SciLogs https://scilogs.spektrum.de/multifeed Tagebücher der Wissenschaft Sun, 25 Jan 2026 09:39:02 +0100 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 https://scilogs.spektrum.de/wp-content/themes/scilogs-theme/assets/images/favicon/scilogs-icon-32.png Tagebücher der Wissenschaft https://scilogs.spektrum.de/ 32 32 Durch Mimesis Medien verstehen: KI zwischen Biedermeier & Kreativität https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/durch-mimesis-medien-verstehen-ki-zwischen-biedermeier-kreativitaet/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/durch-mimesis-medien-verstehen-ki-zwischen-biedermeier-kreativitaet/#comments Sun, 25 Jan 2026 08:18:30 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=10989 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1416-768x576.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/durch-mimesis-medien-verstehen-ki-zwischen-biedermeier-kreativitaet/</link> </image> <description type="html"><h1>Durch Mimesis Medien verstehen: Kreative KI und Biedermeier</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Derzeit korrigiere ich gerade die Klausuren meiner Studierenden am KIT-Seminar – und freue mich wirklich sehr! Die meisten von ihnen haben überhaupt kein Problem damit, das psychologische Konzept der menschlichen Mimesis zu verstehen und eigenständig auf das Verständnis von Medien anzuwenden! </p> <p>Wollen Sie auch ein wenig ins Thema eintauchen?</p> <p>Grundlage des Seminars ist <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KITStudienbriefMedienMimesisWS2526MichaelBlume.pdf">der Watzlawick-Studienbrief mit <em><strong>“Be Good”</strong></em> im Titel</a>: Denn gerade <a href="https://www.tagesschau.de/eilmeldung/minneapolis-schuesse-ice-einsatz-100.html">auch Proteste und Demonstrationen wie aktuell in <strong>Minneapolis</strong>, <strong>Minnesota, USA</strong> gegen das <strong>Trump-ICE</strong></a> belegen doch, dass <strong><em>sich Menschen hinter gemeinsamen Zielen versammeln</em></strong>. Ohne menschliche Mimesis gäbe es weder Wirtschaft noch Religion, weder Politik noch Technologien. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/">Die <strong>Faustkeile</strong> der <b>Acheuléen-Kultur der Altsteinzeit </b>stehen für den Beginn einer neuen Etappe (früh-)menschlicher Evolutionspsychologie</a>!</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KITStudienbriefMedienMimesisWS2526MichaelBlume.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Der Studienbrief von Dr. Michael Blume zur Medien- und Berufsethik im Wintersemester 2025/2026 eröffnet mit einem Zitat von Paul Watzlawick &quot;Du kannst nicht nicht kommunizieren!&quot; und dem Schriftzug &quot;Be Good&quot;." decoding="async" height="646" sizes="(max-width: 484px) 100vw, 484px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BeGoodMichaelBlumeKITStudienbrief2026Frontseite.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BeGoodMichaelBlumeKITStudienbrief2026Frontseite.jpg 484w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BeGoodMichaelBlumeKITStudienbrief2026Frontseite-225x300.jpg 225w" width="484"></img></a><em>Mein <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KITStudienbriefMedienMimesisWS2526MichaelBlume.pdf">Studienbrief für das KIT-Seminar für Medien- &amp; Berufsethik steht hier kosten- und barrierefrei zum Download</a> zur Verfügung.</em></p> <p>Auf dieser Grundlage präsentierten und diskutierten die Studierenden dann zu den Diskussionsthesen, wobei <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/66-neue-episode">das Thema <strong>Fediversum</strong> und <strong>FOSS-Europa</strong> bereits weitgehend unstrittig</a> war: Den meisten jungen Profis ist längst klar, dass sich Europa nicht länger von US-amerikanischer Konzernsoftware abhängig machen sollte. Am meisten Interesse fand der <strong>dialogische Wagenheber-Lerneffekt</strong> (den viele Mitwirkende auf diesem Blog bereits selbst kennen) und <strong>die parasoziale Beziehungslüge</strong>, mit denen uns KI-Anwendungen Beziehungen vortäuschen.<aside></aside></p> <p>Hier, falls Sie Lust haben, die drei <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-erste-ki-quellcode-klausur-am-kit-karlsruhe-reflexionspapier/">KI-Klausur</a>fragen:</p> <p><strong>1. Was unterscheidet die Mimesis von Verhaltens-Imitation? Bitte nennen Sie für beide Begriffe je zwei Beispiele.</strong></p> <p><strong>2. In einer Debatte sagt eine Freundin: “Ob Menschenwürde oder fossiler Faschismus – es kommt auf mimetische Entscheidungen an!” – Ein anwesender Freund bittet Sie später, ihm diese Aussage in verständliches Deutsch zu übersetzen.</strong></p> <p><strong>3. Stellt KI bereits eine eigenständige, sechste Medienrevolution dar? Erläutern Sie die bisherigen fünf Stufen und begründen Sie Ihre Einschätzung.</strong></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KITStudienbriefMedienMimesisWS2526MichaelBlume.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die drei Klausurfragen im KIT-Seminar von Dr. Michael Blume im Januar 2026: 1. Was unterscheidet die Mimesis von Verhaltens-Imitation? Bitte nennen Sie für beide Begriffe je zwei Beispiele.&#xA;&#xA;2. In einer Debatte sagt eine Freundin: &quot;Ob Menschenwürde oder fossiler Faschismus - es kommt auf mimetische Entscheidungen an!&quot; - Ein anwesender Freund bittet Sie später, ihm diese Aussage in verständliches Deutsch zu übersetzen.&#xA;&#xA;3. Stellt KI bereits eine eigenständige, sechste Medienrevolution dar? Erläutern Sie die bisherigen fünf Stufen und begründen Sie Ihre Einschätzung." decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1416-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1416-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1416-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1416-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1416-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1416-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1416-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Die Studierenden konnten die Klausurfragen mit dem Einsatz von KI in Einzel- oder Gruppenarbeit beantworten. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Und wie immer lernte auch ich jede Menge von und mit den Studierenden. So lernte ich viel aus den Dialogen über <em><strong>digitale Blasen</strong></em> und <em><strong>KI-Kokons</strong></em>. Für immer mehr junge Menschen gehören diese mimetischen Wirkungen längst zum Alltag – und werden entsprechend gerne reflektiert. <strong>Medienbildung</strong> erweist sich als Schlüsselfach.</p> <p>Mit manchem hatte ich jedoch nicht gerechnet: So muss ich inzwischen anerkennen, dass <strong>einige KI-Anwendungen Kreativität</strong> entfalten. So gab <a href="https://www.youtube.com/watch?v=dcz0J8LYl0A">Google NotebookLM <strong>die Mimesis als <em>“unsichtbaren Puppenspieler”</em></strong> wieder</a> und wandte sie auf Musik an – zwei starke Beispiele, die nicht (!) aus meinem Studienbrief stammen!</p> <p>Es ist mir unmöglich, hier keine kreative Leistung anzuerkennen. Denn der psychologische Mimesis-Begriff wurde von <strong>Platon</strong> und <strong>Aristoteles</strong> in der griechischen Antike in Diskussionen um das Theater geprägt, Schauspiele mit Fadenpuppen sind jedoch für Europa erst ab dem 12. Jahrhundert belegt. Die KI-Anwendung wählte also aus der Vielzahl denkbarer Bilder und Metaphern gezielt nach Effekt aus. Gänsehaut!</p> <p><a href="https://youtu.be/dcz0J8LYl0A" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das Schaubild zu Mimesis und Medien erläutert die mimetische Wirkung von Medien, die sich von Sprache und Schrift über elektronische und digitale Medien bis schließlich zu digitalen Blasen und KI-Kokons steigert. Zum Umgang damit wird eine Ethik der Verantwortung und &quot;Mimesis der Mitte&quot; empfohlen, die sich der medialen Wirkungen bewusst ist und technologische Anwendungen empfiehlt, die Extreme vermeiden." decoding="async" height="1429" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Mimesis &amp; Medien in einem Schaubild von Michael Blume mit NotebookLM</em></p> <p>Auch beim <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/seminar-am-kit-karlsruhe-ueber-medienrevolutionen-zwischen-begeisterung-und-wut/">Thema <strong>Medienrevolutionen</strong> und -stufen, das 2017 Mittelpunkt eines eigenen Seminars war</a>, habe ich mich überzeugen lassen: KI-Anwendungen bilden eine eigene, sechste Stufe.</p> <p>Auch rechne ich mit einem bereits entstehenden <strong>KI-<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Biedermeier">Biedermeier-Zeitalter</a></strong>: Immer mehr Menschen werden immer mehr von immer weniger wissen. Sie spezialisieren sich in digitalen Blasen und KI-Kokons auf ihre Interessen und Hobbies und blenden unangenehm fordernde Themen wie Demokratie und Klimakrise dabei weitgehend aus. Ich hoffe freilich, dass sich durch die leichtere Verfügbarkeit von Politik-Wissen die Wahlbeteiligungen auf dem derzeitigen Niveau stabilisieren lassen.</p> <p>Was meinen Sie? Könnten Sie die Klausur-Fragen auf Basis des Studienbriefes bereits beantworten? Auch im Sinne des dialogischen Wagenheber-Lernens freue ich mich auf den weiteren Austausch!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/UbUUu2AggW8?feature=oembed&amp;rel=0" title="Menschliche Psychologie mit Mimesis verstehen, inkl. #BeGood &amp; Faustkeil" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Durch Mimesis Medien verstehen: Kreative KI und Biedermeier</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Derzeit korrigiere ich gerade die Klausuren meiner Studierenden am KIT-Seminar – und freue mich wirklich sehr! Die meisten von ihnen haben überhaupt kein Problem damit, das psychologische Konzept der menschlichen Mimesis zu verstehen und eigenständig auf das Verständnis von Medien anzuwenden! </p> <p>Wollen Sie auch ein wenig ins Thema eintauchen?</p> <p>Grundlage des Seminars ist <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KITStudienbriefMedienMimesisWS2526MichaelBlume.pdf">der Watzlawick-Studienbrief mit <em><strong>“Be Good”</strong></em> im Titel</a>: Denn gerade <a href="https://www.tagesschau.de/eilmeldung/minneapolis-schuesse-ice-einsatz-100.html">auch Proteste und Demonstrationen wie aktuell in <strong>Minneapolis</strong>, <strong>Minnesota, USA</strong> gegen das <strong>Trump-ICE</strong></a> belegen doch, dass <strong><em>sich Menschen hinter gemeinsamen Zielen versammeln</em></strong>. Ohne menschliche Mimesis gäbe es weder Wirtschaft noch Religion, weder Politik noch Technologien. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/">Die <strong>Faustkeile</strong> der <b>Acheuléen-Kultur der Altsteinzeit </b>stehen für den Beginn einer neuen Etappe (früh-)menschlicher Evolutionspsychologie</a>!</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KITStudienbriefMedienMimesisWS2526MichaelBlume.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Der Studienbrief von Dr. Michael Blume zur Medien- und Berufsethik im Wintersemester 2025/2026 eröffnet mit einem Zitat von Paul Watzlawick &quot;Du kannst nicht nicht kommunizieren!&quot; und dem Schriftzug &quot;Be Good&quot;." decoding="async" height="646" sizes="(max-width: 484px) 100vw, 484px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BeGoodMichaelBlumeKITStudienbrief2026Frontseite.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BeGoodMichaelBlumeKITStudienbrief2026Frontseite.jpg 484w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BeGoodMichaelBlumeKITStudienbrief2026Frontseite-225x300.jpg 225w" width="484"></img></a><em>Mein <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KITStudienbriefMedienMimesisWS2526MichaelBlume.pdf">Studienbrief für das KIT-Seminar für Medien- &amp; Berufsethik steht hier kosten- und barrierefrei zum Download</a> zur Verfügung.</em></p> <p>Auf dieser Grundlage präsentierten und diskutierten die Studierenden dann zu den Diskussionsthesen, wobei <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/66-neue-episode">das Thema <strong>Fediversum</strong> und <strong>FOSS-Europa</strong> bereits weitgehend unstrittig</a> war: Den meisten jungen Profis ist längst klar, dass sich Europa nicht länger von US-amerikanischer Konzernsoftware abhängig machen sollte. Am meisten Interesse fand der <strong>dialogische Wagenheber-Lerneffekt</strong> (den viele Mitwirkende auf diesem Blog bereits selbst kennen) und <strong>die parasoziale Beziehungslüge</strong>, mit denen uns KI-Anwendungen Beziehungen vortäuschen.<aside></aside></p> <p>Hier, falls Sie Lust haben, die drei <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-erste-ki-quellcode-klausur-am-kit-karlsruhe-reflexionspapier/">KI-Klausur</a>fragen:</p> <p><strong>1. Was unterscheidet die Mimesis von Verhaltens-Imitation? Bitte nennen Sie für beide Begriffe je zwei Beispiele.</strong></p> <p><strong>2. In einer Debatte sagt eine Freundin: “Ob Menschenwürde oder fossiler Faschismus – es kommt auf mimetische Entscheidungen an!” – Ein anwesender Freund bittet Sie später, ihm diese Aussage in verständliches Deutsch zu übersetzen.</strong></p> <p><strong>3. Stellt KI bereits eine eigenständige, sechste Medienrevolution dar? Erläutern Sie die bisherigen fünf Stufen und begründen Sie Ihre Einschätzung.</strong></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KITStudienbriefMedienMimesisWS2526MichaelBlume.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die drei Klausurfragen im KIT-Seminar von Dr. Michael Blume im Januar 2026: 1. Was unterscheidet die Mimesis von Verhaltens-Imitation? Bitte nennen Sie für beide Begriffe je zwei Beispiele.&#xA;&#xA;2. In einer Debatte sagt eine Freundin: &quot;Ob Menschenwürde oder fossiler Faschismus - es kommt auf mimetische Entscheidungen an!&quot; - Ein anwesender Freund bittet Sie später, ihm diese Aussage in verständliches Deutsch zu übersetzen.&#xA;&#xA;3. Stellt KI bereits eine eigenständige, sechste Medienrevolution dar? 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So lernte ich viel aus den Dialogen über <em><strong>digitale Blasen</strong></em> und <em><strong>KI-Kokons</strong></em>. Für immer mehr junge Menschen gehören diese mimetischen Wirkungen längst zum Alltag – und werden entsprechend gerne reflektiert. <strong>Medienbildung</strong> erweist sich als Schlüsselfach.</p> <p>Mit manchem hatte ich jedoch nicht gerechnet: So muss ich inzwischen anerkennen, dass <strong>einige KI-Anwendungen Kreativität</strong> entfalten. So gab <a href="https://www.youtube.com/watch?v=dcz0J8LYl0A">Google NotebookLM <strong>die Mimesis als <em>“unsichtbaren Puppenspieler”</em></strong> wieder</a> und wandte sie auf Musik an – zwei starke Beispiele, die nicht (!) aus meinem Studienbrief stammen!</p> <p>Es ist mir unmöglich, hier keine kreative Leistung anzuerkennen. Denn der psychologische Mimesis-Begriff wurde von <strong>Platon</strong> und <strong>Aristoteles</strong> in der griechischen Antike in Diskussionen um das Theater geprägt, Schauspiele mit Fadenpuppen sind jedoch für Europa erst ab dem 12. Jahrhundert belegt. Die KI-Anwendung wählte also aus der Vielzahl denkbarer Bilder und Metaphern gezielt nach Effekt aus. Gänsehaut!</p> <p><a href="https://youtu.be/dcz0J8LYl0A" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das Schaubild zu Mimesis und Medien erläutert die mimetische Wirkung von Medien, die sich von Sprache und Schrift über elektronische und digitale Medien bis schließlich zu digitalen Blasen und KI-Kokons steigert. Zum Umgang damit wird eine Ethik der Verantwortung und &quot;Mimesis der Mitte&quot; empfohlen, die sich der medialen Wirkungen bewusst ist und technologische Anwendungen empfiehlt, die Extreme vermeiden." decoding="async" height="1429" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Mimesis &amp; Medien in einem Schaubild von Michael Blume mit NotebookLM</em></p> <p>Auch beim <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/seminar-am-kit-karlsruhe-ueber-medienrevolutionen-zwischen-begeisterung-und-wut/">Thema <strong>Medienrevolutionen</strong> und -stufen, das 2017 Mittelpunkt eines eigenen Seminars war</a>, habe ich mich überzeugen lassen: KI-Anwendungen bilden eine eigene, sechste Stufe.</p> <p>Auch rechne ich mit einem bereits entstehenden <strong>KI-<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Biedermeier">Biedermeier-Zeitalter</a></strong>: Immer mehr Menschen werden immer mehr von immer weniger wissen. Sie spezialisieren sich in digitalen Blasen und KI-Kokons auf ihre Interessen und Hobbies und blenden unangenehm fordernde Themen wie Demokratie und Klimakrise dabei weitgehend aus. Ich hoffe freilich, dass sich durch die leichtere Verfügbarkeit von Politik-Wissen die Wahlbeteiligungen auf dem derzeitigen Niveau stabilisieren lassen.</p> <p>Was meinen Sie? Könnten Sie die Klausur-Fragen auf Basis des Studienbriefes bereits beantworten? Auch im Sinne des dialogischen Wagenheber-Lernens freue ich mich auf den weiteren Austausch!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/UbUUu2AggW8?feature=oembed&amp;rel=0" title="Menschliche Psychologie mit Mimesis verstehen, inkl. #BeGood &amp; Faustkeil" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/durch-mimesis-medien-verstehen-ki-zwischen-biedermeier-kreativitaet/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeo Podcast: Theias großer Einschlag – wie der Mond entstanden ist https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-theias-grosser-einschlag-wie-der-mond-entstanden-ist/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-theias-grosser-einschlag-wie-der-mond-entstanden-ist/#respond Sun, 25 Jan 2026 04:30:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1833 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-mit-logo_sl-768x439.jpg Sehr scharfes Foto, man erkennt angerissen dunklere Maare und hellere Hochländer. Die Sichel ist schmal. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-theias-grosser-einschlag-wie-der-mond-entstanden-ist/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-mit-logo_sl.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Theias großer Einschlag - wie der Mond entstanden ist » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag131-mond-entstehung.html#/">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Im Juni 1986 erlebten Planetenforscher einen Heureka-Moment. Denn sie waren zum ersten Mal einig, wie die Erde zu ihrem ungebührlich großen Mond gekommen ist. Diese Erklärung gilt bis heute als das wahrscheinlichste Szenario: Kurz nach der Entstehung der Erde vor rund 4,5 Milliarden Jahren stieß ein marsgroßer Planet mit der Protoerde zusammen. Aus dem verdampften Gestein, das dabei ins All geschleudert wurde, bildete sich wenig später der Mond.</p> <p>Karl erzählt in dieser Folge, wie es zu diesem Heureka-Moment kam – denn nur wenige Jahre zuvor war die Forschungswelt noch hochgradig zerstritten, was die Entstehung des Mondes anging. Mindestens eine Handvoll Hypothesen war im Rennen. Man diskutierte, ob der Mond sich von der Erde durch allzu große Fliehkraft abgespalten hatte oder ob er friedlich an der Seite der Erde aus dem Urnebel gewachsen war. Andere glaubten an ein eingefangenes Objekt aus der kosmischen Nachbarschaft – oder sogar an eine natürliche, nukleare Explosion tief im Erdinneren nahe dem Erdkern.<aside></aside></p> <p>Schon in den 1940er Jahren war dem kanadischen Geologen Reginald Daly aufgefallen, dass die mittlere Dichte des Mondes recht genau der Dichte des Erdmantels entspricht. Aber erst die astronautischen Mondlandungen des Apollo-Programms und die Proben verschiedener Raumsonden brachten ab 1969 Gewissheit: Erdmantel und Mond müssen aus dem gleichen Urmaterial entstanden sein. Gleichzeitig besitzt der Mond nur einen winzigen Eisenkern. Alles zusammen wirkte wie ein Sieb für die diversen Modelle der Mondentstehung. Übrig blieb am Ende nur der große Einschlag.</p> <p>Trotz der klaren Hinweise bleiben bis heute einige Fragen offen. Zum Beispiel ist weiter unklar, warum zwar der Fingerabdruck der Sauerstoff-Isotope in Erdmantel und Mond sehr gut übereinstimmen – immerhin das häufigste Element von Erde und Mond – aber einige Spurenstoffe teilweise radikal abweichen. Dazu gehört der Anteil von Eisen und anderen Metallen, aber auch von flüchtigen Stoffe wie Wasser oder Kohlendioxid. Herausfordernd für die heutige Forschung ist vor allem das Wachstum des Mondes direkt nach dem großen Einschlag, bei dem es ziemlich heiß hergegangen sein muss.</p> <h3 id="h-mehr-bei-astrogeo">Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 78: <a href="https://astrogeo.de/kernenergie-vor-2-milliarden-jahren-der-atomreaktor-oklo/">Kernenergie vor 2 Milliarden Jahren: Der Atomreaktor Oklo</a></li> <li>Folge 51: <a href="https://astrogeo.de/die-verlorenen-mondspiegel/">Die verlorenen Mondspiegel</a></li> <li>Folge 42: <a href="https://astrogeo.de/das-wertvollste-material-der-welt/">Das wertvollste Material der Welt</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Entstehung_des_Mondes">Entstehung des Mondes</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/George_Howard_Darwin">George Darwin</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Basalt">Basalt</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mond#Innerer_Aufbau">Innerer Aufbau des Mondes</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Reginald_Aldworth_Daly">Reginald Daly</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Giant-impact_hypothesis">Giant-impact hypothesis</a> (englisch)</li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Theia_(Protoplanet)">Theia (Protoplanet)</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Synestia">Synestia</a> (englisch)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: Daly: <a href="http://www.jstor.org/stable/3301051?origin=JSTOR-pdf">Origin of the Moon and Its Topography</a>, Proceedings of the American Philosophical Society, (1946)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://adsabs.harvard.edu/pdf/1976LPI.....7..120C">Cameron &amp; Ward: The Origin of the Moon</a>, Lunar and Planetary Science (1976)</li> <li>New York Times: <a href="https://www.nytimes.com/1986/06/03/science/moon-s-creation-now-attributed-to-giant-crash.html">Moon’s Creation now Attributed to Giant Crash</a> (1986)</li> <li>Fachartikel: Lock et al.: <a href="https://doi.org/10.1002/2017JE005333">The Origin of the Moon Within a Terrestrial Synestia</a>, Journal of Geophysical Research – Planets (2018)</li> <li>Fachartikel: Yuan et al.: <a href="https://www.nature.com/articles/s41586-023-06589-1">Moon-forming impactor as a source of Earth’s basal mantle anomalies</a>, Nature (2023)</li> <li>Fachartikel: Sossi, Nakajima &amp; Khan: <a href="https://arxiv.org/abs/2408.16840">Composition, Structure and Origin of the Moon</a>, ArXiv/Preprint (2024)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.de">CC-BY-SA 3.0</a> <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2020-04-26_21-21MESZ_Mondsichel.jpg">Rolf Hempel / Wikimedia Commons</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-mit-logo_sl.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Theias großer Einschlag - wie der Mond entstanden ist » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag131-mond-entstehung.html#/">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Im Juni 1986 erlebten Planetenforscher einen Heureka-Moment. Denn sie waren zum ersten Mal einig, wie die Erde zu ihrem ungebührlich großen Mond gekommen ist. Diese Erklärung gilt bis heute als das wahrscheinlichste Szenario: Kurz nach der Entstehung der Erde vor rund 4,5 Milliarden Jahren stieß ein marsgroßer Planet mit der Protoerde zusammen. Aus dem verdampften Gestein, das dabei ins All geschleudert wurde, bildete sich wenig später der Mond.</p> <p>Karl erzählt in dieser Folge, wie es zu diesem Heureka-Moment kam – denn nur wenige Jahre zuvor war die Forschungswelt noch hochgradig zerstritten, was die Entstehung des Mondes anging. Mindestens eine Handvoll Hypothesen war im Rennen. Man diskutierte, ob der Mond sich von der Erde durch allzu große Fliehkraft abgespalten hatte oder ob er friedlich an der Seite der Erde aus dem Urnebel gewachsen war. Andere glaubten an ein eingefangenes Objekt aus der kosmischen Nachbarschaft – oder sogar an eine natürliche, nukleare Explosion tief im Erdinneren nahe dem Erdkern.<aside></aside></p> <p>Schon in den 1940er Jahren war dem kanadischen Geologen Reginald Daly aufgefallen, dass die mittlere Dichte des Mondes recht genau der Dichte des Erdmantels entspricht. Aber erst die astronautischen Mondlandungen des Apollo-Programms und die Proben verschiedener Raumsonden brachten ab 1969 Gewissheit: Erdmantel und Mond müssen aus dem gleichen Urmaterial entstanden sein. Gleichzeitig besitzt der Mond nur einen winzigen Eisenkern. Alles zusammen wirkte wie ein Sieb für die diversen Modelle der Mondentstehung. Übrig blieb am Ende nur der große Einschlag.</p> <p>Trotz der klaren Hinweise bleiben bis heute einige Fragen offen. Zum Beispiel ist weiter unklar, warum zwar der Fingerabdruck der Sauerstoff-Isotope in Erdmantel und Mond sehr gut übereinstimmen – immerhin das häufigste Element von Erde und Mond – aber einige Spurenstoffe teilweise radikal abweichen. Dazu gehört der Anteil von Eisen und anderen Metallen, aber auch von flüchtigen Stoffe wie Wasser oder Kohlendioxid. Herausfordernd für die heutige Forschung ist vor allem das Wachstum des Mondes direkt nach dem großen Einschlag, bei dem es ziemlich heiß hergegangen sein muss.</p> <h3 id="h-mehr-bei-astrogeo">Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 78: <a href="https://astrogeo.de/kernenergie-vor-2-milliarden-jahren-der-atomreaktor-oklo/">Kernenergie vor 2 Milliarden Jahren: Der Atomreaktor Oklo</a></li> <li>Folge 51: <a href="https://astrogeo.de/die-verlorenen-mondspiegel/">Die verlorenen Mondspiegel</a></li> <li>Folge 42: <a href="https://astrogeo.de/das-wertvollste-material-der-welt/">Das wertvollste Material der Welt</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Entstehung_des_Mondes">Entstehung des Mondes</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/George_Howard_Darwin">George Darwin</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Basalt">Basalt</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mond#Innerer_Aufbau">Innerer Aufbau des Mondes</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Reginald_Aldworth_Daly">Reginald Daly</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Giant-impact_hypothesis">Giant-impact hypothesis</a> (englisch)</li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Theia_(Protoplanet)">Theia (Protoplanet)</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Synestia">Synestia</a> (englisch)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: Daly: <a href="http://www.jstor.org/stable/3301051?origin=JSTOR-pdf">Origin of the Moon and Its Topography</a>, Proceedings of the American Philosophical Society, (1946)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://adsabs.harvard.edu/pdf/1976LPI.....7..120C">Cameron &amp; Ward: The Origin of the Moon</a>, Lunar and Planetary Science (1976)</li> <li>New York Times: <a href="https://www.nytimes.com/1986/06/03/science/moon-s-creation-now-attributed-to-giant-crash.html">Moon’s Creation now Attributed to Giant Crash</a> (1986)</li> <li>Fachartikel: Lock et al.: <a href="https://doi.org/10.1002/2017JE005333">The Origin of the Moon Within a Terrestrial Synestia</a>, Journal of Geophysical Research – Planets (2018)</li> <li>Fachartikel: Yuan et al.: <a href="https://www.nature.com/articles/s41586-023-06589-1">Moon-forming impactor as a source of Earth’s basal mantle anomalies</a>, Nature (2023)</li> <li>Fachartikel: Sossi, Nakajima &amp; Khan: <a href="https://arxiv.org/abs/2408.16840">Composition, Structure and Origin of the Moon</a>, ArXiv/Preprint (2024)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.de">CC-BY-SA 3.0</a> <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2020-04-26_21-21MESZ_Mondsichel.jpg">Rolf Hempel / Wikimedia Commons</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-theias-grosser-einschlag-wie-der-mond-entstanden-ist/#respond 0 Das „Deutsche Reich” im „Deutschen Osten“ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/das-deutsche-reich-im-deutschen-osten/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/das-deutsche-reich-im-deutschen-osten/#comments Thu, 22 Jan 2026 11:00:00 +0000 Teilprojekt 2 - Reichsbürger in Bayern https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=371 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Collage-768x432.jpg Verschiedene Publikationen der gebietsrevisionistischen Gruppierungen, Mischung von Text und revisionistischen Kartendarstellungen https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/das-deutsche-reich-im-deutschen-osten/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Collage.jpg" /><h1>Das „Deutsche Reich" im „Deutschen Osten“ » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Teilprojekt 2 - Reichsbürger in Bayern</h2><div itemprop="text"> <h2 id="h-archivarbeit-auf-den-spuren-souveranistischer-gruppen-der-1980er-jahre"><strong>Archivarbeit auf den Spuren souveränistischer Gruppen der 1980er-Jahre</strong></h2> <p>Das Teilprojekt 2 im Forschungsverbund <a href="http://www.forgerex.de">ForGeRex</a> erforscht die Vorgeschichte der „Reichsbürger“-Bewegung, die erst seit etwa zehn Jahren breite öffentliche Aufmerksamkeit erlangt hat. Die praktische Forschungsarbeit bestand zu Beginn vor allem darin, den unterschiedlichsten, oft vagen Spuren zu folgen, um Akteur*innen, Publikationen und Netzwerke zu finden, die als historische Vorläufer der heutigen Szene gelten können. Diese Spurensuche war oft langwierig und wenig ergiebig – aber es gab auch glückliche Zufälle.</p> <p>Bei der Auswertung der rechtsextremen Zeitschrift „Recht und Wahrheit” aus den 1990er Jahren stieß ich auf Anzeigen einer mir bis dato unbekannten Organisation: der „Gemeinschaft Deutscher Osten” (GDO). Im Namen der „Vereinigten Länder des Deutschen Ostens” gab sie 1992 eine Erklärung ab, in der sie die Nichtigkeit internationaler Verträge behauptete und auf die „Rückgabe von Westpreußen, Posen und Ostoberschlesien, ferner aller seit 1945 völkerrechtswidrig durch fremde Staaten verwalteten ostdeutschen Reichsgebiete einschließlich Sudetenland” sowie die Wiedereinsetzung der Organe des Deutschen Reiches pochte. Unterzeichnet war die Anzeige von mehreren Personen, die sich gewaltige Titel gegeben hatten: „Präsident” der „Nationalversammlung des Deutschen Ostens”, „Staatskanzler”, „Sonderbotschafter für außereuropäische Angelegenheiten” und so weiter.<a href="#_ftn1" id="_ftnref1">[1]</a></p> <p>Der Fund war ein Glücksfall. Hieß es nicht immer, die Staatssimulation und die Vergabe vermeintlicher Ämter und Titel sei eine Erfindung der „Kommissarischen Reichsregierung“ von Wolfgang Ebel, dem „ersten Reichsbürger” aus Berlin? Hier nun fanden sich Hinweise darauf, dass die Staatssimulation „Vereinigte Länder des Deutschen Ostens” bereits in die frühen 1980er Jahre zurückreichte – denn die „Erklärung” war „[a]nläßlich des Zehnjahres-Bestandes des unabhängigen, volks- und reichstreuen deutschen Nachkriegsstaates” herausgegeben worden. Später stellte sich heraus, dass die Gründung der „Vereinigten Länder“ 1981 stattfand, die Wurzeln aber bis 1969 zurückreichten.</p> <h3 id="h-spurensuche-in-zeitgeschichtlichen-sammlungen"><strong>Spurensuche in zeitgeschichtlichen Sammlungen</strong></h3> <p>Dieser Quellenfund war der Auftakt für eine intensive Suche nach weiterer Überlieferung dieser Organisation. Wie bei anderen „Reichsbürger”-Gruppierungen gibt es keinen geschlossenen Archivbestand, auf den wir Zeithistoriker*innen sonst gerne zurückgreifen. Auch existiert praktisch keine Forschungsliteratur zu dieser Gruppe.</p> <p>Fündig wurde ich in zwei Archiven: In der zeitgeschichtlichen Sammlung des <a href="https://www.ifz-muenchen.de/das-archiv">Archivs des Instituts für Zeitgeschichte</a> fanden sich einige verstreute Flugblätter und Rundschreiben. Eine größere Sammlung entdeckte ich im <a href="https://www.apabiz.de/">apabiz</a> (Antifaschistisches Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin e.V.). Dort liegen Rundbriefe der „Gemeinschaft Deutscher Osten”, aber auch – in den Beständen des Archivs des Zentralinstituts für Sozialwissenschaftliche Forschung der FU Berlin (ZISOWIFO) – zahlreiche Flugblätter und Einzelveröffentlichungen.<aside></aside></p> <p>Diese Materialien sind für das Projekt von unschätzbarem Wert. Sie zeigen, dass die Staatssimulationen der 1980er und 1990er Jahre, auf die ich in „Recht und Wahrheit” gestoßen war, eine längere Vorgeschichte hatten und in der Zeit um die Wiedervereinigung ganz neue Dynamiken entwickelten. Die GDO ist daher ein wichtiger Gegenstand des Projekts, eine Teilstudie dazu ist gerade in Arbeit.</p> <h3 id="h-die-herausforderung-sammlungen-statt-bestande"><strong>Die Herausforderung: Sammlungen statt Bestände</strong></h3> <p>Die Rekonstruktion aus diesen und im Verlauf der Recherche weiteren erschlossenen Quellenbeständen hat allerdings gezeigt, dass die zeithistorischen Sammlungen die vielfältigen organisatorischen Entwicklungen dieser Gruppe – oder besser: dieser Gruppen – nicht vollständig abbilden können.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-scaled.jpg"><img alt="Sehr viele grün gebundene Bände in einem Archivregal " decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Ein Blick ins Archiv des Instituts für Zeitgeschichte. Foto: Institut für Zeitgeschichte/AMK</figcaption></figure> <p>Normalerweise zeichnen sich Archive dadurch aus, dass sie dem sogenannten Provenienzprinzip folgen. Das bedeutet: Sie ordnen ihre Bestände nach der Herkunft, nach dem Bestandsbildner. Oft ist das die jeweilige Behörde, von der die Akten direkt übernommen werden. So bleibt der organisatorische Zusammenhang der Dokumente erhalten.</p> <p>In der Rechtsextremismusforschung haben wir es aber in aller Regel mit Sammlungen zu tun, die durch Dritte angelegt worden sind, vor allem durch Beobachter*innen der rechtsextremen Szene in Wissenschaft oder Zivilgesellschaft. Gerade bei Organisationen, die sich am Rande der rechtsextremen Szene bewegten, besonders klein waren, im Geheimen agierten oder sehr spezielle Ausrichtungen hatten – wie die „Gemeinschaft Deutscher Osten” – kann es passieren, dass die organisatorischen Zusammenhänge bei der Bildung der Sammlungen unbekannt waren. Deshalb landen Schriftstücke unterschiedlicher Gruppen manchmal in einem Bestand.</p> <p>Für die „Reichsbürger”-Szene ist das besonders häufig der Fall. Die Szene war und ist durch viele Kleingruppen gekennzeichnet, die ihre Namen ständig wechselten und selbst oft nicht konsistent nutzten. Hinzu kommt, dass unterschiedliche Organisationen ähnliche oder gleiche Namen für sich reklamierten.</p> <h3 id="h-zwei-organisationen-ein-name-ein-entscheidender-unterschied"><strong>Zwei Organisationen, ein Name – ein entscheidender Unterschied</strong></h3> <p>Das trifft auch auf die „Gemeinschaft Deutscher Osten” zu. Es gab nämlich zwei verschiedene Organisationen mit diesem Namen:</p> <p><strong>Die GDO in Augsburg</strong> gab die eingangs zitierte Erklärung heraus. Diese Gruppe bezeichnete sich (laut Selbstaussage) als „öffentlichrechtliche Körperschaft ostdeutschen Verfassungsrechtes” – also als selbsternannte staatliche Institution der „Vereinigten Länder des Deutschen Ostens“, die sich als vierter deutscher Nachkriegsstaat verstanden.</p> <p><strong>Die GDO in Nienburg an der Weser</strong> hingegen war ein eingetragener Verein nach bundesdeutschem Vereinsrecht. Sie war sogar als gemeinnützig anerkannt und damit steuerbegünstigt. Aus dieser Organisation ging unter anderem der „Freistaat Preußen” durch den Holocaustleugner Rigolf Hennig in den 1990er Jahren hervor.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-scaled.jpg"><img alt="Revisionistische schwarz-weiß-rote Fahne mit dem Schriftzug &quot;Heimathtreu seit 1871, RuStAG 1913&quot;, dahinter der Umriss des Deutschen Kaiserreichs samt Reichsadler." decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Bis heute ist der Gebietsrevisionismus ein Kennzeichen der “Reichsbürger”-Szene – hier auf einer Demonstration im Sommer 2024. Foto: Fachinformationsstelle Rechtsextremismus München.</figcaption></figure> <p>Für die Analyse der revisionistischen und souveränistischen Ideologien (also der Vorstellung, das Deutsche Reich bestehe fort und die Bundesrepublik sei illegitim) mag dieser Unterschied unerheblich erscheinen. Er ist jedoch zentral, wenn es darum geht zu verstehen, wie die frühen „Reichsbürger”-Organisationen mit anderen rechten Gruppierungen verflochten waren und staatliche sowie öffentliche Ressourcen – wie die Anerkennung als gemeinnütziger Verein – für ihre Zwecke zu nutzen wussten.</p> <p>Wenn man diese unterschiedlichen Organisationen auseinanderhält, fällt auch auf, dass die eine einen „Rundbrief” herausgab, während die andere ein „Rundschreiben” publizierte. Mögliche Bestandslücken in den Archiven werden aber nur sichtbar, wenn man weiß, dass es sich dabei um zwei verschiedene regelmäßig erscheinende Publikationen handelte.</p> <h3 id="h-kooperation-mit-archiven-wissen-fur-die-zukunft-sichern"><strong>Kooperation mit Archiven – Wissen für die Zukunft sichern</strong></h3> <p>Als Forschungsverbund kooperieren wir daher eng mit den Verantwortlichen in den Archiven. Nur wenn ich meine Forschungserkenntnisse an die Sammlungsverantwortlichen zurückspiele, können diese in den Bestandsbeschreibungen vermerkt werden. So wird sichergestellt, dass die Geschichte dieser Organisationen auch zukünftig in die Analyse ihrer Schriftstücke einbezogen werden kann.</p> <p>Diese archivalische Detektivarbeit mag kleinteilig erscheinen, ist aber unverzichtbar für das Verständnis der „Reichsbürger”-Bewegung. Denn nur wenn wir die organisatorischen Strukturen, Netzwerke und Kontinuitäten seit den 1980er Jahren rekonstruieren, können wir verstehen, dass die „Reichsbürger“ seit 1945 ein Teil der extremen Rechten waren. Die Organisationen, die sich „Gemeinschaft Deutscher Osten“ nannten, sind ein wichtiges Puzzleteil für diese Geschichte, die Verschränkung von Staatssimulationen, Delegitimierung der bundesrepublikanischen Staatlichkeit und den Gebietsrevisionismus mancher Organisationen aus dem diffusen Milieu der „Heimatvertriebenen“ sichtbar machen.</p> <hr></hr> <p><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Vereinigte Länder des Deutschen Ostens (VLDO): Bekanntmachung und Entschließung, in: Recht und Wahrheit 1992, H. 9+10, S. 36.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Collage.jpg" /><h1>Das „Deutsche Reich" im „Deutschen Osten“ » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Teilprojekt 2 - Reichsbürger in Bayern</h2><div itemprop="text"> <h2 id="h-archivarbeit-auf-den-spuren-souveranistischer-gruppen-der-1980er-jahre"><strong>Archivarbeit auf den Spuren souveränistischer Gruppen der 1980er-Jahre</strong></h2> <p>Das Teilprojekt 2 im Forschungsverbund <a href="http://www.forgerex.de">ForGeRex</a> erforscht die Vorgeschichte der „Reichsbürger“-Bewegung, die erst seit etwa zehn Jahren breite öffentliche Aufmerksamkeit erlangt hat. Die praktische Forschungsarbeit bestand zu Beginn vor allem darin, den unterschiedlichsten, oft vagen Spuren zu folgen, um Akteur*innen, Publikationen und Netzwerke zu finden, die als historische Vorläufer der heutigen Szene gelten können. Diese Spurensuche war oft langwierig und wenig ergiebig – aber es gab auch glückliche Zufälle.</p> <p>Bei der Auswertung der rechtsextremen Zeitschrift „Recht und Wahrheit” aus den 1990er Jahren stieß ich auf Anzeigen einer mir bis dato unbekannten Organisation: der „Gemeinschaft Deutscher Osten” (GDO). Im Namen der „Vereinigten Länder des Deutschen Ostens” gab sie 1992 eine Erklärung ab, in der sie die Nichtigkeit internationaler Verträge behauptete und auf die „Rückgabe von Westpreußen, Posen und Ostoberschlesien, ferner aller seit 1945 völkerrechtswidrig durch fremde Staaten verwalteten ostdeutschen Reichsgebiete einschließlich Sudetenland” sowie die Wiedereinsetzung der Organe des Deutschen Reiches pochte. Unterzeichnet war die Anzeige von mehreren Personen, die sich gewaltige Titel gegeben hatten: „Präsident” der „Nationalversammlung des Deutschen Ostens”, „Staatskanzler”, „Sonderbotschafter für außereuropäische Angelegenheiten” und so weiter.<a href="#_ftn1" id="_ftnref1">[1]</a></p> <p>Der Fund war ein Glücksfall. Hieß es nicht immer, die Staatssimulation und die Vergabe vermeintlicher Ämter und Titel sei eine Erfindung der „Kommissarischen Reichsregierung“ von Wolfgang Ebel, dem „ersten Reichsbürger” aus Berlin? Hier nun fanden sich Hinweise darauf, dass die Staatssimulation „Vereinigte Länder des Deutschen Ostens” bereits in die frühen 1980er Jahre zurückreichte – denn die „Erklärung” war „[a]nläßlich des Zehnjahres-Bestandes des unabhängigen, volks- und reichstreuen deutschen Nachkriegsstaates” herausgegeben worden. Später stellte sich heraus, dass die Gründung der „Vereinigten Länder“ 1981 stattfand, die Wurzeln aber bis 1969 zurückreichten.