektiven Gedächtnis verankerte Sätze</a> (John F. Kennedy (Inaugural Address 1961): „Ask not what your country can do for you; ask what you can do for your country“ oder Willy Brandt (Regierungserklärung 1969): „Wir wollen mehr Demokratie wagen“) sind Einsatzpunkte in semantischen Wettkämpfen, in denen um Interpretationen gerungen wird.</p> <h3><strong>Was bleibt?</strong></h3> <p>Am Ende bleibt eine nüchterne, vielleicht unbequeme Einsicht: <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s41244-022-00267-x">Vagheit als Chance verstehen</a>. Verstehen ist kein Zustand, sondern eine Praxis. Es beruht auf Konventionen, Erwartungen und wechselseitigen Annahmen bzw. Unterstellungen. Wer Sprache benutzt, muss mit Vagheit umgehen und bewegt sich mitunter auf unsicherem Grund – und genau darin liegt ihre gesellschaftliche Dynamik. Trotzdem bleibt eine Robustheit des (tatsächlichen oder vermeintlichen) Verstehens – und zwar aufgrund der angenommenen Voraussetzung, auch das Gegenüber ist an kooperativer Kommunikation interessiert. Die Kontexte helfen bei der Bedeutungspräzisierung, die Worte selbst sind oft unterbestimmt (<a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/vagheit-als-demokratische-chance/">Warum Vagheit der Demokratie dienen kann</a>). Statt nur Eindeutigkeit einzufordern, wäre es produktiver, die Unschärfe sprachlicher Zeichen ernst zu nehmen. Denn nicht trotz, sondern wegen dieser Unschärfe können wir miteinander sprechen. Oder etwas hipper formuliert: <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s41244-022-00267-x">Understanding Vagueness as an Opportunity</a>!</p> <p><u>Anmerkung:</u> Dieser Beitrag entstand mit nicht-intentionaler, nicht-menschlicher und damit un<em>freiwill</em>iger Unterstützung von generativer KI.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/unzuverlaessige-worte-oder-vagheit-als-chance-begreifen/#comments 7 Einmal tief einatmen bitte! Wie beeinflusst Atmung unser Gehirn? https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/einmal-tief-einatmen-bitte-wie-beeinflusst-atmung-unser-gehirn/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/einmal-tief-einatmen-bitte-wie-beeinflusst-atmung-unser-gehirn/#comments Mon, 29 Dec 2025 06:00:00 +0000 Luisa Sophie Engelke https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5392 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/chetalalala-768x768.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/einmal-tief-einatmen-bitte-wie-beeinflusst-atmung-unser-gehirn/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/chetalalala.jpg" /><h1>Einmal tief einatmen bitte! Wie beeinflusst Atmung unser Gehirn? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Luisa Sophie Engelke</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <blockquote> <blockquote> <blockquote> <p>Wie du atmest, so lebst du.</p> <cite>Andreas Tenzer, 2019</cite></blockquote> </blockquote> </blockquote> <p>Dieser Spruch könnte wahrer sein, als man denkt, und die Wissenschaft ist gerade dabei, dem auf den Grund zu gehen. Eines der heißesten Forschungsthemen in der Neurophysiologie ist aktuell die Verbindung von Herz und Gehirn. Es ist ja schon länger bekannt, dass unser Gehirn über den Vagusnerv Einfluss auf unser Herz nimmt, aber was ist eigentlich mit dem Weg andersherum? Wie sieht der Weg vom Herzen zum Hirn aus? Es zeigt sich immer deutlicher: Informationen aus dem Herzen werden über aufsteigende Nervenbahnen direkt ins Gehirn geleitet und beeinflussen dort Aufmerksamkeit, Emotionen und kognitive Leistungsfähigkeit.</p> <p><br></br>Und genau hier kommt die Atmung ins Spiel. Mit gezielten Atemtechniken lässt sich nicht nur der Herzrhythmus beruhigen, sondern auch die Aktivität des Gehirns positiv beeinflussen! Doch wie funktioniert das alles nun im Detail?</p> <h3 id="h-wie-funktioniert-die-atmung">Wie funktioniert die Atmung?</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12849230_15_inhale-exhale-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1125" sizes="(max-width: 2000px) 100vw, 2000px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12849230_15_inhale-exhale-1-edited.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12849230_15_inhale-exhale-1-edited.jpg 2000w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12849230_15_inhale-exhale-1-edited-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12849230_15_inhale-exhale-1-edited-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12849230_15_inhale-exhale-1-edited-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12849230_15_inhale-exhale-1-edited-1536x864.jpg 1536w" title="Atmung" width="2000"></img></a></figure></div> <p>Einatmen – ausatmen – einatmen – ausatmen. Wir machen es schätzungsweise 20.000-mal am Tag, meistens, ohne direkt darüber nachzudenken [2]. Die Atmung wird von unserem <strong>autonomen Nervensystem</strong> gesteuert, also dem Teil des Nervensystems, welches wir nicht bewusst bemerken. Das autonome Nervensystem ist also dafür zuständig, lebenswichtige Körperfunktionen, wie Herzschlag oder Verdauung, für uns zu steuern, sodass wir uns auf wichtigere Dinge konzentrieren können. Denn stellt euch nur mal vor, ihr müsstet aktiv über jeden einzelnen Atemzug nachdenken!</p> <p>Obwohl der Prozess der Atmung hauptsächlich automatisch abläuft, können wir sie aber auch bewusst steuern: Wir können besonders tief einatmen, die Luft anhalten, oder auch einen bewussten Rhythmus selbst wählen. Und genau das scheint mehr Vorteile zu haben, als man denken könnte.<aside></aside></p> <p>Gesteuert wird die Atmung im Hirnstamm [3]. Dort registrieren spezialisierte Nervenzellen, wie viel Sauerstoff und Kohlendioxid im Blut vorhanden ist, und passen die Atemfrequenz entsprechend an.</p> <h3 id="h-lunge-zu-herz">Lunge zu Herz</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/138419226_5d7bc13e-fe48-442a-8630-fd71b6b7c91e-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="964" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/138419226_5d7bc13e-fe48-442a-8630-fd71b6b7c91e-1024x964.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/138419226_5d7bc13e-fe48-442a-8630-fd71b6b7c91e-1024x964.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/138419226_5d7bc13e-fe48-442a-8630-fd71b6b7c91e-300x282.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/138419226_5d7bc13e-fe48-442a-8630-fd71b6b7c91e-768x723.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/138419226_5d7bc13e-fe48-442a-8630-fd71b6b7c91e-1536x1446.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/138419226_5d7bc13e-fe48-442a-8630-fd71b6b7c91e-2048x1928.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Dabei spielt unser Herz eine zentrale Rolle – denn die Atmung beeinflusst das Herz, und das Herz wiederum wirkt direkt auf das Gehirn. Die Atmung hat tatsächlich direkten Einfluss auf unser Herz. Wenn wir einatmen, beschleunigt sich unsere Herzfrequenz und das Herz schlägt schneller. Beim Ausatmen passiert genau das Gegenteil, die Herzfrequenz wird verlangsamt. Diesen Prozess nennt man <strong>respiratorische Sinusarrhythmie</strong>.  </p> <p>Es ist ein wunderbares Beispiel für das Gegenspielerprinzip von <strong>Sympathikus</strong> und <strong>Parasympathikus</strong>. Der Sympathikus lässt das Herz schneller schlagen, und der Parasympathikus beruhigt die Herzrate danach wieder.  Langsames Atmen hat nicht nur Einfluss auf die Herzrate, sondern auch auf die <strong>Herzvariabilität</strong>, welche beschreibt, wie die zeitlichen Abstände zwischen den einzelnen Herzschlägen sind. Denn entgegen der allgemeinen Annahme, dass das Herz wie ein Metronom immer genau im gleichen Takt schlägt, ist es tatsächlich nicht so! Mal sind es 0.9 Sekunden, mal 1.2 Sekunden, mal 0.95 Sekunden, die zwischen den Herzschlägen vergehen – und genau das ist auch gut so und zeigt, dass der Parasympathikus aktiv und das Herz gesund und anpassungsfähig ist!</p> <h3 id="h-herz-zu-hirn">Herz zu Hirn</h3> <p>Realisiert wird die Informationsleitung vom Herz zum Gehirn durch den berühmten <strong>Vagusnerv</strong>, der Hauptnerv des parasympathischen Systems, der aus dem Hirnstamm entspringt. Er besteht zu 70-90 % aus afferenten Fasern, also Fasern, die Informationen vom Körper ins Gehirn senden. Er wird auch der „wandernde Nerv“ genannt und sendet Informationen von Lunge, Herz und sogar vom Darm in das Gehirn [4]. Somit stellt der Vagusnerv die Hauptverbindung zwischen Herz und Gehirn dar und ist damit Teil des <strong>zentralen autonomen Netzwerks</strong> (central autonomic network) des Körpers [5]. Was genau der Darm damit zu tun hat, könnt ihr gerne in diesem Blogeintrag lesen:</p> <figure></figure> <p>Eine starke Vagusnerv-Aktivität heißt, dass der Parasympathikus aktiv ist. Dies resultiert darin, dass die Verdauung angekurbelt wird, die Herzrate und der Blutdruck sinken und man sich entspannt und gelassen fühlt [6]. Wenn man nun langsam und ruhig atmet, sendet der Vagusnerv Informationen des langsam schlagenden Herzens an das Hirn und teilt diesem mit, dass man in Sicherheit ist keine Gefahr besteht. Langsames Atmen sorgt daher durch die Anpassung des Herzens für eine verstärkte Aktivierung des Vagusnervs, welches den Parasympathikus erhöht [7].</p> <p>Konkret heißt das also: Eine hohe Aktivität des Vagusnervs steht für eine starke parasympathische Regulation und lässt unsern Körper in einen entspannteren Modus fallen. Den Vagusnerv kann man übrigens auch gezielt stimulieren kann. Falls ihr wissen wollt, wie, schaut gerne hier vorbei:</p> <figure></figure> <p>Jetzt wissen wir, dass langsames Atmen unser Herz und unseren Körper in eine Ruhemodus bringt. Aber was passiert noch so?</p> <h3 id="h-klarer-kopf-durch-atmung">Klarer Kopf durch Atmung</h3> <p>Mal abgesehen von den positiven Effekten, die langsames Atmen wie bereits beschrieben auf Herzrate und Blutdruck hat, gibt es durchaus noch mehr Vorteile.</p> <p>Im Gehirn werden die Informationen vom Vagusnerv zuerst im sogenannten <strong>Nucleus tractus solitarius </strong>(NTS) im Hirnstamm eingeordnet. Dort wird registriert, wie die aktuelle körperliche Lage ist, bei einer niedrigen Atmung also „alles ist sicher, uns geht es gut“. Der NTS ist die zentrale Umschaltstelle und leitet die Informationen über die niedrige Herzrate und hohe Herzvariabilität unter anderem in den Präfrontalkortex, der Insula, und dem anterioren singulären Kortex weiter, Areale, die besonders bei Aufmerksamkeit Exekutivfunktionen und Arbeitsgedächtnis aktiv sind [8].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/24202329_6894714.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/24202329_6894714-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/24202329_6894714-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/24202329_6894714-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/24202329_6894714-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/24202329_6894714-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/24202329_6894714-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/24202329_6894714.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Viele Studien zeigen, dass langsame Atmung das Kortisol-Level senken und damit subjektive Stressempfinden reduzieren kann [9]. Eine große Studie zeigte, dass langsames Atmen über 12 Wochen signifikant die subjektive Stresswahrnehmung senken konnte [10]. Studien, die Teilnehmer nach anstrengender (stressiger) körperlicher Aktivität testeten, fanden heraus, dass die Teilnehmer der langsamen Atemgruppe ein ruhigeres EEG Signal hatten und auch die HRV war gestiegen im Vergleich zur Kontrollgruppe, was auf eine bessere Erholung hindeutet [11]. Generell berichten viele Teilnehmer, dass ein längeres langsames Atemtraining zu weniger Angstgefühlen und besserer Stimmung führte [12]. Wenn man also gestresst ist, die Arbeit einem über den Kopf wächst oder man einfach mal überfordert ist, dann ist das gute alte Sprichwort “Erst mal tief durchatmen!” tatsächlich nicht einfach so dahergesagt, sondern bewirkt messbare körperliche Effekte!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6703745_3378282-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6703745_3378282-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6703745_3378282-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6703745_3378282-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6703745_3378282-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6703745_3378282-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6703745_3378282-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Vom Hirnstamm aus reichen noch weitere Verbindungen in den präfrontalen Kortex, wo die Informationen der parasympathischen Aktivität ebenfalls verarbeitet werden. Studien erforschen derzeit, welchen Effekt langsames Atmen auf kognitive Fähigkeiten hat. Stand jetzt kann man vorsichtig optimistisch sagen, dass langsames Atmen <strong>Aufmerksamkeit</strong>, <strong>Arbeitsgedächtnis</strong> und <strong>kognitive Kontrolle</strong> erhöhen kann [13], [14], [15]. Auch die inhibitorische Kontrolle als auch Emotionsregulation in speziellen kognitiven Tests konnte deutlich gebessert werden, wenn Atemübungen gemacht wurden [16], [17]. Da bisher jedoch vor allem kurzfristige Verbesserungen gut belegt sind, braucht es weitere Forschung zu langfristigen Effekten.</p> <p><a></a>Doch wie langsam soll man denn nun eigentlich atmen?</p> <h3 id="h-die-resonanzatmung">Die Resonanzatmung</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38729151_8680947.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38729151_8680947-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38729151_8680947-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38729151_8680947-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38729151_8680947-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38729151_8680947-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38729151_8680947-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38729151_8680947.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Studien beschäftigen sich aktuell immer mehr mit der Frage, welche Atemübung wohl am effektivsten ist. Es gibt viele verschiedene Ansätze, etwa die <strong>Box Breathing Methode</strong> (4 Sekunden einatmen → 4 halten → 4 ausatmen → 4 halten), <strong>die 4-7-8 Methode</strong> (4 Sekunden einatmen → 7 halten → 8 ausatmen), oder auch spezielle Methoden wie <strong>Nostril-Breathing</strong> (abwechselnd durch ein Nasenloch ein- und wieder ausatmen) [18], [19]. Doch durch das steigende Interesse an der Herz-Hirn Interaktion ist eine andere Atemtechnik sehr in den Vordergrund gerückt: die sogenannte <strong>Resonanzfrequenz-Atmung</strong>.</p> <p>Resonanzfrequenz-Atmung ist eine gezielte langsame Atemtechnik, bei der man in einem Atem-Tempo atmet, welches der individuellen Resonanzfrequenz des Herz-Kreislauf-Systems entspricht. Das Tempo ist für jeden leicht unterschiedlich, im Schnitt sind es aber meist etwa 5–7 Atemzüge pro Minute [6]. Das heißt zum Beispiel: 5 Sekunden einatmen, 5 Sekunden ausatmen, sodass man auf 6 Atemzüge pro Minute kommt. Dies ist also eine deutlich langsamere Frequenz als ca. 12 Atemzüge pro Minute, was wir durchschnittlich an den Tag legen [2].</p> <p>Probiert es doch einfach mal aus: für eine Minute 5 Sekunden ein-, und 5 Sekunden wieder ausatmen! Los geht’s!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6914664_3467216-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6914664_3467216-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6914664_3467216-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6914664_3467216-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6914664_3467216-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6914664_3467216-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6914664_3467216-2048x1365.jpg 2048w" title="Resonanzfrequenz-Atmung Beispielbild" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Was jetzt passiert ist eine Synchronisation (Resonanz) von Atmung, Herzfrequenz und Blutdruck im Körper. Der Herzschlag wird durch die spezielle Atemtechnik angepasst: Das Herz schlägt langsamer und stabiler. Forschende sind aktuell der Meinung, dass diese spezielle Technik die Herzvariabilität am stärksten erhöhen kann, und somit die besten Effekte auf das Gehirn hat.</p> <p>RFB ist eine sehr vielversprechende Atemtechnik, aber auch andere langsame Atemübungen aktivieren den Parasympathikus und bringen ähnliche Vorteile für Körper und Gehirn. Am Ende zählt vor allem, welche Form des Atmens für einen selbst am besten funktioniert. Mehrere Studien konnten zeigen, dass schon 5 Minuten Atemübungen pro Tag sich nicht nur positiv auf unsere Stimmung, sondern auch auf das Herzkreislaufsystem auswirken [20], [21]! Also: </p> <p>Ran ans Atmen!</p> <h3 id="h-fazit">Fazit</h3> <p>Langsames Atmen aktiviert unsern Parasympathikus, welcher die Herzrate und den Blutdruck erniedrigt und unsere Herzvariabilität verbessert. Diese physiologischen Veränderungen werden durch den Vagusnerv direkt in das Gehirn geleitet und wirken dort auf die neuronalen Netzwerke, die an Emotionen, kognitiver Kontrolle und Gemütszustand wirken!</p> <p>Unsere Atmung gezielt langsamer zu steuern hat viele positive Effekte, und dabei ist es so eine einfache Methode. Keine Medikamente nötig, kein Arzt – einfach nur 5 Minuten täglich sich Zeit für sich und seine Atmung nehmen und spüren, was die Atmung mit einem macht!</p> <p>Auch wenn die Forschung bis jetzt vor allem kurzzeitige Effekte messen konnte, ist langsames Atmen eine weiterhin vielversprechende Methode. Sie hat das Potenzial, sowohl ergänzend zu anderen Therapien eingesetzt zu werden, etwa zur Vorbeugung von Demenz oder bei psychischen Erkrankungen, als auch im Alltag, um in stressigen Momenten wieder Ruhe zu finden und den Fokus zurückzugewinnen.</p> <p>Also: vielleicht sollten wir alle uns mehr Zeit im Alltag für uns nehmen und einfach mal anfangen, ganz bewusst gaaaanz tief ein- … und wieder auszuatmen.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881039_1f59c519-c945-4019-8923-d32ad1954a54-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881039_1f59c519-c945-4019-8923-d32ad1954a54-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881039_1f59c519-c945-4019-8923-d32ad1954a54-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881039_1f59c519-c945-4019-8923-d32ad1954a54-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881039_1f59c519-c945-4019-8923-d32ad1954a54-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881039_1f59c519-c945-4019-8923-d32ad1954a54-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881039_1f59c519-c945-4019-8923-d32ad1954a54-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881039_1f59c519-c945-4019-8923-d32ad1954a54-2048x2048.jpg 2048w" title="langsames atmen" width="1024"></img></a></figure></div> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>[1]          ‘Zitat über Atmung: Wie du atmest, so lebst du.’, Zitate – Aphorismen – Lebensweisheiten. Accessed: Nov. 30, 2025. [Online]. Available: https://zitate-aphorismen.de/zitat/wie-du-atmest-so-lebst-du/</li> <li>[2]          ‘Tief Luft holen: Wie gesund ist Ihre Atemfrequenz?’ Accessed: Dec. 12, 2025. [Online]. Available: https://www.gesund-bleiben.de/news/details/id/125/</li> <li>[3]          K. Ikeda <em>et al.</em>, ‘The respiratory control mechanisms in the brainstem and spinal cord: integrative views of the neuroanatomy and neurophysiology’, <em>The Journal of Physiological Sciences</em>, vol. 67, no. 1, pp. 45–62, Jan. 2017, doi: 10.1007/s12576-016-0475-y.</li> <li>[4]          ‘Vagus Nerve: What It Is, Function, Location &amp; Conditions’, Cleveland Clinic. Accessed: Dec. 12, 2025. [Online]. Available: https://my.clevelandclinic.org/health/body/22279-vagus-nerve</li> <li>[5]          A. Huber, J. Koenig, B. Bruns, M. Bendszus, H.-C. Friederich, and J. J. Simon, ‘Brain activation and heart rate variability as markers of autonomic function under stress’, <em>Sci Rep</em>, vol. 15, p. 28114, Aug. 2025, doi: 10.1038/s41598-025-12430-8.</li> <li>[6]          P. R. Steffen, T. Austin, A. DeBarros, and T. Brown, ‘The Impact of Resonance Frequency Breathing on Measures of Heart Rate Variability, Blood Pressure, and Mood’, <em>Front. Public Health</em>, vol. 5, Aug. 2017, doi: 10.3389/fpubh.2017.00222.</li> <li>[7]          M. A. Russo, D. M. Santarelli, and D. O’Rourke, ‘The physiological effects of slow breathing in the healthy human’, <em>Breathe</em>, vol. 13, no. 4, pp. 298–309, Nov. 2017, doi: 10.1183/20734735.009817.</li> <li>[8]          A. Schumann, F. de la Cruz, S. Köhler, L. Brotte, and K.-J. Bär, ‘The Influence of Heart Rate Variability Biofeedback on Cardiac Regulation and Functional Brain Connectivity’, <em>Front Neurosci</em>, vol. 15, p. 691988, 2021, doi: 10.3389/fnins.2021.691988.</li> <li>[9]          P. Gonçalves <em>et al.</em>, ‘Effects on Heart Rate Variability and Salivary Cortisol of Slow Paced Breathing for Stress Management’, in <em>2025 6th International Conference on Bio-engineering for Smart Technologies (BioSMART)</em>, May 2025, pp. 1–4. doi: 10.1109/BioSMART66413.2025.11046095.</li> <li>[10]       G. Birdee <em>et al.</em>, ‘Slow breathing for reducing stress: The effect of extending exhale’, <em>Complementary Therapies in Medicine</em>, vol. 73, p. 102937, May 2023, doi: 10.1016/j.ctim.2023.102937.</li> <li>[11]       ‘Effects of deep and slow breathing on stress stimulation caused by high-intensity exercise in healthy adults: Psychology, Health &amp; Medicine: Vol 26, No 9’. Accessed: Dec. 12, 2025. [Online]. Available: https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/13548506.2020.1786138</li> <li>[12]       G. W. Fincham, C. Strauss, and K. Cavanagh, ‘Effect of coherent breathing on mental health and wellbeing: a randomised placebo-controlled trial’, <em>Sci Rep</em>, vol. 13, no. 1, p. 22141, Dec. 2023, doi: 10.1038/s41598-023-49279-8.</li> <li>[13]       M. P. Bonomini, M. V. Calvo, A. D. Morcillo, F. Segovia, J. M. F. Vicente, and E. Fernandez-Jover, ‘The Effect of Breath Pacing on Task Switching and Working Memory’, <em>Int J Neural Syst</em>, vol. 30, no. 6, p. 2050028, June 2020, doi: 10.1142/S0129065720500288.</li> <li>[14]       S. Deepeshwar and R. B. Budhi, ‘Slow yoga breathing improves mental load in working memory performance and cardiac activity among yoga practitioners’, <em>Front Psychol</em>, vol. 13, p. 968858, 2022, doi: 10.3389/fpsyg.2022.968858.</li> <li>[15]       J. J. Pilcher <em>et al.</em>, ‘Brief slow-paced breathing improves working memory, mood, and stress in college students’, <em>Anxiety, Stress, &amp; Coping</em>, vol. 38, no. 5, pp. 528–543, Sept. 2025, doi: 10.1080/10615806.2025.2505897.</li> <li>[16]       S. Hoffmann, L. T. Jendreizik, U. Ettinger, and S. Laborde, ‘Keeping the pace: The effect of slow-paced breathing on error monitoring’, <em>International Journal of Psychophysiology</em>, vol. 146, pp. 217–224, Dec. 2019, doi: 10.1016/j.ijpsycho.2019.10.001.</li> <li>[17]       L. B. F. Kurdziel, L. McDevitt, and C. Hardway, ‘Acute Effects of Slow-Paced Breathing on Emotion Regulation: A Pilot Study’, <em>Psychol Rep</em>, p. 332941251329856, Apr. 2025, doi: 10.1177/00332941251329856.</li> <li>[18]       S. Ghiya, ‘Alternate nostril breathing: a systematic review of clinical trials’, <em>Int J Res Med Sci</em>, vol. 5, no. 8, p. 3273, July 2017, doi: 10.18203/2320-6012.ijrms20173523.</li> <li>[19]       ‘Box breathing or six breaths per minute: Which strategy improves athletes post-HIIT cardiovascular recovery? | PLOS One’. Accessed: Dec. 12, 2025. [Online]. Available: https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0336615</li> <li>[20]       M. Y. Balban <em>et al.</em>, ‘Brief structured respiration practices enhance mood and reduce physiological arousal’, <em>Cell Reports Medicine</em>, vol. 4, no. 1, p. 100895, Jan. 2023, doi: 10.1016/j.xcrm.2022.100895.</li> <li>[21]       M. Woo and T. Kim, ‘Effects of slow-paced breathing and humming breathing on heart rate variability and affect: a pilot investigation’, <em>Physiology &amp; Behavior</em>, vol. 299, p. 114972, Oct. 2025, doi: 10.1016/j.physbeh.2025.114972.</li> </ul> <h3 id="h-bildquellen">Bildquellen</h3> <ul> <li>Titelbild: generiert mit GPT 5.1</li> <li>Abbildung 1: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/frauen-die-einatmen-atmen-aus-um-einen-ruhigen-stressabbau-zu-erreichen_12849230.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=ab7923a3-f9dd-4771-8a05-f8ce667f7c65&amp;query=breathing">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 2: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/herz-mit-herzschlaglinie_138419226.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=6&amp;uuid=b88d39f5-adb6-43e9-8376-23c9523affb9&amp;query=heart+rate">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 3: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/menschliche-organe-flach-2x2-satz-quadratischer-kompositionen-mit-floralen-elementen-und-farbigen-gliedmassen-innere-organe-vektorillustration_31643733.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=6&amp;uuid=07802ba1-f8d7-4249-afbd-a702054c0a70&amp;query=lungs+and+heart">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 4: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/flache-herbstillustration_18894869.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=45&amp;uuid=2d3e4323-3786-4ab7-94ef-4c978191c888&amp;query=relaxed">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 5: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/gehirn-menschliche-anatomie-biologie-organe-koerpersysteme-gesundheitswesen-und-medizin-handgezeichnete-cartoon-kunstillustrationen_19613551.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=7852aeeb-c39b-4aa0-afe0-a48cddb2332f&amp;query=brain">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 6: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/hand-gezeichnetes-flaches-design-ueberwaeltigte-leuteillustration_24202329.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=5&amp;uuid=48857758-67de-434d-a2e9-5fabf05547b1&amp;query=stress">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 7: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/erwachsener-mann-multitasking-konzept_6703745.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=d79771fc-1fce-4513-b2c1-705a122a0143&amp;query=productive">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 8: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/komplimentillustration-des-flachen-designs_38729151.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=33&amp;uuid=ab7923a3-f9dd-4771-8a05-f8ce667f7c65&amp;query=breathing">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 9: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/buntes-ausgleichswellenhintergrunddesign_6914664.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=34&amp;uuid=5f45ecf7-0c6c-4f2c-b0a8-6122408a7c42&amp;query=frequencies">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 10: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/schoene-frau-mit-braunen-haaren_136881039.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=f8e8640d-9ac4-4149-8c29-925675df8e2d&amp;query=closed+eyes">Bildquelle</a></li> </ul> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Engelke_Luisa-Sophie-scaled-1-200x200.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Engelke_Luisa-Sophie-scaled-1-400x400.jpg 2x" width="200"></img> <p>Mein Name ist Luisa Sophie Engelke und ich studiere Neurowissenschaften im Master an der Georg-August-Universität Göttingen. Nach meinem Biologiestudium wurde mir bewusst, dass mich insbesondere die kognitiven Neurowissenschaften faszinieren – vor allem die Schnittstellen zur Psychologie und Pharmakologie. Durch mein aktuelles Studium lerne ich immer wieder neue Facetten der Neurowissenschaften kennen, die mich inspirieren und faszinieren. Ich hoffe, meine Begeisterung in meinen Blogeinträgen mit euch teilen zu können und wünsche viel Spaß beim Lesen.</p> </div> </div> </article> <section> <div> <aside id="block-3"> <p>HIRN UND WEG ist der Neuroblog der <a href="https://www.ghst.de"><strong><mark>Gemeinnützigen Hertie-Stiftung</mark></strong></a> , der die Bandbreite und Facetten eines der faszinierendsten Organe zeigen, Erkenntnisse aus Wissenschaft einfach und gut erklären und geistreich und unterhaltsam begeistern möchte. Neben der Informationsvermittlung gehören die Förderung von Exzellenz und die Schaffung von Strukturen in den Neurowissenschaften zu den Zielen des Programmbereichs "Gehirn erforschen" der Stiftung. </p> </aside><aside id="block-2"> <figure><a href="https://www.ghst.de/"><img alt="" decoding="async" height="178" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-300x52.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-768x134.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1536x267.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1000x174.jpg 1000w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px.jpg 2000w" width="1024"></img></a><figcaption><a href="https://www.ghst.de/"><em>https://www.ghst.de/</em></a></figcaption></figure> </aside> </div> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-9"><div><p>&#xD; Die <a href="https://www.ghst.de/">Gemeinnützige Hertie-Stiftung </a>konzentriert sich auf die zwei Leitthemen „Gehirn erforschen“ und „Demokratie stärken“. Die Projekte der Stiftung setzen modellhafte Impulse innerhalb dieser Themen. &#xD; Ihr neu eingerichteter Neuroblog leistet einen Beitrag zur Förderung von Wissenschaftskommunikation und zum besseren Verständnis des Gehirns, seiner Funktionsweise und seiner Erkrankungen.&#xD; </p>&#xD; <p><a href="http://www.scilogs.de/kosmo//hirn-und-weg/impressum/">Impressum Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>&#xD; </p></div></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/chetalalala.jpg" /><h1>Einmal tief einatmen bitte! Wie beeinflusst Atmung unser Gehirn? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Luisa Sophie Engelke</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <blockquote> <blockquote> <blockquote> <p>Wie du atmest, so lebst du.</p> <cite>Andreas Tenzer, 2019</cite></blockquote> </blockquote> </blockquote> <p>Dieser Spruch könnte wahrer sein, als man denkt, und die Wissenschaft ist gerade dabei, dem auf den Grund zu gehen. Eines der heißesten Forschungsthemen in der Neurophysiologie ist aktuell die Verbindung von Herz und Gehirn. Es ist ja schon länger bekannt, dass unser Gehirn über den Vagusnerv Einfluss auf unser Herz nimmt, aber was ist eigentlich mit dem Weg andersherum? Wie sieht der Weg vom Herzen zum Hirn aus? Es zeigt sich immer deutlicher: Informationen aus dem Herzen werden über aufsteigende Nervenbahnen direkt ins Gehirn geleitet und beeinflussen dort Aufmerksamkeit, Emotionen und kognitive Leistungsfähigkeit.</p> <p><br></br>Und genau hier kommt die Atmung ins Spiel. Mit gezielten Atemtechniken lässt sich nicht nur der Herzrhythmus beruhigen, sondern auch die Aktivität des Gehirns positiv beeinflussen! Doch wie funktioniert das alles nun im Detail?</p> <h3 id="h-wie-funktioniert-die-atmung">Wie funktioniert die Atmung?</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12849230_15_inhale-exhale-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1125" sizes="(max-width: 2000px) 100vw, 2000px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12849230_15_inhale-exhale-1-edited.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12849230_15_inhale-exhale-1-edited.jpg 2000w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12849230_15_inhale-exhale-1-edited-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12849230_15_inhale-exhale-1-edited-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12849230_15_inhale-exhale-1-edited-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12849230_15_inhale-exhale-1-edited-1536x864.jpg 1536w" title="Atmung" width="2000"></img></a></figure></div> <p>Einatmen – ausatmen – einatmen – ausatmen. Wir machen es schätzungsweise 20.000-mal am Tag, meistens, ohne direkt darüber nachzudenken [2]. Die Atmung wird von unserem <strong>autonomen Nervensystem</strong> gesteuert, also dem Teil des Nervensystems, welches wir nicht bewusst bemerken. Das autonome Nervensystem ist also dafür zuständig, lebenswichtige Körperfunktionen, wie Herzschlag oder Verdauung, für uns zu steuern, sodass wir uns auf wichtigere Dinge konzentrieren können. Denn stellt euch nur mal vor, ihr müsstet aktiv über jeden einzelnen Atemzug nachdenken!</p> <p>Obwohl der Prozess der Atmung hauptsächlich automatisch abläuft, können wir sie aber auch bewusst steuern: Wir können besonders tief einatmen, die Luft anhalten, oder auch einen bewussten Rhythmus selbst wählen. Und genau das scheint mehr Vorteile zu haben, als man denken könnte.<aside></aside></p> <p>Gesteuert wird die Atmung im Hirnstamm [3]. Dort registrieren spezialisierte Nervenzellen, wie viel Sauerstoff und Kohlendioxid im Blut vorhanden ist, und passen die Atemfrequenz entsprechend an.</p> <h3 id="h-lunge-zu-herz">Lunge zu Herz</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/138419226_5d7bc13e-fe48-442a-8630-fd71b6b7c91e-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="964" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/138419226_5d7bc13e-fe48-442a-8630-fd71b6b7c91e-1024x964.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/138419226_5d7bc13e-fe48-442a-8630-fd71b6b7c91e-1024x964.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/138419226_5d7bc13e-fe48-442a-8630-fd71b6b7c91e-300x282.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/138419226_5d7bc13e-fe48-442a-8630-fd71b6b7c91e-768x723.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/138419226_5d7bc13e-fe48-442a-8630-fd71b6b7c91e-1536x1446.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/138419226_5d7bc13e-fe48-442a-8630-fd71b6b7c91e-2048x1928.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Dabei spielt unser Herz eine zentrale Rolle – denn die Atmung beeinflusst das Herz, und das Herz wiederum wirkt direkt auf das Gehirn. Die Atmung hat tatsächlich direkten Einfluss auf unser Herz. Wenn wir einatmen, beschleunigt sich unsere Herzfrequenz und das Herz schlägt schneller. Beim Ausatmen passiert genau das Gegenteil, die Herzfrequenz wird verlangsamt. Diesen Prozess nennt man <strong>respiratorische Sinusarrhythmie</strong>.  </p> <p>Es ist ein wunderbares Beispiel für das Gegenspielerprinzip von <strong>Sympathikus</strong> und <strong>Parasympathikus</strong>. Der Sympathikus lässt das Herz schneller schlagen, und der Parasympathikus beruhigt die Herzrate danach wieder.  Langsames Atmen hat nicht nur Einfluss auf die Herzrate, sondern auch auf die <strong>Herzvariabilität</strong>, welche beschreibt, wie die zeitlichen Abstände zwischen den einzelnen Herzschlägen sind. Denn entgegen der allgemeinen Annahme, dass das Herz wie ein Metronom immer genau im gleichen Takt schlägt, ist es tatsächlich nicht so! Mal sind es 0.9 Sekunden, mal 1.2 Sekunden, mal 0.95 Sekunden, die zwischen den Herzschlägen vergehen – und genau das ist auch gut so und zeigt, dass der Parasympathikus aktiv und das Herz gesund und anpassungsfähig ist!</p> <h3 id="h-herz-zu-hirn">Herz zu Hirn</h3> <p>Realisiert wird die Informationsleitung vom Herz zum Gehirn durch den berühmten <strong>Vagusnerv</strong>, der Hauptnerv des parasympathischen Systems, der aus dem Hirnstamm entspringt. Er besteht zu 70-90 % aus afferenten Fasern, also Fasern, die Informationen vom Körper ins Gehirn senden. Er wird auch der „wandernde Nerv“ genannt und sendet Informationen von Lunge, Herz und sogar vom Darm in das Gehirn [4]. Somit stellt der Vagusnerv die Hauptverbindung zwischen Herz und Gehirn dar und ist damit Teil des <strong>zentralen autonomen Netzwerks</strong> (central autonomic network) des Körpers [5]. Was genau der Darm damit zu tun hat, könnt ihr gerne in diesem Blogeintrag lesen:</p> <figure></figure> <p>Eine starke Vagusnerv-Aktivität heißt, dass der Parasympathikus aktiv ist. Dies resultiert darin, dass die Verdauung angekurbelt wird, die Herzrate und der Blutdruck sinken und man sich entspannt und gelassen fühlt [6]. Wenn man nun langsam und ruhig atmet, sendet der Vagusnerv Informationen des langsam schlagenden Herzens an das Hirn und teilt diesem mit, dass man in Sicherheit ist keine Gefahr besteht. Langsames Atmen sorgt daher durch die Anpassung des Herzens für eine verstärkte Aktivierung des Vagusnervs, welches den Parasympathikus erhöht [7].</p> <p>Konkret heißt das also: Eine hohe Aktivität des Vagusnervs steht für eine starke parasympathische Regulation und lässt unsern Körper in einen entspannteren Modus fallen. Den Vagusnerv kann man übrigens auch gezielt stimulieren kann. Falls ihr wissen wollt, wie, schaut gerne hier vorbei:</p> <figure></figure> <p>Jetzt wissen wir, dass langsames Atmen unser Herz und unseren Körper in eine Ruhemodus bringt. Aber was passiert noch so?</p> <h3 id="h-klarer-kopf-durch-atmung">Klarer Kopf durch Atmung</h3> <p>Mal abgesehen von den positiven Effekten, die langsames Atmen wie bereits beschrieben auf Herzrate und Blutdruck hat, gibt es durchaus noch mehr Vorteile.</p> <p>Im Gehirn werden die Informationen vom Vagusnerv zuerst im sogenannten <strong>Nucleus tractus solitarius </strong>(NTS) im Hirnstamm eingeordnet. Dort wird registriert, wie die aktuelle körperliche Lage ist, bei einer niedrigen Atmung also „alles ist sicher, uns geht es gut“. Der NTS ist die zentrale Umschaltstelle und leitet die Informationen über die niedrige Herzrate und hohe Herzvariabilität unter anderem in den Präfrontalkortex, der Insula, und dem anterioren singulären Kortex weiter, Areale, die besonders bei Aufmerksamkeit Exekutivfunktionen und Arbeitsgedächtnis aktiv sind [8].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/24202329_6894714.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/24202329_6894714-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/24202329_6894714-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/24202329_6894714-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/24202329_6894714-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/24202329_6894714-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/24202329_6894714-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/24202329_6894714.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Viele Studien zeigen, dass langsame Atmung das Kortisol-Level senken und damit subjektive Stressempfinden reduzieren kann [9]. Eine große Studie zeigte, dass langsames Atmen über 12 Wochen signifikant die subjektive Stresswahrnehmung senken konnte [10]. Studien, die Teilnehmer nach anstrengender (stressiger) körperlicher Aktivität testeten, fanden heraus, dass die Teilnehmer der langsamen Atemgruppe ein ruhigeres EEG Signal hatten und auch die HRV war gestiegen im Vergleich zur Kontrollgruppe, was auf eine bessere Erholung hindeutet [11]. Generell berichten viele Teilnehmer, dass ein längeres langsames Atemtraining zu weniger Angstgefühlen und besserer Stimmung führte [12]. Wenn man also gestresst ist, die Arbeit einem über den Kopf wächst oder man einfach mal überfordert ist, dann ist das gute alte Sprichwort “Erst mal tief durchatmen!” tatsächlich nicht einfach so dahergesagt, sondern bewirkt messbare körperliche Effekte!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6703745_3378282-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6703745_3378282-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6703745_3378282-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6703745_3378282-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6703745_3378282-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6703745_3378282-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6703745_3378282-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Vom Hirnstamm aus reichen noch weitere Verbindungen in den präfrontalen Kortex, wo die Informationen der parasympathischen Aktivität ebenfalls verarbeitet werden. Studien erforschen derzeit, welchen Effekt langsames Atmen auf kognitive Fähigkeiten hat. Stand jetzt kann man vorsichtig optimistisch sagen, dass langsames Atmen <strong>Aufmerksamkeit</strong>, <strong>Arbeitsgedächtnis</strong> und <strong>kognitive Kontrolle</strong> erhöhen kann [13], [14], [15]. Auch die inhibitorische Kontrolle als auch Emotionsregulation in speziellen kognitiven Tests konnte deutlich gebessert werden, wenn Atemübungen gemacht wurden [16], [17]. Da bisher jedoch vor allem kurzfristige Verbesserungen gut belegt sind, braucht es weitere Forschung zu langfristigen Effekten.</p> <p><a></a>Doch wie langsam soll man denn nun eigentlich atmen?</p> <h3 id="h-die-resonanzatmung">Die Resonanzatmung</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38729151_8680947.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38729151_8680947-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38729151_8680947-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38729151_8680947-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38729151_8680947-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38729151_8680947-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38729151_8680947-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38729151_8680947.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Studien beschäftigen sich aktuell immer mehr mit der Frage, welche Atemübung wohl am effektivsten ist. Es gibt viele verschiedene Ansätze, etwa die <strong>Box Breathing Methode</strong> (4 Sekunden einatmen → 4 halten → 4 ausatmen → 4 halten), <strong>die 4-7-8 Methode</strong> (4 Sekunden einatmen → 7 halten → 8 ausatmen), oder auch spezielle Methoden wie <strong>Nostril-Breathing</strong> (abwechselnd durch ein Nasenloch ein- und wieder ausatmen) [18], [19]. Doch durch das steigende Interesse an der Herz-Hirn Interaktion ist eine andere Atemtechnik sehr in den Vordergrund gerückt: die sogenannte <strong>Resonanzfrequenz-Atmung</strong>.</p> <p>Resonanzfrequenz-Atmung ist eine gezielte langsame Atemtechnik, bei der man in einem Atem-Tempo atmet, welches der individuellen Resonanzfrequenz des Herz-Kreislauf-Systems entspricht. Das Tempo ist für jeden leicht unterschiedlich, im Schnitt sind es aber meist etwa 5–7 Atemzüge pro Minute [6]. Das heißt zum Beispiel: 5 Sekunden einatmen, 5 Sekunden ausatmen, sodass man auf 6 Atemzüge pro Minute kommt. Dies ist also eine deutlich langsamere Frequenz als ca. 12 Atemzüge pro Minute, was wir durchschnittlich an den Tag legen [2].</p> <p>Probiert es doch einfach mal aus: für eine Minute 5 Sekunden ein-, und 5 Sekunden wieder ausatmen! Los geht’s!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6914664_3467216-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6914664_3467216-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6914664_3467216-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6914664_3467216-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6914664_3467216-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6914664_3467216-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6914664_3467216-2048x1365.jpg 2048w" title="Resonanzfrequenz-Atmung Beispielbild" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Was jetzt passiert ist eine Synchronisation (Resonanz) von Atmung, Herzfrequenz und Blutdruck im Körper. Der Herzschlag wird durch die spezielle Atemtechnik angepasst: Das Herz schlägt langsamer und stabiler. Forschende sind aktuell der Meinung, dass diese spezielle Technik die Herzvariabilität am stärksten erhöhen kann, und somit die besten Effekte auf das Gehirn hat.</p> <p>RFB ist eine sehr vielversprechende Atemtechnik, aber auch andere langsame Atemübungen aktivieren den Parasympathikus und bringen ähnliche Vorteile für Körper und Gehirn. Am Ende zählt vor allem, welche Form des Atmens für einen selbst am besten funktioniert. Mehrere Studien konnten zeigen, dass schon 5 Minuten Atemübungen pro Tag sich nicht nur positiv auf unsere Stimmung, sondern auch auf das Herzkreislaufsystem auswirken [20], [21]! Also: </p> <p>Ran ans Atmen!</p> <h3 id="h-fazit">Fazit</h3> <p>Langsames Atmen aktiviert unsern Parasympathikus, welcher die Herzrate und den Blutdruck erniedrigt und unsere Herzvariabilität verbessert. Diese physiologischen Veränderungen werden durch den Vagusnerv direkt in das Gehirn geleitet und wirken dort auf die neuronalen Netzwerke, die an Emotionen, kognitiver Kontrolle und Gemütszustand wirken!</p> <p>Unsere Atmung gezielt langsamer zu steuern hat viele positive Effekte, und dabei ist es so eine einfache Methode. Keine Medikamente nötig, kein Arzt – einfach nur 5 Minuten täglich sich Zeit für sich und seine Atmung nehmen und spüren, was die Atmung mit einem macht!</p> <p>Auch wenn die Forschung bis jetzt vor allem kurzzeitige Effekte messen konnte, ist langsames Atmen eine weiterhin vielversprechende Methode. Sie hat das Potenzial, sowohl ergänzend zu anderen Therapien eingesetzt zu werden, etwa zur Vorbeugung von Demenz oder bei psychischen Erkrankungen, als auch im Alltag, um in stressigen Momenten wieder Ruhe zu finden und den Fokus zurückzugewinnen.</p> <p>Also: vielleicht sollten wir alle uns mehr Zeit im Alltag für uns nehmen und einfach mal anfangen, ganz bewusst gaaaanz tief ein- … und wieder auszuatmen.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881039_1f59c519-c945-4019-8923-d32ad1954a54-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881039_1f59c519-c945-4019-8923-d32ad1954a54-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881039_1f59c519-c945-4019-8923-d32ad1954a54-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881039_1f59c519-c945-4019-8923-d32ad1954a54-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881039_1f59c519-c945-4019-8923-d32ad1954a54-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881039_1f59c519-c945-4019-8923-d32ad1954a54-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881039_1f59c519-c945-4019-8923-d32ad1954a54-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881039_1f59c519-c945-4019-8923-d32ad1954a54-2048x2048.jpg 2048w" title="langsames atmen" width="1024"></img></a></figure></div> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>[1]          ‘Zitat über Atmung: Wie du atmest, so lebst du.’, Zitate – Aphorismen – Lebensweisheiten. Accessed: Nov. 30, 2025. [Online]. Available: https://zitate-aphorismen.de/zitat/wie-du-atmest-so-lebst-du/</li> <li>[2]          ‘Tief Luft holen: Wie gesund ist Ihre Atemfrequenz?’ Accessed: Dec. 12, 2025. [Online]. Available: https://www.gesund-bleiben.de/news/details/id/125/</li> <li>[3]          K. Ikeda <em>et al.</em>, ‘The respiratory control mechanisms in the brainstem and spinal cord: integrative views of the neuroanatomy and neurophysiology’, <em>The Journal of Physiological Sciences</em>, vol. 67, no. 1, pp. 45–62, Jan. 2017, doi: 10.1007/s12576-016-0475-y.</li> <li>[4]          ‘Vagus Nerve: What It Is, Function, Location &amp; Conditions’, Cleveland Clinic. Accessed: Dec. 12, 2025. [Online]. Available: https://my.clevelandclinic.org/health/body/22279-vagus-nerve</li> <li>[5]          A. Huber, J. Koenig, B. Bruns, M. Bendszus, H.-C. Friederich, and J. J. Simon, ‘Brain activation and heart rate variability as markers of autonomic function under stress’, <em>Sci Rep</em>, vol. 15, p. 28114, Aug. 2025, doi: 10.1038/s41598-025-12430-8.</li> <li>[6]          P. R. Steffen, T. Austin, A. DeBarros, and T. Brown, ‘The Impact of Resonance Frequency Breathing on Measures of Heart Rate Variability, Blood Pressure, and Mood’, <em>Front. Public Health</em>, vol. 5, Aug. 2017, doi: 10.3389/fpubh.2017.00222.</li> <li>[7]          M. A. Russo, D. M. Santarelli, and D. O’Rourke, ‘The physiological effects of slow breathing in the healthy human’, <em>Breathe</em>, vol. 13, no. 4, pp. 298–309, Nov. 2017, doi: 10.1183/20734735.009817.</li> <li>[8]          A. Schumann, F. de la Cruz, S. Köhler, L. Brotte, and K.-J. Bär, ‘The Influence of Heart Rate Variability Biofeedback on Cardiac Regulation and Functional Brain Connectivity’, <em>Front Neurosci</em>, vol. 15, p. 691988, 2021, doi: 10.3389/fnins.2021.691988.</li> <li>[9]          P. Gonçalves <em>et al.</em>, ‘Effects on Heart Rate Variability and Salivary Cortisol of Slow Paced Breathing for Stress Management’, in <em>2025 6th International Conference on Bio-engineering for Smart Technologies (BioSMART)</em>, May 2025, pp. 1–4. doi: 10.1109/BioSMART66413.2025.11046095.</li> <li>[10]       G. Birdee <em>et al.</em>, ‘Slow breathing for reducing stress: The effect of extending exhale’, <em>Complementary Therapies in Medicine</em>, vol. 73, p. 102937, May 2023, doi: 10.1016/j.ctim.2023.102937.</li> <li>[11]       ‘Effects of deep and slow breathing on stress stimulation caused by high-intensity exercise in healthy adults: Psychology, Health &amp; Medicine: Vol 26, No 9’. Accessed: Dec. 12, 2025. [Online]. Available: https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/13548506.2020.1786138</li> <li>[12]       G. W. Fincham, C. Strauss, and K. Cavanagh, ‘Effect of coherent breathing on mental health and wellbeing: a randomised placebo-controlled trial’, <em>Sci Rep</em>, vol. 13, no. 1, p. 22141, Dec. 2023, doi: 10.1038/s41598-023-49279-8.</li> <li>[13]       M. P. Bonomini, M. V. Calvo, A. D. Morcillo, F. Segovia, J. M. F. Vicente, and E. Fernandez-Jover, ‘The Effect of Breath Pacing on Task Switching and Working Memory’, <em>Int J Neural Syst</em>, vol. 30, no. 6, p. 2050028, June 2020, doi: 10.1142/S0129065720500288.</li> <li>[14]       S. Deepeshwar and R. B. Budhi, ‘Slow yoga breathing improves mental load in working memory performance and cardiac activity among yoga practitioners’, <em>Front Psychol</em>, vol. 13, p. 968858, 2022, doi: 10.3389/fpsyg.2022.968858.</li> <li>[15]       J. J. Pilcher <em>et al.</em>, ‘Brief slow-paced breathing improves working memory, mood, and stress in college students’, <em>Anxiety, Stress, &amp; Coping</em>, vol. 38, no. 5, pp. 528–543, Sept. 2025, doi: 10.1080/10615806.2025.2505897.</li> <li>[16]       S. Hoffmann, L. T. Jendreizik, U. Ettinger, and S. Laborde, ‘Keeping the pace: The effect of slow-paced breathing on error monitoring’, <em>International Journal of Psychophysiology</em>, vol. 146, pp. 217–224, Dec. 2019, doi: 10.1016/j.ijpsycho.2019.10.001.</li> <li>[17]       L. B. F. Kurdziel, L. McDevitt, and C. Hardway, ‘Acute Effects of Slow-Paced Breathing on Emotion Regulation: A Pilot Study’, <em>Psychol Rep</em>, p. 332941251329856, Apr. 2025, doi: 10.1177/00332941251329856.</li> <li>[18]       S. Ghiya, ‘Alternate nostril breathing: a systematic review of clinical trials’, <em>Int J Res Med Sci</em>, vol. 5, no. 8, p. 3273, July 2017, doi: 10.18203/2320-6012.ijrms20173523.</li> <li>[19]       ‘Box breathing or six breaths per minute: Which strategy improves athletes post-HIIT cardiovascular recovery? | PLOS One’. Accessed: Dec. 12, 2025. [Online]. Available: https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0336615</li> <li>[20]       M. Y. Balban <em>et al.</em>, ‘Brief structured respiration practices enhance mood and reduce physiological arousal’, <em>Cell Reports Medicine</em>, vol. 4, no. 1, p. 100895, Jan. 2023, doi: 10.1016/j.xcrm.2022.100895.</li> <li>[21]       M. Woo and T. Kim, ‘Effects of slow-paced breathing and humming breathing on heart rate variability and affect: a pilot investigation’, <em>Physiology &amp; Behavior</em>, vol. 299, p. 114972, Oct. 2025, doi: 10.1016/j.physbeh.2025.114972.</li> </ul> <h3 id="h-bildquellen">Bildquellen</h3> <ul> <li>Titelbild: generiert mit GPT 5.1</li> <li>Abbildung 1: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/frauen-die-einatmen-atmen-aus-um-einen-ruhigen-stressabbau-zu-erreichen_12849230.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=ab7923a3-f9dd-4771-8a05-f8ce667f7c65&amp;query=breathing">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 2: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/herz-mit-herzschlaglinie_138419226.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=6&amp;uuid=b88d39f5-adb6-43e9-8376-23c9523affb9&amp;query=heart+rate">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 3: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/menschliche-organe-flach-2x2-satz-quadratischer-kompositionen-mit-floralen-elementen-und-farbigen-gliedmassen-innere-organe-vektorillustration_31643733.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=6&amp;uuid=07802ba1-f8d7-4249-afbd-a702054c0a70&amp;query=lungs+and+heart">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 4: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/flache-herbstillustration_18894869.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=45&amp;uuid=2d3e4323-3786-4ab7-94ef-4c978191c888&amp;query=relaxed">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 5: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/gehirn-menschliche-anatomie-biologie-organe-koerpersysteme-gesundheitswesen-und-medizin-handgezeichnete-cartoon-kunstillustrationen_19613551.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=7852aeeb-c39b-4aa0-afe0-a48cddb2332f&amp;query=brain">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 6: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/hand-gezeichnetes-flaches-design-ueberwaeltigte-leuteillustration_24202329.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=5&amp;uuid=48857758-67de-434d-a2e9-5fabf05547b1&amp;query=stress">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 7: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/erwachsener-mann-multitasking-konzept_6703745.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=d79771fc-1fce-4513-b2c1-705a122a0143&amp;query=productive">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 8: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/komplimentillustration-des-flachen-designs_38729151.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=33&amp;uuid=ab7923a3-f9dd-4771-8a05-f8ce667f7c65&amp;query=breathing">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 9: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/buntes-ausgleichswellenhintergrunddesign_6914664.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=34&amp;uuid=5f45ecf7-0c6c-4f2c-b0a8-6122408a7c42&amp;query=frequencies">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 10: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/schoene-frau-mit-braunen-haaren_136881039.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=f8e8640d-9ac4-4149-8c29-925675df8e2d&amp;query=closed+eyes">Bildquelle</a></li> </ul> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Engelke_Luisa-Sophie-scaled-1-200x200.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Engelke_Luisa-Sophie-scaled-1-400x400.jpg 2x" width="200"></img> <p>Mein Name ist Luisa Sophie Engelke und ich studiere Neurowissenschaften im Master an der Georg-August-Universität Göttingen. Nach meinem Biologiestudium wurde mir bewusst, dass mich insbesondere die kognitiven Neurowissenschaften faszinieren – vor allem die Schnittstellen zur Psychologie und Pharmakologie. Durch mein aktuelles Studium lerne ich immer wieder neue Facetten der Neurowissenschaften kennen, die mich inspirieren und faszinieren. Ich hoffe, meine Begeisterung in meinen Blogeinträgen mit euch teilen zu können und wünsche viel Spaß beim Lesen.</p> </div> </div> </article> <section> <div> <aside id="block-3"> <p>HIRN UND WEG ist der Neuroblog der <a href="https://www.ghst.de"><strong><mark>Gemeinnützigen Hertie-Stiftung</mark></strong></a> , der die Bandbreite und Facetten eines der faszinierendsten Organe zeigen, Erkenntnisse aus Wissenschaft einfach und gut erklären und geistreich und unterhaltsam begeistern möchte. Neben der Informationsvermittlung gehören die Förderung von Exzellenz und die Schaffung von Strukturen in den Neurowissenschaften zu den Zielen des Programmbereichs "Gehirn erforschen" der Stiftung. </p> </aside><aside id="block-2"> <figure><a href="https://www.ghst.de/"><img alt="" decoding="async" height="178" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-300x52.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-768x134.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1536x267.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1000x174.jpg 1000w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px.jpg 2000w" width="1024"></img></a><figcaption><a href="https://www.ghst.de/"><em>https://www.ghst.de/</em></a></figcaption></figure> </aside> </div> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-9"><div><p>&#xD; Die <a href="https://www.ghst.de/">Gemeinnützige Hertie-Stiftung </a>konzentriert sich auf die zwei Leitthemen „Gehirn erforschen“ und „Demokratie stärken“. Die Projekte der Stiftung setzen modellhafte Impulse innerhalb dieser Themen. &#xD; Ihr neu eingerichteter Neuroblog leistet einen Beitrag zur Förderung von Wissenschaftskommunikation und zum besseren Verständnis des Gehirns, seiner Funktionsweise und seiner Erkrankungen.&#xD; </p>&#xD; <p><a href="http://www.scilogs.de/kosmo//hirn-und-weg/impressum/">Impressum Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>&#xD; </p></div></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/einmal-tief-einatmen-bitte-wie-beeinflusst-atmung-unser-gehirn/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>2</slash:comments> </item> <item> <title>ADHS in den Medien: Was läuft schief? Beispiel Quarks https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-in-den-medien-was-laeuft-schief-beispiel-quarks/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-in-den-medien-was-laeuft-schief-beispiel-quarks/#comments Wed, 24 Dec 2025 12:37:07 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3497 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain-768x585.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-in-den-medien-was-laeuft-schief-beispiel-quarks/</link> </image> <description type="html"><h1>ADHS in den Medien: Was läuft schief? Beispiel Quarks » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Die gesellschaftlichen Folgen von zu viel Aufmerksamkeit für die Aufmerksamkeitsstörung</strong></p> <span id="more-3497"></span> <p>Ich habe hier gerade von der <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/">Versechsfachung der ADHS-Diagnosen</a> in bestimmten Gruppen geschrieben und diesen Trend <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/">gesellschaftlich gedeutet</a>. Wenn es so große Veränderungen in so kurzer Zeit gibt, sollte man kritisch nachbohren. Andere meinen, man würde jetzt Fälle diagnostizieren, die man früher übersehen habe. Aha. Es war da, schweres psychisches Leiden, doch niemand sah es?</p> <p>Auch die Wissenschaftssendung “Quarks” vom ARD verbreitet diese Ansicht, zum Beispiel auf seinem Instagram-Account: Hinter dem Anstieg “stecken den Forschenden zufolge vor allem verspätete Diagnosen: Menschen, die seit der Kindheit Symptome zeigen, aber nicht diagnostiziert wurden.” Bei den Quellen wird ein Psychiater aus Dresden genannt, bei dem man vielleicht einmal angerufen hat. Der muss es ja wisssen.</p> <p>Auf der Internetseite von Quarks heißt es unter der Überschrift “Das solltest du über ADHS wissen” zum Störungsbild: “Im Gehirn von Menschen mit ADHS stehen Dopamin und Noradrenalin dort, wo sie benötigt werden, nicht in ausreichender Menge zur Verfügung.” Dort und auf Instagram wird das von einem Gehirnbild mit ein paar Blasen und Pfeilen begleitet. Ich habe hier auch so eine Abbildung für Sie vorbereitet:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain.jpg"><img alt="" decoding="async" height="779" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain-1024x779.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain-1024x779.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain-300x228.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain-768x585.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain.jpg 1248w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Beispiel: Wie Autismus-Spektrum (links) oder ADHS (rechts) im Gehirn aussehen könnte – oder auch nicht. (von <a href="https://pixabay.com/illustrations/brain-mind-psychology-idea-drawing-2062057/">ElisaRiva</a>, modifiziert / <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">PixaBay Lizenz</a>)</em><aside></aside></p> <h2 id="h-nichts-genaues-weiss-man-nicht">Nichts Genaues weiß man nicht</h2> <p>Die originale Quarks-Abbildung ist tatsächlich mit dem Hinweis “exemplarische Darstellung” versehen. Das kennen wir eher aus der Werbung: Weil wir heute mal keine Lust aufs Kochen haben, kaufen wir uns eine Tiefkühlpizza. Und weil dieses gefrorene Etwas, das wir zu Hause aus der Verpackung schälen, doch sehr anders aussieht, steht auf der bunten Verpackung etwas wie “Serviervorschlag” oder “Abbildung ähnlich”.</p> <p>Nun reden wir bei ADHS aber nicht von Fertigmahlzeiten, sondern von Diagnosen, die Menschen bekommen – und deren Leben stark beeinflussen können. Die Journalisten ergänzen zu ihrer Quarks-Darstellung: “Was bei ADHD im Gehirn passiert, ist nicht sicher geklärt und sehr komplex.”</p> <p>Aber dann sagt man doch gleich im ersten Satz: “Im Gehirn von Menschen mit ADHS stehen Dopamin und Noradrenalin … nicht in ausreichender Menge zur Verfügung.” Wie passt das zusammen?</p> <h2 id="h-die-pra-adhs-ara">Die Prä-ADHS-Ära</h2> <p>Die ADHS-Diagnose, wie wir sie kennen, <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/30-jahre-aufmerksamkeitsstoerung-adhs/">gibt es erst seit 1980</a>. Frühere Bezeichnungen waren “minimaler Gehirnschaden” (engl. Minimal Brain Damage, MBD). In Reaktion auf die Beschwerden von Eltern schwächte man das in den 1960ern/1970ern ab zu “minimale Gehirndysfunktion” (engl. Minimal Brain Dysfunction, auch MBD). Ärzte, die ihre Patient*innen mit Latein beeindrucken wollten, sprachen auch von der “minimalen zerebralen Dysfunktion”. Wer hat auch nicht gelernt, dass <em>cerebrum</em> der lateinische Name fürs Hirn ist?</p> <p>Der Name “minimaler Gehirnschaden” entstand tatsächlich nach der schweren Pandemie (ca. 1918 bis 1920) am Ende des Ersten Weltkriegs. Viele starben damals an der sogenannten Spanischen Grippe. Manche überlebten nach einer schweren Gehirnentzündung, mitunter in einem gelähmten Zustand. Einige Kinder zeigten nach der Hirnentzündung Verhaltensauffälligkeiten.</p> <p>Deshalb kam man schließlich darauf, Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten auch ohne vorherige Gehirnerkrankung die MBD-Diagnose zu geben. Frei nach dem Motto: ähnliche Probleme, ähnliche Ursache. Eine verbreitete Alternativhypothese, dass es bei ihnen während der Geburt zu einem Sauerstoffdefizit gekommen war, ließ sich nicht bestätigen.</p> <p>So redet man bald 100 Jahre über MBD und, wie Quarks, ein ADHS-Gehirn. Doch man konnte nie zeigen, was im Gehirn dieser Kinder, Jugendlichen und heute auch immer mehr Erwachsenen anders sein soll. Man glaubt an das ADHS-Gehirn, doch finden kann man es nie. Wie kann das sein? Und wie kann man das “Wissenschaft” nennen?</p> <h2 id="h-symptome">Symptome</h2> <p>Wie bei allen anderen psychologisch-psychiatrischen Störungen, hat man es auch hier Symptomlisten zu tun. Diese beziehen sich in der Regel auf innere psychologische Vorgänge und äußeres Verhalten, manchmal auch körperliche Eigenschaften, zum Beispiel Gewichtsveränderungen bei Depressionen.</p> <p>Bei ADHS gibt es zwei Haupttypen, den eher unaufmerksamen und den eher hyperaktiven/impulsiven. Für beide zählt das diagnostische Handbuch DSM-5-TR von 2022 neun Symptome. Für eine Diagnose müssen mindestens sechs eines Typs vorliegen – und übrigens schon vor dem Alter von 12 Jahren, früher sieben Jahren vorgelegen haben. In einem wissenschaftlichen Aufsatz habe ich errechnet, dass es darum <a href="https://doi.org/10.3389/fpsyt.2022.943049">satte 116.220 nach DSM gültige Formen von ADHS gibt</a>.</p> <p>Trotzdem ist jeder Mensch mit ADHS-Diagnose wieder anders. Kann er am Morgen anders sein als am Abend. In den Ferien anders als während der Schulzeit. Tatsächlich bauen manche in der Ferienzeit die Medikamente ab. Das ist schon eine komische medizinische Krankheit, die sich an unsere Ferienzeiten hält!</p> <h2 id="h-kein-interesse">Kein Interesse?</h2> <p>Quarks informiert zu den (angeblichen) ADHS-Symptomen übrigens: “Es kann schwerfallen, fokussiert bei uninteressanten Aufgaben zu bleiben.”</p> <p>Das mit den “uninteressanten Aufgaben” ist äußerst interessant: Erstens steht das nämlich nicht bei den offiziellen Diagnosekriterien. Zweitens könnte man sich auch einmal fragen, ob das nicht völlig normal ist, dass man ohne Interesse schlechter aufpassen kann.</p> <p>Interessanterweise(!) gehört das von Quarks genannte Symptom zu einem anderen Störungsbild, das eine Lobby von Kinderpsychologen und -psychiatern seit einiger Zeit einführen will: Denken im Schneckentempo (engl. Sluggish Cognitive Tempo, SCT). Angeblich sollen 5 Prozent der Kinder daran leiden und dieselben Medikamente wie bei ADHS helfen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920.jpg 1764w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Ist diese Schnecke psychisch gestört – oder einfach nur langsamer als andere? (von <a href="https://pixabay.com/photos/snail-shell-invertebrate-sensor-6290772/">Nennieinszweidrei</a> / <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">PixaBay Lizenz</a>)</em></p> <p>Man merkte schließlich selbst, dass “Schneckentempodenken” kein guter Name ist, um eine Störung ins DSM zu bekommen. Dann könnte man viele neue Fachaufsätze publizieren und die Behandlung endlich bei den Krankenkassen abrechnen. So kam man später auf den Namen “Konzentrationsdefizitstörung” (engl. Concentration Deficit Disorder, CDD).</p> <p>Worin der Unterschied zwischen Aufmerksamkeits- und Konzentrationsdefizit bestehen soll, müsste man erst einmal erklären. Ursprünglich sollte es sich dabei um eine unerkannte, dritte Hauptform von ADHS handeln – eben unter anderem mit dem Symptom, bei uninteressanten Aufgaben schlechter aufzupassen.</p> <p>Doch inzwischen hat man sich auch davon wieder verabschiedet: Der Name des dritten Versuchs ist etwas schwerer zu übersetzen, vielleicht als “Syndrom kognitiver Distanzierung” (engl. Cognitive disengagement syndrome, CDS). Und anders als SCT oder CDD soll das keine ADHS-Variante mehr sein, sondern ein eigenes Störungsbild.</p> <h2 id="h-kurzschlusse">Kurzschlüsse</h2> <p>Folgen Sie mir noch? Sind Sie vielleicht uninteressiert? Haben Sie es schon mit Psychopharmaka probiert?</p> <p>Nein, bevor Sie medizinische Stimulanzien wie Amphetamin/Speed und Methylphenidat/Ritalin oder sogar Kokain nehmen – laut Professor Thomas Müller, Co-Präsident der Schweizerischen Fachgesellschaft für ADHS, kann eine positive Reaktion auf Kokain ein Hinweis auf ADHS sein –, klicken Sie lieber weiter.</p> <p>SCT, CDD oder CDS sind noch nicht im DSM. Vielleicht wird sich das mit dem DSM-6 ändern. Die Entscheidung treffen führende Psychiaterinnen und Psychiater, von denen die Mehrheit übrigens Gelder von der Pharmaindustrie bekommt – die wiederum daran verdient, wenn immer mehr Störungsbilder ins diagnostische Handbuch aufgenommen und so beschrieben werden, dass man die Symptome mit ihren Psychopharmaka beeinflussen kann.</p> <p>Auf der Quark(s)-Seite finden sich noch viel mehr Kurzschlüsse. Ein beliebter Fehler ist zum Beispiel eine Aussage wie: “So beeinflusst ADHS das Verhalten.”</p> <p>Nein, das ist ein Denkfehler: Ihr ADHS macht sie nicht unaufmerksam, genauso wenig wie ihre Depression sie traurig macht. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Bestimmte Formen von Unaufmerksamkeit beziehungsweise bestimmte Formen von Traurigkeit <em>nennen</em> wir heute ADHS oder Depression.</p> <p>Die allgemeinen Kriterien hierfür legen die genannten Fachleute fest. Im Einzelfall muss ein Arzt oder eine Therapeutin entscheiden, ob das individuelle Leiden oder die Probleme im Alltag groß genug sind, um eine psychologisch-psychiatrische Diagnose zu rechtfertigen. Das passiert in der subjektiven Abwägung – und ganz sicher nicht mit einem Blut-, Gen- oder Gehirntest.</p> <h2 id="h-verdinglichung">Verdinglichung</h2> <p>Sätze wie “mein ADHS macht mich unaufmerksam” machen aus der gerade beschriebenen <em>sprachlichen Konvention</em> medizinisch-psychologischer Fachleute <em>ein Ding</em> mit eigenen kausalen Kräften. Das grenz an Magie! In der Wissenschaft nennen wir das “Reifikation” (von lat. <em>res</em> = Ding) oder schlicht “Verdinglichung”.</p> <p>Manche erklären für sich und andere ihre Denk- und Verhaltensweisen anschließend damit, dass man das Wort in der medizinischen Akte mit ihnen verknüpft hat. Das ist zwar philosophisch und wissenschaftlich gesehen Unsinn, aus menschlicher Sicht aber nachvollziehbar: Denn im Bereich der Medizin entschuldigt man jemanden in der Regel für seine oder ihre (angeblichen) Mängel. Wenn nur das Problem der Stigmatisierung nicht wäre, dass manche Diagnosen gerade soziale Distanz erzeugen.</p> <p>Die Verdinglichung geht oft mit einem anderen Fehlschluss einher: Die diagnostischen Kategorien, die einen Zustand nur <em>beschreiben</em>, werden jetzt als dessen <em>Erklärung</em> herangezogen.</p> <h2 id="h-sprachliche-magie">Sprachliche Magie</h2> <p>Ein frappierendes Beispiel, das ich an dieser Stelle gerne zitiere, habe ich von meinem alten Bloggerkollegen Helmut Wicht gelernt, Biologe und früher Anatomiedozent an der Universität Frankfurt:</p> <p>Stellen Sie sich vor, Sie haben um die Lippen herum eine entzündete (gerötete) Haut. Deswegen gehen Sie zum Dermatologen. Dieser gibt Ihnen eine Salbe und die Diagnose “periorale Dermatitis”. Vielleicht denken Sie jetzt: “Wow, was für eine Fachkompetenz! Mein Dermatologe hat herausgefunden, dass ich eine <em>periorale Dermatitis</em> habe!”</p> <p>Dabei heißt “periorale Dermatitis” schlicht “Entzündung (-itis) der Haut (derma) um den Mund (oris) herum (peri)”. Sie haben also schlicht das gesagt bekommen, was Sie schon wussten: dass Sie eine Entzündung um den Mund herum haben, denn sonst wären Sie ja nicht zum Hautarzt gegangen.</p> <p>Warum der Arzt oder die Ärztin sich einer, nein sogar zweier – Latein und Altgriechisch werden hier vermischt – ausgestorbener Sprachen bedienen muss, um Ihnen zu erzählen, was Sie schon wussten, könnte man sich einmal überlegen. Wahrscheinlich wird so verschleiert, dass Ärztinnen und Ärzte auch nicht alles wissen. (Ein Prof in meiner Ausbildung: “Sage nie vor Patienten, dass du etwas nicht weißt!” Das machte ihn in meinen Augen nicht vertrauenswürdiger.)</p> <p>Und wofür früher solche Fremdsprachen verwendet wurden – in der Religion hat man die gläubigen Schäfchen damit auch lange Zeit beeindruckt, wenn nicht gar eingeschüchtert –, nimmt man heute gerne Abkürzungen: eben CDS, CDD, SCT, MBD oder ADHS.</p> <p>Klar, mein Kind hat SCT (alias Schneckentempodenken). Jetzt ergibt alles Sinn!</p> <h2 id="h-symptome-und-ursachen">Symptome und Ursachen</h2> <p>An dieser Stelle brodelt es in den Betroffenen mitunter. Sie sind wütend, fühlen sich nicht ernst genommen. Die philosophisch-wissenschaftliche Argumentation bedeute, dass man ihnen das Leid abspricht. Nein, das tut sie nicht!</p> <p>Ich weise nur auf den Prozess der <em>Umdeutung</em> hin: Ein Mensch leidet oder findet sich nicht so gut im Alltag zurecht. Oft genug verursacht Letzteres auch Ersteres: zum Beispiel, wenn andere einen für vergesslich halten und darum abwerten.</p> <p>Übrigens wurden auch homosexuelle Männer stark ausgegrenzt und nannten Psychiater das bis in die 1970er-Jahre eine Geistesstörung. Schlaue Leute hatten das ins DSM geschrieben, also musste es stimmen. Dann kam ein noch schlauerer Psychiater, Robert L. Spitzer (1932-2015), und wies seine Kollegen daraufhin, dass die Schwulen vor allem wegen der Ausgrenzung litten und nicht wegen ihrer sexuellen Vorlieben; und man bemerkte, dass der “objektive”, statistische Beweis für die angebliche Krankheit der Schwulen in Gefängnissen erhoben worden war, wo es Menschen allgemein schlechter geht.</p> <p>Ich bestreite auch nicht, dass die Hautsalbe vom Dermatologen oder die Stimulanzien vom Psychiater das Leiden lindern können. Mit der Wirkungsweise der Stimulanzien habe ich mich intensiv für die Gehirndoping-Debatte beschäftigt, siehe hier meine <a href="https://www.schleim.info/wordpress/de/2022/07/20/gratis-neuer-gehirndoping-bericht-erschienen/">Gratis-FAQ</a> als Ergebnis eines mehrjährigen Forschungsprojekts.</p> <p>Aber um den Kreis für ADHS zu schließen: Man macht uns, Eltern und Kindern, seit gut 100 Jahren weis, verhaltensauffällige Kinder hätten eine Gehirnstörung. Gefunden hat man sie nie. Währenddessen verbreitet eine Sendung wie Quark(s) suggestive Werbebildchen darüber, während sie selbst einräumt, dass man es nicht weiß.</p> <p>Warum redet man dann so, obwohl man weiß, dass es nicht stimmt?</p> <h2 id="h-individualisierung">Individualisierung</h2> <p>Ich gönne jedem seine Therapie und auch <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-32618-9">seine Medikamente</a>, wenn er/sie der Meinung ist, dass das mehr hilft als schadet. Ich will nur die falsche Magie aus dieser Diskussion haben.</p> <p>Denn mit dem nachweislich falschen Gen- und Gehirn-Sprech werden die Probleme ausschließlich im Individuum lokalisiert. Obwohl man es nicht in den vielen Patientinnen und Patienten nachweisen kann – die Gehirnscanner stehen doch bereit! –, soll es da an Dopamin oder Noradrenalin mangeln. Also wenn jemand etwas schüchtern ist und mit einem Glas Sekt sozialer wird, dann hatte er oder sie vorher einen Alkoholmangel?</p> <p>Dass das nicht nur Theorie ist, lässt sich zeigen, wenn ich auf den Fehler von Quarks mit dem fehlenden Interesse zurückkomme. Wann fehlt uns denn das Interesse? In der Regel dann, wenn wir etwas langweilig oder eintönig finden – oder auch dann, wenn wir ermüdet sind.</p> <p>Dann fällt es uns oft schwerer, uns für etwas zu motivieren. Ist es Zufall, dass stimulierende Substanzen wie Amphetamin, Methylphenidat oder Kokain die subjektive Energie, das Gefühl der Wachheit, die Motivation erhöhen? Und dass es Menschen damit leichter fällt, eintönige Aufgaben zu erledigen?</p> <p>Meine Forderung ist schlicht: nicht immer nur aufs Individuum zu schauen, sondern auch auf die Umgebung. Dann wird zum Beispiel ADHS nicht nur ein Thema der Psychiater, sondern auch von Psychologen, Pädagogen, Sozialarbeiten, Umweltmedizinern, der Gestaltung von Schulunterricht und Erziehung. Dann sucht man die Ursachen nicht nur im Einzelnen – und wir man nicht selten an anderen Orten fündig.</p> <h2 id="h-p-s-zur-gehirn-psychiatrie">P.S. Zur ‚Gehirn-Psychiatrie‘</h2> <p>Ja ja, ich weiß: Ich habe die Forschung nicht verstanden, obwohl ich in drei psychiatrischen Universitätskliniken gearbeitet und mit Verfahren der bildgebenden Hirnforschung meine kognitionswissenschaftlich Doktorarbeit abgeschlossen habe. Ich schwurble.</p> <p>Ich schwurble sogar so sehr, dass ich Bachelorstudierende der Psychologie im dritten Jahr mit etwas Anleitung einen der am häufigsten zitierten psychiatrischen Belege für die Behauptung, ADHS sei eine Gehirnstörung, analysieren ließ. Eine über tausendfach zitierte <a href="https://www.thelancet.com/journals/lanpsy/article/PIIS2215-0366(17)30049-4/abstract?ref=tomecontroldesusalud.com">Publikation</a> in <em>Lancet Psychiatry</em>. Über mehrere Jahre waren 100 Prozent meiner Studierenden in Gruppenarbeit dazu in der Lage, die grundlegenden Fehler dieser Behauptung herauszuarbeiten.</p> <p>Ja ja, ich weiß: Wir schwurbeln alle und jetzt verstecke ich mich sogar hinter meinen Bachelorstudierenden!</p> <p>Martine Hoogman von der Universitätsklinik in Nijmegen, die Erstautorin dieser Studie, wurde kürzlich für einen <a href="https://www.nytimes.com/2025/04/13/magazine/adhd-medication-treatment-research.html">ausführlichen Artikel zu ADHS</a> im <em>New York Times Magazine</em> befragt. Meiner Meinung nach waren ihre Gehirnfunde viel zu klein, um etwas über Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne ADHS-Diagnose aussagen zu können. Das sage ich seit bald zehn Jahren.</p> <p>Interessant, dass Hoogman, die die Botschaft “ADHS ist eine Gehirnstörung” in die Welt setzte, was massiv von den Medien verbreitet wurde, nun scheinbar ihre Meinung geändert hat:</p> <blockquote> <p>“Als ich Hoogman kürzlich per E-Mail interviewte, war ich überrascht zu erfahren, dass sie ihre Aussage im Nachhinein bereut. ‘Damals betonten wir die von uns festgestellten Unterschiede (wenn auch geringfügige), aber man kann auch schlussfolgern, dass das subkortikale und kortikale Volumen von Menschen mit und ohne ADHS nahezu identisch ist’, schrieb sie. Rückblickend fügte sie hinzu, es sei nicht angemessen gewesen, aus ihren Ergebnissen zu schließen, dass ADHS eine Hirnstörung sei.” (<em>New York Times Magazine</em>, 2025)</p> </blockquote> <p>Gehirnstörung oder nicht, andere Gehirne oder (nahezu) identisch – wo ist da der Unterschied? Man rühre im Quark und alles wird gleich.</p> <p>Tja, wer schwurbelt hier? Wer verfolgt damit seine finanziellen, Karriere- und Aufmerksamkeitsinteressen? Und wer wagt es, die herrschende Meinung zu kritisieren, und setzt sich damit Angriffen aus?</p> <h2 id="h-quark-s">Quark(s)</h2> <p>Um Missverständnisse zu vermeiden: Dass es Menschen mit – mehr oder weniger großen – Aufmerksamkeitsproblemen gibt, bestreitet niemand. Es geht darum, wie man – individuell und gesellschaftlich – damit umgehen soll.</p> <p>Welche Antwort bekommt man, wenn man eine anerkannte Wissenschaftsredaktion befragt? “Warum sind Betroffene oft hibbelig und unkonzentriert? Die Veränderungen im Gehirn wirken sich auf das Verhalten aus” (Quark). Nein, allgemeine Gehirnveränderungen wurden für ADHS nie nachgewiesen und sind auch im klinischen Einzelfall nicht belegt, weder bei der Diagnose noch in der Therapie. Dass Menschen auf psychoaktive Substanzen oder Verhaltenstherapie ansprechen, beweist nicht die Existenz eines Dings ADHS im Gehirn.</p> <p>Ich trete nur dafür ein, auch <em>die Umgebung</em> mitzudenken. In diesem Zusammenhang ist ein Quarks-Symptom für die hyperaktive Variante von ADHS interessant: “Es kann schwerfallen, auf Belohnungen zu warten.” Genau, zum Beispiel wenn Schulunterricht, wo sich die Symptome am häufigsten äußern, mit Social Media Apps konkurrieren, wo man permanent und endlos stimulierende Inhalte gezeigt bekommt.</p> <p>Es sei noch einmal daran erinnert, dass sowohl die ADHS-Diagnosen als auch Verschreibung stimulierender Psychopharmaka <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/">seit den 1990ern stark anstieg</a>, erst bei Kindern und Jugendlichen, dann auch zunehmend bei Erwachsenen. Ist es reiner Zufall, dass das mit der Digitalisierung der Gesellschaft einhergeht, wo die Konkurrenz um die Aufmerksamkeit immer größer wird?</p> <h2 id="h-neu-woruber-psychiater-ungern-sprechen">Neu: Worüber Psychiater ungern sprechen</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen, die Geschichte und Irrtümer der Psychiatrie und Alternativen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/illustrations/brain-mind-psychology-idea-drawing-2062057/">ElisaRiva</a> (modifiziert), <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/46b637f80507487cb00e88be7a02cbae" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>ADHS in den Medien: Was läuft schief? Beispiel Quarks » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Die gesellschaftlichen Folgen von zu viel Aufmerksamkeit für die Aufmerksamkeitsstörung</strong></p> <span id="more-3497"></span> <p>Ich habe hier gerade von der <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/">Versechsfachung der ADHS-Diagnosen</a> in bestimmten Gruppen geschrieben und diesen Trend <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/">gesellschaftlich gedeutet</a>. Wenn es so große Veränderungen in so kurzer Zeit gibt, sollte man kritisch nachbohren. Andere meinen, man würde jetzt Fälle diagnostizieren, die man früher übersehen habe. Aha. Es war da, schweres psychisches Leiden, doch niemand sah es?</p> <p>Auch die Wissenschaftssendung “Quarks” vom ARD verbreitet diese Ansicht, zum Beispiel auf seinem Instagram-Account: Hinter dem Anstieg “stecken den Forschenden zufolge vor allem verspätete Diagnosen: Menschen, die seit der Kindheit Symptome zeigen, aber nicht diagnostiziert wurden.” Bei den Quellen wird ein Psychiater aus Dresden genannt, bei dem man vielleicht einmal angerufen hat. Der muss es ja wisssen.</p> <p>Auf der Internetseite von Quarks heißt es unter der Überschrift “Das solltest du über ADHS wissen” zum Störungsbild: “Im Gehirn von Menschen mit ADHS stehen Dopamin und Noradrenalin dort, wo sie benötigt werden, nicht in ausreichender Menge zur Verfügung.” Dort und auf Instagram wird das von einem Gehirnbild mit ein paar Blasen und Pfeilen begleitet. Ich habe hier auch so eine Abbildung für Sie vorbereitet:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain.jpg"><img alt="" decoding="async" height="779" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain-1024x779.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain-1024x779.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain-300x228.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain-768x585.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain.jpg 1248w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Beispiel: Wie Autismus-Spektrum (links) oder ADHS (rechts) im Gehirn aussehen könnte – oder auch nicht. (von <a href="https://pixabay.com/illustrations/brain-mind-psychology-idea-drawing-2062057/">ElisaRiva</a>, modifiziert / <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">PixaBay Lizenz</a>)</em><aside></aside></p> <h2 id="h-nichts-genaues-weiss-man-nicht">Nichts Genaues weiß man nicht</h2> <p>Die originale Quarks-Abbildung ist tatsächlich mit dem Hinweis “exemplarische Darstellung” versehen. Das kennen wir eher aus der Werbung: Weil wir heute mal keine Lust aufs Kochen haben, kaufen wir uns eine Tiefkühlpizza. Und weil dieses gefrorene Etwas, das wir zu Hause aus der Verpackung schälen, doch sehr anders aussieht, steht auf der bunten Verpackung etwas wie “Serviervorschlag” oder “Abbildung ähnlich”.</p> <p>Nun reden wir bei ADHS aber nicht von Fertigmahlzeiten, sondern von Diagnosen, die Menschen bekommen – und deren Leben stark beeinflussen können. Die Journalisten ergänzen zu ihrer Quarks-Darstellung: “Was bei ADHD im Gehirn passiert, ist nicht sicher geklärt und sehr komplex.”</p> <p>Aber dann sagt man doch gleich im ersten Satz: “Im Gehirn von Menschen mit ADHS stehen Dopamin und Noradrenalin … nicht in ausreichender Menge zur Verfügung.” Wie passt das zusammen?</p> <h2 id="h-die-pra-adhs-ara">Die Prä-ADHS-Ära</h2> <p>Die ADHS-Diagnose, wie wir sie kennen, <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/30-jahre-aufmerksamkeitsstoerung-adhs/">gibt es erst seit 1980</a>. Frühere Bezeichnungen waren “minimaler Gehirnschaden” (engl. Minimal Brain Damage, MBD). In Reaktion auf die Beschwerden von Eltern schwächte man das in den 1960ern/1970ern ab zu “minimale Gehirndysfunktion” (engl. Minimal Brain Dysfunction, auch MBD). Ärzte, die ihre Patient*innen mit Latein beeindrucken wollten, sprachen auch von der “minimalen zerebralen Dysfunktion”. Wer hat auch nicht gelernt, dass <em>cerebrum</em> der lateinische Name fürs Hirn ist?</p> <p>Der Name “minimaler Gehirnschaden” entstand tatsächlich nach der schweren Pandemie (ca. 1918 bis 1920) am Ende des Ersten Weltkriegs. Viele starben damals an der sogenannten Spanischen Grippe. Manche überlebten nach einer schweren Gehirnentzündung, mitunter in einem gelähmten Zustand. Einige Kinder zeigten nach der Hirnentzündung Verhaltensauffälligkeiten.</p> <p>Deshalb kam man schließlich darauf, Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten auch ohne vorherige Gehirnerkrankung die MBD-Diagnose zu geben. Frei nach dem Motto: ähnliche Probleme, ähnliche Ursache. Eine verbreitete Alternativhypothese, dass es bei ihnen während der Geburt zu einem Sauerstoffdefizit gekommen war, ließ sich nicht bestätigen.</p> <p>So redet man bald 100 Jahre über MBD und, wie Quarks, ein ADHS-Gehirn. Doch man konnte nie zeigen, was im Gehirn dieser Kinder, Jugendlichen und heute auch immer mehr Erwachsenen anders sein soll. Man glaubt an das ADHS-Gehirn, doch finden kann man es nie. Wie kann das sein? Und wie kann man das “Wissenschaft” nennen?</p> <h2 id="h-symptome">Symptome</h2> <p>Wie bei allen anderen psychologisch-psychiatrischen Störungen, hat man es auch hier Symptomlisten zu tun. Diese beziehen sich in der Regel auf innere psychologische Vorgänge und äußeres Verhalten, manchmal auch körperliche Eigenschaften, zum Beispiel Gewichtsveränderungen bei Depressionen.</p> <p>Bei ADHS gibt es zwei Haupttypen, den eher unaufmerksamen und den eher hyperaktiven/impulsiven. Für beide zählt das diagnostische Handbuch DSM-5-TR von 2022 neun Symptome. Für eine Diagnose müssen mindestens sechs eines Typs vorliegen – und übrigens schon vor dem Alter von 12 Jahren, früher sieben Jahren vorgelegen haben. In einem wissenschaftlichen Aufsatz habe ich errechnet, dass es darum <a href="https://doi.org/10.3389/fpsyt.2022.943049">satte 116.220 nach DSM gültige Formen von ADHS gibt</a>.</p> <p>Trotzdem ist jeder Mensch mit ADHS-Diagnose wieder anders. Kann er am Morgen anders sein als am Abend. In den Ferien anders als während der Schulzeit. Tatsächlich bauen manche in der Ferienzeit die Medikamente ab. Das ist schon eine komische medizinische Krankheit, die sich an unsere Ferienzeiten hält!</p> <h2 id="h-kein-interesse">Kein Interesse?</h2> <p>Quarks informiert zu den (angeblichen) ADHS-Symptomen übrigens: “Es kann schwerfallen, fokussiert bei uninteressanten Aufgaben zu bleiben.”</p> <p>Das mit den “uninteressanten Aufgaben” ist äußerst interessant: Erstens steht das nämlich nicht bei den offiziellen Diagnosekriterien. Zweitens könnte man sich auch einmal fragen, ob das nicht völlig normal ist, dass man ohne Interesse schlechter aufpassen kann.</p> <p>Interessanterweise(!) gehört das von Quarks genannte Symptom zu einem anderen Störungsbild, das eine Lobby von Kinderpsychologen und -psychiatern seit einiger Zeit einführen will: Denken im Schneckentempo (engl. Sluggish Cognitive Tempo, SCT). Angeblich sollen 5 Prozent der Kinder daran leiden und dieselben Medikamente wie bei ADHS helfen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920.jpg 1764w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Ist diese Schnecke psychisch gestört – oder einfach nur langsamer als andere? (von <a href="https://pixabay.com/photos/snail-shell-invertebrate-sensor-6290772/">Nennieinszweidrei</a> / <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">PixaBay Lizenz</a>)</em></p> <p>Man merkte schließlich selbst, dass “Schneckentempodenken” kein guter Name ist, um eine Störung ins DSM zu bekommen. Dann könnte man viele neue Fachaufsätze publizieren und die Behandlung endlich bei den Krankenkassen abrechnen. So kam man später auf den Namen “Konzentrationsdefizitstörung” (engl. Concentration Deficit Disorder, CDD).</p> <p>Worin der Unterschied zwischen Aufmerksamkeits- und Konzentrationsdefizit bestehen soll, müsste man erst einmal erklären. Ursprünglich sollte es sich dabei um eine unerkannte, dritte Hauptform von ADHS handeln – eben unter anderem mit dem Symptom, bei uninteressanten Aufgaben schlechter aufzupassen.</p> <p>Doch inzwischen hat man sich auch davon wieder verabschiedet: Der Name des dritten Versuchs ist etwas schwerer zu übersetzen, vielleicht als “Syndrom kognitiver Distanzierung” (engl. Cognitive disengagement syndrome, CDS). Und anders als SCT oder CDD soll das keine ADHS-Variante mehr sein, sondern ein eigenes Störungsbild.</p> <h2 id="h-kurzschlusse">Kurzschlüsse</h2> <p>Folgen Sie mir noch? Sind Sie vielleicht uninteressiert? Haben Sie es schon mit Psychopharmaka probiert?</p> <p>Nein, bevor Sie medizinische Stimulanzien wie Amphetamin/Speed und Methylphenidat/Ritalin oder sogar Kokain nehmen – laut Professor Thomas Müller, Co-Präsident der Schweizerischen Fachgesellschaft für ADHS, kann eine positive Reaktion auf Kokain ein Hinweis auf ADHS sein –, klicken Sie lieber weiter.</p> <p>SCT, CDD oder CDS sind noch nicht im DSM. Vielleicht wird sich das mit dem DSM-6 ändern. Die Entscheidung treffen führende Psychiaterinnen und Psychiater, von denen die Mehrheit übrigens Gelder von der Pharmaindustrie bekommt – die wiederum daran verdient, wenn immer mehr Störungsbilder ins diagnostische Handbuch aufgenommen und so beschrieben werden, dass man die Symptome mit ihren Psychopharmaka beeinflussen kann.</p> <p>Auf der Quark(s)-Seite finden sich noch viel mehr Kurzschlüsse. Ein beliebter Fehler ist zum Beispiel eine Aussage wie: “So beeinflusst ADHS das Verhalten.”</p> <p>Nein, das ist ein Denkfehler: Ihr ADHS macht sie nicht unaufmerksam, genauso wenig wie ihre Depression sie traurig macht. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Bestimmte Formen von Unaufmerksamkeit beziehungsweise bestimmte Formen von Traurigkeit <em>nennen</em> wir heute ADHS oder Depression.</p> <p>Die allgemeinen Kriterien hierfür legen die genannten Fachleute fest. Im Einzelfall muss ein Arzt oder eine Therapeutin entscheiden, ob das individuelle Leiden oder die Probleme im Alltag groß genug sind, um eine psychologisch-psychiatrische Diagnose zu rechtfertigen. Das passiert in der subjektiven Abwägung – und ganz sicher nicht mit einem Blut-, Gen- oder Gehirntest.</p> <h2 id="h-verdinglichung">Verdinglichung</h2> <p>Sätze wie “mein ADHS macht mich unaufmerksam” machen aus der gerade beschriebenen <em>sprachlichen Konvention</em> medizinisch-psychologischer Fachleute <em>ein Ding</em> mit eigenen kausalen Kräften. Das grenz an Magie! In der Wissenschaft nennen wir das “Reifikation” (von lat. <em>res</em> = Ding) oder schlicht “Verdinglichung”.</p> <p>Manche erklären für sich und andere ihre Denk- und Verhaltensweisen anschließend damit, dass man das Wort in der medizinischen Akte mit ihnen verknüpft hat. Das ist zwar philosophisch und wissenschaftlich gesehen Unsinn, aus menschlicher Sicht aber nachvollziehbar: Denn im Bereich der Medizin entschuldigt man jemanden in der Regel für seine oder ihre (angeblichen) Mängel. Wenn nur das Problem der Stigmatisierung nicht wäre, dass manche Diagnosen gerade soziale Distanz erzeugen.</p> <p>Die Verdinglichung geht oft mit einem anderen Fehlschluss einher: Die diagnostischen Kategorien, die einen Zustand nur <em>beschreiben</em>, werden jetzt als dessen <em>Erklärung</em> herangezogen.</p> <h2 id="h-sprachliche-magie">Sprachliche Magie</h2> <p>Ein frappierendes Beispiel, das ich an dieser Stelle gerne zitiere, habe ich von meinem alten Bloggerkollegen Helmut Wicht gelernt, Biologe und früher Anatomiedozent an der Universität Frankfurt:</p> <p>Stellen Sie sich vor, Sie haben um die Lippen herum eine entzündete (gerötete) Haut. Deswegen gehen Sie zum Dermatologen. Dieser gibt Ihnen eine Salbe und die Diagnose “periorale Dermatitis”. Vielleicht denken Sie jetzt: “Wow, was für eine Fachkompetenz! Mein Dermatologe hat herausgefunden, dass ich eine <em>periorale Dermatitis</em> habe!”</p> <p>Dabei heißt “periorale Dermatitis” schlicht “Entzündung (-itis) der Haut (derma) um den Mund (oris) herum (peri)”. Sie haben also schlicht das gesagt bekommen, was Sie schon wussten: dass Sie eine Entzündung um den Mund herum haben, denn sonst wären Sie ja nicht zum Hautarzt gegangen.</p> <p>Warum der Arzt oder die Ärztin sich einer, nein sogar zweier – Latein und Altgriechisch werden hier vermischt – ausgestorbener Sprachen bedienen muss, um Ihnen zu erzählen, was Sie schon wussten, könnte man sich einmal überlegen. Wahrscheinlich wird so verschleiert, dass Ärztinnen und Ärzte auch nicht alles wissen. (Ein Prof in meiner Ausbildung: “Sage nie vor Patienten, dass du etwas nicht weißt!” Das machte ihn in meinen Augen nicht vertrauenswürdiger.)</p> <p>Und wofür früher solche Fremdsprachen verwendet wurden – in der Religion hat man die gläubigen Schäfchen damit auch lange Zeit beeindruckt, wenn nicht gar eingeschüchtert –, nimmt man heute gerne Abkürzungen: eben CDS, CDD, SCT, MBD oder ADHS.</p> <p>Klar, mein Kind hat SCT (alias Schneckentempodenken). Jetzt ergibt alles Sinn!</p> <h2 id="h-symptome-und-ursachen">Symptome und Ursachen</h2> <p>An dieser Stelle brodelt es in den Betroffenen mitunter. Sie sind wütend, fühlen sich nicht ernst genommen. Die philosophisch-wissenschaftliche Argumentation bedeute, dass man ihnen das Leid abspricht. Nein, das tut sie nicht!</p> <p>Ich weise nur auf den Prozess der <em>Umdeutung</em> hin: Ein Mensch leidet oder findet sich nicht so gut im Alltag zurecht. Oft genug verursacht Letzteres auch Ersteres: zum Beispiel, wenn andere einen für vergesslich halten und darum abwerten.</p> <p>Übrigens wurden auch homosexuelle Männer stark ausgegrenzt und nannten Psychiater das bis in die 1970er-Jahre eine Geistesstörung. Schlaue Leute hatten das ins DSM geschrieben, also musste es stimmen. Dann kam ein noch schlauerer Psychiater, Robert L. Spitzer (1932-2015), und wies seine Kollegen daraufhin, dass die Schwulen vor allem wegen der Ausgrenzung litten und nicht wegen ihrer sexuellen Vorlieben; und man bemerkte, dass der “objektive”, statistische Beweis für die angebliche Krankheit der Schwulen in Gefängnissen erhoben worden war, wo es Menschen allgemein schlechter geht.</p> <p>Ich bestreite auch nicht, dass die Hautsalbe vom Dermatologen oder die Stimulanzien vom Psychiater das Leiden lindern können. Mit der Wirkungsweise der Stimulanzien habe ich mich intensiv für die Gehirndoping-Debatte beschäftigt, siehe hier meine <a href="https://www.schleim.info/wordpress/de/2022/07/20/gratis-neuer-gehirndoping-bericht-erschienen/">Gratis-FAQ</a> als Ergebnis eines mehrjährigen Forschungsprojekts.</p> <p>Aber um den Kreis für ADHS zu schließen: Man macht uns, Eltern und Kindern, seit gut 100 Jahren weis, verhaltensauffällige Kinder hätten eine Gehirnstörung. Gefunden hat man sie nie. Währenddessen verbreitet eine Sendung wie Quark(s) suggestive Werbebildchen darüber, während sie selbst einräumt, dass man es nicht weiß.</p> <p>Warum redet man dann so, obwohl man weiß, dass es nicht stimmt?</p> <h2 id="h-individualisierung">Individualisierung</h2> <p>Ich gönne jedem seine Therapie und auch <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-32618-9">seine Medikamente</a>, wenn er/sie der Meinung ist, dass das mehr hilft als schadet. Ich will nur die falsche Magie aus dieser Diskussion haben.</p> <p>Denn mit dem nachweislich falschen Gen- und Gehirn-Sprech werden die Probleme ausschließlich im Individuum lokalisiert. Obwohl man es nicht in den vielen Patientinnen und Patienten nachweisen kann – die Gehirnscanner stehen doch bereit! –, soll es da an Dopamin oder Noradrenalin mangeln. Also wenn jemand etwas schüchtern ist und mit einem Glas Sekt sozialer wird, dann hatte er oder sie vorher einen Alkoholmangel?</p> <p>Dass das nicht nur Theorie ist, lässt sich zeigen, wenn ich auf den Fehler von Quarks mit dem fehlenden Interesse zurückkomme. Wann fehlt uns denn das Interesse? In der Regel dann, wenn wir etwas langweilig oder eintönig finden – oder auch dann, wenn wir ermüdet sind.</p> <p>Dann fällt es uns oft schwerer, uns für etwas zu motivieren. Ist es Zufall, dass stimulierende Substanzen wie Amphetamin, Methylphenidat oder Kokain die subjektive Energie, das Gefühl der Wachheit, die Motivation erhöhen? Und dass es Menschen damit leichter fällt, eintönige Aufgaben zu erledigen?</p> <p>Meine Forderung ist schlicht: nicht immer nur aufs Individuum zu schauen, sondern auch auf die Umgebung. Dann wird zum Beispiel ADHS nicht nur ein Thema der Psychiater, sondern auch von Psychologen, Pädagogen, Sozialarbeiten, Umweltmedizinern, der Gestaltung von Schulunterricht und Erziehung. Dann sucht man die Ursachen nicht nur im Einzelnen – und wir man nicht selten an anderen Orten fündig.</p> <h2 id="h-p-s-zur-gehirn-psychiatrie">P.S. Zur ‚Gehirn-Psychiatrie‘</h2> <p>Ja ja, ich weiß: Ich habe die Forschung nicht verstanden, obwohl ich in drei psychiatrischen Universitätskliniken gearbeitet und mit Verfahren der bildgebenden Hirnforschung meine kognitionswissenschaftlich Doktorarbeit abgeschlossen habe. Ich schwurble.</p> <p>Ich schwurble sogar so sehr, dass ich Bachelorstudierende der Psychologie im dritten Jahr mit etwas Anleitung einen der am häufigsten zitierten psychiatrischen Belege für die Behauptung, ADHS sei eine Gehirnstörung, analysieren ließ. Eine über tausendfach zitierte <a href="https://www.thelancet.com/journals/lanpsy/article/PIIS2215-0366(17)30049-4/abstract?ref=tomecontroldesusalud.com">Publikation</a> in <em>Lancet Psychiatry</em>. Über mehrere Jahre waren 100 Prozent meiner Studierenden in Gruppenarbeit dazu in der Lage, die grundlegenden Fehler dieser Behauptung herauszuarbeiten.</p> <p>Ja ja, ich weiß: Wir schwurbeln alle und jetzt verstecke ich mich sogar hinter meinen Bachelorstudierenden!</p> <p>Martine Hoogman von der Universitätsklinik in Nijmegen, die Erstautorin dieser Studie, wurde kürzlich für einen <a href="https://www.nytimes.com/2025/04/13/magazine/adhd-medication-treatment-research.html">ausführlichen Artikel zu ADHS</a> im <em>New York Times Magazine</em> befragt. Meiner Meinung nach waren ihre Gehirnfunde viel zu klein, um etwas über Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne ADHS-Diagnose aussagen zu können. Das sage ich seit bald zehn Jahren.</p> <p>Interessant, dass Hoogman, die die Botschaft “ADHS ist eine Gehirnstörung” in die Welt setzte, was massiv von den Medien verbreitet wurde, nun scheinbar ihre Meinung geändert hat:</p> <blockquote> <p>“Als ich Hoogman kürzlich per E-Mail interviewte, war ich überrascht zu erfahren, dass sie ihre Aussage im Nachhinein bereut. ‘Damals betonten wir die von uns festgestellten Unterschiede (wenn auch geringfügige), aber man kann auch schlussfolgern, dass das subkortikale und kortikale Volumen von Menschen mit und ohne ADHS nahezu identisch ist’, schrieb sie. Rückblickend fügte sie hinzu, es sei nicht angemessen gewesen, aus ihren Ergebnissen zu schließen, dass ADHS eine Hirnstörung sei.” (<em>New York Times Magazine</em>, 2025)</p> </blockquote> <p>Gehirnstörung oder nicht, andere Gehirne oder (nahezu) identisch – wo ist da der Unterschied? Man rühre im Quark und alles wird gleich.</p> <p>Tja, wer schwurbelt hier? Wer verfolgt damit seine finanziellen, Karriere- und Aufmerksamkeitsinteressen? Und wer wagt es, die herrschende Meinung zu kritisieren, und setzt sich damit Angriffen aus?</p> <h2 id="h-quark-s">Quark(s)</h2> <p>Um Missverständnisse zu vermeiden: Dass es Menschen mit – mehr oder weniger großen – Aufmerksamkeitsproblemen gibt, bestreitet niemand. Es geht darum, wie man – individuell und gesellschaftlich – damit umgehen soll.</p> <p>Welche Antwort bekommt man, wenn man eine anerkannte Wissenschaftsredaktion befragt? “Warum sind Betroffene oft hibbelig und unkonzentriert? Die Veränderungen im Gehirn wirken sich auf das Verhalten aus” (Quark). Nein, allgemeine Gehirnveränderungen wurden für ADHS nie nachgewiesen und sind auch im klinischen Einzelfall nicht belegt, weder bei der Diagnose noch in der Therapie. Dass Menschen auf psychoaktive Substanzen oder Verhaltenstherapie ansprechen, beweist nicht die Existenz eines Dings ADHS im Gehirn.</p> <p>Ich trete nur dafür ein, auch <em>die Umgebung</em> mitzudenken. In diesem Zusammenhang ist ein Quarks-Symptom für die hyperaktive Variante von ADHS interessant: “Es kann schwerfallen, auf Belohnungen zu warten.” Genau, zum Beispiel wenn Schulunterricht, wo sich die Symptome am häufigsten äußern, mit Social Media Apps konkurrieren, wo man permanent und endlos stimulierende Inhalte gezeigt bekommt.</p> <p>Es sei noch einmal daran erinnert, dass sowohl die ADHS-Diagnosen als auch Verschreibung stimulierender Psychopharmaka <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/">seit den 1990ern stark anstieg</a>, erst bei Kindern und Jugendlichen, dann auch zunehmend bei Erwachsenen. Ist es reiner Zufall, dass das mit der Digitalisierung der Gesellschaft einhergeht, wo die Konkurrenz um die Aufmerksamkeit immer größer wird?</p> <h2 id="h-neu-woruber-psychiater-ungern-sprechen">Neu: Worüber Psychiater ungern sprechen</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen, die Geschichte und Irrtümer der Psychiatrie und Alternativen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736">im BoD Shop</a>. 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Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/illustrations/brain-mind-psychology-idea-drawing-2062057/">ElisaRiva</a> (modifiziert), <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/46b637f80507487cb00e88be7a02cbae" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-in-den-medien-was-laeuft-schief-beispiel-quarks/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>80</slash:comments> </item> <item> <title>Schlaganfall und Stammzellen https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/schlaganfall-und-stammzellen/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/schlaganfall-und-stammzellen/#comments Tue, 23 Dec 2025 15:24:50 +0000 Ruzica Sedic https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5457 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/csm_0828schlaganfall_2b59846098-768x329.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/schlaganfall-und-stammzellen/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/csm_0828schlaganfall_2b59846098.jpg" /><h1>Schlaganfall und Stammzellen » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Ruzica Sedic</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Sehstörungen, Sprach- und Sprachverständnisstörungen, Lähmungen und Taubheitsgefühle, Schwindel und Gangunsicherheit. So kann sich ein Schlaganfall ankündigen. Die Stammzelltherapie ist eine vielversprechende Behandlungsmöglichkeit, falls ein Schlaganfall eintritt. Doch was ist hierbei schon Realität und was Science Fiction?</p> <h3 id="h-was-ist-ein-schlaganfall">Was ist ein Schlaganfall?</h3> <p>Schlaganfälle sind die häufigste Ursache für Behinderungen weltweit und die zweithäufigste Todesursache [1, 2]. </p> <p>Ein Schlaganfall entsteht, wenn ein Teil des Gehirns plötzlich nicht mehr ausreichend mit Blut und Sauerstoff versorgt wird. Hierbei gibt es zwei Hauptformen: den Hirninfarkt, bei dem ein Gefäß im Gehirn durch ein Blutgerinnsel verschlossen wird (ischämischer Schlaganfall), und die Hirnblutung, bei der ein Gefäß im Gehirn platzt, sodass Blut in das umliegende Gewebe austritt (hämorrhagischer Schlaganfall) [3]. Obwohl hämorrhagische Schlaganfälle seltener sind als ischämische, gehen sie mit einer höheren Sterblichkeit einher [3].</p> <p>Die initiale Störung führt zum Tod der Nervenzellen und somit zu primären Hirnschäden [4]. Sekundäre Hirnschäden entstehen anschließend durch Entzündungen, oxidativen Stress und biochemische Kaskaden [5].</p> <p>Abhängig davon, in welchen Hirnarealen eine Störung vorliegt, können unterschiedliche Fähigkeiten beeinträchtigt sein.<aside></aside></p> <h3 id="h-entzundliches-milieu-nach-einem-schlaganfall">Entzündliches Milieu nach einem Schlaganfall</h3> <p>Nach einem Schlaganfall wird das Gehirn zu einem Hotspot der Immunaktivität. <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-stadtverwaltung-des-gehirns-die-gliazellen/">Mikroglia</a>, die Immunzellen des ZNS, werden innerhalb von Minuten aktiv, produzieren proinflammatorische Botenstoffe wie TNF, IL‑1bund IL‑6, was zu weiterem Nervenschaden führt [6, 7]. Weitere Entzündungskaskaden führen dazu, dass die Blut-Hirn-Schranke löchrig wird. Dadurch kann diese Barriere von peripheren Immunzellen durchdrungen werden [8].</p> <p>Auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-stadtverwaltung-des-gehirns-die-gliazellen/">Astrozyten</a>, die normalerweise die Stabilität der Blut-Hirn-Schranke stützen und neuronale Funktionen unterstützen, werden aktiv. Diese Reaktivität kann zur weiteren Ausschüttung proinflammatorischer Botenstoffe führen, was potenziell zur Entwicklung einer Glia-Narbe (“Glial Scar”) führen kann [9]. Eine solche Glia-Narbe kann sowohl physisch als auch molekular als Barriere wirken, was wiederum die Heilung behindern kann [10].</p> <p>Dieser Prozess ist ambivalent: Einerseits hilft er, Zelltrümmer abzuräumen und den Weg für Reparatur zu ebnen, andererseits kann überschießende oder zu lang anhaltende Entzündung den Schaden vergrößern und die Regeneration blockieren [11]. </p> <p>Parallel werden aber auch regulierende Mechanismen aktiviert, etwa regulatorische T‑Zellen, die versuchen, das immunologische Gleichgewicht wiederherzustellen [12].</p> <h3 id="h-aktuelle-therapien-fur-schlaganfalle">Aktuelle Therapien für Schlaganfälle</h3> <p>Die akute Behandlung zielt darauf ab, das betroffene Hirngewebe so schnell wie möglich wieder zu durchbluten oder weiteren Schaden zu verhindern.</p> <p>Bei ischämischen Schlaganfällen ist das wichtigste Ziel, das verschlossene Gefäß schnell wieder zu öffnen. Dafür stehen zwei bewährte Verfahren zur Verfügung:</p> <p>Intravenöse Thrombolyse: Innerhalb eines engen Zeitfensters von etwa 4,5 Stunden nach Symptombeginn wird ein Medikament verabreicht, um das Blutgerinnsel aufzulösen [13].</p> <p>Mechanische Thrombektomie: Hierbei wird das Gerinnsel über einen Katheter mechanisch aus dem Gefäß entfernt. Diese Methode ist besonders effektiv bei größeren Gefäßverschlüssen und kann in manchen Fällen bis zu 24 Stunden nach Symptombeginn sinnvoll sein [14].</p> <p>Beim hämorrhagischen Schlaganfall hingegen stehen die Blutstillung und Senkung des Hirndrucks im Vordergrund. In schweren Fällen kann ein chirurgischer Eingriff erforderlich sein, um das Blutgerinnsel zu entfernen oder das Gefäß zu stabilisieren [15].</p> <p>In der Rehabilitationsphase liegt der Fokus dann auf der Funktionserholung und der Neurorehabilitation. Ziel ist, durch gezieltes Training, Physiotherapie und Ergotherapie verlorene Fähigkeiten wiederzuerlangen oder zu kompensieren.</p> <h3 id="h-was-sind-stammzellen">Was sind Stammzellen?</h3> <p>Stammzellen sind besondere Zellen, die sich durch zwei zentrale Eigenschaften auszeichnen: Sie können sich selbst erneuern und sich in verschiedene Zelltypen differenzieren [16]. Je nach Ursprungsgewebe und Potenzial unterscheidet man verschiedene Arten von Stammzellen.</p> <p>Neuralstammzellen (NSCs) sind im zentralen Nervensystem zu finden. Sie können sich in die <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-stadtverwaltung-des-gehirns-die-gliazellen/">Hauptzelltypen des Gehirns</a> differenzieren: Neuronen, Astrozyten und Oligodendrozyten [17]. Beim <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/wachsendes-gehirn-adulte-neurogenese/">Erwachsenen</a> finden sich NSCs vor allem in bestimmten Regionen wie der subventrikulären Zone (SVZ) und dem Gyrus dentatus des Hippocampus [18, 19]. </p> <p>Mesenchymale Stammzellen (MSCs) können zum Beispiel aus Knochenmark [20] oder Fettgewebe [21] gewonnen werden. Sie haben nur begrenzte Fähigkeit, sich in Nervenzellen umzuwandeln (Multipotenz), wirken jedoch auf andere Weise therapeutisch: Sie setzen Wachstumsfaktoren und Zytokine frei, die Entzündungen reduzieren, die Immunantwort modulieren und die Mikro-Umgebung im geschädigten Gewebe verbessern. So schaffen sie indirekt Bedingungen, die die Regeneration unterstützen [22, 23, 24, 25]. </p> <p>Neben adulten Stammzelltypen gibt es auch embryonale Stammzellen (ESCs) und induzierte pluripotente Stammzellen (iPSCs). ESCs stammen aus sehr frühen Embryonalstadien und können sich in nahezu alle Zelltypen des Körpers entwickeln (Pluripotenz) [26]. iPSCs dagegen werden durch Reprogrammierung ausgereifter Körperzellen, zum Beispiel Hautzellen, gewonnen [27].</p> <h3 id="h-wie-wirkt-stammzelltherapie">Wie wirkt Stammzelltherapie?</h3> <p>Stammzelltherapie ist ein vielversprechender Ansatz, um fortschreitende Schäden zu begrenzen, aber auch um Gewebereparatur anzuregen. Stammzellen können Reparaturprozesse anstoßen, die Migration körpereigener Zellen in geschädigte Hirnareale fördern und das Mikromilieu nach einem Schlaganfall entscheidend beeinflussen.</p> <p>Besonders intensiv untersucht werden dabei neuronale Stammzellen (NSCs) und mesenchymale Stammzellen (MSCs). Beide zeigen auf unterschiedliche Weise ihr therapeutisches Potenzial: </p> <p>NSCs können sich in Neuronen und Gliazellen differenzieren und so direkt zur Regeneration beitragen, können aber auch Inflammation modulieren und die Bildung neuer Blutgefäße aus bestehenden Gefäßen (Angiogenese) anregen [28]. </p> <p>MSCs haben die Fähigkeit, Zelltod zu reduzieren, die Bildung neuer Synapsen (Synaptogenese) und Blutgefäße (Angiogenese) zu fördern und über Freisetzung entzündungshemmender Signalmoleküle das geschädigte Nervengewebe zu schützen [29].</p> <p>Ein zentrales Thema aktueller Studien ist die Wechselwirkung zwischen Stammzellen und der postischämischen Entzündungsumgebung. Nach einem Schlaganfall wird die Blut-Hirn-Schranke durchlässiger, sodass Stammzellen in Kontakt mit dem entzündlichen Milieu im und um das beschädigte Areal treten können. Hier entfalten sie Effekte, die weit über reinen Zellersatz hinausgehen [30, 31].</p> <h3 id="h-was-zeigen-tiermodelle">Was zeigen Tiermodelle?</h3> <p>In Tiermodellen konnte nachgewiesen werden, dass die Transplantation verschiedener Stammzelltypen (MSCs, NSCs und iPSCs) die neuronale Reparatur nach einem Schlaganfall verbessern kann. </p> <p>Studien haben beispielsweise gezeigt, dass die Transplantation von MSCs Gewebeschäden verringern, die Entzündung regulieren und das Wachstum neuer Nervenzellen und Blutgefäße anregen kann [32]. </p> <p>Eingesetzte NSCs können sich in Richtung der verletzten Region bewegen, sich zu Nervenzellen differenzieren und zur Wiederherstellung der Funktion beitragen [33].</p> <p>Auch die Art und das Timing der Verabreichung spielen eine Rolle: Intravenöse oder intraarterielle Gaben sind weniger invasiv und führen dennoch dazu, dass Verletzungen reduziert werden können [34, 35].</p> <h3 id="h-was-ist-klinisch-schon-realitat">Was ist klinisch schon Realität?</h3> <p>In den letzten Jahren wurden zahlreiche frühe klinische Studien durchgeführt, die unterschiedliche Stammzelltypen, Dosierungen und Zeitpunkte nach Schlaganfall getestet haben. </p> <p>In der Phase-II-Studie MASTERS (Multistem in acute stroke treatment to enhance recovery), in der intravenös multipotente Progenitorzellen verabreicht wurden, zeigte sich eine signifikante Immunregulation: Die behandelten Patienten wiesen am 7. Tag reduzierte CD3+-T-Zellen auf als die Placebo-Gruppe. Spezialisierte T-Zellen, auch T-Lymphozyten genannt, werden als CD3+-T-Zellen bezeichnet. Diese Gruppe von Blutzellen entsteht im Knochenmark und dient der Immunabwehr. Zudem wurde ein reduzierter Serumspiegel mit proinflammatorischen Zytokinen beobachtet. Dies deutet auf eine systemische entzündungshemmende Wirkung hin. Gleichzeitig konnte in der Studie keine globale Verbesserung der Schlaganfallsymptome, gemessen anhand von Faktoren wie Bewusstsein, Gesichtslähmung, motorischer Arm-/Beinfunktion, Sprache usw., festgestellt werden [36].</p> <p>Demgegenüber berichteten zwei frühe Phase-I-Studien an Patienten mit akutem ischämischem Schlaganfall, in denen entweder intravenös humane Nabelschnurzellen [37] oder allogene humane Amnionepithelzellen (Zellen der innersten Eihaut) [38] verabreicht wurden, von keinen Zytokinveränderungen. Allerdings fehlten beiden Studien Placebokontrollen und es gab methodische Einschränkungen, die eine robuste Immunbewertung verhinderten.</p> <h3 id="h-herausforderungen-auf-dem-weg-in-die-routine">Herausforderungen auf dem Weg in die Routine</h3> <p>Wenn Stammzelltherapie eines derzeit noch nicht ist, dann ist es ein Standardbaustein der Schlaganfallversorgung. Dafür gibt es mehrere Gründe: Es gibt keinen Konsens über die optimale Zellquelle, Dosis, das beste Zeitfenster und den idealen Applikationsweg – und Patienten mit Schlaganfall sind extrem heterogen, was Alter, Komorbiditäten und Ausmaß der Schädigung angeht. </p> <p>Eine Herausforderung ist das begrenzte Überleben und Einwachsen transplantierter Zellen im ischämischen Gehirn [39]. Eine weitere Herausforderung ist das Potenzial für Off-Target-Effekte oder z.B. Tumorentstehung und Schlaganfall-assoziierte Infektionen [40]. </p> <p>Mögliche zukünftige Entwicklungen in der Stammzelltherapie umfassen die Verwendung von Biomaterialien und Ansätzen des Tissue Engineering, um eine unterstützende Mikroumgebung für transplantierte Zellen zu schaffen und deren Überleben und Differenzierung zu verbessern [41].</p> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ol> <li>Tsao, C. W., Aday, A. W., Almarzooq, Z. I., Anderson, C. A. M., Arora, P., Avery, C. L., Baker-Smith, C. M., Beaton, A. Z., Boehme, A. K., Buxton, A. E., Commodore-Mensah, Y., Elkind, M. S. V., Evenson, K. R., Eze-Nliam, C., Fugar, S., Generoso, G., Heard, D. G., Hiremath, S., Ho, J. E., Kalani, R., Kazi, D. S., Ko, D., Levine, D. A., Liu, J., Ma, J., Magnani, J. W., Michos, E. D., Mussolino, M. E., Navaneethan, S. D., Parikh, N. I., Poudel, R., Rezk-Hanna, M., Roth, G. A., Shah, N. S., St-Onge, M.-P., Thacker, E. L., Virani, S. S., Voeks, J. H., Wang, N. Y., Wong, N. D., Wong, S. 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Außerdem fasziniert mich, wie unser Gehirn im Alltag funktioniert und welche unglaublichen Leistungen es vollbringt - oft ohne dass wir es bewusst wahrnehmen.</p> </div> </div> </article> <section> <div> <aside id="block-3"> <p>HIRN UND WEG ist der Neuroblog der <a href="https://www.ghst.de"><strong><mark>Gemeinnützigen Hertie-Stiftung</mark></strong></a> , der die Bandbreite und Facetten eines der faszinierendsten Organe zeigen, Erkenntnisse aus Wissenschaft einfach und gut erklären und geistreich und unterhaltsam begeistern möchte. Neben der Informationsvermittlung gehören die Förderung von Exzellenz und die Schaffung von Strukturen in den Neurowissenschaften zu den Zielen des Programmbereichs "Gehirn erforschen" der Stiftung. </p> </aside><aside id="block-2"> <figure><a href="https://www.ghst.de/"><img alt="" decoding="async" height="178" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-300x52.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-768x134.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1536x267.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1000x174.jpg 1000w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px.jpg 2000w" width="1024"></img></a><figcaption><a href="https://www.ghst.de/"><em>https://www.ghst.de/</em></a></figcaption></figure> </aside> </div> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-9"><div><p>&#xD; Die <a href="https://www.ghst.de/">Gemeinnützige Hertie-Stiftung </a>konzentriert sich auf die zwei Leitthemen „Gehirn erforschen“ und „Demokratie stärken“. Die Projekte der Stiftung setzen modellhafte Impulse innerhalb dieser Themen. &#xD; Ihr neu eingerichteter Neuroblog leistet einen Beitrag zur Förderung von Wissenschaftskommunikation und zum besseren Verständnis des Gehirns, seiner Funktionsweise und seiner Erkrankungen.&#xD; </p>&#xD; <p><a href="http://www.scilogs.de/kosmo//hirn-und-weg/impressum/">Impressum Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>&#xD; </p></div></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/csm_0828schlaganfall_2b59846098.jpg" /><h1>Schlaganfall und Stammzellen » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Ruzica Sedic</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Sehstörungen, Sprach- und Sprachverständnisstörungen, Lähmungen und Taubheitsgefühle, Schwindel und Gangunsicherheit. So kann sich ein Schlaganfall ankündigen. Die Stammzelltherapie ist eine vielversprechende Behandlungsmöglichkeit, falls ein Schlaganfall eintritt. Doch was ist hierbei schon Realität und was Science Fiction?</p> <h3 id="h-was-ist-ein-schlaganfall">Was ist ein Schlaganfall?</h3> <p>Schlaganfälle sind die häufigste Ursache für Behinderungen weltweit und die zweithäufigste Todesursache [1, 2]. </p> <p>Ein Schlaganfall entsteht, wenn ein Teil des Gehirns plötzlich nicht mehr ausreichend mit Blut und Sauerstoff versorgt wird. Hierbei gibt es zwei Hauptformen: den Hirninfarkt, bei dem ein Gefäß im Gehirn durch ein Blutgerinnsel verschlossen wird (ischämischer Schlaganfall), und die Hirnblutung, bei der ein Gefäß im Gehirn platzt, sodass Blut in das umliegende Gewebe austritt (hämorrhagischer Schlaganfall) [3]. Obwohl hämorrhagische Schlaganfälle seltener sind als ischämische, gehen sie mit einer höheren Sterblichkeit einher [3].</p> <p>Die initiale Störung führt zum Tod der Nervenzellen und somit zu primären Hirnschäden [4]. Sekundäre Hirnschäden entstehen anschließend durch Entzündungen, oxidativen Stress und biochemische Kaskaden [5].</p> <p>Abhängig davon, in welchen Hirnarealen eine Störung vorliegt, können unterschiedliche Fähigkeiten beeinträchtigt sein.<aside></aside></p> <h3 id="h-entzundliches-milieu-nach-einem-schlaganfall">Entzündliches Milieu nach einem Schlaganfall</h3> <p>Nach einem Schlaganfall wird das Gehirn zu einem Hotspot der Immunaktivität. <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-stadtverwaltung-des-gehirns-die-gliazellen/">Mikroglia</a>, die Immunzellen des ZNS, werden innerhalb von Minuten aktiv, produzieren proinflammatorische Botenstoffe wie TNF, IL‑1bund IL‑6, was zu weiterem Nervenschaden führt [6, 7]. Weitere Entzündungskaskaden führen dazu, dass die Blut-Hirn-Schranke löchrig wird. Dadurch kann diese Barriere von peripheren Immunzellen durchdrungen werden [8].</p> <p>Auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-stadtverwaltung-des-gehirns-die-gliazellen/">Astrozyten</a>, die normalerweise die Stabilität der Blut-Hirn-Schranke stützen und neuronale Funktionen unterstützen, werden aktiv. Diese Reaktivität kann zur weiteren Ausschüttung proinflammatorischer Botenstoffe führen, was potenziell zur Entwicklung einer Glia-Narbe (“Glial Scar”) führen kann [9]. Eine solche Glia-Narbe kann sowohl physisch als auch molekular als Barriere wirken, was wiederum die Heilung behindern kann [10].</p> <p>Dieser Prozess ist ambivalent: Einerseits hilft er, Zelltrümmer abzuräumen und den Weg für Reparatur zu ebnen, andererseits kann überschießende oder zu lang anhaltende Entzündung den Schaden vergrößern und die Regeneration blockieren [11]. </p> <p>Parallel werden aber auch regulierende Mechanismen aktiviert, etwa regulatorische T‑Zellen, die versuchen, das immunologische Gleichgewicht wiederherzustellen [12].</p> <h3 id="h-aktuelle-therapien-fur-schlaganfalle">Aktuelle Therapien für Schlaganfälle</h3> <p>Die akute Behandlung zielt darauf ab, das betroffene Hirngewebe so schnell wie möglich wieder zu durchbluten oder weiteren Schaden zu verhindern.</p> <p>Bei ischämischen Schlaganfällen ist das wichtigste Ziel, das verschlossene Gefäß schnell wieder zu öffnen. Dafür stehen zwei bewährte Verfahren zur Verfügung:</p> <p>Intravenöse Thrombolyse: Innerhalb eines engen Zeitfensters von etwa 4,5 Stunden nach Symptombeginn wird ein Medikament verabreicht, um das Blutgerinnsel aufzulösen [13].</p> <p>Mechanische Thrombektomie: Hierbei wird das Gerinnsel über einen Katheter mechanisch aus dem Gefäß entfernt. Diese Methode ist besonders effektiv bei größeren Gefäßverschlüssen und kann in manchen Fällen bis zu 24 Stunden nach Symptombeginn sinnvoll sein [14].</p> <p>Beim hämorrhagischen Schlaganfall hingegen stehen die Blutstillung und Senkung des Hirndrucks im Vordergrund. In schweren Fällen kann ein chirurgischer Eingriff erforderlich sein, um das Blutgerinnsel zu entfernen oder das Gefäß zu stabilisieren [15].</p> <p>In der Rehabilitationsphase liegt der Fokus dann auf der Funktionserholung und der Neurorehabilitation. Ziel ist, durch gezieltes Training, Physiotherapie und Ergotherapie verlorene Fähigkeiten wiederzuerlangen oder zu kompensieren.</p> <h3 id="h-was-sind-stammzellen">Was sind Stammzellen?</h3> <p>Stammzellen sind besondere Zellen, die sich durch zwei zentrale Eigenschaften auszeichnen: Sie können sich selbst erneuern und sich in verschiedene Zelltypen differenzieren [16]. Je nach Ursprungsgewebe und Potenzial unterscheidet man verschiedene Arten von Stammzellen.</p> <p>Neuralstammzellen (NSCs) sind im zentralen Nervensystem zu finden. Sie können sich in die <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-stadtverwaltung-des-gehirns-die-gliazellen/">Hauptzelltypen des Gehirns</a> differenzieren: Neuronen, Astrozyten und Oligodendrozyten [17]. Beim <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/wachsendes-gehirn-adulte-neurogenese/">Erwachsenen</a> finden sich NSCs vor allem in bestimmten Regionen wie der subventrikulären Zone (SVZ) und dem Gyrus dentatus des Hippocampus [18, 19]. </p> <p>Mesenchymale Stammzellen (MSCs) können zum Beispiel aus Knochenmark [20] oder Fettgewebe [21] gewonnen werden. Sie haben nur begrenzte Fähigkeit, sich in Nervenzellen umzuwandeln (Multipotenz), wirken jedoch auf andere Weise therapeutisch: Sie setzen Wachstumsfaktoren und Zytokine frei, die Entzündungen reduzieren, die Immunantwort modulieren und die Mikro-Umgebung im geschädigten Gewebe verbessern. So schaffen sie indirekt Bedingungen, die die Regeneration unterstützen [22, 23, 24, 25]. </p> <p>Neben adulten Stammzelltypen gibt es auch embryonale Stammzellen (ESCs) und induzierte pluripotente Stammzellen (iPSCs). ESCs stammen aus sehr frühen Embryonalstadien und können sich in nahezu alle Zelltypen des Körpers entwickeln (Pluripotenz) [26]. iPSCs dagegen werden durch Reprogrammierung ausgereifter Körperzellen, zum Beispiel Hautzellen, gewonnen [27].</p> <h3 id="h-wie-wirkt-stammzelltherapie">Wie wirkt Stammzelltherapie?</h3> <p>Stammzelltherapie ist ein vielversprechender Ansatz, um fortschreitende Schäden zu begrenzen, aber auch um Gewebereparatur anzuregen. Stammzellen können Reparaturprozesse anstoßen, die Migration körpereigener Zellen in geschädigte Hirnareale fördern und das Mikromilieu nach einem Schlaganfall entscheidend beeinflussen.</p> <p>Besonders intensiv untersucht werden dabei neuronale Stammzellen (NSCs) und mesenchymale Stammzellen (MSCs). Beide zeigen auf unterschiedliche Weise ihr therapeutisches Potenzial: </p> <p>NSCs können sich in Neuronen und Gliazellen differenzieren und so direkt zur Regeneration beitragen, können aber auch Inflammation modulieren und die Bildung neuer Blutgefäße aus bestehenden Gefäßen (Angiogenese) anregen [28]. </p> <p>MSCs haben die Fähigkeit, Zelltod zu reduzieren, die Bildung neuer Synapsen (Synaptogenese) und Blutgefäße (Angiogenese) zu fördern und über Freisetzung entzündungshemmender Signalmoleküle das geschädigte Nervengewebe zu schützen [29].</p> <p>Ein zentrales Thema aktueller Studien ist die Wechselwirkung zwischen Stammzellen und der postischämischen Entzündungsumgebung. Nach einem Schlaganfall wird die Blut-Hirn-Schranke durchlässiger, sodass Stammzellen in Kontakt mit dem entzündlichen Milieu im und um das beschädigte Areal treten können. Hier entfalten sie Effekte, die weit über reinen Zellersatz hinausgehen [30, 31].</p> <h3 id="h-was-zeigen-tiermodelle">Was zeigen Tiermodelle?</h3> <p>In Tiermodellen konnte nachgewiesen werden, dass die Transplantation verschiedener Stammzelltypen (MSCs, NSCs und iPSCs) die neuronale Reparatur nach einem Schlaganfall verbessern kann. </p> <p>Studien haben beispielsweise gezeigt, dass die Transplantation von MSCs Gewebeschäden verringern, die Entzündung regulieren und das Wachstum neuer Nervenzellen und Blutgefäße anregen kann [32]. </p> <p>Eingesetzte NSCs können sich in Richtung der verletzten Region bewegen, sich zu Nervenzellen differenzieren und zur Wiederherstellung der Funktion beitragen [33].</p> <p>Auch die Art und das Timing der Verabreichung spielen eine Rolle: Intravenöse oder intraarterielle Gaben sind weniger invasiv und führen dennoch dazu, dass Verletzungen reduziert werden können [34, 35].</p> <h3 id="h-was-ist-klinisch-schon-realitat">Was ist klinisch schon Realität?</h3> <p>In den letzten Jahren wurden zahlreiche frühe klinische Studien durchgeführt, die unterschiedliche Stammzelltypen, Dosierungen und Zeitpunkte nach Schlaganfall getestet haben. </p> <p>In der Phase-II-Studie MASTERS (Multistem in acute stroke treatment to enhance recovery), in der intravenös multipotente Progenitorzellen verabreicht wurden, zeigte sich eine signifikante Immunregulation: Die behandelten Patienten wiesen am 7. Tag reduzierte CD3+-T-Zellen auf als die Placebo-Gruppe. Spezialisierte T-Zellen, auch T-Lymphozyten genannt, werden als CD3+-T-Zellen bezeichnet. Diese Gruppe von Blutzellen entsteht im Knochenmark und dient der Immunabwehr. Zudem wurde ein reduzierter Serumspiegel mit proinflammatorischen Zytokinen beobachtet. Dies deutet auf eine systemische entzündungshemmende Wirkung hin. Gleichzeitig konnte in der Studie keine globale Verbesserung der Schlaganfallsymptome, gemessen anhand von Faktoren wie Bewusstsein, Gesichtslähmung, motorischer Arm-/Beinfunktion, Sprache usw., festgestellt werden [36].</p> <p>Demgegenüber berichteten zwei frühe Phase-I-Studien an Patienten mit akutem ischämischem Schlaganfall, in denen entweder intravenös humane Nabelschnurzellen [37] oder allogene humane Amnionepithelzellen (Zellen der innersten Eihaut) [38] verabreicht wurden, von keinen Zytokinveränderungen. Allerdings fehlten beiden Studien Placebokontrollen und es gab methodische Einschränkungen, die eine robuste Immunbewertung verhinderten.</p> <h3 id="h-herausforderungen-auf-dem-weg-in-die-routine">Herausforderungen auf dem Weg in die Routine</h3> <p>Wenn Stammzelltherapie eines derzeit noch nicht ist, dann ist es ein Standardbaustein der Schlaganfallversorgung. Dafür gibt es mehrere Gründe: Es gibt keinen Konsens über die optimale Zellquelle, Dosis, das beste Zeitfenster und den idealen Applikationsweg – und Patienten mit Schlaganfall sind extrem heterogen, was Alter, Komorbiditäten und Ausmaß der Schädigung angeht. </p> <p>Eine Herausforderung ist das begrenzte Überleben und Einwachsen transplantierter Zellen im ischämischen Gehirn [39]. Eine weitere Herausforderung ist das Potenzial für Off-Target-Effekte oder z.B. Tumorentstehung und Schlaganfall-assoziierte Infektionen [40]. </p> <p>Mögliche zukünftige Entwicklungen in der Stammzelltherapie umfassen die Verwendung von Biomaterialien und Ansätzen des Tissue Engineering, um eine unterstützende Mikroumgebung für transplantierte Zellen zu schaffen und deren Überleben und Differenzierung zu verbessern [41].</p> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ol> <li>Tsao, C. W., Aday, A. W., Almarzooq, Z. I., Anderson, C. A. M., Arora, P., Avery, C. L., Baker-Smith, C. M., Beaton, A. Z., Boehme, A. K., Buxton, A. E., Commodore-Mensah, Y., Elkind, M. S. V., Evenson, K. R., Eze-Nliam, C., Fugar, S., Generoso, G., Heard, D. G., Hiremath, S., Ho, J. E., Kalani, R., Kazi, D. S., Ko, D., Levine, D. A., Liu, J., Ma, J., Magnani, J. W., Michos, E. D., Mussolino, M. E., Navaneethan, S. D., Parikh, N. I., Poudel, R., Rezk-Hanna, M., Roth, G. A., Shah, N. S., St-Onge, M.-P., Thacker, E. L., Virani, S. S., Voeks, J. H., Wang, N. Y., Wong, N. D., Wong, S. 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Außerdem fasziniert mich, wie unser Gehirn im Alltag funktioniert und welche unglaublichen Leistungen es vollbringt - oft ohne dass wir es bewusst wahrnehmen.</p> </div> </div> </article> <section> <div> <aside id="block-3"> <p>HIRN UND WEG ist der Neuroblog der <a href="https://www.ghst.de"><strong><mark>Gemeinnützigen Hertie-Stiftung</mark></strong></a> , der die Bandbreite und Facetten eines der faszinierendsten Organe zeigen, Erkenntnisse aus Wissenschaft einfach und gut erklären und geistreich und unterhaltsam begeistern möchte. Neben der Informationsvermittlung gehören die Förderung von Exzellenz und die Schaffung von Strukturen in den Neurowissenschaften zu den Zielen des Programmbereichs "Gehirn erforschen" der Stiftung. </p> </aside><aside id="block-2"> <figure><a href="https://www.ghst.de/"><img alt="" decoding="async" height="178" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-300x52.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-768x134.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1536x267.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1000x174.jpg 1000w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px.jpg 2000w" width="1024"></img></a><figcaption><a href="https://www.ghst.de/"><em>https://www.ghst.de/</em></a></figcaption></figure> </aside> </div> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-9"><div><p>&#xD; Die <a href="https://www.ghst.de/">Gemeinnützige Hertie-Stiftung </a>konzentriert sich auf die zwei Leitthemen „Gehirn erforschen“ und „Demokratie stärken“. Die Projekte der Stiftung setzen modellhafte Impulse innerhalb dieser Themen. &#xD; Ihr neu eingerichteter Neuroblog leistet einen Beitrag zur Förderung von Wissenschaftskommunikation und zum besseren Verständnis des Gehirns, seiner Funktionsweise und seiner Erkrankungen.&#xD; </p>&#xD; <p><a href="http://www.scilogs.de/kosmo//hirn-und-weg/impressum/">Impressum Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>&#xD; </p></div></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/schlaganfall-und-stammzellen/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>„ät“ Zimtschnecke https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/aet-zimtschnecke/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/aet-zimtschnecke/#comments Sun, 21 Dec 2025 14:51:23 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12358 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/AT_zimtschnecke.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/aet-zimtschnecke/</link> </image> <description type="html"><h1>"ät" Zimtschnecke » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Das “ät”-Zeichen, @, ist eigentlich ein sehr altes, mindestens tausend Jahre altes, Schriftzeichen. Es lässt sich seit dem Mittelalter belegen und wurde damals im kaufmännischen Kontext genutzt. Das Symbol stand für ein Hohlraummaß, d.h. es wurde zur Angabe von Volumina genutzt (statt heute “Liter”).  </p> <h2>Arroba</h2> <p>Von dieser Historie zeugt der englische Name “commercial at”, während die iberischen Sprachen (auf Spanisch, Portugiesisch, Katalanisch) das Wort “arroba” nutzen, das sich von Arabisch “ar-rub'”, ein Viertel, ableitet: ein Viertel von dem, was ein Esel tragen kann. Nun ist das, was ein Esel tragen ein Gewicht und es hängt von der Dichte des Transportguts ab, wie viel Volumen dies einnimmt. Öl, Wein und Honig (oder gar Zucker, Mehl…) haben z.B. unterschiedliche Dichten und daher entspricht ein Volumen-Arroba unterschiedlich vielen Kilogramm. Allerdings wurde und wird die Einheit “Arroba” später (und in Lateinamerika bis heute) als Gewichtsmaß verwendet. Aufgrund der unterschiedlichen Dichten der gehandelten Güter, gibt es historisch unterschiedliche Angaben, wie viel Kilogramm nun eigentlich ein Arroba ist: irgendwas zwischen fast 10 und 16 kg – je nachdem, in welcher Gegend. </p> <p>“<em><strong>Arroba</strong></em>” ist jedenfalls das Wort, das mit “A” beginnt und von dem sich das<strong> Zeichen “@” ableitet</strong>, das wir inzwischen “At-Zeichen” nennen, weil es im Zeitalter von E-Mail in Adressen die wohl häufigste Anwendung findet. Noch vor ca. 25 Jahren nannte man es auf Deutsch mitunter umgangssprachlich “Klammeraffe” und die mittelalterliche Maßeinheit war bereits vergessen. </p> <p>In anderen Sprachen hat das lustige Zeichen aber andere Namen: <strong>im Schwedischen</strong> wird es zwar offiziell “Rüssel-A” (<em>snabel-a</em>) genannt, aber umgangssprachlich mitunter als “<em>kanebulle</em>“, <strong>Zimtschnecke,</strong> bezeichnet (behauptet zumindest die <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/At_sign#Names_in_other_languages">englische wikipedia</a>), womit es zur aktuellen Jahreszeit hervorragend passt.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/AT_zimtschnecke.jpg"><img alt="" decoding="async" height="408" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 744px) 100vw, 744px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/AT_zimtschnecke.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/AT_zimtschnecke.jpg 744w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/AT_zimtschnecke-300x165.jpg 300w" width="744"></img></a><figcaption>Zimtschnecke </figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium.jpg 1920w" width="1024"></img></a></figure> <h2>Zeichen</h2> <p>Mit Blick auf den Jahreswechsel wird derzeit ja häufig über “Zeichen” geredet: Vorzeichen, Orakel, Sternzeichen etc. Während die Sonne gerade im neunten Zeichen (Schütze, Sagittarius) steht und mit der Wintersonnenwende um 16:03 ins zehnte Zeichen (Steinbock, Capricornus) wechselt, steht sie innerhalb der Grenzen des IAU-Sternbilds Sagittarius. Sie hat es erst vor wenigen Tagen betreten und stand zuvor im Ophiuchus, Schlangenträger.  <aside></aside></p> <h3>@</h3> <p>“Arroba”, das “At-Zeichen”, ist das vierundsechzigste ASCII-Zeichen, also im ursprünglichen Basissatz von 128 (2<sup>7</sup>, zwei hoch sieben) Schriftzeichen, die mit Nullen und Einsen (binär) dargestellt werden konnten, ist es enthalten. Es wird also binär “<strong>0100 0000</strong>” geschrieben: von rechts nach links gelesen (wie alle Zahlen unseres Positionssystems): null mal 2<sup>0 </sup>=1, null mal 2<sup>1 </sup>=2, null mal 2<sup>2 </sup>=4, null mal 8, null mal 2<sup>4 </sup>=16, null mal 2<sup>5 </sup>=32, ein mal 2<sup>6 </sup>=64, null mal 2<sup>7 </sup>=128.</p> <table> <tbody> <tr> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>1</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> </tr> <tr> <td>2<sup>7</sup></td> <td>2<sup>6</sup></td> <td>2<sup>5</sup></td> <td>2<sup>4</sup></td> <td>2<sup>3</sup></td> <td>2<sup>2</sup></td> <td>2<sup>1</sup></td> <td>2<sup>0</sup></td> </tr> <tr> <td>128</td> <td>64</td> <td>32</td> <td>16</td> <td>8</td> <td>4</td> <td>2</td> <td>1</td> </tr> </tbody> </table> <p>In Unicode heißt die Zimtschnecke “U+0040”, denn Unicode wird mit vier Ziffern zur Basis 16 geschrieben (hexadezimal).  </p> <table> <tbody> <tr> <td><strong><span>0</span></strong></td> <td><strong><span>0</span></strong></td> <td><strong><span>4</span></strong></td> <td><strong><span>0</span></strong></td> </tr> <tr> <td>16<sup>3</sup></td> <td>16<sup>2</sup></td> <td>16<sup>1</sup></td> <td>16<sup>0</sup></td> </tr> <tr> <td>4096</td> <td>256</td> <td>16</td> <td>1</td> </tr> </tbody> </table> <p>Für weitere Darstellung siehe UTF8-Kodierungstabelle, z.B.<a href="https://www.utf8-chartable.de/unicode-utf8-table.pl?utf8=bin"> diese hier</a>.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi.jpg"><img alt="" decoding="async" height="699" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi-1024x699.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi-1024x699.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi-300x205.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi-768x524.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi.jpg 1280w" width="1024"></img></a></figure> <h2>Code der Zimtschnecke</h2> <p>Wenn Sie also zum Bäcker gehen und “U+0040” bestellen, kann dies auf zweierlei Weise interpretiert werden: entweder ein Arroba (irgendwas zwischen 10 und 15 kg) von Irgendwas oder – wenn’s ein schwedischer Bäcker ist – eine Zimtschnecke. 🙂</p> <p>Frohe Wintersonnenwende!</p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>"ät" Zimtschnecke » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Das “ät”-Zeichen, @, ist eigentlich ein sehr altes, mindestens tausend Jahre altes, Schriftzeichen. Es lässt sich seit dem Mittelalter belegen und wurde damals im kaufmännischen Kontext genutzt. Das Symbol stand für ein Hohlraummaß, d.h. es wurde zur Angabe von Volumina genutzt (statt heute “Liter”).  </p> <h2>Arroba</h2> <p>Von dieser Historie zeugt der englische Name “commercial at”, während die iberischen Sprachen (auf Spanisch, Portugiesisch, Katalanisch) das Wort “arroba” nutzen, das sich von Arabisch “ar-rub'”, ein Viertel, ableitet: ein Viertel von dem, was ein Esel tragen kann. Nun ist das, was ein Esel tragen ein Gewicht und es hängt von der Dichte des Transportguts ab, wie viel Volumen dies einnimmt. Öl, Wein und Honig (oder gar Zucker, Mehl…) haben z.B. unterschiedliche Dichten und daher entspricht ein Volumen-Arroba unterschiedlich vielen Kilogramm. Allerdings wurde und wird die Einheit “Arroba” später (und in Lateinamerika bis heute) als Gewichtsmaß verwendet. Aufgrund der unterschiedlichen Dichten der gehandelten Güter, gibt es historisch unterschiedliche Angaben, wie viel Kilogramm nun eigentlich ein Arroba ist: irgendwas zwischen fast 10 und 16 kg – je nachdem, in welcher Gegend. </p> <p>“<em><strong>Arroba</strong></em>” ist jedenfalls das Wort, das mit “A” beginnt und von dem sich das<strong> Zeichen “@” ableitet</strong>, das wir inzwischen “At-Zeichen” nennen, weil es im Zeitalter von E-Mail in Adressen die wohl häufigste Anwendung findet. Noch vor ca. 25 Jahren nannte man es auf Deutsch mitunter umgangssprachlich “Klammeraffe” und die mittelalterliche Maßeinheit war bereits vergessen. </p> <p>In anderen Sprachen hat das lustige Zeichen aber andere Namen: <strong>im Schwedischen</strong> wird es zwar offiziell “Rüssel-A” (<em>snabel-a</em>) genannt, aber umgangssprachlich mitunter als “<em>kanebulle</em>“, <strong>Zimtschnecke,</strong> bezeichnet (behauptet zumindest die <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/At_sign#Names_in_other_languages">englische wikipedia</a>), womit es zur aktuellen Jahreszeit hervorragend passt.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/AT_zimtschnecke.jpg"><img alt="" decoding="async" height="408" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 744px) 100vw, 744px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/AT_zimtschnecke.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/AT_zimtschnecke.jpg 744w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/AT_zimtschnecke-300x165.jpg 300w" width="744"></img></a><figcaption>Zimtschnecke </figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium.jpg 1920w" width="1024"></img></a></figure> <h2>Zeichen</h2> <p>Mit Blick auf den Jahreswechsel wird derzeit ja häufig über “Zeichen” geredet: Vorzeichen, Orakel, Sternzeichen etc. Während die Sonne gerade im neunten Zeichen (Schütze, Sagittarius) steht und mit der Wintersonnenwende um 16:03 ins zehnte Zeichen (Steinbock, Capricornus) wechselt, steht sie innerhalb der Grenzen des IAU-Sternbilds Sagittarius. Sie hat es erst vor wenigen Tagen betreten und stand zuvor im Ophiuchus, Schlangenträger.  <aside></aside></p> <h3>@</h3> <p>“Arroba”, das “At-Zeichen”, ist das vierundsechzigste ASCII-Zeichen, also im ursprünglichen Basissatz von 128 (2<sup>7</sup>, zwei hoch sieben) Schriftzeichen, die mit Nullen und Einsen (binär) dargestellt werden konnten, ist es enthalten. Es wird also binär “<strong>0100 0000</strong>” geschrieben: von rechts nach links gelesen (wie alle Zahlen unseres Positionssystems): null mal 2<sup>0 </sup>=1, null mal 2<sup>1 </sup>=2, null mal 2<sup>2 </sup>=4, null mal 8, null mal 2<sup>4 </sup>=16, null mal 2<sup>5 </sup>=32, ein mal 2<sup>6 </sup>=64, null mal 2<sup>7 </sup>=128.</p> <table> <tbody> <tr> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>1</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> </tr> <tr> <td>2<sup>7</sup></td> <td>2<sup>6</sup></td> <td>2<sup>5</sup></td> <td>2<sup>4</sup></td> <td>2<sup>3</sup></td> <td>2<sup>2</sup></td> <td>2<sup>1</sup></td> <td>2<sup>0</sup></td> </tr> <tr> <td>128</td> <td>64</td> <td>32</td> <td>16</td> <td>8</td> <td>4</td> <td>2</td> <td>1</td> </tr> </tbody> </table> <p>In Unicode heißt die Zimtschnecke “U+0040”, denn Unicode wird mit vier Ziffern zur Basis 16 geschrieben (hexadezimal).  </p> <table> <tbody> <tr> <td><strong><span>0</span></strong></td> <td><strong><span>0</span></strong></td> <td><strong><span>4</span></strong></td> <td><strong><span>0</span></strong></td> </tr> <tr> <td>16<sup>3</sup></td> <td>16<sup>2</sup></td> <td>16<sup>1</sup></td> <td>16<sup>0</sup></td> </tr> <tr> <td>4096</td> <td>256</td> <td>16</td> <td>1</td> </tr> </tbody> </table> <p>Für weitere Darstellung siehe UTF8-Kodierungstabelle, z.B.<a href="https://www.utf8-chartable.de/unicode-utf8-table.pl?utf8=bin"> diese hier</a>.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi.jpg"><img alt="" decoding="async" height="699" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi-1024x699.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi-1024x699.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi-300x205.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi-768x524.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi.jpg 1280w" width="1024"></img></a></figure> <h2>Code der Zimtschnecke</h2> <p>Wenn Sie also zum Bäcker gehen und “U+0040” bestellen, kann dies auf zweierlei Weise interpretiert werden: entweder ein Arroba (irgendwas zwischen 10 und 15 kg) von Irgendwas oder – wenn’s ein schwedischer Bäcker ist – eine Zimtschnecke. 🙂</p> <p>Frohe Wintersonnenwende!</p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/aet-zimtschnecke/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>3</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeoPlänkel: Luftzerplatzer, ungemütlicher Mars und kosmische Enden https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-luftzerplatzer-ungemuetlicher-mars-und-kosmische-enden/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-luftzerplatzer-ungemuetlicher-mars-und-kosmische-enden/#comments Sun, 21 Dec 2025 06:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1805 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag129-768x768.jpg Dreigeteiltes Quadrat einer brennenden Stadt, einer rötlich leuchtende, ovale Galaxie und einer düsteren Landschaft mit diffusen Wolken an einem grau-türkisen Himmel. Darüber steht: AstroGeoPlänkel. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-luftzerplatzer-ungemuetlicher-mars-und-kosmische-enden/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag129_sl-scaled.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Luftzerplatzer, ungemütlicher Mars und kosmische Enden » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2025-12-21T07:00:00+01:00">21. Dez. 2025</time></li><li> <span> Von <a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/author/urban/"> Karl Urban </a> </span> </li><li>Lesedauer ca. 2 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <blockquote> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag129-geplaenkel.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>In dieser Folge widmen sich Franzi und Karl dem Feedback zu den letzten Geschichten im AstroGeo Podcast. Besonders gefallen hat ihnen eine E-Mail von einer österreichischen Alm, mit Milchstraße, Satelliten und kindlichem Staunen über das „Mittendrinsein“ im Weltall.</p> <p>Franzi und Karl gehen der Frage nach, warum eine Astronautin am Ereignishorizont eines Schwarzen Lochs für weit entfernte Beobachter so wirkt, als sei sie eingefroren. Außerdem geht es um Singularitäten, Gravitation und der Frage, was wir wirklich „sehen“, wenn wir Bilder von Schwarzen Löchern betrachten.<aside></aside></p> <p>Auch zu unserem Nachbarplaneten Mars gab es Fragen: zu seiner dünnen Atmosphäre und ihrer chemischen Zusammensetzung, zu realen und hypothetischen Fluggeräten, sowie zu historischen Irrtümern. Und dann wäre da auch noch die künftige Besiedlung des Roten Planeten durch Menschen: Karl zweifelt am vermeintlich wirtschaftlichen Geschäftsmodell von SpaceX, das derzeit bereits diverse dramatische Folgen auf das Gemeinwohl auf der Erde hat. Es geht aber nicht nur um die fehlende Nachhaltigkeit von kommerziellen Unternehmen: Karl erzählt vom Buch „<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/A_City_on_Mars">A City on Mars</a>“, das von der menschlichen Fortpflanzung jenseits der Erde handelt, die bis heute zahlreiche biologische und damit auch ethische Fragen aufwirft.</p> </blockquote> <p>Schließlich gibt es Fragen zum Ende – genauer gesagt zu Franzis Folge über das Ende des Universums. Es geht um den Big Rip, den Big Crunch, den Big Freeze oder ob der Urknall eigentlich durch die uns bekannten Naturgesetze ausgelöst wurde. Wir sprechen auch darüber, ob im AstroGeo Podcast abseitige wissenschaftliche Hypothesen vorgestellt werden sollten, wo Franzi und Karl ihre Rolle als Journalisten sehen – und wo nicht.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/41cea3ac9a200678.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1536px) 100vw, 1536px" src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/41cea3ac9a200678.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/41cea3ac9a200678.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/41cea3ac9a200678-300x200.png 300w" width="1536"></img></a><figcaption>Quelle: @fee@nerdculture.de</figcaption></figure> <p>Karl beantwortet auch eure Fragen zu Sodom und Gomorra und dem vermeintlichen Luftzerplatzer eines Meteoriten in der Bronzezeit: Hörende erzählen vom real existierenden Peer Review oder ihren Erfahrungen mit Bibeltexten.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 120: <a href="https://astrogeo.de/riss-in-der-raumzeit-wie-karl-schwarzschild-auf-schwarze-loecher-stiess/">Raumzeit-Riss: Wie Karl Schwarzschild auf Schwarze Löcher stieß</a></li> <li>Folge 123: <a href="https://astrogeo.de/weisse-zwerge-die-rettung-vor-dem-schwarzen-loch/">Weiße Zwerge – die Rettung vor dem Schwarzen Loch?</a></li> <li>Folge 124: <a href="https://astrogeo.de/cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/">Cygnus X-1: Wie findet man ein Schwarzes Loch?</a></li> <li>Folge 126: <a href="https://astrogeo.de/ag126-von-marskanaelen-zum-wolkenatlas-duenne-luft-auf-dem-mars/">Von Marskanälen zum Wolkenatlas: Dünne Luft auf dem Mars</a></li> <li>Folge 127: <a href="https://astrogeo.de/aus-und-vorbei-das-universum-und-sein-ende/">Aus und vorbei: Das Universum und sein Ende</a></li> <li>Folge 128: <a href="https://astrogeo.de/biblische-bilder-broeckelnde-beweise-was-hat-sodom-und-gomorra-zerstoert/">Bröckelnde Beweise: Was hat Sodom und Gomorra zerstört?</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li><a href="https://astrogeo.de/cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/#comment-16905">Kommentar Klaus Kassner zu AG124 Wie findet man ein Schwarzes Loch?</a></li> <li>WP: <a href="https://it.wikisource.org/wiki/Lettere_(Galileo)/VIII/c">Lettere (Galileo)/VIII/c (italienisch)</a></li> <li>BR: <a href="https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/warum-ist-das-universum-so-eine-physikalische-sinnsuche/2109239">Warum ist das Universum so? Eine physikalische Sinnsuche, von Franzi</a></li> <li>Arte: <a href="https://www.youtube.com/playlist?list=PLHojeOC3kHtn8MTiQOh2nWpLruIrJ2Ar9">Geburt des Christentums</a> (YouTube-Link)</li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/A_City_on_Mars">A City on Mars (Buch)</a></li> <li>T3N: <a href="https://t3n.de/news/nasa-schlaegt-alarm-wie-starlink-und-co-die-weltraumforschung-sabotieren-1719927/">Nasa schlägt Alarm: Wie Starlink und Co. die Weltraumforschung sabotieren</a></li> </ul> <p><em>Episodenbild: Public Domain: John Martin (1852); ESO; NASA/JPL-Caltech/MSSS/Simeon Schmauß</em></p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/Karl-Urban_avatar_1_2.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/Karl-Urban_avatar_1_2.jpg 2x" width="200"></img> <p>Karl Urban wäre gern zu den Sternen geflogen. Stattdessen gründete er 2001 das Weltraumportal Raumfahrer.net und fühlt sich im Netz seitdem sehr wohl. Er studierte Geowissenschaften und schreibt für Online-, Hörfunk- und Print-Publikationen. Nebenbei podcastet und bloggt er.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag129_sl-scaled.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Luftzerplatzer, ungemütlicher Mars und kosmische Enden » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2025-12-21T07:00:00+01:00">21. Dez. 2025</time></li><li> <span> Von <a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/author/urban/"> Karl Urban </a> </span> </li><li>Lesedauer ca. 2 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <blockquote> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag129-geplaenkel.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>In dieser Folge widmen sich Franzi und Karl dem Feedback zu den letzten Geschichten im AstroGeo Podcast. Besonders gefallen hat ihnen eine E-Mail von einer österreichischen Alm, mit Milchstraße, Satelliten und kindlichem Staunen über das „Mittendrinsein“ im Weltall.</p> <p>Franzi und Karl gehen der Frage nach, warum eine Astronautin am Ereignishorizont eines Schwarzen Lochs für weit entfernte Beobachter so wirkt, als sei sie eingefroren. Außerdem geht es um Singularitäten, Gravitation und der Frage, was wir wirklich „sehen“, wenn wir Bilder von Schwarzen Löchern betrachten.<aside></aside></p> <p>Auch zu unserem Nachbarplaneten Mars gab es Fragen: zu seiner dünnen Atmosphäre und ihrer chemischen Zusammensetzung, zu realen und hypothetischen Fluggeräten, sowie zu historischen Irrtümern. Und dann wäre da auch noch die künftige Besiedlung des Roten Planeten durch Menschen: Karl zweifelt am vermeintlich wirtschaftlichen Geschäftsmodell von SpaceX, das derzeit bereits diverse dramatische Folgen auf das Gemeinwohl auf der Erde hat. Es geht aber nicht nur um die fehlende Nachhaltigkeit von kommerziellen Unternehmen: Karl erzählt vom Buch „<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/A_City_on_Mars">A City on Mars</a>“, das von der menschlichen Fortpflanzung jenseits der Erde handelt, die bis heute zahlreiche biologische und damit auch ethische Fragen aufwirft.</p> </blockquote> <p>Schließlich gibt es Fragen zum Ende – genauer gesagt zu Franzis Folge über das Ende des Universums. Es geht um den Big Rip, den Big Crunch, den Big Freeze oder ob der Urknall eigentlich durch die uns bekannten Naturgesetze ausgelöst wurde. Wir sprechen auch darüber, ob im AstroGeo Podcast abseitige wissenschaftliche Hypothesen vorgestellt werden sollten, wo Franzi und Karl ihre Rolle als Journalisten sehen – und wo nicht.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/41cea3ac9a200678.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1536px) 100vw, 1536px" src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/41cea3ac9a200678.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/41cea3ac9a200678.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/41cea3ac9a200678-300x200.png 300w" width="1536"></img></a><figcaption>Quelle: @fee@nerdculture.de</figcaption></figure> <p>Karl beantwortet auch eure Fragen zu Sodom und Gomorra und dem vermeintlichen Luftzerplatzer eines Meteoriten in der Bronzezeit: Hörende erzählen vom real existierenden Peer Review oder ihren Erfahrungen mit Bibeltexten.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 120: <a href="https://astrogeo.de/riss-in-der-raumzeit-wie-karl-schwarzschild-auf-schwarze-loecher-stiess/">Raumzeit-Riss: Wie Karl Schwarzschild auf Schwarze Löcher stieß</a></li> <li>Folge 123: <a href="https://astrogeo.de/weisse-zwerge-die-rettung-vor-dem-schwarzen-loch/">Weiße Zwerge – die Rettung vor dem Schwarzen Loch?</a></li> <li>Folge 124: <a href="https://astrogeo.de/cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/">Cygnus X-1: Wie findet man ein Schwarzes Loch?</a></li> <li>Folge 126: <a href="https://astrogeo.de/ag126-von-marskanaelen-zum-wolkenatlas-duenne-luft-auf-dem-mars/">Von Marskanälen zum Wolkenatlas: Dünne Luft auf dem Mars</a></li> <li>Folge 127: <a href="https://astrogeo.de/aus-und-vorbei-das-universum-und-sein-ende/">Aus und vorbei: Das Universum und sein Ende</a></li> <li>Folge 128: <a href="https://astrogeo.de/biblische-bilder-broeckelnde-beweise-was-hat-sodom-und-gomorra-zerstoert/">Bröckelnde Beweise: Was hat Sodom und Gomorra zerstört?</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li><a href="https://astrogeo.de/cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/#comment-16905">Kommentar Klaus Kassner zu AG124 Wie findet man ein Schwarzes Loch?</a></li> <li>WP: <a href="https://it.wikisource.org/wiki/Lettere_(Galileo)/VIII/c">Lettere (Galileo)/VIII/c (italienisch)</a></li> <li>BR: <a href="https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/warum-ist-das-universum-so-eine-physikalische-sinnsuche/2109239">Warum ist das Universum so? Eine physikalische Sinnsuche, von Franzi</a></li> <li>Arte: <a href="https://www.youtube.com/playlist?list=PLHojeOC3kHtn8MTiQOh2nWpLruIrJ2Ar9">Geburt des Christentums</a> (YouTube-Link)</li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/A_City_on_Mars">A City on Mars (Buch)</a></li> <li>T3N: <a href="https://t3n.de/news/nasa-schlaegt-alarm-wie-starlink-und-co-die-weltraumforschung-sabotieren-1719927/">Nasa schlägt Alarm: Wie Starlink und Co. die Weltraumforschung sabotieren</a></li> </ul> <p><em>Episodenbild: Public Domain: John Martin (1852); ESO; NASA/JPL-Caltech/MSSS/Simeon Schmauß</em></p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/Karl-Urban_avatar_1_2.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/Karl-Urban_avatar_1_2.jpg 2x" width="200"></img> <p>Karl Urban wäre gern zu den Sternen geflogen. Stattdessen gründete er 2001 das Weltraumportal Raumfahrer.net und fühlt sich im Netz seitdem sehr wohl. Er studierte Geowissenschaften und schreibt für Online-, Hörfunk- und Print-Publikationen. Nebenbei podcastet und bloggt er.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-luftzerplatzer-ungemuetlicher-mars-und-kosmische-enden/#comments 13 Mainz – über 2000 Jahre Glanz und ein paar Schatten https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/mainz-ueber-2000-jahre-glanz-und-ein-paar-schatten/ https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/mainz-ueber-2000-jahre-glanz-und-ein-paar-schatten/#comments Sat, 20 Dec 2025 01:26:57 +0000 Karin Schumacher https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/?p=4600 https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg Domplatz Mainz und St. Martin, das Wahrzeichen der Stadt. https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/mainz-ueber-2000-jahre-glanz-und-ein-paar-schatten/ <h1>Mainz - über 2000 Jahre Glanz und ein paar Schatten » Medicine & More » SciLogs</h1><h2>By Karin Schumacher</h2><div itemprop="text"> <p><strong><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/4101b2e3cfa34669a79690112d5b2d10" width="1"></img>Was macht Mainz seit Jahrtausenden so besonders? Ein Blick auf 2000 Jahre Geschichte – von Mogontiacum über den Buchdruck bis zu moderner Forschung, lebendiger Kultur und überraschenden Ideen der Gegenwart.</strong><span id="more-4600"></span></p> <p>1450 erfand der Mainzer Johannes Gutenberg den Buchdruck und begründete damit die Ära der massenhaften Wissensverbreitung. 570 Jahre später startete die Mainzer Biotech-Firma BioNTech ihr “Project Lightspeed”, das ein Jahr später zur Zulassung des weltweit ersten mRNA-Impfstoffs gegen COVID-19 führte. Trotz unseres Besuchs bei BioNTech (<a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/von-mainz-in-die-welt-biontechs-weg-zur-globalen-innovation/">s. mein voriger Artikel</a>), am Helmholtz Institute for Translational Oncology (HI-TRON) und im LEIZA, dem neuen Leibniz-Zentrum für Archäologie (s. auch unseren spannenden <a href="https://wpk.org/was-wir-bieten/recherchereisen/berichte-der-recherchereise-nach-mainz/" rel="noopener" target="_blank">Reisebericht</a> bei der WPK e.V.) blieb etwas Zeit, um zu entdecken, was diese Stadt so besonders macht.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4602" id="attachment_4602"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4602">Schmunzelnde Fußgänger dank Mainzelmännchen‑Ampeln. Was wäre, wenn jede Stadt ihre eigene Ampel‑Ikone hätte? (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Mainz ist eine Stadt, die Geschichte lebt. Gegründet von den Römern als Mogontiacum, entwickelte sie sich über die Jahrhunderte zu einem Ort wechselnder Kulturen, an dem immer wieder Ideen entstanden, die die Welt veränderten. In der Altstadt regeln die Mainzelmännchen den Fußgängerverkehr. Folgen wir den kleinen Kerlchen – auf einem Weg durch mehr als 2000 Jahre faszinierende Geschichte.</p> <p>Mainz blickt auf über 2000 Jahre Stadtgeschichte zurück. Gegründet wurde sie um 13/12 v. Chr. von den Römern unter Feldherr Drusus, dem Stiefsohn Kaiser Augustus’. Auf einem strategisch günstig gelegenen Hochplateau gegenüber der Mündung des Mains errichteten sie das Legionslager Mogontiacum, das bald zum militärischen und später zivilen Zentrum der Region wurde. [1]</p> <p>Die Römer nutzten dabei häufig bestehende Kultorte – so auch hier, wo sich vermutlich zuvor eine keltische Kultstätte befand. Der Name “Mogontiacum” geht auf den keltischen Gott Mogon zurück, der als Heil- oder Sonnengott gedeutet wird. Um 300 war Mogontiacum Hauptstadt der römischen Provinz Germania Secunda.<aside></aside></p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4603" id="attachment_4603"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4603">Rekonstruktion einer römischen Fußbodenheizung (Hypocaustum) am Romano-Guardini-Platz, Mainz: antike Baukunst mit hohem Energieaufwand (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Um das Jahr 1400 wurde in einem Mainzer Adelshof, dem Gutenberghof, ein Kind geboren. Wann genau, wissen wir nicht mehr. Auch sein Aussehen ist unbekannt; das erste Porträt entstand rund 100 Jahre nach seinem Tod. Der Junge wurde Johannes getauft, Henne genannt, und trug amtlich den Namen Johannes Gensfleisch. Die Welt kennt ihn heute als Johannes Gutenberg. Als er am 03. Februar 1468 starb, hatte er der Welt ein Vermächtnis hinterlassen, von dem wir alle bis heute profitieren [2].<br></br>Henne wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf. Vermutlich erhielt er eine gute Schulbildung, vielleicht studierte er sogar. Um 1434 zog er nach Straßburg, das damals ein kreatives, internationales Milieu bot. Schon dort muss er an dem Projekt gearbeitet haben, das später die Welt verändern sollte.</p> <p>1448 kehrte er nach Mainz zurück. Er nahm einen Kredit über 1600 Gulden auf – eine enorme Summe, wenn man bedenkt, dass ein Handwerksmeister rund 50 Gulden im Jahr verdiente. Gutenberg entwickelte bewegliche, wiederverwendbare Metalllettern: eine revolutionäre Neuerung, denn zuvor wurden Texte per Hand geschrieben oder spiegelverkehrt in Holz geschnitzt und wie Stempel gedruckt.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4586" id="attachment_4586"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="Johannes Gutenberg – Erfinder des Buchdrucks und Mainzer Visionär. Auch er investierte mutig in Innovation." decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4586">Johannes Gutenberg – Erfinder des Buchdrucks und Mainzer Visionär. Schon er investierte mutig in Innovation. (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Um 1450 begann die erste Druckpresse mit beweglichen Lettern zu arbeiten. Zwischen 1452 und 1454 entstand die erste gedruckte Bibel. Zwei der noch erhaltenen 49 Gutenberg-Bibeln befinden sich im Gutenberg-Museum in Mainz. Mehr als 500 Jahre lang wurde nach Gutenbergs Prinzip gedruckt, bevor in den 1970ern neue Techniken übernahmen.</p> <p>Bildung wurde durch seine Erfindung prinzipiell für alle zugänglich, die lesen konnten. Einer der ersten, die dies erfolgreich nutzten, war der Reformator Martin Luther, der seine Ansichten auf Flugblätter drucken ließ. Seine Reformation der Kirche gilt neben der Erfindung des Buchdrucks und der Eroberung Amerikas als Ende des Mittelalters und Beginn der Neuzeit. Heute erinnert das Gutenberg-Denkmal auf dem Marktplatz an den großen Mainzer Erfinder.</p> <h2>Der Alte Dom – St. Johannis</h2> <p>Am späten Nachmittag trafen wir am Modell des Neuen Doms einen Mann, der mit Leidenschaft über die Geschichte der Mainzer Kirchen sprach. St. Johannis, der “Alte Dom”, erklärte er, sei die älteste Kirche der Stadt und eine der ältesten nördlich der Alpen. Sie wurde im 5. oder 6. Jahrhundert zu einem dreischiffigen Raum umgebaut und war ursprünglich dem Heiligen Martin von Tours geweiht. Das Gelände dürfte zuvor keltischen, später römischen Kulten gedient haben.</p> <p>Um 1000 entstand ein spätottonischer Neubau mit zwei Chören und einer Krypta. 1002 und 1024 fanden hier die Königskrönungen Heinrichs II. und Konrads II. statt. Seit 2013 finden in der Kirche faszinierende archäologische Ausgrabungen statt, die wichtige Einblicke in die Bau- und Nutzungsgeschichte des Alten Doms liefern. Diese können <a href="https://www.mainz-alter-dom.de/hauptbauphasen-von-st-johannis-in-stichworten/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> nachverfolgt werden (siehe auch [3]).</p> <p>Dabei wurde u. a. bestätigt, dass Erzbischof Erkanbald 1021 hier beerdigt wurde; sein Grab wurde nach 1000 Jahren geöffnet und untersucht. Nach der Weihe des heutigen Doms im Jahr 1036 wurde St. Johannis zur Stiftskirche und dem Evangelisten Johannes geweiht. Heute ist sie evangelisch.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4604" id="attachment_4604"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="511" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x785.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x785.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x230.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x589.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1177.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1569.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4604">St. Johannis, der Alte Dom in Mainz – historische Kirche und Ort faszinierender archäologischer Ausgrabungen. Dahinter St. Martin, der Neue Dom. (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Der Mann wies darauf hin, dass frühe Sakralbauten andere statische Prinzipien hatten. Als im Hochmittelalter Wissen verloren ging – durch Brüche in der Überlieferung, Seuchen, Kriege oder die Inquisition -, mussten neue architektonische Lösungen wie Querschiffe geschaffen werden. Ein Satz, der nachdenklich stimmte.</p> <h2>Der Neue Dom – St. Martin: steinerne Mitte der Stadt</h2> <p>Unübersehbarer Mittelpunkt der Altstadt ist der Neue Dom, St. Martin. Er liegt nur wenige Schritte von St. Johannis entfernt und war einst durch einen Gang mit ihm verbunden. Seit über 1000 Jahren prägt er das Stadtbild – ein monumentales Ensemble aus romanischen, gotischen und barocken Elementen [4].</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4607" id="attachment_4607"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4607">Domplatz Mainz und St. Martin, das Wahrzeichen der Stadt. (Foto <span>Credit: Dr. Karin Schumacher)</span></figcaption></figure> <p>Neben Speyer und Worms zählt der Mainzer Dom zu den drei rheinischen Kaiserdomen – den Höhepunkten der deutschen Romanik. Erzbischof Willigis (975-1011) ließ um 1000 eine Kathedralanlage nach dem Vorbild von Alt St. Peter in Rom errichten. Williges war einer der einflussreichsten Mainzer Erzbischöfe des Mittelalters. Er hatte vom Papst den Vorrang vor allen Erzbischöfen nördlich der Alpen erhalten und damit das Recht, die ostfränkischen Könige zu krönen. Doch kurz vor der geplanten Weihe 1009 brannte der Dom ab; erst 1036 wurde er wieder geweiht.</p> <p>Auch die Bronzetür des Marktportals stammt aus der Willigis-Zeit – ein Werk des Meisters Berenger um 1000. Mit 3,70 Metern Höhe und einem Gewicht von bis zu 1850 Kilogramm sind die Türen beeindruckende Zeugnisse mittelalterlicher Kunst- und Machtsymbolik [5].</p> <p>Der Mainzer Dom war Kathedrale des größten europäischen Erzbistums – von Verden an der Aller bis nach Chur und Prag. Als Sitz eines der wichtigsten geistlichen Kurfürstentümer war Mainz über Jahrhunderte ein Zentrum von Macht, Diplomatie und Kunst. Bis heute symbolisiert St. Martin die geistliche und politische Bedeutung der Stadt. Doch auch ein paar Schatten trüben die glänzende Vergangenheit.</p> <h2>Denunziationen und Hexenprozesse in Kurmainz</h2> <p>Das geistliche Kurfürstentum Mainz zählte mit deutlich mehr als 2000 Opfern auf rund 7000 Quadratkilometern zu den am stärksten betroffenen Regionen der Hexenverfolgungen [6, 7]. Grundlage war die “Peinliche Halsgerichtsordnung” Kaiser Karls V. von 1532. Anzeigen kamen fast ausschließlich aus der Bevölkerung – Denunziationen spielten eine zentrale Rolle.</p> <p>Die Hauptverfolgungszeit verlief in vier Wellen zwischen 1593 und 1630 und endete abrupt mit der Besetzung durch die Schweden. Danach gab es nur noch vereinzelte Prozesse; die letzten Hinrichtungen fanden 1684 im eichsfeldischen Worbis statt.</p> <p>Die meisten Opfer waren verheiratete Frauen um die 55. Der Männeranteil lag jedoch mit 17–30 % relativ hoch. Kinder wurden selten hingerichtet. Betroffen waren vor allem Personen aus Handwerk und bäuerlichen Schichten; Geistliche und Gelehrte selten, Adelige gar nicht.</p> <h2>Denunziationen heute</h2> <p>Denunziationen sind <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-wesir-abdul-%d0%b2%d0%b8%d0%b7%d0%b8%d1%80%d1%8c-%d0%b0%d0%b1%d0%b4%d1%83%d0%bb-maerchen-von-leo-tolstoi/" rel="noopener" target="_blank">kein Relikt</a> vergangener Zeiten. Eine berechtigte Anzeige schützt – doch erfolgt sie unüberlegt, im Affekt oder aus ambivalenten Motiven, kann sie zerstörerische Folgen haben. Zugleich ist eine Anzeige in klaren Fällen, etwa bei einem Einbruch, wichtig und notwendig. Umso mehr braucht es Achtsamkeit, Weitsicht und Verantwortungsbewusstsein – Fähigkeiten, die wir bewusst pflegen und trainieren sollten [8].</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4616" id="attachment_4616"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="Mainzer Ampelmännchen: Achtung und Stopp - Signale für Vorsicht und Verantwortung." decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4616">Mainzer Ampelmännchen: Achtung und Stopp – Signale für Vorsicht und Verantwortung.(Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Achtsamkeit und Verantwortungsbewusstsein sind Werte, die oft aus den dunklen Kapiteln der Geschichte besonders stark erwachsen. Doch eigentlich sollten wir sie nicht erst nach Kriegen, Katastrophen oder <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-pedelec-unfall-und-was-wirklich-zaehlt-intuition-verantwortung-und-dankbarkeit/" rel="noopener" target="_blank">persönlichen Erschütterungen</a> begreifen müssen. Manchmal begegnen uns Impulse, die uns zeigen, wozu Menschen fähig sein können – im Guten, weil sie dem Bösen etwas entgegensetzen, das stärker und beständiger wirkt als es.</p> <p>Auch der jüdisch-russische Künstler Marc Chagall (1887–1985) wirkte in Mainz. 1978 übergab der damals über 90-Jährige das erste der insgesamt neun Fenster, die er bis zu seinem Tod für die Kirche St. Stephan schuf – eine Kirche, die im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt worden war [9]. Es sind die einzigen Glasfenster, die er je für eine deutsche Kirche entwarf. Das tiefe Blau der Fenster erzählt von biblischen Szenen und trägt zugleich Chagall Vermächtnis: eine leuchtende Botschaft von Frieden und Versöhnung.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4606" id="attachment_4606"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4606">Chagall-Fenster in St. Stephan Mainz – leuchtende Visionen für Frieden und Versöhnung ( <span>Credit: Dr. Karin Schumacher)</span></figcaption></figure> <p>Am Schillerplatz sprudelt der Fastnachtsbrunnen von 1967 – ein Denkmal mit über 200 bronzenen Figuren aus Mythologie, Stadtgeschichte und Fastnacht [10]. Gegenüber, vom Balkon des Osteiner Hofs, einem barocken Adelshof, wird jedes Jahr am 11.11. um 11:11 Uhr die Fastnacht ausgerufen.</p> <p>Die Stadt hat viele Kulturen kommen und gehen sehen. Mainz bleibt dennoch Mainz, während in der Altstadt die Mainzelmännchen liebevoll den Fußgängerverkehr regeln – zwischen Ernst und Heiterkeit, Weltmedizin und Geschichte, Vision und Alltag.</p> <p>…geht in die Weinberge – nach Nackenheim, Oppenheim oder Ingelheim. Oder setzt über den Rhein nach Wiesbaden, wo Thermalquellen sprudeln, das Casino lockt und Villen glänzen. Doch das ist eine andere Geschichte.</p> <ol> <li> <ol> <li>Mainz Alter Dom. Geschichte der Römerzeit in Mainz. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://www.mainz-alter-dom.de/" rel="noopener" target="_blank">https://www.mainz-alter-dom.de/</a></li> <li><span>Gutenberg-Museum Mainz. Johannes Gutenberg und der Buchdruck. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://www.gutenberg-museum.de/" rel="noopener" target="_blank">https://www.gutenberg-museum.de/</a></span></li> <li><span>Innenstadtgemeinde Mainz. (November 2023). Alter Dom St. Johannis: Geschichte und Ausgrabungen. Abgerufen am 8. Dezember 2025, von <a href="https://www.mainz-alter-dom.de/" rel="noopener" target="_blank">https://www.mainz-alter-dom.de/</a></span></li> <li><span>Bistum Mainz. Mainzer Dom St. Martin: Geschichte und Architektur. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://bistummainz.de/mainzer-dom/" rel="noopener" target="_blank">https://bistummainz.de/mainzer-dom/</a></span></li> <li><span>1000 Jahre Mainzer Dom. Das Marktportal und die Bronzetüren. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://www.1000-jahre-mainzer-dom.de/rundgang/portale.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.1000-jahre-mainzer-dom.de/rundgang/portale.html</a></span></li> <li><span>Pohl, H. (1998). Zauberglaube und Hexenangst im Kurfürstentum Mainz. Stuttgart: Steinert. Abgerufen am 8. Dezember 2025, von <a href="https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC" rel="noopener" target="_blank">https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC</a></span></li> <li><span>Gebhard, H. (1990). Hexenprozesse im Kurfürstentum Mainz des 17. Jahrhunderts. Aschaffenburg: Geschichts- und Kunstverein. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC" rel="noopener" target="_blank">https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC</a></span></li> <li><span>Deutschlandfunk. (11. Oktober 2023). Forschung zu Vigilanzkulturen: Wachsamkeit, freiwillige Überwachung und Denunziation in der Gesellschaft. Abgerufen am: 20.12.2025, von <a href="https://www.deutschlandfunk.de/forschung-zu-vigilanzkulturen-wachsamkeit-freiwillige-100.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.deutschlandfunk.de/forschung-zu-vigilanzkulturen-wachsamkeit-freiwillige-100.html</a></span></li> <li><span>St. Stephan Mainz. Chagall-Fenster in St. Stephan. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://bistummainz.de/pfarrei/mainz-st-stephan/chagall-fenster/die-fenster-von-marc-chagall/" rel="noopener" target="_blank">https://bistummainz.de/pfarrei/mainz-st-stephan/chagall-fenster/die-fenster-von-marc-chagall/</a></span></li> <li><span>Stadt Mainz. Fastnachtsbrunnen und Fastnachtstradition. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://www.mainz.de/tourismus/sehenswertes/fastnachtsbrunnen.php" rel="noopener" target="_blank">https://www.mainz.de/tourismus/sehenswertes/fastnachtsbrunnen.php</a></span></li> </ol> </li> </ol> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Mainz - über 2000 Jahre Glanz und ein paar Schatten » Medicine & More » SciLogs</h1><h2>By Karin Schumacher</h2><div itemprop="text"> <p><strong><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/4101b2e3cfa34669a79690112d5b2d10" width="1"></img>Was macht Mainz seit Jahrtausenden so besonders? Ein Blick auf 2000 Jahre Geschichte – von Mogontiacum über den Buchdruck bis zu moderner Forschung, lebendiger Kultur und überraschenden Ideen der Gegenwart.</strong><span id="more-4600"></span></p> <p>1450 erfand der Mainzer Johannes Gutenberg den Buchdruck und begründete damit die Ära der massenhaften Wissensverbreitung. 570 Jahre später startete die Mainzer Biotech-Firma BioNTech ihr “Project Lightspeed”, das ein Jahr später zur Zulassung des weltweit ersten mRNA-Impfstoffs gegen COVID-19 führte. Trotz unseres Besuchs bei BioNTech (<a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/von-mainz-in-die-welt-biontechs-weg-zur-globalen-innovation/">s. mein voriger Artikel</a>), am Helmholtz Institute for Translational Oncology (HI-TRON) und im LEIZA, dem neuen Leibniz-Zentrum für Archäologie (s. auch unseren spannenden <a href="https://wpk.org/was-wir-bieten/recherchereisen/berichte-der-recherchereise-nach-mainz/" rel="noopener" target="_blank">Reisebericht</a> bei der WPK e.V.) blieb etwas Zeit, um zu entdecken, was diese Stadt so besonders macht.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4602" id="attachment_4602"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4602">Schmunzelnde Fußgänger dank Mainzelmännchen‑Ampeln. Was wäre, wenn jede Stadt ihre eigene Ampel‑Ikone hätte? (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Mainz ist eine Stadt, die Geschichte lebt. Gegründet von den Römern als Mogontiacum, entwickelte sie sich über die Jahrhunderte zu einem Ort wechselnder Kulturen, an dem immer wieder Ideen entstanden, die die Welt veränderten. In der Altstadt regeln die Mainzelmännchen den Fußgängerverkehr. Folgen wir den kleinen Kerlchen – auf einem Weg durch mehr als 2000 Jahre faszinierende Geschichte.</p> <p>Mainz blickt auf über 2000 Jahre Stadtgeschichte zurück. Gegründet wurde sie um 13/12 v. Chr. von den Römern unter Feldherr Drusus, dem Stiefsohn Kaiser Augustus’. Auf einem strategisch günstig gelegenen Hochplateau gegenüber der Mündung des Mains errichteten sie das Legionslager Mogontiacum, das bald zum militärischen und später zivilen Zentrum der Region wurde. [1]</p> <p>Die Römer nutzten dabei häufig bestehende Kultorte – so auch hier, wo sich vermutlich zuvor eine keltische Kultstätte befand. Der Name “Mogontiacum” geht auf den keltischen Gott Mogon zurück, der als Heil- oder Sonnengott gedeutet wird. Um 300 war Mogontiacum Hauptstadt der römischen Provinz Germania Secunda.<aside></aside></p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4603" id="attachment_4603"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4603">Rekonstruktion einer römischen Fußbodenheizung (Hypocaustum) am Romano-Guardini-Platz, Mainz: antike Baukunst mit hohem Energieaufwand (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Um das Jahr 1400 wurde in einem Mainzer Adelshof, dem Gutenberghof, ein Kind geboren. Wann genau, wissen wir nicht mehr. Auch sein Aussehen ist unbekannt; das erste Porträt entstand rund 100 Jahre nach seinem Tod. Der Junge wurde Johannes getauft, Henne genannt, und trug amtlich den Namen Johannes Gensfleisch. Die Welt kennt ihn heute als Johannes Gutenberg. Als er am 03. Februar 1468 starb, hatte er der Welt ein Vermächtnis hinterlassen, von dem wir alle bis heute profitieren [2].<br></br>Henne wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf. Vermutlich erhielt er eine gute Schulbildung, vielleicht studierte er sogar. Um 1434 zog er nach Straßburg, das damals ein kreatives, internationales Milieu bot. Schon dort muss er an dem Projekt gearbeitet haben, das später die Welt verändern sollte.</p> <p>1448 kehrte er nach Mainz zurück. Er nahm einen Kredit über 1600 Gulden auf – eine enorme Summe, wenn man bedenkt, dass ein Handwerksmeister rund 50 Gulden im Jahr verdiente. Gutenberg entwickelte bewegliche, wiederverwendbare Metalllettern: eine revolutionäre Neuerung, denn zuvor wurden Texte per Hand geschrieben oder spiegelverkehrt in Holz geschnitzt und wie Stempel gedruckt.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4586" id="attachment_4586"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="Johannes Gutenberg – Erfinder des Buchdrucks und Mainzer Visionär. Auch er investierte mutig in Innovation." decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4586">Johannes Gutenberg – Erfinder des Buchdrucks und Mainzer Visionär. Schon er investierte mutig in Innovation. (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Um 1450 begann die erste Druckpresse mit beweglichen Lettern zu arbeiten. Zwischen 1452 und 1454 entstand die erste gedruckte Bibel. Zwei der noch erhaltenen 49 Gutenberg-Bibeln befinden sich im Gutenberg-Museum in Mainz. Mehr als 500 Jahre lang wurde nach Gutenbergs Prinzip gedruckt, bevor in den 1970ern neue Techniken übernahmen.</p> <p>Bildung wurde durch seine Erfindung prinzipiell für alle zugänglich, die lesen konnten. Einer der ersten, die dies erfolgreich nutzten, war der Reformator Martin Luther, der seine Ansichten auf Flugblätter drucken ließ. Seine Reformation der Kirche gilt neben der Erfindung des Buchdrucks und der Eroberung Amerikas als Ende des Mittelalters und Beginn der Neuzeit. Heute erinnert das Gutenberg-Denkmal auf dem Marktplatz an den großen Mainzer Erfinder.</p> <h2>Der Alte Dom – St. Johannis</h2> <p>Am späten Nachmittag trafen wir am Modell des Neuen Doms einen Mann, der mit Leidenschaft über die Geschichte der Mainzer Kirchen sprach. St. Johannis, der “Alte Dom”, erklärte er, sei die älteste Kirche der Stadt und eine der ältesten nördlich der Alpen. Sie wurde im 5. oder 6. Jahrhundert zu einem dreischiffigen Raum umgebaut und war ursprünglich dem Heiligen Martin von Tours geweiht. Das Gelände dürfte zuvor keltischen, später römischen Kulten gedient haben.</p> <p>Um 1000 entstand ein spätottonischer Neubau mit zwei Chören und einer Krypta. 1002 und 1024 fanden hier die Königskrönungen Heinrichs II. und Konrads II. statt. Seit 2013 finden in der Kirche faszinierende archäologische Ausgrabungen statt, die wichtige Einblicke in die Bau- und Nutzungsgeschichte des Alten Doms liefern. Diese können <a href="https://www.mainz-alter-dom.de/hauptbauphasen-von-st-johannis-in-stichworten/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> nachverfolgt werden (siehe auch [3]).</p> <p>Dabei wurde u. a. bestätigt, dass Erzbischof Erkanbald 1021 hier beerdigt wurde; sein Grab wurde nach 1000 Jahren geöffnet und untersucht. Nach der Weihe des heutigen Doms im Jahr 1036 wurde St. Johannis zur Stiftskirche und dem Evangelisten Johannes geweiht. Heute ist sie evangelisch.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4604" id="attachment_4604"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="511" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x785.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x785.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x230.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x589.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1177.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1569.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4604">St. Johannis, der Alte Dom in Mainz – historische Kirche und Ort faszinierender archäologischer Ausgrabungen. Dahinter St. Martin, der Neue Dom. (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Der Mann wies darauf hin, dass frühe Sakralbauten andere statische Prinzipien hatten. Als im Hochmittelalter Wissen verloren ging – durch Brüche in der Überlieferung, Seuchen, Kriege oder die Inquisition -, mussten neue architektonische Lösungen wie Querschiffe geschaffen werden. Ein Satz, der nachdenklich stimmte.</p> <h2>Der Neue Dom – St. Martin: steinerne Mitte der Stadt</h2> <p>Unübersehbarer Mittelpunkt der Altstadt ist der Neue Dom, St. Martin. Er liegt nur wenige Schritte von St. Johannis entfernt und war einst durch einen Gang mit ihm verbunden. Seit über 1000 Jahren prägt er das Stadtbild – ein monumentales Ensemble aus romanischen, gotischen und barocken Elementen [4].</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4607" id="attachment_4607"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4607">Domplatz Mainz und St. Martin, das Wahrzeichen der Stadt. (Foto <span>Credit: Dr. Karin Schumacher)</span></figcaption></figure> <p>Neben Speyer und Worms zählt der Mainzer Dom zu den drei rheinischen Kaiserdomen – den Höhepunkten der deutschen Romanik. Erzbischof Willigis (975-1011) ließ um 1000 eine Kathedralanlage nach dem Vorbild von Alt St. Peter in Rom errichten. Williges war einer der einflussreichsten Mainzer Erzbischöfe des Mittelalters. Er hatte vom Papst den Vorrang vor allen Erzbischöfen nördlich der Alpen erhalten und damit das Recht, die ostfränkischen Könige zu krönen. Doch kurz vor der geplanten Weihe 1009 brannte der Dom ab; erst 1036 wurde er wieder geweiht.</p> <p>Auch die Bronzetür des Marktportals stammt aus der Willigis-Zeit – ein Werk des Meisters Berenger um 1000. Mit 3,70 Metern Höhe und einem Gewicht von bis zu 1850 Kilogramm sind die Türen beeindruckende Zeugnisse mittelalterlicher Kunst- und Machtsymbolik [5].</p> <p>Der Mainzer Dom war Kathedrale des größten europäischen Erzbistums – von Verden an der Aller bis nach Chur und Prag. Als Sitz eines der wichtigsten geistlichen Kurfürstentümer war Mainz über Jahrhunderte ein Zentrum von Macht, Diplomatie und Kunst. Bis heute symbolisiert St. Martin die geistliche und politische Bedeutung der Stadt. Doch auch ein paar Schatten trüben die glänzende Vergangenheit.</p> <h2>Denunziationen und Hexenprozesse in Kurmainz</h2> <p>Das geistliche Kurfürstentum Mainz zählte mit deutlich mehr als 2000 Opfern auf rund 7000 Quadratkilometern zu den am stärksten betroffenen Regionen der Hexenverfolgungen [6, 7]. Grundlage war die “Peinliche Halsgerichtsordnung” Kaiser Karls V. von 1532. Anzeigen kamen fast ausschließlich aus der Bevölkerung – Denunziationen spielten eine zentrale Rolle.</p> <p>Die Hauptverfolgungszeit verlief in vier Wellen zwischen 1593 und 1630 und endete abrupt mit der Besetzung durch die Schweden. Danach gab es nur noch vereinzelte Prozesse; die letzten Hinrichtungen fanden 1684 im eichsfeldischen Worbis statt.</p> <p>Die meisten Opfer waren verheiratete Frauen um die 55. Der Männeranteil lag jedoch mit 17–30 % relativ hoch. Kinder wurden selten hingerichtet. Betroffen waren vor allem Personen aus Handwerk und bäuerlichen Schichten; Geistliche und Gelehrte selten, Adelige gar nicht.</p> <h2>Denunziationen heute</h2> <p>Denunziationen sind <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-wesir-abdul-%d0%b2%d0%b8%d0%b7%d0%b8%d1%80%d1%8c-%d0%b0%d0%b1%d0%b4%d1%83%d0%bb-maerchen-von-leo-tolstoi/" rel="noopener" target="_blank">kein Relikt</a> vergangener Zeiten. Eine berechtigte Anzeige schützt – doch erfolgt sie unüberlegt, im Affekt oder aus ambivalenten Motiven, kann sie zerstörerische Folgen haben. Zugleich ist eine Anzeige in klaren Fällen, etwa bei einem Einbruch, wichtig und notwendig. Umso mehr braucht es Achtsamkeit, Weitsicht und Verantwortungsbewusstsein – Fähigkeiten, die wir bewusst pflegen und trainieren sollten [8].</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4616" id="attachment_4616"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="Mainzer Ampelmännchen: Achtung und Stopp - Signale für Vorsicht und Verantwortung." decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4616">Mainzer Ampelmännchen: Achtung und Stopp – Signale für Vorsicht und Verantwortung.(Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Achtsamkeit und Verantwortungsbewusstsein sind Werte, die oft aus den dunklen Kapiteln der Geschichte besonders stark erwachsen. Doch eigentlich sollten wir sie nicht erst nach Kriegen, Katastrophen oder <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-pedelec-unfall-und-was-wirklich-zaehlt-intuition-verantwortung-und-dankbarkeit/" rel="noopener" target="_blank">persönlichen Erschütterungen</a> begreifen müssen. Manchmal begegnen uns Impulse, die uns zeigen, wozu Menschen fähig sein können – im Guten, weil sie dem Bösen etwas entgegensetzen, das stärker und beständiger wirkt als es.</p> <p>Auch der jüdisch-russische Künstler Marc Chagall (1887–1985) wirkte in Mainz. 1978 übergab der damals über 90-Jährige das erste der insgesamt neun Fenster, die er bis zu seinem Tod für die Kirche St. Stephan schuf – eine Kirche, die im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt worden war [9]. Es sind die einzigen Glasfenster, die er je für eine deutsche Kirche entwarf. Das tiefe Blau der Fenster erzählt von biblischen Szenen und trägt zugleich Chagall Vermächtnis: eine leuchtende Botschaft von Frieden und Versöhnung.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4606" id="attachment_4606"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4606">Chagall-Fenster in St. Stephan Mainz – leuchtende Visionen für Frieden und Versöhnung ( <span>Credit: Dr. Karin Schumacher)</span></figcaption></figure> <p>Am Schillerplatz sprudelt der Fastnachtsbrunnen von 1967 – ein Denkmal mit über 200 bronzenen Figuren aus Mythologie, Stadtgeschichte und Fastnacht [10]. Gegenüber, vom Balkon des Osteiner Hofs, einem barocken Adelshof, wird jedes Jahr am 11.11. um 11:11 Uhr die Fastnacht ausgerufen.</p> <p>Die Stadt hat viele Kulturen kommen und gehen sehen. Mainz bleibt dennoch Mainz, während in der Altstadt die Mainzelmännchen liebevoll den Fußgängerverkehr regeln – zwischen Ernst und Heiterkeit, Weltmedizin und Geschichte, Vision und Alltag.</p> <p>…geht in die Weinberge – nach Nackenheim, Oppenheim oder Ingelheim. Oder setzt über den Rhein nach Wiesbaden, wo Thermalquellen sprudeln, das Casino lockt und Villen glänzen. Doch das ist eine andere Geschichte.</p> <ol> <li> <ol> <li>Mainz Alter Dom. Geschichte der Römerzeit in Mainz. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://www.mainz-alter-dom.de/" rel="noopener" target="_blank">https://www.mainz-alter-dom.de/</a></li> <li><span>Gutenberg-Museum Mainz. Johannes Gutenberg und der Buchdruck. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://www.gutenberg-museum.de/" rel="noopener" target="_blank">https://www.gutenberg-museum.de/</a></span></li> <li><span>Innenstadtgemeinde Mainz. (November 2023). Alter Dom St. Johannis: Geschichte und Ausgrabungen. Abgerufen am 8. Dezember 2025, von <a href="https://www.mainz-alter-dom.de/" rel="noopener" target="_blank">https://www.mainz-alter-dom.de/</a></span></li> <li><span>Bistum Mainz. Mainzer Dom St. Martin: Geschichte und Architektur. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://bistummainz.de/mainzer-dom/" rel="noopener" target="_blank">https://bistummainz.de/mainzer-dom/</a></span></li> <li><span>1000 Jahre Mainzer Dom. Das Marktportal und die Bronzetüren. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://www.1000-jahre-mainzer-dom.de/rundgang/portale.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.1000-jahre-mainzer-dom.de/rundgang/portale.html</a></span></li> <li><span>Pohl, H. (1998). Zauberglaube und Hexenangst im Kurfürstentum Mainz. Stuttgart: Steinert. Abgerufen am 8. Dezember 2025, von <a href="https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC" rel="noopener" target="_blank">https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC</a></span></li> <li><span>Gebhard, H. (1990). Hexenprozesse im Kurfürstentum Mainz des 17. Jahrhunderts. Aschaffenburg: Geschichts- und Kunstverein. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC" rel="noopener" target="_blank">https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC</a></span></li> <li><span>Deutschlandfunk. (11. Oktober 2023). Forschung zu Vigilanzkulturen: Wachsamkeit, freiwillige Überwachung und Denunziation in der Gesellschaft. Abgerufen am: 20.12.2025, von <a href="https://www.deutschlandfunk.de/forschung-zu-vigilanzkulturen-wachsamkeit-freiwillige-100.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.deutschlandfunk.de/forschung-zu-vigilanzkulturen-wachsamkeit-freiwillige-100.html</a></span></li> <li><span>St. Stephan Mainz. Chagall-Fenster in St. Stephan. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://bistummainz.de/pfarrei/mainz-st-stephan/chagall-fenster/die-fenster-von-marc-chagall/" rel="noopener" target="_blank">https://bistummainz.de/pfarrei/mainz-st-stephan/chagall-fenster/die-fenster-von-marc-chagall/</a></span></li> <li><span>Stadt Mainz. Fastnachtsbrunnen und Fastnachtstradition. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://www.mainz.de/tourismus/sehenswertes/fastnachtsbrunnen.php" rel="noopener" target="_blank">https://www.mainz.de/tourismus/sehenswertes/fastnachtsbrunnen.php</a></span></li> </ol> </li> </ol> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/mainz-ueber-2000-jahre-glanz-und-ein-paar-schatten/#comments 8 Was bedeuten die stark ansteigenden Diagnosezahlen für ADHS? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/#comments Fri, 19 Dec 2025 12:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3479 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Achtung-ADHS-768x543.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Achtung-ADHS.jpg" /><h1>Was bedeuten die stark ansteigenden Diagnosezahlen für ADHS? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Vor allem bei erwachsenen Frauen stieg die Häufigkeit in den letzten Jahren auf bis das Sechsfache</strong></p> <span id="more-3479"></span> <p>Man liest es regelmäßig in den Medien: Psychologisch-psychiatrische Störungen werden immer häufiger diagnostiziert. Die Mengen der verschriebenen Medikamente <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-medikamente-fuer-erwachsene-verdreifacht/">steigen rasant</a>. Die Wartelisten für eine Therapie sind lang. Man brauche mehr Therapeutinnen und Therapeuten.</p> <p>Doch obwohl die sogenannten hoch entwickelten Länder schon sehr viel mehr davon haben als andere, scheint es nie genug zu sein. (Ich bekenne: Ich habe selbst über 5.000 Psychologinnen und Psychologen akademisch ausgebildet.) Schlimmer noch: Trotz aller Bemühungen, der Aufklärung und der (angeblichen) Entstigmatisierung steigen nicht nur die Diagnosen, sondern auch die Krankheitstage und -Kosten, ja sogar die langfristige Arbeitsunfähigkeit wegen psychischer Belastungen.</p> <p>Epidemiologen wundern sich: Laut ihren allgemeinen Bevölkerungsstudien ändert sich nichts oder allenfalls nur wenig. An den Türen der Arztpraxen und Therapiezentren sieht das aber ganz anders aus. Dort klopfen immer mehr Menschen mit Problemen an, die in den psychologisch-psychiatrischen Bereich eingeordnet werden. Sowohl die Diagnosen und Therapien als auch die Medikamentenverschreibungen und Arbeitsausfälle bilden einen zentralen Teil unseres Alltags ab.</p> <p>Mit dieser Realität haben sich zum Beispiel Julia Thom vom Robert Koch-Institut und Kollegen beschäftigt. Für eine aktuelle Studie haben sie die Veränderung der Diagnosen im Zeitraum von 2012 bis 2022 untersucht, die sie aus den Daten der gesetzlichen Krankenkassen errechnet haben (Thom et al., 2024). Demnach stiegen die Diagnosen der vor allem bei Frauen diagnostizierten Angststörungen und Depressionen um 31 beziehungsweise 15 Prozent.<aside></aside></p> <p>Bei den von Männern häufiger und intensiver konsumierten psychoaktiven Substanzen und damit einhergehenden psychischen Problemen betrug der Anstieg 35 Prozent. Am meisten veränderte sich aber bei der posttraumatischen Belastungsstörung, wenn auch in absoluten Zahlen auf einem niedrigeren Niveau: mit plus 116 Prozent mehr als eine Verdopplung.</p> <p>Das alles nimmt sich aber bescheiden heraus, wenn man es mit dem Anstieg der ADHS-Diagnosen bei den 25- bis 34-jährigen Frauen vergleicht, über den ich im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/">ersten Teil</a> schrieb: gut 500 Prozent!</p> <h2 id="h-be-deutung-von-erwachsenen-adhs">(Be-)Deutung von Erwachsenen-ADHS</h2> <p>Das sind Zahlen beziehungsweise Veränderungen, über die selbstverständlich die Medien berichten. Wie soll man sie deuten? Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Maria Ivanova vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Berlin, die die neuesten ADHS-Daten berichteten, diskutieren selbst <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/inzidenz-von-adhs-spektrum-stoerungen-bei-erwachsenen-22c4cb5b-38c9-4d19-baa1-70bbc8c595b3">verschiedene Möglichkeiten</a>. Schauen wir zunächst auf ihre Erklärung eines kleinen Rückgangs der Diagnosen im Jahr 2020:</p> <blockquote> <p>“Der kurzzeitige Inzidenzrückgang (2020) ist möglicherweise pandemiebedingt aufgrund geringerer Versorgungsinanspruchnahme, aber auch aufgrund von Einschränkungen in persönlichen Lebensbereichen und damit der Nichterfüllung der Erstdiagnostik-Kriterien zu erklären, die Funktionsbeeinträchtigungen in mindestens zwei Lebensbereichen erfordert.” (Ivanova et al., 2025)</p> </blockquote> <p>Das vermittelt uns das Wissen, dass die offiziellen diagnostischen Kriterien für ADHS seit 1994 das Vorliegen der Probleme – fehlende Aufmerksamkeit, Hyperaktivität und/oder Impulsivität – in mindestens zwei Bereichen vorschreiben, zum Beispiel in der Schule oder zu Hause. Wenn die Leute nur in der Wohnung sind, fallen andere Lebensbereiche natürlich weg.</p> <p>Übrigens wurde damals festgelegt, dass zumindest ein Teil der Probleme schon vor dem siebten Lebensjahr vorliegen muss. Es ist aber hinterher natürlich schwer zu sagen, wer als Kleinkind “oft” Anzeichen solcher Verhaltensweisen zeigte und wer nicht, zumal das bei Erwachsenen Jahrzehnte zurückliegt. Die genannte Altersgrenze wurde 2013 übrigens vom siebten auf das zwölfte Lebensjahr angehoben. Das erweiterte die Möglichkeit, die Störung zu diagnostizieren.</p> <p>Doch kommen wir jetzt zur wichtigeren Erklärung der Forscherinnen und Forscher:</p> <blockquote> <p>“[1] Der jüngst starke Inzidenzanstieg resultiert möglicherweise aus einer stärkeren gesellschaftlichen Sensibilisierung für AD(H)S, [2] der Einführung des F98.80-Codes sowie [3] Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die psychische Gesundheit. Dies erklärt möglicherweise auch die starke Zunahme bei jungen Frauen.” (Ivanova et al., 2025)</p> </blockquote> <p>Erstens – die Zahlen habe ich hilfsweise eingefügt – gibt es also vielleicht mehr Aufmerksamkeit für das Thema; zweitens wurde eine Diagnose-Möglichkeit eingeführt; und drittens ging die Pandemie mit besonderen Belastungen einher.</p> <h2 id="h-adhs-im-kontext">ADHS im Kontext</h2> <p>Mir gefällt, dass das Störungsbild hier kontextualisiert, also im Rahmen der gesellschaftlichen und institutionellen Bedingungen gesehen wird. Das in Deutschland immer noch hauptsächlich verwendete diagnostische Regelwerk, das aus den 1990er-Jahren stammende ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation, kannte eigentlich noch gar keine ADHS, wie sie seit 1980 in den amerikanischen Handbüchern steht. Stattdessen finden sich darin die “<a href="https://gesund.bund.de/icd-code-suche/f90">hyperkinetischen Störungen</a>“.</p> <p>Es gab für die Länder, die das ICD verwenden, im Laufe der Jahre aber immer sprachliche Anpassungen. Damit kam schließlich die “<a href="https://gesund.bund.de/icd-code-suche/f98-80">Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität mit Beginn in der Kindheit und Jugend</a>“. Wie ich im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/">ersten Teil</a> beschrieb, kommt der Subtyp von ADHS ohne Hyperaktivität beziehungsweise Impulsivität, manchmal auch “ADS” genannt, typischerweise häufiger bei den Mädchen vor.</p> <p>Diese Erklärung würde also zum besonders starken Anstieg bei den Frauen passen. Allerdings gibt es dieses Phänomen auch in Ländern wie den Niederlanden, die die amerikanischen Kriterien des sogenannten DSM verwenden. Auch hier bekamen Frauen in den letzten Jahren immer mehr ADHS-Diagnosen, obwohl die Klassifikation den unaufmerksamen Typ seit 1994 vorsieht.</p> <p>Dass immer mehr über ADHS – und andere psychologisch-psychiatrische Störungen – gesprochen wird und die Pandemie mit besonderen Belastungen einherging, sind im Kern soziale Erklärungen für den Anstieg. Mit dem Verweis auf “die starke Zunahme bei jungen Frauen” dachten die Forscherinnen und Forscher vielleicht an die Mehrfachbelastung durch Beruf und Erziehungsaufgaben, die stärker von Frauen wahrgenommen werden.</p> <h2 id="h-in-der-presse">In der Presse</h2> <p>Diese Deutungen konnte die Presse leicht diskutieren, als sie am 11. und 12. Dezember von der neuen Studie berichtete. Die öffentlich-rechtliche Tagesschau fiel aber negativ aus dem Rahmen: Obwohl die Daten der Originalveröffentlichung mit Link dargestellt wurden, ließen die Journalisten nur eine Reihe von Psychiatern <a href="https://www.tagesschau.de/wissen/gesundheit/adhs-erwachsene-diagnosen-100.html">zu Wort kommen</a>. Und die meinen alle, ADHS wurde und werde zu selten diagnostiziert.</p> <p>Kurzum, der Anstieg sei gar kein wirklicher Anstieg, sondern hole nur vorher übersehene Störungen ein. Warum das gerade in den Jahren 2021 bis 2024 passieren sollte und dann auch noch so schnell, erklärt keiner von ihnen.</p> <p>Swantje Matthies vom Universitätsklinikum Freiburg meint zudem,</p> <blockquote> <p>“die Symptome von ADHS und ADS [wurden] bei Frauen lange Zeit häufig übersehen. Die frühen Studien zu dem Thema basierten – wie so häufig im Gesundheitssystem – fast ausschließlich auf Daten von Jungen und Männern. Deshalb galten typisch männliche Symptome auch lange als allgemein typische AD(H)S-Symptome.” (Swantje Matthies auf tagesschau.de)</p> </blockquote> <p>Wie wir oben sahen, gibt es den bei den Mädchen häufiger Vorkommenden ADHS-Typ mit Unaufmerksamkeit als zentralem Kriterium aber schon seit 1994 in dem amerikanischen Diagnosewerk. Auch in den Ländern, die dieses verwenden, stiegen die Diagnosen in den letzten Jahren stark an.</p> <p>Noch eine Bemerkung zu der Kritik, die Studien basierten vor allem auf den Daten von Jungen und Männern: Das liegt zum Beispiel bei Medikamententests auch an der Tatsache, dass Männer sich dafür häufiger freiwillig melden. Wie ich im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/">ersten Teil</a> beschrieb, sind – vor allem: junge – Männer allgemein risikofreudiger. Es wäre wohl kaum im Sinne von Matthies, Frauen zur Teilnahme an solchen Tests gesetzlich zu verpflichten, um hier bessere Daten zu erhalten. Es stimmt aber auch, dass in der Forschung aufgrund knapper Ressourcen öfter nur ein Geschlecht untersucht wird und das zumindest in der Vergangenheit häufiger Männer waren.</p> <h2 id="h-und-was-fehlte">Und was fehlte</h2> <p>Trotzdem wunderte es mich, dass die Tagesschau die oben genannten sozialen Erklärungen aus der Originalarbeit verschwieg. Nach meinem Hinweis von 11:30 Uhr am 12. Dezember wurde <a href="https://www.tagesschau.de/wissen/gesundheit/adhs-erwachsene-diagnosen-100.html">der Artikel</a> um ca. 13:30 Uhr ergänzt und räumte man mir gegenüber in einer E-Mail von 13:42 Uhr den Fehler ein. Dieser redaktionelle Eingriff wurde im Text aber nicht kenntlich gemacht. In der dazugehörigen Audiodatei hört man wahrscheinlich noch die alte Version.</p> <p>Nach der Überarbeitung ist nun zwar von den möglichen Auswirkungen der Pandemie die Rede. Dass der Anstieg der Diagnosen aber auch an der gestiegenen Aufmerksamkeit in den Medien liegen könnte, wird dort immer noch nicht erwähnt. Dabei kann das jeder einmal selbst ausprobieren: Man liest die (oft schwammigen) Symptomlisten in so einem diagnostischen Werk und erkennt auf einmal an sich selbst ganz viele Störungsbilder oder Krankheiten. Manche Menschen sind hierfür anfälliger als andere.</p> <p>Der Tagesschau-Artikel erlaubte sich noch einen zweiten Patzer, nämlich bei den Medikamenten, auf die ich gleich ausführlicher eingehe. Am Ende wurde unter der Zwischenüberschrift “Medikamente wirken zuverlässiger” noch auf eine neuere Meta-Analyse (Ostinelli et al., 2025) zur Behandlung von Erwachsenen-ADHS verwiesen: “Danach helfen nur Medikamente, wie das vor allem unter Markennamen ‘Ritalin’ bekannte Methylphenidat oder Amphetamine verlässlich und schnell gegen Kernsymptome von ADHS, also Unruhe, Unaufmerksamkeit oder Impulsivität.”</p> <p>Eine sprachliche Feinheit vorweg: Wenn man im Deutschen nicht von Amphetamin (Straßenname “Speed”), sondern von “Amphetaminen” spricht, bezieht man sich auf eine allgemeine Substanzklasse, zu der auch Ecstasy/MDMA gehört. Wofür steht hier wohl das letzte “A”? Amphetamin! Daran haben die Tagesschau-Leute wohl eher nicht gedacht.</p> <p>Die genannte Studie belegt die Wirkung der Stimulanzien bei Erwachsenen mit einer ADHS-Diagnose aber nur für eine <em>kurzzeitige</em> Verwendungsdauer. Außerdem erfuhren die Konsumentinnen und Konsumenten dadurch keine Verbesserung ihrer Lebensqualität. Diese nicht ganz unwichtigen Einschränkungen hat die Redaktion nach meinem Hinweis ergänzt.</p> <h2 id="h-stimulanzien">Stimulanzien</h2> <p>Damit komme ich zu meinem letzten Punkt: Mit der Verwendung von Stimulanzien wie Amphetamin oder Methylphenidat (z.B. in Ritalin) in der Gesellschaft beschäftige ich mich ja, ursprünglich in der <a href="https://hdl.handle.net/11370/ea1bd3f0-513a-47ad-845f-a8c65cae0937">Gehirndoping-Debatte</a>, seit gut 20 Jahren. Wie man den Anstieg der Diagnosen auch deuten mag, bei den Zahlen der Medikamentenverschreibungen gibt es große Auffälligkeiten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Die Verschreibungen der typischen ADHS-Medikamente in Deutschland (schwarze Linie), hier dargestellt als Millionen definierte Tagesdosen, stiegen zunächst in der ersten Dekade der 2000 stark an. Eine zweite Welle setzte 2019 an. Zum Vergleich sind hier die niederländischen Zahlen dargestellt (orange). Da diese in etwa gleichauf liegen, verschreibt man in dem kleineren Land in etwa 4,5-mal so viele Stimulanzien pro Kopf. Datenquellen: Arzneiverordnungs-Report; Zorginstituut Nederland</em></p> <p>Ich könnte wahrheitsgetreu schreiben, dass man auf der Abbildung für Deutschland einen 270-fachen Anstieg sieht. Das liegt aber schlicht daran, dass Ritalinkonsum &amp; Co. in den 1990ern, meiner Zeit auf dem Gymnasium, einfach noch kein Thema war.</p> <p>Es gibt hier interessante Kulturunterschiede: In den USA, wo führende Psychiater schon 1980 das Störungsbild ADHS einführten, setzte der Trend früher ein – weswegen die Weltgesundheitsorganisation schon in den 1990ern warnte, zumal es um Medikamentenverschreibungen für Kinder ging. In Deutschland war man zögerlicher und legte man schließlich fest, dass die Stimulanzien, jedenfalls bei Minderjährigen, nicht mehr die erste Behandlungsmöglichkeit sein sollen. Die Leitlinie ist übrigens seit 2022 ausgelaufen und die neue Fassung wird mit Spannung erwartet.</p> <p>In den Niederlanden sah man es pragmatisch und verteilten Ärzte, auch wegen der langen Wartelisten, pro Kopf sogar noch mehr von den Mitteln als in den USA. In Dänemark war man aber vorsichtiger als in Deutschland (Bachmann et al., 2017). Und im Vereinigten Königreich ließ man die Finger fast ganz von den Stimulanzien, weil diese als (angeblich) gefährliche Drogen verboten sind. Letzteres gilt freilich für alle genannten Länder, wo man das aber offenbar nicht so streng sieht wie auf der anderen Seite der Nordsee.</p> <h2 id="h-wie-es-einem-gefallt">Wie es einem gefällt</h2> <p>Ich habe keine Glaskugel und kann den Leserinnen und Lesern auch nicht die eine wahre Antwort anbieten. Aber es ist schon auffällig, dass die Psychiaterinnen und Psychiater, die diese Substanzen vor allem verschreiben und damit Geld verdienen, die sozialen Deutungen ausklammern. Seit Jahrzehnten – ich habe es selbst miterlebt – reagieren sie auf jeden Anstieg immer nur mit der Behauptung, man diagnostiziere die Störungen nun besser.</p> <p>Das führt mit Blick auf die (staatlich regulierte) Produktion der Stimulanzien in den USA zu einer interessanten Frage.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-2048x1152.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>In den USA hatte man Amphetamin (graue Balken) ab den 1970ern im “Krieg gegen Drogen” erst dämonisiert. Deshalb verschrieb man noch in den 1990ern bei ADHS vor allem Methylphenidat (z.B. Ritalin; schwarze Balken). Den vorläufigen Höhepunkt bei der staatlich regulierten Produktion beider Substanzen (hier in Tonnen dargestellt) gab es 2014. Datenquellen: US Drug Enforcement Agency; Federal Register</em></p> <p>Ich habe diese Zahlen schon in den 2010er-Jahren in Artikel und Vorträgen gezeigt. Immer hieß es aus der Pro-ADHS-Ecke: “Ja, wir diagnostizieren eben besser.” Ein Beweis wurde hierfür übrigens nie erbracht. Der dreizehnfache Anstieg von Mitte der 1990er- bis Mitte der 2010er-Jahre würde demnach bedeuten, dass man dann dreizehnmal besser diagnostizierte? Und die Abnahme von 2014 bis 2023, dass man dann 40 Prozent schlechter diagnostizierte? Man kann sich die Zahlen so zurechtlegen, wie es einem gefällt.</p> <h2 id="h-uberlappungen">Überlappungen</h2> <p>Ich möchte hier noch einen alternativen Gedankengang vorschlagen: Wie ich im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/">ersten Teil</a> schrieb, gibt es weder für ADHS, noch für die anderen psychologisch-psychiatrischen Störungen einen Blut-, Gen- oder Gehirntest. Damit sind die Störungsbilder, über die Fachleute mit ihren eigenen Interessen alle Jahre wieder neu am Konferenztisch verhandeln, für finanzielle, Marketing- und Medieninteressen besonders anfällig. <em>Hätte</em> man die von den Psychiatern seit über 200 Jahren versprochenen objektiven Tests, könnte man die Diagnosen gar nicht so multiplizieren, wie wir es seit Jahrzehnten sehen.</p> <p>ADHS ist laut den DSM-Kriterien eine so komplexe Kategorie, dass man aus den offiziellen Symptomen satte 116.220 gültige Varianten erzeugen kann (Schleim, 2022). Zu dieser Vielfalt kommen die schwammigen Grenzen zu anderen Störungsbildern. Fachleute nennen das “Komorbidität” (<em>co</em> = Zusammen, <em>morbus</em> = Krankheit). Bei ADHS sind das insbesondere Autismusspektrum-, Entwicklungs-, Lern-, Substanzkonsum-, Zwangs-, Angst- und depressive Störungen (Drechsler et al., 2020). Allein mit den letzten beiden gibt es laut Studien in bis zu 45 Prozent der Fälle Überlappungen.</p> <p>Daher wage ich hier einmal eine Alternativhypothese: Nach gut 30 Jahren Burn-out- und Depressions-Epidemie (Schleim, 2026) sind jetzt gerade ADHS-Diagnosen im Trend. Gemein sind diesen Störungsbildern die fehlende Konzentration und Motivation, die Antriebslosigkeit. Ja, wenn man sich langweilt oder die Energie verschwindet, reagieren manche abgelenkt und träumerisch, andere impulsiv und hyperaktiv.</p> <p>Inzwischen leben wir in einer Welt, in der kontinuierlich nicht nur E-Mails, sondern auch Chatnachrichten auf uns einprasseln. Auf (a)sozialen Medien warten endlose Bildchen oder Videos, die sowohl von ihren Machern als auch den Algorithmen darauf optimiert wurden, unsere Aufmerksamkeit zu fesseln. Dazu kommen Online-Glücksspiel, -Games und -Pornografie. Das ist für unser Belohnungssystem alles so viel interessanter als eintönige Schul- oder Bildschirmarbeit und oft nur einen Klick oder Wisch weit entfernt.</p> <h2 id="h-psycho-aktiv">Psycho-Aktiv</h2> <p>Und nun erinnern wir uns noch einmal an die Medikamentenverschreibungen: Was für ein Zufall, dass Amphetamin und Methylphenidat vor allem auf das Noradrenalin- und Dopamin-System im Gehirn wirken, was sich psychoaktiv in mehr erfahrener Energie, Motivation und Interesse sowie (bei Müdigkeit) mehr Wachheit äußert – auch und gerade bei langweiligen Aufgaben.</p> <p>Was für ein Zufall, dass diese Mittel in den 1950ern und 1960ern beliebte “Antidepressiva” waren und seit den 1930ern vom Militär für die Truppenmoral und das Durchhaltevermögen eingesetzt werden. Und was für ein Zufall, dass sie als Gehirndoping-Mittel vor allem von schlechteren Studierenden und in Situationen mit höherem Konkurrenzdruck eingesetzt werden (Schleim, 2023, Kap. 3).</p> <p>Aber ja, unsere Psychiaterinnen und Psychiater diagnostizieren eben immer besser. Gott sei Dank! Oder verraten die Diagnosen und Wirkungen der psychoaktiven Substanzen vielleicht doch etwas über die Art von Gesellschaft, in der wir inzwischen leben?</p> <h2 id="h-individuum-und-gesellschaft">Individuum und Gesellschaft</h2> <p>Aus Sicht der oben dargestellten biologischen Psychiatrie werden hier immer besser Gehirnstörungen identifiziert. Für diese gibt es aber komischerweise keine Gehirn-Tests. Stattdessen werden die vagen und sowohl mit anderen Störungsbildern als auch der Normalität überlappenden diagnostischen Kriterien im Gespräch und mit Fragebögen festgestellt. Zur Unterstützung verwendet man vielleicht noch ein Computerprogramm.</p> <p>Ziel ist dann die richtige medikamentöse Einstellung, damit die Person ihren Alltag besser bewältigt. Dabei belegt die auch auf tagesschau.de zitierte neue Meta-Analyse dafür nur eine kurzfristige Linderung der ADHS-Symptome. Die Lebensqualität der Betroffenen stieg nicht messbar (Ostinelli et al., 2025).</p> <p>Die von mir vertretene, eher gesellschaftliche Sicht redet die individuellen Probleme nicht klein, sondern bezieht sie auf die psychosoziale Realität vieler Menschen. Grundvoraussetzung für die Diagnose einer psychologisch-psychiatrischen Störung ist immer das individuelle Leiden und die Einschränkung im Alltagsleben. Diese hängen aber nicht nur vom Einzelnen ab, sondern auch von dessen Umgebung.</p> <p>Dann verraten uns die Störungsbilder und auch der Konsum von Psychopharmaka – zumindest manchmal – etwas über den Zustand der Gesellschaft. Gerade bei großen Veränderungen in kurzer Zeit sollte man aufhorchen: Die Pandemie war für viele ein großes Stressereignis, dazu kamen die stark steigenden Lebenserhaltungskosten sowie Kriege und Krisen. Eine gemeinsame gesellschaftliche Auszeit zur Verarbeitung des Erlebten gab es nicht, sondern einen großen Druck aufs “Weiter so!”</p> <p>Dass unter solchen Umständen mehr Menschen an die Grenzen ihrer Konzentration stoßen, ihnen Energie fehlt und die Motivation für die Arbeit oder andere Alltagsdinge nachlässt, überrascht mich als Kognitionswissenschaftler jedenfalls nicht. Aus gesellschaftlicher Sicht könnte man etwas an den strukturellen Ursachen in der Umgebung ändern, unter denen viele Menschen leiden.</p> <p>Aus dem heute vorherrschenden medizinischen Blickwinkel werden die Probleme vor allem individualisiert. Davon profitieren erst einmal diejenigen, die diese individuellen Therapien anbieten – und behaupten, dass es individuelle biologische Probleme sind.</p> <h2 id="h-neu-lernen-sie-mehr-uber-psychische-storungen">Neu: Lernen Sie mehr über psychische Störungen</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em><em><em><em><em><em><strong>Erfahren Sie mehr über die Depressions-Epidemie im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></em></em></em></em></em></em></p> <h2 id="h-literatur">Literatur</h2> <ul> <li>Bachmann, C. J., Wijlaars, L. P., Kalverdijk, L. J., Burcu, M., Glaeske, G., Schuiling-Veninga, C. C., … &amp; Zito, J. M. (2017). Trends in ADHD medication use in children and adolescents in five western countries, 2005–2012. <em>European Neuropsychopharmacology</em>, 27(5), 484-493.</li> <li>Drechsler, R., Brem, S., Brandeis, D., Grünblatt, E., Berger, G., &amp; Walitza, S. (2020). ADHD: Current concepts and treatments in children and adolescents. <em>Neuropediatrics</em>, 51(05), 315-335.</li> <li>Ivanova, M, Holstiege, J, Akmatov, M. K., Müller, D., &amp; Kohring, C. (2025). The incidence of AD(H)D spectrum disorders in adults: An analysis of nationwide claims data of the statutory health insurance system in Germany, 2015–2024. <em>Dtsch Arztebl Int</em>, 122, 697–8.</li> <li>Ostinelli, E. G., Schulze, M., Zangani, C., Farhat, L. C., Tomlinson, A., Del Giovane, C., … &amp; Cortese, S. (2025). Comparative efficacy and acceptability of pharmacological, psychological, and neurostimulatory interventions for ADHD in adults: a systematic review and component network meta-analysis. <em>The Lancet Psychiatry</em>, 12(1), 32-43.</li> <li>Schleim, S. (2022). <a href="https://www.frontiersin.org/journals/psychiatry/articles/10.3389/fpsyt.2022.943049/full">Why mental disorders are brain disorders. And why they are not: ADHD and the challenges of heterogeneity and reification</a>. <em>Front. Psychiatry</em> 13:943049.</li> <li>Schleim, S. (2023). <em><u><a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-32618-9">Mental Health and Enhancement: Substance Use and Its Social Implications</a></u></em>. Cham: Palgrave Macmillan.</li> <li>Schleim, S. (2026). <em><u><a href="https://www.schleim.info/wordpress/de/2024/08/28/stephan-schleims-buecher/">Perspektiven aus der Depressions-Epidemie. Was Depressionen sind und wie man sie behandelt</a></u></em>. Hamburg: BoD.</li> <li>Thom, J., Jonas, B., Reitzle, L., Mauz, E., Hölling, H., &amp; Schulz, M. (2024). Trends in the diagnostic prevalence of mental disorders, 2012–2022—using nationwide outpatient claims data for mental health surveillance. <em>Dtsch Arztebl Int</em>, 121, 355–62</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/illustrations/traffic-signs-attention-right-of-way-663368/">geralt</a> (Hintergrund), <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/5d6eb5e1afb445fa927df6dc8ad9e891" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Achtung-ADHS.jpg" /><h1>Was bedeuten die stark ansteigenden Diagnosezahlen für ADHS? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Vor allem bei erwachsenen Frauen stieg die Häufigkeit in den letzten Jahren auf bis das Sechsfache</strong></p> <span id="more-3479"></span> <p>Man liest es regelmäßig in den Medien: Psychologisch-psychiatrische Störungen werden immer häufiger diagnostiziert. Die Mengen der verschriebenen Medikamente <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-medikamente-fuer-erwachsene-verdreifacht/">steigen rasant</a>. Die Wartelisten für eine Therapie sind lang. Man brauche mehr Therapeutinnen und Therapeuten.</p> <p>Doch obwohl die sogenannten hoch entwickelten Länder schon sehr viel mehr davon haben als andere, scheint es nie genug zu sein. (Ich bekenne: Ich habe selbst über 5.000 Psychologinnen und Psychologen akademisch ausgebildet.) Schlimmer noch: Trotz aller Bemühungen, der Aufklärung und der (angeblichen) Entstigmatisierung steigen nicht nur die Diagnosen, sondern auch die Krankheitstage und -Kosten, ja sogar die langfristige Arbeitsunfähigkeit wegen psychischer Belastungen.</p> <p>Epidemiologen wundern sich: Laut ihren allgemeinen Bevölkerungsstudien ändert sich nichts oder allenfalls nur wenig. An den Türen der Arztpraxen und Therapiezentren sieht das aber ganz anders aus. Dort klopfen immer mehr Menschen mit Problemen an, die in den psychologisch-psychiatrischen Bereich eingeordnet werden. Sowohl die Diagnosen und Therapien als auch die Medikamentenverschreibungen und Arbeitsausfälle bilden einen zentralen Teil unseres Alltags ab.</p> <p>Mit dieser Realität haben sich zum Beispiel Julia Thom vom Robert Koch-Institut und Kollegen beschäftigt. Für eine aktuelle Studie haben sie die Veränderung der Diagnosen im Zeitraum von 2012 bis 2022 untersucht, die sie aus den Daten der gesetzlichen Krankenkassen errechnet haben (Thom et al., 2024). Demnach stiegen die Diagnosen der vor allem bei Frauen diagnostizierten Angststörungen und Depressionen um 31 beziehungsweise 15 Prozent.<aside></aside></p> <p>Bei den von Männern häufiger und intensiver konsumierten psychoaktiven Substanzen und damit einhergehenden psychischen Problemen betrug der Anstieg 35 Prozent. Am meisten veränderte sich aber bei der posttraumatischen Belastungsstörung, wenn auch in absoluten Zahlen auf einem niedrigeren Niveau: mit plus 116 Prozent mehr als eine Verdopplung.</p> <p>Das alles nimmt sich aber bescheiden heraus, wenn man es mit dem Anstieg der ADHS-Diagnosen bei den 25- bis 34-jährigen Frauen vergleicht, über den ich im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/">ersten Teil</a> schrieb: gut 500 Prozent!</p> <h2 id="h-be-deutung-von-erwachsenen-adhs">(Be-)Deutung von Erwachsenen-ADHS</h2> <p>Das sind Zahlen beziehungsweise Veränderungen, über die selbstverständlich die Medien berichten. Wie soll man sie deuten? Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Maria Ivanova vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Berlin, die die neuesten ADHS-Daten berichteten, diskutieren selbst <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/inzidenz-von-adhs-spektrum-stoerungen-bei-erwachsenen-22c4cb5b-38c9-4d19-baa1-70bbc8c595b3">verschiedene Möglichkeiten</a>. Schauen wir zunächst auf ihre Erklärung eines kleinen Rückgangs der Diagnosen im Jahr 2020:</p> <blockquote> <p>“Der kurzzeitige Inzidenzrückgang (2020) ist möglicherweise pandemiebedingt aufgrund geringerer Versorgungsinanspruchnahme, aber auch aufgrund von Einschränkungen in persönlichen Lebensbereichen und damit der Nichterfüllung der Erstdiagnostik-Kriterien zu erklären, die Funktionsbeeinträchtigungen in mindestens zwei Lebensbereichen erfordert.” (Ivanova et al., 2025)</p> </blockquote> <p>Das vermittelt uns das Wissen, dass die offiziellen diagnostischen Kriterien für ADHS seit 1994 das Vorliegen der Probleme – fehlende Aufmerksamkeit, Hyperaktivität und/oder Impulsivität – in mindestens zwei Bereichen vorschreiben, zum Beispiel in der Schule oder zu Hause. Wenn die Leute nur in der Wohnung sind, fallen andere Lebensbereiche natürlich weg.</p> <p>Übrigens wurde damals festgelegt, dass zumindest ein Teil der Probleme schon vor dem siebten Lebensjahr vorliegen muss. Es ist aber hinterher natürlich schwer zu sagen, wer als Kleinkind “oft” Anzeichen solcher Verhaltensweisen zeigte und wer nicht, zumal das bei Erwachsenen Jahrzehnte zurückliegt. Die genannte Altersgrenze wurde 2013 übrigens vom siebten auf das zwölfte Lebensjahr angehoben. Das erweiterte die Möglichkeit, die Störung zu diagnostizieren.</p> <p>Doch kommen wir jetzt zur wichtigeren Erklärung der Forscherinnen und Forscher:</p> <blockquote> <p>“[1] Der jüngst starke Inzidenzanstieg resultiert möglicherweise aus einer stärkeren gesellschaftlichen Sensibilisierung für AD(H)S, [2] der Einführung des F98.80-Codes sowie [3] Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die psychische Gesundheit. Dies erklärt möglicherweise auch die starke Zunahme bei jungen Frauen.” (Ivanova et al., 2025)</p> </blockquote> <p>Erstens – die Zahlen habe ich hilfsweise eingefügt – gibt es also vielleicht mehr Aufmerksamkeit für das Thema; zweitens wurde eine Diagnose-Möglichkeit eingeführt; und drittens ging die Pandemie mit besonderen Belastungen einher.</p> <h2 id="h-adhs-im-kontext">ADHS im Kontext</h2> <p>Mir gefällt, dass das Störungsbild hier kontextualisiert, also im Rahmen der gesellschaftlichen und institutionellen Bedingungen gesehen wird. Das in Deutschland immer noch hauptsächlich verwendete diagnostische Regelwerk, das aus den 1990er-Jahren stammende ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation, kannte eigentlich noch gar keine ADHS, wie sie seit 1980 in den amerikanischen Handbüchern steht. Stattdessen finden sich darin die “<a href="https://gesund.bund.de/icd-code-suche/f90">hyperkinetischen Störungen</a>“.</p> <p>Es gab für die Länder, die das ICD verwenden, im Laufe der Jahre aber immer sprachliche Anpassungen. Damit kam schließlich die “<a href="https://gesund.bund.de/icd-code-suche/f98-80">Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität mit Beginn in der Kindheit und Jugend</a>“. Wie ich im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/">ersten Teil</a> beschrieb, kommt der Subtyp von ADHS ohne Hyperaktivität beziehungsweise Impulsivität, manchmal auch “ADS” genannt, typischerweise häufiger bei den Mädchen vor.</p> <p>Diese Erklärung würde also zum besonders starken Anstieg bei den Frauen passen. Allerdings gibt es dieses Phänomen auch in Ländern wie den Niederlanden, die die amerikanischen Kriterien des sogenannten DSM verwenden. Auch hier bekamen Frauen in den letzten Jahren immer mehr ADHS-Diagnosen, obwohl die Klassifikation den unaufmerksamen Typ seit 1994 vorsieht.</p> <p>Dass immer mehr über ADHS – und andere psychologisch-psychiatrische Störungen – gesprochen wird und die Pandemie mit besonderen Belastungen einherging, sind im Kern soziale Erklärungen für den Anstieg. Mit dem Verweis auf “die starke Zunahme bei jungen Frauen” dachten die Forscherinnen und Forscher vielleicht an die Mehrfachbelastung durch Beruf und Erziehungsaufgaben, die stärker von Frauen wahrgenommen werden.</p> <h2 id="h-in-der-presse">In der Presse</h2> <p>Diese Deutungen konnte die Presse leicht diskutieren, als sie am 11. und 12. Dezember von der neuen Studie berichtete. Die öffentlich-rechtliche Tagesschau fiel aber negativ aus dem Rahmen: Obwohl die Daten der Originalveröffentlichung mit Link dargestellt wurden, ließen die Journalisten nur eine Reihe von Psychiatern <a href="https://www.tagesschau.de/wissen/gesundheit/adhs-erwachsene-diagnosen-100.html">zu Wort kommen</a>. Und die meinen alle, ADHS wurde und werde zu selten diagnostiziert.</p> <p>Kurzum, der Anstieg sei gar kein wirklicher Anstieg, sondern hole nur vorher übersehene Störungen ein. Warum das gerade in den Jahren 2021 bis 2024 passieren sollte und dann auch noch so schnell, erklärt keiner von ihnen.</p> <p>Swantje Matthies vom Universitätsklinikum Freiburg meint zudem,</p> <blockquote> <p>“die Symptome von ADHS und ADS [wurden] bei Frauen lange Zeit häufig übersehen. Die frühen Studien zu dem Thema basierten – wie so häufig im Gesundheitssystem – fast ausschließlich auf Daten von Jungen und Männern. Deshalb galten typisch männliche Symptome auch lange als allgemein typische AD(H)S-Symptome.” (Swantje Matthies auf tagesschau.de)</p> </blockquote> <p>Wie wir oben sahen, gibt es den bei den Mädchen häufiger Vorkommenden ADHS-Typ mit Unaufmerksamkeit als zentralem Kriterium aber schon seit 1994 in dem amerikanischen Diagnosewerk. Auch in den Ländern, die dieses verwenden, stiegen die Diagnosen in den letzten Jahren stark an.</p> <p>Noch eine Bemerkung zu der Kritik, die Studien basierten vor allem auf den Daten von Jungen und Männern: Das liegt zum Beispiel bei Medikamententests auch an der Tatsache, dass Männer sich dafür häufiger freiwillig melden. Wie ich im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/">ersten Teil</a> beschrieb, sind – vor allem: junge – Männer allgemein risikofreudiger. Es wäre wohl kaum im Sinne von Matthies, Frauen zur Teilnahme an solchen Tests gesetzlich zu verpflichten, um hier bessere Daten zu erhalten. Es stimmt aber auch, dass in der Forschung aufgrund knapper Ressourcen öfter nur ein Geschlecht untersucht wird und das zumindest in der Vergangenheit häufiger Männer waren.</p> <h2 id="h-und-was-fehlte">Und was fehlte</h2> <p>Trotzdem wunderte es mich, dass die Tagesschau die oben genannten sozialen Erklärungen aus der Originalarbeit verschwieg. Nach meinem Hinweis von 11:30 Uhr am 12. Dezember wurde <a href="https://www.tagesschau.de/wissen/gesundheit/adhs-erwachsene-diagnosen-100.html">der Artikel</a> um ca. 13:30 Uhr ergänzt und räumte man mir gegenüber in einer E-Mail von 13:42 Uhr den Fehler ein. Dieser redaktionelle Eingriff wurde im Text aber nicht kenntlich gemacht. In der dazugehörigen Audiodatei hört man wahrscheinlich noch die alte Version.</p> <p>Nach der Überarbeitung ist nun zwar von den möglichen Auswirkungen der Pandemie die Rede. Dass der Anstieg der Diagnosen aber auch an der gestiegenen Aufmerksamkeit in den Medien liegen könnte, wird dort immer noch nicht erwähnt. Dabei kann das jeder einmal selbst ausprobieren: Man liest die (oft schwammigen) Symptomlisten in so einem diagnostischen Werk und erkennt auf einmal an sich selbst ganz viele Störungsbilder oder Krankheiten. Manche Menschen sind hierfür anfälliger als andere.</p> <p>Der Tagesschau-Artikel erlaubte sich noch einen zweiten Patzer, nämlich bei den Medikamenten, auf die ich gleich ausführlicher eingehe. Am Ende wurde unter der Zwischenüberschrift “Medikamente wirken zuverlässiger” noch auf eine neuere Meta-Analyse (Ostinelli et al., 2025) zur Behandlung von Erwachsenen-ADHS verwiesen: “Danach helfen nur Medikamente, wie das vor allem unter Markennamen ‘Ritalin’ bekannte Methylphenidat oder Amphetamine verlässlich und schnell gegen Kernsymptome von ADHS, also Unruhe, Unaufmerksamkeit oder Impulsivität.”</p> <p>Eine sprachliche Feinheit vorweg: Wenn man im Deutschen nicht von Amphetamin (Straßenname “Speed”), sondern von “Amphetaminen” spricht, bezieht man sich auf eine allgemeine Substanzklasse, zu der auch Ecstasy/MDMA gehört. Wofür steht hier wohl das letzte “A”? Amphetamin! Daran haben die Tagesschau-Leute wohl eher nicht gedacht.</p> <p>Die genannte Studie belegt die Wirkung der Stimulanzien bei Erwachsenen mit einer ADHS-Diagnose aber nur für eine <em>kurzzeitige</em> Verwendungsdauer. Außerdem erfuhren die Konsumentinnen und Konsumenten dadurch keine Verbesserung ihrer Lebensqualität. Diese nicht ganz unwichtigen Einschränkungen hat die Redaktion nach meinem Hinweis ergänzt.</p> <h2 id="h-stimulanzien">Stimulanzien</h2> <p>Damit komme ich zu meinem letzten Punkt: Mit der Verwendung von Stimulanzien wie Amphetamin oder Methylphenidat (z.B. in Ritalin) in der Gesellschaft beschäftige ich mich ja, ursprünglich in der <a href="https://hdl.handle.net/11370/ea1bd3f0-513a-47ad-845f-a8c65cae0937">Gehirndoping-Debatte</a>, seit gut 20 Jahren. Wie man den Anstieg der Diagnosen auch deuten mag, bei den Zahlen der Medikamentenverschreibungen gibt es große Auffälligkeiten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Die Verschreibungen der typischen ADHS-Medikamente in Deutschland (schwarze Linie), hier dargestellt als Millionen definierte Tagesdosen, stiegen zunächst in der ersten Dekade der 2000 stark an. Eine zweite Welle setzte 2019 an. Zum Vergleich sind hier die niederländischen Zahlen dargestellt (orange). Da diese in etwa gleichauf liegen, verschreibt man in dem kleineren Land in etwa 4,5-mal so viele Stimulanzien pro Kopf. Datenquellen: Arzneiverordnungs-Report; Zorginstituut Nederland</em></p> <p>Ich könnte wahrheitsgetreu schreiben, dass man auf der Abbildung für Deutschland einen 270-fachen Anstieg sieht. Das liegt aber schlicht daran, dass Ritalinkonsum &amp; Co. in den 1990ern, meiner Zeit auf dem Gymnasium, einfach noch kein Thema war.</p> <p>Es gibt hier interessante Kulturunterschiede: In den USA, wo führende Psychiater schon 1980 das Störungsbild ADHS einführten, setzte der Trend früher ein – weswegen die Weltgesundheitsorganisation schon in den 1990ern warnte, zumal es um Medikamentenverschreibungen für Kinder ging. In Deutschland war man zögerlicher und legte man schließlich fest, dass die Stimulanzien, jedenfalls bei Minderjährigen, nicht mehr die erste Behandlungsmöglichkeit sein sollen. Die Leitlinie ist übrigens seit 2022 ausgelaufen und die neue Fassung wird mit Spannung erwartet.</p> <p>In den Niederlanden sah man es pragmatisch und verteilten Ärzte, auch wegen der langen Wartelisten, pro Kopf sogar noch mehr von den Mitteln als in den USA. In Dänemark war man aber vorsichtiger als in Deutschland (Bachmann et al., 2017). Und im Vereinigten Königreich ließ man die Finger fast ganz von den Stimulanzien, weil diese als (angeblich) gefährliche Drogen verboten sind. Letzteres gilt freilich für alle genannten Länder, wo man das aber offenbar nicht so streng sieht wie auf der anderen Seite der Nordsee.</p> <h2 id="h-wie-es-einem-gefallt">Wie es einem gefällt</h2> <p>Ich habe keine Glaskugel und kann den Leserinnen und Lesern auch nicht die eine wahre Antwort anbieten. Aber es ist schon auffällig, dass die Psychiaterinnen und Psychiater, die diese Substanzen vor allem verschreiben und damit Geld verdienen, die sozialen Deutungen ausklammern. Seit Jahrzehnten – ich habe es selbst miterlebt – reagieren sie auf jeden Anstieg immer nur mit der Behauptung, man diagnostiziere die Störungen nun besser.</p> <p>Das führt mit Blick auf die (staatlich regulierte) Produktion der Stimulanzien in den USA zu einer interessanten Frage.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-2048x1152.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>In den USA hatte man Amphetamin (graue Balken) ab den 1970ern im “Krieg gegen Drogen” erst dämonisiert. Deshalb verschrieb man noch in den 1990ern bei ADHS vor allem Methylphenidat (z.B. Ritalin; schwarze Balken). Den vorläufigen Höhepunkt bei der staatlich regulierten Produktion beider Substanzen (hier in Tonnen dargestellt) gab es 2014. Datenquellen: US Drug Enforcement Agency; Federal Register</em></p> <p>Ich habe diese Zahlen schon in den 2010er-Jahren in Artikel und Vorträgen gezeigt. Immer hieß es aus der Pro-ADHS-Ecke: “Ja, wir diagnostizieren eben besser.” Ein Beweis wurde hierfür übrigens nie erbracht. Der dreizehnfache Anstieg von Mitte der 1990er- bis Mitte der 2010er-Jahre würde demnach bedeuten, dass man dann dreizehnmal besser diagnostizierte? Und die Abnahme von 2014 bis 2023, dass man dann 40 Prozent schlechter diagnostizierte? Man kann sich die Zahlen so zurechtlegen, wie es einem gefällt.</p> <h2 id="h-uberlappungen">Überlappungen</h2> <p>Ich möchte hier noch einen alternativen Gedankengang vorschlagen: Wie ich im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/">ersten Teil</a> schrieb, gibt es weder für ADHS, noch für die anderen psychologisch-psychiatrischen Störungen einen Blut-, Gen- oder Gehirntest. Damit sind die Störungsbilder, über die Fachleute mit ihren eigenen Interessen alle Jahre wieder neu am Konferenztisch verhandeln, für finanzielle, Marketing- und Medieninteressen besonders anfällig. <em>Hätte</em> man die von den Psychiatern seit über 200 Jahren versprochenen objektiven Tests, könnte man die Diagnosen gar nicht so multiplizieren, wie wir es seit Jahrzehnten sehen.</p> <p>ADHS ist laut den DSM-Kriterien eine so komplexe Kategorie, dass man aus den offiziellen Symptomen satte 116.220 gültige Varianten erzeugen kann (Schleim, 2022). Zu dieser Vielfalt kommen die schwammigen Grenzen zu anderen Störungsbildern. Fachleute nennen das “Komorbidität” (<em>co</em> = Zusammen, <em>morbus</em> = Krankheit). Bei ADHS sind das insbesondere Autismusspektrum-, Entwicklungs-, Lern-, Substanzkonsum-, Zwangs-, Angst- und depressive Störungen (Drechsler et al., 2020). Allein mit den letzten beiden gibt es laut Studien in bis zu 45 Prozent der Fälle Überlappungen.</p> <p>Daher wage ich hier einmal eine Alternativhypothese: Nach gut 30 Jahren Burn-out- und Depressions-Epidemie (Schleim, 2026) sind jetzt gerade ADHS-Diagnosen im Trend. Gemein sind diesen Störungsbildern die fehlende Konzentration und Motivation, die Antriebslosigkeit. Ja, wenn man sich langweilt oder die Energie verschwindet, reagieren manche abgelenkt und träumerisch, andere impulsiv und hyperaktiv.</p> <p>Inzwischen leben wir in einer Welt, in der kontinuierlich nicht nur E-Mails, sondern auch Chatnachrichten auf uns einprasseln. Auf (a)sozialen Medien warten endlose Bildchen oder Videos, die sowohl von ihren Machern als auch den Algorithmen darauf optimiert wurden, unsere Aufmerksamkeit zu fesseln. Dazu kommen Online-Glücksspiel, -Games und -Pornografie. Das ist für unser Belohnungssystem alles so viel interessanter als eintönige Schul- oder Bildschirmarbeit und oft nur einen Klick oder Wisch weit entfernt.</p> <h2 id="h-psycho-aktiv">Psycho-Aktiv</h2> <p>Und nun erinnern wir uns noch einmal an die Medikamentenverschreibungen: Was für ein Zufall, dass Amphetamin und Methylphenidat vor allem auf das Noradrenalin- und Dopamin-System im Gehirn wirken, was sich psychoaktiv in mehr erfahrener Energie, Motivation und Interesse sowie (bei Müdigkeit) mehr Wachheit äußert – auch und gerade bei langweiligen Aufgaben.</p> <p>Was für ein Zufall, dass diese Mittel in den 1950ern und 1960ern beliebte “Antidepressiva” waren und seit den 1930ern vom Militär für die Truppenmoral und das Durchhaltevermögen eingesetzt werden. Und was für ein Zufall, dass sie als Gehirndoping-Mittel vor allem von schlechteren Studierenden und in Situationen mit höherem Konkurrenzdruck eingesetzt werden (Schleim, 2023, Kap. 3).</p> <p>Aber ja, unsere Psychiaterinnen und Psychiater diagnostizieren eben immer besser. Gott sei Dank! Oder verraten die Diagnosen und Wirkungen der psychoaktiven Substanzen vielleicht doch etwas über die Art von Gesellschaft, in der wir inzwischen leben?</p> <h2 id="h-individuum-und-gesellschaft">Individuum und Gesellschaft</h2> <p>Aus Sicht der oben dargestellten biologischen Psychiatrie werden hier immer besser Gehirnstörungen identifiziert. Für diese gibt es aber komischerweise keine Gehirn-Tests. Stattdessen werden die vagen und sowohl mit anderen Störungsbildern als auch der Normalität überlappenden diagnostischen Kriterien im Gespräch und mit Fragebögen festgestellt. Zur Unterstützung verwendet man vielleicht noch ein Computerprogramm.</p> <p>Ziel ist dann die richtige medikamentöse Einstellung, damit die Person ihren Alltag besser bewältigt. Dabei belegt die auch auf tagesschau.de zitierte neue Meta-Analyse dafür nur eine kurzfristige Linderung der ADHS-Symptome. Die Lebensqualität der Betroffenen stieg nicht messbar (Ostinelli et al., 2025).</p> <p>Die von mir vertretene, eher gesellschaftliche Sicht redet die individuellen Probleme nicht klein, sondern bezieht sie auf die psychosoziale Realität vieler Menschen. Grundvoraussetzung für die Diagnose einer psychologisch-psychiatrischen Störung ist immer das individuelle Leiden und die Einschränkung im Alltagsleben. Diese hängen aber nicht nur vom Einzelnen ab, sondern auch von dessen Umgebung.</p> <p>Dann verraten uns die Störungsbilder und auch der Konsum von Psychopharmaka – zumindest manchmal – etwas über den Zustand der Gesellschaft. Gerade bei großen Veränderungen in kurzer Zeit sollte man aufhorchen: Die Pandemie war für viele ein großes Stressereignis, dazu kamen die stark steigenden Lebenserhaltungskosten sowie Kriege und Krisen. Eine gemeinsame gesellschaftliche Auszeit zur Verarbeitung des Erlebten gab es nicht, sondern einen großen Druck aufs “Weiter so!”</p> <p>Dass unter solchen Umständen mehr Menschen an die Grenzen ihrer Konzentration stoßen, ihnen Energie fehlt und die Motivation für die Arbeit oder andere Alltagsdinge nachlässt, überrascht mich als Kognitionswissenschaftler jedenfalls nicht. Aus gesellschaftlicher Sicht könnte man etwas an den strukturellen Ursachen in der Umgebung ändern, unter denen viele Menschen leiden.</p> <p>Aus dem heute vorherrschenden medizinischen Blickwinkel werden die Probleme vor allem individualisiert. Davon profitieren erst einmal diejenigen, die diese individuellen Therapien anbieten – und behaupten, dass es individuelle biologische Probleme sind.</p> <h2 id="h-neu-lernen-sie-mehr-uber-psychische-storungen">Neu: Lernen Sie mehr über psychische Störungen</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em><em><em><em><em><em><strong>Erfahren Sie mehr über die Depressions-Epidemie im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></em></em></em></em></em></em></p> <h2 id="h-literatur">Literatur</h2> <ul> <li>Bachmann, C. J., Wijlaars, L. P., Kalverdijk, L. J., Burcu, M., Glaeske, G., Schuiling-Veninga, C. C., … &amp; Zito, J. M. (2017). Trends in ADHD medication use in children and adolescents in five western countries, 2005–2012. <em>European Neuropsychopharmacology</em>, 27(5), 484-493.</li> <li>Drechsler, R., Brem, S., Brandeis, D., Grünblatt, E., Berger, G., &amp; Walitza, S. (2020). ADHD: Current concepts and treatments in children and adolescents. <em>Neuropediatrics</em>, 51(05), 315-335.</li> <li>Ivanova, M, Holstiege, J, Akmatov, M. K., Müller, D., &amp; Kohring, C. (2025). The incidence of AD(H)D spectrum disorders in adults: An analysis of nationwide claims data of the statutory health insurance system in Germany, 2015–2024. <em>Dtsch Arztebl Int</em>, 122, 697–8.</li> <li>Ostinelli, E. G., Schulze, M., Zangani, C., Farhat, L. C., Tomlinson, A., Del Giovane, C., … &amp; Cortese, S. (2025). Comparative efficacy and acceptability of pharmacological, psychological, and neurostimulatory interventions for ADHD in adults: a systematic review and component network meta-analysis. <em>The Lancet Psychiatry</em>, 12(1), 32-43.</li> <li>Schleim, S. (2022). <a href="https://www.frontiersin.org/journals/psychiatry/articles/10.3389/fpsyt.2022.943049/full">Why mental disorders are brain disorders. And why they are not: ADHD and the challenges of heterogeneity and reification</a>. <em>Front. Psychiatry</em> 13:943049.</li> <li>Schleim, S. (2023). <em><u><a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-32618-9">Mental Health and Enhancement: Substance Use and Its Social Implications</a></u></em>. Cham: Palgrave Macmillan.</li> <li>Schleim, S. (2026). <em><u><a href="https://www.schleim.info/wordpress/de/2024/08/28/stephan-schleims-buecher/">Perspektiven aus der Depressions-Epidemie. Was Depressionen sind und wie man sie behandelt</a></u></em>. Hamburg: BoD.</li> <li>Thom, J., Jonas, B., Reitzle, L., Mauz, E., Hölling, H., &amp; Schulz, M. (2024). Trends in the diagnostic prevalence of mental disorders, 2012–2022—using nationwide outpatient claims data for mental health surveillance. <em>Dtsch Arztebl Int</em>, 121, 355–62</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/illustrations/traffic-signs-attention-right-of-way-663368/">geralt</a> (Hintergrund), <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/5d6eb5e1afb445fa927df6dc8ad9e891" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>16</slash:comments> </item> <item> <title>When AI Can Do It All, What Will Be Left for Human Mathematicians and Scientists? https://scilogs.spektrum.de/hlf/when-ai-can-do-it-all-what-will-be-left-for-human-mathematicians-and-scientists/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/when-ai-can-do-it-all-what-will-be-left-for-human-mathematicians-and-scientists/#comments Wed, 17 Dec 2025 13:00:00 +0000 George Musser https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14003 <h1>When AI Can Do It All, What Will Be Left for Human Mathematicians and Scientists? - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By George Musser</h2><div itemprop="text"> <p>Among all the fields of research, mathematics is the one that one can most clearly foresee being automated. Artificial intelligence systems are already able to suggest new mathematical conjectures. They can translate them into a rigorous form. They can prove them. So, once you combine all three capabilities into one system, what will be left for humans to do? “Mathematicians become priests to oracles,” predicted <a href="https://lims.ac.uk/yang-hui-he/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Yang-Hui He</a>, a mathematical physicist at the London Institute and University of Oxford, during the Hot Topic session at this year’s Heidelberg Laureate Forum.</p> <p>A.I. was the dominant theme all week at the HLF, and the two Hot Topic panels – the first on mathematics, the second on physics – gave attendees a chance to share their delight as well as dread. All the panelists said they felt both poles of emotion. “We can be excited about the possibilities while also being aware of the potential downsides,” said <a href="https://frasermaia.github.io/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Maia Fraser</a>, a mathematician at the University of Ottawa. “We can do both at the same time.”</p> <p>No one doubted that computer tools – including but not limited to large language models – are revolutionizing mathematics research. “In the math community that I come from, progress was measured in years, sometimes even in decades, and now we start to measure things in months,” said <a href="https://sites.brown.edu/jgs/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Javier Gómez-Serrano</a>, a mathematician at Brown University. As A.I. takes over the chore of formulating and checking rigorous proofs, humans will be freed to concentrate on achieving and conveying intuitive understanding. “They’ll do even less formal proof, and the machines will convert it into some formal form,” said <a href="https://www.cs.princeton.edu/~arora/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Sanjeev Arora</a>, a computer scientist at Princeton University and recipient of the 2011 ACM Prize in Computing. “So, writing a paper will be much easier.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-Christian-Flemming.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-Christian-Flemming.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-Christian-Flemming.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-Christian-Flemming-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-Christian-Flemming-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Sanjeev Arora (ACM Prize in Computing – 2011) on the panel at the 12th HLF. Image credits: Flemming/HLFF</figcaption></figure></div> <p>The quickening pace makes it even harder than it already was to keep up with the literature, but Arora described how LLMs help him with that, too. He feeds a paper into a model and then engages in dialogue with it, which – he finds – gives much better results than simply asking for a summary. “You do a question-answer with a good model, and you understand the paper very well in 5, 10 minutes,” he said.</p> <p>So far, A.I. has yet to make any nontrivial discoveries on its own, a threshold that Yang calls the “<a href="https://www.nature.com/articles/d41586-024-00020-z" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Birch test</a>,” after his Oxford colleague Bryan Birch. But Yang cited instances in <a href="https://www.nature.com/articles/s41586-021-04086-x" rel="noreferrer noopener" target="_blank">knot theory</a>, <a href="https://arxiv.org/abs/2204.10140" rel="noreferrer noopener" target="_blank">number theory</a>, and group theory where it has come close. So, a fully automated advance is probably just a matter of time. He’s fine with that, if it means seeing the solutions to longstanding puzzles: “I really want to see the proof of the Riemann hypothesis, whether it’s given to me by God or by an oracle or by the mind of Terence Tao.”<aside></aside></p> <p>But Fraser cautioned that we should be careful what we wish for. The willingness of society to support mathematics research, already tenuous, may not survive automation. “I don’t want to speculate on how to maintain the public’s awareness of the importance of mathematicians when they’ve already been cut out of the loop,” she said.</p> <p>Cognitive de-skilling is another worry. In a poll, audience members expressed concern that A.I.-reliant students are failing to acquire core skills. Gómez-Serrano said this prospect worries him, too. “If we don’t think carefully about this, then this is going to arrive and we will not really know how to react.”</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/GpSvaA3fWAg?list=PLS0TjJA_GZXctE6kIEyuocCLEFNsJrNin" title="Hot Topic: The Machine-Learning Revolution – Part 1: Mathematics | September 16" width="666"></iframe> </p></figure> <h3 id="h-physics-is-hard-even-for-a-i">Physics Is Hard Even for A.I.</h3> <p>The physics panelists expressed no such ambivalence; for them, A.I. has been unequivocally good. It has sped up data analysis without threatening to usurp the human role anytime soon. The difference from mathematics is that the main bottleneck is not brainpower but the cost – in time, energy, and money – of experiments.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-1.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-1.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-1-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>From left to right: George Musser, Kyle Cranmer, Thea Klaeboe Åarrestad, David Silver, Maia Fraser. Image credits: Kreutzer/HLFF</figcaption></figure></div> <p>“We do experiments that take 10, 20 years to plan and pull off and require convincing a large fraction of the world to pitch in to be able to do it,” said <a href="https://theoryandpractice.org/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Kyle Cranmer</a>, a particle physicist at the University of Wisconsin–Madison. Furthermore, experiments entail tradeoffs. <a href="https://thaarres.github.io/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Thea Klaeboe Åarrestad</a>, a particle physicist at ETH Zurich, said the detectors at the Large Hadron Collider throw away 99.98 percent of the data they collect. That may seem wasteful, but strikes a balance. To save more would require more power cables and readout circuitry, which would get in the way of the very particles they are trying to measure. “We physically can’t read out all of the data,” she said.</p> <p>In general, whenever A.I. interfaces with the physical world, it faces the same constraints we humans do. “There’s going to be this natural brake on the progress of A.I.,” said <a href="https://davidstarsilver.wordpress.com/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">David Silver</a>, a computer scientist at Google DeepMind and University College London and recipient of the 2019 ACM Prize in Computing. Silver has argued that A.I. has entered an “era of experience” in which it learns more from its own exploration than from ingesting human knowledge. But exploring means tolerating failure, and we can’t always do that. “If it’s too unsafe to explore, well, OK, maybe it’s not something [on which] we’re ready to go beyond human knowledge,” he said.</p> <p>The panelists enthused over how A.I. helps them, for example, to decide which 99.98 percent of data the LHC detectors should throw away. “We know there has to be physics beyond the Standard Model somewhere,” Åarrestad said. “Could it be there? That’s what keeps me up at night.” A.I. also creates surrogate models – models of models that are trained on full-up simulations and can mimic their output much faster. Not only physicists but also cosmologists, neuroscientists, economists, and climate scientists are making use of these surrogates. They pick up on patterns in the underlying dynamics and, in a sense, express higher-order laws of nature. “It does seem to me to be reasonably fair to describe these neural networks as encapsulating a new model of science,” Silver said.</p> <p>As for hiring and promotion, the physics panelists also painted a positive picture. “We’re not yet seeing the job displacement,” Cranmer said. If anything, he said, A.I. has brought new investment into his field.</p> <p>For all its risks, the emerging human-machine partnership is making progress on the great mathematics and science questions of our time. “Anyone who is a mathematician or a scientist should be just so excited to be alive now, of all times,” Silver said. “We are alive now when the greatest changes are going to happen and biggest discoveries, the most advances, are going to happen.”</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/I-Ye-rMhRws?list=PLS0TjJA_GZXctE6kIEyuocCLEFNsJrNin" title="Hot Topic: The Machine-Learning Revolution – Part 2: Physical Sciences | September 16" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>When AI Can Do It All, What Will Be Left for Human Mathematicians and Scientists? - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By George Musser</h2><div itemprop="text"> <p>Among all the fields of research, mathematics is the one that one can most clearly foresee being automated. Artificial intelligence systems are already able to suggest new mathematical conjectures. They can translate them into a rigorous form. They can prove them. So, once you combine all three capabilities into one system, what will be left for humans to do? “Mathematicians become priests to oracles,” predicted <a href="https://lims.ac.uk/yang-hui-he/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Yang-Hui He</a>, a mathematical physicist at the London Institute and University of Oxford, during the Hot Topic session at this year’s Heidelberg Laureate Forum.</p> <p>A.I. was the dominant theme all week at the HLF, and the two Hot Topic panels – the first on mathematics, the second on physics – gave attendees a chance to share their delight as well as dread. All the panelists said they felt both poles of emotion. “We can be excited about the possibilities while also being aware of the potential downsides,” said <a href="https://frasermaia.github.io/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Maia Fraser</a>, a mathematician at the University of Ottawa. “We can do both at the same time.”</p> <p>No one doubted that computer tools – including but not limited to large language models – are revolutionizing mathematics research. “In the math community that I come from, progress was measured in years, sometimes even in decades, and now we start to measure things in months,” said <a href="https://sites.brown.edu/jgs/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Javier Gómez-Serrano</a>, a mathematician at Brown University. As A.I. takes over the chore of formulating and checking rigorous proofs, humans will be freed to concentrate on achieving and conveying intuitive understanding. “They’ll do even less formal proof, and the machines will convert it into some formal form,” said <a href="https://www.cs.princeton.edu/~arora/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Sanjeev Arora</a>, a computer scientist at Princeton University and recipient of the 2011 ACM Prize in Computing. “So, writing a paper will be much easier.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-Christian-Flemming.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-Christian-Flemming.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-Christian-Flemming.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-Christian-Flemming-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-Christian-Flemming-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Sanjeev Arora (ACM Prize in Computing – 2011) on the panel at the 12th HLF. Image credits: Flemming/HLFF</figcaption></figure></div> <p>The quickening pace makes it even harder than it already was to keep up with the literature, but Arora described how LLMs help him with that, too. He feeds a paper into a model and then engages in dialogue with it, which – he finds – gives much better results than simply asking for a summary. “You do a question-answer with a good model, and you understand the paper very well in 5, 10 minutes,” he said.</p> <p>So far, A.I. has yet to make any nontrivial discoveries on its own, a threshold that Yang calls the “<a href="https://www.nature.com/articles/d41586-024-00020-z" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Birch test</a>,” after his Oxford colleague Bryan Birch. But Yang cited instances in <a href="https://www.nature.com/articles/s41586-021-04086-x" rel="noreferrer noopener" target="_blank">knot theory</a>, <a href="https://arxiv.org/abs/2204.10140" rel="noreferrer noopener" target="_blank">number theory</a>, and group theory where it has come close. So, a fully automated advance is probably just a matter of time. He’s fine with that, if it means seeing the solutions to longstanding puzzles: “I really want to see the proof of the Riemann hypothesis, whether it’s given to me by God or by an oracle or by the mind of Terence Tao.”<aside></aside></p> <p>But Fraser cautioned that we should be careful what we wish for. The willingness of society to support mathematics research, already tenuous, may not survive automation. “I don’t want to speculate on how to maintain the public’s awareness of the importance of mathematicians when they’ve already been cut out of the loop,” she said.</p> <p>Cognitive de-skilling is another worry. In a poll, audience members expressed concern that A.I.-reliant students are failing to acquire core skills. Gómez-Serrano said this prospect worries him, too. “If we don’t think carefully about this, then this is going to arrive and we will not really know how to react.”</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/GpSvaA3fWAg?list=PLS0TjJA_GZXctE6kIEyuocCLEFNsJrNin" title="Hot Topic: The Machine-Learning Revolution – Part 1: Mathematics | September 16" width="666"></iframe> </p></figure> <h3 id="h-physics-is-hard-even-for-a-i">Physics Is Hard Even for A.I.</h3> <p>The physics panelists expressed no such ambivalence; for them, A.I. has been unequivocally good. It has sped up data analysis without threatening to usurp the human role anytime soon. The difference from mathematics is that the main bottleneck is not brainpower but the cost – in time, energy, and money – of experiments.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-1.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-1.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-1-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>From left to right: George Musser, Kyle Cranmer, Thea Klaeboe Åarrestad, David Silver, Maia Fraser. Image credits: Kreutzer/HLFF</figcaption></figure></div> <p>“We do experiments that take 10, 20 years to plan and pull off and require convincing a large fraction of the world to pitch in to be able to do it,” said <a href="https://theoryandpractice.org/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Kyle Cranmer</a>, a particle physicist at the University of Wisconsin–Madison. Furthermore, experiments entail tradeoffs. <a href="https://thaarres.github.io/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Thea Klaeboe Åarrestad</a>, a particle physicist at ETH Zurich, said the detectors at the Large Hadron Collider throw away 99.98 percent of the data they collect. That may seem wasteful, but strikes a balance. To save more would require more power cables and readout circuitry, which would get in the way of the very particles they are trying to measure. “We physically can’t read out all of the data,” she said.</p> <p>In general, whenever A.I. interfaces with the physical world, it faces the same constraints we humans do. “There’s going to be this natural brake on the progress of A.I.,” said <a href="https://davidstarsilver.wordpress.com/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">David Silver</a>, a computer scientist at Google DeepMind and University College London and recipient of the 2019 ACM Prize in Computing. Silver has argued that A.I. has entered an “era of experience” in which it learns more from its own exploration than from ingesting human knowledge. But exploring means tolerating failure, and we can’t always do that. “If it’s too unsafe to explore, well, OK, maybe it’s not something [on which] we’re ready to go beyond human knowledge,” he said.</p> <p>The panelists enthused over how A.I. helps them, for example, to decide which 99.98 percent of data the LHC detectors should throw away. “We know there has to be physics beyond the Standard Model somewhere,” Åarrestad said. “Could it be there? That’s what keeps me up at night.” A.I. also creates surrogate models – models of models that are trained on full-up simulations and can mimic their output much faster. Not only physicists but also cosmologists, neuroscientists, economists, and climate scientists are making use of these surrogates. They pick up on patterns in the underlying dynamics and, in a sense, express higher-order laws of nature. “It does seem to me to be reasonably fair to describe these neural networks as encapsulating a new model of science,” Silver said.</p> <p>As for hiring and promotion, the physics panelists also painted a positive picture. “We’re not yet seeing the job displacement,” Cranmer said. If anything, he said, A.I. has brought new investment into his field.</p> <p>For all its risks, the emerging human-machine partnership is making progress on the great mathematics and science questions of our time. “Anyone who is a mathematician or a scientist should be just so excited to be alive now, of all times,” Silver said. “We are alive now when the greatest changes are going to happen and biggest discoveries, the most advances, are going to happen.”</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/I-Ye-rMhRws?list=PLS0TjJA_GZXctE6kIEyuocCLEFNsJrNin" title="Hot Topic: The Machine-Learning Revolution – Part 2: Physical Sciences | September 16" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/when-ai-can-do-it-all-what-will-be-left-for-human-mathematicians-and-scientists/#comments 31 ADHS-Diagnosen: Versechsfachung bei jungen Frauen, Verdreifachung bei den Männern https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/#comments Tue, 16 Dec 2025 12:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3471 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Achtung-ADHS-768x543.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Achtung-ADHS.jpg" /><h1>ADHS-Diagnosen: Versechsfachung bei jungen Frauen, Verdreifachung bei den Männern » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Seit der COVID-Pandemie explodieren die psychiatrischen Diagnosen förmlich</strong></p> <span id="more-3471"></span> <p>Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) galt lange Zeit als Problem der Kindheit und Jugend. Man dachte insbesondere an zappelnde, laute, herumspringende, anderen ins Wort fallende, kurzum: <em>störende</em> Jungen. Das beschreibt einen von zwei Haupttypen des Störungsbilds, bei dem Impulsivität im Vordergrund steht. Daneben gibt es aber auch die träumerische, vergessliche, eher abwesende Variante. Diese wird vor allem bei Mädchen diagnostiziert.</p> <p>Tatsächlich gab es bei ADHS immer einen großen Geschlechtsunterschied: Jungen bekamen die Diagnose in etwa dreimal so häufig wie Mädchen. Das wollte man genetisch erklären – bisher ohne Erfolg. Wahrscheinlich liegt es aber vor allem daran, dass der impulsive, bei den Jungen häufigere Typ andere sehr viel mehr stört als die unaufmerksame, bei den Mädchen häufiger vorkommende Variante.</p> <h2 id="h-geschlechtsunterschiede">Geschlechtsunterschiede</h2> <p>Allgemein gilt: Jungen und Männer <em>externalisieren</em> Probleme eher, werden verhaltensauffällig, mitunter störend, aggressiv, konsumieren mehr Alkohol und andere Drogen und tun überhaupt mehr riskante und/oder verbotene Dinge. Letzteres sieht man schließlich in der Geschlechtsverteilung in den Gefängnissen, wo fast nur Männer eingesperrt sind. Mädchen und Frauen neigen demgegenüber dazu, Probleme zu <em>internalisieren</em>: Sie werden häufiger still, ziehen sich zurück, geben sich selbst die Schuld oder essen nicht mehr. Angst- und Gefühlsstörungen beziehungsweise Depressionen bekommen sie zwei- bis dreimal so häufig diagnostiziert, Essstörungen sogar vier- bis achtmal so oft.</p> <p>Ob diese Geschlechtsunterschiede eher biologischer Natur oder gesellschaftlich geprägt sind, ist Stoff für endlose Diskussionen. Wahrscheinlich stimmt beides: Es gibt körperliche, hormonal geprägte Unterschiede, die durch gesellschaftliche Vorstellung von typischen Frauen- und Männerbildern verstärkt werden.<aside></aside></p> <p>Schon die feministische Philosophin Simone de Beauvoir (1908-1986) leitete hieraus eine interessante Erklärung für die Entstehung des Patriarchats ab: Ab der Bronzezeit, also ab ca. dem 3. Jahrtausend v.u.Z. konnten die körperlich meist stärkeren Männer die neuen und tödlicheren, aber auch schweren Waffen besser führen. Im Gegenzug für den Schutz der Gruppe nach innen und Überfälle anderer im Außen erwarteten sie bestimmte Privilegien.</p> <p>Noch in der Geburtsstunde der Demokratie, der griechischen Polis, waren die bürgerlichen Privilegien an das Einstehen für die Gesellschaft auf dem Schlachtfeld gebunden. Man könnte dieses Denken ins 21. Jahrhundert und zum Beispiel die Kriegsfront in der Ukraine übertragen. Aber bleiben wir beim Thema ADHS.</p> <h2 id="h-haufigkeit-von-adhs">Häufigkeit von ADHS</h2> <p>ADHS gilt zwar auch heute noch als neuronale Entwicklungsstörung, also als ein Problem primär der Kindheit und Jugend. Fachleute zerbrachen sich aber lange den Kopf darüber, was beim Übergang ins Erwachsenenalter mit den Symptomen passiert. In etwa seit der Jahrtausendwende gilt als Konsens, dass bei rund der Hälfte der Betroffenen die Probleme im Sinne einer psychologisch-psychiatrischen Störung bleiben. Dabei soll aber die Hyperaktivität beziehungsweise Impulsivität in den Hintergrund treten.</p> <p>Tatsächlich steht im offiziellen Konsenspapier der Weltvereinigung für ADHS (hier auch in <a href="https://www.adhd-federation.org/publications/international-consensus-statement.html">deutscher Übersetzung verfügbar</a>), dass die Störung bei rund 6 Prozent der Minderjährigen und 2,5 Prozent der Erwachsenen vorkomme (Faraone et al., 2021). Dort werden aber auch Studien zitiert, die wichtige gesellschaftliche Fragen aufwerfen: So gibt es zum Beispiel Untersuchungen aus den USA, die bei schwarzen Minderjährigen eine Prävalenz von satten 14 Prozent fanden, also rund doppelt so viel wie im Bevölkerungsdurchschnitt (Cénat et al., 2021).</p> <p>Man sollte nicht die alten Fehler der Psychiatrie wiederholen, solche Unterschiede genetisch-rassistisch zu erklären. Vielmehr vermute ich hier den Ausdruck von sozialer Benachteiligung: Dass Schwarze und andere nicht-weiße Gruppen in den USA (und nicht nur dort) im Durchschnitt weniger wohlhabend sind und häufiger unter schlechteren Bedingungen leben, ist bekannt.</p> <p>Die Forscherinnen und Forscher ziehen allerdings andere Schlüsse aus ihren Daten. Weil Schwarze ein höheres Risiko für ADHS hätten, müsse man bei ihnen noch intensiver nach der Störung suchen. Wenn daraus mal keine sich selbst erfüllende Prophezeiung wird?</p> <blockquote> <p>“… die Ergebnisse dieser systematischen Übersichtsarbeit und Meta-Analyse legen nahe, dass Schwarze ein höheres Risiko für eine ADHS-Diagnose aufweisen als die US-amerikanische Allgemeinbevölkerung. Diese Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, die ADHS-Diagnostik und -Überwachung bei Schwarzen unterschiedlicher sozialer Herkunft zu intensivieren.” (Cénat et al., 2021, S. 21)</p> </blockquote> <h2 id="h-soziale-aspekte">Soziale Aspekte</h2> <p>Im Gegenzug für eine ADHS-Diagnose kriegen Kinder und Jugendliche wegen Gesetzen gegen Benachteiligung mitunter mehr Betreuung oder Zeit zum Absolvieren von Tests; und die Erziehungsberechtigten vielleicht einen Zuschlag für Sozialleistungen oder Kindergeld. Man kann auch in Deutschland mit so einer Diagnose einen Schwerbehindertenausweis beantragen – und sich dann mit den Behörden über den Grad der Behinderung streiten. Anleitungen dafür finden sich im Netz.</p> <p>Frappierend ist auch der für viele Länder bestätigte Befund, dass in Schulklassen die jüngsten Kinder am häufigsten eine ADHS-Diagnose und eine Medikamentenverschreibung für Stimulanzien wie Methylphenidat (z.B. in Ritalin) erhalten. Das kann man anhand der Stichtage für die Einschulung nachvollziehen: Wenn ein Kind kurz davor Geburtstag hat, wird es immer zu den Jüngsten der Klasse gehören; ist der Geburtstag aber kurz nach dem Stichtag, wird es ein Jahr später eingeschult – und dann unter den Ältesten sein. Laut einer großen Meta-Analyse ist die Wahrscheinlichkeit für die Jüngsten, die Diagnose zu bekommen, sogar um ganze 34 Prozent höher (Caye et al., 2020).</p> <p>In Deutschland lässt sich dieser Einschulungseffekt besonders gut Untersuchen, da die 16 Bundesländer unterschiedliche Stichtage zwischen dem 30. Juni bis 30. September verwenden. Auf einer <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/kurioses-ueber-die-aufmerksamkeitsstoerung-adhs/">Abbildung aus dem Versorgungsatlas</a> (nach unten scrollen) sieht man ganz klar: Je jünger ein Kind in seinem Jahrgang ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer ADHS-Diagnose.</p> <p>Dieser Befund missfällt natürlich denen, die die Störung am liebsten als genetisch beziehungsweise neuronal bedingt darstellen. Denn der Einschulungseffekt lässt nach meiner Interpretation keine andere Erklärung zu, als dass – zumindest bei einem nicht zu vernachlässigenden Teil der Kinder – hier schlicht Kindlichkeit als psychologisch-psychiatrisches Problem klassifiziert wird. Würden diese Kinder ein Jahr später eingeschult, bekämen sie die Diagnose <em>nicht</em>.</p> <p>Deswegen sollte man das Kind nicht mit dem Bad ausschütten: Dass manche schwerste und behandlungsbedürftige Aufmerksamkeitsprobleme haben, bestreitet niemand. Heinrich Hoffmanns (1809-1894) “Zappelphilipp” kann man aber nicht als Beleg für die Echtheit der Störung anführen, da die Symptome nicht passen (Lange et al., 2010).</p> <h2 id="h-erwachsenen-adhs">Erwachsenen-ADHS</h2> <p>Halten wir fest: ADHS ist heute eine verbreitete psychologisch-psychiatrische Störung. Obwohl sie als neuronale Entwicklungsstörung gilt, gibt es keinen Blut-, Gen- oder Gehirntest, wie es die Forschung der biologischen Psychiatrie seit über 200 Jahren verspricht. Das gilt übrigens für <em>alle</em> Störungsbilder – schließt aber nicht aus, dass in Einzelfällen zum Beispiel eine Schilddrüsenfehlfunktion zu einer depressiven Verstimmung führen kann. Darum sind körperliche Untersuchungen bei ernsten und anhaltenden psychischen Problemen angeraten.</p> <p>Das heißt, ADHS wird nach wie vor in einem diagnostischen Gespräch festgestellt. Neben der Beurteilung des Aufmerksamkeitsdefizits oder der Impulsivität schreibt die Definition als <em>Entwicklungs</em>störung vor, dass die Probleme schon in Kindheit oder Jugend vorgelegen haben müssen. Bei Erwachsenen kann das in der Praxis über Gespräche oder Fragebögen von Eltern, Geschwistern, Freunden oder anderen früheren Bezugspersonen erhoben werden.</p> <p>Dumm nur, dass die Nachfrage nach der Diagnostik in Deutschland inzwischen so hoch ist, dass man als gesetzlich Versicherter mit einer Wartezeit von vielen Monaten bis wenigen Jahren rechnen muss. Dank Marktwirtschaft und Konkurrenzprinzip nutzen manche Praxen die Gelegenheit, das als Dienstleistung für Selbstzahler anzubieten. Wer es sich leisten kann, bezahlt am Ende oft so um die 500 Euro dafür. Am Rande: Durch diese gewinnmaximierende Verschiebung werden Wartezeiten für gesetzlich Versicherte natürlich höher.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg"><img alt="" decoding="async" height="563" sizes="(max-width: 850px) 100vw, 850px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg 850w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb-300x199.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb-768x509.jpg 768w" width="850"></img></a></figure> <p><em>Eine psychotherapeutische Praxis bietet eine ADHS-Voruntersuchung zum Preis von 143 Euro an. Dafür winken “potenzielle rechtliche und finanzielle Vorteile”. Die gesamte Diagnostik wird aber erst einmal mehr kosten. Quelle: Bildzitat nach Originalvorlage</em></p> <p>Wie haben sich nun die tatsächlichen Diagnosezahlen entwickelt, nach so viel Aufmerksamkeit für ADHS in der Gesellschaft, in den klassischen und (a)sozialen Medien? Im <em>Deutschen Ärzteblatt</em> ist dazu eine <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/inzidenz-von-adhs-spektrum-stoerungen-bei-erwachsenen-22c4cb5b-38c9-4d19-baa1-70bbc8c595b3">brandneue Auswertung</a> erschienen.</p> <h2 id="h-vervielfachung">Vervielfachung</h2> <p>Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Maria Ivanova vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Berlin haben dafür die Daten von 17 kassenärztlichen Vereinigungen erhalten. Bei den Männern verdoppelten bis vervierfachten sich die ADHS-Diagnosen im Vergleich von vor und nach der Pandemie.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Je nach Altersgruppe stieg die Häufigkeit der Diagnosen bei den Männern im Vergleich von 2015 (hellgrau) bis 2024 (dunkelgrau) um den Faktor zwei bis vier. Während ADHS früher ein Störungsbild Minderjähriger, dann junger Erwachsener war, lassen sich inzwischen auch mehr Menschen in den 40ern und 50ern entsprechend diagnostizieren, wenn auch insgesamt noch auf einem niedrigeren Niveau. Datenquelle: Ivanova et al., 2025</em></p> <p>Bei den Frauen war der Anstieg im selben Zeitraum noch größer.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Je nach Altersgruppe stieg die Häufigkeit der Diagnosen bei den Frauen im Vergleich von 2015 (grau) bis 2024 (schwarz) um den Faktor drei bis sechs. Datenquelle: Ivanova et al., 2025</em></p> <p>Ich spreche hier von “vor und nach der Pandemie”. Der Übersichtlichkeit halber habe ich den Start- und Endpunkt der Auswertung miteinander verglichen. Wer mag, kann <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/inzidenz-von-adhs-spektrum-stoerungen-bei-erwachsenen-22c4cb5b-38c9-4d19-baa1-70bbc8c595b3?tabId=figures#imgGrafik">auf der Originalabbildung</a> selbst nachvollziehen, dass sich in den Jahren 2015 bis 2020 wenig tat. Mitunter gab es sogar kleine Rückgänge. Der starke Anstieg spielte sich danach, in der Zeit von 2021 bis 2024 ab.</p> <p>Das führte zu einer interessanten Veränderung im Geschlechtsvergleich.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Erwachsenen-ADHS ist nun keine typisch männliche Störung mehr. Durch den besonders starken Anstieg der Diagnosen bei den Frauen in den Jahren 2021 bis 2024 gibt es nun kaum noch einen Geschlechtsunterschied. Ab 45 Jahren wird die Störung nun sogar etwas häufiger bei den Frauen (hellgrau) als bei den Männern (dunkelgrau) diagnostiziert. Datenquelle: Ivanova et al., 2025</em></p> <h2 id="h-ausblick">Ausblick</h2> <p>Wie auch bei anderen psychologisch-psychiatrischen Störungen, stiegen die Diagnosen der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung in den letzten Jahren stark an. Ein besonders auffälliger Trend entstand in der COVID-Pandemie bei den Erwachsenen: In nur wenigen Jahren verdoppelte bis versechsfachte sich die Häufigkeit der ADHS-Diagnosen, insbesondere bei den Frauen. Dadurch sind die Geschlechtsunterschiede bei den Erwachsenen nun verschwunden.</p> <p>Verschiedene Lager bieten für diese Vorgänge unterschiedliche Deutungen an: Führende Psychiater meinen, man diagnostiziere inzwischen besser, habe die Störungen früher also übersehen – diese Sichtweise übernehmen oft auch die Patientinnen und Patienten, die sich mit der Diagnose identifizieren. Von gesellschaftskritischer Seite heißt es hingegen, durch Trends in den Medien, heute verstärkt durch Influencer, komme es zu “Mode-Diagnosen”. Oder die Pandemie habe die Menschen so gestresst, dass sie vermehrt psychische Probleme bekamen.</p> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/">zweiten Teil</a> werden wir dies näher diskutieren.</p> <h2 id="h-neu-lernen-sie-mehr-uber-psychische-storungen">Neu: Lernen Sie mehr über psychische Störungen</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em><em><em><em><em><strong>Erfahren Sie mehr über die Depressions-Epidemie im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></em></em></em></em></em></p> <h2 id="h-literatur">Literatur</h2> <ul> <li>Caye, A., Petresco, S., de Barros, A. J. D., Bressan, R. A., Gadelha, A., Goncalves, H., … &amp; Rohde, L. A. (2020). Relative age and attention-deficit/hyperactivity disorder: data from three epidemiological cohorts and a meta-analysis. <em>Journal of the American Academy of Child &amp; Adolescent Psychiatry</em>, 59(8), 990-997.</li> <li>Cénat, J. M., Blais-Rochette, C., Morse, C., Vandette, M. P., Noorishad, P. G., Kogan, C., … &amp; Labelle, P. R. (2021). Prevalence and risk factors associated with attention-deficit/hyperactivity disorder among US black individuals: a systematic review and meta-analysis. <em>JAMA Psychiatry</em>, 78(1), 21-28.</li> <li>Faraone, S. V., Banaschewski, T., Coghill, D., Zheng, Y., Biederman, J., Bellgrove, M. A., … &amp; Wang, Y. (2021). The world federation of ADHD international consensus statement: 208 evidence-based conclusions about the disorder. <em>Neuroscience &amp; Biobehavioral Reviews</em>, 128, 789-818.</li> <li>Ivanova, M, Holstiege, J, Akmatov, M. K., Müller, D., &amp; Kohring, C. (2025). The incidence of AD(H)D spectrum disorders in adults: An analysis of nationwide claims data of the statutory health insurance system in Germany, 2015–2024. <em>Dtsch Arztebl Int</em>, 122, 697–8.</li> <li>Lange, K. W., Reichl, S., Lange, K. M., Tucha, L., &amp; Tucha, O. (2010). The history of attention deficit hyperactivity disorder. <em>ADHD Attention Deficit and Hyperactivity Disorders</em>, 2(4), 241-255.</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/illustrations/traffic-signs-attention-right-of-way-663368/">geralt</a> (Hintergrund), <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/ce9477d1e77b4109a628cfedbf9af7fe" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Achtung-ADHS.jpg" /><h1>ADHS-Diagnosen: Versechsfachung bei jungen Frauen, Verdreifachung bei den Männern » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Seit der COVID-Pandemie explodieren die psychiatrischen Diagnosen förmlich</strong></p> <span id="more-3471"></span> <p>Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) galt lange Zeit als Problem der Kindheit und Jugend. Man dachte insbesondere an zappelnde, laute, herumspringende, anderen ins Wort fallende, kurzum: <em>störende</em> Jungen. Das beschreibt einen von zwei Haupttypen des Störungsbilds, bei dem Impulsivität im Vordergrund steht. Daneben gibt es aber auch die träumerische, vergessliche, eher abwesende Variante. Diese wird vor allem bei Mädchen diagnostiziert.</p> <p>Tatsächlich gab es bei ADHS immer einen großen Geschlechtsunterschied: Jungen bekamen die Diagnose in etwa dreimal so häufig wie Mädchen. Das wollte man genetisch erklären – bisher ohne Erfolg. Wahrscheinlich liegt es aber vor allem daran, dass der impulsive, bei den Jungen häufigere Typ andere sehr viel mehr stört als die unaufmerksame, bei den Mädchen häufiger vorkommende Variante.</p> <h2 id="h-geschlechtsunterschiede">Geschlechtsunterschiede</h2> <p>Allgemein gilt: Jungen und Männer <em>externalisieren</em> Probleme eher, werden verhaltensauffällig, mitunter störend, aggressiv, konsumieren mehr Alkohol und andere Drogen und tun überhaupt mehr riskante und/oder verbotene Dinge. Letzteres sieht man schließlich in der Geschlechtsverteilung in den Gefängnissen, wo fast nur Männer eingesperrt sind. Mädchen und Frauen neigen demgegenüber dazu, Probleme zu <em>internalisieren</em>: Sie werden häufiger still, ziehen sich zurück, geben sich selbst die Schuld oder essen nicht mehr. Angst- und Gefühlsstörungen beziehungsweise Depressionen bekommen sie zwei- bis dreimal so häufig diagnostiziert, Essstörungen sogar vier- bis achtmal so oft.</p> <p>Ob diese Geschlechtsunterschiede eher biologischer Natur oder gesellschaftlich geprägt sind, ist Stoff für endlose Diskussionen. Wahrscheinlich stimmt beides: Es gibt körperliche, hormonal geprägte Unterschiede, die durch gesellschaftliche Vorstellung von typischen Frauen- und Männerbildern verstärkt werden.<aside></aside></p> <p>Schon die feministische Philosophin Simone de Beauvoir (1908-1986) leitete hieraus eine interessante Erklärung für die Entstehung des Patriarchats ab: Ab der Bronzezeit, also ab ca. dem 3. Jahrtausend v.u.Z. konnten die körperlich meist stärkeren Männer die neuen und tödlicheren, aber auch schweren Waffen besser führen. Im Gegenzug für den Schutz der Gruppe nach innen und Überfälle anderer im Außen erwarteten sie bestimmte Privilegien.</p> <p>Noch in der Geburtsstunde der Demokratie, der griechischen Polis, waren die bürgerlichen Privilegien an das Einstehen für die Gesellschaft auf dem Schlachtfeld gebunden. Man könnte dieses Denken ins 21. Jahrhundert und zum Beispiel die Kriegsfront in der Ukraine übertragen. Aber bleiben wir beim Thema ADHS.</p> <h2 id="h-haufigkeit-von-adhs">Häufigkeit von ADHS</h2> <p>ADHS gilt zwar auch heute noch als neuronale Entwicklungsstörung, also als ein Problem primär der Kindheit und Jugend. Fachleute zerbrachen sich aber lange den Kopf darüber, was beim Übergang ins Erwachsenenalter mit den Symptomen passiert. In etwa seit der Jahrtausendwende gilt als Konsens, dass bei rund der Hälfte der Betroffenen die Probleme im Sinne einer psychologisch-psychiatrischen Störung bleiben. Dabei soll aber die Hyperaktivität beziehungsweise Impulsivität in den Hintergrund treten.</p> <p>Tatsächlich steht im offiziellen Konsenspapier der Weltvereinigung für ADHS (hier auch in <a href="https://www.adhd-federation.org/publications/international-consensus-statement.html">deutscher Übersetzung verfügbar</a>), dass die Störung bei rund 6 Prozent der Minderjährigen und 2,5 Prozent der Erwachsenen vorkomme (Faraone et al., 2021). Dort werden aber auch Studien zitiert, die wichtige gesellschaftliche Fragen aufwerfen: So gibt es zum Beispiel Untersuchungen aus den USA, die bei schwarzen Minderjährigen eine Prävalenz von satten 14 Prozent fanden, also rund doppelt so viel wie im Bevölkerungsdurchschnitt (Cénat et al., 2021).</p> <p>Man sollte nicht die alten Fehler der Psychiatrie wiederholen, solche Unterschiede genetisch-rassistisch zu erklären. Vielmehr vermute ich hier den Ausdruck von sozialer Benachteiligung: Dass Schwarze und andere nicht-weiße Gruppen in den USA (und nicht nur dort) im Durchschnitt weniger wohlhabend sind und häufiger unter schlechteren Bedingungen leben, ist bekannt.</p> <p>Die Forscherinnen und Forscher ziehen allerdings andere Schlüsse aus ihren Daten. Weil Schwarze ein höheres Risiko für ADHS hätten, müsse man bei ihnen noch intensiver nach der Störung suchen. Wenn daraus mal keine sich selbst erfüllende Prophezeiung wird?</p> <blockquote> <p>“… die Ergebnisse dieser systematischen Übersichtsarbeit und Meta-Analyse legen nahe, dass Schwarze ein höheres Risiko für eine ADHS-Diagnose aufweisen als die US-amerikanische Allgemeinbevölkerung. Diese Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, die ADHS-Diagnostik und -Überwachung bei Schwarzen unterschiedlicher sozialer Herkunft zu intensivieren.” (Cénat et al., 2021, S. 21)</p> </blockquote> <h2 id="h-soziale-aspekte">Soziale Aspekte</h2> <p>Im Gegenzug für eine ADHS-Diagnose kriegen Kinder und Jugendliche wegen Gesetzen gegen Benachteiligung mitunter mehr Betreuung oder Zeit zum Absolvieren von Tests; und die Erziehungsberechtigten vielleicht einen Zuschlag für Sozialleistungen oder Kindergeld. Man kann auch in Deutschland mit so einer Diagnose einen Schwerbehindertenausweis beantragen – und sich dann mit den Behörden über den Grad der Behinderung streiten. Anleitungen dafür finden sich im Netz.</p> <p>Frappierend ist auch der für viele Länder bestätigte Befund, dass in Schulklassen die jüngsten Kinder am häufigsten eine ADHS-Diagnose und eine Medikamentenverschreibung für Stimulanzien wie Methylphenidat (z.B. in Ritalin) erhalten. Das kann man anhand der Stichtage für die Einschulung nachvollziehen: Wenn ein Kind kurz davor Geburtstag hat, wird es immer zu den Jüngsten der Klasse gehören; ist der Geburtstag aber kurz nach dem Stichtag, wird es ein Jahr später eingeschult – und dann unter den Ältesten sein. Laut einer großen Meta-Analyse ist die Wahrscheinlichkeit für die Jüngsten, die Diagnose zu bekommen, sogar um ganze 34 Prozent höher (Caye et al., 2020).</p> <p>In Deutschland lässt sich dieser Einschulungseffekt besonders gut Untersuchen, da die 16 Bundesländer unterschiedliche Stichtage zwischen dem 30. Juni bis 30. September verwenden. Auf einer <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/kurioses-ueber-die-aufmerksamkeitsstoerung-adhs/">Abbildung aus dem Versorgungsatlas</a> (nach unten scrollen) sieht man ganz klar: Je jünger ein Kind in seinem Jahrgang ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer ADHS-Diagnose.</p> <p>Dieser Befund missfällt natürlich denen, die die Störung am liebsten als genetisch beziehungsweise neuronal bedingt darstellen. Denn der Einschulungseffekt lässt nach meiner Interpretation keine andere Erklärung zu, als dass – zumindest bei einem nicht zu vernachlässigenden Teil der Kinder – hier schlicht Kindlichkeit als psychologisch-psychiatrisches Problem klassifiziert wird. Würden diese Kinder ein Jahr später eingeschult, bekämen sie die Diagnose <em>nicht</em>.</p> <p>Deswegen sollte man das Kind nicht mit dem Bad ausschütten: Dass manche schwerste und behandlungsbedürftige Aufmerksamkeitsprobleme haben, bestreitet niemand. Heinrich Hoffmanns (1809-1894) “Zappelphilipp” kann man aber nicht als Beleg für die Echtheit der Störung anführen, da die Symptome nicht passen (Lange et al., 2010).</p> <h2 id="h-erwachsenen-adhs">Erwachsenen-ADHS</h2> <p>Halten wir fest: ADHS ist heute eine verbreitete psychologisch-psychiatrische Störung. Obwohl sie als neuronale Entwicklungsstörung gilt, gibt es keinen Blut-, Gen- oder Gehirntest, wie es die Forschung der biologischen Psychiatrie seit über 200 Jahren verspricht. Das gilt übrigens für <em>alle</em> Störungsbilder – schließt aber nicht aus, dass in Einzelfällen zum Beispiel eine Schilddrüsenfehlfunktion zu einer depressiven Verstimmung führen kann. Darum sind körperliche Untersuchungen bei ernsten und anhaltenden psychischen Problemen angeraten.</p> <p>Das heißt, ADHS wird nach wie vor in einem diagnostischen Gespräch festgestellt. Neben der Beurteilung des Aufmerksamkeitsdefizits oder der Impulsivität schreibt die Definition als <em>Entwicklungs</em>störung vor, dass die Probleme schon in Kindheit oder Jugend vorgelegen haben müssen. Bei Erwachsenen kann das in der Praxis über Gespräche oder Fragebögen von Eltern, Geschwistern, Freunden oder anderen früheren Bezugspersonen erhoben werden.</p> <p>Dumm nur, dass die Nachfrage nach der Diagnostik in Deutschland inzwischen so hoch ist, dass man als gesetzlich Versicherter mit einer Wartezeit von vielen Monaten bis wenigen Jahren rechnen muss. Dank Marktwirtschaft und Konkurrenzprinzip nutzen manche Praxen die Gelegenheit, das als Dienstleistung für Selbstzahler anzubieten. Wer es sich leisten kann, bezahlt am Ende oft so um die 500 Euro dafür. Am Rande: Durch diese gewinnmaximierende Verschiebung werden Wartezeiten für gesetzlich Versicherte natürlich höher.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg"><img alt="" decoding="async" height="563" sizes="(max-width: 850px) 100vw, 850px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg 850w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb-300x199.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb-768x509.jpg 768w" width="850"></img></a></figure> <p><em>Eine psychotherapeutische Praxis bietet eine ADHS-Voruntersuchung zum Preis von 143 Euro an. Dafür winken “potenzielle rechtliche und finanzielle Vorteile”. Die gesamte Diagnostik wird aber erst einmal mehr kosten. Quelle: Bildzitat nach Originalvorlage</em></p> <p>Wie haben sich nun die tatsächlichen Diagnosezahlen entwickelt, nach so viel Aufmerksamkeit für ADHS in der Gesellschaft, in den klassischen und (a)sozialen Medien? Im <em>Deutschen Ärzteblatt</em> ist dazu eine <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/inzidenz-von-adhs-spektrum-stoerungen-bei-erwachsenen-22c4cb5b-38c9-4d19-baa1-70bbc8c595b3">brandneue Auswertung</a> erschienen.</p> <h2 id="h-vervielfachung">Vervielfachung</h2> <p>Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Maria Ivanova vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Berlin haben dafür die Daten von 17 kassenärztlichen Vereinigungen erhalten. Bei den Männern verdoppelten bis vervierfachten sich die ADHS-Diagnosen im Vergleich von vor und nach der Pandemie.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Je nach Altersgruppe stieg die Häufigkeit der Diagnosen bei den Männern im Vergleich von 2015 (hellgrau) bis 2024 (dunkelgrau) um den Faktor zwei bis vier. Während ADHS früher ein Störungsbild Minderjähriger, dann junger Erwachsener war, lassen sich inzwischen auch mehr Menschen in den 40ern und 50ern entsprechend diagnostizieren, wenn auch insgesamt noch auf einem niedrigeren Niveau. Datenquelle: Ivanova et al., 2025</em></p> <p>Bei den Frauen war der Anstieg im selben Zeitraum noch größer.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Je nach Altersgruppe stieg die Häufigkeit der Diagnosen bei den Frauen im Vergleich von 2015 (grau) bis 2024 (schwarz) um den Faktor drei bis sechs. Datenquelle: Ivanova et al., 2025</em></p> <p>Ich spreche hier von “vor und nach der Pandemie”. Der Übersichtlichkeit halber habe ich den Start- und Endpunkt der Auswertung miteinander verglichen. Wer mag, kann <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/inzidenz-von-adhs-spektrum-stoerungen-bei-erwachsenen-22c4cb5b-38c9-4d19-baa1-70bbc8c595b3?tabId=figures#imgGrafik">auf der Originalabbildung</a> selbst nachvollziehen, dass sich in den Jahren 2015 bis 2020 wenig tat. Mitunter gab es sogar kleine Rückgänge. Der starke Anstieg spielte sich danach, in der Zeit von 2021 bis 2024 ab.</p> <p>Das führte zu einer interessanten Veränderung im Geschlechtsvergleich.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Erwachsenen-ADHS ist nun keine typisch männliche Störung mehr. Durch den besonders starken Anstieg der Diagnosen bei den Frauen in den Jahren 2021 bis 2024 gibt es nun kaum noch einen Geschlechtsunterschied. Ab 45 Jahren wird die Störung nun sogar etwas häufiger bei den Frauen (hellgrau) als bei den Männern (dunkelgrau) diagnostiziert. Datenquelle: Ivanova et al., 2025</em></p> <h2 id="h-ausblick">Ausblick</h2> <p>Wie auch bei anderen psychologisch-psychiatrischen Störungen, stiegen die Diagnosen der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung in den letzten Jahren stark an. Ein besonders auffälliger Trend entstand in der COVID-Pandemie bei den Erwachsenen: In nur wenigen Jahren verdoppelte bis versechsfachte sich die Häufigkeit der ADHS-Diagnosen, insbesondere bei den Frauen. Dadurch sind die Geschlechtsunterschiede bei den Erwachsenen nun verschwunden.</p> <p>Verschiedene Lager bieten für diese Vorgänge unterschiedliche Deutungen an: Führende Psychiater meinen, man diagnostiziere inzwischen besser, habe die Störungen früher also übersehen – diese Sichtweise übernehmen oft auch die Patientinnen und Patienten, die sich mit der Diagnose identifizieren. Von gesellschaftskritischer Seite heißt es hingegen, durch Trends in den Medien, heute verstärkt durch Influencer, komme es zu “Mode-Diagnosen”. Oder die Pandemie habe die Menschen so gestresst, dass sie vermehrt psychische Probleme bekamen.</p> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/">zweiten Teil</a> werden wir dies näher diskutieren.</p> <h2 id="h-neu-lernen-sie-mehr-uber-psychische-storungen">Neu: Lernen Sie mehr über psychische Störungen</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em><em><em><em><em><strong>Erfahren Sie mehr über die Depressions-Epidemie im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? 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Relative age and attention-deficit/hyperactivity disorder: data from three epidemiological cohorts and a meta-analysis. <em>Journal of the American Academy of Child &amp; Adolescent Psychiatry</em>, 59(8), 990-997.</li> <li>Cénat, J. M., Blais-Rochette, C., Morse, C., Vandette, M. P., Noorishad, P. G., Kogan, C., … &amp; Labelle, P. R. (2021). Prevalence and risk factors associated with attention-deficit/hyperactivity disorder among US black individuals: a systematic review and meta-analysis. <em>JAMA Psychiatry</em>, 78(1), 21-28.</li> <li>Faraone, S. V., Banaschewski, T., Coghill, D., Zheng, Y., Biederman, J., Bellgrove, M. A., … &amp; Wang, Y. (2021). The world federation of ADHD international consensus statement: 208 evidence-based conclusions about the disorder. <em>Neuroscience &amp; Biobehavioral Reviews</em>, 128, 789-818.</li> <li>Ivanova, M, Holstiege, J, Akmatov, M. K., Müller, D., &amp; Kohring, C. (2025). The incidence of AD(H)D spectrum disorders in adults: An analysis of nationwide claims data of the statutory health insurance system in Germany, 2015–2024. <em>Dtsch Arztebl Int</em>, 122, 697–8.</li> <li>Lange, K. W., Reichl, S., Lange, K. M., Tucha, L., &amp; Tucha, O. (2010). The history of attention deficit hyperactivity disorder. <em>ADHD Attention Deficit and Hyperactivity Disorders</em>, 2(4), 241-255.</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/illustrations/traffic-signs-attention-right-of-way-663368/">geralt</a> (Hintergrund), <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/ce9477d1e77b4109a628cfedbf9af7fe" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>18</slash:comments> </item> <item> <title>Was soziale Ungleichheit mit unseren Gehirnen macht https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/was-soziale-ungleichheit-mit-unseren-gehirnen-macht/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/was-soziale-ungleichheit-mit-unseren-gehirnen-macht/#comments Mon, 15 Dec 2025 20:27:42 +0000 David Wurzer https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5436 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ct-768x547.png <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/was-soziale-ungleichheit-mit-unseren-gehirnen-macht/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ct.png" /><h1>Was soziale Ungleichheit mit unseren Gehirnen macht » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By David Wurzer</h2><div itemprop="text"> <p>Dass Armut krank macht, ist in der Medizin Konsens. Auch neurowissenschaftliche Studien zeigen zunehmend, dass sich soziale Ungleichheit auf die Hirnstruktur auswirkt und anfällig für diverse psychische Erkrankungen macht. Jetzt hat eine große US-Studie erstmals gezeigt, dass die Einkommensungleichheit einer Gesellschaft negative Effekte auf die Gehirne aller Kinder hat – egal, ob diese Kinder aus armen oder reichen Haushalten stammen.</p> <p>Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass soziale Ungleichheit ein eigenständiger neurobiologischer Stressor ist, der alle Mitglieder einer Gesellschaft betrifft. Angesichts steigender Ungleichheit ist das ein alarmierender Befund.</p> <h3 id="h-erfolg-misserfolg-reichtum-und-armut-henne-oder-ei">Erfolg, Misserfolg, Reichtum und Armut – Henne oder Ei?</h3> <p>Sind reiche Menschen einfach intelligenter als arme Menschen? Oder ist es so, dass Reichtum erfolgreich macht und Armut Erfolg verhindert? In politischen Debatten werden diese zwei Positionen, die erste als rechte, die zweite als linke Position, meist dogmatisch diskutiert, als läge ein Henne-Ei-Problem vor. Dem ist jedoch nicht so. In den biologischen Wissenschaften dominiert seit Jahrzehnten die Auffassung, dass Umwelt und Genetik bei komplexen Merkmalen stets miteinander interagieren.</p> <p>Karl Marx, Ikone vieler Linker, war der Auffassung, dass jedes Individuum allein ein Produkt seiner Umwelt sei. Heute wissen wir: das ist ebenso falsch, wie die rechte, meritokratische These, dass heute jeder an seinem natürlichen Platz sei, denn die Erfolgreichen hätten lediglich mehr geleistet oder verfügten im Zweifel einfach genetisch über mehr Intelligenz als unerfolgreiche Menschen (diese Spielart ist dann freilich nicht mehr meritokratisch).</p> <p>Auch gute neuronale Anlagen erfordern als weiteren Faktor erst noch eine gute, stimulierende Umwelt. Die muss aber erst aktiv hergestellt werden – von jemandem, der die Mittel dazu hat. Bei einem statistisch normalverteilten IQ in der Bevölkerung ist es deshalb, <em>ceteris paribus</em>, sehr wahrscheinlich, dass unzählige gute Gehirne brach liegen gelassen werden. Das macht erfolgreiche Menschen keineswegs dumm, der Eigenanteil ihres Erfolgs aber dürfte deutlich überschätzt werden, während der Umweltanteil in großen Teilen der einkommensschwachen Bevölkerung aktuell stark unterschätzt wird.<aside></aside></p> <h3 id="h-der-lange-schatten-der-eltern">Der lange Schatten der Eltern</h3> <p>Belegen lässt sich das anhand neurologischer Studien, welche die Gesundheit von Kindern untersuchen. Eine aktuelle Studie mit dem Titel <em>Parental divorce’s long shadow</em> konnte zeigen, dass Scheidungskinder später in ihrem Leben eine deutlich erhöhte Wahrscheinlichkeit für einen Schlaganfall haben (1). Das verwendete Wahrscheinlichkeitsmaß, die Odds Ratio, war 61% höher als bei Menschen, die eine Kindheit ohne Trennung der Eltern hatten. Die Studie (mit 13.000 Personen) ist von hoher Qualität, weil sie für viele andere Faktoren kontrolliert, sodass die höhere Schlaganfallrate recht sicher auf die Scheidungen zurückgeführt werden kann. Einer dieser Kontrollfaktoren war wiederum Armut.</p> <p>Exzellente Daten aus Meta-Analysen hatten bereits zuvor erwiesen, dass Armut in der Kindheit ein Prädiktor für einen Schlaganfall im späteren Leben ist (2, 3). Weil dieser Zusammenhang also bereits klar ist und weil viele Scheidungen zu Armut führen, wurde das Einkommen herausgerechnet. Umso beachtlicher ist der Befund, dass die Scheidung der Eltern <em>an sich</em> bereits einen so langen Schatten im Leben von Menschen wirft. Diese Art des Zusammenhangs zwischen Sozioökonomie und neuronaler Gesundheit ist allerdings nicht ganz neu – in einem <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/ueberraschende-studie-erhoeht-eine-ehe-das-demenzrisiko/">früheren Artikel</a> beschrieb ich eine Assoziation zwischen Ehe und Demenzrisiko. Geschieden zu sein erhöht übrigens auch für die Geschiedenen selbst das Schlaganfallrisiko (4).</p> <p>Neben Schlaganfällen sind Scheidungskinder auch häufiger mit späteren Gesundheitsrisiken konfrontiert, wie zum Beispiel Übergewicht, Rauchen, Drogenmissbrauch, Suizidalität, psychische Erkrankungen, Diabetes, Depression und eine erhöhte Morbidität über die gesamte Lebenszeit (5-14). Andererseits ist ein niedriges Haushaltseinkommen der Eltern wiederum selbst ein Prädiktor für die meisten dieser Gesundheitsrisiken, inklusive Schlaganfall (15, 16). Und: Eltern zu haben, die psychisch krank, drogensüchtig oder im Gefängnis inhaftiert sind, erhöhen wiederum das Schlaganfallrisiko (17).</p> <p>Die Datenlage ist also relativ eindeutig – und lässt große Zweifel an der These, dass gute Gene zum Lebenserfolg ausreichen. Ein Schlaganfall oder eine Depression macht auch vor einem überdurchschnittlichen IQ nicht halt.</p> <h3 id="h-nobelpreise-sind-an-das-einkommen-der-vater-gekoppelt">Nobelpreise sind an das Einkommen der Väter gekoppelt</h3> <p>Empirisch lässt sich also recht gut zeigen, dass die Umwelt eines Kindes dessen Lebenserfolg stark beeinträchtigen kann. Andersherum ist es jedoch eher schwer zu widerlegen, dass erfolgreiche Menschen ihres Glückes eigener Schmied waren – außer diese Menschen räumen selbst ein, dass für ihren Erfolg mehr Glück als Leistung maßgeblich war. Allerdings gibt es hin und wieder extreme statistische Verzerrungen, die einen reinen self-made Erfolg zumindest tendenziell unplausibel erscheinen lassen.</p> <p>So untersuchte eine noch unpublizierte ökonomische Studie die Biographien aller Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträger von 1901 bis 2023 (18). Die Hälfte von ihnen hatte einen Vater, der zu den reichsten 5% der Bevölkerung gehörte – unabhängig von der Nationalität (Abbildung 1). Weitere knapp 20% aller Preisträgerinnen und Preisträger hatten einen Vater, der immer noch zu den reichsten 10% gehörte. Der häufigste Beruf, den die Väter im Mittel haben: Firmenchefs.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-33.png"><img alt="" decoding="async" height="382" sizes="(max-width: 594px) 100vw, 594px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-33.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-33.png 594w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-33-300x193.png 300w" width="594"></img></a><figcaption><em>Abbildung 1:</em> 50% aller Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträger (y-Achse) hatten Väter, die zu den reichsten 5% ihrer Gesellschaft gehörten (x-Achse). Weitere knapp 20% hatten Väter, die zu den reichsten 10% gehörten. Aus der unteren Hälfte der Gesellschaft kommen praktisch keine Nobelpreise. Aus einem working paper von Novosad et al. 2024</figcaption></figure> <p>Da die statistische Verteilung so schief ist, dürften Leistung und Gene für den Gewinn eines Nobelpreises höchstens ein Ko-Faktor sein. Ein Genie zu sein, ohne aus einer reichen Familie zu stammen, hat historisch gesehen selten zum Nobelpreis gereicht. Übrigens: der Anteil an Frauen beim Nobelpreis beträgt bis 2023 nur 4%. Wenn es tatsächlich nur auf Leistung und Gene ankäme, dann stünden Frauen damit, nicht nur in der Wissenschaft, in einem denkbar schlechten Licht. Plausibler ist es, dass die These falsch ist, dass Erfolg und Talent in der Praxis verkoppelt seien. Und so interpretieren auch die Ökonominnen und Ökonomen ihre Studienergebnisse: “Unter diesen Annahmen lassen unsere Schätzungen vermuten, dass über drei Viertel der Kinder, die mit einem hohen wissenschaftlichen Talent geboren wurden, nicht die ergänzenden elterlichen und sozialen Impulse erhielten, die notwendig sind, um ihr Talent maximal zu entfalten“ (S.9)</p> <h3 id="h-ungleiche-gesellschaften-sind-gift-fur-unsere-gehirne">Ungleiche Gesellschaften sind Gift für unsere Gehirne</h3> <p>Bis hierher haben wir uns nur Daten zu den individuellen Auswirkungen sozialer Ungleichheit angesehen. Der sozioökonomische und gesundheitliche Status der Eltern wirft einen langen Schatten auf eben diese Faktoren ihrer Kinder. Das liegt eigentlich nahe. Viel kontraintuitiver ist der Befund einer aktuellen Studie, die in <em>Nature Mental Health</em> veröffentlich wurde: je ungleicher eine Gesellschaft ist, desto schlechter entwickeln sich die Gehirne ihrer Kinder (19).</p> <p>Untersucht wurden mehr als 8.000 Kinder in 17 US-Bundestaaten, alle im Alter von neun bis zehn Jahren. Gemessen wurde der Einfluss des Gini-Koeffizienten auf die kortikale Dicke, das totale Gehirnvolumen und die funktionale Konnektivität von 12 Hirnarealen (im fMRT). Außerdem wurden follow-up Termine gemacht, bei denen die psychische Gesundheit der Kinder per Fragebogen evaluiert wurde (6 Monate und 18 Monate nach dem Hirnscan).</p> <p>Der Gini-Koeffizient ist ein ökonomisches Maß für ökonomische Ungleichheit, er kann für Einkommen und (seltener) Vermögen berechnet werden und reicht von 0 bis 100. Ein Gini-Koeffizient von 100 bedeutet, dass eine einzige Person alles besitzt oder an Einkommen generiert; 0 bedeutet dass alle Mitglieder der Gesellschaft genau gleich viel verdienen oder besitzen. Das Studiendesign, Bundesstaaten im selben Land zu vergleichen anstatt verschiedener Nationalstaaten ist sehr gut gewählt, da so kulturelle und nationale Besonderheiten herausgerechnet werden können.</p> <p>Ergebnis der Studie: ein höherer Gini-Koeffizent im Bundesstaat, also eine höhere soziale Ungleichheit, sagte vorher, dass die Dicke der Hirnrinden, das totale Volumen der Gehirne und die funktionale Konnektivität der Kinder allesamt niedriger waren, als in sozial gleicheren Bundesstaaten (Abb. 2). Der Clue: wie auch bei der Scheidungsstudie wurde der individuelle sozioökonomische Status (hohes oder niedriges Einkommen der Eltern) der Kinder bereits herausgerechnet. Es war also egal, ob die Familien der Kinder individuell ökonomisch besser oder schlechter gestellt waren: ist ein Bundesstaat ungleich, dann wirkt sich das auf alle Kinder aus, die in ihm aufwachsen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-32.png"><img alt="" decoding="async" height="262" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-32-1024x262.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-32-1024x262.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-32-300x77.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-32-768x197.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-32.png 1288w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Abbildung 2:</em> a) Kortikale Dichte, b) Totale Gehirnoberfläche, c) Totales kortikales Volumen. Alle gemessenen Gewebefaktoren sinken mit höherem Gini-Koeffizienten, also mit mehr Ungleichheit. Die senkrechten blauen Linien stellen die 17 untersuchten Bundesstaaten dar. Auch wenn die Trendlinie nur leicht gekippt erscheint, so ist zu bedenken, dass es sich hier um Gehirngewebe handelt, bei dem wenige Millimeter bereits Millionen von Neuronen und Synapsen bedeuten. Aus: Rakesh et al. 2025</figcaption></figure> <p>Man muss es sich noch einmal bewusst machen: ist die Schere zwischen Arm und Reich in einem Bundesstaat groß, dann schrumpfen die Gehirne aller Kinder, auch wohlhabender Kinder. Soziale Ungleichheit, so das Studienteam, ist ein eigenständiger Stressor für eine Gesellschaft, der alle ihre Mitglieder betrifft. Dabei ist zu beachten, dass die untersuchten Bundesstaaten eher im Mittelfeld der USA lagen. Die ungleichsten Bundesstaaten wurden gar nicht in die Studie mit aufgenommen – die realen Effekte könnten also noch deutlich gravierender sein.</p> <p>Ein zweiter Befund war, dass die Kinder in sozioökonomisch ungleicheren Bundesstaaten 18 Monate nach der Studie eine schlechtere psychische Gesundheit aufwiesen. Und: interessanterweise sagte der Grad der neuronalen Verarmung für 18 wie auch für 6 Monate nach der Studie schlechtere mentale Gesundheit vorher.</p> <h3 id="h-wie-kann-das-sein-soziale-wahrnehmung-und-chronischer-stress">Wie kann das sein? Soziale Wahrnehmung und chronischer Stress</h3> <p>Auf Basis psychologischer und medizinischer Vorarbeiten spekuliert das Studienteam, dass Mechanismen des sozialen Vergleichens, der wahrgenommenen sozialen Kohäsion und der sozialen Mobilität verantwortlich für die Befunde sind. <em>Status anxiety</em> beschreibt die Angst vor sozialem Abstieg, welche vor allem wohlhabende Menschen haben. Je stärker die Gräben zwischen sozioökonomischen Schichten zu Tage treten, desto ausgeprägter könnte diese <em>status anxiety</em> werden. Bei ärmeren Menschen wiederum führt ein offensichtlicherer Kontrast zur Oberschicht womöglich vermehrt zu Gefühlen, unzureichend zu sein – und das womöglich noch mehr in dem Maße, in dem das neoliberale Narrativ dominiert, selbst für diese Lage verantwortlich sein,</p> <p>Kurz: Die Wahrnehmung einer sozial ungleichen Gesellschaft, in der Mitmenschen also materiell voneinander getrennt sind, könnte chronischen Stress auslösen, der das Gehirn beeinträchtigt. Die Hirnareale, deren funktionale Konnektivität gemessen wurde, waren unter anderem relevant für soziale und emotionale Regulation, aber auch Aufmerksamkeit. Medizinische Studien, die den Gini-Koeffizienten verschiedener Länder verglichen, fanden außerdem heraus, dass das C-reaktive Protein (CRP), ein grundlegender Marker für Entzündungen im Körper, mit höherem Gini ansteigt (20). Zwar lässt sich hier einwenden, dass verschiedene Länder sich unterschiedlich ernähren oder verschiedene Gesundheitspolitiken/-kulturen praktizieren. Die pathophysiologische Theorie passt jedoch grundsätzlich gut zu den Daten, und auch experimentelle Forschung unter Laborbedingungen zeigt, dass wahrgenommene Ungleichheit körperliche Stressreaktionen hervorrufen kann (21). Weitere Forschung wird zeigen müssen, ob sich der Zusammenhang empirisch weiter erhärten lässt. Doch was, wenn die Hypothese der Forscherinnen und Forscher stimmt?</p> <p>Sollte die Erklärung der Ergebnisse stimmen, dann haben einige gegenwärtige Gesellschaftsentwicklungen das Potential, diese Effekte noch zu verstärken. Der Druck, sich sozial mit anderen zu vergleichen, ist gerade für Kinder und Jugendliche durch social media massiv befeuert worden. Bei wohlhabenden jungen Menschen könnte das, dem Erklärungsmodell der Studie nach, eine regelrechte <em>status anxiety</em> Epidemie generieren. Bei Jugendlichen aus einkommens- oder vermögensschwachen Haushalten wiederum muss der permanente Vergleich nach oben unweigerlich Minderwertigkeitsgefühle produzieren.</p> <h3 id="h-die-soziale-mobilitat-sinkt-und-mit-ihr-vielleicht-das-hirnvolumen-unserer-kinder">Die soziale Mobilität sinkt – und mit ihr vielleicht das Hirnvolumen unserer Kinder</h3> <p>Auch die ohnehin traurigen statistischen Daten, die zeigen, dass die soziale Mobilität in Deutschland seit Jahrzehnten immer weiter sinkt, bekommen in diesem Licht eine alarmierende Aktualität. Eine Studie des ifo-Instituts (22) hat ermittelt, dass der Einfluss des elterlichen Einkommens auf das Einkommen und den Bildungsgrad ihrer Kinder sich innerhalb einer Generation verdoppelt hat (seit den 80er Jahren, um genau zu sein). Der Bildungsgrad ist übrigens der stärkste Prädiktor dafür, später eine Demenz zu bekommen – von bestimmten genetischen Mutationen einmal abgesehen. Umso drastischer wirkt der schlechte Platz, den Deutschland bei staatlichen Bildungsausgaben hat: Von den 27 EU-Ländern liegt Deutschland auf Platz 23 (23).</p> <p>Es würde vielleicht lohnen, sich solchen ökonomischen Sachverhalten auch neurowissenschaftlich zu nähern. Klafft die soziale Mobilität wirklich zwischen den Generationen auseinander, dann ist zu befürchten, dass man dies vielleicht auch im fMRT sehen kann.</p> <h3 id="h-einkommensungleichheit-ist-nicht-gleich-vermogensungleichheit">Einkommensungleichheit ist nicht gleich Vermögensungleichheit</h3> <p>Ein letztes Problem ist, dass in allen genannten Studien nur die Einkommensungleichheit untersucht wurde. Das kann die Ergebnisse verzerren, und zwar eher in Richtung stärkerer realer Effekte. Denn die Vermögensungleichheit ist meist noch viel drastischer als die Einkommensungleichheit. Der Gini-Koeffizient, der von 0 (maximal gleiche Verteilung) bis 100 reicht (Konzentration aller Werte auf eine einzige Person), wird bei Einkommen nach der Besteuerung errechnet. Einkommenssteuern gibt es in jedem Land, doch Vermögenssteuern gibt es selten, wodurch die Datengrundlage zur Berechnung des Gini-Scores meist fehlt und er grob geschätzt werden muss.</p> <p>Zum Vergleich: der Gini-Koeffizient für Einkommen reicht in der EU von 21.7 (Slowakei, am gleichsten) bis 38.4 (Bulgarien, am ungleichsten). Deutschland liegt hier mit 29.5 im Mittelfeld (24). Der geschätzte Gini-Koeffizient für Vermögen beträgt für Deutschland aber 73 – ein extremer Wert (25). Die Spannbreite der Studie in den 17 US-Bundesstaaten betrug nur 40 bis 50. Die Gini’s für Einkommen und Vermögen lassen sich jedoch, wie gesagt, nicht direkt vergleichen. </p> <p>Da wir in einem Land leben, in dem die Köpfe unserer Menschen die einzig wertvollen Ressourcen sind, und da immer weniger junge Menschen nachkommen, sollte uns an ihren Köpfen umso mehr gelegen sein.</p> <p>Mehr Wissenschaftskommunikation gibt’s auf <a href="https://www.instagram.com/davidmwurzer/">Instagram</a>.</p> <p><strong>Quellen:</strong></p> <p>(1) Schilke, M. K., Baiden, P., &amp; Fuller-Thomson, E. (2025). Parental divorce’s long shadow: Elevated stroke risk among older Americans. <em>PloS one</em>, <em>20</em>(1), e0316580.</p> <p>(2) Bardugo A, Bendor CD, Libruder C, Lutski M, Zucker I, Tsur AM, et al. Cognitive function in adolescence and the risk of early-onset stroke. J Epidemiol Community Health 2024</p> <p>(3) Marshall IJ, Wang Y, Crichton S, McKevitt C, Rudd AG, Wolfe CDA. The effects of socioeconomic status on stroke risk and outcomes. The Lancet Neurology. 2015 Dec; 14(12):1206–18. 1. https://doi.org/10.1016/S1474-4422(15)00200-8 PMID: 26581971</p> <p>(4) Wong CW, Kwok CS, Narain A, Gulati M, Mihalidou AS, Wu P, et al. Marital status and risk of cardiovascular diseases: a systematic review and meta-analysis. Heart. 2018 Dec 1; 104(23):1937–48. https://doi.org/10.1136/heartjnl-2018-313005 PMID: 29921571</p> <p>(5) Aksu GG, Kılıc¸aslan F, Kütük MÖ , Tufan AE, Kayar O, Toros F. Parental attitudes, child mental health problems and gender factor in the divorce process. Cukurova Med J. 2024 Mar 29; 49(1):181–91. 1.</p> <p>(6) Jabbour N, Abi Rached V, Haddad C, Salameh P, Sacre H, Hallit R, et al. Association between parental separation and addictions in adolescents: results of a National Lebanese Study. BMC Public Health. 2020 Jun 19; 20(1):965. 1. </p> <p>(7) Bayaz-Öztürk G. Parental breakup and children’s outcomes in the United States. Family Relations. 2022; 71(4):1802–16. 1.</p> <p>(8) Bohman H, Låftman SB, Päären A, Jonsson U. Parental separation in childhood as a risk factor for depression in adulthood: a community-based study of adolescents screened for depression and followed up after 15 years. BMC Psychiatry [Internet]. 2017 Mar 29 [cited 2024 Jul 18]; 17.</p> <p>(9) Fuller-Thomson E, Dalton AD. Suicidal ideation among individuals whose parents have divorced: findings from a representative Canadian community survey. Psychiatry Research. 2011 May 15; 187 (1):150–5. 1.</p> <p>(10) Palmtag EL. Like ripples on a pond: the long-term consequences of parental separation and conflicts in childhood on adult children’s self-rated health. SSM Popul Health. 2022 Jun; 18:101100. 1. </p> <p>(11) Varis H, Hagnas M, Mikkola I, Nordstrom T, Puukka K, Taanila A, et al. Parental separation and offspring morbidity in adulthood: a descriptive study of the Northern Finland Birth Cohort 1966. Scand J Public Health. 2022 Jul 1; 50(5):601–12.</p> <p>(12) Amiri S, Fathi-Ashtiani M, Sedghijalal A, Fathi-Ashtiani A. Parental divorce and offspring smoking and alcohol use: a systematic review and meta-analysis of observational studies. Journal of addictive diseases. 2021 Mar 2; 39.</p> <p>(13) Fuller-Thomson E, Filippelli J, Lue-Crisostomo CA. Gender-specific association between childhood adversities and smoking in adulthood: findings from a population-based study. Public Health. 2013 May; 127(5):449–60.</p> <p>(14) Goisis A,O¨ zcan B, Van Kerm P. Do children carry the weight of divorce? Demography. 2019 Jun; 56 (3):785–811.</p> <p>(15) Marshall IJ, Wang Y, Crichton S, McKevitt C, Rudd AG, Wolfe CDA. The effects of socioeconomic status on stroke risk and outcomes. The Lancet Neurology. 2015 Dec; 14(12):1206–18. 1. https://doi.org/10.1016/S1474-4422(15)00200-8 PMID: 26581971</p> <p>(16) McHutchison CA, Backhouse EV, Cvoro V, Shenkin SD, Wardlaw JM. Education, socioeconomic status, and intelligence in childhood and stroke risk in later life: a meta-analysis. Epidemiology. 2017 Jul; 28(4):608–18.</p> <p>(17) Godoy LC, Frankfurter C, Cooper M, Lay C, Maunder R, Farkouh ME. Association of adverse childhood experiences with cardiovascular disease later in life: a review. JAMA Cardiol. 2021 Feb 1; 6(2):228–35.</p> <p>(18) Novosad, P., Asher, S., Farquharson, C., &amp; Iljazi, E. (2024). Access to opportunity in the sciences: Evidence from the nobel laureates. <em>Unpublished working paper</em>.</p> <p>(19) Rakesh, D., Tsomokos, D. I., Vargas, T., Pickett, K. E., &amp; Patel, V. (2025). Macroeconomic income inequality, brain structure and function, and mental health. <em>Nature Mental Health</em>, 1-13. <a href="https://www.nature.com/articles/s44220-025-00508-1">Macroeconomic income inequality, brain structure and function, and mental health | Nature Mental Health</a></p> <p>(20) Layte, R. et al. A comparative analysis of the status anxiety hypothesis of socio-economic inequalities in health based on 18,349 individuals in four countries and five cohort studies. Sci. Rep. 9, 796 (2019).</p> <p>(21) Shapiro, M. S., Rylant, R., de Lima, A., Vidaurri, A. &amp; van de Werfhorst, H. Playing a rigged game: inequality’s effect on physiological stress responses. Physiol. Behav. 180, 60–69 (2017).</p> <p>(22) Baarck, J., Bode, M., &amp; Peichl, A. (2025). <em>Rising Inequality, Declining Mobility: The Evolution of Intergenerational Mobility in Germany</em> (No. 12058). CESifo Working Paper.</p> <p>(23) <a href="https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?title=Government_expenditure_on_education">Government expenditure on education – Statistics Explained – Eurostat</a></p> <p>(24) <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/942729/umfrage/ranking-der-eu-laender-nach-einkommensungleichheit-im-gini-index/">Europäische Union – Ranking der Einkommensungleichheit in den Mitgliedstaaten nach dem GINI-Index 2024| Statista</a></p> <p>(25) <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/zahlen-und-fakten/sozialbericht-2024/553230/vermoegensungleichheit/?utm_source=chatgpt.com">Vermögensungleichheit | Sozialbericht 2024 | bpb.de</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ct.png" /><h1>Was soziale Ungleichheit mit unseren Gehirnen macht » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By David Wurzer</h2><div itemprop="text"> <p>Dass Armut krank macht, ist in der Medizin Konsens. Auch neurowissenschaftliche Studien zeigen zunehmend, dass sich soziale Ungleichheit auf die Hirnstruktur auswirkt und anfällig für diverse psychische Erkrankungen macht. Jetzt hat eine große US-Studie erstmals gezeigt, dass die Einkommensungleichheit einer Gesellschaft negative Effekte auf die Gehirne aller Kinder hat – egal, ob diese Kinder aus armen oder reichen Haushalten stammen.</p> <p>Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass soziale Ungleichheit ein eigenständiger neurobiologischer Stressor ist, der alle Mitglieder einer Gesellschaft betrifft. Angesichts steigender Ungleichheit ist das ein alarmierender Befund.</p> <h3 id="h-erfolg-misserfolg-reichtum-und-armut-henne-oder-ei">Erfolg, Misserfolg, Reichtum und Armut – Henne oder Ei?</h3> <p>Sind reiche Menschen einfach intelligenter als arme Menschen? Oder ist es so, dass Reichtum erfolgreich macht und Armut Erfolg verhindert? In politischen Debatten werden diese zwei Positionen, die erste als rechte, die zweite als linke Position, meist dogmatisch diskutiert, als läge ein Henne-Ei-Problem vor. Dem ist jedoch nicht so. In den biologischen Wissenschaften dominiert seit Jahrzehnten die Auffassung, dass Umwelt und Genetik bei komplexen Merkmalen stets miteinander interagieren.</p> <p>Karl Marx, Ikone vieler Linker, war der Auffassung, dass jedes Individuum allein ein Produkt seiner Umwelt sei. Heute wissen wir: das ist ebenso falsch, wie die rechte, meritokratische These, dass heute jeder an seinem natürlichen Platz sei, denn die Erfolgreichen hätten lediglich mehr geleistet oder verfügten im Zweifel einfach genetisch über mehr Intelligenz als unerfolgreiche Menschen (diese Spielart ist dann freilich nicht mehr meritokratisch).</p> <p>Auch gute neuronale Anlagen erfordern als weiteren Faktor erst noch eine gute, stimulierende Umwelt. Die muss aber erst aktiv hergestellt werden – von jemandem, der die Mittel dazu hat. Bei einem statistisch normalverteilten IQ in der Bevölkerung ist es deshalb, <em>ceteris paribus</em>, sehr wahrscheinlich, dass unzählige gute Gehirne brach liegen gelassen werden. Das macht erfolgreiche Menschen keineswegs dumm, der Eigenanteil ihres Erfolgs aber dürfte deutlich überschätzt werden, während der Umweltanteil in großen Teilen der einkommensschwachen Bevölkerung aktuell stark unterschätzt wird.<aside></aside></p> <h3 id="h-der-lange-schatten-der-eltern">Der lange Schatten der Eltern</h3> <p>Belegen lässt sich das anhand neurologischer Studien, welche die Gesundheit von Kindern untersuchen. Eine aktuelle Studie mit dem Titel <em>Parental divorce’s long shadow</em> konnte zeigen, dass Scheidungskinder später in ihrem Leben eine deutlich erhöhte Wahrscheinlichkeit für einen Schlaganfall haben (1). Das verwendete Wahrscheinlichkeitsmaß, die Odds Ratio, war 61% höher als bei Menschen, die eine Kindheit ohne Trennung der Eltern hatten. Die Studie (mit 13.000 Personen) ist von hoher Qualität, weil sie für viele andere Faktoren kontrolliert, sodass die höhere Schlaganfallrate recht sicher auf die Scheidungen zurückgeführt werden kann. Einer dieser Kontrollfaktoren war wiederum Armut.</p> <p>Exzellente Daten aus Meta-Analysen hatten bereits zuvor erwiesen, dass Armut in der Kindheit ein Prädiktor für einen Schlaganfall im späteren Leben ist (2, 3). Weil dieser Zusammenhang also bereits klar ist und weil viele Scheidungen zu Armut führen, wurde das Einkommen herausgerechnet. Umso beachtlicher ist der Befund, dass die Scheidung der Eltern <em>an sich</em> bereits einen so langen Schatten im Leben von Menschen wirft. Diese Art des Zusammenhangs zwischen Sozioökonomie und neuronaler Gesundheit ist allerdings nicht ganz neu – in einem <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/ueberraschende-studie-erhoeht-eine-ehe-das-demenzrisiko/">früheren Artikel</a> beschrieb ich eine Assoziation zwischen Ehe und Demenzrisiko. Geschieden zu sein erhöht übrigens auch für die Geschiedenen selbst das Schlaganfallrisiko (4).</p> <p>Neben Schlaganfällen sind Scheidungskinder auch häufiger mit späteren Gesundheitsrisiken konfrontiert, wie zum Beispiel Übergewicht, Rauchen, Drogenmissbrauch, Suizidalität, psychische Erkrankungen, Diabetes, Depression und eine erhöhte Morbidität über die gesamte Lebenszeit (5-14). Andererseits ist ein niedriges Haushaltseinkommen der Eltern wiederum selbst ein Prädiktor für die meisten dieser Gesundheitsrisiken, inklusive Schlaganfall (15, 16). Und: Eltern zu haben, die psychisch krank, drogensüchtig oder im Gefängnis inhaftiert sind, erhöhen wiederum das Schlaganfallrisiko (17).</p> <p>Die Datenlage ist also relativ eindeutig – und lässt große Zweifel an der These, dass gute Gene zum Lebenserfolg ausreichen. Ein Schlaganfall oder eine Depression macht auch vor einem überdurchschnittlichen IQ nicht halt.</p> <h3 id="h-nobelpreise-sind-an-das-einkommen-der-vater-gekoppelt">Nobelpreise sind an das Einkommen der Väter gekoppelt</h3> <p>Empirisch lässt sich also recht gut zeigen, dass die Umwelt eines Kindes dessen Lebenserfolg stark beeinträchtigen kann. Andersherum ist es jedoch eher schwer zu widerlegen, dass erfolgreiche Menschen ihres Glückes eigener Schmied waren – außer diese Menschen räumen selbst ein, dass für ihren Erfolg mehr Glück als Leistung maßgeblich war. Allerdings gibt es hin und wieder extreme statistische Verzerrungen, die einen reinen self-made Erfolg zumindest tendenziell unplausibel erscheinen lassen.</p> <p>So untersuchte eine noch unpublizierte ökonomische Studie die Biographien aller Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträger von 1901 bis 2023 (18). Die Hälfte von ihnen hatte einen Vater, der zu den reichsten 5% der Bevölkerung gehörte – unabhängig von der Nationalität (Abbildung 1). Weitere knapp 20% aller Preisträgerinnen und Preisträger hatten einen Vater, der immer noch zu den reichsten 10% gehörte. Der häufigste Beruf, den die Väter im Mittel haben: Firmenchefs.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-33.png"><img alt="" decoding="async" height="382" sizes="(max-width: 594px) 100vw, 594px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-33.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-33.png 594w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-33-300x193.png 300w" width="594"></img></a><figcaption><em>Abbildung 1:</em> 50% aller Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträger (y-Achse) hatten Väter, die zu den reichsten 5% ihrer Gesellschaft gehörten (x-Achse). Weitere knapp 20% hatten Väter, die zu den reichsten 10% gehörten. Aus der unteren Hälfte der Gesellschaft kommen praktisch keine Nobelpreise. Aus einem working paper von Novosad et al. 2024</figcaption></figure> <p>Da die statistische Verteilung so schief ist, dürften Leistung und Gene für den Gewinn eines Nobelpreises höchstens ein Ko-Faktor sein. Ein Genie zu sein, ohne aus einer reichen Familie zu stammen, hat historisch gesehen selten zum Nobelpreis gereicht. Übrigens: der Anteil an Frauen beim Nobelpreis beträgt bis 2023 nur 4%. Wenn es tatsächlich nur auf Leistung und Gene ankäme, dann stünden Frauen damit, nicht nur in der Wissenschaft, in einem denkbar schlechten Licht. Plausibler ist es, dass die These falsch ist, dass Erfolg und Talent in der Praxis verkoppelt seien. Und so interpretieren auch die Ökonominnen und Ökonomen ihre Studienergebnisse: “Unter diesen Annahmen lassen unsere Schätzungen vermuten, dass über drei Viertel der Kinder, die mit einem hohen wissenschaftlichen Talent geboren wurden, nicht die ergänzenden elterlichen und sozialen Impulse erhielten, die notwendig sind, um ihr Talent maximal zu entfalten“ (S.9)</p> <h3 id="h-ungleiche-gesellschaften-sind-gift-fur-unsere-gehirne">Ungleiche Gesellschaften sind Gift für unsere Gehirne</h3> <p>Bis hierher haben wir uns nur Daten zu den individuellen Auswirkungen sozialer Ungleichheit angesehen. Der sozioökonomische und gesundheitliche Status der Eltern wirft einen langen Schatten auf eben diese Faktoren ihrer Kinder. Das liegt eigentlich nahe. Viel kontraintuitiver ist der Befund einer aktuellen Studie, die in <em>Nature Mental Health</em> veröffentlich wurde: je ungleicher eine Gesellschaft ist, desto schlechter entwickeln sich die Gehirne ihrer Kinder (19).</p> <p>Untersucht wurden mehr als 8.000 Kinder in 17 US-Bundestaaten, alle im Alter von neun bis zehn Jahren. Gemessen wurde der Einfluss des Gini-Koeffizienten auf die kortikale Dicke, das totale Gehirnvolumen und die funktionale Konnektivität von 12 Hirnarealen (im fMRT). Außerdem wurden follow-up Termine gemacht, bei denen die psychische Gesundheit der Kinder per Fragebogen evaluiert wurde (6 Monate und 18 Monate nach dem Hirnscan).