</p> <h3 id="h-spurensuche-in-zeitgeschichtlichen-sammlungen"><strong>Spurensuche in zeitgeschichtlichen Sammlungen</strong></h3> <p>Dieser Quellenfund war der Auftakt für eine intensive Suche nach weiterer Überlieferung dieser Organisation. Wie bei anderen „Reichsbürger”-Gruppierungen gibt es keinen geschlossenen Archivbestand, auf den wir Zeithistoriker*innen sonst gerne zurückgreifen. Auch existiert praktisch keine Forschungsliteratur zu dieser Gruppe.</p> <p>Fündig wurde ich in zwei Archiven: In der zeitgeschichtlichen Sammlung des <a href="https://www.ifz-muenchen.de/das-archiv">Archivs des Instituts für Zeitgeschichte</a> fanden sich einige verstreute Flugblätter und Rundschreiben. Eine größere Sammlung entdeckte ich im <a href="https://www.apabiz.de/">apabiz</a> (Antifaschistisches Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin e.V.). Dort liegen Rundbriefe der „Gemeinschaft Deutscher Osten”, aber auch – in den Beständen des Archivs des Zentralinstituts für Sozialwissenschaftliche Forschung der FU Berlin (ZISOWIFO) – zahlreiche Flugblätter und Einzelveröffentlichungen.<aside></aside></p> <p>Diese Materialien sind für das Projekt von unschätzbarem Wert. Sie zeigen, dass die Staatssimulationen der 1980er und 1990er Jahre, auf die ich in „Recht und Wahrheit” gestoßen war, eine längere Vorgeschichte hatten und in der Zeit um die Wiedervereinigung ganz neue Dynamiken entwickelten. Die GDO ist daher ein wichtiger Gegenstand des Projekts, eine Teilstudie dazu ist gerade in Arbeit.</p> <h3 id="h-die-herausforderung-sammlungen-statt-bestande"><strong>Die Herausforderung: Sammlungen statt Bestände</strong></h3> <p>Die Rekonstruktion aus diesen und im Verlauf der Recherche weiteren erschlossenen Quellenbeständen hat allerdings gezeigt, dass die zeithistorischen Sammlungen die vielfältigen organisatorischen Entwicklungen dieser Gruppe – oder besser: dieser Gruppen – nicht vollständig abbilden können.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-scaled.jpg"><img alt="Sehr viele grün gebundene Bände in einem Archivregal " decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Ein Blick ins Archiv des Instituts für Zeitgeschichte. Foto: Institut für Zeitgeschichte/AMK</figcaption></figure> <p>Normalerweise zeichnen sich Archive dadurch aus, dass sie dem sogenannten Provenienzprinzip folgen. Das bedeutet: Sie ordnen ihre Bestände nach der Herkunft, nach dem Bestandsbildner. Oft ist das die jeweilige Behörde, von der die Akten direkt übernommen werden. So bleibt der organisatorische Zusammenhang der Dokumente erhalten.</p> <p>In der Rechtsextremismusforschung haben wir es aber in aller Regel mit Sammlungen zu tun, die durch Dritte angelegt worden sind, vor allem durch Beobachter*innen der rechtsextremen Szene in Wissenschaft oder Zivilgesellschaft. Gerade bei Organisationen, die sich am Rande der rechtsextremen Szene bewegten, besonders klein waren, im Geheimen agierten oder sehr spezielle Ausrichtungen hatten – wie die „Gemeinschaft Deutscher Osten” – kann es passieren, dass die organisatorischen Zusammenhänge bei der Bildung der Sammlungen unbekannt waren. Deshalb landen Schriftstücke unterschiedlicher Gruppen manchmal in einem Bestand.</p> <p>Für die „Reichsbürger”-Szene ist das besonders häufig der Fall. Die Szene war und ist durch viele Kleingruppen gekennzeichnet, die ihre Namen ständig wechselten und selbst oft nicht konsistent nutzten. Hinzu kommt, dass unterschiedliche Organisationen ähnliche oder gleiche Namen für sich reklamierten.</p> <h3 id="h-zwei-organisationen-ein-name-ein-entscheidender-unterschied"><strong>Zwei Organisationen, ein Name – ein entscheidender Unterschied</strong></h3> <p>Das trifft auch auf die „Gemeinschaft Deutscher Osten” zu. Es gab nämlich zwei verschiedene Organisationen mit diesem Namen:</p> <p><strong>Die GDO in Augsburg</strong> gab die eingangs zitierte Erklärung heraus. Diese Gruppe bezeichnete sich (laut Selbstaussage) als „öffentlichrechtliche Körperschaft ostdeutschen Verfassungsrechtes” – also als selbsternannte staatliche Institution der „Vereinigten Länder des Deutschen Ostens“, die sich als vierter deutscher Nachkriegsstaat verstanden.</p> <p><strong>Die GDO in Nienburg an der Weser</strong> hingegen war ein eingetragener Verein nach bundesdeutschem Vereinsrecht. Sie war sogar als gemeinnützig anerkannt und damit steuerbegünstigt. Aus dieser Organisation ging unter anderem der „Freistaat Preußen” durch den Holocaustleugner Rigolf Hennig in den 1990er Jahren hervor.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-scaled.jpg"><img alt="Revisionistische schwarz-weiß-rote Fahne mit dem Schriftzug &quot;Heimathtreu seit 1871, RuStAG 1913&quot;, dahinter der Umriss des Deutschen Kaiserreichs samt Reichsadler." decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Bis heute ist der Gebietsrevisionismus ein Kennzeichen der “Reichsbürger”-Szene – hier auf einer Demonstration im Sommer 2024. Foto: Fachinformationsstelle Rechtsextremismus München.</figcaption></figure> <p>Für die Analyse der revisionistischen und souveränistischen Ideologien (also der Vorstellung, das Deutsche Reich bestehe fort und die Bundesrepublik sei illegitim) mag dieser Unterschied unerheblich erscheinen. Er ist jedoch zentral, wenn es darum geht zu verstehen, wie die frühen „Reichsbürger”-Organisationen mit anderen rechten Gruppierungen verflochten waren und staatliche sowie öffentliche Ressourcen – wie die Anerkennung als gemeinnütziger Verein – für ihre Zwecke zu nutzen wussten.</p> <p>Wenn man diese unterschiedlichen Organisationen auseinanderhält, fällt auch auf, dass die eine einen „Rundbrief” herausgab, während die andere ein „Rundschreiben” publizierte. Mögliche Bestandslücken in den Archiven werden aber nur sichtbar, wenn man weiß, dass es sich dabei um zwei verschiedene regelmäßig erscheinende Publikationen handelte.</p> <h3 id="h-kooperation-mit-archiven-wissen-fur-die-zukunft-sichern"><strong>Kooperation mit Archiven – Wissen für die Zukunft sichern</strong></h3> <p>Als Forschungsverbund kooperieren wir daher eng mit den Verantwortlichen in den Archiven. Nur wenn ich meine Forschungserkenntnisse an die Sammlungsverantwortlichen zurückspiele, können diese in den Bestandsbeschreibungen vermerkt werden. So wird sichergestellt, dass die Geschichte dieser Organisationen auch zukünftig in die Analyse ihrer Schriftstücke einbezogen werden kann.</p> <p>Diese archivalische Detektivarbeit mag kleinteilig erscheinen, ist aber unverzichtbar für das Verständnis der „Reichsbürger”-Bewegung. Denn nur wenn wir die organisatorischen Strukturen, Netzwerke und Kontinuitäten seit den 1980er Jahren rekonstruieren, können wir verstehen, dass die „Reichsbürger“ seit 1945 ein Teil der extremen Rechten waren. Die Organisationen, die sich „Gemeinschaft Deutscher Osten“ nannten, sind ein wichtiges Puzzleteil für diese Geschichte, die Verschränkung von Staatssimulationen, Delegitimierung der bundesrepublikanischen Staatlichkeit und den Gebietsrevisionismus mancher Organisationen aus dem diffusen Milieu der „Heimatvertriebenen“ sichtbar machen.</p> <hr></hr> <p><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Vereinigte Länder des Deutschen Ostens (VLDO): Bekanntmachung und Entschließung, in: Recht und Wahrheit 1992, H. 9+10, S. 36.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/das-deutsche-reich-im-deutschen-osten/#comments 4 Die Menschenwürde aller – Zwei Podcasts nach Grafeneck https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-menschenwuerde-aller-zwei-podcasts-nach-grafeneck/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-menschenwuerde-aller-zwei-podcasts-nach-grafeneck/#comments Wed, 21 Jan 2026 23:04:00 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=10982 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1237-768x576.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-menschenwuerde-aller-zwei-podcasts-nach-grafeneck/</link> </image> <description type="html"><h1>Die Menschenwürde aller - Zwei Podcasts nach Grafeneck</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Sein Name war <strong>Karl Eugen Albus</strong> (1894 – 1940). Er wurde am 25. September 1894 den Wirtsleuten der “Krone” <strong>Clemens &amp; Eva Maria Albus</strong> in <a href="https://www.rottenburg.de/wendelsheim.30019.htm"><strong>Wendelsheim</strong>, heute ein Ortsteil von <strong>Rottenburg am Neckar</strong></a>, geboren. Der Vater verstarb früh und so wuchs der Junge mit sieben Geschwistern als Halbwaise auf. 1913 starb auch seine Mutter und schon ein Jahr später zog der 20jährige als Soldat für Deutschland und Kaiser in den Ersten Weltkrieg. Es gibt ein Foto von ihm aus jener Zeit.</p> <p><a href="https://www.leo-bw.de/web/guest/detail/-/Detail/details/DOKUMENT/bsz_swb/1561637157/NS%20%22Euthanasieverbrechen%22%20in%20S%C3%BCdwestdeutschland%20Das%20Leben%20und%20Leiden%20psychisch%20erkrankter%20Heimkehrer%20Am%20Fallbeispiel%20von" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Foto von Karl Eugen Albus (1894 - 1940) aus Wendelsheim als Soldat des Ersten Weltkrieges." decoding="async" height="674" sizes="(max-width: 410px) 100vw, 410px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlEugenAlbusIWeltkriegermordet1940Grafeneck.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlEugenAlbusIWeltkriegermordet1940Grafeneck.jpg 410w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlEugenAlbusIWeltkriegermordet1940Grafeneck-182x300.jpg 182w" width="410"></img></a></p> <p><em>Ein Foto von Karl Eugen Albus als deutscher Soldat des Ersten Weltkrieges im Alter von 20 Jahren, 1914. Quelle: Privat &amp; Gedenkstätte Grafeneck</em></p> <p>Der christliche Musketier <strong>Albus</strong> kämpfte, wurde verwundet und für seine Tapferkeit ausgezeichnet – wie übrigens auch Zigtausende deutsch-jüdische Kameraden. Er geriet 1916 in englische Kriegsgefangenschaft und wurde am 17. August 1918, also noch vor der Kapitulation des Deutschen Reiches im November, gesundheitlich zerrüttet entlassen und “demobilisiert”.</p> <p>Denn <strong>Albus</strong> war vom Krieg schwer traumatisiert. Er kam in eine kirchliche Heilanstalt vom Orden der Vinzentinerinnen nach <strong>Rottenmünster</strong>. Offiziell galt er als Veteran, der seine Gesundheit für das Reich gegeben hatte. Noch 1934 erhielt er von den Nationalsozialisten <em>“Im Namen des Führers und Reichskanzlers”</em> ein <em>“Ehrenkreuz für Frontkämpfer”</em>. Während meines Besuches an der Gedenkstätte hielt ich den gestempelten NS-Schrieb in den Händen.<aside></aside></p> <p>Doch als sie erst einmal ihre Macht gefestigt hatten, übergingen die Nazis schnell ihre geheuchelte Zuneigung zu den vom Krieg gezeichneten Veteranen. Sogenannte <strong><em>“Kriegszitterer”</em></strong> passten nicht in die Pläne für Aufrüstung und Krieg. Stattdessen setze auch mit der damaligen <strong>Rechtsmimesis</strong> eine gezielte Abwertung und Ausgrenzung von jüdischen, vermeintlich “asozialen” und auch behinderten und erkrankten Menschen ein – auch dann, wenn sie Deutschland in Uniform gedient hatten.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/rechtsmimesis-widerstand-ein-foto-mem-zur-deutschen-geschichte/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Auf einem Bild wird ein deutscher Mann dargestellt, der zwei &quot;Erbkranke&quot; - also behinderte und erkrankte Menschen - tragen musst. Darüber steht: &quot;Hier trägst Du mit. Ein Erbkranker kostet bis zur Erreichung des 60. Lebensjahres im Durchschnitt 50.000 Reichsmark&quot;. Das Propagandaplakat diente der Vorbereitung der T4-Euthanasie-Mordkampagne des NS-Regimes." decoding="async" height="2560" sizes="(max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></a></p> <p><em>Ein Ausstellungsbild des “Reichsnährstandes” in einer Ausgabe von “Volk und Rasse” 1936, das Menschen mit Behinderungen und Erkrankungen als teure “Erbkranke” rechtsmimetisch entmenschlichte. Foto: Michael Blume, Dokumentationszentrum Grafeneck</em></p> <p>Ab Oktober 1939 ließen die Nazis in der heute <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Zentraldienststelle_T4">so benannten <strong>T4-Aktion</strong> (nach der Adresse der Berliner Mordbehörde in der <strong>Tiergartenstraße 4</strong></a>, unweit der heutigen <strong>Landesvertretung Baden-Württemberg</strong>) das <strong>Samariterstift Schloss Grafeneck</strong> von Nonnen und Pfleglingen räumen und wandelten es in <strong>eine Tötungsanstalt mit der ersten NS-Gaskammer</strong> um. Meist <strong>“graue Busse”</strong> mit verdunkelten Scheiben holten nun immer mehr Menschen mit Behinderungen, Erkrankungen und Traumatisierungen ab und brachten sie an bald mehrere T4-Mordstätten im Deutschen Reich.</p> <p>Und so erhielt auch Karl Eugens Bruder <strong>Anton Albus</strong> – als “Kronenwirt” – im Oktober 1940 überraschend ein Schreiben, wonach sein Bruder <em>“am 16. September 1940 auf ministerielle Anordnung gemäß Weisung des Reichsverteidigungskommissars in die hiesige Anstalt verlegt”</em> und <em>“am 3. Oktober 1940 in unserer Anstalt plötzlich und unerwartet an Lungenentzündung gestorben”</em> sei. Und wie die Nazis ihre Morde als <strong><em>Euthanasie</em> </strong>(griechisch: schöner Tod) verbrämten, so hieß es in dem Schreiben in kühler Brutalität:</p> <p><em>“Bei seiner schweren, geistigen Erkrankung bedeutete für den Verstorbenen das Leben eine Qual. So müssen Sie seinen Tod als eine Erlösung auffassen.”</em></p> <p>Wegen <em>“Seuchengefahr”</em> sei eine <em>“sofortige Einäscherung des Leichnams”</em> erfolgt und die Behörde bitte um Mitteilung <em>“an welchen Friedhof wir die Übersendung der Urne”</em> vornehmen sollten. Das Schreiben endete mit <em>“Heil Hitler!”</em></p> <p>Im Schwäbischen Tagblatt vom 13. November 2010 betitelte <strong>Willibald Ruscheinski</strong> nach Recherchen des Großneffen <strong>Alfons Bunk </strong>das Verbrechen an <strong>Karl Eugen Albus</strong> zutreffend mit: <strong><em>“Fürs Vaterland gelitten und von ihm ermordet”</em></strong>.</p> <p>Laut dem oben zitierten NS-Schreiben wurde <strong>Albus</strong> am 3. Oktober 1940 ermordet – der später zum deutschen Nationalfeiertag wurde. Und <a href="https://www.geschichte-abitur.de/quellenmaterial/quellen-drittes-reich/graf-von-galens-predigt-gegen-die-euthanasie">die spätere, mutige und berühmte Predigt des Bischofs <strong>Clemens Graf von Galen</strong> (1878 – 1946) gegen die sog. “Euthanasie” erfolgte am 3. August 1941</a>. Seit <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-hitzemord-these-wie-die-klimakrise-auch-den-genozid-am-ezidentum-befeuert/">dem Angriff des sog. Islamischen Staates / Daesh gegen das Ezidentum 2014 ist der 3. August auch der Genozid-Gedenktag für Ezidinnen und Eziden weltweit</a>.</p> <p>Wenn ich also davon spreche, dass es <em>“nur eine Menschenwürde gibt”</em> und <em>“wir alle in Gefahr sind, wenn einige von uns entrechtet werden”</em> – dann denke ich dabei auch an die Ermordeten damals und heute. Und beachten Sie bitte auch, dass <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-14-semiten-sklaven-chasaren-die-wurzeln-des-rassismus-im-16-jahrhundert/">schon der Rassismus ab dem 15. Jahrhundert Kinder mit Behinderungen nicht mehr als Menschen im Bilde Gottes, sondern als Verfluchte und Bestrafte bezeichnet hatte</a>. Auch christlich Getaufte konnten fortan aufgrund jüdischer Vorfahren als <em>“Kinder Sems”</em> vertrieben, verfolgt und ermordet, jene mit dunkler Haut als <em>“Kinder Hams”</em> versklavt, verkauft und ermordet und jene mit Behinderungen misshandelt, ausgesetzt, ermordet werden. Im wahnhaften, antisemitischen und rassistischen Dualismus der Nationalsozialisten war die Ermordung von behinderten, erkrankten, auch traumatisierten Menschen Aufgabe des <em>Reichsverteidigungskommissars</em>!</p> <p>Deswegen spreche ich<a href="https://www.bietigheimerzeitung.de/inhalt.bietigheim-bissingen-es-gibt-keine-menschenwuerde-erster-und-zweiter-klasse.db535c4d-a022-48ec-983f-d0175b15a027.html"> auch vor Schülerinnen und Schülern immer wieder darüber, dass es <strong><em>“keine Menschenwürde erster und zweiter Klasse”</em></strong> gibt und geben darf</a>. Immer wieder erzähle ich auch von der Gedenkstätte Grafeneck, von den dortigen Abertausenden Namen ganz verschiedener Menschen und vom “Alphabet-Garten”, der nach meiner Einschätzung perfekt an die jüdische Auslegung anschließt: So, wie die Zerstörung eines einzigen Buchstabens die Thora als Gesamtzusammenhang zerstört, so wird auch in jedem ermordeten Menschen die Gesamtheit der Menschheit zerstört.</p> <p><a href="https://gedenkstaette-grafeneck.de/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das Gedenk-Namensbuch und der Alphabet-Garten an der Gedenkstätte Grafeneck für die T4-NS-Ermordeten der sogenannten &quot;Euthanasie&quot;, fotografiert von Michael Blume." decoding="async" height="1920" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1237-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1237-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1237-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1237-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1237-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1237-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1237-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Das Namensbuch am Alphabet-Garten der Gedenkstätte Grafeneck, gewidmet den “bekannten und unbekannten Opfern der ‘Euthanasie'”. Links wird dabei die biblische Bedeutung der Erinnerung mit dem biblischen Vers Jesaja 43,1 betont: “Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.” und rechts unterstreicht eine jüdische Geschichte die Bedeutung jedes Buchstabens und jedes Menschen. Foto: Michael Blume</em></p> <p>In der bisher wichtigsten Rede meines Lebens am 9. November 2023 im Landtag von Baden-Württemberg drückte ich meine Erfahrungen und Beobachtungen so aus:</p> <p><em>“<strong>Wer den Antisemitismus nur der Jüdinnen und Juden zuliebe bekämpfen wollte, hat noch überhaupt nicht begriffen, wie gefährlich dieser Verschwörungsglauben ist!</strong> Ich sage das voller Ernst: Diejenigen von Ihnen und von uns, die sich glaubwürdig gegen jeden Antisemitismus engagieren, schützen am Ende des Tages auch das Leben derjenigen, die sich jetzt noch sicher und erhaben wähnen.</em></p> <p><em>Radikale Antisemiten sind nicht demokratie- und damit auch nicht friedensfähig. <strong>Der Antisemitismus bedroht uns alle. </strong>Wir müssen ihm tatsächlich mit allen Mitteln begegnen, im Notfall auch polizeilich, auch militärisch.”</em></p> <p>Deswegen möchte ich allen, die es noch nicht getan haben, <a href="https://gedenkstaette-grafeneck.de/">einen Besuch der bewegenden Gedenkstätte Grafeneck</a> und <a href="https://weremember.social/@gedenkstaette_grafeneck">ein Folgen ihres Mastodon-Accounts @gedenkstaette_grafeneck@weremember.social</a> von Herzen empfehlen.</p> <p><a href="https://weremember.social/@gedenkstaette_grafeneck" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Der Mastodon-Account der Gedenkstätte Grafeneck zeigt einen Gedenkpavillon und den Alphabet-Garten. Der Account-Name ist @gedenkstaette_grafeneck@weremember.social" decoding="async" height="786" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1125px) 100vw, 1125px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1427.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1427.jpeg 1125w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1427-300x210.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1427-1024x715.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1427-768x537.jpeg 768w" width="1125"></img></a></p> <p><em>Zu Recht hat auch die Gedenkstätte Grafeneck bereits eine starke Präsenz im konzernfreien Fediversum etabliert. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Zur <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zeitenwende-mit-solarpunk-allen-einen-guten-rosch-ins-jahr-2026/"><strong>Menschenwürde</strong> habe ich ja letztes Jahr eine These entwickelt</a>, die ich auch weiterhin vertreten möchte:</p> <p><em><strong>“Die unbedingte Menschenwürde mit gleichem Menschenrecht für alle bildet die gemeinsame Mitte aller aufgeklärten Religionen &amp; demokratischen Zivilreligionen.”</strong></em></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zeitenwende-mit-solarpunk-allen-einen-guten-rosch-ins-jahr-2026/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Einladung zum &quot;Gemeinsamen Festakt&quot; jüdischer, christlicher und ezidischer Religionsgemeinschaften zu Chanukka, Advent und Ida Ezi am 20. Dezember 2025 in Pforzheim." decoding="async" height="1920" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zeitenwende-mit-solarpunk-allen-einen-guten-rosch-ins-jahr-2026/">gemeinsame Festakt jüdischer, christlicher und ezidischer Religionsgemeinschaften am 20. Dezember 2025 in Pforzheim zu Chanukka, Advent und Ida Ezi</a> bestärkte mich in der gemeinsamen Hoffnung auf die interreligiöse, philosophische und rechtliche Anerkennung von Menschenwürde und Menschenrecht. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Entsprechend habe ich bereits <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/">zwei Podcast-Folgen von “Verschwörungsfragen”</a> dazu aufgenommen:</p> <p>In <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/65-neue-episode">Folge 65 spreche ich mit <strong>Thomas Stöckle</strong>, dem Leiter der <strong>Gedenkstätte Grafeneck</strong> und dem Jesiden <strong>Gohdar Alkaidy</strong> von der <em>„Stelle für Jesidische Angelegenheiten“ </em>am Gedenkort über die Bedeutung von Erinnerungskultur</a> für Heute und Morgen.</p> <p>Und <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/66-neue-episode">in Folge 66 spreche ich mit <strong>Jörg Müller</strong>, dem Präsidenten des Oberlandesgerichtes (OLG) Karlsruhe, über die Bedeutung des Fediversums, der Gewaltenteilung und den Kampf um den Erhalt der Menschenwürde</a> aller.</p> <p><a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/66-neue-episode" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Links Jörg Müller, Präsident des OLG Karlsruhe und rechts Dr. Michael Blume, Beauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben, vor den Fahnen der Europäischen Union, der Bundesrepublik Deutschland und des Landes Baden-Württemberg im Staatsministerium Baden-Württemberg." decoding="async" height="1600" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1247px) 100vw, 1247px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1027.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1027.jpeg 1247w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1027-234x300.jpeg 234w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1027-798x1024.jpeg 798w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1027-768x985.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1027-1197x1536.jpeg 1197w" width="1247"></img></a></p> <p><em>Bei einem Besuch von OLG-Präsident Jörg Müller vereinbarten wir auch <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/66-neue-episode">eine dialogische Folge von “Verschwörungsfragen”. Diese ging am 21.01.2026 online.</a> Foto: Staatsministerium Baden-Württemberg</em></p> <p>Aus meiner Sicht gilt erkenntnistheoretisch aus “<em>Zeit emergiert, aber wiederholt sich nicht.</em>” der Leitsatz echter Erinnerungskultur: <em>“<a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GeschichtewiederholtsichnichtGedenkstaettenRundschau.pdf">Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich</a>.”</em></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/CGAdbLHcWl8?feature=oembed" title="Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich. Zur Not-wendigen Funktion von Gedenkstätten" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Die Menschenwürde aller - Zwei Podcasts nach Grafeneck</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Sein Name war <strong>Karl Eugen Albus</strong> (1894 – 1940). Er wurde am 25. September 1894 den Wirtsleuten der “Krone” <strong>Clemens &amp; Eva Maria Albus</strong> in <a href="https://www.rottenburg.de/wendelsheim.30019.htm"><strong>Wendelsheim</strong>, heute ein Ortsteil von <strong>Rottenburg am Neckar</strong></a>, geboren. Der Vater verstarb früh und so wuchs der Junge mit sieben Geschwistern als Halbwaise auf. 1913 starb auch seine Mutter und schon ein Jahr später zog der 20jährige als Soldat für Deutschland und Kaiser in den Ersten Weltkrieg. Es gibt ein Foto von ihm aus jener Zeit.</p> <p><a href="https://www.leo-bw.de/web/guest/detail/-/Detail/details/DOKUMENT/bsz_swb/1561637157/NS%20%22Euthanasieverbrechen%22%20in%20S%C3%BCdwestdeutschland%20Das%20Leben%20und%20Leiden%20psychisch%20erkrankter%20Heimkehrer%20Am%20Fallbeispiel%20von" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Foto von Karl Eugen Albus (1894 - 1940) aus Wendelsheim als Soldat des Ersten Weltkrieges." decoding="async" height="674" sizes="(max-width: 410px) 100vw, 410px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlEugenAlbusIWeltkriegermordet1940Grafeneck.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlEugenAlbusIWeltkriegermordet1940Grafeneck.jpg 410w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlEugenAlbusIWeltkriegermordet1940Grafeneck-182x300.jpg 182w" width="410"></img></a></p> <p><em>Ein Foto von Karl Eugen Albus als deutscher Soldat des Ersten Weltkrieges im Alter von 20 Jahren, 1914. Quelle: Privat &amp; Gedenkstätte Grafeneck</em></p> <p>Der christliche Musketier <strong>Albus</strong> kämpfte, wurde verwundet und für seine Tapferkeit ausgezeichnet – wie übrigens auch Zigtausende deutsch-jüdische Kameraden. Er geriet 1916 in englische Kriegsgefangenschaft und wurde am 17. August 1918, also noch vor der Kapitulation des Deutschen Reiches im November, gesundheitlich zerrüttet entlassen und “demobilisiert”.</p> <p>Denn <strong>Albus</strong> war vom Krieg schwer traumatisiert. Er kam in eine kirchliche Heilanstalt vom Orden der Vinzentinerinnen nach <strong>Rottenmünster</strong>. Offiziell galt er als Veteran, der seine Gesundheit für das Reich gegeben hatte. Noch 1934 erhielt er von den Nationalsozialisten <em>“Im Namen des Führers und Reichskanzlers”</em> ein <em>“Ehrenkreuz für Frontkämpfer”</em>. Während meines Besuches an der Gedenkstätte hielt ich den gestempelten NS-Schrieb in den Händen.<aside></aside></p> <p>Doch als sie erst einmal ihre Macht gefestigt hatten, übergingen die Nazis schnell ihre geheuchelte Zuneigung zu den vom Krieg gezeichneten Veteranen. Sogenannte <strong><em>“Kriegszitterer”</em></strong> passten nicht in die Pläne für Aufrüstung und Krieg. Stattdessen setze auch mit der damaligen <strong>Rechtsmimesis</strong> eine gezielte Abwertung und Ausgrenzung von jüdischen, vermeintlich “asozialen” und auch behinderten und erkrankten Menschen ein – auch dann, wenn sie Deutschland in Uniform gedient hatten.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/rechtsmimesis-widerstand-ein-foto-mem-zur-deutschen-geschichte/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Auf einem Bild wird ein deutscher Mann dargestellt, der zwei &quot;Erbkranke&quot; - also behinderte und erkrankte Menschen - tragen musst. Darüber steht: &quot;Hier trägst Du mit. Ein Erbkranker kostet bis zur Erreichung des 60. Lebensjahres im Durchschnitt 50.000 Reichsmark&quot;. Das Propagandaplakat diente der Vorbereitung der T4-Euthanasie-Mordkampagne des NS-Regimes." decoding="async" height="2560" sizes="(max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></a></p> <p><em>Ein Ausstellungsbild des “Reichsnährstandes” in einer Ausgabe von “Volk und Rasse” 1936, das Menschen mit Behinderungen und Erkrankungen als teure “Erbkranke” rechtsmimetisch entmenschlichte. Foto: Michael Blume, Dokumentationszentrum Grafeneck</em></p> <p>Ab Oktober 1939 ließen die Nazis in der heute <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Zentraldienststelle_T4">so benannten <strong>T4-Aktion</strong> (nach der Adresse der Berliner Mordbehörde in der <strong>Tiergartenstraße 4</strong></a>, unweit der heutigen <strong>Landesvertretung Baden-Württemberg</strong>) das <strong>Samariterstift Schloss Grafeneck</strong> von Nonnen und Pfleglingen räumen und wandelten es in <strong>eine Tötungsanstalt mit der ersten NS-Gaskammer</strong> um. Meist <strong>“graue Busse”</strong> mit verdunkelten Scheiben holten nun immer mehr Menschen mit Behinderungen, Erkrankungen und Traumatisierungen ab und brachten sie an bald mehrere T4-Mordstätten im Deutschen Reich.</p> <p>Und so erhielt auch Karl Eugens Bruder <strong>Anton Albus</strong> – als “Kronenwirt” – im Oktober 1940 überraschend ein Schreiben, wonach sein Bruder <em>“am 16. September 1940 auf ministerielle Anordnung gemäß Weisung des Reichsverteidigungskommissars in die hiesige Anstalt verlegt”</em> und <em>“am 3. Oktober 1940 in unserer Anstalt plötzlich und unerwartet an Lungenentzündung gestorben”</em> sei. Und wie die Nazis ihre Morde als <strong><em>Euthanasie</em> </strong>(griechisch: schöner Tod) verbrämten, so hieß es in dem Schreiben in kühler Brutalität:</p> <p><em>“Bei seiner schweren, geistigen Erkrankung bedeutete für den Verstorbenen das Leben eine Qual. So müssen Sie seinen Tod als eine Erlösung auffassen.”</em></p> <p>Wegen <em>“Seuchengefahr”</em> sei eine <em>“sofortige Einäscherung des Leichnams”</em> erfolgt und die Behörde bitte um Mitteilung <em>“an welchen Friedhof wir die Übersendung der Urne”</em> vornehmen sollten. Das Schreiben endete mit <em>“Heil Hitler!”</em></p> <p>Im Schwäbischen Tagblatt vom 13. November 2010 betitelte <strong>Willibald Ruscheinski</strong> nach Recherchen des Großneffen <strong>Alfons Bunk </strong>das Verbrechen an <strong>Karl Eugen Albus</strong> zutreffend mit: <strong><em>“Fürs Vaterland gelitten und von ihm ermordet”</em></strong>.</p> <p>Laut dem oben zitierten NS-Schreiben wurde <strong>Albus</strong> am 3. Oktober 1940 ermordet – der später zum deutschen Nationalfeiertag wurde. Und <a href="https://www.geschichte-abitur.de/quellenmaterial/quellen-drittes-reich/graf-von-galens-predigt-gegen-die-euthanasie">die spätere, mutige und berühmte Predigt des Bischofs <strong>Clemens Graf von Galen</strong> (1878 – 1946) gegen die sog. “Euthanasie” erfolgte am 3. August 1941</a>. Seit <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-hitzemord-these-wie-die-klimakrise-auch-den-genozid-am-ezidentum-befeuert/">dem Angriff des sog. Islamischen Staates / Daesh gegen das Ezidentum 2014 ist der 3. August auch der Genozid-Gedenktag für Ezidinnen und Eziden weltweit</a>.</p> <p>Wenn ich also davon spreche, dass es <em>“nur eine Menschenwürde gibt”</em> und <em>“wir alle in Gefahr sind, wenn einige von uns entrechtet werden”</em> – dann denke ich dabei auch an die Ermordeten damals und heute. Und beachten Sie bitte auch, dass <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-14-semiten-sklaven-chasaren-die-wurzeln-des-rassismus-im-16-jahrhundert/">schon der Rassismus ab dem 15. Jahrhundert Kinder mit Behinderungen nicht mehr als Menschen im Bilde Gottes, sondern als Verfluchte und Bestrafte bezeichnet hatte</a>. Auch christlich Getaufte konnten fortan aufgrund jüdischer Vorfahren als <em>“Kinder Sems”</em> vertrieben, verfolgt und ermordet, jene mit dunkler Haut als <em>“Kinder Hams”</em> versklavt, verkauft und ermordet und jene mit Behinderungen misshandelt, ausgesetzt, ermordet werden. Im wahnhaften, antisemitischen und rassistischen Dualismus der Nationalsozialisten war die Ermordung von behinderten, erkrankten, auch traumatisierten Menschen Aufgabe des <em>Reichsverteidigungskommissars</em>!</p> <p>Deswegen spreche ich<a href="https://www.bietigheimerzeitung.de/inhalt.bietigheim-bissingen-es-gibt-keine-menschenwuerde-erster-und-zweiter-klasse.db535c4d-a022-48ec-983f-d0175b15a027.html"> auch vor Schülerinnen und Schülern immer wieder darüber, dass es <strong><em>“keine Menschenwürde erster und zweiter Klasse”</em></strong> gibt und geben darf</a>. Immer wieder erzähle ich auch von der Gedenkstätte Grafeneck, von den dortigen Abertausenden Namen ganz verschiedener Menschen und vom “Alphabet-Garten”, der nach meiner Einschätzung perfekt an die jüdische Auslegung anschließt: So, wie die Zerstörung eines einzigen Buchstabens die Thora als Gesamtzusammenhang zerstört, so wird auch in jedem ermordeten Menschen die Gesamtheit der Menschheit zerstört.</p> <p><a href="https://gedenkstaette-grafeneck.de/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das Gedenk-Namensbuch und der Alphabet-Garten an der Gedenkstätte Grafeneck für die T4-NS-Ermordeten der sogenannten &quot;Euthanasie&quot;, fotografiert von Michael Blume." decoding="async" height="1920" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1237-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1237-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1237-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1237-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1237-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1237-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1237-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Das Namensbuch am Alphabet-Garten der Gedenkstätte Grafeneck, gewidmet den “bekannten und unbekannten Opfern der ‘Euthanasie'”. Links wird dabei die biblische Bedeutung der Erinnerung mit dem biblischen Vers Jesaja 43,1 betont: “Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.” und rechts unterstreicht eine jüdische Geschichte die Bedeutung jedes Buchstabens und jedes Menschen. Foto: Michael Blume</em></p> <p>In der bisher wichtigsten Rede meines Lebens am 9. November 2023 im Landtag von Baden-Württemberg drückte ich meine Erfahrungen und Beobachtungen so aus:</p> <p><em>“<strong>Wer den Antisemitismus nur der Jüdinnen und Juden zuliebe bekämpfen wollte, hat noch überhaupt nicht begriffen, wie gefährlich dieser Verschwörungsglauben ist!</strong> Ich sage das voller Ernst: Diejenigen von Ihnen und von uns, die sich glaubwürdig gegen jeden Antisemitismus engagieren, schützen am Ende des Tages auch das Leben derjenigen, die sich jetzt noch sicher und erhaben wähnen.</em></p> <p><em>Radikale Antisemiten sind nicht demokratie- und damit auch nicht friedensfähig. <strong>Der Antisemitismus bedroht uns alle. </strong>Wir müssen ihm tatsächlich mit allen Mitteln begegnen, im Notfall auch polizeilich, auch militärisch.”</em></p> <p>Deswegen möchte ich allen, die es noch nicht getan haben, <a href="https://gedenkstaette-grafeneck.de/">einen Besuch der bewegenden Gedenkstätte Grafeneck</a> und <a href="https://weremember.social/@gedenkstaette_grafeneck">ein Folgen ihres Mastodon-Accounts @gedenkstaette_grafeneck@weremember.social</a> von Herzen empfehlen.</p> <p><a href="https://weremember.social/@gedenkstaette_grafeneck" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Der Mastodon-Account der Gedenkstätte Grafeneck zeigt einen Gedenkpavillon und den Alphabet-Garten. Der Account-Name ist @gedenkstaette_grafeneck@weremember.social" decoding="async" height="786" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1125px) 100vw, 1125px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1427.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1427.jpeg 1125w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1427-300x210.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1427-1024x715.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1427-768x537.jpeg 768w" width="1125"></img></a></p> <p><em>Zu Recht hat auch die Gedenkstätte Grafeneck bereits eine starke Präsenz im konzernfreien Fediversum etabliert. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Zur <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zeitenwende-mit-solarpunk-allen-einen-guten-rosch-ins-jahr-2026/"><strong>Menschenwürde</strong> habe ich ja letztes Jahr eine These entwickelt</a>, die ich auch weiterhin vertreten möchte:</p> <p><em><strong>“Die unbedingte Menschenwürde mit gleichem Menschenrecht für alle bildet die gemeinsame Mitte aller aufgeklärten Religionen &amp; demokratischen Zivilreligionen.”</strong></em></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zeitenwende-mit-solarpunk-allen-einen-guten-rosch-ins-jahr-2026/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Einladung zum &quot;Gemeinsamen Festakt&quot; jüdischer, christlicher und ezidischer Religionsgemeinschaften zu Chanukka, Advent und Ida Ezi am 20. Dezember 2025 in Pforzheim." decoding="async" height="1920" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1370-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zeitenwende-mit-solarpunk-allen-einen-guten-rosch-ins-jahr-2026/">gemeinsame Festakt jüdischer, christlicher und ezidischer Religionsgemeinschaften am 20. Dezember 2025 in Pforzheim zu Chanukka, Advent und Ida Ezi</a> bestärkte mich in der gemeinsamen Hoffnung auf die interreligiöse, philosophische und rechtliche Anerkennung von Menschenwürde und Menschenrecht. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Entsprechend habe ich bereits <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/">zwei Podcast-Folgen von “Verschwörungsfragen”</a> dazu aufgenommen:</p> <p>In <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/65-neue-episode">Folge 65 spreche ich mit <strong>Thomas Stöckle</strong>, dem Leiter der <strong>Gedenkstätte Grafeneck</strong> und dem Jesiden <strong>Gohdar Alkaidy</strong> von der <em>„Stelle für Jesidische Angelegenheiten“ </em>am Gedenkort über die Bedeutung von Erinnerungskultur</a> für Heute und Morgen.</p> <p>Und <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/66-neue-episode">in Folge 66 spreche ich mit <strong>Jörg Müller</strong>, dem Präsidenten des Oberlandesgerichtes (OLG) Karlsruhe, über die Bedeutung des Fediversums, der Gewaltenteilung und den Kampf um den Erhalt der Menschenwürde</a> aller.</p> <p><a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/66-neue-episode" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Links Jörg Müller, Präsident des OLG Karlsruhe und rechts Dr. Michael Blume, Beauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben, vor den Fahnen der Europäischen Union, der Bundesrepublik Deutschland und des Landes Baden-Württemberg im Staatsministerium Baden-Württemberg." decoding="async" height="1600" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1247px) 100vw, 1247px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1027.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1027.jpeg 1247w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1027-234x300.jpeg 234w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1027-798x1024.jpeg 798w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1027-768x985.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1027-1197x1536.jpeg 1197w" width="1247"></img></a></p> <p><em>Bei einem Besuch von OLG-Präsident Jörg Müller vereinbarten wir auch <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/66-neue-episode">eine dialogische Folge von “Verschwörungsfragen”. Diese ging am 21.01.2026 online.</a> Foto: Staatsministerium Baden-Württemberg</em></p> <p>Aus meiner Sicht gilt erkenntnistheoretisch aus “<em>Zeit emergiert, aber wiederholt sich nicht.</em>” der Leitsatz echter Erinnerungskultur: <em>“<a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GeschichtewiederholtsichnichtGedenkstaettenRundschau.pdf">Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich</a>.”</em></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/CGAdbLHcWl8?feature=oembed" title="Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich. Zur Not-wendigen Funktion von Gedenkstätten" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-menschenwuerde-aller-zwei-podcasts-nach-grafeneck/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>32</slash:comments> </item> <item> <title>The Internet Chronicles – Part 7 of 12: The Tree the Internet Grows on https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-7-of-12-the-tree-the-internet-grows-on/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-7-of-12-the-tree-the-internet-grows-on/#respond Wed, 21 Jan 2026 13:00:00 +0000 Andrei Mihai https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14071 <h1>The Internet Chronicles – Part 7 of 12: The Tree the Internet Grows on - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>Previously, we watched Tim Berners-Lee knit the world together with the Web, giving us pages to browse and links to click. But a web of information is useless if the physical network carrying it collapses under its own weight. In the early days of the internet, this was a very real problem.</p> <p>The primary challenge was connectivity, but the next one was stability. As networks grew from a few dozen nodes in a single laboratory to thousands of nodes across a campus or city, the statistical probability of configuration errors, link failures, and topology loops approached certainty. Early networks were fragile; a single misconnected cable could create a feedback loop that would saturate the bandwidth of the entire system, bringing all communication to a halt (a phenomenon known as a broadcast storm).