</p> <p>Der Gini-Koeffizient ist ein ökonomisches Maß für ökonomische Ungleichheit, er kann für Einkommen und (seltener) Vermögen berechnet werden und reicht von 0 bis 100. Ein Gini-Koeffizient von 100 bedeutet, dass eine einzige Person alles besitzt oder an Einkommen generiert; 0 bedeutet dass alle Mitglieder der Gesellschaft genau gleich viel verdienen oder besitzen. Das Studiendesign, Bundesstaaten im selben Land zu vergleichen anstatt verschiedener Nationalstaaten ist sehr gut gewählt, da so kulturelle und nationale Besonderheiten herausgerechnet werden können.</p> <p>Ergebnis der Studie: ein höherer Gini-Koeffizent im Bundesstaat, also eine höhere soziale Ungleichheit, sagte vorher, dass die Dicke der Hirnrinden, das totale Volumen der Gehirne und die funktionale Konnektivität der Kinder allesamt niedriger waren, als in sozial gleicheren Bundesstaaten (Abb. 2). Der Clue: wie auch bei der Scheidungsstudie wurde der individuelle sozioökonomische Status (hohes oder niedriges Einkommen der Eltern) der Kinder bereits herausgerechnet. Es war also egal, ob die Familien der Kinder individuell ökonomisch besser oder schlechter gestellt waren: ist ein Bundesstaat ungleich, dann wirkt sich das auf alle Kinder aus, die in ihm aufwachsen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-32.png"><img alt="" decoding="async" height="262" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-32-1024x262.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-32-1024x262.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-32-300x77.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-32-768x197.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-32.png 1288w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Abbildung 2:</em> a) Kortikale Dichte, b) Totale Gehirnoberfläche, c) Totales kortikales Volumen. Alle gemessenen Gewebefaktoren sinken mit höherem Gini-Koeffizienten, also mit mehr Ungleichheit. Die senkrechten blauen Linien stellen die 17 untersuchten Bundesstaaten dar. Auch wenn die Trendlinie nur leicht gekippt erscheint, so ist zu bedenken, dass es sich hier um Gehirngewebe handelt, bei dem wenige Millimeter bereits Millionen von Neuronen und Synapsen bedeuten. Aus: Rakesh et al. 2025</figcaption></figure> <p>Man muss es sich noch einmal bewusst machen: ist die Schere zwischen Arm und Reich in einem Bundesstaat groß, dann schrumpfen die Gehirne aller Kinder, auch wohlhabender Kinder. Soziale Ungleichheit, so das Studienteam, ist ein eigenständiger Stressor für eine Gesellschaft, der alle ihre Mitglieder betrifft. Dabei ist zu beachten, dass die untersuchten Bundesstaaten eher im Mittelfeld der USA lagen. Die ungleichsten Bundesstaaten wurden gar nicht in die Studie mit aufgenommen – die realen Effekte könnten also noch deutlich gravierender sein.</p> <p>Ein zweiter Befund war, dass die Kinder in sozioökonomisch ungleicheren Bundesstaaten 18 Monate nach der Studie eine schlechtere psychische Gesundheit aufwiesen. Und: interessanterweise sagte der Grad der neuronalen Verarmung für 18 wie auch für 6 Monate nach der Studie schlechtere mentale Gesundheit vorher.</p> <h3 id="h-wie-kann-das-sein-soziale-wahrnehmung-und-chronischer-stress">Wie kann das sein? Soziale Wahrnehmung und chronischer Stress</h3> <p>Auf Basis psychologischer und medizinischer Vorarbeiten spekuliert das Studienteam, dass Mechanismen des sozialen Vergleichens, der wahrgenommenen sozialen Kohäsion und der sozialen Mobilität verantwortlich für die Befunde sind. <em>Status anxiety</em> beschreibt die Angst vor sozialem Abstieg, welche vor allem wohlhabende Menschen haben. Je stärker die Gräben zwischen sozioökonomischen Schichten zu Tage treten, desto ausgeprägter könnte diese <em>status anxiety</em> werden. Bei ärmeren Menschen wiederum führt ein offensichtlicherer Kontrast zur Oberschicht womöglich vermehrt zu Gefühlen, unzureichend zu sein – und das womöglich noch mehr in dem Maße, in dem das neoliberale Narrativ dominiert, selbst für diese Lage verantwortlich sein,</p> <p>Kurz: Die Wahrnehmung einer sozial ungleichen Gesellschaft, in der Mitmenschen also materiell voneinander getrennt sind, könnte chronischen Stress auslösen, der das Gehirn beeinträchtigt. Die Hirnareale, deren funktionale Konnektivität gemessen wurde, waren unter anderem relevant für soziale und emotionale Regulation, aber auch Aufmerksamkeit. Medizinische Studien, die den Gini-Koeffizienten verschiedener Länder verglichen, fanden außerdem heraus, dass das C-reaktive Protein (CRP), ein grundlegender Marker für Entzündungen im Körper, mit höherem Gini ansteigt (20). Zwar lässt sich hier einwenden, dass verschiedene Länder sich unterschiedlich ernähren oder verschiedene Gesundheitspolitiken/-kulturen praktizieren. Die pathophysiologische Theorie passt jedoch grundsätzlich gut zu den Daten, und auch experimentelle Forschung unter Laborbedingungen zeigt, dass wahrgenommene Ungleichheit körperliche Stressreaktionen hervorrufen kann (21). Weitere Forschung wird zeigen müssen, ob sich der Zusammenhang empirisch weiter erhärten lässt. Doch was, wenn die Hypothese der Forscherinnen und Forscher stimmt?</p> <p>Sollte die Erklärung der Ergebnisse stimmen, dann haben einige gegenwärtige Gesellschaftsentwicklungen das Potential, diese Effekte noch zu verstärken. Der Druck, sich sozial mit anderen zu vergleichen, ist gerade für Kinder und Jugendliche durch social media massiv befeuert worden. Bei wohlhabenden jungen Menschen könnte das, dem Erklärungsmodell der Studie nach, eine regelrechte <em>status anxiety</em> Epidemie generieren. Bei Jugendlichen aus einkommens- oder vermögensschwachen Haushalten wiederum muss der permanente Vergleich nach oben unweigerlich Minderwertigkeitsgefühle produzieren.</p> <h3 id="h-die-soziale-mobilitat-sinkt-und-mit-ihr-vielleicht-das-hirnvolumen-unserer-kinder">Die soziale Mobilität sinkt – und mit ihr vielleicht das Hirnvolumen unserer Kinder</h3> <p>Auch die ohnehin traurigen statistischen Daten, die zeigen, dass die soziale Mobilität in Deutschland seit Jahrzehnten immer weiter sinkt, bekommen in diesem Licht eine alarmierende Aktualität. Eine Studie des ifo-Instituts (22) hat ermittelt, dass der Einfluss des elterlichen Einkommens auf das Einkommen und den Bildungsgrad ihrer Kinder sich innerhalb einer Generation verdoppelt hat (seit den 80er Jahren, um genau zu sein). Der Bildungsgrad ist übrigens der stärkste Prädiktor dafür, später eine Demenz zu bekommen – von bestimmten genetischen Mutationen einmal abgesehen. Umso drastischer wirkt der schlechte Platz, den Deutschland bei staatlichen Bildungsausgaben hat: Von den 27 EU-Ländern liegt Deutschland auf Platz 23 (23).</p> <p>Es würde vielleicht lohnen, sich solchen ökonomischen Sachverhalten auch neurowissenschaftlich zu nähern. Klafft die soziale Mobilität wirklich zwischen den Generationen auseinander, dann ist zu befürchten, dass man dies vielleicht auch im fMRT sehen kann.</p> <h3 id="h-einkommensungleichheit-ist-nicht-gleich-vermogensungleichheit">Einkommensungleichheit ist nicht gleich Vermögensungleichheit</h3> <p>Ein letztes Problem ist, dass in allen genannten Studien nur die Einkommensungleichheit untersucht wurde. Das kann die Ergebnisse verzerren, und zwar eher in Richtung stärkerer realer Effekte. Denn die Vermögensungleichheit ist meist noch viel drastischer als die Einkommensungleichheit. Der Gini-Koeffizient, der von 0 (maximal gleiche Verteilung) bis 100 reicht (Konzentration aller Werte auf eine einzige Person), wird bei Einkommen nach der Besteuerung errechnet. Einkommenssteuern gibt es in jedem Land, doch Vermögenssteuern gibt es selten, wodurch die Datengrundlage zur Berechnung des Gini-Scores meist fehlt und er grob geschätzt werden muss.</p> <p>Zum Vergleich: der Gini-Koeffizient für Einkommen reicht in der EU von 21.7 (Slowakei, am gleichsten) bis 38.4 (Bulgarien, am ungleichsten). Deutschland liegt hier mit 29.5 im Mittelfeld (24). Der geschätzte Gini-Koeffizient für Vermögen beträgt für Deutschland aber 73 – ein extremer Wert (25). Die Spannbreite der Studie in den 17 US-Bundesstaaten betrug nur 40 bis 50. Die Gini’s für Einkommen und Vermögen lassen sich jedoch, wie gesagt, nicht direkt vergleichen. </p> <p>Da wir in einem Land leben, in dem die Köpfe unserer Menschen die einzig wertvollen Ressourcen sind, und da immer weniger junge Menschen nachkommen, sollte uns an ihren Köpfen umso mehr gelegen sein.</p> <p>Mehr Wissenschaftskommunikation gibt’s auf <a href="https://www.instagram.com/davidmwurzer/">Instagram</a>.</p> <p><strong>Quellen:</strong></p> <p>(1) Schilke, M. K., Baiden, P., &amp; Fuller-Thomson, E. (2025). Parental divorce’s long shadow: Elevated stroke risk among older Americans. <em>PloS one</em>, <em>20</em>(1), e0316580.</p> <p>(2) Bardugo A, Bendor CD, Libruder C, Lutski M, Zucker I, Tsur AM, et al. Cognitive function in adolescence and the risk of early-onset stroke. J Epidemiol Community Health 2024</p> <p>(3) Marshall IJ, Wang Y, Crichton S, McKevitt C, Rudd AG, Wolfe CDA. The effects of socioeconomic status on stroke risk and outcomes. The Lancet Neurology. 2015 Dec; 14(12):1206–18. 1. https://doi.org/10.1016/S1474-4422(15)00200-8 PMID: 26581971</p> <p>(4) Wong CW, Kwok CS, Narain A, Gulati M, Mihalidou AS, Wu P, et al. Marital status and risk of cardiovascular diseases: a systematic review and meta-analysis. Heart. 2018 Dec 1; 104(23):1937–48. https://doi.org/10.1136/heartjnl-2018-313005 PMID: 29921571</p> <p>(5) Aksu GG, Kılıc¸aslan F, Kütük MÖ , Tufan AE, Kayar O, Toros F. Parental attitudes, child mental health problems and gender factor in the divorce process. Cukurova Med J. 2024 Mar 29; 49(1):181–91. 1.</p> <p>(6) Jabbour N, Abi Rached V, Haddad C, Salameh P, Sacre H, Hallit R, et al. Association between parental separation and addictions in adolescents: results of a National Lebanese Study. BMC Public Health. 2020 Jun 19; 20(1):965. 1. </p> <p>(7) Bayaz-Öztürk G. Parental breakup and children’s outcomes in the United States. Family Relations. 2022; 71(4):1802–16. 1.</p> <p>(8) Bohman H, Låftman SB, Päären A, Jonsson U. Parental separation in childhood as a risk factor for depression in adulthood: a community-based study of adolescents screened for depression and followed up after 15 years. BMC Psychiatry [Internet]. 2017 Mar 29 [cited 2024 Jul 18]; 17.</p> <p>(9) Fuller-Thomson E, Dalton AD. Suicidal ideation among individuals whose parents have divorced: findings from a representative Canadian community survey. Psychiatry Research. 2011 May 15; 187 (1):150–5. 1.</p> <p>(10) Palmtag EL. Like ripples on a pond: the long-term consequences of parental separation and conflicts in childhood on adult children’s self-rated health. SSM Popul Health. 2022 Jun; 18:101100. 1. </p> <p>(11) Varis H, Hagnas M, Mikkola I, Nordstrom T, Puukka K, Taanila A, et al. Parental separation and offspring morbidity in adulthood: a descriptive study of the Northern Finland Birth Cohort 1966. Scand J Public Health. 2022 Jul 1; 50(5):601–12.</p> <p>(12) Amiri S, Fathi-Ashtiani M, Sedghijalal A, Fathi-Ashtiani A. Parental divorce and offspring smoking and alcohol use: a systematic review and meta-analysis of observational studies. Journal of addictive diseases. 2021 Mar 2; 39.</p> <p>(13) Fuller-Thomson E, Filippelli J, Lue-Crisostomo CA. Gender-specific association between childhood adversities and smoking in adulthood: findings from a population-based study. Public Health. 2013 May; 127(5):449–60.</p> <p>(14) Goisis A,O¨ zcan B, Van Kerm P. Do children carry the weight of divorce? Demography. 2019 Jun; 56 (3):785–811.</p> <p>(15) Marshall IJ, Wang Y, Crichton S, McKevitt C, Rudd AG, Wolfe CDA. The effects of socioeconomic status on stroke risk and outcomes. The Lancet Neurology. 2015 Dec; 14(12):1206–18. 1. https://doi.org/10.1016/S1474-4422(15)00200-8 PMID: 26581971</p> <p>(16) McHutchison CA, Backhouse EV, Cvoro V, Shenkin SD, Wardlaw JM. Education, socioeconomic status, and intelligence in childhood and stroke risk in later life: a meta-analysis. Epidemiology. 2017 Jul; 28(4):608–18.</p> <p>(17) Godoy LC, Frankfurter C, Cooper M, Lay C, Maunder R, Farkouh ME. Association of adverse childhood experiences with cardiovascular disease later in life: a review. JAMA Cardiol. 2021 Feb 1; 6(2):228–35.</p> <p>(18) Novosad, P., Asher, S., Farquharson, C., &amp; Iljazi, E. (2024). Access to opportunity in the sciences: Evidence from the nobel laureates. <em>Unpublished working paper</em>.</p> <p>(19) Rakesh, D., Tsomokos, D. I., Vargas, T., Pickett, K. E., &amp; Patel, V. (2025). Macroeconomic income inequality, brain structure and function, and mental health. <em>Nature Mental Health</em>, 1-13. <a href="https://www.nature.com/articles/s44220-025-00508-1">Macroeconomic income inequality, brain structure and function, and mental health | Nature Mental Health</a></p> <p>(20) Layte, R. et al. A comparative analysis of the status anxiety hypothesis of socio-economic inequalities in health based on 18,349 individuals in four countries and five cohort studies. Sci. Rep. 9, 796 (2019).</p> <p>(21) Shapiro, M. S., Rylant, R., de Lima, A., Vidaurri, A. &amp; van de Werfhorst, H. Playing a rigged game: inequality’s effect on physiological stress responses. Physiol. Behav. 180, 60–69 (2017).</p> <p>(22) Baarck, J., Bode, M., &amp; Peichl, A. (2025). <em>Rising Inequality, Declining Mobility: The Evolution of Intergenerational Mobility in Germany</em> (No. 12058). CESifo Working Paper.</p> <p>(23) <a href="https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?title=Government_expenditure_on_education">Government expenditure on education – Statistics Explained – Eurostat</a></p> <p>(24) <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/942729/umfrage/ranking-der-eu-laender-nach-einkommensungleichheit-im-gini-index/">Europäische Union – Ranking der Einkommensungleichheit in den Mitgliedstaaten nach dem GINI-Index 2024| Statista</a></p> <p>(25) <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/zahlen-und-fakten/sozialbericht-2024/553230/vermoegensungleichheit/?utm_source=chatgpt.com">Vermögensungleichheit | Sozialbericht 2024 | bpb.de</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/was-soziale-ungleichheit-mit-unseren-gehirnen-macht/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>Flexibles Gehirn: Kompensationsmechanismen kognitiver Netzwerke https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/flexibles-gehirn-kompensationsmechanismen-kognitiver-netzwerke/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/flexibles-gehirn-kompensationsmechanismen-kognitiver-netzwerke/#respond Mon, 15 Dec 2025 13:33:07 +0000 Antonia Ceric https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5439 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/draufsicht-holzstucke-und-papiergehirn-scaled-e1765805538972-768x277.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/flexibles-gehirn-kompensationsmechanismen-kognitiver-netzwerke/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/draufsicht-holzstucke-und-papiergehirn-scaled-e1765805538972.jpg" /><h1>Flexibles Gehirn: Kompensationsmechanismen kognitiver Netzwerke » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>Stell dir vor, du bist morgens auf deinem üblichen Weg zur Arbeit, zur Schule oder in die Uni. Doch plötzlich merkst du: Die Route ist gesperrt. Baustelle! Was machst du nun? Natürlich bleibst du nicht stehen. Du suchst eine Alternativroute – vielleicht über Schleichwege oder durch ein anderes Viertel. Wenn auch über Umwege, so kommst du schließlich doch ans Ziel. Genau diese „Umleitung“ führt uns anschaulich vor Augen, wie Kompensationsmechanismen im Hirn funktionieren könnten. </p> <p>Auch im Gehirn gibt es etablierte Routen der Informationsverarbeitung. Durch Störungen, wie etwa bei einem Schlaganfall, kann es allerdings passieren, dass wichtige Knotenpunkte ausfallen. Doch unser Gehirn findet oft Wege, dies bis zu einem gewissen Grad zu kompensieren [1]. Wie genau aber organisiert das Gehirn diese Umleitungen?</p> <h2 id="h-klare-aufgabenverteilung-dynamisches-system"><strong>Klare Aufgabenverteilung? Dynamisches System!</strong></h2> <p>Lange Zeit dominierte in der Hirnforschung die Vorstellung starrer Zuständigkeiten: Region A ist für Sprache zuständig, Region B für Motorik, und so weiter. In den letzten Jahren wandelte sich dieser statische Blickwinkel jedoch hin zu einer neuen Perspektive: Das Gehirn ist kein starres Mosaik, sondern ein hochdynamisches Netzwerksystem. Es kann seine funktionelle Gewichtung – welches Areal in einem Moment wie stark zu Aufgabe beiträgt – blitzschnell verschieben, sollte es notwendig sein [1]. Der Forschung geht es daher mehr und mehr um das „Wie“ und „Wann“ der Zusammenarbeit als nur um das einfache „Wo“.</p> <h3 id="h-abschied-von-der-lokalisierung"><strong>Abschied von der Lokalisierung</strong></h3> <p>Denken wir an klassische Modelle etwa von Broca und Wernicke, so war die Hirnforschung lange von einer Idee besessen: der Lokalisierung. Wir wollten wissen, wo genau die Sprache sitzt, wo das Gedächtnis verankert ist und wo wir Entscheidungen treffen. Doch moderne bildgebende Verfahren und Netzwerk-Neurowissenschaften zeichnen heute ein weitaus vielschichtigeres Bild. Kognitive Funktionen sind nicht in isolierten Inseln, sondern in großflächigen, verteilten Netzwerken organisiert [2, 3].</p> <div> <figure><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1911_EB_Chimpanzee_Brain.png"><img alt="" decoding="async" src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/6f/1911_EB_Chimpanzee_Brain.png"></img></a><figcaption>Zeichnung der Topographie eines Schimpansen-Gehirns von 1911. <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1911_EB_Chimpanzee_Brain.png">Bildquelle</a>. </figcaption></figure></div> <p>Daraus ergibt sich eine drängende Frage: Wenn Funktionen über weite Netzwerke verteilt sind, wie arbeiten verschiedene Areale dann zusammen? Und wie reagiert dieses System auf punktuelle Störungen? Warum führt eine kleine Verletzung bei dem einen Patienten zu massiven Ausfällen, während ein anderer kaum Einschränkungen zeigt?<aside></aside></p> <p>Gesa Hartwigsen vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig schlägt eine faszinierende neue Perspektive vor: Das Gehirn verfügt über eine hierarchische „Umverteilungs-Logik“ [1].</p> <h3 id="h-der-paradigmenwechsel-von-der-lasion-zur-virtuellen-storung"><strong>Der Paradigmenwechsel: Von der „Läsion“ zur „virtuellen Störung“</strong></h3> <p>Um zu verstehen, wie das Gehirn akut auf Störungen reagiert, reicht die Untersuchung von Patienten mit chronischen Hirnschäden oft nicht aus. Nach einem Schlaganfall hat sich das Gehirn über Monate bereits umstrukturiert. Um die unmittelbaren Reparaturmechanismen des gesunden Gehirns zu beobachten, nutzt die Forschung daher die transkranielle Magnetstimulation (TMS).</p> <p>Mit dieser Methode setzen Forscher sogenannte „virtuelle Läsionen“. Ein kurzer magnetischer Impuls stört vorübergehend eine spezifische Hirnregion. Das Spannende: Oft bleibt die Leistung der Probanden in den experimentellen Aufgaben stabil. Warum? Weil das Netzwerk den Ausfall sofort kompensiert. Hartwigsens Arbeit neben anderen zeigt, dass diese Kompensation kein Zufall ist, sondern hierarchischen Regeln folgt [1].</p> <h2 id="h-eine-asymmetrie-der-hilfe-generalisten-stutzen-spezialisten"><strong>Eine Asymmetrie der Hilfe: Generalisten stützen Spezialisten</strong></h2> <p>Hartwigsen beschreibt eine Asymmetrie in den Kompensationsmechanismen, die unser Hirn nutzt, um so lange wie möglich die gewünschte Leistung zu erbringen. Unser Gehirn unterscheidet zwischen:</p> <ul> <li><strong>Spezialisten: Domänen-spezifische Netzwerke</strong> (hochspezialisiert, z. B. für Sprache oder Gedächtnis; Zuständig für exakte Aufgaben wie Phonologie (Sprachklang), Semantik (Bedeutung) oder Motorik).</li> <li><strong>Generalisten: Domänen-übergreifende Netzwerke</strong> (Generalisten für Aufmerksamkeit und kognitive Kontrolle, z.B. <em>Multiple-Demand Network</em> oder Teile des <em>Default Mode Network</em>.).</li> </ul> <p>Die These lautet: Fällt ein Spezialist aus, können die Generalisten einspringen und die kognitive Last mittragen. Fällt jedoch das „Management“ (die Generalisten) aus, können die Spezialisten diesen Verlust nicht ausgleichen. Diese Erkenntnis rückt u.a. die kognitiven Kontrollfunktionen ins Zentrum unseres Verständnisses von Resilienz [1].</p> <p>Das Modell besagt:</p> <ul> <li><strong>Generalisten helfen Spezialisten:</strong> Wenn ein spezialisiertes Sprachareal (z. B. für Wortbedeutung) gestört wird, fährt das Gehirn die Aktivität der generellen Kontrollnetzwerke hoch. Das „Management“ greift ein, um die operative Ebene zu stützen.</li> <li><strong>Spezialisten können Generalisten <em>nicht</em> helfen:</strong> Das ist der entscheidende Punkt. Wenn die Netzwerke für kognitive Kontrolle selbst gestört sind, können die Sprachareale diesen Ausfall nicht kompensieren. Ein Sprachzentrum kann sich nicht plötzlich um „Aufmerksamkeit“ kümmern.</li> </ul> <div><figure><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 683px) 100vw, 683px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-3-683x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-3-683x1024.jpg 683w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-3-200x300.jpg 200w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-3-768x1152.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-3-1024x1536.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-3-1365x2048.jpg 1365w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-3-scaled.jpg 1707w" width="683"></img></figure><div> <p>Diese „Einbahnstraße“ der Plastizität erklärt, warum Störungen der Exekutivfunktionen (Planen, Entscheiden, Fokussieren) oft so verheerend für die Gesamtleistung des Gehirns sind: Sie sind das Sicherheitsnetz für alle anderen Funktionen.</p> <p>Bildquelle: <a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/stillleben-mit-menschlichem-gehirn_49639595.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=24&amp;uuid=2f13eb87-2c9a-4ced-9b1d-f27c893ee20e&amp;query=Gehirn+flexibilit%C3%A4t">Bild von freepik</a></p> </div></div> <h3 id="h-hoffnungstrager-bei-schlaganfallen-warum-sprache-mehr-als-nur-sprechen-ist"><strong>Hoffnungsträger bei Schlaganfällen: Warum „Sprache“ mehr als nur Sprechen ist</strong></h3> <p>Diese Theorie hat weitreichende Konsequenzen für die klinische Praxis, insbesondere für das Verständnis und die Therapie von Schlaganfällen. Ein Schlaganfall zerstört oft fokale Knotenpunkte in spezialisierten Netzwerken, was beispielsweise zu einer Aphasie (Sprachstörung) führen kann. Die klassische Lehrmeinung konzentrierte sich darauf, wie das Hirn versucht, das zerstörte Sprachareal zu „reparieren“ oder die entsprechende Region in der anderen Hirnhälfte zu aktivieren. Die neue Netzwerk-Perspektive zeigt jedoch ein komplexeres Bild:</p> <ul> <li><strong>Rekrutierung von Generalisten:</strong> Nach einer Läsion im Sprachnetzwerk werden verstärkt Areale aktiviert, die eigentlich für kognitive Kontrolle und Aufmerksamkeit zuständig sind. Das Gehirn versucht, das spezifische Defizit durch allgemeine Ressourcen auszugleichen [5].</li> <li><strong>Prognostischer Wert:</strong> Der Zustand dieser domänen-übergreifenden Fähigkeiten (z. B. Aufmerksamkeit, exekutive Funktionen) ist ein starker Prädiktor dafür ist, wie gut sich ein Patient von einer Aphasie erholt [5].</li> <li><strong>Therapeutische Konsequenz:</strong> Eine erfolgreiche Rehabilitation sollte sich möglicherweise nicht nur auf das sprachliche Defizit fokussieren, sondern auch gezielt diese allgemeinen kognitiven Kontrollfunktionen stärken. Wenn das „Backup-System“ (die Generalisten) gestärkt wird, kann das spezialisierte Netzwerk besser unterstützt werden.</li> </ul> <h3 id="h-kognitive-degeneracy-viele-wege-fuhren-zum-ziel">Kognitive Degeneracy: Viele Wege führen zum Ziel</h3> <p>Ein weiterer faszinierender Aspekt, den Hartwigsen unter Berufung auf Arbeiten von Noppeney und Price beschreibt, ist das Konzept der „Cognitive Degeneracy“ [6, 7]. In der Biologie bedeutet Degeneracy (nicht zu verwechseln mit Degeneration), dass unterschiedliche Strukturen dieselbe Funktion erfüllen können [7].</p> <p>Ein Beispiel aus der Praxis: Wenn Sie das Bild einer Katze sehen und das Wort „Katze“ nicht finden können, weil der direkte semantische Weg blockiert ist, nutzt Ihr Gehirn vielleicht visuelle Assoziationen oder episodische Erinnerungen („Das Tier, das ich gestern gestreichelt habe“), um die Antwort zu generieren. Das Gehirn wechselt also die Strategie und nutzt alternative Pfade. Das Verständnis dieser alternativen Routen ist essenziell, um Patienten beizubringen, wie sie ihre Defizite umgehen können.</p> <h2 id="h-ausblick-was-bedeutet-das-fur-das-alternde-gehirn">Ausblick: Was bedeutet das für das alternde Gehirn?</h2> <p>Diese Flexibilität ist nicht nur im Krankheitsfall relevant, sondern auch im normalen Alterungsprozess. Ältere Menschen zeigen bei Aufgaben oft eine stärkere bilaterale Aktivierung (beide Hirnhälften) als jüngere. Dies wird im HAROLD-Modell (Hemispheric Asymmetry Reduction in Older Adults) beschrieben [8]. Was früher oft als Unschärfe oder Effizienzverlust gedeutet wurde, sehen wir nun als aktive Kompensation: Da die spezialisierten Netzwerke im Alter an Schärfe verlieren, rekrutiert das Gehirn proaktiv die domänen-übergreifenden Ressourcen auch in der anderen Hirnhälfte, um das Leistungsniveau zu halten.</p> <h2 id="h-fazit-flexibilitat-als-schlusselkompetenz-des-gehirns"><strong>Fazit: Flexibilität als Schlüsselkompetenz des Gehirns</strong></h2> <p>Die aktuelle Studienlage zeigt uns, dass wir kognitive Funktionen nicht isoliert betrachten dürfen. Die Fähigkeit unseres Gehirns, „funktionelle Gewichte“ blitzschnell neu zu verteilen – sei es innerhalb eines Netzwerks oder durch Hinzuziehen domänen-übergreifender Ressourcen –, ist der Schlüssel zu unserer geistigen Widerstandsfähigkeit.</p> <p>Für die Wissenschaft bedeutet dies: Wir müssen weg von der Frage „Wo sitzt die Funktion?“ hin zu „Wie interagieren die Netzwerke miteinander?“. Für den Patienten bedeutet es Hoffnung: Das Gehirn verfügt über mächtige, unspezifische Reserven, die aktiviert und trainiert werden können, um spezifische Ausfälle zu kompensieren.</p> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ol> <li>Hartwigsen, G. (2018). Flexible redistribution in cognitive networks. <em>Trends in Cognitive Sciences, 22</em>(8), 687–698. <a href="https://doi.org/10.1016/j.tics.2018.05.008" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.tics.2018.05.008</a></li> <li>Binder, J. R., Desai, R. H., Graves, W. W., &amp; Conant, L. L. (2009). Where is the semantic system? A critical review and meta-analysis of 120 functional neuroimaging studies. <em>Cerebral Cortex, 19</em>(12), 2767–2796. <a href="https://doi.org/10.1093/cercor/bhp055" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1093/cercor/bhp055</a></li> <li>Yeo, B. T. T., Krienen, F. M., Sepulcre, J., Sabuncu, M. R., Lashkari, D., Hollinshead, M., … &amp; Buckner, R. L. (2011). The organization of the human cerebral cortex estimated by intrinsic functional connectivity. <em>Journal of Neurophysiology, 106</em>(3), 1125–1165. <a href="https://doi.org/10.1152/jn.00338.2011" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1152/jn.00338.2011</a></li> <li>Duncan, J. (2010). The multiple-demand (MD) system of the primate brain: Mental programs for intelligent behaviour. <em>Trends in Cognitive Sciences, 14</em>(4), 172–179. <a href="https://doi.org/10.1016/j.tics.2010.01.004" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.tics.2010.01.004</a></li> <li>Saur, D., Lange, R., Baumgaertner, A., Schraknepper, V., Willmes, K., Rijntjes, M., &amp; Weiller, C. (2006). Dynamics of language reorganization after stroke. <em>Brain, 129</em>(6), 1371–1384. <a href="https://doi.org/10.1093/brain/awl090" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1093/brain/awl090</a></li> <li>Noppeney, U., Friston, K. J., &amp; Price, C. J. (2004). Degenerate neuronal systems sustaining cognitive functions. <em>Journal of Anatomy, 205</em>(6), 433–442. <a href="https://doi.org/10.1111/j.0021-8782.2004.00343.x" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1111/j.0021-8782.2004.00343.x</a></li> <li>Price, C. J., &amp; Friston, K. J. (2002). Degeneracy and cognitive anatomy. <em>Trends in cognitive sciences</em>, <em>6</em>(10), 416–421. <a href="https://doi.org/10.1016/s1364-6613(02)01976-9">https://doi.org/10.1016/s1364-6613(02)01976-9</a></li> <li>Cabeza, R. (2002). Hemispheric asymmetry reduction in older adults: The HAROLD model. <em>Psychology and Aging, 17</em>(1), 85–100. <a href="https://doi.org/10.1037/0882-7974.17.1.85" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1037/0882-7974.17.1.85</a></li> </ol> <p>Beitragsbild: <a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/draufsicht-holzstuecke-und-papiergehirn_25629277.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=3&amp;uuid=2f13eb87-2c9a-4ced-9b1d-f27c893ee20e&amp;query=Gehirn+flexibilit%C3%A4t">Bild von freepik</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/draufsicht-holzstucke-und-papiergehirn-scaled-e1765805538972.jpg" /><h1>Flexibles Gehirn: Kompensationsmechanismen kognitiver Netzwerke » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>Stell dir vor, du bist morgens auf deinem üblichen Weg zur Arbeit, zur Schule oder in die Uni. Doch plötzlich merkst du: Die Route ist gesperrt. Baustelle! Was machst du nun? Natürlich bleibst du nicht stehen. Du suchst eine Alternativroute – vielleicht über Schleichwege oder durch ein anderes Viertel. Wenn auch über Umwege, so kommst du schließlich doch ans Ziel. Genau diese „Umleitung“ führt uns anschaulich vor Augen, wie Kompensationsmechanismen im Hirn funktionieren könnten. </p> <p>Auch im Gehirn gibt es etablierte Routen der Informationsverarbeitung. Durch Störungen, wie etwa bei einem Schlaganfall, kann es allerdings passieren, dass wichtige Knotenpunkte ausfallen. Doch unser Gehirn findet oft Wege, dies bis zu einem gewissen Grad zu kompensieren [1]. Wie genau aber organisiert das Gehirn diese Umleitungen?</p> <h2 id="h-klare-aufgabenverteilung-dynamisches-system"><strong>Klare Aufgabenverteilung? Dynamisches System!</strong></h2> <p>Lange Zeit dominierte in der Hirnforschung die Vorstellung starrer Zuständigkeiten: Region A ist für Sprache zuständig, Region B für Motorik, und so weiter. In den letzten Jahren wandelte sich dieser statische Blickwinkel jedoch hin zu einer neuen Perspektive: Das Gehirn ist kein starres Mosaik, sondern ein hochdynamisches Netzwerksystem. Es kann seine funktionelle Gewichtung – welches Areal in einem Moment wie stark zu Aufgabe beiträgt – blitzschnell verschieben, sollte es notwendig sein [1]. Der Forschung geht es daher mehr und mehr um das „Wie“ und „Wann“ der Zusammenarbeit als nur um das einfache „Wo“.</p> <h3 id="h-abschied-von-der-lokalisierung"><strong>Abschied von der Lokalisierung</strong></h3> <p>Denken wir an klassische Modelle etwa von Broca und Wernicke, so war die Hirnforschung lange von einer Idee besessen: der Lokalisierung. Wir wollten wissen, wo genau die Sprache sitzt, wo das Gedächtnis verankert ist und wo wir Entscheidungen treffen. Doch moderne bildgebende Verfahren und Netzwerk-Neurowissenschaften zeichnen heute ein weitaus vielschichtigeres Bild. Kognitive Funktionen sind nicht in isolierten Inseln, sondern in großflächigen, verteilten Netzwerken organisiert [2, 3].</p> <div> <figure><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1911_EB_Chimpanzee_Brain.png"><img alt="" decoding="async" src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/6f/1911_EB_Chimpanzee_Brain.png"></img></a><figcaption>Zeichnung der Topographie eines Schimpansen-Gehirns von 1911. <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1911_EB_Chimpanzee_Brain.png">Bildquelle</a>. </figcaption></figure></div> <p>Daraus ergibt sich eine drängende Frage: Wenn Funktionen über weite Netzwerke verteilt sind, wie arbeiten verschiedene Areale dann zusammen? Und wie reagiert dieses System auf punktuelle Störungen? Warum führt eine kleine Verletzung bei dem einen Patienten zu massiven Ausfällen, während ein anderer kaum Einschränkungen zeigt?<aside></aside></p> <p>Gesa Hartwigsen vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig schlägt eine faszinierende neue Perspektive vor: Das Gehirn verfügt über eine hierarchische „Umverteilungs-Logik“ [1].</p> <h3 id="h-der-paradigmenwechsel-von-der-lasion-zur-virtuellen-storung"><strong>Der Paradigmenwechsel: Von der „Läsion“ zur „virtuellen Störung“</strong></h3> <p>Um zu verstehen, wie das Gehirn akut auf Störungen reagiert, reicht die Untersuchung von Patienten mit chronischen Hirnschäden oft nicht aus. Nach einem Schlaganfall hat sich das Gehirn über Monate bereits umstrukturiert. Um die unmittelbaren Reparaturmechanismen des gesunden Gehirns zu beobachten, nutzt die Forschung daher die transkranielle Magnetstimulation (TMS).</p> <p>Mit dieser Methode setzen Forscher sogenannte „virtuelle Läsionen“. Ein kurzer magnetischer Impuls stört vorübergehend eine spezifische Hirnregion. Das Spannende: Oft bleibt die Leistung der Probanden in den experimentellen Aufgaben stabil. Warum? Weil das Netzwerk den Ausfall sofort kompensiert. Hartwigsens Arbeit neben anderen zeigt, dass diese Kompensation kein Zufall ist, sondern hierarchischen Regeln folgt [1].</p> <h2 id="h-eine-asymmetrie-der-hilfe-generalisten-stutzen-spezialisten"><strong>Eine Asymmetrie der Hilfe: Generalisten stützen Spezialisten</strong></h2> <p>Hartwigsen beschreibt eine Asymmetrie in den Kompensationsmechanismen, die unser Hirn nutzt, um so lange wie möglich die gewünschte Leistung zu erbringen. Unser Gehirn unterscheidet zwischen:</p> <ul> <li><strong>Spezialisten: Domänen-spezifische Netzwerke</strong> (hochspezialisiert, z. B. für Sprache oder Gedächtnis; Zuständig für exakte Aufgaben wie Phonologie (Sprachklang), Semantik (Bedeutung) oder Motorik).</li> <li><strong>Generalisten: Domänen-übergreifende Netzwerke</strong> (Generalisten für Aufmerksamkeit und kognitive Kontrolle, z.B. <em>Multiple-Demand Network</em> oder Teile des <em>Default Mode Network</em>.).</li> </ul> <p>Die These lautet: Fällt ein Spezialist aus, können die Generalisten einspringen und die kognitive Last mittragen. Fällt jedoch das „Management“ (die Generalisten) aus, können die Spezialisten diesen Verlust nicht ausgleichen. Diese Erkenntnis rückt u.a. die kognitiven Kontrollfunktionen ins Zentrum unseres Verständnisses von Resilienz [1].</p> <p>Das Modell besagt:</p> <ul> <li><strong>Generalisten helfen Spezialisten:</strong> Wenn ein spezialisiertes Sprachareal (z. B. für Wortbedeutung) gestört wird, fährt das Gehirn die Aktivität der generellen Kontrollnetzwerke hoch. Das „Management“ greift ein, um die operative Ebene zu stützen.</li> <li><strong>Spezialisten können Generalisten <em>nicht</em> helfen:</strong> Das ist der entscheidende Punkt. Wenn die Netzwerke für kognitive Kontrolle selbst gestört sind, können die Sprachareale diesen Ausfall nicht kompensieren. Ein Sprachzentrum kann sich nicht plötzlich um „Aufmerksamkeit“ kümmern.</li> </ul> <div><figure><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 683px) 100vw, 683px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-3-683x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-3-683x1024.jpg 683w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-3-200x300.jpg 200w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-3-768x1152.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-3-1024x1536.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-3-1365x2048.jpg 1365w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-3-scaled.jpg 1707w" width="683"></img></figure><div> <p>Diese „Einbahnstraße“ der Plastizität erklärt, warum Störungen der Exekutivfunktionen (Planen, Entscheiden, Fokussieren) oft so verheerend für die Gesamtleistung des Gehirns sind: Sie sind das Sicherheitsnetz für alle anderen Funktionen.</p> <p>Bildquelle: <a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/stillleben-mit-menschlichem-gehirn_49639595.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=24&amp;uuid=2f13eb87-2c9a-4ced-9b1d-f27c893ee20e&amp;query=Gehirn+flexibilit%C3%A4t">Bild von freepik</a></p> </div></div> <h3 id="h-hoffnungstrager-bei-schlaganfallen-warum-sprache-mehr-als-nur-sprechen-ist"><strong>Hoffnungsträger bei Schlaganfällen: Warum „Sprache“ mehr als nur Sprechen ist</strong></h3> <p>Diese Theorie hat weitreichende Konsequenzen für die klinische Praxis, insbesondere für das Verständnis und die Therapie von Schlaganfällen. Ein Schlaganfall zerstört oft fokale Knotenpunkte in spezialisierten Netzwerken, was beispielsweise zu einer Aphasie (Sprachstörung) führen kann. Die klassische Lehrmeinung konzentrierte sich darauf, wie das Hirn versucht, das zerstörte Sprachareal zu „reparieren“ oder die entsprechende Region in der anderen Hirnhälfte zu aktivieren. Die neue Netzwerk-Perspektive zeigt jedoch ein komplexeres Bild:</p> <ul> <li><strong>Rekrutierung von Generalisten:</strong> Nach einer Läsion im Sprachnetzwerk werden verstärkt Areale aktiviert, die eigentlich für kognitive Kontrolle und Aufmerksamkeit zuständig sind. Das Gehirn versucht, das spezifische Defizit durch allgemeine Ressourcen auszugleichen [5].</li> <li><strong>Prognostischer Wert:</strong> Der Zustand dieser domänen-übergreifenden Fähigkeiten (z. B. Aufmerksamkeit, exekutive Funktionen) ist ein starker Prädiktor dafür ist, wie gut sich ein Patient von einer Aphasie erholt [5].</li> <li><strong>Therapeutische Konsequenz:</strong> Eine erfolgreiche Rehabilitation sollte sich möglicherweise nicht nur auf das sprachliche Defizit fokussieren, sondern auch gezielt diese allgemeinen kognitiven Kontrollfunktionen stärken. Wenn das „Backup-System“ (die Generalisten) gestärkt wird, kann das spezialisierte Netzwerk besser unterstützt werden.</li> </ul> <h3 id="h-kognitive-degeneracy-viele-wege-fuhren-zum-ziel">Kognitive Degeneracy: Viele Wege führen zum Ziel</h3> <p>Ein weiterer faszinierender Aspekt, den Hartwigsen unter Berufung auf Arbeiten von Noppeney und Price beschreibt, ist das Konzept der „Cognitive Degeneracy“ [6, 7]. In der Biologie bedeutet Degeneracy (nicht zu verwechseln mit Degeneration), dass unterschiedliche Strukturen dieselbe Funktion erfüllen können [7].</p> <p>Ein Beispiel aus der Praxis: Wenn Sie das Bild einer Katze sehen und das Wort „Katze“ nicht finden können, weil der direkte semantische Weg blockiert ist, nutzt Ihr Gehirn vielleicht visuelle Assoziationen oder episodische Erinnerungen („Das Tier, das ich gestern gestreichelt habe“), um die Antwort zu generieren. Das Gehirn wechselt also die Strategie und nutzt alternative Pfade. Das Verständnis dieser alternativen Routen ist essenziell, um Patienten beizubringen, wie sie ihre Defizite umgehen können.</p> <h2 id="h-ausblick-was-bedeutet-das-fur-das-alternde-gehirn">Ausblick: Was bedeutet das für das alternde Gehirn?</h2> <p>Diese Flexibilität ist nicht nur im Krankheitsfall relevant, sondern auch im normalen Alterungsprozess. Ältere Menschen zeigen bei Aufgaben oft eine stärkere bilaterale Aktivierung (beide Hirnhälften) als jüngere. Dies wird im HAROLD-Modell (Hemispheric Asymmetry Reduction in Older Adults) beschrieben [8]. Was früher oft als Unschärfe oder Effizienzverlust gedeutet wurde, sehen wir nun als aktive Kompensation: Da die spezialisierten Netzwerke im Alter an Schärfe verlieren, rekrutiert das Gehirn proaktiv die domänen-übergreifenden Ressourcen auch in der anderen Hirnhälfte, um das Leistungsniveau zu halten.</p> <h2 id="h-fazit-flexibilitat-als-schlusselkompetenz-des-gehirns"><strong>Fazit: Flexibilität als Schlüsselkompetenz des Gehirns</strong></h2> <p>Die aktuelle Studienlage zeigt uns, dass wir kognitive Funktionen nicht isoliert betrachten dürfen. Die Fähigkeit unseres Gehirns, „funktionelle Gewichte“ blitzschnell neu zu verteilen – sei es innerhalb eines Netzwerks oder durch Hinzuziehen domänen-übergreifender Ressourcen –, ist der Schlüssel zu unserer geistigen Widerstandsfähigkeit.</p> <p>Für die Wissenschaft bedeutet dies: Wir müssen weg von der Frage „Wo sitzt die Funktion?“ hin zu „Wie interagieren die Netzwerke miteinander?“. Für den Patienten bedeutet es Hoffnung: Das Gehirn verfügt über mächtige, unspezifische Reserven, die aktiviert und trainiert werden können, um spezifische Ausfälle zu kompensieren.</p> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ol> <li>Hartwigsen, G. (2018). Flexible redistribution in cognitive networks. <em>Trends in Cognitive Sciences, 22</em>(8), 687–698. <a href="https://doi.org/10.1016/j.tics.2018.05.008" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.tics.2018.05.008</a></li> <li>Binder, J. R., Desai, R. H., Graves, W. W., &amp; Conant, L. L. (2009). Where is the semantic system? A critical review and meta-analysis of 120 functional neuroimaging studies. <em>Cerebral Cortex, 19</em>(12), 2767–2796. <a href="https://doi.org/10.1093/cercor/bhp055" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1093/cercor/bhp055</a></li> <li>Yeo, B. T. T., Krienen, F. M., Sepulcre, J., Sabuncu, M. R., Lashkari, D., Hollinshead, M., … &amp; Buckner, R. L. (2011). The organization of the human cerebral cortex estimated by intrinsic functional connectivity. <em>Journal of Neurophysiology, 106</em>(3), 1125–1165. <a href="https://doi.org/10.1152/jn.00338.2011" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1152/jn.00338.2011</a></li> <li>Duncan, J. (2010). The multiple-demand (MD) system of the primate brain: Mental programs for intelligent behaviour. <em>Trends in Cognitive Sciences, 14</em>(4), 172–179. <a href="https://doi.org/10.1016/j.tics.2010.01.004" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.tics.2010.01.004</a></li> <li>Saur, D., Lange, R., Baumgaertner, A., Schraknepper, V., Willmes, K., Rijntjes, M., &amp; Weiller, C. (2006). Dynamics of language reorganization after stroke. <em>Brain, 129</em>(6), 1371–1384. <a href="https://doi.org/10.1093/brain/awl090" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1093/brain/awl090</a></li> <li>Noppeney, U., Friston, K. J., &amp; Price, C. J. (2004). Degenerate neuronal systems sustaining cognitive functions. <em>Journal of Anatomy, 205</em>(6), 433–442. <a href="https://doi.org/10.1111/j.0021-8782.2004.00343.x" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1111/j.0021-8782.2004.00343.x</a></li> <li>Price, C. J., &amp; Friston, K. J. (2002). Degeneracy and cognitive anatomy. <em>Trends in cognitive sciences</em>, <em>6</em>(10), 416–421. <a href="https://doi.org/10.1016/s1364-6613(02)01976-9">https://doi.org/10.1016/s1364-6613(02)01976-9</a></li> <li>Cabeza, R. (2002). Hemispheric asymmetry reduction in older adults: The HAROLD model. <em>Psychology and Aging, 17</em>(1), 85–100. <a href="https://doi.org/10.1037/0882-7974.17.1.85" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1037/0882-7974.17.1.85</a></li> </ol> <p>Beitragsbild: <a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/draufsicht-holzstuecke-und-papiergehirn_25629277.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=3&amp;uuid=2f13eb87-2c9a-4ced-9b1d-f27c893ee20e&amp;query=Gehirn+flexibilit%C3%A4t">Bild von freepik</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/flexibles-gehirn-kompensationsmechanismen-kognitiver-netzwerke/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Verschwörungsdenken und Antisemitismus in der extremen Rechten und darüber hinaus https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/verschwoerungsdenken-und-antisemitismus-in-der-extremen-rechten-und-darueber-hinaus/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/verschwoerungsdenken-und-antisemitismus-in-der-extremen-rechten-und-darueber-hinaus/#comments Fri, 12 Dec 2025 14:05:18 +0000 Elke Rajal und Nikolai Schreiter https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=363 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280-768x1144.jpg Drei Erdmännchen stehen im Kreis und wirken konspirativ. https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/verschwoerungsdenken-und-antisemitismus-in-der-extremen-rechten-und-darueber-hinaus/ <h1>Verschwörungsdenken und Antisemitismus in der extremen Rechten und darüber hinaus » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Elke Rajal und Nikolai Schreiter</h2><div itemprop="text"> <p><em>Verschwörungsdenken und Antisemitismus hängen eng zusammen. Auch in den Krisendiskursen der extremen Rechten der vergangen rund zehn Jahre zeigt sich, wie sie zusammenspielen. Ein Einblick in aktuelle Forschung zu projektiv-paranoiden Gedankenwelten, ihren grundlegenden Funktionsweisen und ihren politischen Erscheinungsformen.</em></p> <p>Der Antisemitismus ist <em>die </em>Verschwörungsideologie par excellence: Egal worum es geht, dahinter stehen die Juden. Versinnbildlicht in der Vorstellung einer ‚jüdischen Weltverschwörung‘ ist sie für jene, die sich entschieden haben daran zu glauben, so unwiderlegbar wie tatsächlich wahnhaft: Jeder Hinweis, Beweis oder Anhaltspunkt, dass die Welt <em>nicht </em>grundlegendvon einer kleinen Elite im Verborgenen gesteuert wird, könnte ja von den Verschwörer:innen gezielt platziert worden sein, um von der Verschwörung abzulenken. Dies ist nicht nur ein Zirkelschluss, sondern auch ein Paradebeispiel dafür, was Max Horkheimer und  Theodor W. Adorno eine pathische Projektion nannten: Wie in einem geschlossenen System kann nur mehr wahrgenommen werden, was als Prämisse die eigene Sicht auf die Welt bereits grundlegend prägt. Social Media und Messaging-Apps machen es zudem besonders leicht, sich nur mehr mit Informationen zu konfrontieren, die das eigene Weltbild bestätigen, doch rechtsextreme Lebenswelten waren auch zuvor bereits stark geschlossen. So könnte man die Bude einer deutschnationalen Burschenschaft als die Echokammer schlechthin bezeichnen.</p> <p>Von diesen Grundlagen ausgehend untersuchen wir in unserem Forschungsprojekt die Kommunikation der extremen Rechten in Bayern auf antisemitische Verschwörungserzählungen in der „Fluchtkrise“ der Jahre 2015/16, der Corona-Krise, der Klimakrise und in der Krise infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine. Dabei beziehen wir neuere als auch seit längerem bestehende Gruppierungen und Medien in die Analyse mit ein. Anhand einiger Beispiele aus diesem laufenden Forschungsprozess illustrieren wir im Folgenden das Verschwörungsdenken in der extremen Rechten, seine Funktionen und die dadurch entstehenden Anschlussfähigkeiten antisemitischer Denkweisen für breitere gesellschaftliche Milieus.</p> <p><strong>‚Vermischung‘ und ‚Beherrschung‘ der ‚Völker‘ und Menschen</strong></p> <p>Ein Beispiel aus dem Kontext einer besonders traditionsreichen Vereinigung stammt aus „Mensch und Maß“, der Zeitschrift des im bayerischen Tutzing beheimateten „Bundes für Deutsche Gotterkenntnis“. Im Frühling 2016 beschreibt man dort unter dem Titel „Strategie und Taktik der Menschheitsgleichmacher“ den „Bevölkerungsaustausch“, die in der extremen Rechten derzeit wohl die am breitesten geteilte antisemitische <em>und </em>rassistische Verschwörungserzählung. Zuerst geht es im Artikel kryptisch um Personen, die eine „künstliche[..] Einheitswelt ohne Grenzen“ – eine „One World“ – einrichten wollten, dann beschwört man offen rassistisch, dass diese eine „Masse von Hominiden gleicher Farbe und minderer Intelligenzquotienten“ erschaffen würden. Die angeblich bevorstehende Zerstörung (völkischer) Identität wird den „Globalisierern“ zugeschrieben. Ihr zersetzendes Ziel verfolgen sie in der Erzählung über Flüchtlingsströme, die sie angeblich steuern. Als Antwort auf die Frage, wer den entstehenden „unförmigen Rasseneinheitsbrei“, der sich in Deutschland bilde, regieren solle, werden die üblichen antisemitischen Chiffren genannt: die „Weltfinanz an der Wall Street“, die „Rothschilds“, George Soros usw. Für die, die es noch immer nicht verstanden haben, wird nochmal „ganz einfach ‚die Juden‘“ nachgesetzt. Migrationsphänomene sind in dieser Erzählung von den jüdischen Verschwörern und ihren Handlangern geplant und gezielt eingesetzt, um Deutschland zu schaden.<aside></aside></p> <p>So offen antisemitisch zeigt sich das Verschwörungsdenken allerdings nicht immer: Der ‚alternative Fernsehsender‘ AUF1 etwa behauptete im April 2023, „Globalisten“ wollten „mit transhumanistischen Plänen den Menschen ‚überwinden‘“ und eine „‚Gesundheits‘-Diktatur“ einrichten. Dazu seien „der Corona-Ausnahmezustand und die erzwungenen Spritzen“ lediglich der Anfang gewesen, das Ziel sei es nun, „den Menschen unter dem Vorwand des ‚Klimaschutzes‘ jegliche Freiheit“ zu nehmen. Anders als beim vorherigen Beispiel wird hier nicht offen ausgesprochen, dass „Globalisten“ eine Chiffre für „die Juden“ ist. Die antisemitische Denkstruktur der Verschwörung wird dennoch deutlich: Der Artikel macht gleichzeitig Werbung für einen „AUF1-Abend zum Thema Globalismus“, der „aktuelle Bedrohungs-Szenarien wie Great Reset, Gesundheits-Ausnahmezustand, Ukraine-Krieg, Bevölkerungsaustausch und Transhumanismus“ behandeln soll. Es gehe nämlich aktuell „für die Globalisten um alles“ und in ihrer vermeintlichen Verschwörung gegen die Menschheit gingen sie deshalb „mit entsprechender Härte gegen die Völker vor“.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280.jpg"><img alt="Drei Erdmännchen stehen im Kreis und wirken konspirativ." decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 687px) 100vw, 687px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280-687x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280-687x1024.jpg 687w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280-201x300.jpg 201w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280-768x1144.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280.jpg 859w" width="687"></img></a><figcaption>Auffällig ist, dass selten eine Verschwörung von Erdmännchen imaginiert wird. Stattdessen landet man stets bei ‚den Juden‘. (c) pixabay</figcaption></figure> <p><strong>Von der Metakrise zur Schuldzuweisung</strong></p> <p>In solchen Diskursen, die sich nicht nur auf eine Krise beziehen, sondern jede Krise lediglich als „Symptom“ einer Metakrise verstehen und alles unter der Prämisse verhandeln, dass es böse Mächte gäbe, die die Deutschen, die Familie oder gleich die ganze Menschheit bedrohten, wird das antisemitische Verschwörungsdenken besonders deutlich. Die Metakrise entstehe aus einem einzigen Grund – der Verschwörung der „bösen Mächte“ – und zeige sich dann in verschiedenen Bereichen. Eine derartige Rahmung von Krisen begünstigt einfache Schuldzuweisungen, kann sich graduell verdichten und zu immer hermetischeren verschwörungsideologischen Narrativen führen, bis hin zur Vorstellung einer „jüdischen Weltverschwörung“. Bezugnahmen auf eine solche finden sich auch in der extremen Rechten nach 1945 häufig in Andeutungen, in ironischem Ton oder in Form von rhetorischen Fragen und nicht offen.</p> <p>Verschwörungserzählungen mit ihrer Tendenz zum Antisemitismus erfüllen dabei psychische Funktionen über die extreme Rechte hinaus und bieten jederzeit, auf jeder Ebene und zu jedem auch neuen Thema den Einstieg und gleichzeitig die Erklärung an. Dies konnte man beispielsweise auch nach dem Massaker der Hamas und verbündeter Terrorbanden an der israelischen Zivilbevölkerung am 7. Oktober 2023 sehen: Das eine ist die naheliegende Frage, warum es der Hamas gelang, dieses genozidale Pogrom zu begehen. AUF1 aber fragte nicht nach dem wie oder dem warum, sondern nach dem „wer“, eine in der Tendenz bereits verschwörungsideologisch eingefärbte Frage: „Wem nützt das Blutbad in Israel wirklich?“ Mit dem Artikel „Jetzt bewiesen: Der Überfall der Hamas war gewollt“ im Compact-Magazin schließt sich dann der antisemitische Kreis über die ‚bösen Absichten‘. Darin wird über ein Buch berichtet, das die „Mitverantwortung israelischer Geheimdienst- und Sicherheitskreise beim Hamas-Überfall am 7. Oktober“ beweise.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Mindmap-Verschwoerungsbegriffe.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Mindmap-Verschwoerungsbegriffe.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Mindmap-Verschwoerungsbegriffe.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Mindmap-Verschwoerungsbegriffe-300x300.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Mindmap-Verschwoerungsbegriffe-150x150.jpeg 150w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Mindmap-Verschwoerungsbegriffe-768x768.jpeg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Das Dickicht der verschwörungsideologischen Begriffe der extremen Rechten.</figcaption></figure> <p><strong>Der spektrenübergreifende Reiz des Verschwörungsdenkens</strong></p> <p>Das Denken in Verschwörungen ist integraler Teil des Rechtsextremismus. Es ist aber auch darüber hinaus attraktiv, weil die komplexe, kontingente, in sich widersprüchliche und meist unbefriedigende Realität verzerrt zum kausalen Ergebnis der Machenschaften der immergleichen ‚Bösen‘ erklärt wird. Durch die ungeheure Macht, die diesen Feindbildern zugeschrieben wird, ist man selbst machtlos und aus der Verantwortung entlassen, kann sich aber kritisch und auf der Seite der Guten, der Wissenden und der Aufdecker wähnen. Davon fühlen sich nicht nur extrem Rechte angezogen, wie sich etwa im verschwörungsideologischen Antisemitismus aus einigen linken und sich progressiv verstehenden Milieus seit dem 7. Oktober zeigte.</p> <p><strong>Weiterführende Literatur:</strong></p> <p>Heil, Johannes (2006). „Gottesfeinde“ – „Menschenfeinde“. Die Vorstellung von jüdischer Weltverschwörung (13. bis 16. Jahrhundert) (1. Aufl). Klartext.</p> <p>Kirchhoff, Christine (2021). „Das Gerücht über die Juden“ – Zur (Psycho-)Analyse von Antisemitismus und Verschwörungsideologie. In: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (Hg.), Wissen schafft Demokratie. Schwerpunkt Antisemitismus (8. Aufl., S. 104–115). Amadeu Antonio Stiftung. https://doi.org/10.19222/202101/09 </p> <p>Nocun, Katharina &amp; Lamberty, Pia (2021). Fake Facts: Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen. Quadriga.</p> <p>Rajal, Elke (2025). ‚Schuldkult‘ und ‚German Guilt‘. Rechte und linke Abwehr durch Projektion im Kontext des 7. Oktobers. In: Grigat, Stephan &amp; Stögner, Karin (Hg.): Projektiver Antizionismus. Antisemitismus gegen Israel vor und nach dem 7. Oktober (S. 179–200). Nomos. <a href="https://doi.org/10.5771/9783748965787-153">https://doi.org/10.5771/9783748965787-153</a></p> <p>Rensmann, Lars (2025).<em> </em>Politischer Antisemitismus im postfaktischen Zeitalter. Formen und Ursachen in Demokratien des 21. Jahrhunderts. Nomos.</p> <p>Schreiter, Nikolai &amp; Rensmann, Lars (2025). Die radikale Rechte in Deutschland nach dem 7. Oktober. Ein Beispiel des politischen Antisemitismus im postfaktischen Zeitalter. In: Grigat, Stephan &amp; Stögner, Karin (Hg.): Projektiver Antizionismus. Antisemitismus gegen Israel vor und nach dem 7. Oktober (S. 153–178). Nomos. <a href="https://doi.org/10.5771/9783748965787-153">https://doi.org/10.5771/9783748965787-153</a></p> <p>Stögner, Karin &amp; Bischof, Karin (2018). International high finance against the nation? Antisemitism and nationalism in Austrian print media debates on the economic crisis. Journal of Language and Politics, 17(3), S. 428–446. <a href="https://doi.org/10.1075/jlp.16040.sto">https://doi.org/10.1075/jlp.16040.sto</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Verschwörungsdenken und Antisemitismus in der extremen Rechten und darüber hinaus » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Elke Rajal und Nikolai Schreiter</h2><div itemprop="text"> <p><em>Verschwörungsdenken und Antisemitismus hängen eng zusammen. Auch in den Krisendiskursen der extremen Rechten der vergangen rund zehn Jahre zeigt sich, wie sie zusammenspielen. Ein Einblick in aktuelle Forschung zu projektiv-paranoiden Gedankenwelten, ihren grundlegenden Funktionsweisen und ihren politischen Erscheinungsformen.</em></p> <p>Der Antisemitismus ist <em>die </em>Verschwörungsideologie par excellence: Egal worum es geht, dahinter stehen die Juden. Versinnbildlicht in der Vorstellung einer ‚jüdischen Weltverschwörung‘ ist sie für jene, die sich entschieden haben daran zu glauben, so unwiderlegbar wie tatsächlich wahnhaft: Jeder Hinweis, Beweis oder Anhaltspunkt, dass die Welt <em>nicht </em>grundlegendvon einer kleinen Elite im Verborgenen gesteuert wird, könnte ja von den Verschwörer:innen gezielt platziert worden sein, um von der Verschwörung abzulenken. Dies ist nicht nur ein Zirkelschluss, sondern auch ein Paradebeispiel dafür, was Max Horkheimer und  Theodor W. Adorno eine pathische Projektion nannten: Wie in einem geschlossenen System kann nur mehr wahrgenommen werden, was als Prämisse die eigene Sicht auf die Welt bereits grundlegend prägt. Social Media und Messaging-Apps machen es zudem besonders leicht, sich nur mehr mit Informationen zu konfrontieren, die das eigene Weltbild bestätigen, doch rechtsextreme Lebenswelten waren auch zuvor bereits stark geschlossen. So könnte man die Bude einer deutschnationalen Burschenschaft als die Echokammer schlechthin bezeichnen.</p> <p>Von diesen Grundlagen ausgehend untersuchen wir in unserem Forschungsprojekt die Kommunikation der extremen Rechten in Bayern auf antisemitische Verschwörungserzählungen in der „Fluchtkrise“ der Jahre 2015/16, der Corona-Krise, der Klimakrise und in der Krise infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine. Dabei beziehen wir neuere als auch seit längerem bestehende Gruppierungen und Medien in die Analyse mit ein. Anhand einiger Beispiele aus diesem laufenden Forschungsprozess illustrieren wir im Folgenden das Verschwörungsdenken in der extremen Rechten, seine Funktionen und die dadurch entstehenden Anschlussfähigkeiten antisemitischer Denkweisen für breitere gesellschaftliche Milieus.</p> <p><strong>‚Vermischung‘ und ‚Beherrschung‘ der ‚Völker‘ und Menschen</strong></p> <p>Ein Beispiel aus dem Kontext einer besonders traditionsreichen Vereinigung stammt aus „Mensch und Maß“, der Zeitschrift des im bayerischen Tutzing beheimateten „Bundes für Deutsche Gotterkenntnis“. Im Frühling 2016 beschreibt man dort unter dem Titel „Strategie und Taktik der Menschheitsgleichmacher“ den „Bevölkerungsaustausch“, die in der extremen Rechten derzeit wohl die am breitesten geteilte antisemitische <em>und </em>rassistische Verschwörungserzählung. Zuerst geht es im Artikel kryptisch um Personen, die eine „künstliche[..] Einheitswelt ohne Grenzen“ – eine „One World“ – einrichten wollten, dann beschwört man offen rassistisch, dass diese eine „Masse von Hominiden gleicher Farbe und minderer Intelligenzquotienten“ erschaffen würden. Die angeblich bevorstehende Zerstörung (völkischer) Identität wird den „Globalisierern“ zugeschrieben. Ihr zersetzendes Ziel verfolgen sie in der Erzählung über Flüchtlingsströme, die sie angeblich steuern. Als Antwort auf die Frage, wer den entstehenden „unförmigen Rasseneinheitsbrei“, der sich in Deutschland bilde, regieren solle, werden die üblichen antisemitischen Chiffren genannt: die „Weltfinanz an der Wall Street“, die „Rothschilds“, George Soros usw. Für die, die es noch immer nicht verstanden haben, wird nochmal „ganz einfach ‚die Juden‘“ nachgesetzt. Migrationsphänomene sind in dieser Erzählung von den jüdischen Verschwörern und ihren Handlangern geplant und gezielt eingesetzt, um Deutschland zu schaden.<aside></aside></p> <p>So offen antisemitisch zeigt sich das Verschwörungsdenken allerdings nicht immer: Der ‚alternative Fernsehsender‘ AUF1 etwa behauptete im April 2023, „Globalisten“ wollten „mit transhumanistischen Plänen den Menschen ‚überwinden‘“ und eine „‚Gesundheits‘-Diktatur“ einrichten. Dazu seien „der Corona-Ausnahmezustand und die erzwungenen Spritzen“ lediglich der Anfang gewesen, das Ziel sei es nun, „den Menschen unter dem Vorwand des ‚Klimaschutzes‘ jegliche Freiheit“ zu nehmen. Anders als beim vorherigen Beispiel wird hier nicht offen ausgesprochen, dass „Globalisten“ eine Chiffre für „die Juden“ ist. Die antisemitische Denkstruktur der Verschwörung wird dennoch deutlich: Der Artikel macht gleichzeitig Werbung für einen „AUF1-Abend zum Thema Globalismus“, der „aktuelle Bedrohungs-Szenarien wie Great Reset, Gesundheits-Ausnahmezustand, Ukraine-Krieg, Bevölkerungsaustausch und Transhumanismus“ behandeln soll. Es gehe nämlich aktuell „für die Globalisten um alles“ und in ihrer vermeintlichen Verschwörung gegen die Menschheit gingen sie deshalb „mit entsprechender Härte gegen die Völker vor“.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280.jpg"><img alt="Drei Erdmännchen stehen im Kreis und wirken konspirativ." decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 687px) 100vw, 687px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280-687x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280-687x1024.jpg 687w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280-201x300.jpg 201w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280-768x1144.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280.jpg 859w" width="687"></img></a><figcaption>Auffällig ist, dass selten eine Verschwörung von Erdmännchen imaginiert wird. Stattdessen landet man stets bei ‚den Juden‘. (c) pixabay</figcaption></figure> <p><strong>Von der Metakrise zur Schuldzuweisung</strong></p> <p>In solchen Diskursen, die sich nicht nur auf eine Krise beziehen, sondern jede Krise lediglich als „Symptom“ einer Metakrise verstehen und alles unter der Prämisse verhandeln, dass es böse Mächte gäbe, die die Deutschen, die Familie oder gleich die ganze Menschheit bedrohten, wird das antisemitische Verschwörungsdenken besonders deutlich. Die Metakrise entstehe aus einem einzigen Grund – der Verschwörung der „bösen Mächte“ – und zeige sich dann in verschiedenen Bereichen. Eine derartige Rahmung von Krisen begünstigt einfache Schuldzuweisungen, kann sich graduell verdichten und zu immer hermetischeren verschwörungsideologischen Narrativen führen, bis hin zur Vorstellung einer „jüdischen Weltverschwörung“. Bezugnahmen auf eine solche finden sich auch in der extremen Rechten nach 1945 häufig in Andeutungen, in ironischem Ton oder in Form von rhetorischen Fragen und nicht offen.</p> <p>Verschwörungserzählungen mit ihrer Tendenz zum Antisemitismus erfüllen dabei psychische Funktionen über die extreme Rechte hinaus und bieten jederzeit, auf jeder Ebene und zu jedem auch neuen Thema den Einstieg und gleichzeitig die Erklärung an. Dies konnte man beispielsweise auch nach dem Massaker der Hamas und verbündeter Terrorbanden an der israelischen Zivilbevölkerung am 7. Oktober 2023 sehen: Das eine ist die naheliegende Frage, warum es der Hamas gelang, dieses genozidale Pogrom zu begehen. AUF1 aber fragte nicht nach dem wie oder dem warum, sondern nach dem „wer“, eine in der Tendenz bereits verschwörungsideologisch eingefärbte Frage: „Wem nützt das Blutbad in Israel wirklich?“ Mit dem Artikel „Jetzt bewiesen: Der Überfall der Hamas war gewollt“ im Compact-Magazin schließt sich dann der antisemitische Kreis über die ‚bösen Absichten‘. Darin wird über ein Buch berichtet, das die „Mitverantwortung israelischer Geheimdienst- und Sicherheitskreise beim Hamas-Überfall am 7. Oktober“ beweise.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Mindmap-Verschwoerungsbegriffe.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Mindmap-Verschwoerungsbegriffe.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Mindmap-Verschwoerungsbegriffe.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Mindmap-Verschwoerungsbegriffe-300x300.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Mindmap-Verschwoerungsbegriffe-150x150.jpeg 150w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Mindmap-Verschwoerungsbegriffe-768x768.jpeg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Das Dickicht der verschwörungsideologischen Begriffe der extremen Rechten.</figcaption></figure> <p><strong>Der spektrenübergreifende Reiz des Verschwörungsdenkens</strong></p> <p>Das Denken in Verschwörungen ist integraler Teil des Rechtsextremismus. Es ist aber auch darüber hinaus attraktiv, weil die komplexe, kontingente, in sich widersprüchliche und meist unbefriedigende Realität verzerrt zum kausalen Ergebnis der Machenschaften der immergleichen ‚Bösen‘ erklärt wird. Durch die ungeheure Macht, die diesen Feindbildern zugeschrieben wird, ist man selbst machtlos und aus der Verantwortung entlassen, kann sich aber kritisch und auf der Seite der Guten, der Wissenden und der Aufdecker wähnen. Davon fühlen sich nicht nur extrem Rechte angezogen, wie sich etwa im verschwörungsideologischen Antisemitismus aus einigen linken und sich progressiv verstehenden Milieus seit dem 7. Oktober zeigte.</p> <p><strong>Weiterführende Literatur:</strong></p> <p>Heil, Johannes (2006). „Gottesfeinde“ – „Menschenfeinde“. Die Vorstellung von jüdischer Weltverschwörung (13. bis 16. Jahrhundert) (1. Aufl). Klartext.</p> <p>Kirchhoff, Christine (2021). „Das Gerücht über die Juden“ – Zur (Psycho-)Analyse von Antisemitismus und Verschwörungsideologie. In: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (Hg.), Wissen schafft Demokratie. Schwerpunkt Antisemitismus (8. Aufl., S. 104–115). Amadeu Antonio Stiftung. https://doi.org/10.19222/202101/09 </p> <p>Nocun, Katharina &amp; Lamberty, Pia (2021). Fake Facts: Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen. Quadriga.</p> <p>Rajal, Elke (2025). ‚Schuldkult‘ und ‚German Guilt‘. Rechte und linke Abwehr durch Projektion im Kontext des 7. Oktobers. In: Grigat, Stephan &amp; Stögner, Karin (Hg.): Projektiver Antizionismus. Antisemitismus gegen Israel vor und nach dem 7. Oktober (S. 179–200). Nomos. <a href="https://doi.org/10.5771/9783748965787-153">https://doi.org/10.5771/9783748965787-153</a></p> <p>Rensmann, Lars (2025).<em> </em>Politischer Antisemitismus im postfaktischen Zeitalter. Formen und Ursachen in Demokratien des 21. Jahrhunderts. Nomos.</p> <p>Schreiter, Nikolai &amp; Rensmann, Lars (2025). Die radikale Rechte in Deutschland nach dem 7. Oktober. Ein Beispiel des politischen Antisemitismus im postfaktischen Zeitalter. In: Grigat, Stephan &amp; Stögner, Karin (Hg.): Projektiver Antizionismus. Antisemitismus gegen Israel vor und nach dem 7. Oktober (S. 153–178). Nomos. <a href="https://doi.org/10.5771/9783748965787-153">https://doi.org/10.5771/9783748965787-153</a></p> <p>Stögner, Karin &amp; Bischof, Karin (2018). International high finance against the nation? Antisemitism and nationalism in Austrian print media debates on the economic crisis. Journal of Language and Politics, 17(3), S. 428–446. <a href="https://doi.org/10.1075/jlp.16040.sto">https://doi.org/10.1075/jlp.16040.sto</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/verschwoerungsdenken-und-antisemitismus-in-der-extremen-rechten-und-darueber-hinaus/#comments 6 Arbeitskreise des Lebens – Metabolische Netze als Modulierende Musterräume des Menschen https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/die-arbeitskreise-des-lebens-metabolische-netze-als-modulierende-musterraeume-des-menschen/ https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/die-arbeitskreise-des-lebens-metabolische-netze-als-modulierende-musterraeume-des-menschen/#comments Fri, 12 Dec 2025 13:47:58 +0000 Dominic Blitz https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/?p=4129 https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/drei-kreise-matrizen-2-768x432.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/die-arbeitskreise-des-lebens-metabolische-netze-als-modulierende-musterraeume-des-menschen/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/drei-kreise-matrizen-2.jpg" /><h1>Arbeitskreise des Lebens - Metabolische Netze als Modulierende Musterräume des Menschen » Tensornetz » SciLogs</h1><h2>By Dominic Blitz</h2><div> <tbody> <tr> <td> <p>Arbeitskreise des Menschen: Die Beziehung zu sich, zu anderen Menschen und der Natur, erfährt der Mensch in seinen Kopf-Körper-Umwelt-Arbeitskreisen</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><em>Alles Gescheite ist schon gedacht worden, man muss nur versuchen, es noch einmal zu denken. Der Mensch ist nicht bloß ein denkendes, er ist zugleich ein empfindendes Wesen. Er ist ein Ganzes, eine Einheit vielfacher, innig verbundener Kräfte, und zu diesem Ganzen des Menschen muss das Kunstwerk sprechen: Wie Natur im Vielgebilde einen Gott nun offenbart, so im weiten Kunstgefilde webt ein Sinn der ewgen Art,</em> Wolfgang von Goethe, Natur-Forscher</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><em>Wenn ein Axon der Zelle A der Zelle B so nahe ist, dass es sie erregt, und wenn es sie wiederholt und ständig stimuliert, dann findet in einem oder beiden Fällen ein Wachstum und Stoffwechsel statt, wodurch sich das Potenzial von A als eine B stimulierende Zelle erhöht, Donald Hebb,</em> Neurowissenschaftler</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Die Mühlräder des Lebens</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Jeder von Ihnen hat sicherlich das Wort “Netz” schon einmal gehört und ist damit in Verbindung getreten. Seien es Spinnennetze, Fischernetze oder gar Moskitonetze. Wenn wir als Menschen Trauer oder Verlust eines anderen Menschen erleben, erfahren wir Trost in unseren sozialen Auffangnetzen von Familie und Freunden. Vor kurzem sah ich mir einen alten Agentenfilm, James Bond – 007 jagt Dr. No an. In diesem Film wurde ein Flugzeug samt Waffenbestückung Unterwasser unsichtbar geparkt. Raten Sie einmal, was man dem Jet als eine Tarnung überstülpte?<aside></aside></p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Die Welt der Netze</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Wir sehen Netze zudem als analoge und digitale Verbindungen zu uns, zu anderen Menschen und auch Dingen. So dienen Netze als Telefon- oder Computernetze als Kommunikation und Interfaces zu Maschinen, andererseits in modernen Netz-Organisationen sogar als Integrationsvehikel für Menschen. </p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Das Gehirn als kontinuierlicher Musterraum des Menschen</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Unser Gehirn vernetzt uns dabei ständig intern und extern als ein komplex modulierender Musterraum nicht nur beim menschlichen Verhalten, sondern auch zu Vorhersagen. Wir Menschen bauen so Weltmodelle zur kognitiven Weltprädiktion. Und das hat wiederum mit Netzen und auch deren Metabolismus (Stoffwechsel) zu tun, so z.B. in der Praxis, psycho-neuronal-immunologisch und auch hormonell. Das heißt biochemisch, elektrisch und biophysikalisch. Ob Freude oder Störungen der Epigenetik der Außenwelt, alles formt, prägt und graviert sich zellulär in uns ein. Das ist real und macht unsere Lebensqualität aus. Angst oder Freude. Leid oder Liebe. Auch Liebe ist eine Art Musterraum, in der Menschen gemeinsam modulieren und musizieren können.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Überall um uns herum Netze</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Ob Baye’sche Netze oder Boole’sche Funktionen; Ob Netzwerktheorie in den Beziehungen zu den Menschen oder bei Planungen im Projektmanagement der Netzplantechnik Mensch-Maschinen-Objektsteuerung. Wir nutzen Netze. Ob beim Einkauf und Versand von Ware gegen Geld nutzen wir Containernetze und globale Finanzmarktnetze. Ganz konkret am Bankautomaten auch Giralgeld Netze. Etwas speziellere Netze finden wir beim Schmidt’schen Netz in den Lagekugelmodellen von Geo-Datenmengen oder dem Wulff’schen Netzen stereoskopischer Projektionen.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Was macht eine interessante Geschichte aus?</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Vor Tagen war ich auf einer Krimi-Lesung und dachte an unser obiges Zitat von Donald Hebb aus seinem Werk The Organization of Behaviour. Und zwar in dem Sinne, dass es nicht nur auf die Geschichte ankommt, sondern wie spannend und erregend die Geschichte erzählt wird und auf uns wirkt!</p> </td> </tr> <tr> <td> <p>So ist sowohl der Inhalt als auch die Stärke der erzählten Geschichte auf unsere Wechselwirkungen der Nerventätigkeiten als ein Gesamtergebnis hochgradig relevant. Die Kreativität, die schöpferische Kraft, die sich mit entsprechenden Wirkungen gegenseitig aufschaukelt, ist hierbei ausschlaggebend. Sie hängt von den Fähigkeiten der Elemente, deren Eigenschaften und funktionierenden Faktoren ab!</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Was macht eine Interessante Organisation aus?</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Schauen wir auf Gleichungen in Organisationen, so hängt die Gesamtstärke eines Unternehmens und deren Thema an Personen, Prozessen und auch an Prinzipien (nicht Werten). Das ist wie bei Geschichten. Es ist abhängig von den Menschen; ihren Eigenschaften und der Funktionen der Elemente darin.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Ankopplung und Verkopplung</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Konsequenterweise kommen wir dann zu den Kopplungsfunktionen, die in Organismen und neuronalen Netzen von Gehirnen vonstattengehen und darin eine hochgradig entscheidende Rolle spielen. Es ist in der Biologie und Neurobiologie dann ähnlich wie in der einfachen Physik eines Eisenbahnwaggons oder Containers: Passiert diese Ankopplung des Neurons mit Synapsen oder eines Waggons oder Containers an der Bahn nicht, bleiben wir stehen, bleibt der Container mit seiner geladenen Fracht stecken. Es passiert nichts. Das Gegenteil von Ankopplung ist also Entkopplung, De-Coupling. De-Coupling führt zu Dekohärenz und Desintegration in Gruppen, Geschäften bis zu ganzen Gesellschaften. Koppeln sich die Waggons jedoch gegenseitig an, so kann eine ganze Bahnlinie, ein Bahnnetz entstehen. </p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Intelligence und Assembly Networks</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Reden wir von amerikanischen Wort Intelligence, so ist die Bedeutung dazu “Information”. So sitzt diese Information auch beim Menschen nicht in einer einzigen Zelle, auf der Zellebene, sondern die Information liegt zwischen den Zellen. Erst über eine Ankopplung kommt die Information in den Regelkreis. Nehmen wir einen Produktionsbetrieb, eine Fabrik, wobei ein Paket auf das Fließband als Format von Informationsübertragung, Informationsbereitstellung und Informationsverwandlung gestellt wird. Als ein Ensemble/Assembly (ähnlich wie Kandels Principles of Neural Science nun als großartiges “Production Assembly Network”. Aber auch hier passiert das nicht von selbst, sondern sollte aktiv in die Netzsysteme hinein organisiert werden. Dann ist die Frage, “wer geht hier voraus, wer ist hier ein Vorbild? Diese Informationen anderen Menschen bereitzustellen, damit sie produktiv in Regelkreisen arbeiten können.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Anschlüsse und Weiterleitungen</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Wenn wir hier von Netzmodulationen und Netzkonfigurationen reden, dann sind also gerade Netzkopplungen in Menschen und den Unternehmen relevant. Egal ob Gehirn-Musterräume, die zu Neuronen-Synapsen-Gliazellen-Informationsströmungen führen oder eben Assembly Networks in Unternehmen. Es geht bei den Organismen immer um Ankopplungen für Leben, Information und Ordnung. Noch besser wären neben Ankopplungen auch Weiterleitungen und Anschlussfähigkeiten. Sei es im Gehirn als Referenznetz, in Gruppen, Gremien oder in Organisationen. Die Biologie und unser Gehirn mit der Neurobiologie ist hierin ein großartiges Vorbild für musterentstehende Komplexitätsreduktionen. Komplexitätsreduktion über Musterbildung. Machen Sie das im Unternehmen schon?  Haben Sie die Personen, Prinzipien und Prozesse dazu? Wenn nicht, möchten Sie diese dann nicht innehaben und bei den Menschen und später den Maschinen einsetzen?</p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Interessant in dieser Kultur und Kontext ist hierbei auch der Unterschied von serieller und paralleler Verarbeitung vom Gehirn zum Körper bis zum Verhalten und Vorhersage. Kümmern wir uns um unseren Kopf und Körper, also der Neurowissenschaft, Genetik, Epigenetik und Immunologie, so geht es um vielfache Nerven-Netze und deren Prozesse und Systeme, die kaskadenartig gleichzeitig steuern und regeln. Und das mit permanent reverbierenden Rückwärts- und Vorwärtskopplungen. Ein Vergleich der Biologie gegenüber der Technologie wirkt dann oft primitiv und einfach, weil in Technik häufig seriell und additiv -und nicht wie im Kopf und Körper des Menschen parallel, selbstorganisiert und distributiv- gearbeitet wird. Was wir an Maschinen und Computern lieben, ist der zuverlässige Speicher und die zügigen Abtastraten in der Suche und Zusammenstellung von Technologie-Automationen.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Bionik und Kybernetik</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Die Disziplin und das Wissenschaftsfach, welches biologische Prozesse, Systeme und Strukturen immer wieder versuchte zu simulieren, nachzueifern und nachzubauen, nennt sich Bionik. Die Kybernetik hat in der Abgrenzung dazu die Aufgabe, die entsprechenden Regelkreise -ob in Menschen oder Maschinen- mit Feedback entsprechend zu regeln und zu steuern. Ähnlich wie dies Servo-Mechanismen, Flugabwehrsysteme, oder gar heute vermaschte Regelkreis-Raketensysteme übernehmen. Auch hier spielen Netzmuster selbst in der Technologie eine entscheidende Rolle. Es geht um Aktionen und Reaktionen, es geht um Fehlerkorrekturen und Latenz, ähnlich wie bei der Biologie und Physiologie.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Serielle und parallele Quanten-Formprozesse von Text und Bild im Geist des Menschen</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Lassen Sie uns einmal eine Prozessverarbeitung an einem Textbeispiel gegenüber eines Bildbeispiels anschauen. So liest der Mensch den Text eines Buches oder Website seriell und sequenziell aus. Das dauert seine Zeit. Beim Auslesen eines Bildes ist das ein zügig, weil parallel verlaufender Systemprozess. Einerseits arbeiten die Bilder bei uns im Kopf analog stufenlos, auto-assoziativ und auch autotroph. So z.B. auf den unterschiedlichen Blob-Bahnen. Andererseits deuten Vordenker wie Roger Penrose ein quantisiertes Denken an. Drittens wirken Bilder und Symbole über unsere Sprache, Kultur, Wirtschaft, Politik und Kontinente weit hinaus. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Passende Metapher-Bilder sind in der Tat zu Texten nicht immer einfach zu finden. </p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Referenzen in der Kunst</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Wo finden wir heute immer noch Schönheit in der Kunst? Wir finden sie z.B. bei einer Römischen Pieta Michelangelos oder Antonio Gaudi Sagrada Familia. Schauen Sie sich selbst die Werke dazu an.  Erzählende Bilder und lebendige Strukturen erzeugen in einzelnen Menschen, in Menschengruppen bis hin zu ganzen Gesellschaften massive Interferenzen und Stoffwechsel-Resonanzen. Das Wort Resonanz kommt dabei aus der Physik und kommt von “resonieren” (schwingen). Das heißt eine Geschichte kann schwingen und in uns Menschen weiter schwingen.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Der Name der Rose</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Ähnlich wie die Geschichte <em>Der Name der Rose </em>von Umberto Eco, die vernetzte Rose als Ikone und Rätsel im Netz-der-Netzsysteme! Durchdenken Sie bitte selbst eine vernetze Rose -mit ihren Blüten zum Licht und Himmel, mit den Stacheln gegen Feinde, und mit den Wurzeln überall hin -zu einem ganzheitlich verbundenen Meer der Rosen. </p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Geschichten, Geschichten, Geschichten</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Wir merken uns insbesondere dann Geschichten und Bilder als Symbole sehr gut, wenn sie für uns neu, kreativ und mit unserer eigenen Biografie zu tun haben. So kommen wir wieder zum Anfang von Goethes Zitaten und Hebbs Neuronen-Netzen als großen Arbeitskreis des Menschen.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Was soll all das bedeuten? Zwischen Wissenschaft, Technologie und Kunst existieren Musterräume. Netze und deren Stoffwechsel erschaffen, gestalten und erhalten modulierende Musterräume. Sei es in der Natur, der Natur des Menschen oder in Maschinen. Wir halten hier Gottes Schlüssel zum Schloss des Lebens in unseren Händen. </p> </td> </tr> </tbody> </div><p>Comment: Autor: G2G123: This is the type of content that stays useful over time. The structure, clarity, and focus make it a great resource to revisit.</p><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/drei-kreise-matrizen-2.jpg" /><h1>Arbeitskreise des Lebens - Metabolische Netze als Modulierende Musterräume des Menschen » Tensornetz » SciLogs</h1><h2>By Dominic Blitz</h2><div> <tbody> <tr> <td> <p>Arbeitskreise des Menschen: Die Beziehung zu sich, zu anderen Menschen und der Natur, erfährt der Mensch in seinen Kopf-Körper-Umwelt-Arbeitskreisen</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><em>Alles Gescheite ist schon gedacht worden, man muss nur versuchen, es noch einmal zu denken. Der Mensch ist nicht bloß ein denkendes, er ist zugleich ein empfindendes Wesen. Er ist ein Ganzes, eine Einheit vielfacher, innig verbundener Kräfte, und zu diesem Ganzen des Menschen muss das Kunstwerk sprechen: Wie Natur im Vielgebilde einen Gott nun offenbart, so im weiten Kunstgefilde webt ein Sinn der ewgen Art,</em> Wolfgang von Goethe, Natur-Forscher</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><em>Wenn ein Axon der Zelle A der Zelle B so nahe ist, dass es sie erregt, und wenn es sie wiederholt und ständig stimuliert, dann findet in einem oder beiden Fällen ein Wachstum und Stoffwechsel statt, wodurch sich das Potenzial von A als eine B stimulierende Zelle erhöht, Donald Hebb,</em> Neurowissenschaftler</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Die Mühlräder des Lebens</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Jeder von Ihnen hat sicherlich das Wort “Netz” schon einmal gehört und ist damit in Verbindung getreten. Seien es Spinnennetze, Fischernetze oder gar Moskitonetze. Wenn wir als Menschen Trauer oder Verlust eines anderen Menschen erleben, erfahren wir Trost in unseren sozialen Auffangnetzen von Familie und Freunden. Vor kurzem sah ich mir einen alten Agentenfilm, James Bond – 007 jagt Dr. No an. In diesem Film wurde ein Flugzeug samt Waffenbestückung Unterwasser unsichtbar geparkt. Raten Sie einmal, was man dem Jet als eine Tarnung überstülpte?<aside></aside></p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Die Welt der Netze</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Wir sehen Netze zudem als analoge und digitale Verbindungen zu uns, zu anderen Menschen und auch Dingen. So dienen Netze als Telefon- oder Computernetze als Kommunikation und Interfaces zu Maschinen, andererseits in modernen Netz-Organisationen sogar als Integrationsvehikel für Menschen. </p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Das Gehirn als kontinuierlicher Musterraum des Menschen</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Unser Gehirn vernetzt uns dabei ständig intern und extern als ein komplex modulierender Musterraum nicht nur beim menschlichen Verhalten, sondern auch zu Vorhersagen. Wir Menschen bauen so Weltmodelle zur kognitiven Weltprädiktion. Und das hat wiederum mit Netzen und auch deren Metabolismus (Stoffwechsel) zu tun, so z.B. in der Praxis, psycho-neuronal-immunologisch und auch hormonell. Das heißt biochemisch, elektrisch und biophysikalisch. Ob Freude oder Störungen der Epigenetik der Außenwelt, alles formt, prägt und graviert sich zellulär in uns ein. Das ist real und macht unsere Lebensqualität aus. Angst oder Freude. Leid oder Liebe. Auch Liebe ist eine Art Musterraum, in der Menschen gemeinsam modulieren und musizieren können.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Überall um uns herum Netze</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Ob Baye’sche Netze oder Boole’sche Funktionen; Ob Netzwerktheorie in den Beziehungen zu den Menschen oder bei Planungen im Projektmanagement der Netzplantechnik Mensch-Maschinen-Objektsteuerung. Wir nutzen Netze. Ob beim Einkauf und Versand von Ware gegen Geld nutzen wir Containernetze und globale Finanzmarktnetze. Ganz konkret am Bankautomaten auch Giralgeld Netze. Etwas speziellere Netze finden wir beim Schmidt’schen Netz in den Lagekugelmodellen von Geo-Datenmengen oder dem Wulff’schen Netzen stereoskopischer Projektionen.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Was macht eine interessante Geschichte aus?</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Vor Tagen war ich auf einer Krimi-Lesung und dachte an unser obiges Zitat von Donald Hebb aus seinem Werk The Organization of Behaviour. Und zwar in dem Sinne, dass es nicht nur auf die Geschichte ankommt, sondern wie spannend und erregend die Geschichte erzählt wird und auf uns wirkt!</p> </td> </tr> <tr> <td> <p>So ist sowohl der Inhalt als auch die Stärke der erzählten Geschichte auf unsere Wechselwirkungen der Nerventätigkeiten als ein Gesamtergebnis hochgradig relevant. Die Kreativität, die schöpferische Kraft, die sich mit entsprechenden Wirkungen gegenseitig aufschaukelt, ist hierbei ausschlaggebend. Sie hängt von den Fähigkeiten der Elemente, deren Eigenschaften und funktionierenden Faktoren ab!</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Was macht eine Interessante Organisation aus?</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Schauen wir auf Gleichungen in Organisationen, so hängt die Gesamtstärke eines Unternehmens und deren Thema an Personen, Prozessen und auch an Prinzipien (nicht Werten). Das ist wie bei Geschichten. Es ist abhängig von den Menschen; ihren Eigenschaften und der Funktionen der Elemente darin.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Ankopplung und Verkopplung</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Konsequenterweise kommen wir dann zu den Kopplungsfunktionen, die in Organismen und neuronalen Netzen von Gehirnen vonstattengehen und darin eine hochgradig entscheidende Rolle spielen. Es ist in der Biologie und Neurobiologie dann ähnlich wie in der einfachen Physik eines Eisenbahnwaggons oder Containers: Passiert diese Ankopplung des Neurons mit Synapsen oder eines Waggons oder Containers an der Bahn nicht, bleiben wir stehen, bleibt der Container mit seiner geladenen Fracht stecken. Es passiert nichts. Das Gegenteil von Ankopplung ist also Entkopplung, De-Coupling. De-Coupling führt zu Dekohärenz und Desintegration in Gruppen, Geschäften bis zu ganzen Gesellschaften. Koppeln sich die Waggons jedoch gegenseitig an, so kann eine ganze Bahnlinie, ein Bahnnetz entstehen. </p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Intelligence und Assembly Networks</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Reden wir von amerikanischen Wort Intelligence, so ist die Bedeutung dazu “Information”. So sitzt diese Information auch beim Menschen nicht in einer einzigen Zelle, auf der Zellebene, sondern die Information liegt zwischen den Zellen. Erst über eine Ankopplung kommt die Information in den Regelkreis. Nehmen wir einen Produktionsbetrieb, eine Fabrik, wobei ein Paket auf das Fließband als Format von Informationsübertragung, Informationsbereitstellung und Informationsverwandlung gestellt wird. Als ein Ensemble/Assembly (ähnlich wie Kandels Principles of Neural Science nun als großartiges “Production Assembly Network”. Aber auch hier passiert das nicht von selbst, sondern sollte aktiv in die Netzsysteme hinein organisiert werden. Dann ist die Frage, “wer geht hier voraus, wer ist hier ein Vorbild? Diese Informationen anderen Menschen bereitzustellen, damit sie produktiv in Regelkreisen arbeiten können.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Anschlüsse und Weiterleitungen</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Wenn wir hier von Netzmodulationen und Netzkonfigurationen reden, dann sind also gerade Netzkopplungen in Menschen und den Unternehmen relevant. Egal ob Gehirn-Musterräume, die zu Neuronen-Synapsen-Gliazellen-Informationsströmungen führen oder eben Assembly Networks in Unternehmen. Es geht bei den Organismen immer um Ankopplungen für Leben, Information und Ordnung. Noch besser wären neben Ankopplungen auch Weiterleitungen und Anschlussfähigkeiten. Sei es im Gehirn als Referenznetz, in Gruppen, Gremien oder in Organisationen. Die Biologie und unser Gehirn mit der Neurobiologie ist hierin ein großartiges Vorbild für musterentstehende Komplexitätsreduktionen. Komplexitätsreduktion über Musterbildung. Machen Sie das im Unternehmen schon?  Haben Sie die Personen, Prinzipien und Prozesse dazu? Wenn nicht, möchten Sie diese dann nicht innehaben und bei den Menschen und später den Maschinen einsetzen?</p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Interessant in dieser Kultur und Kontext ist hierbei auch der Unterschied von serieller und paralleler Verarbeitung vom Gehirn zum Körper bis zum Verhalten und Vorhersage. Kümmern wir uns um unseren Kopf und Körper, also der Neurowissenschaft, Genetik, Epigenetik und Immunologie, so geht es um vielfache Nerven-Netze und deren Prozesse und Systeme, die kaskadenartig gleichzeitig steuern und regeln. Und das mit permanent reverbierenden Rückwärts- und Vorwärtskopplungen. Ein Vergleich der Biologie gegenüber der Technologie wirkt dann oft primitiv und einfach, weil in Technik häufig seriell und additiv -und nicht wie im Kopf und Körper des Menschen parallel, selbstorganisiert und distributiv- gearbeitet wird. Was wir an Maschinen und Computern lieben, ist der zuverlässige Speicher und die zügigen Abtastraten in der Suche und Zusammenstellung von Technologie-Automationen.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Bionik und Kybernetik</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Die Disziplin und das Wissenschaftsfach, welches biologische Prozesse, Systeme und Strukturen immer wieder versuchte zu simulieren, nachzueifern und nachzubauen, nennt sich Bionik. Die Kybernetik hat in der Abgrenzung dazu die Aufgabe, die entsprechenden Regelkreise -ob in Menschen oder Maschinen- mit Feedback entsprechend zu regeln und zu steuern. Ähnlich wie dies Servo-Mechanismen, Flugabwehrsysteme, oder gar heute vermaschte Regelkreis-Raketensysteme übernehmen. Auch hier spielen Netzmuster selbst in der Technologie eine entscheidende Rolle. Es geht um Aktionen und Reaktionen, es geht um Fehlerkorrekturen und Latenz, ähnlich wie bei der Biologie und Physiologie.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Serielle und parallele Quanten-Formprozesse von Text und Bild im Geist des Menschen</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Lassen Sie uns einmal eine Prozessverarbeitung an einem Textbeispiel gegenüber eines Bildbeispiels anschauen. So liest der Mensch den Text eines Buches oder Website seriell und sequenziell aus. Das dauert seine Zeit. Beim Auslesen eines Bildes ist das ein zügig, weil parallel verlaufender Systemprozess. Einerseits arbeiten die Bilder bei uns im Kopf analog stufenlos, auto-assoziativ und auch autotroph. So z.B. auf den unterschiedlichen Blob-Bahnen. Andererseits deuten Vordenker wie Roger Penrose ein quantisiertes Denken an. Drittens wirken Bilder und Symbole über unsere Sprache, Kultur, Wirtschaft, Politik und Kontinente weit hinaus. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Passende Metapher-Bilder sind in der Tat zu Texten nicht immer einfach zu finden. </p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Referenzen in der Kunst</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Wo finden wir heute immer noch Schönheit in der Kunst? Wir finden sie z.B. bei einer Römischen Pieta Michelangelos oder Antonio Gaudi Sagrada Familia. Schauen Sie sich selbst die Werke dazu an.  Erzählende Bilder und lebendige Strukturen erzeugen in einzelnen Menschen, in Menschengruppen bis hin zu ganzen Gesellschaften massive Interferenzen und Stoffwechsel-Resonanzen. Das Wort Resonanz kommt dabei aus der Physik und kommt von “resonieren” (schwingen). Das heißt eine Geschichte kann schwingen und in uns Menschen weiter schwingen.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Der Name der Rose</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Ähnlich wie die Geschichte <em>Der Name der Rose </em>von Umberto Eco, die vernetzte Rose als Ikone und Rätsel im Netz-der-Netzsysteme! Durchdenken Sie bitte selbst eine vernetze Rose -mit ihren Blüten zum Licht und Himmel, mit den Stacheln gegen Feinde, und mit den Wurzeln überall hin -zu einem ganzheitlich verbundenen Meer der Rosen. </p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Geschichten, Geschichten, Geschichten</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Wir merken uns insbesondere dann Geschichten und Bilder als Symbole sehr gut, wenn sie für uns neu, kreativ und mit unserer eigenen Biografie zu tun haben. So kommen wir wieder zum Anfang von Goethes Zitaten und Hebbs Neuronen-Netzen als großen Arbeitskreis des Menschen.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Was soll all das bedeuten? Zwischen Wissenschaft, Technologie und Kunst existieren Musterräume. Netze und deren Stoffwechsel erschaffen, gestalten und erhalten modulierende Musterräume. Sei es in der Natur, der Natur des Menschen oder in Maschinen. Wir halten hier Gottes Schlüssel zum Schloss des Lebens in unseren Händen. </p> </td> </tr> </tbody> </div><p>Comment: Autor: G2G123: This is the type of content that stays useful over time. The structure, clarity, and focus make it a great resource to revisit.</p><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/die-arbeitskreise-des-lebens-metabolische-netze-als-modulierende-musterraeume-des-menschen/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>4</slash:comments> </item> <item> <title>25 Jahre Berliner Chancen: Was lange währt, wird gut? https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/25-jahre-berliner-chancen/ https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/25-jahre-berliner-chancen/#respond Fri, 12 Dec 2025 08:27:50 +0000 René Krempkow https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/?p=1920 <h1>25 Jahre Berliner Chancen: Was lange währt, wird gut? » Über das Wissenschaftssystem » SciLogs</h1><h2>By René Krempkow</h2><div itemprop="text"> <p>Das Berliner Chancengleichheitsprogramm (BCP) fördert die Chancengleichheit für Frauen in Forschung und Lehre. Es hat sich seit seiner Einführung vor 25 Jahren durch den Berliner Senat zu einem wichtigen Steuerungsinstrument an den Berliner Hochschulen entwickelt. Genug Zeit also, um eine Bilanz zu ziehen und trotz oder auch gerade wegen der höchsten Frauenanteile an Professuren von allen Bundesländern und damit verbundener Vorreiterrolle über (Weiterentwicklungs-)Perspektiven nachzudenken. Unter dem dazu passenden Motto „Bilanz und Perspektiven“ wurden am 5.12.2025 bei der <a href="https://www.bcp-tagung.de/">Tagung an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) anlässlich des 25-jährigen Bestehens</a> die Ergebnisse einer Evaluation des BCP präsentiert sowie in Workshops, einer Podiumsdiskussion sowie in einem Ausblick auf die nächste Förderperiode über Weiterentwicklungen diskutiert.</p> <h2>Zeit, Bilanz zu ziehen </h2> <p>Welchen Stellenwert die Tagung hatte, wurde auch durch den Redebeitrag von Dr. Ina Czyborra deutlich, Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege, die aus gesundheitlichen Gründen durch Staatssekretär Henry Marx vertreten wurde. Highlights der Veranstaltung waren die Eröffnung der <a href="https://www.bmftr.bund.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/2025/09/1609-vernissage-versauemte-bilder.html">Ausstellung „Versäumte Bilder – Wissenschaftlerinnen und Pionierinnen sichtbar machen“ mit Bildern von Gesine Born</a> im Foyer des Hauptgebäudes der HU, die Vorstellung von BCP-geförderten Wissenschaftlerinnen und Künstlerinnen sowie die Prädikatsverleihung „Gleichstellungsstarke Hochschule“ durch Carolin Schumacher (BMFTR), Dr. Sandra Lewalter (SenASGIVA) und Dr. Julia Landgraf (SenWGP) an die HTW, die FU und die TU Berlin. Nachdenklich stimmte hierbei, dass Vertreter:innen der Hochschulen sich nicht nur für die Auszeichnung bedankten, sondern zugleich in Dankesreden deutlich auch auf Herausforderungen hinwiesen und vor Rückschritten warnten, gerade angesichts aktuell anstehender finanzieller Kürzungen.</p> <h2>Dank mit Warnungen</h2> <p>Dies kann man durchaus auch als eine Steilvorlage sehen, um auf die Ergebnisse der Evaluation des BCP und die daraus abgeleiteten Weiterentwicklungen zu sprechen zu kommen: Kurz zusammengefasst kann man aufgrund der Ergebnispräsentation durch Dr. Florian Berger, Fiona Bauer und Lisa-Marie Steinkampf (<a href="https://technopolis-group.com">Technopolis Group</a>) sagen: Die auf Befragungen der (ehemaligen) Geförderten, Interviews mit Hochschulangehörigen und Dokumentenanalysen basierenden Evaluationsergebnisse bekräftigen einerseits die im Unterschied zu anderen Bundesländern große Vielfalt der Förderansätze. Andererseits wird insbesondere eine stärkere Ausrichtung auf planbare Stellenformate (wie unbefristete Professuren oder zumindest mit Tenure Track) und eine stärkere strukturelle Verankerung empfohlen, sowie die weitere Stärkung der Vernetzungsmöglichkeiten der Geförderten.</p> <h2>Im Unterschied zu anderen Bundesländern große Vielfalt</h2> <p>Besonders interessant im Sinne einer Wirkungsanalyse ist angesichts der Ziele der Förderung bei gleichzeitig schwierigen Rahmenbedingungen auch der berufliche Verbleib der Geförderten: 60% der Geförderten sind zum Zeitpunkt der Befragung (Mitte 2025) in der Wissenschaft tätig, davon 40 Prozent auf einer Professur (d.h. 24% der Geförderten haben weitestgehende wissenschaftliche Unabhängigkeit erreicht). Der größere „Rest“ derjenigen die in der Wissenschaft blieben, ist im Wissenschaftsmanagement tätig, wie Berger auf Nachfrage aus dem Publikum erläuterte. Da <a href="https://www.researchgate.net/publication/375693111_Berufsfeld_Wissenschaftsmanagement">Angehörige des Wissenschaftsmanagements ganz überwiegend auf unbefristeten Stellen</a> arbeiten, kann dies ebenfalls als förderzieladäquat gelten – zumal sich bereits seit mehreren Jahren aufgrund der Arbeitsbedingungen nur noch eine Minderheit der <a href="https://buwik.de/">„Wissenschaftler:innen in frühen Karrierestufen“ in Deutschland</a> (WiK) insgesamt für einen Verbleib in der Akademia und von diesen (auch angesichts der geringen Erfolgswahrscheinlichkeit) nur eine Minderheit für die Professur entscheiden mag.</p> <h2>Nur eine Minderheit für einen Verbleib in der Akademia</h2> <p>Dies ist auch vor dem Hintergrund (im wahrsten Sinne des Wortes 😉) der diversen Zusammensetzung der Geförderten zu betrachten: Demnach ist Migrationshintergrund (1/3) unter den BCP-Geförderten häufiger als für WiK in Deutschland insgesamt (28%, leider nur für Promovierende und nicht für Postdocs u.ä. berichtet, sonst wäre der Unterschied wohl deutlicher angesichts einstelliger Anteile auf international besetzten Professuren), <a href="https://www.researchgate.net/publication/365714898_Welche_Chancen_haben_Migrantenkinder">was empirischen Studien zufolge einen Verbleib in der Akademia eher unwahrscheinlicher macht</a>. Bildungsherkunft Erstakademiker:in ist sogar deutlich häufiger (1/3) als in Deutschland insgesamt (16% der Promovierenden). Leider liegen bislang Zahlen für Geschlecht, Migration und Erstakademiker:innen nur jeweils separat und nur für Deutschland insgesamt, sowie nur bis zur Promotion vor. Für Berlin wie auch für Deutschland insgesamt liegen keine Zahlen dazu vor, welche Chancen nicht nur Frauen an sich, sondern in Kombination – also intersektional – betrachtet Frauen mit Erstakademiker:in- und/oder Migrationshintergrund auf eine Professur haben. Dies solle man aber künftig endlich wissen, wie in einem Publikumskommentar zur Podiumsdiskussion gefordert wurde.<aside></aside></p> <h2>Stärker intersektionale Betrachtung gefordert</h2> <p>Überhaupt wurden in der Podiumsdiskussion z.T. deutliche Worte gefunden, so u.a. von der Leiterin des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM), Prof. Dr. Naika Foroutan, die nicht nur ein künftig stärkeres Augenmerk auf eine intersektionale Betrachtung forderte. Vielmehr forderte sie dies auch für die z.T. vorhandenen weiteren Ausschlussmechanismen wie z.B. für die im Schnitt deutlich schlechtere schulische Leistungsbewertungen erreichenden Jungen, angesichts von z.B. für ein Psychologiestudium vielerorts geforderten 1,0-Abiturnoten. Ähnlich argumentierte hierzu Dr. Arn Sauer, Vorstand der Bundestiftung Gleichstellung, der auch ein stärkeres Augenmerk auf Frauen mir (körperlichen) Einschränkungen forderte.</p> <h2>Perspektiven des BCP</h2> <p>Was sind aber nun die Perspektiven des BCP? Im Ausblick auf die künftige Förderung wurde durch Micha Klapp, Staatsekretärin für Arbeit und Gleichstellung, dies – wenngleich die Planung der neuen Förderperiode „besonders herausfordernd“ sei – zumindest grob umrissen: Demnach sei insbesondere die beabsichtigte Gegenfinanzierung für vorgezogene Neuberufungen auch ab 2027 sichergestellt. Die befristeten Professuren sollen als „im Regelfall mit Tenure Track etabliert“ werden, es sollen „kooperative Promotionen an HAW mit Universitäten außerhalb Berlins bei der Förderung berücksichtigt“ werden und last but not least: „Intersektionalität soll künftig eine bedeutsame Rolle spielen“, wobei „auch weiterhin die strukturellen Benachteiligungen der Frauen im Vordergrund stehen werden“.</p> <h2>Fazit</h2> <p>Insgesamt kann dies daher nicht nur als eine gelungene Tagung mit spannenden Diskussionen gelten, sondern zugleich als ein Beispiel dafür, wie – im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten – Evaluationsergebnisse bei der empirisch informierten Planung einer neuen Förderperiode berücksichtigt werden können.</p> <p>Weitere Infos zur Tagung finden sich auf der <a href="https://www.bcp-tagung.de/">Tagungswebsite</a>, zum BCP auf der <a href="https://www.berlin.de/sen/frauen/arbeit/wissenschaft-und-forschung/berliner-programm/">BCP-Webseite</a>.</p> <p>________________</p> <p>Transparenzhinweis: Der Verfasser wirkte als Mitglied des Expert:innenbeirats zur Evaluation des BCP an der Konzeption der Evaluation mit, war jedoch an der Erstellung des Evaluationsberichtes nicht beteiligt. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>25 Jahre Berliner Chancen: Was lange währt, wird gut? » Über das Wissenschaftssystem » SciLogs</h1><h2>By René Krempkow</h2><div itemprop="text"> <p>Das Berliner Chancengleichheitsprogramm (BCP) fördert die Chancengleichheit für Frauen in Forschung und Lehre. Es hat sich seit seiner Einführung vor 25 Jahren durch den Berliner Senat zu einem wichtigen Steuerungsinstrument an den Berliner Hochschulen entwickelt. Genug Zeit also, um eine Bilanz zu ziehen und trotz oder auch gerade wegen der höchsten Frauenanteile an Professuren von allen Bundesländern und damit verbundener Vorreiterrolle über (Weiterentwicklungs-)Perspektiven nachzudenken. Unter dem dazu passenden Motto „Bilanz und Perspektiven“ wurden am 5.12.2025 bei der <a href="https://www.bcp-tagung.de/">Tagung an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) anlässlich des 25-jährigen Bestehens</a> die Ergebnisse einer Evaluation des BCP präsentiert sowie in Workshops, einer Podiumsdiskussion sowie in einem Ausblick auf die nächste Förderperiode über Weiterentwicklungen diskutiert.</p> <h2>Zeit, Bilanz zu ziehen </h2> <p>Welchen Stellenwert die Tagung hatte, wurde auch durch den Redebeitrag von Dr. Ina Czyborra deutlich, Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege, die aus gesundheitlichen Gründen durch Staatssekretär Henry Marx vertreten wurde. Highlights der Veranstaltung waren die Eröffnung der <a href="https://www.bmftr.bund.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/2025/09/1609-vernissage-versauemte-bilder.html">Ausstellung „Versäumte Bilder – Wissenschaftlerinnen und Pionierinnen sichtbar machen“ mit Bildern von Gesine Born</a> im Foyer des Hauptgebäudes der HU, die Vorstellung von BCP-geförderten Wissenschaftlerinnen und Künstlerinnen sowie die Prädikatsverleihung „Gleichstellungsstarke Hochschule“ durch Carolin Schumacher (BMFTR), Dr. Sandra Lewalter (SenASGIVA) und Dr. Julia Landgraf (SenWGP) an die HTW, die FU und die TU Berlin. Nachdenklich stimmte hierbei, dass Vertreter:innen der Hochschulen sich nicht nur für die Auszeichnung bedankten, sondern zugleich in Dankesreden deutlich auch auf Herausforderungen hinwiesen und vor Rückschritten warnten, gerade angesichts aktuell anstehender finanzieller Kürzungen.</p> <h2>Dank mit Warnungen</h2> <p>Dies kann man durchaus auch als eine Steilvorlage sehen, um auf die Ergebnisse der Evaluation des BCP und die daraus abgeleiteten Weiterentwicklungen zu sprechen zu kommen: Kurz zusammengefasst kann man aufgrund der Ergebnispräsentation durch Dr. Florian Berger, Fiona Bauer und Lisa-Marie Steinkampf (<a href="https://technopolis-group.com">Technopolis Group</a>) sagen: Die auf Befragungen der (ehemaligen) Geförderten, Interviews mit Hochschulangehörigen und Dokumentenanalysen basierenden Evaluationsergebnisse bekräftigen einerseits die im Unterschied zu anderen Bundesländern große Vielfalt der Förderansätze. Andererseits wird insbesondere eine stärkere Ausrichtung auf planbare Stellenformate (wie unbefristete Professuren oder zumindest mit Tenure Track) und eine stärkere strukturelle Verankerung empfohlen, sowie die weitere Stärkung der Vernetzungsmöglichkeiten der Geförderten.</p> <h2>Im Unterschied zu anderen Bundesländern große Vielfalt</h2> <p>Besonders interessant im Sinne einer Wirkungsanalyse ist angesichts der Ziele der Förderung bei gleichzeitig schwierigen Rahmenbedingungen auch der berufliche Verbleib der Geförderten: 60% der Geförderten sind zum Zeitpunkt der Befragung (Mitte 2025) in der Wissenschaft tätig, davon 40 Prozent auf einer Professur (d.h. 24% der Geförderten haben weitestgehende wissenschaftliche Unabhängigkeit erreicht). Der größere „Rest“ derjenigen die in der Wissenschaft blieben, ist im Wissenschaftsmanagement tätig, wie Berger auf Nachfrage aus dem Publikum erläuterte. Da <a href="https://www.researchgate.net/publication/375693111_Berufsfeld_Wissenschaftsmanagement">Angehörige des Wissenschaftsmanagements ganz überwiegend auf unbefristeten Stellen</a> arbeiten, kann dies ebenfalls als förderzieladäquat gelten – zumal sich bereits seit mehreren Jahren aufgrund der Arbeitsbedingungen nur noch eine Minderheit der <a href="https://buwik.de/">„Wissenschaftler:innen in frühen Karrierestufen“ in Deutschland</a> (WiK) insgesamt für einen Verbleib in der Akademia und von diesen (auch angesichts der geringen Erfolgswahrscheinlichkeit) nur eine Minderheit für die Professur entscheiden mag.</p> <h2>Nur eine Minderheit für einen Verbleib in der Akademia</h2> <p>Dies ist auch vor dem Hintergrund (im wahrsten Sinne des Wortes 😉) der diversen Zusammensetzung der Geförderten zu betrachten: Demnach ist Migrationshintergrund (1/3) unter den BCP-Geförderten häufiger als für WiK in Deutschland insgesamt (28%, leider nur für Promovierende und nicht für Postdocs u.ä. berichtet, sonst wäre der Unterschied wohl deutlicher angesichts einstelliger Anteile auf international besetzten Professuren), <a href="https://www.researchgate.net/publication/365714898_Welche_Chancen_haben_Migrantenkinder">was empirischen Studien zufolge einen Verbleib in der Akademia eher unwahrscheinlicher macht</a>. Bildungsherkunft Erstakademiker:in ist sogar deutlich häufiger (1/3) als in Deutschland insgesamt (16% der Promovierenden). Leider liegen bislang Zahlen für Geschlecht, Migration und Erstakademiker:innen nur jeweils separat und nur für Deutschland insgesamt, sowie nur bis zur Promotion vor. Für Berlin wie auch für Deutschland insgesamt liegen keine Zahlen dazu vor, welche Chancen nicht nur Frauen an sich, sondern in Kombination – also intersektional – betrachtet Frauen mit Erstakademiker:in- und/oder Migrationshintergrund auf eine Professur haben. Dies solle man aber künftig endlich wissen, wie in einem Publikumskommentar zur Podiumsdiskussion gefordert wurde.<aside></aside></p> <h2>Stärker intersektionale Betrachtung gefordert</h2> <p>Überhaupt wurden in der Podiumsdiskussion z.T. deutliche Worte gefunden, so u.a. von der Leiterin des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM), Prof. Dr. Naika Foroutan, die nicht nur ein künftig stärkeres Augenmerk auf eine intersektionale Betrachtung forderte. Vielmehr forderte sie dies auch für die z.T. vorhandenen weiteren Ausschlussmechanismen wie z.B. für die im Schnitt deutlich schlechtere schulische Leistungsbewertungen erreichenden Jungen, angesichts von z.B. für ein Psychologiestudium vielerorts geforderten 1,0-Abiturnoten. Ähnlich argumentierte hierzu Dr. Arn Sauer, Vorstand der Bundestiftung Gleichstellung, der auch ein stärkeres Augenmerk auf Frauen mir (körperlichen) Einschränkungen forderte.</p> <h2>Perspektiven des BCP</h2> <p>Was sind aber nun die Perspektiven des BCP? Im Ausblick auf die künftige Förderung wurde durch Micha Klapp, Staatsekretärin für Arbeit und Gleichstellung, dies – wenngleich die Planung der neuen Förderperiode „besonders herausfordernd“ sei – zumindest grob umrissen: Demnach sei insbesondere die beabsichtigte Gegenfinanzierung für vorgezogene Neuberufungen auch ab 2027 sichergestellt. Die befristeten Professuren sollen als „im Regelfall mit Tenure Track etabliert“ werden, es sollen „kooperative Promotionen an HAW mit Universitäten außerhalb Berlins bei der Förderung berücksichtigt“ werden und last but not least: „Intersektionalität soll künftig eine bedeutsame Rolle spielen“, wobei „auch weiterhin die strukturellen Benachteiligungen der Frauen im Vordergrund stehen werden“.</p> <h2>Fazit</h2> <p>Insgesamt kann dies daher nicht nur als eine gelungene Tagung mit spannenden Diskussionen gelten, sondern zugleich als ein Beispiel dafür, wie – im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten – Evaluationsergebnisse bei der empirisch informierten Planung einer neuen Förderperiode berücksichtigt werden können.</p> <p>Weitere Infos zur Tagung finden sich auf der <a href="https://www.bcp-tagung.de/">Tagungswebsite</a>, zum BCP auf der <a href="https://www.berlin.de/sen/frauen/arbeit/wissenschaft-und-forschung/berliner-programm/">BCP-Webseite</a>.</p> <p>________________</p> <p>Transparenzhinweis: Der Verfasser wirkte als Mitglied des Expert:innenbeirats zur Evaluation des BCP an der Konzeption der Evaluation mit, war jedoch an der Erstellung des Evaluationsberichtes nicht beteiligt. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/25-jahre-berliner-chancen/#respond 0 Cassiopeia https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/cassiopeia/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/cassiopeia/#comments Fri, 12 Dec 2025 07:46:00 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12338 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-768x768.jpg Info Karte der IAU https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/cassiopeia/ <h1>Cassiopeia » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Mit der Benennung des mittleren Sterns im “W” der hellsten Sterne der Cassiopeia ist die Benennung nun komplett: alle fünf hellen Sterne haben einen offiziellen IAU-Namen. </p> <p>Die Arbeitsgruppe Sternnamen (WGSN) der Internationalen Astronomischen Union hat gerade dieses hübsche Bild auf ihren Kanälen der sozialen Medien gepostet, das das Multikulti am globalen Sternhimmel zu visualisieren versucht:  </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1.jpg 1968w" width="1024"></img></a></figure> <p>Der Name des Sternbilds wurde 1922 in der latinisierten Version standardisiert (statt griechisch “Kassiepeia” nun offiziell “Cassiopeia”). </p> <p><strong>Untere Sterne des “W”s.</strong></p> <p>Für Brust- und Knie-Stern (alpha und delta Cas) dieser Königin wurden Sternnamen standardisiert, die Kurzformen der arabischen Übersetzung griechischer Positionsbeschreibungen sind. <aside></aside></p> <p><strong>Obere Sterne des “W”s. </strong></p> <p>Der Stern rechts oben im “W” (beta Cas) erhielt einen indigenen arabischen Namen “Hand” eines Sternbilds der Beduinen, das in Vergessenheit geriet, nachdem der griechische Almagest übersetzt worden war.  </p> <p>Der mittlere Stern im “W” (gamma Cas) erhielt einen chinesischen Namen, der an ein uraltes historisches Sternbild im Reich der Mitte erinnert: die <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/himmlische-quadriga/">Quadriga</a> von Wangliang.</p> <p>Der Stern links oben im “W” (epsilon Cas) hat einen Namen, dessen Herkunft unklar ist: man weiß nur, dass er zuerst in einem tschechischen Stern-Atlas von 1950 auftauchte, aber nicht, woher der Autor diesen Namen hat. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Cassiopeia » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Mit der Benennung des mittleren Sterns im “W” der hellsten Sterne der Cassiopeia ist die Benennung nun komplett: alle fünf hellen Sterne haben einen offiziellen IAU-Namen. </p> <p>Die Arbeitsgruppe Sternnamen (WGSN) der Internationalen Astronomischen Union hat gerade dieses hübsche Bild auf ihren Kanälen der sozialen Medien gepostet, das das Multikulti am globalen Sternhimmel zu visualisieren versucht:  </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1.jpg 1968w" width="1024"></img></a></figure> <p>Der Name des Sternbilds wurde 1922 in der latinisierten Version standardisiert (statt griechisch “Kassiepeia” nun offiziell “Cassiopeia”). </p> <p><strong>Untere Sterne des “W”s.</strong></p> <p>Für Brust- und Knie-Stern (alpha und delta Cas) dieser Königin wurden Sternnamen standardisiert, die Kurzformen der arabischen Übersetzung griechischer Positionsbeschreibungen sind. <aside></aside></p> <p><strong>Obere Sterne des “W”s. </strong></p> <p>Der Stern rechts oben im “W” (beta Cas) erhielt einen indigenen arabischen Namen “Hand” eines Sternbilds der Beduinen, das in Vergessenheit geriet, nachdem der griechische Almagest übersetzt worden war.  </p> <p>Der mittlere Stern im “W” (gamma Cas) erhielt einen chinesischen Namen, der an ein uraltes historisches Sternbild im Reich der Mitte erinnert: die <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/himmlische-quadriga/">Quadriga</a> von Wangliang.</p> <p>Der Stern links oben im “W” (epsilon Cas) hat einen Namen, dessen Herkunft unklar ist: man weiß nur, dass er zuerst in einem tschechischen Stern-Atlas von 1950 auftauchte, aber nicht, woher der Autor diesen Namen hat. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/cassiopeia/#comments 2 Lichtspiele am Himmel https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lichtspiele-am-himmel/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lichtspiele-am-himmel/#respond Wed, 10 Dec 2025 21:59:41 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12350 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-768x576.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lichtspiele-am-himmel/</link> </image> <description type="html"><h1>Lichtspiele am Himmel » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Merkur im größten Glanz am Morgenhimmel: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Der Planet ist das Lichtpünktchen in dem c-förmigen Bogen einer dunklen Wolke in der Morgendämmerung.</figcaption></figure> <p>Am Vorabend dieses Morgens hatte der Himmel allerdings mit Cirrus-Wolken gespielt und einen Mond-Halo mit Nebenmond gezaubert.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p>… und StarLink gab auch eine Show ab. ….</p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Lichtspiele am Himmel » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Merkur im größten Glanz am Morgenhimmel: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Der Planet ist das Lichtpünktchen in dem c-förmigen Bogen einer dunklen Wolke in der Morgendämmerung.</figcaption></figure> <p>Am Vorabend dieses Morgens hatte der Himmel allerdings mit Cirrus-Wolken gespielt und einen Mond-Halo mit Nebenmond gezaubert.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p>… und StarLink gab auch eine Show ab. ….</p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lichtspiele-am-himmel/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Sternbild Dreieck https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/sternbild-dreieck/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/sternbild-dreieck/#respond Mon, 08 Dec 2025 23:05:00 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12342 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-768x767.jpg Info Karte der IAU https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/sternbild-dreieck/ <h1>Sternbild Dreieck » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Das Sternbild Dreieck (Triangulum) ist seit Alters her – d.h. seit ca. 2000 Jahren – durch vier Sterne definiert. Warum? Tja, leider können wir die Autoren nicht mehr fragen, aber wir lesen in den Texten, dass es so ist. Ptolemäus von Alexandria schrieb im 2. Jahrhundert n.Chr. jedenfalls selbstbewusst “4 Sterne, 3 von dritter Magnitude, 1 von vierter”.</p> <p>Alle vier Sterne im Dreieck haben nun offizielle <a href="https://www.iau.org/">IAU-</a>Namen: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-768x767.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025.jpg 1276w" width="1024"></img></a></figure> <p>Der Hauptstern (alpha Trianguli) hat einen arabischen Namen, der Übersetzung aus dem Griechischen ist (Spitze des Dreiecks). </p> <p>Der zweithellste (beta Trianguli) hat einen indigen arabischen Namen aus der Zeit vor der Übernahme griechischer Sternbilder: Damals hatten die Beduinen ein Sternbild “Widder”, das größer war als der griechische Widder und außerdem umgekehrt: die Kniegelenke dieses indigen arabischen Beduinen-Widders wurden durch die Sterne alpha und beta Trianguli markiert, woran dieser Name erinnert. </p> <p>Im Alten Ägypten kannte man weder das Sternbild “Widder” noch “Dreieck”, sondern betrachtete diese Himmelsgegend als Teil eines großen Sternbilds “Vogel”. Die heutige ägyptologische Forschung weiß nicht, um was für einen Vogel es sich hier handelt (Falke oder Gans/ Ente), aber ramessidische Sternuhren aus der Zeit von ca. 1100 v.Chr. überliefern einige Sternnamen in dieser Figur, so dass wir sicher wissen, dass sie sich zwischen Perseus, Pegasus und Cetus erstreckte. Der Stern gamma Trianguli bekam daher diesen Namen. <aside></aside></p> <p>Astronominnen lieben Wortspiele. Daher wurde der altgriechische Name des Sternbilds “Deltoton” für den Stern delta Trianguli standardisiert. Das “Dreieck” am Himmel ist nämlich keineswegs ein Geodreieck, das ein schlampiger Schüler dort liegen ließ, sondern es ist der griechische Buchstabe “Delta” (Δ) – in Monumentalschrift (Großbuchstaben) ein Dreieck Δ. Es ist der Anfangsbuchstabe des griechischen Wortes für den höchsten Gott: Dios. Ihm gehört das Himmelszelt und das Sternbild “Dreieck” (eigentlich “Deltoton”) gibt diese göttliche Widmung der Sterne an. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Sternbild Dreieck » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Das Sternbild Dreieck (Triangulum) ist seit Alters her – d.h. seit ca. 2000 Jahren – durch vier Sterne definiert. Warum? Tja, leider können wir die Autoren nicht mehr fragen, aber wir lesen in den Texten, dass es so ist. Ptolemäus von Alexandria schrieb im 2. Jahrhundert n.Chr. jedenfalls selbstbewusst “4 Sterne, 3 von dritter Magnitude, 1 von vierter”.</p> <p>Alle vier Sterne im Dreieck haben nun offizielle <a href="https://www.iau.org/">IAU-</a>Namen: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-768x767.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025.jpg 1276w" width="1024"></img></a></figure> <p>Der Hauptstern (alpha Trianguli) hat einen arabischen Namen, der Übersetzung aus dem Griechischen ist (Spitze des Dreiecks). </p> <p>Der zweithellste (beta Trianguli) hat einen indigen arabischen Namen aus der Zeit vor der Übernahme griechischer Sternbilder: Damals hatten die Beduinen ein Sternbild “Widder”, das größer war als der griechische Widder und außerdem umgekehrt: die Kniegelenke dieses indigen arabischen Beduinen-Widders wurden durch die Sterne alpha und beta Trianguli markiert, woran dieser Name erinnert. </p> <p>Im Alten Ägypten kannte man weder das Sternbild “Widder” noch “Dreieck”, sondern betrachtete diese Himmelsgegend als Teil eines großen Sternbilds “Vogel”. Die heutige ägyptologische Forschung weiß nicht, um was für einen Vogel es sich hier handelt (Falke oder Gans/ Ente), aber ramessidische Sternuhren aus der Zeit von ca. 1100 v.Chr. überliefern einige Sternnamen in dieser Figur, so dass wir sicher wissen, dass sie sich zwischen Perseus, Pegasus und Cetus erstreckte. Der Stern gamma Trianguli bekam daher diesen Namen. <aside></aside></p> <p>Astronominnen lieben Wortspiele. Daher wurde der altgriechische Name des Sternbilds “Deltoton” für den Stern delta Trianguli standardisiert. Das “Dreieck” am Himmel ist nämlich keineswegs ein Geodreieck, das ein schlampiger Schüler dort liegen ließ, sondern es ist der griechische Buchstabe “Delta” (Δ) – in Monumentalschrift (Großbuchstaben) ein Dreieck Δ. Es ist der Anfangsbuchstabe des griechischen Wortes für den höchsten Gott: Dios. Ihm gehört das Himmelszelt und das Sternbild “Dreieck” (eigentlich “Deltoton”) gibt diese göttliche Widmung der Sterne an. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/sternbild-dreieck/#respond 0 „Neue Modelle der Universität“ – Themenheft beleuchtet innovative Strukturen, adaptive Reaktionen und strategisches Verhalten https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/neue-modelle-der-universitaet/ https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/neue-modelle-der-universitaet/#comments Mon, 08 Dec 2025 07:33:44 +0000 René Krempkow https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/?p=1912 <img src="https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/files/CoverZFHE2025-4.jpg" /><h1>„Neue Modelle der Universität“ – Themenheft beleuchtet innovative Strukturen, adaptive Reaktionen und strategisches Verhalten » Über das Wissenschaftssystem » SciLogs</h1><h2>By René Krempkow</h2><div itemprop="text"> <p>Universitäten sehen sich zunehmend mit dem Paradoxon von Stabilität und Wandel konfrontiert. Während ihre Aufgaben in Forschung, Lehre und gesellschaftlichem Engagement unverändert bleiben, haben sich die Bedingungen, unter denen diese Aufgaben wahrgenommen werden, grundlegend verändert. Der globale Wettbewerb, der digitale Wandel und die Erwartungen an die gesellschaftliche Wirkung zwingen Hochschulen dazu, ihre Organisationsmodelle und Führungsstrukturen zu überdenken. Das Humboldt’sche Erbe der Autonomie und akademischen Selbstverwaltung wird durch den Druck nach Effizienz, Rechenschaftspflicht und Innovation in Frage gestellt.</p> <h2>„Mission Overload“ und „Mission Drift“</h2> <p>Der Call for Papers für diese überwiegend englischsprachige Sonderausgabe mit dem Originaltitel „New Models of the University: Innovative Structures, Adaptive Responses, and Strategic Behavior” hob diese Spannungen hervor, indem er auf ein zentrales Paradoxon im heutigen Hochschulwesen hinwies: Universitäten müssen ihren akademischen Kernaufgaben treu bleiben und sich gleichzeitig an externe Anforderungen anpassen, die oft im Widerspruch zu diesen Aufgaben stehen. Konzepte wie „Mission Overload“ und „Mission Drift“ beschreiben das Risiko, dass Universitäten in ihrem Bestreben, global wettbewerbsfähig und lokal relevant zu sein, sich übernehmen und ihren strategischen Fokus verlieren.</p> <h2>Universitäten als soziale Institutionen und strategische Organisationen</h2> <p>Universitäten fungieren heute sowohl als soziale Institutionen – eingebettet in kulturelle und politische Kontexte – als auch als strategische Organisationen, die bestimmte Ziele verfolgen und sich in einem komplexen Umfeld von Interessengruppen bewegen. Diese Doppelnatur bedeutet, dass weder deterministische Modelle struktureller Zwänge noch voluntaristische Vorstellungen von Managementfreiheit ausreichen, um Veränderungen zu erklären. Diese Spannung spiegelt wider, was in der Literatur als Paradoxon des Umweltdeterminismus und der Führungsagentur hervorgehoben wird. Diese Perspektive führt uns zurück zur alten Institutionalismustheorie, die sich genau auf die Organisation als meso-level soziales Umfeld konzentriert, in dem sich externe Druckfaktoren und interne Handlungen überschneiden. Die Beiträge in des Heftes untersuchen dieses Paradoxon empirisch und theoretisch. Sie untersuchen, wie Universitäten Autonomie und Rechenschaftspflicht, Innovation und Kontinuität, Wettbewerb und Zusammenarbeit in Einklang bringen. Auf der Grundlage von Organisations- und Institutionstheorien beleuchten sie, wie Hochschulen als adaptive, lernende Systeme agieren, die in ein breiteres politisches Umfeld eingebettet sind, das ihre Entwicklung zwar prägt, aber nicht bestimmt.</p> <h2>Wie Autonomie und Rechenschaftspflicht, Innovation und Kontinuität in Einklang bringen?</h2> <p>In den letzten Jahren haben sich Digitalisierung und künstliche Intelligenz (KI) zu transformativen Kräften entwickelt, die den Wandel hin zu einer „Mode 2“-Wissensproduktion beschleunigen – kontextorientiert, problemfokussiert und sozial verteilt. Die Universitäten reagieren auf diesen Druck nicht nur durch die Einführung neuer Technologien, sondern auch durch die Entwicklung neuer Governance-Kapazitäten: vorausschauende Weitsicht, sektorübergreifende Zusammenarbeit und vernetzte Organisationsformen.</p> <h2>Entwicklung neuer Governance-Kapazitäten</h2> <p>Vor diesem Hintergrund befassen sich die Beiträge in dieses Heftes gemeinsam mit einer zentralen Frage: Wie gestalten Universitäten ihre Organisationsarchitektur, ihre Governance-Systeme und ihr strategisches Verhalten neu, um komplexe, mehrschichtige Veränderungen zu bewältigen? Die Idee zu diesem Themenheft entstand aus laufenden wissenschaftlichen Debatten und empirischen Beobachtungen zum institutionellen Wandel im europäischen und internationalen Hochschulwesen. Die Herausgeber luden zu Beiträgen ein, die analytische Tiefe mit empirischer Stringenz verbinden und eine Brücke zwischen den Perspektiven der Organisationssoziologie, der Hochschulforschung und der Managementwissenschaften schlagen sollten.<aside></aside></p> <h2>Dimensionen des Wandels</h2> <p>Der Call for Papers schlug mehrere analytische Dimensionen vor, an denen sich die Beiträge orientieren sollten: (1) Finanzierung und Ressourcenabhängigkeit; (2) Digitalisierung und technologische Innovation; (3) Diversität, Inklusion und Internationalisierung; (4) Autonomie und Governance; (5) akademische Freiheit und Legitimität; und (6) gesellschaftliche Relevanz und Wirkung. Diese Themen spiegeln sowohl langfristige Entwicklungen im Hochschulwesen als auch neue systemische Belastungen wider, die sich aus globalen Krisen, der Verbreitung künstlicher Intelligenz und Nachhaltigkeitserfordernissen ergeben.</p> <p>Der Aufruf lud die Autoren außerdem dazu ein, organisatorische und institutionelle Perspektiven einzunehmen, insbesondere Ressourcenabhängigkeit, institutioneller Isomorphismus und organisationales Lernen zu berücksichtigen. Diese Rahmenkonzepte erkennen Universitäten als dynamische Akteure an, die eine strategische Positionierung anstreben und gleichzeitig innerhalb regulatorischer und kultureller Beschränkungen agieren.</p> <h2>Kontexte von Europa über Nordamerika bis zum Nahen Osten</h2> <p>Aus den zahlreichen Einreichungen wurden nach einer Begutachtung durch Fachkollegen dreizehn Beiträge ausgewählt, die verschiedene Methoden widerspiegeln – qualitative Fallstudien, Ethnografie, Dokumentenanalyse und Literaturrecherchen – und Kontexte von Europa über Nordamerika bis zum Nahen Osten abdecken. Zusammengenommen zeigen sie, dass organisatorische Veränderungen an Universitäten selten linear verlaufen, sondern sich durch Verhandlungen, Anpassungen und Experimente auf mehreren Ebenen vollziehen.</p> <p>Aus Gründen der Übersichtlichkeit und Kohärenz wurden die (zu einem relativ großen Teil englischsprachigen) Beiträge in vier thematische Cluster gruppiert:</p> <ol> <li>Strukturelle und strategische Innovation – Untersuchung neuer Governance-Modelle und institutioneller Experimente;</li> <li>Adaptive Governance und Krisenmanagement – Umgang mit Resilienz, Konflikten und technologischen Umbrüchen;</li> <li>Kollaborative und vorausschauende Entwicklung – Erforschung von Zusammenarbeit, Netzwerken und KI-Governance; und</li> <li>Umfassendere Reform- und Nachhaltigkeitsperspektiven.</li> </ol> <p>Das Themenheft wurde herausgegeben von Barbara Sporn (Wirtschaftsuniversität Wien), Tatiana Fumasoli (University College London), René Krempkow (Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg) und Liudvika Leišytė (TU Dortmund). Es erscheint dank einer Förderung durch das Forum Neue Medien Austria im Open Access und kann daher kostenlos heruntergeladen werden unter <a data-wplink-edit="true" href="http://www.zfhe.at">www.zfhe.at</a>.</p> <p>Ergänzend zur Veröffentlichung des Heftes wird es ein Online Event zur Präsentation der zentralen Ergebnisse der Beiträge für eine breitere (wissenschaftliche) Öffentlichkeit geben. Das Format wird einen einführenden Überblick der Herausgeber:innen enthalten, gefolgt von kurzen “Pitches” durch Autor:innen (je 5 Minuten) und deren Diskussion. Das Event wird am 12. Februar, 13-14.30 Uhr (CET) stattfinden, als Teil der (englischsprachigen) IHM Speaker Series (<a href="https://www.wu.ac.at/ihm/events/higher-education-speaker-series">https://www.wu.ac.at/ihm/events/higher-education-speaker-series</a>).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/files/CoverZFHE2025-4.jpg" /><h1>„Neue Modelle der Universität“ – Themenheft beleuchtet innovative Strukturen, adaptive Reaktionen und strategisches Verhalten » Über das Wissenschaftssystem » SciLogs</h1><h2>By René Krempkow</h2><div itemprop="text"> <p>Universitäten sehen sich zunehmend mit dem Paradoxon von Stabilität und Wandel konfrontiert. Während ihre Aufgaben in Forschung, Lehre und gesellschaftlichem Engagement unverändert bleiben, haben sich die Bedingungen, unter denen diese Aufgaben wahrgenommen werden, grundlegend verändert. Der globale Wettbewerb, der digitale Wandel und die Erwartungen an die gesellschaftliche Wirkung zwingen Hochschulen dazu, ihre Organisationsmodelle und Führungsstrukturen zu überdenken. Das Humboldt’sche Erbe der Autonomie und akademischen Selbstverwaltung wird durch den Druck nach Effizienz, Rechenschaftspflicht und Innovation in Frage gestellt.</p> <h2>„Mission Overload“ und „Mission Drift“</h2> <p>Der Call for Papers für diese überwiegend englischsprachige Sonderausgabe mit dem Originaltitel „New Models of the University: Innovative Structures, Adaptive Responses, and Strategic Behavior” hob diese Spannungen hervor, indem er auf ein zentrales Paradoxon im heutigen Hochschulwesen hinwies: Universitäten müssen ihren akademischen Kernaufgaben treu bleiben und sich gleichzeitig an externe Anforderungen anpassen, die oft im Widerspruch zu diesen Aufgaben stehen. Konzepte wie „Mission Overload“ und „Mission Drift“ beschreiben das Risiko, dass Universitäten in ihrem Bestreben, global wettbewerbsfähig und lokal relevant zu sein, sich übernehmen und ihren strategischen Fokus verlieren.</p> <h2>Universitäten als soziale Institutionen und strategische Organisationen</h2> <p>Universitäten fungieren heute sowohl als soziale Institutionen – eingebettet in kulturelle und politische Kontexte – als auch als strategische Organisationen, die bestimmte Ziele verfolgen und sich in einem komplexen Umfeld von Interessengruppen bewegen. Diese Doppelnatur bedeutet, dass weder deterministische Modelle struktureller Zwänge noch voluntaristische Vorstellungen von Managementfreiheit ausreichen, um Veränderungen zu erklären. Diese Spannung spiegelt wider, was in der Literatur als Paradoxon des Umweltdeterminismus und der Führungsagentur hervorgehoben wird. Diese Perspektive führt uns zurück zur alten Institutionalismustheorie, die sich genau auf die Organisation als meso-level soziales Umfeld konzentriert, in dem sich externe Druckfaktoren und interne Handlungen überschneiden. Die Beiträge in des Heftes untersuchen dieses Paradoxon empirisch und theoretisch. Sie untersuchen, wie Universitäten Autonomie und Rechenschaftspflicht, Innovation und Kontinuität, Wettbewerb und Zusammenarbeit in Einklang bringen. Auf der Grundlage von Organisations- und Institutionstheorien beleuchten sie, wie Hochschulen als adaptive, lernende Systeme agieren, die in ein breiteres politisches Umfeld eingebettet sind, das ihre Entwicklung zwar prägt, aber nicht bestimmt.</p> <h2>Wie Autonomie und Rechenschaftspflicht, Innovation und Kontinuität in Einklang bringen?</h2> <p>In den letzten Jahren haben sich Digitalisierung und künstliche Intelligenz (KI) zu transformativen Kräften entwickelt, die den Wandel hin zu einer „Mode 2“-Wissensproduktion beschleunigen – kontextorientiert, problemfokussiert und sozial verteilt. Die Universitäten reagieren auf diesen Druck nicht nur durch die Einführung neuer Technologien, sondern auch durch die Entwicklung neuer Governance-Kapazitäten: vorausschauende Weitsicht, sektorübergreifende Zusammenarbeit und vernetzte Organisationsformen.</p> <h2>Entwicklung neuer Governance-Kapazitäten</h2> <p>Vor diesem Hintergrund befassen sich die Beiträge in dieses Heftes gemeinsam mit einer zentralen Frage: Wie gestalten Universitäten ihre Organisationsarchitektur, ihre Governance-Systeme und ihr strategisches Verhalten neu, um komplexe, mehrschichtige Veränderungen zu bewältigen? Die Idee zu diesem Themenheft entstand aus laufenden wissenschaftlichen Debatten und empirischen Beobachtungen zum institutionellen Wandel im europäischen und internationalen Hochschulwesen. Die Herausgeber luden zu Beiträgen ein, die analytische Tiefe mit empirischer Stringenz verbinden und eine Brücke zwischen den Perspektiven der Organisationssoziologie, der Hochschulforschung und der Managementwissenschaften schlagen sollten.<aside></aside></p> <h2>Dimensionen des Wandels</h2> <p>Der Call for Papers schlug mehrere analytische Dimensionen vor, an denen sich die Beiträge orientieren sollten: (1) Finanzierung und Ressourcenabhängigkeit; (2) Digitalisierung und technologische Innovation; (3) Diversität, Inklusion und Internationalisierung; (4) Autonomie und Governance; (5) akademische Freiheit und Legitimität; und (6) gesellschaftliche Relevanz und Wirkung. Diese Themen spiegeln sowohl langfristige Entwicklungen im Hochschulwesen als auch neue systemische Belastungen wider, die sich aus globalen Krisen, der Verbreitung künstlicher Intelligenz und Nachhaltigkeitserfordernissen ergeben.</p> <p>Der Aufruf lud die Autoren außerdem dazu ein, organisatorische und institutionelle Perspektiven einzunehmen, insbesondere Ressourcenabhängigkeit, institutioneller Isomorphismus und organisationales Lernen zu berücksichtigen. Diese Rahmenkonzepte erkennen Universitäten als dynamische Akteure an, die eine strategische Positionierung anstreben und gleichzeitig innerhalb regulatorischer und kultureller Beschränkungen agieren.</p> <h2>Kontexte von Europa über Nordamerika bis zum Nahen Osten</h2> <p>Aus den zahlreichen Einreichungen wurden nach einer Begutachtung durch Fachkollegen dreizehn Beiträge ausgewählt, die verschiedene Methoden widerspiegeln – qualitative Fallstudien, Ethnografie, Dokumentenanalyse und Literaturrecherchen – und Kontexte von Europa über Nordamerika bis zum Nahen Osten abdecken. Zusammengenommen zeigen sie, dass organisatorische Veränderungen an Universitäten selten linear verlaufen, sondern sich durch Verhandlungen, Anpassungen und Experimente auf mehreren Ebenen vollziehen.</p> <p>Aus Gründen der Übersichtlichkeit und Kohärenz wurden die (zu einem relativ großen Teil englischsprachigen) Beiträge in vier thematische Cluster gruppiert:</p> <ol> <li>Strukturelle und strategische Innovation – Untersuchung neuer Governance-Modelle und institutioneller Experimente;</li> <li>Adaptive Governance und Krisenmanagement – Umgang mit Resilienz, Konflikten und technologischen Umbrüchen;</li> <li>Kollaborative und vorausschauende Entwicklung – Erforschung von Zusammenarbeit, Netzwerken und KI-Governance; und</li> <li>Umfassendere Reform- und Nachhaltigkeitsperspektiven.</li> </ol> <p>Das Themenheft wurde herausgegeben von Barbara Sporn (Wirtschaftsuniversität Wien), Tatiana Fumasoli (University College London), René Krempkow (Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg) und Liudvika Leišytė (TU Dortmund). Es erscheint dank einer Förderung durch das Forum Neue Medien Austria im Open Access und kann daher kostenlos heruntergeladen werden unter <a data-wplink-edit="true" href="http://www.zfhe.at">www.zfhe.at</a>.</p> <p>Ergänzend zur Veröffentlichung des Heftes wird es ein Online Event zur Präsentation der zentralen Ergebnisse der Beiträge für eine breitere (wissenschaftliche) Öffentlichkeit geben. Das Format wird einen einführenden Überblick der Herausgeber:innen enthalten, gefolgt von kurzen “Pitches” durch Autor:innen (je 5 Minuten) und deren Diskussion. Das Event wird am 12. Februar, 13-14.30 Uhr (CET) stattfinden, als Teil der (englischsprachigen) IHM Speaker Series (<a href="https://www.wu.ac.at/ihm/events/higher-education-speaker-series">https://www.wu.ac.at/ihm/events/higher-education-speaker-series</a>).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/neue-modelle-der-universitaet/#comments 2 AstroGeo Podcast: Bröckelnde Beweise – was hat Sodom und Gomorra zerstört? https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/broeckelnde-beweise-was-hat-sodom-und-gomorra-zerstoert/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/broeckelnde-beweise-was-hat-sodom-und-gomorra-zerstoert/#respond Sun, 07 Dec 2025 05:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1798 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-6-768x768.jpg Dramatisches Gemälde einer Stadt, die in einer Feuersbrunst zusammenstürzt, im Vordergrund drei Menschen auf einer Anhöhe, näher an der Stadt eine einzelne Person, die sich umwendet und zu verharren scheint. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/broeckelnde-beweise-was-hat-sodom-und-gomorra-zerstoert/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel_sl-3.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Bröckelnde Beweise - was hat Sodom und Gomorra zerstört? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag128-sodom-und-gomorra.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5.png 1181w" width="1024"></img></a></figure></div> <p><strong><a href="https://wissenschaftspodcasts.de/adventskalender2025">Diese Folge ist das 5. Türchen der #WissPodWeihnacht, des Adventskalenders von Wissenschaftspodcasts.de.</a></strong> Hört euch gerne auch die anderen Türchen an!</p> <p>Während der Bronzezeit stand im Nordwesten des heutigen Jordaniens eine mächtige Stadt: Dicke Stadtmauern, ein mehrstöckiger Palast und ein 30 Meter hoher Wachturm sind nachgewiesen – doch diese Stadt sollte untergehen. Wie genau sie zerstört wurde, darüber wurde in den letzten Jahren ein wissenschaftlicher Disput geführt.<aside></aside></p> <p>Karl erzählt in dieser Folge von der Ausgrabungsstelle Tell el-Hammam: Der Ort liegt 14 Kilometer nordöstlich des Toten Meeres im Jordantal. Hier siedelten Menschen schon zur Zeit der Römer, aber auch lange davor, über Tausende von Jahren wurden dort Städte aufgebaut und gingen wieder zugrunde. Im September 2021 veröffentlichte ein Team aus Archäologen, Geologen, Metallurgen und Materialwissenschaftlern im Fachmagazin Scientific Reports eine Studie, die zeigen sollte: Die Stadt sei in der Bronzezeit vor rund 3670 Jahren geradezu zertrümmert worden. Heiße Winde seien vom Himmel über die Stadt gekommen, hätten vier Meter breite Lehmziegel zerbröselt, Dachziegel geschmolzen und den Schutt samt dem Hausrat ihrer Bewohner über ein großes Areal verteilt. Schuld daran seien keine kriegerischen Auseinandersetzungen oder irdische Naturkatastrophen gewesen – sondern ein Meteorit aus dem All, der über dem Toten Meer detoniert sei und eine heiße Druckwelle ausgesandt habe.</p> <p>Die wissenschaftliche Arbeit korrespondiert mit einer Erzählung aus dem Alten Testament, die bis heute sprichwörtlich ist: <em>Sodom und Gomorra</em> mussten untergehen, weil der biblische Gott dort unhaltbare Zustände vorfand. Aber war das bronzezeitliche Tell el-Hammam wirklich eine Art Vorbild für das Sodom aus dem Buch Genesis des Alten Testaments – und wie gut sind die Argumente in der Studie?</p> <p>Sie waren überhaupt nicht gut, wie sich kürzlich zeigte: Im April 2025 wurde die Studie von Scientific Reports zurückgezogen. Externe Forschende hatten manipulierte Fotos, falsch eingeordnete historische Vorbilder und Modelle gefunden. Es lag klar wissenschaftliches Fehlverhalten vor, das den Richtlinien des Journals widersprach.</p> <p>Aber was steckt dahinter? Einen Hinweis geben die ursprünglichen Autoren selbst: Für die Grabung in Jordanien hatte ein Teil des Teams Gelder gemeinsam mit evangelikalen US-Gruppen gesammelt, die sich ihrerseits der Unfehlbarkeit der christlichen heiligen Schriften verschrieben haben. Es sind Vertreter des <em>Kreationismus der alten Erde</em>: Sie erkennen zwar manche naturwissenschaftliche Erkenntnisse an, etwa das Alter der Erde von 4,5 Milliarden Jahren. Doch gleichzeitig müssen wissenschaftliche Erkenntnisse für sie kompatibel mit der Bibel sein.</p> <h3 id="h-mehr-bei-astrogeo">Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 4: <a href="https://astrogeo.de/ag004-meteoriten/">Meteoriten</a></li> <li>Folge 86: <a href="https://astrogeo.de/das-ende-der-dinosaurier-massensterben-im-fruehling/">Das Ende der Dinosaurier: Massensterben im Frühling</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sodom_und_Gomorra">WP: Sodom und Gomorra</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tell_el-Hammam">Tell el-Hammam</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tunguska-Ereignis">Tunguska-Ereignis</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Luftdetonation">Airburst</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Mark_Boslough">Mark Borlough</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Old_Earth_creationism">Old Earth creationism</a> (englisch)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel (zurückgezogen): <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-021-97778-3">A Tunguska sized airburst destroyed Tall el‐Hammam a Middle Bronze Age city in the Jordan Valley near the Dead Sea</a>, Scientific Reports (20.09.2021)</li> <li>Blogeintrag: <a href="https://scienceintegritydigest.com/2021/10/01/blast-in-the-past-image-concerns-in-paper-about-comet-that-might-have-destroyed-tall-el-hammam/">Elisabeth Biks: Blast in the Past: Image concerns in paper about comet that might have destroyed Tall el-Hammam</a> (01.10.2021, Zugriff 25.11.2025)</li> <li>Blogeintrag: <a href="https://pandasthumb.org/archives/2021/10/tall-el-hammam-gullibility.html">Paul Braterman: Tall el-Hammam: an airburst of gullibility</a> (05.10.2021, Zugriff 25.11.2025)</li> <li>Blogeintrag: <a href="https://paulbraterman.wordpress.com/2021/10/14/tall-el-hammam-an-airburst-of-gullibility-it-gets-worse/">Paul Braterman: Tall el-Hammam; an airburst of gullibility; it gets worse</a> (14.10.2021, Zugriff 25.11.2025)</li> <li>Fachartikel-Korrektur: Bunch et al.: <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-022-06266-9">A Tunguska sized airburst destroyed Tall el‐Hammam a Middle Bronze Age city in the Jordan Valley near the Dead Sea</a>, Scientific Reports (22.02.2022)</li> <li>Fachartikel-Kommentar: <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-021-97778-3">Jaret &amp; Harris: No mineralogic or geochemical evidence of impact at Tall el‐Hammam, a Middle Bronze Age city in the Jordan Valley near the Dead Sea</a>, Scientific Reports (25.03.2022)</li> <li>Fachartikel-Kommentar: <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-021-97778-3">Boslough &amp; Bruno: Misunderstandings about the Tunguska event, shock wave physics, and airbursts have resulted in misinterpretations of evidence at Tall el-Hammam</a>, Scientific Reports (22.04.2025)</li> <li>Retraction Watch: <a href="https://retractionwatch.com/2025/04/23/sodom-comet-paper-to-be-retracted-two-years-after-editors-note-acknowledging-concerns/">Sodom comet paper to be retracted two years after editor’s note acknowledging concerns</a> (23.04.2025, Zugriff 25.11.2025)</li> <li>Retraction Note: <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-021-97778-3">A Tunguska sized airburst destroyed Tall el-Hammam a Middle Bronze Age city in the Jordan Valley near the Dead Sea</a> (24.04.2025)</li> <li>Scientific American: <a href="https://www.scientificamerican.com/article/a-sodom-and-gomorrah-story-shows-scientific-facts-arent-settled-by-public/">Mark Boslough: A Sodom and Gomorrah Story Shows Scientific Facts Aren’t Settled by Public Opinion</a> (25.06.2025)</li> <li>Fachartikel (republiziert): LeCompte et al.: <a href="https://doi.org/10.14293/ACI.2025.0003">A Tunguska Sized Airburst Destroyed Tall el-Hammam a Middle Bronze Age City in the Jordan Valley Near the Dead Sea (Expanded)</a>, Airbursts and Cratering Impacts (24.05.2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:John_Martin_-_Sodom_and_Gomorrah.jpg">Public Domain: John Martin (1852)</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel_sl-3.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Bröckelnde Beweise - was hat Sodom und Gomorra zerstört? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag128-sodom-und-gomorra.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5.png 1181w" width="1024"></img></a></figure></div> <p><strong><a href="https://wissenschaftspodcasts.de/adventskalender2025">Diese Folge ist das 5. Türchen der #WissPodWeihnacht, des Adventskalenders von Wissenschaftspodcasts.de.</a></strong> Hört euch gerne auch die anderen Türchen an!</p> <p>Während der Bronzezeit stand im Nordwesten des heutigen Jordaniens eine mächtige Stadt: Dicke Stadtmauern, ein mehrstöckiger Palast und ein 30 Meter hoher Wachturm sind nachgewiesen – doch diese Stadt sollte untergehen. Wie genau sie zerstört wurde, darüber wurde in den letzten Jahren ein wissenschaftlicher Disput geführt.<aside></aside></p> <p>Karl erzählt in dieser Folge von der Ausgrabungsstelle Tell el-Hammam: Der Ort liegt 14 Kilometer nordöstlich des Toten Meeres im Jordantal. Hier siedelten Menschen schon zur Zeit der Römer, aber auch lange davor, über Tausende von Jahren wurden dort Städte aufgebaut und gingen wieder zugrunde. Im September 2021 veröffentlichte ein Team aus Archäologen, Geologen, Metallurgen und Materialwissenschaftlern im Fachmagazin Scientific Reports eine Studie, die zeigen sollte: Die Stadt sei in der Bronzezeit vor rund 3670 Jahren geradezu zertrümmert worden. Heiße Winde seien vom Himmel über die Stadt gekommen, hätten vier Meter breite Lehmziegel zerbröselt, Dachziegel geschmolzen und den Schutt samt dem Hausrat ihrer Bewohner über ein großes Areal verteilt. Schuld daran seien keine kriegerischen Auseinandersetzungen oder irdische Naturkatastrophen gewesen – sondern ein Meteorit aus dem All, der über dem Toten Meer detoniert sei und eine heiße Druckwelle ausgesandt habe.</p> <p>Die wissenschaftliche Arbeit korrespondiert mit einer Erzählung aus dem Alten Testament, die bis heute sprichwörtlich ist: <em>Sodom und Gomorra</em> mussten untergehen, weil der biblische Gott dort unhaltbare Zustände vorfand. Aber war das bronzezeitliche Tell el-Hammam wirklich eine Art Vorbild für das Sodom aus dem Buch Genesis des Alten Testaments – und wie gut sind die Argumente in der Studie?</p> <p>Sie waren überhaupt nicht gut, wie sich kürzlich zeigte: Im April 2025 wurde die Studie von Scientific Reports zurückgezogen. Externe Forschende hatten manipulierte Fotos, falsch eingeordnete historische Vorbilder und Modelle gefunden. Es lag klar wissenschaftliches Fehlverhalten vor, das den Richtlinien des Journals widersprach.</p> <p>Aber was steckt dahinter? Einen Hinweis geben die ursprünglichen Autoren selbst: Für die Grabung in Jordanien hatte ein Teil des Teams Gelder gemeinsam mit evangelikalen US-Gruppen gesammelt, die sich ihrerseits der Unfehlbarkeit der christlichen heiligen Schriften verschrieben haben. Es sind Vertreter des <em>Kreationismus der alten Erde</em>: Sie erkennen zwar manche naturwissenschaftliche Erkenntnisse an, etwa das Alter der Erde von 4,5 Milliarden Jahren. Doch gleichzeitig müssen wissenschaftliche Erkenntnisse für sie kompatibel mit der Bibel sein.</p> <h3 id="h-mehr-bei-astrogeo">Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 4: <a href="https://astrogeo.de/ag004-meteoriten/">Meteoriten</a></li> <li>Folge 86: <a href="https://astrogeo.de/das-ende-der-dinosaurier-massensterben-im-fruehling/">Das Ende der Dinosaurier: Massensterben im Frühling</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sodom_und_Gomorra">WP: Sodom und Gomorra</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tell_el-Hammam">Tell el-Hammam</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tunguska-Ereignis">Tunguska-Ereignis</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Luftdetonation">Airburst</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Mark_Boslough">Mark Borlough</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Old_Earth_creationism">Old Earth creationism</a> (englisch)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel (zurückgezogen): <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-021-97778-3">A Tunguska sized airburst destroyed Tall el‐Hammam a Middle Bronze Age city in the Jordan Valley near the Dead Sea</a>, Scientific Reports (20.09.2021)</li> <li>Blogeintrag: <a href="https://scienceintegritydigest.com/2021/10/01/blast-in-the-past-image-concerns-in-paper-about-comet-that-might-have-destroyed-tall-el-hammam/">Elisabeth Biks: Blast in the Past: Image concerns in paper about comet that might have destroyed Tall el-Hammam</a> (01.10.2021, Zugriff 25.11.2025)</li> <li>Blogeintrag: <a href="https://pandasthumb.org/archives/2021/10/tall-el-hammam-gullibility.html">Paul Braterman: Tall el-Hammam: an airburst of gullibility</a> (05.10.2021, Zugriff 25.11.2025)</li> <li>Blogeintrag: <a href="https://paulbraterman.wordpress.com/2021/10/14/tall-el-hammam-an-airburst-of-gullibility-it-gets-worse/">Paul Braterman: Tall el-Hammam; an airburst of gullibility; it gets worse</a> (14.10.2021, Zugriff 25.11.2025)</li> <li>Fachartikel-Korrektur: Bunch et al.: <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-022-06266-9">A Tunguska sized airburst destroyed Tall el‐Hammam a Middle Bronze Age city in the Jordan Valley near the Dead Sea</a>, Scientific Reports (22.02.2022)</li> <li>Fachartikel-Kommentar: <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-021-97778-3">Jaret &amp; Harris: No mineralogic or geochemical evidence of impact at Tall el‐Hammam, a Middle Bronze Age city in the Jordan Valley near the Dead Sea</a>, Scientific Reports (25.03.2022)</li> <li>Fachartikel-Kommentar: <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-021-97778-3">Boslough &amp; Bruno: Misunderstandings about the Tunguska event, shock wave physics, and airbursts have resulted in misinterpretations of evidence at Tall el-Hammam</a>, Scientific Reports (22.04.2025)</li> <li>Retraction Watch: <a href="https://retractionwatch.com/2025/04/23/sodom-comet-paper-to-be-retracted-two-years-after-editors-note-acknowledging-concerns/">Sodom comet paper to be retracted two years after editor’s note acknowledging concerns</a> (23.04.2025, Zugriff 25.11.2025)</li> <li>Retraction Note: <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-021-97778-3">A Tunguska sized airburst destroyed Tall el-Hammam a Middle Bronze Age city in the Jordan Valley near the Dead Sea</a> (24.04.2025)</li> <li>Scientific American: <a href="https://www.scientificamerican.com/article/a-sodom-and-gomorrah-story-shows-scientific-facts-arent-settled-by-public/">Mark Boslough: A Sodom and Gomorrah Story Shows Scientific Facts Aren’t Settled by Public Opinion</a> (25.06.2025)</li> <li>Fachartikel (republiziert): LeCompte et al.: <a href="https://doi.org/10.14293/ACI.2025.0003">A Tunguska Sized Airburst Destroyed Tall el-Hammam a Middle Bronze Age City in the Jordan Valley Near the Dead Sea (Expanded)</a>, Airbursts and Cratering Impacts (24.05.2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:John_Martin_-_Sodom_and_Gomorrah.jpg">Public Domain: John Martin (1852)</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/broeckelnde-beweise-was-hat-sodom-und-gomorra-zerstoert/#respond 0 Terraforming des Mars https://scilogs.spektrum.de/meertext/terraforming-des-mars/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/terraforming-des-mars/#comments Thu, 04 Dec 2025 22:09:18 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1842 <h1>Terraforming des Mars » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Der Rote Planet ist der Erde besonders nahe und ist seit historischen Zeiten Projektionsfläche für Wünsche, Sehnsüchte und Ängste. In den letzten Jahrzehnten kam es im Zuge der technischen Fortschritte immer wieder zu Diskussionen und Vorstellungen, den Mars mit Terraforming für Menschen bespielbar zu machen, sowohl von WissenschaftlerInnen als auch von Science-Fiction-AutorInnen.<br></br>Im Sommer hatte ein interdisziplinäres Team von Forschenden unterschiedlicher US-Institutionen eine neue Studie dazu veröffentlicht. Sie hatten auf der Basis aktuellen Wissens zu Wasser, Kohlendioxid und der Bodenbeschaffenheit des Mars sowie möglichen Ansätzen zur Erhöhung der Oberflächentemperatur und des atmosphärischen Drucks sowie des Sauerstoffgehalts ein mögliches Terraforming des Roten Planeten analysiert. </p> <p>Die zwei Hauptfragen sind:</p> <ul> <li>Ist es möglich?</li> <li>Sollte es durchgeführt werden, wenn es möglich ist?</li> </ul> <p>„Ob Sie es glauben oder nicht, seit 1991 hat sich niemand mehr wirklich mit der Frage beschäftigt, ob eine Terraformung des Mars überhaupt machbar ist“, sagte Nina Lanza, Planetenforscherin am Los Alamos National Laboratory und Mitautorin der Studie gegenüber der Presse. „Seitdem haben wir jedoch große Fortschritte in der Marsforschung, der Geoengineering, den Startkapazitäten und den Biowissenschaften gemacht, was uns die Möglichkeit gibt, die Terraforming-Forschung neu zu betrachten und uns zu fragen, <a href="https://www.lanl.gov/media/news/0513-terraforming-mars">was tatsächlich möglich ist.“ erklärte die Mitautorin und Planetologin Nina Lanza</a> (Los Alamos National Laboratory) gegenüber der Presse. (Meertext: Ich würde wirklich gern wissen, welche Fortschritte beim Geoengineering sie meint. Ich habe da bislang ziemlich unausgegorenes Zeug gelesen, das ein reiches Sortiment an Möglichkeiten zum Verschlimmbessern enthält. Außerdem kann ich mir schwer vorstellen, dass diese Frage seit 1991 nicht diskutiert worden ist. Schließlich gibt es eine Organisation zur Besiedlung des Mars, die z B in <a href="https://nationalgeographic.de/wissenschaft/2017/11/der-mars-bald-eine-reise-wert/">diesem National Geographic-Beitrag von 2017 </a>genannt wird.)</p> <p>Die neue Studie will erstmals die Klärung der zweiten Frage vor die nach der Machbarkeit stellen. Sie diskutieren das mögliche Terraforming also aus einer anderen Perspektive. Mit ihrer Arbeit wollen sie einen Entwurf vorlegen, der als Grundlage für die Bewertung der Voraussetzungen für die Terraformung des Mars dienen könnte.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 1016px) 100vw, 1016px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-1016x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-1016x1024.jpg 1016w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-298x300.jpg 298w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-768x774.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-1524x1536.jpg 1524w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-2032x2048.jpg 2032w" width="1016"></img></a><figcaption>Künstlerische Darstellung des Terraforming-Prozesses Mars (Wikipedia: <a>Terraforming des Mars</a>)</figcaption></figure> <h2 id="h-terraforming-schritt-fur-schritt">Terraforming Schritt für Schritt</h2> <p><strong>Schritt 1: Marserwärmung<br></br></strong>Der Mars hat in Äquatornähe Temperaturen von etwa 20 °C am Tag, nachts können sie auf −85 °C sinken. Die mittlere Temperatur des Planeten liegt bei etwa −63 °C.<br></br>Darum müsste ein Terraforming vermutlich mit der Erwärmung des Planeten beginnen. Mögliche Methoden dafür wären etwa die Anbringung von Sonnensegeln oder die Verteilung von Nanopartikeln in der Atmosphäre des Planeten, um die Wärme der Sonne zu speichern. Sobald der Planet um etwa 30 °C erwärmt wäre, was wahrscheinlich viele Jahre dauern würde, würde Kohlendioxid aus den Polen freigesetzt werden, was zur weiteren <a href="https://phys.org/news/2025-06-realistic-terraforming-mars.html">Erwärmung des Planeten beitragen und die Atmosphäre verdichten würde</a> Meertext: Mit Letzterem haben wir Menschen ja wirklich ausreichend Erfahrung).<aside></aside></p> <p><strong>Schritt 2:</strong> <strong>Sauerstoffproduktion</strong><br></br>Ist der Rote Planet ausreichend erwärmt, könnte man photosynthetisch aktive Mikroben zur Sauerstoffproduktion einführen.<br></br>Sowie ein ausreichend erscheinender Sauerstoffgehalt vorliegt, könnte „<a href="https://phys.org/news/2025-06-realistic-terraforming-mars.html">die Atmosphäre mit der Zugabe von Chemikalien und anderen Materialien</a> nach Bedarf gepflegt werden.“<br></br>(Meertext: Wie dieser Prozess auf der Erde abgelaufen ist und dass er durch die „Große Sauerstoffkatastrophe“ zu einer Massenvernichtung anderer Lebensformen geführt hat, habe ich gerade für den Sonderband 2025 von Bild der Wissenschaft und Natur <a href="https://www.wissenschaft.de/naturplus/die-geschichte-des-lebens-3/">geschrieben</a>. Außerdem hat es auf der Erde viele Erfahrungen mit dem Anreichern verschiedener Chemikalien in der Atmosphöre gegeben. Die fast immer zu Massensterben geführt haben, wie etwa in der guten alten <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/triassic-life-der-aufstieg-der-dinosaurier/">Zeit der Perm-Trias-Krise)</a>.</p> <p><strong>Schritt 3: Schrittweise Einführung von Pflanzen und Tieren<br></br></strong>Damit könnten Ökosysteme auf der Planetenoberfläche eingerichtet werden.</p> <p><strong>Schritt 4: Menschen können auf dem Mars leben</strong></p> <p>Mit einer heimeligen Atmosphäre inmitten heimischer Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen könnten dann Menschen auch außerhalb spezieller Habitaten leben.</p> <h2 id="h-was-eher-dagegen-spricht"><strong>Was eher dagegen spricht</strong></h2> <p>Klar, was soll schon schiefgehen?<br></br>Immerhin haben wir Erfahrung mit 100 Jahren Treibhauseffekt und kennen die wunderbare Wärme des Kohlendioxids.<br></br>Und mit der Einführung neuer Spezies und dem Verändern von Ökosystemen haben wir Tausende von Jahren Erfahrung. In der Regel ist es schief gegangen, aber so what, was kann schon auf einem neuen Planeten passieren?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-24.png"><img alt="" decoding="async" height="483" sizes="(max-width: 519px) 100vw, 519px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-24.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-24.png 519w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-24-300x279.png 300w" width="519"></img></a><figcaption>Skeet auf BlueSky von Erika Alden DeBenedictis, 13.05.2025</figcaption></figure> <p>Auf <a href="https://bsky.app/profile/did:plc:rnpyw35qfwyjchekcev425ki">Erika Alden DeBenedictis begeisterten Thread </a>zur Publikation am 13.05.2025 auf BlueSky kam eine eher distanzierte und übersichtliche Diskussion. Ein wichtiger Kritikpunkt war, dass Mars ohne Magnetfeld eine künstlich geschaffene Atmosphäre nicht stabil halten könnte und für Lebensformen eher ungemütlich sein dürfte.<br></br>Der zweite wichtige Kritikpunkt ist genauso schwerwiegend und wird von diesen beiden Kommentaren zusammengefasst: „So charming that scientists with great ideas are not even trying to save the planet we have which is perpetually on fire and growing more toxic by the day. I’m glad you see a new green planet in the future; I rather prefer the one we’ve got.“ – „I agree – let’s terraform earth first and fix our carbon cycle“. </p> <p>Der Science Fiction-Ausnahme-Autor Kim Stanley Robinson hat zu genau diesem Thema seine berühmte Mars-Trilogie geschrieben, die die BAsis seines Rums ist. In „Red Mars“, „Green Mars“ und „Blue Mars“ beschreibt er detailliert die Besiedlung des Mars und die verschiedenen Stadien. Wissenschaftsbasiert, soziologisch versiert und erfindungsreich (Meertext: Ich muss an dieser Stelle ehrlich zugeben, dass ich in Band 2 steckenblieb und lieber seine anderen Bücher weiterlas).</p> <p>Aber von der Realisierung einer solchen Utopie sind wir nicht nur technologisch, sondern auch psychologisch und soziologisch weit, weit entfernt.<br></br>So sehr ich dagegen bin, mit dem Hinweis auf die Kosten der Klimakrise andere Forschungsgebiete beschneiden zu wollen, kam mir diese Publikation von Erika Alden DeBenedictis et al etwas zu reichlich phantasievoll vor.<br></br>Ich hätte bei diesen Ansagen auch eine ethische Technologiefolgenabschätzung erwartet, ob wir den Mars überhaupt besiedeln sollten. Möglicherweise kommt die irgendwo in der Publikation vor, deren Paywall ich leider nicht überwinden konnte. In Pressemitteilung und Presseberichten war dazu nichts zu finden.<br></br>Da sind viele SF-Szenarien deutlich weiter.</p> <h2 id="h-ware-eine-mars-siedlung-ethisch-vertretbar"><strong>Wäre eine Mars-Siedlung ethisch vertretbar?</strong></h2> <p>Unser roter Nachbarplanet steht auch wegen der Suche nach außerirdischem Leben immer wieder im Licht der Öffentlchkeit.<br></br>Dass dort heute etwas lebt, erscheint zwar unwahrscheinlich, ist aber nicht vollkommen ausgeschlossen. Wissenschaftlicher Konsens ist zurzeit, dass es dort eher zu einer früheren Zeit, vor dem Verlust der Mars-Atmosphäre, möglicherweise Leben gegeben haben könnte. Dafür gibt es bisher keinen Nachweis.<br></br>Beim Mars-Meteoriten ALH 84001 und aktuellen Gesteinsfunden etwa durch den Mars-Rover <em>Perseverance</em> handelt es sich, <a href="https://carnegiescience.edu/news/martian-meteorites-organic-materials-origin-not-biological">so der aktuelle Stand, nicht um fossile Biosignaturen</a>. Auch wenn sie in einigen Aspekten Strukturen in Gesteinen ähneln, die auf der Erde teilweise unter Mitwirkung von Mikroorganismen entstanden. Allerdings gibt es für deren Bildung auch mehrere nicht-biologische, rein mineralogische und geochemische Erklärungen.</p> <p>Nichtsdestotrotz ist oder war der Mars eine potenzielle Welt, wenn auch wohl bestenfalls vor über 3 Milliarden Jahren. Zu diesser Zeit könnte sich, im ähnlichen Zeitraum wie auf der Erde, einfaches Lebens oder Vorstufen davon gebildet haben. Während auf der Erde solche Gesteine meist stark verwittert oder nicht zugänglich sind, könnten sie auf dem Mars vielleicht noch besser erhalten sein. Ohne die irdischen Wetterverhältnisse und die fossil-störenden Auswirkungen der späteren Lebensformen könnte man dort in nicht allzu großer Gesteinstiefe ungestörte Gesteinsablagerungen finden, etwa in <a href="https://www.dlr.de/de/forschung-und-transfer/projekte-und-missionen/mars2020/wissenschaftliche-ziele-der-mission-mars-2020">Sedimenten von Flußfächern (Auf dieser DLR-Seite ist es gut erklärt)</a>. Darum erhoffen sich AstrobiologInnen, PaläontologInnen und andere Forschende mögliche Informationen zur frühen Entwicklung des Lebens auf der Erde.<p>Solche potenziell habitablen Planeten und Monde – wie auch Mars – unterliegen den strengen Vorschriften des Committee on Space Research <a href="https://cosparhq.cnes.fr/">(COSPAR)</a>:</p><br></br>“The main objectives are to</p> <ul> <li>Rigorously preclude backward contamination of Earth by extraterrestrial life or bioactive molecules in returned samples from habitable worlds in order to prevent potentially harmful consequences for humans and the Earth’s biosphere.</li> <li>Carefully control forward contamination of other worlds by terrestrial organisms and organic materials carried by spacecraft in order to guarantee the integrity of the search and study of extraterrestrial life, if it exists.</li> </ul> <p>Eine Besiedlung oder gar ein Terraforming des Mars könnte solche erhofften Spuren sehr frühen Lebens oder, noch schlimmer, hypothetische heutige Lebensspuren oder biogene Moleküle, auslöschen. Bei <a href="https://astrobiology.com/2025/01/mars-sample-return-from-collection-to-curation-of-samples-from-a-habitable-world.html">Sample Return-Missionen zum Mars werden sie im Missionsdesign auch berücksichtigt.</a> <br></br>Darum wären solche Ideen von Terraforming oder Besiedlung sehr kritisch zu sehen, schließlich verstoßen sie gegen alle ethischen Überlegungen zum Schutz außerirdischen Lebens. Wie übrigens auch das Fernziel der Firma Pioneer Labs, deren CEO Erika Alden DeBenedictis ist – also die Arbeit mit extremophilen Mikroorganismen und deren Potential zum Terraforming des Mars.</p> <h2 id="h-marsforschung-als-wissenschaftliche-fingerubung">“<strong>Marsforschung” als wissenschaftliche Fingerübung</strong></h2> <p>Im letzten Absatz der <a href="https://www.lanl.gov/media/news/0513-terraforming-mars">Pressemitteilung der Los Alamos National Laboratory</a> rudern die AutorInnen dann allerdings mächtig zurück:<br></br>„Die AutorInnen merken außerdem an, dass diese Forschung letztendlich dazu beitragen könnte, die „Oase Erde“ zu erhalten. Sie argumentieren, dass Technologien, die für die Besiedlung des Mars entwickelt wurden, wie beispielsweise trockenheitsresistente Nutzpflanzen, effiziente Bodensanierung und verbesserte Ökosystemmodellierung, wahrscheinlich auch unserem Heimatplaneten zugutekommen werden.„Die Forschung zur Terraformung des Mars bietet einen wichtigen Testbereich für die Planetenforschung, in dem Theorien validiert oder Wissenslücken aufgedeckt werden können“, schreiben sie. „Die Fortsetzung der Forschung verspricht bedeutende wissenschaftliche Fortschritte, unabhängig davon, ob eine vollständige Terraformung stattfindet oder nicht.“ <br></br>Bis diese Forschung abgeschlossen ist, schreiben sie: „Wir wissen noch nicht einmal, was physikalisch oder biologisch möglich ist. … Wenn die Menschen lernen, wie man eine Welt wie den Mars terraformt, könnte dies der erste Schritt zu weiteren Zielen sein.““. Solche Publikationen sind jedenfalls definitv ein wichtiger Schritt, Marketing für Pioneer Labs zu machen</p> <p>Astro-Forschung kommt tatsächlich meist zunächst der Erde zugute. Sie ist ein Testbereich für wissenschaftliche Hypothesen und Technologien – also eine Art Fingerübung. Nur, dass eine Publikation zum Terraforming des Mars eine unendlich viel höhere Aufmerksamkeit bekommt, als neue trockenheitsresistente Nutzpflanzen, effiziente Bodensanierung oder verbesserte Ökosystemmodellierung.<br></br>Aber vielleicht sollten wir Terraforming-Methoden zunächst auf unserer guten alten Erde anwenden, damit wir endlich unseren Kohlenstoffkreislauf stabilisiert bekommen. <br></br>Vielleicht hört sich Terraforming Earth einfach eher sexy und erstrebenswert an, als Restoring Earth. Von mir aus. Hauptsache, wir gehen auf der Erde endlich mal an die Arbeit.</p> <p>PS: Übrigens halte ich am Sa, dem 06.12 und somit am Nikolaustag, auf der Volkssternwarte Darmstatd einen Vortrag über “<a href="https://vsda.de/">Wüste(n) Planeten</a> in der Science Fiction” – darin kommt auch der Mars mit seinen ultimativen Wüsten vor.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Terraforming des Mars » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Der Rote Planet ist der Erde besonders nahe und ist seit historischen Zeiten Projektionsfläche für Wünsche, Sehnsüchte und Ängste. In den letzten Jahrzehnten kam es im Zuge der technischen Fortschritte immer wieder zu Diskussionen und Vorstellungen, den Mars mit Terraforming für Menschen bespielbar zu machen, sowohl von WissenschaftlerInnen als auch von Science-Fiction-AutorInnen.<br></br>Im Sommer hatte ein interdisziplinäres Team von Forschenden unterschiedlicher US-Institutionen eine neue Studie dazu veröffentlicht. Sie hatten auf der Basis aktuellen Wissens zu Wasser, Kohlendioxid und der Bodenbeschaffenheit des Mars sowie möglichen Ansätzen zur Erhöhung der Oberflächentemperatur und des atmosphärischen Drucks sowie des Sauerstoffgehalts ein mögliches Terraforming des Roten Planeten analysiert. </p> <p>Die zwei Hauptfragen sind:</p> <ul> <li>Ist es möglich?</li> <li>Sollte es durchgeführt werden, wenn es möglich ist?</li> </ul> <p>„Ob Sie es glauben oder nicht, seit 1991 hat sich niemand mehr wirklich mit der Frage beschäftigt, ob eine Terraformung des Mars überhaupt machbar ist“, sagte Nina Lanza, Planetenforscherin am Los Alamos National Laboratory und Mitautorin der Studie gegenüber der Presse. „Seitdem haben wir jedoch große Fortschritte in der Marsforschung, der Geoengineering, den Startkapazitäten und den Biowissenschaften gemacht, was uns die Möglichkeit gibt, die Terraforming-Forschung neu zu betrachten und uns zu fragen, <a href="https://www.lanl.gov/media/news/0513-terraforming-mars">was tatsächlich möglich ist.“ erklärte die Mitautorin und Planetologin Nina Lanza</a> (Los Alamos National Laboratory) gegenüber der Presse. (Meertext: Ich würde wirklich gern wissen, welche Fortschritte beim Geoengineering sie meint. Ich habe da bislang ziemlich unausgegorenes Zeug gelesen, das ein reiches Sortiment an Möglichkeiten zum Verschlimmbessern enthält. Außerdem kann ich mir schwer vorstellen, dass diese Frage seit 1991 nicht diskutiert worden ist. Schließlich gibt es eine Organisation zur Besiedlung des Mars, die z B in <a href="https://nationalgeographic.de/wissenschaft/2017/11/der-mars-bald-eine-reise-wert/">diesem National Geographic-Beitrag von 2017 </a>genannt wird.)</p> <p>Die neue Studie will erstmals die Klärung der zweiten Frage vor die nach der Machbarkeit stellen. Sie diskutieren das mögliche Terraforming also aus einer anderen Perspektive. Mit ihrer Arbeit wollen sie einen Entwurf vorlegen, der als Grundlage für die Bewertung der Voraussetzungen für die Terraformung des Mars dienen könnte.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 1016px) 100vw, 1016px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-1016x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-1016x1024.jpg 1016w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-298x300.jpg 298w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-768x774.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-1524x1536.jpg 1524w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-2032x2048.jpg 2032w" width="1016"></img></a><figcaption>Künstlerische Darstellung des Terraforming-Prozesses Mars (Wikipedia: <a>Terraforming des Mars</a>)</figcaption></figure> <h2 id="h-terraforming-schritt-fur-schritt">Terraforming Schritt für Schritt</h2> <p><strong>Schritt 1: Marserwärmung<br></br></strong>Der Mars hat in Äquatornähe Temperaturen von etwa 20 °C am Tag, nachts können sie auf −85 °C sinken. Die mittlere Temperatur des Planeten liegt bei etwa −63 °C.<br></br>Darum müsste ein Terraforming vermutlich mit der Erwärmung des Planeten beginnen. Mögliche Methoden dafür wären etwa die Anbringung von Sonnensegeln oder die Verteilung von Nanopartikeln in der Atmosphäre des Planeten, um die Wärme der Sonne zu speichern. Sobald der Planet um etwa 30 °C erwärmt wäre, was wahrscheinlich viele Jahre dauern würde, würde Kohlendioxid aus den Polen freigesetzt werden, was zur weiteren <a href="https://phys.org/news/2025-06-realistic-terraforming-mars.html">Erwärmung des Planeten beitragen und die Atmosphäre verdichten würde</a> Meertext: Mit Letzterem haben wir Menschen ja wirklich ausreichend Erfahrung).<aside></aside></p> <p><strong>Schritt 2:</strong> <strong>Sauerstoffproduktion</strong><br></br>Ist der Rote Planet ausreichend erwärmt, könnte man photosynthetisch aktive Mikroben zur Sauerstoffproduktion einführen.<br></br>Sowie ein ausreichend erscheinender Sauerstoffgehalt vorliegt, könnte „<a href="https://phys.org/news/2025-06-realistic-terraforming-mars.html">die Atmosphäre mit der Zugabe von Chemikalien und anderen Materialien</a> nach Bedarf gepflegt werden.“<br></br>(Meertext: Wie dieser Prozess auf der Erde abgelaufen ist und dass er durch die „Große Sauerstoffkatastrophe“ zu einer Massenvernichtung anderer Lebensformen geführt hat, habe ich gerade für den Sonderband 2025 von Bild der Wissenschaft und Natur <a href="https://www.wissenschaft.de/naturplus/die-geschichte-des-lebens-3/">geschrieben</a>. Außerdem hat es auf der Erde viele Erfahrungen mit dem Anreichern verschiedener Chemikalien in der Atmosphöre gegeben. Die fast immer zu Massensterben geführt haben, wie etwa in der guten alten <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/triassic-life-der-aufstieg-der-dinosaurier/">Zeit der Perm-Trias-Krise)</a>.</p> <p><strong>Schritt 3: Schrittweise Einführung von Pflanzen und Tieren<br></br></strong>Damit könnten Ökosysteme auf der Planetenoberfläche eingerichtet werden.</p> <p><strong>Schritt 4: Menschen können auf dem Mars leben</strong></p> <p>Mit einer heimeligen Atmosphäre inmitten heimischer Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen könnten dann Menschen auch außerhalb spezieller Habitaten leben.</p> <h2 id="h-was-eher-dagegen-spricht"><strong>Was eher dagegen spricht</strong></h2> <p>Klar, was soll schon schiefgehen?<br></br>Immerhin haben wir Erfahrung mit 100 Jahren Treibhauseffekt und kennen die wunderbare Wärme des Kohlendioxids.<br></br>Und mit der Einführung neuer Spezies und dem Verändern von Ökosystemen haben wir Tausende von Jahren Erfahrung. In der Regel ist es schief gegangen, aber so what, was kann schon auf einem neuen Planeten passieren?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-24.png"><img alt="" decoding="async" height="483" sizes="(max-width: 519px) 100vw, 519px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-24.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-24.png 519w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-24-300x279.png 300w" width="519"></img></a><figcaption>Skeet auf BlueSky von Erika Alden DeBenedictis, 13.05.2025</figcaption></figure> <p>Auf <a href="https://bsky.app/profile/did:plc:rnpyw35qfwyjchekcev425ki">Erika Alden DeBenedictis begeisterten Thread </a>zur Publikation am 13.05.2025 auf BlueSky kam eine eher distanzierte und übersichtliche Diskussion. Ein wichtiger Kritikpunkt war, dass Mars ohne Magnetfeld eine künstlich geschaffene Atmosphäre nicht stabil halten könnte und für Lebensformen eher ungemütlich sein dürfte.<br></br>Der zweite wichtige Kritikpunkt ist genauso schwerwiegend und wird von diesen beiden Kommentaren zusammengefasst: „So charming that scientists with great ideas are not even trying to save the planet we have which is perpetually on fire and growing more toxic by the day. I’m glad you see a new green planet in the future; I rather prefer the one we’ve got.“ – „I agree – let’s terraform earth first and fix our carbon cycle“. </p> <p>Der Science Fiction-Ausnahme-Autor Kim Stanley Robinson hat zu genau diesem Thema seine berühmte Mars-Trilogie geschrieben, die die BAsis seines Rums ist. In „Red Mars“, „Green Mars“ und „Blue Mars“ beschreibt er detailliert die Besiedlung des Mars und die verschiedenen Stadien. Wissenschaftsbasiert, soziologisch versiert und erfindungsreich (Meertext: Ich muss an dieser Stelle ehrlich zugeben, dass ich in Band 2 steckenblieb und lieber seine anderen Bücher weiterlas).</p> <p>Aber von der Realisierung einer solchen Utopie sind wir nicht nur technologisch, sondern auch psychologisch und soziologisch weit, weit entfernt.<br></br>So sehr ich dagegen bin, mit dem Hinweis auf die Kosten der Klimakrise andere Forschungsgebiete beschneiden zu wollen, kam mir diese Publikation von Erika Alden DeBenedictis et al etwas zu reichlich phantasievoll vor.<br></br>Ich hätte bei diesen Ansagen auch eine ethische Technologiefolgenabschätzung erwartet, ob wir den Mars überhaupt besiedeln sollten. Möglicherweise kommt die irgendwo in der Publikation vor, deren Paywall ich leider nicht überwinden konnte. In Pressemitteilung und Presseberichten war dazu nichts zu finden.<br></br>Da sind viele SF-Szenarien deutlich weiter.</p> <h2 id="h-ware-eine-mars-siedlung-ethisch-vertretbar"><strong>Wäre eine Mars-Siedlung ethisch vertretbar?</strong></h2> <p>Unser roter Nachbarplanet steht auch wegen der Suche nach außerirdischem Leben immer wieder im Licht der Öffentlchkeit.<br></br>Dass dort heute etwas lebt, erscheint zwar unwahrscheinlich, ist aber nicht vollkommen ausgeschlossen. Wissenschaftlicher Konsens ist zurzeit, dass es dort eher zu einer früheren Zeit, vor dem Verlust der Mars-Atmosphäre, möglicherweise Leben gegeben haben könnte. Dafür gibt es bisher keinen Nachweis.<br></br>Beim Mars-Meteoriten ALH 84001 und aktuellen Gesteinsfunden etwa durch den Mars-Rover <em>Perseverance</em> handelt es sich, <a href="https://carnegiescience.edu/news/martian-meteorites-organic-materials-origin-not-biological">so der aktuelle Stand, nicht um fossile Biosignaturen</a>. Auch wenn sie in einigen Aspekten Strukturen in Gesteinen ähneln, die auf der Erde teilweise unter Mitwirkung von Mikroorganismen entstanden. Allerdings gibt es für deren Bildung auch mehrere nicht-biologische, rein mineralogische und geochemische Erklärungen.</p> <p>Nichtsdestotrotz ist oder war der Mars eine potenzielle Welt, wenn auch wohl bestenfalls vor über 3 Milliarden Jahren. Zu diesser Zeit könnte sich, im ähnlichen Zeitraum wie auf der Erde, einfaches Lebens oder Vorstufen davon gebildet haben. Während auf der Erde solche Gesteine meist stark verwittert oder nicht zugänglich sind, könnten sie auf dem Mars vielleicht noch besser erhalten sein. Ohne die irdischen Wetterverhältnisse und die fossil-störenden Auswirkungen der späteren Lebensformen könnte man dort in nicht allzu großer Gesteinstiefe ungestörte Gesteinsablagerungen finden, etwa in <a href="https://www.dlr.de/de/forschung-und-transfer/projekte-und-missionen/mars2020/wissenschaftliche-ziele-der-mission-mars-2020">Sedimenten von Flußfächern (Auf dieser DLR-Seite ist es gut erklärt)</a>. Darum erhoffen sich AstrobiologInnen, PaläontologInnen und andere Forschende mögliche Informationen zur frühen Entwicklung des Lebens auf der Erde.<p>Solche potenziell habitablen Planeten und Monde – wie auch Mars – unterliegen den strengen Vorschriften des Committee on Space Research <a href="https://cosparhq.cnes.fr/">(COSPAR)</a>:</p><br></br>“The main objectives are to</p> <ul> <li>Rigorously preclude backward contamination of Earth by extraterrestrial life or bioactive molecules in returned samples from habitable worlds in order to prevent potentially harmful consequences for humans and the Earth’s biosphere.</li> <li>Carefully control forward contamination of other worlds by terrestrial organisms and organic materials carried by spacecraft in order to guarantee the integrity of the search and study of extraterrestrial life, if it exists.</li> </ul> <p>Eine Besiedlung oder gar ein Terraforming des Mars könnte solche erhofften Spuren sehr frühen Lebens oder, noch schlimmer, hypothetische heutige Lebensspuren oder biogene Moleküle, auslöschen. Bei <a href="https://astrobiology.com/2025/01/mars-sample-return-from-collection-to-curation-of-samples-from-a-habitable-world.html">Sample Return-Missionen zum Mars werden sie im Missionsdesign auch berücksichtigt.</a> <br></br>Darum wären solche Ideen von Terraforming oder Besiedlung sehr kritisch zu sehen, schließlich verstoßen sie gegen alle ethischen Überlegungen zum Schutz außerirdischen Lebens. Wie übrigens auch das Fernziel der Firma Pioneer Labs, deren CEO Erika Alden DeBenedictis ist – also die Arbeit mit extremophilen Mikroorganismen und deren Potential zum Terraforming des Mars.</p> <h2 id="h-marsforschung-als-wissenschaftliche-fingerubung">“<strong>Marsforschung” als wissenschaftliche Fingerübung</strong></h2> <p>Im letzten Absatz der <a href="https://www.lanl.gov/media/news/0513-terraforming-mars">Pressemitteilung der Los Alamos National Laboratory</a> rudern die AutorInnen dann allerdings mächtig zurück:<br></br>„Die AutorInnen merken außerdem an, dass diese Forschung letztendlich dazu beitragen könnte, die „Oase Erde“ zu erhalten. Sie argumentieren, dass Technologien, die für die Besiedlung des Mars entwickelt wurden, wie beispielsweise trockenheitsresistente Nutzpflanzen, effiziente Bodensanierung und verbesserte Ökosystemmodellierung, wahrscheinlich auch unserem Heimatplaneten zugutekommen werden.„Die Forschung zur Terraformung des Mars bietet einen wichtigen Testbereich für die Planetenforschung, in dem Theorien validiert oder Wissenslücken aufgedeckt werden können“, schreiben sie. „Die Fortsetzung der Forschung verspricht bedeutende wissenschaftliche Fortschritte, unabhängig davon, ob eine vollständige Terraformung stattfindet oder nicht.“ <br></br>Bis diese Forschung abgeschlossen ist, schreiben sie: „Wir wissen noch nicht einmal, was physikalisch oder biologisch möglich ist. … Wenn die Menschen lernen, wie man eine Welt wie den Mars terraformt, könnte dies der erste Schritt zu weiteren Zielen sein.““. Solche Publikationen sind jedenfalls definitv ein wichtiger Schritt, Marketing für Pioneer Labs zu machen</p> <p>Astro-Forschung kommt tatsächlich meist zunächst der Erde zugute. Sie ist ein Testbereich für wissenschaftliche Hypothesen und Technologien – also eine Art Fingerübung. Nur, dass eine Publikation zum Terraforming des Mars eine unendlich viel höhere Aufmerksamkeit bekommt, als neue trockenheitsresistente Nutzpflanzen, effiziente Bodensanierung oder verbesserte Ökosystemmodellierung.<br></br>Aber vielleicht sollten wir Terraforming-Methoden zunächst auf unserer guten alten Erde anwenden, damit wir endlich unseren Kohlenstoffkreislauf stabilisiert bekommen. <br></br>Vielleicht hört sich Terraforming Earth einfach eher sexy und erstrebenswert an, als Restoring Earth. Von mir aus. Hauptsache, wir gehen auf der Erde endlich mal an die Arbeit.</p> <p>PS: Übrigens halte ich am Sa, dem 06.12 und somit am Nikolaustag, auf der Volkssternwarte Darmstatd einen Vortrag über “<a href="https://vsda.de/">Wüste(n) Planeten</a> in der Science Fiction” – darin kommt auch der Mars mit seinen ultimativen Wüsten vor.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/terraforming-des-mars/#comments 53 Randomisierter kontrollierter Unfug https://scilogs.spektrum.de/hlf/randomisierter-kontrollierter-unfug/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/randomisierter-kontrollierter-unfug/#comments Wed, 03 Dec 2025 13:00:00 +0000 Christoph Pöppe https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=13976 <h1>Randomisierter kontrollierter Unfug - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Christoph Pöppe</h2><div itemprop="text"> <p>Wer unvorbereitet auf den Artikel „<a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC61047/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Effects of remote, retroactive intercessory prayer on outcomes in patients with bloodstream infection: randomised controlled trial</a>“ stößt, der im Dezember 2001 im renommierten „British Medical Journal“ veröffentlicht wurde, dürfte mit absolut ungläubigem Kopfschütteln reagieren – oder mit schallendem Gelächter. Der Autor Leonard Leibovici untersuchte, ob Stoßgebete zugunsten von Krankenhauspatientinnen und -patienten mit Blutvergiftung eine günstige Wirkung auf ihr Wohlergehen haben, und fand einen kleinen, allerdings deutlichen Effekt. Nur wurden die Fürbitten erst Jahre nach dem Krankenhausaufenthalt der Betroffenen gesprochen!</p> <p>Richtig lachhaft wird die Geschichte erst durch den Kontext, in dem sie erscheint. Das British Medical Journal verlangt von seinen Autorinnen und Autoren, dass sie in einem sehr formalisierten „Abstract“ Auskunft auf gewisse Standardfragen geben: „Ziel der Studie? Studiendesign? Auswahl der Versuchspersonen? Art der Behandlung? Messskala für den Erfolg? Ergebnisse?“ und einige mehr. Und von der Art der Behandlung abgesehen sind die Antworten sämtlich vom Feinsten. Das Rabin Medical Center in Petah-Tiqva ist eines der größten und renommiertesten Krankenhäuser Israels; die Anzahl der Versuchspersonen war 3393, eine Größenordnung, von der andere medizinisch Forschende nur träumen können; und diese Personen wurden streng nach dem Zufall in die Behandlungs- und die Kontrollgruppe eingeteilt, wobei zusätzlich darauf geachtet wurde, dass nicht eine wesentliche Eigenschaft – Geschlecht, Alter, Art der Vorerkrankung und so weiter – in einer der Gruppen deutlich anders ausgeprägt war als in der anderen. Damit erfüllt die Studie die Kriterien des „randomised controlled trial“, was wiederum für professionelle Medizinerinnen und Mediziner die unabdingbare Voraussetzung ist, ein Ergebnis für voll zu nehmen.</p> <p>So wie es aussieht, hat das nachträgliche Beten dem Überleben der Erkrankten nicht nennenswert aufgeholfen. Von den Angehörigen der Behandlungsgruppe haben 28,1 Prozent das Krankenhaus nicht lebend verlassen, von denen der Kontrollgruppe 30,2 Prozent. Der Unterschied ist selbst bei dem großen Kollektiv zu klein, um signifikant zu sein. Aber die durchschnittliche Verweildauer der Bebeteten war deutlich kürzer als die der übrigen. Der berüchtigte <em>p</em>-Wert lag bei stolzen 0,01, also weit unter der Grenze von 0,05, bis zu der man anzunehmen pflegt, dass die Abweichung nicht schon durch Zufall zustande kommt.</p> <p>Konsequenterweise empfiehlt Leonard Leibovici die Anwendung seines Verfahrens in der klinischen Praxis. Immerhin sei die Behandlung kostengünstig – in der Tat – und höchstwahrscheinlich ohne schädliche Nebenwirkungen. Das ist richtig: Wo keine Wirkung ist, kann es auch keine Nebenwirkungen geben. Dieses Argument bringt der Autor allerdings nicht an, aus nachvollziehbaren Gründen.</p> <p>Wie kommt dieser ausgemachte Quatsch in eine stockseriöse wissenschaftliche Zeitschrift? Da gab es den weithin bekannt gewordenen „Sokal Hoax“: Der Physiker Alan Sokal hatte 1996 der Zeitschrift „Social Text“ ein <a href="https://physics.nyu.edu/faculty/sokal/transgress_v2/transgress_v2_singlefile.html">Manuskript</a> eingereicht, in dem er die Ergebnisse seines eigenen Fachs zu bloßen gesellschaftlichen Vereinbarungen herabwürdigte: „Es stellt sich immer deutlicher heraus, dass die physikalische ,Realität‘, nicht anders als die gesellschaftliche ,Realität‘, im Grunde ein soziales und linguistisches Konstrukt ist; dass wissenschaftliche ,Erkenntnis‘ alles andere als objektiv ist, sondern vielmehr die dominanten Ideologien und die Machtverhältnisse der Kultur wiederspiegelt, die selbige hervorgebracht hat …“ Weiter geht es unter wilder Vermischung physikalischer Fachbegriffe mit Soziologenjargon, so erfolgreich, dass die Herausgeber der Zeitschrift das Manuskript akzeptierten. Hohn und Spott ergoss sich über sie, nachdem Sokal enthüllte, dass sein ganzer Text ein einziger Blödsinn war.<aside></aside></p> <p>Hier liegen die Verhältnisse deutlich anders. Zu offensichtlich hat Leibovici seinen Blödsinn formuliert und zu allem Überfluss noch eine Abbildung eines Zellabstrichs beigefügt, die er als „Rudolf the red-nosed reindeer“ bezeichnet – na ja, es gibt eine entfernte Ähnlichkeit. Nein – die Herausgeber haben ihren Lesern diesen Text mit der Kopfzeile „Beyond Science“ als Schmankerl zu Weihnachten serviert.</p> <p>Unter den zahlreichen Leserreaktionen auf den Artikel führen etliche den Unfug noch weiter. Andrew M. Thornett von der australischen Adelaide University überschüttet den Autor zunächst mit Lob, bemängelt jedoch, dass die Religionszugehörigkeit der Betenden nicht erwähnt wird. In dieser Richtung weiter gedacht: Natürlich kann das Ärger geben, wenn die Fürbitte nicht an den Gott gerichtet wird, an den der Patient glaubt, sondern an den Kollegen vom anderen Gebetbuch. Demnach könnte die Studie, weil sie darauf nicht achtete, den Effekt sogar noch unterschätzen.</p> <p>Übrigens bekamen die Betenden von ihren Schützlingen nichts weiter mitgeteilt als den Vornamen. Also hätten auch Mitglieder der Kontrollgruppe, die zufällig denselben Vornamen tragen, in gleichem Maße von den zugehörigen Fürbitten profitiert, wodurch der eigentlich zu messende Effekt ebenfalls verwässert worden wäre.</p> <p>Manche Kommentatoren schlagen vor, jetzt auch die Kontrollgruppe mit Gebeten zu bedenken und nachzusehen, ob sich dadurch die Daten aus der Vergangenheit verändern. Ein solcher Akt sei schon durch die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Deklaration_von_Helsinki" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Deklaration von Helsinki zur ärztlichen Ethik</a> geboten, weil man niemandem eine nachweislich effektive Behandlung ohne guten Grund vorenthalten dürfe.</p> <p>Aber: Wenn wir schon, zum Beispiel durch Gebete, in die Vergangenheit einwirken könnten, dann würden wir das niemals merken! Schließlich ist uns nur unsere jeweils „aktuelle“ Vergangenheit zugänglich. Für die Kontrollgruppe zu beten hätte möglicherweise den Effekt, dass es daraufhin deren Mitgliedern besser gegangen ist als gerade eben noch. Damit hätten sich auch die Krankenakten verändert, die Leibovici für seinen Artikel verwendet hat, und es gäbe einen entsprechend anderen Artikel … Eine von vielen Möglichkeiten, sich aus dem Zeitreise-Paradox herauszuwinden.</p> <p>Das ist ja alles ganz lustig und eine nette intellektuelle Spielerei. Problematisch bis sogar erschreckend sind dagegen in meinen Augen die Kommentare der Leute, die den Artikel für voll nehmen. Nicht wenige sehen in dem Ergebnis einen Beweis der Existenz Gottes. Ein Leserbriefschreiber berichtet über Erfahrungen vom Typ „ein gegenwärtiges Ereignis beeinflusst ein vergangenes“ in einem völlig anderen Kontext und verweist auf seine sehr esoterische <a href="https://www.fourmilab.ch/rpkp/">Website</a>.</p> <p>Etliche Leute nutzen die Online-Leserbriefspalte des British Medical Journal für umfangreiche Abhandlungen über das Wesen Gottes, insbesondere seine Unabhängigkeit von unserer Zeit, was ihn befähige, in die Vergangenheit einzugreifen. Im übrigen sei ja das Prinzip, dass die Ursache der Folge stets zeitlich vorausgeht, bereits in der Quantenmechanik verletzt (eine sehr abenteuerliche Interpretation der „spukhaften Fernwirkung“). Weiter geht es mit dem Urknall, kosmischen Wurmlöchern und allem, was die moderne Physik an philosophielastigen Theorien zu bieten hat. Leute, es war ein Witz!</p> <p>Es kommt noch schlimmer. Leibovici bemerkt zutreffend, dass sein Thema in der bisherigen Literatur kaum vorkommt, zitiert dann aber immerhin eine einschlägige <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/fullarticle/485161">Arbeit</a> von neun Medizinern aus drei amerikanischen Instituten. Untersucht wurde der Effekt von Gebeten auf das Schicksal von Patienten der Coronary Care Unit am Mid America Heart Institute in Kansas City. Es geht also um Menschen, die einen Herzinfarkt erlitten haben oder gerade noch rechtzeitig vorher eingeliefert wurden. Im Gegensatz zu Leibovici beschreiben die Autoren sehr detailliert, wer die Betenden waren und was sie im Einzelnen zu tun hatten. Auch in diesem Fall sind sie ihren „Nutznießern“ nie persönlich begegnet und kannten nichts weiter von ihnen als den Vornamen. Der wesentliche Unterschied: Die Gebete setzten bereits ein, während die Patientinnen und Patienten noch im Krankenhaus lagen. Die Hypothese einer zeitlichen Rückwirkung stand also nicht zur Debatte. Und die Patienten, nach allen Regeln der Kunst randomisiert in Behandlungs- und Kontrollgruppe eingeteilt, wussten nichts von ihrem Glück beziehungsweise Pech. Man konnte also ausschließen, dass das bloße Wissen „Für mich wird gebetet“ einen Effekt hatte.</p> <p>Im Ergebnis fand sich ein positiver Effekt der Bet-Aktivitäten – nicht berauschend, aber mit einem <em>p</em>-Wert von 0,04 noch deutlich im signifikanten Bereich. Das gilt allerdings nur, wenn man das Schicksal der Patienten nach einem eigens für diese Studie entwickelten System, dem „MAHI-CCU score“, quantifiziert. Nach einer älteren, gröberen Klassifikation ergibt sich kein nennenswerter Effekt.</p> <p>Offensichtlich ist diese Untersuchung ernst gemeint. Und im Gegensatz zu Leibovicis Studie ist hier die Arbeitshypothese nicht offensichtlich absurd, sondern nur absurd. Erst bei genauem Lesen stellt sich heraus, dass die Betenden ihre „Kunden“ erst mit ungefähr einem Tag Verzögerung zugewiesen bekamen – einleuchtend, ein 24-Stunden-Bet-Notdienst wäre wohl kaum einzurichten gewesen. Nur finden die entscheidenden Eingriffe bei Erkrankungen dieser Art typischerweise in den ersten 24 Stunden nach Einlieferung statt. Und damit fragt die Studie – unbeabsichtigt – eben doch nach einer zeitlichen Rückwirkung, nicht über Jahre wie bei Leibovici, sondern nur über wenige Tage bis Wochen; aber das macht für die Absurdität keinen wesentlichen Unterschied.</p> <p>Die Autoren sprechen auch offen die Tatsache an, dass es für den von ihnen gefundenen Effekt bislang keine naturwissenschaftliche Erklärung gibt. Aber das entwerte ihre Schlussfolgerungen nicht. Schließlich hatte der schottische Arzt James Lind (1716–1794) in einem der ersten klinisch kontrollierten Experimente nachgewiesen, dass Zitrusfrüchte gegen Skorbut helfen, ohne von dem Wirkstoff Ascorbinsäure (Vitamin C), geschweige denn von dessen Wirkungsweise, auch nur etwas erahnen zu können; ein Argument, das auch Leibovici bringt. Schon richtig; aber irgendwie ist es doch ein Unterschied, ob man von einem physiologischen Prozess nur keine Ahnung hat oder ob man, um auch nur irgendeine Wirkungsweise anzunehmen, die ganze etablierte Physik über den Haufen werfen müsste.</p> <p>Ironischerweise gelang es den Kommentatorinnen Shehan Hettiaratchy und Carolyn Hemsley, Leibovici eine Unsauberkeit in der Statistik nachzuweisen. Ein Patient in der Kontrollgruppe musste volle 320 Tage im Krankenhaus zubringen, während der Rekordhalter in der Behandlungsgruppe nur auf 165 Tage kam. Solche Ausreißer ziehen den Durchschnittswert in die Höhe und geben dadurch ein falsches Bild, so wie ein einziger Millionär im Dorf das Durchschnittsvermögen der Dorfbewohner in völlig unrealistische Höhen treibt. Sinnvoller ist es in solchen Fällen, anstelle des Durchschnitts den Median zu verwenden, also den Wert mit der Eigenschaft, dass 50 Prozent der Beteiligten darüber und 50 Prozent darunter liegen. Tut man das mit Leibovicis Daten, so schrumpft der vorgebliche Effekt auf den bedeutungslosen Unterschied zwischen 7 Tagen für die Behandlungs- und 8 für die Kontrollgruppe.</p> <p>Somit scheint auf den ersten Blick alles wieder in Ordnung zu sein. Jemand hat eine absurde Hypothese aufgestellt, und die statistische Auswertung, richtig betrieben, hat sie widerlegt. (Korrekt ausgedrückt: Sie hat keine hinreichend sicheren Hinweise dafür gefunden, dass das Gegenteil der Hypothese falsch ist.) Nur kann man sich darauf nicht verlassen. Der berüchtigte <em>p</em>-Wert von 0,05 besagt ja nur, dass die (geschätzte) Wahrscheinlichkeit, einem Zufallseffekt aufgesessen zu sein, höchstens 5 Prozent beträgt. Im Umkehrschluss heißt das: Es ist damit zu rechnen, dass eine von 20 absurden Hypothesen durch schiere Zufallseffekte eine statistische Bestätigung findet. Wenn man also fleißig Unfug in die Welt setzt und die entsprechenden Behauptungen nach allen Regeln der Statistik überprüft, wird man relativ bald einen Treffer landen.</p> <p>Und das ist nicht etwa eine spezielle Strategie der Esoteriker. Manche ganz gewöhnlichen Mediziner oder Psychologen haben zwar eine große Menge statistischer Daten erhoben, aber eine Bestätigung der zu testenden Hypothese geben die nicht her. Da aber der arme Doktorand dringend ein publizierbares Ergebnis braucht, berechnet er alle möglichen Korrelationen zwischen Variablen und schreibt dann über diejenigen, die einen <em>p</em>-Wert unter 0,05 liefern – womit er genau die Voraussetzungen untergräbt, unter denen der <em>p</em>-Wert überhaupt Sinn macht. Dieses so genannte <em>p</em>-Hacking, erkennbar an einer auffälligen Häufung von <em>p</em>-Werten knapp unter der Schranke von 0,05, ist inzwischen ein ernsthaftes Problem (siehe auch ein <a href="https://www.spektrum.de/inhaltsverzeichnis/vorsicht-statistik-spektrum-highlights-3-2019/1425075" rel="noreferrer noopener" target="_blank">„Spektrum“-Sonderheft</a> zum Thema). So wie es aussieht, leistet es einen erheblichen Beitrag zu der vielbeklagten Reproduzierbarkeitskrise in der Psychologie.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Randomisierter kontrollierter Unfug - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Christoph Pöppe</h2><div itemprop="text"> <p>Wer unvorbereitet auf den Artikel „<a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC61047/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Effects of remote, retroactive intercessory prayer on outcomes in patients with bloodstream infection: randomised controlled trial</a>“ stößt, der im Dezember 2001 im renommierten „British Medical Journal“ veröffentlicht wurde, dürfte mit absolut ungläubigem Kopfschütteln reagieren – oder mit schallendem Gelächter. Der Autor Leonard Leibovici untersuchte, ob Stoßgebete zugunsten von Krankenhauspatientinnen und -patienten mit Blutvergiftung eine günstige Wirkung auf ihr Wohlergehen haben, und fand einen kleinen, allerdings deutlichen Effekt. Nur wurden die Fürbitten erst Jahre nach dem Krankenhausaufenthalt der Betroffenen gesprochen!</p> <p>Richtig lachhaft wird die Geschichte erst durch den Kontext, in dem sie erscheint. Das British Medical Journal verlangt von seinen Autorinnen und Autoren, dass sie in einem sehr formalisierten „Abstract“ Auskunft auf gewisse Standardfragen geben: „Ziel der Studie? Studiendesign? Auswahl der Versuchspersonen? Art der Behandlung? Messskala für den Erfolg? Ergebnisse?“ und einige mehr. Und von der Art der Behandlung abgesehen sind die Antworten sämtlich vom Feinsten. Das Rabin Medical Center in Petah-Tiqva ist eines der größten und renommiertesten Krankenhäuser Israels; die Anzahl der Versuchspersonen war 3393, eine Größenordnung, von der andere medizinisch Forschende nur träumen können; und diese Personen wurden streng nach dem Zufall in die Behandlungs- und die Kontrollgruppe eingeteilt, wobei zusätzlich darauf geachtet wurde, dass nicht eine wesentliche Eigenschaft – Geschlecht, Alter, Art der Vorerkrankung und so weiter – in einer der Gruppen deutlich anders ausgeprägt war als in der anderen. Damit erfüllt die Studie die Kriterien des „randomised controlled trial“, was wiederum für professionelle Medizinerinnen und Mediziner die unabdingbare Voraussetzung ist, ein Ergebnis für voll zu nehmen.</p> <p>So wie es aussieht, hat das nachträgliche Beten dem Überleben der Erkrankten nicht nennenswert aufgeholfen. Von den Angehörigen der Behandlungsgruppe haben 28,1 Prozent das Krankenhaus nicht lebend verlassen, von denen der Kontrollgruppe 30,2 Prozent. Der Unterschied ist selbst bei dem großen Kollektiv zu klein, um signifikant zu sein. Aber die durchschnittliche Verweildauer der Bebeteten war deutlich kürzer als die der übrigen. Der berüchtigte <em>p</em>-Wert lag bei stolzen 0,01, also weit unter der Grenze von 0,05, bis zu der man anzunehmen pflegt, dass die Abweichung nicht schon durch Zufall zustande kommt.</p> <p>Konsequenterweise empfiehlt Leonard Leibovici die Anwendung seines Verfahrens in der klinischen Praxis. Immerhin sei die Behandlung kostengünstig – in der Tat – und höchstwahrscheinlich ohne schädliche Nebenwirkungen. Das ist richtig: Wo keine Wirkung ist, kann es auch keine Nebenwirkungen geben. Dieses Argument bringt der Autor allerdings nicht an, aus nachvollziehbaren Gründen.</p> <p>Wie kommt dieser ausgemachte Quatsch in eine stockseriöse wissenschaftliche Zeitschrift? Da gab es den weithin bekannt gewordenen „Sokal Hoax“: Der Physiker Alan Sokal hatte 1996 der Zeitschrift „Social Text“ ein <a href="https://physics.nyu.edu/faculty/sokal/transgress_v2/transgress_v2_singlefile.html">Manuskript</a> eingereicht, in dem er die Ergebnisse seines eigenen Fachs zu bloßen gesellschaftlichen Vereinbarungen herabwürdigte: „Es stellt sich immer deutlicher heraus, dass die physikalische ,Realität‘, nicht anders als die gesellschaftliche ,Realität‘, im Grunde ein soziales und linguistisches Konstrukt ist; dass wissenschaftliche ,Erkenntnis‘ alles andere als objektiv ist, sondern vielmehr die dominanten Ideologien und die Machtverhältnisse der Kultur wiederspiegelt, die selbige hervorgebracht hat …“ Weiter geht es unter wilder Vermischung physikalischer Fachbegriffe mit Soziologenjargon, so erfolgreich, dass die Herausgeber der Zeitschrift das Manuskript akzeptierten. Hohn und Spott ergoss sich über sie, nachdem Sokal enthüllte, dass sein ganzer Text ein einziger Blödsinn war.<aside></aside></p> <p>Hier liegen die Verhältnisse deutlich anders. Zu offensichtlich hat Leibovici seinen Blödsinn formuliert und zu allem Überfluss noch eine Abbildung eines Zellabstrichs beigefügt, die er als „Rudolf the red-nosed reindeer“ bezeichnet – na ja, es gibt eine entfernte Ähnlichkeit. Nein – die Herausgeber haben ihren Lesern diesen Text mit der Kopfzeile „Beyond Science“ als Schmankerl zu Weihnachten serviert.</p> <p>Unter den zahlreichen Leserreaktionen auf den Artikel führen etliche den Unfug noch weiter. Andrew M. Thornett von der australischen Adelaide University überschüttet den Autor zunächst mit Lob, bemängelt jedoch, dass die Religionszugehörigkeit der Betenden nicht erwähnt wird. In dieser Richtung weiter gedacht: Natürlich kann das Ärger geben, wenn die Fürbitte nicht an den Gott gerichtet wird, an den der Patient glaubt, sondern an den Kollegen vom anderen Gebetbuch. Demnach könnte die Studie, weil sie darauf nicht achtete, den Effekt sogar noch unterschätzen.</p> <p>Übrigens bekamen die Betenden von ihren Schützlingen nichts weiter mitgeteilt als den Vornamen. Also hätten auch Mitglieder der Kontrollgruppe, die zufällig denselben Vornamen tragen, in gleichem Maße von den zugehörigen Fürbitten profitiert, wodurch der eigentlich zu messende Effekt ebenfalls verwässert worden wäre.</p> <p>Manche Kommentatoren schlagen vor, jetzt auch die Kontrollgruppe mit Gebeten zu bedenken und nachzusehen, ob sich dadurch die Daten aus der Vergangenheit verändern. Ein solcher Akt sei schon durch die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Deklaration_von_Helsinki" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Deklaration von Helsinki zur ärztlichen Ethik</a> geboten, weil man niemandem eine nachweislich effektive Behandlung ohne guten Grund vorenthalten dürfe.</p> <p>Aber: Wenn wir schon, zum Beispiel durch Gebete, in die Vergangenheit einwirken könnten, dann würden wir das niemals merken! Schließlich ist uns nur unsere jeweils „aktuelle“ Vergangenheit zugänglich. Für die Kontrollgruppe zu beten hätte möglicherweise den Effekt, dass es daraufhin deren Mitgliedern besser gegangen ist als gerade eben noch. Damit hätten sich auch die Krankenakten verändert, die Leibovici für seinen Artikel verwendet hat, und es gäbe einen entsprechend anderen Artikel … Eine von vielen Möglichkeiten, sich aus dem Zeitreise-Paradox herauszuwinden.</p> <p>Das ist ja alles ganz lustig und eine nette intellektuelle Spielerei. Problematisch bis sogar erschreckend sind dagegen in meinen Augen die Kommentare der Leute, die den Artikel für voll nehmen. Nicht wenige sehen in dem Ergebnis einen Beweis der Existenz Gottes. Ein Leserbriefschreiber berichtet über Erfahrungen vom Typ „ein gegenwärtiges Ereignis beeinflusst ein vergangenes“ in einem völlig anderen Kontext und verweist auf seine sehr esoterische <a href="https://www.fourmilab.ch/rpkp/">Website</a>.</p> <p>Etliche Leute nutzen die Online-Leserbriefspalte des British Medical Journal für umfangreiche Abhandlungen über das Wesen Gottes, insbesondere seine Unabhängigkeit von unserer Zeit, was ihn befähige, in die Vergangenheit einzugreifen. Im übrigen sei ja das Prinzip, dass die Ursache der Folge stets zeitlich vorausgeht, bereits in der Quantenmechanik verletzt (eine sehr abenteuerliche Interpretation der „spukhaften Fernwirkung“). Weiter geht es mit dem Urknall, kosmischen Wurmlöchern und allem, was die moderne Physik an philosophielastigen Theorien zu bieten hat. Leute, es war ein Witz!</p> <p>Es kommt noch schlimmer. Leibovici bemerkt zutreffend, dass sein Thema in der bisherigen Literatur kaum vorkommt, zitiert dann aber immerhin eine einschlägige <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/fullarticle/485161">Arbeit</a> von neun Medizinern aus drei amerikanischen Instituten. Untersucht wurde der Effekt von Gebeten auf das Schicksal von Patienten der Coronary Care Unit am Mid America Heart Institute in Kansas City. Es geht also um Menschen, die einen Herzinfarkt erlitten haben oder gerade noch rechtzeitig vorher eingeliefert wurden. Im Gegensatz zu Leibovici beschreiben die Autoren sehr detailliert, wer die Betenden waren und was sie im Einzelnen zu tun hatten. Auch in diesem Fall sind sie ihren „Nutznießern“ nie persönlich begegnet und kannten nichts weiter von ihnen als den Vornamen. Der wesentliche Unterschied: Die Gebete setzten bereits ein, während die Patientinnen und Patienten noch im Krankenhaus lagen. Die Hypothese einer zeitlichen Rückwirkung stand also nicht zur Debatte. Und die Patienten, nach allen Regeln der Kunst randomisiert in Behandlungs- und Kontrollgruppe eingeteilt, wussten nichts von ihrem Glück beziehungsweise Pech. Man konnte also ausschließen, dass das bloße Wissen „Für mich wird gebetet“ einen Effekt hatte.</p> <p>Im Ergebnis fand sich ein positiver Effekt der Bet-Aktivitäten – nicht berauschend, aber mit einem <em>p</em>-Wert von 0,04 noch deutlich im signifikanten Bereich. Das gilt allerdings nur, wenn man das Schicksal der Patienten nach einem eigens für diese Studie entwickelten System, dem „MAHI-CCU score“, quantifiziert. Nach einer älteren, gröberen Klassifikation ergibt sich kein nennenswerter Effekt.</p> <p>Offensichtlich ist diese Untersuchung ernst gemeint. Und im Gegensatz zu Leibovicis Studie ist hier die Arbeitshypothese nicht offensichtlich absurd, sondern nur absurd. Erst bei genauem Lesen stellt sich heraus, dass die Betenden ihre „Kunden“ erst mit ungefähr einem Tag Verzögerung zugewiesen bekamen – einleuchtend, ein 24-Stunden-Bet-Notdienst wäre wohl kaum einzurichten gewesen. Nur finden die entscheidenden Eingriffe bei Erkrankungen dieser Art typischerweise in den ersten 24 Stunden nach Einlieferung statt. Und damit fragt die Studie – unbeabsichtigt – eben doch nach einer zeitlichen Rückwirkung, nicht über Jahre wie bei Leibovici, sondern nur über wenige Tage bis Wochen; aber das macht für die Absurdität keinen wesentlichen Unterschied.</p> <p>Die Autoren sprechen auch offen die Tatsache an, dass es für den von ihnen gefundenen Effekt bislang keine naturwissenschaftliche Erklärung gibt. Aber das entwerte ihre Schlussfolgerungen nicht. Schließlich hatte der schottische Arzt James Lind (1716–1794) in einem der ersten klinisch kontrollierten Experimente nachgewiesen, dass Zitrusfrüchte gegen Skorbut helfen, ohne von dem Wirkstoff Ascorbinsäure (Vitamin C), geschweige denn von dessen Wirkungsweise, auch nur etwas erahnen zu können; ein Argument, das auch Leibovici bringt. Schon richtig; aber irgendwie ist es doch ein Unterschied, ob man von einem physiologischen Prozess nur keine Ahnung hat oder ob man, um auch nur irgendeine Wirkungsweise anzunehmen, die ganze etablierte Physik über den Haufen werfen müsste.</p> <p>Ironischerweise gelang es den Kommentatorinnen Shehan Hettiaratchy und Carolyn Hemsley, Leibovici eine Unsauberkeit in der Statistik nachzuweisen. Ein Patient in der Kontrollgruppe musste volle 320 Tage im Krankenhaus zubringen, während der Rekordhalter in der Behandlungsgruppe nur auf 165 Tage kam. Solche Ausreißer ziehen den Durchschnittswert in die Höhe und geben dadurch ein falsches Bild, so wie ein einziger Millionär im Dorf das Durchschnittsvermögen der Dorfbewohner in völlig unrealistische Höhen treibt. Sinnvoller ist es in solchen Fällen, anstelle des Durchschnitts den Median zu verwenden, also den Wert mit der Eigenschaft, dass 50 Prozent der Beteiligten darüber und 50 Prozent darunter liegen. Tut man das mit Leibovicis Daten, so schrumpft der vorgebliche Effekt auf den bedeutungslosen Unterschied zwischen 7 Tagen für die Behandlungs- und 8 für die Kontrollgruppe.</p> <p>Somit scheint auf den ersten Blick alles wieder in Ordnung zu sein. Jemand hat eine absurde Hypothese aufgestellt, und die statistische Auswertung, richtig betrieben, hat sie widerlegt. (Korrekt ausgedrückt: Sie hat keine hinreichend sicheren Hinweise dafür gefunden, dass das Gegenteil der Hypothese falsch ist.) Nur kann man sich darauf nicht verlassen. Der berüchtigte <em>p</em>-Wert von 0,05 besagt ja nur, dass die (geschätzte) Wahrscheinlichkeit, einem Zufallseffekt aufgesessen zu sein, höchstens 5 Prozent beträgt. Im Umkehrschluss heißt das: Es ist damit zu rechnen, dass eine von 20 absurden Hypothesen durch schiere Zufallseffekte eine statistische Bestätigung findet. Wenn man also fleißig Unfug in die Welt setzt und die entsprechenden Behauptungen nach allen Regeln der Statistik überprüft, wird man relativ bald einen Treffer landen.</p> <p>Und das ist nicht etwa eine spezielle Strategie der Esoteriker. Manche ganz gewöhnlichen Mediziner oder Psychologen haben zwar eine große Menge statistischer Daten erhoben, aber eine Bestätigung der zu testenden Hypothese geben die nicht her. Da aber der arme Doktorand dringend ein publizierbares Ergebnis braucht, berechnet er alle möglichen Korrelationen zwischen Variablen und schreibt dann über diejenigen, die einen <em>p</em>-Wert unter 0,05 liefern – womit er genau die Voraussetzungen untergräbt, unter denen der <em>p</em>-Wert überhaupt Sinn macht. Dieses so genannte <em>p</em>-Hacking, erkennbar an einer auffälligen Häufung von <em>p</em>-Werten knapp unter der Schranke von 0,05, ist inzwischen ein ernsthaftes Problem (siehe auch ein <a href="https://www.spektrum.de/inhaltsverzeichnis/vorsicht-statistik-spektrum-highlights-3-2019/1425075" rel="noreferrer noopener" target="_blank">„Spektrum“-Sonderheft</a> zum Thema). So wie es aussieht, leistet es einen erheblichen Beitrag zu der vielbeklagten Reproduzierbarkeitskrise in der Psychologie.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/randomisierter-kontrollierter-unfug/#comments 60 Brain in Pain – Gehirnstimulation gegen Fibromyalgie? https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/brain-in-pain-gehirnstimulation-gegen-fibromyalgie/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/brain-in-pain-gehirnstimulation-gegen-fibromyalgie/#comments Mon, 01 Dec 2025 06:00:00 +0000 Luisa Sophie Engelke https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5315 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Nov-24-2025-04_13_02-PM-768x768.png <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/brain-in-pain-gehirnstimulation-gegen-fibromyalgie/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Nov-24-2025-04_13_02-PM.png" /><h1>Brain in Pain – Gehirnstimulation gegen Fibromyalgie? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Luisa Sophie Engelke</h2><div itemprop="text"> <p>Muskeln schmerzen, Gelenke brennen, und man fühlt sich energielos und erschöpft, weil man mal wieder so schlecht geschlafen hat. Und doch zeigt kein Röntgenbild und kein Blutwert etwas Auffälliges. Denn die Schmerzen kommen nicht, weil man sich verletzt hat, sondern weil der Körper selbst die Schmerzquelle ist.</p> <p>Für viele Betroffene mit <strong>Fibromyalgie</strong> ist das leider tägliche Realität. Was hinter diesem rätselhaften Schmerzsyndrom steckt, hat weniger mit Muskeln als mit dem Gehirn zu tun. Die deutsche Gesellschaft für Rheumatologie schätzt, dass ca. 3 bis 4 % der Bevölkerung in Deutschland an Fibromyalgie leiden, was sie damit zu einer der häufigsten chronischen Schmerzerkrankungen macht [1], [2]. Da sie zu den weniger gut erforschten Erkrankungen gehört, rückt sie oft in den Hintergrund – auch wenn der Schmerz im Alltag alles andere als nebensächlich ist. Betroffene leiden oft darunter, nicht ernst genommen zu werden und selbst wenn doch, sind die therapeutischen Maßnahmen unbefriedigend [3].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411175_7439a7c3-6e6f-49d5-81d9-5a07e3064fb0-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411175_7439a7c3-6e6f-49d5-81d9-5a07e3064fb0-819x1024.jpg"></img></a></figure></div> <p>Im Durchschnitt vergehen ganze 16 Jahre, bis Betroffene eine offizielle Diagnose erhalten – eine lange, belastende Zeit voller Unsicherheit und ohne angemessene Behandlung [4]. Die Komplexität der noch so unerforschten Krankheit erschwert die Entwicklung geeigneter Therapien, doch sogenannte Gehirnstimulationsmethoden treten immer mehr in den Vordergrund und scheinen vielversprechend zu sein. Doch sind sie wirklich eine neue Hoffnung für Menschen mit Fibromyalgie?</p> <h3 id="h-der-weg-des-schmerzreizes">Der Weg des Schmerzreizes</h3> <p>Wenn man die Ursachen von Fibromyalgie verstehen will, muss man sich zuerst damit beschäftigen, wie die Schmerzverarbeitung im Körper eigentlich funktioniert.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2616135_6919-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2616135_6919-edited-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2616135_6919-edited-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2616135_6919-edited-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2616135_6919-edited-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2616135_6919-edited-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2616135_6919-edited-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2616135_6919-edited-2048x1536.jpg 2048w" width="2560"></img></a></figure></div> <p>Autsch! Schon ist es beim Nähen passiert, und man piekst sich in den Finger. Dieser Reiz wird von den Schmerz- und Temperatursensoren der Haut erfasst und über aufsteigende Nervenbahnen zuerst in das Rückenmark und dann in das Gehirn geleitet. Bereits im Rückenmark werden Schmerzreize durch spezielle Nervenzellen gefiltert und gedämpft [5]. Die Informationen erreichen den <strong>Thalamus</strong>, der die weitere Verschaltung in verschiedene andere Gehirnbereiche übernimmt, unter anderem dem primären und sekundären sensorischen Kortex (S1 und S2), die den Schmerz lokalisieren („Da tut etwas an meinem Finger weh“). Die Informationen gelangen auch in die Insula und den anterioren cingulären Kortex (ACC), dort wird der Reiz emotional bewertet („Aua, das tat weh!“). Der präfrontale Kortex ist schlussendlich für die Bewertung und die Empfindung des Schmerzreizes verantwortlich (“Ah, ich habe mir beim Nähen mit der Nadel in den Finger gepikst, aber das ist nicht so schlimm!”).<aside></aside></p> <p>Der Präfrontalkortex hat außerdem die wichtige Aufgabe, Schmerz über die absteigenden Nervenbahnen zu lindern. Er sorgt für die Ausschüttung von körpereigenen <strong>Opioiden</strong>, die als endogenes Schmerzhemmungsmittel dienen. Diese “<strong>Top-Down” Kontrolle</strong> sorgt beispielsweise dafür, dass ein Schmerzreiz wie Druck nach einiger Zeit nicht mehr so stark bis ins Gehirn weitergeleitet wird, weil die Signale vom präfrontalen Kortex (PFC) aus nach unten bis ins Rückenmark gehemmt werden [6].</p> <h3 id="h-die-symptome-der-fibromyalgie">Die Symptome der Fibromyalgie</h3> <p>Dieser normale Weg der Schmerzverarbeitung- und Filterung ist bei Fibromyalgie-Betroffenen gestört [3]. Schmerz ist für unseren Körper ein Warnsignal, auf das wir adäquat reagieren und uns beispielsweise von einem zu heißen Feuer wegbewegen. Doch bei den Betroffenen scheint der Körper im Daueralarm-Modus zu sein.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/145139714_bb5eeb8b-3f29-418c-a518-acfe9dc60eb3-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 819px) 100vw, 819px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/145139714_bb5eeb8b-3f29-418c-a518-acfe9dc60eb3-819x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/145139714_bb5eeb8b-3f29-418c-a518-acfe9dc60eb3-819x1024.jpg 819w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/145139714_bb5eeb8b-3f29-418c-a518-acfe9dc60eb3-240x300.jpg 240w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/145139714_bb5eeb8b-3f29-418c-a518-acfe9dc60eb3-768x960.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/145139714_bb5eeb8b-3f29-418c-a518-acfe9dc60eb3-1229x1536.jpg 1229w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/145139714_bb5eeb8b-3f29-418c-a518-acfe9dc60eb3-1639x2048.jpg 1639w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/145139714_bb5eeb8b-3f29-418c-a518-acfe9dc60eb3-scaled.jpg 2048w" width="819"></img></a></figure></div> <p>Das Wort Fibromyalgie beschreibt wortwörtlich Faser-Muskel-Schmerz [7], doch entgegen der Annahme, dass es sich um Schädigungen oder Entzündungen im Gewebe oder Muskel handelt, liegt die Ursache im zentralen Nervensystem. Unter der Krankheit leiden zu 90 % Frauen, doch auch Männer können erkranken, werden nur seltener diagnostiziert [8]. Warum so viel mehr Frauen betroffen sind, ist der Wissenschaft bis heute ein Rätsel.</p> <p>Generell sind die genauen neurowissenschaftlichen Ursachen bis heute teilweise sehr rätselhaft, scheinen jedoch vielseitig zu sein [2]. Es wird vermutet, dass bei den Betroffenen eine <strong>zentrale Sensitivierung</strong> vorliegt, welche zu einer erhöhten <strong>Schmerzempfindlichkeit</strong> führt. Diese sogenannte <strong>Hyperalgesie </strong>ist eines der Hauptsymptome von Fibromyalgie-Betroffenen. Schon leichter Druck auf der Haut oder sanfte Berührungen werden von Betroffenen als sehr schmerzhaft wahrgenommen [3].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411581_87ddca35-a0d7-4b5a-ac58-096de56e036a-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411581_87ddca35-a0d7-4b5a-ac58-096de56e036a-683x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411581_87ddca35-a0d7-4b5a-ac58-096de56e036a-683x1024.jpg 683w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411581_87ddca35-a0d7-4b5a-ac58-096de56e036a-200x300.jpg 200w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411581_87ddca35-a0d7-4b5a-ac58-096de56e036a-768x1152.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411581_87ddca35-a0d7-4b5a-ac58-096de56e036a-1024x1536.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411581_87ddca35-a0d7-4b5a-ac58-096de56e036a-1366x2048.jpg 1366w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411581_87ddca35-a0d7-4b5a-ac58-096de56e036a-scaled.jpg 1707w" width="683"></img></a></figure></div> <p>Die zentrale Sensitivierung beschreibt, dass die Neuronen im Gehirn stärker und anhaltender feuern und so das Schmerzempfinden länger aktiv im Gehirn halten [9]. Dies resultiert in einer sensorischen <strong>Hypersensitivität</strong>, die vermutlich der Grund für die chronisch anhaltenden Schmerzen ist. Grund dafür ist auch eine verringerte Schmerzschwelle, bei der etwas als schmerzhaft wahrgenommen wird. Empfundener Schmerz gegenüber eigentlich harmlosen Reizen, etwa Temperatur oder Druck, wird <strong>Allodynie</strong> genannt, auch das ist bei Fibromyalgie-Patientinnen und Patienten weit verbreitet. Die Krankheit kann sogar so weit führen, dass Betroffene sogar Schmerzen empfinden, obwohl gar kein konkreter Schmerzreiz im oder am Körper vorliegt. Generell sind die Schmerzen am stärksten zu spüren an bestimmten sensiblen Punkten am Körper, doch das gesamte Krankheitsbild geht auch oft mit Begleitsymptomen wie Erschöpfung, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Magenproblemen und kognitiven Problemen einhergeht [2], [10], [11].</p> <h3 id="h-was-ist-los-im-gehirn">Was ist los im Gehirn?</h3> <p>Studien zeigten, dass bei Betroffenen oft erhöhte Konzentrationen von Schmerz-Botenstoffen, etwa Substanz P und Glutamat, im Nervensystem gefunden werden, die für verstärkte Schmerzsignale sorgen [12]. Ebenso scheinen bei Menschen mit Fibromyalgie die absteigenden Bahnen betroffen zu sein, die eine angemessene Schmerzhemmung nicht mehr zulassen [13]. Man geht davon aus, dass bestimmte Bereiche des Präfrontalkortex, die für die Top-Down-Kontrolle zuständig sind, bei Fibromyalgie vermindert aktiviert bzw. weniger gut vernetzt sind [14]. Der Körper schafft es also nicht mehr, ab einem bestimmten Punkt die Schmerzsignale herunterzuregulieren.</p> <p>Hingegen deuten strukturelle Analysen von Gehirnen von Fibromyalgie-Betroffenen darauf hin, dass die schmerzverarbeitenden neuronalen Netzwerke verstärkt aktiv sind (Hypersensibilität). Funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRI)-Studien mit Betroffenen und gesunden Teilnehmern zeigten, dass Schmerzreize (Druck auf den Daumen) zu einer deutlich höheren Aktivierung der Schmerzzentren im Gehirn bei Fibromylagie-Patientinnen und -patienten führt verglichen zu gesunden Teilnehmern [15].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/57166804_2305_q802_009_s_m009_c12_headache_pain_flat_illustration-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="688" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/57166804_2305_q802_009_s_m009_c12_headache_pain_flat_illustration-1024x688.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/57166804_2305_q802_009_s_m009_c12_headache_pain_flat_illustration-1024x688.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/57166804_2305_q802_009_s_m009_c12_headache_pain_flat_illustration-300x202.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/57166804_2305_q802_009_s_m009_c12_headache_pain_flat_illustration-768x516.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/57166804_2305_q802_009_s_m009_c12_headache_pain_flat_illustration-1536x1033.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/57166804_2305_q802_009_s_m009_c12_headache_pain_flat_illustration-2048x1377.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Es wird spekuliert, dass chronischer Schmerz, verursacht durch Stress, Schlafmangel oder langanhaltende Schmerzen, zu dieser Hyperaktivierung der Neuronen führt [16], [17]. Chronischer Stress und Schmerz bewirken eine Anpassung des Nervensystems auf die dauernden Reize, was schließlich zu Fibromyalgiesymptomen führen kann. Dieses sogenannte <strong>Schmerzgedächtnis</strong> führt dazu, dass die Schmerzen dauerhaft verarbeitet und empfunden werden.</p> <h3 id="h-neue-hoffnungen-fur-therapieansatze">Neue Hoffnungen für Therapieansätze?</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/37452043_8443631.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/37452043_8443631-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/37452043_8443631-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/37452043_8443631-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/37452043_8443631-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/37452043_8443631-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/37452043_8443631-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/37452043_8443631.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Die Therapieansätze bei Fibromyalgie sind ebenso vielschichtig wie die Symptome der Erkrankung selbst. Von Bewegungstherapien wie Wassergymnastik und Kraftübungen, über Physio-, Ergo und Musiktherapie, Achtsamkeit und Meditation bis hin zu Psychotherapie werden verschiedene Ansätze genutzt, um den Betroffenen Linderung zu verschaffen, sowohl physisch als auch psychisch.</p> <p>Aufgrund der gestörten Schmerzwahrnehmung im Gehirn zeigen medikamentöse Behandlungen bis heute leider nur sehr begrenzte Wirkung. Zwar zeigen extra für Fibromyalgie hergestellte Antidepressiva oder Antikonvulsiva (Antiepileptika) Linderung, dies aber nur in Einzelfällen [18]. Betroffene sprechen oft nicht auf Medikamente an, sodass sich neuerdings das Interesse der Forschung auf die nicht mehr chemischen, sondern elektrischen Therapieansätze fokussiert. Neue Hoffnungen machen sogenannte <strong>Gehirnstimulations-Methoden</strong>, bei denen das Gehirn und die Nervenzellen nicht-invasiv angeregt werden. </p> <p>Obwohl die aktuelle Forschung in Richtung Gehirnstimulation noch in ihren Anfängen ist, zeigen sich trotzdem optimistische Resultate. Durch magnetische oder elektrische Energie werden durch den Kopf (“transkraniell”) die darunterliegenden neuronalen Netzwerke angeregt, die unteraktiv bei Fibromyalgie-Betroffenen sind. Daher wird besonders der Präfrontalcortex stimuliert, damit wieder eine intakte Hemmung der Schmerzen passiert. Ziel ist es, die Top-Down Hemmung wieder auf ein gesundes Level zu bringen [19].</p> <h4 id="h-elektrische-stimulation-mit-tdcs">Elektrische Stimulation mit tDCS</h4> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2025-11-23-153730.png"><img alt="" decoding="async" height="653" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 433px) 100vw, 433px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2025-11-23-153730.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2025-11-23-153730.png 433w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2025-11-23-153730-199x300.png 199w" width="433"></img></a></figure></div> <p>Eine Form der Hirnstimulation ist die transkranielle Gleichstromstimulation (transcranial direct current stimulation, <strong>tDCS</strong>). Dabei werden am Kopf zwei Elektroden angebracht, die einen leichten Strom erzeugen und damit die Neuronen im Gehirn anregen.</p> <p>Eine groß angelegte Studie von 2025 testete diese Methode bei 112 Frauen, über einen Zeitraum von einem Monat täglich 20 Minuten eigenständig mit einem Stimulationsgerät die Gehirnstimulation durchführten. Die Studie war Placebo-kontrolliert und doppelblind, das heißt, weder die Teilnehmerinnen noch die Untersuchenden wussten, wer die reale oder die Placebo-Stimulation erhielt. In der Studie wurde der linke dorsolaterale Präfrontalcortex für die Stimulation ausgesucht. Zudem absolvierten die Teilnehmer Bewegungsübungen und nahmen an Schmerzschulungs-Trainings teil. Die Wirkung der Stimulation wurde mithilfe eines Schmerzfragebogens erfasst, der mehrere Lebensbereiche abbildet: wie stark der Schmerz den Alltag beeinträchtigt, welchen Einfluss er auf die Stimmung hat und inwiefern soziale Interaktionen betroffen sind [20]. Die Ergebnisse zeigten, dass der Schmerz bei Frauen mit echter Stimulation um ca. 38.8 % verringert war (bei der Placebogruppe waren es ca. 16,0 %).</p> <p>Generell kommen die Studienergebnisse zusammenfassend nach aktuellem Stand zu einem vorsichtig positiven Fazit bezüglich tDCS. Um die Details, wie Intensität, Ort der Stimulation und Dauer zu klären, bedarf es jedoch noch weiterer Forschung [21].</p> <h4 id="h-magnetische-stimulation-mit-rtms">Magnetische Stimulation mit rTMS</h4> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-31.png"><img alt="" decoding="async" height="202" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 309px) 100vw, 309px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-31.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-31.png 309w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-31-300x196.png 300w" width="309"></img></a></figure></div> <p>Eine andere Gehirnstimulationsmethode ist die repetitive transkranielle Magnetstimulation (repetitive transcranial magnetic stimulation, <strong>rTMS</strong>), welche im Gegensatz zu tDCS keine elektrischen Impulse sendet, sondern magnetische. Auch mit dieser Methode konnte 2025 in einer großen Studie gezeigt werden, dass rTMS über dem rechten Präfrontalkortex signifikant Schmerzen linderte und sich die allgemeine schmerzliche Belastung bei den Teilnehmern verringerte [22]. Weitere Studien zeigten außerdem, dass die positiven Effekte auch noch bis zu drei Monate nach Beendigung der Stimulation anhielten! Weitere Studien rund um das Thema rTMS stimulierten auch oft den Motorkortex, welcher ebenfalls zur Hemmung der Schmerzen führt [23]. Studien zeigen, dass rTMS über dem Motorkortex bei vielen Fibromyalgie-Patientinnen und Patienten die Schmerzen spürbar reduzieren kann, auch oft sogar über Wochen hinweg.</p> <p>Doch auch rund um rTMS als Therapie lassen sich zusammenfassend die Ergebnisse so beschreiben, dass moderate, aber keine absolut signifikanten Verbesserungen der Schmerzen im Vergleich zu Placebogruppen gefunden wurden [24]. Auch hier bedarf es weiterhin an Forschung, am besten mit größeren Stichproben, um die Forschung weiter voranzutreiben.</p> <p>Falls ihr euch mehr für das Thema “Gehirnstimulation” interessiert, schaut gerne hier vorbei:</p> <figure></figure> <h3 id="h-fazit">Fazit</h3> <p>Fibromyalgie ist eine von vielen noch eher unbekannten, unterschätzten und schlecht erforschten Krankheiten, deren Ursachen im Zentralnervensystem liegen.</p> <p>Die Erkrankung wird sowohl in Medizin als auch in der Gesellschaft oft missverstanden und zu spät diagnostiziert. Hoffnung machen jedoch Therapien, die auf dem Level des Nervensystems ansetzen – die Gehirnstimulation, entweder durch elektrische oder magnetische Pulse, scheint Linderung in Fibromyalgie liefern zu können, besonders in Kombination mit anderen Methoden wie Bewegungstherapien.</p> <p>Die Gehirnstimulationen versprechen echtes Potenzial zu haben, Schmerzen der Betroffenen langfristig zu lindern, doch die bisherigen Ergebnisse fallen je nach Person sehr unterschiedlich aus und reichen noch nicht für einen klaren Durchbruch. Wie bei so vielen Krankheiten ist Aufklärung ein wichtiger Schritt, um vernünftig mit ihr umgehen zu können, daher ist es wichtig, dass die Forschung weiterhin unterstützt wird. Wenn durch mehr Forschung bessere und standardisiertere Stimulationsprotokolle ausgearbeitet werden, könnten Gehirnstimulationsmethoden weiterhin eine valide Hoffnung für alle Betroffenen sein.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/11235524_10765-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="736" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/11235524_10765-1024x736.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/11235524_10765-1024x736.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/11235524_10765-300x216.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/11235524_10765-768x552.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/11235524_10765-1536x1104.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/11235524_10765-2048x1472.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <p>[1]          ‘Manchmal nicht erkannt: Fibromyalgie’. Accessed: Nov. 04, 2025. [Online]. Available: https://www.gebo-med.de/news/detailansicht/viele-millionen-menschen-leiden-weltweit-an-rheumatischen-erkrankungen</p> <p>[2]          ‘Fibromyalgie: Ursachen, Symptome, Therapie’. Accessed: Nov. 04, 2025. [Online]. Available: https://www.rheuma-liga.de/rheuma/krankheitsbilder/fibromyalgie</p> <p>[3]          ‘Fibromyalgie’, Asklepios. Accessed: Nov. 16, 2025. [Online]. Available: https://www.asklepios.com/konzern/diagnosen/gehirn-nerven/nerven/fibromyalgie</p> <p>[4]          ‘DGS-PraxisLeitfaden Fibromyalgie: Vorurteile abbauen, Diagnose erleichtern’, Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. Accessed: Nov. 04, 2025. [Online]. Available: https://www.dgschmerzmedizin.de/news/dgs-pressemitteilungen/archiv/detail/news/dgs-praxisleitfaden-fibromyalgie-vorurteile-abbauen-diagnose-erleichtern/</p> <p>[5]          ‘Schmerz ist nicht gleich Schmerz: Wie das Rückenmark unsere Wahrnehmung beeinflusst’. Accessed: Nov. 16, 2025. [Online]. Available: https://www.cbs.mpg.de/881644/20180327-01</p> <p>[6]          L. Urien and J. Wang, ‘Top-Down Cortical Control of Acute and Chronic Pain’, <em>Biopsychosoc. Sci. Med.</em>, vol. 81, no. 9, p. 851, Dec. 2019, doi: 10.1097/PSY.0000000000000744.</p> <p>[7]          ‘Fibromyalgie-Syndrom’. Accessed: Nov. 04, 2025. [Online]. Available: https://www.schmerzgesellschaft.de/topnavi/patienteninformationen/schmerzerkrankungen/fibromyalgie-syndrom</p> <p>[8]          S. W. R. Kultur, ‘Fibromyalgie – Der unverstandene Schmerz’, SWR Kultur. Accessed: Nov. 04, 2025. [Online]. Available: https://www.swr.de/swrkultur/wissen/fibromyalgie-der-unverstandene-schmerz-104.html</p> <p>[9]          J. H. Bourke <em>et al.</em>, ‘Central sensitisation in chronic fatigue syndrome and fibromyalgia; a case control study’, <em>J. Psychosom. </em><em>Res.</em>, vol. 150, p. 110624, Nov. 2021, doi: 10.1016/j.jpsychores.2021.110624.</p> <p>[10]       ‘Fibromyalgie: Elektrische Hirnstimulation lindert Schmerzen’, netDoktor. Accessed: Nov. 09, 2025. [Online]. Available: https://www.netdoktor.de/news/fibromyalgie-hirnstimulation-lindert-schmerzen/</p> <p>[11]       W. Häuser <em>et al.</em>, ‘Fibromyalgia’, <em>Nat. </em><em>Rev. Dis. Primer</em>, vol. 1, no. 1, p. 15022, Aug. 2015, doi: 10.1038/nrdp.2015.22.</p> <p>[12]       I. J. Russell <em>et al.</em>, ‘Elevated cerebrospinal fluid levels of substance P in patients with the fibromyalgia syndrome’, <em>Arthritis Rheum.</em>, vol. 37, no. 11, pp. 1593–1601, Nov. 1994, doi: 10.1002/art.1780371106.</p> <p>[13]       A. T. O’Brien, A. Deitos, Y. Triñanes Pego, F. Fregni, and M. T. Carrillo-de-la-Peña, ‘Defective Endogenous Pain Modulation in Fibromyalgia: A Meta-Analysis of Temporal Summation and Conditioned Pain Modulation Paradigms’, <em>J. Pain</em>, vol. 19, no. 8, pp. 819–836, Aug. 2018, doi: 10.1016/j.jpain.2018.01.010.</p> <p>[14]       A. Sandström, I. Ellerbrock, J. Tour, D. Kadetoff, K. Jensen, and E. Kosek, ‘Dysfunctional Activation of the Dorsolateral Prefrontal Cortex During Pain Anticipation Is Associated With Altered Subsequent Pain Experience in Fibromyalgia Patients’, <em>J. Pain</em>, vol. 24, no. 9, pp. 1731–1743, Sept. 2023, doi: 10.1016/j.jpain.2023.05.006.</p> <p>[15]       R. H. Gracely, F. Petzke, J. M. Wolf, and D. J. Clauw, ‘Functional magnetic resonance imaging evidence of augmented pain processing in fibromyalgia’, <em>Arthritis Rheum.</em>, vol. 46, no. 5, pp. 1333–1343, May 2002, doi: 10.1002/art.10225.</p> <p>[16]       E. H. S. Choy, ‘The role of sleep in pain and fibromyalgia’, <em>Nat. Rev. Rheumatol.</em>, vol. 11, no. 9, pp. 513–520, Sept. 2015, doi: 10.1038/nrrheum.2015.56.</p> <p>[17]       R. A. Markkula, E. A. Kalso, and J. A. Kaprio, ‘Predictors of fibromyalgia: a population-based twin cohort study’, <em>BMC Musculoskelet. Disord.</em>, vol. 17, no. 1, p. 29, Jan. 2016, doi: 10.1186/s12891-016-0873-6.</p> <p>[18]       D. J. Clauw, ‘Fibromyalgia: A Clinical Review’, <em>JAMA</em>, vol. 311, no. 15, p. 1547, Apr. 2014, doi: 10.1001/jama.2014.3266.</p> <p>[19]       J.-H. Zhang, J. Liang, and Z.-W. Yang, ‘Non-invasive brain stimulation for fibromyalgia: current trends and future perspectives’, <em>Front. Neurosci.</em>, vol. 17, Oct. 2023, doi: 10.3389/fnins.2023.1288765.</p> <p>[20]       W. Caumo <em>et al.</em>, ‘Home-Based Transcranial Direct Current Stimulation vs Placebo for Fibromyalgia: A Randomized Clinical Trial’, <em>JAMA Netw. Open</em>, vol. 8, no. 6, p. e2514262, June 2025, doi: 10.1001/jamanetworkopen.2025.14262.</p> <p>[21]       R. Moshfeghinia <em>et al.</em>, ‘The effects of transcranial direct-current stimulation (tDCS) on pain intensity of patients with fibromyalgia: a systematic review and meta-analysis’, <em>BMC Neurol.</em>, vol. 23, no. 1, p. 395, Nov. 2023, doi: 10.1186/s12883-023-03445-7.</p> <p>[22]       E. Nation, A. Irani, and S. Barrett, ‘Repetitive transcranial magnetic stimulation at low frequency for the treatment of fibromyalgia. Results from the first treatment cohort at the brainwave clinic’, <em>Front. Pain Res.</em>, vol. 6, June 2025, doi: 10.3389/fpain.2025.1558175.</p> <p>[23]       Y. Argaman, Y. Granovsky, E. Sprecher, A. Sinai, D. Yarnitsky, and I. Weissman-Fogel, ‘Resting-state functional connectivity predicts motor cortex stimulation-dependent pain relief in fibromyalgia syndrome patients’, <em>Sci. Rep.</em>, vol. 12, no. 1, p. 17135, Oct. 2022, doi: 10.1038/s41598-022-21557-x.</p> <p>[24]       P. Sun, L. Fang, J. Zhang, Y. Liu, G. Wang, and R. Qi, ‘Repetitive Transcranial Magnetic Stimulation for Patients with Fibromyalgia: A Systematic Review with Meta-Analysis’, <em>Pain Med. </em><em>Malden Mass</em>, vol. 23, no. 3, pp. 499–514, Mar. 2022, doi: 10.1093/pm/pnab276.</p> <h3 id="h-bildquellen">Bildquellen</h3> <ul> <li>Titelbild: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/epilepsie-maedchen-design_137411771.htm#fromView=search&amp;page=2&amp;position=10&amp;uuid=5e3ee5e2-f8cd-409f-b68e-f7cfeb75ed39&amp;query=pain">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 1: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/illustration-einer-frau-mit-epilepsie_137411175.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=7&amp;uuid=08a4bb82-6177-41b1-add4-bf4ed815d66e&amp;query=pain">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 2: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/person-die-eine-geschenkbox-einwickelt_2616135.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=19&amp;uuid=6ca76d53-2d5d-44a3-9f10-de3ba3f44f70&amp;query=nadel+und+faden">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 3: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/illustration-von-einem-epilepsie-mann_145139714.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=bccca9dc-1378-4258-96fe-99c502cd6958&amp;query=pain">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 4: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/illustration-von-einem-epilepsie-mann_145139714.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=bccca9dc-1378-4258-96fe-99c502cd6958&amp;query=pain">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 5: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/flache-komposition-fuer-kopfschmerzen-und-schmerzen-mit-arztpraxenlandschaft-und-scannergeraet-mit-gehirn-auf-medizinischer-computervektorillustration_57166804.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=0c6a2756-710f-49ac-bb8f-0c2b02e08fdb&amp;query=brain+in+pain+fMRI">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 6: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/illustration-der-sportphysiotherapie_37452043.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=72a06ea4-b4cb-4cde-8346-06cc6e636edd&amp;query=physiotherapie https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/illustration-einer-frau-mit-epilepsie_137411175.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=7&amp;uuid=61481d19-913f-4c38-88e6-3f535760ffa8&amp;query=pain">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 7: generiert von Chat GPT 5.1</li> <li>Abbildung 8: generiert von Chat GPT 5.1</li> <li>Abbildung 9: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/glueckliches-treffen-von-mutter-und-tochter-im-freien-treffen-der-aelteren-und-jungen-frau-mit-der-flachen-illustration-der-offenen-arme_11235524.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=4&amp;uuid=c96515b3-6d8a-458a-a5e6-1f9e6493e6fa&amp;query=happy+and+calm">Bildquelle</a></li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Nov-24-2025-04_13_02-PM.png" /><h1>Brain in Pain – Gehirnstimulation gegen Fibromyalgie? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Luisa Sophie Engelke</h2><div itemprop="text"> <p>Muskeln schmerzen, Gelenke brennen, und man fühlt sich energielos und erschöpft, weil man mal wieder so schlecht geschlafen hat. Und doch zeigt kein Röntgenbild und kein Blutwert etwas Auffälliges. Denn die Schmerzen kommen nicht, weil man sich verletzt hat, sondern weil der Körper selbst die Schmerzquelle ist.</p> <p>Für viele Betroffene mit <strong>Fibromyalgie</strong> ist das leider tägliche Realität. Was hinter diesem rätselhaften Schmerzsyndrom steckt, hat weniger mit Muskeln als mit dem Gehirn zu tun. Die deutsche Gesellschaft für Rheumatologie schätzt, dass ca. 3 bis 4 % der Bevölkerung in Deutschland an Fibromyalgie leiden, was sie damit zu einer der häufigsten chronischen Schmerzerkrankungen macht [1], [2]. Da sie zu den weniger gut erforschten Erkrankungen gehört, rückt sie oft in den Hintergrund – auch wenn der Schmerz im Alltag alles andere als nebensächlich ist. Betroffene leiden oft darunter, nicht ernst genommen zu werden und selbst wenn doch, sind die therapeutischen Maßnahmen unbefriedigend [3].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411175_7439a7c3-6e6f-49d5-81d9-5a07e3064fb0-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411175_7439a7c3-6e6f-49d5-81d9-5a07e3064fb0-819x1024.jpg"></img></a></figure></div> <p>Im Durchschnitt vergehen ganze 16 Jahre, bis Betroffene eine offizielle Diagnose erhalten – eine lange, belastende Zeit voller Unsicherheit und ohne angemessene Behandlung [4]. Die Komplexität der noch so unerforschten Krankheit erschwert die Entwicklung geeigneter Therapien, doch sogenannte Gehirnstimulationsmethoden treten immer mehr in den Vordergrund und scheinen vielversprechend zu sein. Doch sind sie wirklich eine neue Hoffnung für Menschen mit Fibromyalgie?</p> <h3 id="h-der-weg-des-schmerzreizes">Der Weg des Schmerzreizes</h3> <p>Wenn man die Ursachen von Fibromyalgie verstehen will, muss man sich zuerst damit beschäftigen, wie die Schmerzverarbeitung im Körper eigentlich funktioniert.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2616135_6919-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2616135_6919-edited-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2616135_6919-edited-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2616135_6919-edited-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2616135_6919-edited-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2616135_6919-edited-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2616135_6919-edited-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2616135_6919-edited-2048x1536.jpg 2048w" width="2560"></img></a></figure></div> <p>Autsch! Schon ist es beim Nähen passiert, und man piekst sich in den Finger. Dieser Reiz wird von den Schmerz- und Temperatursensoren der Haut erfasst und über aufsteigende Nervenbahnen zuerst in das Rückenmark und dann in das Gehirn geleitet. Bereits im Rückenmark werden Schmerzreize durch spezielle Nervenzellen gefiltert und gedämpft [5]. Die Informationen erreichen den <strong>Thalamus</strong>, der die weitere Verschaltung in verschiedene andere Gehirnbereiche übernimmt, unter anderem dem primären und sekundären sensorischen Kortex (S1 und S2), die den Schmerz lokalisieren („Da tut etwas an meinem Finger weh“). Die Informationen gelangen auch in die Insula und den anterioren cingulären Kortex (ACC), dort wird der Reiz emotional bewertet („Aua, das tat weh!“). Der präfrontale Kortex ist schlussendlich für die Bewertung und die Empfindung des Schmerzreizes verantwortlich (“Ah, ich habe mir beim Nähen mit der Nadel in den Finger gepikst, aber das ist nicht so schlimm!”).<aside></aside></p> <p>Der Präfrontalkortex hat außerdem die wichtige Aufgabe, Schmerz über die absteigenden Nervenbahnen zu lindern. Er sorgt für die Ausschüttung von körpereigenen <strong>Opioiden</strong>, die als endogenes Schmerzhemmungsmittel dienen. Diese “<strong>Top-Down” Kontrolle</strong> sorgt beispielsweise dafür, dass ein Schmerzreiz wie Druck nach einiger Zeit nicht mehr so stark bis ins Gehirn weitergeleitet wird, weil die Signale vom präfrontalen Kortex (PFC) aus nach unten bis ins Rückenmark gehemmt werden [6].</p> <h3 id="h-die-symptome-der-fibromyalgie">Die Symptome der Fibromyalgie</h3> <p>Dieser normale Weg der Schmerzverarbeitung- und Filterung ist bei Fibromyalgie-Betroffenen gestört [3]. Schmerz ist für unseren Körper ein Warnsignal, auf das wir adäquat reagieren und uns beispielsweise von einem zu heißen Feuer wegbewegen. Doch bei den Betroffenen scheint der Körper im Daueralarm-Modus zu sein.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/145139714_bb5eeb8b-3f29-418c-a518-acfe9dc60eb3-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 819px) 100vw, 819px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/145139714_bb5eeb8b-3f29-418c-a518-acfe9dc60eb3-819x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/145139714_bb5eeb8b-3f29-418c-a518-acfe9dc60eb3-819x1024.jpg 819w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/145139714_bb5eeb8b-3f29-418c-a518-acfe9dc60eb3-240x300.jpg 240w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/145139714_bb5eeb8b-3f29-418c-a518-acfe9dc60eb3-768x960.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/145139714_bb5eeb8b-3f29-418c-a518-acfe9dc60eb3-1229x1536.jpg 1229w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/145139714_bb5eeb8b-3f29-418c-a518-acfe9dc60eb3-1639x2048.jpg 1639w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/145139714_bb5eeb8b-3f29-418c-a518-acfe9dc60eb3-scaled.jpg 2048w" width="819"></img></a></figure></div> <p>Das Wort Fibromyalgie beschreibt wortwörtlich Faser-Muskel-Schmerz [7], doch entgegen der Annahme, dass es sich um Schädigungen oder Entzündungen im Gewebe oder Muskel handelt, liegt die Ursache im zentralen Nervensystem. Unter der Krankheit leiden zu 90 % Frauen, doch auch Männer können erkranken, werden nur seltener diagnostiziert [8]. Warum so viel mehr Frauen betroffen sind, ist der Wissenschaft bis heute ein Rätsel.</p> <p>Generell sind die genauen neurowissenschaftlichen Ursachen bis heute teilweise sehr rätselhaft, scheinen jedoch vielseitig zu sein [2]. Es wird vermutet, dass bei den Betroffenen eine <strong>zentrale Sensitivierung</strong> vorliegt, welche zu einer erhöhten <strong>Schmerzempfindlichkeit</strong> führt. Diese sogenannte <strong>Hyperalgesie </strong>ist eines der Hauptsymptome von Fibromyalgie-Betroffenen. Schon leichter Druck auf der Haut oder sanfte Berührungen werden von Betroffenen als sehr schmerzhaft wahrgenommen [3].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411581_87ddca35-a0d7-4b5a-ac58-096de56e036a-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411581_87ddca35-a0d7-4b5a-ac58-096de56e036a-683x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411581_87ddca35-a0d7-4b5a-ac58-096de56e036a-683x1024.jpg 683w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411581_87ddca35-a0d7-4b5a-ac58-096de56e036a-200x300.jpg 200w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411581_87ddca35-a0d7-4b5a-ac58-096de56e036a-768x1152.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411581_87ddca35-a0d7-4b5a-ac58-096de56e036a-1024x1536.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411581_87ddca35-a0d7-4b5a-ac58-096de56e036a-1366x2048.jpg 1366w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411581_87ddca35-a0d7-4b5a-ac58-096de56e036a-scaled.jpg 1707w" width="683"></img></a></figure></div> <p>Die zentrale Sensitivierung beschreibt, dass die Neuronen im Gehirn stärker und anhaltender feuern und so das Schmerzempfinden länger aktiv im Gehirn halten [9]. Dies resultiert in einer sensorischen <strong>Hypersensitivität</strong>, die vermutlich der Grund für die chronisch anhaltenden Schmerzen ist. Grund dafür ist auch eine verringerte Schmerzschwelle, bei der etwas als schmerzhaft wahrgenommen wird. Empfundener Schmerz gegenüber eigentlich harmlosen Reizen, etwa Temperatur oder Druck, wird <strong>Allodynie</strong> genannt, auch das ist bei Fibromyalgie-Patientinnen und Patienten weit verbreitet. Die Krankheit kann sogar so weit führen, dass Betroffene sogar Schmerzen empfinden, obwohl gar kein konkreter Schmerzreiz im oder am Körper vorliegt. Generell sind die Schmerzen am stärksten zu spüren an bestimmten sensiblen Punkten am Körper, doch das gesamte Krankheitsbild geht auch oft mit Begleitsymptomen wie Erschöpfung, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Magenproblemen und kognitiven Problemen einhergeht [2], [10], [11].</p> <h3 id="h-was-ist-los-im-gehirn">Was ist los im Gehirn?</h3> <p>Studien zeigten, dass bei Betroffenen oft erhöhte Konzentrationen von Schmerz-Botenstoffen, etwa Substanz P und Glutamat, im Nervensystem gefunden werden, die für verstärkte Schmerzsignale sorgen [12]. Ebenso scheinen bei Menschen mit Fibromyalgie die absteigenden Bahnen betroffen zu sein, die eine angemessene Schmerzhemmung nicht mehr zulassen [13]. Man geht davon aus, dass bestimmte Bereiche des Präfrontalkortex, die für die Top-Down-Kontrolle zuständig sind, bei Fibromyalgie vermindert aktiviert bzw. weniger gut vernetzt sind [14]. Der Körper schafft es also nicht mehr, ab einem bestimmten Punkt die Schmerzsignale herunterzuregulieren.</p> <p>Hingegen deuten strukturelle Analysen von Gehirnen von Fibromyalgie-Betroffenen darauf hin, dass die schmerzverarbeitenden neuronalen Netzwerke verstärkt aktiv sind (Hypersensibilität). Funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRI)-Studien mit Betroffenen und gesunden Teilnehmern zeigten, dass Schmerzreize (Druck auf den Daumen) zu einer deutlich höheren Aktivierung der Schmerzzentren im Gehirn bei Fibromylagie-Patientinnen und -patienten führt verglichen zu gesunden Teilnehmern [15].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/57166804_2305_q802_009_s_m009_c12_headache_pain_flat_illustration-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="688" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/57166804_2305_q802_009_s_m009_c12_headache_pain_flat_illustration-1024x688.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/57166804_2305_q802_009_s_m009_c12_headache_pain_flat_illustration-1024x688.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/57166804_2305_q802_009_s_m009_c12_headache_pain_flat_illustration-300x202.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/57166804_2305_q802_009_s_m009_c12_headache_pain_flat_illustration-768x516.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/57166804_2305_q802_009_s_m009_c12_headache_pain_flat_illustration-1536x1033.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/57166804_2305_q802_009_s_m009_c12_headache_pain_flat_illustration-2048x1377.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Es wird spekuliert, dass chronischer Schmerz, verursacht durch Stress, Schlafmangel oder langanhaltende Schmerzen, zu dieser Hyperaktivierung der Neuronen führt [16], [17]. Chronischer Stress und Schmerz bewirken eine Anpassung des Nervensystems auf die dauernden Reize, was schließlich zu Fibromyalgiesymptomen führen kann. Dieses sogenannte <strong>Schmerzgedächtnis</strong> führt dazu, dass die Schmerzen dauerhaft verarbeitet und empfunden werden.</p> <h3 id="h-neue-hoffnungen-fur-therapieansatze">Neue Hoffnungen für Therapieansätze?</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/37452043_8443631.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/37452043_8443631-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/37452043_8443631-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/37452043_8443631-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/37452043_8443631-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/37452043_8443631-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/37452043_8443631-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/37452043_8443631.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Die Therapieansätze bei Fibromyalgie sind ebenso vielschichtig wie die Symptome der Erkrankung selbst. Von Bewegungstherapien wie Wassergymnastik und Kraftübungen, über Physio-, Ergo und Musiktherapie, Achtsamkeit und Meditation bis hin zu Psychotherapie werden verschiedene Ansätze genutzt, um den Betroffenen Linderung zu verschaffen, sowohl physisch als auch psychisch.</p> <p>Aufgrund der gestörten Schmerzwahrnehmung im Gehirn zeigen medikamentöse Behandlungen bis heute leider nur sehr begrenzte Wirkung. Zwar zeigen extra für Fibromyalgie hergestellte Antidepressiva oder Antikonvulsiva (Antiepileptika) Linderung, dies aber nur in Einzelfällen [18]. Betroffene sprechen oft nicht auf Medikamente an, sodass sich neuerdings das Interesse der Forschung auf die nicht mehr chemischen, sondern elektrischen Therapieansätze fokussiert. Neue Hoffnungen machen sogenannte <strong>Gehirnstimulations-Methoden</strong>, bei denen das Gehirn und die Nervenzellen nicht-invasiv angeregt werden. </p> <p>Obwohl die aktuelle Forschung in Richtung Gehirnstimulation noch in ihren Anfängen ist, zeigen sich trotzdem optimistische Resultate. Durch magnetische oder elektrische Energie werden durch den Kopf (“transkraniell”) die darunterliegenden neuronalen Netzwerke angeregt, die unteraktiv bei Fibromyalgie-Betroffenen sind. Daher wird besonders der Präfrontalcortex stimuliert, damit wieder eine intakte Hemmung der Schmerzen passiert. Ziel ist es, die Top-Down Hemmung wieder auf ein gesundes Level zu bringen [19].</p> <h4 id="h-elektrische-stimulation-mit-tdcs">Elektrische Stimulation mit tDCS</h4> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2025-11-23-153730.png"><img alt="" decoding="async" height="653" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 433px) 100vw, 433px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2025-11-23-153730.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2025-11-23-153730.png 433w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2025-11-23-153730-199x300.png 199w" width="433"></img></a></figure></div> <p>Eine Form der Hirnstimulation ist die transkranielle Gleichstromstimulation (transcranial direct current stimulation, <strong>tDCS</strong>). Dabei werden am Kopf zwei Elektroden angebracht, die einen leichten Strom erzeugen und damit die Neuronen im Gehirn anregen.</p> <p>Eine groß angelegte Studie von 2025 testete diese Methode bei 112 Frauen, über einen Zeitraum von einem Monat täglich 20 Minuten eigenständig mit einem Stimulationsgerät die Gehirnstimulation durchführten. Die Studie war Placebo-kontrolliert und doppelblind, das heißt, weder die Teilnehmerinnen noch die Untersuchenden wussten, wer die reale oder die Placebo-Stimulation erhielt. In der Studie wurde der linke dorsolaterale Präfrontalcortex für die Stimulation ausgesucht. Zudem absolvierten die Teilnehmer Bewegungsübungen und nahmen an Schmerzschulungs-Trainings teil. Die Wirkung der Stimulation wurde mithilfe eines Schmerzfragebogens erfasst, der mehrere Lebensbereiche abbildet: wie stark der Schmerz den Alltag beeinträchtigt, welchen Einfluss er auf die Stimmung hat und inwiefern soziale Interaktionen betroffen sind [20]. Die Ergebnisse zeigten, dass der Schmerz bei Frauen mit echter Stimulation um ca. 38.8 % verringert war (bei der Placebogruppe waren es ca. 16,0 %).</p> <p>Generell kommen die Studienergebnisse zusammenfassend nach aktuellem Stand zu einem vorsichtig positiven Fazit bezüglich tDCS. Um die Details, wie Intensität, Ort der Stimulation und Dauer zu klären, bedarf es jedoch noch weiterer Forschung [21].</p> <h4 id="h-magnetische-stimulation-mit-rtms">Magnetische Stimulation mit rTMS</h4> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-31.png"><img alt="" decoding="async" height="202" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 309px) 100vw, 309px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-31.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-31.png 309w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-31-300x196.png 300w" width="309"></img></a></figure></div> <p>Eine andere Gehirnstimulationsmethode ist die repetitive transkranielle Magnetstimulation (repetitive transcranial magnetic stimulation, <strong>rTMS</strong>), welche im Gegensatz zu tDCS keine elektrischen Impulse sendet, sondern magnetische. Auch mit dieser Methode konnte 2025 in einer großen Studie gezeigt werden, dass rTMS über dem rechten Präfrontalkortex signifikant Schmerzen linderte und sich die allgemeine schmerzliche Belastung bei den Teilnehmern verringerte [22]. Weitere Studien zeigten außerdem, dass die positiven Effekte auch noch bis zu drei Monate nach Beendigung der Stimulation anhielten! Weitere Studien rund um das Thema rTMS stimulierten auch oft den Motorkortex, welcher ebenfalls zur Hemmung der Schmerzen führt [23]. Studien zeigen, dass rTMS über dem Motorkortex bei vielen Fibromyalgie-Patientinnen und Patienten die Schmerzen spürbar reduzieren kann, auch oft sogar über Wochen hinweg.</p> <p>Doch auch rund um rTMS als Therapie lassen sich zusammenfassend die Ergebnisse so beschreiben, dass moderate, aber keine absolut signifikanten Verbesserungen der Schmerzen im Vergleich zu Placebogruppen gefunden wurden [24]. Auch hier bedarf es weiterhin an Forschung, am besten mit größeren Stichproben, um die Forschung weiter voranzutreiben.</p> <p>Falls ihr euch mehr für das Thema “Gehirnstimulation” interessiert, schaut gerne hier vorbei:</p> <figure></figure> <h3 id="h-fazit">Fazit</h3> <p>Fibromyalgie ist eine von vielen noch eher unbekannten, unterschätzten und schlecht erforschten Krankheiten, deren Ursachen im Zentralnervensystem liegen.</p> <p>Die Erkrankung wird sowohl in Medizin als auch in der Gesellschaft oft missverstanden und zu spät diagnostiziert. Hoffnung machen jedoch Therapien, die auf dem Level des Nervensystems ansetzen – die Gehirnstimulation, entweder durch elektrische oder magnetische Pulse, scheint Linderung in Fibromyalgie liefern zu können, besonders in Kombination mit anderen Methoden wie Bewegungstherapien.</p> <p>Die Gehirnstimulationen versprechen echtes Potenzial zu haben, Schmerzen der Betroffenen langfristig zu lindern, doch die bisherigen Ergebnisse fallen je nach Person sehr unterschiedlich aus und reichen noch nicht für einen klaren Durchbruch. Wie bei so vielen Krankheiten ist Aufklärung ein wichtiger Schritt, um vernünftig mit ihr umgehen zu können, daher ist es wichtig, dass die Forschung weiterhin unterstützt wird. Wenn durch mehr Forschung bessere und standardisiertere Stimulationsprotokolle ausgearbeitet werden, könnten Gehirnstimulationsmethoden weiterhin eine valide Hoffnung für alle Betroffenen sein.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/11235524_10765-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="736" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/11235524_10765-1024x736.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/11235524_10765-1024x736.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/11235524_10765-300x216.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/11235524_10765-768x552.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/11235524_10765-1536x1104.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/11235524_10765-2048x1472.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <p>[1]          ‘Manchmal nicht erkannt: Fibromyalgie’. Accessed: Nov. 04, 2025. [Online]. Available: https://www.gebo-med.de/news/detailansicht/viele-millionen-menschen-leiden-weltweit-an-rheumatischen-erkrankungen</p> <p>[2]          ‘Fibromyalgie: Ursachen, Symptome, Therapie’. Accessed: Nov. 04, 2025. [Online]. Available: https://www.rheuma-liga.de/rheuma/krankheitsbilder/fibromyalgie</p> <p>[3]          ‘Fibromyalgie’, Asklepios. Accessed: Nov. 16, 2025. [Online]. Available: https://www.asklepios.com/konzern/diagnosen/gehirn-nerven/nerven/fibromyalgie</p> <p>[4]          ‘DGS-PraxisLeitfaden Fibromyalgie: Vorurteile abbauen, Diagnose erleichtern’, Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. Accessed: Nov. 04, 2025. [Online]. Available: https://www.dgschmerzmedizin.de/news/dgs-pressemitteilungen/archiv/detail/news/dgs-praxisleitfaden-fibromyalgie-vorurteile-abbauen-diagnose-erleichtern/</p> <p>[5]          ‘Schmerz ist nicht gleich Schmerz: Wie das Rückenmark unsere Wahrnehmung beeinflusst’. Accessed: Nov. 16, 2025. [Online]. Available: https://www.cbs.mpg.de/881644/20180327-01</p> <p>[6]          L. Urien and J. Wang, ‘Top-Down Cortical Control of Acute and Chronic Pain’, <em>Biopsychosoc. Sci. Med.</em>, vol. 81, no. 9, p. 851, Dec. 2019, doi: 10.1097/PSY.0000000000000744.</p> <p>[7]          ‘Fibromyalgie-Syndrom’. Accessed: Nov. 04, 2025. [Online]. Available: https://www.schmerzgesellschaft.de/topnavi/patienteninformationen/schmerzerkrankungen/fibromyalgie-syndrom</p> <p>[8]          S. W. R. Kultur, ‘Fibromyalgie – Der unverstandene Schmerz’, SWR Kultur. Accessed: Nov. 04, 2025. [Online]. Available: https://www.swr.de/swrkultur/wissen/fibromyalgie-der-unverstandene-schmerz-104.html</p> <p>[9]          J. H. Bourke <em>et al.</em>, ‘Central sensitisation in chronic fatigue syndrome and fibromyalgia; a case control study’, <em>J. Psychosom. </em><em>Res.</em>, vol. 150, p. 110624, Nov. 2021, doi: 10.1016/j.jpsychores.2021.110624.</p> <p>[10]       ‘Fibromyalgie: Elektrische Hirnstimulation lindert Schmerzen’, netDoktor. Accessed: Nov. 09, 2025. [Online]. Available: https://www.netdoktor.de/news/fibromyalgie-hirnstimulation-lindert-schmerzen/</p> <p>[11]       W. Häuser <em>et al.</em>, ‘Fibromyalgia’, <em>Nat. </em><em>Rev. Dis. Primer</em>, vol. 1, no. 1, p. 15022, Aug. 2015, doi: 10.1038/nrdp.2015.22.</p> <p>[12]       I. J. Russell <em>et al.</em>, ‘Elevated cerebrospinal fluid levels of substance P in patients with the fibromyalgia syndrome’, <em>Arthritis Rheum.</em>, vol. 37, no. 11, pp. 1593–1601, Nov. 1994, doi: 10.1002/art.1780371106.</p> <p>[13]       A. T. O’Brien, A. Deitos, Y. Triñanes Pego, F. Fregni, and M. T. Carrillo-de-la-Peña, ‘Defective Endogenous Pain Modulation in Fibromyalgia: A Meta-Analysis of Temporal Summation and Conditioned Pain Modulation Paradigms’, <em>J. 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Kaprio, ‘Predictors of fibromyalgia: a population-based twin cohort study’, <em>BMC Musculoskelet. Disord.</em>, vol. 17, no. 1, p. 29, Jan. 2016, doi: 10.1186/s12891-016-0873-6.</p> <p>[18]       D. J. Clauw, ‘Fibromyalgia: A Clinical Review’, <em>JAMA</em>, vol. 311, no. 15, p. 1547, Apr. 2014, doi: 10.1001/jama.2014.3266.</p> <p>[19]       J.-H. Zhang, J. Liang, and Z.-W. Yang, ‘Non-invasive brain stimulation for fibromyalgia: current trends and future perspectives’, <em>Front. Neurosci.</em>, vol. 17, Oct. 2023, doi: 10.3389/fnins.2023.1288765.</p> <p>[20]       W. Caumo <em>et al.</em>, ‘Home-Based Transcranial Direct Current Stimulation vs Placebo for Fibromyalgia: A Randomized Clinical Trial’, <em>JAMA Netw. Open</em>, vol. 8, no. 6, p. e2514262, June 2025, doi: 10.1001/jamanetworkopen.2025.14262.</p> <p>[21]       R. Moshfeghinia <em>et al.</em>, ‘The effects of transcranial direct-current stimulation (tDCS) on pain intensity of patients with fibromyalgia: a systematic review and meta-analysis’, <em>BMC Neurol.</em>, vol. 23, no. 1, p. 395, Nov. 2023, doi: 10.1186/s12883-023-03445-7.</p> <p>[22]       E. Nation, A. Irani, and S. Barrett, ‘Repetitive transcranial magnetic stimulation at low frequency for the treatment of fibromyalgia. Results from the first treatment cohort at the brainwave clinic’, <em>Front. Pain Res.</em>, vol. 6, June 2025, doi: 10.3389/fpain.2025.1558175.</p> <p>[23]       Y. Argaman, Y. Granovsky, E. Sprecher, A. Sinai, D. Yarnitsky, and I. Weissman-Fogel, ‘Resting-state functional connectivity predicts motor cortex stimulation-dependent pain relief in fibromyalgia syndrome patients’, <em>Sci. Rep.</em>, vol. 12, no. 1, p. 17135, Oct. 2022, doi: 10.1038/s41598-022-21557-x.</p> <p>[24]       P. Sun, L. Fang, J. Zhang, Y. Liu, G. Wang, and R. Qi, ‘Repetitive Transcranial Magnetic Stimulation for Patients with Fibromyalgia: A Systematic Review with Meta-Analysis’, <em>Pain Med. </em><em>Malden Mass</em>, vol. 23, no. 3, pp. 499–514, Mar. 2022, doi: 10.1093/pm/pnab276.</p> <h3 id="h-bildquellen">Bildquellen</h3> <ul> <li>Titelbild: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/epilepsie-maedchen-design_137411771.htm#fromView=search&amp;page=2&amp;position=10&amp;uuid=5e3ee5e2-f8cd-409f-b68e-f7cfeb75ed39&amp;query=pain">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 1: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/illustration-einer-frau-mit-epilepsie_137411175.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=7&amp;uuid=08a4bb82-6177-41b1-add4-bf4ed815d66e&amp;query=pain">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 2: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/person-die-eine-geschenkbox-einwickelt_2616135.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=19&amp;uuid=6ca76d53-2d5d-44a3-9f10-de3ba3f44f70&amp;query=nadel+und+faden">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 3: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/illustration-von-einem-epilepsie-mann_145139714.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=bccca9dc-1378-4258-96fe-99c502cd6958&amp;query=pain">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 4: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/illustration-von-einem-epilepsie-mann_145139714.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=bccca9dc-1378-4258-96fe-99c502cd6958&amp;query=pain">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 5: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/flache-komposition-fuer-kopfschmerzen-und-schmerzen-mit-arztpraxenlandschaft-und-scannergeraet-mit-gehirn-auf-medizinischer-computervektorillustration_57166804.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=0c6a2756-710f-49ac-bb8f-0c2b02e08fdb&amp;query=brain+in+pain+fMRI">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 6: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/illustration-der-sportphysiotherapie_37452043.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=72a06ea4-b4cb-4cde-8346-06cc6e636edd&amp;query=physiotherapie https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/illustration-einer-frau-mit-epilepsie_137411175.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=7&amp;uuid=61481d19-913f-4c38-88e6-3f535760ffa8&amp;query=pain">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 7: generiert von Chat GPT 5.1</li> <li>Abbildung 8: generiert von Chat GPT 5.1</li> <li>Abbildung 9: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/glueckliches-treffen-von-mutter-und-tochter-im-freien-treffen-der-aelteren-und-jungen-frau-mit-der-flachen-illustration-der-offenen-arme_11235524.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=4&amp;uuid=c96515b3-6d8a-458a-a5e6-1f9e6493e6fa&amp;query=happy+and+calm">Bildquelle</a></li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/brain-in-pain-gehirnstimulation-gegen-fibromyalgie/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>2</slash:comments> </item> <item> <title>Cold Seeps, Oktopus-Kinderstube und Meeresschutz https://scilogs.spektrum.de/meertext/cold-seeps-oktopus-kinderstube-und-meeresschutz/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/cold-seeps-oktopus-kinderstube-und-meeresschutz/#comments Fri, 28 Nov 2025 16:38:19 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1836 <h1>Cold Seeps, Oktopus-Kinderstube und Meeresschutz » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Bei einer Tiefsee-Expedition zu einem zerklüfteten, vulkanischen Meeresboden der Tiefsee vor der kanadischen Küste stießen Wissenschaftler statt auf die erwarteten Röhrenwürmer auf eine Oktopus-Kinderstube. Diese Entdeckung ist ein wichtiges Argument für den Schutz dieser Tiefsee-Landschaft.</p> <h2 id="h-octomoms-statt-rohrenwurmer"><strong>Octomoms statt Röhrenwürmer</strong></h2> <p>Auf der <a href="https://www.sciencefriday.com/articles/octopus-garden-vancouver-canada/">2023 NEPDEP-Expedition war auch die kanadische Meeresbiologin</a> Cherisse Du Preez (Leiterin des Deep Sea Ecology Program) dabei. Sie war auf der Suche nach Röhrenwurm-Kolonien an „Kalten Quellen“ (Cold Seeps) – dort treten aus Spalten am Meeresboden Gase wie Methan und Schwefelwasserstoff aus dem Meeresboden aus. Ein Kollege hatte ihr berichtet, dass etwa 90 Meilen vor Vancouver Island Blasen ausgasten. Dort machte die Expedition also einen Zwischenstopp und schickte den mit Kameras ausgestatteten Tauchroboter (ROV) zum Meeresboden. An solchen Stellen gibt es oft Oasen des Lebens, die sich durch Chemosynthese ernähren. Die Basis der Nahrungskette sind meist schwefelatmende Bakterien, von denen sich an diesen <a href="https://oceanexplorer.noaa.gov/wp-content/uploads/2024/05/what-are-cold-seeps-fact-sheet.pdf">„Cold Seeps“</a> strohhalmdünne weißliche Röhrenwürmer ernähren und große Kolonien bilden. Aber an dieser Stelle erfassten die Kameras keine Wurmwelten, sondern eine Ansammlung violetter Oktopus-Mütter mit ihren Eigelegen.</p> <p>Diese Kinderstube Pazifischer Warzenkraken lag inmitten einer bizarren Unterwasserlandschaft aus zerklüfteten Karbonatgesteinen, eisbergähnlichen Felsbrocken und schneeweißen Methanhydraten – entstanden aus den aus einem Hügel aufsteigenden Methanblasen, die mit Meerwasser und Bakterien reagiert hatten. </p> <p>Solche <a href="https://www.mbari.org/project/the-octopus-garden/">Oktopus-Kinderstuben, auch Oktopus-Gärten</a> genannt, waren bei ihrer Entdeckung 2018 eine Sensation – dieser war 2023 erst der vierte. Da Oktopusse normalerweise als Einzelgänger gelten und kein Schwarmverhalten zeigen, waren Gruppen von Dutzenden bis Tausenden eine große Überraschung.  Die anderen Kinderstuben liegen vor den Küsten Kaliforniens und Costa Ricas.</p> <h2 id="h-tiefsee-oktopusse-bruten-langer"><strong>Tiefsee-Oktopusse brüten länger</strong></h2> <p>Einige Kinderstuben liegen in der Nähe hydrothermaler Quellen, die das Wasser erwärmen. Da die Wassertemperatur die Brutzeit der Tintenfische beeinflusst und es in der Tiefsee normalerweise nur 4°C „warm“ ist, könnten diese Brutplätze bewusst ausgesucht werden, da die Wärme den Stoffwechsel der ungeborenen Oktopusse ankurbelt. Während tropische Oktopusse viele, kleine Eier legen und der Nachwuchs meist schon nach wenigen Wochen schlüpft, werden die Eier mit zunehmender Tiefe und Kälte größer und die Brutzeiten länger.<aside></aside></p> <p>In den Tiefen des Ozeans kann die Brutzeit erschreckend lang sein. <em>Graneledone pacifica,</em> manchmal auch Pazifischer Warzen-Oktopus genannt, hat beispielsweise die längste bekannte Brutzeit aller Tiere auf der Erde. <a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0103437">Sie pflegen ihre Eier bis zu vier Jahre</a> oder länger, verzichten während dieser Zeit vollständig auf Nahrung und sterben kurz nach dem Schlüpfen der Eier. In wärmeren Tintenfisch-Kinderstuben ist die Brutzeit jedoch wahrscheinlich viel kürzer: Heiße Quellen hingegen sind regelrechte Brutkästen. <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.adg3247">Der Tintenfisch-Experte Bruce T. Barry hatte</a> eine Kinderstube anderswo im Pazifik über einer hydrothermalen Quelle in rund 3200 Metern Tiefe beschrieben, dass die Brutzeit von Perlentintenfischen etwa 1,8 Jahre betrug – also viel kürzer als bei einer Tiefseeart zu erwarten wäre.</p> <p>Das ist an der von Du Preez und Team vor Vancouver untersuchten kalten Quelle nicht der Fall, deren Temperatur eher dem Umgebungswasser entspricht. Wärme ist wohl nicht die einzige Verlockung für Tintenfisch-Mütter. Es könnte auch an den zerklüfteten Felsen liegen, die viele Nischen zu Befestigung der Eier und viele Höhlungen als Unterschlupf für die Mütter bieten.  </p> <p><img alt="A few white, oblong eggs dangle from a beige rock, surrounded by purplish octopus arms." decoding="async" fetchpriority="high" height="340" src="https://scilogs.spektrum.de/2167c1ad-f37d-40b2-b1c6-01746367945a" width="605"></img><br></br>Octopus eggs stay attached to a substrate until they’re ready to hatch. The black dots in the eggs are the octopuses’ eyes. Credit: Northeast Pacific Deep-sea Expedition partners and CSSF ROPOS</p> <p>Derzeit arbeitet Fisheries and Oceans Canada mit mehreren First Nations, also indigenen Communities, in British Columbia zusammen, um die Artenvielfalt der Kaltwasserquellen, darunter auch die Octopus-Gärten, zu schützen. Dies würde das zweitgrößte Meeresschutzgebiet Kanadas und würde das Land seinem Ziel, bis 2030 30 % der Ozeane des Landes als Schutzgebiete auszuweisen, einen bedeutenden Schritt näherbringen.</p> <h2 id="h-meeresschutz-als-kooperation-von-wissenschaft-und-indigenen"><strong>Meeresschutz als Kooperation von Wissenschaft und Indigenen</strong></h2> <p>Auf der 2023 NEPDEP-Expedition erforschte ein <a href="https://www.ropos.com/index.php/news-and-media/49-tully-nep-dep-2023-expedition-summary">internationales Wissenschaftler-Team</a> mit Unterstützung von Fisheries and Oceans Canada eine bizarre Pazifik-Tiefsee-Landschaft nahe der kanadischen Küste. Dort treffen mehrere kleine, aktive und küstennahe tektonische Platten aufeinander, was zu einer hohen Konzentration von Seebergen, hydrothermalen Quellen und kalten Quellen führt. Tiefsee-Hot Spots der Biodiversität!<br></br>Die Datenbasis zu Ökosystemen und Arten-Vielfalt ist die Grundlage für den Schutz und das Management dieser ökologisch und biologisch bedeutenden Gebiete. Das Ziel ist ein gesunder Ozean für alle – das <a href="https://www.oceannetworks.ca/expeditions/northeast-pacific-deep-sea-expedition/">NEPDEP-Projekt</a> erfolgt in Partnerschaft mit den dort lebenden indigenen Völkern (Council of the Haida Nation, Nuu-chah-nulth Tribal Council und Pacheedaht First Nations) sowie Ocean Networks Canada.</p> <p>Die Verbindung zwischen den <a href="https://www.sciencefriday.com/articles/octopus-garden-vancouver-canada/">Nuu-chah-nulth-Gemeinden und dem Meer „reicht Jahrtausende zurück</a>“, sagt Irine Polyzogopoulos, Kommunikations- und Entwicklungskoordinatorin der Fischereibehörde des <a href="https://nuuchahnulth.org/">Nuu-chah-nulth Tribal Council</a>, einer der First Nations-Partnerorganisationen. „Wir sprechen über das Prinzip der Nuu-chah-nulth, hišukʔiš c̓awaak, was übersetzt ‚alles ist verbunden, alles ist eins‘ bedeutet. … Was wir zum Schutz des Ozeans tun, hängt alles mit der Fischerei zusammen, auf die die Gemeinden für ihre Ernährung und wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit angewiesen sind.”</p> <p>Darum arbeiten die indigenen Küstengemeinden seit langem mit der kanadischen Regierung an Initiativen zum Schutz der Meere. Die Zusammenarbeit im Bereich der Tiefseeforschung begann jedoch <a href="https://www.sciencefriday.com/articles/octopus-garden-vancouver-canada/">erst 2015, sagt Polyzogopoulo.</a> Damals begannen die Regierung und mehrere indigene Gruppen mit der Schaffung des größten Schutzgebiets des Landes – einer Fläche, die etwa doppelt so groß ist wie Maryland und gemeinsam von der kanadischen Regierung, dem Rat der Haida-Nation, der Pacheedaht First Nation, der Quatsino First Nation und dem Nuu-chah-nulth Tribal Council verwaltet wird. Im Jahr 2024 wurde sie offiziell als Tang.ɢwan—ḥačxwiqak—Tsig̱is -Marine Protected Area ausgewiesen.</p> <p><a href="https://www.sciencefriday.com/articles/octopus-garden-vancouver-canada/">Diese Partnerschaften und Schutzgebiete sind laut Du Preez</a> von entscheidender Bedeutung, insbesondere da der Klimawandel und menschliche Aktivitäten wie der Unterwasserbergbau dazu führen könnten, dass unerschlossene Tiefseewunder, darunter auch die Aufzuchtgebiete von Tintenfischen, dauerhaft verändert oder zerstört werden. „<a href="https://www.sciencefriday.com/articles/octopus-garden-vancouver-canada/">Während wir mit all den neuen</a> Aktivitäten in der Tiefsee voranschreiten, müssen wir berücksichtigen, was wir nicht wissen“, sagt sie.</p> <p>Damit hat Du Preez absolut recht!<br></br>Meeresschutzgebiete unter Einbindung der Anwohner funktionieren sicherlich besser, als solche, die weiter durch jedermann ausgebeutet werden dürfen und für die sich die Menschen nicht wirklich verantwortlich fühlen – wie wir es in Europa und gerade in Deutschland an zu vielen Stellen sehen.</p> <h2 id="h-cephalopodfriday-goodies"><strong>#CephalopodFriday-Goodies</strong></h2> <p>Die <a href="https://www.nepdep.com/2025expeditionseeps">NEPDEP-Expeditionen werden hier live</a> gestreamt.<br></br>Reingucken lohnt sich!</p> <p>Weil heute #CephalopdFriday ist, gibt´s auch noch Musik (Octopus`s Garden) und einen tanzenden Dumbo-Octopus mit Klavierbegleitung.</p> <p><strong>The Beatles – Octopus’s Garden</strong></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/mdpIWZd9JmA?feature=oembed&amp;rel=0" title="The Beatles - Octopus's Garden (Official Music Video)" width="666"></iframe> </p></figure> <p><strong>Beautiful Octopus ‘Dances’ for Scientists in Submarine</strong></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/V24uwR44CWU?feature=oembed&amp;rel=0" title="Beautiful Octopus 'Dances' for Scientists in Submarine" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Cold Seeps, Oktopus-Kinderstube und Meeresschutz » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Bei einer Tiefsee-Expedition zu einem zerklüfteten, vulkanischen Meeresboden der Tiefsee vor der kanadischen Küste stießen Wissenschaftler statt auf die erwarteten Röhrenwürmer auf eine Oktopus-Kinderstube. Diese Entdeckung ist ein wichtiges Argument für den Schutz dieser Tiefsee-Landschaft.</p> <h2 id="h-octomoms-statt-rohrenwurmer"><strong>Octomoms statt Röhrenwürmer</strong></h2> <p>Auf der <a href="https://www.sciencefriday.com/articles/octopus-garden-vancouver-canada/">2023 NEPDEP-Expedition war auch die kanadische Meeresbiologin</a> Cherisse Du Preez (Leiterin des Deep Sea Ecology Program) dabei. Sie war auf der Suche nach Röhrenwurm-Kolonien an „Kalten Quellen“ (Cold Seeps) – dort treten aus Spalten am Meeresboden Gase wie Methan und Schwefelwasserstoff aus dem Meeresboden aus. Ein Kollege hatte ihr berichtet, dass etwa 90 Meilen vor Vancouver Island Blasen ausgasten. Dort machte die Expedition also einen Zwischenstopp und schickte den mit Kameras ausgestatteten Tauchroboter (ROV) zum Meeresboden. An solchen Stellen gibt es oft Oasen des Lebens, die sich durch Chemosynthese ernähren. Die Basis der Nahrungskette sind meist schwefelatmende Bakterien, von denen sich an diesen <a href="https://oceanexplorer.noaa.gov/wp-content/uploads/2024/05/what-are-cold-seeps-fact-sheet.pdf">„Cold Seeps“</a> strohhalmdünne weißliche Röhrenwürmer ernähren und große Kolonien bilden. Aber an dieser Stelle erfassten die Kameras keine Wurmwelten, sondern eine Ansammlung violetter Oktopus-Mütter mit ihren Eigelegen.</p> <p>Diese Kinderstube Pazifischer Warzenkraken lag inmitten einer bizarren Unterwasserlandschaft aus zerklüfteten Karbonatgesteinen, eisbergähnlichen Felsbrocken und schneeweißen Methanhydraten – entstanden aus den aus einem Hügel aufsteigenden Methanblasen, die mit Meerwasser und Bakterien reagiert hatten. </p> <p>Solche <a href="https://www.mbari.org/project/the-octopus-garden/">Oktopus-Kinderstuben, auch Oktopus-Gärten</a> genannt, waren bei ihrer Entdeckung 2018 eine Sensation – dieser war 2023 erst der vierte. Da Oktopusse normalerweise als Einzelgänger gelten und kein Schwarmverhalten zeigen, waren Gruppen von Dutzenden bis Tausenden eine große Überraschung.  Die anderen Kinderstuben liegen vor den Küsten Kaliforniens und Costa Ricas.</p> <h2 id="h-tiefsee-oktopusse-bruten-langer"><strong>Tiefsee-Oktopusse brüten länger</strong></h2> <p>Einige Kinderstuben liegen in der Nähe hydrothermaler Quellen, die das Wasser erwärmen. Da die Wassertemperatur die Brutzeit der Tintenfische beeinflusst und es in der Tiefsee normalerweise nur 4°C „warm“ ist, könnten diese Brutplätze bewusst ausgesucht werden, da die Wärme den Stoffwechsel der ungeborenen Oktopusse ankurbelt. Während tropische Oktopusse viele, kleine Eier legen und der Nachwuchs meist schon nach wenigen Wochen schlüpft, werden die Eier mit zunehmender Tiefe und Kälte größer und die Brutzeiten länger.<aside></aside></p> <p>In den Tiefen des Ozeans kann die Brutzeit erschreckend lang sein. <em>Graneledone pacifica,</em> manchmal auch Pazifischer Warzen-Oktopus genannt, hat beispielsweise die längste bekannte Brutzeit aller Tiere auf der Erde. <a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0103437">Sie pflegen ihre Eier bis zu vier Jahre</a> oder länger, verzichten während dieser Zeit vollständig auf Nahrung und sterben kurz nach dem Schlüpfen der Eier. In wärmeren Tintenfisch-Kinderstuben ist die Brutzeit jedoch wahrscheinlich viel kürzer: Heiße Quellen hingegen sind regelrechte Brutkästen. <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.adg3247">Der Tintenfisch-Experte Bruce T. Barry hatte</a> eine Kinderstube anderswo im Pazifik über einer hydrothermalen Quelle in rund 3200 Metern Tiefe beschrieben, dass die Brutzeit von Perlentintenfischen etwa 1,8 Jahre betrug – also viel kürzer als bei einer Tiefseeart zu erwarten wäre.</p> <p>Das ist an der von Du Preez und Team vor Vancouver untersuchten kalten Quelle nicht der Fall, deren Temperatur eher dem Umgebungswasser entspricht. Wärme ist wohl nicht die einzige Verlockung für Tintenfisch-Mütter. Es könnte auch an den zerklüfteten Felsen liegen, die viele Nischen zu Befestigung der Eier und viele Höhlungen als Unterschlupf für die Mütter bieten.  </p> <p><img alt="A few white, oblong eggs dangle from a beige rock, surrounded by purplish octopus arms." decoding="async" fetchpriority="high" height="340" src="https://scilogs.spektrum.de/2167c1ad-f37d-40b2-b1c6-01746367945a" width="605"></img><br></br>Octopus eggs stay attached to a substrate until they’re ready to hatch. The black dots in the eggs are the octopuses’ eyes. Credit: Northeast Pacific Deep-sea Expedition partners and CSSF ROPOS</p> <p>Derzeit arbeitet Fisheries and Oceans Canada mit mehreren First Nations, also indigenen Communities, in British Columbia zusammen, um die Artenvielfalt der Kaltwasserquellen, darunter auch die Octopus-Gärten, zu schützen. Dies würde das zweitgrößte Meeresschutzgebiet Kanadas und würde das Land seinem Ziel, bis 2030 30 % der Ozeane des Landes als Schutzgebiete auszuweisen, einen bedeutenden Schritt näherbringen.</p> <h2 id="h-meeresschutz-als-kooperation-von-wissenschaft-und-indigenen"><strong>Meeresschutz als Kooperation von Wissenschaft und Indigenen</strong></h2> <p>Auf der 2023 NEPDEP-Expedition erforschte ein <a href="https://www.ropos.com/index.php/news-and-media/49-tully-nep-dep-2023-expedition-summary">internationales Wissenschaftler-Team</a> mit Unterstützung von Fisheries and Oceans Canada eine bizarre Pazifik-Tiefsee-Landschaft nahe der kanadischen Küste. Dort treffen mehrere kleine, aktive und küstennahe tektonische Platten aufeinander, was zu einer hohen Konzentration von Seebergen, hydrothermalen Quellen und kalten Quellen führt. Tiefsee-Hot Spots der Biodiversität!<br></br>Die Datenbasis zu Ökosystemen und Arten-Vielfalt ist die Grundlage für den Schutz und das Management dieser ökologisch und biologisch bedeutenden Gebiete. Das Ziel ist ein gesunder Ozean für alle – das <a href="https://www.oceannetworks.ca/expeditions/northeast-pacific-deep-sea-expedition/">NEPDEP-Projekt</a> erfolgt in Partnerschaft mit den dort lebenden indigenen Völkern (Council of the Haida Nation, Nuu-chah-nulth Tribal Council und Pacheedaht First Nations) sowie Ocean Networks Canada.</p> <p>Die Verbindung zwischen den <a href="https://www.sciencefriday.com/articles/octopus-garden-vancouver-canada/">Nuu-chah-nulth-Gemeinden und dem Meer „reicht Jahrtausende zurück</a>“, sagt Irine Polyzogopoulos, Kommunikations- und Entwicklungskoordinatorin der Fischereibehörde des <a href="https://nuuchahnulth.org/">Nuu-chah-nulth Tribal Council</a>, einer der First Nations-Partnerorganisationen. „Wir sprechen über das Prinzip der Nuu-chah-nulth, hišukʔiš c̓awaak, was übersetzt ‚alles ist verbunden, alles ist eins‘ bedeutet. … Was wir zum Schutz des Ozeans tun, hängt alles mit der Fischerei zusammen, auf die die Gemeinden für ihre Ernährung und wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit angewiesen sind.”</p> <p>Darum arbeiten die indigenen Küstengemeinden seit langem mit der kanadischen Regierung an Initiativen zum Schutz der Meere. Die Zusammenarbeit im Bereich der Tiefseeforschung begann jedoch <a href="https://www.sciencefriday.com/articles/octopus-garden-vancouver-canada/">erst 2015, sagt Polyzogopoulo.</a> Damals begannen die Regierung und mehrere indigene Gruppen mit der Schaffung des größten Schutzgebiets des Landes – einer Fläche, die etwa doppelt so groß ist wie Maryland und gemeinsam von der kanadischen Regierung, dem Rat der Haida-Nation, der Pacheedaht First Nation, der Quatsino First Nation und dem Nuu-chah-nulth Tribal Council verwaltet wird. Im Jahr 2024 wurde sie offiziell als Tang.ɢwan—ḥačxwiqak—Tsig̱is -Marine Protected Area ausgewiesen.</p> <p><a href="https://www.sciencefriday.com/articles/octopus-garden-vancouver-canada/">Diese Partnerschaften und Schutzgebiete sind laut Du Preez</a> von entscheidender Bedeutung, insbesondere da der Klimawandel und menschliche Aktivitäten wie der Unterwasserbergbau dazu führen könnten, dass unerschlossene Tiefseewunder, darunter auch die Aufzuchtgebiete von Tintenfischen, dauerhaft verändert oder zerstört werden. „<a href="https://www.sciencefriday.com/articles/octopus-garden-vancouver-canada/">Während wir mit all den neuen</a> Aktivitäten in der Tiefsee voranschreiten, müssen wir berücksichtigen, was wir nicht wissen“, sagt sie.</p> <p>Damit hat Du Preez absolut recht!<br></br>Meeresschutzgebiete unter Einbindung der Anwohner funktionieren sicherlich besser, als solche, die weiter durch jedermann ausgebeutet werden dürfen und für die sich die Menschen nicht wirklich verantwortlich fühlen – wie wir es in Europa und gerade in Deutschland an zu vielen Stellen sehen.</p> <h2 id="h-cephalopodfriday-goodies"><strong>#CephalopodFriday-Goodies</strong></h2> <p>Die <a href="https://www.nepdep.com/2025expeditionseeps">NEPDEP-Expeditionen werden hier live</a> gestreamt.<br></br>Reingucken lohnt sich!</p> <p>Weil heute #CephalopdFriday ist, gibt´s auch noch Musik (Octopus`s Garden) und einen tanzenden Dumbo-Octopus mit Klavierbegleitung.</p> <p><strong>The Beatles – Octopus’s Garden</strong></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/mdpIWZd9JmA?feature=oembed&amp;rel=0" title="The Beatles - Octopus's Garden (Official Music Video)" width="666"></iframe> </p></figure> <p><strong>Beautiful Octopus ‘Dances’ for Scientists in Submarine</strong></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/V24uwR44CWU?feature=oembed&amp;rel=0" title="Beautiful Octopus 'Dances' for Scientists in Submarine" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/cold-seeps-oktopus-kinderstube-und-meeresschutz/#comments 2 Von Mainz in die Welt: BioNTechs Weg zur globalen Innovation https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/von-mainz-in-die-welt-biontechs-weg-zur-globalen-innovation/ https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/von-mainz-in-die-welt-biontechs-weg-zur-globalen-innovation/#comments Thu, 27 Nov 2025 15:04:51 +0000 Karin Schumacher https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/?p=4579 https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-768x512.jpg Modell einer Lipid-Nanopartikel-Struktur (LPX), wie sie in mRNA-Krebsimmuntherapien eingesetzt wird. © BioNTech SE https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/von-mainz-in-die-welt-biontechs-weg-zur-globalen-innovation/ <h1>Von Mainz in die Welt: BioNTechs Weg zur globalen Innovation » Medicine & More » SciLogs</h1><h2>By Karin Schumacher</h2><div itemprop="text"> <p><strong><img alt="„&quot;" decoding="async" height="1" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/088a4cae9e164a038eefa3a6474b478b" width="1"></img>Blick hinter den Kulissen von BioNTech: Wie aus der Vision personalisierter Krebsimmuntherapien der erste mRNA-Impfstoff gegen COVID-19 entstand – und was das für die Zukunft der Medizin bedeutet.</strong><span id="more-4579"></span></p> <p>Vor rund 570 Jahren revolutionierte Johannes Gutenberg von Mainz aus die Welt – mit der Erfindung des Buchdrucks und der ersten gedruckten Bibel. Damit begann die Ära der massenhaften Wissensverbreitung.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4586" id="attachment_4586"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="Johannes Gutenberg – Erfinder des Buchdrucks und Mainzer Visionär. Auch er investierte mutig in Innovation." decoding="async" height="500" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4586"><span>Credit: Dr. Karin Schumacher</span> Johannes Gutenberg – Erfinder des Buchdrucks und Mainzer Visionär. Auch er investierte mutig in Innovation. Dahinter der “Neue Dom”.</figcaption></figure> <p>Heute, im 21. Jahrhundert, ist es wieder Mainz, von wo aus sich eine globale Innovation verbreitet: Hier entwickelte das bis dahin unbekannte Biotech-Startup BioNTech den ersten zugelassenen mRNA-Impfstoff gegen COVID-19.</p> <p>Bei einem Medientag öffnete nun dieses weltbekannte Unternehmen seine hochgesicherten Pforten für eine kleine Delegation der <a href="https://wpk.org/was-wir-bieten/recherchereisen/" rel="noopener" target="_blank">Wissenschaftspressekonferenz (WPK) e.V.</a>. So erhielten wir einen seltenen Einblick, wie aus wissenschaftlicher Vision globale Innovation entstehen kann.</p> <p>Das 2008 von Prof. Dr. med. Ugur Şahin, Prof. Dr. med. Özlem Türeci und Prof. Dr. med. Christoph Huber gegründete Unternehmen entwickelte sich von einem forschungsgetriebenen Biotech-Start-up im Zuge der Corona-Pandemie zu einem global agierenden Pharmaunternehmen. Schon lange vor der Pandemie arbeiteten das Mediziner-, Forscher- und Ehepaar Şahin und Türeci an der Idee, die Boten-RNA (mRNA) therapeutisch nutzbar zu machen – mit dem Ziel, personalisierte Krebsimmuntherapien zu entwickeln.<aside></aside></p> <p>2019 ging das damals noch unbekannte Unternehmen an die Börse und nahm dabei rund 150 Mio. US-Dollar ein. Als sich im Januar 2020 abzeichnete, dass ein neues Virus zu einer Pandemie führen könnte, zählten Şahin und Türeci zu den weltweit Ersten, denen die erfolgreiche Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs gelang [1]. Der Börsengang verschaffte dem damals noch kleinen Mainzer Biotech-Startup die Grundlage für die Partnerschaft mit Pfizer – ein entscheidender Schritt für Produktion und Zulassung des Impfstoffs. Mit dem “Project Lightspeed”, der Entwicklung des ersten zugelassenen mRNA-Impfstoffs gegen COVID-19, wurde das Unternehmen weltberühmt.</p> <h2>Standorte in Deutschland und global</h2> <p>Derzeit beschäftigt BioNTech weltweit etwa 6.800 Mitarbeitende, davon rund 2.800 in der Forschung und Entwicklung. Neben dem Hauptsitz in Mainz unterhält das Unternehmen internationale Standorte in Australien, China, Österreich, Ruanda, Singapur, der Türkei, den USA und dem Vereinigten Königreich. In Deutschland gibt es weitere Standorte in Berlin, Halle, Idar-Oberstein, Marburg und München [2].<br></br>Bislang ist ein Produkt zugelassen – der COVID-19-Impfstoff, der in Kooperation mit Pfizer entwickelt wurde. Etwa 4,8 Milliarden Dosen wurden bislang in über 180 Länder und Regionen ausgeliefert. Dabei liegt der Schwerpunkt der Firma nach wie vor im onkologischen Bereich: Derzeit befinden sich über 30 weitere Produktkandidaten in der Pipeline, mehr als die Hälfte davon in der Onkologie [3].</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4584" id="attachment_4584"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-scaled.jpg"><img alt="Modell einer Lipid-Nanopartikel-Struktur (LPX), wie sie in mRNA-Krebsimmuntherapien eingesetzt wird. © BioNTech SE" decoding="async" height="444" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-2048x1366.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4584"><span>Titelfoto: Credit: BioNTech SE / Pressemappe – Verwendung mit freundlicher Genehmigung</span> Modell einer Lipid-Nanopartikel-Struktur (LPX), wie sie in mRNA-Krebsimmuntherapien eingesetzt wird. © BioNTech SE</figcaption></figure> <p>Prof. Dr. Clara Lehmann (Universitätsklinikum Köln) stellte Analysen anonymisierter Krankenkassendaten aus Thüringen und Sachsen vor [4]. Hier zeigt sich, dass insbesondere ältere und vorerkrankte Menschen weiterhin ein erhöhtes Risiko für schwere COVID-19-Verläufe tragen. Impfungen gegen COVID-19 und Influenza können Risikogruppen nicht nur vor Komplikationen schützen, sondern auch vor weiteren kardiovaskulären Erkrankungen. Dennoch sind die Impfquoten bei Personen über 60 nach wie vor niedrig. In der Saison 2023/24 erhielten nur 38 % eine Grippeimpfung, 21 % eine Auffrischung gegen COVID-19, 20 % eine Pneumokokken-Impfung und 21 % eine Impfung gegen Herpes Zoster.</p> <p>Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt für Personen ab 60 Jahren sowie für Menschen mit Vorerkrankungen oder erhöhtem beruflichem Risiko eine jährliche Auffrischimpfung gegen Influenza [5] und COVID‑19 [6]. Gegen COVID-19 zugelassen sind alle mRNA- und proteinbasierten Impfstoffe, die an die von der WHO empfohlenen Virusvarianten angepasst wurden. Ein Preprint der Medizinischen Hochschule Hannover deutet darauf hin, dass der an JN.1, KP.2 und LP.8.1 angepasste Impfstoff (<em>Comirnaty</em>) auch gegen die derzeit zirkulierende XFG-Variante schützt [7].</p> <p>Über die Jahre hat sich das Virus verändert: Anfangs sehr aggressiv und auf ein “jungfräuliches” Immunsystem treffend, inzwischen weniger gefährlich, aber sehr infektiös. Teilweise entsteht Kreuzimmunität ähnlich wie bei Influenza, sodass das Immunsystem unterschiedlich reagiert – das ergibt eine Vielzahl unterschiedlicher Immunantworten.</p> <p>In den spannenden Diskussionen nur am Rande angesprochen, aber hoch interessant sind die kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift Nature veröffentlichten, unerwarteten Daten, dass eine mRNA-Impfung gegen SARS-CoV-2 die Wirksamkeit einer Immuntherapie gegen bestimmte Tumoren steigern kann [8].<br></br>Patient:innen mit nichtkleinzelligem Lungenkrebs (NSCLC) oder Melanom zeigten deutlich verlängerte Überlebenszeiten, wenn sie in den ersten 100 Tagen nach Beginn einer Behandlung mit Checkpoint-Inhibitoren (ICIs) eine mRNA-Impfung gegen COVID-19 erhalten hatten.</p> <p>Die Annahme ist, dass mRNA-Impfstoffe potente Immunstimulanzien sind, die eine lokale Immunantwort aktivieren und sogenannte immunologisch “kalte” Tumoren dadurch für eine Behandlung mit ICIs sensibilisieren. Die Ergebnisse zeigen auch, dass der Zeitpunkt einer routinemäßigen Impfung den Therapieverlauf maßgeblich beeinflussen kann – und eine einfache Möglichkeit bietet, die Schutzmechanismen der Tumoren zu überwinden. Diese Erkenntnisse könnten künftig helfen, mRNA-Therapeutika gezielt zum richtigen Zeitpunkt einzusetzen, um das vom Tumor manipulierte Immunsystem wieder funktionsfähig für eine wirksame Immuntherapie zu machen.</p> <h2>Ausblick: KI, Entwicklungen und Herausforderungen</h2> <p>BioNTech entwickelt seine Impfstoffe gegen COVID-19 kontinuierlich weiter. Darüber hinaus hat das Unternehmen in den letzten Jahren seine Forschungsbasis deutlich ausgebaut – unter anderem durch die Übernahmen von<em> InstaDeep</em> (KI-gestützte Arzneimittelforschung) und <em>CureVac</em>, den Tübinger “Erfindern” der medizinischen Nutzung der Boten-RNA, deren COVID-19-Impfstoffentwicklung nicht die erhoffte Wirksamkeit erreichte, deren mRNA-Kompetenz aber einen wichtigen Grundstein für die mRNA-Forschung legte. Darüber hinaus hat BioNTech weitere strategische Partnerschaften im Bereich zielgerichteter Immuntherapien.</p> <p>Zudem baut das Unternehmen seine Präsenz in Afrika aus – mit einer modularen mRNA-Produktionsanlage in Ruanda, die als Blaupause für globale Impfstoffgerechtigkeit dienen könnte.</p> <p>“An der Goldgrube” – so lautet BioNTechs Geschäftsadresse. Doch auch wenn die aktuellen Bilanzen durch den Rückgang der COVID-19-Impfstoffnachfrage belastet sind, bleibt die Firma ein Hoffnungsträger für die Krebsforschung und globale Impfstoffentwicklung [2].</p> <p>Der Medientag bei BioNTech war kompakt, aber eindrucksvoll. Er zeigte, wie aus wissenschaftlicher Neugier, unternehmerischem Mut und einer guten Prise Glück eine Erfolgsgeschichte wurde – mit Ursprung in Mainz und Wirkung auf die ganze Welt.</p> <p>Schließlich haben Investitionen in Visionen Tradition in Mainz: Auch Johannes Gutenberg nahm für sein Projekt einst 1600 Gulden Kredit auf – zu einer Zeit, als ein Handwerksmeister etwa 50 Gulden im Jahr verdiente. Dies und mehr über diese faszinierende Stadt gibt es im nächsten Beitrag.</p> <p><strong>Hinweis:</strong> Dieser Artikel wurde am 28.11.2025 aktualisiert, um eine Zahl zu korrigieren und eine Passage zur mRNA-Forschung zu präzisieren.</p> <ol> <li>Sahin, U., &amp; Türeci, Ö. (2023). mRNA-based therapeutics — developing a new class of drugs. Nature Reviews Drug Discovery, 22, 101–119. <a href="https://doi.org/10.1038/s41573-022-00591-3" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1038/s41573-022-00591-3</a></li> <li>BioNTech SE. (2025). Annual reports. Abgerufen am 27. November 2025 von <a href="https://investors.biontech.de/de/financials-filings/annual-reports" rel="noopener" target="_blank">https://investors.biontech.de/de/financials-filings/annual-reports</a></li> <li><span>BioNTech SE. (2025). Pipeline and products.Abgerufen am 27. November 2025 von <a href="https://www.biontech.com/int/en/home/pipeline-and-products/pipeline.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.biontech.com/int/en/home/pipeline-and-products/pipeline.html</a></span></li> <li><span>Müller, S., Lehmann, C., Becker, J., &amp; Vogel, M. (2025). COVID-19 vaccination coverage and risk profiles in elderly populations: A regional analysis. Viruses, 17(3), 424. <a href="https://doi.org/10.3390/v17030424" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.3390/v17030424</a></span></li> <li><span>Robert Koch-Institut. STIKO-Empfehlungen zur Influenza-Impfung. Abgerufen am 27. November 2025 von <a href="https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/Influenza/FAQ-Liste/FAQ-Liste-Impfempfehlung.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/Influenza/FAQ-Liste/FAQ-Liste-Impfempfehlung.html</a></span></li> <li><span>Robert Koch-Institut. STIKO-Empfehlungen zur COVID-19-Impfung. Abgerufen am 27. November 2025 von <a href="https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/COVID-19/FAQ-Liste/FAQ-Liste-Impfempfehlung.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/COVID-19/FAQ-Liste/FAQ-Liste-Impfempfehlung.html</a></span></li> <li><span>Happle, C., et al. (2025). Efficacy of variant-adapted Comirnaty vaccine against emerging XFG lineage. medRxiv. <a href="https://doi.org/10.1101/2025.10.21.25338461" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1101/2025.10.21.25338461</a></span></li> <li><span>Grippin, A. J., Zhang, Y., Patel, S., Lee, J., Chen, H., &amp; Wu, X. (2025). SARS-CoV-2 mRNA vaccines sensitize tumours to immune checkpoint blockade. Nature. <a href="https://doi.org/10.1038/s41586-025-09655-y" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1038/s41586-025-09655-y</a></span></li> </ol> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Von Mainz in die Welt: BioNTechs Weg zur globalen Innovation » Medicine & More » SciLogs</h1><h2>By Karin Schumacher</h2><div itemprop="text"> <p><strong><img alt="„&quot;" decoding="async" height="1" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/088a4cae9e164a038eefa3a6474b478b" width="1"></img>Blick hinter den Kulissen von BioNTech: Wie aus der Vision personalisierter Krebsimmuntherapien der erste mRNA-Impfstoff gegen COVID-19 entstand – und was das für die Zukunft der Medizin bedeutet.</strong><span id="more-4579"></span></p> <p>Vor rund 570 Jahren revolutionierte Johannes Gutenberg von Mainz aus die Welt – mit der Erfindung des Buchdrucks und der ersten gedruckten Bibel. Damit begann die Ära der massenhaften Wissensverbreitung.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4586" id="attachment_4586"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="Johannes Gutenberg – Erfinder des Buchdrucks und Mainzer Visionär. Auch er investierte mutig in Innovation." decoding="async" height="500" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4586"><span>Credit: Dr. Karin Schumacher</span> Johannes Gutenberg – Erfinder des Buchdrucks und Mainzer Visionär. Auch er investierte mutig in Innovation. Dahinter der “Neue Dom”.</figcaption></figure> <p>Heute, im 21. Jahrhundert, ist es wieder Mainz, von wo aus sich eine globale Innovation verbreitet: Hier entwickelte das bis dahin unbekannte Biotech-Startup BioNTech den ersten zugelassenen mRNA-Impfstoff gegen COVID-19.</p> <p>Bei einem Medientag öffnete nun dieses weltbekannte Unternehmen seine hochgesicherten Pforten für eine kleine Delegation der <a href="https://wpk.org/was-wir-bieten/recherchereisen/" rel="noopener" target="_blank">Wissenschaftspressekonferenz (WPK) e.V.</a>. So erhielten wir einen seltenen Einblick, wie aus wissenschaftlicher Vision globale Innovation entstehen kann.</p> <p>Das 2008 von Prof. Dr. med. Ugur Şahin, Prof. Dr. med. Özlem Türeci und Prof. Dr. med. Christoph Huber gegründete Unternehmen entwickelte sich von einem forschungsgetriebenen Biotech-Start-up im Zuge der Corona-Pandemie zu einem global agierenden Pharmaunternehmen. Schon lange vor der Pandemie arbeiteten das Mediziner-, Forscher- und Ehepaar Şahin und Türeci an der Idee, die Boten-RNA (mRNA) therapeutisch nutzbar zu machen – mit dem Ziel, personalisierte Krebsimmuntherapien zu entwickeln.<aside></aside></p> <p>2019 ging das damals noch unbekannte Unternehmen an die Börse und nahm dabei rund 150 Mio. US-Dollar ein. Als sich im Januar 2020 abzeichnete, dass ein neues Virus zu einer Pandemie führen könnte, zählten Şahin und Türeci zu den weltweit Ersten, denen die erfolgreiche Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs gelang [1]. Der Börsengang verschaffte dem damals noch kleinen Mainzer Biotech-Startup die Grundlage für die Partnerschaft mit Pfizer – ein entscheidender Schritt für Produktion und Zulassung des Impfstoffs. Mit dem “Project Lightspeed”, der Entwicklung des ersten zugelassenen mRNA-Impfstoffs gegen COVID-19, wurde das Unternehmen weltberühmt.</p> <h2>Standorte in Deutschland und global</h2> <p>Derzeit beschäftigt BioNTech weltweit etwa 6.800 Mitarbeitende, davon rund 2.800 in der Forschung und Entwicklung. Neben dem Hauptsitz in Mainz unterhält das Unternehmen internationale Standorte in Australien, China, Österreich, Ruanda, Singapur, der Türkei, den USA und dem Vereinigten Königreich. In Deutschland gibt es weitere Standorte in Berlin, Halle, Idar-Oberstein, Marburg und München [2].<br></br>Bislang ist ein Produkt zugelassen – der COVID-19-Impfstoff, der in Kooperation mit Pfizer entwickelt wurde. Etwa 4,8 Milliarden Dosen wurden bislang in über 180 Länder und Regionen ausgeliefert. Dabei liegt der Schwerpunkt der Firma nach wie vor im onkologischen Bereich: Derzeit befinden sich über 30 weitere Produktkandidaten in der Pipeline, mehr als die Hälfte davon in der Onkologie [3].</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4584" id="attachment_4584"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-scaled.jpg"><img alt="Modell einer Lipid-Nanopartikel-Struktur (LPX), wie sie in mRNA-Krebsimmuntherapien eingesetzt wird. © BioNTech SE" decoding="async" height="444" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-2048x1366.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4584"><span>Titelfoto: Credit: BioNTech SE / Pressemappe – Verwendung mit freundlicher Genehmigung</span> Modell einer Lipid-Nanopartikel-Struktur (LPX), wie sie in mRNA-Krebsimmuntherapien eingesetzt wird. © BioNTech SE</figcaption></figure> <p>Prof. Dr. Clara Lehmann (Universitätsklinikum Köln) stellte Analysen anonymisierter Krankenkassendaten aus Thüringen und Sachsen vor [4]. Hier zeigt sich, dass insbesondere ältere und vorerkrankte Menschen weiterhin ein erhöhtes Risiko für schwere COVID-19-Verläufe tragen. Impfungen gegen COVID-19 und Influenza können Risikogruppen nicht nur vor Komplikationen schützen, sondern auch vor weiteren kardiovaskulären Erkrankungen. Dennoch sind die Impfquoten bei Personen über 60 nach wie vor niedrig. In der Saison 2023/24 erhielten nur 38 % eine Grippeimpfung, 21 % eine Auffrischung gegen COVID-19, 20 % eine Pneumokokken-Impfung und 21 % eine Impfung gegen Herpes Zoster.</p> <p>Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt für Personen ab 60 Jahren sowie für Menschen mit Vorerkrankungen oder erhöhtem beruflichem Risiko eine jährliche Auffrischimpfung gegen Influenza [5] und COVID‑19 [6]. Gegen COVID-19 zugelassen sind alle mRNA- und proteinbasierten Impfstoffe, die an die von der WHO empfohlenen Virusvarianten angepasst wurden. Ein Preprint der Medizinischen Hochschule Hannover deutet darauf hin, dass der an JN.1, KP.2 und LP.8.1 angepasste Impfstoff (<em>Comirnaty</em>) auch gegen die derzeit zirkulierende XFG-Variante schützt [7].</p> <p>Über die Jahre hat sich das Virus verändert: Anfangs sehr aggressiv und auf ein “jungfräuliches” Immunsystem treffend, inzwischen weniger gefährlich, aber sehr infektiös. Teilweise entsteht Kreuzimmunität ähnlich wie bei Influenza, sodass das Immunsystem unterschiedlich reagiert – das ergibt eine Vielzahl unterschiedlicher Immunantworten.</p> <p>In den spannenden Diskussionen nur am Rande angesprochen, aber hoch interessant sind die kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift Nature veröffentlichten, unerwarteten Daten, dass eine mRNA-Impfung gegen SARS-CoV-2 die Wirksamkeit einer Immuntherapie gegen bestimmte Tumoren steigern kann [8].<br></br>Patient:innen mit nichtkleinzelligem Lungenkrebs (NSCLC) oder Melanom zeigten deutlich verlängerte Überlebenszeiten, wenn sie in den ersten 100 Tagen nach Beginn einer Behandlung mit Checkpoint-Inhibitoren (ICIs) eine mRNA-Impfung gegen COVID-19 erhalten hatten.</p> <p>Die Annahme ist, dass mRNA-Impfstoffe potente Immunstimulanzien sind, die eine lokale Immunantwort aktivieren und sogenannte immunologisch “kalte” Tumoren dadurch für eine Behandlung mit ICIs sensibilisieren. Die Ergebnisse zeigen auch, dass der Zeitpunkt einer routinemäßigen Impfung den Therapieverlauf maßgeblich beeinflussen kann – und eine einfache Möglichkeit bietet, die Schutzmechanismen der Tumoren zu überwinden. Diese Erkenntnisse könnten künftig helfen, mRNA-Therapeutika gezielt zum richtigen Zeitpunkt einzusetzen, um das vom Tumor manipulierte Immunsystem wieder funktionsfähig für eine wirksame Immuntherapie zu machen.</p> <h2>Ausblick: KI, Entwicklungen und Herausforderungen</h2> <p>BioNTech entwickelt seine Impfstoffe gegen COVID-19 kontinuierlich weiter. Darüber hinaus hat das Unternehmen in den letzten Jahren seine Forschungsbasis deutlich ausgebaut – unter anderem durch die Übernahmen von<em> InstaDeep</em> (KI-gestützte Arzneimittelforschung) und <em>CureVac</em>, den Tübinger “Erfindern” der medizinischen Nutzung der Boten-RNA, deren COVID-19-Impfstoffentwicklung nicht die erhoffte Wirksamkeit erreichte, deren mRNA-Kompetenz aber einen wichtigen Grundstein für die mRNA-Forschung legte. Darüber hinaus hat BioNTech weitere strategische Partnerschaften im Bereich zielgerichteter Immuntherapien.</p> <p>Zudem baut das Unternehmen seine Präsenz in Afrika aus – mit einer modularen mRNA-Produktionsanlage in Ruanda, die als Blaupause für globale Impfstoffgerechtigkeit dienen könnte.</p> <p>“An der Goldgrube” – so lautet BioNTechs Geschäftsadresse. Doch auch wenn die aktuellen Bilanzen durch den Rückgang der COVID-19-Impfstoffnachfrage belastet sind, bleibt die Firma ein Hoffnungsträger für die Krebsforschung und globale Impfstoffentwicklung [2].</p> <p>Der Medientag bei BioNTech war kompakt, aber eindrucksvoll. Er zeigte, wie aus wissenschaftlicher Neugier, unternehmerischem Mut und einer guten Prise Glück eine Erfolgsgeschichte wurde – mit Ursprung in Mainz und Wirkung auf die ganze Welt.</p> <p>Schließlich haben Investitionen in Visionen Tradition in Mainz: Auch Johannes Gutenberg nahm für sein Projekt einst 1600 Gulden Kredit auf – zu einer Zeit, als ein Handwerksmeister etwa 50 Gulden im Jahr verdiente. Dies und mehr über diese faszinierende Stadt gibt es im nächsten Beitrag.</p> <p><strong>Hinweis:</strong> Dieser Artikel wurde am 28.11.2025 aktualisiert, um eine Zahl zu korrigieren und eine Passage zur mRNA-Forschung zu präzisieren.</p> <ol> <li>Sahin, U., &amp; Türeci, Ö. (2023). mRNA-based therapeutics — developing a new class of drugs. Nature Reviews Drug Discovery, 22, 101–119. <a href="https://doi.org/10.1038/s41573-022-00591-3" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1038/s41573-022-00591-3</a></li> <li>BioNTech SE. (2025). Annual reports. Abgerufen am 27. November 2025 von <a href="https://investors.biontech.de/de/financials-filings/annual-reports" rel="noopener" target="_blank">https://investors.biontech.de/de/financials-filings/annual-reports</a></li> <li><span>BioNTech SE. (2025). Pipeline and products.Abgerufen am 27. November 2025 von <a href="https://www.biontech.com/int/en/home/pipeline-and-products/pipeline.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.biontech.com/int/en/home/pipeline-and-products/pipeline.html</a></span></li> <li><span>Müller, S., Lehmann, C., Becker, J., &amp; Vogel, M. (2025). COVID-19 vaccination coverage and risk profiles in elderly populations: A regional analysis. Viruses, 17(3), 424. <a href="https://doi.org/10.3390/v17030424" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.3390/v17030424</a></span></li> <li><span>Robert Koch-Institut. STIKO-Empfehlungen zur Influenza-Impfung. Abgerufen am 27. November 2025 von <a href="https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/Influenza/FAQ-Liste/FAQ-Liste-Impfempfehlung.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/Influenza/FAQ-Liste/FAQ-Liste-Impfempfehlung.html</a></span></li> <li><span>Robert Koch-Institut. STIKO-Empfehlungen zur COVID-19-Impfung. Abgerufen am 27. November 2025 von <a href="https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/COVID-19/FAQ-Liste/FAQ-Liste-Impfempfehlung.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/COVID-19/FAQ-Liste/FAQ-Liste-Impfempfehlung.html</a></span></li> <li><span>Happle, C., et al. (2025). Efficacy of variant-adapted Comirnaty vaccine against emerging XFG lineage. medRxiv. <a href="https://doi.org/10.1101/2025.10.21.25338461" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1101/2025.10.21.25338461</a></span></li> <li><span>Grippin, A. J., Zhang, Y., Patel, S., Lee, J., Chen, H., &amp; Wu, X. (2025). SARS-CoV-2 mRNA vaccines sensitize tumours to immune checkpoint blockade. Nature. <a href="https://doi.org/10.1038/s41586-025-09655-y" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1038/s41586-025-09655-y</a></span></li> </ol> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/von-mainz-in-die-welt-biontechs-weg-zur-globalen-innovation/#comments 2 Hilbert’s 10th Problem and the Limits of Computation https://scilogs.spektrum.de/hlf/hilberts-10th-problem-and-the-limits-of-computation/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/hilberts-10th-problem-and-the-limits-of-computation/#respond Wed, 26 Nov 2025 13:00:00 +0000 Benjamin Skuse https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=13959 <h1>Hilbert's 10th Problem and the Limits of Computation - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>Mathematics could be renamed the glacial science. 125 years since revered German mathematician David Hilbert listed 23 problems he felt were worthy challenges upon which the community should focus their minds for the next century, just 10 are generally accepted as resolved.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13963" rel="attachment wp-att-13963"><img alt="David Hilbert" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 716px) 100vw, 716px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/David_Hilbert_1907-716x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/David_Hilbert_1907-716x1024.jpg 716w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/David_Hilbert_1907-210x300.jpg 210w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/David_Hilbert_1907-768x1099.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/David_Hilbert_1907-1074x1536.jpg 1074w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/David_Hilbert_1907.jpg 1185w" width="716"></img></a><figcaption>David Hilbert in 1907. Public domain image. Source: <a href="https://www.jstor.org/stable/2369910?seq=1">JSTOR</a></figcaption></figure></div> <p>One of the most interesting of these solved problems, particularly in the context of the main talking points at the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">12th Heidelberg Laureate Forum</a>, is Hilbert’s 10th problem, which Hilbert stated roughly as follows:</p> <p><em>Given a Diophantine equation with any number of unknown quantities and with rational integral numerical coefficients, devise a process involving a finite number of operations to determine whether the equation is solvable in rational integers. </em></p> <p>In simpler terms Hilbert himself did not use:</p> <p><em>Design an algorithm that decides whether any given polynomial equation</em> \( p(x_{1}, . . . , x_{n}) = 0 \) <em>over the integers has an integral solution</em> \( x_{1}, . . . , x_{n} \in \mathbb{Z} \).<aside></aside></p> <p>In even simpler terms, Hilbert wanted to know if there was a universal way to know whether it is always possible to tell if a polynomial equation with integer coefficients has integer solutions; does something fundamental set, for example, \(3x + 6y = 18\) (which has several solutions including \(x = 4, y = 1\)) apart from \(2x + 10y = 17\), which has no solution?</p> <h3 id="h-computer-science-to-the-rescue"><strong>Computer Science to the Rescue</strong></h3> <p>No progress was made on this problem until computer science had matured to the point where it could come to the aid of number theory in the 1950s and 60s. American mathematician and computer scientist Martin Davis was the first to make any inroads. In the early 1950s, he posited that a set is Diophantine if and only if it is recursively enumerable.</p> <p>Here, a ‘Diophantine set’ is a set of integers that can be defined by a Diophantine equation or a system of Diophantine equations, and to be ‘recursively enumerable’ means listable. Importantly, a recursively enumerable set is another way of describing an algorithm; or, more precisely, it is the set of outputs or elements that an algorithm can list, given infinite time.</p> <p>Around the same time Davis was formulating this general result, American mathematician Julia Robinson, who began studying Hilbert’s 10th problem in 1948, was looking at special cases of Diophantine relations and building a conjecture that would become known as the Julia Robinson hypothesis, or simply JR.</p> <p>Robinson’s work focused on constructing a Diophantine relation that satisfies the fast-growing properties:</p> <ul> <li>\( J(a,b) \) implies \(a \lt b^{b}\)</li> </ul> <ul> <li>For every positive integer \( k \), there exist \( a \) and \(b \) such that \( J(a,b) \)  and \(a \gt b^{k}\),</li> </ul> <p>and showing that if such a relation exists, as she suspected it did, then the exponential relation is also Diophantine.</p> <p>Fast forward almost a decade and Martin Davis and his collaborator American analytical philosopher Hilary Putnam teamed up with Robinson – who would later become the first female mathematician to be elected to the National Academy of Sciences and first female president of the American Mathematical Society – to make another critical breakthrough. In 1961, they published a paper revealing that listable sets and exponential Diophantine sets are one and the same.</p> <p>If JR was ever proven true, meaning that exponentiation was Diophantine, then the new paper would mean listable sets were Diophantine, and therefore Hilbert’s 10<sup>th</sup> problem would be unsolvable. Sadly, proving JR was tricky.</p> <h3 id="h-a-birthday-wish-come-true"><strong>A Birthday Wish Come True</strong></h3> <p>“It was the custom in our family to have a get-together for each family member’s birthday,” recalled Robinson in an <a href="https://mathshistory.st-andrews.ac.uk/Extras/Robinson_Hilbert_10th/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">interview</a> for the 1990 book <em>More Mathematical People</em>. “When it came time for me to blow out the candles on my cake, I always wished, year after year, that the Tenth Problem would be solved – not that I would solve it, but just that it would be solved. I felt that I couldn’t bear to die without knowing the answer.”</p> <p>Robinson’s wish came true in 1970. Russian mathematician Yuri Matiyasevich was equally obsessed with Hilbert’s 10th problem. In 1969, he was asked to referee a paper by Robinson in which she introduced a new idea concerning the periodicity of sequences of solutions of a well-known Diophantine equation called Pell’s equation (\( x^{2} – ny^{2} = 1\), where \( n \) is a positive nonsquare integer).</p> <p>This work inspired him to adapt the idea to a different sequence: the Fibonacci numbers (\( x_{n+2} = x_{n+1} + x_{n} = 0, 1, 1, 2, 3, 5, 8,…\)). When he did this, everything fell into place. By showing that the sequence of Fibonacci numbers is Diophantine, he thereby proved that JR was true, listable sets were Diophantine, and Hilbert’s 10th problem was unsolvable.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13966" rel="attachment wp-att-13966"><img alt="Yuri Matiyasevich" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 744px) 100vw, 744px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Yuri_Matiyasevich._Portrait_1969-744x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Yuri_Matiyasevich._Portrait_1969-744x1024.jpg 744w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Yuri_Matiyasevich._Portrait_1969-218x300.jpg 218w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Yuri_Matiyasevich._Portrait_1969-768x1058.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Yuri_Matiyasevich._Portrait_1969-1115x1536.jpg 1115w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Yuri_Matiyasevich._Portrait_1969-1487x2048.jpg 1487w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Yuri_Matiyasevich._Portrait_1969-scaled.jpg 1859w" width="744"></img></a><figcaption>Yuri Matiyasevich in 1969. Image credit: Yuri Matiyasevich (CC-BY-3.0)</figcaption></figure></div> <p>You may ask, what on Earth has the undecidability of Hilbert’s 10th problem, solved 55 years ago, got to do with topical conversations at the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">12th Heidelberg Laureate Forum</a>? Well, a significant amount of time in the lecture halls and during the coffee breaks was spent asking questions such as, how exactly will the roles of computers and human mathematicians change as AI advances? And just how much of mathematics is solvable by machines?</p> <p>Proving that an easily understood mathematical challenge – determining whether every Diophantine equation restricted to integers has a solution – cannot be solved by mechanical means is a vivid example showing the limitations of computing and AI in mathematics.</p> <p>But it is also puzzling. If Diophantine equations are allowed to have complex number solutions instead of just integer ones, Hilbert’s 10th problem is actually trivial and always solvable by a general algorithm, even though integers can be written as complex numbers; the integers are a subset of the complex numbers! Might there be other sets of numbers over which Hilbert’s 10th problem is unsolvable too?</p> <h3 id="h-beyond-the-integers"><strong>Beyond the Integers</strong></h3> <p><a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/manjul-bhargava/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Manjul Bhargava</a> (Fields Medal – 2014) was scheduled to offer fresh insight into this question at this year’s Forum. It was a shame that he ultimately could not attend, because recently he and his collaborators posted an <a href="https://arxiv.org/abs/2501.18774" rel="noreferrer noopener" target="_blank">arXiv preprint</a> detailing their discovery of one of these special sets; discovered independently around the same time by <a href="https://arxiv.org/abs/2412.01768" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Peter Koymans and Carlo Pagano</a>.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13967" rel="attachment wp-att-13967"><img alt="Manjul Bhargava" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/15215181807_08f074446d_o-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/15215181807_08f074446d_o-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/15215181807_08f074446d_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/15215181807_08f074446d_o-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/15215181807_08f074446d_o-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/15215181807_08f074446d_o-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Manjul Bhargava visiting a high school in the week of the 2nd Heidelberg Laureate Forum in 2014. (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>Using completely different methods, both teams proved that Hilbert’s 10th problem is unsolvable for every ring of integers. The ring of integers \( \mathcal{O}_{K} \) of a number field \( K \), which is a finite extension of the rational numbers, is the set of all integers contained within \( K \). Crucially, \( \mathcal{O}_{K} \) is always a set that is the same size as or bigger than the set of ordinary integers, often including infinitely many numbers that are not in the set of integers. This result makes the potential solution space for a machine mathematician, a future <a href="https://youtu.be/q9MJWfo3DCE?si=Ni7ltzbb-HXu6ArE" rel="noreferrer noopener" target="_blank">superhuman AI mathematician</a>, just that little bit smaller.</p> <p>The next challenge is widely regarded as one of the biggest open problems in the area of undecidability in number theory: proving whether Hilbert’s 10th problem over the field \( \mathbb{Q} \) of rational numbers is unsolvable too.</p> <p>Solving this one way or another would be profound. It would either mean that there is an inherent, algorithmic limit to what can be determined about rational-valued polynomial equations, shrinking machine-based mathematical problem solving even further, or that an algorithm exists to solve all rational Diophantine equations. And at the same time, it would bring number theorists closer to understanding the ultimate source of mathematical undecidability.</p> <p>Either way, pursuing an answer will no doubt introduce entirely new frameworks and techniques to study rational solutions, ushering in a new era of exploration in the theory of computation and number theory.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Hilbert's 10th Problem and the Limits of Computation - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>Mathematics could be renamed the glacial science. 125 years since revered German mathematician David Hilbert listed 23 problems he felt were worthy challenges upon which the community should focus their minds for the next century, just 10 are generally accepted as resolved.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13963" rel="attachment wp-att-13963"><img alt="David Hilbert" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 716px) 100vw, 716px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/David_Hilbert_1907-716x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/David_Hilbert_1907-716x1024.jpg 716w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/David_Hilbert_1907-210x300.jpg 210w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/David_Hilbert_1907-768x1099.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/David_Hilbert_1907-1074x1536.jpg 1074w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/David_Hilbert_1907.jpg 1185w" width="716"></img></a><figcaption>David Hilbert in 1907. Public domain image. Source: <a href="https://www.jstor.org/stable/2369910?seq=1">JSTOR</a></figcaption></figure></div> <p>One of the most interesting of these solved problems, particularly in the context of the main talking points at the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">12th Heidelberg Laureate Forum</a>, is Hilbert’s 10th problem, which Hilbert stated roughly as follows:</p> <p><em>Given a Diophantine equation with any number of unknown quantities and with rational integral numerical coefficients, devise a process involving a finite number of operations to determine whether the equation is solvable in rational integers. </em></p> <p>In simpler terms Hilbert himself did not use:</p> <p><em>Design an algorithm that decides whether any given polynomial equation</em> \( p(x_{1}, . . . , x_{n}) = 0 \) <em>over the integers has an integral solution</em> \( x_{1}, . . . , x_{n} \in \mathbb{Z} \).<aside></aside></p> <p>In even simpler terms, Hilbert wanted to know if there was a universal way to know whether it is always possible to tell if a polynomial equation with integer coefficients has integer solutions; does something fundamental set, for example, \(3x + 6y = 18\) (which has several solutions including \(x = 4, y = 1\)) apart from \(2x + 10y = 17\), which has no solution?</p> <h3 id="h-computer-science-to-the-rescue"><strong>Computer Science to the Rescue</strong></h3> <p>No progress was made on this problem until computer science had matured to the point where it could come to the aid of number theory in the 1950s and 60s. American mathematician and computer scientist Martin Davis was the first to make any inroads. In the early 1950s, he posited that a set is Diophantine if and only if it is recursively enumerable.</p> <p>Here, a ‘Diophantine set’ is a set of integers that can be defined by a Diophantine equation or a system of Diophantine equations, and to be ‘recursively enumerable’ means listable. Importantly, a recursively enumerable set is another way of describing an algorithm; or, more precisely, it is the set of outputs or elements that an algorithm can list, given infinite time.</p> <p>Around the same time Davis was formulating this general result, American mathematician Julia Robinson, who began studying Hilbert’s 10th problem in 1948, was looking at special cases of Diophantine relations and building a conjecture that would become known as the Julia Robinson hypothesis, or simply JR.</p> <p>Robinson’s work focused on constructing a Diophantine relation that satisfies the fast-growing properties:</p> <ul> <li>\( J(a,b) \) implies \(a \lt b^{b}\)</li> </ul> <ul> <li>For every positive integer \( k \), there exist \( a \) and \(b \) such that \( J(a,b) \)  and \(a \gt b^{k}\),</li> </ul> <p>and showing that if such a relation exists, as she suspected it did, then the exponential relation is also Diophantine.</p> <p>Fast forward almost a decade and Martin Davis and his collaborator American analytical philosopher Hilary Putnam teamed up with Robinson – who would later become the first female mathematician to be elected to the National Academy of Sciences and first female president of the American Mathematical Society – to make another critical breakthrough. In 1961, they published a paper revealing that listable sets and exponential Diophantine sets are one and the same.</p> <p>If JR was ever proven true, meaning that exponentiation was Diophantine, then the new paper would mean listable sets were Diophantine, and therefore Hilbert’s 10<sup>th</sup> problem would be unsolvable. Sadly, proving JR was tricky.</p> <h3 id="h-a-birthday-wish-come-true"><strong>A Birthday Wish Come True</strong></h3> <p>“It was the custom in our family to have a get-together for each family member’s birthday,” recalled Robinson in an <a href="https://mathshistory.st-andrews.ac.uk/Extras/Robinson_Hilbert_10th/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">interview</a> for the 1990 book <em>More Mathematical People</em>. “When it came time for me to blow out the candles on my cake, I always wished, year after year, that the Tenth Problem would be solved – not that I would solve it, but just that it would be solved. I felt that I couldn’t bear to die without knowing the answer.”</p> <p>Robinson’s wish came true in 1970. Russian mathematician Yuri Matiyasevich was equally obsessed with Hilbert’s 10th problem. In 1969, he was asked to referee a paper by Robinson in which she introduced a new idea concerning the periodicity of sequences of solutions of a well-known Diophantine equation called Pell’s equation (\( x^{2} – ny^{2} = 1\), where \( n \) is a positive nonsquare integer).</p> <p>This work inspired him to adapt the idea to a different sequence: the Fibonacci numbers (\( x_{n+2} = x_{n+1} + x_{n} = 0, 1, 1, 2, 3, 5, 8,…\)). When he did this, everything fell into place. By showing that the sequence of Fibonacci numbers is Diophantine, he thereby proved that JR was true, listable sets were Diophantine, and Hilbert’s 10th problem was unsolvable.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13966" rel="attachment wp-att-13966"><img alt="Yuri Matiyasevich" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 744px) 100vw, 744px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Yuri_Matiyasevich._Portrait_1969-744x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Yuri_Matiyasevich._Portrait_1969-744x1024.jpg 744w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Yuri_Matiyasevich._Portrait_1969-218x300.jpg 218w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Yuri_Matiyasevich._Portrait_1969-768x1058.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Yuri_Matiyasevich._Portrait_1969-1115x1536.jpg 1115w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Yuri_Matiyasevich._Portrait_1969-1487x2048.jpg 1487w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Yuri_Matiyasevich._Portrait_1969-scaled.jpg 1859w" width="744"></img></a><figcaption>Yuri Matiyasevich in 1969. Image credit: Yuri Matiyasevich (CC-BY-3.0)</figcaption></figure></div> <p>You may ask, what on Earth has the undecidability of Hilbert’s 10th problem, solved 55 years ago, got to do with topical conversations at the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">12th Heidelberg Laureate Forum</a>? Well, a significant amount of time in the lecture halls and during the coffee breaks was spent asking questions such as, how exactly will the roles of computers and human mathematicians change as AI advances? And just how much of mathematics is solvable by machines?</p> <p>Proving that an easily understood mathematical challenge – determining whether every Diophantine equation restricted to integers has a solution – cannot be solved by mechanical means is a vivid example showing the limitations of computing and AI in mathematics.</p> <p>But it is also puzzling. If Diophantine equations are allowed to have complex number solutions instead of just integer ones, Hilbert’s 10th problem is actually trivial and always solvable by a general algorithm, even though integers can be written as complex numbers; the integers are a subset of the complex numbers! Might there be other sets of numbers over which Hilbert’s 10th problem is unsolvable too?</p> <h3 id="h-beyond-the-integers"><strong>Beyond the Integers</strong></h3> <p><a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/manjul-bhargava/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Manjul Bhargava</a> (Fields Medal – 2014) was scheduled to offer fresh insight into this question at this year’s Forum. It was a shame that he ultimately could not attend, because recently he and his collaborators posted an <a href="https://arxiv.org/abs/2501.18774" rel="noreferrer noopener" target="_blank">arXiv preprint</a> detailing their discovery of one of these special sets; discovered independently around the same time by <a href="https://arxiv.org/abs/2412.01768" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Peter Koymans and Carlo Pagano</a>.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13967" rel="attachment wp-att-13967"><img alt="Manjul Bhargava" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/15215181807_08f074446d_o-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/15215181807_08f074446d_o-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/15215181807_08f074446d_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/15215181807_08f074446d_o-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/15215181807_08f074446d_o-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/15215181807_08f074446d_o-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Manjul Bhargava visiting a high school in the week of the 2nd Heidelberg Laureate Forum in 2014. (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>Using completely different methods, both teams proved that Hilbert’s 10th problem is unsolvable for every ring of integers. The ring of integers \( \mathcal{O}_{K} \) of a number field \( K \), which is a finite extension of the rational numbers, is the set of all integers contained within \( K \). Crucially, \( \mathcal{O}_{K} \) is always a set that is the same size as or bigger than the set of ordinary integers, often including infinitely many numbers that are not in the set of integers. This result makes the potential solution space for a machine mathematician, a future <a href="https://youtu.be/q9MJWfo3DCE?si=Ni7ltzbb-HXu6ArE" rel="noreferrer noopener" target="_blank">superhuman AI mathematician</a>, just that little bit smaller.</p> <p>The next challenge is widely regarded as one of the biggest open problems in the area of undecidability in number theory: proving whether Hilbert’s 10th problem over the field \( \mathbb{Q} \) of rational numbers is unsolvable too.</p> <p>Solving this one way or another would be profound. It would either mean that there is an inherent, algorithmic limit to what can be determined about rational-valued polynomial equations, shrinking machine-based mathematical problem solving even further, or that an algorithm exists to solve all rational Diophantine equations. And at the same time, it would bring number theorists closer to understanding the ultimate source of mathematical undecidability.</p> <p>Either way, pursuing an answer will no doubt introduce entirely new frameworks and techniques to study rational solutions, ushering in a new era of exploration in the theory of computation and number theory.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/hilberts-10th-problem-and-the-limits-of-computation/#respond 0 Wachsendes Gehirn? Adulte Neurogenese https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/wachsendes-gehirn-adulte-neurogenese/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/wachsendes-gehirn-adulte-neurogenese/#comments Mon, 24 Nov 2025 18:22:16 +0000 Ruzica Sedic https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5335 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Brain-Evolution-Vertebrate-1-768x456.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/wachsendes-gehirn-adulte-neurogenese/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Brain-Evolution-Vertebrate-1.jpg" /><h1>Wachsendes Gehirn? Adulte Neurogenese » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Ruzica Sedic</h2><div itemprop="text"> <p>Bis ins 20. Jahrhundert dachte man, dass das Wirbeltiergehirn nach der Geburt ein starres System sei, dessen Zellen sich nicht mehr teilen oder erneuern. Heute weiß man, dass das Gehirn ein dynamisches System ist, das sich lebenslang an neue Anforderungen und Erfahrungen anpasst und sogar im Alter noch adulte Neurogenese betreibt.</p> <h3 id="h-die-entwicklung-des-gehirns-bei-wirbeltieren">Die Entwicklung des Gehirns bei Wirbeltieren</h3> <p>Bei allen Wirbeltieren besteht das Gehirn aus fünf Teilen: dem Großhirn, dem Zwischenhirn, dem Mittelhirn, dem Hinterhirn und dem Nachhirn. Diese Abschnitte werden auch als Telencephalon, Diencephalon, Mesencephalon, Metencephalon und Myelencephalon bezeichnet und sind in ihrer Grundanlage bei Fischen, Amphibien, Reptilien, Vögeln und Säugetieren vorhanden (Bayer &amp; Altman, 2006). Die Ausprägung dieser Abschnitte variiert dabei deutlich: Beispielsweise besitzen Vögel im Verhältnis ein größeres Kleinhirn (Cerebellum, Teil des Metencephalons), was unter anderem ihre außergewöhnliche Bewegungskoordination ermöglicht, wie zum Beispiel das Navigieren im dreidimensionalen Raum (Boire &amp; Baron, 1994; Iwaniuk et al., 2007).</p> <p>Das Gehirn entwickelt sich im Verlauf der Embryonalentwicklung aus dem sogenannten Neuralrohr. Das Neuralrohr ist eine röhrenförmige Struktur, die sich sehr früh nach der Befruchtung aus einer Zellplatte (Neuralplatte) abschnürt. Es bildet den Vorläufer des gesamten zentralen Nervensystems, also sowohl des Gehirns als auch des Rückenmarks. Das Neuralrohr ist zu Beginn noch relativ einfach aufgebaut; seine Zellen teilen sich jedoch rasch und bilden verschiedene Segmente, aus denen sich die einzelnen Gehirnabschnitte herausdifferenzieren (Colas &amp; Schoenwolf, 2001). </p> <div> <figure><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 862px) 100vw, 862px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Brain-Evolution-Vertebrate-862x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Brain-Evolution-Vertebrate-862x1024.jpg 862w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Brain-Evolution-Vertebrate-253x300.jpg 253w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Brain-Evolution-Vertebrate-768x912.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Brain-Evolution-Vertebrate.jpg 1010w" width="862"></img><figcaption>Abbildung 1: Wirbeltiergehirne im Vergleich. Carlson, 2025</figcaption></figure></div> <p>In den nächsten Entwicklungsschritten erfolgt die sogenannte Musterbildung (Patterning): Signale von bestimmten Regionen, zum Beispiel durch molekulare Botenstoffe wie „Sonic hedgehog“ oder „Wnt“-Proteine, sorgen dafür, dass im Neuralrohr verschiedene Funktionsbereiche entstehen. Diese Funktionsbereiche werden als Neuromere bezeichnet und legen die spätere Gliederung des Wirbeltiergehirns fest (Altman &amp; Brivanlou, 2001; Le Dréau &amp; Marti, 2002).</p> <p>Im weiteren Verlauf setzen dann Prozesse wie die Neurogenese ein – also die eigentliche Entstehung und Vermehrung von Nervenzellen (Neuronen) sowie sogenannten <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-stadtverwaltung-des-gehirns-die-gliazellen/">Gliazellen</a>, welche die Nervenzellen in ihrer Funktion unterstützen. Zunächst teilen sich Stammzellen symmetrisch, um die Zellzahl zu erhöhen. Später entstehen durch asymmetrische Zellteilungen differenzierte Neuronen und Gliazellen, die sich entlang von besonderen Bahnen aus dem Neuralrohr in ihr Zielgebiet bewegen (Zhong &amp; Chia, 2008; Götz &amp; Wieland, 2005). <aside></aside></p> <p>Sobald die jungen Nervenzellen ihren Bestimmungsort erreicht haben, reifen sie weiter aus: Sie verzweigen und vernetzen sich mit anderen Neuronen und bilden erste Synapsen. Bereits vor der Geburt entstehen so die grundlegenden Schaltpläne für spätere Wahrnehmung und Verhalten. Nach der Geburt kommt es durch Umwelteinflüsse und Aktivität zu einer weiteren Verfeinerung dieser Netzwerke: Überflüssige Verbindungen werden zurückgebaut, während nützliche verstärkt werden. Dieses Phänomen nennt man auch neuronale Plastizität (Kolb &amp; Gibb, 2011).</p> <p>Beim Menschen verändert sich das Volumen des Gehirns im Verlauf des Lebens deutlich. In den ersten Lebensjahren wachsen sowohl graue als auch weiße Substanz besonders schnell bis etwa zum sechsten Lebensjahr (Abbildung 1). Ab dem sechsten Lebensjahr sieht man vor allem einen Abfall in dem Volumen der grauen Substanz (Betlehem et al., 2022).</p> <figure><img alt="" decoding="async" height="414" sizes="(max-width: 904px) 100vw, 904px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-9.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-9.jpeg 904w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-9-300x137.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-9-768x352.jpeg 768w" width="904"></img><figcaption>Abbildung 2: Betlehem et al., 2022</figcaption></figure> <h3 id="h-was-ist-adulte-neurogenese">Was ist adulte Neurogenese?</h3> <p>Die Neurogenese beschreibt die Bildung neuer Nervenzellen aus Stamm- oder Vorläuferzellen und findet sowohl im sich entwickelnden als auch im erwachsenen Gehirn (adulte Neurogenese) statt (Gulati, 2015; Gage, 2002). </p> <p>Im Jahre 1913 stellte Santiago Ramón y Cajal fest, dass Nervenzellen nur während der Entwicklung des Gehirns generiert werden. Man ging davon aus, dass nach der Embryonalentwicklung keine neuen Neuronen entstehen würden. Erst seit Ende des 20. Jahrhunderts ist nachgewiesen, dass das erwachsene Gehirn über ein Reservoir neuronaler Stammzellen verfügt, die neue Nervenzellen hervorbringen können (Altman &amp; Das, 1965). </p> <p>Adulte Neurogenese findet in Vögeln (Goldman et al., 1983), Nagetieren (Altman &amp; Das, 1965), Primaten (Gould et al., 1999) und Menschen (Eriksson et al., 1998) statt.</p> <p>Funktionell ist die adulte Neurogenese eng mit Lernen, Gedächtnisbildung und neuronaler Plastizität verknüpft (Ambrogini et al., 2000; Hairston et al., 2005).</p> <h3 id="h-wie-findet-man-sich-teilende-zellen">Wie findet man sich teilende Zellen?</h3> <p>Wo Neurogenese stattfindet, teilen sich Zellen. Wo sich Zellen teilen, wird DNA synthetisiert. Ein Grundbaustein von DNA ist hierbei die Base Thymidin, deren Einbau bei der Synthese man sich zu Nutzen machen kann, indem man BrdU (5-Bromo-2’-deoxyuridin) verwendet. BrdU ist hierbei ein Analogon von Thymidin und wird an seiner Stelle in die neue DNA eingebaut. Die Verwendung von Antikörpern, welche an BrdU binden, ermöglicht die Detektion der neuen Zellen mit der neuen BrdU-enthaltenden DNA. Dadurch wird eine Visualisierung der Zellteilung und damit der Neurogenese ermöglicht (Thermo Fisher Scientific, o.D.).</p> <h3 id="h-adulte-neurogenese-bei-unterschiedlichen-tieren">Adulte Neurogenese bei unterschiedlichen Tieren</h3> <p>Bei Nagetieren und Vögeln findet die adulte Neurogenese vor allem in zwei spezifischen Bereichen des Gehirns statt: dem Gyrus dentatus, welcher zum Hippocampus gehört, und der Subventrikulären Zone (SVZ), welche sich entlang der Seitenventrikel befindet (Goldman et al., 1983; Altman &amp; Das, 1965; Allen 1912). </p> <p>Eine 2025 publizierte Studie von Herold et al. kommt zu dem Ergebnis, dass sich der Prozess der adulten Neurogenese in Tauben und Mäusen nicht nur in den zuvor beschriebenen Zonen abspielt, sondern zudem im Striatum, wobei sie bei Tauben signifikant höher ist.</p> <p>Auch bei Primaten, zu denen der Mensch gehört, findet die adulte Neurogenese im Gyrus dentatus des Hippocampus und in der subventrikulären Zone statt (Kukekov et al., 1999; Eriksson et al., 1998).</p> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <p>Allen, E. (1912). The cessation of mitosis in the central nervous system of the albino rat. Journal of Comparative Neurology, 22(4), 547–568.</p> <p>Altman, J., &amp; Das, G. D. (1965). Autoradiographic and histological evidence of postnatal hippocampal neurogenesis in rats. Journal of Comparative Neurology, 124(3), 319-335. https://doi.org/10.1002/cne.901240303</p> <p>Altmann, C. R., &amp; Brivanlou, A. H. (2001). Neural patterning in the vertebrate embryo. International Review of Cytology, 203, 447-482. <a href="https://doi.org/10.1016/s0074-7696(01)03013-3">https://doi.org/10.1016/s0074-7696(01)03013-3</a></p> <p>Ambrogini, P., Cuppini, R., Cuppini, C., et al. (2000). Spatial learning affects immature granule cell survival in adult rat dentate gyrus. Neuroscience Letters, 286(1), 21–24. https://doi.org/10.1016/s0304-3940(00)01074-0</p> <p>Bayer, S.A., &amp; Altman, J. (2006). The Human Brain During the Late First Trimester (1st ed.). CRC Press. https://doi.org/10.1201/9781420003277</p> <p>Bethlehem, R. A. I., Seidlitz, J., White, S. R., Vogel, J. W., Anderson, K. M., Adamson, C., Adler, S., Alexopoulos, G. S., Anagnostou, E., Areces-Gonzalez, A., Astle, D. E., Auyeung, B., Ayub, M., Bae, J., Ball, G., Baron-Cohen, S., Beare, R., Bedford, S. A., Benegal, V., … Alexander-Bloch, A. F. (2022). Brain charts for the human lifespan. Nature, 604(7906), 525–533. <a href="https://doi.org/10.1038/s41586-022-04554-y">https://doi.org/10.1038/s41586-022-04554-y</a></p> <p>Boire, D., &amp; Baron, G. (1994). Allometric comparison of brain and main brain subdivisions in birds. Journal für Hirnforschung, 35(1), 49-66.</p> <p>Carlson, D. (2025). Vertebrate brain evolution illustration [Illustration]. Carlson Stock Art. https://www.carlsonstockart.com/photo/vertebrate-brain-evolution-illustration/</p> <p>Colas, J. F., &amp; Schoenwolf, G. C. (2001). Towards a cellular and molecular understanding of neurulation. Developmental Dynamics, 221(2), 117-145. <a href="https://doi.org/10.1002/dvdy.1144">https://doi.org/10.1002/dvdy.1144</a></p> <p>Eriksson, P. S., Perfilieva, E., Bjork-Eriksson, T., et al. (1998). Neurogenesis in the adult human hippocampus. Nature Medicine, 4(11), 1313–1317. https://doi.org/10.1038/3305</p> <p>Gage, F. H. (2002). Neurogenesis in the adult brain. Journal of Neuroscience, 22(3), 612-613. <a href="https://doi.org/10.1523/JNEUROSCI.22-03-00612.2002">https://doi.org/10.1523/JNEUROSCI.22-03-00612.2002</a></p> <p>Goldman, S. A., &amp; Nottebohm, F. (1983). Neuronal production, migration, and differentiation in a vocal control nucleus of the adult female canary brain. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 80(8), 2390–2394. <a href="https://doi.org/10.1073/pnas.80.8.2390">https://doi.org/10.1073/pnas.80.8.2390</a></p> <p>Gould, E., Reeves, A. J., Graziano, M. S. A., &amp; Gross, C. G. (1999). Neurogenesis in the neocortex of adult primates. Science, 286(5439), 548–552. https://doi.org/10.1126/science.286.5439.548</p> <p>Gulati, A. (2015). Understanding neurogenesis in the adult human brain. Indian Journal of Pharmacology, 47(6), 583-584. https://doi.org/10.4103/0253-7613.169598</p> <p>Götz, M., &amp; Huttner, W. B. (2005). The cell biology of neurogenesis. Nature Reviews Molecular Cell Biology, 6(10), 777-788. <a href="https://doi.org/10.1038/nrm1739">https://doi.org/10.1038/nrm1739</a></p> <p>Hairston, I. S., Little, M. T., Scanlon, M. D., et al. (2005). Sleep restriction suppresses neurogenesis induced by hippocampus-dependent learning. Journal of Neurophysiology, 94(6), 4224–4233. <a href="https://doi.org/10.1152/jn.00218.2005">https://doi.org/10.1152/jn.00218.2005</a></p> <p>Herold, C., Karsli, E., Delhaes, N., Mehlhorn, J., Bidmon, H., &amp; Amunts, K. (2025). Adult striatal neurogenesis—A comparative approach between pigeons, mice, macaques, and human. Journal of Comparative Neurology, 533(11), e70107. https://doi.org/10.1002/cne.70107</p> <p>Iwaniuk, A. N., Hurd, P. L., &amp; Wylie, D. R. (2007). Comparative morphology of the avian cerebellum: II. Size of folia. Brain, Behavior and Evolution, 69(3), 196-219. <a href="https://doi.org/10.1159/000096987">https://doi.org/10.1159/000096987</a></p> <p>Kolb, B., &amp; Gibb, R. (2011). Brain plasticity and behaviour in the developing brain. Journal of the Canadian Academy of Child and Adolescent Psychiatry, 20(4), 265-276. <a href="https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3222570/">https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3222570/</a></p> <p>Kukekov, V. G., Laywell, E. D., Suslov, O., Davies, K., Scheffler, B., Thomas, L. B., et al. (1999). Multipotent stem/progenitor cells with similar properties arise from two neurogenic regions of adult human brain. Experimental Neurology, 156(2), 333–344. <a href="https://doi.org/10.1006/exnr.1999.7028">https://doi.org/10.1006/exnr.1999.7028</a></p> <p>Kumar, A., Pareek, V., Faiq, M. A., Ghosh, S. K., &amp; Kumari, C. (2019). Adult neurogenesis in humans: A review of basic concepts, history, current research, and clinical implications. Innovations in Clinical Neuroscience, 16(5–6), 30–37. https://doi.org/10.31662/jmds.2019.16.5.2 [oder PMID: 31440399]</p> <p>Le Dréau, G., &amp; Martí, E. (2012). Dorsal-ventral patterning of the neural tube: A tale of three signals. Developmental Neurobiology, 72(12), 1471-1481. <a href="https://doi.org/10.1002/dneu.22015">https://doi.org/10.1002/dneu.22015</a></p> <p>Thermo Fisher Scientific. (o. D.). BrdU Labeling and Detection Protocol. https://www.thermofisher.com/de/de/home/references/protocols/cell-and-tissue-analysis/protocols/brdu-labeling-and-detection-protocol.html (Abruf am 12. November 2025)</p> <p>Zhong, W., &amp; Chia, W. (2008). Neurogenesis and asymmetric cell division. Current Opinion in Neurobiology, 18(1), 4-11. <a href="https://doi.org/10.1016/j.conb.2008.05.002">https://doi.org/10.1016/j.conb.2008.05.002</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Brain-Evolution-Vertebrate-1.jpg" /><h1>Wachsendes Gehirn? Adulte Neurogenese » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Ruzica Sedic</h2><div itemprop="text"> <p>Bis ins 20. Jahrhundert dachte man, dass das Wirbeltiergehirn nach der Geburt ein starres System sei, dessen Zellen sich nicht mehr teilen oder erneuern. Heute weiß man, dass das Gehirn ein dynamisches System ist, das sich lebenslang an neue Anforderungen und Erfahrungen anpasst und sogar im Alter noch adulte Neurogenese betreibt.</p> <h3 id="h-die-entwicklung-des-gehirns-bei-wirbeltieren">Die Entwicklung des Gehirns bei Wirbeltieren</h3> <p>Bei allen Wirbeltieren besteht das Gehirn aus fünf Teilen: dem Großhirn, dem Zwischenhirn, dem Mittelhirn, dem Hinterhirn und dem Nachhirn. Diese Abschnitte werden auch als Telencephalon, Diencephalon, Mesencephalon, Metencephalon und Myelencephalon bezeichnet und sind in ihrer Grundanlage bei Fischen, Amphibien, Reptilien, Vögeln und Säugetieren vorhanden (Bayer &amp; Altman, 2006). Die Ausprägung dieser Abschnitte variiert dabei deutlich: Beispielsweise besitzen Vögel im Verhältnis ein größeres Kleinhirn (Cerebellum, Teil des Metencephalons), was unter anderem ihre außergewöhnliche Bewegungskoordination ermöglicht, wie zum Beispiel das Navigieren im dreidimensionalen Raum (Boire &amp; Baron, 1994; Iwaniuk et al., 2007).</p> <p>Das Gehirn entwickelt sich im Verlauf der Embryonalentwicklung aus dem sogenannten Neuralrohr. Das Neuralrohr ist eine röhrenförmige Struktur, die sich sehr früh nach der Befruchtung aus einer Zellplatte (Neuralplatte) abschnürt. Es bildet den Vorläufer des gesamten zentralen Nervensystems, also sowohl des Gehirns als auch des Rückenmarks. Das Neuralrohr ist zu Beginn noch relativ einfach aufgebaut; seine Zellen teilen sich jedoch rasch und bilden verschiedene Segmente, aus denen sich die einzelnen Gehirnabschnitte herausdifferenzieren (Colas &amp; Schoenwolf, 2001). </p> <div> <figure><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 862px) 100vw, 862px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Brain-Evolution-Vertebrate-862x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Brain-Evolution-Vertebrate-862x1024.jpg 862w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Brain-Evolution-Vertebrate-253x300.jpg 253w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Brain-Evolution-Vertebrate-768x912.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Brain-Evolution-Vertebrate.jpg 1010w" width="862"></img><figcaption>Abbildung 1: Wirbeltiergehirne im Vergleich. Carlson, 2025</figcaption></figure></div> <p>In den nächsten Entwicklungsschritten erfolgt die sogenannte Musterbildung (Patterning): Signale von bestimmten Regionen, zum Beispiel durch molekulare Botenstoffe wie „Sonic hedgehog“ oder „Wnt“-Proteine, sorgen dafür, dass im Neuralrohr verschiedene Funktionsbereiche entstehen. Diese Funktionsbereiche werden als Neuromere bezeichnet und legen die spätere Gliederung des Wirbeltiergehirns fest (Altman &amp; Brivanlou, 2001; Le Dréau &amp; Marti, 2002).</p> <p>Im weiteren Verlauf setzen dann Prozesse wie die Neurogenese ein – also die eigentliche Entstehung und Vermehrung von Nervenzellen (Neuronen) sowie sogenannten <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-stadtverwaltung-des-gehirns-die-gliazellen/">Gliazellen</a>, welche die Nervenzellen in ihrer Funktion unterstützen. Zunächst teilen sich Stammzellen symmetrisch, um die Zellzahl zu erhöhen. Später entstehen durch asymmetrische Zellteilungen differenzierte Neuronen und Gliazellen, die sich entlang von besonderen Bahnen aus dem Neuralrohr in ihr Zielgebiet bewegen (Zhong &amp; Chia, 2008; Götz &amp; Wieland, 2005). <aside></aside></p> <p>Sobald die jungen Nervenzellen ihren Bestimmungsort erreicht haben, reifen sie weiter aus: Sie verzweigen und vernetzen sich mit anderen Neuronen und bilden erste Synapsen. Bereits vor der Geburt entstehen so die grundlegenden Schaltpläne für spätere Wahrnehmung und Verhalten. Nach der Geburt kommt es durch Umwelteinflüsse und Aktivität zu einer weiteren Verfeinerung dieser Netzwerke: Überflüssige Verbindungen werden zurückgebaut, während nützliche verstärkt werden. Dieses Phänomen nennt man auch neuronale Plastizität (Kolb &amp; Gibb, 2011).</p> <p>Beim Menschen verändert sich das Volumen des Gehirns im Verlauf des Lebens deutlich. In den ersten Lebensjahren wachsen sowohl graue als auch weiße Substanz besonders schnell bis etwa zum sechsten Lebensjahr (Abbildung 1). Ab dem sechsten Lebensjahr sieht man vor allem einen Abfall in dem Volumen der grauen Substanz (Betlehem et al., 2022).</p> <figure><img alt="" decoding="async" height="414" sizes="(max-width: 904px) 100vw, 904px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-9.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-9.jpeg 904w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-9-300x137.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-9-768x352.jpeg 768w" width="904"></img><figcaption>Abbildung 2: Betlehem et al., 2022</figcaption></figure> <h3 id="h-was-ist-adulte-neurogenese">Was ist adulte Neurogenese?</h3> <p>Die Neurogenese beschreibt die Bildung neuer Nervenzellen aus Stamm- oder Vorläuferzellen und findet sowohl im sich entwickelnden als auch im erwachsenen Gehirn (adulte Neurogenese) statt (Gulati, 2015; Gage, 2002). </p> <p>Im Jahre 1913 stellte Santiago Ramón y Cajal fest, dass Nervenzellen nur während der Entwicklung des Gehirns generiert werden. Man ging davon aus, dass nach der Embryonalentwicklung keine neuen Neuronen entstehen würden. Erst seit Ende des 20. Jahrhunderts ist nachgewiesen, dass das erwachsene Gehirn über ein Reservoir neuronaler Stammzellen verfügt, die neue Nervenzellen hervorbringen können (Altman &amp; Das, 1965). </p> <p>Adulte Neurogenese findet in Vögeln (Goldman et al., 1983), Nagetieren (Altman &amp; Das, 1965), Primaten (Gould et al., 1999) und Menschen (Eriksson et al., 1998) statt.</p> <p>Funktionell ist die adulte Neurogenese eng mit Lernen, Gedächtnisbildung und neuronaler Plastizität verknüpft (Ambrogini et al., 2000; Hairston et al., 2005).</p> <h3 id="h-wie-findet-man-sich-teilende-zellen">Wie findet man sich teilende Zellen?</h3> <p>Wo Neurogenese stattfindet, teilen sich Zellen. Wo sich Zellen teilen, wird DNA synthetisiert. Ein Grundbaustein von DNA ist hierbei die Base Thymidin, deren Einbau bei der Synthese man sich zu Nutzen machen kann, indem man BrdU (5-Bromo-2’-deoxyuridin) verwendet. BrdU ist hierbei ein Analogon von Thymidin und wird an seiner Stelle in die neue DNA eingebaut. Die Verwendung von Antikörpern, welche an BrdU binden, ermöglicht die Detektion der neuen Zellen mit der neuen BrdU-enthaltenden DNA. Dadurch wird eine Visualisierung der Zellteilung und damit der Neurogenese ermöglicht (Thermo Fisher Scientific, o.D.).</p> <h3 id="h-adulte-neurogenese-bei-unterschiedlichen-tieren">Adulte Neurogenese bei unterschiedlichen Tieren</h3> <p>Bei Nagetieren und Vögeln findet die adulte Neurogenese vor allem in zwei spezifischen Bereichen des Gehirns statt: dem Gyrus dentatus, welcher zum Hippocampus gehört, und der Subventrikulären Zone (SVZ), welche sich entlang der Seitenventrikel befindet (Goldman et al., 1983; Altman &amp; Das, 1965; Allen 1912). </p> <p>Eine 2025 publizierte Studie von Herold et al. kommt zu dem Ergebnis, dass sich der Prozess der adulten Neurogenese in Tauben und Mäusen nicht nur in den zuvor beschriebenen Zonen abspielt, sondern zudem im Striatum, wobei sie bei Tauben signifikant höher ist.</p> <p>Auch bei Primaten, zu denen der Mensch gehört, findet die adulte Neurogenese im Gyrus dentatus des Hippocampus und in der subventrikulären Zone statt (Kukekov et al., 1999; Eriksson et al., 1998).</p> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <p>Allen, E. (1912). The cessation of mitosis in the central nervous system of the albino rat. Journal of Comparative Neurology, 22(4), 547–568.</p> <p>Altman, J., &amp; Das, G. D. (1965). Autoradiographic and histological evidence of postnatal hippocampal neurogenesis in rats. Journal of Comparative Neurology, 124(3), 319-335. https://doi.org/10.1002/cne.901240303</p> <p>Altmann, C. R., &amp; Brivanlou, A. H. (2001). Neural patterning in the vertebrate embryo. International Review of Cytology, 203, 447-482. <a href="https://doi.org/10.1016/s0074-7696(01)03013-3">https://doi.org/10.1016/s0074-7696(01)03013-3</a></p> <p>Ambrogini, P., Cuppini, R., Cuppini, C., et al. (2000). Spatial learning affects immature granule cell survival in adult rat dentate gyrus. Neuroscience Letters, 286(1), 21–24. https://doi.org/10.1016/s0304-3940(00)01074-0</p> <p>Bayer, S.A., &amp; Altman, J. (2006). The Human Brain During the Late First Trimester (1st ed.). CRC Press. https://doi.org/10.1201/9781420003277</p> <p>Bethlehem, R. A. I., Seidlitz, J., White, S. R., Vogel, J. W., Anderson, K. M., Adamson, C., Adler, S., Alexopoulos, G. S., Anagnostou, E., Areces-Gonzalez, A., Astle, D. E., Auyeung, B., Ayub, M., Bae, J., Ball, G., Baron-Cohen, S., Beare, R., Bedford, S. A., Benegal, V., … Alexander-Bloch, A. F. (2022). Brain charts for the human lifespan. Nature, 604(7906), 525–533. <a href="https://doi.org/10.1038/s41586-022-04554-y">https://doi.org/10.1038/s41586-022-04554-y</a></p> <p>Boire, D., &amp; Baron, G. (1994). Allometric comparison of brain and main brain subdivisions in birds. Journal für Hirnforschung, 35(1), 49-66.</p> <p>Carlson, D. (2025). Vertebrate brain evolution illustration [Illustration]. Carlson Stock Art. https://www.carlsonstockart.com/photo/vertebrate-brain-evolution-illustration/</p> <p>Colas, J. F., &amp; Schoenwolf, G. C. (2001). Towards a cellular and molecular understanding of neurulation. Developmental Dynamics, 221(2), 117-145. <a href="https://doi.org/10.1002/dvdy.1144">https://doi.org/10.1002/dvdy.1144</a></p> <p>Eriksson, P. S., Perfilieva, E., Bjork-Eriksson, T., et al. (1998). Neurogenesis in the adult human hippocampus. Nature Medicine, 4(11), 1313–1317. https://doi.org/10.1038/3305</p> <p>Gage, F. H. (2002). Neurogenesis in the adult brain. Journal of Neuroscience, 22(3), 612-613. <a href="https://doi.org/10.1523/JNEUROSCI.22-03-00612.2002">https://doi.org/10.1523/JNEUROSCI.22-03-00612.2002</a></p> <p>Goldman, S. A., &amp; Nottebohm, F. (1983). Neuronal production, migration, and differentiation in a vocal control nucleus of the adult female canary brain. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 80(8), 2390–2394. <a href="https://doi.org/10.1073/pnas.80.8.2390">https://doi.org/10.1073/pnas.80.8.2390</a></p> <p>Gould, E., Reeves, A. J., Graziano, M. S. A., &amp; Gross, C. G. (1999). Neurogenesis in the neocortex of adult primates. Science, 286(5439), 548–552. https://doi.org/10.1126/science.286.5439.548</p> <p>Gulati, A. (2015). Understanding neurogenesis in the adult human brain. Indian Journal of Pharmacology, 47(6), 583-584. https://doi.org/10.4103/0253-7613.169598</p> <p>Götz, M., &amp; Huttner, W. B. (2005). The cell biology of neurogenesis. Nature Reviews Molecular Cell Biology, 6(10), 777-788. <a href="https://doi.org/10.1038/nrm1739">https://doi.org/10.1038/nrm1739</a></p> <p>Hairston, I. S., Little, M. T., Scanlon, M. D., et al. (2005). Sleep restriction suppresses neurogenesis induced by hippocampus-dependent learning. Journal of Neurophysiology, 94(6), 4224–4233. <a href="https://doi.org/10.1152/jn.00218.2005">https://doi.org/10.1152/jn.00218.2005</a></p> <p>Herold, C., Karsli, E., Delhaes, N., Mehlhorn, J., Bidmon, H., &amp; Amunts, K. (2025). Adult striatal neurogenesis—A comparative approach between pigeons, mice, macaques, and human. Journal of Comparative Neurology, 533(11), e70107. https://doi.org/10.1002/cne.70107</p> <p>Iwaniuk, A. N., Hurd, P. L., &amp; Wylie, D. R. (2007). Comparative morphology of the avian cerebellum: II. Size of folia. Brain, Behavior and Evolution, 69(3), 196-219. <a href="https://doi.org/10.1159/000096987">https://doi.org/10.1159/000096987</a></p> <p>Kolb, B., &amp; Gibb, R. (2011). Brain plasticity and behaviour in the developing brain. Journal of the Canadian Academy of Child and Adolescent Psychiatry, 20(4), 265-276. <a href="https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3222570/">https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3222570/</a></p> <p>Kukekov, V. G., Laywell, E. D., Suslov, O., Davies, K., Scheffler, B., Thomas, L. B., et al. (1999). Multipotent stem/progenitor cells with similar properties arise from two neurogenic regions of adult human brain. Experimental Neurology, 156(2), 333–344. <a href="https://doi.org/10.1006/exnr.1999.7028">https://doi.org/10.1006/exnr.1999.7028</a></p> <p>Kumar, A., Pareek, V., Faiq, M. A., Ghosh, S. K., &amp; Kumari, C. (2019). Adult neurogenesis in humans: A review of basic concepts, history, current research, and clinical implications. Innovations in Clinical Neuroscience, 16(5–6), 30–37. https://doi.org/10.31662/jmds.2019.16.5.2 [oder PMID: 31440399]</p> <p>Le Dréau, G., &amp; Martí, E. (2012). Dorsal-ventral patterning of the neural tube: A tale of three signals. Developmental Neurobiology, 72(12), 1471-1481. <a href="https://doi.org/10.1002/dneu.22015">https://doi.org/10.1002/dneu.22015</a></p> <p>Thermo Fisher Scientific. (o. D.). BrdU Labeling and Detection Protocol. https://www.thermofisher.com/de/de/home/references/protocols/cell-and-tissue-analysis/protocols/brdu-labeling-and-detection-protocol.html (Abruf am 12. November 2025)</p> <p>Zhong, W., &amp; Chia, W. (2008). Neurogenesis and asymmetric cell division. Current Opinion in Neurobiology, 18(1), 4-11. <a href="https://doi.org/10.1016/j.conb.2008.05.002">https://doi.org/10.1016/j.conb.2008.05.002</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/wachsendes-gehirn-adulte-neurogenese/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeo Podcast: Aus und vorbei – das Universum und sein Ende https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-aus-und-vorbei-das-universum-und-sein-ende/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-aus-und-vorbei-das-universum-und-sein-ende/#comments Sun, 23 Nov 2025 05:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1789 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-5-768x768.jpg Eine rötlich leuchtende, ovale Galaxie vor einem schwarzen Hintergrund mit wenigen Sternen. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-aus-und-vorbei-das-universum-und-sein-ende/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel_sl-2.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Aus und vorbei - das Universum und sein Ende » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag127-ende-universum.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Zumindest darüber sind sich Forschende mehr oder weniger einig: Unser Universum gibt es nicht schon seit ewigen Zeiten – sondern es hat vor rund 13,8 Milliarden Jahren mit dem Urknall begonnen. Seitdem dehnt sich das Universum aus, es wird immer größer und kühlt sich immer weiter ab. Aber wie geht die Geschichte des Universums eigentlich weiter, und vor allem: Wie hört diese Geschichte auf? Wenn das Universum einen Anfang hat, sollte es dann nicht auch ein Ende geben?</p> <p>Zur allseitigen Beruhigung sei geschrieben, dass jegliche Enden des Universums in so unvorstellbar weiter Zukunft liegen, dass sie keinerlei Auswirkungen auf das Leben auf der Erde haben. Wir Menschen sind davon nicht betroffen.<aside></aside></p> <p>Analog zum Begriff des Urknalls, auf Englisch „Big Bang“, werden vor allem drei verschiedene potenzielle Schicksale für unser Universum diskutiert: Da wäre der „Big Crunch“, bei dem das Universum in einer Art kosmischer Symmetrie am Ende wieder in sich zusammenstürzt – eine Art umgekehrter Urknall. Bei einem „Big Rip“ hingegen würde das genaue Gegenteil eintreten und das Universum würde sich so schnell ausdehnen, dass es letztendlich zerreißt – seinen gesamten Inhalt eingeschlossen. Der „Big Freeze“ hingegen bezeichnet den Kältetod des Universums: Im expandierenden Universum würden einfach nach und nach die Lichter ausgehen, Galaxien wären in so weiter Ferne, dass jede Sterneninsel für sich allein durchs All driftet und das Universum würde immer größer, kälter und leerer werden. Bis irgendwann gar nichts mehr passiert – und auch nie wieder passieren wird.</p> <p>In dieser Folge des AstroGeo-Podcasts erzählt Franzi vom ultimativen Schicksal unseres Universums, was mit ihm am Ende der Zeit passiert – und was die mysteriöse Dunkle Energie damit zu tun hat, die derzeit dafür sorgt, dass sich das Universum beschleunigt ausdehnt.</p> <h2 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h2> <ul> <li>Folge 69: <a href="https://astrogeo.de/vakuumzerfall-weltuntergang-mit-lichtgeschwindigkeit/">Vakuumzerfall: Wenn das Universum sich auflöst</a></li> <li>Folge 94: <a href="https://astrogeo.de/das-universum-und-sein-urknall-der-anfang-des-anfangs/">Das Universum und sein Urknall – Der Anfang des Anfangs</a></li> </ul> <h2 id="h-weiterfuhrende-links">Weiterführende Links</h2> <ul> <li>BR2 IQ: <a href="https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:94ed2acf7142bc6d/">Fünf Endzeitszenarien, die ihr kennen solltet</a> (von Franzi)</li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Universum">Universum</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kosmologie">Kosmologie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lambda-CDM-Modell">Lambda-CDM-Modell</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Big_Freeze">Big Freeze</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Big_Rip">Big Rip</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Big_Crunch">Big Crunch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dunkle_Energie">Dunkle Energie</a></li> </ul> <h2 id="h-quellen">Quellen</h2> <ul> <li>Pressemitteilung: <a href="https://noirlab.edu/public/news/noirlab2512/">Tantalizing Hints That Dark Energy is Evolving — New Results and Data Released by the DESI Project</a> (19.03.2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: ESO</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel_sl-2.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Aus und vorbei - das Universum und sein Ende » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag127-ende-universum.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Zumindest darüber sind sich Forschende mehr oder weniger einig: Unser Universum gibt es nicht schon seit ewigen Zeiten – sondern es hat vor rund 13,8 Milliarden Jahren mit dem Urknall begonnen. Seitdem dehnt sich das Universum aus, es wird immer größer und kühlt sich immer weiter ab. Aber wie geht die Geschichte des Universums eigentlich weiter, und vor allem: Wie hört diese Geschichte auf? Wenn das Universum einen Anfang hat, sollte es dann nicht auch ein Ende geben?</p> <p>Zur allseitigen Beruhigung sei geschrieben, dass jegliche Enden des Universums in so unvorstellbar weiter Zukunft liegen, dass sie keinerlei Auswirkungen auf das Leben auf der Erde haben. Wir Menschen sind davon nicht betroffen.<aside></aside></p> <p>Analog zum Begriff des Urknalls, auf Englisch „Big Bang“, werden vor allem drei verschiedene potenzielle Schicksale für unser Universum diskutiert: Da wäre der „Big Crunch“, bei dem das Universum in einer Art kosmischer Symmetrie am Ende wieder in sich zusammenstürzt – eine Art umgekehrter Urknall. Bei einem „Big Rip“ hingegen würde das genaue Gegenteil eintreten und das Universum würde sich so schnell ausdehnen, dass es letztendlich zerreißt – seinen gesamten Inhalt eingeschlossen. Der „Big Freeze“ hingegen bezeichnet den Kältetod des Universums: Im expandierenden Universum würden einfach nach und nach die Lichter ausgehen, Galaxien wären in so weiter Ferne, dass jede Sterneninsel für sich allein durchs All driftet und das Universum würde immer größer, kälter und leerer werden. Bis irgendwann gar nichts mehr passiert – und auch nie wieder passieren wird.</p> <p>In dieser Folge des AstroGeo-Podcasts erzählt Franzi vom ultimativen Schicksal unseres Universums, was mit ihm am Ende der Zeit passiert – und was die mysteriöse Dunkle Energie damit zu tun hat, die derzeit dafür sorgt, dass sich das Universum beschleunigt ausdehnt.</p> <h2 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h2> <ul> <li>Folge 69: <a href="https://astrogeo.de/vakuumzerfall-weltuntergang-mit-lichtgeschwindigkeit/">Vakuumzerfall: Wenn das Universum sich auflöst</a></li> <li>Folge 94: <a href="https://astrogeo.de/das-universum-und-sein-urknall-der-anfang-des-anfangs/">Das Universum und sein Urknall – Der Anfang des Anfangs</a></li> </ul> <h2 id="h-weiterfuhrende-links">Weiterführende Links</h2> <ul> <li>BR2 IQ: <a href="https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:94ed2acf7142bc6d/">Fünf Endzeitszenarien, die ihr kennen solltet</a> (von Franzi)</li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Universum">Universum</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kosmologie">Kosmologie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lambda-CDM-Modell">Lambda-CDM-Modell</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Big_Freeze">Big Freeze</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Big_Rip">Big Rip</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Big_Crunch">Big Crunch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dunkle_Energie">Dunkle Energie</a></li> </ul> <h2 id="h-quellen">Quellen</h2> <ul> <li>Pressemitteilung: <a href="https://noirlab.edu/public/news/noirlab2512/">Tantalizing Hints That Dark Energy is Evolving — New Results and Data Released by the DESI Project</a> (19.03.2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: ESO</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-aus-und-vorbei-das-universum-und-sein-ende/#comments 12 Lego-Cosmorama in Jena https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lego-cosmorama-in-jena/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lego-cosmorama-in-jena/#comments Sat, 22 Nov 2025 18:19:16 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12280 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161253-768x1024.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lego-cosmorama-in-jena/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161253.jpg" /><h1>Lego-Cosmorama in Jena » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Wie lockt man eine kleine Astronomin in ein Einkaufszentrum? … das ist beim besten Willen nicht leicht, da sich diese Sorte Mensch entweder arbeitend am Computer oder beim Spaziergang im Wald befindet. Shoppen ist für sie keine Freizeitbeschäftigung, sondern eher eine der Sachen, die eben gemacht werden müssen. ABER …</p> <h2 id="h-die-goethe-galerie-in-jena">Die Goethe-Galerie in Jena …</h2> <p>… ist ein Einkaufszentrum, das sich im Gebäude des ehemaligen <a href="https://www.zeiss.de/corporate/home.html">Zeiss</a>-Werks befindet und dort hat man den letzten klassisch-optomechanischen großen Zeiss-Planetariumsprojektor hingestellt, der vor der Glasfasertechnik gebaut wurde: Glühlampe statt LED, durchlöcherte Metallplättchen in den Bullaugen, flatschige Sternscheibchen im Dom, in Kombi mit klappernden Diaprojektoren in der Kuppel genutzt und von Computern gesteuert, die noch einen ganzen Raum füllten (statt wie heute ein Rack). Diesen Projektor für Großplanetarien gibt es nur ganze dreimal auf der Welt: in Auftrag gegeben für Planetarium Toronto, Kanada, wurde er in Jena in den 1980er Jahren entwickelt und gebaut. Der Prototyp kam natürlich – wie immer zu DDR-Zeiten – ins öffentliche <a href="https://planetarium-jena.de/">Planetarium Jena</a>. Ein weiteres Modell wurde anlässlich der 750 Jahr-Feier Berlins der Hauptstadt der DDR geschenkt, als diese 1987 ihr neues <a href="https://www.planetarium.berlin/zeiss-grossplanetarium">Zeiss-Großplanetarium</a> an einer von Honeckers Paradestraßen eröffnete. Alle drei Modelle sind heute außer Dienst in dem Sinn, dass sie nicht mehr in Planetarien zur Sternhimmelerklärung bereit stehen.</p> <p>In Jena allerdings – der Stadt, in der das moderne Projektionsplanetarium erfunden wurde – steht dieser Höhepunkt der Technikgeschichte in dem Einkaufszentrum, das früher Zeiss-Werk gewesen war, kann sich noch bewegen und tanzt einmal pro Stunde, während die deutsche Synchronstimme von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Figuren_im_Star-Trek-Universum#Commander_Spock">Mr Spock (TOS),</a> Herbert Weicker, aus StarTrek das “<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/2023/10/">Wunder von Jena</a>” erklärt. &lt;3</p> <h2>The Dream Machine</h2> <p>Dieser “letzte seiner Art” große Zeiss-Planetariumsprojektor in der GoeGa heißt “<strong>Cosmorama</strong>“. </p> <h2 id="h-limited-edition-von-lego">Limited Edition von Lego</h2> <p>In der GoeGa gibt es seit sechs Jahren auch einen Lego-Laden: Steinarium. Zur Feier dieses kleinen Jubiläums hat dieser Laden jetzt ein Lego-Cosmorama: das ist <strong><em>mit Abstand das beste Jena-Souvenir</em></strong>, das es jemals gegeben hat! <aside></aside></p> <p>Wie das Original ist auch dies eine “<strong>limited edition</strong>“; es gibt allerdings mehr als drei: 500 Stück. </p> <p>Vermouthstropfen dabei: </p> <p>Leider gibt es diesen <strong>Lego-Satz <em>nicht</em> zu kaufen</strong>. Man erhält ihn <em>als Geschenk</em>, wenn man für mind. 30 Euro Lego kauft. Also: in meiner Familie muss jemand offenbar dieses Jahr dringend Lego zu Weihnachten bekommen. </p> <p>Hoffnung</p> <p>Es könnte natürlich sein, dass es später einmal einen Lego-Satz “Planetariumsprojektor” geben wird, aber sicher ist das nicht. In der Welthauptstadt des <a href="https://www.zeiss.de/planetariums/home.html">Zeiss-Planetarium</a>s war dies genau das Gadget, das der Stadt bisher fehlte. Ich hoffe für Jena, dass sich mal irgendwer erbarmt und sowas für den Souvenirshop herstellt – denn bisher gibt’s dort nur langweilige Schlüsselanhänger und eine Keksdose in Form der “Keksrolle” JenTower. Ein bisschen mehr Astro-, Optik- und Planetariums-Marketing würde Zeiss-City vermutlich gut tun (behaupte ich mal als nicht-Jenenser Jenaerin &amp; Weltenbummlerin). </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249.jpg 1280w" width="1024"></img></a></figure> <p><strong>Disclaimer: </strong>Die Firma Zeiss hat mich noch nie bezahlt. Dort arbeiten keine Astronomen (vor allem nicht Frauen im Vorstand, obwohl ich ein Zeiss-Vorstandsgehalt und Jobsicherheit sicher verdienen würde ;)). Astronomie setzt nur die Maßstäbe, an denen sich dieses Weltklasseunternehmen orientiert. Darum weiß ich zwar die hochwertigen Produkte der Firma zu schätzen (obwohl meine Brillengläser aus der geheimen zweiten Optikhauptstadt <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/teleskop-unterm-mikroskop/">Rathenow</a> sind und nicht von Zeiss) und bin selbst beruflich das Produkt des Cosmoramas (weil es mich als Achtjährige inspirierte, einen naturwissenschaftlichen Beruf erlernen zu wollen), aber wenn ich hier schreibe, dass ein Zeiss-Produkt gut ist, bekomme ich dafür keine Tantiemen. </p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161253.jpg" /><h1>Lego-Cosmorama in Jena » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Wie lockt man eine kleine Astronomin in ein Einkaufszentrum? … das ist beim besten Willen nicht leicht, da sich diese Sorte Mensch entweder arbeitend am Computer oder beim Spaziergang im Wald befindet. Shoppen ist für sie keine Freizeitbeschäftigung, sondern eher eine der Sachen, die eben gemacht werden müssen. ABER …</p> <h2 id="h-die-goethe-galerie-in-jena">Die Goethe-Galerie in Jena …</h2> <p>… ist ein Einkaufszentrum, das sich im Gebäude des ehemaligen <a href="https://www.zeiss.de/corporate/home.html">Zeiss</a>-Werks befindet und dort hat man den letzten klassisch-optomechanischen großen Zeiss-Planetariumsprojektor hingestellt, der vor der Glasfasertechnik gebaut wurde: Glühlampe statt LED, durchlöcherte Metallplättchen in den Bullaugen, flatschige Sternscheibchen im Dom, in Kombi mit klappernden Diaprojektoren in der Kuppel genutzt und von Computern gesteuert, die noch einen ganzen Raum füllten (statt wie heute ein Rack). Diesen Projektor für Großplanetarien gibt es nur ganze dreimal auf der Welt: in Auftrag gegeben für Planetarium Toronto, Kanada, wurde er in Jena in den 1980er Jahren entwickelt und gebaut. Der Prototyp kam natürlich – wie immer zu DDR-Zeiten – ins öffentliche <a href="https://planetarium-jena.de/">Planetarium Jena</a>. Ein weiteres Modell wurde anlässlich der 750 Jahr-Feier Berlins der Hauptstadt der DDR geschenkt, als diese 1987 ihr neues <a href="https://www.planetarium.berlin/zeiss-grossplanetarium">Zeiss-Großplanetarium</a> an einer von Honeckers Paradestraßen eröffnete. Alle drei Modelle sind heute außer Dienst in dem Sinn, dass sie nicht mehr in Planetarien zur Sternhimmelerklärung bereit stehen.</p> <p>In Jena allerdings – der Stadt, in der das moderne Projektionsplanetarium erfunden wurde – steht dieser Höhepunkt der Technikgeschichte in dem Einkaufszentrum, das früher Zeiss-Werk gewesen war, kann sich noch bewegen und tanzt einmal pro Stunde, während die deutsche Synchronstimme von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Figuren_im_Star-Trek-Universum#Commander_Spock">Mr Spock (TOS),</a> Herbert Weicker, aus StarTrek das “<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/2023/10/">Wunder von Jena</a>” erklärt. &lt;3</p> <h2>The Dream Machine</h2> <p>Dieser “letzte seiner Art” große Zeiss-Planetariumsprojektor in der GoeGa heißt “<strong>Cosmorama</strong>“. </p> <h2 id="h-limited-edition-von-lego">Limited Edition von Lego</h2> <p>In der GoeGa gibt es seit sechs Jahren auch einen Lego-Laden: Steinarium. Zur Feier dieses kleinen Jubiläums hat dieser Laden jetzt ein Lego-Cosmorama: das ist <strong><em>mit Abstand das beste Jena-Souvenir</em></strong>, das es jemals gegeben hat! <aside></aside></p> <p>Wie das Original ist auch dies eine “<strong>limited edition</strong>“; es gibt allerdings mehr als drei: 500 Stück. </p> <p>Vermouthstropfen dabei: </p> <p>Leider gibt es diesen <strong>Lego-Satz <em>nicht</em> zu kaufen</strong>. Man erhält ihn <em>als Geschenk</em>, wenn man für mind. 30 Euro Lego kauft. Also: in meiner Familie muss jemand offenbar dieses Jahr dringend Lego zu Weihnachten bekommen. </p> <p>Hoffnung</p> <p>Es könnte natürlich sein, dass es später einmal einen Lego-Satz “Planetariumsprojektor” geben wird, aber sicher ist das nicht. In der Welthauptstadt des <a href="https://www.zeiss.de/planetariums/home.html">Zeiss-Planetarium</a>s war dies genau das Gadget, das der Stadt bisher fehlte. Ich hoffe für Jena, dass sich mal irgendwer erbarmt und sowas für den Souvenirshop herstellt – denn bisher gibt’s dort nur langweilige Schlüsselanhänger und eine Keksdose in Form der “Keksrolle” JenTower. Ein bisschen mehr Astro-, Optik- und Planetariums-Marketing würde Zeiss-City vermutlich gut tun (behaupte ich mal als nicht-Jenenser Jenaerin &amp; Weltenbummlerin). </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249.jpg 1280w" width="1024"></img></a></figure> <p><strong>Disclaimer: </strong>Die Firma Zeiss hat mich noch nie bezahlt. Dort arbeiten keine Astronomen (vor allem nicht Frauen im Vorstand, obwohl ich ein Zeiss-Vorstandsgehalt und Jobsicherheit sicher verdienen würde ;)). Astronomie setzt nur die Maßstäbe, an denen sich dieses Weltklasseunternehmen orientiert. Darum weiß ich zwar die hochwertigen Produkte der Firma zu schätzen (obwohl meine Brillengläser aus der geheimen zweiten Optikhauptstadt <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/teleskop-unterm-mikroskop/">Rathenow</a> sind und nicht von Zeiss) und bin selbst beruflich das Produkt des Cosmoramas (weil es mich als Achtjährige inspirierte, einen naturwissenschaftlichen Beruf erlernen zu wollen), aber wenn ich hier schreibe, dass ein Zeiss-Produkt gut ist, bekomme ich dafür keine Tantiemen. </p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lego-cosmorama-in-jena/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>5</slash:comments> </item> <item> <title>3. Berliner Bauherrentag – Bauen neu denken! https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/3-berliner-bauherrentag-bauen-neu-denken/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/3-berliner-bauherrentag-bauen-neu-denken/#comments Fri, 21 Nov 2025 22:38:41 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3720 <h1>3. Berliner Bauherrentag – Bauen neu denken! » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Am 5. November fand in diesem Jahr der 3. Berliner Bauherrentag statt, diesmal in der Beuth Halle an der Berliner Hochschule für Technik. Auch in diesem Jahr standen sowohl die Schadstoffe beim Bauen im Bestand als auch möglichst kostenreduziertes Bauen und die Kreislaufwirtschaft im Fokus. Die Beuth Halle direkt an der Berliner Hochschule konnte als alte Werkshalle durchaus mit dem alten Hubertusbad mithalten und bot zudem eine deutlich bessere Akustik.</p> <p>Nach der Begrüßung durch den Vizepräsidenten der Berliner Hochschule für Technik, Prof. Joachim Villwock und den Vorsitzenden der Fördergemeinschaft Bauwesen, Bernd Ahlsdorf sollte Holger Gültzow von der Fachgemeinschaft Bau den ersten Block über die Anforderungen der Schadstoffsanierung im Bestandsbau eröffnen. Getreu dem Motto: Bauen neu denken!</p> <h2 id="h-bauen-im-bestand-und-schadstoffe">Bauen im Bestand und Schadstoffe</h2> <p>Bernd Ahlsdorf brachte uns in seinem Beitrag die Herausforderung dar, welche die Gebäudeschadstoffe und die Kreislaufwirtschaft gerade für die Bauunternehmen darstellen. Dabei stellen unsere Gebäude durchaus bedeutende Rohstofflager für die Zukunft dar, die man keinesfalls unterschätzen sollte. Diese Rohstoffe werden einerseits zu ihrem Bau verbraucht und werden daher immer knapper, beispielsweise Sand und Kies. Dagegen stehen rund 80 Mio. Tonnen Bauschutt, die jedes Jahr anfallen. Diese könnten durchaus zumindest einen Teil der Rohstoffe ersetzen oder zumindest ergänzen. Doch auch wenn die Recyclingquote durchaus hoch ist, handelt es sich dabei meist nicht um hochwertige Recyclingbaustoffe, sondern in der Regel um minderwertige Produkte, sogenanntes Downcycling.</p> <h3 id="h-gebaudeschadstoffe-sind-uberall">Gebäudeschadstoffe sind überall</h3> <p>Wichtig ist dabei auch immer, die Ausschleusung von alten Gebäudeschadstoffen wie etwa Asbest im Auge zu behalten. Das ist leider nicht immer allen Beteiligten klar, denn in der aktuellen Gefahrstoffverordnung wurde die Bauherrenverantwortung abgeschwächt, ich hatte das Thema hier im Blog ja auch schon verschiedentlich aufgegriffen. Aktuell muss so der Auftraggeber dem ausführenden Unternehmen nur noch entsprechende Informationen zur Verfügung stellen. Der Unternehmer ist dann in der Pflicht, die ihm zur Verfügung gestellten Informationen dahingehend zu prüfen, ob bei den Tätigkeiten Gefahrstoffe freigesetzt und eine Gesundheitsgefahr für die Beschäftigten bestehen könnte.</p> <p>Das wirft dann eine Menge weiterer Fragen auf. Aber ganz allgemein, wie können Handwerksbetriebe den neuen Anforderungen der Gefahrstoffverordnung gerecht werden? Wie sieht es mit Altbausanierungen aus? Können diese in Zukunft nur noch durch Spezialbetriebe ausgeführt werden? Wie funktioniert eine fachgerechte Entsorgung asbesthaltiger Materialien?<aside></aside></p> <p>Und schließlich haben wir über die Zeit eine recht ansehnliche Palette an Gefahrstoffen in unseren Gebäuden verbaut. Das fängt bei meinem Lieblingsschadstoff, der ehemaligen Wunderfaser Asbest an und geht über PAK (früher auch als „Teer“ bekannt) und PCB bis hin zu diversen Pestiziden oder PCP.</p> <p>Dabei kommen auch die jeweils schadstoffspezifischen Verwendungszeiträume zum Tragen. Und um die Sache noch etwas komplizierter zu machen, kann dabei sogar die Wiedervereinigung eine Rolle spielen, denn manche Stoffe wurden z.B. in der alten Bundesrepublik deutlich früher verboten als in der ehemaligen DDR, so etwa DDT oder auch die PCP und Lindan.</p> <h3 id="h-pak-pcp-lindan-und-asbest">PAK, PCP, Lindan und Asbest</h3> <p>Die Polycyclischen aromatischen Kohlenwasserstoffe, kurz PAK, waren früher auch als „Teer“ bekannt. Verwendet wurden sie gerne in schwarzen Klebern oder Anstrichen, aber auch in Dachpappen und Dichtungsbahnen, Asphaltestrichen oder Holzschutzmitteln.</p> <p>Pentachlorphenol, kurz PCP findet man in dauerelastischen Dichtungsmassen in Gebäudetrennfugen, aber auch in Brandschutzanstrichen, Kondensatoren, Buntsteinputz oder Vergussmasse. Lindan und andere Pestizide sind in Holzschutzmitteln zu finden, aber auch in Farben, Lacken und Bodenbelägen. Sie wurden gerne gegen Insektenbefall und als Pflanzenschutzmittel eingesetzt.</p> <p>Und wo überall Asbest zu finden sein kann, habe ich hier im Blog schon zu diversen Gelegenheiten dargelegt. Um es kurz zu machen, es gibt über 3000 bauchemische Produkte, in denen die ehemalige Wunderfaser eingesetzt wurde. Darunter Putze, Spachtelmassen, Fliesenkleber, Brandschutzplatten, Pappen, Vliese, Dichtschnüre, im Brandschutz oder in Bodenbelägen und deren Klebern. Und nicht zuletzt die bekannteste Verwendung als Asbestzement. In der Dämmung findet man auch gerne sogenannte „alte“ Mineralwolle, die vor dem Mai 2000 in Verkehr gebracht wurde und entsprechend nicht über ein RAL Gütezeichen verfügt.</p> <h3 id="h-asbest-eine-lauernde-gefahr">Asbest – eine lauernde Gefahr</h3> <p>Wenn man sich die Altersverteilung unserer Bestandsgebäude in der Bundesrepublik so ansieht, so fällt einem eines auf. Ein sehr großer Teil ist vor dem Verwendungsverbot von Asbest im Jahr 1993 errichtet worden. Das bedeutet, dass vermutlich in den meisten Gebäuden, also allen, deren Baubeginn vor 1993 lag, Asbest zu finden sein dürfte. In vielen Fällen vermutlich sogar noch in einem Zeitraum bis 1995, wenn man noch diverse „ich hab da noch etwas auf Lager“ Fälle mit einberechnet.</p> <p>Diese lauernde Gefahr durch Asbest ist nicht zu unterschätzen. Denn es ist auch auffällig, dass wir immer noch pro Jahr rund über 3000 Fälle von asbestbedingten Berufskrankheiten haben. Immerhin ist das Verbot auch schon über 30 Jahre her. Wenn man die Schwere der von Asbest ausgelösten Krankheiten betrachtet, sind das auf jeden Fall immer noch zu viel, zumal die Dunkelziffer vermutlich höher liegt.</p> <h4 id="h-unbeabsichtigte-asbestbelastung-schon-bei-einfachen-tatigkeiten">unbeabsichtigte Asbestbelastung schon bei einfachen Tätigkeiten</h4> <p>Das kann unter anderem sicher auch daran liegen, dass man schnell unabsichtlich mit Asbest im Berührung kommen kann, selbst wenn man nur relativ überschaubare Tätigkeiten, etwa als Heimwerker durchführt.</p> <p>Hat man etwa eine Tapete über asbesthaltigem Spachtel und möchte diese gerne abreißen, können dabei bis zu 5000 Fasern /m³ in die Luft gelangen, selbst wenn der asbesthaltige Spachtel nur 10 bis 20 % der Fläche einnimmt.</p> <p>Bohrt man hingegen ein Loch in einen Fliesenspiegel, der mit asbesthaltigem Fliesenkleber befestigt wurde, können es schon rund 36 000 Fasern / m³ sein. Holt man diese Fliesen später großflächig von der Wand, reden wir über 77 000 Fasern /m³.</p> <p>Und bevor jetzt jemand meint, die asbesthaltigen Spachtel oder Fliesenkleber einfach abschleifen zu wollen. Dabei werden rund 1,5 Mio. Fasern / m³ freigesetzt.</p> <p>Der Umgang mit Gefahrstoffen ist durch verschiedene Gesetze und Verordnungen geregelt. Ziemlich zentral ist hier die gerade (2024) frisch erneuerte Gefahrstoffverordnung, die hier auf dem Blog ja schon öfter Thema war. Sie regelt die Mitwirkungs- und Informationspflichten für den Veranlasser von Baumaßmaßnahmen, aber sie bürdet den ausführenden Firmen auch einiges an Verantwortung auf, wie etwa die Gefährdungsbeurteilung.</p> <h3 id="h-und-was-ist-mit-handwerksbetrieben">Und was ist mit Handwerksbetrieben?</h3> <p>Weiterhin regelt sich auch die Ausnahmen für Abbruch, Sanierung und Instandhaltung. Hier ist für Handwerksbetriebe besonders wichtig, dass handwerksnahe Tätigkeiten beim Bauen im Bestand erlaubt sind.</p> <p>Gleichzeitig sind Tätigkeiten im Bereich des hohen Risikos, also bei Freisetzung von mehr als 100 000 Fasern / m³ nur zertifizierten Sanierungsfachbetrieben mit entsprechender Ausrüstung und Zulassung erlaubt. Und wie wir oben gesehen haben, könne diese Faserzahlen durchaus schon bei vergleichsweise einfachen Tätigkeiten erreicht werden.</p> <p>Gerade für den Bereich des mittleren Risikos, also für Faserzahlen zwischen 10 000 und 100 000 Fasern / m³ kann es aber für Handwerksbetriebe einige Lösungen geben. So eigne sich etwa staubarme oder brucharme Verfahren, wenn sie als geprüfte emissionsarme Verfahren gelten. Bei Arbeiten in Innenräumen können entsprechend die Arbeitsbereiche abgeschottet werden, der Zugang wird dann über Schleusen (mindestens Ein-Kammer-Schleusen) geregelt. Luftwechsel, mindestens 8-fach pro Stunde und eine entsprechende persönliche Schutzausrüstung.</p> <p>Als Fazit lässt sich sagen, dass eine Schadstofferkundung, Sanierungsplanung und ein entsprechendes Entsorgungs- bzw. Verwertungskonzept vor einer Störung des Bauablaufs schützt, die Bau- und Entsorgungskosten reduziert und entsprechend Probleme mit dem Arbeits- und Nutzerschutz verhindert. Außerdem verbessert sie die Recyclingfähigkeit der Bauabfälle.</p> <h2 id="h-arbeitsschutz-nach-der-novellierten-gefahrstoffverordnung">Arbeitsschutz nach der novellierten Gefahrstoffverordnung</h2> <p>Im Folgenden ging es um die im letzten Jahr frisch novellierte Gefahrstoffverordnung und ihre Bedeutung für den Arbeitsschutz. Berit Schuchmann von der BG Bau setzte uns hier ins Bild.</p> <p>Die Gefahrstoffverordnung sorgt immer noch für Informationsbedarf. Da ist zum einen das risikobezogene Maßnahmenkonzept mit seinen drei Stufen vom niedrigen über das mittlere hin zum hohen Risiko. Gleichzeitig wurden hier die Veranlasserpflichten eingeführt (und gleich auch wieder abgeschwächt) sowie neue Regelungen für Asbest eingeführt.</p> <p>Das risikobezogene Maßnahmenkonzept besteht aus den stoffübergreifenden Risikogrenzen. Das Akzeptanzrisiko liegt bei unter 4:10 000, was für Asbest zum Beispiel eine Faserkonzentration von weniger als 10 000 Fasern je m³ bedeutet. Alles darunter ist im Bereich des niedrigen Risikos, alles darüber der des mittleren Risikos. Oberhalb des Toleranzrisikos von 4 : 1000 beginnt der Bereich des hohen Risikos, was für Asbest eine Faserkonzentration von 100 000 Fasern je m³ bedeutet.</p> <p>Die Mitwirkungs- und Informationspflichten des Veranlassers waren hier im Blog auch schon öfters Thema. Sie wurden erst mit großem Getöse eingeführt. Der Veranlasser von Baumaßnahmen hat dem beauftragten Unternehmer Informationen bezüglich der Baugeschichte und vorhandenen oder auch vermuteten Schadstoffen zur Verfügung zu stellen.</p> <p>Leider wurden diese dann auch ebenso schnell wieder abgeschwächt, denn dies gilt, wenn diese Informationen in zumutbarem Aufwand zugänglich sind…</p> <p>er Unternehmer hat diese Informationen zu prüfen, ob sie plausibel sind und ob sie zur Gefährdungsabschätzung ausreichend sind. Gegebenenfalls hat er zu prüfen, ob im Rahmen der geplanten Tätigkeiten Schadstoffe freigesetzt werden können und ob die Tätigkeiten zulässig sind. Dabei hat er, wenn eigene Kenntnisse nicht ausreichen, auch externen Sachverstand mit hinzuzuziehen.</p> <h3 id="h-verwendungs-und-tatigkeitsbeschrankungen-bei-asbest">Verwendungs – und Tätigkeitsbeschränkungen bei Asbest</h3> <p>In § 11 werden die Verwendungsbeschränkungen und Tätigkeitsbeschränkungen für Asbest beschrieben. Eigentlich sollte das klar sein, aber manches muss doch immer wieder gesagt werden. So ist die Gewinnung, Aufbereitung, Wiederverwendung und Weiterverarbeitung von natürlich vorkommenden mineralischen Rohstoffen und daraus hergestellten Gemischen und Erzeugnissen mit einem Massengehalt von mehr als 0,1 % Asbest verboten.</p> <p>Ebenso verboten ist die weitere Verwendung von asbesthaltigen Materialien, denen Asbest absichtlich zugesetzt wurde und die bei Tätigkeiten anfallen. Ausgenommen sind die Abfallbehandlung und die Abfallentsorgung.</p> <p>Ebenfalls verboten sind Tätigkeiten mit asbesthaltigen Materialien in baulichen oder technischen Anlagen.</p> <p>Wie immer gibt es auch hier Ausnahmen. So ist das vollständige Entfernen von asbesthaltigen Bauteilen oder Materialien selbstverständlich weiterhin möglich, auch in Teilbereichen.</p> <p>Auch Sanierungsarbeiten, d.h. Maßnahmen zur Vermeidung von Gefährdungen der Nutzer, z.B. durch räumliche Trennung, wenn z.B. eine vollständige Entfernung des asbesthaltigen Materials aus technischen Gründen nicht möglich ist. Dies gilt auch für Sofortmaßnahmen zur Sicherung beschädigter asbesthaltiger Bauteile. Hier ist unverzüglich mit der Entfernung zu beginnen.</p> <h3 id="h-anforderungen-an-tatigkeiten-mit-asbest">Anforderungen an Tätigkeiten mit Asbest</h3> <p>Nach Möglichkeit sind immer Verfahren anzuwenden, die eine Faserfreisetzung verhindern oder zumindest minimieren. Darüber hinaus gelten die risikobasierten Schutzmaßnahmen und Qualifikationsanforderungen. Für Arbeiten mit Expositionen unter 1000 Fasern pro m³ gelten keine asbestspezifischen Anforderungen.</p> <p>Der Arbeitgeber hat hier die Aufgabe, im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung festzustellen, ob die Tätigkeiten überhaupt zulässig sind und ob sie zu einer Faserfreisetzung führen können. Weiterhin muss er festlegen, ob die Tätigkeiten in Bereichen mit geringer, mittlerer oder hoher Gefährdung durchgeführt werden und welche Schutzmaßnahmen dafür vorgesehen sind. Außerdem muss er einen Arbeitsplan erstellen.</p> <p><span>Die Zulassung für Tätigkeiten mit hohem Risiko gilt für 6 Jahre und kann w</span><span>iderrufen werden</span></p> <p>Die beteiligten Personen müssen, je nach Risikoabschätzung, unterschiedliche Qualifikationen mitbringen. Diese werden auch bei der BG Bau als Fortbildung angeboten, zum Beispiel als Grundkenntnisse Asbest mit 5 Lerneinheiten Theorie und 5 Lerneinheiten Praxis, Je Lerneinheit 45 min.</p> <p>Zusätzlich bietet die BG Bau auch Schutzpakete für das Bauen im Bestand an, welche unter anderem Handmaschinen mit Absaugung, Entstauber der Klasse H, Einwegschutzanzüge und Einkammerschleusen beinhaltet.</p> <h2 id="h-schadstoffsanierung-am-beispiel-flughafen-tegel">Schadstoffsanierung am Beispiel Flughafen Tegel</h2> <p>Der Flughafen Tegel , Terminal A, war ja auch schon auf dem letzten Bauherrentag ein Thema. Und da es sich hier um ein e herausforderndes Projekt mit einer Menge an Bauschadstoffen handelt, das es so in der Form und Größe in der Bundesrepublik vermutlich so nicht wieder geben wird, auch in diesem Jahr wieder Thema. Denis Zurek von der Kluge Sanierung GmbH brachte uns auf den neuesten Stand.</p> <p>Das zweigeschossige, sechseckige Ringebäude stammt aus dem Bauzeitraum 1969 bis 1972 und hat einen Umfang von750 m. Errichtet wurde es in Stahlbeton-Skelett Bauweise auf einem massiven Kellergeschoss.</p> <h4 id="h-abfallreduzierung-durch-auswahl-des-strahlverfahrens">Abfallreduzierung durch Auswahl des Strahlverfahrens</h4> <p>Innerhalb von 15 Monaten sollte hier eine Schadstofffreiheit hergestellt werden. Das bedeutete einen hohen Einsatz an Personal, aber vor allem auch an Gerät, die über den gesamten Projektzeitraum vor Ort vorgehalten werden mussten. Dabei galt es, ein möglichst optimale Lösung zwischen einer minimalen Umweltbelastung, sprich: Abfallvermeidung, aber auch hoher Wirtschaftlichkeit und Funktionalität zu finden.</p> <p>Ein gutes Beispiel hierfür ist der asbesthaltige Mörtel, der in dem Gebäude zur Füllung von Fehlstellen im Beton großflächig eingesetzt worden war. Dabei ging es um rund 70 000 Quadratmeter Fläche, was in etwa 10 Fußballfeldern entspricht. Wenn man von rund 2 mm Betonabtrag ausgeht, kommen bei der Dichte von Beton bei 2400 kg/m³ rund 4,8 kg je m³ und insgesamt 333 000 kg Material, die als gefährlicher Abfall auf die Deponie gebracht werden müssen.</p> <p>Bei Anwendung eines klassischen Strahlverfahrens würden zusätzlich ca. 15 bis 20 kg Strahlmittel pro m² verbraucht, was noch einmal 1 050 000 kg gefährlichen Abfall bedeutet hätte.<br></br>Bei Anwendung eines Mehrweg-Strahlmittels konnte diese Abfallmenge deutlich reduziert werden, da nur 0,2 kg Strahlmittel je m² verbraucht wurden, was insgesamt 14 t Abfall bedeutete. Es mussten am Schluss also nur 350 t gefährlicher Abfall deponiert werden, anstatt der ursprünglichen 1 386 t.</p> <p>Bei der Anschließenden Podiumsdiskussion ging es hauptsächlich um die Frage, ob die Handwerksbetriebe den heutigen Anforderungen hinsichtlich der Schadstoffe im Bestandsbau überhaupt noch gerecht werden können. Ich denke, die Frage lässt sich durchaus mit ja beantworten. Zumindest wenn die Fortbildungsangebote zum Beispiel der BG Bau sowie die dort auch angebotenen Schutzpakete entsprechend angenommen werden. Es stellt sich ja auch die Frage, wer, wenn nicht die Handwerksbetriebe.</p> <h2>Kreislaufwirtschaft – Potentiale, Pflichten und Perspektiven</h2> <p>Wenn man über Bauen, und hier vor allem über Bauen im Bestand spricht, kommt man um die Kreislaufwirtschaft nicht herum. Kai Kummert von der Berliner Hochschule für Technik sieht die Kreislaufwirtschaft entsprechend auch zusammen mit der Nachhaltigkeit als Schlüsselthema.</p> <p>Man muss sich auch nur mal die Zahlen vor Augen halten. Rund 90 % der inländischen mineralischen Rohstoffe werden von der Bauwirtschaft verbraucht. Rund 40 % der Treihausgasemissionen gehen auf das Konto der Herstellung, Einrichtung, Modernisierung, Nutzung und Betrieb von Gebäuden.</p> <p>Der deutsche Gebäudebestand besteht aus rund 15 Mrd. t Material, davon alleine stellen die mineralischen Materialien wie Beton; Ziegel und Co. Gut 90 %. Und das Ganze ist ja nicht statisch. Jährlich kommen 500 Mio. t Material im Neubau hinzu, gleichzeitig fallen durch Rückbau, Umbau und so weiter auch 230 Mio. t Bauabfälle an. Man kann sich also unschwer vorstellen, dass hier ein enormes Rohstoffpotential schlummert.</p> <p>Dabei erfordert die Kreislaufwirtschaft einen Paradigmenwechsel, der bereits früh in der Produktionskette ansetzen muss. Aber auch ein Umdenken im Sinne einer Strategie, die ältere Gebäude ertüchtigt, gegebenenfalls umnutzt oder auch anfallende Materialien direkt wiederverwendet. Am Schluss muss dann natürlich eine stoffliche oder energetische Wiederverwertung oder gegebenenfalls eine industrielle Aufarbeitung stehen.</p> <p>Eine Schlüsselposition wird hier die Europäische Zentralbank einnehmen, welche nicht-nachhaltige „grüne“ Bauprojekte mit Zinsvorteilen belohnt, so dass diese an billigeres Geld kommen als entsprechende nicht-nachhaltige Projekte. Damit wird laut Herrn Kummert die Nachhaltigkeit über den Zins zum neuen Preis des Geldes werden.</p> <h2 id="h-nachhaltig-planen-wirtschaftlich-bauen">Nachhaltig Planen – Wirtschaftlich Bauen</h2> <p>Das Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit beim Bauen kein Widerspruch sind, zeigte auch der Beitrag von Fritz Breitenthaler von der BauWerke GmbH. Denn die Preise für das Bauen steigen in Deutschland schneller als die allgemeine Preissteigerung, und dabei bleibt es relativ egal, ob man nun den Wohnungsbau, den Bau von Bürogebäuden oder den Straßenbau betrachtet.</p> <p>Wenn man aber die Definitionen von Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit gegenüberstellt, so fallen einem viele Parallelen auf.</p> <p>Bei Nachhaltigkeit steht der Nutzen bzw. der Ertrag gegenüber dem Aufwand im Vordergrund, es geht um eine möglichst langfristige Befriedigung eines Bedarfs und die Werthaltigkeit von Investitionen und um einen Wertschöpfungszuwachs durch eine Steigerung der Effizienz.</p> <p>Für Nachhaltigkeit findet sich eine möglichst langfristige Bewirtschaftung, ähnlich wie in der Forstwirtschaft, wo heute Bäume gepflanzt werden, die erst spätere Generationen als Nutzholz ernten können. Es geht um den Erhalt von Grundlagen und einen Wertschöpfungszuwachs durch eine Steigerung der Effizienz. Schon hier kann man gut erkennen, dass die beiden Begriffe durchaus parallel gehen und kein Widerspruch sein müssen. Je früher man die Nachhaltigkeitsziele in seine Planung einbezieht, desto besser. Man kann schon bei der Materialauswahl eine spätere Recyclingfähigkeit oder eine Drittverwendungsfähigkeit einplanen. Materialien sollten möglichst langlebig sein und / oder regional bezogen werden. Es zählt immer die Planung des gesamten Lebenszyklus.</p> <h2 id="h-moglichkeiten-im-holzbau-heute">Möglichkeiten im Holzbau heute</h2> <p>Ein Baustoff, der heute zumindest in meinen Augen immer noch etwas zu kurz kommt, ist Holz. Dass da aber einiges in Bewegung ist, weiß ich durchaus aus eigener Erfahrung. Ich lebe, zumindest teilweise, in einem architektonisch modernen Haus aus Holz. Johannes Lederbauer von der WIHAG sieht ebenfalls eine große Chance für das Bauen aus Holz im Zeitalter der Nachhaltigkeit. Wobei er sich allerdings nicht mit kleinen Wohnhäusern abgibt, sondern in ganz anderen Dimensionen denkt.</p> <p>Immerhin ist alleine die Bauwirtschaft für 38 % der CO2 Emissionen weltweit verantwortlich. Davon entfallen 26 % auf den Betrieb der Gebäude, also das Heizen und so weiter, während 12 % aus der Produktion der Baumaterialien stammen. Zum Vergleich, die Luftfahrt ist mit 3,5 % an den CO2 Emissionen beteiligt. Das alleine sollte deutlich machen, wie groß hier der Hebel sein kann, möglichst klimaschonende Baustoffe einzusetzen.</p> <h4 id="h-holza-als-klimaneutraler-baustoff">Holza als klimaneutraler Baustoff</h4> <p>Da kommt Holz als vergleichsweise CO2 neutraler Baustoff ganz gelegen, denn gerade junge Bäume speichern relativ viel Kohlendioxid. Diese Speicherung lässt sich gut für langlebige Holzprodukte nutzen. Dadurch verlängert sich die Speicherung des ursprünglich von den Bäumen aufgenommenen Kohlendioxids zumindest über den Zeitraum der Nutzungsdauer, bei anschließendem Recycling des Materials sogar noch darüber hinaus. Das gilt natürlich ganz besonders für Holz aus nachhaltigem Anbau, daher ist die WIHAG auch Partner der Schweizer Timber Finance Initiative (THI), welche die weltweit erste Methode entwickelt hat, um langlebige Produkte aus Biomasse als hochwertige CO2 Speicher zu zertifizieren und am freiwilligen CO2 Markt zu verkaufen. Das kann für die Bauwirtschaft einen durchaus attraktiven Erlös darstellen.</p> <p>Es wurden auch einige interessante Gebäude aus Holz vorgestellt, so etwa das Timber Pioneer in Frankfurt, ein Bürogebäude in Holz-Hybridbauwiese mit 8 Stockwerken und 30 m Höhe mit rund 15 000 m² Nutzfläche. Auch die Geschäfststelle des FB Leipzig Bundesligaclubs ist aus Holz erbaut, immerhin 4 Geschosse und 14 500 m² Fläche.</p> <p>In Marktredwitz steht das größte aus Holz erbaute Zentrallager für EDEKA, Insgesamt 100 000 m² Hallenfläche. Oder der Atlassian Tower in Sydney, das weltweit höchste Gebäude aus Holz mit 180 m Höhe, 39 Stockwerken und 75 000 m² Bruttogeschößfläche.<br></br>Alleine diese Beispiele zeigen, welche vielfältigen Möglichkeiten Holz, gerade auch in Kombination mit anderen Baustoffen wie Stahl oder Beton bietet.</p> <h2 id="h-wege-zu-bezahlbarem-wohnraum">Wege zu bezahlbarem Wohnraum</h2> <p>Die steigenden Kosten für das Bauen, besonders für das Bauen von Wohnungen hatte ich weiter oben bereits angesprochen. Ulrich Brüggerhoff von der Postbaugenossenschaft München und Oberbayern eG hat hierzu den Vorschlag, nach Mindeststandard zu bauen.</p> <p>In diesem Fall sollte ein neues Wohnquartier bebaut werden wobei zumindest ein Teil eben auch in genossenschaftlicher Hand sein sollte. Das bedeutet rund 56 Wohnungen in Holz-Hybridbauweise. Durch Einhaltung der Mindeststandards erhofft man sich Einsparungen. Das bedeutet auch, eben kein erhöhter Standard zum Beispiel im Schallschutz, obwohl dieser meist als Stand der Technik angesehen wird. Überdachte Laubengänge ermöglichen auch eine Abweichung von der Abdichtungsrichtlinie an Eingangstüren. Es sollten weniger raumhohe Fensterelemente verbaut werden und die Außenanlagen nur reduziert beleuchtet werden (was in meinen Augen auch aus Gründen der Verminderung der Lichtverschmutzung durchaus interessant sein kann).</p> <p>Verzichtet werden soll auch auf eine kontrollierte Be- und Entlüftung der Wohnungen sowie konsequente Einsparungen bei der Auswahl zum Beispiel der Balkonbrüstungen, Pflaster und ähnlichem.</p> <h2 id="h-zirkulares-bauen-reuse-und-nachhaltigkeit">Zirkuläres Bauen – Reuse und Nachhaltigkeit</h2> <p>Kim LeRoux von LXSY Architektur informierte uns über die Grundlagen des zirkulären Bauens. Generell geht es darum, mit dem zu Bauen, was an Material vorhanden ist, wobei man eine Wiederverwendung in der Zukunft auch immer mit im Blick behalten sollte. Das bedingt natürlich eine hohe Flexibilität in der Planung sowie gegebenenfalls auch einen neuen Umgang mit Standards. Was wird wirklich benötigt und kann gegebenenfalls der Nutzen auch anders erbracht werden? Wenn möglich, kann es reduziert werden, in Größe oder Menge?</p> <p>Oder kann man vielleicht auch etwas bereits Gebrauchtes verwendet werden? Muss dieses und kann es repariert oder eventuell auf den aktuellen Stand der Technik gebracht werden?</p> <p>Können noch tadellos intakte Komponenten eventuell wieder in andere, neue Produkte integriert werden? Vielleicht kann man es auch in ein anderes Produkt einbauen und ihm so einen vollkommen neuen Nutzen geben.</p> <p>Und wenn alle Stränge reißen: Kann es getrennt oder gar recycelt werden?</p> <p>Ein Ansatz hierzu sind Materialpässe, aus welchen unter anderem die Art, Größe und Menge des Materials, seine Zusammensetzung und sein Herstellungs- und Einbauzeitraum hervorgehen.</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Mir hat das wieder sehr viel Spaß gemacht. Es war schön zu sehen, dass die Schadstoffproblematik und dier Gedanke des zirkulären Bauens nicht unbedingt im Widerspruch zueinander stehen müssen. Ich hoffe, auch bei nächsten Mal wieder dabeis ein zu dürfen. Die Bilder der Vaeranstaltung sind unter <a href="https://flic.kr/s/aHBqjCzPEk">https://flic.kr/s/aHBqjCzPEk</a> zu finden.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>3. Berliner Bauherrentag – Bauen neu denken! » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Am 5. November fand in diesem Jahr der 3. Berliner Bauherrentag statt, diesmal in der Beuth Halle an der Berliner Hochschule für Technik. Auch in diesem Jahr standen sowohl die Schadstoffe beim Bauen im Bestand als auch möglichst kostenreduziertes Bauen und die Kreislaufwirtschaft im Fokus. Die Beuth Halle direkt an der Berliner Hochschule konnte als alte Werkshalle durchaus mit dem alten Hubertusbad mithalten und bot zudem eine deutlich bessere Akustik.</p> <p>Nach der Begrüßung durch den Vizepräsidenten der Berliner Hochschule für Technik, Prof. Joachim Villwock und den Vorsitzenden der Fördergemeinschaft Bauwesen, Bernd Ahlsdorf sollte Holger Gültzow von der Fachgemeinschaft Bau den ersten Block über die Anforderungen der Schadstoffsanierung im Bestandsbau eröffnen. Getreu dem Motto: Bauen neu denken!</p> <h2 id="h-bauen-im-bestand-und-schadstoffe">Bauen im Bestand und Schadstoffe</h2> <p>Bernd Ahlsdorf brachte uns in seinem Beitrag die Herausforderung dar, welche die Gebäudeschadstoffe und die Kreislaufwirtschaft gerade für die Bauunternehmen darstellen. Dabei stellen unsere Gebäude durchaus bedeutende Rohstofflager für die Zukunft dar, die man keinesfalls unterschätzen sollte. Diese Rohstoffe werden einerseits zu ihrem Bau verbraucht und werden daher immer knapper, beispielsweise Sand und Kies. Dagegen stehen rund 80 Mio. Tonnen Bauschutt, die jedes Jahr anfallen. Diese könnten durchaus zumindest einen Teil der Rohstoffe ersetzen oder zumindest ergänzen. Doch auch wenn die Recyclingquote durchaus hoch ist, handelt es sich dabei meist nicht um hochwertige Recyclingbaustoffe, sondern in der Regel um minderwertige Produkte, sogenanntes Downcycling.</p> <h3 id="h-gebaudeschadstoffe-sind-uberall">Gebäudeschadstoffe sind überall</h3> <p>Wichtig ist dabei auch immer, die Ausschleusung von alten Gebäudeschadstoffen wie etwa Asbest im Auge zu behalten. Das ist leider nicht immer allen Beteiligten klar, denn in der aktuellen Gefahrstoffverordnung wurde die Bauherrenverantwortung abgeschwächt, ich hatte das Thema hier im Blog ja auch schon verschiedentlich aufgegriffen. Aktuell muss so der Auftraggeber dem ausführenden Unternehmen nur noch entsprechende Informationen zur Verfügung stellen. Der Unternehmer ist dann in der Pflicht, die ihm zur Verfügung gestellten Informationen dahingehend zu prüfen, ob bei den Tätigkeiten Gefahrstoffe freigesetzt und eine Gesundheitsgefahr für die Beschäftigten bestehen könnte.</p> <p>Das wirft dann eine Menge weiterer Fragen auf. Aber ganz allgemein, wie können Handwerksbetriebe den neuen Anforderungen der Gefahrstoffverordnung gerecht werden? Wie sieht es mit Altbausanierungen aus? Können diese in Zukunft nur noch durch Spezialbetriebe ausgeführt werden? Wie funktioniert eine fachgerechte Entsorgung asbesthaltiger Materialien?<aside></aside></p> <p>Und schließlich haben wir über die Zeit eine recht ansehnliche Palette an Gefahrstoffen in unseren Gebäuden verbaut. Das fängt bei meinem Lieblingsschadstoff, der ehemaligen Wunderfaser Asbest an und geht über PAK (früher auch als „Teer“ bekannt) und PCB bis hin zu diversen Pestiziden oder PCP.</p> <p>Dabei kommen auch die jeweils schadstoffspezifischen Verwendungszeiträume zum Tragen. Und um die Sache noch etwas komplizierter zu machen, kann dabei sogar die Wiedervereinigung eine Rolle spielen, denn manche Stoffe wurden z.B. in der alten Bundesrepublik deutlich früher verboten als in der ehemaligen DDR, so etwa DDT oder auch die PCP und Lindan.</p> <h3 id="h-pak-pcp-lindan-und-asbest">PAK, PCP, Lindan und Asbest</h3> <p>Die Polycyclischen aromatischen Kohlenwasserstoffe, kurz PAK, waren früher auch als „Teer“ bekannt. Verwendet wurden sie gerne in schwarzen Klebern oder Anstrichen, aber auch in Dachpappen und Dichtungsbahnen, Asphaltestrichen oder Holzschutzmitteln.</p> <p>Pentachlorphenol, kurz PCP findet man in dauerelastischen Dichtungsmassen in Gebäudetrennfugen, aber auch in Brandschutzanstrichen, Kondensatoren, Buntsteinputz oder Vergussmasse. Lindan und andere Pestizide sind in Holzschutzmitteln zu finden, aber auch in Farben, Lacken und Bodenbelägen. Sie wurden gerne gegen Insektenbefall und als Pflanzenschutzmittel eingesetzt.</p> <p>Und wo überall Asbest zu finden sein kann, habe ich hier im Blog schon zu diversen Gelegenheiten dargelegt. Um es kurz zu machen, es gibt über 3000 bauchemische Produkte, in denen die ehemalige Wunderfaser eingesetzt wurde. Darunter Putze, Spachtelmassen, Fliesenkleber, Brandschutzplatten, Pappen, Vliese, Dichtschnüre, im Brandschutz oder in Bodenbelägen und deren Klebern. Und nicht zuletzt die bekannteste Verwendung als Asbestzement. In der Dämmung findet man auch gerne sogenannte „alte“ Mineralwolle, die vor dem Mai 2000 in Verkehr gebracht wurde und entsprechend nicht über ein RAL Gütezeichen verfügt.</p> <h3 id="h-asbest-eine-lauernde-gefahr">Asbest – eine lauernde Gefahr</h3> <p>Wenn man sich die Altersverteilung unserer Bestandsgebäude in der Bundesrepublik so ansieht, so fällt einem eines auf. Ein sehr großer Teil ist vor dem Verwendungsverbot von Asbest im Jahr 1993 errichtet worden. Das bedeutet, dass vermutlich in den meisten Gebäuden, also allen, deren Baubeginn vor 1993 lag, Asbest zu finden sein dürfte. In vielen Fällen vermutlich sogar noch in einem Zeitraum bis 1995, wenn man noch diverse „ich hab da noch etwas auf Lager“ Fälle mit einberechnet.</p> <p>Diese lauernde Gefahr durch Asbest ist nicht zu unterschätzen. Denn es ist auch auffällig, dass wir immer noch pro Jahr rund über 3000 Fälle von asbestbedingten Berufskrankheiten haben. Immerhin ist das Verbot auch schon über 30 Jahre her. Wenn man die Schwere der von Asbest ausgelösten Krankheiten betrachtet, sind das auf jeden Fall immer noch zu viel, zumal die Dunkelziffer vermutlich höher liegt.</p> <h4 id="h-unbeabsichtigte-asbestbelastung-schon-bei-einfachen-tatigkeiten">unbeabsichtigte Asbestbelastung schon bei einfachen Tätigkeiten</h4> <p>Das kann unter anderem sicher auch daran liegen, dass man schnell unabsichtlich mit Asbest im Berührung kommen kann, selbst wenn man nur relativ überschaubare Tätigkeiten, etwa als Heimwerker durchführt.</p> <p>Hat man etwa eine Tapete über asbesthaltigem Spachtel und möchte diese gerne abreißen, können dabei bis zu 5000 Fasern /m³ in die Luft gelangen, selbst wenn der asbesthaltige Spachtel nur 10 bis 20 % der Fläche einnimmt.</p> <p>Bohrt man hingegen ein Loch in einen Fliesenspiegel, der mit asbesthaltigem Fliesenkleber befestigt wurde, können es schon rund 36 000 Fasern / m³ sein. Holt man diese Fliesen später großflächig von der Wand, reden wir über 77 000 Fasern /m³.</p> <p>Und bevor jetzt jemand meint, die asbesthaltigen Spachtel oder Fliesenkleber einfach abschleifen zu wollen. Dabei werden rund 1,5 Mio. Fasern / m³ freigesetzt.</p> <p>Der Umgang mit Gefahrstoffen ist durch verschiedene Gesetze und Verordnungen geregelt. Ziemlich zentral ist hier die gerade (2024) frisch erneuerte Gefahrstoffverordnung, die hier auf dem Blog ja schon öfter Thema war. Sie regelt die Mitwirkungs- und Informationspflichten für den Veranlasser von Baumaßmaßnahmen, aber sie bürdet den ausführenden Firmen auch einiges an Verantwortung auf, wie etwa die Gefährdungsbeurteilung.</p> <h3 id="h-und-was-ist-mit-handwerksbetrieben">Und was ist mit Handwerksbetrieben?</h3> <p>Weiterhin regelt sich auch die Ausnahmen für Abbruch, Sanierung und Instandhaltung. Hier ist für Handwerksbetriebe besonders wichtig, dass handwerksnahe Tätigkeiten beim Bauen im Bestand erlaubt sind.</p> <p>Gleichzeitig sind Tätigkeiten im Bereich des hohen Risikos, also bei Freisetzung von mehr als 100 000 Fasern / m³ nur zertifizierten Sanierungsfachbetrieben mit entsprechender Ausrüstung und Zulassung erlaubt. Und wie wir oben gesehen haben, könne diese Faserzahlen durchaus schon bei vergleichsweise einfachen Tätigkeiten erreicht werden.</p> <p>Gerade für den Bereich des mittleren Risikos, also für Faserzahlen zwischen 10 000 und 100 000 Fasern / m³ kann es aber für Handwerksbetriebe einige Lösungen geben. So eigne sich etwa staubarme oder brucharme Verfahren, wenn sie als geprüfte emissionsarme Verfahren gelten. Bei Arbeiten in Innenräumen können entsprechend die Arbeitsbereiche abgeschottet werden, der Zugang wird dann über Schleusen (mindestens Ein-Kammer-Schleusen) geregelt. Luftwechsel, mindestens 8-fach pro Stunde und eine entsprechende persönliche Schutzausrüstung.</p> <p>Als Fazit lässt sich sagen, dass eine Schadstofferkundung, Sanierungsplanung und ein entsprechendes Entsorgungs- bzw. Verwertungskonzept vor einer Störung des Bauablaufs schützt, die Bau- und Entsorgungskosten reduziert und entsprechend Probleme mit dem Arbeits- und Nutzerschutz verhindert. Außerdem verbessert sie die Recyclingfähigkeit der Bauabfälle.</p> <h2 id="h-arbeitsschutz-nach-der-novellierten-gefahrstoffverordnung">Arbeitsschutz nach der novellierten Gefahrstoffverordnung</h2> <p>Im Folgenden ging es um die im letzten Jahr frisch novellierte Gefahrstoffverordnung und ihre Bedeutung für den Arbeitsschutz. Berit Schuchmann von der BG Bau setzte uns hier ins Bild.</p> <p>Die Gefahrstoffverordnung sorgt immer noch für Informationsbedarf. Da ist zum einen das risikobezogene Maßnahmenkonzept mit seinen drei Stufen vom niedrigen über das mittlere hin zum hohen Risiko. Gleichzeitig wurden hier die Veranlasserpflichten eingeführt (und gleich auch wieder abgeschwächt) sowie neue Regelungen für Asbest eingeführt.</p> <p>Das risikobezogene Maßnahmenkonzept besteht aus den stoffübergreifenden Risikogrenzen. Das Akzeptanzrisiko liegt bei unter 4:10 000, was für Asbest zum Beispiel eine Faserkonzentration von weniger als 10 000 Fasern je m³ bedeutet. Alles darunter ist im Bereich des niedrigen Risikos, alles darüber der des mittleren Risikos. Oberhalb des Toleranzrisikos von 4 : 1000 beginnt der Bereich des hohen Risikos, was für Asbest eine Faserkonzentration von 100 000 Fasern je m³ bedeutet.</p> <p>Die Mitwirkungs- und Informationspflichten des Veranlassers waren hier im Blog auch schon öfters Thema. Sie wurden erst mit großem Getöse eingeführt. Der Veranlasser von Baumaßnahmen hat dem beauftragten Unternehmer Informationen bezüglich der Baugeschichte und vorhandenen oder auch vermuteten Schadstoffen zur Verfügung zu stellen.</p> <p>Leider wurden diese dann auch ebenso schnell wieder abgeschwächt, denn dies gilt, wenn diese Informationen in zumutbarem Aufwand zugänglich sind…</p> <p>er Unternehmer hat diese Informationen zu prüfen, ob sie plausibel sind und ob sie zur Gefährdungsabschätzung ausreichend sind. Gegebenenfalls hat er zu prüfen, ob im Rahmen der geplanten Tätigkeiten Schadstoffe freigesetzt werden können und ob die Tätigkeiten zulässig sind. Dabei hat er, wenn eigene Kenntnisse nicht ausreichen, auch externen Sachverstand mit hinzuzuziehen.</p> <h3 id="h-verwendungs-und-tatigkeitsbeschrankungen-bei-asbest">Verwendungs – und Tätigkeitsbeschränkungen bei Asbest</h3> <p>In § 11 werden die Verwendungsbeschränkungen und Tätigkeitsbeschränkungen für Asbest beschrieben. Eigentlich sollte das klar sein, aber manches muss doch immer wieder gesagt werden. So ist die Gewinnung, Aufbereitung, Wiederverwendung und Weiterverarbeitung von natürlich vorkommenden mineralischen Rohstoffen und daraus hergestellten Gemischen und Erzeugnissen mit einem Massengehalt von mehr als 0,1 % Asbest verboten.</p> <p>Ebenso verboten ist die weitere Verwendung von asbesthaltigen Materialien, denen Asbest absichtlich zugesetzt wurde und die bei Tätigkeiten anfallen. Ausgenommen sind die Abfallbehandlung und die Abfallentsorgung.</p> <p>Ebenfalls verboten sind Tätigkeiten mit asbesthaltigen Materialien in baulichen oder technischen Anlagen.</p> <p>Wie immer gibt es auch hier Ausnahmen. So ist das vollständige Entfernen von asbesthaltigen Bauteilen oder Materialien selbstverständlich weiterhin möglich, auch in Teilbereichen.</p> <p>Auch Sanierungsarbeiten, d.h. Maßnahmen zur Vermeidung von Gefährdungen der Nutzer, z.B. durch räumliche Trennung, wenn z.B. eine vollständige Entfernung des asbesthaltigen Materials aus technischen Gründen nicht möglich ist. Dies gilt auch für Sofortmaßnahmen zur Sicherung beschädigter asbesthaltiger Bauteile. Hier ist unverzüglich mit der Entfernung zu beginnen.</p> <h3 id="h-anforderungen-an-tatigkeiten-mit-asbest">Anforderungen an Tätigkeiten mit Asbest</h3> <p>Nach Möglichkeit sind immer Verfahren anzuwenden, die eine Faserfreisetzung verhindern oder zumindest minimieren. Darüber hinaus gelten die risikobasierten Schutzmaßnahmen und Qualifikationsanforderungen. Für Arbeiten mit Expositionen unter 1000 Fasern pro m³ gelten keine asbestspezifischen Anforderungen.</p> <p>Der Arbeitgeber hat hier die Aufgabe, im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung festzustellen, ob die Tätigkeiten überhaupt zulässig sind und ob sie zu einer Faserfreisetzung führen können. Weiterhin muss er festlegen, ob die Tätigkeiten in Bereichen mit geringer, mittlerer oder hoher Gefährdung durchgeführt werden und welche Schutzmaßnahmen dafür vorgesehen sind. Außerdem muss er einen Arbeitsplan erstellen.</p> <p><span>Die Zulassung für Tätigkeiten mit hohem Risiko gilt für 6 Jahre und kann w</span><span>iderrufen werden</span></p> <p>Die beteiligten Personen müssen, je nach Risikoabschätzung, unterschiedliche Qualifikationen mitbringen. Diese werden auch bei der BG Bau als Fortbildung angeboten, zum Beispiel als Grundkenntnisse Asbest mit 5 Lerneinheiten Theorie und 5 Lerneinheiten Praxis, Je Lerneinheit 45 min.</p> <p>Zusätzlich bietet die BG Bau auch Schutzpakete für das Bauen im Bestand an, welche unter anderem Handmaschinen mit Absaugung, Entstauber der Klasse H, Einwegschutzanzüge und Einkammerschleusen beinhaltet.</p> <h2 id="h-schadstoffsanierung-am-beispiel-flughafen-tegel">Schadstoffsanierung am Beispiel Flughafen Tegel</h2> <p>Der Flughafen Tegel , Terminal A, war ja auch schon auf dem letzten Bauherrentag ein Thema. Und da es sich hier um ein e herausforderndes Projekt mit einer Menge an Bauschadstoffen handelt, das es so in der Form und Größe in der Bundesrepublik vermutlich so nicht wieder geben wird, auch in diesem Jahr wieder Thema. Denis Zurek von der Kluge Sanierung GmbH brachte uns auf den neuesten Stand.</p> <p>Das zweigeschossige, sechseckige Ringebäude stammt aus dem Bauzeitraum 1969 bis 1972 und hat einen Umfang von750 m. Errichtet wurde es in Stahlbeton-Skelett Bauweise auf einem massiven Kellergeschoss.</p> <h4 id="h-abfallreduzierung-durch-auswahl-des-strahlverfahrens">Abfallreduzierung durch Auswahl des Strahlverfahrens</h4> <p>Innerhalb von 15 Monaten sollte hier eine Schadstofffreiheit hergestellt werden. Das bedeutete einen hohen Einsatz an Personal, aber vor allem auch an Gerät, die über den gesamten Projektzeitraum vor Ort vorgehalten werden mussten. Dabei galt es, ein möglichst optimale Lösung zwischen einer minimalen Umweltbelastung, sprich: Abfallvermeidung, aber auch hoher Wirtschaftlichkeit und Funktionalität zu finden.</p> <p>Ein gutes Beispiel hierfür ist der asbesthaltige Mörtel, der in dem Gebäude zur Füllung von Fehlstellen im Beton großflächig eingesetzt worden war. Dabei ging es um rund 70 000 Quadratmeter Fläche, was in etwa 10 Fußballfeldern entspricht. Wenn man von rund 2 mm Betonabtrag ausgeht, kommen bei der Dichte von Beton bei 2400 kg/m³ rund 4,8 kg je m³ und insgesamt 333 000 kg Material, die als gefährlicher Abfall auf die Deponie gebracht werden müssen.</p> <p>Bei Anwendung eines klassischen Strahlverfahrens würden zusätzlich ca. 15 bis 20 kg Strahlmittel pro m² verbraucht, was noch einmal 1 050 000 kg gefährlichen Abfall bedeutet hätte.<br></br>Bei Anwendung eines Mehrweg-Strahlmittels konnte diese Abfallmenge deutlich reduziert werden, da nur 0,2 kg Strahlmittel je m² verbraucht wurden, was insgesamt 14 t Abfall bedeutete. Es mussten am Schluss also nur 350 t gefährlicher Abfall deponiert werden, anstatt der ursprünglichen 1 386 t.</p> <p>Bei der Anschließenden Podiumsdiskussion ging es hauptsächlich um die Frage, ob die Handwerksbetriebe den heutigen Anforderungen hinsichtlich der Schadstoffe im Bestandsbau überhaupt noch gerecht werden können. Ich denke, die Frage lässt sich durchaus mit ja beantworten. Zumindest wenn die Fortbildungsangebote zum Beispiel der BG Bau sowie die dort auch angebotenen Schutzpakete entsprechend angenommen werden. Es stellt sich ja auch die Frage, wer, wenn nicht die Handwerksbetriebe.</p> <h2>Kreislaufwirtschaft – Potentiale, Pflichten und Perspektiven</h2> <p>Wenn man über Bauen, und hier vor allem über Bauen im Bestand spricht, kommt man um die Kreislaufwirtschaft nicht herum. Kai Kummert von der Berliner Hochschule für Technik sieht die Kreislaufwirtschaft entsprechend auch zusammen mit der Nachhaltigkeit als Schlüsselthema.</p> <p>Man muss sich auch nur mal die Zahlen vor Augen halten. Rund 90 % der inländischen mineralischen Rohstoffe werden von der Bauwirtschaft verbraucht. Rund 40 % der Treihausgasemissionen gehen auf das Konto der Herstellung, Einrichtung, Modernisierung, Nutzung und Betrieb von Gebäuden.</p> <p>Der deutsche Gebäudebestand besteht aus rund 15 Mrd. t Material, davon alleine stellen die mineralischen Materialien wie Beton; Ziegel und Co. Gut 90 %. Und das Ganze ist ja nicht statisch. Jährlich kommen 500 Mio. t Material im Neubau hinzu, gleichzeitig fallen durch Rückbau, Umbau und so weiter auch 230 Mio. t Bauabfälle an. Man kann sich also unschwer vorstellen, dass hier ein enormes Rohstoffpotential schlummert.</p> <p>Dabei erfordert die Kreislaufwirtschaft einen Paradigmenwechsel, der bereits früh in der Produktionskette ansetzen muss. Aber auch ein Umdenken im Sinne einer Strategie, die ältere Gebäude ertüchtigt, gegebenenfalls umnutzt oder auch anfallende Materialien direkt wiederverwendet. Am Schluss muss dann natürlich eine stoffliche oder energetische Wiederverwertung oder gegebenenfalls eine industrielle Aufarbeitung stehen.</p> <p>Eine Schlüsselposition wird hier die Europäische Zentralbank einnehmen, welche nicht-nachhaltige „grüne“ Bauprojekte mit Zinsvorteilen belohnt, so dass diese an billigeres Geld kommen als entsprechende nicht-nachhaltige Projekte. Damit wird laut Herrn Kummert die Nachhaltigkeit über den Zins zum neuen Preis des Geldes werden.</p> <h2 id="h-nachhaltig-planen-wirtschaftlich-bauen">Nachhaltig Planen – Wirtschaftlich Bauen</h2> <p>Das Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit beim Bauen kein Widerspruch sind, zeigte auch der Beitrag von Fritz Breitenthaler von der BauWerke GmbH. Denn die Preise für das Bauen steigen in Deutschland schneller als die allgemeine Preissteigerung, und dabei bleibt es relativ egal, ob man nun den Wohnungsbau, den Bau von Bürogebäuden oder den Straßenbau betrachtet.</p> <p>Wenn man aber die Definitionen von Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit gegenüberstellt, so fallen einem viele Parallelen auf.</p> <p>Bei Nachhaltigkeit steht der Nutzen bzw. der Ertrag gegenüber dem Aufwand im Vordergrund, es geht um eine möglichst langfristige Befriedigung eines Bedarfs und die Werthaltigkeit von Investitionen und um einen Wertschöpfungszuwachs durch eine Steigerung der Effizienz.</p> <p>Für Nachhaltigkeit findet sich eine möglichst langfristige Bewirtschaftung, ähnlich wie in der Forstwirtschaft, wo heute Bäume gepflanzt werden, die erst spätere Generationen als Nutzholz ernten können. Es geht um den Erhalt von Grundlagen und einen Wertschöpfungszuwachs durch eine Steigerung der Effizienz. Schon hier kann man gut erkennen, dass die beiden Begriffe durchaus parallel gehen und kein Widerspruch sein müssen. Je früher man die Nachhaltigkeitsziele in seine Planung einbezieht, desto besser. Man kann schon bei der Materialauswahl eine spätere Recyclingfähigkeit oder eine Drittverwendungsfähigkeit einplanen. Materialien sollten möglichst langlebig sein und / oder regional bezogen werden. Es zählt immer die Planung des gesamten Lebenszyklus.</p> <h2 id="h-moglichkeiten-im-holzbau-heute">Möglichkeiten im Holzbau heute</h2> <p>Ein Baustoff, der heute zumindest in meinen Augen immer noch etwas zu kurz kommt, ist Holz. Dass da aber einiges in Bewegung ist, weiß ich durchaus aus eigener Erfahrung. Ich lebe, zumindest teilweise, in einem architektonisch modernen Haus aus Holz. Johannes Lederbauer von der WIHAG sieht ebenfalls eine große Chance für das Bauen aus Holz im Zeitalter der Nachhaltigkeit. Wobei er sich allerdings nicht mit kleinen Wohnhäusern abgibt, sondern in ganz anderen Dimensionen denkt.</p> <p>Immerhin ist alleine die Bauwirtschaft für 38 % der CO2 Emissionen weltweit verantwortlich. Davon entfallen 26 % auf den Betrieb der Gebäude, also das Heizen und so weiter, während 12 % aus der Produktion der Baumaterialien stammen. Zum Vergleich, die Luftfahrt ist mit 3,5 % an den CO2 Emissionen beteiligt. Das alleine sollte deutlich machen, wie groß hier der Hebel sein kann, möglichst klimaschonende Baustoffe einzusetzen.</p> <h4 id="h-holza-als-klimaneutraler-baustoff">Holza als klimaneutraler Baustoff</h4> <p>Da kommt Holz als vergleichsweise CO2 neutraler Baustoff ganz gelegen, denn gerade junge Bäume speichern relativ viel Kohlendioxid. Diese Speicherung lässt sich gut für langlebige Holzprodukte nutzen. Dadurch verlängert sich die Speicherung des ursprünglich von den Bäumen aufgenommenen Kohlendioxids zumindest über den Zeitraum der Nutzungsdauer, bei anschließendem Recycling des Materials sogar noch darüber hinaus. Das gilt natürlich ganz besonders für Holz aus nachhaltigem Anbau, daher ist die WIHAG auch Partner der Schweizer Timber Finance Initiative (THI), welche die weltweit erste Methode entwickelt hat, um langlebige Produkte aus Biomasse als hochwertige CO2 Speicher zu zertifizieren und am freiwilligen CO2 Markt zu verkaufen. Das kann für die Bauwirtschaft einen durchaus attraktiven Erlös darstellen.</p> <p>Es wurden auch einige interessante Gebäude aus Holz vorgestellt, so etwa das Timber Pioneer in Frankfurt, ein Bürogebäude in Holz-Hybridbauwiese mit 8 Stockwerken und 30 m Höhe mit rund 15 000 m² Nutzfläche. Auch die Geschäfststelle des FB Leipzig Bundesligaclubs ist aus Holz erbaut, immerhin 4 Geschosse und 14 500 m² Fläche.</p> <p>In Marktredwitz steht das größte aus Holz erbaute Zentrallager für EDEKA, Insgesamt 100 000 m² Hallenfläche. Oder der Atlassian Tower in Sydney, das weltweit höchste Gebäude aus Holz mit 180 m Höhe, 39 Stockwerken und 75 000 m² Bruttogeschößfläche.<br></br>Alleine diese Beispiele zeigen, welche vielfältigen Möglichkeiten Holz, gerade auch in Kombination mit anderen Baustoffen wie Stahl oder Beton bietet.</p> <h2 id="h-wege-zu-bezahlbarem-wohnraum">Wege zu bezahlbarem Wohnraum</h2> <p>Die steigenden Kosten für das Bauen, besonders für das Bauen von Wohnungen hatte ich weiter oben bereits angesprochen. Ulrich Brüggerhoff von der Postbaugenossenschaft München und Oberbayern eG hat hierzu den Vorschlag, nach Mindeststandard zu bauen.</p> <p>In diesem Fall sollte ein neues Wohnquartier bebaut werden wobei zumindest ein Teil eben auch in genossenschaftlicher Hand sein sollte. Das bedeutet rund 56 Wohnungen in Holz-Hybridbauweise. Durch Einhaltung der Mindeststandards erhofft man sich Einsparungen. Das bedeutet auch, eben kein erhöhter Standard zum Beispiel im Schallschutz, obwohl dieser meist als Stand der Technik angesehen wird. Überdachte Laubengänge ermöglichen auch eine Abweichung von der Abdichtungsrichtlinie an Eingangstüren. Es sollten weniger raumhohe Fensterelemente verbaut werden und die Außenanlagen nur reduziert beleuchtet werden (was in meinen Augen auch aus Gründen der Verminderung der Lichtverschmutzung durchaus interessant sein kann).</p> <p>Verzichtet werden soll auch auf eine kontrollierte Be- und Entlüftung der Wohnungen sowie konsequente Einsparungen bei der Auswahl zum Beispiel der Balkonbrüstungen, Pflaster und ähnlichem.</p> <h2 id="h-zirkulares-bauen-reuse-und-nachhaltigkeit">Zirkuläres Bauen – Reuse und Nachhaltigkeit</h2> <p>Kim LeRoux von LXSY Architektur informierte uns über die Grundlagen des zirkulären Bauens. Generell geht es darum, mit dem zu Bauen, was an Material vorhanden ist, wobei man eine Wiederverwendung in der Zukunft auch immer mit im Blick behalten sollte. Das bedingt natürlich eine hohe Flexibilität in der Planung sowie gegebenenfalls auch einen neuen Umgang mit Standards. Was wird wirklich benötigt und kann gegebenenfalls der Nutzen auch anders erbracht werden? Wenn möglich, kann es reduziert werden, in Größe oder Menge?</p> <p>Oder kann man vielleicht auch etwas bereits Gebrauchtes verwendet werden? Muss dieses und kann es repariert oder eventuell auf den aktuellen Stand der Technik gebracht werden?</p> <p>Können noch tadellos intakte Komponenten eventuell wieder in andere, neue Produkte integriert werden? Vielleicht kann man es auch in ein anderes Produkt einbauen und ihm so einen vollkommen neuen Nutzen geben.</p> <p>Und wenn alle Stränge reißen: Kann es getrennt oder gar recycelt werden?</p> <p>Ein Ansatz hierzu sind Materialpässe, aus welchen unter anderem die Art, Größe und Menge des Materials, seine Zusammensetzung und sein Herstellungs- und Einbauzeitraum hervorgehen.</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Mir hat das wieder sehr viel Spaß gemacht. Es war schön zu sehen, dass die Schadstoffproblematik und dier Gedanke des zirkulären Bauens nicht unbedingt im Widerspruch zueinander stehen müssen. Ich hoffe, auch bei nächsten Mal wieder dabeis ein zu dürfen. Die Bilder der Vaeranstaltung sind unter <a href="https://flic.kr/s/aHBqjCzPEk">https://flic.kr/s/aHBqjCzPEk</a> zu finden.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/3-berliner-bauherrentag-bauen-neu-denken/#comments 1 Auf der „Jagd“ nach dem Japanischen Schnabelwal (Mesoplodon gingkodens) https://scilogs.spektrum.de/meertext/auf-der-jagd-nach-dem-japanischen-schnabelwal-mesoplodon-gingkodens/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/auf-der-jagd-nach-dem-japanischen-schnabelwal-mesoplodon-gingkodens/#comments Fri, 21 Nov 2025 15:25:04 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1827 <h1>Auf der „Jagd“ nach dem Japanischen Schnabelwal (Mesoplodon gingkodens) » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Im Juni 2024 sichteten Forschende vor der nordwestlichen Baja California in mexikanischen Gewässern eine der seltensten Walarten der Welt: den Japanischen Schnabelwal (<em>Mesoplodon gingkodens</em>). Für mehrere Stunden konnten sie gleich zwei Tiere, die immer wieder auf- und abtauchten, beobachten, ihre Laute aufnehmen und zuletzt sogar eine Gewebeprobe für die genetische Analyse nehmen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-22.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="611" sizes="(max-width: 524px) 100vw, 524px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-22.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-22.png 524w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-22-257x300.png 257w" width="524"></img></a></figure> <p>Das war die erste bestätigte Lebendsichtung dieser mittelgroßen Zahnwale und damit eine Sensation. Diese Sichtung einer so seltenen und scheuen Art in den Weiten des Meeres war absolut kein Zufall, sondern das Ergebnis einer fünfjährigen Suche.<br></br>Im Juli <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/mms.70052">wurde die Sichtung publiziert</a>. Dass sie in den Medien gerade viral geht, liegt allerdings nur zum Teil an den Walen, sondern auch an einem herumlungernden Albatros. Dazu später mehr.<p>Hier geht´s zur Publikation:</p><br></br><a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Henderson/E.+Elizabeth">E. Elizabeth Henderson</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Ballance/Lisa+T.">Lisa T. Ballance</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/C%C3%A1rdenas%E2%80%90Hinojosa/Gustavo">Gustavo Cárdenas-Hinojosa</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Barlow/Jay">Jay Barlow</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/DeAngelis/Annamaria+I.">Annamaria I. DeAngelis</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Mart%C3%ADnez%E2%80%90Aguilar/Sergio">Sergio Martínez-Aguilar</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Hayslip/Craig">Craig Hayslip</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Pusser/L.+Todd">L. Todd Pusser</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Segovia/Mario+M%C3%A1rquez">Mario Márquez Segovia</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Baker/C.+Scott">C. Scott Baker</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Steel/Debbie">Debbie Steel</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Huerta%E2%80%90Pati%C3%B1o/Rodrigo">Rodrigo Huerta-Patiño</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Paredes/Luis+Manuel+Enriquez">Luis Manuel Enriquez Paredes</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Brownell/Robert+L./Jr">Robert L. Brownell Jr</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Pitman/Robert+L.">Robert L. Pitman</a>: “First At-Sea Identifications of Ginkgo-Toothed Beaked Whale (<em>Mesoplodon ginkgodens</em>): Acoustics, Genetics, and Biological Observations Off Baja California, México”; 28 July 2025; Marine Mammal Science, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/toc/17487692/2026/42/1">Volume 42, Issue1</a>; <a href="https://doi.org/10.1111/mms.70052">https://doi.org/10.1111/mms.70052</a></p> <h2 id="h-whales-starboard-side"><strong>“Whales! Starboard side!”</strong></h2> <p>Als das Wal-Forschungsteam mit Wal-Experten aus den USA und Mexiko an einem Junimorgen 2024 vor der Küste der Bacha California in mexikanischen Gewässern fündig wurden, saßen die meisten gerade beim Frühstück. Der Wal-Ausguck des Forschungsschiffes RV <em>Pacific Storm</em> war aber natürlich während der gesamten Tageslichtzeit besetzt, hellwach und mit exzellenten Ferngläsern ausgestattet. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-23.png"><img alt="" decoding="async" height="629" sizes="(max-width: 987px) 100vw, 987px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-23.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-23.png 987w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-23-300x191.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-23-768x489.png 768w" width="987"></img></a><figcaption>NOAA: RV <em>Pacific Storm</em><br></br>https://oceanexplorer.noaa.gov/multimedia/explorations-23pacific-methane-seeps-pacific-storm/</figcaption></figure> <p>Beim Ruf “Whales! Starboard side!” sprangen natürlich alle auf und rannten raus.<br></br>Dann verfolgten sie die beiden Schnabelwale für die nächsten Stunden, schossen Photos, nahmen ihre Laute auf und kamen schließlich so nahe heran, dass der erfahre Wal-Experte Robert Pitman (Oregon State University) mit der Spezial-Armbrust einen Schuss auf einen der dunkelgrauen Wal-Rücken abgeben konnte. Solche Armbrustbolzen sind für das Biopsy sampling so modifiziert, dass sie nur ein Stückchen aus der Oberfläche ausstanzen. Der Bolzen mit dem Gewebepröbchen schwimmt dann an der Wasseroberfläche und kann dort eingesammelt werden. Mit dem genetischen Abgleich kann die Walart nochmals bestätigt werden.</p> <p>Pitmans Schuß saß perfekt und der Bolzen trieb an der Oberfläche.<br></br>Robert Pitman ist eigentlich gerade pensioniert worden, aber genau der richtige für solch eine Wal-Expedition. Der extrem erfahrene Walforscher mit viel KnowHow hat schon verschiedene Male auch schwierig zu entdeckende Spezies mit aufgespürt und beschrieben, wie etwa die <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/typ-d-orcas-phantome-im-suedlichen-ozean/">Unterart der antarktischen Typ D-Orcas</a>. Außerdem hat er bereits an der Artbeschreibung neuer Schnabelwalarten des Nordpazifiks mitgearbeitet, wie dem „Raben“ (Satos Schnabelwal, <em>Berardius</em> <em>minimus</em>). Außerdem ist er sehr <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/wie-wale-mit-krypto-kommunikation-orcas-meiden/">erfahren mit dem Verhalten verschiedener Arten. </a>Darum konnte gerade Pitman sich diese Jagd nach einer neuen Walart nicht entgehen lassen.<aside></aside></p> <h2 id="h-5-jahre-wal-pirsch"><strong>5 Jahre Wal-Pirsch</strong></h2> <p>Auf diese Sichtung hatten die Wissenschaftler fünf Jahre hingearbeitet. 2020 hatte Elizabeth Henderson, eine Wissenschaftlerin des US military’s Naval Information Warfare Center LS Portal mit einigen Kollegen aus Mexiko und den USA eine Gruppe von Walen aufgenommen, die ungewöhnliche Rufe abgaben. Sie nannten den Ruf <a href="https://nautil.us/hunting-the-most-elusive-whale-1238825/">BW 43</a>. Klar war, dass die Rufe von einer der Arten der immer noch wenig erforschten <em>Mesoplodon</em>-Gattung stammten, mittelgroßen Schnabelwalen, bei denen nur die Männchen zwei ungewöhnlich geformte Zähne im Unterkiefer entwickeln. Diese Zähne und noch einige Schädeldetails sind die wichtigsten Identifikationsmerkmale. Außerdem sind sie als Tieftaucher wenig an der Oberfläche und sehr scheu. Darum ist es schwierig, sie lebendig zu sichten. BW 43, so hofften die Forscher konnte von Perrins Schnabelwal, (<em>Mesoplodon perrini</em>) stammen, der auch noch nie lebendig beobachtet worden war. Da jede Schnabelwalart ihren eigenen, frequenzmodulierten Echolokationsimpuls mit ansteigender Frequenz erzeugt, kann, sowie der Echoortungsimpuls für eine bestimmte Art erst einmal identifiziert ist, dieser Impuls zur Arterkennung genutzt werden.</p> <p>So kehrten die Forscher in drei aufeinanderfolgenden Jahren zu diesem Ort zurück, zuerst mit einem Segelboot, dann mit einem gecharterten mexikanischen Fischerboot – doch ohne Erfolg. 2024 entschloss sich dann ein Team der Oregon State University mit einem Forschungsschiff zurückzukehren: Der <em>Pacific Storm.</em> Dieses Schiff war mit Hydrophonen ausgestattet, um Wale unter Wasser anhand ihrer Laute aufzuspüren und verfügte über eine hoch liegende Beobachtungsplattform (ein größeres Krähennest) mit leistungsstarken Binokularen. <br></br>Dort wechselte sich ein Team von fünf Beobachtern während der Tagesstunden in 30-Minuten-Intervallen an drei Stationen (linkes Bigeye, rechtes Bigeye und Handfernglas) ab, sofern das Wetter dies zuließ (in der Regel Beaufort-Seegang &lt; 6 und Sichtweite &gt; 1 km). Die zwei 25 × 150 mm („Bigeye“) Ferngläser waren über dem Steuerhaus des Schiffes (6,7 m über dem Meeresspiegel) angebracht, im Ausguck (10,7 m über dem Meeresspiegel) kamen Handferngläser zum Einsatz. <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/mms.70052">Die systematische Suche nach </a>standardisierten Linientransektmethoden erfolgte in den geografischen Gebieten, in denen zuvor akustische Detektionen von BW43-Echolokationsimpulsen aufgezeichnete worden waren sowie anderen potenziellen Gebiete, in denen Schnabelwale oft vorkommen, also Meeresgebiete mit bathymetrischen Merkmalen mit starken Neigungsgradienten wie Seebergen oder submarinen Canyons. </p> <p>Genau das führte bei dieser Schnabelwal-Suche zum Erfolg: Das Beobachtungsdeck liegt hoch genug, um einen großen Teil der Meeresoberfläche zu scannen. Und die leistungsstarken Binokulare ermöglichen die Erkennung selbst von Schnabelwalen, die beim Auftauchen nur Kopf und Rücken wenige Zentimeter über die Wasseroberfläche strecken und einen niedrigen Blow haben. Dieses unscheinbare Verhalten macht ihre Sichtungen besonders schwierig. Dabei auch noch ein erwachsenes Männchen zu sichten und bei diesem dann auch noch die beiden Zähne im Unterkiefer zu erspähen, wäre nur mit extrem viel Glück möglich gewesen. Selbst wenn, wie hier, die Suche in ihrem spezifischen Lebensraum stattfindet.</p> <p>Auf dieser Expedition sichteten die Forschenden sechsmal Schnabelwale: <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/mms.70052">Einen Cuvier-Wal und fünf <em>Mesoplodon</em>-Sichtungen, die später durch Photos, Genetik und Akustik </a>als Japanische Schnabelwale identifiziert werden konnten. Letzte waren allein oder in Gruppen von bis zu fünf Exemplaren unterwegs.</p> <p>Diese Aufnahme aus der Publikation, die in den meisten Zeitungen erschien, ermöglichte auch die visuelle Identifikation: Es ist eine Nah-Aufnahme eines erwachsenen Männchens. Der Schnabel ist artspezifisch kurz und lässt die nicht sehr großen Zahnspitzen erkennen. Diese sind abgenutz und von weißlichem Narbengewebe umgeben – die Bullen fechten mit Schnäbeln und Zähnen Kommentkämpfe aus. Die Mundöffnung ist geschwungen und der Zahn sitzt auf dem höchsten Punkt in der Mitte. Hinter dem Zahn, auf der Melone udn dem Unterkiefer sind weitere weiße “Bürstenstriche”, vermutlich ebenfalls Narben von Kommentkämpfen. <br></br>Auf der dunkelgrauen Haut der Wale sind oft weitere weiße Striche zu sehen, die vermutlich von den Zähnen der Artgenossen stammen, runde Narben hingegen stammen von “Cookie-Cutter-Haien” (Keksausstecher-Haie), die sich von den ausgestanzten Bissen ernähren.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-22.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="611" sizes="(max-width: 524px) 100vw, 524px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-22.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-22.png 524w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-22-257x300.png 257w" width="524"></img></a></figure> <figure><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Ginkgo-toothed_beaked_whale#/media/File:Mesoplodon_ginkgodens_2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="379" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Mesoplodon_ginkgodens_2-1024x379.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Mesoplodon_ginkgodens_2-1024x379.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Mesoplodon_ginkgodens_2-300x111.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Mesoplodon_ginkgodens_2-768x284.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Mesoplodon_ginkgodens_2.jpg 1280w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Mesoplodon ginkgodens</em> (Ginkgo-toothed beaked whale), oil on paper (Wikipedia: Jörg Mazur)<br></br>Auch hier ist ein erwachsenes Männchen abgebildet, mit der artspezifischen Schnabelform und Bezahnung.</figcaption></figure> <h2 id="h-schnabelwale-sind-kompliziert-und-gefahrdet"><strong>Schnabelwale sind kompliziert</strong>. <strong>Und gefährdet.</strong></h2> <p>Aktuell sind 24 Arten der Gattung <em>Mesoplodon</em> bekannt, es werden immer noch neue beschrieben, zuletzt 2021 Ramaris Zweizahnwal<em> (Mesoplodon eueu</em>). Gemeinsam mit anderen Schnabelwal-Arten und den Pottwalen sind sie die extremstene Tieftaucher unter den Walen (nur Südlcihe See-Elefanten können mit ihnen noch mithalten) und verbringen den größten Teil ihres Lebens in den Tiefen der Meere. Zwischendurch kommen sie nur für wenige Minuten an die Meeresoberfläche, um sehr schnell ihr gesamtes Lungenvolumen an Atemluft auszutauschen udn dann wieder in der Sicherheit der Tiefe zu verschwinden, auf der Suche nach Tintenfischen. Sie leben in tiefen Gewässern, meist weit entfernt von den nächsten Küsten. Außerdem sind sie sehr scheu ja und vermeiden Kontakte mit Booten und Schiffen durch meist schnelles Abtauchen. Da sie dabei leise nach unten gleiten, ohne die Fluke anzuheben, bleiben sie oft ungesehen und ungehört.</p> <p>Von den heute bekannten 94 Wal-Arten machen die Schnabelwale fast ein Viertel aus. Dennoch haben die meisten Menschen noch nie von ihnen gehört und auch viele Forschende wissen nur wenig über sie.<br></br>Meist werden diese Tiere nur tot an Stränden angespült, viele werden nur aufgrund solcher Totfunde beschrieben. Daher ist noch wenig über ihre Verbreitungsgebiete bekannt. In den letzten 30 Jahren nehmen ihre Totstrandungen leider alarmierend zu: Sie s<a href="https://theecologist.org/2000/jun/07/deafness-deep">ind extrem empfindlich gegenüber Marine-Sonar zur U-Boot-Jagd, dem sogenannten LFAS.</a> Deren Impulse ähneln den Sonar-Klicks jagender Orcas, den Totfeinden der Schnabelwale. Vor ihren schwarz-weißen Jägern tauchen die Tintenfischfresser in große Tiefen ab, kommunizieren nur mit akustischer Tarnkappe und kommen nur kurz und unauffällig an die Meeresoberflächen. Durch <a href="https://acousticstoday.org/wp-content/uploads/2015/05/Sonars-and-Strandings-Are-Beaked-Whales-the-Aquatic-Acoustic-Canary.pdf">die LFAS-Laute geraten sie in derartige Panik</a>, dass sie viel zu schnell auftauchen und dann Dekompressions-Krankheit entwickeln: In den Blutgefäßen perlen Sauerstoffbläschen aus und zerreißen die Blutgefäße, was zu sichtbaren Hirn- und Ohrblutungen führt.<br></br>Die US Navy versucht darum seit Längerem, bei Manövern bekannte Schnabelwal-Habitate zu vermeiden, auch um die Kanarischen Inseln herum dürfen nach mehreren Massenstrandungen keine Manöver mehr durchgeführt werden. Anderswo gibt es leider noch keine Schutzgebiete für diese immer noch geheimnisvollen Wale, erst im Juli/August 2025 wurden <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/schnabelwal-strandungen-im-juli-august-2025/">auffallend viele Schnabelwale an den Atlantik-Küsten Irlands</a>, Englands, Schottlands sowie den Nordseeküsten der Niederlande und Deutschlands tot angespült – vermutlich im Kontext mit einer Marine-Übung, das ist allerdings noch nicht bestätigt.  </p> <h2 id="h-uberraschungen"><strong>Überraschungen</strong></h2> <p>Die Wal-Experten hatten vor der mexikanischen Küste gar nicht mit Japanischen Schnabelwalen gerechnet, da die meisten Strandungen auf der anderen Seite des Pazifiks dokumentiert sind, vor den japanischen Küsten – wie ja auch der deutsche Name schon sagt (Ihr wissenschaftlicher Name hingegen bezieht sich auf die beiden gingkoförmigen Zähne im Unterkiefer der Bullen.) An den nordamerikanischen Küsten wurden bislang nur zwei <em>M. gingkodens-</em>Strandungen berichtet, die die Forscher für Ausnahmen hielten. Aber jetzt ist klar, dass der Lebensraum der Wale bis dorthin reicht.  <br></br>Mit der Zuordnung ihrer Laute kann jetzt auch mit den passive Sonarstationen, die Wal-Vorkommen erfassen, ihr Lebensraum besser definiert werden, was eien wichtige Voraussetzung für ihren besseren Schutz ist.</p> <p>Für Robert Pitman war diese Sichtung die 90. Walspezies von <a href="https://www.theguardian.com/environment/2025/nov/17/rare-gingko-toothed-beaked-whale-science-cetacean-research">weltweit 94 beschriebenen, die er persönlich</a> gesehen hat, wie er der Presse erzählte.  Als nächstes träumt er von einem Treffen mit dem noch nie lebend gesichteten Perrins Schnabelwal. Von dem gibt es bisher nur das Wissen aus sechs Strandungen, aber weder eine Lebendsichtung noch eine Tonaufnahme. Darum wissen die Forscher gerade noch nicht genau, wo sie danach gezielt Ausschau halten sollen, schließlich ist der Nordpazifik groß. Aber sie sind der scheuen Art weiter auf den Fluken.</p> <p>Trotz Pitmans erfolgreichem Armbrust-Schuß wäre die Gewebeprobe fast noch verloren gegangen: Ein Albatros kam angeflogen und begann, an dem wertvollen Beweisstück zu picken. In Panik fingen die Wissenschaftler und die Crew an zu schreien, einige warfen sogar ihre Frühstücksbrötchen nach dem hungrigen <a href="https://www.theguardian.com/environment/2025/nov/17/rare-gingko-toothed-beaked-whale-science-cetacean-research">Meeresvogel, um ihn abzulenken oder zu vertreiben</a>. Davon wurden zumindest bislang leider keine Photos veröffentlicht. Ebenfalls unbekannt ist, ob der Albatros dann lieber nach den Brötchen geschnappt hat, aber er ließ von dem Bolzen mit dem kostbaren Walgewebe ab und flog erstmal seines Weges.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Auf der „Jagd“ nach dem Japanischen Schnabelwal (Mesoplodon gingkodens) » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Im Juni 2024 sichteten Forschende vor der nordwestlichen Baja California in mexikanischen Gewässern eine der seltensten Walarten der Welt: den Japanischen Schnabelwal (<em>Mesoplodon gingkodens</em>). Für mehrere Stunden konnten sie gleich zwei Tiere, die immer wieder auf- und abtauchten, beobachten, ihre Laute aufnehmen und zuletzt sogar eine Gewebeprobe für die genetische Analyse nehmen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-22.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="611" sizes="(max-width: 524px) 100vw, 524px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-22.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-22.png 524w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-22-257x300.png 257w" width="524"></img></a></figure> <p>Das war die erste bestätigte Lebendsichtung dieser mittelgroßen Zahnwale und damit eine Sensation. Diese Sichtung einer so seltenen und scheuen Art in den Weiten des Meeres war absolut kein Zufall, sondern das Ergebnis einer fünfjährigen Suche.<br></br>Im Juli <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/mms.70052">wurde die Sichtung publiziert</a>. Dass sie in den Medien gerade viral geht, liegt allerdings nur zum Teil an den Walen, sondern auch an einem herumlungernden Albatros. Dazu später mehr.<p>Hier geht´s zur Publikation:</p><br></br><a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Henderson/E.+Elizabeth">E. Elizabeth Henderson</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Ballance/Lisa+T.">Lisa T. Ballance</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/C%C3%A1rdenas%E2%80%90Hinojosa/Gustavo">Gustavo Cárdenas-Hinojosa</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Barlow/Jay">Jay Barlow</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/DeAngelis/Annamaria+I.">Annamaria I. DeAngelis</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Mart%C3%ADnez%E2%80%90Aguilar/Sergio">Sergio Martínez-Aguilar</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Hayslip/Craig">Craig Hayslip</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Pusser/L.+Todd">L. Todd Pusser</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Segovia/Mario+M%C3%A1rquez">Mario Márquez Segovia</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Baker/C.+Scott">C. Scott Baker</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Steel/Debbie">Debbie Steel</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Huerta%E2%80%90Pati%C3%B1o/Rodrigo">Rodrigo Huerta-Patiño</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Paredes/Luis+Manuel+Enriquez">Luis Manuel Enriquez Paredes</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Brownell/Robert+L./Jr">Robert L. Brownell Jr</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Pitman/Robert+L.">Robert L. Pitman</a>: “First At-Sea Identifications of Ginkgo-Toothed Beaked Whale (<em>Mesoplodon ginkgodens</em>): Acoustics, Genetics, and Biological Observations Off Baja California, México”; 28 July 2025; Marine Mammal Science, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/toc/17487692/2026/42/1">Volume 42, Issue1</a>; <a href="https://doi.org/10.1111/mms.70052">https://doi.org/10.1111/mms.70052</a></p> <h2 id="h-whales-starboard-side"><strong>“Whales! Starboard side!”</strong></h2> <p>Als das Wal-Forschungsteam mit Wal-Experten aus den USA und Mexiko an einem Junimorgen 2024 vor der Küste der Bacha California in mexikanischen Gewässern fündig wurden, saßen die meisten gerade beim Frühstück. Der Wal-Ausguck des Forschungsschiffes RV <em>Pacific Storm</em> war aber natürlich während der gesamten Tageslichtzeit besetzt, hellwach und mit exzellenten Ferngläsern ausgestattet. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-23.png"><img alt="" decoding="async" height="629" sizes="(max-width: 987px) 100vw, 987px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-23.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-23.png 987w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-23-300x191.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-23-768x489.png 768w" width="987"></img></a><figcaption>NOAA: RV <em>Pacific Storm</em><br></br>https://oceanexplorer.noaa.gov/multimedia/explorations-23pacific-methane-seeps-pacific-storm/</figcaption></figure> <p>Beim Ruf “Whales! Starboard side!” sprangen natürlich alle auf und rannten raus.<br></br>Dann verfolgten sie die beiden Schnabelwale für die nächsten Stunden, schossen Photos, nahmen ihre Laute auf und kamen schließlich so nahe heran, dass der erfahre Wal-Experte Robert Pitman (Oregon State University) mit der Spezial-Armbrust einen Schuss auf einen der dunkelgrauen Wal-Rücken abgeben konnte. Solche Armbrustbolzen sind für das Biopsy sampling so modifiziert, dass sie nur ein Stückchen aus der Oberfläche ausstanzen. Der Bolzen mit dem Gewebepröbchen schwimmt dann an der Wasseroberfläche und kann dort eingesammelt werden. Mit dem genetischen Abgleich kann die Walart nochmals bestätigt werden.</p> <p>Pitmans Schuß saß perfekt und der Bolzen trieb an der Oberfläche.<br></br>Robert Pitman ist eigentlich gerade pensioniert worden, aber genau der richtige für solch eine Wal-Expedition. Der extrem erfahrene Walforscher mit viel KnowHow hat schon verschiedene Male auch schwierig zu entdeckende Spezies mit aufgespürt und beschrieben, wie etwa die <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/typ-d-orcas-phantome-im-suedlichen-ozean/">Unterart der antarktischen Typ D-Orcas</a>. Außerdem hat er bereits an der Artbeschreibung neuer Schnabelwalarten des Nordpazifiks mitgearbeitet, wie dem „Raben“ (Satos Schnabelwal, <em>Berardius</em> <em>minimus</em>). Außerdem ist er sehr <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/wie-wale-mit-krypto-kommunikation-orcas-meiden/">erfahren mit dem Verhalten verschiedener Arten. </a>Darum konnte gerade Pitman sich diese Jagd nach einer neuen Walart nicht entgehen lassen.<aside></aside></p> <h2 id="h-5-jahre-wal-pirsch"><strong>5 Jahre Wal-Pirsch</strong></h2> <p>Auf diese Sichtung hatten die Wissenschaftler fünf Jahre hingearbeitet. 2020 hatte Elizabeth Henderson, eine Wissenschaftlerin des US military’s Naval Information Warfare Center LS Portal mit einigen Kollegen aus Mexiko und den USA eine Gruppe von Walen aufgenommen, die ungewöhnliche Rufe abgaben. Sie nannten den Ruf <a href="https://nautil.us/hunting-the-most-elusive-whale-1238825/">BW 43</a>. Klar war, dass die Rufe von einer der Arten der immer noch wenig erforschten <em>Mesoplodon</em>-Gattung stammten, mittelgroßen Schnabelwalen, bei denen nur die Männchen zwei ungewöhnlich geformte Zähne im Unterkiefer entwickeln. Diese Zähne und noch einige Schädeldetails sind die wichtigsten Identifikationsmerkmale. Außerdem sind sie als Tieftaucher wenig an der Oberfläche und sehr scheu. Darum ist es schwierig, sie lebendig zu sichten. BW 43, so hofften die Forscher konnte von Perrins Schnabelwal, (<em>Mesoplodon perrini</em>) stammen, der auch noch nie lebendig beobachtet worden war. Da jede Schnabelwalart ihren eigenen, frequenzmodulierten Echolokationsimpuls mit ansteigender Frequenz erzeugt, kann, sowie der Echoortungsimpuls für eine bestimmte Art erst einmal identifiziert ist, dieser Impuls zur Arterkennung genutzt werden.</p> <p>So kehrten die Forscher in drei aufeinanderfolgenden Jahren zu diesem Ort zurück, zuerst mit einem Segelboot, dann mit einem gecharterten mexikanischen Fischerboot – doch ohne Erfolg. 2024 entschloss sich dann ein Team der Oregon State University mit einem Forschungsschiff zurückzukehren: Der <em>Pacific Storm.</em> Dieses Schiff war mit Hydrophonen ausgestattet, um Wale unter Wasser anhand ihrer Laute aufzuspüren und verfügte über eine hoch liegende Beobachtungsplattform (ein größeres Krähennest) mit leistungsstarken Binokularen. <br></br>Dort wechselte sich ein Team von fünf Beobachtern während der Tagesstunden in 30-Minuten-Intervallen an drei Stationen (linkes Bigeye, rechtes Bigeye und Handfernglas) ab, sofern das Wetter dies zuließ (in der Regel Beaufort-Seegang &lt; 6 und Sichtweite &gt; 1 km). Die zwei 25 × 150 mm („Bigeye“) Ferngläser waren über dem Steuerhaus des Schiffes (6,7 m über dem Meeresspiegel) angebracht, im Ausguck (10,7 m über dem Meeresspiegel) kamen Handferngläser zum Einsatz. <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/mms.70052">Die systematische Suche nach </a>standardisierten Linientransektmethoden erfolgte in den geografischen Gebieten, in denen zuvor akustische Detektionen von BW43-Echolokationsimpulsen aufgezeichnete worden waren sowie anderen potenziellen Gebiete, in denen Schnabelwale oft vorkommen, also Meeresgebiete mit bathymetrischen Merkmalen mit starken Neigungsgradienten wie Seebergen oder submarinen Canyons. </p> <p>Genau das führte bei dieser Schnabelwal-Suche zum Erfolg: Das Beobachtungsdeck liegt hoch genug, um einen großen Teil der Meeresoberfläche zu scannen. Und die leistungsstarken Binokulare ermöglichen die Erkennung selbst von Schnabelwalen, die beim Auftauchen nur Kopf und Rücken wenige Zentimeter über die Wasseroberfläche strecken und einen niedrigen Blow haben. Dieses unscheinbare Verhalten macht ihre Sichtungen besonders schwierig. Dabei auch noch ein erwachsenes Männchen zu sichten und bei diesem dann auch noch die beiden Zähne im Unterkiefer zu erspähen, wäre nur mit extrem viel Glück möglich gewesen. Selbst wenn, wie hier, die Suche in ihrem spezifischen Lebensraum stattfindet.</p> <p>Auf dieser Expedition sichteten die Forschenden sechsmal Schnabelwale: <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/mms.70052">Einen Cuvier-Wal und fünf <em>Mesoplodon</em>-Sichtungen, die später durch Photos, Genetik und Akustik </a>als Japanische Schnabelwale identifiziert werden konnten. Letzte waren allein oder in Gruppen von bis zu fünf Exemplaren unterwegs.</p> <p>Diese Aufnahme aus der Publikation, die in den meisten Zeitungen erschien, ermöglichte auch die visuelle Identifikation: Es ist eine Nah-Aufnahme eines erwachsenen Männchens. Der Schnabel ist artspezifisch kurz und lässt die nicht sehr großen Zahnspitzen erkennen. Diese sind abgenutz und von weißlichem Narbengewebe umgeben – die Bullen fechten mit Schnäbeln und Zähnen Kommentkämpfe aus. Die Mundöffnung ist geschwungen und der Zahn sitzt auf dem höchsten Punkt in der Mitte. Hinter dem Zahn, auf der Melone udn dem Unterkiefer sind weitere weiße “Bürstenstriche”, vermutlich ebenfalls Narben von Kommentkämpfen. <br></br>Auf der dunkelgrauen Haut der Wale sind oft weitere weiße Striche zu sehen, die vermutlich von den Zähnen der Artgenossen stammen, runde Narben hingegen stammen von “Cookie-Cutter-Haien” (Keksausstecher-Haie), die sich von den ausgestanzten Bissen ernähren.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-22.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="611" sizes="(max-width: 524px) 100vw, 524px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-22.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-22.png 524w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-22-257x300.png 257w" width="524"></img></a></figure> <figure><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Ginkgo-toothed_beaked_whale#/media/File:Mesoplodon_ginkgodens_2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="379" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Mesoplodon_ginkgodens_2-1024x379.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Mesoplodon_ginkgodens_2-1024x379.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Mesoplodon_ginkgodens_2-300x111.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Mesoplodon_ginkgodens_2-768x284.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Mesoplodon_ginkgodens_2.jpg 1280w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Mesoplodon ginkgodens</em> (Ginkgo-toothed beaked whale), oil on paper (Wikipedia: Jörg Mazur)<br></br>Auch hier ist ein erwachsenes Männchen abgebildet, mit der artspezifischen Schnabelform und Bezahnung.</figcaption></figure> <h2 id="h-schnabelwale-sind-kompliziert-und-gefahrdet"><strong>Schnabelwale sind kompliziert</strong>. <strong>Und gefährdet.</strong></h2> <p>Aktuell sind 24 Arten der Gattung <em>Mesoplodon</em> bekannt, es werden immer noch neue beschrieben, zuletzt 2021 Ramaris Zweizahnwal<em> (Mesoplodon eueu</em>). Gemeinsam mit anderen Schnabelwal-Arten und den Pottwalen sind sie die extremstene Tieftaucher unter den Walen (nur Südlcihe See-Elefanten können mit ihnen noch mithalten) und verbringen den größten Teil ihres Lebens in den Tiefen der Meere. Zwischendurch kommen sie nur für wenige Minuten an die Meeresoberfläche, um sehr schnell ihr gesamtes Lungenvolumen an Atemluft auszutauschen udn dann wieder in der Sicherheit der Tiefe zu verschwinden, auf der Suche nach Tintenfischen. Sie leben in tiefen Gewässern, meist weit entfernt von den nächsten Küsten. Außerdem sind sie sehr scheu ja und vermeiden Kontakte mit Booten und Schiffen durch meist schnelles Abtauchen. Da sie dabei leise nach unten gleiten, ohne die Fluke anzuheben, bleiben sie oft ungesehen und ungehört.</p> <p>Von den heute bekannten 94 Wal-Arten machen die Schnabelwale fast ein Viertel aus. Dennoch haben die meisten Menschen noch nie von ihnen gehört und auch viele Forschende wissen nur wenig über sie.<br></br>Meist werden diese Tiere nur tot an Stränden angespült, viele werden nur aufgrund solcher Totfunde beschrieben. Daher ist noch wenig über ihre Verbreitungsgebiete bekannt. In den letzten 30 Jahren nehmen ihre Totstrandungen leider alarmierend zu: Sie s<a href="https://theecologist.org/2000/jun/07/deafness-deep">ind extrem empfindlich gegenüber Marine-Sonar zur U-Boot-Jagd, dem sogenannten LFAS.</a> Deren Impulse ähneln den Sonar-Klicks jagender Orcas, den Totfeinden der Schnabelwale. Vor ihren schwarz-weißen Jägern tauchen die Tintenfischfresser in große Tiefen ab, kommunizieren nur mit akustischer Tarnkappe und kommen nur kurz und unauffällig an die Meeresoberflächen. Durch <a href="https://acousticstoday.org/wp-content/uploads/2015/05/Sonars-and-Strandings-Are-Beaked-Whales-the-Aquatic-Acoustic-Canary.pdf">die LFAS-Laute geraten sie in derartige Panik</a>, dass sie viel zu schnell auftauchen und dann Dekompressions-Krankheit entwickeln: In den Blutgefäßen perlen Sauerstoffbläschen aus und zerreißen die Blutgefäße, was zu sichtbaren Hirn- und Ohrblutungen führt.<br></br>Die US Navy versucht darum seit Längerem, bei Manövern bekannte Schnabelwal-Habitate zu vermeiden, auch um die Kanarischen Inseln herum dürfen nach mehreren Massenstrandungen keine Manöver mehr durchgeführt werden. Anderswo gibt es leider noch keine Schutzgebiete für diese immer noch geheimnisvollen Wale, erst im Juli/August 2025 wurden <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/schnabelwal-strandungen-im-juli-august-2025/">auffallend viele Schnabelwale an den Atlantik-Küsten Irlands</a>, Englands, Schottlands sowie den Nordseeküsten der Niederlande und Deutschlands tot angespült – vermutlich im Kontext mit einer Marine-Übung, das ist allerdings noch nicht bestätigt.  </p> <h2 id="h-uberraschungen"><strong>Überraschungen</strong></h2> <p>Die Wal-Experten hatten vor der mexikanischen Küste gar nicht mit Japanischen Schnabelwalen gerechnet, da die meisten Strandungen auf der anderen Seite des Pazifiks dokumentiert sind, vor den japanischen Küsten – wie ja auch der deutsche Name schon sagt (Ihr wissenschaftlicher Name hingegen bezieht sich auf die beiden gingkoförmigen Zähne im Unterkiefer der Bullen.) An den nordamerikanischen Küsten wurden bislang nur zwei <em>M. gingkodens-</em>Strandungen berichtet, die die Forscher für Ausnahmen hielten. Aber jetzt ist klar, dass der Lebensraum der Wale bis dorthin reicht.  <br></br>Mit der Zuordnung ihrer Laute kann jetzt auch mit den passive Sonarstationen, die Wal-Vorkommen erfassen, ihr Lebensraum besser definiert werden, was eien wichtige Voraussetzung für ihren besseren Schutz ist.</p> <p>Für Robert Pitman war diese Sichtung die 90. Walspezies von <a href="https://www.theguardian.com/environment/2025/nov/17/rare-gingko-toothed-beaked-whale-science-cetacean-research">weltweit 94 beschriebenen, die er persönlich</a> gesehen hat, wie er der Presse erzählte.  Als nächstes träumt er von einem Treffen mit dem noch nie lebend gesichteten Perrins Schnabelwal. Von dem gibt es bisher nur das Wissen aus sechs Strandungen, aber weder eine Lebendsichtung noch eine Tonaufnahme. Darum wissen die Forscher gerade noch nicht genau, wo sie danach gezielt Ausschau halten sollen, schließlich ist der Nordpazifik groß. Aber sie sind der scheuen Art weiter auf den Fluken.</p> <p>Trotz Pitmans erfolgreichem Armbrust-Schuß wäre die Gewebeprobe fast noch verloren gegangen: Ein Albatros kam angeflogen und begann, an dem wertvollen Beweisstück zu picken. In Panik fingen die Wissenschaftler und die Crew an zu schreien, einige warfen sogar ihre Frühstücksbrötchen nach dem hungrigen <a href="https://www.theguardian.com/environment/2025/nov/17/rare-gingko-toothed-beaked-whale-science-cetacean-research">Meeresvogel, um ihn abzulenken oder zu vertreiben</a>. Davon wurden zumindest bislang leider keine Photos veröffentlicht. Ebenfalls unbekannt ist, ob der Albatros dann lieber nach den Brötchen geschnappt hat, aber er ließ von dem Bolzen mit dem kostbaren Walgewebe ab und flog erstmal seines Weges.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/auf-der-jagd-nach-dem-japanischen-schnabelwal-mesoplodon-gingkodens/#comments 6 Save the Date – meine Vorträge Winter 2025/2026 https://scilogs.spektrum.de/meertext/save-the-date-meine-vortraege-winter-2025-2026/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/save-the-date-meine-vortraege-winter-2025-2026/#respond Fri, 21 Nov 2025 09:57:09 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1810 <h1>Save the Date – meine Vorträge Winter 2025/2026 » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>2025 ist noch nicht zu Ende und mein Terminkalender füllt sich schon wieder.<br></br>Wie schon 2025 lese und erzähle ich aus meinem Buch “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung” auch 2026 – dann auch in digitalen Formaten. Ich mag es ja lieber, wenn ich direkt mit meinem Publikum interagieren kann, aber Online hat den Riesenvorteil, dass sich jede/r zuschalten kann, ohne Reiseaufwand.<br></br>Mein <a href="https://www.wissenschaft.de/rezensionen/wissensbuecher-des-jahres/wissensbuch-des-jahres-die-sieger-2025/">“Jules Verne” ist von <em>Bild der Wissenschaft </em>als Wissensbuch 2025 in der Kategorie Überraschung gekürt worden – und nun tatsächlich zum Publikumsliebling gewählt worden.</a><br></br>Ein herzliches Dankeschön an alle, die für mich votierten – ich freue mich riesig darüber!<p>Das sind nur die ersten, schon feststehenden öffentlichen Termine, da kommen noch eine Menge mehr dazu. Ganz sicher auch noch der “Jules Verne”. </p></p> <h2 id="h-06-12-2025-darmstadt-wuste-n-planeten-in-der-science-fiction">06.12.2025, Darmstadt: “Wüste(n) Planeten in der Science Fiction”</h2> <p><a href="https://vsda.de/veranstaltungen/veranstaltungskalender/cat_ids~8/">Vortrag in der Volkssternwarte Darmstadt</a>, Beginn 20:00 Uhr. Eintritt<p><a href="https://www.google.com/maps/place//data=!4m2!3m1!1s0x47bd79e7d015f84d:0x2f620c8e9aaa4003?sa=X&amp;ved=1t:8290&amp;ictx=111">Auf d. Ludwigshöhe 196, 64285 Darmstadt</a>Dune, Star Wars, Star Trek – in vielen Science Fiction-Szenarien werden die HeldInnen in die Wüste geschickt.</p><br></br>Wüsten bieten für die Protagonisten neben Schweiß und Durst noch viel mehr Herausforderungen, von der Einsamkeit über Sandstürme bis zu schrecklichen Aliens.<br></br>Welche Wissenschaft steckt hinter diesen Konzepten? Wie glaubwürdig ist es, dass ein ganzer Planet nur aus Wüste bestehen soll? Wo haben sich die Schöpfer außerirdischer Wüsten bei Menschen, Tieren, Pflanzen und Steinen unserer Erde inspirieren lassen? Und welche Überlebensstrategien nutzen die HeldInnen in ihrer wüsten Umgebung?<br></br>Ein kurzer Ausblick zeigt, dass Wüstentrainings bei ESA und NASA auch für Raumsonden und Astronauten üblich sind, um sie auf sandige Einöden außerhalb der Erde vorzubereiten.<br></br>Und was könnten Science Fiction-AutorInnen und FilmemacherInnen von den RaumfahrerInnen lernen?<p>Adresse:</p><br></br>Auch diese<a href="https://vsda.de/anfahrt/"> Sternwarte liegt im Wald,</a> eine Taschenlampe ist für den letzten Teil des Weges zu Fuß dorthin sehr nützlich.</p> <h2 id="h-17-18-01-2026-digitaler-bucon-jules-verne">17./18.01.2026 Digitaler BuCon: “Jules Verne” </h2> <p>Am 17./18.01.2026 bin ich zu Gast im virtuellen “Café Jules Verne”, auf Einladung von Thorsten Küper. Das “Bühnenbild” stammt übrigens von Barlok Barboza</p> <p>Samstag, 17.Januar: ab 20:00 Uhr: Susan Abyss, Jasmin Jülicher und ich werden gemeinsam in Barloks Hafen einlaufen und im Jules Verne-Café gemeinsam lesen:<br></br>Ich stelle mein Sachbuch „Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung“ vor. Susan Abyss liest aus ihrem Roman „Das Geheimnis der Nautilus Noir“ und Jasmin Jülicher wird einen Ausschnitt aus einem ihrer Steampunk Werke lesen. Barlok soll bereits jetzt am Café Jules Verne bauen, die Anreise zu den Lesungen wird stilsicher im U-Boot erfolgen (wie Thorsten mir versicherte) und ihr dürft mit einer visuell außergewöhnlichen Veranstaltung rechnen. “Ein Event mit Tiefe!!!”</p> <p>Ton über den Discord-Server der Brennenden:<aside></aside></p> <p><a href="https://discord.gg/P3x79Xw">https://discord.gg/P3x79Xw</a></p> <p>Live Video Übertragung auf youtube unter <a href="https://www.youtube.de/kueperpunk?fbclid=IwZXh0bgNhZW0CMTAAYnJpZBEwRDRlVDFuRG9ZUDJ6UElCYXNydGMGYXBwX2lkEDIyMjAzOTE3ODgyMDA4OTIIY2FsbHNpdGUBMgABHgbo_kw0Hzo02jE-p4SNHS-M4x35QtD9Az5f1msePN6uRF_BvMYe8L_A48CS_aem_xPiq0XmrYuV8C0_bNKJLKg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://www.youtube.de/kueperpunk</a></p> <p>SLURL: <a href="https://l.facebook.com/l.php?u=https%3A%2F%2Fmaps.secondlife.com%2Fsecondlife%2FKreativ%2520Dorf%2F48%2F172%2F37%3Ffbclid%3DIwZXh0bgNhZW0CMTAAYnJpZBEwRDRlVDFuRG9ZUDJ6UElCYXNydGMGYXBwX2lkEDIyMjAzOTE3ODgyMDA4OTIIY2FsbHNpdGUBMgABHqGG6zbgcIyYrNBf3bcZUtXxmNyuPaklDTsTviQCS7KVGwov9meq_5TMXaYi_aem_pVyMm69gQdYrLQY2xKbglQ&amp;h=AT3Ue82KkhJgv8wtNW0N4klo7WR3sxpwWcG7rkK1m6eqc5wyqYsaw8WChy1LuBG53YFA8QIoYgZmfrfJROXCIfuFZB5TcTJcZ11CD-SgKIgOfHmb2lbQzyDRZkHu08ptk0qtP00nGn4BMDX4lsqr5ajbo79eUA&amp;__tn__=-UK-y-R&amp;c[0]=AT3j3Ycn2OupPYKbUv6mW_vP3NL2g-fEISI8ELQnBkU9K4Em0IduY1w7Z5hjaISy8F7oSDy_P3WJ24ByEtsakUNoZNaM8wkOB_IAkaQTwRDtRro_TkSAWazbuViAfjcorDmvnNxMkLfPV3u74iKQrWapWZF-4EEdLRZbtSzPGhhjxqvZ4NdyYIz-bNN1Z-iHv3UIGBA27JjYoMBDRvIzLldeUQb7gcBC_fNDRcb2EK-7_pVANiTSOmQ" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://maps.secondlife.com/seco…/Kreativ%20Dorf/48/172/37</a></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/577028117_4338274559829109_6202856369585083608_n.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="697" sizes="(max-width: 526px) 100vw, 526px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/577028117_4338274559829109_6202856369585083608_n.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/577028117_4338274559829109_6202856369585083608_n.jpg 526w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/577028117_4338274559829109_6202856369585083608_n-226x300.jpg 226w" width="526"></img></a></figure> <h2 id="h-18-02-2026-darmstadt-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">18.02.2026, Darmstadt: “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung”</h2> <p>Zu Gast beim <a href="https://nwv-darmstadt.de/">Naturwissenschaftlichen Verein Darmstadt e.V. </a>im Hessischen Landesmuseum Darmstadt, Friedensplatz 1, 64283 Darmstadt<br></br>Beginn 18:00 Uhr, kostenlos<p>Jules Verne (1828–1905) ist der Erfinder des wissenschaftlichen Romans mit Science-Fiction-Elementen. Er lebte und schrieb in einer Zeit der bahnbrechenden Erfindungen und Entdeckungen, die er begeistert aufnahm und den Faden weiter bis ins Fiktive spann. Seine Helden stießen in die Ozeane, den Luft- und Weltraum und unter die Erde vor. Vernes zahlreiche Romane enthalten viel Fachwissen, eingebettet in aufregende Abenteuer. Sein Roman „Zwanzigtausend Meilen unter den Meeren” ist eines seiner wichtigsten Werke und ein einzigartiges Zeugnis der Entstehung der Meeresforschung dieser Zeit. Darin schickt der französische Autor seinen Prof. Aronnax, einen berühmten französischen Meeresbiologen, auf ein unglaubliches Abenteuer durch die Ozeane, von exotischen Inseln bis in die Tiefsee und zum Südpol. Dafür erdachte Verne das erste literarische Tauchboot und erschuf den rätselhaften, düsteren Kapitän Nemo als Aronnax` Antagonisten. Wieviel Wissenschaft und Technik steckt in Vernes Meeresepos? Wie war der Stand des Wissens und der Wissenschaft und was hat sich der Autor ausgedacht? Wie recherchierte Verne diese Fakten und was war der gesellschaftspolitische Hintergrund für die Buchreihe “Phantastische Reisen”?</p></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg"><img alt="" decoding="async" height="350" sizes="(max-width: 228px) 100vw, 228px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg 228w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_-195x300.jpg 195w" width="228"></img></a><figcaption>Signiert oder unsigniert, erhältlich im <a href="https://www.shop-hirnkost.de/produkt/signiert-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung/">hirnkost-Shop</a> oder direkt bei mir</figcaption></figure> <h2 id="h-24-02-2026-pottwale-mythos-und-wirklichkeit">24.02.2026: “Pottwale – Mythos und Wirklichkeit”</h2> <p><a href="https://www.bund-hessen.de/stadtnaturzentrum/">BUND Zentrum für Stadtnatur</a>, Klappacher Straße 27 64285 Darmstadt<br></br>Zufahrt zur Orangerie von der Klappacher Straße aus, 1. Tor links (hinter dem Gebäude des Grünflächenamtes)<br></br>Den Beginn weiß ich noch nicht, wird noch nachgeliefert. Vermutlich gegen 18:30 Uhr</p> <p>Der Pottwal (<em>Physeter macrocephalus</em>) ist der größte aller Zahnwale. Er ist der amtierende Tieftauchmeister, hat die größte Nase im Tierreich und ist der größte lebende Beutegreifer. Zugleich ist er eng verknüpft mit der menschlichen Kulturgeschichte: Über Jahrhunderte haben ihm Walfänger nachgestellt, in Romanen wie »Moby-Dick« ist er unsterblich geworden und sein Spermaceti-Öl war für den Menschen lange Zeit unersetzlich.</p> <p>Durch sein Abtauchen und seine gewaltige Größe hat er sich den neugierigen Augen der Menschen lange erfolgreich entzogen, erst mit Hightech-Entwicklungen können Forschende den großen Zahnwalen manchmal auf ihrem Weg in die Tiefen folgen. Umfangreiche Feldforschungen vor den Galapagos-Inseln und anderswo zeigen, dass Pottwale eine eigene Form von Kultur und Sprachen haben. Mit Hilfe von KI und anderen digitalen Werkzeugen findet ein interdisziplinäres Team gerade mehr über die Sprache der Leviathane heraus.</p> <h2 id="h-03-03-2026-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">03.03.2026: “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung”</h2> <p><a href="https://www.bund-hessen.de/stadtnaturzentrum/">BUND Zentrum für Stadtnatur</a>, Klappacher Straße 27 64285 Darmstadt<br></br>Zufahrt zur Orangerie von der Klappacher Straße aus, 1. Tor links (hinter dem Gebäude des Grünflächenamtes).<br></br>Den Beginn weiß ich noch nicht, wird noch nachgeliefert. Vermutlich gegen 18:30 Uhr</p> <h2 id="h-02-05-05-05-berlin-metropol-con">02.05/05.05, Berlin, Metropol-Con: </h2> <p>Im Kulturzentrum <em>Silent Green</em> findet wieder die Metropol-Con statt, eine multimediale futuristische und fantastische Convention. Die letzte fand ich schon großartig, die Entscheidung, welche Lesung und welchen Vortrag ich hören wollte, war echt schwierig. Diesmal ist die Metropol-Con sogar Euro-Con. D. h., der Austragungsort für das jährliche europaweite SF-Spektakel. Darum sind diesmal Vorträge und Lesungen aus ganz Europa dabei, die meisten auf Englisch. Als Ehrengäste stehen jetzt schon Becky Chambers und Aiki Mira fest – ich bin von den Büchern beider begeistert und freue mich schon sehr darauf.<br></br>Natürlich habe ich Beiträge eingereicht – ob das klappt, weiß ich noch nicht (beim letzten Mal haben meine Freundin Rita und ich Raktajino ausgeschenkt und Soylent Green sowie Insektenpasta angeboten – dadurch wurde unser Slot um 10:00 Uhr gut besucht : ) -“Raktajino ist ein geiles Zeug, wir waren lull und lall”)<br></br>Aber kommen werde ich auf jeden Fall – ich möchte unbedingt dabei sein und werde natürlich am hirnkost-Stand mithelfen. <br></br>Jede/r kann dorthin kommen. Ganz besonders willkommen in SupporterInnen, die jetzt schon ihr Ticket bestellen. Das ist erstens günstiger und gibt zweitens dem Orga-Team die teils im Voraus nötige finanzielle Unterstützung. Die Location ist ziemlich schräg: ein altes Krematorium, das nun zum modernen Kulturzentrum wurde. In den Keller, zu den Buch- und anderen Verkaufsständen geht es über eine Betonrampe…</p> <figure></figure> <h2 id="h-mich-kann-man-buchen">Mich kann man buchen</h2> <p>Neben wissenschaftsjournalistischen Texten zu Biologie, Paläontologie, Klimakrise und anderen naturwissenschaftlichen Themen erzähle ich meine Themen auch gern in populärwissenschaftlichen Vorträgen und Science Performances für Menschen aller Altersgruppen.<br></br>Eine Übersicht über meine Vortrags-Themen gibt es <a href="https://meertext.eu/vortraege/">hier</a>.<br></br>An dieser Stelle sollte ich anmerken, dass ich nicht nur leidenschaftliche Meeresbiologin, sondern auch eine Liebhaberin der wissenschaftsbasierten Science Fiction bin. In Vorträgen hinterfrage ich die wissenschaftlichen Fakten in SF-Szenarien und erzähle noch mehr Wissenswertes dazu.</p> <p>Alle Vorträge und Präsentationen sind allgemein verständlich ausgearbeitet, laufen schnörkellos auf Powerpoint und dauern nach Absprache – meist 45 Minuten.<br></br>Sie können bei <a href="https://meertext.eu/kontakt/">mir</a> von jeder/m und für jede/n gebucht werden, live oder online – für Verein, Schule, Museum, Event oder private Veranstaltungen. Honorar und Reisekosten nach Absprache.</p> <p>Weiterhin biete ich Lesungen zum Jules Verne-Buch sowie Vorlesungen und Workshops für Studierende und Jugendliche.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Save the Date – meine Vorträge Winter 2025/2026 » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>2025 ist noch nicht zu Ende und mein Terminkalender füllt sich schon wieder.<br></br>Wie schon 2025 lese und erzähle ich aus meinem Buch “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung” auch 2026 – dann auch in digitalen Formaten. Ich mag es ja lieber, wenn ich direkt mit meinem Publikum interagieren kann, aber Online hat den Riesenvorteil, dass sich jede/r zuschalten kann, ohne Reiseaufwand.<br></br>Mein <a href="https://www.wissenschaft.de/rezensionen/wissensbuecher-des-jahres/wissensbuch-des-jahres-die-sieger-2025/">“Jules Verne” ist von <em>Bild der Wissenschaft </em>als Wissensbuch 2025 in der Kategorie Überraschung gekürt worden – und nun tatsächlich zum Publikumsliebling gewählt worden.</a><br></br>Ein herzliches Dankeschön an alle, die für mich votierten – ich freue mich riesig darüber!<p>Das sind nur die ersten, schon feststehenden öffentlichen Termine, da kommen noch eine Menge mehr dazu. Ganz sicher auch noch der “Jules Verne”. </p></p> <h2 id="h-06-12-2025-darmstadt-wuste-n-planeten-in-der-science-fiction">06.12.2025, Darmstadt: “Wüste(n) Planeten in der Science Fiction”</h2> <p><a href="https://vsda.de/veranstaltungen/veranstaltungskalender/cat_ids~8/">Vortrag in der Volkssternwarte Darmstadt</a>, Beginn 20:00 Uhr. Eintritt<p><a href="https://www.google.com/maps/place//data=!4m2!3m1!1s0x47bd79e7d015f84d:0x2f620c8e9aaa4003?sa=X&amp;ved=1t:8290&amp;ictx=111">Auf d. Ludwigshöhe 196, 64285 Darmstadt</a>Dune, Star Wars, Star Trek – in vielen Science Fiction-Szenarien werden die HeldInnen in die Wüste geschickt.</p><br></br>Wüsten bieten für die Protagonisten neben Schweiß und Durst noch viel mehr Herausforderungen, von der Einsamkeit über Sandstürme bis zu schrecklichen Aliens.<br></br>Welche Wissenschaft steckt hinter diesen Konzepten? Wie glaubwürdig ist es, dass ein ganzer Planet nur aus Wüste bestehen soll? Wo haben sich die Schöpfer außerirdischer Wüsten bei Menschen, Tieren, Pflanzen und Steinen unserer Erde inspirieren lassen? Und welche Überlebensstrategien nutzen die HeldInnen in ihrer wüsten Umgebung?<br></br>Ein kurzer Ausblick zeigt, dass Wüstentrainings bei ESA und NASA auch für Raumsonden und Astronauten üblich sind, um sie auf sandige Einöden außerhalb der Erde vorzubereiten.<br></br>Und was könnten Science Fiction-AutorInnen und FilmemacherInnen von den RaumfahrerInnen lernen?<p>Adresse:</p><br></br>Auch diese<a href="https://vsda.de/anfahrt/"> Sternwarte liegt im Wald,</a> eine Taschenlampe ist für den letzten Teil des Weges zu Fuß dorthin sehr nützlich.</p> <h2 id="h-17-18-01-2026-digitaler-bucon-jules-verne">17./18.01.2026 Digitaler BuCon: “Jules Verne” </h2> <p>Am 17./18.01.2026 bin ich zu Gast im virtuellen “Café Jules Verne”, auf Einladung von Thorsten Küper. Das “Bühnenbild” stammt übrigens von Barlok Barboza</p> <p>Samstag, 17.Januar: ab 20:00 Uhr: Susan Abyss, Jasmin Jülicher und ich werden gemeinsam in Barloks Hafen einlaufen und im Jules Verne-Café gemeinsam lesen:<br></br>Ich stelle mein Sachbuch „Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung“ vor. Susan Abyss liest aus ihrem Roman „Das Geheimnis der Nautilus Noir“ und Jasmin Jülicher wird einen Ausschnitt aus einem ihrer Steampunk Werke lesen. Barlok soll bereits jetzt am Café Jules Verne bauen, die Anreise zu den Lesungen wird stilsicher im U-Boot erfolgen (wie Thorsten mir versicherte) und ihr dürft mit einer visuell außergewöhnlichen Veranstaltung rechnen. “Ein Event mit Tiefe!!!”</p> <p>Ton über den Discord-Server der Brennenden:<aside></aside></p> <p><a href="https://discord.gg/P3x79Xw">https://discord.gg/P3x79Xw</a></p> <p>Live Video Übertragung auf youtube unter <a href="https://www.youtube.de/kueperpunk?fbclid=IwZXh0bgNhZW0CMTAAYnJpZBEwRDRlVDFuRG9ZUDJ6UElCYXNydGMGYXBwX2lkEDIyMjAzOTE3ODgyMDA4OTIIY2FsbHNpdGUBMgABHgbo_kw0Hzo02jE-p4SNHS-M4x35QtD9Az5f1msePN6uRF_BvMYe8L_A48CS_aem_xPiq0XmrYuV8C0_bNKJLKg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://www.youtube.de/kueperpunk</a></p> <p>SLURL: <a href="https://l.facebook.com/l.php?u=https%3A%2F%2Fmaps.secondlife.com%2Fsecondlife%2FKreativ%2520Dorf%2F48%2F172%2F37%3Ffbclid%3DIwZXh0bgNhZW0CMTAAYnJpZBEwRDRlVDFuRG9ZUDJ6UElCYXNydGMGYXBwX2lkEDIyMjAzOTE3ODgyMDA4OTIIY2FsbHNpdGUBMgABHqGG6zbgcIyYrNBf3bcZUtXxmNyuPaklDTsTviQCS7KVGwov9meq_5TMXaYi_aem_pVyMm69gQdYrLQY2xKbglQ&amp;h=AT3Ue82KkhJgv8wtNW0N4klo7WR3sxpwWcG7rkK1m6eqc5wyqYsaw8WChy1LuBG53YFA8QIoYgZmfrfJROXCIfuFZB5TcTJcZ11CD-SgKIgOfHmb2lbQzyDRZkHu08ptk0qtP00nGn4BMDX4lsqr5ajbo79eUA&amp;__tn__=-UK-y-R&amp;c[0]=AT3j3Ycn2OupPYKbUv6mW_vP3NL2g-fEISI8ELQnBkU9K4Em0IduY1w7Z5hjaISy8F7oSDy_P3WJ24ByEtsakUNoZNaM8wkOB_IAkaQTwRDtRro_TkSAWazbuViAfjcorDmvnNxMkLfPV3u74iKQrWapWZF-4EEdLRZbtSzPGhhjxqvZ4NdyYIz-bNN1Z-iHv3UIGBA27JjYoMBDRvIzLldeUQb7gcBC_fNDRcb2EK-7_pVANiTSOmQ" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://maps.secondlife.com/seco…/Kreativ%20Dorf/48/172/37</a></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/577028117_4338274559829109_6202856369585083608_n.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="697" sizes="(max-width: 526px) 100vw, 526px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/577028117_4338274559829109_6202856369585083608_n.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/577028117_4338274559829109_6202856369585083608_n.jpg 526w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/577028117_4338274559829109_6202856369585083608_n-226x300.jpg 226w" width="526"></img></a></figure> <h2 id="h-18-02-2026-darmstadt-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">18.02.2026, Darmstadt: “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung”</h2> <p>Zu Gast beim <a href="https://nwv-darmstadt.de/">Naturwissenschaftlichen Verein Darmstadt e.V. </a>im Hessischen Landesmuseum Darmstadt, Friedensplatz 1, 64283 Darmstadt<br></br>Beginn 18:00 Uhr, kostenlos<p>Jules Verne (1828–1905) ist der Erfinder des wissenschaftlichen Romans mit Science-Fiction-Elementen. Er lebte und schrieb in einer Zeit der bahnbrechenden Erfindungen und Entdeckungen, die er begeistert aufnahm und den Faden weiter bis ins Fiktive spann. Seine Helden stießen in die Ozeane, den Luft- und Weltraum und unter die Erde vor. Vernes zahlreiche Romane enthalten viel Fachwissen, eingebettet in aufregende Abenteuer. Sein Roman „Zwanzigtausend Meilen unter den Meeren” ist eines seiner wichtigsten Werke und ein einzigartiges Zeugnis der Entstehung der Meeresforschung dieser Zeit. Darin schickt der französische Autor seinen Prof. Aronnax, einen berühmten französischen Meeresbiologen, auf ein unglaubliches Abenteuer durch die Ozeane, von exotischen Inseln bis in die Tiefsee und zum Südpol. Dafür erdachte Verne das erste literarische Tauchboot und erschuf den rätselhaften, düsteren Kapitän Nemo als Aronnax` Antagonisten. Wieviel Wissenschaft und Technik steckt in Vernes Meeresepos? Wie war der Stand des Wissens und der Wissenschaft und was hat sich der Autor ausgedacht? Wie recherchierte Verne diese Fakten und was war der gesellschaftspolitische Hintergrund für die Buchreihe “Phantastische Reisen”?</p></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg"><img alt="" decoding="async" height="350" sizes="(max-width: 228px) 100vw, 228px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg 228w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_-195x300.jpg 195w" width="228"></img></a><figcaption>Signiert oder unsigniert, erhältlich im <a href="https://www.shop-hirnkost.de/produkt/signiert-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung/">hirnkost-Shop</a> oder direkt bei mir</figcaption></figure> <h2 id="h-24-02-2026-pottwale-mythos-und-wirklichkeit">24.02.2026: “Pottwale – Mythos und Wirklichkeit”</h2> <p><a href="https://www.bund-hessen.de/stadtnaturzentrum/">BUND Zentrum für Stadtnatur</a>, Klappacher Straße 27 64285 Darmstadt<br></br>Zufahrt zur Orangerie von der Klappacher Straße aus, 1. Tor links (hinter dem Gebäude des Grünflächenamtes)<br></br>Den Beginn weiß ich noch nicht, wird noch nachgeliefert. Vermutlich gegen 18:30 Uhr</p> <p>Der Pottwal (<em>Physeter macrocephalus</em>) ist der größte aller Zahnwale. Er ist der amtierende Tieftauchmeister, hat die größte Nase im Tierreich und ist der größte lebende Beutegreifer. Zugleich ist er eng verknüpft mit der menschlichen Kulturgeschichte: Über Jahrhunderte haben ihm Walfänger nachgestellt, in Romanen wie »Moby-Dick« ist er unsterblich geworden und sein Spermaceti-Öl war für den Menschen lange Zeit unersetzlich.</p> <p>Durch sein Abtauchen und seine gewaltige Größe hat er sich den neugierigen Augen der Menschen lange erfolgreich entzogen, erst mit Hightech-Entwicklungen können Forschende den großen Zahnwalen manchmal auf ihrem Weg in die Tiefen folgen. Umfangreiche Feldforschungen vor den Galapagos-Inseln und anderswo zeigen, dass Pottwale eine eigene Form von Kultur und Sprachen haben. Mit Hilfe von KI und anderen digitalen Werkzeugen findet ein interdisziplinäres Team gerade mehr über die Sprache der Leviathane heraus.</p> <h2 id="h-03-03-2026-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">03.03.2026: “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung”</h2> <p><a href="https://www.bund-hessen.de/stadtnaturzentrum/">BUND Zentrum für Stadtnatur</a>, Klappacher Straße 27 64285 Darmstadt<br></br>Zufahrt zur Orangerie von der Klappacher Straße aus, 1. Tor links (hinter dem Gebäude des Grünflächenamtes).<br></br>Den Beginn weiß ich noch nicht, wird noch nachgeliefert. Vermutlich gegen 18:30 Uhr</p> <h2 id="h-02-05-05-05-berlin-metropol-con">02.05/05.05, Berlin, Metropol-Con: </h2> <p>Im Kulturzentrum <em>Silent Green</em> findet wieder die Metropol-Con statt, eine multimediale futuristische und fantastische Convention. Die letzte fand ich schon großartig, die Entscheidung, welche Lesung und welchen Vortrag ich hören wollte, war echt schwierig. Diesmal ist die Metropol-Con sogar Euro-Con. D. h., der Austragungsort für das jährliche europaweite SF-Spektakel. Darum sind diesmal Vorträge und Lesungen aus ganz Europa dabei, die meisten auf Englisch. Als Ehrengäste stehen jetzt schon Becky Chambers und Aiki Mira fest – ich bin von den Büchern beider begeistert und freue mich schon sehr darauf.<br></br>Natürlich habe ich Beiträge eingereicht – ob das klappt, weiß ich noch nicht (beim letzten Mal haben meine Freundin Rita und ich Raktajino ausgeschenkt und Soylent Green sowie Insektenpasta angeboten – dadurch wurde unser Slot um 10:00 Uhr gut besucht : ) -“Raktajino ist ein geiles Zeug, wir waren lull und lall”)<br></br>Aber kommen werde ich auf jeden Fall – ich möchte unbedingt dabei sein und werde natürlich am hirnkost-Stand mithelfen. <br></br>Jede/r kann dorthin kommen. Ganz besonders willkommen in SupporterInnen, die jetzt schon ihr Ticket bestellen. Das ist erstens günstiger und gibt zweitens dem Orga-Team die teils im Voraus nötige finanzielle Unterstützung. Die Location ist ziemlich schräg: ein altes Krematorium, das nun zum modernen Kulturzentrum wurde. In den Keller, zu den Buch- und anderen Verkaufsständen geht es über eine Betonrampe…</p> <figure></figure> <h2 id="h-mich-kann-man-buchen">Mich kann man buchen</h2> <p>Neben wissenschaftsjournalistischen Texten zu Biologie, Paläontologie, Klimakrise und anderen naturwissenschaftlichen Themen erzähle ich meine Themen auch gern in populärwissenschaftlichen Vorträgen und Science Performances für Menschen aller Altersgruppen.<br></br>Eine Übersicht über meine Vortrags-Themen gibt es <a href="https://meertext.eu/vortraege/">hier</a>.<br></br>An dieser Stelle sollte ich anmerken, dass ich nicht nur leidenschaftliche Meeresbiologin, sondern auch eine Liebhaberin der wissenschaftsbasierten Science Fiction bin. In Vorträgen hinterfrage ich die wissenschaftlichen Fakten in SF-Szenarien und erzähle noch mehr Wissenswertes dazu.</p> <p>Alle Vorträge und Präsentationen sind allgemein verständlich ausgearbeitet, laufen schnörkellos auf Powerpoint und dauern nach Absprache – meist 45 Minuten.<br></br>Sie können bei <a href="https://meertext.eu/kontakt/">mir</a> von jeder/m und für jede/n gebucht werden, live oder online – für Verein, Schule, Museum, Event oder private Veranstaltungen. Honorar und Reisekosten nach Absprache.</p> <p>Weiterhin biete ich Lesungen zum Jules Verne-Buch sowie Vorlesungen und Workshops für Studierende und Jugendliche.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/save-the-date-meine-vortraege-winter-2025-2026/#respond 0 Schau mir in die Augen, Kleines https://scilogs.spektrum.de/klartext/schau-mir-in-die-augen-kleines/ https://scilogs.spektrum.de/klartext/schau-mir-in-die-augen-kleines/#respond Fri, 21 Nov 2025 07:54:31 +0000 klartext https://scilogs.spektrum.de/klartext/?p=1198 <h1>Schau mir in die Augen, Kleines » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den <span><a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</a> 2</span>023 in der Kategorie Informatik veranschaulichte Christina Breil, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p>Neuere Computeralgorithmen können Augenkontakt nun auch in Videokonferenzen simulieren. Was auf den ersten Blick aussieht wie eine große Hilfe, hat bei näherer Betrachtung jedoch erhebliche Nachteile. Denn auch bei Blickkontakt ist weniger manchmal mehr.</p> <p>Ein Blick sagt mehr als tausend Worte. Mag sie mich? Was hat er vor? Darf ich mir das letzte Stück Kuchen nehmen? Indem wir unseren Mitmenschen in die Augen schauen, gewinnen wir wichtige Einblicke in ihr Denken, Fühlen und Handeln. Gleichzeitig nutzen wir unsere eigenen Augenbewegungen, um gezielt mit anderen zu kommunizieren. Ganz im Sinne des Film-Zitats „Schau mir in die Augen, Kleines“ scheint direkter Blickkontakt dabei eine besondere Wirkung zu haben. Wer viel Augenkontakt sucht, wird als besonders sympathisch, attraktiv, vertrauenswürdig und intelligent wahrgenommen – ganz unabhängig davon, ob er oder sie es tatsächlich ist. Doch auch das Gegenteil kann zutreffen. So gibt es Situationen, in denen es akzeptiert oder sogar erwünscht ist, den Blick anderer Menschen zu meiden. Wir kennen es alle: die Fahrt im Aufzug eines Kaufhauses. Alle schauen leicht beklemmt auf den Boden, denn man will ja kein unangenehmes Gespräch beginnen. Berühren sich die Blicke doch, ringt man sich ein kurzes Lächeln ab – man will ja nicht unhöflich sein – und ist dann sehr dankbar, wenn man wieder aussteigen kann. Welches Blickverhalten als angemessen empfunden wird, kommt also auf den Kontext an. Zum Glück meistern viele von uns das ganz natürlich, ohne großartig darüber nachdenken zu müssen. Alles andere wäre auch ganz schön anstrengend!</p> <p>Leider zeigen diese intuitiven Regeln in Videokonferenzen, die bei den meisten von uns mittlerweile zum Alltag gehören, nicht die gewohnte Wirkung. Das hat einen einfachen Grund: um ein Gefühl von Blickkontakt mit den anderen Beteiligten herstellen zu können, müsste die Kamera mitten auf dem Bildschirm angebracht sein, idealerweise genau auf den Augen der anderen Person. Die derzeit gängigen Geräte können diesen Aufbau leisten. Um das Problem zu beheben, wurden in jüngster Zeit Computeralgorithmen entwickelt, die unsere Blickrichtung in Videotelefonaten so „korrigieren“ können, dass man sich scheinbar gegenseitig in die Augen schaut: während ich in Wirklichkeit die Person auf dem Monitor anschaue, statt direkt die Kamera zu fixieren, nimmt die andere Person es so wahr, als würde ich ihr direkt in die Augen sehen. Das wirkt zunächst vielversprechend, hat aber seine Tücken. Wie meine Kolleg:innen und ich in unserer Forschungsarbeit zeigen konnten, ist es nämlich häufig gerade das Wechselspiel aus direktem und abgewandtem Blick, dass uns einander nahe bringt.</p> <p>In unseren Studien haben wir Personen unterschiedlichsten Alters und Geschlechts an vorher aufgenommenen Videokonferenzen teilnehmen lassen. Sie sollten dabei in die Rolle der Person schlüpfen, aus deren Perspektive die Konferenz aufgenommen wurde und die im Video nicht zu sehen, sondern nur zu hören war. Während diese Erzählperson eine hoch emotionale Geschichte aus ihrem eigenen Leben erzählte, konnten die Versuchspersonen die Reaktionen des Gegenübers auf dem Bildschirm beobachten. Nach jedem Gespräch haben wir die Versuchspersonen gefragt, wie sie die zuhörende Person, die sie zuvor beobachten konnten, einschätzen. Dabei fanden wir: Personen, die während einer dramatischen Geschichte durchgängig direkten Blick zeigten, schnitten deutlich besser ab als Personen, die permanent wegschauten. Am empathischsten wirkten jedoch Personen, die in solchen Situationen abwechselnd hin- und wieder wegschauten. Sie schafften es, ein stärkeres Gefühl der Nähe zwischen den Beteiligten aufzubauen.<aside></aside></p> <p>Diese Art des Blickverhaltens scheint sich nicht nur auf die Wahrnehmung von uns Menschen auszuwirken, sondern auch das tatsächliche Verhalten beeinflussen zu können. In weiteren Experimenten haben wir Versuchspersonen erneut an kurzen Videokonferenzen mit verschiedenen, ihnen völlig fremden Personen teilnehmen lassen. Im Anschluss an jedes Gespräch gaben wir den Teilnehmer:innen Geld, das sie entweder behalten oder mit der anderen Person teilen durften. Der Clou dabei: wie die Versuchspersonen wussten, haben wir ihre Geldabgaben nicht einfach überwiesen, sondern den Betrag vorher verdreifacht. Die begünstigte Person konnte der Versuchsperson anschließend einen frei wählbaren Betrag zurückschicken, sozusagen als Dank. Sie konnte sich aber auch dazu entschließen, den kompletten Geldbetrag selbst einzustecken. Für die Versuchspersonen war es in diesem Szenario also am sichersten, nicht zu teilen. Allerdings stellte die Alternative, nämlich Geld abzugeben, die Strategie mit dem größeren Gewinnpotenzial dar: im günstigsten Fall zeigte sich die andere Person erkenntlich. Wenn sie zum Beispiel vier der neun Münzen zurückschickte, gingen beide mit mehr Geld nach Hause, als ihnen vor der Interaktion zur Verfügung stand. Wenn sich die andere Person hingegen dazu entschloss, den überwiesenen Betrag in voller Höhe zu behalten, ging die Versuchsperson leer aus. Das Vertrauen hat sich nicht ausgezahlt.</p> <p>Wie wir erwartet haben, wurde der fremden Person eher vertraut – also eher Geld geschickt – wenn sie zuvor abwechselnd direkten und abgewandten Blick gezeigt hatte. Das galt sogar dann, wenn wir der fremden Person die Möglichkeit entzogen, Geld zurückzuschicken. Wenn die Versuchsperson also freiwillig Geld an die fremde Person verschenkte oder „spendete“, ohne dabei einen Gewinn erzielen zu können.</p> <p>Aus all diesen Experimenten haben wir geschlossen, dass Personen, die in emotionalen Gesprächen zwischen abgewandtem und direktem Blick wechseln, nicht nur empathischer und vertrauenswürdiger wirken, sondern dass ihnen auch bereitwilliger geholfen wird.  Das war ein relativ neuer Befund, da man bisher davon ausging, dass direkter Blickkontakt ohne Einschränkungen die besten Wirkungen erzielt. Bei Gesprächen mit neutralem Inhalt konnten wir diesen Effekt übrigens nicht finden. Auch hier war wichtig, dass Blickkontakt hergestellt wurde, ob er aber permanent gehalten oder zeitweise unterbrochen wurde, machte keinen Unterschied. Wir vermuten, dass eine Unterbrechung des Blickkontakts in emotionalen Gesprächen eine wichtige Funktion erfüllt, zum Beispiel, sich selbst und dem Gegenüber die Möglichkeit zu geben, die eigenen Gefühle zu regulieren. Wer bei einer traurigen Geschichte hin und wieder wegsieht, könnte damit also Mitgefühl signalisieren.</p> <p>Was aber bedeuten unsere Befunde für Videokonferenzen, in denen Blickkontakt gar nicht möglich ist? Zunächst einmal, dass die Wahrnehmung von direktem Blick auch hier äußerst positiv auf uns wirkt – und das, obwohl wir wissen, dass unser Gegenüber genau in diesen Momenten die Kamera fixiert und nicht uns. Außerdem zeigen unsere Studien, dass Algorithmen zur Blickkorrektur wichtige Aspekte von natürlichem Blickverhalten vernachlässigen. Die Algorithmen lassen es so aussehen, als schauten wir unseren Gesprächspartnern permanent in die Augen. Wenn wir zwischendurch wegschauen, kommt das beim Gegenüber also gar nicht mehr an. Das ist tragisch, denn oft ist es genau dieses Verhalten, das echtes Mitgefühl und echte Emotionen signalisiert. Momentan ist der Verzicht auf Blickkorrekturen also das Mittel der Wahl, zumindest so lange, bis es Algorithmen gibt, die natürliches Blickverhalten widerspiegeln können. Bis dahin können wir zum Glück selbst etwas tun, wenn wir uns die Bedeutung von Augenkontakt in Videokonferenzen ab und zu ins Gedächtnis rufen. Ein Blick in die Kamera ist wie ein Blick in die Augen unserer Gesprächspartner. Er signalisiert Aufmerksamkeit und Zuwendung und kann dazu beitragen, dass wir uns einander ein bisschen näher fühlen, selbst wenn in Wahrheit eine Kamera zwischen uns helfen muss, die fehlende räumliche Nähe zu ersetzen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Schau mir in die Augen, Kleines » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den <span><a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</a> 2</span>023 in der Kategorie Informatik veranschaulichte Christina Breil, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p>Neuere Computeralgorithmen können Augenkontakt nun auch in Videokonferenzen simulieren. Was auf den ersten Blick aussieht wie eine große Hilfe, hat bei näherer Betrachtung jedoch erhebliche Nachteile. Denn auch bei Blickkontakt ist weniger manchmal mehr.</p> <p>Ein Blick sagt mehr als tausend Worte. Mag sie mich? Was hat er vor? Darf ich mir das letzte Stück Kuchen nehmen? Indem wir unseren Mitmenschen in die Augen schauen, gewinnen wir wichtige Einblicke in ihr Denken, Fühlen und Handeln. Gleichzeitig nutzen wir unsere eigenen Augenbewegungen, um gezielt mit anderen zu kommunizieren. Ganz im Sinne des Film-Zitats „Schau mir in die Augen, Kleines“ scheint direkter Blickkontakt dabei eine besondere Wirkung zu haben. Wer viel Augenkontakt sucht, wird als besonders sympathisch, attraktiv, vertrauenswürdig und intelligent wahrgenommen – ganz unabhängig davon, ob er oder sie es tatsächlich ist. Doch auch das Gegenteil kann zutreffen. So gibt es Situationen, in denen es akzeptiert oder sogar erwünscht ist, den Blick anderer Menschen zu meiden. Wir kennen es alle: die Fahrt im Aufzug eines Kaufhauses. Alle schauen leicht beklemmt auf den Boden, denn man will ja kein unangenehmes Gespräch beginnen. Berühren sich die Blicke doch, ringt man sich ein kurzes Lächeln ab – man will ja nicht unhöflich sein – und ist dann sehr dankbar, wenn man wieder aussteigen kann. Welches Blickverhalten als angemessen empfunden wird, kommt also auf den Kontext an. Zum Glück meistern viele von uns das ganz natürlich, ohne großartig darüber nachdenken zu müssen. Alles andere wäre auch ganz schön anstrengend!</p> <p>Leider zeigen diese intuitiven Regeln in Videokonferenzen, die bei den meisten von uns mittlerweile zum Alltag gehören, nicht die gewohnte Wirkung. Das hat einen einfachen Grund: um ein Gefühl von Blickkontakt mit den anderen Beteiligten herstellen zu können, müsste die Kamera mitten auf dem Bildschirm angebracht sein, idealerweise genau auf den Augen der anderen Person. Die derzeit gängigen Geräte können diesen Aufbau leisten. Um das Problem zu beheben, wurden in jüngster Zeit Computeralgorithmen entwickelt, die unsere Blickrichtung in Videotelefonaten so „korrigieren“ können, dass man sich scheinbar gegenseitig in die Augen schaut: während ich in Wirklichkeit die Person auf dem Monitor anschaue, statt direkt die Kamera zu fixieren, nimmt die andere Person es so wahr, als würde ich ihr direkt in die Augen sehen. Das wirkt zunächst vielversprechend, hat aber seine Tücken. Wie meine Kolleg:innen und ich in unserer Forschungsarbeit zeigen konnten, ist es nämlich häufig gerade das Wechselspiel aus direktem und abgewandtem Blick, dass uns einander nahe bringt.</p> <p>In unseren Studien haben wir Personen unterschiedlichsten Alters und Geschlechts an vorher aufgenommenen Videokonferenzen teilnehmen lassen. Sie sollten dabei in die Rolle der Person schlüpfen, aus deren Perspektive die Konferenz aufgenommen wurde und die im Video nicht zu sehen, sondern nur zu hören war. Während diese Erzählperson eine hoch emotionale Geschichte aus ihrem eigenen Leben erzählte, konnten die Versuchspersonen die Reaktionen des Gegenübers auf dem Bildschirm beobachten. Nach jedem Gespräch haben wir die Versuchspersonen gefragt, wie sie die zuhörende Person, die sie zuvor beobachten konnten, einschätzen. Dabei fanden wir: Personen, die während einer dramatischen Geschichte durchgängig direkten Blick zeigten, schnitten deutlich besser ab als Personen, die permanent wegschauten. Am empathischsten wirkten jedoch Personen, die in solchen Situationen abwechselnd hin- und wieder wegschauten. Sie schafften es, ein stärkeres Gefühl der Nähe zwischen den Beteiligten aufzubauen.<aside></aside></p> <p>Diese Art des Blickverhaltens scheint sich nicht nur auf die Wahrnehmung von uns Menschen auszuwirken, sondern auch das tatsächliche Verhalten beeinflussen zu können. In weiteren Experimenten haben wir Versuchspersonen erneut an kurzen Videokonferenzen mit verschiedenen, ihnen völlig fremden Personen teilnehmen lassen. Im Anschluss an jedes Gespräch gaben wir den Teilnehmer:innen Geld, das sie entweder behalten oder mit der anderen Person teilen durften. Der Clou dabei: wie die Versuchspersonen wussten, haben wir ihre Geldabgaben nicht einfach überwiesen, sondern den Betrag vorher verdreifacht. Die begünstigte Person konnte der Versuchsperson anschließend einen frei wählbaren Betrag zurückschicken, sozusagen als Dank. Sie konnte sich aber auch dazu entschließen, den kompletten Geldbetrag selbst einzustecken. Für die Versuchspersonen war es in diesem Szenario also am sichersten, nicht zu teilen. Allerdings stellte die Alternative, nämlich Geld abzugeben, die Strategie mit dem größeren Gewinnpotenzial dar: im günstigsten Fall zeigte sich die andere Person erkenntlich. Wenn sie zum Beispiel vier der neun Münzen zurückschickte, gingen beide mit mehr Geld nach Hause, als ihnen vor der Interaktion zur Verfügung stand. Wenn sich die andere Person hingegen dazu entschloss, den überwiesenen Betrag in voller Höhe zu behalten, ging die Versuchsperson leer aus. Das Vertrauen hat sich nicht ausgezahlt.</p> <p>Wie wir erwartet haben, wurde der fremden Person eher vertraut – also eher Geld geschickt – wenn sie zuvor abwechselnd direkten und abgewandten Blick gezeigt hatte. Das galt sogar dann, wenn wir der fremden Person die Möglichkeit entzogen, Geld zurückzuschicken. Wenn die Versuchsperson also freiwillig Geld an die fremde Person verschenkte oder „spendete“, ohne dabei einen Gewinn erzielen zu können.</p> <p>Aus all diesen Experimenten haben wir geschlossen, dass Personen, die in emotionalen Gesprächen zwischen abgewandtem und direktem Blick wechseln, nicht nur empathischer und vertrauenswürdiger wirken, sondern dass ihnen auch bereitwilliger geholfen wird.  Das war ein relativ neuer Befund, da man bisher davon ausging, dass direkter Blickkontakt ohne Einschränkungen die besten Wirkungen erzielt. Bei Gesprächen mit neutralem Inhalt konnten wir diesen Effekt übrigens nicht finden. Auch hier war wichtig, dass Blickkontakt hergestellt wurde, ob er aber permanent gehalten oder zeitweise unterbrochen wurde, machte keinen Unterschied. Wir vermuten, dass eine Unterbrechung des Blickkontakts in emotionalen Gesprächen eine wichtige Funktion erfüllt, zum Beispiel, sich selbst und dem Gegenüber die Möglichkeit zu geben, die eigenen Gefühle zu regulieren. Wer bei einer traurigen Geschichte hin und wieder wegsieht, könnte damit also Mitgefühl signalisieren.</p> <p>Was aber bedeuten unsere Befunde für Videokonferenzen, in denen Blickkontakt gar nicht möglich ist? Zunächst einmal, dass die Wahrnehmung von direktem Blick auch hier äußerst positiv auf uns wirkt – und das, obwohl wir wissen, dass unser Gegenüber genau in diesen Momenten die Kamera fixiert und nicht uns. Außerdem zeigen unsere Studien, dass Algorithmen zur Blickkorrektur wichtige Aspekte von natürlichem Blickverhalten vernachlässigen. Die Algorithmen lassen es so aussehen, als schauten wir unseren Gesprächspartnern permanent in die Augen. Wenn wir zwischendurch wegschauen, kommt das beim Gegenüber also gar nicht mehr an. Das ist tragisch, denn oft ist es genau dieses Verhalten, das echtes Mitgefühl und echte Emotionen signalisiert. Momentan ist der Verzicht auf Blickkorrekturen also das Mittel der Wahl, zumindest so lange, bis es Algorithmen gibt, die natürliches Blickverhalten widerspiegeln können. Bis dahin können wir zum Glück selbst etwas tun, wenn wir uns die Bedeutung von Augenkontakt in Videokonferenzen ab und zu ins Gedächtnis rufen. Ein Blick in die Kamera ist wie ein Blick in die Augen unserer Gesprächspartner. Er signalisiert Aufmerksamkeit und Zuwendung und kann dazu beitragen, dass wir uns einander ein bisschen näher fühlen, selbst wenn in Wahrheit eine Kamera zwischen uns helfen muss, die fehlende räumliche Nähe zu ersetzen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/klartext/schau-mir-in-die-augen-kleines/#respond 0 The Pressure to Publish Is Challenging the Foundations of Academic Integrity https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-pressure-to-publish-is-challenging-the-foundations-of-academic-integrity/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-pressure-to-publish-is-challenging-the-foundations-of-academic-integrity/#comments Wed, 19 Nov 2025 13:00:00 +0000 Andrei Mihai https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=13906 <h1>The Pressure to Publish Is Challenging the Foundations of Academic Integrity - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>According to an analysis in <em>Science</em>, around 1.92 million papers were indexed by the Scopus and Web of Science publication <a href="https://www.science.org/content/article/scienceadviser-scientists-are-publishing-too-many-papers-and-s-bad-science" rel="noreferrer noopener" target="_blank">databases in 2016</a>. In 2022, that number rose to 2.82 million. The authors of that analysis <a href="https://news.exeter.ac.uk/faculty-of-environment-science-and-economy/avalanche-of-papers-could-erode-trust-in-science/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">asked themselves</a> whether this is eroding trust in science; can all this research be genuine and trustworthy?</p> <p>At the 12th Heidelberg Laureate Forum, which took place in September 2025, a panel of mathematicians, publishers, and research integrity experts tried to address this thorny situation. Their discussion revealed a complex ecosystem for academics caught between the need for openness and the pressure to perform in the publishing arena.</p> <h3 id="h-publish-or-perish">Publish or Perish</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796772862_9b35954d98_o.jpg"><img alt="a moderator standing up in front of a panel" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796772862_9b35954d98_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796772862_9b35954d98_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796772862_9b35954d98_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796772862_9b35954d98_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Panel discussion at Heidelberg Laureate Forum. ©: HLFF / Kreutzer</figcaption></figure></div> <p>The modern academic machine runs fast. In the “good old days,” researchers could take their time and immerse themselves in their work. You would sometimes discuss with reviewers directly and engage in complex back-and-forth, says Yukari Ito, a mathematician and Professor at Nagoya University.</p> <p>Nowadays, this is no longer the case. The “<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Publish_or_perish" rel="noreferrer noopener" target="_blank">publish or perish</a>” mantra has firmly gripped the academic world. Papers are expected to appear in rapid succession, each feeding the next grant application or promotion review.</p> <p>“There are many papers published every day, which also puts pressure on us to publish many papers,” Ito says. “We have to be careful with this evaluation. Many people look at the number of papers and citations and so on, she added.”<aside></aside></p> <p>Eunsang Lee, who works in the research integrity group at Springer Nature, also acknowledges this issue and says the pressure is coming from the research institutions.</p> <p>“We understand that there is pressure to publish many papers, especially from the institution or funding bodies,” he said. “We are trying to work together closely with institutions and funding bodies to release this kind of pressure, but it’s a very long way to go. It also depends on the culture and country. As a publisher there’s not much we can do, but we try to provide a safer platform for researchers.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785727_6f051c9319_o.jpg"><img alt="group of people engaged in a discussion at a conference, with one person gesturing" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785727_6f051c9319_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785727_6f051c9319_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785727_6f051c9319_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785727_6f051c9319_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Eunsang Lee (left) at the panel discussion on the state of academic intregrity. ©: HLFF / Flemming</figcaption></figure></div> <p>This pressure is not without consequences, and the consequences are felt most by young researchers. Data <a href="https://www.nature.com/articles/d41586-024-03136-4" rel="noreferrer noopener" target="_blank">consistently shows</a> that PhD students suffer severe mental strain and are at <a href="https://www.ucl.ac.uk/news/2024/jan/comment-phd-students-mental-health-poor-and-pandemic-made-it-worse" rel="noreferrer noopener" target="_blank">high risk of depression and anxiety</a>. For many young researchers, mental health problems have become <a href="https://www.sussex.ac.uk/broadcast/read/56932#:~:text=" rel="noreferrer noopener" target="_blank">“normal”</a> parts of research.</p> <p>At the same time, this approach can end up prioritizing quantity over quality, resulting in a flood of papers. Some of these papers are good or excellent; some are repetitive or inconsequential; and some are outright fraudulent.</p> <h3 id="h-how-bad-is-academic-fraud">How Bad Is Academic Fraud?</h3> <p>There is no way to tell just how widespread academic fraud is. Lee, whose main task is to analyze data from potentially problematic papers or authors, says he was not originally aware of this problem. “After joining the publishing industry, I realized that academic integrity is a serious problem.”</p> <p>There are many types of breaches, Lee says. “Data fabrication is one example. For publishers, this is difficult because identifying data fabrication requires both expertise and in-depth analysis. The problem is that we are getting this at a massive scale, so it’s really hard to tackle.”</p> <p>But aside from the classic issues, newer risks have also emerged, in particular due to the rise of AI. AI can mask plagiarism under clever paraphrasing, or it can generate or edit images (sometimes, with <a href="https://www.theguardian.com/science/2025/jul/13/quality-of-scientific-papers-questioned-as-academics-overwhelmed-by-the-millions-published" rel="noreferrer noopener" target="_blank">hilarious results</a>). It can also facilitate chains of citations, connecting unrelated papers in an artificial web of self-reference.</p> <p>“AI can generate text and images, which can be a big problem and result in obviously fake science. We also see many cases of irrelevant references because some people include self-citations of unrelated work or some other irrelevant references to inflate their citation profile. It’s a big problem and also hard to tackle as a publisher.”</p> <p>There is no simple way to weed out these problems, but it is not impossible, either.</p> <h3 id="h-the-rise-of-the-scientific-sleuth">The Rise of the Scientific Sleuth</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889848_142b1d8446_b.jpg"><img alt="a man speaking and gesturing" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889848_142b1d8446_b.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889848_142b1d8446_b.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889848_142b1d8446_b-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889848_142b1d8446_b-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Lonni Besançon on the panel. ©: HLFF / Flemming</figcaption></figure></div> <p>For Lonni Besançon, an Assistant Professor of Visualization at Linköping University in Sweden, and <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/visualization-and-integrity/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">alumnus of the HLF</a>, questions of integrity became personal during the pandemic.</p> <p>“I got into misconduct finding and looking at it because some of the papers that I was reading during COVID were a bit problematic,” he says. “I have a methodological background also, so I started looking into this more, and I’ve now discovered quite a few problematic papers. Around a few thousand, in different fields, not in mine. I’ve been reporting on them for a while and talking about this.”</p> <p>Besançon belongs to a growing group of volunteer “<a href="https://retractionwatch.com/2018/06/17/meet-the-scientific-sleuths-ten-whove-had-an-impact-on-the-scientific-literature" rel="noreferrer noopener" target="_blank">scientific sleuths</a>” – researchers who <a href="https://www.nature.com/articles/d41586-025-02347-7" rel="noreferrer noopener" target="_blank">spend their free time</a> identifying falsified data, image duplications, and plagiarized manuscripts. Many of them have exposed widespread misconduct, including fake journals and so-called “paper mills” that mass-produce fraudulent articles for paying clients. Science greatly benefits from this process, but this is largely unpaid, underappreciated, volunteer work.</p> <p>Assessing scientific discovery has never been easy, and the need for better metrics is clear. Yet, for Besançon, the core issue is the idea of metrics itself.</p> <p>“The day something becomes a metric is the day people start gaming that. Personally, I’m against all kinds of metrics. I see the point of citations …, but I think if we make a metric, eventually people will game it. It’s always been the case.”</p> <p>The French researcher also emphasizes that when a problem is spotted, this is not always because of bad intent. Honest mistakes obviously happen. However, retractions or corrections have come to be seen as damning for scientists, when in fact, they are a normal part of the scientific process.</p> <p>“We shouldn’t see the correction of papers or the retraction of papers as a problem. If there’s a mistake in one of our papers, we should correct it because this is the body of knowledge that we’ve created for the world,” says Besançon.</p> <p>Lee echoed that sentiment: “Don’t be afraid of retractions and corrections caused by honest errors. Everyone can make a mistake. Publishers always try to distinguish between corrections made by honest errors and research integrity. So don’t worry about this. Post-publication actions by authors are the healthiest way to achieve a high standard of research today. That’s something I want to mention especially for young researchers.”</p> <h3 id="h-so-what-do-we-do">So What Do We Do?</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o-1.jpg"><img alt="a panel of people talking, behind them a screen highlighting the speaker" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o-1.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o-1.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o-1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o-1-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Yukari Ito speaking on the panel. ©: HLFF / Flemming.</figcaption></figure></div> <p>Maintaining trust in a system that produces nearly three million papers a year is an enormous challenge. Transparency is a good way to start. If research integrity is the foundation of science, then transparency is its scaffolding. It supports trust not only between researchers and their peers, but between science and the public.</p> <p>“Transparency is key. When in doubt, share. That’s one thing I can say confidently. If you can share, share. If you can’t, for instance if you have anonymization problems, just explain why you’re not sharing. Be transparent with everything as much as you can.”</p> <p>This ethos of openness, honesty, and accountability was echoed across the panel. It is the best defense scientists have at their disposal to showcase the value of their work.</p> <p>“It’s obvious that you have to ensure fully transparent authorship, including authorship changes, and also you have to declare any conflict of interest and cite your sources. The next thing I would say, which is especially true in the case of mathematics and computer science is to share your code and data availability as much as you can,” says Lee.</p> <p>Yet, even as researchers and publishers confront misconduct, the structure of academic incentives remains unchanged, pushing for more papers. Ito suggests that perhaps the entire system should rediscover the patience that once defined scholarship: to slow down, to prioritize originality over output, and to treat retractions and corrections as acts of integrity and not as failure.</p> <p>“For young researchers, publishing your first paper is very important,” she said. “You have to find one big problem. But then, you should continue your research by being original and interesting.”</p> <p>Ultimately, transparency and integrity alone will not solve a systemic problem rooted in incentives. Until universities, funders, and publishers work together to devise a system that truly rewards rigor and value over volume, the pressure cooker of modern academia will keep boiling.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>The Pressure to Publish Is Challenging the Foundations of Academic Integrity - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>According to an analysis in <em>Science</em>, around 1.92 million papers were indexed by the Scopus and Web of Science publication <a href="https://www.science.org/content/article/scienceadviser-scientists-are-publishing-too-many-papers-and-s-bad-science" rel="noreferrer noopener" target="_blank">databases in 2016</a>. In 2022, that number rose to 2.82 million. The authors of that analysis <a href="https://news.exeter.ac.uk/faculty-of-environment-science-and-economy/avalanche-of-papers-could-erode-trust-in-science/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">asked themselves</a> whether this is eroding trust in science; can all this research be genuine and trustworthy?</p> <p>At the 12th Heidelberg Laureate Forum, which took place in September 2025, a panel of mathematicians, publishers, and research integrity experts tried to address this thorny situation. Their discussion revealed a complex ecosystem for academics caught between the need for openness and the pressure to perform in the publishing arena.</p> <h3 id="h-publish-or-perish">Publish or Perish</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796772862_9b35954d98_o.jpg"><img alt="a moderator standing up in front of a panel" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796772862_9b35954d98_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796772862_9b35954d98_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796772862_9b35954d98_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796772862_9b35954d98_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Panel discussion at Heidelberg Laureate Forum. ©: HLFF / Kreutzer</figcaption></figure></div> <p>The modern academic machine runs fast. In the “good old days,” researchers could take their time and immerse themselves in their work. You would sometimes discuss with reviewers directly and engage in complex back-and-forth, says Yukari Ito, a mathematician and Professor at Nagoya University.</p> <p>Nowadays, this is no longer the case. The “<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Publish_or_perish" rel="noreferrer noopener" target="_blank">publish or perish</a>” mantra has firmly gripped the academic world. Papers are expected to appear in rapid succession, each feeding the next grant application or promotion review.</p> <p>“There are many papers published every day, which also puts pressure on us to publish many papers,” Ito says. “We have to be careful with this evaluation. Many people look at the number of papers and citations and so on, she added.”<aside></aside></p> <p>Eunsang Lee, who works in the research integrity group at Springer Nature, also acknowledges this issue and says the pressure is coming from the research institutions.</p> <p>“We understand that there is pressure to publish many papers, especially from the institution or funding bodies,” he said. “We are trying to work together closely with institutions and funding bodies to release this kind of pressure, but it’s a very long way to go. It also depends on the culture and country. As a publisher there’s not much we can do, but we try to provide a safer platform for researchers.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785727_6f051c9319_o.jpg"><img alt="group of people engaged in a discussion at a conference, with one person gesturing" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785727_6f051c9319_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785727_6f051c9319_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785727_6f051c9319_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785727_6f051c9319_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Eunsang Lee (left) at the panel discussion on the state of academic intregrity. ©: HLFF / Flemming</figcaption></figure></div> <p>This pressure is not without consequences, and the consequences are felt most by young researchers. Data <a href="https://www.nature.com/articles/d41586-024-03136-4" rel="noreferrer noopener" target="_blank">consistently shows</a> that PhD students suffer severe mental strain and are at <a href="https://www.ucl.ac.uk/news/2024/jan/comment-phd-students-mental-health-poor-and-pandemic-made-it-worse" rel="noreferrer noopener" target="_blank">high risk of depression and anxiety</a>. For many young researchers, mental health problems have become <a href="https://www.sussex.ac.uk/broadcast/read/56932#:~:text=" rel="noreferrer noopener" target="_blank">“normal”</a> parts of research.</p> <p>At the same time, this approach can end up prioritizing quantity over quality, resulting in a flood of papers. Some of these papers are good or excellent; some are repetitive or inconsequential; and some are outright fraudulent.</p> <h3 id="h-how-bad-is-academic-fraud">How Bad Is Academic Fraud?</h3> <p>There is no way to tell just how widespread academic fraud is. Lee, whose main task is to analyze data from potentially problematic papers or authors, says he was not originally aware of this problem. “After joining the publishing industry, I realized that academic integrity is a serious problem.”</p> <p>There are many types of breaches, Lee says. “Data fabrication is one example. For publishers, this is difficult because identifying data fabrication requires both expertise and in-depth analysis. The problem is that we are getting this at a massive scale, so it’s really hard to tackle.”</p> <p>But aside from the classic issues, newer risks have also emerged, in particular due to the rise of AI. AI can mask plagiarism under clever paraphrasing, or it can generate or edit images (sometimes, with <a href="https://www.theguardian.com/science/2025/jul/13/quality-of-scientific-papers-questioned-as-academics-overwhelmed-by-the-millions-published" rel="noreferrer noopener" target="_blank">hilarious results</a>). It can also facilitate chains of citations, connecting unrelated papers in an artificial web of self-reference.</p> <p>“AI can generate text and images, which can be a big problem and result in obviously fake science. We also see many cases of irrelevant references because some people include self-citations of unrelated work or some other irrelevant references to inflate their citation profile. It’s a big problem and also hard to tackle as a publisher.”</p> <p>There is no simple way to weed out these problems, but it is not impossible, either.</p> <h3 id="h-the-rise-of-the-scientific-sleuth">The Rise of the Scientific Sleuth</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889848_142b1d8446_b.jpg"><img alt="a man speaking and gesturing" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889848_142b1d8446_b.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889848_142b1d8446_b.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889848_142b1d8446_b-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889848_142b1d8446_b-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Lonni Besançon on the panel. ©: HLFF / Flemming</figcaption></figure></div> <p>For Lonni Besançon, an Assistant Professor of Visualization at Linköping University in Sweden, and <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/visualization-and-integrity/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">alumnus of the HLF</a>, questions of integrity became personal during the pandemic.</p> <p>“I got into misconduct finding and looking at it because some of the papers that I was reading during COVID were a bit problematic,” he says. “I have a methodological background also, so I started looking into this more, and I’ve now discovered quite a few problematic papers. Around a few thousand, in different fields, not in mine. I’ve been reporting on them for a while and talking about this.”</p> <p>Besançon belongs to a growing group of volunteer “<a href="https://retractionwatch.com/2018/06/17/meet-the-scientific-sleuths-ten-whove-had-an-impact-on-the-scientific-literature" rel="noreferrer noopener" target="_blank">scientific sleuths</a>” – researchers who <a href="https://www.nature.com/articles/d41586-025-02347-7" rel="noreferrer noopener" target="_blank">spend their free time</a> identifying falsified data, image duplications, and plagiarized manuscripts. Many of them have exposed widespread misconduct, including fake journals and so-called “paper mills” that mass-produce fraudulent articles for paying clients. Science greatly benefits from this process, but this is largely unpaid, underappreciated, volunteer work.</p> <p>Assessing scientific discovery has never been easy, and the need for better metrics is clear. Yet, for Besançon, the core issue is the idea of metrics itself.</p> <p>“The day something becomes a metric is the day people start gaming that. Personally, I’m against all kinds of metrics. I see the point of citations …, but I think if we make a metric, eventually people will game it. It’s always been the case.”</p> <p>The French researcher also emphasizes that when a problem is spotted, this is not always because of bad intent. Honest mistakes obviously happen. However, retractions or corrections have come to be seen as damning for scientists, when in fact, they are a normal part of the scientific process.</p> <p>“We shouldn’t see the correction of papers or the retraction of papers as a problem. If there’s a mistake in one of our papers, we should correct it because this is the body of knowledge that we’ve created for the world,” says Besançon.</p> <p>Lee echoed that sentiment: “Don’t be afraid of retractions and corrections caused by honest errors. Everyone can make a mistake. Publishers always try to distinguish between corrections made by honest errors and research integrity. So don’t worry about this. Post-publication actions by authors are the healthiest way to achieve a high standard of research today. That’s something I want to mention especially for young researchers.”</p> <h3 id="h-so-what-do-we-do">So What Do We Do?</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o-1.jpg"><img alt="a panel of people talking, behind them a screen highlighting the speaker" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o-1.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o-1.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o-1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o-1-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Yukari Ito speaking on the panel. ©: HLFF / Flemming.</figcaption></figure></div> <p>Maintaining trust in a system that produces nearly three million papers a year is an enormous challenge. Transparency is a good way to start. If research integrity is the foundation of science, then transparency is its scaffolding. It supports trust not only between researchers and their peers, but between science and the public.</p> <p>“Transparency is key. When in doubt, share. That’s one thing I can say confidently. If you can share, share. If you can’t, for instance if you have anonymization problems, just explain why you’re not sharing. Be transparent with everything as much as you can.”</p> <p>This ethos of openness, honesty, and accountability was echoed across the panel. It is the best defense scientists have at their disposal to showcase the value of their work.</p> <p>“It’s obvious that you have to ensure fully transparent authorship, including authorship changes, and also you have to declare any conflict of interest and cite your sources. The next thing I would say, which is especially true in the case of mathematics and computer science is to share your code and data availability as much as you can,” says Lee.</p> <p>Yet, even as researchers and publishers confront misconduct, the structure of academic incentives remains unchanged, pushing for more papers. Ito suggests that perhaps the entire system should rediscover the patience that once defined scholarship: to slow down, to prioritize originality over output, and to treat retractions and corrections as acts of integrity and not as failure.</p> <p>“For young researchers, publishing your first paper is very important,” she said. “You have to find one big problem. But then, you should continue your research by being original and interesting.”</p> <p>Ultimately, transparency and integrity alone will not solve a systemic problem rooted in incentives. Until universities, funders, and publishers work together to devise a system that truly rewards rigor and value over volume, the pressure cooker of modern academia will keep boiling.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-pressure-to-publish-is-challenging-the-foundations-of-academic-integrity/#comments 2 Hyperscanning: Der neuronale Schlüssel zum Miteinander? https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/hyperscanning-der-neuronale-schluessel-zum-miteinander/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/hyperscanning-der-neuronale-schluessel-zum-miteinander/#comments Mon, 17 Nov 2025 06:00:00 +0000 Antonia Ceric https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5322 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-768x513.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/hyperscanning-der-neuronale-schluessel-zum-miteinander/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-scaled.jpg" /><h1>Hyperscanning: Der neuronale Schlüssel zum Miteinander? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>Einer der spannendsten aktuellen Trends in der neurowissenschaftlichen Forschung ist das Hyperscanning. Dabei werden nicht mehr einzelne Hirne isoliert betrachtet, sondern mehrere Personen gleichzeitig gescannt, um zu beobachten, wie ihre Gehirne in Interaktion arbeiten. Im ersten Teil dieses Artikels haben wir uns bereits damit beschäftigt, wie derartige Messverfahren aussehen und funktionieren. Die Quintessenz: In Interaktion scheinen die Gehirne mehrerer Menschen sich zu synchronisieren, mitzuschwingen. Eine wichtige Frage blieb dabei allerdings noch offen: Warum ist das so? Unsere neuronalen Netzwerke machen nichts aus Zufall, diese Synchronie muss also eine Bedeutung haben. In der heutigen Fortsetzung schauen wir uns daher an, was die aktuelle Forschung bislang dazu sagen kann.</p> <h3 id="h-ein-tanz-zwischen-ursache-und-wirkung"><strong>Ein Tanz zwischen Ursache und Wirkung</strong></h3> <p>Zurück zum Beispiel der musikalischen Interaktion: Wenn zwei Musiker im Einklang miteinander spielen, ist die neuronale Synchronie unmittelbar messbar. Doch was kommt zuerst? Ist das In-Takt-Schwingen der Gehirne die Ursache für die erfolgreiche Interaktion? Unterstützt es das gegenseitige aufeinander Abstimmen, das gemeinsame Musizieren? Oder ist das Synchronisieren mehr die Folge eines erfolgreichen Miteinanders, die sich automatisch einstellt, wenn beide gut aufeinander abgestimmt spielen?</p> <p>Die Forschung konnte bislang klare Hinweise darauf liefern, dass das Synchronisieren der Gehirnaktivitäten nicht nur eine Folge sozialer Interaktion ist, sondern auch eine funktionale Bedeutung innehat, um erfolgreiche Interaktionen zu fördern [4, 5, 6]. Demnach scheint sie vor allem drei übergeordneten Zwecken zu dienen:</p> <ol> <li>Aktionskoordination: Das Synchronisieren ermöglicht die Abstimmung von Handlungen durch geteilte zeitliche Verarbeitung, ebenso wie die Vorhersage des Handelns meines Gegenübers [1, 5, 6].</li> <li>Informationsaustausch: Es ist notwendig für den effektiven Transfer von Wissen, wie etwa im Klassenzimmer zwischen Lehrenden und Lernenden [6].</li> <li>Soziale Bindung: Es hilft uns, soziale Verbindungen effizient zu knüpfen und zu festigen [4, 5].</li> </ol> <p>Die neuronale Synchronisierung scheint also ein adaptiver Mechanismus zu sein, der uns hilft Aufgaben vor allem in sozialer Interaktion besser zu lösen. Diese Annahme, dass die Synchronie ein Schlüssel zum Miteinander ist, lässt sich durch mehrere Hypothesen erklären: Sie könnte als „sozialer Klebstoff“ fungieren und uns helfen, Vertrauen aufzubauen und uns emotional verbunden zu fühlen. Gleichzeitig ist sie ein Effizienz-Booster: Für Gehirne ist es einfacher, im Gleichtakt zu arbeiten, um eine gemeinsame Aufgabe zu lösen – ähnlich wie beim Tanzen, wo man einen gemeinsamen Rhythmus findet, der alle Schritte leichter macht. Vor allem aber agiert die Synchronie als Vorhersage-Maschine. Sie ermöglicht es uns, das Verhalten unseres Gegenübers besser zu antizipieren. Musiker beispielsweise können durch diesen Gleichklang ahnen, was der andere als Nächstes tun wird [3, 4].</p> <h2 id="h-neuronen-bereiten-sich-vor-synchronie-als-antizipation"><strong>Neuronen bereiten sich vor: Synchronie als Antizipation</strong></h2> <p>Das alles bedeutet allerdings noch nicht, dass unsere Gehirne in sozialer Interaktion dauerhaft synchron laufen. Ganz im Gegenteil, setzt die Synchronität ganz gezielt in bestimmten Phasen ein. Vor allem etwa in der Vorbereitung von Aktionen. Bei Gitarrenduos, so konnte bereits gezeigt werden, tritt die Synchronisation etwa drei Sekunden vor dem Beginn der koordinierten Handlung auf [1]. In diesem Moment stellen sich die Musikerinnen aufeinander ein und ihre Gehirne antizipieren die Aktion der jeweils anderen bereits. Beim Einsatz der Aktion ist die Synchronisation dann auf ihrem Höhepunkt. Dann, wenn die Musiker aktiv das gemeinsame Spiel abstimmen. Sobald die Aktion routinierter abläuft, nimmt die Synchronizität oft wieder ab [1]. Sie ist daher kein zufälliges Echo, sondern ein ressourceneffizienter Mechanismus zur gegenseitigen Vorhersage, um gezielt ein Miteinander abstimmen zu können.<aside></aside></p> <h3 id="h-dirigent-im-kopf"><strong>Dirigent im Kopf</strong></h3> <p>Auch andere musikalische Beispiele verdeutlichen die Bedeutung sich synchronisierender neuronaler Vorgänge, wenn sie die Koordination komplexer zeitlicher Abläufe, wie sie in der Musik erforderlich ist, unterstützen. Bei Jazz-Improvisationen spiegelte das Maß an Synchronizität etwa die Fähigkeit der Musiker wider, vorherzusagen, welche musikalischen Ideen ihre Kollegen als Nächstes spielen würden [3]. Sie scheint also einen schnellen und präzisen Informationsaustausch zwischen den Musikerinnen und Musikern zu begünstigen, was essenziell für komplexe musikalische Abfolgen ist.</p> <h3 id="h-die-sprache-der-synchronie-was-frequenzen-verraten"><strong>Die Sprache der Synchronie: Was Frequenzen verraten</strong></h3> <p>Selbst wenn zwei Gehirne im Takt sind, bedeutet das nicht, dass sie genau dasselbe tun. Vielmehr können wir beobachten, dass das Gehirn verschiedene „Kanäle“ oder Frequenzbänder nutzt, je nachdem, welche Aufgabe gerade ansteht und welche Art von Information synchronisiert werden muss.</p> <p>Für Aufgaben, die motorische Koordination und präzise zeitliche Steuerung erfordern – wie etwa das gemeinsame Musizieren – werden primär langsame Rhythmen in den niedrigen Frequenzen (Delta und Theta: 1–8 Hz) in sensorimotorischen und frontalen Regionen aktiv [2]. Sie bilden den Arbeitstakt, der Musiker dabei unterstützt, ihre Bewegungen auf die Millisekunde genau aufeinander abzustimmen.</p> <p>Im Gegensatz dazu werden für komplexe soziale und emotionale Prozesse, wie die schnelle soziale Wahrnehmung und die Koordination von Gefühlen, höhere Gamma-Frequenzen (30–60 Hz) genutzt [4]. Diese schnelleren Oszillationen sind notwendig, um sensorische Informationen schnell zu binden und in Echtzeit zu verarbeiten, wie es etwa bei der emotionalen Synchronisation von Paaren der Fall ist. Die Synchronisierung ist somit kontextabhängig und sieht anders aus, je nachdem, worüber sich die Gehirne gerade abstimmen [2, 4].</p> <h3 id="h-vernetzung-im-klassenzimmer"><strong>Vernetzung im Klassenzimmer</strong></h3> <p>Auch im Klassenzimmer hat das Hyperscanning die Rolle der Synchronie als Index für den Lernerfolg herausgestellt. Zum einen ist eine Synchronie unter den Schülerinnen und Schülern festzustellen, wenn sie denselben Lernbedingungen ausgesetzt sind. Doch auch die neuronale Aktivität von Lehrpersonen, Schülerinnen und Schülern ist beim Unterrichten und Lernen gekoppelt. Diese Kopplung entsteht nur bei intakten Vorträgen. Wurde der Vortrag zeitlich durcheinander gewürfelt, konnte keine Synchronie beobachtet werden. Reines Zuhören oder das Teilen loser Information reicht nicht aus, damit die Hirne aller Beteiligten sich synchronisieren [6]. Nun könnte man meinen, im Klassenzimmer sehen und hören ja auch alle die gleichen Stimuli. Kein Wunder, dass wir ähnliche Aktivitätsmuster feststellen können. Forschende konnten solch eine Kopplung allerdings auch in höheren Verarbeitungsregionen feststellen, was sie auf das geteilte Verständnis der Inhalte zurückführen [6].</p> <h2 id="h-auf-einer-wellenlange"><strong>Auf einer Wellenlänge</strong></h2> <p>Eine bekannte Redewendung besagt, dass man mit Menschen, mit denen man sich besonders gut versteht, auf einer Wellenlänge ist. Vor dem Hintergrund des Hyperscannings bekommt dies noch einmal eine ganz neue Bedeutung, denn die Forschung zeigt, dass die Synchronie stark von der Beziehung und Vertrautheit zwischen den interagierenden Personen abhängt [4, 5].</p> <p>Gerade bei Menschen, die sich nicht kennen, konnten verschiedene Studien zeigen, dass eine Synchronisierung der Hirnaktivität durchaus von der Art der sozialen Begegnung und dem jeweiligen Gegenüber abhängt. In einer EEG-Studie war die neuronale Synchronie bei Fremden während natürlicher Gespräche oft abwesend [4]. Dennoch konnte aktive soziale Beteiligung die fehlende Vertrautheit teilweise kompensieren [4]. Auch bei ihnen korrelierte die neuronale Aktivität, wenn sie angeregt miteinander interagierten oder sich stark in die Diskussion eingebracht fühlten. Ein weiteres Ergebnis deutet zudem auf individuelle Unterschiede hin: Bei Männern korrelierte eine unsichere Bindung (Angst vor Nähe) negativ mit der neuronalen Synchronie, was darauf hindeutet, dass solche Bindungsmuster die Abstimmung zwischen Gehirnen stören können [4, 5].</p> <h3 id="h-liebespaare-laufen-weniger-synchron"><strong>Liebespaare laufen weniger synchron?!</strong></h3> <p>Ganz anders sieht die sogenannte „neuronale Effizienz“ bei romantischen Paaren aus. Ihre Vertrautheit ermöglicht eine effiziente Ressourcenzuteilung, was sich je nach Aufgabe unterschiedlich zeigt [5]. Bei motorischen Aufgaben, die Präzision erfordern, zeigten Paare die höchste neuronale Synchronie, gepaart mit der besten Verhaltens-Synchronie, da sie ihr Wissen um den Partner für die perfekte Abstimmung nutzten. Bei Empathie-Aufgaben hingegen lieferten Paare die beste Verhaltens-Synchronie (sie unterstützten sich am besten), aber mit der geringsten neuronalen Synchronie.</p> <div><figure><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 683px) 100vw, 683px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-683x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-683x1024.jpg 683w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-200x300.jpg 200w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-768x1152.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-1024x1536.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-1366x2048.jpg 1366w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-scaled.jpg 1707w" width="683"></img></figure><div> <p>Dieses Muster deutet darauf hin, dass die Gehirne von Paaren nicht mehr so viel „neuronalen Aufwand“ betreiben müssen, um sich emotional zu verstehen und zu unterstützen. Sie besitzen bereits internalisierte Vorhersagemodelle des Partners und erreichen ihr Ziel mit geringerem neuronalen Aufwand. Im Gegensatz dazu mussten Fremde einen höheren neuronalen Aufwand betreiben, um nur annähernd vergleichbare Ergebnisse zu erzielen [5]. Die Synchronie ist somit nicht nur ein Zeichen von Verbundenheit, sondern ein neuronaler Mechanismus, dessen Intensität die Vertrautheit und die Effizienz der Zusammenarbeit widerspiegelt.</p> <p>Bildquelle: <a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/stillleben-mit-menschlichem-gehirn_49639351.htm">freepik</a></p> </div></div> <h2 id="h-aus-der-klinik">Aus der Klinik</h2> <p>Ein spannendes Anwendungsgebiet für Hyperscanning ist die klinische Forschung, da soziale Interaktion oft im Kern psychischer Herausforderungen steht. Die zentrale Frage lautet: Was passiert, wenn die neuronale Synchronie fehlt oder anders strukturiert ist – und können wir die Verbindung wiederherstellen? Hyperscanning bietet potentiell ein Werkzeug, um die therapeutische Beziehung messbar zu machen. Eine starke neuronale Kopplung zwischen Klient und Therapeut könnte ein Indikator dafür sein, wie gut das Vertrauensverhältnis ist und wie erfolgreich der Informationsaustausch stattfindet. Und dass die therapeutische Beziehung einer der wichtigsten Faktoren für den Behandlungserfolg ist, ist in der klinisch-psychologischen Forschung schon lange eine gängige Auffassung. </p> <p>Auch bei Paaren ist bekannt, dass die Bindungsmuster (z.B. Bindungsangst bei Männern) mit einer negativen Korrelation der Synchronie einhergehen können [5]. Die Messung der Synchronie beim Sprechen über Konflikte könnte Therapeuten helfen, gezielt an gestörten Mustern zu arbeiten, um die Effizienz der sozialen Vorhersage und Bindung zu verbessern. Schließlich ermöglicht es das Hyperscanning, genauer zu untersuchen, ob Menschen mit Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion (wie z. B. im Autismus-Spektrum) eine schwächere oder anders geartete Synchronie aufweisen [7]. Statt nur das einzelne Gehirn zu betrachten, kann die Forschung nun messen, ob die Fähigkeit zur „Inter-Brain-Koordination“ betroffen ist, was neue therapeutische Perspektiven eröffnen könnte, die auf die Verbesserung der gegenseitigen Vorhersage abzielen.</p> <h3 id="h-weniger-synchronie-aber-gleiche-fahigkeit"><strong>Weniger Synchronie, aber gleiche Fähigkeit</strong></h3> <p>Besonders interessant wird dieser Ansatz, wenn wir etwa das Autismus-Spektrum betrachten. Eine aktuelle Studie der Universität Montréal untersuchte die Gehirn-Synchronisation bei Imitationsaufgaben, indem sie ein neurotypisches Individuum entweder mit einem anderen neurotypischen Partner oder mit einer Person aus dem Autismus-Spektrum zusammenarbeiten ließen [7]. Die Forschenden nutzten EEG-Hyperscanning, um die Gehirnaktivität der Paare simultan aufzuzeichnen, während diese aufgefordert wurden, Handgesten zu imitieren. Dabei zeigte sich, dass die Gehirn-Synchronisation zwischen einem neurotypischen Menschen und einem Partner auf dem Autismus-Spektrum geringer war als zwischen zwei neurotypischen Partnern [7].</p> <p>Die Personen aus dem Autismus-Spektrum waren genauso fähig, die Bewegungen ihres Partners zu imitieren und ihre eigenen Bewegungen zu synchronisieren. Der entscheidende Unterschied lag nicht in der Fähigkeit zur Imitation, sondern im „Turn-Taking“ (dem Wechsel zwischen Führen und Folgen) [7]. Die Personen aus dem Autismus-Spektrum waren weniger wahrscheinlich die Initiatoren der Bewegung, sondern folgten eher der Bewegung des Gegenübers.</p> <p>Die Forschenden interpretierten diese Dynamik dahingehend, dass Autismus als eine relationale Bedingung und nicht primär als eine Störung des Individuums betrachtet werden sollte [7]. Da die sozialen Herausforderungen beidseitig gerichtet sind, liegt die Verantwortung für eine erschwerte Interaktion bei allen Beteiligten – nicht nur bei der Person mit Autismus.</p> <h3 id="h-zukunftige-forschung-kunstbasierte-therapieansatze"><strong>Zukünftige Forschung: Kunstbasierte Therapieansätze</strong></h3> <p>Die Forschung geht nun weiter, um die neuralen und kognitiven Grundlagen der atypischen emotionalen Kommunikation bei Autismus zu untersuchen. Ein entscheidendes Problem ist, dass herkömmliche Studien oft gesichtsbasierte Stimuli verwenden, was Befunde aufgrund von Themen wie Blickkontaktvermeidung oder sozialer Angst verfälschen kann [8].</p> <p>Hier setzen innovative Ansätze an, wie ein interdisziplinäres Projekt an der Universität Wien [8]. Die Forscher entwickeln Paradigmen, bei denen Probanden Emotionen durch abstrakte Zeichnungen ausdrücken und erkennen müssen – eine Methode, um Emotionen ohne Gesichter oder Körper zu kommunizieren. Gekoppelt wird dies mit der fNIRS-Hyperscanning-Methode zur gleichzeitigen Messung der Gehirnaktivität mehrerer Teilnehmer. </p> <div><div> <p>Dies erlaubt die Untersuchung der Synchronie zwischen Sender- und Empfängergehirn während der emotionalen Kommunikation. Das Ziel ist es, die Unterschiede in der Emotionskommunikation zwischen autistischen und nicht-autistischen Erwachsenen zu erforschen und die Grundlage für kunstbasierte klinische Interventionen zu schaffen, die direkt auf die Verbesserung der interpersonellen Prozesse abzielen [8]. Dieser Ansatz unterstreicht die wachsende Bedeutung des Hyperscannings, um soziale Interaktion als dynamischen, gemeinsamen Prozess zu verstehen und so neue, personenzentrierte Therapieansätze zu entwickeln.</p> <p>Bildquelle: <a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen_48110597.htm#from_element=cross_selling__photo">freepik</a></p> </div><figure><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 684px) 100vw, 684px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-1-1-684x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-1-1-684x1024.jpg 684w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-1-1-200x300.jpg 200w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-1-1-768x1151.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-1-1-1025x1536.jpg 1025w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-1-1-1367x2048.jpg 1367w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-1-1-scaled.jpg 1709w" width="684"></img></figure></div> <h2 id="h-vom-ich-zum-wir"><strong>Vom „Ich“ zum „Wir“</strong></h2> <p>Hyperscanning verändert unseren Blick auf das menschliche Gehirn. Es ist kein isoliertes Organ, das nur auf Reize reagiert. Es ist vielmehr ein Organ, das fundamental darauf ausgelegt ist, im sozialen Dialog zu funktionieren. Die interpersonelle Synchronie dient als ein adaptiver, ressourceneffizienter Mechanismus, der sich in Frequenz, Ort und zeitlichem Muster an die jeweilige Aufgabe – Koordination, Lernen oder Empathie – anpasst.</p> <p>Die akteulle Forschungslage zeigt: Synchronie ist ein messbares Zeichen für effektive Koordination, erfolgreiches Lernen und tiefe soziale Bindung. Wir kratzen gerade erst an der Oberfläche, um zu verstehen, was es heißt, Mensch zu sein – und zwar gemeinsam. Mit mobilen Messsystemen wie fNIRS und tragbaren EEGs, die den Weg aus dem Labor in den Alltag finden, wird dieser „neuronale Takt“ des Miteinanders in Zukunft noch viel deutlicher hörbar werden und uns neue Wege zum Verständnis und zur Optimierung unserer sozialen Welt eröffnen.</p> <h2 id="h-quellen"><strong>Quellen</strong></h2> <ol start="1"> <li>Lindenberger, U., Li, S. C., Gruber, W., &amp; Müller, V. (2009). Brains swinging in concert: cortical phase synchronization while playing guitar. <em>BMC Neuroscience</em>, <em>10</em>, 22. <a href="https://doi.org/10.1186/1471-2202-10-22" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1186/1471-2202-10-22</a></li> <li>Sänger, J. C., Müller, V., &amp; Lindenberger, U. (2012). Intra- and interbrain synchronization and network properties when playing guitar in duets. <em>Frontiers in Human Neuroscience</em>, <em>6</em>, 312. <a href="https://doi.org/10.3389/fnhum.2012.00312" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.3389/fnhum.2012.00312</a></li> <li>Müller, V., &amp; Lindenberger, U. (2019). Dynamic Orchestration of Brains and Instruments During Free Guitar Improvisation. <em>Frontiers in Integrative Neuroscience</em>, <em>13</em>, 50. <a href="https://doi.org/10.3389/fnint.2019.00050" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.3389/fnint.2019.00050</a></li> <li>Kinreich, S., Djalovski, A., Kraus, L., Louzoun, Y., &amp; Feldman, R. (2017). Brain-to-Brain Synchrony during Naturalistic Social Interactions. <em>Scientific Reports</em>, <em>7</em>, 17478. <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-017-17339-5" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1038/s41598-017-17339-5</a></li> <li>Djalovski, A., Dumas, G., Kinreich, S., &amp; Feldman, R. (2020). Human attachments shape interbrain synchrony toward efficient performance of social goals. <em>NeuroImage, 226</em>. <a href="https://doi.org/10.1016/j.neuroimage.2020.117600" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.neuroimage.2020.117600</a></li> <li>Nguyen, M., Chang, A., Micciche, E. T., Meshulam, M., Nastase, S. A., &amp; Hasson, U. (2020). Teacher–student neural coupling during teaching and learning. <em>Social Cognitive and Affective Neuroscience</em>, <em>16</em>(1-2), 101–110. <a href="https://doi.org/10.1093/scan/nsab103" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1093/scan/nsab103</a></li> <li>Moreau, Q., Brun, F., Ayrolles, A., Nadel, J., &amp; Dumas, G. (2024). Distinct social behavior and inter-brain connectivity in Dyads with autistic individuals. <em>Social Neuroscience</em>, <em>19</em>(2), 124–136. <a href="https://doi.org/10.1080/17470919.2024.2379917" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1080/17470919.2024.2379917</a></li> <li>Pelowski, M., Kim, H., &amp; Silani, G. (o. J.). <em>Abstract: Interdisciplinary Combination of Neuroscience, Clinical Psychology, and Empirical Aesthetics (University of Vienna Project)</em> [Forschungsprojekt-Abstract]. Universität Wien. <a href="https://ucrisportal.univie.ac.at/en/projects/gehirnsynchronität-und-kommunikation-jenseits-des-angesichts" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://ucrisportal.univie.ac.at/en/projects/gehirnsynchronität-und-kommunikation-jenseits-des-angesichts</a></li> </ol> <p>Beitragsbild Hyperscanning: <a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen_48110544.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=2&amp;uuid=1bcc044c-a2b1-489d-bb60-1a22380040c7&amp;query=brains+synchrony">freepik</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-scaled.jpg" /><h1>Hyperscanning: Der neuronale Schlüssel zum Miteinander? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>Einer der spannendsten aktuellen Trends in der neurowissenschaftlichen Forschung ist das Hyperscanning. Dabei werden nicht mehr einzelne Hirne isoliert betrachtet, sondern mehrere Personen gleichzeitig gescannt, um zu beobachten, wie ihre Gehirne in Interaktion arbeiten. Im ersten Teil dieses Artikels haben wir uns bereits damit beschäftigt, wie derartige Messverfahren aussehen und funktionieren. Die Quintessenz: In Interaktion scheinen die Gehirne mehrerer Menschen sich zu synchronisieren, mitzuschwingen. Eine wichtige Frage blieb dabei allerdings noch offen: Warum ist das so? Unsere neuronalen Netzwerke machen nichts aus Zufall, diese Synchronie muss also eine Bedeutung haben. In der heutigen Fortsetzung schauen wir uns daher an, was die aktuelle Forschung bislang dazu sagen kann.</p> <h3 id="h-ein-tanz-zwischen-ursache-und-wirkung"><strong>Ein Tanz zwischen Ursache und Wirkung</strong></h3> <p>Zurück zum Beispiel der musikalischen Interaktion: Wenn zwei Musiker im Einklang miteinander spielen, ist die neuronale Synchronie unmittelbar messbar. Doch was kommt zuerst? Ist das In-Takt-Schwingen der Gehirne die Ursache für die erfolgreiche Interaktion? Unterstützt es das gegenseitige aufeinander Abstimmen, das gemeinsame Musizieren? Oder ist das Synchronisieren mehr die Folge eines erfolgreichen Miteinanders, die sich automatisch einstellt, wenn beide gut aufeinander abgestimmt spielen?</p> <p>Die Forschung konnte bislang klare Hinweise darauf liefern, dass das Synchronisieren der Gehirnaktivitäten nicht nur eine Folge sozialer Interaktion ist, sondern auch eine funktionale Bedeutung innehat, um erfolgreiche Interaktionen zu fördern [4, 5, 6]. Demnach scheint sie vor allem drei übergeordneten Zwecken zu dienen:</p> <ol> <li>Aktionskoordination: Das Synchronisieren ermöglicht die Abstimmung von Handlungen durch geteilte zeitliche Verarbeitung, ebenso wie die Vorhersage des Handelns meines Gegenübers [1, 5, 6].</li> <li>Informationsaustausch: Es ist notwendig für den effektiven Transfer von Wissen, wie etwa im Klassenzimmer zwischen Lehrenden und Lernenden [6].</li> <li>Soziale Bindung: Es hilft uns, soziale Verbindungen effizient zu knüpfen und zu festigen [4, 5].</li> </ol> <p>Die neuronale Synchronisierung scheint also ein adaptiver Mechanismus zu sein, der uns hilft Aufgaben vor allem in sozialer Interaktion besser zu lösen. Diese Annahme, dass die Synchronie ein Schlüssel zum Miteinander ist, lässt sich durch mehrere Hypothesen erklären: Sie könnte als „sozialer Klebstoff“ fungieren und uns helfen, Vertrauen aufzubauen und uns emotional verbunden zu fühlen. Gleichzeitig ist sie ein Effizienz-Booster: Für Gehirne ist es einfacher, im Gleichtakt zu arbeiten, um eine gemeinsame Aufgabe zu lösen – ähnlich wie beim Tanzen, wo man einen gemeinsamen Rhythmus findet, der alle Schritte leichter macht. Vor allem aber agiert die Synchronie als Vorhersage-Maschine. Sie ermöglicht es uns, das Verhalten unseres Gegenübers besser zu antizipieren. Musiker beispielsweise können durch diesen Gleichklang ahnen, was der andere als Nächstes tun wird [3, 4].</p> <h2 id="h-neuronen-bereiten-sich-vor-synchronie-als-antizipation"><strong>Neuronen bereiten sich vor: Synchronie als Antizipation</strong></h2> <p>Das alles bedeutet allerdings noch nicht, dass unsere Gehirne in sozialer Interaktion dauerhaft synchron laufen. Ganz im Gegenteil, setzt die Synchronität ganz gezielt in bestimmten Phasen ein. Vor allem etwa in der Vorbereitung von Aktionen. Bei Gitarrenduos, so konnte bereits gezeigt werden, tritt die Synchronisation etwa drei Sekunden vor dem Beginn der koordinierten Handlung auf [1]. In diesem Moment stellen sich die Musikerinnen aufeinander ein und ihre Gehirne antizipieren die Aktion der jeweils anderen bereits. Beim Einsatz der Aktion ist die Synchronisation dann auf ihrem Höhepunkt. Dann, wenn die Musiker aktiv das gemeinsame Spiel abstimmen. Sobald die Aktion routinierter abläuft, nimmt die Synchronizität oft wieder ab [1]. Sie ist daher kein zufälliges Echo, sondern ein ressourceneffizienter Mechanismus zur gegenseitigen Vorhersage, um gezielt ein Miteinander abstimmen zu können.<aside></aside></p> <h3 id="h-dirigent-im-kopf"><strong>Dirigent im Kopf</strong></h3> <p>Auch andere musikalische Beispiele verdeutlichen die Bedeutung sich synchronisierender neuronaler Vorgänge, wenn sie die Koordination komplexer zeitlicher Abläufe, wie sie in der Musik erforderlich ist, unterstützen. Bei Jazz-Improvisationen spiegelte das Maß an Synchronizität etwa die Fähigkeit der Musiker wider, vorherzusagen, welche musikalischen Ideen ihre Kollegen als Nächstes spielen würden [3]. Sie scheint also einen schnellen und präzisen Informationsaustausch zwischen den Musikerinnen und Musikern zu begünstigen, was essenziell für komplexe musikalische Abfolgen ist.</p> <h3 id="h-die-sprache-der-synchronie-was-frequenzen-verraten"><strong>Die Sprache der Synchronie: Was Frequenzen verraten</strong></h3> <p>Selbst wenn zwei Gehirne im Takt sind, bedeutet das nicht, dass sie genau dasselbe tun. Vielmehr können wir beobachten, dass das Gehirn verschiedene „Kanäle“ oder Frequenzbänder nutzt, je nachdem, welche Aufgabe gerade ansteht und welche Art von Information synchronisiert werden muss.</p> <p>Für Aufgaben, die motorische Koordination und präzise zeitliche Steuerung erfordern – wie etwa das gemeinsame Musizieren – werden primär langsame Rhythmen in den niedrigen Frequenzen (Delta und Theta: 1–8 Hz) in sensorimotorischen und frontalen Regionen aktiv [2]. Sie bilden den Arbeitstakt, der Musiker dabei unterstützt, ihre Bewegungen auf die Millisekunde genau aufeinander abzustimmen.</p> <p>Im Gegensatz dazu werden für komplexe soziale und emotionale Prozesse, wie die schnelle soziale Wahrnehmung und die Koordination von Gefühlen, höhere Gamma-Frequenzen (30–60 Hz) genutzt [4]. Diese schnelleren Oszillationen sind notwendig, um sensorische Informationen schnell zu binden und in Echtzeit zu verarbeiten, wie es etwa bei der emotionalen Synchronisation von Paaren der Fall ist. Die Synchronisierung ist somit kontextabhängig und sieht anders aus, je nachdem, worüber sich die Gehirne gerade abstimmen [2, 4].</p> <h3 id="h-vernetzung-im-klassenzimmer"><strong>Vernetzung im Klassenzimmer</strong></h3> <p>Auch im Klassenzimmer hat das Hyperscanning die Rolle der Synchronie als Index für den Lernerfolg herausgestellt. Zum einen ist eine Synchronie unter den Schülerinnen und Schülern festzustellen, wenn sie denselben Lernbedingungen ausgesetzt sind. Doch auch die neuronale Aktivität von Lehrpersonen, Schülerinnen und Schülern ist beim Unterrichten und Lernen gekoppelt. Diese Kopplung entsteht nur bei intakten Vorträgen. Wurde der Vortrag zeitlich durcheinander gewürfelt, konnte keine Synchronie beobachtet werden. Reines Zuhören oder das Teilen loser Information reicht nicht aus, damit die Hirne aller Beteiligten sich synchronisieren [6]. Nun könnte man meinen, im Klassenzimmer sehen und hören ja auch alle die gleichen Stimuli. Kein Wunder, dass wir ähnliche Aktivitätsmuster feststellen können. Forschende konnten solch eine Kopplung allerdings auch in höheren Verarbeitungsregionen feststellen, was sie auf das geteilte Verständnis der Inhalte zurückführen [6].</p> <h2 id="h-auf-einer-wellenlange"><strong>Auf einer Wellenlänge</strong></h2> <p>Eine bekannte Redewendung besagt, dass man mit Menschen, mit denen man sich besonders gut versteht, auf einer Wellenlänge ist. Vor dem Hintergrund des Hyperscannings bekommt dies noch einmal eine ganz neue Bedeutung, denn die Forschung zeigt, dass die Synchronie stark von der Beziehung und Vertrautheit zwischen den interagierenden Personen abhängt [4, 5].</p> <p>Gerade bei Menschen, die sich nicht kennen, konnten verschiedene Studien zeigen, dass eine Synchronisierung der Hirnaktivität durchaus von der Art der sozialen Begegnung und dem jeweiligen Gegenüber abhängt. In einer EEG-Studie war die neuronale Synchronie bei Fremden während natürlicher Gespräche oft abwesend [4]. Dennoch konnte aktive soziale Beteiligung die fehlende Vertrautheit teilweise kompensieren [4]. Auch bei ihnen korrelierte die neuronale Aktivität, wenn sie angeregt miteinander interagierten oder sich stark in die Diskussion eingebracht fühlten. Ein weiteres Ergebnis deutet zudem auf individuelle Unterschiede hin: Bei Männern korrelierte eine unsichere Bindung (Angst vor Nähe) negativ mit der neuronalen Synchronie, was darauf hindeutet, dass solche Bindungsmuster die Abstimmung zwischen Gehirnen stören können [4, 5].</p> <h3 id="h-liebespaare-laufen-weniger-synchron"><strong>Liebespaare laufen weniger synchron?!</strong></h3> <p>Ganz anders sieht die sogenannte „neuronale Effizienz“ bei romantischen Paaren aus. Ihre Vertrautheit ermöglicht eine effiziente Ressourcenzuteilung, was sich je nach Aufgabe unterschiedlich zeigt [5]. Bei motorischen Aufgaben, die Präzision erfordern, zeigten Paare die höchste neuronale Synchronie, gepaart mit der besten Verhaltens-Synchronie, da sie ihr Wissen um den Partner für die perfekte Abstimmung nutzten. Bei Empathie-Aufgaben hingegen lieferten Paare die beste Verhaltens-Synchronie (sie unterstützten sich am besten), aber mit der geringsten neuronalen Synchronie.</p> <div><figure><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 683px) 100vw, 683px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-683x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-683x1024.jpg 683w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-200x300.jpg 200w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-768x1152.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-1024x1536.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-1366x2048.jpg 1366w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-scaled.jpg 1707w" width="683"></img></figure><div> <p>Dieses Muster deutet darauf hin, dass die Gehirne von Paaren nicht mehr so viel „neuronalen Aufwand“ betreiben müssen, um sich emotional zu verstehen und zu unterstützen. Sie besitzen bereits internalisierte Vorhersagemodelle des Partners und erreichen ihr Ziel mit geringerem neuronalen Aufwand. Im Gegensatz dazu mussten Fremde einen höheren neuronalen Aufwand betreiben, um nur annähernd vergleichbare Ergebnisse zu erzielen [5]. Die Synchronie ist somit nicht nur ein Zeichen von Verbundenheit, sondern ein neuronaler Mechanismus, dessen Intensität die Vertrautheit und die Effizienz der Zusammenarbeit widerspiegelt.</p> <p>Bildquelle: <a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/stillleben-mit-menschlichem-gehirn_49639351.htm">freepik</a></p> </div></div> <h2 id="h-aus-der-klinik">Aus der Klinik</h2> <p>Ein spannendes Anwendungsgebiet für Hyperscanning ist die klinische Forschung, da soziale Interaktion oft im Kern psychischer Herausforderungen steht. Die zentrale Frage lautet: Was passiert, wenn die neuronale Synchronie fehlt oder anders strukturiert ist – und können wir die Verbindung wiederherstellen? Hyperscanning bietet potentiell ein Werkzeug, um die therapeutische Beziehung messbar zu machen. Eine starke neuronale Kopplung zwischen Klient und Therapeut könnte ein Indikator dafür sein, wie gut das Vertrauensverhältnis ist und wie erfolgreich der Informationsaustausch stattfindet. Und dass die therapeutische Beziehung einer der wichtigsten Faktoren für den Behandlungserfolg ist, ist in der klinisch-psychologischen Forschung schon lange eine gängige Auffassung. </p> <p>Auch bei Paaren ist bekannt, dass die Bindungsmuster (z.B. Bindungsangst bei Männern) mit einer negativen Korrelation der Synchronie einhergehen können [5]. Die Messung der Synchronie beim Sprechen über Konflikte könnte Therapeuten helfen, gezielt an gestörten Mustern zu arbeiten, um die Effizienz der sozialen Vorhersage und Bindung zu verbessern. Schließlich ermöglicht es das Hyperscanning, genauer zu untersuchen, ob Menschen mit Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion (wie z. B. im Autismus-Spektrum) eine schwächere oder anders geartete Synchronie aufweisen [7]. Statt nur das einzelne Gehirn zu betrachten, kann die Forschung nun messen, ob die Fähigkeit zur „Inter-Brain-Koordination“ betroffen ist, was neue therapeutische Perspektiven eröffnen könnte, die auf die Verbesserung der gegenseitigen Vorhersage abzielen.</p> <h3 id="h-weniger-synchronie-aber-gleiche-fahigkeit"><strong>Weniger Synchronie, aber gleiche Fähigkeit</strong></h3> <p>Besonders interessant wird dieser Ansatz, wenn wir etwa das Autismus-Spektrum betrachten. Eine aktuelle Studie der Universität Montréal untersuchte die Gehirn-Synchronisation bei Imitationsaufgaben, indem sie ein neurotypisches Individuum entweder mit einem anderen neurotypischen Partner oder mit einer Person aus dem Autismus-Spektrum zusammenarbeiten ließen [7]. Die Forschenden nutzten EEG-Hyperscanning, um die Gehirnaktivität der Paare simultan aufzuzeichnen, während diese aufgefordert wurden, Handgesten zu imitieren. Dabei zeigte sich, dass die Gehirn-Synchronisation zwischen einem neurotypischen Menschen und einem Partner auf dem Autismus-Spektrum geringer war als zwischen zwei neurotypischen Partnern [7].</p> <p>Die Personen aus dem Autismus-Spektrum waren genauso fähig, die Bewegungen ihres Partners zu imitieren und ihre eigenen Bewegungen zu synchronisieren. Der entscheidende Unterschied lag nicht in der Fähigkeit zur Imitation, sondern im „Turn-Taking“ (dem Wechsel zwischen Führen und Folgen) [7]. Die Personen aus dem Autismus-Spektrum waren weniger wahrscheinlich die Initiatoren der Bewegung, sondern folgten eher der Bewegung des Gegenübers.</p> <p>Die Forschenden interpretierten diese Dynamik dahingehend, dass Autismus als eine relationale Bedingung und nicht primär als eine Störung des Individuums betrachtet werden sollte [7]. Da die sozialen Herausforderungen beidseitig gerichtet sind, liegt die Verantwortung für eine erschwerte Interaktion bei allen Beteiligten – nicht nur bei der Person mit Autismus.</p> <h3 id="h-zukunftige-forschung-kunstbasierte-therapieansatze"><strong>Zukünftige Forschung: Kunstbasierte Therapieansätze</strong></h3> <p>Die Forschung geht nun weiter, um die neuralen und kognitiven Grundlagen der atypischen emotionalen Kommunikation bei Autismus zu untersuchen. Ein entscheidendes Problem ist, dass herkömmliche Studien oft gesichtsbasierte Stimuli verwenden, was Befunde aufgrund von Themen wie Blickkontaktvermeidung oder sozialer Angst verfälschen kann [8].</p> <p>Hier setzen innovative Ansätze an, wie ein interdisziplinäres Projekt an der Universität Wien [8]. Die Forscher entwickeln Paradigmen, bei denen Probanden Emotionen durch abstrakte Zeichnungen ausdrücken und erkennen müssen – eine Methode, um Emotionen ohne Gesichter oder Körper zu kommunizieren. Gekoppelt wird dies mit der fNIRS-Hyperscanning-Methode zur gleichzeitigen Messung der Gehirnaktivität mehrerer Teilnehmer. </p> <div><div> <p>Dies erlaubt die Untersuchung der Synchronie zwischen Sender- und Empfängergehirn während der emotionalen Kommunikation. Das Ziel ist es, die Unterschiede in der Emotionskommunikation zwischen autistischen und nicht-autistischen Erwachsenen zu erforschen und die Grundlage für kunstbasierte klinische Interventionen zu schaffen, die direkt auf die Verbesserung der interpersonellen Prozesse abzielen [8]. Dieser Ansatz unterstreicht die wachsende Bedeutung des Hyperscannings, um soziale Interaktion als dynamischen, gemeinsamen Prozess zu verstehen und so neue, personenzentrierte Therapieansätze zu entwickeln.</p> <p>Bildquelle: <a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen_48110597.htm#from_element=cross_selling__photo">freepik</a></p> </div><figure><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 684px) 100vw, 684px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-1-1-684x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-1-1-684x1024.jpg 684w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-1-1-200x300.jpg 200w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-1-1-768x1151.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-1-1-1025x1536.jpg 1025w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-1-1-1367x2048.jpg 1367w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-1-1-scaled.jpg 1709w" width="684"></img></figure></div> <h2 id="h-vom-ich-zum-wir"><strong>Vom „Ich“ zum „Wir“</strong></h2> <p>Hyperscanning verändert unseren Blick auf das menschliche Gehirn. Es ist kein isoliertes Organ, das nur auf Reize reagiert. Es ist vielmehr ein Organ, das fundamental darauf ausgelegt ist, im sozialen Dialog zu funktionieren. Die interpersonelle Synchronie dient als ein adaptiver, ressourceneffizienter Mechanismus, der sich in Frequenz, Ort und zeitlichem Muster an die jeweilige Aufgabe – Koordination, Lernen oder Empathie – anpasst.</p> <p>Die akteulle Forschungslage zeigt: Synchronie ist ein messbares Zeichen für effektive Koordination, erfolgreiches Lernen und tiefe soziale Bindung. Wir kratzen gerade erst an der Oberfläche, um zu verstehen, was es heißt, Mensch zu sein – und zwar gemeinsam. Mit mobilen Messsystemen wie fNIRS und tragbaren EEGs, die den Weg aus dem Labor in den Alltag finden, wird dieser „neuronale Takt“ des Miteinanders in Zukunft noch viel deutlicher hörbar werden und uns neue Wege zum Verständnis und zur Optimierung unserer sozialen Welt eröffnen.</p> <h2 id="h-quellen"><strong>Quellen</strong></h2> <ol start="1"> <li>Lindenberger, U., Li, S. C., Gruber, W., &amp; Müller, V. (2009). Brains swinging in concert: cortical phase synchronization while playing guitar. <em>BMC Neuroscience</em>, <em>10</em>, 22. <a href="https://doi.org/10.1186/1471-2202-10-22" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1186/1471-2202-10-22</a></li> <li>Sänger, J. C., Müller, V., &amp; Lindenberger, U. (2012). Intra- and interbrain synchronization and network properties when playing guitar in duets. <em>Frontiers in Human Neuroscience</em>, <em>6</em>, 312. <a href="https://doi.org/10.3389/fnhum.2012.00312" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.3389/fnhum.2012.00312</a></li> <li>Müller, V., &amp; Lindenberger, U. (2019). Dynamic Orchestration of Brains and Instruments During Free Guitar Improvisation. <em>Frontiers in Integrative Neuroscience</em>, <em>13</em>, 50. <a href="https://doi.org/10.3389/fnint.2019.00050" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.3389/fnint.2019.00050</a></li> <li>Kinreich, S., Djalovski, A., Kraus, L., Louzoun, Y., &amp; Feldman, R. (2017). Brain-to-Brain Synchrony during Naturalistic Social Interactions. <em>Scientific Reports</em>, <em>7</em>, 17478. <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-017-17339-5" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1038/s41598-017-17339-5</a></li> <li>Djalovski, A., Dumas, G., Kinreich, S., &amp; Feldman, R. (2020). Human attachments shape interbrain synchrony toward efficient performance of social goals. <em>NeuroImage, 226</em>. <a href="https://doi.org/10.1016/j.neuroimage.2020.117600" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.neuroimage.2020.117600</a></li> <li>Nguyen, M., Chang, A., Micciche, E. T., Meshulam, M., Nastase, S. A., &amp; Hasson, U. (2020). Teacher–student neural coupling during teaching and learning. <em>Social Cognitive and Affective Neuroscience</em>, <em>16</em>(1-2), 101–110. <a href="https://doi.org/10.1093/scan/nsab103" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1093/scan/nsab103</a></li> <li>Moreau, Q., Brun, F., Ayrolles, A., Nadel, J., &amp; Dumas, G. (2024). Distinct social behavior and inter-brain connectivity in Dyads with autistic individuals. <em>Social Neuroscience</em>, <em>19</em>(2), 124–136. <a href="https://doi.org/10.1080/17470919.2024.2379917" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1080/17470919.2024.2379917</a></li> <li>Pelowski, M., Kim, H., &amp; Silani, G. (o. J.). <em>Abstract: Interdisciplinary Combination of Neuroscience, Clinical Psychology, and Empirical Aesthetics (University of Vienna Project)</em> [Forschungsprojekt-Abstract]. Universität Wien. <a href="https://ucrisportal.univie.ac.at/en/projects/gehirnsynchronität-und-kommunikation-jenseits-des-angesichts" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://ucrisportal.univie.ac.at/en/projects/gehirnsynchronität-und-kommunikation-jenseits-des-angesichts</a></li> </ol> <p>Beitragsbild Hyperscanning: <a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen_48110544.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=2&amp;uuid=1bcc044c-a2b1-489d-bb60-1a22380040c7&amp;query=brains+synchrony">freepik</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/hyperscanning-der-neuronale-schluessel-zum-miteinander/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>2</slash:comments> </item> <item> <title>Qualia https://scilogs.spektrum.de/3g/qualia/ https://scilogs.spektrum.de/3g/qualia/#comments Fri, 14 Nov 2025 16:53:26 +0000 Christian Hoppe https://scilogs.spektrum.de/3g/?p=312 <h1>Qualia » 3G » SciLogs</h1><h2>By Christian Hoppe</h2><div itemprop="text"> <p>Am Ende verdichten sich alle Fragen der Philosophie und Religion zu der einen Frage nach der Natur des subjektiven Erlebens: Ist Bewusstsein von dieser Welt – oder ist es der Fingerzeig auf eine zweite, geistige Welt jenseits der Welt physischer Dinge, Eigenschaften und Ereignisse?</p> <p>Bewusstsein macht den alles entscheidenden Unterschied: Ohne Bewusstsein kein Erkennen. Ohne bewusstes Erleben „hätte“ niemand eine Welt, zu der er sich erkennend und handelnd irgendwie verhalten könnte. Ohne Bewusstsein auch kein Schmerz, kein Leiden – sondern allenfalls Schmerzreaktionen, schmerzartiges Grimassieren, schmerzvermeidendes Verhalten. Wo es kein Leiden geben kann, muss Leiden auch nicht mehr vermieden werden – daher: Ohne Bewusstsein keine Ethik, keine Moral, keine Verantwortung oder Schuld. Die Welt als Aneinanderreihung bloßer Tatsachen, die niemanden interessieren, die sind, was sie sind, weder gut noch böse. Alles wäre einfach und eindimensional ausschließlich Welt. Und wenn niemand mehr da ist, der irgendetwas bemerkt, wird am Ende auch die Aussage schwierig, dass es die Welt überhaupt gibt (oder dass es in der Welt irgendetwas gibt).</p> <p>Die Alltagswelt, die physische Realität – sie sind offensichtlich das Ergebnis einer Interaktion zwischen einer irgendwie gearteten materiellen Wirklichkeit (zu der wir selbst dazugehören) mit unserem Organismus, unseren Wahrnehmungsorganen und unserem Gehirn, letztlich mit unserem bewussten Erleben. Wie sieht Rot aus, wenn niemand es sieht? Es ist klar, wie es aussehen wird, sobald jemand es wieder anschaut – aber wie sieht Rot aus, wenn niemand es sieht? Warum und wie überhaupt die unterschiedlichen Sinnesmodalitäten – Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen –, wo uns die Welt doch ausschließlich über den einheitlichen und wenig sinnlichen neuronalen Code des sensorischen Interfaces unseres Nervensystems erreicht?</p> <p>Die Bewusstseinstheorien beschäftigen sich meistens mit der Frage, warum uns etwas Bestimmtes bewusst wird oder nicht, während wir wach sind. Hier geht es mir aber mehr um diese Wachheit selbst – bei Bewusstsein sein, überhaupt irgendetwas erleben können. Vigilanz kennt Abstufungen: Beim Erwachen gibt es einen Moment – ab dem sind wir da und mit uns die Welt; und beim Einschlafen gibt es einen Moment, wo beide, ich und meine Welt, zugleich verschwinden. Während des Tages gibt es tranceartige, automatische Momente – ganze Stunden manchmal – und dann immer wieder lichte, hellwache Momente mit glasklarer Aufmerksamkeit und messerscharfem Denken. Offensichtlich korreliert unsere Leistungsfähigkeit mit dem Bewusstsein im Sinne von Wachheit (wobei manchmal auch in tranceartigen Zuständen erstaunliche Dinge vollbracht werden).</p> <p><em>Exkurs: Bewusstsein hat normalerweise einen intentionalen Gehalt und ein Subjekt, das diesen erlebt, erfährt, denkt, erinnert usw.: Es ist für mich irgendwie, rot zu sehen, sauer zu schmecken etc. In Meditationskreisen wird behauptet, es gäbe Bewusstsein außerhalb dieser epistemischen Subjekt-Objekt-Struktur, d.h. „reines Bewusstsein“, niemandes Bewusstsein, Bewusstsein ohne irgendeine Welt, ohne „Inhalt“. Mir scheint dies als extremes Ende der gegebenen positiven Korrelation zwischen dem Erstehen eines Subjekts und einer objektiven Welt durchaus denkbar – aber im Folgenden werde ich mich auf subjektives Bewusstsein mit phänomenalem Gehalt konzentrieren. —</em><aside></aside></p> <p>Informationsverarbeitung kann in physischen Systemen realisiert werden – in Zeiten von ChatGPT und AlphaFold 3 eine Binse. Aber vielleicht doch bemerkenswert: Informationsverarbeitung ist gar nicht das Problem. Solange wir über Informationsverarbeitung reden, hat der Physikalismus auch kein Problem (siehe „conscious access“, Ned Block). Es ist absolut denkbar, dass sich physische System entwickeln, die erstaunliche Fähigkeiten in der (unbewussten) Verarbeitung und Integration großer Informationsmengen in Richtung eines adaptiven Verhaltens entwickeln. Für mein eigenes sichtbares Verhalten gilt ohnehin: Alles, was daran physisch ist, unterliegt physischen Gesetzmäßigkeiten. Aber auch für die Informationsverarbeitung in meinem Nervensystem sowie anderen Organsystemen gilt: Sie unterliegt den Gesetzen der Physik. Fraglich ist einzig und allein dieser letzte, wie wir oben gesehen haben, entscheidende Moment des Bewusstseins, des subjektiven Erlebens, der Qualia: das „<em>hard problem of consciousness</em>“ (David Chalmers).</p> <p>Es ist im Grunde ganz einfach: Entweder ist Bewusstsein (im strengen zugespitzten Sinne der Qualia) physisch oder nicht.</p> <p>Physisch ist es, wenn es kausale Power in der physischen Realität besitzt – es sollte dann letztlich messbar und beobachtbar sein, weil es das Potential hätte, mit unseren Messinstrumenten und Wahrnehmungsorganen zu interagieren. Die Tatsache des subjektiven Erlebens als solcher würde dann in der physischen Realität einen Unterschied machen (unabhängig vom konkreten Inhalt, der ohnehin als Informationsverarbeitung physisch real wirkt). Bewusstsein wäre dann ein weiteres physikalisches Phänomen. Man könnte über Mechanismen wie Emergenz, Supervenienz usw. nachdenken. Formulierungen wie „hirnorganische Prozesse liegen dem Bewusstsein zugrunde“ wären verständlich, weil wir uns innerhalb der Physik und der physischen Realität bewegen. Interaktionen zwischen Bewusstsein und der physischen Realität des Körpers und der Umgebung scheinen in beide Richtungen, also perzeptiv und motorisch, ohne Weiteres denkbar. Es ist verständlich, wie mein Bewusstsein mit meinem Körper verknüpft sein kann, sodass ich immer dort bin, wo sich meine Körper befindet (außer in Traum und Fantasie). Die Schlussfolgerung, dass Bewusstsein selbst in der physischen Welt relevant ist und den entscheidenden Unterschied macht, erscheint uns zudem unbedingt wünschenswert.</p> <p><em>Exkurs: Ich verstehe „kausale Geschlossenheit der physischen Realität“ nicht exklusiv, sondern inklusiv. Alles, was in der physischen Realität kausale Power besitzt, muss seinerseits dieser physischen Realität zugerechnet werden, muss Untersuchungsgegenstand der Physik werden. Wenn Gott in der physischen Welt wirkt, ist er für die Physik relevant; man kann dann nicht sagen, Gott ist immateriell und daher nichtphysisch. Was physisch wirkt, ist physisch. —</em></p> <p>Nun haben wir bislang aber kein <em>Conscious-o-meter</em> entwickelt. Wenn überhaupt erscheint allerhöchstens denkbar, dass wir eines Tages physiologische Biomarker bewussten Erlebens finden, die bewusstes Erleben mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erkennen und vielleicht sogar entziffern können (idealerweise speziesübergreifend). Solange aber stehen wir vor einem wirklichen Problem: Ist mein Gegenüber wirklich bei Bewusstsein, wie es mir erscheint (Rapport) – oder handelt es sich um einen perfekt programmierten androiden Roboter, der mir nur äußerst echt vorspielt, dass er etwas erlebt, obwohl er nichts erlebt (<em>other mind problem</em>, Thomas Nagel)? Wie könnte ich das eine oder andere beweisen? Ist dieser Embryo, dieser Fötus bei Bewusstsein, fühlt er/sie Schmerz? Was ist mit dem Bewusstsein von Tieren: Säugetieren, Insekten, Bakterien – erleben sie die Welt, spüren sie sich? Ist die nach einer Hemisphärotomie diskonnektierte Großhirnhälfte weiterhin bei Bewusstsein? Und hat das <em>Large Language Model </em>von OpenAI mittlerweile Bewusstsein entwickelt? Wir wissen, dass Selbstauskünfte fehlerhaft sein (vgl. <em>Blindsight</em>-Phänomen: unbewusst „sehen“; Anton-Syndrom: irrtümlich davon überzeugt sein, dass man sieht) und dass Responsivität fehlen kann aufgrund rein motorischer Blockaden (vgl. <em>Locked-in</em>-Syndrom, teilweise epileptische Anfälle, <em>minimal conscious states</em>/vgl. die Arbeiten von Owen et al.). Es scheint methodisch jedoch keinen anderen Weg zu geben: Wir sind auf die für uns verständliche Selbstauskunft angewiesen, müssen dieser Auskunft trauen und können unsere physiologischen Messungen nur daran kalibrieren. (Reine Wahrnehmungsexperimente laufen unter Informationsverarbeitung, sie verpassen grundsätzlich das Problem der phänomenalen Bewusstheit). Von diesem Standpunkt aus, erscheint Bewusstsein streng subjektiv, streng privat, prinzipiell von außen nicht beobachtbar, messbar, nachweisbar.</p> <p>Eine mögliche Erklärung für die Unbeobachtbarkeit des Bewusstseins könnte sein, dass Bewusstsein nichtphysischer Natur ist. Phänomenologisch erscheint diese Beschreibung durchaus ansprechend, etwa mit Blick auf das tiefgründige Problem des Fremdpsychischen. Das Bewusstsein wäre dann nicht Teil der physischen Realität, es stände außerhalb – und begründete damit die Vorstellung von der Existenz einer weiteren, nichtphysischen Wirklichkeit (ideelle oder geistige Wirklichkeit). Es wäre dann aber auch klar, dass Bewusstsein im engen Sinne (Qualia) in der physischen Welt keinen Unterschied macht; nur Informationsverarbeitung kann das. Welche Informationen verarbeitet werden, ist relevant, aber die Tatsache selbst, dass ich diese Prozesse teilweise bewusst erlebe, dass ich etwas denke, fühle, erinnere usw., wäre irrelevant und absolut wirkungslos im Hinblick auf den eigenen Körper und die physische Welt um uns herum.</p> <p>Ein nichtphysisches Bewusstsein könnte in keinem physikalischen Verhältnis zur physischen Realität stehen. Jedenfalls wüssten wir nicht, was Emergenz, Supervenienz oder selbst eine Formulierung wie „zugrunde liegen“ usw. zwischen physischen Prozessen einerseits und etwas Nichtphysischem andererseits überhaupt bedeuten sollen, jenseits bloßer Metaphern. Niemand ist je auf den Gedanken gekommen, irgendein Verhältnis zwischen der Zahl 3 (oder allen Zahlen) und der physischen Realität zu behaupten. Es ergäbe einfach keinen Sinn, es wäre ein schwerer Kategorienfehler. Die absolute Unwirksamkeit des subjektiven Erlebens (Qualia) in der physischen Realität ist nun keinesfalls wünschenswert, und sie scheint auch sehr starken alltagspsychologisch begründeten Intuitionen diametral zu widersprechen. Sie entspricht allerdings unserer heutigen Physik, die so etwas wie „mentale Ursachen“ bzw. Wechselwirkungen nicht kennt (vgl. die bekannten vier Wechselwirkungen in der Quantenfeldtheorie). Wäre diese Sichtweise zutreffend, befänden sich alle bewussten Wesen in dem denkbar radikalsten <em>Locked-In</em>-Syndrom: Während Sie vielleicht glauben, dass Sie selbst irgendetwas absichtlich tun, stecken Sie tatsächlich aus unbekanntem Grunde in einem Körper fest. Alle Dinge an ihrem Körper und um sie herum geschehen von ganz alleine ohne Ihr Zutun, aber Sie sind gezwungen, diesen Ereignissen beizuwohnen, sie zu erleben und zu erleiden, jeden Tag für viele Stunden.</p> <p><em>Exkurs: Aber wir erleben doch die Welt! Also wirkt sie doch auf unser Bewusstsein physisch ein! Nein – richtig ist, dass Informationsverarbeitung abläuft. Manchmal sind wir hinreichend wach und als erlebensfähiges Subjekt präsent und dann sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen wir die Welt mit uns darin. In bestimmten Phasen geht quasi das Licht an (aber diese Art Licht hat absolut keinen Einfluss auf das, was geschieht!); in der Regel laufen wesentlich komplexere perzeptuelle und motorische Prozesse ab, wenn das Licht an ist. Wäre es jedoch so, dass diese Prozesse das Bewusstseins-Licht anschalten oder umgekehrt – dann wäre Bewusstsein doch wieder ein physisches Emergenzphänomen mit kausaler Power. –</em></p> <p>In früheren Beiträgen hatte ich bereits gezeigt, dass die Idee eines Bewusstseins an und für sich keinen Sinn macht; dieses Konzept steht dem Gedanken eines nichtphysischen Bewusstseins zumindest nahe, u.a. wäre dieses ja auch hirnunabhängig. Gegeben, dass seine Bezeichnung seine Natur bezeichnen soll, müsste man eines von einem absoluten Bewusstsein verlangen dürfen: dass es bei Bewusstsein ist. Ein absolutes Bewusstsein kann deswegen nicht mein individuelles Bewusstsein sein, weil ich phasenweise bewusstlos bin (Tiefschlaf, Narkose, K.O., epileptischer Anfall, usw.) und mein Bewusstsein in diesen Phasen ein <em>bewusstloses Bewusstsein</em> wäre – offensichtlich eine <em>contradictio in se adiecto</em>. Die Variabilität meiner Bewusstseinszustände bis hin zur völligen Bewusstlosigkeit ist mit einem absoluten Bewusstsein an und für sich nicht vereinbar. Die Möglichkeit, Bewusstsein pharmakologisch zu kontrollieren, spricht sehr stark für seine physische Natur. Es mag also ein absolutes Bewusstsein existieren – es ist aber nicht mein Bewusstsein oder das irgendeines anderen endlichen Wesens, das variable Bewusstseinszustände durchläuft.</p> <p>Mir erscheint zusammenfassend dann folgende Sicht am plausibelsten: Bewusstsein ist eine Eigenschaft einiger informationsverarbeitender Prozesse (bisher) in Gehirnen bzw. Nervensystemen; es ist aber – jenseits stets möglicher sprachlicher Abstraktion (vgl. rote Tomate – die Farbe Rot – das Rote an sich) – keine Substanz. Bewusstsein kennzeichnet alle informationsverarbeitenden Prozesse, bei denen ein Subjekt etwas wahrnimmt oder bemerkt: Empfindungen, Wahrnehmungen, Gedanken, Erinnerungen, was auch immer; in der Regel wird ein gesunder Proband dies dann auch berichten (oder durch entsprechende Reaktionen markieren) können.</p> <p>Das erlebensfähige Subjekt, das dieser Proband zeitweise ist, existiert ausschließlich, <em>indem</em> es etwas wahrnimmt; es ko-existiert stets mit dem erlebten Inhalt, in einer epistemischen Subjekt-Objekt-Spannung. Da Informationsverarbeitung im Wachzustand um ein vielfaches leistungsfähiger ist als in bewusstlosen Phasen (vgl. aber auch Traum), ist die Eigenschaft „bewusst“ auch physisch relevant. Es macht in der physischen Realität demnach einen Unterschied, ob bestimmte Informationen bewusst verarbeitet werden oder nicht. Gegeben hinreichende Wachheit, gibt es allerdings durchaus Prozesse, die unterbewusst (vorbewusst) effizienter verarbeitet werden als wenn sich bewusste Informationsverarbeitungsprozesse einschalten (z.B. die Fingerbewegungen beim Spielen eines Musikinstrumentes).</p> <p><em>Exkurs: Es ist in vielen Bereichen immer wieder eine praktisch hochwichtige Frage, bei welchen Tätigkeiten, Problemen und Aufgabenstellungen bewusste Informationsverarbeitung (in strenger Trennung von Subjekt und Objekt) das Mittel der Wahl ist und wann man „das Denken besser abschalten“ und die Dinge automatisch ablaufen, von alleine geschehen lassen sollte (vgl. Trance/Flow, Dissoziation, sowie Intuition/“Bauchgefühl“; ferner Absorption: „eins sein mit der Handlung“). Hierzu gibt es auch umfangreiche experimental- und sozialpsychologische Literatur. –</em></p> <p>Bewusste Informationsverarbeitung ist weitgehend identisch mit aufmerksamer Informationsverarbeitung, wobei das Gesamtmaß verfügbarer Aufmerksamkeit von Wachheit abhängt und die Aufmerksamkeit dann mehr oder weniger auf einzelne Objekte zentriert werden kann („Konzentration“). (Ein Teil der Aufmerksamkeit wird immer auf den Hintergrund gerichtet; vgl. Orientierungsreaktion.) Aufmerksamkeit können wir phasenweise „bewusst“ lenken, d.h. wir richten Aufmerksamkeit auf die Lenkung der Aufmerksamkeit selbst (die normalerweise automatisch abläuft).</p> <p><em>Exkurs: Ein (vermeintlich) höheres Subjekt (Selbst) resultiert immer dann, wenn die Aufmerksamkeit auf (vermeintlich) höhere Ebenen und Metaebenen der Informationsverarbeitung (z.B. auf die Aufmerksamkeit selbst) gelenkt und dort eine Zeitlang gehalten wird; auch das (höhere) Subjekt ko-existiert also stets mit seinen (höheren) Erlebensinhalten. Letztlich wird aber auch bei diesen Prozessen der physische Determinismus und Automatismus der gesamten Informationsverarbeitung nicht durchbrochen: Warum komme ich ausgerechnet jetzt auf den Gedanken, mich auf X konzentrieren zu wollen, und warum schweife ich nach exakt 13,247 Sekunden wieder ab, um meinem nächsten Gedanken zu folgen? —</em></p> <p>Es ergeben sich folgende Schlussfolgerungen bzw. Forschungsresiduen:</p> <ul> <li>Wir sollten wieder mehr über Vigilanz (Arousal, Wachheit/Schlaf, usw.) forschen – auch über das Eintreten in die und das Erwachen aus der Narkose, einem epileptischen Anfall oder einem Koma.</li> <li>Wir sollten weiter an dem Unterschied zwischen nachweislich stattfindender, aber nicht berichtsfähiger („unbewusster“, z.B. unter-/vorbewusster) versus bewusster und berichtsfähiger Informationsverarbeitung forschen.</li> <li>Möglicherweise gewinnen wir aus der oben beschriebenen notwendigen Subjekt-Objekt-Struktur allen Erlebens (d.h. Ko-Existenz bzw. Ko-Emergenz von erlebendem Subjekts und erlebtem Objekt), d.h. aus der epistemischen Spannung, Anhaltspunkte für die Entdeckung physiologischer Prozesse mit vergleichbaren informationstheoretischen Eigenschaften. (Weltfremde Spekulationen über „reines Bewusstsein“ lenken von dieser interessanten Eigenschaft bewusster Zustände eher ab.) Die Qualia-Definition sollte nicht lauten: „<em>there is something it is like to &lt; see, hear, feel etc. &gt;</em>”, sondern “<em>there is something it is like </em>for someone<em> to &lt; see, hear, feel etc. &gt;</em>”.</li> <li>Wir sollten sehr viel mehr über Aufmerksamkeit sowie über unbewusste und bewusste Aufmerksamkeitslenkung wissen – nicht nur in neurowissenschaftlicher, sondern auch in praktischer Hinsicht (was ist wann indiziert?). Es gibt definitiv ineffiziente, missbräuchliche, störende und vielleicht sogar krankmachende Anwendungen bewussten Denkens.</li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Qualia » 3G » SciLogs</h1><h2>By Christian Hoppe</h2><div itemprop="text"> <p>Am Ende verdichten sich alle Fragen der Philosophie und Religion zu der einen Frage nach der Natur des subjektiven Erlebens: Ist Bewusstsein von dieser Welt – oder ist es der Fingerzeig auf eine zweite, geistige Welt jenseits der Welt physischer Dinge, Eigenschaften und Ereignisse?</p> <p>Bewusstsein macht den alles entscheidenden Unterschied: Ohne Bewusstsein kein Erkennen. Ohne bewusstes Erleben „hätte“ niemand eine Welt, zu der er sich erkennend und handelnd irgendwie verhalten könnte. Ohne Bewusstsein auch kein Schmerz, kein Leiden – sondern allenfalls Schmerzreaktionen, schmerzartiges Grimassieren, schmerzvermeidendes Verhalten. Wo es kein Leiden geben kann, muss Leiden auch nicht mehr vermieden werden – daher: Ohne Bewusstsein keine Ethik, keine Moral, keine Verantwortung oder Schuld. Die Welt als Aneinanderreihung bloßer Tatsachen, die niemanden interessieren, die sind, was sie sind, weder gut noch böse. Alles wäre einfach und eindimensional ausschließlich Welt. Und wenn niemand mehr da ist, der irgendetwas bemerkt, wird am Ende auch die Aussage schwierig, dass es die Welt überhaupt gibt (oder dass es in der Welt irgendetwas gibt).</p> <p>Die Alltagswelt, die physische Realität – sie sind offensichtlich das Ergebnis einer Interaktion zwischen einer irgendwie gearteten materiellen Wirklichkeit (zu der wir selbst dazugehören) mit unserem Organismus, unseren Wahrnehmungsorganen und unserem Gehirn, letztlich mit unserem bewussten Erleben. Wie sieht Rot aus, wenn niemand es sieht? Es ist klar, wie es aussehen wird, sobald jemand es wieder anschaut – aber wie sieht Rot aus, wenn niemand es sieht? Warum und wie überhaupt die unterschiedlichen Sinnesmodalitäten – Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen –, wo uns die Welt doch ausschließlich über den einheitlichen und wenig sinnlichen neuronalen Code des sensorischen Interfaces unseres Nervensystems erreicht?</p> <p>Die Bewusstseinstheorien beschäftigen sich meistens mit der Frage, warum uns etwas Bestimmtes bewusst wird oder nicht, während wir wach sind. Hier geht es mir aber mehr um diese Wachheit selbst – bei Bewusstsein sein, überhaupt irgendetwas erleben können. Vigilanz kennt Abstufungen: Beim Erwachen gibt es einen Moment – ab dem sind wir da und mit uns die Welt; und beim Einschlafen gibt es einen Moment, wo beide, ich und meine Welt, zugleich verschwinden. Während des Tages gibt es tranceartige, automatische Momente – ganze Stunden manchmal – und dann immer wieder lichte, hellwache Momente mit glasklarer Aufmerksamkeit und messerscharfem Denken. Offensichtlich korreliert unsere Leistungsfähigkeit mit dem Bewusstsein im Sinne von Wachheit (wobei manchmal auch in tranceartigen Zuständen erstaunliche Dinge vollbracht werden).</p> <p><em>Exkurs: Bewusstsein hat normalerweise einen intentionalen Gehalt und ein Subjekt, das diesen erlebt, erfährt, denkt, erinnert usw.: Es ist für mich irgendwie, rot zu sehen, sauer zu schmecken etc. In Meditationskreisen wird behauptet, es gäbe Bewusstsein außerhalb dieser epistemischen Subjekt-Objekt-Struktur, d.h. „reines Bewusstsein“, niemandes Bewusstsein, Bewusstsein ohne irgendeine Welt, ohne „Inhalt“. Mir scheint dies als extremes Ende der gegebenen positiven Korrelation zwischen dem Erstehen eines Subjekts und einer objektiven Welt durchaus denkbar – aber im Folgenden werde ich mich auf subjektives Bewusstsein mit phänomenalem Gehalt konzentrieren. —</em><aside></aside></p> <p>Informationsverarbeitung kann in physischen Systemen realisiert werden – in Zeiten von ChatGPT und AlphaFold 3 eine Binse. Aber vielleicht doch bemerkenswert: Informationsverarbeitung ist gar nicht das Problem. Solange wir über Informationsverarbeitung reden, hat der Physikalismus auch kein Problem (siehe „conscious access“, Ned Block). Es ist absolut denkbar, dass sich physische System entwickeln, die erstaunliche Fähigkeiten in der (unbewussten) Verarbeitung und Integration großer Informationsmengen in Richtung eines adaptiven Verhaltens entwickeln. Für mein eigenes sichtbares Verhalten gilt ohnehin: Alles, was daran physisch ist, unterliegt physischen Gesetzmäßigkeiten. Aber auch für die Informationsverarbeitung in meinem Nervensystem sowie anderen Organsystemen gilt: Sie unterliegt den Gesetzen der Physik. Fraglich ist einzig und allein dieser letzte, wie wir oben gesehen haben, entscheidende Moment des Bewusstseins, des subjektiven Erlebens, der Qualia: das „<em>hard problem of consciousness</em>“ (David Chalmers).</p> <p>Es ist im Grunde ganz einfach: Entweder ist Bewusstsein (im strengen zugespitzten Sinne der Qualia) physisch oder nicht.</p> <p>Physisch ist es, wenn es kausale Power in der physischen Realität besitzt – es sollte dann letztlich messbar und beobachtbar sein, weil es das Potential hätte, mit unseren Messinstrumenten und Wahrnehmungsorganen zu interagieren. Die Tatsache des subjektiven Erlebens als solcher würde dann in der physischen Realität einen Unterschied machen (unabhängig vom konkreten Inhalt, der ohnehin als Informationsverarbeitung physisch real wirkt). Bewusstsein wäre dann ein weiteres physikalisches Phänomen. Man könnte über Mechanismen wie Emergenz, Supervenienz usw. nachdenken. Formulierungen wie „hirnorganische Prozesse liegen dem Bewusstsein zugrunde“ wären verständlich, weil wir uns innerhalb der Physik und der physischen Realität bewegen. Interaktionen zwischen Bewusstsein und der physischen Realität des Körpers und der Umgebung scheinen in beide Richtungen, also perzeptiv und motorisch, ohne Weiteres denkbar. Es ist verständlich, wie mein Bewusstsein mit meinem Körper verknüpft sein kann, sodass ich immer dort bin, wo sich meine Körper befindet (außer in Traum und Fantasie). Die Schlussfolgerung, dass Bewusstsein selbst in der physischen Welt relevant ist und den entscheidenden Unterschied macht, erscheint uns zudem unbedingt wünschenswert.</p> <p><em>Exkurs: Ich verstehe „kausale Geschlossenheit der physischen Realität“ nicht exklusiv, sondern inklusiv. Alles, was in der physischen Realität kausale Power besitzt, muss seinerseits dieser physischen Realität zugerechnet werden, muss Untersuchungsgegenstand der Physik werden. Wenn Gott in der physischen Welt wirkt, ist er für die Physik relevant; man kann dann nicht sagen, Gott ist immateriell und daher nichtphysisch. Was physisch wirkt, ist physisch. —</em></p> <p>Nun haben wir bislang aber kein <em>Conscious-o-meter</em> entwickelt. Wenn überhaupt erscheint allerhöchstens denkbar, dass wir eines Tages physiologische Biomarker bewussten Erlebens finden, die bewusstes Erleben mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erkennen und vielleicht sogar entziffern können (idealerweise speziesübergreifend). Solange aber stehen wir vor einem wirklichen Problem: Ist mein Gegenüber wirklich bei Bewusstsein, wie es mir erscheint (Rapport) – oder handelt es sich um einen perfekt programmierten androiden Roboter, der mir nur äußerst echt vorspielt, dass er etwas erlebt, obwohl er nichts erlebt (<em>other mind problem</em>, Thomas Nagel)? Wie könnte ich das eine oder andere beweisen? Ist dieser Embryo, dieser Fötus bei Bewusstsein, fühlt er/sie Schmerz? Was ist mit dem Bewusstsein von Tieren: Säugetieren, Insekten, Bakterien – erleben sie die Welt, spüren sie sich? Ist die nach einer Hemisphärotomie diskonnektierte Großhirnhälfte weiterhin bei Bewusstsein? Und hat das <em>Large Language Model </em>von OpenAI mittlerweile Bewusstsein entwickelt? Wir wissen, dass Selbstauskünfte fehlerhaft sein (vgl. <em>Blindsight</em>-Phänomen: unbewusst „sehen“; Anton-Syndrom: irrtümlich davon überzeugt sein, dass man sieht) und dass Responsivität fehlen kann aufgrund rein motorischer Blockaden (vgl. <em>Locked-in</em>-Syndrom, teilweise epileptische Anfälle, <em>minimal conscious states</em>/vgl. die Arbeiten von Owen et al.). Es scheint methodisch jedoch keinen anderen Weg zu geben: Wir sind auf die für uns verständliche Selbstauskunft angewiesen, müssen dieser Auskunft trauen und können unsere physiologischen Messungen nur daran kalibrieren. (Reine Wahrnehmungsexperimente laufen unter Informationsverarbeitung, sie verpassen grundsätzlich das Problem der phänomenalen Bewusstheit). Von diesem Standpunkt aus, erscheint Bewusstsein streng subjektiv, streng privat, prinzipiell von außen nicht beobachtbar, messbar, nachweisbar.</p> <p>Eine mögliche Erklärung für die Unbeobachtbarkeit des Bewusstseins könnte sein, dass Bewusstsein nichtphysischer Natur ist. Phänomenologisch erscheint diese Beschreibung durchaus ansprechend, etwa mit Blick auf das tiefgründige Problem des Fremdpsychischen. Das Bewusstsein wäre dann nicht Teil der physischen Realität, es stände außerhalb – und begründete damit die Vorstellung von der Existenz einer weiteren, nichtphysischen Wirklichkeit (ideelle oder geistige Wirklichkeit). Es wäre dann aber auch klar, dass Bewusstsein im engen Sinne (Qualia) in der physischen Welt keinen Unterschied macht; nur Informationsverarbeitung kann das. Welche Informationen verarbeitet werden, ist relevant, aber die Tatsache selbst, dass ich diese Prozesse teilweise bewusst erlebe, dass ich etwas denke, fühle, erinnere usw., wäre irrelevant und absolut wirkungslos im Hinblick auf den eigenen Körper und die physische Welt um uns herum.</p> <p>Ein nichtphysisches Bewusstsein könnte in keinem physikalischen Verhältnis zur physischen Realität stehen. Jedenfalls wüssten wir nicht, was Emergenz, Supervenienz oder selbst eine Formulierung wie „zugrunde liegen“ usw. zwischen physischen Prozessen einerseits und etwas Nichtphysischem andererseits überhaupt bedeuten sollen, jenseits bloßer Metaphern. Niemand ist je auf den Gedanken gekommen, irgendein Verhältnis zwischen der Zahl 3 (oder allen Zahlen) und der physischen Realität zu behaupten. Es ergäbe einfach keinen Sinn, es wäre ein schwerer Kategorienfehler. Die absolute Unwirksamkeit des subjektiven Erlebens (Qualia) in der physischen Realität ist nun keinesfalls wünschenswert, und sie scheint auch sehr starken alltagspsychologisch begründeten Intuitionen diametral zu widersprechen. Sie entspricht allerdings unserer heutigen Physik, die so etwas wie „mentale Ursachen“ bzw. Wechselwirkungen nicht kennt (vgl. die bekannten vier Wechselwirkungen in der Quantenfeldtheorie). Wäre diese Sichtweise zutreffend, befänden sich alle bewussten Wesen in dem denkbar radikalsten <em>Locked-In</em>-Syndrom: Während Sie vielleicht glauben, dass Sie selbst irgendetwas absichtlich tun, stecken Sie tatsächlich aus unbekanntem Grunde in einem Körper fest. Alle Dinge an ihrem Körper und um sie herum geschehen von ganz alleine ohne Ihr Zutun, aber Sie sind gezwungen, diesen Ereignissen beizuwohnen, sie zu erleben und zu erleiden, jeden Tag für viele Stunden.</p> <p><em>Exkurs: Aber wir erleben doch die Welt! Also wirkt sie doch auf unser Bewusstsein physisch ein! Nein – richtig ist, dass Informationsverarbeitung abläuft. Manchmal sind wir hinreichend wach und als erlebensfähiges Subjekt präsent und dann sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen wir die Welt mit uns darin. In bestimmten Phasen geht quasi das Licht an (aber diese Art Licht hat absolut keinen Einfluss auf das, was geschieht!); in der Regel laufen wesentlich komplexere perzeptuelle und motorische Prozesse ab, wenn das Licht an ist. Wäre es jedoch so, dass diese Prozesse das Bewusstseins-Licht anschalten oder umgekehrt – dann wäre Bewusstsein doch wieder ein physisches Emergenzphänomen mit kausaler Power. –</em></p> <p>In früheren Beiträgen hatte ich bereits gezeigt, dass die Idee eines Bewusstseins an und für sich keinen Sinn macht; dieses Konzept steht dem Gedanken eines nichtphysischen Bewusstseins zumindest nahe, u.a. wäre dieses ja auch hirnunabhängig. Gegeben, dass seine Bezeichnung seine Natur bezeichnen soll, müsste man eines von einem absoluten Bewusstsein verlangen dürfen: dass es bei Bewusstsein ist. Ein absolutes Bewusstsein kann deswegen nicht mein individuelles Bewusstsein sein, weil ich phasenweise bewusstlos bin (Tiefschlaf, Narkose, K.O., epileptischer Anfall, usw.) und mein Bewusstsein in diesen Phasen ein <em>bewusstloses Bewusstsein</em> wäre – offensichtlich eine <em>contradictio in se adiecto</em>. Die Variabilität meiner Bewusstseinszustände bis hin zur völligen Bewusstlosigkeit ist mit einem absoluten Bewusstsein an und für sich nicht vereinbar. Die Möglichkeit, Bewusstsein pharmakologisch zu kontrollieren, spricht sehr stark für seine physische Natur. Es mag also ein absolutes Bewusstsein existieren – es ist aber nicht mein Bewusstsein oder das irgendeines anderen endlichen Wesens, das variable Bewusstseinszustände durchläuft.</p> <p>Mir erscheint zusammenfassend dann folgende Sicht am plausibelsten: Bewusstsein ist eine Eigenschaft einiger informationsverarbeitender Prozesse (bisher) in Gehirnen bzw. Nervensystemen; es ist aber – jenseits stets möglicher sprachlicher Abstraktion (vgl. rote Tomate – die Farbe Rot – das Rote an sich) – keine Substanz. Bewusstsein kennzeichnet alle informationsverarbeitenden Prozesse, bei denen ein Subjekt etwas wahrnimmt oder bemerkt: Empfindungen, Wahrnehmungen, Gedanken, Erinnerungen, was auch immer; in der Regel wird ein gesunder Proband dies dann auch berichten (oder durch entsprechende Reaktionen markieren) können.</p> <p>Das erlebensfähige Subjekt, das dieser Proband zeitweise ist, existiert ausschließlich, <em>indem</em> es etwas wahrnimmt; es ko-existiert stets mit dem erlebten Inhalt, in einer epistemischen Subjekt-Objekt-Spannung. Da Informationsverarbeitung im Wachzustand um ein vielfaches leistungsfähiger ist als in bewusstlosen Phasen (vgl. aber auch Traum), ist die Eigenschaft „bewusst“ auch physisch relevant. Es macht in der physischen Realität demnach einen Unterschied, ob bestimmte Informationen bewusst verarbeitet werden oder nicht. Gegeben hinreichende Wachheit, gibt es allerdings durchaus Prozesse, die unterbewusst (vorbewusst) effizienter verarbeitet werden als wenn sich bewusste Informationsverarbeitungsprozesse einschalten (z.B. die Fingerbewegungen beim Spielen eines Musikinstrumentes).</p> <p><em>Exkurs: Es ist in vielen Bereichen immer wieder eine praktisch hochwichtige Frage, bei welchen Tätigkeiten, Problemen und Aufgabenstellungen bewusste Informationsverarbeitung (in strenger Trennung von Subjekt und Objekt) das Mittel der Wahl ist und wann man „das Denken besser abschalten“ und die Dinge automatisch ablaufen, von alleine geschehen lassen sollte (vgl. Trance/Flow, Dissoziation, sowie Intuition/“Bauchgefühl“; ferner Absorption: „eins sein mit der Handlung“). Hierzu gibt es auch umfangreiche experimental- und sozialpsychologische Literatur. –</em></p> <p>Bewusste Informationsverarbeitung ist weitgehend identisch mit aufmerksamer Informationsverarbeitung, wobei das Gesamtmaß verfügbarer Aufmerksamkeit von Wachheit abhängt und die Aufmerksamkeit dann mehr oder weniger auf einzelne Objekte zentriert werden kann („Konzentration“). (Ein Teil der Aufmerksamkeit wird immer auf den Hintergrund gerichtet; vgl. Orientierungsreaktion.) Aufmerksamkeit können wir phasenweise „bewusst“ lenken, d.h. wir richten Aufmerksamkeit auf die Lenkung der Aufmerksamkeit selbst (die normalerweise automatisch abläuft).</p> <p><em>Exkurs: Ein (vermeintlich) höheres Subjekt (Selbst) resultiert immer dann, wenn die Aufmerksamkeit auf (vermeintlich) höhere Ebenen und Metaebenen der Informationsverarbeitung (z.B. auf die Aufmerksamkeit selbst) gelenkt und dort eine Zeitlang gehalten wird; auch das (höhere) Subjekt ko-existiert also stets mit seinen (höheren) Erlebensinhalten. Letztlich wird aber auch bei diesen Prozessen der physische Determinismus und Automatismus der gesamten Informationsverarbeitung nicht durchbrochen: Warum komme ich ausgerechnet jetzt auf den Gedanken, mich auf X konzentrieren zu wollen, und warum schweife ich nach exakt 13,247 Sekunden wieder ab, um meinem nächsten Gedanken zu folgen? —</em></p> <p>Es ergeben sich folgende Schlussfolgerungen bzw. Forschungsresiduen:</p> <ul> <li>Wir sollten wieder mehr über Vigilanz (Arousal, Wachheit/Schlaf, usw.) forschen – auch über das Eintreten in die und das Erwachen aus der Narkose, einem epileptischen Anfall oder einem Koma.</li> <li>Wir sollten weiter an dem Unterschied zwischen nachweislich stattfindender, aber nicht berichtsfähiger („unbewusster“, z.B. unter-/vorbewusster) versus bewusster und berichtsfähiger Informationsverarbeitung forschen.</li> <li>Möglicherweise gewinnen wir aus der oben beschriebenen notwendigen Subjekt-Objekt-Struktur allen Erlebens (d.h. Ko-Existenz bzw. Ko-Emergenz von erlebendem Subjekts und erlebtem Objekt), d.h. aus der epistemischen Spannung, Anhaltspunkte für die Entdeckung physiologischer Prozesse mit vergleichbaren informationstheoretischen Eigenschaften. (Weltfremde Spekulationen über „reines Bewusstsein“ lenken von dieser interessanten Eigenschaft bewusster Zustände eher ab.) Die Qualia-Definition sollte nicht lauten: „<em>there is something it is like to &lt; see, hear, feel etc. &gt;</em>”, sondern “<em>there is something it is like </em>for someone<em> to &lt; see, hear, feel etc. &gt;</em>”.</li> <li>Wir sollten sehr viel mehr über Aufmerksamkeit sowie über unbewusste und bewusste Aufmerksamkeitslenkung wissen – nicht nur in neurowissenschaftlicher, sondern auch in praktischer Hinsicht (was ist wann indiziert?). Es gibt definitiv ineffiziente, missbräuchliche, störende und vielleicht sogar krankmachende Anwendungen bewussten Denkens.</li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/3g/qualia/#comments 105 Der Rassismus-Begriff: Von internationalen zu deutschen Diskursen. Ein Überblick über die Forschung und wissenschaftliche Perspektiven. https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/der-rassismus-begriff-von-internationalen-zu-deutschen-diskursen-ein-ueberblick-ueber-die-forschung-und-wissenschaftliche-perspektiven/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/der-rassismus-begriff-von-internationalen-zu-deutschen-diskursen-ein-ueberblick-ueber-die-forschung-und-wissenschaftliche-perspektiven/#respond Fri, 14 Nov 2025 14:45:44 +0000 Paulina Seelmann https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=341 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Buechstapel-Blogbeitrag-Nov2025-4-768x627.png <link>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/der-rassismus-begriff-von-internationalen-zu-deutschen-diskursen-ein-ueberblick-ueber-die-forschung-und-wissenschaftliche-perspektiven/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Buechstapel-Blogbeitrag-Nov2025-4.png" /><h1>Der Rassismus-Begriff: Von internationalen zu deutschen Diskursen. Ein Überblick über die Forschung und wissenschaftliche Perspektiven. » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Paulina Seelmann</h2><div itemprop="text"> <p>Obwohl eine der ersten Publikationen zum Thema 1938 vom deutschen Wissenschaftler Hirschfeld verfasst wurde<sup data-fn="48484f9f-f747-48c1-a387-80c7de225d80"><a href="#48484f9f-f747-48c1-a387-80c7de225d80" id="48484f9f-f747-48c1-a387-80c7de225d80-link">1</a></sup>, wurde ein Großteil der Rassismusforschung jahrzehntelang hauptsächlich im anglo-amerikanischen Raum betrieben. Anfangs prägten Sklaverei und NS-Zeit, später der Kampf um Gleichberechtigung internationale Publikationen zu Rassismus<sup data-fn="5427af2a-846a-4620-92ec-5aa844ba80e2"><a href="#5427af2a-846a-4620-92ec-5aa844ba80e2" id="5427af2a-846a-4620-92ec-5aa844ba80e2-link">2</a></sup>. Bahnbrechend waren die in Zusammenarbeit mit Wissenschaftler*innen entstandenen UNESCO-Erklärungen zu dem Thema in den 1950/60er Jahren sowie die sog. <em>International Convention on the Elimination of Racial Discrimination</em> (ICERD) zum Schutz vor rassistischer Diskriminierung. Der Tod von George Floyd durch rassistisch motivierte Polizeigewalt in den USA befeuerte globale Proteste sowie eine intensive Diskussion über Rassismus. Dieser Blogbeitrag zeichnet die Entwicklung der Rassismusforschung, ihrer Perspektiven und des Begriffsverständnisses von der internationalen zur deutschen Debatte nach.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/demonstration-5267931_1280-2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="590" sizes="(max-width: 886px) 100vw, 886px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/demonstration-5267931_1280-2-edited.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/demonstration-5267931_1280-2-edited.jpg 886w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/demonstration-5267931_1280-2-edited-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/demonstration-5267931_1280-2-edited-768x511.jpg 768w" width="886"></img></a><figcaption><em>Foto: UnratedStudio auf Pixabay </em></figcaption></figure> <h3 id="h-die-internationale-rassismusforschung">Die internationale Rassismusforschung</h3> <p>International entwickelten sich in der kritischen Rassismusforschung verschiedene Perspektiven aus(einander). Die marxistische Perspektive sieht in Rassismus die Abwertung einer Menschengruppe mit dem Ziel ihrer (ökonomischen) Ausbeutung. Laut dem neomarxistischen Forscher Miles ist Rassismus eine Ideologie, bei der durch die Einteilung von Menschen in konstruierte Gruppen negative Folgen für die Betroffenen entstehen<sup data-fn="937c96de-659f-47bc-9315-a01f475e32e7"><a href="#937c96de-659f-47bc-9315-a01f475e32e7" id="937c96de-659f-47bc-9315-a01f475e32e7-link">3</a></sup>. Die Einteilung basiert auf biologischen Merkmalen, die gesellschaftlich mit negativen Bedeutungen verbunden werden. Rassistische Ideologie entsteht laut Hall durch die Verknüpfung der Schaffung und Zuschreibung von Bedeutung mit Machtstrategien, in deren Folge Gruppen von Ressourcen ausgeschlossen werden<sup data-fn="8f35d114-13aa-4d07-ad1d-d774ee829bd5"><a href="#8f35d114-13aa-4d07-ad1d-d774ee829bd5" id="8f35d114-13aa-4d07-ad1d-d774ee829bd5-link">4</a></sup>.  </p> <p>Die institutionelle Perspektive nimmt die Beziehung zwischen Vorurteilen und Macht in den Blick. Rassismus dient dem Erhalt von Macht bestimmter gesellschaftlicher Gruppen<sup data-fn="98c36701-edac-40ee-8405-05f0b3eedf3b"><a href="#98c36701-edac-40ee-8405-05f0b3eedf3b" id="98c36701-edac-40ee-8405-05f0b3eedf3b-link">5</a></sup>. Basierend auf Erfahrungen mit rassistischer Unterdrückung im Kontext der Jim Crow Order in Mississippi, unterscheiden Carmichael und Hamilton 1967 zwischen „persönlicher und institutionell rassistischer“ Unterdrückung: zwischen Rassismus zwischen Einzelpersonen und durch gesellschaftliche Institutionen<sup data-fn="6894c35c-8c23-493c-8b38-f70a32762a3f"><a href="#6894c35c-8c23-493c-8b38-f70a32762a3f" id="6894c35c-8c23-493c-8b38-f70a32762a3f-link">6</a></sup>. Die erste Praxisdefinition von institutionellem Rassismus legt 1999 MacPherson of Cluny im Rahmen seiner Untersuchung der Aufklärung des Mordes an einem von Rassismus betroffenen Jugendlichen durch die Londoner Polizei vor<sup data-fn="be1741d0-93ca-498e-827f-e23f94c663d6"><a href="#be1741d0-93ca-498e-827f-e23f94c663d6" id="be1741d0-93ca-498e-827f-e23f94c663d6-link">7</a></sup>. Institutioneller Rassismus findet auch heute statt, z.B. in Form von Racial Profiling der Polizei oder von rassistischer Diskriminierung auf den Arbeitsmarkt.</p> <p>In den 1970er Jahren bemerkten Forschende, dass sich rassistische Erzählungen nach dem 2. Weltkrieg zunehmend auf kulturelle anstatt biologische Unterschiede zwischen Menschen bezogen: Die Unvereinbarkeit von Kulturen wird betont und ihre Vermischung abgelehnt<sup data-fn="f3862229-af12-4157-b21d-089270b57b8f"><a href="#f3862229-af12-4157-b21d-089270b57b8f" id="f3862229-af12-4157-b21d-089270b57b8f-link">8</a></sup>. Dieser kulturell argumentierende Rassismus wird auch „Neuer Rassismus”<sup data-fn="62e16f65-3e0c-48c8-a692-3cb7de72114b"><a href="#62e16f65-3e0c-48c8-a692-3cb7de72114b" id="62e16f65-3e0c-48c8-a692-3cb7de72114b-link">9</a></sup>, „Differentialistischer Rassismus”<sup data-fn="2b9fc92f-53f8-46a9-9900-79af2a82b32e"><a href="#2b9fc92f-53f8-46a9-9900-79af2a82b32e" id="2b9fc92f-53f8-46a9-9900-79af2a82b32e-link">10</a></sup> oder „Neo-Rassismus”<sup data-fn="ac7c127a-185b-4004-8413-5129f17e7b1b"><a href="#ac7c127a-185b-4004-8413-5129f17e7b1b" id="ac7c127a-185b-4004-8413-5129f17e7b1b-link">11</a></sup> genannt. Heute wird diese Form oftmals in der antimuslimischen Rhetorik rechtspopulistischer oder -extremer Parteien genutzt. In den 1980er Jahren rückte die Forschung dann die alltäglichen Konsequenzen von Rassismus für Betroffene in den Blick: Mithilfe des Konzepts des Alltagsrassismus untersucht Essed 1984 die Alltagserfahrung betroffener Frauen aus deren Perspektive<sup data-fn="5c69b7f9-fc77-4c0d-a664-5a2e280183a3"><a href="#5c69b7f9-fc77-4c0d-a664-5a2e280183a3" id="5c69b7f9-fc77-4c0d-a664-5a2e280183a3-link">12</a></sup>.</p> <p>Die strukturelle Perspektive beleuchtet ab den 1980/90er Jahren, dass Staat und Gesellschaft von Rassismus durchdrungen sind. Omi &amp; Winant betrachten die USA: Hier strukturiere die Einteilung von Personen in Menschengruppen die Gesellschaft als eine Art “Ordnungsprinzip”<sup data-fn="4365f6f9-7189-4a3e-93cf-c330c1ef9115"><a href="#4365f6f9-7189-4a3e-93cf-c330c1ef9115" id="4365f6f9-7189-4a3e-93cf-c330c1ef9115-link">13</a></sup>. Dadurch würden die Identität von Personen und ihr soziales Leben in der Gesellschaft geprägt. Laut Bonilla-Silvas Konzept der sog. <em>Racialized Social Systems</em> ergeben sich Strukturen der Gesellschaft aus der Zuordnung von Menschen(gruppen) in rassistische Kategorien. Rassismus beeinflusst folglich den Platz von Personen in der gesellschaftlichen Hierarchie, ihre Beziehungen zu anderen Personen(gruppen), ihren Zugang zu Ressourcen, ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt und/oder gesellschaftliche Reputation<sup data-fn="85521894-a134-4084-b039-ff40409bf667"><a href="#85521894-a134-4084-b039-ff40409bf667" id="85521894-a134-4084-b039-ff40409bf667-link">14</a></sup>.    <aside></aside></p> <h3 id="h-die-deutsche-rassismusforschung">Die deutsche Rassismusforschung</h3> <p>Aufgrund der deutschen Geschichte und der Verbrechen während des Nationalsozialismus blieb der Rassismusbegriff bis in die 1990er Jahre in Politik und Wissenschaft weitestgehend tabuisiert und wurde nur im Kontext dieser Zeit verwendet. Zudem wurde die Forschung im deutschen Diskurs stark durch das Phänomen Rechtsextremismus beeinflusst: Lange wurde die Rassismusforschung der Rechtsextremismusforschung untergeordnet oder von dieser überschattet<sup data-fn="20eec823-1958-4f07-8d4b-242ab55a55fb"><a href="#20eec823-1958-4f07-8d4b-242ab55a55fb" id="20eec823-1958-4f07-8d4b-242ab55a55fb-link">15</a></sup>. Erst als internationale Diskurse deutsche Gesetzgebung beeinflussten, begann die deutsche Forschungslandschaft sich dem Rassismus unabhängig von Rechtsextremismus und Nationalsozialismus zuzuwenden. Folglich ist die Rassismusforschung eine relativ junge Disziplin.</p> <p>Laut Mecherils Definition basiert Rassismus auf der Unterscheidung zwischen „Wir“ und „den Anderen“. Zweitere werden auf Grundlage rassistischer Bilder und Erzählungen vom „Wir“ unterschieden und herabgewürdigt, ihre Ungleichbehandlung als legitim dargestellt. Durch Abgrenzung von den rassistisch markierten „Anderen“ definiert sich die „Wir“-Gruppe selbst<sup data-fn="055adc03-9675-47fd-a68f-7a001e3fde32"><a href="#055adc03-9675-47fd-a68f-7a001e3fde32" id="055adc03-9675-47fd-a68f-7a001e3fde32-link">16</a></sup>.</p> <p>Rassismus wird in Definitionen der 2010/20er Jahre mit Machtausübung, -erhaltung und Herrschaft verbunden. Foroutan analysiert Rassismus als Ordnungssystem und Dominanzstruktur<sup data-fn="6f83ffa5-32aa-4e02-91c5-af320ddfb7ef"><a href="#6f83ffa5-32aa-4e02-91c5-af320ddfb7ef" id="6f83ffa5-32aa-4e02-91c5-af320ddfb7ef-link">17</a></sup>. Als „globales Gruppenprivileg“<sup data-fn="6c276906-309c-475d-abd8-3ef1456f2266"><a href="#6c276906-309c-475d-abd8-3ef1456f2266" id="6c276906-309c-475d-abd8-3ef1456f2266-link">18</a></sup> nutze Rassismus laut Sow “soziale, wirtschaftliche, politische und kulturelle Beziehungen” zum Erhalt von Herrschaft. Rommelspacher versteht ihn als ein System von Diskursen und Praxen, die Machtverhältnisse rechtfertigen, wiedergeben und nachbilden. Menschen werden aufgrund von vermeintlich naturgegebenen biologischen und kulturellen Merkmalen als ungleich eingestuft und in vereinheitlichte und als grundsätzlich unterschiedlich angesehene Gruppen zusammengefasst. Daraus ergibt sich eine vermeintliche Rangfolge dieser Gruppen<sup data-fn="be92ab78-7baf-44a7-a845-6dfc2ecf90ac"><a href="#be92ab78-7baf-44a7-a845-6dfc2ecf90ac" id="be92ab78-7baf-44a7-a845-6dfc2ecf90ac-link">19</a></sup>. </p> <p>Die Kritische Diskursanalyse beschäftigt sich mit Diskriminierung und Sprache: Rassismus, Ungleichheit und Machtstrukturen werden in politischen und medialen Debatten sowie Alltagsgesprächen analysiert. Rassismus manifestiert sich durch Sprache als soziales Konzept, Praktik und Ideologie: durch Diskurse werden sowohl rassistische als auch antirassistische Äußerungen ab- und nachgebildet sowie verbreitet<sup data-fn="1aa04cb4-4f8c-4266-b22b-807150ef6305"><a href="#1aa04cb4-4f8c-4266-b22b-807150ef6305" id="1aa04cb4-4f8c-4266-b22b-807150ef6305-link">20</a></sup>.</p> <p>Weitere Entwicklungen zeigen sich in der empirischen Forschung mit den Studien des Nationalen Rassismusmonitors (NaDiRa) sowie den Afro-Zensus und im Kontext der politischen Bildung mit der Arbeitsdefinition Rassismus für die berufliche Praxis<sup data-fn="a2e009a6-7eae-4e00-9ee8-fc56ed8a1e82"><a href="#a2e009a6-7eae-4e00-9ee8-fc56ed8a1e82" id="a2e009a6-7eae-4e00-9ee8-fc56ed8a1e82-link">21</a></sup>.  <br></br> </p> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <p>Balibar, Ètienne (1989): Gibt es einen “neuen Rassismus”? In: Das Argument, 175, 369-380.<br></br>Barker, Martin (1981): The New Racism: Conservatives and the Ideology of the Tribe. London: Junction Books.<br></br>Barskanmaz, Cengiz (2019): Rassismus differenziert. In: Cengiz Barskanmaz (Hg.): Recht und Rassismus. Das menschenrechtliche Verbot der Diskriminierung aufgrund der Rasse. Wiesbaden: Springer VS, S. 51-66.<br></br>Bonilla-Silva, Eduardo (1997): Rethinking Racism: Toward a Structural Interpretation. In: American Sociological Review 62 (3), S. 465–480.<br></br>Carmichael, Stokely; Hamilton, Charles (1967): Black Power: the politics of liberation in America. New York: Vintage Books.<br></br>Essed, Philomena (1984): Alledaags Racisme. Amsterdam: Feministische Uitgeverij Sara.<br></br>Foroutan, Naika (2020): Rassismus in der Postmigrantischen Gesellschaft. In: APuZ, (70)42-44, 12-28.<br></br>Hall, Stuart (1989): Rassismus als ideologischer Diskurs. In: Das Argument, 178, S. 913-921.<br></br>Hirschfeld, Magnus (1938): Racism. London: Gollancz.<br></br>MacPherson of Cluny, William (1999): The Stephen Lawrence Inquiry. Report of an Inquiry by Sir WIlliam MacPherson of Cluny. Hg. v. Home Office. Online verfügbar unter https://www.gov.uk/government/publications/the-stephen-lawrence-inquiry.<br></br>Mecheril, Paul (2004): Einführung in die Migrationspädagogik. Weinheim: Beltz.<br></br>Mecheril, Paul; Melter, Claus (2011): Rassismustheorie und -forschung in Deutschland. Kontur eines wissenschaftlichen Feldes. In: Claus Melter und Paul Mecheril (Hg.): Rassismuskritik. Band 1: Rassismustheorie und -forschung. 2. Aufl. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verl. (Reihe Politik und Bildung, 47), S. 13–24.<br></br>Miles, Robert (1989): Bedeutungskonstitution und der Begriff des Rassismus. In: Das Argument, 175, S. 353–367.<br></br>Miles, Robert (2014): Einführung in die Geschichte und Theorie eines Begriffs. Hamburg: Argument Verlag.<br></br>Omi, Michael; Winant, Howard (2014): Racial Formation in the United States (3rd Edition). Third edition. New York, London: Taylor and Francis.<br></br>Rattansi, Ali (2020): Racism: a very short introduction: Oxford University Press.<br></br>Rommelspacher, Birgit (2011): Was ist eigentlich Rassismus? In: Claus Melter und Paul Mecheril (Hg.): Rassismuskritik. Band 1: Rassismustheorie und -forschung. 2. Aufl. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verl. (Reihe Politik und Bildung, 47), S. 25–38.<br></br>Schellenberg, Britta (2020): Training Antidiskriminierung. Den Menschen im Blick : Schwerpunkt Rassismus. 1. Aufl. Schwalbach am Taunus, Stuttgart: Wochenschau Verlag; UTB GmbH.<br></br>Scherr, Albert (2011): Rassismus oder Rechtsextremismus? Annäherung an eine vergleichende Betrachtung zweier Paradigmen jenseits rhetorischer Scheinkontroversen. In: Claus Melter und Paul Mecheril (Hg.): Rassismuskritik. Band 1: Rassismustheorie und -forschung. 2. Aufl. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verl. (Reihe Politik und Bildung, 47), S. 75–97.<br></br>Sow, Noah (2011): Rassismus. In: Susan Arndt und Nadja Ofuatey-Alazard (Hg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Münster: Unrast Verlag, S. 37<br></br>Taguieff, Pierre-André (1990): The New Cultural Racism in France. In: Telos, 83, 109-122.<br></br>Wodak, Ruth; Reisigl, Martin (1999): Discourse and Racism: European Perspectives. In: Annual Review of Anthropology 1999 (28), S. 175–199.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Buechstapel-Blogbeitrag-Nov2025-4.png" /><h1>Der Rassismus-Begriff: Von internationalen zu deutschen Diskursen. Ein Überblick über die Forschung und wissenschaftliche Perspektiven. » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Paulina Seelmann</h2><div itemprop="text"> <p>Obwohl eine der ersten Publikationen zum Thema 1938 vom deutschen Wissenschaftler Hirschfeld verfasst wurde<sup data-fn="48484f9f-f747-48c1-a387-80c7de225d80"><a href="#48484f9f-f747-48c1-a387-80c7de225d80" id="48484f9f-f747-48c1-a387-80c7de225d80-link">1</a></sup>, wurde ein Großteil der Rassismusforschung jahrzehntelang hauptsächlich im anglo-amerikanischen Raum betrieben. Anfangs prägten Sklaverei und NS-Zeit, später der Kampf um Gleichberechtigung internationale Publikationen zu Rassismus<sup data-fn="5427af2a-846a-4620-92ec-5aa844ba80e2"><a href="#5427af2a-846a-4620-92ec-5aa844ba80e2" id="5427af2a-846a-4620-92ec-5aa844ba80e2-link">2</a></sup>. Bahnbrechend waren die in Zusammenarbeit mit Wissenschaftler*innen entstandenen UNESCO-Erklärungen zu dem Thema in den 1950/60er Jahren sowie die sog. <em>International Convention on the Elimination of Racial Discrimination</em> (ICERD) zum Schutz vor rassistischer Diskriminierung. Der Tod von George Floyd durch rassistisch motivierte Polizeigewalt in den USA befeuerte globale Proteste sowie eine intensive Diskussion über Rassismus. Dieser Blogbeitrag zeichnet die Entwicklung der Rassismusforschung, ihrer Perspektiven und des Begriffsverständnisses von der internationalen zur deutschen Debatte nach.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/demonstration-5267931_1280-2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="590" sizes="(max-width: 886px) 100vw, 886px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/demonstration-5267931_1280-2-edited.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/demonstration-5267931_1280-2-edited.jpg 886w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/demonstration-5267931_1280-2-edited-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/demonstration-5267931_1280-2-edited-768x511.jpg 768w" width="886"></img></a><figcaption><em>Foto: UnratedStudio auf Pixabay </em></figcaption></figure> <h3 id="h-die-internationale-rassismusforschung">Die internationale Rassismusforschung</h3> <p>International entwickelten sich in der kritischen Rassismusforschung verschiedene Perspektiven aus(einander). Die marxistische Perspektive sieht in Rassismus die Abwertung einer Menschengruppe mit dem Ziel ihrer (ökonomischen) Ausbeutung. Laut dem neomarxistischen Forscher Miles ist Rassismus eine Ideologie, bei der durch die Einteilung von Menschen in konstruierte Gruppen negative Folgen für die Betroffenen entstehen<sup data-fn="937c96de-659f-47bc-9315-a01f475e32e7"><a href="#937c96de-659f-47bc-9315-a01f475e32e7" id="937c96de-659f-47bc-9315-a01f475e32e7-link">3</a></sup>. Die Einteilung basiert auf biologischen Merkmalen, die gesellschaftlich mit negativen Bedeutungen verbunden werden. Rassistische Ideologie entsteht laut Hall durch die Verknüpfung der Schaffung und Zuschreibung von Bedeutung mit Machtstrategien, in deren Folge Gruppen von Ressourcen ausgeschlossen werden<sup data-fn="8f35d114-13aa-4d07-ad1d-d774ee829bd5"><a href="#8f35d114-13aa-4d07-ad1d-d774ee829bd5" id="8f35d114-13aa-4d07-ad1d-d774ee829bd5-link">4</a></sup>.  </p> <p>Die institutionelle Perspektive nimmt die Beziehung zwischen Vorurteilen und Macht in den Blick. Rassismus dient dem Erhalt von Macht bestimmter gesellschaftlicher Gruppen<sup data-fn="98c36701-edac-40ee-8405-05f0b3eedf3b"><a href="#98c36701-edac-40ee-8405-05f0b3eedf3b" id="98c36701-edac-40ee-8405-05f0b3eedf3b-link">5</a></sup>. Basierend auf Erfahrungen mit rassistischer Unterdrückung im Kontext der Jim Crow Order in Mississippi, unterscheiden Carmichael und Hamilton 1967 zwischen „persönlicher und institutionell rassistischer“ Unterdrückung: zwischen Rassismus zwischen Einzelpersonen und durch gesellschaftliche Institutionen<sup data-fn="6894c35c-8c23-493c-8b38-f70a32762a3f"><a href="#6894c35c-8c23-493c-8b38-f70a32762a3f" id="6894c35c-8c23-493c-8b38-f70a32762a3f-link">6</a></sup>. Die erste Praxisdefinition von institutionellem Rassismus legt 1999 MacPherson of Cluny im Rahmen seiner Untersuchung der Aufklärung des Mordes an einem von Rassismus betroffenen Jugendlichen durch die Londoner Polizei vor<sup data-fn="be1741d0-93ca-498e-827f-e23f94c663d6"><a href="#be1741d0-93ca-498e-827f-e23f94c663d6" id="be1741d0-93ca-498e-827f-e23f94c663d6-link">7</a></sup>. Institutioneller Rassismus findet auch heute statt, z.B. in Form von Racial Profiling der Polizei oder von rassistischer Diskriminierung auf den Arbeitsmarkt.</p> <p>In den 1970er Jahren bemerkten Forschende, dass sich rassistische Erzählungen nach dem 2. Weltkrieg zunehmend auf kulturelle anstatt biologische Unterschiede zwischen Menschen bezogen: Die Unvereinbarkeit von Kulturen wird betont und ihre Vermischung abgelehnt<sup data-fn="f3862229-af12-4157-b21d-089270b57b8f"><a href="#f3862229-af12-4157-b21d-089270b57b8f" id="f3862229-af12-4157-b21d-089270b57b8f-link">8</a></sup>. Dieser kulturell argumentierende Rassismus wird auch „Neuer Rassismus”<sup data-fn="62e16f65-3e0c-48c8-a692-3cb7de72114b"><a href="#62e16f65-3e0c-48c8-a692-3cb7de72114b" id="62e16f65-3e0c-48c8-a692-3cb7de72114b-link">9</a></sup>, „Differentialistischer Rassismus”<sup data-fn="2b9fc92f-53f8-46a9-9900-79af2a82b32e"><a href="#2b9fc92f-53f8-46a9-9900-79af2a82b32e" id="2b9fc92f-53f8-46a9-9900-79af2a82b32e-link">10</a></sup> oder „Neo-Rassismus”<sup data-fn="ac7c127a-185b-4004-8413-5129f17e7b1b"><a href="#ac7c127a-185b-4004-8413-5129f17e7b1b" id="ac7c127a-185b-4004-8413-5129f17e7b1b-link">11</a></sup> genannt. Heute wird diese Form oftmals in der antimuslimischen Rhetorik rechtspopulistischer oder -extremer Parteien genutzt. In den 1980er Jahren rückte die Forschung dann die alltäglichen Konsequenzen von Rassismus für Betroffene in den Blick: Mithilfe des Konzepts des Alltagsrassismus untersucht Essed 1984 die Alltagserfahrung betroffener Frauen aus deren Perspektive<sup data-fn="5c69b7f9-fc77-4c0d-a664-5a2e280183a3"><a href="#5c69b7f9-fc77-4c0d-a664-5a2e280183a3" id="5c69b7f9-fc77-4c0d-a664-5a2e280183a3-link">12</a></sup>.</p> <p>Die strukturelle Perspektive beleuchtet ab den 1980/90er Jahren, dass Staat und Gesellschaft von Rassismus durchdrungen sind. Omi &amp; Winant betrachten die USA: Hier strukturiere die Einteilung von Personen in Menschengruppen die Gesellschaft als eine Art “Ordnungsprinzip”<sup data-fn="4365f6f9-7189-4a3e-93cf-c330c1ef9115"><a href="#4365f6f9-7189-4a3e-93cf-c330c1ef9115" id="4365f6f9-7189-4a3e-93cf-c330c1ef9115-link">13</a></sup>. Dadurch würden die Identität von Personen und ihr soziales Leben in der Gesellschaft geprägt. Laut Bonilla-Silvas Konzept der sog. <em>Racialized Social Systems</em> ergeben sich Strukturen der Gesellschaft aus der Zuordnung von Menschen(gruppen) in rassistische Kategorien. Rassismus beeinflusst folglich den Platz von Personen in der gesellschaftlichen Hierarchie, ihre Beziehungen zu anderen Personen(gruppen), ihren Zugang zu Ressourcen, ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt und/oder gesellschaftliche Reputation<sup data-fn="85521894-a134-4084-b039-ff40409bf667"><a href="#85521894-a134-4084-b039-ff40409bf667" id="85521894-a134-4084-b039-ff40409bf667-link">14</a></sup>.    <aside></aside></p> <h3 id="h-die-deutsche-rassismusforschung">Die deutsche Rassismusforschung</h3> <p>Aufgrund der deutschen Geschichte und der Verbrechen während des Nationalsozialismus blieb der Rassismusbegriff bis in die 1990er Jahre in Politik und Wissenschaft weitestgehend tabuisiert und wurde nur im Kontext dieser Zeit verwendet. Zudem wurde die Forschung im deutschen Diskurs stark durch das Phänomen Rechtsextremismus beeinflusst: Lange wurde die Rassismusforschung der Rechtsextremismusforschung untergeordnet oder von dieser überschattet<sup data-fn="20eec823-1958-4f07-8d4b-242ab55a55fb"><a href="#20eec823-1958-4f07-8d4b-242ab55a55fb" id="20eec823-1958-4f07-8d4b-242ab55a55fb-link">15</a></sup>. Erst als internationale Diskurse deutsche Gesetzgebung beeinflussten, begann die deutsche Forschungslandschaft sich dem Rassismus unabhängig von Rechtsextremismus und Nationalsozialismus zuzuwenden. Folglich ist die Rassismusforschung eine relativ junge Disziplin.</p> <p>Laut Mecherils Definition basiert Rassismus auf der Unterscheidung zwischen „Wir“ und „den Anderen“. Zweitere werden auf Grundlage rassistischer Bilder und Erzählungen vom „Wir“ unterschieden und herabgewürdigt, ihre Ungleichbehandlung als legitim dargestellt. Durch Abgrenzung von den rassistisch markierten „Anderen“ definiert sich die „Wir“-Gruppe selbst<sup data-fn="055adc03-9675-47fd-a68f-7a001e3fde32"><a href="#055adc03-9675-47fd-a68f-7a001e3fde32" id="055adc03-9675-47fd-a68f-7a001e3fde32-link">16</a></sup>.</p> <p>Rassismus wird in Definitionen der 2010/20er Jahre mit Machtausübung, -erhaltung und Herrschaft verbunden. Foroutan analysiert Rassismus als Ordnungssystem und Dominanzstruktur<sup data-fn="6f83ffa5-32aa-4e02-91c5-af320ddfb7ef"><a href="#6f83ffa5-32aa-4e02-91c5-af320ddfb7ef" id="6f83ffa5-32aa-4e02-91c5-af320ddfb7ef-link">17</a></sup>. Als „globales Gruppenprivileg“<sup data-fn="6c276906-309c-475d-abd8-3ef1456f2266"><a href="#6c276906-309c-475d-abd8-3ef1456f2266" id="6c276906-309c-475d-abd8-3ef1456f2266-link">18</a></sup> nutze Rassismus laut Sow “soziale, wirtschaftliche, politische und kulturelle Beziehungen” zum Erhalt von Herrschaft. Rommelspacher versteht ihn als ein System von Diskursen und Praxen, die Machtverhältnisse rechtfertigen, wiedergeben und nachbilden. Menschen werden aufgrund von vermeintlich naturgegebenen biologischen und kulturellen Merkmalen als ungleich eingestuft und in vereinheitlichte und als grundsätzlich unterschiedlich angesehene Gruppen zusammengefasst. Daraus ergibt sich eine vermeintliche Rangfolge dieser Gruppen<sup data-fn="be92ab78-7baf-44a7-a845-6dfc2ecf90ac"><a href="#be92ab78-7baf-44a7-a845-6dfc2ecf90ac" id="be92ab78-7baf-44a7-a845-6dfc2ecf90ac-link">19</a></sup>. </p> <p>Die Kritische Diskursanalyse beschäftigt sich mit Diskriminierung und Sprache: Rassismus, Ungleichheit und Machtstrukturen werden in politischen und medialen Debatten sowie Alltagsgesprächen analysiert. Rassismus manifestiert sich durch Sprache als soziales Konzept, Praktik und Ideologie: durch Diskurse werden sowohl rassistische als auch antirassistische Äußerungen ab- und nachgebildet sowie verbreitet<sup data-fn="1aa04cb4-4f8c-4266-b22b-807150ef6305"><a href="#1aa04cb4-4f8c-4266-b22b-807150ef6305" id="1aa04cb4-4f8c-4266-b22b-807150ef6305-link">20</a></sup>.</p> <p>Weitere Entwicklungen zeigen sich in der empirischen Forschung mit den Studien des Nationalen Rassismusmonitors (NaDiRa) sowie den Afro-Zensus und im Kontext der politischen Bildung mit der Arbeitsdefinition Rassismus für die berufliche Praxis<sup data-fn="a2e009a6-7eae-4e00-9ee8-fc56ed8a1e82"><a href="#a2e009a6-7eae-4e00-9ee8-fc56ed8a1e82" id="a2e009a6-7eae-4e00-9ee8-fc56ed8a1e82-link">21</a></sup>.  <br></br> </p> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <p>Balibar, Ètienne (1989): Gibt es einen “neuen Rassismus”? In: Das Argument, 175, 369-380.<br></br>Barker, Martin (1981): The New Racism: Conservatives and the Ideology of the Tribe. London: Junction Books.<br></br>Barskanmaz, Cengiz (2019): Rassismus differenziert. In: Cengiz Barskanmaz (Hg.): Recht und Rassismus. Das menschenrechtliche Verbot der Diskriminierung aufgrund der Rasse. Wiesbaden: Springer VS, S. 51-66.