</p> <p>Hardware engineers struggled to fix this. They needed a way to build big, redundant networks that wouldn’t self-destruct. They needed a logic that could be scaled. Enter Radia Perlman, the mathematician who put the internet on a tree.</p> <div> <figure><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Radia_Perlman_2009.jpg"><img alt="a woman smiling with a book in her hands" decoding="async" src="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Radia_Perlman_2009-683x1024.jpg"></img></a><figcaption>Perlman in 2009. Image via Wikipedia (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Radia_Perlman#/media/File:Radia_Perlman_2009.jpg">CC BY 3.0</a>)</figcaption></figure></div> <h3 id="h-the-reluctant-engineer">The Reluctant Engineer </h3> <p>Radia Perlman <a href="https://www.captechu.edu/blog/dr-radia-perlman-one-of-first-female-programmers-and-inventor-internets-protocols" rel="noreferrer noopener" target="_blank">did well in school</a> and liked math and physics, but she did not originally intend to be a network engineer. In fact, growing up in New Jersey in the 1950s, she found the “gadget-obsessed” culture of early computing a bit weird. Computer people liked to take things apart and tinker. Perlman liked puzzles and mathematics more.</p> <p>“I was not a hands-on type person. It never occurred to me to take anything apart. I assumed I’d either get electrocuted, or I’d break something,” <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Radia_Perlman" rel="noreferrer noopener" target="_blank">she recalled</a>, but she did take a programming class in high-school (where she was <a href="https://alum.mit.edu/slice/does-internet-have-mother" rel="noreferrer noopener" target="_blank">the only woman</a>). Yet, as a graduate of MIT, she continued to engage with computers. She developed a child-friendly version of the educational robotics language LOGO, called TORTIS (“Toddler’s Own Recursive Turtle Interpreter System”), becoming a pioneer in teaching children computer science.<aside></aside></p> <p>Working with three-year-olds taught Perlman a lesson that would define the modern internet: Systems must be “child-proof.” Toddlers are agents of chaos. They push buttons simultaneously; they hit things repeatedly; they do the unexpected. Internet users are not that different in some regards. A good system has to handle “garbage” input without crashing. She also observed that children learned best with minimal human interference, and tried to apply this principle to the network.</p> <p>She believed that network switches should be “plug and play” – so robust that you could connect them in any messy configuration and they would just work, without a human having to type a single command.</p> <p>But this was, of course, easier said than done.</p> <h3 id="a-poem-for-the-network">A Poem for the Network</h3> <p>After graduating, Perlman worked in local network equipment and, in 1980, made an impression on a manager for Digital Equipment Corporation, one of the leading players in computer technology at the time. She joined the firm, but her approach was still mathematical. A network was a mathematical graph, a collection of nodes and edges that needed to obey strict logical rules. The cables and everything else were secondary.</p> <p>Management gave Perlman a tough assignment: Design a protocol that allows bridges (early switches) to automatically discover the network topology and block loops, all while running within constant memory limits. It was a complex problem and she was not the first one to try to tackle it.</p> <p>Perlman solved it in a week. Some “urban legends” that we could not verify claim she figured out the core concept in a single evening. However fast it was, the solution was the Spanning Tree Protocol (STP). </p> <p>STP’s core approach was pure graph theory. Perlman thought that no matter how messy the physical network was, it should not look like a spiderweb of redundant cables, but rather as a tree that has a root and branches, but no loops.</p> <div> <figure><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Spanning_tree_protocol_at_work_5.svg.png"><img alt="schematic showing spanning tree protocol" decoding="async" src="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Spanning_tree_protocol_at_work_5.svg-1024x1024.png"></img></a><figcaption>Bridges with Spanning Tree Protocol implementation in a local area network (LAN). One bridge is the STP root bridge. All bridge ports that connect a link between two bridges are either a root port (RP), a designated port (DP), or a blocked port (BP). Image via Wikipedia (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Spanning_Tree_Protocol#/media/File:Spanning_tree_protocol_at_work_5.svg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY 3.0</a>)</figcaption></figure></div> <p>The first stage is a bit like an election. Every switch claims to be the “Root.” They shout this claim to their neighbors and start verifying their level. If a switch hears a neighbor with a lower ID number, it admits defeat and acknowledges the neighbor as the superior path. Eventually, everyone agrees on one Root Bridge. They then calculate the shortest path to that root. </p> <p>Each bridge identifies which of its ports offers the “least cost” path to the Root. Cost is typically based on link speed (e.g., a 10Mbps link has a lower cost than a 1Mbps link). On every individual network segment (the wire connecting two bridges), there can be only one bridge responsible for forwarding traffic to and from that segment.</p> <p>The key detail was that any connection not part of this shortest path was put into a “Blocking State”. It simply sits silent, acting as a backup. If the main cable is cut (or chewed by a rat), the silent port wakes up and restores the connection.</p> <p>It was a deterministic and self-stabilizing approach, exactly what was recommended for the scaling of the internet.</p> <div> <figure><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Spanning_tree_protocol_at_work_6.svg.png"><img alt="schematic showing how spanning tree protocol deals with failures" decoding="async" src="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Spanning_tree_protocol_at_work_6.svg-1024x1024.png"></img></a><figcaption>After link failure the spanning tree algorithm computes and spans a new least-cost tree.</figcaption></figure></div> <p>Networks (especially large-scale networks) are challenging to conceptualize. Drawing from her pedagogical experience, Perlman also wrote (in addition to technical specifications) a poem, the “<a href="https://courses.cs.washington.edu/courses/cse461/14sp/lectures/spanningtreepoem.txt" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Algorhyme</a>,” which she embedded in the code’s header. In twelve lines, she encapsulated the entire logic of the algorithm.</p> <p><em>I think that I shall never see </em><p><em>A graph more lovely than a tree. </em><em>A tree whose crucial property </em><em>Is loop-free connectivity. </em><em>A tree that must be sure to span </em><em>So packets can reach every LAN. </em><em>First, the root must be selected. </em><em>By ID, it is elected. </em><em>Least-cost paths from root are traced. </em><em>In the tree, these paths are placed. </em><em>A mesh is made by folks like me, </em><em>Then bridges find a spanning tree. </em></p></p> <h3 id="beyond-the-tree">Beyond the Tree</h3> <p>This protocol essentially defined the scaling of the internet for almost two decades. It was only in 2001 that the <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/IEEE" rel="noreferrer noopener" target="_blank">IEEE</a> introduced Rapid Spanning Tree Protocol (RSTP) as 802.1w to replace the original STP. RSTP was designed to be backwards-compatible with standard STP and was substantially faster.</p> <p>But in the meantime, Perlman continued to bring key innovations for the internet and networks in general.</p> <p>The STP works at the so-called “Layer 2” of networking. It handles data transfers between devices on the same physical network (like your home Wi-Fi or an office LAN). It uses MAC addresses (burned into the hardware) to identify devices and the key hardware here is the switch (historically called a bridge). The superior “Layer 3” handles routing, which is moving data between different networks (internetworking) to reach a final destination. It uses IP addresses (like logical coordinates) and the key hardware is the router.</p> <p>In the 1980s, the dominant routing protocol was RIP (Routing Information Protocol), which used a “distance vector” algorithm (based on the <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Bellman%E2%80%93Ford_algorithm" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Bellman-Ford algorithm</a>). This protocol suffered from slow convergence and the “count to infinity” problem (where bad information loops between routers).</p> <p>Perlman championed a different approach called link-state routing. In this model, every router builds a complete, identical map of the entire network. She was the principal designer of the IS-IS protocol, which introduced a game-changing concept: TLV (Type-Length-Value) encoding.</p> <p>Before this, data packets were rigid. If you wanted to add a new feature, you had to redesign the whole packet. Perlman made them flexible. The “Type” told the router what the data was, the “Length” told it how long it was, and the “Value” was the data itself. If a router saw a “Type” it didn’t understand, it could just skip over that “Length” and keep reading.</p> <p>This approach is still used today as the backbone for <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Internet_backbone" rel="noreferrer noopener" target="_blank">major Internet Service Providers</a>. When the world needed to <a href="https://ui.adsabs.harvard.edu/abs/2014arXiv1410.2013A/abstract" rel="noreferrer noopener" target="_blank">switch from IPv4 to IPv6</a> (core internet protocols used for identifying and locating devices on a network), IS-IS adapted easily because of Perlman’s extensible design, while other protocols like OSPF (which she also influenced) had to be rewritten.</p> <h3 id="the-internet-as-a-lasagna">The Internet as a Lasagna</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram.png"><img alt="a graph depicting the structure of the internet with multiple types of devices." decoding="async" fetchpriority="high" height="671" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram-1024x671.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram-1024x671.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram-300x197.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram-768x503.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram.png 1300w" width="1024"></img></a><figcaption>Nowadays, the internet must connect multiple types of devices. But the main structure Perlman proposed is still in use. Image credits: Wikipedia (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Home_LAN_local_area_network_example_diagram.png" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY 3.0</a>)</figcaption></figure></div> <p>In an <a href="https://www.reddit.com/r/IAmA/comments/xl6cc4/i_am_radia_perlman_the_network_engineer_behind/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Ask Me Anything (AMA) on Reddit</a> from 2022, Perlman shared some of her insights and impressions about her work, her life, and the internet. When prompted by the classic “lasagna question” (if you stack two lasagnas on top of each other, do they become one lasagna), she explained why the term “internet” is actually a really unfortunate one.</p> <p>“I’ve always hated the term “Internet” … to me, if you have two networks, and connect them, you don’t get an “Internet” … you get a bigger network. So I’d say that two lasagnas stacked on top of each other are just a taller lasagna. Unless it overflows your pan, in which case you get a lasagna and a messy oven.”</p> <p>In the same AMA, Perlman goes on to give several nuggets of wisdom, including one that may be useful for Young Researchers attending the Heidelberg Laureate Forum (HLF) as well:</p> <p>“Self-confidence is important, but it’s hard to force that on yourself. Perhaps find people that you feel comfortable asking questions of. I’m glad I had a math background (rather than majoring in CS), because math makes you think cleanly. CS has a lot of meaningless buzzwords, which drive me crazy.</p> <p>“But again … what are you really good and passionate about? Find a way to leverage those skills in a networking career. The more different you are from the majority of other people in the skills, the more valuable you will be.”</p> <p>Perlman went on to hold over 200 patents and influence other key protocols and algorithms. In recent times, she has turned a critical eye on blockchain and the alleged promise it holds. But in the early days of the STP, the internet was finally ready to truly take off. There was only one major problem: How do you keep it safe? This is where two familiar HLF faces (Martin Hellman and Whitfield Diffie) will come in.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>The Internet Chronicles – Part 7 of 12: The Tree the Internet Grows on - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>Previously, we watched Tim Berners-Lee knit the world together with the Web, giving us pages to browse and links to click. But a web of information is useless if the physical network carrying it collapses under its own weight. In the early days of the internet, this was a very real problem.</p> <p>The primary challenge was connectivity, but the next one was stability. As networks grew from a few dozen nodes in a single laboratory to thousands of nodes across a campus or city, the statistical probability of configuration errors, link failures, and topology loops approached certainty. Early networks were fragile; a single misconnected cable could create a feedback loop that would saturate the bandwidth of the entire system, bringing all communication to a halt (a phenomenon known as a broadcast storm).</p> <p>Hardware engineers struggled to fix this. They needed a way to build big, redundant networks that wouldn’t self-destruct. They needed a logic that could be scaled. Enter Radia Perlman, the mathematician who put the internet on a tree.</p> <div> <figure><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Radia_Perlman_2009.jpg"><img alt="a woman smiling with a book in her hands" decoding="async" src="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Radia_Perlman_2009-683x1024.jpg"></img></a><figcaption>Perlman in 2009. Image via Wikipedia (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Radia_Perlman#/media/File:Radia_Perlman_2009.jpg">CC BY 3.0</a>)</figcaption></figure></div> <h3 id="h-the-reluctant-engineer">The Reluctant Engineer </h3> <p>Radia Perlman <a href="https://www.captechu.edu/blog/dr-radia-perlman-one-of-first-female-programmers-and-inventor-internets-protocols" rel="noreferrer noopener" target="_blank">did well in school</a> and liked math and physics, but she did not originally intend to be a network engineer. In fact, growing up in New Jersey in the 1950s, she found the “gadget-obsessed” culture of early computing a bit weird. Computer people liked to take things apart and tinker. Perlman liked puzzles and mathematics more.</p> <p>“I was not a hands-on type person. It never occurred to me to take anything apart. I assumed I’d either get electrocuted, or I’d break something,” <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Radia_Perlman" rel="noreferrer noopener" target="_blank">she recalled</a>, but she did take a programming class in high-school (where she was <a href="https://alum.mit.edu/slice/does-internet-have-mother" rel="noreferrer noopener" target="_blank">the only woman</a>). Yet, as a graduate of MIT, she continued to engage with computers. She developed a child-friendly version of the educational robotics language LOGO, called TORTIS (“Toddler’s Own Recursive Turtle Interpreter System”), becoming a pioneer in teaching children computer science.<aside></aside></p> <p>Working with three-year-olds taught Perlman a lesson that would define the modern internet: Systems must be “child-proof.” Toddlers are agents of chaos. They push buttons simultaneously; they hit things repeatedly; they do the unexpected. Internet users are not that different in some regards. A good system has to handle “garbage” input without crashing. She also observed that children learned best with minimal human interference, and tried to apply this principle to the network.</p> <p>She believed that network switches should be “plug and play” – so robust that you could connect them in any messy configuration and they would just work, without a human having to type a single command.</p> <p>But this was, of course, easier said than done.</p> <h3 id="a-poem-for-the-network">A Poem for the Network</h3> <p>After graduating, Perlman worked in local network equipment and, in 1980, made an impression on a manager for Digital Equipment Corporation, one of the leading players in computer technology at the time. She joined the firm, but her approach was still mathematical. A network was a mathematical graph, a collection of nodes and edges that needed to obey strict logical rules. The cables and everything else were secondary.</p> <p>Management gave Perlman a tough assignment: Design a protocol that allows bridges (early switches) to automatically discover the network topology and block loops, all while running within constant memory limits. It was a complex problem and she was not the first one to try to tackle it.</p> <p>Perlman solved it in a week. Some “urban legends” that we could not verify claim she figured out the core concept in a single evening. However fast it was, the solution was the Spanning Tree Protocol (STP). </p> <p>STP’s core approach was pure graph theory. Perlman thought that no matter how messy the physical network was, it should not look like a spiderweb of redundant cables, but rather as a tree that has a root and branches, but no loops.</p> <div> <figure><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Spanning_tree_protocol_at_work_5.svg.png"><img alt="schematic showing spanning tree protocol" decoding="async" src="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Spanning_tree_protocol_at_work_5.svg-1024x1024.png"></img></a><figcaption>Bridges with Spanning Tree Protocol implementation in a local area network (LAN). One bridge is the STP root bridge. All bridge ports that connect a link between two bridges are either a root port (RP), a designated port (DP), or a blocked port (BP). Image via Wikipedia (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Spanning_Tree_Protocol#/media/File:Spanning_tree_protocol_at_work_5.svg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY 3.0</a>)</figcaption></figure></div> <p>The first stage is a bit like an election. Every switch claims to be the “Root.” They shout this claim to their neighbors and start verifying their level. If a switch hears a neighbor with a lower ID number, it admits defeat and acknowledges the neighbor as the superior path. Eventually, everyone agrees on one Root Bridge. They then calculate the shortest path to that root. </p> <p>Each bridge identifies which of its ports offers the “least cost” path to the Root. Cost is typically based on link speed (e.g., a 10Mbps link has a lower cost than a 1Mbps link). On every individual network segment (the wire connecting two bridges), there can be only one bridge responsible for forwarding traffic to and from that segment.</p> <p>The key detail was that any connection not part of this shortest path was put into a “Blocking State”. It simply sits silent, acting as a backup. If the main cable is cut (or chewed by a rat), the silent port wakes up and restores the connection.</p> <p>It was a deterministic and self-stabilizing approach, exactly what was recommended for the scaling of the internet.</p> <div> <figure><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Spanning_tree_protocol_at_work_6.svg.png"><img alt="schematic showing how spanning tree protocol deals with failures" decoding="async" src="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Spanning_tree_protocol_at_work_6.svg-1024x1024.png"></img></a><figcaption>After link failure the spanning tree algorithm computes and spans a new least-cost tree.</figcaption></figure></div> <p>Networks (especially large-scale networks) are challenging to conceptualize. Drawing from her pedagogical experience, Perlman also wrote (in addition to technical specifications) a poem, the “<a href="https://courses.cs.washington.edu/courses/cse461/14sp/lectures/spanningtreepoem.txt" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Algorhyme</a>,” which she embedded in the code’s header. In twelve lines, she encapsulated the entire logic of the algorithm.</p> <p><em>I think that I shall never see </em><p><em>A graph more lovely than a tree. </em><em>A tree whose crucial property </em><em>Is loop-free connectivity. </em><em>A tree that must be sure to span </em><em>So packets can reach every LAN. </em><em>First, the root must be selected. </em><em>By ID, it is elected. </em><em>Least-cost paths from root are traced. </em><em>In the tree, these paths are placed. </em><em>A mesh is made by folks like me, </em><em>Then bridges find a spanning tree. </em></p></p> <h3 id="beyond-the-tree">Beyond the Tree</h3> <p>This protocol essentially defined the scaling of the internet for almost two decades. It was only in 2001 that the <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/IEEE" rel="noreferrer noopener" target="_blank">IEEE</a> introduced Rapid Spanning Tree Protocol (RSTP) as 802.1w to replace the original STP. RSTP was designed to be backwards-compatible with standard STP and was substantially faster.</p> <p>But in the meantime, Perlman continued to bring key innovations for the internet and networks in general.</p> <p>The STP works at the so-called “Layer 2” of networking. It handles data transfers between devices on the same physical network (like your home Wi-Fi or an office LAN). It uses MAC addresses (burned into the hardware) to identify devices and the key hardware here is the switch (historically called a bridge). The superior “Layer 3” handles routing, which is moving data between different networks (internetworking) to reach a final destination. It uses IP addresses (like logical coordinates) and the key hardware is the router.</p> <p>In the 1980s, the dominant routing protocol was RIP (Routing Information Protocol), which used a “distance vector” algorithm (based on the <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Bellman%E2%80%93Ford_algorithm" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Bellman-Ford algorithm</a>). This protocol suffered from slow convergence and the “count to infinity” problem (where bad information loops between routers).</p> <p>Perlman championed a different approach called link-state routing. In this model, every router builds a complete, identical map of the entire network. She was the principal designer of the IS-IS protocol, which introduced a game-changing concept: TLV (Type-Length-Value) encoding.</p> <p>Before this, data packets were rigid. If you wanted to add a new feature, you had to redesign the whole packet. Perlman made them flexible. The “Type” told the router what the data was, the “Length” told it how long it was, and the “Value” was the data itself. If a router saw a “Type” it didn’t understand, it could just skip over that “Length” and keep reading.</p> <p>This approach is still used today as the backbone for <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Internet_backbone" rel="noreferrer noopener" target="_blank">major Internet Service Providers</a>. When the world needed to <a href="https://ui.adsabs.harvard.edu/abs/2014arXiv1410.2013A/abstract" rel="noreferrer noopener" target="_blank">switch from IPv4 to IPv6</a> (core internet protocols used for identifying and locating devices on a network), IS-IS adapted easily because of Perlman’s extensible design, while other protocols like OSPF (which she also influenced) had to be rewritten.</p> <h3 id="the-internet-as-a-lasagna">The Internet as a Lasagna</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram.png"><img alt="a graph depicting the structure of the internet with multiple types of devices." decoding="async" fetchpriority="high" height="671" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram-1024x671.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram-1024x671.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram-300x197.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram-768x503.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram.png 1300w" width="1024"></img></a><figcaption>Nowadays, the internet must connect multiple types of devices. But the main structure Perlman proposed is still in use. Image credits: Wikipedia (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Home_LAN_local_area_network_example_diagram.png" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY 3.0</a>)</figcaption></figure></div> <p>In an <a href="https://www.reddit.com/r/IAmA/comments/xl6cc4/i_am_radia_perlman_the_network_engineer_behind/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Ask Me Anything (AMA) on Reddit</a> from 2022, Perlman shared some of her insights and impressions about her work, her life, and the internet. When prompted by the classic “lasagna question” (if you stack two lasagnas on top of each other, do they become one lasagna), she explained why the term “internet” is actually a really unfortunate one.</p> <p>“I’ve always hated the term “Internet” … to me, if you have two networks, and connect them, you don’t get an “Internet” … you get a bigger network. So I’d say that two lasagnas stacked on top of each other are just a taller lasagna. Unless it overflows your pan, in which case you get a lasagna and a messy oven.”</p> <p>In the same AMA, Perlman goes on to give several nuggets of wisdom, including one that may be useful for Young Researchers attending the Heidelberg Laureate Forum (HLF) as well:</p> <p>“Self-confidence is important, but it’s hard to force that on yourself. Perhaps find people that you feel comfortable asking questions of. I’m glad I had a math background (rather than majoring in CS), because math makes you think cleanly. CS has a lot of meaningless buzzwords, which drive me crazy.</p> <p>“But again … what are you really good and passionate about? Find a way to leverage those skills in a networking career. The more different you are from the majority of other people in the skills, the more valuable you will be.”</p> <p>Perlman went on to hold over 200 patents and influence other key protocols and algorithms. In recent times, she has turned a critical eye on blockchain and the alleged promise it holds. But in the early days of the STP, the internet was finally ready to truly take off. There was only one major problem: How do you keep it safe? This is where two familiar HLF faces (Martin Hellman and Whitfield Diffie) will come in.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-7-of-12-the-tree-the-internet-grows-on/#respond 0 Neue Studie: Repräsentativität in der Antidepressiva-Forschung lässt zu wünschen übrig https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neue-studie-repraesentativitaet-in-der-antidepressiva-forschung-laesst-zu-wuenschen-uebrig/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neue-studie-repraesentativitaet-in-der-antidepressiva-forschung-laesst-zu-wuenschen-uebrig/#comments Tue, 20 Jan 2026 12:00:14 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3514 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/medicines-1756239_1920-768x498.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neue-studie-repraesentativitaet-in-der-antidepressiva-forschung-laesst-zu-wuenschen-uebrig/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/medicines-1756239_1920.jpg" /><h1>Neue Studie: Repräsentativität in der Antidepressiva-Forschung lässt zu wünschen übrig » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Obwohl psychische Störungen immer häufiger und intensiver behandelt werden, nimmt deren gesellschaftliche Krankheitslast immer weiter zu. Wie kann das sein?</strong></p> <span id="more-3514"></span> <p>Es wird schon seit längerer Zeit kritisiert, dass die klinische Forschung zu Psychopharmaka nicht repräsentativ genug ist. Zum Beispiel würden aus den Medikamentenstudien Personen mit mehreren Diagnosen ausgeschlossen. Sie seien “zu komplex” und würden die Ergebnisse verzerren.</p> <p>In der Praxis haben die Patientinnen und Patienten aber oft mehrere psychologisch-psychiatrische Störungen, Stichwort “Komorbidität”, oder körperliche Erkrankungen. Die Realität ist eben oft komplexer, als das für die Datenauswertung wünschenswert ist. Eine neue Studie gibt nun Hinweise darauf, wie groß das Problem ist.</p> <p>Zunächst soll aber kurz – auch aus eigener Erfahrung – erklärt werden, warum Komplexität ein Problem für die Forschung ist. Denn dann versteht man besser, warum es gerade in Studien mit finanziellen Interessen ein Bedürfnis nach Einfachheit gibt.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em><aside></aside></p> <hr></hr> <h2 id="h-nicht-zu-viel-variabilitat">Nicht zu viel Variabilität</h2> <p>In der experimentellen Forschung mit Menschen braucht man neben guten Ideen natürlich vor allem eins: viele Versuchspersonen. In meiner Zeit als Doktorand in zwei psychiatrischen Universitätskliniken war es üblich, dass man einander hilft. Da legte man sich für die Tests der anderen zum Beispiel in die Röhre des funktionellen Magnetresonanztomografen (fMRT). Umgekehrt halfen die anderen einem, wenn man selbst einen Versuch entwickelte.</p> <p>Es gibt im Leben aber auch Schöneres, als oft in so einer engen Röhre zu liegen. Wohlgemerkt, während mit elektromagnetischen Feldern das Körpergewebe (hier: des Gehirns) in kleine Scheiben unterteilt wird. Damit misst man die magnetische Resonanz, die dem Verfahren den Namen gibt. Die Geschwindigkeit, mit der das geschehen muss, erzeugt dabei viel Lärm.</p> <p>Anders gesagt: Es wäre nicht ganz unpraktisch, eine sozial akzeptierte Ausrede zu haben, um an solchen Versuchen <em>nicht</em> teilnehmen zu müssen. Und da kam mir meine Veranlagung als Linkshänder zur Hilfe: Wenn ich also gefragt wurde, ob ich wieder an einem Versuch teilnehmen würde, hob ich die linke Hand und sagte: “Natürlich helfe ich dir gerne. Aber du weißt schon, dass ich Linkshänder bin und das deine Varianz erhöht?” Damit war die Sache in 80 Prozent der Fälle erledigt.</p> <p>Bei der Untersuchung von Frauen gab es eine Vorliebe für diejenigen, die hormonell verhüteten, also “die Pille” nahmen. Denn auch mit dem Hormonzyklus gehen Veränderungen in den Messungen einher, die die Variabilität erhöhen.</p> <p>Sogar in der Tierforschung mit Mäusen und Ratten gibt es eine Vorliebe für die Männchen. Diese sind günstiger in der Haltung – und haben nicht die hormonellen Schwankungen der Weibchen. In den letzten Jahren wird diese Einseitigkeit aber immer stärker kritisiert, auch zu Recht.</p> <h2 id="h-reprasentativitat">Repräsentativität</h2> <p>Für Grundlagenforschung und zur Gewinnung neuer Hypothesen mag man solche Vereinfachungen noch akzeptieren. Mich wunderte, dass man in der Öffentlichkeit diesen Mythos verbreitete, mit der fMRT “dem Gehirn beim Denken zuzuschauen”, während tatsächlich schon Linkshänder oder Frauen ohne hormonelle Verhütung eine Gefahr für die Messergebnisse darstellten.</p> <p>Man sucht in der Forschung spezifische Effekte zu seiner Hypothese. Da stören Faktoren wie die Händigkeit oder Hormonschwankungen nur – sofern es im Experiment nicht genau darum geht. Streng genommen müsste man solche individuellen Unterschiede zwischen den Versuchspersonen in das statistische Modell aufnehmen, um unerklärte Variabilität zu vermeiden. Denn diese verschlechtert die Ergebnisse. In der Praxis bevorzugt man aber lieber eine gleichförmige Gruppe von Versuchspersonen.</p> <p>Das führt dann zu der häufigen Kritik, dass in der psychologischen oder experimentell-medizinischen Forschung zu oft die eigenen Studierenden untersucht werden. Daher würden die Ergebnisse nur eine kleine, in diesem Fall auch noch privilegierte Gruppe widerspiegeln, die “WEIRD People” (im Englischen für: westlich, gebildet, industrialisiert, reich und demokratisch). Zum Vergleich: Bei Wahlumfragen wäre es zwar praktisch, einfach bei den Nachbarn zu klingeln. Aber das würde eben keine zuverlässigen Ergebnisse für das ganze Land liefern.</p> <p>Deshalb ist die Frage der Repräsentativität bei klinischer Forschung besonders wichtig. Denn die Therapien werden ja nicht nur “idealen Personen” verordnet. Sowohl in der Ärzteschaft als auch für Patientinnen und Patienten sollten daher zuverlässige und aussagekräftige Daten zur Verfügung stehen. Wir wissen außerdem, dass <em>jede</em> Behandlung mit bestimmten Risiken einhergeht. Diese muss man gegen den zu erwartenden Nutzen abwägen. Und hierfür muss man richtig informiert sein.</p> <h2 id="h-neue-studie">Neue Studie</h2> <p>Um das Problem besser zu verstehen, hat ein internationales Forschungsteam jetzt die Daten von rund 210.000 Personen aus Finnland und Schweden mit einer depressiven Störung ausgewertet. Die Ergebnisse erschienen am 14. Januar <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/wps.70013">vorab online</a> in der wichtigen Fachzeitschrift <em>World Psychiatry</em>.</p> <p>Demnach wurden etwas mehr als ein Drittel der Betroffenen – 33,5 Prozent in der finnischen und 35,3 Prozent in der schwedischen Gruppe – systematisch aus der Antidepressiva-Forschung ausgegrenzt. Die häufigsten Gründe hierfür waren: das Vorliegen einer körperlichen Erkrankung sowie einer anderen psychologisch-psychiatrischen Störung, darunter auch problematischer Drogenkonsum. Wenn man die körperlichen Erkrankungen etwas weiter fasste, verschwanden sogar fast 50 Prozent der Patientinnen und Patienten vom Radar der Forschung.</p> <p>Mitunter wird hierauf erwidert, die Studien würden eben den <em>spezifischen</em> Effekt von Antidepressiva bei Depressionen untersuchen. Um Wechselwirkungen mit anderen Erkrankungen zu vermeiden, müsse man die komplexeren Fälle ausschließen.</p> <p>Diesen Einwand könnte man meiner Meinung nach in einer experimentellen Anfangsphase gelten lassen. Die Medikamente, um die es hier geht, werden aber seit über 40 Jahren verschrieben. Und sogar heute noch steigt die Anzahl der Verschreibungen stetig, auf inzwischen über 1,8 Milliarden Tagesdosen allein in Deutschland.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva.jpg"><img alt="" decoding="async" height="593" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva-1024x593.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva-1024x593.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva-300x174.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva-768x445.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva.jpg 1385w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Im hier dargestellten Zeitraum hat sich die Verschreibung der sogenannten Antidepressiva (schwarze Linie) in Deutschland in etwa verelffacht. Die Verschreibung von Beruhigungsmitteln (graue Linie) nahm währenddessen ab. Heute werden die Antidepressiva – vor allem Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer – nicht nur oft bei depressiven Störungen, sondern auch Angst- und Zwangsstörungen verschrieben. Datenquelle: Arzneiverordnungs-Report</em></p> <h2 id="h-die-schwersten-probleme">Die schwersten Probleme</h2> <p>Der beschriebene Ausschluss hat aber – neben der geringeren Repräsentativität – noch eine andere Folge: Mit den komplexeren Fällen werden nämlich auch die Patientinnen und Patienten <em>mit den schwersten Depressionen</em> aus der Forschung ausgegrenzt. Die hatten laut der Studie nämlich eine zwei- bis dreimal so hohe Wahrscheinlichkeit für eine Krankenhausaufnahme, einen Suizidversuch oder gar den Tod innerhalb der nächsten sechs Monate.</p> <p><em>Haben Sie Suizidgedanken? Zum Beispiel die Telefonseelsorge (0800 111 0 111) oder Nummer gegen Kummer (116 111) können helfen. Im Notfall können Sie auch den Notruf wählen.</em></p> <p>Demnach gibt es gerade für diejenigen, die am meisten auf eine wirksame Therapie angewiesen sind, am wenigsten Daten. Dass die Wirksamkeit der Medikamente in der Praxis eher bescheiden ausfällt, überrascht dann nicht – und wurde in meinem Blog übrigens <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/groesstenteils-nutzlos-und-potenziell-schaedlich/">schon 2018 thematisiert</a>.</p> <h2 id="h-begriff-der-antidepressiva">Begriff der Antidepressiva</h2> <p>In den letzten Jahren wurde der Begriff “Antidepressiva” auch aus pharmakologischer Sicht kritisiert. Die Mittel werden inzwischen nämlich für eine Vielzahl von psychologisch-psychiatrischen Störungen verschrieben. Im Arzneiverordnungs-Report ist sogar von einer “dramatischen Erweiterung” die Rede:</p> <blockquote> <p>“Ursprünglich wurden diese Arzneistoffe zur Therapie der Depression eingesetzt. In den letzten Jahren hat sich jedoch eine dramatische Erweiterung des Indikationsspektrums für die Antidepressiva entwickelt. Sie werden unter anderem auch zur Therapie von Angststörungen, Zwangserkrankungen, Panikstörungen, posttraumatischem Stress-Syndrom und neuropathischen Schmerzen eingesetzt. Also muss der Arzt bei diesen Indikationen, wenn er ein Antidepressivum verschreibt, dem Patienten unter Umständen klarmachen, dass er keine Depression habe, sondern die verschriebenen Arzneistoffe auch bei anderen Erkrankungen wirksam sind. Der Patient wird oft irritiert sein und dann beim Recherchieren im Internet feststellen, dass die Depression als Hauptindikation für Antidepressiva gelistet wird.” (Arzneiverordnungs-Report 2021, S. 111f.)</p> </blockquote> <p>Anders gesagt: Weil diese Mittel “Antidepressiva” heißen und viele Patientinnen und Patienten lieber nicht mit depressiven Störungen in Zusammenhang gebracht werden, lehnen sie diese Medikamente häufiger ab. Als Alternative wird darum nun aus pharmakologischer Sicht vorgeschlagen, von “Serotonin- oder Noradrenalin-Verstärkern” zu reden. Damit beschreibt man eher, wie die Substanzen im Körper wirken.</p> <p>Darüber, was sie <em>mit der Psyche</em> der Betroffenen machen, ist übrigens erstaunlich wenig bekannt. In den Wirksamkeitsstudien wird untersucht, wie groß der Unterschied auf einer standardisierten Depressions-Skala ist. Damit wird zum Beispiel abgefragt, wie niedergeschlagen man sich fühlt oder wie aktiv man am Leben teilnimmt. Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit sind die Kernsymptome der depressiven Störung.</p> <p>Eine der wenigen mit kritischer Haltung in der psychiatrischen Forschung, Joanna Moncrieff, Professorin am University College London, wollte es genauer wissen. Nach jahrelangem Studium zieht sie das Fazit, dass die genannten Medikamente vor allem Gefühle unterdrücken und manchmal auch eine aktivierende Wirkung haben. In ihrem neuen Buch <em>Chemically Imbalanced: The Making and Unmaking of the Serotonin Myth</em> räumt sie mit so manchem Mythos auf, wie zum Beispiel dem, die Substanzen würden ein neurochemisches Ungleichgewicht im Gehirn korrigieren.</p> <h2 id="h-neu-woruber-psychiater-ungern-sprechen">Mehr zum Thema</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></p> <h2 id="h-in-der-summe">In der Summe</h2> <p>Das wäre vielleicht alles halb so wild, ging es nicht um so viele Personen. Die 1,8 Milliarden Tagesdosen reichen für die tägliche Behandlung von 5 Millionen Menschen. In machen Ländern, allen voran die USA, werden pro Kopf noch viel mehr Psychopharmaka verschrieben. Dort ist der Pharma-Markt weniger streng reguliert und dürfen die Unternehmen ihre Medikamente sogar öffentlich bewerben,</p> <p>Und es wäre auch nur halb so wild, würden die psychischen Probleme nicht immer größer: Obwohl wir immer mehr für die mentale Gesundheit tun, ausgeben und therapieren, nimmt die mit ihnen verbundene Krankheitslast zu; es gibt zum Beispiel immer mehr Krankheitstage und längerfristige Arbeitsunfähigkeiten im Zusammenhang mit psychologisch-psychiatrischen Störungen. Zu glauben, dass immer mehr Aufmerksamkeit, Stichwort Influencer und “Mental Health Awareness”, die Probleme verringern, ist naiv.</p> <p>Leider zeichnen sich in den letzten Jahren auch die Schattenseiten der Medikamente immer deutlicher ab: Aber die Nebenwirkungen und das Abhängigkeitsrisiko sind ein komplexes Thema für sich. Zur Orientierung ist die ARD-Dokumentation <a href="https://www.ardmediathek.de/video/dokumentation-und-reportage/tabletten-gegen-depressionen-helfen-antidepressiva/das-erste/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3JlcG9ydGFnZSBfIGRva3VtZW50YXRpb24gaW0gZXJzdGVuLzIwMjItMDktMTJfMjMtMDUtTUVTWg">Tabletten gegen Depressionen – helfen Antidepressiva?