<br></br>Bonilla-Silva, Eduardo (1997): Rethinking Racism: Toward a Structural Interpretation. In: American Sociological Review 62 (3), S. 465–480.<br></br>Carmichael, Stokely; Hamilton, Charles (1967): Black Power: the politics of liberation in America. New York: Vintage Books.<br></br>Essed, Philomena (1984): Alledaags Racisme. Amsterdam: Feministische Uitgeverij Sara.<br></br>Foroutan, Naika (2020): Rassismus in der Postmigrantischen Gesellschaft. In: APuZ, (70)42-44, 12-28.<br></br>Hall, Stuart (1989): Rassismus als ideologischer Diskurs. In: Das Argument, 178, S. 913-921.<br></br>Hirschfeld, Magnus (1938): Racism. London: Gollancz.<br></br>MacPherson of Cluny, William (1999): The Stephen Lawrence Inquiry. Report of an Inquiry by Sir WIlliam MacPherson of Cluny. Hg. v. Home Office. Online verfügbar unter https://www.gov.uk/government/publications/the-stephen-lawrence-inquiry.<br></br>Mecheril, Paul (2004): Einführung in die Migrationspädagogik. Weinheim: Beltz.<br></br>Mecheril, Paul; Melter, Claus (2011): Rassismustheorie und -forschung in Deutschland. Kontur eines wissenschaftlichen Feldes. In: Claus Melter und Paul Mecheril (Hg.): Rassismuskritik. Band 1: Rassismustheorie und -forschung. 2. Aufl. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verl. (Reihe Politik und Bildung, 47), S. 13–24.<br></br>Miles, Robert (1989): Bedeutungskonstitution und der Begriff des Rassismus. In: Das Argument, 175, S. 353–367.<br></br>Miles, Robert (2014): Einführung in die Geschichte und Theorie eines Begriffs. Hamburg: Argument Verlag.<br></br>Omi, Michael; Winant, Howard (2014): Racial Formation in the United States (3rd Edition). Third edition. New York, London: Taylor and Francis.<br></br>Rattansi, Ali (2020): Racism: a very short introduction: Oxford University Press.<br></br>Rommelspacher, Birgit (2011): Was ist eigentlich Rassismus? In: Claus Melter und Paul Mecheril (Hg.): Rassismuskritik. Band 1: Rassismustheorie und -forschung. 2. Aufl. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verl. (Reihe Politik und Bildung, 47), S. 25–38.<br></br>Schellenberg, Britta (2020): Training Antidiskriminierung. Den Menschen im Blick : Schwerpunkt Rassismus. 1. Aufl. Schwalbach am Taunus, Stuttgart: Wochenschau Verlag; UTB GmbH.<br></br>Scherr, Albert (2011): Rassismus oder Rechtsextremismus? Annäherung an eine vergleichende Betrachtung zweier Paradigmen jenseits rhetorischer Scheinkontroversen. In: Claus Melter und Paul Mecheril (Hg.): Rassismuskritik. Band 1: Rassismustheorie und -forschung. 2. Aufl. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verl. (Reihe Politik und Bildung, 47), S. 75–97.<br></br>Sow, Noah (2011): Rassismus. In: Susan Arndt und Nadja Ofuatey-Alazard (Hg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Münster: Unrast Verlag, S. 37<br></br>Taguieff, Pierre-André (1990): The New Cultural Racism in France. In: Telos, 83, 109-122.<br></br>Wodak, Ruth; Reisigl, Martin (1999): Discourse and Racism: European Perspectives. In: Annual Review of Anthropology 1999 (28), S. 175–199.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/der-rassismus-begriff-von-internationalen-zu-deutschen-diskursen-ein-ueberblick-ueber-die-forschung-und-wissenschaftliche-perspektiven/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Proteinverklumpungen entwirren: Auf dem Pfad zur Heilung von Chorea Huntington https://scilogs.spektrum.de/klartext/proteinverklumpungen-entwirren-auf-dem-pfad-zur-heilung-von-chorea-huntington/ https://scilogs.spektrum.de/klartext/proteinverklumpungen-entwirren-auf-dem-pfad-zur-heilung-von-chorea-huntington/#comments Fri, 14 Nov 2025 10:06:35 +0000 klartext https://scilogs.spektrum.de/klartext/?p=1191 https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-9-768x244.png <link>https://scilogs.spektrum.de/klartext/proteinverklumpungen-entwirren-auf-dem-pfad-zur-heilung-von-chorea-huntington/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-9-1024x326.png" /><h1>Proteinverklumpungen entwirren: Auf dem Pfad zur Heilung von Chorea Huntington » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den <a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><span>KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</span></a> 2023 in der Kategorie Biologie veranschaulichte Monika Witzenberger, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Was passiert bei neurodegenerativer Erkrankungen wie Chorea Huntington, im Volksmund Veitstanz genannt, in unserem Gehirn? Können wir neueste Erkenntnisse aus der Forschung nutzen, um ein mögliches Heilmittel zu finden? Monika Witzenberger, die am Helmholtz Zentrum München promoviert hat, beschäftigt sich genau mit diesen Fragen.</em></p> <p>“Huntington. Für die meisten ist es nur ein Name. Für mich eine Bedrohung. […] Ich habe Angst zu wissen, ob ich sie geerbt habe. Zu vergessen, wer ich bin, wer ich war.”, so Miranda aus der Serie Lady Voyeur. Für mehr als 12.000 Personen in Deutschland ist das die Realität, nicht nur Teil einer TV-Serie. Chorea Huntington, auch bekannt als “Veitstanz”, ist eine unheilbare, erbliche Erkrankung des Gehirns. Die ersten Symptome treten zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr auf. Sie umfassen fortschreitenden Gedächtnisverlust, unkontrollierte Zuckungen, sowie Depressionen. Diese verschlechtern sich im Laufe der Zeit zunehmend und enden tödlich.</p> <p>Chorea Huntington wird durch eine Mutation im Huntingtin Gen verursacht. Mithilfe des Gens stellt die Zelle ein wichtiges Eiweiß her. Aber durch die Mutation entsteht fehlerhaftes Eiweiß, das Klumpen bildet – ähnlich wie das Eiweiß vom Ei beim Braten in der Pfanne. Im Normalzustand entsorgt unser Körper fehlerhaftes Eiweiß, aber bei Chorea Huntington ist die körpereigene Müllabfuhr überfordert. Die Eiweiß Aggregate sammeln sich an und zerstören schlussendlich Nervenzellen. Es sind vor allem Zellen in denjenigen Gehirnregionen betroffen, die für Bewegung zuständig sind.</p> <p>Leider gibt es bislang keine Behandlung, die Chorea Huntington vollständig heilen kann; Lediglich Medikamente, die die Symptome lindern. Forscher arbeiten seit Jahrzehnten daran ein Heilmittel zu finden, bisher erfolglos. Dennoch gibt es Hoffnung – jeder neue Ansatz, jedes neu erforschte Detail ist wie ein Puzzlestück, das uns einen Schritt näher an ein mögliches Heilmittel bringt. Dafür müssen WissenschaftlerInnen allerdings zuerst verstehen was in unseren Nervenzellen bei Chorea Huntington schief läuft.<aside></aside></p> <p>Unsere Zelle ist ein hochkomplexes System, das wie eine riesige, sich selbstversorgende Fabrik funktioniert. Die Zentrale ist der Zellkern, in dem unsere Gene gespeichert werden. Aus diesem werden Anweisungen an die Produktionsketten (Ribosome) geschickt. Diese Ribosome stellen aus einzelnen Bausteinen fertige Produkte her: die Proteine. Sie errichten und erhalten den Betrieb. Wie in jeder Fabrik sorgt ein Kraftwerk (Mitochondrien) für die Energieversorgung. Die eigene Müllabfuhr (Proteasom) entsorgt fehlerhafte Produkte. Unzählige Maschinen arbeiten in dieser Fabrik zusammen, um verschiedene Aufgaben zu erfüllen wie zum Beispiel den Transport des Endproduktes, die Bereitstellung der Bausteine oder die Instandhaltung anderer Maschinen. Doch manchmal läuft nicht alles wie geplant. Bei Chorea Huntington sammelt sich in der Zelle das fehlerhafte Produkt Huntingtin-Eiweiß an, welches die normalen Funktionen beeinträchtigt und letztendlich zum komplettem Kollaps der Fabrik führt.</p> <p>WissenschaftlerInnen versuchen den Betrieb wieder zum Laufen zu bringen, bevor er unwiderruflich zusammenbricht. Ähnlich wie HandwerkerInnen müssen sie herumschrauben, Einstellungen ändern oder sogar ganze Maschinen abschalten, um zu erreichen, dass weniger oder gar kein fehlerhaftes Produkt mehr hergestellt wird. Aber wie finden sie heraus welches der tausend Einzelteile angepasst werden muss? Dafür gibt es einen Trick: Sie führen einen „Screen“ durch, bei dem sie eine Maschine nach der anderen abschalten, um dann zu überprüfen, ob weniger oder mehr fehlerhaftes Produkt hergestellt wird. Natürlich werden solche „Screen“ Tests nicht im Menschen selbst, sondern in speziellen Testsystemen verwirklicht.</p> <p>Einen solchen Screen führten WissenschaftlerInnen des Universitätsklinikums Aachen am Testsystem Fruchtfliege durch. Diese wurde so manipuliert, dass sich eine Huntington-ähnliche Krankheit im Fliegenauge entwickelte. Im kranken Auge sammeln sich dadurch Eiweiß-Aggregate an, es kommt zu einer Farbänderung und die typische Augenstruktur geht verloren. In dieser Fruchtfliege schalteten sie nun eine Maschine nach der anderen aus. Das Fehlen einer bestimmten Maschine, stellte das fast gesunde Fliegenauge wieder her: Diese Maschine ist ein Protein mit dem Namen TRMT2A. Noch besser: In menschlichen Zellen reduzierte das fehlende TRMT2A die krankmachenden Eiweiß-Ansammlungen und weniger Zellen starben.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8.png"><img alt="" decoding="async" height="326" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-1024x326.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-1024x326.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-300x95.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-768x244.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-1536x489.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-2048x652.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Zellen oder Bakterien produzieren große Mengen eines Proteins (links). Aus diesen Bakterien oder Zellen wird das Protein TRMT2A aufgereinigt (blaue Band, mitte). In bestimmten Lösungen kristallisiert das hochkonzentrierte Protein zu Proteinkristallen (rechts). (Quelle: Monika Witzenberger)</em></figcaption></figure> <p>Der Screen war erfolgreich. Aber wie hängen TRMT2A und Chorea Huntington zusammen? Wie können WissenschaftlerInnen dieses Protein im Menschen ausschalten? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Monika Witzenberger, die im Forschungsfeld der Strukturbiologie arbeitet. StrukturbiologInnen sind wie IngenieurInnen, die versuchen herauszufinden wie die Einzelteile einer molekularen Maschine aussehen und wie sie zusammenpassen. Nur so ist es möglich die Funktionsweise zu verstehen und ihren „Aus-Knopf“ zu finden. Diese Informationen sind dringend notwendig, um ein Medikament zu entwickeln, welches TRMT2A gezielt reduzieren und somit die Eiweiß-Ansammlungen vermindern kann. TRMT2A ist ein Protein, von dem wir nicht viel wissen, außer das es mit bestimmten anderen Molekülen in der Zelle interagiert. Zur Untersuchung des Proteins TRMT2A verwenden wir in der Arbeitsgruppe Niessing am Helmholtz Zentrum München die Technik der Kristallographie.</p> <p>Das klingt zuerst etwas esoterisch, ist aber eine Form des Fotografierens, bei der sogar einzelnen Atome abgebildet werden können. Um ein genaues Bild der molekularen Struktur von TRMT2A zu erhalten, trennen wir es vom Rest der Zelle ab und fotografieren es. Ähnlich wie bei unscharfen Fotos, die durch Bewegungen des Motivs verwackeln, bewegen sich Proteine wie TRMT2A ständig. Um es zu fixieren wird es kristallisiert. Ein Kristall entsteht, wenn extrem reines, konzentriertes Protein mit Salzlösungen gemischt wird. Ein guter Vergleich ist das Entstehen von Salzkristallen, sobald Wasser verdampft. Danach richten wir einen sehr starken Laser auf den TRMT2A Proteinkristall. Dieser Laser schießt dann aus verschiedenen Winkeln „Fotos“. Im Computer werden dann die Bilder zu einer dreidimensionalen Struktur von TRMT2A zusammengesetzt. Somit konnten wir erstmals einen Teil von TRMT2A sehen und beginnen die Funktionsweise zu verstehen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7.png"><img alt="" decoding="async" height="306" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-1024x306.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-1024x306.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-300x90.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-768x230.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-1536x459.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-2048x612.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Das „Fotografieren“ der Kristalle passiert in einer grossen Anlage, die Synchrotron genannt wird (links). Ein Beugungsmuster, oder „Foto“ des Kristalles ist das Ergebnis des Experiment. WissenschaftlerInnen bauen daraus ein Model der atomaren Struktur des Proteins (rechts). (Quelle: Monika Witzenberger, Elena Davydova, Biorender)</em></figcaption></figure> <p>In unserem nächsten Schritt wollten wir Moleküle finden, die TRMT2A zielgerichtet abschalten. Solche Moleküle werden Inhibitoren genannt und stellen den ersten Entwicklungsschritt eines Medikaments dar. Wir suchen quasi den passenden Schraubenzieher, um die Maschine auszuschalten, was wiederum die Herstellung des fehlerhaften Produkts unterbinden und die Fabrik retten kann.</p> <p>Gemeinsam mit Forschern am Forschungszentrum Jülich machten wir uns auf die Suche nach diesen „Schraubenzieher-Molekülen“. Dazu kombinierten wir computergestützte Modelle und das erzeugte 3D-Bild von TRMT2A. Analog zum Puzzeln versuchten wir im PC Millionen von Molekülen in die TRMT2A Struktur einzufügen. Wir fanden schließlich einige wenige Moleküle, die sehr gut hineinpassten. Als wir diese an menschlichen Zellen testeten, halfen einige tatsächlich dabei fehlerhaftes, aggregiertes Eiweiß und den damit einhergehenden Zelltod zu verringern. Wir haben diese Moleküle identifiziert, aber es gibt noch viel Arbeit, um aus ihnen ein neues und sicheres Medikament für Menschen zu entwickeln. Wir müssen weitere Tests durchführen, weitere Moleküle finden, sie optimieren und nach möglichen Nebenwirkungen Ausschau halten. Trotzdem ist es ein erster Schritt in die richtige Richtung, der hoffentlich eines Tages Patienten mit Chorea Huntington helfen wird.</p> <hr></hr> <p>Monika Witzenberger studierte Molekulare Biotechnologie an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg und der Cambridge University in Großbritannien. Während ihres Promotionsstudiums am Helmholtz Zentrum in München und der Universität Ulm konzentrierte sie sich auf die Erforschung der neurodegenerativen Erkrankung Chorea Huntington, sowie auf die Identifizierung eines neuen potenziellen Wirkstoffziels für deren Behandlung. Derzeit setzt sie ihre Forschung am Weizmann Institute of Science in Israel im Bereich der RNA-Therapeutika fort.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-9-1024x326.png" /><h1>Proteinverklumpungen entwirren: Auf dem Pfad zur Heilung von Chorea Huntington » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den <a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><span>KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</span></a> 2023 in der Kategorie Biologie veranschaulichte Monika Witzenberger, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Was passiert bei neurodegenerativer Erkrankungen wie Chorea Huntington, im Volksmund Veitstanz genannt, in unserem Gehirn? Können wir neueste Erkenntnisse aus der Forschung nutzen, um ein mögliches Heilmittel zu finden? Monika Witzenberger, die am Helmholtz Zentrum München promoviert hat, beschäftigt sich genau mit diesen Fragen.</em></p> <p>“Huntington. Für die meisten ist es nur ein Name. Für mich eine Bedrohung. […] Ich habe Angst zu wissen, ob ich sie geerbt habe. Zu vergessen, wer ich bin, wer ich war.”, so Miranda aus der Serie Lady Voyeur. Für mehr als 12.000 Personen in Deutschland ist das die Realität, nicht nur Teil einer TV-Serie. Chorea Huntington, auch bekannt als “Veitstanz”, ist eine unheilbare, erbliche Erkrankung des Gehirns. Die ersten Symptome treten zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr auf. Sie umfassen fortschreitenden Gedächtnisverlust, unkontrollierte Zuckungen, sowie Depressionen. Diese verschlechtern sich im Laufe der Zeit zunehmend und enden tödlich.</p> <p>Chorea Huntington wird durch eine Mutation im Huntingtin Gen verursacht. Mithilfe des Gens stellt die Zelle ein wichtiges Eiweiß her. Aber durch die Mutation entsteht fehlerhaftes Eiweiß, das Klumpen bildet – ähnlich wie das Eiweiß vom Ei beim Braten in der Pfanne. Im Normalzustand entsorgt unser Körper fehlerhaftes Eiweiß, aber bei Chorea Huntington ist die körpereigene Müllabfuhr überfordert. Die Eiweiß Aggregate sammeln sich an und zerstören schlussendlich Nervenzellen. Es sind vor allem Zellen in denjenigen Gehirnregionen betroffen, die für Bewegung zuständig sind.</p> <p>Leider gibt es bislang keine Behandlung, die Chorea Huntington vollständig heilen kann; Lediglich Medikamente, die die Symptome lindern. Forscher arbeiten seit Jahrzehnten daran ein Heilmittel zu finden, bisher erfolglos. Dennoch gibt es Hoffnung – jeder neue Ansatz, jedes neu erforschte Detail ist wie ein Puzzlestück, das uns einen Schritt näher an ein mögliches Heilmittel bringt. Dafür müssen WissenschaftlerInnen allerdings zuerst verstehen was in unseren Nervenzellen bei Chorea Huntington schief läuft.<aside></aside></p> <p>Unsere Zelle ist ein hochkomplexes System, das wie eine riesige, sich selbstversorgende Fabrik funktioniert. Die Zentrale ist der Zellkern, in dem unsere Gene gespeichert werden. Aus diesem werden Anweisungen an die Produktionsketten (Ribosome) geschickt. Diese Ribosome stellen aus einzelnen Bausteinen fertige Produkte her: die Proteine. Sie errichten und erhalten den Betrieb. Wie in jeder Fabrik sorgt ein Kraftwerk (Mitochondrien) für die Energieversorgung. Die eigene Müllabfuhr (Proteasom) entsorgt fehlerhafte Produkte. Unzählige Maschinen arbeiten in dieser Fabrik zusammen, um verschiedene Aufgaben zu erfüllen wie zum Beispiel den Transport des Endproduktes, die Bereitstellung der Bausteine oder die Instandhaltung anderer Maschinen. Doch manchmal läuft nicht alles wie geplant. Bei Chorea Huntington sammelt sich in der Zelle das fehlerhafte Produkt Huntingtin-Eiweiß an, welches die normalen Funktionen beeinträchtigt und letztendlich zum komplettem Kollaps der Fabrik führt.</p> <p>WissenschaftlerInnen versuchen den Betrieb wieder zum Laufen zu bringen, bevor er unwiderruflich zusammenbricht. Ähnlich wie HandwerkerInnen müssen sie herumschrauben, Einstellungen ändern oder sogar ganze Maschinen abschalten, um zu erreichen, dass weniger oder gar kein fehlerhaftes Produkt mehr hergestellt wird. Aber wie finden sie heraus welches der tausend Einzelteile angepasst werden muss? Dafür gibt es einen Trick: Sie führen einen „Screen“ durch, bei dem sie eine Maschine nach der anderen abschalten, um dann zu überprüfen, ob weniger oder mehr fehlerhaftes Produkt hergestellt wird. Natürlich werden solche „Screen“ Tests nicht im Menschen selbst, sondern in speziellen Testsystemen verwirklicht.</p> <p>Einen solchen Screen führten WissenschaftlerInnen des Universitätsklinikums Aachen am Testsystem Fruchtfliege durch. Diese wurde so manipuliert, dass sich eine Huntington-ähnliche Krankheit im Fliegenauge entwickelte. Im kranken Auge sammeln sich dadurch Eiweiß-Aggregate an, es kommt zu einer Farbänderung und die typische Augenstruktur geht verloren. In dieser Fruchtfliege schalteten sie nun eine Maschine nach der anderen aus. Das Fehlen einer bestimmten Maschine, stellte das fast gesunde Fliegenauge wieder her: Diese Maschine ist ein Protein mit dem Namen TRMT2A. Noch besser: In menschlichen Zellen reduzierte das fehlende TRMT2A die krankmachenden Eiweiß-Ansammlungen und weniger Zellen starben.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8.png"><img alt="" decoding="async" height="326" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-1024x326.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-1024x326.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-300x95.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-768x244.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-1536x489.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-2048x652.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Zellen oder Bakterien produzieren große Mengen eines Proteins (links). Aus diesen Bakterien oder Zellen wird das Protein TRMT2A aufgereinigt (blaue Band, mitte). In bestimmten Lösungen kristallisiert das hochkonzentrierte Protein zu Proteinkristallen (rechts). (Quelle: Monika Witzenberger)</em></figcaption></figure> <p>Der Screen war erfolgreich. Aber wie hängen TRMT2A und Chorea Huntington zusammen? Wie können WissenschaftlerInnen dieses Protein im Menschen ausschalten? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Monika Witzenberger, die im Forschungsfeld der Strukturbiologie arbeitet. StrukturbiologInnen sind wie IngenieurInnen, die versuchen herauszufinden wie die Einzelteile einer molekularen Maschine aussehen und wie sie zusammenpassen. Nur so ist es möglich die Funktionsweise zu verstehen und ihren „Aus-Knopf“ zu finden. Diese Informationen sind dringend notwendig, um ein Medikament zu entwickeln, welches TRMT2A gezielt reduzieren und somit die Eiweiß-Ansammlungen vermindern kann. TRMT2A ist ein Protein, von dem wir nicht viel wissen, außer das es mit bestimmten anderen Molekülen in der Zelle interagiert. Zur Untersuchung des Proteins TRMT2A verwenden wir in der Arbeitsgruppe Niessing am Helmholtz Zentrum München die Technik der Kristallographie.</p> <p>Das klingt zuerst etwas esoterisch, ist aber eine Form des Fotografierens, bei der sogar einzelnen Atome abgebildet werden können. Um ein genaues Bild der molekularen Struktur von TRMT2A zu erhalten, trennen wir es vom Rest der Zelle ab und fotografieren es. Ähnlich wie bei unscharfen Fotos, die durch Bewegungen des Motivs verwackeln, bewegen sich Proteine wie TRMT2A ständig. Um es zu fixieren wird es kristallisiert. Ein Kristall entsteht, wenn extrem reines, konzentriertes Protein mit Salzlösungen gemischt wird. Ein guter Vergleich ist das Entstehen von Salzkristallen, sobald Wasser verdampft. Danach richten wir einen sehr starken Laser auf den TRMT2A Proteinkristall. Dieser Laser schießt dann aus verschiedenen Winkeln „Fotos“. Im Computer werden dann die Bilder zu einer dreidimensionalen Struktur von TRMT2A zusammengesetzt. Somit konnten wir erstmals einen Teil von TRMT2A sehen und beginnen die Funktionsweise zu verstehen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7.png"><img alt="" decoding="async" height="306" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-1024x306.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-1024x306.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-300x90.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-768x230.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-1536x459.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-2048x612.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Das „Fotografieren“ der Kristalle passiert in einer grossen Anlage, die Synchrotron genannt wird (links). Ein Beugungsmuster, oder „Foto“ des Kristalles ist das Ergebnis des Experiment. WissenschaftlerInnen bauen daraus ein Model der atomaren Struktur des Proteins (rechts). (Quelle: Monika Witzenberger, Elena Davydova, Biorender)</em></figcaption></figure> <p>In unserem nächsten Schritt wollten wir Moleküle finden, die TRMT2A zielgerichtet abschalten. Solche Moleküle werden Inhibitoren genannt und stellen den ersten Entwicklungsschritt eines Medikaments dar. Wir suchen quasi den passenden Schraubenzieher, um die Maschine auszuschalten, was wiederum die Herstellung des fehlerhaften Produkts unterbinden und die Fabrik retten kann.</p> <p>Gemeinsam mit Forschern am Forschungszentrum Jülich machten wir uns auf die Suche nach diesen „Schraubenzieher-Molekülen“. Dazu kombinierten wir computergestützte Modelle und das erzeugte 3D-Bild von TRMT2A. Analog zum Puzzeln versuchten wir im PC Millionen von Molekülen in die TRMT2A Struktur einzufügen. Wir fanden schließlich einige wenige Moleküle, die sehr gut hineinpassten. Als wir diese an menschlichen Zellen testeten, halfen einige tatsächlich dabei fehlerhaftes, aggregiertes Eiweiß und den damit einhergehenden Zelltod zu verringern. Wir haben diese Moleküle identifiziert, aber es gibt noch viel Arbeit, um aus ihnen ein neues und sicheres Medikament für Menschen zu entwickeln. Wir müssen weitere Tests durchführen, weitere Moleküle finden, sie optimieren und nach möglichen Nebenwirkungen Ausschau halten. Trotzdem ist es ein erster Schritt in die richtige Richtung, der hoffentlich eines Tages Patienten mit Chorea Huntington helfen wird.</p> <hr></hr> <p>Monika Witzenberger studierte Molekulare Biotechnologie an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg und der Cambridge University in Großbritannien. Während ihres Promotionsstudiums am Helmholtz Zentrum in München und der Universität Ulm konzentrierte sie sich auf die Erforschung der neurodegenerativen Erkrankung Chorea Huntington, sowie auf die Identifizierung eines neuen potenziellen Wirkstoffziels für deren Behandlung. Derzeit setzt sie ihre Forschung am Weizmann Institute of Science in Israel im Bereich der RNA-Therapeutika fort.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/klartext/proteinverklumpungen-entwirren-auf-dem-pfad-zur-heilung-von-chorea-huntington/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>Himmlische Quadriga https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/himmlische-quadriga/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/himmlische-quadriga/#respond Thu, 13 Nov 2025 13:36:45 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12260 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadriga_BrandenburgGate_2025-768x456.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/himmlische-quadriga/</link> </image> <description type="html"><h1>Himmlische Quadriga » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>In Berlin ist <a href="https://berlin-freedom-week.com/en">Freedom-Week</a>, denn wir feiern 35 Jahre Wiedervereinigung. Rein zufällige Koinzidenz ist, dass die IAU diese Woche auch einen neuen Sternnamen “Himmlische Quadriga” (Tiansi) gemacht hat. Der Name “Tiansi” bezeichnet in China seit über 2000 Jahren den von vier Pferden gezogenen Wagen eines legendären Generals namens <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Wangliang">Wangliang</a>. Sein Sternbild besteht aus einigen – aber nicht ganz allen – Sterne des Himmels-Ws. </p> <p>Was man sich hierzulande als eitle Königin Cassiopeia vorstellt, die auf einem Thron sitzt, ist also in China ein hoher Militär in einem Wagen mit vier Pferde. Der General steht unter einem Baldachin und schwingt als Wagenlenker natürlich eine Peitsche. </p> <p>Die vier Pferde sind gamma, eta, alpha und zeta Cassiopeiae; der General selbst ist beta Cassiopeiae, seine Peitsche wird traditionell in dem Stern kappa Cas gesehen. </p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadriga_BrandenburgGate_2025.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="609" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadriga_BrandenburgGate_2025-1024x609.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadriga_BrandenburgGate_2025-1024x609.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadriga_BrandenburgGate_2025-300x178.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadriga_BrandenburgGate_2025-768x456.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadriga_BrandenburgGate_2025.jpg 1528w" width="1024"></img></a><figcaption>Quadriga auf dem Brandenburger Tor in Berlin. </figcaption></figure> </div> <div> <div><img alt="" data-object-fit="cover" decoding="async" height="966" sizes="(max-width: 887px) 100vw, 887px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Cas_stellarium.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Cas_stellarium.jpg 887w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Cas_stellarium-275x300.jpg 275w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Cas_stellarium-768x836.jpg 768w" width="887"></img><span aria-hidden="true"></span><p>Tiansi in Wangliang</p></div> </div> </div> <p>Die freie Planetariumssoftware Stellarium erlaubt die Darstellung solcher historischer Sternbilder von vielen Kulturen. Sie können sie im Klassenraum einer Schule wie auch im Großplanetarium benutzen. <aside></aside></p> <p>Sorgen Sie nur bitte regelmäßig für Updates, um stets die aktuellen Datensätze zu haben. Da es sich um eine Astronomie-Software handelt, gibt es vier Updates pro Jahr: zu allen Sonnenwenden und Tag-und-Nachtgleichen. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Himmlische Quadriga » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>In Berlin ist <a href="https://berlin-freedom-week.com/en">Freedom-Week</a>, denn wir feiern 35 Jahre Wiedervereinigung. Rein zufällige Koinzidenz ist, dass die IAU diese Woche auch einen neuen Sternnamen “Himmlische Quadriga” (Tiansi) gemacht hat. Der Name “Tiansi” bezeichnet in China seit über 2000 Jahren den von vier Pferden gezogenen Wagen eines legendären Generals namens <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Wangliang">Wangliang</a>. Sein Sternbild besteht aus einigen – aber nicht ganz allen – Sterne des Himmels-Ws. </p> <p>Was man sich hierzulande als eitle Königin Cassiopeia vorstellt, die auf einem Thron sitzt, ist also in China ein hoher Militär in einem Wagen mit vier Pferde. Der General steht unter einem Baldachin und schwingt als Wagenlenker natürlich eine Peitsche. </p> <p>Die vier Pferde sind gamma, eta, alpha und zeta Cassiopeiae; der General selbst ist beta Cassiopeiae, seine Peitsche wird traditionell in dem Stern kappa Cas gesehen. </p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadriga_BrandenburgGate_2025.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="609" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadriga_BrandenburgGate_2025-1024x609.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadriga_BrandenburgGate_2025-1024x609.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadriga_BrandenburgGate_2025-300x178.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadriga_BrandenburgGate_2025-768x456.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadriga_BrandenburgGate_2025.jpg 1528w" width="1024"></img></a><figcaption>Quadriga auf dem Brandenburger Tor in Berlin. </figcaption></figure> </div> <div> <div><img alt="" data-object-fit="cover" decoding="async" height="966" sizes="(max-width: 887px) 100vw, 887px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Cas_stellarium.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Cas_stellarium.jpg 887w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Cas_stellarium-275x300.jpg 275w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Cas_stellarium-768x836.jpg 768w" width="887"></img><span aria-hidden="true"></span><p>Tiansi in Wangliang</p></div> </div> </div> <p>Die freie Planetariumssoftware Stellarium erlaubt die Darstellung solcher historischer Sternbilder von vielen Kulturen. Sie können sie im Klassenraum einer Schule wie auch im Großplanetarium benutzen. <aside></aside></p> <p>Sorgen Sie nur bitte regelmäßig für Updates, um stets die aktuellen Datensätze zu haben. Da es sich um eine Astronomie-Software handelt, gibt es vier Updates pro Jahr: zu allen Sonnenwenden und Tag-und-Nachtgleichen. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/himmlische-quadriga/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Turing’s Two Penn’orth on Today’s AI Talking Points https://scilogs.spektrum.de/hlf/turings-two-pennorth-on-todays-ai-talking-points/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/turings-two-pennorth-on-todays-ai-talking-points/#comments Wed, 12 Nov 2025 13:00:00 +0000 Benjamin Skuse https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=13919 <h1>Turing’s Two Penn’orth on Today’s AI Talking Points - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13930" rel="attachment wp-att-13930"><img alt="Statue of Alan Turing" decoding="async" fetchpriority="high" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Alan_Turing-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Alan_Turing-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Alan_Turing-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Alan_Turing-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Alan_Turing-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Alan_Turing-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Statue of Alan Turing at Bletchley Park. Image credit: <a href="https://www.flickr.com/people/19745294@N06" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Jon Callas</a> (CC-BY-2.0)</figcaption></figure></div> <p>What would Alan Turing have made of the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">12th Heidelberg Laureate Forum</a>? To start, it is easy to picture him marvelling at all the ‘computer scientists’ – a term coined just a few years after his death in 1954 – swarming around him. He would then be awestruck by the tiny computers each and every one of them (and every tourist on the street nearby for that matter) had in their hand or pocket. The most powerful computer Turing would have heard of was the Naval Ordnance Research Computer (NORC); under construction at the time of his death. Developed by IBM for the U.S. Navy Bureau of Ordnance, the large room-sized NORC’s 15,000 operations per second pales in significance to the trillions of operations per second a typical 2025 smartphone can perform.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13920" rel="attachment wp-att-13920"><img alt="Young scientist using a smartphone" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54785799042_9cdd61a169_o-Christian-Fellming.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54785799042_9cdd61a169_o-Christian-Fellming.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54785799042_9cdd61a169_o-Christian-Fellming-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54785799042_9cdd61a169_o-Christian-Fellming-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>A young scientist using a smartphone (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>Bizarrely, however, despite the staggering leaps in computing technology witnessed since Turing’s time and its growth in society – from specialist scientific and mathematical calculator to near-ubiquitous universal tool extending human capabilities – the topics on everyone’s lips were ones Turing would not only be familiar with, but be able to contribute to insightfully. Are machines (LLMs) becoming so human-like and useful in their responses that they will replace many roles? Can machines (AI) solve all of mathematics? And will machines (AI) develop superhuman capabilities?</p> <h3 id="h-thoughts-on-imitating-and-replacing-humans">Thoughts on Imitating and Replacing Humans</h3> <p>A talking point that is far from restricted to the Forum is the growing capabilities of AI to carry out human tasks, with chatbots based on LLMs particularly imitating humans in ever more realistic and useful ways. Specific impacts for science were discussed in back-to-back Hot Topic sessions ‘<a href="https://youtu.be/I-Ye-rMhRws?si=CNO17bLyigyRNeNI" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The Machine-Learning Revolution in Mathematics and Science’</a>, while broader societal consequences were the focus of the Spark Session talk ‘<a href="https://youtu.be/27qTr7My_no?si=YilIo_OMe516eQUU" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Shaping AI’s Impact to Help Billions</a>’ from <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/jeffrey-a-dean/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Jeffrey Dean</a> (ACM Prize in Computing – 2012) and <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/david-a-patterson/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">David Patterson</a> (ACM A.M. Turing Award – 2017).</p> <div> <figure id="has-small-font-size"><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13925" rel="attachment wp-att-13925"><img alt="Jeffrey Dean and David Patterson" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54791172889_da0a96e22f_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54791172889_da0a96e22f_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54791172889_da0a96e22f_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54791172889_da0a96e22f_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Jeffrey Dean and David Patterson (© HLFF)</figcaption></figure></div> <p>On this topic, Turing was decades ahead of his time in respect to thinking about how computers might one day be capable of exhibiting human-like intelligence. In his 1950 paper <a href="https://www.cs.ox.ac.uk/activities/ieg/e-library/sources/t_article.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><em>Computing machinery and intelligence</em></a>, he began: “I propose to consider the question, ‘Can machines think?’,” before introducing the famous Imitation Game, now more commonly referred to as the Turing Test.</p> <p>This test is a game between three participants. One is a human interrogator, and the other two are a human and a machine playing the part of separate interviewees. Through a simple question and answer format, the object of the game for the interrogator is to determine which of the other two is human.<aside></aside></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13932" rel="attachment wp-att-13932"><img alt="Turing test" decoding="async" height="640" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Turing_Test-1024x640.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Turing_Test-1024x640.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Turing_Test-300x188.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Turing_Test-768x480.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Turing_Test-1536x960.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Turing_Test-2048x1280.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>The Turing Test. Image credit: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Luke.schaaf">Luke.schaaf</a> (CC-BY-SA-4.0)</figcaption></figure></div> <p>Turing’s original specimen questions and answers are informative in not only revealing how the Turing Test works in practical terms, but also how strikingly similar the back-and-forth conversation is to the way in which many people now interact with chatbots on a daily basis:</p> <p><em>Q: Please write me a sonnet on the subject of the Forth Bridge. </em></p> <p><em>A: Count me out on this one. I never could write poetry. </em></p> <p><em>Q: Add 34957 to 70764. </em></p> <p><em>A: (Pause about 30 seconds and then give as answer) 105621. </em></p> <p><em>Q: Do you play chess? </em></p> <p><em>A: Yes. </em></p> <p><em>Q: I have K at my K1, and no other pieces. You have only K at K6 and R at R1. It is your move. What do you play? </em></p> <p><em>A: (After a pause of 15 seconds) R-R8 mate.</em></p> <p>It is often claimed, though also widely contested, that the Turing Test was <a href="https://www.bbc.co.uk/news/technology-27762088" rel="noreferrer noopener" target="_blank">first passed in 2014</a> by a chatbot named Eugene Goostman, which simulated the personality of a 13-year-old Ukrainian boy. Eugene fooled 33% of the judges at the Royal Society in London that it was human. More recently, in work yet to be peer-reviewed, researchers have made the unverified claim that GPT-4 has passed as human <a href="https://arxiv.org/abs/2405.08007" rel="noreferrer noopener" target="_blank">over 50% of the time</a>, and GPT-4.5 <a href="https://arxiv.org/abs/2503.23674" rel="noreferrer noopener" target="_blank">73% of the time</a> (which is better than the 67% actual humans achieve!).</p> <p>Despite these results, for most, the Turing Test has not been successful in answering whether machines can think, as was originally proposed. Neither does it test true intelligence in many people’s opinion. For instance, philosopher John Searle used a Turing Test-like argument against machines ever possessing actual understanding. </p> <p>In his <a href="https://www.cambridge.org/core/journals/behavioral-and-brain-sciences/article/abs/minds-brains-and-programs/DC644B47A4299C637C89772FACC2706A?utm_campaign=shareaholic&amp;utm_medium=copy_link&amp;utm_source=bookmark" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Chinese Room argument</a>, he devised a scenario in which an English speaker locked in a room, who cannot speak a word of Chinese, could follow detailed instructions in English for manipulating Chinese symbols in response to Chinese symbols (text) provided to them. The responses would be “absolutely indistinguishable from those of Chinese speakers” even though the English speaker would remain completely ignorant of Chinese. Searle argued computers similarly just follow instructions without true understanding.</p> <p>However, the Turing Test paradigm – that two things are the same if they cannot be told apart by any reasonable test – has been staggeringly successful as a gauge of the progress in AI, and useful to scientific and technological innovation.</p> <p>Moreover, the original Turing Test has inspired more stringent versions that are even more of a challenge for machine intelligence. To pass the <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/BF00360578" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Total Turing Test</a>, for example, requires machines to be capable of perceiving and acting in the world in a way indistinguishable from a human – a feat that has not been achieved. And the <a href="https://arxiv.org/abs/1410.6142" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Lovelace 2.0 Test</a> has not been definitively passed yet either. This assesses computational creativity and intelligence by requiring a machine to create a story, poem, painting, etc, that meets a complex set of constraints specified by a human judge.</p> <h3 id="h-thoughts-on-mathematics">Thoughts on Mathematics</h3> <p>Kicking off the main programme, <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/sanjeev-arora/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Sanjeev Arora</a>’s (ACM Prize in Computing – 2011) brief talk during the first Spark Session ‘<a href="https://youtu.be/q9MJWfo3DCE?si=-ZisKRtC0OwKYOjL" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Will there be a superhuman AI mathematician?</a>’ mulled over the idea of machines solving mathematical problems that have remained unsolved for decades and even centuries. Delving deeper, the Hot Topic session ‘<a href="https://youtu.be/GpSvaA3fWAg?si=2af2pgKu889U5ADt" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The Machine-Learning Revolution in Mathematics and Science, Part 1: Mathematics</a>’ outlined the potential of such a tool, as well as the ethical, social and professional risks for mathematicians.</p> <div> <figure id="has-small-font-size"><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13934" rel="attachment wp-att-13934"><img alt="Maia Fraser" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159987_0dab3114db_o-Christian-Flemming.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159987_0dab3114db_o-Christian-Flemming.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159987_0dab3114db_o-Christian-Flemming-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159987_0dab3114db_o-Christian-Flemming-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Panellist Maia Fraser makes a point during the Hot Topic session: The Machine-Learning Revolution in Mathematics and Science, Part 1: Mathematics (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>Turing’s legendary 1936 paper <a href="https://www.cs.ox.ac.uk/activities/ieg/e-library/sources/tp2-ie.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><em>On computable numbers, with an application to the Entscheidungsproblem</em></a> has a lot to say on this topic. In it, Turing laid down the foundations for computer science, giving us the concepts of algorithms and computation with his ‘automatic machines’, later called Turing machines. “It’s hard to believe that this one maths paper probably impacted the world more than any other paper written,” said <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/avi-wigderson/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Avi Wigderson</a> (Nevanlinna Prize – 1994, Abel Prize – 2021, ACM A.M. Turing Award – 2023) in his Lecture ‘<a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/video/lecture-reading-alan-turing/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Reading Alan Turing</a>’. “It basically brought on the computer revolution.”</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/Yq_De4275dY?start=101&amp;feature=oembed" title="Lecture Widgerson | September 19" width="666"></iframe> </p></figure> <p>A Turing machine is a simple abstract device Turing conjured up to explore computation. It consists of a tape on which is printed a line of cells. Each cell on the tape can be blank or contain symbols 0, 1 or something else. Therefore, the tape can be thought of as the computer memory, extending infinitely in each direction. </p> <p>The ‘active cell’ is the one over which the machine’s head is positioned. The head can perform three operations: read the symbol on the active cell; edit the symbol; or move the tape left or right one space. Which operation it performs depends on the input and the rules of the machine, which are much like machine-code instructions.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13936" rel="attachment wp-att-13936"><img alt="Depiction of a Turing machine" decoding="async" height="747" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8juhtg8juhtg8juh-1024x747.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8juhtg8juhtg8juh-1024x747.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8juhtg8juhtg8juh-300x219.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8juhtg8juhtg8juh-768x560.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8juhtg8juhtg8juh.png 1184w" width="1024"></img></a><figcaption>Depiction of a simple Turing machine. This image was created with the assistance of <a href="https://gemini.google.com/app" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Google Gemini</a>.</figcaption></figure></div> <p>Surprisingly, this relatively simple abstract machine can be considered a model of a general-purpose computer. And by defining it precisely, Turing was able to prove many of the potential capabilities and limitations of computation in general.</p> <p>The key limitation relevant to superhuman AI mathematicians is that Turing proved the uncomputability of the Entscheidungsproblem; in other words, he showed that no universal algorithm can exist that can take any logical statement and determine whether it is true or false. Therefore, no computer, no matter how advanced, can prove all mathematics. </p> <p>Even if AI technologies conspire to take humans completely <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/when-the-stochastic-parrot-spoke-for-itself-and-flew-away/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">out of the loop</a>, as Arora outlined as a possibility, there will still be a subset of mathematical theorems that computers cannot solve. This remains as true today as when Turing predicted it in 1936.</p> <p>Also in this celebrated paper was a key capability of any superhuman AI mathematician: Turing envisaged the possibility of machines being capable of verifying proofs, just as we are seeing today with AI-based formal proof assistants. Turing called these devices choice machines, capable of going beyond normal deterministic computation: “The machine can have a non-deterministic decision whether to go to one state or another,” explained Wigderson in his Lecture. “This defines what happens in proof verification – somebody supplying the proof and the machine just verifies it.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13929" rel="attachment wp-att-13929"><img alt="Avi Wigderson" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889898_dbfcc71253_o-Christian-Flemming.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889898_dbfcc71253_o-Christian-Flemming.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889898_dbfcc71253_o-Christian-Flemming-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889898_dbfcc71253_o-Christian-Flemming-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Avi Wigderson (© HLFF / Flemming) </figcaption></figure></div> <h3 id="h-thoughts-on-superhuman-capabilities-and-learning">Thoughts on Superhuman Capabilities and Learning</h3> <p>Discussions of superhuman AI capabilities were not restricted to mathematics at the Forum. In two <a href="https://youtu.be/q9MJWfo3DCE?si=sIh_CQg7kgYyA_hU" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Spark Session</a> talks, <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/david-silver/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">David Silver</a> (ACM Prize in Computing – 2019) and his former PhD advisor <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/richard-sutton/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Richard S. Sutton</a> (ACM A.M. Turing Award – 2024) outlined the wide-ranging transformative potential of AI that learns from its own experiences of the world. They both argued that through continually generating data by interacting with its environment, combined with powerful self-improvement methods, AI will transcend human knowledge and capabilities.</p> <p>In a different <a href="https://youtu.be/27qTr7My_no?si=wiV21KRrgKYzdBMG" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Spark Session</a>, <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/leslie-g-valiant/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Leslie Valiant</a> (Nevanlinna Prize – 1986, ACM A.M. Turing Award – 2010) spoke of ‘educability’ – the capability to learn and acquire belief systems from one’s own experience and from others, and to apply these to new situations – being the innate core capability that currently distinguishes humans from machines. However, he believes that ‘supereducated’ machines could attain this skill in future, thereby leading to superhuman capabilities. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13926" rel="attachment wp-att-13926"><img alt="Leslie Valiant" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54791244581_85fdbf58ab_o-Christian-Flemming.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54791244581_85fdbf58ab_o-Christian-Flemming.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54791244581_85fdbf58ab_o-Christian-Flemming-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54791244581_85fdbf58ab_o-Christian-Flemming-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Leslie Valiant (© HLFF / Flemming) </figcaption></figure></div> <p>These arguments bear a striking resemblance to that given in <a href="https://turingarchive.kings.cam.ac.uk/publications-lectures-and-talks-amtb/amt-b-1" rel="noreferrer noopener" target="_blank">one of Turing’s talks</a> to the London Mathematical Society in 1947, where he called for “a machine that can learn from experience” by devising a way to let the machine alter its own instructions. In his own words:</p> <p><em>Let us suppose we have set up a machine with certain initial instruction tables, so constructed that these tables might on occasion, if good reason arose, modify those tables. One can imagine that after the machine has been operating for some time, the instructions would have altered out of all recognition, but nevertheless still be such that one would have to admit that the machine was still doing very worthwhile calculations. Possibly it might still be getting results of the type desired when the machine was first set up, but in a much more efficient manner. </em></p> <p><em>In such a case one would have to admit that the progress of the machine had not been foreseen when its original instructions were put in. It would be like a pupil who had learnt much from his master, but had added much more by his own work. When this happens, I feel that one is obliged to regard the machine as showing intelligence.</em></p> <p>As this eerily prescient quote shows, Turing may not have lived to see the smartphone or the rise of generative AI, but his thoughts and opinions – his timeless ‘two penn’orth’ – remain remarkably relevant at this critical moment in the advancement of computation and AI.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Turing’s Two Penn’orth on Today’s AI Talking Points - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13930" rel="attachment wp-att-13930"><img alt="Statue of Alan Turing" decoding="async" fetchpriority="high" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Alan_Turing-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Alan_Turing-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Alan_Turing-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Alan_Turing-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Alan_Turing-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Alan_Turing-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Statue of Alan Turing at Bletchley Park. Image credit: <a href="https://www.flickr.com/people/19745294@N06" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Jon Callas</a> (CC-BY-2.0)</figcaption></figure></div> <p>What would Alan Turing have made of the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">12th Heidelberg Laureate Forum</a>? To start, it is easy to picture him marvelling at all the ‘computer scientists’ – a term coined just a few years after his death in 1954 – swarming around him. He would then be awestruck by the tiny computers each and every one of them (and every tourist on the street nearby for that matter) had in their hand or pocket. The most powerful computer Turing would have heard of was the Naval Ordnance Research Computer (NORC); under construction at the time of his death. Developed by IBM for the U.S. Navy Bureau of Ordnance, the large room-sized NORC’s 15,000 operations per second pales in significance to the trillions of operations per second a typical 2025 smartphone can perform.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13920" rel="attachment wp-att-13920"><img alt="Young scientist using a smartphone" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54785799042_9cdd61a169_o-Christian-Fellming.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54785799042_9cdd61a169_o-Christian-Fellming.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54785799042_9cdd61a169_o-Christian-Fellming-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54785799042_9cdd61a169_o-Christian-Fellming-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>A young scientist using a smartphone (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>Bizarrely, however, despite the staggering leaps in computing technology witnessed since Turing’s time and its growth in society – from specialist scientific and mathematical calculator to near-ubiquitous universal tool extending human capabilities – the topics on everyone’s lips were ones Turing would not only be familiar with, but be able to contribute to insightfully. Are machines (LLMs) becoming so human-like and useful in their responses that they will replace many roles? Can machines (AI) solve all of mathematics? And will machines (AI) develop superhuman capabilities?</p> <h3 id="h-thoughts-on-imitating-and-replacing-humans">Thoughts on Imitating and Replacing Humans</h3> <p>A talking point that is far from restricted to the Forum is the growing capabilities of AI to carry out human tasks, with chatbots based on LLMs particularly imitating humans in ever more realistic and useful ways. Specific impacts for science were discussed in back-to-back Hot Topic sessions ‘<a href="https://youtu.be/I-Ye-rMhRws?si=CNO17bLyigyRNeNI" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The Machine-Learning Revolution in Mathematics and Science’</a>, while broader societal consequences were the focus of the Spark Session talk ‘<a href="https://youtu.be/27qTr7My_no?si=YilIo_OMe516eQUU" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Shaping AI’s Impact to Help Billions</a>’ from <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/jeffrey-a-dean/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Jeffrey Dean</a> (ACM Prize in Computing – 2012) and <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/david-a-patterson/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">David Patterson</a> (ACM A.M. Turing Award – 2017).</p> <div> <figure id="has-small-font-size"><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13925" rel="attachment wp-att-13925"><img alt="Jeffrey Dean and David Patterson" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54791172889_da0a96e22f_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54791172889_da0a96e22f_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54791172889_da0a96e22f_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54791172889_da0a96e22f_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Jeffrey Dean and David Patterson (© HLFF)</figcaption></figure></div> <p>On this topic, Turing was decades ahead of his time in respect to thinking about how computers might one day be capable of exhibiting human-like intelligence. In his 1950 paper <a href="https://www.cs.ox.ac.uk/activities/ieg/e-library/sources/t_article.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><em>Computing machinery and intelligence</em></a>, he began: “I propose to consider the question, ‘Can machines think?’,” before introducing the famous Imitation Game, now more commonly referred to as the Turing Test.</p> <p>This test is a game between three participants. One is a human interrogator, and the other two are a human and a machine playing the part of separate interviewees. Through a simple question and answer format, the object of the game for the interrogator is to determine which of the other two is human.<aside></aside></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13932" rel="attachment wp-att-13932"><img alt="Turing test" decoding="async" height="640" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Turing_Test-1024x640.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Turing_Test-1024x640.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Turing_Test-300x188.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Turing_Test-768x480.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Turing_Test-1536x960.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Turing_Test-2048x1280.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>The Turing Test. Image credit: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Luke.schaaf">Luke.schaaf</a> (CC-BY-SA-4.0)</figcaption></figure></div> <p>Turing’s original specimen questions and answers are informative in not only revealing how the Turing Test works in practical terms, but also how strikingly similar the back-and-forth conversation is to the way in which many people now interact with chatbots on a daily basis:</p> <p><em>Q: Please write me a sonnet on the subject of the Forth Bridge. </em></p> <p><em>A: Count me out on this one. I never could write poetry. </em></p> <p><em>Q: Add 34957 to 70764. </em></p> <p><em>A: (Pause about 30 seconds and then give as answer) 105621. </em></p> <p><em>Q: Do you play chess? </em></p> <p><em>A: Yes. </em></p> <p><em>Q: I have K at my K1, and no other pieces. You have only K at K6 and R at R1. It is your move. What do you play? </em></p> <p><em>A: (After a pause of 15 seconds) R-R8 mate.</em></p> <p>It is often claimed, though also widely contested, that the Turing Test was <a href="https://www.bbc.co.uk/news/technology-27762088" rel="noreferrer noopener" target="_blank">first passed in 2014</a> by a chatbot named Eugene Goostman, which simulated the personality of a 13-year-old Ukrainian boy. Eugene fooled 33% of the judges at the Royal Society in London that it was human. More recently, in work yet to be peer-reviewed, researchers have made the unverified claim that GPT-4 has passed as human <a href="https://arxiv.org/abs/2405.08007" rel="noreferrer noopener" target="_blank">over 50% of the time</a>, and GPT-4.5 <a href="https://arxiv.org/abs/2503.23674" rel="noreferrer noopener" target="_blank">73% of the time</a> (which is better than the 67% actual humans achieve!).</p> <p>Despite these results, for most, the Turing Test has not been successful in answering whether machines can think, as was originally proposed. Neither does it test true intelligence in many people’s opinion. For instance, philosopher John Searle used a Turing Test-like argument against machines ever possessing actual understanding. </p> <p>In his <a href="https://www.cambridge.org/core/journals/behavioral-and-brain-sciences/article/abs/minds-brains-and-programs/DC644B47A4299C637C89772FACC2706A?utm_campaign=shareaholic&amp;utm_medium=copy_link&amp;utm_source=bookmark" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Chinese Room argument</a>, he devised a scenario in which an English speaker locked in a room, who cannot speak a word of Chinese, could follow detailed instructions in English for manipulating Chinese symbols in response to Chinese symbols (text) provided to them. The responses would be “absolutely indistinguishable from those of Chinese speakers” even though the English speaker would remain completely ignorant of Chinese. Searle argued computers similarly just follow instructions without true understanding.</p> <p>However, the Turing Test paradigm – that two things are the same if they cannot be told apart by any reasonable test – has been staggeringly successful as a gauge of the progress in AI, and useful to scientific and technological innovation.</p> <p>Moreover, the original Turing Test has inspired more stringent versions that are even more of a challenge for machine intelligence. To pass the <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/BF00360578" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Total Turing Test</a>, for example, requires machines to be capable of perceiving and acting in the world in a way indistinguishable from a human – a feat that has not been achieved. And the <a href="https://arxiv.org/abs/1410.6142" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Lovelace 2.0 Test</a> has not been definitively passed yet either. This assesses computational creativity and intelligence by requiring a machine to create a story, poem, painting, etc, that meets a complex set of constraints specified by a human judge.</p> <h3 id="h-thoughts-on-mathematics">Thoughts on Mathematics</h3> <p>Kicking off the main programme, <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/sanjeev-arora/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Sanjeev Arora</a>’s (ACM Prize in Computing – 2011) brief talk during the first Spark Session ‘<a href="https://youtu.be/q9MJWfo3DCE?si=-ZisKRtC0OwKYOjL" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Will there be a superhuman AI mathematician?</a>’ mulled over the idea of machines solving mathematical problems that have remained unsolved for decades and even centuries. Delving deeper, the Hot Topic session ‘<a href="https://youtu.be/GpSvaA3fWAg?si=2af2pgKu889U5ADt" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The Machine-Learning Revolution in Mathematics and Science, Part 1: Mathematics</a>’ outlined the potential of such a tool, as well as the ethical, social and professional risks for mathematicians.</p> <div> <figure id="has-small-font-size"><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13934" rel="attachment wp-att-13934"><img alt="Maia Fraser" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159987_0dab3114db_o-Christian-Flemming.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159987_0dab3114db_o-Christian-Flemming.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159987_0dab3114db_o-Christian-Flemming-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159987_0dab3114db_o-Christian-Flemming-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Panellist Maia Fraser makes a point during the Hot Topic session: The Machine-Learning Revolution in Mathematics and Science, Part 1: Mathematics (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>Turing’s legendary 1936 paper <a href="https://www.cs.ox.ac.uk/activities/ieg/e-library/sources/tp2-ie.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><em>On computable numbers, with an application to the Entscheidungsproblem</em></a> has a lot to say on this topic. In it, Turing laid down the foundations for computer science, giving us the concepts of algorithms and computation with his ‘automatic machines’, later called Turing machines. “It’s hard to believe that this one maths paper probably impacted the world more than any other paper written,” said <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/avi-wigderson/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Avi Wigderson</a> (Nevanlinna Prize – 1994, Abel Prize – 2021, ACM A.M. Turing Award – 2023) in his Lecture ‘<a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/video/lecture-reading-alan-turing/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Reading Alan Turing</a>’. “It basically brought on the computer revolution.”</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/Yq_De4275dY?start=101&amp;feature=oembed" title="Lecture Widgerson | September 19" width="666"></iframe> </p></figure> <p>A Turing machine is a simple abstract device Turing conjured up to explore computation. It consists of a tape on which is printed a line of cells. Each cell on the tape can be blank or contain symbols 0, 1 or something else. Therefore, the tape can be thought of as the computer memory, extending infinitely in each direction. </p> <p>The ‘active cell’ is the one over which the machine’s head is positioned. The head can perform three operations: read the symbol on the active cell; edit the symbol; or move the tape left or right one space. Which operation it performs depends on the input and the rules of the machine, which are much like machine-code instructions.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13936" rel="attachment wp-att-13936"><img alt="Depiction of a Turing machine" decoding="async" height="747" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8juhtg8juhtg8juh-1024x747.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8juhtg8juhtg8juh-1024x747.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8juhtg8juhtg8juh-300x219.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8juhtg8juhtg8juh-768x560.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8juhtg8juhtg8juh.png 1184w" width="1024"></img></a><figcaption>Depiction of a simple Turing machine. This image was created with the assistance of <a href="https://gemini.google.com/app" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Google Gemini</a>.</figcaption></figure></div> <p>Surprisingly, this relatively simple abstract machine can be considered a model of a general-purpose computer. And by defining it precisely, Turing was able to prove many of the potential capabilities and limitations of computation in general.</p> <p>The key limitation relevant to superhuman AI mathematicians is that Turing proved the uncomputability of the Entscheidungsproblem; in other words, he showed that no universal algorithm can exist that can take any logical statement and determine whether it is true or false. Therefore, no computer, no matter how advanced, can prove all mathematics. </p> <p>Even if AI technologies conspire to take humans completely <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/when-the-stochastic-parrot-spoke-for-itself-and-flew-away/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">out of the loop</a>, as Arora outlined as a possibility, there will still be a subset of mathematical theorems that computers cannot solve. This remains as true today as when Turing predicted it in 1936.</p> <p>Also in this celebrated paper was a key capability of any superhuman AI mathematician: Turing envisaged the possibility of machines being capable of verifying proofs, just as we are seeing today with AI-based formal proof assistants. Turing called these devices choice machines, capable of going beyond normal deterministic computation: “The machine can have a non-deterministic decision whether to go to one state or another,” explained Wigderson in his Lecture. “This defines what happens in proof verification – somebody supplying the proof and the machine just verifies it.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13929" rel="attachment wp-att-13929"><img alt="Avi Wigderson" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889898_dbfcc71253_o-Christian-Flemming.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889898_dbfcc71253_o-Christian-Flemming.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889898_dbfcc71253_o-Christian-Flemming-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889898_dbfcc71253_o-Christian-Flemming-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Avi Wigderson (© HLFF / Flemming) </figcaption></figure></div> <h3 id="h-thoughts-on-superhuman-capabilities-and-learning">Thoughts on Superhuman Capabilities and Learning</h3> <p>Discussions of superhuman AI capabilities were not restricted to mathematics at the Forum. In two <a href="https://youtu.be/q9MJWfo3DCE?si=sIh_CQg7kgYyA_hU" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Spark Session</a> talks, <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/david-silver/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">David Silver</a> (ACM Prize in Computing – 2019) and his former PhD advisor <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/richard-sutton/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Richard S. Sutton</a> (ACM A.M. Turing Award – 2024) outlined the wide-ranging transformative potential of AI that learns from its own experiences of the world. They both argued that through continually generating data by interacting with its environment, combined with powerful self-improvement methods, AI will transcend human knowledge and capabilities.</p> <p>In a different <a href="https://youtu.be/27qTr7My_no?si=wiV21KRrgKYzdBMG" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Spark Session</a>, <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/leslie-g-valiant/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Leslie Valiant</a> (Nevanlinna Prize – 1986, ACM A.M. Turing Award – 2010) spoke of ‘educability’ – the capability to learn and acquire belief systems from one’s own experience and from others, and to apply these to new situations – being the innate core capability that currently distinguishes humans from machines. However, he believes that ‘supereducated’ machines could attain this skill in future, thereby leading to superhuman capabilities. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13926" rel="attachment wp-att-13926"><img alt="Leslie Valiant" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54791244581_85fdbf58ab_o-Christian-Flemming.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54791244581_85fdbf58ab_o-Christian-Flemming.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54791244581_85fdbf58ab_o-Christian-Flemming-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54791244581_85fdbf58ab_o-Christian-Flemming-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Leslie Valiant (© HLFF / Flemming) </figcaption></figure></div> <p>These arguments bear a striking resemblance to that given in <a href="https://turingarchive.kings.cam.ac.uk/publications-lectures-and-talks-amtb/amt-b-1" rel="noreferrer noopener" target="_blank">one of Turing’s talks</a> to the London Mathematical Society in 1947, where he called for “a machine that can learn from experience” by devising a way to let the machine alter its own instructions. In his own words:</p> <p><em>Let us suppose we have set up a machine with certain initial instruction tables, so constructed that these tables might on occasion, if good reason arose, modify those tables. One can imagine that after the machine has been operating for some time, the instructions would have altered out of all recognition, but nevertheless still be such that one would have to admit that the machine was still doing very worthwhile calculations. Possibly it might still be getting results of the type desired when the machine was first set up, but in a much more efficient manner. </em></p> <p><em>In such a case one would have to admit that the progress of the machine had not been foreseen when its original instructions were put in. It would be like a pupil who had learnt much from his master, but had added much more by his own work. When this happens, I feel that one is obliged to regard the machine as showing intelligence.</em></p> <p>As this eerily prescient quote shows, Turing may not have lived to see the smartphone or the rise of generative AI, but his thoughts and opinions – his timeless ‘two penn’orth’ – remain remarkably relevant at this critical moment in the advancement of computation and AI.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/turings-two-pennorth-on-todays-ai-talking-points/#comments 2 Lernen ohne Gehirn: das Gedächtnis unserer Wirbelsäule https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/lernen-ohne-gehirn-das-gedaechtnis-unserer-wirbelsaeule/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/lernen-ohne-gehirn-das-gedaechtnis-unserer-wirbelsaeule/#comments Mon, 10 Nov 2025 18:57:40 +0000 David Wurzer https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5308 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/21683480_Tiny-doctors-examining-spine-bones-of-patient-1-768x591.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/lernen-ohne-gehirn-das-gedaechtnis-unserer-wirbelsaeule/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/21683480_Tiny-doctors-examining-spine-bones-of-patient-1.jpg" /><h1>Lernen ohne Gehirn: das Gedächtnis unserer Wirbelsäule » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By David Wurzer</h2><div itemprop="text"> <p>Lernen findet nicht nur im Gehirn statt, sondern auch im Rückenmark. Das zeigt eine Tierversuchsstudie, die im Journal <em>Science</em> erschien. Ein Forschungsteam um Simon Lavaud hat herausgefunden, dass zwei Klassen hemmender Nervenzellen im Rückenmark unterschiedliche Rollen beim Speichern und Abrufen körperlicher Aktivität spielen – beim sogenannten motorischen Lernen. Das Kuriose: das Rückenmark lernte, obwohl es vom Gehirn getrennt war.</p> <h3 id="h-ruckenmarksverletzungen-ein-medizinischer-engpass">Rückenmarksverletzungen: ein medizinischer Engpass</h3> <p>Wer sich für Neurowissenschaft interessiert, dem geht es meist vor allem um das Gehirn. Und tatsächlich übt der Popstar aller Organe eine nachvollziehbare Faszination auf uns aus: Denken, Fühlen, Persönlichkeit – das menschliche Gehirn scheint ein <em>all inclusive</em> Paket für alles zu sein, was uns als Spezies ausmacht. Die Wirbelsäule, genauer das Rückenmark, ist zwar ebenfalls hochkomplex, wird aber wissenschaftlich eher stiefmütterlich behandelt. Dabei treten in Europa ca. 11.000 neue Fälle von Rückenmarksverletzungen pro Jahr auf, die EU spricht von einem medizinischen Engpass (1). 60% der Erkrankten sind anschließend arbeitsunfähig und haben eine deutlich reduzierte Lebenserwartung.</p> <h3 id="h-evolution-vom-peripheren-zum-zentralen-nervensystem">Evolution: vom peripheren zum zentralen Nervensystem</h3> <p>Die Wirbelsäule ist bedeutend älter als das Gehirn (2). Auch wenn die Entwicklungsgeschichte wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt ist, so nimmt man an, dass aus dem peripheren Nervensystem früher Meeresbewohner vor ca. 500 Millionen Jahren das Rückenmark als Zentralorgan entstand (im Wasser bewegt es sich besser, wenn man eine stabile Achse hat). An Land wurden die Ansprüche dann jedoch so vielfältig, dass das Rückenmark zur Koordination nicht mehr genügte: es entwickelten sich die ersten Gehirne. Heute verfügt unser Gehirn über schätzungsweise 86 bis 200 Milliarden Neurone, das Rückenmark dagegen über ca. 100 Millionen bis 1 Milliarde. Beide Organe enthalten weiße und graue Substanz (Axone und Zellkörper) sowie Gliazellen (ernährende, stützende und immunreaktive Zellen) und Hirnhäute. Dementsprechend treten Tumore der Hirnhäute und Nervenzellen auch in der Wirbelsäule auf.</p> <h3 id="h-mehr-als-ein-reflex-ein-lernparadigma-im-ruckenmark">Mehr als ein Reflex: ein Lernparadigma im Rückenmark</h3> <p>Angesichts der Evolutionsbiologie sollte es also nicht verwundern, dass unser Rückenmark zumindest eine grundlegende Koordinationsfunktion für Bewegung hat. Bis zur Studie von Lavaud (3) war jedoch bislang nicht klar, wie weit diese Funktion wirklich reicht und wie sie neuronal vermittelt wird.</p> <p>Simon Lavaud und sein Team nutzten ein Modell, bei dem vollständig durchtrenntes Rückenmark von 50 Mäusen weiterhin reflexartige Beinbewegungen erlaubte. Die Mäuse hingen in einer Art Röhre über dem Boden, nur die Pfoten ihrer Hinterbeine erreichten den Boden. Über einen Schaltkreis mit Highspeed-Kameras wurde registriert, wann die Pfoten der Mäuse unter eine bestimmte Höhe sanken; in diesem Fall erfolgte ein leichter elektrischer Reiz. Innerhalb weniger Minuten lernten die Tiere – bzw. deren Rückenmark – das Bein oben zu <em>halten</em>, um den Reiz zu vermeiden. Obwohl die Informationen über den Reiz das Gehirn nicht erreichten, konnte die Information gespeichert und später genutzt werden.<aside></aside></p> <p>Das Rückenmark zeigte damit ein simples, aber potentiell überlebenswichtiges Lernverhalten: Es verband Positionsinformationen des eigenen Körpers (Propriozeption) mit einem Umweltsignal. Damit war das Verhalten mehr als ein bloßer Reflex, dieser wäre nicht ‚erinnert‘ worden. Außerdem fand das Experiment immer mit Mäusepaaren statt: ein Exemplar war die Lernmaus, das andere die Kontrollmaus. Die Kontrollmaus bekam immer genau jene Stromreize, welche die Lernmaus auslöste und erhielt (wenn ihr Hinterbein unter die 3mm Schwelle sank), bei der Kontrollmaus selbst machte die Beinposition jedoch keinen Unterschied. Die Reize für die Lernmaus hatten also ein lernbares System, die Reize für die Kontrollmaus waren zufällig bzw. unabhängig von deren Körperposition.</p> <p>Ergebnis: die Lernmäuse erreichten das definierte Lernziel innerhalb von zehn Minuten (sie hielten ihre Beine oberhalb der Schwelle), während die Kontrollmäuse dieses Lernziel verfehlten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-30.png"><img alt="" decoding="async" height="690" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-30-1024x690.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-30-1024x690.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-30-300x202.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-30-768x517.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-30-1536x1035.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-30.png 1689w" width="1024"></img></a><figcaption>Abb. 1: Neurale Netzwerke des Rückenmarks koordinieren einen Kniesehnenreflex. Aus: Markl et al. 2019</figcaption></figure> <h3 id="h-zwei-lernphasen-zwei-zelltypen">Zwei Lernphasen, zwei Zelltypen</h3> <p>Mit genetischen und elektrophysiologischen Methoden identifizierten die Forschenden zwei klar getrennte Phasen des Lernprozesses. Während des Lernens sind dorsale (hinten im Mark gelegene), hemmende Neuronen entscheidend. Sie kontrollieren, welche sensorischen Informationen weitergeleitet werden – vermutlich durch präsynaptische Hemmung bestimmter Schmerz- und Lagefasern (Aδ/C-Afferenzen). So wird die Relevanz („Salienz“) der entscheidenden Signale verstärkt.</p> <p>Beim Erinnern und Ausführen der gelernten Bewegung übernehmen dann ventrale (vorne im Mark gelegene) hemmende Neuronen die Kontrolle, insbesondere sogenannte Renshaw-Zellen. Diese modulieren die Aktivität der Motoneurone, also der Zellen, die schlussendlich die Muskeln innervieren. Manipulierte man ihre Erregbarkeit, so ließ sich das Abrufen des gelernten Verhaltens gezielt verstärken oder abschwächen.</p> <h3 id="h-motorisches-lernen-ohne-gehirn">Motorisches Lernen ohne Gehirn</h3> <p>Das bemerkenswerte Fazit: Das Rückenmark verfügt über eine eigene neuroplastische Architektur zur Verhaltensadaption, wobei Lernen und Erinnerung voneinander getrennt sind – ähnlich wie bei höheren Gehirnstrukturen. Während dorsale Hemmzellen sensorische Information so filtern, dass Lernen möglich wird, fungieren ventrale Hemmzellen als Output für das gespeicherte Verhalten.</p> <h3 id="h-ausblick-neue-therapien-bei-ruckenmarksverletzungen">Ausblick: neue Therapien bei Rückenmarksverletzungen</h3> <p>Durch das Verständnis der neuronalen Player im Rückenmark eröffnen sich möglicherweise neue Wege in der Rehabilitation nach Rückenmarksverletzungen – etwa durch gezieltes Aktivieren der passenden neuronalen Subsysteme in den richtigen Lernphasen.</p> <p>In diese Richtung weist zum Beispiel eine aktuelle Studie, in der ein Organoid-Gerüst aus dem 3D-Drucker dabei half, Wirbelsäulenverletzungen von Ratten zu heilen (4). Das winzige Gerüst enthielt mikroskopisch kleine Kanäle, die neurale Vorläuferzellen leiten – Stammzellen, die sich nach Einnistung zu spezialisierten Nervenzellen entwickeln können. Diese Gerüste wurden Ratten mit vollständig durchtrennten Rückenmarken implantiert. Im Laufe der Zeit entwickelten sich die Stammzellen zu Neuronen und bildeten neue Nervenfasern in beide Richtungen aus, wodurch die unterbrochenen Nervenbahnen wieder verbunden werden konnten. Auch auf höchster Ebene fördert die EU bereits ein ähnliches Projekt (1). Patientinnen und Patienten dürfen also optimistisch sein, denn nach all den Tierversuchen dürften bald die ersten klinische Studien durchgeführt werden.</p> <p><strong>Mehr Wissenschaftskommunikation gibt’s auf <a href="https://www.instagram.com/davidmwurzer/">Instagram.</a></strong></p> <p>Quellen:</p> <p>(1) <a href="https://cordis.europa.eu/article/id/170308-new-hope-for-spinal-cord-injuries/de#:~:text=In%20Europa%20gibt%20es%20etwa%20330.000%20Menschen,chirurgischen%20Praxis%2C%20und%20derzeit%20existiert%20keine%20Therapie.">Neue Hoffnung bei Rückenmarksverletzungen  | NeuroGraft Project | Ergebnisse in Kürze | FP7 | CORDIS | Europäische Kommission</a></p> <p>(2) Holland, L. Z. (2015). The origin and evolution of chordate nervous systems. <em>Philosophical Transactions of the Royal Society B: Biological Sciences</em>, <em>370</em>(1684), 20150048.</p> <p>(3) Lavaud, S., Bichara, C., D’Andola, M., Yeh, S. H., &amp; Takeoka, A. (2024). Two inhibitory neuronal classes govern acquisition and recall of spinal sensorimotor adaptation. <em>Science</em>, <em>384</em>(6692), 194-201.</p> <p>(4) Han, G., Lavoie, N. S., Patil, N., Korenfeld, O. G., Kim, H., Esguerra, M., … &amp; Parr, A. M. (2025). 3D‐Printed Scaffolds Promote Enhanced Spinal Organoid Formation for Use in Spinal Cord Injury. <em>Advanced Healthcare Materials</em>, <em>14</em>(24), e04817.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/21683480_Tiny-doctors-examining-spine-bones-of-patient-1.jpg" /><h1>Lernen ohne Gehirn: das Gedächtnis unserer Wirbelsäule » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By David Wurzer</h2><div itemprop="text"> <p>Lernen findet nicht nur im Gehirn statt, sondern auch im Rückenmark. Das zeigt eine Tierversuchsstudie, die im Journal <em>Science</em> erschien. Ein Forschungsteam um Simon Lavaud hat herausgefunden, dass zwei Klassen hemmender Nervenzellen im Rückenmark unterschiedliche Rollen beim Speichern und Abrufen körperlicher Aktivität spielen – beim sogenannten motorischen Lernen. Das Kuriose: das Rückenmark lernte, obwohl es vom Gehirn getrennt war.</p> <h3 id="h-ruckenmarksverletzungen-ein-medizinischer-engpass">Rückenmarksverletzungen: ein medizinischer Engpass</h3> <p>Wer sich für Neurowissenschaft interessiert, dem geht es meist vor allem um das Gehirn. Und tatsächlich übt der Popstar aller Organe eine nachvollziehbare Faszination auf uns aus: Denken, Fühlen, Persönlichkeit – das menschliche Gehirn scheint ein <em>all inclusive</em> Paket für alles zu sein, was uns als Spezies ausmacht. Die Wirbelsäule, genauer das Rückenmark, ist zwar ebenfalls hochkomplex, wird aber wissenschaftlich eher stiefmütterlich behandelt. Dabei treten in Europa ca. 11.000 neue Fälle von Rückenmarksverletzungen pro Jahr auf, die EU spricht von einem medizinischen Engpass (1). 60% der Erkrankten sind anschließend arbeitsunfähig und haben eine deutlich reduzierte Lebenserwartung.</p> <h3 id="h-evolution-vom-peripheren-zum-zentralen-nervensystem">Evolution: vom peripheren zum zentralen Nervensystem</h3> <p>Die Wirbelsäule ist bedeutend älter als das Gehirn (2). Auch wenn die Entwicklungsgeschichte wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt ist, so nimmt man an, dass aus dem peripheren Nervensystem früher Meeresbewohner vor ca. 500 Millionen Jahren das Rückenmark als Zentralorgan entstand (im Wasser bewegt es sich besser, wenn man eine stabile Achse hat). An Land wurden die Ansprüche dann jedoch so vielfältig, dass das Rückenmark zur Koordination nicht mehr genügte: es entwickelten sich die ersten Gehirne. Heute verfügt unser Gehirn über schätzungsweise 86 bis 200 Milliarden Neurone, das Rückenmark dagegen über ca. 100 Millionen bis 1 Milliarde. Beide Organe enthalten weiße und graue Substanz (Axone und Zellkörper) sowie Gliazellen (ernährende, stützende und immunreaktive Zellen) und Hirnhäute. Dementsprechend treten Tumore der Hirnhäute und Nervenzellen auch in der Wirbelsäule auf.</p> <h3 id="h-mehr-als-ein-reflex-ein-lernparadigma-im-ruckenmark">Mehr als ein Reflex: ein Lernparadigma im Rückenmark</h3> <p>Angesichts der Evolutionsbiologie sollte es also nicht verwundern, dass unser Rückenmark zumindest eine grundlegende Koordinationsfunktion für Bewegung hat. Bis zur Studie von Lavaud (3) war jedoch bislang nicht klar, wie weit diese Funktion wirklich reicht und wie sie neuronal vermittelt wird.</p> <p>Simon Lavaud und sein Team nutzten ein Modell, bei dem vollständig durchtrenntes Rückenmark von 50 Mäusen weiterhin reflexartige Beinbewegungen erlaubte. Die Mäuse hingen in einer Art Röhre über dem Boden, nur die Pfoten ihrer Hinterbeine erreichten den Boden. Über einen Schaltkreis mit Highspeed-Kameras wurde registriert, wann die Pfoten der Mäuse unter eine bestimmte Höhe sanken; in diesem Fall erfolgte ein leichter elektrischer Reiz. Innerhalb weniger Minuten lernten die Tiere – bzw. deren Rückenmark – das Bein oben zu <em>halten</em>, um den Reiz zu vermeiden. Obwohl die Informationen über den Reiz das Gehirn nicht erreichten, konnte die Information gespeichert und später genutzt werden.<aside></aside></p> <p>Das Rückenmark zeigte damit ein simples, aber potentiell überlebenswichtiges Lernverhalten: Es verband Positionsinformationen des eigenen Körpers (Propriozeption) mit einem Umweltsignal. Damit war das Verhalten mehr als ein bloßer Reflex, dieser wäre nicht ‚erinnert‘ worden. Außerdem fand das Experiment immer mit Mäusepaaren statt: ein Exemplar war die Lernmaus, das andere die Kontrollmaus. Die Kontrollmaus bekam immer genau jene Stromreize, welche die Lernmaus auslöste und erhielt (wenn ihr Hinterbein unter die 3mm Schwelle sank), bei der Kontrollmaus selbst machte die Beinposition jedoch keinen Unterschied. Die Reize für die Lernmaus hatten also ein lernbares System, die Reize für die Kontrollmaus waren zufällig bzw. unabhängig von deren Körperposition.</p> <p>Ergebnis: die Lernmäuse erreichten das definierte Lernziel innerhalb von zehn Minuten (sie hielten ihre Beine oberhalb der Schwelle), während die Kontrollmäuse dieses Lernziel verfehlten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-30.png"><img alt="" decoding="async" height="690" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-30-1024x690.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-30-1024x690.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-30-300x202.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-30-768x517.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-30-1536x1035.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-30.png 1689w" width="1024"></img></a><figcaption>Abb. 1: Neurale Netzwerke des Rückenmarks koordinieren einen Kniesehnenreflex. Aus: Markl et al. 2019</figcaption></figure> <h3 id="h-zwei-lernphasen-zwei-zelltypen">Zwei Lernphasen, zwei Zelltypen</h3> <p>Mit genetischen und elektrophysiologischen Methoden identifizierten die Forschenden zwei klar getrennte Phasen des Lernprozesses. Während des Lernens sind dorsale (hinten im Mark gelegene), hemmende Neuronen entscheidend. Sie kontrollieren, welche sensorischen Informationen weitergeleitet werden – vermutlich durch präsynaptische Hemmung bestimmter Schmerz- und Lagefasern (Aδ/C-Afferenzen). So wird die Relevanz („Salienz“) der entscheidenden Signale verstärkt.</p> <p>Beim Erinnern und Ausführen der gelernten Bewegung übernehmen dann ventrale (vorne im Mark gelegene) hemmende Neuronen die Kontrolle, insbesondere sogenannte Renshaw-Zellen. Diese modulieren die Aktivität der Motoneurone, also der Zellen, die schlussendlich die Muskeln innervieren. Manipulierte man ihre Erregbarkeit, so ließ sich das Abrufen des gelernten Verhaltens gezielt verstärken oder abschwächen.</p> <h3 id="h-motorisches-lernen-ohne-gehirn">Motorisches Lernen ohne Gehirn</h3> <p>Das bemerkenswerte Fazit: Das Rückenmark verfügt über eine eigene neuroplastische Architektur zur Verhaltensadaption, wobei Lernen und Erinnerung voneinander getrennt sind – ähnlich wie bei höheren Gehirnstrukturen. Während dorsale Hemmzellen sensorische Information so filtern, dass Lernen möglich wird, fungieren ventrale Hemmzellen als Output für das gespeicherte Verhalten.</p> <h3 id="h-ausblick-neue-therapien-bei-ruckenmarksverletzungen">Ausblick: neue Therapien bei Rückenmarksverletzungen</h3> <p>Durch das Verständnis der neuronalen Player im Rückenmark eröffnen sich möglicherweise neue Wege in der Rehabilitation nach Rückenmarksverletzungen – etwa durch gezieltes Aktivieren der passenden neuronalen Subsysteme in den richtigen Lernphasen.</p> <p>In diese Richtung weist zum Beispiel eine aktuelle Studie, in der ein Organoid-Gerüst aus dem 3D-Drucker dabei half, Wirbelsäulenverletzungen von Ratten zu heilen (4). Das winzige Gerüst enthielt mikroskopisch kleine Kanäle, die neurale Vorläuferzellen leiten – Stammzellen, die sich nach Einnistung zu spezialisierten Nervenzellen entwickeln können. Diese Gerüste wurden Ratten mit vollständig durchtrennten Rückenmarken implantiert. Im Laufe der Zeit entwickelten sich die Stammzellen zu Neuronen und bildeten neue Nervenfasern in beide Richtungen aus, wodurch die unterbrochenen Nervenbahnen wieder verbunden werden konnten. Auch auf höchster Ebene fördert die EU bereits ein ähnliches Projekt (1). Patientinnen und Patienten dürfen also optimistisch sein, denn nach all den Tierversuchen dürften bald die ersten klinische Studien durchgeführt werden.</p> <p><strong>Mehr Wissenschaftskommunikation gibt’s auf <a href="https://www.instagram.com/davidmwurzer/">Instagram.</a></strong></p> <p>Quellen:</p> <p>(1) <a href="https://cordis.europa.eu/article/id/170308-new-hope-for-spinal-cord-injuries/de#:~:text=In%20Europa%20gibt%20es%20etwa%20330.000%20Menschen,chirurgischen%20Praxis%2C%20und%20derzeit%20existiert%20keine%20Therapie.">Neue Hoffnung bei Rückenmarksverletzungen  | NeuroGraft Project | Ergebnisse in Kürze | FP7 | CORDIS | Europäische Kommission</a></p> <p>(2) Holland, L. Z. (2015). The origin and evolution of chordate nervous systems. <em>Philosophical Transactions of the Royal Society B: Biological Sciences</em>, <em>370</em>(1684), 20150048.</p> <p>(3) Lavaud, S., Bichara, C., D’Andola, M., Yeh, S. H., &amp; Takeoka, A. (2024). Two inhibitory neuronal classes govern acquisition and recall of spinal sensorimotor adaptation. <em>Science</em>, <em>384</em>(6692), 194-201.</p> <p>(4) Han, G., Lavoie, N. S., Patil, N., Korenfeld, O. G., Kim, H., Esguerra, M., … &amp; Parr, A. M. (2025). 3D‐Printed Scaffolds Promote Enhanced Spinal Organoid Formation for Use in Spinal Cord Injury. <em>Advanced Healthcare Materials</em>, <em>14</em>(24), e04817.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/lernen-ohne-gehirn-das-gedaechtnis-unserer-wirbelsaeule/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeo Podcast: Von Marskanälen zum Wolkenatlas – dünne Luft auf dem Mars https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-von-marskanaelen-zum-wolkenatlas-duenne-luft-auf-dem-mars/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-von-marskanaelen-zum-wolkenatlas-duenne-luft-auf-dem-mars/#comments Sun, 09 Nov 2025 05:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1782 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-4-768x768.jpg Düstere Landschaft: Ein Bergrücken, der dunkel, aber leicht rötlich erscheint, darüber ein grauer Himmel mit diffusen Wolkenformationen. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-von-marskanaelen-zum-wolkenatlas-duenne-luft-auf-dem-mars/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel_sl-1-scaled.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Von Marskanälen zum Wolkenatlas - dünne Luft auf dem Mars » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag126-wolkenatlas.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Am 15. Juli 1965 kommt es in den Räumen des Jet Propulsion Laboratory der NASA in Kalifornien zu einem Showdown: Drei Männer betrachten eine der ersten Aufnahmen der Marsoberfläche, welche die Raumsonde Mariner 4 nur wenige Stunde zuvor beim Vorbeiflieg aus der Nähe gemacht hatte. Ein Foto vom Mars – eigentlich ein großartiger Erfolg für die Wissenschaft! Und doch war jene Aufnahme eine riesige Enttäuschung – denn ein Bild sagt mehr als tausend Worte, und jenes Bild der Marsoberfläche sagte den NASA-Vertretern: Der Mars ist ganz anders als gedacht – und vor allem ist er kalt und tot. Das Bild zeigte, dass es wohl kein weit verbreitetes Leben auf dem Mars gibt, was vor allem mit seiner Atmosphäre zusammenhängt.</p> <p>In dieser Folge erzählt Karl eine kleine Geschichte der Mars-Atmosphäre. Die Astronomen der Antike sahen beim Mars zunächst nicht mehr als einen rötlichen Wandelstern, der in Schleifen übers Firmament läuft. Und während auch die ersten Astronomen der Neuzeit nur wenige Details des Planeten in Erfahrung bringen konnten, so waren sie doch überzeugt: Der Mars ist eine belebte Welt, die der Erde ähneln sollte.<aside></aside></p> <p>Doch bis ins 20. Jahrhundert hinein wussten Forscherinnen und Forscher lediglich: Die Tage auf dem Mars sind vergleichbar lang wie auf der Erde (24 Stunden und 37 Minuten), der Planet besitzt vermutlich Polkappen und Jahreszeiten. Der italienische Astronom Giovanni Schiaparelli hatte im 19. Jahrhunderte lange Linien beschrieben, die er <em>canali</em> nannte und die folgende Generationen über die Möglichkeit einer marsianischen Zivilisation spekulieren ließen. Doch die Voraussetzung für solches Leben auf dem Mars wäre, dass diese Außerirdischen Luft zum atmen hätten. Die Aufnahmen der NASA-Sonde Mariner 4 aus dem Jahr 1965 bereitete all diesen Mutmaßungen ein abruptes Ende: Auf ihnen erschien der Rote Planet als tote, kalte und tiefgefrorene Welt mit einer extrem dünnen Atmosphäre.</p> <p>Dass in der kaum vorhandenen Marsluft dennoch etwas passiert, wurde zwar früh erkannt, war aber nie genauer untersucht worden. Marsianische Wolken bestehen aus Eiskristallen und waren eher ein Störfaktor für Kameras, die eigentlich Krater, Canyons oder Flusstäler der festen Oberfläche fotografieren sollten. Erst 2018 gibt ein spanischer Doktorand Anlass, die Marswolken genauer zu untersuchen. Jorge Hérnandez-Bernal findet am Riesenvulkan Arsia Mons eine extrem lange Wolke, die über die letzten Jahrzehnte immer zu einer bestimmten Jahreszeit wiederkehrt.</p> <p>Diese Entdeckung von Hérnandez-Bernal motiviert schließlich ein Team um Daniela Tirsch vom Institut für Weltraumforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt genauer nachzusehen. Die europäische Raumsonde Mars Express hatte seit 2003 tausende Bilder gemacht. Und damit gelingt etwas, was sich die NASA-Mitarbeitenden aus dem Jahr 1965 kaum hätten vorstellen können: der allererste Wolkenatlas einer außerirdischen Welt.</p> <h3 id="h-mehr-bei-astrogeo">Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 44: <a href="https://astrogeo.de/die-raetselhafte-marswolke/">Die rätselhafte Marswolke</a></li> <li>Folge 70: <a href="https://astrogeo.de/mars-musik-eine-klangliche-expedition/">Mars-Musik: Eine klangliche Expedition</a></li> <li>Folge 74: <a href="https://astrogeo.de/leuchtende-nachtwolken-aesthetische-boten-der-klimakrise/">Leuchtende Nachtwolken: ästhetische Boten der Klimakrise</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mariner#Mariner_4">Mariner 4</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_B._Leighton">Bob Leighton</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Galileo_Galilei">Galileo Galilei</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Christiaan_Huygens">Christiaan Huygens</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Herschel">William Herschel</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Caroline_Herschel">Caroline Herschel</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Atmosph%C3%A4re_des_Mars">Atmosphäre des Mars</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Marskan%C3%A4le">Marskanäle</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Giovanni_Schiaparelli">Giovanni Schiaparelli</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Krieg_der_Welten">Krieg der Welten</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Zond_2">Zond-2</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Marsianer">Der Marsianer</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Arsia_Mons">Arsia Mons</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mars_Express">Mars Express</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schwerewelle">Schwerewellen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Staubsturm_(Mars)">Staubsturm (Mars)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Opportunity">Opportunity</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Valles_Marineris">Valles Marineris</a></li> <li>DLF: <a href="https://www.deutschlandfunk.de/neues-vom-mars-rot-und-tot-100.html">Rot und tot</a> (Feature von Karl)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://ui.adsabs.harvard.edu/abs/1947ApJ...106..251K/abstract">Andre Kuiper: Infrared Spectra of Planets, Astrophysical Journal (1947)</a></li> <li>Buch: Sarah Stewart Johnson: The Sirens of Mars, Penguin (2020) [<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/The_Sirens_of_Mars">WP</a>] [<a href="https://www.penguinrandomhouse.com/books/529592/the-sirens-of-mars-by-sarah-stewart-johnson/">Penguin</a>] [<a href="https://www.goodreads.com/book/show/50751225-the-sirens-of-mars">Goodreads</a>]</li> <li>DLR: <a href="https://hrscteam.dlr.de/public/data.php">HRSC Cloud Atlas</a></li> <li>Konferenzbeitrag: Tirsch et al.: <a href="https://www.europlanet.org/cloud-atlas-of-mars-showcases-array-of-atmospheric-phenomena/">Cloud Atlas of Mars Showcases Array of Atmospheric Phenomena</a>, Europlanet (2024)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: NASA/JPL-Caltech/MSSS/Simeon Schmauß</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel_sl-1-scaled.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Von Marskanälen zum Wolkenatlas - dünne Luft auf dem Mars » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag126-wolkenatlas.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Am 15. Juli 1965 kommt es in den Räumen des Jet Propulsion Laboratory der NASA in Kalifornien zu einem Showdown: Drei Männer betrachten eine der ersten Aufnahmen der Marsoberfläche, welche die Raumsonde Mariner 4 nur wenige Stunde zuvor beim Vorbeiflieg aus der Nähe gemacht hatte. Ein Foto vom Mars – eigentlich ein großartiger Erfolg für die Wissenschaft! Und doch war jene Aufnahme eine riesige Enttäuschung – denn ein Bild sagt mehr als tausend Worte, und jenes Bild der Marsoberfläche sagte den NASA-Vertretern: Der Mars ist ganz anders als gedacht – und vor allem ist er kalt und tot. Das Bild zeigte, dass es wohl kein weit verbreitetes Leben auf dem Mars gibt, was vor allem mit seiner Atmosphäre zusammenhängt.</p> <p>In dieser Folge erzählt Karl eine kleine Geschichte der Mars-Atmosphäre. Die Astronomen der Antike sahen beim Mars zunächst nicht mehr als einen rötlichen Wandelstern, der in Schleifen übers Firmament läuft. Und während auch die ersten Astronomen der Neuzeit nur wenige Details des Planeten in Erfahrung bringen konnten, so waren sie doch überzeugt: Der Mars ist eine belebte Welt, die der Erde ähneln sollte.<aside></aside></p> <p>Doch bis ins 20. Jahrhundert hinein wussten Forscherinnen und Forscher lediglich: Die Tage auf dem Mars sind vergleichbar lang wie auf der Erde (24 Stunden und 37 Minuten), der Planet besitzt vermutlich Polkappen und Jahreszeiten. Der italienische Astronom Giovanni Schiaparelli hatte im 19. Jahrhunderte lange Linien beschrieben, die er <em>canali</em> nannte und die folgende Generationen über die Möglichkeit einer marsianischen Zivilisation spekulieren ließen. Doch die Voraussetzung für solches Leben auf dem Mars wäre, dass diese Außerirdischen Luft zum atmen hätten. Die Aufnahmen der NASA-Sonde Mariner 4 aus dem Jahr 1965 bereitete all diesen Mutmaßungen ein abruptes Ende: Auf ihnen erschien der Rote Planet als tote, kalte und tiefgefrorene Welt mit einer extrem dünnen Atmosphäre.</p> <p>Dass in der kaum vorhandenen Marsluft dennoch etwas passiert, wurde zwar früh erkannt, war aber nie genauer untersucht worden. Marsianische Wolken bestehen aus Eiskristallen und waren eher ein Störfaktor für Kameras, die eigentlich Krater, Canyons oder Flusstäler der festen Oberfläche fotografieren sollten. Erst 2018 gibt ein spanischer Doktorand Anlass, die Marswolken genauer zu untersuchen. Jorge Hérnandez-Bernal findet am Riesenvulkan Arsia Mons eine extrem lange Wolke, die über die letzten Jahrzehnte immer zu einer bestimmten Jahreszeit wiederkehrt.</p> <p>Diese Entdeckung von Hérnandez-Bernal motiviert schließlich ein Team um Daniela Tirsch vom Institut für Weltraumforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt genauer nachzusehen. Die europäische Raumsonde Mars Express hatte seit 2003 tausende Bilder gemacht. Und damit gelingt etwas, was sich die NASA-Mitarbeitenden aus dem Jahr 1965 kaum hätten vorstellen können: der allererste Wolkenatlas einer außerirdischen Welt.</p> <h3 id="h-mehr-bei-astrogeo">Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 44: <a href="https://astrogeo.de/die-raetselhafte-marswolke/">Die rätselhafte Marswolke</a></li> <li>Folge 70: <a href="https://astrogeo.de/mars-musik-eine-klangliche-expedition/">Mars-Musik: Eine klangliche Expedition</a></li> <li>Folge 74: <a href="https://astrogeo.de/leuchtende-nachtwolken-aesthetische-boten-der-klimakrise/">Leuchtende Nachtwolken: ästhetische Boten der Klimakrise</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mariner#Mariner_4">Mariner 4</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_B._Leighton">Bob Leighton</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Galileo_Galilei">Galileo Galilei</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Christiaan_Huygens">Christiaan Huygens</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Herschel">William Herschel</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Caroline_Herschel">Caroline Herschel</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Atmosph%C3%A4re_des_Mars">Atmosphäre des Mars</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Marskan%C3%A4le">Marskanäle</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Giovanni_Schiaparelli">Giovanni Schiaparelli</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Krieg_der_Welten">Krieg der Welten</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Zond_2">Zond-2</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Marsianer">Der Marsianer</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Arsia_Mons">Arsia Mons</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mars_Express">Mars Express</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schwerewelle">Schwerewellen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Staubsturm_(Mars)">Staubsturm (Mars)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Opportunity">Opportunity</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Valles_Marineris">Valles Marineris</a></li> <li>DLF: <a href="https://www.deutschlandfunk.de/neues-vom-mars-rot-und-tot-100.html">Rot und tot</a> (Feature von Karl)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://ui.adsabs.harvard.edu/abs/1947ApJ...106..251K/abstract">Andre Kuiper: Infrared Spectra of Planets, Astrophysical Journal (1947)</a></li> <li>Buch: Sarah Stewart Johnson: The Sirens of Mars, Penguin (2020) [<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/The_Sirens_of_Mars">WP</a>] [<a href="https://www.penguinrandomhouse.com/books/529592/the-sirens-of-mars-by-sarah-stewart-johnson/">Penguin</a>] [<a href="https://www.goodreads.com/book/show/50751225-the-sirens-of-mars">Goodreads</a>]</li> <li>DLR: <a href="https://hrscteam.dlr.de/public/data.php">HRSC Cloud Atlas</a></li> <li>Konferenzbeitrag: Tirsch et al.: <a href="https://www.europlanet.org/cloud-atlas-of-mars-showcases-array-of-atmospheric-phenomena/">Cloud Atlas of Mars Showcases Array of Atmospheric Phenomena</a>, Europlanet (2024)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: NASA/JPL-Caltech/MSSS/Simeon Schmauß</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-von-marskanaelen-zum-wolkenatlas-duenne-luft-auf-dem-mars/#comments 2 Schatzsuche im Mutterleib – Wie funktioniert das Gehirn vor der Geburt? https://scilogs.spektrum.de/klartext/schatzsuche-im-mutterleib-wie-funktioniert-das-gehirn-vor-der-geburt/ https://scilogs.spektrum.de/klartext/schatzsuche-im-mutterleib-wie-funktioniert-das-gehirn-vor-der-geburt/#respond Fri, 07 Nov 2025 09:47:14 +0000 klartext https://scilogs.spektrum.de/klartext/?p=1189 <h1>Schatzsuche im Mutterleib - Wie funktioniert das Gehirn vor der Geburt? » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den </strong><a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><strong>KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</strong></a><strong> 2023 in der Kategorie Neurowissenschaften veranschaulichte Katrin Sippel, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Wer erforschen will, wie sich die Gehirnaktivität im Mutterleib entwickelt und was ein Baby dort schon alles lernt, der braucht zweifelsohne ein bisschen Glück, gute Signalverarbeitungsalgorithmen und zuallererst ein tolles wissenschaftliches Verfahren. In unserem Fall ist das die fetale Magnetenzephalographie (fMEG), ein harmloses, nicht-invasives Verfahren mit dem die Herz- und Gehirnaktivität von Babys in der zweiten Schwangerschaftshälfte gleichzeitig mit der Herzaktivität der Mutter aufgezeichnet werden kann.</em></p> <p>Ich kann mich noch genau daran erinnern, als mein Sohn mir wenige Stunden nach seiner Geburt das erste Mal so richtig tief in die Augen geschaut hat. Ein Blick, in dem schon so viel Weisheit lag. In diesem Moment habe ich mit nichts sehnlicher gewünscht, als zu wissen, was in diesem kleinen Kopf so vor sich geht und was sich in den vergangenen 9 Monaten dort alles schon entwickelt hat. Betrachtet man das Gehirn eines neugeborenen Babys im wissenschaftlichen Sinn, so sind quasi alle Nervenzellen angelegt und miteinander vernetzt. Im Laufe des Lebens werden diese Nervenzellen wachsen und ihre Signalweiterleitung wird schneller werden. Einige Verbindungen zwischen den Nervenzellen werden sich im Laufe des Lebens verfestigen und ausbilden, wenn neue Sachen gelernt oder Zusammenhänge erkannt werden. Andere Verbindungen werden abgebaut, wenn sie nicht benötigt werden. Insgesamt werden aber keine neuen Nervenzellen hinzukommen. Bereits im Mutterleib sind wichtige Verbindungen im Gehirn entstanden. Wie sonst könnte ein Baby schon direkt nach der Geburt die Stimme seiner Mutter von anderen Frauenstimmen unterscheiden oder ein Schlaflied wieder erkennen, das ihm schon während der Schwangerschaft vorgesungen wurde?</p> <p>Zu untersuchen, ob und wann ein Fetus bestimmte Dinge lernt, ist nicht ganz einfach und ein bisschen mit einer Schatzsuche vergleichbar. Bei Erwachsenen oder Kleinkindern kann man die elektrische oder magnetische Aktivität, die bei der Aktivierung von Nervenzellen im Gehirn entsteht, mittels Sensoren messen, die direkt auf oder über der Kopfhaut angebracht werden. So ähnlich funktioniert das auch bei der fetalen Magnetenzephalographie.</p> <p>Fetus ist der Fachbegriff für ein ungeborenes Kind im Mutterleib ab der 9. Schwangerschaftswoche. Die Magnetenzephalographie ist eine Untersuchungsmethode, mit der Magnetfelder gemessen werden, die durch die elektrische Hirnaktivität erzeugt werden. Im Gegensatz zur elektrischen Aktivität können die Magnetfelder das umliegende Gewebe, in diesem Fall das Fruchtwasser und den Bauch der Mutter, problemlos passieren und so auch von ausserhalb gemessen werden. Das fMEG Gerät besteht aus ca. 150 magnetischen Sensoren, die in einer muschelförmigen Schale rund um den Bauch der Schwangeren Frau angeordnet sind und diese Aktivität messen. Diese funktionieren ähnlich wie ein Kompass, sind also völlig ungefährlich für Mutter und Kind. Um die empfindlichen Sensoren von äusseren magnetischen Einflüssen abzuschirmen, befindet sich das fMEG Gerät dazu in einem magnetisch abgeschirmten Raum, dessen Wände mit dicken Schichten aus Metall überzogen sind. Jedoch erzeugt nicht nur die Hirnaktivität magnetische Felder, sondern auch jede Form von Muskelaktivität. Deshalb ist es wichtig, dass die Schwangere während der Messung möglichst entspannt auf dem Gerät Platz nimmt und auch der Fetus möglichst ruhig bleibt. Eine Art von Muskelaktivität, die in den Messungen immer mit erfasst wird, ist die Herzaktivität – sowohl die der Mutter als auch die des Kindes. Die Herzrate und Herzratenvariabilität gewähren Einblick in die Funktion des Autonomen Nervensystems und des aktuellen Stresslevels. Andererseits überlagern die starken Magnetfelder der Herzaktivitäten aber auch das fetale Hirnsignal. Das Signal des Magnetfelds, welches so ein fetales Gehirn erzeugt, ist ungefähr so schwach wie die magnetische Aktivität eines Autos in 2 km Entfernung. Das fetale Herzsignal ist im Vergleich dazu um ein 10- bis 100- faches, das des mütterlichen Herzens sogar bis zu 1000 fach stärker. Wenn man also aus den Messdaten ein fetales Hirnsignal herauslesen will, muss man die unterschiedlichen Magnetfelder nachträglich wieder voneinander trennen, um die fetale Hirnaktivität freizulegen. Es ist in etwa so wie Goldschürfen. Zuerst wird mit einem groben Sieb die mütterliche Herzaktivität entfernt, dann mit einem feineren Sieb die fetale Herzaktivität. Wenn Mutter und Baby sich während der Messung nicht zu heftig bewegt haben, findet man so mit etwas Glück ein deutlich sichtbares Bündel an fetaler Hirnaktivität – das Goldnugget nach dem wir suchen. Bisher wurde die Erkennung der Herzaktivität zu einem großen Teil von Hand durchgeführt und ihre Entfernung mithilfe mehrerer unterschiedlicher Methoden. Die Auswertung der Hirndaten war so häufig nur nach etlichen Wiederholungszyklen und dem Löschen einzelner störender Sensorsignale möglich. Dieser Prozess war sehr zeitaufwändig und setzte viel Erfahrung voraus. Er konnte daher nur von sehr wenigen Experten durchgeführt werden. Meine Mission war es deshalb, die Herzaktivität vollautomatisiert zu erkennen und zu entfernen und die Datenverarbeitung somit wesentlich schneller und effizienter zu gestalten. Dabei musste dieses Verfahren so flexibel sein, dass es sowohl gegen Ende der Schwangerschaft funktioniert als auch schon in der 20 Schwangerschaftswoche, wenn der Fetus noch viel kleiner und seine Herz- und Hirnaktivität somit auch noch viel schwächer ist.<aside></aside></p> <p>Das erste Signal, das entfernt werden muss, ist die Herzaktivität der Mutter. Dazu werden zuerst die Zeitpunkte aller mütterlichen Herzschläge markiert. Danach wird das Signal über genau diese Zeitpunkte gemittelt, wodurch eine Art Schablone für das Signal des gesamten Herzschlag erstellt wird. Wendet man diese Schablone dann auf das gesamte Signal an, erhält man eine recht gute Schätzung der mütterlichen Herzaktivität über die komplette Zeit der Messung. Diese geschätzte Aktivität wird dann vom ursprünglichen Signal subtrahiert, zusammen mit anderen Signalbestandteilen, die eine hohe Korrelation mit der entfernten Herzaktivität aufweisen. Beim Goldschürfen filtern unterschiedlich feine Siebe ungewünschte Stoffe heraus, damit man am Ende das Gold übrig behält. Nichts anderes macht dieser Algorithmus.</p> <p>Nachdem die mütterliche Herzaktivität erfolgreich von den restlichen Daten getrennt worden ist, wird dasselbe mit der Aktivität des fetalen Herzens gemacht. Da der fetale Herzschlag schneller und weniger stark ist, werden dazu einige Parameter im Algorithmus etwas feinmaschiger eingestellt. Mit etwas Glück bleibt nun noch etwas magnetische Aktivität übrig, die ein deutlich sichtbares Bündel auf 5-10 benachbarten Sensoren bildet. Das ist dann die fetale Hirnaktivität, unser kleines Goldnugget. Hat man diesen Schatz gefunden, eröffnet sich eine faszinierende Welt. Die spontane Hirnaktivität eines Fetus gibt Aufschluss über die fetalen Schlaf-/Wachzustände und darüber, wie sich das Gehirn immer besser vernetzt und komplexere Vorgänge zulässt. Man kann dem Baby über den Bauch der Mutter auch Töne vorspielen und analysieren wie es darauf reagiert. Dadurch wissen wir inzwischen, wie lange das fetale Gehirn braucht, um einzelne Töne zu verarbeiten und wie der Blutzuckerspiegel der Mutter dies beeinflussen kann. Wir wissen, ab wann der Fetus einfache oder komplexere Muster in Tonabfolgen lernen kann und sogar ein grundlegendes Mengenverständnis hat. Dank der neuen automatisierten Verarbeitungsmethoden konnten wir sogar untersuchen, wann der Fetus beginnt, die Stimme seiner Mutter von anderen Frauenstimmen zu unterscheiden. Da die fetale Magnetenzephalographie die einzige Methode ist, mit der man die Hirnaktivität von Kindern bereits im Mutterleib messen kann, und es weltweit nur wenige Arbeitsgruppen gibt, die sich mit dieser Thematik beschäftigen, befinden wir uns in diesem Bereich noch in der Grundlagenforschung. Dies bedeutet aber auch, dass es noch viele spannende Fragestellungen gibt, die wir mit dieser Methode untersuchen können. Dank der neuen automatisierten Signalverarbeitungsmethoden kommen wir mit der Beantwortung dieser Fragen in Zukunft dann hoffentlich auch noch viel schneller voran. Und wenn mein Enkel mir eines Tages in die Augen schaut, dann kann ich mir vielleicht schon denken: „Ja mein Schatz, ich weiss!“.</p> <hr></hr> <p>Katrin Sippel hat an der Eberhardt-Karls-Universität Tübingen Bioinformatik studiert. Während des Masterstudiums spezialisierte sie sich auf den Bereich der Neurowissenschaften. Ihre Doktorarbeit schrieb sie im Rahmen der Inneren Medizin IV am Universitätsklinikum Tübingen und dem Institut für Diabetesforschung und metabolische Erkrankungen des Helmholtz Zentrum München an der Universität Tübingen. Dabei lag der Fokus auf der Entwicklung sensibler, vollautomatisierter Vorverarbeitungsmethoden für das Verfahren der fetalen Magnetenzephalographie sowie einer Studie zur fetalen Wahrnehmung der Mutterstimme. Auch nach der Promotion ließ sie die Faszination für dieses Themengebiet nicht los, daher ist sie in diesem Bereich weiterhin als PostDoc tätig.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Schatzsuche im Mutterleib - Wie funktioniert das Gehirn vor der Geburt? » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den </strong><a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><strong>KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</strong></a><strong> 2023 in der Kategorie Neurowissenschaften veranschaulichte Katrin Sippel, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Wer erforschen will, wie sich die Gehirnaktivität im Mutterleib entwickelt und was ein Baby dort schon alles lernt, der braucht zweifelsohne ein bisschen Glück, gute Signalverarbeitungsalgorithmen und zuallererst ein tolles wissenschaftliches Verfahren. In unserem Fall ist das die fetale Magnetenzephalographie (fMEG), ein harmloses, nicht-invasives Verfahren mit dem die Herz- und Gehirnaktivität von Babys in der zweiten Schwangerschaftshälfte gleichzeitig mit der Herzaktivität der Mutter aufgezeichnet werden kann.</em></p> <p>Ich kann mich noch genau daran erinnern, als mein Sohn mir wenige Stunden nach seiner Geburt das erste Mal so richtig tief in die Augen geschaut hat. Ein Blick, in dem schon so viel Weisheit lag. In diesem Moment habe ich mit nichts sehnlicher gewünscht, als zu wissen, was in diesem kleinen Kopf so vor sich geht und was sich in den vergangenen 9 Monaten dort alles schon entwickelt hat. Betrachtet man das Gehirn eines neugeborenen Babys im wissenschaftlichen Sinn, so sind quasi alle Nervenzellen angelegt und miteinander vernetzt. Im Laufe des Lebens werden diese Nervenzellen wachsen und ihre Signalweiterleitung wird schneller werden. Einige Verbindungen zwischen den Nervenzellen werden sich im Laufe des Lebens verfestigen und ausbilden, wenn neue Sachen gelernt oder Zusammenhänge erkannt werden. Andere Verbindungen werden abgebaut, wenn sie nicht benötigt werden. Insgesamt werden aber keine neuen Nervenzellen hinzukommen. Bereits im Mutterleib sind wichtige Verbindungen im Gehirn entstanden. Wie sonst könnte ein Baby schon direkt nach der Geburt die Stimme seiner Mutter von anderen Frauenstimmen unterscheiden oder ein Schlaflied wieder erkennen, das ihm schon während der Schwangerschaft vorgesungen wurde?</p> <p>Zu untersuchen, ob und wann ein Fetus bestimmte Dinge lernt, ist nicht ganz einfach und ein bisschen mit einer Schatzsuche vergleichbar. Bei Erwachsenen oder Kleinkindern kann man die elektrische oder magnetische Aktivität, die bei der Aktivierung von Nervenzellen im Gehirn entsteht, mittels Sensoren messen, die direkt auf oder über der Kopfhaut angebracht werden. So ähnlich funktioniert das auch bei der fetalen Magnetenzephalographie.</p> <p>Fetus ist der Fachbegriff für ein ungeborenes Kind im Mutterleib ab der 9. Schwangerschaftswoche. Die Magnetenzephalographie ist eine Untersuchungsmethode, mit der Magnetfelder gemessen werden, die durch die elektrische Hirnaktivität erzeugt werden. Im Gegensatz zur elektrischen Aktivität können die Magnetfelder das umliegende Gewebe, in diesem Fall das Fruchtwasser und den Bauch der Mutter, problemlos passieren und so auch von ausserhalb gemessen werden. Das fMEG Gerät besteht aus ca. 150 magnetischen Sensoren, die in einer muschelförmigen Schale rund um den Bauch der Schwangeren Frau angeordnet sind und diese Aktivität messen. Diese funktionieren ähnlich wie ein Kompass, sind also völlig ungefährlich für Mutter und Kind. Um die empfindlichen Sensoren von äusseren magnetischen Einflüssen abzuschirmen, befindet sich das fMEG Gerät dazu in einem magnetisch abgeschirmten Raum, dessen Wände mit dicken Schichten aus Metall überzogen sind. Jedoch erzeugt nicht nur die Hirnaktivität magnetische Felder, sondern auch jede Form von Muskelaktivität. Deshalb ist es wichtig, dass die Schwangere während der Messung möglichst entspannt auf dem Gerät Platz nimmt und auch der Fetus möglichst ruhig bleibt. Eine Art von Muskelaktivität, die in den Messungen immer mit erfasst wird, ist die Herzaktivität – sowohl die der Mutter als auch die des Kindes. Die Herzrate und Herzratenvariabilität gewähren Einblick in die Funktion des Autonomen Nervensystems und des aktuellen Stresslevels. Andererseits überlagern die starken Magnetfelder der Herzaktivitäten aber auch das fetale Hirnsignal. Das Signal des Magnetfelds, welches so ein fetales Gehirn erzeugt, ist ungefähr so schwach wie die magnetische Aktivität eines Autos in 2 km Entfernung. Das fetale Herzsignal ist im Vergleich dazu um ein 10- bis 100- faches, das des mütterlichen Herzens sogar bis zu 1000 fach stärker. Wenn man also aus den Messdaten ein fetales Hirnsignal herauslesen will, muss man die unterschiedlichen Magnetfelder nachträglich wieder voneinander trennen, um die fetale Hirnaktivität freizulegen. Es ist in etwa so wie Goldschürfen. Zuerst wird mit einem groben Sieb die mütterliche Herzaktivität entfernt, dann mit einem feineren Sieb die fetale Herzaktivität. Wenn Mutter und Baby sich während der Messung nicht zu heftig bewegt haben, findet man so mit etwas Glück ein deutlich sichtbares Bündel an fetaler Hirnaktivität – das Goldnugget nach dem wir suchen. Bisher wurde die Erkennung der Herzaktivität zu einem großen Teil von Hand durchgeführt und ihre Entfernung mithilfe mehrerer unterschiedlicher Methoden. Die Auswertung der Hirndaten war so häufig nur nach etlichen Wiederholungszyklen und dem Löschen einzelner störender Sensorsignale möglich. Dieser Prozess war sehr zeitaufwändig und setzte viel Erfahrung voraus. Er konnte daher nur von sehr wenigen Experten durchgeführt werden. Meine Mission war es deshalb, die Herzaktivität vollautomatisiert zu erkennen und zu entfernen und die Datenverarbeitung somit wesentlich schneller und effizienter zu gestalten. Dabei musste dieses Verfahren so flexibel sein, dass es sowohl gegen Ende der Schwangerschaft funktioniert als auch schon in der 20 Schwangerschaftswoche, wenn der Fetus noch viel kleiner und seine Herz- und Hirnaktivität somit auch noch viel schwächer ist.<aside></aside></p> <p>Das erste Signal, das entfernt werden muss, ist die Herzaktivität der Mutter. Dazu werden zuerst die Zeitpunkte aller mütterlichen Herzschläge markiert. Danach wird das Signal über genau diese Zeitpunkte gemittelt, wodurch eine Art Schablone für das Signal des gesamten Herzschlag erstellt wird. Wendet man diese Schablone dann auf das gesamte Signal an, erhält man eine recht gute Schätzung der mütterlichen Herzaktivität über die komplette Zeit der Messung. Diese geschätzte Aktivität wird dann vom ursprünglichen Signal subtrahiert, zusammen mit anderen Signalbestandteilen, die eine hohe Korrelation mit der entfernten Herzaktivität aufweisen. Beim Goldschürfen filtern unterschiedlich feine Siebe ungewünschte Stoffe heraus, damit man am Ende das Gold übrig behält. Nichts anderes macht dieser Algorithmus.</p> <p>Nachdem die mütterliche Herzaktivität erfolgreich von den restlichen Daten getrennt worden ist, wird dasselbe mit der Aktivität des fetalen Herzens gemacht. Da der fetale Herzschlag schneller und weniger stark ist, werden dazu einige Parameter im Algorithmus etwas feinmaschiger eingestellt. Mit etwas Glück bleibt nun noch etwas magnetische Aktivität übrig, die ein deutlich sichtbares Bündel auf 5-10 benachbarten Sensoren bildet. Das ist dann die fetale Hirnaktivität, unser kleines Goldnugget. Hat man diesen Schatz gefunden, eröffnet sich eine faszinierende Welt. Die spontane Hirnaktivität eines Fetus gibt Aufschluss über die fetalen Schlaf-/Wachzustände und darüber, wie sich das Gehirn immer besser vernetzt und komplexere Vorgänge zulässt. Man kann dem Baby über den Bauch der Mutter auch Töne vorspielen und analysieren wie es darauf reagiert. Dadurch wissen wir inzwischen, wie lange das fetale Gehirn braucht, um einzelne Töne zu verarbeiten und wie der Blutzuckerspiegel der Mutter dies beeinflussen kann. Wir wissen, ab wann der Fetus einfache oder komplexere Muster in Tonabfolgen lernen kann und sogar ein grundlegendes Mengenverständnis hat. Dank der neuen automatisierten Verarbeitungsmethoden konnten wir sogar untersuchen, wann der Fetus beginnt, die Stimme seiner Mutter von anderen Frauenstimmen zu unterscheiden. Da die fetale Magnetenzephalographie die einzige Methode ist, mit der man die Hirnaktivität von Kindern bereits im Mutterleib messen kann, und es weltweit nur wenige Arbeitsgruppen gibt, die sich mit dieser Thematik beschäftigen, befinden wir uns in diesem Bereich noch in der Grundlagenforschung. Dies bedeutet aber auch, dass es noch viele spannende Fragestellungen gibt, die wir mit dieser Methode untersuchen können. Dank der neuen automatisierten Signalverarbeitungsmethoden kommen wir mit der Beantwortung dieser Fragen in Zukunft dann hoffentlich auch noch viel schneller voran. Und wenn mein Enkel mir eines Tages in die Augen schaut, dann kann ich mir vielleicht schon denken: „Ja mein Schatz, ich weiss!“.</p> <hr></hr> <p>Katrin Sippel hat an der Eberhardt-Karls-Universität Tübingen Bioinformatik studiert. Während des Masterstudiums spezialisierte sie sich auf den Bereich der Neurowissenschaften. Ihre Doktorarbeit schrieb sie im Rahmen der Inneren Medizin IV am Universitätsklinikum Tübingen und dem Institut für Diabetesforschung und metabolische Erkrankungen des Helmholtz Zentrum München an der Universität Tübingen. Dabei lag der Fokus auf der Entwicklung sensibler, vollautomatisierter Vorverarbeitungsmethoden für das Verfahren der fetalen Magnetenzephalographie sowie einer Studie zur fetalen Wahrnehmung der Mutterstimme. Auch nach der Promotion ließ sie die Faszination für dieses Themengebiet nicht los, daher ist sie in diesem Bereich weiterhin als PostDoc tätig.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/klartext/schatzsuche-im-mutterleib-wie-funktioniert-das-gehirn-vor-der-geburt/#respond 0 Is AI Becoming a Scientific Collaborator, More Than a Tool? https://scilogs.spektrum.de/hlf/is-ai-becoming-a-scientific-collaborator-more-than-a-tool/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/is-ai-becoming-a-scientific-collaborator-more-than-a-tool/#comments Wed, 05 Nov 2025 13:00:00 +0000 Andrei Mihai https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=13902 <h1>Is AI Becoming a Scientific Collaborator, More Than a Tool? - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>At the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">12th Heidelberg Laureate Forum</a>, artificial intelligence (AI) was at the center of heated discussions. In the second part of the Hot Topic session on “The Machine-Learning Revolution in Mathematics and Science,” the panel explored various ways through which AI can impact research, as well as potential pitfalls and downsides. On stage sat a physicist who wrangles with petabytes of data, an AI pioneer who taught machines to outthink world champions, and applied researchers testing the limits of deep learning.</p> <p>The discussion was less about hype and more about reality: how AI is already changing the way we do science, and where it might lead us next.</p> <h3 id="h-a-thought-partner-and-an-analyst">A Thought Partner and an Analyst</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245774_3c19188744_o.jpg"><img alt="people on a panel with a screen in the background" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245774_3c19188744_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245774_3c19188744_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245774_3c19188744_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245774_3c19188744_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>The Hot Topic panel discussion (Part II) at the 12th Heidelberg Laureate Forum. © HLFF / Kreutzer</figcaption></figure></div> <p>When people talk about AI, the usual headlines are either overly optimistic or doom and gloom. Reading most newspapers, you could think AI will either remake our society for the better or lead to rogue algorithms and machines stealing our agency. But the panel members saw AI more as a collaborator than a replacement.</p> <p>Kyle Cranmer, a physicist at the University of Wisconsin, envisions “using AI as more like a thought partner or an agent for inspiration.” He sees AI less as a tool for discovering or proving theorems and more for providing ideas and laying the groundwork.</p> <p>Thea Klæboe Årrestad, a particle physicist at CERN, uses AI for the Large Hadron Collider. She echoed that sentiment, but added that machine learning can help physicists make sense of vast amounts of data. The LHC experiments face an immense data volume and severe physical limitations on data readout, necessitating the use of AI for filtering and processing.<aside></aside></p> <p>Due to power and hardware constraints (if too many readout chips are used, the detector can become obscured) the systems physically can’t read out all of the data. The AI’s function is to perform real-time data reduction, filtering the massive stream down to a small fraction of the total data volume so it can be stored and analyzed practically.</p> <p>“At CERN we generate 40,000 exabytes of data every year and we need to reduce that to 0.02%. For that, we use … real-time machine learning to filter that data”.</p> <p>The main challenge is, of course, figuring out which data to throw out and which data to keep. The existing algorithms can still be improved, but the implementation of deep learning has already resulted in a substantial increase in sensitivity.</p> <p>“We’re doing analyses we could never have dreamt of doing with the amount of data we have purely because of deep learning,” Årrestad added.</p> <h3>Beyond the Data Deluge: The Age of Experience</h3> <p>David Silver, principal research scientist at Google DeepMind and a professor at University College London, has led research on reinforcement learning with the <a href="https://www.newsroom.hlf-foundation.org/blog/article/how-an-algorithm-became-superhuman-at-go-but-not-starcraft-and-then-moved-on-to-modeling-proteins" rel="noreferrer noopener" target="_blank">“Alpha” systems</a> (like AlphaGo, AlphaZero and AlphaStar). He was awarded the 2019 ACM Prize in Computing for breakthrough advances in computer game-playing. Speaking on the panel, Silver says he foresees a new forthcoming age for AI, something he calls “The Age of Experience.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o.jpg"><img alt="people on a panel with a crowd in the foreground and a screen in the background" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-768x512.jpg 768w" title="caption" width="1024"></img></a><figcaption>The Hot Topic (Part II) at the 12th Heidelberg Laureate Forum. © HLFF / Kreutzer</figcaption></figure></div> <p>Until now, the tools that humanity has built have been, well, tools. They were used for some purpose or produced some output. In this new paradigm, AI can learn from experience to solve challenging problems, with the ultimate goal of developing profound, generally capable intelligences that are able to discover things <a href="https://www.newsroom.hlf-foundation.org/blog/article/beyond-chess-and-go-why-ai-mastering-games-could-be-good-news-for-everyone" rel="noreferrer noopener" target="_blank">that go beyond humans</a>. This idea relies on the machine’s ability to learn autonomously through interaction; the system must be allowed to try things, explore, learn, make mistakes, learn from those mistakes, and get better</p> <p>The classic example is that of AlphaZero, a DeepMind system that was not given any chess information. Instead, it was only left to play an enormous number of games with itself. Not only did it develop superhuman chess-playing ability, but it did so much more efficiently than when constrained by human strategies.</p> <p>This is not a distant future, but a shift that is already well underway, in real experiments where AI systems learn by doing, make small mistakes, and come back stronger – much like human scientists themselves. So AI is increasingly learning through experimentation and trial-and-error, much like humans. Silver mentioned that soon, this approach will likely become more common and increasingly used in research groups around the world.</p> <p>“We saw earlier the poll with the audience using a great range of these [AI tools]. Now imagine that you have a system which can interact through some unified environment like a terminal or a GUI that allows the agent to access any of these tools and sequence them in any way it wants in order to achieve some meaningful measurable goal.”</p> <p>Cranmer also spots another benefit in using AI in this manner: it fosters inter- and cross-disciplinary collaboration. Deep learning provides the capability to solve specific, concrete problems (like approximating intractable likelihood functions or efficiently performing large integrals) that are common to a huge number of scientific applications, which can help build bridges across different disciplines.</p> <p>“To me, that’s one of the things that I find really exciting about AI for science is that it’s leading to this cross-pollination of ideas that I’ve basically never really seen … the idea that you know a theoretical chemist and a person that does nuclear matter particle physics came up with simultaneously the same idea.</p> <p>“Now all of these people are talking to each other and even using the same software package to do it and like I’ve never seen that kind of interaction between very different domains.”</p> <h3>Paleolithic Emotions, Medieval Institutions, Godlike Technology</h3> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/I-Ye-rMhRws?feature=oembed&amp;rel=0" title="Hot Topic: The Machine-Learning Revolution – Part 2: Physical Sciences | September 16" width="666"></iframe> </p></figure> <p>The panelists emphasized that for AI to advance toward a true intelligence able to “discover things that go beyond humans,” it must be allowed the freedom to learn through interaction. Essentially, we should let the systems try things, explore, learn, make mistakes, learn from those mistakes, and get better. But what happens when the system gets it wrong?</p> <p>“We should also acknowledge that we don’t have all the answers yet. It had some great successes and some applications where it works really well but there are also lots of questions … There are some real deep questions that still need to be answered,” says Silver.</p> <p>The laureate stressed that this exploration should happen within strict boundaries, in places where the system can make small mistakes without severe consequences. He advocated that researchers should not be afraid to allow small mistakes to happen, as the system can then learn to generalize from those small errors to avoid making costlier, larger mistakes. But it’s essential that these mistakes take place in an environment where they are affordable.</p> <p>Even in a scientific, experimental setup, such mistakes can be costly. In the case of CERN, Årrestad mentions, one mistake could melt an essential pipe or cable. “You really don’t want to do that mistake,” she says.</p> <p>While the panel focused specifically on scientific discovery, this concern for the scientific world echoes larger-scale concerns from the real-world, where AI is increasingly used in various applications. Maia Fraser, Associate Professor at the University of Ottawa, says we can keep our optimism while also ensuring no severe mistakes cause problems.</p> <p>“I was just going to add that we can be excited about the possibilities while also being aware of the potential downsides. We can do both at the same time: be motivated by the excitement and extra careful in the way things are deployed.” She referenced a famous quote by renowned biologist Edward Wilson, who said that our biggest problem is that we have “paleolithic emotions, medieval institutions, and godlike technology.” But Fraser says we have all the tools required to act responsibly.</p> <p>“We have the capacity to navigate a course of action. We can get the benefits of the exciting stuff without falling into some sort of pit.”</p> <p>AI is one in a long lineage of tools. But unlike past instruments, it does not just serve a simplistic purpose. It joins our reasoning. It helps us think of new questions, sees patterns we cannot, and sometimes, reasons in ways we cannot understand. If the researchers on the panel are right, we are standing at the edge of a golden age. An era when discovery accelerates not because machines replace us, but because they stand beside us.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Is AI Becoming a Scientific Collaborator, More Than a Tool? - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>At the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">12th Heidelberg Laureate Forum</a>, artificial intelligence (AI) was at the center of heated discussions. In the second part of the Hot Topic session on “The Machine-Learning Revolution in Mathematics and Science,” the panel explored various ways through which AI can impact research, as well as potential pitfalls and downsides. On stage sat a physicist who wrangles with petabytes of data, an AI pioneer who taught machines to outthink world champions, and applied researchers testing the limits of deep learning.</p> <p>The discussion was less about hype and more about reality: how AI is already changing the way we do science, and where it might lead us next.</p> <h3 id="h-a-thought-partner-and-an-analyst">A Thought Partner and an Analyst</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245774_3c19188744_o.jpg"><img alt="people on a panel with a screen in the background" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245774_3c19188744_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245774_3c19188744_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245774_3c19188744_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245774_3c19188744_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>The Hot Topic panel discussion (Part II) at the 12th Heidelberg Laureate Forum. © HLFF / Kreutzer</figcaption></figure></div> <p>When people talk about AI, the usual headlines are either overly optimistic or doom and gloom. Reading most newspapers, you could think AI will either remake our society for the better or lead to rogue algorithms and machines stealing our agency. But the panel members saw AI more as a collaborator than a replacement.</p> <p>Kyle Cranmer, a physicist at the University of Wisconsin, envisions “using AI as more like a thought partner or an agent for inspiration.” He sees AI less as a tool for discovering or proving theorems and more for providing ideas and laying the groundwork.</p> <p>Thea Klæboe Årrestad, a particle physicist at CERN, uses AI for the Large Hadron Collider. She echoed that sentiment, but added that machine learning can help physicists make sense of vast amounts of data. The LHC experiments face an immense data volume and severe physical limitations on data readout, necessitating the use of AI for filtering and processing.<aside></aside></p> <p>Due to power and hardware constraints (if too many readout chips are used, the detector can become obscured) the systems physically can’t read out all of the data. The AI’s function is to perform real-time data reduction, filtering the massive stream down to a small fraction of the total data volume so it can be stored and analyzed practically.</p> <p>“At CERN we generate 40,000 exabytes of data every year and we need to reduce that to 0.02%. For that, we use … real-time machine learning to filter that data”.</p> <p>The main challenge is, of course, figuring out which data to throw out and which data to keep. The existing algorithms can still be improved, but the implementation of deep learning has already resulted in a substantial increase in sensitivity.</p> <p>“We’re doing analyses we could never have dreamt of doing with the amount of data we have purely because of deep learning,” Årrestad added.</p> <h3>Beyond the Data Deluge: The Age of Experience</h3> <p>David Silver, principal research scientist at Google DeepMind and a professor at University College London, has led research on reinforcement learning with the <a href="https://www.newsroom.hlf-foundation.org/blog/article/how-an-algorithm-became-superhuman-at-go-but-not-starcraft-and-then-moved-on-to-modeling-proteins" rel="noreferrer noopener" target="_blank">“Alpha” systems</a> (like AlphaGo, AlphaZero and AlphaStar). He was awarded the 2019 ACM Prize in Computing for breakthrough advances in computer game-playing. Speaking on the panel, Silver says he foresees a new forthcoming age for AI, something he calls “The Age of Experience.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o.jpg"><img alt="people on a panel with a crowd in the foreground and a screen in the background" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-768x512.jpg 768w" title="caption" width="1024"></img></a><figcaption>The Hot Topic (Part II) at the 12th Heidelberg Laureate Forum. © HLFF / Kreutzer</figcaption></figure></div> <p>Until now, the tools that humanity has built have been, well, tools. They were used for some purpose or produced some output. In this new paradigm, AI can learn from experience to solve challenging problems, with the ultimate goal of developing profound, generally capable intelligences that are able to discover things <a href="https://www.newsroom.hlf-foundation.org/blog/article/beyond-chess-and-go-why-ai-mastering-games-could-be-good-news-for-everyone" rel="noreferrer noopener" target="_blank">that go beyond humans</a>. This idea relies on the machine’s ability to learn autonomously through interaction; the system must be allowed to try things, explore, learn, make mistakes, learn from those mistakes, and get better</p> <p>The classic example is that of AlphaZero, a DeepMind system that was not given any chess information. Instead, it was only left to play an enormous number of games with itself. Not only did it develop superhuman chess-playing ability, but it did so much more efficiently than when constrained by human strategies.</p> <p>This is not a distant future, but a shift that is already well underway, in real experiments where AI systems learn by doing, make small mistakes, and come back stronger – much like human scientists themselves. So AI is increasingly learning through experimentation and trial-and-error, much like humans. Silver mentioned that soon, this approach will likely become more common and increasingly used in research groups around the world.</p> <p>“We saw earlier the poll with the audience using a great range of these [AI tools]. Now imagine that you have a system which can interact through some unified environment like a terminal or a GUI that allows the agent to access any of these tools and sequence them in any way it wants in order to achieve some meaningful measurable goal.”</p> <p>Cranmer also spots another benefit in using AI in this manner: it fosters inter- and cross-disciplinary collaboration. Deep learning provides the capability to solve specific, concrete problems (like approximating intractable likelihood functions or efficiently performing large integrals) that are common to a huge number of scientific applications, which can help build bridges across different disciplines.</p> <p>“To me, that’s one of the things that I find really exciting about AI for science is that it’s leading to this cross-pollination of ideas that I’ve basically never really seen … the idea that you know a theoretical chemist and a person that does nuclear matter particle physics came up with simultaneously the same idea.</p> <p>“Now all of these people are talking to each other and even using the same software package to do it and like I’ve never seen that kind of interaction between very different domains.”</p> <h3>Paleolithic Emotions, Medieval Institutions, Godlike Technology</h3> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/I-Ye-rMhRws?feature=oembed&amp;rel=0" title="Hot Topic: The Machine-Learning Revolution – Part 2: Physical Sciences | September 16" width="666"></iframe> </p></figure> <p>The panelists emphasized that for AI to advance toward a true intelligence able to “discover things that go beyond humans,” it must be allowed the freedom to learn through interaction. Essentially, we should let the systems try things, explore, learn, make mistakes, learn from those mistakes, and get better. But what happens when the system gets it wrong?</p> <p>“We should also acknowledge that we don’t have all the answers yet. It had some great successes and some applications where it works really well but there are also lots of questions … There are some real deep questions that still need to be answered,” says Silver.</p> <p>The laureate stressed that this exploration should happen within strict boundaries, in places where the system can make small mistakes without severe consequences. He advocated that researchers should not be afraid to allow small mistakes to happen, as the system can then learn to generalize from those small errors to avoid making costlier, larger mistakes. But it’s essential that these mistakes take place in an environment where they are affordable.</p> <p>Even in a scientific, experimental setup, such mistakes can be costly. In the case of CERN, Årrestad mentions, one mistake could melt an essential pipe or cable. “You really don’t want to do that mistake,” she says.</p> <p>While the panel focused specifically on scientific discovery, this concern for the scientific world echoes larger-scale concerns from the real-world, where AI is increasingly used in various applications. Maia Fraser, Associate Professor at the University of Ottawa, says we can keep our optimism while also ensuring no severe mistakes cause problems.</p> <p>“I was just going to add that we can be excited about the possibilities while also being aware of the potential downsides. We can do both at the same time: be motivated by the excitement and extra careful in the way things are deployed.” She referenced a famous quote by renowned biologist Edward Wilson, who said that our biggest problem is that we have “paleolithic emotions, medieval institutions, and godlike technology.” But Fraser says we have all the tools required to act responsibly.</p> <p>“We have the capacity to navigate a course of action. We can get the benefits of the exciting stuff without falling into some sort of pit.”</p> <p>AI is one in a long lineage of tools. But unlike past instruments, it does not just serve a simplistic purpose. It joins our reasoning. It helps us think of new questions, sees patterns we cannot, and sometimes, reasons in ways we cannot understand. If the researchers on the panel are right, we are standing at the edge of a golden age. An era when discovery accelerates not because machines replace us, but because they stand beside us.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/is-ai-becoming-a-scientific-collaborator-more-than-a-tool/#comments 6 Neuer Podcast: Was ist Psychologie? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neuer-podcast-was-ist-psychologie/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neuer-podcast-was-ist-psychologie/#comments Tue, 04 Nov 2025 13:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3464 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Verruecktland-Logo-1-SciLogs-768x627.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neuer-podcast-was-ist-psychologie/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Verruecktland-Logo-1-SciLogs.jpg" /><h1>Neuer Podcast: Was ist Psychologie? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Ist die Welt verrückt geworden? Dann schnell zum Psychologen! Stephan Schleim begleitet Sie durch “Verrücktland”</strong></p> <span id="more-3464"></span> <p>Immer mehr Studierende schreiben sich für das Fach Psychologie ein. Damit ist es heute eines der beliebtesten in ganz Deutschland. Und immer mehr Menschen suchen die Hilfe “vom Psychologen”, womit sie eine Psychotherapeutin oder einen Psychotherapeuten meinen.</p> <p>Psychologie ist heute so allgegenwärtig, dass manche schon den überbordenden “Psycho-Markt” kritisieren. Und tatsächlich gibt es viele Akteure, die zweifelhaftes Halbwissen verkaufen. Der immer weiter wachsende Markt der Selbsthilfe- und Ratgeberliteratur ist hierfür ein Beispiel. Doch was ist überhaupt Psychologie?</p> <p>Stephan Schleim beschäftigt sich seit inzwischen einem Vierteljahrhundert mit dem Thema. An der Universität Groningen in den Niederlanden hat er über 5.000 Studierende im Fach Psychologie ausgebildet. Im neuen Podcast teilt er sein Wissen mit der Allgemeinheit. Dabei soll es weniger um rein theoretische Debatten gehen, sondern um Relevantes für den Alltag und die Praxis.</p> <p>In der ersten Folge stellt der Autor sich kurz vor und erklärt er, was es mit “Verrücktland” auf sich hat. Danach behandeln wir die Frage, was Psychologie ist, aus verschiedenen Blickwinkeln. Das Ergebnis dürfte Sie überraschen.<aside></aside></p> <figure></figure> <p>Diskutieren Sie mit, stellen Sie fragen oder schlagen Sie ein Thema vor. Das Gebiet der Psychologie ist so reichhaltig, dass für alle etwas Interessantes dabei ist.</p> <h2 id="h-inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis</h2> <ul> <li>1:23 Teil 1: Verrücktland</li> <li>3:33 Teil 2: Biografie</li> <li>5:41 Teil 3: Verhalten &amp; Erleben</li> <li>6:29 Teil 4: Psychologie als Studienfach</li> <li>7:41 Teil 5: Antwort der Deutschen Gesellschaft für Psychologie</li> <li>16:53 Teil 6: Die Gegenstandsfrage</li> <li>21:25 Teil 7: Das Unsichtbare</li> <li>24:09 Teil 8: Berühmter Psychologe</li> <li>27:48 Zusammenfassung</li> </ul> <h2 id="h-zusammenfassung">Zusammenfassung</h2> <ul> <li>Die Psychologie ist sehr wichtig, meiner Meinung nach die wichtigste Disziplin vom Menschen.</li> <li>Auch bei den Studierenden ist das Fach sehr beliebt – und wird sogar immer populärer: Psychologie landet mit Medizin und den Rechtswissenschaften auf Platz drei an den Hochschulen.</li> <li>Trotzdem kann auch nach über 100 Jahren niemand genau sagen, was “die Psyche” eigentlich ist.</li> <li>Wir haben gesehen, dass man die Frage, was Psychologie ist, mit Blick auf die vielen Teildisziplinen beantworten kann.</li> <li>Dass Seelisches in einem bestimmten Sinn unsichtbar ist, stellt das Fach und auch uns Menschen vor besondere Herausforderungen, insbesondere bei den psychischen Störungen.</li> <li>Die Behavioristen wollten das Problem lösen, indem sie alles außer dem Verhalten aus der Wissenschaft verbannen – und waren damit über Jahrzehnte hinweg erfolgreich.</li> <li>Wir werden hier im Podcast noch genauer untersuchen, ob man den Begriff der Psyche oder Seele besser verstehen – und so auch die Trennung zwischen Psychologie in der Theorie und Praxis überwinden kann.</li> </ul> <p>Das Buchzitat kommt (leicht gekürzt) aus Mark Galliker (2016), <em>Ist die Psychologie eine Wissenschaft?</em>, S. 217.</p> <h2 id="h-zum-weiterlesen">Zum Weiterlesen</h2> <ul> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/warum-die-hirnforschung-die-psychologie-braucht/">Warum die Hirnforschung die Psychologie braucht</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/gehirnscanner-oder-verhalten-wer-hat-hier-das-sagen/">Gehirnscanner oder Verhalten – Wer hat hier das Sagen?</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychologie-der-freiheit-einmal-anders-dar-ber-nachgedacht/">Psychologie der Freiheit – einmal anders darüber nachgedacht</a></li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis). Abbildung: Mit einem Foto von Elsbeth Hoekstra.</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/99c70dd8efc647b298e11b6e574d4634" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Verruecktland-Logo-1-SciLogs.jpg" /><h1>Neuer Podcast: Was ist Psychologie? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Ist die Welt verrückt geworden? Dann schnell zum Psychologen! Stephan Schleim begleitet Sie durch “Verrücktland”</strong></p> <span id="more-3464"></span> <p>Immer mehr Studierende schreiben sich für das Fach Psychologie ein. Damit ist es heute eines der beliebtesten in ganz Deutschland. Und immer mehr Menschen suchen die Hilfe “vom Psychologen”, womit sie eine Psychotherapeutin oder einen Psychotherapeuten meinen.</p> <p>Psychologie ist heute so allgegenwärtig, dass manche schon den überbordenden “Psycho-Markt” kritisieren. Und tatsächlich gibt es viele Akteure, die zweifelhaftes Halbwissen verkaufen. Der immer weiter wachsende Markt der Selbsthilfe- und Ratgeberliteratur ist hierfür ein Beispiel. Doch was ist überhaupt Psychologie?</p> <p>Stephan Schleim beschäftigt sich seit inzwischen einem Vierteljahrhundert mit dem Thema. An der Universität Groningen in den Niederlanden hat er über 5.000 Studierende im Fach Psychologie ausgebildet. Im neuen Podcast teilt er sein Wissen mit der Allgemeinheit. Dabei soll es weniger um rein theoretische Debatten gehen, sondern um Relevantes für den Alltag und die Praxis.</p> <p>In der ersten Folge stellt der Autor sich kurz vor und erklärt er, was es mit “Verrücktland” auf sich hat. Danach behandeln wir die Frage, was Psychologie ist, aus verschiedenen Blickwinkeln. Das Ergebnis dürfte Sie überraschen.<aside></aside></p> <figure></figure> <p>Diskutieren Sie mit, stellen Sie fragen oder schlagen Sie ein Thema vor. Das Gebiet der Psychologie ist so reichhaltig, dass für alle etwas Interessantes dabei ist.</p> <h2 id="h-inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis</h2> <ul> <li>1:23 Teil 1: Verrücktland</li> <li>3:33 Teil 2: Biografie</li> <li>5:41 Teil 3: Verhalten &amp; Erleben</li> <li>6:29 Teil 4: Psychologie als Studienfach</li> <li>7:41 Teil 5: Antwort der Deutschen Gesellschaft für Psychologie</li> <li>16:53 Teil 6: Die Gegenstandsfrage</li> <li>21:25 Teil 7: Das Unsichtbare</li> <li>24:09 Teil 8: Berühmter Psychologe</li> <li>27:48 Zusammenfassung</li> </ul> <h2 id="h-zusammenfassung">Zusammenfassung</h2> <ul> <li>Die Psychologie ist sehr wichtig, meiner Meinung nach die wichtigste Disziplin vom Menschen.</li> <li>Auch bei den Studierenden ist das Fach sehr beliebt – und wird sogar immer populärer: Psychologie landet mit Medizin und den Rechtswissenschaften auf Platz drei an den Hochschulen.</li> <li>Trotzdem kann auch nach über 100 Jahren niemand genau sagen, was “die Psyche” eigentlich ist.</li> <li>Wir haben gesehen, dass man die Frage, was Psychologie ist, mit Blick auf die vielen Teildisziplinen beantworten kann.</li> <li>Dass Seelisches in einem bestimmten Sinn unsichtbar ist, stellt das Fach und auch uns Menschen vor besondere Herausforderungen, insbesondere bei den psychischen Störungen.</li> <li>Die Behavioristen wollten das Problem lösen, indem sie alles außer dem Verhalten aus der Wissenschaft verbannen – und waren damit über Jahrzehnte hinweg erfolgreich.</li> <li>Wir werden hier im Podcast noch genauer untersuchen, ob man den Begriff der Psyche oder Seele besser verstehen – und so auch die Trennung zwischen Psychologie in der Theorie und Praxis überwinden kann.</li> </ul> <p>Das Buchzitat kommt (leicht gekürzt) aus Mark Galliker (2016), <em>Ist die Psychologie eine Wissenschaft?</em>, S. 217.</p> <h2 id="h-zum-weiterlesen">Zum Weiterlesen</h2> <ul> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/warum-die-hirnforschung-die-psychologie-braucht/">Warum die Hirnforschung die Psychologie braucht</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/gehirnscanner-oder-verhalten-wer-hat-hier-das-sagen/">Gehirnscanner oder Verhalten – Wer hat hier das Sagen?</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychologie-der-freiheit-einmal-anders-dar-ber-nachgedacht/">Psychologie der Freiheit – einmal anders darüber nachgedacht</a></li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis). Abbildung: Mit einem Foto von Elsbeth Hoekstra.</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/99c70dd8efc647b298e11b6e574d4634" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neuer-podcast-was-ist-psychologie/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>18</slash:comments> </item> <item> <title>Zur psychischen Gesundheit der Jugend – ein Kommentar https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zur-psychischen-gesundheit-der-jugend-ein-kommentar/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zur-psychischen-gesundheit-der-jugend-ein-kommentar/#comments Sun, 02 Nov 2025 12:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3458 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/woman-2048905_1920-768x592.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zur-psychischen-gesundheit-der-jugend-ein-kommentar/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/woman-2048905_1920.jpg" /><h1>Zur psychischen Gesundheit der Jugend – ein Kommentar » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Die Bundesschülerkonferenz und das Institut der Deutschen Wirtschaft schlagen Alarm. Über individuelle und strukturelle Lösungen.</strong></p> <span id="more-3458"></span> <p>Am 30. Oktober veröffentlichte das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) einen Bericht <a href="https://www.iwkoeln.de/studien/christina-anger-julia-betz-wido-geis-thoene-die-oekonomische-bedeutung-der-psychischen-gesundheit-von-schuelerinnen-und-schuelern.html">über die ökonomische Bedeutung der psychischen Gesundheit von Schülerinnen und Schülern</a>. Natürlich sollte man sich in erster Linie wegen des Leidens und der Lebensqualität mit dem mentalen Wohlsein beschäftigen. Aber für manche Entscheidungsträger ist das Argument durchschlaggebend, damit auch der Wirtschaft etwas Gutes zu tun.</p> <p>Laut dem IW entsteht der deutschen Volkswirtschaft wegen psychischer Störungen jährlich ein Schaden von fast 150 Milliarden Euro. Auf diese Problematik würden rund zwei Drittel der Erwerbsminderungsrenten bei den Unter-30-Jährigen zurückgehen.</p> <p>Ich erklärte schon vor vielen Jahren, dass solche Kostenrechnungen <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/verursachen-psychisch-kranke-finanziellen-schaden/">mit Vorsicht zu genießen sind</a>. Die so hohen wie runden Milliardenbeträge machen sich natürlich gut in den Medien und politischen Diskussionen. Aber es sind abstrakte Größen.</p> <p>Zum Teil werden sie auf dem Gesundheitsmarkt sogar zu einem Nullsummenspiel, weil viele Akteure mit Krankheit Geld verdienen und in diesem Sinne volkswirtschaftlichen Wert erzeugen. Und auch das Risiko der Stigmatisierung sollte man nicht unterschätzen, wenn man beispielsweise Depressive als Milliardenposten darstellt.<aside></aside></p> <p>Dass die Krankheitslasten – sowohl für eher psychische als auch eher körperliche Probleme – <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/die-deutschen-sind-kraenker-denn-je/">steigen</a>, obwohl wir immer mehr Geld ins Gesundheitssystem und die Gesundheitsforschung pumpen, sollte uns aber aufhorchen lassen. Und die Probleme der jungen Menschen sind ein Spiegel der Erwachsenenwelt.</p> <p>Umgekehrt wird auch ein Schuh daraus: Weil (ohne passende Migration) immer weniger Menschen auf dem Arbeitsmarkt verfügbar sind aber immer mehr Bürger Behandlung und Pflege brauchen, werden die Probleme in Zukunft noch größer werden. Allein das kann einen schon deprimieren.</p> <h2 id="h-individualisierung">Individualisierung</h2> <p>Insofern ist es zu begrüßen, wenn sich auch das IW des Themas psychische Gesundheit annimmt. Doch leider wiederholt das Institut den häufigen Fehler, es primär als <em>medizinisches</em> und <em>individuelles</em> Problem zu sehen. So lautet dann die Empfehlung: “Um die psychische Gesundheit von Schülerinnen und Schülern in Deutschland nachhaltig zu verbessern, sollte die medizinische Versorgung und Unterstützung der Kinder und Jugendlichen verbessert werden.” Außerdem sollten alle Beteiligten noch mehr für psychische Problematik sensibilisiert werden.</p> <p>Viele haben immer noch nicht verstanden, was durch Industrialisierung, das Leben in großen Ballungsräumen und andere Aspekte des sogenannten technologischen Fortschritts mit der Medizin geschah: Seit dem 19. Jahrhundert wurden zunehmend menschliche und gesellschaftliche Probleme ihren Bereich verschoben. So entstand überhaupt erst die Psychiatrie als Fachdisziplin innerhalb der Medizin, im 20. Jahrhundert auch die klinische Psychologie.</p> <p>Auch die WHO versteht ihr Aufgabengebiet Gesundheit seit ihrer Gründung so offiziell wie breit als: Zustand des vollständigen körperlichen, seelischen und sogar sozialen(!) Wohlergehens. Dann sind die Aufgabengebiete für Ärztinnen und Ärzte natürlich endlos.</p> <p>Doch die Tatsache, dass trotz immer mehr Behandlern und Behandlungen, trotz immer mehr Therapie und Medikamentenverschreibungen die Anzahl der Krankheitstage und Erwerbsminderungsrenten wegen psychischer Probleme steigt, <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychiatrie-gebt-das-medizinische-modell-endlich-auf/">zeigt die Beschränkungen des medizinische Modells in diesem Bereich</a>. Volkswirtschaftlich reiche Länder wie Deutschland, die Schweiz oder die Niederlande haben heute schon die weltweit höchsten Pro-Kopf-Raten von Psychotherapeuten und Psychiatern.</p> <p>Trotzdem werden in solchen Diskussionen unermüdlich immer mehr Behandler gefordert. Wie viel mehr sollen es denn noch sein? Anno 2023 meinte die scheidende Familienministerin, die psychische Gesundheit der Jüngeren mit mehr “Mental Health Coaches” in Schulen zu verbessern. Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychologische-hilfe-fuer-schulkinder-jetzt-sollen-mental-health-coaches-es-richten/">dafür bereitgestellten 10 Millionen Euro</a> sind natürlich ein Klacks im Vergleich zu dem angeblichen Milliardenschaden. Aber auch Coaches werden die Probleme nicht lösen.</p> <h2 id="h-fehler-im-system">Fehler im System</h2> <p>Natürlich gibt es medizinische Erkrankungen, die – zum Beispiel wegen Schmerzen, Einschränkungen im Alltag oder biochemischer Störungen – mit starkem psychischem Leiden einhergehen können. Diese sollte man nach Möglichkeit primär medizinisch behandeln, und zwar an der Wurzel des Übels. Einen verfaulenden Zahn würde man auf Dauer auch nicht nur symptomatisch mit gutem Zureden und Schmerzmitteln behandeln, sondern reparieren oder ziehen.</p> <p>Man darf nicht vergessen: Trotz all dem neurobiologischen und genetischen Geforsche der letzten 225(!) Jahre, können die biologischen Psychiater auch heute <em>keine einzige</em> der Hunderten klassifizierten psychischen Störungen mit einem Gehirn-, Gen- oder Bluttest diagnostizieren. Ihre mit unzähligen Forschungsmilliarden belohnten Versprechen haben sie nicht einmal ansatzweise erfüllt. Dass ihr Paradigma trotzdem die Forschung und Ausbildung dominiert, hat ideologische Gründe, die ich in meinem neuen Buch <em>Perspektiven aus der Depressions-Epidemie</em> näher erkläre.</p> <p>Leider ist das nicht nur eine wissenschaftliche Debatte. Die ewig ergebnislose Suche nach den vermuteten “neuronalen Mechanismen” psychischer Störungen steht der Umsetzung und Verbesserung der Hilfe im Weg: Wenn man wartet, bis psychische Probleme behandlungsbedürftig werden, sichert das zwar die Jobs der Behandler. Mit gesellschaftlichen Maßnahmen und individueller Präventionsarbeit könnte man das Gros der Störungen aber verhindern oder zumindest abmildern.</p> <p>Zum Beispiel sind die größten Risikofaktoren für die immer häufiger diagnostizierten depressiven Störungen schwere Lebensereignisse: Traumata, Verluste, Krisen. Dazu kommt der Stress durch Überforderung, Vereinsamung und das Wegfallen sozialer Strukturen, die einen stützen könnten.</p> <p>Wir leben zwar in einem Sozialstaat. Die überbordende Bürokratisierung dürfte aber gerade diejenigen, die Hilfe am nötigsten haben, als Kampf der Verwaltung gegen Bürgerinnen und Bürger erfahren. Wenn die Entscheidung über den Wohnzuschlag oder die Übernahme einer Behandlung lange dauert und nicht nachvollziehbar ist, erzeugt das Not. Dabei betonen sogar führende Politiker die Notwendigkeit des Bürokratieabbaus und der Vereinfachung der Systeme – und halten diesen Zustand trotzdem seit Jahrzehnten instand.</p> <h2 id="h-unsichtbares">Unsichtbares</h2> <p>Im Bereich der psychischen Störungen ist das Problem besonders groß, weil “die Psyche” nicht direkt sichtbar ist. Das ist gerade das (zum Scheitern verurteilte) Versprechen der biologischen Psychiatrie und Neuropsychologie: das Seelenleben sichtbar zu machen und zu objektivieren. Im Ergebnis herrscht dann aber Seelenleere in der Seelenlehre, den etablierten Psy-Disziplinen.</p> <p>Die so ausgebildeten Fachleute zucken mit den Schultern und diagnostizieren allenfalls sogenannte somatoforme oder Konversionsstörungen, wenn Menschen unverstandene körperliche Beschwerden haben und von Facharzt zu Facharzt geschickt wurden. In der “harten”, sich gerne naturwissenschaftlich und objektiv gebenden Medizin sind die Patienten nicht mehr willkommen, wenn alle Laboruntersuchungen und Scans erst einmal abgerechnet sind. Die Honorare einer radiologischen Praxis <a href="https://rwf-online.de/artikel/finanzen-und-steuern/2024/10/radiologie-erwirtschaftet-weniger-reinertrag-fachbeitrag">in Höhe von durchschnittlich 3,5 Millionen Euro pro Jahr</a> müssen ja irgendwoher kommen.</p> <p>Mit weniger Wohlwollen wirft man den Hilfesuchenden Simulantentum vor. Das war vor 100 Jahren nicht anders, wenn im Ergebnis auch viel preiswerter.</p> <p>Wir Menschen heute sind von uns selbst, Leib und Seele entfremdet. Wie sich dauerhafte Spannung, Stress oder Angst körperlich äußern können – zum Beispiel in Herzklopfen, Taubheitsgefühlen, Schwindel, Schwitzen, Schlaflosigkeit, Zittern, Magen- oder anderen Schmerzen und Durchfall –, bringt einem keiner bei. Und der Hinweis, dass solche Erscheinungen <em>psychische</em> Ursachen haben können, erzeugt schnell Abwehr. Denn die Betroffenen haben verinnerlicht, dass Psychisches im Gesundheitssystem als weniger real gilt.</p> <h2 id="h-unverstanden">Unverstanden</h2> <p>Tipps wie: “Entspann dich doch mal”, “Mach doch mal Urlaub”, “Nimm’s dir nicht so zu Herzen” oder gar “Stell dich nicht so an” von Bekannten oder Vorgesetzten dürften den Leidensdruck eher vergrößern. Im Ergebnis erhalten Frauen etwa zweieinhalbmal so oft Diagnosen einer Depression oder Angststörung als Männer. Letztere, die insgesamt seltener Hilfe suchen, bekommen dafür zwei- bis dreimal so oft eine Substanzkonsumstörung attestiert. Probleme mit Drogen zu betäuben, geht meist nicht lange gut.</p> <p>Damit sind die häufigsten psychologisch-psychiatrischen Störungsbilder fast schon abgedeckt. Sehr im Kommen sind zurzeit die Aufmerksamkeitsstörungen – die sich diagnostisch aber stark mit depressiven, Angst- und Substanzkonsumstörungen überschneiden. Ein Schelm, wer denkt, dass ADHS jetzt als weniger stigmatisierende Variante zur Depression fungiert. Über Burnout – mit dem Aufkommen der Industrialisierung sprach man noch von “<a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/warum-man-burn-out-nicht-als-modeerscheinung-abtun-sollte/">Neurasthenie</a>“, Nervenschwäche – haben wir ja lange genug geredet. Wer nicht privat versichert ist und auch kein Jahr auf die Diagnose warten will, legt dafür schon einmal 500 Euro auf den Tisch. Bei den Therapeuten klingeln die Kassen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg"><img alt="" decoding="async" height="563" sizes="(max-width: 850px) 100vw, 850px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg 850w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb-300x199.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb-768x509.jpg 768w" width="850"></img></a></figure> <p><em><strong>Bildzitat nach Originalvorlage:</strong> Bei einer auf ADHS-Diagnosen spezialisierten Praxis in einer deutschen Großstadt kann man ein vorbereitendes Gespräch für rund 143 Euro reservieren. Bis zur gewünschten Diagnose wird man tiefer in die Tasche greifen müssen. Da ist die Erwartungshalten der Kunden, das gewünschte Resultat zu erhalten, natürlich hoch. Aber dafür winken “rechtliche und finanzielle Vorteile”.</em></p> <p>Jenseits der bekannten Raster bleibt ohne Befund aber mit den genannten körperlichen Problemen vielleicht die mysteriöse somatoforme Störung. Laut Epidemiologen trifft sie jährlich immerhin fünf Prozent der Bevölkerung. Die im Volks- aber auch manchem Arztmund eher abwertende Bezeichnung “Hypochondrie” war nicht immer negativ besetzt. Ein Blick auf die wortwörtliche Bedeutung entschlüsselt das: altgriechisch <em>hypo</em> = unter und <em>khondros</em> = Knorpel. Mit Letzterem ist der Brustkorb gemeint.</p> <p>Das heißt, Hypochondrie war nicht unbedingt ein eingebildetes Kranksein. Sie konnte auch wahrgenommenes Unwohlsein unter den Rippen bedeuten: Und dort finden sich mit Herz, Lungen, Leber, Milz, Nieren, Bauchspeicheldrüse und Magen nicht ganz unwichtige Organe. Über das vegetative Nervensystem – kurz gesagt: Vagusnerv, Parasympathikus und Sympathikus – nimmt es an unserer lebenden Intelligenz (im Wortsinn von “Erkennen, Verstehen”) teil. Das heißt, die Organe bekommen mit, ob es uns gut geht oder wir gestresst sind.</p> <h2 id="h-umdeutung">Umdeutung</h2> <p>Doch Stress wird selten beseitigt, sondern meist umgedeutet und gemanagt. Mit Ideen wie: “Wie du Stress als deinen Freund siehst”, haben Gesundheitspsychologen viel Geld verdient. Die “Mental Health Coaches” wurden schon erwähnt. Und auch Yoga, Achtsamkeit oder Meditation werden langfristig nichts lösen, <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wozu-meditation-und-achtsamkeit-und-wozu-nicht/">wenn sie immer nur kurzfristig die Schäden durch den Alltag reparieren</a>. Allen Ansätzen ist gemein, dass sie die Umgebung als konstant – man könnte auch sagen: alternativlos – und das Individuum als formbar ansehen.</p> <p>Was daraus folgt, können wir anhand eines anderen Gesundheitsbeispiels verdeutlichen, der Ernährung: Auch hier werden wir permanent mit Botschaften bombardiert, unser Verhalten zu optimieren. Wir sollen möglichst ausgewogen, abwechslungsreich, frisch und vollkorn essen.</p> <p>In der Reklame und den Supermarktregalen werden uns aber permanent Produkte schmackhaft gemacht, die das Gegenteil davon sind: Mit viel Fett, Zucker, Salz, Aromen und anderen Geschmacksverstärkern lassen sich zwar günstig Massenwaren herstellen. Doch echte Lebensmittel, die diesen Namen verdienen, muss man aufwendig suchen – und auch wissen, wie man sie schmackhaft zubereitet.</p> <p>Obendrein kann man nicht mal mehr Zeitschriften oder Batterien kaufen, ohne dass beim erforderlichen Abrechnen fett- und zuckerreiche Produkte wie Schokoriegel oder Energydrinks präsentiert werden. Sie sind so schnell bezahlt wie verzehrt und aktivieren garantiert das Belohnungssystem im Gehirn. Jedenfalls für ein paar Sekunden.</p> <p>Das heißt, die Botschaften an das <em>Individuum</em>, sich möglichst gesund zu verhalten, kollidieren permanent mit den Angeboten unserer <em>Lebenswelt</em>. Dieser andauernde Spagat muss die Menschen stressen.</p> <p>Doch als richtig gestresste Konsumenten füttern wir die kapitalistische Maschine noch besser: dann verdienen auch die Coaches und Yogalehrer an uns. Werden wir krank, die Ärzte und Therapeuten. Die krankmachenden Umstände gelten als normal. Der Einzelne, der darauf normal reagiert, nämlich mit Krankheit, gilt als das Problem. Hier setzen so gut wie alle therapeutischen Verdienmodelle an – nicht an der Lebenswelt, wo die Probleme entstehen.</p> <h2 id="h-stress-und-keine-losung">Stress und keine Lösung</h2> <p>Ach ja: Und bitte trennen Sie Ihren Müll, damit Ihnen weiter einfach zu standardisierende, komfortabel verpackte Produkte verkauft werden können. Denken Sie nicht an Weichmacher oder Mikroplastik. Vergessen Sie aber nicht ihre 10.000 Schritte am Tag, bitte mindestens drei bis fünf Stunden Bewegung pro Woche. Alkohol und Tabak sind Gift – verwenden Sie diese bloß nicht zur Stresskompensation. Letzterer bringt Sie nicht nur als Passivrauch ins Grab, sondern sogar als Tertiärrauch aus Textilien. Stresst Sie das alles? Aber gut schlafen müssen Sie schon!</p> <p>Auch die psychiatrische Forschung bestreitet heute nicht mehr, dass die Störungsbilder “stressreaktiv” sind. Es wird zwar immer noch von individuell unterschiedlichen Veranlagungen für die psychischen Störungen ausgegangen, was nicht ganz falsch ist, doch auch nicht ganz richtig. Doch dass viel Stress schlecht für die Psyche sein kann, wird jetzt allgemein anerkannt. Dennoch wird als Lösung nicht die Beseitigung von Stress in der Umgebung angeboten, sondern die Erhöhung von <em>Resilienz</em> im Individuum.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em><strong>Deutsche Bücher als Trendbarometer:</strong> Man sieht, wie die Diskussion um Neurasthenie im späten 19. Jahrhundert aufkam. In bürgerlichen Kreisen galt eine gewisse Sensibilität damals durchaus als schick. Doch mit dem Ende der Weimarer Republik und der erneuten Militarisierung wurden die “Nervenschwachen” zunehmend stigmatisiert. Stress wurde dann nach dem Zweiten Weltkrieg zum Thema, sehr viel stärker gegen Ende der 1990er. Burnout kam um die Jahrtausendwende als Thema auf, Resilienz etwas später. Der psychischen Gesundheit der Masse hat all das Gerede bisher nicht geholfen. Datenquelle: Google Ngram</em></p> <p>Historisch nachvollziehbar stützt sich <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/09/das-dogma-der-biologischen-psychiatrie-in-historischer-perspektive/">seit dem 19. Jahrhundert die Psychiatrie</a> und etwas später auch die klinische Psychologie mit dem Gen- und Gehirndenken auf diesen Individualismus. Gleichzeitig versprachen sie damit das Sichtbarmachen der unsichtbaren Seele. Zugegeben, es gab und gibt immer wieder auch einmal soziale Ansätze. Doch in der Forschung und der Darstellung der Probleme führen sie eher ein Schattendasein.</p> <h2 id="h-zuruck-zur-jugend">Zurück zur Jugend</h2> <p>Wie wir sahen, ist dieser Status quo für eine ganze Reihe einflussreicher Marktteilnehmer äußerst lukrativ. In diesen Markt wachsen die jungen Menschen hinein, ohne dass sie davon profitieren könnten oder eine Alternative angeboten bekämen.</p> <p>Dazu kommen zahlreiche Probleme, die ihnen die Erwachsenen, die sie in Zukunft versorgen sollen, überlassen: Denken wir an Staatsschulden, klimaschädliche Gase in der Luft und Stickstoff in den Böden, steigende Temperaturen und Meeresspiegel, Müll in den Meeren, zerbröckelnde Infrastruktur, zunehmende Kosten im Zusammenhang mit den wachsenden Unterschieden zwischen Wohlhabenden und Ärmeren, die Destabilisierung demokratischer Rechtsstaaten und kriegerische Konflikte.</p> <p>Die Antwort der zuständigen Fachleute lautet im Wesentlichen: Achtet mehr auf eure psychische Gesundheit und tut mehr für die Resilienz! Ersteres, auch bekannt als “mental health awareness”, dürfte die Probleme eher vergrößern. Die Symptome der Hunderten Störungsbilder sind nämlich oft so vage formuliert und überschneiden sich mit der Normalität, dass man sich leicht darin wiedererkennt. Das kennt jeder, der ein Diagnosehandbuch aufschlägt und darin liest. Ehe man sich versieht, hat man sich schon selbst diagnostiziert.</p> <p>Die ZEIT hatte gerade am 25. Oktober einen längeren Artikel darüber, dass das unablässige Reden über psychische Probleme diese gerade noch verstärken kann. Und die Zunahme an Menschen mit leichten Problemen, die jetzt alle Psychotherapie wollen, macht die Versorgung für die Härtefälle gerade schwerer. Dabei haben diese die Hilfe am nötigsten.</p> <p>Das Vermitteln von Resilienz wird die Probleme vielleicht etwas verzögern, aber nicht lösen – weil es nichts an den Ursachen ändert.</p> <h2 id="h-therapie">Therapie</h2> <p>Natürlich <em>kann</em> man individuell etwas bewirken. Gerade bei Ängsten gibt es wirksame Verfahren der Verhaltenstherapie, die oft auf eine Konfrontation und dann Überwindung der Angst hinauslaufen. Wer unter negativen Gedankenmustern leidet, kann diese ebenso wie wiederkehrende Probleme in zwischenmenschlichen Beziehungen in einer Gesprächstherapie bearbeiten.</p> <p>Für den Umgang mit schmerzhaften Erinnerungen gibt es spezialisierte Verfahren. Und zur Unterstützung können insbesondere bei schweren Störungen Psychopharmaka sinnvoll sein. In <em>Perspektiven aus der Depressions-Epidemie</em> gehe ich ausführlicher auf die Möglichkeiten ein.</p> <p>Aber auch die Therapeutinnen und Therapeuten haben nicht nur hehre Ziele. Zugegeben, der Weg zur Approbation ist hart. Und dann hat man noch lange keinen Kassensitz, um die Masse der gesetzlich Versicherten abrechnen zu können.</p> <p>Durch den inoffiziellen Handel mit den Lizenzen lassen sich Psychotherapeuten, die schon jahrzehntelang ihre Leistungen gut abrechnen konnten, heute den Übergang in die Rente vergolden: Dass man in Großstädten sechsstellige Beträge für die Übernahme einer Praxis verlangt, gilt inzwischen als normal. Offiziell zahlt man das für die Praxiseinrichtung. Aber wie teuer kann die bei Psychotherapeuten schon sein?</p> <p>Hat man es geschafft – und sich für Ausbildung und Praxis wahrscheinlich verschuldet –, dann hat man im Prinzip eine Lizenz zum Gelddrucken. Wer es gut anstellt, kommt mit 25 Klienten pro Woche auf ein sechsstelliges Einkommen. Mit Gruppentherapie und Privatpatienten kann man mehr verdienen. Das müssen Normalbürger mit im Median 45.000 Euro brutto pro Jahr erst einmal schaffen.</p> <p>Also gilt auch hier, dass strukturelle Faktoren das Angebot bestimmen, wenn man sich individuell auf die Suche macht. Willkommen auf dem kapitalistischen Gesundheitsmarkt. Und viel Glück beim Finden eines Behandlungsplatzes, wo dann die therapeutische Beziehung auch noch passt!</p> <h2 id="h-strukturelle-losungen">Strukturelle Lösungen</h2> <p>Ein Hoffnungsschimmer für die Jugend ist allerdings eine Initiative, mit der die Bundesschülerkonferenz jetzt selbst aufwartet. Mit ihrer Kampagne “<a href="https://bundesschuelerkonferenz.com/uns-gehts-gut/">Uns geht’s gut?</a>” hat sie einen Zehn-Punkte-Plan für eine bessere Zukunft aufgestellt.</p> <p>Anders als die gut bezahlten Fachleute haben die Schülerinnen und Schüler immerhin ein Bewusstsein für strukturelle Lösungen: mehr Personal für Sozialarbeit, bessere Schulstrukturen, Fortbildungen für das Personal, Gesundheitsförderung durch zum Beispiel mehr Angebote für Bewegung und gesunde Ernährung, Schutz vor Mobbing und Diskriminierung, Verbesserung der Schulbauten sowie zielgerichtete Hilfe für benachteiligte Gruppen.</p> <p>Unterstützen wir sie dabei!</p> <h2 id="h-mehr-zur-depressions-epidemie">Mehr zur Depressions-Epidemie</h2> <figure><a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die Depressions-Epidemie im neuen Buch von Stephan Schleim: Was sind Depressionen überhaupt? Wie werden sie diagnostiziert? Wie veränderte sich das Störungsbild im Laufe der Zeit? Warum wird es in den letzten Jahrzehnten so viel häufiger diagnostiziert und haben sich die Medikamentenverschreibungen verfielfacht? Das Buch kombiniert 27 alte und neue Perspektiven aus Psychologie, Neurowissenschaft und Soziologie mit viel Orientierungswissen zum Verstehen, Vorbeugen und Heilen. Das eBook gibt es für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="http://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play</a><a href="https://play.google.com/store/books/details?id=pbRPEQAAQBAJ"> Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/woman-sad-portrait-crying-2048905/">Anemone123</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/379d17df4c474f8b82cc8b66e5a9e004" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/woman-2048905_1920.jpg" /><h1>Zur psychischen Gesundheit der Jugend – ein Kommentar » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Die Bundesschülerkonferenz und das Institut der Deutschen Wirtschaft schlagen Alarm. Über individuelle und strukturelle Lösungen.</strong></p> <span id="more-3458"></span> <p>Am 30. Oktober veröffentlichte das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) einen Bericht <a href="https://www.iwkoeln.de/studien/christina-anger-julia-betz-wido-geis-thoene-die-oekonomische-bedeutung-der-psychischen-gesundheit-von-schuelerinnen-und-schuelern.html">über die ökonomische Bedeutung der psychischen Gesundheit von Schülerinnen und Schülern</a>. Natürlich sollte man sich in erster Linie wegen des Leidens und der Lebensqualität mit dem mentalen Wohlsein beschäftigen. Aber für manche Entscheidungsträger ist das Argument durchschlaggebend, damit auch der Wirtschaft etwas Gutes zu tun.</p> <p>Laut dem IW entsteht der deutschen Volkswirtschaft wegen psychischer Störungen jährlich ein Schaden von fast 150 Milliarden Euro. Auf diese Problematik würden rund zwei Drittel der Erwerbsminderungsrenten bei den Unter-30-Jährigen zurückgehen.</p> <p>Ich erklärte schon vor vielen Jahren, dass solche Kostenrechnungen <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/verursachen-psychisch-kranke-finanziellen-schaden/">mit Vorsicht zu genießen sind</a>. Die so hohen wie runden Milliardenbeträge machen sich natürlich gut in den Medien und politischen Diskussionen. Aber es sind abstrakte Größen.</p> <p>Zum Teil werden sie auf dem Gesundheitsmarkt sogar zu einem Nullsummenspiel, weil viele Akteure mit Krankheit Geld verdienen und in diesem Sinne volkswirtschaftlichen Wert erzeugen. Und auch das Risiko der Stigmatisierung sollte man nicht unterschätzen, wenn man beispielsweise Depressive als Milliardenposten darstellt.<aside></aside></p> <p>Dass die Krankheitslasten – sowohl für eher psychische als auch eher körperliche Probleme – <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/die-deutschen-sind-kraenker-denn-je/">steigen</a>, obwohl wir immer mehr Geld ins Gesundheitssystem und die Gesundheitsforschung pumpen, sollte uns aber aufhorchen lassen. Und die Probleme der jungen Menschen sind ein Spiegel der Erwachsenenwelt.</p> <p>Umgekehrt wird auch ein Schuh daraus: Weil (ohne passende Migration) immer weniger Menschen auf dem Arbeitsmarkt verfügbar sind aber immer mehr Bürger Behandlung und Pflege brauchen, werden die Probleme in Zukunft noch größer werden. Allein das kann einen schon deprimieren.</p> <h2 id="h-individualisierung">Individualisierung</h2> <p>Insofern ist es zu begrüßen, wenn sich auch das IW des Themas psychische Gesundheit annimmt. Doch leider wiederholt das Institut den häufigen Fehler, es primär als <em>medizinisches</em> und <em>individuelles</em> Problem zu sehen. So lautet dann die Empfehlung: “Um die psychische Gesundheit von Schülerinnen und Schülern in Deutschland nachhaltig zu verbessern, sollte die medizinische Versorgung und Unterstützung der Kinder und Jugendlichen verbessert werden.” Außerdem sollten alle Beteiligten noch mehr für psychische Problematik sensibilisiert werden.</p> <p>Viele haben immer noch nicht verstanden, was durch Industrialisierung, das Leben in großen Ballungsräumen und andere Aspekte des sogenannten technologischen Fortschritts mit der Medizin geschah: Seit dem 19. Jahrhundert wurden zunehmend menschliche und gesellschaftliche Probleme ihren Bereich verschoben. So entstand überhaupt erst die Psychiatrie als Fachdisziplin innerhalb der Medizin, im 20. Jahrhundert auch die klinische Psychologie.</p> <p>Auch die WHO versteht ihr Aufgabengebiet Gesundheit seit ihrer Gründung so offiziell wie breit als: Zustand des vollständigen körperlichen, seelischen und sogar sozialen(!) Wohlergehens. Dann sind die Aufgabengebiete für Ärztinnen und Ärzte natürlich endlos.</p> <p>Doch die Tatsache, dass trotz immer mehr Behandlern und Behandlungen, trotz immer mehr Therapie und Medikamentenverschreibungen die Anzahl der Krankheitstage und Erwerbsminderungsrenten wegen psychischer Probleme steigt, <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychiatrie-gebt-das-medizinische-modell-endlich-auf/">zeigt die Beschränkungen des medizinische Modells in diesem Bereich</a>. Volkswirtschaftlich reiche Länder wie Deutschland, die Schweiz oder die Niederlande haben heute schon die weltweit höchsten Pro-Kopf-Raten von Psychotherapeuten und Psychiatern.</p> <p>Trotzdem werden in solchen Diskussionen unermüdlich immer mehr Behandler gefordert. Wie viel mehr sollen es denn noch sein? Anno 2023 meinte die scheidende Familienministerin, die psychische Gesundheit der Jüngeren mit mehr “Mental Health Coaches” in Schulen zu verbessern. Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychologische-hilfe-fuer-schulkinder-jetzt-sollen-mental-health-coaches-es-richten/">dafür bereitgestellten 10 Millionen Euro</a> sind natürlich ein Klacks im Vergleich zu dem angeblichen Milliardenschaden. Aber auch Coaches werden die Probleme nicht lösen.</p> <h2 id="h-fehler-im-system">Fehler im System</h2> <p>Natürlich gibt es medizinische Erkrankungen, die – zum Beispiel wegen Schmerzen, Einschränkungen im Alltag oder biochemischer Störungen – mit starkem psychischem Leiden einhergehen können. Diese sollte man nach Möglichkeit primär medizinisch behandeln, und zwar an der Wurzel des Übels. Einen verfaulenden Zahn würde man auf Dauer auch nicht nur symptomatisch mit gutem Zureden und Schmerzmitteln behandeln, sondern reparieren oder ziehen.</p> <p>Man darf nicht vergessen: Trotz all dem neurobiologischen und genetischen Geforsche der letzten 225(!) Jahre, können die biologischen Psychiater auch heute <em>keine einzige</em> der Hunderten klassifizierten psychischen Störungen mit einem Gehirn-, Gen- oder Bluttest diagnostizieren. Ihre mit unzähligen Forschungsmilliarden belohnten Versprechen haben sie nicht einmal ansatzweise erfüllt. Dass ihr Paradigma trotzdem die Forschung und Ausbildung dominiert, hat ideologische Gründe, die ich in meinem neuen Buch <em>Perspektiven aus der Depressions-Epidemie</em> näher erkläre.</p> <p>Leider ist das nicht nur eine wissenschaftliche Debatte. Die ewig ergebnislose Suche nach den vermuteten “neuronalen Mechanismen” psychischer Störungen steht der Umsetzung und Verbesserung der Hilfe im Weg: Wenn man wartet, bis psychische Probleme behandlungsbedürftig werden, sichert das zwar die Jobs der Behandler. Mit gesellschaftlichen Maßnahmen und individueller Präventionsarbeit könnte man das Gros der Störungen aber verhindern oder zumindest abmildern.</p> <p>Zum Beispiel sind die größten Risikofaktoren für die immer häufiger diagnostizierten depressiven Störungen schwere Lebensereignisse: Traumata, Verluste, Krisen. Dazu kommt der Stress durch Überforderung, Vereinsamung und das Wegfallen sozialer Strukturen, die einen stützen könnten.</p> <p>Wir leben zwar in einem Sozialstaat. Die überbordende Bürokratisierung dürfte aber gerade diejenigen, die Hilfe am nötigsten haben, als Kampf der Verwaltung gegen Bürgerinnen und Bürger erfahren. Wenn die Entscheidung über den Wohnzuschlag oder die Übernahme einer Behandlung lange dauert und nicht nachvollziehbar ist, erzeugt das Not. Dabei betonen sogar führende Politiker die Notwendigkeit des Bürokratieabbaus und der Vereinfachung der Systeme – und halten diesen Zustand trotzdem seit Jahrzehnten instand.</p> <h2 id="h-unsichtbares">Unsichtbares</h2> <p>Im Bereich der psychischen Störungen ist das Problem besonders groß, weil “die Psyche” nicht direkt sichtbar ist. Das ist gerade das (zum Scheitern verurteilte) Versprechen der biologischen Psychiatrie und Neuropsychologie: das Seelenleben sichtbar zu machen und zu objektivieren. Im Ergebnis herrscht dann aber Seelenleere in der Seelenlehre, den etablierten Psy-Disziplinen.</p> <p>Die so ausgebildeten Fachleute zucken mit den Schultern und diagnostizieren allenfalls sogenannte somatoforme oder Konversionsstörungen, wenn Menschen unverstandene körperliche Beschwerden haben und von Facharzt zu Facharzt geschickt wurden. In der “harten”, sich gerne naturwissenschaftlich und objektiv gebenden Medizin sind die Patienten nicht mehr willkommen, wenn alle Laboruntersuchungen und Scans erst einmal abgerechnet sind. Die Honorare einer radiologischen Praxis <a href="https://rwf-online.de/artikel/finanzen-und-steuern/2024/10/radiologie-erwirtschaftet-weniger-reinertrag-fachbeitrag">in Höhe von durchschnittlich 3,5 Millionen Euro pro Jahr</a> müssen ja irgendwoher kommen.</p> <p>Mit weniger Wohlwollen wirft man den Hilfesuchenden Simulantentum vor. Das war vor 100 Jahren nicht anders, wenn im Ergebnis auch viel preiswerter.</p> <p>Wir Menschen heute sind von uns selbst, Leib und Seele entfremdet. Wie sich dauerhafte Spannung, Stress oder Angst körperlich äußern können – zum Beispiel in Herzklopfen, Taubheitsgefühlen, Schwindel, Schwitzen, Schlaflosigkeit, Zittern, Magen- oder anderen Schmerzen und Durchfall –, bringt einem keiner bei. Und der Hinweis, dass solche Erscheinungen <em>psychische</em> Ursachen haben können, erzeugt schnell Abwehr. Denn die Betroffenen haben verinnerlicht, dass Psychisches im Gesundheitssystem als weniger real gilt.</p> <h2 id="h-unverstanden">Unverstanden</h2> <p>Tipps wie: “Entspann dich doch mal”, “Mach doch mal Urlaub”, “Nimm’s dir nicht so zu Herzen” oder gar “Stell dich nicht so an” von Bekannten oder Vorgesetzten dürften den Leidensdruck eher vergrößern. Im Ergebnis erhalten Frauen etwa zweieinhalbmal so oft Diagnosen einer Depression oder Angststörung als Männer. Letztere, die insgesamt seltener Hilfe suchen, bekommen dafür zwei- bis dreimal so oft eine Substanzkonsumstörung attestiert. Probleme mit Drogen zu betäuben, geht meist nicht lange gut.</p> <p>Damit sind die häufigsten psychologisch-psychiatrischen Störungsbilder fast schon abgedeckt. Sehr im Kommen sind zurzeit die Aufmerksamkeitsstörungen – die sich diagnostisch aber stark mit depressiven, Angst- und Substanzkonsumstörungen überschneiden. Ein Schelm, wer denkt, dass ADHS jetzt als weniger stigmatisierende Variante zur Depression fungiert. Über Burnout – mit dem Aufkommen der Industrialisierung sprach man noch von “<a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/warum-man-burn-out-nicht-als-modeerscheinung-abtun-sollte/">Neurasthenie</a>“, Nervenschwäche – haben wir ja lange genug geredet. Wer nicht privat versichert ist und auch kein Jahr auf die Diagnose warten will, legt dafür schon einmal 500 Euro auf den Tisch. Bei den Therapeuten klingeln die Kassen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg"><img alt="" decoding="async" height="563" sizes="(max-width: 850px) 100vw, 850px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg 850w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb-300x199.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb-768x509.jpg 768w" width="850"></img></a></figure> <p><em><strong>Bildzitat nach Originalvorlage:</strong> Bei einer auf ADHS-Diagnosen spezialisierten Praxis in einer deutschen Großstadt kann man ein vorbereitendes Gespräch für rund 143 Euro reservieren. Bis zur gewünschten Diagnose wird man tiefer in die Tasche greifen müssen. Da ist die Erwartungshalten der Kunden, das gewünschte Resultat zu erhalten, natürlich hoch. Aber dafür winken “rechtliche und finanzielle Vorteile”.</em></p> <p>Jenseits der bekannten Raster bleibt ohne Befund aber mit den genannten körperlichen Problemen vielleicht die mysteriöse somatoforme Störung. Laut Epidemiologen trifft sie jährlich immerhin fünf Prozent der Bevölkerung. Die im Volks- aber auch manchem Arztmund eher abwertende Bezeichnung “Hypochondrie” war nicht immer negativ besetzt. Ein Blick auf die wortwörtliche Bedeutung entschlüsselt das: altgriechisch <em>hypo</em> = unter und <em>khondros</em> = Knorpel. Mit Letzterem ist der Brustkorb gemeint.</p> <p>Das heißt, Hypochondrie war nicht unbedingt ein eingebildetes Kranksein. Sie konnte auch wahrgenommenes Unwohlsein unter den Rippen bedeuten: Und dort finden sich mit Herz, Lungen, Leber, Milz, Nieren, Bauchspeicheldrüse und Magen nicht ganz unwichtige Organe. Über das vegetative Nervensystem – kurz gesagt: Vagusnerv, Parasympathikus und Sympathikus – nimmt es an unserer lebenden Intelligenz (im Wortsinn von “Erkennen, Verstehen”) teil. Das heißt, die Organe bekommen mit, ob es uns gut geht oder wir gestresst sind.</p> <h2 id="h-umdeutung">Umdeutung</h2> <p>Doch Stress wird selten beseitigt, sondern meist umgedeutet und gemanagt. Mit Ideen wie: “Wie du Stress als deinen Freund siehst”, haben Gesundheitspsychologen viel Geld verdient. Die “Mental Health Coaches” wurden schon erwähnt. Und auch Yoga, Achtsamkeit oder Meditation werden langfristig nichts lösen, <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wozu-meditation-und-achtsamkeit-und-wozu-nicht/">wenn sie immer nur kurzfristig die Schäden durch den Alltag reparieren</a>. Allen Ansätzen ist gemein, dass sie die Umgebung als konstant – man könnte auch sagen: alternativlos – und das Individuum als formbar ansehen.</p> <p>Was daraus folgt, können wir anhand eines anderen Gesundheitsbeispiels verdeutlichen, der Ernährung: Auch hier werden wir permanent mit Botschaften bombardiert, unser Verhalten zu optimieren. Wir sollen möglichst ausgewogen, abwechslungsreich, frisch und vollkorn essen.</p> <p>In der Reklame und den Supermarktregalen werden uns aber permanent Produkte schmackhaft gemacht, die das Gegenteil davon sind: Mit viel Fett, Zucker, Salz, Aromen und anderen Geschmacksverstärkern lassen sich zwar günstig Massenwaren herstellen. Doch echte Lebensmittel, die diesen Namen verdienen, muss man aufwendig suchen – und auch wissen, wie man sie schmackhaft zubereitet.</p> <p>Obendrein kann man nicht mal mehr Zeitschriften oder Batterien kaufen, ohne dass beim erforderlichen Abrechnen fett- und zuckerreiche Produkte wie Schokoriegel oder Energydrinks präsentiert werden. Sie sind so schnell bezahlt wie verzehrt und aktivieren garantiert das Belohnungssystem im Gehirn. Jedenfalls für ein paar Sekunden.</p> <p>Das heißt, die Botschaften an das <em>Individuum</em>, sich möglichst gesund zu verhalten, kollidieren permanent mit den Angeboten unserer <em>Lebenswelt</em>. Dieser andauernde Spagat muss die Menschen stressen.</p> <p>Doch als richtig gestresste Konsumenten füttern wir die kapitalistische Maschine noch besser: dann verdienen auch die Coaches und Yogalehrer an uns. Werden wir krank, die Ärzte und Therapeuten. Die krankmachenden Umstände gelten als normal. Der Einzelne, der darauf normal reagiert, nämlich mit Krankheit, gilt als das Problem. Hier setzen so gut wie alle therapeutischen Verdienmodelle an – nicht an der Lebenswelt, wo die Probleme entstehen.</p> <h2 id="h-stress-und-keine-losung">Stress und keine Lösung</h2> <p>Ach ja: Und bitte trennen Sie Ihren Müll, damit Ihnen weiter einfach zu standardisierende, komfortabel verpackte Produkte verkauft werden können. Denken Sie nicht an Weichmacher oder Mikroplastik. Vergessen Sie aber nicht ihre 10.000 Schritte am Tag, bitte mindestens drei bis fünf Stunden Bewegung pro Woche. Alkohol und Tabak sind Gift – verwenden Sie diese bloß nicht zur Stresskompensation. Letzterer bringt Sie nicht nur als Passivrauch ins Grab, sondern sogar als Tertiärrauch aus Textilien. Stresst Sie das alles? Aber gut schlafen müssen Sie schon!</p> <p>Auch die psychiatrische Forschung bestreitet heute nicht mehr, dass die Störungsbilder “stressreaktiv” sind. Es wird zwar immer noch von individuell unterschiedlichen Veranlagungen für die psychischen Störungen ausgegangen, was nicht ganz falsch ist, doch auch nicht ganz richtig. Doch dass viel Stress schlecht für die Psyche sein kann, wird jetzt allgemein anerkannt. Dennoch wird als Lösung nicht die Beseitigung von Stress in der Umgebung angeboten, sondern die Erhöhung von <em>Resilienz</em> im Individuum.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em><strong>Deutsche Bücher als Trendbarometer:</strong> Man sieht, wie die Diskussion um Neurasthenie im späten 19. Jahrhundert aufkam. In bürgerlichen Kreisen galt eine gewisse Sensibilität damals durchaus als schick. Doch mit dem Ende der Weimarer Republik und der erneuten Militarisierung wurden die “Nervenschwachen” zunehmend stigmatisiert. Stress wurde dann nach dem Zweiten Weltkrieg zum Thema, sehr viel stärker gegen Ende der 1990er. Burnout kam um die Jahrtausendwende als Thema auf, Resilienz etwas später. Der psychischen Gesundheit der Masse hat all das Gerede bisher nicht geholfen. Datenquelle: Google Ngram</em></p> <p>Historisch nachvollziehbar stützt sich <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/09/das-dogma-der-biologischen-psychiatrie-in-historischer-perspektive/">seit dem 19. Jahrhundert die Psychiatrie</a> und etwas später auch die klinische Psychologie mit dem Gen- und Gehirndenken auf diesen Individualismus. Gleichzeitig versprachen sie damit das Sichtbarmachen der unsichtbaren Seele. Zugegeben, es gab und gibt immer wieder auch einmal soziale Ansätze. Doch in der Forschung und der Darstellung der Probleme führen sie eher ein Schattendasein.</p> <h2 id="h-zuruck-zur-jugend">Zurück zur Jugend</h2> <p>Wie wir sahen, ist dieser Status quo für eine ganze Reihe einflussreicher Marktteilnehmer äußerst lukrativ. In diesen Markt wachsen die jungen Menschen hinein, ohne dass sie davon profitieren könnten oder eine Alternative angeboten bekämen.</p> <p>Dazu kommen zahlreiche Probleme, die ihnen die Erwachsenen, die sie in Zukunft versorgen sollen, überlassen: Denken wir an Staatsschulden, klimaschädliche Gase in der Luft und Stickstoff in den Böden, steigende Temperaturen und Meeresspiegel, Müll in den Meeren, zerbröckelnde Infrastruktur, zunehmende Kosten im Zusammenhang mit den wachsenden Unterschieden zwischen Wohlhabenden und Ärmeren, die Destabilisierung demokratischer Rechtsstaaten und kriegerische Konflikte.</p> <p>Die Antwort der zuständigen Fachleute lautet im Wesentlichen: Achtet mehr auf eure psychische Gesundheit und tut mehr für die Resilienz! Ersteres, auch bekannt als “mental health awareness”, dürfte die Probleme eher vergrößern. Die Symptome der Hunderten Störungsbilder sind nämlich oft so vage formuliert und überschneiden sich mit der Normalität, dass man sich leicht darin wiedererkennt. Das kennt jeder, der ein Diagnosehandbuch aufschlägt und darin liest. Ehe man sich versieht, hat man sich schon selbst diagnostiziert.</p> <p>Die ZEIT hatte gerade am 25. Oktober einen längeren Artikel darüber, dass das unablässige Reden über psychische Probleme diese gerade noch verstärken kann. Und die Zunahme an Menschen mit leichten Problemen, die jetzt alle Psychotherapie wollen, macht die Versorgung für die Härtefälle gerade schwerer. Dabei haben diese die Hilfe am nötigsten.</p> <p>Das Vermitteln von Resilienz wird die Probleme vielleicht etwas verzögern, aber nicht lösen – weil es nichts an den Ursachen ändert.</p> <h2 id="h-therapie">Therapie</h2> <p>Natürlich <em>kann</em> man individuell etwas bewirken. Gerade bei Ängsten gibt es wirksame Verfahren der Verhaltenstherapie, die oft auf eine Konfrontation und dann Überwindung der Angst hinauslaufen. Wer unter negativen Gedankenmustern leidet, kann diese ebenso wie wiederkehrende Probleme in zwischenmenschlichen Beziehungen in einer Gesprächstherapie bearbeiten.</p> <p>Für den Umgang mit schmerzhaften Erinnerungen gibt es spezialisierte Verfahren. Und zur Unterstützung können insbesondere bei schweren Störungen Psychopharmaka sinnvoll sein. In <em>Perspektiven aus der Depressions-Epidemie</em> gehe ich ausführlicher auf die Möglichkeiten ein.</p> <p>Aber auch die Therapeutinnen und Therapeuten haben nicht nur hehre Ziele. Zugegeben, der Weg zur Approbation ist hart. Und dann hat man noch lange keinen Kassensitz, um die Masse der gesetzlich Versicherten abrechnen zu können.</p> <p>Durch den inoffiziellen Handel mit den Lizenzen lassen sich Psychotherapeuten, die schon jahrzehntelang ihre Leistungen gut abrechnen konnten, heute den Übergang in die Rente vergolden: Dass man in Großstädten sechsstellige Beträge für die Übernahme einer Praxis verlangt, gilt inzwischen als normal. Offiziell zahlt man das für die Praxiseinrichtung. Aber wie teuer kann die bei Psychotherapeuten schon sein?</p> <p>Hat man es geschafft – und sich für Ausbildung und Praxis wahrscheinlich verschuldet –, dann hat man im Prinzip eine Lizenz zum Gelddrucken. Wer es gut anstellt, kommt mit 25 Klienten pro Woche auf ein sechsstelliges Einkommen. Mit Gruppentherapie und Privatpatienten kann man mehr verdienen. Das müssen Normalbürger mit im Median 45.000 Euro brutto pro Jahr erst einmal schaffen.</p> <p>Also gilt auch hier, dass strukturelle Faktoren das Angebot bestimmen, wenn man sich individuell auf die Suche macht. Willkommen auf dem kapitalistischen Gesundheitsmarkt. Und viel Glück beim Finden eines Behandlungsplatzes, wo dann die therapeutische Beziehung auch noch passt!</p> <h2 id="h-strukturelle-losungen">Strukturelle Lösungen</h2> <p>Ein Hoffnungsschimmer für die Jugend ist allerdings eine Initiative, mit der die Bundesschülerkonferenz jetzt selbst aufwartet. Mit ihrer Kampagne “<a href="https://bundesschuelerkonferenz.com/uns-gehts-gut/">Uns geht’s gut?</a>” hat sie einen Zehn-Punkte-Plan für eine bessere Zukunft aufgestellt.</p> <p>Anders als die gut bezahlten Fachleute haben die Schülerinnen und Schüler immerhin ein Bewusstsein für strukturelle Lösungen: mehr Personal für Sozialarbeit, bessere Schulstrukturen, Fortbildungen für das Personal, Gesundheitsförderung durch zum Beispiel mehr Angebote für Bewegung und gesunde Ernährung, Schutz vor Mobbing und Diskriminierung, Verbesserung der Schulbauten sowie zielgerichtete Hilfe für benachteiligte Gruppen.</p> <p>Unterstützen wir sie dabei!</p> <h2 id="h-mehr-zur-depressions-epidemie">Mehr zur Depressions-Epidemie</h2> <figure><a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die Depressions-Epidemie im neuen Buch von Stephan Schleim: Was sind Depressionen überhaupt? Wie werden sie diagnostiziert? Wie veränderte sich das Störungsbild im Laufe der Zeit? Warum wird es in den letzten Jahrzehnten so viel häufiger diagnostiziert und haben sich die Medikamentenverschreibungen verfielfacht? Das Buch kombiniert 27 alte und neue Perspektiven aus Psychologie, Neurowissenschaft und Soziologie mit viel Orientierungswissen zum Verstehen, Vorbeugen und Heilen. Das eBook gibt es für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="http://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play</a><a href="https://play.google.com/store/books/details?id=pbRPEQAAQBAJ"> Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/woman-sad-portrait-crying-2048905/">Anemone123</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/379d17df4c474f8b82cc8b66e5a9e004" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zur-psychischen-gesundheit-der-jugend-ein-kommentar/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>18</slash:comments> </item> <item> <title>Komet C/2025 A6 Lemmon https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/komet-c-2025-a6-lemmon/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/komet-c-2025-a6-lemmon/#respond Thu, 30 Oct 2025 20:02:05 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12244 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000156948-768x1647.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/komet-c-2025-a6-lemmon/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000156948.jpg" /><h1>Komet C/2025 A6 Lemmon » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Der Komet spukt schon seit einigen Wochen durch die Sterngucker-Presse. Während die NASA-Seite des “Astronomy Picture of the Day” wegen des nicht freigegebenen Staatshaushalts derzeit nicht updated wird, dürfen wir uns sehr wohl über Versionen des APOD in europäischen Sprachen freuen: einmal gab es ein eindrucksvolles <a href="https://www.starobserver.org/ap251022/">Bild über der Hohen Tatra</a> (.pl) und ein andermal titelte jemand sein <a href="https://www.starobserver.org/ap251013/">Bild “Lemmon Tree”</a> und erinnerte an den <a href="https://www.youtube.com/watch?v=wCQfkEkePx8">Song von Fools Garden</a> aus den 1990ern. Aber diese eindrucksvollen Bilder sieht man nicht mit dem bloßen Auge. </p> <p>Ich sehe von meinem Dachgeschoss-Balkon beeindruckend viel vom Himmel, aber hier hat mir der hell illuminierte Uni-Campus hinreichend viel Lichtverschmutzung beschert, dass ich dieses Objekts nicht gewahr werden konnte: “… and all that I can see, is …” nicht mal ein “yellow lemmon tree”. </p> <h2 id="h-stellarium-app-zeigt-ihn-aber-an">Stellarium App zeigt ihn aber an</h2> <p>etwas westlich der Verbindungslinie zwischen Arktur (am Horizont) und Wega (am oben Bildrand) müsste das Krümelchen doch sein … </p> <p>Sehen kann ich beim besten Willen nichts – nicht einmal mit Feldstecher, aber das liegt wirklich an der Lichtverschmutzung, denn ich müsste genau über eine Straßenlaterne schauen oder (anderes Fenster) über den hell erleuchteten Campus.</p> <h2>Nachweis</h2> <p>Mit der Kamera (Canon EOS 600D) gelingt aber der Nachweis: der schmutzige Schneeball in Grün ist wirklich da. – Leider nicht so spektakulär wie die schönen APODs glauben machen – aber er ist da.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Lemmon_Oct30_blue_s.jpg"><img alt="" decoding="async" height="681" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Lemmon_Oct30_blue_s-1024x681.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Lemmon_Oct30_blue_s-1024x681.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Lemmon_Oct30_blue_s-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Lemmon_Oct30_blue_s-768x511.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Lemmon_Oct30_blue_s.jpg 1043w" width="1024"></img></a></figure> <p>C/2025 A6 Lemmon (unten rechts im obigen Bild: in Schleierwolken)</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/lemmon_IMG_2789.jpg"><img alt="" decoding="async" height="569" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 855px) 100vw, 855px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/lemmon_IMG_2789.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/lemmon_IMG_2789.jpg 855w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/lemmon_IMG_2789-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/lemmon_IMG_2789-768x511.jpg 768w" width="855"></img></a></figure> <p>“Lemmon” heißt er übrigens nicht, weil er irgendwas mit der Zitronenstadt Napoli zu tun hätte, sondern weil er im “<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Mount_Lemmon_Observatory">Mount Lemmon”-Observatorium</a> (Arizona/ USA) entdeckt wurde. </p> <p>Er befindet sich derzeit im <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lasst-uns-den-tierkreis-aendern/">dreizehnten Tierkreis-Sternbild</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/tuer-7-schlange-und-schlangentraeger-2/">Ophiuchus</a>, also dem berühmten dreizehnten Sternbild, das schon immer (seit der Erfindung des Zodiaks um 400 v.Chr.) im Tierkreis war und ist – die Sonne steht in diesem Sternbild vom 29. November bis 17. Dezember. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000156948.jpg" /><h1>Komet C/2025 A6 Lemmon » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Der Komet spukt schon seit einigen Wochen durch die Sterngucker-Presse. Während die NASA-Seite des “Astronomy Picture of the Day” wegen des nicht freigegebenen Staatshaushalts derzeit nicht updated wird, dürfen wir uns sehr wohl über Versionen des APOD in europäischen Sprachen freuen: einmal gab es ein eindrucksvolles <a href="https://www.starobserver.org/ap251022/">Bild über der Hohen Tatra</a> (.pl) und ein andermal titelte jemand sein <a href="https://www.starobserver.org/ap251013/">Bild “Lemmon Tree”</a> und erinnerte an den <a href="https://www.youtube.com/watch?v=wCQfkEkePx8">Song von Fools Garden</a> aus den 1990ern. Aber diese eindrucksvollen Bilder sieht man nicht mit dem bloßen Auge. </p> <p>Ich sehe von meinem Dachgeschoss-Balkon beeindruckend viel vom Himmel, aber hier hat mir der hell illuminierte Uni-Campus hinreichend viel Lichtverschmutzung beschert, dass ich dieses Objekts nicht gewahr werden konnte: “… and all that I can see, is …” nicht mal ein “yellow lemmon tree”. </p> <h2 id="h-stellarium-app-zeigt-ihn-aber-an">Stellarium App zeigt ihn aber an</h2> <p>etwas westlich der Verbindungslinie zwischen Arktur (am Horizont) und Wega (am oben Bildrand) müsste das Krümelchen doch sein … </p> <p>Sehen kann ich beim besten Willen nichts – nicht einmal mit Feldstecher, aber das liegt wirklich an der Lichtverschmutzung, denn ich müsste genau über eine Straßenlaterne schauen oder (anderes Fenster) über den hell erleuchteten Campus.</p> <h2>Nachweis</h2> <p>Mit der Kamera (Canon EOS 600D) gelingt aber der Nachweis: der schmutzige Schneeball in Grün ist wirklich da. – Leider nicht so spektakulär wie die schönen APODs glauben machen – aber er ist da.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Lemmon_Oct30_blue_s.jpg"><img alt="" decoding="async" height="681" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Lemmon_Oct30_blue_s-1024x681.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Lemmon_Oct30_blue_s-1024x681.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Lemmon_Oct30_blue_s-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Lemmon_Oct30_blue_s-768x511.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Lemmon_Oct30_blue_s.jpg 1043w" width="1024"></img></a></figure> <p>C/2025 A6 Lemmon (unten rechts im obigen Bild: in Schleierwolken)</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/lemmon_IMG_2789.jpg"><img alt="" decoding="async" height="569" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 855px) 100vw, 855px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/lemmon_IMG_2789.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/lemmon_IMG_2789.jpg 855w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/lemmon_IMG_2789-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/lemmon_IMG_2789-768x511.jpg 768w" width="855"></img></a></figure> <p>“Lemmon” heißt er übrigens nicht, weil er irgendwas mit der Zitronenstadt Napoli zu tun hätte, sondern weil er im “<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Mount_Lemmon_Observatory">Mount Lemmon”-Observatorium</a> (Arizona/ USA) entdeckt wurde. </p> <p>Er befindet sich derzeit im <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lasst-uns-den-tierkreis-aendern/">dreizehnten Tierkreis-Sternbild</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/tuer-7-schlange-und-schlangentraeger-2/">Ophiuchus</a>, also dem berühmten dreizehnten Sternbild, das schon immer (seit der Erfindung des Zodiaks um 400 v.Chr.) im Tierkreis war und ist – die Sonne steht in diesem Sternbild vom 29. November bis 17. Dezember. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/komet-c-2025-a6-lemmon/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Sehr tief ins Glas geschaut https://scilogs.spektrum.de/klartext/sehr-tief-ins-glas-geschaut/ https://scilogs.spektrum.de/klartext/sehr-tief-ins-glas-geschaut/#respond Thu, 30 Oct 2025 09:53:49 +0000 klartext https://scilogs.spektrum.de/klartext/?p=1182 https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-768x575.png <link>https://scilogs.spektrum.de/klartext/sehr-tief-ins-glas-geschaut/</link> </image> <description type="html"><h1>Sehr tief ins Glas geschaut » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für seine Bewerbung um den <span><a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</a></span> 2023 in der Kategorie Chemie veranschaulichte Stefan Pieczonka, was er für seine Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Der tiefgreifende analytische Blick der ultrahochauflösenden Massenspektrometrie ermöglicht neue Konzepte, unsere Lebensmittel zu überwachen, ihre Sicherheit zu gewährleisten und Produktionsprozesse zu optimieren. Die umfangreichen molekularen Fingerabdrücke stehen dabei keineswegs im Widerspruch zur Unbelassenheit und Qualität unserer Nahrungsmittel. Am Beispiel des Bieres verdeutlichen wir, wie sie vielmehr versprechen, diese zu bewahren und weiterzuentwickeln.</em></p> <p>Zutatenlisten, Nährwerttabellen, Nutri-Scores – sie begegnen uns bei jedem Einkauf. Doch unsere Lebensmittel beherbergen eine molekulare Welt, die noch weit über Kohlenhydrate, Proteine und Fette hinausgeht. Eine Technik mit dem schlichten Namen „Fourier-Transform Ionenzyklotronresonanz Massenspektrometrie“ (oder für Versierte: FT-ICR-MS) ermöglicht es, diese mannigfaltige molekulare Ebene unserer Lebensmittel zu betreten. Die Auswahl eines anschaulichen Probenmaterials fällt dabei nicht schwer: Nicht allein die Tradition oder der Genuss, sondern die Komplexität seiner Zusammensetzung macht das Bier zum bestgeeigneten Untersuchungsobjekt. Ausgehend von den Rohstoffen prägen biologische, biochemische und chemische Prozesse in vielfältiger Weise das komplexe molekulare Gemisch, das wir Bier nennen. Pünktlich zum 500-jährigen Jubiläum des Reinheitsgebots begann 2016 an der Technischen Universität München also unsere Mission, die molekularen Fingerabdrücke der Biere zu decodieren. Das dabei eingesetzte Massenspektrometer begnügt sich schon mit einem tausendstel Tropfen des Hopfengetränks!</p> <p>Mithilfe des FT-ICR-MS ist es uns möglich, die Masse von Molekülen äußerst akkurat zu bestimmen. Das Prinzip ist simpel: je schneller die Moleküle sich auf einer Kreisbahn bewegen, desto leichter müssen sie sein. Der Messfehler ist dabei so klein, dass jedem Signal nur eine einzige Kombination aus Atomgewichten zugrunde liegen kann. Nur zehn Minuten dauert es, und wir kennen die atomare Zusammensetzung eines jeden Moleküls unseres Lebensmittels. Ging es der Forschung der letzten Jahrzehnte im Wesentlichen darum, vordefinierte Verbindungen zu quantifizieren („targeted analysis“), so gestattet unser Ansatz einen Blick auf die gesamte Diversität kleinster Moleküle („non-targeted analysis“). Noch unbekannte Inhaltsstoffe des köstlichen Molekülmixes sollen nicht länger vorschnell ignoriert werden. Die statistische Datenauswertung dieses Gesamtbildes weist uns schließlich auf spezifische Fingerabdrücke für bestimmte Zutaten und Produktionsweisen hin. Auch die ermittelte atomare Zusammensetzung der Moleküle nutzen wir geschickt. Ihre Summenformeln spiegeln biochemische Verwandtschaftsbeziehungen wider. Eine Oxidierung sorgt für „+O“, das Anfügen einer Glucoseeinheit für „+C6H10O5“. Auf diese Weise spannen sich molekulare Netzwerke verwandter Moleküle auf. Über diese Pfade führt uns die analytische Reise durch die molekulare Welt des Brauens von der modernen Überwachung des Reinheitsgebots bis zurück zur Brauweise der Deutschen Kaiserzeit.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-scaled.png"><img alt="" decoding="async" height="767" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-1024x767.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-1024x767.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-300x225.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-768x575.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-1536x1150.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-2048x1534.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Die Vielfält der molekularen Welt des Bieres speist sich aus seinen natürlichen Rohstoffen und dem komplexen Brauprozess. ©Stefan Pieczonka</em></figcaption></figure> <p>Es lässt aufhorchen, es wirkt zunächst alarmierend: Wir konnten mehr als 10.000 unterschiedliche Moleküle im Bier nachweisen! Doch gerade diese Vielzahl hilft uns, die Brauweise eines Bieres nachzuvollziehen. Auf dem internationalen Markt wird zuhauf mit kostengünstigem Mais und Reis gebraut. Die traditionelle deutsche Brauweise lehnt diese Stärkequellen und den damit erforderlichen Einsatz von zugesetzten Enzymen ab. Unser analytischer Blick zeigt, dass sich Reinheitsgebot-konforme Biere auch molekular von denjenigen unterscheiden, die zusätzlich Mais oder Reis enthalten: Es sind die Verbindungen des Sekundärstoffwechsels der Pflanzen, die im fertigen Bier als spezifische Signatur wiedergefunden werden können. Diese reichen von antimikrobiellen pflanzlichen Abwehrstoffen über die Wachstumsregulatoren bis zu Phytohormonen. Die vollumfänglichen molekularen Signaturen versprechen also, Betrugsversuche aufdecken zu können.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="550" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-1024x550.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-1024x550.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-300x161.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-768x412.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-1536x824.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-2048x1099.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Ein kleiner Ausschnitt aus dem Fingerabdruck des Kaiserbieres: All diese Moleküle haben die Masse 317. Sie unterscheiden sich lediglich in ihrer Nachkommastelle. Abgewandelt entnommen aus <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-022-12943-6">Pieczonka, S.A. et al. Archeochemistry reveals the first steps into modern industrial brewing. Sci Rep 12, 9251 (2022).</a></em></figcaption></figure> <p>Findet der Brauprozess nach dem Reinheitsgebot statt, belässt man es nebst Hopfen und Wasser bei der Gerste. Im ersten Schritt wird diese vermälzt. Die hohen Temperaturen beim Mälzen führen dabei zur sogenannten Maillard-Reaktion. Aus unserem Alltag nicht wegzudenken, sorgt diese auch für das betörende Aroma des Röstkaffees, gibt dem Grillfleisch Farbe und Geschmack und veredelt unseren Ofenkäse. Es handelt sich dabei nicht um eine einzelne definierte Reaktion, sondern um ein großes Reaktionsnetzwerk, das die chemische Interaktion von Aminosäuren mit Zuckern beschreibt. Die prinzipiellen Mechanismen sind gut erforscht. Die schiere Vielfalt an Molekülen hingegen, die während dieses Prozesses entstehen, verbirgt sich tief im molekularen Fingerabdruck der Lebensmittel. Selbst im Bier, das von natürlichen Zutaten und Prozessen geprägt ist, verstecken sich über 3.000 Moleküle, die diesem chemischen Reaktionsnetzwerk entspringen. Ihr atomarer Aufbau teilt sich eine intrinsische Natur, die den Regeln Maillards folgt: Viele bekannte Teilschritte der Maillard-Reaktion führen in ihrer Gesamtheit zu komplexen Veränderungen. Diesen Prozess, der den malzigen Charakter des Bieres prägt, können wir nun auf molekularer Ebene beschrieben. Die Grundlagenforschung dieser bedeutenden Reaktionskaskade profitiert von unserem holistischen analytischen Blick.</p> <p>Zum besonderen Protagonisten unserer Studien sollte ein archäologischer Fund avancieren. Ein hopfiger Zeitzeuge der Deutschen Kaiserzeit, gefunden im westfälischen Lübbecke und auf das Jahr 1885 datiert, wird Einblicke in eine längst vergangene Zeit gewähren. Eng verknüpft mit der Brauforschung setzten damals die Pioniere Louis Pasteur und Carl v. Linde mit der Mikrobiologie und der Kältemaschine die ersten Grundbausteine für die moderne Lebensmittelhygiene und industrielle Lebensmittelproduktion.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2-474x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2-474x1024.jpg 474w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2-139x300.jpg 139w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2-711x1536.jpg 711w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2.jpg 754w" width="474"></img></a><figcaption><em>Ein Zeitungsartikel weist auf den Fund des historischen Bieres in Lübbecke hin. Erscheinungsort des Artikels unbekannt. © Foto Brauerei Ernst Barre GmbH.</em></figcaption></figure> <p>Eine FT-ICR-MS Analyse des historischen Bieres und der forensische Abgleich mit molekularen Fingerabdrücken moderner Vergleichsbiere gibt Einblick in seine historische Brauweise. Das Bier wurde seinerzeit nach dem Reinheitsgebot gebraut, Spuren von anderen Getreidesorten als Gerste sind nicht erkennbar. Die Anwesenheit von Niacin (Vitamin B3) weist auf eine technologisch ungenügende Entfernung des Gerstenkeimlings hin. Unsere Maillard-Forschung sollte sich nur bedingt auszahlen: Die Braugerste  wurde anschließend bei niedrigen Temperaturen gedarrt. Das Bier anzusäuern, um die Enzymaktivität zu optimieren, ist eine brautechnische Feinheit, die offenbar noch nicht erprobt war. Fortschrittlicher zeigte sich der Gärkeller, in dem die erst kürzlich erfundene Kältemaschine Lindes zum Einsatz kam. Von den untergärigen Brauhefen, die auf diesen  Umstand hinweisen, verblieben lediglich molekulare Abdrücke; denn selbst für das mikroskopische Auge waren keinerlei Mikroorganismen mehr erkennbar. Wenngleich der verkorkte, verdrahtete und versiegelte Flascheninhalt unwahrscheinlich gut erhalten blieb, der Zahn der Zeit ist nicht spurlos an diesem „Jahrzehnte laufenden Minilabor“ vorbeigegangen: Die typischen Inhaltsstoffe des Hopfens wichen hunderten unerforschten, oxidierten Verbindungen. Seinem Alter zum Trotz hat das kaiserliche Bier den Connaisseur Dr. Martin Zarnkow von der Brau- und Lebensmittelqualität Weihenstephan überzeugt: Mit vollmundigen 4 Vol.-% Alkohol sei es „sehr ausgewogen und harmonisch, mit einer angenehmen Bittere, einem erfrischenden Säurecharakter und Sherry-artigen Dörrobstnoten“.</p> <p>Auch in unserer heutigen Zeit und gerade mit dem stetig steigenden Maßstab der Lebensmittelproduktion ist die tiefgreifende molekulare Analyse unserer Nahrungsmittel von entscheidender Bedeutung. Einen Ausblick auf die Zukunft gibt der Wissenschaftsjournalist Lars Fischer: Die sich im Zuge des Klimawandels ändernden Versorgungsstrukturen und neue Ernährungsgewohnheiten bedürfen einer umfassenden analytischen Begleitung. Der molekulare Blick auf unsere Lebensmittel wird es ermöglichen, neue Prozesse zu entwickeln und die Qualität unserer Lebensmittel und der Agrikultur auch weiterhin zu gewährleisten.</p> <hr></hr> <p>Stefan Pieczonka studierte Lebensmittelchemie an der Technischen Universität München (TUM). Während seiner Promotionszeit am Lehrstuhl für Analytische Lebensmittelchemie spezialisierte er sich auf die Analyse kleiner Moleküle (Metabolomics). Mit dem Forschungsschwerpunkt seiner Thesis, die umfassende molekulare Charakterisierung von Bier, war er nicht nur ein gerne gesehenen Gast auf den gemeinsamen Sommerfeiern. Auch die deutsche Wissenschaftslandschaft machte er mit seiner innovativen Arbeit auf sich aufmerksam. Angetrieben von verschiedenen Auszeichnungen geht er seit 2022 als Post-Doktorand den nächsten Schritte einer möglichen akademischen Laufbahn nach.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Sehr tief ins Glas geschaut » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für seine Bewerbung um den <span><a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</a></span> 2023 in der Kategorie Chemie veranschaulichte Stefan Pieczonka, was er für seine Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Der tiefgreifende analytische Blick der ultrahochauflösenden Massenspektrometrie ermöglicht neue Konzepte, unsere Lebensmittel zu überwachen, ihre Sicherheit zu gewährleisten und Produktionsprozesse zu optimieren. Die umfangreichen molekularen Fingerabdrücke stehen dabei keineswegs im Widerspruch zur Unbelassenheit und Qualität unserer Nahrungsmittel. Am Beispiel des Bieres verdeutlichen wir, wie sie vielmehr versprechen, diese zu bewahren und weiterzuentwickeln.</em></p> <p>Zutatenlisten, Nährwerttabellen, Nutri-Scores – sie begegnen uns bei jedem Einkauf. Doch unsere Lebensmittel beherbergen eine molekulare Welt, die noch weit über Kohlenhydrate, Proteine und Fette hinausgeht. Eine Technik mit dem schlichten Namen „Fourier-Transform Ionenzyklotronresonanz Massenspektrometrie“ (oder für Versierte: FT-ICR-MS) ermöglicht es, diese mannigfaltige molekulare Ebene unserer Lebensmittel zu betreten. Die Auswahl eines anschaulichen Probenmaterials fällt dabei nicht schwer: Nicht allein die Tradition oder der Genuss, sondern die Komplexität seiner Zusammensetzung macht das Bier zum bestgeeigneten Untersuchungsobjekt. Ausgehend von den Rohstoffen prägen biologische, biochemische und chemische Prozesse in vielfältiger Weise das komplexe molekulare Gemisch, das wir Bier nennen. Pünktlich zum 500-jährigen Jubiläum des Reinheitsgebots begann 2016 an der Technischen Universität München also unsere Mission, die molekularen Fingerabdrücke der Biere zu decodieren. Das dabei eingesetzte Massenspektrometer begnügt sich schon mit einem tausendstel Tropfen des Hopfengetränks!</p> <p>Mithilfe des FT-ICR-MS ist es uns möglich, die Masse von Molekülen äußerst akkurat zu bestimmen. Das Prinzip ist simpel: je schneller die Moleküle sich auf einer Kreisbahn bewegen, desto leichter müssen sie sein. Der Messfehler ist dabei so klein, dass jedem Signal nur eine einzige Kombination aus Atomgewichten zugrunde liegen kann. Nur zehn Minuten dauert es, und wir kennen die atomare Zusammensetzung eines jeden Moleküls unseres Lebensmittels. Ging es der Forschung der letzten Jahrzehnte im Wesentlichen darum, vordefinierte Verbindungen zu quantifizieren („targeted analysis“), so gestattet unser Ansatz einen Blick auf die gesamte Diversität kleinster Moleküle („non-targeted analysis“). Noch unbekannte Inhaltsstoffe des köstlichen Molekülmixes sollen nicht länger vorschnell ignoriert werden. Die statistische Datenauswertung dieses Gesamtbildes weist uns schließlich auf spezifische Fingerabdrücke für bestimmte Zutaten und Produktionsweisen hin. Auch die ermittelte atomare Zusammensetzung der Moleküle nutzen wir geschickt. Ihre Summenformeln spiegeln biochemische Verwandtschaftsbeziehungen wider. Eine Oxidierung sorgt für „+O“, das Anfügen einer Glucoseeinheit für „+C6H10O5“. Auf diese Weise spannen sich molekulare Netzwerke verwandter Moleküle auf. Über diese Pfade führt uns die analytische Reise durch die molekulare Welt des Brauens von der modernen Überwachung des Reinheitsgebots bis zurück zur Brauweise der Deutschen Kaiserzeit.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-scaled.png"><img alt="" decoding="async" height="767" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-1024x767.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-1024x767.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-300x225.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-768x575.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-1536x1150.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-2048x1534.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Die Vielfält der molekularen Welt des Bieres speist sich aus seinen natürlichen Rohstoffen und dem komplexen Brauprozess. ©Stefan Pieczonka</em></figcaption></figure> <p>Es lässt aufhorchen, es wirkt zunächst alarmierend: Wir konnten mehr als 10.000 unterschiedliche Moleküle im Bier nachweisen! Doch gerade diese Vielzahl hilft uns, die Brauweise eines Bieres nachzuvollziehen. Auf dem internationalen Markt wird zuhauf mit kostengünstigem Mais und Reis gebraut. Die traditionelle deutsche Brauweise lehnt diese Stärkequellen und den damit erforderlichen Einsatz von zugesetzten Enzymen ab. Unser analytischer Blick zeigt, dass sich Reinheitsgebot-konforme Biere auch molekular von denjenigen unterscheiden, die zusätzlich Mais oder Reis enthalten: Es sind die Verbindungen des Sekundärstoffwechsels der Pflanzen, die im fertigen Bier als spezifische Signatur wiedergefunden werden können. Diese reichen von antimikrobiellen pflanzlichen Abwehrstoffen über die Wachstumsregulatoren bis zu Phytohormonen. Die vollumfänglichen molekularen Signaturen versprechen also, Betrugsversuche aufdecken zu können.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="550" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-1024x550.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-1024x550.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-300x161.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-768x412.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-1536x824.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-2048x1099.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Ein kleiner Ausschnitt aus dem Fingerabdruck des Kaiserbieres: All diese Moleküle haben die Masse 317. Sie unterscheiden sich lediglich in ihrer Nachkommastelle. Abgewandelt entnommen aus <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-022-12943-6">Pieczonka, S.A. et al. Archeochemistry reveals the first steps into modern industrial brewing. Sci Rep 12, 9251 (2022).</a></em></figcaption></figure> <p>Findet der Brauprozess nach dem Reinheitsgebot statt, belässt man es nebst Hopfen und Wasser bei der Gerste. Im ersten Schritt wird diese vermälzt. Die hohen Temperaturen beim Mälzen führen dabei zur sogenannten Maillard-Reaktion. Aus unserem Alltag nicht wegzudenken, sorgt diese auch für das betörende Aroma des Röstkaffees, gibt dem Grillfleisch Farbe und Geschmack und veredelt unseren Ofenkäse. Es handelt sich dabei nicht um eine einzelne definierte Reaktion, sondern um ein großes Reaktionsnetzwerk, das die chemische Interaktion von Aminosäuren mit Zuckern beschreibt. Die prinzipiellen Mechanismen sind gut erforscht. Die schiere Vielfalt an Molekülen hingegen, die während dieses Prozesses entstehen, verbirgt sich tief im molekularen Fingerabdruck der Lebensmittel. Selbst im Bier, das von natürlichen Zutaten und Prozessen geprägt ist, verstecken sich über 3.000 Moleküle, die diesem chemischen Reaktionsnetzwerk entspringen. Ihr atomarer Aufbau teilt sich eine intrinsische Natur, die den Regeln Maillards folgt: Viele bekannte Teilschritte der Maillard-Reaktion führen in ihrer Gesamtheit zu komplexen Veränderungen. Diesen Prozess, der den malzigen Charakter des Bieres prägt, können wir nun auf molekularer Ebene beschrieben. Die Grundlagenforschung dieser bedeutenden Reaktionskaskade profitiert von unserem holistischen analytischen Blick.</p> <p>Zum besonderen Protagonisten unserer Studien sollte ein archäologischer Fund avancieren. Ein hopfiger Zeitzeuge der Deutschen Kaiserzeit, gefunden im westfälischen Lübbecke und auf das Jahr 1885 datiert, wird Einblicke in eine längst vergangene Zeit gewähren. Eng verknüpft mit der Brauforschung setzten damals die Pioniere Louis Pasteur und Carl v. Linde mit der Mikrobiologie und der Kältemaschine die ersten Grundbausteine für die moderne Lebensmittelhygiene und industrielle Lebensmittelproduktion.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2-474x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2-474x1024.jpg 474w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2-139x300.jpg 139w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2-711x1536.jpg 711w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2.jpg 754w" width="474"></img></a><figcaption><em>Ein Zeitungsartikel weist auf den Fund des historischen Bieres in Lübbecke hin. Erscheinungsort des Artikels unbekannt. © Foto Brauerei Ernst Barre GmbH.</em></figcaption></figure> <p>Eine FT-ICR-MS Analyse des historischen Bieres und der forensische Abgleich mit molekularen Fingerabdrücken moderner Vergleichsbiere gibt Einblick in seine historische Brauweise. Das Bier wurde seinerzeit nach dem Reinheitsgebot gebraut, Spuren von anderen Getreidesorten als Gerste sind nicht erkennbar. Die Anwesenheit von Niacin (Vitamin B3) weist auf eine technologisch ungenügende Entfernung des Gerstenkeimlings hin. Unsere Maillard-Forschung sollte sich nur bedingt auszahlen: Die Braugerste  wurde anschließend bei niedrigen Temperaturen gedarrt. Das Bier anzusäuern, um die Enzymaktivität zu optimieren, ist eine brautechnische Feinheit, die offenbar noch nicht erprobt war. Fortschrittlicher zeigte sich der Gärkeller, in dem die erst kürzlich erfundene Kältemaschine Lindes zum Einsatz kam. Von den untergärigen Brauhefen, die auf diesen  Umstand hinweisen, verblieben lediglich molekulare Abdrücke; denn selbst für das mikroskopische Auge waren keinerlei Mikroorganismen mehr erkennbar. Wenngleich der verkorkte, verdrahtete und versiegelte Flascheninhalt unwahrscheinlich gut erhalten blieb, der Zahn der Zeit ist nicht spurlos an diesem „Jahrzehnte laufenden Minilabor“ vorbeigegangen: Die typischen Inhaltsstoffe des Hopfens wichen hunderten unerforschten, oxidierten Verbindungen. Seinem Alter zum Trotz hat das kaiserliche Bier den Connaisseur Dr. Martin Zarnkow von der Brau- und Lebensmittelqualität Weihenstephan überzeugt: Mit vollmundigen 4 Vol.-% Alkohol sei es „sehr ausgewogen und harmonisch, mit einer angenehmen Bittere, einem erfrischenden Säurecharakter und Sherry-artigen Dörrobstnoten“.</p> <p>Auch in unserer heutigen Zeit und gerade mit dem stetig steigenden Maßstab der Lebensmittelproduktion ist die tiefgreifende molekulare Analyse unserer Nahrungsmittel von entscheidender Bedeutung. Einen Ausblick auf die Zukunft gibt der Wissenschaftsjournalist Lars Fischer: Die sich im Zuge des Klimawandels ändernden Versorgungsstrukturen und neue Ernährungsgewohnheiten bedürfen einer umfassenden analytischen Begleitung. Der molekulare Blick auf unsere Lebensmittel wird es ermöglichen, neue Prozesse zu entwickeln und die Qualität unserer Lebensmittel und der Agrikultur auch weiterhin zu gewährleisten.</p> <hr></hr> <p>Stefan Pieczonka studierte Lebensmittelchemie an der Technischen Universität München (TUM). Während seiner Promotionszeit am Lehrstuhl für Analytische Lebensmittelchemie spezialisierte er sich auf die Analyse kleiner Moleküle (Metabolomics). Mit dem Forschungsschwerpunkt seiner Thesis, die umfassende molekulare Charakterisierung von Bier, war er nicht nur ein gerne gesehenen Gast auf den gemeinsamen Sommerfeiern. Auch die deutsche Wissenschaftslandschaft machte er mit seiner innovativen Arbeit auf sich aufmerksam. Angetrieben von verschiedenen Auszeichnungen geht er seit 2022 als Post-Doktorand den nächsten Schritte einer möglichen akademischen Laufbahn nach.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/klartext/sehr-tief-ins-glas-geschaut/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>A Probabilist’s Perspective on Fundamental Physics  https://scilogs.spektrum.de/hlf/a-probabilists-perspective-on-fundamental-physics/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/a-probabilists-perspective-on-fundamental-physics/#comments Wed, 29 Oct 2025 13:00:00 +0000 Benjamin Skuse https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=13882 <h1>A Probabilist’s Perspective on Fundamental Physics  - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>The primary purpose of the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Heidelberg Laureate Forum</a> is to bring together “some of the brightest minds in mathematics and computer science.” This is not simply a show of solidarity or a recognition of overlapping histories, it’s an opportunity to exchange and combine ideas from different fields and subfields in the hope of delivering new, perhaps unexpected, insights into up-to-now intractable problems.</p> <p>No attendee of the Forum embodies this ethos better than <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/wendelin-werner/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Wendelin Werner</a>. A Franco-German mathematician (whose older brother happens to be an outstanding computer scientist), his 2006 Fields Medal was awarded “for his contributions to the development of stochastic Loewner evolution, the geometry of two-dimensional Brownian motion, and conformal field theory,” work largely conducted in collaboration with fellow mathematicians Greg Lawler and Oded Schramm.</p> <p>This ground-breaking research offered new mathematical tools in statistical physics for understanding and rigorously proving fundamental physical concepts, including what happens when physical systems reach critical temperature, like when a kettle boils, or how percolation works, like when water seeps through porous rock.</p> <p>Almost two decades on from his Fields Medal – incidentally, the first to be awarded to a probabilist – Werner continues to straddle, and chip away at, the border between mathematics and physics, as he described in his Lecture at the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">12th Heidelberg Laureate Forum</a>.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/OA5GnnhGwhk?feature=oembed" title="Lecture: Werner | September 18" width="666"></iframe> </p></figure> <h3 id="h-unanswered-question-from-childhood">Unanswered Question from Childhood</h3> <p>Werner’s fascination with the points where mathematics and physics intersect started from an early age. To begin his talk, he recalled a discussion in high school between him and his physics teacher regarding Newton’s universal law of gravitation. This law describes gravity as a force between two masses, attracting them in proportion to the product of their masses and inversely as the square of the distance between them.<aside></aside></p> <p>“I raised my hand and said […] ‘Who’s measuring the distance between the Earth and the Sun in order to decide what the force is going to be – surely something has to travel back and forth.’” After a lengthy discussion digging deeper and deeper into the law, his teacher finally said: “Well, if you continue always asking why and how, you should rather be a mathematician than a physicist.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13884" rel="attachment wp-att-13884"><img alt="Wendelin Werner" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795670761_cdff64e355_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795670761_cdff64e355_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795670761_cdff64e355_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795670761_cdff64e355_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Wendelin Werner speaking at the 12th HLF. (© HLFF)</figcaption></figure></div> <p>This propensity to dig deeper and deeper in the hope of discovering more fundamental truths continues to drive Werner’s work to this day. He still remains unsatisfied with many physics-based explanations of fundamental real-world phenomena, and in particular gravity. “In some sense, the rule in physics is to find some formalism that produces equations or numbers that you can then confront to experimental data to measure something, and you see that this formalism fits with the real-world data,” he says. “But it will never tell you exactly how does it actually work.” For Werner, Newton’s law and Einstein’s theory of general relativity may predict what gravity does accurately, but they don’t fully explain the underlying mechanism.</p> <h3 id="h-introducing-loops">Introducing Loops</h3> <p>Werner has attacked the problem of deeply understanding gravity on and off throughout his career. He often does so in a roundabout way, treating it like a mathematical puzzle, and picturing how mathematical objects could be incarnated in the world around us to form what we perceive as gravity.</p> <p>The first mathematical object he introduced in his talk was the harmonic function. A harmonic function \( u(x,y) \) is a twice continuously differentiable function that also satisfies the Laplace equation:</p> <p>\[ \nabla^{2}u = u_{xx} + u_{yy} = 0. \]</p> <p>Such a function has the property that its value at a point is the same as its average value on any sphere around that point. If we look at similar properties in the real world, we come across gravitational potential, or equivalently Newton potential, \( 1/r \), where \( r \) is the distance between the centre of mass of the source object and the point in space where the potential is being measured. That it is harmonic is the only way to mathematically explain Newton potential’s properties, such as why we can treat a planet’s mass as if it were concentrated at a single central point.</p> <p>The second mathematical object Werner introduced is called a Brownian loop, which he described as “the simplest possible, most natural, random structure that you can try to define around you without making any arbitrary choices.” Brownian loops are a nod to Brownian motion, first discovered by 19<sup>th</sup> Century botanist Robert Brown, who observed the jagged erratic motion of pollen immersed in water – one of the first tantalising experimental glimpses of atoms and molecules, and a crucial link between physical phenomena and the abstract world of probability theory and randomness. Regular Brownian motion requires a starting point, but Brownian loops do not, making them even simpler random structures that have only one fixed property: they are isotropic, i.e. their behaviour is uniform in all directions.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13883" rel="attachment wp-att-13883"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54794813417_ab35d5e327_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54794813417_ab35d5e327_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54794813417_ab35d5e327_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54794813417_ab35d5e327_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Wendelin Werner (© HLFF)</figcaption></figure></div> <p>Imagining these Brownian loops appearing completely randomly in space and time, Werner conjured a reality in which there are infinitely many small independent loops everywhere at all scales. If you have a collection of these loops where they intermingle, called a ‘loop soup,’ it turns out that whether two loops are intersecting or whether a single loop is just overlapping itself, it doesn’t matter; the properties of the loop soup remain the same. Essentially, when they intermingle, each loop loses its individual identity. And they reestablish their identity when you extract an individual loop from the loop soup.</p> <p>“In physics, bosons are particles that have this property that they’re indistinguishable when you see a collection of all these particles, but you can recover the individual particles,” said Werner. “This is a bit reminiscent to that … maybe there is something here, this exchangeability property, which is very elementary.”</p> <h3 id="h-connecting-it-all-together">Connecting It All Together</h3> <p>How do loops relate to Werner’s enduring desire to understand gravity at a fundamental level? He asked the audience to imagine two points \( x \) and \( y \) in three-dimensional space. “What is the probability that \( x \) and \( y \) are connected by a chain of loops?,” he said. “This probability is 1 over the distance – it’s our friend, the Newton potential.”</p> <p>He next asked them to picture a single Brownian excursion going from \( x \) to \( y \), which can be thought of like a jagged telephone wire connecting the two points, with an unconditioned collection (i.e. not a chain) of loops on top. In simple terms, <a href="https://arxiv.org/abs/2502.06754" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Werner showed recently</a> that these two setups are exactly equivalent. This correspondence not only provides a useful tool to study loop-soup clusters, it very gently hints at relations to physics concepts including quantum field theory.</p> <p>“When you mix randomness with continuum structures, some subtle things can appear that might have escaped from the radar of other types of approaches to this problem,” said Werner. But he was quick to point out that the work he presented should not be seen as having a direct relation to physics. “Disclaimer: I’m not doing any physics,” he underlined. “This is just what a mathematician is doing and dreaming about, playing around with fun math structures …; it might be inspired by physics, but in a way that physicists would not recognize.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13885" rel="attachment wp-att-13885"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797525523_90a84c77e1_o-CF.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797525523_90a84c77e1_o-CF.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797525523_90a84c77e1_o-CF-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797525523_90a84c77e1_o-CF-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Wendelin Werner (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>Nor did he feel that Brownian motion and loop soups are necessarily going to be any more satisfactory for others than conventional physics concepts such as particles and fields. However, he did hope that by presenting a probabilist’s unorthodox perspective on physics concepts, it might inspire young scientists to do the same.</p> <p>“Some 10 years ago, I remember seeing a child looking out of the window of a train and trying to zoom in on what they were watching outside,” Werner recalled. “That child’s experience of what reality is, is very different from mine.” Because of this, the child on the train is unlikely to independently discover loop soups, but they do have the potential to unlock a completely fresh perspective – be it from probability theory, computer science, or some other discipline – to attack intransigent problems in science.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>A Probabilist’s Perspective on Fundamental Physics  - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>The primary purpose of the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Heidelberg Laureate Forum</a> is to bring together “some of the brightest minds in mathematics and computer science.” This is not simply a show of solidarity or a recognition of overlapping histories, it’s an opportunity to exchange and combine ideas from different fields and subfields in the hope of delivering new, perhaps unexpected, insights into up-to-now intractable problems.</p> <p>No attendee of the Forum embodies this ethos better than <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/wendelin-werner/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Wendelin Werner</a>. A Franco-German mathematician (whose older brother happens to be an outstanding computer scientist), his 2006 Fields Medal was awarded “for his contributions to the development of stochastic Loewner evolution, the geometry of two-dimensional Brownian motion, and conformal field theory,” work largely conducted in collaboration with fellow mathematicians Greg Lawler and Oded Schramm.</p> <p>This ground-breaking research offered new mathematical tools in statistical physics for understanding and rigorously proving fundamental physical concepts, including what happens when physical systems reach critical temperature, like when a kettle boils, or how percolation works, like when water seeps through porous rock.</p> <p>Almost two decades on from his Fields Medal – incidentally, the first to be awarded to a probabilist – Werner continues to straddle, and chip away at, the border between mathematics and physics, as he described in his Lecture at the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">12th Heidelberg Laureate Forum</a>.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/OA5GnnhGwhk?feature=oembed" title="Lecture: Werner | September 18" width="666"></iframe> </p></figure> <h3 id="h-unanswered-question-from-childhood">Unanswered Question from Childhood</h3> <p>Werner’s fascination with the points where mathematics and physics intersect started from an early age. To begin his talk, he recalled a discussion in high school between him and his physics teacher regarding Newton’s universal law of gravitation. This law describes gravity as a force between two masses, attracting them in proportion to the product of their masses and inversely as the square of the distance between them.<aside></aside></p> <p>“I raised my hand and said […] ‘Who’s measuring the distance between the Earth and the Sun in order to decide what the force is going to be – surely something has to travel back and forth.’” After a lengthy discussion digging deeper and deeper into the law, his teacher finally said: “Well, if you continue always asking why and how, you should rather be a mathematician than a physicist.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13884" rel="attachment wp-att-13884"><img alt="Wendelin Werner" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795670761_cdff64e355_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795670761_cdff64e355_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795670761_cdff64e355_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795670761_cdff64e355_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Wendelin Werner speaking at the 12th HLF. (© HLFF)</figcaption></figure></div> <p>This propensity to dig deeper and deeper in the hope of discovering more fundamental truths continues to drive Werner’s work to this day. He still remains unsatisfied with many physics-based explanations of fundamental real-world phenomena, and in particular gravity. “In some sense, the rule in physics is to find some formalism that produces equations or numbers that you can then confront to experimental data to measure something, and you see that this formalism fits with the real-world data,” he says. “But it will never tell you exactly how does it actually work.” For Werner, Newton’s law and Einstein’s theory of general relativity may predict what gravity does accurately, but they don’t fully explain the underlying mechanism.</p> <h3 id="h-introducing-loops">Introducing Loops</h3> <p>Werner has attacked the problem of deeply understanding gravity on and off throughout his career. He often does so in a roundabout way, treating it like a mathematical puzzle, and picturing how mathematical objects could be incarnated in the world around us to form what we perceive as gravity.</p> <p>The first mathematical object he introduced in his talk was the harmonic function. A harmonic function \( u(x,y) \) is a twice continuously differentiable function that also satisfies the Laplace equation:</p> <p>\[ \nabla^{2}u = u_{xx} + u_{yy} = 0. \]</p> <p>Such a function has the property that its value at a point is the same as its average value on any sphere around that point. If we look at similar properties in the real world, we come across gravitational potential, or equivalently Newton potential, \( 1/r \), where \( r \) is the distance between the centre of mass of the source object and the point in space where the potential is being measured. That it is harmonic is the only way to mathematically explain Newton potential’s properties, such as why we can treat a planet’s mass as if it were concentrated at a single central point.</p> <p>The second mathematical object Werner introduced is called a Brownian loop, which he described as “the simplest possible, most natural, random structure that you can try to define around you without making any arbitrary choices.” Brownian loops are a nod to Brownian motion, first discovered by 19<sup>th</sup> Century botanist Robert Brown, who observed the jagged erratic motion of pollen immersed in water – one of the first tantalising experimental glimpses of atoms and molecules, and a crucial link between physical phenomena and the abstract world of probability theory and randomness. Regular Brownian motion requires a starting point, but Brownian loops do not, making them even simpler random structures that have only one fixed property: they are isotropic, i.e. their behaviour is uniform in all directions.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13883" rel="attachment wp-att-13883"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54794813417_ab35d5e327_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54794813417_ab35d5e327_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54794813417_ab35d5e327_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54794813417_ab35d5e327_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Wendelin Werner (© HLFF)</figcaption></figure></div> <p>Imagining these Brownian loops appearing completely randomly in space and time, Werner conjured a reality in which there are infinitely many small independent loops everywhere at all scales. If you have a collection of these loops where they intermingle, called a ‘loop soup,’ it turns out that whether two loops are intersecting or whether a single loop is just overlapping itself, it doesn’t matter; the properties of the loop soup remain the same. Essentially, when they intermingle, each loop loses its individual identity. And they reestablish their identity when you extract an individual loop from the loop soup.</p> <p>“In physics, bosons are particles that have this property that they’re indistinguishable when you see a collection of all these particles, but you can recover the individual particles,” said Werner. “This is a bit reminiscent to that … maybe there is something here, this exchangeability property, which is very elementary.”</p> <h3 id="h-connecting-it-all-together">Connecting It All Together</h3> <p>How do loops relate to Werner’s enduring desire to understand gravity at a fundamental level? He asked the audience to imagine two points \( x \) and \( y \) in three-dimensional space. “What is the probability that \( x \) and \( y \) are connected by a chain of loops?,” he said. “This probability is 1 over the distance – it’s our friend, the Newton potential.”</p> <p>He next asked them to picture a single Brownian excursion going from \( x \) to \( y \), which can be thought of like a jagged telephone wire connecting the two points, with an unconditioned collection (i.e. not a chain) of loops on top. In simple terms, <a href="https://arxiv.org/abs/2502.06754" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Werner showed recently</a> that these two setups are exactly equivalent. This correspondence not only provides a useful tool to study loop-soup clusters, it very gently hints at relations to physics concepts including quantum field theory.</p> <p>“When you mix randomness with continuum structures, some subtle things can appear that might have escaped from the radar of other types of approaches to this problem,” said Werner. But he was quick to point out that the work he presented should not be seen as having a direct relation to physics. “Disclaimer: I’m not doing any physics,” he underlined. “This is just what a mathematician is doing and dreaming about, playing around with fun math structures …; it might be inspired by physics, but in a way that physicists would not recognize.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13885" rel="attachment wp-att-13885"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797525523_90a84c77e1_o-CF.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797525523_90a84c77e1_o-CF.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797525523_90a84c77e1_o-CF-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797525523_90a84c77e1_o-CF-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Wendelin Werner (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>Nor did he feel that Brownian motion and loop soups are necessarily going to be any more satisfactory for others than conventional physics concepts such as particles and fields. However, he did hope that by presenting a probabilist’s unorthodox perspective on physics concepts, it might inspire young scientists to do the same.</p> <p>“Some 10 years ago, I remember seeing a child looking out of the window of a train and trying to zoom in on what they were watching outside,” Werner recalled. “That child’s experience of what reality is, is very different from mine.” Because of this, the child on the train is unlikely to independently discover loop soups, but they do have the potential to unlock a completely fresh perspective – be it from probability theory, computer science, or some other discipline – to attack intransigent problems in science.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/a-probabilists-perspective-on-fundamental-physics/#comments 2 Jenseits der Wolken lauern Selbstakzeptanz – und manchmal ein dünner Sumo https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/jenseits-der-wolken-lauern-selbstakzeptanz-und-manchmal-ein-duenner-sumo/ https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/jenseits-der-wolken-lauern-selbstakzeptanz-und-manchmal-ein-duenner-sumo/#comments Tue, 28 Oct 2025 23:43:27 +0000 Karin Schumacher https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/?p=4559 https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5924-768x330.jpg Blick von Chamonix’ Grand Balcon Nord auf die Aiguilles de Chamonix. https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/jenseits-der-wolken-lauern-selbstakzeptanz-und-manchmal-ein-duenner-sumo/ <h1>Jenseits der Wolken lauern Selbstakzeptanz - und manchmal ein dünner Sumo » Medicine & More » SciLogs</h1><h2>By Karin Schumacher</h2><div itemprop="text"> <p><strong><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/dc1266b5f8e347d8b5b7976fb0fb99be" width="1"></img>Über dem Nebelmeer liegt nicht nur der blaue Himmel, sondern auch ein klarerer Blick auf uns selbst und auf die Welt, in der wir leben. Inspiriert von Éric-Emmanuel Schmitts Parabel “<em>Der Sumo-Ringer, der nicht dick werden konnte</em>“, lädt dieser Text dazu ein, die Kunst der Selbstakzeptanz und eines bewussten Lebens zu entdecken.</strong><span id="more-4559"></span></p> <p>Neulich stand ich endlich mal wieder über dem Nebelmeer. Nicht ganz wie Caspar David Friedrichs berühmter Wanderer, sondern etwas höher, in den Alpen. Dabei kam mir ein Zitat aus einem kleinen Buch des französischen Philosophen und Bestseller-Autors Éric-Emmanuel Schmitt wieder in den Sinn, das mich vor einigen Jahren fasziniert hat:</p> <blockquote> <p>“À l’envers des nuages, il y a toujours un ciel.”</p> <p>“Auf der anderen Seite der Wolken, ist immer ein Himmel.”</p> </blockquote> <p>So versucht der alte Sumo-Meister Shomintsu in Éric-Emmanuel Schmitts Parabelroman “<em>Der Sumo-Ringer, der nicht dick werden konnte</em>” (französisch “<em>Le sumo qui ne pouvait pas grossir</em>“) einem Straßenjungen aus Tokio eine Zen-Weisheit näherzubringen.<aside></aside></p> <p>Doch warum soll gerade der 15-jährige, schlanke Jun, voller Wut und Gleichgültigkeit, zu einem Dicken werden? Gibt es davon in der sogenannten zivilisierten Welt nicht längst schon mehr als genug?</p> <p>In den industrialisierten Gesellschaften wachsen die gravierenden Folgen des Überflusses: Stress, Sinnleere, Bewegungsmangel und fehlende echte Verbindungen – all das wird für viele Menschen zur toxischen Falle.</p> <p>Übermäßiges Essen dient oft der Selbstberuhigung oder als Belohnung. Auch andere Verhaltenssüchte – Alkohol, Nikotin, exzessiver Sport, Arbeit, Shopping oder stundenlanger Internetkonsum – erfüllen ähnliche Funktionen. Was auf den ersten Blick wie Genuss aussieht, ist häufig der Versuch, Schmerz zu regulieren, Einsamkeit oder Selbstzweifel zu überdecken oder ungelöste Konflikte zu verdrängen.<br></br>Jun steht am anderen Ende dieses Spektrums: Er ist mager – fast durchsichtig. Auch Untergewicht kann Ausdruck seelischer Not sein.</p> <h2>Sinnlosigkeit</h2> <p>Im Sinne von <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/gesundheit-und-heilung-durch-sinn-ja-zu-viktor-frankl-sagen/" rel="noopener" target="_blank">Viktor Frankl</a> oder Erich Fromm verkörpert Jun eine Form der Selbstentfremdung. Sein Leben ist sinn- und beziehungslos, sein Körper wird zum Symbol dieser inneren Leere – fast unsichtbar.</p> <h2>Vermeidung</h2> <p>Jun zeigt Züge einer vermeidenden Persönlichkeit. Er zieht sich zurück, meidet emotionale Nähe, weil er Angst vor Zurückweisung und Schmerz hat. Untergewicht und Gleichgültigkeit werden zu Formen des Selbstschutzes. Während Übergewicht wie ein Schutzpanzer wirken kann, schützt Untergewicht vor dem Leben selbst.</p> <h2>Selbstverleugnung</h2> <p>Man könnte auch sagen, Jun leidet an einer narzisstischen Leere, nicht an einer narzisstischen Überhöhung. Das ist ein feiner, aber wesentlicher Unterschied: Auch mangelnde Selbstachtung ist ein narzisstisches Thema – nur am anderen Pol. Jun verhält sich nicht selbstbezogen, sondern selbstentwertend; statt Selbstliebe dominiert Selbstverneinung.</p> <h2>Beginn der Individuation</h2> <p>Wäre Jun dem Schweizer Psychoanalytiker C. G. Jung begegnet, hätte dieser ihn wohl am Beginn einer Individuation gesehen: Jun muss erst lernen, sich selbst zu akzeptieren und in Beziehung zur Welt zu treten. Seine Selbstvergessenheit ist der Ausgangspunkt, aus dem echte Selbstliebe erwachsen kann.</p> <p>Starkes Untergewicht ist medizinisch oft gefährlicher als Übergewicht, wird gesellschaftlich jedoch häufig verharmlost oder gar bewundert. Herzprobleme, hormonelle Störungen, Infektanfälligkeit, Knochenschwund und psychische Erkrankungen sind typische Folgen. Unter den Essstörungen weist das extreme Untergewicht die höchste Sterblichkeitsrate auf.</p> <p>Schlankheit gilt noch immer als Ideal. Wer zu dick ist, wird stigmatisiert; wer zu dünn ist, oft entschuldigt (“isst halt wenig”) oder gar beneidet. Dass auch Untergewicht Ausdruck suchtähnlicher, lebensbedrohlicher Verhaltensmuster sein kann, wird selten offen thematisiert.</p> <p>Dabei geht es – auf beiden Seiten – um Beziehungen. Menschen mit Essstörungen oder anderen Süchten sind oft in ungesunde Bindungen verstrickt: zu <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/herz-kreislauf-erkrankungen-dicke-kinder-kranke-erwachsene/" rel="noopener" target="_blank">Essen</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/weltkrebstag-mit-alkohol-glas-f-r-glas-zum-tumor/" rel="noopener" target="_blank">Alkohol</a>, Nikotin, Arbeit, Sport, Internet, sozialen Medien (<a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/tiktokst-du-oder-lebst-du-noch/" rel="noopener" target="_blank">TikTok</a>, Instagram, Facebook und Co.) – oder zu <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-wesir-abdul-%d0%b2%d0%b8%d0%b7%d0%b8%d1%80%d1%8c-%d0%b0%d0%b1%d0%b4%d1%83%d0%bb-maerchen-von-leo-tolstoi/" rel="noopener" target="_blank">Menschen</a>, die ihnen nicht guttun.</p> <p>Was all diesen Phänomenen gemeinsam ist – von exzessivem Konsum über Körperideale bis hin zu pathologischen Selbstkontrollversuchen – ist das Verlorengehen des gesunden Maßes. Wir leben in einer Welt, in der das “Zuviel” gefeiert und das “Zuwenig” romantisiert wird, während das <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-lange-weg-zu-einem-wahren-gesundheitswesen/" rel="noopener" target="_blank">Maßvolle</a> kaum Beachtung findet. Doch genau hier liegt die Basis für körperliche und seelische Gesundheit – und für gesellschaftliche wie ökologische Nachhaltigkeit.</p> <p>Wohl kaum ein anderes Lebewesen kann so erfinderisch, aber auch so toxisch mit sich selbst umgehen wie der Mensch. Vielleicht noch der Oktopus, der eines der raffiniertesten Nervensysteme unter allen Lebewesen besitzt. Auch er kennt die Selbstzerstörung – nach der Fortpflanzung stirbt er, um Platz für die nächste Generation zu schaffen.</p> <p>Doch beim <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/was-verbindet-mensch-und-oktopus/" rel="noopener" target="_blank">Oktopus</a> ist dieses Sterben biologisch notwendig. Zum Glück sind wir Menschen keine Oktopusse, sondern empathische, soziale Wesen. Wir sind fähig zur Reflexion, zur Veränderung und zur Verbindung.</p> <p>Und genau hier liegt auch die Wendung in Schmitts Erzählung. Jun trifft jemanden, der an ihn glaubt. Der in ihm Potenzial sieht – und nicht nur Mangel.</p> <p><span>“Je vois un gros en toi.”</span></p> <p>“Ich sehe einen Dicken in dir,” sagt Shomintsu. Nicht aus Spott, sondern aus tiefem Mitgefühl.Es ist eine Einladung zur Fülle – im Sinne von Vollständigkeit: körperlich, geistig und spirituell.</p> <p>“Exaspérant!” – “Ärgerlich!” – beschwert sich der 15-Jährige anfangs über diese dreiste Behauptung seines ungewollten Mentors.</p> <p>Doch die Hartnäckigkeit des Sumotrainers setzt sich durch. Denn Shomintsu hat etwas, das Jun fehlt: innere Harmonie und Lebenserfahrung. Er ist mit sich und der Welt im Reinen. So kann er über seinen eigenen Horizont hinausblicken und das Potenzial des Jungen erkennen.</p> <p>“Ich sehe einen Dicken in dir,” sagt Shomintsu wieder und wieder – bis der Junge schließlich selbst daran glaubt. Der Himmel steht dabei nicht für eine abergläubische, von irgendjemandem manipulierte Chimäre, sondern für ein “Jenseits” des Sichtbaren und Vernünftigen. Es ist ein Raum, der von Menschen nicht vollständige kontrollierbar ist, in dem wir aber eine innere Verankerung finden können und vielleicht auch sollten.</p> <h2>Der Himmel über dem Nebel – Verantwortung für uns selbst und andere</h2> <p>Was Schmitt mit erzählerischer Leichtigkeit vermittelt, ist tief philosophisch: Der Weg zur Heilung beginnt dort, wo Kontrolle losgelassen werden kann und Vertrauen entsteht. Vertrauen in sich selbst, in andere, in das Leben. Selbstakzeptanz ist dabei kein Luxus, sondern Grundbedingung für jedes gesunde Wachstum.</p> <p>Selbstliebe ist keine egoistische oder narzisstische Haltung, denn bei diesen fehlt ja eigentlich sogar die Selbstliebe. Daher werden dann andere dafür “missbraucht”. Die Liebe und Fürsorge für sich selbst ist vielmehr eine notwendige Grundlage für gesunde Beziehungen zu anderen Menschen, für persönliches Wachstum und für die innere Heilung.</p> <p>Jun beginnt – nicht über Nacht, aber Schritt für Schritt – seinen Körper zu bewohnen. Er entwickelt Kraft, Form, Haltung. Er hat nun ein Ziel: Er wird ein “Dicker” werden, er wird sein Potential entfalten, er wird es schaffen. Der Junge fasst Vertrauen in den Weg, in sich selbst. Es ist ein Prozess der Selbstheilung, der durch Beziehung, Fokus und Konzentration auf das Ziel gelingt.</p> <h2>Auf der anderen Seite der Wolken beginnt die Akzeptanz</h2> <p>Was Shomintsu ihm schenkt, ist kein Ernährungsplan, kein sportlicher Drill, keine Ideologie – sondern: Akzeptanz. Er ist ein Mentor, der das Potential sieht und nicht nur die Defizite. Er schaut durch den Nebel aus Wut, Verweigerung und Schmerz hindurch – und erkennt den Himmel dahinter. Genau wie in jenem Satz, der sich ebenfalls durch das Buch zieht:</p> <blockquote> <p>“A l’envers des nuages, il y a toujours un ciel.”…<br></br>“Auf der anderen Seite der Wolken, ist immer ein Himmel.”…</p> </blockquote> <p>“Pardon?” erwidert Jun.<br></br>Shomintsu erklärt: “Dieser Zen-Satz bedeutet, dass man die positive Seite der Erscheinungen im Auge behalten und optimistisch bleiben muss. Das Wichtigste im Moment ist, dass du Fortschritte machst.”</p> <p>Der 1940 in der Region von Lyon geborene Éric-Emmanuel Schmitt ist Philosoph, aber kein Dogmatiker. Agnostiker, aber kein Zyniker. Er will uns weder spirituell noch esoterisch vertrösten. Vielmehr lädt er dazu ein, sich wieder an das zu erinnern, was längst in uns angelegt ist: Vertrauen, Mitgefühl, Verbundenheit – mit uns selbst und mit der Welt.</p> <p>Schmitt begann seinen “<em>Zyklus des Unsichtbaren</em>” (französisch: <em>cycle d’invisible</em>) über die Weltreligionen mit “<em>Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran</em>“, in dem es um den Sufismus geht und schloss ihn mit “<em>Vom Sumo, der nicht dick werden konnte</em>” über den Zen-Buddhismus ab. Dazwischen lagen Werke über das Christentum (“<em>Oskar und die Dame in Rosa</em>“), das Judentum (“<em>Das Kind von Noah</em>“) und den tibetischen Buddhismus (“<em>Milarepa</em>“).<br></br>Meister Shomintsu nimmt Jun und uns mit auf die Reise in die Welt des Zen-Buddhismus. Der Weise hilft dem Jungen, seinen eigenen Weg zu finden, der gut für ihn und seine Umwelt ist.</p> <h2>Der Himmel – viel mehr als ein Symbol</h2> <p>Der Himmel steht für die Möglichkeiten, für die Weite, für Perspektiven, aber auch für ständige Veränderung. Für das, was wir nicht kontrollieren können – und vielleicht erst erahnen können, wenn wir loslassen. Für jenes “Jenseits des Sichtbaren und Vernünftigen”, das Schmitt in einem Interview so beschreibt: Ein Ort innerer Verankerung, ein Vertrauen in das Leben jenseits des rein Machbaren. Und auch: Der Weg ist das Ziel, nicht das Ziel des Weges.</p> <p>Auch Rosa Luxemburg schrieb 1917 aus dem Breslauer Gefängnis an ihre beste Freundin Sonja Liebknecht über den Himmel – und damit meinte sie keinen Traum von einem jenseitigen Paradies:</p> <blockquote> <p>“Jetzt eben – ich habe eine kleine Pause gemacht, um den Himmel zu beobachten […]<br></br>Es liegt so viel Unbekümmertheit und kühles Lächeln in diesem Wolkenflug, dass ich mitlächeln muss […].<br></br>Wie könnte man bei solchem Himmel ‚bös‘ oder kleinlich sein? Vergessen Sie bloß nie, um sich zu blicken, dann werden Sie immer wieder »gut« sein.”</p> </blockquote> <p>Und Jun, der junge Sumo? Mit 18 Jahren ist er mental und körperlich bereit, in den <em>Dojo</em> zu steigen. Er nimmt sich vor, zwei Wochen lang, mit einem Kampf pro Tag, seinem Mentor zu beweisen, dass dieser seine Zeit nicht mit ihm verschwendet hat. Am Ende der zwei Wochen geht er zu seinem Mentor.</p> <blockquote> <p>“- Je m’arrête, maître Shomintsu. Je ne remonterai plus sur le doyo.<br></br>– Ich höre auf, Meister Shomintsu. Ich werde nicht mehr in den Dojo steigen.</p> <p><span>– Pourquoi? Tu pèses quatre-vingt-quinze kilos et tu y arrives enfin.<br></br></span><span>– Warum? Du wiegst 95 Kilo und schaffst es endlich.</span></p> <p><span>– Comme vous dites: j’y arrive! Le but, c’était d’y arriver. […] Cependant, mon but n’a jamais été de devenir un champion, encore moins le champions de champions. Ai-je tort?<br></br></span><span>– Wie Sie sagen: Ich schaffe es! Das Ziel war, hierher zu gelangen. […] Mein Ziel war jedoch nie, ein Champion zu werden, geschweige denn der Champion der Champions. Habe ich unrecht?</span></p> <p><span>– Tu seul le sais.<br></br></span><span>– Das weißt nur du.</span></p> <p><span>– Vous avez répété que vous voyiez un gros en moi, pas un champion.<br></br></span><span>– Sie haben wiederholt, dass Sie in mir einen Dicken sehen, keinen Champion.</span></p> <p><span>– Tu m’as entendu.<br></br></span><span>– Du hast mich verstanden.</span></p> <p><span>– Le gros en moi, ça y est, je le vois: le gros, ce n’est pas le vainqueur des autres, mais le vainqueur de moi; le gros, c’est le meilleur de moi qui marche devant moi, qui me guide, m’inspire. Ça y est, je vois le gros en moi. Maintenant, je vais maigrir et entreprendre des études pour devenir médecin.<br></br></span><span>– Der Dicke in mir, das ist es, ich sehe ihn: Der Dicke ist nicht derjenige, der andere besiegt, sondern derjenige, der mich besiegt; der Dicke ist das Beste in mir, das vor mir geht, das mich führt, mich inspiriert. Das ist es, ich sehe den Dicken in mir. Jetzt werde ich abnehmen und ein Medizinstudium beginnen. </span><span>[…]</span></p> <p><span>– Bien vu. La vie n’est ni un jeu ni un match, sinon il y aurait des gagnants.”<br></br></span><span>– Gut erkannt. Das Leben ist weder ein Spiel noch ein Wettkampf, sonst gäbe es Gewinner.</span><em> [Eigene Übersetzung]</em><span>.</span></p> </blockquote> <figure aria-describedby="caption-attachment-4569" id="attachment_4569"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4569"><em>Der Weg als Ziel – Grand Balcon Nord, Chamonix-Mont-Blanc, Oktober 2025 [Foto <span>Credit Dr. Karin Schumacher]</span></em></figcaption></figure> <p>In einer Gesellschaft, die oft zwischen Extremen schwankt – zwischen Disziplin und Genuss, Kontrolle und Exzess, Selbstoptimierung und Selbstaufgabe – ist die Suche nach dem richtigen Maß eine radikale und heilsame Entscheidung.</p> <p>Sie verlangt <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/pseudo-moralismus-vs-phaenomen-dr-jordan-peterson/" rel="noopener" target="_blank">Mut</a> und Selbsterkenntnis (altgriechisch Γνῶθι σεαυτόν, <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/arbeitszeiten-machen-klinik-rzte-krank/" rel="noopener" target="_blank">gnôthi seautón</a>) – das wussten schon die alten Griechen:</p> <ul> <li>Mut zur Ehrlichkeit gegenüber sich selbst.</li> <li>Mut zur Verbindung und zur Empathie mit anderen.</li> <li>Und Mut zum Fokus auf das wirklich Wichtige in einer Welt, die uns ständig zur Maßlosigkeit und <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-bullshit-krieg/" rel="noopener" target="_blank">Ablenkungen</a> verführt.</li> </ul> <p>Das hat auch gesellschaftliche Dimensionen. Denn wie wir mit uns selbst umgehen, so gehen wir oft auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/die-wahrheit-ist-das-erste-opfer/" rel="noopener" target="_blank">mit anderen</a> um – und mit dem <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/alpen-klimawandel-katastrophen-und-die-konsequenzen/" rel="noopener" target="_blank">Planeten</a>, den wir bewohnen. Selbstfürsorge und <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/vier-kleine-freuden-pro-tag-und-eine-spritze-zufall/" rel="noopener" target="_blank">Achtsamkeit</a> sind kein egoistischer Luxus, sondern wichtige <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/forschung-zu-naturrisiken-in-der-schweiz-was-koennen-wir-daraus-lernen/" rel="noopener" target="_blank">Grundlagen</a> für Nachhaltigkeit.<br></br>Und genau deshalb ist Selbstakzeptanz auch keine Schwäche, sondern eine Stärke. Als Ausgangspunkt für Veränderung. Für Heilung. Für <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/empathie-und-andere-geschenke-der-unvollkommenheit/" rel="noopener" target="_blank">Mitgefühl</a> und Achtsamkeit – mit sich selbst und mit anderen.</p> <h2>Persönlicher Nachklang</h2> <p>Meine persönliche Verbindung zum Thema ist eng: Mein Vater litt viele Jahre an einer schweren Essstörung mit Untergewicht. Erst nach seinem Tod verstand ich besser, wie komplex, tief verborge, generationsübergreifend (<a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/vier-kleine-freuden-pro-tag-und-eine-spritze-zufall/" rel="noopener" target="_blank">psychogenealogisch</a>) und somit schwer heilbar innere Konflikte sein können.</p> <p>Die Herausforderungen, die Jun erlebt, sind keine abstrakten Probleme, sondern real – und tief menschlich, auch wenn die Geschichte nach etwa 100 Seiten in einem Happy End endet. Im echten Leben läuft es nicht immer so optimal, aber gerade dafür ist es ja eine Geschichte, die uns inspirieren soll. Denn über dem Nebelmeer – und das sollten wir nie vergessen – ist immer ein Himmel.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4570" id="attachment_4570"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-scaled.jpg"><img alt="Das Mer de Glace, das „Eismeer“, ist der größte Gletscher Frankreichs und der viertgrößte der Alpen. Seit 150 Jahren zieht sich das Eis zurück - in den letzten Jahren schmilzt es wie ein Eis am Stil in der Sonne.&#xA;1779 stand Goethe auf dem Mer de Glace am Montenvers und notierte: „Was für eine Hingabe an dieses Schauspiel aus Eis!“ Was würde er heute wohl notieren?" decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4570"><em>Das Mer de Glace im Oktober 2025. Das “Eismeer” ist der größte Gletscher Frankreichs und der viertgrößte der Alpen. Seit 150 Jahren zieht sich das Eis zurück – in den letzten Jahren schmilzt es wie ein Eis am Stil in der Sonne.</em><br></br><em>1779 stand Goethe auf dem Mer de Glace am Montenvers und notierte: “Was für eine Hingabe an dieses Schauspiel aus Eis!” Was würde er heute wohl notieren? [Foto Credit: <span>Dr. Karin Schumacher]</span></em></figcaption></figure><h3>Titelfoto: </h3> <p>Über dem Nebelmeer: Blick vom Grand Balcon Nord auf die Aiguilles de Chamonix, Chamonix-Mont-Blanc, Oktober 2025 [Foto Credit Dr. Karin Schumacher].</p> <ul> <li>Schmitt, É. E. (2009). Le sumo qui ne pouvait pas grossir. Éditions Albin Michel.</li> <li>Schmitt, É. E. (2009). Der Sumo-Ringer, der nicht dick werden konnte (K. Laabs, Übers.). Ammann.</li> <li>Schmitt, É. E. Offizielle Website. Abgerufen am 28.10.2025, von <a href="https://www.eric-emmanuel-schmitt.com/literature.cfm?nomenclatureId=1772&amp;catalogid=853&amp;lang=DE" rel="noopener" target="_blank">https://www.eric-emmanuel-schmitt.com/literature.cfm?nomenclatureId=1772&amp;catalogid=853&amp;lang=DE</a></li> <li>Luxemburg, R. (1917, 2. August). Brief aus Breslau an Sonja Liebknecht. Abgerufen am 28.10.2025, von<a href="https://www.tha.de/~harsch/germanica/Chronologie/20Jh/Luxemburg/lux_br21.html" rel="noopener" target="_blank"> https://www.tha.de/~harsch/germanica/Chronologie/20Jh/Luxemburg/lux_br21.html</a></li> <li>World Health Organization (WHO). (2025, 8. Mai). Obesity and Overweight – Key Facts. Abgerufen am 28.10.2025, von <a href="https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/obesity-and-overweight" rel="noopener" target="_blank">https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/obesity-and-overweight</a></li> <li>National Institute of Mental Health (NIMH). (2024). Eating Disorders (revised). Abgerufen am 28.10.2025, von <a href="https://www.nimh.nih.gov/health/publications/eating-disorders" rel="noopener" target="_blank">https://www.nimh.nih.gov/health/publications/eating-disorders</a></li> <li>Dill, B., &amp; Holton, R. (2014). The addict in us all. Frontiers in Psychiatry, 5, 139. <a href="https://doi.org/10.3389/fpsyt.2014.00139" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.3389/fpsyt.2014.00139</a></li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Jenseits der Wolken lauern Selbstakzeptanz - und manchmal ein dünner Sumo » Medicine & More » SciLogs</h1><h2>By Karin Schumacher</h2><div itemprop="text"> <p><strong><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/dc1266b5f8e347d8b5b7976fb0fb99be" width="1"></img>Über dem Nebelmeer liegt nicht nur der blaue Himmel, sondern auch ein klarerer Blick auf uns selbst und auf die Welt, in der wir leben. Inspiriert von Éric-Emmanuel Schmitts Parabel “<em>Der Sumo-Ringer, der nicht dick werden konnte</em>“, lädt dieser Text dazu ein, die Kunst der Selbstakzeptanz und eines bewussten Lebens zu entdecken.</strong><span id="more-4559"></span></p> <p>Neulich stand ich endlich mal wieder über dem Nebelmeer. Nicht ganz wie Caspar David Friedrichs berühmter Wanderer, sondern etwas höher, in den Alpen. Dabei kam mir ein Zitat aus einem kleinen Buch des französischen Philosophen und Bestseller-Autors Éric-Emmanuel Schmitt wieder in den Sinn, das mich vor einigen Jahren fasziniert hat:</p> <blockquote> <p>“À l’envers des nuages, il y a toujours un ciel.”</p> <p>“Auf der anderen Seite der Wolken, ist immer ein Himmel.”</p> </blockquote> <p>So versucht der alte Sumo-Meister Shomintsu in Éric-Emmanuel Schmitts Parabelroman “<em>Der Sumo-Ringer, der nicht dick werden konnte</em>” (französisch “<em>Le sumo qui ne pouvait pas grossir</em>“) einem Straßenjungen aus Tokio eine Zen-Weisheit näherzubringen.<aside></aside></p> <p>Doch warum soll gerade der 15-jährige, schlanke Jun, voller Wut und Gleichgültigkeit, zu einem Dicken werden? Gibt es davon in der sogenannten zivilisierten Welt nicht längst schon mehr als genug?</p> <p>In den industrialisierten Gesellschaften wachsen die gravierenden Folgen des Überflusses: Stress, Sinnleere, Bewegungsmangel und fehlende echte Verbindungen – all das wird für viele Menschen zur toxischen Falle.</p> <p>Übermäßiges Essen dient oft der Selbstberuhigung oder als Belohnung. Auch andere Verhaltenssüchte – Alkohol, Nikotin, exzessiver Sport, Arbeit, Shopping oder stundenlanger Internetkonsum – erfüllen ähnliche Funktionen. Was auf den ersten Blick wie Genuss aussieht, ist häufig der Versuch, Schmerz zu regulieren, Einsamkeit oder Selbstzweifel zu überdecken oder ungelöste Konflikte zu verdrängen.<br></br>Jun steht am anderen Ende dieses Spektrums: Er ist mager – fast durchsichtig. Auch Untergewicht kann Ausdruck seelischer Not sein.</p> <h2>Sinnlosigkeit</h2> <p>Im Sinne von <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/gesundheit-und-heilung-durch-sinn-ja-zu-viktor-frankl-sagen/" rel="noopener" target="_blank">Viktor Frankl</a> oder Erich Fromm verkörpert Jun eine Form der Selbstentfremdung. Sein Leben ist sinn- und beziehungslos, sein Körper wird zum Symbol dieser inneren Leere – fast unsichtbar.</p> <h2>Vermeidung</h2> <p>Jun zeigt Züge einer vermeidenden Persönlichkeit. Er zieht sich zurück, meidet emotionale Nähe, weil er Angst vor Zurückweisung und Schmerz hat. Untergewicht und Gleichgültigkeit werden zu Formen des Selbstschutzes. Während Übergewicht wie ein Schutzpanzer wirken kann, schützt Untergewicht vor dem Leben selbst.</p> <h2>Selbstverleugnung</h2> <p>Man könnte auch sagen, Jun leidet an einer narzisstischen Leere, nicht an einer narzisstischen Überhöhung. Das ist ein feiner, aber wesentlicher Unterschied: Auch mangelnde Selbstachtung ist ein narzisstisches Thema – nur am anderen Pol. Jun verhält sich nicht selbstbezogen, sondern selbstentwertend; statt Selbstliebe dominiert Selbstverneinung.</p> <h2>Beginn der Individuation</h2> <p>Wäre Jun dem Schweizer Psychoanalytiker C. G. Jung begegnet, hätte dieser ihn wohl am Beginn einer Individuation gesehen: Jun muss erst lernen, sich selbst zu akzeptieren und in Beziehung zur Welt zu treten. Seine Selbstvergessenheit ist der Ausgangspunkt, aus dem echte Selbstliebe erwachsen kann.</p> <p>Starkes Untergewicht ist medizinisch oft gefährlicher als Übergewicht, wird gesellschaftlich jedoch häufig verharmlost oder gar bewundert. Herzprobleme, hormonelle Störungen, Infektanfälligkeit, Knochenschwund und psychische Erkrankungen sind typische Folgen. Unter den Essstörungen weist das extreme Untergewicht die höchste Sterblichkeitsrate auf.</p> <p>Schlankheit gilt noch immer als Ideal. Wer zu dick ist, wird stigmatisiert; wer zu dünn ist, oft entschuldigt (“isst halt wenig”) oder gar beneidet. Dass auch Untergewicht Ausdruck suchtähnlicher, lebensbedrohlicher Verhaltensmuster sein kann, wird selten offen thematisiert.</p> <p>Dabei geht es – auf beiden Seiten – um Beziehungen. Menschen mit Essstörungen oder anderen Süchten sind oft in ungesunde Bindungen verstrickt: zu <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/herz-kreislauf-erkrankungen-dicke-kinder-kranke-erwachsene/" rel="noopener" target="_blank">Essen</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/weltkrebstag-mit-alkohol-glas-f-r-glas-zum-tumor/" rel="noopener" target="_blank">Alkohol</a>, Nikotin, Arbeit, Sport, Internet, sozialen Medien (<a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/tiktokst-du-oder-lebst-du-noch/" rel="noopener" target="_blank">TikTok</a>, Instagram, Facebook und Co.) – oder zu <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-wesir-abdul-%d0%b2%d0%b8%d0%b7%d0%b8%d1%80%d1%8c-%d0%b0%d0%b1%d0%b4%d1%83%d0%bb-maerchen-von-leo-tolstoi/" rel="noopener" target="_blank">Menschen</a>, die ihnen nicht guttun.</p> <p>Was all diesen Phänomenen gemeinsam ist – von exzessivem Konsum über Körperideale bis hin zu pathologischen Selbstkontrollversuchen – ist das Verlorengehen des gesunden Maßes. Wir leben in einer Welt, in der das “Zuviel” gefeiert und das “Zuwenig” romantisiert wird, während das <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-lange-weg-zu-einem-wahren-gesundheitswesen/" rel="noopener" target="_blank">Maßvolle</a> kaum Beachtung findet. Doch genau hier liegt die Basis für körperliche und seelische Gesundheit – und für gesellschaftliche wie ökologische Nachhaltigkeit.</p> <p>Wohl kaum ein anderes Lebewesen kann so erfinderisch, aber auch so toxisch mit sich selbst umgehen wie der Mensch. Vielleicht noch der Oktopus, der eines der raffiniertesten Nervensysteme unter allen Lebewesen besitzt. Auch er kennt die Selbstzerstörung – nach der Fortpflanzung stirbt er, um Platz für die nächste Generation zu schaffen.</p> <p>Doch beim <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/was-verbindet-mensch-und-oktopus/" rel="noopener" target="_blank">Oktopus</a> ist dieses Sterben biologisch notwendig. Zum Glück sind wir Menschen keine Oktopusse, sondern empathische, soziale Wesen. Wir sind fähig zur Reflexion, zur Veränderung und zur Verbindung.</p> <p>Und genau hier liegt auch die Wendung in Schmitts Erzählung. Jun trifft jemanden, der an ihn glaubt. Der in ihm Potenzial sieht – und nicht nur Mangel.</p> <p><span>“Je vois un gros en toi.”</span></p> <p>“Ich sehe einen Dicken in dir,” sagt Shomintsu. Nicht aus Spott, sondern aus tiefem Mitgefühl.Es ist eine Einladung zur Fülle – im Sinne von Vollständigkeit: körperlich, geistig und spirituell.</p> <p>“Exaspérant!” – “Ärgerlich!” – beschwert sich der 15-Jährige anfangs über diese dreiste Behauptung seines ungewollten Mentors.</p> <p>Doch die Hartnäckigkeit des Sumotrainers setzt sich durch. Denn Shomintsu hat etwas, das Jun fehlt: innere Harmonie und Lebenserfahrung. Er ist mit sich und der Welt im Reinen. So kann er über seinen eigenen Horizont hinausblicken und das Potenzial des Jungen erkennen.</p> <p>“Ich sehe einen Dicken in dir,” sagt Shomintsu wieder und wieder – bis der Junge schließlich selbst daran glaubt. Der Himmel steht dabei nicht für eine abergläubische, von irgendjemandem manipulierte Chimäre, sondern für ein “Jenseits” des Sichtbaren und Vernünftigen. Es ist ein Raum, der von Menschen nicht vollständige kontrollierbar ist, in dem wir aber eine innere Verankerung finden können und vielleicht auch sollten.</p> <h2>Der Himmel über dem Nebel – Verantwortung für uns selbst und andere</h2> <p>Was Schmitt mit erzählerischer Leichtigkeit vermittelt, ist tief philosophisch: Der Weg zur Heilung beginnt dort, wo Kontrolle losgelassen werden kann und Vertrauen entsteht. Vertrauen in sich selbst, in andere, in das Leben. Selbstakzeptanz ist dabei kein Luxus, sondern Grundbedingung für jedes gesunde Wachstum.</p> <p>Selbstliebe ist keine egoistische oder narzisstische Haltung, denn bei diesen fehlt ja eigentlich sogar die Selbstliebe. Daher werden dann andere dafür “missbraucht”. Die Liebe und Fürsorge für sich selbst ist vielmehr eine notwendige Grundlage für gesunde Beziehungen zu anderen Menschen, für persönliches Wachstum und für die innere Heilung.</p> <p>Jun beginnt – nicht über Nacht, aber Schritt für Schritt – seinen Körper zu bewohnen. Er entwickelt Kraft, Form, Haltung. Er hat nun ein Ziel: Er wird ein “Dicker” werden, er wird sein Potential entfalten, er wird es schaffen. Der Junge fasst Vertrauen in den Weg, in sich selbst. Es ist ein Prozess der Selbstheilung, der durch Beziehung, Fokus und Konzentration auf das Ziel gelingt.</p> <h2>Auf der anderen Seite der Wolken beginnt die Akzeptanz</h2> <p>Was Shomintsu ihm schenkt, ist kein Ernährungsplan, kein sportlicher Drill, keine Ideologie – sondern: Akzeptanz. Er ist ein Mentor, der das Potential sieht und nicht nur die Defizite. Er schaut durch den Nebel aus Wut, Verweigerung und Schmerz hindurch – und erkennt den Himmel dahinter. Genau wie in jenem Satz, der sich ebenfalls durch das Buch zieht:</p> <blockquote> <p>“A l’envers des nuages, il y a toujours un ciel.”…<br></br>“Auf der anderen Seite der Wolken, ist immer ein Himmel.”…</p> </blockquote> <p>“Pardon?” erwidert Jun.<br></br>Shomintsu erklärt: “Dieser Zen-Satz bedeutet, dass man die positive Seite der Erscheinungen im Auge behalten und optimistisch bleiben muss. Das Wichtigste im Moment ist, dass du Fortschritte machst.”</p> <p>Der 1940 in der Region von Lyon geborene Éric-Emmanuel Schmitt ist Philosoph, aber kein Dogmatiker. Agnostiker, aber kein Zyniker. Er will uns weder spirituell noch esoterisch vertrösten. Vielmehr lädt er dazu ein, sich wieder an das zu erinnern, was längst in uns angelegt ist: Vertrauen, Mitgefühl, Verbundenheit – mit uns selbst und mit der Welt.</p> <p>Schmitt begann seinen “<em>Zyklus des Unsichtbaren</em>” (französisch: <em>cycle d’invisible</em>) über die Weltreligionen mit “<em>Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran</em>“, in dem es um den Sufismus geht und schloss ihn mit “<em>Vom Sumo, der nicht dick werden konnte</em>” über den Zen-Buddhismus ab. Dazwischen lagen Werke über das Christentum (“<em>Oskar und die Dame in Rosa</em>“), das Judentum (“<em>Das Kind von Noah</em>“) und den tibetischen Buddhismus (“<em>Milarepa</em>“).<br></br>Meister Shomintsu nimmt Jun und uns mit auf die Reise in die Welt des Zen-Buddhismus. Der Weise hilft dem Jungen, seinen eigenen Weg zu finden, der gut für ihn und seine Umwelt ist.</p> <h2>Der Himmel – viel mehr als ein Symbol</h2> <p>Der Himmel steht für die Möglichkeiten, für die Weite, für Perspektiven, aber auch für ständige Veränderung. Für das, was wir nicht kontrollieren können – und vielleicht erst erahnen können, wenn wir loslassen. Für jenes “Jenseits des Sichtbaren und Vernünftigen”, das Schmitt in einem Interview so beschreibt: Ein Ort innerer Verankerung, ein Vertrauen in das Leben jenseits des rein Machbaren. Und auch: Der Weg ist das Ziel, nicht das Ziel des Weges.</p> <p>Auch Rosa Luxemburg schrieb 1917 aus dem Breslauer Gefängnis an ihre beste Freundin Sonja Liebknecht über den Himmel – und damit meinte sie keinen Traum von einem jenseitigen Paradies:</p> <blockquote> <p>“Jetzt eben – ich habe eine kleine Pause gemacht, um den Himmel zu beobachten […]<br></br>Es liegt so viel Unbekümmertheit und kühles Lächeln in diesem Wolkenflug, dass ich mitlächeln muss […].<br></br>Wie könnte man bei solchem Himmel ‚bös‘ oder kleinlich sein? Vergessen Sie bloß nie, um sich zu blicken, dann werden Sie immer wieder »gut« sein.”</p> </blockquote> <p>Und Jun, der junge Sumo? Mit 18 Jahren ist er mental und körperlich bereit, in den <em>Dojo</em> zu steigen. Er nimmt sich vor, zwei Wochen lang, mit einem Kampf pro Tag, seinem Mentor zu beweisen, dass dieser seine Zeit nicht mit ihm verschwendet hat. Am Ende der zwei Wochen geht er zu seinem Mentor.</p> <blockquote> <p>“- Je m’arrête, maître Shomintsu. Je ne remonterai plus sur le doyo.<br></br>– Ich höre auf, Meister Shomintsu. Ich werde nicht mehr in den Dojo steigen.</p> <p><span>– Pourquoi? Tu pèses quatre-vingt-quinze kilos et tu y arrives enfin.<br></br></span><span>– Warum? Du wiegst 95 Kilo und schaffst es endlich.</span></p> <p><span>– Comme vous dites: j’y arrive! Le but, c’était d’y arriver. […] Cependant, mon but n’a jamais été de devenir un champion, encore moins le champions de champions. Ai-je tort?<br></br></span><span>– Wie Sie sagen: Ich schaffe es! Das Ziel war, hierher zu gelangen. […] Mein Ziel war jedoch nie, ein Champion zu werden, geschweige denn der Champion der Champions. Habe ich unrecht?</span></p> <p><span>– Tu seul le sais.<br></br></span><span>– Das weißt nur du.</span></p> <p><span>– Vous avez répété que vous voyiez un gros en moi, pas un champion.<br></br></span><span>– Sie haben wiederholt, dass Sie in mir einen Dicken sehen, keinen Champion.</span></p> <p><span>– Tu m’as entendu.<br></br></span><span>– Du hast mich verstanden.</span></p> <p><span>– Le gros en moi, ça y est, je le vois: le gros, ce n’est pas le vainqueur des autres, mais le vainqueur de moi; le gros, c’est le meilleur de moi qui marche devant moi, qui me guide, m’inspire. Ça y est, je vois le gros en moi. Maintenant, je vais maigrir et entreprendre des études pour devenir médecin.<br></br></span><span>– Der Dicke in mir, das ist es, ich sehe ihn: Der Dicke ist nicht derjenige, der andere besiegt, sondern derjenige, der mich besiegt; der Dicke ist das Beste in mir, das vor mir geht, das mich führt, mich inspiriert. Das ist es, ich sehe den Dicken in mir. Jetzt werde ich abnehmen und ein Medizinstudium beginnen. </span><span>[…]</span></p> <p><span>– Bien vu. La vie n’est ni un jeu ni un match, sinon il y aurait des gagnants.”<br></br></span><span>– Gut erkannt. Das Leben ist weder ein Spiel noch ein Wettkampf, sonst gäbe es Gewinner.</span><em> [Eigene Übersetzung]</em><span>.</span></p> </blockquote> <figure aria-describedby="caption-attachment-4569" id="attachment_4569"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4569"><em>Der Weg als Ziel – Grand Balcon Nord, Chamonix-Mont-Blanc, Oktober 2025 [Foto <span>Credit Dr. Karin Schumacher]</span></em></figcaption></figure> <p>In einer Gesellschaft, die oft zwischen Extremen schwankt – zwischen Disziplin und Genuss, Kontrolle und Exzess, Selbstoptimierung und Selbstaufgabe – ist die Suche nach dem richtigen Maß eine radikale und heilsame Entscheidung.</p> <p>Sie verlangt <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/pseudo-moralismus-vs-phaenomen-dr-jordan-peterson/" rel="noopener" target="_blank">Mut</a> und Selbsterkenntnis (altgriechisch Γνῶθι σεαυτόν, <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/arbeitszeiten-machen-klinik-rzte-krank/" rel="noopener" target="_blank">gnôthi seautón</a>) – das wussten schon die alten Griechen:</p> <ul> <li>Mut zur Ehrlichkeit gegenüber sich selbst.</li> <li>Mut zur Verbindung und zur Empathie mit anderen.</li> <li>Und Mut zum Fokus auf das wirklich Wichtige in einer Welt, die uns ständig zur Maßlosigkeit und <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-bullshit-krieg/" rel="noopener" target="_blank">Ablenkungen</a> verführt.</li> </ul> <p>Das hat auch gesellschaftliche Dimensionen. Denn wie wir mit uns selbst umgehen, so gehen wir oft auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/die-wahrheit-ist-das-erste-opfer/" rel="noopener" target="_blank">mit anderen</a> um – und mit dem <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/alpen-klimawandel-katastrophen-und-die-konsequenzen/" rel="noopener" target="_blank">Planeten</a>, den wir bewohnen. Selbstfürsorge und <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/vier-kleine-freuden-pro-tag-und-eine-spritze-zufall/" rel="noopener" target="_blank">Achtsamkeit</a> sind kein egoistischer Luxus, sondern wichtige <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/forschung-zu-naturrisiken-in-der-schweiz-was-koennen-wir-daraus-lernen/" rel="noopener" target="_blank">Grundlagen</a> für Nachhaltigkeit.<br></br>Und genau deshalb ist Selbstakzeptanz auch keine Schwäche, sondern eine Stärke. Als Ausgangspunkt für Veränderung. Für Heilung. Für <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/empathie-und-andere-geschenke-der-unvollkommenheit/" rel="noopener" target="_blank">Mitgefühl</a> und Achtsamkeit – mit sich selbst und mit anderen.</p> <h2>Persönlicher Nachklang</h2> <p>Meine persönliche Verbindung zum Thema ist eng: Mein Vater litt viele Jahre an einer schweren Essstörung mit Untergewicht. Erst nach seinem Tod verstand ich besser, wie komplex, tief verborge, generationsübergreifend (<a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/vier-kleine-freuden-pro-tag-und-eine-spritze-zufall/" rel="noopener" target="_blank">psychogenealogisch</a>) und somit schwer heilbar innere Konflikte sein können.</p> <p>Die Herausforderungen, die Jun erlebt, sind keine abstrakten Probleme, sondern real – und tief menschlich, auch wenn die Geschichte nach etwa 100 Seiten in einem Happy End endet. Im echten Leben läuft es nicht immer so optimal, aber gerade dafür ist es ja eine Geschichte, die uns inspirieren soll. Denn über dem Nebelmeer – und das sollten wir nie vergessen – ist immer ein Himmel.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4570" id="attachment_4570"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-scaled.jpg"><img alt="Das Mer de Glace, das „Eismeer“, ist der größte Gletscher Frankreichs und der viertgrößte der Alpen. Seit 150 Jahren zieht sich das Eis zurück - in den letzten Jahren schmilzt es wie ein Eis am Stil in der Sonne.&#xA;1779 stand Goethe auf dem Mer de Glace am Montenvers und notierte: „Was für eine Hingabe an dieses Schauspiel aus Eis!“ Was würde er heute wohl notieren?" decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4570"><em>Das Mer de Glace im Oktober 2025. Das “Eismeer” ist der größte Gletscher Frankreichs und der viertgrößte der Alpen. Seit 150 Jahren zieht sich das Eis zurück – in den letzten Jahren schmilzt es wie ein Eis am Stil in der Sonne.</em><br></br><em>1779 stand Goethe auf dem Mer de Glace am Montenvers und notierte: “Was für eine Hingabe an dieses Schauspiel aus Eis!” Was würde er heute wohl notieren? [Foto Credit: <span>Dr. Karin Schumacher]</span></em></figcaption></figure><h3>Titelfoto: </h3> <p>Über dem Nebelmeer: Blick vom Grand Balcon Nord auf die Aiguilles de Chamonix, Chamonix-Mont-Blanc, Oktober 2025 [Foto Credit Dr. Karin Schumacher].</p> <ul> <li>Schmitt, É. E. (2009). Le sumo qui ne pouvait pas grossir. Éditions Albin Michel.</li> <li>Schmitt, É. E. (2009). Der Sumo-Ringer, der nicht dick werden konnte (K. Laabs, Übers.). Ammann.</li> <li>Schmitt, É. E. Offizielle Website. Abgerufen am 28.10.2025, von <a href="https://www.eric-emmanuel-schmitt.com/literature.cfm?nomenclatureId=1772&amp;catalogid=853&amp;lang=DE" rel="noopener" target="_blank">https://www.eric-emmanuel-schmitt.com/literature.cfm?nomenclatureId=1772&amp;catalogid=853&amp;lang=DE</a></li> <li>Luxemburg, R. (1917, 2. August). Brief aus Breslau an Sonja Liebknecht. Abgerufen am 28.10.2025, von<a href="https://www.tha.de/~harsch/germanica/Chronologie/20Jh/Luxemburg/lux_br21.html" rel="noopener" target="_blank"> https://www.tha.de/~harsch/germanica/Chronologie/20Jh/Luxemburg/lux_br21.html</a></li> <li>World Health Organization (WHO). (2025, 8. Mai). Obesity and Overweight – Key Facts. Abgerufen am 28.10.2025, von <a href="https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/obesity-and-overweight" rel="noopener" target="_blank">https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/obesity-and-overweight</a></li> <li>National Institute of Mental Health (NIMH). (2024). Eating Disorders (revised). Abgerufen am 28.10.2025, von <a href="https://www.nimh.nih.gov/health/publications/eating-disorders" rel="noopener" target="_blank">https://www.nimh.nih.gov/health/publications/eating-disorders</a></li> <li>Dill, B., &amp; Holton, R. (2014). The addict in us all. Frontiers in Psychiatry, 5, 139. <a href="https://doi.org/10.3389/fpsyt.2014.00139" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.3389/fpsyt.2014.00139</a></li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/jenseits-der-wolken-lauern-selbstakzeptanz-und-manchmal-ein-duenner-sumo/#comments 11 Heroin auf Empfehlung vom AI-Chatbot? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/heroin-auf-empfehlung-vom-ai-chatbot/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/heroin-auf-empfehlung-vom-ai-chatbot/#comments Tue, 28 Oct 2025 12:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3453 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-768x576.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/heroin-auf-empfehlung-vom-ai-chatbot/</link> </image> <description type="html"><h1>Heroin auf Empfehlung vom AI-Chatbot? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Der medienwirksame Patzer der künstlichen Intelligenz von Reddit aus pharmakologischer und drogenpolitischer Sicht</strong></p> <span id="more-3453"></span> <p>Über den Sinn und Unsinn von künstlicher Intelligenz erscheinen zurzeit fast täglich Nachrichten. Dass man nicht alles, was einem ein Chatbot als Antwort gibt, für bare Münze nehmen sollte, hat sich hoffentlich inzwischen herumgesprochen. Das gilt insbesondere auch für medizinische Themen, wo es um Leben und Tod gehen kann.</p> <p>Englischsprachige Medien, zum Beispiel die Newsseite des <em>PC Magazine</em> vom 17. Oktober 2025, berichteten nun von einem Fauxpas des Chatbots der beliebten Diskussionsplattform Reddit. Dieser wird mit Antworten der eigenen Nutzerinnen und Nutzer trainiert. Und laut den Berichten empfahl der Reddit-Bot nun <a href="https://www.pcmag.com/news/cant-trust-chatbots-yet-reddits-ai-was-caught-suggesting-heroin-for-pain">Heroin zur Schmerzbehandlung</a>. Dabei verwies er auf den Kommentar eines Nutzers, der behauptete, die Droge <a href="https://imgur.com/a/Ld5RYSO">habe ihm das Leben gerettet</a>.</p> <h2 id="h-was-ist-eigentlich-heroin">Was ist eigentlich Heroin?</h2> <p>Wahrscheinlich wissen die meisten Leserinnen und Leser nicht genau, was Heroin eigentlich ist. Sie glauben nur so viel: Es ist eine ganz schlimme Droge, von der man ganz schnell abhängig wird und die bei Überdosierung zum Tod führen kann.</p> <p>Fangen wir am Anfang an: “Heroin” ist kein pharmazeutischer Name. Ursprünglich – das ist 1898 – war er ein von der heute noch in der chemischen Industrie tätigen Bayer AG eingetragener Markenname. Zum ersten mal produziert wurde die Substanz übrigens im Bayer-Stammwerk in Wuppertal-Elberfeld.<aside></aside></p> <p>Im 19. Jahrhundert interessierten sich Chemiker für das seit Jahrtausenden medizinisch und in manchen Kulturen auch als Genussmittel verbreitete Opium. Der Milchsaft, die wörtliche Bedeutung des altgriechischen Worts “opium”, der botanisch <em>Papaver somniferum</em> (Schlafmohn) genannten Pflanze produziert unter geeigneten klimatischen Bedingungen eine hohe Konzentration psychoaktiver Stoffe.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920.jpg 1920w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Der Schlafmohn: Grundstock aller Opiate. Foto von Sabine Löwer, Pixabay-Lizenz.</em></p> <p>Nachweislich über Jahrhunderte, wahrscheinlich aber viel länger, rätselte die Ärzteschaft, woher die medizinisch nützlichen Eigenschaften des Opiums rührten: Es konnte beruhigen, beim Einschlafen helfen, unterdrückte den Hustenreiz, half bei Durchfall, linderte Schmerzen und wahrscheinlich noch sehr viel mehr. Erstaunlicherweise konnte es aber auch berauschen und wurde darum auch für Kämpfe eingesetzt. Entsprechend der alten Säftelehre oder Naturphilosophie vermutete man, dass es mal besondere “kalte”, mal “warme” Eigenschaften des Opiums seien, die diese Effekte hervorrufen.</p> <p>Erst die moderne Naturwissenschaft lüftete das Rätsel: Ebenso wie das Cannabisharz enthält auch die Opiummilch eine Vielzahl auf das menschliche Nervensystem wirkende Substanzen. Über diesen Gleichklang von menschlichem Gehirn und Erdenpflanzen nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip kann man staunen. Man nannte im 20. Jahrhundert die neuronalen Rezeptoren – Endocannabinoid- oder Opioid-Rezeptoren – nach den Pflanzen, nicht umgekehrt.</p> <p>Doch zunächst isolierte man im 19. Jahrhundert aus der Vielzahl der Opium-Stoffe das nach dem griechischen Gott des Schlafs benannte Morphin oder Morphium als denjenigen mit dem stärksten schmerzlindernden Effekt.</p> <h2 id="h-schmerzstillung">Schmerzstillung</h2> <p>Als man dann auch noch die Spritze entwickelte und die Substanzen nicht mehr indirekt über den Speise- und Verdauungsapparat verabreichen musste, stand der Menschheit ein sehr viel stärkeres Betäubungsmittel zur Verfügung denn je zuvor.</p> <p>Nebenbei: Auch Kokain wurde damals <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zweite-opiumkonferenz-100-jahre-boeses-cannabis/">als praktisches Anästhetikum erkannt</a>. Während der Kokainliebhaber Sigmund Freud (1856-1939) damit allerdings eine Patientin fast umbrachte und mit dem gescheiterten Versuch, die Opiumabhängigkeit mit dem anderen Rauschmittel zu behandeln, sein öffentliches Ansehen ruinierte, erntete ein anderer Wiener Arzt die Lorbeeren der betäubenden Eigenschaften. Es war Freuds Kollege Carl Koller (1857-1944), der mit Kokain den Augenmuskel vorübergehend anästhesieren und damit chirurgischen Eingriffen an diesem sensiblen Organ einen Teil ihres Schreckens nehmen konnte.</p> <p>Bleiben wir aber beim Opium und seinen Abkömmlingen. Morphium verbesserte also die Schmerztherapie enorm. Es war schnell nicht mehr aus der Feldapotheke der Militärärzte wegzudenken. Betäubt vom Saft des Schlafgotts fühlte manch ein versehrter Soldat nicht einmal mehr die Amputation eines Gliedes. Der körperliche wie psychische Schmerz würde erst später auftreten.</p> <p>Man hätte auch auf das Kriegführen verzichten können. Doch wir sind ja Menschen.</p> <p>Übrigens gönnte sich so mancher Arzt hin und wieder einen Schuss Morphium als Aufputschmittel. Hierin äußert sich schon die Janusköpfigkeit so gut wie aller Medikamente beziehungsweise Drogen: Die starken Schmerzmittel konnten oft helfen, manchmal vielleicht sogar heilen, mitunter aber auch als Rauschmittel missbraucht werden.</p> <p>Unter den Eindrücken des Ersten Weltkriegs promovierte 1919 der in Frankfurt am Main geborene, 1938 wegen seiner jüdischen Herkunft in die USA geflohene Arzt und Philosoph Erwin W. Straus (1891-1975) “Zur Pathogenese des chronischen Morphinismus” – gerade einmal 16 Seiten reichten für ihn zum Doktor der Medizin. In einzelnen Fallgeschichten beschrieb er, wie Menschen morphiumabhängig wurden. In der Regel hatten sie schwere Schicksale erlebt, worauf wir später noch einmal zurückkommen.</p> <h2 id="h-veredelung">Veredelung</h2> <p>Wozu aber dieser Umweg über Opium und Morphium, wo es doch um Heroin gehen soll? Nun ja, weil Heroin nichts anderes ist als – <em>veredeltes</em> Morphium. Der deutsche Chemiker und Bayer-Angestellte Felix Hoffmann (1868-1946) erzeugte es, indem er Morphium mit Essigsäureanhydrid reagieren ließ. Ihm hat der Konzern übrigens auch das Aspirin zu verdanken.</p> <p>Chemisch heißt das Ergebnis der Reaktion eigentlich Diamorphin. Marketing-Leute von Bayer hielten dann aber “Heroin” für einen besseren Handelsnamen. Und weil die deutsche chemisch-pharmazeutische Industrie damals Weltmarktführer war, verbreitete der Name sich auf dem Globus.</p> <p>Opium, Morphium oder gar Heroin waren damals in vielen gängigen Erkältungs- und Grippemitteln enthaltene Wirkstoffe. Wer sich sozusagen schon die halbe Lunge herausgehustet hat, dürfte sich über die Stillung des Hustenreizes freuen. Die Aufhellung des Gemüts, die man den Drogenabhängigen als “Euphorie” vorwirft, nimmt man gerne als Begleiterscheinung in Kauf.</p> <p>Wer sich jetzt empört, dass diese Mittel, allgemein “Opiate” genannt, damals sogar zur Anwendung bei Kindern beworben und frei verfügbar waren, sollte einen Moment innehalten: Denn noch heute gibt es in der Apotheke Grippemittel mit einem anderen Opiat, nämlich Codein. Auch dieses ist in der natürlichen Opiummilch enthalten.</p> <p>Hin und wieder hört man davon, dass hohe Mengen dieses Hustensafts in der Hip Hop-Szene beliebt sind, mit dem Szenenamen “Lean”. Dem einen oder anderen wurde das zum Verhängnis. Bei Überdosierung kann aus der Unterdrückung des Hustenreizes nämlich die lebensgefährliche Betäubung der Atemmuskulatur werden. Außerdem wird dem Hustensaft neben dem Opiat oft auch Paracetamol hinzugefügt, das in hohen Mengen die Leber schädigt. Als Heroinersatz sollte man ihn daher nicht verwenden.</p> <p>Trotzdem ist Diamorphin alias Heroin eigentlich das medizinisch bessere Produkt. Denn aufgrund der chemischen Veredlung passiert es die Blut-Gehirn-Schranke schneller. Wenn man es richtig anwendet, kann man damit also gezielter behandeln als mit Morphium.</p> <h2 id="h-medizin-droge-oder-gift">Medizin, Droge oder Gift?</h2> <p>Im Wort “pharmakon” der alten Griechen steckt mehr Weisheit, als man heute in gesundheits- und drogenpolitischen Diskussionen findet: Es bedeutete nämlich <em>sowohl</em> Arzneimittel <em>als auch</em> Gift. Im Englischen ist man sprachlich noch näher an dieser Realität dran, weil “drugs” Arzneimittel und verbotene Drogen sein können.</p> <p>“Droge”, wahrscheinlich von niederländisch “droog” für trocken, was sich auf getrocknete Kolonialwaren bezog, die man in der Drogerie kaufte, ist heute vor allem ein politischer Begriff: Er bezeichnet meist diejenigen Mittel, die eifrige Politiker auf die Verbotsliste setzen. Und, ja, darauf findet sich natürlich auch Heroin.</p> <p>Die Verbote der Opiate wurden vor ziemlich genau 100 Jahren <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zweite-opiumkonferenz-100-jahre-boeses-cannabis/">auf den Opiumkonferenzen mit internationaler Verbindlichkeit durchgedrückt</a>. Dem ging vor allem in den USA die Dämonisierung der teils seit Jahrtausenden bewährten Arzneimittel und Handelsgüter durch puritanische Extremisten voraus: Was früher (und teils noch heute) als unerlässliche Medizin galt, sollte auf einmal die Geißel der Gesellschaft sein.</p> <p>Die Frage, ob Diamorphin nun Medizin oder Rauschgift ist, hängt daher vom Standpunkt ab. Bis heute gibt es Ärzte, die es bei Lungenerkrankungen einsetzen wollen. Politisch haben sie einen schweren Stand, weil viele die H-Substanz für die absolute Horrordroge halten.</p> <p>Doch warum haben dann viele von uns, mich eingeschlossen, schon stärkere Opiate wie Oxycodon vom Arzt bekommen? Mir wurde es sogar ohne Vorwarnung bei einer Operation verabreicht – und ich wachte in einem starken, euphorischen Rausch auf. Wenn Heroin der Horror ist, dann müsste man Oxycodon eigentlich als Über-Horror ansehen.</p> <p>Diese Doppelmoral findet man auch im deutschen Betäubungsmittelgesetz wieder: Will man die Substanz verbieten, dann setzt man sie als “Heroin” auf Anlage I der “nicht verkehrsfähigen” Mittel; will man die medizinische Abgabe zur Substitutionstherapie nach § 13 BtMG regulieren, dann spricht man ausschließlich vom “Diamorphin”. Dabei ist die Substanz immer dieselbe.</p> <h2 id="h-rassismus-und-kolonialismus">Rassismus und Kolonialismus</h2> <p>Praktischerweise hatten und haben in den USA vor allem Randgruppen einen problematischen Konsum, also meist Einwanderer und Schwarze. Das verdeutlicht die kolonialistische <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/mit-drogenpolitik-wird-sozial-und-migrationspolitik-gemacht/">und sozialpolitische Dimension der Drogenpolitik</a>. Der Neuropsychopharmakologe Carl L. Hart, nach eigenem Bekunden der erste schwarze Professor in dieser Funktion an der angesehenen Columbia University in New York, hat dafür in seinem Buch <em>Drug Use for Grown-Ups</em> viele Beispiele gesammelt.</p> <p>Demnach ist nicht nur angeblicher Cannabisgeruch im Auto vor allem in konservativen US-Bundesstaaten eine häufige Begründung der Polizei, um Schwarze und migrantisch aussehende Bürger harten Maßnahmen zu unterziehen – immer wieder mit tödlichem Verlauf. Auch historisch sei man gegen den Substanzkonsum von Nicht-Weißen immer besonders hart vorgegangen. Als man schließlich die – übrigens bis heute bestehenden – Probleme der Verbote von Opiaten einsah, ließ man die Substitutionstherapie an speziellen Abgabestellen zu. Weil das Warten in der Schlange vor allem von Weißen als Demütigung erfahren wurde, so Hart, habe man dann doch die diskrete Abgabe beim Arzt erlaubt.</p> <p>Und während ich diese Zeilen schreibe, droht der US-Präsident Venezuela mit Kriegsschiffen und einem Flugzeugträger. Angeblich geht es darum, Drogenkuriere zu bekämpfen. Dabei waren es die US-eigenen Ärzte, Apotheker und Pharmafirmen, die überhaupt erst so viele Bürgerinnen und Bürger von den heutigen, so viel stärkeren Opium-artigen Mitteln – wörtlich: Opioiden – <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/opioide-wennnicht-drogen-sondern-medikamente-und-die-falsche-politik-toeten/">abhängig machten</a>.</p> <p>Sie haben den Menschen ein schmerzfreies Leben versprochen. Das war zwar eine Lüge, doch hervorragend fürs Geschäft. Manche nennen es “<a href="https://www.imdb.com/title/tt14055432/">Das Verbrechen des Jahrhunderts</a>“.</p> <p>Mit dem desolaten Resultat lassen sich heute nicht nur die sozial Schwachen polizeilich kontrollieren, sondern international machtpolitische Ziele rechtfertigen. Auch Erzfeind China warf man schon vor, die Heimat mit den Drogen zu überfluten. Der Weltmacht konnte man zur Strafe allerdings nicht militärisch, dafür aber mit Einfuhrzöllen und Sanktionen drohen.</p> <h2 id="h-doppelte-stigmatisierung">Doppelte Stigmatisierung</h2> <p>Im Vietnamkrieg (ca. 1955-1975) hielten sich viele US-Soldaten mit Heroin über Wasser. Nahe an der Quelle und aufgrund niedriger Preise und der hohen Qualität konnten sie es aber <em>rauchen</em>, was ungefährlicher ist als der direkte Weg über die Spritze. Interessanterweise hörten viele <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/warum-geht-es-in-der-drogenpolitik-selten-um-freiheit/">nach der Rückkehr in die Heimat wieder auf</a>. Den problematischen Konsum behielten vor allem diejenigen bei, die vorher schon psychosoziale Probleme hatten.</p> <p>Und so kommen wir zu meiner Hauptkritik an den Drogenverboten: Denn international replizierte Studien mit Hunderttausenden Personen zeigten immer wieder, dass Menschen mit traumatischen Erfahrungen ein viel größeres Risiko für den exzessiven Gebrauch von Rauschmitteln haben. Wenn diese darum polizeiliche Maßnahmen erfahren, erhalten sie nach ihrem psychosozialen Pech jetzt ein weiteres, diesmal institutionelles Unglück.</p> <p>Sie werden gewissermaßen für ihre alte Stigmatisierung erneut stigmatisiert. Wie kann das gerecht sein? Und selbst wenn die Drogen wirklich so gefährlich wären, wie es immer wieder heißt: Man ist in so gut wie allen Ländern aus Gründen der Menschenwürde auch davon abgerückt, Menschen für Suizidversuche zu bestrafen.</p> <h2 id="h-horror-heroin">Horror Heroin</h2> <p>Es sollte klar geworden sein, dass in der Öffentlichkeit ein verzerrtes Bild über Diamorphin alias Heroin verbreitet wurde. Das verdeutlicht auch die folgende Abbildung mit historischen beziehungsweise aktuellen Produkten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine.jpg"><img alt="" decoding="async" height="496" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-1024x496.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-1024x496.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-300x145.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-768x372.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-1536x744.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-2048x991.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Zwei Namen, eine Substanz: Links eine Werbung für Heroin von Bayer, wahrscheinlich um 1920, in New York. Vor den Dämonisierungskampagnen waren Opiate als Erkältungsmittel beliebt. Codein-Präparate gibt es noch heute. Rechts ein aktuelles pharmazeutisches Produkt aus dem Vereinigten Königreich. Lizenz: Pete Chapman, <u><a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/">CC BY-SA 3.0</a></u></em></p> <p>Aber ist Heroin nicht gefährlich? Ja, natürlich – wenn man es falsch konsumiert. Die Verabreichung sicherer Produkte ist eine Hauptaufgabe der Pharmafirmen und Apotheken. Umgekehrt können auch viele frei verkäufliche Substanzen bei falscher Verwendung zu schweren Gesundheitsschäden oder sogar dem Tod führen.</p> <p>Interessanterweise sind die oft mit Heroin verbundenen Gesundheitsprobleme – wie AIDS/HIV oder Hepatitis – gar keine Nebenwirkung der Substanz, sondern von verunreinigtem Besteck. Bei richtiger Anwendung der Opiate ist eine häufige Nebenwirkung: Verstopfung.</p> <p>Das Abhängigkeitsrisiko wächst mit der Dauer der Verwendung. Wer seine körperlichen oder psychischen Schmerzen anders nicht verträgt, muss mit der Zeit wahrscheinlich die Dosis erhöhen. Das körpereigene Opioid-System passt sich an die von außen zugeführten Mengen an. Wenn man dann aufhört, erlebt man wahrscheinlich noch viel stärkere Schmerzen als vorher. Die konnte man ja auch schon nicht ertragen. Willkommen im Teufelskreis der Sucht.</p> <p>Darum sollen die hier genannten Substanzen auch gar nicht verharmlost werden. Ich glaube allerdings, dass man das zunehmende Drogenproblem nicht ohne ehrliche Aufklärung wird lösen können. Dazu gehört auch, von der Ursache her psychische oder soziale Probleme nicht fälschlich als Drogenprobleme darzustellen, wie es in Politik und Medien leider tagtäglich passiert.</p> <h2 id="h-drogen-statt-soziales-problem">Drogen- statt soziales Problem</h2> <p>Die allgemeine Verelendung wird auch in vielen europäischen Städten zu einem immer größeren und sichtbareren Problem. Arme und Obdachlose sind die andere Seite der Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft. “Sollen sie sich doch eine Arbeit suchen – oder reiche Eltern zum Erben!”</p> <p>Das niederländische Rotterdam – um nur ein Beispiel zu nennen – ist eine der Städte mit besonders großen Problemen. Weil sich die “guten” Bürgerinnen und Bürgern dadurch zunehmend gestört fühlen, diskutiert man jetzt kreative Lösungen: So soll etwa die im Stadtzentrum gelegene Pauluskirche, in der viele Arme, Obdachlose und Drogenabhängige Hilfe suchen, in einen Außenbezirk umziehen. Aus den Augen, aus dem Sinn.</p> <p>Die <em>sozialen</em> Probleme löst man damit nicht. Da diese die andere Seite der Ungleichverteilung des Wohlstands sind, nimmt man sie vorzugsweise als <em>Drogen</em>problem wahr. Dann kann man den Substanzen die Schuld geben und das Problem in den Bereich von Polizei und Justiz verschieben; dann ist nicht mehr die Gesellschaft in der Verantwortung, sondern die Drogen und die angeblich willensschwachen Individuen.</p> <p>Ist es Zufall, dass im Altgriechischen der “pharmakos” der <em>Sündenbock</em> war? Auch in diesem Sinne passen die Substanzen 2000 Jahre später noch zur ursprünglichen Wortbedeutung.</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Wenn also ein Chatbot im Jahr 2025 Heroin als Schmerzmittel empfiehlt, dann ist das pharmakologisch konsistent. Die Entrüstung in den Medien sagt mehr über unsere drogenpolitische Indoktrination aus.</p> <p>Diese Indoktrination wird immer dogmatischer: Alkohol gilt jetzt als Gift, vom ersten Tropfen an. Der Diabetologe und Bestsellerautor Matthias Riedl nannte kürzlich sogar Zucker ein “dosisabhängiges Gift”. Ja, würde man den Zucker aus einem gängigen Schokoriegel direkt ins Blut spritzen, wäre das tödlich. Über den Verdauungsapparat können die meisten Menschen die Menge aber problemlos regulieren – jedoch nicht die Zuckerkranken.</p> <p>Die antike Idee von “pharmakon” – Arzneimittel <em>und</em> Gift – drückte es eigentlich perfekt aus. Dosis, Art und Zweck des Konsums entscheiden über Nutzen und Gefährlichkeit. Dabei sind die Substanzen ohne Qualitätskontrollen vom Schwarzmarkt am gefährlichsten.</p> <p>Opium, Codein, Morphium, Diamorphin/Heroin, Oxycodon, Fentanyl sind alles Opioide mit zunehmender Potenz. Keines ist moralisch schlechter als das andere, wenn man es denn richtig anwendet. Der Rest ist politisches “Framing”.</p> <p>Diesen Griff in die Trickkiste sehen wir auch beim Cannabis: Verschreiben Ärzte es selbst, dann betonen sie den medizinischen Nutzen; besorgen die Menschen es sich selbst, dann ruft man “Psychoserisiko!” und “Hirnschaden!”. Es scheint, als könnten die Moleküle die Gedanken der Menschen lesen.</p> <p>Das ist kein Plädoyer für eine radikale Freigabe aller psychoaktiven Substanzen. Aber es ist ein Fingerzeig darauf, dass man das Drogenproblem nicht lösen kann, ohne psychologische Traumatisierung und soziale Ausgrenzung aufzufangen.</p> <p>Die deutsche Drogenpolitik scheint diese historische Wahrheit immer noch zu ignorieren: Die ohnehin bescheidenen Fortschritte durch die Entkriminalisierung von Cannabis sollen jetzt zum Teil wieder rückgängig gemacht werden, wenn es nach führenden Unionspolitikern geht. Nun ja, wenn man sein “Kraut” nicht mehr bequem bei der Online-Apotheke bestellen kann, werden die Dealer vor Ort wieder vermehrt die Nachfrage bedienen.</p> <p>Anstatt wichtige Probleme zu lösen, werden so beständig neue geschaffen.</p> <h2 id="h-mehr-zum-thema">Mehr zum Thema</h2> <figure><a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die Cannabis-Gesetzgebung sowie wichtige Grundlagen: Was ist eine Droge? Was ist Abhängigkeit? Seit wann gibt es Cannabiskonsum in der Menschheitsgeschichte? Und was sind sein Nutzen und seine Risiken? Das neue Buch von Stephan Schleim gibt es als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/nl/book/die-cannabis-protokolle/id6745148090">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=f5pZEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/poppy-opium-poppy-field-poppy-field-1574273/">Sabine Löwer</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/46685928ab994c90854555ffad5b417c" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Heroin auf Empfehlung vom AI-Chatbot? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Der medienwirksame Patzer der künstlichen Intelligenz von Reddit aus pharmakologischer und drogenpolitischer Sicht</strong></p> <span id="more-3453"></span> <p>Über den Sinn und Unsinn von künstlicher Intelligenz erscheinen zurzeit fast täglich Nachrichten. Dass man nicht alles, was einem ein Chatbot als Antwort gibt, für bare Münze nehmen sollte, hat sich hoffentlich inzwischen herumgesprochen. Das gilt insbesondere auch für medizinische Themen, wo es um Leben und Tod gehen kann.</p> <p>Englischsprachige Medien, zum Beispiel die Newsseite des <em>PC Magazine</em> vom 17. Oktober 2025, berichteten nun von einem Fauxpas des Chatbots der beliebten Diskussionsplattform Reddit. Dieser wird mit Antworten der eigenen Nutzerinnen und Nutzer trainiert. Und laut den Berichten empfahl der Reddit-Bot nun <a href="https://www.pcmag.com/news/cant-trust-chatbots-yet-reddits-ai-was-caught-suggesting-heroin-for-pain">Heroin zur Schmerzbehandlung</a>. Dabei verwies er auf den Kommentar eines Nutzers, der behauptete, die Droge <a href="https://imgur.com/a/Ld5RYSO">habe ihm das Leben gerettet</a>.</p> <h2 id="h-was-ist-eigentlich-heroin">Was ist eigentlich Heroin?</h2> <p>Wahrscheinlich wissen die meisten Leserinnen und Leser nicht genau, was Heroin eigentlich ist. Sie glauben nur so viel: Es ist eine ganz schlimme Droge, von der man ganz schnell abhängig wird und die bei Überdosierung zum Tod führen kann.</p> <p>Fangen wir am Anfang an: “Heroin” ist kein pharmazeutischer Name. Ursprünglich – das ist 1898 – war er ein von der heute noch in der chemischen Industrie tätigen Bayer AG eingetragener Markenname. Zum ersten mal produziert wurde die Substanz übrigens im Bayer-Stammwerk in Wuppertal-Elberfeld.<aside></aside></p> <p>Im 19. Jahrhundert interessierten sich Chemiker für das seit Jahrtausenden medizinisch und in manchen Kulturen auch als Genussmittel verbreitete Opium. Der Milchsaft, die wörtliche Bedeutung des altgriechischen Worts “opium”, der botanisch <em>Papaver somniferum</em> (Schlafmohn) genannten Pflanze produziert unter geeigneten klimatischen Bedingungen eine hohe Konzentration psychoaktiver Stoffe.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920.jpg 1920w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Der Schlafmohn: Grundstock aller Opiate. Foto von Sabine Löwer, Pixabay-Lizenz.</em></p> <p>Nachweislich über Jahrhunderte, wahrscheinlich aber viel länger, rätselte die Ärzteschaft, woher die medizinisch nützlichen Eigenschaften des Opiums rührten: Es konnte beruhigen, beim Einschlafen helfen, unterdrückte den Hustenreiz, half bei Durchfall, linderte Schmerzen und wahrscheinlich noch sehr viel mehr. Erstaunlicherweise konnte es aber auch berauschen und wurde darum auch für Kämpfe eingesetzt. Entsprechend der alten Säftelehre oder Naturphilosophie vermutete man, dass es mal besondere “kalte”, mal “warme” Eigenschaften des Opiums seien, die diese Effekte hervorrufen.</p> <p>Erst die moderne Naturwissenschaft lüftete das Rätsel: Ebenso wie das Cannabisharz enthält auch die Opiummilch eine Vielzahl auf das menschliche Nervensystem wirkende Substanzen. Über diesen Gleichklang von menschlichem Gehirn und Erdenpflanzen nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip kann man staunen. Man nannte im 20. Jahrhundert die neuronalen Rezeptoren – Endocannabinoid- oder Opioid-Rezeptoren – nach den Pflanzen, nicht umgekehrt.</p> <p>Doch zunächst isolierte man im 19. Jahrhundert aus der Vielzahl der Opium-Stoffe das nach dem griechischen Gott des Schlafs benannte Morphin oder Morphium als denjenigen mit dem stärksten schmerzlindernden Effekt.</p> <h2 id="h-schmerzstillung">Schmerzstillung</h2> <p>Als man dann auch noch die Spritze entwickelte und die Substanzen nicht mehr indirekt über den Speise- und Verdauungsapparat verabreichen musste, stand der Menschheit ein sehr viel stärkeres Betäubungsmittel zur Verfügung denn je zuvor.</p> <p>Nebenbei: Auch Kokain wurde damals <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zweite-opiumkonferenz-100-jahre-boeses-cannabis/">als praktisches Anästhetikum erkannt</a>. Während der Kokainliebhaber Sigmund Freud (1856-1939) damit allerdings eine Patientin fast umbrachte und mit dem gescheiterten Versuch, die Opiumabhängigkeit mit dem anderen Rauschmittel zu behandeln, sein öffentliches Ansehen ruinierte, erntete ein anderer Wiener Arzt die Lorbeeren der betäubenden Eigenschaften. Es war Freuds Kollege Carl Koller (1857-1944), der mit Kokain den Augenmuskel vorübergehend anästhesieren und damit chirurgischen Eingriffen an diesem sensiblen Organ einen Teil ihres Schreckens nehmen konnte.</p> <p>Bleiben wir aber beim Opium und seinen Abkömmlingen. Morphium verbesserte also die Schmerztherapie enorm. Es war schnell nicht mehr aus der Feldapotheke der Militärärzte wegzudenken. Betäubt vom Saft des Schlafgotts fühlte manch ein versehrter Soldat nicht einmal mehr die Amputation eines Gliedes. Der körperliche wie psychische Schmerz würde erst später auftreten.</p> <p>Man hätte auch auf das Kriegführen verzichten können. Doch wir sind ja Menschen.</p> <p>Übrigens gönnte sich so mancher Arzt hin und wieder einen Schuss Morphium als Aufputschmittel. Hierin äußert sich schon die Janusköpfigkeit so gut wie aller Medikamente beziehungsweise Drogen: Die starken Schmerzmittel konnten oft helfen, manchmal vielleicht sogar heilen, mitunter aber auch als Rauschmittel missbraucht werden.</p> <p>Unter den Eindrücken des Ersten Weltkriegs promovierte 1919 der in Frankfurt am Main geborene, 1938 wegen seiner jüdischen Herkunft in die USA geflohene Arzt und Philosoph Erwin W. Straus (1891-1975) “Zur Pathogenese des chronischen Morphinismus” – gerade einmal 16 Seiten reichten für ihn zum Doktor der Medizin. In einzelnen Fallgeschichten beschrieb er, wie Menschen morphiumabhängig wurden. In der Regel hatten sie schwere Schicksale erlebt, worauf wir später noch einmal zurückkommen.</p> <h2 id="h-veredelung">Veredelung</h2> <p>Wozu aber dieser Umweg über Opium und Morphium, wo es doch um Heroin gehen soll? Nun ja, weil Heroin nichts anderes ist als – <em>veredeltes</em> Morphium. Der deutsche Chemiker und Bayer-Angestellte Felix Hoffmann (1868-1946) erzeugte es, indem er Morphium mit Essigsäureanhydrid reagieren ließ. Ihm hat der Konzern übrigens auch das Aspirin zu verdanken.</p> <p>Chemisch heißt das Ergebnis der Reaktion eigentlich Diamorphin. Marketing-Leute von Bayer hielten dann aber “Heroin” für einen besseren Handelsnamen. Und weil die deutsche chemisch-pharmazeutische Industrie damals Weltmarktführer war, verbreitete der Name sich auf dem Globus.</p> <p>Opium, Morphium oder gar Heroin waren damals in vielen gängigen Erkältungs- und Grippemitteln enthaltene Wirkstoffe. Wer sich sozusagen schon die halbe Lunge herausgehustet hat, dürfte sich über die Stillung des Hustenreizes freuen. Die Aufhellung des Gemüts, die man den Drogenabhängigen als “Euphorie” vorwirft, nimmt man gerne als Begleiterscheinung in Kauf.</p> <p>Wer sich jetzt empört, dass diese Mittel, allgemein “Opiate” genannt, damals sogar zur Anwendung bei Kindern beworben und frei verfügbar waren, sollte einen Moment innehalten: Denn noch heute gibt es in der Apotheke Grippemittel mit einem anderen Opiat, nämlich Codein. Auch dieses ist in der natürlichen Opiummilch enthalten.</p> <p>Hin und wieder hört man davon, dass hohe Mengen dieses Hustensafts in der Hip Hop-Szene beliebt sind, mit dem Szenenamen “Lean”. Dem einen oder anderen wurde das zum Verhängnis. Bei Überdosierung kann aus der Unterdrückung des Hustenreizes nämlich die lebensgefährliche Betäubung der Atemmuskulatur werden. Außerdem wird dem Hustensaft neben dem Opiat oft auch Paracetamol hinzugefügt, das in hohen Mengen die Leber schädigt. Als Heroinersatz sollte man ihn daher nicht verwenden.</p> <p>Trotzdem ist Diamorphin alias Heroin eigentlich das medizinisch bessere Produkt. Denn aufgrund der chemischen Veredlung passiert es die Blut-Gehirn-Schranke schneller. Wenn man es richtig anwendet, kann man damit also gezielter behandeln als mit Morphium.</p> <h2 id="h-medizin-droge-oder-gift">Medizin, Droge oder Gift?</h2> <p>Im Wort “pharmakon” der alten Griechen steckt mehr Weisheit, als man heute in gesundheits- und drogenpolitischen Diskussionen findet: Es bedeutete nämlich <em>sowohl</em> Arzneimittel <em>als auch</em> Gift. Im Englischen ist man sprachlich noch näher an dieser Realität dran, weil “drugs” Arzneimittel und verbotene Drogen sein können.</p> <p>“Droge”, wahrscheinlich von niederländisch “droog” für trocken, was sich auf getrocknete Kolonialwaren bezog, die man in der Drogerie kaufte, ist heute vor allem ein politischer Begriff: Er bezeichnet meist diejenigen Mittel, die eifrige Politiker auf die Verbotsliste setzen. Und, ja, darauf findet sich natürlich auch Heroin.</p> <p>Die Verbote der Opiate wurden vor ziemlich genau 100 Jahren <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zweite-opiumkonferenz-100-jahre-boeses-cannabis/">auf den Opiumkonferenzen mit internationaler Verbindlichkeit durchgedrückt</a>. Dem ging vor allem in den USA die Dämonisierung der teils seit Jahrtausenden bewährten Arzneimittel und Handelsgüter durch puritanische Extremisten voraus: Was früher (und teils noch heute) als unerlässliche Medizin galt, sollte auf einmal die Geißel der Gesellschaft sein.</p> <p>Die Frage, ob Diamorphin nun Medizin oder Rauschgift ist, hängt daher vom Standpunkt ab. Bis heute gibt es Ärzte, die es bei Lungenerkrankungen einsetzen wollen. Politisch haben sie einen schweren Stand, weil viele die H-Substanz für die absolute Horrordroge halten.</p> <p>Doch warum haben dann viele von uns, mich eingeschlossen, schon stärkere Opiate wie Oxycodon vom Arzt bekommen? Mir wurde es sogar ohne Vorwarnung bei einer Operation verabreicht – und ich wachte in einem starken, euphorischen Rausch auf. Wenn Heroin der Horror ist, dann müsste man Oxycodon eigentlich als Über-Horror ansehen.</p> <p>Diese Doppelmoral findet man auch im deutschen Betäubungsmittelgesetz wieder: Will man die Substanz verbieten, dann setzt man sie als “Heroin” auf Anlage I der “nicht verkehrsfähigen” Mittel; will man die medizinische Abgabe zur Substitutionstherapie nach § 13 BtMG regulieren, dann spricht man ausschließlich vom “Diamorphin”. Dabei ist die Substanz immer dieselbe.</p> <h2 id="h-rassismus-und-kolonialismus">Rassismus und Kolonialismus</h2> <p>Praktischerweise hatten und haben in den USA vor allem Randgruppen einen problematischen Konsum, also meist Einwanderer und Schwarze. Das verdeutlicht die kolonialistische <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/mit-drogenpolitik-wird-sozial-und-migrationspolitik-gemacht/">und sozialpolitische Dimension der Drogenpolitik</a>. Der Neuropsychopharmakologe Carl L. Hart, nach eigenem Bekunden der erste schwarze Professor in dieser Funktion an der angesehenen Columbia University in New York, hat dafür in seinem Buch <em>Drug Use for Grown-Ups</em> viele Beispiele gesammelt.</p> <p>Demnach ist nicht nur angeblicher Cannabisgeruch im Auto vor allem in konservativen US-Bundesstaaten eine häufige Begründung der Polizei, um Schwarze und migrantisch aussehende Bürger harten Maßnahmen zu unterziehen – immer wieder mit tödlichem Verlauf. Auch historisch sei man gegen den Substanzkonsum von Nicht-Weißen immer besonders hart vorgegangen. Als man schließlich die – übrigens bis heute bestehenden – Probleme der Verbote von Opiaten einsah, ließ man die Substitutionstherapie an speziellen Abgabestellen zu. Weil das Warten in der Schlange vor allem von Weißen als Demütigung erfahren wurde, so Hart, habe man dann doch die diskrete Abgabe beim Arzt erlaubt.</p> <p>Und während ich diese Zeilen schreibe, droht der US-Präsident Venezuela mit Kriegsschiffen und einem Flugzeugträger. Angeblich geht es darum, Drogenkuriere zu bekämpfen. Dabei waren es die US-eigenen Ärzte, Apotheker und Pharmafirmen, die überhaupt erst so viele Bürgerinnen und Bürger von den heutigen, so viel stärkeren Opium-artigen Mitteln – wörtlich: Opioiden – <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/opioide-wennnicht-drogen-sondern-medikamente-und-die-falsche-politik-toeten/">abhängig machten</a>.</p> <p>Sie haben den Menschen ein schmerzfreies Leben versprochen. Das war zwar eine Lüge, doch hervorragend fürs Geschäft. Manche nennen es “<a href="https://www.imdb.com/title/tt14055432/">Das Verbrechen des Jahrhunderts</a>“.</p> <p>Mit dem desolaten Resultat lassen sich heute nicht nur die sozial Schwachen polizeilich kontrollieren, sondern international machtpolitische Ziele rechtfertigen. Auch Erzfeind China warf man schon vor, die Heimat mit den Drogen zu überfluten. Der Weltmacht konnte man zur Strafe allerdings nicht militärisch, dafür aber mit Einfuhrzöllen und Sanktionen drohen.</p> <h2 id="h-doppelte-stigmatisierung">Doppelte Stigmatisierung</h2> <p>Im Vietnamkrieg (ca. 1955-1975) hielten sich viele US-Soldaten mit Heroin über Wasser. Nahe an der Quelle und aufgrund niedriger Preise und der hohen Qualität konnten sie es aber <em>rauchen</em>, was ungefährlicher ist als der direkte Weg über die Spritze. Interessanterweise hörten viele <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/warum-geht-es-in-der-drogenpolitik-selten-um-freiheit/">nach der Rückkehr in die Heimat wieder auf</a>. Den problematischen Konsum behielten vor allem diejenigen bei, die vorher schon psychosoziale Probleme hatten.</p> <p>Und so kommen wir zu meiner Hauptkritik an den Drogenverboten: Denn international replizierte Studien mit Hunderttausenden Personen zeigten immer wieder, dass Menschen mit traumatischen Erfahrungen ein viel größeres Risiko für den exzessiven Gebrauch von Rauschmitteln haben. Wenn diese darum polizeiliche Maßnahmen erfahren, erhalten sie nach ihrem psychosozialen Pech jetzt ein weiteres, diesmal institutionelles Unglück.</p> <p>Sie werden gewissermaßen für ihre alte Stigmatisierung erneut stigmatisiert. Wie kann das gerecht sein? Und selbst wenn die Drogen wirklich so gefährlich wären, wie es immer wieder heißt: Man ist in so gut wie allen Ländern aus Gründen der Menschenwürde auch davon abgerückt, Menschen für Suizidversuche zu bestrafen.</p> <h2 id="h-horror-heroin">Horror Heroin</h2> <p>Es sollte klar geworden sein, dass in der Öffentlichkeit ein verzerrtes Bild über Diamorphin alias Heroin verbreitet wurde. Das verdeutlicht auch die folgende Abbildung mit historischen beziehungsweise aktuellen Produkten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine.jpg"><img alt="" decoding="async" height="496" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-1024x496.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-1024x496.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-300x145.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-768x372.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-1536x744.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-2048x991.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Zwei Namen, eine Substanz: Links eine Werbung für Heroin von Bayer, wahrscheinlich um 1920, in New York. Vor den Dämonisierungskampagnen waren Opiate als Erkältungsmittel beliebt. Codein-Präparate gibt es noch heute. Rechts ein aktuelles pharmazeutisches Produkt aus dem Vereinigten Königreich. Lizenz: Pete Chapman, <u><a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/">CC BY-SA 3.0</a></u></em></p> <p>Aber ist Heroin nicht gefährlich? Ja, natürlich – wenn man es falsch konsumiert. Die Verabreichung sicherer Produkte ist eine Hauptaufgabe der Pharmafirmen und Apotheken. Umgekehrt können auch viele frei verkäufliche Substanzen bei falscher Verwendung zu schweren Gesundheitsschäden oder sogar dem Tod führen.</p> <p>Interessanterweise sind die oft mit Heroin verbundenen Gesundheitsprobleme – wie AIDS/HIV oder Hepatitis – gar keine Nebenwirkung der Substanz, sondern von verunreinigtem Besteck. Bei richtiger Anwendung der Opiate ist eine häufige Nebenwirkung: Verstopfung.</p> <p>Das Abhängigkeitsrisiko wächst mit der Dauer der Verwendung. Wer seine körperlichen oder psychischen Schmerzen anders nicht verträgt, muss mit der Zeit wahrscheinlich die Dosis erhöhen. Das körpereigene Opioid-System passt sich an die von außen zugeführten Mengen an. Wenn man dann aufhört, erlebt man wahrscheinlich noch viel stärkere Schmerzen als vorher. Die konnte man ja auch schon nicht ertragen. Willkommen im Teufelskreis der Sucht.</p> <p>Darum sollen die hier genannten Substanzen auch gar nicht verharmlost werden. Ich glaube allerdings, dass man das zunehmende Drogenproblem nicht ohne ehrliche Aufklärung wird lösen können. Dazu gehört auch, von der Ursache her psychische oder soziale Probleme nicht fälschlich als Drogenprobleme darzustellen, wie es in Politik und Medien leider tagtäglich passiert.</p> <h2 id="h-drogen-statt-soziales-problem">Drogen- statt soziales Problem</h2> <p>Die allgemeine Verelendung wird auch in vielen europäischen Städten zu einem immer größeren und sichtbareren Problem. Arme und Obdachlose sind die andere Seite der Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft. “Sollen sie sich doch eine Arbeit suchen – oder reiche Eltern zum Erben!”</p> <p>Das niederländische Rotterdam – um nur ein Beispiel zu nennen – ist eine der Städte mit besonders großen Problemen. Weil sich die “guten” Bürgerinnen und Bürgern dadurch zunehmend gestört fühlen, diskutiert man jetzt kreative Lösungen: So soll etwa die im Stadtzentrum gelegene Pauluskirche, in der viele Arme, Obdachlose und Drogenabhängige Hilfe suchen, in einen Außenbezirk umziehen. Aus den Augen, aus dem Sinn.</p> <p>Die <em>sozialen</em> Probleme löst man damit nicht. Da diese die andere Seite der Ungleichverteilung des Wohlstands sind, nimmt man sie vorzugsweise als <em>Drogen</em>problem wahr. Dann kann man den Substanzen die Schuld geben und das Problem in den Bereich von Polizei und Justiz verschieben; dann ist nicht mehr die Gesellschaft in der Verantwortung, sondern die Drogen und die angeblich willensschwachen Individuen.</p> <p>Ist es Zufall, dass im Altgriechischen der “pharmakos” der <em>Sündenbock</em> war? Auch in diesem Sinne passen die Substanzen 2000 Jahre später noch zur ursprünglichen Wortbedeutung.</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Wenn also ein Chatbot im Jahr 2025 Heroin als Schmerzmittel empfiehlt, dann ist das pharmakologisch konsistent. Die Entrüstung in den Medien sagt mehr über unsere drogenpolitische Indoktrination aus.</p> <p>Diese Indoktrination wird immer dogmatischer: Alkohol gilt jetzt als Gift, vom ersten Tropfen an. Der Diabetologe und Bestsellerautor Matthias Riedl nannte kürzlich sogar Zucker ein “dosisabhängiges Gift”. Ja, würde man den Zucker aus einem gängigen Schokoriegel direkt ins Blut spritzen, wäre das tödlich. Über den Verdauungsapparat können die meisten Menschen die Menge aber problemlos regulieren – jedoch nicht die Zuckerkranken.</p> <p>Die antike Idee von “pharmakon” – Arzneimittel <em>und</em> Gift – drückte es eigentlich perfekt aus. Dosis, Art und Zweck des Konsums entscheiden über Nutzen und Gefährlichkeit. Dabei sind die Substanzen ohne Qualitätskontrollen vom Schwarzmarkt am gefährlichsten.</p> <p>Opium, Codein, Morphium, Diamorphin/Heroin, Oxycodon, Fentanyl sind alles Opioide mit zunehmender Potenz. Keines ist moralisch schlechter als das andere, wenn man es denn richtig anwendet. Der Rest ist politisches “Framing”.</p> <p>Diesen Griff in die Trickkiste sehen wir auch beim Cannabis: Verschreiben Ärzte es selbst, dann betonen sie den medizinischen Nutzen; besorgen die Menschen es sich selbst, dann ruft man “Psychoserisiko!” und “Hirnschaden!”. Es scheint, als könnten die Moleküle die Gedanken der Menschen lesen.</p> <p>Das ist kein Plädoyer für eine radikale Freigabe aller psychoaktiven Substanzen. Aber es ist ein Fingerzeig darauf, dass man das Drogenproblem nicht lösen kann, ohne psychologische Traumatisierung und soziale Ausgrenzung aufzufangen.</p> <p>Die deutsche Drogenpolitik scheint diese historische Wahrheit immer noch zu ignorieren: Die ohnehin bescheidenen Fortschritte durch die Entkriminalisierung von Cannabis sollen jetzt zum Teil wieder rückgängig gemacht werden, wenn es nach führenden Unionspolitikern geht. Nun ja, wenn man sein “Kraut” nicht mehr bequem bei der Online-Apotheke bestellen kann, werden die Dealer vor Ort wieder vermehrt die Nachfrage bedienen.</p> <p>Anstatt wichtige Probleme zu lösen, werden so beständig neue geschaffen.</p> <h2 id="h-mehr-zum-thema">Mehr zum Thema</h2> <figure><a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die Cannabis-Gesetzgebung sowie wichtige Grundlagen: Was ist eine Droge? Was ist Abhängigkeit? Seit wann gibt es Cannabiskonsum in der Menschheitsgeschichte? Und was sind sein Nutzen und seine Risiken? Das neue Buch von Stephan Schleim gibt es als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/nl/book/die-cannabis-protokolle/id6745148090">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=f5pZEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/poppy-opium-poppy-field-poppy-field-1574273/">Sabine Löwer</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/46685928ab994c90854555ffad5b417c" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/heroin-auf-empfehlung-vom-ai-chatbot/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>7</slash:comments> </item> <item> <title>Bildung für die Zukunft im Anthropozän – Herausforderungen, Potenziale, Leuchttürme und Abbruchsvorhaben. https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/bildung-fuer-die-zukunft-im-anthropozaen-herausforderungen-potenziale-leuchtuerme-und-abbruchsvorhaben/ https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/bildung-fuer-die-zukunft-im-anthropozaen-herausforderungen-potenziale-leuchtuerme-und-abbruchsvorhaben/#comments Tue, 28 Oct 2025 08:51:09 +0000 Reinhold Leinfelder https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/?p=2085 https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo-768x508.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/bildung-fuer-die-zukunft-im-anthropozaen-herausforderungen-potenziale-leuchtuerme-und-abbruchsvorhaben/</link> </image> <description type="html"><h1>Bildung für die Zukunft im Anthropozän - Herausforderungen, Potenziale, Leuchttürme und Abbruchsvorhaben. » Der Anthropozäniker » SciLogs</h1><h2>By Reinhold Leinfelder</h2><div itemprop="text"> <h3>1. Intro: Alles hängt mit allem zusammen</h3> <p><a href="https://userpage.fu-berlin.de/leinfelder/palaeo_de/leinfelder/freepdfs/Leinfelder%202025-PHNOE-Anthropozaeniker_30_10_2025_vers1b2_noed.pdf" rel="noopener" target="_blank">-&gt; pdf-Version</a></p> <p>Im Anthropozäniker-Blog gibt es bereits mehrere Beiträge zu obigem Haupthema, also zu neuen Bildungsaspekten im Anthropozän. Aus aktuellem Anlass sei dies aber hier nochmals aufgegriffen, um einen Überblick zu geben und mit Aktuellem, durchaus auch „Schrägem“, um nicht zu sagen „Skandalösem“ – zu ergänzen. Aber schauen wir der Reihe nach nochmals durch:</p> <ul> <li>„Alles hängt mit allem zusammen“, dies ist ein revolutionäres Zitat von A.v. Humboldt, übernommen auch als häufiges Bonmot hier im Anthropozäniker-Blog sowie in vielen meiner Vorträge. Es gilt in den Zeiten des Anthropozäns – im Sinne eines <strong>ganzheitlichen, systemischen Ansatzes</strong> – natürlich insbesondere auch für Bildung und Zukunftsgestaltung (z.B. Leinfelder 2018a,b, 2020a, Leinfelder &amp; Lehmann 2015, ggf. auch <a href="https://www.youtube.com/watch?v=4-4cOuriGpU" rel="noopener" target="_blank">hier (youtube</a>)).</li> <li>Ebenso gelten die hier immer wieder erwähnten <strong>Herausforderungen des Anthropozän</strong>s auch im <strong>Kontext Bildung zur Zukunftskompetenz</strong>. Dies betrifft insbesondere die hier bereits behandelte <strong>Sektoralisierung</strong> unserer Welt, um sie besser „bearbeitbar“ zu machen, also die Aufteilung von Behörden und Verwaltungen in „fachspezifische“ Abteilungen bzw. Ministerien, aber natürlich auch Gliederung in Fächer, Fach- und Wissenschaftsbereiche in Wissenschaften und Bildung. Wie schon mehrfach hier erwähnt, ist nichts gegen tiefgehende, fachspezifische Forschung und Bildung zu sagen, allerdings muss diese gerade in der heutigen Zeit auch wieder stärker fächerverbindend und fachübergreifend, also interdisziplinär und ggf. transdisziplinär verbunden werden, damit die Kleinteile des Wissenspuzzles wieder zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden können, etwa im Humboldtianischen Sinne. (siehe hierzu viele Beiträge in diesem Anthropozäniker-Blog, bzw Leinfelder 2020b, 2023 etc.)</li> <li>Auch unser „westlicher“ <strong>Dualismus</strong>, also die Suche nach der EINEN richtigen Lösung für einen komplexes Problempaket, sowie unser Wunsch nach <strong>Ranking</strong>, d.h. Abarbeitung komplexer, zusammenhängender Problemkreise zerlegt in Einzelprobleme, in ihrer angeblichen Wichtigkeit gereiht und dann nacheinander abgearbeitet werden sollen, gehört zu diesem Herausforderungspaket (Leinfelder et al. 2025).</li> <li>Versucht man, Obiges bereits im Schulunterricht zu thematisieren und neue, zukunftsorientierte Unterrichtswege zu beschreiten, ist dies eine weitere große Herausforderung, da Derartiges mit einem “weiter wie bisher”-Schulunterricht nicht zu machen ist und damit also die Ausbildung wie auch Fort- und Weiterbildung von Lehrer*innen auch entsprechend erweitert werden müssen. Manche möchten solche notwendigen Änderungen verhindern, dies aber nicht zugeben, weshalb sie  sich auf ein Bild von Lehre berufen, das längst überholt ist und einer zeitgemäßen schüler- oder studierendenzentrierten Didaktik widerspricht. Dieser Beitrag behandelt im Kontext von neuen, interdisziplinären und zukunftsorientierten Unterrichtswegen (und damit einhergehend auch neuen Unterrichtsformen) einen derartigen,  nicht nachvollziehbaren (um nicht zu sagen, skandalösen) Vorgang. </li> </ul> <h3>2. Herausforderungen (nicht nur) für den Unterricht</h3> <p>Für den schulischen Unterricht bedeutet all dies, dass neben dem Fachunterricht insbesondere auch der fächerverbindende und fächerübergreifende Unterricht sehr wichtig ist und vor allem immer noch wichtiger wird. Dies gilt nicht nur, aber insbesondere auch bereits für die Primarstufe. Unsere heutige Weltsituation zeigt ja mehr denn je, wie Probleme zusammenhängen, sich gegenseitig bedingen, miteinander wechselwirken und oft verstärken, sich dabei zu Kipppunkten zusammenbrauen, und vieles mehr. Diese Weltsituation zeigt aber auch, wie Mächteverhältnisse, insbesonderer auch finanzieller Art sowie die „Eigentumsfrage“ (siehe z.B. „<a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/wem-gehoert-die-erde/" rel="noopener" target="_blank">Wem gehört die Erde?</a>“) hier enorm viel Wichtiges verhindern, und zunehmend Diskurse wegen der „Spaltpille” <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/kann-das-anthropozaen-gegen-populismus-und-fake-news-helfen/" rel="noopener" target="_blank">Populismus</a> unmöglich werden. Dies betrifft auch die Zukunftskompetenzen. Hier ist es wieder die Suche nach der EINEN, „richtigen“ Zukunftslösung, dem „richtigen“ Zukunftspfad, auf dem wir dann wieder 200 Jahre ruhig voranschreiten können. Die Zukunftsdiskussion ist damit zu einer Farce verkommen, denn es gibt einfach keine „Silver Bullets“, die mit einem „Schuss“ alles regeln, genauso wie es keine, uns aus Science Fiction doch so gut bekannte Supermänner/-frauen gibt, die dann in letzter Minute doch noch alles wieder retten und richten, puh! So sind etwa beim Thema Klimakrise weder CCS noch Nuclear Fusion solche „Silver Bullets”, doch sie könnten – bei entsprechenden Tests auf Machbarkeit und Nebenwirkungen vor ihrem zukünftigen Einsatz – ggf. Teil späterer, gemischter Zukunftsportfolios werden, welche aber eben auch erneuerbare Energien, Suffizienzansätze, enorme Ausweitung des Recyclings und ja, natürlich auch reaktive Schutzmaßnahmen beinhalten müssen.</p> <p>Leider sind wir Erwachsene meist ziemlich gefangen in dem, was wir kennen, also dem „Weiter wie bisher“-Pfad, obwohl wir eigentlich wissen, dass wir es anders machen sollten. Aber den meisten von uns fehlt das Vorstellungsvermögen dazu, vor allem auch weil wir uns sicherer fühlen bei dem, was wir bereits kennen; Vertrautes gibt man halt so ungern auf, denn das Neue erscheint so fremd. Damit ergeben sich für Zukunftsszenarien meist nur kleinere Abweichungen von diesem BAU-Pfad – die Zukunfswissenschaften nennen dies die explorative Pfadgruppe (also ausgehend vom Bekannten und Weitermachen mit eher kleineren Abweichungen davon, siehe Abb 1a, b. Uns fehlt schlichtweg das Vorstellungsvermögen, andere Wegmöglichkeiten zu erdenken, also weitere mögliche Zukünfte zu imaginieren und daraus dann auch wünschbare Zukünfte herauszufiltern sowie Gestaltungswege dorthin zu finden. Mögliche Zukunftspfade sollten dann miteinander begangen werden, um zu sehen, ob wir da wirklich vorankommen. Also nochmals: wir benötigen keine Suche nach „Silver Bullets”, sondern müssen gemischte Portfolios von Lösungsansätzen zusammenstellen, deren Wirksamkeit überwacht wird, und die immer wieder auch umgebaut werden können, ja sollten, sofern etwa neue Technologien, neue Bereitschaften in der Bevölkerung oder auch zu große Nebenwirkungen verwendeter Techniken festgestellt werden. Es sollte also gemeinsam, jedoch auf vielen Wegen in eine kreative und offene Zukunft gehen (mehr dazu siehe z.B. <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/haus-zukunft-berlin/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/zukunft-teil3-zukuenfte/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> im Blog sowie Leinfelder 2016, 2020b). Dazu benötigen wir aber sehr viel Imaginationsfähigkeit, die uns leider oft – um nicht zu sagen: meist – fehlt.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1116" sizes="(max-width: 1894px) 100vw, 1894px" src="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg 1894w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-300x177.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-1024x603.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-768x453.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-1536x905.jpg 1536w" width="1894"></img></a><aside></aside></p> <p><span>Abb. 1a: Weshalb Szenarien? Der Zukünfte-Szenarientrichter mit Erläuterungen nach Steinmüller (2011), mit kleinen Änderungen und Ergänzungen. (Version aus Leinfelder 2023).</span> </p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1196" sizes="(max-width: 1822px) 100vw, 1822px" src="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr.jpg 1822w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr-300x197.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr-1024x672.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr-768x504.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr-1536x1008.jpg 1536w" width="1822"></img></a></p> <p><span>Abb. 1b: Grafische Hinführung zum Mehrwege-Zukünfte-Konzept (basierend auf Leinfelder 2014), Grafik von Tanja Föhr (aus Leinfelder &amp; Föhr 2015, siehe dort auch weitere graphische Umsetzung des Konzepts.) </span></p> <h3>3. Potentiale für die Zukunftsgestaltung: Imagination fördern, fächerübergreifend ausbilden, selbst Wissen schaffen, ausprobieren.</h3> <p>Hier kommt gleich die <span>nächste</span> Herausforderung: Obige Herausforderungsliste benötigt doch hochkomplexe, insbesondere auch wissenschaftliche Ansätze zu ihrer Bewältigung – was haben denn die Schulen damit zu tun, gar die Grundschulen? Dies ist sehr einfach zu beantworten: Wie oben geschildert,<span> brauchen wir eine viel bessere Imaginationsfähigkeit. </span>Das Imaginationsvermögen von Kindern ist bekanntermaßen besonders im jungen Alter enorm gut ausgeprägt, dies ist also eine offene Türe, um bereits junge Kinder auch für Zukunftsfragen besser zu schulen und insgesamt die verbundenen Themenkomplexe besser in unseren ethischen Wertekanon mit einzubringen (auch hierzu u.a. Leinfelder 2018a,b, 2020a,b, Leinfelder &amp; Sippl 2023a,b).</p> <p>Natürlich ist die Notwendigkeit zum Erreichen einer besseren KulturNatur-Kompetenz (CNL-Literacy) und Zukünfte-Kompetenz (Futures Literacy) nicht nur auf die Primarschulen begrenzt. Wir müssen insgesamt <em>Wissen schaffen </em>(also Wissenschaften), <em>Wissen lernen </em>(also Bildung) und <em>erlerntes Wissen nutzen und verbreiten</em> (also Aus-/Weiterbildung, Wissenschaftskommunikation, Anwendung), was alles ebenfalls besser verknüpft werden muss. Viel mehr Wissenschaftler*innen als früher sind heute bereit, ihr geschaffenes Wissen auch zu kommunizieren. Auch bei DFG-Anträgen (sowie bei vielen anderen Formen der Forschungsförderung) ist seit längerem nun immer auch anzugeben, wie neue Projekt-Forschungsergebnisse dann kommuniziert werden sollen. Früher (und z.T. noch heute) wurde man als Wissenschaftler*in, der/die auch Wissenschaftskommunikation betreibt, allerdings schon mal gefragt, ob man seine Forschung eingestellt habe, wenn für derartiges wie „Wisskomm” Zeit bleibt, bzw. ob man den Journalist*innen ihre Jobs wegnehmen möchte. Ja, ich weiß leider auch aus eigener Erfahrung, wovon ich hier spreche.</p> <p>Dabei sollte doch Wissenskommunikation ein echtes Bedürfnis sein. Um von mir zu reden: Mir war es schon als Diplomand, der dort am Mikroskop über 150 Millionen Jahre alten, selbst ausgebuddelten Mikrofossilien saß bzw. sich dann später mit ebenso alten Korallenriffen beschäftigte, wichtig, mir selbst die mich umtreibende Frage zu beantworten, was denn die ganze Welt von diesen Studien habe. Ja, Minipuzzleteile zum besseren Verständnis der Evolution der Lebensformen und ihre Ansprüche sowie Anpassungsfähigkeiten, das war die Antwort, die ich schon damals sah und die mich beruhigte. Tatsächlich hat sich viel später herausgestellt, dass insbesondere bei den Korallenriffen die Kenntnis ihrer evolutionären und adaptiven Entwicklung von ihren Ursprüngen bis heute maßgeblich auch zur Einschätzung der weiteren Entwicklung / des möglichen Untergangs heutiger Riffe (Stichwort „atavistische“ Korallen, siehe z.B. <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/zukunftsoptionen-fuer-korallenriffe/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/die-zukunft-der-korallenriffe-auftakt-zum-internationalen-jahr-des-riffs-iyor-2018-deutsche-aktivitaeten/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/zombie-riffe-im-anthropoz-n/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> im Blog sowie z.B. Leinfelder 2019, Cardoso et al. 2025 sowie <a href="https://www.fu-berlin.de/en/featured-stories/research/2025/corals-at-risk-gabriel-cardoso/index.html" rel="noopener" target="_blank">Feature dazu</a>) immer wichtiger wurde.  Und weil ich also schon immer schon meinte, dass bereits in den Schulen neues Wissen in entsprechender, adäquater Weise eingebracht werden sollte, habe ich quasi vom Anfang meiner Laufbahn an – und zunehmend verstärkt – an Wissenschaftskommunikation und Bildungskooperationen mit Schulen gearbeitet. Wegen meiner Überzeugung, dass Wissenskommunikation überaus wichtig für die Gesellschaft sei, habe ich zukunftsrelevante Ausstellungen mitinitiiert und mitkonzipiert (so etwa die weltweit erste große Anthropozän-Ausstellung am Deutschen Museum München), sowie Museumsleitungen an naturkundlichen Museen, aber auch fürs damals zu gründende „Haus der Zukunft” / „Futurium” in Berlin übernommen, dabei auch immer wieder mit Schüler*innen Ausstellungen gemacht bzw. Ausstellungen für Schulen mitkonzipiert (die an Schulen ausgeliehen wurden, wenn sich dort viele Lehrkräfte aus verschiedenen Fächern gemeinsam mit dem Thema beschäftigten) (siehe z.B. Leinfelder et al., 1998/2002, 2007, Leinfelder 2010a,b, 2021, Leinfelder &amp; Zinfert 2015). Bildbasierte Formate waren und sind dabei ebenfalls überaus wichtig. Thematisch ging es vom wohl ersten <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/forschung-und-entwicklung/anthropozaen/mutmachbuch" rel="noopener" target="_blank">Kinderbuch zum Anthropozän (ab 8 Jahren)</a> (Abb. 2) bis hin zu Sachcomics für ältere Jugendliche und Erwachsene, darunter die „Übersetzung“ eines 400-seitigen Hauptgutachtens des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung (dem ich damals angehörte) zur Großen Transformation in einen Comic (Hamann et al. 2013, siehe z.B. <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/forschung-und-entwicklung/anthropozaen/mutmachbuch" rel="noopener" target="_blank">hier</a> oder <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/trafocomicprojekt/" rel="noopener" target="_blank">hier</a>), ein Begleit-Sachcomic zur großen Anthropozän-Ausstellung im Deutschen Museum (Hamann et al. 2014), aber auch die Darstellung großer Forschungsprojekte als Wissenscomics, etwa das Projekt „Die Anthropozän-Küche” des Excellenzclusters Bild-Wissen-Gestaltung (Leinfelder et al. 2016, siehe auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/anthropozaen-kueche/" rel="noopener" target="_blank">hier im Blog</a>) oder die <a href="https://macobios.eu/prp/other-products/" rel="noopener" target="_blank">Ergebnisse des EU-Projekts MaCoBios auch als Sachcomic</a> (Tregardot et al. 2025). Auch die Arbeit der Internationalen Anthropocene Working Group wurde als Wissenscomic umgesetzt (Hamann et al. 2024, Leinfelder &amp; Hamann 2025).</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2000px) 100vw, 2000px" src="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg 2000w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-1536x1152.jpg 1536w" width="2000"></img></a></p> <p>Abb. 2:  Das in Kooperation mit der PH produzierte Mutmachbuch von Laibl et al. (2022), mit Buchcover (links), Seitenbeispielen (rechts) sowie Buchcover der umfangreichen Lehrhandreichungen dazu. (Näheres dazu <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/forschung-und-entwicklung/anthropozaen/mutmachbuch" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>)</p> <p>Solche bildbasierten Formate, also auch Sach-Comics, haben Ähnlichkeiten mit Ausstellung: beide sollten nicht ausschließlich „linear“ sein, also wie Filme, Bücher, Frontalunterricht etc., sondern stellen „slow Media“ dar. So erlauben es Wissenschaftscomics (ähnlich wie auch Ausstellungen), Komplexitäten zu vermitteln, indem man verschiedene Handlungs- und Zeitstränge nebeneinander herlaufen lassen und darin „umherspringen“ kann (siehe hierzu auch Hangartner et al. 2013, Heydenreich 2019, Wagenbreth 2023, Leinfelder &amp; Hamann 2025, Leinfelder et al. 2015, 2017) und fördern damit eben auch die Schulung unseres Imaginationsvermögens. Um dies auch im Unterricht zu ermöglichen, wurden unsere Sachcomics in fast allen Fällen durch umfangreiche Lehrhandreichungen (siehe z.B. <a href="http://anthropocene-kitchen.com/fileadmin/user/handreichung/Mehlwurmburger/Mehlwurmburger-web.pdf" rel="noopener" target="_blank">hier</a> und <a href="https://www.deutsches-museum.de/museum/verlag/publikation/willkommen-im-anthropozaen" rel="noopener" target="_blank">hier</a> und <a href="https://userpage.fu-berlin.de/leinfelder/palaeo_de/leinfelder/freepdfs/die_grosse_transformation_web.pdf" rel="noopener" target="_blank">hier</a>) ergänzt (siehe auch Abb 2). Auch viele andere an den Schulunterricht anpassungsfähgige Formate, wie Zukunftswerkstätten, Design Thinking-Projekte, Repair Cafés, partizipative Exkursionen, Monitoringprojekte uvm. (s. Abb. 3) ermöglichen das Erkennen von Zusammenhängen, der Bedeutung der Natur für uns und unsere Zukunft, sowie die Schulung unseres Imaginationsvermögens. Sie können damit wichtige Beiträge zur Erarbeitung einer  CultureNature Literacy und einer Futures Literacy liefern (siehe auch Leinfelder &amp; Sippl 2023a,b; zu partizipativen Monitoring-Projekten siehe auch die Dissertation von A. Rost 2014).</p> <p>Abb. 3: Beispiele für fächerübergreifende Aktivformate auch für den schulischen Unterricht. (Vortragsfolie Leinfelder, näheressiehe Text)</p> <p>Dies alles waren ja immer wieder auch wichtige Themen hier im Anthropozäniker-Blog. Wer aber erarbeitet insgesamt das Wissen um derartige Projekte, stellt den schulischen Unterricht in entsprechender Weise neu auf, so dass eben die fächerübergreifenden Aspekte und damit auch CultureNature-Literacy, Futures-Literacy auch erarbeitet und im schulischen Unterricht umgesetzt werden können? Daran sind natürlich viele beteiligt, wie der nachfolgende kurze Überblick klar machen und an einem herausragenden Leuchtturmbeispiel verdeutlichen möchte.</p> <h3>4. Die Rolle der Hochschulausbildung von Lehrkräften für die Primarstufe und Sekundarstufe I</h3> <p>Früher waren in Deutschland Pädagogische Hochschulen (PHs) für die (damalige) Volksschulausbildung für Lehramtsstudierende zuständig. Häufig (etwa in Bayern) waren sie römisch-katholisch oder evangelisch ausgerichtet. Forschung sowie Ausbildung für angehende Gymnasiallehrer*innen waren an den Universitäten angesiedelt. Details hierzu führen für diesen Blogpost zu weit (siehe ggf. hier <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pädagogische_Hochschule" rel="noopener" target="_blank">https://de.wikipedia.org/wiki/Pädagogische_Hochschule</a>). Allerdings wurden die PHs in Deutschland etwa ab den 1970er Jahren zunehmend abgeschafft (in den östlichen Bundesländern nach der Wende). Nur Baden-Württemberg hat heute noch PHs, die alle jeweils eine etwas unterschiedliche Schwerpunktsetzung haben und auch auch über Promotions- und Habilitationsrecht verfügen. Im restlichen Deutschland findet die Lehrkraftausbildung auch für die Primarstufe i.d.R. nun in den Sektoren der Fachdisziplinen statt, ergänzt durch spezielle Kurse, die von Lehrveranstaltungen in pädagogischen Fachbereichen (bzw. in anderen Fachbereichen – etwa Sozialwissenschaften, Psychologie etc.-  angesiedelten pädagogischen Fachgebieten) sowie Referendarzeiten ergänzt werden. Damit wurde auch die Primarstufe doch deutlich fachspezifischer, was fächerverbindende und -übergreifende Projekte erschweren kann, aber nicht muss.</p> <h4><strong>4. 1. Der österreichische Weg: Pädagogische Hochschulen</strong></h4> <p>Österreich ging hier einen anderen Weg. Dort gibt es derzeit neun öffentliche und vier private Pädagogische Hochschulen, dazu eine zusätzlich für Agrar- und Umweltwissenschaften. Vor 2006 gab es keine PHs, dafür verschiedenste Pädagogische Akademien und Institute, die dann österreichweit ab Oktober 2007 zu Pädagogischen Hochschulen zusammengefasst wurden, welche für die Primarstufe und Sekundarstufe I zuständig sind. (Näheres siehe z.B. hier: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bildungssystem_in_%C3%96sterreich">https://de.wikipedia.org/wiki/Bildungssystem_in_Österreich</a>.) Obwohl die österreichischen PHs an die jeweiligen Bundesländer angebunden sind, unterstehen sie (im Unterschied zu Deutschland) direkt dem nationalen Bildungsministerium. Die PHs haben neben den Ausbildungsaufgaben auch Forschungsaufgaben. Auch ist ihr Spektrum durchaus unterschiedlich, was die derzeitige österreichische Regierung mit einem Bildungsminister aus der Partei NEOS (einer Abzweigung der FPÖ, ausgeschriebener Name: „Das Neue Österreich und Liberales Forum”) jedoch im Rahmen des aktuellen Regierungsprogramms ändern möchte (siehe dazu <a href="https://www.bmb.gv.at/Themen/regierungsprogramm.html" rel="noopener" target="_blank">Regierungsprogramm, u.a. S. 214, Bullet 3</a>).</p> <h4><strong>4.2 Der Leuchtturm Pädagogische Hochschule Niederösterreich</strong></h4> <p>Ein besonders herausragendes Beispiel, welches in den letzten Jahren sogar ein großes EU-Projekt („<a href="https://cnl.ph-noe.ac.at" rel="noopener" target="_blank"><em>CultureNature Literacy: Curricular key competences for shaping the future in the Anthropocene</em></a>“) mit vielen anderen europäischen Partnern organisiert und geleitet hat und des weiteren auch einen Unesco Chair für „<a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/ph-noe/unesco-chair/learning-and-teaching-futures-literacy-in-the-anthropocene" rel="noopener" target="_blank"><em>Learning and Teaching Futures Literacy in the Anthropocene</em></a>“ eingeworben hat, sei hier besonders genannt: Die <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/" rel="noopener" target="_blank">Pädagogische Hochschule Niederösterreich</a> (University College of Teacher Education Lower Austria, PH NÖ).</p> <p>Weshalb ist dies hier von Interesse? Nun, zum einen, weil für die Ausbildung zur Primarstufe, wie oben erwähnt, möglichst viel Fächerverbindendes und Fächerübergreifendes notwendig ist und eben auch die Imaginationsfähigkeit sowie mit innovativen Lehransätzen auch CultureNature- und Futures Literacy in der Primarstufe besonders gut entwickelbar sind. Das ist beim heutigen Schulsystem in Deutschland nicht so leicht möglich, auch wenn es selbstverständlich auch dort fächerübergreifenden Unterricht gibt (siehe dazu aber <a href="#Kollegen">unten</a>). Auch die Forschung zu neuen inter- und transdisziplinären Schulbildungsansätzen ist damit ebenfalls besser möglich, wie das Beispiel der PH NÖ gut zeigt. Dort existiert sogar eine eigene Literaturreihe, „Pädagogik für Niederösterreich”,  in der viele der Forschungs- und Projektergebnisse der PH NÖ und ihrer Partner dokumentiert und dauerhaft (in <a href="https://www.studienverlag.at/produkt-kategorie/reihen/paedagogik-noe/" rel="noopener" target="_blank">Buchform</a>, aber seit etlichen Jahren auch als <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/forschung-und-entwicklung/schriftenreihe-paedagogik-fuer-niederoesterreich" rel="noopener" target="_blank">open access eBooks</a>) zugänglich sind. Und ja, ich bin überaus begeistert von der PH NÖ, nicht nur, aber auch, weil sie das Thema Anthropozän, beginnend beim Rektor der Universität (siehe z.B. Rauscher 2022), bis weit darüber hinaus als äußerst geeignet für ihren zukunftsorientierten, konstruktiven und verantwortungsgelenkten Ansatz ansehen und verwenden, genauso wie sie auch sehr am Potenzial bildbasierter Formate für die Lehre interessiert sind. Ich wurde im Februar 2019 erstmals vom Rektor zu einem Vortrag eingeladen, mein Vortragsthema damals lautete „<em>Von der Umwelt zur Unswelt – Das Potenzial des Anthropozän-Konzepts für den Schulunterricht</em>“, also ganz „Anthropozäniker-like”. Es ergab sich schon damals eine spannende Diskussion zum Begriff <em>Umwelt</em> und <em>Unswelt</em>; Rektor Rauscher brachte dazu noch den Begriff „<em>Wirwelt</em>“ mit ein (siehe dazu auch Rauscher 2020). (Nicht nur) diese Diskussion führten wir über etliche Jahre in überaus konstruktiver und gegenseitig befruchtender Weise (und derzeit ist in oben erwähnter Reihe auch eine gemeinsame Publikation dazu im Druck, siehe Leinfelder, Rauscher &amp; Sippl 2025). Ich war auch zu weiteren Vortragsterminen an der PH NÖ, führte z.T. dort auch Lehre durch (in Corona-Zeiten hybrid bzw. via VidCon) und wurde auch assoziierter Partner der PH NÖ für das CNL-EU-Projekt. Ja, ich verdanke dem Rektor, dem UNESCO Chair und der gesamten PH NÖ sehr viel für meine inhaltliche Weiterentwicklung in den letzten Jahren. Für Näheres zu den spannenden Aktivitäten dieser Leuchtturm-PH mit ihren wegweisenden Projekten und Zentren (etwa Zentren Lernen-Lehren, Zukünfte-Bildung, Prohairesis-Demokratie etc.)verweise ich auf die <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/" rel="noopener" target="_blank">Webseite der PHNÖ</a> (die leider nun doch eingedünnt wurde, siehe dazu auch nachfolgend). Ja, sicherlich gibt es auch etliche weitere Leuchttürme in der Bildung für eine anthropozäne Zukunft, darunter Universitäten oder auch andere Forschungsinstitutionen (wie etwa das Karlsruher Institut für Technologie, die Universität Augsburg oder auch das Institut Futur der Freien Universität Berlin, an denen auch ich u.a. an Ringvorlesungen beteiligt war). Aber die PH NÖ ragt, zumindest nach meiner Einschätzung, wegen der Gesamtheit und Kooperationsfähigkeit ihres Teams da doch noch deutlich weiter hervor. Überaus vieles verdankt sie hier der Initiativen und der Unterstützung durch Rektor Rauscher, den ich als überaus offenen, konstruktiven, dialogbereiten, sympathischen, wissensdurstigen, unkonventionellen, unterstützenden, fördernden und alle mitnehmenden Menschen kennen und überaus schätzen lernte. Hätten doch viel mehr Führungspersonen so ein „Kaliber”! </p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2000px) 100vw, 2000px" src="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic.jpg 2000w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic-1536x1152.jpg 1536w" width="2000"></img></a></p> <p><span>Abb. 4: Links: Überreichung des Sammelbandes „Die Verführung zur Güte” an den Rektor der PHNÖ, Herrn Prof. Rauscher (links) als Festschrift anlässlich seines  70. Geburtstags (im Jahr 2020). Neben ihm Grafikkünstler Leopold Maurer. Die Festschrift wird von Leitsätzen des Rektors durchzogen, die von L. Maurer in Comic-Paneele übersetzt wurden (mit dem Rektor in Comic-Form) und auch die Festschrift durchziehen. Rechts ein Beispiel dazu (zu weiteren Infos <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/news/news-detail/paedagogische-leitsaetze-als-comic" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>)</span></p> <p>Warum ist mir meine Erfahrung um die PH NÖ und rund um Prof. Dr.Dr. Erwin Rauscher hier so wichtig? Wir haben ja noch den Begriff „Abbruchsvorhaben“ im Titel, wozu wir gleich kommen werden. <a id="Kollegen"></a>Aber zuvor noch generell zu einer weiteren „Herausforderung”, die es natürlich weit verbreitet – aber nicht dermaßen bekannt – eben auch an Forschungs- und Bildungsinstitutionen gibt, wobei ich keinesfalls verallgemeinern möchte, sondern nur wenige Beispiele in allgemeiner Art herausgreife. Es geht um Kolleg*innen, die teilweise – und aus verschiedenen Gründen – doch sehr kritisch auf so manches schauen, was man ggf. anders macht als sie dies tun. Schon in den Anfängen meiner Kooperationen mit Schulen berichtete mir eine ältere, leider schon längst verstorbene, hochverdiente Lehrerin, dass viele angehende junge Lehrkräfte mit hohem Elan und überaus guten Projektideen, gerade auch für fächerübergreifenden und fächerverbindenden Unterricht, von den Hochschulen kommen und bald versuchen, derartige Projekte an ihren Schulen zu etablieren. (Zu) viele ältere Kolleg*innen würden dabei allerdings sehr kritisch auf den Elan und die Innovationsfreude der jungen blicken, und diese dann häufig ausbremsen, aus Angst, derartiges würde dann von ihnen auch erwartet. Manche begründen diese Ablehnung auch ganz formell damit, dass solche neuen Formate, wie Zukunftswerkstätten, Design-Thinking-Projekte, Outdoor-Seminare, selbständige Geländearbeiten u.v.m. ja gar nicht in Lehrplänen vorgesehen sind, keine behördlich zugelassenen Materialien dazu vorlägen, bzw. Mehrkosten entstünden, die nicht wirklich abrechenbar seien. Das hat durchaus einen wahren Kern, es gehört also schon auch etwas Mut dazu, derartig Neues anzupacken und das Vorgehen ggf. auch zu verteidigen (s.u.).</p> <p>Aus eigener Erfahrung mit meiner Universitätslaufbahn (die über viele Stationen und Institutionen an verschiedenen Orten führte) hab ich durchaus auch Neid-Vorbehalte unter Kolleg*innen kennengelernt, etwa nach dem Motto „<em>Der ist laufend in den Medien mit seinem neuen Zeugs, als ob das Anthropozän etwas mit Geologie und Paläontologie zu tun hätte!</em>” (doch, das hat es, und wie!). Oder auch Neid, dass Studierende bei Wahlpflichtveranstaltungen oft eher solche mit neuen Themen wählten, statt sich den klassischeren Themen zuzuwenden. (Warum fällt mir da wieder das Anthropozän ein?) Dies ging so weit, dass ein Kollege einmal einen extrem kritischen Zeitungsartikel zum Anthropozän (Titel: Epochaler Irrtum) vergrößert als Poster im Forschungsposterformat des Departments direkt neben der Ankündigung meiner Anthropozän-Kurse aushängte (- wir haben dies danach konstruktiv besprochen und gelöst -) oder sich ein anderer Kollege einmal weigerte, eine Studierende in seinem Fach zur Abschlussprüfung zuzulassen, weil sie ihre schriftliche Abschlussarbeit zum Thema Anthropozän durchgeführt hatte (, was dann auch noch irgendwie gelöst wurde). Oder auch, dass angeblich keine Verlängerung meiner aktiven Tätigkeit nach Erreichen des 65. Lebensjahrs möglich war (was der Fachbereich hätte bewilligen müssen). Nach einer Initiative der Studierenden (die unbedingt nochmals einen Anthropozän-Kurs haben wollten) gemeinsam mit dem Studiendekan gab es dann doch noch einen einsemestrigem Lehrvertrag, so dass der interdisziplinäre Anthropozän-Kurs nochmals stattfand. </p> <p>Lassen wir es bei diesen Beispielen bewenden und kommen zurück zum Beispiel der PH NÖ und ihrem so überaus beeindruckenden Kanzler (Kanzler ist hier im Österreichischen im Sinne eines Hochschulpräsidenten bzw. -rektors gemeint, nicht als Finanz- und Verwaltungschef einer Universität, wie dies in Deutschland häufig der Fall ist).</p> <h4><strong>4.3 Abbruchinitiierung eines überragenden Leuchtturms? </strong></h4> <p>Die Aktivitäten der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich (PH NÖ) sind – nicht nur – in Österreich in vieler Munde. Nicht nur, gerade aber auch die projektbasierten, institutsübergreifenden Aktivitäten, mit entsprechend vielen Drittmitteleinwerbungen, sind sehr gut und sehr weit sichtbar. Wegen dieser herausragenden Sichtbarkeit werden dann schon auch ab und an von den Ministerien entsprechende Papiere, etwa zur Zukunftskompetenz-Entwicklung in der schulischen Bildung erwünscht, die man dann natürlich auch erstellt und zuschickt. Ja, da kann es schon mal ein paar Probleme geben, etwa: wer hatte die Idee zu Polyzukünften und deren Einbringung im Unterricht?. Sind Polyzukünfte dasselbe wie die polyperspektivischen Zukünfte, auf denen u.a. das Gründungskonzept eines gewissen Leinfelders für das Berliner Haus der Zukunft / Futurium beruht (siehe <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/haus-zukunft-berlin/" rel="noopener" target="_blank">hier im Blog</a> sowie Leinfelder 2016)? Was sind Unterschiede und Verbindungen zwischen Umwelt, Mitwelt, Unswelt, Wirwelt? (siehe Leinfelder, Rauscher &amp; Sippl. 2025)? Wer schickt dann mit wem etwas an das Ministerium und was wird dabei zitiert? Da kann es schon mal Abstimmungsbedarf geben, aber all das ist (und war) lösbar. </p> <p>Anders sieht es jedoch derzeit aus. Prof. Rauscher, der Gründungsrektor und seit 2006 durchgängig Rektor der PHNÖ, also nicht nur Erbauer, sondern mit seinem gesamten Team aktiver Miterweiterer und ja, auch Wächter dieses Leuchtturms, wurde geschasst, genauer: über Nacht vom Bildungsministerium als Rektor abberufen, in den Ruhestand geschickt und strafrechtlich angezeigt. Sein Name wurde auch innerhalb von Minuten von der Webseite der PH NÖ getilgt, zumindest von der Rektoratseite und anderen Einträgen ist er komplett verschwunden, so als hätte es ihn nie gegeben (die Webseiten der PHs werden übrigens vom österreichischen Bildungsministerium “mitbetreut”, oha!). Dann gleich noch eine heftige Pressemeldung raushauen (via APA, der österreichischen Presseagentur, die von den Medien sofort und quasi völlig unüberprüft übernommen wurde? Siehe z.B. hier: die <a href="https://www.sn.at/panorama/oesterreich/rektor-paedagogischen-hochschule-noe-185360365" rel="noopener" target="_blank">APA-Meldung in den Salzburger Nachrichten vom 2.10.2025</a>.  Was ist passiert? Honni soit que mal y pense? Oder hat da wer gezündelt und der ganze Leuchtturm ist versehentlich abgebrannt? Nein, der Betrieb geht weiter. Aber es läuft wirklich eine handfeste Intrige dort ab, anders kann ich es leider nicht bezeichnen. Ich bin an der PHNÖ nur assoziierter Projektpartner, bin mit dem österreichischen Bildungssystem nicht so vertraut wie mit dem deutschen (siehe auch oben) und will grundsätzlich niemanden direkt anschwärzen. Doch ein paar Aspekte zu diskutieren sei erlaubt, weil es sich nicht nur um ein m.E. skandalöses Vorgehen gegen einen überaus geschätzten Kollegen handelt, sondern viele andere davon in Mitleidenschaft gezogen werden, und damit auch der ganze Leuchtturm stark beschädigt wird. Vor allem aber möchte ich dazu berichten, weil auch für das Unterrichten viel daraus gelernt werden kann. Ich versuche mich möglichst kurz zu fassen und verweise für Vertiefungen auf einige, unten angegebene Medienartikel, damit sich die Anthropozäniker-Leser*innen ihre eigene Meinung bilden können. Aus einigen Medienartikeln erlaube ich mir, kurze, als solche kenntlich gemachte Ausschnitte, wiederzugeben bzw. sie direkt im Text zu verlinken.</p> <p><strong><em>Zur Anschuldigung: <br></br></em></strong>Die in vielen Medien nachzulesenden Anschuldigungen lauten zusammengefasst so.  “<em>Das Bildungsministerium hat Erwin Rauscher, den Rektor der Pädagogischen Hochschule (PH) Niederösterreich, mit sofortiger Wirkung von seinem Amt abberufen. Das teilte das Ministerium von Christoph Wiederkehr (Neos) am Donnerstag in einer Aussendung mit. Grund dafür seien „schwerwiegende dienst- und strafrechtlich relevante Vorwürfe”</em> (aus: <a href="https://www.derstandard.at/consent/tcf/story/3000000290324/bildungsministerium-beruft-rektor-der-ph-niederoesterreich-ab-und-zeigt-ihn-an" rel="noopener" target="_blank">Der Standard vom 2.10.2025</a>). Weiter heißt es dort, „<em>es seien ‚fingierte Lehrveranstaltungen’ im Verwaltungssystem angelegt worden. .. Auch eine Strafanzeige sei eingebracht worden.” Dadurch sei wohl „ein mutmaßlicher Schaden in Höhe von mindestens 32.522 Euro entstanden</em>“. Die weiteren Details will ich nicht groß ausmalen. Nur soviel dazu: Es geht darum, dass dieses Verwaltungssystem vor allem für klassische Lehrveranstaltungen angelegt ist. Für alles andere, was Geld kostet, müsse man Lehraufträge abschließen. Dieses System ist also ähnlich unflexibel wie in Deutschland. Zusätzliche, gerade auch im Kontext der Lehre und des Lehrstudiums wichtige Aktivitäten, angefangen von Social Media-Training, über spezielle, neuartige Lehrprojekte (z.B. Monitoring draußen, Werkstattprojekte uvm) gelten formal nicht als klassische Lehre, wurden aber dennoch hier verbucht. Hätte man diese via Werksverträge abgeschlossen, wären etwa statt dieser 32.000 Euro Kosten von ca. 150.000 Euro entstanden (siehe hier <a href="https://www.oe24.at/oesterreich/chronik/niederoesterreich/verjagter-rektor-schlaegt-zurueck-habe-150-000-euro-eingespart/651567225">oe24 vom 7.10.2025</a>). (Vom gigantischen Verwaltungsaufwand, incl. „Ausschreiberitis” selbst für kleinste Vorhaben, oft unter der Missachtung von Wissenschaftsfreiheit und Lehrfreiheit mal ganz abgesehen, ich weiß, wovon ich spreche). Die PH NÖ hat somit also kräftig Kosten und Verwaltungsarbeit gespart. (Warum kommt mir da dieser Artikel in den Sinn, der darüber berichtet, dass unter diesem Bildungsminister das Ministerium in einem Monat 126.000 Euro für externe Beratung ausgegeben hat? Siehe hier: <a href="https://www.derstandard.at/consent/tcf/story/3000000275629/was-hinter-wiederkehrs-ueppigen-ausgaben-steckt" rel="noopener" target="_blank">Der Standard v. 26.6.2025</a>. Könnte es sein, dass Herr Rauscher ihm dies durch seine einsparende Abrechnung indirekt ermöglicht hat? Zynismus off). Das Ganze ist also ein verwaltungstechnisches, ein „legistisches” Problem, worauf auch der <a href="https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20251008_OTS0015/offener-brief-von-lehrenden-der-ph-noe-an-bm-wiederkehr-zur-abberufung-von-rektor-erwin-rauscher" rel="noopener" target="_blank">offene Brief der PH NÖ-Mitarbeiter*innen</a> (verantwortlich Prof. Christoph Hofbauer, ebenfalls PH NÖ) hinweist. Aber halt, angeblich machen es die anderen PHs ja überhaupt nicht so mit ihrer Abrechnung, solche Dummy-Veranstaltungen gäbe es da nicht, meint zumindest die derzeitige Vorsitzende der Rektor*innenkonferenz der österreichischen PHs, Prof. Beatrix Karl, ehemalige Justizministerin Österreichs, die nun selbst auch eine andere PH in Österreich leitet. Sie meinte dazu in der Kleinen Zeitung vom 10.10.2025: „<em>Eine Nachjustierung und mehr Flexibilität des Dienstrechts wäre wünschenswert, aber es funktioniert auch in seiner jetzigen Form. Es zwingt niemanden dazu, rechtswidrig zu agieren”</em> (<a href="https://www.kleinezeitung.at/oesterreich/20185027/eskalation-in-streit-um-geschassten-rektor-andere-phs-werden-gewarnt" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>). Nur dumm, dass im Kurier von 18.10.2025 (S. 5, Print, bzw. online <a href="https://www.pressreader.com/article/284279601309059" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>) ein Artikel mit dem Titel „<em>Fake-Kurse auch an der PH Steiermark?”</em> dazu herauskam. Oh, das ist ja die PH von Frau Karl. Hier nur der Teaser: „<em>Was in Niederösterreich zur Entlassung des Rektors führte, scheint andernorts auch System zu haben. An der PH Graz kann mal leicht 79 ‚Dummy’-Lehrveranstaltungen finden.”</em> Aha!</p> <p>Es gab übrigens auch eine interne Prüfung an der PHNÖ von all dem, die nichts Strafbares beanstandete. Und natürlich gibt es auch bei allgemein hervorragendem Arbeitsklima immer ein paar Ausnahmen. Und wenn mal Fehler passieren: Herrr Rauscher stellte sich immer auch vor evtl. Fehler anderer Mitarbeiter*innen und übernahm immer die Verantwortung. </p> <p>Ich muss nun zum Verständnis doch noch einmal auf Personelles eingehen. Sehr lange wurden alle Gesprächswünsche der Belegschaft mit dem Ministerium zur Causa Rauscher abgelehnt (drei unbeantwortete Schreiben an den Minister, sieben an die Sektionschefin), daraufhin gab es den oben erwähnten offenen Brief der Belegschaft ans Ministerium, was nach der Abberufung des Rektors doch noch zu einem Gespräch an der PHNÖ mit dem Generalsekretär des Ministers, Herrn Netzer, führte. Dieses Gespräch fand am 14.10.2025 statt und ist offensichtlich komplett entgleist;  ich war nicht dabei, mir wurde aber davon berichtet, und im schon oben erwähnten Artikel des Kurier vom 18.12.2025 wird auch dazu kommentiert; hier ein Ausschnitt daraus: „<em>Wie sehr die Nerven in der Causa Rauscher im Ministerium blank liegen, zeigt ein Vorfall bei einer Veranstaltung an der PH NÖ, bei der der Generalsektretär des Bildungsministeriums, Martin Netzer, seine Sicht der Causa Rauscher schilderte. Eine Hochschulprofessorin stellte dann in einer Wortmeldung fest, dass Rauscher immer ein umsichtiger Rektor gewesen sei, für ihn müsse jedenfalls die Unschuldsvermutung gelten. Netzer konterte scharf: ‚Ich bin erschüttert. Erschüttert über Ihr Rechtsverständnis. Und mache mir Sorgen, wenn Personen wie Sie mit diesem Rechtsverständnis unsere Lehrerinnen und Lehrer ausbilden.’</em>“</p> <p>Was soll man dazu sagen? Das war m.E. nichts anderes als eine „trumpeske” Bedrohung einer Professorin, die es wagte, die Unschuldsvermutung gerade auch für den honorigen Prof. Rauscher anzunehmen, bevor das Urteil in einem etwaigen Strafprozess gesprochen wird. Unglaublich! Mir wurde zusätzlich berichtet, das eine andere anwesende, schwangere Kollegin daraufhin ein medizinischer Notfall ereilte, so dass der Rettungsnotdienst gerufen werden musste. Mehr muss man zu diesem Auftritt wohl nicht sagen / schreiben.</p> <p><strong><em>Weitere Kollateralschäden und die Rolle der Politik<br></br></em></strong>Einer Person im Bildungsministerium scheint diese PH NÖ ein Dorn im Auge zu sein. Die PH NÖ kann offensichtlich mehr Forschungspublikationen als die anderen österreichischen PHs vorweisen und ist eben auch sehr innovativ: Anthropozän, Zukunftsaspekte, Werte, Verantwortung usw. usw.. Rektor Rauscher ist dabei keinesfalls eine „ultralinke” Socke, sondern ein wertebewusster, offener und kooperativer Mensch, dabei auch aktiver Christ, insgesamt fernab jeglicher Unterstellung von „<em>Wokeness”,</em> „Linksgrünversiffung” oder was auch immer für entsprechende Begriffe zur Demontage gewählt würden. Dennoch gab es schon im Sommer eine andere, ebenfalls absolut unnachvollziehbare heftige Rüge des Ministeriums für Rektor Rauscher. An einer mit der PH NÖ assoziierten Primarstufen-Schule war in einer Stellenausschreibung für eine Lehrkraft angegeben, dass auch Türkischkenntnisse sehr wichtig wären. Darauf gab es Reaktionen von ÖVP und FPÖ wie „<em>Deutsch müsse als Unterrichts- und Integrationssprache im Mittelpunkt stehen”</em> (ÖVP) und „<em>die Ausschreibung sei ‚unfair, unvernünftig und diskriminierend’ gegenüber heimischen Lehrkräften ohne Türkischkenntnisse. … ‚Deutsch [sei] auch in Pausen via Hausordnung durchzusetzen'”</em> (Landes-FPÖ), <a href="https://noe.orf.at/stories/3318144/" rel="noopener" target="_blank">siehe hier in ORF_at vom 18.8.2025</a>. Ja, genauso wie in Deutschland ist natürlich auch in Österreich an Volksschulen die Lehrsprache Deutsch, aber etliche der Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund, vor allem aber die Eltern dieser Kinder, haben oft Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Dass es solchen Familien überaus hilft bzw. sie z.T. sogar nur dann erreichbar sind, wenn sie in Gesprächen ggf. auch in der Heimatsprache sprechen können, ist doch bekannt. Damit ist dieser Wunsch nach Türkischkenntnissen absolut sinnvoll.</p> <p>Der junge Bundesminister ist von der Partei der NEOS (einer Abspaltung der FPÖ, <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/politiklexikon/17792/liberales-forum-neos/" rel="noopener" target="_blank">siehe hierzu die Bundeszentrale für politische Bildung, Deutschland</a> (schon etwas älter)); einen <a href="https://www.diepresse.com/19458600/zib-2-die-radikale-gesinnungsaenderung-des-christoph-wiederkehr" rel="noopener" target="_blank">Beitrag zum neuen Bildungsminister Österreichs von ORF-TV, ZIB 2 (vom 11.3.2025) gibt es hier</a>. Der langjährige Generalsekretär Netzer des Bildungsministeriums ist gleichzeitig auch noch Sektionschef der Präsidialsektion des Ministeriums, es steht aber offensichtlich ein Wechsel an; der Minister möchte seinen bisherigen Kabinettschef, Huber, zum Generalsekretär machen (<a href="https://www.diepresse.com/20188544/was-neos-personalien-mit-dem-streit-um-ph-rektor-rauscher-zu-tun-haben" rel="noopener" target="_blank">siehe Die Presse vom 10.10.2025</a>). Tendenzen, wonach von den Organisationsplänen bis zu den Curricula der PH’s möglichst Einheitlichkeit dominieren müsse, kann ich nur als Angriff auf die Themen Anthropozän und Zukunft interpretieren, die eben eine neue, aber überaus notwendige Sicht- und Denkweise schulen. </p> <p><strong><i>Bewertung der Causa Rauscher?<br></br></i></strong>Ich maße mir als Nichtjurist nicht an, eine juristische Bewertung des Vorgangs vorzunehmen. Ich wollte mit obigen Gedanken vor allem anregen, die wichtige Rolle der frühen schulischen Ausbildung für unsere vielfältigen, in neuer Weise anzugehenden Zukunftsherausforderungen zu betonen, aber auch darauf hinzuweisen, wie schnell derartiges Vorgehen aus unterschiedlichsten Gründen in Misskredit gebracht werden kann. Hierbei stellt leider auch die gewisse Einseitigkeit von Vorwürfen mit Hilfe der Medien, ohne die Gegenseitig in voller Weise darzustellen, offensichtlich eine zusätzliche Herausforderung dar. Aber jede*r kann sich hierzu ein eigenes Bild erstellen, so denke ich.</p> <p>Statt eines weiteren Fazits zur Bewertung der Causa Rauscher erlaube ich mir lieber, ein paar Zitate hier anzufügen:</p> <p>a) „<em>Für Erwin Rauscher dreht sich immer alles um die Menschen. Für ihn ist seine Hochschule daher zwar ein besonderer Ort, vielmehr und unverzichtbar aber besteht sie aus dem großen Team der PH-NÖ-Mitarbeiter/innen. Sie sind das starke Fundamentum; auf sie, für sie und mit ihnen hat er diese Hochschule gebaut und gestaltet sie beharrlich weiter, in wechselseitigem Respekt und Vertrauen fördert er ihr Wirken nach Kräften, die Unterstützung und Entwicklung jedes und jeder Einzelnen liegt ihm am Herzen. Er macht Mut für das kreative Verknüpfen von Wissen, das Denken in Alternativen und Zusammenhängen, das Überwinden alter Kausalitätsmuster und Infragestellen herkömmlicher Gewissheiten und Schlussfolgerungen – für visionäres Denken und Imaginationsfähigkeit schlechthin.</em>” (aus Schörg 2020 im Hinführungsartikel der damaligen PHNÖ-Vizerektorin Christine Schörg zur Festschrift von Herrn Rauschers 70 Geburtstag. Zu Glückwünschen weiterer Personen an Herrn Rauscher siehe im selben Band: Mikl-Leitner et al. (2020) (siehe auch Abb. 4 und 5).</p> <p><em><span>b) „Gerechtigkeit, Unvoreingenommenheit und das Prinzip der Fairness sind Grundpfeiler unseres demokratischen Staatsgefüges … Im Wirbel um die PH NÖ, der nun am 2.10.2025 in der Abberufung von Rektor Erwin Rauscher gipfelte, ist dieser Grundsatz missachtet worden. </span><span>Lehrende und Studierende der PH NÖ haben seit Mai 2025 wiederholt an Sie appelliert, auch jene zu hören, die hier gerne arbeiten – aber von einem Dienstrecht betroffen sind, das fachlich-organisationale Tätigkeiten nicht berücksichtigt. Wir wurden abgewiesen oder es kam keine Reaktion. .. </span></em><span><em>Das Dienstrecht lässt hier keine andere Möglichkeit als ein „Hilfskonstrukt“ zur Abgeltung der Administration und Organisation zu – welches jedenfalls an vielen anderen Hochschulen ebenfalls im Einsatz ist</em>.” <br></br>Auszug aus dem <a href="https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20251008_OTS0015/offener-brief-von-lehrenden-der-ph-noe-an-bm-wiederkehr-zur-abberufung-von-rektor-erwin-rauscher" rel="noopener" target="_blank">Offenen Brief von Lehrenden der PH NÖ an Bildungsminister Wiederkehr zur Abberufung von Rektor Erwin Rauscher</a> (vom 8.10.2025) (Rückfragen und Kontakt Prof. Christoph Hofbauer, PH NÖ). </span></p> <div title="Page 1"> <div> <div> <div> <p><em><span>c) „</span>Der jahrzehntelange Rektor der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich, Erwin Rauscher, wurde suspendiert. Er hätte ein System technisch so programmiert, dass Leistungen, die tatsächlich erbracht wurden, nicht mit dem formal richtigen Etikett versehen wurden. So wurde die Betreuung von Sozialen Medien auch als Lehre verbucht. Jeder, der auf der Höhe der Zeit ist, weiß, dass mittlerweile Lehre mehr ist, als vor 25 Personen zu stehen und Monologe zu halten. Es gibt verschiedenste Möglichkeiten, Lehrinhalte, im besten Fall interaktiv, zu vermitteln.</em></p> <ul> <li><em><span>Anstatt real erbrachte Leistungen extern zu vergeben, wurden die Leistungen intern und billiger erbracht.</span></em></li> <li><em><span>Anstatt in einer budgetär taumelnden Republik dem Rektor ein Lobschreiben zukommen zu lassen, werden formale Mängel in der Art der Verbuchung festgestellt.</span></em></li> <li><em><span>Anstatt in Spalte A wurde eine tatsächlich erbrachte Leistung in Spalte B eingetragen – und sicher nicht vom Rektor selbst.</span></em></li> <li><em><span>Anstatt dies in der gebotenen verhältnismäßigen Weise zu lösen, nämlich durch einen Hinweis, diese Leistung sei anders zu buchen, passiert Folgendes:</span></em></li> </ul> <div title="Page 1"> <div> <div> <div> <p><em>Ein seit Jahrzehnten über das durchschnittliche Maß hinaus engagierter Mann, der Inbegriff eines integren Menschen, ein Mensch, der für das Bildungssystem und für die Republik Österreich Unbezahlbares geleistet hat, der sich persönlich so weit engagiert, dass er nicht mit 65 Jahren in Pension geht, sondern stattdessen bis zu seinem 75. Lebensjahr voll weiterarbeitet, wird mit Schimpf und Schande davongejagt.</em></p> <div title="Page 2"> <div> <div> <div> <p><em>Wie schon Hannes Androsch sagte: Wenn man einen Hund schlagen möchte, dann findet man einen Stock dazu. Hingegen ist kein Fall eines Beamten überliefert, der aufgrund völliger Untätigkeit jemals suspendiert worden wäre. Es häufen sich jedoch die Fälle, dass über viele Jahre engagierte Beamte, besonders Ausnahmetalente, die in ihrem Leben bereits wiederholte Male Topleistungen erbracht haben, von noch nie positiv in Erscheinung getretenen Heckenschützen erlegt werden. Der unqualifizierte Neuling richtet die hoch integre erfahrene Person durch kabinettsjustizielle Vorverurteilung hin. Attackiert werden heutzutage jene, die etwas erreicht und geleistet haben. Leute, die sich meist vom Durchschnitt abheben. Dieser Mann soll nie mehr die Durchschnittlichkeit Österreichs stören. ….<span>Die Besten werden entfernt. …</span></em></p> <div title="Page 3"> <div> <div> <div> <p><em>Die Botschaft lautet: Sei möglichst inaktiv und ja nicht innovativ, denn durch eine falsche Buchung stehen die Pseudoanzeige und der Rufmord ins Haus. Und nur keine Innovation, denn bei neuen Initiativen ist das Risiko viel höher, Fehler zu machen.</em>“<br></br>Auszüge aus <a href="https://www.andreas-unterberger.at/m/2025/10/leistungstrger-raus-zur-skandalsen-intrige-gegen-erwin-rauscher/" rel="noopener" target="_blank">“<span>Leistungsträger raus! Zur skandalösen Intrige gegen Erwin Rauscher”, Gastbeitrag </span>von Franz Schabhüttl, 12.10.2025 auf das-tagebuch-at</a> (Blog von Andreas Unterberger)</p> <p>d) Und hier nochmals meine Kurz-Charakterisierung des Rektors von weiter oben (Leinfelder 28.10.2025)<br></br><em>Überaus vieles verdankt [die PH] der Unterstützung durch Rektor Rauscher, den ich als überaus offenen, konstruktiven, dialogbereiten, sympathischen, wissensdurstigen, unkonventionellen, unterstützenden, fördernden und alle mitnehmenden Menschen kennen und überaus schätzen lernte. Hätten doch viel mehr Führungspersonen so ein “Kaliber”!</em>“</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo.jpg"><img alt="" decoding="async" height="728" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1100px) 100vw, 1100px" src="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo.jpg 1100w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo-300x199.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo-1024x678.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo-768x508.jpg 768w" width="1100"></img></a></p> <p><span>Abb 5: Danke, lieber Herr Rauscher!  (aus Schörg 2020, Grafik von Leopold Maurer)</span></p> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> <h3>5. Versuch eines Fazits: </h3> <p>Dem Anthropozän-Konzept wird ja häufig unterstellt, es sei ein Ansatz zur Untersuchung des Erdsystems und ergäbe wegen der immensen Unterschiede zu den weiteren Epochen des Quartärs als Konsequenz eine Notwendigkeit zur Ausrufung einer neuen erdgeschichtlichen Epoche, dem Anthropozän. Damit sei es ja ausschließlich naturwissenschaftlich. Dass dies so keinesfalls stimmt, ist in diesem Blog schon häufig behandelt worden. Was nützt ein analytischer Befund, wenn dieser dem Patienten nicht erläutert wird?  Was nützt es, wenn ggf. keine Behandlung verordnet wird? Was nützt die Empfehlung einer Behandlung, wenn diese dann nicht durchgeführt wird? Was nützt eine tatsächlich begonnene Behandlung, wenn sie zu früh abgebrochen wird bzw. weitere Behandlungsnotwendigkeiten der systemischen Erkrankung des Systems nicht umgesetzt werden? </p> <p>Daher sind neue Narrative und Metaphern (siehe z.B.  <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/narrative/">hier im Blog</a>) im Kontext der Verantwortungs-Metaebene der Anthropozän-Konzeptes so wichtig (dazu <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/das-anthropozan-was-bin-ich-und-wenn-ja-wie-viele/" rel="noopener" target="_blank">hier im Blog</a>, siehe auch Leinfelder 2022, Abb. 3). Und dazu gehört eben auch die Bildung, beginnend beim jungen Schulkind bis hin zum lebenslangen Lernen, weswegen etwa das mit der Kooperation mit der PHNÖ entstandene Mutmachbuch so wichtig ist (s. Abb. 2), sowie die vielen weiteren innovativen Aktivitäten der PHNÖ mit dieser Altersgruppe. Andererseits ist Bildung ohne entsprechendes Umdenken im Handeln auch nicht ausreichend. Gerade daher sind neue Lernformen, bei denen – etwa im Sinne des Design Thinking-Ansatzes oder von Naturlaborlernorten (s. Abb 3)- die Schüler*innen selbst versuchen, Probleme zu erkennen, dann vielfältige Möglichkeiten der evtl. Lösung konstruktiv miteinander zu diskutieren, dann auszuprobieren, sich dabei von Spezialisten  helfen zu lassen, Fortschritte und Fehlversuche zu erkennen und zu analysieren und dann eben iterativ unter Modifikationen weiterzumachen, so wichtig für die Zukunftsgestaltung. Dazu sind KulturNatur-Kompetenz, Zukünftekompetenz, darunter auch Imaginationsvermögen und vieles mehr notwendig. Vielfältigste, oben und andernorts hier im Blog erwähnte, erweiterte Lehrformen sind hier sinnvoll und sollten fest in die Bildungslandschaften mit eingebaut werden – all dies bieten die Forschungs-, Lehr- und Schulausbildungsaktivitäten der PH-NÖ-Teams und ihres Rektors in herausragender Weise.</p> <p>Dies alles mag sehr nachvollziehbar klingen, wenn es dann aber um die entsprechenden Themen geht, wie eben Zukünfte im Anthropozän, ist das Erschrecken oft groß. Altbekanntes verlassen? Keine klaren Zuständigkeiten (in Bereichen, Fächern etc.), wer soll’s machen? Und dann auch keine Polarisierungen, keine simplifizierten externe Schuldzuweisungen als Selbstentschuldigung für Nichtstun? Dann ist vielen ein <em><span>„</span>Jetzt möchte ich möglichst gut leben, nach mir zwar vielleicht nicht gleich die Sintflut, aber da wird der neuen Generation dann schon noch etwas einfallen</em>” doch lieber. Auf all dies wollte ich einerseits im Sinne einer Zusammenfassung von bereits häufig Gesagtem, andererseits aber insbesondere auch am konkreten Beispiel für beeindruckende neue Ansätze, sowie leider dann auch an der, wie in diesem Falle, extrem vehementen Opposition dagegen, hier klarmachen. Und auch die Aussage vom verstorbenen Politiker Hannes Androsch sollte ein Augenöffner sein: “<em>Wenn man einen Hund schlagen möchte, dann findet man einen Stock dazu”</em> (s.o.). Der hochverdiente Rektor der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich, Prof. DDr. Erwin Rauscher ist dazu nicht der Richtige.</p> <p>Vielen Dank! Konstruktive Kommentare sind sehr erwünscht. </p> <p><em>Version 1a vom 28.10.2025<br></br>Version 1b vom 30.10.2025 mit einer Ergänzung im Intro-Kapitel sowie kleineren Korrekturen (v.a. Rechtschreibung und Layout)</em></p> <h4>Literaturverzeichnis</h4> <p>Cardoso, G., Kersting, D., Brachert, T., Heiss, G., Leinfelder, R., Maréchal, J.-P., D’Olivo, J.-P. (2025): Emerging skeletal growth responses of <em>Siderastrea siderea</em> corals to multidecadal anthropogenic impacts in Martinique, Caribbean Sea.- Nature Scientific Reports, 15, 23127 2025, doi: 10.1038/s41598-025-08709-5, <a href="https://www.nature.com/articles/s41598-025-08709-5" rel="noopener" target="_blank">nature.com/articles/s41598-025-08709-5</a></p> <p>Hangartner, U., Keller, F., Öechslin, D. (Hg) (2013): Wissen durch Bilder. Sachcomics als Medien von Bildung und Information, 330 S., Kultur und Medientheorie, Bielefeld (Transcript-Verlag)</p> <p>Hamann, A., Zea-Schmidt, C. &amp; Leinfelder, R. (Hrsg.) (2013): Die Große Transformation. Klima – Kriegen wir die Kurve? – 144 S., Stuttgart (Jakoby&amp; Stuart). ISBN 978-3-941087-23-1 (<a href="https://www.wbgu.de/de/publikationen/publikation/the-great-transformation" rel="noopener" target="_blank">download engl. Ausgabe siehe hier</a>)</p> <p>Hamann, A., Leinfelder, R., Trischler, H. &amp; Wagenbreth, H. (Hrsg.) (2014): Anthropozän – 30 Meilensteine auf dem Weg in ein neues Erdzeitalter. Eine Comic-Anthologie, 82 S., München (Verlag Deutsches Museum) (zur Online-Version der Meilensteine <a href="https://mintwissen.com/Anthropozan-Meilensteine" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>)</p> <p>Hamann, A., Leinfelder, R, Shimizu, M. (2024, 2nd Ed): Taming Time. A Golden Spike for the Anthropocene. A Science Graphic Novel.- 105 pp., eBook, Refubium Open Access-Server, Freie Universität Berlin, <a href="http://dx.doi.org/10.17169/refubium-40617.2" rel="noopener" target="_blank">http://dx.doi.org/10.17169/refubium-40617.2</a>, (Info blog: <a href="https://tamingtime.de" rel="noopener" target="_blank">https://tamingtime.de</a>)</p> <p>Heydenreich, C. (Hg) (2019): Comics und Naturwissenschaften, 273 S., Berlin (<a href="http://www.christian-bachmann.de/b_comfor5.html" rel="noopener" target="_blank">CH.A. Bachmann-Verlag</a>).</p> <p>Laibl, M. &amp; Jegelka, C. (in Coop. m. R. Leinfelder) (2022): WErde wieder wunderbar. 9 Wünsche fürs Anthropozän. Ein Mutmachbuch, 64 S., Edition Nilpferd, G&amp;G-Kinderbuchverlag (Wien). ISBN: 978-3-7074-5272-3, <a href="http://wwww.werdewiederwunderbar.com/" rel="noopener" target="_blank">Infos und Ressourcen</a>,  <a href="https://www.ph-noe.ac.at/fileadmin/root_phnoe/MitarbeiterInnen/Carmen_Sippl/PM_Laibl_Erde_FJ2022.pdf" rel="noopener" target="_blank">Ausschnitte, incl. Geleitwort</a></p> <p>Leinfelder, R. (2010a): Vom Handeln zum Wissen – das Museum zum Mitmachen.- In: Damaschun, F., Hackethal, S., Landsberg, H. &amp; Leinfelder, R. (eds.)(2010): Klasse, Ordnung, Art. 200 Jahre Museum für Naturkunde, S. 62-67, Rangsdorf (Basilisken-Presse)<span> </span></p> <p>Leinfelder, R.R. (2010b): Die wunderbare Natur.- In: Bödeker, K. &amp; Hammer, C. (eds.), Wunderforschung – Ein Experiment von Kindern, Wissenschaftlern und Künstlern, S. 54-62, Berlin (Nicolai-Verlag)</p> <p>Leinfelder, R. (2014): Das Haus der Zukunft (Berlin) als Ort der Partizipation.- Der Anthropozäniker, SciLogs, Spektrum der Wissenschaften-Verlag (20 S., 24 Abb.), <a href="http://www.scilogs.de/der-anthropozaeniker/haus-zukunft-berlin/" rel="noopener" target="_blank">http://www.scilogs.de/der-anthropozaeniker/haus-zukunft-berlin/</a> (oder direkt <a href="https://doi.org/10.13140/2.1.2720.5920" rel="noopener" target="_blank">zur pdf-Version, DOI: 10.13140/2.1.2720.5920</a></p> <p>Leinfelder, R. (2016): Das Haus der Zukunft (Berlin) als Ort der Partizipation.- In: Popp, R., Fischer, N., Heiskanen-Schüttler, M., Holz, J. &amp; Uhl, A. (ed.), Einblicke, Ausblicke, Weitblicke. Aktuelle Perspektiven der Zukunftsforschung, S. 74-93, Berlin, Wien etc. (LIT-Verlag)</p> <p>Leinfelder, R. (2018a): Nachhaltigkeitsbildung im Anthropozän – Herausforderungen und Anregungen. In: LernortLabor – Bundesverband der Schülerlabore e.V. (Hrsg), MINT-Nachhaltigkeitsbildung in Schülerlaboren – Lernen für die Gestaltung einer zukunftsfähigen Gesellschaft, S. 130-141, Berlin, ISBN 978-3-946709-02-2. (<a href="https://www.researchgate.net/publication/323934863_Nachhaltigkeitsbildung_im_Anthropozan_-_Herausforderungen_und_Anregungen" rel="noopener" target="_blank">check reprint via RG</a>)</p> <p>Leinfelder, R. (2018b): Das Anthropozän. Ein integratives Wissenschafts- und Bildungskonzept.- Gemeinsam lernen. Zeitschrift für Schule, Pädagogik und Gesellschaft. 3/2018 (Themenheft Global Goals), S. 8-14, Schwalbach/Ts (Debus). (check <a href="https://www.researchgate.net/publication/326380990_Das_Anthropozan_Ein_integratives_Wissenschafts-_und_Bildungskonzept" rel="noopener" target="_blank">Reprint via Researchgate</a>)</p> <p>Leinfelder , R. (2019): Using the state of reefs for Anthropocene stratigraphy: An ecostratigraphic approach.- In: Jan Zalasiewicz, Colin Waters, Mark Williams, Colin Summerhayes, (eds), The Anthropocene as a Geological Time Unit. A Guide to the Scientific Evidence and Current Debate, pp. 128-136, Cambridge (Cambridge University Press), <a href="https://www.cambridge.org/de/academic/subjects/earth-and-environmental-science/sedimentology-and-stratigraphy/anthropocene-geological-time-unit-guide-scientific-evidence-and-current-debate?format=HB" rel="noopener" target="_blank">ISBN 9781108475235</a>, <a href="https://www.researchgate.net/publication/331608833_Using_the_state_of_reefs_for_Anthropocene_stratigraphy_An_ecostratigraphic_approach" rel="noopener" target="_blank">RG-availability?</a></p> <p>Leinfelder, R. (2020a): Von der Umwelt zur Unswelt – Das Potenzial des Anthropozän-Konzeptes für den Schulunterricht. In: Schörg, Ch. &amp; Sippl, C. (Hrsg.): Die Verführung zur Güte. Beiträge zur Pädagogik im 21. Jahrhundert. Festschrift für Erwin Rauscher, Pädagogik für Niederösterreich, Band 8, S. 81-97, Innsbruck, Wien (StudienVerlag). print: ISBN 978-3-7065-4967-7.  online access download des ganzen Festbands <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.140" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.53349/oa.2022.a2.140</a></p> <p>Leinfelder, R. (2020b): Das Anthropozän – mit offenem Blick in die Zukunft der Bildung. In: Sippl, C.Rauscher, E.&amp; Scheuch, M. (Hrsg.): Das Anthropozän lernen und lehren, S. 17-65, Pädagogik für Niederösterreich, Band 9, Innsbruck, Wien (StudienVerlag), print ISBN 978-3-7065-5598-2, ebook EAN 9783706560832. Open-access download des ganzen Buchs <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.130">doi: 10.53349/oa.2022.a2.130</a>.</p> <p>Leinfelder, R. (2021): Die Zukunft im Museum ausstellen?.- In: Mohr, Henning &amp; Modarressi-Tehrani, Diana (Hsg.) Museen der Zukunft. Trends und Herausforderungen eines innovationsorientierten Kulturmanagements. S. 363-399, Bielefeld (<a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-4896-6/museen-der-zukunft/" rel="noopener" target="_blank">Transcript-Verlag, ISBN 978-3-8376-4896-6</a> (ebook/print)</p> <p>Leinfelder, R. (2022): “Auch Maschinen haben Hunger” – Biosphäre als Modell für die Technosphäre im Anthropozän.- In: Carmen Sippl &amp; Erwin Rauscher. (Hrsg.) <a href="https://www.studienverlag.at/produkt/6180/kulturelle-nachhaltigkeit-lernen-und-lehren/">Kulturelle Nachhaltigkeit lernen und lehren</a>. Reihe: Pädagogik für Niederösterreich, Bd. 11, S.S 489-521 Innsbruck, Wien (StudienVerlag), ISBN 978-3-7065-6180-8 open-access eBook des gesamten Buchs via <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.110" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.53349/oa.2022.a2.110</a>.</p> <p>Leinfelder, R. (2023): Die Zukunft als Skalen- und Perspektivenproblem – Tiefenzeit-Einsichten, Szenarien und Partizipation als Grundlage für Futures Literacy.- In: Sippl, C., Brandhofer, G. &amp; Rauscher, E. (eds.), Futures Literacy – Zukunft lernen und lehren. Pädagogik für Niederösterreich, Bd. 13, 35-60. Innsbruck, Vienna (StudienVerlag); Open access ebook des Bands:  <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.170" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.53349/oa.2022.a2.170</a>.</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Hamann, A. (2019): Das WBGU-Transformations-Gutachten als Sachcomic – ein neuer Wissenstransferansatz für komplexe Zukunftsthemen?.- In: Heydenreich, C. (ed.): Comics und Naturwissenschaften, S. 127-147, Berlin (<a href="http://www.christian-bachmann.de/b_comfor5.html" rel="noopener" target="_blank">CH.A. Bachmann-Verlag</a>).</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Hamann, A. (2025, in press): Imagining the Anthropocene with Images. The Potential of Slow-Media for Co-Designing Futures.- In: Sippl, C, Capatu, I. &amp; Krebs, R.E. (eds), Es wird einmal – Wissen schaffen – Zukünfte erzählen, Pädagogik für Niederösterreich, Bd. 17, (13.Nov.2025), Innsbruck, Wien. (StudienVerlag) (<a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/futures-literacy/sparkling-science-projekt" rel="noopener" target="_blank">Info</a>)</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Föhr, T. (2015): Auf dem Weg ins Haus der Zukunft. Extrablatt, Nr. 1 vom 10.6.2015., Haus der Zukunft gGmbH (Berlin). Faltblatt, 4 S., doi: <a href="https://doi.org/10.13140/RG.2.1.5074.9606" rel="noopener" target="_blank">10.13140/RG.2.1.5074.9606;</a> (bzw. 24S Präsentationsfassung: <a href="https://userpage.fu-berlin.de/leinfelder/palaeo_de/leinfelder/pdfs/HdZExtrablatt_24S.pdf" rel="noopener" target="_blank">download</a>)</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Lehmann, R. (2015): Das Anthropozän-Konzept. Ein neuer Ansatz für fachübergreifende Umweltbildung.- In: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt (Hrsg), Umweltbildung für Berlins biologische Vielfalt – nachhaltig und zielgruppenorientiert. Dokumentation der Berliner Umweltbildungskonferenz vom 4. September 2014, Rotes Rathaus, Berlin, S. 34-37, doi: <a href="https://doi.org/10.13140/RG.2.1.3540.8089" rel="noopener" target="_blank">10.13140/RG.2.1.3540.8089</a></p> <p>Leinfelder, R. &amp; Sippl, C. (2023a): CNL &amp; Anthropozän. Welche Impulse bietet das Anthropozän als Denkrahmen für CultureNature Literacy? – In: Sippl, C. &amp; Wanning, B. (Hrsg.) (2023): CultureNature Literacy (CNL). Schlüsselkompetenzen für Zukunftsgestaltung im Anthropozän. Ein Handbuch für den Theorie-Praxis-Transfer in Schule und Hochschule, S.41-49, Baden: Pädagogische Hochschule Niederösterreich, <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2023.a1.210" rel="noopener" target="_blank">DOI: 10.53349/oa.2023.a1.210</a> (op.acc. for entire eBook).</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Sippl, C. (2023b): CNL &amp; Wissenschaftskommunikation. Wie lassen sich komplexe Mensch-Natur-Beziehungen verständlich kommunizieren? -In: Sippl, C. &amp; Wanning, B. (Hrsg.) (2023): CultureNature Literacy (CNL). Schlüsselkompetenzen für Zukunftsgestaltung im Anthropozän. Ein Handbuch für den Theorie-Praxis-Transfer in Schule und Hochschule, S.142-152,Baden: Pädagogische Hochschule Niederösterreich, <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2023.a1.210" rel="noopener" target="_blank">DOI: 10.53349/oa.2023.a1.210</a> (op.cc. for entire eBook).</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Zinfert, M. (2015): Zukunftsbilder – Unsichtbares sichtbar machen. In: Zechlin, R. (ed) Wie leben? Zukunftsbilder von Malewitsch bis Fujimoto, (Ausstellungskatalog-Wilhelm Hack-Museum, Ludwigshafen), S. 16-29, (also in english: Images of the Future. Making the Invisible Visible), Köln (Wienand-Verlag), ISBN 978-3-86832-303-0</p> <p>Leinfelder, R., Adeney Thomas, J., Vidas, D., Williams, M. &amp; Zalasiewicz, J. (2024): Geoethics and the Anthropocene: Five Perspectives.- In: Silvia Peppoloni &amp; Giuseppe Di Capua (eds): Chap. 6; Geoethics for the Future: Facing Global Challenges, pp 69-83, chap. doi: <a href="https://doi.org/10.1016/B978-0-443-15654-0.00005-0" rel="noopener" target="_blank">10.1016/B978-0-443-15654-0.00005-0</a> (Elsevier, ISBN 978-0443156540), 69-83, (<a href="https://www.geoethics.org/geoethics-for-the-future-elsevier" rel="noopener" target="_blank">Book Info</a>)</p> <p>Leinfelder, R. Hamann, A., Jens Kirstein, J. &amp; Schleunitz, M. (Hrsg.)(2016): Die Anthropozän-Küche. Matooke, Bienenstich und eine Prise Phosphor – in zehn Speisen um die Welt. 248 S., Berlin, Heidelberg Springer-Verlag. ISBN 978-3-662-49871-2 (<a href="https://mintwissen.com/Eating-Anthropocene" rel="noopener" target="_blank">Info</a>)</p> <p>Leinfelder, R., Hamann, A. &amp; Kirstein, J. (2015): Wissenschaftliche Sachcomics: Multimodale Bildsprache, partizipative Wissensgenerierung und raumzeitliche Gestaltungsmöglichkeiten.- in: Bredekamp, H. &amp; Schäffner, W. (Hrsg.)(2015): Haare hören, Strukturen wissen, Räume agieren. Berichte aus dem Interdisziplinären Labor Bild-Wissen-Gestaltung, S. 45-59, Bielefeld (transcript-Verlag); ISBN 978-3-8376-3272-9 (Open access für gesamtes Buch <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-3272-9/haare-hoeren-strukturen-wissen-raeume-agieren/?number=978-3-8394-3272-3" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>)</p> <p>Leinfelder, R., Hamann, A., Kirstein, J. &amp; Schleunitz, M. (Hrsg.) (2017): Science meets Comics.- Proceedings of the Symposium on Communicating and Designing the Future of Food in the Anthropocene. With contributions by Jaqueline Berndt, Anne-Kathrin Kuhlemann, Toni Meier, Veronika Mischitz, Stephan Packard, Lukas Plank, Nick Sousanis, Katerina Teaiwa, Arnold van Huis, and the editors. 117 pp, Berlin (<a href="http://www.christian-bachmann.de/b_sciencemeets.html" rel="noopener" target="_blank">Ch. Bachmann publ.</a>)(4 April 2017); Open Access version: <a href="http://doi.org/10.5281/zenodo.556383" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.5281/zenodo.556383</a></p> <p>Leinfelder, R., Kull, U. &amp; Brümmer, F. (Hrsg.)(1998): Riffe – ein faszinierendes Thema für den Schulunterricht.-Materialien für die Fächer Biologie, Erdkunde und Geologie, Profil, 13, 150 S. (2nd ed 2002, ebook <a href="https://www.researchgate.net/profile/Reinhold-Leinfelder/publication/260069283_Riffe_-ein_faszinierendes_Thema_fur_den_Schulunterricht_Materialien_fur_die_Facher_Biologie_Erdkunde_und_Geologie/links/0c96052f4b801bee4a000000/Riffe-ein-faszinierendes-Thema-fuer-den-Schulunterricht-Materialien-fuer-die-Faecher-Biologie-Erdkunde-und-Geologie.pdf" rel="noopener" target="_blank">-&gt; download via ResearchGate</a>)</p> <p>Leinfelder, R.R., Maaßen, Ch. &amp; Püschel, H. (2007): Das Thema “Riffe” im Schulunterricht. Informationen, Anregungen, Erfahrungen.- In: Stritzke, R. (coord.), Geologie macht Schule, scriptum, 14, S. 32-51, Geol.Dienst NRW, <a href="https://www.gd.nrw.de/pdf/Scriptum14_scr.pdf" rel="noopener" target="_blank">https://www.gd.nrw.de/pdf/Scriptum14_scr.pdf</a> (für ganzes Heft)</p> <p>Leinfelder, R., Rauscher, E. &amp; Sippl, C. (2025, in press): Die Vierfalt der Weltverantwortung, Lernen und Lehren für nachhaltige Zukünfte im Anthropozän.- In: Sippl, C, Capatu, I. &amp; Krebs, R.E. (Hrsg), Es wird einmal – Wissen schaffen – Zukünfte erzählen, Pädagogik für Niederösterreich, Bd. 17, (13.Nov.2025), Innsbruck, Wien. (StudienVerlag) (<a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/futures-literacy/sparkling-science-projekt" rel="noopener" target="_blank">Info</a>)</p> <p>Mikl-Leitner, J., Teschl-Hofmeister, C., Henzinger, Thomas A., Schnabl, C. &amp; Mettinger, A. (2020): Glückwünsche.- In: Schörg, Ch. &amp; Sippl, C. (Hrsg.): Die Verführung zur Güte. Beiträge zur Pädagogik im 21. Jahrhundert. Festschrift für Erwin Rauscher, Pädagogik für Niederösterreich, Band 8, S. 37-42, Innsbruck, Wien (StudienVerlag). print: ISBN 978-3-7065-4967-7.  online access download des ganzen Festbands <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.140" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.53349/oa.2022.a2.140</a></p> <p>Rauscher, Erwin (2020). Unswelt als Wirwelt. Anthropozän – Herausforderung für Schulleitungshandeln. In Carmen Sippl, Erwin Rauscher &amp; Martin Scheuch (Hrsg.), Das Anthropozän lernen und lehren (S. 181–202). Studienverlag. (Pädagogik für Niederösterreich, 9) – DOI: <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.130" rel="noopener" target="_blank">10.53349/oa.2022.a2.130</a></p> <p>Rauscher, E. (2022): Wenn nicht die Schule, wer dann? Zukunftsfähigkeit als Bildungsverantwortung im Anthropozän. In Carmen Sippl &amp; Erwin Rauscher (Hrsg.), Kulturelle Nachhaltigkeit lernen und lehren (S. 273–305). Studienverlag. (Pädagogik für Niederösterreich, 11) – DOI: <a href="http://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.110" rel="noopener" target="_blank">10.53349/oa.2022.a2.110</a></p> <p>Rost, A. (2014): Konzeption und Evaluierung von fächerübergreifenden Forscherheften zum Biodiversitätsmonitoring – Beeinflusst eine Intervention das systemische Denken?- 302 S., Dissertation, Freie Universität Berlin (AG Geobiologie und Anthropozänforschung). Op.Acc. <a href="https://refubium.fu-berlin.de/bitstream/handle/fub188/10721/Rost_Anneli.diss.pdf" rel="noopener" target="_blank">https://refubium.fu-berlin.de/bitstream/handle/fub188/10721/Rost_Anneli.diss.pdf</a></p> <p>Schörg, C. (2020): Vom Kreidekreis zum Themen-Reigen. Eine Hinführung. In: Schörg, Ch. &amp; Sippl, C. (Hrsg.): Die Verführung zur Güte. Beiträge zur Pädagogik im 21. Jahrhundert. Festschrift für Erwin Rauscher, Pädagogik für Niederösterreich, Band 8, S. 9-22, Innsbruck, Wien (StudienVerlag). print: ISBN 978-3-7065-4967-7.  online access download des ganzen Festbands: Doi: <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.140" rel="noopener" target="_blank">10.53349/oa.2022.a2.140</a></p> <div title="Page 25"> <div> <div> <div title="Page 25"> <div> <p>Sippl, C., Tengler, K., Capatu, I., Krebs, R.E. &amp; Wittmann, A (2025): Die Zukunft des Bodens – Eine Pilotstudie zur Förderung von Zukünftedenken in der Primarstufe im methodischen Format der Zukünftewerkstatt.- R&amp;E-SOURCE 12. Jg. (2025)(Nr. 4):93 – 116, DOI: 10.53349/re-source.2025.i4.a1486</p> <p>Steinmüller, K. (2011): Weshalb Szenarien? (Grafik). In Autorenkollektiv Internet &amp; Gesellschaft Co:llaboratory (Hrsg.), Gleichgewicht und Spannung zwischen digitaler Privatheit und Öffentlichkeit (S. 58). Publikationen UB Uni Frankfurt -&gt; <a href="https://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/opus4/frontdoor/deliver/index/docId/27240/file/13510754.pdf" rel="noopener" target="_blank">pdf download</a>.</p> </div> </div> </div> </div> </div> <p>Trégarot, Ewan, Elena Allegri, Andrea Cabrito, Gema Casal, Gabriel Cardoso, Cindy Cornet, Juan Pablo D’Olivo, Kieran Deane, Silvia de Juan, Georg Heiss, Diego Kersting, Reinhold Leinfelder, Bethan O’Leary, Christian Simeoni, Marina Vergotti, Elisa Furlan; Llorenç Garrit &amp; Pato Conde (2024): Waves of Hope.- Science Graphic Novel, eBook 36pp, open access, <a href="https://macobios.eu/prp/other-products/#ComicBook" rel="noopener" target="_blank">macobios.eu/prp/other-products/#ComicBook</a> (produced by Horizon 2020 – EU-Research Project ‘Marine Coastal Ecosystems, Biodiversity and Services in a Changing World’) <i>(translations into German, French, Italian, Spanish, Catalan and Portuguese are now also availabe via above link)</i>.</p> <p>Zalasiewicz, J., Waters, C.N., Ellis, E.C., Head, M.J., Vidas, D., Steffen, W., Adeney Thomas, J., Horn, E., Summerhayes, C.P., Leinfelder, R., McNeill, J. R., Galuszka, A., Williams, M., Barnosky, A.D., Richter, D. deB., Gibbard, P.L., Syvitski, J., Jeandel, C., Cearreta, A., Cundy, A.B., Fairchild, I.J., Rose, N.L., Ivar do Sul, J.A., Shotyk, W., Turner, S., Wagreich, M., Zinke, J. (2021): The Anthropocene: comparing its meaning in geology (chronostratigraphy) with conceptual approaches arising in other disciplines.- Earth’s future, EFT2777, <a href="https://agupubs.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1029/2020EF001896" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.1029/2020EF001896</a> (open access).</p> <p>Wagenbreth, Henning (Hrsg.)(2023): Bilder schreiben, Wörter zeichnen. Was wir mit Illustrationen machen können. 512 S., Wuppertal (Peter Hammer Verlag, ISBN 978-3779507079).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Bildung für die Zukunft im Anthropozän - Herausforderungen, Potenziale, Leuchttürme und Abbruchsvorhaben. » Der Anthropozäniker » SciLogs</h1><h2>By Reinhold Leinfelder</h2><div itemprop="text"> <h3>1. Intro: Alles hängt mit allem zusammen</h3> <p><a href="https://userpage.fu-berlin.de/leinfelder/palaeo_de/leinfelder/freepdfs/Leinfelder%202025-PHNOE-Anthropozaeniker_30_10_2025_vers1b2_noed.pdf" rel="noopener" target="_blank">-&gt; pdf-Version</a></p> <p>Im Anthropozäniker-Blog gibt es bereits mehrere Beiträge zu obigem Haupthema, also zu neuen Bildungsaspekten im Anthropozän. Aus aktuellem Anlass sei dies aber hier nochmals aufgegriffen, um einen Überblick zu geben und mit Aktuellem, durchaus auch „Schrägem“, um nicht zu sagen „Skandalösem“ – zu ergänzen. Aber schauen wir der Reihe nach nochmals durch:</p> <ul> <li>„Alles hängt mit allem zusammen“, dies ist ein revolutionäres Zitat von A.v. Humboldt, übernommen auch als häufiges Bonmot hier im Anthropozäniker-Blog sowie in vielen meiner Vorträge. Es gilt in den Zeiten des Anthropozäns – im Sinne eines <strong>ganzheitlichen, systemischen Ansatzes</strong> – natürlich insbesondere auch für Bildung und Zukunftsgestaltung (z.B. Leinfelder 2018a,b, 2020a, Leinfelder &amp; Lehmann 2015, ggf. auch <a href="https://www.youtube.com/watch?v=4-4cOuriGpU" rel="noopener" target="_blank">hier (youtube</a>)).</li> <li>Ebenso gelten die hier immer wieder erwähnten <strong>Herausforderungen des Anthropozän</strong>s auch im <strong>Kontext Bildung zur Zukunftskompetenz</strong>. Dies betrifft insbesondere die hier bereits behandelte <strong>Sektoralisierung</strong> unserer Welt, um sie besser „bearbeitbar“ zu machen, also die Aufteilung von Behörden und Verwaltungen in „fachspezifische“ Abteilungen bzw. Ministerien, aber natürlich auch Gliederung in Fächer, Fach- und Wissenschaftsbereiche in Wissenschaften und Bildung. Wie schon mehrfach hier erwähnt, ist nichts gegen tiefgehende, fachspezifische Forschung und Bildung zu sagen, allerdings muss diese gerade in der heutigen Zeit auch wieder stärker fächerverbindend und fachübergreifend, also interdisziplinär und ggf. transdisziplinär verbunden werden, damit die Kleinteile des Wissenspuzzles wieder zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden können, etwa im Humboldtianischen Sinne. (siehe hierzu viele Beiträge in diesem Anthropozäniker-Blog, bzw Leinfelder 2020b, 2023 etc.)</li> <li>Auch unser „westlicher“ <strong>Dualismus</strong>, also die Suche nach der EINEN richtigen Lösung für einen komplexes Problempaket, sowie unser Wunsch nach <strong>Ranking</strong>, d.h. Abarbeitung komplexer, zusammenhängender Problemkreise zerlegt in Einzelprobleme, in ihrer angeblichen Wichtigkeit gereiht und dann nacheinander abgearbeitet werden sollen, gehört zu diesem Herausforderungspaket (Leinfelder et al. 2025).</li> <li>Versucht man, Obiges bereits im Schulunterricht zu thematisieren und neue, zukunftsorientierte Unterrichtswege zu beschreiten, ist dies eine weitere große Herausforderung, da Derartiges mit einem “weiter wie bisher”-Schulunterricht nicht zu machen ist und damit also die Ausbildung wie auch Fort- und Weiterbildung von Lehrer*innen auch entsprechend erweitert werden müssen. Manche möchten solche notwendigen Änderungen verhindern, dies aber nicht zugeben, weshalb sie  sich auf ein Bild von Lehre berufen, das längst überholt ist und einer zeitgemäßen schüler- oder studierendenzentrierten Didaktik widerspricht. Dieser Beitrag behandelt im Kontext von neuen, interdisziplinären und zukunftsorientierten Unterrichtswegen (und damit einhergehend auch neuen Unterrichtsformen) einen derartigen,  nicht nachvollziehbaren (um nicht zu sagen, skandalösen) Vorgang. </li> </ul> <h3>2. Herausforderungen (nicht nur) für den Unterricht</h3> <p>Für den schulischen Unterricht bedeutet all dies, dass neben dem Fachunterricht insbesondere auch der fächerverbindende und fächerübergreifende Unterricht sehr wichtig ist und vor allem immer noch wichtiger wird. Dies gilt nicht nur, aber insbesondere auch bereits für die Primarstufe. Unsere heutige Weltsituation zeigt ja mehr denn je, wie Probleme zusammenhängen, sich gegenseitig bedingen, miteinander wechselwirken und oft verstärken, sich dabei zu Kipppunkten zusammenbrauen, und vieles mehr. Diese Weltsituation zeigt aber auch, wie Mächteverhältnisse, insbesonderer auch finanzieller Art sowie die „Eigentumsfrage“ (siehe z.B. „<a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/wem-gehoert-die-erde/" rel="noopener" target="_blank">Wem gehört die Erde?</a>“) hier enorm viel Wichtiges verhindern, und zunehmend Diskurse wegen der „Spaltpille” <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/kann-das-anthropozaen-gegen-populismus-und-fake-news-helfen/" rel="noopener" target="_blank">Populismus</a> unmöglich werden. Dies betrifft auch die Zukunftskompetenzen. Hier ist es wieder die Suche nach der EINEN, „richtigen“ Zukunftslösung, dem „richtigen“ Zukunftspfad, auf dem wir dann wieder 200 Jahre ruhig voranschreiten können. Die Zukunftsdiskussion ist damit zu einer Farce verkommen, denn es gibt einfach keine „Silver Bullets“, die mit einem „Schuss“ alles regeln, genauso wie es keine, uns aus Science Fiction doch so gut bekannte Supermänner/-frauen gibt, die dann in letzter Minute doch noch alles wieder retten und richten, puh! So sind etwa beim Thema Klimakrise weder CCS noch Nuclear Fusion solche „Silver Bullets”, doch sie könnten – bei entsprechenden Tests auf Machbarkeit und Nebenwirkungen vor ihrem zukünftigen Einsatz – ggf. Teil späterer, gemischter Zukunftsportfolios werden, welche aber eben auch erneuerbare Energien, Suffizienzansätze, enorme Ausweitung des Recyclings und ja, natürlich auch reaktive Schutzmaßnahmen beinhalten müssen.</p> <p>Leider sind wir Erwachsene meist ziemlich gefangen in dem, was wir kennen, also dem „Weiter wie bisher“-Pfad, obwohl wir eigentlich wissen, dass wir es anders machen sollten. Aber den meisten von uns fehlt das Vorstellungsvermögen dazu, vor allem auch weil wir uns sicherer fühlen bei dem, was wir bereits kennen; Vertrautes gibt man halt so ungern auf, denn das Neue erscheint so fremd. Damit ergeben sich für Zukunftsszenarien meist nur kleinere Abweichungen von diesem BAU-Pfad – die Zukunfswissenschaften nennen dies die explorative Pfadgruppe (also ausgehend vom Bekannten und Weitermachen mit eher kleineren Abweichungen davon, siehe Abb 1a, b. Uns fehlt schlichtweg das Vorstellungsvermögen, andere Wegmöglichkeiten zu erdenken, also weitere mögliche Zukünfte zu imaginieren und daraus dann auch wünschbare Zukünfte herauszufiltern sowie Gestaltungswege dorthin zu finden. Mögliche Zukunftspfade sollten dann miteinander begangen werden, um zu sehen, ob wir da wirklich vorankommen. Also nochmals: wir benötigen keine Suche nach „Silver Bullets”, sondern müssen gemischte Portfolios von Lösungsansätzen zusammenstellen, deren Wirksamkeit überwacht wird, und die immer wieder auch umgebaut werden können, ja sollten, sofern etwa neue Technologien, neue Bereitschaften in der Bevölkerung oder auch zu große Nebenwirkungen verwendeter Techniken festgestellt werden. Es sollte also gemeinsam, jedoch auf vielen Wegen in eine kreative und offene Zukunft gehen (mehr dazu siehe z.B. <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/haus-zukunft-berlin/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/zukunft-teil3-zukuenfte/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> im Blog sowie Leinfelder 2016, 2020b). Dazu benötigen wir aber sehr viel Imaginationsfähigkeit, die uns leider oft – um nicht zu sagen: meist – fehlt.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1116" sizes="(max-width: 1894px) 100vw, 1894px" src="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg 1894w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-300x177.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-1024x603.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-768x453.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-1536x905.jpg 1536w" width="1894"></img></a><aside></aside></p> <p><span>Abb. 1a: Weshalb Szenarien? Der Zukünfte-Szenarientrichter mit Erläuterungen nach Steinmüller (2011), mit kleinen Änderungen und Ergänzungen. (Version aus Leinfelder 2023).</span> </p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1196" sizes="(max-width: 1822px) 100vw, 1822px" src="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr.jpg 1822w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr-300x197.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr-1024x672.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr-768x504.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr-1536x1008.jpg 1536w" width="1822"></img></a></p> <p><span>Abb. 1b: Grafische Hinführung zum Mehrwege-Zukünfte-Konzept (basierend auf Leinfelder 2014), Grafik von Tanja Föhr (aus Leinfelder &amp; Föhr 2015, siehe dort auch weitere graphische Umsetzung des Konzepts.) </span></p> <h3>3. Potentiale für die Zukunftsgestaltung: Imagination fördern, fächerübergreifend ausbilden, selbst Wissen schaffen, ausprobieren.</h3> <p>Hier kommt gleich die <span>nächste</span> Herausforderung: Obige Herausforderungsliste benötigt doch hochkomplexe, insbesondere auch wissenschaftliche Ansätze zu ihrer Bewältigung – was haben denn die Schulen damit zu tun, gar die Grundschulen? Dies ist sehr einfach zu beantworten: Wie oben geschildert,<span> brauchen wir eine viel bessere Imaginationsfähigkeit. </span>Das Imaginationsvermögen von Kindern ist bekanntermaßen besonders im jungen Alter enorm gut ausgeprägt, dies ist also eine offene Türe, um bereits junge Kinder auch für Zukunftsfragen besser zu schulen und insgesamt die verbundenen Themenkomplexe besser in unseren ethischen Wertekanon mit einzubringen (auch hierzu u.a. Leinfelder 2018a,b, 2020a,b, Leinfelder &amp; Sippl 2023a,b).</p> <p>Natürlich ist die Notwendigkeit zum Erreichen einer besseren KulturNatur-Kompetenz (CNL-Literacy) und Zukünfte-Kompetenz (Futures Literacy) nicht nur auf die Primarschulen begrenzt. Wir müssen insgesamt <em>Wissen schaffen </em>(also Wissenschaften), <em>Wissen lernen </em>(also Bildung) und <em>erlerntes Wissen nutzen und verbreiten</em> (also Aus-/Weiterbildung, Wissenschaftskommunikation, Anwendung), was alles ebenfalls besser verknüpft werden muss. Viel mehr Wissenschaftler*innen als früher sind heute bereit, ihr geschaffenes Wissen auch zu kommunizieren. Auch bei DFG-Anträgen (sowie bei vielen anderen Formen der Forschungsförderung) ist seit längerem nun immer auch anzugeben, wie neue Projekt-Forschungsergebnisse dann kommuniziert werden sollen. Früher (und z.T. noch heute) wurde man als Wissenschaftler*in, der/die auch Wissenschaftskommunikation betreibt, allerdings schon mal gefragt, ob man seine Forschung eingestellt habe, wenn für derartiges wie „Wisskomm” Zeit bleibt, bzw. ob man den Journalist*innen ihre Jobs wegnehmen möchte. Ja, ich weiß leider auch aus eigener Erfahrung, wovon ich hier spreche.</p> <p>Dabei sollte doch Wissenskommunikation ein echtes Bedürfnis sein. Um von mir zu reden: Mir war es schon als Diplomand, der dort am Mikroskop über 150 Millionen Jahre alten, selbst ausgebuddelten Mikrofossilien saß bzw. sich dann später mit ebenso alten Korallenriffen beschäftigte, wichtig, mir selbst die mich umtreibende Frage zu beantworten, was denn die ganze Welt von diesen Studien habe. Ja, Minipuzzleteile zum besseren Verständnis der Evolution der Lebensformen und ihre Ansprüche sowie Anpassungsfähigkeiten, das war die Antwort, die ich schon damals sah und die mich beruhigte. Tatsächlich hat sich viel später herausgestellt, dass insbesondere bei den Korallenriffen die Kenntnis ihrer evolutionären und adaptiven Entwicklung von ihren Ursprüngen bis heute maßgeblich auch zur Einschätzung der weiteren Entwicklung / des möglichen Untergangs heutiger Riffe (Stichwort „atavistische“ Korallen, siehe z.B. <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/zukunftsoptionen-fuer-korallenriffe/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/die-zukunft-der-korallenriffe-auftakt-zum-internationalen-jahr-des-riffs-iyor-2018-deutsche-aktivitaeten/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/zombie-riffe-im-anthropoz-n/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> im Blog sowie z.B. Leinfelder 2019, Cardoso et al. 2025 sowie <a href="https://www.fu-berlin.de/en/featured-stories/research/2025/corals-at-risk-gabriel-cardoso/index.html" rel="noopener" target="_blank">Feature dazu</a>) immer wichtiger wurde.  Und weil ich also schon immer schon meinte, dass bereits in den Schulen neues Wissen in entsprechender, adäquater Weise eingebracht werden sollte, habe ich quasi vom Anfang meiner Laufbahn an – und zunehmend verstärkt – an Wissenschaftskommunikation und Bildungskooperationen mit Schulen gearbeitet. Wegen meiner Überzeugung, dass Wissenskommunikation überaus wichtig für die Gesellschaft sei, habe ich zukunftsrelevante Ausstellungen mitinitiiert und mitkonzipiert (so etwa die weltweit erste große Anthropozän-Ausstellung am Deutschen Museum München), sowie Museumsleitungen an naturkundlichen Museen, aber auch fürs damals zu gründende „Haus der Zukunft” / „Futurium” in Berlin übernommen, dabei auch immer wieder mit Schüler*innen Ausstellungen gemacht bzw. Ausstellungen für Schulen mitkonzipiert (die an Schulen ausgeliehen wurden, wenn sich dort viele Lehrkräfte aus verschiedenen Fächern gemeinsam mit dem Thema beschäftigten) (siehe z.B. Leinfelder et al., 1998/2002, 2007, Leinfelder 2010a,b, 2021, Leinfelder &amp; Zinfert 2015). Bildbasierte Formate waren und sind dabei ebenfalls überaus wichtig. Thematisch ging es vom wohl ersten <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/forschung-und-entwicklung/anthropozaen/mutmachbuch" rel="noopener" target="_blank">Kinderbuch zum Anthropozän (ab 8 Jahren)</a> (Abb. 2) bis hin zu Sachcomics für ältere Jugendliche und Erwachsene, darunter die „Übersetzung“ eines 400-seitigen Hauptgutachtens des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung (dem ich damals angehörte) zur Großen Transformation in einen Comic (Hamann et al. 2013, siehe z.B. <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/forschung-und-entwicklung/anthropozaen/mutmachbuch" rel="noopener" target="_blank">hier</a> oder <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/trafocomicprojekt/" rel="noopener" target="_blank">hier</a>), ein Begleit-Sachcomic zur großen Anthropozän-Ausstellung im Deutschen Museum (Hamann et al. 2014), aber auch die Darstellung großer Forschungsprojekte als Wissenscomics, etwa das Projekt „Die Anthropozän-Küche” des Excellenzclusters Bild-Wissen-Gestaltung (Leinfelder et al. 2016, siehe auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/anthropozaen-kueche/" rel="noopener" target="_blank">hier im Blog</a>) oder die <a href="https://macobios.eu/prp/other-products/" rel="noopener" target="_blank">Ergebnisse des EU-Projekts MaCoBios auch als Sachcomic</a> (Tregardot et al. 2025). Auch die Arbeit der Internationalen Anthropocene Working Group wurde als Wissenscomic umgesetzt (Hamann et al. 2024, Leinfelder &amp; Hamann 2025).</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2000px) 100vw, 2000px" src="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg 2000w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-1536x1152.jpg 1536w" width="2000"></img></a></p> <p>Abb. 2:  Das in Kooperation mit der PH produzierte Mutmachbuch von Laibl et al. (2022), mit Buchcover (links), Seitenbeispielen (rechts) sowie Buchcover der umfangreichen Lehrhandreichungen dazu. (Näheres dazu <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/forschung-und-entwicklung/anthropozaen/mutmachbuch" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>)</p> <p>Solche bildbasierten Formate, also auch Sach-Comics, haben Ähnlichkeiten mit Ausstellung: beide sollten nicht ausschließlich „linear“ sein, also wie Filme, Bücher, Frontalunterricht etc., sondern stellen „slow Media“ dar. So erlauben es Wissenschaftscomics (ähnlich wie auch Ausstellungen), Komplexitäten zu vermitteln, indem man verschiedene Handlungs- und Zeitstränge nebeneinander herlaufen lassen und darin „umherspringen“ kann (siehe hierzu auch Hangartner et al. 2013, Heydenreich 2019, Wagenbreth 2023, Leinfelder &amp; Hamann 2025, Leinfelder et al. 2015, 2017) und fördern damit eben auch die Schulung unseres Imaginationsvermögens. Um dies auch im Unterricht zu ermöglichen, wurden unsere Sachcomics in fast allen Fällen durch umfangreiche Lehrhandreichungen (siehe z.B. <a href="http://anthropocene-kitchen.com/fileadmin/user/handreichung/Mehlwurmburger/Mehlwurmburger-web.pdf" rel="noopener" target="_blank">hier</a> und <a href="https://www.deutsches-museum.de/museum/verlag/publikation/willkommen-im-anthropozaen" rel="noopener" target="_blank">hier</a> und <a href="https://userpage.fu-berlin.de/leinfelder/palaeo_de/leinfelder/freepdfs/die_grosse_transformation_web.pdf" rel="noopener" target="_blank">hier</a>) ergänzt (siehe auch Abb 2). Auch viele andere an den Schulunterricht anpassungsfähgige Formate, wie Zukunftswerkstätten, Design Thinking-Projekte, Repair Cafés, partizipative Exkursionen, Monitoringprojekte uvm. (s. Abb. 3) ermöglichen das Erkennen von Zusammenhängen, der Bedeutung der Natur für uns und unsere Zukunft, sowie die Schulung unseres Imaginationsvermögens. Sie können damit wichtige Beiträge zur Erarbeitung einer  CultureNature Literacy und einer Futures Literacy liefern (siehe auch Leinfelder &amp; Sippl 2023a,b; zu partizipativen Monitoring-Projekten siehe auch die Dissertation von A. Rost 2014).</p> <p>Abb. 3: Beispiele für fächerübergreifende Aktivformate auch für den schulischen Unterricht. (Vortragsfolie Leinfelder, näheressiehe Text)</p> <p>Dies alles waren ja immer wieder auch wichtige Themen hier im Anthropozäniker-Blog. Wer aber erarbeitet insgesamt das Wissen um derartige Projekte, stellt den schulischen Unterricht in entsprechender Weise neu auf, so dass eben die fächerübergreifenden Aspekte und damit auch CultureNature-Literacy, Futures-Literacy auch erarbeitet und im schulischen Unterricht umgesetzt werden können? Daran sind natürlich viele beteiligt, wie der nachfolgende kurze Überblick klar machen und an einem herausragenden Leuchtturmbeispiel verdeutlichen möchte.</p> <h3>4. Die Rolle der Hochschulausbildung von Lehrkräften für die Primarstufe und Sekundarstufe I</h3> <p>Früher waren in Deutschland Pädagogische Hochschulen (PHs) für die (damalige) Volksschulausbildung für Lehramtsstudierende zuständig. Häufig (etwa in Bayern) waren sie römisch-katholisch oder evangelisch ausgerichtet. Forschung sowie Ausbildung für angehende Gymnasiallehrer*innen waren an den Universitäten angesiedelt. Details hierzu führen für diesen Blogpost zu weit (siehe ggf. hier <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pädagogische_Hochschule" rel="noopener" target="_blank">https://de.wikipedia.org/wiki/Pädagogische_Hochschule</a>). Allerdings wurden die PHs in Deutschland etwa ab den 1970er Jahren zunehmend abgeschafft (in den östlichen Bundesländern nach der Wende). Nur Baden-Württemberg hat heute noch PHs, die alle jeweils eine etwas unterschiedliche Schwerpunktsetzung haben und auch auch über Promotions- und Habilitationsrecht verfügen. Im restlichen Deutschland findet die Lehrkraftausbildung auch für die Primarstufe i.d.R. nun in den Sektoren der Fachdisziplinen statt, ergänzt durch spezielle Kurse, die von Lehrveranstaltungen in pädagogischen Fachbereichen (bzw. in anderen Fachbereichen – etwa Sozialwissenschaften, Psychologie etc.-  angesiedelten pädagogischen Fachgebieten) sowie Referendarzeiten ergänzt werden. Damit wurde auch die Primarstufe doch deutlich fachspezifischer, was fächerverbindende und -übergreifende Projekte erschweren kann, aber nicht muss.</p> <h4><strong>4. 1. Der österreichische Weg: Pädagogische Hochschulen</strong></h4> <p>Österreich ging hier einen anderen Weg. Dort gibt es derzeit neun öffentliche und vier private Pädagogische Hochschulen, dazu eine zusätzlich für Agrar- und Umweltwissenschaften. Vor 2006 gab es keine PHs, dafür verschiedenste Pädagogische Akademien und Institute, die dann österreichweit ab Oktober 2007 zu Pädagogischen Hochschulen zusammengefasst wurden, welche für die Primarstufe und Sekundarstufe I zuständig sind. (Näheres siehe z.B. hier: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bildungssystem_in_%C3%96sterreich">https://de.wikipedia.org/wiki/Bildungssystem_in_Österreich</a>.) Obwohl die österreichischen PHs an die jeweiligen Bundesländer angebunden sind, unterstehen sie (im Unterschied zu Deutschland) direkt dem nationalen Bildungsministerium. Die PHs haben neben den Ausbildungsaufgaben auch Forschungsaufgaben. Auch ist ihr Spektrum durchaus unterschiedlich, was die derzeitige österreichische Regierung mit einem Bildungsminister aus der Partei NEOS (einer Abzweigung der FPÖ, ausgeschriebener Name: „Das Neue Österreich und Liberales Forum”) jedoch im Rahmen des aktuellen Regierungsprogramms ändern möchte (siehe dazu <a href="https://www.bmb.gv.at/Themen/regierungsprogramm.html" rel="noopener" target="_blank">Regierungsprogramm, u.a. S. 214, Bullet 3</a>).</p> <h4><strong>4.2 Der Leuchtturm Pädagogische Hochschule Niederösterreich</strong></h4> <p>Ein besonders herausragendes Beispiel, welches in den letzten Jahren sogar ein großes EU-Projekt („<a href="https://cnl.ph-noe.ac.at" rel="noopener" target="_blank"><em>CultureNature Literacy: Curricular key competences for shaping the future in the Anthropocene</em></a>“) mit vielen anderen europäischen Partnern organisiert und geleitet hat und des weiteren auch einen Unesco Chair für „<a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/ph-noe/unesco-chair/learning-and-teaching-futures-literacy-in-the-anthropocene" rel="noopener" target="_blank"><em>Learning and Teaching Futures Literacy in the Anthropocene</em></a>“ eingeworben hat, sei hier besonders genannt: Die <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/" rel="noopener" target="_blank">Pädagogische Hochschule Niederösterreich</a> (University College of Teacher Education Lower Austria, PH NÖ).</p> <p>Weshalb ist dies hier von Interesse? Nun, zum einen, weil für die Ausbildung zur Primarstufe, wie oben erwähnt, möglichst viel Fächerverbindendes und Fächerübergreifendes notwendig ist und eben auch die Imaginationsfähigkeit sowie mit innovativen Lehransätzen auch CultureNature- und Futures Literacy in der Primarstufe besonders gut entwickelbar sind. Das ist beim heutigen Schulsystem in Deutschland nicht so leicht möglich, auch wenn es selbstverständlich auch dort fächerübergreifenden Unterricht gibt (siehe dazu aber <a href="#Kollegen">unten</a>). Auch die Forschung zu neuen inter- und transdisziplinären Schulbildungsansätzen ist damit ebenfalls besser möglich, wie das Beispiel der PH NÖ gut zeigt. Dort existiert sogar eine eigene Literaturreihe, „Pädagogik für Niederösterreich”,  in der viele der Forschungs- und Projektergebnisse der PH NÖ und ihrer Partner dokumentiert und dauerhaft (in <a href="https://www.studienverlag.at/produkt-kategorie/reihen/paedagogik-noe/" rel="noopener" target="_blank">Buchform</a>, aber seit etlichen Jahren auch als <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/forschung-und-entwicklung/schriftenreihe-paedagogik-fuer-niederoesterreich" rel="noopener" target="_blank">open access eBooks</a>) zugänglich sind. Und ja, ich bin überaus begeistert von der PH NÖ, nicht nur, aber auch, weil sie das Thema Anthropozän, beginnend beim Rektor der Universität (siehe z.B. Rauscher 2022), bis weit darüber hinaus als äußerst geeignet für ihren zukunftsorientierten, konstruktiven und verantwortungsgelenkten Ansatz ansehen und verwenden, genauso wie sie auch sehr am Potenzial bildbasierter Formate für die Lehre interessiert sind. Ich wurde im Februar 2019 erstmals vom Rektor zu einem Vortrag eingeladen, mein Vortragsthema damals lautete „<em>Von der Umwelt zur Unswelt – Das Potenzial des Anthropozän-Konzepts für den Schulunterricht</em>“, also ganz „Anthropozäniker-like”. Es ergab sich schon damals eine spannende Diskussion zum Begriff <em>Umwelt</em> und <em>Unswelt</em>; Rektor Rauscher brachte dazu noch den Begriff „<em>Wirwelt</em>“ mit ein (siehe dazu auch Rauscher 2020). (Nicht nur) diese Diskussion führten wir über etliche Jahre in überaus konstruktiver und gegenseitig befruchtender Weise (und derzeit ist in oben erwähnter Reihe auch eine gemeinsame Publikation dazu im Druck, siehe Leinfelder, Rauscher &amp; Sippl 2025). Ich war auch zu weiteren Vortragsterminen an der PH NÖ, führte z.T. dort auch Lehre durch (in Corona-Zeiten hybrid bzw. via VidCon) und wurde auch assoziierter Partner der PH NÖ für das CNL-EU-Projekt. Ja, ich verdanke dem Rektor, dem UNESCO Chair und der gesamten PH NÖ sehr viel für meine inhaltliche Weiterentwicklung in den letzten Jahren. Für Näheres zu den spannenden Aktivitäten dieser Leuchtturm-PH mit ihren wegweisenden Projekten und Zentren (etwa Zentren Lernen-Lehren, Zukünfte-Bildung, Prohairesis-Demokratie etc.)verweise ich auf die <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/" rel="noopener" target="_blank">Webseite der PHNÖ</a> (die leider nun doch eingedünnt wurde, siehe dazu auch nachfolgend). Ja, sicherlich gibt es auch etliche weitere Leuchttürme in der Bildung für eine anthropozäne Zukunft, darunter Universitäten oder auch andere Forschungsinstitutionen (wie etwa das Karlsruher Institut für Technologie, die Universität Augsburg oder auch das Institut Futur der Freien Universität Berlin, an denen auch ich u.a. an Ringvorlesungen beteiligt war). Aber die PH NÖ ragt, zumindest nach meiner Einschätzung, wegen der Gesamtheit und Kooperationsfähigkeit ihres Teams da doch noch deutlich weiter hervor. Überaus vieles verdankt sie hier der Initiativen und der Unterstützung durch Rektor Rauscher, den ich als überaus offenen, konstruktiven, dialogbereiten, sympathischen, wissensdurstigen, unkonventionellen, unterstützenden, fördernden und alle mitnehmenden Menschen kennen und überaus schätzen lernte. Hätten doch viel mehr Führungspersonen so ein „Kaliber”! </p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2000px) 100vw, 2000px" src="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic.jpg 2000w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic-1536x1152.jpg 1536w" width="2000"></img></a></p> <p><span>Abb. 4: Links: Überreichung des Sammelbandes „Die Verführung zur Güte” an den Rektor der PHNÖ, Herrn Prof. Rauscher (links) als Festschrift anlässlich seines  70. Geburtstags (im Jahr 2020). Neben ihm Grafikkünstler Leopold Maurer. Die Festschrift wird von Leitsätzen des Rektors durchzogen, die von L. Maurer in Comic-Paneele übersetzt wurden (mit dem Rektor in Comic-Form) und auch die Festschrift durchziehen. Rechts ein Beispiel dazu (zu weiteren Infos <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/news/news-detail/paedagogische-leitsaetze-als-comic" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>)</span></p> <p>Warum ist mir meine Erfahrung um die PH NÖ und rund um Prof. Dr.Dr. Erwin Rauscher hier so wichtig? Wir haben ja noch den Begriff „Abbruchsvorhaben“ im Titel, wozu wir gleich kommen werden. <a id="Kollegen"></a>Aber zuvor noch generell zu einer weiteren „Herausforderung”, die es natürlich weit verbreitet – aber nicht dermaßen bekannt – eben auch an Forschungs- und Bildungsinstitutionen gibt, wobei ich keinesfalls verallgemeinern möchte, sondern nur wenige Beispiele in allgemeiner Art herausgreife. Es geht um Kolleg*innen, die teilweise – und aus verschiedenen Gründen – doch sehr kritisch auf so manches schauen, was man ggf. anders macht als sie dies tun. Schon in den Anfängen meiner Kooperationen mit Schulen berichtete mir eine ältere, leider schon längst verstorbene, hochverdiente Lehrerin, dass viele angehende junge Lehrkräfte mit hohem Elan und überaus guten Projektideen, gerade auch für fächerübergreifenden und fächerverbindenden Unterricht, von den Hochschulen kommen und bald versuchen, derartige Projekte an ihren Schulen zu etablieren. (Zu) viele ältere Kolleg*innen würden dabei allerdings sehr kritisch auf den Elan und die Innovationsfreude der jungen blicken, und diese dann häufig ausbremsen, aus Angst, derartiges würde dann von ihnen auch erwartet. Manche begründen diese Ablehnung auch ganz formell damit, dass solche neuen Formate, wie Zukunftswerkstätten, Design-Thinking-Projekte, Outdoor-Seminare, selbständige Geländearbeiten u.v.m. ja gar nicht in Lehrplänen vorgesehen sind, keine behördlich zugelassenen Materialien dazu vorlägen, bzw. Mehrkosten entstünden, die nicht wirklich abrechenbar seien. Das hat durchaus einen wahren Kern, es gehört also schon auch etwas Mut dazu, derartig Neues anzupacken und das Vorgehen ggf. auch zu verteidigen (s.u.).</p> <p>Aus eigener Erfahrung mit meiner Universitätslaufbahn (die über viele Stationen und Institutionen an verschiedenen Orten führte) hab ich durchaus auch Neid-Vorbehalte unter Kolleg*innen kennengelernt, etwa nach dem Motto „<em>Der ist laufend in den Medien mit seinem neuen Zeugs, als ob das Anthropozän etwas mit Geologie und Paläontologie zu tun hätte!</em>” (doch, das hat es, und wie!). Oder auch Neid, dass Studierende bei Wahlpflichtveranstaltungen oft eher solche mit neuen Themen wählten, statt sich den klassischeren Themen zuzuwenden. (Warum fällt mir da wieder das Anthropozän ein?) Dies ging so weit, dass ein Kollege einmal einen extrem kritischen Zeitungsartikel zum Anthropozän (Titel: Epochaler Irrtum) vergrößert als Poster im Forschungsposterformat des Departments direkt neben der Ankündigung meiner Anthropozän-Kurse aushängte (- wir haben dies danach konstruktiv besprochen und gelöst -) oder sich ein anderer Kollege einmal weigerte, eine Studierende in seinem Fach zur Abschlussprüfung zuzulassen, weil sie ihre schriftliche Abschlussarbeit zum Thema Anthropozän durchgeführt hatte (, was dann auch noch irgendwie gelöst wurde). Oder auch, dass angeblich keine Verlängerung meiner aktiven Tätigkeit nach Erreichen des 65. Lebensjahrs möglich war (was der Fachbereich hätte bewilligen müssen). Nach einer Initiative der Studierenden (die unbedingt nochmals einen Anthropozän-Kurs haben wollten) gemeinsam mit dem Studiendekan gab es dann doch noch einen einsemestrigem Lehrvertrag, so dass der interdisziplinäre Anthropozän-Kurs nochmals stattfand. </p> <p>Lassen wir es bei diesen Beispielen bewenden und kommen zurück zum Beispiel der PH NÖ und ihrem so überaus beeindruckenden Kanzler (Kanzler ist hier im Österreichischen im Sinne eines Hochschulpräsidenten bzw. -rektors gemeint, nicht als Finanz- und Verwaltungschef einer Universität, wie dies in Deutschland häufig der Fall ist).</p> <h4><strong>4.3 Abbruchinitiierung eines überragenden Leuchtturms? </strong></h4> <p>Die Aktivitäten der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich (PH NÖ) sind – nicht nur – in Österreich in vieler Munde. Nicht nur, gerade aber auch die projektbasierten, institutsübergreifenden Aktivitäten, mit entsprechend vielen Drittmitteleinwerbungen, sind sehr gut und sehr weit sichtbar. Wegen dieser herausragenden Sichtbarkeit werden dann schon auch ab und an von den Ministerien entsprechende Papiere, etwa zur Zukunftskompetenz-Entwicklung in der schulischen Bildung erwünscht, die man dann natürlich auch erstellt und zuschickt. Ja, da kann es schon mal ein paar Probleme geben, etwa: wer hatte die Idee zu Polyzukünften und deren Einbringung im Unterricht?. Sind Polyzukünfte dasselbe wie die polyperspektivischen Zukünfte, auf denen u.a. das Gründungskonzept eines gewissen Leinfelders für das Berliner Haus der Zukunft / Futurium beruht (siehe <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/haus-zukunft-berlin/" rel="noopener" target="_blank">hier im Blog</a> sowie Leinfelder 2016)? Was sind Unterschiede und Verbindungen zwischen Umwelt, Mitwelt, Unswelt, Wirwelt? (siehe Leinfelder, Rauscher &amp; Sippl. 2025)? Wer schickt dann mit wem etwas an das Ministerium und was wird dabei zitiert? Da kann es schon mal Abstimmungsbedarf geben, aber all das ist (und war) lösbar. </p> <p>Anders sieht es jedoch derzeit aus. Prof. Rauscher, der Gründungsrektor und seit 2006 durchgängig Rektor der PHNÖ, also nicht nur Erbauer, sondern mit seinem gesamten Team aktiver Miterweiterer und ja, auch Wächter dieses Leuchtturms, wurde geschasst, genauer: über Nacht vom Bildungsministerium als Rektor abberufen, in den Ruhestand geschickt und strafrechtlich angezeigt. Sein Name wurde auch innerhalb von Minuten von der Webseite der PH NÖ getilgt, zumindest von der Rektoratseite und anderen Einträgen ist er komplett verschwunden, so als hätte es ihn nie gegeben (die Webseiten der PHs werden übrigens vom österreichischen Bildungsministerium “mitbetreut”, oha!). Dann gleich noch eine heftige Pressemeldung raushauen (via APA, der österreichischen Presseagentur, die von den Medien sofort und quasi völlig unüberprüft übernommen wurde? Siehe z.B. hier: die <a href="https://www.sn.at/panorama/oesterreich/rektor-paedagogischen-hochschule-noe-185360365" rel="noopener" target="_blank">APA-Meldung in den Salzburger Nachrichten vom 2.10.2025</a>.  Was ist passiert? Honni soit que mal y pense? Oder hat da wer gezündelt und der ganze Leuchtturm ist versehentlich abgebrannt? Nein, der Betrieb geht weiter. Aber es läuft wirklich eine handfeste Intrige dort ab, anders kann ich es leider nicht bezeichnen. Ich bin an der PHNÖ nur assoziierter Projektpartner, bin mit dem österreichischen Bildungssystem nicht so vertraut wie mit dem deutschen (siehe auch oben) und will grundsätzlich niemanden direkt anschwärzen. Doch ein paar Aspekte zu diskutieren sei erlaubt, weil es sich nicht nur um ein m.E. skandalöses Vorgehen gegen einen überaus geschätzten Kollegen handelt, sondern viele andere davon in Mitleidenschaft gezogen werden, und damit auch der ganze Leuchtturm stark beschädigt wird. Vor allem aber möchte ich dazu berichten, weil auch für das Unterrichten viel daraus gelernt werden kann. Ich versuche mich möglichst kurz zu fassen und verweise für Vertiefungen auf einige, unten angegebene Medienartikel, damit sich die Anthropozäniker-Leser*innen ihre eigene Meinung bilden können. Aus einigen Medienartikeln erlaube ich mir, kurze, als solche kenntlich gemachte Ausschnitte, wiederzugeben bzw. sie direkt im Text zu verlinken.</p> <p><strong><em>Zur Anschuldigung: <br></br></em></strong>Die in vielen Medien nachzulesenden Anschuldigungen lauten zusammengefasst so.  “<em>Das Bildungsministerium hat Erwin Rauscher, den Rektor der Pädagogischen Hochschule (PH) Niederösterreich, mit sofortiger Wirkung von seinem Amt abberufen. Das teilte das Ministerium von Christoph Wiederkehr (Neos) am Donnerstag in einer Aussendung mit. Grund dafür seien „schwerwiegende dienst- und strafrechtlich relevante Vorwürfe”</em> (aus: <a href="https://www.derstandard.at/consent/tcf/story/3000000290324/bildungsministerium-beruft-rektor-der-ph-niederoesterreich-ab-und-zeigt-ihn-an" rel="noopener" target="_blank">Der Standard vom 2.10.2025</a>). Weiter heißt es dort, „<em>es seien ‚fingierte Lehrveranstaltungen’ im Verwaltungssystem angelegt worden. .. Auch eine Strafanzeige sei eingebracht worden.” Dadurch sei wohl „ein mutmaßlicher Schaden in Höhe von mindestens 32.522 Euro entstanden</em>“. Die weiteren Details will ich nicht groß ausmalen. Nur soviel dazu: Es geht darum, dass dieses Verwaltungssystem vor allem für klassische Lehrveranstaltungen angelegt ist. Für alles andere, was Geld kostet, müsse man Lehraufträge abschließen. Dieses System ist also ähnlich unflexibel wie in Deutschland. Zusätzliche, gerade auch im Kontext der Lehre und des Lehrstudiums wichtige Aktivitäten, angefangen von Social Media-Training, über spezielle, neuartige Lehrprojekte (z.B. Monitoring draußen, Werkstattprojekte uvm) gelten formal nicht als klassische Lehre, wurden aber dennoch hier verbucht. Hätte man diese via Werksverträge abgeschlossen, wären etwa statt dieser 32.000 Euro Kosten von ca. 150.000 Euro entstanden (siehe hier <a href="https://www.oe24.at/oesterreich/chronik/niederoesterreich/verjagter-rektor-schlaegt-zurueck-habe-150-000-euro-eingespart/651567225">oe24 vom 7.10.2025</a>). (Vom gigantischen Verwaltungsaufwand, incl. „Ausschreiberitis” selbst für kleinste Vorhaben, oft unter der Missachtung von Wissenschaftsfreiheit und Lehrfreiheit mal ganz abgesehen, ich weiß, wovon ich spreche). Die PH NÖ hat somit also kräftig Kosten und Verwaltungsarbeit gespart. (Warum kommt mir da dieser Artikel in den Sinn, der darüber berichtet, dass unter diesem Bildungsminister das Ministerium in einem Monat 126.000 Euro für externe Beratung ausgegeben hat? Siehe hier: <a href="https://www.derstandard.at/consent/tcf/story/3000000275629/was-hinter-wiederkehrs-ueppigen-ausgaben-steckt" rel="noopener" target="_blank">Der Standard v. 26.6.2025</a>. Könnte es sein, dass Herr Rauscher ihm dies durch seine einsparende Abrechnung indirekt ermöglicht hat? Zynismus off). Das Ganze ist also ein verwaltungstechnisches, ein „legistisches” Problem, worauf auch der <a href="https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20251008_OTS0015/offener-brief-von-lehrenden-der-ph-noe-an-bm-wiederkehr-zur-abberufung-von-rektor-erwin-rauscher" rel="noopener" target="_blank">offene Brief der PH NÖ-Mitarbeiter*innen</a> (verantwortlich Prof. Christoph Hofbauer, ebenfalls PH NÖ) hinweist. Aber halt, angeblich machen es die anderen PHs ja überhaupt nicht so mit ihrer Abrechnung, solche Dummy-Veranstaltungen gäbe es da nicht, meint zumindest die derzeitige Vorsitzende der Rektor*innenkonferenz der österreichischen PHs, Prof. Beatrix Karl, ehemalige Justizministerin Österreichs, die nun selbst auch eine andere PH in Österreich leitet. Sie meinte dazu in der Kleinen Zeitung vom 10.10.2025: „<em>Eine Nachjustierung und mehr Flexibilität des Dienstrechts wäre wünschenswert, aber es funktioniert auch in seiner jetzigen Form. Es zwingt niemanden dazu, rechtswidrig zu agieren”</em> (<a href="https://www.kleinezeitung.at/oesterreich/20185027/eskalation-in-streit-um-geschassten-rektor-andere-phs-werden-gewarnt" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>). Nur dumm, dass im Kurier von 18.10.2025 (S. 5, Print, bzw. online <a href="https://www.pressreader.com/article/284279601309059" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>) ein Artikel mit dem Titel „<em>Fake-Kurse auch an der PH Steiermark?”</em> dazu herauskam. Oh, das ist ja die PH von Frau Karl. Hier nur der Teaser: „<em>Was in Niederösterreich zur Entlassung des Rektors führte, scheint andernorts auch System zu haben. An der PH Graz kann mal leicht 79 ‚Dummy’-Lehrveranstaltungen finden.”</em> Aha!</p> <p>Es gab übrigens auch eine interne Prüfung an der PHNÖ von all dem, die nichts Strafbares beanstandete. Und natürlich gibt es auch bei allgemein hervorragendem Arbeitsklima immer ein paar Ausnahmen. Und wenn mal Fehler passieren: Herrr Rauscher stellte sich immer auch vor evtl. Fehler anderer Mitarbeiter*innen und übernahm immer die Verantwortung. </p> <p>Ich muss nun zum Verständnis doch noch einmal auf Personelles eingehen. Sehr lange wurden alle Gesprächswünsche der Belegschaft mit dem Ministerium zur Causa Rauscher abgelehnt (drei unbeantwortete Schreiben an den Minister, sieben an die Sektionschefin), daraufhin gab es den oben erwähnten offenen Brief der Belegschaft ans Ministerium, was nach der Abberufung des Rektors doch noch zu einem Gespräch an der PHNÖ mit dem Generalsekretär des Ministers, Herrn Netzer, führte. Dieses Gespräch fand am 14.10.2025 statt und ist offensichtlich komplett entgleist;  ich war nicht dabei, mir wurde aber davon berichtet, und im schon oben erwähnten Artikel des Kurier vom 18.12.2025 wird auch dazu kommentiert; hier ein Ausschnitt daraus: „<em>Wie sehr die Nerven in der Causa Rauscher im Ministerium blank liegen, zeigt ein Vorfall bei einer Veranstaltung an der PH NÖ, bei der der Generalsektretär des Bildungsministeriums, Martin Netzer, seine Sicht der Causa Rauscher schilderte. Eine Hochschulprofessorin stellte dann in einer Wortmeldung fest, dass Rauscher immer ein umsichtiger Rektor gewesen sei, für ihn müsse jedenfalls die Unschuldsvermutung gelten. Netzer konterte scharf: ‚Ich bin erschüttert. Erschüttert über Ihr Rechtsverständnis. Und mache mir Sorgen, wenn Personen wie Sie mit diesem Rechtsverständnis unsere Lehrerinnen und Lehrer ausbilden.’</em>“</p> <p>Was soll man dazu sagen? Das war m.E. nichts anderes als eine „trumpeske” Bedrohung einer Professorin, die es wagte, die Unschuldsvermutung gerade auch für den honorigen Prof. Rauscher anzunehmen, bevor das Urteil in einem etwaigen Strafprozess gesprochen wird. Unglaublich! Mir wurde zusätzlich berichtet, das eine andere anwesende, schwangere Kollegin daraufhin ein medizinischer Notfall ereilte, so dass der Rettungsnotdienst gerufen werden musste. Mehr muss man zu diesem Auftritt wohl nicht sagen / schreiben.</p> <p><strong><em>Weitere Kollateralschäden und die Rolle der Politik<br></br></em></strong>Einer Person im Bildungsministerium scheint diese PH NÖ ein Dorn im Auge zu sein. Die PH NÖ kann offensichtlich mehr Forschungspublikationen als die anderen österreichischen PHs vorweisen und ist eben auch sehr innovativ: Anthropozän, Zukunftsaspekte, Werte, Verantwortung usw. usw.. Rektor Rauscher ist dabei keinesfalls eine „ultralinke” Socke, sondern ein wertebewusster, offener und kooperativer Mensch, dabei auch aktiver Christ, insgesamt fernab jeglicher Unterstellung von „<em>Wokeness”,</em> „Linksgrünversiffung” oder was auch immer für entsprechende Begriffe zur Demontage gewählt würden. Dennoch gab es schon im Sommer eine andere, ebenfalls absolut unnachvollziehbare heftige Rüge des Ministeriums für Rektor Rauscher. An einer mit der PH NÖ assoziierten Primarstufen-Schule war in einer Stellenausschreibung für eine Lehrkraft angegeben, dass auch Türkischkenntnisse sehr wichtig wären. Darauf gab es Reaktionen von ÖVP und FPÖ wie „<em>Deutsch müsse als Unterrichts- und Integrationssprache im Mittelpunkt stehen”</em> (ÖVP) und „<em>die Ausschreibung sei ‚unfair, unvernünftig und diskriminierend’ gegenüber heimischen Lehrkräften ohne Türkischkenntnisse. … ‚Deutsch [sei] auch in Pausen via Hausordnung durchzusetzen'”</em> (Landes-FPÖ), <a href="https://noe.orf.at/stories/3318144/" rel="noopener" target="_blank">siehe hier in ORF_at vom 18.8.2025</a>. Ja, genauso wie in Deutschland ist natürlich auch in Österreich an Volksschulen die Lehrsprache Deutsch, aber etliche der Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund, vor allem aber die Eltern dieser Kinder, haben oft Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Dass es solchen Familien überaus hilft bzw. sie z.T. sogar nur dann erreichbar sind, wenn sie in Gesprächen ggf. auch in der Heimatsprache sprechen können, ist doch bekannt. Damit ist dieser Wunsch nach Türkischkenntnissen absolut sinnvoll.</p> <p>Der junge Bundesminister ist von der Partei der NEOS (einer Abspaltung der FPÖ, <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/politiklexikon/17792/liberales-forum-neos/" rel="noopener" target="_blank">siehe hierzu die Bundeszentrale für politische Bildung, Deutschland</a> (schon etwas älter)); einen <a href="https://www.diepresse.com/19458600/zib-2-die-radikale-gesinnungsaenderung-des-christoph-wiederkehr" rel="noopener" target="_blank">Beitrag zum neuen Bildungsminister Österreichs von ORF-TV, ZIB 2 (vom 11.3.2025) gibt es hier</a>. Der langjährige Generalsekretär Netzer des Bildungsministeriums ist gleichzeitig auch noch Sektionschef der Präsidialsektion des Ministeriums, es steht aber offensichtlich ein Wechsel an; der Minister möchte seinen bisherigen Kabinettschef, Huber, zum Generalsekretär machen (<a href="https://www.diepresse.com/20188544/was-neos-personalien-mit-dem-streit-um-ph-rektor-rauscher-zu-tun-haben" rel="noopener" target="_blank">siehe Die Presse vom 10.10.2025</a>). Tendenzen, wonach von den Organisationsplänen bis zu den Curricula der PH’s möglichst Einheitlichkeit dominieren müsse, kann ich nur als Angriff auf die Themen Anthropozän und Zukunft interpretieren, die eben eine neue, aber überaus notwendige Sicht- und Denkweise schulen. </p> <p><strong><i>Bewertung der Causa Rauscher?<br></br></i></strong>Ich maße mir als Nichtjurist nicht an, eine juristische Bewertung des Vorgangs vorzunehmen. Ich wollte mit obigen Gedanken vor allem anregen, die wichtige Rolle der frühen schulischen Ausbildung für unsere vielfältigen, in neuer Weise anzugehenden Zukunftsherausforderungen zu betonen, aber auch darauf hinzuweisen, wie schnell derartiges Vorgehen aus unterschiedlichsten Gründen in Misskredit gebracht werden kann. Hierbei stellt leider auch die gewisse Einseitigkeit von Vorwürfen mit Hilfe der Medien, ohne die Gegenseitig in voller Weise darzustellen, offensichtlich eine zusätzliche Herausforderung dar. Aber jede*r kann sich hierzu ein eigenes Bild erstellen, so denke ich.</p> <p>Statt eines weiteren Fazits zur Bewertung der Causa Rauscher erlaube ich mir lieber, ein paar Zitate hier anzufügen:</p> <p>a) „<em>Für Erwin Rauscher dreht sich immer alles um die Menschen. Für ihn ist seine Hochschule daher zwar ein besonderer Ort, vielmehr und unverzichtbar aber besteht sie aus dem großen Team der PH-NÖ-Mitarbeiter/innen. Sie sind das starke Fundamentum; auf sie, für sie und mit ihnen hat er diese Hochschule gebaut und gestaltet sie beharrlich weiter, in wechselseitigem Respekt und Vertrauen fördert er ihr Wirken nach Kräften, die Unterstützung und Entwicklung jedes und jeder Einzelnen liegt ihm am Herzen. Er macht Mut für das kreative Verknüpfen von Wissen, das Denken in Alternativen und Zusammenhängen, das Überwinden alter Kausalitätsmuster und Infragestellen herkömmlicher Gewissheiten und Schlussfolgerungen – für visionäres Denken und Imaginationsfähigkeit schlechthin.</em>” (aus Schörg 2020 im Hinführungsartikel der damaligen PHNÖ-Vizerektorin Christine Schörg zur Festschrift von Herrn Rauschers 70 Geburtstag. Zu Glückwünschen weiterer Personen an Herrn Rauscher siehe im selben Band: Mikl-Leitner et al. (2020) (siehe auch Abb. 4 und 5).</p> <p><em><span>b) „Gerechtigkeit, Unvoreingenommenheit und das Prinzip der Fairness sind Grundpfeiler unseres demokratischen Staatsgefüges … Im Wirbel um die PH NÖ, der nun am 2.10.2025 in der Abberufung von Rektor Erwin Rauscher gipfelte, ist dieser Grundsatz missachtet worden. </span><span>Lehrende und Studierende der PH NÖ haben seit Mai 2025 wiederholt an Sie appelliert, auch jene zu hören, die hier gerne arbeiten – aber von einem Dienstrecht betroffen sind, das fachlich-organisationale Tätigkeiten nicht berücksichtigt. Wir wurden abgewiesen oder es kam keine Reaktion. .. </span></em><span><em>Das Dienstrecht lässt hier keine andere Möglichkeit als ein „Hilfskonstrukt“ zur Abgeltung der Administration und Organisation zu – welches jedenfalls an vielen anderen Hochschulen ebenfalls im Einsatz ist</em>.” <br></br>Auszug aus dem <a href="https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20251008_OTS0015/offener-brief-von-lehrenden-der-ph-noe-an-bm-wiederkehr-zur-abberufung-von-rektor-erwin-rauscher" rel="noopener" target="_blank">Offenen Brief von Lehrenden der PH NÖ an Bildungsminister Wiederkehr zur Abberufung von Rektor Erwin Rauscher</a> (vom 8.10.2025) (Rückfragen und Kontakt Prof. Christoph Hofbauer, PH NÖ). </span></p> <div title="Page 1"> <div> <div> <div> <p><em><span>c) „</span>Der jahrzehntelange Rektor der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich, Erwin Rauscher, wurde suspendiert. Er hätte ein System technisch so programmiert, dass Leistungen, die tatsächlich erbracht wurden, nicht mit dem formal richtigen Etikett versehen wurden. So wurde die Betreuung von Sozialen Medien auch als Lehre verbucht. Jeder, der auf der Höhe der Zeit ist, weiß, dass mittlerweile Lehre mehr ist, als vor 25 Personen zu stehen und Monologe zu halten. Es gibt verschiedenste Möglichkeiten, Lehrinhalte, im besten Fall interaktiv, zu vermitteln.</em></p> <ul> <li><em><span>Anstatt real erbrachte Leistungen extern zu vergeben, wurden die Leistungen intern und billiger erbracht.</span></em></li> <li><em><span>Anstatt in einer budgetär taumelnden Republik dem Rektor ein Lobschreiben zukommen zu lassen, werden formale Mängel in der Art der Verbuchung festgestellt.</span></em></li> <li><em><span>Anstatt in Spalte A wurde eine tatsächlich erbrachte Leistung in Spalte B eingetragen – und sicher nicht vom Rektor selbst.</span></em></li> <li><em><span>Anstatt dies in der gebotenen verhältnismäßigen Weise zu lösen, nämlich durch einen Hinweis, diese Leistung sei anders zu buchen, passiert Folgendes:</span></em></li> </ul> <div title="Page 1"> <div> <div> <div> <p><em>Ein seit Jahrzehnten über das durchschnittliche Maß hinaus engagierter Mann, der Inbegriff eines integren Menschen, ein Mensch, der für das Bildungssystem und für die Republik Österreich Unbezahlbares geleistet hat, der sich persönlich so weit engagiert, dass er nicht mit 65 Jahren in Pension geht, sondern stattdessen bis zu seinem 75. Lebensjahr voll weiterarbeitet, wird mit Schimpf und Schande davongejagt.</em></p> <div title="Page 2"> <div> <div> <div> <p><em>Wie schon Hannes Androsch sagte: Wenn man einen Hund schlagen möchte, dann findet man einen Stock dazu. Hingegen ist kein Fall eines Beamten überliefert, der aufgrund völliger Untätigkeit jemals suspendiert worden wäre. Es häufen sich jedoch die Fälle, dass über viele Jahre engagierte Beamte, besonders Ausnahmetalente, die in ihrem Leben bereits wiederholte Male Topleistungen erbracht haben, von noch nie positiv in Erscheinung getretenen Heckenschützen erlegt werden. Der unqualifizierte Neuling richtet die hoch integre erfahrene Person durch kabinettsjustizielle Vorverurteilung hin. Attackiert werden heutzutage jene, die etwas erreicht und geleistet haben. Leute, die sich meist vom Durchschnitt abheben. Dieser Mann soll nie mehr die Durchschnittlichkeit Österreichs stören. ….<span>Die Besten werden entfernt. …</span></em></p> <div title="Page 3"> <div> <div> <div> <p><em>Die Botschaft lautet: Sei möglichst inaktiv und ja nicht innovativ, denn durch eine falsche Buchung stehen die Pseudoanzeige und der Rufmord ins Haus. Und nur keine Innovation, denn bei neuen Initiativen ist das Risiko viel höher, Fehler zu machen.</em>“<br></br>Auszüge aus <a href="https://www.andreas-unterberger.at/m/2025/10/leistungstrger-raus-zur-skandalsen-intrige-gegen-erwin-rauscher/" rel="noopener" target="_blank">“<span>Leistungsträger raus! Zur skandalösen Intrige gegen Erwin Rauscher”, Gastbeitrag </span>von Franz Schabhüttl, 12.10.2025 auf das-tagebuch-at</a> (Blog von Andreas Unterberger)</p> <p>d) Und hier nochmals meine Kurz-Charakterisierung des Rektors von weiter oben (Leinfelder 28.10.2025)<br></br><em>Überaus vieles verdankt [die PH] der Unterstützung durch Rektor Rauscher, den ich als überaus offenen, konstruktiven, dialogbereiten, sympathischen, wissensdurstigen, unkonventionellen, unterstützenden, fördernden und alle mitnehmenden Menschen kennen und überaus schätzen lernte. Hätten doch viel mehr Führungspersonen so ein “Kaliber”!</em>“</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo.jpg"><img alt="" decoding="async" height="728" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1100px) 100vw, 1100px" src="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo.jpg 1100w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo-300x199.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo-1024x678.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo-768x508.jpg 768w" width="1100"></img></a></p> <p><span>Abb 5: Danke, lieber Herr Rauscher!  (aus Schörg 2020, Grafik von Leopold Maurer)</span></p> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> <h3>5. Versuch eines Fazits: </h3> <p>Dem Anthropozän-Konzept wird ja häufig unterstellt, es sei ein Ansatz zur Untersuchung des Erdsystems und ergäbe wegen der immensen Unterschiede zu den weiteren Epochen des Quartärs als Konsequenz eine Notwendigkeit zur Ausrufung einer neuen erdgeschichtlichen Epoche, dem Anthropozän. Damit sei es ja ausschließlich naturwissenschaftlich. Dass dies so keinesfalls stimmt, ist in diesem Blog schon häufig behandelt worden. Was nützt ein analytischer Befund, wenn dieser dem Patienten nicht erläutert wird?  Was nützt es, wenn ggf. keine Behandlung verordnet wird? Was nützt die Empfehlung einer Behandlung, wenn diese dann nicht durchgeführt wird? Was nützt eine tatsächlich begonnene Behandlung, wenn sie zu früh abgebrochen wird bzw. weitere Behandlungsnotwendigkeiten der systemischen Erkrankung des Systems nicht umgesetzt werden? </p> <p>Daher sind neue Narrative und Metaphern (siehe z.B.  <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/narrative/">hier im Blog</a>) im Kontext der Verantwortungs-Metaebene der Anthropozän-Konzeptes so wichtig (dazu <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/das-anthropozan-was-bin-ich-und-wenn-ja-wie-viele/" rel="noopener" target="_blank">hier im Blog</a>, siehe auch Leinfelder 2022, Abb. 3). Und dazu gehört eben auch die Bildung, beginnend beim jungen Schulkind bis hin zum lebenslangen Lernen, weswegen etwa das mit der Kooperation mit der PHNÖ entstandene Mutmachbuch so wichtig ist (s. Abb. 2), sowie die vielen weiteren innovativen Aktivitäten der PHNÖ mit dieser Altersgruppe. Andererseits ist Bildung ohne entsprechendes Umdenken im Handeln auch nicht ausreichend. Gerade daher sind neue Lernformen, bei denen – etwa im Sinne des Design Thinking-Ansatzes oder von Naturlaborlernorten (s. Abb 3)- die Schüler*innen selbst versuchen, Probleme zu erkennen, dann vielfältige Möglichkeiten der evtl. Lösung konstruktiv miteinander zu diskutieren, dann auszuprobieren, sich dabei von Spezialisten  helfen zu lassen, Fortschritte und Fehlversuche zu erkennen und zu analysieren und dann eben iterativ unter Modifikationen weiterzumachen, so wichtig für die Zukunftsgestaltung. Dazu sind KulturNatur-Kompetenz, Zukünftekompetenz, darunter auch Imaginationsvermögen und vieles mehr notwendig. Vielfältigste, oben und andernorts hier im Blog erwähnte, erweiterte Lehrformen sind hier sinnvoll und sollten fest in die Bildungslandschaften mit eingebaut werden – all dies bieten die Forschungs-, Lehr- und Schulausbildungsaktivitäten der PH-NÖ-Teams und ihres Rektors in herausragender Weise.</p> <p>Dies alles mag sehr nachvollziehbar klingen, wenn es dann aber um die entsprechenden Themen geht, wie eben Zukünfte im Anthropozän, ist das Erschrecken oft groß. Altbekanntes verlassen? Keine klaren Zuständigkeiten (in Bereichen, Fächern etc.), wer soll’s machen? Und dann auch keine Polarisierungen, keine simplifizierten externe Schuldzuweisungen als Selbstentschuldigung für Nichtstun? Dann ist vielen ein <em><span>„</span>Jetzt möchte ich möglichst gut leben, nach mir zwar vielleicht nicht gleich die Sintflut, aber da wird der neuen Generation dann schon noch etwas einfallen</em>” doch lieber. Auf all dies wollte ich einerseits im Sinne einer Zusammenfassung von bereits häufig Gesagtem, andererseits aber insbesondere auch am konkreten Beispiel für beeindruckende neue Ansätze, sowie leider dann auch an der, wie in diesem Falle, extrem vehementen Opposition dagegen, hier klarmachen. Und auch die Aussage vom verstorbenen Politiker Hannes Androsch sollte ein Augenöffner sein: “<em>Wenn man einen Hund schlagen möchte, dann findet man einen Stock dazu”</em> (s.o.). Der hochverdiente Rektor der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich, Prof. DDr. Erwin Rauscher ist dazu nicht der Richtige.</p> <p>Vielen Dank! Konstruktive Kommentare sind sehr erwünscht. </p> <p><em>Version 1a vom 28.10.2025<br></br>Version 1b vom 30.10.2025 mit einer Ergänzung im Intro-Kapitel sowie kleineren Korrekturen (v.a. Rechtschreibung und Layout)</em></p> <h4>Literaturverzeichnis</h4> <p>Cardoso, G., Kersting, D., Brachert, T., Heiss, G., Leinfelder, R., Maréchal, J.-P., D’Olivo, J.-P. (2025): Emerging skeletal growth responses of <em>Siderastrea siderea</em> corals to multidecadal anthropogenic impacts in Martinique, Caribbean Sea.- Nature Scientific Reports, 15, 23127 2025, doi: 10.1038/s41598-025-08709-5, <a href="https://www.nature.com/articles/s41598-025-08709-5" rel="noopener" target="_blank">nature.com/articles/s41598-025-08709-5</a></p> <p>Hangartner, U., Keller, F., Öechslin, D. (Hg) (2013): Wissen durch Bilder. Sachcomics als Medien von Bildung und Information, 330 S., Kultur und Medientheorie, Bielefeld (Transcript-Verlag)</p> <p>Hamann, A., Zea-Schmidt, C. &amp; Leinfelder, R. (Hrsg.) (2013): Die Große Transformation. Klima – Kriegen wir die Kurve? – 144 S., Stuttgart (Jakoby&amp; Stuart). ISBN 978-3-941087-23-1 (<a href="https://www.wbgu.de/de/publikationen/publikation/the-great-transformation" rel="noopener" target="_blank">download engl. Ausgabe siehe hier</a>)</p> <p>Hamann, A., Leinfelder, R., Trischler, H. &amp; Wagenbreth, H. (Hrsg.) (2014): Anthropozän – 30 Meilensteine auf dem Weg in ein neues Erdzeitalter. Eine Comic-Anthologie, 82 S., München (Verlag Deutsches Museum) (zur Online-Version der Meilensteine <a href="https://mintwissen.com/Anthropozan-Meilensteine" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>)</p> <p>Hamann, A., Leinfelder, R, Shimizu, M. (2024, 2nd Ed): Taming Time. A Golden Spike for the Anthropocene. A Science Graphic Novel.- 105 pp., eBook, Refubium Open Access-Server, Freie Universität Berlin, <a href="http://dx.doi.org/10.17169/refubium-40617.2" rel="noopener" target="_blank">http://dx.doi.org/10.17169/refubium-40617.2</a>, (Info blog: <a href="https://tamingtime.de" rel="noopener" target="_blank">https://tamingtime.de</a>)</p> <p>Heydenreich, C. (Hg) (2019): Comics und Naturwissenschaften, 273 S., Berlin (<a href="http://www.christian-bachmann.de/b_comfor5.html" rel="noopener" target="_blank">CH.A. Bachmann-Verlag</a>).</p> <p>Laibl, M. &amp; Jegelka, C. (in Coop. m. R. Leinfelder) (2022): WErde wieder wunderbar. 9 Wünsche fürs Anthropozän. Ein Mutmachbuch, 64 S., Edition Nilpferd, G&amp;G-Kinderbuchverlag (Wien). ISBN: 978-3-7074-5272-3, <a href="http://wwww.werdewiederwunderbar.com/" rel="noopener" target="_blank">Infos und Ressourcen</a>,  <a href="https://www.ph-noe.ac.at/fileadmin/root_phnoe/MitarbeiterInnen/Carmen_Sippl/PM_Laibl_Erde_FJ2022.pdf" rel="noopener" target="_blank">Ausschnitte, incl. Geleitwort</a></p> <p>Leinfelder, R. (2010a): Vom Handeln zum Wissen – das Museum zum Mitmachen.- In: Damaschun, F., Hackethal, S., Landsberg, H. &amp; Leinfelder, R. (eds.)(2010): Klasse, Ordnung, Art. 200 Jahre Museum für Naturkunde, S. 62-67, Rangsdorf (Basilisken-Presse)<span> </span></p> <p>Leinfelder, R.R. (2010b): Die wunderbare Natur.- In: Bödeker, K. &amp; Hammer, C. (eds.), Wunderforschung – Ein Experiment von Kindern, Wissenschaftlern und Künstlern, S. 54-62, Berlin (Nicolai-Verlag)</p> <p>Leinfelder, R. (2014): Das Haus der Zukunft (Berlin) als Ort der Partizipation.- Der Anthropozäniker, SciLogs, Spektrum der Wissenschaften-Verlag (20 S., 24 Abb.), <a href="http://www.scilogs.de/der-anthropozaeniker/haus-zukunft-berlin/" rel="noopener" target="_blank">http://www.scilogs.de/der-anthropozaeniker/haus-zukunft-berlin/</a> (oder direkt <a href="https://doi.org/10.13140/2.1.2720.5920" rel="noopener" target="_blank">zur pdf-Version, DOI: 10.13140/2.1.2720.5920</a></p> <p>Leinfelder, R. (2016): Das Haus der Zukunft (Berlin) als Ort der Partizipation.- In: Popp, R., Fischer, N., Heiskanen-Schüttler, M., Holz, J. &amp; Uhl, A. (ed.), Einblicke, Ausblicke, Weitblicke. Aktuelle Perspektiven der Zukunftsforschung, S. 74-93, Berlin, Wien etc. (LIT-Verlag)</p> <p>Leinfelder, R. (2018a): Nachhaltigkeitsbildung im Anthropozän – Herausforderungen und Anregungen. In: LernortLabor – Bundesverband der Schülerlabore e.V. (Hrsg), MINT-Nachhaltigkeitsbildung in Schülerlaboren – Lernen für die Gestaltung einer zukunftsfähigen Gesellschaft, S. 130-141, Berlin, ISBN 978-3-946709-02-2. (<a href="https://www.researchgate.net/publication/323934863_Nachhaltigkeitsbildung_im_Anthropozan_-_Herausforderungen_und_Anregungen" rel="noopener" target="_blank">check reprint via RG</a>)</p> <p>Leinfelder, R. (2018b): Das Anthropozän. Ein integratives Wissenschafts- und Bildungskonzept.- Gemeinsam lernen. Zeitschrift für Schule, Pädagogik und Gesellschaft. 3/2018 (Themenheft Global Goals), S. 8-14, Schwalbach/Ts (Debus). (check <a href="https://www.researchgate.net/publication/326380990_Das_Anthropozan_Ein_integratives_Wissenschafts-_und_Bildungskonzept" rel="noopener" target="_blank">Reprint via Researchgate</a>)</p> <p>Leinfelder , R. (2019): Using the state of reefs for Anthropocene stratigraphy: An ecostratigraphic approach.- In: Jan Zalasiewicz, Colin Waters, Mark Williams, Colin Summerhayes, (eds), The Anthropocene as a Geological Time Unit. A Guide to the Scientific Evidence and Current Debate, pp. 128-136, Cambridge (Cambridge University Press), <a href="https://www.cambridge.org/de/academic/subjects/earth-and-environmental-science/sedimentology-and-stratigraphy/anthropocene-geological-time-unit-guide-scientific-evidence-and-current-debate?format=HB" rel="noopener" target="_blank">ISBN 9781108475235</a>, <a href="https://www.researchgate.net/publication/331608833_Using_the_state_of_reefs_for_Anthropocene_stratigraphy_An_ecostratigraphic_approach" rel="noopener" target="_blank">RG-availability?</a></p> <p>Leinfelder, R. (2020a): Von der Umwelt zur Unswelt – Das Potenzial des Anthropozän-Konzeptes für den Schulunterricht. In: Schörg, Ch. &amp; Sippl, C. (Hrsg.): Die Verführung zur Güte. Beiträge zur Pädagogik im 21. Jahrhundert. Festschrift für Erwin Rauscher, Pädagogik für Niederösterreich, Band 8, S. 81-97, Innsbruck, Wien (StudienVerlag). print: ISBN 978-3-7065-4967-7.  online access download des ganzen Festbands <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.140" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.53349/oa.2022.a2.140</a></p> <p>Leinfelder, R. (2020b): Das Anthropozän – mit offenem Blick in die Zukunft der Bildung. In: Sippl, C.Rauscher, E.&amp; Scheuch, M. (Hrsg.): Das Anthropozän lernen und lehren, S. 17-65, Pädagogik für Niederösterreich, Band 9, Innsbruck, Wien (StudienVerlag), print ISBN 978-3-7065-5598-2, ebook EAN 9783706560832. Open-access download des ganzen Buchs <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.130">doi: 10.53349/oa.2022.a2.130</a>.</p> <p>Leinfelder, R. (2021): Die Zukunft im Museum ausstellen?.- In: Mohr, Henning &amp; Modarressi-Tehrani, Diana (Hsg.) Museen der Zukunft. Trends und Herausforderungen eines innovationsorientierten Kulturmanagements. S. 363-399, Bielefeld (<a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-4896-6/museen-der-zukunft/" rel="noopener" target="_blank">Transcript-Verlag, ISBN 978-3-8376-4896-6</a> (ebook/print)</p> <p>Leinfelder, R. (2022): “Auch Maschinen haben Hunger” – Biosphäre als Modell für die Technosphäre im Anthropozän.- In: Carmen Sippl &amp; Erwin Rauscher. (Hrsg.) <a href="https://www.studienverlag.at/produkt/6180/kulturelle-nachhaltigkeit-lernen-und-lehren/">Kulturelle Nachhaltigkeit lernen und lehren</a>. Reihe: Pädagogik für Niederösterreich, Bd. 11, S.S 489-521 Innsbruck, Wien (StudienVerlag), ISBN 978-3-7065-6180-8 open-access eBook des gesamten Buchs via <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.110" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.53349/oa.2022.a2.110</a>.</p> <p>Leinfelder, R. (2023): Die Zukunft als Skalen- und Perspektivenproblem – Tiefenzeit-Einsichten, Szenarien und Partizipation als Grundlage für Futures Literacy.- In: Sippl, C., Brandhofer, G. &amp; Rauscher, E. (eds.), Futures Literacy – Zukunft lernen und lehren. Pädagogik für Niederösterreich, Bd. 13, 35-60. Innsbruck, Vienna (StudienVerlag); Open access ebook des Bands:  <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.170" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.53349/oa.2022.a2.170</a>.</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Hamann, A. (2019): Das WBGU-Transformations-Gutachten als Sachcomic – ein neuer Wissenstransferansatz für komplexe Zukunftsthemen?.- In: Heydenreich, C. (ed.): Comics und Naturwissenschaften, S. 127-147, Berlin (<a href="http://www.christian-bachmann.de/b_comfor5.html" rel="noopener" target="_blank">CH.A. Bachmann-Verlag</a>).</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Hamann, A. (2025, in press): Imagining the Anthropocene with Images. The Potential of Slow-Media for Co-Designing Futures.- In: Sippl, C, Capatu, I. &amp; Krebs, R.E. (eds), Es wird einmal – Wissen schaffen – Zukünfte erzählen, Pädagogik für Niederösterreich, Bd. 17, (13.Nov.2025), Innsbruck, Wien. (StudienVerlag) (<a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/futures-literacy/sparkling-science-projekt" rel="noopener" target="_blank">Info</a>)</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Föhr, T. (2015): Auf dem Weg ins Haus der Zukunft. Extrablatt, Nr. 1 vom 10.6.2015., Haus der Zukunft gGmbH (Berlin). Faltblatt, 4 S., doi: <a href="https://doi.org/10.13140/RG.2.1.5074.9606" rel="noopener" target="_blank">10.13140/RG.2.1.5074.9606;</a> (bzw. 24S Präsentationsfassung: <a href="https://userpage.fu-berlin.de/leinfelder/palaeo_de/leinfelder/pdfs/HdZExtrablatt_24S.pdf" rel="noopener" target="_blank">download</a>)</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Lehmann, R. (2015): Das Anthropozän-Konzept. Ein neuer Ansatz für fachübergreifende Umweltbildung.- In: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt (Hrsg), Umweltbildung für Berlins biologische Vielfalt – nachhaltig und zielgruppenorientiert. Dokumentation der Berliner Umweltbildungskonferenz vom 4. September 2014, Rotes Rathaus, Berlin, S. 34-37, doi: <a href="https://doi.org/10.13140/RG.2.1.3540.8089" rel="noopener" target="_blank">10.13140/RG.2.1.3540.8089</a></p> <p>Leinfelder, R. &amp; Sippl, C. (2023a): CNL &amp; Anthropozän. Welche Impulse bietet das Anthropozän als Denkrahmen für CultureNature Literacy? – In: Sippl, C. &amp; Wanning, B. (Hrsg.) (2023): CultureNature Literacy (CNL). Schlüsselkompetenzen für Zukunftsgestaltung im Anthropozän. Ein Handbuch für den Theorie-Praxis-Transfer in Schule und Hochschule, S.41-49, Baden: Pädagogische Hochschule Niederösterreich, <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2023.a1.210" rel="noopener" target="_blank">DOI: 10.53349/oa.2023.a1.210</a> (op.acc. for entire eBook).</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Sippl, C. (2023b): CNL &amp; Wissenschaftskommunikation. Wie lassen sich komplexe Mensch-Natur-Beziehungen verständlich kommunizieren? -In: Sippl, C. &amp; Wanning, B. (Hrsg.) (2023): CultureNature Literacy (CNL). Schlüsselkompetenzen für Zukunftsgestaltung im Anthropozän. Ein Handbuch für den Theorie-Praxis-Transfer in Schule und Hochschule, S.142-152,Baden: Pädagogische Hochschule Niederösterreich, <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2023.a1.210" rel="noopener" target="_blank">DOI: 10.53349/oa.2023.a1.210</a> (op.cc. for entire eBook).</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Zinfert, M. (2015): Zukunftsbilder – Unsichtbares sichtbar machen. In: Zechlin, R. (ed) Wie leben? Zukunftsbilder von Malewitsch bis Fujimoto, (Ausstellungskatalog-Wilhelm Hack-Museum, Ludwigshafen), S. 16-29, (also in english: Images of the Future. Making the Invisible Visible), Köln (Wienand-Verlag), ISBN 978-3-86832-303-0</p> <p>Leinfelder, R., Adeney Thomas, J., Vidas, D., Williams, M. &amp; Zalasiewicz, J. (2024): Geoethics and the Anthropocene: Five Perspectives.- In: Silvia Peppoloni &amp; Giuseppe Di Capua (eds): Chap. 6; Geoethics for the Future: Facing Global Challenges, pp 69-83, chap. doi: <a href="https://doi.org/10.1016/B978-0-443-15654-0.00005-0" rel="noopener" target="_blank">10.1016/B978-0-443-15654-0.00005-0</a> (Elsevier, ISBN 978-0443156540), 69-83, (<a href="https://www.geoethics.org/geoethics-for-the-future-elsevier" rel="noopener" target="_blank">Book Info</a>)</p> <p>Leinfelder, R. Hamann, A., Jens Kirstein, J. &amp; Schleunitz, M. (Hrsg.)(2016): Die Anthropozän-Küche. Matooke, Bienenstich und eine Prise Phosphor – in zehn Speisen um die Welt. 248 S., Berlin, Heidelberg Springer-Verlag. ISBN 978-3-662-49871-2 (<a href="https://mintwissen.com/Eating-Anthropocene" rel="noopener" target="_blank">Info</a>)</p> <p>Leinfelder, R., Hamann, A. &amp; Kirstein, J. (2015): Wissenschaftliche Sachcomics: Multimodale Bildsprache, partizipative Wissensgenerierung und raumzeitliche Gestaltungsmöglichkeiten.- in: Bredekamp, H. &amp; Schäffner, W. (Hrsg.)(2015): Haare hören, Strukturen wissen, Räume agieren. Berichte aus dem Interdisziplinären Labor Bild-Wissen-Gestaltung, S. 45-59, Bielefeld (transcript-Verlag); ISBN 978-3-8376-3272-9 (Open access für gesamtes Buch <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-3272-9/haare-hoeren-strukturen-wissen-raeume-agieren/?number=978-3-8394-3272-3" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>)</p> <p>Leinfelder, R., Hamann, A., Kirstein, J. &amp; Schleunitz, M. (Hrsg.) (2017): Science meets Comics.- Proceedings of the Symposium on Communicating and Designing the Future of Food in the Anthropocene. With contributions by Jaqueline Berndt, Anne-Kathrin Kuhlemann, Toni Meier, Veronika Mischitz, Stephan Packard, Lukas Plank, Nick Sousanis, Katerina Teaiwa, Arnold van Huis, and the editors. 117 pp, Berlin (<a href="http://www.christian-bachmann.de/b_sciencemeets.html" rel="noopener" target="_blank">Ch. Bachmann publ.</a>)(4 April 2017); Open Access version: <a href="http://doi.org/10.5281/zenodo.556383" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.5281/zenodo.556383</a></p> <p>Leinfelder, R., Kull, U. &amp; Brümmer, F. (Hrsg.)(1998): Riffe – ein faszinierendes Thema für den Schulunterricht.-Materialien für die Fächer Biologie, Erdkunde und Geologie, Profil, 13, 150 S. (2nd ed 2002, ebook <a href="https://www.researchgate.net/profile/Reinhold-Leinfelder/publication/260069283_Riffe_-ein_faszinierendes_Thema_fur_den_Schulunterricht_Materialien_fur_die_Facher_Biologie_Erdkunde_und_Geologie/links/0c96052f4b801bee4a000000/Riffe-ein-faszinierendes-Thema-fuer-den-Schulunterricht-Materialien-fuer-die-Faecher-Biologie-Erdkunde-und-Geologie.pdf" rel="noopener" target="_blank">-&gt; download via ResearchGate</a>)</p> <p>Leinfelder, R.R., Maaßen, Ch. &amp; Püschel, H. (2007): Das Thema “Riffe” im Schulunterricht. Informationen, Anregungen, Erfahrungen.- In: Stritzke, R. (coord.), Geologie macht Schule, scriptum, 14, S. 32-51, Geol.Dienst NRW, <a href="https://www.gd.nrw.de/pdf/Scriptum14_scr.pdf" rel="noopener" target="_blank">https://www.gd.nrw.de/pdf/Scriptum14_scr.pdf</a> (für ganzes Heft)</p> <p>Leinfelder, R., Rauscher, E. &amp; Sippl, C. (2025, in press): Die Vierfalt der Weltverantwortung, Lernen und Lehren für nachhaltige Zukünfte im Anthropozän.- In: Sippl, C, Capatu, I. &amp; Krebs, R.E. (Hrsg), Es wird einmal – Wissen schaffen – Zukünfte erzählen, Pädagogik für Niederösterreich, Bd. 17, (13.Nov.2025), Innsbruck, Wien. (StudienVerlag) (<a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/futures-literacy/sparkling-science-projekt" rel="noopener" target="_blank">Info</a>)</p> <p>Mikl-Leitner, J., Teschl-Hofmeister, C., Henzinger, Thomas A., Schnabl, C. &amp; Mettinger, A. (2020): Glückwünsche.- In: Schörg, Ch. &amp; Sippl, C. (Hrsg.): Die Verführung zur Güte. Beiträge zur Pädagogik im 21. Jahrhundert. Festschrift für Erwin Rauscher, Pädagogik für Niederösterreich, Band 8, S. 37-42, Innsbruck, Wien (StudienVerlag). print: ISBN 978-3-7065-4967-7.  online access download des ganzen Festbands <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.140" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.53349/oa.2022.a2.140</a></p> <p>Rauscher, Erwin (2020). Unswelt als Wirwelt. Anthropozän – Herausforderung für Schulleitungshandeln. In Carmen Sippl, Erwin Rauscher &amp; Martin Scheuch (Hrsg.), Das Anthropozän lernen und lehren (S. 181–202). Studienverlag. (Pädagogik für Niederösterreich, 9) – DOI: <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.130" rel="noopener" target="_blank">10.53349/oa.2022.a2.130</a></p> <p>Rauscher, E. (2022): Wenn nicht die Schule, wer dann? Zukunftsfähigkeit als Bildungsverantwortung im Anthropozän. In Carmen Sippl &amp; Erwin Rauscher (Hrsg.), Kulturelle Nachhaltigkeit lernen und lehren (S. 273–305). Studienverlag. (Pädagogik für Niederösterreich, 11) – DOI: <a href="http://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.110" rel="noopener" target="_blank">10.53349/oa.2022.a2.110</a></p> <p>Rost, A. (2014): Konzeption und Evaluierung von fächerübergreifenden Forscherheften zum Biodiversitätsmonitoring – Beeinflusst eine Intervention das systemische Denken?- 302 S., Dissertation, Freie Universität Berlin (AG Geobiologie und Anthropozänforschung). Op.Acc. <a href="https://refubium.fu-berlin.de/bitstream/handle/fub188/10721/Rost_Anneli.diss.pdf" rel="noopener" target="_blank">https://refubium.fu-berlin.de/bitstream/handle/fub188/10721/Rost_Anneli.diss.pdf</a></p> <p>Schörg, C. (2020): Vom Kreidekreis zum Themen-Reigen. Eine Hinführung. In: Schörg, Ch. &amp; Sippl, C. (Hrsg.): Die Verführung zur Güte. Beiträge zur Pädagogik im 21. Jahrhundert. Festschrift für Erwin Rauscher, Pädagogik für Niederösterreich, Band 8, S. 9-22, Innsbruck, Wien (StudienVerlag). print: ISBN 978-3-7065-4967-7.  online access download des ganzen Festbands: Doi: <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.140" rel="noopener" target="_blank">10.53349/oa.2022.a2.140</a></p> <div title="Page 25"> <div> <div> <div title="Page 25"> <div> <p>Sippl, C., Tengler, K., Capatu, I., Krebs, R.E. &amp; Wittmann, A (2025): Die Zukunft des Bodens – Eine Pilotstudie zur Förderung von Zukünftedenken in der Primarstufe im methodischen Format der Zukünftewerkstatt.- R&amp;E-SOURCE 12. Jg. (2025)(Nr. 4):93 – 116, DOI: 10.53349/re-source.2025.i4.a1486</p> <p>Steinmüller, K. (2011): Weshalb Szenarien? (Grafik). In Autorenkollektiv Internet &amp; Gesellschaft Co:llaboratory (Hrsg.), Gleichgewicht und Spannung zwischen digitaler Privatheit und Öffentlichkeit (S. 58). Publikationen UB Uni Frankfurt -&gt; <a href="https://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/opus4/frontdoor/deliver/index/docId/27240/file/13510754.pdf" rel="noopener" target="_blank">pdf download</a>.</p> </div> </div> </div> </div> </div> <p>Trégarot, Ewan, Elena Allegri, Andrea Cabrito, Gema Casal, Gabriel Cardoso, Cindy Cornet, Juan Pablo D’Olivo, Kieran Deane, Silvia de Juan, Georg Heiss, Diego Kersting, Reinhold Leinfelder, Bethan O’Leary, Christian Simeoni, Marina Vergotti, Elisa Furlan; Llorenç Garrit &amp; Pato Conde (2024): Waves of Hope.- Science Graphic Novel, eBook 36pp, open access, <a href="https://macobios.eu/prp/other-products/#ComicBook" rel="noopener" target="_blank">macobios.eu/prp/other-products/#ComicBook</a> (produced by Horizon 2020 – EU-Research Project ‘Marine Coastal Ecosystems, Biodiversity and Services in a Changing World’) <i>(translations into German, French, Italian, Spanish, Catalan and Portuguese are now also availabe via above link)</i>.</p> <p>Zalasiewicz, J., Waters, C.N., Ellis, E.C., Head, M.J., Vidas, D., Steffen, W., Adeney Thomas, J., Horn, E., Summerhayes, C.P., Leinfelder, R., McNeill, J. R., Galuszka, A., Williams, M., Barnosky, A.D., Richter, D. deB., Gibbard, P.L., Syvitski, J., Jeandel, C., Cearreta, A., Cundy, A.B., Fairchild, I.J., Rose, N.L., Ivar do Sul, J.A., Shotyk, W., Turner, S., Wagreich, M., Zinke, J. (2021): The Anthropocene: comparing its meaning in geology (chronostratigraphy) with conceptual approaches arising in other disciplines.- Earth’s future, EFT2777, <a href="https://agupubs.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1029/2020EF001896" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.1029/2020EF001896</a> (open access).</p> <p>Wagenbreth, Henning (Hrsg.)(2023): Bilder schreiben, Wörter zeichnen. Was wir mit Illustrationen machen können. 512 S., Wuppertal (Peter Hammer Verlag, ISBN 978-3779507079).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/bildung-fuer-die-zukunft-im-anthropozaen-herausforderungen-potenziale-leuchtuerme-und-abbruchsvorhaben/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>12</slash:comments> </item> <item> <title>Der dämonische Feind https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/der-daemonische-feind/ https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/der-daemonische-feind/#comments Mon, 27 Oct 2025 18:26:42 +0000 Thomas Grüter https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/?p=1759 https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/capitol2-768x419.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/der-daemonische-feind/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/capitol2.jpg" /><h1>Der dämonische Feind » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Donald Trump hat die Antifa zur einheimischen Terrororganisation erklärt. Ganz offiziell, per Dekret. Nur: Die Antifa ist keine Organisation. Der Begriff ist eher eine Selbstbeschreibung von locker verbundenen Gruppen und Individuen, die sich als „antifaschistisch“ verstehen. Was wie ein Versuch aussieht, einen Pudding an die Wand zu nageln, ist tatsächlich der bisher gefährlichste Vorstoß der Trump-Administration zur übergriffigen Machtausweitung – was hier offenbar fast niemand bemerkt hat.</b></p> <p>Autoritäre oder diktatorische Regime brauchen Feinde. Je diffuser, desto besser. Und die besten Feinde sind immer die, die man selbst erfindet. Putin hat die <i>Nazis</i> zu Feinden ernannt. In der russischen Propaganda sind das unbelehrbare Feinde Russlands, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie Russland vernichten wollen. Das rechtfertigt auch die härtesten Maßnahmen und eine unablässige Repression. In der DDR war es der <i>Klassenfeind</i>, der den Aufbau des Sozialismus immer und überall hintertrieb, bei Tag und bei Nacht („Der Klassenfeind schläft nicht!“).</p> <p>Auch Trump baut ein Feindbild auf, und zwar genau nach Lehrbuch. Seine Regierung konstruiert das diffuse Bild einer kaum fassbaren, aber ungeheuer mächtigen und reichen, militärisch gedrillten und ideologisch gefestigten Geheimorganisation, die den Amerikanern jede Freiheit nehmen will. In meinem Buch „<a href="https://www.fischerverlage.de/buch/thomas-grueter-freimaurer-illuminaten-und-andere-verschwoerer-9783104000374">Freimaurer, Illuminaten und andere Verschwörer</a>“ habe ich dafür den Begriff <i>Dämonenstereotyp</i> einführt.</p> <h3>Der Feind im Inneren</h3> <p>Die Stadt Portland in Oregon, traditionell eine Bastion linker Demokraten, hat Trump seit Langem im Visier. Nach verschiedenen, nicht immer ganz friedlichen Protestdemonstrationen bezeichnete er die Stadt als „kriegszerstört (war-ravaged)“, worüber sich die Einwohner <a href="https://www.theguardian.com/us-news/2025/oct/19/portland-oregon-residents-trump-housing-drugs">immer wieder lustig machen</a><a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a>. „Portland hat nicht mal Abwasserkanäle. Und kein Glas. Sie haben Sperrholzplatten in den Fenstern. Aber die meisten Geschäfte sind weg“, sagte Trump bei anderer Gelegenheit. Auch das ist Unsinn – aber er hört nicht auf. In einer <a href="https://www.whitehouse.gov/articles/2025/10/portland-fake-news-ignores-antifa-violence-residents-pleas-for-help/">aktuellen Mitteilung des Weißen Hauses heißt es</a> :</p> <p>„Seit Jahren verwandelt ein von der Antifa angeführtes Inferno [die Stadt] Portland in eine Ödnis aus Brandbomben, Schlägereien und dreisten Angriffen auf Bundesbeamte und Eigentum – dennoch leugnen die Fake News schändlicherweise die Terrorherrschaft der radikalen Linken.“<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a><aside></aside></p> <p>Um es noch einmal zu sagen: <a href="https://apnews.com/article/fact-check-trump-portland-oregon-protests-antifa-203826406efb7420911ae756b4331f60">In Portland herrscht Frieden</a>, trotz der anhaltenden Proteste gegen die Jagd der Bundesbehörden auf Einwanderer ohne Papiere. Wenn Sie sich selbst überzeugen möchten – der Site <a href="https://isportlandburning.com/#cameras">https://isportlandburning.com/#cameras</a> zeigt Life-Videos von diversen Kameras im Stadtgebiet.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1763" id="attachment_1763"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025.jpeg"><img alt="Portland 2025" decoding="async" height="239" sizes="(max-width: 424px) 100vw, 424px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025-300x169.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025-300x169.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025-1024x576.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025-768x432.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025.jpeg 1280w" width="424"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1763">Portland, Luftbild, PD</figcaption></figure> <p>Man könnte hier meinen, dass es sich wieder um die üblichen Lügen und Übertreibungen handelt, aber diesmal ist System dahinter. Es geht dabei weniger um Portland, sondern um die unscheinbare Formulierung „von der <i>Antifa</i> angeführt“.</p> <h3>Der angebliche Terror der Antifa</h3> <p>Eben diese Antifa hat Trump gerade als einheimische Terrororganisation eingestuft. In einer „<a href="https://www.whitehouse.gov/presidential-actions/2025/09/designating-antifa-as-a-domestic-terrorist-organization/">Executive Order</a><a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a>“ vom 22.9.2025 erklärte er, sie sei „eine militaristische, anarchistische Unternehmung, die ausdrücklich dazu aufruft, die Regierung der Vereinigten Staaten, die Strafverfolgungsbehörden und die gesetzmäßige Ordnung zu stürzen“.</p> <p>Sie vernetze sich außerdem mit anderen Gruppen, „um politische Gewalt zu verbreiten“ und „gesetzeskonforme politische Äußerungen zu unterdrücken.“</p> <p>Deshalb erkläre er sie zur „einheimischen Terrororganisation“.</p> <p>Diese Erklärung hängt allerdings in der Luft, weil erstens die Antifa weder eine Organisation und noch eine Unternehmung ist, und zweitens die amerikanischen Bundesgesetze den Begriff der „einheimischen Terrororganisation“ nicht kennen.</p> <p>Sie kennt nur „ausländische Terrororganisationen“. Sollten amerikanische Staatsbürger einer solchen Terrororganisation finanzielle, organisatorische und sonstige nachweisbare Hilfe (der englische Begriff lautet: „material Support“) leisten, müssen sie mit strengen Strafen rechnen. <a href="https://www.state.gov/foreign-terrorist-organizations">Eine Liste dieser Organisationen</a> kann auf der Website des US-amerikanischen Außenministeriums eingesehen werden.</p> <h3>Was ist eine Terrororganisation?</h3> <p>Bei einem <a href="https://www.npr.org/2025/09/19/nx-s1-5545764/trump-antifa-domestic-terrorist-organization">Interview mit dem National Public Radio</a> erklärte Tom Brzozowski, ehemaliger Mitarbeiter im „Counsel of Domestic Terrorism“ des amerikanischen Justizministeriums, den Unterschied an einem Beispiel:</p> <p>„Wenn ich beispielsweise eine Geschenkkarte im Wert von 20 Dollar an eine Organisation auf der Liste auf der Website des Außenministeriums schicke, obwohl ich weiß, dass sie eine ausländische Terrororganisation ist, müsste ich mit einer Freiheitsstrafe von 20 Jahren rechnen. Wenn ich jedoch dieselbe Geschenkkarte beispielsweise an den örtlichen Ableger des Ku-Klux-Klan schicke, würde dies keinerlei strafrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.“</p> <p>Jetzt könnte man auf die Idee kommen, die Unterscheidung aufzuheben. Aber so einfach ist das nicht. Beispielsweise hat jeder Amerikaner das verfassungsmäßige Recht, Waffen zu tragen. Selbst eine bewaffnete Gruppe lässt sich nicht so einfach auflösen, nicht einmal dann, wenn sie ausdrücklich ihre Gegnerschaft zur aktuellen Regierung erklärt – das fällt unter die von der Verfassung garantierte Meinungsfreiheit.</p> <p>R<a href="https://www.splcenter.org/resources/extremist-files/militia-movement/">echtsextreme bewaffnete Milizen</a>, die teilweise ausdrücklich den Kampf gegen die Regierung in ihre Programme geschrieben haben, sind bisher immer unbehelligt geblieben. Einige geben sogar an, mit der Trump-Regierung in Kontakt zu stehen. Trump selbst hat alle Kapitolstürmer begnadigt, auch dann, wenn sie bewaffnet waren und gewaltsam vorgegangen waren. Darunter waren auch Mitglieder der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Proud_Boys">„Proud Boys</a>“, einer rechtsextremen Vereinigung, die ausdrücklich den gewaltsamen Widerstand gegen den Staat und gegen politische Gegner propagiert. Diese Gruppen betrachtet die Trump-Regierung keineswegs als Terrorgruppen, und <a href="https://whyy.org/articles/trump-proud-boys-capitol-rioters-pardon/">der Präsident hat freundliche Worte für sie</a>.</p> <h3>Die Antifa als Dämon</h3> <p>Ist die Verteufelung der Antifa eine reine Propagandaaktion? Nein, keineswegs. Man sollte nicht vergessen, dass Donald Trump in seiner zweiten Amtszeit nicht allein handelt, sondern das Sprachrohr einer exzellent organisierten autoritär ausgerichteten Gruppe ist. Sie versteckt sich hinter seinem aufschneiderischen Auftreten und nutzt seinen wütenden Hass auf alle, die er für seine Feinde hält. Ihre wichtigsten Vertreter sind Russell Vought (Direktor des Office of Management and Budget der amerikanischen Regierung) und Stephen Miller (stellvertretender Stabschef im Weißen Haus).</p> <p>Wenn wir davon ausgehen, dass die Erklärung der Antifa zur Terrororganisation keine spontane Laune eines unsteten Herrschers ist, was soll diese Executive Order dann erreichen? Und warum gerade die Antifa?</p> <p>Zum einen existiert die Antifa nicht als Organisation und kann sich demzufolge nicht vor Gericht wehren. Hätte Trump einen Verein oder eine Partei zur Terrororganisation erklärt, dann müsste er sofort mit einer Klage rechnen, und seine juristisch frei schwebende Konstruktion würde zusammenfallen. Zum zweiten eignet sich die Antifa gerade wegen ihrer diffusen Struktur ideal als dämonisches Feindbild, auf das man alles projizieren kann. Damit legt die Regierung eine gute Grundlage für weitere einschneidende Schritte.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1764" id="attachment_1764"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="403" sizes="(max-width: 403px) 100vw, 403px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2.jpg 1024w" width="403"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1764">Dämonenbeschwörung. KI-generierte Karikatur</figcaption></figure> <h3>Das Memo NSPM-7</h3> <p>Die Zielrichtung lässt sich an einem „Presidential Memorandum“ NSPM-7 ablesen, das Trump nur drei Tage nach seiner Executive Order am 25.9.2025 veröffentlichte<a href="#sdendnote4sym" name="sdendnote4anc"><sup>4</sup></a>.</p> <p><a href="https://www.whitehouse.gov/presidential-actions/2025/09/countering-domestic-terrorism-and-organized-political-violence/">Es trägt den schönen Titel</a>: „Gegen einheimischen Terrorismus und organisierte politische Gewalt [Countering Domestic Terrorism and Organized Political Violence]“.</p> <p>Das Memorandum enthält Handlungsanweisungen an Ministerien und das FBI für das Vorgehen gegen einheimische Terrororganisationen. Die Präambel lässt allerdings keinen Zweifel, dass hier die Antifa und nur die Antifa gemeint ist.</p> <p>Die Anweisungen haben es in sich. Der Kern ist nicht ganz einfach zu finden, weil er sich unter sehr viel hohltönender Propaganda versteckt. Hat man das erst eliminiert, kommt zum Vorschein, dass sämtliche Geldströme, die irgendetwas mit der Antifa zu tun haben, untersucht und unterbunden werden sollen.</p> <p>Die Finanzbehörden sollen sicherstellen, dass keine gemeinnützige Organisation <i>direkt oder indirekt </i>an der Finanzierung der Antifa beteiligt ist.</p> <p>Damit schreibt sich die Regierung einen Freibrief, um gegen eine große Zahl von liberalen Stiftungen vorzugehen, auch solche, die lediglich Bürgerrechte einfordern. Viele davon sind mit der Demokratischen Partei verbunden. Selbst Spenden für die demokratische Partei oder für einzelne Kandidaten könnten dann mit Klagen bedroht werden.</p> <h3>Die Propaganda-Runde im Weißen Haus</h3> <p>Das ist mehr als ein theoretisches Gedankenspiel. Bei <a href="https://edition.cnn.com/2025/10/08/politics/antifa-white-house-roundtable">einer </a><a href="https://edition.cnn.com/2025/10/08/politics/antifa-white-house-roundtable">Diskussionsrunde im weißen Haus</a> am 8.10.2025 mit Kabinettsmitgliedern und handverlesenen rechten Influencern erklärte Donald Trump, dass Mitglieder der Antifa „den Menschen gegenüber sehr bedrohlich aufgetreten sind, aber wir werden ihnen gegenüber sehr bedrohlich auftreten, weitaus bedrohlicher, als sie es jemals uns gegenüber waren. Und das schließt auch die Leute ein, die sie finanzieren, wahrscheinlich einige Leute, die ich kenne, einige Leute, mit denen ich diniere. Aber wenn sie das tun, sind sie in großen Schwierigkeiten, also werden wir uns sehr genau mit den Leuten befassen, die diese Operationen finanzieren.“</p> <p>Und die Heimatschutzministerin Kristi Noem ergänzte, die Antifa sei so hoch organisiert (im Original „sophisticated“) „wie MS-13, wie TDA [zwei Drogenkartelle], wie die Hisbollah und wie die Hamas – wie sie alle – sie sind genauso gefährlich<a href="#sdendnote5sym" name="sdendnote5anc"><sup>5</sup></a>“.</p> <p>Die Bekämpfung der Antifa soll ähnlich wie die der organisierten Gewaltkriminalität angegangen werden. Und der Justizminister soll weitere Gruppen benennen, die er als „einheimische Terroristen“ ansieht und diese Liste an den Präsidenten schicken. Es kann also sein, dass Trump bald ein ganzes Ökosystem von mehr oder weniger organisierten Gruppen als „einheimische Terrorgruppen“ einstuft, deren finanzielle oder organisatorische Unterstützung er unter strenge Strafen stellen will. Wohlgemerkt: Das ist nicht etwa eine reine Vermutung. <a href="https://abcnews.go.com/US/doj-charges-alleged-antifa-followers-terrorism-offense-attack/story?id=126590253">Das Justizministerium hat bereits angefangen</a>, Menschen wegen „material Support“ für die Antifa anzuklagen, obwohl jeder Anwalt, der sein Geld Wert ist, diese Argumentation in Fetzen reißen würde.</p> <h3>Der Opposition die Mittel entziehen.</h3> <p>Insgesamt geht es darum, die eher linken Bürgerrechtsorganisationen und natürlich die Demokratische Partei finanziell auszutrocknen. Außerdem könnte der Wahlkampf der Demokratischen Partei empfindlich gestört werden, wenn Kandidaten wegen „materieller Unterstützung“ von einheimischen Terrororganisationen angeklagt werden. Das mag rechtlich unhaltbar sein, aber die Trump-Regierung hat bereits gezeigt, dass sie sich wenig darum kümmert, ob ihre Argumente vor Gericht überhaupt Substanz haben. Trump selber versucht immer wieder, von Presseorganen absurde Milliardensummen einzuklagen, weil sie angeblich parteiisch, nicht vollständig oder falsch berichten (was sie natürlich dürfen). <a href="https://www.axios.com/2025/07/22/trump-lawsuits-wsj-npr-pbs">Axios hat 34 Prozesse seit 2015 gezählt</a>. Aktuell laufen Klagen gegen die New York Times über 15 Milliarden US$ und das Wall Street Journal über 10 Milliarden US$. <a href="https://www.france24.com/en/live-news/20251009-trump-hosts-roundtable-accusing-sick-media-of-backing-antifa">Bei dem Pressegespräch beschuldigte Trump</a> übrigens „einige Medien“, mit der Antifa zusammenzuarbeiten. Namentlich erwähnte er ABC, NBC und MSNBC – das ist natürlich eine Aufforderung an das Justizministerium, sie für „materielle Unterstützung“ des Terrors zu verfolgen.</p> <p>Solche Prozesse stören in jedem Fall die Geschäftsabläufe, kosten Geld und Zeit, und sind, wenn sie Privatleute betreffen, außerordentlich belastend, selbst wenn sie keine Chance haben.</p> <h3>Lügen für einen bösen Zweck</h3> <p>Die massive Propaganda, mit der diese Aktionen vorbereitet werden, hat eine bestimmte Zielrichtung: Die eigene Klientel soll davon überzeugt werden, dass fundamentale Rechte der Opposition ausgehebelt werden dürfen – ja müssen –, weil die Opposition zusammen mit linken Splittergruppen einen gewaltsamen Umsturz plant.</p> <p>Andernfalls könnten die eigenen Wähler vielleicht das Gefühl bekommen, dass sich Trump zu viel Macht sichern will. Bei den meist knappen Wahlergebnissen könnte das gefährlich werden. Das gilt um so mehr, als sich die Trump-Familie und viele ihrer Helfer offen bestechlich gezeigt haben, Bundesrecht gebeugt oder gebrochen haben und bei einem Regierungswechsel vermutlich vor Gericht landen würden.</p> <p>Sagen wir es ganz deutlich: Trump, seine Familie und Teile seiner Regierung müssen eine Abwahl fürchten und werden alles unternehmen, um sie zu verhindern.</p> <h3>Wahrnehmung in Deutschland</h3> <p>Haben Sie das alles schon anderswo gelesen? Zumindest in der deutschsprachigen Presse hat Trumps Aktion gegen die Antifa allenfalls Kopfschütteln ausgelöst, das Memorandum fand kaum Erwähnung, das Pressegespräch war den meisten Portalen allenfalls eine Kurzmeldung wert. Einzig die <a href="https://www.rollingstone.de/dieses-trump-memo-soll-die-demokraten-zerstoeren-3063685/">deutsche Ausgabe des Rolling Stone Magazine</a> hat die Tragweite der Aktion erkannt und sie in dem Artikel „Dieses Trump-Memo soll die Demokraten zerstören“ eingehend beleuchtet. In den USA hat es wegen des Memos einen Aufschrei gegeben, den hier aber offenbar niemand gehört hat. <a href="https://www.tagesschau.de/ausland/europa/eu-parlament-fleischersatz-100.html">Die Berichterstattung über den Beschluss des Europaparlaments</a> gegen „Veggie-Würstchen“<a href="#sdendnote6sym" name="sdendnote6anc"><sup>6</sup></a> war jedenfalls sehr viel umfangreicher. Man muss eben Prioritäten setzen.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> Die Stadt hat natürlich durchaus ihre Probleme. Sie ist mit ca. 640000 Einwohner die größte Stadt des US-Bundesstaats Oregon, und kämpft, wie viele andere Städte, mit einer extremen Wohnungsnot und zu vielen Obdachlosen. 2021 beschloss die Stadt, Drogensüchtige nicht als Kriminelle zu behandeln, sondern die medizinischen Angebote für sie in den Vordergrund zu rücken. Das führte zu einem heftigen Streit über die Folgen, zumal die Ausweitung der medizinischen Versorgung sich als schwierig erwies. Die Gegner führten die hohe Zahl der in den Straßen der Stadt fast überall sichtbaren Obdachlosen und Drogenabhängigen auf die zu lasche Verfolgung zurück, die Befürworter verwiesen darauf, dass es anderswo auch nicht besser sei. Inzwischen ist die Regelung wieder aufgehoben, und der Besitz von illegalen Drogen, auch zum eigenen Gebrauch, ist wieder strafbar.</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Im englischen Original: „For years, an <a href="https://www.whitehouse.gov/fact-sheets/2025/09/fact-sheet-president-donald-j-trump-designates-antifa-as-a-domestic-terrorist-organization/#:~:text=Antifa%20has%20engaged,must%20be%20stopped.">Antifa-led</a> hellfire has turned Portland into a wasteland of firebombs, beatings, and brazen attacks on <a href="https://www.whitehouse.gov/articles/2025/09/president-trump-deploys-federal-resources-to-crush-violent-radical-left-terrorism-in-portland/">federal officers and property</a> — yet the Fake News remains in <a href="https://x.com/RapidResponse47/status/1975254876004491792">shameful denial</a> about the Radical Left’s reign of terror.“</p> <div id="sdendnote3"> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3]</a> Die oft verwendeten deutsche Übersetzungen „Durchführungsverordnung“ oder „Präsidentendekret“ treffen die Tragweite eines solchen Dokuments znur unzureichend. „Executive Orders“ dürfen offiziell kein neues Recht schaffen, tun es aber immer wieder. Eine Executive Order des Präsidenten kann vom Parlament aufgehoben werden. Bis dahin ist sie für die US-Bundesbehörden verbindlich. Donald Trump macht davon exzessiven Gebrauch. Er hat in den ersten neun Monaten seiner Amtszeit mehr Executive Orders erlassen als sein Vorgänger in vier Jahren (209 gegen 162).</p> </div> <p><a href="#sdendnote4anc" name="sdendnote4sym">[4]</a> Verfasser ist vermutlich Stephen Miller, nicht Donald Trump.</p> <p><a href="#sdendnote5anc" name="sdendnote5sym">[5]</a> Weitere absurde Behauptungen der Propagandarunde finden sich in einem Bericht von <a href="https://uk.news.yahoo.com/trump-just-hosted-antifa-roundtable-213414391.html">Yahoo UK</a>.</p> <p><a href="#sdendnote6anc" name="sdendnote6sym">[6]</a> Der Beschluss wurde am 8.10.2025 gefasst, am Tag des „Pressegesprächs“ im weißen Haus.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/capitol2.jpg" /><h1>Der dämonische Feind » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Donald Trump hat die Antifa zur einheimischen Terrororganisation erklärt. Ganz offiziell, per Dekret. Nur: Die Antifa ist keine Organisation. Der Begriff ist eher eine Selbstbeschreibung von locker verbundenen Gruppen und Individuen, die sich als „antifaschistisch“ verstehen. Was wie ein Versuch aussieht, einen Pudding an die Wand zu nageln, ist tatsächlich der bisher gefährlichste Vorstoß der Trump-Administration zur übergriffigen Machtausweitung – was hier offenbar fast niemand bemerkt hat.</b></p> <p>Autoritäre oder diktatorische Regime brauchen Feinde. Je diffuser, desto besser. Und die besten Feinde sind immer die, die man selbst erfindet. Putin hat die <i>Nazis</i> zu Feinden ernannt. In der russischen Propaganda sind das unbelehrbare Feinde Russlands, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie Russland vernichten wollen. Das rechtfertigt auch die härtesten Maßnahmen und eine unablässige Repression. In der DDR war es der <i>Klassenfeind</i>, der den Aufbau des Sozialismus immer und überall hintertrieb, bei Tag und bei Nacht („Der Klassenfeind schläft nicht!“).</p> <p>Auch Trump baut ein Feindbild auf, und zwar genau nach Lehrbuch. Seine Regierung konstruiert das diffuse Bild einer kaum fassbaren, aber ungeheuer mächtigen und reichen, militärisch gedrillten und ideologisch gefestigten Geheimorganisation, die den Amerikanern jede Freiheit nehmen will. In meinem Buch „<a href="https://www.fischerverlage.de/buch/thomas-grueter-freimaurer-illuminaten-und-andere-verschwoerer-9783104000374">Freimaurer, Illuminaten und andere Verschwörer</a>“ habe ich dafür den Begriff <i>Dämonenstereotyp</i> einführt.</p> <h3>Der Feind im Inneren</h3> <p>Die Stadt Portland in Oregon, traditionell eine Bastion linker Demokraten, hat Trump seit Langem im Visier. Nach verschiedenen, nicht immer ganz friedlichen Protestdemonstrationen bezeichnete er die Stadt als „kriegszerstört (war-ravaged)“, worüber sich die Einwohner <a href="https://www.theguardian.com/us-news/2025/oct/19/portland-oregon-residents-trump-housing-drugs">immer wieder lustig machen</a><a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a>. „Portland hat nicht mal Abwasserkanäle. Und kein Glas. Sie haben Sperrholzplatten in den Fenstern. Aber die meisten Geschäfte sind weg“, sagte Trump bei anderer Gelegenheit. Auch das ist Unsinn – aber er hört nicht auf. In einer <a href="https://www.whitehouse.gov/articles/2025/10/portland-fake-news-ignores-antifa-violence-residents-pleas-for-help/">aktuellen Mitteilung des Weißen Hauses heißt es</a> :</p> <p>„Seit Jahren verwandelt ein von der Antifa angeführtes Inferno [die Stadt] Portland in eine Ödnis aus Brandbomben, Schlägereien und dreisten Angriffen auf Bundesbeamte und Eigentum – dennoch leugnen die Fake News schändlicherweise die Terrorherrschaft der radikalen Linken.“<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a><aside></aside></p> <p>Um es noch einmal zu sagen: <a href="https://apnews.com/article/fact-check-trump-portland-oregon-protests-antifa-203826406efb7420911ae756b4331f60">In Portland herrscht Frieden</a>, trotz der anhaltenden Proteste gegen die Jagd der Bundesbehörden auf Einwanderer ohne Papiere. Wenn Sie sich selbst überzeugen möchten – der Site <a href="https://isportlandburning.com/#cameras">https://isportlandburning.com/#cameras</a> zeigt Life-Videos von diversen Kameras im Stadtgebiet.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1763" id="attachment_1763"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025.jpeg"><img alt="Portland 2025" decoding="async" height="239" sizes="(max-width: 424px) 100vw, 424px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025-300x169.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025-300x169.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025-1024x576.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025-768x432.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025.jpeg 1280w" width="424"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1763">Portland, Luftbild, PD</figcaption></figure> <p>Man könnte hier meinen, dass es sich wieder um die üblichen Lügen und Übertreibungen handelt, aber diesmal ist System dahinter. Es geht dabei weniger um Portland, sondern um die unscheinbare Formulierung „von der <i>Antifa</i> angeführt“.</p> <h3>Der angebliche Terror der Antifa</h3> <p>Eben diese Antifa hat Trump gerade als einheimische Terrororganisation eingestuft. In einer „<a href="https://www.whitehouse.gov/presidential-actions/2025/09/designating-antifa-as-a-domestic-terrorist-organization/">Executive Order</a><a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a>“ vom 22.9.2025 erklärte er, sie sei „eine militaristische, anarchistische Unternehmung, die ausdrücklich dazu aufruft, die Regierung der Vereinigten Staaten, die Strafverfolgungsbehörden und die gesetzmäßige Ordnung zu stürzen“.</p> <p>Sie vernetze sich außerdem mit anderen Gruppen, „um politische Gewalt zu verbreiten“ und „gesetzeskonforme politische Äußerungen zu unterdrücken.“</p> <p>Deshalb erkläre er sie zur „einheimischen Terrororganisation“.</p> <p>Diese Erklärung hängt allerdings in der Luft, weil erstens die Antifa weder eine Organisation und noch eine Unternehmung ist, und zweitens die amerikanischen Bundesgesetze den Begriff der „einheimischen Terrororganisation“ nicht kennen.</p> <p>Sie kennt nur „ausländische Terrororganisationen“. Sollten amerikanische Staatsbürger einer solchen Terrororganisation finanzielle, organisatorische und sonstige nachweisbare Hilfe (der englische Begriff lautet: „material Support“) leisten, müssen sie mit strengen Strafen rechnen. <a href="https://www.state.gov/foreign-terrorist-organizations">Eine Liste dieser Organisationen</a> kann auf der Website des US-amerikanischen Außenministeriums eingesehen werden.</p> <h3>Was ist eine Terrororganisation?</h3> <p>Bei einem <a href="https://www.npr.org/2025/09/19/nx-s1-5545764/trump-antifa-domestic-terrorist-organization">Interview mit dem National Public Radio</a> erklärte Tom Brzozowski, ehemaliger Mitarbeiter im „Counsel of Domestic Terrorism“ des amerikanischen Justizministeriums, den Unterschied an einem Beispiel:</p> <p>„Wenn ich beispielsweise eine Geschenkkarte im Wert von 20 Dollar an eine Organisation auf der Liste auf der Website des Außenministeriums schicke, obwohl ich weiß, dass sie eine ausländische Terrororganisation ist, müsste ich mit einer Freiheitsstrafe von 20 Jahren rechnen. Wenn ich jedoch dieselbe Geschenkkarte beispielsweise an den örtlichen Ableger des Ku-Klux-Klan schicke, würde dies keinerlei strafrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.“</p> <p>Jetzt könnte man auf die Idee kommen, die Unterscheidung aufzuheben. Aber so einfach ist das nicht. Beispielsweise hat jeder Amerikaner das verfassungsmäßige Recht, Waffen zu tragen. Selbst eine bewaffnete Gruppe lässt sich nicht so einfach auflösen, nicht einmal dann, wenn sie ausdrücklich ihre Gegnerschaft zur aktuellen Regierung erklärt – das fällt unter die von der Verfassung garantierte Meinungsfreiheit.</p> <p>R<a href="https://www.splcenter.org/resources/extremist-files/militia-movement/">echtsextreme bewaffnete Milizen</a>, die teilweise ausdrücklich den Kampf gegen die Regierung in ihre Programme geschrieben haben, sind bisher immer unbehelligt geblieben. Einige geben sogar an, mit der Trump-Regierung in Kontakt zu stehen. Trump selbst hat alle Kapitolstürmer begnadigt, auch dann, wenn sie bewaffnet waren und gewaltsam vorgegangen waren. Darunter waren auch Mitglieder der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Proud_Boys">„Proud Boys</a>“, einer rechtsextremen Vereinigung, die ausdrücklich den gewaltsamen Widerstand gegen den Staat und gegen politische Gegner propagiert. Diese Gruppen betrachtet die Trump-Regierung keineswegs als Terrorgruppen, und <a href="https://whyy.org/articles/trump-proud-boys-capitol-rioters-pardon/">der Präsident hat freundliche Worte für sie</a>.</p> <h3>Die Antifa als Dämon</h3> <p>Ist die Verteufelung der Antifa eine reine Propagandaaktion? Nein, keineswegs. Man sollte nicht vergessen, dass Donald Trump in seiner zweiten Amtszeit nicht allein handelt, sondern das Sprachrohr einer exzellent organisierten autoritär ausgerichteten Gruppe ist. Sie versteckt sich hinter seinem aufschneiderischen Auftreten und nutzt seinen wütenden Hass auf alle, die er für seine Feinde hält. Ihre wichtigsten Vertreter sind Russell Vought (Direktor des Office of Management and Budget der amerikanischen Regierung) und Stephen Miller (stellvertretender Stabschef im Weißen Haus).</p> <p>Wenn wir davon ausgehen, dass die Erklärung der Antifa zur Terrororganisation keine spontane Laune eines unsteten Herrschers ist, was soll diese Executive Order dann erreichen? Und warum gerade die Antifa?</p> <p>Zum einen existiert die Antifa nicht als Organisation und kann sich demzufolge nicht vor Gericht wehren. Hätte Trump einen Verein oder eine Partei zur Terrororganisation erklärt, dann müsste er sofort mit einer Klage rechnen, und seine juristisch frei schwebende Konstruktion würde zusammenfallen. Zum zweiten eignet sich die Antifa gerade wegen ihrer diffusen Struktur ideal als dämonisches Feindbild, auf das man alles projizieren kann. Damit legt die Regierung eine gute Grundlage für weitere einschneidende Schritte.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1764" id="attachment_1764"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="403" sizes="(max-width: 403px) 100vw, 403px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2.jpg 1024w" width="403"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1764">Dämonenbeschwörung. KI-generierte Karikatur</figcaption></figure> <h3>Das Memo NSPM-7</h3> <p>Die Zielrichtung lässt sich an einem „Presidential Memorandum“ NSPM-7 ablesen, das Trump nur drei Tage nach seiner Executive Order am 25.9.2025 veröffentlichte<a href="#sdendnote4sym" name="sdendnote4anc"><sup>4</sup></a>.</p> <p><a href="https://www.whitehouse.gov/presidential-actions/2025/09/countering-domestic-terrorism-and-organized-political-violence/">Es trägt den schönen Titel</a>: „Gegen einheimischen Terrorismus und organisierte politische Gewalt [Countering Domestic Terrorism and Organized Political Violence]“.</p> <p>Das Memorandum enthält Handlungsanweisungen an Ministerien und das FBI für das Vorgehen gegen einheimische Terrororganisationen. Die Präambel lässt allerdings keinen Zweifel, dass hier die Antifa und nur die Antifa gemeint ist.</p> <p>Die Anweisungen haben es in sich. Der Kern ist nicht ganz einfach zu finden, weil er sich unter sehr viel hohltönender Propaganda versteckt. Hat man das erst eliminiert, kommt zum Vorschein, dass sämtliche Geldströme, die irgendetwas mit der Antifa zu tun haben, untersucht und unterbunden werden sollen.</p> <p>Die Finanzbehörden sollen sicherstellen, dass keine gemeinnützige Organisation <i>direkt oder indirekt </i>an der Finanzierung der Antifa beteiligt ist.</p> <p>Damit schreibt sich die Regierung einen Freibrief, um gegen eine große Zahl von liberalen Stiftungen vorzugehen, auch solche, die lediglich Bürgerrechte einfordern. Viele davon sind mit der Demokratischen Partei verbunden. Selbst Spenden für die demokratische Partei oder für einzelne Kandidaten könnten dann mit Klagen bedroht werden.</p> <h3>Die Propaganda-Runde im Weißen Haus</h3> <p>Das ist mehr als ein theoretisches Gedankenspiel. Bei <a href="https://edition.cnn.com/2025/10/08/politics/antifa-white-house-roundtable">einer </a><a href="https://edition.cnn.com/2025/10/08/politics/antifa-white-house-roundtable">Diskussionsrunde im weißen Haus</a> am 8.10.2025 mit Kabinettsmitgliedern und handverlesenen rechten Influencern erklärte Donald Trump, dass Mitglieder der Antifa „den Menschen gegenüber sehr bedrohlich aufgetreten sind, aber wir werden ihnen gegenüber sehr bedrohlich auftreten, weitaus bedrohlicher, als sie es jemals uns gegenüber waren. Und das schließt auch die Leute ein, die sie finanzieren, wahrscheinlich einige Leute, die ich kenne, einige Leute, mit denen ich diniere. Aber wenn sie das tun, sind sie in großen Schwierigkeiten, also werden wir uns sehr genau mit den Leuten befassen, die diese Operationen finanzieren.“</p> <p>Und die Heimatschutzministerin Kristi Noem ergänzte, die Antifa sei so hoch organisiert (im Original „sophisticated“) „wie MS-13, wie TDA [zwei Drogenkartelle], wie die Hisbollah und wie die Hamas – wie sie alle – sie sind genauso gefährlich<a href="#sdendnote5sym" name="sdendnote5anc"><sup>5</sup></a>“.</p> <p>Die Bekämpfung der Antifa soll ähnlich wie die der organisierten Gewaltkriminalität angegangen werden. Und der Justizminister soll weitere Gruppen benennen, die er als „einheimische Terroristen“ ansieht und diese Liste an den Präsidenten schicken. Es kann also sein, dass Trump bald ein ganzes Ökosystem von mehr oder weniger organisierten Gruppen als „einheimische Terrorgruppen“ einstuft, deren finanzielle oder organisatorische Unterstützung er unter strenge Strafen stellen will. Wohlgemerkt: Das ist nicht etwa eine reine Vermutung. <a href="https://abcnews.go.com/US/doj-charges-alleged-antifa-followers-terrorism-offense-attack/story?id=126590253">Das Justizministerium hat bereits angefangen</a>, Menschen wegen „material Support“ für die Antifa anzuklagen, obwohl jeder Anwalt, der sein Geld Wert ist, diese Argumentation in Fetzen reißen würde.</p> <h3>Der Opposition die Mittel entziehen.</h3> <p>Insgesamt geht es darum, die eher linken Bürgerrechtsorganisationen und natürlich die Demokratische Partei finanziell auszutrocknen. Außerdem könnte der Wahlkampf der Demokratischen Partei empfindlich gestört werden, wenn Kandidaten wegen „materieller Unterstützung“ von einheimischen Terrororganisationen angeklagt werden. Das mag rechtlich unhaltbar sein, aber die Trump-Regierung hat bereits gezeigt, dass sie sich wenig darum kümmert, ob ihre Argumente vor Gericht überhaupt Substanz haben. Trump selber versucht immer wieder, von Presseorganen absurde Milliardensummen einzuklagen, weil sie angeblich parteiisch, nicht vollständig oder falsch berichten (was sie natürlich dürfen). <a href="https://www.axios.com/2025/07/22/trump-lawsuits-wsj-npr-pbs">Axios hat 34 Prozesse seit 2015 gezählt</a>. Aktuell laufen Klagen gegen die New York Times über 15 Milliarden US$ und das Wall Street Journal über 10 Milliarden US$. <a href="https://www.france24.com/en/live-news/20251009-trump-hosts-roundtable-accusing-sick-media-of-backing-antifa">Bei dem Pressegespräch beschuldigte Trump</a> übrigens „einige Medien“, mit der Antifa zusammenzuarbeiten. Namentlich erwähnte er ABC, NBC und MSNBC – das ist natürlich eine Aufforderung an das Justizministerium, sie für „materielle Unterstützung“ des Terrors zu verfolgen.</p> <p>Solche Prozesse stören in jedem Fall die Geschäftsabläufe, kosten Geld und Zeit, und sind, wenn sie Privatleute betreffen, außerordentlich belastend, selbst wenn sie keine Chance haben.</p> <h3>Lügen für einen bösen Zweck</h3> <p>Die massive Propaganda, mit der diese Aktionen vorbereitet werden, hat eine bestimmte Zielrichtung: Die eigene Klientel soll davon überzeugt werden, dass fundamentale Rechte der Opposition ausgehebelt werden dürfen – ja müssen –, weil die Opposition zusammen mit linken Splittergruppen einen gewaltsamen Umsturz plant.</p> <p>Andernfalls könnten die eigenen Wähler vielleicht das Gefühl bekommen, dass sich Trump zu viel Macht sichern will. Bei den meist knappen Wahlergebnissen könnte das gefährlich werden. Das gilt um so mehr, als sich die Trump-Familie und viele ihrer Helfer offen bestechlich gezeigt haben, Bundesrecht gebeugt oder gebrochen haben und bei einem Regierungswechsel vermutlich vor Gericht landen würden.</p> <p>Sagen wir es ganz deutlich: Trump, seine Familie und Teile seiner Regierung müssen eine Abwahl fürchten und werden alles unternehmen, um sie zu verhindern.</p> <h3>Wahrnehmung in Deutschland</h3> <p>Haben Sie das alles schon anderswo gelesen? Zumindest in der deutschsprachigen Presse hat Trumps Aktion gegen die Antifa allenfalls Kopfschütteln ausgelöst, das Memorandum fand kaum Erwähnung, das Pressegespräch war den meisten Portalen allenfalls eine Kurzmeldung wert. Einzig die <a href="https://www.rollingstone.de/dieses-trump-memo-soll-die-demokraten-zerstoeren-3063685/">deutsche Ausgabe des Rolling Stone Magazine</a> hat die Tragweite der Aktion erkannt und sie in dem Artikel „Dieses Trump-Memo soll die Demokraten zerstören“ eingehend beleuchtet. In den USA hat es wegen des Memos einen Aufschrei gegeben, den hier aber offenbar niemand gehört hat. <a href="https://www.tagesschau.de/ausland/europa/eu-parlament-fleischersatz-100.html">Die Berichterstattung über den Beschluss des Europaparlaments</a> gegen „Veggie-Würstchen“<a href="#sdendnote6sym" name="sdendnote6anc"><sup>6</sup></a> war jedenfalls sehr viel umfangreicher. Man muss eben Prioritäten setzen.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> Die Stadt hat natürlich durchaus ihre Probleme. Sie ist mit ca. 640000 Einwohner die größte Stadt des US-Bundesstaats Oregon, und kämpft, wie viele andere Städte, mit einer extremen Wohnungsnot und zu vielen Obdachlosen. 2021 beschloss die Stadt, Drogensüchtige nicht als Kriminelle zu behandeln, sondern die medizinischen Angebote für sie in den Vordergrund zu rücken. Das führte zu einem heftigen Streit über die Folgen, zumal die Ausweitung der medizinischen Versorgung sich als schwierig erwies. Die Gegner führten die hohe Zahl der in den Straßen der Stadt fast überall sichtbaren Obdachlosen und Drogenabhängigen auf die zu lasche Verfolgung zurück, die Befürworter verwiesen darauf, dass es anderswo auch nicht besser sei. Inzwischen ist die Regelung wieder aufgehoben, und der Besitz von illegalen Drogen, auch zum eigenen Gebrauch, ist wieder strafbar.</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Im englischen Original: „For years, an <a href="https://www.whitehouse.gov/fact-sheets/2025/09/fact-sheet-president-donald-j-trump-designates-antifa-as-a-domestic-terrorist-organization/#:~:text=Antifa%20has%20engaged,must%20be%20stopped.">Antifa-led</a> hellfire has turned Portland into a wasteland of firebombs, beatings, and brazen attacks on <a href="https://www.whitehouse.gov/articles/2025/09/president-trump-deploys-federal-resources-to-crush-violent-radical-left-terrorism-in-portland/">federal officers and property</a> — yet the Fake News remains in <a href="https://x.com/RapidResponse47/status/1975254876004491792">shameful denial</a> about the Radical Left’s reign of terror.“</p> <div id="sdendnote3"> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3]</a> Die oft verwendeten deutsche Übersetzungen „Durchführungsverordnung“ oder „Präsidentendekret“ treffen die Tragweite eines solchen Dokuments znur unzureichend. „Executive Orders“ dürfen offiziell kein neues Recht schaffen, tun es aber immer wieder. Eine Executive Order des Präsidenten kann vom Parlament aufgehoben werden. Bis dahin ist sie für die US-Bundesbehörden verbindlich. Donald Trump macht davon exzessiven Gebrauch. Er hat in den ersten neun Monaten seiner Amtszeit mehr Executive Orders erlassen als sein Vorgänger in vier Jahren (209 gegen 162).</p> </div> <p><a href="#sdendnote4anc" name="sdendnote4sym">[4]</a> Verfasser ist vermutlich Stephen Miller, nicht Donald Trump.</p> <p><a href="#sdendnote5anc" name="sdendnote5sym">[5]</a> Weitere absurde Behauptungen der Propagandarunde finden sich in einem Bericht von <a href="https://uk.news.yahoo.com/trump-just-hosted-antifa-roundtable-213414391.html">Yahoo UK</a>.</p> <p><a href="#sdendnote6anc" name="sdendnote6sym">[6]</a> Der Beschluss wurde am 8.10.2025 gefasst, am Tag des „Pressegesprächs“ im weißen Haus.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/der-daemonische-feind/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>24</slash:comments> </item> <item> <title>Babylonische Sternbilder im Vergleich https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/babylonische-sternbilder-im-vergleich/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/babylonische-sternbilder-im-vergleich/#respond Sat, 25 Oct 2025 19:49:31 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12234 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constVgl_zodiac_engl_nurBab_4blog-768x196.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/babylonische-sternbilder-im-vergleich/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constVgl_zodiac_engl_nurBab_4blog.jpg" /><h1>Babylonische Sternbilder im Vergleich » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>gerade erreicht mich die Nachricht eines Italieners, dass er ein Video auf YouTube gestellt hat. Warum schreibt er mir das? – Nun, weil es meine Arbeit (von vor ~7 Jahren) zeigt und didaktisch aufbereitet. </p> <p>Mit der amerikanischen Künstlerin Jessica Gullberg habe ich die babylonischen Sternbilder rekonstruiert: ich habe die Flächen am Himmel bestimmt, wo sie (vermutlich) gesehen wurden und Jessica hat dann auf eine Sternkarte der Region die Figuren aufgepasst – d.h. Abbildungen gemalt, die sich an historischen Darstellungen orientieren, aber akkurat auf die Sterne passen. </p> <p>Diese “Himmelskultur” ist seit einigen Jahren in Stellarium verfügbar (und in mehreren Planetariumskuppeln in Deutschland), aber ich habe sie erst Anfang dieses Jahres wieder einmal überarbeitet: Stellarium hat vier Software-Releases im Jahr (zu allen Sonnenwenden und Tag-und-Nachtgleichen). </p> <p>Leider hatte bisher niemand die Zeit, dies didaktisch aufzubereiten, d.h. Lehrkonzepte/ -materialien dafür zu erstellen. Es wird leider nicht bezahlt, und für mich ist die Arbeit an den und mit den Daten schon zeitaufwendig genug. Der Italiener hat das hier recht hübsch realisiert:  </p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/zC-zzVAdDzM?feature=oembed&amp;rel=0" title="COSTELLAZIONI SUMERE MULAPIN E MODERNE" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Die technischen Perfektionisten und Planetarier werden monieren, dass es technisch nicht perfekt gearbeitet ist; man hätte Meteore und Planeten ausschalten können etc. Das ist alles richtig – aber ich bin in erster Linie dankbar, dass es überhaupt gemacht wurde und dass es sachlich richtig ist: solange es didaktisch korrekt ist, kann man wenigstens damit arbeiten und ist es für Lehre tauglich. <aside></aside></p> <p>Mille grazie, Guiseppe Fusco fi Napoli (in bella Italia). </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constVgl_zodiac_engl_nurBab_4blog.jpg" /><h1>Babylonische Sternbilder im Vergleich » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>gerade erreicht mich die Nachricht eines Italieners, dass er ein Video auf YouTube gestellt hat. Warum schreibt er mir das? – Nun, weil es meine Arbeit (von vor ~7 Jahren) zeigt und didaktisch aufbereitet. </p> <p>Mit der amerikanischen Künstlerin Jessica Gullberg habe ich die babylonischen Sternbilder rekonstruiert: ich habe die Flächen am Himmel bestimmt, wo sie (vermutlich) gesehen wurden und Jessica hat dann auf eine Sternkarte der Region die Figuren aufgepasst – d.h. Abbildungen gemalt, die sich an historischen Darstellungen orientieren, aber akkurat auf die Sterne passen. </p> <p>Diese “Himmelskultur” ist seit einigen Jahren in Stellarium verfügbar (und in mehreren Planetariumskuppeln in Deutschland), aber ich habe sie erst Anfang dieses Jahres wieder einmal überarbeitet: Stellarium hat vier Software-Releases im Jahr (zu allen Sonnenwenden und Tag-und-Nachtgleichen). </p> <p>Leider hatte bisher niemand die Zeit, dies didaktisch aufzubereiten, d.h. Lehrkonzepte/ -materialien dafür zu erstellen. Es wird leider nicht bezahlt, und für mich ist die Arbeit an den und mit den Daten schon zeitaufwendig genug. Der Italiener hat das hier recht hübsch realisiert:  </p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/zC-zzVAdDzM?feature=oembed&amp;rel=0" title="COSTELLAZIONI SUMERE MULAPIN E MODERNE" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Die technischen Perfektionisten und Planetarier werden monieren, dass es technisch nicht perfekt gearbeitet ist; man hätte Meteore und Planeten ausschalten können etc. Das ist alles richtig – aber ich bin in erster Linie dankbar, dass es überhaupt gemacht wurde und dass es sachlich richtig ist: solange es didaktisch korrekt ist, kann man wenigstens damit arbeiten und ist es für Lehre tauglich. <aside></aside></p> <p>Mille grazie, Guiseppe Fusco fi Napoli (in bella Italia). </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/babylonische-sternbilder-im-vergleich/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeoPlänkel: Gletscherflut, Geoengineering und Singularitäten https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-gletscherflut-geoengineering-und-singularitaeten/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-gletscherflut-geoengineering-und-singularitaeten/#comments Sat, 25 Oct 2025 13:56:33 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1776 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag125-768x768.jpg Das AstroGeo-Logo mit dem Schriftzug „AstroGeo“, darunter steht „Geplänkel“. Darunter ein dreigeteiltes Bild – Gletschereis von oben, und jeweils ein bläulich leuchtendes sternartiges Objekt https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-gletscherflut-geoengineering-und-singularitaeten/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag125-scaled.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Gletscherflut, Geoengineering und Singularitäten » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag125-geplaenkel.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten)</p> <p>In dieser Folge widmen sich Franzi und Karl dem Feedback zu den letzten drei Geschichten im AstroGeo Podcast. Hörer berichten, wo sie AstroGeo gehört haben, etwa bei einer Fahrradtour durch Frankreich oder im Zug bei der Fahrt quer durch Europa.</p> <p>In Folge 122 ging es um Seen tief unter dem Gletschereis der Antarktis und von Grönland, die künftig zum Problem werden könnten. Karl hatte erzählt, ob man einen rutschenden Gletscher trockenlegen könnte, indem man den darunterliegenden See abpumpt. Dazu gibt es eine korrigierte Zahl: Demnach wäre für die kritischsten Gletscherzungen „nur“ zehnmal mehr Flüssigkeit in Grönland und der Antarktis abzupumpen als heute an Erdöl an die Oberfläche gefördert wird (knapp 5 km³ Erdöl pro Jahr vs. 50 km³ Schmelzwasser pro Jahr). Darüber hinaus sprechen Franzi und Karl über den Hinweis, dass ein steigender Meeresspiegel heute noch das geringere Problem ist: Viele Städte sinken derzeit ab, weil unter ihnen zu viel Grundwasser gefördert wird.<aside></aside></p> <p>In den Rückmeldungen zu Franzis Folgen über Schwarze Löcher (AG123 und AG124) überwiegt begeistertes Lob: Viele finden die komplexen Inhalte zur Allgemeinen Relativitätstheorie und Quantenphysik hervorragend aufbereitet, manche wünschen sich jedoch mehr Vereinfachung. Es gibt eine physikalische Ergänzung zur Natur von Singularitäten und Franzi erklärt, warum Schwarze Löcher „keine Haare“ haben. Am Rande geht es auch um die Allgemeine Relativitätstheorie und die Frage, durch welche Effekte die hochgenauen Atomuhren auf Satelliten langsamer gehen als jene auf der Erde.</p> <p>Weitere Rückmeldungen betreffen alte Folgen – etwa Beobachtungen zur Nova in der Nördlichen Krone. Die Prognose aus Folge AG091 über einen Ausbruch im Jahr 2024 ist nicht eingetreten, was vermutlich an allzu schlechten Basisdaten liegt. Somit warten wir alle weiterhin auf den nächsten Ausbruch der Nova T Coronae Borealis.</p> <p>Zuletzt sprechen Franzi und Karl über andere Geologie-Podcasts. Karl kennt fast nur englischsprachige Produktionen und bittet um Mithilfe.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 91: <a href="https://astrogeo.de/ein-neuer-stern-die-bevorstehende-nova-in-der-noerdlichen-krone/">Ein neuer Stern – die bevorstehende Nova in der Nördlichen Krone</a></li> <li>Folge 122: <a href="https://astrogeo.de/unsichtbare-wasserwelten-was-verbirgt-sich-unter-gletschern-und-eisschilden/">Unsichtbare Wasserwelten: Was schlummert unter den Eisschilden?</a></li> <li>Folge 123: <a href="https://astrogeo.de/weisse-zwerge-die-rettung-vor-dem-schwarzen-loch/">Weiße Zwerge – die Rettung vor dem Schwarzen Loch?</a></li> <li>Folge 124: <a href="https://astrogeo.de/cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/">Cygnus X-1: Wie findet man ein Schwarzes Loch?</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kerr-Metrik">Kerr-Metrik</a></li> <li>Podcast: <a href="https://www.museumfuernaturkunde.berlin/de/besuch-planen/fuernatur-digital/beats-bones-der-podcast-aus-dem-museum-fuer-naturkunde-berlin">Beats and Bones</a></li> <li>Podcast: <a href="https://www.palaeocast.com/">Palaeocast</a></li> <li>Podcast: <a href="https://planetgeocast.com/">Planet Geo</a></li> <li>Podcast: <a href="https://www.geologybites.com/">Geology Bites</a></li> <li>Podcast: <a href="https://www.bedrockpodcast.com/">Bedrock</a></li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>MPG: <a href="https://www.mpg.de/21320411/schmelzende-gletscher-groenland">Die große Schmelze</a> (02.01.2024)</li> <li>IEA: <a href="https://www.eia.gov/outlooks/ieo/data/pdf/G_G2_r_230822.081459.pdf">Erdölproduktion: 80,4 Millionen Barrel pro Tag</a> → 4,6 km³ pro Jahr (2022)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">CC-BY 4.0</a> <a href="https://doi.org/10.1371/journal.pone.0088640">Motani R, Jiang D-y, Tintori A, Rieppel O, Chen G-b (2014)</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag125-scaled.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Gletscherflut, Geoengineering und Singularitäten » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag125-geplaenkel.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten)</p> <p>In dieser Folge widmen sich Franzi und Karl dem Feedback zu den letzten drei Geschichten im AstroGeo Podcast. Hörer berichten, wo sie AstroGeo gehört haben, etwa bei einer Fahrradtour durch Frankreich oder im Zug bei der Fahrt quer durch Europa.</p> <p>In Folge 122 ging es um Seen tief unter dem Gletschereis der Antarktis und von Grönland, die künftig zum Problem werden könnten. Karl hatte erzählt, ob man einen rutschenden Gletscher trockenlegen könnte, indem man den darunterliegenden See abpumpt. Dazu gibt es eine korrigierte Zahl: Demnach wäre für die kritischsten Gletscherzungen „nur“ zehnmal mehr Flüssigkeit in Grönland und der Antarktis abzupumpen als heute an Erdöl an die Oberfläche gefördert wird (knapp 5 km³ Erdöl pro Jahr vs. 50 km³ Schmelzwasser pro Jahr). Darüber hinaus sprechen Franzi und Karl über den Hinweis, dass ein steigender Meeresspiegel heute noch das geringere Problem ist: Viele Städte sinken derzeit ab, weil unter ihnen zu viel Grundwasser gefördert wird.<aside></aside></p> <p>In den Rückmeldungen zu Franzis Folgen über Schwarze Löcher (AG123 und AG124) überwiegt begeistertes Lob: Viele finden die komplexen Inhalte zur Allgemeinen Relativitätstheorie und Quantenphysik hervorragend aufbereitet, manche wünschen sich jedoch mehr Vereinfachung. Es gibt eine physikalische Ergänzung zur Natur von Singularitäten und Franzi erklärt, warum Schwarze Löcher „keine Haare“ haben. Am Rande geht es auch um die Allgemeine Relativitätstheorie und die Frage, durch welche Effekte die hochgenauen Atomuhren auf Satelliten langsamer gehen als jene auf der Erde.</p> <p>Weitere Rückmeldungen betreffen alte Folgen – etwa Beobachtungen zur Nova in der Nördlichen Krone. Die Prognose aus Folge AG091 über einen Ausbruch im Jahr 2024 ist nicht eingetreten, was vermutlich an allzu schlechten Basisdaten liegt. Somit warten wir alle weiterhin auf den nächsten Ausbruch der Nova T Coronae Borealis.</p> <p>Zuletzt sprechen Franzi und Karl über andere Geologie-Podcasts. Karl kennt fast nur englischsprachige Produktionen und bittet um Mithilfe.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 91: <a href="https://astrogeo.de/ein-neuer-stern-die-bevorstehende-nova-in-der-noerdlichen-krone/">Ein neuer Stern – die bevorstehende Nova in der Nördlichen Krone</a></li> <li>Folge 122: <a href="https://astrogeo.de/unsichtbare-wasserwelten-was-verbirgt-sich-unter-gletschern-und-eisschilden/">Unsichtbare Wasserwelten: Was schlummert unter den Eisschilden?</a></li> <li>Folge 123: <a href="https://astrogeo.de/weisse-zwerge-die-rettung-vor-dem-schwarzen-loch/">Weiße Zwerge – die Rettung vor dem Schwarzen Loch?</a></li> <li>Folge 124: <a href="https://astrogeo.de/cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/">Cygnus X-1: Wie findet man ein Schwarzes Loch?</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kerr-Metrik">Kerr-Metrik</a></li> <li>Podcast: <a href="https://www.museumfuernaturkunde.berlin/de/besuch-planen/fuernatur-digital/beats-bones-der-podcast-aus-dem-museum-fuer-naturkunde-berlin">Beats and Bones</a></li> <li>Podcast: <a href="https://www.palaeocast.com/">Palaeocast</a></li> <li>Podcast: <a href="https://planetgeocast.com/">Planet Geo</a></li> <li>Podcast: <a href="https://www.geologybites.com/">Geology Bites</a></li> <li>Podcast: <a href="https://www.bedrockpodcast.com/">Bedrock</a></li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>MPG: <a href="https://www.mpg.de/21320411/schmelzende-gletscher-groenland">Die große Schmelze</a> (02.01.2024)</li> <li>IEA: <a href="https://www.eia.gov/outlooks/ieo/data/pdf/G_G2_r_230822.081459.pdf">Erdölproduktion: 80,4 Millionen Barrel pro Tag</a> → 4,6 km³ pro Jahr (2022)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">CC-BY 4.0</a> <a href="https://doi.org/10.1371/journal.pone.0088640">Motani R, Jiang D-y, Tintori A, Rieppel O, Chen G-b (2014)</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-gletscherflut-geoengineering-und-singularitaeten/#comments 3 Interstellarer Komet 3I/ATLAS – UFO-Warnung? https://scilogs.spektrum.de/meertext/interstellarer-komet-3i-atlas-ufo-warnung/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/interstellarer-komet-3i-atlas-ufo-warnung/#comments Fri, 24 Oct 2025 14:16:15 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1802 <h1>Interstellarer Komet 3I/ATLAS – UFO-Warnung? » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Erinnert Ihr Euch noch an den Kurzbesuch des <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/3i-atlas-ein-interstellarer-komet/">neu entdeckten interstellaren Kometen 3I/ATLAS?</a> Er war das erst das dritte interstellar Objekt, das von irdischen Teleskopen jemals beobachtet wurde. „3I“ steht für 3. Interstellares Objekt. Die beiden anderen sind 1I/ʻOumuamua im Jahr 2017 und 2I/Borisov im Jahr 2019. <br></br>Kommen wir zur neuen ESA-UFO-Story.<br></br>Das Planetary Defence Office der ESA kümmert sich um die Beobachtung und Entdeckung von Asteroiden, die der Erde gefährlich nahekommen könnten, ich habe persönliche Kontakte zu dieser Arbeitsgruppe. Gestern ließ das Team die Korken knallen, denn sie sind nun als wirklich global wichtige Akteure im Weltraum ausgezeichnet worden: Sie haben jetzt ihre eigene UFO-Verschwörungsgeschichte. Ein angeblicher ESA-Whistleblower behauptet, ESA hätte Hinweise auf<a href="https://www.msn.com/en-gb/news/other/esa-insider-shocks-space-community-3i-atlas-not-a-comet-but-a-stable-engine-powered-object-leak-suggests/ar-AA1OVk6y"> ein interstellares Raumschiff u</a>nd würden es vor der Weltöffentlichkeit geheim halten! <br></br>Diese Ehre war bisher nur der NASA zuteilgeworden.  </p> <p><strong>„ESA Insider Shocks Space Community: 3I/ATLAS ‘Not a Comet’ but a Stable, Engine-Powered Object, Leak Suggests“</strong> schrieb Jaja Agpalo am 22.10 auf MSN: Das Leak ist natürlich ein nicht näher genannter Whistleblower, der sich angeblich am 21.10.25 in den sozialen Medien gemeldet hatte. Der MSN-Artikel gibt leider keinen Link zu diesen Meldungen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-19.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="766" sizes="(max-width: 965px) 100vw, 965px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-19.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-19.png 965w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-19-300x238.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-19-768x610.png 768w" width="965"></img></a><figcaption>https://www.msn.com/en-gb/news/other/esa-insider-shocks-space-community-3i-atlas-not-a-comet-but-a-stable-engine-powered-object-leak-suggests/ar-AA1OVk6y</figcaption></figure> <p>Ich habe die Geschichte mal für mein geneigtes, astrobegeistertes Publikum übersetzt.<br></br>Entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten, habe ich den Beitrag nicht umgeschrieben, sondern nur (Danke, Deepl) übersetzt. Ich möchte ihn möglichst originalgetreu zitieren, um die Wortwahl authentisch beizubehalten, die der typischen Mystifizierung solcher Meldungen entspricht:</p> <p>„Das Rätsel um das interstellare Objekt 3I/ATLAS hat sich nach den sensationellen Behauptungen einer Person, die angibt, als Ingenieur für Weltraummüll bei der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) zu arbeiten, dramatisch vertieft.<br></br>Während der Besucher von der Größe Manhattans seine Reise durch unser Sonnensystem fortsetzt und Wissenschaftler wie den Harvard-Astrophysiker Avi Loeb mit seinen seltsamen metallischen Emissionen und seiner unwahrscheinlichen Flugbahn verwirrt, trat dieser angebliche Insider am späten Dienstag, dem 21. Oktober 2025, in den sozialen Medien an die Öffentlichkeit und behauptete, dass zwischen der ESA und der NASA eine massive Vertuschungsaktion im Gange sei.<br></br>In einem ausführlichen Beitrag, der seitdem viral gegangen ist, warnt der mutmaßliche Whistleblower, dass das Objekt ein konstantes, „motorähnliches Geräusch” von sich gibt und dass streng geheime Daten absichtlich vor der Öffentlichkeit und sogar vor anderen Analysten der Weltraumbehörde verborgen werden. Ihre erschreckende Schlussfolgerung: „Etwas Großes steht bevor.”“</p> <h2 id="h-ein-konstantes-motorahnliches-gerausch-die-schockierenden-neuen-behauptungen-uber-3i-atlas"><strong>„Ein konstantes, motorähnliches Geräusch“: Die schockierenden neuen Behauptungen über 3I/ATLAS</strong></h2> <p>Der Kern der Behauptung des Whistleblowers konzentriert sich auf eine Entdeckung des Fermi-Gammastrahlen-Weltraumteleskops (GST). Sie behaupten, dass das Teleskop eine höchst ungewöhnliche Signatur von 3I/ATLAS entdeckt habe.<br></br>„Mitte September hat das Fermi GST ein stabiles Signal auf dem Objekt entdeckt, das keiner anderen Quelle im Weltraum zugeordnet werden kann“, heißt es in dem Beitrag. „Mit anderen Worten: Das Objekt sendet ein konstantes, motorähnliches Geräusch aus.“<aside></aside></p> <p>Diese technische Beschreibung deutet darauf hin, dass es sich bei dem Signal nicht um ein natürliches Phänomen handelt, wie beispielsweise die von einem Pulsar ausgesendeten Radiowellen, sondern um etwas Künstliches und Konstantes.<br></br>Laut der Quelle wurde diese unglaubliche Entdeckung innerhalb der ESA weder weitergegeben noch analysiert. Stattdessen wurde sie unter einer neuen Geheimhaltungsvorschrift sofort an die amerikanischen Kollegen weitergegeben.<br></br>„Die Daten wurden gemäß einer neuen Geheimhaltungsvorschrift sofort an die NASA weitergeleitet, sodass bei der ESA keine Spuren davon mehr zu finden sind“, schrieben sie.<br></br>Die Quelle behauptet auch, dass diese Informationssperre mit einem „signifikanten Anstieg der UAPS-Beobachtungen auf dem gesamten Planeten und weiteren neuen Beobachtungen“ zusammenfällt.“</p> <h2 id="h-eine-mauer-der-geheimhaltung-vertuschung-von-3i-atlas-durch-nasa-und-esa"><strong>Eine Mauer der Geheimhaltung: Vertuschung von 3I/ATLAS durch NASA und ESA?</strong></h2> <p>Der Whistleblower, der sich als mittelständischer Ingenieur/Analyst für Weltraummüll bezeichnet, behauptet, dass eine Mauer der Geheimhaltung um das Objekt errichtet wurde, die insbesondere europäische Wissenschaftler von ihren üblichen amerikanischen Kooperationspartnern abschneidet.<br></br>„Ich bin SDA bei der ESA. Normalerweise arbeiten wir in Teams, die sich um bestimmte Objekte oder Projekte mit Amerikanern bilden. Jetzt werden wir komplett abgeschnitten und im Dunkeln gelassen“, erklärte er.“<br></br>So und nicht anders steht es auf MSN.</p> <p>Die 3I/ATLAS-UFO-Story hat natürlich auch in anderen Medien eingeschlagen wie ein Asteroid – allerdings je nach Qualität des Mediums eher sachlich richtigstellend.<br></br>Solche UFO-Stories lassen sich oft bis zu einem Harvard-Astronomen zurückverfolgen: Avi Loeb. Selbst wenn er nicht immer namentlich genannt wird. Der israelisch-amerikanische theoretische Physiker ist tatsächlich Astrophysik-Professor an der Harvard University. In diesem Kontext beschäftig er sich auch mit SETI und ist ein zuverlässiger Lieferant von schrillen Hypothesen, wenn es um UFOS, außerirdischen Intelligenzen und Zivilisationen geht. Sein Wikipedia-Eintrag gibt einen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Avi_Loeb">guten Überblick: Avi Loeb</a>.</p> <p>Ich finde diese Themen auch absolut faszinierend und halte außerirdisches Leben und Zivilisationen für existent, schließlich ist das Weltall ziemlich groß. Allerdings bin ich bei Avi Loebs Hypothesen immer etwas vorsichtig, weil er meiner Ansicht nach deutlich über das Ziel hinausschießt. Durch seine Begeisterung wird seinen Medienpartnern nicht immer ganz deutlich, was eine Hypothese ist. Ich denke, dass seine Hypothesen meist eher in der Bereich der plausiblen Spekulation gehören – naturwissenschaftlich fundiert, aber unbewiesen: Also Science Fiction.</p> <p>Loeb versucht seit dem Auftauchen des Kometen, daraus ein Raumschiff zu konstruieren, mit immer neuen “Hinweisen”. <br></br>Schon am 11.09.25 hatte die NASA Loebs Behauptungen debunkt<a href="https://www.theguardian.com/science/2025/sep/11/interstellar-comet-nasa-alien-made">:“ <strong>Interstellar overhype: Nasa debunks claim about alien-made comet</strong></a><strong> – </strong>Nasa dismisses theory by Harvard astronomer who suggested an object from beyond the solar system could be a relic from a distant civilization“. Die NASA hatte Loebs Hypothese, „<a href="https://www.theguardian.com/science/2025/sep/11/interstellar-comet-nasa-alien-made">that a rare interstellar object hurtling</a> through our solar system is a relic from a civilization in another celestial neighborhood, and “could potentially be dire for humanity”.“ zurückgewiesen. Das hatte Loeb nämlich am 12.07.25 auf seinem Blog „Medium“ im Beitrag „<strong><a href="https://avi-loeb.medium.com/preliminary-anomalies-of-3i-atlas-79339f64a39f">Preliminary Anomalies of 3I/ATLAS</a>“ </strong>behauptet. Er hatte an 3I/ATLAS Anomalien entdeckt und dazu innerhalb kürzester Zeit eine Publikation verfasst, dass der Asteroid, weil einige seiner Parameter außerhalb des Normbereichs liegen, kein Asteroid sei. Zu seiner Empörung hatte diese steile Hypothese das Peer-Review-Verfahren nicht überstanden.</p> <p>Die Story seiner „Alien Mutterschiff-Hypothese“ und was er nun noch angeblich neues gefunden habe, ist im IFL-Beitrag <strong>“<a href="https://www.iflscience.com/alien-mothership-hypothesis-about-to-have-key-test-as-interstellar-object-3iatlas-hits-solar-conjunction-and-perihelion-81248">Alien Mothership” Hypothesis About To Have Key Test As Interstellar Object 3I/ATLAS Hits Solar Conjunction And Perihelion</a>“ </strong>gut vorgestellt. Inklusive Loebs Frustration, weil andere Forschende, darunter NASA und SETI-Experten, seiner Interpretation nicht folgen, sondern sie zurückweisen.<br></br>Die Verwicklung von Ari Loeb in UFO-Stories (die er produziert) und der NASA (die diese debunkt) ist nicht neu. Neu ist allerdings die Story mit dem ESA-Whistleblower und dem Engagement der Planetary Defence-Arbeitsgruppe. Herzlich willkommen im UFO-Klub!<p>Falls jemand diese angeblichen Meldungen des anonymen Whistleblowers in den unendlichen Weiten des Internets entdeckt – schreibt gern den Link in die Kommentare. Ich habe ihn nicht gefunden.</p><p>Wir – mein persönlicher Whistleblower und ich – haben gestern bereits Tränen gelacht.</p><br></br>Unter der heißen MSN-Story sind natürlich jede Menge <a href="https://www.msn.com/en-gb/news/other/esa-insider-shocks-space-community-3i-atlas-not-a-comet-but-a-stable-engine-powered-object-leak-suggests/ar-AA1OVk6y">links zum Weiterlesen anderer UFO-Stories.</a> <br></br>Bei so viel intergalaktischem Verkehrsaufkommen wundert es mich, dass es nicht häufiger zu Zusammenstößen oder Staus kommt. Außerdem überlege ich ernsthaft, eine intergalaktische Raststätte in der Erdumlaufbahn zu eröffnen. Da müsste es eine Menge Kundschaft geben. Für Zeitreisende wären Getränke nur gegen bar und wie in der Asimov-Kellerbar würde gelten: Kein Raumhelm an der Bar.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Interstellarer Komet 3I/ATLAS – UFO-Warnung? » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Erinnert Ihr Euch noch an den Kurzbesuch des <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/3i-atlas-ein-interstellarer-komet/">neu entdeckten interstellaren Kometen 3I/ATLAS?</a> Er war das erst das dritte interstellar Objekt, das von irdischen Teleskopen jemals beobachtet wurde. „3I“ steht für 3. Interstellares Objekt. Die beiden anderen sind 1I/ʻOumuamua im Jahr 2017 und 2I/Borisov im Jahr 2019. <br></br>Kommen wir zur neuen ESA-UFO-Story.<br></br>Das Planetary Defence Office der ESA kümmert sich um die Beobachtung und Entdeckung von Asteroiden, die der Erde gefährlich nahekommen könnten, ich habe persönliche Kontakte zu dieser Arbeitsgruppe. Gestern ließ das Team die Korken knallen, denn sie sind nun als wirklich global wichtige Akteure im Weltraum ausgezeichnet worden: Sie haben jetzt ihre eigene UFO-Verschwörungsgeschichte. Ein angeblicher ESA-Whistleblower behauptet, ESA hätte Hinweise auf<a href="https://www.msn.com/en-gb/news/other/esa-insider-shocks-space-community-3i-atlas-not-a-comet-but-a-stable-engine-powered-object-leak-suggests/ar-AA1OVk6y"> ein interstellares Raumschiff u</a>nd würden es vor der Weltöffentlichkeit geheim halten! <br></br>Diese Ehre war bisher nur der NASA zuteilgeworden.  </p> <p><strong>„ESA Insider Shocks Space Community: 3I/ATLAS ‘Not a Comet’ but a Stable, Engine-Powered Object, Leak Suggests“</strong> schrieb Jaja Agpalo am 22.10 auf MSN: Das Leak ist natürlich ein nicht näher genannter Whistleblower, der sich angeblich am 21.10.25 in den sozialen Medien gemeldet hatte. Der MSN-Artikel gibt leider keinen Link zu diesen Meldungen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-19.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="766" sizes="(max-width: 965px) 100vw, 965px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-19.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-19.png 965w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-19-300x238.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-19-768x610.png 768w" width="965"></img></a><figcaption>https://www.msn.com/en-gb/news/other/esa-insider-shocks-space-community-3i-atlas-not-a-comet-but-a-stable-engine-powered-object-leak-suggests/ar-AA1OVk6y</figcaption></figure> <p>Ich habe die Geschichte mal für mein geneigtes, astrobegeistertes Publikum übersetzt.<br></br>Entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten, habe ich den Beitrag nicht umgeschrieben, sondern nur (Danke, Deepl) übersetzt. Ich möchte ihn möglichst originalgetreu zitieren, um die Wortwahl authentisch beizubehalten, die der typischen Mystifizierung solcher Meldungen entspricht:</p> <p>„Das Rätsel um das interstellare Objekt 3I/ATLAS hat sich nach den sensationellen Behauptungen einer Person, die angibt, als Ingenieur für Weltraummüll bei der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) zu arbeiten, dramatisch vertieft.<br></br>Während der Besucher von der Größe Manhattans seine Reise durch unser Sonnensystem fortsetzt und Wissenschaftler wie den Harvard-Astrophysiker Avi Loeb mit seinen seltsamen metallischen Emissionen und seiner unwahrscheinlichen Flugbahn verwirrt, trat dieser angebliche Insider am späten Dienstag, dem 21. Oktober 2025, in den sozialen Medien an die Öffentlichkeit und behauptete, dass zwischen der ESA und der NASA eine massive Vertuschungsaktion im Gange sei.<br></br>In einem ausführlichen Beitrag, der seitdem viral gegangen ist, warnt der mutmaßliche Whistleblower, dass das Objekt ein konstantes, „motorähnliches Geräusch” von sich gibt und dass streng geheime Daten absichtlich vor der Öffentlichkeit und sogar vor anderen Analysten der Weltraumbehörde verborgen werden. Ihre erschreckende Schlussfolgerung: „Etwas Großes steht bevor.”“</p> <h2 id="h-ein-konstantes-motorahnliches-gerausch-die-schockierenden-neuen-behauptungen-uber-3i-atlas"><strong>„Ein konstantes, motorähnliches Geräusch“: Die schockierenden neuen Behauptungen über 3I/ATLAS</strong></h2> <p>Der Kern der Behauptung des Whistleblowers konzentriert sich auf eine Entdeckung des Fermi-Gammastrahlen-Weltraumteleskops (GST). Sie behaupten, dass das Teleskop eine höchst ungewöhnliche Signatur von 3I/ATLAS entdeckt habe.<br></br>„Mitte September hat das Fermi GST ein stabiles Signal auf dem Objekt entdeckt, das keiner anderen Quelle im Weltraum zugeordnet werden kann“, heißt es in dem Beitrag. „Mit anderen Worten: Das Objekt sendet ein konstantes, motorähnliches Geräusch aus.“<aside></aside></p> <p>Diese technische Beschreibung deutet darauf hin, dass es sich bei dem Signal nicht um ein natürliches Phänomen handelt, wie beispielsweise die von einem Pulsar ausgesendeten Radiowellen, sondern um etwas Künstliches und Konstantes.<br></br>Laut der Quelle wurde diese unglaubliche Entdeckung innerhalb der ESA weder weitergegeben noch analysiert. Stattdessen wurde sie unter einer neuen Geheimhaltungsvorschrift sofort an die amerikanischen Kollegen weitergegeben.<br></br>„Die Daten wurden gemäß einer neuen Geheimhaltungsvorschrift sofort an die NASA weitergeleitet, sodass bei der ESA keine Spuren davon mehr zu finden sind“, schrieben sie.<br></br>Die Quelle behauptet auch, dass diese Informationssperre mit einem „signifikanten Anstieg der UAPS-Beobachtungen auf dem gesamten Planeten und weiteren neuen Beobachtungen“ zusammenfällt.“</p> <h2 id="h-eine-mauer-der-geheimhaltung-vertuschung-von-3i-atlas-durch-nasa-und-esa"><strong>Eine Mauer der Geheimhaltung: Vertuschung von 3I/ATLAS durch NASA und ESA?</strong></h2> <p>Der Whistleblower, der sich als mittelständischer Ingenieur/Analyst für Weltraummüll bezeichnet, behauptet, dass eine Mauer der Geheimhaltung um das Objekt errichtet wurde, die insbesondere europäische Wissenschaftler von ihren üblichen amerikanischen Kooperationspartnern abschneidet.<br></br>„Ich bin SDA bei der ESA. Normalerweise arbeiten wir in Teams, die sich um bestimmte Objekte oder Projekte mit Amerikanern bilden. Jetzt werden wir komplett abgeschnitten und im Dunkeln gelassen“, erklärte er.“<br></br>So und nicht anders steht es auf MSN.</p> <p>Die 3I/ATLAS-UFO-Story hat natürlich auch in anderen Medien eingeschlagen wie ein Asteroid – allerdings je nach Qualität des Mediums eher sachlich richtigstellend.<br></br>Solche UFO-Stories lassen sich oft bis zu einem Harvard-Astronomen zurückverfolgen: Avi Loeb. Selbst wenn er nicht immer namentlich genannt wird. Der israelisch-amerikanische theoretische Physiker ist tatsächlich Astrophysik-Professor an der Harvard University. In diesem Kontext beschäftig er sich auch mit SETI und ist ein zuverlässiger Lieferant von schrillen Hypothesen, wenn es um UFOS, außerirdischen Intelligenzen und Zivilisationen geht. Sein Wikipedia-Eintrag gibt einen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Avi_Loeb">guten Überblick: Avi Loeb</a>.</p> <p>Ich finde diese Themen auch absolut faszinierend und halte außerirdisches Leben und Zivilisationen für existent, schließlich ist das Weltall ziemlich groß. Allerdings bin ich bei Avi Loebs Hypothesen immer etwas vorsichtig, weil er meiner Ansicht nach deutlich über das Ziel hinausschießt. Durch seine Begeisterung wird seinen Medienpartnern nicht immer ganz deutlich, was eine Hypothese ist. Ich denke, dass seine Hypothesen meist eher in der Bereich der plausiblen Spekulation gehören – naturwissenschaftlich fundiert, aber unbewiesen: Also Science Fiction.</p> <p>Loeb versucht seit dem Auftauchen des Kometen, daraus ein Raumschiff zu konstruieren, mit immer neuen “Hinweisen”. <br></br>Schon am 11.09.25 hatte die NASA Loebs Behauptungen debunkt<a href="https://www.theguardian.com/science/2025/sep/11/interstellar-comet-nasa-alien-made">:“ <strong>Interstellar overhype: Nasa debunks claim about alien-made comet</strong></a><strong> – </strong>Nasa dismisses theory by Harvard astronomer who suggested an object from beyond the solar system could be a relic from a distant civilization“. Die NASA hatte Loebs Hypothese, „<a href="https://www.theguardian.com/science/2025/sep/11/interstellar-comet-nasa-alien-made">that a rare interstellar object hurtling</a> through our solar system is a relic from a civilization in another celestial neighborhood, and “could potentially be dire for humanity”.“ zurückgewiesen. Das hatte Loeb nämlich am 12.07.25 auf seinem Blog „Medium“ im Beitrag „<strong><a href="https://avi-loeb.medium.com/preliminary-anomalies-of-3i-atlas-79339f64a39f">Preliminary Anomalies of 3I/ATLAS</a>“ </strong>behauptet. Er hatte an 3I/ATLAS Anomalien entdeckt und dazu innerhalb kürzester Zeit eine Publikation verfasst, dass der Asteroid, weil einige seiner Parameter außerhalb des Normbereichs liegen, kein Asteroid sei. Zu seiner Empörung hatte diese steile Hypothese das Peer-Review-Verfahren nicht überstanden.</p> <p>Die Story seiner „Alien Mutterschiff-Hypothese“ und was er nun noch angeblich neues gefunden habe, ist im IFL-Beitrag <strong>“<a href="https://www.iflscience.com/alien-mothership-hypothesis-about-to-have-key-test-as-interstellar-object-3iatlas-hits-solar-conjunction-and-perihelion-81248">Alien Mothership” Hypothesis About To Have Key Test As Interstellar Object 3I/ATLAS Hits Solar Conjunction And Perihelion</a>“ </strong>gut vorgestellt. Inklusive Loebs Frustration, weil andere Forschende, darunter NASA und SETI-Experten, seiner Interpretation nicht folgen, sondern sie zurückweisen.<br></br>Die Verwicklung von Ari Loeb in UFO-Stories (die er produziert) und der NASA (die diese debunkt) ist nicht neu. Neu ist allerdings die Story mit dem ESA-Whistleblower und dem Engagement der Planetary Defence-Arbeitsgruppe. Herzlich willkommen im UFO-Klub!<p>Falls jemand diese angeblichen Meldungen des anonymen Whistleblowers in den unendlichen Weiten des Internets entdeckt – schreibt gern den Link in die Kommentare. Ich habe ihn nicht gefunden.</p><p>Wir – mein persönlicher Whistleblower und ich – haben gestern bereits Tränen gelacht.</p><br></br>Unter der heißen MSN-Story sind natürlich jede Menge <a href="https://www.msn.com/en-gb/news/other/esa-insider-shocks-space-community-3i-atlas-not-a-comet-but-a-stable-engine-powered-object-leak-suggests/ar-AA1OVk6y">links zum Weiterlesen anderer UFO-Stories.</a> <br></br>Bei so viel intergalaktischem Verkehrsaufkommen wundert es mich, dass es nicht häufiger zu Zusammenstößen oder Staus kommt. Außerdem überlege ich ernsthaft, eine intergalaktische Raststätte in der Erdumlaufbahn zu eröffnen. Da müsste es eine Menge Kundschaft geben. Für Zeitreisende wären Getränke nur gegen bar und wie in der Asimov-Kellerbar würde gelten: Kein Raumhelm an der Bar.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/interstellarer-komet-3i-atlas-ufo-warnung/#comments 37 Virtuelle Realität unterstützt Ärzte im Kampf gegen Krebs https://scilogs.spektrum.de/klartext/virtuelle-realitaet-unterstuetzt-aerzte-im-kampf-gegen-krebs/ https://scilogs.spektrum.de/klartext/virtuelle-realitaet-unterstuetzt-aerzte-im-kampf-gegen-krebs/#respond Fri, 24 Oct 2025 07:43:19 +0000 klartext https://scilogs.spektrum.de/klartext/?p=1171 https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-768x563.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/klartext/virtuelle-realitaet-unterstuetzt-aerzte-im-kampf-gegen-krebs/</link> </image> <description type="html"><h1>Virtuelle Realität unterstützt Ärzte im Kampf gegen Krebs » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den <a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</a> 2023 in der Kategorie Neurowissenschaften veranschaulichte Anke Reinschlüssel, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Neue Technologien werden Ärzt:innen in Zukunft helfen, ihre Fähigkeiten noch besser einzusetzen. Virtuelle Realität wird Ärzt:innen unterstützen, Operationen besser zu planen und erfolgreicher abzuschließen. Für viele Patient:innen kann das bedeuten, dass dem Krebs jetzt mehr entgegen zu setzen ist.</em></p> <p>Im Jahr 2021 war Krebs die zweithäufigste Todesursache in Deutschland. Aufgrund des demographischen Wandels und des modernen Lebensstils beobachten wir weltweit einen Anstieg an Krebspatient:innen. In der Krebstherapie nutzt die Medizin die neuen technischen Möglichkeiten noch nicht ausreichend, um die Fähigkeiten von Ärzt:innen zu unterstützen. Zu den Technologien mit dem größten ungenutzten Potenzial gehören Virtual Reality auch VR abgekürzt, und Augmented Reality (AR), die erweiterte Realität.  </p> <p>Diese Technologien sind sogenannte 3D-Technologien, d.h., sie erzeugen und zeigen eine räumliche Darstellung von Informationen. Mit einer VR-Brille kann jeder in eine völlig andere Welt eintauchen. Dabei handelt es sich um ein Display, das das gesamte Sichtfeld abdeckt und wie im 3D-Kino für jedes Auge ein Bild generiert, um einen Tiefeneindruck zu erzeugen. Eine AR-Brille hingegen lässt Science-Fiction Szenen aus Minority Report oder Ironman Wirklichkeit werden. Wie die VR-Brille erzeugt sie ebenfalls ein 3D-Bild, blendet es aber über die reale Welt, die man ebenfalls durch die AR-Brille sieht. Diese Technologien können helfen, Chirurg:innen vorab eine bessere Übersicht über die Situation im Körper der Patient:innen zu geben.</p> <p>Dank moderner radiologischer Verfahren wie Magnetresonanztomographie (MRT) oder Computertomographie (CT) können sich Chirurg:innen ein ungefähres Bild der Situation im Patienten machen, die Größe von Tumoren abschätzen und entscheiden, ob und wie diese entfernt werden können. MRT- und CT-Bilder stellen standardmäßig den Körper jedoch nur in Graustufen dar und geben nur eine Schicht, quasi eine hauchdünne Scheibe, des gesamten Körpers wider. Es erfordert viel Erfahrung, gute anatomische Kenntnisse und ein sehr gutes räumliches Vorstellungsvermögen um diese Informationen gedanklich zusammenzusetzen, um Lagebeziehungen zu erkennen. Moderne Technologien können diese Bilder bereits als 3D-Darstellung aufbereiten. Ergänzt man diese nun mit künstlicher Intelligenz, unterstützen sie erfahrene Radiolog:innen darin aus den 2D-Daten der radiologischen Verfahren ein hochwertiges und genaueres 3D-Modell des von Krebs-befallenen Organs, z.B. der Leber, zu generieren. Das Modell kann wie in einem Anatomiebuch eingefärbt werden, was die Unterscheidung der verschiedener Gewebearte und Gefäße erleichtert.<aside></aside></p> <p>Diese 3D-Modelle ermöglichen einen ganz anderen Blick auf die Ergebnisse des MRTs oder CTs, reduzieren den Aufwand für der Erstellung des mentalen Modells und schaffen eine gemeinsame Diskussionsgrundlage zwischen den Ärzt:innen. Um alle Vorteile eines 3D-Modells nutzen zu können, bedarf es allerdings eines 3D-fähiges Anzeigemediums – zum Beispiel eine VR- oder AR-Brille. Doch was braucht es noch, damit ein 3D-Modell und eine VR-Brille Chirurg:innen bei der Operationsplanung unterstützen können?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-1024x576.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-1024x576.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-300x169.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-768x432.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-1536x864.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-2048x1152.jpeg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Ein Blick auf die Benutzeroberfläche des VR-Planungstools, wo man das virtuelle Lebermodell inklusive der 2D Schichtaufnahmen aus dem MRT sieht sowie das Menü zum Zugriff auf verschiedene Planungswerkzeuge. ©BMBF Projekt VIVATOP  &amp; Anke Reinschlüssel</em></figcaption></figure> <p>In enger Zusammenarbeit mit Chirurg:innen haben wir ein VR-System entwickelt, das diese bei der Vorbereitung auf eine Operation an der Leber optimal unterstützt. Hierbei war es zuerst wichtig, die Arbeitsabläufe und Herausforderungen der Chirurg:innen kennen zu lernen, sodass wir im Krankenhaus inklusive OP hospitiert haben. Anschließend entwickelten wir im interdisziplinären Team mit Spezialist:innen aus den Bereichen medizinische Bildaufbereitung, Informatik und Mensch-Technik Interaktion einen ersten Prototypen um den medizinischen Expert:innen eine Vorstellung der technischen Möglichkeiten zu geben. In enger Zusammenarbeit mit den Chirurg:innen und durch mehrere gemeinsame Evaluationen gewannen wir ein immer tiefergehendes Verständnis für die Anforderungen an unser System und entwickelten es entsprechend weiter. So entstand aus einem einfachen Prototyp ein elaboriertes Werkzeug für die OP-Planung. Das finale System besteht aus mehreren Komponenten: einem 3D-Modell der Leber des Patienten, einem Menü mit wichtigen Tools zur OP-Planung, einer VR-Brille und den Controllern, also der Steuerung. Chirurg:innen können ein Organmodell von allen Seiten betrachten, die entscheidenden Abstände zwischen Tumoren und Gefäßen messen und sogar virtuell Gewebe entfernen, um die Überlebenschancen besser einschätzen zu können.</p> <p>Chirurg:innen sind mit handwerklichem Geschick ausgestattet und verlassen sich viel auf ihren Tastsinn. Herkömmliche VR-Interaktionsmethoden unterstützen dies jedoch kaum, da sie generische „Controller“ wie bei einer Playstation verwenden. Im Gegensatz dazu, geben wir den Chirurg:innen ein „Organ“ in die Hand – z.B. eine 3D-gedruckte Leber, die alle wichtigen Merkmale zum Ertasten hat. Diese kombinieren wir mit der Darstellung in VR – sodass, wenn ein:e Chirurg:in die Leber in der Hand dreht, sich auch die virtuelle Leber dreht. Dies ermöglicht eine intuitive Bedienung und macht die Technologie zugänglicher. Somit geben wir jedem Chirurgen und jeder Chirurgin die Möglichkeit, die Patientendaten räumlich zu erfahren. Ein Chirurg des Teams hob hervor, dass dies „den Unterschied zwischen einem palliativen und einem kurativen Ansatz“ aus chirurgischer Sicht der Krebstherapie bedeuten kann, d.h., ob der Patient Chancen auf Heilung und damit auf ein Überleben der Krebserkrankung hat.</p> <p>Auch wenn diese 3D-Modelle sehr einprägsam sind, wäre es doch schön, wenn die Chirurg:innen sie mit in den OP nehmen könnten. Hier bietet sich eine AR-Brille an – der Nutzer sieht sowohl die Umgebung, also den Patienten, als auch das dazugehörige virtuelle 3D-Modell. So können die Chirurg:innen auch während der Operation die virtuelle Leber an verschiedenen Stellen im Raum platzieren und drehen. Mittels natürlicher Gesten wie dem Greifen mit Zeigefinger und Daumen können Chirurg:innen das virtuelle Modell anfassen und es beispielsweise „neben“ den Patienten legen – die Hände bleiben dabei steril, da sie nur Luft greifen.</p> <p>Während im oben beschriebenen Szenario VR- und AR-Brillen einen großen Vorteil bieten, gibt es in der Medizin auch Situationen, in denen diese Technologien aufgrund der Rahmenbedingungen nicht eingesetzt werden können. Ein Beispiel hierfür sind Untersuchungen, die in einem MRT stattfinden. Weil dabei ein sehr starkes Magnetfeld erzeugt wird, stellen fast alle technischen Geräte eine potentielle Gefahrenquelle dar oder sie funktionieren schlichtweg nicht mehr.  Hierfür haben wir auch an anderen Technologien geforscht. Eine mögliche Technologie in diesem Anwendungskontext ist die  „Elektrolumineszenz“– mit Hilfe eines elektrischen Feldes geben Elektronen in bestimmten Materialen ihre Energie in Form von Licht ab – und zwar ohne vom Magnetfeld gestört zu werden. Displays mit dieser Technologie können dann direkt am Patienten angebracht werden, weil sie sehr leicht und flexibel sind. Diese erweitern dann ähnlich wie die AR-Brille die Realität für die Mediziner:innen indem sie beispielsweise Navigationshinweise für korrekte Einstichstellen von Nadeln geben. Dies erlaubt eine präzisere  Durchführung von Untersuchungen und Eingriffen.</p> <p>All diese Anwendungen haben wir in enger Zusammenarbeit mit den (zukünftigen) Anwender:innen entwickelt. Unser vorrangiges Ziel ist es, Ärzt:innen zu unterstützen, damit sie ihre Fähigkeiten noch besser einsetzen können. Die Anwendungen sind jedoch momentan Zukunftsmusik, da sie sich im Entwicklungsstadium befinden und noch die Zertifizierung als Medizinprodukt durchlaufen müssen. Dann können diese Technologien helfen, viele Erkrankungen, wie z.B. Krebs, noch besser zu bekämpfen und damit die Lebensqualität und Heilungschancen der Betroffenen zu erhöhen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="751" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-1024x751.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-1024x751.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-300x220.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-768x563.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-1536x1127.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C.jpeg 1820w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Ein virtuelles Lebermodell, das die Gefäßstrukturen (in blau und türkis) sowie die Tumore (in gelb) als 3D Visualisierung zeigt. Weitere anliegende Strukturen sind hier in orange und grün zu sehen. ©BMBF Projekt VIVATOP, Fraunhofer MEVIS &amp; Anke Reinschlüssel</em></figcaption></figure> <hr></hr> <p>Anke Reinschlüssel studierte Kognitionswissenschaften im Bachelor und wandte sich im Master dem Feld Mensch-Technik Interaktion (engl. Human-Computer Interaction – HCI) zu. Während ihrer Promotion an der Universität Bremen entwickelte und erforschte sie Anwendungen und neue Interaktionsmethoden für bestehende Technologien wie Virtuelle Realität und Tangibles, auf deutsch auch ‚begreifbare Objekte‘ genannt. Weil zu ihrer Faszination für Technik und Menschen eine Begeisterung für Medizin gehört, spezialisierte sie sich auf den Anwendungskontext Chirurgie. Aktuell forscht sie als PostDoc an der Universität Konstanz weiter an den Möglichkeiten von Virtueller Realität.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Virtuelle Realität unterstützt Ärzte im Kampf gegen Krebs » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den <a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</a> 2023 in der Kategorie Neurowissenschaften veranschaulichte Anke Reinschlüssel, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Neue Technologien werden Ärzt:innen in Zukunft helfen, ihre Fähigkeiten noch besser einzusetzen. Virtuelle Realität wird Ärzt:innen unterstützen, Operationen besser zu planen und erfolgreicher abzuschließen. Für viele Patient:innen kann das bedeuten, dass dem Krebs jetzt mehr entgegen zu setzen ist.</em></p> <p>Im Jahr 2021 war Krebs die zweithäufigste Todesursache in Deutschland. Aufgrund des demographischen Wandels und des modernen Lebensstils beobachten wir weltweit einen Anstieg an Krebspatient:innen. In der Krebstherapie nutzt die Medizin die neuen technischen Möglichkeiten noch nicht ausreichend, um die Fähigkeiten von Ärzt:innen zu unterstützen. Zu den Technologien mit dem größten ungenutzten Potenzial gehören Virtual Reality auch VR abgekürzt, und Augmented Reality (AR), die erweiterte Realität.  </p> <p>Diese Technologien sind sogenannte 3D-Technologien, d.h., sie erzeugen und zeigen eine räumliche Darstellung von Informationen. Mit einer VR-Brille kann jeder in eine völlig andere Welt eintauchen. Dabei handelt es sich um ein Display, das das gesamte Sichtfeld abdeckt und wie im 3D-Kino für jedes Auge ein Bild generiert, um einen Tiefeneindruck zu erzeugen. Eine AR-Brille hingegen lässt Science-Fiction Szenen aus Minority Report oder Ironman Wirklichkeit werden. Wie die VR-Brille erzeugt sie ebenfalls ein 3D-Bild, blendet es aber über die reale Welt, die man ebenfalls durch die AR-Brille sieht. Diese Technologien können helfen, Chirurg:innen vorab eine bessere Übersicht über die Situation im Körper der Patient:innen zu geben.</p> <p>Dank moderner radiologischer Verfahren wie Magnetresonanztomographie (MRT) oder Computertomographie (CT) können sich Chirurg:innen ein ungefähres Bild der Situation im Patienten machen, die Größe von Tumoren abschätzen und entscheiden, ob und wie diese entfernt werden können. MRT- und CT-Bilder stellen standardmäßig den Körper jedoch nur in Graustufen dar und geben nur eine Schicht, quasi eine hauchdünne Scheibe, des gesamten Körpers wider. Es erfordert viel Erfahrung, gute anatomische Kenntnisse und ein sehr gutes räumliches Vorstellungsvermögen um diese Informationen gedanklich zusammenzusetzen, um Lagebeziehungen zu erkennen. Moderne Technologien können diese Bilder bereits als 3D-Darstellung aufbereiten. Ergänzt man diese nun mit künstlicher Intelligenz, unterstützen sie erfahrene Radiolog:innen darin aus den 2D-Daten der radiologischen Verfahren ein hochwertiges und genaueres 3D-Modell des von Krebs-befallenen Organs, z.B. der Leber, zu generieren. Das Modell kann wie in einem Anatomiebuch eingefärbt werden, was die Unterscheidung der verschiedener Gewebearte und Gefäße erleichtert.<aside></aside></p> <p>Diese 3D-Modelle ermöglichen einen ganz anderen Blick auf die Ergebnisse des MRTs oder CTs, reduzieren den Aufwand für der Erstellung des mentalen Modells und schaffen eine gemeinsame Diskussionsgrundlage zwischen den Ärzt:innen. Um alle Vorteile eines 3D-Modells nutzen zu können, bedarf es allerdings eines 3D-fähiges Anzeigemediums – zum Beispiel eine VR- oder AR-Brille. Doch was braucht es noch, damit ein 3D-Modell und eine VR-Brille Chirurg:innen bei der Operationsplanung unterstützen können?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-1024x576.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-1024x576.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-300x169.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-768x432.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-1536x864.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-2048x1152.jpeg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Ein Blick auf die Benutzeroberfläche des VR-Planungstools, wo man das virtuelle Lebermodell inklusive der 2D Schichtaufnahmen aus dem MRT sieht sowie das Menü zum Zugriff auf verschiedene Planungswerkzeuge. ©BMBF Projekt VIVATOP  &amp; Anke Reinschlüssel</em></figcaption></figure> <p>In enger Zusammenarbeit mit Chirurg:innen haben wir ein VR-System entwickelt, das diese bei der Vorbereitung auf eine Operation an der Leber optimal unterstützt. Hierbei war es zuerst wichtig, die Arbeitsabläufe und Herausforderungen der Chirurg:innen kennen zu lernen, sodass wir im Krankenhaus inklusive OP hospitiert haben. Anschließend entwickelten wir im interdisziplinären Team mit Spezialist:innen aus den Bereichen medizinische Bildaufbereitung, Informatik und Mensch-Technik Interaktion einen ersten Prototypen um den medizinischen Expert:innen eine Vorstellung der technischen Möglichkeiten zu geben. In enger Zusammenarbeit mit den Chirurg:innen und durch mehrere gemeinsame Evaluationen gewannen wir ein immer tiefergehendes Verständnis für die Anforderungen an unser System und entwickelten es entsprechend weiter. So entstand aus einem einfachen Prototyp ein elaboriertes Werkzeug für die OP-Planung. Das finale System besteht aus mehreren Komponenten: einem 3D-Modell der Leber des Patienten, einem Menü mit wichtigen Tools zur OP-Planung, einer VR-Brille und den Controllern, also der Steuerung. Chirurg:innen können ein Organmodell von allen Seiten betrachten, die entscheidenden Abstände zwischen Tumoren und Gefäßen messen und sogar virtuell Gewebe entfernen, um die Überlebenschancen besser einschätzen zu können.</p> <p>Chirurg:innen sind mit handwerklichem Geschick ausgestattet und verlassen sich viel auf ihren Tastsinn. Herkömmliche VR-Interaktionsmethoden unterstützen dies jedoch kaum, da sie generische „Controller“ wie bei einer Playstation verwenden. Im Gegensatz dazu, geben wir den Chirurg:innen ein „Organ“ in die Hand – z.B. eine 3D-gedruckte Leber, die alle wichtigen Merkmale zum Ertasten hat. Diese kombinieren wir mit der Darstellung in VR – sodass, wenn ein:e Chirurg:in die Leber in der Hand dreht, sich auch die virtuelle Leber dreht. Dies ermöglicht eine intuitive Bedienung und macht die Technologie zugänglicher. Somit geben wir jedem Chirurgen und jeder Chirurgin die Möglichkeit, die Patientendaten räumlich zu erfahren. Ein Chirurg des Teams hob hervor, dass dies „den Unterschied zwischen einem palliativen und einem kurativen Ansatz“ aus chirurgischer Sicht der Krebstherapie bedeuten kann, d.h., ob der Patient Chancen auf Heilung und damit auf ein Überleben der Krebserkrankung hat.</p> <p>Auch wenn diese 3D-Modelle sehr einprägsam sind, wäre es doch schön, wenn die Chirurg:innen sie mit in den OP nehmen könnten. Hier bietet sich eine AR-Brille an – der Nutzer sieht sowohl die Umgebung, also den Patienten, als auch das dazugehörige virtuelle 3D-Modell. So können die Chirurg:innen auch während der Operation die virtuelle Leber an verschiedenen Stellen im Raum platzieren und drehen. Mittels natürlicher Gesten wie dem Greifen mit Zeigefinger und Daumen können Chirurg:innen das virtuelle Modell anfassen und es beispielsweise „neben“ den Patienten legen – die Hände bleiben dabei steril, da sie nur Luft greifen.</p> <p>Während im oben beschriebenen Szenario VR- und AR-Brillen einen großen Vorteil bieten, gibt es in der Medizin auch Situationen, in denen diese Technologien aufgrund der Rahmenbedingungen nicht eingesetzt werden können. Ein Beispiel hierfür sind Untersuchungen, die in einem MRT stattfinden. Weil dabei ein sehr starkes Magnetfeld erzeugt wird, stellen fast alle technischen Geräte eine potentielle Gefahrenquelle dar oder sie funktionieren schlichtweg nicht mehr.  Hierfür haben wir auch an anderen Technologien geforscht. Eine mögliche Technologie in diesem Anwendungskontext ist die  „Elektrolumineszenz“– mit Hilfe eines elektrischen Feldes geben Elektronen in bestimmten Materialen ihre Energie in Form von Licht ab – und zwar ohne vom Magnetfeld gestört zu werden. Displays mit dieser Technologie können dann direkt am Patienten angebracht werden, weil sie sehr leicht und flexibel sind. Diese erweitern dann ähnlich wie die AR-Brille die Realität für die Mediziner:innen indem sie beispielsweise Navigationshinweise für korrekte Einstichstellen von Nadeln geben. Dies erlaubt eine präzisere  Durchführung von Untersuchungen und Eingriffen.</p> <p>All diese Anwendungen haben wir in enger Zusammenarbeit mit den (zukünftigen) Anwender:innen entwickelt. Unser vorrangiges Ziel ist es, Ärzt:innen zu unterstützen, damit sie ihre Fähigkeiten noch besser einsetzen können. Die Anwendungen sind jedoch momentan Zukunftsmusik, da sie sich im Entwicklungsstadium befinden und noch die Zertifizierung als Medizinprodukt durchlaufen müssen. Dann können diese Technologien helfen, viele Erkrankungen, wie z.B. Krebs, noch besser zu bekämpfen und damit die Lebensqualität und Heilungschancen der Betroffenen zu erhöhen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="751" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-1024x751.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-1024x751.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-300x220.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-768x563.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-1536x1127.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C.jpeg 1820w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Ein virtuelles Lebermodell, das die Gefäßstrukturen (in blau und türkis) sowie die Tumore (in gelb) als 3D Visualisierung zeigt. Weitere anliegende Strukturen sind hier in orange und grün zu sehen. ©BMBF Projekt VIVATOP, Fraunhofer MEVIS &amp; Anke Reinschlüssel</em></figcaption></figure> <hr></hr> <p>Anke Reinschlüssel studierte Kognitionswissenschaften im Bachelor und wandte sich im Master dem Feld Mensch-Technik Interaktion (engl. Human-Computer Interaction – HCI) zu. Während ihrer Promotion an der Universität Bremen entwickelte und erforschte sie Anwendungen und neue Interaktionsmethoden für bestehende Technologien wie Virtuelle Realität und Tangibles, auf deutsch auch ‚begreifbare Objekte‘ genannt. Weil zu ihrer Faszination für Technik und Menschen eine Begeisterung für Medizin gehört, spezialisierte sie sich auf den Anwendungskontext Chirurgie. Aktuell forscht sie als PostDoc an der Universität Konstanz weiter an den Möglichkeiten von Virtueller Realität.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/klartext/virtuelle-realitaet-unterstuetzt-aerzte-im-kampf-gegen-krebs/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>A Lindau Lecture to Catalyze the Power of Chemistry https://scilogs.spektrum.de/hlf/a-lindau-lecture-to-catalyze-the-power-of-chemistry/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/a-lindau-lecture-to-catalyze-the-power-of-chemistry/#comments Wed, 22 Oct 2025 12:00:00 +0000 Andrei Mihai https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=13888 <h1>A Lindau Lecture to Catalyze the Power of Chemistry - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>The <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Heidelberg Laureate Forum</a> has a deep connection to the <a href="https://www.lindau-nobel.org/de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Lindau Nobel Laureate Meetings</a>. Every year, the two sister events “swap lectures.” This year, it was David MacMillan, a Nobel laureate in chemistry, who took the stage at both events, delivering his signature lecture on the power of catalysis. MacMillan’s lecture explored the intricacies of organic catalysis, a field he helped pioneer, and also offered a glimpse into the future of sustainable chemistry.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796056403_bc5a106e75_o.jpg"><img alt="a man presenting a lecture on chemistry in front of an audience" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796056403_bc5a106e75_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796056403_bc5a106e75_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796056403_bc5a106e75_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796056403_bc5a106e75_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>MacMillan presenting his lecture at the 12th HLF. (© HLFF / Kreutzer)</figcaption></figure></div> <h3 id="h-catalysis-is-everywhere">Catalysis Is Everywhere</h3> <p>MacMillan was awarded the <a href="https://www.nobelprize.org/prizes/chemistry/2021/macmillan/facts/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Nobel Prize for his work</a> on <a href="https://macmillan.princeton.edu/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">asymmetric organocatalysts</a>, which opened up an entirely new range of chemical reactions. But to understand why MacMillan’s work is so revolutionary, we have to first look at the previous state of affairs.</p> <p>“If you look around you right now, absolutely everything that you can see is made by a chemical reaction,” MacMillan says. From the caffeine in your coffee to the screen you are reading this on, chemical reactions are the invisible architects of the modern world. But some reactions need a bit of “help” to take place. This is where catalysis come in.</p> <p>A catalyst is a substance that speeds up a chemical reaction without being consumed in the process. Think of it like a person trying to get home every day by walking over a massive hill. A catalyst is like digging a tunnel through that hill. From that long, complex journey that takes up a lot of energy, you can walk through the hill and get to the destination faster and easier. So, in essence, catalysis lowers the energy required for a reaction to happen, making it faster, more efficient, or even making it possible in the first place.</p> <p>This is not a niche concern. Catalysts are essential because many of the chemical reactions needed to create vital products (from plastics and medicines to the fertilizer that grows our food) are naturally so slow that they are practically impossible on a useful timescale. Catalysts are so widespread that an estimated 35% of the world’s GDP <a href="https://www.harwell.manchester.ac.uk/research-areas/catalysis/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">is directly dependent on them</a>, and the number will only get <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2590332224002082" rel="noreferrer noopener" target="_blank">higher in the future</a>. The most striking example is the <a href="https://www.bbc.co.uk/news/business-38305504" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Haber-Bosch process</a>, a catalytic reaction that converts nitrogen from the air into ammonia for fertilizer. Without it, we could not produce enough food to feed the Earth’s 8 billion people. This process is so widespread that around half of the nitrogen atoms in your body come from synthetic catalysis.<aside></aside></p> <p>For a hundred years, chemists believed they had only two types of catalysts.</p> <p>The first was nature’s way: enzymes. These are the catalysts of life, gigantic, intricate proteins that perform every chemical task inside our bodies with remarkable precision. Chemists have harnessed enzymes <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Enzyme_catalysis" rel="noreferrer noopener" target="_blank">to create various products</a> and this approach has been widely successful. However, enzymes are often delicate, highly specific, and can be difficult to work with outside of their natural environment.</p> <p>The second, and far more common in industrial chemistry, was the human-invented method: metal catalysis. Metalocatalysis relies on metals, which are technically elements from the middle of the periodic table. Palladium, rhodium, platinum, and nickel are common examples. These metals are phenomenal catalysts, capable of performing an incredible range of chemical transformations. They are the workhorses that build our plastics, our pharmaceuticals, and our fuels.</p> <p>But they too have a dark side.</p> <p>Many of these metals are rare and expensive. Palladium, essential for everything from your car’s catalytic converter to your smartphone, is a prime example. “We’ve been using palladium on Earth for about 90 years,” MacMillan warns, but we don’t have too many years left of palladium on Earth. Furthermore, these metals are also <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0360056408601066" rel="noreferrer noopener" target="_blank">frequently toxic</a>, posing a risk to both human health and the environment. And they are incredibly sensitive. Many metal catalysts are instantly destroyed by contact with air or water, forcing chemists to work in cumbersome “glove boxes,” sealed chambers filled with inert gas.</p> <p>So, MacMillan looked for a better way.</p> <h3>An Organic Revolution</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797610980_b044c3ffb8_o.jpg"><img alt="a man smiling while giving a presentation" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797610980_b044c3ffb8_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797610980_b044c3ffb8_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797610980_b044c3ffb8_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797610980_b044c3ffb8_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>© HLFF / Flemming</figcaption></figure></div> <p>A key moment for MacMillan started with a question from a graduate student of his. Tristan Lambert walked up to MacMillan and asked about the mechanism of a classic chemical reaction. The Laureate walked to the blackboard and started explaining and that was when he realized something.</p> <p>A typical metal catalyst has two parts: a central metal atom (the expensive, toxic, and sensitive part) and a surrounding “organic framework.” This framework is a molecule made mostly of carbon, hydrogen, and other common elements, very common elements. In traditional metal catalysis, this organic part was seen as a mere scaffold to hold the important metal atom in place.</p> <p>Staring at the chalk diagram on the board that day, MacMillan had his eureka moment. He realized the organic molecule in question briefly formed a special state that looked suspiciously similar to the way metal catalysts worked. If an organic molecule could mimic the electronic action of a complex metal catalyst, even for a moment, then couldn’t it be a catalyst on its own? “What if,” he thought, “we just get rid of the metal? Why don’t we just use the organic part to do the catalysis?”</p> <p>This was the birth of asymmetric organocatalysis. The idea was to use small, simple, robust organic molecules to do the work that had previously required rare, precious metals. These were molecules that are non-toxic, insensitive to air and water, and completely sustainable. It was, in theory, a perfect solution.</p> <p>The first test was a big one. MacMillan and his students decided to try their idea on one of the most famous and powerful reactions in all of chemistry: the <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Diels%E2%80%93Alder_reaction" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Diels-Alder reaction</a>, a cornerstone of molecular construction so important its discoverers won the Nobel Prize in 1950. They took two simple starting materials, added a small amount of a simple organic molecule as their proposed catalyst, and mixed them.</p> <p>It worked perfectly.</p> <p>“I always remember getting this result,” MacMillan recounts with a laugh. “I walked in my office, I closed the door and locked the door. I closed the blinds. Then I jumped up and down for about 10 minutes. I was so excited. I remember calling my wife and I said to my wife, ‘I think we’re going to get tenure!'”</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/-ywYB4nAWnA?feature=oembed&amp;rel=0" title="Lindau Lecture: MacMillan | September 18" width="666"></iframe> </p></figure> <h3>A New Way to Do Chemistry</h3> <p>MacMillan realized he was on to something remarkable. But in his first scientific paper, he made a bold, almost reckless, proclamation. He argued this wasn’t just a one-off trick that worked for a single reaction. He claimed it was a “generic activation mode,” a general principle that should work for hundreds of different reactions.</p> <p>The only problem was, he could not replicate it in other reactions.</p> <p>“This was our first-generation catalyst. We said it’s going to work for hundreds of reactions. It went bang, bang, bang … nothing,” he says. “We tried it on three reactions, and then it just stopped.” The catalyst that worked so beautifully for the Diels-Alder reaction was a dud for everything else. “In this moment, I’m starting to have panic attacks. I’ve just told the world this is going to work for hundreds of reactions. We’ve got three.”</p> <p>Yet again, key inspiration came from graduate students, who suggested a subtle but critical change to the catalyst’s structure. It was a bit of “precision molecular engineering.” MacMillan compares it to a spectacular goal scored against England by <a href="https://www.youtube.com/watch?v=RM_5tJncHww" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Zlatan Ibrahimovic</a>. It’s a goal of sublime, almost impossible precision. The new catalyst, like that goal, was engineered for perfection.</p> <p>When they tried it, the floodgates opened. “Bang,” MacMillan says, “they started to really work.” Soon, labs around the world jumped in, designing new organocatalysts, and the field exploded.</p> <p>The impact has been enormous. In everything from fragrances to drugs, organocatalysis is now being <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Organocatalysis" rel="noreferrer noopener" target="_blank">routinely used</a>. For MacMillan, seeing his chemistry used to create a medicine that helps millions was a “wonderful” moment.</p> <p>Perhaps the most profound impact, however, was one he never anticipated. Because the catalysts are so cheap, stable, and easy to use, they don’t require expensive equipment or facilities. This has led to what MacMillan calls the “democratization of catalysis.” For the first time, cutting-edge chemical research could be performed not just in the elite labs of the Western world, but on every continent.</p> <p>“When people ask me, ‘What is the next big idea coming from catalysis?’,” he says, “I say, ‘Number one, I don’t know. But the second thing is, I know it’s not going to be based on who has the most money but rather on who has the best idea.'” For someone with his values, he says, “that is something which is really, really cool.”</p> <h3>Chemistry in a New Light</h3> <p>After explaining his Nobel-winning work, MacMillan continued with something that he considers just as promising, if not more.</p> <p>After establishing organocatalysis as the third great pillar of the field, MacMillan’s restless mind turned to a new challenge. This time, he says, the idea was “completely stolen” from a different group of scientists altogether: inorganic chemists who were trying to harness solar energy to power the planet.</p> <p>Their work involved materials that could absorb visible light. MacMillan wondered if he could take their light-absorbing molecules and merge them with the world of catalysis. This gave rise to a second new field called photoredox catalysis.</p> <p>Most organic molecules are colorless; they don’t interact with visible light. However, the special photoredox catalysts, often containing a metal atom like iridium or ruthenium, are brightly colored. They act like tiny antennas, specifically designed to absorb the energy from a photon of light like a simple LED.</p> <p>When the catalyst absorbs that blue light, it enters a highly energized, excited state. MacMillan explains the magnitude of this energy boost with a jaw-dropping analogy: “It basically is the equivalent of being at 32,000 degrees Celsius, while every other molecule in the vessel is still at room temperature.” The catalyst now has a massive surplus of energy, and it is desperate to get rid of it. It does this by either giving an electron to, or snatching one from, a nearby molecule.</p> <p>This act of electron transfer flips a switch on otherwise inert, unreactive molecules, turning them into highly reactive molecules. Suddenly, chemists could use simple blue light to activate vast classes of abundant, everyday chemicals that were previously thought to be unusable.</p> <p>The implications are <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0013935123010915">especially important </a><a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0013935123010915" rel="noreferrer noopener" target="_blank">f</a><a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0013935123010915">or medicine</a>, enabling researchers to limit the side effects of drugs in the body and create drug candidates with much higher specificity and precision. This branch is now also used routinely by pharmaceutical companies.</p> <p>David MacMillan’s engaging lecture is a reminder that sometimes, even the most groundbreaking of discoveries start with a blackboard and a seemingly simple question. His work gave chemistry a greener, cheaper, and more democratic way to help build the world. As we face global challenges like climate change and disease, his work is a powerful reminder that the next world-changing idea might just be a matter of looking at an old problem and seeing it in a completely new light.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>A Lindau Lecture to Catalyze the Power of Chemistry - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>The <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Heidelberg Laureate Forum</a> has a deep connection to the <a href="https://www.lindau-nobel.org/de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Lindau Nobel Laureate Meetings</a>. Every year, the two sister events “swap lectures.” This year, it was David MacMillan, a Nobel laureate in chemistry, who took the stage at both events, delivering his signature lecture on the power of catalysis. MacMillan’s lecture explored the intricacies of organic catalysis, a field he helped pioneer, and also offered a glimpse into the future of sustainable chemistry.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796056403_bc5a106e75_o.jpg"><img alt="a man presenting a lecture on chemistry in front of an audience" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796056403_bc5a106e75_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796056403_bc5a106e75_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796056403_bc5a106e75_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796056403_bc5a106e75_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>MacMillan presenting his lecture at the 12th HLF. (© HLFF / Kreutzer)</figcaption></figure></div> <h3 id="h-catalysis-is-everywhere">Catalysis Is Everywhere</h3> <p>MacMillan was awarded the <a href="https://www.nobelprize.org/prizes/chemistry/2021/macmillan/facts/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Nobel Prize for his work</a> on <a href="https://macmillan.princeton.edu/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">asymmetric organocatalysts</a>, which opened up an entirely new range of chemical reactions. But to understand why MacMillan’s work is so revolutionary, we have to first look at the previous state of affairs.</p> <p>“If you look around you right now, absolutely everything that you can see is made by a chemical reaction,” MacMillan says. From the caffeine in your coffee to the screen you are reading this on, chemical reactions are the invisible architects of the modern world. But some reactions need a bit of “help” to take place. This is where catalysis come in.</p> <p>A catalyst is a substance that speeds up a chemical reaction without being consumed in the process. Think of it like a person trying to get home every day by walking over a massive hill. A catalyst is like digging a tunnel through that hill. From that long, complex journey that takes up a lot of energy, you can walk through the hill and get to the destination faster and easier. So, in essence, catalysis lowers the energy required for a reaction to happen, making it faster, more efficient, or even making it possible in the first place.</p> <p>This is not a niche concern. Catalysts are essential because many of the chemical reactions needed to create vital products (from plastics and medicines to the fertilizer that grows our food) are naturally so slow that they are practically impossible on a useful timescale. Catalysts are so widespread that an estimated 35% of the world’s GDP <a href="https://www.harwell.manchester.ac.uk/research-areas/catalysis/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">is directly dependent on them</a>, and the number will only get <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2590332224002082" rel="noreferrer noopener" target="_blank">higher in the future</a>. The most striking example is the <a href="https://www.bbc.co.uk/news/business-38305504" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Haber-Bosch process</a>, a catalytic reaction that converts nitrogen from the air into ammonia for fertilizer. Without it, we could not produce enough food to feed the Earth’s 8 billion people. This process is so widespread that around half of the nitrogen atoms in your body come from synthetic catalysis.<aside></aside></p> <p>For a hundred years, chemists believed they had only two types of catalysts.</p> <p>The first was nature’s way: enzymes. These are the catalysts of life, gigantic, intricate proteins that perform every chemical task inside our bodies with remarkable precision. Chemists have harnessed enzymes <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Enzyme_catalysis" rel="noreferrer noopener" target="_blank">to create various products</a> and this approach has been widely successful. However, enzymes are often delicate, highly specific, and can be difficult to work with outside of their natural environment.</p> <p>The second, and far more common in industrial chemistry, was the human-invented method: metal catalysis. Metalocatalysis relies on metals, which are technically elements from the middle of the periodic table. Palladium, rhodium, platinum, and nickel are common examples. These metals are phenomenal catalysts, capable of performing an incredible range of chemical transformations. They are the workhorses that build our plastics, our pharmaceuticals, and our fuels.</p> <p>But they too have a dark side.</p> <p>Many of these metals are rare and expensive. Palladium, essential for everything from your car’s catalytic converter to your smartphone, is a prime example. “We’ve been using palladium on Earth for about 90 years,” MacMillan warns, but we don’t have too many years left of palladium on Earth. Furthermore, these metals are also <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0360056408601066" rel="noreferrer noopener" target="_blank">frequently toxic</a>, posing a risk to both human health and the environment. And they are incredibly sensitive. Many metal catalysts are instantly destroyed by contact with air or water, forcing chemists to work in cumbersome “glove boxes,” sealed chambers filled with inert gas.</p> <p>So, MacMillan looked for a better way.</p> <h3>An Organic Revolution</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797610980_b044c3ffb8_o.jpg"><img alt="a man smiling while giving a presentation" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797610980_b044c3ffb8_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797610980_b044c3ffb8_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797610980_b044c3ffb8_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797610980_b044c3ffb8_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>© HLFF / Flemming</figcaption></figure></div> <p>A key moment for MacMillan started with a question from a graduate student of his. Tristan Lambert walked up to MacMillan and asked about the mechanism of a classic chemical reaction. The Laureate walked to the blackboard and started explaining and that was when he realized something.</p> <p>A typical metal catalyst has two parts: a central metal atom (the expensive, toxic, and sensitive part) and a surrounding “organic framework.” This framework is a molecule made mostly of carbon, hydrogen, and other common elements, very common elements. In traditional metal catalysis, this organic part was seen as a mere scaffold to hold the important metal atom in place.</p> <p>Staring at the chalk diagram on the board that day, MacMillan had his eureka moment. He realized the organic molecule in question briefly formed a special state that looked suspiciously similar to the way metal catalysts worked. If an organic molecule could mimic the electronic action of a complex metal catalyst, even for a moment, then couldn’t it be a catalyst on its own? “What if,” he thought, “we just get rid of the metal? Why don’t we just use the organic part to do the catalysis?”</p> <p>This was the birth of asymmetric organocatalysis. The idea was to use small, simple, robust organic molecules to do the work that had previously required rare, precious metals. These were molecules that are non-toxic, insensitive to air and water, and completely sustainable. It was, in theory, a perfect solution.</p> <p>The first test was a big one. MacMillan and his students decided to try their idea on one of the most famous and powerful reactions in all of chemistry: the <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Diels%E2%80%93Alder_reaction" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Diels-Alder reaction</a>, a cornerstone of molecular construction so important its discoverers won the Nobel Prize in 1950. They took two simple starting materials, added a small amount of a simple organic molecule as their proposed catalyst, and mixed them.</p> <p>It worked perfectly.</p> <p>“I always remember getting this result,” MacMillan recounts with a laugh. “I walked in my office, I closed the door and locked the door. I closed the blinds. Then I jumped up and down for about 10 minutes. I was so excited. I remember calling my wife and I said to my wife, ‘I think we’re going to get tenure!'”</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/-ywYB4nAWnA?feature=oembed&amp;rel=0" title="Lindau Lecture: MacMillan | September 18" width="666"></iframe> </p></figure> <h3>A New Way to Do Chemistry</h3> <p>MacMillan realized he was on to something remarkable. But in his first scientific paper, he made a bold, almost reckless, proclamation. He argued this wasn’t just a one-off trick that worked for a single reaction. He claimed it was a “generic activation mode,” a general principle that should work for hundreds of different reactions.</p> <p>The only problem was, he could not replicate it in other reactions.</p> <p>“This was our first-generation catalyst. We said it’s going to work for hundreds of reactions. It went bang, bang, bang … nothing,” he says. “We tried it on three reactions, and then it just stopped.” The catalyst that worked so beautifully for the Diels-Alder reaction was a dud for everything else. “In this moment, I’m starting to have panic attacks. I’ve just told the world this is going to work for hundreds of reactions. We’ve got three.”</p> <p>Yet again, key inspiration came from graduate students, who suggested a subtle but critical change to the catalyst’s structure. It was a bit of “precision molecular engineering.” MacMillan compares it to a spectacular goal scored against England by <a href="https://www.youtube.com/watch?v=RM_5tJncHww" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Zlatan Ibrahimovic</a>. It’s a goal of sublime, almost impossible precision. The new catalyst, like that goal, was engineered for perfection.</p> <p>When they tried it, the floodgates opened. “Bang,” MacMillan says, “they started to really work.” Soon, labs around the world jumped in, designing new organocatalysts, and the field exploded.</p> <p>The impact has been enormous. In everything from fragrances to drugs, organocatalysis is now being <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Organocatalysis" rel="noreferrer noopener" target="_blank">routinely used</a>. For MacMillan, seeing his chemistry used to create a medicine that helps millions was a “wonderful” moment.</p> <p>Perhaps the most profound impact, however, was one he never anticipated. Because the catalysts are so cheap, stable, and easy to use, they don’t require expensive equipment or facilities. This has led to what MacMillan calls the “democratization of catalysis.” For the first time, cutting-edge chemical research could be performed not just in the elite labs of the Western world, but on every continent.</p> <p>“When people ask me, ‘What is the next big idea coming from catalysis?’,” he says, “I say, ‘Number one, I don’t know. But the second thing is, I know it’s not going to be based on who has the most money but rather on who has the best idea.'” For someone with his values, he says, “that is something which is really, really cool.”</p> <h3>Chemistry in a New Light</h3> <p>After explaining his Nobel-winning work, MacMillan continued with something that he considers just as promising, if not more.</p> <p>After establishing organocatalysis as the third great pillar of the field, MacMillan’s restless mind turned to a new challenge. This time, he says, the idea was “completely stolen” from a different group of scientists altogether: inorganic chemists who were trying to harness solar energy to power the planet.</p> <p>Their work involved materials that could absorb visible light. MacMillan wondered if he could take their light-absorbing molecules and merge them with the world of catalysis. This gave rise to a second new field called photoredox catalysis.</p> <p>Most organic molecules are colorless; they don’t interact with visible light. However, the special photoredox catalysts, often containing a metal atom like iridium or ruthenium, are brightly colored. They act like tiny antennas, specifically designed to absorb the energy from a photon of light like a simple LED.</p> <p>When the catalyst absorbs that blue light, it enters a highly energized, excited state. MacMillan explains the magnitude of this energy boost with a jaw-dropping analogy: “It basically is the equivalent of being at 32,000 degrees Celsius, while every other molecule in the vessel is still at room temperature.” The catalyst now has a massive surplus of energy, and it is desperate to get rid of it. It does this by either giving an electron to, or snatching one from, a nearby molecule.</p> <p>This act of electron transfer flips a switch on otherwise inert, unreactive molecules, turning them into highly reactive molecules. Suddenly, chemists could use simple blue light to activate vast classes of abundant, everyday chemicals that were previously thought to be unusable.</p> <p>The implications are <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0013935123010915">especially important </a><a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0013935123010915" rel="noreferrer noopener" target="_blank">f</a><a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0013935123010915">or medicine</a>, enabling researchers to limit the side effects of drugs in the body and create drug candidates with much higher specificity and precision. This branch is now also used routinely by pharmaceutical companies.</p> <p>David MacMillan’s engaging lecture is a reminder that sometimes, even the most groundbreaking of discoveries start with a blackboard and a seemingly simple question. His work gave chemistry a greener, cheaper, and more democratic way to help build the world. As we face global challenges like climate change and disease, his work is a powerful reminder that the next world-changing idea might just be a matter of looking at an old problem and seeing it in a completely new light.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/a-lindau-lecture-to-catalyze-the-power-of-chemistry/#comments 6 Triassic Life – der Aufstieg der Dinosaurier https://scilogs.spektrum.de/meertext/triassic-life-der-aufstieg-der-dinosaurier/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/triassic-life-der-aufstieg-der-dinosaurier/#comments Tue, 21 Oct 2025 11:33:15 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1779 https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200234-768x576.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/meertext/triassic-life-der-aufstieg-der-dinosaurier/</link> </image> <description type="html"><h1>Triassic Life - der Aufstieg der Dinosaurier » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Am Donnerstag abend war ich in Stuttgart zur Ausstellungseröffnung <a href="https://www.naturkundemuseum-bw.de/ausstellungen/sonderausstellungen/triassic-life">“<strong>Triassic Life</strong>“</a>, einer Sonderausstellung des Naturkundemuseums Stuttgart.<br></br>Die persönliche Einladung hatte ich erhalten, weil ich für die aktuelle Ausgabe von <em>Bild der Wissenschaft </em>(Konradin) einen Artikel beigesteuert hatte. <em>Bild der Wissenschaft</em> ist Medienpartner des Naturkundemuseums und so gibt es im Okotoberheft den Schwerpunkt: “<strong><a href="https://www.wissenschaft.de/bdw-hefte-specials/aktuelles-heft/">Die Welt der Saurier </a>– Im Erdzeitalter Trias lebten wundersame Reptilien. Wie entwickelte sich das Leben nach der Klimakatastrophe?</strong>” (<a href="https://www.direktabo.de/de/wissen-natur-geschichte/bild-der-wissenschaft/einzelhefte/einzelhefte-print/bdw-ausgabe-11-2025.html">Print oder Online)</a>.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_174617-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="573" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_174617-1024x573.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_174617-1024x573.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_174617-300x168.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_174617-768x430.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_174617-1536x859.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_174617-2048x1146.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Ausstellungseröffnung im Staatlichen Naturkundemuseum Stuttgart (Photo: Bettina Wurche)</figcaption></figure> <h2 id="h-trias-klimakrise-und-reptilien-evolution"><strong>Trias – Klimakrise und Reptilien-Evolution</strong></h2> <p>Die Perm-Trias-Grenze war das größte Massensterben der Erdgeschichte: Vor rund 252 Millionen Jahren führten vor allem gigantische Vulkanausbrüche (Mega-Vulkanismus) zum Zusammenbruch fast aller Ökosysteme. Dieser großräumige Flutbasalt-Ausstoß des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sibirischer_Trapp">Sibirischen Trapps</a> auf dem uralten Kraton Sibiria, der immer wieder zu verschiedenen größeren Kontinenten gehörte, stieß über Hunderttausende von Jahren magmatische Gesteine aus, die heute eine Fläche von 7 Millionen Quadratkilometern (etwas weniger als die Fläche des heutigen Australiens) bedecken. Dieser <a href="https://www.geomar.de/news/article/ausloeser-fuer-groesstes-massenaussterben-der-erdgeschichte-identifiziert">massive Ausstoß von Lava, CO2, Methan, Schwefelverbindungen</a> und anderem verdunkelte die Welt und führte zur globalen Klimakatastrophe, einem Temperaturanstieg von 10°C und zur Meeresversauerung. Die Kadaver von Pflanzen und Tieren, die über Flüsse bis ins Meer gespült wurden, führten dort zu einer extrem starken Überdüngung und damit zur Sauerstoffzehrung – viele Meerestiere erstickten. Außerdem fraßen sich die Schwefel-Verbindungen sowie Kohlensäure in die Kalkstrukturen von Meereslebensformen – Fischschuppen, Seeigel-Skelette u<a href="https://www.volkswagenstiftung.de/de/news/interview/der-klimakrise-mit-urzeitwissen-begegnen">nd Korallenriffe lösten sich auf (mehr dazu im meinem Interview mit Prof. Udo Kiessling für die VW-Stiftung).</a> Dadurch starben etwa 75 % der landlebenden Arten und ca 95 % der Meeresarten aus, vor allem höhere Lebensformen waren betroffen. Lebensformen wie <a href="https://www.museumfuernaturkunde.berlin/de/museum/medien/presse/perm-trias-grenze-schwerwiegende-auswirkungen-auf-die-oekosysteme-durch-kurze">Bakterien können sich durch ihre sehr schnelle Generationenfolge und hohe Fortpflanzungsrate</a> natürlich leichter anpassen und nutzten das große Sterben der Mehrzeller für eine kurze Blütezeit.</p> <p>Die Trias zeigt dann eine Neuordnung der Lebensformen: Zuerst kamen die Wälder zurück, denn die Samen vieler Pflanzen hatten die Katastrophe im Untergrund gut geschützt überlebt. Dann kam der Aufstieg der landlebenden Reptilien. Die amphibischen Lurche des Erdaltertums hatten zwar teilweise überlebt, waren aber zu wasserabhängig und zu langsam für die neue Zeit. Reptilien hingegen hatten sich mit ihrer festen, geschuppten Haut und den hartschaligen Eiern von aquatischen Lebensräumen emanzipiert und eroberten nun auch trocknere Areale. Die Reptilien des Erdaltertums wie die Synapsiden (früher: säugetierartige Reptilien) waren durch die Perm-Trias-Krise ebenfalls schwer getroffen worden, nur wenige von ihnen hatten überlebt – darunter die Cynodonten (Doppelhundszähner). Sie mussten sich anatomisch und ökologisch erstmal neu sortieren und lebten zunächst im Schatten anderer, erfolgreicherer Reptiliengruppen wie den Dinosauriern. Zu den Überlebenden gehören etwa die dicynodonten <em>Lystrosaurier. </em>Welche Arten starben und welche überlebten, hat Tim Schröder<a href="https://www.wissenschaft.de/bdwplus/das-grosse-sterben-6/"> im BdW-Beitrag “Das große Sterben”</a> aufgeschrieben.</p> <p>Die Trias ist die älteste Epoche des Erdmittelalters und beschreibt die Zeit von 251,9 bis 201,3 Millionen Jahren. Der Name Trias wurde 1834 von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_von_Alberti">Friedrich von Alberti</a> nach der in Mitteleuropa auffälligen Dreiteilung in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Buntsandstein">Buntsandstein</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Muschelkalk">Muschelkalk</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Keuper">Keuper</a> vorgeschlagen – wie sie in Württemberg, wo Alberti lebte und arbeitete, gut sichtbar sind. Alberti sammelte Zeit seines Lebens Fossilien. 1862 kaufte der württembergische Staat diese Sammlung für das Königliche Naturalienkabinett an, aus dem schließlich das heutige <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Museum_am_Rosenstein">Staatliches Museum für Naturkunde</a> hervorging. Das Museum ist für seine herausragende Sammlung und Forschung im Bereich der Trias bekannt und konnte dadurch die Grauvogel-Sammlung ankaufen. <br></br>Der französische Sammler Louis Grauvogel hatte über zehntausende Fossilien und Gesteinsproben aus dem oberen Buntsandstein der Mittleren Trias der Vogesen zusammengetragen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200220-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200220-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200220-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200220-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200220-1152x1536.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200220-1536x2048.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200220-scaled.jpg 1920w" width="768"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200234-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200234-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200234-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200234-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200234-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200234-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200234-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <h2 id="h-voltzien-sandstein-fluss-delta-und-dauer-regen"><strong>Voltzien-Sandstein, Fluß-Delta und Dauer-Regen</strong></h2> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_1954581-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="662" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_1954581-1024x662.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_1954581-1024x662.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_1954581-300x194.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_1954581-768x496.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_1954581-1536x993.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_1954581-2048x1323.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Der Triassische Voltzien-Dschungel in Stuttgart (Photo: Bettina Wurche)</figcaption></figure> <p>Louis Grauvogels Fossiliensammlung gibt Einblicke in ein Trias-Ökosystem, das noch nicht gut erforscht ist. Seine Fossilien und Gesteinsproben bilden ein subtropisches Flußdelta ab, das vor 245 Millionen Jahren in Mitteleuropa lag und Lebensraum für viele bisher unbekannte Arten bot. Mit dem Voltzien-Sandstein (Grès à <em>Voltzia</em>) blieb in Ost-Frankreich der oberste Teil des Buntsandsteins fossil erhalten. Dieser Sandstein erzählt die Geschichte des Ü<a href="https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-642-68770-9_10">bergangs von der kontinentalen Bildung des Buntsandsteins zu den marinen Ablagerungen des Muschelkalks</a>. Die Sammlung Grauvogel umfasst vor allem zahlreiche Pflanzen, die sich vor 245 Millionen Jahren nach dem großen Artensterben an der Wende zum Erdmittelalter im Bundsandstein ablagerten. Voltzien sind die dafür typische ausgestorbenen Koniferengattung. Neben sehr vielen Pflanzen hat das feinkörnige Sediment auch viele Insektenfossilien erhalten. Nachdem Grauvogel die Sammlung zusammengetragen hatte, wurde sie von seinen Kindern bearbeitet und verblieb zunächst im Familienbesitz. 2019 erwarb das Staatliche Museum für Naturkunde Stuttgart von der Erbin der Sammlung, Léa Grauvogel-Stamm, diesen steinernen Schatz. Finanzielle Unterstützung kam von der <a href="https://www.foerderverein-smns.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Gesellschaft zur Förderung des Naturkundemuseums Stuttgart e. V.</a> und der <a href="https://www.kulturstiftung.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Kulturstiftung der Länder</a>, die Erforschung <a href="https://www.dfg.de/de" rel="noreferrer noopener" target="_blank">wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) </a>gefördert.<p>Die Sonderausstellung soll nun die jahrelange Forschung und die so gut erhaltenen Fossilien der Öffentlichkeit präsentieren, inklusive einiger außergewöhnlicher Neuentdeckungen. </p><br></br>Dafür ist aus dem Ausstellungsbereich ein grünes Labyrinth geworden, dessen verschachtelte Anordnung die Besucher in einer Dschungel weit vor unserer Zeit entführt. Manchmal landete ich vor Vitrinen und Dioramen, die ich schon kannte, aber mit Vergnügen nochmal anschaute. Dann wieder blickte ich auf Sandsteinfragmente erstaunlich großer Pflanzen. Hatte ich aus dem Studium den Terminus “Voltzien-Sandstein” noch irgendwie im Hinterkopf, hatte ich dabei niemals einen solchen Dschungel vor Augen. Voltzien waren Koniferen – ihre Stämme, Äste, Blätter und Triebe sind im Sandstein wie steinerne Herbariumsblätter detailliert erhalten. Wesentlich größer als ich mir das bislang vorgestellt hätte.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200536-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200536-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200536-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200536-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200536-1152x1536.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200536-1536x2048.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200536-scaled.jpg 1920w" width="768"></img></a><figcaption>Voltzia-Trieb (Photo: Bettina Wurche)</figcaption></figure> <p>Bei der Recherche für meinen Beitrag zu diesem Schwerpunkt über Koprolithen und Dinosaurier-Evolution im Polnischen Becken hatte ich mal wieder jede Menge dazugelernt. Die <a href="http://Digestive contents and food webs record the advent of dinosaur supremacy Martin Qvarnström, Joel Vikberg Wernström, Zuzanna Wawrzyniak, Maria Barbacka, Grzegorz Pacyna, Artur Górecki, Jadwiga Ziaja, Agata Jarzynka, Krzysztof Owocki, Tomasz Sulej, Leszek Marynowski, Grzegorz Pieńkowski, Per E. Ahlberg &amp; Grzegorz Niedźwiedzki">Nature-Publikation “Digestive contents and food webs record the advent of dinosaur supremacy”</a> von <a href="https://www.nature.com/articles/s41586-024-08265-4#auth-Martin-Qvarnstr_m-Aff1">Martin Qvarnström</a> et al war extrem gehaltvoll, für den Artikel hatte ich sowohl <a href="https://www.nature.com/articles/s41586-024-08265-4#auth-Martin-Qvarnstr_m-Aff1">Martin Qvarnström</a> schriftlich kurz interviewt, als auch ein langes Gespräch mit der nicht daran beteiligten <a href="https://home.provinz.bz.it/de/kontakte/7736">Paläobotanikerin Evelyn Kustatscher</a> geführt. Sie erzählte mir vollkommen begeistert, wie in der Trias im sogenannten Pluvial Event ein 1 bis 2 Millionen Jahre dauernden Regen zu extremem Pflanzenwachstum führte. Und wie man das in Koprolithen nachweisen kann, obwohl Pflanzenfresser-Kot nur schlecht fossil erhalten wird. So schrieb ich also den <a href="https://www.wissenschaft.de/bdwplus/faekale-forensik/">Beitrag Fäkale Forensik</a> – mit meinem Lieblingszitat von Evelyn Kustatscher: “Iß Deine Farne und wachs!”</p> <h2 id="h-mirasaura-die-wunderechse"><strong><em>Mirasaura</em> – die Wunderechse</strong></h2> <p>Der Star des Trias-Lebens ist in Stuttgart aber kein Dinosaurier, nicht einmal ein Archosaurier, sondern ein kleines Reptil, das zu einer viel basaleren Kriechtiergruppe gehört: “<em>Mirasaura grauvogeli</em>“.<br></br>Von dem hatte ich noch nie gehört. Aber es hat es in eine Nature-Publikation geschafft, so erwartete ich Stephan Spiekmans Kurzvorstellung – er ist der Hauptautor der Publikation “<a href="http://Triassic diapsid shows early diversification of skin appendages in reptiles">Triassic diapsid shows early diversification of skin appendages in reptiles</a>” – mit Spannung.</p> <p>Bereits bei seiner systematischen Einordnung des neu beschriebenen Fossils hatte ich Verständnisdefizite: Mit Archosauriern und ihren größeren Untergruppen kenne ich mich mittlerweile ganz gut aus, aber von Drepanosauromorpha hatte ich noch nie gehört oder gelesen. Spättriassische Echsen mit vogelartigem Schädel, meist fassförmigem Körper und oft einem horizontal getragenen Schwanz. Ein uralter Echsenzweig, der längst ausgestorben ist. Die vorgestellte Wunderechse <em>Mirasaura</em> hatte “Greifhände”, die mich sofort an Chamäleons erinnerten. Auch ihr Greifschwanz passte dazu. Vermutlich kletterte sie im Geäst herum und schnappte sich Insekten. <br></br>Ihr ungewöhnlichstes Merkmal: Ein großes Rückensegel!</p> <p>Dieser Winzling ist die größte Überraschung der Grauvogel-Sammlung. <br></br>Es gibt zwar rund 80 dieser Miniechsen, allerdings haben erst die Stuttgarter Forschenden mit ihrer geballten Kompetenz und ihrem technischen Know How einige rätselhafte Fossilien zusammengeführt. Das besterhaltene Rückensegel war auf dem Sandstein eines Stücks der Grauvogel-Sammlung zwar deutlich sichtbar, aber bis dahin nur isoliert betrachtet worden: Als Teil einer Pflanze, als Rückenflosse eines Fisches oder anderes. Andere Körperfossilien jüngerer Tiere zeigten kleine und noch winzigere Knochen, fast so fein wie die Gräten einer Sprotte. <br></br>Erst die Stuttgarter Forschenden entdeckten bei einem der winzigen Fossilien den Zusammenhang aus Schädel, dem Körper-Skelett und dem “Rückenkamm”: So wurde das Objekt SMNS 97278 zum Holotypus einer neuen Art: <em>Mirasaura grauvogeli</em>. Per Synchrotronstrahlungs-Mikrocomputertomographie-Scan durchleuchteten sie das 17 Millimeter kleine Schädelchen in vielen Schichten und konnten so eine 3 D-Rekonstruktion anfertigen.</p> <p>Damit konnten sie Echse und Rückensegel zusammenfügen, aufgrund der Schädelmorphologie die systematische Einordnung vornehmen und daraus das große Rätsel um die Mini-Echse im<em> Voltzien</em>-Koniferen-Wald lösen. Nun landeten die isolierten Flossen-Pflanzen-Segel-Objekte mit dem versteinerten Muster auf dem Rücken der Echsen.<br></br>Das Segelchen enthielt eine 2. Überraschung, die mir auch erklärte, warum Christian Foth der Zweitautor ist. Ihn hatte ich <a href="https://www.wissenschaft.de/naturplus/dinosaurier-und-urvoegel-die-ersten-federtiere/">2024 ausführlich für “natur” zur Evolution der Federn</a> interviewt. Der Rückenkamm der kleinen <em>Mirasaura</em> war nicht etwa ein Hautsegel war, wie man es z B von <em>Dimetrodon</em> kennt, sondern ähnelte vielmehr Federn. Allerdings ohne deren filigrane, fiedrige Struktur, dafür mit äußerst ähnlichen schwarzen Pigmenten (Melanosomen). Solche Hautanhänge – so die wissenschaftliche korrekte Bezeichnung – dienten also nicht nur als isolierenden Körperbedeckung oder zum Fliegen, sondern hatten offenbar bereits früh auch “Display”-Aufgaben – etwa als attraktives Merkmal für die Partnersuche. Mit diesen außergewöhnlichen Eigenschaften schaffte es die kleine Echse dann sogar auf den Nature-Titel.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/525596933_1325300822930715_2627017262061588962_n.jpg"><img alt="" decoding="async" height="700" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 526px) 100vw, 526px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/525596933_1325300822930715_2627017262061588962_n.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/525596933_1325300822930715_2627017262061588962_n.jpg 526w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/525596933_1325300822930715_2627017262061588962_n-225x300.jpg 225w" width="526"></img></a></figure> <p>Da ich den Star der Ausstellung nicht gefunden hatte – mir war nicht klar, wie klein <em>Mirasaura</em> war – bat ich Stephan Spiekman im Anschluß an die Vorträge, mir das Wundertier vorzuführen. Er erzählte mir dann noch wesentlich mehr zu diesem unglaublichen Fund. Und dann kamen wir so richtig ins Plaudern über Weichteilerhaltung, Hautanhangsorgane und wie unglaublich weit der Ursprung der Feder in die Tiefen der Erdgeschichte zurückgeht. Aber diese Geschichte hat er auch der BdW-Redakteurin Salome Berblinger erzählt, die <a href="https://www.wissenschaft.de/bdwplus/die-trias-war-ein-evolutionaeres-experiment/">das Interview unter dem verheißungsvollen Titel “»Die Trias war ein evolutionäres Experiment«</a> <a href="https://www.wissenschaft.de/bdwplus/die-trias-war-ein-evolutionaeres-experiment/">aufgeschrieben hat</a> – darum verrate ich hier nicht mehr. </p> <h2 id="h-die-perm-trias-krise-ist-topaktuell"><strong>Die Perm-Trias-Krise ist topaktuell!</strong></h2> <p>Massensterben sind für PaläontologInnen wichtig, weil der massenhafte, gleichzeitige Tod eine große Menge Fossilien bedeutet. Oft sterben dann ganze Ökosysteme synchron und versteinern gemeinsam als Gesteinsschichten. Durch solche Ablagerungen können Forschende dann nicht nur einzelne Arten oder Individuen untersuchen, sondern die komplexen Beziehungen ganzer Nahrungsnetze und ihrer Lebensräume. Solche “Events” grenzen verschiedene Gesteinsschichten gut sichtbar voneinander ab, etwa durch andersfarbige Gesteine oder Leichenfelder wie Ammoniten- oder Muschelnschalen, Schwammriffe oder Schachtelhalmhaine, Knochen oder Bakterienschichten. Darauf basiert die Einteilung der Erdzeitalter, wie die Perm-Trias- oder die noch besser bekannte Kreide-Tertiär-Grenze. </p> <p>Solche Katastrophen löschen natürlich nicht das Leben an sich aus, sondern einzelne Organismen-Gruppen und Lebensräume. Danach entstehen neue, andere Ökosysteme, in denen einige Tiergruppen, die überlebt haben, dann groß herauskommen können. Es beginnt ein evolutives Wettrennen, indem sich einige Eigenschaften und die spezifische Anpassungsfähigkeit als Vor- oder Nachteile herausstellen können. Nach solchen Events werden ganze Kontinente zu Experimentierstuben – wer schneller frißt, wächst und läuft kann an anderen Arten vorbeiziehen. Genau das beschreibt die von mir vorgestellte Koprolithen-Studie für den frühen Aufstieg der Dinosaurier im Polnischen Becken und vermutlich global. Ihr Erfolg ist auf den gammelnden Gebeinen anderer Tiere gebaut.