</a> aus dem Jahr 2022 immer noch zu empfehlen. Mir bleibt vor allem die Psychotherapeutin in lebhafter Erinnerung, die die kritischen Berichte ihrer Patientinnen und Patienten lange Zeit nicht ernst nahm. Vor laufender Kamera gesteht sie ihre eigene Abhängigkeit, dass sie selbst gerne die “Antidepressiva” absetzen würde, doch es ihr nicht gelingt.</p> <p>Mit der neuen Studie der finnischen und schwedischen Daten wird konkreter, wie verzerrt die Datenlage zu den sogenannten Antidepressiva ist. In den Worten der Forscherinnen und Forscher:</p> <blockquote> <p>“Wir kommen zu dem Schluss, dass umfassendere Einschlusskriterien für randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) und deren Integration mit Daten aus der realen Welt erforderlich sind, um die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse von Antidepressiva-Studien und der klinischen Behandlungsleitlinien für depressive Störungen zu verbessern. … Unsere Ergebnisse bestätigen die Bedenken über die mangelnde Übertragbarkeit der Ergebnisse von klinischen Versuchen in der Psychiatrie auf die Situationen und Individuen in der wirklichen Welt.” (Hamina et al., 2026, S. 117 &amp; 123)</p> </blockquote> <h2 id="h-alternativen">Alternativen</h2> <p>Nach über 40 Jahren zunehmender Verschreibung ist das ein ernüchterndes Fazit. In diesem Zeitraum stieg übrigens der Aktienkurs der Pharmafirma Eli Lilly von rund 5 US-Dollar Mitte der 1980er-Jahre auf heute satte 1.000 Dollar, also um den Faktor 200. Das ist nur <em>ein</em> Beispiel für eines der globalen Unternehmen, das mit den neuen “Antidepressiva” groß geworden ist. In jüngerer Zeit verdient Lilly allerdings auch sehr gut an Medikamenten zum Abnehmen, einem anderen Massenmarkt.</p> <p>Das Thema “Abnehmen” wäre eine interessante andere Fallstudie für ein Problem unserer Zivilisation, das gleichzeitig einen Milliardenumsatz auf dem Gesundheitsmarkt ermöglicht. Das zeigt einmal mehr, dass wichtige Akteure dieses Markts gar kein Interesse an nachhaltiger Gesundheit, sondern an beherrschbarer, chronischer Krankheit haben:</p> <p>Erst verdienen große Nahrungsmittelkonzerne am massenweisen Verkauf hoch industriell verarbeiteten und damit billigen Essens mit viel Fett, Salz, Zucker und Geschmacksverstärkern. Und dann verdienen große Pharmafirmen mit dem massenweisen Verkauf von Mitteln zum Abnehmen. Auch die Ärzteschaft verdient dabei mit. Dabei ist sehr praktisch, wenn diese Mittel das Leiden nur lindern, so lange man sie nimmt. Durch eine nachhaltige Änderung des Lebenswandels mit besserer Nahrung, Zeit für Bewegung und einer guten Balance wichtiger Lebensziele würden diese Milliardenmärkte wegbrechen.</p> <p>Wie man gesund lebt, sowohl körperlich als auch geistig, ist natürlich ein komplexes Thema, das man nicht in einem Satz behandeln kann. Aber dass sehr viele Ursachen der Probleme in unserer Umwelt liegen, sei an dieser Stelle mit auf den Weg gegeben.</p> <p>Der große Schwerpunkt auf das Individuum und dessen Gehirn durch die Dominanz der biologischen Psychiatrie seit den 1980er-Jahren geht mit einer immer größeren Krankheitslast einher. Ausführlicher erklärt ist das in meinem neuen Buch, <em><u><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736">Perspektiven aus der Depressions-Epidemie</a></u></em>. Wenn aber die Medikamentenforschung auch Jahrzehnte später noch so wenig aussagekräftig ist, wie in der hier besprochenen neuen Studie beschrieben, dann gibt es auf jeden Fall einen großen Verbesserungsspielraum.</p> <h2 id="h-quelle">Quelle</h2> <ul> <li>Hamina, A., Pinzón‐Espinosa, J., Taipale, H., Schneider‐Thoma, J., Radua, J., Efthimiou, O., … &amp; Luykx, J. J. (2026). <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/wps.70013">Representation and outcomes of individuals with major depression in routine care who are ineligible for randomized controlled trials: a nationwide register‐based study</a>. <em>World Psychiatry</em>, 25(1), 117.</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: auf Grundlage von <a href="https://pixabay.com/illustrations/medicines-disease-doctor-woman-1756239/">Thanks for your Likes</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/b185cf69cad349b083fff3030d06c191" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/medicines-1756239_1920.jpg" /><h1>Neue Studie: Repräsentativität in der Antidepressiva-Forschung lässt zu wünschen übrig » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Obwohl psychische Störungen immer häufiger und intensiver behandelt werden, nimmt deren gesellschaftliche Krankheitslast immer weiter zu. Wie kann das sein?</strong></p> <span id="more-3514"></span> <p>Es wird schon seit längerer Zeit kritisiert, dass die klinische Forschung zu Psychopharmaka nicht repräsentativ genug ist. Zum Beispiel würden aus den Medikamentenstudien Personen mit mehreren Diagnosen ausgeschlossen. Sie seien “zu komplex” und würden die Ergebnisse verzerren.</p> <p>In der Praxis haben die Patientinnen und Patienten aber oft mehrere psychologisch-psychiatrische Störungen, Stichwort “Komorbidität”, oder körperliche Erkrankungen. Die Realität ist eben oft komplexer, als das für die Datenauswertung wünschenswert ist. Eine neue Studie gibt nun Hinweise darauf, wie groß das Problem ist.</p> <p>Zunächst soll aber kurz – auch aus eigener Erfahrung – erklärt werden, warum Komplexität ein Problem für die Forschung ist. Denn dann versteht man besser, warum es gerade in Studien mit finanziellen Interessen ein Bedürfnis nach Einfachheit gibt.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em><aside></aside></p> <hr></hr> <h2 id="h-nicht-zu-viel-variabilitat">Nicht zu viel Variabilität</h2> <p>In der experimentellen Forschung mit Menschen braucht man neben guten Ideen natürlich vor allem eins: viele Versuchspersonen. In meiner Zeit als Doktorand in zwei psychiatrischen Universitätskliniken war es üblich, dass man einander hilft. Da legte man sich für die Tests der anderen zum Beispiel in die Röhre des funktionellen Magnetresonanztomografen (fMRT). Umgekehrt halfen die anderen einem, wenn man selbst einen Versuch entwickelte.</p> <p>Es gibt im Leben aber auch Schöneres, als oft in so einer engen Röhre zu liegen. Wohlgemerkt, während mit elektromagnetischen Feldern das Körpergewebe (hier: des Gehirns) in kleine Scheiben unterteilt wird. Damit misst man die magnetische Resonanz, die dem Verfahren den Namen gibt. Die Geschwindigkeit, mit der das geschehen muss, erzeugt dabei viel Lärm.</p> <p>Anders gesagt: Es wäre nicht ganz unpraktisch, eine sozial akzeptierte Ausrede zu haben, um an solchen Versuchen <em>nicht</em> teilnehmen zu müssen. Und da kam mir meine Veranlagung als Linkshänder zur Hilfe: Wenn ich also gefragt wurde, ob ich wieder an einem Versuch teilnehmen würde, hob ich die linke Hand und sagte: “Natürlich helfe ich dir gerne. Aber du weißt schon, dass ich Linkshänder bin und das deine Varianz erhöht?” Damit war die Sache in 80 Prozent der Fälle erledigt.</p> <p>Bei der Untersuchung von Frauen gab es eine Vorliebe für diejenigen, die hormonell verhüteten, also “die Pille” nahmen. Denn auch mit dem Hormonzyklus gehen Veränderungen in den Messungen einher, die die Variabilität erhöhen.</p> <p>Sogar in der Tierforschung mit Mäusen und Ratten gibt es eine Vorliebe für die Männchen. Diese sind günstiger in der Haltung – und haben nicht die hormonellen Schwankungen der Weibchen. In den letzten Jahren wird diese Einseitigkeit aber immer stärker kritisiert, auch zu Recht.</p> <h2 id="h-reprasentativitat">Repräsentativität</h2> <p>Für Grundlagenforschung und zur Gewinnung neuer Hypothesen mag man solche Vereinfachungen noch akzeptieren. Mich wunderte, dass man in der Öffentlichkeit diesen Mythos verbreitete, mit der fMRT “dem Gehirn beim Denken zuzuschauen”, während tatsächlich schon Linkshänder oder Frauen ohne hormonelle Verhütung eine Gefahr für die Messergebnisse darstellten.</p> <p>Man sucht in der Forschung spezifische Effekte zu seiner Hypothese. Da stören Faktoren wie die Händigkeit oder Hormonschwankungen nur – sofern es im Experiment nicht genau darum geht. Streng genommen müsste man solche individuellen Unterschiede zwischen den Versuchspersonen in das statistische Modell aufnehmen, um unerklärte Variabilität zu vermeiden. Denn diese verschlechtert die Ergebnisse. In der Praxis bevorzugt man aber lieber eine gleichförmige Gruppe von Versuchspersonen.</p> <p>Das führt dann zu der häufigen Kritik, dass in der psychologischen oder experimentell-medizinischen Forschung zu oft die eigenen Studierenden untersucht werden. Daher würden die Ergebnisse nur eine kleine, in diesem Fall auch noch privilegierte Gruppe widerspiegeln, die “WEIRD People” (im Englischen für: westlich, gebildet, industrialisiert, reich und demokratisch). Zum Vergleich: Bei Wahlumfragen wäre es zwar praktisch, einfach bei den Nachbarn zu klingeln. Aber das würde eben keine zuverlässigen Ergebnisse für das ganze Land liefern.</p> <p>Deshalb ist die Frage der Repräsentativität bei klinischer Forschung besonders wichtig. Denn die Therapien werden ja nicht nur “idealen Personen” verordnet. Sowohl in der Ärzteschaft als auch für Patientinnen und Patienten sollten daher zuverlässige und aussagekräftige Daten zur Verfügung stehen. Wir wissen außerdem, dass <em>jede</em> Behandlung mit bestimmten Risiken einhergeht. Diese muss man gegen den zu erwartenden Nutzen abwägen. Und hierfür muss man richtig informiert sein.</p> <h2 id="h-neue-studie">Neue Studie</h2> <p>Um das Problem besser zu verstehen, hat ein internationales Forschungsteam jetzt die Daten von rund 210.000 Personen aus Finnland und Schweden mit einer depressiven Störung ausgewertet. Die Ergebnisse erschienen am 14. Januar <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/wps.70013">vorab online</a> in der wichtigen Fachzeitschrift <em>World Psychiatry</em>.</p> <p>Demnach wurden etwas mehr als ein Drittel der Betroffenen – 33,5 Prozent in der finnischen und 35,3 Prozent in der schwedischen Gruppe – systematisch aus der Antidepressiva-Forschung ausgegrenzt. Die häufigsten Gründe hierfür waren: das Vorliegen einer körperlichen Erkrankung sowie einer anderen psychologisch-psychiatrischen Störung, darunter auch problematischer Drogenkonsum. Wenn man die körperlichen Erkrankungen etwas weiter fasste, verschwanden sogar fast 50 Prozent der Patientinnen und Patienten vom Radar der Forschung.</p> <p>Mitunter wird hierauf erwidert, die Studien würden eben den <em>spezifischen</em> Effekt von Antidepressiva bei Depressionen untersuchen. Um Wechselwirkungen mit anderen Erkrankungen zu vermeiden, müsse man die komplexeren Fälle ausschließen.</p> <p>Diesen Einwand könnte man meiner Meinung nach in einer experimentellen Anfangsphase gelten lassen. Die Medikamente, um die es hier geht, werden aber seit über 40 Jahren verschrieben. Und sogar heute noch steigt die Anzahl der Verschreibungen stetig, auf inzwischen über 1,8 Milliarden Tagesdosen allein in Deutschland.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva.jpg"><img alt="" decoding="async" height="593" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva-1024x593.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva-1024x593.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva-300x174.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva-768x445.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva.jpg 1385w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Im hier dargestellten Zeitraum hat sich die Verschreibung der sogenannten Antidepressiva (schwarze Linie) in Deutschland in etwa verelffacht. Die Verschreibung von Beruhigungsmitteln (graue Linie) nahm währenddessen ab. Heute werden die Antidepressiva – vor allem Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer – nicht nur oft bei depressiven Störungen, sondern auch Angst- und Zwangsstörungen verschrieben. Datenquelle: Arzneiverordnungs-Report</em></p> <h2 id="h-die-schwersten-probleme">Die schwersten Probleme</h2> <p>Der beschriebene Ausschluss hat aber – neben der geringeren Repräsentativität – noch eine andere Folge: Mit den komplexeren Fällen werden nämlich auch die Patientinnen und Patienten <em>mit den schwersten Depressionen</em> aus der Forschung ausgegrenzt. Die hatten laut der Studie nämlich eine zwei- bis dreimal so hohe Wahrscheinlichkeit für eine Krankenhausaufnahme, einen Suizidversuch oder gar den Tod innerhalb der nächsten sechs Monate.</p> <p><em>Haben Sie Suizidgedanken? Zum Beispiel die Telefonseelsorge (0800 111 0 111) oder Nummer gegen Kummer (116 111) können helfen. Im Notfall können Sie auch den Notruf wählen.</em></p> <p>Demnach gibt es gerade für diejenigen, die am meisten auf eine wirksame Therapie angewiesen sind, am wenigsten Daten. Dass die Wirksamkeit der Medikamente in der Praxis eher bescheiden ausfällt, überrascht dann nicht – und wurde in meinem Blog übrigens <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/groesstenteils-nutzlos-und-potenziell-schaedlich/">schon 2018 thematisiert</a>.</p> <h2 id="h-begriff-der-antidepressiva">Begriff der Antidepressiva</h2> <p>In den letzten Jahren wurde der Begriff “Antidepressiva” auch aus pharmakologischer Sicht kritisiert. Die Mittel werden inzwischen nämlich für eine Vielzahl von psychologisch-psychiatrischen Störungen verschrieben. Im Arzneiverordnungs-Report ist sogar von einer “dramatischen Erweiterung” die Rede:</p> <blockquote> <p>“Ursprünglich wurden diese Arzneistoffe zur Therapie der Depression eingesetzt. In den letzten Jahren hat sich jedoch eine dramatische Erweiterung des Indikationsspektrums für die Antidepressiva entwickelt. Sie werden unter anderem auch zur Therapie von Angststörungen, Zwangserkrankungen, Panikstörungen, posttraumatischem Stress-Syndrom und neuropathischen Schmerzen eingesetzt. Also muss der Arzt bei diesen Indikationen, wenn er ein Antidepressivum verschreibt, dem Patienten unter Umständen klarmachen, dass er keine Depression habe, sondern die verschriebenen Arzneistoffe auch bei anderen Erkrankungen wirksam sind. Der Patient wird oft irritiert sein und dann beim Recherchieren im Internet feststellen, dass die Depression als Hauptindikation für Antidepressiva gelistet wird.” (Arzneiverordnungs-Report 2021, S. 111f.)</p> </blockquote> <p>Anders gesagt: Weil diese Mittel “Antidepressiva” heißen und viele Patientinnen und Patienten lieber nicht mit depressiven Störungen in Zusammenhang gebracht werden, lehnen sie diese Medikamente häufiger ab. Als Alternative wird darum nun aus pharmakologischer Sicht vorgeschlagen, von “Serotonin- oder Noradrenalin-Verstärkern” zu reden. Damit beschreibt man eher, wie die Substanzen im Körper wirken.</p> <p>Darüber, was sie <em>mit der Psyche</em> der Betroffenen machen, ist übrigens erstaunlich wenig bekannt. In den Wirksamkeitsstudien wird untersucht, wie groß der Unterschied auf einer standardisierten Depressions-Skala ist. Damit wird zum Beispiel abgefragt, wie niedergeschlagen man sich fühlt oder wie aktiv man am Leben teilnimmt. Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit sind die Kernsymptome der depressiven Störung.</p> <p>Eine der wenigen mit kritischer Haltung in der psychiatrischen Forschung, Joanna Moncrieff, Professorin am University College London, wollte es genauer wissen. Nach jahrelangem Studium zieht sie das Fazit, dass die genannten Medikamente vor allem Gefühle unterdrücken und manchmal auch eine aktivierende Wirkung haben. In ihrem neuen Buch <em>Chemically Imbalanced: The Making and Unmaking of the Serotonin Myth</em> räumt sie mit so manchem Mythos auf, wie zum Beispiel dem, die Substanzen würden ein neurochemisches Ungleichgewicht im Gehirn korrigieren.</p> <h2 id="h-neu-woruber-psychiater-ungern-sprechen">Mehr zum Thema</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></p> <h2 id="h-in-der-summe">In der Summe</h2> <p>Das wäre vielleicht alles halb so wild, ging es nicht um so viele Personen. Die 1,8 Milliarden Tagesdosen reichen für die tägliche Behandlung von 5 Millionen Menschen. In machen Ländern, allen voran die USA, werden pro Kopf noch viel mehr Psychopharmaka verschrieben. Dort ist der Pharma-Markt weniger streng reguliert und dürfen die Unternehmen ihre Medikamente sogar öffentlich bewerben,</p> <p>Und es wäre auch nur halb so wild, würden die psychischen Probleme nicht immer größer: Obwohl wir immer mehr für die mentale Gesundheit tun, ausgeben und therapieren, nimmt die mit ihnen verbundene Krankheitslast zu; es gibt zum Beispiel immer mehr Krankheitstage und längerfristige Arbeitsunfähigkeiten im Zusammenhang mit psychologisch-psychiatrischen Störungen. Zu glauben, dass immer mehr Aufmerksamkeit, Stichwort Influencer und “Mental Health Awareness”, die Probleme verringern, ist naiv.</p> <p>Leider zeichnen sich in den letzten Jahren auch die Schattenseiten der Medikamente immer deutlicher ab: Aber die Nebenwirkungen und das Abhängigkeitsrisiko sind ein komplexes Thema für sich. Zur Orientierung ist die ARD-Dokumentation <a href="https://www.ardmediathek.de/video/dokumentation-und-reportage/tabletten-gegen-depressionen-helfen-antidepressiva/das-erste/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3JlcG9ydGFnZSBfIGRva3VtZW50YXRpb24gaW0gZXJzdGVuLzIwMjItMDktMTJfMjMtMDUtTUVTWg">Tabletten gegen Depressionen – helfen Antidepressiva?</a> aus dem Jahr 2022 immer noch zu empfehlen. Mir bleibt vor allem die Psychotherapeutin in lebhafter Erinnerung, die die kritischen Berichte ihrer Patientinnen und Patienten lange Zeit nicht ernst nahm. Vor laufender Kamera gesteht sie ihre eigene Abhängigkeit, dass sie selbst gerne die “Antidepressiva” absetzen würde, doch es ihr nicht gelingt.</p> <p>Mit der neuen Studie der finnischen und schwedischen Daten wird konkreter, wie verzerrt die Datenlage zu den sogenannten Antidepressiva ist. In den Worten der Forscherinnen und Forscher:</p> <blockquote> <p>“Wir kommen zu dem Schluss, dass umfassendere Einschlusskriterien für randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) und deren Integration mit Daten aus der realen Welt erforderlich sind, um die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse von Antidepressiva-Studien und der klinischen Behandlungsleitlinien für depressive Störungen zu verbessern. … Unsere Ergebnisse bestätigen die Bedenken über die mangelnde Übertragbarkeit der Ergebnisse von klinischen Versuchen in der Psychiatrie auf die Situationen und Individuen in der wirklichen Welt.” (Hamina et al., 2026, S. 117 &amp; 123)</p> </blockquote> <h2 id="h-alternativen">Alternativen</h2> <p>Nach über 40 Jahren zunehmender Verschreibung ist das ein ernüchterndes Fazit. In diesem Zeitraum stieg übrigens der Aktienkurs der Pharmafirma Eli Lilly von rund 5 US-Dollar Mitte der 1980er-Jahre auf heute satte 1.000 Dollar, also um den Faktor 200. Das ist nur <em>ein</em> Beispiel für eines der globalen Unternehmen, das mit den neuen “Antidepressiva” groß geworden ist. In jüngerer Zeit verdient Lilly allerdings auch sehr gut an Medikamenten zum Abnehmen, einem anderen Massenmarkt.</p> <p>Das Thema “Abnehmen” wäre eine interessante andere Fallstudie für ein Problem unserer Zivilisation, das gleichzeitig einen Milliardenumsatz auf dem Gesundheitsmarkt ermöglicht. Das zeigt einmal mehr, dass wichtige Akteure dieses Markts gar kein Interesse an nachhaltiger Gesundheit, sondern an beherrschbarer, chronischer Krankheit haben:</p> <p>Erst verdienen große Nahrungsmittelkonzerne am massenweisen Verkauf hoch industriell verarbeiteten und damit billigen Essens mit viel Fett, Salz, Zucker und Geschmacksverstärkern. Und dann verdienen große Pharmafirmen mit dem massenweisen Verkauf von Mitteln zum Abnehmen. Auch die Ärzteschaft verdient dabei mit. Dabei ist sehr praktisch, wenn diese Mittel das Leiden nur lindern, so lange man sie nimmt. Durch eine nachhaltige Änderung des Lebenswandels mit besserer Nahrung, Zeit für Bewegung und einer guten Balance wichtiger Lebensziele würden diese Milliardenmärkte wegbrechen.</p> <p>Wie man gesund lebt, sowohl körperlich als auch geistig, ist natürlich ein komplexes Thema, das man nicht in einem Satz behandeln kann. Aber dass sehr viele Ursachen der Probleme in unserer Umwelt liegen, sei an dieser Stelle mit auf den Weg gegeben.</p> <p>Der große Schwerpunkt auf das Individuum und dessen Gehirn durch die Dominanz der biologischen Psychiatrie seit den 1980er-Jahren geht mit einer immer größeren Krankheitslast einher. Ausführlicher erklärt ist das in meinem neuen Buch, <em><u><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736">Perspektiven aus der Depressions-Epidemie</a></u></em>. Wenn aber die Medikamentenforschung auch Jahrzehnte später noch so wenig aussagekräftig ist, wie in der hier besprochenen neuen Studie beschrieben, dann gibt es auf jeden Fall einen großen Verbesserungsspielraum.</p> <h2 id="h-quelle">Quelle</h2> <ul> <li>Hamina, A., Pinzón‐Espinosa, J., Taipale, H., Schneider‐Thoma, J., Radua, J., Efthimiou, O., … &amp; Luykx, J. J. (2026). <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/wps.70013">Representation and outcomes of individuals with major depression in routine care who are ineligible for randomized controlled trials: a nationwide register‐based study</a>. <em>World Psychiatry</em>, 25(1), 117.</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: auf Grundlage von <a href="https://pixabay.com/illustrations/medicines-disease-doctor-woman-1756239/">Thanks for your Likes</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/b185cf69cad349b083fff3030d06c191" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neue-studie-repraesentativitaet-in-der-antidepressiva-forschung-laesst-zu-wuenschen-uebrig/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>14</slash:comments> </item> <item> <title>Binge Eating https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/binge-eating/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/binge-eating/#respond Tue, 20 Jan 2026 07:54:13 +0000 Ruzica Sedic https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5539 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/emotional-eating-overeating-binge-eating-10.21.2020-768x525.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/binge-eating/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/emotional-eating-overeating-binge-eating-10.21.2020.jpg" /><h1>Binge Eating » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Ruzica Sedic</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Als Elena 13 Jahre alt war, machte sie ihre erste Diät mit ihrer Mutter. Damals wollte sie unbedingt in Kleidergröße XS passen und machte eine Saftkur. Was darauf folgte, war eine über zehn Jahre andauernde Essstörung, die von Magersucht über Bulimie bis hin zum Binge Eating reichte.</p> <h3 id="h-wie-wird-hunger-reguliert">Wie wird Hunger reguliert?</h3> <p>Hunger entsteht aus einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren, von denen viele noch nicht komplett erforscht sind.</p> <p>Ist der Magen leer, wird dort das Hormon Ghrelin ausgeschüttet, welches zum Hypothalamus gelangt. Gleichzeitig sinkt nach längerer Nahrungsabstinenz der Blutzucker, was zusätzliche Hungersignale an den Hypothalamus sendet [1]. </p> <p>Nach dem Essen fällt der Ghrelinspiegel wieder ab [2], gleichzeitig wirkt Leptin entgegen, ein Hormon aus dem Fettgewebe, das dem Gehirn signalisiert: Die Energiespeicher sind voll, du kannst aufhören zu essen [3]. In übergewichtigen Menschen ist der Abfall von Ghrelin nach dem Essen geringer [2].</p> <p>Weitere Sättigungshormone wie Cholecystokinin (CCK), Peptid YY (PYY) und GLP‑1 werden im Darm nach Nahrungsaufnahme freigesetzt und bremsen den Appetit [4].<aside></aside></p> <p>Insulin aus der <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/zuckertod-diabetische-neuropathien/">Bauchspeicheldrüse</a> senkt nicht nur den Blutzucker, sondern wirkt auch im Gehirn appetithemmend und ist an der langfristigen Regulation des Körpergewichts beteiligt [5].</p> <p>Der Hypothalamus ist eine Region im Zwischenhirn, die unter anderem die Nahrungsaufnahme, aber auch Atmung, Kreislauf, Körpertemperatur und Sexualverhalten steuert [6]. Dort kommen viele der hormonellen Signale zusammen. Es gibt Neuronengruppen, die entweder appetitanregend (orexigen) oder appetithemmend (anorexigen) wirken und je nach Hormoneingang aktiviert oder gehemmt werden [7]. Ghrelin aktiviert vor allem die orexigenen Neurone, während Leptin und Insulin die anorexigenen Neurone aktivieren [8].</p> <h3 id="h-welche-rolle-spielt-belohnung-beim-essen">Welche Rolle spielt Belohnung beim Essen?</h3> <p>Essen dient nicht nur als Energiequelle, sondern auch als „Belohnung“. Dabei spielt der Neurotransmitter Dopamin, der eine positive Wirkung hat, eine Rolle. Dopamin-Neuronen aus dem ventralen tegmentalen Areal, einer Region im Mittelhirn, die eine zentrale Rolle im Belohnungssystem spielt, feuern, wenn wir etwas Leckeres riechen oder sehen, in den Nucleus accumbens. Das weckt Lust und Motivation, es zu essen [9].</p> <p>Hormone wie Ghrelin verstärken das: Sie unterstützen die Dopaminausschüttung und machen vor allem Süßes oder Fettiges unwiderstehlich [10, 11].</p> <p>Die Amygdala, eine Region, welche für Emotionen zuständig ist, bewertet, wie “tröstlich” Essen wirkt. Konkret verstärkt chronischer Stress die Verbindungen zwischen der Amygdala und belohnungsbezogenen Hirnarealen und erhöht so die Lust auf kalorienreiche Nahrungsmittel [12]. Stress reduziert die Verbindungen zwischen Hirnregionen, die für die Selbstkontrolle zuständig sind, wodurch die Wahrscheinlichkeit steigt, dass Menschen zu belohnenden Lebensmitteln wie Süßigkeiten oder Fast Food greifen [13].</p> <h3 id="h-welche-rolle-spielt-stress">Welche Rolle spielt Stress?</h3> <p>Cortisol, das Stresshormon, kann das Hungergefühl vor allem bei länger anhaltendem Stress deutlich steigern. Es wirkt dabei sowohl direkt auf den Stoffwechsel als auch indirekt über das Belohnungssystem im Gehirn [14].</p> <p>Kurzfristig erhöht Cortisol in Stresssituationen den Blutzucker, um schnell Energie bereitzustellen, der Körper ist im “Alarmzustand”, der Körper stellt die Nahrungsaufnahme hinten an, denn er ist im “Fight or Flight”-Modus. Bei chronisch erhöhtem Cortisol, z.B. ausgelöst durch psychische Störungen oder äußere Einflüsse, verschiebt sich der Effekt: Das Hungergefühl nimmt zu, besonders die Lust auf kalorienreiche, süße und fettige Lebensmittel [15].</p> <p>Erhöhte Glukokortikoidspiegel, zu denen auch Cortisol gehört und die bei psychischem Stress auftreten, führen zu verstärktem Hunger und zu einer verringerten regionalen Hirndurchblutung in unter anderem den mit Belohnung, Motivation sowie der Nahrungsaufnahme und Kontrolle assoziierten Regionen [16].</p> <p>Nicht alle Menschen reagieren gleich auf Stress: Bei manchen führt Stress zur Appetitlosigkeit, bei anderen zu “emotionalem Essen”. Faktoren wie Genetik, Schlafqualität, Bewegungsverhalten und psychische Verfassung beeinflussen, ob Cortisol eher zu mehr oder zu weniger Essen führt.</p> <h3 id="h-was-ist-binge-eating">Was ist Binge Eating?</h3> <p>Das Hauptsymptom der Binge Eating Disorder (BED) sind „Essanfälle“, bei denen Betroffene innerhalb kurzer Zeit große Mengen an Essen zu sich nehmen und dabei das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren [17]. Die Betroffenen essen in diesen Phasen besonders schnell und haben das Gefühl, nicht aufhören zu können. Oft hören sie erst auf, wenn sie sich unangenehm voll fühlen. Während und nach einer solchen Attacke folgen häufig Scham, Ekel und Schuldgefühle. </p> <p>Im Gegensatz zur Bulimie (Ess-Brech-Sucht) greifen von Binge-Eating-Betroffenen nicht zu gewichtsreduzierenden Mitteln wie Erbrechen, Hungern oder exzessivem Sport.</p> <h3 id="h-ursachen-fur-binge-eating">Ursachen für Binge Eating</h3> <p>Zu den Risikofaktoren gehören psychische und körperliche Einflüsse. Dazu gehören zum Beispiel negative Kindheitserfahrungen, elterliche Depressionen, Anfälligkeit für Übergewicht und negative Kommentare über Figur, Gewicht und Essverhalten [18]. Betroffene berichten, dass das Verbieten bestimmter Lebensmittel (z.B. Süßigkeiten) oder radikale Diäten ein Trigger für eine Essattacke sein können.</p> <h3 id="h-scham-und-zwang">Scham und Zwang</h3> <p>Betroffene berichten von einer großen Scham nach einer Essattacke. Sie haben das Gefühl von Kontrollverlust und ekeln sich teilweise vor sich selbst. Häufig essen sie auch Dinge, die sie gar nicht essen wollen, wie Elena, die in einer Essattacke eine Packung Kräuterbutter gelöffelt hat. Diese Scham führt häufig zur Isolation: Es wird heimlich gegessen, gemeinsames Essen wird gemieden.</p> <p>Binge Eating wird durch zwanghafte Essattacken gekennzeichnet: Betroffene essen schnell, ohne Hunger, bis zum Völlegefühl und können nicht aufhören. Symptome einer <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/gefangen-in-gedanken-zwangsstoerung/?gad_source=1&amp;gad_campaignid=22428391625&amp;gbraid=0AAAAAD_c8R5wNWe7DjDUzK7qAST4bVnGy&amp;gclid=EAIaIQobChMI_cLdu6TvkQMVNa-DBx1xmhUJEAAYASAAEgIgWfD_BwE">Zwangsstörung</a> (OCD) sind hierbei häufig mit denen einer Essstörung komorbid. Die Gedanken Betroffener kreisen fast ständig obsessiv um Essen und Körperbild. Perfektionismus und Kontrollbedürfnis verbinden beide Störungen [19].</p> <h3 id="h-interview-mit-einer-betroffenen">Interview mit einer Betroffenen</h3> <p><strong>Wann begann das gestörte Essverhalten bei dir?</strong></p> <p>Es begann, als ich 13 war und meine erste Diät machte. Damals wollte ich unbedingt in eine Kleidergröße XS passen und wollte deshalb abnehmen, obwohl ich nie dick war. Was folgte, waren unterschiedliche Essstörungen. Zu sehen, wie die Zahl auf der Waage immer weiter abnahm, entwickelte sich zu einer Sucht. Jedes Mal freute oder schämte ich mich unglaublich wegen der Zahl auf der Waage. Ich entwickelte eine Magersucht und war immer mal wieder untergewichtig.</p> <p><strong>Und wie entwickelte sich das zum Binge Eating?</strong></p> <p>Nach einer Zeit konnte ich das geringe Gewicht nicht mehr halten. Zeitweise aß ich für 1-3 Tage gar nichts und hatte deshalb immer stärkere Essattacken. Als Jugendliche habe ich dann immer versucht dem entgegenzuwirken, damit ich nicht zunehme. Ich trieb exzessiven Sport oder erbrach das zugeführte Essen. Mit der Zeit hörte ich mit den Gegenmaßnahmen auf, weil ich gesundheitliche Probleme davon bekam, die Essattacken blieben allerdings, bis ich Mitte zwanzig war, was dann auch zu Übergewicht führte.</p> <p><strong>Wie beeinflusst deine Essstörung deinen Alltag? z.B. Arbeit/Studium, Beziehungen, Finanzen, Gesundheit?</strong></p> <p>Ich denke sehr häufig ans Essen. Wie viel ich gegessen habe, wie viele Kalorien wohl die Mahlzeit vor mir hat, wann und was ich als nächstes essen werde. Wie viel muss ich noch abnehmen, um mein Wunschgewicht zu erreichen? Manchmal halten mich diese Gedanken vom Schlafen oder Arbeiten ab. </p> <p>Vor allem früher hatte die Essstörung große Auswirkungen auf meine Beziehungen und Finanzen: Ich wollte nie mit anderen Menschen essen, denn wenn ich begonnen hatte, konnte ich mich nur schwer wieder stoppen, dafür schämte ich mich sehr. <br></br>Während meiner Essattacken kaufte ich immer unglaublich viele Sachen ein oder bestellte Essen für viel Geld, wodurch ich am Ende vom Monat immer nur wenig übrig hatte. Vor allem als ich mein Studium begann und viel Prüfungsstress hatte, aß ich unglaublich viel. </p> <p>Auch meine Gesundheit litt unter der Essstörung. Durch das Erbrechen hatte ich immer häufiger Halsschmerzen und mein Zahnschmelz nutzte sich durch die Magensäure ab. Aber ich hatte auch Verdauungsprobleme durch das große Volumen an Essen.</p> <p><strong>Welche Rolle spielen Gewicht, Körperform oder Aussehen?</strong></p> <p>Seit ich 13 bin, also seit nun fast 15 Jahren, bin ich unzufrieden mit meinem Körper. Bis heute freue ich mich, wenn die Zahl auf der Waage runtergeht, und bin enttäuscht, wenn sie steigt. Die meiste Zeit fühle ich mich unwohl mit meinem Aussehen und kritisiere mich selbst.</p> <p><strong>Wie fühlt sich das an, wenn du einen solchen “Essanfall” erlebst?</strong></p> <p>Es überkommt mich wie ein extremer Zwang oder eine Sucht nach etwas. Ich beginne erst etwas zu essen, was ich mir “verboten” habe, zum Beispiel ein Stück Schokolade. Darauf folgt dann die gesamte Packung. Danach geht es wahllos weiter und ich esse zum Teil Dinge, die ich gar nicht essen möchte oder mir nicht mal schmecken. Einmal habe ich eine ganze Packung Kräuterbutter gelöffelt. Das geht dann häufig so lange, bis mir schlecht wird oder ich starke Schmerzen habe.</p> <p><strong>Gibt es bestimmte Auslöser, die deine Symptome verstärken?</strong></p> <p>Ein großer Trigger ist es, wenn ich mir Lebensmittel verbiete oder mich versuche auf eine bestimmte Menge an Kalorien zu beschränken. Sobald ich das mache, beginnt der extreme Zwang, es essen zu wollen und große Volumina in mich reinzustopfen. Außerdem ist Hunger auch ein großer Auslöser; ich darf nicht zu hungrig werden und muss immer gesättigt sein, um keine Heißhungerattacken zu bekommen.</p> <p><strong>Was hilft dir bei deiner Essstörung?</strong></p> <p>Ich bin mittlerweile in Therapie und medikamentös eingestellt, was mir sehr hilft. Außerdem hilft es mir, meinen Körper nicht als etwas zu betrachten, das bestimmte Bedingungen erfüllen muss. Ich muss nicht schlank sein oder schön aussehen, um mir Nahrung zu “verdienen”, und das, was ich esse, muss nicht “gesund” sein. </p> <p><strong>Anmerkung</strong>: Elenas Name wurde aus Datenschutzgründen geändert. Sie hat den Text vollständig gelesen und ihr Feedback eingebracht, um das Bewusstsein für das Thema zu stärken.</p> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ol> <li>Kojima, M., &amp; Kangawa, K. (2005). Ghrelin: Structure and function. Physiological Reviews, 85(2), 495–522. <a href="https://doi.org/10.1152/physrev.00012.2004">https://doi.org/10.1152/physrev.00012.2004</a></li> <li>English, P. J., Ghatei, M. A., Malik, I. A., Bloom, S. R., &amp; Wilding, J. P. (2002). Food fails to suppress ghrelin levels in obese humans. Journal of Clinical Endocrinology &amp; Metabolism, 87(6), 2984. <a href="https://doi.org/10.1210/jcem.87.6.8738">https://doi.org/10.1210/jcem.87.6.8738</a></li> <li>Baskin, D. G., Blevins, J. E., &amp; Schwartz, M. W. (2001). How the brain regulates food intake and body weight: The role of leptin. Journal of Pediatric Endocrinology &amp; Metabolism, 14(Suppl 6), 1417–1429.</li> <li>Barakat, G. M., Ramadan, W., Assi, G., &amp; Khoury, N. B. E. (2024). Satiety: A gut–brain relationship. Journal of Physiological Sciences, 74(1), 11. <a href="https://doi.org/10.1186/s12576-024-00904-9">https://doi.org/10.1186/s12576-024-00904-9</a></li> <li>Woods, S. C., Lutz, T. A., Geary, N., &amp; Langhans, W. (2006). Pancreatic signals controlling food intake: Insulin, glucagon and amylin. Philosophical Transactions of the Royal Society B: Biological Sciences, 361(1471), 1219–1235. <a href="https://doi.org/10.1098/rstb.2006.1858">https://doi.org/10.1098/rstb.2006.1858</a></li> <li>Saper, C. B., &amp; Lowell, B. B. (2014). The hypothalamus. Current Biology, 24(23), R1111–R1116. <a href="https://doi.org/10.1016/j.cub.2014.10.023">https://doi.org/10.1016/j.cub.2014.10.023</a></li> <li>Sohn, J. W. (2015). Network of hypothalamic neurons that control appetite. BMB Reports, 48(4), 229–233. https://doi.org/10.5483/bmbrep.2015.48.4.272</li> <li>​Konturek, P. C., Konturek, J. W., Cześnikiewicz-Guzik, M., Brzozowski, T., Sito, E., &amp; Konturek, S. J. (2005). Neuro-hormonal control of food intake: Basic mechanisms and clinical implications. Journal of Physiology and Pharmacology, 56(Suppl. 6), 5–25.</li> <li>Baik, J. H. (2021). Dopaminergic control of the feeding circuit. Endocrinology and Metabolism, 36(2), 229–239. <a href="https://doi.org/10.3803/EnM.2021.979">https://doi.org/10.3803/EnM.2021.979</a></li> <li>Perelló, M., &amp; Zigman, J. M. (2012). The role of ghrelin in reward-based eating. Biological Psychiatry, 72(5), 347–353. <a href="https://doi.org/10.1016/j.biopsych.2012.02.016">https://doi.org/10.1016/j.biopsych.2012.02.016</a></li> <li>Abizaid, A. (2009). Ghrelin and dopamine: New insights on the peripheral regulation of appetite. 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Binge-eating disorder diagnosis and treatment: A recap in front of DSM-5. BMC Psychiatry, 15(1), Article 70. <a href="https://doi.org/10.1186/s12888-015-0445-6">https://doi.org/10.1186/s12888-015-0445-6</a></li> <li>Fairburn, C. G., Doll, H. A., Welch, S. L., Hay, P. J., Davies, B. A., &amp; O’Connor, M. E. (1998). Risk factors for binge eating disorder: A community-based, case-control study. Archives of General Psychiatry, 55(5), 425–432. <a href="https://doi.org/10.1001/archpsyc.55.5.425">https://doi.org/10.1001/archpsyc.55.5.425</a></li> <li>Williams, B. M., Brown, M. L., Sandoval-Araujo, L., Russell, S., &amp; Levinson, C. A. (2022). Psychiatric comorbidity among eating disorders and obsessive-compulsive disorder and underlying shared mechanisms and features: An updated review. Journal of Cognitive Psychotherapy, 36(3), 226–246. <a href="https://doi.org/10.1891/JCPSY-D-2021-0011">https://doi.org/10.1891/JCPSY-D-2021-0011</a></li> </ol> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Ruzica-1-200x200.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Ruzica-1-400x400.jpg 2x" width="200"></img> <p>Mein Name ist Ruzica Sedic und ich studiere Neurowissenschaften im Master an der Universität Düsseldorf. Während meiner Ausbildung zur biotechnologischen Assistentin und meinem Bachelor in Biologie habe ich meine Liebe zur Zellbiologie entdeckt. Deshalb finde ich den Zusammenhang zwischen zellulären Prozessen und neurologischen Phänomenen besonders spannend. Außerdem fasziniert mich, wie unser Gehirn im Alltag funktioniert und welche unglaublichen Leistungen es vollbringt - oft ohne dass wir es bewusst wahrnehmen.</p> </div> </div> </article> <section> <div> <aside id="block-3"> <p>HIRN UND WEG ist der Neuroblog der <a href="https://www.ghst.de"><strong><mark>Gemeinnützigen Hertie-Stiftung</mark></strong></a> , der die Bandbreite und Facetten eines der faszinierendsten Organe zeigen, Erkenntnisse aus Wissenschaft einfach und gut erklären und geistreich und unterhaltsam begeistern möchte. Neben der Informationsvermittlung gehören die Förderung von Exzellenz und die Schaffung von Strukturen in den Neurowissenschaften zu den Zielen des Programmbereichs "Gehirn erforschen" der Stiftung. </p> </aside><aside id="block-2"> <figure><a href="https://www.ghst.de/"><img alt="" decoding="async" height="178" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-300x52.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-768x134.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1536x267.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1000x174.jpg 1000w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px.jpg 2000w" width="1024"></img></a><figcaption><a href="https://www.ghst.de/"><em>https://www.ghst.de/</em></a></figcaption></figure> </aside> </div> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-9"><div><p>&#xD; Die <a href="https://www.ghst.de/">Gemeinnützige Hertie-Stiftung </a>konzentriert sich auf die zwei Leitthemen „Gehirn erforschen“ und „Demokratie stärken“. Die Projekte der Stiftung setzen modellhafte Impulse innerhalb dieser Themen. &#xD; Ihr neu eingerichteter Neuroblog leistet einen Beitrag zur Förderung von Wissenschaftskommunikation und zum besseren Verständnis des Gehirns, seiner Funktionsweise und seiner Erkrankungen.&#xD; </p>&#xD; <p><a href="http://www.scilogs.de/kosmo//hirn-und-weg/impressum/">Impressum Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>&#xD; </p></div></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/emotional-eating-overeating-binge-eating-10.21.2020.jpg" /><h1>Binge Eating » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Ruzica Sedic</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Als Elena 13 Jahre alt war, machte sie ihre erste Diät mit ihrer Mutter. Damals wollte sie unbedingt in Kleidergröße XS passen und machte eine Saftkur. Was darauf folgte, war eine über zehn Jahre andauernde Essstörung, die von Magersucht über Bulimie bis hin zum Binge Eating reichte.</p> <h3 id="h-wie-wird-hunger-reguliert">Wie wird Hunger reguliert?</h3> <p>Hunger entsteht aus einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren, von denen viele noch nicht komplett erforscht sind.</p> <p>Ist der Magen leer, wird dort das Hormon Ghrelin ausgeschüttet, welches zum Hypothalamus gelangt. Gleichzeitig sinkt nach längerer Nahrungsabstinenz der Blutzucker, was zusätzliche Hungersignale an den Hypothalamus sendet [1]. </p> <p>Nach dem Essen fällt der Ghrelinspiegel wieder ab [2], gleichzeitig wirkt Leptin entgegen, ein Hormon aus dem Fettgewebe, das dem Gehirn signalisiert: Die Energiespeicher sind voll, du kannst aufhören zu essen [3]. In übergewichtigen Menschen ist der Abfall von Ghrelin nach dem Essen geringer [2].</p> <p>Weitere Sättigungshormone wie Cholecystokinin (CCK), Peptid YY (PYY) und GLP‑1 werden im Darm nach Nahrungsaufnahme freigesetzt und bremsen den Appetit [4].<aside></aside></p> <p>Insulin aus der <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/zuckertod-diabetische-neuropathien/">Bauchspeicheldrüse</a> senkt nicht nur den Blutzucker, sondern wirkt auch im Gehirn appetithemmend und ist an der langfristigen Regulation des Körpergewichts beteiligt [5].