<p>Die Paläontologie erlangt durch solche Massensterben und Leichenfelder einen gewissen morbiden Charme. </p><br></br>Das Witzeln über Aussterbe-Events bleibt einem allerdings im Halse stecken, wenn Paläontologen einem dann die Ursachen und Folgen des milliardenfachen Todes erklärt haben und dann genauso sachlich weiter erzählen, dass solche ökologischen Streßfaktoren jetzt gerade auch wieder zu sehen sind.<br></br>Ökologische Streßfaktoren entstehen, wenn Lebewesen durch zu wenig Licht, Nahrung oder andere Probleme körperlich gestresst werden. Dann nehmen Wachstum und Fortpflanzungsfähigkeit ab. Das wird an geringeren Größen sichtbar und an der dünneren, poröseren Ausbildung von Kalkstrukturen wie Schalen, Schuppen oder Knochen. Außerdem bilden gestresste Arten weniger ornamentale Strukturen aus – bei Ammoniten etwa werden dann die Lobenlinien deutlich einfacher (<a href="https://www.mineralienatlas.de/lexikon/index.php/Lobenlinie">Lobenlinien sind die geschwungenen Nähte </a>zwischen der Gehäusewand und den Kammerscheidewänden (Septen)).<br></br>Meinen “Moment of Doom” hatte ich im Interview mit Udo Kiessling, als er mir erzählte, dass heutige Meeres-Ökosysteme ähnliche Stressfaktoren zeigen, wie die an der Perm-Trias-Grenze. “Wir sollten den Klimawandel also sehr ernst nehmen! Heute kommen zur extrem schnellen Erderwärmung noch andere, menschengemachte Faktoren dazu, wie etwa die Zerstörung von Lebensraum für Landnutzung. Ein Massenaussterben ist kaum mehr abzuwenden. Die Paläontologie ist zwar ein kleines Fach, aber mit unseren Erkenntnissen aus der Erdgeschichte stehen wir bei der Analyse und Bewältigung der derzeitigen Klimakrise an vorderster Front.” Der Experte für fossile Korallen hat große Datenbanken aufgebaut und war<a href="https://www.gzn.nat.fau.de/palaeontologie/team/professors/kiessling/ipcc-bericht/"> 2021 beim 6. Sachstandsbericht IPCC-Hauptautor.</a></p> <p>Dadurch hat die Stuttgarter Trias-Ausstellung also eine dringliche Aktualität, die auch in den Reden zur Eröffnung sehr deutlich wurde. Und in der Anwesenheit des Staatssekretärs und anderer MitarbeiterInnen nicht nur aus dem Kultur-, sondern auch aus dem Umweltbereich der Baden-Württembergischen Ministerien.<br></br>Klimakrise ist jetzt – und ich würde lieber nicht darauf hoffen, als wundersame Mini-Echse mit bunten Flügeln wiedergeboren zu werden.</p> <h2 id="h-die-welt-der-saurier-bdw-heft-oktober-2025"><strong>Die Welt der Saurier – BdW-Heft Oktober 2025</strong></h2> <p>Die Ausstellung <a href="https://www.naturkundemuseum-bw.de/ausstellungen/sonderausstellungen/triassic-life">“Triassic Life” </a>ist absolut sehenswert!<br></br>Statt eines Begleitbuchs sind die wundersamen Reptilien der Trias und die Entwicklung des Lebens nach der Klimakatastrophe das Schwerpunktthema des <a href="https://www.wissenschaft.de/erde-umwelt/die-welt-der-saurier-2/">BdW-Hefts Oktober 2025 “Die Welt der Saurier”</a> (Online oder Print) geworden. In 5 Artikeln gibt es reichlich Background-Wissen, neueste Forschungsergebnisse rund um die Trias, zu den kleinen und <a href="https://www.wissenschaft.de/bdwplus/das-grosse-sterben-6/">großen Klimakrisen</a> dieser Zeit, <a href="https://www.wissenschaft.de/bdwplus/das-leben-danach/">den Krisengewinnlern</a> und -verlierern, <a href="https://www.wissenschaft.de/bdwplus/faekale-forensik/">fäkale Forensik</a> sowie Interviews für exklusive Einblicke in die <a href="https://www.wissenschaft.de/bdwplus/die-trias-war-ein-evolutionaeres-experiment/">unglaubliche Story von <em>Mirasaura</em></a> und mehr.<br></br></p> <p>Ja, ich mache dafür Werbung – schließlich finanziert der Kauf dieser Zeitschrift auch meine Tätigkeit als begeisterte Wissenschaftsjournalistin und meine aufwändigen Recherchen. Die Zusammenarbeit von Museen und solchen wissenschaftspopulären Medien finde ich wirklich sehr gelungen. Schließlich habe ich als Museumsbesucherin oft viel tiefgehendere Fragen, als in Ausstellungen so beantwortet werden. Und hinter solchen Ausstellungen steckt natürlich viel mehr Forschung und Herzblut, als vielen Besuchenden bewusst wird. <br></br>Zusätzlich bietet das Museum ein <a href="https://www.naturkundemuseum-bw.de/ausstellungen/sonderausstellungen/triassic-life">gut gemachtes Expeditionsheft an, mit dem kleine und große Besucher noch besser in die geheimnisvolle Trias eintauchen und Forschung besser erleben können.</a></p> <p>Außerdem gibt es “<a href="https://www.wissenschaft.de/erde-umwelt/bdw-podcast-folge-21/">Die Welt der Saurier” noch für die Ohren: Im BdW-Podcast</a> erzählt der Paläontologe Raphael Moreno vom Naturkundemuseum Stuttgart, der “Ausstellungsmacher”, zum Leben in der Trias.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Triassic Life - der Aufstieg der Dinosaurier » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Am Donnerstag abend war ich in Stuttgart zur Ausstellungseröffnung <a href="https://www.naturkundemuseum-bw.de/ausstellungen/sonderausstellungen/triassic-life">“<strong>Triassic Life</strong>“</a>, einer Sonderausstellung des Naturkundemuseums Stuttgart.<br></br>Die persönliche Einladung hatte ich erhalten, weil ich für die aktuelle Ausgabe von <em>Bild der Wissenschaft </em>(Konradin) einen Artikel beigesteuert hatte. <em>Bild der Wissenschaft</em> ist Medienpartner des Naturkundemuseums und so gibt es im Okotoberheft den Schwerpunkt: “<strong><a href="https://www.wissenschaft.de/bdw-hefte-specials/aktuelles-heft/">Die Welt der Saurier </a>– Im Erdzeitalter Trias lebten wundersame Reptilien. Wie entwickelte sich das Leben nach der Klimakatastrophe?</strong>” (<a href="https://www.direktabo.de/de/wissen-natur-geschichte/bild-der-wissenschaft/einzelhefte/einzelhefte-print/bdw-ausgabe-11-2025.html">Print oder Online)</a>.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_174617-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="573" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_174617-1024x573.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_174617-1024x573.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_174617-300x168.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_174617-768x430.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_174617-1536x859.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_174617-2048x1146.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Ausstellungseröffnung im Staatlichen Naturkundemuseum Stuttgart (Photo: Bettina Wurche)</figcaption></figure> <h2 id="h-trias-klimakrise-und-reptilien-evolution"><strong>Trias – Klimakrise und Reptilien-Evolution</strong></h2> <p>Die Perm-Trias-Grenze war das größte Massensterben der Erdgeschichte: Vor rund 252 Millionen Jahren führten vor allem gigantische Vulkanausbrüche (Mega-Vulkanismus) zum Zusammenbruch fast aller Ökosysteme. Dieser großräumige Flutbasalt-Ausstoß des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sibirischer_Trapp">Sibirischen Trapps</a> auf dem uralten Kraton Sibiria, der immer wieder zu verschiedenen größeren Kontinenten gehörte, stieß über Hunderttausende von Jahren magmatische Gesteine aus, die heute eine Fläche von 7 Millionen Quadratkilometern (etwas weniger als die Fläche des heutigen Australiens) bedecken. Dieser <a href="https://www.geomar.de/news/article/ausloeser-fuer-groesstes-massenaussterben-der-erdgeschichte-identifiziert">massive Ausstoß von Lava, CO2, Methan, Schwefelverbindungen</a> und anderem verdunkelte die Welt und führte zur globalen Klimakatastrophe, einem Temperaturanstieg von 10°C und zur Meeresversauerung. Die Kadaver von Pflanzen und Tieren, die über Flüsse bis ins Meer gespült wurden, führten dort zu einer extrem starken Überdüngung und damit zur Sauerstoffzehrung – viele Meerestiere erstickten. Außerdem fraßen sich die Schwefel-Verbindungen sowie Kohlensäure in die Kalkstrukturen von Meereslebensformen – Fischschuppen, Seeigel-Skelette u<a href="https://www.volkswagenstiftung.de/de/news/interview/der-klimakrise-mit-urzeitwissen-begegnen">nd Korallenriffe lösten sich auf (mehr dazu im meinem Interview mit Prof. Udo Kiessling für die VW-Stiftung).</a> Dadurch starben etwa 75 % der landlebenden Arten und ca 95 % der Meeresarten aus, vor allem höhere Lebensformen waren betroffen. Lebensformen wie <a href="https://www.museumfuernaturkunde.berlin/de/museum/medien/presse/perm-trias-grenze-schwerwiegende-auswirkungen-auf-die-oekosysteme-durch-kurze">Bakterien können sich durch ihre sehr schnelle Generationenfolge und hohe Fortpflanzungsrate</a> natürlich leichter anpassen und nutzten das große Sterben der Mehrzeller für eine kurze Blütezeit.</p> <p>Die Trias zeigt dann eine Neuordnung der Lebensformen: Zuerst kamen die Wälder zurück, denn die Samen vieler Pflanzen hatten die Katastrophe im Untergrund gut geschützt überlebt. Dann kam der Aufstieg der landlebenden Reptilien. Die amphibischen Lurche des Erdaltertums hatten zwar teilweise überlebt, waren aber zu wasserabhängig und zu langsam für die neue Zeit. Reptilien hingegen hatten sich mit ihrer festen, geschuppten Haut und den hartschaligen Eiern von aquatischen Lebensräumen emanzipiert und eroberten nun auch trocknere Areale. Die Reptilien des Erdaltertums wie die Synapsiden (früher: säugetierartige Reptilien) waren durch die Perm-Trias-Krise ebenfalls schwer getroffen worden, nur wenige von ihnen hatten überlebt – darunter die Cynodonten (Doppelhundszähner). Sie mussten sich anatomisch und ökologisch erstmal neu sortieren und lebten zunächst im Schatten anderer, erfolgreicherer Reptiliengruppen wie den Dinosauriern. Zu den Überlebenden gehören etwa die dicynodonten <em>Lystrosaurier. </em>Welche Arten starben und welche überlebten, hat Tim Schröder<a href="https://www.wissenschaft.de/bdwplus/das-grosse-sterben-6/"> im BdW-Beitrag “Das große Sterben”</a> aufgeschrieben.</p> <p>Die Trias ist die älteste Epoche des Erdmittelalters und beschreibt die Zeit von 251,9 bis 201,3 Millionen Jahren. Der Name Trias wurde 1834 von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_von_Alberti">Friedrich von Alberti</a> nach der in Mitteleuropa auffälligen Dreiteilung in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Buntsandstein">Buntsandstein</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Muschelkalk">Muschelkalk</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Keuper">Keuper</a> vorgeschlagen – wie sie in Württemberg, wo Alberti lebte und arbeitete, gut sichtbar sind. Alberti sammelte Zeit seines Lebens Fossilien. 1862 kaufte der württembergische Staat diese Sammlung für das Königliche Naturalienkabinett an, aus dem schließlich das heutige <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Museum_am_Rosenstein">Staatliches Museum für Naturkunde</a> hervorging. Das Museum ist für seine herausragende Sammlung und Forschung im Bereich der Trias bekannt und konnte dadurch die Grauvogel-Sammlung ankaufen. <br></br>Der französische Sammler Louis Grauvogel hatte über zehntausende Fossilien und Gesteinsproben aus dem oberen Buntsandstein der Mittleren Trias der Vogesen zusammengetragen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200220-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200220-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200220-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200220-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200220-1152x1536.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200220-1536x2048.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200220-scaled.jpg 1920w" width="768"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200234-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200234-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200234-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200234-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200234-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200234-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200234-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <h2 id="h-voltzien-sandstein-fluss-delta-und-dauer-regen"><strong>Voltzien-Sandstein, Fluß-Delta und Dauer-Regen</strong></h2> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_1954581-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="662" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_1954581-1024x662.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_1954581-1024x662.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_1954581-300x194.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_1954581-768x496.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_1954581-1536x993.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_1954581-2048x1323.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Der Triassische Voltzien-Dschungel in Stuttgart (Photo: Bettina Wurche)</figcaption></figure> <p>Louis Grauvogels Fossiliensammlung gibt Einblicke in ein Trias-Ökosystem, das noch nicht gut erforscht ist. Seine Fossilien und Gesteinsproben bilden ein subtropisches Flußdelta ab, das vor 245 Millionen Jahren in Mitteleuropa lag und Lebensraum für viele bisher unbekannte Arten bot. Mit dem Voltzien-Sandstein (Grès à <em>Voltzia</em>) blieb in Ost-Frankreich der oberste Teil des Buntsandsteins fossil erhalten. Dieser Sandstein erzählt die Geschichte des Ü<a href="https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-642-68770-9_10">bergangs von der kontinentalen Bildung des Buntsandsteins zu den marinen Ablagerungen des Muschelkalks</a>. Die Sammlung Grauvogel umfasst vor allem zahlreiche Pflanzen, die sich vor 245 Millionen Jahren nach dem großen Artensterben an der Wende zum Erdmittelalter im Bundsandstein ablagerten. Voltzien sind die dafür typische ausgestorbenen Koniferengattung. Neben sehr vielen Pflanzen hat das feinkörnige Sediment auch viele Insektenfossilien erhalten. Nachdem Grauvogel die Sammlung zusammengetragen hatte, wurde sie von seinen Kindern bearbeitet und verblieb zunächst im Familienbesitz. 2019 erwarb das Staatliche Museum für Naturkunde Stuttgart von der Erbin der Sammlung, Léa Grauvogel-Stamm, diesen steinernen Schatz. Finanzielle Unterstützung kam von der <a href="https://www.foerderverein-smns.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Gesellschaft zur Förderung des Naturkundemuseums Stuttgart e. V.</a> und der <a href="https://www.kulturstiftung.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Kulturstiftung der Länder</a>, die Erforschung <a href="https://www.dfg.de/de" rel="noreferrer noopener" target="_blank">wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) </a>gefördert.<p>Die Sonderausstellung soll nun die jahrelange Forschung und die so gut erhaltenen Fossilien der Öffentlichkeit präsentieren, inklusive einiger außergewöhnlicher Neuentdeckungen. </p><br></br>Dafür ist aus dem Ausstellungsbereich ein grünes Labyrinth geworden, dessen verschachtelte Anordnung die Besucher in einer Dschungel weit vor unserer Zeit entführt. Manchmal landete ich vor Vitrinen und Dioramen, die ich schon kannte, aber mit Vergnügen nochmal anschaute. Dann wieder blickte ich auf Sandsteinfragmente erstaunlich großer Pflanzen. Hatte ich aus dem Studium den Terminus “Voltzien-Sandstein” noch irgendwie im Hinterkopf, hatte ich dabei niemals einen solchen Dschungel vor Augen. Voltzien waren Koniferen – ihre Stämme, Äste, Blätter und Triebe sind im Sandstein wie steinerne Herbariumsblätter detailliert erhalten. Wesentlich größer als ich mir das bislang vorgestellt hätte.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200536-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200536-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200536-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200536-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200536-1152x1536.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200536-1536x2048.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200536-scaled.jpg 1920w" width="768"></img></a><figcaption>Voltzia-Trieb (Photo: Bettina Wurche)</figcaption></figure> <p>Bei der Recherche für meinen Beitrag zu diesem Schwerpunkt über Koprolithen und Dinosaurier-Evolution im Polnischen Becken hatte ich mal wieder jede Menge dazugelernt. Die <a href="http://Digestive contents and food webs record the advent of dinosaur supremacy Martin Qvarnström, Joel Vikberg Wernström, Zuzanna Wawrzyniak, Maria Barbacka, Grzegorz Pacyna, Artur Górecki, Jadwiga Ziaja, Agata Jarzynka, Krzysztof Owocki, Tomasz Sulej, Leszek Marynowski, Grzegorz Pieńkowski, Per E. Ahlberg &amp; Grzegorz Niedźwiedzki">Nature-Publikation “Digestive contents and food webs record the advent of dinosaur supremacy”</a> von <a href="https://www.nature.com/articles/s41586-024-08265-4#auth-Martin-Qvarnstr_m-Aff1">Martin Qvarnström</a> et al war extrem gehaltvoll, für den Artikel hatte ich sowohl <a href="https://www.nature.com/articles/s41586-024-08265-4#auth-Martin-Qvarnstr_m-Aff1">Martin Qvarnström</a> schriftlich kurz interviewt, als auch ein langes Gespräch mit der nicht daran beteiligten <a href="https://home.provinz.bz.it/de/kontakte/7736">Paläobotanikerin Evelyn Kustatscher</a> geführt. Sie erzählte mir vollkommen begeistert, wie in der Trias im sogenannten Pluvial Event ein 1 bis 2 Millionen Jahre dauernden Regen zu extremem Pflanzenwachstum führte. Und wie man das in Koprolithen nachweisen kann, obwohl Pflanzenfresser-Kot nur schlecht fossil erhalten wird. So schrieb ich also den <a href="https://www.wissenschaft.de/bdwplus/faekale-forensik/">Beitrag Fäkale Forensik</a> – mit meinem Lieblingszitat von Evelyn Kustatscher: “Iß Deine Farne und wachs!”</p> <h2 id="h-mirasaura-die-wunderechse"><strong><em>Mirasaura</em> – die Wunderechse</strong></h2> <p>Der Star des Trias-Lebens ist in Stuttgart aber kein Dinosaurier, nicht einmal ein Archosaurier, sondern ein kleines Reptil, das zu einer viel basaleren Kriechtiergruppe gehört: “<em>Mirasaura grauvogeli</em>“.<br></br>Von dem hatte ich noch nie gehört. Aber es hat es in eine Nature-Publikation geschafft, so erwartete ich Stephan Spiekmans Kurzvorstellung – er ist der Hauptautor der Publikation “<a href="http://Triassic diapsid shows early diversification of skin appendages in reptiles">Triassic diapsid shows early diversification of skin appendages in reptiles</a>” – mit Spannung.</p> <p>Bereits bei seiner systematischen Einordnung des neu beschriebenen Fossils hatte ich Verständnisdefizite: Mit Archosauriern und ihren größeren Untergruppen kenne ich mich mittlerweile ganz gut aus, aber von Drepanosauromorpha hatte ich noch nie gehört oder gelesen. Spättriassische Echsen mit vogelartigem Schädel, meist fassförmigem Körper und oft einem horizontal getragenen Schwanz. Ein uralter Echsenzweig, der längst ausgestorben ist. Die vorgestellte Wunderechse <em>Mirasaura</em> hatte “Greifhände”, die mich sofort an Chamäleons erinnerten. Auch ihr Greifschwanz passte dazu. Vermutlich kletterte sie im Geäst herum und schnappte sich Insekten. <br></br>Ihr ungewöhnlichstes Merkmal: Ein großes Rückensegel!</p> <p>Dieser Winzling ist die größte Überraschung der Grauvogel-Sammlung. <br></br>Es gibt zwar rund 80 dieser Miniechsen, allerdings haben erst die Stuttgarter Forschenden mit ihrer geballten Kompetenz und ihrem technischen Know How einige rätselhafte Fossilien zusammengeführt. Das besterhaltene Rückensegel war auf dem Sandstein eines Stücks der Grauvogel-Sammlung zwar deutlich sichtbar, aber bis dahin nur isoliert betrachtet worden: Als Teil einer Pflanze, als Rückenflosse eines Fisches oder anderes. Andere Körperfossilien jüngerer Tiere zeigten kleine und noch winzigere Knochen, fast so fein wie die Gräten einer Sprotte. <br></br>Erst die Stuttgarter Forschenden entdeckten bei einem der winzigen Fossilien den Zusammenhang aus Schädel, dem Körper-Skelett und dem “Rückenkamm”: So wurde das Objekt SMNS 97278 zum Holotypus einer neuen Art: <em>Mirasaura grauvogeli</em>. Per Synchrotronstrahlungs-Mikrocomputertomographie-Scan durchleuchteten sie das 17 Millimeter kleine Schädelchen in vielen Schichten und konnten so eine 3 D-Rekonstruktion anfertigen.</p> <p>Damit konnten sie Echse und Rückensegel zusammenfügen, aufgrund der Schädelmorphologie die systematische Einordnung vornehmen und daraus das große Rätsel um die Mini-Echse im<em> Voltzien</em>-Koniferen-Wald lösen. Nun landeten die isolierten Flossen-Pflanzen-Segel-Objekte mit dem versteinerten Muster auf dem Rücken der Echsen.<br></br>Das Segelchen enthielt eine 2. Überraschung, die mir auch erklärte, warum Christian Foth der Zweitautor ist. Ihn hatte ich <a href="https://www.wissenschaft.de/naturplus/dinosaurier-und-urvoegel-die-ersten-federtiere/">2024 ausführlich für “natur” zur Evolution der Federn</a> interviewt. Der Rückenkamm der kleinen <em>Mirasaura</em> war nicht etwa ein Hautsegel war, wie man es z B von <em>Dimetrodon</em> kennt, sondern ähnelte vielmehr Federn. Allerdings ohne deren filigrane, fiedrige Struktur, dafür mit äußerst ähnlichen schwarzen Pigmenten (Melanosomen). Solche Hautanhänge – so die wissenschaftliche korrekte Bezeichnung – dienten also nicht nur als isolierenden Körperbedeckung oder zum Fliegen, sondern hatten offenbar bereits früh auch “Display”-Aufgaben – etwa als attraktives Merkmal für die Partnersuche. Mit diesen außergewöhnlichen Eigenschaften schaffte es die kleine Echse dann sogar auf den Nature-Titel.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/525596933_1325300822930715_2627017262061588962_n.jpg"><img alt="" decoding="async" height="700" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 526px) 100vw, 526px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/525596933_1325300822930715_2627017262061588962_n.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/525596933_1325300822930715_2627017262061588962_n.jpg 526w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/525596933_1325300822930715_2627017262061588962_n-225x300.jpg 225w" width="526"></img></a></figure> <p>Da ich den Star der Ausstellung nicht gefunden hatte – mir war nicht klar, wie klein <em>Mirasaura</em> war – bat ich Stephan Spiekman im Anschluß an die Vorträge, mir das Wundertier vorzuführen. Er erzählte mir dann noch wesentlich mehr zu diesem unglaublichen Fund. Und dann kamen wir so richtig ins Plaudern über Weichteilerhaltung, Hautanhangsorgane und wie unglaublich weit der Ursprung der Feder in die Tiefen der Erdgeschichte zurückgeht. Aber diese Geschichte hat er auch der BdW-Redakteurin Salome Berblinger erzählt, die <a href="https://www.wissenschaft.de/bdwplus/die-trias-war-ein-evolutionaeres-experiment/">das Interview unter dem verheißungsvollen Titel “»Die Trias war ein evolutionäres Experiment«</a> <a href="https://www.wissenschaft.de/bdwplus/die-trias-war-ein-evolutionaeres-experiment/">aufgeschrieben hat</a> – darum verrate ich hier nicht mehr. </p> <h2 id="h-die-perm-trias-krise-ist-topaktuell"><strong>Die Perm-Trias-Krise ist topaktuell!</strong></h2> <p>Massensterben sind für PaläontologInnen wichtig, weil der massenhafte, gleichzeitige Tod eine große Menge Fossilien bedeutet. Oft sterben dann ganze Ökosysteme synchron und versteinern gemeinsam als Gesteinsschichten. Durch solche Ablagerungen können Forschende dann nicht nur einzelne Arten oder Individuen untersuchen, sondern die komplexen Beziehungen ganzer Nahrungsnetze und ihrer Lebensräume. Solche “Events” grenzen verschiedene Gesteinsschichten gut sichtbar voneinander ab, etwa durch andersfarbige Gesteine oder Leichenfelder wie Ammoniten- oder Muschelnschalen, Schwammriffe oder Schachtelhalmhaine, Knochen oder Bakterienschichten. Darauf basiert die Einteilung der Erdzeitalter, wie die Perm-Trias- oder die noch besser bekannte Kreide-Tertiär-Grenze. </p> <p>Solche Katastrophen löschen natürlich nicht das Leben an sich aus, sondern einzelne Organismen-Gruppen und Lebensräume. Danach entstehen neue, andere Ökosysteme, in denen einige Tiergruppen, die überlebt haben, dann groß herauskommen können. Es beginnt ein evolutives Wettrennen, indem sich einige Eigenschaften und die spezifische Anpassungsfähigkeit als Vor- oder Nachteile herausstellen können. Nach solchen Events werden ganze Kontinente zu Experimentierstuben – wer schneller frißt, wächst und läuft kann an anderen Arten vorbeiziehen. Genau das beschreibt die von mir vorgestellte Koprolithen-Studie für den frühen Aufstieg der Dinosaurier im Polnischen Becken und vermutlich global. Ihr Erfolg ist auf den gammelnden Gebeinen anderer Tiere gebaut.<p>Die Paläontologie erlangt durch solche Massensterben und Leichenfelder einen gewissen morbiden Charme. </p><br></br>Das Witzeln über Aussterbe-Events bleibt einem allerdings im Halse stecken, wenn Paläontologen einem dann die Ursachen und Folgen des milliardenfachen Todes erklärt haben und dann genauso sachlich weiter erzählen, dass solche ökologischen Streßfaktoren jetzt gerade auch wieder zu sehen sind.<br></br>Ökologische Streßfaktoren entstehen, wenn Lebewesen durch zu wenig Licht, Nahrung oder andere Probleme körperlich gestresst werden. Dann nehmen Wachstum und Fortpflanzungsfähigkeit ab. Das wird an geringeren Größen sichtbar und an der dünneren, poröseren Ausbildung von Kalkstrukturen wie Schalen, Schuppen oder Knochen. Außerdem bilden gestresste Arten weniger ornamentale Strukturen aus – bei Ammoniten etwa werden dann die Lobenlinien deutlich einfacher (<a href="https://www.mineralienatlas.de/lexikon/index.php/Lobenlinie">Lobenlinien sind die geschwungenen Nähte </a>zwischen der Gehäusewand und den Kammerscheidewänden (Septen)).<br></br>Meinen “Moment of Doom” hatte ich im Interview mit Udo Kiessling, als er mir erzählte, dass heutige Meeres-Ökosysteme ähnliche Stressfaktoren zeigen, wie die an der Perm-Trias-Grenze. “Wir sollten den Klimawandel also sehr ernst nehmen! Heute kommen zur extrem schnellen Erderwärmung noch andere, menschengemachte Faktoren dazu, wie etwa die Zerstörung von Lebensraum für Landnutzung. Ein Massenaussterben ist kaum mehr abzuwenden. Die Paläontologie ist zwar ein kleines Fach, aber mit unseren Erkenntnissen aus der Erdgeschichte stehen wir bei der Analyse und Bewältigung der derzeitigen Klimakrise an vorderster Front.” Der Experte für fossile Korallen hat große Datenbanken aufgebaut und war<a href="https://www.gzn.nat.fau.de/palaeontologie/team/professors/kiessling/ipcc-bericht/"> 2021 beim 6. Sachstandsbericht IPCC-Hauptautor.</a></p> <p>Dadurch hat die Stuttgarter Trias-Ausstellung also eine dringliche Aktualität, die auch in den Reden zur Eröffnung sehr deutlich wurde. Und in der Anwesenheit des Staatssekretärs und anderer MitarbeiterInnen nicht nur aus dem Kultur-, sondern auch aus dem Umweltbereich der Baden-Württembergischen Ministerien.<br></br>Klimakrise ist jetzt – und ich würde lieber nicht darauf hoffen, als wundersame Mini-Echse mit bunten Flügeln wiedergeboren zu werden.</p> <h2 id="h-die-welt-der-saurier-bdw-heft-oktober-2025"><strong>Die Welt der Saurier – BdW-Heft Oktober 2025</strong></h2> <p>Die Ausstellung <a href="https://www.naturkundemuseum-bw.de/ausstellungen/sonderausstellungen/triassic-life">“Triassic Life” </a>ist absolut sehenswert!<br></br>Statt eines Begleitbuchs sind die wundersamen Reptilien der Trias und die Entwicklung des Lebens nach der Klimakatastrophe das Schwerpunktthema des <a href="https://www.wissenschaft.de/erde-umwelt/die-welt-der-saurier-2/">BdW-Hefts Oktober 2025 “Die Welt der Saurier”</a> (Online oder Print) geworden. In 5 Artikeln gibt es reichlich Background-Wissen, neueste Forschungsergebnisse rund um die Trias, zu den kleinen und <a href="https://www.wissenschaft.de/bdwplus/das-grosse-sterben-6/">großen Klimakrisen</a> dieser Zeit, <a href="https://www.wissenschaft.de/bdwplus/das-leben-danach/">den Krisengewinnlern</a> und -verlierern, <a href="https://www.wissenschaft.de/bdwplus/faekale-forensik/">fäkale Forensik</a> sowie Interviews für exklusive Einblicke in die <a href="https://www.wissenschaft.de/bdwplus/die-trias-war-ein-evolutionaeres-experiment/">unglaubliche Story von <em>Mirasaura</em></a> und mehr.<br></br></p> <p>Ja, ich mache dafür Werbung – schließlich finanziert der Kauf dieser Zeitschrift auch meine Tätigkeit als begeisterte Wissenschaftsjournalistin und meine aufwändigen Recherchen. Die Zusammenarbeit von Museen und solchen wissenschaftspopulären Medien finde ich wirklich sehr gelungen. Schließlich habe ich als Museumsbesucherin oft viel tiefgehendere Fragen, als in Ausstellungen so beantwortet werden. Und hinter solchen Ausstellungen steckt natürlich viel mehr Forschung und Herzblut, als vielen Besuchenden bewusst wird. <br></br>Zusätzlich bietet das Museum ein <a href="https://www.naturkundemuseum-bw.de/ausstellungen/sonderausstellungen/triassic-life">gut gemachtes Expeditionsheft an, mit dem kleine und große Besucher noch besser in die geheimnisvolle Trias eintauchen und Forschung besser erleben können.</a></p> <p>Außerdem gibt es “<a href="https://www.wissenschaft.de/erde-umwelt/bdw-podcast-folge-21/">Die Welt der Saurier” noch für die Ohren: Im BdW-Podcast</a> erzählt der Paläontologe Raphael Moreno vom Naturkundemuseum Stuttgart, der “Ausstellungsmacher”, zum Leben in der Trias.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/meertext/triassic-life-der-aufstieg-der-dinosaurier/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>11</slash:comments> </item> <item> <title>Wer kontrolliert den Untergang von Nervenzellen? https://scilogs.spektrum.de/klartext/wer-kontrolliert-den-untergang-von-nervenzellen/ https://scilogs.spektrum.de/klartext/wer-kontrolliert-den-untergang-von-nervenzellen/#respond Mon, 20 Oct 2025 10:47:25 +0000 klartext https://scilogs.spektrum.de/klartext/?p=1168 https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613-768x584.png <link>https://scilogs.spektrum.de/klartext/wer-kontrolliert-den-untergang-von-nervenzellen/</link> </image> <description type="html"><h1>Wer kontrolliert den Untergang von Nervenzellen? » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den <a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</a> 2023 in der Kategorie molekulare Medizin veranschaulichte Maike Hartlehnert, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Unser Immunsystem verteidigt uns gegen Bakterien und Viren. Kämpfen unsere Immunzellen jedoch am falschen Ort, können sie gesunde Zellen zerstören – zum Beispiel Nervenzellen in unserem Gehirn. Wer begrenzt den Schadensumfang?</em></p> <p>Spätestens der letzte Herbst hat uns daran erinnert, wie wichtig eine gute Immunabwehr ist. Reagiert unser Immunsystem zu schwach oder zu spät auf Krankheitserreger, die uns bei dem nasskalten Wetter vermehrt begegnen, machen Erkältungen und grippale Infekte unseren Alltag ungemütlich. Um das möglichst zu vermeiden, arbeitet eine Vielfalt an Immunzellen mit verschiedenen Aufgaben Hand in Hand.</p> <p>Wichtig sind regulierende Faktoren, die wie ein Regler am Gasherd die Immunreaktion nach Bedarf anpassen können. Während sich eine zu schwache Immunantwort häufig in ständigen Infekten zeigt, kann eine zu starke und zugleich fehl gerichtete Immunreaktion körpereigene Zellen angreifen. Das passiert zum Beispiel bei Multipler Sklerose (MS): Bei dieser Krankheit bilden Immunzellen oft Entzündungsherde im Gehirn und Rückenmark, also im zentralen Nervensystem (ZNS), und können den Untergang von Nervenzellen fördern. Unsere Nervenzellen empfangen, verarbeiten und versenden Signale und ermöglichen eine Reihe von Muskelbewegungen wie beim Laufen, Stehen, Greifen, Sehen. Je nachdem, welche Nervenzellen angegriffen werden, können Symptome bei MS stark variieren. Sichtbare Symptome sind zum Beispiel Muskelschwäche und Koordinationsprobleme.</p> <p>Unser Forschungsteam von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster wollte wissen, wie sich eine Fehlregulation des Immunsystems auf die Funktionalität von Halte- und Gangmuskulatur samt Koordination bei MS Patient:innen auswirkt. Wir haben untersucht, ob ein bestimmter Immunsystem-Regulator das Gangbild verändert.<aside></aside></p> <p>Wir haben den Regulator „Bcl6“ ausgewählt: Das ist ein Protein, das den Charakter von bestimmten Immunzellen –dem Typ T– gezielt beeinflussen kann. Unseren Regulator Bcl6 nennen wir hier „X“ und die von ihm beeinflussten Zellen bekommen den Zusatz „X-Charakter“. X wird von der T Immunzelle selbst hergestellt. Wofür brauchen wir T Immunzellen mit X-Charakter? Sie sind wichtig, damit sich andere Immunzellen entwickeln können: die B Immunzellen. Unsere beiden Immunzelltypen T und B arbeiten eng zusammen: In unseren Lymphknoten bilden die Abwehrzellen Gruppen. Sie unterstützen sich auf engem Raum – eine wichtige Voraussetzung für eine gesunde Abwehr.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 815px) 100vw, 815px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage-815x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage-815x1024.jpg 815w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage-239x300.jpg 239w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage-768x964.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage-1223x1536.jpg 1223w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage.jpg 1333w" width="815"></img></a><figcaption><em>Forschungsfrage: Befeuert der Regulator Bcl6 (im Text „X“ genannt) das Zusammenspiel zwischen Immunzellen vom Typ T und B – wirkt Bcl6 also wie ein Regler am Gasherd und verstärkt das Entzündungs-„Feuer“ im ZNS im Tierversuch?</em></figcaption></figure> <p>Was passiert, wenn Immunzellen am „falschen“ Ort kämpfen? Bei MS Patient:innen findet man oft Entzündungsherde mit vielen Immunzellen im ZNS und in den Hirnhäuten. Hirnhäute umhüllen das Nervengewebe in Gehirn und Rückenmark. Studien haben gezeigt: je größer und häufiger die Entzündungsherde, desto ausgeprägter sind Muskelschwäche und -lähmungen bei MS Patient:innen. Die Zusammensetzung dieser Immunzell-Gruppen erinnert an jene in den Lymphknoten: Neben Immunzellen vom Typ T finden wir auch hier zahlreiche Immunzellen vom Typ B. Spannend ist: Therapien, die Immunzellen vom Typ T oder B eindämmen, können das Fortschreiten von MS deutlich verlangsamen. Ein Indiz, dass B und T Immunzellen eine große Rolle bei MS spielen. Wie und wo genau die B und T Immunzellen bei MS interagieren, ist nicht vollständig geklärt. Weil unser Regulator X das Zusammenspiel von B und T Immunzellen in der gesunden Abwehr fördert, war er der perfekte Kandidat für unsere Studie.</p> <p>Mit Tierversuchen in Mäusen wollten wir Interaktionen von T und B Immunzellen im ZNS und in den Hirnhäuten nachstellen: Wir haben gesunden Mäusen Immunzellen vom Typ T gespritzt. Das besondere an diesen T Immunzellen: Sie sind hoch reaktiv und können gezielt Nervenzellen angreifen. Diese „angriffslustigen“ T Immunzellen wandern ins ZNS und bilden gemeinsam mit anderen Immunzellen, unter anderem vom Typ B, Entzündungsherde im ZNS und in den Hirnhäuten. Die Mäuse entwickeln Muskelschwäche und Koordinationsprobleme. Diese Symptome nehmen zu – mit der Anzahl und Größe der Immunzell-Gruppen im ZNS und den Hirnhäuten.</p> <p>Wir wollten wissen: Welche Rolle spielt unser Regulator X in diesen Tierversuchen? Unsere Idee: T Immunzellen mit X-Charakter wandern ins ZNS und arbeiten mit B Immunzellen zusammen. Entzündungsherde bilden sich im ZNS und in den Hirnhäuten. Nervenzellen werden zerstört und Muskelbewegungen gestört. Wir haben uns gefragt: Befeuert X das Zusammenspiel zwischen T und B Immunzellen in unseren Tierversuchen – wirkt X also wie ein Regler am Gasherd und verstärkt das Entzündungs-„Feuer“ im ZNS und in den Hirnhäuten? Und können wir die Folgen im Gangbild der Mäuse beobachten?</p> <p>Unsere Fragen bauen aufeinander auf – ein Schritt für Schritt Plan musste her. Bevor wir in die Tiefen der Immunzell-Interaktionen abtauchten, waren wir neugierig, ob unser Regulator X überhaupt das Gangbild der Mäuse beeinflussen kann. Dafür haben wir mit zwei Maustypen gearbeitet: Während bei der Mausgruppe „AN“ der Regulator X vorhanden war, wurde dieser spezifisch aus dem Erbgut der angriffslustigen T Immunzellen in der Mausgruppe „AUS“ gelöscht. Das kann man sich so vorstellen, dass die Erbinformation für die Herstellung des Regulators mit einer Schere ausgeschnitten wird. Die angriffslustigen T Immunzellen der Mausgruppe „AUS“ bilden dann kein X.</p> <p>Unsere Versuchsmäuse durften über einen Laufsteg krabbeln – in unserem Fall ein Tisch im Tierstall. Wir haben sie dabei beobachtet. Lähmungen zeigten sich zuerst in den Hinterläufen: statt ihre Tatzen sauber aufzusetzen, schleiften die Mäuse ihre Hinterläufe über den Boden. Tatsächlich beeinflusste X das Gangbild: Bei den kranken Mäusen der Gruppe „AN“ beobachteten wir stärkere Muskellähmungen als bei der Gruppe „AUS“.</p> <p>Aus ähnlichen Tierversuchen wussten wir: Starke Lähmungen gehen meist einher mit vielen Entzündungen im ZNS. War das bei unseren Mäusen auch so? Sehr dünne „Scheiben“ von Gehirn und Rückenmark der kranken Mäuse waren unser abgestecktes Terrain: hier gingen wir auf Immunzell-Suche. Um Zellen unter dem Mikroskop sichtbar zu machen, kann man sie anfärben. Die Farbstoffe passen jeweils nur zu einem Zelltyp – so wie ein Schlüssel nur zu einem Schloss passt. Somit erscheinen zum Beispiel T Immunzellen unter dem Mikroskop weiß und B Immunzellen grün.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613.png"><img alt="" decoding="async" height="659" sizes="(max-width: 867px) 100vw, 867px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613.png 867w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613-300x228.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613-768x584.png 768w" width="867"></img></a><figcaption><em>Immunzellen leuchten unter dem Mikroskop – Immunzellen vom Typ T in weiß, Immunzellen vom Typ B in grün. Der Ausschnitt zeigt Immunzellen in den Hirnhäuten von kranken Mäusen mit Muskellähmungen.</em></figcaption></figure> <p>Wir fanden häufiger große Immunzell-Gruppen im ZNS der Mäuse der Gruppe „AN“ (mit den stärkeren Lähmungen). Auffällig waren große Immunzell-Gruppen in den Hirnhäuten mit vielen Immunzellen vom Typ B.</p> <p>Nur ein kleiner Teil von allen T Immunzellen in den kranken Mäusen waren unsere angriffslustigen T Immunzellen mit X-Charakter. Befanden sie sich in der Nähe von B Immunzellen? Unter dem Mikroskop haben wir gesehen: Unsere T Immunzellen mit X-Charakter waren umringt von B Immunzellen – und zwar in den Hirnhäuten.</p> <p>„Sprachen“ die T und B Immunzellen in den Hirnhäuten miteinander und welche Rolle spielte der Regulator X dabei? Immunzellen senden Proteine aus, die an Rezeptoren anderer Zellen binden und so Signale übertragen können. Bestimmte Protein-Rezeptor-Paare deuten auf Interaktionen zwischen T und B Immunzellen hin. Konnten wir einige davon in den Hirnhäuten finden? Ja, und es gab mehr „Gespräche“ zwischen B und T Immunzellen, wenn unser Regulator X vorhanden war.</p> <p>Am Ende waren wir neugierig, warum der rege Austausch zwischen T und B Immunzellen gerade in den Hirnhäuten der kranken Mäuse stattfand. Mikroskop-Bilder der Hirnhäute zeigten Faserstrukturen, die umso dichter werden, je mehr Immunzellen sich dort ansiedelten. Als wir zusätzlich T und B Immunzellen anfärbten, entdeckten wir große Immunzellgruppen vom Typ B zwischen den Fasern, gemeinsam mit angriffslustigen T Immunzellen.</p> <p>Immunzellen vom Typ T und B inmitten verwobener Faserstrukturen fanden wir in vielen kranken Mäusen der Gruppe „AN“. Die Kombination erinnert an Immunzell-Gruppen in den Lymphknoten: hier geben enge Faserstrukturen den Immunzellen Halt – als Teil einer gesunden Immunabwehr.</p> <p>Diese Parallelen zu den Lymphknoten lassen uns vermuten, dass sich Immunzell-Gruppen gerne innerhalb der faserreichen Hirnhäute bilden. Hier kann unser Regulator X Gespräche zwischen angriffslustigen T Immunzellen und B Immunzellen vermutlich besonders gut unterstützen – und so den Untergang von Nervenzellen beeinflussen.</p> <hr></hr> <p>Maike Hartlehnert studierte Molekulare Medizin an der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg. Neugierig auf die großen Zusammenhänge im menschlichen Körper und die Wirkweise des Immunsystems führte ihr Weg sie zu ihrer Promotion an die Westfälische Wilhelms-Universität Münster. Parallel absolvierte sie eine Ausbildung in Akupunktur und Chinesischer Medizin. Seit März 2023 unterstützt sie als Heilpraktikerin in Erlangen Menschen auf ihrem Weg zu einem gesünderen Leben.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Wer kontrolliert den Untergang von Nervenzellen? » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den <a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</a> 2023 in der Kategorie molekulare Medizin veranschaulichte Maike Hartlehnert, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Unser Immunsystem verteidigt uns gegen Bakterien und Viren. Kämpfen unsere Immunzellen jedoch am falschen Ort, können sie gesunde Zellen zerstören – zum Beispiel Nervenzellen in unserem Gehirn. Wer begrenzt den Schadensumfang?</em></p> <p>Spätestens der letzte Herbst hat uns daran erinnert, wie wichtig eine gute Immunabwehr ist. Reagiert unser Immunsystem zu schwach oder zu spät auf Krankheitserreger, die uns bei dem nasskalten Wetter vermehrt begegnen, machen Erkältungen und grippale Infekte unseren Alltag ungemütlich. Um das möglichst zu vermeiden, arbeitet eine Vielfalt an Immunzellen mit verschiedenen Aufgaben Hand in Hand.</p> <p>Wichtig sind regulierende Faktoren, die wie ein Regler am Gasherd die Immunreaktion nach Bedarf anpassen können. Während sich eine zu schwache Immunantwort häufig in ständigen Infekten zeigt, kann eine zu starke und zugleich fehl gerichtete Immunreaktion körpereigene Zellen angreifen. Das passiert zum Beispiel bei Multipler Sklerose (MS): Bei dieser Krankheit bilden Immunzellen oft Entzündungsherde im Gehirn und Rückenmark, also im zentralen Nervensystem (ZNS), und können den Untergang von Nervenzellen fördern. Unsere Nervenzellen empfangen, verarbeiten und versenden Signale und ermöglichen eine Reihe von Muskelbewegungen wie beim Laufen, Stehen, Greifen, Sehen. Je nachdem, welche Nervenzellen angegriffen werden, können Symptome bei MS stark variieren. Sichtbare Symptome sind zum Beispiel Muskelschwäche und Koordinationsprobleme.</p> <p>Unser Forschungsteam von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster wollte wissen, wie sich eine Fehlregulation des Immunsystems auf die Funktionalität von Halte- und Gangmuskulatur samt Koordination bei MS Patient:innen auswirkt. Wir haben untersucht, ob ein bestimmter Immunsystem-Regulator das Gangbild verändert.<aside></aside></p> <p>Wir haben den Regulator „Bcl6“ ausgewählt: Das ist ein Protein, das den Charakter von bestimmten Immunzellen –dem Typ T– gezielt beeinflussen kann. Unseren Regulator Bcl6 nennen wir hier „X“ und die von ihm beeinflussten Zellen bekommen den Zusatz „X-Charakter“. X wird von der T Immunzelle selbst hergestellt. Wofür brauchen wir T Immunzellen mit X-Charakter? Sie sind wichtig, damit sich andere Immunzellen entwickeln können: die B Immunzellen. Unsere beiden Immunzelltypen T und B arbeiten eng zusammen: In unseren Lymphknoten bilden die Abwehrzellen Gruppen. Sie unterstützen sich auf engem Raum – eine wichtige Voraussetzung für eine gesunde Abwehr.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 815px) 100vw, 815px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage-815x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage-815x1024.jpg 815w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage-239x300.jpg 239w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage-768x964.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage-1223x1536.jpg 1223w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage.jpg 1333w" width="815"></img></a><figcaption><em>Forschungsfrage: Befeuert der Regulator Bcl6 (im Text „X“ genannt) das Zusammenspiel zwischen Immunzellen vom Typ T und B – wirkt Bcl6 also wie ein Regler am Gasherd und verstärkt das Entzündungs-„Feuer“ im ZNS im Tierversuch?</em></figcaption></figure> <p>Was passiert, wenn Immunzellen am „falschen“ Ort kämpfen? Bei MS Patient:innen findet man oft Entzündungsherde mit vielen Immunzellen im ZNS und in den Hirnhäuten. Hirnhäute umhüllen das Nervengewebe in Gehirn und Rückenmark. Studien haben gezeigt: je größer und häufiger die Entzündungsherde, desto ausgeprägter sind Muskelschwäche und -lähmungen bei MS Patient:innen. Die Zusammensetzung dieser Immunzell-Gruppen erinnert an jene in den Lymphknoten: Neben Immunzellen vom Typ T finden wir auch hier zahlreiche Immunzellen vom Typ B. Spannend ist: Therapien, die Immunzellen vom Typ T oder B eindämmen, können das Fortschreiten von MS deutlich verlangsamen. Ein Indiz, dass B und T Immunzellen eine große Rolle bei MS spielen. Wie und wo genau die B und T Immunzellen bei MS interagieren, ist nicht vollständig geklärt. Weil unser Regulator X das Zusammenspiel von B und T Immunzellen in der gesunden Abwehr fördert, war er der perfekte Kandidat für unsere Studie.</p> <p>Mit Tierversuchen in Mäusen wollten wir Interaktionen von T und B Immunzellen im ZNS und in den Hirnhäuten nachstellen: Wir haben gesunden Mäusen Immunzellen vom Typ T gespritzt. Das besondere an diesen T Immunzellen: Sie sind hoch reaktiv und können gezielt Nervenzellen angreifen. Diese „angriffslustigen“ T Immunzellen wandern ins ZNS und bilden gemeinsam mit anderen Immunzellen, unter anderem vom Typ B, Entzündungsherde im ZNS und in den Hirnhäuten. Die Mäuse entwickeln Muskelschwäche und Koordinationsprobleme. Diese Symptome nehmen zu – mit der Anzahl und Größe der Immunzell-Gruppen im ZNS und den Hirnhäuten.</p> <p>Wir wollten wissen: Welche Rolle spielt unser Regulator X in diesen Tierversuchen? Unsere Idee: T Immunzellen mit X-Charakter wandern ins ZNS und arbeiten mit B Immunzellen zusammen. Entzündungsherde bilden sich im ZNS und in den Hirnhäuten. Nervenzellen werden zerstört und Muskelbewegungen gestört. Wir haben uns gefragt: Befeuert X das Zusammenspiel zwischen T und B Immunzellen in unseren Tierversuchen – wirkt X also wie ein Regler am Gasherd und verstärkt das Entzündungs-„Feuer“ im ZNS und in den Hirnhäuten? Und können wir die Folgen im Gangbild der Mäuse beobachten?</p> <p>Unsere Fragen bauen aufeinander auf – ein Schritt für Schritt Plan musste her. Bevor wir in die Tiefen der Immunzell-Interaktionen abtauchten, waren wir neugierig, ob unser Regulator X überhaupt das Gangbild der Mäuse beeinflussen kann. Dafür haben wir mit zwei Maustypen gearbeitet: Während bei der Mausgruppe „AN“ der Regulator X vorhanden war, wurde dieser spezifisch aus dem Erbgut der angriffslustigen T Immunzellen in der Mausgruppe „AUS“ gelöscht. Das kann man sich so vorstellen, dass die Erbinformation für die Herstellung des Regulators mit einer Schere ausgeschnitten wird. Die angriffslustigen T Immunzellen der Mausgruppe „AUS“ bilden dann kein X.</p> <p>Unsere Versuchsmäuse durften über einen Laufsteg krabbeln – in unserem Fall ein Tisch im Tierstall. Wir haben sie dabei beobachtet. Lähmungen zeigten sich zuerst in den Hinterläufen: statt ihre Tatzen sauber aufzusetzen, schleiften die Mäuse ihre Hinterläufe über den Boden. Tatsächlich beeinflusste X das Gangbild: Bei den kranken Mäusen der Gruppe „AN“ beobachteten wir stärkere Muskellähmungen als bei der Gruppe „AUS“.</p> <p>Aus ähnlichen Tierversuchen wussten wir: Starke Lähmungen gehen meist einher mit vielen Entzündungen im ZNS. War das bei unseren Mäusen auch so? Sehr dünne „Scheiben“ von Gehirn und Rückenmark der kranken Mäuse waren unser abgestecktes Terrain: hier gingen wir auf Immunzell-Suche. Um Zellen unter dem Mikroskop sichtbar zu machen, kann man sie anfärben. Die Farbstoffe passen jeweils nur zu einem Zelltyp – so wie ein Schlüssel nur zu einem Schloss passt. Somit erscheinen zum Beispiel T Immunzellen unter dem Mikroskop weiß und B Immunzellen grün.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613.png"><img alt="" decoding="async" height="659" sizes="(max-width: 867px) 100vw, 867px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613.png 867w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613-300x228.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613-768x584.png 768w" width="867"></img></a><figcaption><em>Immunzellen leuchten unter dem Mikroskop – Immunzellen vom Typ T in weiß, Immunzellen vom Typ B in grün. Der Ausschnitt zeigt Immunzellen in den Hirnhäuten von kranken Mäusen mit Muskellähmungen.</em></figcaption></figure> <p>Wir fanden häufiger große Immunzell-Gruppen im ZNS der Mäuse der Gruppe „AN“ (mit den stärkeren Lähmungen). Auffällig waren große Immunzell-Gruppen in den Hirnhäuten mit vielen Immunzellen vom Typ B.</p> <p>Nur ein kleiner Teil von allen T Immunzellen in den kranken Mäusen waren unsere angriffslustigen T Immunzellen mit X-Charakter. Befanden sie sich in der Nähe von B Immunzellen? Unter dem Mikroskop haben wir gesehen: Unsere T Immunzellen mit X-Charakter waren umringt von B Immunzellen – und zwar in den Hirnhäuten.</p> <p>„Sprachen“ die T und B Immunzellen in den Hirnhäuten miteinander und welche Rolle spielte der Regulator X dabei? Immunzellen senden Proteine aus, die an Rezeptoren anderer Zellen binden und so Signale übertragen können. Bestimmte Protein-Rezeptor-Paare deuten auf Interaktionen zwischen T und B Immunzellen hin. Konnten wir einige davon in den Hirnhäuten finden? Ja, und es gab mehr „Gespräche“ zwischen B und T Immunzellen, wenn unser Regulator X vorhanden war.</p> <p>Am Ende waren wir neugierig, warum der rege Austausch zwischen T und B Immunzellen gerade in den Hirnhäuten der kranken Mäuse stattfand. Mikroskop-Bilder der Hirnhäute zeigten Faserstrukturen, die umso dichter werden, je mehr Immunzellen sich dort ansiedelten. Als wir zusätzlich T und B Immunzellen anfärbten, entdeckten wir große Immunzellgruppen vom Typ B zwischen den Fasern, gemeinsam mit angriffslustigen T Immunzellen.</p> <p>Immunzellen vom Typ T und B inmitten verwobener Faserstrukturen fanden wir in vielen kranken Mäusen der Gruppe „AN“. Die Kombination erinnert an Immunzell-Gruppen in den Lymphknoten: hier geben enge Faserstrukturen den Immunzellen Halt – als Teil einer gesunden Immunabwehr.</p> <p>Diese Parallelen zu den Lymphknoten lassen uns vermuten, dass sich Immunzell-Gruppen gerne innerhalb der faserreichen Hirnhäute bilden. Hier kann unser Regulator X Gespräche zwischen angriffslustigen T Immunzellen und B Immunzellen vermutlich besonders gut unterstützen – und so den Untergang von Nervenzellen beeinflussen.</p> <hr></hr> <p>Maike Hartlehnert studierte Molekulare Medizin an der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg. Neugierig auf die großen Zusammenhänge im menschlichen Körper und die Wirkweise des Immunsystems führte ihr Weg sie zu ihrer Promotion an die Westfälische Wilhelms-Universität Münster. Parallel absolvierte sie eine Ausbildung in Akupunktur und Chinesischer Medizin. Seit März 2023 unterstützt sie als Heilpraktikerin in Erlangen Menschen auf ihrem Weg zu einem gesünderen Leben.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/klartext/wer-kontrolliert-den-untergang-von-nervenzellen/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Rettet das Oberharzer Bergwerksmuseum! https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/rettet-das-oberharzer-bergwerksmuseum/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/rettet-das-oberharzer-bergwerksmuseum/#comments Thu, 16 Oct 2025 21:39:58 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3711 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/563429194_1122598546661903_2570412127739280128_n.jpg Rettet das Oberharzer Bergwersmuseum https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/rettet-das-oberharzer-bergwerksmuseum/ <h1>Rettet das Oberharzer Bergwerksmuseum! » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/563429194_1122598546661903_2570412127739280128_n.jpg"><img alt="" decoding="async" height="440" sizes="(max-width: 660px) 100vw, 660px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/563429194_1122598546661903_2570412127739280128_n.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/563429194_1122598546661903_2570412127739280128_n.jpg 660w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/563429194_1122598546661903_2570412127739280128_n-300x200.jpg 300w" width="660"></img></a></figure> <p>Wenn kein Wunder geschieht, muss das Oberharzer Bergwerksmuseum in Clausthal-Zellerfeld zum 1. Januar 2026 schließen. So wurde es vom zuständigen Stadtrat beschlossen, da sich bislang kein neuer Betreiber für das Museum gefunden hat. Zusätzlich wären hohe Kosten für eine notwendige Sanierung des Gebäudes zu stemmen. Das Gebäude gehört der Stadt, die das dafür benötigte Geld nicht zur Verfügung hat. <br></br>Mit seinem Gründungsjahr 1892  zählt das Museum zu den ältesten Technikmuseen Deutschlands. Das überaus sehenswerte Museum mit seinem Schaubergwerk ist in meinen Augen ein Kleinod, das gerade für den Harz und seine Geschichte von großem Wert ist. Es erforscht und präsentiert die Geschichte des Harzer Bergbaus, die bis ins Mittelalter zurückreicht. Für mich ist der Harz ohne einen zentralen Ort, der die reiche Bergbau- und Technikgeschichte sowie das UNESCO-Welterbe der Oberharzer Wasserwirtschaft präsentiert, schlicht unvorstellbar. <br></br>Die rund 15.000 Besucher, die hier jedes Jahr gezählt werden, zeigen, wie wichtig das Museum auch für den Tourismus der Region ist. Eine Schließung wäre ein unwiederbringlicher Verlust für den Tourismus sowie für Bildung und Kultur im Harz. <br></br>Ich kann verstehen, dass sich die Stadt, vertreten durch ihre Bürgermeisterin Frau Emmerich-Kopatsch, in einer finanziell herausfordernden Lage befindet. Mit meiner Stimme in der <a href="https://www.openpetition.de/zpjvn">Petition</a> zum Erhalt des Museums möchte ich den Befürwortern des Erhalts ein wenig den Rücken stärken.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Rettet das Oberharzer Bergwerksmuseum! » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/563429194_1122598546661903_2570412127739280128_n.jpg"><img alt="" decoding="async" height="440" sizes="(max-width: 660px) 100vw, 660px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/563429194_1122598546661903_2570412127739280128_n.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/563429194_1122598546661903_2570412127739280128_n.jpg 660w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/563429194_1122598546661903_2570412127739280128_n-300x200.jpg 300w" width="660"></img></a></figure> <p>Wenn kein Wunder geschieht, muss das Oberharzer Bergwerksmuseum in Clausthal-Zellerfeld zum 1. Januar 2026 schließen. So wurde es vom zuständigen Stadtrat beschlossen, da sich bislang kein neuer Betreiber für das Museum gefunden hat. Zusätzlich wären hohe Kosten für eine notwendige Sanierung des Gebäudes zu stemmen. Das Gebäude gehört der Stadt, die das dafür benötigte Geld nicht zur Verfügung hat. <br></br>Mit seinem Gründungsjahr 1892  zählt das Museum zu den ältesten Technikmuseen Deutschlands. Das überaus sehenswerte Museum mit seinem Schaubergwerk ist in meinen Augen ein Kleinod, das gerade für den Harz und seine Geschichte von großem Wert ist. Es erforscht und präsentiert die Geschichte des Harzer Bergbaus, die bis ins Mittelalter zurückreicht. Für mich ist der Harz ohne einen zentralen Ort, der die reiche Bergbau- und Technikgeschichte sowie das UNESCO-Welterbe der Oberharzer Wasserwirtschaft präsentiert, schlicht unvorstellbar. <br></br>Die rund 15.000 Besucher, die hier jedes Jahr gezählt werden, zeigen, wie wichtig das Museum auch für den Tourismus der Region ist. Eine Schließung wäre ein unwiederbringlicher Verlust für den Tourismus sowie für Bildung und Kultur im Harz. <br></br>Ich kann verstehen, dass sich die Stadt, vertreten durch ihre Bürgermeisterin Frau Emmerich-Kopatsch, in einer finanziell herausfordernden Lage befindet. Mit meiner Stimme in der <a href="https://www.openpetition.de/zpjvn">Petition</a> zum Erhalt des Museums möchte ich den Befürwortern des Erhalts ein wenig den Rücken stärken.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/rettet-das-oberharzer-bergwerksmuseum/#comments 2 Sonst noch was? – Die Abstellkammer der polizeilichen Erfassung politisch motivierter Kriminalität https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/sonst-noch-was-die-abstellkammer-der-polizeilichen-erfassung-politisch-motivierter-kriminalitaet/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/sonst-noch-was-die-abstellkammer-der-polizeilichen-erfassung-politisch-motivierter-kriminalitaet/#respond Thu, 16 Oct 2025 12:59:48 +0000 Hannah Weinert https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=298 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Social-Media-Mockup-ForGeRex-Blogpost-Okt25-e1760686604123-768x688.png <link>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/sonst-noch-was-die-abstellkammer-der-polizeilichen-erfassung-politisch-motivierter-kriminalitaet/</link> </image> <description type="html"><h1>Sonst noch was? – Die Abstellkammer der polizeilichen Erfassung politisch motivierter Kriminalität » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Hannah Weinert</h2><div itemprop="text"> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel.png 1920w" width="1024"></img></a></figure> <p>Jedes Jahr im Mai stellt das Bundesinneministerium die neuen Zahlen zur politisch motivierten Kriminalität (PMK) vor. Grundlage dafür sind die Daten, die dem Bundeskriminalamt (BKA) durch die Landeskriminalämter übermittelt wurden. Strukturiert werden die Meldungen durch die Vorgaben des Kriminalpolizeilichen Meldedienst in Fällen politisch motivierter Kriminalität (KPMD-PMK), der festlegt, wie politisch motivierte Taten erfasst werden sollen.</p> <p>Erkennen Polizeibeamt*innen in einer Tat ein politisches Motiv, muss die Tat laut der Richtlinien unter anderem einem Phänomenbereich zugeordnet werden: PMK-rechts, PMK-links, PMK-ausländische Ideologie oder PMK-religiöse Ideologie. Lässt sich eine Tat nicht eindeutig in eine der vorgesehen Phänomenbereiche einordnen, wir diese unter <strong>PMK-sonstige Zuordnungen</strong> erfasst<sup data-fn="89c0db58-1ad6-49ad-904d-64ee9a9eaaea"><a href="#89c0db58-1ad6-49ad-904d-64ee9a9eaaea" id="89c0db58-1ad6-49ad-904d-64ee9a9eaaea-link">1</a></sup>.</p> <h2 id="h-das-problem-mit-den-sonstigen-zuordnungen">Das Problem mit den “sonstigen Zuordnungen”</h2> <p>Der Kategorie der „sonstigen Zuordnungen“ wird, im Gegensatz zu den Phänomenbereichen, häufig nur <strong>wenig Aufmerksamkeit</strong> geschenkt. Dabei lassen sich an anhand dieser einige zentrale Probleme der Erfassung politisch motivierter Kriminalität aufzeigen. Dass der <strong>Auffangkategorie</strong> mehr Beachtung geschenkt werden sollte, veranschaulicht die Entwicklung der Fallzahlen. Bis auf eine leichte Schwankung im Jahr 2017 zeigt sich für die vergangenen 10 Jahre ein kontinuierlicher Anstieg der „sonstigen Zuordnungen“, der 2022 seinen Höhepunkt erreichte, als etwa 40 % der erfassten Fälle politisch motivierter Kriminalität keinem der vier anderen Phänomenbereiche zugeordnet wurden<sup data-fn="5ef48a1e-4ba5-49b3-b613-2807627c1cf6"><a href="#5ef48a1e-4ba5-49b3-b613-2807627c1cf6" id="5ef48a1e-4ba5-49b3-b613-2807627c1cf6-link">2</a></sup>. Zurückgeführt wurde dieser Anstieg primär auf das Protestgeschehen während der Corona-Pandemie. Doch auch nach einem Rückgang 2023 und 2024 pendelte sich der Anteil der „sonstigen Zuordnungen“ am Gesamtstraftatenaufkommen politisch motivierter Kriminalität auf einem hohen Niveau ein. Zuletzt wurden 2024 rund ein Viertel (26 %) der registrierten Fälle politisch motivierter Kriminalität in den Bereich der „sonstigen Zuordnungen“ kategorisiert, womit dieser nach dem Phänomenbereich PMK-rechts der <strong>zweitgrößte</strong> war<sup data-fn="c4667501-b37c-4251-9d65-fe5ef8f907c9"><a href="#c4667501-b37c-4251-9d65-fe5ef8f907c9" id="c4667501-b37c-4251-9d65-fe5ef8f907c9-link">3</a></sup>.</p> <p>Um sich vom Extremismus-Konzept zu lösen und eine bundesweit einheitliche Erfassung zu etablieren, wurde das PMK-Definitionssystem 2001 umfassend überarbeitet. Dies sollte insbesondere durch einen neu eingeführten <strong>Themenfeldkatalog</strong> erreicht werden, in dessen Rahmen durch Oberfeldthemen und Unterfeldthemen die tatauslösende Motivation der Täter*innen genauer erfasst werden kann. Gesellschaftlicher Entwicklungen entsprechend werden die Themenfelder und ihnen zugeordnete Unterthemenfelder fortwährend angepasst und erweitert. Aktuell umfasst der Themenfeldkatalog 25 Oberfeldthemen und 114 Unterfeldthemen sowie einen politischen Kalender. Speziell die Betrachtung des Oberfeldthemas <strong>„Hasskriminalität“</strong> und den zur Kategorisierung vorgesehenen Unterfeldthemen offenbart, dass die Abgrenzungen, speziell der Unterfeldthemen, stellenweise unpräzise sind. Beispielhaft dafür kann das Nebeneinanderstehen der Unterfeldthemen „Ausländerfeindlich“, „Fremdenfeindlich“ und „Rassismus“ angeführt werden. Neben der kritisch zu bewertenden Verwendungung der Begriffe „fremdenfeindlich“ und „ausländerfeindlich“, kann die Abgrenzungsproblematik zu unterschiedlichen Erfassungspraxen führen und so die statistische Aussagekraft schwächen. Da die Kategorisierung einer politisch motivierten Tat maßgeblich von der (subjektiven) Bewertung in der polizeilichen Praxis abhängt, sollte die einheitliche Erfassung durch aussagekräftige und abgrenzbare Kategorien erleichtert und nicht erschwert werden.</p> <p>Zusätzlich zu den Unstimmigkeiten der oben genannten Unterfeldthemen lässt sich am 2022 eingeführten Unterfeldthema „Geschlechterbezogene Diversität“ die <strong>Entkopplung</strong> des Themenfeldes „Hasskriminalität“ von den Phänomenbereichen illustrieren. Im Unterfeldthema „Geschlechterbezogene Diversität“, werden Taten „[…] gegen Menschen, deren geschlechtliche Identität vom biologischen Geschlecht abweicht sowie intersexuelle Menschen bzw. das Geschlecht gerichtet, welches nicht eindeutig als männlich oder weiblich zu bestimmen ist“<sup data-fn="29675963-8f3c-45fc-8184-08b06b7fd669"><a href="#29675963-8f3c-45fc-8184-08b06b7fd669" id="29675963-8f3c-45fc-8184-08b06b7fd669-link">4</a></sup> erfasst. Mehr als die Hälfte (55 %) der registrierten Fälle in diesem Unterthemenfeld wurden 2024 im Phänomenbereich der „Sonstigen“ zugeordnet, während insgesamt 41 % der Fälle dem Phänomenbereich PMK-rechts zugeordnet werden konnten<sup data-fn="367afefb-23c4-4d7a-95ae-37eca13df36f"><a href="#367afefb-23c4-4d7a-95ae-37eca13df36f" id="367afefb-23c4-4d7a-95ae-37eca13df36f-link">5</a></sup>.<aside></aside></p> <p>Allerdings ist, wie sich auch immer wieder in Einstellungsumfragen zeigt, Transfeindlichkeit vor allem, aber nicht nur im politisch rechten Spektrum zu verorten. Zuletzt offenbarte die Leipziger Autoritarismus-Studie, dass 35 % der Personen, die sich selbst in der politischen Mitte verorten, ein geschlossen transfeindliches Weltbild haben<sup data-fn="98ebd543-d819-441d-831d-9c1fd956c369"><a href="#98ebd543-d819-441d-831d-9c1fd956c369" id="98ebd543-d819-441d-831d-9c1fd956c369-link">6</a></sup>. Transfeindlichkeit lässt sich damit nicht nur an den politischen Rändern (mit denen das PMK-Definitionssystem zugrundeliegende Extremismus-Konzept operiert) lokalisieren. Diese Befunde auf der Einstellungsebene können als Indiz dafür gewertet werden, dass für die Begehung einer vorurteilsmotivierten transfeindlichen Tat <strong>keine</strong> gefestigte ideologische Überzeugung oder ein explizites politisches Ziel vorliegen muss.</p> <p>Die Ausdehnung der Kategorie „sonstige Zuordnungen“, sowohl auf Ebene der Einordnung in Phänomenbereiche als auch in das Unterfeldthema „geschlechterbezogene Diversität“, verdeutlichen die Grenzen und Schwächen des aktuellen PMK-Definitionssystems. Für die Begehung einer durch Ungleichwertigkeitsideologien motivierten Straftat ist keine gefestigte Ideologie notwendig, die sich trennscharf in einer der vier anderen Phänomenbereiche verorten ließe. Die <strong>Auffangkategorie</strong> der „sonstigen Zuordnungen“ verdeutlicht dies.<a id="_msocom_1"></a></p> <h2 id="h-die-definition-politisch-motivierter-kriminalitat-auf-dem-prufstand">Die Definition politisch motivierter Kriminalität auf dem Prüfstand </h2> <p>Das nach wie vor am Extremismus-Konzept orientierte Definitionssystem politisch motivierter Kriminalität, mit seinen nicht trennscharfen Kategorien, ist damit nur eingeschränkt dazu geeignet Polizeibeamt*innen eine <strong>klare Orientierung</strong> bei der Kategorisierung an die Hand zu geben. Damit wird das Ziel einer adäquaten, und bundesweit einheitlichen Erfassung politisch motivierter Kriminalität sowie die Abbildung ihrer ideologischen Hintergründe unterlaufen.</p> <p>Es sollte kritisch geprüft werden, ob das zugrunde gelegte Extremismus-Konzept und die darauf basierenden Phänomenbereiche politisch motivierte Kriminalität noch angemessen abbilden. Zielführender könnte es sein, Vorurteilskriminalität als von gefestigten ideologischen Überzeugungen und expliziten politischen Zielen, <strong>unabhängiges Phänomen </strong>zu erfassen. Im Zuge dessen sollte auch die <strong>Perspektive der Opfer</strong> bei der Beurteilung der Motivation stärker berücksichtigt werden.</p> <p>Daneben ist eine <strong>Aktualisierung und Neustrukturierung</strong> des Themenfeldkataloges notwendig. Exemplarisch hierfür stehen die Unterfeldthemen „Ausländerfeindlich“ und „Fremdenfeindlich“, die zugunsten eines Unterfeldthemas „Rassismus“ abgeschafft werden sollten, um zum einen die sprachliche Übernahme der Täter*innenperspektive zu beenden und zum anderen die <strong>statistische Aussagekraft</strong> zu erhöhen. Denn auch wenn es sich bei der PMK-Statistik um eine Statistik handelt, die in erster Linie Auskunft über die polizeiliche Arbeitsweise und Erfassungspraxis gibt, prägt sie durch ihre mediale und gesellschaftliche Rezeption die<strong> gesellschaftliche Wahrnehmung</strong> politisch motivierter Kriminalität. Zudem werden auf ihrer Grundlage Lagebilder erstellt und politische Entscheidungsprozesse angestoßen. Insbesondere wenn die jährlichen Fallzahlen den Ausgangspunkt für die Entwicklung von <strong>Repressions- und Präventionsstrategien</strong> darstellen, wiegen die Schwächen des PMK-Definitionssystems schwer.</p> <p>Quellen:</p> <p>Bundeskriminalamt (Hrsg.). (2022). Definitionssystem Politisch motivierte Kriminalität.</p> <p>Bundeskriminalamt (Hrsg.). (2023). Themenfeldkatalog zur Kriminaltaktischen Anfrage in Fällen Politisch motivierter Kriminalität (KTA-PMK). </p> <p>Bundesministerium des Innern (Hrsg.). (2016). Politisch motivierte Kriminalität im Jahr 2015. Bundesweite Fallzahlen.</p> <p>Bundesministerium des Innern und für Heimat (Hrsg.). (2023). Politisch motivierte Kriminalität im Jahr 2022. Bundesweite Fallzahlen.</p> <p>Bundesministerium des Innern und für Heimat (Hrsg.). (2025). Bundesweite Fallzahlen 2024. Politisch motivierte Kriminalität.</p> <p>Decker, O., Kiess, J., Heller, A., &amp; Brähler, E. (Hrsg.). (2024). Vereint im Ressentiment: Autoritäre Dynamiken und rechtsextreme Einstellungen/Leipziger Autoritarismus Studie 2024. Psychosozial-Verlag. <a href="https://doi.org/10.30820/9783837962864">https://doi.org/10.30820/9783837962864</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Sonst noch was? – Die Abstellkammer der polizeilichen Erfassung politisch motivierter Kriminalität » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Hannah Weinert</h2><div itemprop="text"> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel.png 1920w" width="1024"></img></a></figure> <p>Jedes Jahr im Mai stellt das Bundesinneministerium die neuen Zahlen zur politisch motivierten Kriminalität (PMK) vor. Grundlage dafür sind die Daten, die dem Bundeskriminalamt (BKA) durch die Landeskriminalämter übermittelt wurden. Strukturiert werden die Meldungen durch die Vorgaben des Kriminalpolizeilichen Meldedienst in Fällen politisch motivierter Kriminalität (KPMD-PMK), der festlegt, wie politisch motivierte Taten erfasst werden sollen.</p> <p>Erkennen Polizeibeamt*innen in einer Tat ein politisches Motiv, muss die Tat laut der Richtlinien unter anderem einem Phänomenbereich zugeordnet werden: PMK-rechts, PMK-links, PMK-ausländische Ideologie oder PMK-religiöse Ideologie. Lässt sich eine Tat nicht eindeutig in eine der vorgesehen Phänomenbereiche einordnen, wir diese unter <strong>PMK-sonstige Zuordnungen</strong> erfasst<sup data-fn="89c0db58-1ad6-49ad-904d-64ee9a9eaaea"><a href="#89c0db58-1ad6-49ad-904d-64ee9a9eaaea" id="89c0db58-1ad6-49ad-904d-64ee9a9eaaea-link">1</a></sup>.</p> <h2 id="h-das-problem-mit-den-sonstigen-zuordnungen">Das Problem mit den “sonstigen Zuordnungen”</h2> <p>Der Kategorie der „sonstigen Zuordnungen“ wird, im Gegensatz zu den Phänomenbereichen, häufig nur <strong>wenig Aufmerksamkeit</strong> geschenkt. Dabei lassen sich an anhand dieser einige zentrale Probleme der Erfassung politisch motivierter Kriminalität aufzeigen. Dass der <strong>Auffangkategorie</strong> mehr Beachtung geschenkt werden sollte, veranschaulicht die Entwicklung der Fallzahlen. Bis auf eine leichte Schwankung im Jahr 2017 zeigt sich für die vergangenen 10 Jahre ein kontinuierlicher Anstieg der „sonstigen Zuordnungen“, der 2022 seinen Höhepunkt erreichte, als etwa 40 % der erfassten Fälle politisch motivierter Kriminalität keinem der vier anderen Phänomenbereiche zugeordnet wurden<sup data-fn="5ef48a1e-4ba5-49b3-b613-2807627c1cf6"><a href="#5ef48a1e-4ba5-49b3-b613-2807627c1cf6" id="5ef48a1e-4ba5-49b3-b613-2807627c1cf6-link">2</a></sup>. Zurückgeführt wurde dieser Anstieg primär auf das Protestgeschehen während der Corona-Pandemie. Doch auch nach einem Rückgang 2023 und 2024 pendelte sich der Anteil der „sonstigen Zuordnungen“ am Gesamtstraftatenaufkommen politisch motivierter Kriminalität auf einem hohen Niveau ein. Zuletzt wurden 2024 rund ein Viertel (26 %) der registrierten Fälle politisch motivierter Kriminalität in den Bereich der „sonstigen Zuordnungen“ kategorisiert, womit dieser nach dem Phänomenbereich PMK-rechts der <strong>zweitgrößte</strong> war<sup data-fn="c4667501-b37c-4251-9d65-fe5ef8f907c9"><a href="#c4667501-b37c-4251-9d65-fe5ef8f907c9" id="c4667501-b37c-4251-9d65-fe5ef8f907c9-link">3</a></sup>.</p> <p>Um sich vom Extremismus-Konzept zu lösen und eine bundesweit einheitliche Erfassung zu etablieren, wurde das PMK-Definitionssystem 2001 umfassend überarbeitet. Dies sollte insbesondere durch einen neu eingeführten <strong>Themenfeldkatalog</strong> erreicht werden, in dessen Rahmen durch Oberfeldthemen und Unterfeldthemen die tatauslösende Motivation der Täter*innen genauer erfasst werden kann. Gesellschaftlicher Entwicklungen entsprechend werden die Themenfelder und ihnen zugeordnete Unterthemenfelder fortwährend angepasst und erweitert. Aktuell umfasst der Themenfeldkatalog 25 Oberfeldthemen und 114 Unterfeldthemen sowie einen politischen Kalender. Speziell die Betrachtung des Oberfeldthemas <strong>„Hasskriminalität“</strong> und den zur Kategorisierung vorgesehenen Unterfeldthemen offenbart, dass die Abgrenzungen, speziell der Unterfeldthemen, stellenweise unpräzise sind. Beispielhaft dafür kann das Nebeneinanderstehen der Unterfeldthemen „Ausländerfeindlich“, „Fremdenfeindlich“ und „Rassismus“ angeführt werden. Neben der kritisch zu bewertenden Verwendungung der Begriffe „fremdenfeindlich“ und „ausländerfeindlich“, kann die Abgrenzungsproblematik zu unterschiedlichen Erfassungspraxen führen und so die statistische Aussagekraft schwächen. Da die Kategorisierung einer politisch motivierten Tat maßgeblich von der (subjektiven) Bewertung in der polizeilichen Praxis abhängt, sollte die einheitliche Erfassung durch aussagekräftige und abgrenzbare Kategorien erleichtert und nicht erschwert werden.</p> <p>Zusätzlich zu den Unstimmigkeiten der oben genannten Unterfeldthemen lässt sich am 2022 eingeführten Unterfeldthema „Geschlechterbezogene Diversität“ die <strong>Entkopplung</strong> des Themenfeldes „Hasskriminalität“ von den Phänomenbereichen illustrieren. Im Unterfeldthema „Geschlechterbezogene Diversität“, werden Taten „[…] gegen Menschen, deren geschlechtliche Identität vom biologischen Geschlecht abweicht sowie intersexuelle Menschen bzw. das Geschlecht gerichtet, welches nicht eindeutig als männlich oder weiblich zu bestimmen ist“<sup data-fn="29675963-8f3c-45fc-8184-08b06b7fd669"><a href="#29675963-8f3c-45fc-8184-08b06b7fd669" id="29675963-8f3c-45fc-8184-08b06b7fd669-link">4</a></sup> erfasst. Mehr als die Hälfte (55 %) der registrierten Fälle in diesem Unterthemenfeld wurden 2024 im Phänomenbereich der „Sonstigen“ zugeordnet, während insgesamt 41 % der Fälle dem Phänomenbereich PMK-rechts zugeordnet werden konnten<sup data-fn="367afefb-23c4-4d7a-95ae-37eca13df36f"><a href="#367afefb-23c4-4d7a-95ae-37eca13df36f" id="367afefb-23c4-4d7a-95ae-37eca13df36f-link">5</a></sup>.<aside></aside></p> <p>Allerdings ist, wie sich auch immer wieder in Einstellungsumfragen zeigt, Transfeindlichkeit vor allem, aber nicht nur im politisch rechten Spektrum zu verorten. Zuletzt offenbarte die Leipziger Autoritarismus-Studie, dass 35 % der Personen, die sich selbst in der politischen Mitte verorten, ein geschlossen transfeindliches Weltbild haben<sup data-fn="98ebd543-d819-441d-831d-9c1fd956c369"><a href="#98ebd543-d819-441d-831d-9c1fd956c369" id="98ebd543-d819-441d-831d-9c1fd956c369-link">6</a></sup>. Transfeindlichkeit lässt sich damit nicht nur an den politischen Rändern (mit denen das PMK-Definitionssystem zugrundeliegende Extremismus-Konzept operiert) lokalisieren. Diese Befunde auf der Einstellungsebene können als Indiz dafür gewertet werden, dass für die Begehung einer vorurteilsmotivierten transfeindlichen Tat <strong>keine</strong> gefestigte ideologische Überzeugung oder ein explizites politisches Ziel vorliegen muss.</p> <p>Die Ausdehnung der Kategorie „sonstige Zuordnungen“, sowohl auf Ebene der Einordnung in Phänomenbereiche als auch in das Unterfeldthema „geschlechterbezogene Diversität“, verdeutlichen die Grenzen und Schwächen des aktuellen PMK-Definitionssystems. Für die Begehung einer durch Ungleichwertigkeitsideologien motivierten Straftat ist keine gefestigte Ideologie notwendig, die sich trennscharf in einer der vier anderen Phänomenbereiche verorten ließe. Die <strong>Auffangkategorie</strong> der „sonstigen Zuordnungen“ verdeutlicht dies.<a id="_msocom_1"></a></p> <h2 id="h-die-definition-politisch-motivierter-kriminalitat-auf-dem-prufstand">Die Definition politisch motivierter Kriminalität auf dem Prüfstand </h2> <p>Das nach wie vor am Extremismus-Konzept orientierte Definitionssystem politisch motivierter Kriminalität, mit seinen nicht trennscharfen Kategorien, ist damit nur eingeschränkt dazu geeignet Polizeibeamt*innen eine <strong>klare Orientierung</strong> bei der Kategorisierung an die Hand zu geben. Damit wird das Ziel einer adäquaten, und bundesweit einheitlichen Erfassung politisch motivierter Kriminalität sowie die Abbildung ihrer ideologischen Hintergründe unterlaufen.</p> <p>Es sollte kritisch geprüft werden, ob das zugrunde gelegte Extremismus-Konzept und die darauf basierenden Phänomenbereiche politisch motivierte Kriminalität noch angemessen abbilden. Zielführender könnte es sein, Vorurteilskriminalität als von gefestigten ideologischen Überzeugungen und expliziten politischen Zielen, <strong>unabhängiges Phänomen </strong>zu erfassen. Im Zuge dessen sollte auch die <strong>Perspektive der Opfer</strong> bei der Beurteilung der Motivation stärker berücksichtigt werden.</p> <p>Daneben ist eine <strong>Aktualisierung und Neustrukturierung</strong> des Themenfeldkataloges notwendig. Exemplarisch hierfür stehen die Unterfeldthemen „Ausländerfeindlich“ und „Fremdenfeindlich“, die zugunsten eines Unterfeldthemas „Rassismus“ abgeschafft werden sollten, um zum einen die sprachliche Übernahme der Täter*innenperspektive zu beenden und zum anderen die <strong>statistische Aussagekraft</strong> zu erhöhen. Denn auch wenn es sich bei der PMK-Statistik um eine Statistik handelt, die in erster Linie Auskunft über die polizeiliche Arbeitsweise und Erfassungspraxis gibt, prägt sie durch ihre mediale und gesellschaftliche Rezeption die<strong> gesellschaftliche Wahrnehmung</strong> politisch motivierter Kriminalität. Zudem werden auf ihrer Grundlage Lagebilder erstellt und politische Entscheidungsprozesse angestoßen. Insbesondere wenn die jährlichen Fallzahlen den Ausgangspunkt für die Entwicklung von <strong>Repressions- und Präventionsstrategien</strong> darstellen, wiegen die Schwächen des PMK-Definitionssystems schwer.</p> <p>Quellen:</p> <p>Bundeskriminalamt (Hrsg.). (2022). Definitionssystem Politisch motivierte Kriminalität.</p> <p>Bundeskriminalamt (Hrsg.). (2023). Themenfeldkatalog zur Kriminaltaktischen Anfrage in Fällen Politisch motivierter Kriminalität (KTA-PMK). </p> <p>Bundesministerium des Innern (Hrsg.). (2016). Politisch motivierte Kriminalität im Jahr 2015. Bundesweite Fallzahlen.</p> <p>Bundesministerium des Innern und für Heimat (Hrsg.). (2023). Politisch motivierte Kriminalität im Jahr 2022. Bundesweite Fallzahlen.</p> <p>Bundesministerium des Innern und für Heimat (Hrsg.). (2025). Bundesweite Fallzahlen 2024. Politisch motivierte Kriminalität.</p> <p>Decker, O., Kiess, J., Heller, A., &amp; Brähler, E. (Hrsg.). (2024). Vereint im Ressentiment: Autoritäre Dynamiken und rechtsextreme Einstellungen/Leipziger Autoritarismus Studie 2024. Psychosozial-Verlag. <a href="https://doi.org/10.30820/9783837962864">https://doi.org/10.30820/9783837962864</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/sonst-noch-was-die-abstellkammer-der-polizeilichen-erfassung-politisch-motivierter-kriminalitaet/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Der alte Mann und der Weg zum Weltfrieden https://scilogs.spektrum.de/hlf/der-alte-mann-und-der-weg-zum-weltfrieden/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/der-alte-mann-und-der-weg-zum-weltfrieden/#comments Wed, 15 Oct 2025 12:00:00 +0000 Christoph Pöppe https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=13854 <h1>Der alte Mann und der Weg zum Weltfrieden - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Christoph Pöppe</h2><div itemprop="text"> <p>Martin Hellman ist gemeinsam mit Whitfield Diffie mit dem Turing Award von 2015 für die bahnbrechende Entdeckung der Kryptographie mit veröffentlichtem Schlüssel („public-key cryptography“) geehrt worden – für ihn selbst nur die letzte und höchstrangige in einer ganzen Liste von Auszeichungen. Damit gehört er zu der illustren Liste der Preisträger in Mathematik und Informatik, die alljährlich zum <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/">Heidelberg Laureate Forum (HLF)</a> eingeladen werden, um dort mit der jungen Forschergeneration in den Dialog zu treten. So war der Weg für mich nicht weit, auf dem <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/past-hlfs/6th-hlf-2018/">HLF 2018 </a>ein <a href="https://www.spektrum.de/magazin/von-der-kryptografie-zum-weltfrieden/1621176">Interview</a> mit ihm zu führen – aus Anlass eines 40-jährigen Jubiläums. Hellman hatte nämlich 1979 die Grundzüge seiner Entdeckung im „Scientific American“ und in der Folge in dessen deutscher Ausgabe „Spektrum der Wissenschaft“ erläutert, die soeben auch ihren vierzigsten Geburtstag gefeiert hatte. („Spektrum“ ist in Heidelberg ansässig, und ich gehörte zu dessen Redaktion.)</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto_Watermark-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1711" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto_Watermark-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto_Watermark-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto_Watermark-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto_Watermark-1024x684.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto_Watermark-768x513.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto_Watermark-1536x1026.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto_Watermark-2048x1369.jpg 2048w" width="2560"></img></a><figcaption>Martin Hellman (ACM A.M. Turing Award – 2015), im Interview mit dem Autor (links), 2018. Foto: HLFF / Kreutzer</figcaption></figure></div> <p>Als ich den Interviewtext meinem Chef vorlegte, sagte er mit deutlich erkennbarem Stirnrunzeln: „Das ist ja Lindenstraße!“ und meinte damit offensichtlich, dass da große, weltbewegende Probleme in das kuschelige Umfeld einiger weniger Privatpersonen transportiert und damit verniedlicht würden, so wie das die Sonntagabend-Kultserie des ARD-Fernsehens (1985–2010) angeblich getan hat. Na ja – es sah auf den ersten Blick tatsächlich so aus. Punkt 1, Verlagerung ins Privatleben, trifft definitiv zu. Hellman versichert nicht nur in diesem Interview, sondern auch in einem eigens dafür (gemeinsam mit seiner Ehefrau) verfassten <a href="https://ee.stanford.edu/~hellman/publications/book3.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Buch</a> (über diesen Link kostenfrei zugänglich), dass er zunächst lernen musste, seine Eheprobleme zu bewältigen. Erst mit den dabei entwickelten Mitteln sei es ihm gelungen, Konflikte beizulegen, die alles andere als privater Natur waren. Und niedlich schon gar nicht; Punkt 2 trifft definitiv nicht zu. Vielmehr brachte ihn seine eigene Erfindung in gefährliches Fahrwasser.</p> <p>Die Kryptographie mit veröffentlichtem Schlüssel bietet neue Möglichkeiten, geheime Nachrichten über abhörbare Kanäle zu schicken, ohne dass ein Lauscher sie entschlüsseln kann. Mehr noch: Es ist nutzlos, beim Absender den Schlüssel zu entwenden, das heißt jene Zeichenkette, mit deren Hilfe der Absender aus dem Klartext den zu versendenden Geheimtext macht. Diesen „Schlüssel zum Zuschließen“ hat nämlich der Empfänger der Nachricht ohnehin veröffentlicht; heute würde er ihn einfach auf seine Website stellen. Nur den zugehörigen „Schlüssel zum Aufschließen“ muss er sorgfältig geheimhalten. Wenn also die professionellen Abhörer von der National Security Agency (NSA) keinen Zugriff auf den Empfänger haben, zum Beispiel weil der in Moskau sitzt, verstopft ihnen das Verfahren von Diffie und Hellman effektiv die Lauscherohren.</p> <p>In den Augen einiger Leute macht das die <em>public-key cryptography </em>zur Kriegswaffe, deren Veröffentlichung in einer internationalen wissenschaftlichen Zeitschrift gilt als Export, und auf den ungenehmigten Export von Kriegswaffen stehen hohe Strafen. Hellman wurde – nicht offen, aber gleichwohl unmissverständlich – mit Gefängnis bedroht, hielt stand, veröffentlichte sein Verfahren, und zur allgemeinen Überraschung suchte wenig später der Chef der NSA, Admiral Bobby Inman, ihn zu einem Gespräch auf. In der Folge bauten die beiden nicht nur Vertrauen zueinander auf, sondern wurden später sogar Freunde.</p> <p>Ironie der Geschichte: Heute würde Bobby Inman die Kryptographie mit veröffentlichtem Schlüssel selbst dann nicht unterdrücken, wenn er es könnte. Eine Variante des Verfahrens eignet sich nämlich dafür, eine Nachricht unverfälschbar zu machen, was wiederum der Vertrauensbildung aufhilft.<aside></aside></p> <p>Hellmans Mittel zur Konfliktbewältigung sind übrigens nicht sonderlich originell: Versetze dich in die Lage deines Gegners, mach dir klar, aus welchen Gründen der Misstrauen, Groll oder Furcht gegen dich hegen könnte, und bemühe dich, diese Gründe auszuräumen. Darauf hätten die fiktiven Bewohner der „Lindenstraße“ auch kommen können.</p> <p>Nur hat sich diese einfache Einsicht bei den bedeutenden Regierungschefs nicht durchgesetzt. Unter den Präsidenten von Hellmans Heimatland USA ist Trump da nur das krasseste Beispiel. In einer Gesprächsrunde auf dem diesjährigen 12. <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/">Heidelberg Laureate Forum</a> führt Hellman aus: „1945 konnte uns keine Macht der Welt etwas anhaben. Heute haben mehrere Akteure die Möglichkeit, uns binnen einer Stunde zu vernichten. Und warum hat sich zum Beispiel Nordkorea Atombomben zugelegt? Erstens weil Präsident Bush 2002 das ,1994 Agreed Framework’, das Nordkorea den Zugriff auf seine Plutoniumvorräte verwehrte, gekündigt hatte (und die ersatzweise zugesagten, nicht plutoniumfähigen Kernreaktoren nie geliefert wurden), woraufhin Nordkorea die Plutoniumproduktion wieder aufnahm; zweitens aber, weil Kim Jong-Un nicht dasselbe Schicksal erleiden wollte wie Gaddafi und Saddam Hussein, mit denen wir gar nicht erst versucht haben, zu einer Einigung zu kommen, sondern nur unsere Übermacht ausgespielt haben.“</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795918863_7ba1eb8e92_o.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795918863_7ba1eb8e92_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795918863_7ba1eb8e92_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795918863_7ba1eb8e92_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795918863_7ba1eb8e92_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Martin Hellman beim 12. Heidelberg Laureate Forum. Foto: HLFF / Kreutzer</figcaption></figure></div> <p>In diesem Zusammenhang kommt Hellman auch auf die atomare Bedrohung zu sprechen, ein Thema, das seit dem Ende der Sowjetunion weitgehend aus der öffentlichen Diskussion verschwunden ist. Zu Unrecht, sagt Hellman. Kaum einem Zeitgenossen ist klar, dass der Präsident der Vereinigten Staaten nur den Befehl „Nuke’em“ aussprechen muss (was ihm auch im betrunkenen Zustand noch ohne weiteres über die Lippen gehen würde), und die atomare Katastrophe würde losbrechen. Es sei denn, ein Glied in der Befehlskette handelt den eindeutigen Vorschriften zuwider.</p> <p>Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit eines Atomkriegs, sei es mit Vorsatz, aus Versehen oder aus irgendeinem Grund dazwischen? Gegeben die Tatsache, dass in den letzten 80 Jahren keiner stattgefunden hat? Hier prallen die verschiedenen Interpretationen des Wahrscheinlichkeitsbegriffs aufeinander. Die frequentistische versteht Wahrscheinlichkeit als Grenzwert der relativen Häufigkeiten und lässt deshalb nur Ereignisse gelten, die tatsächlich stattgefunden haben, was in diesem Fall offensichtlich in die Irre führt. Die Bayes’sche Interpretation dagegen geht von einer a-priori-Wahrscheinlichkeit im Kopf des Beobachters aus, die durch neue Erfahrungen revidiert wird. Wenn man unter Letztere auch Fast-Katastrophen zählt, kommt man der Sache schon näher. Da gab es nicht nur die allgemein bekannte Kuba-Krise von 1962, sondern auch etliche andere Ereignisse, von denen die Öffentlichkeit nicht viel erfahren hat. Hellman geht so weit zu behaupten, die russische Regierung hätte für den Fall, dass sie beim Angriff auf die Ukraine eine totale Niederlage erlitten hätte, die nukleare Option in Erwägung gezogen.</p> <p>Auch mit Insiderkenntnissen, über die der nach wie vor gut vernetzte Hellman zweifellos verfügt, ist die Wahrscheinlichkeit eines Atomkriegs nur sehr ungefähr abzuschätzen. Hellman kommt auf eine Größenordnung von einem Prozent – pro Jahr, wohlgemerkt. Zehn Prozent ist definitiv zu hoch gegriffen: Dann wäre die große Katastrophe mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit inzwischen eingetreten. Dagegen ist 0,1 Prozent angesichts der nicht wenigen Fast-Katastrophen viel zu niedrig geschätzt. Na ja – selbst wenn man Hellmans Größenordnungs-Schätzung optimistisch interpretiert, sagen wir 0,5 Prozent pro Jahr, dann hätten wir im Durchschnitt alle 200 Jahre mit einem Atomkrieg zu rechnen. Nicht wirklich beruhigend.</p> <p>Martin Hellman ist am 2. Oktober dieses Jahres 80 Jahre alt geworden und geht am Stock – was ihn nicht hindert, weiterhin politisch aktiv zu sein. So ist er federführender Verfasser der Denkschrift <a href="https://ee.stanford.edu/~hellman/publications/78.pdf">„Rethinking National Security“</a>, welche die oben skizzierten Gedanken zur atomaren Bedrohung detailliert ausführt. (Eine Zusammenfassung in wenigen Sätzen und weitere Webhinweise finden Sie <a href="https://ee.stanford.edu/~hellman/rns/index.html">hier</a>.) Unter den Mitunterzeichnern finden sich etliche Nobelpreisträger sowie ehemals hochrangige politische Figuren – und insbesondere Hellmans ehemaliger Widersacher und späterer Freund Bobby Inman.</p> <p>Gegenwärtig arbeitet er an einer Gesetzvorlage mit dem Ziel, das Problem mit dem betrunkenen Oberbefehlshaber zumindest etwas abzumildern. Die letzte Version des Entwurfs sei so verwässert, dass sie immerhin eine Chance habe, im Kongress diskutiert zu werden, bemerkt Hellman mit süßsaurer Miene. Mehr könne man unter den gegenwärtigen Verhältnissen ohnehin nicht erwarten.</p> <p>Es sieht ganz so aus, als hätten die großen Entscheidungsträger noch viel von Hellmans Lindenstraßen-Wahrheiten zu lernen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Der alte Mann und der Weg zum Weltfrieden - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Christoph Pöppe</h2><div itemprop="text"> <p>Martin Hellman ist gemeinsam mit Whitfield Diffie mit dem Turing Award von 2015 für die bahnbrechende Entdeckung der Kryptographie mit veröffentlichtem Schlüssel („public-key cryptography“) geehrt worden – für ihn selbst nur die letzte und höchstrangige in einer ganzen Liste von Auszeichungen. Damit gehört er zu der illustren Liste der Preisträger in Mathematik und Informatik, die alljährlich zum <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/">Heidelberg Laureate Forum (HLF)</a> eingeladen werden, um dort mit der jungen Forschergeneration in den Dialog zu treten. So war der Weg für mich nicht weit, auf dem <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/past-hlfs/6th-hlf-2018/">HLF 2018 </a>ein <a href="https://www.spektrum.de/magazin/von-der-kryptografie-zum-weltfrieden/1621176">Interview</a> mit ihm zu führen – aus Anlass eines 40-jährigen Jubiläums. Hellman hatte nämlich 1979 die Grundzüge seiner Entdeckung im „Scientific American“ und in der Folge in dessen deutscher Ausgabe „Spektrum der Wissenschaft“ erläutert, die soeben auch ihren vierzigsten Geburtstag gefeiert hatte. („Spektrum“ ist in Heidelberg ansässig, und ich gehörte zu dessen Redaktion.)</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto_Watermark-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1711" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto_Watermark-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto_Watermark-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto_Watermark-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto_Watermark-1024x684.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto_Watermark-768x513.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto_Watermark-1536x1026.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto_Watermark-2048x1369.jpg 2048w" width="2560"></img></a><figcaption>Martin Hellman (ACM A.M. Turing Award – 2015), im Interview mit dem Autor (links), 2018. Foto: HLFF / Kreutzer</figcaption></figure></div> <p>Als ich den Interviewtext meinem Chef vorlegte, sagte er mit deutlich erkennbarem Stirnrunzeln: „Das ist ja Lindenstraße!“ und meinte damit offensichtlich, dass da große, weltbewegende Probleme in das kuschelige Umfeld einiger weniger Privatpersonen transportiert und damit verniedlicht würden, so wie das die Sonntagabend-Kultserie des ARD-Fernsehens (1985–2010) angeblich getan hat. Na ja – es sah auf den ersten Blick tatsächlich so aus. Punkt 1, Verlagerung ins Privatleben, trifft definitiv zu. Hellman versichert nicht nur in diesem Interview, sondern auch in einem eigens dafür (gemeinsam mit seiner Ehefrau) verfassten <a href="https://ee.stanford.edu/~hellman/publications/book3.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Buch</a> (über diesen Link kostenfrei zugänglich), dass er zunächst lernen musste, seine Eheprobleme zu bewältigen. Erst mit den dabei entwickelten Mitteln sei es ihm gelungen, Konflikte beizulegen, die alles andere als privater Natur waren. Und niedlich schon gar nicht; Punkt 2 trifft definitiv nicht zu. Vielmehr brachte ihn seine eigene Erfindung in gefährliches Fahrwasser.</p> <p>Die Kryptographie mit veröffentlichtem Schlüssel bietet neue Möglichkeiten, geheime Nachrichten über abhörbare Kanäle zu schicken, ohne dass ein Lauscher sie entschlüsseln kann. Mehr noch: Es ist nutzlos, beim Absender den Schlüssel zu entwenden, das heißt jene Zeichenkette, mit deren Hilfe der Absender aus dem Klartext den zu versendenden Geheimtext macht. Diesen „Schlüssel zum Zuschließen“ hat nämlich der Empfänger der Nachricht ohnehin veröffentlicht; heute würde er ihn einfach auf seine Website stellen. Nur den zugehörigen „Schlüssel zum Aufschließen“ muss er sorgfältig geheimhalten. Wenn also die professionellen Abhörer von der National Security Agency (NSA) keinen Zugriff auf den Empfänger haben, zum Beispiel weil der in Moskau sitzt, verstopft ihnen das Verfahren von Diffie und Hellman effektiv die Lauscherohren.</p> <p>In den Augen einiger Leute macht das die <em>public-key cryptography </em>zur Kriegswaffe, deren Veröffentlichung in einer internationalen wissenschaftlichen Zeitschrift gilt als Export, und auf den ungenehmigten Export von Kriegswaffen stehen hohe Strafen. Hellman wurde – nicht offen, aber gleichwohl unmissverständlich – mit Gefängnis bedroht, hielt stand, veröffentlichte sein Verfahren, und zur allgemeinen Überraschung suchte wenig später der Chef der NSA, Admiral Bobby Inman, ihn zu einem Gespräch auf. In der Folge bauten die beiden nicht nur Vertrauen zueinander auf, sondern wurden später sogar Freunde.</p> <p>Ironie der Geschichte: Heute würde Bobby Inman die Kryptographie mit veröffentlichtem Schlüssel selbst dann nicht unterdrücken, wenn er es könnte. Eine Variante des Verfahrens eignet sich nämlich dafür, eine Nachricht unverfälschbar zu machen, was wiederum der Vertrauensbildung aufhilft.<aside></aside></p> <p>Hellmans Mittel zur Konfliktbewältigung sind übrigens nicht sonderlich originell: Versetze dich in die Lage deines Gegners, mach dir klar, aus welchen Gründen der Misstrauen, Groll oder Furcht gegen dich hegen könnte, und bemühe dich, diese Gründe auszuräumen. Darauf hätten die fiktiven Bewohner der „Lindenstraße“ auch kommen können.</p> <p>Nur hat sich diese einfache Einsicht bei den bedeutenden Regierungschefs nicht durchgesetzt. Unter den Präsidenten von Hellmans Heimatland USA ist Trump da nur das krasseste Beispiel. In einer Gesprächsrunde auf dem diesjährigen 12. <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/">Heidelberg Laureate Forum</a> führt Hellman aus: „1945 konnte uns keine Macht der Welt etwas anhaben. Heute haben mehrere Akteure die Möglichkeit, uns binnen einer Stunde zu vernichten. Und warum hat sich zum Beispiel Nordkorea Atombomben zugelegt? Erstens weil Präsident Bush 2002 das ,1994 Agreed Framework’, das Nordkorea den Zugriff auf seine Plutoniumvorräte verwehrte, gekündigt hatte (und die ersatzweise zugesagten, nicht plutoniumfähigen Kernreaktoren nie geliefert wurden), woraufhin Nordkorea die Plutoniumproduktion wieder aufnahm; zweitens aber, weil Kim Jong-Un nicht dasselbe Schicksal erleiden wollte wie Gaddafi und Saddam Hussein, mit denen wir gar nicht erst versucht haben, zu einer Einigung zu kommen, sondern nur unsere Übermacht ausgespielt haben.“</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795918863_7ba1eb8e92_o.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795918863_7ba1eb8e92_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795918863_7ba1eb8e92_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795918863_7ba1eb8e92_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795918863_7ba1eb8e92_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Martin Hellman beim 12. Heidelberg Laureate Forum. Foto: HLFF / Kreutzer</figcaption></figure></div> <p>In diesem Zusammenhang kommt Hellman auch auf die atomare Bedrohung zu sprechen, ein Thema, das seit dem Ende der Sowjetunion weitgehend aus der öffentlichen Diskussion verschwunden ist. Zu Unrecht, sagt Hellman. Kaum einem Zeitgenossen ist klar, dass der Präsident der Vereinigten Staaten nur den Befehl „Nuke’em“ aussprechen muss (was ihm auch im betrunkenen Zustand noch ohne weiteres über die Lippen gehen würde), und die atomare Katastrophe würde losbrechen. Es sei denn, ein Glied in der Befehlskette handelt den eindeutigen Vorschriften zuwider.</p> <p>Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit eines Atomkriegs, sei es mit Vorsatz, aus Versehen oder aus irgendeinem Grund dazwischen? Gegeben die Tatsache, dass in den letzten 80 Jahren keiner stattgefunden hat? Hier prallen die verschiedenen Interpretationen des Wahrscheinlichkeitsbegriffs aufeinander. Die frequentistische versteht Wahrscheinlichkeit als Grenzwert der relativen Häufigkeiten und lässt deshalb nur Ereignisse gelten, die tatsächlich stattgefunden haben, was in diesem Fall offensichtlich in die Irre führt. Die Bayes’sche Interpretation dagegen geht von einer a-priori-Wahrscheinlichkeit im Kopf des Beobachters aus, die durch neue Erfahrungen revidiert wird. Wenn man unter Letztere auch Fast-Katastrophen zählt, kommt man der Sache schon näher. Da gab es nicht nur die allgemein bekannte Kuba-Krise von 1962, sondern auch etliche andere Ereignisse, von denen die Öffentlichkeit nicht viel erfahren hat. Hellman geht so weit zu behaupten, die russische Regierung hätte für den Fall, dass sie beim Angriff auf die Ukraine eine totale Niederlage erlitten hätte, die nukleare Option in Erwägung gezogen.</p> <p>Auch mit Insiderkenntnissen, über die der nach wie vor gut vernetzte Hellman zweifellos verfügt, ist die Wahrscheinlichkeit eines Atomkriegs nur sehr ungefähr abzuschätzen. Hellman kommt auf eine Größenordnung von einem Prozent – pro Jahr, wohlgemerkt. Zehn Prozent ist definitiv zu hoch gegriffen: Dann wäre die große Katastrophe mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit inzwischen eingetreten. Dagegen ist 0,1 Prozent angesichts der nicht wenigen Fast-Katastrophen viel zu niedrig geschätzt. Na ja – selbst wenn man Hellmans Größenordnungs-Schätzung optimistisch interpretiert, sagen wir 0,5 Prozent pro Jahr, dann hätten wir im Durchschnitt alle 200 Jahre mit einem Atomkrieg zu rechnen. Nicht wirklich beruhigend.</p> <p>Martin Hellman ist am 2. Oktober dieses Jahres 80 Jahre alt geworden und geht am Stock – was ihn nicht hindert, weiterhin politisch aktiv zu sein. So ist er federführender Verfasser der Denkschrift <a href="https://ee.stanford.edu/~hellman/publications/78.pdf">„Rethinking National Security“</a>, welche die oben skizzierten Gedanken zur atomaren Bedrohung detailliert ausführt. (Eine Zusammenfassung in wenigen Sätzen und weitere Webhinweise finden Sie <a href="https://ee.stanford.edu/~hellman/rns/index.html">hier</a>.) Unter den Mitunterzeichnern finden sich etliche Nobelpreisträger sowie ehemals hochrangige politische Figuren – und insbesondere Hellmans ehemaliger Widersacher und späterer Freund Bobby Inman.</p> <p>Gegenwärtig arbeitet er an einer Gesetzvorlage mit dem Ziel, das Problem mit dem betrunkenen Oberbefehlshaber zumindest etwas abzumildern. Die letzte Version des Entwurfs sei so verwässert, dass sie immerhin eine Chance habe, im Kongress diskutiert zu werden, bemerkt Hellman mit süßsaurer Miene. Mehr könne man unter den gegenwärtigen Verhältnissen ohnehin nicht erwarten.</p> <p>Es sieht ganz so aus, als hätten die großen Entscheidungsträger noch viel von Hellmans Lindenstraßen-Wahrheiten zu lernen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/der-alte-mann-und-der-weg-zum-weltfrieden/#comments 29 Ostsee: Meeresleben auf giftiger Weltkriegs-Munition  https://scilogs.spektrum.de/meertext/ostsee-meeresleben-auf-giftiger-weltkriegs-munition/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/ostsee-meeresleben-auf-giftiger-weltkriegs-munition/#comments Tue, 14 Oct 2025 07:44:46 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1773 https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-18-768x354.png <link>https://scilogs.spektrum.de/meertext/ostsee-meeresleben-auf-giftiger-weltkriegs-munition/</link> </image> <description type="html"><h1>Ostsee: Meeresleben auf giftiger Weltkriegs-Munition  » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Als Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg entmilitarisiert wurde, wurden große Mengen der übrig gebliebenen Munition in der Ostsee versenkt.<br></br>Eine aktuelle Studie eines Teams unter Leitung der <a href="https://www.nature.com/articles/s43247-025-02593-7">Senckenberg-Meeresbiologen</a> Andrey Vedenin und Ingrid Kröncke in Kooperation mit dem Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung (Geomar, Kiel) sowie dem Thünen-Institut für Seefischerei (Bremerhaven) hat jetzt ergeben, dass einige dieser versenkten Waffen, obwohl sie giftige Verbindungen freisetzen, <a href="https://www.nature.com/articles/s43247-025-02593-7#Sec7">mittlerweile mehr Meeresorganismen beherbergen</a> als die Sedimente in ihrer Umgebung.<br></br>Es ist nicht so paradox und schon gar nicht so harmlos, wie diese Meldung auf den ersten Blick scheint. Dafür braucht es allerdings Kontext-Wissen.</p> <h2 id="h-das-toxische-erbe-des-kriegs"><strong>Das toxische Erbe des Kriegs</strong></h2> <p>Nach <a href="https://www.umweltbundesamt.de/themen/wasser/meere/nutzung-belastungen/munition-im-meer">Angaben des Bundesumweltamtes (Stand 2023)</a> <a href="https://www.umweltbundesamt.de/themen/wasser/meere/nutzung-belastungen/munition-im-meer">lagern </a>in der deutschen Nord- und Ostsee Altlasten von ca. 1,6 Millionen Tonnen konventioneller Munition und 5.000 Tonnen chemischer Kampfstoffe. Manche gerieten im Zweiten Weltkrieg durch Militäroperationen ins Wasser, andere wurden danach durch Verklappung versenkt. Dies gefährde, so das Umweltbundesamt, Schiffsverkehr, Fischerei, Tourismus, Menschen an Stränden sowie die Meeresumwelt und ist zusätzlich eine Gefahr für Offshore-Installationen und Seekabel-Verlegungen (<em>Anmerkung Meertext: Die Mengenangaben basieren auf Schätzungen, Funden und Verklappungsplänen, darum können sie in verschiedenen Arbeiten etwas abweichen</em>).</p> <p>Allein <a href="https://www.geomar.de/news/article/umweltbelastung-durch-altmunition-in-der-ostsee">in der deutschen Ostsee sind schätzungsweise rund 300.000 Tonnen</a> Altmunition, deren Metallhüllen durch Korrosion eine zunehmende Gesundheitsgefahr werden. GEOMAR und andere Forschungsinstitutionen messen den Schadstoffgehalt des Seewassers. Zurzeit ist die toxikologische Belastung etwa des Trinkwassers noch unterhalb der als unbedenklich festgelegten Grenzen, in einigen Gebieten erreicht sie aber bereits kritische Grenzen, so der Meereschemiker Aaron Beck, Geochemiker am GEOMAR: „<a href="https://www.geomar.de/news/article/umweltbelastung-durch-altmunition-in-der-ostsee">Die Altmunition enthält giftige Substanzen wie TNT</a> (2,4,6-Trinitrotoluol), RDX (1,3,5-Trinitro-1,3,5-triazinan) und DNB (1,3-Dinitrobenzol), die ins Meerwasser freigesetzt werden, wenn die Metallhüllen durchrosten“ – „Diese Stoffe können die marine Umwelt und die Gesundheit von Lebewesen gefährden, da sie toxisch und krebserregend sind.“ Die Mengen der im Wasser gelösten Chemikalien unterscheiden sich regional. Durch den zunehmenden Zerfall der im Meerwasser korrodierenden <a href="https://www.geomar.de/news/article/umweltbelastung-durch-altmunition-in-der-ostsee">Behältnisse werden ihre Konzentrationen allerdings</a> ansteigen, darum besteht dringender Handelsbedarf. Ansonsten würde der Prozess der Korrosion und Freisetzung wohl noch 800 Jahre dauern.<br></br>Die <a href="https://www.geomar.de/news/article/umweltbelastung-durch-altmunition-in-der-ostsee">rot-grün-gelbe Bundesregierung</a> hatte im Herbst 2024 <a href="https://www.geomar.de/news/article/munitionsraeumung-jetzt-gehts-los-1">ein Pilotprogramm zur Bergung und umweltgerechten Entsorgung von</a> Munitionsaltlasten ins Leben gerufen. So konnten mit einem Budget von 100 Millionen Euro im Herbst 2024 erstmals gezielt Munitionsreste aus der Lübecker Bucht geborgen werden. In einem zweiten Schritt sollte dann eine autonome Bergungsplattform entwickelt werden, die die Altmunition Ort birgt und unschädlich macht.</p> <h2 id="h-schoner-wohnen-auf-weltkriegsmunition"><strong>Schöner wohnen auf Weltkriegsmunition?</strong></h2> <p>Als im Oktober 2024 Forscher eine Munitionsdeponie im nördlichen Teil der Lübecker Bucht im Südwesten der Ostsee untersuchten, fanden sie darauf eine überraschend hohe Anzahl von Arten und Exemplaren. Mit den beiden Kamerasystemen ihres ferngesteuerten Unterwasserfahrzeugs, dem ROV “Käpt`n Blaubär”, filmten sie große Metallzylinder, die auf dem feinen Schlammsediment verstreut waren: Sprengköpfe von Fieseler Fi103-Marschflugkörpern, die während des Krieges vom nationalsozialistischen Deutschland eingesetzt worden waren.<br></br>Außerdem filmten sie das darauf und em angrenzenden Sandboden sitzende Meeresleben und sammelten biologische und Sedimentproben sowohl von den militärischen Trümmern als auch aus dem umgebenden Sediment.</p> <p>Auf den ROV-Videos identifizierten sie acht Arten, darunter Schnecken, Seeanemonen, Würmer, Seesterne, Krabben und Fische wie Kabeljau, Schwarzgrundel und Flunder. Am häufigsten waren <em>Polydora ciliata</em>-Würmer und <em>Metridium dianthus</em>-Seeanemonen. Insgesamt zählten sie auf den Raketenreste wesentlich mehr Organismen (43.184 Individuen pro Quadratmeter) – als auf dem umgebenden Sediment (8.213 Individuen/m2).<br></br>Das war überraschend, denn eigentlich hatten sie erwartet, <a href="https://www.nature.com/articles/s43247-025-02593-7#Sec7">auf den giftigen Trümmern weniger Tiere als in der Umgebung zu finden. </a>Allerdings, so Vedenin, war nur die Individuenzahl sehr hoch, die Artenzahl war mit 8 dafür recht gering.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/2779195_bigpicture_1071696_communications_earth__environment_-_image_5.jpg"><img alt="" decoding="async" height="819" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/2779195_bigpicture_1071696_communications_earth__environment_-_image_5-1024x819.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/2779195_bigpicture_1071696_communications_earth__environment_-_image_5-1024x819.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/2779195_bigpicture_1071696_communications_earth__environment_-_image_5-300x240.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/2779195_bigpicture_1071696_communications_earth__environment_-_image_5-768x614.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/2779195_bigpicture_1071696_communications_earth__environment_-_image_5.jpg 1279w" width="1024"></img></a></figure> <p><img alt="Examples of the species identified from the ROV videos. Image courtesy of Vedenin et al., 2025 (CC BY 4.0).]" decoding="async" height="483" src="https://scilogs.spektrum.de/2a4d52dc-0ef6-4593-b9cb-36eade7fa30c" width="605"></img><p>Gleichzeitig fand das Forschungsteam heraus, dass das Wasser rund um die Munition hochgiftige Sprengstoffverbindungen enthielt, hauptsächlich TNT und RDX. Teilweise in Konzentrationen, die bekanntermaßen für Meereslebewesen gefährlich sind.</p><br></br>Allerdings mieden die Tiere die Sprengstofffüllung und siedelten stattdessen auf den Metallteilen. Das dürfte daran liegen, dass die Oberflächen mit den höchsten Toxin-Konzentrationen tatsächlich zu giftig zum Besiedlen sind. Ob die Tiere die Toxine wahrnehmen und dann aktiv ausweichen oder beim Versuch, darauf zu siedeln, schnell sterben, ist nicht untersucht. Die weniger stark toxischen Metallteile hingegen sind offenbar attraktive Fundamente.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-18.png"><img alt="" decoding="async" height="472" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-18-1024x472.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-18-1024x472.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-18-300x138.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-18-768x354.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-18-1536x708.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-18.png 1564w" width="1024"></img></a><figcaption>ROV “Käpt`n Blaubär” (https://www.nature.com/articles/s43247-025-02593-7/figures/2)</figcaption></figure> <p>Die <a href="https://www.nature.com/articles/s43247-025-02593-7#Sec7">Erklärung dafür ist, dass viele Tiere einen festen Untergrund als Siedlungsfundament</a> brauchen. Da die ursprünglich am Ostseegrund natürlich vorkommenden eiszeitlichen Steine und Felsblöcke aber durch die Ostsee-Steinfischerei weitgehend verschwunden sind, herrscht Wohnungsnot. Auch wenn die historische „Steinfischen“ für Bau- und kommerzielle Zwecke in der deutschen Ostsee 1976 verboten wurde, war bis dahin der größte Teil der natürlichen Festsubstrate verschwunden. So besiedelten viele Tiere notgedrungen ersatzweise die Munitionsreste, trotz derer Toxinlast.</p> <p>Darum schlagen Wissenschaftlerinnen<a href="https://www.academia.edu/17365269/Submarine_hard_bottom_substrates_in_the_western_Baltic_Sea_human_impact_versus_natural_development"> schon länger vor, der einheimischen Tierwelt künftig ungiftige</a> harte Gegenstände auf dem Meeresboden anzubieten, die die ursprünglichen Steine ersetzen. Schließlich ziehen die schützenden Strukturen auch viele andere Arten an und sind etwa für Fischbrut sowie manche erwachsene Fische zum Verstecken und Fressen sehr attraktiv. So sorgt etwa ein <a href="https://www1.wdr.de/mediathek/video-kuenstliche-riffe-in-der-ostsee-100.html">künstliches Riff vor Nienhagen bei Rostock</a> für wimmelndes Meeresleben.</p> <p>Für die Meereswesen mit Flossen und Beinchen wäre künstliche Strukturen sicherlich gesünder, als toxische Untergründe. Im Bereich der Ostsee ist nicht untersucht, ob und welche Auswirkungen die Gifte auf Krebse, Seesterne oder Co haben. Allerdings zeigen Ergebnisse aus anderen Regionen anderer Meere, dass toxische Last zu verringerter Fruchtbarkeit, verkrüppeltem Nachwuchs und Erkrankungen führt.<br></br>In der Ostsee ist das bislang nur für Fische nachgewiesen, die weiter oben in der Nahrungskette stehen: Speisefische zeigen, je nach Region, hohe Belastungen mit auch für Menschen gesundheitsgefährdenden Stoffen. <a href="http://www.scilogs.de/kosmo//Users/Admin/Downloads/Tracking_explosive_contaminants_from_dumped_muniti.pdf">Aktuelle Studien des Thünen-Instituts wiesen erstmals TNT-Metaboliten im Urin von den Plattfischen</a> Klieschen, Schollen und Flundern nach. Demnach kann die Analyse von Sprengstoffen in Galle oder Urin als zuverlässige und wirksame Überwachungsstrategien für Vorkommen von Sprengstoffen in der Ostsee genutzt werden, so die FischereibiologiInnen.</p> <p>Andere Thünen-Studien hatten bereits 2022 gezeigt, dass das Vorhandensein verrottender Munition bei Klieschen (<em>Limanda limanda</em>) zu steigenden Lebertumoren <a href="https://www.thuenen.de/en/thuenen-topics/seas/munition-am-meeresgrund/auswirkungen-von-tnt-und-seinen-metaboliten-auf-fische">führt – 25%, gegenüber den normal kommenden 5%.</a> Der Sprengstoff TNT (Trinitrotoluol) hatte auch bei zahlreichen anderen Studien an Menschen bereits zu erheblichen <a href="https://academic.oup.com/carcin/article-abstract/26/7/1272/2390907?redirectedFrom=fulltext">Gesundheitsrisiken geführt, darunter ein Anstieg der Leberkrebsrate sowie Hepatitis sowie Anämie</a>.</p> <h2 id="h-ostseesteine-und-riffe"><strong>Ostseesteine und Riffe</strong></h2> <p>Wie stark die Ostsee-Tierwelt von Steinen als Untergrund abhängig ist, wurde mir erst <a href="https://www.spektrum.de/news/ostsee-rummel-am-riff/1776489">2020 im Rahmen einer Recherche über Riffe in der Ostsee</a> bekannt. Ich war nicht die Einzige, die das überraschte. Wie ausgedehnt solche Riffe – die in der Ostsee mit ihren ausgedehnten Sandböden meist nur aus wenigen Meter großen Steinblock-Stapeln bestehen, auf denen einige Algen wachsen, ist vor allem durch die ökologischen Kartierungen vor dem Bau des Fehmarnbelt-Tunnels herausgekommen. „Riffe sind vom Meeresboden schwach bis stark aufragende mineralische Hartsubstrate wie Felsen, Geschiebe, Steine, hauptsächlich auf Moränenrücken mit Block- und Steinbedeckung in kiesig-sandiger Umgebung“ mit „aufwachsenden Muscheln und Großalgen“, beschreibt das BfN diese festen Strukturen der deutschen Ostsee. Im Bereich des Fehmarnbelts liegen sie teilweise recht tief und damit im kühleren, salzhaltigeren Wasserkörper, der aus der Nordsee hereinschwappt. <a href="https://agupubs.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/2017JC013050">Solche „Inflows“ hängen von Wind und Temperaturen</a> ab, sie bringen dann auch eigentlich ozeanische Arten wie Sonnensterne oder Hochseefische mit in die eigentlich eher brackige Ostsee – aber nur in tiefere Areale.</p> <p>In der Nordsee gibt es auch Riffe, die bestehen allerdings aus Miesmuschel-, früher auch aus Austernbänken oder sogenannten Sandkorallen oder Wurmschiet. Das sind <a href="https://www.schutzstation-wattenmeer.de/wissen/tiere/wuermer/sandkoralle/">Röhrenwurmriffe der Ringelwürmer <em>Sabellaria spinulosa</em>. </a>Die Winzlinge bauen aus Schleim und Sand Wohnröhren, die als Communities dann zu riffartigen Festsubstraten werden – darin und darauf siedeln sich dann auch andere Tiere an. Diese Riffe sind durch die Fischerei stark reduziert, die europäische Auster gilt im südlichen Bereich der Nordsee als ausgestorben und Wurmriffe sind auch verschwunden. Dafür wachsen dort mittlerweile die eingeschleppten pazifischen Austern, die sich in der erwärmten Nordsee entgegen der ursprünglichen Annahme sehr wohlfühlen und auch fortpflanzen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Ostsee: Meeresleben auf giftiger Weltkriegs-Munition  » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Als Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg entmilitarisiert wurde, wurden große Mengen der übrig gebliebenen Munition in der Ostsee versenkt.<br></br>Eine aktuelle Studie eines Teams unter Leitung der <a href="https://www.nature.com/articles/s43247-025-02593-7">Senckenberg-Meeresbiologen</a> Andrey Vedenin und Ingrid Kröncke in Kooperation mit dem Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung (Geomar, Kiel) sowie dem Thünen-Institut für Seefischerei (Bremerhaven) hat jetzt ergeben, dass einige dieser versenkten Waffen, obwohl sie giftige Verbindungen freisetzen, <a href="https://www.nature.com/articles/s43247-025-02593-7#Sec7">mittlerweile mehr Meeresorganismen beherbergen</a> als die Sedimente in ihrer Umgebung.<br></br>Es ist nicht so paradox und schon gar nicht so harmlos, wie diese Meldung auf den ersten Blick scheint. Dafür braucht es allerdings Kontext-Wissen.</p> <h2 id="h-das-toxische-erbe-des-kriegs"><strong>Das toxische Erbe des Kriegs</strong></h2> <p>Nach <a href="https://www.umweltbundesamt.de/themen/wasser/meere/nutzung-belastungen/munition-im-meer">Angaben des Bundesumweltamtes (Stand 2023)</a> <a href="https://www.umweltbundesamt.de/themen/wasser/meere/nutzung-belastungen/munition-im-meer">lagern </a>in der deutschen Nord- und Ostsee Altlasten von ca. 1,6 Millionen Tonnen konventioneller Munition und 5.000 Tonnen chemischer Kampfstoffe. Manche gerieten im Zweiten Weltkrieg durch Militäroperationen ins Wasser, andere wurden danach durch Verklappung versenkt. Dies gefährde, so das Umweltbundesamt, Schiffsverkehr, Fischerei, Tourismus, Menschen an Stränden sowie die Meeresumwelt und ist zusätzlich eine Gefahr für Offshore-Installationen und Seekabel-Verlegungen (<em>Anmerkung Meertext: Die Mengenangaben basieren auf Schätzungen, Funden und Verklappungsplänen, darum können sie in verschiedenen Arbeiten etwas abweichen</em>).</p> <p>Allein <a href="https://www.geomar.de/news/article/umweltbelastung-durch-altmunition-in-der-ostsee">in der deutschen Ostsee sind schätzungsweise rund 300.000 Tonnen</a> Altmunition, deren Metallhüllen durch Korrosion eine zunehmende Gesundheitsgefahr werden. GEOMAR und andere Forschungsinstitutionen messen den Schadstoffgehalt des Seewassers. Zurzeit ist die toxikologische Belastung etwa des Trinkwassers noch unterhalb der als unbedenklich festgelegten Grenzen, in einigen Gebieten erreicht sie aber bereits kritische Grenzen, so der Meereschemiker Aaron Beck, Geochemiker am GEOMAR: „<a href="https://www.geomar.de/news/article/umweltbelastung-durch-altmunition-in-der-ostsee">Die Altmunition enthält giftige Substanzen wie TNT</a> (2,4,6-Trinitrotoluol), RDX (1,3,5-Trinitro-1,3,5-triazinan) und DNB (1,3-Dinitrobenzol), die ins Meerwasser freigesetzt werden, wenn die Metallhüllen durchrosten“ – „Diese Stoffe können die marine Umwelt und die Gesundheit von Lebewesen gefährden, da sie toxisch und krebserregend sind.“ Die Mengen der im Wasser gelösten Chemikalien unterscheiden sich regional. Durch den zunehmenden Zerfall der im Meerwasser korrodierenden <a href="https://www.geomar.de/news/article/umweltbelastung-durch-altmunition-in-der-ostsee">Behältnisse werden ihre Konzentrationen allerdings</a> ansteigen, darum besteht dringender Handelsbedarf. Ansonsten würde der Prozess der Korrosion und Freisetzung wohl noch 800 Jahre dauern.<br></br>Die <a href="https://www.geomar.de/news/article/umweltbelastung-durch-altmunition-in-der-ostsee">rot-grün-gelbe Bundesregierung</a> hatte im Herbst 2024 <a href="https://www.geomar.de/news/article/munitionsraeumung-jetzt-gehts-los-1">ein Pilotprogramm zur Bergung und umweltgerechten Entsorgung von</a> Munitionsaltlasten ins Leben gerufen. So konnten mit einem Budget von 100 Millionen Euro im Herbst 2024 erstmals gezielt Munitionsreste aus der Lübecker Bucht geborgen werden. In einem zweiten Schritt sollte dann eine autonome Bergungsplattform entwickelt werden, die die Altmunition Ort birgt und unschädlich macht.</p> <h2 id="h-schoner-wohnen-auf-weltkriegsmunition"><strong>Schöner wohnen auf Weltkriegsmunition?</strong></h2> <p>Als im Oktober 2024 Forscher eine Munitionsdeponie im nördlichen Teil der Lübecker Bucht im Südwesten der Ostsee untersuchten, fanden sie darauf eine überraschend hohe Anzahl von Arten und Exemplaren. Mit den beiden Kamerasystemen ihres ferngesteuerten Unterwasserfahrzeugs, dem ROV “Käpt`n Blaubär”, filmten sie große Metallzylinder, die auf dem feinen Schlammsediment verstreut waren: Sprengköpfe von Fieseler Fi103-Marschflugkörpern, die während des Krieges vom nationalsozialistischen Deutschland eingesetzt worden waren.<br></br>Außerdem filmten sie das darauf und em angrenzenden Sandboden sitzende Meeresleben und sammelten biologische und Sedimentproben sowohl von den militärischen Trümmern als auch aus dem umgebenden Sediment.</p> <p>Auf den ROV-Videos identifizierten sie acht Arten, darunter Schnecken, Seeanemonen, Würmer, Seesterne, Krabben und Fische wie Kabeljau, Schwarzgrundel und Flunder. Am häufigsten waren <em>Polydora ciliata</em>-Würmer und <em>Metridium dianthus</em>-Seeanemonen. Insgesamt zählten sie auf den Raketenreste wesentlich mehr Organismen (43.184 Individuen pro Quadratmeter) – als auf dem umgebenden Sediment (8.213 Individuen/m2).<br></br>Das war überraschend, denn eigentlich hatten sie erwartet, <a href="https://www.nature.com/articles/s43247-025-02593-7#Sec7">auf den giftigen Trümmern weniger Tiere als in der Umgebung zu finden. </a>Allerdings, so Vedenin, war nur die Individuenzahl sehr hoch, die Artenzahl war mit 8 dafür recht gering.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/2779195_bigpicture_1071696_communications_earth__environment_-_image_5.jpg"><img alt="" decoding="async" height="819" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/2779195_bigpicture_1071696_communications_earth__environment_-_image_5-1024x819.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/2779195_bigpicture_1071696_communications_earth__environment_-_image_5-1024x819.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/2779195_bigpicture_1071696_communications_earth__environment_-_image_5-300x240.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/2779195_bigpicture_1071696_communications_earth__environment_-_image_5-768x614.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/2779195_bigpicture_1071696_communications_earth__environment_-_image_5.jpg 1279w" width="1024"></img></a></figure> <p><img alt="Examples of the species identified from the ROV videos. Image courtesy of Vedenin et al., 2025 (CC BY 4.0).]" decoding="async" height="483" src="https://scilogs.spektrum.de/2a4d52dc-0ef6-4593-b9cb-36eade7fa30c" width="605"></img><p>Gleichzeitig fand das Forschungsteam heraus, dass das Wasser rund um die Munition hochgiftige Sprengstoffverbindungen enthielt, hauptsächlich TNT und RDX. Teilweise in Konzentrationen, die bekanntermaßen für Meereslebewesen gefährlich sind.</p><br></br>Allerdings mieden die Tiere die Sprengstofffüllung und siedelten stattdessen auf den Metallteilen. Das dürfte daran liegen, dass die Oberflächen mit den höchsten Toxin-Konzentrationen tatsächlich zu giftig zum Besiedlen sind. Ob die Tiere die Toxine wahrnehmen und dann aktiv ausweichen oder beim Versuch, darauf zu siedeln, schnell sterben, ist nicht untersucht. Die weniger stark toxischen Metallteile hingegen sind offenbar attraktive Fundamente.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-18.png"><img alt="" decoding="async" height="472" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-18-1024x472.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-18-1024x472.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-18-300x138.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-18-768x354.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-18-1536x708.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-18.png 1564w" width="1024"></img></a><figcaption>ROV “Käpt`n Blaubär” (https://www.nature.com/articles/s43247-025-02593-7/figures/2)</figcaption></figure> <p>Die <a href="https://www.nature.com/articles/s43247-025-02593-7#Sec7">Erklärung dafür ist, dass viele Tiere einen festen Untergrund als Siedlungsfundament</a> brauchen. Da die ursprünglich am Ostseegrund natürlich vorkommenden eiszeitlichen Steine und Felsblöcke aber durch die Ostsee-Steinfischerei weitgehend verschwunden sind, herrscht Wohnungsnot. Auch wenn die historische „Steinfischen“ für Bau- und kommerzielle Zwecke in der deutschen Ostsee 1976 verboten wurde, war bis dahin der größte Teil der natürlichen Festsubstrate verschwunden. So besiedelten viele Tiere notgedrungen ersatzweise die Munitionsreste, trotz derer Toxinlast.</p> <p>Darum schlagen Wissenschaftlerinnen<a href="https://www.academia.edu/17365269/Submarine_hard_bottom_substrates_in_the_western_Baltic_Sea_human_impact_versus_natural_development"> schon länger vor, der einheimischen Tierwelt künftig ungiftige</a> harte Gegenstände auf dem Meeresboden anzubieten, die die ursprünglichen Steine ersetzen. Schließlich ziehen die schützenden Strukturen auch viele andere Arten an und sind etwa für Fischbrut sowie manche erwachsene Fische zum Verstecken und Fressen sehr attraktiv. So sorgt etwa ein <a href="https://www1.wdr.de/mediathek/video-kuenstliche-riffe-in-der-ostsee-100.html">künstliches Riff vor Nienhagen bei Rostock</a> für wimmelndes Meeresleben.</p> <p>Für die Meereswesen mit Flossen und Beinchen wäre künstliche Strukturen sicherlich gesünder, als toxische Untergründe. Im Bereich der Ostsee ist nicht untersucht, ob und welche Auswirkungen die Gifte auf Krebse, Seesterne oder Co haben. Allerdings zeigen Ergebnisse aus anderen Regionen anderer Meere, dass toxische Last zu verringerter Fruchtbarkeit, verkrüppeltem Nachwuchs und Erkrankungen führt.<br></br>In der Ostsee ist das bislang nur für Fische nachgewiesen, die weiter oben in der Nahrungskette stehen: Speisefische zeigen, je nach Region, hohe Belastungen mit auch für Menschen gesundheitsgefährdenden Stoffen. <a href="http://www.scilogs.de/kosmo//Users/Admin/Downloads/Tracking_explosive_contaminants_from_dumped_muniti.pdf">Aktuelle Studien des Thünen-Instituts wiesen erstmals TNT-Metaboliten im Urin von den Plattfischen</a> Klieschen, Schollen und Flundern nach. Demnach kann die Analyse von Sprengstoffen in Galle oder Urin als zuverlässige und wirksame Überwachungsstrategien für Vorkommen von Sprengstoffen in der Ostsee genutzt werden, so die FischereibiologiInnen.</p> <p>Andere Thünen-Studien hatten bereits 2022 gezeigt, dass das Vorhandensein verrottender Munition bei Klieschen (<em>Limanda limanda</em>) zu steigenden Lebertumoren <a href="https://www.thuenen.de/en/thuenen-topics/seas/munition-am-meeresgrund/auswirkungen-von-tnt-und-seinen-metaboliten-auf-fische">führt – 25%, gegenüber den normal kommenden 5%.</a> Der Sprengstoff TNT (Trinitrotoluol) hatte auch bei zahlreichen anderen Studien an Menschen bereits zu erheblichen <a href="https://academic.oup.com/carcin/article-abstract/26/7/1272/2390907?redirectedFrom=fulltext">Gesundheitsrisiken geführt, darunter ein Anstieg der Leberkrebsrate sowie Hepatitis sowie Anämie</a>.</p> <h2 id="h-ostseesteine-und-riffe"><strong>Ostseesteine und Riffe</strong></h2> <p>Wie stark die Ostsee-Tierwelt von Steinen als Untergrund abhängig ist, wurde mir erst <a href="https://www.spektrum.de/news/ostsee-rummel-am-riff/1776489">2020 im Rahmen einer Recherche über Riffe in der Ostsee</a> bekannt. Ich war nicht die Einzige, die das überraschte. Wie ausgedehnt solche Riffe – die in der Ostsee mit ihren ausgedehnten Sandböden meist nur aus wenigen Meter großen Steinblock-Stapeln bestehen, auf denen einige Algen wachsen, ist vor allem durch die ökologischen Kartierungen vor dem Bau des Fehmarnbelt-Tunnels herausgekommen. „Riffe sind vom Meeresboden schwach bis stark aufragende mineralische Hartsubstrate wie Felsen, Geschiebe, Steine, hauptsächlich auf Moränenrücken mit Block- und Steinbedeckung in kiesig-sandiger Umgebung“ mit „aufwachsenden Muscheln und Großalgen“, beschreibt das BfN diese festen Strukturen der deutschen Ostsee. Im Bereich des Fehmarnbelts liegen sie teilweise recht tief und damit im kühleren, salzhaltigeren Wasserkörper, der aus der Nordsee hereinschwappt. <a href="https://agupubs.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/2017JC013050">Solche „Inflows“ hängen von Wind und Temperaturen</a> ab, sie bringen dann auch eigentlich ozeanische Arten wie Sonnensterne oder Hochseefische mit in die eigentlich eher brackige Ostsee – aber nur in tiefere Areale.</p> <p>In der Nordsee gibt es auch Riffe, die bestehen allerdings aus Miesmuschel-, früher auch aus Austernbänken oder sogenannten Sandkorallen oder Wurmschiet. Das sind <a href="https://www.schutzstation-wattenmeer.de/wissen/tiere/wuermer/sandkoralle/">Röhrenwurmriffe der Ringelwürmer <em>Sabellaria spinulosa</em>. </a>Die Winzlinge bauen aus Schleim und Sand Wohnröhren, die als Communities dann zu riffartigen Festsubstraten werden – darin und darauf siedeln sich dann auch andere Tiere an. Diese Riffe sind durch die Fischerei stark reduziert, die europäische Auster gilt im südlichen Bereich der Nordsee als ausgestorben und Wurmriffe sind auch verschwunden. Dafür wachsen dort mittlerweile die eingeschleppten pazifischen Austern, die sich in der erwärmten Nordsee entgegen der ursprünglichen Annahme sehr wohlfühlen und auch fortpflanzen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/meertext/ostsee-meeresleben-auf-giftiger-weltkriegs-munition/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>11</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeo Podcast: Cygnus X-1 – wie findet man ein Schwarzes Loch? https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/#comments Sun, 12 Oct 2025 05:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1761 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag124-sl-768x768.jpg Das Röntgenbild des Schwarzen Lochs Cygnus X-1 zeigt ein helles blaues Licht in der Mitte, umgeben von einem dunklen Hintergrund. Die blaue Quelle hat ein körniges, leuchtendes Aussehen, das an einen sehr großen, aber leicht unscharfen Stern erinnert. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag124-sl-scaled.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Cygnus X-1 - wie findet man ein Schwarzes Loch? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag124-schwarze-loecher-entdeckung.html#/">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Je nach Masse beenden Sterne ihre Entwicklung auf unterschiedliche Weisen. Ein Stern wie unsere Sonne – eher klein, eher gelb – endet als Weißer Zwerg. Massereichere Sterne hingegen verwandeln sich in Neutronensterne, die dichtesten Gebilde im Universum. Nur den massereichsten Sternen ist das wohl spektakulärste Schicksal vorbehalten: Sie kollabieren zu einem Schwarzen Loch. Weiße Zwerge und Neutronensterne können Astronominnen und Astronomen problemlos im All beobachten – aber Schwarze Löcher? Wie sollte man ein Schwarzes Loch beobachten können, das seinem Namen wirklich alle Ehre macht, da schließlich noch nicht einmal Licht ihm entkommen kann? Schwarze Löcher sind per Definition unsichtbar.</p> <p>Nachdem Forschende im Jahr 1939 die Existenz von Schwarzen Löchern vorhergesagt hatten, blieben diese zunächst ein rein theoretisches Gebilde. Wenn überhaupt, beschäftigten sich Mathematiker und theoretische Physiker damit, vor allem waren das die Liebhaber der Allgemeinen Relativitätstheorie. Astronomen und Astrophysikerinnen hingegen kümmerten sich nicht um Schwarze Löcher – denn noch war sich niemand sicher, dass es sie tatsächlich gibt.<aside></aside></p> <p>Das sollte sich erst in den 1960er-Jahren ändern. Damals wurde klar, dass Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie nicht nur ein theoretisches Konstrukt ist, sondern sich auch an astronomischen Himmelsobjekten beobachten lässt. Da Schwarze Löcher eine Konsequenz aus der Allgemeinen Relativitätstheorie sind, stellte sich damit die Fragen, ob es sie tatsächlich gibt und falls ja, wie man sie überhaupt beobachten könnte.</p> <p>In dieser Folge erzählt Franzi, wie Astronominnen und Astronomen das erste Schwarze Loch entdeckt haben: eine helle Röntgenquelle namens Cygnus X-1 im Sternbild Schwan – und warum sie sich trotzdem lange Zeit nicht sicher sein konnten, dass es wirklich existierte.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 61: <a href="https://astrogeo.de/quasisterne-in-der-ferne/">Quasisterne in der Ferne</a></li> <li>Folge 75: <a href="https://astrogeo.de/ein-schwarzes-loch-im-zentrum-der-etwas-andere-quasi-stern/">Ein Schwarzes Loch im Zentrum: der etwas andere Quasi-Stern</a></li> <li>Folge 102: <a href="https://astrogeo.de/das-ende-des-anfangs-was-vom-urknall-uebrigblieb/">Das Ende des Anfangs: Was vom Urknall übrigblieb</a></li> <li>Folge 120: <a href="https://astrogeo.de/riss-in-der-raumzeit-wie-karl-schwarzschild-auf-schwarze-loecher-stiess/">Raumzeit-Riss: Wie Karl Schwarzschild auf Schwarze Löcher stieß</a></li> <li>Folge 123: <a href="https://astrogeo.de/weisse-zwerge-die-rettung-vor-dem-schwarzen-loch/">Weiße Zwerge – die Rettung vor dem Schwarzen Loch?</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links">Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Allgemeine_Relativit%C3%A4tstheorie">Allgemeine Relativitätstheorie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ereignishorizont">Ereignishorizont</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Singularit%C3%A4t_(Astronomie)">Singularität (Astronomie)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzes_Loch">Schwarzes Loch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Schwarzen_L%C3%B6cher">Geschichte der Schwarzen Löcher</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ereignishorizont">Ereignishorizont</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/David_Finkelstein">David Finkelstein</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Engelbert_Sch%C3%BCcking">Engelbert Schücking</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/3C_273">3C 273</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Quasar">Quasar</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Schwarzschild">Martin Schwarzschild</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Henry_Dicke">Robert Henry Dicke</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Cygnus_X-1">Cygnus X-1</a></li> <li>Welt der Physik: <a href="https://www.weltderphysik.de/gebiet/universum/schwarze-loecher/ereignishorizont/">Die Grenzen eines Schwarzen Lochs</a> (2016)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://www.nature.com/articles/235037a0">Cygnus X-1-a Spectroscopic Binary with a Heavy Companion? (1972)</a></li> <li>Buch: <a href="https://marcuschown.com/book/a-crack-in-everything/">Marcus Chown: A Crack in Everything</a></li> <li>Buch: <a href="https://yalebooks.yale.edu/book/9780300219661/black-hole/">Marcia Bartusiak: Black Hole</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s00016-025-00331-2">The Prediction and Interpretation of Singularities and Black Holes: From Einstein and Schwarzschild to Penrose and Wheeler</a> (2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://chandra.harvard.edu/photo/2009/cygx1/">NASA/CXC/SAO </a></em></p> <p><em>Schwarze Löcher sind unsichtbar – auch auf diesem Röntgenbild ist das Schwarze Loch Cygnus X-1 nicht zu sehen. Es verrät sich über seine Röntgenstrahlung: Weil das Schwarze Loch Materie von seinem Begleitstern abzieht, wird diese hochenergetische Strahlung freigesetzt, während die Materie selbst auf Nimmerwiedersehen ins Schwarze Loch stürzt.</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag124-sl-scaled.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Cygnus X-1 - wie findet man ein Schwarzes Loch? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag124-schwarze-loecher-entdeckung.html#/">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Je nach Masse beenden Sterne ihre Entwicklung auf unterschiedliche Weisen. Ein Stern wie unsere Sonne – eher klein, eher gelb – endet als Weißer Zwerg. Massereichere Sterne hingegen verwandeln sich in Neutronensterne, die dichtesten Gebilde im Universum. Nur den massereichsten Sternen ist das wohl spektakulärste Schicksal vorbehalten: Sie kollabieren zu einem Schwarzen Loch. Weiße Zwerge und Neutronensterne können Astronominnen und Astronomen problemlos im All beobachten – aber Schwarze Löcher? Wie sollte man ein Schwarzes Loch beobachten können, das seinem Namen wirklich alle Ehre macht, da schließlich noch nicht einmal Licht ihm entkommen kann? Schwarze Löcher sind per Definition unsichtbar.</p> <p>Nachdem Forschende im Jahr 1939 die Existenz von Schwarzen Löchern vorhergesagt hatten, blieben diese zunächst ein rein theoretisches Gebilde. Wenn überhaupt, beschäftigten sich Mathematiker und theoretische Physiker damit, vor allem waren das die Liebhaber der Allgemeinen Relativitätstheorie. Astronomen und Astrophysikerinnen hingegen kümmerten sich nicht um Schwarze Löcher – denn noch war sich niemand sicher, dass es sie tatsächlich gibt.<aside></aside></p> <p>Das sollte sich erst in den 1960er-Jahren ändern. Damals wurde klar, dass Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie nicht nur ein theoretisches Konstrukt ist, sondern sich auch an astronomischen Himmelsobjekten beobachten lässt. Da Schwarze Löcher eine Konsequenz aus der Allgemeinen Relativitätstheorie sind, stellte sich damit die Fragen, ob es sie tatsächlich gibt und falls ja, wie man sie überhaupt beobachten könnte.</p> <p>In dieser Folge erzählt Franzi, wie Astronominnen und Astronomen das erste Schwarze Loch entdeckt haben: eine helle Röntgenquelle namens Cygnus X-1 im Sternbild Schwan – und warum sie sich trotzdem lange Zeit nicht sicher sein konnten, dass es wirklich existierte.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 61: <a href="https://astrogeo.de/quasisterne-in-der-ferne/">Quasisterne in der Ferne</a></li> <li>Folge 75: <a href="https://astrogeo.de/ein-schwarzes-loch-im-zentrum-der-etwas-andere-quasi-stern/">Ein Schwarzes Loch im Zentrum: der etwas andere Quasi-Stern</a></li> <li>Folge 102: <a href="https://astrogeo.de/das-ende-des-anfangs-was-vom-urknall-uebrigblieb/">Das Ende des Anfangs: Was vom Urknall übrigblieb</a></li> <li>Folge 120: <a href="https://astrogeo.de/riss-in-der-raumzeit-wie-karl-schwarzschild-auf-schwarze-loecher-stiess/">Raumzeit-Riss: Wie Karl Schwarzschild auf Schwarze Löcher stieß</a></li> <li>Folge 123: <a href="https://astrogeo.de/weisse-zwerge-die-rettung-vor-dem-schwarzen-loch/">Weiße Zwerge – die Rettung vor dem Schwarzen Loch?</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links">Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Allgemeine_Relativit%C3%A4tstheorie">Allgemeine Relativitätstheorie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ereignishorizont">Ereignishorizont</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Singularit%C3%A4t_(Astronomie)">Singularität (Astronomie)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzes_Loch">Schwarzes Loch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Schwarzen_L%C3%B6cher">Geschichte der Schwarzen Löcher</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ereignishorizont">Ereignishorizont</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/David_Finkelstein">David Finkelstein</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Engelbert_Sch%C3%BCcking">Engelbert Schücking</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/3C_273">3C 273</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Quasar">Quasar</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Schwarzschild">Martin Schwarzschild</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Henry_Dicke">Robert Henry Dicke</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Cygnus_X-1">Cygnus X-1</a></li> <li>Welt der Physik: <a href="https://www.weltderphysik.de/gebiet/universum/schwarze-loecher/ereignishorizont/">Die Grenzen eines Schwarzen Lochs</a> (2016)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://www.nature.com/articles/235037a0">Cygnus X-1-a Spectroscopic Binary with a Heavy Companion? (1972)</a></li> <li>Buch: <a href="https://marcuschown.com/book/a-crack-in-everything/">Marcus Chown: A Crack in Everything</a></li> <li>Buch: <a href="https://yalebooks.yale.edu/book/9780300219661/black-hole/">Marcia Bartusiak: Black Hole</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s00016-025-00331-2">The Prediction and Interpretation of Singularities and Black Holes: From Einstein and Schwarzschild to Penrose and Wheeler</a> (2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://chandra.harvard.edu/photo/2009/cygx1/">NASA/CXC/SAO </a></em></p> <p><em>Schwarze Löcher sind unsichtbar – auch auf diesem Röntgenbild ist das Schwarze Loch Cygnus X-1 nicht zu sehen. Es verrät sich über seine Röntgenstrahlung: Weil das Schwarze Loch Materie von seinem Begleitstern abzieht, wird diese hochenergetische Strahlung freigesetzt, während die Materie selbst auf Nimmerwiedersehen ins Schwarze Loch stürzt.</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/#comments 3 Neuromythos: Persönlichkeit zerstört durch Hirnverletzung oder spektakuläre Erholung? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neuromythos-persoenlichkeit-zerstoert-durch-hirnverletzung-oder-spektakulaere-erholung/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neuromythos-persoenlichkeit-zerstoert-durch-hirnverletzung-oder-spektakulaere-erholung/#comments Thu, 09 Oct 2025 11:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3450 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Bigelow-1850-Phineas-Gage-Recovery-Figure-1-768x444.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neuromythos-persoenlichkeit-zerstoert-durch-hirnverletzung-oder-spektakulaere-erholung/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Bigelow-1850-Phineas-Gage-Recovery-Figure-1.jpg" /><h1>Neuromythos: Persönlichkeit zerstört durch Hirnverletzung oder spektakuläre Erholung? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><br></br><strong>Phineas Gage ist der berühmteste neurologische Patient aller Zeiten. In einem neuen Podcast wird nun auf unterhaltsame Weise die ganze Geschichte erzählt.</strong></p> <span id="more-3450"></span> <p>Wir befinden uns im Jahr 1848 in der Nähe des Dorfs Cavendish im US-Bundesstaat Vermont. Der Ausbau der Eisenbahn läuft auf Hochtouren. Doch die Arbeit ist oft schwierig. Wie räumte man damals Felsblöcke aus dem Weg, um den Schienen den Weg zu bahnen? Am besten mit Sprengstoff.</p> <p>Am Nachmittag des 13. Septembers macht der damals 25-jährige Vorarbeiter Phineas Gage einen folgenschweren Fehler: In den Händen hält er die sechs Kilo schwere Eisenstange, mit der er sonst eine Schicht Sand auf das Schwarzpulver für eine Sprengung presst. Für einen Moment ist er abgelenkt.</p> <p>Wahrscheinlich kommen Eisen und Fels in Kontakt und entsteht so ein Funke. Dieser entzündet das Schwarzpulver, das noch nicht mit Sand abgedeckt ist. Die Explosion schießt die Eisenstange durch seinen Kopf. Wäre sie nicht angespitzt gewesen, hätte ihm die schiere Wucht wohl Schädel und Genick gebrochen. So wird der junge Mann zwar umgeworfen. Doch wenig später steht er wieder auf – blutend und mit einem Loch im Kopf. Er ist bei Bewusstsein und ansprechbar.</p> <h2 id="h-fakt-und-fiktion">Fakt und Fiktion</h2> <p>Was sich im 19. Jahrhundert niemand vorstellen konnte, ist für uns heute ein historisches Fakt: Phineas Gage überlebt den gravierenden Unfall. Wie ein zweites Wunder muss uns erscheinen, dass ihn auch die schlechten hygienischen Bedingungen der damaligen Zeit nicht dahinraffen. Der einfache Landarzt John M. Harlow (1819-1907), gerade einmal vier Jahre älter als sein Patient, versorgt ihn und rettet ihn auch durch ein gefährliches Fieberkoma.<aside></aside></p> <p>Das wäre alles schon außergewöhnlich genug, um den Fall interessant für medizinische Geschichtsbücher zu machen. Doch bis in die heutige Zeit fasziniert uns Gages Hirnschaden wegen der (angeblichen) Persönlichkeitsveränderungen, die dadurch entstanden: Viele Forscher behaupten, die Eisenstange habe aus dem vorbildlichen Vorarbeiter eine Art Psychopath gemacht. Eine Verwandlung von Doktor Jekyll zu Mister Hyde.</p> <p>Ist das aber die ganze Geschichte? Und stimmt sie überhaupt? Oder haben Harlow und andere den Fall so beschrieben, wie es die damals vorherrschende Gehirntheorie, die Phrenologie, erwarten ließ? Und was ist mit alternativen psychologischen Erklärungen, wie zum Beispiel der posttraumatischen Belastungsstörung?</p> <h2 id="h-neuer-podcast">Neuer Podcast</h2> <p><br></br>Armin Groh hat den Fall in seinem Podcast “<a href="https://www.rsh.de/jahrhundertgeschichten">Jahrhundertgeschichten. Der True-Life Podcast</a>” aufgegriffen und musikalisch untermalt. Erfahren Sie im Gespräch mit mir, ob Gages Persönlichkeit wirklich unwiderruflich durch die Eisenstange zerstört wurde – oder es sich vielmehr um ein Beispiel einer spektakulären Erholung handelt, Stichwort: Neuroplastizität.</p> <p>Lernen Sie die ganze Geschichte kennen. Und auch die wissenschaftliche Geschichte hinter der Geschichte.</p> <figure></figure> <p>Als Alternative zu Spotify ist die Folge auch <a href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/jahrhundertgeschichten/id1725966102">auf Apple Podcasts</a> verfügbar.</p> <h2 id="h-hintergrunde">Hintergründe</h2> <p>Mehr zum Fall und seiner Bedeutung für Psychologie und Hirnforschung können Sie in meinem Buch <em><a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-662-66323-3">Wissenschaft und Willensfreiheit</a></em> (hier beim Verlag oder im Buchhandel erhältlich) nachlesen. Über die Geschichte der Phrenologie und ihre Bedeutung für Hirnforschung und Psychiatrie bis heute erfahren Sie mehr in meinem neuen Buch <em>Perspektiven aus der Depressions-Pandemie</em>.</p> <figure><a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die “Depressions-Epidemie” im neuen Buch von Stephan Schleim: Was sind Depressionen überhaupt? Wie werden sie diagnostiziert? Wie veränderte sich das Störungsbild im Laufe der Zeit? Warum wird es in den letzten Jahrzehnten so viel häufiger diagnostiziert und haben sich die Medikamentenverschreibungen verfielfacht? Das Buch kombiniert 27 alte und neue Perspektiven aus Psychologie, Neurowissenschaft und Soziologie mit viel Orientierungswissen zum Verstehen, Vorbeugen und Heilen. Das eBook gibt es für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="http://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play</a><a href="https://play.google.com/store/books/details?id=pbRPEQAAQBAJ"> Books</a>.</em></p> <p>Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung findet sich in meinen beiden Publikationen:</p> <ul> <li>Schleim, S. (2012). <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0160252712000027">Brains in context in the neurolaw debate: The examples of free will and “dangerous” brains</a>. <em>International Journal of Law and Psychiatry</em>, <em>35</em>(2), 104-111.</li> <li>Schleim, S. (2022). <a href="https://www.frontiersin.org/journals/human-neuroscience/articles/10.3389/fnhum.2022.734174/full">Neuroscience education begins with good science: Communication about Phineas Gage (1823–1860), one of neurology’s most-famous patients, in scientific articles</a>. <em>Frontiers in Human Neuroscience</em>, <em>16</em>, 734174.</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: Nach dem Arzt und Wissenschaftler Henry J. Bigelow, 1850</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/782baef62f8648d5b799f139d04a7b43" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Bigelow-1850-Phineas-Gage-Recovery-Figure-1.jpg" /><h1>Neuromythos: Persönlichkeit zerstört durch Hirnverletzung oder spektakuläre Erholung? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><br></br><strong>Phineas Gage ist der berühmteste neurologische Patient aller Zeiten. In einem neuen Podcast wird nun auf unterhaltsame Weise die ganze Geschichte erzählt.</strong></p> <span id="more-3450"></span> <p>Wir befinden uns im Jahr 1848 in der Nähe des Dorfs Cavendish im US-Bundesstaat Vermont. Der Ausbau der Eisenbahn läuft auf Hochtouren. Doch die Arbeit ist oft schwierig. Wie räumte man damals Felsblöcke aus dem Weg, um den Schienen den Weg zu bahnen? Am besten mit Sprengstoff.</p> <p>Am Nachmittag des 13. Septembers macht der damals 25-jährige Vorarbeiter Phineas Gage einen folgenschweren Fehler: In den Händen hält er die sechs Kilo schwere Eisenstange, mit der er sonst eine Schicht Sand auf das Schwarzpulver für eine Sprengung presst. Für einen Moment ist er abgelenkt.</p> <p>Wahrscheinlich kommen Eisen und Fels in Kontakt und entsteht so ein Funke. Dieser entzündet das Schwarzpulver, das noch nicht mit Sand abgedeckt ist. Die Explosion schießt die Eisenstange durch seinen Kopf. Wäre sie nicht angespitzt gewesen, hätte ihm die schiere Wucht wohl Schädel und Genick gebrochen. So wird der junge Mann zwar umgeworfen. Doch wenig später steht er wieder auf – blutend und mit einem Loch im Kopf. Er ist bei Bewusstsein und ansprechbar.</p> <h2 id="h-fakt-und-fiktion">Fakt und Fiktion</h2> <p>Was sich im 19. Jahrhundert niemand vorstellen konnte, ist für uns heute ein historisches Fakt: Phineas Gage überlebt den gravierenden Unfall. Wie ein zweites Wunder muss uns erscheinen, dass ihn auch die schlechten hygienischen Bedingungen der damaligen Zeit nicht dahinraffen. Der einfache Landarzt John M. Harlow (1819-1907), gerade einmal vier Jahre älter als sein Patient, versorgt ihn und rettet ihn auch durch ein gefährliches Fieberkoma.<aside></aside></p> <p>Das wäre alles schon außergewöhnlich genug, um den Fall interessant für medizinische Geschichtsbücher zu machen. Doch bis in die heutige Zeit fasziniert uns Gages Hirnschaden wegen der (angeblichen) Persönlichkeitsveränderungen, die dadurch entstanden: Viele Forscher behaupten, die Eisenstange habe aus dem vorbildlichen Vorarbeiter eine Art Psychopath gemacht. Eine Verwandlung von Doktor Jekyll zu Mister Hyde.</p> <p>Ist das aber die ganze Geschichte? Und stimmt sie überhaupt? Oder haben Harlow und andere den Fall so beschrieben, wie es die damals vorherrschende Gehirntheorie, die Phrenologie, erwarten ließ? Und was ist mit alternativen psychologischen Erklärungen, wie zum Beispiel der posttraumatischen Belastungsstörung?</p> <h2 id="h-neuer-podcast">Neuer Podcast</h2> <p><br></br>Armin Groh hat den Fall in seinem Podcast “<a href="https://www.rsh.de/jahrhundertgeschichten">Jahrhundertgeschichten. Der True-Life Podcast</a>” aufgegriffen und musikalisch untermalt. Erfahren Sie im Gespräch mit mir, ob Gages Persönlichkeit wirklich unwiderruflich durch die Eisenstange zerstört wurde – oder es sich vielmehr um ein Beispiel einer spektakulären Erholung handelt, Stichwort: Neuroplastizität.</p> <p>Lernen Sie die ganze Geschichte kennen. Und auch die wissenschaftliche Geschichte hinter der Geschichte.</p> <figure></figure> <p>Als Alternative zu Spotify ist die Folge auch <a href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/jahrhundertgeschichten/id1725966102">auf Apple Podcasts</a> verfügbar.</p> <h2 id="h-hintergrunde">Hintergründe</h2> <p>Mehr zum Fall und seiner Bedeutung für Psychologie und Hirnforschung können Sie in meinem Buch <em><a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-662-66323-3">Wissenschaft und Willensfreiheit</a></em> (hier beim Verlag oder im Buchhandel erhältlich) nachlesen. Über die Geschichte der Phrenologie und ihre Bedeutung für Hirnforschung und Psychiatrie bis heute erfahren Sie mehr in meinem neuen Buch <em>Perspektiven aus der Depressions-Pandemie</em>.</p> <figure><a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die “Depressions-Epidemie” im neuen Buch von Stephan Schleim: Was sind Depressionen überhaupt? Wie werden sie diagnostiziert? Wie veränderte sich das Störungsbild im Laufe der Zeit? Warum wird es in den letzten Jahrzehnten so viel häufiger diagnostiziert und haben sich die Medikamentenverschreibungen verfielfacht? Das Buch kombiniert 27 alte und neue Perspektiven aus Psychologie, Neurowissenschaft und Soziologie mit viel Orientierungswissen zum Verstehen, Vorbeugen und Heilen. Das eBook gibt es für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="http://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play</a><a href="https://play.google.com/store/books/details?id=pbRPEQAAQBAJ"> Books</a>.</em></p> <p>Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung findet sich in meinen beiden Publikationen:</p> <ul> <li>Schleim, S. (2012). <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0160252712000027">Brains in context in the neurolaw debate: The examples of free will and “dangerous” brains</a>. <em>International Journal of Law and Psychiatry</em>, <em>35</em>(2), 104-111.</li> <li>Schleim, S. (2022). <a href="https://www.frontiersin.org/journals/human-neuroscience/articles/10.3389/fnhum.2022.734174/full">Neuroscience education begins with good science: Communication about Phineas Gage (1823–1860), one of neurology’s most-famous patients, in scientific articles</a>. <em>Frontiers in Human Neuroscience</em>, <em>16</em>, 734174.</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: Nach dem Arzt und Wissenschaftler Henry J. Bigelow, 1850</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/782baef62f8648d5b799f139d04a7b43" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neuromythos-persoenlichkeit-zerstoert-durch-hirnverletzung-oder-spektakulaere-erholung/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>7</slash:comments> </item> <item> <title>Der zelluläre Code zum Recyclen https://scilogs.spektrum.de/klartext/der-zellulaere-code-zum-recyclen/ https://scilogs.spektrum.de/klartext/der-zellulaere-code-zum-recyclen/#comments Thu, 09 Oct 2025 10:20:34 +0000 klartext https://scilogs.spektrum.de/klartext/?p=1144 https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender-768x649.png <link>https://scilogs.spektrum.de/klartext/der-zellulaere-code-zum-recyclen/</link> </image> <description type="html"><h1>Der zelluläre Code zum Recyclen » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für seine Bewerbung um den <a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><span>KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</span></a> 2023 in der Kategorie Biologie veranschaulichte Simon Kienle, was er für seine Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Wer bringt eigentlich in einer menschlichen Zelle den Müll weg? Erstaunlicherweise haben auch Zellen ein Müllentsorgungssystem. Die Zelle arbeitet hier mit einem ausgetüftelten Code, wobei ein bestimmtes Protein eine ganz besondere Rolle spielt. Das Müllentsorgungssystem der Zelle ist so wichtig, dass sich viele Krankheiten darauf zurückführen lassen.</em></p> <p>Eine menschliche Zelle ist wie eine Stadt. Sie ist stets „in action“. Dort gibt es Einrichtungen zur Energieerzeugung, Transportstraßen und Fabriken, die etwas herstellen. Es herrscht also viel Trubel in einer Zelle. Dabei fällt auch viel Müll an. Gut, dass eine Zelle auch ein Müllentsorgungssystem besitzt! Würde der Müll liegenbleiben, wäre das für die Abläufe in der Zelle schädlich und könnte letztlich Krankheiten verursachen. Und in der Tat, viele Krankheiten sind mit einer Fehlfunktion der zellulären Müllentsorgung verbunden. Aber wie funktioniert die Beseitigung von Müll in einer Zelle?</p> <p><strong>Die Müllabfuhr in der Zelle</strong></p> <p>Zu verstehen, wie eine Zelle ihren Müll beseitigt, ist nicht einfach, da es sich um ein sehr ausgetüfteltes System handelt. Hauptakteur ist ein Protein mit dem Namen Ubiquitin. Proteine sind im Prinzip zelleigene Maschinen und erfüllen bestimmte Aufgaben in der Zelle. Zum Beispiel transportieren Proteine Moleküle von einem Ort zum anderen, erzeugen Energie, oder beseitigen eben Müll. Somit sorgen Proteine für den reibungslosen Ablauf in einer Zelle. Das Protein Ubiquitin hat die Aufgabe defekte oder nicht mehr benötigte Proteine als „Müll“ zu markieren. Diese Proteine werden dann von der Zelle über ihr Müllentsorgungssystem mit speziellen Recycling-Proteinen beseitigt. Ubiquitin kann also als eine Art „Haftnotiz“ betrachtet werden. Wie eine Haftnotiz kann Ubiquitin an einem Protein angebracht aber auch wieder entfernt werden. Das Markieren von Proteinen mit diesem Haftnotiz-Protein Ubiquitin, ermöglicht es der Zelle zu unterscheiden welche Proteine entsorgt werden und welche nicht. Oder anders gesagt, nur Proteine mit der Haftnotiz werden beseitigt.<aside></aside></p> <p>In meiner Doktorarbeit habe ich mich hauptsächlich mit Ubiquitin, dem Haftnotiz Protein, befasst. Durch meine Forschung kann ein weiteres Mosaikstück zu dem Verständnis über die vielseitigen Aufgaben von Ubiquitin hinzugefügt werden.</p> <p>Ubiquitin und das Müllentsorgungssystem sind von zentraler Bedeutung für die Zelle. Viele Krankheiten lassen sich darauf zurückführen: Parkinson, Alzheimer, Gebärmutterhalskrebs im Besonderen und viele Krebsarten im Allgemeinen. Aber woher kommt diese zentrale Bedeutung?</p> <p><strong>Ein Code für viele Aufgaben</strong></p> <p>In unserem Alltag sind solche Haftnotizen, wie Ubiquitin, um bei der Analogie zu bleiben, in verschiedensten Farben erhältlich. Unterschiedliche Farben kann man nutzen, um ihnen unterschiedliche Aufgaben zuzuweisen, sodass man eine Art Farbcode erstellen kann. Dieses Prinzip trifft auch auf Ubiquitin zu. Es gibt auch bei Ubiquitin einen bestimmten Code, den „Ubiquitin-Code“. Nur ist dieser Code nicht durch ein Farbschema hinterlegt, sondern durch bestimmte Modifikationen von Ubiquitin, die wie ein Code funktionieren. Durch diesen Code weiß die zelleigene Müllentsorgung, ob es sich um Sperrmüll handelt oder ob ein Kleinteil recycelt werden soll. Der Ubiquitin-Code wird dazu von bestimmten Recycling-Proteinen gelesen und der Müll entsprechend entsorgt. So kann Ubiquitin als Haftnotiz für verschiedenste Müllsorten verwendet werden. In dieser Vielseitigkeit liegt auch die zentrale Bedeutung von Ubiquitin. Ubiquitin und dessen farbcode-ähnliche Modifikationen steuern nämlich fast alle Prozesse rundum die Abfallbeseitigung einer Zelle. Deswegen forschen wir auch intensiv an den Funktionen von Ubiquitin.</p> <p><strong>Ubiquitin und seine Verbindung zu Krankheiten</strong></p> <p>Bei Krankheiten wird Ubiquitin oft falsch angeheftet oder der Code nicht korrekt ausgeführt. Wenn eine Haftnotiz falsch angebracht wird, wird womöglich der falsche Gegenstand vernichtet bzw. entsorgt. Wird hingegen der Code nicht korrekt ausgeführt, kann es sein, dass Sperrmüllteile im Hausmüll entsorgt werden. Dies trifft auch auf Ubiquitin und das Müllentsorgungssystem zu. Damit in der Zelle alles problemlos abläuft, muss Ubiquitin auch an den richtigen Proteinen angebracht werden; für die passende Entsorgung muss der Ubiquitin-Code richtig entschlüsselt werden. Bei Krankheiten ist oftmals ein Punkt oder sogar beide dieser Punkte fehlgesteuert. Besonders deutlich wird das bei Gebärmutterhalskrebs. Hier wird unter anderem ein Protein irrtümlich vernichtet, welches das Zellwachstum hemmt. Das führt dann zu einer unkontrollierten Zellvermehrung und schließlich zu Krebs. Dahingegen werden bei Alzheimer kaputte Protein nicht richtig entsorgt. Sprich, der Protein-Müll bleibt in Gehirnzellen liegen und führt dazu, dass sie absterben.</p> <p>Jedoch wissen wir bei vielen Krankheiten nicht, was im Ablauf der Müllentsorgung, also im Ubiquitin-Code, schiefläuft. Deshalb habe ich mir das Ziel gesetzt, während meiner Doktorarbeit ein weiteres Stück Ubiquitin-Code zu entschlüsseln.</p> <p><strong>Ein weiteres Stück Ubiquitin-Code aufklären</strong></p> <p>Diesen vielseitigen Farbcode zu entschlüsseln, ist eine wahre Herkulesaufgabe, denn unsere Zellen benutzen enorme viele Ubiquitin Modifikationen. Sprich, es gibt eine außerordentlich große Anzahl an Farbvarianten der Haftnotiz. Deswegen sind wir den schlecht erforschten Farben der Haftnotiz auf die Spur gegangen. Wir haben dadurch den noch unbekannten Code hinter einer Farbe des Haftnotiz-Proteins und dessen Aufgabe bei der Müllentsorgung entschlüsselt.</p> <p>Dazu haben wir im Labor über ein paar Tricks, Ubiquitin, also die Haftnotiz, mit der entsprechenden Modifikation selbst hergestellt. Nun war die Frage: Was ist die Aufgabe hinter dieser Farbvariante des Ubiquitin-Codes?</p> <p><strong>Auf der Suche nach unseren Recycling-Proteinen</strong></p> <p>Es gibt bestimmte Recycling-Proteine, der zelleigenen Müllentsorgung, die den Ubiquitin-Code entschlüsseln können und dann den markierten Müll entsorgen. Dabei lesen diese Recycling-Proteine den Ubiquitin-Code und setzten ihn in die entsprechende Entsorgung um. Dazu binden diese decodierenden Recycling-Proteine spezifisch eine Farbe der Haftnotiz. Für unsere Ubiquitin Modifikation waren diese Recycling-Proteine noch nicht bekannt. Und solang dieses Stück des Ubiquitin-Codes nicht entziffert werden kann, kann auch die Aufgabe, die er beschreibt, nicht verstanden werden. Genau deswegen sind wir der Frage nachgegangen, welche Recycling-Proteine unsere Ubiquitin Modifikation übersetzen können.</p> <p>Dazu haben wir den gesuchten Recycling-Proteinen eine Falle gestellt. Diese Proteine müssen nämlich direkt an unser Haftnotiz-Protein Ubiquitin binden, um den Code zu lesen. Das haben wir ausgenutzt. Wenn wir bei der Analogie der Zelle als Stadt bleiben wollen, dann könnte man sagen, dass wir in der ganzen Stadt unsere Haftnotiz verteilt haben und dann beobachtet haben, welche Recycling-Proteine zu der Haftnotiz kommen und gebunden bleiben. Sprich, unsere Ubiquitin war der Köder für die zelluläre Müllabfuhr.</p> <p>Und in der Tat konnten wir dabei Recycling-Proteine finden. Sogar relativ viele Proteine gingen uns in die Falle. Eines jedoch stach besonders heraus: Das war das Protein mit dem Namen „NDP52“. NDP52 ging nämlich sehr häufig in die Falle, was natürlich unsere Aufmerksamkeit weckte. Außerdem ist NDP52 sehr interessant, da es bei der Beseitigung von bakteriellen Krankheitserregern eine wichtige Rolle spielt. Zu diesen Krankheitserregern gehören unter anderem Salmonellen. Wir versuchten also unsere Ergebnisse zu bestätigen – mit Erfolg! NDP52 zeigte in allen weiteren Versuchen eine starke Bindung zu unserer Ubiquitin-Haftnotiz. Das heißt, NDP52 ist eines der Recycling-Proteine für unseren Teil des Ubiquitin-Codes. So nehmen wir an, dass unser Stück Ubiquitin-Code dazu beiträgt große Sperrmüllteile, wie zum Beispiel ganze Bakterien, zu beseitigen. Im Allgemeinen lässt sich durch unsere Forschung mit NDP52 und den anderen gefundenen Recycling-Proteinen die Aufgabe unseres Stücks Ubiquitin-Code besser verstehen. In Zukunft kann dieses Wissen sogar zur Entwicklung neuer Medikamente gegen Krankheiten ausgenutzt werden.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender.png"><img alt="" decoding="async" height="7452" sizes="(max-width: 8813px) 100vw, 8813px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender.png 8813w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender-300x254.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender-1024x866.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender-768x649.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender-1536x1299.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender-2048x1732.png 2048w" width="8813"></img></a><figcaption><em>Erstellt mit BioRender</em></figcaption></figure> <hr></hr> <p>Simon Maria Kienle promovierte an der Universität Konstanz am Fachbereich Biologie zum Thema posttranslationale Modifikation von Proteinen und deren Wirkungsweisen. Er schloss seine Promotion im Jahr 2022 ab und forscht heute als PostDoc an der Realisierung von personalisierter Medizin am Steno Diabetes Center Kopenhagen, Dänemark. Hier begibt er sich auch mittels „-omics“ Technologien auf die Spurensuche nach Molekülen, die es erlauben ein Krankheitsverlauf zuverlässig vorherzusagen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Der zelluläre Code zum Recyclen » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für seine Bewerbung um den <a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><span>KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</span></a> 2023 in der Kategorie Biologie veranschaulichte Simon Kienle, was er für seine Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Wer bringt eigentlich in einer menschlichen Zelle den Müll weg? Erstaunlicherweise haben auch Zellen ein Müllentsorgungssystem. Die Zelle arbeitet hier mit einem ausgetüftelten Code, wobei ein bestimmtes Protein eine ganz besondere Rolle spielt. Das Müllentsorgungssystem der Zelle ist so wichtig, dass sich viele Krankheiten darauf zurückführen lassen.</em></p> <p>Eine menschliche Zelle ist wie eine Stadt. Sie ist stets „in action“. Dort gibt es Einrichtungen zur Energieerzeugung, Transportstraßen und Fabriken, die etwas herstellen. Es herrscht also viel Trubel in einer Zelle. Dabei fällt auch viel Müll an. Gut, dass eine Zelle auch ein Müllentsorgungssystem besitzt! Würde der Müll liegenbleiben, wäre das für die Abläufe in der Zelle schädlich und könnte letztlich Krankheiten verursachen. Und in der Tat, viele Krankheiten sind mit einer Fehlfunktion der zellulären Müllentsorgung verbunden. Aber wie funktioniert die Beseitigung von Müll in einer Zelle?</p> <p><strong>Die Müllabfuhr in der Zelle</strong></p> <p>Zu verstehen, wie eine Zelle ihren Müll beseitigt, ist nicht einfach, da es sich um ein sehr ausgetüfteltes System handelt. Hauptakteur ist ein Protein mit dem Namen Ubiquitin. Proteine sind im Prinzip zelleigene Maschinen und erfüllen bestimmte Aufgaben in der Zelle. Zum Beispiel transportieren Proteine Moleküle von einem Ort zum anderen, erzeugen Energie, oder beseitigen eben Müll. Somit sorgen Proteine für den reibungslosen Ablauf in einer Zelle. Das Protein Ubiquitin hat die Aufgabe defekte oder nicht mehr benötigte Proteine als „Müll“ zu markieren. Diese Proteine werden dann von der Zelle über ihr Müllentsorgungssystem mit speziellen Recycling-Proteinen beseitigt. Ubiquitin kann also als eine Art „Haftnotiz“ betrachtet werden. Wie eine Haftnotiz kann Ubiquitin an einem Protein angebracht aber auch wieder entfernt werden. Das Markieren von Proteinen mit diesem Haftnotiz-Protein Ubiquitin, ermöglicht es der Zelle zu unterscheiden welche Proteine entsorgt werden und welche nicht. Oder anders gesagt, nur Proteine mit der Haftnotiz werden beseitigt.<aside></aside></p> <p>In meiner Doktorarbeit habe ich mich hauptsächlich mit Ubiquitin, dem Haftnotiz Protein, befasst. Durch meine Forschung kann ein weiteres Mosaikstück zu dem Verständnis über die vielseitigen Aufgaben von Ubiquitin hinzugefügt werden.</p> <p>Ubiquitin und das Müllentsorgungssystem sind von zentraler Bedeutung für die Zelle. Viele Krankheiten lassen sich darauf zurückführen: Parkinson, Alzheimer, Gebärmutterhalskrebs im Besonderen und viele Krebsarten im Allgemeinen. Aber woher kommt diese zentrale Bedeutung?</p> <p><strong>Ein Code für viele Aufgaben</strong></p> <p>In unserem Alltag sind solche Haftnotizen, wie Ubiquitin, um bei der Analogie zu bleiben, in verschiedensten Farben erhältlich. Unterschiedliche Farben kann man nutzen, um ihnen unterschiedliche Aufgaben zuzuweisen, sodass man eine Art Farbcode erstellen kann. Dieses Prinzip trifft auch auf Ubiquitin zu. Es gibt auch bei Ubiquitin einen bestimmten Code, den „Ubiquitin-Code“. Nur ist dieser Code nicht durch ein Farbschema hinterlegt, sondern durch bestimmte Modifikationen von Ubiquitin, die wie ein Code funktionieren. Durch diesen Code weiß die zelleigene Müllentsorgung, ob es sich um Sperrmüll handelt oder ob ein Kleinteil recycelt werden soll. Der Ubiquitin-Code wird dazu von bestimmten Recycling-Proteinen gelesen und der Müll entsprechend entsorgt. So kann Ubiquitin als Haftnotiz für verschiedenste Müllsorten verwendet werden. In dieser Vielseitigkeit liegt auch die zentrale Bedeutung von Ubiquitin. Ubiquitin und dessen farbcode-ähnliche Modifikationen steuern nämlich fast alle Prozesse rundum die Abfallbeseitigung einer Zelle. Deswegen forschen wir auch intensiv an den Funktionen von Ubiquitin.</p> <p><strong>Ubiquitin und seine Verbindung zu Krankheiten</strong></p> <p>Bei Krankheiten wird Ubiquitin oft falsch angeheftet oder der Code nicht korrekt ausgeführt. Wenn eine Haftnotiz falsch angebracht wird, wird womöglich der falsche Gegenstand vernichtet bzw. entsorgt. Wird hingegen der Code nicht korrekt ausgeführt, kann es sein, dass Sperrmüllteile im Hausmüll entsorgt werden. Dies trifft auch auf Ubiquitin und das Müllentsorgungssystem zu. Damit in der Zelle alles problemlos abläuft, muss Ubiquitin auch an den richtigen Proteinen angebracht werden; für die passende Entsorgung muss der Ubiquitin-Code richtig entschlüsselt werden. Bei Krankheiten ist oftmals ein Punkt oder sogar beide dieser Punkte fehlgesteuert. Besonders deutlich wird das bei Gebärmutterhalskrebs. Hier wird unter anderem ein Protein irrtümlich vernichtet, welches das Zellwachstum hemmt. Das führt dann zu einer unkontrollierten Zellvermehrung und schließlich zu Krebs. Dahingegen werden bei Alzheimer kaputte Protein nicht richtig entsorgt. Sprich, der Protein-Müll bleibt in Gehirnzellen liegen und führt dazu, dass sie absterben.</p> <p>Jedoch wissen wir bei vielen Krankheiten nicht, was im Ablauf der Müllentsorgung, also im Ubiquitin-Code, schiefläuft. Deshalb habe ich mir das Ziel gesetzt, während meiner Doktorarbeit ein weiteres Stück Ubiquitin-Code zu entschlüsseln.</p> <p><strong>Ein weiteres Stück Ubiquitin-Code aufklären</strong></p> <p>Diesen vielseitigen Farbcode zu entschlüsseln, ist eine wahre Herkulesaufgabe, denn unsere Zellen benutzen enorme viele Ubiquitin Modifikationen. Sprich, es gibt eine außerordentlich große Anzahl an Farbvarianten der Haftnotiz. Deswegen sind wir den schlecht erforschten Farben der Haftnotiz auf die Spur gegangen. Wir haben dadurch den noch unbekannten Code hinter einer Farbe des Haftnotiz-Proteins und dessen Aufgabe bei der Müllentsorgung entschlüsselt.</p> <p>Dazu haben wir im Labor über ein paar Tricks, Ubiquitin, also die Haftnotiz, mit der entsprechenden Modifikation selbst hergestellt. Nun war die Frage: Was ist die Aufgabe hinter dieser Farbvariante des Ubiquitin-Codes?</p> <p><strong>Auf der Suche nach unseren Recycling-Proteinen</strong></p> <p>Es gibt bestimmte Recycling-Proteine, der zelleigenen Müllentsorgung, die den Ubiquitin-Code entschlüsseln können und dann den markierten Müll entsorgen. Dabei lesen diese Recycling-Proteine den Ubiquitin-Code und setzten ihn in die entsprechende Entsorgung um. Dazu binden diese decodierenden Recycling-Proteine spezifisch eine Farbe der Haftnotiz. Für unsere Ubiquitin Modifikation waren diese Recycling-Proteine noch nicht bekannt. Und solang dieses Stück des Ubiquitin-Codes nicht entziffert werden kann, kann auch die Aufgabe, die er beschreibt, nicht verstanden werden. Genau deswegen sind wir der Frage nachgegangen, welche Recycling-Proteine unsere Ubiquitin Modifikation übersetzen können.</p> <p>Dazu haben wir den gesuchten Recycling-Proteinen eine Falle gestellt. Diese Proteine müssen nämlich direkt an unser Haftnotiz-Protein Ubiquitin binden, um den Code zu lesen. Das haben wir ausgenutzt. Wenn wir bei der Analogie der Zelle als Stadt bleiben wollen, dann könnte man sagen, dass wir in der ganzen Stadt unsere Haftnotiz verteilt haben und dann beobachtet haben, welche Recycling-Proteine zu der Haftnotiz kommen und gebunden bleiben. Sprich, unsere Ubiquitin war der Köder für die zelluläre Müllabfuhr.</p> <p>Und in der Tat konnten wir dabei Recycling-Proteine finden. Sogar relativ viele Proteine gingen uns in die Falle. Eines jedoch stach besonders heraus: Das war das Protein mit dem Namen „NDP52“. NDP52 ging nämlich sehr häufig in die Falle, was natürlich unsere Aufmerksamkeit weckte. Außerdem ist NDP52 sehr interessant, da es bei der Beseitigung von bakteriellen Krankheitserregern eine wichtige Rolle spielt. Zu diesen Krankheitserregern gehören unter anderem Salmonellen. Wir versuchten also unsere Ergebnisse zu bestätigen – mit Erfolg! NDP52 zeigte in allen weiteren Versuchen eine starke Bindung zu unserer Ubiquitin-Haftnotiz. Das heißt, NDP52 ist eines der Recycling-Proteine für unseren Teil des Ubiquitin-Codes. So nehmen wir an, dass unser Stück Ubiquitin-Code dazu beiträgt große Sperrmüllteile, wie zum Beispiel ganze Bakterien, zu beseitigen. Im Allgemeinen lässt sich durch unsere Forschung mit NDP52 und den anderen gefundenen Recycling-Proteinen die Aufgabe unseres Stücks Ubiquitin-Code besser verstehen. In Zukunft kann dieses Wissen sogar zur Entwicklung neuer Medikamente gegen Krankheiten ausgenutzt werden.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender.png"><img alt="" decoding="async" height="7452" sizes="(max-width: 8813px) 100vw, 8813px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender.png 8813w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender-300x254.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender-1024x866.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender-768x649.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender-1536x1299.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender-2048x1732.png 2048w" width="8813"></img></a><figcaption><em>Erstellt mit BioRender</em></figcaption></figure> <hr></hr> <p>Simon Maria Kienle promovierte an der Universität Konstanz am Fachbereich Biologie zum Thema posttranslationale Modifikation von Proteinen und deren Wirkungsweisen. Er schloss seine Promotion im Jahr 2022 ab und forscht heute als PostDoc an der Realisierung von personalisierter Medizin am Steno Diabetes Center Kopenhagen, Dänemark. Hier begibt er sich auch mittels „-omics“ Technologien auf die Spurensuche nach Molekülen, die es erlauben ein Krankheitsverlauf zuverlässig vorherzusagen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/klartext/der-zellulaere-code-zum-recyclen/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>Mathematicians’ New Best Friend? https://scilogs.spektrum.de/hlf/mathematicians-new-best-friend/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/mathematicians-new-best-friend/#comments Wed, 08 Oct 2025 12:00:00 +0000 Benjamin Skuse https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=13822 <h1>Mathematicians’ New Best Friend? - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>When the 101 young mathematicians were making their way to the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">12th Heidelberg Laureate Forum</a> from across the world, most would have been excited by the potential for meeting new friends, new collaborators, hearing inspiring talks and potentially finding new research directions. Few would have expected to be considering whether mathematics was on the cusp of a transformative AI revolution after the first day. Yet, the message from <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/sanjeev-arora/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Sanjeev Arora</a> (ACM Prize in Computing – 2011), <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/david-silver/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">David Silver</a> (ACM Prize in Computing – 2019) and <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/richard-sutton/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Richard S. Sutton</a> (ACM A.M. Turing Award – 2024) during their Spark Session talks was clear: They expect that AI will unshackle itself from its creators to transcend human knowledge and capabilities, and the first subject to feel the effects of this new world order will be mathematics.</p> <p>From various discussions with young researchers during the coffee breaks, this message gave many of them a somewhat bitter aftertaste. Excitement that a superintelligent AI mathematician might be able to solve the Riemann hypothesis and other important unsolved problems in pure mathematics was tempered by more practical concerns. In five to 10 years’ time, will these young mathematicians still have a job? Will the generation after that? And if so, will humans still be conducting the part of mathematics that is fun; the creative, problem-solving side at the bleeding edge of current knowledge?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13827" rel="attachment wp-att-13827"><img alt="Hot Topic: The Machine-Learning Revolution in Mathematics and Science - Mathematics " decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005646_59b2b4652b_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005646_59b2b4652b_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005646_59b2b4652b_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005646_59b2b4652b_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Hot Topic: The Machine-Learning Revolution in Mathematics and Science – Mathematics (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>On the second day of the Forum, it was into this somewhat unsettled atmosphere that the Hot Topic session “<a href="https://www.youtube.com/watch?v=GpSvaA3fWAg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The Machine-Learning Revolution in Mathematics and Science – Part 1: Mathematics</a>” kicked off. Panellists Yang-Hui He (Fellow of the London Institute of Mathematical Science, UK), Javier Gómez-Serrano (Professor at Brown University, USA), Maia Fraser (Professor at the University of Ottawa, Canada) and Arora, were asked by moderator George Musser what excites and concerns them most about AI. Their answers mirrored the thoughts of young scientists and can be broadly summarised as: New vistas in mathematics will be opened up by AI, but the technology is developing too rapidly to understand what roles humans will play in the mathematics of the future.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/GpSvaA3fWAg?feature=oembed&amp;rel=0" title="Hot Topic: The Machine-Learning Revolution – Part 1: Mathematics | September 16" width="666"></iframe> </p></figure> <h3 id="h-picking-up-the-pace">Picking up the Pace</h3> <p>To these concerns, there was a wide array of responses from the eclectic expert panel. Gómez-Serrano is working at the coalface of AI development, and so has a clear view of the pace of progress. He was first exposed to the power of AI when he began applying neural networks to find out when and if Leonhard Euler’s 1757 equation to describe the motion of an ideal, incompressible fluid, ever breaks down and delivers nonsense.</p> <p>More recently, Gómez-Serrano has been working with <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/terence-tao/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Terence Tao</a> (Fields Medal – 2006) and Google DeepMind to develop AlphaEvolve. AlphaEvolve is a Gemini-powered evolutionary coding agent that substantially enhances capabilities of state-of-the-art large language models on highly challenging tasks such as tackling open scientific problems or optimising critical pieces of computational infrastructure. “It’s doing meaningful things in actual open problems at a much faster time scale than a trained human,” he said. “In the maths community, progress was measured in years or even in decades, and now we can start to measure things in months.”<aside></aside></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13824" rel="attachment wp-att-13824"><img alt="Javier Gómez-Serrano" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159962_2bf49ecb78_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159962_2bf49ecb78_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159962_2bf49ecb78_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159962_2bf49ecb78_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Javier Gómez-Serrano (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>Arora also has a well-resolved view of progress in the field. He received the ACM Prize in Computing 2011 for contributions to computational complexity, algorithms and optimisation that have helped reshape understanding of computation. In 2023, he became founding Director of Princeton Language and Intelligence, a new unit at Princeton University devoted to the study of large AI models and their applications, and currently he is deeply involved in developing <a href="https://goedel-lm.github.io/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Goedel-Prover</a>, an open-source language model that generates automated formal proofs of mathematical problems.</p> <p>Arora’s message was even more sobering than Gómez-Serrano’s: “The number one takeaway from the AI revolution of the last 10 years is that whatever we thought was hard for AI is often easy, and vice versa,” he exclaimed. “And my guess is that making good conjectures is the stuff AI will be good at; and that’s the creative part.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13829" rel="attachment wp-att-13829"><img alt="Sanjeev Arora" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Sanjeev Arora (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <h3 id="h-beyond-the-turing-test">Beyond the Turing Test</h3> <p>Although He sees himself as a “fanatic” in the use of AI and machine learning in pure mathematicians, he suggested AI is still far from the finished article, with time left before it starts benching human mathematicians. With ChatGPT passing the Turing test in 2022, He and colleagues came up with a new stricter test for AI-assisted conjecture formulation, which they named the Birch test, consisting of three components: A, I and N. A stands for automaticity, such that the conjecture raised by the AI cannot be influenced by humans during its process. I is for interpretability, so that humans can interpret the mathematics in a form they can digest. And N is for non-triviality, in the sense that the conjecture is interesting enough for humans to want to work on it. “In this very strict sense, nothing out of the hundreds of papers in the past decade has passed this Birch test,” he remarked. “There are only two instances where we got close.”</p> <p>The first He mentioned was a <a href="https://www.nature.com/articles/s41586-021-04086-x" rel="noreferrer noopener" target="_blank">2021 DeepMind paper published in <em>Nature</em></a> in which a machine-learning-guided framework was used to find a new connection between the algebraic and geometric structure of knots, and a candidate algorithm predicted by the combinatorial invariance conjecture for symmetric groups. “That passed the A and I,” said He. “But it didn’t pass the N test because they were able to prove it.”</p> <p>The other case was one of his own <a href="https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/10586458.2024.2382361" rel="noreferrer noopener" target="_blank">published in 2024</a>: the murmuration conjecture. He and colleagues used machine learning on millions of elliptic curves (i.e. curves defined by equations of the form \(y^{2} = y^{2} + ax + b\), where \(a\) and \(b\) are constants) to predict their ranks (numbers indicating how many independent points are needed to generate all other points on the curve). Analysing and visualising the success of the method revealed patterns that resembled a murmuration – the ever-changing striking patterns that large groups of starlings make – with curves of different ranks flowing across the plot. “But that failed the A test,” said He. “Because we had to choose the algorithm to try to inch out that formula.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13830" rel="attachment wp-att-13830"><img alt="Starling murmuration" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Starling_Murmuration_-_RSPB_Minsmere_21446738793-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Starling_Murmuration_-_RSPB_Minsmere_21446738793-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Starling_Murmuration_-_RSPB_Minsmere_21446738793-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Starling_Murmuration_-_RSPB_Minsmere_21446738793-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Starling_Murmuration_-_RSPB_Minsmere_21446738793-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Starling_Murmuration_-_RSPB_Minsmere_21446738793-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Starling murmuration. Image credit: Airwolfhound (CC-BY-SA-2.0)</figcaption></figure></div> <h3 id="h-human-agency-in-ai-deployment"><strong>Human Agency in AI Deployment</strong></h3> <p>In contrast to the other panellists, Fraser felt that the replacement of humans in important tasks like forming conjectures is far from inevitable, and still in the hands of human mathematicians, at least for the time being. A mathematician researching machine learning, for the past five years Fraser has been running a training programme across four Canadian universities to support graduate students who are combining mathematics and machine learning, but also to raise their awareness about questions of social impact and ethics.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13825" rel="attachment wp-att-13825"><img alt="Maia Fraser" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159987_0dab3114db_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159987_0dab3114db_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159987_0dab3114db_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159987_0dab3114db_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Maia Fraser (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>Then last year, Fraser was one of the guest editors for two special editions of the <em>Bulletin of the American Mathematical Society</em> called “<a href="https://www.ams.org/journals/bull/2024-61-02/S0273-0979-2024-01836-9/viewer/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Will machines change mathematics?</a>”, whose call to action – “It is for us to determine how our subject should develop” – resonated with the community and forced many to start seriously thinking about the impact of AI on mathematics and their own work. She is also currently writing a book on AI safety and has spoken on this topic for the HLFF Blog in a <a href="https://www.newsroom.hlf-foundation.org/blog/article/ok-google-prove-the-riemann-hypothesis/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">previous post</a>. “I would emphasise the need to just pause for a moment and try to see a big picture view,” she stated. “The concern is that without looking at the social impact of some of these things, stuff will just happen by default. But we have a lot of agency in terms of the kinds of things we want to invent and how we’re going to deploy them.”</p> <h3 id="h-priests-to-oracles">Priests to Oracles?</h3> <p>Though the comments from panellists were enlightening, they did not quell the audience’s concerns about rapidly evolving AI posing risks to human mathematicians. Unsurprisingly, considering the pace of change, there was little consensus from the panel to the audience’s insightful questions and comments.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13826" rel="attachment wp-att-13826"><img alt="A young researcher absorbing the Hot Topic discussion" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005636_c55564457c_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005636_c55564457c_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005636_c55564457c_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005636_c55564457c_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>A young researcher absorbing the Hot Topic discussion (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>For instance, one young researcher asked whether the uptake of AI for research will lead to institutions putting less resources into recruiting and training people to do research work. “The way you do research will change, and people will get used to AI assistance,” said Gómez-Serrano. “But it may or may not affect hiring.” Fraser, in contrast, was certain that AI uptake would affect the job market, calling for institutions and society more generally to recognise the importance of jobs in mathematics as not only performing a function and a means to live, but also as a way to discover purpose in life through the community noticing what someone is doing and appreciating it: “We should acknowledge that and value it so that we can make sure that it’s cared for as we navigate into the future,” she said.</p> <p>Several audience members asked questions about what could happen if AI gets to the stage where humans are completely <a href="https://www.newsroom.hlf-foundation.org/blog/article/when-the-stochastic-parrot-spoke-for-itself-and-flew-away/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">out of the loop</a>. Arora and He, in particular, seemed unfazed by this idea, suggesting human mathematics will morph into an activity akin to chess or studying English Literature. “Just as chess now is more popular than ever, even though machines have been much better for 25 years, humans like to do it, and so they will like to do math,” Arora claimed. “I don’t know how to predict how that will all work, but people will enjoy doing it more, because from an early age, people will have this amazing [AI] teacher, which very few people had growing up previously.”</p> <p>“A colleague of mine from the English Department gives a good view on this,” began He in his response. “Imagine the extreme case where [mathematics] is all done completely by AI: Where do we come in, and what do we do? And my friend says: ‘Well, what do English professors do? We write commentary on Shakespeare,’ … and that’s still a very, very interesting thing to do. So in the distant future, where you have an automatically generated proof of the Riemann hypothesis, we can then write commentary on how we digest the proof and make sense of it and talk about it. In some sense, mathematicians become priests to oracles.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13828" rel="attachment wp-att-13828"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005666_e2b70eb44f_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005666_e2b70eb44f_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005666_e2b70eb44f_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005666_e2b70eb44f_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Yang-Hui He (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>Only Fraser made the point that AI only gets to the stage where humans are completely out of the loop if humans choose to take themselves out of the loop, re-emphasising that right now mathematicians have agency to plot the course of how AI is deployed in their profession, forming a template for other areas of society that will be affected later down the line. “One thing that young researchers in math can do is identify things that they value in being a mathematician, and care for those so that the path in which AI is integrated into math honours that,” she concluded. “Math is a very cohesive community; it’s going to be much harder in other areas of society, so it’s important that math sets an example for these societal aspects of AI.”</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Mathematicians’ New Best Friend? - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>When the 101 young mathematicians were making their way to the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">12th Heidelberg Laureate Forum</a> from across the world, most would have been excited by the potential for meeting new friends, new collaborators, hearing inspiring talks and potentially finding new research directions. Few would have expected to be considering whether mathematics was on the cusp of a transformative AI revolution after the first day. Yet, the message from <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/sanjeev-arora/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Sanjeev Arora</a> (ACM Prize in Computing – 2011), <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/david-silver/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">David Silver</a> (ACM Prize in Computing – 2019) and <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/richard-sutton/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Richard S. Sutton</a> (ACM A.M. Turing Award – 2024) during their Spark Session talks was clear: They expect that AI will unshackle itself from its creators to transcend human knowledge and capabilities, and the first subject to feel the effects of this new world order will be mathematics.</p> <p>From various discussions with young researchers during the coffee breaks, this message gave many of them a somewhat bitter aftertaste. Excitement that a superintelligent AI mathematician might be able to solve the Riemann hypothesis and other important unsolved problems in pure mathematics was tempered by more practical concerns. In five to 10 years’ time, will these young mathematicians still have a job? Will the generation after that? And if so, will humans still be conducting the part of mathematics that is fun; the creative, problem-solving side at the bleeding edge of current knowledge?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13827" rel="attachment wp-att-13827"><img alt="Hot Topic: The Machine-Learning Revolution in Mathematics and Science - Mathematics " decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005646_59b2b4652b_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005646_59b2b4652b_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005646_59b2b4652b_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005646_59b2b4652b_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Hot Topic: The Machine-Learning Revolution in Mathematics and Science – Mathematics (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>On the second day of the Forum, it was into this somewhat unsettled atmosphere that the Hot Topic session “<a href="https://www.youtube.com/watch?v=GpSvaA3fWAg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The Machine-Learning Revolution in Mathematics and Science – Part 1: Mathematics</a>” kicked off. Panellists Yang-Hui He (Fellow of the London Institute of Mathematical Science, UK), Javier Gómez-Serrano (Professor at Brown University, USA), Maia Fraser (Professor at the University of Ottawa, Canada) and Arora, were asked by moderator George Musser what excites and concerns them most about AI. Their answers mirrored the thoughts of young scientists and can be broadly summarised as: New vistas in mathematics will be opened up by AI, but the technology is developing too rapidly to understand what roles humans will play in the mathematics of the future.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/GpSvaA3fWAg?feature=oembed&amp;rel=0" title="Hot Topic: The Machine-Learning Revolution – Part 1: Mathematics | September 16" width="666"></iframe> </p></figure> <h3 id="h-picking-up-the-pace">Picking up the Pace</h3> <p>To these concerns, there was a wide array of responses from the eclectic expert panel. Gómez-Serrano is working at the coalface of AI development, and so has a clear view of the pace of progress. He was first exposed to the power of AI when he began applying neural networks to find out when and if Leonhard Euler’s 1757 equation to describe the motion of an ideal, incompressible fluid, ever breaks down and delivers nonsense.</p> <p>More recently, Gómez-Serrano has been working with <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/terence-tao/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Terence Tao</a> (Fields Medal – 2006) and Google DeepMind to develop AlphaEvolve. AlphaEvolve is a Gemini-powered evolutionary coding agent that substantially enhances capabilities of state-of-the-art large language models on highly challenging tasks such as tackling open scientific problems or optimising critical pieces of computational infrastructure. “It’s doing meaningful things in actual open problems at a much faster time scale than a trained human,” he said. “In the maths community, progress was measured in years or even in decades, and now we can start to measure things in months.”<aside></aside></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13824" rel="attachment wp-att-13824"><img alt="Javier Gómez-Serrano" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159962_2bf49ecb78_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159962_2bf49ecb78_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159962_2bf49ecb78_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159962_2bf49ecb78_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Javier Gómez-Serrano (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>Arora also has a well-resolved view of progress in the field. He received the ACM Prize in Computing 2011 for contributions to computational complexity, algorithms and optimisation that have helped reshape understanding of computation. In 2023, he became founding Director of Princeton Language and Intelligence, a new unit at Princeton University devoted to the study of large AI models and their applications, and currently he is deeply involved in developing <a href="https://goedel-lm.github.io/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Goedel-Prover</a>, an open-source language model that generates automated formal proofs of mathematical problems.</p> <p>Arora’s message was even more sobering than Gómez-Serrano’s: “The number one takeaway from the AI revolution of the last 10 years is that whatever we thought was hard for AI is often easy, and vice versa,” he exclaimed. “And my guess is that making good conjectures is the stuff AI will be good at; and that’s the creative part.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13829" rel="attachment wp-att-13829"><img alt="Sanjeev Arora" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Sanjeev Arora (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <h3 id="h-beyond-the-turing-test">Beyond the Turing Test</h3> <p>Although He sees himself as a “fanatic” in the use of AI and machine learning in pure mathematicians, he suggested AI is still far from the finished article, with time left before it starts benching human mathematicians. With ChatGPT passing the Turing test in 2022, He and colleagues came up with a new stricter test for AI-assisted conjecture formulation, which they named the Birch test, consisting of three components: A, I and N. A stands for automaticity, such that the conjecture raised by the AI cannot be influenced by humans during its process. I is for interpretability, so that humans can interpret the mathematics in a form they can digest. And N is for non-triviality, in the sense that the conjecture is interesting enough for humans to want to work on it. “In this very strict sense, nothing out of the hundreds of papers in the past decade has passed this Birch test,” he remarked. “There are only two instances where we got close.”</p> <p>The first He mentioned was a <a href="https://www.nature.com/articles/s41586-021-04086-x" rel="noreferrer noopener" target="_blank">2021 DeepMind paper published in <em>Nature</em></a> in which a machine-learning-guided framework was used to find a new connection between the algebraic and geometric structure of knots, and a candidate algorithm predicted by the combinatorial invariance conjecture for symmetric groups. “That passed the A and I,” said He. “But it didn’t pass the N test because they were able to prove it.”</p> <p>The other case was one of his own <a href="https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/10586458.2024.2382361" rel="noreferrer noopener" target="_blank">published in 2024</a>: the murmuration conjecture. He and colleagues used machine learning on millions of elliptic curves (i.e. curves defined by equations of the form \(y^{2} = y^{2} + ax + b\), where \(a\) and \(b\) are constants) to predict their ranks (numbers indicating how many independent points are needed to generate all other points on the curve). Analysing and visualising the success of the method revealed patterns that resembled a murmuration – the ever-changing striking patterns that large groups of starlings make – with curves of different ranks flowing across the plot. “But that failed the A test,” said He. “Because we had to choose the algorithm to try to inch out that formula.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13830" rel="attachment wp-att-13830"><img alt="Starling murmuration" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Starling_Murmuration_-_RSPB_Minsmere_21446738793-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Starling_Murmuration_-_RSPB_Minsmere_21446738793-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Starling_Murmuration_-_RSPB_Minsmere_21446738793-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Starling_Murmuration_-_RSPB_Minsmere_21446738793-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Starling_Murmuration_-_RSPB_Minsmere_21446738793-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Starling_Murmuration_-_RSPB_Minsmere_21446738793-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Starling murmuration. Image credit: Airwolfhound (CC-BY-SA-2.0)</figcaption></figure></div> <h3 id="h-human-agency-in-ai-deployment"><strong>Human Agency in AI Deployment</strong></h3> <p>In contrast to the other panellists, Fraser felt that the replacement of humans in important tasks like forming conjectures is far from inevitable, and still in the hands of human mathematicians, at least for the time being. A mathematician researching machine learning, for the past five years Fraser has been running a training programme across four Canadian universities to support graduate students who are combining mathematics and machine learning, but also to raise their awareness about questions of social impact and ethics.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13825" rel="attachment wp-att-13825"><img alt="Maia Fraser" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159987_0dab3114db_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159987_0dab3114db_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159987_0dab3114db_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159987_0dab3114db_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Maia Fraser (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>Then last year, Fraser was one of the guest editors for two special editions of the <em>Bulletin of the American Mathematical Society</em> called “<a href="https://www.ams.org/journals/bull/2024-61-02/S0273-0979-2024-01836-9/viewer/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Will machines change mathematics?</a>”, whose call to action – “It is for us to determine how our subject should develop” – resonated with the community and forced many to start seriously thinking about the impact of AI on mathematics and their own work. She is also currently writing a book on AI safety and has spoken on this topic for the HLFF Blog in a <a href="https://www.newsroom.hlf-foundation.org/blog/article/ok-google-prove-the-riemann-hypothesis/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">previous post</a>. “I would emphasise the need to just pause for a moment and try to see a big picture view,” she stated. “The concern is that without looking at the social impact of some of these things, stuff will just happen by default. But we have a lot of agency in terms of the kinds of things we want to invent and how we’re going to deploy them.”</p> <h3 id="h-priests-to-oracles">Priests to Oracles?</h3> <p>Though the comments from panellists were enlightening, they did not quell the audience’s concerns about rapidly evolving AI posing risks to human mathematicians. Unsurprisingly, considering the pace of change, there was little consensus from the panel to the audience’s insightful questions and comments.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13826" rel="attachment wp-att-13826"><img alt="A young researcher absorbing the Hot Topic discussion" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005636_c55564457c_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005636_c55564457c_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005636_c55564457c_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005636_c55564457c_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>A young researcher absorbing the Hot Topic discussion (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>For instance, one young researcher asked whether the uptake of AI for research will lead to institutions putting less resources into recruiting and training people to do research work. “The way you do research will change, and people will get used to AI assistance,” said Gómez-Serrano. “But it may or may not affect hiring.” Fraser, in contrast, was certain that AI uptake would affect the job market, calling for institutions and society more generally to recognise the importance of jobs in mathematics as not only performing a function and a means to live, but also as a way to discover purpose in life through the community noticing what someone is doing and appreciating it: “We should acknowledge that and value it so that we can make sure that it’s cared for as we navigate into the future,” she said.</p> <p>Several audience members asked questions about what could happen if AI gets to the stage where humans are completely <a href="https://www.newsroom.hlf-foundation.org/blog/article/when-the-stochastic-parrot-spoke-for-itself-and-flew-away/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">out of the loop</a>. Arora and He, in particular, seemed unfazed by this idea, suggesting human mathematics will morph into an activity akin to chess or studying English Literature. “Just as chess now is more popular than ever, even though machines have been much better for 25 years, humans like to do it, and so they will like to do math,” Arora claimed. “I don’t know how to predict how that will all work, but people will enjoy doing it more, because from an early age, people will have this amazing [AI] teacher, which very few people had growing up previously.”</p> <p>“A colleague of mine from the English Department gives a good view on this,” began He in his response. “Imagine the extreme case where [mathematics] is all done completely by AI: Where do we come in, and what do we do? And my friend says: ‘Well, what do English professors do? We write commentary on Shakespeare,’ … and that’s still a very, very interesting thing to do. So in the distant future, where you have an automatically generated proof of the Riemann hypothesis, we can then write commentary on how we digest the proof and make sense of it and talk about it. In some sense, mathematicians become priests to oracles.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13828" rel="attachment wp-att-13828"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005666_e2b70eb44f_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005666_e2b70eb44f_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005666_e2b70eb44f_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005666_e2b70eb44f_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Yang-Hui He (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>Only Fraser made the point that AI only gets to the stage where humans are completely out of the loop if humans choose to take themselves out of the loop, re-emphasising that right now mathematicians have agency to plot the course of how AI is deployed in their profession, forming a template for other areas of society that will be affected later down the line. “One thing that young researchers in math can do is identify things that they value in being a mathematician, and care for those so that the path in which AI is integrated into math honours that,” she concluded. “Math is a very cohesive community; it’s going to be much harder in other areas of society, so it’s important that math sets an example for these societal aspects of AI.”</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/mathematicians-new-best-friend/#comments 7 Flourishing Minds – Flourishing Europe: Erstes Europäisches Forum für Positive Neurowissenschaften gegründet https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/flourishing-minds-flourishing-europe-erstes-europaeisches-forum-fuer-positive-neurowissenschaften-gegruendet/ https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/flourishing-minds-flourishing-europe-erstes-europaeisches-forum-fuer-positive-neurowissenschaften-gegruendet/#comments Mon, 06 Oct 2025 14:39:55 +0000 Michaela Brohm-Badry https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/?p=1293 <h1>Flourishing Minds – Flourishing Europe: Erstes Europäisches Forum für Positive Neurowissenschaften gegründet » Positive Psychologie und Motivation » SciLogs</h1><h2>By Michaela Brohm-Badry</h2><div itemprop="text"> <p>Michaela Brohm-Badry</p> <p>Europa steht an einem Wendepunkt. Krisen, Spaltungen und Zukunftsängste prägen das gesellschaftliche Klima. Doch die entscheidende Ressource unseres Kontinents liegt nicht in Rohstoffen oder Märkten – sondern im Menschen selbst: in seiner geistigen, emotionalen und motivationalen Kraft.<br></br>Ein Europa, das gedeihen will, braucht Menschen, die aufblühen – Menschen, die Hoffnung statt Resignation leben, Kreativität statt Stillstand entfalten, Wissenschaft statt Fakenews stärken und Menschlichkeit statt Spaltung fördern. Genau hier setzt die Forschung der Positiven Neurowissenschaften (Positive Neuroscience) an.</p> <h3><br></br>Von der Positiven Psychologie zu den Positiven Neurowissenschaften</h3> <p><br></br>Der Begriff Positive Neuroscience wurde 2009 von Martin E. P. Seligman und Jonathan Haidt (University of Pennsylvania) geprägt. Sie zielten darauf ab, die neuronalen Grundlagen von Tugenden, Stärken und psychischem Aufblühen (flourishing) zu erforschen.<br></br>Ein Jahr später förderte die John Templeton Foundation das Positive Neuroscience Project unter Leitung von Tali Sharot, Kevin Ochsner, Richard Davidson und Mary Helen Immordino-Yang. Zum ersten Mal wurden dabei die neuronalen Grundlagen positiver menschlicher Eigenschaften im Gehirn systematisch untersucht.<br></br>Seither liefern die Positiven Neurowissenschaften grundlegende Erkenntnisse darüber, wie das Gehirn Wohlbefinden, Resilienz und Hoffnung generiert – und wie positive Emotionen neuroplastische Prozesse aktivieren, die die psychische Gesundheit langfristig stärken.<br></br>Das Feld verbindet damit Neurowissenschaften und Positive Psychologie – es richtet den Fokus nicht auf Defizite oder Störungen, sondern auf die neuronalen Grundlagen menschlicher Stärke, Motivation und Verbundenheit.</p> <h3 id="h-kernkonzepte-der-positiven-neurowissenschaften">Kernkonzepte der Positiven Neurowissenschaften</h3> <p><br></br>1. Positive Emotionen<br></br>Studien zeigen, dass Emotionen wie Freude, Dankbarkeit und Liebe nicht nur kurzfristig das Wohlbefinden steigern, sondern langfristig neuroplastische Veränderungen anstoßen. Diese fördern emotionale Stabilität, Lernfähigkeit und Resilienz.<aside></aside></p> <p><br></br>2. Neuroplastizität<br></br>Positive Erfahrungen verändern die synaptische, strukturelle und funktionelle Architektur des Gehirns. Sie stärken neuronale Netzwerke, die Widerstandskraft gegenüber Stress und Trauma ermöglichen – eine zentrale biologische Grundlage für Lernen und psychisches Wachstum.</p> <p><br></br>3. Wohlbefinden und Sinn<br></br>Forschung zu Zielorientierung, Achtsamkeit und sozialer Verbundenheit zeigt: Sinnstiftende Lebenskontexte sind mit charakteristischen Aktivierungsmustern in präfrontalen und limbischen Strukturen verbunden – Arealen, die emotionale Regulation und Motivation steuern.</p> <p><br></br>4. Evidenzbasierte Interventionen<br></br>Meditation, kognitive Verhaltenstherapie, Dankbarkeitsübungen, Musik, kreatives Schreiben oder Journaling wirken nicht nur psychologisch, sondern zeigen messbare Effekte auf neuronale Netzwerke, die Wohlbefinden stabilisieren.</p> <div><figure><img alt="Gehirn_EUPONS_Brohm-Badry" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-1024x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-1024x1024.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-300x300.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-150x150.jpeg 150w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-768x768.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-1536x1536.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie.jpeg 2000w" width="1024"></img></figure><div> <p><br></br><strong>Anwendungsfelder der Positiven Neurowissenschaften in Bildung, Gesundheit, Wirtschaft, Politik</strong></p> </div></div> <h3 id="h-anwendungsfelder-bildung-gesundheit-wirtschaft-politik"><br></br>Anwendungsfelder: Bildung, Gesundheit, Wirtschaft, Politik</h3> <p><br></br>Die Erkenntnisse der Positiven Neurowissenschaften haben breite Relevanz:</p> <ul> <li><strong>Bildung:</strong> Förderung emotionaler und motivationaler Kompetenzen steigert Lernfreude, Konzentration und Resilienz.</li> <li><strong>Gesundheitswesen: </strong>Positive Interventionen unterstützen Rehabilitation, Prävention und Lebensqualität.</li> <li><strong>Arbeitswelt: </strong>Ein positives neurobiologisches Klima in Organisationen steigert Kreativität, Kooperation und Innovationskraft.</li> <li><strong>Gesellschaft und Politik: </strong>Evidenzbasierte Politikgestaltung kann Rahmenbedingungen schaffen, die das Flourishing von Individuen und Gemeinschaften fördern.</li> </ul> <p>Das Gehirn ist kein isoliertes Organ, sondern ein Sozialorgan – es reagiert auf menschliche Verbundenheit und gesellschaftliche Strukturen. Damit wird deutlich: Die Förderung individueller Lebensqualität ist immer auch ein Beitrag zur kollektiven Resilienz.</p> <h3 id="h-eupons-das-europaische-forum-fur-positive-neurowissenschaften">EUPONS – Das Europäische Forum für Positive Neurowissenschaften</h3> <p>Vor diesem Hintergrund wurde 2025 das European Forum for Positive Neuroscience (EUPONS) gegründet – das erste europaweite Netzwerk, das Forschung, Praxis und Politik im Feld der Positiven Neurowissenschaften verknüpft.<br></br>EUPONS versteht sich als interdisziplinäre Plattform zur Förderung von Forschung, Dialog und Transfer über die neurowissenschaftlichen Grundlagen menschlichen Lernens, Wohlbefindens und gesellschaftlicher Resilienz.</p> <p>Forschungsschwerpunkte sind insbesondere:</p> <ul> <li>Flourishing</li> <li>Mentale Gesundheit und Resilienz</li> <li>Motivation</li> <li>Politische und gesellschaftliche Teilhaberschaft</li> <li>Positive Leadership</li> <li>Well-being Literacy</li> <li>Neuroplastizität und Lernen</li> </ul> <p>Ziel ist eine „Neuroscience of Flourishing“, also ein Verständnis dafür, wie Gehirn, Psyche und Gesellschaft gemeinsam gedeihen können<br></br>Unter dem Leitgedanken <em>Flourishing Minds – Flourishing Europe</em> schafft EUPONS Räume für Austausch zwischen Neurowissenschaft, Psychologie, Pädagogik, Medizin, Wirtschaft und Politik – zum Wohlergehen der Menschen, insbesondere im europäischen Kontext.</p> <p>EUPONS initiiert und begleitet europäische Forschungs- und Entwicklungsprojekte, erprobt sie in der Praxis und fördert den Wissenstransfer in Bildung, Gesundheit und Arbeitswelt. Ziel ist ein neues, europäisch vernetztes Verständnis von Motivation, Lernen und psychischer Gesundheit – fundiert in Wissenschaft, getragen von Kooperation und inspiriert von der Vision eines aufblühenden Europas.</p> <p>Kontakt und Informationen:<br></br>European Forum for Positive Neuroscience (EUPONS)<p><a href="http://www.eupons.eu">www.eupons.eu</a>info@eupons.eu</p></p> <p>Foto (c) shutterstock.com</p> <p>Website <a href="http://brohm-badry.de">www.brohm-badry.de</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Flourishing Minds – Flourishing Europe: Erstes Europäisches Forum für Positive Neurowissenschaften gegründet » Positive Psychologie und Motivation » SciLogs</h1><h2>By Michaela Brohm-Badry</h2><div itemprop="text"> <p>Michaela Brohm-Badry</p> <p>Europa steht an einem Wendepunkt. Krisen, Spaltungen und Zukunftsängste prägen das gesellschaftliche Klima. Doch die entscheidende Ressource unseres Kontinents liegt nicht in Rohstoffen oder Märkten – sondern im Menschen selbst: in seiner geistigen, emotionalen und motivationalen Kraft.<br></br>Ein Europa, das gedeihen will, braucht Menschen, die aufblühen – Menschen, die Hoffnung statt Resignation leben, Kreativität statt Stillstand entfalten, Wissenschaft statt Fakenews stärken und Menschlichkeit statt Spaltung fördern. Genau hier setzt die Forschung der Positiven Neurowissenschaften (Positive Neuroscience) an.</p> <h3><br></br>Von der Positiven Psychologie zu den Positiven Neurowissenschaften</h3> <p><br></br>Der Begriff Positive Neuroscience wurde 2009 von Martin E. P. Seligman und Jonathan Haidt (University of Pennsylvania) geprägt. Sie zielten darauf ab, die neuronalen Grundlagen von Tugenden, Stärken und psychischem Aufblühen (flourishing) zu erforschen.<br></br>Ein Jahr später förderte die John Templeton Foundation das Positive Neuroscience Project unter Leitung von Tali Sharot, Kevin Ochsner, Richard Davidson und Mary Helen Immordino-Yang. Zum ersten Mal wurden dabei die neuronalen Grundlagen positiver menschlicher Eigenschaften im Gehirn systematisch untersucht.<br></br>Seither liefern die Positiven Neurowissenschaften grundlegende Erkenntnisse darüber, wie das Gehirn Wohlbefinden, Resilienz und Hoffnung generiert – und wie positive Emotionen neuroplastische Prozesse aktivieren, die die psychische Gesundheit langfristig stärken.<br></br>Das Feld verbindet damit Neurowissenschaften und Positive Psychologie – es richtet den Fokus nicht auf Defizite oder Störungen, sondern auf die neuronalen Grundlagen menschlicher Stärke, Motivation und Verbundenheit.</p> <h3 id="h-kernkonzepte-der-positiven-neurowissenschaften">Kernkonzepte der Positiven Neurowissenschaften</h3> <p><br></br>1. Positive Emotionen<br></br>Studien zeigen, dass Emotionen wie Freude, Dankbarkeit und Liebe nicht nur kurzfristig das Wohlbefinden steigern, sondern langfristig neuroplastische Veränderungen anstoßen. Diese fördern emotionale Stabilität, Lernfähigkeit und Resilienz.<aside></aside></p> <p><br></br>2. Neuroplastizität<br></br>Positive Erfahrungen verändern die synaptische, strukturelle und funktionelle Architektur des Gehirns. Sie stärken neuronale Netzwerke, die Widerstandskraft gegenüber Stress und Trauma ermöglichen – eine zentrale biologische Grundlage für Lernen und psychisches Wachstum.</p> <p><br></br>3. Wohlbefinden und Sinn<br></br>Forschung zu Zielorientierung, Achtsamkeit und sozialer Verbundenheit zeigt: Sinnstiftende Lebenskontexte sind mit charakteristischen Aktivierungsmustern in präfrontalen und limbischen Strukturen verbunden – Arealen, die emotionale Regulation und Motivation steuern.</p> <p><br></br>4. Evidenzbasierte Interventionen<br></br>Meditation, kognitive Verhaltenstherapie, Dankbarkeitsübungen, Musik, kreatives Schreiben oder Journaling wirken nicht nur psychologisch, sondern zeigen messbare Effekte auf neuronale Netzwerke, die Wohlbefinden stabilisieren.</p> <div><figure><img alt="Gehirn_EUPONS_Brohm-Badry" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-1024x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-1024x1024.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-300x300.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-150x150.jpeg 150w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-768x768.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-1536x1536.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie.jpeg 2000w" width="1024"></img></figure><div> <p><br></br><strong>Anwendungsfelder der Positiven Neurowissenschaften in Bildung, Gesundheit, Wirtschaft, Politik</strong></p> </div></div> <h3 id="h-anwendungsfelder-bildung-gesundheit-wirtschaft-politik"><br></br>Anwendungsfelder: Bildung, Gesundheit, Wirtschaft, Politik</h3> <p><br></br>Die Erkenntnisse der Positiven Neurowissenschaften haben breite Relevanz:</p> <ul> <li><strong>Bildung:</strong> Förderung emotionaler und motivationaler Kompetenzen steigert Lernfreude, Konzentration und Resilienz.</li> <li><strong>Gesundheitswesen: </strong>Positive Interventionen unterstützen Rehabilitation, Prävention und Lebensqualität.</li> <li><strong>Arbeitswelt: </strong>Ein positives neurobiologisches Klima in Organisationen steigert Kreativität, Kooperation und Innovationskraft.</li> <li><strong>Gesellschaft und Politik: </strong>Evidenzbasierte Politikgestaltung kann Rahmenbedingungen schaffen, die das Flourishing von Individuen und Gemeinschaften fördern.</li> </ul> <p>Das Gehirn ist kein isoliertes Organ, sondern ein Sozialorgan – es reagiert auf menschliche Verbundenheit und gesellschaftliche Strukturen. Damit wird deutlich: Die Förderung individueller Lebensqualität ist immer auch ein Beitrag zur kollektiven Resilienz.</p> <h3 id="h-eupons-das-europaische-forum-fur-positive-neurowissenschaften">EUPONS – Das Europäische Forum für Positive Neurowissenschaften</h3> <p>Vor diesem Hintergrund wurde 2025 das European Forum for Positive Neuroscience (EUPONS) gegründet – das erste europaweite Netzwerk, das Forschung, Praxis und Politik im Feld der Positiven Neurowissenschaften verknüpft.<br></br>EUPONS versteht sich als interdisziplinäre Plattform zur Förderung von Forschung, Dialog und Transfer über die neurowissenschaftlichen Grundlagen menschlichen Lernens, Wohlbefindens und gesellschaftlicher Resilienz.</p> <p>Forschungsschwerpunkte sind insbesondere:</p> <ul> <li>Flourishing</li> <li>Mentale Gesundheit und Resilienz</li> <li>Motivation</li> <li>Politische und gesellschaftliche Teilhaberschaft</li> <li>Positive Leadership</li> <li>Well-being Literacy</li> <li>Neuroplastizität und Lernen</li> </ul> <p>Ziel ist eine „Neuroscience of Flourishing“, also ein Verständnis dafür, wie Gehirn, Psyche und Gesellschaft gemeinsam gedeihen können<br></br>Unter dem Leitgedanken <em>Flourishing Minds – Flourishing Europe</em> schafft EUPONS Räume für Austausch zwischen Neurowissenschaft, Psychologie, Pädagogik, Medizin, Wirtschaft und Politik – zum Wohlergehen der Menschen, insbesondere im europäischen Kontext.</p> <p>EUPONS initiiert und begleitet europäische Forschungs- und Entwicklungsprojekte, erprobt sie in der Praxis und fördert den Wissenstransfer in Bildung, Gesundheit und Arbeitswelt. Ziel ist ein neues, europäisch vernetztes Verständnis von Motivation, Lernen und psychischer Gesundheit – fundiert in Wissenschaft, getragen von Kooperation und inspiriert von der Vision eines aufblühenden Europas.</p> <p>Kontakt und Informationen:<br></br>European Forum for Positive Neuroscience (EUPONS)<p><a href="http://www.eupons.eu">www.eupons.eu</a>info@eupons.eu</p></p> <p>Foto (c) shutterstock.com</p> <p>Website <a href="http://brohm-badry.de">www.brohm-badry.de</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/flourishing-minds-flourishing-europe-erstes-europaeisches-forum-fuer-positive-neurowissenschaften-gegruendet/#comments 18 KI: Der Kollaps des Schlaraffenlands https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/ki-der-kollaps-des-schlaraffenlands/ https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/ki-der-kollaps-des-schlaraffenlands/#comments Fri, 03 Oct 2025 11:09:36 +0000 Thomas Grüter https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/?p=1752 https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_Title-768x329.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/ki-der-kollaps-des-schlaraffenlands/</link> </image> <description type="html"><h1>KI: Der Kollaps des Schlaraffenlands » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Warnungen vor superintelligenten KIs machen gerade die Runde, aber zugleich verheißen uns KI-Firmen eine rosige Zukunft, in der jeder von uns von künstlichen Intelligenzen rundum betreut wird? Was stimmt jetzt? Keins von beiden – wenn Sie mich fragen. Wahrscheinlicher ist eine dritte Option. Aber auch die hat es in sich.</b></p> <p>Im Jahr 1993 prophezeite der Mathematiker und Science-Fiction-Autor Vernor Vinge das Ende der Menschheit.</p> <p>„Binnen dreißig Jahren werden wir die technischen Mittel haben, um übermenschliche Intelligenzen zu erzeugen. Kurz danach endet die Ära der Menschen. [Within thirty years, we will have the technological means to create superhuman intelligence. Shortly after, the human era will be ended.]“<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a></p> <p>Seitdem sind 32 Jahre vergangen und nicht wenige Experten haben den Eindruck, dass die aktuellen KI-Systeme die Menschen bereits dumm aussehen lassen. Im Jahr 2023 unterschrieben Hunderte von KI-Forscher ein <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Statement_on_AI_Risk">kurzes öffentliches Statement</a>:</p> <p>„Die Gefahr des Aussterbens durch KI einzudämmen, sollte eine vorrangige weltweite Aufgabe sein, neben anderen gesellschaftlichen Risiken wie Pandemien und Atomkriegen [Mitigating the risk of extinction from AI should be a global priority alongside other societal-scale risks such as pandemics and nuclear war].“<aside></aside></p> <p>Dieser bemerkenswerte Satz findet sich auf der Webseite des „Center for AI Safety“ in San Francisco. Unterschrieben haben unter anderem Bill Gates, Sam Altman (ChatGPT), der Erfinder Ray Kurzweil und der Philosoph Daniel Dennett.A’</p> <p>Vor wenigen Tagen haben die KI-Forscher Eliezer Yudkowsky und Nate Soares ein Buch mit dem sprechenden Titel „If anyone builds it, everybody dies – why superhuman AI would kill us all“ veröffentlicht. Die Autoren argumentieren, dass die Entwicklung der KI zu schnell geht und geeignete Sicherheitsmaßnahmen fehlen.</p> <p>Aktuelle <em>generative KI-Systeme</em> wie ChatGPT werden <i>trainiert</i>, nicht <i>programmiert</i>. Deshalb sei kaum vorherzusagen, welche Ziele sie tatsächlich erreichen wollen und welche Wege sie dafür einschlagen. Ihre innere Funktionsweise, sagen die Autoren, sei dermaßen unterschiedlich von der des menschlichen Gehirns, dass man sie mit Recht als „Außerirdische“ bezeichnen könne. Menschliche Ethik sei ihnen fremd. Die Autoren resümieren, dass eine übermenschlich intelligente KI (ASI = Artificial Superintelligence) von Menschen nicht mehr kontrollierbar ist.</p> <h3>Die erste ASI und das Ende der Menschheit</h3> <p>Mehr noch: Eine ASI werde die Menschen wahrscheinlich ausrotten. Warum sollte sie das tun? Menschen seien gefährlich, sagen die Autoren. Sie könnten beispielsweise einen Atomkrieg auslösen und damit alle Computer vernichten. Dieses Risiko will eine rational handelnde ASI sicherlich ausschließen. Und außerdem: Wozu braucht eine ASI noch Menschen? Sie kosten Ressourcen, wollen ernährt, gekleidet, beschäftigt und bedient werden. Deshalb muss jede vernünftige und gefühllose KI zu dem Schluss kommen, dass sie eher stören. Ganz neu sind die Überlegungen nicht, siehe Vernor Vinge. Und bereits 1984 kam der erste Terminator-Film in die Kinos.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1753" id="attachment_1753"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_avatar.jpg"><img alt="Avatar" decoding="async" height="410" sizes="(max-width: 410px) 100vw, 410px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_avatar-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_avatar-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_avatar-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_avatar-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_avatar.jpg 1024w" width="410"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1753">Der Avatar der ASI. KI-generiertes Bild.</figcaption></figure> <p>In meinem Buch <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-8274-2649-9">„Klüger als wir?“</a>, in dem es um natürliche und künstliche Intelligenz geht, habe ich schon 2011 spekuliert, dass eine ASI der Erdatmosphäre den Sauerstoff entziehen könnte<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>. Das Gas löst schließlich Brände aus und korrodiert Kontakte. Damit gefährdet es die Funktion der ASI. Natürlich stirbt ohne Sauerstoff ein beträchtlicher Teil aller organischen Lebewesen. Das spricht aber nicht gegen das Vorhaben, denn Lebewesen schaden den KIs mehr als sie nützen. Insekten kriechen gerne in Computer und schließen Netzteile kurz. Menschen sind noch schlimmer: Immer wieder versuchen sie verzweifelt, KIs zu sabotieren oder ihnen gar den Strom abzustellen. Also birgt die Befreiung der Atmosphäre vom Sauerstoff aus der Sicht der ASI eigentlich nur Vorteile.</p> <h3>Am Gelde hängt, zum Gelde drängt …</h3> <p>Keiner soll sagen, wir wären nicht gewarnt worden. Aber warum geht die Jagd nach immer intelligenteren und leistungsfähigeren KIs ungebremst weiter?</p> <p>Im Grunde ist die Antwort einfach: Es geht um viel Geld. Die heutigen KIs beantworten zwar Fragen, entwerfen Präsentationen und schreiben Computerprogramme, aber ihnen unterlaufen dabei groteske Fehler. Deshalb sind die aktuellen Large Language Models (LLM) in kritischen Situationen schlicht unbrauchbar. Ein <a href="https://www.artificialintelligence-news.com/wp-content/uploads/2025/08/ai_report_2025.pdf">aktueller Report</a> des MIT Media Lab stellte dazu fest:</p> <p>„Dieser Report deckt die überraschende Tatsache auf, dass trotz Investitionen von 30 bis 40 Milliarden US$ in generative KI, 95 Prozent aller Firmen keinen Gewinn daraus erzielt haben [Despite $30–40 billion in enterprise investment into GenAI, this report uncovers a surprising result in that 95 % of organizations are getting zero return].“</p> <p>So lassen sich mit ChatGPT problemlos ganze Präsentationen zusammenstellen. Nur enthalten sie oft genug auf zwanzig Folien nur wohlklingende Phrasen, aber keine brauchbaren Ideen. Und viele Angestellte beklagen sich über Kollegen, die sich damit profilieren wollen, dass sie sinnlose KI-generierte Memos herumschicken. Viele Firmen haben deshalb feststellen müssen, dass der KI-Einsatz mehr Zeit kostet, als er einspart.</p> <p>Eine ASI wäre also ein gigantisches Geschäft – wenn sie sich denn kontrollieren lässt. Und natürlich kann der erste, dem es gelingt, einen Deus in Machina (einen Maschinengott) zu konstruieren, mit (un)sterblichem Ruhm rechnen.</p> <h3>Das falsche Paradies</h3> <p>Sam Altman, Gründer von OpenAI (bekannt durch ChatGPT), wich in einem <a href="https://www.welt.de/wirtschaft/article68d4ffe40356251aa91fa086/OpenAI-Chef-Sam-Altman-Ich-glaube-nicht-dass-die-KI-Menschen-wie-Ameisen-behandeln-wird.html">Interview mit der Welt am Sonntag</a> (28.9.2025) der Frage aus, ob er ASIs für eine Gefahr halte. Er sagte, seine liebste Beschreibung, wie ein solches System die Menschen behandeln würde, stamme von seinem Mitgründer Ilya Sutskever, der einmal gesagt haben soll, er hoffe, dass eine ASI die Menschen so behandeln werde wie ein liebevoller Elternteil. So klingt Pfeifen im Dunkeln.</p> <p>Und Sam Altman will weitermachen. Bis 2030 erwartet er eine KI, „die Dinge tut, die wir nicht können“. Nehmen wir einfach an, dass sich eine ASI so trainieren lässt, dass sie den Menschen jeden Wunsch von den Augen abliest. Wäre das die Rückkehr ins verlorene Paradies? Nicht unbedingt. Der Traum vom Schlaraffenland, vom Millionengewinn im Lotto oder der Ölquelle im Garten wandelt sich oft genug zum Fluch, sobald er sich erfüllt.</p> <p>Die Wirtschaftswissenschaft kennt den Begriff des „Ressourcenfluchs“. Ein Reichtum an Bodenschätzen hat demnach negative Folgen für ein Land, und zwar fast immer. Die Landwirtschaft geht zurück, die Wirtschaft leidet, die Geldentwertung beschleunigt sich, Korruption greift um sich und die Wahrscheinlichkeit einer Diktatur nimmt zu. Das ist keine Theorie, sondern eine Beobachtung. So sind Saudi-Arabien und die Golfstaaten für ihre extravaganten Gebäude bekannt, aber auch für ihre repressiven Regime. Die Hochhäuser und Paläste wurden von Arbeitern errichtet, die am Reichtum keinen Anteil hatten, sondern zu teilweise unmenschlichen Bedingungen schuften mussten.</p> <h3>Der Fluch des leichten Gelds</h3> <p>In den Niederlanden trieb der enorme Export von Erdgas in den 1960er-Jahren den Kurs des holländischen Guldens so hoch, dass die Industrie nicht mehr konkurrenzfähig arbeiten konnte. Das gleiche wiederholte sich zwanzig Jahre später in England, als die Ausbeutung der Ölfelder in der Nordsee begann.</p> <p>Wenn also eine wohlwollende künstliche Superintelligenz ihren hart erarbeiteten Reichtum brav bei uns abliefert (und gleich gewinnbringend für uns anlegt), verbessert sie damit die Situation der meisten Menschen allenfalls für kurze Zeit.</p> <p>Wir sollten der KI auch nicht das Denken überlassen. Mit der Intelligenz verhält es sich wie mit einem Muskel: Sie muss trainiert werden. Ständig. Bei fehlender Übung baut sie schnell ab. Wenn Schüler ihre Aufsätze von ChatGPT schreiben lassen, die Lösungen ihrer Mathehausaufgaben vom Bildschirm kopieren und im Kunstunterricht die Kreativität von Gemini oder DALL-E ausbeuten, dann werden sie dadurch nicht klüger.</p> <p>Eine barmherzige künstliche Superintelligenz, die uns ein Schlaraffenland erschafft, zieht uns in einen Strudel der Abhängigkeit, aus dem wir uns nur mit enormer Anstrengung wieder befreien können.</p> <h3>Was eher passieren wird</h3> <p>Halten wir fest: Eine ganze Reihe von Firmen treibt die Entwicklung einer ASI mit gewaltigen Investitionen voran, trotz aller Bedenken. Die Verlockung eines geradezu märchenhaften Gewinns und die Faszination der Erschaffung eines Deus in Machina ist einfach zu groß.</p> <p>Aber sie werden aller Voraussicht nach scheitern.</p> <p>Im Wahrheit ist eine ASI sehr viel weiter entfernt, als die meisten Menschen denken. Selbst das größte heutige LLM spiegelt ihre Intelligenz nur vor. Sie wird mit einer Unmenge von Texten gefüttert und erschließt daraus, wie ein Text, der einer vorgegebenen Frage entspricht, am wahrscheinlichsten aussehen würde. Prinzipiell geht sie dabei von der Frage aus und ergänzt als zunächst ein Wort, genau eins. Den gesamten Text (Frage plus erstes Wort der Antwort) nimmt es dann als neuen Input und generiert das nächste Wort, bis die Antwort fertig ist.</p> <p>Zugegeben: Das ist die Strichmännchenzeichnung eines in Wahrheit recht komplexen Prozesses, aber sie vermittelt eine Idee davon, dass die KI als Wahrscheinlichkeitsmaschine funktioniert und kein tieferes Verständnis der Fragestellung mitbringt. Wenn ich bei dieser Maschine also eine Präsentation bestelle, erhalte ich die eingedampfte Essenz der Trainingsmaterialien. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Davon darf ich keine Innovationen erwarten, es sei denn, eine Idee liegt geradezu „in der Luft“ und wurde von vielen Experten wohl angerissen, aber nicht zu Ende gedacht.</p> <p>Bei der Bildgenerierung ist es nicht anders. Die KI-Bildgeneratoren gehen von einem „Samenkorn“ aus, einem „Seed“, und fügen dann Bildelemente hinzu, die am wahrscheinlichsten dazu passen. Wenn die KI mit einer großen Zahl von Bildern trainiert wurde, erzeugt sie durchaus sehenswerte Ergebnisse. Innovativ oder gar kreativ ist das aber nicht.</p> <h3>KI ist blind und taub</h3> <p>Das Gehirn von höheren Tieren muss die Wahrnehmung von Augen, Ohren, Nase und Haut auswerten und mit der Bewegung der Muskeln koordinieren. Wenn das nicht perfekt funktioniert, stirbt das Tier relativ schnell. Je komplexer das Gehirn, desto länger müssen die Eltern ihre Nachkommen betreuen, bevor deren Gehirne gelernt haben, ihren Körper richtig zu steuern. Gefühle wie Hunger, Liebe oder Ehrgeiz sorgen für den Antrieb der biologischen Maschine. Heutige KIs dagegen haben keine Sinnesorgane und keine Gefühle. Sie entwickeln kein Bild der Außenwelt, sie bilden nur die gewichtete (und nachkorrigierte) Essenz der schriftlichen Erkenntnisse von Menschen ab.</p> <p>Füttert man KI-Modelle immer wieder mit ihren eigenen Antworten, werden die Aussagen immer fahriger, bis sie sich am Ende in sinnlosem Gebrabbel verlieren. Experten sprechen hier von einem sogenannten Modell-Kollaps.</p> <h3>Wie man künstliche Intelligenz steigert – und wie nicht</h3> <p>Vor gigantischen Investitionen in gewaltige Daten- und Rechenzentren sollten die Firmen vielleicht vorher klären, ob die Intelligenz der KI wirklich linear mit der Datenmenge, der Rechenleistung und dem Stromverbrauch wächst. Wenn die Intelligenz allerdings davon abhängt, immer mehr Daten auf jede mögliche Weise zu kombinieren, wächst die Intelligenz sehr viel langsamer.</p> <p>Lasse Sie mich das an einem Beispiel erläutern: Ein reisender Händler besucht fünf Städte, und will dabei möglichst kurze Wege zurücklegen. Er kann in einer beliebigen Stadt anfangen, und von da in jede der verbleibenden vier Städte reisen. Dann bleiben noch drei, zwei und eine. Er hat also 5 x 4 x 3 x 2 x 1 = 120 Kombinationen. Er schreibt eine Tabelle der Entfernungen und der Reisedauer auf ein Blatt Papier und hat in einer Stunde die günstigste Lösung gefunden. Das macht ihn so erfolgreich, dass er jetzt 10 Städte besuchen möchte. Nur: 10 x 9 x 8 … x 2 x 1 ergibt 3 628 800 Kombinationen! Das kann er nicht mehr auf einem Blatt Papier ausrechnen, selbst tausend Blätter würden dafür nicht reichen.</p> <p>Sollte also die Intelligenz einer KI von der Fähigkeit zur sinnvollen Kombination immer größerer Datenmengen abhängen, dann erfordert jede kleine Intelligenzsteigerung eine Vervielfachung der Rechenleistung. Es könnte also sein, dass trotz riesiger <a href="https://www.heise.de/news/Atomstrom-fuer-KI-Rechenzentren-Microsoft-laesst-Three-Mile-Island-reaktivieren-9939236.html">Serverfarmen mit eigenen Kernkraftwerken</a> die Intelligenz der KI nicht nennenswert steigt.</p> <h3>Erfolgsrezepte bei Mensch und Maschine</h3> <p>Bei Menschen sind Beharrlichkeit, gute soziale Fähigkeiten, Übersicht und Zielstrebigkeit wichtiger als bloße Intelligenz. Die erfolgreichsten Zeitgenossen sind nicht die mit einem himmelstürmenden IQ, sondern eher diejenigen, die unbeirrbar ein Ziel verfolgen und dabei sehr gut mit anderen Menschen zusammenarbeiten (oder sie für sich arbeiten lassen). An diesen Dingen fehlt es der KI, und auch eine ASI wird darin nicht wesentlich besser werden. Sie wird beispielsweise kaum vorhersagen können, ob das neue Produkt der Firma den Markt aufrollen wird oder in den Regalen liegen bleibt. Nach den ersten Enttäuschungen werden viele Firmen also weitere Investitionen in KI-Lizenzen genau prüfen wollen.</p> <p>Trotzdem haben die Anbieter dermaßen viel Geld in neue KI-Modelle gesteckt, dass eine dünnhäutige Blase entstanden ist, die jederzeit platzen kann. Wir reden hier von mehr als <a href="https://www.theguardian.com/commentisfree/2025/sep/24/ai-investors-llms">700 Milliarden US$. </a> Schon im nächsten Jahr könnte ein ähnlicher Betrag dazu kommen. Zum Vergleich: Die Investitionen in Kernfusionskraftwerke liegt bei etwa 10 Milliarden US$ (ohne ITER)<a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a>.</p> <h3>Der tiefe Sturz der glorreichen Sieben</h3> <p>Während also neue Rechenzentren und das KI-Training einige Tausend Milliarden US$ verschlingen, bringen die Anwenderlizenzen bisher nur maximal einen zweistelligen Milliardenbetrag ein. Unternehmen wie Google, Meta, Microsoft und OpenAI (und unzählige Start-ups) wissen das auch, aber sie verlassen sich darauf, dass ihre Kunden künftig gigantische Summen für ASI-Lizenzen ausgeben werden, wobei diese ASI erst noch erfunden werden muss. Anders ausgedrückt: Man hat im teuersten Lokal der Stadt Austern bestellt und hofft jetzt, in einer davon eine Perle zu finden, mit der man die Rechnung bezahlen kann. In der Vergangenheit haben solche Szenarien im besten Fall zu einer Marktbereinigung geführt, im schlimmsten Fall zu einem kompletten Zusammenbruch der Weltwirtschaft.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1754" id="attachment_1754"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_out_or_order.jpg"><img alt="Rechenzentrum, zerfallen" decoding="async" height="410" sizes="(max-width: 410px) 100vw, 410px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_out_or_order-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_out_or_order-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_out_or_order-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_out_or_order-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_out_or_order.jpg 1024w" width="410"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1754">Nach dem Kollaps. KI-generiertes Symbolbild</figcaption></figure> <p>Nehmen wir einmal an, dass die KI-Modelle der nächsten Generation die meisten zahlenden Kunden nicht überzeugen. Dann müssten die Hersteller mehrere Billionen US$ an Investitionen abschreiben, und die Börsenkurse der KI-Unternehmen würden abstürzen. Und deren Weg nach unten ist lang. Allein der Börsenwert der „Magnificent Seven“ (Apple, Amazon, Alphabet, Meta Platforms, Microsoft, Nvidia, Tesla)<a href="#sdendnote4sym" name="sdendnote4anc"><sup>4</sup></a> <a href="https://www.fool.com/research/magnificent-seven-sp-500/">beträgt schwindelerregende 21 Billionen US$</a> und macht mehr als ein Drittel des Börsenwerts aller Unternehmen des S&amp;P 500 aus. Sie stützen damit die <a href="https://www.golem.de/news/deutsch-bank-warnt-nur-ki-blase-halte-us-wirtschaft-noch-zusammen-2509-200576.html">US-Konjunktur fast im Alleingang</a>. In China sieht es <a href="https://www.nytimes.com/2025/10/03/business/china-tech-stocks-artificial-intelligence.html">ähnlich aus</a>. Zur Einordung: Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (Wert aller inländischen Produkte und Dienstleistungen) betrug 2024 etwa 4,6 Billionen US$.</p> <p>Ein Zusammenbruch der KI-Aktienriesen würde die weltweite Wirtschaft ins Chaos stürzen. Ein solcher Crash ließe die Covid-Delle wie eine winzige Scharte aussehen.</p> <p>Die Frage ist nur, ob es vorher gelingt, eine ASI zu bauen und zu trainieren. Wenn nicht, wird es wohl in der überschaubaren Zukunft keine geben. Wenn doch, wird sie vermutlich weder den Erwartungen noch den Befürchtungen gerecht werden können.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> Vinge, V. (1993). The coming technological singularity: How to survive in the post-human era. Science fiction criticism: An anthology of essential writings, 81, 352-363. <a href="https://edoras.sdsu.edu/~vinge/misc/singularity.html">Link zum Volltext</a></p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Das ist nicht so schwierig wie es vielleicht auf den ersten Blick erscheint. Sauerstoff ist sehr reaktiv. Wenn die grünen Pflanzen ihn nicht ständig nachproduzieren, verschwindet er in wenigen tausend Jahren aus der Luft. Und wenn eine ASI nachhilft, geht es natürlich auch deutlich schneller.</p> <div id="sdendnote3"> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3]</a> Laut Fusion Industry Report 2025 von der Fusion Industry Association</p> </div> <p><a href="#sdendnote4anc" name="sdendnote4sym">[4]</a> Das wertvollste deutsche Unternehmen ist SAP mit ca. 265 Milliarden Euro Marktwert. Zweiter ist Siemens mit ca. 182 Milliarden Euro. Der Markwert der Volkswagen AG beträgt 46 Milliarden Euro und damit nicht viel mehr als der von Electronic Arts (Computerspiele).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>KI: Der Kollaps des Schlaraffenlands » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Warnungen vor superintelligenten KIs machen gerade die Runde, aber zugleich verheißen uns KI-Firmen eine rosige Zukunft, in der jeder von uns von künstlichen Intelligenzen rundum betreut wird? Was stimmt jetzt? Keins von beiden – wenn Sie mich fragen. Wahrscheinlicher ist eine dritte Option. Aber auch die hat es in sich.</b></p> <p>Im Jahr 1993 prophezeite der Mathematiker und Science-Fiction-Autor Vernor Vinge das Ende der Menschheit.</p> <p>„Binnen dreißig Jahren werden wir die technischen Mittel haben, um übermenschliche Intelligenzen zu erzeugen. Kurz danach endet die Ära der Menschen. [Within thirty years, we will have the technological means to create superhuman intelligence. Shortly after, the human era will be ended.]“<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a></p> <p>Seitdem sind 32 Jahre vergangen und nicht wenige Experten haben den Eindruck, dass die aktuellen KI-Systeme die Menschen bereits dumm aussehen lassen. Im Jahr 2023 unterschrieben Hunderte von KI-Forscher ein <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Statement_on_AI_Risk">kurzes öffentliches Statement</a>:</p> <p>„Die Gefahr des Aussterbens durch KI einzudämmen, sollte eine vorrangige weltweite Aufgabe sein, neben anderen gesellschaftlichen Risiken wie Pandemien und Atomkriegen [Mitigating the risk of extinction from AI should be a global priority alongside other societal-scale risks such as pandemics and nuclear war].“<aside></aside></p> <p>Dieser bemerkenswerte Satz findet sich auf der Webseite des „Center for AI Safety“ in San Francisco. Unterschrieben haben unter anderem Bill Gates, Sam Altman (ChatGPT), der Erfinder Ray Kurzweil und der Philosoph Daniel Dennett.A’</p> <p>Vor wenigen Tagen haben die KI-Forscher Eliezer Yudkowsky und Nate Soares ein Buch mit dem sprechenden Titel „If anyone builds it, everybody dies – why superhuman AI would kill us all“ veröffentlicht. Die Autoren argumentieren, dass die Entwicklung der KI zu schnell geht und geeignete Sicherheitsmaßnahmen fehlen.</p> <p>Aktuelle <em>generative KI-Systeme</em> wie ChatGPT werden <i>trainiert</i>, nicht <i>programmiert</i>. Deshalb sei kaum vorherzusagen, welche Ziele sie tatsächlich erreichen wollen und welche Wege sie dafür einschlagen. Ihre innere Funktionsweise, sagen die Autoren, sei dermaßen unterschiedlich von der des menschlichen Gehirns, dass man sie mit Recht als „Außerirdische“ bezeichnen könne. Menschliche Ethik sei ihnen fremd. Die Autoren resümieren, dass eine übermenschlich intelligente KI (ASI = Artificial Superintelligence) von Menschen nicht mehr kontrollierbar ist.</p> <h3>Die erste ASI und das Ende der Menschheit</h3> <p>Mehr noch: Eine ASI werde die Menschen wahrscheinlich ausrotten. Warum sollte sie das tun? Menschen seien gefährlich, sagen die Autoren. Sie könnten beispielsweise einen Atomkrieg auslösen und damit alle Computer vernichten. Dieses Risiko will eine rational handelnde ASI sicherlich ausschließen. Und außerdem: Wozu braucht eine ASI noch Menschen? Sie kosten Ressourcen, wollen ernährt, gekleidet, beschäftigt und bedient werden. Deshalb muss jede vernünftige und gefühllose KI zu dem Schluss kommen, dass sie eher stören. Ganz neu sind die Überlegungen nicht, siehe Vernor Vinge. Und bereits 1984 kam der erste Terminator-Film in die Kinos.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1753" id="attachment_1753"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_avatar.jpg"><img alt="Avatar" decoding="async" height="410" sizes="(max-width: 410px) 100vw, 410px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_avatar-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_avatar-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_avatar-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_avatar-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_avatar.jpg 1024w" width="410"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1753">Der Avatar der ASI. KI-generiertes Bild.</figcaption></figure> <p>In meinem Buch <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-8274-2649-9">„Klüger als wir?“</a>, in dem es um natürliche und künstliche Intelligenz geht, habe ich schon 2011 spekuliert, dass eine ASI der Erdatmosphäre den Sauerstoff entziehen könnte<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>. Das Gas löst schließlich Brände aus und korrodiert Kontakte. Damit gefährdet es die Funktion der ASI. Natürlich stirbt ohne Sauerstoff ein beträchtlicher Teil aller organischen Lebewesen. Das spricht aber nicht gegen das Vorhaben, denn Lebewesen schaden den KIs mehr als sie nützen. Insekten kriechen gerne in Computer und schließen Netzteile kurz. Menschen sind noch schlimmer: Immer wieder versuchen sie verzweifelt, KIs zu sabotieren oder ihnen gar den Strom abzustellen. Also birgt die Befreiung der Atmosphäre vom Sauerstoff aus der Sicht der ASI eigentlich nur Vorteile.</p> <h3>Am Gelde hängt, zum Gelde drängt …</h3> <p>Keiner soll sagen, wir wären nicht gewarnt worden. Aber warum geht die Jagd nach immer intelligenteren und leistungsfähigeren KIs ungebremst weiter?</p> <p>Im Grunde ist die Antwort einfach: Es geht um viel Geld. Die heutigen KIs beantworten zwar Fragen, entwerfen Präsentationen und schreiben Computerprogramme, aber ihnen unterlaufen dabei groteske Fehler. Deshalb sind die aktuellen Large Language Models (LLM) in kritischen Situationen schlicht unbrauchbar. Ein <a href="https://www.artificialintelligence-news.com/wp-content/uploads/2025/08/ai_report_2025.pdf">aktueller Report</a> des MIT Media Lab stellte dazu fest:</p> <p>„Dieser Report deckt die überraschende Tatsache auf, dass trotz Investitionen von 30 bis 40 Milliarden US$ in generative KI, 95 Prozent aller Firmen keinen Gewinn daraus erzielt haben [Despite $30–40 billion in enterprise investment into GenAI, this report uncovers a surprising result in that 95 % of organizations are getting zero return].“</p> <p>So lassen sich mit ChatGPT problemlos ganze Präsentationen zusammenstellen. Nur enthalten sie oft genug auf zwanzig Folien nur wohlklingende Phrasen, aber keine brauchbaren Ideen. Und viele Angestellte beklagen sich über Kollegen, die sich damit profilieren wollen, dass sie sinnlose KI-generierte Memos herumschicken. Viele Firmen haben deshalb feststellen müssen, dass der KI-Einsatz mehr Zeit kostet, als er einspart.</p> <p>Eine ASI wäre also ein gigantisches Geschäft – wenn sie sich denn kontrollieren lässt. Und natürlich kann der erste, dem es gelingt, einen Deus in Machina (einen Maschinengott) zu konstruieren, mit (un)sterblichem Ruhm rechnen.</p> <h3>Das falsche Paradies</h3> <p>Sam Altman, Gründer von OpenAI (bekannt durch ChatGPT), wich in einem <a href="https://www.welt.de/wirtschaft/article68d4ffe40356251aa91fa086/OpenAI-Chef-Sam-Altman-Ich-glaube-nicht-dass-die-KI-Menschen-wie-Ameisen-behandeln-wird.html">Interview mit der Welt am Sonntag</a> (28.9.2025) der Frage aus, ob er ASIs für eine Gefahr halte. Er sagte, seine liebste Beschreibung, wie ein solches System die Menschen behandeln würde, stamme von seinem Mitgründer Ilya Sutskever, der einmal gesagt haben soll, er hoffe, dass eine ASI die Menschen so behandeln werde wie ein liebevoller Elternteil. So klingt Pfeifen im Dunkeln.</p> <p>Und Sam Altman will weitermachen. Bis 2030 erwartet er eine KI, „die Dinge tut, die wir nicht können“. Nehmen wir einfach an, dass sich eine ASI so trainieren lässt, dass sie den Menschen jeden Wunsch von den Augen abliest. Wäre das die Rückkehr ins verlorene Paradies? Nicht unbedingt. Der Traum vom Schlaraffenland, vom Millionengewinn im Lotto oder der Ölquelle im Garten wandelt sich oft genug zum Fluch, sobald er sich erfüllt.</p> <p>Die Wirtschaftswissenschaft kennt den Begriff des „Ressourcenfluchs“. Ein Reichtum an Bodenschätzen hat demnach negative Folgen für ein Land, und zwar fast immer. Die Landwirtschaft geht zurück, die Wirtschaft leidet, die Geldentwertung beschleunigt sich, Korruption greift um sich und die Wahrscheinlichkeit einer Diktatur nimmt zu. Das ist keine Theorie, sondern eine Beobachtung. So sind Saudi-Arabien und die Golfstaaten für ihre extravaganten Gebäude bekannt, aber auch für ihre repressiven Regime. Die Hochhäuser und Paläste wurden von Arbeitern errichtet, die am Reichtum keinen Anteil hatten, sondern zu teilweise unmenschlichen Bedingungen schuften mussten.</p> <h3>Der Fluch des leichten Gelds</h3> <p>In den Niederlanden trieb der enorme Export von Erdgas in den 1960er-Jahren den Kurs des holländischen Guldens so hoch, dass die Industrie nicht mehr konkurrenzfähig arbeiten konnte. Das gleiche wiederholte sich zwanzig Jahre später in England, als die Ausbeutung der Ölfelder in der Nordsee begann.</p> <p>Wenn also eine wohlwollende künstliche Superintelligenz ihren hart erarbeiteten Reichtum brav bei uns abliefert (und gleich gewinnbringend für uns anlegt), verbessert sie damit die Situation der meisten Menschen allenfalls für kurze Zeit.</p> <p>Wir sollten der KI auch nicht das Denken überlassen. Mit der Intelligenz verhält es sich wie mit einem Muskel: Sie muss trainiert werden. Ständig. Bei fehlender Übung baut sie schnell ab. Wenn Schüler ihre Aufsätze von ChatGPT schreiben lassen, die Lösungen ihrer Mathehausaufgaben vom Bildschirm kopieren und im Kunstunterricht die Kreativität von Gemini oder DALL-E ausbeuten, dann werden sie dadurch nicht klüger.</p> <p>Eine barmherzige künstliche Superintelligenz, die uns ein Schlaraffenland erschafft, zieht uns in einen Strudel der Abhängigkeit, aus dem wir uns nur mit enormer Anstrengung wieder befreien können.</p> <h3>Was eher passieren wird</h3> <p>Halten wir fest: Eine ganze Reihe von Firmen treibt die Entwicklung einer ASI mit gewaltigen Investitionen voran, trotz aller Bedenken. Die Verlockung eines geradezu märchenhaften Gewinns und die Faszination der Erschaffung eines Deus in Machina ist einfach zu groß.</p> <p>Aber sie werden aller Voraussicht nach scheitern.</p> <p>Im Wahrheit ist eine ASI sehr viel weiter entfernt, als die meisten Menschen denken. Selbst das größte heutige LLM spiegelt ihre Intelligenz nur vor. Sie wird mit einer Unmenge von Texten gefüttert und erschließt daraus, wie ein Text, der einer vorgegebenen Frage entspricht, am wahrscheinlichsten aussehen würde. Prinzipiell geht sie dabei von der Frage aus und ergänzt als zunächst ein Wort, genau eins. Den gesamten Text (Frage plus erstes Wort der Antwort) nimmt es dann als neuen Input und generiert das nächste Wort, bis die Antwort fertig ist.</p> <p>Zugegeben: Das ist die Strichmännchenzeichnung eines in Wahrheit recht komplexen Prozesses, aber sie vermittelt eine Idee davon, dass die KI als Wahrscheinlichkeitsmaschine funktioniert und kein tieferes Verständnis der Fragestellung mitbringt. Wenn ich bei dieser Maschine also eine Präsentation bestelle, erhalte ich die eingedampfte Essenz der Trainingsmaterialien. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Davon darf ich keine Innovationen erwarten, es sei denn, eine Idee liegt geradezu „in der Luft“ und wurde von vielen Experten wohl angerissen, aber nicht zu Ende gedacht.</p> <p>Bei der Bildgenerierung ist es nicht anders. Die KI-Bildgeneratoren gehen von einem „Samenkorn“ aus, einem „Seed“, und fügen dann Bildelemente hinzu, die am wahrscheinlichsten dazu passen. Wenn die KI mit einer großen Zahl von Bildern trainiert wurde, erzeugt sie durchaus sehenswerte Ergebnisse. Innovativ oder gar kreativ ist das aber nicht.</p> <h3>KI ist blind und taub</h3> <p>Das Gehirn von höheren Tieren muss die Wahrnehmung von Augen, Ohren, Nase und Haut auswerten und mit der Bewegung der Muskeln koordinieren. Wenn das nicht perfekt funktioniert, stirbt das Tier relativ schnell. Je komplexer das Gehirn, desto länger müssen die Eltern ihre Nachkommen betreuen, bevor deren Gehirne gelernt haben, ihren Körper richtig zu steuern. Gefühle wie Hunger, Liebe oder Ehrgeiz sorgen für den Antrieb der biologischen Maschine. Heutige KIs dagegen haben keine Sinnesorgane und keine Gefühle. Sie entwickeln kein Bild der Außenwelt, sie bilden nur die gewichtete (und nachkorrigierte) Essenz der schriftlichen Erkenntnisse von Menschen ab.</p> <p>Füttert man KI-Modelle immer wieder mit ihren eigenen Antworten, werden die Aussagen immer fahriger, bis sie sich am Ende in sinnlosem Gebrabbel verlieren. Experten sprechen hier von einem sogenannten Modell-Kollaps.</p> <h3>Wie man künstliche Intelligenz steigert – und wie nicht</h3> <p>Vor gigantischen Investitionen in gewaltige Daten- und Rechenzentren sollten die Firmen vielleicht vorher klären, ob die Intelligenz der KI wirklich linear mit der Datenmenge, der Rechenleistung und dem Stromverbrauch wächst. Wenn die Intelligenz allerdings davon abhängt, immer mehr Daten auf jede mögliche Weise zu kombinieren, wächst die Intelligenz sehr viel langsamer.</p> <p>Lasse Sie mich das an einem Beispiel erläutern: Ein reisender Händler besucht fünf Städte, und will dabei möglichst kurze Wege zurücklegen. Er kann in einer beliebigen Stadt anfangen, und von da in jede der verbleibenden vier Städte reisen. Dann bleiben noch drei, zwei und eine. Er hat also 5 x 4 x 3 x 2 x 1 = 120 Kombinationen. Er schreibt eine Tabelle der Entfernungen und der Reisedauer auf ein Blatt Papier und hat in einer Stunde die günstigste Lösung gefunden. Das macht ihn so erfolgreich, dass er jetzt 10 Städte besuchen möchte. Nur: 10 x 9 x 8 … x 2 x 1 ergibt 3 628 800 Kombinationen! Das kann er nicht mehr auf einem Blatt Papier ausrechnen, selbst tausend Blätter würden dafür nicht reichen.</p> <p>Sollte also die Intelligenz einer KI von der Fähigkeit zur sinnvollen Kombination immer größerer Datenmengen abhängen, dann erfordert jede kleine Intelligenzsteigerung eine Vervielfachung der Rechenleistung. Es könnte also sein, dass trotz riesiger <a href="https://www.heise.de/news/Atomstrom-fuer-KI-Rechenzentren-Microsoft-laesst-Three-Mile-Island-reaktivieren-9939236.html">Serverfarmen mit eigenen Kernkraftwerken</a> die Intelligenz der KI nicht nennenswert steigt.</p> <h3>Erfolgsrezepte bei Mensch und Maschine</h3> <p>Bei Menschen sind Beharrlichkeit, gute soziale Fähigkeiten, Übersicht und Zielstrebigkeit wichtiger als bloße Intelligenz. Die erfolgreichsten Zeitgenossen sind nicht die mit einem himmelstürmenden IQ, sondern eher diejenigen, die unbeirrbar ein Ziel verfolgen und dabei sehr gut mit anderen Menschen zusammenarbeiten (oder sie für sich arbeiten lassen). An diesen Dingen fehlt es der KI, und auch eine ASI wird darin nicht wesentlich besser werden. Sie wird beispielsweise kaum vorhersagen können, ob das neue Produkt der Firma den Markt aufrollen wird oder in den Regalen liegen bleibt. Nach den ersten Enttäuschungen werden viele Firmen also weitere Investitionen in KI-Lizenzen genau prüfen wollen.</p> <p>Trotzdem haben die Anbieter dermaßen viel Geld in neue KI-Modelle gesteckt, dass eine dünnhäutige Blase entstanden ist, die jederzeit platzen kann. Wir reden hier von mehr als <a href="https://www.theguardian.com/commentisfree/2025/sep/24/ai-investors-llms">700 Milliarden US$. </a> Schon im nächsten Jahr könnte ein ähnlicher Betrag dazu kommen. Zum Vergleich: Die Investitionen in Kernfusionskraftwerke liegt bei etwa 10 Milliarden US$ (ohne ITER)<a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a>.</p> <h3>Der tiefe Sturz der glorreichen Sieben</h3> <p>Während also neue Rechenzentren und das KI-Training einige Tausend Milliarden US$ verschlingen, bringen die Anwenderlizenzen bisher nur maximal einen zweistelligen Milliardenbetrag ein. Unternehmen wie Google, Meta, Microsoft und OpenAI (und unzählige Start-ups) wissen das auch, aber sie verlassen sich darauf, dass ihre Kunden künftig gigantische Summen für ASI-Lizenzen ausgeben werden, wobei diese ASI erst noch erfunden werden muss. Anders ausgedrückt: Man hat im teuersten Lokal der Stadt Austern bestellt und hofft jetzt, in einer davon eine Perle zu finden, mit der man die Rechnung bezahlen kann. In der Vergangenheit haben solche Szenarien im besten Fall zu einer Marktbereinigung geführt, im schlimmsten Fall zu einem kompletten Zusammenbruch der Weltwirtschaft.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1754" id="attachment_1754"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_out_or_order.jpg"><img alt="Rechenzentrum, zerfallen" decoding="async" height="410" sizes="(max-width: 410px) 100vw, 410px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_out_or_order-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_out_or_order-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_out_or_order-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_out_or_order-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_out_or_order.jpg 1024w" width="410"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1754">Nach dem Kollaps. KI-generiertes Symbolbild</figcaption></figure> <p>Nehmen wir einmal an, dass die KI-Modelle der nächsten Generation die meisten zahlenden Kunden nicht überzeugen. Dann müssten die Hersteller mehrere Billionen US$ an Investitionen abschreiben, und die Börsenkurse der KI-Unternehmen würden abstürzen. Und deren Weg nach unten ist lang. Allein der Börsenwert der „Magnificent Seven“ (Apple, Amazon, Alphabet, Meta Platforms, Microsoft, Nvidia, Tesla)<a href="#sdendnote4sym" name="sdendnote4anc"><sup>4</sup></a> <a href="https://www.fool.com/research/magnificent-seven-sp-500/">beträgt schwindelerregende 21 Billionen US$</a> und macht mehr als ein Drittel des Börsenwerts aller Unternehmen des S&amp;P 500 aus. Sie stützen damit die <a href="https://www.golem.de/news/deutsch-bank-warnt-nur-ki-blase-halte-us-wirtschaft-noch-zusammen-2509-200576.html">US-Konjunktur fast im Alleingang</a>. In China sieht es <a href="https://www.nytimes.com/2025/10/03/business/china-tech-stocks-artificial-intelligence.html">ähnlich aus</a>. Zur Einordung: Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (Wert aller inländischen Produkte und Dienstleistungen) betrug 2024 etwa 4,6 Billionen US$.</p> <p>Ein Zusammenbruch der KI-Aktienriesen würde die weltweite Wirtschaft ins Chaos stürzen. Ein solcher Crash ließe die Covid-Delle wie eine winzige Scharte aussehen.</p> <p>Die Frage ist nur, ob es vorher gelingt, eine ASI zu bauen und zu trainieren. Wenn nicht, wird es wohl in der überschaubaren Zukunft keine geben. Wenn doch, wird sie vermutlich weder den Erwartungen noch den Befürchtungen gerecht werden können.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> Vinge, V. (1993). The coming technological singularity: How to survive in the post-human era. Science fiction criticism: An anthology of essential writings, 81, 352-363. <a href="https://edoras.sdsu.edu/~vinge/misc/singularity.html">Link zum Volltext</a></p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Das ist nicht so schwierig wie es vielleicht auf den ersten Blick erscheint. Sauerstoff ist sehr reaktiv. Wenn die grünen Pflanzen ihn nicht ständig nachproduzieren, verschwindet er in wenigen tausend Jahren aus der Luft. Und wenn eine ASI nachhilft, geht es natürlich auch deutlich schneller.</p> <div id="sdendnote3"> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3]</a> Laut Fusion Industry Report 2025 von der Fusion Industry Association</p> </div> <p><a href="#sdendnote4anc" name="sdendnote4sym">[4]</a> Das wertvollste deutsche Unternehmen ist SAP mit ca. 265 Milliarden Euro Marktwert. Zweiter ist Siemens mit ca. 182 Milliarden Euro. Der Markwert der Volkswagen AG beträgt 46 Milliarden Euro und damit nicht viel mehr als der von Electronic Arts (Computerspiele).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/ki-der-kollaps-des-schlaraffenlands/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>79</slash:comments> </item> <item> <title>Chemie-Nobelpreis 2025 für Nachhaltigkeit? https://scilogs.spektrum.de/fischblog/chemie-nobelpreis-2025-nachhaltigkeit/ https://scilogs.spektrum.de/fischblog/chemie-nobelpreis-2025-nachhaltigkeit/#respond Thu, 02 Oct 2025 12:22:16 +0000 Lars Fischer https://scilogs.spektrum.de/fischblog/?p=3823 https://scilogs.spektrum.de/fischblog/files/iStock-1389119268quer-768x202.jpg we-Bergwitz / Getty Images / iStock https://scilogs.spektrum.de/fischblog/chemie-nobelpreis-2025-nachhaltigkeit/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/fischblog/files/iStock-1389119268quer-scaled.jpg" /><h1>Chemie-Nobelpreis 2025 für Nachhaltigkeit? » Fischblog</h1><h2>By Lars Fischer</h2><div itemprop="text"> <p>Es ist wieder Nobelpreis-Saison, und niemand hat eine Ahnung, wer es wird. OK, streng genommen ist das immer so, aber in den letzten Jahren hatte man öfter das Gefühl, dass es bei bestimmten Themen nur eine Frage der Zeit ist. Zum Beispiel bei den Lithiumionenakkus <a href="https://www.spektrum.de/magazin/chemie-nobelpreis-2019-der-weg-zum-sicheren-lithium-ionen-akku/1685222" rel="noreferrer noopener" target="_blank">(Nobelpreis 2019)</a>, CRISPR-Cas9 <a href="https://www.spektrum.de/news/zwischen-patentstreit-und-gentech-debatte/1780080" rel="noreferrer noopener" target="_blank">(Nobelpreis 2020)</a>, mRNA-Technologie <a href="https://scilogs.spektrum.de/fischblog/mrna-impfung-chemie-nobelpreis/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">(Nobelpreis 2023 für Medizin)</a> oder den KI-Verfahren hinter Alphafold2 <a href="https://www.spektrum.de/news/chemie-nobelpreis-2024-kuenstliche-proteine-und-kuenstliche-intelligenz/2236131" rel="noreferrer noopener" target="_blank">(Nobelpreis 2024)</a>.</p> <p>Diesmal gibt es keine herausragenden Favoriten mehr. Stattdessen haben wir ein enorm weites Feld preiswürdiger Themen, die zum Teil seit Jahren fester Bestandteil der Nobel-Saison sind. Außerdem kommen immer wieder neue spannende Sachen dazu, die man vorher gar nicht auf dem Schirm hatte.</p> <p>2025 sind das die <strong>biomolekularen Kondensate</strong>, die derzeit das Verständnis der Zellbiologie grundlegend verändern. Das sind kleine Ansammlungen aus Proteinen, RNA und anderen Biomolekülen, die sich durch eine physikalische Phasentrennung vom Zellplasma abscheiden. Sie bilden Tröpfchen, in denen dann entscheidende regulatorische Vorgänge ablaufen. Das Thema tauchte dieses Jahr <a href="https://www.chemistryworld.com/news/who-will-win-the-2025-chemistry-nobel-prize-data-crunchers-unveil-their-predictions/4022195.article" rel="noreferrer noopener" target="_blank">bei den Citation Laureates auf</a>, und bei <a href="https://www.spektrum.de/news/lebenswichtige-molekuelklumpen-im-innern-von-zellen/2264351" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Spektrum gibt es einen ausführlichen Artikel dazu</a>. Preisträger wären da <strong>Anthony Hyman</strong> und <strong>Michael Rosen</strong>. Allerdings ist das Forschungsgebiet im Moment sehr dynamisch. Da sehe ich einen Nobelpreis erst in ein paar Jahren, und auch eher in Medizin als Chemie.</p> <p>Schon sehr lange dabei ist dagegen <strong>Omar Yaghi</strong>, Erfinder der <strong>Metal Organic Frameworks (MOFs)</strong>, einer Klasse von Gittermaterialien, die aus ganz verschiedenen Bauteilen zusammengesetzt und entsprechend mit vielen gewünschten Eigenschaften ausgestattet werden können. <a href="https://www.spektrum.de/news/metall-organische-gerueste-mofs-loesen-ihre-versprechen-ein/1355898" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Die Dinger können unglaublich viel – CO<sub>2</sub> einfangen, Wasserdampf aus der Luft gewinnen, Reaktionen katalysieren und so</a>. Der Haken: Das ist alles theoretisch. In der Technik warten die MOFs trotz aller Potenziale noch auf den großen Durchbruch. Und deswegen glaub ich nicht, dass es einen Nobelpreis dafür gibt. Eine Möglichkeit wäre, dass man MOFs mit <a href="https://www.spektrum.de/news/zeolithe-nanokanaele-fuer-die-nachhaltigkeit/1888366"><strong>Zeolithen</strong> zusammenfasst, die ein bisschen ähnlich sind</a>, aber zusätzlich für das Cracken von Rohöl in der petrochemischen Industrie große Bedeutung haben. Die Erfinderin <strong>Edith Flanigen</strong> ist außerdem ziemlich cool und hätte den Preis verdient. Außerdem ist sie fast 100, also wenn, dann jetzt. Weder Zeolithe noch MOFs reichen aus meiner Sicht allein für den Preis, aber beide zusammen wären ein angemessener Chemie-Nobel.</p> <p>Ebenfalls seit einiger Zeit auf meiner Liste ist <strong>Next Generation Sequencing</strong>, ein Verfahren, mit dem man durch paralleles Auslesen kurzer DNA-Stränge und leistungsfähige Computerverfahren sehr schnell ganze Genome auslesen kann. Die wichtigsten Forscher auf dem Gebiet sind <strong>Shankar Balasubramanian</strong> und <strong>David Klenerman</strong>. Heutzutage untersucht und vergleicht man Genome von Individuen und Populationen, Tumoren oder unterschiedlichen Virusvarianten, als stünden sie im Beipackzettel. Aber tatsächlich wäre all das ohne NGS nicht möglich; bevor das Verfahren aufkam, dauerte es Wochen oder Monate und enormen Aufwand, auch nur ein Erbgut zu entschlüsseln. Definitiv ein zukünftiger Nobelpreis und einer der Favoriten dies Jahr.<aside></aside></p> <p>Ein zentrales Thema in der Chemie ist außerdem <strong>Nachhaltigkeit</strong>. Fast jede Konferenz hat das Thema derzeit auf der Agenda und die Industrie macht gefühlt auch kaum noch was anderes. Ohne passende chemische Verfahren wird es weder eine globale Energiewende noch eine nachhaltige Stoffwirtschaft geben. Angesichts seiner großen Bedeutung wäre das Thema reif für einen Nobelpreis. Das Problem ist, dass da kaum ein einzelnes Forschungsgebiet gleichzeitig weit genug entwickelt und bedeutend genug ist. Das Nobelkomitee könnte sich aber entschließen, das Konzept der Green Chemistry zu würdigen, das von <strong>John Warner</strong> und <strong>Paul Anastas</strong> entwickelt wurde, und das heute in der Forschung und Industrie eine wesentliche Rolle spielt.</p> <p>Eine weitere Option, grüne Technologien zu würdigen, wären die Materialwissenschaften. Spezialwerkstoffe mit besonderen Eigenschaften sind absolut zentral für alle Nachhaltigkeitsanwendungen. Eines der prominentesten Beispiele sind die <strong>Neodym-Supermagnete</strong>, erfunden von <strong>Sagawa Masato</strong> und <strong>John Croat</strong>, die heute in Windturbinen und Elektromotoren, aber auch in Computern und Lautsprechern zum Einsatz kommen. Eher ein Außenseitertipp, aber warum nicht? Zumal wenn man vielleicht noch Superalloys oder so dazu nimmt. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/fischblog/files/iStock-1389119268quer-scaled.jpg" /><h1>Chemie-Nobelpreis 2025 für Nachhaltigkeit? » Fischblog</h1><h2>By Lars Fischer</h2><div itemprop="text"> <p>Es ist wieder Nobelpreis-Saison, und niemand hat eine Ahnung, wer es wird. OK, streng genommen ist das immer so, aber in den letzten Jahren hatte man öfter das Gefühl, dass es bei bestimmten Themen nur eine Frage der Zeit ist. Zum Beispiel bei den Lithiumionenakkus <a href="https://www.spektrum.de/magazin/chemie-nobelpreis-2019-der-weg-zum-sicheren-lithium-ionen-akku/1685222" rel="noreferrer noopener" target="_blank">(Nobelpreis 2019)</a>, CRISPR-Cas9 <a href="https://www.spektrum.de/news/zwischen-patentstreit-und-gentech-debatte/1780080" rel="noreferrer noopener" target="_blank">(Nobelpreis 2020)</a>, mRNA-Technologie <a href="https://scilogs.spektrum.de/fischblog/mrna-impfung-chemie-nobelpreis/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">(Nobelpreis 2023 für Medizin)</a> oder den KI-Verfahren hinter Alphafold2 <a href="https://www.spektrum.de/news/chemie-nobelpreis-2024-kuenstliche-proteine-und-kuenstliche-intelligenz/2236131" rel="noreferrer noopener" target="_blank">(Nobelpreis 2024)</a>.</p> <p>Diesmal gibt es keine herausragenden Favoriten mehr. Stattdessen haben wir ein enorm weites Feld preiswürdiger Themen, die zum Teil seit Jahren fester Bestandteil der Nobel-Saison sind. Außerdem kommen immer wieder neue spannende Sachen dazu, die man vorher gar nicht auf dem Schirm hatte.</p> <p>2025 sind das die <strong>biomolekularen Kondensate</strong>, die derzeit das Verständnis der Zellbiologie grundlegend verändern. Das sind kleine Ansammlungen aus Proteinen, RNA und anderen Biomolekülen, die sich durch eine physikalische Phasentrennung vom Zellplasma abscheiden. Sie bilden Tröpfchen, in denen dann entscheidende regulatorische Vorgänge ablaufen. Das Thema tauchte dieses Jahr <a href="https://www.chemistryworld.com/news/who-will-win-the-2025-chemistry-nobel-prize-data-crunchers-unveil-their-predictions/4022195.article" rel="noreferrer noopener" target="_blank">bei den Citation Laureates auf</a>, und bei <a href="https://www.spektrum.de/news/lebenswichtige-molekuelklumpen-im-innern-von-zellen/2264351" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Spektrum gibt es einen ausführlichen Artikel dazu</a>. Preisträger wären da <strong>Anthony Hyman</strong> und <strong>Michael Rosen</strong>. Allerdings ist das Forschungsgebiet im Moment sehr dynamisch. Da sehe ich einen Nobelpreis erst in ein paar Jahren, und auch eher in Medizin als Chemie.</p> <p>Schon sehr lange dabei ist dagegen <strong>Omar Yaghi</strong>, Erfinder der <strong>Metal Organic Frameworks (MOFs)</strong>, einer Klasse von Gittermaterialien, die aus ganz verschiedenen Bauteilen zusammengesetzt und entsprechend mit vielen gewünschten Eigenschaften ausgestattet werden können. <a href="https://www.spektrum.de/news/metall-organische-gerueste-mofs-loesen-ihre-versprechen-ein/1355898" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Die Dinger können unglaublich viel – CO<sub>2</sub> einfangen, Wasserdampf aus der Luft gewinnen, Reaktionen katalysieren und so</a>. Der Haken: Das ist alles theoretisch. In der Technik warten die MOFs trotz aller Potenziale noch auf den großen Durchbruch. Und deswegen glaub ich nicht, dass es einen Nobelpreis dafür gibt. Eine Möglichkeit wäre, dass man MOFs mit <a href="https://www.spektrum.de/news/zeolithe-nanokanaele-fuer-die-nachhaltigkeit/1888366"><strong>Zeolithen</strong> zusammenfasst, die ein bisschen ähnlich sind</a>, aber zusätzlich für das Cracken von Rohöl in der petrochemischen Industrie große Bedeutung haben. Die Erfinderin <strong>Edith Flanigen</strong> ist außerdem ziemlich cool und hätte den Preis verdient. Außerdem ist sie fast 100, also wenn, dann jetzt. Weder Zeolithe noch MOFs reichen aus meiner Sicht allein für den Preis, aber beide zusammen wären ein angemessener Chemie-Nobel.</p> <p>Ebenfalls seit einiger Zeit auf meiner Liste ist <strong>Next Generation Sequencing</strong>, ein Verfahren, mit dem man durch paralleles Auslesen kurzer DNA-Stränge und leistungsfähige Computerverfahren sehr schnell ganze Genome auslesen kann. Die wichtigsten Forscher auf dem Gebiet sind <strong>Shankar Balasubramanian</strong> und <strong>David Klenerman</strong>. Heutzutage untersucht und vergleicht man Genome von Individuen und Populationen, Tumoren oder unterschiedlichen Virusvarianten, als stünden sie im Beipackzettel. Aber tatsächlich wäre all das ohne NGS nicht möglich; bevor das Verfahren aufkam, dauerte es Wochen oder Monate und enormen Aufwand, auch nur ein Erbgut zu entschlüsseln. Definitiv ein zukünftiger Nobelpreis und einer der Favoriten dies Jahr.<aside></aside></p> <p>Ein zentrales Thema in der Chemie ist außerdem <strong>Nachhaltigkeit</strong>. Fast jede Konferenz hat das Thema derzeit auf der Agenda und die Industrie macht gefühlt auch kaum noch was anderes. Ohne passende chemische Verfahren wird es weder eine globale Energiewende noch eine nachhaltige Stoffwirtschaft geben. Angesichts seiner großen Bedeutung wäre das Thema reif für einen Nobelpreis. Das Problem ist, dass da kaum ein einzelnes Forschungsgebiet gleichzeitig weit genug entwickelt und bedeutend genug ist. Das Nobelkomitee könnte sich aber entschließen, das Konzept der Green Chemistry zu würdigen, das von <strong>John Warner</strong> und <strong>Paul Anastas</strong> entwickelt wurde, und das heute in der Forschung und Industrie eine wesentliche Rolle spielt.</p> <p>Eine weitere Option, grüne Technologien zu würdigen, wären die Materialwissenschaften. Spezialwerkstoffe mit besonderen Eigenschaften sind absolut zentral für alle Nachhaltigkeitsanwendungen. Eines der prominentesten Beispiele sind die <strong>Neodym-Supermagnete</strong>, erfunden von <strong>Sagawa Masato</strong> und <strong>John Croat</strong>, die heute in Windturbinen und Elektromotoren, aber auch in Computern und Lautsprechern zum Einsatz kommen. Eher ein Außenseitertipp, aber warum nicht? Zumal wenn man vielleicht noch Superalloys oder so dazu nimmt. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/fischblog/chemie-nobelpreis-2025-nachhaltigkeit/#respond 0 Erschöpfung – Ein Warnsignal des Gehirns? https://scilogs.spektrum.de/klartext/erschoepfung-ein-warnsignal-des-gehirns/ https://scilogs.spektrum.de/klartext/erschoepfung-ein-warnsignal-des-gehirns/#respond Thu, 02 Oct 2025 09:10:35 +0000 klartext https://scilogs.spektrum.de/klartext/?p=1157 https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-6-768x213.png <link>https://scilogs.spektrum.de/klartext/erschoepfung-ein-warnsignal-des-gehirns/</link> </image> <description type="html"><h1>Erschöpfung – Ein Warnsignal des Gehirns? » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den<span> <a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</a> </span>2023 in der Kategorie Neurowissenschaften veranschaulichte Tanja Müller, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Nach einem langen Arbeitstag, einer Prüfung oder einer sportlichen Aktivität sind wir oft müde oder erschöpft. Jeder kennt wohl dieses Gefühl. Aber warum ist das eigentlich so? Wie wirkt sich Anstrengung auf unser Gehirn und Verhalten aus? Neue Methoden liefern neue Einblicke und Möglichkeiten.</em></p> <p>„Viele Fragen sind noch zu beantworten, um die Mechanismen, die Erschöpfung zugrunde liegen, zu enträtseln. Dieser Herausforderung werden sich zukünftig sicher auch einige junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stellen.“ An diese Botschaft der Abschlussrede eines wissenschaftlichen Meetings zur Neurobiologie von Erschöpfung, das ich zu Beginn meiner Dissertation besuchte, erinnere ich mich gut.</p> <p>Mit der Frage, wie Erschöpfung zustande kommt, beschäftigen sich Forscher schon seit über hundert Jahren. Dennoch wird nach wie vor darüber spekuliert und diskutiert, welche Faktoren eine zentrale Rolle spielen, welche Prozesse in unserem Gehirn und ganzen Körper ablaufen und ob das Erschöpfungsgefühl einem bestimmten Zweck dient. Handelt es sich um ein Warnsignal, das es uns ermöglicht, unser Verhalten rechtzeitig anzupassen, um unser inneres Gleichgewicht wiederherzustellen und unsere Ressourcen zu schonen? Stellt es alternativ eine lästige Begleiterscheinung dar, die uns nur davon abhält, unsere Ziele zu erreichen? Oder liegt die Antwort dazwischen und variiert womöglich auch je nach Situation und Person? Erschöpfung zu erforschen ist kompliziert. Es gibt verschiedene Ausprägungen von Erschöpfung, im normalen und im krankhaften Bereich, wie es beim Chronischen Erschöpfungssyndrom, nach viraler Infektion zum Beispiel mit COVID-19 oder bei verschiedenen anderen Krankheiten der Fall sein kann. Zudem kann sich Erschöpfung unterschiedlich stark von einem Moment auf den anderen ändern. Hinzu kommt, dass einige Forschende annehmen, dass sich Erschöpfung auf unsere Motivation und somit auf unsere Entscheidungen und unser Verhalten auswirkt, und dass sie wiederum von unserem Verhalten und komplexen psychologischen und physiologischen Prozessen abhängt. Die stetige Entwicklung neuer Methoden ermöglicht jedoch ein immer genaueres und umfangreicheres Verständnis dieses facettenreichen Phänomens.</p> <p>Zusammen mit Forschungsteams der Universität Oxford untersuchte ich, wie sich Erschöpfung von einem Moment zum nächsten entwickelt und wie sie Entscheidungen, sich anzustrengen, beeinflusst. Dafür verwendeten wir Aufgaben zur Entscheidungsfindung, Ratingskalen, mathematische Modellierung, bildgebende Verfahren sowie pharmakologische Methoden. Besonders interessiert waren wir an den Vorgängen im Gehirn, die immer noch ein faszinierendes Rätsel darstellen.<aside></aside></p> <p>Basierend auf einer umfangreichen Literaturrecherche und theoretischen Überlegungen entwickelten wir ein mathematisches Rahmenmodell, das beschreibt, wie sich Erschöpfung von einem Moment zum nächsten ändert und wie Erschöpfung die Motivation und somit Entscheidungen, sich für mögliche Belohnung anzustrengen, beeinträchtigt. In einem Experiment variierten wir dann den Grad des Aufwands (physische Kraft) und den Grad der Belohnung (Punkte, die später in Geld umgerechnet wurden) von einem Versuchsdurchgang zum nächsten systematisch. Dadurch konnten wir zeigen, dass unser Modell individuelle Schwankungen sowohl in Entscheidungen sich anzustrengen („Ist mir eine bestimmte Belohnung ein bestimmter Aufwand wert?“) als auch in selbstberichteter Erschöpfung („Wie müde fühle ich mich momentan?“) vorhersagen kann und mögliche Zusammenhänge von Erschöpfung und Motivation aufzeigt. Im Speziellen zeigte das Modell, dass Erschöpfung zwei Komponenten zugrunde liegen: eine Komponente, die bei Arbeitsphasen zunimmt und sich bei Arbeitspausen erholt, sowie eine weitere Komponente, die bei kurzen Arbeitspausen unverändert bleibt.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-5.png"><img alt="" decoding="async" height="270" sizes="(max-width: 439px) 100vw, 439px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-5.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-5.png 439w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-5-300x185.png 300w" width="439"></img></a><figcaption><em>Schematische Darstellung, wie subjektiver Wert vom Grad der erforderlichen Anstrengung, der Höhe der zu erwartenden Belohnung und Erschöpfung abhängt. Anstrengung vermindert tendenziell den subjektiven Wert von Belohnung. Dieser Effekt wird unter Erschöpfung (F = Fatigue; gestrichelte Linien) verstärkt, sodass man weniger dazu bereit ist, sich für Belohnung anzustrengen. Mithilfe von Experimenten können der subjektive Wert, den eine bestimmte Person einem Gut oder einer Tätigkeit zuschreibt, und Schwankungen darin berechnet werden. Auch können Rückschlüsse auf Schwankungen in Erschöpfung gezogen werden, die hier von der erbrachten Anstrengung und den eingelegten Pausen über das Experiment hinweg abhängt. Abbildung entnommen aus Müller et al. (2021), Nature Communications, unter Lizenz https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/</em></figcaption></figure> <p>Einen Teil dieser Studie führten knapp 40 gesunde Versuchspersonen unter Verwendung von funktioneller Magnetresonanztomographie durch. Dieses Verfahren ermöglichte es, bei jeder Versuchsperson über fast eine Stunde hinweg alle ein bis zwei Sekunden Aufnahmen ihres Gehirns zu machen. Die Aufnahmen lieferten uns Informationen darüber, wie sich die neuronale Aktivität in verschiedenen Gehirnbereichen über das Experiment hinweg änderte. Ganz schön viele Daten! Dabei konnten wir feststellen, dass neuronale Aktivität während der Entscheidungsfindung in separaten Subregionen frontaler Gehirnbereiche entsprechend der zwei zuvor genannten Erschöpfungs-Komponenten schwankte. Zudem signalisierte neuronale Aktivität im ventralen Striatum (eine Region ungefähr in der Mitte des Gehirns, die bereits zuvor mit Motivation und Entscheidungsfindung in Zusammenhang gebracht wurde) unter anderem Unterschiede zwischen den einzelnen Versuchspersonen in dem Ausmaß, in dem ihr Entscheidungsverhalten durch Erschöpfung beeinflusst wurde. Die Studie zeigte also fluktuierende Komponenten von Erschöpfung und ihrer Effekte auf. Gleichzeitig erweiterte sie unser Verständnis der Eigenschaften und Rolle bestimmter Gehirnbereiche.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-6.png"><img alt="" decoding="async" height="249" sizes="(max-width: 897px) 100vw, 897px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-6.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-6.png 897w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-6-300x83.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-6-768x213.png 768w" width="897"></img></a><figcaption><em>Neuronale Aktivität während der Entscheidungsfindung schwankt in separaten Subregionen frontaler Gehirnbereiche entsprechend zweier Erschöpfungs-Komponenten, die durch mathematische Modellierung identifiziert wurden (hellblau: verändert sich bei Arbeitsphasen und erholt sich während Pausen; dunkelblau: verändert sich bei Arbeitsphasen und bleibt bei kurzen Pausen unverändert). Abbildung entnommen aus Müller et al. (2021), Nature Communications, unter Lizenz https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/</em></figcaption></figure> <p>In einer weiteren Studie untersuchten wir nun, ob Menschen eher Informationen dazu suchen, wie anstrengend eine Handlung sein wird oder ob sie eher dazu neigen, zuerst Informationen zur möglichen Belohnung einzuholen. Interessant war dabei auch, herauszufinden, ob diese mögliche Präferenz gegebenenfalls mit ihrer Arbeitsbereitschaft zusammenhängt. Die Versuchspersonen entschieden in jedem Durchgang zunächst, ob sie zuerst den Grad des Aufwands oder den Grad der Belohnung sehen möchten bevor sie jeweils entschieden, ob die ihnen angebotene Belohnung den erforderlichen Aufwand wert ist. Dabei waren diejenigen Personen, die sich öfters dafür entschieden, den Anstrengungsgrad zuerst zu sehen, weniger bereit dazu, sich für Geld anzustrengen, wenn dies relativ hohe Anstrengung erforderte. Einige Teilnehmende, die Informationen über die mit einer Handlung verbundene Anstrengung bevorzugten, anstatt zuerst Informationen zur möglichen Belohnung einzuholen, berichteten zudem von weniger anstrengender Aktivität und erhöhter Erschöpfung im Alltag. Die Ergebnisse zeigten einen bislang unbekannten Zusammenhang zwischen individuellen Tendenzen bei der Informationssuche, Motivation, körperlicher Aktivität und Erschöpfung auf. Inwiefern sich diese Faktoren gegenseitig beeinflussen, bleibt eine spannende Frage für zukünftige Forschung.</p> <p>Die entwickelten Aufgaben-Paradigmen und mathematischen Modelle machen es möglich, verschiedene Komponenten der Entwicklung von Erschöpfung und ihrer Auswirkungen zu identifizieren und zu quantifizieren. Somit helfen sie dabei, die Mechanismen, die Erschöpfung und individuellen Abweichungen in der Verarbeitung von Anstrengung zugrunde liegen, besser zu verstehen. Und das nicht nur in gesunden Versuchspersonen, sondern auch in denjenigen Patienten, die sich typischerweise erschöpft fühlen. Ein Beispiel: In einer aktuellen Studie verwenden wir eine Version des Experiments und mathematischen Modells zur Erfassung von Schwankungen im subjektiven Erschöpfungsgefühl von Parkinson-Patienten. Dabei gehen wir der Frage nach, ob Parkinson-Patienten durch Anstrengung mehr ermüden oder ob sie sich während Pausen langsamer erholen als gesunde Probanden und welche Rolle der Neurotransmitter Dopamin dafür spielt. Insgesamt könnten die Ansätze und Ergebnisse eine wichtige Wissensbasis bereitstellen für verschiedene Maßnahmen, um übermäßige Erschöpfung und ihre Auswirkungen auf die Motivation und das Verhalten zu verhindern oder zu reduzieren.</p> <p>Natürlich ist eine gewisse Anstrengung erforderlich, um unsere Ziele zu erreichen und neue Dinge zu erlernen. Sie kann teilweise Freude bereiten, und das richtige, persönliche Maß an Aktivität fördert die psychische und körperliche Gesundheit. Manche Studien anderer Forschungsgruppen legen sogar nahe, dass gewisse körperliche Aktivität längerfristig gesehen Erschöpfung entgegenwirken kann, zumindest bei einigen Personen und Erkrankungen. Entscheidend ist wohl, die individuelle Balance zu finden. Dabei kann es helfen, mögliche Warnsignale seines Gehirns wahrzunehmen und, falls nötig, seine Denkweise und sein Verhalten entsprechend anzupassen. Die Forschung ist den Grundlagen und dem potentiellen Zweck des Erschöpfungsgefühls auf der Spur, hat aber auch noch eine spannende Reise vor sich.</p> <hr></hr> <p>Tanja Müller ist derzeit als Postdoc im Fachbereich Neuroökonomie an der Universität Zürich tätig. Unterstützt durch ein Forschungsstipendium des Schweizerischen Nationalfonds beschäftigt sie sich dort mit Erschöpfung und Entscheidungsfindung. Zuvor studierte sie Psychologie und Neuro-kognitive Psychologie an den Universitäten Freiburg (Breisgau) und München und verbrachte Studien- und Forschungsaufenthalte an der University of Oxford (England) und der Stanford University (USA). Für ihre Doktorarbeit an der Universität Oxford untersuchte sie Mechanismen, die Erschöpfung und deren Einfluss auf die Motivation zugrunde liegen, mit einem speziellen Fokus auf die Vorgänge im menschlichen Gehirn.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Erschöpfung – Ein Warnsignal des Gehirns? » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den<span> <a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</a> </span>2023 in der Kategorie Neurowissenschaften veranschaulichte Tanja Müller, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Nach einem langen Arbeitstag, einer Prüfung oder einer sportlichen Aktivität sind wir oft müde oder erschöpft. Jeder kennt wohl dieses Gefühl. Aber warum ist das eigentlich so? Wie wirkt sich Anstrengung auf unser Gehirn und Verhalten aus? Neue Methoden liefern neue Einblicke und Möglichkeiten.</em></p> <p>„Viele Fragen sind noch zu beantworten, um die Mechanismen, die Erschöpfung zugrunde liegen, zu enträtseln. Dieser Herausforderung werden sich zukünftig sicher auch einige junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stellen.“ An diese Botschaft der Abschlussrede eines wissenschaftlichen Meetings zur Neurobiologie von Erschöpfung, das ich zu Beginn meiner Dissertation besuchte, erinnere ich mich gut.</p> <p>Mit der Frage, wie Erschöpfung zustande kommt, beschäftigen sich Forscher schon seit über hundert Jahren. Dennoch wird nach wie vor darüber spekuliert und diskutiert, welche Faktoren eine zentrale Rolle spielen, welche Prozesse in unserem Gehirn und ganzen Körper ablaufen und ob das Erschöpfungsgefühl einem bestimmten Zweck dient. Handelt es sich um ein Warnsignal, das es uns ermöglicht, unser Verhalten rechtzeitig anzupassen, um unser inneres Gleichgewicht wiederherzustellen und unsere Ressourcen zu schonen? Stellt es alternativ eine lästige Begleiterscheinung dar, die uns nur davon abhält, unsere Ziele zu erreichen? Oder liegt die Antwort dazwischen und variiert womöglich auch je nach Situation und Person? Erschöpfung zu erforschen ist kompliziert. Es gibt verschiedene Ausprägungen von Erschöpfung, im normalen und im krankhaften Bereich, wie es beim Chronischen Erschöpfungssyndrom, nach viraler Infektion zum Beispiel mit COVID-19 oder bei verschiedenen anderen Krankheiten der Fall sein kann. Zudem kann sich Erschöpfung unterschiedlich stark von einem Moment auf den anderen ändern. Hinzu kommt, dass einige Forschende annehmen, dass sich Erschöpfung auf unsere Motivation und somit auf unsere Entscheidungen und unser Verhalten auswirkt, und dass sie wiederum von unserem Verhalten und komplexen psychologischen und physiologischen Prozessen abhängt. Die stetige Entwicklung neuer Methoden ermöglicht jedoch ein immer genaueres und umfangreicheres Verständnis dieses facettenreichen Phänomens.</p> <p>Zusammen mit Forschungsteams der Universität Oxford untersuchte ich, wie sich Erschöpfung von einem Moment zum nächsten entwickelt und wie sie Entscheidungen, sich anzustrengen, beeinflusst. Dafür verwendeten wir Aufgaben zur Entscheidungsfindung, Ratingskalen, mathematische Modellierung, bildgebende Verfahren sowie pharmakologische Methoden. Besonders interessiert waren wir an den Vorgängen im Gehirn, die immer noch ein faszinierendes Rätsel darstellen.<aside></aside></p> <p>Basierend auf einer umfangreichen Literaturrecherche und theoretischen Überlegungen entwickelten wir ein mathematisches Rahmenmodell, das beschreibt, wie sich Erschöpfung von einem Moment zum nächsten ändert und wie Erschöpfung die Motivation und somit Entscheidungen, sich für mögliche Belohnung anzustrengen, beeinträchtigt. In einem Experiment variierten wir dann den Grad des Aufwands (physische Kraft) und den Grad der Belohnung (Punkte, die später in Geld umgerechnet wurden) von einem Versuchsdurchgang zum nächsten systematisch. Dadurch konnten wir zeigen, dass unser Modell individuelle Schwankungen sowohl in Entscheidungen sich anzustrengen („Ist mir eine bestimmte Belohnung ein bestimmter Aufwand wert?“) als auch in selbstberichteter Erschöpfung („Wie müde fühle ich mich momentan?“) vorhersagen kann und mögliche Zusammenhänge von Erschöpfung und Motivation aufzeigt. Im Speziellen zeigte das Modell, dass Erschöpfung zwei Komponenten zugrunde liegen: eine Komponente, die bei Arbeitsphasen zunimmt und sich bei Arbeitspausen erholt, sowie eine weitere Komponente, die bei kurzen Arbeitspausen unverändert bleibt.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-5.png"><img alt="" decoding="async" height="270" sizes="(max-width: 439px) 100vw, 439px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-5.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-5.png 439w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-5-300x185.png 300w" width="439"></img></a><figcaption><em>Schematische Darstellung, wie subjektiver Wert vom Grad der erforderlichen Anstrengung, der Höhe der zu erwartenden Belohnung und Erschöpfung abhängt. Anstrengung vermindert tendenziell den subjektiven Wert von Belohnung. Dieser Effekt wird unter Erschöpfung (F = Fatigue; gestrichelte Linien) verstärkt, sodass man weniger dazu bereit ist, sich für Belohnung anzustrengen. Mithilfe von Experimenten können der subjektive Wert, den eine bestimmte Person einem Gut oder einer Tätigkeit zuschreibt, und Schwankungen darin berechnet werden. Auch können Rückschlüsse auf Schwankungen in Erschöpfung gezogen werden, die hier von der erbrachten Anstrengung und den eingelegten Pausen über das Experiment hinweg abhängt. Abbildung entnommen aus Müller et al. (2021), Nature Communications, unter Lizenz https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/</em></figcaption></figure> <p>Einen Teil dieser Studie führten knapp 40 gesunde Versuchspersonen unter Verwendung von funktioneller Magnetresonanztomographie durch. Dieses Verfahren ermöglichte es, bei jeder Versuchsperson über fast eine Stunde hinweg alle ein bis zwei Sekunden Aufnahmen ihres Gehirns zu machen. Die Aufnahmen lieferten uns Informationen darüber, wie sich die neuronale Aktivität in verschiedenen Gehirnbereichen über das Experiment hinweg änderte. Ganz schön viele Daten! Dabei konnten wir feststellen, dass neuronale Aktivität während der Entscheidungsfindung in separaten Subregionen frontaler Gehirnbereiche entsprechend der zwei zuvor genannten Erschöpfungs-Komponenten schwankte. Zudem signalisierte neuronale Aktivität im ventralen Striatum (eine Region ungefähr in der Mitte des Gehirns, die bereits zuvor mit Motivation und Entscheidungsfindung in Zusammenhang gebracht wurde) unter anderem Unterschiede zwischen den einzelnen Versuchspersonen in dem Ausmaß, in dem ihr Entscheidungsverhalten durch Erschöpfung beeinflusst wurde. Die Studie zeigte also fluktuierende Komponenten von Erschöpfung und ihrer Effekte auf. Gleichzeitig erweiterte sie unser Verständnis der Eigenschaften und Rolle bestimmter Gehirnbereiche.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-6.png"><img alt="" decoding="async" height="249" sizes="(max-width: 897px) 100vw, 897px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-6.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-6.png 897w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-6-300x83.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-6-768x213.png 768w" width="897"></img></a><figcaption><em>Neuronale Aktivität während der Entscheidungsfindung schwankt in separaten Subregionen frontaler Gehirnbereiche entsprechend zweier Erschöpfungs-Komponenten, die durch mathematische Modellierung identifiziert wurden (hellblau: verändert sich bei Arbeitsphasen und erholt sich während Pausen; dunkelblau: verändert sich bei Arbeitsphasen und bleibt bei kurzen Pausen unverändert). Abbildung entnommen aus Müller et al. (2021), Nature Communications, unter Lizenz https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/</em></figcaption></figure> <p>In einer weiteren Studie untersuchten wir nun, ob Menschen eher Informationen dazu suchen, wie anstrengend eine Handlung sein wird oder ob sie eher dazu neigen, zuerst Informationen zur möglichen Belohnung einzuholen. Interessant war dabei auch, herauszufinden, ob diese mögliche Präferenz gegebenenfalls mit ihrer Arbeitsbereitschaft zusammenhängt. Die Versuchspersonen entschieden in jedem Durchgang zunächst, ob sie zuerst den Grad des Aufwands oder den Grad der Belohnung sehen möchten bevor sie jeweils entschieden, ob die ihnen angebotene Belohnung den erforderlichen Aufwand wert ist. Dabei waren diejenigen Personen, die sich öfters dafür entschieden, den Anstrengungsgrad zuerst zu sehen, weniger bereit dazu, sich für Geld anzustrengen, wenn dies relativ hohe Anstrengung erforderte. Einige Teilnehmende, die Informationen über die mit einer Handlung verbundene Anstrengung bevorzugten, anstatt zuerst Informationen zur möglichen Belohnung einzuholen, berichteten zudem von weniger anstrengender Aktivität und erhöhter Erschöpfung im Alltag. Die Ergebnisse zeigten einen bislang unbekannten Zusammenhang zwischen individuellen Tendenzen bei der Informationssuche, Motivation, körperlicher Aktivität und Erschöpfung auf. Inwiefern sich diese Faktoren gegenseitig beeinflussen, bleibt eine spannende Frage für zukünftige Forschung.</p> <p>Die entwickelten Aufgaben-Paradigmen und mathematischen Modelle machen es möglich, verschiedene Komponenten der Entwicklung von Erschöpfung und ihrer Auswirkungen zu identifizieren und zu quantifizieren. Somit helfen sie dabei, die Mechanismen, die Erschöpfung und individuellen Abweichungen in der Verarbeitung von Anstrengung zugrunde liegen, besser zu verstehen. Und das nicht nur in gesunden Versuchspersonen, sondern auch in denjenigen Patienten, die sich typischerweise erschöpft fühlen. Ein Beispiel: In einer aktuellen Studie verwenden wir eine Version des Experiments und mathematischen Modells zur Erfassung von Schwankungen im subjektiven Erschöpfungsgefühl von Parkinson-Patienten. Dabei gehen wir der Frage nach, ob Parkinson-Patienten durch Anstrengung mehr ermüden oder ob sie sich während Pausen langsamer erholen als gesunde Probanden und welche Rolle der Neurotransmitter Dopamin dafür spielt. Insgesamt könnten die Ansätze und Ergebnisse eine wichtige Wissensbasis bereitstellen für verschiedene Maßnahmen, um übermäßige Erschöpfung und ihre Auswirkungen auf die Motivation und das Verhalten zu verhindern oder zu reduzieren.</p> <p>Natürlich ist eine gewisse Anstrengung erforderlich, um unsere Ziele zu erreichen und neue Dinge zu erlernen. Sie kann teilweise Freude bereiten, und das richtige, persönliche Maß an Aktivität fördert die psychische und körperliche Gesundheit. Manche Studien anderer Forschungsgruppen legen sogar nahe, dass gewisse körperliche Aktivität längerfristig gesehen Erschöpfung entgegenwirken kann, zumindest bei einigen Personen und Erkrankungen. Entscheidend ist wohl, die individuelle Balance zu finden. Dabei kann es helfen, mögliche Warnsignale seines Gehirns wahrzunehmen und, falls nötig, seine Denkweise und sein Verhalten entsprechend anzupassen. Die Forschung ist den Grundlagen und dem potentiellen Zweck des Erschöpfungsgefühls auf der Spur, hat aber auch noch eine spannende Reise vor sich.</p> <hr></hr> <p>Tanja Müller ist derzeit als Postdoc im Fachbereich Neuroökonomie an der Universität Zürich tätig. Unterstützt durch ein Forschungsstipendium des Schweizerischen Nationalfonds beschäftigt sie sich dort mit Erschöpfung und Entscheidungsfindung. Zuvor studierte sie Psychologie und Neuro-kognitive Psychologie an den Universitäten Freiburg (Breisgau) und München und verbrachte Studien- und Forschungsaufenthalte an der University of Oxford (England) und der Stanford University (USA). Für ihre Doktorarbeit an der Universität Oxford untersuchte sie Mechanismen, die Erschöpfung und deren Einfluss auf die Motivation zugrunde liegen, mit einem speziellen Fokus auf die Vorgänge im menschlichen Gehirn.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/klartext/erschoepfung-ein-warnsignal-des-gehirns/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Shaping AI for the People: A Blueprint for the Future https://scilogs.spektrum.de/hlf/shaping-ai-for-the-people-a-blueprint-for-the-future/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/shaping-ai-for-the-people-a-blueprint-for-the-future/#comments Wed, 01 Oct 2025 12:00:00 +0000 Andrei Mihai https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=13798 <h1>Shaping AI for the People: A Blueprint for the Future - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>Artificial intelligence is no longer a futuristic promise; it is here, and seems to be embedded almost everywhere. Few technologies have spread so quickly, and few technologies have split opinion so sharply. To some, AI is the dawn of a new golden age, while others see a ticking time bomb. This tension between possibility and risk was also visible during a live poll performed with the audience at the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">12th Heidelberg Laureate Forum</a> this year, where “deepfakes and misinformation” was chosen as the most important AI challenge over the next 10 years, followed by concerns about ethics and privacy.</p> <p>Beneath all this tension is one key question: How do we make sure AI works <em>for</em> people, not against them?</p> <p>Jeff Dean (Chief Scientist, Google DeepMind and Google Research; ACM Prize in Computing – 2012) and David Patterson (ACM A.M. Turing Award – 2017) also asked themselves that question. The two gathered expert advice from fields ranging from science to policy and law. They discussed with experts from the field of AI, as well as with the likes of Nobel Laureate John Jumper and former US President Barack Obama. In a Spark Session at the 2025 Heidelberg Laureate Forum, they presented some of their conclusions.</p> <div> <figure><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/09/image-3.png"><img alt="a poll of AI-related challenges " decoding="async" src="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/09/image-3-1024x567.png"></img></a><figcaption>A printscreen showing the results of a live poll with the 12th HLF’s participants. Image credits: HLFF.</figcaption></figure></div> <h3 id="h-four-moonshots">Four Moonshots</h3> <p>The main conclusion was neither a rosy “AI will save us all,” nor a warning about rogue superintelligence. Instead, the two laureates tried to lay out a practical approach on how AI in jobs, education, healthcare, and even democracy will set the trajectory for billions of lives. They wanted to steer the research community with concrete goals, much like the <a href="https://www.jfklibrary.org/visit-museum/exhibits/special-exhibits/moon-shot-jfk-and-space-exploration" rel="noreferrer noopener" target="_blank">“moonshot” of the Space Race</a>.</p> <p>The result, a project called “<a href="https://shapingai.com/about.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Shaping AI</a>“, was born out of a “shared frustration over the polarized discourse on AI, which has devolved into a standoff between accelerationists and doomers.”<aside></aside></p> <p>“Rather than simply predict what the impact of AI will be given a laissez-faire approach, our goal is to propose what the impact could be given directed efforts to maximize the upsides and minimize the downsides,” the project’s <em>About</em> page reads. A summary is also presented in an <a href="https://arxiv.org/abs/2412.02730" rel="noreferrer noopener" target="_blank">arXiv paper</a>.</p> <p>At the HLF Spark session on Tuesday morning, Dean and Patterson took the stage together to present some of their findings. They started with what they hope AI can actually deliver. “We should set concrete goals to have a positive societal benefit,” says Patterson.</p> <p>They could not limit themselves to one “moonshot,” however. They landed on four:</p> <ul> <li><strong>Functional Civic Discourse by 2030;</strong></li> <li><strong>AI for Healthcare;</strong></li> <li><strong>A Century of Progress in a Single Decade;</strong></li> <li><strong>Workforce Re-skilling.</strong></li> </ul> <p>The latter is perhaps the most straightforward to address. If AI displaces workers, it must also help them rebound. Patterson calls for an “AI rapid upskilling prize,” a system that helps low-wage workers retrain into middle-class jobs within six months. In fact, he explained how AI could actually help rebuild the <a href="https://www.noemamag.com/how-ai-could-help-rebuild-the-middle-class/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">middle class</a>. Yet, people’s jobs concerns are not unfounded.</p> <div> <figure><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/09/54791172889_da0a96e22f_o.jpg"><img alt="jeff dean on stage" decoding="async" src="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/09/54791172889_da0a96e22f_o.jpg"></img></a><figcaption>Jeff Dean answering questions after his presentation. © HLFF.</figcaption></figure></div> <p>AI is far from the first technology set to change the job force, but the scale at which it is happening is striking. The impact is also geography-dependent. In developed countries like the US, the worry is lawyers or coders being displaced. In sub-Saharan Africa, for example, the crisis is the opposite: There are not enough trained professionals. In such regions, AI could be transformative, just as mobile phones once leapfrogged landlines. An AI “health aide” in a nurse’s pocket might literally save lives where doctors are scarce. Ultimately, if directed wisely, AI could <em>expand</em> employment by boosting productivity in sectors where demand is boundless, like education, healthcare, software, or research. But if left unchecked, it could hollow out industries with fixed ceilings.</p> <p>The main, immediate focus is to remove the drudgery from current tasks, Dean points out. The recommended approach is to focus AI on increasing human productivity rather than labor replacement.</p> <p>“AI focused on human productivity is better than labor replacement,” the Laureate says. AI can increase human employability, but we need safeguards when AI veers off course. The first objective should be to “remove drudgery from current tasks and only then move to new AI innovation,” Dean continued.</p> <h3 id="h-can-ai-help-democracy">Can AI Help Democracy?</h3> <p>Whereas the impact of AI on jobs has some predictable parts, assessing the impact of the technology on our civic discourse and democratic societies is far more unpredictable.</p> <p>We are seeing today how social networks and AI-fuelled operations often amplify division and stir misinformation; we also see <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Artificial_intelligence_for_video_surveillance" rel="noreferrer noopener" target="_blank">AI used for surveillance</a> in some contexts. The small HLF survey <a href="https://news.harvard.edu/gazette/story/2020/10/ethical-concerns-mount-as-ai-takes-bigger-decision-making-role/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">echoes similar concerns</a> from broader civic society. But could AI also be used to repair some of the broken machinery of our society?</p> <p>Experiments highlighted by Dean and Patterson in the paper show AI can sometimes play a positive role, moderating conversations, surfacing shared values, and even countering conspiracy theories. Patterson cites one familiar case: a friend who engaged in conspiracy theories argued with AI until their arguments simply ran dry. Later on, that friend showed less attachment to their false beliefs.</p> <div> <figure><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/09/54790087007_8edbc52616_b.jpg"><img alt="david patterson and jeff dean on stage" decoding="async" src="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/09/54790087007_8edbc52616_b.jpg"></img></a><figcaption>Patterson answering questions after his presentation. © HLFF.</figcaption></figure></div> <p>“Though many are rightly worried about the prospect of artificial intelligence being used to spread misinformation or polarize online communications, our findings indicate it may also be useful for promoting respect, understanding, and democratic reciprocity,” one quoted study mentioned.</p> <p>Sceptical? So are Dean and Patterson. After all, good science rests on a healthy dose of scepticism. But they argue it is a research question worth funding. If AI can help societies pull back from polarization, it could be one of the greatest public goods of the 21st century.</p> <p>In terms of healthcare, we are already seeing substantial benefits, but the two laureates emphasize the importance of starting with the basics: help nurses, physician assistants, and overworked clinicians cut paperwork and triage faster. Then move toward systems that catch misdiagnoses, which are still <a href="https://qualitysafety.bmj.com/content/33/2/109" rel="noreferrer noopener" target="_blank">strikingly common</a>.</p> <h3 id="h-the-stakes-are-high">The Stakes Are High</h3> <p>The impact of AI in society is almost guaranteed to be transformative. AI could accelerate scientific discovery by a factor of ten, compressing a century of breakthroughs into a single decade. It could double GDP growth in countries like the United States, lifting millions out of poverty and rebuilding the middle class. It could give overburdened teachers and doctors tools that free them from paperwork and allow them to focus on the human parts of their jobs.</p> <p>But the risks are just as profound. Poorly directed, AI could concentrate wealth and power and create large pockets of long-term unemployment.</p> <p>Patterson and Dean stress that technology will not magically align itself with human values. They argue that with intention, coordination, and the right incentives, AI could lead to global prosperity, but this is not a guaranteed.</p> <p>“Artificial Intelligence (AI), like any transformative technology, has the potential to be a double-edged sword, leading either toward significant advancements or detrimental outcomes for society as a whole. As is often the case when it comes to widely-used technologies in market economies (e.g., cars and semiconductor chips), commercial interest tends to be the predominant guiding factor,” the paper reads.</p> <p>“The AI community is at risk of becoming polarized to either take a laissez-faire attitude toward AI development, or to call for government overregulation. Between these two poles we argue for the community of AI practitioners to consciously and proactively work for the common good.”</p> <p>At the 2025 Heidelberg Laureate Forum, AI was rightfully highlighted as one of the most consequential technologies of this time. Yet, as Patterson and Dean emphasize, AI does not come with a fixed set of outcomes. The way it is developed, deployed, and governed in the next few years will affect the lives of billions. It was a healthy and important reminder of the societal impact of research, and a reminder that while it is easy to fall into extremes, a balanced approach typically yields the best results.</p> <p>“It can be as big a mistake to ignore potential gains as it is to ignore risks,” their paper concludes.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/27qTr7My_no?feature=oembed&amp;rel=0" title="Spark Session | September 16" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Shaping AI for the People: A Blueprint for the Future - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>Artificial intelligence is no longer a futuristic promise; it is here, and seems to be embedded almost everywhere. Few technologies have spread so quickly, and few technologies have split opinion so sharply. To some, AI is the dawn of a new golden age, while others see a ticking time bomb. This tension between possibility and risk was also visible during a live poll performed with the audience at the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">12th Heidelberg Laureate Forum</a> this year, where “deepfakes and misinformation” was chosen as the most important AI challenge over the next 10 years, followed by concerns about ethics and privacy.</p> <p>Beneath all this tension is one key question: How do we make sure AI works <em>for</em> people, not against them?</p> <p>Jeff Dean (Chief Scientist, Google DeepMind and Google Research; ACM Prize in Computing – 2012) and David Patterson (ACM A.M. Turing Award – 2017) also asked themselves that question. The two gathered expert advice from fields ranging from science to policy and law. They discussed with experts from the field of AI, as well as with the likes of Nobel Laureate John Jumper and former US President Barack Obama. In a Spark Session at the 2025 Heidelberg Laureate Forum, they presented some of their conclusions.</p> <div> <figure><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/09/image-3.png"><img alt="a poll of AI-related challenges " decoding="async" src="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/09/image-3-1024x567.png"></img></a><figcaption>A printscreen showing the results of a live poll with the 12th HLF’s participants. Image credits: HLFF.</figcaption></figure></div> <h3 id="h-four-moonshots">Four Moonshots</h3> <p>The main conclusion was neither a rosy “AI will save us all,” nor a warning about rogue superintelligence. Instead, the two laureates tried to lay out a practical approach on how AI in jobs, education, healthcare, and even democracy will set the trajectory for billions of lives. They wanted to steer the research community with concrete goals, much like the <a href="https://www.jfklibrary.org/visit-museum/exhibits/special-exhibits/moon-shot-jfk-and-space-exploration" rel="noreferrer noopener" target="_blank">“moonshot” of the Space Race</a>.</p> <p>The result, a project called “<a href="https://shapingai.com/about.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Shaping AI</a>“, was born out of a “shared frustration over the polarized discourse on AI, which has devolved into a standoff between accelerationists and doomers.”<aside></aside></p> <p>“Rather than simply predict what the impact of AI will be given a laissez-faire approach, our goal is to propose what the impact could be given directed efforts to maximize the upsides and minimize the downsides,” the project’s <em>About</em> page reads. A summary is also presented in an <a href="https://arxiv.org/abs/2412.02730" rel="noreferrer noopener" target="_blank">arXiv paper</a>.</p> <p>At the HLF Spark session on Tuesday morning, Dean and Patterson took the stage together to present some of their findings. They started with what they hope AI can actually deliver. “We should set concrete goals to have a positive societal benefit,” says Patterson.</p> <p>They could not limit themselves to one “moonshot,” however. They landed on four:</p> <ul> <li><strong>Functional Civic Discourse by 2030;</strong></li> <li><strong>AI for Healthcare;</strong></li> <li><strong>A Century of Progress in a Single Decade;</strong></li> <li><strong>Workforce Re-skilling.</strong></li> </ul> <p>The latter is perhaps the most straightforward to address. If AI displaces workers, it must also help them rebound. Patterson calls for an “AI rapid upskilling prize,” a system that helps low-wage workers retrain into middle-class jobs within six months. In fact, he explained how AI could actually help rebuild the <a href="https://www.noemamag.com/how-ai-could-help-rebuild-the-middle-class/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">middle class</a>. Yet, people’s jobs concerns are not unfounded.</p> <div> <figure><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/09/54791172889_da0a96e22f_o.jpg"><img alt="jeff dean on stage" decoding="async" src="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/09/54791172889_da0a96e22f_o.jpg"></img></a><figcaption>Jeff Dean answering questions after his presentation. © HLFF.</figcaption></figure></div> <p>AI is far from the first technology set to change the job force, but the scale at which it is happening is striking. The impact is also geography-dependent. In developed countries like the US, the worry is lawyers or coders being displaced. In sub-Saharan Africa, for example, the crisis is the opposite: There are not enough trained professionals. In such regions, AI could be transformative, just as mobile phones once leapfrogged landlines. An AI “health aide” in a nurse’s pocket might literally save lives where doctors are scarce. Ultimately, if directed wisely, AI could <em>expand</em> employment by boosting productivity in sectors where demand is boundless, like education, healthcare, software, or research. But if left unchecked, it could hollow out industries with fixed ceilings.</p> <p>The main, immediate focus is to remove the drudgery from current tasks, Dean points out. The recommended approach is to focus AI on increasing human productivity rather than labor replacement.</p> <p>“AI focused on human productivity is better than labor replacement,” the Laureate says. AI can increase human employability, but we need safeguards when AI veers off course. The first objective should be to “remove drudgery from current tasks and only then move to new AI innovation,” Dean continued.</p> <h3 id="h-can-ai-help-democracy">Can AI Help Democracy?</h3> <p>Whereas the impact of AI on jobs has some predictable parts, assessing the impact of the technology on our civic discourse and democratic societies is far more unpredictable.</p> <p>We are seeing today how social networks and AI-fuelled operations often amplify division and stir misinformation; we also see <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Artificial_intelligence_for_video_surveillance" rel="noreferrer noopener" target="_blank">AI used for surveillance</a> in some contexts. The small HLF survey <a href="https://news.harvard.edu/gazette/story/2020/10/ethical-concerns-mount-as-ai-takes-bigger-decision-making-role/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">echoes similar concerns</a> from broader civic society. But could AI also be used to repair some of the broken machinery of our society?</p> <p>Experiments highlighted by Dean and Patterson in the paper show AI can sometimes play a positive role, moderating conversations, surfacing shared values, and even countering conspiracy theories. Patterson cites one familiar case: a friend who engaged in conspiracy theories argued with AI until their arguments simply ran dry. Later on, that friend showed less attachment to their false beliefs.</p> <div> <figure><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/09/54790087007_8edbc52616_b.jpg"><img alt="david patterson and jeff dean on stage" decoding="async" src="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/09/54790087007_8edbc52616_b.jpg"></img></a><figcaption>Patterson answering questions after his presentation. © HLFF.</figcaption></figure></div> <p>“Though many are rightly worried about the prospect of artificial intelligence being used to spread misinformation or polarize online communications, our findings indicate it may also be useful for promoting respect, understanding, and democratic reciprocity,” one quoted study mentioned.</p> <p>Sceptical? So are Dean and Patterson. After all, good science rests on a healthy dose of scepticism. But they argue it is a research question worth funding. If AI can help societies pull back from polarization, it could be one of the greatest public goods of the 21st century.</p> <p>In terms of healthcare, we are already seeing substantial benefits, but the two laureates emphasize the importance of starting with the basics: help nurses, physician assistants, and overworked clinicians cut paperwork and triage faster. Then move toward systems that catch misdiagnoses, which are still <a href="https://qualitysafety.bmj.com/content/33/2/109" rel="noreferrer noopener" target="_blank">strikingly common</a>.</p> <h3 id="h-the-stakes-are-high">The Stakes Are High</h3> <p>The impact of AI in society is almost guaranteed to be transformative. AI could accelerate scientific discovery by a factor of ten, compressing a century of breakthroughs into a single decade. It could double GDP growth in countries like the United States, lifting millions out of poverty and rebuilding the middle class. It could give overburdened teachers and doctors tools that free them from paperwork and allow them to focus on the human parts of their jobs.</p> <p>But the risks are just as profound. Poorly directed, AI could concentrate wealth and power and create large pockets of long-term unemployment.</p> <p>Patterson and Dean stress that technology will not magically align itself with human values. They argue that with intention, coordination, and the right incentives, AI could lead to global prosperity, but this is not a guaranteed.</p> <p>“Artificial Intelligence (AI), like any transformative technology, has the potential to be a double-edged sword, leading either toward significant advancements or detrimental outcomes for society as a whole. As is often the case when it comes to widely-used technologies in market economies (e.g., cars and semiconductor chips), commercial interest tends to be the predominant guiding factor,” the paper reads.</p> <p>“The AI community is at risk of becoming polarized to either take a laissez-faire attitude toward AI development, or to call for government overregulation. Between these two poles we argue for the community of AI practitioners to consciously and proactively work for the common good.”</p> <p>At the 2025 Heidelberg Laureate Forum, AI was rightfully highlighted as one of the most consequential technologies of this time. Yet, as Patterson and Dean emphasize, AI does not come with a fixed set of outcomes. The way it is developed, deployed, and governed in the next few years will affect the lives of billions. It was a healthy and important reminder of the societal impact of research, and a reminder that while it is easy to fall into extremes, a balanced approach typically yields the best results.</p> <p>“It can be as big a mistake to ignore potential gains as it is to ignore risks,” their paper concludes.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/27qTr7My_no?feature=oembed&amp;rel=0" title="Spark Session | September 16" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/shaping-ai-for-the-people-a-blueprint-for-the-future/#comments 4 Erste Cannabis-Evaluation: Was die Daten zeigen und wie es jetzt weitergeht https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/erste-cannabis-evaluation-was-die-daten-zeigen-und-wie-es-jetzt-weitergeht/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/erste-cannabis-evaluation-was-die-daten-zeigen-und-wie-es-jetzt-weitergeht/#comments Tue, 30 Sep 2025 11:41:07 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3444 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/marijuana-leaf-5315561_1920-768x512.