</p> <p>Der Hypothalamus ist eine Region im Zwischenhirn, die unter anderem die Nahrungsaufnahme, aber auch Atmung, Kreislauf, Körpertemperatur und Sexualverhalten steuert [6]. Dort kommen viele der hormonellen Signale zusammen. Es gibt Neuronengruppen, die entweder appetitanregend (orexigen) oder appetithemmend (anorexigen) wirken und je nach Hormoneingang aktiviert oder gehemmt werden [7]. Ghrelin aktiviert vor allem die orexigenen Neurone, während Leptin und Insulin die anorexigenen Neurone aktivieren [8].</p> <h3 id="h-welche-rolle-spielt-belohnung-beim-essen">Welche Rolle spielt Belohnung beim Essen?</h3> <p>Essen dient nicht nur als Energiequelle, sondern auch als „Belohnung“. Dabei spielt der Neurotransmitter Dopamin, der eine positive Wirkung hat, eine Rolle. Dopamin-Neuronen aus dem ventralen tegmentalen Areal, einer Region im Mittelhirn, die eine zentrale Rolle im Belohnungssystem spielt, feuern, wenn wir etwas Leckeres riechen oder sehen, in den Nucleus accumbens. Das weckt Lust und Motivation, es zu essen [9].</p> <p>Hormone wie Ghrelin verstärken das: Sie unterstützen die Dopaminausschüttung und machen vor allem Süßes oder Fettiges unwiderstehlich [10, 11].</p> <p>Die Amygdala, eine Region, welche für Emotionen zuständig ist, bewertet, wie “tröstlich” Essen wirkt. Konkret verstärkt chronischer Stress die Verbindungen zwischen der Amygdala und belohnungsbezogenen Hirnarealen und erhöht so die Lust auf kalorienreiche Nahrungsmittel [12]. Stress reduziert die Verbindungen zwischen Hirnregionen, die für die Selbstkontrolle zuständig sind, wodurch die Wahrscheinlichkeit steigt, dass Menschen zu belohnenden Lebensmitteln wie Süßigkeiten oder Fast Food greifen [13].</p> <h3 id="h-welche-rolle-spielt-stress">Welche Rolle spielt Stress?</h3> <p>Cortisol, das Stresshormon, kann das Hungergefühl vor allem bei länger anhaltendem Stress deutlich steigern. Es wirkt dabei sowohl direkt auf den Stoffwechsel als auch indirekt über das Belohnungssystem im Gehirn [14].</p> <p>Kurzfristig erhöht Cortisol in Stresssituationen den Blutzucker, um schnell Energie bereitzustellen, der Körper ist im “Alarmzustand”, der Körper stellt die Nahrungsaufnahme hinten an, denn er ist im “Fight or Flight”-Modus. Bei chronisch erhöhtem Cortisol, z.B. ausgelöst durch psychische Störungen oder äußere Einflüsse, verschiebt sich der Effekt: Das Hungergefühl nimmt zu, besonders die Lust auf kalorienreiche, süße und fettige Lebensmittel [15].</p> <p>Erhöhte Glukokortikoidspiegel, zu denen auch Cortisol gehört und die bei psychischem Stress auftreten, führen zu verstärktem Hunger und zu einer verringerten regionalen Hirndurchblutung in unter anderem den mit Belohnung, Motivation sowie der Nahrungsaufnahme und Kontrolle assoziierten Regionen [16].</p> <p>Nicht alle Menschen reagieren gleich auf Stress: Bei manchen führt Stress zur Appetitlosigkeit, bei anderen zu “emotionalem Essen”. Faktoren wie Genetik, Schlafqualität, Bewegungsverhalten und psychische Verfassung beeinflussen, ob Cortisol eher zu mehr oder zu weniger Essen führt.</p> <h3 id="h-was-ist-binge-eating">Was ist Binge Eating?</h3> <p>Das Hauptsymptom der Binge Eating Disorder (BED) sind „Essanfälle“, bei denen Betroffene innerhalb kurzer Zeit große Mengen an Essen zu sich nehmen und dabei das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren [17]. Die Betroffenen essen in diesen Phasen besonders schnell und haben das Gefühl, nicht aufhören zu können. Oft hören sie erst auf, wenn sie sich unangenehm voll fühlen. Während und nach einer solchen Attacke folgen häufig Scham, Ekel und Schuldgefühle. </p> <p>Im Gegensatz zur Bulimie (Ess-Brech-Sucht) greifen von Binge-Eating-Betroffenen nicht zu gewichtsreduzierenden Mitteln wie Erbrechen, Hungern oder exzessivem Sport.</p> <h3 id="h-ursachen-fur-binge-eating">Ursachen für Binge Eating</h3> <p>Zu den Risikofaktoren gehören psychische und körperliche Einflüsse. Dazu gehören zum Beispiel negative Kindheitserfahrungen, elterliche Depressionen, Anfälligkeit für Übergewicht und negative Kommentare über Figur, Gewicht und Essverhalten [18]. Betroffene berichten, dass das Verbieten bestimmter Lebensmittel (z.B. Süßigkeiten) oder radikale Diäten ein Trigger für eine Essattacke sein können.</p> <h3 id="h-scham-und-zwang">Scham und Zwang</h3> <p>Betroffene berichten von einer großen Scham nach einer Essattacke. Sie haben das Gefühl von Kontrollverlust und ekeln sich teilweise vor sich selbst. Häufig essen sie auch Dinge, die sie gar nicht essen wollen, wie Elena, die in einer Essattacke eine Packung Kräuterbutter gelöffelt hat. Diese Scham führt häufig zur Isolation: Es wird heimlich gegessen, gemeinsames Essen wird gemieden.</p> <p>Binge Eating wird durch zwanghafte Essattacken gekennzeichnet: Betroffene essen schnell, ohne Hunger, bis zum Völlegefühl und können nicht aufhören. Symptome einer <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/gefangen-in-gedanken-zwangsstoerung/?gad_source=1&amp;gad_campaignid=22428391625&amp;gbraid=0AAAAAD_c8R5wNWe7DjDUzK7qAST4bVnGy&amp;gclid=EAIaIQobChMI_cLdu6TvkQMVNa-DBx1xmhUJEAAYASAAEgIgWfD_BwE">Zwangsstörung</a> (OCD) sind hierbei häufig mit denen einer Essstörung komorbid. Die Gedanken Betroffener kreisen fast ständig obsessiv um Essen und Körperbild. Perfektionismus und Kontrollbedürfnis verbinden beide Störungen [19].</p> <h3 id="h-interview-mit-einer-betroffenen">Interview mit einer Betroffenen</h3> <p><strong>Wann begann das gestörte Essverhalten bei dir?</strong></p> <p>Es begann, als ich 13 war und meine erste Diät machte. Damals wollte ich unbedingt in eine Kleidergröße XS passen und wollte deshalb abnehmen, obwohl ich nie dick war. Was folgte, waren unterschiedliche Essstörungen. Zu sehen, wie die Zahl auf der Waage immer weiter abnahm, entwickelte sich zu einer Sucht. Jedes Mal freute oder schämte ich mich unglaublich wegen der Zahl auf der Waage. Ich entwickelte eine Magersucht und war immer mal wieder untergewichtig.</p> <p><strong>Und wie entwickelte sich das zum Binge Eating?</strong></p> <p>Nach einer Zeit konnte ich das geringe Gewicht nicht mehr halten. Zeitweise aß ich für 1-3 Tage gar nichts und hatte deshalb immer stärkere Essattacken. Als Jugendliche habe ich dann immer versucht dem entgegenzuwirken, damit ich nicht zunehme. Ich trieb exzessiven Sport oder erbrach das zugeführte Essen. Mit der Zeit hörte ich mit den Gegenmaßnahmen auf, weil ich gesundheitliche Probleme davon bekam, die Essattacken blieben allerdings, bis ich Mitte zwanzig war, was dann auch zu Übergewicht führte.</p> <p><strong>Wie beeinflusst deine Essstörung deinen Alltag? z.B. Arbeit/Studium, Beziehungen, Finanzen, Gesundheit?</strong></p> <p>Ich denke sehr häufig ans Essen. Wie viel ich gegessen habe, wie viele Kalorien wohl die Mahlzeit vor mir hat, wann und was ich als nächstes essen werde. Wie viel muss ich noch abnehmen, um mein Wunschgewicht zu erreichen? Manchmal halten mich diese Gedanken vom Schlafen oder Arbeiten ab. </p> <p>Vor allem früher hatte die Essstörung große Auswirkungen auf meine Beziehungen und Finanzen: Ich wollte nie mit anderen Menschen essen, denn wenn ich begonnen hatte, konnte ich mich nur schwer wieder stoppen, dafür schämte ich mich sehr. <br></br>Während meiner Essattacken kaufte ich immer unglaublich viele Sachen ein oder bestellte Essen für viel Geld, wodurch ich am Ende vom Monat immer nur wenig übrig hatte. Vor allem als ich mein Studium begann und viel Prüfungsstress hatte, aß ich unglaublich viel. </p> <p>Auch meine Gesundheit litt unter der Essstörung. Durch das Erbrechen hatte ich immer häufiger Halsschmerzen und mein Zahnschmelz nutzte sich durch die Magensäure ab. Aber ich hatte auch Verdauungsprobleme durch das große Volumen an Essen.</p> <p><strong>Welche Rolle spielen Gewicht, Körperform oder Aussehen?</strong></p> <p>Seit ich 13 bin, also seit nun fast 15 Jahren, bin ich unzufrieden mit meinem Körper. Bis heute freue ich mich, wenn die Zahl auf der Waage runtergeht, und bin enttäuscht, wenn sie steigt. Die meiste Zeit fühle ich mich unwohl mit meinem Aussehen und kritisiere mich selbst.</p> <p><strong>Wie fühlt sich das an, wenn du einen solchen “Essanfall” erlebst?</strong></p> <p>Es überkommt mich wie ein extremer Zwang oder eine Sucht nach etwas. Ich beginne erst etwas zu essen, was ich mir “verboten” habe, zum Beispiel ein Stück Schokolade. Darauf folgt dann die gesamte Packung. Danach geht es wahllos weiter und ich esse zum Teil Dinge, die ich gar nicht essen möchte oder mir nicht mal schmecken. Einmal habe ich eine ganze Packung Kräuterbutter gelöffelt. Das geht dann häufig so lange, bis mir schlecht wird oder ich starke Schmerzen habe.</p> <p><strong>Gibt es bestimmte Auslöser, die deine Symptome verstärken?</strong></p> <p>Ein großer Trigger ist es, wenn ich mir Lebensmittel verbiete oder mich versuche auf eine bestimmte Menge an Kalorien zu beschränken. Sobald ich das mache, beginnt der extreme Zwang, es essen zu wollen und große Volumina in mich reinzustopfen. Außerdem ist Hunger auch ein großer Auslöser; ich darf nicht zu hungrig werden und muss immer gesättigt sein, um keine Heißhungerattacken zu bekommen.</p> <p><strong>Was hilft dir bei deiner Essstörung?</strong></p> <p>Ich bin mittlerweile in Therapie und medikamentös eingestellt, was mir sehr hilft. Außerdem hilft es mir, meinen Körper nicht als etwas zu betrachten, das bestimmte Bedingungen erfüllen muss. Ich muss nicht schlank sein oder schön aussehen, um mir Nahrung zu “verdienen”, und das, was ich esse, muss nicht “gesund” sein. </p> <p><strong>Anmerkung</strong>: Elenas Name wurde aus Datenschutzgründen geändert. Sie hat den Text vollständig gelesen und ihr Feedback eingebracht, um das Bewusstsein für das Thema zu stärken.</p> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ol> <li>Kojima, M., &amp; Kangawa, K. (2005). Ghrelin: Structure and function. Physiological Reviews, 85(2), 495–522. <a href="https://doi.org/10.1152/physrev.00012.2004">https://doi.org/10.1152/physrev.00012.2004</a></li> <li>English, P. J., Ghatei, M. A., Malik, I. A., Bloom, S. R., &amp; Wilding, J. P. (2002). Food fails to suppress ghrelin levels in obese humans. Journal of Clinical Endocrinology &amp; Metabolism, 87(6), 2984. <a href="https://doi.org/10.1210/jcem.87.6.8738">https://doi.org/10.1210/jcem.87.6.8738</a></li> <li>Baskin, D. G., Blevins, J. E., &amp; Schwartz, M. W. (2001). How the brain regulates food intake and body weight: The role of leptin. Journal of Pediatric Endocrinology &amp; Metabolism, 14(Suppl 6), 1417–1429.</li> <li>Barakat, G. M., Ramadan, W., Assi, G., &amp; Khoury, N. B. E. (2024). Satiety: A gut–brain relationship. Journal of Physiological Sciences, 74(1), 11. <a href="https://doi.org/10.1186/s12576-024-00904-9">https://doi.org/10.1186/s12576-024-00904-9</a></li> <li>Woods, S. C., Lutz, T. A., Geary, N., &amp; Langhans, W. (2006). Pancreatic signals controlling food intake: Insulin, glucagon and amylin. Philosophical Transactions of the Royal Society B: Biological Sciences, 361(1471), 1219–1235. <a href="https://doi.org/10.1098/rstb.2006.1858">https://doi.org/10.1098/rstb.2006.1858</a></li> <li>Saper, C. B., &amp; Lowell, B. B. (2014). The hypothalamus. Current Biology, 24(23), R1111–R1116. <a href="https://doi.org/10.1016/j.cub.2014.10.023">https://doi.org/10.1016/j.cub.2014.10.023</a></li> <li>Sohn, J. W. (2015). 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Binge-eating disorder diagnosis and treatment: A recap in front of DSM-5. BMC Psychiatry, 15(1), Article 70. <a href="https://doi.org/10.1186/s12888-015-0445-6">https://doi.org/10.1186/s12888-015-0445-6</a></li> <li>Fairburn, C. G., Doll, H. A., Welch, S. L., Hay, P. J., Davies, B. A., &amp; O’Connor, M. E. (1998). Risk factors for binge eating disorder: A community-based, case-control study. Archives of General Psychiatry, 55(5), 425–432. <a href="https://doi.org/10.1001/archpsyc.55.5.425">https://doi.org/10.1001/archpsyc.55.5.425</a></li> <li>Williams, B. M., Brown, M. L., Sandoval-Araujo, L., Russell, S., &amp; Levinson, C. A. (2022). Psychiatric comorbidity among eating disorders and obsessive-compulsive disorder and underlying shared mechanisms and features: An updated review. Journal of Cognitive Psychotherapy, 36(3), 226–246. <a href="https://doi.org/10.1891/JCPSY-D-2021-0011">https://doi.org/10.1891/JCPSY-D-2021-0011</a></li> </ol> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Ruzica-1-200x200.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Ruzica-1-400x400.jpg 2x" width="200"></img> <p>Mein Name ist Ruzica Sedic und ich studiere Neurowissenschaften im Master an der Universität Düsseldorf. Während meiner Ausbildung zur biotechnologischen Assistentin und meinem Bachelor in Biologie habe ich meine Liebe zur Zellbiologie entdeckt. Deshalb finde ich den Zusammenhang zwischen zellulären Prozessen und neurologischen Phänomenen besonders spannend. Außerdem fasziniert mich, wie unser Gehirn im Alltag funktioniert und welche unglaublichen Leistungen es vollbringt - oft ohne dass wir es bewusst wahrnehmen.</p> </div> </div> </article> <section> <div> <aside id="block-3"> <p>HIRN UND WEG ist der Neuroblog der <a href="https://www.ghst.de"><strong><mark>Gemeinnützigen Hertie-Stiftung</mark></strong></a> , der die Bandbreite und Facetten eines der faszinierendsten Organe zeigen, Erkenntnisse aus Wissenschaft einfach und gut erklären und geistreich und unterhaltsam begeistern möchte. Neben der Informationsvermittlung gehören die Förderung von Exzellenz und die Schaffung von Strukturen in den Neurowissenschaften zu den Zielen des Programmbereichs "Gehirn erforschen" der Stiftung. </p> </aside><aside id="block-2"> <figure><a href="https://www.ghst.de/"><img alt="" decoding="async" height="178" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-300x52.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-768x134.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1536x267.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1000x174.jpg 1000w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px.jpg 2000w" width="1024"></img></a><figcaption><a href="https://www.ghst.de/"><em>https://www.ghst.de/</em></a></figcaption></figure> </aside> </div> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-9"><div><p>&#xD; Die <a href="https://www.ghst.de/">Gemeinnützige Hertie-Stiftung </a>konzentriert sich auf die zwei Leitthemen „Gehirn erforschen“ und „Demokratie stärken“. Die Projekte der Stiftung setzen modellhafte Impulse innerhalb dieser Themen. &#xD; Ihr neu eingerichteter Neuroblog leistet einen Beitrag zur Förderung von Wissenschaftskommunikation und zum besseren Verständnis des Gehirns, seiner Funktionsweise und seiner Erkrankungen.&#xD; </p>&#xD; <p><a href="http://www.scilogs.de/kosmo//hirn-und-weg/impressum/">Impressum Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>&#xD; </p></div></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/binge-eating/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Francis Fukuyama & Jan Assmann – Mein Respekt vor Selbst-Falsifikation nach Popper https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/francis-fukuyama-jan-assmann-mein-respekt-vor-selbst-falsifikation-nach-popper/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/francis-fukuyama-jan-assmann-mein-respekt-vor-selbst-falsifikation-nach-popper/#comments Sun, 18 Jan 2026 11:57:48 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=10969 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FrancisFukuyamaIdentitaetJanAssmannExodus-768x437.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/francis-fukuyama-jan-assmann-mein-respekt-vor-selbst-falsifikation-nach-popper/</link> </image> <description type="html"><h1>Francis Fukuyama & Jan Assmann: Respekt vor Selbst-Falsifikation</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Angesichts des derzeitigen Zusammenbruchs der alten Weltordnung durch die Schläge des Fossilismus vergeht keine Woche, in der ich nicht zu lesen bekäme, das nach dem Berliner Mauersturz <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ende_der_Geschichte">1989 verkündete <strong><em>“Ende der Geschichte”</em></strong></a> des Politikwissenschaftlers <strong>Francis Fukuyama</strong> sei ja <em>“nun widerlegt”</em>.</p> <p>Das stimmt – doch auch <strong>Fukuyamas</strong> Geschichte geht weiter. Drei Jahrzehnte nach der These vom <em>“Ende der Geschichte”</em> veröffentlichte er <a href="https://www.deutschlandfunk.de/francis-fukuyama-identitaet-100.html"><strong><em>“Identität”</em></strong> (2019)</a>, in dem der Politikwissenschaftler im Rückgriff auf die griechische Antike selbst die Frage aufwarf, wo er sich geirrt hatte. Das Ergebnis war das vielleicht stärkste und bleibende Werk des US-Amerikaners, in dem er einräumte, dass Menschen eben nicht nur durch ökonomische Begierden (bei <strong>Platon </strong><em>“Epithymetikon, Begierde”</em>) und schon gar nicht nur durch Vernunft (bei <strong>Platon</strong> <em>“Logistikon, Vernunft”</em>) bestimmt werde, sondern auch durch das Streben nach Würde, Status und Ruhm (bei <strong>Platon <em>“Thymos”</em></strong>). Dass es nun auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/thymos/">auf “Natur des Glaubens” eine eigene Thymos-Kategorie</a> gibt, ist dem Umstand zu verdanken, dass ein großer Politikwissenschaftler wie <strong>Fukuyama</strong> bereit war, die eigenen Annahmen kritisch zu falsifizieren und eine neue Theorie zu präsentieren.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zeit/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Zwei Buchcover vor dynamisch fließendem Hintergrund: Links &quot;Identität&quot; von Francis Fukuyama, rechts &quot;Exodus&quot; von Jan Assmann." decoding="async" height="665" sizes="(max-width: 1168px) 100vw, 1168px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FrancisFukuyamaIdentitaetJanAssmannExodus.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FrancisFukuyamaIdentitaetJanAssmannExodus.jpg 1168w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FrancisFukuyamaIdentitaetJanAssmannExodus-300x171.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FrancisFukuyamaIdentitaetJanAssmannExodus-1024x583.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FrancisFukuyamaIdentitaetJanAssmannExodus-768x437.jpg 768w" width="1168"></img></a></p> <p><em>Zwei Werke großer Wissenschaftler, die bereit waren, sich auch selbst zu falsifizieren. Links “Identität. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet” (2018/19) von Francis Fukuyama, rechts “Exodus. Die Revolution der Alten Welt” (2015) von Jan Assmann. Grafik: Michael Blume</em></p> <p>Schon im Studium der Religionswissenschaft begeisterten mich Buch und Texte rund um das <em>“Das kulturelle Gedächtnis”</em> nach <strong>Jan und Aleida Assmann</strong>. Die Arbeiten des Baden-Württembergers <strong>Jan Assmann</strong> (1938 – 2024) über die Zeit im Alten Ägypten und sein Buch über die sog. “Achsenzeit” haben mich tief geprägt. Im Rahmen meiner Doktorarbeit hatte ich auch einmal einen persönlichen Dialog mit dem großen Ägyptologen, den ich nie vergessen werde.<aside></aside></p> <p>Umso mehr traf und schockte mich sein Buch <em>“Die mosaische Unterscheidung oder der Preis des Monotheismus”</em> (2003), das vor allem polytheistische Polemiken gegen das Judentum und eine antimosaische Mythologie von <strong>Sigmund Freud</strong> (1856 – 1939) verknüpfte. Dieses Buch sprach und fachte vor allem linken und akademischen Antisemitismus in Deutschland an, etwa im Kontext der damaligen antijüdischen und antimuslimischen Beschneidungsdebatte bis 2012.</p> <p>Doch Assmann stellte sich der fachlichen Kritik, ließ in späteren Ausgaben der <em>“Mosaischen Unterscheidung”</em> kundige Kritiker wie Karl-Josef Kuschel zu Wort kommen und revidierte schließlich seine Aussagen im großen <em>“Exodus”</em>-Buch, in dem er altägyptische und frühjüdische Vorstellungen von Zeit und Treue dialogisch aufarbeitete. Leider fand sein späteres und so viel wertvolleres Werk viel weniger Resonanz, doch für mich wird es immer einen Ehrenplatz einnehmen.</p> <p><strong>Selbst-Falsifikation ist schwer und mit realen Schmerzen (kognitiver Dissonanz) verbunden</strong></p> <p>Während in der langen Erkenntnisphase der <strong>Induktion</strong> Gelehrte nach maximaler Autorität und vermeintlicher Unfehlbarkeit zu streben hatten, verlangt <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-dialog-zu-karl-popper-dem-kritischen-rationalismus-liberalismus/">die <strong>Falsifikation</strong> nach Sir <strong>Karl Popper</strong> (1902 – 1994)</a> die Bereitschaft, auch die eigenen Annahmen, Hypothesen, Thesen und Theorien immer wieder kritisch zu überprüfen.</p> <p>Wie schwer und, ja, schmerzhaft dies ist, erlebte ich als junger Religionswissenschaftler bei der Auswertung der Schweizer Volkszählungsdaten von 2000. Nach meinem damaligen, liberal-rationalen Menschenbild hätten Frauen jene Religionsgemeinschaften bevorzugen müssen, in denen sie sich gleichberechtigt und frei einbringen könnten. Doch die Daten zeigten schockierend genau das Gegenteil: Frauen waren sehr viel stärker in strengen und patriarchalen Religionsgemeinschaften zu finden!</p> <p>Mich schockierte und schmerzte (!) das so sehr, dass ich ernsthaft daran dachte, die Arbeiten einzustellen oder doch wenigstens alle kleineren Religionsgemeinschaften aus der Analyse zu streichen, so dass die Ergebnisse “nicht so schlimm” ausfallen würden. Ein dialogisches Gespräch mit meiner Frau Zehra brachte mich dann aber dazu, “durch den Schmerz” zu gehen, die alten Thesen hinter mir zu lassen und über die bedeutende <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mutter-natur-verstehen-die-evolutionsforscherin-sarah-hrdy/"><strong>Sarah Blaffer Hrdy</strong> mit <em>“Mütter &amp; Andere”</em></a> schließlich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/antoinette-brown-blackwell-als-starke-frau-entdeckt/"><strong>Antoinette Brown Blackwell</strong> (1825 – 1921) zu entdecken</a>. Ich begann zu verstehen, dass das Festklammern an überholten Annahmen, Thesen und Theorien zwar psychologisch völlig verständlich, aber erkenntnistheoretisch auch falsch und für die Wissenschaft insgesamt schädlich war!</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/antoinette-brown-blackwell-als-starke-frau-entdeckt/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das Schaubild von Michael Blume würdigt Antoinette Brown Blackwell als &quot;Amerikas vergessene Pionierin&quot; in Theologie, Frauenrechten und Evolutionswissenschaft." decoding="async" height="1429" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Auch die interdisziplinäre Evolutionsforschung vergeudete Jahrzehnte, indem sie <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/antoinette-brown-blackwell-als-starke-frau-entdeckt/">die bedeutenden Beiträge von Antoinette Brown Blackwell zur Partnerwahl beim Menschen</a> ignorierte. Grafik: Michael Blume mit NotebookLM</em></p> <p>Auch aus eigener Erfahrung sehe ich auch hier <strong>das psychologische Erkenntnisproblem aus der “Enge der Zeit”</strong> mit wachsendem Alter: Es ist schmerzhaft genug, als junger Mensch eigene Annahmen zu überprüfen und hinter sich zu lassen. Doch es ist noch sehr viel schwerer, dies als Autorität zu tun, die über Jahrzehnte hinweg mit einer bestimmten These oder Theorie identifiziert worden ist!</p> <p>Der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-schrumpfen-der-freiheit-poppers-kreuz-der-wahrheit-im-hossa-talk-184/">humanistische und rational argumentierende Erkenntnistheoretiker <strong>Karl Popper</strong> selbst wählte als Metapher für diese immer wieder nötige, schmerzhafte Selbstüberprüfung das sowohl humanistische wie christlich-spirituelle Sprachbild des “Kreuztragens”</a>!</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-schrumpfen-der-freiheit-poppers-kreuz-der-wahrheit-im-hossa-talk-184/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Zitat von Michael Blume in Hossa Talk Folge 184 über das Sprachbild des Kreuztragens bei Sir Karl Popper. Link führt zur Grafik &amp; Hossa Talk-Folge." decoding="async" height="1296" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1125px) 100vw, 1125px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/352E2449-82FB-4645-99CF-0D911E6C94C2.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/352E2449-82FB-4645-99CF-0D911E6C94C2.jpeg 1125w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/352E2449-82FB-4645-99CF-0D911E6C94C2-260x300.jpeg 260w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/352E2449-82FB-4645-99CF-0D911E6C94C2-889x1024.jpeg 889w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/352E2449-82FB-4645-99CF-0D911E6C94C2-768x885.jpeg 768w" width="1125"></img></a></p> <p><em><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-schrumpfen-der-freiheit-poppers-kreuz-der-wahrheit-im-hossa-talk-184/">Zitatkachel Michael Blume aus Hossa Talk 184 zur Kreuztragen-Metapher bei Karl Popper</a>. Grafik: Hossa Talk, 2022</em></p> <p>Deswegen sind <strong>Francis Fukuyama </strong>und <strong>Jan Assmann </strong>für mich nicht “nur” große Gelehrte. Sie sind vor allem auch Vorbilder darin, dass sie bis ins höhere Alter hinein die Fähigkeit erhalten haben, empirisch berechtigte Kritik anzunehmen und sich selbst durch Falsifikation zu verbessern. Wer dagegen immer noch meint, über die These vom “Ende der Geschichte” spotten zu müssen, hat nach meiner Auffassung noch kaum verstanden, wie wertvoll und auch schmerzhaft Wissenschaft sein kann.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=pk7ih1sgUCw" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Vortragsfolie von Michael Blume zu Karl Popper (1092 - 1994) mit den Stichpunkten &quot;Falsifikation&quot;, &quot;Offene Gesellschaft / Liberalismus&quot; und &quot;Toleranz-Paradox&quot;. Als Zitat steht unter einem Foto rechts: &quot;Alle Menschen sind Philosophen. [...] Die Probleme der Erkenntnistheorie bilden meiner Ansicht nach das Kernstück der Philosophie des Alltagsverstandes wie auch der akademischen Philosophie.&quot;" decoding="async" height="1154" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2132px) 100vw, 2132px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlPopperAlleMenschenPhilosophen.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlPopperAlleMenschenPhilosophen.jpg 2132w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlPopperAlleMenschenPhilosophen-300x162.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlPopperAlleMenschenPhilosophen-1024x554.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlPopperAlleMenschenPhilosophen-768x416.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlPopperAlleMenschenPhilosophen-1536x831.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlPopperAlleMenschenPhilosophen-2048x1109.jpg 2048w" width="2132"></img></a></p> <p><em>Vortragsfolie zum Lebenswerk von <a href="https://www.youtube.com/watch?v=pk7ih1sgUCw">Karl Popper für ein (wegen Covid19 erstmals voll digitales) KIT-Seminar. Grafik &amp; Vortrag: Michael Blume</a></em></p> <p>Und hier auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-dialog-zu-karl-popper-dem-kritischen-rationalismus-liberalismus/">ein aktueller Dialog dazu mit dem BWL-Prof. Dr. <strong>Inan Ince</strong></a>:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/xSSSahlPy5w?feature=oembed" title="Folge 41: Karl Popper und die Feinde der offenen Gesellschaft | Blume &amp; Ince - 2 Stimmen, 4 Kulturen" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Francis Fukuyama & Jan Assmann: Respekt vor Selbst-Falsifikation</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Angesichts des derzeitigen Zusammenbruchs der alten Weltordnung durch die Schläge des Fossilismus vergeht keine Woche, in der ich nicht zu lesen bekäme, das nach dem Berliner Mauersturz <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ende_der_Geschichte">1989 verkündete <strong><em>“Ende der Geschichte”</em></strong></a> des Politikwissenschaftlers <strong>Francis Fukuyama</strong> sei ja <em>“nun widerlegt”</em>.</p> <p>Das stimmt – doch auch <strong>Fukuyamas</strong> Geschichte geht weiter. Drei Jahrzehnte nach der These vom <em>“Ende der Geschichte”</em> veröffentlichte er <a href="https://www.deutschlandfunk.de/francis-fukuyama-identitaet-100.html"><strong><em>“Identität”</em></strong> (2019)</a>, in dem der Politikwissenschaftler im Rückgriff auf die griechische Antike selbst die Frage aufwarf, wo er sich geirrt hatte. Das Ergebnis war das vielleicht stärkste und bleibende Werk des US-Amerikaners, in dem er einräumte, dass Menschen eben nicht nur durch ökonomische Begierden (bei <strong>Platon </strong><em>“Epithymetikon, Begierde”</em>) und schon gar nicht nur durch Vernunft (bei <strong>Platon</strong> <em>“Logistikon, Vernunft”</em>) bestimmt werde, sondern auch durch das Streben nach Würde, Status und Ruhm (bei <strong>Platon <em>“Thymos”</em></strong>). Dass es nun auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/thymos/">auf “Natur des Glaubens” eine eigene Thymos-Kategorie</a> gibt, ist dem Umstand zu verdanken, dass ein großer Politikwissenschaftler wie <strong>Fukuyama</strong> bereit war, die eigenen Annahmen kritisch zu falsifizieren und eine neue Theorie zu präsentieren.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zeit/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Zwei Buchcover vor dynamisch fließendem Hintergrund: Links &quot;Identität&quot; von Francis Fukuyama, rechts &quot;Exodus&quot; von Jan Assmann." decoding="async" height="665" sizes="(max-width: 1168px) 100vw, 1168px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FrancisFukuyamaIdentitaetJanAssmannExodus.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FrancisFukuyamaIdentitaetJanAssmannExodus.jpg 1168w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FrancisFukuyamaIdentitaetJanAssmannExodus-300x171.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FrancisFukuyamaIdentitaetJanAssmannExodus-1024x583.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FrancisFukuyamaIdentitaetJanAssmannExodus-768x437.jpg 768w" width="1168"></img></a></p> <p><em>Zwei Werke großer Wissenschaftler, die bereit waren, sich auch selbst zu falsifizieren. Links “Identität. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet” (2018/19) von Francis Fukuyama, rechts “Exodus. Die Revolution der Alten Welt” (2015) von Jan Assmann. Grafik: Michael Blume</em></p> <p>Schon im Studium der Religionswissenschaft begeisterten mich Buch und Texte rund um das <em>“Das kulturelle Gedächtnis”</em> nach <strong>Jan und Aleida Assmann</strong>. Die Arbeiten des Baden-Württembergers <strong>Jan Assmann</strong> (1938 – 2024) über die Zeit im Alten Ägypten und sein Buch über die sog. “Achsenzeit” haben mich tief geprägt. Im Rahmen meiner Doktorarbeit hatte ich auch einmal einen persönlichen Dialog mit dem großen Ägyptologen, den ich nie vergessen werde.<aside></aside></p> <p>Umso mehr traf und schockte mich sein Buch <em>“Die mosaische Unterscheidung oder der Preis des Monotheismus”</em> (2003), das vor allem polytheistische Polemiken gegen das Judentum und eine antimosaische Mythologie von <strong>Sigmund Freud</strong> (1856 – 1939) verknüpfte. Dieses Buch sprach und fachte vor allem linken und akademischen Antisemitismus in Deutschland an, etwa im Kontext der damaligen antijüdischen und antimuslimischen Beschneidungsdebatte bis 2012.</p> <p>Doch Assmann stellte sich der fachlichen Kritik, ließ in späteren Ausgaben der <em>“Mosaischen Unterscheidung”</em> kundige Kritiker wie Karl-Josef Kuschel zu Wort kommen und revidierte schließlich seine Aussagen im großen <em>“Exodus”</em>-Buch, in dem er altägyptische und frühjüdische Vorstellungen von Zeit und Treue dialogisch aufarbeitete. Leider fand sein späteres und so viel wertvolleres Werk viel weniger Resonanz, doch für mich wird es immer einen Ehrenplatz einnehmen.</p> <p><strong>Selbst-Falsifikation ist schwer und mit realen Schmerzen (kognitiver Dissonanz) verbunden</strong></p> <p>Während in der langen Erkenntnisphase der <strong>Induktion</strong> Gelehrte nach maximaler Autorität und vermeintlicher Unfehlbarkeit zu streben hatten, verlangt <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-dialog-zu-karl-popper-dem-kritischen-rationalismus-liberalismus/">die <strong>Falsifikation</strong> nach Sir <strong>Karl Popper</strong> (1902 – 1994)</a> die Bereitschaft, auch die eigenen Annahmen, Hypothesen, Thesen und Theorien immer wieder kritisch zu überprüfen.</p> <p>Wie schwer und, ja, schmerzhaft dies ist, erlebte ich als junger Religionswissenschaftler bei der Auswertung der Schweizer Volkszählungsdaten von 2000. Nach meinem damaligen, liberal-rationalen Menschenbild hätten Frauen jene Religionsgemeinschaften bevorzugen müssen, in denen sie sich gleichberechtigt und frei einbringen könnten. Doch die Daten zeigten schockierend genau das Gegenteil: Frauen waren sehr viel stärker in strengen und patriarchalen Religionsgemeinschaften zu finden!</p> <p>Mich schockierte und schmerzte (!) das so sehr, dass ich ernsthaft daran dachte, die Arbeiten einzustellen oder doch wenigstens alle kleineren Religionsgemeinschaften aus der Analyse zu streichen, so dass die Ergebnisse “nicht so schlimm” ausfallen würden. Ein dialogisches Gespräch mit meiner Frau Zehra brachte mich dann aber dazu, “durch den Schmerz” zu gehen, die alten Thesen hinter mir zu lassen und über die bedeutende <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mutter-natur-verstehen-die-evolutionsforscherin-sarah-hrdy/"><strong>Sarah Blaffer Hrdy</strong> mit <em>“Mütter &amp; Andere”</em></a> schließlich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/antoinette-brown-blackwell-als-starke-frau-entdeckt/"><strong>Antoinette Brown Blackwell</strong> (1825 – 1921) zu entdecken</a>. Ich begann zu verstehen, dass das Festklammern an überholten Annahmen, Thesen und Theorien zwar psychologisch völlig verständlich, aber erkenntnistheoretisch auch falsch und für die Wissenschaft insgesamt schädlich war!</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/antoinette-brown-blackwell-als-starke-frau-entdeckt/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das Schaubild von Michael Blume würdigt Antoinette Brown Blackwell als &quot;Amerikas vergessene Pionierin&quot; in Theologie, Frauenrechten und Evolutionswissenschaft." decoding="async" height="1429" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Auch die interdisziplinäre Evolutionsforschung vergeudete Jahrzehnte, indem sie <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/antoinette-brown-blackwell-als-starke-frau-entdeckt/">die bedeutenden Beiträge von Antoinette Brown Blackwell zur Partnerwahl beim Menschen</a> ignorierte. Grafik: Michael Blume mit NotebookLM</em></p> <p>Auch aus eigener Erfahrung sehe ich auch hier <strong>das psychologische Erkenntnisproblem aus der “Enge der Zeit”</strong> mit wachsendem Alter: Es ist schmerzhaft genug, als junger Mensch eigene Annahmen zu überprüfen und hinter sich zu lassen. Doch es ist noch sehr viel schwerer, dies als Autorität zu tun, die über Jahrzehnte hinweg mit einer bestimmten These oder Theorie identifiziert worden ist!</p> <p>Der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-schrumpfen-der-freiheit-poppers-kreuz-der-wahrheit-im-hossa-talk-184/">humanistische und rational argumentierende Erkenntnistheoretiker <strong>Karl Popper</strong> selbst wählte als Metapher für diese immer wieder nötige, schmerzhafte Selbstüberprüfung das sowohl humanistische wie christlich-spirituelle Sprachbild des “Kreuztragens”</a>!</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-schrumpfen-der-freiheit-poppers-kreuz-der-wahrheit-im-hossa-talk-184/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Zitat von Michael Blume in Hossa Talk Folge 184 über das Sprachbild des Kreuztragens bei Sir Karl Popper. Link führt zur Grafik &amp; Hossa Talk-Folge." decoding="async" height="1296" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1125px) 100vw, 1125px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/352E2449-82FB-4645-99CF-0D911E6C94C2.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/352E2449-82FB-4645-99CF-0D911E6C94C2.jpeg 1125w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/352E2449-82FB-4645-99CF-0D911E6C94C2-260x300.jpeg 260w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/352E2449-82FB-4645-99CF-0D911E6C94C2-889x1024.jpeg 889w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/352E2449-82FB-4645-99CF-0D911E6C94C2-768x885.jpeg 768w" width="1125"></img></a></p> <p><em><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-schrumpfen-der-freiheit-poppers-kreuz-der-wahrheit-im-hossa-talk-184/">Zitatkachel Michael Blume aus Hossa Talk 184 zur Kreuztragen-Metapher bei Karl Popper</a>. Grafik: Hossa Talk, 2022</em></p> <p>Deswegen sind <strong>Francis Fukuyama </strong>und <strong>Jan Assmann </strong>für mich nicht “nur” große Gelehrte. Sie sind vor allem auch Vorbilder darin, dass sie bis ins höhere Alter hinein die Fähigkeit erhalten haben, empirisch berechtigte Kritik anzunehmen und sich selbst durch Falsifikation zu verbessern. Wer dagegen immer noch meint, über die These vom “Ende der Geschichte” spotten zu müssen, hat nach meiner Auffassung noch kaum verstanden, wie wertvoll und auch schmerzhaft Wissenschaft sein kann.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=pk7ih1sgUCw" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Vortragsfolie von Michael Blume zu Karl Popper (1092 - 1994) mit den Stichpunkten &quot;Falsifikation&quot;, &quot;Offene Gesellschaft / Liberalismus&quot; und &quot;Toleranz-Paradox&quot;. Als Zitat steht unter einem Foto rechts: &quot;Alle Menschen sind Philosophen. [...] Die Probleme der Erkenntnistheorie bilden meiner Ansicht nach das Kernstück der Philosophie des Alltagsverstandes wie auch der akademischen Philosophie.&quot;" decoding="async" height="1154" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2132px) 100vw, 2132px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlPopperAlleMenschenPhilosophen.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlPopperAlleMenschenPhilosophen.jpg 2132w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlPopperAlleMenschenPhilosophen-300x162.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlPopperAlleMenschenPhilosophen-1024x554.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlPopperAlleMenschenPhilosophen-768x416.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlPopperAlleMenschenPhilosophen-1536x831.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlPopperAlleMenschenPhilosophen-2048x1109.jpg 2048w" width="2132"></img></a></p> <p><em>Vortragsfolie zum Lebenswerk von <a href="https://www.youtube.com/watch?v=pk7ih1sgUCw">Karl Popper für ein (wegen Covid19 erstmals voll digitales) KIT-Seminar. Grafik &amp; Vortrag: Michael Blume</a></em></p> <p>Und hier auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-dialog-zu-karl-popper-dem-kritischen-rationalismus-liberalismus/">ein aktueller Dialog dazu mit dem BWL-Prof. Dr. <strong>Inan Ince</strong></a>:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/xSSSahlPy5w?feature=oembed" title="Folge 41: Karl Popper und die Feinde der offenen Gesellschaft | Blume &amp; Ince - 2 Stimmen, 4 Kulturen" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/francis-fukuyama-jan-assmann-mein-respekt-vor-selbst-falsifikation-nach-popper/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>53</slash:comments> </item> <item> <title>Sind wir alle Simulanten? https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/sind-wir-alle-simulanten/ https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/sind-wir-alle-simulanten/#comments Fri, 16 Jan 2026 19:52:36 +0000 Martina Grüter https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/?p=353 https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim2-768x559.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/sind-wir-alle-simulanten/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim2.jpg" /><h1>Sind wir alle Simulanten? » Babylonische Türme » SciLogs</h1><h2>By Martina Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Leben wir </b><b>alle </b><b>in einer Simulation? </b><b>Spätestens seit den Matrix-Filmen eine durchaus ernsthaft diskutierte Frage. </b><b>E</b><b>ine Gruppe von Mathematikern um Mir Faizal von der kanadischen University of British Columbia <a href="https://arxiv.org/abs/2507.22950">meint jetzt beweisen zu können</a>, dass wir in der echten Realität zu Hause sind. </b><b>Das ist doch beruhigend. </b></p> <p>Schon 1961 entwarf der österreichische Autor Herbert W. Franke 1961 in seinem Science-Fiction-Roman „Das Gedankennetz“ die dystopische Vision eines totalitären Staates, der potentielle Abweichler einer Loyalitätsprüfung unterziehen konnte, und zwar mithilfe von perfekten Simulationen, die sie nicht von der Wirklichkeit unterscheiden konnten. Der Oxforder Philosoph Nick Bostrom veröffentlichte <a href="https://simulation-argument.com/simulation/">im Jahre 2003 eine Abhandlung</a>, in der er argumentiert hatte, dass unsere Welt nur aus Bits und Bytes besteht und wir alle lediglich als Elektronenwolken im Inneren eines SSD-Speichers existieren, wo wir darauf warten, dass jemand die Simulation in den Hauptspeicher lädt und startet.