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/erste-cannabis-evaluation-was-die-daten-zeigen-und-wie-es-jetzt-weitergeht/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/marijuana-leaf-5315561_1920.jpg" /><h1>Erste Cannabis-Evaluation: Was die Daten zeigen und wie es jetzt weitergeht » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Wie häufig ist Cannabis-Konsum in Deutschland? Steigt er? Wie entwickelt sich die Kriminalität? Und drogenpolitische Schlussfolgerungen</strong></p> <span id="more-3444"></span> <p>Menschen kiffen. Nach der intensiv diskutierten Entkriminalisierung von Cannabis zum 1. April 2024 liegt nun die erste Zwischen-Evaluation vor: Ein <a href="https://www.fdr.uni-hamburg.de/record/17993">fast 200-seitiger Bericht</a> unter der Federführung Hamburger Suchtforscher.</p> <p>Darin ist von einem geschätzten Jahresbedarf von 670.000 bis 823.000 Kilogramm Cannabis für Deutschland die Rede. Wenn wir einmal von der Mitte ausgehen, also von 747 Tonnen, dann wären das rund 9 Gramm Gras (die Blüten) oder Haschisch (das Harz) pro Kopf und Jahr, um die häufigsten Konsumformen zu nennen.</p> <p>Das ist eine abstrakte Größe, die wir gleich noch genauer nach der Häufigkeit des Konsums aufschlüsseln. Sie zeigt aber, dass Cannabis zu Deutschland gehört.</p> <p>Zum Vergleich: Im Schnitt trinkt die deutsche Bevölkerung ab 15 Jahren zehn Liter reinen Alkohol pro Kopf und Jahr, was in Bier ausgedrückt bei einem Alkoholgehalt von 5 Volumenprozent 200 Liter wären. Aber natürlich trinken manche mehr und andere gar keine alkoholischen Getränke.<aside></aside></p> <p>Wie ich kürzlich für mein Buch <em>Die Cannabis-Protokolle. Medizin, Politik und Wissenschaft auf dem Prüfstand </em>recherchierte, lässt sich Cannabis-Konsum in Europa seit rund 5000 Jahren nachweisen. Wohl aus klimatischen Gründen dürfte die psychoaktive Substanz damals vor allem im Südosten des Kontinents verbreitet gewesen sein, während man im Nordwesten eher Bier und Honigwein (Met) braute, bis die Römer mit ihren Eroberungen auch den Weinbau mitbrachten.</p> <p>Zum Beispiel fand man bei Ausgrabungen einer Grabstätte im heutigen Rumänien eine Pfeife und Pflanzenreste von Hanf, die auf einen rituellen Gebrauch schließen lassen. Sozusagen ein Joint zur Beerdigung als europäisches Kulturgut.</p> <h2 id="h-wie-haufig-ist-der-konsum">Wie häufig ist der Konsum?</h2> <p>Doch bleiben wir in der Gegenwart: Die Jahresprävalenz für den Cannabiskonsum in Deutschland lag kurz vor der Gesetzesänderung <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/cannabisgebrauch-in-deutschland-0610bc6e-b97f-44f8-b9c1-e476a09352d4">bei fast 5 Prozent</a>, also rund jedem beziehungsweise jeder 20. Deutschen. Besonders beliebt ist die Substanz unter den 18- bis 25-Jährigen mit 25 Prozent. Bei den 12- bis 17-Jährigen sind es geschätzte 8 Prozent.</p> <p>Nach der Häufigkeit schlüsseln sich die genannten fünf Prozent wie folgt auf: Mindestens einmal im Monat konsumierten 2,3 Prozent Cannabis, mindestens einmal pro Woche 1,5 Prozent und (fast) täglich 0,7 Prozent. Laut dieser repräsentativen Befragung wären also fast jeder 20. ein Gelegenheits- und fast jeder 50. ein regelmäßiger Konsument.</p> <p>Am Rande sei hier erwähnt, dass es bei solchen Studien auffällige Unterschiede gibt: So kam der alle drei Jahre vom Institut für Therapieforschung in München erhobene “epidemiologische Suchtsurvey” auf eine Jahresprävalenz von <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/konsum-psychoaktiver-substanzen-in-deutschland-a8c9e691-dbc5-4eb3-9d00-5bdfdf363b8e">fast 10 Prozent</a>. Die “CannaStreet Studie” vom Institut für interdisziplinäre Sucht- und Drogenforschung in Hamburg schätzte noch höhere Werte, basierte aber nur auf Onlinebefragungen. Die seit 2022 jährlich durchgeführte “Deutsche Befragung zum Rauchverhalten” vom Centre for Health and Society an der Uniklinik Düsseldorf kam auf niedrigere Ergebnisse.</p> <p>Die Unterschiede dürften teils an der verwendeten Methodik liegen, wie man beispielsweise die Antworten von wenigen Tausend Befragten auf die gesamte Gesellschaft hochrechnet. Allgemein weiß man zum Beispiel, dass in den Städten mehr Cannabis und andere Drogen konsumiert werden als auf dem Land. Das macht die Schätzungen komplexer. Die drogenpolitisch wichtigere Frage ist aber, ob der Konsum zunimmt.</p> <h2 id="h-nimmt-der-cannabiskonsum-zu">Nimmt der Cannabiskonsum zu?</h2> <p>Am 23. September 2025, also wenige Tage vor Veröffentlichung des Zwischenberichts, titelte ein Artikel im Tagesspiegel: “Droge ist teilweise legalisiert: Cannabis-Konsum bei 18- bis 25-Jährigen deutlich gestiegen”.</p> <p>Es stimmt zwar, dass der Konsum von Cannabis steigt. Das mit der Entkriminalisierung 2024 in Zusammenhang zu bringen, halte ich aber für grob irreführend. Im Artikel werden dann Zahlen von 2025 mit denen von 2015 verglichen.</p> <p>Korrekt ist, dass der Cannabis-Konsum schon seit den 1990ern zunimmt – und zwar in vielen Ländern. Auf der Abbildung ist das für die USA zu sehen und habe ich den Zeitpunkt der in immer mehr US-Bundesstaaten einsetzenden Legalisierung eingezeichnet. Die politischen Maßnahmen laufen also dem Verhalten der Bürgerinnen und Bürger hinterher, nicht andersherum.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/World-Drug-Report-2022-Cannabis-USA.jpg"><img alt="" decoding="async" height="724" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/World-Drug-Report-2022-Cannabis-USA-1024x724.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/World-Drug-Report-2022-Cannabis-USA-1024x724.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/World-Drug-Report-2022-Cannabis-USA-300x212.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/World-Drug-Report-2022-Cannabis-USA-768x543.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/World-Drug-Report-2022-Cannabis-USA.jpg 1286w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Abbildung: Der UN World Drug Report beschäftigte sich 2022 ausführlich mit dem Thema Cannabis. Die hier dargestellte Monatsprävalenz zeigt für drei Altersgruppen, dass die psychoaktive Substanz vor allem bei jungen Erwachsenen beliebt ist. Die Zahlen nähern sich wieder dem Niveau der 1970er an. Diese Trendwende setzte aber lange vor der Liberalisierung der Drogenpolitik ein.</em></p> <p>Das bestätigt der schon erwähnte Münchner Suchtsurvey auch für Deutschland: Hier verdoppelte sich die Jahresprävalenz des Cannabis-Konsums von 2009 bis 2024 allmählich. Diesen Trend nahm der frühere Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) ja gerade zum Anlass für die Gesetzeslockerung.</p> <p>Aussagekräftiger als die auf Selbstauskünften beruhenden Befragungen sind Abwasseruntersuchungen. Diese hat man in elf Städten unmittelbar vor (Dezember bis März 2024) und nach (Mai 2024 bis Mai 2025) der Entkriminalisierung vorgenommen. Das Ergebnis ist ein Unentschieden: Zwar nahm der Cannabiskonsum in Chemnitz, Magdeburg, Nürnberg und Rostock leicht zu. Doch in Frankfurt am Main, Potsdam und Saarbrücken änderte sich nichts und in Dresden, Greifswald, Hannover und Mainz nahm der Konsum sogar leicht ab.</p> <p>Diese Ergebnisse zeigen uns im Prinzip auch, dass sich der Drogenkonsum in der Gesellschaft nicht oder nur eingeschränkt durch Drogenverbote steuern lässt. Schließlich konnte der bloße Besitz von Cannabis bis zum 30. März 2024 mit bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe bestraft werden (§ 29 Abs. 1, Punkt 3 BtMG). Die Gesetzeslage war in den USA noch härter, vor allem im Wiederholungsfall.</p> <p>Viele Bürgerinnen und Bürger verwendeten und verwenden die psychoaktiven Substanzen trotzdem. Ein Blick auf die Gründe für den Konsum hilft uns dabei, das besser zu verstehen.</p> <h2 id="h-grunde-fur-den-cannabiskonsum">Gründe für den Cannabiskonsum</h2> <p>Für die erst im August erschienene, jedoch nicht repräsentative Onlinebefragung des Instituts für Suchtforschung in Frankfurt am Main und anderer Institutionen äußerten sich immerhin 11.471 Personen zu ihren Konsumgewohnheiten. Da darunter nur 96 Jugendliche waren, beschränkte ich mich hier auf die Antworten der Erwachsenen.</p> <p>Auf Platz 1 der Gründe landete mit 82 Prozent die Suche nach Entspannung. Danach folgte mit 64 Prozent, “Weil ich das Gefühl mag” (Mehrfachnennungen waren möglich). Das dürfte sich natürlich zum Teil mit dem Gefühl der Entspannung überschneiden.</p> <p>Mit immerhin 54 Prozent waren medizinische Gründe auf Platz 3, dazu gleich mehr. Danach folgten noch der Genuss zusammen mit anderen (31 Prozent) und der Wunsch nach einer veränderten Wahrnehmung bei immerhin jedem Vierten (25 Prozent).</p> <p>Die mit Blick auf eine mögliche Abhängigkeit eher bedenklichen Gründe waren die Ausnahme: 12 Prozent folgten einer Gewohnheit, 10 Prozent wollten ihre Sorgen vergessen und 5 Prozent gaben als Grund an, weil Freundinnen und Freunde es auch tun.</p> <h2 id="h-problematischer-konsum">Problematischer Konsum</h2> <p>Dazu passen die Ergebnisse der neuen Drogenaffinitätsstudie des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit vom September. Für diese wurden 7000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene repräsentativ befragt. Neben der Bestätigung der schon erwähnten Trends – bei Minderjährigen nimmt der Cannabiskonsum eher ab, bei jungen Erwachsenen eher zu – wurden die Personen hier auch zum problematischen Konsum befragt.</p> <p>Demnach lag dieser bei 11 Prozent der Jugendlichen und 13 Prozent der jungen Erwachsenen (18 bis 25 Jahre) vor. Die Ergebnisse von 2023 und 2025, also vor und nach der Entkriminalisierung, unterschieden sich nicht signifikant.</p> <p>Zur Erhebung des problematischen Konsums wurde eine deutsche Übersetzung des “Cannabis Abuse Screening Test” verwendet. Dieser zählt die Antworten auf sechs Fragen, mit jeweils 0 bis 4 Punkten für die Antworten von “niemals” über “manchmal” bis “sehr oft”.</p> <p>Die sechs Fragen sind: Haben Sie schon einmal am Morgen oder Vormittag Cannabis geraucht? Haben Sie es getan, wenn Sie alleine waren? Hatten Sie Gedächtnisprobleme, wenn Sie Cannabis geraucht haben? Haben Freunde oder Familienangehörige zu Ihnen gesagt, dass Sie weniger Cannabis rauchen sollten? Haben Sie schon erfolglos mit dem Konsum aufhören oder ihn reduzieren wollen? Hatten Sie Probleme wegen Ihres Cannabiskonsums, zum Beispiel Streit, einen Kampf, Unfall oder schlechtes Schulergebnis?</p> <p>Von den maximal 24 Punkten gilt nur der Bereich von 0 bis 2 Punkte als unbedenklich. Mit 3 bis 7 soll man ein niedriges und ab 8 Punkten ein hohes Suchtrisiko haben. Sucht ist aber ein sehr komplexes Thema und hängt nicht nur von der konsumierten Substanz ab, sondern auch von der Art und Häufigkeit des Konsums sowie von persönlichen und sozialen Umständen.</p> <p>Als besonders gefährdet gilt, wer viel Schlimmes erlebt hat und dann Cannabis – oder auch andere psychoaktive Substanzen – konsumiert, um seinen Problemen aus dem Weg zu gehen oder unangenehme Gefühle zu unterdrücken. Da man Herausforderungen so in der Regel nicht bewältigt, kann man in einen Teufelskreis geraten, insbesondere dann, wenn man immer mehr und häufiger konsumiert und die Substanz besonders gesundheitsschädlich, teuer oder schwer verfügbar ist.</p> <p>Das Thema ist sehr komplex. Darüber und die verschiedenen Arten der Abhängigkeit habe ich mehr im neuen Buch <em>Die Cannabis-Protokolle. Medizin, Politik und Wissenschaft auf dem Prüfstand</em> geschrieben.</p> <h2 id="h-medizinischer-und-freizeitkonsum">Medizinischer und Freizeitkonsum</h2> <p>Ein interessanter Befund aus der neuen Cannabis-Evaluation ist, dass sich der medizinische und Freizeitkonsum nicht gut trennen lässt. Auf dieses Ergebnis kam ich übrigens schon 2023 in meinem Fachbuch <em>Mental Health and Enhancement: Substance Use and Its Social Implications</em> (hier <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-32618-9">gratis</a>), wenn auch mit Blick auf die Psychostimulanzien, die heute vor allem bei Aufmerksamkeitsproblemen verschrieben werden. Ein Teil insbesondere jüngerer Leute verwendet die Mittel auch für mehr Spaß auf Partys, mehr Motivation beim Lernen oder zum Abnehmen.</p> <p>Dem steht Cannabis diametral entgegen: Wie wir sahen, nimmt die Mehrheit dieses Mittel nicht zum besseren “Anschalten” der geistigen Leistungsfähigkeit in Schule, Studium oder Arbeitsplatz, sondern sozusagen zum “Abschalten”, zur Entspannung. Wer dadurch starke Hungergefühle bekommt, dürfte dadurch auch eher nicht abnehmen. Diesen Effekt nutzt man mitunter medizinisch, wenn Patientinnen und Patienten aufgrund einer schweren Erkrankung oder Behandlung zu wenig essen.</p> <p>Aber da der medizinische Markt in der Leistungsgesellschaft immer weiter aufgebläht wurde und in den letzten Jahrzehnten immer mehr Facetten des Lebens aufnahm – neben Anspannung/Stress seien auch Traurigkeit oder schöpferische Pausen als Beispiele genannt –, ist die Grenzziehung hier schwer. Wir sahen gerade, dass 82 Prozent der Konsumierenden Entspannung als Grund für den Cannabiskonsum angegeben haben.</p> <p>Dass viele von ihnen in einer Online-Apotheke ein paar Symptome anklicken, dann vom Telemediziner ein Rezept und das Cannabisprodukt ihrer Wahl in pharmazeutischer Qualität in den Briefkasten bekommen, ist der neuen Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) ein Dorn im Auge. Sie will den Deutschen den Gang zum niedergelassenen Arzt und der Apotheke vor Ort vorschreiben. Diese Lobby wird ihr’s danken.</p> <p>Das könnte allerdings gegen EU-Wettbewerbsrecht (Art. 56 AEUV) verstoßen und die verfassungsrechtliche Berufsfreiheit unverhältnismäßig einschränken. Einfach gesagt: Womöglich kann die Ministerin den Ärzten im Inland ihre Online-Tätigkeit nicht ohne guten Grund einschränken – und sie auch nicht schlechter stellen als die Konkurrenz im EU-Ausland.</p> <p>Ich denke, wenn man eine ausufernde Ausstellung solcher Online-Rezepte eindämmen will, wird man zumindest die Alternative einer Videosprechstunde mit einem Arzt bestehen lassen müssen. Doch das letzte Wort hätten hier die Gerichte.</p> <h2 id="h-drogenpolitische-schlussfolgerungen">Drogenpolitische Schlussfolgerungen</h2> <p>Was bleibt nun von der Evaluation der Cannabisgesetzgebung nach eineinhalb Jahren und was bleibt zu tun?</p> <p>In der aktuellen Diskussion wird kritisiert, dass mit der Entkriminalisierung der Schwarzmarkt nicht verschwand. Aber dass die Cannabisclubs beziehungsweise Anbauvereinigungen dieses Problem nicht lösen würden, war von Anfang an klar. Ich warnte noch im Februar 2024 <a href="https://overton-magazin.de/dialog/eine-gesellschaft-auf-kokain-in-der-wir-endlose-wirtschaftskriege-fuehren-wuensche-ich-mir-nicht/">vor einem Bürokratiemonster</a>.</p> <p>Tatsächlich ist die Erfüllung der Auflagen nicht nur kompliziert und teuer. Vielmehr verzöger(te)n verschiedene Behörden den Aufbau, vor allem in Bayern. Es ist also überhaupt nicht überraschend, dass die Clubs 2024 laut der Evaluation nicht einmal 0,1 Prozent(!) des Bedarfs deckten. Auch wenn der Wert für 2025 vielleicht etwas höher liegen wird, dürfte er kaum ins Gewicht fallen.</p> <p>Wie wir oben sahen, tut gut die Hälfte der Cannabiskonsumenten das nur gelegentlich. Sich dafür in einem Verein – sofern überhaupt vorhanden – einzuschreiben oder gar eigene Pflanzen zu züchten, ist utopisch. Wer die Substanz nicht von Freunden mit legalen Quellen bekommt und sich nicht bei einer Online-Apotheke registrieren und warten will, kommt um illegale Bezugsquellen nicht herum. Leider dramatisieren verschiedene Medien und Politiker den Schwarzmarkt, indem sie auch das (nicht kommerzielle) Teilen unter Freunden dazu zählen.</p> <p>Dass die Gesetzesänderung wirkt, lässt sich am besten an den Zahlen zur Strafverfolgung nachvollziehen: Die ist laut der Evaluation um satte 60 bis 80 Prozent gesunken. Jetzt können sich Polizei und Justiz verstärkt echten Straftaten mit wirklichen Opfern widmen, was in Zeiten von Personalmangel immer wichtiger wird.</p> <p>Auch wenn der Konsum weiter gemessen werden sollte, ist aber doch klar: Der an die Wand gemalte Teufel, dass jetzt alle mehr Cannabis konsumieren, weil die Substanz aus der Verbotsliste gestrichen wird, war Unsinn. Man sollte auch nicht vergessen, dass es vor 100 Jahren überhaupt nur durch einen Kuhhandel darauf landete. Die Westmächte wollten unter amerikanischer Führung <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/mit-drogenpolitik-wird-sozial-und-migrationspolitik-gemacht/">aus innenpolitischen Gründen</a> Opium und seine Derivate – über Jahrhunderte übrigens die wichtigsten Arzneien – verbieten.</p> <p>Die herrschende Elite Ägyptens hatte etwas gegen das “normale Volk” mit seinem Cannabiskonsum und wollte sich von den früheren Kolonialmächten emanzipieren. Man schloss einen Deal: Wir stimmen dem Opiumverbot zu, wenn ihr auch Cannabis verbietet. <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zweite-opiumkonferenz-100-jahre-boeses-cannabis/">Es funktionierte</a>. Und so nahmen 100 Jahre sinnloser und sogar sozial schädlicher Verbotspolitik ihren Lauf, mit zahlreichen Verschärfungen im 20. Jahrhundert.</p> <h2 id="h-drogenpolitisches-chaos">Drogenpolitisches Chaos</h2> <p>Absurderweise wollen die Unionsparteien mit ihrer Gesundheitsministerin Warken die Liberalisierung gerade dort einschränken, wo sie am besten funktioniert: beim Bezug von medizinischem Cannabis. Sollen sich diese vielen Bürgerinnen und Bürger wieder auf der Straße oder zwielichtigen Ecken in den Parks versorgen?</p> <p>Dass der neue Drogenbeauftragte Hendrik Streeck (CDU) für seine Kritik die Jugendschutz-Karte zieht, war vielleicht abzusehen. Aber wie stimmig ist das, wenn doch trotz der Entkriminalisierung <em>weniger</em> Jugendliche Cannabis konsumieren? Er verweist darauf, dass Jugendrichter jetzt nicht mehr helfen könnten – um was für eine Art von “Hilfe” es da geht, hängt aber doch sehr stark vom jeweiligen Richter ab.</p> <p>Außerdem kritisierte Streeck die Besitzmengen von 25 Gramm auf der Straße und 50 Gramm zu Hause. Man könnte besser von Tschechien lernen, das jetzt 100 Gramm Cannabis im Eigenheim erlauben will. Was sollen die Heimgärtner denn tun, wenn ihre Pflanzen mehr als 50 Gramm abwerfen, was bei den heutigen Sorten realistisch ist? Selbst ein Wegwerfen des Überschusses könnte ein illegales Inverkehrbringen sein, das mit Geldstrafe oder bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe geahndet wird (§ 29 Abs. 1, Punkt 1 BtMG).</p> <p>Wer rechtlich auf Nummer sicher gehen will, dem bleiben eigentlich nur zwei Alternativen: Entweder verbraucht er den Überschuss sofort – oder er lässt ihn von der Polizei abholen und vernichten. Wollen die Unionspartei den Bürgerinnen und Bürgern wirklich einen extremen Drogenkonsum aufzwängen oder die Polizei wieder unnötig belasten?</p> <h2 id="h-jenseits-der-grenzen">Jenseits der Grenzen</h2> <p>Um die Ziele der neuen Cannabisgesetzgebung zu erreichen, muss endlich eine legale Lösung auch für Gelegenheitskonsumenten kommen. In den Niederlanden gibt es inzwischen acht Städte, in denen seit 1. Juli dieses Jahres <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/gesundheitsminister-eroeffnet-verkauf-von-erstem-sauberen-cannabis-in-den-niederlanden/">nur noch 100 Prozent legales Gras und Haschisch</a> verkauft wird. Dass das Modellprojekt seit Jahren geplant und seit Ende 2023 erweitert wurde, deutet darauf hin, dass die EU-Kommission es zulässt. Ansonsten hätte das wegen des Schengenabkommens <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/internationales-recht-cannabis-legalisierung-gescheitert/">unterbunden werden müssen</a>.</p> <p>Wenn man weiter meint, mit Drogenverboten Probleme lösen zu können, wird man in Europa zunehmend amerikanische Verhältnisse bekommen: Im niederländischen Rotterdam wird zurzeit die soziale Verelendung von immer mehr hilflosen Menschen sichtbarer. Wer erst einmal auf der Straße landet, greift schnell zu allem Verfügbaren, um sein Elend wenigstens für ein paar Momente nicht mehr spüren zu müssen. Die neuesten Drogen sind darin so gut wie gefährlich.</p> <p>Und in Belgien wird gerade ein möglicher Einsatz des Militärs im Kampf gegen die Drogenkriminalität diskutiert. Der frühere General Marc Thys warnte allerdings, dass es dann auch zivile Opfer geben könnte. Die Gangs hätten inzwischen Handgranaten und andere Kriegswaffen. Thys erwartet, dass Kriminelle die Militärpatrouillen testen und zum Gegenschlag provozieren könnten – mit unvorhersehbaren Konsequenzen.</p> <p>Es ging und geht Drogenpolitik immer auch um Sozialpolitik und die Sicherheit der Gesellschaft. Dass Verbote den Konsum nicht unterbinden und viele Probleme im Gegenteil sogar verschärfen, sehen wir seit gut 100 Jahren. Prävention durch zugängliche Hilfe insbesondere sozial schwacher Personen vor Ort und eine Substitutionstherapie für diejenigen, für die die Prävention zu spät kommt, wären wichtige Bausteine.</p> <p>Laut der neuen Evaluation konsumieren über 5 Millionen Deutsche zumindest gelegentlich Cannabis. Spätestens bei den nächsten Wahlen sollten sie sich an die politischen Hardliner erinnern, die die individuelle Freiheit missachten und den sozialen Frieden gefährden.</p> <h2 id="h-mehr-zum-thema">Mehr zum Thema</h2> <figure><a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die Cannabis-Gesetzgebung sowie wichtige Grundlagen: Was ist eine Droge? Was ist Abhängigkeit? Seit wann gibt es Cannabiskonsum in der Menschheitsgeschichte? Und was sind sein Nutzen und seine Risiken? Das neue Buch von Stephan Schleim gibt es als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/nl/book/die-cannabis-protokolle/id6745148090">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=f5pZEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/marijuana-leaf-cannabis-leaf-5315561/">Erin Stone</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/bcc32007766b48439ec9077aad77afe7" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/marijuana-leaf-5315561_1920.jpg" /><h1>Erste Cannabis-Evaluation: Was die Daten zeigen und wie es jetzt weitergeht » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Wie häufig ist Cannabis-Konsum in Deutschland? Steigt er? Wie entwickelt sich die Kriminalität? Und drogenpolitische Schlussfolgerungen</strong></p> <span id="more-3444"></span> <p>Menschen kiffen. Nach der intensiv diskutierten Entkriminalisierung von Cannabis zum 1. April 2024 liegt nun die erste Zwischen-Evaluation vor: Ein <a href="https://www.fdr.uni-hamburg.de/record/17993">fast 200-seitiger Bericht</a> unter der Federführung Hamburger Suchtforscher.</p> <p>Darin ist von einem geschätzten Jahresbedarf von 670.000 bis 823.000 Kilogramm Cannabis für Deutschland die Rede. Wenn wir einmal von der Mitte ausgehen, also von 747 Tonnen, dann wären das rund 9 Gramm Gras (die Blüten) oder Haschisch (das Harz) pro Kopf und Jahr, um die häufigsten Konsumformen zu nennen.</p> <p>Das ist eine abstrakte Größe, die wir gleich noch genauer nach der Häufigkeit des Konsums aufschlüsseln. Sie zeigt aber, dass Cannabis zu Deutschland gehört.</p> <p>Zum Vergleich: Im Schnitt trinkt die deutsche Bevölkerung ab 15 Jahren zehn Liter reinen Alkohol pro Kopf und Jahr, was in Bier ausgedrückt bei einem Alkoholgehalt von 5 Volumenprozent 200 Liter wären. Aber natürlich trinken manche mehr und andere gar keine alkoholischen Getränke.<aside></aside></p> <p>Wie ich kürzlich für mein Buch <em>Die Cannabis-Protokolle. Medizin, Politik und Wissenschaft auf dem Prüfstand </em>recherchierte, lässt sich Cannabis-Konsum in Europa seit rund 5000 Jahren nachweisen. Wohl aus klimatischen Gründen dürfte die psychoaktive Substanz damals vor allem im Südosten des Kontinents verbreitet gewesen sein, während man im Nordwesten eher Bier und Honigwein (Met) braute, bis die Römer mit ihren Eroberungen auch den Weinbau mitbrachten.</p> <p>Zum Beispiel fand man bei Ausgrabungen einer Grabstätte im heutigen Rumänien eine Pfeife und Pflanzenreste von Hanf, die auf einen rituellen Gebrauch schließen lassen. Sozusagen ein Joint zur Beerdigung als europäisches Kulturgut.</p> <h2 id="h-wie-haufig-ist-der-konsum">Wie häufig ist der Konsum?</h2> <p>Doch bleiben wir in der Gegenwart: Die Jahresprävalenz für den Cannabiskonsum in Deutschland lag kurz vor der Gesetzesänderung <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/cannabisgebrauch-in-deutschland-0610bc6e-b97f-44f8-b9c1-e476a09352d4">bei fast 5 Prozent</a>, also rund jedem beziehungsweise jeder 20. Deutschen. Besonders beliebt ist die Substanz unter den 18- bis 25-Jährigen mit 25 Prozent. Bei den 12- bis 17-Jährigen sind es geschätzte 8 Prozent.</p> <p>Nach der Häufigkeit schlüsseln sich die genannten fünf Prozent wie folgt auf: Mindestens einmal im Monat konsumierten 2,3 Prozent Cannabis, mindestens einmal pro Woche 1,5 Prozent und (fast) täglich 0,7 Prozent. Laut dieser repräsentativen Befragung wären also fast jeder 20. ein Gelegenheits- und fast jeder 50. ein regelmäßiger Konsument.</p> <p>Am Rande sei hier erwähnt, dass es bei solchen Studien auffällige Unterschiede gibt: So kam der alle drei Jahre vom Institut für Therapieforschung in München erhobene “epidemiologische Suchtsurvey” auf eine Jahresprävalenz von <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/konsum-psychoaktiver-substanzen-in-deutschland-a8c9e691-dbc5-4eb3-9d00-5bdfdf363b8e">fast 10 Prozent</a>. Die “CannaStreet Studie” vom Institut für interdisziplinäre Sucht- und Drogenforschung in Hamburg schätzte noch höhere Werte, basierte aber nur auf Onlinebefragungen. Die seit 2022 jährlich durchgeführte “Deutsche Befragung zum Rauchverhalten” vom Centre for Health and Society an der Uniklinik Düsseldorf kam auf niedrigere Ergebnisse.</p> <p>Die Unterschiede dürften teils an der verwendeten Methodik liegen, wie man beispielsweise die Antworten von wenigen Tausend Befragten auf die gesamte Gesellschaft hochrechnet. Allgemein weiß man zum Beispiel, dass in den Städten mehr Cannabis und andere Drogen konsumiert werden als auf dem Land. Das macht die Schätzungen komplexer. Die drogenpolitisch wichtigere Frage ist aber, ob der Konsum zunimmt.</p> <h2 id="h-nimmt-der-cannabiskonsum-zu">Nimmt der Cannabiskonsum zu?</h2> <p>Am 23. September 2025, also wenige Tage vor Veröffentlichung des Zwischenberichts, titelte ein Artikel im Tagesspiegel: “Droge ist teilweise legalisiert: Cannabis-Konsum bei 18- bis 25-Jährigen deutlich gestiegen”.</p> <p>Es stimmt zwar, dass der Konsum von Cannabis steigt. Das mit der Entkriminalisierung 2024 in Zusammenhang zu bringen, halte ich aber für grob irreführend. Im Artikel werden dann Zahlen von 2025 mit denen von 2015 verglichen.</p> <p>Korrekt ist, dass der Cannabis-Konsum schon seit den 1990ern zunimmt – und zwar in vielen Ländern. Auf der Abbildung ist das für die USA zu sehen und habe ich den Zeitpunkt der in immer mehr US-Bundesstaaten einsetzenden Legalisierung eingezeichnet. Die politischen Maßnahmen laufen also dem Verhalten der Bürgerinnen und Bürger hinterher, nicht andersherum.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/World-Drug-Report-2022-Cannabis-USA.jpg"><img alt="" decoding="async" height="724" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/World-Drug-Report-2022-Cannabis-USA-1024x724.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/World-Drug-Report-2022-Cannabis-USA-1024x724.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/World-Drug-Report-2022-Cannabis-USA-300x212.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/World-Drug-Report-2022-Cannabis-USA-768x543.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/World-Drug-Report-2022-Cannabis-USA.jpg 1286w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Abbildung: Der UN World Drug Report beschäftigte sich 2022 ausführlich mit dem Thema Cannabis. Die hier dargestellte Monatsprävalenz zeigt für drei Altersgruppen, dass die psychoaktive Substanz vor allem bei jungen Erwachsenen beliebt ist. Die Zahlen nähern sich wieder dem Niveau der 1970er an. Diese Trendwende setzte aber lange vor der Liberalisierung der Drogenpolitik ein.</em></p> <p>Das bestätigt der schon erwähnte Münchner Suchtsurvey auch für Deutschland: Hier verdoppelte sich die Jahresprävalenz des Cannabis-Konsums von 2009 bis 2024 allmählich. Diesen Trend nahm der frühere Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) ja gerade zum Anlass für die Gesetzeslockerung.</p> <p>Aussagekräftiger als die auf Selbstauskünften beruhenden Befragungen sind Abwasseruntersuchungen. Diese hat man in elf Städten unmittelbar vor (Dezember bis März 2024) und nach (Mai 2024 bis Mai 2025) der Entkriminalisierung vorgenommen. Das Ergebnis ist ein Unentschieden: Zwar nahm der Cannabiskonsum in Chemnitz, Magdeburg, Nürnberg und Rostock leicht zu. Doch in Frankfurt am Main, Potsdam und Saarbrücken änderte sich nichts und in Dresden, Greifswald, Hannover und Mainz nahm der Konsum sogar leicht ab.</p> <p>Diese Ergebnisse zeigen uns im Prinzip auch, dass sich der Drogenkonsum in der Gesellschaft nicht oder nur eingeschränkt durch Drogenverbote steuern lässt. Schließlich konnte der bloße Besitz von Cannabis bis zum 30. März 2024 mit bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe bestraft werden (§ 29 Abs. 1, Punkt 3 BtMG). Die Gesetzeslage war in den USA noch härter, vor allem im Wiederholungsfall.</p> <p>Viele Bürgerinnen und Bürger verwendeten und verwenden die psychoaktiven Substanzen trotzdem. Ein Blick auf die Gründe für den Konsum hilft uns dabei, das besser zu verstehen.</p> <h2 id="h-grunde-fur-den-cannabiskonsum">Gründe für den Cannabiskonsum</h2> <p>Für die erst im August erschienene, jedoch nicht repräsentative Onlinebefragung des Instituts für Suchtforschung in Frankfurt am Main und anderer Institutionen äußerten sich immerhin 11.471 Personen zu ihren Konsumgewohnheiten. Da darunter nur 96 Jugendliche waren, beschränkte ich mich hier auf die Antworten der Erwachsenen.</p> <p>Auf Platz 1 der Gründe landete mit 82 Prozent die Suche nach Entspannung. Danach folgte mit 64 Prozent, “Weil ich das Gefühl mag” (Mehrfachnennungen waren möglich). Das dürfte sich natürlich zum Teil mit dem Gefühl der Entspannung überschneiden.</p> <p>Mit immerhin 54 Prozent waren medizinische Gründe auf Platz 3, dazu gleich mehr. Danach folgten noch der Genuss zusammen mit anderen (31 Prozent) und der Wunsch nach einer veränderten Wahrnehmung bei immerhin jedem Vierten (25 Prozent).</p> <p>Die mit Blick auf eine mögliche Abhängigkeit eher bedenklichen Gründe waren die Ausnahme: 12 Prozent folgten einer Gewohnheit, 10 Prozent wollten ihre Sorgen vergessen und 5 Prozent gaben als Grund an, weil Freundinnen und Freunde es auch tun.</p> <h2 id="h-problematischer-konsum">Problematischer Konsum</h2> <p>Dazu passen die Ergebnisse der neuen Drogenaffinitätsstudie des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit vom September. Für diese wurden 7000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene repräsentativ befragt. Neben der Bestätigung der schon erwähnten Trends – bei Minderjährigen nimmt der Cannabiskonsum eher ab, bei jungen Erwachsenen eher zu – wurden die Personen hier auch zum problematischen Konsum befragt.</p> <p>Demnach lag dieser bei 11 Prozent der Jugendlichen und 13 Prozent der jungen Erwachsenen (18 bis 25 Jahre) vor. Die Ergebnisse von 2023 und 2025, also vor und nach der Entkriminalisierung, unterschieden sich nicht signifikant.</p> <p>Zur Erhebung des problematischen Konsums wurde eine deutsche Übersetzung des “Cannabis Abuse Screening Test” verwendet. Dieser zählt die Antworten auf sechs Fragen, mit jeweils 0 bis 4 Punkten für die Antworten von “niemals” über “manchmal” bis “sehr oft”.</p> <p>Die sechs Fragen sind: Haben Sie schon einmal am Morgen oder Vormittag Cannabis geraucht? Haben Sie es getan, wenn Sie alleine waren? Hatten Sie Gedächtnisprobleme, wenn Sie Cannabis geraucht haben? Haben Freunde oder Familienangehörige zu Ihnen gesagt, dass Sie weniger Cannabis rauchen sollten? Haben Sie schon erfolglos mit dem Konsum aufhören oder ihn reduzieren wollen? Hatten Sie Probleme wegen Ihres Cannabiskonsums, zum Beispiel Streit, einen Kampf, Unfall oder schlechtes Schulergebnis?</p> <p>Von den maximal 24 Punkten gilt nur der Bereich von 0 bis 2 Punkte als unbedenklich. Mit 3 bis 7 soll man ein niedriges und ab 8 Punkten ein hohes Suchtrisiko haben. Sucht ist aber ein sehr komplexes Thema und hängt nicht nur von der konsumierten Substanz ab, sondern auch von der Art und Häufigkeit des Konsums sowie von persönlichen und sozialen Umständen.</p> <p>Als besonders gefährdet gilt, wer viel Schlimmes erlebt hat und dann Cannabis – oder auch andere psychoaktive Substanzen – konsumiert, um seinen Problemen aus dem Weg zu gehen oder unangenehme Gefühle zu unterdrücken. Da man Herausforderungen so in der Regel nicht bewältigt, kann man in einen Teufelskreis geraten, insbesondere dann, wenn man immer mehr und häufiger konsumiert und die Substanz besonders gesundheitsschädlich, teuer oder schwer verfügbar ist.</p> <p>Das Thema ist sehr komplex. Darüber und die verschiedenen Arten der Abhängigkeit habe ich mehr im neuen Buch <em>Die Cannabis-Protokolle. Medizin, Politik und Wissenschaft auf dem Prüfstand</em> geschrieben.</p> <h2 id="h-medizinischer-und-freizeitkonsum">Medizinischer und Freizeitkonsum</h2> <p>Ein interessanter Befund aus der neuen Cannabis-Evaluation ist, dass sich der medizinische und Freizeitkonsum nicht gut trennen lässt. Auf dieses Ergebnis kam ich übrigens schon 2023 in meinem Fachbuch <em>Mental Health and Enhancement: Substance Use and Its Social Implications</em> (hier <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-32618-9">gratis</a>), wenn auch mit Blick auf die Psychostimulanzien, die heute vor allem bei Aufmerksamkeitsproblemen verschrieben werden. Ein Teil insbesondere jüngerer Leute verwendet die Mittel auch für mehr Spaß auf Partys, mehr Motivation beim Lernen oder zum Abnehmen.</p> <p>Dem steht Cannabis diametral entgegen: Wie wir sahen, nimmt die Mehrheit dieses Mittel nicht zum besseren “Anschalten” der geistigen Leistungsfähigkeit in Schule, Studium oder Arbeitsplatz, sondern sozusagen zum “Abschalten”, zur Entspannung. Wer dadurch starke Hungergefühle bekommt, dürfte dadurch auch eher nicht abnehmen. Diesen Effekt nutzt man mitunter medizinisch, wenn Patientinnen und Patienten aufgrund einer schweren Erkrankung oder Behandlung zu wenig essen.</p> <p>Aber da der medizinische Markt in der Leistungsgesellschaft immer weiter aufgebläht wurde und in den letzten Jahrzehnten immer mehr Facetten des Lebens aufnahm – neben Anspannung/Stress seien auch Traurigkeit oder schöpferische Pausen als Beispiele genannt –, ist die Grenzziehung hier schwer. Wir sahen gerade, dass 82 Prozent der Konsumierenden Entspannung als Grund für den Cannabiskonsum angegeben haben.</p> <p>Dass viele von ihnen in einer Online-Apotheke ein paar Symptome anklicken, dann vom Telemediziner ein Rezept und das Cannabisprodukt ihrer Wahl in pharmazeutischer Qualität in den Briefkasten bekommen, ist der neuen Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) ein Dorn im Auge. Sie will den Deutschen den Gang zum niedergelassenen Arzt und der Apotheke vor Ort vorschreiben. Diese Lobby wird ihr’s danken.</p> <p>Das könnte allerdings gegen EU-Wettbewerbsrecht (Art. 56 AEUV) verstoßen und die verfassungsrechtliche Berufsfreiheit unverhältnismäßig einschränken. Einfach gesagt: Womöglich kann die Ministerin den Ärzten im Inland ihre Online-Tätigkeit nicht ohne guten Grund einschränken – und sie auch nicht schlechter stellen als die Konkurrenz im EU-Ausland.</p> <p>Ich denke, wenn man eine ausufernde Ausstellung solcher Online-Rezepte eindämmen will, wird man zumindest die Alternative einer Videosprechstunde mit einem Arzt bestehen lassen müssen. Doch das letzte Wort hätten hier die Gerichte.</p> <h2 id="h-drogenpolitische-schlussfolgerungen">Drogenpolitische Schlussfolgerungen</h2> <p>Was bleibt nun von der Evaluation der Cannabisgesetzgebung nach eineinhalb Jahren und was bleibt zu tun?</p> <p>In der aktuellen Diskussion wird kritisiert, dass mit der Entkriminalisierung der Schwarzmarkt nicht verschwand. Aber dass die Cannabisclubs beziehungsweise Anbauvereinigungen dieses Problem nicht lösen würden, war von Anfang an klar. Ich warnte noch im Februar 2024 <a href="https://overton-magazin.de/dialog/eine-gesellschaft-auf-kokain-in-der-wir-endlose-wirtschaftskriege-fuehren-wuensche-ich-mir-nicht/">vor einem Bürokratiemonster</a>.</p> <p>Tatsächlich ist die Erfüllung der Auflagen nicht nur kompliziert und teuer. Vielmehr verzöger(te)n verschiedene Behörden den Aufbau, vor allem in Bayern. Es ist also überhaupt nicht überraschend, dass die Clubs 2024 laut der Evaluation nicht einmal 0,1 Prozent(!) des Bedarfs deckten. Auch wenn der Wert für 2025 vielleicht etwas höher liegen wird, dürfte er kaum ins Gewicht fallen.</p> <p>Wie wir oben sahen, tut gut die Hälfte der Cannabiskonsumenten das nur gelegentlich. Sich dafür in einem Verein – sofern überhaupt vorhanden – einzuschreiben oder gar eigene Pflanzen zu züchten, ist utopisch. Wer die Substanz nicht von Freunden mit legalen Quellen bekommt und sich nicht bei einer Online-Apotheke registrieren und warten will, kommt um illegale Bezugsquellen nicht herum. Leider dramatisieren verschiedene Medien und Politiker den Schwarzmarkt, indem sie auch das (nicht kommerzielle) Teilen unter Freunden dazu zählen.</p> <p>Dass die Gesetzesänderung wirkt, lässt sich am besten an den Zahlen zur Strafverfolgung nachvollziehen: Die ist laut der Evaluation um satte 60 bis 80 Prozent gesunken. Jetzt können sich Polizei und Justiz verstärkt echten Straftaten mit wirklichen Opfern widmen, was in Zeiten von Personalmangel immer wichtiger wird.</p> <p>Auch wenn der Konsum weiter gemessen werden sollte, ist aber doch klar: Der an die Wand gemalte Teufel, dass jetzt alle mehr Cannabis konsumieren, weil die Substanz aus der Verbotsliste gestrichen wird, war Unsinn. Man sollte auch nicht vergessen, dass es vor 100 Jahren überhaupt nur durch einen Kuhhandel darauf landete. Die Westmächte wollten unter amerikanischer Führung <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/mit-drogenpolitik-wird-sozial-und-migrationspolitik-gemacht/">aus innenpolitischen Gründen</a> Opium und seine Derivate – über Jahrhunderte übrigens die wichtigsten Arzneien – verbieten.</p> <p>Die herrschende Elite Ägyptens hatte etwas gegen das “normale Volk” mit seinem Cannabiskonsum und wollte sich von den früheren Kolonialmächten emanzipieren. Man schloss einen Deal: Wir stimmen dem Opiumverbot zu, wenn ihr auch Cannabis verbietet. <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zweite-opiumkonferenz-100-jahre-boeses-cannabis/">Es funktionierte</a>. Und so nahmen 100 Jahre sinnloser und sogar sozial schädlicher Verbotspolitik ihren Lauf, mit zahlreichen Verschärfungen im 20. Jahrhundert.</p> <h2 id="h-drogenpolitisches-chaos">Drogenpolitisches Chaos</h2> <p>Absurderweise wollen die Unionsparteien mit ihrer Gesundheitsministerin Warken die Liberalisierung gerade dort einschränken, wo sie am besten funktioniert: beim Bezug von medizinischem Cannabis. Sollen sich diese vielen Bürgerinnen und Bürger wieder auf der Straße oder zwielichtigen Ecken in den Parks versorgen?</p> <p>Dass der neue Drogenbeauftragte Hendrik Streeck (CDU) für seine Kritik die Jugendschutz-Karte zieht, war vielleicht abzusehen. Aber wie stimmig ist das, wenn doch trotz der Entkriminalisierung <em>weniger</em> Jugendliche Cannabis konsumieren? Er verweist darauf, dass Jugendrichter jetzt nicht mehr helfen könnten – um was für eine Art von “Hilfe” es da geht, hängt aber doch sehr stark vom jeweiligen Richter ab.</p> <p>Außerdem kritisierte Streeck die Besitzmengen von 25 Gramm auf der Straße und 50 Gramm zu Hause. Man könnte besser von Tschechien lernen, das jetzt 100 Gramm Cannabis im Eigenheim erlauben will. Was sollen die Heimgärtner denn tun, wenn ihre Pflanzen mehr als 50 Gramm abwerfen, was bei den heutigen Sorten realistisch ist? Selbst ein Wegwerfen des Überschusses könnte ein illegales Inverkehrbringen sein, das mit Geldstrafe oder bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe geahndet wird (§ 29 Abs. 1, Punkt 1 BtMG).</p> <p>Wer rechtlich auf Nummer sicher gehen will, dem bleiben eigentlich nur zwei Alternativen: Entweder verbraucht er den Überschuss sofort – oder er lässt ihn von der Polizei abholen und vernichten. Wollen die Unionspartei den Bürgerinnen und Bürgern wirklich einen extremen Drogenkonsum aufzwängen oder die Polizei wieder unnötig belasten?</p> <h2 id="h-jenseits-der-grenzen">Jenseits der Grenzen</h2> <p>Um die Ziele der neuen Cannabisgesetzgebung zu erreichen, muss endlich eine legale Lösung auch für Gelegenheitskonsumenten kommen. In den Niederlanden gibt es inzwischen acht Städte, in denen seit 1. Juli dieses Jahres <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/gesundheitsminister-eroeffnet-verkauf-von-erstem-sauberen-cannabis-in-den-niederlanden/">nur noch 100 Prozent legales Gras und Haschisch</a> verkauft wird. Dass das Modellprojekt seit Jahren geplant und seit Ende 2023 erweitert wurde, deutet darauf hin, dass die EU-Kommission es zulässt. Ansonsten hätte das wegen des Schengenabkommens <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/internationales-recht-cannabis-legalisierung-gescheitert/">unterbunden werden müssen</a>.</p> <p>Wenn man weiter meint, mit Drogenverboten Probleme lösen zu können, wird man in Europa zunehmend amerikanische Verhältnisse bekommen: Im niederländischen Rotterdam wird zurzeit die soziale Verelendung von immer mehr hilflosen Menschen sichtbarer. Wer erst einmal auf der Straße landet, greift schnell zu allem Verfügbaren, um sein Elend wenigstens für ein paar Momente nicht mehr spüren zu müssen. Die neuesten Drogen sind darin so gut wie gefährlich.</p> <p>Und in Belgien wird gerade ein möglicher Einsatz des Militärs im Kampf gegen die Drogenkriminalität diskutiert. Der frühere General Marc Thys warnte allerdings, dass es dann auch zivile Opfer geben könnte. Die Gangs hätten inzwischen Handgranaten und andere Kriegswaffen. Thys erwartet, dass Kriminelle die Militärpatrouillen testen und zum Gegenschlag provozieren könnten – mit unvorhersehbaren Konsequenzen.</p> <p>Es ging und geht Drogenpolitik immer auch um Sozialpolitik und die Sicherheit der Gesellschaft. Dass Verbote den Konsum nicht unterbinden und viele Probleme im Gegenteil sogar verschärfen, sehen wir seit gut 100 Jahren. Prävention durch zugängliche Hilfe insbesondere sozial schwacher Personen vor Ort und eine Substitutionstherapie für diejenigen, für die die Prävention zu spät kommt, wären wichtige Bausteine.</p> <p>Laut der neuen Evaluation konsumieren über 5 Millionen Deutsche zumindest gelegentlich Cannabis. Spätestens bei den nächsten Wahlen sollten sie sich an die politischen Hardliner erinnern, die die individuelle Freiheit missachten und den sozialen Frieden gefährden.</p> <h2 id="h-mehr-zum-thema">Mehr zum Thema</h2> <figure><a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die Cannabis-Gesetzgebung sowie wichtige Grundlagen: Was ist eine Droge? Was ist Abhängigkeit? Seit wann gibt es Cannabiskonsum in der Menschheitsgeschichte? Und was sind sein Nutzen und seine Risiken? Das neue Buch von Stephan Schleim gibt es als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/nl/book/die-cannabis-protokolle/id6745148090">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=f5pZEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/marijuana-leaf-cannabis-leaf-5315561/">Erin Stone</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/bcc32007766b48439ec9077aad77afe7" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/erste-cannabis-evaluation-was-die-daten-zeigen-und-wie-es-jetzt-weitergeht/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>8</slash:comments> </item> <item> <title>CephalopodFriday: Pottwal frisst Riesenkalmar – und wird dabei gefilmt https://scilogs.spektrum.de/meertext/cephalopodfriday-pottwal-frisst-riesenkalmar-und-wird-dabei-gefilmt/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/cephalopodfriday-pottwal-frisst-riesenkalmar-und-wird-dabei-gefilmt/#comments Fri, 26 Sep 2025 13:27:32 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1768 <h1>CephalopodFriday: Pottwal frisst Riesenkalmar – und wird dabei gefilmt » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Prof. <a href="https://bsky.app/profile/rebeccarhelm.bsky.social">‪<strong>Rebecca R Helm</strong></a> teilte gerade in ihrer BlueSky-Timeline ein SPEKTAKULÄRES Video: Ein Pottwal verschlingt einen Riesenkalmar, der sich mit sämtlichen Tentakeln dagegen wehrt.</p> <p>Dass Pottwale, die größten aller Zahnwale, neben vielen kleineren Kopffüßern auch Riesenkalmare (giant squid) erbeuten, ist nicht neu. In Mageninhalten fanden sich immer wieder die Reste des legendären <em>Architeuthys</em>. Ein harpunierter Pottwal erbrach vor den Augen der Walfänger sogar solch einen Mollusken-Moloch.</p> <p>Ein <em>Architeuthys</em> ist kein leichter Gegner. Zu der Mantellänge von bis zu 2 Metern hat er noch 8 Tentakel und 2 besonders lange Jagdtentakel von bis zu 10 Metern Länge (das weiche Fleisch lässt sich auch weiter ausdehnen und führt dann zu sensationellen Längen – die hier angegebenen Messungen sind wissenschaftlicher Konsens). Die Innenflächen der Arme und Tentakel sind mit Hunderten von runden Saugnäpfen mit einem Durchmesser von 2 bis 5 cm bedeckt. Jeder gewölbte Saugnapf sitzt auf einem Stiel, der Außenrand ist mit scharfen<a href="https://www.ingentaconnect.com/content/umrsmas/bullmar/2002/00000071/00000002/art00012">, fein gezackten Ringen aus Chitin gesäumt</a>.  Pottwale tragen oft weißliche Narben solcher Saugnäpfe auf dem dunkelgrauen Körper, die von Titanenkämpfen in der lichtlosen Tiefe erzählen.<br></br>Dazu hat der Kalmar an der Mundöffnung inmitten des Tentakelkranzes einen scharfen papageienartigen Schnabel, mit dem er Fleischwunden beißen kann. Außerdem sind Weichtiere dieser Größe sehr stark, ihre 10 Arme bestehen nur aus zäher Muskulatur.</p> <p>So wissen Naturforscher und andere Meeresbegeisterte seit Jahrhunderten um solche Duelle zweiter Top-Prädatoren in den Tiefen der Meere. Aber bisher gab es nur Indizien dafür. Jetzt sind Taucher erstmals Augenzeugen eines Pottwal-Jagderfolgs geworden: In den warmen Gewässern von Mauritius kam ein junger Pottwal (erkennbar an den typischen Körperproportionen mit dem relativ kleinen Kopf) aus der Tiefe zurück ins durchlichtete Meer nahe der Oberfläche. In der kalten lichtlosen Tiefsee hatte er den Kalmar mit seinem Sonar geortet und ihn sich dann genau passend geschnappt: Mit dem Kopf voran.<br></br>Im Hintergrund ist ein anderer Pottwal zu sehen. Bei beiden Walen fallen die weißen Unterkiefer auf und die eng an den Körper gelegten Brustflossen. Hier wirken die Körper der grauen Riesen wie Tauchboote, keinesfalls wie Säugetiere.</p> <p>Näher an der helleren, durchlichteten Oberfläche beendet der junge <em>Physeter</em> seinen vertikalen Aufstieg und legt sich horizontal. Dabei hat er seine Beute fest ins Maul geklemmt und versucht sichtbar, das wehrhafte Weichtier weiter zu schlucken. In einem Comic würde diese Szene vermutlich mit einem lautmalerischen „CHOMP“ unterlegt. Der aus dem Maul hängende Kalmar versucht währenddessen verzweifelt, zu entkommen und streckt Tentakel aus dem Walmaul, um sie um den grauen, walzenförmigen Walkörper zu schlingen. Außerdem stößt er Schwaden schwarzer Tinte aus, die die Jagdszene dramatisch umwabern<br></br>Zum Größenvergleich: Der Unterkiefer des jungen Wals soll ca 2 Meter lang sein (ohne Quellenangabe, aus der Diskussion unter Rebeccas BlueSky Post).<aside></aside></p> <p>Auch wenn Tintenfische keine Dekompressionskrankheit durch Druckunterschiede bekommen, dürfte der schnelle Aufstieg (Pottwale tauchen bis zu 100 Meter pro Minute ab und auf) ihn doch schwächen.<br></br>Dieses Video fängt diese Jagdszene genauso dramatisch ein, wie ich es mir immer vorgestellt habe!</p> <p>Dieses Video nahm “Ludo” (so sein Instagram-Name) vor der Küste von Mauritius auf, wo Pottwal-Familien leben. Diese Sozialverbunde (social units) sind sehr stabil, die meisten von ihnen sind <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8074673/">miteinander verwandt, wie genetische Studien zeigen</a>. Die Mütter und „Tanten“ lehren den Nachwuchs, zu jagen – offenbar sehr erfolgreich. Da die Mütter zum Jagen abtauchen und ihre Kälber dann allein lassen müssen, haben sie engste Freundinnen, die dann auf den Nachwuchs aufpassen. Diese Sozialverbände haben also sehr enge Beziehungen zueinander, um den kostbaren Nachwuchs zu beschützen. Ein Walkalb kann sonst schnell Beute von Orcas oder großen Haien werden. Da Pottwalmütter nur sehr wenig Nachwuchs bekommen und sich dann sehr lange darum kümmern, behüten sie ihre Kälber.<br></br>Der Pottwalbestand um Mauritius ist, wie derjenige aus der Karibik, das ganze <a href="https://www.globice.org/wp-content/uploads/2020/07/Huijser-etal-2020-Pm-Mauritius.pdf">Jahr über ortsfest</a>.</p> <p>Dass es sich um einen <em>Architheutys dux</em> handelt, hat der exzellente Tintenfisch-Experte Mike Vecchione (NOAA) bestätigt (Ich kenne Mike sogar persönlich von einer Antarktis-Reise mit RV Polarstern). Dass es ein junger Pottwal ist, haben andere bestätigt und auch ich kann das nur unterstreichen. Das ältere Tier im Hintergrund ist vermutlich die Mutter oder eine nahe Verwandte.</p> <p>Da auf BlueSky sofort einige Personen das von Rebecca vorgestellte und kommentierte Video als Fake abtaten: Rebecca ist selbst Meeresbiologie-Professorin. Sie hat <a href="https://naturalhistory.si.edu/staff/mike-vecchione">Mike Vecchione (NOAA)</a> um die ID des Kalmars gebeten, der <em>Architeuthys dux </em>identifizierte. Dann ließ sie eine Pottwal- Expertin das Video bewerten: Die flippte auch aus und bestätigte ebenfalls die Echtheit.<br></br>Und ich kenne mich mit Pottwalen auch ziemlich gut aus – auch ich habe keinen Hinweis auf Fake gefunden. Außerdem meldeten sich in den Kommentaren unter dem Video weitere Wal- und Kalmar-Forschende zu Wort – von denen hat auch niemand die Echtheit bezweifelt.  Darum gehen wir davon aus, dass das Video echt ist.</p> <p>Diese Aufnahmen sind eine Sensation!</p> <p>Das Video stammt von einem Taucher, der jede Menge Pottwale in Bild und Video postet. Mehr kann ich zu seiner Identität nicht sagen, ich bin nicht mehr auf Instagram. Es gibt zurzeit auch noch keine wissenschaftliche Publikation dazu, es ist ein allerdings sachkundiges Amateurvideo. Da ich ihn nicht um Erlaubnis zum Teilen des Videos fragen konnte, gibt es hier nur ein Standbild von Rebeccas Instagram-Post – der Link <a href="https://www.instagram.com/reel/DO_zW2QjibW/">zum ganzen Video ist hier: Pottwal frisst Riesenkalmar</a>.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-17.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="742" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-17.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-17.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-17-300x217.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-17-768x557.png 768w" width="1024"></img></a></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>CephalopodFriday: Pottwal frisst Riesenkalmar – und wird dabei gefilmt » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Prof. <a href="https://bsky.app/profile/rebeccarhelm.bsky.social">‪<strong>Rebecca R Helm</strong></a> teilte gerade in ihrer BlueSky-Timeline ein SPEKTAKULÄRES Video: Ein Pottwal verschlingt einen Riesenkalmar, der sich mit sämtlichen Tentakeln dagegen wehrt.</p> <p>Dass Pottwale, die größten aller Zahnwale, neben vielen kleineren Kopffüßern auch Riesenkalmare (giant squid) erbeuten, ist nicht neu. In Mageninhalten fanden sich immer wieder die Reste des legendären <em>Architeuthys</em>. Ein harpunierter Pottwal erbrach vor den Augen der Walfänger sogar solch einen Mollusken-Moloch.</p> <p>Ein <em>Architeuthys</em> ist kein leichter Gegner. Zu der Mantellänge von bis zu 2 Metern hat er noch 8 Tentakel und 2 besonders lange Jagdtentakel von bis zu 10 Metern Länge (das weiche Fleisch lässt sich auch weiter ausdehnen und führt dann zu sensationellen Längen – die hier angegebenen Messungen sind wissenschaftlicher Konsens). Die Innenflächen der Arme und Tentakel sind mit Hunderten von runden Saugnäpfen mit einem Durchmesser von 2 bis 5 cm bedeckt. Jeder gewölbte Saugnapf sitzt auf einem Stiel, der Außenrand ist mit scharfen<a href="https://www.ingentaconnect.com/content/umrsmas/bullmar/2002/00000071/00000002/art00012">, fein gezackten Ringen aus Chitin gesäumt</a>.  Pottwale tragen oft weißliche Narben solcher Saugnäpfe auf dem dunkelgrauen Körper, die von Titanenkämpfen in der lichtlosen Tiefe erzählen.<br></br>Dazu hat der Kalmar an der Mundöffnung inmitten des Tentakelkranzes einen scharfen papageienartigen Schnabel, mit dem er Fleischwunden beißen kann. Außerdem sind Weichtiere dieser Größe sehr stark, ihre 10 Arme bestehen nur aus zäher Muskulatur.</p> <p>So wissen Naturforscher und andere Meeresbegeisterte seit Jahrhunderten um solche Duelle zweiter Top-Prädatoren in den Tiefen der Meere. Aber bisher gab es nur Indizien dafür. Jetzt sind Taucher erstmals Augenzeugen eines Pottwal-Jagderfolgs geworden: In den warmen Gewässern von Mauritius kam ein junger Pottwal (erkennbar an den typischen Körperproportionen mit dem relativ kleinen Kopf) aus der Tiefe zurück ins durchlichtete Meer nahe der Oberfläche. In der kalten lichtlosen Tiefsee hatte er den Kalmar mit seinem Sonar geortet und ihn sich dann genau passend geschnappt: Mit dem Kopf voran.<br></br>Im Hintergrund ist ein anderer Pottwal zu sehen. Bei beiden Walen fallen die weißen Unterkiefer auf und die eng an den Körper gelegten Brustflossen. Hier wirken die Körper der grauen Riesen wie Tauchboote, keinesfalls wie Säugetiere.</p> <p>Näher an der helleren, durchlichteten Oberfläche beendet der junge <em>Physeter</em> seinen vertikalen Aufstieg und legt sich horizontal. Dabei hat er seine Beute fest ins Maul geklemmt und versucht sichtbar, das wehrhafte Weichtier weiter zu schlucken. In einem Comic würde diese Szene vermutlich mit einem lautmalerischen „CHOMP“ unterlegt. Der aus dem Maul hängende Kalmar versucht währenddessen verzweifelt, zu entkommen und streckt Tentakel aus dem Walmaul, um sie um den grauen, walzenförmigen Walkörper zu schlingen. Außerdem stößt er Schwaden schwarzer Tinte aus, die die Jagdszene dramatisch umwabern<br></br>Zum Größenvergleich: Der Unterkiefer des jungen Wals soll ca 2 Meter lang sein (ohne Quellenangabe, aus der Diskussion unter Rebeccas BlueSky Post).<aside></aside></p> <p>Auch wenn Tintenfische keine Dekompressionskrankheit durch Druckunterschiede bekommen, dürfte der schnelle Aufstieg (Pottwale tauchen bis zu 100 Meter pro Minute ab und auf) ihn doch schwächen.<br></br>Dieses Video fängt diese Jagdszene genauso dramatisch ein, wie ich es mir immer vorgestellt habe!</p> <p>Dieses Video nahm “Ludo” (so sein Instagram-Name) vor der Küste von Mauritius auf, wo Pottwal-Familien leben. Diese Sozialverbunde (social units) sind sehr stabil, die meisten von ihnen sind <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8074673/">miteinander verwandt, wie genetische Studien zeigen</a>. Die Mütter und „Tanten“ lehren den Nachwuchs, zu jagen – offenbar sehr erfolgreich. Da die Mütter zum Jagen abtauchen und ihre Kälber dann allein lassen müssen, haben sie engste Freundinnen, die dann auf den Nachwuchs aufpassen. Diese Sozialverbände haben also sehr enge Beziehungen zueinander, um den kostbaren Nachwuchs zu beschützen. Ein Walkalb kann sonst schnell Beute von Orcas oder großen Haien werden. Da Pottwalmütter nur sehr wenig Nachwuchs bekommen und sich dann sehr lange darum kümmern, behüten sie ihre Kälber.<br></br>Der Pottwalbestand um Mauritius ist, wie derjenige aus der Karibik, das ganze <a href="https://www.globice.org/wp-content/uploads/2020/07/Huijser-etal-2020-Pm-Mauritius.pdf">Jahr über ortsfest</a>.</p> <p>Dass es sich um einen <em>Architheutys dux</em> handelt, hat der exzellente Tintenfisch-Experte Mike Vecchione (NOAA) bestätigt (Ich kenne Mike sogar persönlich von einer Antarktis-Reise mit RV Polarstern). Dass es ein junger Pottwal ist, haben andere bestätigt und auch ich kann das nur unterstreichen. Das ältere Tier im Hintergrund ist vermutlich die Mutter oder eine nahe Verwandte.</p> <p>Da auf BlueSky sofort einige Personen das von Rebecca vorgestellte und kommentierte Video als Fake abtaten: Rebecca ist selbst Meeresbiologie-Professorin. Sie hat <a href="https://naturalhistory.si.edu/staff/mike-vecchione">Mike Vecchione (NOAA)</a> um die ID des Kalmars gebeten, der <em>Architeuthys dux </em>identifizierte. Dann ließ sie eine Pottwal- Expertin das Video bewerten: Die flippte auch aus und bestätigte ebenfalls die Echtheit.<br></br>Und ich kenne mich mit Pottwalen auch ziemlich gut aus – auch ich habe keinen Hinweis auf Fake gefunden. Außerdem meldeten sich in den Kommentaren unter dem Video weitere Wal- und Kalmar-Forschende zu Wort – von denen hat auch niemand die Echtheit bezweifelt.  Darum gehen wir davon aus, dass das Video echt ist.</p> <p>Diese Aufnahmen sind eine Sensation!</p> <p>Das Video stammt von einem Taucher, der jede Menge Pottwale in Bild und Video postet. Mehr kann ich zu seiner Identität nicht sagen, ich bin nicht mehr auf Instagram. Es gibt zurzeit auch noch keine wissenschaftliche Publikation dazu, es ist ein allerdings sachkundiges Amateurvideo. Da ich ihn nicht um Erlaubnis zum Teilen des Videos fragen konnte, gibt es hier nur ein Standbild von Rebeccas Instagram-Post – der Link <a href="https://www.instagram.com/reel/DO_zW2QjibW/">zum ganzen Video ist hier: Pottwal frisst Riesenkalmar</a>.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-17.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="742" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-17.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-17.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-17-300x217.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-17-768x557.png 768w" width="1024"></img></a></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/cephalopodfriday-pottwal-frisst-riesenkalmar-und-wird-dabei-gefilmt/#comments 9 Different Perspectives on Scientific Misconduct https://scilogs.spektrum.de/hlf/different-perspectives-on-scientific-misconduct/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/different-perspectives-on-scientific-misconduct/#respond Fri, 26 Sep 2025 12:00:00 +0000 Markus Pössel https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=13790 <h1>Different Perspectives on Scientific Misconduct - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Markus Pössel</h2><div itemprop="text"> <p>For me, the most interesting takeaway from the panel discussion on scientific integrity at the 12th Heidelberg Laureate Forum was that scientific misconduct means rather different things from different perspectives, and that these perspectives shape how serious, or not, we take different forms of misconduct.</p> <p>The first perspective is that of scientific progress. Present-day research builds on what is already there; if that foundation is flawed, e.g. because somebody falsified the data they then pretended to analyse, whatever is built upon the foundation suffers. After all, as one of the panelists, the mathematician Yukari Ito (Tokyo University) put it: Papers are meant to document what scientists within a field believe to be true.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>The discussion panel on “Scientific Integrity.” From left to right: Benjamin Skuse, Lonni Besançon, Eunsang Lee, Yukari Ito. Image credits: HLFF / Flemming</figcaption></figure></div> <p>The second perspective is that of career building. When scientists apply for a postdoc position, or a professorship, or for tenure that gives them long-term security, their publication record plays a key role. In some institutions, this goes as far as setting a minimum number of publications per year as a requirement for continued employment. There have even been (and probably still are) <a href="https://www.nature.com/articles/d41586-020-00574-8" rel="noreferrer noopener" target="_blank">institutions that offer their researchers cash bonuses for publications in prestigious journals</a>.</p> <p>With this in mind, consider two forms of scientific misconduct: First, taking short-cuts by falsifying your data, e.g. by fabricating a table, or an image, without going through the time-consuming process of actually doing the experiment. Sleuthing out this kind of falsification is the contribution to scientific integrity of another panelist, <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/visualization-and-integrity/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Lonni Besançon</a> (Linköping University); <a href="https://liu.se/en/news-item/dodshot-vardagsmat-for-den-akademiska-detektiven" rel="noreferrer noopener" target="_blank">“sanitation work” done in his spare time</a>.</p> <p>Second, consider the possibilities of generative AI. Beyond ethical uses (and I will later on use DeepL to produce a first draft for the German translation of this blog entry), there are numerous ways to abuse AI. In an extreme case, a researcher might clandestinely use generative AI to produce a whole paper, either with the help of genuine data or from scratch. Falsification of data, whether “by hand” or via AI hallucination, definitely hurts research. On the other hand, if an AI-generated paper could adhere to all the standards a field sets for its research methods (and no, in important respects AI capablities do not appear to be at that point, by a long shot), it might not impede progress in the field. But it could still represent a dishonest attempt by the author to game a system where career advancement demands numerous publications.<aside></aside></p> <p>A decoupling of perspectives was very clear in the live online survey that the moderator, Benjamin Skuse, had the HLF audience complete: Which of a given list of items did we think was the most significant threat to research integrity? Somewhat to the moderator’s suprise, “Fabricating/falsifying data” came in first, relegating “Mass-produced genAI papers” to second place. Presumably, the audience was taking the perspective of hurting a field’s progress, and decided that mass-produced generative AI papers might amount to clutter – but that clutter that is widely ignored by serious researchers was not in significant danger of “polluting” a field.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-scaled.jpg"><img alt="Slide showing the results of the online audience survey. In order of descending importance, the chosen issues of scientific misconduct are: Data falsification, mass-produced genAI papers, conflicts of interest, plagiarism, and research mistakes" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-1152x1536.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-1536x2048.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-scaled.jpg 1920w" width="768"></img></a><figcaption>Result of the audience survey on the importance of various scientific integrity issues.</figcaption></figure></div> <p>From the perspective of the third panelist, Eunsang Lee from the research integrity group at the Springer Nature publishing company, ignoring the onslaught of generative-AI papers is sadly not an option. Mass submissions are real. Lee mentioned five full papers by the same author in a single month, and that in mathematics, traditionally considered a “slow science.”</p> <p>So, what to do? And yes, like the rest of the audience I laughed at examples of <a href="https://arxiv.org/abs/2107.06751" rel="noreferrer noopener" target="_blank">“tortured phrases,”</a> which arise when someone asks generative AI to paraphrase an article (e.g. in order to cover up plagiarism). When the “immune system” morphs into the “invulnerable framework”, that certainly is a red flag, and looking for this and other indicators will hopefully help fight fraudulent submissions.</p> <p>But I think that the key to dealing with scientific misconduct lies elsewhere, namely in a statement that Lonni Besançon made: If you make a metric out of it, people will game that metric. Following that statement to its logical conclusion means a long, hard look at the various convenient short-cuts within the scientific ecosystem. If you want to evaluate a prospective colleague’s scientific career, you will need to read and understand their papers, and have in-depth conversations with them. No short-hand proxy, such as counting first-author papers or computing metrics like the h-index, can be an adequate substitute for this sort of in-depth process.</p> <p>Even at the first stage of filling a position, namely producing a short-list from the applicant pool, if your process relies on gameable metrics then you are putting those at an advantage who are doing their best (worst?) to game the various metrics.</p> <p>Generative AI exacerbates problems of this kind, although the problems themselves, from paper mills to citation cartels, are not new. But if we’re lucky, maybe the sheer scale of how generative AI can be misused within science can provide a wake-up call for finally eliminating our convenient shortcuts, and making science gaming-proof.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/r9TRd6eugUI?feature=oembed&amp;rel=0" title="Panel Discussion: The State of Science Integrity | September 19" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Different Perspectives on Scientific Misconduct - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Markus Pössel</h2><div itemprop="text"> <p>For me, the most interesting takeaway from the panel discussion on scientific integrity at the 12th Heidelberg Laureate Forum was that scientific misconduct means rather different things from different perspectives, and that these perspectives shape how serious, or not, we take different forms of misconduct.</p> <p>The first perspective is that of scientific progress. Present-day research builds on what is already there; if that foundation is flawed, e.g. because somebody falsified the data they then pretended to analyse, whatever is built upon the foundation suffers. After all, as one of the panelists, the mathematician Yukari Ito (Tokyo University) put it: Papers are meant to document what scientists within a field believe to be true.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>The discussion panel on “Scientific Integrity.” From left to right: Benjamin Skuse, Lonni Besançon, Eunsang Lee, Yukari Ito. Image credits: HLFF / Flemming</figcaption></figure></div> <p>The second perspective is that of career building. When scientists apply for a postdoc position, or a professorship, or for tenure that gives them long-term security, their publication record plays a key role. In some institutions, this goes as far as setting a minimum number of publications per year as a requirement for continued employment. There have even been (and probably still are) <a href="https://www.nature.com/articles/d41586-020-00574-8" rel="noreferrer noopener" target="_blank">institutions that offer their researchers cash bonuses for publications in prestigious journals</a>.</p> <p>With this in mind, consider two forms of scientific misconduct: First, taking short-cuts by falsifying your data, e.g. by fabricating a table, or an image, without going through the time-consuming process of actually doing the experiment. Sleuthing out this kind of falsification is the contribution to scientific integrity of another panelist, <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/visualization-and-integrity/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Lonni Besançon</a> (Linköping University); <a href="https://liu.se/en/news-item/dodshot-vardagsmat-for-den-akademiska-detektiven" rel="noreferrer noopener" target="_blank">“sanitation work” done in his spare time</a>.</p> <p>Second, consider the possibilities of generative AI. Beyond ethical uses (and I will later on use DeepL to produce a first draft for the German translation of this blog entry), there are numerous ways to abuse AI. In an extreme case, a researcher might clandestinely use generative AI to produce a whole paper, either with the help of genuine data or from scratch. Falsification of data, whether “by hand” or via AI hallucination, definitely hurts research. On the other hand, if an AI-generated paper could adhere to all the standards a field sets for its research methods (and no, in important respects AI capablities do not appear to be at that point, by a long shot), it might not impede progress in the field. But it could still represent a dishonest attempt by the author to game a system where career advancement demands numerous publications.<aside></aside></p> <p>A decoupling of perspectives was very clear in the live online survey that the moderator, Benjamin Skuse, had the HLF audience complete: Which of a given list of items did we think was the most significant threat to research integrity? Somewhat to the moderator’s suprise, “Fabricating/falsifying data” came in first, relegating “Mass-produced genAI papers” to second place. Presumably, the audience was taking the perspective of hurting a field’s progress, and decided that mass-produced generative AI papers might amount to clutter – but that clutter that is widely ignored by serious researchers was not in significant danger of “polluting” a field.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-scaled.jpg"><img alt="Slide showing the results of the online audience survey. In order of descending importance, the chosen issues of scientific misconduct are: Data falsification, mass-produced genAI papers, conflicts of interest, plagiarism, and research mistakes" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-1152x1536.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-1536x2048.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-scaled.jpg 1920w" width="768"></img></a><figcaption>Result of the audience survey on the importance of various scientific integrity issues.</figcaption></figure></div> <p>From the perspective of the third panelist, Eunsang Lee from the research integrity group at the Springer Nature publishing company, ignoring the onslaught of generative-AI papers is sadly not an option. Mass submissions are real. Lee mentioned five full papers by the same author in a single month, and that in mathematics, traditionally considered a “slow science.”</p> <p>So, what to do? And yes, like the rest of the audience I laughed at examples of <a href="https://arxiv.org/abs/2107.06751" rel="noreferrer noopener" target="_blank">“tortured phrases,”</a> which arise when someone asks generative AI to paraphrase an article (e.g. in order to cover up plagiarism). When the “immune system” morphs into the “invulnerable framework”, that certainly is a red flag, and looking for this and other indicators will hopefully help fight fraudulent submissions.</p> <p>But I think that the key to dealing with scientific misconduct lies elsewhere, namely in a statement that Lonni Besançon made: If you make a metric out of it, people will game that metric. Following that statement to its logical conclusion means a long, hard look at the various convenient short-cuts within the scientific ecosystem. If you want to evaluate a prospective colleague’s scientific career, you will need to read and understand their papers, and have in-depth conversations with them. No short-hand proxy, such as counting first-author papers or computing metrics like the h-index, can be an adequate substitute for this sort of in-depth process.</p> <p>Even at the first stage of filling a position, namely producing a short-list from the applicant pool, if your process relies on gameable metrics then you are putting those at an advantage who are doing their best (worst?) to game the various metrics.</p> <p>Generative AI exacerbates problems of this kind, although the problems themselves, from paper mills to citation cartels, are not new. But if we’re lucky, maybe the sheer scale of how generative AI can be misused within science can provide a wake-up call for finally eliminating our convenient shortcuts, and making science gaming-proof.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/r9TRd6eugUI?feature=oembed&amp;rel=0" title="Panel Discussion: The State of Science Integrity | September 19" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/different-perspectives-on-scientific-misconduct/#respond 0 AstroGeo Podcast: Weiße Zwerge – die Rettung vor dem Schwarzen Loch? https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-weisse-zwerge-die-rettung-vor-dem-schwarzen-loch/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-weisse-zwerge-die-rettung-vor-dem-schwarzen-loch/#comments Fri, 26 Sep 2025 08:59:31 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1756 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag123_logo-768x768.jpg Ein Bild des Hubble-Weltraumteleskops mit Sirius A, den hellsten Stern unseres Nachthimmels, zusammen mit seinem schwachen, winzigen Begleitstern Sirius B. Astronomen haben das Bild von Sirius A [in der Mitte] überbelichtet, damit der schwache Sirius B [winziger Punkt unten links] sichtbar wird. Die kreuzförmigen Beugungsspitzen und konzentrischen Ringe um Sirius A sowie der kleine Ring um Sirius B sind Artefakte, die im Bildgebungssystem des Teleskops entstehen. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-weisse-zwerge-die-rettung-vor-dem-schwarzen-loch/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag123_logo-scaled.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Weiße Zwerge - die Rettung vor dem Schwarzen Loch? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Heutzutage mögen Schwarze Löcher selbstverständlicher Teil des Weltalls sein, doch das war nicht immer so. Nachdem der deutsche Astrophysiker Karl Schwarzschild zu Beginn des 20. Jahrhunderts gezeigt hatte, dass Schwarze Löcher als Lösung der Einsteinschen Feldgleichungen der Allgemeinen Relativitätstheorie herauskommen, hatten Physiker in den folgenden Jahrzehnten nur ein Bestreben: Wie werden sie die merkwürdigen Objekte wieder los?</p> <p>Karl Schwarzschild hatte berechnet, dass ein Stern gar sonderbare Dinge mit der Raumzeit anstellt, wenn sein Volumen auf einmal so drastisch schrumpft, dass der Radius des Sterns unter dem sogenannten Schwarzschild-Radius liegt: Dann nämlich gäbe es jenseits dieses Radius` kein Entkommen mehr, hätten Licht oder Materie ihn einmal überquert. Die Raumzeit wäre zu stark gekrümmt, und im Inneren lauerte die Singularität: ein Ort mit unendlicher Dichte und noch vielerlei anderen Unendlichkeiten, über die sich selbst Albert Einstein am liebsten gar keine Gedanken machen wollte: Für ihn wäre es eine „Katastrophe“, wäre der Radius eines Körpers kleiner als sein Schwarzschild-Radius – würde ein Himmelskörper also zu dem werden, was wir heute als Schwarzes Loch bezeichnen.</p> <p>Da traf es sich gut, dass der Schwarzschild-Radius eines Sterns recht winzig ist: Bei der Sonne beträgt er nur wenige Kilometer. Und es sollte doch unmöglich sein, dass ein Stern einfach so zusammenstürzt und kleiner wird als dieser Radius – so glaubten viele Forschende?</p> <p>Tatsächlich würde ein Stern wie unsere Sonne einfach so unter ihrer eigenen Schwerkraft zusammenstürzen – wenn nicht der Strahlungsdruck der Kernfusion in ihrem Inneren einen Gegendruck erzeugen würde. Und das heißt: Vorerst bleibt die Sonne so groß wie sie ist. Aber was passiert eigentlich, wenn der Brennstoff eines Sterns am Ende seiner Entwicklung verbraucht ist? Was könnte einen solchen Stern davon abhalten, zu dem so „katastrophalen“ Schwarzen Loch zu kollabieren?</p> <p>In dieser Folge des AstroGeo-Podcasts erzählt Franzi, wie Weiße Zwerge und Neutronensterne den Kollaps eines Sterns zunächst aufhalten können – und wie sie deshalb das Universum fast vor der Existenz der Schwarzen Löcher bewahrt hätten.<aside></aside></p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 75: <a href="https://astrogeo.de/ein-schwarzes-loch-im-zentrum-der-etwas-andere-quasi-stern/">Ein Schwarzes Loch im Zentrum: der etwas andere Quasi-Stern</a></li> <li>Folge 105: <a href="https://astrogeo.de/vom-mittelpunkt-zum-mitlaeufer-wie-wir-unseren-platz-im-kosmos-fanden/">Vom Mittelpunkt zum Mitläufer: Wie wir unseren Platz im Kosmos fanden</a></li> <li>Folge 120: <a href="https://astrogeo.de/riss-in-der-raumzeit-wie-karl-schwarzschild-auf-schwarze-loecher-stiess/">Raumzeit-Riss: Wie Karl Schwarzschild auf Schwarze Löcher stieß</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a><strong>Weiterführende Links</strong></h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Schwarzschild">Karl Schwarzschild</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Einstein">Albert Einstein</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Allgemeine_Relativit%C3%A4tstheorie">Allgemeine Relativitätstheorie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ereignishorizont">Ereignishorizont</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Singularit%C3%A4t_(Astronomie)">Singularität (Astronomie)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzes_Loch">Schwarzes Loch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Schwarzen_L%C3%B6cher">Geschichte der Schwarzen Löcher</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ereignishorizont">Ereignishorizont</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sirius">Sirius</a></li> <li>WP:<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wei%C3%9Fer_Zwerg">Weißer Zwerg</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ralph_Howard_Fowler">Ralph Howard Fowler</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Arthur_Stanley_Eddington">Arthur Stanley Eddington</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Masse-Leuchtkraft-Beziehung">Masse-Leuchtkraft-Beziehung</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Subrahmanyan_Chandrasekhar">Subrahmanyan Chandrasekhar</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Spezielle_Relativit%C3%A4tstheorie">Spezielle Relativitätstheorie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Chandrasekhar-Grenze">Chandrasekhar-Grenze</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lew_Dawidowitsch_Landau">Lew Dawidowitsch Landau</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Entartete_Materie">Entartete Materie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Neutron">Neutron</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Neutronenstern">Neutronenstern</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Oppenheimer">Robert Oppenheimer</a></li> <li>Welt der Physik: <a href="https://www.weltderphysik.de/gebiet/universum/schwarze-loecher/ereignishorizont/">Die Grenzen eines Schwarzen Lochs</a> (2016)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Buch: <a href="https://marcuschown.com/book/a-crack-in-everything/">Marcus Chown: A Crack in Everything</a></li> <li>Buch: <a href="https://yalebooks.yale.edu/book/9780300219661/black-hole/">Marcia Bartusiak: Black Hole</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s00016-025-00331-2">The Prediction and Interpretation of Singularities and Black Holes: From Einstein and Schwarzschild to Penrose and Wheeler</a> (2025)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/002182860904000201">The Discovery of the Existence of White Dwarf Stars: 1862 to 1930</a> (2009)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://esahubble.org/images/heic0516a/">ASA, ESA, H. Bond (STScI), and M. Barstow (University of Leicester)</a></em><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg05.met.vgwort.de/na/6e899d51e6a446b18f9c2c71315a32a7" width="1"></img></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag123_logo-scaled.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Weiße Zwerge - die Rettung vor dem Schwarzen Loch? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Heutzutage mögen Schwarze Löcher selbstverständlicher Teil des Weltalls sein, doch das war nicht immer so. Nachdem der deutsche Astrophysiker Karl Schwarzschild zu Beginn des 20. Jahrhunderts gezeigt hatte, dass Schwarze Löcher als Lösung der Einsteinschen Feldgleichungen der Allgemeinen Relativitätstheorie herauskommen, hatten Physiker in den folgenden Jahrzehnten nur ein Bestreben: Wie werden sie die merkwürdigen Objekte wieder los?</p> <p>Karl Schwarzschild hatte berechnet, dass ein Stern gar sonderbare Dinge mit der Raumzeit anstellt, wenn sein Volumen auf einmal so drastisch schrumpft, dass der Radius des Sterns unter dem sogenannten Schwarzschild-Radius liegt: Dann nämlich gäbe es jenseits dieses Radius` kein Entkommen mehr, hätten Licht oder Materie ihn einmal überquert. Die Raumzeit wäre zu stark gekrümmt, und im Inneren lauerte die Singularität: ein Ort mit unendlicher Dichte und noch vielerlei anderen Unendlichkeiten, über die sich selbst Albert Einstein am liebsten gar keine Gedanken machen wollte: Für ihn wäre es eine „Katastrophe“, wäre der Radius eines Körpers kleiner als sein Schwarzschild-Radius – würde ein Himmelskörper also zu dem werden, was wir heute als Schwarzes Loch bezeichnen.</p> <p>Da traf es sich gut, dass der Schwarzschild-Radius eines Sterns recht winzig ist: Bei der Sonne beträgt er nur wenige Kilometer. Und es sollte doch unmöglich sein, dass ein Stern einfach so zusammenstürzt und kleiner wird als dieser Radius – so glaubten viele Forschende?</p> <p>Tatsächlich würde ein Stern wie unsere Sonne einfach so unter ihrer eigenen Schwerkraft zusammenstürzen – wenn nicht der Strahlungsdruck der Kernfusion in ihrem Inneren einen Gegendruck erzeugen würde. Und das heißt: Vorerst bleibt die Sonne so groß wie sie ist. Aber was passiert eigentlich, wenn der Brennstoff eines Sterns am Ende seiner Entwicklung verbraucht ist? Was könnte einen solchen Stern davon abhalten, zu dem so „katastrophalen“ Schwarzen Loch zu kollabieren?</p> <p>In dieser Folge des AstroGeo-Podcasts erzählt Franzi, wie Weiße Zwerge und Neutronensterne den Kollaps eines Sterns zunächst aufhalten können – und wie sie deshalb das Universum fast vor der Existenz der Schwarzen Löcher bewahrt hätten.<aside></aside></p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 75: <a href="https://astrogeo.de/ein-schwarzes-loch-im-zentrum-der-etwas-andere-quasi-stern/">Ein Schwarzes Loch im Zentrum: der etwas andere Quasi-Stern</a></li> <li>Folge 105: <a href="https://astrogeo.de/vom-mittelpunkt-zum-mitlaeufer-wie-wir-unseren-platz-im-kosmos-fanden/">Vom Mittelpunkt zum Mitläufer: Wie wir unseren Platz im Kosmos fanden</a></li> <li>Folge 120: <a href="https://astrogeo.de/riss-in-der-raumzeit-wie-karl-schwarzschild-auf-schwarze-loecher-stiess/">Raumzeit-Riss: Wie Karl Schwarzschild auf Schwarze Löcher stieß</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a><strong>Weiterführende Links</strong></h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Schwarzschild">Karl Schwarzschild</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Einstein">Albert Einstein</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Allgemeine_Relativit%C3%A4tstheorie">Allgemeine Relativitätstheorie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ereignishorizont">Ereignishorizont</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Singularit%C3%A4t_(Astronomie)">Singularität (Astronomie)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzes_Loch">Schwarzes Loch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Schwarzen_L%C3%B6cher">Geschichte der Schwarzen Löcher</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ereignishorizont">Ereignishorizont</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sirius">Sirius</a></li> <li>WP:<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wei%C3%9Fer_Zwerg">Weißer Zwerg</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ralph_Howard_Fowler">Ralph Howard Fowler</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Arthur_Stanley_Eddington">Arthur Stanley Eddington</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Masse-Leuchtkraft-Beziehung">Masse-Leuchtkraft-Beziehung</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Subrahmanyan_Chandrasekhar">Subrahmanyan Chandrasekhar</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Spezielle_Relativit%C3%A4tstheorie">Spezielle Relativitätstheorie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Chandrasekhar-Grenze">Chandrasekhar-Grenze</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lew_Dawidowitsch_Landau">Lew Dawidowitsch Landau</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Entartete_Materie">Entartete Materie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Neutron">Neutron</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Neutronenstern">Neutronenstern</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Oppenheimer">Robert Oppenheimer</a></li> <li>Welt der Physik: <a href="https://www.weltderphysik.de/gebiet/universum/schwarze-loecher/ereignishorizont/">Die Grenzen eines Schwarzen Lochs</a> (2016)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Buch: <a href="https://marcuschown.com/book/a-crack-in-everything/">Marcus Chown: A Crack in Everything</a></li> <li>Buch: <a href="https://yalebooks.yale.edu/book/9780300219661/black-hole/">Marcia Bartusiak: Black Hole</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s00016-025-00331-2">The Prediction and Interpretation of Singularities and Black Holes: From Einstein and Schwarzschild to Penrose and Wheeler</a> (2025)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/002182860904000201">The Discovery of the Existence of White Dwarf Stars: 1862 to 1930</a> (2009)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://esahubble.org/images/heic0516a/">ASA, ESA, H. Bond (STScI), and M. Barstow (University of Leicester)</a></em><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg05.met.vgwort.de/na/6e899d51e6a446b18f9c2c71315a32a7" width="1"></img></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-weisse-zwerge-die-rettung-vor-dem-schwarzen-loch/#comments 5 Studie: Verbessert Cannabis die Gehirn-Vernetzung und die Empathie? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/studie-verbessert-cannabis-die-gehirn-vernetzung-und-die-empathie/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/studie-verbessert-cannabis-die-gehirn-vernetzung-und-die-empathie/#comments Wed, 24 Sep 2025 11:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3442 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/marijuana-leaf-5315561_1920-768x512.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/studie-verbessert-cannabis-die-gehirn-vernetzung-und-die-empathie/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/marijuana-leaf-5315561_1920.jpg" /><h1>Studie: Verbessert Cannabis die Gehirn-Vernetzung und die Empathie? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>In den Medien hört man viel über die Risiken der beliebten Droge. Mexikanische Forscher fanden im Hirnscanner eine mögliche Verbesserung.</strong></p> <span id="more-3442"></span> <p><em>ein Gastbeitrag von Dr. Wiebke Schick</em></p> <p>Es passierte kurz vor Weihnachten: ich blätterte im Zug durch ein Journal und war in Gedanken bei den Feiertagen, den Familienfeiern sowie dem Stress, der dadurch entsteht – und lese da: Cannabisnutzer zeigen mehr Empathie! Ich wusste sofort: Das muss auf die Bühne!</p> <p>Die Autoren der Studie hatten eine <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/jnr.25252">dichtere Vernetzung im Gehirn von Cannabis-Nutzern</a> in der Gürtelwindung, im <em>Gyrus cinguli</em>, festgestellt. So eine dichtere Vernetzung entsteht, wenn die Nervenzellen immer wieder gemeinsam aktiv werden: es bilden sich zwischen den Nervenzellen weitere Synapsen, also weitere Kontaktstellen, und durch mehr Kontakte werden die Netzwerke größer und die Informationsübertragung schneller. Durch diese häufige gemeinsame Aktivierung steigt auch die Wahrscheinlichkeit, in Zukunft wieder gemeinsam aktiv zu werden. Das passiert beim Lernen, und ist der Grund, wieso wir in so unterschiedlichen Gebieten wie Turmspringen, den Regierungszeiten der römischen Kaiser und der Fantasiesprache Klingonisch mit ausreichend Wiederholung zu Experten werden können, um nur einige Beispiele zu nennen.</p> <p>Solch ein Zuwachs an Verbindungen zwischen den Nervenzellen war bei den Cannabisnutzern in der Region entdeckt worden, die an der Entstehung von Empathie beteiligt ist. Hier feuern also die Neurone, wenn wir die Perspektive eines Mitmenschen einnehmen, wenn wir nachvollziehen, warum sie oder er jetzt so empfindet. Möglich, dass wir uns von der Stimmung anstecken lassen und mitschwingen, möglich, dass wir eine Erwartung anstellen, was als Nächstes passiert, und uns darauf vorbereiten, passend zu reagieren. Es kann überlebenswichtig sein, zu erkennen, ob jetzt eine Umarmung angebracht ist – oder die Flucht!<aside></aside></p> <p>Allerdings kann man aus den MRT-Aufnahmen und den Fragebögen nicht feststellen, ob die bessere Vernetzung und die Tendenz zu sozialeren Antworten durch das Tetrahydrocannabinol verursacht werden – oder dadurch, dass es die Nutzer immer wieder in einen Zustand versetzt, in der sie an das Wohl anderer denken und sich mit dem Befinden ihrer Mitmenschen auseinandersetzen. Dieses wiederholte Aktivieren derselben neuronalen Netzwerke – landläufig auch “Lernen” genannt – verstärkt die synaptischen Verbindungen zwischen den daran beteiligten Neuronen, und erhöht auch die Wahrscheinlichkeit, dass diese Neurone in Zukunft wieder gemeinsam aktiv werden. In mehreren Studien wurde durch wiederholtes Training eine <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s10826-019-01413-9">Verbesserung des empathischen Verständnisses</a> beobachtet, sowohl bei <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s10826-019-01413-9&quot;">Jugendlichen als auch bei Erwachsenen</a>.</p> <h2 id="h-uberraschende-botschaften">Überraschende Botschaften</h2> <p>Schon beim ersten Auftritt fiel mir auf, wie erstaunt sowohl Veranstalter als auch Zuschauer darüber waren, jenseits von medizinischen Anwendungen etwas Positives über Cannabis zu hören. Das Publikum bestand aus zwei Gruppen: den Begeisterten und den Besorgten. Da immer wieder dieselben Fragen gestellt wurden, begann ich zu recherchieren, und baute die Antworten in Form eines Publikumsquiz ein, wodurch ich einen noch genaueren Eindruck davon bekam, was gewusst, gedacht und befürchtet wurde.</p> <p>Begeisterung zeigt sich oft so: ein Jugendlicher strahlt erst mich an, dann seine Mama und freut sich: “Siehst du, Mama, Kiffen tut mir gut!”</p> <p>Die Besorgten dagegen sprechen von psychischen Erkrankungen sowie von Cannabis als Einstiegsdroge. Die These von der Einstiegsdroge wurde schon 1994 vom <a href="https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/1994/03/ls19940309_2bvl004392.html">Bundesverfassungsgericht</a> verworfen. Die typischen Einstiegsdrogen sind Nikotin und Alkohol. (Hier bei MENSCHEN-BILDER wurde zuvor eine Studie in der angesehenen Fachzeitschrift <em>Science</em> aus den 1970er-Jahren behandelt, die <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/weg-mit-den-mythen-die-entkriminalisierung-von-cannabis-hilft-auch-der-wissenschaft/">schon 20 Jahre vorher den Mythos von Cannabis als Einstiegsdroge</a> widerlegte.)</p> <h2 id="h-gefahren-von-cannabiskonsum">Gefahren von Cannabiskonsum</h2> <p>Zusammenhänge wurden aber auch bei der Verursachung von psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie oder Psychosen gefunden. Eine eindeutige Zuordnung von Cannabis als alleiniger Auslöser war aber nicht möglich: Viele dieser Studien untersuchten Menschen, die das Cannabis in der Pubertät konsumiert haben. Die Pubertät ist aber bei allen, auch bei Nicht-Konsumenten, die Zeit, in der die Wahrscheinlichkeit am höchsten ist, dass psychische Erkrankungen bemerkbar werden.</p> <p><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30150663/">2018 wurden fast 185.000 Teilnehmer für eine Studie zu Cannabis und Schizophrenie</a> genetisch untersucht. Die Beweislage für die Rolle des Cannabis bei der Entstehung von Schizophrenie war schwach. Die Forscher machten aber eine andere Entdeckung: Personen, die bestimmte Gene in sich tragen, die mit der Krankheit in Verbindung gebracht werden, neigen eher zum Cannabiskonsum.</p> <p>Wie sieht es aber bei den Cannabis-Nutzern mit der Gefahrenwahrnehmung aus? Anders gefragt: ist das Gras wirklich grüner auf der anderen Seite? Die Befürworter hatten oft schon persönlich positive Erfahrungen gemacht, und viele erzählten mir, dass sie die Gesellschaft anderer mehr genießen konnten, wenn sie entspannt und gut drauf waren. Das Studienergebnis war für viele Bestätigung der eigenen Erfahrung. Eine Förderung des sozialen Verhaltens durch Cannabis stellten auch Vigel und Kollegen ihrer Studie “<a href="https://www.nature.com/articles/s41598-022-12202-8">Cannabis consumption and prosociality</a>” fest.</p> <p>Wenn ich die Begeisterten fragte, warum sie zum Gras griffen, wurden oft Entspannung und Spaß genannt. Das deckt sich mit den Antworten des <u><a href="https://www.bioeg.de/fileadmin/user_upload/Studien/PDF/DAS_2023_Forschungsbericht_final.pdf">BZgA-Forschungsbericht / 2025 Die Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland 2023</a></u>. Für diesen Bericht wurden Jugendliche und junge Erwachsene wurden nach ihrem Konsum befragt, der zu dem Zeitpunkt ja noch illegal war.</p> <p>Gefragt wurde auch nach der Einschätzung der Risiken des Cannabiskonsums: Obwohl die Mehrzahl der befragten Jugendlichen den Konsum für schädlich oder sehr schädlich hielt, war das Wissen über negative Folgen begrenzt, die häufigste Antwort war “weiß nicht” (S. 59). Ist das ein Grund, weshalb so viele Nutzer ihren Konsum nicht als Risiko einschätzen? Denn obwohl der Konsum allgemein als schädlich eingeschätzt wurde, hielt der Großteil der Befragten den eigenen Konsum für unbedenklich: 83,7 % der jugendlichen Nutzer gaben an, dass sie sich nie Sorgen über ihren Konsum machten, und bei den jungen Erwachsenen ging es 74,1 % genauso (S. 58).</p> <h2 id="h-cannabis-und-altersgrenzen">Cannabis und Altersgrenzen</h2> <p><a href="https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/ccc4e9a4ab57211f0c3b0af315ffd99a27ce3fb3/2023-11-02_DGPPN_STN_Cannabis.pdf)">Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) warnte in einer Stellungnahme</a> vor den Auswirkungen von Cannabis auf das reifende Gehirn. Als Richtwert für die vollständige Entwicklung gilt das Alter von 21 Jahren. Vor allem die Reifung der Nervenzellen und die Myelinisierung, also die Bildung der umhüllenden Schichten, die für die Geschwindigkeit der Signalweiterleitung im Gehirn entscheidend ist, werden vom Cannabiskonsum beeinträchtigt.</p> <p>Salopp gefragt: Was verbaut man sich vielleicht in der Jugend, wenn man da gerne mal einen Joint baut? Bis wir erwachsen sind, finden in unseren Gehirnen viele Umbauprozesse statt. Wir können uns das vorstellen wie die Entwicklung des Verkehrsnetzes einer Stadt: während sie wächst, kommen neue Verbindungen und Abzweigungen dazu, und viel befahrene Strecken werden erweitert, erhalten eine zweite Spur, während auf der Straße zu einem Ort, an dem wenig los ist, auch wenig Verkehr ist.</p> <p><em></em>Wenn der Aufbau des Verkehrsnetzes von außen gestört und behindert wird, hat das Folgen für den späteren Verkehrsfluss. Übertragen auf das Gehirn heißt das, dass man noch zu wenig weiß, um vorherzusagen, welche Strecken dann eventuell nicht optimal ausgebaut werden, und bei welchen Fähigkeiten, Eigenschaften und Gewohnheiten Cannabis Einfluss nimmt. Denn sie wissen nicht, was sie tun – das trifft hier zu.</p> <p>Eine Freigabe erst ab dem 21. Lebensjahr wäre eine Möglichkeit gewesen, dieses Wissen um die Gehirnreifung publik zu machen und es mit einer verständlichen und genauen Analyse der Auswirkungen zu verbinden. Da mag vielleicht der eine oder andere Kopf rauchen, aber vielleicht verdampft damit ein Teil dieses gefährlichen Halbwissens!</p> <p>Es gibt also noch viel zu diskutieren – am besten empathisch, und mit der Bereitschaft, sich das ganze Bild anzuschauen. Und wenn mich wieder ein Moderator fragt, ob ich Marihuana als Weg zu einer friedlicheren Welt sehe, antworte ich: Die Entscheidung, ob Cannabis der Weg zu mehr Wohlbefinden ist, sollte jeder für sich selber treffen dürfen – aber erst wenn er dazu in der Lage ist – neuroanatomisch gesehen! Denn erst dann ist es für die Hirnentwicklung egal, ob das Mehr an Wohlbefinden durch mehr Entspannung oder weniger Schmerzen entsteht – oder durch friedliche Feiertage!</p> <h2 id="h-uber-die-autorin">Über die Autorin</h2> <p><a href="https://www.schick-und-schlau.de/">Dr. Wiebke Schick</a> ist Neuro-, Sprach- und Datenwissenschaftlerin. Bisher hat sie vor allem untersucht, was im Gehirn passiert, wenn wir ein Navigationsgerät nutzen, also Wegbeschreibungen folgen, und wie Sprache die Wahrnehmung und Erinnerung beeinflusst. Grundlage für all das ist die Neuroplastizität, also die Fähigkeit des Gehirns, sich zu verändern und anzupassen. Das passiert nicht nur in neuen Umgebungen, sondern kann auch durch Substanzen ausgelöst werden, zum Beispiel Alkohol und Cannabis. Und der Konsum wiederum hat Auswirkungen auf die Wahrnehmung, auf die eigene, und die der Mitmenschen. Seit zwei Jahren tritt sie bei Science Slams mit einem Cannabis-Slam auf. Dieser Blogbeitrag ist ihr Erfahrungsbericht, es handelt sich sozusagen um eine (Hanf-)Feldstudie.</p> <h2 id="h-mehr-zum-thema">Mehr zum Thema</h2> <figure><a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die Cannabis-Gesetzgebung sowie wichtige Grundlagen: Was ist eine Droge? Was ist Abhängigkeit? Seit wann gibt es Cannabiskonsum in der Menschheitsgeschichte? Und was sind sein Nutzen und seine Risiken? Das neue Buch von Stephan Schleim gibt es als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/nl/book/die-cannabis-protokolle/id6745148090">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=f5pZEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/marijuana-leaf-cannabis-leaf-5315561/">Erin Stone</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/marijuana-leaf-5315561_1920.jpg" /><h1>Studie: Verbessert Cannabis die Gehirn-Vernetzung und die Empathie? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>In den Medien hört man viel über die Risiken der beliebten Droge. Mexikanische Forscher fanden im Hirnscanner eine mögliche Verbesserung.</strong></p> <span id="more-3442"></span> <p><em>ein Gastbeitrag von Dr. Wiebke Schick</em></p> <p>Es passierte kurz vor Weihnachten: ich blätterte im Zug durch ein Journal und war in Gedanken bei den Feiertagen, den Familienfeiern sowie dem Stress, der dadurch entsteht – und lese da: Cannabisnutzer zeigen mehr Empathie! Ich wusste sofort: Das muss auf die Bühne!</p> <p>Die Autoren der Studie hatten eine <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/jnr.25252">dichtere Vernetzung im Gehirn von Cannabis-Nutzern</a> in der Gürtelwindung, im <em>Gyrus cinguli</em>, festgestellt. So eine dichtere Vernetzung entsteht, wenn die Nervenzellen immer wieder gemeinsam aktiv werden: es bilden sich zwischen den Nervenzellen weitere Synapsen, also weitere Kontaktstellen, und durch mehr Kontakte werden die Netzwerke größer und die Informationsübertragung schneller. Durch diese häufige gemeinsame Aktivierung steigt auch die Wahrscheinlichkeit, in Zukunft wieder gemeinsam aktiv zu werden. Das passiert beim Lernen, und ist der Grund, wieso wir in so unterschiedlichen Gebieten wie Turmspringen, den Regierungszeiten der römischen Kaiser und der Fantasiesprache Klingonisch mit ausreichend Wiederholung zu Experten werden können, um nur einige Beispiele zu nennen.</p> <p>Solch ein Zuwachs an Verbindungen zwischen den Nervenzellen war bei den Cannabisnutzern in der Region entdeckt worden, die an der Entstehung von Empathie beteiligt ist. Hier feuern also die Neurone, wenn wir die Perspektive eines Mitmenschen einnehmen, wenn wir nachvollziehen, warum sie oder er jetzt so empfindet. Möglich, dass wir uns von der Stimmung anstecken lassen und mitschwingen, möglich, dass wir eine Erwartung anstellen, was als Nächstes passiert, und uns darauf vorbereiten, passend zu reagieren. Es kann überlebenswichtig sein, zu erkennen, ob jetzt eine Umarmung angebracht ist – oder die Flucht!<aside></aside></p> <p>Allerdings kann man aus den MRT-Aufnahmen und den Fragebögen nicht feststellen, ob die bessere Vernetzung und die Tendenz zu sozialeren Antworten durch das Tetrahydrocannabinol verursacht werden – oder dadurch, dass es die Nutzer immer wieder in einen Zustand versetzt, in der sie an das Wohl anderer denken und sich mit dem Befinden ihrer Mitmenschen auseinandersetzen. Dieses wiederholte Aktivieren derselben neuronalen Netzwerke – landläufig auch “Lernen” genannt – verstärkt die synaptischen Verbindungen zwischen den daran beteiligten Neuronen, und erhöht auch die Wahrscheinlichkeit, dass diese Neurone in Zukunft wieder gemeinsam aktiv werden. In mehreren Studien wurde durch wiederholtes Training eine <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s10826-019-01413-9">Verbesserung des empathischen Verständnisses</a> beobachtet, sowohl bei <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s10826-019-01413-9&quot;">Jugendlichen als auch bei Erwachsenen</a>.</p> <h2 id="h-uberraschende-botschaften">Überraschende Botschaften</h2> <p>Schon beim ersten Auftritt fiel mir auf, wie erstaunt sowohl Veranstalter als auch Zuschauer darüber waren, jenseits von medizinischen Anwendungen etwas Positives über Cannabis zu hören. Das Publikum bestand aus zwei Gruppen: den Begeisterten und den Besorgten. Da immer wieder dieselben Fragen gestellt wurden, begann ich zu recherchieren, und baute die Antworten in Form eines Publikumsquiz ein, wodurch ich einen noch genaueren Eindruck davon bekam, was gewusst, gedacht und befürchtet wurde.</p> <p>Begeisterung zeigt sich oft so: ein Jugendlicher strahlt erst mich an, dann seine Mama und freut sich: “Siehst du, Mama, Kiffen tut mir gut!”</p> <p>Die Besorgten dagegen sprechen von psychischen Erkrankungen sowie von Cannabis als Einstiegsdroge. Die These von der Einstiegsdroge wurde schon 1994 vom <a href="https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/1994/03/ls19940309_2bvl004392.html">Bundesverfassungsgericht</a> verworfen. Die typischen Einstiegsdrogen sind Nikotin und Alkohol. (Hier bei MENSCHEN-BILDER wurde zuvor eine Studie in der angesehenen Fachzeitschrift <em>Science</em> aus den 1970er-Jahren behandelt, die <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/weg-mit-den-mythen-die-entkriminalisierung-von-cannabis-hilft-auch-der-wissenschaft/">schon 20 Jahre vorher den Mythos von Cannabis als Einstiegsdroge</a> widerlegte.)</p> <h2 id="h-gefahren-von-cannabiskonsum">Gefahren von Cannabiskonsum</h2> <p>Zusammenhänge wurden aber auch bei der Verursachung von psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie oder Psychosen gefunden. Eine eindeutige Zuordnung von Cannabis als alleiniger Auslöser war aber nicht möglich: Viele dieser Studien untersuchten Menschen, die das Cannabis in der Pubertät konsumiert haben. Die Pubertät ist aber bei allen, auch bei Nicht-Konsumenten, die Zeit, in der die Wahrscheinlichkeit am höchsten ist, dass psychische Erkrankungen bemerkbar werden.</p> <p><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30150663/">2018 wurden fast 185.000 Teilnehmer für eine Studie zu Cannabis und Schizophrenie</a> genetisch untersucht. Die Beweislage für die Rolle des Cannabis bei der Entstehung von Schizophrenie war schwach. Die Forscher machten aber eine andere Entdeckung: Personen, die bestimmte Gene in sich tragen, die mit der Krankheit in Verbindung gebracht werden, neigen eher zum Cannabiskonsum.</p> <p>Wie sieht es aber bei den Cannabis-Nutzern mit der Gefahrenwahrnehmung aus? Anders gefragt: ist das Gras wirklich grüner auf der anderen Seite? Die Befürworter hatten oft schon persönlich positive Erfahrungen gemacht, und viele erzählten mir, dass sie die Gesellschaft anderer mehr genießen konnten, wenn sie entspannt und gut drauf waren. Das Studienergebnis war für viele Bestätigung der eigenen Erfahrung. Eine Förderung des sozialen Verhaltens durch Cannabis stellten auch Vigel und Kollegen ihrer Studie “<a href="https://www.nature.com/articles/s41598-022-12202-8">Cannabis consumption and prosociality</a>” fest.</p> <p>Wenn ich die Begeisterten fragte, warum sie zum Gras griffen, wurden oft Entspannung und Spaß genannt. Das deckt sich mit den Antworten des <u><a href="https://www.bioeg.de/fileadmin/user_upload/Studien/PDF/DAS_2023_Forschungsbericht_final.pdf">BZgA-Forschungsbericht / 2025 Die Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland 2023</a></u>. Für diesen Bericht wurden Jugendliche und junge Erwachsene wurden nach ihrem Konsum befragt, der zu dem Zeitpunkt ja noch illegal war.</p> <p>Gefragt wurde auch nach der Einschätzung der Risiken des Cannabiskonsums: Obwohl die Mehrzahl der befragten Jugendlichen den Konsum für schädlich oder sehr schädlich hielt, war das Wissen über negative Folgen begrenzt, die häufigste Antwort war “weiß nicht” (S. 59). Ist das ein Grund, weshalb so viele Nutzer ihren Konsum nicht als Risiko einschätzen? Denn obwohl der Konsum allgemein als schädlich eingeschätzt wurde, hielt der Großteil der Befragten den eigenen Konsum für unbedenklich: 83,7 % der jugendlichen Nutzer gaben an, dass sie sich nie Sorgen über ihren Konsum machten, und bei den jungen Erwachsenen ging es 74,1 % genauso (S. 58).</p> <h2 id="h-cannabis-und-altersgrenzen">Cannabis und Altersgrenzen</h2> <p><a href="https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/ccc4e9a4ab57211f0c3b0af315ffd99a27ce3fb3/2023-11-02_DGPPN_STN_Cannabis.pdf)">Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) warnte in einer Stellungnahme</a> vor den Auswirkungen von Cannabis auf das reifende Gehirn. Als Richtwert für die vollständige Entwicklung gilt das Alter von 21 Jahren. Vor allem die Reifung der Nervenzellen und die Myelinisierung, also die Bildung der umhüllenden Schichten, die für die Geschwindigkeit der Signalweiterleitung im Gehirn entscheidend ist, werden vom Cannabiskonsum beeinträchtigt.</p> <p>Salopp gefragt: Was verbaut man sich vielleicht in der Jugend, wenn man da gerne mal einen Joint baut? Bis wir erwachsen sind, finden in unseren Gehirnen viele Umbauprozesse statt. Wir können uns das vorstellen wie die Entwicklung des Verkehrsnetzes einer Stadt: während sie wächst, kommen neue Verbindungen und Abzweigungen dazu, und viel befahrene Strecken werden erweitert, erhalten eine zweite Spur, während auf der Straße zu einem Ort, an dem wenig los ist, auch wenig Verkehr ist.</p> <p><em></em>Wenn der Aufbau des Verkehrsnetzes von außen gestört und behindert wird, hat das Folgen für den späteren Verkehrsfluss. Übertragen auf das Gehirn heißt das, dass man noch zu wenig weiß, um vorherzusagen, welche Strecken dann eventuell nicht optimal ausgebaut werden, und bei welchen Fähigkeiten, Eigenschaften und Gewohnheiten Cannabis Einfluss nimmt. Denn sie wissen nicht, was sie tun – das trifft hier zu.</p> <p>Eine Freigabe erst ab dem 21. Lebensjahr wäre eine Möglichkeit gewesen, dieses Wissen um die Gehirnreifung publik zu machen und es mit einer verständlichen und genauen Analyse der Auswirkungen zu verbinden. Da mag vielleicht der eine oder andere Kopf rauchen, aber vielleicht verdampft damit ein Teil dieses gefährlichen Halbwissens!</p> <p>Es gibt also noch viel zu diskutieren – am besten empathisch, und mit der Bereitschaft, sich das ganze Bild anzuschauen. Und wenn mich wieder ein Moderator fragt, ob ich Marihuana als Weg zu einer friedlicheren Welt sehe, antworte ich: Die Entscheidung, ob Cannabis der Weg zu mehr Wohlbefinden ist, sollte jeder für sich selber treffen dürfen – aber erst wenn er dazu in der Lage ist – neuroanatomisch gesehen! Denn erst dann ist es für die Hirnentwicklung egal, ob das Mehr an Wohlbefinden durch mehr Entspannung oder weniger Schmerzen entsteht – oder durch friedliche Feiertage!</p> <h2 id="h-uber-die-autorin">Über die Autorin</h2> <p><a href="https://www.schick-und-schlau.de/">Dr. Wiebke Schick</a> ist Neuro-, Sprach- und Datenwissenschaftlerin. Bisher hat sie vor allem untersucht, was im Gehirn passiert, wenn wir ein Navigationsgerät nutzen, also Wegbeschreibungen folgen, und wie Sprache die Wahrnehmung und Erinnerung beeinflusst. Grundlage für all das ist die Neuroplastizität, also die Fähigkeit des Gehirns, sich zu verändern und anzupassen. Das passiert nicht nur in neuen Umgebungen, sondern kann auch durch Substanzen ausgelöst werden, zum Beispiel Alkohol und Cannabis. Und der Konsum wiederum hat Auswirkungen auf die Wahrnehmung, auf die eigene, und die der Mitmenschen. Seit zwei Jahren tritt sie bei Science Slams mit einem Cannabis-Slam auf. Dieser Blogbeitrag ist ihr Erfahrungsbericht, es handelt sich sozusagen um eine (Hanf-)Feldstudie.</p> <h2 id="h-mehr-zum-thema">Mehr zum Thema</h2> <figure><a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die Cannabis-Gesetzgebung sowie wichtige Grundlagen: Was ist eine Droge? Was ist Abhängigkeit? Seit wann gibt es Cannabiskonsum in der Menschheitsgeschichte? Und was sind sein Nutzen und seine Risiken? Das neue Buch von Stephan Schleim gibt es als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/nl/book/die-cannabis-protokolle/id6745148090">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=f5pZEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/marijuana-leaf-cannabis-leaf-5315561/">Erin Stone</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/studie-verbessert-cannabis-die-gehirn-vernetzung-und-die-empathie/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>25</slash:comments> </item> <item> <title>Glauben II https://scilogs.spektrum.de/3g/glauben-ii/ https://scilogs.spektrum.de/3g/glauben-ii/#comments Mon, 22 Sep 2025 09:49:19 +0000 Christian Hoppe https://scilogs.spektrum.de/3g/?p=310 <h1>Glauben II » 3G » SciLogs</h1><h2>By Christian Hoppe</h2><div itemprop="text"> <p>Wenn man Glauben als die allgemeinmenschliche Fähigkeit deutet, bestimmte Vorstellungen durch Aufmerksamkeit und Absorption quasi Wirklichkeit werden zu lassen, sodass ihre (vermeintliche) Wahrheit konkret empfunden und erlebt wird, dann kommt einem Typ dieses Glaubens eine besonders wichtige Bedeutung zu: dem Rollenspiel.</p> <p>Gegeben die derzeitige absolute Dominanz individualpsychologischer Ideen – z.B. Selbstverwirklichung, Selbstwirksamkeit, Achtsamkeit/Meditation, individuelle Psychotherapie usw. –, wird die Funktion und Bedeutung sozialer Rollen stark unterschätzt. Vielen ist nicht bewusst, dass sie sich während des Tages (und auch nachts!) fortlaufend in solchen Rollen bewegen und dass diese Rollen ihr Verhalten, vor allem auch das Sozialverhalten, entscheidend beeinflussen. Der wichtigste Aspekt der Rolle ist der mit dieser Rolle verbundene soziale Status, der bereits für sich genommen einen enormen Einfluss auf das mögliche und unmögliche Miteinander ausübt. Und dass dies eben genau so ist, dass also Rollen und der mit ihnen verknüpfte soziale Status in ihrer Wirkung praktisch kaum wahrgenommen werden, ist genau der Effekt dieser hochinteressanten und relevanten Variante des Glaubens, wie er oben definiert wurde. Denn auch im Rollenspiel werden bestimmte Vorstellungen, von dem, wer man ist (bzw. zu sein hat aus der Perspektive der Anderen), wie man sich zu verhalten hat, usw. durch Aufmerksamkeitszuwendung und Absorption quasi zu <em>der</em> Wirklichkeit und Identität der eigenen Person. Die für eine andere Person verständlichste und zugänglichste Art und Weise, sich vorzustellen, ist daher auch die Nennung und Erläuterung der diversen Rollen, die man innehat, seien es berufliche (Ärztin an einer Uniklinik) oder private Rollen (Mutter von drei Schulkindern). Die Rollenvorstellung übt eine starke Wirkung auf das eigene tatsächliche Verhalten aus, strukturiert und orientiert es; sie beinhaltet auch einen Beurteilungsmaßstab. Vor allem strukturiert sie das Sozialverhalten und richtet es inhaltlich aus. Beispielsweise kann ich in meiner Rolle als klinischer Neuropsychologe innerhalb kürzester Zeit mit mir zuvor völlig unbekannten Patienten/-innen in ein Gespräch über teils sehr persönliche Themen gelangen. Vielleicht ist es so, dass man eine Rolle mit seiner eigenen Person ausfüllen und gestalten muss – eben: an sie glauben muss –, aber die Wirkung der Rolle selbst darf man auf keinen Fall unterschätzen.</p> <p>Der religiöse Glaube kann sehr facettenreiche Rollenspiele mit sich bringen. Ich meine hier in erster Linie nicht klar definierte offizielle Rollen wie Papst, Priester, Ordensschwester, Kirchenvorstandsmitglied, gläubiger Laie und ähnliches (um einmal christliche Beispiele zu nennen) – wobei derartige Rollen und die mit ihnen verbundene Macht und Hierarchie ganz offensichtlich eine entscheidende Auswirkung auf die Kirchen bzw. Religionsgemeinschaften als Institutionen haben. Ich meinte vielmehr die religiöse Rolle bzw. genauer: die religiösen Rollen als Gläubiger wie zum Beispiel: Kind Gottes; Sünder; Beter/Mystiker; ein (besonders) guter Mensch (vgl. barmherziger Samariter) oder ein besonders ernsthafter Mensch; jemand, der über tiefere Erkenntnis, über Offenbarungswissen verfügt, der um metaphysische Dinge weiß, von denen andere nichts ahnen; ein Sterblicher, der sich auf das ewige Leben bei Gott vorbereitet; ein Missionar oder ein Apologet (eher im angelsächsischen Raum bekannt); ein frommer demütiger Mensch; ein Heiliger; usw. Mit diesen Rollen gehen bestimmte religiöse Handlungen und Sprechhandlungen einher. Diese religiösen Rollen prägen das Selbstbild gläubiger Person meistens stärker und tiefgehender als z.B. berufliche Rollen. Im Grunde sind religiöse Rollen „Meta-Rollen“, die die Ausübung und Gestaltung aller anderen irdischen Rollen prägen (wenn jemand es ernst meint mit seiner Religion).</p> <p>Der Glaube ist für viele gläubige Menschen die eine ganz große, das gesamte Leben von Geburt (und vorher) bis Tod (und nachher) umfassende Geschichte, auf die sich ein Gläubiger einlässt und in welcher er eine Rolle spielt (und dies präzise auch im doppelten Sinne von „Bedeutung haben“). Der religiöse Glaube besteht eben in diesem Mitspielen in der Geschichte – und darin, dabei zu vergessen, dass man nur „spielt“, dass man nur „so tut als ob“.</p> <p>Als ich über diesen Beitrag nachdachte, fiel mir der Film „Die Truman Show“ (Peter Weir, 1998) ein. Für Außenstehende – und wir alle, ausnahmslos, sind ja Außenstehende für fast alle Religionen und Glaubensüberzeugungen der Welt – wirkt es einerseits vielleicht „schlüssig“, wie Gläubige sich innerhalb ihres religiösen Bezugssystems verhalten, dies kann sogar sehr beneidenswert sein (z.B. weil man spürt, dass diese Menschen in ihrer Geschichte zuhause, geradezu geborgen sind, dass sie daraus moralische Klarheit und vielfältige Erfahrungen von Schönheit gewinnen, dass diese Geschichte sie über den Tod und schicksalshafte Ereignisse in ihrem Leben hinwegtrösten und Hoffnung jenseits eines billigen Optimismus spenden kann); wirklich religiöse Personen wirken nicht selten besonders glaubwürdig und vertrauenserweckend („true man“). Andererseits denkt man aber, dass die religiösen Vorstellungen und vorstellungskonformen Wahrnehmungen, auf denen dieses Leben beruht, sehr wahrscheinlich komplett <em>Fake</em> sind, Fantasieprodukte, dass das eine Leben, welches Gläubige besitzen, innerhalb einer von Menschen ausgedachten Vorstellung stattfindet, die kaum Evidenz für sich vorweisen kann, eine Schein-Welt, eine Lüge am Ende, in die sie meist hineingeboren bzw. von ihren Eltern während ihrer frühesten Entwicklung und Sozialisation hineingesetzt wurden – und dies durchaus „im guten Glauben“. Vielleicht wünscht man einer gläubigen Person, zu erwachen aus ihrem religiösen Traum, herauszukommen aus ihrer religiösen Trance, zur Wahrheit zu gelangen und den Tatsachen in die Augen zu schauen – so wie Truman Burbank in der „Truman Show“ irgendwann durch die Kulissen „am Ende der Welt“ in die wirkliche Welt übertritt – was seinerseits noch viel interessantere Fragen aufwirft:<aside></aside></p> <p>„<em>Christof [der Produzent der Fernsehserie; C.H.] spricht zu Truman und beschwört ihn, in Seahaven zu bleiben, da es in der wirklichen Welt nicht mehr an Wahrheit zu finden gebe als in seiner künstlich erschaffenen Heimat, in der er dafür aber Sicherheit habe. Doch Truman wählt den Ausgang.</em>“ (Wikipedia, Die Truman Show, 22.09.2025).</p> <p>Wirklich und tiefgreifend überzeugend sind für uns die Geschichten, in die wir hineingeboren wurden, die ganz selbstverständlich unsere Welt sind. Durchschauen wir diese Geschichten, weil wir logische oder empirische Inkonsistenzen darin entdeckt haben, oder stoßen wir auf neue andere interessante Geschichten (z.B. Christen, die Yoga oder Buddhismus für sich entdecken), oder würden wir vor eine Wahl gestellt, so könnten nur die wenigsten von uns (weniger als ein Drittel, schätze ich) willkürlich tief in diese Vorstellungswelt eintauchen und dann vollständig vergessen, dass sie an eine Geschichte glauben – sprich: sich von dieser Geschichte mit Haut und Haaren absorbieren lassen. Hohe Absorptionsfähigkeit bzw. hohe Suggestibilität sind letztlich eher selten (10-30%).</p> <p>Für die meisten von uns bliebe jedoch ein Rest kritischer Distanz, ob wir wollen oder nicht. Diskursiv-kritisches Denken mag tieferen (religiösen) Erlebnissen und einer vollständigen Identifikation mit religiösen Rollen vielleicht im Wege stehen – viele Religionen warnen ausdrücklich vor zu viel Denken und der Zweifel gilt manchen Christen als schwere Sünde (vgl. etwa <a href="https://www.worldchallenge.org/de/zweifel-%E2%80%93-die-s%C3%BCnde-die-gott-am-meisten-hasst">World Challenge</a>).* Aber man kann, wenn man möchte, sich religiösen Geschichten aussetzen, man kann durchaus bis zu einem gewissen Grade religiös musikalisch sein, aber eben nicht religiös virtuos.</p> <p>Vielleicht ist ein am Umgang mit guter Literatur geschulter kritisch-kompetenter Umgang auch mit religiösen Texten, Ritualen und Traditionen am Ende doch für uns alle der gesündeste Weg? Diesen Weg könnten wir jedenfalls ohne Fanatismus und ohne Bisse unseres Wahrheitsgewissens gehen, wahrscheinlich mit erheblichem Gewinn für unsere persönliche Entwicklung und für das Miteinander.</p> <p><strong>PS. </strong>Der Vergleich gerade des Christentums mit Literatur ist sicher mehr als eine bloße Metapher. Es spricht nach neueren frühjüdischen, hellenistischen und neutestamentlichen Studien einiges dafür, dass die Evangelien für die damaligen Zuhörer und Leser Geschichten bzw. Geschichtssammlungen waren, die sie keinesfalls historisch gelesen oder gehört haben, sondern vielmehr in Zusammenhang mit damals weit verbreiteten Erzählmotiven (z.B. Jungfrauengeburten, Auferstehungsgeschichten, Leere-Grab-Geschichten, u.ä.). Unser heutiges historisch-kritisches Fragen nach der historischen Wahrheit der Evangelien wäre ihnen vermutlich genauso befremdlich erschienen, wie wenn wir heute fragen würden, ob die literarische Wahrheit der „Harry Potter“-Saga denn überhaupt eine historische Basis besitzt, ob denn das alles überhaupt wirklich so stattgefunden hat, wie es da geschrieben steht (was es natürlich nicht hat). – Ich fand es schon immer verwunderlich, dass Paulus praktisch nichts von den Evangelien zu wissen scheint, z.B. von den Auferstehungserzählungen, und die Erklärung dafür ist natürlich, dass sie wesentlich später geschrieben wurden als die Paulusbriefe. Auch die Übereinstimmungen und Inkonsistenzen zwischen den (synoptischen) Evangelien erklären sich recht gut, wenn man hier professionelle, hochgebildete Schriftsteller am Werke sieht, die die seinerzeit in verschiedenen Gemeinden kursierenden Erzählungen aufgegriffen und mit höchster literarischer Qualität, u.a. mit praktisch unerreichter Kürze und Prägnanz, aufgeschrieben haben, wobei sie vielfältige Bezüge zur Hebräischen Bibel herzustellen wussten (teils verifizierbar, teils faktisch gar nicht vorhanden bzw. in der genannten Schrift nicht vorhanden). Die christliche Religion funktioniert im Wesentlichen narrativ, es wird die eine Geschichte Jesu in vielen Geschichten erzählt und diese Geschichte hat bis heute das Potential, Zuhörer in ihren Bann zu ziehen, sie in diese Geschichte hineinzuziehen und darin zu verwickeln, sodass man noch heute „in der Nachfolge Jesu“ leben kann – weil diese Literatur etwas in einem anspricht, weil sie einen Punkt trifft (vgl. etwa Andreas Maier in „Ich: Frankfurter Poetikvorlesungen“, 2006, über die Wahrheit und das Matthäus-Evangelium). Durchweg vermissen wir hingegen (außerhalb der Theologie) eine Sprachstruktur von These, Argument und Gegenargument, wie wir sie in Philosophie und Wissenschaft, aber auch im gesellschaftlichen und politischen Diskurs erwarten. Man sollte hier kein falsches Entweder-oder konstruieren.</p> <p>Ich plädiere hiermit für eine <em>Rélecture</em> des Christentums und seine Wiederaneignung im Westen als Literatur, d.h. jenseits historisch-kritischer, naturwissenschaftlicher und philosophisch-metaphysischer Fragen und jenseits (oder diesseits) exklusiver religiöser Bekenntnisse.</p> <p>* Ich selbst halte Wahrheitsliebe für die Schlüsseltugend schlechthin und schätze daher im Hinblick auf die unendlichen Möglichkeiten der Täuschung und Irreführung des menschlichen Geistes Zweifel und Skepsis sehr – wenn sie denn aus Wahrheitsliebe geboren sind.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Glauben II » 3G » SciLogs</h1><h2>By Christian Hoppe</h2><div itemprop="text"> <p>Wenn man Glauben als die allgemeinmenschliche Fähigkeit deutet, bestimmte Vorstellungen durch Aufmerksamkeit und Absorption quasi Wirklichkeit werden zu lassen, sodass ihre (vermeintliche) Wahrheit konkret empfunden und erlebt wird, dann kommt einem Typ dieses Glaubens eine besonders wichtige Bedeutung zu: dem Rollenspiel.</p> <p>Gegeben die derzeitige absolute Dominanz individualpsychologischer Ideen – z.B. Selbstverwirklichung, Selbstwirksamkeit, Achtsamkeit/Meditation, individuelle Psychotherapie usw. –, wird die Funktion und Bedeutung sozialer Rollen stark unterschätzt. Vielen ist nicht bewusst, dass sie sich während des Tages (und auch nachts!) fortlaufend in solchen Rollen bewegen und dass diese Rollen ihr Verhalten, vor allem auch das Sozialverhalten, entscheidend beeinflussen. Der wichtigste Aspekt der Rolle ist der mit dieser Rolle verbundene soziale Status, der bereits für sich genommen einen enormen Einfluss auf das mögliche und unmögliche Miteinander ausübt. Und dass dies eben genau so ist, dass also Rollen und der mit ihnen verknüpfte soziale Status in ihrer Wirkung praktisch kaum wahrgenommen werden, ist genau der Effekt dieser hochinteressanten und relevanten Variante des Glaubens, wie er oben definiert wurde. Denn auch im Rollenspiel werden bestimmte Vorstellungen, von dem, wer man ist (bzw. zu sein hat aus der Perspektive der Anderen), wie man sich zu verhalten hat, usw. durch Aufmerksamkeitszuwendung und Absorption quasi zu <em>der</em> Wirklichkeit und Identität der eigenen Person. Die für eine andere Person verständlichste und zugänglichste Art und Weise, sich vorzustellen, ist daher auch die Nennung und Erläuterung der diversen Rollen, die man innehat, seien es berufliche (Ärztin an einer Uniklinik) oder private Rollen (Mutter von drei Schulkindern). Die Rollenvorstellung übt eine starke Wirkung auf das eigene tatsächliche Verhalten aus, strukturiert und orientiert es; sie beinhaltet auch einen Beurteilungsmaßstab. Vor allem strukturiert sie das Sozialverhalten und richtet es inhaltlich aus. Beispielsweise kann ich in meiner Rolle als klinischer Neuropsychologe innerhalb kürzester Zeit mit mir zuvor völlig unbekannten Patienten/-innen in ein Gespräch über teils sehr persönliche Themen gelangen. Vielleicht ist es so, dass man eine Rolle mit seiner eigenen Person ausfüllen und gestalten muss – eben: an sie glauben muss –, aber die Wirkung der Rolle selbst darf man auf keinen Fall unterschätzen.</p> <p>Der religiöse Glaube kann sehr facettenreiche Rollenspiele mit sich bringen. Ich meine hier in erster Linie nicht klar definierte offizielle Rollen wie Papst, Priester, Ordensschwester, Kirchenvorstandsmitglied, gläubiger Laie und ähnliches (um einmal christliche Beispiele zu nennen) – wobei derartige Rollen und die mit ihnen verbundene Macht und Hierarchie ganz offensichtlich eine entscheidende Auswirkung auf die Kirchen bzw. Religionsgemeinschaften als Institutionen haben. Ich meinte vielmehr die religiöse Rolle bzw. genauer: die religiösen Rollen als Gläubiger wie zum Beispiel: Kind Gottes; Sünder; Beter/Mystiker; ein (besonders) guter Mensch (vgl. barmherziger Samariter) oder ein besonders ernsthafter Mensch; jemand, der über tiefere Erkenntnis, über Offenbarungswissen verfügt, der um metaphysische Dinge weiß, von denen andere nichts ahnen; ein Sterblicher, der sich auf das ewige Leben bei Gott vorbereitet; ein Missionar oder ein Apologet (eher im angelsächsischen Raum bekannt); ein frommer demütiger Mensch; ein Heiliger; usw. Mit diesen Rollen gehen bestimmte religiöse Handlungen und Sprechhandlungen einher. Diese religiösen Rollen prägen das Selbstbild gläubiger Person meistens stärker und tiefgehender als z.B. berufliche Rollen. Im Grunde sind religiöse Rollen „Meta-Rollen“, die die Ausübung und Gestaltung aller anderen irdischen Rollen prägen (wenn jemand es ernst meint mit seiner Religion).</p> <p>Der Glaube ist für viele gläubige Menschen die eine ganz große, das gesamte Leben von Geburt (und vorher) bis Tod (und nachher) umfassende Geschichte, auf die sich ein Gläubiger einlässt und in welcher er eine Rolle spielt (und dies präzise auch im doppelten Sinne von „Bedeutung haben“). Der religiöse Glaube besteht eben in diesem Mitspielen in der Geschichte – und darin, dabei zu vergessen, dass man nur „spielt“, dass man nur „so tut als ob“.</p> <p>Als ich über diesen Beitrag nachdachte, fiel mir der Film „Die Truman Show“ (Peter Weir, 1998) ein. Für Außenstehende – und wir alle, ausnahmslos, sind ja Außenstehende für fast alle Religionen und Glaubensüberzeugungen der Welt – wirkt es einerseits vielleicht „schlüssig“, wie Gläubige sich innerhalb ihres religiösen Bezugssystems verhalten, dies kann sogar sehr beneidenswert sein (z.B. weil man spürt, dass diese Menschen in ihrer Geschichte zuhause, geradezu geborgen sind, dass sie daraus moralische Klarheit und vielfältige Erfahrungen von Schönheit gewinnen, dass diese Geschichte sie über den Tod und schicksalshafte Ereignisse in ihrem Leben hinwegtrösten und Hoffnung jenseits eines billigen Optimismus spenden kann); wirklich religiöse Personen wirken nicht selten besonders glaubwürdig und vertrauenserweckend („true man“). Andererseits denkt man aber, dass die religiösen Vorstellungen und vorstellungskonformen Wahrnehmungen, auf denen dieses Leben beruht, sehr wahrscheinlich komplett <em>Fake</em> sind, Fantasieprodukte, dass das eine Leben, welches Gläubige besitzen, innerhalb einer von Menschen ausgedachten Vorstellung stattfindet, die kaum Evidenz für sich vorweisen kann, eine Schein-Welt, eine Lüge am Ende, in die sie meist hineingeboren bzw. von ihren Eltern während ihrer frühesten Entwicklung und Sozialisation hineingesetzt wurden – und dies durchaus „im guten Glauben“. Vielleicht wünscht man einer gläubigen Person, zu erwachen aus ihrem religiösen Traum, herauszukommen aus ihrer religiösen Trance, zur Wahrheit zu gelangen und den Tatsachen in die Augen zu schauen – so wie Truman Burbank in der „Truman Show“ irgendwann durch die Kulissen „am Ende der Welt“ in die wirkliche Welt übertritt – was seinerseits noch viel interessantere Fragen aufwirft:<aside></aside></p> <p>„<em>Christof [der Produzent der Fernsehserie; C.H.] spricht zu Truman und beschwört ihn, in Seahaven zu bleiben, da es in der wirklichen Welt nicht mehr an Wahrheit zu finden gebe als in seiner künstlich erschaffenen Heimat, in der er dafür aber Sicherheit habe. Doch Truman wählt den Ausgang.</em>“ (Wikipedia, Die Truman Show, 22.09.2025).</p> <p>Wirklich und tiefgreifend überzeugend sind für uns die Geschichten, in die wir hineingeboren wurden, die ganz selbstverständlich unsere Welt sind. Durchschauen wir diese Geschichten, weil wir logische oder empirische Inkonsistenzen darin entdeckt haben, oder stoßen wir auf neue andere interessante Geschichten (z.B. Christen, die Yoga oder Buddhismus für sich entdecken), oder würden wir vor eine Wahl gestellt, so könnten nur die wenigsten von uns (weniger als ein Drittel, schätze ich) willkürlich tief in diese Vorstellungswelt eintauchen und dann vollständig vergessen, dass sie an eine Geschichte glauben – sprich: sich von dieser Geschichte mit Haut und Haaren absorbieren lassen. Hohe Absorptionsfähigkeit bzw. hohe Suggestibilität sind letztlich eher selten (10-30%).</p> <p>Für die meisten von uns bliebe jedoch ein Rest kritischer Distanz, ob wir wollen oder nicht. Diskursiv-kritisches Denken mag tieferen (religiösen) Erlebnissen und einer vollständigen Identifikation mit religiösen Rollen vielleicht im Wege stehen – viele Religionen warnen ausdrücklich vor zu viel Denken und der Zweifel gilt manchen Christen als schwere Sünde (vgl. etwa <a href="https://www.worldchallenge.org/de/zweifel-%E2%80%93-die-s%C3%BCnde-die-gott-am-meisten-hasst">World Challenge</a>).* Aber man kann, wenn man möchte, sich religiösen Geschichten aussetzen, man kann durchaus bis zu einem gewissen Grade religiös musikalisch sein, aber eben nicht religiös virtuos.</p> <p>Vielleicht ist ein am Umgang mit guter Literatur geschulter kritisch-kompetenter Umgang auch mit religiösen Texten, Ritualen und Traditionen am Ende doch für uns alle der gesündeste Weg? Diesen Weg könnten wir jedenfalls ohne Fanatismus und ohne Bisse unseres Wahrheitsgewissens gehen, wahrscheinlich mit erheblichem Gewinn für unsere persönliche Entwicklung und für das Miteinander.</p> <p><strong>PS. </strong>Der Vergleich gerade des Christentums mit Literatur ist sicher mehr als eine bloße Metapher. Es spricht nach neueren frühjüdischen, hellenistischen und neutestamentlichen Studien einiges dafür, dass die Evangelien für die damaligen Zuhörer und Leser Geschichten bzw. Geschichtssammlungen waren, die sie keinesfalls historisch gelesen oder gehört haben, sondern vielmehr in Zusammenhang mit damals weit verbreiteten Erzählmotiven (z.B. Jungfrauengeburten, Auferstehungsgeschichten, Leere-Grab-Geschichten, u.ä.). Unser heutiges historisch-kritisches Fragen nach der historischen Wahrheit der Evangelien wäre ihnen vermutlich genauso befremdlich erschienen, wie wenn wir heute fragen würden, ob die literarische Wahrheit der „Harry Potter“-Saga denn überhaupt eine historische Basis besitzt, ob denn das alles überhaupt wirklich so stattgefunden hat, wie es da geschrieben steht (was es natürlich nicht hat). – Ich fand es schon immer verwunderlich, dass Paulus praktisch nichts von den Evangelien zu wissen scheint, z.B. von den Auferstehungserzählungen, und die Erklärung dafür ist natürlich, dass sie wesentlich später geschrieben wurden als die Paulusbriefe. Auch die Übereinstimmungen und Inkonsistenzen zwischen den (synoptischen) Evangelien erklären sich recht gut, wenn man hier professionelle, hochgebildete Schriftsteller am Werke sieht, die die seinerzeit in verschiedenen Gemeinden kursierenden Erzählungen aufgegriffen und mit höchster literarischer Qualität, u.a. mit praktisch unerreichter Kürze und Prägnanz, aufgeschrieben haben, wobei sie vielfältige Bezüge zur Hebräischen Bibel herzustellen wussten (teils verifizierbar, teils faktisch gar nicht vorhanden bzw. in der genannten Schrift nicht vorhanden). Die christliche Religion funktioniert im Wesentlichen narrativ, es wird die eine Geschichte Jesu in vielen Geschichten erzählt und diese Geschichte hat bis heute das Potential, Zuhörer in ihren Bann zu ziehen, sie in diese Geschichte hineinzuziehen und darin zu verwickeln, sodass man noch heute „in der Nachfolge Jesu“ leben kann – weil diese Literatur etwas in einem anspricht, weil sie einen Punkt trifft (vgl. etwa Andreas Maier in „Ich: Frankfurter Poetikvorlesungen“, 2006, über die Wahrheit und das Matthäus-Evangelium). Durchweg vermissen wir hingegen (außerhalb der Theologie) eine Sprachstruktur von These, Argument und Gegenargument, wie wir sie in Philosophie und Wissenschaft, aber auch im gesellschaftlichen und politischen Diskurs erwarten. Man sollte hier kein falsches Entweder-oder konstruieren.</p> <p>Ich plädiere hiermit für eine <em>Rélecture</em> des Christentums und seine Wiederaneignung im Westen als Literatur, d.h. jenseits historisch-kritischer, naturwissenschaftlicher und philosophisch-metaphysischer Fragen und jenseits (oder diesseits) exklusiver religiöser Bekenntnisse.</p> <p>* Ich selbst halte Wahrheitsliebe für die Schlüsseltugend schlechthin und schätze daher im Hinblick auf die unendlichen Möglichkeiten der Täuschung und Irreführung des menschlichen Geistes Zweifel und Skepsis sehr – wenn sie denn aus Wahrheitsliebe geboren sind.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/3g/glauben-ii/#comments 102 Neues vom Tasmanischen Tiger https://scilogs.spektrum.de/meertext/neues-vom-tasmanischen-tiger/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/neues-vom-tasmanischen-tiger/#comments Sun, 21 Sep 2025 16:27:10 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1762 https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Thylacinus.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/meertext/neues-vom-tasmanischen-tiger/</link> </image> <description type="html"><h1>Neues vom Tasmanischen Tiger » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Die beiden Tiger-Experten Nagarjun Vijay und Buddhabhushan Girish Salve (Indian Institute of Science Education and Research Bhopal) haben im Rahmen ihrer Forschung am Genom des Bengalischen Tigers auch einen Blick auf die Gene des Tasmanischen Tigers (Beutelwolf) geworfen. Sie denken, dass bei den beiden so unterschiedlichen Top-Prädatoren der Verlust wichtiger Gene über Jahrmillionen hinweg beide anfällige fürs Aussterben macht.</p> <p>Der Beutelwolf oder Tasmanische Tiger (<em>Thylacinus cynocephalus</em>) war der letzte Überlebende einer Familie der Thylacinidae, die einst in ganz Australien und Neuguinea lebten.<br></br>Bislang wurde seine Ausrottung allein mit der Bejagung durch Menschen und den von Menschen eingeführten Dingo erklärt. So war er auf dem australischen Festland bereits vor 2000 Jahren ausgestorben, nach der Ankunft der Europäer in Tasmanien wurden die Tiere von Bauern und durch eine Abschußprämie gnadenlos verfolgt.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Thylacinus.jpg"><img alt="" decoding="async" height="486" sizes="(max-width: 728px) 100vw, 728px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Thylacinus.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Thylacinus.jpg 728w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Thylacinus-300x200.jpg 300w" width="728"></img></a><figcaption>Wikipedia: Beutelwolf (Baker; E.J. Keller. – Report of the Smithsonian Institution. 1904 from the Smithsonian Institution archives. Additional information: Female thylacine (front) with juvenile male offspring (rear). (30 September 2020). “<a href="https://meridian.allenpress.com/australian-zoologist/article-pdf/41/2/143/2807802/i0067-2238-41-2-143.pdf">A Catalogue of the Thylacine captured on film</a>“. <em>Australian Zoologist</em> <strong>41</strong> (2): 143–178. <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Digital_Object_Identifier">DOI</a>:<a href="https://doi.org/10.7882/AZ.2020.032">10.7882/AZ.2020.032</a>).</figcaption></figure> <p>Die genetische Studie fand jetzt heraus: Im Gegensatz zu fast allen anderen Beuteltieren, einschließlich der Tasmanischen Teufel, hatten Beutelwölfe mindestens <a href="https://royalsocietypublishing.org/doi/10.1098/rspb.2025.1339">vier wichtige Gene verloren:  SAMD9L, HSD17B13, CUZD1 und VWA7.</a> Die molekulare Uhr zeigt, dass der Verlust dieser Gene lange vor der Isolierung des tasmanischen Beutelwolf-Bestands vor etwa 10.000 Jahren durch den Anstieg des Meeresspiegels nach der letzten Eiszeit eintrat. Vielmehr verloren die Thylacine SAMD9L, CUZD1 und VWA7 vor mindestens 6 Millionen Jahren, ebenfalls in einer Zeit starker Klimaveränderungen. In dieser Zeit, so <a href="https://www.nhm.ac.uk/discover/news/2024/september/new-species-ancient-thylacines-oldest-ever-found.html">zeigen paläontologische Funde</a>, nahm ihre Größe dramatisch zu und sie wurden <a href="https://www.popsci.com/environment/new-tasmanian-tiger/">zu Hyperkarnivoren wurde, ernährten</a> sich also fast  ausschließlich von Fleisch.</p> <p>Der Verlust dieser Gene könnte aber auch negative Folgen gehabt haben – Vijay und Salve meinen, dass die verlorenen Gene die antivirale Abwehr, Stoffwechselprozesse, Laktation und eine höhere Anfälligkeit für Krebs und Bauchspeicheldrüsen-Entzündungen hervorgerufen haben könnten. Zwischen den Genen und diesen Erkrankungen bestehe ein Zusammenhang</p> <p>Einige <a href="https://www.newscientist.com/article/2493844-thylacines-genome-provides-clues-about-why-it-went-extinct/?fbclid=IwY2xjawM8j1VleHRuA2FlbQIxMABicmlkETBKWkZmR0FQQUFjeWdwOW1mAR4_b_uWk7UBAfJorwpWXYt2DO86iUZ95qYdOi8_y-4uGdsfbP3DVeqSFxCwQg_aem_0kAoJn2W5GM43Az1ru4u0A">andere Forschende wie</a>  Timothy Churchill (University of New South Wales, Sydney) schätzen diese genetischen Aussagen vorsichtiger ein. Bis jetzt stehe nur fest, dass die klimatischen Veränderungen in Australien über Millionen von Jahren vor der Ankunft des Menschen zu einem dramatischen Verlust der genetischen Vielfalt der Beutelwölfe geführt haben. Danach war der Beutelwolf zwar perfekt an seine ökologische Nische angepaßt gewesen. Allerdings sei er dadurch auch in eine evolutive Sackgasse geraten, so dass er die Konkurrenz des Dingos und der Bejagung nicht überleben konnte.<aside></aside></p> <h2 id="h-weder-wolf-noch-tiger-sondern-beuteltier"><strong>Weder Wolf noch Tiger, sondern Beuteltier</strong></h2> <p><em>Thylacinus cynocephalus </em>war ein Beuteltier. Mit bis zu 130 Zentimetern Kopf-Rumpflänge plus bis zu 65 Zentimeter Schwanz und eine Schulterhöhe von rund 60 Zentimetern war er der Top-Prädator Tasmaniens. Wegen seiner Streifen erhielt er den Beinamen „Tasmanischer Tiger“ und wegen seines wolfsartigen Kopfes „Beutelwolf“. Auch sein wissenschaftlicher Artname weist auf diese Ähnlichkeit hin: cyno (griech. Hund) und cephalus (griech. Kopf).</p> <p>Obwohl Beuteltiere und plazentale Säugetiere ihren letzten gemeinsamen Vorfahren vor sehr langer Zeit hatten, ähneln sich Wolf und Beutelwolf stark. Dies ist durch die Besetzung sehr ähnliche ökologischer Nischen zu erklären, so dass sich beide konvergent entwickeln. Allerdings konnten Beutelwölfe ihre Kiefer wohl weiter aufklappen, einige Quellen sprechen von bis zu 90 °. Auch die Ausbildung der Zähne ähnelte sich stark. Allerdings hatte der Beutelwolf, wie alle Beuteltiere pro Kieferquadranten 4 Schneidezähne, im Gegensatz zu den 3 Schneidezähnen der Wölfe.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Beutelwolf_fg01.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 753px) 100vw, 753px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Beutelwolf_fg01-753x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Beutelwolf_fg01-753x1024.jpg 753w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Beutelwolf_fg01-221x300.jpg 221w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Beutelwolf_fg01-768x1044.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Beutelwolf_fg01.jpg 800w" width="753"></img></a></figure> <p>Wikipedia: Beutelwolf (Fritz Geller-Grimm: Copy of a skull of Thylacinus cynocephalus and original skull of Canis lupus, Museum Wiesbaden Naturhistorische Landessammlung, Germany) CC-By-SA-2.5</p> <p>Wie alle Beuteltiere werden auch diese Tiger-Wölfe in einem sehr frühen Stadium geboren und klettern dann in den Beutel der Mutter. Dort durchlaufen sie ihre weitere Entwicklung und werden dann schnell hundeähnlich, <a href="https://www.nytimes.com/2018/02/23/science/tasmanian-tiger-pouch.html">wie eine Forschungsstudie an Embryonen gezeigt hatte.</a> Die Forscher hatten dafür in Museen aufbewahrte Embryonen 3 D-gescannt und die Entwicklung der Körpermerkmale und Proportionen analysiert.</p> <h2 id="h-wann-wurde-der-letzte-beutelwolf-gesichtet"><strong>Wann wurde der letzte Beutelwolf gesichtet?</strong></h2> <p>Das letzte Exemplar starb 1936 im Hobart Zoo. Allerdings gibt es immer Berichte von angeblichen Sichtungen lebender Exemplare. Der quasimythologische Tasmanische Tiger ist also ein fester Bestandteil des Krytobiologie-Zoos.<br></br>Allerdings bezweifelt niemand, dass es diese Art tatsächlich einst gab.<br></br>2023 rekonstruierte eine Studie alle <em>Thylacinus</em>-Sichtungen nicht nur nach Zeit und Ort, sondern auch nach Zuverlässigkeit der Augenzeugen. Alle Meldungen werden in der <em><a href="http://www.naturalworlds.org/thylacine/mrp/itsd/itsd_1.htm">International Thylacine Specimen Database</a></em> erfaßt und mit einem Score versehen. Dabei wurden Meldungen von Personen, die namentlich bekannt und erfahren mit Wildtieren der jeweiligen Gegend waren, höher bewertet, als anonyme Meldungen oder angebliche Sichtungen durch Personen ohne Wissen der einheimischen Fauna.</p> <p>So kommt das Forschungsteam zu dem Schluß, dass das ikonische tasmanische <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0048969723014948">Raubtier noch bis in die 1980-er Jahre hinein</a> überlebt haben könnte. Seitdem hat es allerdings keine zuverlässigen Sichtungen mehr gegeben.<br></br>Ich bin aber trotzdem ganz sicher, dass es weitere Meldungen geben wird – ist doch das Wunschdenken nach der Sichtung eines solchen Tieres manchmal größer als Sehkraft und Sachverstand.</p> <h2 id="h-ein-vergammelter-kopf-und-der-traum-von-de-extiction"><strong>Ein vergammelter Kopf und der Traum von De-Extiction</strong></h2> <p>Der Traum von der De-Extinction geistert seit Jahren durch manche Forscher-Köpfe. Auf der Suche nach verwendbarem Genmaterial durchstöberte in Team um Andrew Pask, den Leiter des Labors für integrierte genetische Wiederherstellungsforschung (mit dem Akronym Tigrr) an der Universität von Melbourne Museumssammlungen. Auch dort, wo lange niemand nachgeschaut hatten<a href="https://www.theguardian.com/science/2024/oct/17/how-a-putrid-find-in-a-museum-cupboard-could-be-the-key-to-bringing-the-tasmanian-tiger-back-to-life">. Dort wurden sie 2024 schließlich fündig:</a> In einem Eimer, ganz hinten in einem Schrank des Melbourne Museums. Dort hatte jemand vor 110 Jahren den gehäuteten und nur grob abgefleischten Kopf eines Tasmanischen Tigers in Ethanol eingelegt. Und dann offenbar vergessen. Seitdem faulte das Stück vor sich.</p> <p>Trotzdem konnten die Forschenden von diesem Exemplar erstmals viele lange RNA-Moleküle finden, die für die Rekonstruktion des Genoms eines ausgestorbenen Tieres entscheidend sind. Bei diesem Projekt ist natürlich auch die texanische Firma Colossal dabei, deren Geschäftsmodell das Zurückklonen ausgestorbener Tierarten ist.</p> <p>Bereits 2017 hatten Pask und seine Kollegen Proben von einem konservierten jungen Beutelwolfwelpen und daraus eine vollständige genetische Karte des Beutelwolfs erstellt. Dabei hatten auch sie bereits die sehr geringe genetische Vielfalt des Beutelwolfs entdeckt und gemutmaßt, dass diese Art lange vor ihrer Ausrottung schon Schwierigkeiten hatte, sich an Umweltveränderungen und Krankheiten anzupassen. Die noch vorhandenen Lücken im Genom soll die mit dem <em>Thylacinus </em>verwandte <a href="https://www.theguardian.com/australia-news/2022/aug/16/de-extinction-scientists-are-planning-the-multimillion-dollar-resurrection-of-the-tasmanian-tiger">Dickschwänzige Schmalfußbeutelmaus (<em>Sminthopsis crassicaudata</em>) liefern.</a> Das modifizierte genetische Material wollen sie in Schmalfußbeutelmaus-Embryonen implantieren und ein Weibchen dieser Art als Leihmutter einsetzen.</p> <p>Dass Colossal bei diesen angeblichen De-Extinction-Projekten auch aus der Wissenschafts-Community viel Gegenwind entgegenbläst und warum die angeblichen Fortschritte beim Zurückbringen ausgestorbener Arten nicht nur ethisch bedenklich, sondern auch sehr aufgeblasen sind, hatte ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/maus-im-mammut-pelz-kommt-nun-das-klon-mammut/">anlässlich des Mammuts schon ausführlicher beschrieben.</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Neues vom Tasmanischen Tiger » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Die beiden Tiger-Experten Nagarjun Vijay und Buddhabhushan Girish Salve (Indian Institute of Science Education and Research Bhopal) haben im Rahmen ihrer Forschung am Genom des Bengalischen Tigers auch einen Blick auf die Gene des Tasmanischen Tigers (Beutelwolf) geworfen. Sie denken, dass bei den beiden so unterschiedlichen Top-Prädatoren der Verlust wichtiger Gene über Jahrmillionen hinweg beide anfällige fürs Aussterben macht.</p> <p>Der Beutelwolf oder Tasmanische Tiger (<em>Thylacinus cynocephalus</em>) war der letzte Überlebende einer Familie der Thylacinidae, die einst in ganz Australien und Neuguinea lebten.<br></br>Bislang wurde seine Ausrottung allein mit der Bejagung durch Menschen und den von Menschen eingeführten Dingo erklärt. So war er auf dem australischen Festland bereits vor 2000 Jahren ausgestorben, nach der Ankunft der Europäer in Tasmanien wurden die Tiere von Bauern und durch eine Abschußprämie gnadenlos verfolgt.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Thylacinus.jpg"><img alt="" decoding="async" height="486" sizes="(max-width: 728px) 100vw, 728px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Thylacinus.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Thylacinus.jpg 728w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Thylacinus-300x200.jpg 300w" width="728"></img></a><figcaption>Wikipedia: Beutelwolf (Baker; E.J. Keller. – Report of the Smithsonian Institution. 1904 from the Smithsonian Institution archives. Additional information: Female thylacine (front) with juvenile male offspring (rear). (30 September 2020). “<a href="https://meridian.allenpress.com/australian-zoologist/article-pdf/41/2/143/2807802/i0067-2238-41-2-143.pdf">A Catalogue of the Thylacine captured on film</a>“. <em>Australian Zoologist</em> <strong>41</strong> (2): 143–178. <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Digital_Object_Identifier">DOI</a>:<a href="https://doi.org/10.7882/AZ.2020.032">10.7882/AZ.2020.032</a>).</figcaption></figure> <p>Die genetische Studie fand jetzt heraus: Im Gegensatz zu fast allen anderen Beuteltieren, einschließlich der Tasmanischen Teufel, hatten Beutelwölfe mindestens <a href="https://royalsocietypublishing.org/doi/10.1098/rspb.2025.1339">vier wichtige Gene verloren:  SAMD9L, HSD17B13, CUZD1 und VWA7.</a> Die molekulare Uhr zeigt, dass der Verlust dieser Gene lange vor der Isolierung des tasmanischen Beutelwolf-Bestands vor etwa 10.000 Jahren durch den Anstieg des Meeresspiegels nach der letzten Eiszeit eintrat. Vielmehr verloren die Thylacine SAMD9L, CUZD1 und VWA7 vor mindestens 6 Millionen Jahren, ebenfalls in einer Zeit starker Klimaveränderungen. In dieser Zeit, so <a href="https://www.nhm.ac.uk/discover/news/2024/september/new-species-ancient-thylacines-oldest-ever-found.html">zeigen paläontologische Funde</a>, nahm ihre Größe dramatisch zu und sie wurden <a href="https://www.popsci.com/environment/new-tasmanian-tiger/">zu Hyperkarnivoren wurde, ernährten</a> sich also fast  ausschließlich von Fleisch.</p> <p>Der Verlust dieser Gene könnte aber auch negative Folgen gehabt haben – Vijay und Salve meinen, dass die verlorenen Gene die antivirale Abwehr, Stoffwechselprozesse, Laktation und eine höhere Anfälligkeit für Krebs und Bauchspeicheldrüsen-Entzündungen hervorgerufen haben könnten. Zwischen den Genen und diesen Erkrankungen bestehe ein Zusammenhang</p> <p>Einige <a href="https://www.newscientist.com/article/2493844-thylacines-genome-provides-clues-about-why-it-went-extinct/?fbclid=IwY2xjawM8j1VleHRuA2FlbQIxMABicmlkETBKWkZmR0FQQUFjeWdwOW1mAR4_b_uWk7UBAfJorwpWXYt2DO86iUZ95qYdOi8_y-4uGdsfbP3DVeqSFxCwQg_aem_0kAoJn2W5GM43Az1ru4u0A">andere Forschende wie</a>  Timothy Churchill (University of New South Wales, Sydney) schätzen diese genetischen Aussagen vorsichtiger ein. Bis jetzt stehe nur fest, dass die klimatischen Veränderungen in Australien über Millionen von Jahren vor der Ankunft des Menschen zu einem dramatischen Verlust der genetischen Vielfalt der Beutelwölfe geführt haben. Danach war der Beutelwolf zwar perfekt an seine ökologische Nische angepaßt gewesen. Allerdings sei er dadurch auch in eine evolutive Sackgasse geraten, so dass er die Konkurrenz des Dingos und der Bejagung nicht überleben konnte.<aside></aside></p> <h2 id="h-weder-wolf-noch-tiger-sondern-beuteltier"><strong>Weder Wolf noch Tiger, sondern Beuteltier</strong></h2> <p><em>Thylacinus cynocephalus </em>war ein Beuteltier. Mit bis zu 130 Zentimetern Kopf-Rumpflänge plus bis zu 65 Zentimeter Schwanz und eine Schulterhöhe von rund 60 Zentimetern war er der Top-Prädator Tasmaniens. Wegen seiner Streifen erhielt er den Beinamen „Tasmanischer Tiger“ und wegen seines wolfsartigen Kopfes „Beutelwolf“. Auch sein wissenschaftlicher Artname weist auf diese Ähnlichkeit hin: cyno (griech. Hund) und cephalus (griech. Kopf).</p> <p>Obwohl Beuteltiere und plazentale Säugetiere ihren letzten gemeinsamen Vorfahren vor sehr langer Zeit hatten, ähneln sich Wolf und Beutelwolf stark. Dies ist durch die Besetzung sehr ähnliche ökologischer Nischen zu erklären, so dass sich beide konvergent entwickeln. Allerdings konnten Beutelwölfe ihre Kiefer wohl weiter aufklappen, einige Quellen sprechen von bis zu 90 °. Auch die Ausbildung der Zähne ähnelte sich stark. Allerdings hatte der Beutelwolf, wie alle Beuteltiere pro Kieferquadranten 4 Schneidezähne, im Gegensatz zu den 3 Schneidezähnen der Wölfe.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Beutelwolf_fg01.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 753px) 100vw, 753px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Beutelwolf_fg01-753x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Beutelwolf_fg01-753x1024.jpg 753w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Beutelwolf_fg01-221x300.jpg 221w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Beutelwolf_fg01-768x1044.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Beutelwolf_fg01.jpg 800w" width="753"></img></a></figure> <p>Wikipedia: Beutelwolf (Fritz Geller-Grimm: Copy of a skull of Thylacinus cynocephalus and original skull of Canis lupus, Museum Wiesbaden Naturhistorische Landessammlung, Germany) CC-By-SA-2.5</p> <p>Wie alle Beuteltiere werden auch diese Tiger-Wölfe in einem sehr frühen Stadium geboren und klettern dann in den Beutel der Mutter. Dort durchlaufen sie ihre weitere Entwicklung und werden dann schnell hundeähnlich, <a href="https://www.nytimes.com/2018/02/23/science/tasmanian-tiger-pouch.html">wie eine Forschungsstudie an Embryonen gezeigt hatte.</a> Die Forscher hatten dafür in Museen aufbewahrte Embryonen 3 D-gescannt und die Entwicklung der Körpermerkmale und Proportionen analysiert.</p> <h2 id="h-wann-wurde-der-letzte-beutelwolf-gesichtet"><strong>Wann wurde der letzte Beutelwolf gesichtet?</strong></h2> <p>Das letzte Exemplar starb 1936 im Hobart Zoo. Allerdings gibt es immer Berichte von angeblichen Sichtungen lebender Exemplare. Der quasimythologische Tasmanische Tiger ist also ein fester Bestandteil des Krytobiologie-Zoos.<br></br>Allerdings bezweifelt niemand, dass es diese Art tatsächlich einst gab.<br></br>2023 rekonstruierte eine Studie alle <em>Thylacinus</em>-Sichtungen nicht nur nach Zeit und Ort, sondern auch nach Zuverlässigkeit der Augenzeugen. Alle Meldungen werden in der <em><a href="http://www.naturalworlds.org/thylacine/mrp/itsd/itsd_1.htm">International Thylacine Specimen Database</a></em> erfaßt und mit einem Score versehen. Dabei wurden Meldungen von Personen, die namentlich bekannt und erfahren mit Wildtieren der jeweiligen Gegend waren, höher bewertet, als anonyme Meldungen oder angebliche Sichtungen durch Personen ohne Wissen der einheimischen Fauna.</p> <p>So kommt das Forschungsteam zu dem Schluß, dass das ikonische tasmanische <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0048969723014948">Raubtier noch bis in die 1980-er Jahre hinein</a> überlebt haben könnte. Seitdem hat es allerdings keine zuverlässigen Sichtungen mehr gegeben.<br></br>Ich bin aber trotzdem ganz sicher, dass es weitere Meldungen geben wird – ist doch das Wunschdenken nach der Sichtung eines solchen Tieres manchmal größer als Sehkraft und Sachverstand.</p> <h2 id="h-ein-vergammelter-kopf-und-der-traum-von-de-extiction"><strong>Ein vergammelter Kopf und der Traum von De-Extiction</strong></h2> <p>Der Traum von der De-Extinction geistert seit Jahren durch manche Forscher-Köpfe. Auf der Suche nach verwendbarem Genmaterial durchstöberte in Team um Andrew Pask, den Leiter des Labors für integrierte genetische Wiederherstellungsforschung (mit dem Akronym Tigrr) an der Universität von Melbourne Museumssammlungen. Auch dort, wo lange niemand nachgeschaut hatten<a href="https://www.theguardian.com/science/2024/oct/17/how-a-putrid-find-in-a-museum-cupboard-could-be-the-key-to-bringing-the-tasmanian-tiger-back-to-life">. Dort wurden sie 2024 schließlich fündig:</a> In einem Eimer, ganz hinten in einem Schrank des Melbourne Museums. Dort hatte jemand vor 110 Jahren den gehäuteten und nur grob abgefleischten Kopf eines Tasmanischen Tigers in Ethanol eingelegt. Und dann offenbar vergessen. Seitdem faulte das Stück vor sich.</p> <p>Trotzdem konnten die Forschenden von diesem Exemplar erstmals viele lange RNA-Moleküle finden, die für die Rekonstruktion des Genoms eines ausgestorbenen Tieres entscheidend sind. Bei diesem Projekt ist natürlich auch die texanische Firma Colossal dabei, deren Geschäftsmodell das Zurückklonen ausgestorbener Tierarten ist.</p> <p>Bereits 2017 hatten Pask und seine Kollegen Proben von einem konservierten jungen Beutelwolfwelpen und daraus eine vollständige genetische Karte des Beutelwolfs erstellt. Dabei hatten auch sie bereits die sehr geringe genetische Vielfalt des Beutelwolfs entdeckt und gemutmaßt, dass diese Art lange vor ihrer Ausrottung schon Schwierigkeiten hatte, sich an Umweltveränderungen und Krankheiten anzupassen. Die noch vorhandenen Lücken im Genom soll die mit dem <em>Thylacinus </em>verwandte <a href="https://www.theguardian.com/australia-news/2022/aug/16/de-extinction-scientists-are-planning-the-multimillion-dollar-resurrection-of-the-tasmanian-tiger">Dickschwänzige Schmalfußbeutelmaus (<em>Sminthopsis crassicaudata</em>) liefern.</a> Das modifizierte genetische Material wollen sie in Schmalfußbeutelmaus-Embryonen implantieren und ein Weibchen dieser Art als Leihmutter einsetzen.</p> <p>Dass Colossal bei diesen angeblichen De-Extinction-Projekten auch aus der Wissenschafts-Community viel Gegenwind entgegenbläst und warum die angeblichen Fortschritte beim Zurückbringen ausgestorbener Arten nicht nur ethisch bedenklich, sondern auch sehr aufgeblasen sind, hatte ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/maus-im-mammut-pelz-kommt-nun-das-klon-mammut/">anlässlich des Mammuts schon ausführlicher beschrieben.</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/meertext/neues-vom-tasmanischen-tiger/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>14</slash:comments> </item> <item> <title>Auf eine friedliche Wiesn? 45 Jahre nach dem rechtsterroristischen Oktoberfestattentat in München – Rückblick auf Kämpfe um Erinnern und gegen Verdrängen https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/auf-eine-friedliche-wiesn-45-jahre-nach-dem-rechtsterroristischen-oktoberfestattentat-in-muenchen-rueckblick-auf-kaempfe-um-erinnern-und-gegen-verdraengen/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/auf-eine-friedliche-wiesn-45-jahre-nach-dem-rechtsterroristischen-oktoberfestattentat-in-muenchen-rueckblick-auf-kaempfe-um-erinnern-und-gegen-verdraengen/#respond Thu, 18 Sep 2025 08:49:24 +0000 Teilprojekt 03a (un)doing memory in Bayern https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=275 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-scaled-e1758184044545-768x370.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/auf-eine-friedliche-wiesn-45-jahre-nach-dem-rechtsterroristischen-oktoberfestattentat-in-muenchen-rueckblick-auf-kaempfe-um-erinnern-und-gegen-verdraengen/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-scaled-e1758184044545.jpeg" /><h1>Auf eine friedliche Wiesn? 45 Jahre nach dem rechtsterroristischen Oktoberfestattentat in München – Rückblick auf Kämpfe um Erinnern und gegen Verdrängen » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Teilprojekt 03a (un)doing memory in Bayern</h2><div itemprop="text"> <p>Am Abend des 26. September 1980 explodierte am Haupteingang des Oktoberfests eine Bombe. <strong>Gabriele Deutsch, Robert Gmeinwieser, Axel Hirsch, Markus Hölzl, Paul Lux, Ignaz und Ilona Platzer, Franz Schiele, Angela Schüttrigkeit, Errol Vere-Hodge, Ernst Vestner und Beate Werner kommen ums Leben.</strong> Auch der Täter stirbt. Mindestens 221 Menschen werden zum Teil schwer verletzt. <strong>Das Ziel des Anschlags war, die anstehende Bundestagswahl zugunsten des „starken Mannes“, des CSU-Kandidaten Franz Josef Strauß, zu beeinflussen.</strong> Im Vorfeld hat der Freistaat Bayern die Gefahr, die von der rechtsextremen „Wehrsportgruppe Hoffmann“ ausging und zu dessen Umfeld der Täter zählte, wiederholt geleugnet. 1982 wurden die Ermittlungen eingestellt und als „Fazit einer persönlichen Katastrophe“ eines Einzeltäters geschlossen.</p> <p>Am 26. September 2025, 45 Jahre nach der Tat, findet erneut eine jährliche Gedenkveranstaltung statt. <strong>Aber was bedeutet es, an Todesopfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt zu erinnern?</strong> Ein Blick in die Vergangenheit? Ja – jedoch nicht ausschließlich. Denn auch wenn explizite Gewalttaten vergangen sein mögen, wirken die Ursprünge für die Taten, wie bspw. Rassismus oder Antisemitismus, in der Gegenwart weiter fort. Die Analyse von Praktiken des (Nicht-)Erinnerns zeigt also auch auf, wie Gesellschaften gegenwärtig mit Ideologien der Ungleichwertigkeit umgehen. <strong>Ob, wie und wann (nicht) an rechte Gewalttaten erinnert wird, ist historisch spezifisch und Gegenstand gesellschaftlicher Aushandlungen.</strong> In vielen Fällen fehlt ein Erinnern an Todesopfer rechter Gewalt, auch weil eine juristische Anerkennung der Taten nicht vorliegt. Nicht selten sind es die Überlebenden und Angehörigen selbst, die sich gemeinsam mit solidarischen Akteur:innen aus der Zivilgesellschaft gegen ein Verdrängen einsetzen. Kämpfe um ein Erinnern adressieren dabei etwa die Errichtung eines Gedenkortes, aber auch die Wiederaufnahme der Ermittlungen oder die Verantwortungsübernahme von staatlichen Institutionen. Im Teilprojekt „(un)doing memory und Rechtsextremismus“ werden Praktiken des (Nicht-)Erinnerns an Todesopfer rechter Gewalt in Bayern untersucht (<a href="https://www.forgerex.de/forschungsthemen/undoing-memory-und-rechtsextremismus-in-bayern/">https://www.forgerex.de/forschungsthemen/undoing-memory-und-rechtsextremismus-in-bayern/</a>).</p> <h3 id="h-kampfe-um-erinnern-an-die-tat-einer-faschistischen-morderbande-interventionen-und-kritik-von-uberlebenden-angehorigen-und-aus-der-zivilgesellschaft"><strong>Kämpfe um Erinnern an die Tat einer „faschistischen Mörderbande“ – Interventionen und Kritik von Überlebenden, Angehörigen und aus der Zivilgesellschaft</strong></h3> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-1-scaled.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 787px) 100vw, 787px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-1-787x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-1-787x1024.jpeg 787w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-1-231x300.jpeg 231w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-1-768x999.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-1-1181x1536.jpeg 1181w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-1-1575x2048.jpeg 1575w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-1-scaled.jpeg 1968w" width="787"></img></a><figcaption>Antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München (a.i.d.a.) / Flugblatt von der Ortsgruppe München des Arbeiterbunds für den Wiederaufbau der KPD zum 7. Jahrestag des Oktoberfestattentats am 26. September 1987</figcaption></figure> <p>Nach dem Oktoberfestattentat wurde wiederholt versucht die Tat zu <strong>entpolitisieren</strong> und Kämpfe um eine Politisierung wurden kriminalisiert. So hat die Landeshauptstadt München 1982 versucht, die Kundgebung anlässlich des Jahrestags zu verbieten, mit der Begründung, dass dort illegitimerweise eine Mitverantwortung des Freistaats für das Attentat thematisiert werde. 1991 wurde im Stadtrat eine Bannmeile für politische Veranstaltungen während des Oktoberfestbetriebs diskutiert, was Gedenkveranstaltungen anlässlich des Attentats eingeschlossen hätte. Im selben Jahr wurde aufgrund eines Flugblatts, auf dem der Freistaat für sein zögerliches Vorgehen gegen rechte Strukturen kritisiert wurde, ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Dies sind nur einige Beispiele für die Kämpfe um eine politische Einordnung der Tat, die Betroffene gemeinsam mit Akteur:innen aus antifaschistischen, zivilgesellschaftlichen und gewerkschaftlichen Kontexten geführt haben.</p> <p>Trotz dieser Widerstände haben Überlebende und Angehörige mit offenen Briefen und auf Pressekonferenzen <strong>an die Politik appelliert </strong>und die <strong>Wiederaufnahme der Ermittlungen </strong>oder die <strong>Schließung des Oktoberfestbetriebs während der Tatzeit gefordert</strong>. Eine Vernetzung mit Betroffenen weiterer rechtsterroristischer Taten, wie dem rassistischen und rechten Attentat in und um die ehemalige Diskothek „Twenty Five“ in Nürnberg vom 24. Juni 1982, fand statt. Jene Überlebende haben auf der Veranstaltung anlässlich des Oktoberfestattentats 1982 in München Redebeiträge gehalten. Die Opfervereinigung, die sich anlässlich des faschistischen Bombenanschlags am 02. August 1980 in Bologna gründete, nimmt für die Überlebenden des Oktoberfestattentats eine Vorbildrolle im Umgang mit der Tat ein. Nicht nur in Bologna, sondern in vielen Städten in Italien gab es anlässlich des Attentats Gedenkveranstaltungen mit großer Beteiligung der Bevölkerung, inklusive ranghöchster Politiker:innen. Es gab wechselseitige Delegationen und die Vernetzung zwischen den Städten hält bis heute an.</p> <p>Im Rahmen von Gedenkveranstaltungen zum Oktoberfestattentat wurden <strong>Verbindungen zu weiteren politischen Themen</strong> hergestellt. So sprachen beispielsweise bei der Kundgebung 1982 Betroffene des türkischen Faschismus der „Grauen Wölfe“ oder Personen, die ihre Arbeit aufgrund von politisch motivierten Berufsverboten verloren haben. Die Gedenkveranstaltungen zum 20. Jahrestag waren wiederum eng verknüpft mit einer Mobilisierung gegen zeitgleich stattfindende NPD-Kundgebungen.<aside></aside></p> <h3 id="h-die-verdichtung-politischer-kampfe-am-gedenk-und-tatort"><strong>Die Verdichtung politischer Kämpfe am Gedenk- und Tatort</strong></h3> <p>Kämpfe um eine politische Einordnung der Tat und ein Erinnern an die Todesopfer lassen sich zudem unmittelbar am Tatort nachzeichnen. Am 17. September 1981, zwei Tage bevor das Oktoberfest eröffnet wurde und neun Tage vor dem eigentlichen Tattag, wurde eine <strong>Gedenkstele mit dem Schriftzug „Zum Gedenken an die Opfer des Bombenanschlags vom 26.9.1980“</strong> am Tatort eingeweiht. Ein Verweis auf den politischen Charakter der Tat fehlte auf dem „Zahnstocher“ – so wurde die Gedenkstele bezeichnet, da diese leicht zu übersehen gewesen sein soll. Eine Intervention und Politisierung am Tatort ereignete sich im August 1981, als illegal kurzzeitig ein acht Tonnen schwerer Gedenkstein mit der Aufschrift „Dem Naziterror Einhalt gebieten!“ aufgestellt wurde.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild1-scaled.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild1-768x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild1-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild1-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild1-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild1-1536x2048.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild1-scaled.jpeg 1920w" width="768"></img></a><figcaption>Antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München (a.i.d.a.) / Flugblatt von der Ortsgruppe München des Arbeiterbunds für den Wiederaufbau der KPD vom 21. August 1981</figcaption></figure> <p>Zu den Jahrestagen hat der <strong>Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD</strong> über Jahrzehnte Mahn- und Schutzwachen organisiert. Die Mitglieder standen den ganzen Tag um die Gedenkstele, da diese während dem Oktoberfestbetrieb nicht abgesperrt war und schützten diese so vor alkoholisierten Besucher:innen und rechten Gruppen. Sie zeigten Fotos und Namen der Ermordeten und forderten Aufklärung. Auf der offiziellen Stele selbst wurden die Namen der Ermordeten erst 1987 nachträglich eingraviert – aber auch dies musste von den Angehörigen erkämpft werden, weil die Stadt eine Veränderung der Gedenkstele „aus künstlerischen Gründen“ anfangs ablehnte.</p> <h3 id="h-juristische-anerkennung-und-politische-einordnung-das-gedenken-heute"><strong>Juristische Anerkennung und politische Einordnung – das Gedenken heute</strong></h3> <p>Der Kampf um die Wiederaufnahme der Ermittlungen war über die Jahrzehnte hinweg die wichtigste Forderung von Überlebenden und Angehörigen. Die Generalbundesanwaltschaft hat aufgrund neuer Zeug:innenaussagen <strong>2014 die Ermittlungen wieder aufgenommen</strong>, was zu einer <strong>Neubewertung der Tat als rechtsextremistisch kurz vor dem 40. Jahrestag 2020</strong> führte. Obwohl keine weiteren Mitwisser:innen oder -täter:innen ausfindig gemacht werden konnten, bedeutet die Einordnung als politische Tat eine juristische Anerkennung für die zahlreichen Überlebenden und Angehörigen und ist damit im Kampf um ein Erinnern als große Errungenschaft einzuordnen.</p> <p>Zum <strong>diesjährigen 45. Jahrestag findet um 09:30 Uhr am Tatort</strong> (<a href="https://bayern-jugend.dgb.de/seminare/gedenken/oktoberfestattentat-muenchen/++co++91d3dc98-8fc6-11f0-91fd-c97237599985">https://bayern-jugend.dgb.de/seminare/gedenken/oktoberfestattentat-muenchen/++co++91d3dc98-8fc6-11f0-91fd-c97237599985</a>) eine von der Münchner DGB-Jugend gemeinsam mit der Landeshauptstadt München organisierte Gedenkveranstaltung statt, bei der neben dem Oberbürgermeister auch Angehörige und Überlebende sprechen. Ebenfalls am Tatort kann seit dem 40. Jahrestag 2020 die Installation „Dokumentation Oktoberfestattentat“ besucht werden, die unter der Mitwirkung von Angehörigen und Überlebenden gestaltet wurde. 234 Figuren erzählen die Geschichten von Todesopfern, Angehörigen und Überlebenden und geben einen Rückblick auf den Umgang mit der Tat, die Ermittlungen und die Erinnerungskämpfe. Gegenwärtige Errungenschaften im Hinblick auf das Erinnern, wie die juristische Anerkennung der Tat oder die Verantwortungsübernahme der Landeshauptstadt München für das Gedenken sind den jahrzehntelangen Kämpfen, Kritik und Interventionen von den Überlebenden, Angehörigen und zivilgesellschaftlichen Gruppen zu verdanken.</p> <h3 id="h-erinnern-als-verantwortung-fur-die-gegenwart-und-zukunft"><strong>Erinnern als Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft</strong></h3> <p>Erinnern ist nicht nur ein Blick in die Vergangenheit. Sich zu erinnern ist mit einem <strong>moralischen Appell </strong>und <strong>Verantwortung für den zukünftigen Verlauf gesellschaftlicher Verhältnisse</strong> verbunden. Der Philosoph und Kulturkritiker Walter Benjamin hat dies in seinen geschichtsphilosophischen Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ <sup data-fn="68f98ca4-ac45-4d5a-88de-433b2e9b2d5a"><a href="#68f98ca4-ac45-4d5a-88de-433b2e9b2d5a" id="68f98ca4-ac45-4d5a-88de-433b2e9b2d5a-link">1</a></sup> eruiert: werden die Ermordeten und das, was sie erleiden mussten, und sie ausgelöscht hat vergessen, dann verschwinden auch ihre Geschichten. Sich zu erinnern wird somit zu einem Akt des Widerstands gegen ein Fortwirken menschenfeindlicher Ideologien.</p> <h4 id="h-quellen"><strong>Quellen</strong></h4> <p>2. Beitragsbild: Antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München (a.i.d.a.) / Flugblatt von der Ortsgruppe München des Arbeiterbunds für den Wiederaufbau der KPD zum 7. Jahrestag des Oktoberfestattentats am 26. September 1987</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-scaled-e1758184044545.jpeg" /><h1>Auf eine friedliche Wiesn? 45 Jahre nach dem rechtsterroristischen Oktoberfestattentat in München – Rückblick auf Kämpfe um Erinnern und gegen Verdrängen » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Teilprojekt 03a (un)doing memory in Bayern</h2><div itemprop="text"> <p>Am Abend des 26. September 1980 explodierte am Haupteingang des Oktoberfests eine Bombe. <strong>Gabriele Deutsch, Robert Gmeinwieser, Axel Hirsch, Markus Hölzl, Paul Lux, Ignaz und Ilona Platzer, Franz Schiele, Angela Schüttrigkeit, Errol Vere-Hodge, Ernst Vestner und Beate Werner kommen ums Leben.</strong> Auch der Täter stirbt. Mindestens 221 Menschen werden zum Teil schwer verletzt. <strong>Das Ziel des Anschlags war, die anstehende Bundestagswahl zugunsten des „starken Mannes“, des CSU-Kandidaten Franz Josef Strauß, zu beeinflussen.</strong> Im Vorfeld hat der Freistaat Bayern die Gefahr, die von der rechtsextremen „Wehrsportgruppe Hoffmann“ ausging und zu dessen Umfeld der Täter zählte, wiederholt geleugnet. 1982 wurden die Ermittlungen eingestellt und als „Fazit einer persönlichen Katastrophe“ eines Einzeltäters geschlossen.</p> <p>Am 26. September 2025, 45 Jahre nach der Tat, findet erneut eine jährliche Gedenkveranstaltung statt. <strong>Aber was bedeutet es, an Todesopfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt zu erinnern?</strong> Ein Blick in die Vergangenheit? Ja – jedoch nicht ausschließlich. Denn auch wenn explizite Gewalttaten vergangen sein mögen, wirken die Ursprünge für die Taten, wie bspw. Rassismus oder Antisemitismus, in der Gegenwart weiter fort. Die Analyse von Praktiken des (Nicht-)Erinnerns zeigt also auch auf, wie Gesellschaften gegenwärtig mit Ideologien der Ungleichwertigkeit umgehen. <strong>Ob, wie und wann (nicht) an rechte Gewalttaten erinnert wird, ist historisch spezifisch und Gegenstand gesellschaftlicher Aushandlungen.</strong> In vielen Fällen fehlt ein Erinnern an Todesopfer rechter Gewalt, auch weil eine juristische Anerkennung der Taten nicht vorliegt. Nicht selten sind es die Überlebenden und Angehörigen selbst, die sich gemeinsam mit solidarischen Akteur:innen aus der Zivilgesellschaft gegen ein Verdrängen einsetzen. Kämpfe um ein Erinnern adressieren dabei etwa die Errichtung eines Gedenkortes, aber auch die Wiederaufnahme der Ermittlungen oder die Verantwortungsübernahme von staatlichen Institutionen. Im Teilprojekt „(un)doing memory und Rechtsextremismus“ werden Praktiken des (Nicht-)Erinnerns an Todesopfer rechter Gewalt in Bayern untersucht (<a href="https://www.forgerex.de/forschungsthemen/undoing-memory-und-rechtsextremismus-in-bayern/">https://www.forgerex.de/forschungsthemen/undoing-memory-und-rechtsextremismus-in-bayern/</a>).</p> <h3 id="h-kampfe-um-erinnern-an-die-tat-einer-faschistischen-morderbande-interventionen-und-kritik-von-uberlebenden-angehorigen-und-aus-der-zivilgesellschaft"><strong>Kämpfe um Erinnern an die Tat einer „faschistischen Mörderbande“ – Interventionen und Kritik von Überlebenden, Angehörigen und aus der Zivilgesellschaft</strong></h3> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-1-scaled.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 787px) 100vw, 787px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-1-787x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-1-787x1024.jpeg 787w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-1-231x300.jpeg 231w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-1-768x999.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-1-1181x1536.jpeg 1181w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-1-1575x2048.jpeg 1575w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-1-scaled.jpeg 1968w" width="787"></img></a><figcaption>Antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München (a.i.d.a.) / Flugblatt von der Ortsgruppe München des Arbeiterbunds für den Wiederaufbau der KPD zum 7. Jahrestag des Oktoberfestattentats am 26. September 1987</figcaption></figure> <p>Nach dem Oktoberfestattentat wurde wiederholt versucht die Tat zu <strong>entpolitisieren</strong> und Kämpfe um eine Politisierung wurden kriminalisiert. So hat die Landeshauptstadt München 1982 versucht, die Kundgebung anlässlich des Jahrestags zu verbieten, mit der Begründung, dass dort illegitimerweise eine Mitverantwortung des Freistaats für das Attentat thematisiert werde. 1991 wurde im Stadtrat eine Bannmeile für politische Veranstaltungen während des Oktoberfestbetriebs diskutiert, was Gedenkveranstaltungen anlässlich des Attentats eingeschlossen hätte. Im selben Jahr wurde aufgrund eines Flugblatts, auf dem der Freistaat für sein zögerliches Vorgehen gegen rechte Strukturen kritisiert wurde, ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Dies sind nur einige Beispiele für die Kämpfe um eine politische Einordnung der Tat, die Betroffene gemeinsam mit Akteur:innen aus antifaschistischen, zivilgesellschaftlichen und gewerkschaftlichen Kontexten geführt haben.</p> <p>Trotz dieser Widerstände haben Überlebende und Angehörige mit offenen Briefen und auf Pressekonferenzen <strong>an die Politik appelliert </strong>und die <strong>Wiederaufnahme der Ermittlungen </strong>oder die <strong>Schließung des Oktoberfestbetriebs während der Tatzeit gefordert</strong>. Eine Vernetzung mit Betroffenen weiterer rechtsterroristischer Taten, wie dem rassistischen und rechten Attentat in und um die ehemalige Diskothek „Twenty Five“ in Nürnberg vom 24. Juni 1982, fand statt. Jene Überlebende haben auf der Veranstaltung anlässlich des Oktoberfestattentats 1982 in München Redebeiträge gehalten. Die Opfervereinigung, die sich anlässlich des faschistischen Bombenanschlags am 02. August 1980 in Bologna gründete, nimmt für die Überlebenden des Oktoberfestattentats eine Vorbildrolle im Umgang mit der Tat ein. Nicht nur in Bologna, sondern in vielen Städten in Italien gab es anlässlich des Attentats Gedenkveranstaltungen mit großer Beteiligung der Bevölkerung, inklusive ranghöchster Politiker:innen. Es gab wechselseitige Delegationen und die Vernetzung zwischen den Städten hält bis heute an.</p> <p>Im Rahmen von Gedenkveranstaltungen zum Oktoberfestattentat wurden <strong>Verbindungen zu weiteren politischen Themen</strong> hergestellt. So sprachen beispielsweise bei der Kundgebung 1982 Betroffene des türkischen Faschismus der „Grauen Wölfe“ oder Personen, die ihre Arbeit aufgrund von politisch motivierten Berufsverboten verloren haben. Die Gedenkveranstaltungen zum 20. Jahrestag waren wiederum eng verknüpft mit einer Mobilisierung gegen zeitgleich stattfindende NPD-Kundgebungen.<aside></aside></p> <h3 id="h-die-verdichtung-politischer-kampfe-am-gedenk-und-tatort"><strong>Die Verdichtung politischer Kämpfe am Gedenk- und Tatort</strong></h3> <p>Kämpfe um eine politische Einordnung der Tat und ein Erinnern an die Todesopfer lassen sich zudem unmittelbar am Tatort nachzeichnen. Am 17. September 1981, zwei Tage bevor das Oktoberfest eröffnet wurde und neun Tage vor dem eigentlichen Tattag, wurde eine <strong>Gedenkstele mit dem Schriftzug „Zum Gedenken an die Opfer des Bombenanschlags vom 26.9.1980“</strong> am Tatort eingeweiht. Ein Verweis auf den politischen Charakter der Tat fehlte auf dem „Zahnstocher“ – so wurde die Gedenkstele bezeichnet, da diese leicht zu übersehen gewesen sein soll. Eine Intervention und Politisierung am Tatort ereignete sich im August 1981, als illegal kurzzeitig ein acht Tonnen schwerer Gedenkstein mit der Aufschrift „Dem Naziterror Einhalt gebieten!“ aufgestellt wurde.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild1-scaled.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild1-768x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild1-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild1-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild1-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild1-1536x2048.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild1-scaled.jpeg 1920w" width="768"></img></a><figcaption>Antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München (a.i.d.a.) / Flugblatt von der Ortsgruppe München des Arbeiterbunds für den Wiederaufbau der KPD vom 21. August 1981</figcaption></figure> <p>Zu den Jahrestagen hat der <strong>Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD</strong> über Jahrzehnte Mahn- und Schutzwachen organisiert. Die Mitglieder standen den ganzen Tag um die Gedenkstele, da diese während dem Oktoberfestbetrieb nicht abgesperrt war und schützten diese so vor alkoholisierten Besucher:innen und rechten Gruppen. Sie zeigten Fotos und Namen der Ermordeten und forderten Aufklärung. Auf der offiziellen Stele selbst wurden die Namen der Ermordeten erst 1987 nachträglich eingraviert – aber auch dies musste von den Angehörigen erkämpft werden, weil die Stadt eine Veränderung der Gedenkstele „aus künstlerischen Gründen“ anfangs ablehnte.</p> <h3 id="h-juristische-anerkennung-und-politische-einordnung-das-gedenken-heute"><strong>Juristische Anerkennung und politische Einordnung – das Gedenken heute</strong></h3> <p>Der Kampf um die Wiederaufnahme der Ermittlungen war über die Jahrzehnte hinweg die wichtigste Forderung von Überlebenden und Angehörigen. Die Generalbundesanwaltschaft hat aufgrund neuer Zeug:innenaussagen <strong>2014 die Ermittlungen wieder aufgenommen</strong>, was zu einer <strong>Neubewertung der Tat als rechtsextremistisch kurz vor dem 40. Jahrestag 2020</strong> führte. Obwohl keine weiteren Mitwisser:innen oder -täter:innen ausfindig gemacht werden konnten, bedeutet die Einordnung als politische Tat eine juristische Anerkennung für die zahlreichen Überlebenden und Angehörigen und ist damit im Kampf um ein Erinnern als große Errungenschaft einzuordnen.</p> <p>Zum <strong>diesjährigen 45. Jahrestag findet um 09:30 Uhr am Tatort</strong> (<a href="https://bayern-jugend.dgb.de/seminare/gedenken/oktoberfestattentat-muenchen/++co++91d3dc98-8fc6-11f0-91fd-c97237599985">https://bayern-jugend.dgb.de/seminare/gedenken/oktoberfestattentat-muenchen/++co++91d3dc98-8fc6-11f0-91fd-c97237599985</a>) eine von der Münchner DGB-Jugend gemeinsam mit der Landeshauptstadt München organisierte Gedenkveranstaltung statt, bei der neben dem Oberbürgermeister auch Angehörige und Überlebende sprechen. Ebenfalls am Tatort kann seit dem 40. Jahrestag 2020 die Installation „Dokumentation Oktoberfestattentat“ besucht werden, die unter der Mitwirkung von Angehörigen und Überlebenden gestaltet wurde. 234 Figuren erzählen die Geschichten von Todesopfern, Angehörigen und Überlebenden und geben einen Rückblick auf den Umgang mit der Tat, die Ermittlungen und die Erinnerungskämpfe. Gegenwärtige Errungenschaften im Hinblick auf das Erinnern, wie die juristische Anerkennung der Tat oder die Verantwortungsübernahme der Landeshauptstadt München für das Gedenken sind den jahrzehntelangen Kämpfen, Kritik und Interventionen von den Überlebenden, Angehörigen und zivilgesellschaftlichen Gruppen zu verdanken.</p> <h3 id="h-erinnern-als-verantwortung-fur-die-gegenwart-und-zukunft"><strong>Erinnern als Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft</strong></h3> <p>Erinnern ist nicht nur ein Blick in die Vergangenheit. Sich zu erinnern ist mit einem <strong>moralischen Appell </strong>und <strong>Verantwortung für den zukünftigen Verlauf gesellschaftlicher Verhältnisse</strong> verbunden. Der Philosoph und Kulturkritiker Walter Benjamin hat dies in seinen geschichtsphilosophischen Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ <sup data-fn="68f98ca4-ac45-4d5a-88de-433b2e9b2d5a"><a href="#68f98ca4-ac45-4d5a-88de-433b2e9b2d5a" id="68f98ca4-ac45-4d5a-88de-433b2e9b2d5a-link">1</a></sup> eruiert: werden die Ermordeten und das, was sie erleiden mussten, und sie ausgelöscht hat vergessen, dann verschwinden auch ihre Geschichten. Sich zu erinnern wird somit zu einem Akt des Widerstands gegen ein Fortwirken menschenfeindlicher Ideologien.</p> <h4 id="h-quellen"><strong>Quellen</strong></h4> <p>2. Beitragsbild: Antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München (a.i.d.a.) / Flugblatt von der Ortsgruppe München des Arbeiterbunds für den Wiederaufbau der KPD zum 7. Jahrestag des Oktoberfestattentats am 26. September 1987</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/auf-eine-friedliche-wiesn-45-jahre-nach-dem-rechtsterroristischen-oktoberfestattentat-in-muenchen-rueckblick-auf-kaempfe-um-erinnern-und-gegen-verdraengen/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Fakten-Check: Depressionen, Antidepressiva und Suizidalität https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/fakten-check-depressionen-antidepressiva-und-suizidalitaet/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/fakten-check-depressionen-antidepressiva-und-suizidalitaet/#comments Mon, 15 Sep 2025 11:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3435 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/medicines-1756239_1920-768x498.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/fakten-check-depressionen-antidepressiva-und-suizidalitaet/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/medicines-1756239_1920.jpg" /><h1>Fakten-Check: Depressionen, Antidepressiva und Suizidalität » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Stimmt die verbreitete Ansicht, dass mit steigenden Medikamentenverschreibungen die Suizidrate sinkt?</strong></p> <span id="more-3435"></span> <p>Am 10. September jährte sich wieder der Jahrestag zur Prävention von Suizid. Gedanken an den Tod und Suizidversuche sind ein mögliches Symptom der <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/depressionen-kommen-die-fakten-endlich-ans-licht/">depressiven Störung</a>, die in den letzten Jahren immer häufiger diagnostiziert wird. Auch die Medikamentenverschreibungen sind stark angestiegen. Übrigens sollte man daraus nicht schlussfolgern, dass jeder Suizid in Zusammenhang mit einer psychischen Störung steht.</p> <p>Bevor wir uns aktuelle Zahlen ansehen, ist noch eine Bemerkung zu den sogenannten “Antidepressiva” wichtig. Gemäß der neuen Konvention setze ich die Bezeichnung in Anführungszeichen: Denn einerseits ist die Wirksamkeit der Medikamente bei Depressionen <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/bei-rund-90-wirken-antidepressiva-nicht-besser-als-placebo/">nach wie vor Gegenstand wissenschaftlicher Debatten</a>; andererseits werden sie seit Jahren auch oft bei Angst-, Ess-, posttraumatischen Belastungs- und Zwangsstörungen verschrieben.</p> <p>Trotzdem liegt der Gedanke nicht fern, dass die gegen Depressionen verschriebenen Medikamente das Suizidrisiko senken. In den frühen 2000ern kamen aber Studien auf, die tatsächlich – gerade bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen – ein <em>erhöhtes</em> Risiko durch “Antidepressiva” <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC193979/">für Gedanken an den Tod und Suizidversuche belegten</a>.</p> <p>Bis heute streitet man sich darüber, was die richtige Datenbasis und Auswertungsmethode ist. Dabei ist ein Problem, dass Suizide – zum Glück! – eher selten sind. Darum bedeuten einige Fälle mehr oder weniger aus statistischer Sicht einen großen Unterschied. Klar ist allerdings, dass die wissenschaftliche Sucht nach Erfolgsgeschichten (“publication bias”) und die Finanzierung vieler Studien durch die Pharmafirmen das Problem <a href="https://jech.bmj.com/content/75/6/523.abstract">wahrscheinlich unterschätzen</a>.<aside></aside></p> <h2 id="h-aktuelle-daten">Aktuelle Daten</h2> <p>Die in Internetforen immer noch gerne kolportierte Meinung, die stark zugenommene Verschreibung der “Antidepressiva” hätte die Suizidrate gesenkt, lässt sich nach heutigem Kenntnisstand aber nicht mehr halten. Zur Veranschaulichung habe ich Daten aus den USA und Deutschland zusammengetragen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-USA-DE.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-USA-DE-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-USA-DE-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-USA-DE-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-USA-DE-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-USA-DE-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-USA-DE.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em><strong>Beschreibung:</strong> In den USA stieg in den zehn Jahren von 2009 bis 2018 die Suizidrate von rund 12 auf 14 pro 100.000 (rote Linie, rechte Skala). Im selben Zeitraum stieg tendenziell auch der Konsum der “Antidepressiva” von rund 11 auf 14 Prozent, hier dargestellt als 30-Tage-Prävalenz der Erwachsenen (blaue Linie, linke Skala). Datenquelle: cdc.</em></p> <p>In Deutschland sieht das Muster anders aus.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em><strong>Beschreibung:</strong> Im hier dargestellten Zeitraum von 2005 bis 2023 fluktuierte die Anzahl der Suizide in Deutschland grob zwischen 9000 und 10000 Fällen pro Jahr (rote Balken, linke Skala). Währenddessen stieg die Verschreibung der “Antidepressiva” in etwa um das Zweieinhalbfache auf über 1,8 Milliarden Tagesdosen (blaue Linie, rechte Skala). Das sind genug Medikamente für die tägliche Behandlung von fünf Millionen Deutschen. Datenquelle: Statistisches Bundesamt; Arzneiverordnungs-Report; Perspektiven aus der Depressions-Epidemie</em></p> <p>Eine systematische wissenschaftliche Analyse für Italien, Österreich und die Schweiz für die 1950er- bis 2010er-Jahre fand ebenfalls <a href="https://academic.oup.com/eurpub/article/31/2/291/6000721">keinen systematischen Zusammenhang</a> auf gesellschaftlicher Ebene. Im neuesten Arzneiverordnungs-Report heißt es dazu jetzt aber: “Die neuste Meta-Analyse zu diesem Thema kommt zu dem Ergebnis, dass die neueren Antidepressiva (Noradrenalin/Serotonin-Verstärker) … grundsätzlich das Suizidrisiko bei Erwachsenen signifikant erhöhen. … Diese Ergebnisse stimmen nachdenklich und fordern zur Vorsicht auf.”</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Dass mehr Verschreibungen von “Antidepressiva” die Suizidrate senken, lässt sich nicht belegen. In Einzelfällen könnte sogar das Gegenteil der Fall sein. Darum wird empfohlen, Patientinnen und Patienten am Anfang oder bei einer Umstellung der psychopharmakologischen Behandlungen aufmerksam auf Suizidalität zu untersuchen. Ein klares Fazit zieht auch der klinische Psychologe und Suizidforscher Martin Plöderl, der sich sehr <a href="https://www.psychiatrymargins.com/p/antidepressants-and-the-tangle-of">intensiv mit der Datenlage beschäftigt</a> hat:</p> <blockquote> <p>“Mit ziemlicher Sicherheit kann man jedoch sagen, dass Antidepressiva das suizidale Verhalten insgesamt nicht verringern. Anders gesagt: Die Behauptung, ‘Antidepressiva seien lebensrettend’, wird durch die Studienlage nicht gestützt, zumindest nicht für den durchschnittlichen Patienten. Dies ist bemerkenswert, wenn man an die verbreitete Annahme denkt, Antidepressiva würden Depressionen, einen der wichtigsten Risikofaktoren für Suizid, wirksam behandeln. Eine Verringerung des suizidalen Verhaltens wäre natürlich zu erwarten, aber in den Studien lässt sich dies nicht beobachten.”</p> </blockquote> <p>Wer die Medikamente schon länger nimmt, sollte aber nicht einfach so aufhören, sondern das mit seinem Arzt besprechen. Das Absetzen kann nämlich zu Entzugserscheinungen führen. Das nennt man aber nicht – wer hätte das gedacht? – “Abhängigkeit” oder gar “Sucht”, sondern: “SSRI-Absetzsyndrom”. Es gibt ja so schon laut offiziellen Zahlen <a href="https://www.bundesdrogenbeauftragter.de/themen/suchtstoffe-und-suchtformen/medikamente/">1,8 Millionen medikamentenabhängige Erwachsene</a> in Deutschland.</p> <p>Haben Sie Suizidgedanken? Zum Beispiel die Telefonseelsorge (0800 111 0 111) oder Nummer gegen Kummer (116 111) können helfen. Im Notfall können Sie auch den Notruf wählen.</p> <figure><a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die “Depressions-Epidemie” im neuen Buch von Stephan Schleim: Was sind Depressionen überhaupt? Wie werden sie diagnostiziert? Wie veränderte sich das Störungsbild im Laufe der Zeit? Warum wird es in den letzten Jahrzehnten so viel häufiger diagnostiziert und haben sich die Medikamentenverschreibungen verfielfacht? Das Buch kombiniert 27 alte und neue Perspektiven aus Psychologie, Neurowissenschaft und Soziologie mit viel Orientierungswissen zum Verstehen, Vorbeugen und Heilen. Das eBook gibt es für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="http://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play</a><a href="https://play.google.com/store/books/details?id=pbRPEQAAQBAJ"> Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/illustrations/medicines-disease-doctor-woman-1756239/">Thanks for your Likes</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/796e7e1868e1447bb29937ac9208c490" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/medicines-1756239_1920.jpg" /><h1>Fakten-Check: Depressionen, Antidepressiva und Suizidalität » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Stimmt die verbreitete Ansicht, dass mit steigenden Medikamentenverschreibungen die Suizidrate sinkt?</strong></p> <span id="more-3435"></span> <p>Am 10. September jährte sich wieder der Jahrestag zur Prävention von Suizid. Gedanken an den Tod und Suizidversuche sind ein mögliches Symptom der <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/depressionen-kommen-die-fakten-endlich-ans-licht/">depressiven Störung</a>, die in den letzten Jahren immer häufiger diagnostiziert wird. Auch die Medikamentenverschreibungen sind stark angestiegen. Übrigens sollte man daraus nicht schlussfolgern, dass jeder Suizid in Zusammenhang mit einer psychischen Störung steht.</p> <p>Bevor wir uns aktuelle Zahlen ansehen, ist noch eine Bemerkung zu den sogenannten “Antidepressiva” wichtig. Gemäß der neuen Konvention setze ich die Bezeichnung in Anführungszeichen: Denn einerseits ist die Wirksamkeit der Medikamente bei Depressionen <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/bei-rund-90-wirken-antidepressiva-nicht-besser-als-placebo/">nach wie vor Gegenstand wissenschaftlicher Debatten</a>; andererseits werden sie seit Jahren auch oft bei Angst-, Ess-, posttraumatischen Belastungs- und Zwangsstörungen verschrieben.</p> <p>Trotzdem liegt der Gedanke nicht fern, dass die gegen Depressionen verschriebenen Medikamente das Suizidrisiko senken. In den frühen 2000ern kamen aber Studien auf, die tatsächlich – gerade bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen – ein <em>erhöhtes</em> Risiko durch “Antidepressiva” <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC193979/">für Gedanken an den Tod und Suizidversuche belegten</a>.</p> <p>Bis heute streitet man sich darüber, was die richtige Datenbasis und Auswertungsmethode ist. Dabei ist ein Problem, dass Suizide – zum Glück! – eher selten sind. Darum bedeuten einige Fälle mehr oder weniger aus statistischer Sicht einen großen Unterschied. Klar ist allerdings, dass die wissenschaftliche Sucht nach Erfolgsgeschichten (“publication bias”) und die Finanzierung vieler Studien durch die Pharmafirmen das Problem <a href="https://jech.bmj.com/content/75/6/523.abstract">wahrscheinlich unterschätzen</a>.<aside></aside></p> <h2 id="h-aktuelle-daten">Aktuelle Daten</h2> <p>Die in Internetforen immer noch gerne kolportierte Meinung, die stark zugenommene Verschreibung der “Antidepressiva” hätte die Suizidrate gesenkt, lässt sich nach heutigem Kenntnisstand aber nicht mehr halten. Zur Veranschaulichung habe ich Daten aus den USA und Deutschland zusammengetragen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-USA-DE.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-USA-DE-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-USA-DE-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-USA-DE-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-USA-DE-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-USA-DE-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-USA-DE.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em><strong>Beschreibung:</strong> In den USA stieg in den zehn Jahren von 2009 bis 2018 die Suizidrate von rund 12 auf 14 pro 100.000 (rote Linie, rechte Skala). Im selben Zeitraum stieg tendenziell auch der Konsum der “Antidepressiva” von rund 11 auf 14 Prozent, hier dargestellt als 30-Tage-Prävalenz der Erwachsenen (blaue Linie, linke Skala). Datenquelle: cdc.</em></p> <p>In Deutschland sieht das Muster anders aus.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em><strong>Beschreibung:</strong> Im hier dargestellten Zeitraum von 2005 bis 2023 fluktuierte die Anzahl der Suizide in Deutschland grob zwischen 9000 und 10000 Fällen pro Jahr (rote Balken, linke Skala). Währenddessen stieg die Verschreibung der “Antidepressiva” in etwa um das Zweieinhalbfache auf über 1,8 Milliarden Tagesdosen (blaue Linie, rechte Skala). Das sind genug Medikamente für die tägliche Behandlung von fünf Millionen Deutschen. Datenquelle: Statistisches Bundesamt; Arzneiverordnungs-Report; Perspektiven aus der Depressions-Epidemie</em></p> <p>Eine systematische wissenschaftliche Analyse für Italien, Österreich und die Schweiz für die 1950er- bis 2010er-Jahre fand ebenfalls <a href="https://academic.oup.com/eurpub/article/31/2/291/6000721">keinen systematischen Zusammenhang</a> auf gesellschaftlicher Ebene. Im neuesten Arzneiverordnungs-Report heißt es dazu jetzt aber: “Die neuste Meta-Analyse zu diesem Thema kommt zu dem Ergebnis, dass die neueren Antidepressiva (Noradrenalin/Serotonin-Verstärker) … grundsätzlich das Suizidrisiko bei Erwachsenen signifikant erhöhen. … Diese Ergebnisse stimmen nachdenklich und fordern zur Vorsicht auf.”</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Dass mehr Verschreibungen von “Antidepressiva” die Suizidrate senken, lässt sich nicht belegen. In Einzelfällen könnte sogar das Gegenteil der Fall sein. Darum wird empfohlen, Patientinnen und Patienten am Anfang oder bei einer Umstellung der psychopharmakologischen Behandlungen aufmerksam auf Suizidalität zu untersuchen. Ein klares Fazit zieht auch der klinische Psychologe und Suizidforscher Martin Plöderl, der sich sehr <a href="https://www.psychiatrymargins.com/p/antidepressants-and-the-tangle-of">intensiv mit der Datenlage beschäftigt</a> hat:</p> <blockquote> <p>“Mit ziemlicher Sicherheit kann man jedoch sagen, dass Antidepressiva das suizidale Verhalten insgesamt nicht verringern. Anders gesagt: Die Behauptung, ‘Antidepressiva seien lebensrettend’, wird durch die Studienlage nicht gestützt, zumindest nicht für den durchschnittlichen Patienten. Dies ist bemerkenswert, wenn man an die verbreitete Annahme denkt, Antidepressiva würden Depressionen, einen der wichtigsten Risikofaktoren für Suizid, wirksam behandeln. Eine Verringerung des suizidalen Verhaltens wäre natürlich zu erwarten, aber in den Studien lässt sich dies nicht beobachten.”</p> </blockquote> <p>Wer die Medikamente schon länger nimmt, sollte aber nicht einfach so aufhören, sondern das mit seinem Arzt besprechen. Das Absetzen kann nämlich zu Entzugserscheinungen führen. Das nennt man aber nicht – wer hätte das gedacht? – “Abhängigkeit” oder gar “Sucht”, sondern: “SSRI-Absetzsyndrom”. Es gibt ja so schon laut offiziellen Zahlen <a href="https://www.bundesdrogenbeauftragter.de/themen/suchtstoffe-und-suchtformen/medikamente/">1,8 Millionen medikamentenabhängige Erwachsene</a> in Deutschland.</p> <p>Haben Sie Suizidgedanken? Zum Beispiel die Telefonseelsorge (0800 111 0 111) oder Nummer gegen Kummer (116 111) können helfen. Im Notfall können Sie auch den Notruf wählen.</p> <figure><a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die “Depressions-Epidemie” im neuen Buch von Stephan Schleim: Was sind Depressionen überhaupt? Wie werden sie diagnostiziert? Wie veränderte sich das Störungsbild im Laufe der Zeit? Warum wird es in den letzten Jahrzehnten so viel häufiger diagnostiziert und haben sich die Medikamentenverschreibungen verfielfacht? Das Buch kombiniert 27 alte und neue Perspektiven aus Psychologie, Neurowissenschaft und Soziologie mit viel Orientierungswissen zum Verstehen, Vorbeugen und Heilen. 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Dass der Hypnotiseur die Hand einer Person allein mit der Kraft seiner Intention und seiner Worte am Tisch festkleben kann, erscheint nahezu als paranormaler Akt von Telepathie und Psychokinese. Bemerkenswert ist, dass Suggestionen grundsätzlich im Präsens formuliert werden, der Hypnotiseur sagt nicht: „Die Hand wird am Tisch kleben etc.“, sondern „Die Hand klebt am Tisch fest etc.“ – während sie zu Beginn ja ganz offensichtlich noch nicht am Tisch klebt. Der Hypnotiseur redet die intendierte Wirklichkeit herbei, als liege sie verborgen unter der alltäglichen Wirklichkeit und müsse dort durch aufmerksame Beobachtung entdeckt werden. Er weckt nach und nach eine Überzeugung bei den Probanden, indem diese ihre Aufmerksamkeit mehr und mehr auf vorstellungskonforme Empfindungen richten und diese dadurch immer weiter verstärken, bis es sich um klare Wahrnehmungen einer Realität handelt (ideomotorisches bzw. ideodynamisches Prinzip, Carpenter-Effekt). Dies setzt voraus, dass sie eine präzise Vorstellung von der seitens des Hypnotiseurs gewollten Wirklichkeit entwickeln und diese im Bereich ihrer Empfindungen wirksam werden lassen, indem sie sich intensiv vorstellen, wie es tatsächlich wäre, wenn ihre Hand am Tisch festklebte. Knapper könnte man auch formulieren: <em>Sie tun so als ob – und vergessen dabei, dass sie nur so tun als ob</em> (die Aufmerksamkeit wird ja auf anderes gerichtet!). Das Geschehen im Probanden selbst spielt dabei eine wesentlich größere Rolle als das Handeln und Sprechen des Hypnotiseurs.</p> <p>Aus der jahrzehntelangen Forschung zur Suggestibilität als Persönlichkeitsmerkmal ist bekannt, dass Personen sich sehr stark hinsichtlich ihrer Hypnotisierbarkeit unterscheiden; die ideo-dynamische oder auch psycho-somatische „Durchlässigkeit“ ist sehr unterschiedlich ausgeprägt, will sagen: Für einige von uns gehen bestimmte Vorstellungen sehr unmittelbar mit bestätigenden Empfindungen und Wahrnehmungen einher, sodass die Vorstellung absolut überzeugend und real erscheint, während andere immer auf kritisch-diskursive Distanz zu ihren Gedanken und Vorstellungen bleiben.</p> <p>Meine These lautet: Der psychologische Vorgang bei einer unverdächtigen Hypnoseübung illustriert die gesamte Psychologie des religiösen Glaubens und alle Typen religiös Gläubiger und Ungläubiger; er veranschaulicht die Natur des Glaubens. Auch in anderen, nichtreligiösen Bereichen unterscheiden sich Menschen sehr stark darin, wie sehr sie sich identifizieren mit dem jeweiligen „Spiel“ und der Rolle, die sie Tag für Tag darin spielen, z.B. bei der Arbeit, sodass dies ihre wirkliche Realität und Identität wird. Aber im Weiteren soll es vor allem um das Thema religiöser Glaube gehen.</p> <p>Ein rationaler Umgang mit heiligen Texten und religiösen Traditionen bestände darin, sich über deren propositionalen Gehalt zu verständigen: Was sagt der Text genau, was sind die Thesen – z.B. Thesen weltanschaulicher Art oder ethische Thesen? Welche Gründe und Argumente werden für diese Thesen vorgebracht? Gibt es überzeugende Alternativen und Gegenargumente, mit denen man die These bestreiten könnte? Auf welche ästhetische Wirkung zielt der Text, welche ethischen Empfehlungen enthält er? Aber diese Form der Lektüre ist denkbar weit entfernt von einem religiösen Umgang mit diesem Material. Bei der religiösen Lektüre eines heiligen Textes „vertieft“ man sich in den Text, bringt sich vielleicht sogar durch Gebet zunächst „in die Gegenwart des Heiligen Geistes“, um den Text wirklich in seinem übernatürlichen Sinn begreifen und aufnehmen zu können, man meditiert den Text, „lässt ihn auf sich wirken“, „lässt ihn zu sich sprechen“ – kurz: Man begibt sich autosuggestiv in den Zustand einer Dissoziation, in eine religiöse Trance. Einige wenige von uns (die besagten 10-30%, siehe oben) werden dann tatsächlich starke religiöse Empfindungen haben, die sie von der Wahrheit und Realität des gelesenen heiligen Textes zutiefst und spürbar überzeugen; viele von ihnen werden Mönche, Nonnen, Priester, Missionare usw. Sie sind bereit, für ihren Glauben auf die Ehe, auf Kinder zu verzichten, vielleicht sind sie sogar bereit, für ihren Glauben zu sterben oder zu töten. Ein weiteres Drittel wird „irgendwie“ „irgendwas“ spüren nach dem Motto: da könnte schon was dran sein, aber … Wären diese Personen ehrlich, müssten sie zugeben, dass sie nichts Besonderes gespürt haben; diese werden Theologen/-innen oder Kirchenbeamte. Und der Rest wird mit diesem trance-induzierenden „Lektüreritual“ gar nichts anfangen können. Sie hätten lieber einfach nur den Text als Literatur gelesen und kritisch-diskursiv besprochen im Lichte anderer Texte und Traditionen. Diese Personen stehen befremdet bis amüsiert außerhalb der Religion, obwohl sie vielleicht viel mehr darüber wissen als Gläubige; sie gelten als religiös „unmusikalisch“, vielleicht fehlt ihnen aber auch nur der notwendige Ernst und Ehrgeiz.<aside></aside></p> <p>Man entscheidet sich keinesfalls selbst, zu welcher Gruppe von Personen man gehört. Es gibt Menschen, die schwören Stein und Bein, dass niemand sie hypnotisieren kann – manche von ihnen sind jedoch die einfachsten „Opfer“ guter Hypnotiseure. Andere sind „total begeistert“ von Hypnose – aber tatsächlich tut sich bei ihnen gar nichts, kein einziger Suggestibilitätstest wird bestanden, von hypnotischer Trance keine Spur. Es ist die <em>unterbewusste Ausrichtung von Aufmerksamkeit</em>, die über Erfolg und Misserfolg der Suggestion entscheidet. Wenn es dem Hypnotiseur (und dann dem Probanden) gelingt, die Aufmerksamkeit komplett zu bündeln und im Erleben „aufgehen“ zu lassen, ist er am Ziel – wenn die Aufmerksamkeit jedoch irgendwie geteilt bleibt und nur aus sicherer Distanz auf die Sache gerichtet wird, wenn also Zwei-fel bleiben, sodass diskursiv-kritisches Denken jederzeit möglich bleibt, geschieht wahrscheinlich gar nichts. Man kann nicht frei wählen, ob man glaubt oder nicht, man ist vielmehr dazu erwählt oder nicht; man verfügt über die Gnade, glauben zu können, oder eben nicht.</p> <p>Glaube macht in verschiedenen Zusammenhängen sehr viel Sinn: Wann immer Sie etwas intensiv und leidenschaftliche erleben und genießen wollen, benötigen Sie ausschließliche und gebündelte Aufmerksamkeit für diese eine Sache, auf die sie sich zu 100% und ohne Zweifel einlassen; jedes „Aber“ bleibt außen vor. Das fängt beim Essen gehen in einem feinen Restaurant an; geht über den Fußballfan, der beim entscheidenden Spiel seiner Mannschaft völlig aus dem Häuschen ist; und endet beim Sex, bei dem Sie sich in einer ekstatischen Explosion der Sinne selbst verlieren (hihi). Wir meinen diese tiefgehende, auf das Unterbewusste zielende Psychologie, wenn wir sagen, dass ein Forscher, Sportler oder Geschäftsmann an seinen Erfolg „glauben“ muss (dabei wissen wir, dass das nicht einfach gefordert und per Knopfdruck angeschaltet werden kann). Glaube werden Sie auch benötigen, wenn Sie in eine ernsthafte Praxis der Meditation einsteigen oder wenn Sie Yoga, Qigong und Taijiquan mit Hingebung praktizieren wollen. Und jede Kunst – Schauspiel (eine besonders offensichtliche Form des „so tun als ob“), Musik, bildende Kunst – lebt vom Glauben an die Bedeutung und Einzigartigkeit künstlerischen Seins und Handelns, also von einer psychologisch tief wurzelnden Identifikation mit diesen Tätigkeiten und Rollen. (Am besten ist, man wählt diese Berufe nicht selbst, sondern fühlt sich zu ihnen von höherer Stelle berufen.) Glaube ermöglicht nicht nur sehr intensive subjektive Erlebnisse. Durch die tiefgehende und umfassende Bündelung von Aufmerksamkeit sowie die gesteigerte Motivation kommt es auch zu objektiven Höchstleistungen, deren Zustandekommen ohne diesen Glauben (an sich selbst, an den Erfolg, an Gott, usw.) undenkbar erscheint. Leider beseelt ein solcher Glaube auch die Gräueltaten und Tabubrüche politischer und religiöser Extremisten. Jede Technik kann missbraucht werden, auch jede Psychotechnik.</p> <p>Glaube ist eine Psychotechnik, aber keine, die man einfach bei sich anknipsen kann. Der Glaube ergreift einen und bestimmt dann die Identität, Sprechen und Handeln, die Lebensrealität dieser Person. Letztlich ist dies alles <em>self-made</em>; es gibt keine Fremdsuggestion ohne Autosuggestion. Die Person entdeckt keine verborgene vorhandene Realität, sondern kreiert sie vollständig mittels ihres Glaubens, sie redet es sich fortlaufend ein (bzw. etwas in ihr redet es ihr fortlaufend ein). So lässt sie eine Vorstellung Wirklichkeit werden. Diese Tätigkeit läuft aber nicht wie sonst aktiv-intentional-diskursiv, sondern autosuggestiv-dissoziativ ab – und wirkt dadurch hinsichtlich der erlebbaren Effekte umso überzeugender für den Glaubenden. Nur wenige sind zu dieser speziellen Psychologie in der Lage (10-30%) – und dieses Glaubenstalent befähigt viele von ihnen zu außergewöhnlichen Spitzenleistungen in ganz verschiedenen Gebieten, auch im Bereich der Religion (Heilige). Dazu kommen noch mal ca. 30% wohlwollende, aber mediokre Epigonen und Mitläufer, die sich wünschen, dass ein bestimmter Glaube wahr sei, obwohl sie selbst nichts davon spüren; sie glauben quasi, ohne „zu sehen“ (Joh 20,29), sie glauben den Zeugen.</p> <p>Die Inhalte eines Glaubens sind grundsätzlich Artefakte – an Tatsachen muss man nicht glauben, die nimmt man einfach zur Kenntnis. Man kann der Physik vieles zutrauen, man kann ihren Einsichten auch vertrauen – aber man glaubt nicht an Physik; das wäre schlicht die falsche epistemische Einstellung zur Wissenschaft. Die durch Glauben erzeugten Artefakte können (und sollten) einem ästhetischen und ggf. einem ethischen Urteil unterworfen werden, auch von außen her (z.B. staatlicherseits). Aber es macht bezüglich diverser Glaubensinhalte meist wenig Sinn, epistemisch die Wahrheitsfrage zu stellen: Können Hände per Gedankenkraft wirklich an Tischen festgeklebt werden? Nein, natürlich nicht; aber man kann fest daran glauben und so tun, als ob es so wäre, und dann haben manche das Gefühl, dass die Hand tatsächlich am Tisch klebt (aber objektiv gesehen klebt sie nicht am Tisch fest). Der religiöse Glaube bringt für den Gläubigen eine erlebbare religiöse Wirklichkeit hervor, die ihm womöglich realer als die Alltagsrealität erscheint.</p> <p>Als problematisch für die Diskussion erweisen sich meist methodisch unzulässige Vermischungen von religiösen und wissenschaftlichen Weltbildern, z.B. im Bereich Schöpfung versus Kosmologie und Evolution. Schwierig ist auch das Vordringen religiöser Vorstellungen in den politischen Raum eines sich als weltanschaulich neutral verstehenden Staates.</p> <p>Es ist dem Gläubigen infolge der in ihm ablaufenden Psychodynamik tatsächlich nicht zugänglich, dass ihm von anderen eingeredet wurde, was er glaubt, und dass er es sich selbst immer weiter einredet, obwohl objektive Evidenz fehlt; er befindet sich in einem Zustand fortlaufender Autosuggestion und kann sich nicht selbst aus der hypnotischen Trance befreien. Der starke Wunsch, an etwas zu glauben, und auch der Wunsch nach außergewöhnlichen Einsichten, Offenbarungen und Weltwahrnehmungen ist bei manchen sehr stark ausgeprägt. Für Gläubige ist die Vorstellung eines Glaubensverlusts bedrohlich. Wenn jemand sich für begnadet hält, ist eine narzisstische Komponente kaum zu übersehen. (Ebenso ist bei vielen Ungläubigen eine Portion Neid unübersehbar.)</p> <p>Wenn Glauben nur Meinen oder unsicheres Wissen bedeutet („Ich glaube, der heißt Karl. Ich glaube, dass es Gott gibt.“), ist der Begriff uninteressant. Interessant ist Glaube als eine sehr genau bestimmte innere psychologische Praxis, als bewusstes und unterbewusstes sich Einlassen, als ernstes Spiel mit Vorstellungen, Aufmerksamkeit und den erst dadurch möglichen subjektiven Empfindungen. Wir dürfen das Thema Glauben keinesfalls den Religionen überlassen. Glaube ist nicht immer religiös, er spielt als allgemeinpsychologisches Prinzip auch in anderen Lebensbereichen eine wichtige Rolle. Wir sollten die Macht der Suggestion und die schöpferische Kraft unserer Vorstellungen, d.h. die wünschenswerten und die gefährlichen Seiten des Glaubens, besser verstehen lernen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Glauben » 3G » SciLogs</h1><h2>By Christian Hoppe</h2><div itemprop="text"> <p>Wenn man mit einer Gruppe von Personen eine hypnotisch-suggestive Handkataplexie-Übung durchführt – „Deine Hand klebt am Tisch, Du kannst sie nicht mehr bewegen“ –, gibt es drei mögliche Ausgänge auf Seiten der Teilnehmer: Bei einigen, vielleicht sind es 10-30%, klebt die Hand fest am Tisch, es ist völlig unmöglich, dass sie sie noch bewegen; bei einem weiteren Drittel gibt es durchaus einige ungewöhnliche Empfindungen, aber wenn diese Probanden ehrlich wären, müssten sie zugeben, dass der Test nicht funktioniert hat; und beim Rest tut sich genau gar nichts, obwohl sie sich bemüht haben, wenngleich vielleicht teilweise etwas lustlos oder unbeteiligt.</p> <p>Die Suggestion ist ein performativer Sprechakt, der bewirken soll, was er beschreibt, der die Wirklichkeit wahrnehmbar erschafft und hervorruft, indem er sie vorwegnehmend beschreibt. Dass der Hypnotiseur die Hand einer Person allein mit der Kraft seiner Intention und seiner Worte am Tisch festkleben kann, erscheint nahezu als paranormaler Akt von Telepathie und Psychokinese. Bemerkenswert ist, dass Suggestionen grundsätzlich im Präsens formuliert werden, der Hypnotiseur sagt nicht: „Die Hand wird am Tisch kleben etc.“, sondern „Die Hand klebt am Tisch fest etc.“ – während sie zu Beginn ja ganz offensichtlich noch nicht am Tisch klebt. Der Hypnotiseur redet die intendierte Wirklichkeit herbei, als liege sie verborgen unter der alltäglichen Wirklichkeit und müsse dort durch aufmerksame Beobachtung entdeckt werden. Er weckt nach und nach eine Überzeugung bei den Probanden, indem diese ihre Aufmerksamkeit mehr und mehr auf vorstellungskonforme Empfindungen richten und diese dadurch immer weiter verstärken, bis es sich um klare Wahrnehmungen einer Realität handelt (ideomotorisches bzw. ideodynamisches Prinzip, Carpenter-Effekt). Dies setzt voraus, dass sie eine präzise Vorstellung von der seitens des Hypnotiseurs gewollten Wirklichkeit entwickeln und diese im Bereich ihrer Empfindungen wirksam werden lassen, indem sie sich intensiv vorstellen, wie es tatsächlich wäre, wenn ihre Hand am Tisch festklebte. Knapper könnte man auch formulieren: <em>Sie tun so als ob – und vergessen dabei, dass sie nur so tun als ob</em> (die Aufmerksamkeit wird ja auf anderes gerichtet!). Das Geschehen im Probanden selbst spielt dabei eine wesentlich größere Rolle als das Handeln und Sprechen des Hypnotiseurs.</p> <p>Aus der jahrzehntelangen Forschung zur Suggestibilität als Persönlichkeitsmerkmal ist bekannt, dass Personen sich sehr stark hinsichtlich ihrer Hypnotisierbarkeit unterscheiden; die ideo-dynamische oder auch psycho-somatische „Durchlässigkeit“ ist sehr unterschiedlich ausgeprägt, will sagen: Für einige von uns gehen bestimmte Vorstellungen sehr unmittelbar mit bestätigenden Empfindungen und Wahrnehmungen einher, sodass die Vorstellung absolut überzeugend und real erscheint, während andere immer auf kritisch-diskursive Distanz zu ihren Gedanken und Vorstellungen bleiben.</p> <p>Meine These lautet: Der psychologische Vorgang bei einer unverdächtigen Hypnoseübung illustriert die gesamte Psychologie des religiösen Glaubens und alle Typen religiös Gläubiger und Ungläubiger; er veranschaulicht die Natur des Glaubens. Auch in anderen, nichtreligiösen Bereichen unterscheiden sich Menschen sehr stark darin, wie sehr sie sich identifizieren mit dem jeweiligen „Spiel“ und der Rolle, die sie Tag für Tag darin spielen, z.B. bei der Arbeit, sodass dies ihre wirkliche Realität und Identität wird. Aber im Weiteren soll es vor allem um das Thema religiöser Glaube gehen.</p> <p>Ein rationaler Umgang mit heiligen Texten und religiösen Traditionen bestände darin, sich über deren propositionalen Gehalt zu verständigen: Was sagt der Text genau, was sind die Thesen – z.B. Thesen weltanschaulicher Art oder ethische Thesen? Welche Gründe und Argumente werden für diese Thesen vorgebracht? Gibt es überzeugende Alternativen und Gegenargumente, mit denen man die These bestreiten könnte? Auf welche ästhetische Wirkung zielt der Text, welche ethischen Empfehlungen enthält er? Aber diese Form der Lektüre ist denkbar weit entfernt von einem religiösen Umgang mit diesem Material. Bei der religiösen Lektüre eines heiligen Textes „vertieft“ man sich in den Text, bringt sich vielleicht sogar durch Gebet zunächst „in die Gegenwart des Heiligen Geistes“, um den Text wirklich in seinem übernatürlichen Sinn begreifen und aufnehmen zu können, man meditiert den Text, „lässt ihn auf sich wirken“, „lässt ihn zu sich sprechen“ – kurz: Man begibt sich autosuggestiv in den Zustand einer Dissoziation, in eine religiöse Trance. Einige wenige von uns (die besagten 10-30%, siehe oben) werden dann tatsächlich starke religiöse Empfindungen haben, die sie von der Wahrheit und Realität des gelesenen heiligen Textes zutiefst und spürbar überzeugen; viele von ihnen werden Mönche, Nonnen, Priester, Missionare usw. Sie sind bereit, für ihren Glauben auf die Ehe, auf Kinder zu verzichten, vielleicht sind sie sogar bereit, für ihren Glauben zu sterben oder zu töten. Ein weiteres Drittel wird „irgendwie“ „irgendwas“ spüren nach dem Motto: da könnte schon was dran sein, aber … Wären diese Personen ehrlich, müssten sie zugeben, dass sie nichts Besonderes gespürt haben; diese werden Theologen/-innen oder Kirchenbeamte. Und der Rest wird mit diesem trance-induzierenden „Lektüreritual“ gar nichts anfangen können. Sie hätten lieber einfach nur den Text als Literatur gelesen und kritisch-diskursiv besprochen im Lichte anderer Texte und Traditionen. Diese Personen stehen befremdet bis amüsiert außerhalb der Religion, obwohl sie vielleicht viel mehr darüber wissen als Gläubige; sie gelten als religiös „unmusikalisch“, vielleicht fehlt ihnen aber auch nur der notwendige Ernst und Ehrgeiz.<aside></aside></p> <p>Man entscheidet sich keinesfalls selbst, zu welcher Gruppe von Personen man gehört. Es gibt Menschen, die schwören Stein und Bein, dass niemand sie hypnotisieren kann – manche von ihnen sind jedoch die einfachsten „Opfer“ guter Hypnotiseure. Andere sind „total begeistert“ von Hypnose – aber tatsächlich tut sich bei ihnen gar nichts, kein einziger Suggestibilitätstest wird bestanden, von hypnotischer Trance keine Spur. Es ist die <em>unterbewusste Ausrichtung von Aufmerksamkeit</em>, die über Erfolg und Misserfolg der Suggestion entscheidet. Wenn es dem Hypnotiseur (und dann dem Probanden) gelingt, die Aufmerksamkeit komplett zu bündeln und im Erleben „aufgehen“ zu lassen, ist er am Ziel – wenn die Aufmerksamkeit jedoch irgendwie geteilt bleibt und nur aus sicherer Distanz auf die Sache gerichtet wird, wenn also Zwei-fel bleiben, sodass diskursiv-kritisches Denken jederzeit möglich bleibt, geschieht wahrscheinlich gar nichts. Man kann nicht frei wählen, ob man glaubt oder nicht, man ist vielmehr dazu erwählt oder nicht; man verfügt über die Gnade, glauben zu können, oder eben nicht.</p> <p>Glaube macht in verschiedenen Zusammenhängen sehr viel Sinn: Wann immer Sie etwas intensiv und leidenschaftliche erleben und genießen wollen, benötigen Sie ausschließliche und gebündelte Aufmerksamkeit für diese eine Sache, auf die sie sich zu 100% und ohne Zweifel einlassen; jedes „Aber“ bleibt außen vor. Das fängt beim Essen gehen in einem feinen Restaurant an; geht über den Fußballfan, der beim entscheidenden Spiel seiner Mannschaft völlig aus dem Häuschen ist; und endet beim Sex, bei dem Sie sich in einer ekstatischen Explosion der Sinne selbst verlieren (hihi). Wir meinen diese tiefgehende, auf das Unterbewusste zielende Psychologie, wenn wir sagen, dass ein Forscher, Sportler oder Geschäftsmann an seinen Erfolg „glauben“ muss (dabei wissen wir, dass das nicht einfach gefordert und per Knopfdruck angeschaltet werden kann). Glaube werden Sie auch benötigen, wenn Sie in eine ernsthafte Praxis der Meditation einsteigen oder wenn Sie Yoga, Qigong und Taijiquan mit Hingebung praktizieren wollen. Und jede Kunst – Schauspiel (eine besonders offensichtliche Form des „so tun als ob“), Musik, bildende Kunst – lebt vom Glauben an die Bedeutung und Einzigartigkeit künstlerischen Seins und Handelns, also von einer psychologisch tief wurzelnden Identifikation mit diesen Tätigkeiten und Rollen. (Am besten ist, man wählt diese Berufe nicht selbst, sondern fühlt sich zu ihnen von höherer Stelle berufen.) Glaube ermöglicht nicht nur sehr intensive subjektive Erlebnisse. Durch die tiefgehende und umfassende Bündelung von Aufmerksamkeit sowie die gesteigerte Motivation kommt es auch zu objektiven Höchstleistungen, deren Zustandekommen ohne diesen Glauben (an sich selbst, an den Erfolg, an Gott, usw.) undenkbar erscheint. Leider beseelt ein solcher Glaube auch die Gräueltaten und Tabubrüche politischer und religiöser Extremisten. Jede Technik kann missbraucht werden, auch jede Psychotechnik.</p> <p>Glaube ist eine Psychotechnik, aber keine, die man einfach bei sich anknipsen kann. Der Glaube ergreift einen und bestimmt dann die Identität, Sprechen und Handeln, die Lebensrealität dieser Person. Letztlich ist dies alles <em>self-made</em>; es gibt keine Fremdsuggestion ohne Autosuggestion. Die Person entdeckt keine verborgene vorhandene Realität, sondern kreiert sie vollständig mittels ihres Glaubens, sie redet es sich fortlaufend ein (bzw. etwas in ihr redet es ihr fortlaufend ein). So lässt sie eine Vorstellung Wirklichkeit werden. Diese Tätigkeit läuft aber nicht wie sonst aktiv-intentional-diskursiv, sondern autosuggestiv-dissoziativ ab – und wirkt dadurch hinsichtlich der erlebbaren Effekte umso überzeugender für den Glaubenden. Nur wenige sind zu dieser speziellen Psychologie in der Lage (10-30%) – und dieses Glaubenstalent befähigt viele von ihnen zu außergewöhnlichen Spitzenleistungen in ganz verschiedenen Gebieten, auch im Bereich der Religion (Heilige). Dazu kommen noch mal ca. 30% wohlwollende, aber mediokre Epigonen und Mitläufer, die sich wünschen, dass ein bestimmter Glaube wahr sei, obwohl sie selbst nichts davon spüren; sie glauben quasi, ohne „zu sehen“ (Joh 20,29), sie glauben den Zeugen.</p> <p>Die Inhalte eines Glaubens sind grundsätzlich Artefakte – an Tatsachen muss man nicht glauben, die nimmt man einfach zur Kenntnis. Man kann der Physik vieles zutrauen, man kann ihren Einsichten auch vertrauen – aber man glaubt nicht an Physik; das wäre schlicht die falsche epistemische Einstellung zur Wissenschaft. Die durch Glauben erzeugten Artefakte können (und sollten) einem ästhetischen und ggf. einem ethischen Urteil unterworfen werden, auch von außen her (z.B. staatlicherseits). Aber es macht bezüglich diverser Glaubensinhalte meist wenig Sinn, epistemisch die Wahrheitsfrage zu stellen: Können Hände per Gedankenkraft wirklich an Tischen festgeklebt werden? Nein, natürlich nicht; aber man kann fest daran glauben und so tun, als ob es so wäre, und dann haben manche das Gefühl, dass die Hand tatsächlich am Tisch klebt (aber objektiv gesehen klebt sie nicht am Tisch fest). Der religiöse Glaube bringt für den Gläubigen eine erlebbare religiöse Wirklichkeit hervor, die ihm womöglich realer als die Alltagsrealität erscheint.</p> <p>Als problematisch für die Diskussion erweisen sich meist methodisch unzulässige Vermischungen von religiösen und wissenschaftlichen Weltbildern, z.B. im Bereich Schöpfung versus Kosmologie und Evolution. Schwierig ist auch das Vordringen religiöser Vorstellungen in den politischen Raum eines sich als weltanschaulich neutral verstehenden Staates.</p> <p>Es ist dem Gläubigen infolge der in ihm ablaufenden Psychodynamik tatsächlich nicht zugänglich, dass ihm von anderen eingeredet wurde, was er glaubt, und dass er es sich selbst immer weiter einredet, obwohl objektive Evidenz fehlt; er befindet sich in einem Zustand fortlaufender Autosuggestion und kann sich nicht selbst aus der hypnotischen Trance befreien. Der starke Wunsch, an etwas zu glauben, und auch der Wunsch nach außergewöhnlichen Einsichten, Offenbarungen und Weltwahrnehmungen ist bei manchen sehr stark ausgeprägt. Für Gläubige ist die Vorstellung eines Glaubensverlusts bedrohlich. Wenn jemand sich für begnadet hält, ist eine narzisstische Komponente kaum zu übersehen. (Ebenso ist bei vielen Ungläubigen eine Portion Neid unübersehbar.)</p> <p>Wenn Glauben nur Meinen oder unsicheres Wissen bedeutet („Ich glaube, der heißt Karl. Ich glaube, dass es Gott gibt.“), ist der Begriff uninteressant. Interessant ist Glaube als eine sehr genau bestimmte innere psychologische Praxis, als bewusstes und unterbewusstes sich Einlassen, als ernstes Spiel mit Vorstellungen, Aufmerksamkeit und den erst dadurch möglichen subjektiven Empfindungen. Wir dürfen das Thema Glauben keinesfalls den Religionen überlassen. Glaube ist nicht immer religiös, er spielt als allgemeinpsychologisches Prinzip auch in anderen Lebensbereichen eine wichtige Rolle. Wir sollten die Macht der Suggestion und die schöpferische Kraft unserer Vorstellungen, d.h. die wünschenswerten und die gefährlichen Seiten des Glaubens, besser verstehen lernen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/3g/glauben/#comments 20 Aragonit – Österreichs Mineral des Jahres 2025 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/aragonit-oesterreichs-mineral-des-jahres-2025/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/aragonit-oesterreichs-mineral-des-jahres-2025/#respond Tue, 09 Sep 2025 19:38:07 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3702 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/1024px-Aragonite_rose-768x576.jpg Aragonitrose https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/aragonit-oesterreichs-mineral-des-jahres-2025/ <h1>Aragonit – Österreichs Mineral des Jahres 2025 » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Auch in diesem Jahr hat Österreich mit dem Aragonit sein eigenes „Mineral des Jahres“. Aragonit ist ein interessantes Mineral, das mit seinen oft filigranen Formen Menschen fasziniert. Es spielt auch in der Umwelttechnik und der Biologie eine Rolle.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/1024px-Aragonite_rose.jpg"><img alt="Aragonitrose" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/1024px-Aragonite_rose.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/1024px-Aragonite_rose.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/1024px-Aragonite_rose-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/1024px-Aragonite_rose-768x576.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Aragonitrose, vermutlich Spanien, Provinz Aragon. Brocken Inaglory (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Aragonite_rose.jpg">https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Aragonite_rose.jpg</a>), „Aragonite rose“, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode">https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode</a></em></figcaption></figure> <h2 id="h-was-ist-aragonit">Was ist Aragonit?</h2> <p>Aragonit (CaCO₃) ist eine der drei natürlich vorkommenden Formen von Calciumcarbonat. Es kommt allerdings sehr viel seltener vor als <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/c-steht-fuer-calcit-mineral-des-jahres-2021/">Calcit</a> und ist nur sehr selten gesteinsbildend. Aragonit ist schon etwas länger bekannt. Das Mineral wurde 1796 von Abraham Gottlob Werner nach seinem ersten Fundort, der spanischen Provinz Aragon, benannt und beschrieben.</p> <h3 id="h-eigenschaften">Eigenschaften</h3> <p>Aragonit kristallisiert im orthorhombischen Kristallsystem. Es kann sowohl prismatische Kristalle bilden als auch in dendritischer Form oder kugelig, oolithisch, nadelig oder faserig vorkommen. Die Kristallflächen zeigen einen Glasglanz, die Spalt- und Bruchflächen hingegen können auch einen Fettglanz aufweisen.</p> <p>Die Mohshärte liegt zwischen 3,5 und 4, die Dichte beträgt 2,95.</p> <p>Reines Aragonit ist farblos und durchsichtig. Beimengungen können jedoch zu einer breiten Vielfalt an Farben von Grau über Gelb, Rot, Grün bis Blau führen. Dabei nimmt meist die Transparenz ab.<aside></aside></p> <p>Das Mineral unterscheidet sich von dem häufigeren Calcit und dem selteneren <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Vaterit">Vaterit</a> durch seine Kristallstruktur. Es kristallisiert im orthorhombischen Kristallsystem. Seine Dichte ist mit 2,95 etwas höher als die von Calcit. Aufgrund seiner dichteren Struktur ist Aragonit bei gegebener Temperatur die druckbegünstigte Variante des Calciumcarbonats und kommt entsprechend auch in der Hochdruckmetamorphose vor.</p> <p>Damit könnte die Geschichte eigentlich zu Ende sein. Doch so einfach ist die Sache mit dem Aragonit nicht. Denn unter den auf der Erdoberfläche üblichen Bedingungen und Temperaturen ist Aragonit nur metastabil. Das bedeutet, dass schon geringfügige Einflüsse ausreichen, damit sich Aragonit in Calcit umwandelt. Auslöser können zum Beispiel Lösungsmittel sein, aber auch eine längere Bearbeitung in einem Mörser. Diese Umwandlung ist irreversibel. Unter Umständen können Fremdionen wie Strontium hilfreich sein, da sie die Aragonitstruktur stabilisieren.</p> <h2 id="h-wo-kommt-aragonit-vor">Wo kommt Aragonit vor?</h2> <p>Man würde jetzt sicherlich vermuten, dass Aragonit nur selten in hochdruckmetamorphen Gesteinen unter besonderen Umständen vorkommt. Denn eigentlich ist das Mineral nur bei einer Hochdruck-Niedrigtemperaturmetamorphose richtig stabil.</p> <h3 id="h-perlmutt">Perlmutt</h3> <p>Wie bereits angedeutet, können andere Elemente das Gleichgewicht von Calcit hin zu Aragonit verschieben. Neben Strontium ist dies auch bei Magnesium der Fall. Das führt uns auch gleich zu einem der Hauptbereiche, in denen Aragonit zu finden ist. Viele Mollusken und Steinkorallen bilden ihre Hartschalen aus Aragonit. Aragonit ist auch Bestandteil von Perlmutt.</p> <p>Im marinen Milieu kommt Aragonit vergleichsweise häufig vor. Das hängt mit dem erhöhten Magnesiumgehalt im Meerwasser zusammen. Da viele Lebewesen dem Meerwasser Calcium entziehen, um es in ihre Skelette einzubauen, hat sich das Verhältnis von Calcium zu Magnesium immer mehr zugunsten des Magnesiums verschoben. Aragonit ist somit durchaus charakteristisch für marine Bedingungen.</p> <h3 id="h-hydrothermale-bildung">Hydrothermale Bildung</h3> <p>Auch bei Temperaturen über 50 °C kommt Aragonit vor. Daher kommt das Mineral häufig in hydrothermalen Sintern und heißen Quellen vor. Der Kesselstein in unseren Wasserkesseln besteht hauptsächlich aus Aragonit.</p> <h3 id="h-entstehung-von-aragonit-z-b-im-sinter">Entstehung von Aragonit, z. B. im Sinter</h3> <p>Auch bei der Verwitterung Ca-haltiger Gesteine und bei der Sinterbildung in wärmeren Klimaten oder unter Beteiligung von Dolomit können aragonitische Sinter entstehen, wie etwa in den Höhlen Frankens.</p> <p>Aber wie kann das sein? Hatte ich nicht eben gesagt, dass unter den Bedingungen der Erdoberfläche die Bildung von Calcit gegenüber Aragonit bevorzugt ist? Wir erinnern uns: Auch die Anwesenheit von Magnesium und anderen Elementen kann die Entstehung von Aragonit begünstigen. Doch wie genau läuft dieser Prozess ab?</p> <p>Normalerweise ist die Bildung von Calcit in Höhlensintern begünstigt. Da Calcit jedoch das gleiche Kristallgitter wie <a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">Magnesit</a> (das übrigens Österreichs Mineral des Jahres 2024 ist) hat, kann Magnesium relativ einfach eingebaut werden. Jede Calcium-Position kann also zumindest theoretisch auch von Magnesium eingenommen werden. Das sollte bei einer Lösung, in der sowohl Calcium- als auch Magnesiumionen unterwegs sind, doch ganz gut passen, möchte man meinen. Da gibt es jedoch ein Problem. Die Ionen, also auch die Calcium- und Magnesiumionen, sind nicht allein unterwegs, sondern von einer Hydrathülle aus Wassermolekülen umgeben. Um unser Ion in das Kristallgitter eines entstehenden, wasserfreien Kristalls einzubauen, muss diese Hülle erst entfernt werden.</p> <p>Dabei erfordert die Entfernung der Hydrathülle um ein Magnesiumion erheblich mehr Energie als um ein Calciumion. Daher steigt bei zunehmendem Gehalt an Mg²⁺ der Energieaufwand schnell an. Bei geringer Konzentration wird zunächst nur die Kristallisation von Calcit verzögert. Wenn die Konzentration aber steigt, wird irgendwann ein Punkt erreicht, an dem es energetisch günstiger wird, in Form von Aragonit zu kristallisieren. In dessen Gitter passt Magnesium nicht mehr hinein, da das Mg²⁺ deutlich kleiner ist als das Ca²⁺.</p> <p>Dabei spielen die Bildungstemperaturen dann keine größere Rolle mehr. So wurde die Aragonitbildung beispielsweise in den fränkischen Höhlen selbst bei Temperaturen zwischen 6 und 10 °C nachgewiesen. Erst bei deutlich niedrigeren Temperaturen entsteht statt Aragonit ein wasserhaltiges Monohydrocalzit. Hier ist der Energieaufwand für das Entfernen der Hydrathülle so hoch, dass diese gleich mit eingebaut wird.</p> <h2 id="h-wofur-wird-aragonit-verwendet">Wofür wird Aragonit verwendet?</h2> <p>Die Verwendung von Aragonit ist relativ begrenzt. Seine Verwendung als Schmuckstein ist aufgrund seiner geringen Härte und Empfindlichkeit gegenüber Säuren eingeschränkt. Dagegen kann Aragonit im Bereich des Umweltschutzes durchaus verwendet werden, beispielsweise bei der Renaturierung von Riffen. Es kann auch dabei helfen, die Versauerung der Meere zu verringern [1].</p> <p>Darüber hinaus kann Aragonit dazu dienen, schädliche Schwermetalle wie Blei, Cobalt oder Zink aus Abwässern zu entfernen.</p> <p>Insgesamt ist Aragonit ein sehr interessantes Mineral. Seine weite Verbreitung in der belebten Natur macht es zu einem würdigen „Mineral des Jahres“.</p> <h2 id="h-references"><br></br>References</h2> <ul> <li>[1] <strong>Orr, J. C.; Fabry, V. J.; Aumont, O.; Bopp, L.; Doney, S. C.; Feely, R. A.; Gnanadesikan, A.; Gruber, N.; Ishida, A.; Joos, F.; Key, R. M.; Lindsay, K.; Maier-Reimer, E.; Matear, R.; Monfray, P.; Mouchet, A.; Najjar, R. G.; Plattner, G.-K.; Rodgers, K. B.; Sabine, C. L.; Sarmiento, J. L.; Schlitzer, R.; Slater, R. D.; Totterdell, I. J.; Weirig, M.-F.; Yamanaka, Y. and Yool, A.</strong> (<strong>2005</strong>). <em>Anthropogenic ocean acidification over the twenty-first century and its impact on calcifying organisms</em>, Nature 437 : 681-686.</li> <li>[2] <strong>Köhler, S. J.; Cubillas, P.; Rodríguez-Blanco, J. D.; Bauer, C. and Prieto, M.</strong> (<strong>2007</strong>). <em>Removal of Cadmium from Wastewaters by Aragonite Shells and the Influence of Other Divalent Cations</em>, Environmental Science &amp; Technology 41 : 112-118.</li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Aragonit – Österreichs Mineral des Jahres 2025 » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Auch in diesem Jahr hat Österreich mit dem Aragonit sein eigenes „Mineral des Jahres“. Aragonit ist ein interessantes Mineral, das mit seinen oft filigranen Formen Menschen fasziniert. Es spielt auch in der Umwelttechnik und der Biologie eine Rolle.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/1024px-Aragonite_rose.jpg"><img alt="Aragonitrose" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/1024px-Aragonite_rose.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/1024px-Aragonite_rose.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/1024px-Aragonite_rose-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/1024px-Aragonite_rose-768x576.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Aragonitrose, vermutlich Spanien, Provinz Aragon. Brocken Inaglory (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Aragonite_rose.jpg">https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Aragonite_rose.jpg</a>), „Aragonite rose“, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode">https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode</a></em></figcaption></figure> <h2 id="h-was-ist-aragonit">Was ist Aragonit?</h2> <p>Aragonit (CaCO₃) ist eine der drei natürlich vorkommenden Formen von Calciumcarbonat. Es kommt allerdings sehr viel seltener vor als <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/c-steht-fuer-calcit-mineral-des-jahres-2021/">Calcit</a> und ist nur sehr selten gesteinsbildend. Aragonit ist schon etwas länger bekannt. Das Mineral wurde 1796 von Abraham Gottlob Werner nach seinem ersten Fundort, der spanischen Provinz Aragon, benannt und beschrieben.</p> <h3 id="h-eigenschaften">Eigenschaften</h3> <p>Aragonit kristallisiert im orthorhombischen Kristallsystem. Es kann sowohl prismatische Kristalle bilden als auch in dendritischer Form oder kugelig, oolithisch, nadelig oder faserig vorkommen. Die Kristallflächen zeigen einen Glasglanz, die Spalt- und Bruchflächen hingegen können auch einen Fettglanz aufweisen.</p> <p>Die Mohshärte liegt zwischen 3,5 und 4, die Dichte beträgt 2,95.</p> <p>Reines Aragonit ist farblos und durchsichtig. Beimengungen können jedoch zu einer breiten Vielfalt an Farben von Grau über Gelb, Rot, Grün bis Blau führen. Dabei nimmt meist die Transparenz ab.<aside></aside></p> <p>Das Mineral unterscheidet sich von dem häufigeren Calcit und dem selteneren <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Vaterit">Vaterit</a> durch seine Kristallstruktur. Es kristallisiert im orthorhombischen Kristallsystem. Seine Dichte ist mit 2,95 etwas höher als die von Calcit. Aufgrund seiner dichteren Struktur ist Aragonit bei gegebener Temperatur die druckbegünstigte Variante des Calciumcarbonats und kommt entsprechend auch in der Hochdruckmetamorphose vor.</p> <p>Damit könnte die Geschichte eigentlich zu Ende sein. Doch so einfach ist die Sache mit dem Aragonit nicht. Denn unter den auf der Erdoberfläche üblichen Bedingungen und Temperaturen ist Aragonit nur metastabil. Das bedeutet, dass schon geringfügige Einflüsse ausreichen, damit sich Aragonit in Calcit umwandelt. Auslöser können zum Beispiel Lösungsmittel sein, aber auch eine längere Bearbeitung in einem Mörser. Diese Umwandlung ist irreversibel. Unter Umständen können Fremdionen wie Strontium hilfreich sein, da sie die Aragonitstruktur stabilisieren.</p> <h2 id="h-wo-kommt-aragonit-vor">Wo kommt Aragonit vor?</h2> <p>Man würde jetzt sicherlich vermuten, dass Aragonit nur selten in hochdruckmetamorphen Gesteinen unter besonderen Umständen vorkommt. Denn eigentlich ist das Mineral nur bei einer Hochdruck-Niedrigtemperaturmetamorphose richtig stabil.</p> <h3 id="h-perlmutt">Perlmutt</h3> <p>Wie bereits angedeutet, können andere Elemente das Gleichgewicht von Calcit hin zu Aragonit verschieben. Neben Strontium ist dies auch bei Magnesium der Fall. Das führt uns auch gleich zu einem der Hauptbereiche, in denen Aragonit zu finden ist. Viele Mollusken und Steinkorallen bilden ihre Hartschalen aus Aragonit. Aragonit ist auch Bestandteil von Perlmutt.</p> <p>Im marinen Milieu kommt Aragonit vergleichsweise häufig vor. Das hängt mit dem erhöhten Magnesiumgehalt im Meerwasser zusammen. Da viele Lebewesen dem Meerwasser Calcium entziehen, um es in ihre Skelette einzubauen, hat sich das Verhältnis von Calcium zu Magnesium immer mehr zugunsten des Magnesiums verschoben. Aragonit ist somit durchaus charakteristisch für marine Bedingungen.</p> <h3 id="h-hydrothermale-bildung">Hydrothermale Bildung</h3> <p>Auch bei Temperaturen über 50 °C kommt Aragonit vor. Daher kommt das Mineral häufig in hydrothermalen Sintern und heißen Quellen vor. Der Kesselstein in unseren Wasserkesseln besteht hauptsächlich aus Aragonit.</p> <h3 id="h-entstehung-von-aragonit-z-b-im-sinter">Entstehung von Aragonit, z. B. im Sinter</h3> <p>Auch bei der Verwitterung Ca-haltiger Gesteine und bei der Sinterbildung in wärmeren Klimaten oder unter Beteiligung von Dolomit können aragonitische Sinter entstehen, wie etwa in den Höhlen Frankens.</p> <p>Aber wie kann das sein? Hatte ich nicht eben gesagt, dass unter den Bedingungen der Erdoberfläche die Bildung von Calcit gegenüber Aragonit bevorzugt ist? Wir erinnern uns: Auch die Anwesenheit von Magnesium und anderen Elementen kann die Entstehung von Aragonit begünstigen. Doch wie genau läuft dieser Prozess ab?</p> <p>Normalerweise ist die Bildung von Calcit in Höhlensintern begünstigt. Da Calcit jedoch das gleiche Kristallgitter wie <a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">Magnesit</a> (das übrigens Österreichs Mineral des Jahres 2024 ist) hat, kann Magnesium relativ einfach eingebaut werden. Jede Calcium-Position kann also zumindest theoretisch auch von Magnesium eingenommen werden. Das sollte bei einer Lösung, in der sowohl Calcium- als auch Magnesiumionen unterwegs sind, doch ganz gut passen, möchte man meinen. Da gibt es jedoch ein Problem. Die Ionen, also auch die Calcium- und Magnesiumionen, sind nicht allein unterwegs, sondern von einer Hydrathülle aus Wassermolekülen umgeben. Um unser Ion in das Kristallgitter eines entstehenden, wasserfreien Kristalls einzubauen, muss diese Hülle erst entfernt werden.</p> <p>Dabei erfordert die Entfernung der Hydrathülle um ein Magnesiumion erheblich mehr Energie als um ein Calciumion. Daher steigt bei zunehmendem Gehalt an Mg²⁺ der Energieaufwand schnell an. Bei geringer Konzentration wird zunächst nur die Kristallisation von Calcit verzögert. Wenn die Konzentration aber steigt, wird irgendwann ein Punkt erreicht, an dem es energetisch günstiger wird, in Form von Aragonit zu kristallisieren. In dessen Gitter passt Magnesium nicht mehr hinein, da das Mg²⁺ deutlich kleiner ist als das Ca²⁺.</p> <p>Dabei spielen die Bildungstemperaturen dann keine größere Rolle mehr. So wurde die Aragonitbildung beispielsweise in den fränkischen Höhlen selbst bei Temperaturen zwischen 6 und 10 °C nachgewiesen. Erst bei deutlich niedrigeren Temperaturen entsteht statt Aragonit ein wasserhaltiges Monohydrocalzit. Hier ist der Energieaufwand für das Entfernen der Hydrathülle so hoch, dass diese gleich mit eingebaut wird.</p> <h2 id="h-wofur-wird-aragonit-verwendet">Wofür wird Aragonit verwendet?</h2> <p>Die Verwendung von Aragonit ist relativ begrenzt. Seine Verwendung als Schmuckstein ist aufgrund seiner geringen Härte und Empfindlichkeit gegenüber Säuren eingeschränkt. Dagegen kann Aragonit im Bereich des Umweltschutzes durchaus verwendet werden, beispielsweise bei der Renaturierung von Riffen. Es kann auch dabei helfen, die Versauerung der Meere zu verringern [1].</p> <p>Darüber hinaus kann Aragonit dazu dienen, schädliche Schwermetalle wie Blei, Cobalt oder Zink aus Abwässern zu entfernen.</p> <p>Insgesamt ist Aragonit ein sehr interessantes Mineral. Seine weite Verbreitung in der belebten Natur macht es zu einem würdigen „Mineral des Jahres“.</p> <h2 id="h-references"><br></br>References</h2> <ul> <li>[1] <strong>Orr, J. C.; Fabry, V. J.; Aumont, O.; Bopp, L.; Doney, S. C.; Feely, R. A.; Gnanadesikan, A.; Gruber, N.; Ishida, A.; Joos, F.; Key, R. M.; Lindsay, K.; Maier-Reimer, E.; Matear, R.; Monfray, P.; Mouchet, A.; Najjar, R. G.; Plattner, G.-K.; Rodgers, K. B.; Sabine, C. L.; Sarmiento, J. L.; Schlitzer, R.; Slater, R. D.; Totterdell, I. J.; Weirig, M.-F.; Yamanaka, Y. and Yool, A.</strong> (<strong>2005</strong>). <em>Anthropogenic ocean acidification over the twenty-first century and its impact on calcifying organisms</em>, Nature 437 : 681-686.</li> <li>[2] <strong>Köhler, S. J.; Cubillas, P.; Rodríguez-Blanco, J. D.; Bauer, C. and Prieto, M.</strong> (<strong>2007</strong>). <em>Removal of Cadmium from Wastewaters by Aragonite Shells and the Influence of Other Divalent Cations</em>, Environmental Science &amp; Technology 41 : 112-118.</li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/aragonit-oesterreichs-mineral-des-jahres-2025/#respond 0 Schnabelwal-Strandungen im Juli/August 2025 https://scilogs.spektrum.de/meertext/schnabelwal-strandungen-im-juli-august-2025/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/schnabelwal-strandungen-im-juli-august-2025/#respond Thu, 04 Sep 2025 07:54:07 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1754 <h1>Schnabelwal-Strandungen im Juli/August 2025 » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Ende Juli und Anfang August 2025 häuften sich untypische Strandungen toter oder sterbender Schnabelwale, außerdem kam es zu einer Grindwal-Massenstrandung an den Atlantik-Küsten Irlands, Englands, Schottlands sowie den Nordseeküsten der Niederlande und Deutschlands. Da diese Vorkommnisse ungewöhnlich waren, und seltene Arten sowie viele Individuen beteiligt waren, wurden die nationalen bzw. regionalen Stranding-Networks alarmiert, um Daten und Proben zu sichern.</p> <h2 id="h-entenwal-auf-sylt">Entenwal auf Sylt</h2> <p>Der am 29.08 auf Sylt gestrandete Nördliche Entenwal (<em>Hyperoodon ampullatus)</em>war ein <a href="https://www.deutschlandfunk.de/gestrandeter-schnabelwal-vor-sylt-abgeschossen-seehundjaeger-tier-war-stark-abgemagert-100.html">Jungtier und stark abgemagert</a>. Er war schon einige Tage davor dort im Kreis geschwommen und wurde schließlich wegen des offensichtlich schlechten Gesundheitszustands vom zuständigen Seehundsjäger mit einer Genehmigung erschossen. Er hatte, krank, hungrig, desorientiert und allein, keine Überlebenschance, der Kadaver soll nun von Tierärzten untersucht werden.<br></br>Mit nur 3,80 Metern Länge war er noch lange nicht ausgewachsen – sie erreichen bis zu 9,8 Meter Länge, Weibchen blieben etwas kleiner.  Entenwale ziehen in Familiengruppen umher, darum war der kleine Wal garantiert nicht allein im Ozean unterwegs. Mütter säugen ihren <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4632540/">Nachwuchs bis zu 3 oder 4 Jahre lang</a>, wie Isotopenuntersuchungen der Zähne ergaben.</p> <p>Nördliche Entenwale gehören zu den Schnabelwalen (Ziphiidae). Sie sind extreme Tieftaucher, leben darum meist fern der Küsten und sind scheu, so werden sie nur selten beobachtet und sind nicht sehr gut erforscht. Aber ein Bestand von ihnen wandert jenseits des europäischen Kontinentalschelfs, vor den irischen, englischen, schottischen und norwegischen Küsten. Dort jagen die Zahnwale in <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4632540/">bis zu 2339 Metern</a> Tiefe Tintenfische, sie können bis zu 130 Minuten tauchen. Ihr Vorkommen ist vor allem aus gelegentlichen Strandungen bekannt. Mehr über sie <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/geheimnisvolle-schnabelwale-von-entenwalen-1/">gibt´s hier</a> und hier.<br></br>An deutschen Küsten stranden sie äußerst selten, die Nordsee ist viel zu flach für sie und der schlammige Sedimentboden macht durch sein verwischtes Sonarecho ihre Navigation dort sehr schwierig. Als mir eine Freundin, die auch Seehundsjägerin ist, diese Nachricht schickte, machte mich das sehr traurig. Gleichzeitig schreckte es mich auf: Als ich in der 2. Julihälfte auf den Shetland-Inseln war, gab es auf den nahe gelegenen <a href="https://www.bbc.com/news/articles/c2d09lelyr3o">Orkney-Inseln ebenfalls eine Entenwal-Strandung</a>: Auf einer der nördlichen Inseln, Papa Westray, starben gleich drei Exemplare. Die Meeressäuger wurden vom Scottish Marine Animal Stranding Scheme (SMASS) untersucht, zu dem u a spezialisierte Tierärzte gehören. Diese Wale waren in gutem Gesundheitszustand, hatten allerdings leere Mägen.<br></br>Ob die zur gleichen Familiengruppe wie das Jungtier vor Sylt gehörten?</p> <h2 id="h-schnabelwal-strandungen-im-juli-2025-grindwal-strandungen-im-august-2025"><strong>Schnabelwal-Strandungen im Juli 2025, Grindwal-Strandungen im August 2025</strong></h2> <p>Eine schnelle Recherche ergab noch mehr Schnabelwal-Strandungen und eine Grindwal-Massenstrandung:</p> <p><a href="https://www.theguardian.com/environment/2025/jul/30/beaked-whales-strandings-july-western-ireland-orkney-netherlands">26.07.2025: Strandung zweier sichtlich gestresster Sowerby-Schnabelwale (<em>Mesoplodon bidens</em>) zwischen dem</a> niederländischen Heemskerk und Wijk aan Zee, nördlich von Den Haag, wo an den abfallenden Küsten der südlichen Nordsee häufig Wale verenden – allerdings sehr selten Schnabelwale<a href="https://www.sosdolfijn.nl/nieuws/archief/hoog-aantal-strandingen-spitssnuitdolfijnen">. Das Männchen starb bald nach der Strandung, das Weibchen</a> musste von den Veterinären eingeschläfert werden.<aside></aside></p> <p>27. 07.2025: <a href="https://www.theguardian.com/environment/2025/jul/30/beaked-whales-strandings-july-western-ireland-orkney-netherlands">Strandung einer Schnabelwal-Mutter und ihres Kalbs in North Mayo</a>, Irland. Die Mutter starb schnell, während das Kalb davonschwamm. Allerdings, so Simon Berrow von der Irish Whale and Dolphin Group, wird das Kalb wahrscheinlich nicht überleben.  </p> <p>29.07.2025: Strandung des kleinen Nördlichen Entenwals auf Sylt.</p> <p>02.08.2025<br></br>Ein <a href="https://bdmlr.org.uk/spate-of-cetacean-strandings-in-scotland">Sowerby-Schnabelwal strandet bei Ardersier nahe</a> Inverness. Wegen seines schlechten Zustands wurde er euthanasiert.</p> <p>09.08.2025: 4 Nördliche Entenwale nähern sich in einem Fjord Islands, was ein sehr <a href="https://whale-tales.org/northern-bottlenose-whales-9-8-25/#comment-14805">ungewöhnliches Verhalten ist (Judith)</a>. In diesem Sommer hatte es bereits mehrere ungewöhliche Entenwal-Sichtungen in isländischen Fjorden gegeben.</p> <p>07.08.2025: <a href="https://iwdg.ie/deep-diving-sowerbys-beaked-whales-dies-after-live-stranding-at-helvic/">Lebendstrandung on 2 Sowerby-Schnabelwale</a>n, Mutter und junges Männchen in Waterford. Beide verstarben.</p> <p>13.08 (<a href="https://orca.org.uk/news-blog/update-beaked-whale-strandings-continue">Zeitpunkt d Meldung, nicht der Strandung</a>): Auf den Orkneys wurde ein 4. Nördlicher Entenwal gefunden, wie die dortige Wal-Expertin und Strandungs-Koordinatorin <a href="https://orca.org.uk/news-blog/update-beaked-whale-strandings-continue">Emma Neave-Webb</a> berichtete.</p> <p>10.08.2025: Ida Korp Eriksson berichtet, dass zwei Sowerby-Schnabelwale am Strand von Åsa in Halland (Schweden) gefunden wurden. Sie konnten von der Küstenwache und anderen Helfern zunächst wieder in tieferes Wasser geleitet werden. Aber dann wurde einer von ihnen tot an der schwedischen Küste Frillesås bei Kungsbacka gefunden udnd er andere auf Läsö in Dänemark.</p> <p>Auch hier hatten Biologen und Veterinäre des Natural History Museum and the National Veterinary Institute den Wal von Frillesås untersucht: “<em>Our initial examination shows that the beaked whale was in good condition, with a good body and no pathological changes. The injuries that can be seen are superficial and come from injuries in connection with the stranding, or after death,</em>” – sagte Moa Naalisvaara Engman, marine biologist at SVA in der Pressemitteilung.</p> <p>10.08.2025: 23 tote Grindwale werden am Strand der Orkney-Insel Sanday gefunden, die wohl schon einige Tage zuvor gestrandet waren. Einige noch lebende Tiere wurden euthanasiert.<br></br>Erst letztes Jahr waren am <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/orkney-massenstrandung-grosse-grindwal-gruppe-ausgeloescht/">11.07. sogar 77 der großen Delphinartigen ebenfalls auf den Orkney-Inseln gestrandet</a> und gestorben.</p> <p><a href="https://www.shetlandtimes.co.uk/2025/06/27/orca-washes-up-in-yell-sound">25.07.2025: Fund des toten Orca-Bullen 161 auf der Shetland-Insel Yell</a>. Er gehörte zum schottisch-isländischen Pod 12s. Er war zuvor dort in der Nähe gesichtet worden und erschien abgemagert und unterernährt. Die Nekropsie-Ergebnisse stehen noch aus.</p> <p>Nach Angaben der British Divers and Marine Life Rescue, <a href="https://bdmlr.org.uk/spate-of-cetacean-strandings-in-scotland">die ehrenamtlich bei Strandungen helfen,</a> strandeten im August an den schottischen Küsten noch 3 Weißschnabeldelphine, 12 Gemeine Delphine, 1 Grindwal, 1 Zwergwal, 2 Rissos Delphine, 1 unbekannter Wal und im September noch 1 Finnwal. Viele dieser Wale konnten wieder zurück ins Meer gebracht werden der schwammen allein wieder davon.</p> <p>31.08.2025: Fund eines toten Zwergpottwals (<em>Kogia breviceps</em>) <a href="https://www.bbc.com/news/articles/cy5p50eld1ro">an der Küste Devons</a>. Ein sehr seltener Fund auf den Britischen Inseln, sie leben eigentlich in wärmeren Gewässern.<p>Tieftaucher wie Schnabelwale können nach einer Strandung nicht wieder ins Meer geleitet werden, wie Delphine oder andere küstennah lebende Arten. Sie stranden nicht zufällig, sondern nur in Fällen von schwerer Erkrankung oder Unfällen. Dann sind sie bereits so angeschlagen und <a href="https://www.theguardian.com/environment/2025/jul/30/beaked-whales-strandings-july-western-ireland-orkney-netherlands">zusätzlich durch die Strandung gestresst, dass sie keine</a> Überlebenschancen haben. Darum werden sie, selbst, falls sie lebend auf den Strand gespült werden, meist bald von den verantwortlichen Tierärzten euthanasiert.</p></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-15.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="795" sizes="(max-width: 513px) 100vw, 513px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-15.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-15.png 513w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-15-194x300.png 194w" width="513"></img></a></figure> <h2 id="h-warum-sind-die-wale-gestrandet"><strong>Warum sind die Wale gestrandet?</strong></h2> <p>Wale stranden aus sehr unterschiedlichen Gründen, abhängig von Art, Individuen und Region. Einzelne Todesfälle liegen meist an der Krankheit oder Verwirrung eines Individuums. Manche Massensterben wie <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/massenstrandungen-von-grindwalen/">bei Grindwalen</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/pottwal-massenstrandung-im-humber-aestuar-england/">Pottwalen</a> wiederholen sich seit Jahrhunderten an den gleichen Strandabschnitten und sind dann wohl eher natürlich. Bei Multi-Spezies-Strandungen ist meist ein äußerer Anlaß die Todesursache, wie etwa <a href="http://blog.meertext.eu/2012/07/30/%E2%80%9Eder-perfekte-sturm%E2%80%9C-fur-die-delphine-des-golf-von-mexiko-kommentar/">eine Ölpest </a> oder eine <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6055221/">Giftalgenblüte</a>.<br></br>Solche natürlichen Todesursachen können durch menschliche Aktivitäten verstärkt werden – Giftalgenblüten nehmen mit der Ozeanerwärmung zu, Wale fressen Plastik oder verheddern sich in Fischereigerät oder sterben durch Schiffskollisionen.<p>Strandungen großer und kleiner Wale kommen den Britischen Inseln und Irland mit ihren sehr langen Küstenstrichen vor, auch zum offenen Atlantik hin sind sie nicht selten. Allerdings sind sie zumindest an den schottischen Küsten in einem Untersuchungszeitraum von <a href="https://www.bbc.com/news/articles/cgkr84d02ego">1992 and 2022 dramatisch gestiegen, von 100</a> Meeressäugern pro Jahr auf mittlerweile 300. Forschende der University Glasgow und des Scottish Marine Animal Stranding Scheme (SMASS) hatten <a href="https://www.nature.com/articles/s41598-025-12928-1#Tab1">dazu im August eine Übersichtsstudie in Nature</a> publiziert:</p><br></br><strong>Lennon, et al: „</strong><a href="https://www.nature.com/articles/s41598-025-12928-1"><strong>An approach to using stranding data to monitor</strong></a><strong> cetacean population trends and guide conservation strategies“ (2025).<br></br></strong>Hier ist ein <a href="https://www.bbc.com/news/articles/cgkr84d02ego">guter BBC-Artikel zu dieser Publikation</a>.<br></br>SMASS war 1995 anlässlich einer Grindwal-Massenstrandung gegründet worden. Die jetzigen Vorfälle sind aber noch einmal eine auffallende Häufung.</p> <p>Andrew Brownlow, der leitende Tierarzt und Wal-Experte des SMASS, sagte bereits 2024 anläßlich der Grindwal-Strandung, dass Wal-Massenstrandungen solchen Ausmaßes in Schottland zunehmen. Gegenüber <a href="https://www.bbc.com/news/articles/c3g6xzrxy35o">den BBC-News sagte er: </a>“It used to be quite unusual to have a mass stranding event, certainly of this size.” […] “But over the last ten years or so we have seen an increase both in the number of mass stranding events around Scotland and also the size of the mass and the number of animals that it involves.” […] “So that is slightly concerning and that might be because there are just more animals out there, or it could be that there are more hazards that these animals are exposed to.”</p> <h2 id="h-schnabelwal-tod-durch-lfas-marine-sonar"><strong>Schnabelwal-Tod durch LFAS-Marine-Sonar</strong></h2> <p>Der zeitliche und räumliche Zusammenhang der Meeressäuger-Strandungen in Juli, August und September 2025 spricht gegen eine zufällige Strandungsserie. Vor Allem die Schnabelwalstrandungen von <em>Hyperoodon ampullatus</em> und <em>Mesoplodon bidens</em> sind alarmierend.In welchem Kontext die Grindwal-, Delphin- und Bartenwal-Strandungen dazu stehen, ist nicht geklärt – <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/massenstrandungen-von-grindwalen/">Grindwalgruppen sterben leider häufiger bei solchen Massenstrandungen</a> (in UK-Gewässern, Australien und anderswo gibt es regelrechte Hot Spots)  und die kleineren Delphine sowie die Bartenwale haben überwiegend überlebt, sie könnten auch einfach wegen der <a href="https://www.kipper.co.uk/news/the-life-cycle-of-north-sea-herring-a-fishy-tale-of-sea-to-smokehouse">Heringe dort gewesen sein, die dort in der Nordsee im August/September dort ablaichen</a>. In dieser Zeit sollen dort besonders viele heringsliebende Wale unterwegs sein, wie mir Leute auf den Shetland-Inseln erzählten (über den Shetland-Aufenthalt schreibe ich noch etwas, es war denkwürdig).</p> <p>Die Schnabelwal-Strandungen sind hingegen selten. Sowohl Nördliche Entenwale als auch Sowerby-Schnabelwale sind mittelgroßen Zahnwale, die eigentlich fern der Küsten leben. Sie sind extreme Tieftaucher und jagen in den dunklen Meerestiefen meist Tintenfische. Seit den 1990-er Jahren nehmen Schnabelwal-Strandungen global zu – der Grund dafür ist das LFAS-Marine-Sonar.</p> <p>Seit 1996 gibt es immer wieder weltweit Massenstrandungen von Schnabelwalen (Ziphiidae) und anderen Walarten zeitgleich mit NATO-Manövern. Der griechische Wal-Experte Alexandros Frantzis hatte 1996 erstmals die fundierte Vermutung publiziert, dass die moderne Sonartechnik der NATO gerade für auffallende Schnabelwal-Strandungen verantwortlich ist. Das Low Frequency Active Sonar (LFAS) soll über große Entfernungen und bis in große Tiefen U-Boote orten. Da bis zu diesem Zeitpunkt keine Schnabelwal-Massenstrandungen bekannt waren (es gab nur einzelne Totfunde) und diese neuen Massentode regional und zeitlich auffallend mit NATO-Marine-Manövern übereinstimmten, hatte Frantzis den Massentod von Cuvier-Walen im Mittelmeer genauer analysiert. Seine Hypothese: Das LFAS-Sonar treibt die Schnabelwale in den Tod.<br></br>Als 1996 die erste Massenstrandung dieser Zahnwale an den Stränden der griechischen Inseln stattfand und 12 Tiere tot oder sterbend anstrandeten, untersuchte Frantzis sie:<br></br>Diese Wale waren an massiven Blutungen im Gehör, Gehirn und der Lunge gestorben. Derartige Verletzungen waren bis dahin bei Walen unbekannt. Sie sind durch panikartiges, extrem schnelles Auftauchen verursacht worden und haben zu schweren, Taucherkrankheits-ähnlichen Symptomen geführt. Die Tiere mussten durch einen äußeren Einfluß in Panik geraten sein. Im Mittelmeer gab es keine natürliche Ursache (Meeresbeben, Orca-Angriff,…), die eine ganze Herde Cuvier-Schnabelwale panisch aus dem Ozean fliehen lassen konnte. Frantzis kam nach sorgfältiger Datenanalyse zu dem Ergebnis, dass diese atypische Massenstrandung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in direktem Zusammenhang mit einem NATO-Manöver im gleichen Seegebiet stehen musste, bei dem ein LFAS-Sonar eingesetzt wurde.</p> <p>Frantzis Forschungsergebnisse wurden in dem angesehenen Wissenschaftsmagazin in Nature veröffentlicht ( <em>Nature</em><strong> 392</strong>, 29 (5 March 1998) | doi:10.1038/3206; <a href="http://www.ncbi.nlm.nih.gov/entrez/query.fcgi?cmd=search&amp;term=Frantzis+A">A. Frantzis: “Does acoustic testing strand whales?” Scientific Correspondence); http://en.wikipedia.org/wiki/Marine_mammals_and_sonar). </a>Er verlor nach dieser Veröffentlichung seinen Job an der Universität und arbeitet seitdem in einer Walschutz-Organisation. Seine Arbeit wurde von vielen anderen internationalen Fachkollegen als seriös und korrekt in den Schlussfolgerungen bewertet.</p> <p>Mittlerweile sind weltweit von verschiedenen unabhängigen Wissenschaftlern – Biologen und Tierärzten – weitere Massenstrandungen von Schnabelwalen und anderen Spezies untersucht worden. Sie haben Frantzis`Hypothese immer wieder bestätigt: Das LFA-Sonar treibt die Wale durch extrem laute Ortungs-Geräusche zu einem panischen “Notaufstieg“: Die Tiere leiden dabei so stark, dass sie versuchen, aus dem Wasser zu fliehen. Sie verenden grausam mit zerstörten Innenohren und inneren Blutungen. Nachdem <a href="https://www.aquaticmammalsjournal.org/article/vol-35-iss-4-filadelfo-et-al/">2000 ein US Navy-Manöver vor den Bahamas</a> zu Schnabelwal-Massensterben führte und 2000 sowie 2004 weitere vor den Kanarischen Inseln gibt es <a href="https://dosits.org/animals/effects-of-sound/potential-effects-of-sound-on-marine-mammals/strandings/">keine Zweifel mehr an diesem Zusammenhang.</a><br></br>2018 waren im August und September an den schottischen und irischen Westküsten<a href="https://www.bbc.com/news/uk-scotland-45643374"> 75 tieftauchende Schnabelwale tot angespült worden, die meisten von ihnen Cuvier-Wale</a>. Da die Kadaver meist stark verwest waren, ließen sich keine Spuren mehr sichern, um die Taucherkrankheit nachzuweisen – aber der Verdacht, dass ein Marine-Manöver zum Waltod geführt hatte, drängte sich auf.</p> <p>Der auf Wale spezialisierte englische Tierarzt Dr. Paul Jepson hat in viele Sektionen die schweren Verletzungen bei verschiedenen Arten durch <a href="https://www.researchgate.net/publication/9058029_Gas-bubble_lesions_in_stranded_cetaceans">Gasblasen in den Blutgefäßen analysiert und dokumentiert</a>, auch <a href="https://ieeexplore.ieee.org/document/1405608">andere Wissenschaftler</a> haben dies immer wieder bestätigt.  <br></br>Der Grund für die Panik-Reaktionen der Schnabelwale auf LFAS-Signale ist wohl deren Ähnlichkeit mit den Ortungslauten von Orcas. Schwertwale sind die Todfeinde der tieftauchende Ziphiiden. <a href="https://www.nature.com/articles/s41598-019-55911-3">Sowie sie die Laute hören, versuchen sie</a>, den schwarz-weißen Jägern zu entkommen. Da die Schnabelwal-Gruppen meist synchron tauchen und in der Tiefe jagen, <a href="https://www.nature.com/articles/s41598-019-55911-3">läuft auch ihre Flucht synchron</a>: so tauchen ganze Gruppen von ihnen panisch und viel zu schnell auf. Da <a href="https://news.mongabay.com/2020/02/beaked-whales-stealth-behavior-gives-clues-to-mystery-of-mass-stranding/">diese Wale normalerweise</a> <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17050839/">sehr langsam in flachem Winkel sinken und steigen</a>, bekommen sie bei solchen „Notaufstiegen“ die Taucherkrankheit: Das ausperlende Gas bringt Blutgefäße vor allem in den Ohren und um das Gehirn zum Platzen. Die toten und sterbenden Schnabelwale stranden dann innerhalb von Stunden und Tagen an nahe gelegenen Küsten. Auf offener See versinken die Kadaver im Meer.</p> <p>Die zeitliche und räumliche Korrelation der vielen Schnabelwal-Strandungen an der irischen, schottischen und englischen Atlantikküste könnte in einem solchen Marinemanöver seinen Grund haben. Oder in einer anderen menschlichen Quelle – der Erdöl- und Gas-Suche im Meer per Airgun-Schallkanone. Beide<a href="https://www.theguardian.com/environment/2025/jul/30/beaked-whales-strandings-july-western-ireland-orkney-netherlands"> Geräuschquellen werden zurzeit von Wal-ExpertInnen diskutiert.</a><br></br>Hoffentlich bringen die Nekropsien mehr Aufschluß.</p> <p>Ich habe zwar Hinweise auf Marine-Manöver in diesem zeitlichen und räumlichen Kontext gefunden, habe aber noch keine belastbaren Informationen. Darum werde ich hier keine Behauptungen aufstelle, sondern warte die offizielle Untersuchung des SMASS und anderer Stellen ab. <br></br>Ich habe diese Informationen nach bestem Wissen aus vielen Quellen zusammengetragen. Wenn jemand Ergänzungen hat, füge ich die gern hinzu.</p> <p>(Alle Quellen sind verlinkt. Es gibt viele weitere Quellen, die diese Erkenntnisse unterstützen. Der Zusammenhang der Schnabelwal-Massenstrandungen mit LFAS Sonar und Geo-Exploration ist keine Außenseiter-Meinung, sondern Common Sense. )</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Schnabelwal-Strandungen im Juli/August 2025 » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Ende Juli und Anfang August 2025 häuften sich untypische Strandungen toter oder sterbender Schnabelwale, außerdem kam es zu einer Grindwal-Massenstrandung an den Atlantik-Küsten Irlands, Englands, Schottlands sowie den Nordseeküsten der Niederlande und Deutschlands. Da diese Vorkommnisse ungewöhnlich waren, und seltene Arten sowie viele Individuen beteiligt waren, wurden die nationalen bzw. regionalen Stranding-Networks alarmiert, um Daten und Proben zu sichern.</p> <h2 id="h-entenwal-auf-sylt">Entenwal auf Sylt</h2> <p>Der am 29.08 auf Sylt gestrandete Nördliche Entenwal (<em>Hyperoodon ampullatus)</em>war ein <a href="https://www.deutschlandfunk.de/gestrandeter-schnabelwal-vor-sylt-abgeschossen-seehundjaeger-tier-war-stark-abgemagert-100.html">Jungtier und stark abgemagert</a>. Er war schon einige Tage davor dort im Kreis geschwommen und wurde schließlich wegen des offensichtlich schlechten Gesundheitszustands vom zuständigen Seehundsjäger mit einer Genehmigung erschossen. Er hatte, krank, hungrig, desorientiert und allein, keine Überlebenschance, der Kadaver soll nun von Tierärzten untersucht werden.<br></br>Mit nur 3,80 Metern Länge war er noch lange nicht ausgewachsen – sie erreichen bis zu 9,8 Meter Länge, Weibchen blieben etwas kleiner.  Entenwale ziehen in Familiengruppen umher, darum war der kleine Wal garantiert nicht allein im Ozean unterwegs. Mütter säugen ihren <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4632540/">Nachwuchs bis zu 3 oder 4 Jahre lang</a>, wie Isotopenuntersuchungen der Zähne ergaben.</p> <p>Nördliche Entenwale gehören zu den Schnabelwalen (Ziphiidae). Sie sind extreme Tieftaucher, leben darum meist fern der Küsten und sind scheu, so werden sie nur selten beobachtet und sind nicht sehr gut erforscht. Aber ein Bestand von ihnen wandert jenseits des europäischen Kontinentalschelfs, vor den irischen, englischen, schottischen und norwegischen Küsten. Dort jagen die Zahnwale in <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4632540/">bis zu 2339 Metern</a> Tiefe Tintenfische, sie können bis zu 130 Minuten tauchen. Ihr Vorkommen ist vor allem aus gelegentlichen Strandungen bekannt. Mehr über sie <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/geheimnisvolle-schnabelwale-von-entenwalen-1/">gibt´s hier</a> und hier.<br></br>An deutschen Küsten stranden sie äußerst selten, die Nordsee ist viel zu flach für sie und der schlammige Sedimentboden macht durch sein verwischtes Sonarecho ihre Navigation dort sehr schwierig. Als mir eine Freundin, die auch Seehundsjägerin ist, diese Nachricht schickte, machte mich das sehr traurig. Gleichzeitig schreckte es mich auf: Als ich in der 2. Julihälfte auf den Shetland-Inseln war, gab es auf den nahe gelegenen <a href="https://www.bbc.com/news/articles/c2d09lelyr3o">Orkney-Inseln ebenfalls eine Entenwal-Strandung</a>: Auf einer der nördlichen Inseln, Papa Westray, starben gleich drei Exemplare. Die Meeressäuger wurden vom Scottish Marine Animal Stranding Scheme (SMASS) untersucht, zu dem u a spezialisierte Tierärzte gehören. Diese Wale waren in gutem Gesundheitszustand, hatten allerdings leere Mägen.<br></br>Ob die zur gleichen Familiengruppe wie das Jungtier vor Sylt gehörten?</p> <h2 id="h-schnabelwal-strandungen-im-juli-2025-grindwal-strandungen-im-august-2025"><strong>Schnabelwal-Strandungen im Juli 2025, Grindwal-Strandungen im August 2025</strong></h2> <p>Eine schnelle Recherche ergab noch mehr Schnabelwal-Strandungen und eine Grindwal-Massenstrandung:</p> <p><a href="https://www.theguardian.com/environment/2025/jul/30/beaked-whales-strandings-july-western-ireland-orkney-netherlands">26.07.2025: Strandung zweier sichtlich gestresster Sowerby-Schnabelwale (<em>Mesoplodon bidens</em>) zwischen dem</a> niederländischen Heemskerk und Wijk aan Zee, nördlich von Den Haag, wo an den abfallenden Küsten der südlichen Nordsee häufig Wale verenden – allerdings sehr selten Schnabelwale<a href="https://www.sosdolfijn.nl/nieuws/archief/hoog-aantal-strandingen-spitssnuitdolfijnen">. Das Männchen starb bald nach der Strandung, das Weibchen</a> musste von den Veterinären eingeschläfert werden.<aside></aside></p> <p>27. 07.2025: <a href="https://www.theguardian.com/environment/2025/jul/30/beaked-whales-strandings-july-western-ireland-orkney-netherlands">Strandung einer Schnabelwal-Mutter und ihres Kalbs in North Mayo</a>, Irland. Die Mutter starb schnell, während das Kalb davonschwamm. Allerdings, so Simon Berrow von der Irish Whale and Dolphin Group, wird das Kalb wahrscheinlich nicht überleben.  </p> <p>29.07.2025: Strandung des kleinen Nördlichen Entenwals auf Sylt.</p> <p>02.08.2025<br></br>Ein <a href="https://bdmlr.org.uk/spate-of-cetacean-strandings-in-scotland">Sowerby-Schnabelwal strandet bei Ardersier nahe</a> Inverness. Wegen seines schlechten Zustands wurde er euthanasiert.</p> <p>09.08.2025: 4 Nördliche Entenwale nähern sich in einem Fjord Islands, was ein sehr <a href="https://whale-tales.org/northern-bottlenose-whales-9-8-25/#comment-14805">ungewöhnliches Verhalten ist (Judith)</a>. In diesem Sommer hatte es bereits mehrere ungewöhliche Entenwal-Sichtungen in isländischen Fjorden gegeben.</p> <p>07.08.2025: <a href="https://iwdg.ie/deep-diving-sowerbys-beaked-whales-dies-after-live-stranding-at-helvic/">Lebendstrandung on 2 Sowerby-Schnabelwale</a>n, Mutter und junges Männchen in Waterford. Beide verstarben.</p> <p>13.08 (<a href="https://orca.org.uk/news-blog/update-beaked-whale-strandings-continue">Zeitpunkt d Meldung, nicht der Strandung</a>): Auf den Orkneys wurde ein 4. Nördlicher Entenwal gefunden, wie die dortige Wal-Expertin und Strandungs-Koordinatorin <a href="https://orca.org.uk/news-blog/update-beaked-whale-strandings-continue">Emma Neave-Webb</a> berichtete.</p> <p>10.08.2025: Ida Korp Eriksson berichtet, dass zwei Sowerby-Schnabelwale am Strand von Åsa in Halland (Schweden) gefunden wurden. Sie konnten von der Küstenwache und anderen Helfern zunächst wieder in tieferes Wasser geleitet werden. Aber dann wurde einer von ihnen tot an der schwedischen Küste Frillesås bei Kungsbacka gefunden udnd er andere auf Läsö in Dänemark.</p> <p>Auch hier hatten Biologen und Veterinäre des Natural History Museum and the National Veterinary Institute den Wal von Frillesås untersucht: “<em>Our initial examination shows that the beaked whale was in good condition, with a good body and no pathological changes. The injuries that can be seen are superficial and come from injuries in connection with the stranding, or after death,</em>” – sagte Moa Naalisvaara Engman, marine biologist at SVA in der Pressemitteilung.</p> <p>10.08.2025: 23 tote Grindwale werden am Strand der Orkney-Insel Sanday gefunden, die wohl schon einige Tage zuvor gestrandet waren. Einige noch lebende Tiere wurden euthanasiert.<br></br>Erst letztes Jahr waren am <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/orkney-massenstrandung-grosse-grindwal-gruppe-ausgeloescht/">11.07. sogar 77 der großen Delphinartigen ebenfalls auf den Orkney-Inseln gestrandet</a> und gestorben.</p> <p><a href="https://www.shetlandtimes.co.uk/2025/06/27/orca-washes-up-in-yell-sound">25.07.2025: Fund des toten Orca-Bullen 161 auf der Shetland-Insel Yell</a>. Er gehörte zum schottisch-isländischen Pod 12s. Er war zuvor dort in der Nähe gesichtet worden und erschien abgemagert und unterernährt. Die Nekropsie-Ergebnisse stehen noch aus.</p> <p>Nach Angaben der British Divers and Marine Life Rescue, <a href="https://bdmlr.org.uk/spate-of-cetacean-strandings-in-scotland">die ehrenamtlich bei Strandungen helfen,</a> strandeten im August an den schottischen Küsten noch 3 Weißschnabeldelphine, 12 Gemeine Delphine, 1 Grindwal, 1 Zwergwal, 2 Rissos Delphine, 1 unbekannter Wal und im September noch 1 Finnwal. Viele dieser Wale konnten wieder zurück ins Meer gebracht werden der schwammen allein wieder davon.</p> <p>31.08.2025: Fund eines toten Zwergpottwals (<em>Kogia breviceps</em>) <a href="https://www.bbc.com/news/articles/cy5p50eld1ro">an der Küste Devons</a>. Ein sehr seltener Fund auf den Britischen Inseln, sie leben eigentlich in wärmeren Gewässern.<p>Tieftaucher wie Schnabelwale können nach einer Strandung nicht wieder ins Meer geleitet werden, wie Delphine oder andere küstennah lebende Arten. Sie stranden nicht zufällig, sondern nur in Fällen von schwerer Erkrankung oder Unfällen. Dann sind sie bereits so angeschlagen und <a href="https://www.theguardian.com/environment/2025/jul/30/beaked-whales-strandings-july-western-ireland-orkney-netherlands">zusätzlich durch die Strandung gestresst, dass sie keine</a> Überlebenschancen haben. Darum werden sie, selbst, falls sie lebend auf den Strand gespült werden, meist bald von den verantwortlichen Tierärzten euthanasiert.</p></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-15.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="795" sizes="(max-width: 513px) 100vw, 513px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-15.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-15.png 513w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-15-194x300.png 194w" width="513"></img></a></figure> <h2 id="h-warum-sind-die-wale-gestrandet"><strong>Warum sind die Wale gestrandet?</strong></h2> <p>Wale stranden aus sehr unterschiedlichen Gründen, abhängig von Art, Individuen und Region. Einzelne Todesfälle liegen meist an der Krankheit oder Verwirrung eines Individuums. Manche Massensterben wie <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/massenstrandungen-von-grindwalen/">bei Grindwalen</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/pottwal-massenstrandung-im-humber-aestuar-england/">Pottwalen</a> wiederholen sich seit Jahrhunderten an den gleichen Strandabschnitten und sind dann wohl eher natürlich. Bei Multi-Spezies-Strandungen ist meist ein äußerer Anlaß die Todesursache, wie etwa <a href="http://blog.meertext.eu/2012/07/30/%E2%80%9Eder-perfekte-sturm%E2%80%9C-fur-die-delphine-des-golf-von-mexiko-kommentar/">eine Ölpest </a> oder eine <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6055221/">Giftalgenblüte</a>.<br></br>Solche natürlichen Todesursachen können durch menschliche Aktivitäten verstärkt werden – Giftalgenblüten nehmen mit der Ozeanerwärmung zu, Wale fressen Plastik oder verheddern sich in Fischereigerät oder sterben durch Schiffskollisionen.<p>Strandungen großer und kleiner Wale kommen den Britischen Inseln und Irland mit ihren sehr langen Küstenstrichen vor, auch zum offenen Atlantik hin sind sie nicht selten. Allerdings sind sie zumindest an den schottischen Küsten in einem Untersuchungszeitraum von <a href="https://www.bbc.com/news/articles/cgkr84d02ego">1992 and 2022 dramatisch gestiegen, von 100</a> Meeressäugern pro Jahr auf mittlerweile 300. Forschende der University Glasgow und des Scottish Marine Animal Stranding Scheme (SMASS) hatten <a href="https://www.nature.com/articles/s41598-025-12928-1#Tab1">dazu im August eine Übersichtsstudie in Nature</a> publiziert:</p><br></br><strong>Lennon, et al: „</strong><a href="https://www.nature.com/articles/s41598-025-12928-1"><strong>An approach to using stranding data to monitor</strong></a><strong> cetacean population trends and guide conservation strategies“ (2025).<br></br></strong>Hier ist ein <a href="https://www.bbc.com/news/articles/cgkr84d02ego">guter BBC-Artikel zu dieser Publikation</a>.<br></br>SMASS war 1995 anlässlich einer Grindwal-Massenstrandung gegründet worden. Die jetzigen Vorfälle sind aber noch einmal eine auffallende Häufung.</p> <p>Andrew Brownlow, der leitende Tierarzt und Wal-Experte des SMASS, sagte bereits 2024 anläßlich der Grindwal-Strandung, dass Wal-Massenstrandungen solchen Ausmaßes in Schottland zunehmen. Gegenüber <a href="https://www.bbc.com/news/articles/c3g6xzrxy35o">den BBC-News sagte er: </a>“It used to be quite unusual to have a mass stranding event, certainly of this size.” […] “But over the last ten years or so we have seen an increase both in the number of mass stranding events around Scotland and also the size of the mass and the number of animals that it involves.” […] “So that is slightly concerning and that might be because there are just more animals out there, or it could be that there are more hazards that these animals are exposed to.”</p> <h2 id="h-schnabelwal-tod-durch-lfas-marine-sonar"><strong>Schnabelwal-Tod durch LFAS-Marine-Sonar</strong></h2> <p>Der zeitliche und räumliche Zusammenhang der Meeressäuger-Strandungen in Juli, August und September 2025 spricht gegen eine zufällige Strandungsserie. Vor Allem die Schnabelwalstrandungen von <em>Hyperoodon ampullatus</em> und <em>Mesoplodon bidens</em> sind alarmierend.In welchem Kontext die Grindwal-, Delphin- und Bartenwal-Strandungen dazu stehen, ist nicht geklärt – <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/massenstrandungen-von-grindwalen/">Grindwalgruppen sterben leider häufiger bei solchen Massenstrandungen</a> (in UK-Gewässern, Australien und anderswo gibt es regelrechte Hot Spots)  und die kleineren Delphine sowie die Bartenwale haben überwiegend überlebt, sie könnten auch einfach wegen der <a href="https://www.kipper.co.uk/news/the-life-cycle-of-north-sea-herring-a-fishy-tale-of-sea-to-smokehouse">Heringe dort gewesen sein, die dort in der Nordsee im August/September dort ablaichen</a>. In dieser Zeit sollen dort besonders viele heringsliebende Wale unterwegs sein, wie mir Leute auf den Shetland-Inseln erzählten (über den Shetland-Aufenthalt schreibe ich noch etwas, es war denkwürdig).</p> <p>Die Schnabelwal-Strandungen sind hingegen selten. Sowohl Nördliche Entenwale als auch Sowerby-Schnabelwale sind mittelgroßen Zahnwale, die eigentlich fern der Küsten leben. Sie sind extreme Tieftaucher und jagen in den dunklen Meerestiefen meist Tintenfische. Seit den 1990-er Jahren nehmen Schnabelwal-Strandungen global zu – der Grund dafür ist das LFAS-Marine-Sonar.</p> <p>Seit 1996 gibt es immer wieder weltweit Massenstrandungen von Schnabelwalen (Ziphiidae) und anderen Walarten zeitgleich mit NATO-Manövern. Der griechische Wal-Experte Alexandros Frantzis hatte 1996 erstmals die fundierte Vermutung publiziert, dass die moderne Sonartechnik der NATO gerade für auffallende Schnabelwal-Strandungen verantwortlich ist. Das Low Frequency Active Sonar (LFAS) soll über große Entfernungen und bis in große Tiefen U-Boote orten. Da bis zu diesem Zeitpunkt keine Schnabelwal-Massenstrandungen bekannt waren (es gab nur einzelne Totfunde) und diese neuen Massentode regional und zeitlich auffallend mit NATO-Marine-Manövern übereinstimmten, hatte Frantzis den Massentod von Cuvier-Walen im Mittelmeer genauer analysiert. Seine Hypothese: Das LFAS-Sonar treibt die Schnabelwale in den Tod.<br></br>Als 1996 die erste Massenstrandung dieser Zahnwale an den Stränden der griechischen Inseln stattfand und 12 Tiere tot oder sterbend anstrandeten, untersuchte Frantzis sie:<br></br>Diese Wale waren an massiven Blutungen im Gehör, Gehirn und der Lunge gestorben. Derartige Verletzungen waren bis dahin bei Walen unbekannt. Sie sind durch panikartiges, extrem schnelles Auftauchen verursacht worden und haben zu schweren, Taucherkrankheits-ähnlichen Symptomen geführt. Die Tiere mussten durch einen äußeren Einfluß in Panik geraten sein. Im Mittelmeer gab es keine natürliche Ursache (Meeresbeben, Orca-Angriff,…), die eine ganze Herde Cuvier-Schnabelwale panisch aus dem Ozean fliehen lassen konnte. Frantzis kam nach sorgfältiger Datenanalyse zu dem Ergebnis, dass diese atypische Massenstrandung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in direktem Zusammenhang mit einem NATO-Manöver im gleichen Seegebiet stehen musste, bei dem ein LFAS-Sonar eingesetzt wurde.</p> <p>Frantzis Forschungsergebnisse wurden in dem angesehenen Wissenschaftsmagazin in Nature veröffentlicht ( <em>Nature</em><strong> 392</strong>, 29 (5 March 1998) | doi:10.1038/3206; <a href="http://www.ncbi.nlm.nih.gov/entrez/query.fcgi?cmd=search&amp;term=Frantzis+A">A. Frantzis: “Does acoustic testing strand whales?” Scientific Correspondence); http://en.wikipedia.org/wiki/Marine_mammals_and_sonar). </a>Er verlor nach dieser Veröffentlichung seinen Job an der Universität und arbeitet seitdem in einer Walschutz-Organisation. Seine Arbeit wurde von vielen anderen internationalen Fachkollegen als seriös und korrekt in den Schlussfolgerungen bewertet.</p> <p>Mittlerweile sind weltweit von verschiedenen unabhängigen Wissenschaftlern – Biologen und Tierärzten – weitere Massenstrandungen von Schnabelwalen und anderen Spezies untersucht worden. Sie haben Frantzis`Hypothese immer wieder bestätigt: Das LFA-Sonar treibt die Wale durch extrem laute Ortungs-Geräusche zu einem panischen “Notaufstieg“: Die Tiere leiden dabei so stark, dass sie versuchen, aus dem Wasser zu fliehen. Sie verenden grausam mit zerstörten Innenohren und inneren Blutungen. Nachdem <a href="https://www.aquaticmammalsjournal.org/article/vol-35-iss-4-filadelfo-et-al/">2000 ein US Navy-Manöver vor den Bahamas</a> zu Schnabelwal-Massensterben führte und 2000 sowie 2004 weitere vor den Kanarischen Inseln gibt es <a href="https://dosits.org/animals/effects-of-sound/potential-effects-of-sound-on-marine-mammals/strandings/">keine Zweifel mehr an diesem Zusammenhang.</a><br></br>2018 waren im August und September an den schottischen und irischen Westküsten<a href="https://www.bbc.com/news/uk-scotland-45643374"> 75 tieftauchende Schnabelwale tot angespült worden, die meisten von ihnen Cuvier-Wale</a>. Da die Kadaver meist stark verwest waren, ließen sich keine Spuren mehr sichern, um die Taucherkrankheit nachzuweisen – aber der Verdacht, dass ein Marine-Manöver zum Waltod geführt hatte, drängte sich auf.</p> <p>Der auf Wale spezialisierte englische Tierarzt Dr. Paul Jepson hat in viele Sektionen die schweren Verletzungen bei verschiedenen Arten durch <a href="https://www.researchgate.net/publication/9058029_Gas-bubble_lesions_in_stranded_cetaceans">Gasblasen in den Blutgefäßen analysiert und dokumentiert</a>, auch <a href="https://ieeexplore.ieee.org/document/1405608">andere Wissenschaftler</a> haben dies immer wieder bestätigt.  <br></br>Der Grund für die Panik-Reaktionen der Schnabelwale auf LFAS-Signale ist wohl deren Ähnlichkeit mit den Ortungslauten von Orcas. Schwertwale sind die Todfeinde der tieftauchende Ziphiiden. <a href="https://www.nature.com/articles/s41598-019-55911-3">Sowie sie die Laute hören, versuchen sie</a>, den schwarz-weißen Jägern zu entkommen. Da die Schnabelwal-Gruppen meist synchron tauchen und in der Tiefe jagen, <a href="https://www.nature.com/articles/s41598-019-55911-3">läuft auch ihre Flucht synchron</a>: so tauchen ganze Gruppen von ihnen panisch und viel zu schnell auf. Da <a href="https://news.mongabay.com/2020/02/beaked-whales-stealth-behavior-gives-clues-to-mystery-of-mass-stranding/">diese Wale normalerweise</a> <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17050839/">sehr langsam in flachem Winkel sinken und steigen</a>, bekommen sie bei solchen „Notaufstiegen“ die Taucherkrankheit: Das ausperlende Gas bringt Blutgefäße vor allem in den Ohren und um das Gehirn zum Platzen. Die toten und sterbenden Schnabelwale stranden dann innerhalb von Stunden und Tagen an nahe gelegenen Küsten. Auf offener See versinken die Kadaver im Meer.</p> <p>Die zeitliche und räumliche Korrelation der vielen Schnabelwal-Strandungen an der irischen, schottischen und englischen Atlantikküste könnte in einem solchen Marinemanöver seinen Grund haben. Oder in einer anderen menschlichen Quelle – der Erdöl- und Gas-Suche im Meer per Airgun-Schallkanone. Beide<a href="https://www.theguardian.com/environment/2025/jul/30/beaked-whales-strandings-july-western-ireland-orkney-netherlands"> Geräuschquellen werden zurzeit von Wal-ExpertInnen diskutiert.</a><br></br>Hoffentlich bringen die Nekropsien mehr Aufschluß.</p> <p>Ich habe zwar Hinweise auf Marine-Manöver in diesem zeitlichen und räumlichen Kontext gefunden, habe aber noch keine belastbaren Informationen. Darum werde ich hier keine Behauptungen aufstelle, sondern warte die offizielle Untersuchung des SMASS und anderer Stellen ab. <br></br>Ich habe diese Informationen nach bestem Wissen aus vielen Quellen zusammengetragen. Wenn jemand Ergänzungen hat, füge ich die gern hinzu.</p> <p>(Alle Quellen sind verlinkt. Es gibt viele weitere Quellen, die diese Erkenntnisse unterstützen. Der Zusammenhang der Schnabelwal-Massenstrandungen mit LFAS Sonar und Geo-Exploration ist keine Außenseiter-Meinung, sondern Common Sense. )</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/schnabelwal-strandungen-im-juli-august-2025/#respond 0 Der Magier im Kreml https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/buchrezension-der-magier-im-kreml/ https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/buchrezension-der-magier-im-kreml/#comments Tue, 02 Sep 2025 12:35:45 +0000 Martina Grüter https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/?p=339 https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/Kremlin-768x432.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/buchrezension-der-magier-im-kreml/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/Kremlin.jpg" /><h1>Der Magier im Kreml » Babylonische Türme » SciLogs</h1><h2>By Martina Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Bücher über Geschichte, Politik und Philosophie finde ich meistens langweilig. Und doch gibt es Ausnahmen, und hier möchte ich eine davon vorstellen. Der Roman „Der Magier im Kreml“ von Guiliano da Empoli hat mir die aktuelle Entwicklung in Russland zum ersten Mal verständlich gemacht. Nicht, dass das Buch keine Schwächen hätte – aber dazu später.</b></p> <p>Der Autor Guiliano da Empoli ist, wie der Name schon vermuten lässt, kein Russe, er ist Italiener. Aber nicht nur: Er ist auch Schweizer. Und er hat unter anderem in Paris an der Science Po studiert, wo er jetzt auch eine Professur für vergleichende Politikwissenschaften hat. Seine Bücher und Essays schreibt er auf Italienisch und Französisch. Er ist, könnte man sagen, ein echter Europäer. Und nicht zu vergessen: Er kennt auch die Politik durchaus von innen. Er war stellvertretender Bürgermeister für Kultur in Florenz und Berater des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi.</p> <p>Für diesen Roman hat er einen schattenhaften Strippenzieher erfunden, der Putins Weg nicht nur mitgegangen, sondern maßgeblich gebahnt haben soll. Wadim Baranow, den „Magier im Kreml“. Irgendwann tritt er aber zurück und verschwindet. Und hier beginnt die Rahmenhandlung des Buchs. Der Erzähler spürt Baranow auf, eher zufällig, und erfährt so die bemerkenswerte Lebensgeschichte des Mannes, dem Putin vielleicht seinen Erfolg, in jedem Fall aber die Orchestrierung seines Aufstiegs verdankte.</p> <p>Der Autor entführt uns in das chaotische Moskau der späten Neunzigerjahre, als der Sozialismus unter der Last seiner unerfüllten Versprechen zusammengefallen war. Eine Zeit des ungeregelten Kapitalismus, in der sich alte Kader mit neuen Oligarchen offene Kämpfe um die wertvollsten Stücke aus dem Erbe der zerbrochenen Sowjetunion lieferten. Die Vasallenstaaten in Osteuropa hatten sich abgewandt und Schutz in der NATO gesucht. Russland selbst hatte nur die Hälfte der Einwohner aus der Konkursmasse der Sowjetunion mitnehmen können.</p> <p>Baranow macht im Privatsender ORT des Oligarchen Boris Beresowski schnell Karriere. Im Jahr 1999 förderte Beresowski Putins Aufstieg zum Präsidenten, und Baranow liefert die mediale Begleitmusik. Putin wird gewählt und lässt von Beresowski nichts mehr sagen. Als die beiden sich deshalb unrettbar zerstreiten, muss Baranow sich entscheiden. Er folgt seinem Instinkt und bleibt bei dem wahrscheinlichen Sieger Putin. Beresowski geht ein Jahr später nach England ins Exil. Baranow dagegen erhält sich die Gunst des neuen Zaren und inszeniert die mediale Darstellung der olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi. Aber irgendwann tritt er zurück und verschwindet. Aber warum nur?<aside></aside></p> <p>„Er langweilte sich. Er war von sich selbst gelangweilt. Und vom Zaren auch. Der wiederum langweilte sich nie. Und dessen war er sich auch bewusst. Und er begann, Baranow zu hassen. … Die Gefühle, die in politischen Beziehungen mitschwingen, sollte man nie unterschätzen.“</p> <p>Es macht den besonderen Reiz dieses Buchs aus, dass es die persönlichen und politischen Schilderungen gekonnt verbindet und zwischendurch philosophische Betrachtungen einflicht. Das könnte auf die Dauer ermüdend wirken, aber Empoli schreibt elegant und lebendig, mit vielen Metaphern und genauen Beobachtungen. „Ein Bauträger … der die Manschettenknöpfe offen trug, um zu zeigen, dass sein Sakko maßgeschneidert war“.</p> <p>Oder zur Politik von Putin: „Unser Meisterstück war der Aufbau einer neuen Elite, die maximale Macht und maximalen Reichtum auf sich vereint.“</p> <h3>Eine Tour durch das Moskau der Jahrtausendwende</h3> <p>Da Empoli lässt seinen fiktiven Magier alle wichtigen Figuren der Putin-Ära treffen, angefangen von dem Oligarchen Michael Chodorkowski über Jewgeni Prigoschin bis zu <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Sergejewitsch_Saldostanow">Alexander Sergejewitsch Saldostanow</a>, dem Chef der Putin-treuen Rockertruppe „Nachtwölfe“, der übrigens studierter Mediziner ist. </p> <p>Alle tun ihre jeweilige Lebensphilosophie kund, und sie tun das in kraftvollen Sätzen und mit unterhaltsamen Anekdoten. Nur Putin bleibt seltsam blass. Empoli zeichnet ihn als höflichen, aber entschlossenen Menschen, der von frostkalter Wut durchdrungen ist, einer Wut, die sein ganzes Handeln bestimmt. Er will die alte Vormachtposition Russlands wieder herstellen, den Platz am Kapitänstisch der Weltmächte wieder einnehmen, von dem Russland durch seine Feinde und durch eigene Versäumnisse vertrieben worden war. Wer sich ihm in den Weg stellt, wird beseitigt. Und die Ukraine gehört zu Russland, die Ukrainer haben da kein Mitspracherecht. Der Zar entscheidet und sein Wort ist Gesetz. So war es immer in Russland, ausgenommen in den kurzen Zeiten, wo ein anarchistisches Interregnum herrschte.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-341" id="attachment_341"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/wizard_kremlin.jpg"><img alt="MAgier im Kreml" decoding="async" height="400" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/wizard_kremlin-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/wizard_kremlin-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/wizard_kremlin-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/wizard_kremlin-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/wizard_kremlin.jpg 1024w" width="400"></img></a><figcaption id="caption-attachment-341">Magier im Kreml. KI-generiertes Symbolbild</figcaption></figure> <p>Der Roman liest sich ausgesprochen unterhaltsam, er ist von Menschen bevölkert, die belesen, klug, rücksichtslos und grausam sind, oder doch wenigsten drei dieser vier Eigenschaften besitzen. Russland, so sinniert Baranow, habe sich immer auf diese Weise erschaffen, mit der Axt. Und so habe Putins Regime seine Wurzeln in der russischen Geschichte. Ebenso seine Kriege. Und seine Propaganda.</p> <p>Und nicht zu vergessen: seine Interpretation der Demokratie. Im Buch heißt sie „souveräne Demokratie“. Nur ist das im Deutschen etwas missverständlich. „Souverän“ steht eher für „selbstbewusst“, „sicher“, „locker“. Gemeint ist aber eine Abnick-Demokratie von der Gnade des Herrschers, des „Souverän“, also quasi das Negativbild der parlamentarischen Monarchie. Da Empoli lässt seinen Protagonisten sagen: „Seien wir ehrlich: Es gibt keinen blutrünstigeren Diktator als das Volk; nur die strenge und gerechte Hand des Herrschers kann seinen Zorn mäßigen.“</p> <h3>Die Philosophie der Tyrannei</h3> <p>Und an dieser Stelle habe ich dann doch ernste Bedenken. Ist die von Putin errichtete „Vertikale der Macht“ wirklich die einzige Alternative? Ist nicht die autokratische Zarenherrschaft, bei der alle Macht von einer Person ausgeht, und im Gegenzug alle materiellen Güter zu ihr hinfließen, nicht überholt?</p> <p>Aber vielleicht liege ich falsch, und wir beobachten gerade, wie die ehrwürdige amerikanische Demokratie sich in eine Zarenherrschaft verwandelt.</p> <p>Aber um es ganz klar zu sagen: Den philosophischen und staatstheoretischen Unterbau der Diktatur, den Da Empoli in dem Buch entwickelt, kann ich nicht unterstützen. Vielleicht ist das Leben einfacher, wenn jedem vorgeschrieben wird, was er sagen und denken soll, wenn Gegner aus dem Fenster fallen oder an Gift sterben. Ja, dann ist Ruhe im Land. Und auch die Philosophen werden schweigen müssen. Aber letztlich beerdigt das die Ideen der Aufklärung, auf denen alle modernen europäischen Staaten aufbauen.</p> <p>Anderseits ist es natürlich gut, sich damit auseinanderzusetzen, und sich klarzumachen, dass auch die Diktatur, die Autokratie und sogar die Tyrannei eine philosophische Grundlage haben. Deshalb bleibe ich dabei: Das Buch ist lesenswert und gibt die aktuelle Diskussion sehr gut wieder – nicht nur in Russland.</p> <p><strong>Das vorgestellte Buch:</strong></p> <p>Giuliano da Empoli: Der Magier im Kreml</p> <p>C.H.Beck Verlag München 2023, 265 Seiten 25,00 € (Taschenbuch 13,00 €)</p> <p><strong>P.S.:</strong> Die Walt Disney Company hat gerade den Film zum Buch vorgestellt („The Wizard of the Kremlin“), mit Paul Dano in der Rolle des Wadim Baranow und Alicia Vikander in der Rolle seiner Freundin und späteren Frau Xenia (im Film Ksenia).</p> <p>Der Film war bei den internationalen Filmfestspielen in Venedig für den goldenen Löwen nominiert. Ich kann mir ehrlich gesagt aber nicht vorstellen, wie die ganzen philosophischen Hintergründe in einen Kinofilm passen sollen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/Kremlin.jpg" /><h1>Der Magier im Kreml » Babylonische Türme » SciLogs</h1><h2>By Martina Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Bücher über Geschichte, Politik und Philosophie finde ich meistens langweilig. Und doch gibt es Ausnahmen, und hier möchte ich eine davon vorstellen. Der Roman „Der Magier im Kreml“ von Guiliano da Empoli hat mir die aktuelle Entwicklung in Russland zum ersten Mal verständlich gemacht. Nicht, dass das Buch keine Schwächen hätte – aber dazu später.</b></p> <p>Der Autor Guiliano da Empoli ist, wie der Name schon vermuten lässt, kein Russe, er ist Italiener. Aber nicht nur: Er ist auch Schweizer. Und er hat unter anderem in Paris an der Science Po studiert, wo er jetzt auch eine Professur für vergleichende Politikwissenschaften hat. Seine Bücher und Essays schreibt er auf Italienisch und Französisch. Er ist, könnte man sagen, ein echter Europäer. Und nicht zu vergessen: Er kennt auch die Politik durchaus von innen. Er war stellvertretender Bürgermeister für Kultur in Florenz und Berater des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi.</p> <p>Für diesen Roman hat er einen schattenhaften Strippenzieher erfunden, der Putins Weg nicht nur mitgegangen, sondern maßgeblich gebahnt haben soll. Wadim Baranow, den „Magier im Kreml“. Irgendwann tritt er aber zurück und verschwindet. Und hier beginnt die Rahmenhandlung des Buchs. Der Erzähler spürt Baranow auf, eher zufällig, und erfährt so die bemerkenswerte Lebensgeschichte des Mannes, dem Putin vielleicht seinen Erfolg, in jedem Fall aber die Orchestrierung seines Aufstiegs verdankte.</p> <p>Der Autor entführt uns in das chaotische Moskau der späten Neunzigerjahre, als der Sozialismus unter der Last seiner unerfüllten Versprechen zusammengefallen war. Eine Zeit des ungeregelten Kapitalismus, in der sich alte Kader mit neuen Oligarchen offene Kämpfe um die wertvollsten Stücke aus dem Erbe der zerbrochenen Sowjetunion lieferten. Die Vasallenstaaten in Osteuropa hatten sich abgewandt und Schutz in der NATO gesucht. Russland selbst hatte nur die Hälfte der Einwohner aus der Konkursmasse der Sowjetunion mitnehmen können.</p> <p>Baranow macht im Privatsender ORT des Oligarchen Boris Beresowski schnell Karriere. Im Jahr 1999 förderte Beresowski Putins Aufstieg zum Präsidenten, und Baranow liefert die mediale Begleitmusik. Putin wird gewählt und lässt von Beresowski nichts mehr sagen. Als die beiden sich deshalb unrettbar zerstreiten, muss Baranow sich entscheiden. Er folgt seinem Instinkt und bleibt bei dem wahrscheinlichen Sieger Putin. Beresowski geht ein Jahr später nach England ins Exil. Baranow dagegen erhält sich die Gunst des neuen Zaren und inszeniert die mediale Darstellung der olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi. Aber irgendwann tritt er zurück und verschwindet. Aber warum nur?<aside></aside></p> <p>„Er langweilte sich. Er war von sich selbst gelangweilt. Und vom Zaren auch. Der wiederum langweilte sich nie. Und dessen war er sich auch bewusst. Und er begann, Baranow zu hassen. … Die Gefühle, die in politischen Beziehungen mitschwingen, sollte man nie unterschätzen.“</p> <p>Es macht den besonderen Reiz dieses Buchs aus, dass es die persönlichen und politischen Schilderungen gekonnt verbindet und zwischendurch philosophische Betrachtungen einflicht. Das könnte auf die Dauer ermüdend wirken, aber Empoli schreibt elegant und lebendig, mit vielen Metaphern und genauen Beobachtungen. „Ein Bauträger … der die Manschettenknöpfe offen trug, um zu zeigen, dass sein Sakko maßgeschneidert war“.</p> <p>Oder zur Politik von Putin: „Unser Meisterstück war der Aufbau einer neuen Elite, die maximale Macht und maximalen Reichtum auf sich vereint.“</p> <h3>Eine Tour durch das Moskau der Jahrtausendwende</h3> <p>Da Empoli lässt seinen fiktiven Magier alle wichtigen Figuren der Putin-Ära treffen, angefangen von dem Oligarchen Michael Chodorkowski über Jewgeni Prigoschin bis zu <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Sergejewitsch_Saldostanow">Alexander Sergejewitsch Saldostanow</a>, dem Chef der Putin-treuen Rockertruppe „Nachtwölfe“, der übrigens studierter Mediziner ist. </p> <p>Alle tun ihre jeweilige Lebensphilosophie kund, und sie tun das in kraftvollen Sätzen und mit unterhaltsamen Anekdoten. Nur Putin bleibt seltsam blass. Empoli zeichnet ihn als höflichen, aber entschlossenen Menschen, der von frostkalter Wut durchdrungen ist, einer Wut, die sein ganzes Handeln bestimmt. Er will die alte Vormachtposition Russlands wieder herstellen, den Platz am Kapitänstisch der Weltmächte wieder einnehmen, von dem Russland durch seine Feinde und durch eigene Versäumnisse vertrieben worden war. Wer sich ihm in den Weg stellt, wird beseitigt. Und die Ukraine gehört zu Russland, die Ukrainer haben da kein Mitspracherecht. Der Zar entscheidet und sein Wort ist Gesetz. 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Da Empoli lässt seinen Protagonisten sagen: „Seien wir ehrlich: Es gibt keinen blutrünstigeren Diktator als das Volk; nur die strenge und gerechte Hand des Herrschers kann seinen Zorn mäßigen.“</p> <h3>Die Philosophie der Tyrannei</h3> <p>Und an dieser Stelle habe ich dann doch ernste Bedenken. Ist die von Putin errichtete „Vertikale der Macht“ wirklich die einzige Alternative? Ist nicht die autokratische Zarenherrschaft, bei der alle Macht von einer Person ausgeht, und im Gegenzug alle materiellen Güter zu ihr hinfließen, nicht überholt?</p> <p>Aber vielleicht liege ich falsch, und wir beobachten gerade, wie die ehrwürdige amerikanische Demokratie sich in eine Zarenherrschaft verwandelt.</p> <p>Aber um es ganz klar zu sagen: Den philosophischen und staatstheoretischen Unterbau der Diktatur, den Da Empoli in dem Buch entwickelt, kann ich nicht unterstützen. Vielleicht ist das Leben einfacher, wenn jedem vorgeschrieben wird, was er sagen und denken soll, wenn Gegner aus dem Fenster fallen oder an Gift sterben. Ja, dann ist Ruhe im Land. Und auch die Philosophen werden schweigen müssen. Aber letztlich beerdigt das die Ideen der Aufklärung, auf denen alle modernen europäischen Staaten aufbauen.</p> <p>Anderseits ist es natürlich gut, sich damit auseinanderzusetzen, und sich klarzumachen, dass auch die Diktatur, die Autokratie und sogar die Tyrannei eine philosophische Grundlage haben. Deshalb bleibe ich dabei: Das Buch ist lesenswert und gibt die aktuelle Diskussion sehr gut wieder – nicht nur in Russland.</p> <p><strong>Das vorgestellte Buch:</strong></p> <p>Giuliano da Empoli: Der Magier im Kreml</p> <p>C.H.Beck Verlag München 2023, 265 Seiten 25,00 € (Taschenbuch 13,00 €)</p> <p><strong>P.S.:</strong> Die Walt Disney Company hat gerade den Film zum Buch vorgestellt („The Wizard of the Kremlin“), mit Paul Dano in der Rolle des Wadim Baranow und Alicia Vikander in der Rolle seiner Freundin und späteren Frau Xenia (im Film Ksenia).</p> <p>Der Film war bei den internationalen Filmfestspielen in Venedig für den goldenen Löwen nominiert. Ich kann mir ehrlich gesagt aber nicht vorstellen, wie die ganzen philosophischen Hintergründe in einen Kinofilm passen sollen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/buchrezension-der-magier-im-kreml/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>10</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeo Podcast: Unsichtbare Wasserwelten: Was schlummert unter den Eisschilden? https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-unsichtbare-wasserwelten-was-schlummert-unter-den-eisschilden/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-unsichtbare-wasserwelten-was-schlummert-unter-den-eisschilden/#respond Sun, 31 Aug 2025 05:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1749 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-3-768x768.jpg Satellitenbild einer arktischen Landschaft: braune Felsen in einer weißen eisigen Landschaft, links ein länglicher Wasserkörper mit zerbrochenen Eisbergen in dunkelblauem Wasser. Das Foto wirkt künstlerisch. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-unsichtbare-wasserwelten-was-schlummert-unter-den-eisschilden/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel_sl.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Unsichtbare Wasserwelten: Was schlummert unter den Eisschilden? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Am 22. Juli 2014 überfliegt der europäische Satellit Cryosat den Norden Grönlands einmal, und zehn Tage später ein zweites Mal. Er vermisst dabei die Eisoberfläche – und in diesen Daten finden Forschende später etwas Erstaunliches: Der Gletscher ist in nur zehn Tagen um 85 Meter abgesunken – und das auf einer Fläche von zwei Quadratkilometern. Mitten im grönländischen Eis hat sich ein Krater gebildet. Was da genau passiert ist, bleibt für über ein Jahrzehnt ein Rätsel.</p> <p>Karl erzählt in dieser Folge von der feuchten Unterlage der größten Eismassen der Erde: Gletscher bedecken knapp drei Prozent aller Kontinente. Sie beherbergen auch das größte Reservoir an Süßwasser in gefrorener Form. Immer mehr erkennen Glaziologinnen und Glaziologen, dass es tief unter dem Eis noch eine andere Welt gibt – und die ist feucht, eine Welt aus flüssigem Wasser. Dort liegen riesige Seen, Flüsse und Bäche, von denen viele miteinander verbunden sind. Dieses Wasser kann auch unter kilometerdickem Eis fließen, manchmal gemächlich und manchmal in rasantem Tempo.</p> <p>Lange waren solche subglazialen Gewässer nur schwer zu untersuchen. Nach ersten Indizien auf Basis seismischer Messversuche gelang es seit den 1990er Jahren, immer mehr Seen zu entdecken, die größtenteils unter dem antarktischen Eisschild, aber auch unter den Gletschern Grönlands oder Islands zu finden sind. Der Wostoksee unter über drei Kilometern Eis der Ostantarktis gilt heute sogar als sechstgrößter See der Erde.</p> <p>Welche Rolle die feuchte Unterlage der Gletscher spielt, ist bis heute eine offene Frage. Es scheint so, dass dieses subglaziale, flüssige Wasser selbst riesige Gletscher in Bewegung hält. Künftig könnte ein immer feuchterer Schmierfilm das Abschmelzen der grönländischen und antarktischen Gletscher beschleunigen – und damit beim Anstieg des Meeresspiegels kräftig nachhelfen.</p> <p>Die Gefahr ist real, denn vor Kipppunkten im gar nicht so ewigen Eis warnen Klimaforscher schon lange. Vielleicht ließe sich die Gefahr aber abmildern: Denn mit immer besserem Verständnis subglazialer Wassermassen gibt es neuerdings Ideen, diese zu manipulieren.<aside></aside></p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <h3 id="h-mehr-bei-astrogeo-und-riffreporter">Mehr bei AstroGeo und RiffReporter</h3> <ul> <li>RiffReporter: <a href="https://www.riffreporter.de/de/wissen/antarktis-klimawandel-glaziologie-angelika-humbert-eisschmelze-forschung-interview">Zwischen Schneesturm und Toiletten-Zelt: Angelika Humbert erforscht den Klimawandel in der Antarktis</a></li> <li>Folge 58: <a href="https://astrogeo.de/ueberwintern-am-suedpol/">Überwintern am Südpol – ein Gespräch mit Robert Schwarz</a></li> <li>Folge 8: <a href="https://astrogeo.de/ag008-shutdown/">Shutdown – der eingefrorene Haushalt und die Folgen für die US-Polarforschung</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wostok-Station">Wostok-Station</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wostoksee">W</a><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wostoksee">ostoksee</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Subglazialer_See">Subglaziale</a><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Subglazialer_See">r</a><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Subglazialer_See"> See</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gletscherlauf">Jökulhlaup</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kim_Stanley_Robinson">Kim Stanley Robinson</a></li> <li>Roman: <a href="https://www.perlentaucher.de/buch/kim-stanley-robinson/das-ministerium-fuer-die-zukunft.html">Das Ministerium für die Zukunft</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Thwaites-Gletscher">T</a><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Thwaites-Gletscher">h</a><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Thwaites-Gletscher">waites-Gletscher</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Geoengineering">Geoengineering</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hurrikan_Katrina">Hurrikan Katrina</a></li> <li>The Great Simplification: <a href="http://www.thegreatsimplification.com/episode/66-kim-stanley-robinson">Kim Stanley Robinson: “Climate, Fiction, and The Future”</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="http://dx.doi.org/10.1098/rsta.2014.0466">Siegert et al.: Antarctic subglacial lake exploration: first results and future plans</a>, Philosophical Transactions A (2015)</li> <li>Fachartikel: <a href="http://dx.doi.org/10.1098/rsta.2014.0302">Leitchenkov et al.: Geology and environments of subglacial Lake Vostok</a>, Philosophical Transactions A (2015)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1016/j.accre.2020.11.008">Lockley et al.: Glacier geoengineering to address sea-level rise: A geotechnical approach</a>, Advances in Climate Change Research (2020)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://eprints.whiterose.ac.uk/id/eprint/180688/">Livingston et al.: Subglacial lakes and their changing role in a warming climate</a>, Preprint (2022)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1038/s41561-025-01746-9">Bowling et al.: Outburst of a subglacial flood from the surface of the Greenland Ice Sheet</a>, Nature Geoscience (2025)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1038/s41467-025-57417-1">Gourmelen et al.: The influence of subglacial lake discharge on Thwaites Glacier ice-shelf melting and grounding-line retreat</a>, Nature Communications (2025)</li> <li>Fachvortrag: Wilson et al.: Antarctic Subglacial Lakes: New Active Lakes and Their Behaviour, With CryoSat-2 (2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/igo/">CC BY-SA 3.0 IGO</a>, <a href="https://www.esa.int/ESA_Multimedia/Images/2025/07/Harder_Glacier_northern_Greenland">contains modified Copernicus Sentinel data (2024), processed by ESA</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel_sl.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Unsichtbare Wasserwelten: Was schlummert unter den Eisschilden? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Am 22. Juli 2014 überfliegt der europäische Satellit Cryosat den Norden Grönlands einmal, und zehn Tage später ein zweites Mal. Er vermisst dabei die Eisoberfläche – und in diesen Daten finden Forschende später etwas Erstaunliches: Der Gletscher ist in nur zehn Tagen um 85 Meter abgesunken – und das auf einer Fläche von zwei Quadratkilometern. Mitten im grönländischen Eis hat sich ein Krater gebildet. Was da genau passiert ist, bleibt für über ein Jahrzehnt ein Rätsel.</p> <p>Karl erzählt in dieser Folge von der feuchten Unterlage der größten Eismassen der Erde: Gletscher bedecken knapp drei Prozent aller Kontinente. Sie beherbergen auch das größte Reservoir an Süßwasser in gefrorener Form. Immer mehr erkennen Glaziologinnen und Glaziologen, dass es tief unter dem Eis noch eine andere Welt gibt – und die ist feucht, eine Welt aus flüssigem Wasser. Dort liegen riesige Seen, Flüsse und Bäche, von denen viele miteinander verbunden sind. Dieses Wasser kann auch unter kilometerdickem Eis fließen, manchmal gemächlich und manchmal in rasantem Tempo.</p> <p>Lange waren solche subglazialen Gewässer nur schwer zu untersuchen. Nach ersten Indizien auf Basis seismischer Messversuche gelang es seit den 1990er Jahren, immer mehr Seen zu entdecken, die größtenteils unter dem antarktischen Eisschild, aber auch unter den Gletschern Grönlands oder Islands zu finden sind. Der Wostoksee unter über drei Kilometern Eis der Ostantarktis gilt heute sogar als sechstgrößter See der Erde.</p> <p>Welche Rolle die feuchte Unterlage der Gletscher spielt, ist bis heute eine offene Frage. Es scheint so, dass dieses subglaziale, flüssige Wasser selbst riesige Gletscher in Bewegung hält. Künftig könnte ein immer feuchterer Schmierfilm das Abschmelzen der grönländischen und antarktischen Gletscher beschleunigen – und damit beim Anstieg des Meeresspiegels kräftig nachhelfen.</p> <p>Die Gefahr ist real, denn vor Kipppunkten im gar nicht so ewigen Eis warnen Klimaforscher schon lange. Vielleicht ließe sich die Gefahr aber abmildern: Denn mit immer besserem Verständnis subglazialer Wassermassen gibt es neuerdings Ideen, diese zu manipulieren.<aside></aside></p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <h3 id="h-mehr-bei-astrogeo-und-riffreporter">Mehr bei AstroGeo und RiffReporter</h3> <ul> <li>RiffReporter: <a href="https://www.riffreporter.de/de/wissen/antarktis-klimawandel-glaziologie-angelika-humbert-eisschmelze-forschung-interview">Zwischen Schneesturm und Toiletten-Zelt: Angelika Humbert erforscht den Klimawandel in der Antarktis</a></li> <li>Folge 58: <a href="https://astrogeo.de/ueberwintern-am-suedpol/">Überwintern am Südpol – ein Gespräch mit Robert Schwarz</a></li> <li>Folge 8: <a href="https://astrogeo.de/ag008-shutdown/">Shutdown – der eingefrorene Haushalt und die Folgen für die US-Polarforschung</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wostok-Station">Wostok-Station</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wostoksee">W</a><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wostoksee">ostoksee</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Subglazialer_See">Subglaziale</a><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Subglazialer_See">r</a><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Subglazialer_See"> See</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gletscherlauf">Jökulhlaup</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kim_Stanley_Robinson">Kim Stanley Robinson</a></li> <li>Roman: <a href="https://www.perlentaucher.de/buch/kim-stanley-robinson/das-ministerium-fuer-die-zukunft.html">Das Ministerium für die Zukunft</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Thwaites-Gletscher">T</a><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Thwaites-Gletscher">h</a><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Thwaites-Gletscher">waites-Gletscher</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Geoengineering">Geoengineering</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hurrikan_Katrina">Hurrikan Katrina</a></li> <li>The Great Simplification: <a href="http://www.thegreatsimplification.com/episode/66-kim-stanley-robinson">Kim Stanley Robinson: “Climate, Fiction, and The Future”</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="http://dx.doi.org/10.1098/rsta.2014.0466">Siegert et al.: Antarctic subglacial lake exploration: first results and future plans</a>, Philosophical Transactions A (2015)</li> <li>Fachartikel: <a href="http://dx.doi.org/10.1098/rsta.2014.0302">Leitchenkov et al.: Geology and environments of subglacial Lake Vostok</a>, Philosophical Transactions A (2015)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1016/j.accre.2020.11.008">Lockley et al.: Glacier geoengineering to address sea-level rise: A geotechnical approach</a>, Advances in Climate Change Research (2020)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://eprints.whiterose.ac.uk/id/eprint/180688/">Livingston et al.: Subglacial lakes and their changing role in a warming climate</a>, Preprint (2022)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1038/s41561-025-01746-9">Bowling et al.: Outburst of a subglacial flood from the surface of the Greenland Ice Sheet</a>, Nature Geoscience (2025)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1038/s41467-025-57417-1">Gourmelen et al.: The influence of subglacial lake discharge on Thwaites Glacier ice-shelf melting and grounding-line retreat</a>, Nature Communications (2025)</li> <li>Fachvortrag: Wilson et al.: Antarctic Subglacial Lakes: New Active Lakes and Their Behaviour, With CryoSat-2 (2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/igo/">CC BY-SA 3.0 IGO</a>, <a href="https://www.esa.int/ESA_Multimedia/Images/2025/07/Harder_Glacier_northern_Greenland">contains modified Copernicus Sentinel data (2024), processed by ESA</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-unsichtbare-wasserwelten-was-schlummert-unter-den-eisschilden/#respond 0 Die geskriptete Wahrheit – Erzählungen zum Ukrainekrieg https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/die-geskriptete-wahrheit-erzaehlungen-zum-ukrainekrieg/ https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/die-geskriptete-wahrheit-erzaehlungen-zum-ukrainekrieg/#comments Tue, 26 Aug 2025 10:52:34 +0000 Thomas Grüter https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/?p=1728 https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Ukraine_panzer-1-768x350.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/die-geskriptete-wahrheit-erzaehlungen-zum-ukrainekrieg/</link> </image> <description type="html"><h1>Die geskriptete Wahrheit – Erzählungen zum Ukrainekrieg » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Der Frieden in der Ukraine ist weit entfernt, viel weiter, als es den Anschein hat. Aber sowohl Donald Trump als auch Wladimir Putin sind an der Lösung des Problems kaum interessiert. Sie arbeiten lieber an Zerrspiegeln der Realität, in denen sie als Helden erscheinen. Willkommen im Zeitalter der geskripteten Wirklichkeit.</b></p> <p>Donald Trump ist alt. Er hat Mühe, eine Gangway hinunterzusteigen, und seine Aufmerksamkeit schwindet nach wenigen Minuten, aber er weiß sich zu inszenieren. Vielleicht ist er ein Naturtalent, vielleicht hat er diese Fähigkeit in den 14 Staffeln seiner Reality-Show „The Apprentice“ gelernt und verinnerlicht. Auf jeden Fall kennt er das erste Gesetz des Showbusiness: Das Publikum muss unterhalten werden. Dafür gibt es unverbrüchliche Regeln, zum Beispiel:</p> <ul> <li>Der Showmaster (im amerikanischen „Host“ genannt) muss ein festes Profil haben.</li> <li>Die Themen liegen fest, aber sie werden auf immer neue und unvorhersehbare Art variiert, damit das Publikum nicht das Interesse verliert. In Trumps Fall sind die Themen seine Wahlversprechen, und seine Wähler sind das Publikum.</li> <li>Bevor sich ein Thema abnutzt, muss ein neues in den Vordergrund geschoben werden, während im Hintergrund die neue Variante eines der anderen Themen vorbereitet wird.</li> <li>Die Diskussion über die Themen muss gelenkt werden, sie darf nicht dem Zufall überlassen bleiben. Beispielsweise unterfüttert Trump seine Thesen und seine Forderungen oft mit haarsträubenden Argumenten und offensichtlich falschen Behauptungen. Er weiß inzwischen, dass sich die Presse dann auf die Widerlegung seiner Falschaussagen konzentriert, aber die Forderungen selbst kaum angreift.</li> <li>Und die Show muss die einzige bleiben („the only show in town“). Das Aufkommen anderer Shows und anderer Hosts muss mit allen Mitteln verhindert werden.</li> </ul> <p>Während sich das Publikum prächtig unterhält, setzt Trump im Hintergrund die Interessen seiner Familie und die der herrschenden republikanischen Partei knallhart durch. Loyalität ist wichtiger als Leistung, und selbst für die Wirtschaft gilt: Wer Zuschüsse, Genehmigung oder Aufträge haben will, <a href="https://www.independent.co.uk/news/world/americas/us-politics/trump-white-house-list-companies-loyal-b2808451.html">muss sich loyal verhalten</a>.</p> <p>Trump geht konsequent gegen alle vor, die er als Feinde ansieht – und das ist eine lange Liste. In seiner ersten Amtszeit sind ihm seine Minister dabei immer wieder in den Arm gefallen, aber diesmal hat er in allen wichtigen Behörden fanatische Gefolgsleute installiert. Auch sein Versprechen massenhafter Abschiebungen verfolgt er mit brutaler Konsequenz. Er lässt <a href="https://www.washingtonpost.com/immigration/2025/08/15/ice-documents-reveal-plan-double-immigrant-detention-space-this-year/">riesige Abschiebegefängnisse </a>bauen. Die Einwanderungsbehörde soll von 20 000 auf 40 000 Mitarbeiter aufgestockt werden, um eine Million Menschen im Jahr abschieben zu können. <a href="https://www.spiegel.de/ausland/usa-55-millionen-visainhaber-sollen-ueberprueft-werden-a-d29960c3-612c-44e2-9010-d5e218ab1e2f">55 Millionen erteilte Visa sollen überprüft werden</a>, wobei schon Äußerungen der Visa-Inhaber in sozialen Netzen zum Entzug des Aufenthaltsrechts führen können.</p> <p>Zugleich setzt die amerikanische Bundesregierung <a href="https://abcnews.go.com/Politics/defense-secretary-hegseth-authorizes-2k-national-guard-troops/story?id=124876085">bewaffnete Nationalgardisten als Polizeitruppen</a> ein und <a href="https://edition.cnn.com/2025/08/22/politics/chicago-national-guard-trump-crackdown">treibt den Einsatz der regulären Armee im Inneren voran</a>.<aside></aside></p> <h3>Warum Trump plötzlich Putin trifft</h3> <p>Für Trumps Entscheidung, sich mit dem russischen Präsidenten ausgerechnet in Alaska zu treffen, dem Bundesstaat also, den die USA im Jahr 1867 dem damaligen russischen Zarenreich abkaufte, waren wohl zwei Gründe maßgeblich:</p> <p>Der erste und wichtigste war die neuerlich hochgekochte Epstein-Affäre. Der steinreiche Investmentbanker Jeffrey Epstein unterhielt einen Ring zur sexuellen Ausbeutung minderjähriger Mädchen. Gleichzeitig war er in der New Yorker Gesellschaft bestens vernetzt und zählte auch Donald Trump zu seinen Freunden. Am 6. Juli 2019 wurde er wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger und des Menschenhandels verhaftet. Nur einen Monat später, am 10. August 2019, starb er in seiner Zelle. Als Todesursache wurde offiziell Selbstmord festgestellt, was bis heute angezweifelt wird.</p> <p>Diverse Verschwörungstheorien rankten um diese Affäre, unter anderem soll Epstein Prominente beim Verkehr mit minderjährigen Mädchen gefilmt haben, um sie anschließend zu erpressen. Er soll auch mit Geheimdiensten zusammengearbeitet haben, die immer an kompromittierendem Material interessiert sind. Und er soll eine Kundenliste geführt haben, wohl zur Absicherung gegen Strafverfolgung.</p> <p>Trump befeuerte in diversen Tweets solche Verschwörungstheorien. Im Februar 2025 behauptete dann die von Trump eingesetzte Justizministerin Pam Bondi, die Kundenliste läge auf ihrem Schreibtisch und werde veröffentlicht. Aber es geschah erst einmal nichts. Im Juni streute Elon Musk die Behauptung, Trump stehe selbst auf der ominösen Liste. Im Juli erklärte Frau Bondi, sie habe keine Kundenliste und habe sie auch nie gehabt. Es gebe auch keine Beweise, dass eine solche je existiert habe. Und Epstein habe sich ganz sicher selbst umgebracht. Zur Bestätigung dieser Behauptung veröffentlichte das FBI ein Überwachungsvideo von Epsteins Zelle in seiner Todesnacht. Damit sollte bewiesen werden, dass niemand in seiner Zelle war, weshalb ihn niemand ermordet haben konnte. Nur: Der Timer des Videos sprang irgendwann um eine Minute und zwei Sekunden nach vorne. Eine genaue Untersuchung ergab, dass in dem Video sogar drei Minuten fehlten. Es war offenbar nachbearbeitet worden, obwohl das FBI schwor, es habe die Originalaufnahme veröffentlicht.</p> <p>Ebenfalls im Juli brachte das Wall Street Journal einen Artikel, der behauptete, Donald Trump habe zu Epsteins 50. Geburtstag <a href="https://www.nytimes.com/2025/07/18/business/media/trump-sues-wall-street-journal-epstein.html">eine anzügliche Grußkarte geschickt</a>, die das Journal einsehen durfte. Schon im Vorfeld setzte Trump alle Hebel in Bewegung, um die Veröffentlichung zu verhindern. Die Redaktion ließ sich aber nicht einschüchtern. Trump verklagte dann die Zeitschrift und den Herausgeber auf Schadenersatz in Höhe von „mindestens 10 Milliarden US$“.</p> <p>Jetzt <a href="https://taz.de/Lang-schuerte-Trump-Verschwoerungen-ueber-Jeffrey-Epstein-nun-wird-er-selbst-Opfer-davon/!6098330/">fielen mehrere prominente Verschwörungstheoretiker</a>, darunter Steve Bannon, Tucker Carlson, Alex Jones und Marjorie Taylor Greene, über den Präsidenten her und warfen ihm Vertuschungsversuche vor.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1733" id="attachment_1733"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/scripting_reality1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="400" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/scripting_reality1-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/scripting_reality1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/scripting_reality1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/scripting_reality1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/scripting_reality1.jpg 1024w" width="400"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1733">Die Realität aus dem Laptop. Selbst erstelltes KI-Bild.