</p> <p>Die Philosophie kennt viele Behauptungen, die sich ebenso schlüssig widerlegen wie auch beweisen lassen. Wäre die Philosophie eine exakte Wissenschaft, könnte man sich viele Regalmeter Bücher ersparen. Aber sie ist es nicht, und so wundert es niemanden, wenn eine philosophische Schule mit viel Scharfsinn eine in sich schlüssige Lehre aufbaut, die dann von einer anderen Schule mit ätzend scharfer Argumentation widerlegt wird. Beide bauen ein tragfähiges Gedankengebäude auf, das den unausweichlichen Zusammensturz der gegnerischen Konstruktion beweist. Beweise und Gegenbeweise leben in friedlicher Koexistenz, denn sie ernähren jeweils eine erkleckliche Anzahl von Akademikern.</p> <p>Aber hier geht es buchstäblich um eine existenzielle Frage, nicht um ein luftiges Gebilde aus sophistischen Argumenten. Sehen wir uns die Argumente beider Seiten einmal an:</p> <h3>Was für die Simulations-Hypothese spricht</h3> <p>Nick Bostrom argumentierte, vereinfacht gesagt, dass es nur eine Wirklichkeit gibt, aber beliebig viele Simulationen.<aside></aside></p> <p>Das Spiel „Grand Theft Auto“ (GTA) schafft zum Beispiel eine ganze Spielwelt und läuft auf vielen Millionen Rechnern. Jede neue Version (wir sind inzwischen bei GTA VI) hat eine größere Spielwelt und mehr NPCs (Non-player Characters, vom Computer simulierte Nebenfiguren). Warum sollte nicht in naher Zukunft eine solche Spielwelt so groß sein wie die Erde, oder wenigstens so groß wie die Lebenswelt der Menschen?</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-355" id="attachment_355"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6.jpg"><img alt="Simulation und Wirklichkeit" decoding="async" height="512" sizes="(max-width: 512px) 100vw, 512px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6.jpg 2048w" width="512"></img></a><figcaption id="caption-attachment-355">KI-generiertes Bild zur Frage, ob wir in einer Computer-Simulation leben.</figcaption></figure> <p>Mehr als 400 Millionen Kopien des Spiels hat die Herstellerfirma verkauft. Wenn jede nur zehntausend NPCs<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a> erschafft, dann wären wir bei mehr als vier Billionen NPCs. Und wer weiß, vielleicht kann schon im Jahr 2100 jeder Laptop eine so riesige Welt simulieren.</p> <p>Darauf baut Bostrom seine Argumente auf.</p> <ul> <li>Wenn unsere Nachfahren genügend große Rechner bauen können <i>und</i></li> <li>wenn sie daran interessiert sind, eine Simulation zu bauen und zu spielen, die in der Vergangenheit spielt <i>und</i></li> <li>wenn die NPCs darin tatsächlich ein Bewusstsein entwickeln können,</li> </ul> <p>dann (und nur dann) leben wir wahrscheinlich in einer Simulation.</p> <p>Das sind eine ganze Menge wenns. Fangen wir beim letzten an: Ob NPCs im Computer <a href="https://www.scinexx.de/news/technik/kann-ki-ein-bewusstsein-entwickeln/">ein Bewusstsein entwickeln</a>, wird auch längerfristig kaum zu klären sein. Schließlich wissen wir (wir = alle Wissenschaftler der Erde) nicht, was ein Bewusstsein überhaupt ist. Jeder weiß, dass er eines hat, und vermutet, dass alle anderen auch eines haben. Alles weitere driftet schnell in den Bereich der Esoterik ab. Wenn sich aber eine Hypothese in einem entscheidenden Punkt der Überprüfung entzieht, haben wir jedes Recht, sie zum Gedankenspiel herunterzustufen.</p> <p>Wo wir gerade beim Gedankenspielen sind: Wer sagt denn eigentlich, dass wir nicht in einer Simulation leben, deren Schöpfer wiederum nur einer Simulation entstammen? Diese Idee stammt nicht von Nick Bostrom, sie findet sich schon im Jahr 1964 in dem Science-Fiction-Roman Simulacron III von Daniel F. Galouye. Darin beschreibt er die Simulation einer Großstadt zu Marktforschungszwecken. Aber auch die Wissenschaftler, die den gigantischen Computer betreiben, in dem die Simulation läuft, müssen irgendwann feststellen, dass sie selbst nur Bits in einem Computer sind. Rainer Werner Fassbinder hat den Roman 1973 kongenial verfilmt.</p> <p>Der Roman und der Film enden damit, dass der Protagonist es schafft, aus der Simulation zu entkommen und in die Wirklichkeit vorzustoßen. Aber was, wenn es keine Wirklichkeit gibt? Wenn jede neue Ebene wieder eine Simulation ist? Wenn es sich um unzählige Spiegelbilder einer endlos fernen Wirklichkeit handelt, zu der wir niemals durchbrechen werden?</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-357" id="attachment_357"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4.jpg"><img alt="Unendliche Spiegel" decoding="async" height="523" sizes="(max-width: 523px) 100vw, 523px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4.jpg 1024w" width="523"></img></a><figcaption id="caption-attachment-357">Könnte die Welt eine unendlich ineinander geschachtelte Simulation ein?</figcaption></figure> <p>Dieser Idee sind dann doch enge Grenzen gesetzt. Jede Welt wird nur einen winzigen Teil ihrer Ressourcen auf die Simulation verwenden, schließlich muss man sich um wichtigere Dinge kümmern als Computerspiele. Jede höhere Stufe der Simulation wäre also Millionen Mal komplexer als aktuelle. Damit gelangen wir sehr schnell in Regionen, die einen mehrfachen Regress schon unwahrscheinlich werden lassen, einen endlosen Regress (Ursache der Ursache der Ursache … ad infinitum) aber sicher ausschließt.</p> <h3>Simulation oder Modell?</h3> <p>Wenn wir ehrlich sind, müssen wir natürlich zugeben, dass die Spiele im Rechner nicht einmal ein Dorf von hundert Einwohnern wirklich simulieren können. Ein professioneller Flugsimulator ahmt das wirkliche Flugverhalten eines einzelnen Flugzeugs sehr gut nach, so gut jedenfalls, dass die Piloten echte Notfälle darin üben können, ohne dass bei einer falschen Reaktion jemand zu Schaden kommt. Wohlgemerkt: Der Simulator bildet nur das nach, was die Piloten sehen, und konfrontiert sie mit den Konsequenzen falschen Handelns. Er könnte beispielsweise nicht simulieren, wie Passagiere reagieren, und nur sehr ungenau, an welchen Stellen sich eine Strukturüberlastung auswirken würde.</p> <p>Ein Spiel wie GTA oder Civilisation ist dagegen ein <i>Modell</i> im Maßstab eins zu einer Million (oder noch kleiner). Von einer Simulation zu sprechen, ist zwar üblich, aber irreführend. Kein Computerspielstudio bildet die echte Lebenswelt der Menschen genauer nach als beispielsweise Disneyworld oder Legoland. Warum erscheint es dann so echt, wenn man vor seinem Bildschirm sitzt? Wir Menschen sehen eben nur einen verschwindend kleinen Ausschnitt unserer Welt, und davon auch nur das, was unser Gehirn daraus macht. Schon wenn wir ein Buch lesen oder ein Theaterstück erleben, dann haben wir das Gefühl, die Figuren seien Teil unserer Lebenswelt. Wir neigen also dazu, aus kleinen Mosaiksteinen auf das ganze Bild zu schließen. Und ein Großteil davon spielt sich nur in unserem Kopf ab.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-356" id="attachment_356"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5.jpg"><img alt="" decoding="async" height="512" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5.jpg 1024w" width="512"></img></a><figcaption id="caption-attachment-356">Die Simulation der Welt in unserem Kopf. Simulieren wir eventuell eine Simulation?</figcaption></figure> <p>Nach meinem Eindruck haben weder Nick Bostrom noch seine Kritiker den Unterschied zwischen Simulation und Modell ausreichend diskutiert. Denn seien wir ehrlich: Computerspiele wie GTA simulieren keine Welt, sie modellieren nur auf recht primitive Weise soziale Interaktionen, und das vor einem Hintergrund, der kaum realistischer ist als die gemalten Kulissen in einem Theater.</p> <p>Kommen wir also jetzt zur Widerlegung.</p> <h3>Die Widerlegung: Wir leben nicht in einer Simulation</h3> <p>Während sich Bostroms Beweis durch seine Geradlinigkeit und Verständlichkeit auszeichnet, liest sich die Widerlegung wie ein Gewaltmarsch durch die dämmerigen Ränder der Mathematik, der Physik und der Philosophie. Die Quantengravitation wird da bemüht – ein Konzept, an dem sich Generationen von Physikern bisher vergeblich abarbeiten. Die Quantentheorie beschreibt hervorragend die Welt des Elektromagnetismus und der Kernkräfte. Die Quantenfeldtheorie beschreibt alle Kräfte außer der Gravitation, die wiederum von der Relativitätstheorie perfekt erfasst wird. Aber bisher sind alle Versuche gescheitert, daraus eine gemeinsame Theorie – die Quantengravitation – zu destillieren. Aber wenn es etwas nicht gibt, kann ich damit auch nicht argumentieren.</p> <p>Als weitere Akteure im Paper treten auf: Gödels Unvollständigkeitssatz, Tarskis Satz über die Undefinierbarkeit der Wahrheit und <a href="https://plato.stanford.edu/entries/platonism-mathematics/">der Platonismus in der Mathematik</a>, eine philosophische Theorie, die von der wirklichen Existenz abstrakter mathematischer Objekte ausgeht. „Wirklich“ heißt hier, sie existieren wie Planeten oder Kometen, unabhängig vom menschlichen Denken, und wenn ein Mathematiker ein neues Konzept findet, hat er es nicht er-funden, sondern ge-funden.</p> <p>Und das alles kondensieren die Autoren um Mir Faizal zu der Idee, dass sich unsere Welt von innen her nicht vollständig beschreiben lässt. Es bleibt immer ein undefinierbarer Rest, und zwar nicht etwa deshalb, weil man unmöglich schafft, in alle Staubecken zu gucken, sondern wegen des fundamentales Prinzips, dass immer irgendetwas nicht perfekt definiert ist.</p> <p>Weil aber eine Simulation in einem Computer abläuft, in der jedes Bit einen exakten Wert hat, der nach bestimmten Algorithmen auf eindeutige Art verändert wird, kann ein Computer unsere Welt nicht komplett simulieren. Wenn unsere Welt aber nicht im Computer simuliert werden kann, dann leben wir offensichtlich nicht in einer Simulation.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-360" id="attachment_360"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="512" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1.jpg 1024w" width="512"></img></a><figcaption id="caption-attachment-360">Kann es überhaupt eine Simulation geben?</figcaption></figure> <p>Äh, ja, sicher, ist doch ganz einfach, oder nicht? Bei näherer Überlegung hat die Argumentation aber ähnlich viele Löcher wie der Beweis. Zunächst: Woher wissen Physiker eigentlich, wie die Welt im Kleinsten (Quanten) und Größten (Galaxien) zusammengesetzt ist? Naja, sie lesen Instrumente ab. Sie werten Fotos aus. Erst dann schaffen sie Theorien und setzen neue Experimente auf, um aus weiteren Messwerten mehr Erkenntnisse zu entnehmen. Auch ein eindeutig definiertes System wie ein Computer könnte diese Ablesungen simulieren und den NPCs vorgaukeln, ihre Welt sei schon prinzipiell nicht simulierbar.</p> <p>Und das ist natürlich nicht alles. Wenn unsere Welt nicht simulierbar ist, dann könnte es auch keine Simulationen wie GTA geben. Es gibt sie aber. Nur: Diese Simulationen sind, wie schon gesagt, <i>Modelle</i> und haben eben mit der wirklichen Welt so viel gemeinsam wie ein Matchbox-Mercedes mit dem echten Auto.</p> <p>Der Beweis und seine Widerlegung sind also an so viele Bedingungen geknüpft, dass sie, wie so oft in der Philosophie, friedlich nebeneinander leben.</p> <h3>Also was denn jetzt: Simulation oder nicht?</h3> <p>Wenn schon nicht die ganze Welt simuliert wird, könnte es sein, dass jemand unsere Gehirne mit falschen Informationen füttert, wie beispielsweise in den Matrix-Filmen? Sicher, unmöglich ist das nicht, aber irgendwie frage ich mich doch, warum jemand den ungeheuren Aufwand dafür treiben sollte. Das beantwortet die Matrix-Serie nicht befriedigend, die Erklärung im Film sorgt zwar für gehörigen Grusel, ist aber im Grunde unsinnig. Wenn wir einmal davon ausgehen, dass einfache Antworten wahrscheinlicher sind als komplizierte<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>, dann leben Sie und ich wahrscheinlich nicht in einer Simulation, auch nicht in einer minimalen, in der nur unser ganz persönliches Gehirn absichtlich in die Irre geführt wird. Selbst dieses Szenario ist ein gehöriges Stück komplizierter als die einfache Erklärung, dass unser Gehirn ein Modell der echten Außenwelt aufbaut, damit wir uns darin sinnvoll bewegen können.</p> <p>Und wenn aber doch … ? Dann denken Sie darüber nach, wie die echte Welt aussehen könnte, warum ausgerechnet Ihr Gehirn in einem Tank liegt, und schreiben Sie ein Buch darüber. Es wird bestimmt ein Bestseller.</p> <p>P.S.: Weil die künstliche Intelligenz bei diesem Thema sozusagen direkt betroffen ist, habe ich diverse KI-Modelle gebeten, Bilder zum Thema zu generieren. Die besten Ergebnisse stelle ich hier vor.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> In dem sehenswerten Film „Free Guy“ aus dem Jahr 2021 spielt ein NPC die Hauptrolle. Er ist damit zufrieden, dass seine Tage immer gleich ablaufen. Aber dann wird seine Routine durchbrochen, und er muss sich einem Kampf stellen, der seine ganze Spielwelt bedroht. Der Film ist als Actionkomödie angelegt, und so wird am Ende alles gut.</p> <div id="sdendnote2"> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> In der Philosophie ist dieses Prinzip als „Ockhams Skalpell“ oder „Ockhams Rasiermesser“ bekannt. Es ist kein Gesetz, sondern eher eine Faustregel, benannt nach dem mittelalterlichen Mönch und Philosophen Wilhelm von Ockham, obwohl von ihm keine einzelne entsprechende Definition überliefert ist. Demnach sind einfache Erklärungen für einen Sachverhalt grundsätzlich vorzuziehen, immer vorausgesetzt, sie erklären ihn vollständig. Man soll dabei versuchen versuchen, mit möglichst wenigen Variablen, Hypothesen und Zusammenhängen auszukommen. Das Skalpell schneidet also wucherndes Gedankengewebe weg. Im Einzelfall mag eine Lösung komplizierter sein. Ein Beispiel: In neun von zehn Fällen ist eine Person, die mit einem blutigen Messer am Tatort eines Mordes angetroffen wird, tatsächlich der Mörder, aber möglicherweise ist es im Einzelfall komplizierter. Im Fall der Simulation ganzer Welten heißt das: Die Herstellung und der Betrieb einer Simulation ist außerordentlich kompliziert und fehleranfällig. Die Annahme, dass Ihre oder meine sichtbare Welt genau darauf beruht, ist demzufolge sehr viel weniger wahrscheinlich als die Annahme, dass wir in der echten Welt wohnen.</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim2.jpg" /><h1>Sind wir alle Simulanten? » Babylonische Türme » SciLogs</h1><h2>By Martina Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Leben wir </b><b>alle </b><b>in einer Simulation? </b><b>Spätestens seit den Matrix-Filmen eine durchaus ernsthaft diskutierte Frage. </b><b>E</b><b>ine Gruppe von Mathematikern um Mir Faizal von der kanadischen University of British Columbia <a href="https://arxiv.org/abs/2507.22950">meint jetzt beweisen zu können</a>, dass wir in der echten Realität zu Hause sind. </b><b>Das ist doch beruhigend. </b></p> <p>Schon 1961 entwarf der österreichische Autor Herbert W. Franke 1961 in seinem Science-Fiction-Roman „Das Gedankennetz“ die dystopische Vision eines totalitären Staates, der potentielle Abweichler einer Loyalitätsprüfung unterziehen konnte, und zwar mithilfe von perfekten Simulationen, die sie nicht von der Wirklichkeit unterscheiden konnten. Der Oxforder Philosoph Nick Bostrom veröffentlichte <a href="https://simulation-argument.com/simulation/">im Jahre 2003 eine Abhandlung</a>, in der er argumentiert hatte, dass unsere Welt nur aus Bits und Bytes besteht und wir alle lediglich als Elektronenwolken im Inneren eines SSD-Speichers existieren, wo wir darauf warten, dass jemand die Simulation in den Hauptspeicher lädt und startet.</p> <p>Die Philosophie kennt viele Behauptungen, die sich ebenso schlüssig widerlegen wie auch beweisen lassen. Wäre die Philosophie eine exakte Wissenschaft, könnte man sich viele Regalmeter Bücher ersparen. Aber sie ist es nicht, und so wundert es niemanden, wenn eine philosophische Schule mit viel Scharfsinn eine in sich schlüssige Lehre aufbaut, die dann von einer anderen Schule mit ätzend scharfer Argumentation widerlegt wird. Beide bauen ein tragfähiges Gedankengebäude auf, das den unausweichlichen Zusammensturz der gegnerischen Konstruktion beweist. Beweise und Gegenbeweise leben in friedlicher Koexistenz, denn sie ernähren jeweils eine erkleckliche Anzahl von Akademikern.</p> <p>Aber hier geht es buchstäblich um eine existenzielle Frage, nicht um ein luftiges Gebilde aus sophistischen Argumenten. Sehen wir uns die Argumente beider Seiten einmal an:</p> <h3>Was für die Simulations-Hypothese spricht</h3> <p>Nick Bostrom argumentierte, vereinfacht gesagt, dass es nur eine Wirklichkeit gibt, aber beliebig viele Simulationen.<aside></aside></p> <p>Das Spiel „Grand Theft Auto“ (GTA) schafft zum Beispiel eine ganze Spielwelt und läuft auf vielen Millionen Rechnern. Jede neue Version (wir sind inzwischen bei GTA VI) hat eine größere Spielwelt und mehr NPCs (Non-player Characters, vom Computer simulierte Nebenfiguren). Warum sollte nicht in naher Zukunft eine solche Spielwelt so groß sein wie die Erde, oder wenigstens so groß wie die Lebenswelt der Menschen?</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-355" id="attachment_355"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6.jpg"><img alt="Simulation und Wirklichkeit" decoding="async" height="512" sizes="(max-width: 512px) 100vw, 512px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6.jpg 2048w" width="512"></img></a><figcaption id="caption-attachment-355">KI-generiertes Bild zur Frage, ob wir in einer Computer-Simulation leben.</figcaption></figure> <p>Mehr als 400 Millionen Kopien des Spiels hat die Herstellerfirma verkauft. Wenn jede nur zehntausend NPCs<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a> erschafft, dann wären wir bei mehr als vier Billionen NPCs. Und wer weiß, vielleicht kann schon im Jahr 2100 jeder Laptop eine so riesige Welt simulieren.</p> <p>Darauf baut Bostrom seine Argumente auf.</p> <ul> <li>Wenn unsere Nachfahren genügend große Rechner bauen können <i>und</i></li> <li>wenn sie daran interessiert sind, eine Simulation zu bauen und zu spielen, die in der Vergangenheit spielt <i>und</i></li> <li>wenn die NPCs darin tatsächlich ein Bewusstsein entwickeln können,</li> </ul> <p>dann (und nur dann) leben wir wahrscheinlich in einer Simulation.</p> <p>Das sind eine ganze Menge wenns. Fangen wir beim letzten an: Ob NPCs im Computer <a href="https://www.scinexx.de/news/technik/kann-ki-ein-bewusstsein-entwickeln/">ein Bewusstsein entwickeln</a>, wird auch längerfristig kaum zu klären sein. Schließlich wissen wir (wir = alle Wissenschaftler der Erde) nicht, was ein Bewusstsein überhaupt ist. Jeder weiß, dass er eines hat, und vermutet, dass alle anderen auch eines haben. Alles weitere driftet schnell in den Bereich der Esoterik ab. Wenn sich aber eine Hypothese in einem entscheidenden Punkt der Überprüfung entzieht, haben wir jedes Recht, sie zum Gedankenspiel herunterzustufen.</p> <p>Wo wir gerade beim Gedankenspielen sind: Wer sagt denn eigentlich, dass wir nicht in einer Simulation leben, deren Schöpfer wiederum nur einer Simulation entstammen? Diese Idee stammt nicht von Nick Bostrom, sie findet sich schon im Jahr 1964 in dem Science-Fiction-Roman Simulacron III von Daniel F. Galouye. Darin beschreibt er die Simulation einer Großstadt zu Marktforschungszwecken. Aber auch die Wissenschaftler, die den gigantischen Computer betreiben, in dem die Simulation läuft, müssen irgendwann feststellen, dass sie selbst nur Bits in einem Computer sind. Rainer Werner Fassbinder hat den Roman 1973 kongenial verfilmt.</p> <p>Der Roman und der Film enden damit, dass der Protagonist es schafft, aus der Simulation zu entkommen und in die Wirklichkeit vorzustoßen. Aber was, wenn es keine Wirklichkeit gibt? Wenn jede neue Ebene wieder eine Simulation ist? Wenn es sich um unzählige Spiegelbilder einer endlos fernen Wirklichkeit handelt, zu der wir niemals durchbrechen werden?</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-357" id="attachment_357"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4.jpg"><img alt="Unendliche Spiegel" decoding="async" height="523" sizes="(max-width: 523px) 100vw, 523px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4.jpg 1024w" width="523"></img></a><figcaption id="caption-attachment-357">Könnte die Welt eine unendlich ineinander geschachtelte Simulation ein?</figcaption></figure> <p>Dieser Idee sind dann doch enge Grenzen gesetzt. Jede Welt wird nur einen winzigen Teil ihrer Ressourcen auf die Simulation verwenden, schließlich muss man sich um wichtigere Dinge kümmern als Computerspiele. Jede höhere Stufe der Simulation wäre also Millionen Mal komplexer als aktuelle. Damit gelangen wir sehr schnell in Regionen, die einen mehrfachen Regress schon unwahrscheinlich werden lassen, einen endlosen Regress (Ursache der Ursache der Ursache … ad infinitum) aber sicher ausschließt.</p> <h3>Simulation oder Modell?</h3> <p>Wenn wir ehrlich sind, müssen wir natürlich zugeben, dass die Spiele im Rechner nicht einmal ein Dorf von hundert Einwohnern wirklich simulieren können. Ein professioneller Flugsimulator ahmt das wirkliche Flugverhalten eines einzelnen Flugzeugs sehr gut nach, so gut jedenfalls, dass die Piloten echte Notfälle darin üben können, ohne dass bei einer falschen Reaktion jemand zu Schaden kommt. Wohlgemerkt: Der Simulator bildet nur das nach, was die Piloten sehen, und konfrontiert sie mit den Konsequenzen falschen Handelns. Er könnte beispielsweise nicht simulieren, wie Passagiere reagieren, und nur sehr ungenau, an welchen Stellen sich eine Strukturüberlastung auswirken würde.</p> <p>Ein Spiel wie GTA oder Civilisation ist dagegen ein <i>Modell</i> im Maßstab eins zu einer Million (oder noch kleiner). Von einer Simulation zu sprechen, ist zwar üblich, aber irreführend. Kein Computerspielstudio bildet die echte Lebenswelt der Menschen genauer nach als beispielsweise Disneyworld oder Legoland. Warum erscheint es dann so echt, wenn man vor seinem Bildschirm sitzt? Wir Menschen sehen eben nur einen verschwindend kleinen Ausschnitt unserer Welt, und davon auch nur das, was unser Gehirn daraus macht. Schon wenn wir ein Buch lesen oder ein Theaterstück erleben, dann haben wir das Gefühl, die Figuren seien Teil unserer Lebenswelt. Wir neigen also dazu, aus kleinen Mosaiksteinen auf das ganze Bild zu schließen. Und ein Großteil davon spielt sich nur in unserem Kopf ab.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-356" id="attachment_356"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5.jpg"><img alt="" decoding="async" height="512" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5.jpg 1024w" width="512"></img></a><figcaption id="caption-attachment-356">Die Simulation der Welt in unserem Kopf. Simulieren wir eventuell eine Simulation?</figcaption></figure> <p>Nach meinem Eindruck haben weder Nick Bostrom noch seine Kritiker den Unterschied zwischen Simulation und Modell ausreichend diskutiert. Denn seien wir ehrlich: Computerspiele wie GTA simulieren keine Welt, sie modellieren nur auf recht primitive Weise soziale Interaktionen, und das vor einem Hintergrund, der kaum realistischer ist als die gemalten Kulissen in einem Theater.</p> <p>Kommen wir also jetzt zur Widerlegung.</p> <h3>Die Widerlegung: Wir leben nicht in einer Simulation</h3> <p>Während sich Bostroms Beweis durch seine Geradlinigkeit und Verständlichkeit auszeichnet, liest sich die Widerlegung wie ein Gewaltmarsch durch die dämmerigen Ränder der Mathematik, der Physik und der Philosophie. Die Quantengravitation wird da bemüht – ein Konzept, an dem sich Generationen von Physikern bisher vergeblich abarbeiten. Die Quantentheorie beschreibt hervorragend die Welt des Elektromagnetismus und der Kernkräfte. Die Quantenfeldtheorie beschreibt alle Kräfte außer der Gravitation, die wiederum von der Relativitätstheorie perfekt erfasst wird. Aber bisher sind alle Versuche gescheitert, daraus eine gemeinsame Theorie – die Quantengravitation – zu destillieren. Aber wenn es etwas nicht gibt, kann ich damit auch nicht argumentieren.</p> <p>Als weitere Akteure im Paper treten auf: Gödels Unvollständigkeitssatz, Tarskis Satz über die Undefinierbarkeit der Wahrheit und <a href="https://plato.stanford.edu/entries/platonism-mathematics/">der Platonismus in der Mathematik</a>, eine philosophische Theorie, die von der wirklichen Existenz abstrakter mathematischer Objekte ausgeht. „Wirklich“ heißt hier, sie existieren wie Planeten oder Kometen, unabhängig vom menschlichen Denken, und wenn ein Mathematiker ein neues Konzept findet, hat er es nicht er-funden, sondern ge-funden.</p> <p>Und das alles kondensieren die Autoren um Mir Faizal zu der Idee, dass sich unsere Welt von innen her nicht vollständig beschreiben lässt. Es bleibt immer ein undefinierbarer Rest, und zwar nicht etwa deshalb, weil man unmöglich schafft, in alle Staubecken zu gucken, sondern wegen des fundamentales Prinzips, dass immer irgendetwas nicht perfekt definiert ist.</p> <p>Weil aber eine Simulation in einem Computer abläuft, in der jedes Bit einen exakten Wert hat, der nach bestimmten Algorithmen auf eindeutige Art verändert wird, kann ein Computer unsere Welt nicht komplett simulieren. Wenn unsere Welt aber nicht im Computer simuliert werden kann, dann leben wir offensichtlich nicht in einer Simulation.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-360" id="attachment_360"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="512" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1.jpg 1024w" width="512"></img></a><figcaption id="caption-attachment-360">Kann es überhaupt eine Simulation geben?</figcaption></figure> <p>Äh, ja, sicher, ist doch ganz einfach, oder nicht? Bei näherer Überlegung hat die Argumentation aber ähnlich viele Löcher wie der Beweis. Zunächst: Woher wissen Physiker eigentlich, wie die Welt im Kleinsten (Quanten) und Größten (Galaxien) zusammengesetzt ist? Naja, sie lesen Instrumente ab. Sie werten Fotos aus. Erst dann schaffen sie Theorien und setzen neue Experimente auf, um aus weiteren Messwerten mehr Erkenntnisse zu entnehmen. Auch ein eindeutig definiertes System wie ein Computer könnte diese Ablesungen simulieren und den NPCs vorgaukeln, ihre Welt sei schon prinzipiell nicht simulierbar.</p> <p>Und das ist natürlich nicht alles. Wenn unsere Welt nicht simulierbar ist, dann könnte es auch keine Simulationen wie GTA geben. Es gibt sie aber. Nur: Diese Simulationen sind, wie schon gesagt, <i>Modelle</i> und haben eben mit der wirklichen Welt so viel gemeinsam wie ein Matchbox-Mercedes mit dem echten Auto.</p> <p>Der Beweis und seine Widerlegung sind also an so viele Bedingungen geknüpft, dass sie, wie so oft in der Philosophie, friedlich nebeneinander leben.</p> <h3>Also was denn jetzt: Simulation oder nicht?</h3> <p>Wenn schon nicht die ganze Welt simuliert wird, könnte es sein, dass jemand unsere Gehirne mit falschen Informationen füttert, wie beispielsweise in den Matrix-Filmen? Sicher, unmöglich ist das nicht, aber irgendwie frage ich mich doch, warum jemand den ungeheuren Aufwand dafür treiben sollte. Das beantwortet die Matrix-Serie nicht befriedigend, die Erklärung im Film sorgt zwar für gehörigen Grusel, ist aber im Grunde unsinnig. Wenn wir einmal davon ausgehen, dass einfache Antworten wahrscheinlicher sind als komplizierte<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>, dann leben Sie und ich wahrscheinlich nicht in einer Simulation, auch nicht in einer minimalen, in der nur unser ganz persönliches Gehirn absichtlich in die Irre geführt wird. Selbst dieses Szenario ist ein gehöriges Stück komplizierter als die einfache Erklärung, dass unser Gehirn ein Modell der echten Außenwelt aufbaut, damit wir uns darin sinnvoll bewegen können.</p> <p>Und wenn aber doch … ? Dann denken Sie darüber nach, wie die echte Welt aussehen könnte, warum ausgerechnet Ihr Gehirn in einem Tank liegt, und schreiben Sie ein Buch darüber. Es wird bestimmt ein Bestseller.</p> <p>P.S.: Weil die künstliche Intelligenz bei diesem Thema sozusagen direkt betroffen ist, habe ich diverse KI-Modelle gebeten, Bilder zum Thema zu generieren. Die besten Ergebnisse stelle ich hier vor.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> In dem sehenswerten Film „Free Guy“ aus dem Jahr 2021 spielt ein NPC die Hauptrolle. Er ist damit zufrieden, dass seine Tage immer gleich ablaufen. Aber dann wird seine Routine durchbrochen, und er muss sich einem Kampf stellen, der seine ganze Spielwelt bedroht. Der Film ist als Actionkomödie angelegt, und so wird am Ende alles gut.</p> <div id="sdendnote2"> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> In der Philosophie ist dieses Prinzip als „Ockhams Skalpell“ oder „Ockhams Rasiermesser“ bekannt. Es ist kein Gesetz, sondern eher eine Faustregel, benannt nach dem mittelalterlichen Mönch und Philosophen Wilhelm von Ockham, obwohl von ihm keine einzelne entsprechende Definition überliefert ist. Demnach sind einfache Erklärungen für einen Sachverhalt grundsätzlich vorzuziehen, immer vorausgesetzt, sie erklären ihn vollständig. Man soll dabei versuchen versuchen, mit möglichst wenigen Variablen, Hypothesen und Zusammenhängen auszukommen. Das Skalpell schneidet also wucherndes Gedankengewebe weg. Im Einzelfall mag eine Lösung komplizierter sein. Ein Beispiel: In neun von zehn Fällen ist eine Person, die mit einem blutigen Messer am Tatort eines Mordes angetroffen wird, tatsächlich der Mörder, aber möglicherweise ist es im Einzelfall komplizierter. Im Fall der Simulation ganzer Welten heißt das: Die Herstellung und der Betrieb einer Simulation ist außerordentlich kompliziert und fehleranfällig. Die Annahme, dass Ihre oder meine sichtbare Welt genau darauf beruht, ist demzufolge sehr viel weniger wahrscheinlich als die Annahme, dass wir in der echten Welt wohnen.</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/sind-wir-alle-simulanten/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>43</slash:comments> </item> <item> <title>Venezuelas Reichtum an Öl – das Orinocobecken https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/venezuelas-reichtum-an-oel-das-orinocobecken/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/venezuelas-reichtum-an-oel-das-orinocobecken/#comments Fri, 16 Jan 2026 17:05:27 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3727 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/venezuelas-reichtum-an-oel-das-orinocobecken/</link> </image> <description type="html"><h1>Venezuelas Reichtum an Öl - das Orinocobecken » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Venezuela#">Venezuela </a>steht einmal mehr im Zentrum des weltweiten Interesses. Ich möchte mich hier nicht über den Sinn oder Unsinn auslassen, unliebsame Politiker zu entführen, selbst wenn sie ihr Land unterdrücken und nicht demokratisch legitimiert sind. Hier geht es hauptsächlich um das Öl. Das Unternehmen wurde schließlich nicht gestartet, um dem venezolanischen Volk Freiheit oder wirtschaftlichen Wohlstand zu bringen.</p> <p>Vermutlich verfügt das lateinamerikanische Land über die <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/40062/umfrage/laendervergleich-nachgewiesene-erdoelreserven-in-milliarden-tonnen/">größten nachgewiesenen Ölreserven der Welt</a>. Schätzungen zufolge besitzt Venezuela rund 300 Milliarden Barrel Öl. Damit liegt das Land nicht nur an der Spitze in Lateinamerika, sondern auch deutlich vor Saudi-Arabien mit 265 Milliarden Barrel. Brasilien, die Nummer zwei in Lateinamerika in Sachen Erdöl, ist mit gut 16 Mrd. Barrel weit abgeschlagen. Dabei muss man allerdings berücksichtigen, dass weite Bereiche in Lateinamerika noch nicht hinreichend exploriert wurden und sicher noch einige Überraschungen bereithalten könnten.</p> <p>Hinzu kommt, dass man zwischen Reserven und Ressourcen unterscheidet. Reserven bezeichnen die Mengen, die zu gegenwärtigen Preisen und mit heutiger Technologie förderbar sind. Letztere stellen die Mengen dar, die zwar nachgewiesen sind, aber nach dem heutigen Stand der Technik und den heutigen Preisen nicht gewonnen werden können. Sie könnten aber möglicherweise in Zukunft ausgebeutet werden. Das erklärt auch die immer wieder auftretenden Schwankungen der Zahlen. Hier soll es um Reserven gehen.</p> <h2 id="h-wo-kommt-das-ol-eigentlich-her">Wo kommt das Öl eigentlich her?</h2> <p>Selbst wenn man davon ausgeht, dass die umliegenden Gebiete in Lateinamerika noch nicht ausreichend erkundet wurden und möglicherweise noch das eine oder andere Überraschungspotenzial bergen. Venezuela ist in jedem Fall bemerkenswert. Rund 90 % des venezolanischen Öls kommen im Orinocobecken vor. Das Gebiet der Ölfelder ist mit rund 55.000 km² fast so groß wie Kroatien. Es ist neben den kanadischen Ölsanden das größte bekannte zusammenhängende Ölfeld der Welt. Hier muss also einiges zusammengekommen sein, um diese gigantische Menge an Öl entstehen zu lassen. Schätzungen zufolge liegen hier mehr als 1 Billion Barrel Öl [1].</p> <p>Im Norden Südamerikas grenzt der südamerikanische Kontinent an die Karibische Platte. Das Orinokobecken liegt dabei südlich eines Faltengürtels. Durch die Kollision der Karibischen Platte mit dem passiven Rand Südamerikas bildete sich während des Paläogens und Neogens ein Vorlandbecken mit einem Überschiebungsgürtel.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS.jpg"><img alt="" decoding="async" height="611" sizes="(max-width: 719px) 100vw, 719px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS.jpg 719w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS-300x255.jpg 300w" width="719"></img></a><figcaption><em>Der Orinoco Petroleum Belt und seine Lage in Venezuela. <a href="https://pubs.usgs.gov/fs/2009/3028/pdf/FS09-3028.pdf">USGS</a></em></figcaption></figure> <h2 id="h-von-der-bildung-zum-speicher">Von der Bildung zum Speicher</h2> <p>Durch Überschiebungen verdickte sich die Lithosphäre, wodurch sich das Becken senkte und ausgedehnte flache Meeresbereiche entstanden, die ideale Bedingungen für marines Leben boten. Eine starke Sedimentation durch den Ur-Orinoco führte zu einer raschen Bedeckung der organischen Reste und zur weiteren Absenkung des Beckens. Dadurch sanken die Erdölmuttergesteine immer tiefer und gelangten in einen Temperaturbereich, der für die Entstehung von Erdöl ideal ist.</p> <p>Mit der Bildung ist die Sache aber noch lange nicht beendet. Um ein anständiges Ölfeld zu bilden, braucht man auch Gesteine, die Erdöl speichern können. Idealerweise sind dies poröse Gesteine, in deren Porenraum das Erdöl gespeichert wird. Darüber sollten abdichtende Schichten, wie etwa Salz- oder Tonsteine, vorhanden sein, die verhindern, dass das kostbare Erdöl weiter aufsteigt und die Erdoberfläche erreicht.<br></br>Und genau das passierte hier auch. Das Erdöl wanderte von den tieferen Becken aufwärts in den flachen südlichen Bereich, wo es sich entlang einer vorgewölbten Struktur sammelte [3].<br></br>Dort gab es größere Mengen fluviatiler Sandsteine, die als gute Erdöl-Speichergesteine gelten. Allerdings sind sie hier auch recht uneinheitlich. Verschiedene Sandsteine und Schieferbarrieren stellen einige Herausforderungen für die Förderung dar.</p> <h2 id="h-viel-ol-aber-es-ist-schwierig">Viel Öl, aber es ist schwierig</h2> <p>Klar, dass so viel Öl zunächst verlockend klingt und große Gewinne verspricht. Die Sache hat jedoch einen relativ großen Haken. So einfach wie Trump es sich vorstellt, dürfte es nicht sein, weder politisch noch wirtschaftlich noch erdöltechnisch.</p> <p>Ein Großteil des venezolanischen Öls ist nämlich sehr zäh und enthält viel Schwefel. Das stellt große Herausforderungen an die Förderung und die Weiterverarbeitung. So muss das Öl für den Transport mit Naphtha und Gasöl verdünnt werden. Der Schwefel muss vor der Verarbeitung entfernt werden, wozu aber nur wenige Anlagen fähig sind. Das bedeutet, dass dieses Öl im Vergleich zu hochwertigen Rohölen wie Brent nur mit deutlichem Preisnachlass auf dem Weltmarkt verkauft werden kann – teilweise nur zu einem Drittel des Preises der hochwertigen Sorten.</p> <p>Hinzu kommt, dass die Förderanlagen aufgrund von staatlichem Missmanagement, fallenden Ölpreisen und technischen Embargos schon deutlich bessere Zeiten gesehen haben. Während Venezuela 1997 noch rund 3,3 Mio. Barrel täglich förderte, ging die Förderung langsam zurück. 2004 sank sie nach Angaben der OPEC auf 2,3 Millionen Barrel. Von da an ging es rapide bergab. 2018 waren es nur noch geschätzte 700.000 Barrel und 2020 lag die Förderung laut OPEC nur noch bei 570.000 Barrel pro Tag.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004.png"><img alt="" decoding="async" height="512" sizes="(max-width: 960px) 100vw, 960px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004.png 960w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004-300x160.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004-768x410.png 768w" width="960"></img></a><figcaption><em>Ölproduktion in Venezuela in den Jahren 1998 bis 2024 und im Vergleich dazu Kolumbien. Daten nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Organisation_erd%C3%B6lexportierender_L%C3%A4nder">OPEC</a>. DaWalda (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:R<a href="http://ohölproduktion_Venezuela_und_Kolumbien,_1998-2004.png">ohölproduktion_Venezuela_und_Kolumbien,_1998-2004.png</a>), „Rohölproduktion Venezuela und Kolumbien, 1998-2004“, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode">https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode</a></em></figcaption></figure> <h2 id="h-lohnt-es-sich">Lohnt es sich?</h2> <p>Das ist eigentlich die alles entscheidende Frage. Es handelt sich um eine enorme Menge Öl, auch wenn manche die tatsächlichen Reserven anzweifeln. Zumal der Ölpreis zurzeit niedrig ist und das Öl daher relativ unwirtschaftlich ist. Wer soll das Öl verarbeiten? Die Anzahl der Raffinerien, die so schweres Öl verarbeiten können, ist begrenzt und nimmt ab. Vorsichtige Schätzungen sprechen von einem Investitionsbedarf von etwa 180 Mrd. Dollar bis 2040 für die heruntergekommene Förderinfrastruktur, um die Förderraten der 1990er Jahre wieder zu erreichen.</p> <p>Hinzu kommt die Sicherheitsfrage. Wer auch immer eine so enorme Menge an Geld in den venezolanischen Boden investieren will, braucht Sicherheit und politische Stabilität. Und damit sieht es zumindest zurzeit nicht gut aus. Das brachte den amerikanischen Präsidenten vermutlich auch dazu, über amerikanisches Steuergeld nachzudenken, mit dem er <a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">zögerliche Ölfirmen motivieren</a> könnte. Es sieht also ziemlich finster aus für sprudelnde Einnahmen aus dem Orinocobecken.</p> <h2 id="h-references">References</h2> <ul> <li>[1] <strong>Fiorillo, G.</strong> (<strong>1987</strong>). <em>Exploration and evaluation of the Orinoco Oil Belt</em>, .</li> <li>[2] <strong>Summa, L.; Goodman, E.; Richardson, M.; Norton, I. and Green, A.</strong> (<strong>2003</strong>). <em>Hydrocarbon systems of Northeastern Venezuela: plate through molecular scale-analysis of the genesis and evolution of the Eastern Venezuela Basin</em>, Marine and Petroleum Geology 20 : 323-349.</li> <li>[3] <strong>Bartok, P.</strong> (<strong>2003</strong>). <em>The peripheral bulge of the Interior Range of the Eastern Venezuela Basin and its impact on oil accumulations</em>, .</li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Venezuelas Reichtum an Öl - das Orinocobecken » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Venezuela#">Venezuela </a>steht einmal mehr im Zentrum des weltweiten Interesses. Ich möchte mich hier nicht über den Sinn oder Unsinn auslassen, unliebsame Politiker zu entführen, selbst wenn sie ihr Land unterdrücken und nicht demokratisch legitimiert sind. Hier geht es hauptsächlich um das Öl. Das Unternehmen wurde schließlich nicht gestartet, um dem venezolanischen Volk Freiheit oder wirtschaftlichen Wohlstand zu bringen.</p> <p>Vermutlich verfügt das lateinamerikanische Land über die <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/40062/umfrage/laendervergleich-nachgewiesene-erdoelreserven-in-milliarden-tonnen/">größten nachgewiesenen Ölreserven der Welt</a>. Schätzungen zufolge besitzt Venezuela rund 300 Milliarden Barrel Öl. Damit liegt das Land nicht nur an der Spitze in Lateinamerika, sondern auch deutlich vor Saudi-Arabien mit 265 Milliarden Barrel. Brasilien, die Nummer zwei in Lateinamerika in Sachen Erdöl, ist mit gut 16 Mrd. Barrel weit abgeschlagen. Dabei muss man allerdings berücksichtigen, dass weite Bereiche in Lateinamerika noch nicht hinreichend exploriert wurden und sicher noch einige Überraschungen bereithalten könnten.</p> <p>Hinzu kommt, dass man zwischen Reserven und Ressourcen unterscheidet. Reserven bezeichnen die Mengen, die zu gegenwärtigen Preisen und mit heutiger Technologie förderbar sind. Letztere stellen die Mengen dar, die zwar nachgewiesen sind, aber nach dem heutigen Stand der Technik und den heutigen Preisen nicht gewonnen werden können. Sie könnten aber möglicherweise in Zukunft ausgebeutet werden. Das erklärt auch die immer wieder auftretenden Schwankungen der Zahlen. Hier soll es um Reserven gehen.