</figcaption></figure> <p>Damit hatte die Geschichte ein Eigenleben entwickelt, das Trump und seine Berater weder lenken noch kontrollieren konnten. Trump hatte selbst immer wieder die Gerüchte angeheizt hatte, dass Epstein ein zentraler Teil des geheimnisvollen „Deep State“<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a> sei und diverse gegnerische Prominente auf Epsteins Kundenliste standen. Von hier aus betrachtet, hat die Sache durchaus ihre witzigen Aspekte, weil sich Trump in seinen eigenen Verschwörungstheorien verfing. Aus der Sicht von Trumps Teams war die Affäre aber brandgefährlich, weil ein beträchtlicher Teil seiner Anhänger an ihm zu zweifeln begann. Also musste eine mächtige Ablenkung her. Eine <i>sehr</i> mächtige Ablenkung. Und schnell. So gab Trump am 8.8. bekannt, dass er Putin bereits für den 15.8. zu einem Gipfeltreffen nach Alaska eingeladen habe.</p> <p>Der zweite Grund für die Einladung von Putin ist zweifellos Trumps Verlangen nach dem Friedensnobelpreis. Der stehe ihm zu, hat er mehrfach geäußert. Andererseits weiß er schon, dass er sich den Preis verdienen muss, wenn er das Nobelpreiskomitee überzeugen will. Hilft es dabei wirklich, wenn er sich mit Putin auf einem abgelegenen Luftwaffenstützpunkt in Alaska trifft? Es war ja nicht so, als hätte zwischen Trump und Putin in diesem Jahr Funkstille geherrscht. Seit Trumps Amtseinführung haben sie mindestens sechs lange Telefonate geführt. Trumps Vermittler Steve Witkoff flog regelmäßig nach Moskau, um dort Regierungsvertreter zu treffen, auch Putin selbst, zuletzt zwei Tage vor Trumps Ankündigung. Warum also jetzt das hastig anberaumte Treffen?</p> <h3>Ist das wirklich der Gipfel?</h3> <p>Ein Gipfeltreffen (nicht ein Arbeitstreffen) ist normalerweise ein sorgfältig vorbereitetes Event, dessen Protokoll zwischen beiden Seiten genau abgestimmt wird. Und die jeweiligen Regierungen haben Vereinbarungen ausgearbeitet, die nur noch unterzeichnet werden müssen.</p> <p>Missverständnisse waren also vorprogrammiert. Weil der ukrainische Staatschef nicht eingeladen war, musste Russland annehmen, dass Trump mit Putin einen Waffenstillstand in der Ukraine verhandeln wollte und dann die Ukraine zwingen würde, das Ergebnis anzuerkennen, zumal bekannt war, dass Trump schon seit langer Zeit Putin für einen guten Freund hielt. Außerdem sah es so aus, als wolle Trump den westlichen Bann des russischen Präsidenten aufheben, und zwar mit allem Pomp. Eventuell sollte auch eine wirtschaftliche Zusammenarbeit dabei verabredet werden. Russische Kommentatoren reagierten entzückt.</p> <p>Ganz anders die Ukraine und die Europäer: Sie befürchteten das Schlimmste. Trumps Team hatte jetzt mit einem großen Stock im Ameisenhaufen der internationalen Diplomatie herumgerührt, und die Epstein-Affäre verschwand erst einmal aus den Schlagzeilen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1732" id="attachment_1732"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ukraine_panzer.jpg"><img alt="" decoding="async" height="400" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ukraine_panzer-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ukraine_panzer-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ukraine_panzer-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ukraine_panzer-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ukraine_panzer.jpg 1024w" width="400"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1732">Krieg in der Ukraine. KI-erstelltes Symbolbild.</figcaption></figure> <p>Ursprünglich war wohl geplant, dass Trump fünf Stunden lang mit Putin unter vier Augen sprechen sollte. Einem solchen Marathon wäre Trump allerdings körperlich nicht gewachsen, schon gar nicht unmittelbar nach dem 5500 Kilometer langen Flug von Washington nach Anchorage. Letztlich dauerte das Gespräch am 15.8. dann keine drei Stunden, und mit Trump waren der Außenminister Marco Rubio und der Vermittler Steve Witkoff im Raum. In der anschließenden Pressekonferenz ließ ein erschöpfter Trump seinen Gast zuerst reden (was unüblich ist). Putin wiederholte seine bekannten Forderungen für einen Frieden in der Ukraine und Trump hatte sich offenbar überreden lassen, eine Friedensregelung ohne vorherigen Waffenstillstand zu akzeptieren. Möglicherweise war ihm auch der Unterschied nicht so recht klar.<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a></p> <h3>Wer hat gewonnen?</h3> <p>Das Treffen endete danach abrupt, ohne das geplante Essen und ohne Wirtschaftsgespräche. Es sah für viele so aus, als hätte Putin gewonnen.</p> <p>Das halte ich aber für grundfalsch. Trump hat sich nie um die Einzelheiten des Angriffskriegs gegen die Ukraine gekümmert. Seine Statements dazu sind erratisch und voller Fehler. Ihn interessiert seine Rolle als Friedensengel. Außerdem brauchte er gerade eine Ablenkung von der leidigen Epstein-Affäre. Und die hat er bekommen. Nicht zuletzt deshalb sah die Welt drei Tage später einen prächtig gelaunten Trump bei seinem Treffen mit den europäischen Staatschefs und mit Selenskyj.</p> <p>Mit Abstand von mehr als einer Woche lässt sich sagen, dass die US-Regierung in keiner Richtung verbindliche Zusagen gemacht und Trump lediglich erklärt hat, in zwei Wochen etwas zu entscheiden. Das ist <a href="https://www.nytimes.com/2025/06/19/world/middleeast/trump-iran-two-weeks.html">trumpesisch für „irgendwann oder nie“</a>.</p> <p>Möglicherweise dämmert es auch den Russen inzwischen, dass sie lediglich als unbezahlte Statisten für eine neue spannende Wendung in Donald Trumps Realityshow eingeladen worden waren.</p> <h3>Russische Märchen</h3> <p>Aber will Putin den Krieg überhaupt sofort beenden? Nach dem realitätsfernen Narrativ der russischen Regierung gehört die komplette Ukraine zu Russland. Putin selbst hatte im Juli 2021 ein Manifest unter dem Titel „Über die historische Einheit der Russen und der Ukrainer“ veröffentlicht. Danach habe Russland das Recht, die Ukraine mit Russland zu vereinen, auch gewaltsam. Den Westen beschuldigte Putin, die „Brudernationen“ Russland und die Ukraine künstlich entfremdet zu haben.</p> <p>Bereits in den Monaten vor dem Angriff auf die Ukraine ließ Russland eine eindrucksvolle Armee an der ukrainischen Grenze aufmarschieren, schloss aber einen Angriff auf den Nachbarstaat ausdrücklich aus. <a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/kaum-wahrgenommen-russlands-langzeitstrategie/#sdendnote2anc">Im Dezember 2021</a> übermittelte die russische Regierung der NATO und den USA zwei ultimative Vertragsentwürfe, die ohne Änderungen sofort anzunehmen seien. Unter anderem sollte die NATO ihre militärischen Infrastrukturen auf den Stand vor dem 27.5.1997 zurückführen. Außerdem sollte die NATO auf sämtliche militärische Operationen auf dem Gebiet der früheren Warschauer-Pakt-Staaten verzichten, auch solchen, die NATO-Mitglieder geworden waren. Die USA solle alle Atomwaffen, die sie außerhalb ihres Staatsgebiets aufgestellt hatte, zurückführen und alle Infrastrukturen vernichten, die es erlauben würden, sie wieder zu stationieren. Eine Gegenleistung der russischen Seite war nicht vorgesehen.</p> <p>Solche unannehmbaren Ultimaten gelten schon seit dem Altertum als Kriegssignal, und hier war es nicht anders. Am 24. Februar 2022 begann der russische Angriff auf die Ukraine. Bis heute besteht Russland allerdings darauf, dass es gegen die Ukraine gar keinen Krieg führt, sondern lediglich eine „spezielle Militäroperation“ in dem Land durchführt. Und als Kriegsziel hat Putin einen dauerhafter Verzicht der Ukraine auf die NATO-Mitgliedschaft, eine Entwaffnung der Ukraine und eine russlandfreundliche Regierung („Entnazifizierung“) ausgegeben. Bei dem Gipfeltreffen in Alaska <a href="https://www.cbsnews.com/news/transcript-of-what-putin-trump-said-in-alaska/">sagte Putin</a>:</p> <p>„Wie ich bereits gesagt habe, hat die Situation in der Ukraine mit grundlegenden Bedrohungen für unsere Sicherheit zu tun. Darüber hinaus haben wir die ukrainische Nation immer als brüderliche Nation betrachtet, und ich habe dies mehrfach betont. <i>Wie seltsam das unter diesen Umständen auch klingen mag </i>[echt jetzt? TG]<i> </i>… Gleichzeitig sind wir überzeugt, dass wir, um eine dauerhafte und langfristige Lösung zu erreichen, alle primären Ursachen dieses Konflikts beseitigen müssen, und wir haben mehrfach gesagt, dass alle legitimen Anliegen Russlands berücksichtigt werden müssen, um ein gerechtes Sicherheitsgleichgewicht in Europa und in der Welt insgesamt wiederherzustellen, und wir stimmen mit Präsident Trump überein, der heute gesagt hat, dass natürlich auch die Sicherheit der Ukraine gewährleistet werden muss.“</p> <p>Mit den „legitimen Anliegen“ meint Putin vermutlich die Forderungen aus den erwähnten Vertragsentwürfen, die allerdings für die NATO und die USA vollkommen indiskutabel sind.</p> <p>Putin muss wohl angenommen haben, dass Trumps Einladung und die feierliche Begrüßung ein Ende der amerikanischen Unterstützung für die Ukraine einleiten werde. Damit hätte Russland eine exzellente Verhandlungsposition gewonnen, und Putin sah keinen Grund mehr, seine Positionen aufzuweichen. Trump muss die Rede aber so interpretiert haben, dass Putin trotz rotem Teppich und feierlichem Empfang an einem Kompromiss nicht interessiert war. Damit war Trump blamiert, was auch ein beträchtlicher Teil der internationalen Kommentatoren so gesehen hat.</p> <h3>Putin, der Illusionist</h3> <p>Putin hat in den letzten Jahren tatsächlich kein Interesse an einem Waffenstillstand gezeigt. Vielmehr hat er den Eindruck zu erwecken versucht, dass Russland unendliche personelle und materielle Ressourcen aufbieten kann. Ein steter Strom neuer Waffensysteme soll den Endsieg sichern. Die Bevölkerung lebt weiterhin im Frieden, die „spezielle Militäroperation“ ist nichts weiter als ein größeres Manöver, wie sie ständig stattfinden. Normalität aller Orten, das Leben geht weiter, Verluste erleidet nur der Feind.</p> <p>Das ist natürlich eine Illusion, und selbst in Russland glaubt sie kaum noch jemand. In Wahrheit gehen Putin immer mehr die Ressourcen aus, und das Volk ächzt unter den Folgen. Einige Beispiele:</p> <ul> <li>Grundnahrungsmittel werden knapp und teuer, darunter <a href="https://www.agrarheute.com/politik/russland-hat-keine-kartoffeln-mehr-zwingt-krise-putin-knie-634703">Kartoffeln</a>, <a href="https://www.agrarheute.com/markt/marktfruechte/naechste-krise-russland-brot-knapp-baecker-warnt-635383">Brot</a> und <a href="https://www.agrarheute.com/markt/tiere/russische-verbraucher-zahlen-viele-rubelchen-fuer-rindfleisch-636181">Rindfleisch</a>.</li> <li>Russland dürfte durch den Krieg bisher einen wirtschaftlichen Verlust von ca. 1 Billion (1000 Milliarden) US$ eingefahren haben. 350 Milliarden US$ haben alleine die westlichen Länder bei Kriegsbeginn arretiert. Und wegen der westlichen Sanktionen muss Russland sein Erdöl weit unter dem Weltmarktpreis verkaufen, während der Einkauf verschiedener Güter nur über teure Umwege möglich ist. Gleichzeitig zerstört die Ukraine immer mehr Raffinerien und kriegswichtige Infrastrukturen. Benzin ist teuer geworden.</li> <li>Die russische Zentralbank hat die Leitzinsen schon vor geraumer Zeit auf rund 20 Prozent erhöht, und unterbindet damit wirksam die Kreditaufnahme von privaten Unternehmen. Das wird vermutlich schon in den nächsten Monaten zu massiven Pleiten führen.</li> <li>Russland hat offensichtliche Probleme, genügend Freiwillige in den Krieg zu schicken. Das wäre auch kein Wunder: <a href="https://www.nytimes.com/2025/06/03/us/politics/russia-ukraine-troop-casualties.html?searchResultPosition=1">Mehr als eine Million Soldaten</a> sind tot, vermisst oder verwundet. <a href="https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/internationale-politik/id_100541100/ukraine-krieg-so-schnell-sterben-russische-rekruten.html">Die mediane Überlebenszeit</a> eines neuen Rekruten (also die Zeit, bis die Hälfte tot sind) beträgt etwa einen Monat. Nicht zu vergessen: Russland muss für diesen einen Monat Einsatzzeit die Anwerbeprämie (mehr als 20000 US$), das Gehalt und die <a href="https://www.fr.de/wirtschaft/makabrer-profit-mit-putin-gliedertaxe-gefallene-soldaten-bringen-teils-mehr-geld-als-ueberlebende-zr-93886652.html">Lebensversicherung (mehr als 50000 US$) auszahlen</a>. Man könnte meinen, Russlands Soldaten seien unterbezahlt und könnten an der Front billig verheizt werden. Tatsächlich muss aber der russische Staat pro Soldat und Monat deutlich mehr als 70000 US$ aufwenden.</li> <li>Donald Trump trägt zu den Kopfschmerzen der russischen Regierung mehr bei, als er vielleicht ahnt. Er hatte versprochen, dass die amerikanischen Verbraucher weiterhin billiges Öl und Benzin bekommen und eine Ausweitung der Produktion in Aussicht gestellt („Drill, Baby, drill!“). Der Ölpreis verharrt deshalb seit Monaten bei Werten um 70 US$/Barrel. Russland muss sein Öl bei Produktionskosten von ca. 40 US$ mit hohem Abschlag verkaufen, bekommt also kaum mehr als 55 US$ – viel zu wenig für die hohen Kriegskosten. Besserung ist nicht in Sicht.</li> </ul> <p>Auch sicherheitspolitisch hat sich die Lage seit Kriegsbeginn verschlechtert. Eigentlich wollte Putin mit dem Angriff auf die Ukraine die unüberwindliche Stärke der russischen Armee vorführen. Aber schon nach wenigen Wochen mussten sich die Streitkräfte hastig zurückziehen, um der völligen Vernichtung zu entgehen. Inzwischen hat die russische Armee so viele Offiziere und so viel Material verloren, dass sie einer größeren Auseinandersetzung nicht mehr gewachsen wäre.</p> <p>Und wenn Putin die NATO schwächen wollte, so ist ihm das nicht gelungen. Im Gegenteil: Die bisher neutralen Staaten Finnland und Schweden sind der Allianz beigetreten. Durch seine brutale Kriegführung, die viele kleine Sabotageakte und nicht zuletzt durch die eigene Propaganda hat Russland auch entscheidend dazu beigetragen, das alle NATO-Staaten massiv aufrüsten. Westliche Experten nehmen die Drohungen gegen die NATO übrigens <a href="https://www.deutschlandfunk.de/russland-nato-kriegsgefahr-100.html">durchaus ernst</a>. Nur haben sie die NATO-Staaten eben nicht eingeschüchtert, sondern im Gegenteil, wachgerüttelt.</p> <p>Eigentlich müsste Putin den Angriffskrieg gegen die Ukraine so schnell wie möglich beenden. Jeder weitere Tag kostet Ansehen, schwächt die Armee und lässt das Land verarmen.</p> <p>Aber sobald ein sicherer Waffenstillstand in Kraft tritt, würde abgerechnet. Dann müsste Putin erklären, warum er geglaubt hat, die Ukraine mit viel zu schwachen Kräften in einer Woche überrennen zu können. Vielleicht würden sich die Russen auch fragen, warum sie für einen minimalen Gewinn an Landesfläche eine Billion US$ und eine Million Soldaten geopfert haben. Und sie werden überlegen, ob Russland jetzt sicherer, mächtiger und angesehener ist als vorher – oder nicht.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> „Deep State“ ist ein unter Trump-Anhängern und rechten Verschwörungstheoretikern beliebtes Schlagwort für unsichtbare Machtzirkel innerhalb der politischen und administrativen Strukturen des Staates. Dem „Deep State“ kann man alles anhängen, weil er eben unsichtbar ist. Trump hat davon in seinen Wahlkämpfen ausgiebig Gebrauch gemacht.</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Es ist fast unmöglich, einen Frieden zu verhandeln, wenn weiter gekämpft wird. Die Regelungen für den Friedensvertrag spiegeln nicht zuletzt die Stärke der Positionen auf den Schlachtfeld wieder. Solange sich die Frontlinien verschieben, ändert sich die Ausgangslage für den Frieden. Damit besteht die Gefahr, dass beide Seiten versuchen werden, eine zeitweilige Überlegung auszunutzen, um bereits ausgehandelte Regelungen wieder in Frage zu stellen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Die geskriptete Wahrheit – Erzählungen zum Ukrainekrieg » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Der Frieden in der Ukraine ist weit entfernt, viel weiter, als es den Anschein hat. Aber sowohl Donald Trump als auch Wladimir Putin sind an der Lösung des Problems kaum interessiert. Sie arbeiten lieber an Zerrspiegeln der Realität, in denen sie als Helden erscheinen. Willkommen im Zeitalter der geskripteten Wirklichkeit.</b></p> <p>Donald Trump ist alt. Er hat Mühe, eine Gangway hinunterzusteigen, und seine Aufmerksamkeit schwindet nach wenigen Minuten, aber er weiß sich zu inszenieren. Vielleicht ist er ein Naturtalent, vielleicht hat er diese Fähigkeit in den 14 Staffeln seiner Reality-Show „The Apprentice“ gelernt und verinnerlicht. Auf jeden Fall kennt er das erste Gesetz des Showbusiness: Das Publikum muss unterhalten werden. Dafür gibt es unverbrüchliche Regeln, zum Beispiel:</p> <ul> <li>Der Showmaster (im amerikanischen „Host“ genannt) muss ein festes Profil haben.</li> <li>Die Themen liegen fest, aber sie werden auf immer neue und unvorhersehbare Art variiert, damit das Publikum nicht das Interesse verliert. In Trumps Fall sind die Themen seine Wahlversprechen, und seine Wähler sind das Publikum.</li> <li>Bevor sich ein Thema abnutzt, muss ein neues in den Vordergrund geschoben werden, während im Hintergrund die neue Variante eines der anderen Themen vorbereitet wird.</li> <li>Die Diskussion über die Themen muss gelenkt werden, sie darf nicht dem Zufall überlassen bleiben. Beispielsweise unterfüttert Trump seine Thesen und seine Forderungen oft mit haarsträubenden Argumenten und offensichtlich falschen Behauptungen. Er weiß inzwischen, dass sich die Presse dann auf die Widerlegung seiner Falschaussagen konzentriert, aber die Forderungen selbst kaum angreift.</li> <li>Und die Show muss die einzige bleiben („the only show in town“). Das Aufkommen anderer Shows und anderer Hosts muss mit allen Mitteln verhindert werden.</li> </ul> <p>Während sich das Publikum prächtig unterhält, setzt Trump im Hintergrund die Interessen seiner Familie und die der herrschenden republikanischen Partei knallhart durch. Loyalität ist wichtiger als Leistung, und selbst für die Wirtschaft gilt: Wer Zuschüsse, Genehmigung oder Aufträge haben will, <a href="https://www.independent.co.uk/news/world/americas/us-politics/trump-white-house-list-companies-loyal-b2808451.html">muss sich loyal verhalten</a>.</p> <p>Trump geht konsequent gegen alle vor, die er als Feinde ansieht – und das ist eine lange Liste. In seiner ersten Amtszeit sind ihm seine Minister dabei immer wieder in den Arm gefallen, aber diesmal hat er in allen wichtigen Behörden fanatische Gefolgsleute installiert. Auch sein Versprechen massenhafter Abschiebungen verfolgt er mit brutaler Konsequenz. Er lässt <a href="https://www.washingtonpost.com/immigration/2025/08/15/ice-documents-reveal-plan-double-immigrant-detention-space-this-year/">riesige Abschiebegefängnisse </a>bauen. Die Einwanderungsbehörde soll von 20 000 auf 40 000 Mitarbeiter aufgestockt werden, um eine Million Menschen im Jahr abschieben zu können. <a href="https://www.spiegel.de/ausland/usa-55-millionen-visainhaber-sollen-ueberprueft-werden-a-d29960c3-612c-44e2-9010-d5e218ab1e2f">55 Millionen erteilte Visa sollen überprüft werden</a>, wobei schon Äußerungen der Visa-Inhaber in sozialen Netzen zum Entzug des Aufenthaltsrechts führen können.</p> <p>Zugleich setzt die amerikanische Bundesregierung <a href="https://abcnews.go.com/Politics/defense-secretary-hegseth-authorizes-2k-national-guard-troops/story?id=124876085">bewaffnete Nationalgardisten als Polizeitruppen</a> ein und <a href="https://edition.cnn.com/2025/08/22/politics/chicago-national-guard-trump-crackdown">treibt den Einsatz der regulären Armee im Inneren voran</a>.<aside></aside></p> <h3>Warum Trump plötzlich Putin trifft</h3> <p>Für Trumps Entscheidung, sich mit dem russischen Präsidenten ausgerechnet in Alaska zu treffen, dem Bundesstaat also, den die USA im Jahr 1867 dem damaligen russischen Zarenreich abkaufte, waren wohl zwei Gründe maßgeblich:</p> <p>Der erste und wichtigste war die neuerlich hochgekochte Epstein-Affäre. Der steinreiche Investmentbanker Jeffrey Epstein unterhielt einen Ring zur sexuellen Ausbeutung minderjähriger Mädchen. Gleichzeitig war er in der New Yorker Gesellschaft bestens vernetzt und zählte auch Donald Trump zu seinen Freunden. Am 6. Juli 2019 wurde er wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger und des Menschenhandels verhaftet. Nur einen Monat später, am 10. August 2019, starb er in seiner Zelle. Als Todesursache wurde offiziell Selbstmord festgestellt, was bis heute angezweifelt wird.</p> <p>Diverse Verschwörungstheorien rankten um diese Affäre, unter anderem soll Epstein Prominente beim Verkehr mit minderjährigen Mädchen gefilmt haben, um sie anschließend zu erpressen. Er soll auch mit Geheimdiensten zusammengearbeitet haben, die immer an kompromittierendem Material interessiert sind. Und er soll eine Kundenliste geführt haben, wohl zur Absicherung gegen Strafverfolgung.</p> <p>Trump befeuerte in diversen Tweets solche Verschwörungstheorien. Im Februar 2025 behauptete dann die von Trump eingesetzte Justizministerin Pam Bondi, die Kundenliste läge auf ihrem Schreibtisch und werde veröffentlicht. Aber es geschah erst einmal nichts. Im Juni streute Elon Musk die Behauptung, Trump stehe selbst auf der ominösen Liste. Im Juli erklärte Frau Bondi, sie habe keine Kundenliste und habe sie auch nie gehabt. Es gebe auch keine Beweise, dass eine solche je existiert habe. Und Epstein habe sich ganz sicher selbst umgebracht. Zur Bestätigung dieser Behauptung veröffentlichte das FBI ein Überwachungsvideo von Epsteins Zelle in seiner Todesnacht. Damit sollte bewiesen werden, dass niemand in seiner Zelle war, weshalb ihn niemand ermordet haben konnte. Nur: Der Timer des Videos sprang irgendwann um eine Minute und zwei Sekunden nach vorne. Eine genaue Untersuchung ergab, dass in dem Video sogar drei Minuten fehlten. Es war offenbar nachbearbeitet worden, obwohl das FBI schwor, es habe die Originalaufnahme veröffentlicht.</p> <p>Ebenfalls im Juli brachte das Wall Street Journal einen Artikel, der behauptete, Donald Trump habe zu Epsteins 50. Geburtstag <a href="https://www.nytimes.com/2025/07/18/business/media/trump-sues-wall-street-journal-epstein.html">eine anzügliche Grußkarte geschickt</a>, die das Journal einsehen durfte. Schon im Vorfeld setzte Trump alle Hebel in Bewegung, um die Veröffentlichung zu verhindern. Die Redaktion ließ sich aber nicht einschüchtern. Trump verklagte dann die Zeitschrift und den Herausgeber auf Schadenersatz in Höhe von „mindestens 10 Milliarden US$“.</p> <p>Jetzt <a href="https://taz.de/Lang-schuerte-Trump-Verschwoerungen-ueber-Jeffrey-Epstein-nun-wird-er-selbst-Opfer-davon/!6098330/">fielen mehrere prominente Verschwörungstheoretiker</a>, darunter Steve Bannon, Tucker Carlson, Alex Jones und Marjorie Taylor Greene, über den Präsidenten her und warfen ihm Vertuschungsversuche vor.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1733" id="attachment_1733"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/scripting_reality1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="400" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/scripting_reality1-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/scripting_reality1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/scripting_reality1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/scripting_reality1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/scripting_reality1.jpg 1024w" width="400"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1733">Die Realität aus dem Laptop. Selbst erstelltes KI-Bild.</figcaption></figure> <p>Damit hatte die Geschichte ein Eigenleben entwickelt, das Trump und seine Berater weder lenken noch kontrollieren konnten. Trump hatte selbst immer wieder die Gerüchte angeheizt hatte, dass Epstein ein zentraler Teil des geheimnisvollen „Deep State“<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a> sei und diverse gegnerische Prominente auf Epsteins Kundenliste standen. Von hier aus betrachtet, hat die Sache durchaus ihre witzigen Aspekte, weil sich Trump in seinen eigenen Verschwörungstheorien verfing. Aus der Sicht von Trumps Teams war die Affäre aber brandgefährlich, weil ein beträchtlicher Teil seiner Anhänger an ihm zu zweifeln begann. Also musste eine mächtige Ablenkung her. Eine <i>sehr</i> mächtige Ablenkung. Und schnell. So gab Trump am 8.8. bekannt, dass er Putin bereits für den 15.8. zu einem Gipfeltreffen nach Alaska eingeladen habe.</p> <p>Der zweite Grund für die Einladung von Putin ist zweifellos Trumps Verlangen nach dem Friedensnobelpreis. Der stehe ihm zu, hat er mehrfach geäußert. Andererseits weiß er schon, dass er sich den Preis verdienen muss, wenn er das Nobelpreiskomitee überzeugen will. Hilft es dabei wirklich, wenn er sich mit Putin auf einem abgelegenen Luftwaffenstützpunkt in Alaska trifft? Es war ja nicht so, als hätte zwischen Trump und Putin in diesem Jahr Funkstille geherrscht. Seit Trumps Amtseinführung haben sie mindestens sechs lange Telefonate geführt. Trumps Vermittler Steve Witkoff flog regelmäßig nach Moskau, um dort Regierungsvertreter zu treffen, auch Putin selbst, zuletzt zwei Tage vor Trumps Ankündigung. Warum also jetzt das hastig anberaumte Treffen?</p> <h3>Ist das wirklich der Gipfel?</h3> <p>Ein Gipfeltreffen (nicht ein Arbeitstreffen) ist normalerweise ein sorgfältig vorbereitetes Event, dessen Protokoll zwischen beiden Seiten genau abgestimmt wird. Und die jeweiligen Regierungen haben Vereinbarungen ausgearbeitet, die nur noch unterzeichnet werden müssen.</p> <p>Missverständnisse waren also vorprogrammiert. Weil der ukrainische Staatschef nicht eingeladen war, musste Russland annehmen, dass Trump mit Putin einen Waffenstillstand in der Ukraine verhandeln wollte und dann die Ukraine zwingen würde, das Ergebnis anzuerkennen, zumal bekannt war, dass Trump schon seit langer Zeit Putin für einen guten Freund hielt. Außerdem sah es so aus, als wolle Trump den westlichen Bann des russischen Präsidenten aufheben, und zwar mit allem Pomp. Eventuell sollte auch eine wirtschaftliche Zusammenarbeit dabei verabredet werden. Russische Kommentatoren reagierten entzückt.</p> <p>Ganz anders die Ukraine und die Europäer: Sie befürchteten das Schlimmste. Trumps Team hatte jetzt mit einem großen Stock im Ameisenhaufen der internationalen Diplomatie herumgerührt, und die Epstein-Affäre verschwand erst einmal aus den Schlagzeilen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1732" id="attachment_1732"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ukraine_panzer.jpg"><img alt="" decoding="async" height="400" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ukraine_panzer-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ukraine_panzer-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ukraine_panzer-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ukraine_panzer-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ukraine_panzer.jpg 1024w" width="400"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1732">Krieg in der Ukraine. KI-erstelltes Symbolbild.</figcaption></figure> <p>Ursprünglich war wohl geplant, dass Trump fünf Stunden lang mit Putin unter vier Augen sprechen sollte. Einem solchen Marathon wäre Trump allerdings körperlich nicht gewachsen, schon gar nicht unmittelbar nach dem 5500 Kilometer langen Flug von Washington nach Anchorage. Letztlich dauerte das Gespräch am 15.8. dann keine drei Stunden, und mit Trump waren der Außenminister Marco Rubio und der Vermittler Steve Witkoff im Raum. In der anschließenden Pressekonferenz ließ ein erschöpfter Trump seinen Gast zuerst reden (was unüblich ist). Putin wiederholte seine bekannten Forderungen für einen Frieden in der Ukraine und Trump hatte sich offenbar überreden lassen, eine Friedensregelung ohne vorherigen Waffenstillstand zu akzeptieren. Möglicherweise war ihm auch der Unterschied nicht so recht klar.<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a></p> <h3>Wer hat gewonnen?</h3> <p>Das Treffen endete danach abrupt, ohne das geplante Essen und ohne Wirtschaftsgespräche. Es sah für viele so aus, als hätte Putin gewonnen.</p> <p>Das halte ich aber für grundfalsch. Trump hat sich nie um die Einzelheiten des Angriffskriegs gegen die Ukraine gekümmert. Seine Statements dazu sind erratisch und voller Fehler. Ihn interessiert seine Rolle als Friedensengel. Außerdem brauchte er gerade eine Ablenkung von der leidigen Epstein-Affäre. Und die hat er bekommen. Nicht zuletzt deshalb sah die Welt drei Tage später einen prächtig gelaunten Trump bei seinem Treffen mit den europäischen Staatschefs und mit Selenskyj.</p> <p>Mit Abstand von mehr als einer Woche lässt sich sagen, dass die US-Regierung in keiner Richtung verbindliche Zusagen gemacht und Trump lediglich erklärt hat, in zwei Wochen etwas zu entscheiden. Das ist <a href="https://www.nytimes.com/2025/06/19/world/middleeast/trump-iran-two-weeks.html">trumpesisch für „irgendwann oder nie“</a>.</p> <p>Möglicherweise dämmert es auch den Russen inzwischen, dass sie lediglich als unbezahlte Statisten für eine neue spannende Wendung in Donald Trumps Realityshow eingeladen worden waren.</p> <h3>Russische Märchen</h3> <p>Aber will Putin den Krieg überhaupt sofort beenden? Nach dem realitätsfernen Narrativ der russischen Regierung gehört die komplette Ukraine zu Russland. Putin selbst hatte im Juli 2021 ein Manifest unter dem Titel „Über die historische Einheit der Russen und der Ukrainer“ veröffentlicht. Danach habe Russland das Recht, die Ukraine mit Russland zu vereinen, auch gewaltsam. Den Westen beschuldigte Putin, die „Brudernationen“ Russland und die Ukraine künstlich entfremdet zu haben.</p> <p>Bereits in den Monaten vor dem Angriff auf die Ukraine ließ Russland eine eindrucksvolle Armee an der ukrainischen Grenze aufmarschieren, schloss aber einen Angriff auf den Nachbarstaat ausdrücklich aus. <a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/kaum-wahrgenommen-russlands-langzeitstrategie/#sdendnote2anc">Im Dezember 2021</a> übermittelte die russische Regierung der NATO und den USA zwei ultimative Vertragsentwürfe, die ohne Änderungen sofort anzunehmen seien. Unter anderem sollte die NATO ihre militärischen Infrastrukturen auf den Stand vor dem 27.5.1997 zurückführen. Außerdem sollte die NATO auf sämtliche militärische Operationen auf dem Gebiet der früheren Warschauer-Pakt-Staaten verzichten, auch solchen, die NATO-Mitglieder geworden waren. Die USA solle alle Atomwaffen, die sie außerhalb ihres Staatsgebiets aufgestellt hatte, zurückführen und alle Infrastrukturen vernichten, die es erlauben würden, sie wieder zu stationieren. Eine Gegenleistung der russischen Seite war nicht vorgesehen.</p> <p>Solche unannehmbaren Ultimaten gelten schon seit dem Altertum als Kriegssignal, und hier war es nicht anders. Am 24. Februar 2022 begann der russische Angriff auf die Ukraine. Bis heute besteht Russland allerdings darauf, dass es gegen die Ukraine gar keinen Krieg führt, sondern lediglich eine „spezielle Militäroperation“ in dem Land durchführt. Und als Kriegsziel hat Putin einen dauerhafter Verzicht der Ukraine auf die NATO-Mitgliedschaft, eine Entwaffnung der Ukraine und eine russlandfreundliche Regierung („Entnazifizierung“) ausgegeben. Bei dem Gipfeltreffen in Alaska <a href="https://www.cbsnews.com/news/transcript-of-what-putin-trump-said-in-alaska/">sagte Putin</a>:</p> <p>„Wie ich bereits gesagt habe, hat die Situation in der Ukraine mit grundlegenden Bedrohungen für unsere Sicherheit zu tun. Darüber hinaus haben wir die ukrainische Nation immer als brüderliche Nation betrachtet, und ich habe dies mehrfach betont. <i>Wie seltsam das unter diesen Umständen auch klingen mag </i>[echt jetzt? TG]<i> </i>… Gleichzeitig sind wir überzeugt, dass wir, um eine dauerhafte und langfristige Lösung zu erreichen, alle primären Ursachen dieses Konflikts beseitigen müssen, und wir haben mehrfach gesagt, dass alle legitimen Anliegen Russlands berücksichtigt werden müssen, um ein gerechtes Sicherheitsgleichgewicht in Europa und in der Welt insgesamt wiederherzustellen, und wir stimmen mit Präsident Trump überein, der heute gesagt hat, dass natürlich auch die Sicherheit der Ukraine gewährleistet werden muss.“</p> <p>Mit den „legitimen Anliegen“ meint Putin vermutlich die Forderungen aus den erwähnten Vertragsentwürfen, die allerdings für die NATO und die USA vollkommen indiskutabel sind.</p> <p>Putin muss wohl angenommen haben, dass Trumps Einladung und die feierliche Begrüßung ein Ende der amerikanischen Unterstützung für die Ukraine einleiten werde. Damit hätte Russland eine exzellente Verhandlungsposition gewonnen, und Putin sah keinen Grund mehr, seine Positionen aufzuweichen. Trump muss die Rede aber so interpretiert haben, dass Putin trotz rotem Teppich und feierlichem Empfang an einem Kompromiss nicht interessiert war. Damit war Trump blamiert, was auch ein beträchtlicher Teil der internationalen Kommentatoren so gesehen hat.</p> <h3>Putin, der Illusionist</h3> <p>Putin hat in den letzten Jahren tatsächlich kein Interesse an einem Waffenstillstand gezeigt. Vielmehr hat er den Eindruck zu erwecken versucht, dass Russland unendliche personelle und materielle Ressourcen aufbieten kann. Ein steter Strom neuer Waffensysteme soll den Endsieg sichern. Die Bevölkerung lebt weiterhin im Frieden, die „spezielle Militäroperation“ ist nichts weiter als ein größeres Manöver, wie sie ständig stattfinden. Normalität aller Orten, das Leben geht weiter, Verluste erleidet nur der Feind.</p> <p>Das ist natürlich eine Illusion, und selbst in Russland glaubt sie kaum noch jemand. In Wahrheit gehen Putin immer mehr die Ressourcen aus, und das Volk ächzt unter den Folgen. Einige Beispiele:</p> <ul> <li>Grundnahrungsmittel werden knapp und teuer, darunter <a href="https://www.agrarheute.com/politik/russland-hat-keine-kartoffeln-mehr-zwingt-krise-putin-knie-634703">Kartoffeln</a>, <a href="https://www.agrarheute.com/markt/marktfruechte/naechste-krise-russland-brot-knapp-baecker-warnt-635383">Brot</a> und <a href="https://www.agrarheute.com/markt/tiere/russische-verbraucher-zahlen-viele-rubelchen-fuer-rindfleisch-636181">Rindfleisch</a>.</li> <li>Russland dürfte durch den Krieg bisher einen wirtschaftlichen Verlust von ca. 1 Billion (1000 Milliarden) US$ eingefahren haben. 350 Milliarden US$ haben alleine die westlichen Länder bei Kriegsbeginn arretiert. Und wegen der westlichen Sanktionen muss Russland sein Erdöl weit unter dem Weltmarktpreis verkaufen, während der Einkauf verschiedener Güter nur über teure Umwege möglich ist. Gleichzeitig zerstört die Ukraine immer mehr Raffinerien und kriegswichtige Infrastrukturen. Benzin ist teuer geworden.</li> <li>Die russische Zentralbank hat die Leitzinsen schon vor geraumer Zeit auf rund 20 Prozent erhöht, und unterbindet damit wirksam die Kreditaufnahme von privaten Unternehmen. Das wird vermutlich schon in den nächsten Monaten zu massiven Pleiten führen.</li> <li>Russland hat offensichtliche Probleme, genügend Freiwillige in den Krieg zu schicken. Das wäre auch kein Wunder: <a href="https://www.nytimes.com/2025/06/03/us/politics/russia-ukraine-troop-casualties.html?searchResultPosition=1">Mehr als eine Million Soldaten</a> sind tot, vermisst oder verwundet. <a href="https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/internationale-politik/id_100541100/ukraine-krieg-so-schnell-sterben-russische-rekruten.html">Die mediane Überlebenszeit</a> eines neuen Rekruten (also die Zeit, bis die Hälfte tot sind) beträgt etwa einen Monat. Nicht zu vergessen: Russland muss für diesen einen Monat Einsatzzeit die Anwerbeprämie (mehr als 20000 US$), das Gehalt und die <a href="https://www.fr.de/wirtschaft/makabrer-profit-mit-putin-gliedertaxe-gefallene-soldaten-bringen-teils-mehr-geld-als-ueberlebende-zr-93886652.html">Lebensversicherung (mehr als 50000 US$) auszahlen</a>. Man könnte meinen, Russlands Soldaten seien unterbezahlt und könnten an der Front billig verheizt werden. Tatsächlich muss aber der russische Staat pro Soldat und Monat deutlich mehr als 70000 US$ aufwenden.</li> <li>Donald Trump trägt zu den Kopfschmerzen der russischen Regierung mehr bei, als er vielleicht ahnt. Er hatte versprochen, dass die amerikanischen Verbraucher weiterhin billiges Öl und Benzin bekommen und eine Ausweitung der Produktion in Aussicht gestellt („Drill, Baby, drill!“). Der Ölpreis verharrt deshalb seit Monaten bei Werten um 70 US$/Barrel. Russland muss sein Öl bei Produktionskosten von ca. 40 US$ mit hohem Abschlag verkaufen, bekommt also kaum mehr als 55 US$ – viel zu wenig für die hohen Kriegskosten. Besserung ist nicht in Sicht.</li> </ul> <p>Auch sicherheitspolitisch hat sich die Lage seit Kriegsbeginn verschlechtert. Eigentlich wollte Putin mit dem Angriff auf die Ukraine die unüberwindliche Stärke der russischen Armee vorführen. Aber schon nach wenigen Wochen mussten sich die Streitkräfte hastig zurückziehen, um der völligen Vernichtung zu entgehen. Inzwischen hat die russische Armee so viele Offiziere und so viel Material verloren, dass sie einer größeren Auseinandersetzung nicht mehr gewachsen wäre.</p> <p>Und wenn Putin die NATO schwächen wollte, so ist ihm das nicht gelungen. Im Gegenteil: Die bisher neutralen Staaten Finnland und Schweden sind der Allianz beigetreten. Durch seine brutale Kriegführung, die viele kleine Sabotageakte und nicht zuletzt durch die eigene Propaganda hat Russland auch entscheidend dazu beigetragen, das alle NATO-Staaten massiv aufrüsten. Westliche Experten nehmen die Drohungen gegen die NATO übrigens <a href="https://www.deutschlandfunk.de/russland-nato-kriegsgefahr-100.html">durchaus ernst</a>. Nur haben sie die NATO-Staaten eben nicht eingeschüchtert, sondern im Gegenteil, wachgerüttelt.</p> <p>Eigentlich müsste Putin den Angriffskrieg gegen die Ukraine so schnell wie möglich beenden. Jeder weitere Tag kostet Ansehen, schwächt die Armee und lässt das Land verarmen.</p> <p>Aber sobald ein sicherer Waffenstillstand in Kraft tritt, würde abgerechnet. Dann müsste Putin erklären, warum er geglaubt hat, die Ukraine mit viel zu schwachen Kräften in einer Woche überrennen zu können. Vielleicht würden sich die Russen auch fragen, warum sie für einen minimalen Gewinn an Landesfläche eine Billion US$ und eine Million Soldaten geopfert haben. Und sie werden überlegen, ob Russland jetzt sicherer, mächtiger und angesehener ist als vorher – oder nicht.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> „Deep State“ ist ein unter Trump-Anhängern und rechten Verschwörungstheoretikern beliebtes Schlagwort für unsichtbare Machtzirkel innerhalb der politischen und administrativen Strukturen des Staates. Dem „Deep State“ kann man alles anhängen, weil er eben unsichtbar ist. Trump hat davon in seinen Wahlkämpfen ausgiebig Gebrauch gemacht.</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Es ist fast unmöglich, einen Frieden zu verhandeln, wenn weiter gekämpft wird. Die Regelungen für den Friedensvertrag spiegeln nicht zuletzt die Stärke der Positionen auf den Schlachtfeld wieder. Solange sich die Frontlinien verschieben, ändert sich die Ausgangslage für den Frieden. Damit besteht die Gefahr, dass beide Seiten versuchen werden, eine zeitweilige Überlegung auszunutzen, um bereits ausgehandelte Regelungen wieder in Frage zu stellen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/die-geskriptete-wahrheit-erzaehlungen-zum-ukrainekrieg/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>116</slash:comments> </item> <item> <title>Bubblenet-Feeding: Die Blasennetze der Buckelwale https://scilogs.spektrum.de/meertext/bubblenet-feeding-die-blasennetze-der-buckelwale/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/bubblenet-feeding-die-blasennetze-der-buckelwale/#comments Fri, 22 Aug 2025 08:00:51 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1746 <h1>Bubblenet-Feeding: Die Blasennetze der Buckelwale » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Buckelwale (<em>Megaptera novaeangliae</em>) setzen „Netze“ aus Luftblasen ins Meer, um darin ihre Lieblingsmahlzeit – kleine Schwarmfische wie Heringe oder Sardinen – zu fangen. Damit gehören sie zu den Walen, die aus Luftblasen regelrechte Fischfallen konstruieren.<br></br>Jetzt hat ein Forschungsteam um Cameron Nemeth (University of Hawai’i, Mānoa) gezeigt, dass unter sieben analysierten Bartenwalen (Grau-, Zwerg-,Bryde-, Sei-, Finn- und Blauwale sowie Buckelwale) nur <a href="https://journals.biologists.com/jeb/article-abstract/228/16/jeb249607/368911/The-key-to-bubble-net-feeding-how-humpback-whale?redirectedFrom=fulltext"><em>Megaptera</em> –  was „lange Schwinge“ bedeutet – dank ihrer langen Brustflossen solche virtuosen Pirouetten </a>– Nemeth schreibt „Hochleistungsdrehungen“ – durchführen können. <p>Die 14 bis 17 Meter langen und bis zu 40 Tonnen schweren Meeressäuger haben einzigartig und ungewöhnlich geformte weiße Brustflossen, die bis zu 3,5 Meter lang werden können. Gleiten sie damit schlagend durchs Wasser, erwecken sie den Anschein, zu fliegen. Die Manövrierfähigkeit von Walen wird durch Brustflossen, Fluken und die Flexibilität der Wirbelsäule erleichtert.</p><br></br>Für solche Kolosse sind Buckelwale geradezu gelenkig, ihre Wirbelsäule ist besonders flexibel und sie setzen die großen Fluken und Flipper zum Manövrieren ein. Ich habe selbst mehrfach beobachtet, wie wendig sie sich bewegen und gerade mit Hilfe der Brustflossen ungewöhnlich enge Drehungen vollführen – sie sind die Artisten unter den Bartenwalen.</p> <h2 id="h-luftblasen-werden-zur-fischfalle">Luftblasen werden zur Fischfalle</h2> <p>Für ein Blasennetz schwimmt meist ein einzelner Wal in einem engen Kreis und stößt dabei in exakt bemessenen Abständen Luftblasen aus. Die Blasen bilden dann einen Ring und steigen an die Oberfläche, wo sie platzen. Da Fische durch solche Blasenvorhänge nicht hindurchschwimmen, können die Wale den Fischschwarm damit enger zusammendrängen. Die Fische bleiben dann dicht gedrängt stehen, wie in einem Fischereinetz. Dann tauchen die Wale unter den eingekreisten Schwarm und stoßen mit weit geöffnetem Maul nach oben. So bekommen sie eine üppige Maulvoll Fisch.</p> <p>Die Arbeitsgruppe um Lars Bejder (Hawaiʻi Institute of Marine Biology (HIMB), principle investigator des MMRP und natürlich Ko-Autor dieser Arbeit) hatte schon 2019 mit zwei Kameradrohnen Luftaufnahmen von vor Alaska und Hawaii fressenden Buckelwalen aufgenommen:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/JNhldKgPRg0?feature=oembed" title="Whale bubble-net feeding documented by UH researchers through groundbreaking video" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Durch die Kombination von Daten aus Drohnen und nicht-invasiven Saugnapf-Markierungen konnten Nemeth und ein Team von Forschern des Marine Mammal Research Programme des Hawai’i Institute of Marine Biology der Universität von Hawaii in Mānoa die für dieses Manöver erforderliche Drehleistung genau quantifizieren:<br></br>Ein Buckelwal erreicht beim Legen seines Blasennetzes Zentripetalbeschleunigungen von bis zu 0,46 m s−2. Die Zentripetal- oder Radialkraft beschreibt die äußere Kraft, die auf einen Körper einwirken muss, damit er sich in einer Kreisbahn bewegt – sie ist also zum Mittelpunkt des Krümmungskreises gerichtet. Damit schwimmen Buckelwale ein wesentlich engeres Wendemanöver als alle anderen Bartenwale. Diese außergewöhnliche Leistung bei Drehbewegungen ist durch die von den Brustflossen erzeugte große Auftriebskraft möglich. Diese trägt zur Zentripetalbeschleunigung erheblich bei und ermöglicht die schnellere Kreisbewegung. Dadurch kann der Wal schneller nach innen kippen und mit seiner ebenfalls sehr hohen Wirbelsäulenflexibilität den Drehradius zu verringern. Die großen Flipper erzeugen nach neuen Berechnungen fast die Hälfte der für die Drehung erforderlichen Kraft. Dadurch dreht sich der Wal mit überraschend geringem Kraftaufwand fast auf der Stelle. Die anderen Bartenwalarten müssten, selbst wenn sie physisch zu ähnlichen Drehungen fähig wären, deutlich mehr Energie aufwenden.</p> <p>Die besondere Körperform der Buckelwale ermöglicht es ihnen also, besonders erfolgreich kleinere oder verstreute Gruppen von Beutetieren zu jagen – <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11336686/">mit dem Zusammentreiben können sie die Fischdichte kompaktieren</a> und so zu einer gehaltvollen Mahlzeit kommen.<aside></aside></p> <p>Eine weitere Herausforderung dieser Studie war, so erklärt der Arbeitsgruppenleiter Lars Bejder, weil sie auf der Kooperation von 28 verschiedenen Forschungsinstitutionen in sechs Ländern beruht.” sagte Lars Bejder. Schließlich könne man nur mit solchen Kooperationen solche umfassenden Fragestellungen erforschen.</p> <p>Manchmal blasen auch mehrere Wale gemeinsam ein Blasennetz:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/JZlqNCPWld8?feature=oembed" title="🐋 Humpback Whales Bubble Net Feeding | WWF-Australia" width="666"></iframe> </p><figcaption>Video: Humpback Whales Bubble Net Feeding | WWF-Australia</figcaption></figure> <h2 id="h-brydewale-blubbern-blasenvorhange"><strong>Brydewale blubbern Blasenvorhänge</strong></h2> <p>Übrigens: Auch die <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/mms.13009">Brydewale (<em>Balaenoptera edeni</em>) setzen </a>Luftblasen ein<br></br><a href="https://theconversation.com/a-recently-discovered-whale-feeding-strategy-has-turned-up-in-2-000-year-old-texts-about-fearsome-sea-monsters-200724">aber deutlich</a> weniger virtuos. Cameron hat mir erklärt, dass sie eher Blasenvorhänge produzieren. Das ist also weit entfernt von der komplexen Drehbewegung für das Buckelwal-Blasennetz. Außerdem, so erzählte er weiter, hätten andere Walforscher ähnliche Blasenvorhänge auch schon bei Südkapern beobachtet. Das ist aber noch nicht publiziert.</p> <p>Die Beobachtung von Walen und anderen Meerestieren mit Kamera-Drohnen hat bereits jetzt die Forschung revolutioniert. Neben immer weiteren spektakulären Verhaltens-Beobachtungen können Forschende per biometrischen Verfahren auch d<a href="https://www.spektrum.de/news/massensterben-grauwale-im-klimawandel/1847374">en Ernährungszustand analysieren</a>, Bestände zählen, Individuen erkennen und viele andere Methoden für Forschung und Artenschutz anwenden. </p> <h2 id="h-quelle"><strong>Quelle:</strong></h2> <p>Cameron Nemeth et al: „<a href="https://journals.biologists.com/jeb/article-abstract/228/16/jeb249607/368911/The-key-to-bubble-net-feeding-how-humpback-whale?redirectedFrom=PDF">The key to bubble-net feeding: how humpback whale morphology functionally differs from other baleen whales</a>“ <em>J Exp Biol</em> (2025) 228 (16): jeb249607.</p> <p>E-Mail-Interview mit Cameron Nemeth</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Bubblenet-Feeding: Die Blasennetze der Buckelwale » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Buckelwale (<em>Megaptera novaeangliae</em>) setzen „Netze“ aus Luftblasen ins Meer, um darin ihre Lieblingsmahlzeit – kleine Schwarmfische wie Heringe oder Sardinen – zu fangen. Damit gehören sie zu den Walen, die aus Luftblasen regelrechte Fischfallen konstruieren.<br></br>Jetzt hat ein Forschungsteam um Cameron Nemeth (University of Hawai’i, Mānoa) gezeigt, dass unter sieben analysierten Bartenwalen (Grau-, Zwerg-,Bryde-, Sei-, Finn- und Blauwale sowie Buckelwale) nur <a href="https://journals.biologists.com/jeb/article-abstract/228/16/jeb249607/368911/The-key-to-bubble-net-feeding-how-humpback-whale?redirectedFrom=fulltext"><em>Megaptera</em> –  was „lange Schwinge“ bedeutet – dank ihrer langen Brustflossen solche virtuosen Pirouetten </a>– Nemeth schreibt „Hochleistungsdrehungen“ – durchführen können. <p>Die 14 bis 17 Meter langen und bis zu 40 Tonnen schweren Meeressäuger haben einzigartig und ungewöhnlich geformte weiße Brustflossen, die bis zu 3,5 Meter lang werden können. Gleiten sie damit schlagend durchs Wasser, erwecken sie den Anschein, zu fliegen. Die Manövrierfähigkeit von Walen wird durch Brustflossen, Fluken und die Flexibilität der Wirbelsäule erleichtert.</p><br></br>Für solche Kolosse sind Buckelwale geradezu gelenkig, ihre Wirbelsäule ist besonders flexibel und sie setzen die großen Fluken und Flipper zum Manövrieren ein. Ich habe selbst mehrfach beobachtet, wie wendig sie sich bewegen und gerade mit Hilfe der Brustflossen ungewöhnlich enge Drehungen vollführen – sie sind die Artisten unter den Bartenwalen.</p> <h2 id="h-luftblasen-werden-zur-fischfalle">Luftblasen werden zur Fischfalle</h2> <p>Für ein Blasennetz schwimmt meist ein einzelner Wal in einem engen Kreis und stößt dabei in exakt bemessenen Abständen Luftblasen aus. Die Blasen bilden dann einen Ring und steigen an die Oberfläche, wo sie platzen. Da Fische durch solche Blasenvorhänge nicht hindurchschwimmen, können die Wale den Fischschwarm damit enger zusammendrängen. Die Fische bleiben dann dicht gedrängt stehen, wie in einem Fischereinetz. Dann tauchen die Wale unter den eingekreisten Schwarm und stoßen mit weit geöffnetem Maul nach oben. So bekommen sie eine üppige Maulvoll Fisch.</p> <p>Die Arbeitsgruppe um Lars Bejder (Hawaiʻi Institute of Marine Biology (HIMB), principle investigator des MMRP und natürlich Ko-Autor dieser Arbeit) hatte schon 2019 mit zwei Kameradrohnen Luftaufnahmen von vor Alaska und Hawaii fressenden Buckelwalen aufgenommen:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/JNhldKgPRg0?feature=oembed" title="Whale bubble-net feeding documented by UH researchers through groundbreaking video" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Durch die Kombination von Daten aus Drohnen und nicht-invasiven Saugnapf-Markierungen konnten Nemeth und ein Team von Forschern des Marine Mammal Research Programme des Hawai’i Institute of Marine Biology der Universität von Hawaii in Mānoa die für dieses Manöver erforderliche Drehleistung genau quantifizieren:<br></br>Ein Buckelwal erreicht beim Legen seines Blasennetzes Zentripetalbeschleunigungen von bis zu 0,46 m s−2. Die Zentripetal- oder Radialkraft beschreibt die äußere Kraft, die auf einen Körper einwirken muss, damit er sich in einer Kreisbahn bewegt – sie ist also zum Mittelpunkt des Krümmungskreises gerichtet. Damit schwimmen Buckelwale ein wesentlich engeres Wendemanöver als alle anderen Bartenwale. Diese außergewöhnliche Leistung bei Drehbewegungen ist durch die von den Brustflossen erzeugte große Auftriebskraft möglich. Diese trägt zur Zentripetalbeschleunigung erheblich bei und ermöglicht die schnellere Kreisbewegung. Dadurch kann der Wal schneller nach innen kippen und mit seiner ebenfalls sehr hohen Wirbelsäulenflexibilität den Drehradius zu verringern. Die großen Flipper erzeugen nach neuen Berechnungen fast die Hälfte der für die Drehung erforderlichen Kraft. Dadurch dreht sich der Wal mit überraschend geringem Kraftaufwand fast auf der Stelle. Die anderen Bartenwalarten müssten, selbst wenn sie physisch zu ähnlichen Drehungen fähig wären, deutlich mehr Energie aufwenden.</p> <p>Die besondere Körperform der Buckelwale ermöglicht es ihnen also, besonders erfolgreich kleinere oder verstreute Gruppen von Beutetieren zu jagen – <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11336686/">mit dem Zusammentreiben können sie die Fischdichte kompaktieren</a> und so zu einer gehaltvollen Mahlzeit kommen.<aside></aside></p> <p>Eine weitere Herausforderung dieser Studie war, so erklärt der Arbeitsgruppenleiter Lars Bejder, weil sie auf der Kooperation von 28 verschiedenen Forschungsinstitutionen in sechs Ländern beruht.” sagte Lars Bejder. Schließlich könne man nur mit solchen Kooperationen solche umfassenden Fragestellungen erforschen.</p> <p>Manchmal blasen auch mehrere Wale gemeinsam ein Blasennetz:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/JZlqNCPWld8?feature=oembed" title="🐋 Humpback Whales Bubble Net Feeding | WWF-Australia" width="666"></iframe> </p><figcaption>Video: Humpback Whales Bubble Net Feeding | WWF-Australia</figcaption></figure> <h2 id="h-brydewale-blubbern-blasenvorhange"><strong>Brydewale blubbern Blasenvorhänge</strong></h2> <p>Übrigens: Auch die <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/mms.13009">Brydewale (<em>Balaenoptera edeni</em>) setzen </a>Luftblasen ein<br></br><a href="https://theconversation.com/a-recently-discovered-whale-feeding-strategy-has-turned-up-in-2-000-year-old-texts-about-fearsome-sea-monsters-200724">aber deutlich</a> weniger virtuos. Cameron hat mir erklärt, dass sie eher Blasenvorhänge produzieren. Das ist also weit entfernt von der komplexen Drehbewegung für das Buckelwal-Blasennetz. Außerdem, so erzählte er weiter, hätten andere Walforscher ähnliche Blasenvorhänge auch schon bei Südkapern beobachtet. Das ist aber noch nicht publiziert.</p> <p>Die Beobachtung von Walen und anderen Meerestieren mit Kamera-Drohnen hat bereits jetzt die Forschung revolutioniert. Neben immer weiteren spektakulären Verhaltens-Beobachtungen können Forschende per biometrischen Verfahren auch d<a href="https://www.spektrum.de/news/massensterben-grauwale-im-klimawandel/1847374">en Ernährungszustand analysieren</a>, Bestände zählen, Individuen erkennen und viele andere Methoden für Forschung und Artenschutz anwenden. </p> <h2 id="h-quelle"><strong>Quelle:</strong></h2> <p>Cameron Nemeth et al: „<a href="https://journals.biologists.com/jeb/article-abstract/228/16/jeb249607/368911/The-key-to-bubble-net-feeding-how-humpback-whale?redirectedFrom=PDF">The key to bubble-net feeding: how humpback whale morphology functionally differs from other baleen whales</a>“ <em>J Exp Biol</em> (2025) 228 (16): jeb249607.</p> <p>E-Mail-Interview mit Cameron Nemeth</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/bubblenet-feeding-die-blasennetze-der-buckelwale/#comments 2 Wach, präsent, veränderbar: Die Rolle der Aufmerksamkeit fürs Gehirn https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/wach-praesent-veraenderbar-die-rolle-der-aufmerksamkeit-fuers-gehirn/ https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/wach-praesent-veraenderbar-die-rolle-der-aufmerksamkeit-fuers-gehirn/#comments Wed, 20 Aug 2025 20:36:42 +0000 Michaela Brohm-Badry https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/?p=1283 <h1>Wach, präsent, veränderbar: Die Rolle der Aufmerksamkeit fürs Gehirn » Positive Psychologie und Motivation » SciLogs</h1><h2>By Michaela Brohm-Badry</h2><div itemprop="text"> <p>Hinweise für Lehrende, Trainer, Coaches und Berater</p> <p>Michaela Brohm-Badry</p> <p><strong>Aufmerksamkeit, Lernen und Neuroplastizität hängen sehr eng zusammen. Unser Gehirn entwickelt sich lernend plastisch weiter, wenn es optimale Bedingungen findet: Wir sind aufmerksam für etwas, weil es uns wichtig ist und wir annehmen, die Aufgabe bewältigen können.</strong></p> <p><strong>In diesem Blog möchte ich zunächst über die Neuroplastizität sprechen, anschließend Überlegungen zur Aufmerksamkeit anstellen, dann beide Perspektiven verbinden und schließlich darauf eingehen, was wir tun können um unsere eigene Aufmerksamkeit und diejenige unserer Lernenden im Unterricht, Training, Seminar oder Vortrag zu steigern.</strong><aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie.jpeg"><img alt="Gehirn_Neuroplastizität_Brohm-Badry" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-1024x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-1024x1024.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-300x300.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-150x150.jpeg 150w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-768x768.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-1536x1536.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie.jpeg 2000w" width="1024"></img></a></figure> <p><strong>Was ist Neuroplastizität?</strong></p> <p>Unser Gehirn passt sich ein Leben lang an unsere gemachten Erfahrungen an. Es reagiert damit auf Herausforderungen und bereitet uns auf ähnliche, folgende Herausforderungen vor. Diese Anpassungen werden in der Gehirnforschung „Neuroplastizität“ genannt. In der frühen Kindheit ist diese Plastizität am höchsten, sie hält aber bis zum letzten Atemzug an.</p> <p>Die genetische Veranlagung bildet zwar die Ausgangsbasis, doch wie stark und umfangreich die Gene aktiviert werden, hängt von weiteren Faktoren ab, wie insbesondere den Erfahrungen und dem Leben in einem langweiligen, reizarmen, oder, – viel besser fürs Gehirn – spannenden Umfeld mit neuen Impulsen.</p> <p>Die Neurowissenschaften unterscheiden zwei Formen der Neuroplastizität: die funktionell und die strukturelle Plastizität.</p> <p>Die <em>funktionelle Plastizität</em> ändert die Effizienz der synaptischen Übertragung zwischen den Neuronen durch den Umbau oder Aufbau von Rezeptoren (wie kleine Steckverbindungen zwischen den Neuronen). Die Schnelligkeit der synaptischen Übertragung von Informationen wird demnach modifiziert.</p> <p>Die <em>strukturelle Plastizität</em> hingegen verändert das Gehirn anatomisch, also wirklich in seiner Struktur – die Dichte und oder das Volumen ganzer Gehirnareale verändert sich, z. B. der grauen und weißen Substanz (im äußeren Teil des Gehirns), die Dicke der Hirnrinde oder die Form der Windungen (Gyri) (Jäncke 2021, S. 529ff) – und das nicht nur nachweisbar bei Musikern oder Sportlern, sondern bei jedem Menschen, denn das Lernen initiiert solche plastischen Prozesse ein Leben lang.</p> <p><strong>Was ist Aufmerksamkeit?</strong></p> <p>Aufmerksamkeit, so Bear, Connors, Paradis (2018) wird im Gegensatz zu einem allgemeinen Erregungszustand, der unspezifisch ist, oft als selektive Aufmerksamkeit bezeichnet (ebda S. 782). Selektive Aufmerksamkeit ist die „Fähigkeit, sich auf einen bestimmten Aspekt des sensorischen Inputs zu konzentrieren“ (ebda S. 778). Durch die selektive Aufmerksamkeit können wir einen Teil der auf uns einströmenden Informationen bevorzugt verarbeiten und den Rest ignorieren (ebda S. 778).</p> <p>Richten wir unseren Fokus beispielsweise jetzt auf das, was schön ist in unserem Leben oder unserer Umgebung (ein schönes Bild, der schlafender Husky neben dem Schreibtisch oder die Pflanze weiter rechts), ignorieren wir tendenziell das, was uns nicht gefällt (unaufgeräumte Aktenberge oder Staub auf der Lampe). Je nachdem, wohin wir den Fokus richten, nehmen wir wahr. Und je zentrierter der Fokus, desto tiefer die Wahrnehmung.</p> <p>Im Ruhezustand sind im Gehirn Areale aktiv, die als „Default-Mode-Netzwerk“ (Ruhezustandsnetzwerk) bezeichnet werden. Es sind unter anderem der mediale präfrontale Cortex (Stirnbereich) und der Hippocampus (eine kleine Struktur in den Schläfen, die aussieht wie ein Seepferdchen). Dieses Netzwerk ist im Ruhezustand aktiver als bei herausfordernden Aufgaben. Wechselt der Aufmerksamkeitsmodus vom Ruhezustand in den Aufmerksamkeitszustand, vermindert sich die Aktivität im Default-Mode-Netzwerk und erhöht sich in denjenigen Netzwerken, die für die spezifische Aktivität gebraucht werden (z.B. visuell oder auditiv). Diese Aktivität bezieht sich entweder auf die Wahrnehmung betreffend (perzeptorische) oder das Körperempfindungen verarbeitend (sensorische) Aufgaben.</p> <p>Zwei Formen der Aufmerksamkeit werden unterschieden: die exogene und die endogene Aufmerksamkeit. Exogene Aufmerksamkeit ist die durch äußere Reize erregte Aufmerksamkeit, die z. B. durch auffällige Färbung, Lichtreflexe oder Bewegungen unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. Endogene Aufmerksamkeit lenkt die Aufmerksamkeit vom Gehirn „bewusst auf ein Objekt oder einen Ort“, um gezielt „einem Verhalten zu dienen“ (Bear, Conners, Paradise 2018, S. 783). Und diese können wir bewusst steuern, indem wir uns fokussiert einlassen auf jemanden oder etwas.</p> <p><strong>Wie hängen Aufmerksamkeit und Neuroplastizität zusammen?</strong></p> <p>Durch erhöhte Aufmerksamkeit, werden andere Wahrnehmungen beschränkt, <em>wodurch die Geschwindigkeit und Präzision der Verarbeitung zunehmen</em> (ebda S. 782). <em>Wir können also die Dinge schneller und Präziser erledigen, wenn wir aufmerksam sind. </em>Aufmerksamkeit erhöht das Arousal und stärkt die Merkfähigkeit wodurch sie ein wichtiger Schlüssel zur Neuroplastizität ist. Judy Willis legt in ihrem Band Researched based strategies to ignite students learning (2020) dar, dass Aufmerksamkeit eine Grundbedingung des Lernens ist. Es ist wichtig, das Interesse der Zuhörenden, Studierenden oder Schüler/innen zu wecken, damit der Torwächter des Retikulären Aktivierungssystems (RAS) – ein Nervenstrang vom Hirnstamm bis zum Mittelhirn, der wie ein Filtersystem für das Gehirn ist – geöffnet bleibt und Lernen über das Limbische System im präfrontalen Cortex reflektiert werden kann.</p> <p>Der Neurotransmitter Acetylcholin spielt bei diesem Prozess eine zentrale Rolle. „Acetylcholin wird freigesetzt, wenn man ein bestimmtes Verhalten ausführt (Aufmerksamkeit) oder wenn das Gehirn einen neuen Reiz erhält“. Mit der Freisetzung von Acetylcholin ist „der Filter offen“, und zwar bis zu mehreren Minuten lang. (Merzenich 2014).</p> <p>Das Gehirn wird somit aktiviert und die plastischen Prozesse für die nächsten Minuten ermöglicht. Darüber hinaus aktivieren neuartige Reize die Produktion von Noradrenalin (ebenfalls ein Neurotransmitter), was das positive Erregungsniveau erhöht. Merzenich stellte in eigenen Untersuchungen fest, dass wenn etwas den Versuchstieren <em>wirklich wichtig war</em>, <em>große Veränderungen in deren Gehirnen auftraten, während</em> <em>wenn etwas irrelevant war</em>, <em>keine Veränderungen auftraten</em>. (Merzenich 2014). Auch war die Stärke der Anstrengung für die Neuroplastizität entscheidend: Je härter und konzentrierter die Tiere an einer Aufgabe arbeiten mussten, desto stärker war der neuronale Effekt.</p> <p><strong>Was wir tun können, um Aufmerksamkeit /Interesse zu wecken</strong></p> <p>Aus dem gesagten ergeben sich vorrangig drei Konsequenzen:</p> <ul> <li>Die (Lern)inhalte sollten Aufmerksamkeit erregen,</li> <li>Die Aufmerksamkeit sollte im Lernprozess erhalten bleiben, indem <ul> <li>die Relevanz des Inhalts hoch ist (wichtig!) und</li> <li>die Aufgabe nicht zu leicht zu bewältigen ist.</li> </ul> </li> <li>Die Aufmerksamkeit kann durch äußere Impulse erregt werden (exogene Aufmerksamkeit), oder durch bewusste innere Fixierung auf eine Aufgabe (endogene Aufmerksamkeit). Beides kann durch die Lehrperson unterstützt werden.</li> </ul> <p>Bezüglich der exogenen Aufmerksamkeit nennt Judy Willis zahlreiche Möglichkeiten, die Aufmerksamkeit im Unterricht zu gewinnen und aufrecht zu erhalten, so z. B. durch Videoclips, Musik, Bewegungen, Änderungen im Tonfall und Lautstärke, Nutzung von Spannungspausen, unübliche Kleidung, unübliche Fakten zu Beginn der Stunde, persönliche Geschichten und vieles mehr. Sie sagt, dass das RAS durch „Neuheit, Neugier, Überraschung, Unerwartetes und Veränderung” beeinflusst werden können.</p> <p>Ich habe mich gefragt, wie in anderen Bereichen Spannung erzeugt wird und habe einige Methoden gefunden, die Autor/innen anwenden, um den Leser/die Leserin auf den ersten Seiten für das Buch zu fesseln und im Laufe des Texts „bei der Stange“ zu halten. Meines Erachtens sind einige dieser Methoden sehr gut auf die Lehrsituation übertragbar:</p> <ol> <li>Gute Autoren fesseln ihre Leser/innen, indem sie die Aufmerksamkeit auf die Zukunft lenken und durch das angedeutete zukünftige Ereignis Spannung erzeugen: Zukünftig wird etwas Spannendes geschehen (Mehler 2013):. Sätze wie: „Hätte ich gewusst, was auf mich zukommt, wäre mir das Blut in den Adern gefroren“ versetzen die Leser/innen in Spannung, bis sie wissen, was auf die Erzählerin zugekommen ist. So könnte die Lehrperson zu Beginn der Stunde sagen, dass die Schüler/innen sich am Ende der Stunde wundern werden, wie die Lösung ist oder ähnliches. Ich beginne meine Seminare manchmal mit dem Satz: „Heute habe ich Ihnen etwas Spannendes mitgebracht“ Bis kürzlich eine Studierende erwiderte: „Oh, das sagen Sie jedes Mal!“ ;-).</li> <li><span>Spannende Texte arbeiten häufig mit einem Geheimnis: Das mysteriöse Nicht-Wissen zieht magisch an (Mehler 2013). Ein ungelesener Brief, ein unbekannter Feind, ein Kästchen, Satz oder Wort: Vielleicht kennen Sie den Film Citizen Kane, in dem ein Reporter nach der Bedeutung des letzten Wortes eines Medienmoguls sucht: Rosebud – ein spannender Film. Bevor in einem Buch oder Film das Geheimnis gelüftet wird, wird häufig ein zweites Geheimnis eingeführt, um den Spannungsbogen hoch zu halten und die Leser/innen zu fesseln. So könnten wir uns z. B. einen Vortrag vorstellen, der mit einem Tagebucheintrag eines Menschen beginnt und die Zuhörer/innen nach und nach herausfinden, was aus dem Schreiber im Laufe der Zeit geworden ist.</span></li> <li>Action erzeugt Spannung: Das bedeutet in Büchern und Filmen oft, viel Handlung gegen die Zeit (Mehler 2013). So kann ebenso im Seminar Action durch Zeitdruck erzeugt werden, z.B. Heute versuchen wir, das ganze Buch fertig zu lesen, wir füllen jetzt ganz schnell diese Tabelle, bis 9:30 Uhr sind wir fertig. Oder auch im Wechsel mit ruhigeren Phasen kann die Spannungskurve austariert werden. Immer wenn es droht langweilig zu werden, braucht Lehre einen Spannungswechsel: Als Methodenwechsel, Wechsel im Tempo oder als Spannung zwischen unterschiedlichen Positionen: z. B. Held gegen Bösewicht.</li> </ol> <p>Spannung erzeugt demnach Aufmerksamkeit. Und Spannung bedeutet, Fragen aufzuwerfen, die die Gesprächspartner/innen, Seminarteilnehmer/innen, die Studierenden oder Schülerinnen und Schüler beantwortet haben wollen. Darüber hinaus können wir die endogene Aufmerksamkeit der Lernenden unterstützen, indem wir ihnen beibringen, alle störenden Außenreize auszuschalten (Mobile, Soc Media usw), sich auf eine Sache zunächst über kurze Zeiträume und dann über immer längere Phasen ganz einzulassen und sich somit aufmerksam zu fokussieren.</p> <p>Und noch ein Tipp zum Schluss: Das Außergewöhnliche erregt immer Aufmerksamkeit, während das Durchschnittliche meist Langeweile hervorruft. Schräge Ideen, etwas ausprobieren, kühne Visionen, Superkräfte, große Tragik oder Freude… Lehrende, die mutig sind und keine Angst haben, sich lächerlich zu machen, sind hier sicherlich im Vorteil.</p> <p>Ein Workbook zum Thema sowie einen Selbsttest finden Sie auf der <a href="https://www.brohm-badry.de/blog-motivation-neurowissenschaften-zukunftsmanagement/">Website</a> der Autorin.</p> <p><strong>Literatur</strong></p> <p>Bear, Maik; Connors, Barry; Paradiso, Michael (2018): Neurowissenschaften.</p> <p>Jänicke, Lutz, (2021): Lehrbuch Kognitive Neurowissenschaften, 3. Aufl. 2021, S. 529).</p> <p>Kampfhammer, Josef P., (2000) Lexikon der Neurowissenschaft, Plastizität im Nervensystem</p> <p>Essay. Spektrum <a href="https://www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/plastizitaet-im-nervensystem/9979">https://www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/plastizitaet-im-nervensystem/9979</a>.</p> <p>Mehler, HA. A. (2013): Wie schreibt man einen Bestseller?</p> <p>Merzenich, Michael (2014): How DOES an Older Brain Remodel Itself?!</p> <p>Ten fundamental principles of brain plasticity</p> <p><a href="https://www.soft-wired.com/ch10/">https://www.soft-wired.com/ch10/</a></p> <p>Willis, Judy und Malana Willis (2020). <em>Research-Based Strategies to Ignite Student Learning: Insights from Neuroscience and the Classroom, Revised and Expanded Edition</em>. ASCD.</p> <p>Foto: (C) Shutterstock.com</p> <p>Website <a href="https://www.brohm-badry.de/">Brohm-Badry</a></p> <p>Website <a href="https://www.uni-trier.de/universitaet/fachbereiche-faecher/fachbereich-i/faecher-und-institute/erziehungs-und-bildungswissenschaften/bildungswissenschaften/abteilungen/bildungswissenschaften-ii/professur-1">Brohm-Badry</a> Universität Trier</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Wach, präsent, veränderbar: Die Rolle der Aufmerksamkeit fürs Gehirn » Positive Psychologie und Motivation » SciLogs</h1><h2>By Michaela Brohm-Badry</h2><div itemprop="text"> <p>Hinweise für Lehrende, Trainer, Coaches und Berater</p> <p>Michaela Brohm-Badry</p> <p><strong>Aufmerksamkeit, Lernen und Neuroplastizität hängen sehr eng zusammen. Unser Gehirn entwickelt sich lernend plastisch weiter, wenn es optimale Bedingungen findet: Wir sind aufmerksam für etwas, weil es uns wichtig ist und wir annehmen, die Aufgabe bewältigen können.</strong></p> <p><strong>In diesem Blog möchte ich zunächst über die Neuroplastizität sprechen, anschließend Überlegungen zur Aufmerksamkeit anstellen, dann beide Perspektiven verbinden und schließlich darauf eingehen, was wir tun können um unsere eigene Aufmerksamkeit und diejenige unserer Lernenden im Unterricht, Training, Seminar oder Vortrag zu steigern.</strong><aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie.jpeg"><img alt="Gehirn_Neuroplastizität_Brohm-Badry" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-1024x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-1024x1024.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-300x300.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-150x150.jpeg 150w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-768x768.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-1536x1536.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie.jpeg 2000w" width="1024"></img></a></figure> <p><strong>Was ist Neuroplastizität?</strong></p> <p>Unser Gehirn passt sich ein Leben lang an unsere gemachten Erfahrungen an. Es reagiert damit auf Herausforderungen und bereitet uns auf ähnliche, folgende Herausforderungen vor. Diese Anpassungen werden in der Gehirnforschung „Neuroplastizität“ genannt. In der frühen Kindheit ist diese Plastizität am höchsten, sie hält aber bis zum letzten Atemzug an.</p> <p>Die genetische Veranlagung bildet zwar die Ausgangsbasis, doch wie stark und umfangreich die Gene aktiviert werden, hängt von weiteren Faktoren ab, wie insbesondere den Erfahrungen und dem Leben in einem langweiligen, reizarmen, oder, – viel besser fürs Gehirn – spannenden Umfeld mit neuen Impulsen.</p> <p>Die Neurowissenschaften unterscheiden zwei Formen der Neuroplastizität: die funktionell und die strukturelle Plastizität.</p> <p>Die <em>funktionelle Plastizität</em> ändert die Effizienz der synaptischen Übertragung zwischen den Neuronen durch den Umbau oder Aufbau von Rezeptoren (wie kleine Steckverbindungen zwischen den Neuronen). Die Schnelligkeit der synaptischen Übertragung von Informationen wird demnach modifiziert.</p> <p>Die <em>strukturelle Plastizität</em> hingegen verändert das Gehirn anatomisch, also wirklich in seiner Struktur – die Dichte und oder das Volumen ganzer Gehirnareale verändert sich, z. B. der grauen und weißen Substanz (im äußeren Teil des Gehirns), die Dicke der Hirnrinde oder die Form der Windungen (Gyri) (Jäncke 2021, S. 529ff) – und das nicht nur nachweisbar bei Musikern oder Sportlern, sondern bei jedem Menschen, denn das Lernen initiiert solche plastischen Prozesse ein Leben lang.</p> <p><strong>Was ist Aufmerksamkeit?</strong></p> <p>Aufmerksamkeit, so Bear, Connors, Paradis (2018) wird im Gegensatz zu einem allgemeinen Erregungszustand, der unspezifisch ist, oft als selektive Aufmerksamkeit bezeichnet (ebda S. 782). Selektive Aufmerksamkeit ist die „Fähigkeit, sich auf einen bestimmten Aspekt des sensorischen Inputs zu konzentrieren“ (ebda S. 778). Durch die selektive Aufmerksamkeit können wir einen Teil der auf uns einströmenden Informationen bevorzugt verarbeiten und den Rest ignorieren (ebda S. 778).</p> <p>Richten wir unseren Fokus beispielsweise jetzt auf das, was schön ist in unserem Leben oder unserer Umgebung (ein schönes Bild, der schlafender Husky neben dem Schreibtisch oder die Pflanze weiter rechts), ignorieren wir tendenziell das, was uns nicht gefällt (unaufgeräumte Aktenberge oder Staub auf der Lampe). Je nachdem, wohin wir den Fokus richten, nehmen wir wahr. Und je zentrierter der Fokus, desto tiefer die Wahrnehmung.</p> <p>Im Ruhezustand sind im Gehirn Areale aktiv, die als „Default-Mode-Netzwerk“ (Ruhezustandsnetzwerk) bezeichnet werden. Es sind unter anderem der mediale präfrontale Cortex (Stirnbereich) und der Hippocampus (eine kleine Struktur in den Schläfen, die aussieht wie ein Seepferdchen). Dieses Netzwerk ist im Ruhezustand aktiver als bei herausfordernden Aufgaben. Wechselt der Aufmerksamkeitsmodus vom Ruhezustand in den Aufmerksamkeitszustand, vermindert sich die Aktivität im Default-Mode-Netzwerk und erhöht sich in denjenigen Netzwerken, die für die spezifische Aktivität gebraucht werden (z.B. visuell oder auditiv). Diese Aktivität bezieht sich entweder auf die Wahrnehmung betreffend (perzeptorische) oder das Körperempfindungen verarbeitend (sensorische) Aufgaben.</p> <p>Zwei Formen der Aufmerksamkeit werden unterschieden: die exogene und die endogene Aufmerksamkeit. Exogene Aufmerksamkeit ist die durch äußere Reize erregte Aufmerksamkeit, die z. B. durch auffällige Färbung, Lichtreflexe oder Bewegungen unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. Endogene Aufmerksamkeit lenkt die Aufmerksamkeit vom Gehirn „bewusst auf ein Objekt oder einen Ort“, um gezielt „einem Verhalten zu dienen“ (Bear, Conners, Paradise 2018, S. 783). Und diese können wir bewusst steuern, indem wir uns fokussiert einlassen auf jemanden oder etwas.</p> <p><strong>Wie hängen Aufmerksamkeit und Neuroplastizität zusammen?</strong></p> <p>Durch erhöhte Aufmerksamkeit, werden andere Wahrnehmungen beschränkt, <em>wodurch die Geschwindigkeit und Präzision der Verarbeitung zunehmen</em> (ebda S. 782). <em>Wir können also die Dinge schneller und Präziser erledigen, wenn wir aufmerksam sind. </em>Aufmerksamkeit erhöht das Arousal und stärkt die Merkfähigkeit wodurch sie ein wichtiger Schlüssel zur Neuroplastizität ist. Judy Willis legt in ihrem Band Researched based strategies to ignite students learning (2020) dar, dass Aufmerksamkeit eine Grundbedingung des Lernens ist. Es ist wichtig, das Interesse der Zuhörenden, Studierenden oder Schüler/innen zu wecken, damit der Torwächter des Retikulären Aktivierungssystems (RAS) – ein Nervenstrang vom Hirnstamm bis zum Mittelhirn, der wie ein Filtersystem für das Gehirn ist – geöffnet bleibt und Lernen über das Limbische System im präfrontalen Cortex reflektiert werden kann.</p> <p>Der Neurotransmitter Acetylcholin spielt bei diesem Prozess eine zentrale Rolle. „Acetylcholin wird freigesetzt, wenn man ein bestimmtes Verhalten ausführt (Aufmerksamkeit) oder wenn das Gehirn einen neuen Reiz erhält“. Mit der Freisetzung von Acetylcholin ist „der Filter offen“, und zwar bis zu mehreren Minuten lang. (Merzenich 2014).</p> <p>Das Gehirn wird somit aktiviert und die plastischen Prozesse für die nächsten Minuten ermöglicht. Darüber hinaus aktivieren neuartige Reize die Produktion von Noradrenalin (ebenfalls ein Neurotransmitter), was das positive Erregungsniveau erhöht. Merzenich stellte in eigenen Untersuchungen fest, dass wenn etwas den Versuchstieren <em>wirklich wichtig war</em>, <em>große Veränderungen in deren Gehirnen auftraten, während</em> <em>wenn etwas irrelevant war</em>, <em>keine Veränderungen auftraten</em>. (Merzenich 2014). Auch war die Stärke der Anstrengung für die Neuroplastizität entscheidend: Je härter und konzentrierter die Tiere an einer Aufgabe arbeiten mussten, desto stärker war der neuronale Effekt.</p> <p><strong>Was wir tun können, um Aufmerksamkeit /Interesse zu wecken</strong></p> <p>Aus dem gesagten ergeben sich vorrangig drei Konsequenzen:</p> <ul> <li>Die (Lern)inhalte sollten Aufmerksamkeit erregen,</li> <li>Die Aufmerksamkeit sollte im Lernprozess erhalten bleiben, indem <ul> <li>die Relevanz des Inhalts hoch ist (wichtig!) und</li> <li>die Aufgabe nicht zu leicht zu bewältigen ist.</li> </ul> </li> <li>Die Aufmerksamkeit kann durch äußere Impulse erregt werden (exogene Aufmerksamkeit), oder durch bewusste innere Fixierung auf eine Aufgabe (endogene Aufmerksamkeit). Beides kann durch die Lehrperson unterstützt werden.</li> </ul> <p>Bezüglich der exogenen Aufmerksamkeit nennt Judy Willis zahlreiche Möglichkeiten, die Aufmerksamkeit im Unterricht zu gewinnen und aufrecht zu erhalten, so z. B. durch Videoclips, Musik, Bewegungen, Änderungen im Tonfall und Lautstärke, Nutzung von Spannungspausen, unübliche Kleidung, unübliche Fakten zu Beginn der Stunde, persönliche Geschichten und vieles mehr. Sie sagt, dass das RAS durch „Neuheit, Neugier, Überraschung, Unerwartetes und Veränderung” beeinflusst werden können.</p> <p>Ich habe mich gefragt, wie in anderen Bereichen Spannung erzeugt wird und habe einige Methoden gefunden, die Autor/innen anwenden, um den Leser/die Leserin auf den ersten Seiten für das Buch zu fesseln und im Laufe des Texts „bei der Stange“ zu halten. Meines Erachtens sind einige dieser Methoden sehr gut auf die Lehrsituation übertragbar:</p> <ol> <li>Gute Autoren fesseln ihre Leser/innen, indem sie die Aufmerksamkeit auf die Zukunft lenken und durch das angedeutete zukünftige Ereignis Spannung erzeugen: Zukünftig wird etwas Spannendes geschehen (Mehler 2013):. Sätze wie: „Hätte ich gewusst, was auf mich zukommt, wäre mir das Blut in den Adern gefroren“ versetzen die Leser/innen in Spannung, bis sie wissen, was auf die Erzählerin zugekommen ist. So könnte die Lehrperson zu Beginn der Stunde sagen, dass die Schüler/innen sich am Ende der Stunde wundern werden, wie die Lösung ist oder ähnliches. Ich beginne meine Seminare manchmal mit dem Satz: „Heute habe ich Ihnen etwas Spannendes mitgebracht“ Bis kürzlich eine Studierende erwiderte: „Oh, das sagen Sie jedes Mal!“ ;-).</li> <li><span>Spannende Texte arbeiten häufig mit einem Geheimnis: Das mysteriöse Nicht-Wissen zieht magisch an (Mehler 2013). Ein ungelesener Brief, ein unbekannter Feind, ein Kästchen, Satz oder Wort: Vielleicht kennen Sie den Film Citizen Kane, in dem ein Reporter nach der Bedeutung des letzten Wortes eines Medienmoguls sucht: Rosebud – ein spannender Film. Bevor in einem Buch oder Film das Geheimnis gelüftet wird, wird häufig ein zweites Geheimnis eingeführt, um den Spannungsbogen hoch zu halten und die Leser/innen zu fesseln. So könnten wir uns z. B. einen Vortrag vorstellen, der mit einem Tagebucheintrag eines Menschen beginnt und die Zuhörer/innen nach und nach herausfinden, was aus dem Schreiber im Laufe der Zeit geworden ist.</span></li> <li>Action erzeugt Spannung: Das bedeutet in Büchern und Filmen oft, viel Handlung gegen die Zeit (Mehler 2013). So kann ebenso im Seminar Action durch Zeitdruck erzeugt werden, z.B. Heute versuchen wir, das ganze Buch fertig zu lesen, wir füllen jetzt ganz schnell diese Tabelle, bis 9:30 Uhr sind wir fertig. Oder auch im Wechsel mit ruhigeren Phasen kann die Spannungskurve austariert werden. Immer wenn es droht langweilig zu werden, braucht Lehre einen Spannungswechsel: Als Methodenwechsel, Wechsel im Tempo oder als Spannung zwischen unterschiedlichen Positionen: z. B. Held gegen Bösewicht.</li> </ol> <p>Spannung erzeugt demnach Aufmerksamkeit. Und Spannung bedeutet, Fragen aufzuwerfen, die die Gesprächspartner/innen, Seminarteilnehmer/innen, die Studierenden oder Schülerinnen und Schüler beantwortet haben wollen. Darüber hinaus können wir die endogene Aufmerksamkeit der Lernenden unterstützen, indem wir ihnen beibringen, alle störenden Außenreize auszuschalten (Mobile, Soc Media usw), sich auf eine Sache zunächst über kurze Zeiträume und dann über immer längere Phasen ganz einzulassen und sich somit aufmerksam zu fokussieren.</p> <p>Und noch ein Tipp zum Schluss: Das Außergewöhnliche erregt immer Aufmerksamkeit, während das Durchschnittliche meist Langeweile hervorruft. Schräge Ideen, etwas ausprobieren, kühne Visionen, Superkräfte, große Tragik oder Freude… Lehrende, die mutig sind und keine Angst haben, sich lächerlich zu machen, sind hier sicherlich im Vorteil.</p> <p>Ein Workbook zum Thema sowie einen Selbsttest finden Sie auf der <a href="https://www.brohm-badry.de/blog-motivation-neurowissenschaften-zukunftsmanagement/">Website</a> der Autorin.</p> <p><strong>Literatur</strong></p> <p>Bear, Maik; Connors, Barry; Paradiso, Michael (2018): Neurowissenschaften.</p> <p>Jänicke, Lutz, (2021): Lehrbuch Kognitive Neurowissenschaften, 3. Aufl. 2021, S. 529).</p> <p>Kampfhammer, Josef P., (2000) Lexikon der Neurowissenschaft, Plastizität im Nervensystem</p> <p>Essay. Spektrum <a href="https://www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/plastizitaet-im-nervensystem/9979">https://www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/plastizitaet-im-nervensystem/9979</a>.</p> <p>Mehler, HA. A. (2013): Wie schreibt man einen Bestseller?</p> <p>Merzenich, Michael (2014): How DOES an Older Brain Remodel Itself?!</p> <p>Ten fundamental principles of brain plasticity</p> <p><a href="https://www.soft-wired.com/ch10/">https://www.soft-wired.com/ch10/</a></p> <p>Willis, Judy und Malana Willis (2020). <em>Research-Based Strategies to Ignite Student Learning: Insights from Neuroscience and the Classroom, Revised and Expanded Edition</em>. ASCD.</p> <p>Foto: (C) Shutterstock.com</p> <p>Website <a href="https://www.brohm-badry.de/">Brohm-Badry</a></p> <p>Website <a href="https://www.uni-trier.de/universitaet/fachbereiche-faecher/fachbereich-i/faecher-und-institute/erziehungs-und-bildungswissenschaften/bildungswissenschaften/abteilungen/bildungswissenschaften-ii/professur-1">Brohm-Badry</a> Universität Trier</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/wach-praesent-veraenderbar-die-rolle-der-aufmerksamkeit-fuers-gehirn/#comments 6 Feuerstein der Schreibkreide – das Sedimentärgeschiebe des Jahres 2025 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/feuerstein-der-schreibkreide-das-sedimentaergeschiebe-des-jahres-2025/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/feuerstein-der-schreibkreide-das-sedimentaergeschiebe-des-jahres-2025/#respond Wed, 20 Aug 2025 20:03:26 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3698 <h1>Feuerstein der Schreibkreide – das Sedimentärgeschiebe des Jahres 2025 » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p><br></br>Das Sedimentärgeschiebe des Jahrs 2025 kennt vermutlich jeder. Der schwarze Feuerstein ist eines der häufigsten und am weitesten verbreiteten Geschiebe. Er kommt überall dort vor, wo Schreibkreide ansteht, und diese kommt im Norden relativ weitflächig vor. Das Gestein ist ziemlich zäh und deutlich besser gerüstet, einen Transport durch Gletschereis zu überstehen, als die Schreibkreide. So kommt der schwarze Feuerstein auch überall dort vor, wo ihn die eiszeitlichen Gletscher wieder abgelagert haben. Bei dem Sedimentärgeschiebe des Jahres handelt es sich um die Feuersteine der Schreibkreide. Vieles, was für diese gilt, lässt sich jedoch auch auf andere Feuersteinvorkommen übertragen.</p> <p>Feuerstein ist nicht nur ein sehr hartes, sondern auch ein hervorragend spaltbares Gestein. Dabei entstehen teilweise sehr scharfe Schlagkanten. Das hat der Mensch sehr schnell bemerkt und das Gestein als Rohmaterial genutzt, um daraus Werkzeuge und Waffen zu fertigen. Damit hat das Gestein wohl auch eine bedeutende Rolle in unserer Geschichte gespielt. Auch in der Erforschung der Eiszeiten spielt der Feuerstein eine Rolle. Als sogenannte Feuersteinlinie zeichnet er die maximale Ausdehnung der skandinavischen Gletscher nach.</p> <h2 id="h-was-ist-feuerstein">Was ist Feuerstein?</h2> <p>Feuerstein besteht fast ausschließlich aus Siliciumdioxid in Form von sehr feinkörnigem, dichtem Quarz (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Chalcedon_(Mineral)">Chalcedon</a>) oder wasserhaltigem (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mog%C3%A1nit">Mogánit</a>) bzw. amorphen (Opal) SiO₂-Variationen. Seine Farbe erhält der Feuerstein durch Beimengungen verschiedener anderer Bestandteile, wie etwa Hämatit bei rötlichen Variationen. Der hier als Geschiebe des Jahres behandelte Feuerstein der Schreibkreide ist meist schwarz, mit helleren, ins Graue spielenden Bereichen. Bänderungen sind selten zu beobachten.</p> <p>Frisch aus dem Anstehenden oder bei vom Gletschertransport nicht zu stark beanspruchten Geschieben zeigt sich oft eine bis zu 3 mm dicke, weißliche Rinde. Diese auch als Cortex bezeichnete Schicht besteht nicht aus dem umgebenden Kalk der Schreibkreide, sondern aus Opal-CT [1]. Bei den Feuersteinen der Schreibkreide ist dieser Cortex in der Regel relativ glatt.</p> <h2 id="h-wie-ist-der-feuerstein-entstanden"><br></br>Wie ist der Feuerstein entstanden?</h2> <p>Die Entstehung von Feuerstein und ähnlichen Strukturen in anderen, älteren kalkigen Sedimenten (Hornstein) ist noch nicht abschließend geklärt. Der Grundtenor der verschiedenen Hypothesen ist jedoch, dass während der Diagenese kieselsäurehaltige Lösungen in den Sedimenten ausfallen und die Karbonatminerale verdrängen. Relikte von Organismen wie Kieselschwämme und Diatomeen in den Feuersteinen deuten auf einen organischen Ursprung der Lösungen hin [2][3][4][5].<br></br>Die Diagenese dieser kieselsäurehaltigen Lösungen zu Feuerstein verläuft über amorphen Opal-A und Opal-CT, der als wasserhaltige Vorstufe des Feuersteins betrachtet wird.<aside></aside></p> <p>Mit zunehmender Dehydrierung wird aus dem Opal-CT (SiO₂·nH₂O) der heutige Feuerstein. Dieser Prozess läuft von innen nach außen ab und nimmt vermutlich einige Jahrmillionen in Anspruch.</p> <figure><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1164" sizes="(max-width: 1708px) 100vw, 1708px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Fintstonep.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Fintstonep.jpg 1708w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Fintstonep-300x204.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Fintstonep-1024x698.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Fintstonep-768x523.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Fintstonep-1536x1047.jpg 1536w" width="1708"></img><figcaption><em>Anschnitt einer Feuersteinknolle. Auffällig ist die hier sehr ausgeprägte weiße Rinde. No machine-readable author provided. Anton~commonswiki assumed (based on copyright claims). (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fintstonep.jpg">https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fintstonep.jpg</a>), „Fintstonep“, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode">https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode</a></em></figcaption></figure> <h2 id="h-wo-kommt-feuerstein-vor">Wo kommt Feuerstein vor?</h2> <p>Feuerstein findet sich in zahlreichen Ablagerungen des Jura und der Kreide. Ein bekanntes Beispiel für anstehenden Feuerstein in Deutschland sind die Kreidefelsen von Rügen. Aber auch an anderen Kreidevorkommen kann man Feuerstein finden, beispielsweise in Hemmoor, auf Helgoland (Düne) oder in Lägerdorf.</p> <p>Da Feuerstein gegenüber Verwitterung und Transport durch Gletscher deutlich resistenter ist als sein Muttergestein, die Schreibkreide, kann er sehr weit transportiert werden. Berücksichtigt man zudem die recht weite Verbreitung der Kreide in Deutschland und Skandinavien, wird die weite Verbreitung und die Häufigkeit, mit der Feuerstein in den eiszeitlichen Ablagerungen zu finden ist, verständlich. Hinzu kommt sein charakteristisches Aussehen, das eine Wiedererkennung selbst für wenig geübte Menschen einfach macht.</p> <figure><div> <a href="https://flic.kr/p/fmhNGd"><img alt="Rügen - Kreideklippen" decoding="async" height="800" src="https://live.staticflickr.com/5533/9418603540_7f6bcb0c88_c.jpg" width="600"></img></a> </div><figcaption><em>Feuersteinlagen in den Kreideklippen auf Rügen. Eigenes Foto</em></figcaption></figure> <p>Aufgrund seiner Verwitterungsbeständigkeit und der Tatsache, dass Feuerstein in weiten Teilen Deutschlands nicht vorkommt, ist er auch ein idealer Indikator für die maximale Ausdehnung der eiszeitlichen Gletscher. Selbst wenn die ursprünglichen Moränen der Elster-Vereisung der Erosion zum Opfer gefallen sind, lässt sich mithilfe des Feuersteins die maximale Ausdehnung der Gletscher ermitteln. Diese Linie wird <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Feuersteinlinie">Feuersteinlinie</a> genannt und verläuft grob über die Städte Wernigerode, Nordhausen, Zwickau, Chemnitz, Freital und Bad Schandau von der Nordsee über die nördlichen Ausläufer des Teutoburger Waldes und den Harz.</p> <h2 id="h-feuerstein-als-geschiebe">Feuerstein als Geschiebe</h2> <p>Feuerstein ist, wie bereits oben gesagt, als Geschiebe nicht selten. Als solcher ist er auch relativ gut und einfach erkennbar. Die einzelnen Feuersteintypen lassen sich jedoch nicht so einfach voneinander unterscheiden [6]. Neben dem hier behandelten Feuerstein aus der Schreibkreide kommen im Bereich der nordischen Geschiebe auch andere Feuersteine vor, zum Beispiel der Dan-Feuerstein aus dem Paläozän, der Kristianstad-Feuerstein, auch Hanaskog-Flint genannt, aus dem Campan/Maastricht in Schweden, der Kinnekulle-Flint aus dem Oberkambrium oder die ordovizische Flinte aus Südschweden.</p> <p>Unser Feuerstein der Schreibkreide stammt aus dem Anstehenden der Schreibkreide, die größere Gebiete Nordjütlands, aber auch Südwestschweden, Mön, Ostseeland oder Rügen aufbaut.</p> <p>Was Feuerstein für Sammler besonders interessant macht, ist neben seiner vergleichsweise leichten Erkennbarkeit sein Fossilgehalt. Diese können dabei sehr vielfältig sein.</p> <p>Nicht unerwähnt bleiben sollen hier natürlich auch die sogenannten Hühnergötter. Dabei handelt es sich um Feuersteine mit natürlichen Löchern, die im Volksglauben bei der Gartengestaltung eine Rolle spielen. Ihre etwas größeren Gegenstücke sind die Sassnitzer Blumentöpfe. Diese großen Feuersteine mit ihrem zentralen Hohlraum werden vor allem auf Rügen dekorativ bepflanzt in der Gartengestaltung verwendet.</p> <h2 id="h-references">References</h2> <ul> <li>[1] <strong>Fröhlich, F.</strong> (<strong>2020</strong>). <em>The opal-CT nanostructure</em>, Journal of Non-Crystalline Solids 533 : 119938.</li> <li>[2] <strong>Rutten, M. G.</strong> (<strong>1957</strong>). <em>Remarks on the genesis of flints</em>, American Journal of Science 255 : 432-439.</li> <li>[3] <strong>Voigt, E.</strong> (<strong>1981</strong>). <em>Über die Zeit der Bildung der Feuersteine in der oberen Kreide</em>, Staringia 6 : 11-16.</li> <li>[4] <strong>Zijlstra, H.</strong> (<strong>1995</strong>). <em>Origin and growth of flint nodules</em>, Lecture Notes in Earth Sciences, Berlin Springer Verlag 54 : 51-66.</li> <li>[5] <strong>Lindgreen, H.; Drits, V.; Salyn, A.; Jakobsen, F. and Springer, N.</strong> (<strong>2011</strong>). <em>Formation of flint horizons in North Sea chalk through marine sedimentation of nano-quartz</em>, Clay Minerals 46 : 525-537.</li> <li>[6] <strong>Högberg, A.; Olausson, D. and Hughes, R.</strong> (<strong>2012</strong>). <em>Many different types of Scandinavian flint–visual classification and energy dispersive X-ray fluorescence</em>, Fornvännen 107 : 225-240.</li> <li>[7] <strong>KLAFACK, R.</strong> (). <em>Über” Hühnergötter” und” Saßnitzer Blumentöpfe</em>, Geschiebekunde aktuell 10 : 117.</li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Feuerstein der Schreibkreide – das Sedimentärgeschiebe des Jahres 2025 » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p><br></br>Das Sedimentärgeschiebe des Jahrs 2025 kennt vermutlich jeder. Der schwarze Feuerstein ist eines der häufigsten und am weitesten verbreiteten Geschiebe. Er kommt überall dort vor, wo Schreibkreide ansteht, und diese kommt im Norden relativ weitflächig vor. Das Gestein ist ziemlich zäh und deutlich besser gerüstet, einen Transport durch Gletschereis zu überstehen, als die Schreibkreide. So kommt der schwarze Feuerstein auch überall dort vor, wo ihn die eiszeitlichen Gletscher wieder abgelagert haben. Bei dem Sedimentärgeschiebe des Jahres handelt es sich um die Feuersteine der Schreibkreide. Vieles, was für diese gilt, lässt sich jedoch auch auf andere Feuersteinvorkommen übertragen.</p> <p>Feuerstein ist nicht nur ein sehr hartes, sondern auch ein hervorragend spaltbares Gestein. Dabei entstehen teilweise sehr scharfe Schlagkanten. Das hat der Mensch sehr schnell bemerkt und das Gestein als Rohmaterial genutzt, um daraus Werkzeuge und Waffen zu fertigen. Damit hat das Gestein wohl auch eine bedeutende Rolle in unserer Geschichte gespielt. Auch in der Erforschung der Eiszeiten spielt der Feuerstein eine Rolle. Als sogenannte Feuersteinlinie zeichnet er die maximale Ausdehnung der skandinavischen Gletscher nach.</p> <h2 id="h-was-ist-feuerstein">Was ist Feuerstein?</h2> <p>Feuerstein besteht fast ausschließlich aus Siliciumdioxid in Form von sehr feinkörnigem, dichtem Quarz (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Chalcedon_(Mineral)">Chalcedon</a>) oder wasserhaltigem (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mog%C3%A1nit">Mogánit</a>) bzw. amorphen (Opal) SiO₂-Variationen. Seine Farbe erhält der Feuerstein durch Beimengungen verschiedener anderer Bestandteile, wie etwa Hämatit bei rötlichen Variationen. Der hier als Geschiebe des Jahres behandelte Feuerstein der Schreibkreide ist meist schwarz, mit helleren, ins Graue spielenden Bereichen. Bänderungen sind selten zu beobachten.</p> <p>Frisch aus dem Anstehenden oder bei vom Gletschertransport nicht zu stark beanspruchten Geschieben zeigt sich oft eine bis zu 3 mm dicke, weißliche Rinde. Diese auch als Cortex bezeichnete Schicht besteht nicht aus dem umgebenden Kalk der Schreibkreide, sondern aus Opal-CT [1]. Bei den Feuersteinen der Schreibkreide ist dieser Cortex in der Regel relativ glatt.</p> <h2 id="h-wie-ist-der-feuerstein-entstanden"><br></br>Wie ist der Feuerstein entstanden?</h2> <p>Die Entstehung von Feuerstein und ähnlichen Strukturen in anderen, älteren kalkigen Sedimenten (Hornstein) ist noch nicht abschließend geklärt. Der Grundtenor der verschiedenen Hypothesen ist jedoch, dass während der Diagenese kieselsäurehaltige Lösungen in den Sedimenten ausfallen und die Karbonatminerale verdrängen. Relikte von Organismen wie Kieselschwämme und Diatomeen in den Feuersteinen deuten auf einen organischen Ursprung der Lösungen hin [2][3][4][5].<br></br>Die Diagenese dieser kieselsäurehaltigen Lösungen zu Feuerstein verläuft über amorphen Opal-A und Opal-CT, der als wasserhaltige Vorstufe des Feuersteins betrachtet wird.<aside></aside></p> <p>Mit zunehmender Dehydrierung wird aus dem Opal-CT (SiO₂·nH₂O) der heutige Feuerstein. Dieser Prozess läuft von innen nach außen ab und nimmt vermutlich einige Jahrmillionen in Anspruch.</p> <figure><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1164" sizes="(max-width: 1708px) 100vw, 1708px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Fintstonep.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Fintstonep.jpg 1708w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Fintstonep-300x204.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Fintstonep-1024x698.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Fintstonep-768x523.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Fintstonep-1536x1047.jpg 1536w" width="1708"></img><figcaption><em>Anschnitt einer Feuersteinknolle. Auffällig ist die hier sehr ausgeprägte weiße Rinde. No machine-readable author provided. Anton~commonswiki assumed (based on copyright claims). (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fintstonep.jpg">https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fintstonep.jpg</a>), „Fintstonep“, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode">https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode</a></em></figcaption></figure> <h2 id="h-wo-kommt-feuerstein-vor">Wo kommt Feuerstein vor?</h2> <p>Feuerstein findet sich in zahlreichen Ablagerungen des Jura und der Kreide. Ein bekanntes Beispiel für anstehenden Feuerstein in Deutschland sind die Kreidefelsen von Rügen. Aber auch an anderen Kreidevorkommen kann man Feuerstein finden, beispielsweise in Hemmoor, auf Helgoland (Düne) oder in Lägerdorf.</p> <p>Da Feuerstein gegenüber Verwitterung und Transport durch Gletscher deutlich resistenter ist als sein Muttergestein, die Schreibkreide, kann er sehr weit transportiert werden. Berücksichtigt man zudem die recht weite Verbreitung der Kreide in Deutschland und Skandinavien, wird die weite Verbreitung und die Häufigkeit, mit der Feuerstein in den eiszeitlichen Ablagerungen zu finden ist, verständlich. Hinzu kommt sein charakteristisches Aussehen, das eine Wiedererkennung selbst für wenig geübte Menschen einfach macht.</p> <figure><div> <a href="https://flic.kr/p/fmhNGd"><img alt="Rügen - Kreideklippen" decoding="async" height="800" src="https://live.staticflickr.com/5533/9418603540_7f6bcb0c88_c.jpg" width="600"></img></a> </div><figcaption><em>Feuersteinlagen in den Kreideklippen auf Rügen. Eigenes Foto</em></figcaption></figure> <p>Aufgrund seiner Verwitterungsbeständigkeit und der Tatsache, dass Feuerstein in weiten Teilen Deutschlands nicht vorkommt, ist er auch ein idealer Indikator für die maximale Ausdehnung der eiszeitlichen Gletscher. Selbst wenn die ursprünglichen Moränen der Elster-Vereisung der Erosion zum Opfer gefallen sind, lässt sich mithilfe des Feuersteins die maximale Ausdehnung der Gletscher ermitteln. Diese Linie wird <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Feuersteinlinie">Feuersteinlinie</a> genannt und verläuft grob über die Städte Wernigerode, Nordhausen, Zwickau, Chemnitz, Freital und Bad Schandau von der Nordsee über die nördlichen Ausläufer des Teutoburger Waldes und den Harz.</p> <h2 id="h-feuerstein-als-geschiebe">Feuerstein als Geschiebe</h2> <p>Feuerstein ist, wie bereits oben gesagt, als Geschiebe nicht selten. Als solcher ist er auch relativ gut und einfach erkennbar. Die einzelnen Feuersteintypen lassen sich jedoch nicht so einfach voneinander unterscheiden [6]. Neben dem hier behandelten Feuerstein aus der Schreibkreide kommen im Bereich der nordischen Geschiebe auch andere Feuersteine vor, zum Beispiel der Dan-Feuerstein aus dem Paläozän, der Kristianstad-Feuerstein, auch Hanaskog-Flint genannt, aus dem Campan/Maastricht in Schweden, der Kinnekulle-Flint aus dem Oberkambrium oder die ordovizische Flinte aus Südschweden.</p> <p>Unser Feuerstein der Schreibkreide stammt aus dem Anstehenden der Schreibkreide, die größere Gebiete Nordjütlands, aber auch Südwestschweden, Mön, Ostseeland oder Rügen aufbaut.</p> <p>Was Feuerstein für Sammler besonders interessant macht, ist neben seiner vergleichsweise leichten Erkennbarkeit sein Fossilgehalt. Diese können dabei sehr vielfältig sein.</p> <p>Nicht unerwähnt bleiben sollen hier natürlich auch die sogenannten Hühnergötter. Dabei handelt es sich um Feuersteine mit natürlichen Löchern, die im Volksglauben bei der Gartengestaltung eine Rolle spielen. Ihre etwas größeren Gegenstücke sind die Sassnitzer Blumentöpfe. Diese großen Feuersteine mit ihrem zentralen Hohlraum werden vor allem auf Rügen dekorativ bepflanzt in der Gartengestaltung verwendet.</p> <h2 id="h-references">References</h2> <ul> <li>[1] <strong>Fröhlich, F.</strong> (<strong>2020</strong>). <em>The opal-CT nanostructure</em>, Journal of Non-Crystalline Solids 533 : 119938.</li> <li>[2] <strong>Rutten, M. G.</strong> (<strong>1957</strong>). <em>Remarks on the genesis of flints</em>, American Journal of Science 255 : 432-439.</li> <li>[3] <strong>Voigt, E.</strong> (<strong>1981</strong>). <em>Über die Zeit der Bildung der Feuersteine in der oberen Kreide</em>, Staringia 6 : 11-16.</li> <li>[4] <strong>Zijlstra, H.</strong> (<strong>1995</strong>). <em>Origin and growth of flint nodules</em>, Lecture Notes in Earth Sciences, Berlin Springer Verlag 54 : 51-66.</li> <li>[5] <strong>Lindgreen, H.; Drits, V.; Salyn, A.; Jakobsen, F. and Springer, N.</strong> (<strong>2011</strong>). <em>Formation of flint horizons in North Sea chalk through marine sedimentation of nano-quartz</em>, Clay Minerals 46 : 525-537.</li> <li>[6] <strong>Högberg, A.; Olausson, D. and Hughes, R.</strong> (<strong>2012</strong>). <em>Many different types of Scandinavian flint–visual classification and energy dispersive X-ray fluorescence</em>, Fornvännen 107 : 225-240.</li> <li>[7] <strong>KLAFACK, R.</strong> (). <em>Über” Hühnergötter” und” Saßnitzer Blumentöpfe</em>, Geschiebekunde aktuell 10 : 117.</li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/feuerstein-der-schreibkreide-das-sedimentaergeschiebe-des-jahres-2025/#respond 0 AstroGeoPlänkel: Echsen, Einstein und Ereignishorizont https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-echsen-einstein-und-ereignishorizont/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-echsen-einstein-und-ereignishorizont/#comments Mon, 18 Aug 2025 16:13:04 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1742 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag121-geplaenkel-768x768.jpg Das AstroGeo-Logo mit dem Zusatz „Geplänkel“, dahinter diagonal geteilt die Nahaufnahme eines im Foto nur angeschnittenen fischartigen Fossils und die andere Diagonale zeigt ein Schwarzes Loch mit blauem Rand https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-echsen-einstein-und-ereignishorizont/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag121-geplaenkel-scaled.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Echsen, Einstein und Ereignishorizont » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Euer Feedback zu den Geschichten im AstroGeo Podcast: Franzi und Karl sprechen im AstroGeoPlänkel über eure Reaktionen zu den vergangenen beiden Episoden – und führen erstmals das <em>Lob des Monats</em> ein: Ralf freut sich an der Mischung aus Astro- und Geo-Themen, den hohen Informationsgehalt und die unterhaltsame Aufbereitung.</p> <p>In Folge 119 ging es um außergewöhnliche Fossilien, deren Lebensweise in der Zeit eingefroren ist. Dabei erwähnte Karl den Sauropoden – einen Langhals-Dinosaurier – im Berliner Naturkundemuseum und nennt diesen Brachiosaurus. Ein Hörer weist darauf hin, dass der eigentlich zur Gattung Giraffatitan gehört. Das stimmt – allerdings heißt diese Gattung noch gar nicht lange so, weshalb auch nicht jedes Schild stimmt.</p> <p>Litten Dinosaurier unter Gelenkkrankheiten? Karl erzählt von einer neuen Studie und noch mehr: Er ergänzt den Fund eines kranken Tyrannosaurs rex, dem eine Infektionskrankheit schwer zugesetzt hatte. Ein Hörer schickt Fotos einer Eidechse, die offenbar einen Bau benutzt. Karl taucht deshalb nochmal tiefer in die Welt grabender Echsen ein, die äußerst selten sind und heutzutage lediglich in Nordamerika vorkommen.</p> <p>Franzi geht auf Rückmeldungen zur Folge 120 ein, in der sie vom Physiker Karl Schwarzschild erzählt hatte. Der hatte erstmals Einsteins Feldgleichungen der Allgemeinen Relativitätstheorie gelöst – und war dabei auf Schwarze Löcher gestoßen. Sie erzählt auch, warum sich Schwarzschild mit der zugrunde liegenden Mathematik auskannte, bevor er im Zuge des Ersten Weltkriegs verstarb. Ein Hörer berichtet von einem ähnlichen Schicksal des Chemikers Henry Moseley.</p> <p>Mehrere Hörerinnen und Hörer stellen Fragen zu Ereignishorizont, Singularität und zur bekannten Gummituch-Analogie. Es geht darum, dass der Ereignishorizont keine physikalische Singularität darstellt – und warum diese im Gravitationsgesetz von Isaac Newton faktisch noch nicht vorkam.<aside></aside></p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 119: <a href="https://astrogeo.de/erstarrte-augenblicke-toedliche-fussspuren-wassergeburt-und-dino-pipi/">Erstarrte Momente: Tödliche Spuren, Wassergeburt und Dinopipi</a></li> <li>Folge 120: <a href="https://astrogeo.de/riss-in-der-raumzeit-wie-karl-schwarzschild-auf-schwarze-loecher-stiess/">Raumzeit-Riss: Wie Karl Schwarzschild auf Schwarze Löcher stieß</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links">Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Bipedidae">Maulwurfechsen / Bipediae</a> (englisch)</li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/F%C3%BCnffingerige_Handw%C3%BChle">Fünffingerige Handwühle</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Henry_Moseley_(Physiker)">Henry Moseley</a></li> <li>BR2 radioWissen: <a href="https://www.br.de/radio/bayern2/service/manuskripte/radiowissen/radiowissen-manuskripte-warum-ist-dasuniversum-so-physikalische-sinnsuche-physik-kosmos-100.html">Warum ist das Universum so? Eine physikalische Sinnsuche</a> (von Franzi)</li> <li>BR2 radioWissen: <a href="https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/index.html">Alle Folgen</a></li> <li>BR2 IQ: <a href="https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/iq-wissenschaft-und-forschung/podcast-das-ende-des-universums-fuenf-endzeitszenarien-die-ihr-kennen-solltet-100.html">Fünf Endzeitszenarien, die ihr kennen solltet</a> (von Franzi)</li> <li>BR 2 IQ: <a href="https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/iq-wissenschaft-und-forschung/index.html">Alle Folgen</a></li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>SWR: <a href="https://www.swr.de/leben/gesundheit/dinos-krankheiten-arthrose-100.html">Schon Dinosaurier hatten Krankheiten wie Arthritis</a></li> <li>Fachartikel: Baiano et al.: <a href="https://bmcecolevol.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12862-023-02187-x">New information on paleopathologies in non-avian theropod dinosaurs: a case study on South American abelisaurids</a>, BMC Ecology and Evolution (2024)</li> <li>Buch: <a href="https://cup.columbia.edu/book/locked-in-time/9780231197281/">Dean Lomax &amp; Bob Nicholls: Locked in Time, Animal Behavior Unearthed in 50 Extraordinary Fossils</a>, Columbia University Press (2021)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: ESA, NASA and Felix Mirabel / CC-BY 4.0 Motani R, Jiang D-y, Tintori A, Rieppel O, Chen G-b (2014)</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag121-geplaenkel-scaled.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Echsen, Einstein und Ereignishorizont » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Euer Feedback zu den Geschichten im AstroGeo Podcast: Franzi und Karl sprechen im AstroGeoPlänkel über eure Reaktionen zu den vergangenen beiden Episoden – und führen erstmals das <em>Lob des Monats</em> ein: Ralf freut sich an der Mischung aus Astro- und Geo-Themen, den hohen Informationsgehalt und die unterhaltsame Aufbereitung.</p> <p>In Folge 119 ging es um außergewöhnliche Fossilien, deren Lebensweise in der Zeit eingefroren ist. Dabei erwähnte Karl den Sauropoden – einen Langhals-Dinosaurier – im Berliner Naturkundemuseum und nennt diesen Brachiosaurus. Ein Hörer weist darauf hin, dass der eigentlich zur Gattung Giraffatitan gehört. Das stimmt – allerdings heißt diese Gattung noch gar nicht lange so, weshalb auch nicht jedes Schild stimmt.</p> <p>Litten Dinosaurier unter Gelenkkrankheiten? Karl erzählt von einer neuen Studie und noch mehr: Er ergänzt den Fund eines kranken Tyrannosaurs rex, dem eine Infektionskrankheit schwer zugesetzt hatte. Ein Hörer schickt Fotos einer Eidechse, die offenbar einen Bau benutzt. Karl taucht deshalb nochmal tiefer in die Welt grabender Echsen ein, die äußerst selten sind und heutzutage lediglich in Nordamerika vorkommen.</p> <p>Franzi geht auf Rückmeldungen zur Folge 120 ein, in der sie vom Physiker Karl Schwarzschild erzählt hatte. Der hatte erstmals Einsteins Feldgleichungen der Allgemeinen Relativitätstheorie gelöst – und war dabei auf Schwarze Löcher gestoßen. Sie erzählt auch, warum sich Schwarzschild mit der zugrunde liegenden Mathematik auskannte, bevor er im Zuge des Ersten Weltkriegs verstarb. Ein Hörer berichtet von einem ähnlichen Schicksal des Chemikers Henry Moseley.</p> <p>Mehrere Hörerinnen und Hörer stellen Fragen zu Ereignishorizont, Singularität und zur bekannten Gummituch-Analogie. Es geht darum, dass der Ereignishorizont keine physikalische Singularität darstellt – und warum diese im Gravitationsgesetz von Isaac Newton faktisch noch nicht vorkam.<aside></aside></p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 119: <a href="https://astrogeo.de/erstarrte-augenblicke-toedliche-fussspuren-wassergeburt-und-dino-pipi/">Erstarrte Momente: Tödliche Spuren, Wassergeburt und Dinopipi</a></li> <li>Folge 120: <a href="https://astrogeo.de/riss-in-der-raumzeit-wie-karl-schwarzschild-auf-schwarze-loecher-stiess/">Raumzeit-Riss: Wie Karl Schwarzschild auf Schwarze Löcher stieß</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links">Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Bipedidae">Maulwurfechsen / Bipediae</a> (englisch)</li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/F%C3%BCnffingerige_Handw%C3%BChle">Fünffingerige Handwühle</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Henry_Moseley_(Physiker)">Henry Moseley</a></li> <li>BR2 radioWissen: <a href="https://www.br.de/radio/bayern2/service/manuskripte/radiowissen/radiowissen-manuskripte-warum-ist-dasuniversum-so-physikalische-sinnsuche-physik-kosmos-100.html">Warum ist das Universum so? Eine physikalische Sinnsuche</a> (von Franzi)</li> <li>BR2 radioWissen: <a href="https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/index.html">Alle Folgen</a></li> <li>BR2 IQ: <a href="https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/iq-wissenschaft-und-forschung/podcast-das-ende-des-universums-fuenf-endzeitszenarien-die-ihr-kennen-solltet-100.html">Fünf Endzeitszenarien, die ihr kennen solltet</a> (von Franzi)</li> <li>BR 2 IQ: <a href="https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/iq-wissenschaft-und-forschung/index.html">Alle Folgen</a></li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>SWR: <a href="https://www.swr.de/leben/gesundheit/dinos-krankheiten-arthrose-100.html">Schon Dinosaurier hatten Krankheiten wie Arthritis</a></li> <li>Fachartikel: Baiano et al.: <a href="https://bmcecolevol.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12862-023-02187-x">New information on paleopathologies in non-avian theropod dinosaurs: a case study on South American abelisaurids</a>, BMC Ecology and Evolution (2024)</li> <li>Buch: <a href="https://cup.columbia.edu/book/locked-in-time/9780231197281/">Dean Lomax &amp; Bob Nicholls: Locked in Time, Animal Behavior Unearthed in 50 Extraordinary Fossils</a>, Columbia University Press (2021)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: ESA, NASA and Felix Mirabel / CC-BY 4.0 Motani R, Jiang D-y, Tintori A, Rieppel O, Chen G-b (2014)</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-echsen-einstein-und-ereignishorizont/#comments 5 Sanspareil – ohne Gleichen im Umgang mit der Schönheit der Natur https://scilogs.spektrum.de/denkmale/sanspareil-ohne-gleichen-im-umgang-mit-der-schoenheit-der-natur/ https://scilogs.spektrum.de/denkmale/sanspareil-ohne-gleichen-im-umgang-mit-der-schoenheit-der-natur/#respond Mon, 18 Aug 2025 08:39:34 +0000 Eva Bambach https://scilogs.spektrum.de/denkmale/?p=2082 https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4098-scaled-e1754994170672-768x226.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/denkmale/sanspareil-ohne-gleichen-im-umgang-mit-der-schoenheit-der-natur/</link> </image> <description type="html"><h1>Sanspareil – ohne Gleichen im Umgang mit der Schönheit der Natur » Denkmale » SciLogs</h1><h2>By Eva Bambach</h2><div itemprop="text"> <p>Er ist ein doppelter Glücksfall: der Felsengarten Sanspareil am Rande der Fränkischen Schweiz. Er besticht zum Einen durch seine Schönheit, die eine zurückhaltende Gestaltung der Natur mit der rokokohaften Freude am Spiel und am Unerwarteten vereint. Das Zweite ist, dass die heutige touristische Aufbereitung ebenso zurückhaltend geschah und anstelle von großen Tafeln und ausführlichen Texten im Park selbst nur kleine ovale Schilder mit Reproduktionen von Kupferstichen aus dem 18. Jahrhundert stehen, jeweils genau so ausgerichtet, dass man die Ansicht von damals mit der heutigen exakt vergleichen kann und selbst auf Zeitreise gehen kann. Der heutige Besucher folgt fast wie damals den verschlungenen Wegen und stößt mitunter recht überraschend auf Orte wie die “Dianengrotte” oder das “Hühnerloch”, durch das man heute wie damals rittlings hindurchklettern kann.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4095-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4095-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4095-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4095-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4095-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4095-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4095-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p>Das Ensemble wurde vor fast 300 Jahren angelegt – in einer Zeit, in der man zum Vergnügen feudaler Jagdgesellschaften den Wald mit brachial geschlagenen Schneisen versah. Dort wurde das Wild gehetzt, bis es total erschöpft erschossen werden konnte. Gemalte Landschaften ersetzten dabei häufig kulissenhaft, was in der Realität zunichte gemacht worden war.</p> <p>Den unter Markgraf Friedrich von Brandeburg-Bayreuth und vor allem unter der Regie seiner Ehefrau Markgräfin Wilhelmine ab 1745 angelegten Park in der Nähe der Gemeinde Wonsees prägte ein vor diesem Hintergrund beeindruckend sensibler Umgang mit der Natur. Die Landschaft dort war offenbar für ihre Schönheit bekannt – es lobte sie jedenfalls schon rund anderthalb Jahrhunderte zuvor der (allerdings selbst in Wonsees geborene) Humanist Friedrich Taubmann (1565-1613). </p> <p>Der Markgraf Friedrich sei bei einem Jagdausflug auf diesen besonderen Ort aufmerksam gemacht worden und habe beschlossen, dort rund um die interessanten Felsenformationen einen Park anzulegen, heißt es. In der Nähe ließ er eine kleine Lustschlossanlage errrichten, von der heute nur noch ein als “Morgenländischer Bau” bekannter Teil erhalten bzw. rekonstruiert ist.</p> <p>Dennoch ist es vor allem der Name seiner Frau, der preußischen Prinzessin  Wilhelmine, der mit der Anlage verbunden wird. Mit dem Landschaftsgarten „Sanspareil“ (analog zu Schloss „Sanssouci“, das zeitgleich von ihrem Bruder Friedrich dem Großen in Potsdam gebaut wurde) spielte sie ganz vorne mit in der Liga der Englischen Landschaftsparks als damals neuem Trend im künstlerischen Umgang mit der Natur.<aside></aside></p> <figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4108-scaled.jpg"><img alt="" data-id="2088" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4108-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4108-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4108-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4108-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4108-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4108-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Der Äolusfelsen war von einem kleinen Tempel bekrönt</figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4110-scaled.jpg"><img alt="" data-id="2089" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4110-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4110-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4110-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4110-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4110-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4110-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Zum Äolusfelsen führten steile Stufen und zwei Felsenbrücken</figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4112-scaled.jpg"><img alt="" data-id="2085" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4112-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4112-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4112-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4112-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4112-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4112-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Inzwischen nachgepflanzt: Die mächtige Buche, um die herum der der Morgenländische Bau errichtet wurde </figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4092-scaled.jpg"><img alt="" data-id="2084" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4092-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4092-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4092-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4092-1152x1536.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4092-1536x2048.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4092-scaled.jpg 1920w" width="768"></img></a><figcaption>Spielen die Hauptrolle: Die faszinierenden Formen der Natur</figcaption></figure> </figure> <p>Schon in der römischen Antike hatte es Parks und Lustgärten gegeben, wo man zum Beispiel Wasserspiele oder Tiere beobachten konnte. Die europäischen Parks der Neuzeit waren dann zunächst durch die starke Überformung der organischen Elemente durch Symmetrie und Geometrie geprägt – eine Art “gezähmte Natur“, wie man sie noch heute in den vielen erhaltenen barocken Gartenanlagen sehen kann.</p> <p>Erst ab Anfang des 18. Jahrhunderts entstand mit dem Englischen Landschaftspark der Trend zu einer naturähnlichen Bepflanzung mit geschwungenen Wegen und der Integration in die umgebende Landschaft. Idealerweise entstand ein dreidimensionales und sogar begehbares Landschaftsgemälde – mit gebauten Ergänzungen. Staffagen wie Pavillons, künstlichen Ruinen oder künstlichen Grotten sollten die emotionale Wirkung der Gartenlandschaft steigern.</p> <p>Um diese emotionale Wirkung ging es auch der Markgräfin Wilhelmine. Auch in Sanspareil gab es viele kleine Gebäude, die auf den bizarren Felsen thronten und für die man den Baumbestand lichtete, um die Staffagen auf den Felsen weithin sichtbar zu machen.</p> <p>Aber diese Eingriffe sind wesentlich zurückhaltender als in den Englischen Landschaftsparks, wo man auch scheinbar natürliche Elemente nachbaute. “Die Natur selbst war die Baumeisterin”, schrieb Wilhelmine über ihren Park, der sich anstelle der Überformung auf Fragen der literarischen Interpretation beschränkte und Felsen und Wälder weitgehend nur so stark bearbeitete, wie es nötig war, um die Zugänglichkeit und die Sichtbarkeit zu gewährleisten.</p> <p>Wesentlich für die Gestaltung war die Zuordnung eines literarischen Programms: Es folgt dem Ende des 17. Jahrhunderts verfassten Abenteuer- und Bildungsroman „Les Aventures de Télémaque“ des Abbé de Fénelon , der von der Suche Telemachs nach seinem Vater Odysseus erzählt. Auf der Insel Ogygia trifft Telemach die eifersüchtige Nymphe Kalypso, die sich in ihn verliebt. Schließlich wirft sich Telemach ins Meer, um ihr zu entkommen. Die Szenen auf Ogygia werden in Sanspareil nacherzählt, indem natürliche Formationen mit Namen belegt werden, aber auch durch die Staffagen, von denen heute nur noch das „Ruinen- und Grottentheater“ übrig ist.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4101-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4101-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4101-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4101-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4101-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4101-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4101-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Das Ruinen- und Grottentheater</em></figcaption></figure> <p>Auf den Kupferstichen des 18. Jahrhunderts sind die Staffagen aber noch zu bewundern. Für uns heute befremdlich wirkt die Vermischung der griechischen Mythologie mit den dort zu sehenden, zeittypischen Chinoiserien als Sinnbild für große Schönheit ebenso wie für unerreichbare Ferne. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/Die_Eremitage_zu_Sanspareil_008_Die_Aeolusgrotte_zu_Sanspareil.jpg"><img alt="" decoding="async" height="835" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/Die_Eremitage_zu_Sanspareil_008_Die_Aeolusgrotte_zu_Sanspareil-1024x835.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/Die_Eremitage_zu_Sanspareil_008_Die_Aeolusgrotte_zu_Sanspareil-1024x835.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/Die_Eremitage_zu_Sanspareil_008_Die_Aeolusgrotte_zu_Sanspareil-300x245.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/Die_Eremitage_zu_Sanspareil_008_Die_Aeolusgrotte_zu_Sanspareil-768x626.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/Die_Eremitage_zu_Sanspareil_008_Die_Aeolusgrotte_zu_Sanspareil.jpg 1324w" width="1024"></img></a><figcaption><br></br><em>Aeolusgrotte mit Tempel, Kupferstich von Johann Gottfried Köppel, 1793</em></figcaption></figure> <p>Zweifellos war das angeschlagene Liebesthema von großer Romantik und begeisterte zahlreiche Reisende ebenso wie das Naturerlebnis selbst. Doch war es manchem schon zu viel Natur. Der Dichter Ludwig Tieck schrieb im Sommer 1793: „Die großen Felspartien im Walde, das Große und Wilde, das dadurch in der Phantasie hervorgebracht wird, sind äußerst schön. Aber dadurch hat der Garten auch viel Einseitiges, es ist kalt drin, man findet nichts als Wald und Felsen.“</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Sanspareil – ohne Gleichen im Umgang mit der Schönheit der Natur » Denkmale » SciLogs</h1><h2>By Eva Bambach</h2><div itemprop="text"> <p>Er ist ein doppelter Glücksfall: der Felsengarten Sanspareil am Rande der Fränkischen Schweiz. Er besticht zum Einen durch seine Schönheit, die eine zurückhaltende Gestaltung der Natur mit der rokokohaften Freude am Spiel und am Unerwarteten vereint. Das Zweite ist, dass die heutige touristische Aufbereitung ebenso zurückhaltend geschah und anstelle von großen Tafeln und ausführlichen Texten im Park selbst nur kleine ovale Schilder mit Reproduktionen von Kupferstichen aus dem 18. Jahrhundert stehen, jeweils genau so ausgerichtet, dass man die Ansicht von damals mit der heutigen exakt vergleichen kann und selbst auf Zeitreise gehen kann. Der heutige Besucher folgt fast wie damals den verschlungenen Wegen und stößt mitunter recht überraschend auf Orte wie die “Dianengrotte” oder das “Hühnerloch”, durch das man heute wie damals rittlings hindurchklettern kann.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4095-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4095-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4095-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4095-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4095-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4095-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4095-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p>Das Ensemble wurde vor fast 300 Jahren angelegt – in einer Zeit, in der man zum Vergnügen feudaler Jagdgesellschaften den Wald mit brachial geschlagenen Schneisen versah. Dort wurde das Wild gehetzt, bis es total erschöpft erschossen werden konnte. Gemalte Landschaften ersetzten dabei häufig kulissenhaft, was in der Realität zunichte gemacht worden war.</p> <p>Den unter Markgraf Friedrich von Brandeburg-Bayreuth und vor allem unter der Regie seiner Ehefrau Markgräfin Wilhelmine ab 1745 angelegten Park in der Nähe der Gemeinde Wonsees prägte ein vor diesem Hintergrund beeindruckend sensibler Umgang mit der Natur. Die Landschaft dort war offenbar für ihre Schönheit bekannt – es lobte sie jedenfalls schon rund anderthalb Jahrhunderte zuvor der (allerdings selbst in Wonsees geborene) Humanist Friedrich Taubmann (1565-1613). </p> <p>Der Markgraf Friedrich sei bei einem Jagdausflug auf diesen besonderen Ort aufmerksam gemacht worden und habe beschlossen, dort rund um die interessanten Felsenformationen einen Park anzulegen, heißt es. In der Nähe ließ er eine kleine Lustschlossanlage errrichten, von der heute nur noch ein als “Morgenländischer Bau” bekannter Teil erhalten bzw. rekonstruiert ist.</p> <p>Dennoch ist es vor allem der Name seiner Frau, der preußischen Prinzessin  Wilhelmine, der mit der Anlage verbunden wird. Mit dem Landschaftsgarten „Sanspareil“ (analog zu Schloss „Sanssouci“, das zeitgleich von ihrem Bruder Friedrich dem Großen in Potsdam gebaut wurde) spielte sie ganz vorne mit in der Liga der Englischen Landschaftsparks als damals neuem Trend im künstlerischen Umgang mit der Natur.<aside></aside></p> <figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4108-scaled.jpg"><img alt="" data-id="2088" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4108-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4108-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4108-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4108-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4108-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4108-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Der Äolusfelsen war von einem kleinen Tempel bekrönt</figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4110-scaled.jpg"><img alt="" data-id="2089" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4110-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4110-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4110-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4110-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4110-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4110-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Zum Äolusfelsen führten steile Stufen und zwei Felsenbrücken</figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4112-scaled.jpg"><img alt="" data-id="2085" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4112-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4112-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4112-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4112-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4112-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4112-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Inzwischen nachgepflanzt: Die mächtige Buche, um die herum der der Morgenländische Bau errichtet wurde </figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4092-scaled.jpg"><img alt="" data-id="2084" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4092-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4092-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4092-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4092-1152x1536.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4092-1536x2048.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4092-scaled.jpg 1920w" width="768"></img></a><figcaption>Spielen die Hauptrolle: Die faszinierenden Formen der Natur</figcaption></figure> </figure> <p>Schon in der römischen Antike hatte es Parks und Lustgärten gegeben, wo man zum Beispiel Wasserspiele oder Tiere beobachten konnte. Die europäischen Parks der Neuzeit waren dann zunächst durch die starke Überformung der organischen Elemente durch Symmetrie und Geometrie geprägt – eine Art “gezähmte Natur“, wie man sie noch heute in den vielen erhaltenen barocken Gartenanlagen sehen kann.</p> <p>Erst ab Anfang des 18. Jahrhunderts entstand mit dem Englischen Landschaftspark der Trend zu einer naturähnlichen Bepflanzung mit geschwungenen Wegen und der Integration in die umgebende Landschaft. Idealerweise entstand ein dreidimensionales und sogar begehbares Landschaftsgemälde – mit gebauten Ergänzungen. Staffagen wie Pavillons, künstlichen Ruinen oder künstlichen Grotten sollten die emotionale Wirkung der Gartenlandschaft steigern.</p> <p>Um diese emotionale Wirkung ging es auch der Markgräfin Wilhelmine. Auch in Sanspareil gab es viele kleine Gebäude, die auf den bizarren Felsen thronten und für die man den Baumbestand lichtete, um die Staffagen auf den Felsen weithin sichtbar zu machen.</p> <p>Aber diese Eingriffe sind wesentlich zurückhaltender als in den Englischen Landschaftsparks, wo man auch scheinbar natürliche Elemente nachbaute. “Die Natur selbst war die Baumeisterin”, schrieb Wilhelmine über ihren Park, der sich anstelle der Überformung auf Fragen der literarischen Interpretation beschränkte und Felsen und Wälder weitgehend nur so stark bearbeitete, wie es nötig war, um die Zugänglichkeit und die Sichtbarkeit zu gewährleisten.</p> <p>Wesentlich für die Gestaltung war die Zuordnung eines literarischen Programms: Es folgt dem Ende des 17. Jahrhunderts verfassten Abenteuer- und Bildungsroman „Les Aventures de Télémaque“ des Abbé de Fénelon , der von der Suche Telemachs nach seinem Vater Odysseus erzählt. Auf der Insel Ogygia trifft Telemach die eifersüchtige Nymphe Kalypso, die sich in ihn verliebt. Schließlich wirft sich Telemach ins Meer, um ihr zu entkommen. Die Szenen auf Ogygia werden in Sanspareil nacherzählt, indem natürliche Formationen mit Namen belegt werden, aber auch durch die Staffagen, von denen heute nur noch das „Ruinen- und Grottentheater“ übrig ist.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4101-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4101-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4101-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4101-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4101-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4101-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4101-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Das Ruinen- und Grottentheater</em></figcaption></figure> <p>Auf den Kupferstichen des 18. Jahrhunderts sind die Staffagen aber noch zu bewundern. Für uns heute befremdlich wirkt die Vermischung der griechischen Mythologie mit den dort zu sehenden, zeittypischen Chinoiserien als Sinnbild für große Schönheit ebenso wie für unerreichbare Ferne. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/Die_Eremitage_zu_Sanspareil_008_Die_Aeolusgrotte_zu_Sanspareil.jpg"><img alt="" decoding="async" height="835" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/Die_Eremitage_zu_Sanspareil_008_Die_Aeolusgrotte_zu_Sanspareil-1024x835.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/Die_Eremitage_zu_Sanspareil_008_Die_Aeolusgrotte_zu_Sanspareil-1024x835.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/Die_Eremitage_zu_Sanspareil_008_Die_Aeolusgrotte_zu_Sanspareil-300x245.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/Die_Eremitage_zu_Sanspareil_008_Die_Aeolusgrotte_zu_Sanspareil-768x626.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/Die_Eremitage_zu_Sanspareil_008_Die_Aeolusgrotte_zu_Sanspareil.jpg 1324w" width="1024"></img></a><figcaption><br></br><em>Aeolusgrotte mit Tempel, Kupferstich von Johann Gottfried Köppel, 1793</em></figcaption></figure> <p>Zweifellos war das angeschlagene Liebesthema von großer Romantik und begeisterte zahlreiche Reisende ebenso wie das Naturerlebnis selbst. Doch war es manchem schon zu viel Natur. Der Dichter Ludwig Tieck schrieb im Sommer 1793: „Die großen Felspartien im Walde, das Große und Wilde, das dadurch in der Phantasie hervorgebracht wird, sind äußerst schön. Aber dadurch hat der Garten auch viel Einseitiges, es ist kalt drin, man findet nichts als Wald und Felsen.“</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/denkmale/sanspareil-ohne-gleichen-im-umgang-mit-der-schoenheit-der-natur/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Vor 40 Jahren: Der Crash von JAL 123 https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/jal-123-crash/ https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/jal-123-crash/#comments Thu, 14 Aug 2025 13:00:00 +0000 Michael Khan https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/?p=11066 https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/52040647119_27db2d0872_k-768x521.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/jal-123-crash/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/52040647119_27db2d0872_k.jpg" /><h1>Vor 40 Jahren: Der Crash von JAL 123 » Go for Launch » SciLogs</h1><h2>By Michael Khan</h2><div itemprop="text"> <p>Am 12 August 1985 ereignete sich das schwerste Flugunglück der Geschichte ohne Beteiligung eines zweiten Flugzeugs. Eine vollbesetzte Boeing 747 stürzte auf dem Weg von Tokio nach Osaka aufgrund des Versagens des hinteren Druckschotts ab. Von den 524 Menschen an Bord überlebten nur 4. </p> <span id="more-11066"></span> <p>Die Ursache des Unglücks lag – unglaublicherweise – bereits 7 Jahre zurück. Das Flugzeug, war eine Boeing 747 SR, die speziell auf Wunsch der japanischen Fluggesellschaft JAL (Japan Airlines) entwickelte Kurzstreckenversion der 747. Das 1974 gebaute Flugzeug wurde durch einen  “Tailstrike” beschädigt. Ein Tailstrike ist das Aufsetzen des Hecks durch einen zu steilen Anstellwinkel beim Start oder bei der Landung. Im gegebenen Fall war es eine Landung am 2. Juni 1978 in Osaka. Danach musste neben dem Austausch von Teilen der Außenhaut am unteren Heck auch das hintere Druckschott repariert werden. </p> <h2 id="h-das-druckschott"><em>Das Druckschott</em></h2> <p>Das Druckschott ähnelt in seiner Form einem aufgespannten Regenschirm. Es schließt die Druckkabine eines Verkehrsflugzeugs nach hinten ab und ist aufgrund des zyklischen Druckunterschieds enormen  Belastungen ausgesetzt. Bei einem großflächigen Versagen der Druckkabine kommt es zu einer explosiven Dekompression, dem schlagartigen Entweichen der unter Druck stehenden Luft im Inneren des Rumpfs.</p> <figure><div> <a href="https://flic.kr/p/2nhDVjx"><img alt="Pressure bulkhead" decoding="async" height="434" src="https://live.staticflickr.com/65535/52040647119_e054ec4ab4_z.jpg" width="640"></img></a> </div><figcaption><em>Hinteres Druckschott einer Boeing 747-200, Aufnahme: Michael Khan</em></figcaption></figure> <p>Die Reparatur des Druckschott war fehlerhaft, was über kurz oder lang zum Versagen führen musste – bei einem derart kritischen Bauteil auch zur Gefährdung des gesamten Flugzeugs und seiner Insassen. Ich habe noch mit keinem Japaner gesprochen, der diese Fehlleistung nicht der “natürlich” im Vergleich zu japanischer Technik und japanischem Arbeitsethos minderwertigen westlichen Kultur anlastete. Ich kann das alles schon mitsingen. Diese Interpretation ist allerdings etwas unterkomplex: </p> <ul> <li>Die Reparatur wurde in der Flugzeugwerft von JAL durchgeführt, allerdings durch und unter Aufsicht amerikanischer Boeing-Techniker.</li> <li>Die japanische Flugaufsichtsbehörde nahm die durchgeführte Reparatur ohne Beanstandung ab</li> <li>Danach war die Maschine bis zum Absturz noch besagte 7 Jahre lang im Betrieb, der infolge des Kurzstreckeneinsatz mit vielen täglichen Starts, Landungen und Druckzyklen besonders verschließintensiv war. Während dieser Zeit wurden sechs C-Checks (und zwar in Japan) durchgeführt, ohne dass der Fehler und die daraus resultierenden Haarrisse entdeckt wurden. Das Flugzeug hatte zum Zeitpunkt des Absturzes <a href="https://asn.flightsafety.org/wikibase/327151">18835 Flüge und 25030 Flugstunden absolviert.</a></li> </ul> <p>1985 sah die japanische Öffentlichkeit die Schuld übrigens eher bei JAL. Mitarbeiter des Unternehmens wurden beschimpft und öffentlich gemobbt. Offenbar ist es eine menschliche Schwäche, für alles einen Schuldigen zu suchen. Der Generaldirektor des Unternehmens trat zwei Tage nach dem Absturz zurück. Der <a href="https://www.nytimes.com/1985/09/22/world/jal-official-dies-apparently-a-suicide.html">Leiter der Flugzeugwartung beim JAL-Standort am Flughafen Haneda</a> bei Tokio ebenso wie der für die Abnahme der 1978 durchgeführten Reparatur zuständige Techniker begingen Selbstmord. <aside></aside></p> <h2 id="h-die-verpatzte-reparatur-und-ihre-folgen"><em>Die verpatzte Reparatur und ihre Folgen</em></h2> <p>Bei der fehlerhaften Reparatur wurde an einem Teilstück zwei statt wie vorgesehen einem Spleißblech eingesetzt, was dazu führte, dass die Spleißstelle von einer statt zweier Reihen Niete gehalten wurde. Das erhöhte erheblich die Anfälligkeit für Materialermüdung an der betreffenden Stelle. Es müssen sich dort feine Risse gebildet haben, die sich langsam und unentdeckt weiter ausbreiteten und schließlich beim Flug JAL 123 am 12. August 1985, 15 Minuten nach dem Abheben und kurz nach dem Erreichen der Reiseflughöhe von 25000 Fuß zu einem Versagen des Druckschotts führten. </p> <p>Das allein hätte nicht zwingend zum Absturz geführt, sondern vielleicht nur zum Druckverlust, dem Piloten durch sofortigen Abstieg auf eine niedrige Flughöhe und eine schnellstmögliche Landung begegnen. Bei JAL 123 pflanzte sich das Druckschottversagen allerdings fort:</p> <p>Der gewaltige Schwall an Druckluft aus dem Rumpf trat in das Heck ein. Der einzige Weg für die Luft war durch eine ungeschützte Wartungsluke, die in das Seitenleitwerk hinein führte. Dieses zerplatzte durch den plötzlichen Druckanstieg von innen. Das Flugzeug hatte auf einen Schlag kein Seitenleitwerk und keine Seitenruder mehr. Durch die zerrissenen Leitungen strömte die Hydraulikflüssigkeit ins Freie, sodass die hydraulische Anlage bald komplett trocken war. </p> <h2 id="h-der-qualend-lange-absturz-von-jal-123"><em>Der quälend lange Absturz von JAL 123</em></h2> <p>Ohne Seitenleitwerk und -ruder und ohne Hydrauliksystem war das Flugzeug kaum noch steuerbar. Allerdings liefen noch die Triebwerke, sodass die Piloten wenigstens eine begrenzte Möglichkeit zum Steuern hatten. Sie schafften es offenbar immerhin, die tödlich getroffene Maschine noch in der Luft zu halten, und offenbar gelang auch die Umkehr Richtung Haneda. </p> <p>Aber das Unausweichliche konnten sie nicht abwenden. Im Internet sind die Aufnahmen des Cockpit Voice Recorders zu finden. Ich habe die aber hier nicht verlinkt. Das würde hier gar nichts beitragen, und die Schreie von Menschen in Todesangst möchte auch niemand hören. </p> <p>Im Nachhinein wurde der Vorwurf laut, die Piloten hätten durch die anfängliche Nichtverwendung der Sauerstoffmasken zum Unglück beigetragen. Ich kann dazu nur wiederholen, was mir ein 747-Pilot der Lufthansa sagte: “Dass die die Kiste in dem Zustand noch eine halbe Stunde am Fliegen gehalten haben, grenzt schon an ein Wunder.” Weiter möchte ich dazu nichts sagen. </p> <p>Die kaum noch steuerbare Maschine führte eine Phygoidbewegung durch, eine typische Schwingung eines inhärent stabilen Systems. Sinkt das Flugzeug, wird es schneller, der Auftrieb nimmt zu und anstatt weiter zu sinken, fängt sie an zu steigen, wird dabei aber langsamer, und der Auftrieb nimmt ab. Ein solcher Zyklus dauerte bei JAL 123 etwa 90 Sekunden und wurde 22 Mal durchlaufen. Hinzu kamen ausgeprägte Gier- und Rollbewegungen. Später wurde versucht, durch Ausfahren des Fahrgestells die Schwingungen zu dämpfen … mit Erfolg, aber auf Kosten verringerter Steuerbarkeit und abnehmender Höhe. Zwischen Versagen des Druckschotts und Absturz vergingen so über 30 Minuten.</p> <p>Die mehr als 500 Passagiere waren sich in dieser halben Stunde der Situation bewusst. Im Wrack wurden später Abschiedsbriefe gefunden, die Passagiere an ihre Angehörigen geschrieben hatten: in der Hoffnung, wenigstens die Briefe würden den Absturz überleben. </p> <p>Japan ist als vulkanischer Inselbogen sehr gebirgig. Die nach und nach abnehmende Flughöhe musste über kurz oder lang unter der Gipfelhöhe der umgebenden Berge liegen. Am Ende war es der knapp 2000 m hohe <a href="https://maps.app.goo.gl/14crP5kvWRCSvGLt6" rel="noopener" target="_blank">Takamagahara in der Präfektur Gunma</a><em>.</em> Um kurz vor 19:00 Ortszeit, 44 Minuten nach dem Start, streifte die Boeing 747 in  1565 m Höhe den Bergrücken, wobei ein Triebwerk und der hintere Teil des Flugzeugs abgerissen wurden. Der Rest des Wracks raste den Berghang hinunter und explodierte beim Aufschlag. Alle schließlich Geretteten hatten im hinteren Teil gesessen. </p> <h2 id="h-rettung-erst-am-nachsten-tag"><em>Rettung erst am nächsten Tag</em></h2> <p>Amerikanische Flugzeuge und Hubschrauber überflogen die Absturzstelle schon kurze Zeit nach dem Absturz. Die ersten japanischen Hubschrauber erreichten den Absturzort dagegen erst nach Sonnenuntergang, konnten aber in dem unwegsamen Gelände, nur einige Brände, aber keine Anzeichen für Überlebende ausmachen. Polizei und Soldaten erreichten den Fuß des Bergs auf dem Straßenweg, versuchten aber nicht den Aufstieg, weil nicht von Überlebenden ausgegangen wurde. Am nächsten Morgen stiegen bei Tagesanbruch Hubschrauber auf und überflogen die Wrackstelle.</p> <p>Erst später am Morgen, 14 Stunden nach dem Absturz, erreichten Retter die Unglücksstelle. Es wurden zwei Frauen und zwei Kinder lebend geborgen. Es gibt Berichte, nach denen die Überlebenden ausgesagt hätten, sie hätten Hilferufe und Schreie von mehr Menschen gehört, die aber nach und nach verstummten. Im <a href="https://jtsb.mlit.go.jp/eng-air_report/JA8119.pdf" rel="noopener" target="_blank">Untersuchungsbericht der japanischen Behörden</a> steht nichts davon. Dort wird niemanden außer denen, die ganz hinten saßen, eine Überlebenschance eingeräumt. Auch diese hatten laut Bericht nur eine geringe Überlebenschance, zum einen wegen der direkt einwirkenden Beschleunigung von bis zu 100 g  beim Aufschlag, zum anderen wegen der Gefährdung durch Trümmerteile der stark zerstörten Einrichtung. Die wenigen Überlebenden hatten großes Glück und waren wahrscheinlich durch besondere Umstände vor herumfliegenden Trümmern geschützt, Dennoch verbrachte eine von ihnen, die 12jährige <a href="https://www.latimes.com/archives/la-xpm-1985-11-24-me-1730-story.html" rel="noopener" target="_blank">Keiko Kawakami</a>, 100 Tage im Krankenhaus.</p> <h2 id="h-einmal-ist-schon-schlimm-genug"><em>Einmal ist schon schlimm genug …</em></h2> <p>Ich muss allerdings sagen, angesichts der Schwere des Unglücks und der Anzahl der Todesopfer finde ich den geringen Raum, der den Opfern im Bericht eingeräumt wird, bestürzend. Noch bestürzender ist allerdings, dass es im Jahr 2002 ein ganz ähnliches Unglück gab, und zwar beim <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/materialermuedung_flugzeug_boeing_737/" rel="noopener" target="_blank">China Airlines-Flug 611</a>.  Auch dort  brach das Druckschott; das Flugzeug stürzte danach ins Meer. Auch dort war das Heck samt Druckschott durch einen Tailstrike beschädigt und fehlerhaft repariert worden, und zwar schon 1980. Der Fehler blieb sogar noch 22 Jahre lang unbemerkt. Selbst das JAL 123-Unglück 1985 nahm niemand zum Anlass, sich die Reparaturstelle nochmals anzuschauen. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/52040647119_27db2d0872_k.jpg" /><h1>Vor 40 Jahren: Der Crash von JAL 123 » Go for Launch » SciLogs</h1><h2>By Michael Khan</h2><div itemprop="text"> <p>Am 12 August 1985 ereignete sich das schwerste Flugunglück der Geschichte ohne Beteiligung eines zweiten Flugzeugs. Eine vollbesetzte Boeing 747 stürzte auf dem Weg von Tokio nach Osaka aufgrund des Versagens des hinteren Druckschotts ab. Von den 524 Menschen an Bord überlebten nur 4. </p> <span id="more-11066"></span> <p>Die Ursache des Unglücks lag – unglaublicherweise – bereits 7 Jahre zurück. Das Flugzeug, war eine Boeing 747 SR, die speziell auf Wunsch der japanischen Fluggesellschaft JAL (Japan Airlines) entwickelte Kurzstreckenversion der 747. Das 1974 gebaute Flugzeug wurde durch einen  “Tailstrike” beschädigt. Ein Tailstrike ist das Aufsetzen des Hecks durch einen zu steilen Anstellwinkel beim Start oder bei der Landung. Im gegebenen Fall war es eine Landung am 2. Juni 1978 in Osaka. Danach musste neben dem Austausch von Teilen der Außenhaut am unteren Heck auch das hintere Druckschott repariert werden. </p> <h2 id="h-das-druckschott"><em>Das Druckschott</em></h2> <p>Das Druckschott ähnelt in seiner Form einem aufgespannten Regenschirm. Es schließt die Druckkabine eines Verkehrsflugzeugs nach hinten ab und ist aufgrund des zyklischen Druckunterschieds enormen  Belastungen ausgesetzt. Bei einem großflächigen Versagen der Druckkabine kommt es zu einer explosiven Dekompression, dem schlagartigen Entweichen der unter Druck stehenden Luft im Inneren des Rumpfs.</p> <figure><div> <a href="https://flic.kr/p/2nhDVjx"><img alt="Pressure bulkhead" decoding="async" height="434" src="https://live.staticflickr.com/65535/52040647119_e054ec4ab4_z.jpg" width="640"></img></a> </div><figcaption><em>Hinteres Druckschott einer Boeing 747-200, Aufnahme: Michael Khan</em></figcaption></figure> <p>Die Reparatur des Druckschott war fehlerhaft, was über kurz oder lang zum Versagen führen musste – bei einem derart kritischen Bauteil auch zur Gefährdung des gesamten Flugzeugs und seiner Insassen. Ich habe noch mit keinem Japaner gesprochen, der diese Fehlleistung nicht der “natürlich” im Vergleich zu japanischer Technik und japanischem Arbeitsethos minderwertigen westlichen Kultur anlastete. Ich kann das alles schon mitsingen. Diese Interpretation ist allerdings etwas unterkomplex: </p> <ul> <li>Die Reparatur wurde in der Flugzeugwerft von JAL durchgeführt, allerdings durch und unter Aufsicht amerikanischer Boeing-Techniker.</li> <li>Die japanische Flugaufsichtsbehörde nahm die durchgeführte Reparatur ohne Beanstandung ab</li> <li>Danach war die Maschine bis zum Absturz noch besagte 7 Jahre lang im Betrieb, der infolge des Kurzstreckeneinsatz mit vielen täglichen Starts, Landungen und Druckzyklen besonders verschließintensiv war. Während dieser Zeit wurden sechs C-Checks (und zwar in Japan) durchgeführt, ohne dass der Fehler und die daraus resultierenden Haarrisse entdeckt wurden. Das Flugzeug hatte zum Zeitpunkt des Absturzes <a href="https://asn.flightsafety.org/wikibase/327151">18835 Flüge und 25030 Flugstunden absolviert.</a></li> </ul> <p>1985 sah die japanische Öffentlichkeit die Schuld übrigens eher bei JAL. Mitarbeiter des Unternehmens wurden beschimpft und öffentlich gemobbt. Offenbar ist es eine menschliche Schwäche, für alles einen Schuldigen zu suchen. Der Generaldirektor des Unternehmens trat zwei Tage nach dem Absturz zurück. Der <a href="https://www.nytimes.com/1985/09/22/world/jal-official-dies-apparently-a-suicide.html">Leiter der Flugzeugwartung beim JAL-Standort am Flughafen Haneda</a> bei Tokio ebenso wie der für die Abnahme der 1978 durchgeführten Reparatur zuständige Techniker begingen Selbstmord. <aside></aside></p> <h2 id="h-die-verpatzte-reparatur-und-ihre-folgen"><em>Die verpatzte Reparatur und ihre Folgen</em></h2> <p>Bei der fehlerhaften Reparatur wurde an einem Teilstück zwei statt wie vorgesehen einem Spleißblech eingesetzt, was dazu führte, dass die Spleißstelle von einer statt zweier Reihen Niete gehalten wurde. Das erhöhte erheblich die Anfälligkeit für Materialermüdung an der betreffenden Stelle. Es müssen sich dort feine Risse gebildet haben, die sich langsam und unentdeckt weiter ausbreiteten und schließlich beim Flug JAL 123 am 12. August 1985, 15 Minuten nach dem Abheben und kurz nach dem Erreichen der Reiseflughöhe von 25000 Fuß zu einem Versagen des Druckschotts führten. </p> <p>Das allein hätte nicht zwingend zum Absturz geführt, sondern vielleicht nur zum Druckverlust, dem Piloten durch sofortigen Abstieg auf eine niedrige Flughöhe und eine schnellstmögliche Landung begegnen. Bei JAL 123 pflanzte sich das Druckschottversagen allerdings fort:</p> <p>Der gewaltige Schwall an Druckluft aus dem Rumpf trat in das Heck ein. Der einzige Weg für die Luft war durch eine ungeschützte Wartungsluke, die in das Seitenleitwerk hinein führte. Dieses zerplatzte durch den plötzlichen Druckanstieg von innen. Das Flugzeug hatte auf einen Schlag kein Seitenleitwerk und keine Seitenruder mehr. Durch die zerrissenen Leitungen strömte die Hydraulikflüssigkeit ins Freie, sodass die hydraulische Anlage bald komplett trocken war. </p> <h2 id="h-der-qualend-lange-absturz-von-jal-123"><em>Der quälend lange Absturz von JAL 123</em></h2> <p>Ohne Seitenleitwerk und -ruder und ohne Hydrauliksystem war das Flugzeug kaum noch steuerbar. Allerdings liefen noch die Triebwerke, sodass die Piloten wenigstens eine begrenzte Möglichkeit zum Steuern hatten. Sie schafften es offenbar immerhin, die tödlich getroffene Maschine noch in der Luft zu halten, und offenbar gelang auch die Umkehr Richtung Haneda. </p> <p>Aber das Unausweichliche konnten sie nicht abwenden. Im Internet sind die Aufnahmen des Cockpit Voice Recorders zu finden. Ich habe die aber hier nicht verlinkt. Das würde hier gar nichts beitragen, und die Schreie von Menschen in Todesangst möchte auch niemand hören. </p> <p>Im Nachhinein wurde der Vorwurf laut, die Piloten hätten durch die anfängliche Nichtverwendung der Sauerstoffmasken zum Unglück beigetragen. Ich kann dazu nur wiederholen, was mir ein 747-Pilot der Lufthansa sagte: “Dass die die Kiste in dem Zustand noch eine halbe Stunde am Fliegen gehalten haben, grenzt schon an ein Wunder.” Weiter möchte ich dazu nichts sagen. </p> <p>Die kaum noch steuerbare Maschine führte eine Phygoidbewegung durch, eine typische Schwingung eines inhärent stabilen Systems. Sinkt das Flugzeug, wird es schneller, der Auftrieb nimmt zu und anstatt weiter zu sinken, fängt sie an zu steigen, wird dabei aber langsamer, und der Auftrieb nimmt ab. Ein solcher Zyklus dauerte bei JAL 123 etwa 90 Sekunden und wurde 22 Mal durchlaufen. Hinzu kamen ausgeprägte Gier- und Rollbewegungen. Später wurde versucht, durch Ausfahren des Fahrgestells die Schwingungen zu dämpfen … mit Erfolg, aber auf Kosten verringerter Steuerbarkeit und abnehmender Höhe. Zwischen Versagen des Druckschotts und Absturz vergingen so über 30 Minuten.</p> <p>Die mehr als 500 Passagiere waren sich in dieser halben Stunde der Situation bewusst. Im Wrack wurden später Abschiedsbriefe gefunden, die Passagiere an ihre Angehörigen geschrieben hatten: in der Hoffnung, wenigstens die Briefe würden den Absturz überleben. </p> <p>Japan ist als vulkanischer Inselbogen sehr gebirgig. Die nach und nach abnehmende Flughöhe musste über kurz oder lang unter der Gipfelhöhe der umgebenden Berge liegen. Am Ende war es der knapp 2000 m hohe <a href="https://maps.app.goo.gl/14crP5kvWRCSvGLt6" rel="noopener" target="_blank">Takamagahara in der Präfektur Gunma</a><em>.</em> Um kurz vor 19:00 Ortszeit, 44 Minuten nach dem Start, streifte die Boeing 747 in  1565 m Höhe den Bergrücken, wobei ein Triebwerk und der hintere Teil des Flugzeugs abgerissen wurden. Der Rest des Wracks raste den Berghang hinunter und explodierte beim Aufschlag. Alle schließlich Geretteten hatten im hinteren Teil gesessen. </p> <h2 id="h-rettung-erst-am-nachsten-tag"><em>Rettung erst am nächsten Tag</em></h2> <p>Amerikanische Flugzeuge und Hubschrauber überflogen die Absturzstelle schon kurze Zeit nach dem Absturz. Die ersten japanischen Hubschrauber erreichten den Absturzort dagegen erst nach Sonnenuntergang, konnten aber in dem unwegsamen Gelände, nur einige Brände, aber keine Anzeichen für Überlebende ausmachen. Polizei und Soldaten erreichten den Fuß des Bergs auf dem Straßenweg, versuchten aber nicht den Aufstieg, weil nicht von Überlebenden ausgegangen wurde. Am nächsten Morgen stiegen bei Tagesanbruch Hubschrauber auf und überflogen die Wrackstelle.</p> <p>Erst später am Morgen, 14 Stunden nach dem Absturz, erreichten Retter die Unglücksstelle. Es wurden zwei Frauen und zwei Kinder lebend geborgen. Es gibt Berichte, nach denen die Überlebenden ausgesagt hätten, sie hätten Hilferufe und Schreie von mehr Menschen gehört, die aber nach und nach verstummten. Im <a href="https://jtsb.mlit.go.jp/eng-air_report/JA8119.pdf" rel="noopener" target="_blank">Untersuchungsbericht der japanischen Behörden</a> steht nichts davon. Dort wird niemanden außer denen, die ganz hinten saßen, eine Überlebenschance eingeräumt. Auch diese hatten laut Bericht nur eine geringe Überlebenschance, zum einen wegen der direkt einwirkenden Beschleunigung von bis zu 100 g  beim Aufschlag, zum anderen wegen der Gefährdung durch Trümmerteile der stark zerstörten Einrichtung. Die wenigen Überlebenden hatten großes Glück und waren wahrscheinlich durch besondere Umstände vor herumfliegenden Trümmern geschützt, Dennoch verbrachte eine von ihnen, die 12jährige <a href="https://www.latimes.com/archives/la-xpm-1985-11-24-me-1730-story.html" rel="noopener" target="_blank">Keiko Kawakami</a>, 100 Tage im Krankenhaus.</p> <h2 id="h-einmal-ist-schon-schlimm-genug"><em>Einmal ist schon schlimm genug …</em></h2> <p>Ich muss allerdings sagen, angesichts der Schwere des Unglücks und der Anzahl der Todesopfer finde ich den geringen Raum, der den Opfern im Bericht eingeräumt wird, bestürzend. Noch bestürzender ist allerdings, dass es im Jahr 2002 ein ganz ähnliches Unglück gab, und zwar beim <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/materialermuedung_flugzeug_boeing_737/" rel="noopener" target="_blank">China Airlines-Flug 611</a>.  Auch dort  brach das Druckschott; das Flugzeug stürzte danach ins Meer. Auch dort war das Heck samt Druckschott durch einen Tailstrike beschädigt und fehlerhaft repariert worden, und zwar schon 1980. Der Fehler blieb sogar noch 22 Jahre lang unbemerkt. Selbst das JAL 123-Unglück 1985 nahm niemand zum Anlass, sich die Reparaturstelle nochmals anzuschauen. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/jal-123-crash/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>Hungrige Blauwale singen anders https://scilogs.spektrum.de/meertext/hungrige-blauwale-singen-anders/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/hungrige-blauwale-singen-anders/#respond Thu, 14 Aug 2025 07:56:37 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1740 <h1>Hungrige Blauwale singen anders » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Eine <a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0318624#references">6-Jahres-Studie vor der Küste Kaliforniens</a> zeigt, wie Meeres-Hitzewellen (Marine heat waves) und Meereslärm Blauwale verstummen lassen.<br></br>Vor den schroffen Küsten Kaliforniens ziehen viele große Walarten vorbei, darunter auch Blauwale, die gewaltigsten Wale aller Zeiten. Trotz ihrer Körpergrößen von bis zu 30 Metern ernähren sie sich von den winzigen Krill-Krebschen. Davon schöpfen die bis zu <a href="https://www.arcgis.com/home/item.html?id=4a12c6b609de482eb05895c51df7613f">150 Tonnen schweren Bartenwale bis zu 6 Tonnen</a> täglich aus dem Meer.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Anim1754_-_Flickr_-_NOAA_Photo_Library-1.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="709" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Anim1754_-_Flickr_-_NOAA_Photo_Library-1-1024x709.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Anim1754_-_Flickr_-_NOAA_Photo_Library-1-1024x709.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Anim1754_-_Flickr_-_NOAA_Photo_Library-1-300x208.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Anim1754_-_Flickr_-_NOAA_Photo_Library-1-768x532.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Anim1754_-_Flickr_-_NOAA_Photo_Library-1.jpg 1280w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Balaenoptera musculus</em> (Anim1754 – Flickr – NOAA Photo Library.jpg)</figcaption></figure> <p>Mit Sendern versehene Wale haben gezeigt: Die Blauwale (<em>Balaenoptera musculus)</em> des Nordpazifiks verbringen den Sommer (Juni, Juli und August) in der Nähe des Golfs von Alaska und den Winter (Dezember, Januar und Februar) vor der Küste Mexikos und Mittelamerikas. Dabei nutzen sie die Meeresoberflächentemperaturen des Vorjahres (Krill bevorzugt kühleres Wasser), um zu bestimmen, wann sie wandern müssen, und merken sich Orte, an denen es in der Vergangenheit reichlich Krill gab.</p> <p>Die mit bis zu 25 Metern nur wenig kleineren Finnwale (<em>Balaenoptera physalus</em>) nutzen ebenfalls diese Gewässer und haben die gleiche Beute. Beide Arten sind nahe verwandt, verhalten sich ähnlich und haben eine sehr ähnliche Ökologie. Die bis zu 15 Meter großen, deutlich <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwale-von-recovery-zu-climate-response/">gedrungeneren Buckelwale</a> (<em>Megaptera novaeangliae</em>) hingegen unterscheiden sich von den <em>Balaenoptera</em>-Bartenwalen, etwa durch <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/seti-forscher-unterhalten-sich-20-minuten-lang-mit-buckelwal-twain/">ihre sehr komplexen Gesänge.</a> Ihre <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/die-sprachen-der-wale-meeresarien-und-morsecode/">einzigartigen Lautäußerungen</a> werden <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/wal-furze-loesen-u-boot-alarm-aus/">von Forschenden als Sprache eingestuft</a>.<br></br>Während Blauwale vor allem Krill fressen, <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/species/humpback-whale">fischen Finnwale</a> auch Copepoden und <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/species/humpback-whale">Buckelwale </a>Krill oder kleine Schwarmfische.</p> <p>Bei ihren Wanderungen vor der amerikanischen Küste werden sie von vielen Menschen beobachtet. Außerdem haben Forschende des Monterey Bay Aquarium and Research Institutes (MBARI) ein Hydrophon-Netzwerk auf ihren Routen im California Current Ecosystem (CCE) installiert. Mit solch einem passiven akustischen Monitoring werden die Meeressäuger auch getaucht „sichtbar“.<br></br>Im Februar 2025 hatte ein Forscherteam um John P. Ryan die Aufnahmen von Blau-, Finn- und Buckelwalen auf saisonale und zwischenjährliche (interanuelle) Schwankungen analysiert.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/Uy-8M21H1ZM?feature=oembed" title="Blue whales going silent off California coast" width="666"></iframe> </p><figcaption>Blue whales going silent off California coast</figcaption></figure> <h2 id="h-california-current-ecosystem-krill-soviel-wal-will"><strong>California Current Ecosystem – Krill, soviel wal will</strong></h2> <p>Das California Current Ecosystem ist ein von Tiefseegräben durchzogenes Meeresbodenrelief direkt vor der Küste, in dem Upwelling (Auftrieb) für ein besonders reichhaltiges Nahrungsangebot sorgt – <a href="https://www.enso.info/enso-lexikon/lemma/upwelling">Upwelling bezeichnet das Aufströmen</a> von kaltem sauerstoffreichem Tiefenwasser, das sich mit dem Nährstoffeintrag von Land mischt. Sauerstoffreichtum und Nährstoffe sorgen in solchen Küstenregionen <a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0318624#references">dann für hohe Phytoplanktonproduktion</a>, die wiederum das Zooplanktonwachstum triggert, was kleine Schwarmfische und dann den Rest der marinen Nahrungspyramide anzieht. Solche Upwelling-Areale sind also reiche Fischgründe und ziehen damit auch Großwale an. Vor der kalifornischen Küste kommen dort etwa große Sardinenschwärme vor, die über Jahrzehnte die Basis für die <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/monterey-meeressaeuger-medusen-und-dosenfisch/">Sardinenfischerei von Monterey waren – die John Steinbeck</a> in seinem Werk“ Die Straße der Ölsardinen“ verewigte.<aside></aside></p> <p>Solche Freßgründe sind dynamisch und abhängig von den Temperaturen, Windverhältnissen und anderen ozeanographischen und meteorologischen Parametern. Wale merken sich die Stellen, an denen sie in den Vorjahren reichlich Nahrung fanden und steuern diese dann im Folgejahr wieder an. Blau-, Finn- und Buckelwale haben unterschiedliche Nahrungsstrategien und darum unterschiedliche saisonale Präsenz.</p> <h2 id="h-die-fressvorlieben-der-blauwale-finnwale-und-buckelwale"><strong>Die Freßvorlieben der Blauwale, Finnwale und Buckelwale</strong></h2> <p><a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0318624#references"><strong>Blauwale </strong>im östlichen Nordpazifik sind obligate</a> Euphausiiden- (Krill-) Fresser. Sie suchen im Sommer und Herbst entlang des Schelfabbruchs vor der Westküste Nordamerikas nach Nahrung, bevor sie nach Süden zu ihren Brutgebieten in niedrigeren Breitengraden wandern. Der Zeitpunkt der Ankunft und Abreise der Blauwale aus dem Nahrungshabitat CCE kann je nach Jahr um mehrere Monate variieren, abhängig von den ozeanographischen Parametern, die die Krillhäufigkeit, -dichte und -verteilung beeinflussen.<br></br><strong>Finnwale</strong> im östlichen Nordpazifik ernähren sich ebenfalls hauptsächlich von Euphausiiden, aber auch Copepoden (Ruderfußkrebse) können in manchen Jahren einen wesentlichen Teil ihrer Nahrung ausmachen. Telemetrische Studien deuten darauf hin, dass diese zweitgrößten aller Bartenwale das ganze Jahr über im CCE leben. <a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0318624#references">Die Markierung von Finnwalen in der südkalifornischen Bucht ergab zwei saisonale Muster</a>: (1) die Wanderung eines Teils der Population in niedrigere Breitengrade im Winter und (2) die bevorzugte Besiedlung von Lebensräumen in Küstennähe im Herbst und Winter sowie vor der Küste im Frühjahr und Sommer. <br></br><strong>Buckelwale</strong>, die im zentralen CCE nach Nahrung suchen, gehören fast ausschließlich zu zwei unterschiedlichen Populationen im nordöstlichen Pazifik, die zwischen den Nahrungsgründen vor der Westküste der Vereinigten Staaten und ihren Brutgebieten Brutgebieten vor Mexiko und Mittelamerika wandern. Auch bei ihnen gibt es Hinweise durch Sichtungen und andere Daten, dass sie ganzjährig im zentralen CCE anzutreffen sind. Sie fischen vor der Westküste Nordamerikas sowohl Krill als auch kleine Schwarmfische wie Sardellen und Sardinen – je nach Nahrungsangebot.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Humpback_Whale_underwater_shot-2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="588" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Humpback_Whale_underwater_shot-2-1024x588.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Humpback_Whale_underwater_shot-2-1024x588.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Humpback_Whale_underwater_shot-2-300x172.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Humpback_Whale_underwater_shot-2-768x441.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Humpback_Whale_underwater_shot-2.jpg 1034w" width="1024"></img></a><figcaption>Humpback whale (Humpback Whale underwater shot.jpg)</figcaption></figure> <h2 id="h-warum-walbullen-singen"><strong>Warum Walbullen singen</strong></h2> <p>Wale produzieren artspezifisch rhythmische und strukturierte Tonfolgen. Rufe von <a href="https://www.researchgate.net/publication/240809446_Behavioral_context_of_Northeast_Pacific_blue_whale_call_production">Blauwalen wie AB-Calls</a> stehen im Kontext mit dem Fortpflanzungsverhalten, andere Rufe wie D-Calls geben räumliche und zeitliche Informationen zur Nahrungssuche.<br></br>Je nach Walart geben Rufe und komplexe Gesänge also Informationen zum Zeitpunkt der Wanderung, Fortpflanzung und Nahrungssuche, die kulturelle Übertragung von Verhalten (vor allem bei Buckelwalen) sowie Trends in der relativen Häufigkeit und Muster der räumlichen Verteilung.</p> <p>Da Blauwale, Finnwale und Buckelwale sehr laute akustische Äußerungen abgeben, kann mit einem einzigen Hydrophon eine Fläche von Tausenden von km² erfasst werden. Ihre Tonfolgen dominieren die ozeanischen Klanglandschaften, so dass ihre akustische Überwachung ein wirksames Fernerkundungsinstrument für große Meeresökosysteme und für ökologische Aussagen zu den Walen dieses Meeresgebiets sind. Frühere Studien in dieser Region haben <a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0318624#references">Gesänge von Blauwalen während 7 Monaten und von Buckelwalen</a> während 9 Monaten im Jahr nachgewiesen.<p>Hier sind Calls:</p><br></br><a href="https://dosits.org/galleries/audio-gallery/marine-mammals/baleen-whales/blue-whale/?vimeography_gallery=9&amp;vimeography_video=395098208">Blauwal-Calls </a>(North Pacific)<br></br><a href="https://dosits.org/galleries/audio-gallery/marine-mammals/baleen-whales/fin-whale/">Finnwal-Calls</a> (Central-Pacific)<br></br><a href="https://dosits.org/galleries/audio-gallery/marine-mammals/baleen-whales/humpback-whale/">Buckelwal-Gesang</a> (California)</p> <h2 id="h-hitzewelle-im-meer-und-wal-nahrungssuche"><strong>Hitzewelle im Meer und Wal-Nahrungssuche</strong></h2> <p>Bei der Analyse der umfassenden Datensätze aus akustischen Aufnahmen, Sichtungen, Photo-ID, Nahrungs-Isotopen, Krill- und Fisch-Abundanz sowie weiteren Informationen wurden extreme Unterschiede zwischen den einzelnen Jahren sichtbar.<br></br>In einigen Jahren wurde deutlich, dass die Buckelwale von Krill zu kleinen Fischen als Beute switchten. Die Blau- und Finnwale hingegen haben aufgrund ihrer Bartenstruktur und Kultur diese Ausweichmöglichkeit auf andere Beute nicht. Sie mussten stattdessen in krillarmen Jahren mehr Aufwand und Energie in die Nahrungssuche stecken.</p> <p>Der Beginn der 6-jährigen Studie war 2015. In diesem Jahr herrschte eine extreme Hitzewelle im Nordpazifik, die Warmwasserblase wurde „The Blob“ genannt. „The Blob“ hatte starke Auswirkungen <a href="https://www.nature.com/articles/nature.2015.18218">auf alle Stufen der marinen Nahrungspyramide</a> (Ich hatte auf Meertext <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/4-b-wenn-die-fische-weiterwandern-heilbutt-co-im-nordpazifik/">hier</a> über diesen Blob sowie die Folgen <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2015/09/09/mysterioeses-wal-sterben-vor-alaska-durch-giftalgenbluete/2/">vor Alaska</a> <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2016/01/15/337-tote-seiwale-vor-chile-sind-giftalgen-und-el-nino-schuld/">und Chile</a> berichtet).<br></br>Zwischen den Jahren gab es große Schwankungen in der Häufigkeit und Zusammensetzung der Futterfischarten: In den ersten drei Jahren gab es durchweg wenige Sardellen und Sardinen, während die Krillbestände in diesem Zeitrahmen stetig stiegen (Allerdings hat der <a href="https://www.nature.com/articles/s42003-021-02159-1">Krillbestand über die letzten 60 Jahre fortlaufend abgenommen,</a> so dass ihre Bestände heute bereits insgesamt kleiner sind – Shifting Baselines. Auch die <a href="https://www.researchgate.net/publication/285782939_Recent_collapse_of_northern_anchovy_biomass_off_California">Anchovis-Bestände hatten insgesamt stark abgenommen</a>, trotz Fischereirestriktionen). Dieser Krill-Trend verlief parallel zu einem Anstieg des Upwellings und der Primärproduktion – die Meeresregion erholte sich offenbar von der mehrjährigen Meereswärmewelle. Die Song-Detektion für alle drei Walarten nahm in diesen Jahren zu. In den letzten drei Jahren des Untersuchungszeitraums fiel der Krill-Bestand stark ab, während mindestens eine Futterfischart starke zunahm.<br></br>Während dieses Zeitraums nahmen nur die Buckelwal-Gesänge zu, die der Blau- und Finnwale hingegen nahmen ab.</p> <p>Die Hitzewelle im Meer und die daraus resultierende Abnahme <a href="https://www.nationalgeographic.com/animals/article/ocean-heat-wave-blob-whale-songs">führte also bei Blau- und Finnwalen zur Änderung der Lautäußerungen.</a> Offenbar brauchten sie nun mehr Energie für Rufe, um ihre Beute zu orten und „riefen“ sich Krillansammlungen auch gegenseitig zu. Die Buckelwale, die bei Krillknappheit einfach kleine Fische fraßen, veränderten ihre Akustik hingegen nicht und sangen munter weiter.<br></br>Der Titel dieser umfassenden Arbeit – „<a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0318624#references">Hörbare Veränderungen in der marinen trophischen Ökologie: Der Gesang von Bartenwalen gibt Aufschluss über die Nahrungssituation im östlichen Nordpazifik</a>“ – trifft also voll zu. (Warum diese ausgezeichnete umfassende Arbeit jetzt erst in der Presse gebracht wurde, weiß ich nicht. Möglicherweise war sie zu komplex für viele Medien)</p> <h2 id="h-fazit-klimakrise-setzt-auch-grosse-wale-unter-stress"><strong>Fazit: Klimakrise setzt (auch) große Wale unter Stress</strong></h2> <p>Ryans Publikation endet mit der Feststellung der veränderten Kommunikation durch Hitzewellen. Ich möchte sie noch etwas weiter einordnen.<br></br>Die zunehmenden Hitzewellen in den Meeren bedrohen vor Allem Arten, die ein kleines Nahrungsspektrum haben – wie Finn- und noch stärker Blauwale. Diese Meerestiere müssen dann mehr Zeit und Energie für ihre Nahrungssuche aufwenden – auf Kosten anderer Verhaltensweisen. Darunter leidet etwa ihre Fortpflanzungsfähigkeit – ohne Gesänge können Bartenwal-Bullen nicht um Weibchen werben. Bei schlechtem Nahrungsangebot können die Wale sich nicht genug Fett als Treibstoff für ihre langen Wanderungen anfressen. Weibchen, die neben ausreichend Fett als Energie für die Wanderung auch noch ihr Kalb ernähren müssen, leiden besonders stark darunter – sie werden entweder nicht trächtig oder können sich und ihr Kalb nicht bis zur nächsten Ankunft in den Nahrungsgründen ernähren.</p> <p>Bei den Grauwalen vor der nordamerikanischen Pazifikküste sind diese Zusammenhänge im Kontext mit der Erwärmung ihrer arktischen Freßgründe bereits besser <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/die-grauwale-sterben-weiter-auch-2025/">untersucht, dazu gibt es exakte Zahlen</a>. Auch bei <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwale-von-recovery-zu-climate-response/">Buckelwalen waren auch andere Studien bereits zu dem Ergebnis</a> gekommen, dass sie unter Marine Heat Waves leiden. Was es konkret für die Finn- und Blauwale bedeutet, muss die Zukunft zeigen. Bedenklich ist, dass der Blauwalbestand sich bis heute nicht von den Wal-Massakern des kommerziellen Walfangs erholt hat.</p> <p>Die <a href="https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2413505122">zunehmenden Hitzewellen in den Meeren werden seit 2000</a> dokumentiert, die Temperaturen gerade der Meeresoberflächen erreichen immer neue Rekorde. Gerade dort, wo die Primärpoduktion stattfindet. Auch wenn sie von eher regionalen Wettergeschehnissen wie El Nino und La Nina überlagert werden, besteht kein Zweifel mehr daran, dass sie die Folgen der anthropogen gemachten Klimakrise sind.<br></br>Wale sind ökologische Zeiger und Frühwarnsysteme – sie zeigen, wie Meerestiere unter der Klimakrise leiden.</p> <h2 id="h-hinweis-zu-diskussion-von-klimakrise-themen-auf-meertext"><strong>Hinweis zu Diskussion von Klimakrise-Themen auf Meertext</strong></h2> <p>Wie bei allen Beiträgen zur Klimakrise möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass auch diese Aussagen und Schätzungen auf Resultaten Hunderter Datensätze vor allem von US-Forschungsgruppen basieren – sie sind im Text verlinkt. Die Arbeit von dem Wissenschaftsteam um John P. Ryan ist mit einer Vielzahl detaillierter Daten belegt und ergibt ein absolut plausibles Bild.<p>Ich bitte um eine faktenzentrierte Diskussion.</p><br></br>Trollereien hingegen werden nicht akzeptiert. Genauso wie das Unvermögen, zwischen Fakten und Meinung zu differenzieren.<br></br></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Hungrige Blauwale singen anders » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Eine <a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0318624#references">6-Jahres-Studie vor der Küste Kaliforniens</a> zeigt, wie Meeres-Hitzewellen (Marine heat waves) und Meereslärm Blauwale verstummen lassen.<br></br>Vor den schroffen Küsten Kaliforniens ziehen viele große Walarten vorbei, darunter auch Blauwale, die gewaltigsten Wale aller Zeiten. Trotz ihrer Körpergrößen von bis zu 30 Metern ernähren sie sich von den winzigen Krill-Krebschen. Davon schöpfen die bis zu <a href="https://www.arcgis.com/home/item.html?id=4a12c6b609de482eb05895c51df7613f">150 Tonnen schweren Bartenwale bis zu 6 Tonnen</a> täglich aus dem Meer.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Anim1754_-_Flickr_-_NOAA_Photo_Library-1.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="709" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Anim1754_-_Flickr_-_NOAA_Photo_Library-1-1024x709.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Anim1754_-_Flickr_-_NOAA_Photo_Library-1-1024x709.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Anim1754_-_Flickr_-_NOAA_Photo_Library-1-300x208.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Anim1754_-_Flickr_-_NOAA_Photo_Library-1-768x532.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Anim1754_-_Flickr_-_NOAA_Photo_Library-1.jpg 1280w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Balaenoptera musculus</em> (Anim1754 – Flickr – NOAA Photo Library.jpg)</figcaption></figure> <p>Mit Sendern versehene Wale haben gezeigt: Die Blauwale (<em>Balaenoptera musculus)</em> des Nordpazifiks verbringen den Sommer (Juni, Juli und August) in der Nähe des Golfs von Alaska und den Winter (Dezember, Januar und Februar) vor der Küste Mexikos und Mittelamerikas. Dabei nutzen sie die Meeresoberflächentemperaturen des Vorjahres (Krill bevorzugt kühleres Wasser), um zu bestimmen, wann sie wandern müssen, und merken sich Orte, an denen es in der Vergangenheit reichlich Krill gab.</p> <p>Die mit bis zu 25 Metern nur wenig kleineren Finnwale (<em>Balaenoptera physalus</em>) nutzen ebenfalls diese Gewässer und haben die gleiche Beute. Beide Arten sind nahe verwandt, verhalten sich ähnlich und haben eine sehr ähnliche Ökologie. Die bis zu 15 Meter großen, deutlich <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwale-von-recovery-zu-climate-response/">gedrungeneren Buckelwale</a> (<em>Megaptera novaeangliae</em>) hingegen unterscheiden sich von den <em>Balaenoptera</em>-Bartenwalen, etwa durch <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/seti-forscher-unterhalten-sich-20-minuten-lang-mit-buckelwal-twain/">ihre sehr komplexen Gesänge.</a> Ihre <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/die-sprachen-der-wale-meeresarien-und-morsecode/">einzigartigen Lautäußerungen</a> werden <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/wal-furze-loesen-u-boot-alarm-aus/">von Forschenden als Sprache eingestuft</a>.<br></br>Während Blauwale vor allem Krill fressen, <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/species/humpback-whale">fischen Finnwale</a> auch Copepoden und <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/species/humpback-whale">Buckelwale </a>Krill oder kleine Schwarmfische.</p> <p>Bei ihren Wanderungen vor der amerikanischen Küste werden sie von vielen Menschen beobachtet. Außerdem haben Forschende des Monterey Bay Aquarium and Research Institutes (MBARI) ein Hydrophon-Netzwerk auf ihren Routen im California Current Ecosystem (CCE) installiert. Mit solch einem passiven akustischen Monitoring werden die Meeressäuger auch getaucht „sichtbar“.<br></br>Im Februar 2025 hatte ein Forscherteam um John P. Ryan die Aufnahmen von Blau-, Finn- und Buckelwalen auf saisonale und zwischenjährliche (interanuelle) Schwankungen analysiert.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/Uy-8M21H1ZM?feature=oembed" title="Blue whales going silent off California coast" width="666"></iframe> </p><figcaption>Blue whales going silent off California coast</figcaption></figure> <h2 id="h-california-current-ecosystem-krill-soviel-wal-will"><strong>California Current Ecosystem – Krill, soviel wal will</strong></h2> <p>Das California Current Ecosystem ist ein von Tiefseegräben durchzogenes Meeresbodenrelief direkt vor der Küste, in dem Upwelling (Auftrieb) für ein besonders reichhaltiges Nahrungsangebot sorgt – <a href="https://www.enso.info/enso-lexikon/lemma/upwelling">Upwelling bezeichnet das Aufströmen</a> von kaltem sauerstoffreichem Tiefenwasser, das sich mit dem Nährstoffeintrag von Land mischt. Sauerstoffreichtum und Nährstoffe sorgen in solchen Küstenregionen <a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0318624#references">dann für hohe Phytoplanktonproduktion</a>, die wiederum das Zooplanktonwachstum triggert, was kleine Schwarmfische und dann den Rest der marinen Nahrungspyramide anzieht. Solche Upwelling-Areale sind also reiche Fischgründe und ziehen damit auch Großwale an. Vor der kalifornischen Küste kommen dort etwa große Sardinenschwärme vor, die über Jahrzehnte die Basis für die <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/monterey-meeressaeuger-medusen-und-dosenfisch/">Sardinenfischerei von Monterey waren – die John Steinbeck</a> in seinem Werk“ Die Straße der Ölsardinen“ verewigte.<aside></aside></p> <p>Solche Freßgründe sind dynamisch und abhängig von den Temperaturen, Windverhältnissen und anderen ozeanographischen und meteorologischen Parametern. Wale merken sich die Stellen, an denen sie in den Vorjahren reichlich Nahrung fanden und steuern diese dann im Folgejahr wieder an. Blau-, Finn- und Buckelwale haben unterschiedliche Nahrungsstrategien und darum unterschiedliche saisonale Präsenz.</p> <h2 id="h-die-fressvorlieben-der-blauwale-finnwale-und-buckelwale"><strong>Die Freßvorlieben der Blauwale, Finnwale und Buckelwale</strong></h2> <p><a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0318624#references"><strong>Blauwale </strong>im östlichen Nordpazifik sind obligate</a> Euphausiiden- (Krill-) Fresser. Sie suchen im Sommer und Herbst entlang des Schelfabbruchs vor der Westküste Nordamerikas nach Nahrung, bevor sie nach Süden zu ihren Brutgebieten in niedrigeren Breitengraden wandern. Der Zeitpunkt der Ankunft und Abreise der Blauwale aus dem Nahrungshabitat CCE kann je nach Jahr um mehrere Monate variieren, abhängig von den ozeanographischen Parametern, die die Krillhäufigkeit, -dichte und -verteilung beeinflussen.<br></br><strong>Finnwale</strong> im östlichen Nordpazifik ernähren sich ebenfalls hauptsächlich von Euphausiiden, aber auch Copepoden (Ruderfußkrebse) können in manchen Jahren einen wesentlichen Teil ihrer Nahrung ausmachen. Telemetrische Studien deuten darauf hin, dass diese zweitgrößten aller Bartenwale das ganze Jahr über im CCE leben. <a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0318624#references">Die Markierung von Finnwalen in der südkalifornischen Bucht ergab zwei saisonale Muster</a>: (1) die Wanderung eines Teils der Population in niedrigere Breitengrade im Winter und (2) die bevorzugte Besiedlung von Lebensräumen in Küstennähe im Herbst und Winter sowie vor der Küste im Frühjahr und Sommer. <br></br><strong>Buckelwale</strong>, die im zentralen CCE nach Nahrung suchen, gehören fast ausschließlich zu zwei unterschiedlichen Populationen im nordöstlichen Pazifik, die zwischen den Nahrungsgründen vor der Westküste der Vereinigten Staaten und ihren Brutgebieten Brutgebieten vor Mexiko und Mittelamerika wandern. Auch bei ihnen gibt es Hinweise durch Sichtungen und andere Daten, dass sie ganzjährig im zentralen CCE anzutreffen sind. Sie fischen vor der Westküste Nordamerikas sowohl Krill als auch kleine Schwarmfische wie Sardellen und Sardinen – je nach Nahrungsangebot.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Humpback_Whale_underwater_shot-2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="588" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Humpback_Whale_underwater_shot-2-1024x588.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Humpback_Whale_underwater_shot-2-1024x588.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Humpback_Whale_underwater_shot-2-300x172.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Humpback_Whale_underwater_shot-2-768x441.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Humpback_Whale_underwater_shot-2.jpg 1034w" width="1024"></img></a><figcaption>Humpback whale (Humpback Whale underwater shot.jpg)</figcaption></figure> <h2 id="h-warum-walbullen-singen"><strong>Warum Walbullen singen</strong></h2> <p>Wale produzieren artspezifisch rhythmische und strukturierte Tonfolgen. Rufe von <a href="https://www.researchgate.net/publication/240809446_Behavioral_context_of_Northeast_Pacific_blue_whale_call_production">Blauwalen wie AB-Calls</a> stehen im Kontext mit dem Fortpflanzungsverhalten, andere Rufe wie D-Calls geben räumliche und zeitliche Informationen zur Nahrungssuche.<br></br>Je nach Walart geben Rufe und komplexe Gesänge also Informationen zum Zeitpunkt der Wanderung, Fortpflanzung und Nahrungssuche, die kulturelle Übertragung von Verhalten (vor allem bei Buckelwalen) sowie Trends in der relativen Häufigkeit und Muster der räumlichen Verteilung.</p> <p>Da Blauwale, Finnwale und Buckelwale sehr laute akustische Äußerungen abgeben, kann mit einem einzigen Hydrophon eine Fläche von Tausenden von km² erfasst werden. Ihre Tonfolgen dominieren die ozeanischen Klanglandschaften, so dass ihre akustische Überwachung ein wirksames Fernerkundungsinstrument für große Meeresökosysteme und für ökologische Aussagen zu den Walen dieses Meeresgebiets sind. Frühere Studien in dieser Region haben <a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0318624#references">Gesänge von Blauwalen während 7 Monaten und von Buckelwalen</a> während 9 Monaten im Jahr nachgewiesen.<p>Hier sind Calls:</p><br></br><a href="https://dosits.org/galleries/audio-gallery/marine-mammals/baleen-whales/blue-whale/?vimeography_gallery=9&amp;vimeography_video=395098208">Blauwal-Calls </a>(North Pacific)<br></br><a href="https://dosits.org/galleries/audio-gallery/marine-mammals/baleen-whales/fin-whale/">Finnwal-Calls</a> (Central-Pacific)<br></br><a href="https://dosits.org/galleries/audio-gallery/marine-mammals/baleen-whales/humpback-whale/">Buckelwal-Gesang</a> (California)</p> <h2 id="h-hitzewelle-im-meer-und-wal-nahrungssuche"><strong>Hitzewelle im Meer und Wal-Nahrungssuche</strong></h2> <p>Bei der Analyse der umfassenden Datensätze aus akustischen Aufnahmen, Sichtungen, Photo-ID, Nahrungs-Isotopen, Krill- und Fisch-Abundanz sowie weiteren Informationen wurden extreme Unterschiede zwischen den einzelnen Jahren sichtbar.<br></br>In einigen Jahren wurde deutlich, dass die Buckelwale von Krill zu kleinen Fischen als Beute switchten. Die Blau- und Finnwale hingegen haben aufgrund ihrer Bartenstruktur und Kultur diese Ausweichmöglichkeit auf andere Beute nicht. Sie mussten stattdessen in krillarmen Jahren mehr Aufwand und Energie in die Nahrungssuche stecken.</p> <p>Der Beginn der 6-jährigen Studie war 2015. In diesem Jahr herrschte eine extreme Hitzewelle im Nordpazifik, die Warmwasserblase wurde „The Blob“ genannt. „The Blob“ hatte starke Auswirkungen <a href="https://www.nature.com/articles/nature.2015.18218">auf alle Stufen der marinen Nahrungspyramide</a> (Ich hatte auf Meertext <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/4-b-wenn-die-fische-weiterwandern-heilbutt-co-im-nordpazifik/">hier</a> über diesen Blob sowie die Folgen <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2015/09/09/mysterioeses-wal-sterben-vor-alaska-durch-giftalgenbluete/2/">vor Alaska</a> <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2016/01/15/337-tote-seiwale-vor-chile-sind-giftalgen-und-el-nino-schuld/">und Chile</a> berichtet).<br></br>Zwischen den Jahren gab es große Schwankungen in der Häufigkeit und Zusammensetzung der Futterfischarten: In den ersten drei Jahren gab es durchweg wenige Sardellen und Sardinen, während die Krillbestände in diesem Zeitrahmen stetig stiegen (Allerdings hat der <a href="https://www.nature.com/articles/s42003-021-02159-1">Krillbestand über die letzten 60 Jahre fortlaufend abgenommen,</a> so dass ihre Bestände heute bereits insgesamt kleiner sind – Shifting Baselines. Auch die <a href="https://www.researchgate.net/publication/285782939_Recent_collapse_of_northern_anchovy_biomass_off_California">Anchovis-Bestände hatten insgesamt stark abgenommen</a>, trotz Fischereirestriktionen). Dieser Krill-Trend verlief parallel zu einem Anstieg des Upwellings und der Primärproduktion – die Meeresregion erholte sich offenbar von der mehrjährigen Meereswärmewelle. Die Song-Detektion für alle drei Walarten nahm in diesen Jahren zu. In den letzten drei Jahren des Untersuchungszeitraums fiel der Krill-Bestand stark ab, während mindestens eine Futterfischart starke zunahm.<br></br>Während dieses Zeitraums nahmen nur die Buckelwal-Gesänge zu, die der Blau- und Finnwale hingegen nahmen ab.</p> <p>Die Hitzewelle im Meer und die daraus resultierende Abnahme <a href="https://www.nationalgeographic.com/animals/article/ocean-heat-wave-blob-whale-songs">führte also bei Blau- und Finnwalen zur Änderung der Lautäußerungen.</a> Offenbar brauchten sie nun mehr Energie für Rufe, um ihre Beute zu orten und „riefen“ sich Krillansammlungen auch gegenseitig zu. Die Buckelwale, die bei Krillknappheit einfach kleine Fische fraßen, veränderten ihre Akustik hingegen nicht und sangen munter weiter.<br></br>Der Titel dieser umfassenden Arbeit – „<a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0318624#references">Hörbare Veränderungen in der marinen trophischen Ökologie: Der Gesang von Bartenwalen gibt Aufschluss über die Nahrungssituation im östlichen Nordpazifik</a>“ – trifft also voll zu. (Warum diese ausgezeichnete umfassende Arbeit jetzt erst in der Presse gebracht wurde, weiß ich nicht. Möglicherweise war sie zu komplex für viele Medien)</p> <h2 id="h-fazit-klimakrise-setzt-auch-grosse-wale-unter-stress"><strong>Fazit: Klimakrise setzt (auch) große Wale unter Stress</strong></h2> <p>Ryans Publikation endet mit der Feststellung der veränderten Kommunikation durch Hitzewellen. Ich möchte sie noch etwas weiter einordnen.<br></br>Die zunehmenden Hitzewellen in den Meeren bedrohen vor Allem Arten, die ein kleines Nahrungsspektrum haben – wie Finn- und noch stärker Blauwale. Diese Meerestiere müssen dann mehr Zeit und Energie für ihre Nahrungssuche aufwenden – auf Kosten anderer Verhaltensweisen. Darunter leidet etwa ihre Fortpflanzungsfähigkeit – ohne Gesänge können Bartenwal-Bullen nicht um Weibchen werben. Bei schlechtem Nahrungsangebot können die Wale sich nicht genug Fett als Treibstoff für ihre langen Wanderungen anfressen. Weibchen, die neben ausreichend Fett als Energie für die Wanderung auch noch ihr Kalb ernähren müssen, leiden besonders stark darunter – sie werden entweder nicht trächtig oder können sich und ihr Kalb nicht bis zur nächsten Ankunft in den Nahrungsgründen ernähren.</p> <p>Bei den Grauwalen vor der nordamerikanischen Pazifikküste sind diese Zusammenhänge im Kontext mit der Erwärmung ihrer arktischen Freßgründe bereits besser <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/die-grauwale-sterben-weiter-auch-2025/">untersucht, dazu gibt es exakte Zahlen</a>. Auch bei <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwale-von-recovery-zu-climate-response/">Buckelwalen waren auch andere Studien bereits zu dem Ergebnis</a> gekommen, dass sie unter Marine Heat Waves leiden. Was es konkret für die Finn- und Blauwale bedeutet, muss die Zukunft zeigen. Bedenklich ist, dass der Blauwalbestand sich bis heute nicht von den Wal-Massakern des kommerziellen Walfangs erholt hat.</p> <p>Die <a href="https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2413505122">zunehmenden Hitzewellen in den Meeren werden seit 2000</a> dokumentiert, die Temperaturen gerade der Meeresoberflächen erreichen immer neue Rekorde. Gerade dort, wo die Primärpoduktion stattfindet. Auch wenn sie von eher regionalen Wettergeschehnissen wie El Nino und La Nina überlagert werden, besteht kein Zweifel mehr daran, dass sie die Folgen der anthropogen gemachten Klimakrise sind.<br></br>Wale sind ökologische Zeiger und Frühwarnsysteme – sie zeigen, wie Meerestiere unter der Klimakrise leiden.</p> <h2 id="h-hinweis-zu-diskussion-von-klimakrise-themen-auf-meertext"><strong>Hinweis zu Diskussion von Klimakrise-Themen auf Meertext</strong></h2> <p>Wie bei allen Beiträgen zur Klimakrise möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass auch diese Aussagen und Schätzungen auf Resultaten Hunderter Datensätze vor allem von US-Forschungsgruppen basieren – sie sind im Text verlinkt. Die Arbeit von dem Wissenschaftsteam um John P. Ryan ist mit einer Vielzahl detaillierter Daten belegt und ergibt ein absolut plausibles Bild.<p>Ich bitte um eine faktenzentrierte Diskussion.</p><br></br>Trollereien hingegen werden nicht akzeptiert. Genauso wie das Unvermögen, zwischen Fakten und Meinung zu differenzieren.<br></br></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/hungrige-blauwale-singen-anders/#respond 0 Kein Fortschritt ohne Öl und Gas? https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/oel-und-gas-als-preis-des-fortschritts/ https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/oel-und-gas-als-preis-des-fortschritts/#comments Sat, 09 Aug 2025 10:17:58 +0000 Thomas Grüter https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/?p=1710 https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ausgetrockneter_see-768x354.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/oel-und-gas-als-preis-des-fortschritts/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ausgetrockneter_see.jpg" /><h1>Kein Fortschritt ohne Öl und Gas? » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Donald Trump erlässt nicht nur willkürliche Zölle, er will auch fossile Energien wieder stärker fördern. Klimaschutz hält er für überflüssig. Sein Energieminister Chris Wright hat Ende Juli <a href="https://www.focus.de/politik/ausland/klimakrise-quatsch-nur-ein-nebenprodukt-des-fortschritts-meint-trump-minister_57b65d7e-676d-46b3-9620-1967761dbba8.html">in einem Gastbeitrag</a> für das britische Nachrichtenmagazin <i>The </i><i>Economist</i> eine skurrile Begründung dafür geschrieben.</b></p> <p>Eigentlich müsste er es besser wissen, denn im Gegensatz zu vielen anderen engen Mitarbeitern von Trump hat Chris Wright keine Karriere im Showbusiness hinter sich. Vielmehr hat er am renommierten Massachusetts Institute of Technology Ingenieurwissenschaften studiert und seinen Master gemacht. Später hat mehrere Firmen gegründet, die im sogenannten Fracking-Geschäft tätig sind. Fracking ist die die gängige Abkürzung für „Hydraulic Frakturing“. Dabei wird mit hohem Druck eine spezielle Flüssigkeit durch eine Bohrung in die Erde gedrückt, um bei Öl- und Gas-Lagerstätten die Förderung zu erleichtern. In den USA wird das Verfahren in großem Maßstab angewandt.</p> <p>Bis zu seiner Ernennung zum Energieminister war er CEO der Firma „<a href="https://libertyenergy.com/completion-services/frac/">Liberty Energy</a>“. Sie verdient ihr Geld unter anderem mit Ausrüstungen für Fracking-Bohrungen. Und das ist in den USA ein Riesengeschäft. 2024 setzte Liberty Energy mehr als fünf Milliarden US$ um.</p> <p>Wenn man in Deutschland Menschen bittet, die größten Erdölproduzenten zu nennen, wird den meisten wohl Saudi-Arabien und Russland einfallen. Tatsächlich sind aber die USA das größte Förderland für <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Erd%C3%B6l/Tabellen_und_Grafiken">Erdöl</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Erdgas/Tabellen_und_Grafiken">Erdgas</a>, weit vor Saudi-Arabien (zweiter) und Russland (dritter). Es ist also nachvollziehbar, dass der Chef einer florierenden Firma für Öl- und Gasgewinnung von alternativer Energie nicht viel hält. Und Chris Wright hat schon vor seiner Ernennung zum Energieminister aus seiner Abneigung gegen den Klimaschutz keinen Hehl gemacht.<aside></aside></p> <p>„Es gibt keine Klimakrise und wir sind auch nicht mitten in einem Wandel der Energieerzeugung“, erklärte er 2023 in <a href="https://eu.usatoday.com/story/news/politics/elections/2024/11/16/trump-cabinet-chris-wright-energy-secretary/76366278007/">einem Video auf LinkedIn.</a> Einen Mangel an verfügbarer Energie sieht er als den schlimmsten Armutfaktor an. Ausschließlich eine verstärkte Förderung und Verbrennung von Kohlenwasserstoffen (Öl und Gas) könne diese Armut lindern, sagte er bei mehreren Gelegenheiten. Seine Firma hat im Jahr 2024 sogar <a href="https://libertyenergy.com/wp-content/uploads/2024/02/Bettering-Human-Lives-2024-Web-Liberty-Energy.pdf">eine bunte Broschüre herausgebracht</a>, in der diese These vorgestellt und erläutert wird.</p> <p>Trump ist auf diesen Zug gerne aufgesprungen, nicht zuletzt, weil die Öl- und Gasindustrie über viel Geld verfügt. Wenn sie <a href="https://www.n-tv.de/wirtschaft/Trump-verspricht-Olindustrie-Ende-von-Umwelt-Restriktionen-article24932263.html">eine Milliarde US$ an Spenden</a> für seinen Wahlkampf springen lassen, erklärte Trump, damals noch Präsidentschaftskandidat, vor Vertretern von Ölfirmen, werde er Umweltrestriktionen aufheben und weitere Ölbohrlizenzen vergeben. Diese Summe war aber selbst den Ölmagnaten zu viel. Nach einer <a href="https://climatepower.us/research-polling/big-oil-spent-450-million-to-influence-trump-the-119th-congress/">Rechnung der Gruppe „Climate Power“</a> gaben sie aber in den Jahren 2023 und 2024 immerhin rund 445 Millionen US$ für Lobby-Arbeit aus. Rund 96 Millionen davon kamen allein für Trumps Wahlkampf zusammen.</p> <p>Schon in den ersten Tagen seiner Amtszeit rief Trump einen „Energienotstand“ aus und <a href="https://www.whitehouse.gov/presidential-actions/2025/01/unleashing-american-energy/">wies seine Minister an,</a> mehr bundeseigenes Land zur Exploration freizugeben. Außerdem widerrief er eine Reihe von Umweltschutzvorschriften und bestellte mit Chris Wright einen Lobbyisten der Ölindustrie zum Energieminister. Der nutzte auch gleich seine Einführungsrede für die Mitarbeiter des Ministeriums, um Deutschland als <a href="https://insideclimatenews.org/news/13022025/inside-clean-energy-chris-wright-calls-germany-energy-transition-unreliable/">warnendes Beispiel</a> hinzustellen:</p> <p>Das Land habe auf erneuerbare Energien gesetzt und leide jetzt unter den Folgen. „Wenn Energie teuer und unzuverlässig ist, werden alle ein bisschen ärmer und es ist schwieriger, Waren im Land herzustellen. Was passiert dann? Die Industrieproduktion wird einfach woanders hin verlagert. Sie verschwindet nicht, sie findet nur nicht mehr in Deutschland statt. Dinge werden in Asien oder den Vereinigten Staaten hergestellt, auf ein Schiff verladen und nach Deutschland zurückgeschickt.“<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a></p> <p>Tatsächlich nimmt die Industrieproduktion in Deutschland seit Jahren ab, aber das liegt nicht an unzuverlässiger Stromversorgung. Vielmehr ist die Stromversorgung in <a href="https://www.heise.de/news/Stromversorgung-in-Deutschland-eine-der-zuverlaessigsten-der-Welt-7305219.html">Deutschland so sicher wie fast nirgendwo anders</a> – und deutlich sicherer als in den USA. Maßgeblich ist eher die <a href="https://de.statista.com/infografik/28510/produktionsindex-des-produzierenden-gewerbes-in-deutschland/">Krise der deutschen Automobilindustrie</a>. Und die Energiepreise in Deutschland sind in den letzten Jahr hauptsächlich deshalb so schnell gestiegen, weil Russland ohne Vorwarnung die Belieferung mit Erdgas eingestellt hat (inzwischen sind die Preise wieder deutlich gefallen).</p> <p>Die Argumentation, die Wright übrigens auch in seinem aktuellen Artikel für den „Economist“ wiederholt, nimmt wenig Rücksicht auf komplexe Zusammenhänge und kommt immer wieder auf einen einzigen Punkt zurück:</p> <p>„Fortschritt und Reichtum der Welt hängen vom steigenden Energieverbrauch ab. Deshalb muss Energie billig sein und in immer größeren Mengen zur Verfügung stehen.“</p> <p>Und das, so folgert er, geht nur mit Öl und Gas, wobei eine Beimischung von Kernenergie durchaus sinnvoll sein kann.</p> <p>Das alles propagiert Wright schon lange. Neuerdings argumentiert er auch, dass Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz Unmengen elektrischer Energie verschlingt. Wer hier mithalten will, muss billigen Strom im Überfluss bereitstellen, aus Öl und Gas natürlich.</p> <h3>Wright und der Klimawandel</h3> <p>Und der Klimawandel? Doch, sagt er, den gibt es. <a href="https://www.focus.de/politik/ausland/klimakrise-quatsch-nur-ein-nebenprodukt-des-fortschritts-meint-trump-minister_57b65d7e-676d-46b3-9620-1967761dbba8.html">Aber</a>:</p> <p>„Wir werden den Klimakrise [falsch im Original] als das betrachten, was er ist: keine existenzielle Krise, sondern ein reales, physisches Phänomen, ein Nebenprodukt des Fortschritts … Milliarden Menschen konnten der Armut entkommen … Ich bin bereit, für dieses Erbe des menschlichen Fortschritts bescheidene Nachteile in Kauf zu nehmen.“</p> <p>Und er meint, es habe keinen Sinn, die Stromerzeugung auf erneuerbare Energien umzustellen. Schließlich ist Elektrizität nur für etwa 20 % des weltweiten <a href="https://www.iea.org/reports/key-world-energy-statistics-2021/final-consumption">Energieverbrauchs verantwortlich</a>. Und der Rest? Betrachtet man den <a href="https://ourworldindata.org/grapher/global-primary-energy">gesamten Energieverbrauch der Welt,</a> dann machen Kohle, Gas und Öl tatsächlich mehr als 80 Prozent aus<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>. Und deshalb sind sie auf absehbare Zeit unersetzlich. Das meiste wird zur Wärmeerzeugung verbrannt. Autos, Flugzeuge, Schiffe und Eisenbahnen brauchen deutlich weniger, aber immer vergleichsweise viel. Darauf baut Wright sein Argument auf, dass die Welt eben nicht mitten in einem Wandel der Energieerzeugung steckt. Hat er damit eventuell recht? Spoiler: Hat er nicht.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1712" id="attachment_1712"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/drought2.jpg"><img alt="Dürre. Ausgetrockneter Bach in vertrockneter Wiese." decoding="async" height="341" sizes="(max-width: 341px) 100vw, 341px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/drought2-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/drought2-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/drought2-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/drought2-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/drought2.jpg 1024w" width="341"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1712">Dürre. KI-generiertes Symbolbild</figcaption></figure> <p>Wrights Argumente sind eine geschickte Mischung aus Tatsachen, Interpretationen, Auslassungen, Falschbehauptungen und unzulässigen Schlussfolgerungen.</p> <p>Richtig ist, dass fossile Brennstoffe nach wie vor die Energieversorgung der Welt – und auch Deutschlands – dominieren (mit je 80 Prozent). Es ist eine Lebenslüge der deutschen „Energiewende“, dass unser Land der Welt ein Vorbild ist, oder auch nur einen Großteil der Dekarbonisierung bereits geschafft haben. Tatsächlich liegt der schwierigste und steilste Teil noch vor uns, und ob die fehlenden 80 Prozent wirklich in zwanzig Jahren zu schaffen sind, bleibt offen. Trotzdem ist dies der richtige Weg, auch wenn wir eventuell mit Verspätung am Ziel anlangen.</p> <p>Chris Wright hat deshalb unrecht, wenn er sagt, dass kein Wandel stattfindet.</p> <p>Würde er sich ohne Scheuklappen umsehen, könnte ihm auffallen, dass viele Länder angefangen haben, die Stromerzeugung auf erneuerbare Energien umzustellen, und die Abhängigkeit des Verkehrs und der Wärmeerzeugung von fossilen Energien zu reduzieren. Eigentlich sollte das bis zur Mitte des Jahrhunderts geschafft sein, aber der Weg ist wie üblich anstrengender als das Ziel.</p> <h3>Braucht Fortschritt mehr Energie?</h3> <p>Treibt nur ein stetig ansteigender Energieverbrauch den technischen Fortschritt an, wie Wright behauptet? Diese Idee ist mindestens umstritten. <a href="https://www.destatis.de/Europa/DE/Thema/GreenDeal/_Grafik/05-endenergieverbrauch.html">Der Energieverbrauch der EU</a> hat von 2005 bis 2023 um ca. 12 Prozent <i>abgenommen </i>(Deutschland -13 Prozent, Niederlande – 22 Prozent), während <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/222901/umfrage/bruttoinlandsprodukt-bip-in-der-europaeischen-union-eu/">das Bruttoinlandsprodukt um mehr als 50 Prozent</a> gestiegen ist. Die EU-Staaten verbessern also die <i>Energieeffizienz. </i>Die EU steht auf dem Standpunkt, dass eine Verringerung des Energieverbrauchs keineswegs dem Fortschritt und dem Wirtschaftswachstum im Weg steht. Und das Potential ist bisher nicht einmal ausgeschöpft. Ein Kurzgutachten des Instituts für Energietechnik und Energiemanagement der Hochschule Niederrhein kam 2023 zu dem Ergebnis, dass die deutsche Industrie ohne große negative Auswirkungen noch weitere 44 Prozent des Energiebedarfs einsparen könnte.<a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a> Die billigste Energie ist immer diejenige, die gar nicht erst verbraucht wird. Aber gibt es überhaupt einen linearen Zusammenhang zwischen Reichtum und Energie?</p> <p><a href="https://ourworldindata.org/grapher/energy-use-per-person-vs-gdp-per-capita?tab=table&amp;tableFilter=countries">Die folgende Vergleichstabelle</a> zeigt den Energieverbrauch und das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf für wichtige Industriestaaten:</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1711" id="attachment_1711"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/US-Reg-tab1.jpg"><img alt="Bruttoinlandsprodukt und Energieverbrauch" decoding="async" height="226" sizes="(max-width: 394px) 100vw, 394px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/US-Reg-tab1-300x172.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/US-Reg-tab1-300x172.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/US-Reg-tab1.jpg 652w" width="394"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1711">Bruttoinlandsprodukt und Energieverbrauch pro Kopf in ausgewählten Staaten im Jahr 2024 (Quelle: Ourworldindata.org)</figcaption></figure> <p>Halten wir fest: Fortschritt und Reichtum hängen ganz offenbar nicht am Energieverbrauch. Hier liegt Wright also falsch. Und das müsste er eigentlich wissen, schließlich war er lange genug in der Branche tätig.</p> <h3>Billige Energie durch Öl und Gas?</h3> <p>Donald Trump hatte in seinem Wahlkampf versprochen, die Preise für Energie und Strom zu halbieren, und zwar durch eine Förderung des Verbrauchs von Kohle („I love Coal!“), Öl und Gas. Geht das, oder ist das eines seiner vielen leeren Versprechen? Sehen wir mal:</p> <p>Die Kosten der Erdölproduktion liegen in den meisten Ländern weit unter dem gegenwärtigen Durchschnittspreis von ca. 70 US$ pro Barrel. Die Produktionskosten in Saudi-Arabien liegen wohl unter 10 US$. <a href="https://www.focus.de/finanzen/news/oelpreis-rueckgang-bringt-russlands-wirtschaft-in-gefahr-ab-diesem-preis-zittert-putin_f0876599-1a9a-4f6d-b51c-f9b268d88ed6.html">Russland produziert für ca. 40 – 45 US$</a><a href="#sdendnote4sym" name="sdendnote4anc"><sup>4</sup></a>, die Ölförderung durch Fracking in den USA<a href="https://www.eia.gov/todayinenergy/detail.php?id=65024"> kostet teilweise mehr als 60 US$</a>. Die gegenwärtigen Öl- und Gaspreise werden deshalb ausschließlich von Angebot und Nachfrage bestimmt. Jede Ausweitung der Nachfrage führt beinahe sofort zu steigenden Preisen, jeder Rückgang zu einem Einbruch. Wenn Trump sein Wahlkampfversprechen halten will, muss seine Regierung die Ölpreise drücken – aber nicht zu sehr, weil einige einheimische Produzenten dann aufgeben würden. Idealerweise würden sich die Ölpreise also in dem schmalen Korridor zwischen 70 und 80 US$ bewegen, um sowohl die Ölindustrie als auch die Verbraucher bei Laune zu halten. Für die angekündigten Preissenkungen bei Benzin und Diesel bleibt da nicht viel Spielraum.</p> <p>Beim Strom sieht es nicht besser aus. Sicher, Trumps Regierung tut einiges um Kohle- und Gaskraftwerke zu fördern. Die Umweltagentur hat unter seiner Ägide <a href="https://www.nbcnews.com/science/environment/trump-epa-power-plant-emissions-repeal-rcna212193">vorgeschlagen</a>, die CO<sub>2</sub>-Grenzwerte für Kraftwerke aufzuheben und die Grenzwerte für Quecksilber hochzusetzen. Das hilft den Kohlekraftwerken enorm.</p> <p>Nur: Die Stromerzeugung aus Kohle ist seit 2000 um zwei Drittel zurückgegangen und ein großer Teil der Kohlekraftwerke ist <a href="https://www.reuters.com/markets/commodities/trumps-push-comeback-coal-may-turn-ashes-2025-07-18/">älter als vierzig Jahre</a>. Die Erneuerung und Erweiterung kostet erst einmal viel Geld, und das werden die Betreiber auf den Preis des Stroms aufschlagen – wenn sie das überhaupt angehen wollen. Niemand weiß schließlich, ob auch künftige Regierungen kohlefreundlich bleiben werden.</p> <p>Bei Gaskraftwerken sieht es etwas anders aus. Sie erzeugen ohne Frage günstigen Strom, solange die Umweltauflagen großzügig sind und eine CO<sub>2</sub>-Abgabe nicht erhoben wird. Aber wer jetzt ein neues Gaskraftwerk bauen will, muss sich darauf verlassen, dass sich das in den nächsten zwanzig Jahren nicht ändert. Und dieses Risiko werden wohl die wenigsten eingehen wollen. Schließlich dauert allein der Bau eines großen Kohle- oder Gaskraftwerks mindestens drei bis sieben Jahre.</p> <p>Auch Trump kann also nicht einfach die Zeit zurückdrehen. Und anders als vor 40 Jahren müssen sich die fossilen Kraftwerke heutzutage der erneuerbaren Konkurrenz stellen. Zwar stehen erneuerbare Energien nicht durchgehend zur Verfügung, aber sie sind billig und außerdem schneller am Netz. Für eine große Windfarm oder einen Solarpark reichen ein Jahr Vorlaufzeit – und große Stromspeicher werden auch immer günstiger.</p> <h3>Fazit</h3> <p>Die Argumente, die Wright vorbringt, sind dünn, teilweise falsch und voller Auslassungen. So liegt der Verdacht nahe, dass es ihm mehr um sein eigenes Geschäft als um die Sicherheit der amerikanischen Energieversorgung geht. Aber warum macht er sich überhaupt die Mühe, sein Geschäft als Beitrag für den Fortschritt der Menschheit zu verkaufen? Vielleicht möchte er – auch vor sich selbst – nicht als amoralischer Neureicher dastehen, der sein Geld damit verdient, Boden und Luft zu verschmutzen. Vielleicht möchte er auch, dass seine Kunden ein besseres Gewissen haben. So genau weiß das das niemand.</p> <p>Und Donald Trump sieht es sicherlich nicht ungern, wenn die Öl- und Gasindustrie weiterhin hohe Summen für seine politischen Freunde spendet. Dafür ernennt er auch gerne einen Ölmagnaten zum Energieminister.</p> <p>Ein Deal, eben.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> “If your energy is expensive and it’s unreliable, everyone lives a little bit of a poorer life and it’s harder to manufacture things in your country,” he said. “So guess what happens? That manufacturing, it just moves somewhere else. Doesn’t go away, it’s just not built in Germany anymore. It’s built in Asia, United States, and loaded on a ship and shipped back to Germany.”</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Das ist in Deutschland nicht anders. Im Jahr 2024 hat unser Land <a href="https://ag-energiebilanzen.de/energieverbrauch-faellt-2024-auf-neuen-tiefststand/">80 Prozent seines Energiebedarfs</a> mit fossilen Energien gedeckt. Wenn wir wirklich bis 2045 komplett auf erneuerbare Energien umstellen wollen, haben wir die Umstellung noch zum größten Teil vor uns.</p> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3]</a> Meyer, J., Madsen, M., &amp; Saars, L. Kurzstudie Energieeffizienzmaßnahmen in der Industrie. Krefeld 2023. <a href="https://deneff.org/wp-content/uploads/2023/04/HSNR-Kurzstudie-EnEffPotentiale-Industrie-2023-03-31.pdf">Link</a></p> <div id="sdendnote4"> <p><a href="#sdendnote4anc" name="sdendnote4sym">[4]</a> Angegeben sind hier die sogenannten „Breakeven costs“, also die Kosten für Förderung und Transport.</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ausgetrockneter_see.jpg" /><h1>Kein Fortschritt ohne Öl und Gas? » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Donald Trump erlässt nicht nur willkürliche Zölle, er will auch fossile Energien wieder stärker fördern. Klimaschutz hält er für überflüssig. Sein Energieminister Chris Wright hat Ende Juli <a href="https://www.focus.de/politik/ausland/klimakrise-quatsch-nur-ein-nebenprodukt-des-fortschritts-meint-trump-minister_57b65d7e-676d-46b3-9620-1967761dbba8.html">in einem Gastbeitrag</a> für das britische Nachrichtenmagazin <i>The </i><i>Economist</i> eine skurrile Begründung dafür geschrieben.</b></p> <p>Eigentlich müsste er es besser wissen, denn im Gegensatz zu vielen anderen engen Mitarbeitern von Trump hat Chris Wright keine Karriere im Showbusiness hinter sich. Vielmehr hat er am renommierten Massachusetts Institute of Technology Ingenieurwissenschaften studiert und seinen Master gemacht. Später hat mehrere Firmen gegründet, die im sogenannten Fracking-Geschäft tätig sind. Fracking ist die die gängige Abkürzung für „Hydraulic Frakturing“. Dabei wird mit hohem Druck eine spezielle Flüssigkeit durch eine Bohrung in die Erde gedrückt, um bei Öl- und Gas-Lagerstätten die Förderung zu erleichtern. In den USA wird das Verfahren in großem Maßstab angewandt.</p> <p>Bis zu seiner Ernennung zum Energieminister war er CEO der Firma „<a href="https://libertyenergy.com/completion-services/frac/">Liberty Energy</a>“. Sie verdient ihr Geld unter anderem mit Ausrüstungen für Fracking-Bohrungen. Und das ist in den USA ein Riesengeschäft. 2024 setzte Liberty Energy mehr als fünf Milliarden US$ um.</p> <p>Wenn man in Deutschland Menschen bittet, die größten Erdölproduzenten zu nennen, wird den meisten wohl Saudi-Arabien und Russland einfallen. Tatsächlich sind aber die USA das größte Förderland für <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Erd%C3%B6l/Tabellen_und_Grafiken">Erdöl</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Erdgas/Tabellen_und_Grafiken">Erdgas</a>, weit vor Saudi-Arabien (zweiter) und Russland (dritter). Es ist also nachvollziehbar, dass der Chef einer florierenden Firma für Öl- und Gasgewinnung von alternativer Energie nicht viel hält. Und Chris Wright hat schon vor seiner Ernennung zum Energieminister aus seiner Abneigung gegen den Klimaschutz keinen Hehl gemacht.<aside></aside></p> <p>„Es gibt keine Klimakrise und wir sind auch nicht mitten in einem Wandel der Energieerzeugung“, erklärte er 2023 in <a href="https://eu.usatoday.com/story/news/politics/elections/2024/11/16/trump-cabinet-chris-wright-energy-secretary/76366278007/">einem Video auf LinkedIn.</a> Einen Mangel an verfügbarer Energie sieht er als den schlimmsten Armutfaktor an. Ausschließlich eine verstärkte Förderung und Verbrennung von Kohlenwasserstoffen (Öl und Gas) könne diese Armut lindern, sagte er bei mehreren Gelegenheiten. Seine Firma hat im Jahr 2024 sogar <a href="https://libertyenergy.com/wp-content/uploads/2024/02/Bettering-Human-Lives-2024-Web-Liberty-Energy.pdf">eine bunte Broschüre herausgebracht</a>, in der diese These vorgestellt und erläutert wird.</p> <p>Trump ist auf diesen Zug gerne aufgesprungen, nicht zuletzt, weil die Öl- und Gasindustrie über viel Geld verfügt. Wenn sie <a href="https://www.n-tv.de/wirtschaft/Trump-verspricht-Olindustrie-Ende-von-Umwelt-Restriktionen-article24932263.html">eine Milliarde US$ an Spenden</a> für seinen Wahlkampf springen lassen, erklärte Trump, damals noch Präsidentschaftskandidat, vor Vertretern von Ölfirmen, werde er Umweltrestriktionen aufheben und weitere Ölbohrlizenzen vergeben. Diese Summe war aber selbst den Ölmagnaten zu viel. Nach einer <a href="https://climatepower.us/research-polling/big-oil-spent-450-million-to-influence-trump-the-119th-congress/">Rechnung der Gruppe „Climate Power“</a> gaben sie aber in den Jahren 2023 und 2024 immerhin rund 445 Millionen US$ für Lobby-Arbeit aus. Rund 96 Millionen davon kamen allein für Trumps Wahlkampf zusammen.</p> <p>Schon in den ersten Tagen seiner Amtszeit rief Trump einen „Energienotstand“ aus und <a href="https://www.whitehouse.gov/presidential-actions/2025/01/unleashing-american-energy/">wies seine Minister an,</a> mehr bundeseigenes Land zur Exploration freizugeben. Außerdem widerrief er eine Reihe von Umweltschutzvorschriften und bestellte mit Chris Wright einen Lobbyisten der Ölindustrie zum Energieminister. Der nutzte auch gleich seine Einführungsrede für die Mitarbeiter des Ministeriums, um Deutschland als <a href="https://insideclimatenews.org/news/13022025/inside-clean-energy-chris-wright-calls-germany-energy-transition-unreliable/">warnendes Beispiel</a> hinzustellen:</p> <p>Das Land habe auf erneuerbare Energien gesetzt und leide jetzt unter den Folgen. „Wenn Energie teuer und unzuverlässig ist, werden alle ein bisschen ärmer und es ist schwieriger, Waren im Land herzustellen. Was passiert dann? Die Industrieproduktion wird einfach woanders hin verlagert. Sie verschwindet nicht, sie findet nur nicht mehr in Deutschland statt. Dinge werden in Asien oder den Vereinigten Staaten hergestellt, auf ein Schiff verladen und nach Deutschland zurückgeschickt.“<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a></p> <p>Tatsächlich nimmt die Industrieproduktion in Deutschland seit Jahren ab, aber das liegt nicht an unzuverlässiger Stromversorgung. Vielmehr ist die Stromversorgung in <a href="https://www.heise.de/news/Stromversorgung-in-Deutschland-eine-der-zuverlaessigsten-der-Welt-7305219.html">Deutschland so sicher wie fast nirgendwo anders</a> – und deutlich sicherer als in den USA. Maßgeblich ist eher die <a href="https://de.statista.com/infografik/28510/produktionsindex-des-produzierenden-gewerbes-in-deutschland/">Krise der deutschen Automobilindustrie</a>. Und die Energiepreise in Deutschland sind in den letzten Jahr hauptsächlich deshalb so schnell gestiegen, weil Russland ohne Vorwarnung die Belieferung mit Erdgas eingestellt hat (inzwischen sind die Preise wieder deutlich gefallen).</p> <p>Die Argumentation, die Wright übrigens auch in seinem aktuellen Artikel für den „Economist“ wiederholt, nimmt wenig Rücksicht auf komplexe Zusammenhänge und kommt immer wieder auf einen einzigen Punkt zurück:</p> <p>„Fortschritt und Reichtum der Welt hängen vom steigenden Energieverbrauch ab. Deshalb muss Energie billig sein und in immer größeren Mengen zur Verfügung stehen.“</p> <p>Und das, so folgert er, geht nur mit Öl und Gas, wobei eine Beimischung von Kernenergie durchaus sinnvoll sein kann.</p> <p>Das alles propagiert Wright schon lange. Neuerdings argumentiert er auch, dass Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz Unmengen elektrischer Energie verschlingt. Wer hier mithalten will, muss billigen Strom im Überfluss bereitstellen, aus Öl und Gas natürlich.</p> <h3>Wright und der Klimawandel</h3> <p>Und der Klimawandel? Doch, sagt er, den gibt es. <a href="https://www.focus.de/politik/ausland/klimakrise-quatsch-nur-ein-nebenprodukt-des-fortschritts-meint-trump-minister_57b65d7e-676d-46b3-9620-1967761dbba8.html">Aber</a>:</p> <p>„Wir werden den Klimakrise [falsch im Original] als das betrachten, was er ist: keine existenzielle Krise, sondern ein reales, physisches Phänomen, ein Nebenprodukt des Fortschritts … Milliarden Menschen konnten der Armut entkommen … Ich bin bereit, für dieses Erbe des menschlichen Fortschritts bescheidene Nachteile in Kauf zu nehmen.“</p> <p>Und er meint, es habe keinen Sinn, die Stromerzeugung auf erneuerbare Energien umzustellen. Schließlich ist Elektrizität nur für etwa 20 % des weltweiten <a href="https://www.iea.org/reports/key-world-energy-statistics-2021/final-consumption">Energieverbrauchs verantwortlich</a>. Und der Rest? Betrachtet man den <a href="https://ourworldindata.org/grapher/global-primary-energy">gesamten Energieverbrauch der Welt,</a> dann machen Kohle, Gas und Öl tatsächlich mehr als 80 Prozent aus<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>. Und deshalb sind sie auf absehbare Zeit unersetzlich. Das meiste wird zur Wärmeerzeugung verbrannt. Autos, Flugzeuge, Schiffe und Eisenbahnen brauchen deutlich weniger, aber immer vergleichsweise viel. Darauf baut Wright sein Argument auf, dass die Welt eben nicht mitten in einem Wandel der Energieerzeugung steckt. Hat er damit eventuell recht? Spoiler: Hat er nicht.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1712" id="attachment_1712"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/drought2.jpg"><img alt="Dürre. Ausgetrockneter Bach in vertrockneter Wiese." decoding="async" height="341" sizes="(max-width: 341px) 100vw, 341px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/drought2-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/drought2-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/drought2-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/drought2-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/drought2.jpg 1024w" width="341"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1712">Dürre. KI-generiertes Symbolbild</figcaption></figure> <p>Wrights Argumente sind eine geschickte Mischung aus Tatsachen, Interpretationen, Auslassungen, Falschbehauptungen und unzulässigen Schlussfolgerungen.</p> <p>Richtig ist, dass fossile Brennstoffe nach wie vor die Energieversorgung der Welt – und auch Deutschlands – dominieren (mit je 80 Prozent). Es ist eine Lebenslüge der deutschen „Energiewende“, dass unser Land der Welt ein Vorbild ist, oder auch nur einen Großteil der Dekarbonisierung bereits geschafft haben. Tatsächlich liegt der schwierigste und steilste Teil noch vor uns, und ob die fehlenden 80 Prozent wirklich in zwanzig Jahren zu schaffen sind, bleibt offen. Trotzdem ist dies der richtige Weg, auch wenn wir eventuell mit Verspätung am Ziel anlangen.</p> <p>Chris Wright hat deshalb unrecht, wenn er sagt, dass kein Wandel stattfindet.</p> <p>Würde er sich ohne Scheuklappen umsehen, könnte ihm auffallen, dass viele Länder angefangen haben, die Stromerzeugung auf erneuerbare Energien umzustellen, und die Abhängigkeit des Verkehrs und der Wärmeerzeugung von fossilen Energien zu reduzieren. Eigentlich sollte das bis zur Mitte des Jahrhunderts geschafft sein, aber der Weg ist wie üblich anstrengender als das Ziel.</p> <h3>Braucht Fortschritt mehr Energie?</h3> <p>Treibt nur ein stetig ansteigender Energieverbrauch den technischen Fortschritt an, wie Wright behauptet? Diese Idee ist mindestens umstritten. <a href="https://www.destatis.de/Europa/DE/Thema/GreenDeal/_Grafik/05-endenergieverbrauch.html">Der Energieverbrauch der EU</a> hat von 2005 bis 2023 um ca. 12 Prozent <i>abgenommen </i>(Deutschland -13 Prozent, Niederlande – 22 Prozent), während <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/222901/umfrage/bruttoinlandsprodukt-bip-in-der-europaeischen-union-eu/">das Bruttoinlandsprodukt um mehr als 50 Prozent</a> gestiegen ist. Die EU-Staaten verbessern also die <i>Energieeffizienz. </i>Die EU steht auf dem Standpunkt, dass eine Verringerung des Energieverbrauchs keineswegs dem Fortschritt und dem Wirtschaftswachstum im Weg steht. Und das Potential ist bisher nicht einmal ausgeschöpft. Ein Kurzgutachten des Instituts für Energietechnik und Energiemanagement der Hochschule Niederrhein kam 2023 zu dem Ergebnis, dass die deutsche Industrie ohne große negative Auswirkungen noch weitere 44 Prozent des Energiebedarfs einsparen könnte.<a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a> Die billigste Energie ist immer diejenige, die gar nicht erst verbraucht wird. Aber gibt es überhaupt einen linearen Zusammenhang zwischen Reichtum und Energie?</p> <p><a href="https://ourworldindata.org/grapher/energy-use-per-person-vs-gdp-per-capita?tab=table&amp;tableFilter=countries">Die folgende Vergleichstabelle</a> zeigt den Energieverbrauch und das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf für wichtige Industriestaaten:</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1711" id="attachment_1711"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/US-Reg-tab1.jpg"><img alt="Bruttoinlandsprodukt und Energieverbrauch" decoding="async" height="226" sizes="(max-width: 394px) 100vw, 394px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/US-Reg-tab1-300x172.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/US-Reg-tab1-300x172.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/US-Reg-tab1.jpg 652w" width="394"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1711">Bruttoinlandsprodukt und Energieverbrauch pro Kopf in ausgewählten Staaten im Jahr 2024 (Quelle: Ourworldindata.org)</figcaption></figure> <p>Halten wir fest: Fortschritt und Reichtum hängen ganz offenbar nicht am Energieverbrauch. Hier liegt Wright also falsch. Und das müsste er eigentlich wissen, schließlich war er lange genug in der Branche tätig.</p> <h3>Billige Energie durch Öl und Gas?</h3> <p>Donald Trump hatte in seinem Wahlkampf versprochen, die Preise für Energie und Strom zu halbieren, und zwar durch eine Förderung des Verbrauchs von Kohle („I love Coal!“), Öl und Gas. Geht das, oder ist das eines seiner vielen leeren Versprechen? Sehen wir mal:</p> <p>Die Kosten der Erdölproduktion liegen in den meisten Ländern weit unter dem gegenwärtigen Durchschnittspreis von ca. 70 US$ pro Barrel. Die Produktionskosten in Saudi-Arabien liegen wohl unter 10 US$. <a href="https://www.focus.de/finanzen/news/oelpreis-rueckgang-bringt-russlands-wirtschaft-in-gefahr-ab-diesem-preis-zittert-putin_f0876599-1a9a-4f6d-b51c-f9b268d88ed6.html">Russland produziert für ca. 40 – 45 US$</a><a href="#sdendnote4sym" name="sdendnote4anc"><sup>4</sup></a>, die Ölförderung durch Fracking in den USA<a href="https://www.eia.gov/todayinenergy/detail.php?id=65024"> kostet teilweise mehr als 60 US$</a>. Die gegenwärtigen Öl- und Gaspreise werden deshalb ausschließlich von Angebot und Nachfrage bestimmt. Jede Ausweitung der Nachfrage führt beinahe sofort zu steigenden Preisen, jeder Rückgang zu einem Einbruch. Wenn Trump sein Wahlkampfversprechen halten will, muss seine Regierung die Ölpreise drücken – aber nicht zu sehr, weil einige einheimische Produzenten dann aufgeben würden. Idealerweise würden sich die Ölpreise also in dem schmalen Korridor zwischen 70 und 80 US$ bewegen, um sowohl die Ölindustrie als auch die Verbraucher bei Laune zu halten. Für die angekündigten Preissenkungen bei Benzin und Diesel bleibt da nicht viel Spielraum.</p> <p>Beim Strom sieht es nicht besser aus. Sicher, Trumps Regierung tut einiges um Kohle- und Gaskraftwerke zu fördern. Die Umweltagentur hat unter seiner Ägide <a href="https://www.nbcnews.com/science/environment/trump-epa-power-plant-emissions-repeal-rcna212193">vorgeschlagen</a>, die CO<sub>2</sub>-Grenzwerte für Kraftwerke aufzuheben und die Grenzwerte für Quecksilber hochzusetzen. Das hilft den Kohlekraftwerken enorm.</p> <p>Nur: Die Stromerzeugung aus Kohle ist seit 2000 um zwei Drittel zurückgegangen und ein großer Teil der Kohlekraftwerke ist <a href="https://www.reuters.com/markets/commodities/trumps-push-comeback-coal-may-turn-ashes-2025-07-18/">älter als vierzig Jahre</a>. Die Erneuerung und Erweiterung kostet erst einmal viel Geld, und das werden die Betreiber auf den Preis des Stroms aufschlagen – wenn sie das überhaupt angehen wollen. Niemand weiß schließlich, ob auch künftige Regierungen kohlefreundlich bleiben werden.</p> <p>Bei Gaskraftwerken sieht es etwas anders aus. Sie erzeugen ohne Frage günstigen Strom, solange die Umweltauflagen großzügig sind und eine CO<sub>2</sub>-Abgabe nicht erhoben wird. Aber wer jetzt ein neues Gaskraftwerk bauen will, muss sich darauf verlassen, dass sich das in den nächsten zwanzig Jahren nicht ändert. Und dieses Risiko werden wohl die wenigsten eingehen wollen. Schließlich dauert allein der Bau eines großen Kohle- oder Gaskraftwerks mindestens drei bis sieben Jahre.</p> <p>Auch Trump kann also nicht einfach die Zeit zurückdrehen. Und anders als vor 40 Jahren müssen sich die fossilen Kraftwerke heutzutage der erneuerbaren Konkurrenz stellen. Zwar stehen erneuerbare Energien nicht durchgehend zur Verfügung, aber sie sind billig und außerdem schneller am Netz. Für eine große Windfarm oder einen Solarpark reichen ein Jahr Vorlaufzeit – und große Stromspeicher werden auch immer günstiger.</p> <h3>Fazit</h3> <p>Die Argumente, die Wright vorbringt, sind dünn, teilweise falsch und voller Auslassungen. So liegt der Verdacht nahe, dass es ihm mehr um sein eigenes Geschäft als um die Sicherheit der amerikanischen Energieversorgung geht. Aber warum macht er sich überhaupt die Mühe, sein Geschäft als Beitrag für den Fortschritt der Menschheit zu verkaufen? Vielleicht möchte er – auch vor sich selbst – nicht als amoralischer Neureicher dastehen, der sein Geld damit verdient, Boden und Luft zu verschmutzen. Vielleicht möchte er auch, dass seine Kunden ein besseres Gewissen haben. So genau weiß das das niemand.</p> <p>Und Donald Trump sieht es sicherlich nicht ungern, wenn die Öl- und Gasindustrie weiterhin hohe Summen für seine politischen Freunde spendet. Dafür ernennt er auch gerne einen Ölmagnaten zum Energieminister.</p> <p>Ein Deal, eben.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> “If your energy is expensive and it’s unreliable, everyone lives a little bit of a poorer life and it’s harder to manufacture things in your country,” he said. “So guess what happens? That manufacturing, it just moves somewhere else. Doesn’t go away, it’s just not built in Germany anymore. It’s built in Asia, United States, and loaded on a ship and shipped back to Germany.”</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Das ist in Deutschland nicht anders. Im Jahr 2024 hat unser Land <a href="https://ag-energiebilanzen.de/energieverbrauch-faellt-2024-auf-neuen-tiefststand/">80 Prozent seines Energiebedarfs</a> mit fossilen Energien gedeckt. Wenn wir wirklich bis 2045 komplett auf erneuerbare Energien umstellen wollen, haben wir die Umstellung noch zum größten Teil vor uns.</p> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3]</a> Meyer, J., Madsen, M., &amp; Saars, L. Kurzstudie Energieeffizienzmaßnahmen in der Industrie. Krefeld 2023. <a href="https://deneff.org/wp-content/uploads/2023/04/HSNR-Kurzstudie-EnEffPotentiale-Industrie-2023-03-31.pdf">Link</a></p> <div id="sdendnote4"> <p><a href="#sdendnote4anc" name="sdendnote4sym">[4]</a> Angegeben sind hier die sogenannten „Breakeven costs“, also die Kosten für Förderung und Transport.</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/oel-und-gas-als-preis-des-fortschritts/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>41</slash:comments> </item> <item> <title>Ist das Psychische die Innenseite bestimmter neurophysiologischer Prozesse? https://scilogs.spektrum.de/3g/ist-das-psychische-die-innenseite-bestimmter-neurophysiologischer-prozesse/ https://scilogs.spektrum.de/3g/ist-das-psychische-die-innenseite-bestimmter-neurophysiologischer-prozesse/#comments Thu, 07 Aug 2025 12:31:19 +0000 Christian Hoppe https://scilogs.spektrum.de/3g/?p=301 <h1>Ist das Psychische die Innenseite bestimmter neurophysiologischer Prozesse? » 3G » SciLogs</h1><h2>By Christian Hoppe</h2><div itemprop="text"> <p>Das Psychische, hier im engsten Sinne von Qualia verstanden, also als Moment des subjektiven Erlebens bei Empfindungen, Wahrnehmungen, Denkvorgängen, Erinnerungen, Willensregungen usw., kann als solches immer nur subjektiv berichtet, aber nicht direkt objektiv beobachtet oder gar gemessen werden. Äußerlich beobachtbares, responsives Verhalten mag unter normalen Umständen zwar ein guter Indikator für bewusstes Erleben sein – aber zukünftige technische Systeme könnten perfekt in der Nachahmung entsprechender Koordinationsleistungen im Verhalten sein, ohne über Bewusstsein zu verfügen. Und umgekehrt sind zahlreiche klinische Fälle bekannt, bei denen eine Person bei vollem Bewusstsein, jedoch nicht responsiv ist (z.B. manche fokalen bewusst erlebten epileptischen Anfälle, Locked-in-Syndrom). Der amerikanische Philosoph Thomas Nagel adressierte dieses Phänomen als das Problem des Fremdpsychischen, das uns heute wieder beschäftigt bei der Frage, wie man überprüfen kann, ob beispielsweise eine K.I. oder ein Hirnorganoid über Bewusstsein verfügt.</p> <p>Die einfachste Erklärung für das Problem des Fremdpsychischen ist, dass das Subjektive den mit ihm assoziierten neurophysiologischen Prozessen keinerlei Kausalität im Hinblick auf physische Veränderungen in der Welt hinzufügt. Dies ein Epiphänomen zu nennen, wäre noch untertrieben; der Dampf einer Lokomotive gilt als Paradebeispiel eines Epiphänomens und sicher beeinflusst er ihre Fahrt auch in keiner Weise – aber selbstverständlich ist er ein physisches Phänomen mit kausaler Power in der physischen Welt (z.B. muss ein Passant davon husten). Entsprechend kann man sagen, dass er von Vorgängen in der Lokomotive verursacht wird, dass ihm diese Vorgänge zugrunde liegen usw.</p> <p>Ich fürchte, dies alles können wir vom „Bewusstsein“ nicht sagen. Denn wenn es sich tatsächlich so verhält, dass das Subjektive im strengen Sinne keine (eigene) kausale Power besitzt, dann existiert es im physischen Sinne von Existenz gar nicht, dann kommt es in der physischen Welt gar nicht vor. Mir erscheint dies als überaus plausible Schlussfolgerung; es stört mich sehr, wenn Bewusstsein wie ein weiteres physisches Phänomen behandelt wird, dass es neben all dem anderen, was es gibt, eben auch noch gibt. Mich erinnert die Situation vielmehr an die alte Unterscheidung von Erst- und Zweitursachen aus der mittelalterlichen Scholastik: Für jeden Einzelnen ist das Bewusstsein die Voraussetzung der Existenz einer physischen Welt (Erstursache) – in welcher dann ursächliche Zusammenhänge mit den Methoden der Physik aufgedeckt werden können (Zweitursachen). Innerhalb dieser physischen Welt taucht Bewusstsein also gar nicht auf – weshalb man weder von Epiphänomenen noch von Emergenz sprechen sollte (im Falle einer Emergenz emergieren physische Entitäten oder Eigenschaften aus anderen physischen Entitäten oder Eigenschaften).</p> <p>Wie aber trägt man der unstrittigen Tatsache Rechnung, dass subjektive Erlebnisse durch physische Ereignisse kausal verursacht werden? Und wie ist zu erklären, dass wir unsere bewussten Wahrnehmungen, Gedanken, Phantasien usw. als ursächlich für nachfolgendes Handeln in der physischen Welt erfahren? Ich schlage vor, dass wir das Psychische (im obigen Sinne) als die Innenseite mancher neurophysiologischer Prozesse begreifen, welche ausschließlich dem Besitzer dieses Gehirns in dieser Weise zugänglich sind. (Genau genommen ist der erlebnisfähige Hirnbesitzer als erlebensfähiges Subjekt identisch mit diesem Ausschnitt informationsverarbeitender Prozesse in seinem Gehirn, welche sich aus der Außenperspektive ausschließlich als neurophysiologische Prozesse dekodieren lassen.)</p> <p>Ich finde die Innen-Außen-Dichotomie wirklich sehr ansprechend und aussagekräftig. Aber selbstverständlich müssen wir jetzt weiterfragen, was genau damit gemeint ist und ob uns damit wirklich geholfen ist.<aside></aside></p> <p>Es gibt in der Physik im Grunde kein Innen; ein Beobachter betrachtet grundsätzlich alles von außen, selbst wenn er in irgendein Objekt gleichsam „hineinkriecht“. Das Innere eines Atoms – ist das Außen subatomarer Elementarteilchen. Das Innere der Mühle in Leibnizens berühmtem Gedankenexperiment ist das Äußere ihrer Teile, ihrer Mechanik – deswegen verfehlt das Beispiel ja auch den springenden Punkt der Identität und widerlegt keinesfalls, dass in Gehirnen Gedanken vorhanden sein können. Anders formuliert, ist „Innen“ in der Physik nur eine relative Ortsangabe, sie hat mit der spezifischen Perspektive einer Beobachtung oder Erfahrung gar nichts zu tun. Der Neurophysiologe, der das Gehirn eines anderen untersucht, tut dies immer von außen – ebenso wie ein Neurochirurg von außen interveniert, selbst wenn sich seine Instrumente im Kopf des Patienten befinden. Ausschließlich zu unserem je eigenen Gehirn haben wir den privilegierten Zugriff der Identität, den ich hier unbeholfen als „von innen“ charakterisiert habe.</p> <p>Die Außen-Innen-Metapher erinnert an das Phänomen eines Hochhauses, bei dem sich Außen- und Innenbetrachtung ja ebenfalls drastisch unterscheiden: Das Hochhaus mag von außen hässlich und verwahrlost aussehen, aber der Ausblick aus einem der Fenster in den oberen Etagen könnte atemberaubend sein.</p> <p>Es dämmert uns langsam: die Außen-Innen-Metapher erklärt nichts; denn sie setzt das zu Erklärende bereits voraus. Erleben kommt uns wie ein „von innen nach außen“ gerichteter Vorgang vor; Innen ist bereits ein phänomenaler Begriff. Sehen beispielsweise empfinden wir als etwas, das aus dem Inneren des Kopfes – genauer: aus einem Zentrum, das sich wenige gefühlte Zentimeter hinter dem Punkt zwischen den Augenbrauen befindet – heraus geschieht und sich nach außen auf die Welt richtet, die dann durch das Sehen „in“ uns hineinkommt.</p> <p>EINSCHUB: Mit ein wenig Praxis im Zāzen kann man erkennen, dass dieser Eindruck nicht ursprünglich ist, sondern sich bereits einem multimodalen und konzeptuellen Sinnesabgleich verdankt. Ursprünglich ist Sehen (Erleben überhaupt) wortwörtlich ein Seh-Feld ohne räumliche Tiefenunterschiede und ohne ein sehendes „Gegenüber“ (d.h. keine Subjekt-Objekt-Differenz), ursprünglich [im Ursprung bewussten Sehens] existiert „nur“ dieses Feld. Erst in weiteren Schritten der Wahrnehmungsverarbeitung entsteht der übliche Eindruck der alltäglichen visuellen Welt mit all ihren Objekten, denen ich selbst als Sehender in unterschiedlichen Entfernungen getrennt gegenüberstehe. Dieses ursprüngliche Erlebens-Feld lässt sich möglicherweise sehr gut als das Innen all der wahrnehmungsbezogenen neurophysiologischen Prozesse denken, die unter sensorischen Einflüssen von außerhalb und innerhalb des Organismus ablaufen: der Zustand des eigenen Gehirns wird dann vom Besitzer dieses Gehirns in Form einer phänomenalen Welt erfahren, mit sich selbst mitten darin. (Ja, richtig, es ist wohl angemessener vom Ich des Gehirns als vom Gehirn des Ichs zu sprechen.)</p> <p>Wir haben gute klinische und wissenschaftliche Gründe für die Annahme einer „Identität“ des Psychischen (Innenansicht) mit bestimmten Hirnprozessen (Außenansicht); alle methodischen Probleme und Herausforderungen werden dadurch unmittelbar verständlich. Die engen kausalen Beziehungen zwischen Erleben und physischen Vorgängen in der Welt (und im eigenen Körper) werden begreifbar – und dies unter Wahrung der Gültigkeit der Physik für alles, was an diesen Vorgängen unstrittig physisch ist; d.h. wir müssen keine paranormale Psychokinese annehmen, wir können akzeptieren, dass alle physischen Veränderungen in der Welt durch die bekannten vier Wechselwirkungen und nicht „mental“ bewirkt werden. Wir verstehen auch, warum eine wirkliche Erklärung schwierig ist und evtl. prinzipiell unmöglich sein könnte. Denn wenn es wirklich so ist, dass das Psychische bzw. das Bewusstsein letztlich kein physisches Phänomen ist (sondern eben die Erstursache aller Phänomene für dieses individuelle Subjekt), dann gilt möglicherweise das „Ignorabimus“ von Emil du Bois-Reymond, dann ist eine <em>naturwissenschaftliche</em> Theorie des Bewusstseins selbst vielleicht unmöglich. Wir können aber trotzdem sehr viel über die Außenseite der mit dem bewussten Erleben identischen Vorgänge erfahren – möglicherweise vieles, das klinisch von Interesse ist, etwa Koma-Diagnostik und –Therapie oder Diagnostik und Therapie anderer Bewusstseinsstörungen, z.B. bei Epilepsie.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Ist das Psychische die Innenseite bestimmter neurophysiologischer Prozesse? » 3G » SciLogs</h1><h2>By Christian Hoppe</h2><div itemprop="text"> <p>Das Psychische, hier im engsten Sinne von Qualia verstanden, also als Moment des subjektiven Erlebens bei Empfindungen, Wahrnehmungen, Denkvorgängen, Erinnerungen, Willensregungen usw., kann als solches immer nur subjektiv berichtet, aber nicht direkt objektiv beobachtet oder gar gemessen werden. Äußerlich beobachtbares, responsives Verhalten mag unter normalen Umständen zwar ein guter Indikator für bewusstes Erleben sein – aber zukünftige technische Systeme könnten perfekt in der Nachahmung entsprechender Koordinationsleistungen im Verhalten sein, ohne über Bewusstsein zu verfügen. Und umgekehrt sind zahlreiche klinische Fälle bekannt, bei denen eine Person bei vollem Bewusstsein, jedoch nicht responsiv ist (z.B. manche fokalen bewusst erlebten epileptischen Anfälle, Locked-in-Syndrom). Der amerikanische Philosoph Thomas Nagel adressierte dieses Phänomen als das Problem des Fremdpsychischen, das uns heute wieder beschäftigt bei der Frage, wie man überprüfen kann, ob beispielsweise eine K.I. oder ein Hirnorganoid über Bewusstsein verfügt.</p> <p>Die einfachste Erklärung für das Problem des Fremdpsychischen ist, dass das Subjektive den mit ihm assoziierten neurophysiologischen Prozessen keinerlei Kausalität im Hinblick auf physische Veränderungen in der Welt hinzufügt. Dies ein Epiphänomen zu nennen, wäre noch untertrieben; der Dampf einer Lokomotive gilt als Paradebeispiel eines Epiphänomens und sicher beeinflusst er ihre Fahrt auch in keiner Weise – aber selbstverständlich ist er ein physisches Phänomen mit kausaler Power in der physischen Welt (z.B. muss ein Passant davon husten). Entsprechend kann man sagen, dass er von Vorgängen in der Lokomotive verursacht wird, dass ihm diese Vorgänge zugrunde liegen usw.</p> <p>Ich fürchte, dies alles können wir vom „Bewusstsein“ nicht sagen. Denn wenn es sich tatsächlich so verhält, dass das Subjektive im strengen Sinne keine (eigene) kausale Power besitzt, dann existiert es im physischen Sinne von Existenz gar nicht, dann kommt es in der physischen Welt gar nicht vor. Mir erscheint dies als überaus plausible Schlussfolgerung; es stört mich sehr, wenn Bewusstsein wie ein weiteres physisches Phänomen behandelt wird, dass es neben all dem anderen, was es gibt, eben auch noch gibt. Mich erinnert die Situation vielmehr an die alte Unterscheidung von Erst- und Zweitursachen aus der mittelalterlichen Scholastik: Für jeden Einzelnen ist das Bewusstsein die Voraussetzung der Existenz einer physischen Welt (Erstursache) – in welcher dann ursächliche Zusammenhänge mit den Methoden der Physik aufgedeckt werden können (Zweitursachen). Innerhalb dieser physischen Welt taucht Bewusstsein also gar nicht auf – weshalb man weder von Epiphänomenen noch von Emergenz sprechen sollte (im Falle einer Emergenz emergieren physische Entitäten oder Eigenschaften aus anderen physischen Entitäten oder Eigenschaften).</p> <p>Wie aber trägt man der unstrittigen Tatsache Rechnung, dass subjektive Erlebnisse durch physische Ereignisse kausal verursacht werden? Und wie ist zu erklären, dass wir unsere bewussten Wahrnehmungen, Gedanken, Phantasien usw. als ursächlich für nachfolgendes Handeln in der physischen Welt erfahren? Ich schlage vor, dass wir das Psychische (im obigen Sinne) als die Innenseite mancher neurophysiologischer Prozesse begreifen, welche ausschließlich dem Besitzer dieses Gehirns in dieser Weise zugänglich sind. (Genau genommen ist der erlebnisfähige Hirnbesitzer als erlebensfähiges Subjekt identisch mit diesem Ausschnitt informationsverarbeitender Prozesse in seinem Gehirn, welche sich aus der Außenperspektive ausschließlich als neurophysiologische Prozesse dekodieren lassen.)</p> <p>Ich finde die Innen-Außen-Dichotomie wirklich sehr ansprechend und aussagekräftig. Aber selbstverständlich müssen wir jetzt weiterfragen, was genau damit gemeint ist und ob uns damit wirklich geholfen ist.<aside></aside></p> <p>Es gibt in der Physik im Grunde kein Innen; ein Beobachter betrachtet grundsätzlich alles von außen, selbst wenn er in irgendein Objekt gleichsam „hineinkriecht“. Das Innere eines Atoms – ist das Außen subatomarer Elementarteilchen. Das Innere der Mühle in Leibnizens berühmtem Gedankenexperiment ist das Äußere ihrer Teile, ihrer Mechanik – deswegen verfehlt das Beispiel ja auch den springenden Punkt der Identität und widerlegt keinesfalls, dass in Gehirnen Gedanken vorhanden sein können. Anders formuliert, ist „Innen“ in der Physik nur eine relative Ortsangabe, sie hat mit der spezifischen Perspektive einer Beobachtung oder Erfahrung gar nichts zu tun. Der Neurophysiologe, der das Gehirn eines anderen untersucht, tut dies immer von außen – ebenso wie ein Neurochirurg von außen interveniert, selbst wenn sich seine Instrumente im Kopf des Patienten befinden. Ausschließlich zu unserem je eigenen Gehirn haben wir den privilegierten Zugriff der Identität, den ich hier unbeholfen als „von innen“ charakterisiert habe.</p> <p>Die Außen-Innen-Metapher erinnert an das Phänomen eines Hochhauses, bei dem sich Außen- und Innenbetrachtung ja ebenfalls drastisch unterscheiden: Das Hochhaus mag von außen hässlich und verwahrlost aussehen, aber der Ausblick aus einem der Fenster in den oberen Etagen könnte atemberaubend sein.</p> <p>Es dämmert uns langsam: die Außen-Innen-Metapher erklärt nichts; denn sie setzt das zu Erklärende bereits voraus. Erleben kommt uns wie ein „von innen nach außen“ gerichteter Vorgang vor; Innen ist bereits ein phänomenaler Begriff. Sehen beispielsweise empfinden wir als etwas, das aus dem Inneren des Kopfes – genauer: aus einem Zentrum, das sich wenige gefühlte Zentimeter hinter dem Punkt zwischen den Augenbrauen befindet – heraus geschieht und sich nach außen auf die Welt richtet, die dann durch das Sehen „in“ uns hineinkommt.</p> <p>EINSCHUB: Mit ein wenig Praxis im Zāzen kann man erkennen, dass dieser Eindruck nicht ursprünglich ist, sondern sich bereits einem multimodalen und konzeptuellen Sinnesabgleich verdankt. Ursprünglich ist Sehen (Erleben überhaupt) wortwörtlich ein Seh-Feld ohne räumliche Tiefenunterschiede und ohne ein sehendes „Gegenüber“ (d.h. keine Subjekt-Objekt-Differenz), ursprünglich [im Ursprung bewussten Sehens] existiert „nur“ dieses Feld. Erst in weiteren Schritten der Wahrnehmungsverarbeitung entsteht der übliche Eindruck der alltäglichen visuellen Welt mit all ihren Objekten, denen ich selbst als Sehender in unterschiedlichen Entfernungen getrennt gegenüberstehe. Dieses ursprüngliche Erlebens-Feld lässt sich möglicherweise sehr gut als das Innen all der wahrnehmungsbezogenen neurophysiologischen Prozesse denken, die unter sensorischen Einflüssen von außerhalb und innerhalb des Organismus ablaufen: der Zustand des eigenen Gehirns wird dann vom Besitzer dieses Gehirns in Form einer phänomenalen Welt erfahren, mit sich selbst mitten darin. (Ja, richtig, es ist wohl angemessener vom Ich des Gehirns als vom Gehirn des Ichs zu sprechen.)</p> <p>Wir haben gute klinische und wissenschaftliche Gründe für die Annahme einer „Identität“ des Psychischen (Innenansicht) mit bestimmten Hirnprozessen (Außenansicht); alle methodischen Probleme und Herausforderungen werden dadurch unmittelbar verständlich. Die engen kausalen Beziehungen zwischen Erleben und physischen Vorgängen in der Welt (und im eigenen Körper) werden begreifbar – und dies unter Wahrung der Gültigkeit der Physik für alles, was an diesen Vorgängen unstrittig physisch ist; d.h. wir müssen keine paranormale Psychokinese annehmen, wir können akzeptieren, dass alle physischen Veränderungen in der Welt durch die bekannten vier Wechselwirkungen und nicht „mental“ bewirkt werden. Wir verstehen auch, warum eine wirkliche Erklärung schwierig ist und evtl. prinzipiell unmöglich sein könnte. Denn wenn es wirklich so ist, dass das Psychische bzw. das Bewusstsein letztlich kein physisches Phänomen ist (sondern eben die Erstursache aller Phänomene für dieses individuelle Subjekt), dann gilt möglicherweise das „Ignorabimus“ von Emil du Bois-Reymond, dann ist eine <em>naturwissenschaftliche</em> Theorie des Bewusstseins selbst vielleicht unmöglich. Wir können aber trotzdem sehr viel über die Außenseite der mit dem bewussten Erleben identischen Vorgänge erfahren – möglicherweise vieles, das klinisch von Interesse ist, etwa Koma-Diagnostik und –Therapie oder Diagnostik und Therapie anderer Bewusstseinsstörungen, z.B. bei Epilepsie.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/3g/ist-das-psychische-die-innenseite-bestimmter-neurophysiologischer-prozesse/#comments 84 AstroGeo Podcast: Der Raumzeit-Riss – wie Karl Schwarzschild auf Schwarze Löcher stieß https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-der-raumzeit-riss-wie-karl-schwarzschild-auf-schwarze-loecher-stiess/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-der-raumzeit-riss-wie-karl-schwarzschild-auf-schwarze-loecher-stiess/#comments Sun, 03 Aug 2025 07:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1732 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-2-768x768.jpg Künstlerische Darstellung eines stellaren Schwarzen Lochs: Ein völlig schwarzes Loch befindet sich vor einem Hintergrund aus Sternen im Weltraum. Das Licht der Sterne ist in der scheinbaren Nähe des Schwarzen Lochs verschmiert und in andere Wellenlängen verschoben. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-der-raumzeit-riss-wie-karl-schwarzschild-auf-schwarze-loecher-stiess/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag120_sl.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Der Raumzeit-Riss - wie Karl Schwarzschild auf Schwarze Löcher stieß » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Im November 1915 hält Albert Einstein vier Vorträge an der Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin. In diesen Vorträgen stellt er seinem Publikum die Allgemeine Relativitätstheorie vor, an der er jahrelang getüftelt hatte. Mit dieser Theorie kann Einstein beschreiben, wie Materie, Raum und Zeit wechselwirken. Dabei schafft er kurzerhand eine Kraft unseres Universums ab: die Schwerkraft.</p> <p>Bei Isaac Newton war alles alles noch viel einfacher gewesen: Laut dem Briten ist die Schwerkraft, wie der Name schon sagt, eine Kraft. Diese wirkt zum Beispiel zwischen zwei Massen anziehend. Mit den Newtonschen Gravitationsgesetzen ließ sich zunächst wunderbar erklären, warum ein Apfel vom Baum fällt oder warum die Erde um die Sonne kreist.</p> <p>Doch mit der Allgemeinen Relativitätstheorie bereitet Einstein der Schwerkraft nun ein Ende: Laut ihm handelt es sich dabei lediglich um einen Effekt der gekrümmten Raumzeit. Frei nach dem Physiker John Wheeler übersetzt könnte man die Allgemeine Relativitätstheorie so zusammenfassen: <em>Die Materie sagt der Raumzeit, wie sich zu krümmen hat, und die gekrümmte Raumzeit sagt der Materie, wie sich zu bewegen hat.</em> Ein Apfel fällt also nicht deshalb vom Baum, weil er die Effekte der Schwerkraft verspürt, sondern weil er dem kürzesten Weg in der gekrümmten Raumzeit folgt.</p> <p>Doch war die Allgemeine Relativitätstheorie im Jahr 1915 nicht nur konzeptionell ungeheuerlich, sondern auch mathematisch: Ihre Gleichungen sind so kompliziert, dass Einstein selbst zunächst davon überzeugt ist, dass es unmöglich sei, exakte Lösungen für sie zu finden.</p> <p>Wie praktisch, dass sich bei einem seiner Vorträge ein Mensch befand, dem genau das nur wenig später gelingen sollte – und das, während der als Soldat im Ersten Weltkrieg an der Front stationiert war. Karl Schwarzschild war Physiker und Astronom. Außerdem beherrschte er praktischerweise genau jene mathematischen Fähigkeiten, die benötigt wurden, um eine exakte Lösung für die Einstein’schen Feldgleichungen zu finden. Diese Gleichungen brachten jedoch einen seltsamen Aspekt zu Tage, der zeigte: Es könnte so etwas wie Schwarze Löcher geben.<aside></aside></p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei Astrogeo</h3> <ul> <li>Folge 75: <a href="https://astrogeo.de/ein-schwarzes-loch-im-zentrum-der-etwas-andere-quasi-stern/">Ein Schwarzes Loch im Zentrum: der etwas andere Quasi-Stern</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Schwarzschild">Karl Schwarzschild</a></li> <li>WP:<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Einstein">Albert Einstein</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Newtonsches_Gravitationsgesetz">Newtonsches Gravitationsgesetz</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Allgemeine_Relativit%C3%A4tstheorie">Allgemeine Relativitätstheorie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzes_Loch">Schwarzes Loch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Schwarzen_L%C3%B6cher">Geschichte der Schwarzen Löcher</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ereignishorizont">Ereignishorizont</a></li> <li>Welt der Physik: <a href="https://www.weltderphysik.de/gebiet/universum/schwarze-loecher/ereignishorizont/">Die Grenzen eines Schwarzen Lochs</a> (2016)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Buch: <a href="https://marcuschown.com/book/a-crack-in-everything/">Marcus Chown: A Crack in Everything</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1002/andp.19163540702">Die Grundlage der allgemeinen Relativitätstheorie</a> (1916)</li> <li> Buch: <a href="https://einsteinpapers.press.princeton.edu/vol8a-doc/">The Collected Papers of Al</a><a href="https://einsteinpapers.press.princeton.edu/vol8a-doc/">bert Einstein: Volume 8, Part A: The Berlin Years: Correspondence 1914-1917</a></li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://www.esa.int/Science_Exploration/Space_Science/Black_holes">European Space Agency, NASA and Felix Mirabel (the French Atomic Energy Commission &amp; the Institute for Astronomy and Space Physics/Conicet of Argentina)</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag120_sl.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Der Raumzeit-Riss - wie Karl Schwarzschild auf Schwarze Löcher stieß » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Im November 1915 hält Albert Einstein vier Vorträge an der Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin. In diesen Vorträgen stellt er seinem Publikum die Allgemeine Relativitätstheorie vor, an der er jahrelang getüftelt hatte. Mit dieser Theorie kann Einstein beschreiben, wie Materie, Raum und Zeit wechselwirken. Dabei schafft er kurzerhand eine Kraft unseres Universums ab: die Schwerkraft.</p> <p>Bei Isaac Newton war alles alles noch viel einfacher gewesen: Laut dem Briten ist die Schwerkraft, wie der Name schon sagt, eine Kraft. Diese wirkt zum Beispiel zwischen zwei Massen anziehend. Mit den Newtonschen Gravitationsgesetzen ließ sich zunächst wunderbar erklären, warum ein Apfel vom Baum fällt oder warum die Erde um die Sonne kreist.</p> <p>Doch mit der Allgemeinen Relativitätstheorie bereitet Einstein der Schwerkraft nun ein Ende: Laut ihm handelt es sich dabei lediglich um einen Effekt der gekrümmten Raumzeit. Frei nach dem Physiker John Wheeler übersetzt könnte man die Allgemeine Relativitätstheorie so zusammenfassen: <em>Die Materie sagt der Raumzeit, wie sich zu krümmen hat, und die gekrümmte Raumzeit sagt der Materie, wie sich zu bewegen hat.</em> Ein Apfel fällt also nicht deshalb vom Baum, weil er die Effekte der Schwerkraft verspürt, sondern weil er dem kürzesten Weg in der gekrümmten Raumzeit folgt.</p> <p>Doch war die Allgemeine Relativitätstheorie im Jahr 1915 nicht nur konzeptionell ungeheuerlich, sondern auch mathematisch: Ihre Gleichungen sind so kompliziert, dass Einstein selbst zunächst davon überzeugt ist, dass es unmöglich sei, exakte Lösungen für sie zu finden.</p> <p>Wie praktisch, dass sich bei einem seiner Vorträge ein Mensch befand, dem genau das nur wenig später gelingen sollte – und das, während der als Soldat im Ersten Weltkrieg an der Front stationiert war. Karl Schwarzschild war Physiker und Astronom. Außerdem beherrschte er praktischerweise genau jene mathematischen Fähigkeiten, die benötigt wurden, um eine exakte Lösung für die Einstein’schen Feldgleichungen zu finden. Diese Gleichungen brachten jedoch einen seltsamen Aspekt zu Tage, der zeigte: Es könnte so etwas wie Schwarze Löcher geben.<aside></aside></p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei Astrogeo</h3> <ul> <li>Folge 75: <a href="https://astrogeo.de/ein-schwarzes-loch-im-zentrum-der-etwas-andere-quasi-stern/">Ein Schwarzes Loch im Zentrum: der etwas andere Quasi-Stern</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Schwarzschild">Karl Schwarzschild</a></li> <li>WP:<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Einstein">Albert Einstein</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Newtonsches_Gravitationsgesetz">Newtonsches Gravitationsgesetz</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Allgemeine_Relativit%C3%A4tstheorie">Allgemeine Relativitätstheorie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzes_Loch">Schwarzes Loch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Schwarzen_L%C3%B6cher">Geschichte der Schwarzen Löcher</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ereignishorizont">Ereignishorizont</a></li> <li>Welt der Physik: <a href="https://www.weltderphysik.de/gebiet/universum/schwarze-loecher/ereignishorizont/">Die Grenzen eines Schwarzen Lochs</a> (2016)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Buch: <a href="https://marcuschown.com/book/a-crack-in-everything/">Marcus Chown: A Crack in Everything</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1002/andp.19163540702">Die Grundlage der allgemeinen Relativitätstheorie</a> (1916)</li> <li> Buch: <a href="https://einsteinpapers.press.princeton.edu/vol8a-doc/">The Collected Papers of Al</a><a href="https://einsteinpapers.press.princeton.edu/vol8a-doc/">bert Einstein: Volume 8, Part A: The Berlin Years: Correspondence 1914-1917</a></li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://www.esa.int/Science_Exploration/Space_Science/Black_holes">European Space Agency, NASA and Felix Mirabel (the French Atomic Energy Commission &amp; the Institute for Astronomy and Space Physics/Conicet of Argentina)</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-der-raumzeit-riss-wie-karl-schwarzschild-auf-schwarze-loecher-stiess/#comments 19 Avi Loeb: Schickt Juno zu 3I/ATLAS https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/avi-loeb-juno-3i-atlas/ https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/avi-loeb-juno-3i-atlas/#comments Wed, 30 Jul 2025 06:37:27 +0000 Michael Khan https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/?p=11043 https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/Schwarze-Loch-768x793.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/avi-loeb-juno-3i-atlas/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/Schwarze-Loch.jpg" /><h1>Avi Loeb: Schickt Juno zu 3I/ATLAS » Go for Launch » SciLogs</h1><h2>By Michael Khan</h2><div itemprop="text"> <p>Harvard-Professor Avi Loeb und zwei Ko-Autoren haben gestern ein <a href="https://www.arxiv.org/abs/2507.21402" rel="noopener" target="_blank">Paper auf ArXiv</a> hinterlegt, in dem sie vorschlagen, die <a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">NASA-Jupiter-Sonde Juno</a> auf eine Bahn zum <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/3I/ATLAS" rel="noopener" target="_blank">interstellaren Objekt 3I/ATLAS</a> zu schicken. Das Paper leuchtet mir allerdings nicht ein – da brauche ich Hilfe.</p> <span id="more-11043"></span> <p>3I/ATLAS ist ein unlängst entdecktes interstellares Objekt, das das Sonnensystem kreuzt und Anzeichen kometarer Aktivität zeigt. Es kam schnell auch Spekulation darüber auf, ob es sich dabei um von einer extraterrestrischen Intelligenz gebauten Technologie handeln könnte. Die Autoren des hier zitierten Papers haben sich an <a href="https://arxiv.org/abs/2507.12213">der Spekulation beteiligt</a>, allerdings versehen mit dem Disclaimer, dass sie sich dieser Hypothese nicht unbedingt anschließen. Avi Loeb ist für seine <a href="https://arxiv.org/abs/2507.12213">Aussagen zum interstellaren Objekt 1I/’Oumuamua</a> bekannt. </p> <p>Juno ist seit dem 4. Juli 2016 in einer polaren Bahn um Jupiter und steht eigentlich kurz vor dem Missionsende im September 2025, bei dem die Sonde gezielt im Jupiter versenkt werden soll, um eine Kontamination des Jupitermonds Europa auszuschließen. </p> <p>Der Vorschlag von Loeb et al. zielt nun darauf ab, Juno stattdessen mittels zweier Bahnmanöver am 9. und 14. September 2025 in eine Fluchtbahn vom Jupiter zu überführen. Juno wäre dann, so die Autoren, in einer interplanetaren Bahn, in der sie 3I/ATLAS am 14. März 2026 während seiner größten Annäherung an Jupiter begegnen könnte. </p> <p>3I/Atlas ist auf einer retrograden Bahn und hat als interstellares Objekt ohnehin eine enorme Bahnenergie. Daher würde die Relativgeschwindigkeit der hypothetischen Begegnung bei 66 km/s liegen. DIe Autoren gehen auch nicht von einem Einschuss in eine Bahn um das Objekt und eine damit mögliche Langzeitbeobachtung aus. <aside></aside></p> <p>Das Manöverbudget für die Flucht aus dem Jupitersystem haben Loeb et al. mit 2676 m/s berechnet. Das ist ein sehr hoher Wert, sodass sich natürlich die Frage stellt, ob die alte Raumsonde dafür noch genügend Treibstoff in ihren Tanks hat. Hier widersprechen die Annahmen von Loeb et al. der frei verfügbaren Dokumentation, beispielsweise dem <a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">Press Kit zum Jupiter Orbit Insertion</a>. Dort steht:</p> <blockquote> <p><em>“At the end of a nominal 35 minutes Jupiter Orbit Insertion burn, Juno will have about 447 kilograms of fuel”</em></p> <p>Aber Loeb et al. nehmen die Masse der vollbetankten Sonde beim Start und die Leermasse (3625 bzw. 1593 kg), schätzen den spezifischen Impuls des Triebwerks optimistisch (wie sie selbst zugeben) auf 340 s und wenden die Ziolkovski-Gleichung an, um die Delta-v-Kapazität auf 2.74 km/s zu berechnen. Damit kommen sie zu dem Schluss, ihre vorgeschlagene Strategie sei machbar. </p> <p>Ich dagegen komme mit den Angaben des NASA-Press-Kits auf nur knapp 784 m/s, und zwar nach dem JOI und damit noch vor dem  geplanten großen Manöver zur Reduzierung der Bahnperiode und vor allen anderen Manövern, die danach stattgefunden haben. Außerdem kann man bei einer Raumsonde die Tanks nicht bis auf den letzten Tropfen leersaugen. Bei der Bahnreduzierung kam es 2016 allerdings zu einem Problem mit der Druckbeaufschlagung der Tanks, sodass dieses Manöver nicht mehr durchgeführt werden konnte. Ich gehe davon aus, dass aktuell (vielleicht deutlich) weniger als 700 m/s Delta-v aufgebracht werden kann. Das ist mehr als genug, um das Entsorgungsmanöver sicher durchführen zu können. Es reicht aber lange nicht für die Jupiterflucht. Es kommt wohlgemerkt nicht allein auf die verbleibende Treibstoffmenge an. Wichtig ist auch der Restdruck in den Tanks, wenn diese jetzt im Blowdown-Modus betrieben werden müssen. </p> <p>Bevor ich mir die Berechnung der Manöver genauer anschaue, sollte zumindest einmal geklärt sein, zu wieviel die Tanks von Juno jetzt noch gefüllt sind. Sind sie voll, wie Loeb et al. postulieren? Oder sind sie eher leer, wie ich es auf Basis der verfügbaren Informationen meine? Hinzu kommt, dass eben auch das Haupttriebwerk nicht mehr einsetzbar ist.  </p> <p>Dabei bitte ich jetzt um Ihre Mithilfe. Ist das geklärt und bewiesen, dass Loeb et al. Recht haben, können wir daran gehen, deren Trajektorienberechnung nachzuvollziehen. Dann kann man sich auch überlegen,  ob die die Instrumente an Bord von Juno sich dazu eignen, ein kleines, kaltes Objekt mit einer Relativgeschwindigkeit von 66 km/s zu beobachten. Aber alles zu seiner Zeit. Klären wir doch zunächst einmal die Frage nach Triebwerk und Tanks. </p> <hr></hr> <p><span>R.I.P. Laura Dahlmeier. Eine großartige Sportlerin und ein großartiger Mensch</span></p> </blockquote></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/Schwarze-Loch.jpg" /><h1>Avi Loeb: Schickt Juno zu 3I/ATLAS » Go for Launch » SciLogs</h1><h2>By Michael Khan</h2><div itemprop="text"> <p>Harvard-Professor Avi Loeb und zwei Ko-Autoren haben gestern ein <a href="https://www.arxiv.org/abs/2507.21402" rel="noopener" target="_blank">Paper auf ArXiv</a> hinterlegt, in dem sie vorschlagen, die <a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">NASA-Jupiter-Sonde Juno</a> auf eine Bahn zum <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/3I/ATLAS" rel="noopener" target="_blank">interstellaren Objekt 3I/ATLAS</a> zu schicken. Das Paper leuchtet mir allerdings nicht ein – da brauche ich Hilfe.</p> <span id="more-11043"></span> <p>3I/ATLAS ist ein unlängst entdecktes interstellares Objekt, das das Sonnensystem kreuzt und Anzeichen kometarer Aktivität zeigt. Es kam schnell auch Spekulation darüber auf, ob es sich dabei um von einer extraterrestrischen Intelligenz gebauten Technologie handeln könnte. Die Autoren des hier zitierten Papers haben sich an <a href="https://arxiv.org/abs/2507.12213">der Spekulation beteiligt</a>, allerdings versehen mit dem Disclaimer, dass sie sich dieser Hypothese nicht unbedingt anschließen. Avi Loeb ist für seine <a href="https://arxiv.org/abs/2507.12213">Aussagen zum interstellaren Objekt 1I/’Oumuamua</a> bekannt. </p> <p>Juno ist seit dem 4. Juli 2016 in einer polaren Bahn um Jupiter und steht eigentlich kurz vor dem Missionsende im September 2025, bei dem die Sonde gezielt im Jupiter versenkt werden soll, um eine Kontamination des Jupitermonds Europa auszuschließen. </p> <p>Der Vorschlag von Loeb et al. zielt nun darauf ab, Juno stattdessen mittels zweier Bahnmanöver am 9. und 14. September 2025 in eine Fluchtbahn vom Jupiter zu überführen. Juno wäre dann, so die Autoren, in einer interplanetaren Bahn, in der sie 3I/ATLAS am 14. März 2026 während seiner größten Annäherung an Jupiter begegnen könnte. </p> <p>3I/Atlas ist auf einer retrograden Bahn und hat als interstellares Objekt ohnehin eine enorme Bahnenergie. Daher würde die Relativgeschwindigkeit der hypothetischen Begegnung bei 66 km/s liegen. DIe Autoren gehen auch nicht von einem Einschuss in eine Bahn um das Objekt und eine damit mögliche Langzeitbeobachtung aus. <aside></aside></p> <p>Das Manöverbudget für die Flucht aus dem Jupitersystem haben Loeb et al. mit 2676 m/s berechnet. Das ist ein sehr hoher Wert, sodass sich natürlich die Frage stellt, ob die alte Raumsonde dafür noch genügend Treibstoff in ihren Tanks hat. Hier widersprechen die Annahmen von Loeb et al. der frei verfügbaren Dokumentation, beispielsweise dem <a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">Press Kit zum Jupiter Orbit Insertion</a>. Dort steht:</p> <blockquote> <p><em>“At the end of a nominal 35 minutes Jupiter Orbit Insertion burn, Juno will have about 447 kilograms of fuel”</em></p> <p>Aber Loeb et al. nehmen die Masse der vollbetankten Sonde beim Start und die Leermasse (3625 bzw. 1593 kg), schätzen den spezifischen Impuls des Triebwerks optimistisch (wie sie selbst zugeben) auf 340 s und wenden die Ziolkovski-Gleichung an, um die Delta-v-Kapazität auf 2.74 km/s zu berechnen. Damit kommen sie zu dem Schluss, ihre vorgeschlagene Strategie sei machbar. </p> <p>Ich dagegen komme mit den Angaben des NASA-Press-Kits auf nur knapp 784 m/s, und zwar nach dem JOI und damit noch vor dem  geplanten großen Manöver zur Reduzierung der Bahnperiode und vor allen anderen Manövern, die danach stattgefunden haben. Außerdem kann man bei einer Raumsonde die Tanks nicht bis auf den letzten Tropfen leersaugen. Bei der Bahnreduzierung kam es 2016 allerdings zu einem Problem mit der Druckbeaufschlagung der Tanks, sodass dieses Manöver nicht mehr durchgeführt werden konnte. Ich gehe davon aus, dass aktuell (vielleicht deutlich) weniger als 700 m/s Delta-v aufgebracht werden kann. Das ist mehr als genug, um das Entsorgungsmanöver sicher durchführen zu können. Es reicht aber lange nicht für die Jupiterflucht. Es kommt wohlgemerkt nicht allein auf die verbleibende Treibstoffmenge an. Wichtig ist auch der Restdruck in den Tanks, wenn diese jetzt im Blowdown-Modus betrieben werden müssen. </p> <p>Bevor ich mir die Berechnung der Manöver genauer anschaue, sollte zumindest einmal geklärt sein, zu wieviel die Tanks von Juno jetzt noch gefüllt sind. Sind sie voll, wie Loeb et al. postulieren? Oder sind sie eher leer, wie ich es auf Basis der verfügbaren Informationen meine? Hinzu kommt, dass eben auch das Haupttriebwerk nicht mehr einsetzbar ist.  </p> <p>Dabei bitte ich jetzt um Ihre Mithilfe. Ist das geklärt und bewiesen, dass Loeb et al. Recht haben, können wir daran gehen, deren Trajektorienberechnung nachzuvollziehen. Dann kann man sich auch überlegen,  ob die die Instrumente an Bord von Juno sich dazu eignen, ein kleines, kaltes Objekt mit einer Relativgeschwindigkeit von 66 km/s zu beobachten. Aber alles zu seiner Zeit. Klären wir doch zunächst einmal die Frage nach Triebwerk und Tanks. </p> <hr></hr> <p><span>R.I.P. Laura Dahlmeier. Eine großartige Sportlerin und ein großartiger Mensch</span></p> </blockquote></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/avi-loeb-juno-3i-atlas/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>11</slash:comments> </item> <item> <title>Buchbesprechung: Gesteine – Dokumente der Erdgeschichte: Ihre Entstehung und Bedeutung für das Klima, Leben und Landschaft von Roland Vinx. https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/buchbesprechung-gesteine-dokumente-der-erdgeschichte-ihre-entstehung-und-bedeutung-fuer-das-klima-leben-und-landschaft-von-roland-vinx/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/buchbesprechung-gesteine-dokumente-der-erdgeschichte-ihre-entstehung-und-bedeutung-fuer-das-klima-leben-und-landschaft-von-roland-vinx/#comments Wed, 23 Jul 2025 20:32:48 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3690 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_-768x1023.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/buchbesprechung-gesteine-dokumente-der-erdgeschichte-ihre-entstehung-und-bedeutung-fuer-das-klima-leben-und-landschaft-von-roland-vinx/</link> </image> <description type="html"><h1>Buchbesprechung: Gesteine – Dokumente der Erdgeschichte: Ihre Entstehung und Bedeutung für das Klima, Leben und Landschaft von Roland Vinx. » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Heute möchte ich euch ein Buch vorstellen. Roland Vinx hat ein Buch geschrieben. Es heißt “Gesteine – Dokumente der Erdgeschichte”​. </p> <p>Gesteine können Geschichten erzählen. Aber nur, wenn man ihre Sprache kennt, kann man ihnen auch zuhören. Wenn man es kann, ist die Welt völlig aufgemacht. Du siehst die Welt mit neuen Augen und verstehst, wie sie sich entwickelt. </p> <p>Roland Vinx ist wahrscheinlich der beste Experte, um uns die Welt der Gesteine zu erklären. Er kann das besser als alle anderen. Ich muss aber zugeben, dass ich hier ein wenig befangen bin. Ich kenne ihn noch aus meiner Zeit als junger Student der Mineralogie in Hamburg. Seine Vorlesungen und vor allem seine Exkursionen waren immer echt gut.</p> <p>Dass der Autor in all den Jahren nicht verlernt hat, seine Zuhörer zu fesseln, zeigt auch das vorliegende Buch. Auf 312 Seiten bekommt ihr einen guten Einblick in die geologischen Prozesse und Umweltfaktoren. Die leicht verständliche und prägnante Darstellung schafft es spielend, das Interesse an dem Thema Gesteine zu wecken.</p> <p>Hilfreich sind auch die 438 farbigen und qualitativ hochwertigen Abbildungen, hauptsächlich von Gesteinen. Die ausführlichen Beschreibungen unter den Bildern helfen nicht nur dabei zu verstehen, was auf den Bildern zu sehen ist. Viele Querverweise machen es auch möglich, dass man die Zusammenhänge gut erkennen kann.<aside></aside></p> <p>In 20 Kapiteln erfährst man alles über die Entstehung, Klassifikation und Bedeutung von Gesteinen. Es geht nicht nur um die klassischen Gesteinsgruppen wie Magmatite, Metamorphite und Sedimente, sondern auch um die geologischen Grundlagen und die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen den Gesteinen und Umweltfaktoren wie Wasser, Luft und – nicht zuletzt – dem Leben selbst. Man fängt an, die Erde als Gesteinsplanet zu verstehen, und man merkt, wie begeistert der Autor von dem Thema ist.</p> <p>Das Buch ist kein klassisches Lehrbuch und wer auf ein ausführliches Literaturverzeichnis hofft, könnte enttäuscht sein. Hier liegt der Fokus viel mehr auf Anschaulichkeit und Praxisnähe. Mit dem Stichwortregister kannst du ganz schnell einzelne Themen suchen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 769px) 100vw, 769px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_-769x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_-769x1024.jpg 769w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_-768x1023.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_-1153x1536.jpg 1153w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_-1538x2048.jpg 1538w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_.jpg 1736w" width="769"></img></a></figure> <p>Wir haben hier ein echt faszinierendes und wirklich gut verständliches Buch, das sich sowohl an geologisch interessierte Laien als auch an Fachleute richtet. Der flüssige Schreibstil, die hervorragende Bildqualität und viele überraschende Verbindungen machen das Lesen des Buches zu einem lehrreichen und kurzweiligen Vergnügen.</p> <p> Vinx, R., <strong>2024</strong>. <em>Gesteine-Dokumente der Erdgeschichte: Ihre Entstehung und Bedeutung für Klima, Leben und Landschaft</em>. Quelle &amp; Meyer, Wiebelsheim, 312 S, 438 Abb. ISBN 978-3-494-01957-4 </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Buchbesprechung: Gesteine – Dokumente der Erdgeschichte: Ihre Entstehung und Bedeutung für das Klima, Leben und Landschaft von Roland Vinx. » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Heute möchte ich euch ein Buch vorstellen. Roland Vinx hat ein Buch geschrieben. Es heißt “Gesteine – Dokumente der Erdgeschichte”​. </p> <p>Gesteine können Geschichten erzählen. Aber nur, wenn man ihre Sprache kennt, kann man ihnen auch zuhören. Wenn man es kann, ist die Welt völlig aufgemacht. Du siehst die Welt mit neuen Augen und verstehst, wie sie sich entwickelt. </p> <p>Roland Vinx ist wahrscheinlich der beste Experte, um uns die Welt der Gesteine zu erklären. Er kann das besser als alle anderen. Ich muss aber zugeben, dass ich hier ein wenig befangen bin. Ich kenne ihn noch aus meiner Zeit als junger Student der Mineralogie in Hamburg. Seine Vorlesungen und vor allem seine Exkursionen waren immer echt gut.</p> <p>Dass der Autor in all den Jahren nicht verlernt hat, seine Zuhörer zu fesseln, zeigt auch das vorliegende Buch. Auf 312 Seiten bekommt ihr einen guten Einblick in die geologischen Prozesse und Umweltfaktoren. Die leicht verständliche und prägnante Darstellung schafft es spielend, das Interesse an dem Thema Gesteine zu wecken.</p> <p>Hilfreich sind auch die 438 farbigen und qualitativ hochwertigen Abbildungen, hauptsächlich von Gesteinen. Die ausführlichen Beschreibungen unter den Bildern helfen nicht nur dabei zu verstehen, was auf den Bildern zu sehen ist. Viele Querverweise machen es auch möglich, dass man die Zusammenhänge gut erkennen kann.<aside></aside></p> <p>In 20 Kapiteln erfährst man alles über die Entstehung, Klassifikation und Bedeutung von Gesteinen. Es geht nicht nur um die klassischen Gesteinsgruppen wie Magmatite, Metamorphite und Sedimente, sondern auch um die geologischen Grundlagen und die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen den Gesteinen und Umweltfaktoren wie Wasser, Luft und – nicht zuletzt – dem Leben selbst. Man fängt an, die Erde als Gesteinsplanet zu verstehen, und man merkt, wie begeistert der Autor von dem Thema ist.</p> <p>Das Buch ist kein klassisches Lehrbuch und wer auf ein ausführliches Literaturverzeichnis hofft, könnte enttäuscht sein. Hier liegt der Fokus viel mehr auf Anschaulichkeit und Praxisnähe. Mit dem Stichwortregister kannst du ganz schnell einzelne Themen suchen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 769px) 100vw, 769px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_-769x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_-769x1024.jpg 769w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_-768x1023.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_-1153x1536.jpg 1153w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_-1538x2048.jpg 1538w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_.jpg 1736w" width="769"></img></a></figure> <p>Wir haben hier ein echt faszinierendes und wirklich gut verständliches Buch, das sich sowohl an geologisch interessierte Laien als auch an Fachleute richtet. Der flüssige Schreibstil, die hervorragende Bildqualität und viele überraschende Verbindungen machen das Lesen des Buches zu einem lehrreichen und kurzweiligen Vergnügen.</p> <p> Vinx, R., <strong>2024</strong>. <em>Gesteine-Dokumente der Erdgeschichte: Ihre Entstehung und Bedeutung für Klima, Leben und Landschaft</em>. Quelle &amp; Meyer, Wiebelsheim, 312 S, 438 Abb. ISBN 978-3-494-01957-4 </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/buchbesprechung-gesteine-dokumente-der-erdgeschichte-ihre-entstehung-und-bedeutung-fuer-das-klima-leben-und-landschaft-von-roland-vinx/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>3</slash:comments> </item> <item> <title>Auferstehungsberichte in den Evangelien als literarische Erzählform https://scilogs.spektrum.de/3g/auferstehungsberichte-in-den-evangelien-als-literarische-erzaehlform/ https://scilogs.spektrum.de/3g/auferstehungsberichte-in-den-evangelien-als-literarische-erzaehlform/#comments Mon, 21 Jul 2025 07:45:36 +0000 Christian Hoppe https://scilogs.spektrum.de/3g/?p=295 <h1>Auferstehungsberichte in den Evangelien als literarische Erzählform » 3G » SciLogs</h1><h2>By Christian Hoppe</h2><div itemprop="text"> <p>Die Auferstehung Jesu ist das konstitutive Ereignis des christlichen Glaubens schlechthin (Paulus in 1 Kor 15):</p> <p><em>„Ist aber Christus nicht auferweckt worden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich. Wir würden dann auch als falsche Zeugen Gottes befunden, weil wir gegen Gott bezeugt hätten, er habe Christus auferweckt, den er nicht auferweckt hätte, wenn doch die Toten nicht auferstehen. Denn wenn die Toten nicht auferstehen, so ist Christus auch nicht auferstanden.“</em></p> <p>Ich werde im Folgenden nicht darauf eingehen, dass für Paulus die Auferstehung der Toten die Voraussetzung für die Auferstehung Jesu war – nicht umgekehrt, wie es vermutlich sehr viele Christen heute denken. Ich werde auch nicht darauf eingehen, dass Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert in gleicher Weise zunächst das ewige Leben (als beseligende Gottesschau) plausibel zu machen versuchte, bevor er die Auferstehung Christi ins Spiel brachte – letztere sei nämlich gar nicht verständlich, wenn das Konzept eines Lebens nach dem Tode bei Gott unverständlich sei.</p> <p>Mir geht es um folgenden Aspekt: Paulus ist der Erste, von dem wir ein schriftliches Zeugnis seiner Begegnung mit dem Auferstandenen haben (ca. 40 n. Chr.), die Auferstehungsberichte in den Evangelien – also Matthäus, Lukas und Johannes und der später angefügte Markus-Schluss – wurden später geschrieben, vermutlich zwischen 70-100 n.Chr. Paulus spricht nun eindeutig von einer Erscheinung (1 Kor 15, 3-9):</p> <p><em>„Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferweckt worden ist am dritten Tage nach der Schrift; und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen. Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen. Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln. Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden. Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.“</em><aside></aside></p> <p>Dieses Sehen beschreibt der Evangelist Lukas in der Apostelgeschichte als Erscheinung, und zwar als Audition plus Vision eines wunderbaren Lichtes (Damaskus-Erlebnis):</p> <p><em>„Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel; und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich?“ (Apg 9, 3-4)</em></p> <p>Paulus geht in seinem Brief offensichtlich davon aus, dass er dem Auferstandenen in gleicher Weise begegnet ist wie die Apostel und andere Zeugen, dass er keine Begegnung zweiter Klasse hatte – doch die Berichte in den Evangelien über Begegnungen mit dem Auferstandenen sind bekanntlich wesentlich realistischer, „physischer“ angelegt, zum Beispiel bei Johannes:</p> <p><em>„Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See von Tiberias. Er offenbarte sich aber so: Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sprechen zu ihm: Wir kommen mit dir. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts. Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten’s nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische. Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte: »Es ist der Herr«, da gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich in den See. Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen. Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und Fisch darauf und Brot. Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! Simon Petrus stieg herauf und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht. Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten: Es ist der Herr. Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt’s ihnen, desgleichen auch den Fisch. Das ist nun das dritte Mal, dass sich Jesus den Jüngern offenbarte, nachdem er von den Toten auferstanden war.“ (Joh 21, 1-14)</em></p> <p>(Ich gehe hier nicht darauf ein, dass <em>nicht</em> berichtet wird, dass Jesus selbst gegessen hätte. Ebenso wird in der berühmten Erzählung vom ungläubigen Thomas <em>nicht</em> berichtet, dass Thomas den Auferstandenen tatsächlich berührt und seine Finger in dessen Wunden gelegt hätte [Joh 20, 27f].)</p> <p>Diese realistischen Geschichten prägen das Bild der Auferstehung Jesu in den Glaubensüberzeugungen vieler Christen: Jesus ist tatsächlich als Auferstandener in einem eigenartig verwandelten Leib, der übernatürliche Eigenschaften besaß (z.B. kann der Auferstandene durch Wände gehen), den Jüngern erschienen. Da diese Erscheinungen irgendwann endeten, muss man auch an die Himmelfahrt glauben, wenn man realistisch an die Auferstehung glaubt; sonst wäre der Auferstandene ja noch immer als Untoter unter uns. (Es stellen sich viele weitere Fragen, u.a. warum der Auferstandene nicht einfach den religiösen und staatlichen Obrigkeiten seiner Zeit erschienen ist und die strittige Sache, welche später in Religionskriegen Tausende von Todesopfern fordern wird, damit ein für alle Mal geklärt hat.)</p> <p>Paulus scheint diese „realistischen“ Erzählungen jedoch gar nicht gekannt zu haben; denn dann hätte er berichten müssen, dass er „nur“ eine Audition hatte, den Auferstandenen aber nicht leibhaftig gesehen hat wie die elf Apostel und Thomas in Jerusalem. Viel wahrscheinlicher ist, dass um 40 n.Chr. alle Beteiligten von „Erscheinungen“ ausgingen und dass auch noch keine Geschichten von „realen“ Begegnungen mit dem Auferstandenen kursierten.</p> <p>Solche „Erscheinungen“ nennen wir heute Wiederbegegnungen mit Verstorbenen. Diese sind wahrscheinlich sogar häufiger als Nahtoderlebnisse. Sie treten in der Regel in den ersten Wochen nach einem Todesfall auf – und zwar eher nach unerwarteten und plötzlichen sowie konflikthaften und emotional stark belasteten Todesfällen – und enden dann. Die Begegnung kann selten in Form einer Vision der Person erfolgen, häufiger jedoch als Gefühl einer Berührung oder eines Geruchs, oder als Gewissheit der Anwesenheit der verstorbenen Person. Diese Begegnungen werden meistens als sehr tröstlich empfunden; häufig stellen sie eine entscheidende Etappe im Trauerprozess für die Betroffenen dar. Es gibt sogar hypnotherapeutische und psychedelische Therapieansätze für komplizierte Trauer, bei denen man versucht, Wiederbegegnungen mit den Verstorbenen zu induzieren. Diese Phänomene stehen im Einklang mit Paulus und seinem Bericht einer (Erst-)Begegnung mit Jesus, dessen Anhängerschaft er bis dahin brutal verfolgt hatte.</p> <p>Aber woher kommen dann die „realistischen“  Auferstehungsberichte? Dies ist der eigentliche Anlass für meinen Blogpost. Ich stieß gestern im YouTube-Kanal von Bart D. Ehrman (James A. Gray Distinguished Professor of Religious Studies an der Universität von North Carolina, Chapel Hill) auf ein <a href="https://www.youtube.com/watch?v=hP8BHtlbr7Q">Video</a> (https://www.youtube.com/watch?v=hP8BHtlbr7Q), in dem Robyn Faith Walsh (Associate Professor of New Testament and Early Christianity und Gabelli Senior Scholar an der Universität von Miami/Florida) über sogenannte „tomb-found-empty“ Geschichten in der römisch-griechischen Antike spricht. Tatsächlich, so stellt sich heraus, gab es in der Antike einen literarischen Topos („greek novel“), dem die Evangelienberichte folgen und klar zuzuordnen sind. In diesen beliebten Geschichten wurde von zahlreichen fiktiven und historischen Gestalten berichtet, dass man ihr Grab leer aufgefunden habe, u.a. von Romulus, Aristeas, Zalmoxis, and Cleomedes. Wir dürfen davon ausgehen, dass sowohl die (hoch gebildeten) Evangelisten (die also sicher nicht die gleichnamigen Jünger Jesu waren) wie auch ihre Hörerschaft diesen Topos kannten und auf eine bestimmte Weise verstanden, nämlich als Erzählung einer Vergöttlichung oder einer Entführung in die göttliche Sphäre. Ausführlicher zitiert wird im Video eine Passage aus Charitons Chaereas und Callirhoe*:</p> <p><em>„Bald erreichte er das Grab; er sah, dass die Steine beiseite geräumt und der Eingang geöffnet worden waren. Der Anblick versetzte ihn in Erstaunen, und er wurde von einer furchtsamen Verwirrung über das Geschehene überwältigt… [Chaerias] durchsuchte das Grab, doch er fand nichts… Er richtete den Blick gen Himmel, hob die Arme empor und rief: „Welcher der Götter ist es, der mir zum Rivalen in der Liebe wurde, Callirhoe entführt hat und sie nun bei sich hält – gegen ihren Willen, gebannt von einem mächtigeren Schicksal? Es scheint, ich habe unwissentlich eine Göttin zur Frau genommen.“ (3.3.1–5)</em></p> <p>Mir scheint es vernünftig, davon auszugehen, dass die glaubensprägenden Auferstehungsberichte in den Evangelien literarische Bildungen exzellenter Autoren, aber keine historischen Berichte sind und dass sich Begegnungen mit dem Auferstandenen am ehesten in Form von Visionen, Auditionen usw. in den ersten Wochen nach dem gewaltsamen Tod Jesu ereignet haben dürften, so wie Paulus es berichtet hat und wie sie auch heute immer wieder als Wiederbegegnung mit Verstorbenen berichtet werden – wenn man denn einen historischen Kern für die Ereignisse und die dann einsetzende Entwicklung und weltweite Verbreitung des Christentums finden möchte.</p> <p>* Eine digitale ins Deutsche übersetzte Version findet sich <a href="https://digitale-sammlungen.de/de/view/bsb11912628?page=96,97&amp;q=Grab">hier</a>. Zur Datierung des Textes finden sich Hinweise auf <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Chariton_von_Aphrodisias">Wikipedia</a>.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Auferstehungsberichte in den Evangelien als literarische Erzählform » 3G » SciLogs</h1><h2>By Christian Hoppe</h2><div itemprop="text"> <p>Die Auferstehung Jesu ist das konstitutive Ereignis des christlichen Glaubens schlechthin (Paulus in 1 Kor 15):</p> <p><em>„Ist aber Christus nicht auferweckt worden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich. Wir würden dann auch als falsche Zeugen Gottes befunden, weil wir gegen Gott bezeugt hätten, er habe Christus auferweckt, den er nicht auferweckt hätte, wenn doch die Toten nicht auferstehen. Denn wenn die Toten nicht auferstehen, so ist Christus auch nicht auferstanden.“</em></p> <p>Ich werde im Folgenden nicht darauf eingehen, dass für Paulus die Auferstehung der Toten die Voraussetzung für die Auferstehung Jesu war – nicht umgekehrt, wie es vermutlich sehr viele Christen heute denken. Ich werde auch nicht darauf eingehen, dass Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert in gleicher Weise zunächst das ewige Leben (als beseligende Gottesschau) plausibel zu machen versuchte, bevor er die Auferstehung Christi ins Spiel brachte – letztere sei nämlich gar nicht verständlich, wenn das Konzept eines Lebens nach dem Tode bei Gott unverständlich sei.</p> <p>Mir geht es um folgenden Aspekt: Paulus ist der Erste, von dem wir ein schriftliches Zeugnis seiner Begegnung mit dem Auferstandenen haben (ca. 40 n. Chr.), die Auferstehungsberichte in den Evangelien – also Matthäus, Lukas und Johannes und der später angefügte Markus-Schluss – wurden später geschrieben, vermutlich zwischen 70-100 n.Chr. Paulus spricht nun eindeutig von einer Erscheinung (1 Kor 15, 3-9):</p> <p><em>„Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferweckt worden ist am dritten Tage nach der Schrift; und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen. Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen. Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln. Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden. Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.“</em><aside></aside></p> <p>Dieses Sehen beschreibt der Evangelist Lukas in der Apostelgeschichte als Erscheinung, und zwar als Audition plus Vision eines wunderbaren Lichtes (Damaskus-Erlebnis):</p> <p><em>„Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel; und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich?“ (Apg 9, 3-4)</em></p> <p>Paulus geht in seinem Brief offensichtlich davon aus, dass er dem Auferstandenen in gleicher Weise begegnet ist wie die Apostel und andere Zeugen, dass er keine Begegnung zweiter Klasse hatte – doch die Berichte in den Evangelien über Begegnungen mit dem Auferstandenen sind bekanntlich wesentlich realistischer, „physischer“ angelegt, zum Beispiel bei Johannes:</p> <p><em>„Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See von Tiberias. Er offenbarte sich aber so: Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sprechen zu ihm: Wir kommen mit dir. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts. Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten’s nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische. Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte: »Es ist der Herr«, da gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich in den See. Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen. Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und Fisch darauf und Brot. Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! Simon Petrus stieg herauf und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht. Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten: Es ist der Herr. Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt’s ihnen, desgleichen auch den Fisch. Das ist nun das dritte Mal, dass sich Jesus den Jüngern offenbarte, nachdem er von den Toten auferstanden war.“ (Joh 21, 1-14)</em></p> <p>(Ich gehe hier nicht darauf ein, dass <em>nicht</em> berichtet wird, dass Jesus selbst gegessen hätte. Ebenso wird in der berühmten Erzählung vom ungläubigen Thomas <em>nicht</em> berichtet, dass Thomas den Auferstandenen tatsächlich berührt und seine Finger in dessen Wunden gelegt hätte [Joh 20, 27f].)</p> <p>Diese realistischen Geschichten prägen das Bild der Auferstehung Jesu in den Glaubensüberzeugungen vieler Christen: Jesus ist tatsächlich als Auferstandener in einem eigenartig verwandelten Leib, der übernatürliche Eigenschaften besaß (z.B. kann der Auferstandene durch Wände gehen), den Jüngern erschienen. Da diese Erscheinungen irgendwann endeten, muss man auch an die Himmelfahrt glauben, wenn man realistisch an die Auferstehung glaubt; sonst wäre der Auferstandene ja noch immer als Untoter unter uns. (Es stellen sich viele weitere Fragen, u.a. warum der Auferstandene nicht einfach den religiösen und staatlichen Obrigkeiten seiner Zeit erschienen ist und die strittige Sache, welche später in Religionskriegen Tausende von Todesopfern fordern wird, damit ein für alle Mal geklärt hat.)</p> <p>Paulus scheint diese „realistischen“ Erzählungen jedoch gar nicht gekannt zu haben; denn dann hätte er berichten müssen, dass er „nur“ eine Audition hatte, den Auferstandenen aber nicht leibhaftig gesehen hat wie die elf Apostel und Thomas in Jerusalem. Viel wahrscheinlicher ist, dass um 40 n.Chr. alle Beteiligten von „Erscheinungen“ ausgingen und dass auch noch keine Geschichten von „realen“ Begegnungen mit dem Auferstandenen kursierten.</p> <p>Solche „Erscheinungen“ nennen wir heute Wiederbegegnungen mit Verstorbenen. Diese sind wahrscheinlich sogar häufiger als Nahtoderlebnisse. Sie treten in der Regel in den ersten Wochen nach einem Todesfall auf – und zwar eher nach unerwarteten und plötzlichen sowie konflikthaften und emotional stark belasteten Todesfällen – und enden dann. Die Begegnung kann selten in Form einer Vision der Person erfolgen, häufiger jedoch als Gefühl einer Berührung oder eines Geruchs, oder als Gewissheit der Anwesenheit der verstorbenen Person. Diese Begegnungen werden meistens als sehr tröstlich empfunden; häufig stellen sie eine entscheidende Etappe im Trauerprozess für die Betroffenen dar. Es gibt sogar hypnotherapeutische und psychedelische Therapieansätze für komplizierte Trauer, bei denen man versucht, Wiederbegegnungen mit den Verstorbenen zu induzieren. Diese Phänomene stehen im Einklang mit Paulus und seinem Bericht einer (Erst-)Begegnung mit Jesus, dessen Anhängerschaft er bis dahin brutal verfolgt hatte.</p> <p>Aber woher kommen dann die „realistischen“  Auferstehungsberichte? Dies ist der eigentliche Anlass für meinen Blogpost. Ich stieß gestern im YouTube-Kanal von Bart D. Ehrman (James A. Gray Distinguished Professor of Religious Studies an der Universität von North Carolina, Chapel Hill) auf ein <a href="https://www.youtube.com/watch?v=hP8BHtlbr7Q">Video</a> (https://www.youtube.com/watch?v=hP8BHtlbr7Q), in dem Robyn Faith Walsh (Associate Professor of New Testament and Early Christianity und Gabelli Senior Scholar an der Universität von Miami/Florida) über sogenannte „tomb-found-empty“ Geschichten in der römisch-griechischen Antike spricht. Tatsächlich, so stellt sich heraus, gab es in der Antike einen literarischen Topos („greek novel“), dem die Evangelienberichte folgen und klar zuzuordnen sind. In diesen beliebten Geschichten wurde von zahlreichen fiktiven und historischen Gestalten berichtet, dass man ihr Grab leer aufgefunden habe, u.a. von Romulus, Aristeas, Zalmoxis, and Cleomedes. Wir dürfen davon ausgehen, dass sowohl die (hoch gebildeten) Evangelisten (die also sicher nicht die gleichnamigen Jünger Jesu waren) wie auch ihre Hörerschaft diesen Topos kannten und auf eine bestimmte Weise verstanden, nämlich als Erzählung einer Vergöttlichung oder einer Entführung in die göttliche Sphäre. Ausführlicher zitiert wird im Video eine Passage aus Charitons Chaereas und Callirhoe*:</p> <p><em>„Bald erreichte er das Grab; er sah, dass die Steine beiseite geräumt und der Eingang geöffnet worden waren. Der Anblick versetzte ihn in Erstaunen, und er wurde von einer furchtsamen Verwirrung über das Geschehene überwältigt… [Chaerias] durchsuchte das Grab, doch er fand nichts… Er richtete den Blick gen Himmel, hob die Arme empor und rief: „Welcher der Götter ist es, der mir zum Rivalen in der Liebe wurde, Callirhoe entführt hat und sie nun bei sich hält – gegen ihren Willen, gebannt von einem mächtigeren Schicksal? Es scheint, ich habe unwissentlich eine Göttin zur Frau genommen.“ (3.3.1–5)</em></p> <p>Mir scheint es vernünftig, davon auszugehen, dass die glaubensprägenden Auferstehungsberichte in den Evangelien literarische Bildungen exzellenter Autoren, aber keine historischen Berichte sind und dass sich Begegnungen mit dem Auferstandenen am ehesten in Form von Visionen, Auditionen usw. in den ersten Wochen nach dem gewaltsamen Tod Jesu ereignet haben dürften, so wie Paulus es berichtet hat und wie sie auch heute immer wieder als Wiederbegegnung mit Verstorbenen berichtet werden – wenn man denn einen historischen Kern für die Ereignisse und die dann einsetzende Entwicklung und weltweite Verbreitung des Christentums finden möchte.</p> <p>* Eine digitale ins Deutsche übersetzte Version findet sich <a href="https://digitale-sammlungen.de/de/view/bsb11912628?page=96,97&amp;q=Grab">hier</a>. Zur Datierung des Textes finden sich Hinweise auf <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Chariton_von_Aphrodisias">Wikipedia</a>.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/3g/auferstehungsberichte-in-den-evangelien-als-literarische-erzaehlform/#comments 53 AstroGeo Podcast: Erstarrte Augenblicke – Tödliche Fußspuren, Wassergeburt und Dino-Pipi https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-erstarrte-augenblicke-toedliche-fussspuren-wassergeburt-und-dino-pipi/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-erstarrte-augenblicke-toedliche-fussspuren-wassergeburt-und-dino-pipi/#comments Sun, 20 Jul 2025 14:47:22 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1725 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag119_sl-768x772.jpg Nahaufnahme eines im Foto nur angeschnittenen Fossils, schwarze Knochen auf grauem Grund, Teil einer Wirbelsäule, dazwischen schaut ein viel kleinerer länglicher Schäden mit großen Augenhöhlen heraus, ein Jungtier, das noch im Becken seiner Mutter steckt. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-erstarrte-augenblicke-toedliche-fussspuren-wassergeburt-und-dino-pipi/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag119_sl-1019x1024.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Erstarrte Augenblicke - Tödliche Fußspuren, Wassergeburt und Dino-Pipi » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Ein Schienbeinknochen, Zähne eines Pflanzenfressers, später auch ein Schädel: Wer ausgestorbene Tiere untersuchen möchte, muss sich mit Fossilien beschäftigen. Meist ergibt sich erst nach Jahrzehnten der Forschung ein schlüssiges Bild eines Tieres. In diesem Fall war es eines, das während der Kreidezeit auf zwei Beinen durch das heutige England streifte: Der Iguanodon gehörte im 19. Jahrhundert zu den ersten wissenschaftlich beschriebenen Dinosauriern.</p> <p>Seit diesen frühen Tagen hat sich Erforschung von Fossilien weiterentwickelt – und Paläontologen sind längst auf mehr aus, als nur ausgestorbene Arten zu beschreiben. Sie wollen verstehen, wie genau diese Tiere vor vielen Millionen Jahren gelebt haben: Wie haben sie gejagt und gelebt – einsam oder in einer Gruppe? Wie war ihr Sozialverhalten? Haben sie sich um ihre Jungen gekümmert? Und nicht weniger interessant: Wie haben sie ihre Notdurft verrichtet?</p> <p>Karl erzählt in dieser Folge von ganz besonderen Funden: Es sind Fossilien von Tieren, die nicht einfach nur gestorben sind. Sondern sie wurden während einer bestimmten Handlung vom Tod überrascht. Nur ein winziger Bruchteil aller gefundenen Fossilien zeigt ein derartig eingefrorenes Verhalten. Ihr Körper, ihre Haltung und ihre Gesellschaft mit anderen Tiere sind im Gestein und damit auch in der Zeit festgehalten.</p> <p>In vier kurzen Geschichten geht es um solche Funde und was sie bedeuten: Eine handelt von Ichthyosaurus, eine Gruppe von Meeresbewohnern, die zu den Reptilien gehörten und die die Erde fast 160 Millionen Jahre lang bewohnten. Ihr Körperbau ähnelt verblüffend heutigen Delfinen, ihre Körpergröße konnte beinahe die eines Blauwals erreichen. Wie sich diese Giganten fortgepflanzt haben, darüber gab es bis vor kurzem sehr unterschiedliche Vorstellungen.</p> <p>Auch geht es um die Spuren der größten Landlebewesen aller Zeiten: Die Sauropoden – oder Langhals-Dinosaurier – konnten nicht nur ganze Bäume kahlfressen, sondern ungewollt hinterließen sie auch zu ihren Füßen eine Spur der Zerstörung. Eine andere Geschichte handelt von einer Zeit unbeschreiblicher Klimaextreme und wie sich zwei völlig unterschiedliche Tiere in trauter Eintracht eine Behausung teilten. Zuletzt geht es um ein junges, aber nicht minder spannendes Forschungsfeld: Mussten Dinosaurier manchmal Wasser lassen – und hinterließen sie dabei einen bleibenden Eindruck?<aside></aside></p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 64: <a href="https://astrogeo.de/tod-im-treibhaus/">Massensterben im Treibhaus</a></li> <li>Folge 86: <a href="https://astrogeo.de/das-ende-der-dinosaurier-massensterben-im-fruehling/">Das Ende der Dinosaurier: Massensterben im Frühling</a></li> <li>Folge 89: <a href="https://astrogeo.de/winzige-wesen-oder-ninjas-der-nacht-die-entwicklung-der-saeugetiere/">Ninjas der Nacht: Die Entwicklung der Säugetiere</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/William_Smith_(Geologe)">William Smith</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gideon_Mantell">Gideon Mantell</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mary_Anning">Mary </a><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mary_Anning">Anning</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Iguanodon">Iguanodon</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ichthyosaurier">Ichthyosaurus</a></li> <li>WP: <a href="http://Holzmaden/">Holzmaden</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sauropoden">Sauropoden</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Perm-Trias-Grenze">Perm-Trias-Grenze</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Therapsiden">Therapsiden</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Koprolith">Koprolith</a></li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Buch: <a href="https://cup.columbia.edu/book/locked-in-time/9780231197281/">Dean Lomax </a><a href="https://cup.columbia.edu/book/locked-in-time/9780231197281/">&amp; Bob Nicholls</a><a href="https://cup.columbia.edu/book/locked-in-time/9780231197281/">: Locked in Time, Animal Behavior Unearthed in 50 Extraordinary Fossils</a>, Columbia University Press (2021)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">CC-BY 4.0</a> <a href="https://doi.org/10.1371/journal.pone.0088640">Motani R, Jiang D-y, Tintori A, Rieppel O, Chen G-b (2014)</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag119_sl-1019x1024.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Erstarrte Augenblicke - Tödliche Fußspuren, Wassergeburt und Dino-Pipi » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Ein Schienbeinknochen, Zähne eines Pflanzenfressers, später auch ein Schädel: Wer ausgestorbene Tiere untersuchen möchte, muss sich mit Fossilien beschäftigen. Meist ergibt sich erst nach Jahrzehnten der Forschung ein schlüssiges Bild eines Tieres. In diesem Fall war es eines, das während der Kreidezeit auf zwei Beinen durch das heutige England streifte: Der Iguanodon gehörte im 19. Jahrhundert zu den ersten wissenschaftlich beschriebenen Dinosauriern.</p> <p>Seit diesen frühen Tagen hat sich Erforschung von Fossilien weiterentwickelt – und Paläontologen sind längst auf mehr aus, als nur ausgestorbene Arten zu beschreiben. Sie wollen verstehen, wie genau diese Tiere vor vielen Millionen Jahren gelebt haben: Wie haben sie gejagt und gelebt – einsam oder in einer Gruppe? Wie war ihr Sozialverhalten? Haben sie sich um ihre Jungen gekümmert? Und nicht weniger interessant: Wie haben sie ihre Notdurft verrichtet?</p> <p>Karl erzählt in dieser Folge von ganz besonderen Funden: Es sind Fossilien von Tieren, die nicht einfach nur gestorben sind. Sondern sie wurden während einer bestimmten Handlung vom Tod überrascht. Nur ein winziger Bruchteil aller gefundenen Fossilien zeigt ein derartig eingefrorenes Verhalten. Ihr Körper, ihre Haltung und ihre Gesellschaft mit anderen Tiere sind im Gestein und damit auch in der Zeit festgehalten.</p> <p>In vier kurzen Geschichten geht es um solche Funde und was sie bedeuten: Eine handelt von Ichthyosaurus, eine Gruppe von Meeresbewohnern, die zu den Reptilien gehörten und die die Erde fast 160 Millionen Jahre lang bewohnten. Ihr Körperbau ähnelt verblüffend heutigen Delfinen, ihre Körpergröße konnte beinahe die eines Blauwals erreichen. Wie sich diese Giganten fortgepflanzt haben, darüber gab es bis vor kurzem sehr unterschiedliche Vorstellungen.</p> <p>Auch geht es um die Spuren der größten Landlebewesen aller Zeiten: Die Sauropoden – oder Langhals-Dinosaurier – konnten nicht nur ganze Bäume kahlfressen, sondern ungewollt hinterließen sie auch zu ihren Füßen eine Spur der Zerstörung. Eine andere Geschichte handelt von einer Zeit unbeschreiblicher Klimaextreme und wie sich zwei völlig unterschiedliche Tiere in trauter Eintracht eine Behausung teilten. Zuletzt geht es um ein junges, aber nicht minder spannendes Forschungsfeld: Mussten Dinosaurier manchmal Wasser lassen – und hinterließen sie dabei einen bleibenden Eindruck?<aside></aside></p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 64: <a href="https://astrogeo.de/tod-im-treibhaus/">Massensterben im Treibhaus</a></li> <li>Folge 86: <a href="https://astrogeo.de/das-ende-der-dinosaurier-massensterben-im-fruehling/">Das Ende der Dinosaurier: Massensterben im Frühling</a></li> <li>Folge 89: <a href="https://astrogeo.de/winzige-wesen-oder-ninjas-der-nacht-die-entwicklung-der-saeugetiere/">Ninjas der Nacht: Die Entwicklung der Säugetiere</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/William_Smith_(Geologe)">William Smith</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gideon_Mantell">Gideon Mantell</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mary_Anning">Mary </a><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mary_Anning">Anning</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Iguanodon">Iguanodon</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ichthyosaurier">Ichthyosaurus</a></li> <li>WP: <a href="http://Holzmaden/">Holzmaden</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sauropoden">Sauropoden</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Perm-Trias-Grenze">Perm-Trias-Grenze</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Therapsiden">Therapsiden</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Koprolith">Koprolith</a></li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Buch: <a href="https://cup.columbia.edu/book/locked-in-time/9780231197281/">Dean Lomax </a><a href="https://cup.columbia.edu/book/locked-in-time/9780231197281/">&amp; Bob Nicholls</a><a href="https://cup.columbia.edu/book/locked-in-time/9780231197281/">: Locked in Time, Animal Behavior Unearthed in 50 Extraordinary Fossils</a>, Columbia University Press (2021)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">CC-BY 4.0</a> <a href="https://doi.org/10.1371/journal.pone.0088640">Motani R, Jiang D-y, Tintori A, Rieppel O, Chen G-b (2014)</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-erstarrte-augenblicke-toedliche-fussspuren-wassergeburt-und-dino-pipi/#comments 1 Influencerinnen, KI-Bilder und Diskurskoalitionen: Neue Forschungsperspektiven auf rechte Geschlechterdiskurse https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/influencerinnen-ki-bilder-und-diskurskoalitionen-neue-forschungsperspektiven-auf-rechte-geschlechterdiskurse/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/influencerinnen-ki-bilder-und-diskurskoalitionen-neue-forschungsperspektiven-auf-rechte-geschlechterdiskurse/#comments Tue, 15 Jul 2025 06:30:48 +0000 Teilprojekt 05 100 Jahre „Widerstand“ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=239 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-cottonbro-4974347_Schnitt-scaled-e1751958495650-768x278.jpg Eine Frau in einem traditionellem Kleid sitzt an einem Tisch mit einem Blumenstrauß, altmodischem Geschirr und einem Buch. Die Farbgebung ist in sanften Rosé- und Cremetönen gehalten. https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/influencerinnen-ki-bilder-und-diskurskoalitionen-neue-forschungsperspektiven-auf-rechte-geschlechterdiskurse/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-cottonbro-4974347_Schnitt-scaled-e1751958495650.jpg" /><h1>Influencerinnen, KI-Bilder und Diskurskoalitionen: Neue Forschungsperspektiven auf rechte Geschlechterdiskurse » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Teilprojekt 05 100 Jahre „Widerstand“</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Geschlecht ist ein zentrales ideologisches Kampffeld der extremen Rechten und zugleich ein Terrain voller Widersprüche. Einerseits zeigen sich in rechten Milieus eine starke Ablehnung feministischer Errungenschaften sowie eine Rückbesinnung auf traditionelle Geschlechterrollen. Andererseits übernehmen Frauen zunehmend prominente Rollen in rechtspopulistischen Parteien und Organisationen. Geschlecht ist ein Diskussionsfeld, das nicht zuletzt mit dem steigenden Einfluss der sozialen Medien weiter an Relevanz gewinnt. </strong></p> <p>Eine <strong>Vortragsreihe der Universität Augsburg in Kooperation mit der Universität Passau</strong> brachte daher internationale Expertinnen zusammen mit dem Ziel, neue Perspektiven auf die strategische Nutzung von Geschlechterfragen durch die extreme Rechte zu entwickeln. Die zentrale Erkenntnis aus der Reihe: Um den Wandel rechter Geschlechterdebatten adäquat zu erfassen, braucht die kommunikationswissenschaftliche Forschung länderübergreifende Perspektiven, neue methodische Ansätze und ein besonderes Augenmerk auf thematische Vernetzungen sowie dynamische Weiblichkeitsdarstellungen durch neue Technologien. Doch was genau wurde in den Vorträgen diskutiert und woraus entwickelten sich diese neuen Perspektiven?</p> <h2 id="h-rechte-geschlechterdiskurse-sind-global-vernetzt-und-doch-national-gepragt"><strong>Rechte Geschlechterdiskurse sind global vernetzt und doch national geprägt</strong></h2> <p>Rechtsextreme Diskurse überschreiten längst nationale Grenzen. An geschlechterbezogenen Diskursen lässt sich exemplarisch aufzeigen, wie sich <strong>grenzübergreifende Argumentationsmuster</strong> wie der Femonationalismus <strong>mit lokalen Spezifika</strong> verbinden. Femonationalismus<sup data-fn="5f0903c0-fa82-443e-bcd4-dda1b0fd18e0"><a href="#5f0903c0-fa82-443e-bcd4-dda1b0fd18e0" id="5f0903c0-fa82-443e-bcd4-dda1b0fd18e0-link">1</a></sup> beschreibt , wie rechte Akteur:innen feministische Anliegen dazu nutzen, um rassistische oder ausgrenzende Positionen zu legitimieren, etwa wenn sie unter dem Vorwand des Schutzes von Frauenrechten gegen Migration argumentieren. Tina Askanius (Malmö University) und Maria Brock (Södertörn University) zeigten in ihrem Vortrag diese länderspezifischen Unterschiede am Beispiel weiblicher Influencerinnen auf. Während in Russland verstärkt christlich-orthodoxe, religiös geprägte Influencerinnen rechtsextreme Inhalte verbreiten, spielt Religion in den entsprechenden deutschen und schwedischen Kontexten eine deutlich geringere Rolle. Hier überwiegen stattdessen migrationskritische Inhalte und speziell „nordische“ Ästhetiken. Auch Annett Heft (Universität Tübingen) und Susanne Reinhardt (Freie Universität Berlin) wiesen in ihrem Vortrag darauf hin, dass rechtspopulistische Parteien europaweit ähnliche Geschlechterthemen aufgreifen, diese aber jeweils an die gesellschaftlichen Bedingungen vor Ort anpassen. So kritisieren rechte Parteien in Schweden Gleichstellungsmaßnahmen deutlich weniger stark als etwa in Deutschland oder Italien – ein Unterschied, den die Vortragenden auf den unterschiedlichen gesellschaftlichen Stellenwert von Geschlechtergleichstellung zurückführen. Künftige Forschung sollte daher sowohl gemeinsame Muster rechtsextremer Kommunikation als auch ihre nationale Einbettung systematisch analysieren.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-olga-petrova-129200401-18151440-scaled.jpg"><img alt="Eine Frau sitzt in einem Blümchenkleid unter einer Tanne und liest ein Buch." decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 683px) 100vw, 683px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-olga-petrova-129200401-18151440-683x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-olga-petrova-129200401-18151440-683x1024.jpg 683w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-olga-petrova-129200401-18151440-200x300.jpg 200w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-olga-petrova-129200401-18151440-768x1152.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-olga-petrova-129200401-18151440-1024x1536.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-olga-petrova-129200401-18151440-1365x2048.jpg 1365w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-olga-petrova-129200401-18151440-scaled.jpg 1707w" width="683"></img></a><figcaption><em>Foto von Olga Petrova auf Pexels</em></figcaption></figure> <h2 id="h-wie-fluide-allianzen-stabile-deutungsmuster-pragen-und-gesellschaftliche-mitte-neu-verhandeln"><strong>Wie fluide Allianzen stabile Deutungsmuster prägen und gesellschaftliche Mitte neu verhandeln</strong></h2> <p>Geschlechterpolitische Themen bieten rechten Akteur:innen <strong>vielfältige Anschlussmöglichkeiten</strong> an konservative, religiöse oder antifeministische Diskurse und bilden somit <strong>Brücken in die gesellschaftliche Mitte.</strong> Annett Heft und Susanne Reinhardt zeigten, wie fluide und kontextabhängig solche sogenannten Diskurskoalitionen sein können. Besonders deutlich wird dies bei Themen wie Abtreibung, wo sich rechte und konservative Positionen (beispielsweise von Teilen der katholischen Kirche) überschneiden. Dadurch können solche Themen als Brückenbauer in die gesellschaftliche Mitte fungieren und rechtsextremen Deutungsmustern indirekt Legitimität verleihen. Diese Diskurskoalitionen können auch unbeabsichtigt auftreten und sind in ständigem Wandel. Für die Forschung bedeutet das, solche Verbindungen sichtbar zu machen, ohne dabei die Wandelbarkeit und situative Ausprägung dieser Allianzen aus dem Blick zu verlieren.</p> <h2 id="h-digitale-weiblichkeitsbilder-und-rechte-netzwerke-neue-technologien-asthetiken-und-methoden"><strong>Digitale Weiblichkeitsbilder und rechte Netzwerke: Neue Technologien, Ästhetiken und Methoden</strong></h2> <p>Die Reihe thematisierte auch aktuelle Phänomene rechter <strong>Weiblichkeitsinszenierung</strong>. Sandra Kero (Universität Bremen) beleuchtete in ihrem Vortrag die <strong>Rolle neuer Technologien wie generativer KI</strong> bei der Gestaltung rechter Bildwelten. Durch neue technische Entwicklungen werden sowohl tradierte wie auch neuartige Weiblichkeitsdarstellungen produziert. Diese Technologie bietet somit neue und bisher unerforschte Ästhetiken und Bildkompositionen. Aber auch die Vorstellung von Weiblichkeit an sich wird differenzierter. Während Tradwife-Influencerinnen konservative Rollenbilder ästhetisch aufbereiten und popularisieren, zeigen sich auch gänzlich andere Trends. Unter dem Hashtag #Ostmullen finden sich beispielsweise großstädtische Lebenswelten und burschikose Frauenbilder. Dies zeigt, dass sich innerhalb rechter Milieus auch subversive oder widersprüchliche Inszenierungen von Weiblichkeit artikulieren. Diese Brüche und Entwicklungen deuten darauf hin, dass auch rechte Geschlechtervorstellungen im Wandel begriffen sind und die Forschung mit dynamischen Konzepten auf neue technische Möglichkeiten und Darstellungsformen reagieren muss.<aside></aside></p> <p>Um die komplexe Vernetzung und mediale Reichweite rechter Kommunikation zu erfassen, braucht es zuletzt auch <strong>neue methodische Werkzeuge</strong>. Computergestützte Verfahren wie <strong>Netzwerkanalysen </strong>bieten hier wichtige Zugänge. Sie ermöglichen es, digitale Resonanzräume, Interaktionen und Verlinkungen systematisch zu untersuchen. Annett Heft und Susanne Reinhardt nutzten diese Methoden, um aufzuzeigen, wie rechtspopulistische Parteien in Europa unterschiedliche geschlechterbezogene Themen miteinander verknüpfen. Auch Tina Askanius und Maria Brock betonten die Relevanz computergestützter Analysen, um künftig beispielsweise digitale Verbindungen zwischen rechten Influencerinnen in Deutschland, Schweden und Russland zu identifizieren. Gerade weil viele dieser Netzwerke für Außenstehende unsichtbar bleiben, ist eine methodische Weiterentwicklung der Forschung zur rechtsextremer Kommunikation dringend geboten.</p> <p><strong>Die Vortragsreihe zeigt:</strong> Ein zeitgemäßes Verständnis von Rechtsextremismus im digitalen Zeitalter erfordert die Berücksichtigung medialer Strategien und der vielfältigen Darstellung von Geschlechterrollen. Erst durch länderübergreifende Vergleichsperspektiven, die Verbindung klassischer Ansätze mit neuen computergestützten Verfahren, die Untersuchung inhaltlicher Bündnisse bis in die gesellschaftliche Mitte sowie, last but not least, die Analyse, wie die extreme Rechte künstliche Intelligenz einsetzt, lassen sich die komplexen Mechanismen rechter Mobilisierung und ihre politischen Botschaften zu Geschlechterfragen differenziert erfassen.</p> <p><strong>Quellen</strong></p> <p>(1) Farris, Sara R. (2017). <em>In the Name of Women’s Rights: The Rise of Femonationalism</em>. Duke University Press.</p> <p>(2) Beitragsbild: Foto von Jill Wellington auf Pexel</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-cottonbro-4974347_Schnitt-scaled-e1751958495650.jpg" /><h1>Influencerinnen, KI-Bilder und Diskurskoalitionen: Neue Forschungsperspektiven auf rechte Geschlechterdiskurse » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Teilprojekt 05 100 Jahre „Widerstand“</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Geschlecht ist ein zentrales ideologisches Kampffeld der extremen Rechten und zugleich ein Terrain voller Widersprüche. Einerseits zeigen sich in rechten Milieus eine starke Ablehnung feministischer Errungenschaften sowie eine Rückbesinnung auf traditionelle Geschlechterrollen. Andererseits übernehmen Frauen zunehmend prominente Rollen in rechtspopulistischen Parteien und Organisationen. Geschlecht ist ein Diskussionsfeld, das nicht zuletzt mit dem steigenden Einfluss der sozialen Medien weiter an Relevanz gewinnt. </strong></p> <p>Eine <strong>Vortragsreihe der Universität Augsburg in Kooperation mit der Universität Passau</strong> brachte daher internationale Expertinnen zusammen mit dem Ziel, neue Perspektiven auf die strategische Nutzung von Geschlechterfragen durch die extreme Rechte zu entwickeln. Die zentrale Erkenntnis aus der Reihe: Um den Wandel rechter Geschlechterdebatten adäquat zu erfassen, braucht die kommunikationswissenschaftliche Forschung länderübergreifende Perspektiven, neue methodische Ansätze und ein besonderes Augenmerk auf thematische Vernetzungen sowie dynamische Weiblichkeitsdarstellungen durch neue Technologien. Doch was genau wurde in den Vorträgen diskutiert und woraus entwickelten sich diese neuen Perspektiven?</p> <h2 id="h-rechte-geschlechterdiskurse-sind-global-vernetzt-und-doch-national-gepragt"><strong>Rechte Geschlechterdiskurse sind global vernetzt und doch national geprägt</strong></h2> <p>Rechtsextreme Diskurse überschreiten längst nationale Grenzen. An geschlechterbezogenen Diskursen lässt sich exemplarisch aufzeigen, wie sich <strong>grenzübergreifende Argumentationsmuster</strong> wie der Femonationalismus <strong>mit lokalen Spezifika</strong> verbinden. Femonationalismus<sup data-fn="5f0903c0-fa82-443e-bcd4-dda1b0fd18e0"><a href="#5f0903c0-fa82-443e-bcd4-dda1b0fd18e0" id="5f0903c0-fa82-443e-bcd4-dda1b0fd18e0-link">1</a></sup> beschreibt , wie rechte Akteur:innen feministische Anliegen dazu nutzen, um rassistische oder ausgrenzende Positionen zu legitimieren, etwa wenn sie unter dem Vorwand des Schutzes von Frauenrechten gegen Migration argumentieren. Tina Askanius (Malmö University) und Maria Brock (Södertörn University) zeigten in ihrem Vortrag diese länderspezifischen Unterschiede am Beispiel weiblicher Influencerinnen auf. Während in Russland verstärkt christlich-orthodoxe, religiös geprägte Influencerinnen rechtsextreme Inhalte verbreiten, spielt Religion in den entsprechenden deutschen und schwedischen Kontexten eine deutlich geringere Rolle. Hier überwiegen stattdessen migrationskritische Inhalte und speziell „nordische“ Ästhetiken. Auch Annett Heft (Universität Tübingen) und Susanne Reinhardt (Freie Universität Berlin) wiesen in ihrem Vortrag darauf hin, dass rechtspopulistische Parteien europaweit ähnliche Geschlechterthemen aufgreifen, diese aber jeweils an die gesellschaftlichen Bedingungen vor Ort anpassen. So kritisieren rechte Parteien in Schweden Gleichstellungsmaßnahmen deutlich weniger stark als etwa in Deutschland oder Italien – ein Unterschied, den die Vortragenden auf den unterschiedlichen gesellschaftlichen Stellenwert von Geschlechtergleichstellung zurückführen. Künftige Forschung sollte daher sowohl gemeinsame Muster rechtsextremer Kommunikation als auch ihre nationale Einbettung systematisch analysieren.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-olga-petrova-129200401-18151440-scaled.jpg"><img alt="Eine Frau sitzt in einem Blümchenkleid unter einer Tanne und liest ein Buch." decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 683px) 100vw, 683px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-olga-petrova-129200401-18151440-683x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-olga-petrova-129200401-18151440-683x1024.jpg 683w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-olga-petrova-129200401-18151440-200x300.jpg 200w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-olga-petrova-129200401-18151440-768x1152.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-olga-petrova-129200401-18151440-1024x1536.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-olga-petrova-129200401-18151440-1365x2048.jpg 1365w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-olga-petrova-129200401-18151440-scaled.jpg 1707w" width="683"></img></a><figcaption><em>Foto von Olga Petrova auf Pexels</em></figcaption></figure> <h2 id="h-wie-fluide-allianzen-stabile-deutungsmuster-pragen-und-gesellschaftliche-mitte-neu-verhandeln"><strong>Wie fluide Allianzen stabile Deutungsmuster prägen und gesellschaftliche Mitte neu verhandeln</strong></h2> <p>Geschlechterpolitische Themen bieten rechten Akteur:innen <strong>vielfältige Anschlussmöglichkeiten</strong> an konservative, religiöse oder antifeministische Diskurse und bilden somit <strong>Brücken in die gesellschaftliche Mitte.</strong> Annett Heft und Susanne Reinhardt zeigten, wie fluide und kontextabhängig solche sogenannten Diskurskoalitionen sein können. Besonders deutlich wird dies bei Themen wie Abtreibung, wo sich rechte und konservative Positionen (beispielsweise von Teilen der katholischen Kirche) überschneiden. Dadurch können solche Themen als Brückenbauer in die gesellschaftliche Mitte fungieren und rechtsextremen Deutungsmustern indirekt Legitimität verleihen. Diese Diskurskoalitionen können auch unbeabsichtigt auftreten und sind in ständigem Wandel. Für die Forschung bedeutet das, solche Verbindungen sichtbar zu machen, ohne dabei die Wandelbarkeit und situative Ausprägung dieser Allianzen aus dem Blick zu verlieren.</p> <h2 id="h-digitale-weiblichkeitsbilder-und-rechte-netzwerke-neue-technologien-asthetiken-und-methoden"><strong>Digitale Weiblichkeitsbilder und rechte Netzwerke: Neue Technologien, Ästhetiken und Methoden</strong></h2> <p>Die Reihe thematisierte auch aktuelle Phänomene rechter <strong>Weiblichkeitsinszenierung</strong>. Sandra Kero (Universität Bremen) beleuchtete in ihrem Vortrag die <strong>Rolle neuer Technologien wie generativer KI</strong> bei der Gestaltung rechter Bildwelten. Durch neue technische Entwicklungen werden sowohl tradierte wie auch neuartige Weiblichkeitsdarstellungen produziert. Diese Technologie bietet somit neue und bisher unerforschte Ästhetiken und Bildkompositionen. Aber auch die Vorstellung von Weiblichkeit an sich wird differenzierter. Während Tradwife-Influencerinnen konservative Rollenbilder ästhetisch aufbereiten und popularisieren, zeigen sich auch gänzlich andere Trends. Unter dem Hashtag #Ostmullen finden sich beispielsweise großstädtische Lebenswelten und burschikose Frauenbilder. Dies zeigt, dass sich innerhalb rechter Milieus auch subversive oder widersprüchliche Inszenierungen von Weiblichkeit artikulieren. Diese Brüche und Entwicklungen deuten darauf hin, dass auch rechte Geschlechtervorstellungen im Wandel begriffen sind und die Forschung mit dynamischen Konzepten auf neue technische Möglichkeiten und Darstellungsformen reagieren muss.<aside></aside></p> <p>Um die komplexe Vernetzung und mediale Reichweite rechter Kommunikation zu erfassen, braucht es zuletzt auch <strong>neue methodische Werkzeuge</strong>. Computergestützte Verfahren wie <strong>Netzwerkanalysen </strong>bieten hier wichtige Zugänge. Sie ermöglichen es, digitale Resonanzräume, Interaktionen und Verlinkungen systematisch zu untersuchen. Annett Heft und Susanne Reinhardt nutzten diese Methoden, um aufzuzeigen, wie rechtspopulistische Parteien in Europa unterschiedliche geschlechterbezogene Themen miteinander verknüpfen. Auch Tina Askanius und Maria Brock betonten die Relevanz computergestützter Analysen, um künftig beispielsweise digitale Verbindungen zwischen rechten Influencerinnen in Deutschland, Schweden und Russland zu identifizieren. Gerade weil viele dieser Netzwerke für Außenstehende unsichtbar bleiben, ist eine methodische Weiterentwicklung der Forschung zur rechtsextremer Kommunikation dringend geboten.</p> <p><strong>Die Vortragsreihe zeigt:</strong> Ein zeitgemäßes Verständnis von Rechtsextremismus im digitalen Zeitalter erfordert die Berücksichtigung medialer Strategien und der vielfältigen Darstellung von Geschlechterrollen. Erst durch länderübergreifende Vergleichsperspektiven, die Verbindung klassischer Ansätze mit neuen computergestützten Verfahren, die Untersuchung inhaltlicher Bündnisse bis in die gesellschaftliche Mitte sowie, last but not least, die Analyse, wie die extreme Rechte künstliche Intelligenz einsetzt, lassen sich die komplexen Mechanismen rechter Mobilisierung und ihre politischen Botschaften zu Geschlechterfragen differenziert erfassen.</p> <p><strong>Quellen</strong></p> <p>(1) Farris, Sara R. (2017). <em>In the Name of Women’s Rights: The Rise of Femonationalism</em>. Duke University Press.</p> <p>(2) Beitragsbild: Foto von Jill Wellington auf Pexel</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/influencerinnen-ki-bilder-und-diskurskoalitionen-neue-forschungsperspektiven-auf-rechte-geschlechterdiskurse/#comments 2