</p> <h2 id="h-wo-kommt-das-ol-eigentlich-her">Wo kommt das Öl eigentlich her?</h2> <p>Selbst wenn man davon ausgeht, dass die umliegenden Gebiete in Lateinamerika noch nicht ausreichend erkundet wurden und möglicherweise noch das eine oder andere Überraschungspotenzial bergen. Venezuela ist in jedem Fall bemerkenswert. Rund 90 % des venezolanischen Öls kommen im Orinocobecken vor. Das Gebiet der Ölfelder ist mit rund 55.000 km² fast so groß wie Kroatien. Es ist neben den kanadischen Ölsanden das größte bekannte zusammenhängende Ölfeld der Welt. Hier muss also einiges zusammengekommen sein, um diese gigantische Menge an Öl entstehen zu lassen. Schätzungen zufolge liegen hier mehr als 1 Billion Barrel Öl [1].</p> <p>Im Norden Südamerikas grenzt der südamerikanische Kontinent an die Karibische Platte. Das Orinokobecken liegt dabei südlich eines Faltengürtels. Durch die Kollision der Karibischen Platte mit dem passiven Rand Südamerikas bildete sich während des Paläogens und Neogens ein Vorlandbecken mit einem Überschiebungsgürtel.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS.jpg"><img alt="" decoding="async" height="611" sizes="(max-width: 719px) 100vw, 719px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS.jpg 719w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS-300x255.jpg 300w" width="719"></img></a><figcaption><em>Der Orinoco Petroleum Belt und seine Lage in Venezuela. <a href="https://pubs.usgs.gov/fs/2009/3028/pdf/FS09-3028.pdf">USGS</a></em></figcaption></figure> <h2 id="h-von-der-bildung-zum-speicher">Von der Bildung zum Speicher</h2> <p>Durch Überschiebungen verdickte sich die Lithosphäre, wodurch sich das Becken senkte und ausgedehnte flache Meeresbereiche entstanden, die ideale Bedingungen für marines Leben boten. Eine starke Sedimentation durch den Ur-Orinoco führte zu einer raschen Bedeckung der organischen Reste und zur weiteren Absenkung des Beckens. Dadurch sanken die Erdölmuttergesteine immer tiefer und gelangten in einen Temperaturbereich, der für die Entstehung von Erdöl ideal ist.</p> <p>Mit der Bildung ist die Sache aber noch lange nicht beendet. Um ein anständiges Ölfeld zu bilden, braucht man auch Gesteine, die Erdöl speichern können. Idealerweise sind dies poröse Gesteine, in deren Porenraum das Erdöl gespeichert wird. Darüber sollten abdichtende Schichten, wie etwa Salz- oder Tonsteine, vorhanden sein, die verhindern, dass das kostbare Erdöl weiter aufsteigt und die Erdoberfläche erreicht.<br></br>Und genau das passierte hier auch. Das Erdöl wanderte von den tieferen Becken aufwärts in den flachen südlichen Bereich, wo es sich entlang einer vorgewölbten Struktur sammelte [3].<br></br>Dort gab es größere Mengen fluviatiler Sandsteine, die als gute Erdöl-Speichergesteine gelten. Allerdings sind sie hier auch recht uneinheitlich. Verschiedene Sandsteine und Schieferbarrieren stellen einige Herausforderungen für die Förderung dar.</p> <h2 id="h-viel-ol-aber-es-ist-schwierig">Viel Öl, aber es ist schwierig</h2> <p>Klar, dass so viel Öl zunächst verlockend klingt und große Gewinne verspricht. Die Sache hat jedoch einen relativ großen Haken. So einfach wie Trump es sich vorstellt, dürfte es nicht sein, weder politisch noch wirtschaftlich noch erdöltechnisch.</p> <p>Ein Großteil des venezolanischen Öls ist nämlich sehr zäh und enthält viel Schwefel. Das stellt große Herausforderungen an die Förderung und die Weiterverarbeitung. So muss das Öl für den Transport mit Naphtha und Gasöl verdünnt werden. Der Schwefel muss vor der Verarbeitung entfernt werden, wozu aber nur wenige Anlagen fähig sind. Das bedeutet, dass dieses Öl im Vergleich zu hochwertigen Rohölen wie Brent nur mit deutlichem Preisnachlass auf dem Weltmarkt verkauft werden kann – teilweise nur zu einem Drittel des Preises der hochwertigen Sorten.</p> <p>Hinzu kommt, dass die Förderanlagen aufgrund von staatlichem Missmanagement, fallenden Ölpreisen und technischen Embargos schon deutlich bessere Zeiten gesehen haben. Während Venezuela 1997 noch rund 3,3 Mio. Barrel täglich förderte, ging die Förderung langsam zurück. 2004 sank sie nach Angaben der OPEC auf 2,3 Millionen Barrel. Von da an ging es rapide bergab. 2018 waren es nur noch geschätzte 700.000 Barrel und 2020 lag die Förderung laut OPEC nur noch bei 570.000 Barrel pro Tag.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004.png"><img alt="" decoding="async" height="512" sizes="(max-width: 960px) 100vw, 960px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004.png 960w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004-300x160.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004-768x410.png 768w" width="960"></img></a><figcaption><em>Ölproduktion in Venezuela in den Jahren 1998 bis 2024 und im Vergleich dazu Kolumbien. Daten nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Organisation_erd%C3%B6lexportierender_L%C3%A4nder">OPEC</a>. DaWalda (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:R<a href="http://ohölproduktion_Venezuela_und_Kolumbien,_1998-2004.png">ohölproduktion_Venezuela_und_Kolumbien,_1998-2004.png</a>), „Rohölproduktion Venezuela und Kolumbien, 1998-2004“, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode">https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode</a></em></figcaption></figure> <h2 id="h-lohnt-es-sich">Lohnt es sich?</h2> <p>Das ist eigentlich die alles entscheidende Frage. Es handelt sich um eine enorme Menge Öl, auch wenn manche die tatsächlichen Reserven anzweifeln. Zumal der Ölpreis zurzeit niedrig ist und das Öl daher relativ unwirtschaftlich ist. Wer soll das Öl verarbeiten? Die Anzahl der Raffinerien, die so schweres Öl verarbeiten können, ist begrenzt und nimmt ab. Vorsichtige Schätzungen sprechen von einem Investitionsbedarf von etwa 180 Mrd. Dollar bis 2040 für die heruntergekommene Förderinfrastruktur, um die Förderraten der 1990er Jahre wieder zu erreichen.</p> <p>Hinzu kommt die Sicherheitsfrage. Wer auch immer eine so enorme Menge an Geld in den venezolanischen Boden investieren will, braucht Sicherheit und politische Stabilität. Und damit sieht es zumindest zurzeit nicht gut aus. Das brachte den amerikanischen Präsidenten vermutlich auch dazu, über amerikanisches Steuergeld nachzudenken, mit dem er <a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">zögerliche Ölfirmen motivieren</a> könnte. Es sieht also ziemlich finster aus für sprudelnde Einnahmen aus dem Orinocobecken.</p> <h2 id="h-references">References</h2> <ul> <li>[1] <strong>Fiorillo, G.</strong> (<strong>1987</strong>). <em>Exploration and evaluation of the Orinoco Oil Belt</em>, .</li> <li>[2] <strong>Summa, L.; Goodman, E.; Richardson, M.; Norton, I. and Green, A.</strong> (<strong>2003</strong>). <em>Hydrocarbon systems of Northeastern Venezuela: plate through molecular scale-analysis of the genesis and evolution of the Eastern Venezuela Basin</em>, Marine and Petroleum Geology 20 : 323-349.</li> <li>[3] <strong>Bartok, P.</strong> (<strong>2003</strong>). <em>The peripheral bulge of the Interior Range of the Eastern Venezuela Basin and its impact on oil accumulations</em>, .</li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/venezuelas-reichtum-an-oel-das-orinocobecken/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>Das neue UN-Hochseeabkommen – Meilenstein für Meeresschutz https://scilogs.spektrum.de/meertext/das-neue-un-hochseeabkommen-meilenstein-fuer-meeresschutz/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/das-neue-un-hochseeabkommen-meilenstein-fuer-meeresschutz/#comments Fri, 16 Jan 2026 14:10:51 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1863 <h1>Das neue UN-Hochseeabkommen – Meilenstein für Meeresschutz » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Am 17. Januar soll das neue UN-Hochseeabkommen (BBNJ – Biodiversity Beyond National Jurisdiction) in Kraft treten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-26.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="598" sizes="(max-width: 823px) 100vw, 823px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-26.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-26.png 823w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-26-300x218.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-26-768x558.png 768w" width="823"></img></a></figure> <p><br></br><a href="https://www.awi.de/im-fokus/un-hochseeabkommen.html">Seit 20 Jahren wurde darüber verhandelt,</a> die Lücken im Seerechtsübereinkommen (SRÜ) zum Schutz der Hochsee in internationalen Gewässern zu schließen. Mit der Ratifizierung durch Marokko und Sierra Leone waren 2025 die dafür notwendigen 60 Ratifizierungen überschritten, darum tritt das <a href="https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/un-abkommen-schutz-hochsee-101.html">internationale Abkommen 120 Tage später </a>in Kraft – nach <a href="https://treaties.un.org/Pages/ViewDetails.aspx?src=TREATY&amp;mtdsg_no=XXI-10&amp;chapter=21&amp;clang=_en" rel="noreferrer noopener" target="_blank"> Angaben der Vereinten Nationen </a><a href="https://treaties.un.org/Pages/ViewDetails.aspx?src=TREATY&amp;mtdsg_no=XXI-10&amp;chapter=21&amp;clang=_en">also am 17. Januar 2026</a>.<br></br>Insgesamt haben mittlerweile 145 Staaten das Abkommen unterzeichnet, allerdings erst 81 ratifiziert habe es ratifiziert. Die <a href="https://www.oceancare.org/stories_and_news/eu-ratifiziert-hochseeabkommen/">EU hat es als Gesamtheit unterzeichnet und ratifiziert, außerdem</a> Zypern, Dänemark, Slowenien, Finnland, Ungarn, Lettland, Luxemburg und Portugal. Deutschland hat es unterzeichnet, aber noch nicht ratifiziert, die USA haben es noch nicht mal unterzeichnet.</p> <h2 id="h-hoffnung-gegen-die-zerstorung-der-ozeane"><strong>Hoffnung gegen die Zerstörung der Ozeane</strong></h2> <p>Die Kontinente haben die Menschen unter sich aufgeteilt, besitzloses Land gibt es nur noch in der Antarktis – und deren Nutzung ist in internationalen Verträgen festgelegt. Das gleiche gilt für die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/UN-Seerechts%C3%BCbereinkommen">Küstenmeere: Laut SRÜ (Seerechtsübereinkommen) gilt die 12-Meilen-Zone</a> vor der Küste als Hoheitsgewässer und die 200 Meilen-Zone als Ausschließliche Wirtschaftszone mit Fischereirechten und Rechten für Bodenschatzabbau. Dann ist noch die Beanspruchung des Kontinentalsockels bis in maximal 350 Meilen möglich. Jenseits der Kontinentalsockel beginnt die Hohe See, also Internationale Gewässer. </p> <p>Während die meisten Länder an Land längst Schutzgebiete ausgewiesen haben – das erste war 1872 der Yellowstone Park in den USA – sind Meeresschutzgebiete weitaus weniger häufig und vor allem weniger stark geschützt. Das SRÜ war immerhin ein Anfang für ein gemeinsames Recht der Hohen See und zur Regelung der internationalen Schifffahrt, lässt aber für den Schutz der lebenden und nicht lebenden Ressourcen erhebliche Lücken. Das offene Meer galt als unendliche Ressource – mittlerweile ist klar, dass dem nicht so ist. So soll nun das „10. Agreement under the United Nations Convention on the Law of the Sea on the Conservation and Sustainable Use of Marine Biological Diversity of Areas beyond National Jurisdiction“ diese Gesetzeslücke schließen.</p> <h2 id="h-fische-seevogel-wale-und-co-brauchen-hilfe"><strong>Fische, Seevögel, Wale und Co brauchen Hilfe</strong></h2> <p><a href="https://www.economist.com/international/2025/12/30/a-half-planet-size-gap-in-global-governance-is-about-to-get-plugged?giftId=MjQyYzFiOTEtOTI5YS00NWQxLTg3YTEtMjBlMmM1N2Y5Njg2&amp;utm_campaign=gifted_article">Der Werdegang des Abkommens bildet das wachsende Bewusstsein für den immer schnelleren Rückgang vie</a>ler Fisch-, Hai-, Schildkröten-, Tintenfisch- und anderer Arten ab. Außerdem zeigt es auch das gestiegene Wissen und Bewusstsein für die Bedeutung der Ozeane zur Klima-Regulierung – sie agieren nicht nur als Wärmepuffer (jedenfalls bis 2023) sondern sind auch die größten Kohlenstoffsenken des Planeten. Das Abkommen erkennt weiterhin an, dass menschlich verursachte Probleme wie die Klimakrise, Meeresverschmutzung, Überfischung und andere die Fähigkeiten der Meere zur CO2-Aufnahme und ihren Beitrag zur Welternährung verringen.<aside></aside></p> <p>Das Abkommen soll mit den internationalen Gewässer 61 % der Ozeane und 43 % der Erdoberfläche schützen, die mit einer durchschnittlichen Tiefe von 4.100 Metern zwei Drittel der Biosphäre ausmachen. Viele Lebensräume gerade dieser tiefen Gewässer sind noch unerforscht, jede Expedition entdeckt neue Lebensräume und Arten.</p> <p>Während der Zeit der Verhandlungen nahm die marine Biodiversität – die Vielfalt der Arten, Ökosysteme und Genome immer schneller ab, ihr Schutz wurde immer dringlicher. Dieser Rückgang zeigt sich besonders deutlich am Rückgang der kommerziell befischten Fischbestände: In den letzten Jahrzehnten wurden von 1.320 Populationen von 483 Arten mindestens 82 % schneller abgefischt, als sie sich wieder vermehren können – wie ein internationales Team aus erfahrenen Fischereiforschenden 2020 publizierte. An dieser ersten globalen Bewertung der langfristigen Trends der Fischereibiomasse von 1300 befischten Meerespopulationen waren u a <a href="https://www.geomar.de/rfroese">Rainer Froese (GEOMAR)</a> und <a href="https://www.seaaroundus.org/daniel-pauly/">der legendäre Daniel Pauly</a> beteiligt – sie stellten den Rückgang der durchschnittlichen Fischereibiomasse in allen Ozeanen und Klimazonen fest und die systematische, weit verbreitete Überfischung der Küsten- und Schelfgewässer weltweit (Pauly hat das Konzept der <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Shifting_baseline">Shifting baselines</a> entwickelt. Es besagt, dass in der Fischerei falsche, bereits durch Befischung reduzierte Bestandszahlen als falscher Ausgangspunkt genutzt werden und der tatsächliche Rückgang in Relation zum ursprünglichen noch viel höher liegt. Das Konzept ist heute wissenschaftlich akzeptiert und zeichnet sich z B auch bei Walen ab).</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-28.png"><img alt="" decoding="async" height="887" sizes="(max-width: 640px) 100vw, 640px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-28.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-28.png 640w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-28-216x300.png 216w" width="640"></img></a></figure> <h2 id="h-fischerei-probleme"><strong>Fischerei-Probleme</strong></h2> <p>Die wichtigsten Verwalter der Fischbestände sind 17 regionale Fischereiorganisationen. Mit wenigen bemerkenswerten Ausnahmen, wie beispielsweise im westlichen und zentralen Pazifik, haben diese allerdings durch zu starken Druck der Lobbies nicht gut „gewirtschaftet“. Stattdessen sind die meisten bewirtschafteten Bestände weiter zurückgegangen. <a href="https://www.economist.com/international/2025/12/30/a-half-planet-size-gap-in-global-governance-is-about-to-get-plugged?giftId=MjQyYzFiOTEtOTI5YS00NWQxLTg3YTEtMjBlMmM1N2Y5Njg2&amp;utm_campaign=gifted_article">So ist etwa die Laichpopulation des Roten Thun</a>s in den letzten Jahrzehnten im westlichen Atlantik um vier Fünftel und im östlichen Atlantik um zwei Drittel zurückgegangen. In deutschen Gewässern der Nord- und Ostsee ist das Management vieler dort befischter Arten genauso fehlgeschlagen. Einst existierten dort so riesige Heringsschwärme, dass die silbigen kleinen Fische ein Arme-Leute-Essen waren. Aber auf politischen Druck und die lautstarke Fischereilobby wurden die Quoten immer wieder höher angesetzt, als die Heringe sich reproduzieren konnten. Zuletzt fiel die Reproduktion der Heringe (und der Dorsche) <a href="https://www.geomar.de/news/article/kein-nachwuchs-bei-dorsch-und-hering">der westlichen Ostsee auch wegen zu hoher Temperaturen ganz aus</a>. „Nach Jahrzehnten der Überfischung sind die Bestände von Dorsch und Hering in der westlichen Ostsee so klein, dass sie während der Laichzeit nicht mehr ihr ganzes Laichgebiet mit Eiern versorgen können. Beim Hering liegt der Nachwuchs seit 2005 weit unter dem Mittel der vorherigen Jahre und nimmt kontinuierlich weiter ab. Seit 2018 empfiehlt deshalb der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) eine Einstellung der Heringsfischerei, dieser Rat wurde aber bisher von den politischen Handelnden nicht befolgt. Beim Dorsch ist in vier der letzten fünf Jahre der Nachwuchs ganz oder fast ganz ausgeblieben. Der Bestand besteht daher fast nur noch aus jetzt vierjährigen Dorschen, die sich noch nicht erfolgreich fortgepflanzt haben und die <a href="https://www.geomar.de/news/article/kein-nachwuchs-bei-dorsch-und-hering">Hauptlast der Dorschfischerei tragen</a>.“ Der erfahrene Meeresökologe und Experte für Fischereiwissenschaft Rainer Froese (GEOMAR) sagte dazu: „Wenn wir diesen Jahrgang ohne Ersatz verlieren, dann haben wir den Bestand verloren“.<br></br>Auch diese datengestützte Mahnung blieb ungehört.</p> <h2 id="h-netze-und-bergbau-zerstoren-okosysteme"><strong>Netze und Bergbau zerstören Ökosysteme</strong></h2> <p>Neben den kommerziell befischten Arten fangen gerade riesige Stellnetze und kilometerlange Langleinen auch andere Arten als Beifang, darunter große Fische, Haie und Meeresvögel wie Albatrosse. Außerdem zerstören viele Netze ganze Ökosysteme, weil sie den Meeresboden und die darauf sitzenden Tiere (Korallen, Seeigel, Schwämme u a) umpflügen oder auch in Jahrhunderten gewachsene Tiefseekorallengärten zerschlagen. Mehrere Kleinwal-Arten wie der Vaquita sind durch den Beifang unmittelbar vom Aussterben bedroht.<br></br>Durch den Film <a href="https://www.youtube.com/watch?v=A2ubv3gnQhQ">„Ocean“ (2025) von Sir David Attenborough</a> haben erstmal viele Konsumenten einen Eindruck bekommen, wie ein Grundschleppnetz arbeitet und welche extremen Zerstörungen es anrichtet. Solche Netze rumpeln nicht nur über den Meeresboden, sondern tragen je nach Zielart zusätzliche Scheuchvorrichtungen. So sind z B Seezungen-Trawls mit schweren Scheuchketten davor ausgerüstet, die in den Sandboden hinein die Fische aufscheuchen. Dies ist nur die meist legale Fischerei.</p> <p>Ebenfalls katastrophal ist die Tiefseefischerei an <a href="https://sanctuaries.noaa.gov/news/2025/reasons-seamounts-matter.html">Seebergen (Sea Mounts</a>). Im Atlantik, Indischen Ozean und Pazifik gibt es Tausende solcher Unterwasserberge, deren Gesamtfläche der gesamten Fläche Europas entspricht. Die meisten liegen in internationalen Gewässern und sind darum schutzlos. Sie sind oft Hotspots der Artenvielfalt, da es durch ihre Topographie zu Upwelling von nährstoffreichen Tiefseeströmungen kommt. Damit sind sie im Ozean regelrechte Oasen, in denen auch kommerziell genutzte Wanderfischarten fressen oder laichen. Die Tiefwasserkorallengärten, die sich an ihren Hängen über Jahrtausende entwickelt haben, können durch einen einzigen Trawl-Schleppzug regelrecht abrasiert werden, ihre Regeneration braucht Jahrhunderte oder gar Jahrtausende. Da viele Tiefwasserfische erst spät geschlechtsreif werden – Granatbarsche (Orange Doughy) <a href="https://ocean.si.edu/ocean-life/fish/rough-going-orange-roughy">erst mit ca 20 Jahren, sie werden dann bis zu 149</a> Jahre alt – beendet der Fang eines solchen Schwarms, der sich am Seamount zum Laichen trifft, dessen Existenz.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-29.png"><img alt="" decoding="async" height="366" sizes="(max-width: 339px) 100vw, 339px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-29.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-29.png 339w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-29-278x300.png 278w" width="339"></img></a><figcaption>(Wikipedia: Sea Mounts)</figcaption></figure> <p>Dazu kommt gerade in internationalen Gewässern die katastrophale illegale Fischerei. Die größte davon ist die sogenannte „Chinesische Schattenflotte“. <a href="https://www.zeit.de/serie/die-schattenflotte">Dazu hatten <em>Die Zeit</em> u a Medien 2023 umfangreich berichtet,</a> über das Ignorieren von Artenschutz und Hoheitsgebieten, zu hohe Fangquoten, Zwangsarbeit und das Schweige-Kartell auch der hiesigen Supermärkte.</p> <p>Die verheerenden <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/tiefseebergbau-bedrohung-fuer-quallen-und-co/">Auswirkungen des Tiefseebergbaus</a>, die auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/1310-2/">das Tierleben bis zur</a> Meeresoberfläche und die Klimaschutz-Funktion der Ozeane bedrohen, sind in den letzten Jahren zur Genüge dokumentiert und diskutiert worden.</p> <h2 id="h-30-der-meere-sollten-unter-schutz-gestellt-werden"><strong>30% der Meere sollten unter Schutz gestellt werden</strong></h2> <p>Der neue Hochsee-Vertrag legt zwar kein konkretes Ziel für den künftigen Schutz fest. Aber die Unterzeichnenden verpflichten sich im Übereinkommen über die biologische Vielfalt, bis 2030 30 % ihrer Land- und Wasserflächen zu schützen. Solche Marine Protected Areas (MPAs) der offenen Ozeane würden dann auch die Meerestiere der <a href="https://www.whoi.edu/ocean-learning-hub/ocean-topics/how-the-ocean-works/ocean-zones/twilight-zone/">Dämmerungszone (Twilight Zone)</a> zwischen 200 und 1000 Metern Tiefe schützen. Dieses sogenannte Mesopelagial steht aktuell im Fokus der Fischereiindustrie und ist reich bevölkert, auch mit potentiellen Speisefischen. Durch ihr wimmelndes Leben wie <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/gelata-venusguertel-seewespe-feuerwalze-und-andere-geleetiere/">auch das gelatinöse Plankton ist dieser</a> Bereich der Ozeane nicht nur eine Nahrungsressource für größere Tiere und Kinderstube vieler Arten, sondern auch eine wichtige Kohlenstoffsenke.</p> <p>Gerade Meeresbereiche mit hoher Produktivität sollten, so raten Wissenschaftler, in ihrer Gesamtheit unter Schutz gestellt werden. Zurzeit wird in solchen Gebieten wie z B im Südpolarmeer gefischt: Dort saugen riesige Fabrikschiffe <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0308597X25002027">gewaltige Mengen Krill aus</a> dem Meer, inmitten der dort fressenden Bartenwale, wie Finnwalen. Krill ist nicht nur die Basis der antarktischen Nahrungskette von Fischen über Pinguine bis zu Bartenwalen, <a href="https://www.csiro.au/en/news/all/articles/2019/february/whales">sondern speichert auch als Biomasse viel</a> Kohlenstoff. Natürlich ist auch der Krill<a href="https://www.csiro.au/en/news/all/articles/2019/february/whales"> von der Meereserwärmung</a> gebeutelt. Die für z B <a href="https://news.stanford.edu/stories/2024/09/krill-harvesting-threatens-whale-recovery">Krillöl-Nahrungsergänzung gefangenen Krebschen-Schwärme fehlen bei der Ernährung der Wale</a> und bedroht die Erholung der immer noch durch den Großwalfang reduzierten Bestände. Dazu kommen <a href="https://wwf.org.au/news/2025/wwf-calls-for-moratorium-on-krill-fishing-after-negotiations-fail-to-protect/">steigende Zahlen von Beifang an Pinguinen, Robben und sogar Walen</a>. Darum haben Meeresforscher dieses Areal und 320 weitere als <a href="https://www.awi.de/im-fokus/un-hochseeabkommen.html">“Ecological and Biological Sensitive Areas” (EBSA) benannt,</a> und fordern für diese besonderen Schutz.</p> <p>Die <a href="https://marineprotectedareas.noaa.gov/">USA hatten 26% ihrer Gewässer unter Schutz gestellt</a>, allerdings nur in 3% dieser MPAs (Marine Protected Areas) den Fischfang verboten. Die ausgezeichneten Meeresforschungsorganisationen wie <a href="https://marineprotectedareas.noaa.gov/">NOAA</a> und viele Universitäten sowie private Stiftungen wie <a href="https://www.whoi.edu/ocean-learning-hub/ocean-topics/how-the-ocean-works/ocean-zones/twilight-zone/">WHOI</a> und <a href="https://scripps.ucsd.edu/">SCRIPPS</a> sowie andere erforschen und dokumentieren diese Areale auch. Allerdings stehen <a href="https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/meeresschutz-mehr-schein-als-sein">die derzeitigen MPAs weltweit in der Kritik, zu viel Ausbeutung zuzulassen, wie Fischerei und Rohstoffabbau</a> – dieser Vorwurf trifft auch deutsche MPAs.</p> <h2 id="h-tritt-das-bbnj-am-17-januar-in-kraft"><strong>Tritt das BBNJ</strong> <strong>am 17. Januar in Kraft?</strong></h2> <p>Gemäß seinen Statuten soll die Biodiversity Beyond National Jurisdictionnun am 17. Januar in Kraft treten. <a href="https://www.economist.com/international/2025/12/30/a-half-planet-size-gap-in-global-governance-is-about-to-get-plugged?giftId=MjQyYzFiOTEtOTI5YS00NWQxLTg3YTEtMjBlMmM1N2Y5Njg2&amp;utm_campaign=gifted_article">Dann müssen bürokratische Strukturen und Finanzierungsregeln geschaffen werden</a>. Dafür sei eine „Konferenz der Vertragsparteien“ im Laufe des Jahres 2026 ist notwendig, um die vollständige Umsetzung des Vertrags zu ermöglichen. Bis dahin sollte in formellen als auch informellen Gesprächen ein gemeinsames Vorgehen abgestimmt werden. Danach müssen die Schutzbemühungen dann Eingang in die nationale Gesetzgebung finden, erst dann können sie umgesetzt werden.<br></br>Eine Reihe von Experten und Medien meinen, dass damit die beste Chance seit Jahren, die Hohe See zu <a href="https://www.economist.com/international/2025/12/30/a-half-planet-size-gap-in-global-governance-is-about-to-get-plugged?giftId=MjQyYzFiOTEtOTI5YS00NWQxLTg3YTEtMjBlMmM1N2Y5Njg2&amp;utm_campaign=gifted_article">schützen, zum Greifen nahe sei.</a><p>Ich persönlich bin leider sehr skeptisch. Aktuell akzeptieren die USA, die bislang solche völkerrechtlichen Übereinkünfte politisch und finanziell gestützt und selbst auch umgesetzt haben, nicht einmal mehr die territoriale Unverletzlichkeit von NATO-Partnern. Lebende und nicht-lebende natürliche Ressourcen sind für sie nur zum Ausbeuten da. Die EPA hat gerade sogar <a href="https://www.theguardian.com/us-news/2026/jan/14/epa-air-pollution-cost-savings-deaths">den Schutz von Menschen hinter Unternehmensgewinne gestellt</a>, Klimaschutz wird ohnehin abgeschafft. Die derzeitigen rechtspopulistischen Konservativen scheinen einen regelrechten Krieg gegen die Natur und die meisten Menschen zu führen. So ist die Trump-Junta auch aus über 60 bereits existierenden internationalen Vereinbarungen ausgestiegen, viele davon zum Natur- und Klimaschutz. China setzt Naturschutz in aller Welt ohnehin nicht um, sondern lässt Schattenflotte und Wildtier-Mafia ungehindert und mit Wissen der Regierung agieren, Russland hat sich noch nie um internationale Naturschutzvorgaben gekümmert. In der <a href="https://www.politico.eu/article/europe-manfred-weber-epp-renew-giorigo-meloni/">EU drehen gerade Konservative</a> und Rechtspopulisten unter der Führung des Deutschen Manfred Webers den Natur-, Arten- und Klimaschutz (wie auch Arbeitnehmerschutz und Menschenrechte) zurück. Das alles sieht für mich leider nicht nach einem Schutzabkommen der internationalen Gewässer aus.</p></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Das neue UN-Hochseeabkommen – Meilenstein für Meeresschutz » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Am 17. Januar soll das neue UN-Hochseeabkommen (BBNJ – Biodiversity Beyond National Jurisdiction) in Kraft treten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-26.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="598" sizes="(max-width: 823px) 100vw, 823px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-26.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-26.png 823w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-26-300x218.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-26-768x558.png 768w" width="823"></img></a></figure> <p><br></br><a href="https://www.awi.de/im-fokus/un-hochseeabkommen.html">Seit 20 Jahren wurde darüber verhandelt,</a> die Lücken im Seerechtsübereinkommen (SRÜ) zum Schutz der Hochsee in internationalen Gewässern zu schließen. Mit der Ratifizierung durch Marokko und Sierra Leone waren 2025 die dafür notwendigen 60 Ratifizierungen überschritten, darum tritt das <a href="https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/un-abkommen-schutz-hochsee-101.html">internationale Abkommen 120 Tage später </a>in Kraft – nach <a href="https://treaties.un.org/Pages/ViewDetails.aspx?src=TREATY&amp;mtdsg_no=XXI-10&amp;chapter=21&amp;clang=_en" rel="noreferrer noopener" target="_blank"> Angaben der Vereinten Nationen </a><a href="https://treaties.un.org/Pages/ViewDetails.aspx?src=TREATY&amp;mtdsg_no=XXI-10&amp;chapter=21&amp;clang=_en">also am 17. Januar 2026</a>.<br></br>Insgesamt haben mittlerweile 145 Staaten das Abkommen unterzeichnet, allerdings erst 81 ratifiziert habe es ratifiziert. Die <a href="https://www.oceancare.org/stories_and_news/eu-ratifiziert-hochseeabkommen/">EU hat es als Gesamtheit unterzeichnet und ratifiziert, außerdem</a> Zypern, Dänemark, Slowenien, Finnland, Ungarn, Lettland, Luxemburg und Portugal. Deutschland hat es unterzeichnet, aber noch nicht ratifiziert, die USA haben es noch nicht mal unterzeichnet.</p> <h2 id="h-hoffnung-gegen-die-zerstorung-der-ozeane"><strong>Hoffnung gegen die Zerstörung der Ozeane</strong></h2> <p>Die Kontinente haben die Menschen unter sich aufgeteilt, besitzloses Land gibt es nur noch in der Antarktis – und deren Nutzung ist in internationalen Verträgen festgelegt. Das gleiche gilt für die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/UN-Seerechts%C3%BCbereinkommen">Küstenmeere: Laut SRÜ (Seerechtsübereinkommen) gilt die 12-Meilen-Zone</a> vor der Küste als Hoheitsgewässer und die 200 Meilen-Zone als Ausschließliche Wirtschaftszone mit Fischereirechten und Rechten für Bodenschatzabbau. Dann ist noch die Beanspruchung des Kontinentalsockels bis in maximal 350 Meilen möglich. Jenseits der Kontinentalsockel beginnt die Hohe See, also Internationale Gewässer. </p> <p>Während die meisten Länder an Land längst Schutzgebiete ausgewiesen haben – das erste war 1872 der Yellowstone Park in den USA – sind Meeresschutzgebiete weitaus weniger häufig und vor allem weniger stark geschützt. Das SRÜ war immerhin ein Anfang für ein gemeinsames Recht der Hohen See und zur Regelung der internationalen Schifffahrt, lässt aber für den Schutz der lebenden und nicht lebenden Ressourcen erhebliche Lücken. Das offene Meer galt als unendliche Ressource – mittlerweile ist klar, dass dem nicht so ist. So soll nun das „10. Agreement under the United Nations Convention on the Law of the Sea on the Conservation and Sustainable Use of Marine Biological Diversity of Areas beyond National Jurisdiction“ diese Gesetzeslücke schließen.</p> <h2 id="h-fische-seevogel-wale-und-co-brauchen-hilfe"><strong>Fische, Seevögel, Wale und Co brauchen Hilfe</strong></h2> <p><a href="https://www.economist.com/international/2025/12/30/a-half-planet-size-gap-in-global-governance-is-about-to-get-plugged?giftId=MjQyYzFiOTEtOTI5YS00NWQxLTg3YTEtMjBlMmM1N2Y5Njg2&amp;utm_campaign=gifted_article">Der Werdegang des Abkommens bildet das wachsende Bewusstsein für den immer schnelleren Rückgang vie</a>ler Fisch-, Hai-, Schildkröten-, Tintenfisch- und anderer Arten ab. Außerdem zeigt es auch das gestiegene Wissen und Bewusstsein für die Bedeutung der Ozeane zur Klima-Regulierung – sie agieren nicht nur als Wärmepuffer (jedenfalls bis 2023) sondern sind auch die größten Kohlenstoffsenken des Planeten. Das Abkommen erkennt weiterhin an, dass menschlich verursachte Probleme wie die Klimakrise, Meeresverschmutzung, Überfischung und andere die Fähigkeiten der Meere zur CO2-Aufnahme und ihren Beitrag zur Welternährung verringen.<aside></aside></p> <p>Das Abkommen soll mit den internationalen Gewässer 61 % der Ozeane und 43 % der Erdoberfläche schützen, die mit einer durchschnittlichen Tiefe von 4.100 Metern zwei Drittel der Biosphäre ausmachen. Viele Lebensräume gerade dieser tiefen Gewässer sind noch unerforscht, jede Expedition entdeckt neue Lebensräume und Arten.</p> <p>Während der Zeit der Verhandlungen nahm die marine Biodiversität – die Vielfalt der Arten, Ökosysteme und Genome immer schneller ab, ihr Schutz wurde immer dringlicher. Dieser Rückgang zeigt sich besonders deutlich am Rückgang der kommerziell befischten Fischbestände: In den letzten Jahrzehnten wurden von 1.320 Populationen von 483 Arten mindestens 82 % schneller abgefischt, als sie sich wieder vermehren können – wie ein internationales Team aus erfahrenen Fischereiforschenden 2020 publizierte. An dieser ersten globalen Bewertung der langfristigen Trends der Fischereibiomasse von 1300 befischten Meerespopulationen waren u a <a href="https://www.geomar.de/rfroese">Rainer Froese (GEOMAR)</a> und <a href="https://www.seaaroundus.org/daniel-pauly/">der legendäre Daniel Pauly</a> beteiligt – sie stellten den Rückgang der durchschnittlichen Fischereibiomasse in allen Ozeanen und Klimazonen fest und die systematische, weit verbreitete Überfischung der Küsten- und Schelfgewässer weltweit (Pauly hat das Konzept der <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Shifting_baseline">Shifting baselines</a> entwickelt. Es besagt, dass in der Fischerei falsche, bereits durch Befischung reduzierte Bestandszahlen als falscher Ausgangspunkt genutzt werden und der tatsächliche Rückgang in Relation zum ursprünglichen noch viel höher liegt. Das Konzept ist heute wissenschaftlich akzeptiert und zeichnet sich z B auch bei Walen ab).</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-28.png"><img alt="" decoding="async" height="887" sizes="(max-width: 640px) 100vw, 640px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-28.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-28.png 640w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-28-216x300.png 216w" width="640"></img></a></figure> <h2 id="h-fischerei-probleme"><strong>Fischerei-Probleme</strong></h2> <p>Die wichtigsten Verwalter der Fischbestände sind 17 regionale Fischereiorganisationen. Mit wenigen bemerkenswerten Ausnahmen, wie beispielsweise im westlichen und zentralen Pazifik, haben diese allerdings durch zu starken Druck der Lobbies nicht gut „gewirtschaftet“. Stattdessen sind die meisten bewirtschafteten Bestände weiter zurückgegangen. <a href="https://www.economist.com/international/2025/12/30/a-half-planet-size-gap-in-global-governance-is-about-to-get-plugged?giftId=MjQyYzFiOTEtOTI5YS00NWQxLTg3YTEtMjBlMmM1N2Y5Njg2&amp;utm_campaign=gifted_article">So ist etwa die Laichpopulation des Roten Thun</a>s in den letzten Jahrzehnten im westlichen Atlantik um vier Fünftel und im östlichen Atlantik um zwei Drittel zurückgegangen. In deutschen Gewässern der Nord- und Ostsee ist das Management vieler dort befischter Arten genauso fehlgeschlagen. Einst existierten dort so riesige Heringsschwärme, dass die silbigen kleinen Fische ein Arme-Leute-Essen waren. Aber auf politischen Druck und die lautstarke Fischereilobby wurden die Quoten immer wieder höher angesetzt, als die Heringe sich reproduzieren konnten. Zuletzt fiel die Reproduktion der Heringe (und der Dorsche) <a href="https://www.geomar.de/news/article/kein-nachwuchs-bei-dorsch-und-hering">der westlichen Ostsee auch wegen zu hoher Temperaturen ganz aus</a>. „Nach Jahrzehnten der Überfischung sind die Bestände von Dorsch und Hering in der westlichen Ostsee so klein, dass sie während der Laichzeit nicht mehr ihr ganzes Laichgebiet mit Eiern versorgen können. Beim Hering liegt der Nachwuchs seit 2005 weit unter dem Mittel der vorherigen Jahre und nimmt kontinuierlich weiter ab. Seit 2018 empfiehlt deshalb der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) eine Einstellung der Heringsfischerei, dieser Rat wurde aber bisher von den politischen Handelnden nicht befolgt. Beim Dorsch ist in vier der letzten fünf Jahre der Nachwuchs ganz oder fast ganz ausgeblieben. Der Bestand besteht daher fast nur noch aus jetzt vierjährigen Dorschen, die sich noch nicht erfolgreich fortgepflanzt haben und die <a href="https://www.geomar.de/news/article/kein-nachwuchs-bei-dorsch-und-hering">Hauptlast der Dorschfischerei tragen</a>.“ Der erfahrene Meeresökologe und Experte für Fischereiwissenschaft Rainer Froese (GEOMAR) sagte dazu: „Wenn wir diesen Jahrgang ohne Ersatz verlieren, dann haben wir den Bestand verloren“.<br></br>Auch diese datengestützte Mahnung blieb ungehört.</p> <h2 id="h-netze-und-bergbau-zerstoren-okosysteme"><strong>Netze und Bergbau zerstören Ökosysteme</strong></h2> <p>Neben den kommerziell befischten Arten fangen gerade riesige Stellnetze und kilometerlange Langleinen auch andere Arten als Beifang, darunter große Fische, Haie und Meeresvögel wie Albatrosse. Außerdem zerstören viele Netze ganze Ökosysteme, weil sie den Meeresboden und die darauf sitzenden Tiere (Korallen, Seeigel, Schwämme u a) umpflügen oder auch in Jahrhunderten gewachsene Tiefseekorallengärten zerschlagen. Mehrere Kleinwal-Arten wie der Vaquita sind durch den Beifang unmittelbar vom Aussterben bedroht.<br></br>Durch den Film <a href="https://www.youtube.com/watch?v=A2ubv3gnQhQ">„Ocean“ (2025) von Sir David Attenborough</a> haben erstmal viele Konsumenten einen Eindruck bekommen, wie ein Grundschleppnetz arbeitet und welche extremen Zerstörungen es anrichtet. Solche Netze rumpeln nicht nur über den Meeresboden, sondern tragen je nach Zielart zusätzliche Scheuchvorrichtungen. So sind z B Seezungen-Trawls mit schweren Scheuchketten davor ausgerüstet, die in den Sandboden hinein die Fische aufscheuchen. Dies ist nur die meist legale Fischerei.</p> <p>Ebenfalls katastrophal ist die Tiefseefischerei an <a href="https://sanctuaries.noaa.gov/news/2025/reasons-seamounts-matter.html">Seebergen (Sea Mounts</a>). Im Atlantik, Indischen Ozean und Pazifik gibt es Tausende solcher Unterwasserberge, deren Gesamtfläche der gesamten Fläche Europas entspricht. Die meisten liegen in internationalen Gewässern und sind darum schutzlos. Sie sind oft Hotspots der Artenvielfalt, da es durch ihre Topographie zu Upwelling von nährstoffreichen Tiefseeströmungen kommt. Damit sind sie im Ozean regelrechte Oasen, in denen auch kommerziell genutzte Wanderfischarten fressen oder laichen. Die Tiefwasserkorallengärten, die sich an ihren Hängen über Jahrtausende entwickelt haben, können durch einen einzigen Trawl-Schleppzug regelrecht abrasiert werden, ihre Regeneration braucht Jahrhunderte oder gar Jahrtausende. Da viele Tiefwasserfische erst spät geschlechtsreif werden – Granatbarsche (Orange Doughy) <a href="https://ocean.si.edu/ocean-life/fish/rough-going-orange-roughy">erst mit ca 20 Jahren, sie werden dann bis zu 149</a> Jahre alt – beendet der Fang eines solchen Schwarms, der sich am Seamount zum Laichen trifft, dessen Existenz.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-29.png"><img alt="" decoding="async" height="366" sizes="(max-width: 339px) 100vw, 339px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-29.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-29.png 339w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-29-278x300.png 278w" width="339"></img></a><figcaption>(Wikipedia: Sea Mounts)</figcaption></figure> <p>Dazu kommt gerade in internationalen Gewässern die katastrophale illegale Fischerei. Die größte davon ist die sogenannte „Chinesische Schattenflotte“. <a href="https://www.zeit.de/serie/die-schattenflotte">Dazu hatten <em>Die Zeit</em> u a Medien 2023 umfangreich berichtet,</a> über das Ignorieren von Artenschutz und Hoheitsgebieten, zu hohe Fangquoten, Zwangsarbeit und das Schweige-Kartell auch der hiesigen Supermärkte.</p> <p>Die verheerenden <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/tiefseebergbau-bedrohung-fuer-quallen-und-co/">Auswirkungen des Tiefseebergbaus</a>, die auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/1310-2/">das Tierleben bis zur</a> Meeresoberfläche und die Klimaschutz-Funktion der Ozeane bedrohen, sind in den letzten Jahren zur Genüge dokumentiert und diskutiert worden.</p> <h2 id="h-30-der-meere-sollten-unter-schutz-gestellt-werden"><strong>30% der Meere sollten unter Schutz gestellt werden</strong></h2> <p>Der neue Hochsee-Vertrag legt zwar kein konkretes Ziel für den künftigen Schutz fest. Aber die Unterzeichnenden verpflichten sich im Übereinkommen über die biologische Vielfalt, bis 2030 30 % ihrer Land- und Wasserflächen zu schützen. Solche Marine Protected Areas (MPAs) der offenen Ozeane würden dann auch die Meerestiere der <a href="https://www.whoi.edu/ocean-learning-hub/ocean-topics/how-the-ocean-works/ocean-zones/twilight-zone/">Dämmerungszone (Twilight Zone)</a> zwischen 200 und 1000 Metern Tiefe schützen. Dieses sogenannte Mesopelagial steht aktuell im Fokus der Fischereiindustrie und ist reich bevölkert, auch mit potentiellen Speisefischen. Durch ihr wimmelndes Leben wie <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/gelata-venusguertel-seewespe-feuerwalze-und-andere-geleetiere/">auch das gelatinöse Plankton ist dieser</a> Bereich der Ozeane nicht nur eine Nahrungsressource für größere Tiere und Kinderstube vieler Arten, sondern auch eine wichtige Kohlenstoffsenke.</p> <p>Gerade Meeresbereiche mit hoher Produktivität sollten, so raten Wissenschaftler, in ihrer Gesamtheit unter Schutz gestellt werden. Zurzeit wird in solchen Gebieten wie z B im Südpolarmeer gefischt: Dort saugen riesige Fabrikschiffe <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0308597X25002027">gewaltige Mengen Krill aus</a> dem Meer, inmitten der dort fressenden Bartenwale, wie Finnwalen. Krill ist nicht nur die Basis der antarktischen Nahrungskette von Fischen über Pinguine bis zu Bartenwalen, <a href="https://www.csiro.au/en/news/all/articles/2019/february/whales">sondern speichert auch als Biomasse viel</a> Kohlenstoff. Natürlich ist auch der Krill<a href="https://www.csiro.au/en/news/all/articles/2019/february/whales"> von der Meereserwärmung</a> gebeutelt. Die für z B <a href="https://news.stanford.edu/stories/2024/09/krill-harvesting-threatens-whale-recovery">Krillöl-Nahrungsergänzung gefangenen Krebschen-Schwärme fehlen bei der Ernährung der Wale</a> und bedroht die Erholung der immer noch durch den Großwalfang reduzierten Bestände. Dazu kommen <a href="https://wwf.org.au/news/2025/wwf-calls-for-moratorium-on-krill-fishing-after-negotiations-fail-to-protect/">steigende Zahlen von Beifang an Pinguinen, Robben und sogar Walen</a>. Darum haben Meeresforscher dieses Areal und 320 weitere als <a href="https://www.awi.de/im-fokus/un-hochseeabkommen.html">“Ecological and Biological Sensitive Areas” (EBSA) benannt,</a> und fordern für diese besonderen Schutz.</p> <p>Die <a href="https://marineprotectedareas.noaa.gov/">USA hatten 26% ihrer Gewässer unter Schutz gestellt</a>, allerdings nur in 3% dieser MPAs (Marine Protected Areas) den Fischfang verboten. Die ausgezeichneten Meeresforschungsorganisationen wie <a href="https://marineprotectedareas.noaa.gov/">NOAA</a> und viele Universitäten sowie private Stiftungen wie <a href="https://www.whoi.edu/ocean-learning-hub/ocean-topics/how-the-ocean-works/ocean-zones/twilight-zone/">WHOI</a> und <a href="https://scripps.ucsd.edu/">SCRIPPS</a> sowie andere erforschen und dokumentieren diese Areale auch. Allerdings stehen <a href="https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/meeresschutz-mehr-schein-als-sein">die derzeitigen MPAs weltweit in der Kritik, zu viel Ausbeutung zuzulassen, wie Fischerei und Rohstoffabbau</a> – dieser Vorwurf trifft auch deutsche MPAs.</p> <h2 id="h-tritt-das-bbnj-am-17-januar-in-kraft"><strong>Tritt das BBNJ</strong> <strong>am 17. Januar in Kraft?</strong></h2> <p>Gemäß seinen Statuten soll die Biodiversity Beyond National Jurisdictionnun am 17. Januar in Kraft treten. <a href="https://www.economist.com/international/2025/12/30/a-half-planet-size-gap-in-global-governance-is-about-to-get-plugged?giftId=MjQyYzFiOTEtOTI5YS00NWQxLTg3YTEtMjBlMmM1N2Y5Njg2&amp;utm_campaign=gifted_article">Dann müssen bürokratische Strukturen und Finanzierungsregeln geschaffen werden</a>. Dafür sei eine „Konferenz der Vertragsparteien“ im Laufe des Jahres 2026 ist notwendig, um die vollständige Umsetzung des Vertrags zu ermöglichen. Bis dahin sollte in formellen als auch informellen Gesprächen ein gemeinsames Vorgehen abgestimmt werden. Danach müssen die Schutzbemühungen dann Eingang in die nationale Gesetzgebung finden, erst dann können sie umgesetzt werden.<br></br>Eine Reihe von Experten und Medien meinen, dass damit die beste Chance seit Jahren, die Hohe See zu <a href="https://www.economist.com/international/2025/12/30/a-half-planet-size-gap-in-global-governance-is-about-to-get-plugged?giftId=MjQyYzFiOTEtOTI5YS00NWQxLTg3YTEtMjBlMmM1N2Y5Njg2&amp;utm_campaign=gifted_article">schützen, zum Greifen nahe sei.</a><p>Ich persönlich bin leider sehr skeptisch. Aktuell akzeptieren die USA, die bislang solche völkerrechtlichen Übereinkünfte politisch und finanziell gestützt und selbst auch umgesetzt haben, nicht einmal mehr die territoriale Unverletzlichkeit von NATO-Partnern. Lebende und nicht-lebende natürliche Ressourcen sind für sie nur zum Ausbeuten da. Die EPA hat gerade sogar <a href="https://www.theguardian.com/us-news/2026/jan/14/epa-air-pollution-cost-savings-deaths">den Schutz von Menschen hinter Unternehmensgewinne gestellt</a>, Klimaschutz wird ohnehin abgeschafft. Die derzeitigen rechtspopulistischen Konservativen scheinen einen regelrechten Krieg gegen die Natur und die meisten Menschen zu führen. So ist die Trump-Junta auch aus über 60 bereits existierenden internationalen Vereinbarungen ausgestiegen, viele davon zum Natur- und Klimaschutz. China setzt Naturschutz in aller Welt ohnehin nicht um, sondern lässt Schattenflotte und Wildtier-Mafia ungehindert und mit Wissen der Regierung agieren, Russland hat sich noch nie um internationale Naturschutzvorgaben gekümmert. In der <a href="https://www.politico.eu/article/europe-manfred-weber-epp-renew-giorigo-meloni/">EU drehen gerade Konservative</a> und Rechtspopulisten unter der Führung des Deutschen Manfred Webers den Natur-, Arten- und Klimaschutz (wie auch Arbeitnehmerschutz und Menschenrechte) zurück. Das alles sieht für mich leider nicht nach einem Schutzabkommen der internationalen Gewässer aus.</p></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/das-neue-un-hochseeabkommen-meilenstein-fuer-meeresschutz/#comments 2 Be Good – Unsere wachsende Verantwortung für Medien & Mimesis zum KIT Seminar 2026 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/be-good-unsere-wachsende-verantwortung-fuer-medien-mimesis-zum-kit-seminar-2026/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/be-good-unsere-wachsende-verantwortung-fuer-medien-mimesis-zum-kit-seminar-2026/#comments Wed, 14 Jan 2026 23:06:00 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=10964 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-768x429.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/be-good-unsere-wachsende-verantwortung-fuer-medien-mimesis-zum-kit-seminar-2026/</link> </image> <description type="html"><h1>Be Good - Medienethik & Studienbrief zum KIT Seminar 2026</h1><h2>By Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Um die Medienethik, die ich lehre, auch selbst einzulösen: Es gibt auch viele gute Solarpunk-Nachrichten! So wurden im letzten Jahr <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115894387189075873">2025 in Deutschland erstmals mehr Wärmepumpen (284.000) als Gasheizungen (240.000) eingebaut</a>. Auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/b-wie-berlin-babylon-preussen-und-der-fossile-faschismus/">die fossile Lobby in Berlin</a> wird <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-solarpunk-prompt-uruguay-fuer-erneuerbare-wohlstandsenergien/">den sich weltweit beschleunigenden Trend von fossilen Gewaltenergien zu erneuerbaren Wohlstandsenergien</a> allenfalls noch unter erheblichen Kosten verzögern, aber nicht mehr aufhalten können. Und mit <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115883780570452639">der Grünen-Bundesvorsitzenden <strong>Franziska Brantner</strong>, MdB, griff in der letzten Woche</a> auch die erste Bundespolitikern <strong>den Begriff der erneuerbaren Friedensenergien</strong> auf! <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/erneuerbare-friedensenergien-und-die-abwehrschlacht-des-fossilismus/">Der Fossilismus wütet und mordet noch</a>, aber er verliert an Boden.</p> <p>Doch leider erleben wir weiterhin einen Anstieg von <strong>medialer Rechtsmimesis</strong> und also <strong>Antisemitismus</strong>, <strong>Rassismus</strong> und <strong>Sexismus</strong> in digitalen Blasen und zunehmend auch KI-Kokons. Gestern berichtete <a href="https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/id_101080710/terror-aus-dem-kinderzimmer-was-steckt-hinter-terrorgram-.html">der baden-württembergische Innenminister <strong>Thomas Strobl (CDU)</strong> von wachsenden <em>“Terrorgram”</em>-Netzwerken, in denen auch schon Jugendliche <em>“Blitzradikalisierungen”</em> von unter einem Jahr</a> durchliefen.</p> <p>Entsprechend diskutierte ich in <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-49-migraene-mimesis-menschen-neurodivers/">der 49. Folge von <strong>“Blume &amp; Ince”</strong> auch mit Prof. Dr. <strong>Inan Ince</strong> die Psychologie der Mimesis</a> und brachte ihm dazu die Nachbildung <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/">eines <strong>steinzeitlichen Acheuléen-Faustkeil</strong>s</a> mit – einem <strong>wichtigen Medium unserer menschlichen Evolutionsgeschichte samt Technomimesis</strong>!</p> <p>Präzise hatte <a href="https://www.spektrum.de/inhaltsverzeichnis/lebende-materialien-spektrum-der-wissenschaft-2-2026/2289565">der Materialforscher <strong>Mark Miodownik </strong>(University College London) im druckfrischen I</a><a href="https://www.spektrum.de/inhaltsverzeichnis/lebende-materialien-spektrum-der-wissenschaft-2-2026/2289565">nterview mit <strong>Lars Fischer</strong> in <em>Spektrum der Wissenschaft</em> 02/2026 </a> die evolutionäre Bedeutung materieller Technologien auch als “fundamentale” Medien erklärt:</p> <p><em>„Wir tragen Kleidung, leben in Gebäuden und nutzen Werkzeuge aus den verschiedensten Stoffen. Ohne Materialien könnten wir keine Nahrung zubereiten und in den wenigsten Klimazonen überleben – vor allem aber würde das Leben weniger Spaß machen. Materialien sind aus meiner Sicht fundamentaler als Sprache, sie sind eine Art manuelle, physische Sprache.</em><aside></aside></p> <p><em>Aus der Tierwelt wissen wir, dass Werkzeuge älter sind als Sprache.“</em></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-49-migraene-mimesis-menschen-neurodivers/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Screenshot von Folge 49 des Vodcasts &quot;Blume &amp; Ince&quot;. Links erklärt Dr. Michael Blume die Mimesis, während rechts Prof. Dr. Inan Ince einen Faustkeil bestaunt." decoding="async" height="778" sizes="(max-width: 1294px) 100vw, 1294px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce49InanmitMimesisFaustkeil.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce49InanmitMimesisFaustkeil.jpg 1294w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce49InanmitMimesisFaustkeil-300x180.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce49InanmitMimesisFaustkeil-1024x616.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce49InanmitMimesisFaustkeil-768x462.jpg 768w" width="1294"></img></a></p> <p><em><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-49-migraene-mimesis-menschen-neurodivers/">Prof. Dr. Inan Ince bestaunt einen Faustkeil in Folge 49 von “Blume &amp; Ince” zum Thema “Migräne und Mimesis – Mensch neurodivers”</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Also habe ich für meine Studierenden am KIT Karlsruhe und alle weiteren Interessierten einen Studienbrief angefertigt: <em>“Du kannst nicht nicht kommunizieren – Medien &amp; Mimesis”</em></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KITStudienbriefMedienMimesisWS2526MichaelBlume.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Frontseite des Studienbriefes von Dr. Michael Blume zum KIT Seminar &quot;Medien- und Berufsethik in der Wissenschaftskommunikation&quot;, Wintersemester 2026. Der Titel lautet &quot;Du kannst nicht nicht kommunizieren&quot; und als Titelbild ziert ein schraffierter Aufruf: &quot;Be Good&quot;." decoding="async" height="646" sizes="(max-width: 484px) 100vw, 484px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BeGoodMichaelBlumeKITStudienbrief2026Frontseite.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BeGoodMichaelBlumeKITStudienbrief2026Frontseite.jpg 484w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BeGoodMichaelBlumeKITStudienbrief2026Frontseite-225x300.jpg 225w" width="484"></img></a></p> <p><em>Frontseite meines <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KITStudienbriefMedienMimesisWS2526MichaelBlume.pdf">Studienbriefes für das Seminar Medien- und Berufsethik in der Wissenschaftskommunikation am KIT Karlsruhe, Januar 2026</a>: Michael Blume</em></p> <p>Darin publiziere und erläutere ich auch <strong>meine These zur positiven Mitte-Menschenwürde-Mimesis</strong>:</p> <p><strong><em>„Die unbedingte Menschenwürde bildet die gemeinsame Mitte aller aufgeklärten Religionen und demokratischen Zivilreligionen.“</em></strong></p> <p>Im Studienbrief und als dessen visuelle Zusammenfassung gibt es hier auch ein Schaubild dazu:</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KITStudienbriefMedienMimesisWS2526MichaelBlume.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das Schaubild: &quot;Medien &amp; Mimesis: Die Macht der medialen Nachahmung&quot; zeigt, dass Mimesis in der Nachahmung auch von Zielen besteht und also durch neue Medientechnologien immer weiter verstärkt wird. Als Gegenmittel wird eine Mitte-Mimesis der Menschenwürde empfohlen und ein Aufruf, sich der globalen und potentiell ewigen Dimension digitaler KI-Medien zu besinnen: #BeGood." decoding="async" height="1429" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Schaubild nach <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KITStudienbriefMedienMimesisWS2526MichaelBlume.pdf">dem KIT-Studienbrief von Dr. Michael Blume zum Seminar für Medien- und Berufsethik 2026 zu “Medien &amp; Mimesis: Die mediale Nachahmung”</a>. Grafik: Michael Blume mit NotebookLM</em></p> <p>Auch eine Videozusammenfassung des Studienbriefes durch NotebookLM findet sich unter <a href="https://www.youtube.com/watch?v=dcz0J8LYl0A" rel="noopener" target="_blank">dem Titel <em>“<strong>Mimesis &amp; Medien. Die unsichtbaren Puppenspieler unserer menschlichen Psychologie</strong>“</em> auf YouTube</a>.</p> <p>Der Studienbrief beginnt und endet dabei bewusst mit dem Aufruf <strong><em>“Be Good”</em></strong>, der sich mit <a href="https://www.youtube.com/shorts/JE38kXSiS_A">der von einem ICE-Agenten in <strong>Minneapolis</strong> erschossenen <b>Renée Nicole Good </b>(1988 – 2026)</a> solidarisiert.</p> <p>Zu dieser aus meiner Sicht <a href="https://www.youtube.com/shorts/JE38kXSiS_A">medienethisch gebotenen Solidarität hatte ich auch ein YouTube-Short</a> eingestellt:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/JE38kXSiS_A?feature=oembed&amp;rel=0" title="Medienethik &amp; Gewaltmonopol: Zur Solidarität mit Renee Good (1988 - 2026)" width="562"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Be Good - Medienethik & Studienbrief zum KIT Seminar 2026</h1><h2>By Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Um die Medienethik, die ich lehre, auch selbst einzulösen: Es gibt auch viele gute Solarpunk-Nachrichten! So wurden im letzten Jahr <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115894387189075873">2025 in Deutschland erstmals mehr Wärmepumpen (284.000) als Gasheizungen (240.000) eingebaut</a>. Auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/b-wie-berlin-babylon-preussen-und-der-fossile-faschismus/">die fossile Lobby in Berlin</a> wird <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-solarpunk-prompt-uruguay-fuer-erneuerbare-wohlstandsenergien/">den sich weltweit beschleunigenden Trend von fossilen Gewaltenergien zu erneuerbaren Wohlstandsenergien</a> allenfalls noch unter erheblichen Kosten verzögern, aber nicht mehr aufhalten können. Und mit <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115883780570452639">der Grünen-Bundesvorsitzenden <strong>Franziska Brantner</strong>, MdB, griff in der letzten Woche</a> auch die erste Bundespolitikern <strong>den Begriff der erneuerbaren Friedensenergien</strong> auf! <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/erneuerbare-friedensenergien-und-die-abwehrschlacht-des-fossilismus/">Der Fossilismus wütet und mordet noch</a>, aber er verliert an Boden.</p> <p>Doch leider erleben wir weiterhin einen Anstieg von <strong>medialer Rechtsmimesis</strong> und also <strong>Antisemitismus</strong>, <strong>Rassismus</strong> und <strong>Sexismus</strong> in digitalen Blasen und zunehmend auch KI-Kokons. Gestern berichtete <a href="https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/id_101080710/terror-aus-dem-kinderzimmer-was-steckt-hinter-terrorgram-.html">der baden-württembergische Innenminister <strong>Thomas Strobl (CDU)</strong> von wachsenden <em>“Terrorgram”</em>-Netzwerken, in denen auch schon Jugendliche <em>“Blitzradikalisierungen”</em> von unter einem Jahr</a> durchliefen.</p> <p>Entsprechend diskutierte ich in <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-49-migraene-mimesis-menschen-neurodivers/">der 49. Folge von <strong>“Blume &amp; Ince”</strong> auch mit Prof. Dr. <strong>Inan Ince</strong> die Psychologie der Mimesis</a> und brachte ihm dazu die Nachbildung <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/">eines <strong>steinzeitlichen Acheuléen-Faustkeil</strong>s</a> mit – einem <strong>wichtigen Medium unserer menschlichen Evolutionsgeschichte samt Technomimesis</strong>!</p> <p>Präzise hatte <a href="https://www.spektrum.de/inhaltsverzeichnis/lebende-materialien-spektrum-der-wissenschaft-2-2026/2289565">der Materialforscher <strong>Mark Miodownik </strong>(University College London) im druckfrischen I</a><a href="https://www.spektrum.de/inhaltsverzeichnis/lebende-materialien-spektrum-der-wissenschaft-2-2026/2289565">nterview mit <strong>Lars Fischer</strong> in <em>Spektrum der Wissenschaft</em> 02/2026 </a> die evolutionäre Bedeutung materieller Technologien auch als “fundamentale” Medien erklärt:</p> <p><em>„Wir tragen Kleidung, leben in Gebäuden und nutzen Werkzeuge aus den verschiedensten Stoffen. Ohne Materialien könnten wir keine Nahrung zubereiten und in den wenigsten Klimazonen überleben – vor allem aber würde das Leben weniger Spaß machen. Materialien sind aus meiner Sicht fundamentaler als Sprache, sie sind eine Art manuelle, physische Sprache.</em><aside></aside></p> <p><em>Aus der Tierwelt wissen wir, dass Werkzeuge älter sind als Sprache.“</em></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-49-migraene-mimesis-menschen-neurodivers/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Screenshot von Folge 49 des Vodcasts &quot;Blume &amp; Ince&quot;. Links erklärt Dr. Michael Blume die Mimesis, während rechts Prof. Dr. Inan Ince einen Faustkeil bestaunt." decoding="async" height="778" sizes="(max-width: 1294px) 100vw, 1294px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce49InanmitMimesisFaustkeil.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce49InanmitMimesisFaustkeil.jpg 1294w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce49InanmitMimesisFaustkeil-300x180.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce49InanmitMimesisFaustkeil-1024x616.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce49InanmitMimesisFaustkeil-768x462.jpg 768w" width="1294"></img></a></p> <p><em><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-49-migraene-mimesis-menschen-neurodivers/">Prof. Dr. Inan Ince bestaunt einen Faustkeil in Folge 49 von “Blume &amp; Ince” zum Thema “Migräne und Mimesis – Mensch neurodivers”</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Also habe ich für meine Studierenden am KIT Karlsruhe und alle weiteren Interessierten einen Studienbrief angefertigt: <em>“Du kannst nicht nicht kommunizieren – Medien &amp; Mimesis”</em></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KITStudienbriefMedienMimesisWS2526MichaelBlume.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Frontseite des Studienbriefes von Dr. Michael Blume zum KIT Seminar &quot;Medien- und Berufsethik in der Wissenschaftskommunikation&quot;, Wintersemester 2026. Der Titel lautet &quot;Du kannst nicht nicht kommunizieren&quot; und als Titelbild ziert ein schraffierter Aufruf: &quot;Be Good&quot;." decoding="async" height="646" sizes="(max-width: 484px) 100vw, 484px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BeGoodMichaelBlumeKITStudienbrief2026Frontseite.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BeGoodMichaelBlumeKITStudienbrief2026Frontseite.jpg 484w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BeGoodMichaelBlumeKITStudienbrief2026Frontseite-225x300.jpg 225w" width="484"></img></a></p> <p><em>Frontseite meines <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KITStudienbriefMedienMimesisWS2526MichaelBlume.pdf">Studienbriefes für das Seminar Medien- und Berufsethik in der Wissenschaftskommunikation am KIT Karlsruhe, Januar 2026</a>: Michael Blume</em></p> <p>Darin publiziere und erläutere ich auch <strong>meine These zur positiven Mitte-Menschenwürde-Mimesis</strong>:</p> <p><strong><em>„Die unbedingte Menschenwürde bildet die gemeinsame Mitte aller aufgeklärten Religionen und demokratischen Zivilreligionen.“</em></strong></p> <p>Im Studienbrief und als dessen visuelle Zusammenfassung gibt es hier auch ein Schaubild dazu:</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KITStudienbriefMedienMimesisWS2526MichaelBlume.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das Schaubild: &quot;Medien &amp; Mimesis: Die Macht der medialen Nachahmung&quot; zeigt, dass Mimesis in der Nachahmung auch von Zielen besteht und also durch neue Medientechnologien immer weiter verstärkt wird. Als Gegenmittel wird eine Mitte-Mimesis der Menschenwürde empfohlen und ein Aufruf, sich der globalen und potentiell ewigen Dimension digitaler KI-Medien zu besinnen: #BeGood." decoding="async" height="1429" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Schaubild nach <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KITStudienbriefMedienMimesisWS2526MichaelBlume.pdf">dem KIT-Studienbrief von Dr. Michael Blume zum Seminar für Medien- und Berufsethik 2026 zu “Medien &amp; Mimesis: Die mediale Nachahmung”</a>. Grafik: Michael Blume mit NotebookLM</em></p> <p>Auch eine Videozusammenfassung des Studienbriefes durch NotebookLM findet sich unter <a href="https://www.youtube.com/watch?v=dcz0J8LYl0A" rel="noopener" target="_blank">dem Titel <em>“<strong>Mimesis &amp; Medien. Die unsichtbaren Puppenspieler unserer menschlichen Psychologie</strong>“</em> auf YouTube</a>.</p> <p>Der Studienbrief beginnt und endet dabei bewusst mit dem Aufruf <strong><em>“Be Good”</em></strong>, der sich mit <a href="https://www.youtube.com/shorts/JE38kXSiS_A">der von einem ICE-Agenten in <strong>Minneapolis</strong> erschossenen <b>Renée Nicole Good </b>(1988 – 2026)</a> solidarisiert.</p> <p>Zu dieser aus meiner Sicht <a href="https://www.youtube.com/shorts/JE38kXSiS_A">medienethisch gebotenen Solidarität hatte ich auch ein YouTube-Short</a> eingestellt:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/JE38kXSiS_A?feature=oembed&amp;rel=0" title="Medienethik &amp; Gewaltmonopol: Zur Solidarität mit Renee Good (1988 - 2026)" width="562"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/be-good-unsere-wachsende-verantwortung-fuer-medien-mimesis-zum-kit-seminar-2026/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>22</slash:comments> </item> <item> <title>But What Do You MEAN? https://scilogs.spektrum.de/hlf/_butwhatdoyoumean/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/_butwhatdoyoumean/#comments Wed, 14 Jan 2026 13:00:00 +0000 Sophie Maclean https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14029 <h1>But What Do You MEAN? - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Sophie Maclean</h2><div itemprop="text"> <p>If you ask someone their favourite number most people will have an answer. It might be the date of their wedding, it could be a number with pleasing symmetry (I have always liked 8), or cultural significance. Very few people, however, will have a favourite average, and most would be slightly baffled at the question.</p> <p>So, I am on a mission. I want to make sure that not only does everybody have a favourite average, but also that everyone knows about the deep ecosystem of different means, and how they relate to one another.</p> <p>The first thing I need to address is that this article will not contain discussion of the mode or median. The mean, median and mode are often introduced in schools as a trio; the mode being the most common outcome in a sample, and the median being the “middle” value, when the data is sorted in ascending order. Whilst these both have their place and uses in statistics, it’s the means that pervade many more areas of maths.</p> <p>The second thing to address is the fact that I have said “means” in the plural. Because yes, there is more than one mean. Just as how median and mode are types of averages, there are different types of mean too. The “mean” you learned about in school, is actually only a specific type of mean. A nickname, if you will, for the arithmetic mean. Which is where we shall begin our journey.</p> <h3 id="h-the-arithmetic-mean">The Arithmetic Mean</h3> <p>The arithmetic mean is one that you will all be familiar with – it is calculated by summing all the values in your data set, then dividing by the number of values.<aside></aside></p> <p>That is to say, if your data is \(x_1, x_2, \dots, x_N\), then the arithmetic mean is</p> <p>\(\frac{x_1 + x_2 + \dots + x_N}{N}.\)</p> <p>This is commonly used as a way of working out the “central” value of a data set. It is, for this reason, often used in statistics. It can be compared to the median for even greater analysis. For example, if the arithmetic mean income of a country increases faster than the median income, that could imply that the super rich’s salaries are increasing faster than most of the population.</p> <p>The arithmetic mean is also very useful in probability theory. Suppose our random event takes numerical values \(x_1, x_2, \dots x_N\). If they are each equally likely to occur, then the arithmetic mean gives the expected value of that event. The value that, if you were to run the trial over and over again, you would expect to get on average.<p>Now that we have discussed the familiar mean, it’s time to introduce one of the newbies. Behold, the geometric mean.</p></p> <h3 id="h-the-geometric-mean">The Geometric Mean</h3> <p>The geometric mean for our data \(x_1,\dots x_N\)is defined by</p> <p>\(\sqrt[n]{x_1\cdot x_2\cdot\cdots\cdot x_N},\)</p> <p>i.e. the Nth root of the product of all \(N\) elements. Note that this is equal to \(e\) to the power of the arithmetic mean of the logarithms of all the values.<p>This is often used in data sets like population growth rates, where items combine multiplicatively. It can also be used when averaging interest rates. For example, if a person invests 1000 money (choose your favourite currency) and gets returns of +10%, -4%, -8% and +25%, this results in 1214.4 money. The geometric mean is 20%, which is a lot more meaningful in terms of what we see happening to the money than the arithmetic mean of 5.75%.</p></p> <h3 id="h-meaning">Meaning…</h3> <p>A fun fact about the geometric and arithmetic means, is that the arithmetic mean is always greater than or equal to the geometric mean, with equality if and only if all values in the data set are the same.</p> <p>It is easy to prove this in the case \(N=2\), when we only have two elements in our data set. Let us call these elements \(a\) and \(b\).</p> <p>Square numbers are always non-negative, so</p> <p>\( (a-b)^2 \geq 0,\)</p> <p>with equality if and only if \(a=\b). Multiplying out the brackets gives</p> <p>\(a^2 – 2ab + b^2 \geq 0.\)</p> <p>We now add \(4ab\) to both sides giving</p> <p>\(a^2 + 2ab + b^2 \geq 4ab.\)</p> <p>Factorising gives</p> <p>\((a + b)^2 \geq 4ab.\)</p> <p>We can now take square roots of both sides, giving</p> <p>\(a + b \geq 2\sqrt{ab}.\)</p> <p>Finally, dividing by two gives</p> <p>\(\frac{a + b}{2} \geq \sqrt{ab},\)</p> <p>with equality if and only if \(a = b\), which is exactly what we want!<p>We can also prove this inequality in pictures!</p></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-123.png"><img alt="A triangle in a semicircle, its base forming the diameter of the circle. The triangle is split in half forming two triangles - PGQ and QGR" decoding="async" fetchpriority="high" height="378" sizes="(max-width: 568px) 100vw, 568px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-123.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-123.png 568w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-123-300x200.png 300w" width="568"></img></a><figcaption>Proof without words of the inequality of arithmetic and geometric means, drawn by CMG Lee. <sup data-fn="81ad1fb0-7e83-4da1-9c9a-f75fca89a71a"><a href="#81ad1fb0-7e83-4da1-9c9a-f75fca89a71a" id="81ad1fb0-7e83-4da1-9c9a-f75fca89a71a-link">1</a></sup></figcaption></figure></div> <h3 id="h-the-harmonic-mean">The Harmonic Mean</h3> <p>After that scheduled break, it is back to discovering new means, and next up is the harmonic mean. This is the reciprocal of the arithmetic mean of the reciprocals. So, for our data \(x_1, x_2, \dots, x_N\), the harmonic mean is</p> <p>\( \frac{N}{\frac{1}{x_1} + \frac{1}{x_2} + \dots + \frac{1}{x_N}}.\)</p> <p>This has a few surprising uses and is often used in things regarding rates and ratios. For example, if a car travels outbound at a speed \(x\), and returns the same distance at a speed \(y\), then its average speed is the harmonic mean of \(x\) and \(y\). Interestingly, here we made the distance of both legs be equal, but if we had instead made the time travelled on each leg be equal, then the average speed would be the arithmetic mean of \(x\) and \(y\).</p> <h3 id="h-the-root-mean-square">The Root Mean Square</h3> <p>Our final mean is the root mean square, which is exactly what it says on the tin: You take each element. Find the arithmetic mean of the squares. Then square root it. In symbols, this is</p> <p>\( \sqrt{\frac{1}{N} (x_1^2 + x_2^2 + \cdots + x_N^2)}.\)</p> <p>This is also sometimes called the quadratic mean, which is less descriptive but does still give some idea of what is going on.</p> <p>The root mean square (RMS) has some applications in the real world. For example, it is commonly used in electrical engineering. The RMS of an alternating current equals the value of the constant direct current that would dissipate the same power in a given resistor.</p> <h3 id="h-eenie-meanie">Eenie Meanie…</h3> <p>Just as we have the AM-GM inequality, we have a similar inequality bringing in the harmonic mean (HM) and the root mean square (RMS). This is sometimes called the not quite as catchy RMS-AM-GM-HM inequality, and states that the root mean square is greater than or equal to the arithmetic mean is greater than or equal to the geometric mean, is greater than or equal to the harmonic mean, with equality if and only if all elements are equal.<p>This gets rather fiddly to prove algebraically, though it is perfectly possible. I shall instead leave you with this beautiful visual proof. Enjoy!</p></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-124.png"><img alt="A diagram based on a circle proving the root mean square inequality " decoding="async" height="676" sizes="(max-width: 904px) 100vw, 904px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-124.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-124.png 904w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-124-300x224.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-124-768x574.png 768w" width="904"></img></a><figcaption>Geometric proof without words that quadratic mean (root mean square) &gt; arithmetic mean &gt; geometric mean &gt; harmonic mean, drawn by CMG Lee based on Figure 4 on <a href="http://maa.org/book/export/html/466289" rel="noreferrer noopener" target="_blank">http://maa.org/book/export/html/466289</a>.<sup data-fn="d26c39d7-b523-49fb-b322-935f549c436a"><a href="#d26c39d7-b523-49fb-b322-935f549c436a" id="d26c39d7-b523-49fb-b322-935f549c436a-link">2</a></sup></figcaption></figure></div> <p>In the image above, O is the centre of a circle, and P, G and R lie around the circle. Because P and R form a diameter, PGR is an equilateral triangle. Q is a point on the diameter PR, with PQ being length \(a\), and QR being length \(b\). The radius of the circle is \(\frac{a+b}{2}\) i.e. the arithmetic mean of \(a\) and \(b\). This is shown in pink on the diagram. To find the length of the purple line (let us call it \(x\)), we can use the similarity of the right-angled triangles to see that \(\frac{a}{x} = \frac{x}{b}\). This can be solved to show \(x = \sqrt{ab}\), i.e. the geometric mean. From the diagram, we can clearly see that the pink line is longer than the purple line (and they would only be equal length if Q was at the centre of the circle), i.e. the arithmetic mean is greater than the arithmetic mean.</p> <p>This arithmetic/geometric mean fact is known as the AM-GM inequality (after the initials of both the means) and is a staple of high school maths competitions the world over. One cool use of this inequality is that is shows that given a rectangle with fixed perimeter, the area is maximised when you have a square!</p> <p>This is because if side lengths of the rectangle are \(a\) and \(b\), the perimeter is \(2(a+b)\) which is four times the arithmetic mean, so fixing the perimeter fixes the arithmetic mean. Therefore, the geometric mean (which is the square root of the area of the rectangle) has a fixed upper bound which it can only achieve when \(a=b\).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>But What Do You MEAN? - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Sophie Maclean</h2><div itemprop="text"> <p>If you ask someone their favourite number most people will have an answer. It might be the date of their wedding, it could be a number with pleasing symmetry (I have always liked 8), or cultural significance. Very few people, however, will have a favourite average, and most would be slightly baffled at the question.</p> <p>So, I am on a mission. I want to make sure that not only does everybody have a favourite average, but also that everyone knows about the deep ecosystem of different means, and how they relate to one another.</p> <p>The first thing I need to address is that this article will not contain discussion of the mode or median. The mean, median and mode are often introduced in schools as a trio; the mode being the most common outcome in a sample, and the median being the “middle” value, when the data is sorted in ascending order. Whilst these both have their place and uses in statistics, it’s the means that pervade many more areas of maths.</p> <p>The second thing to address is the fact that I have said “means” in the plural. Because yes, there is more than one mean. Just as how median and mode are types of averages, there are different types of mean too. The “mean” you learned about in school, is actually only a specific type of mean. A nickname, if you will, for the arithmetic mean. Which is where we shall begin our journey.</p> <h3 id="h-the-arithmetic-mean">The Arithmetic Mean</h3> <p>The arithmetic mean is one that you will all be familiar with – it is calculated by summing all the values in your data set, then dividing by the number of values.<aside></aside></p> <p>That is to say, if your data is \(x_1, x_2, \dots, x_N\), then the arithmetic mean is</p> <p>\(\frac{x_1 + x_2 + \dots + x_N}{N}.\)</p> <p>This is commonly used as a way of working out the “central” value of a data set. It is, for this reason, often used in statistics. It can be compared to the median for even greater analysis. For example, if the arithmetic mean income of a country increases faster than the median income, that could imply that the super rich’s salaries are increasing faster than most of the population.</p> <p>The arithmetic mean is also very useful in probability theory. Suppose our random event takes numerical values \(x_1, x_2, \dots x_N\). If they are each equally likely to occur, then the arithmetic mean gives the expected value of that event. The value that, if you were to run the trial over and over again, you would expect to get on average.<p>Now that we have discussed the familiar mean, it’s time to introduce one of the newbies. Behold, the geometric mean.</p></p> <h3 id="h-the-geometric-mean">The Geometric Mean</h3> <p>The geometric mean for our data \(x_1,\dots x_N\)is defined by</p> <p>\(\sqrt[n]{x_1\cdot x_2\cdot\cdots\cdot x_N},\)</p> <p>i.e. the Nth root of the product of all \(N\) elements. Note that this is equal to \(e\) to the power of the arithmetic mean of the logarithms of all the values.<p>This is often used in data sets like population growth rates, where items combine multiplicatively. It can also be used when averaging interest rates. For example, if a person invests 1000 money (choose your favourite currency) and gets returns of +10%, -4%, -8% and +25%, this results in 1214.4 money. The geometric mean is 20%, which is a lot more meaningful in terms of what we see happening to the money than the arithmetic mean of 5.75%.</p></p> <h3 id="h-meaning">Meaning…</h3> <p>A fun fact about the geometric and arithmetic means, is that the arithmetic mean is always greater than or equal to the geometric mean, with equality if and only if all values in the data set are the same.</p> <p>It is easy to prove this in the case \(N=2\), when we only have two elements in our data set. Let us call these elements \(a\) and \(b\).</p> <p>Square numbers are always non-negative, so</p> <p>\( (a-b)^2 \geq 0,\)</p> <p>with equality if and only if \(a=\b). Multiplying out the brackets gives</p> <p>\(a^2 – 2ab + b^2 \geq 0.\)</p> <p>We now add \(4ab\) to both sides giving</p> <p>\(a^2 + 2ab + b^2 \geq 4ab.\)</p> <p>Factorising gives</p> <p>\((a + b)^2 \geq 4ab.\)</p> <p>We can now take square roots of both sides, giving</p> <p>\(a + b \geq 2\sqrt{ab}.\)</p> <p>Finally, dividing by two gives</p> <p>\(\frac{a + b}{2} \geq \sqrt{ab},\)</p> <p>with equality if and only if \(a = b\), which is exactly what we want!<p>We can also prove this inequality in pictures!</p></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-123.png"><img alt="A triangle in a semicircle, its base forming the diameter of the circle. The triangle is split in half forming two triangles - PGQ and QGR" decoding="async" fetchpriority="high" height="378" sizes="(max-width: 568px) 100vw, 568px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-123.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-123.png 568w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-123-300x200.png 300w" width="568"></img></a><figcaption>Proof without words of the inequality of arithmetic and geometric means, drawn by CMG Lee. <sup data-fn="81ad1fb0-7e83-4da1-9c9a-f75fca89a71a"><a href="#81ad1fb0-7e83-4da1-9c9a-f75fca89a71a" id="81ad1fb0-7e83-4da1-9c9a-f75fca89a71a-link">1</a></sup></figcaption></figure></div> <h3 id="h-the-harmonic-mean">The Harmonic Mean</h3> <p>After that scheduled break, it is back to discovering new means, and next up is the harmonic mean. This is the reciprocal of the arithmetic mean of the reciprocals. So, for our data \(x_1, x_2, \dots, x_N\), the harmonic mean is</p> <p>\( \frac{N}{\frac{1}{x_1} + \frac{1}{x_2} + \dots + \frac{1}{x_N}}.\)</p> <p>This has a few surprising uses and is often used in things regarding rates and ratios. For example, if a car travels outbound at a speed \(x\), and returns the same distance at a speed \(y\), then its average speed is the harmonic mean of \(x\) and \(y\). Interestingly, here we made the distance of both legs be equal, but if we had instead made the time travelled on each leg be equal, then the average speed would be the arithmetic mean of \(x\) and \(y\).</p> <h3 id="h-the-root-mean-square">The Root Mean Square</h3> <p>Our final mean is the root mean square, which is exactly what it says on the tin: You take each element. Find the arithmetic mean of the squares. Then square root it. In symbols, this is</p> <p>\( \sqrt{\frac{1}{N} (x_1^2 + x_2^2 + \cdots + x_N^2)}.\)</p> <p>This is also sometimes called the quadratic mean, which is less descriptive but does still give some idea of what is going on.</p> <p>The root mean square (RMS) has some applications in the real world. For example, it is commonly used in electrical engineering. The RMS of an alternating current equals the value of the constant direct current that would dissipate the same power in a given resistor.</p> <h3 id="h-eenie-meanie">Eenie Meanie…</h3> <p>Just as we have the AM-GM inequality, we have a similar inequality bringing in the harmonic mean (HM) and the root mean square (RMS). This is sometimes called the not quite as catchy RMS-AM-GM-HM inequality, and states that the root mean square is greater than or equal to the arithmetic mean is greater than or equal to the geometric mean, is greater than or equal to the harmonic mean, with equality if and only if all elements are equal.<p>This gets rather fiddly to prove algebraically, though it is perfectly possible. I shall instead leave you with this beautiful visual proof. Enjoy!</p></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-124.png"><img alt="A diagram based on a circle proving the root mean square inequality " decoding="async" height="676" sizes="(max-width: 904px) 100vw, 904px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-124.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-124.png 904w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-124-300x224.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-124-768x574.png 768w" width="904"></img></a><figcaption>Geometric proof without words that quadratic mean (root mean square) &gt; arithmetic mean &gt; geometric mean &gt; harmonic mean, drawn by CMG Lee based on Figure 4 on <a href="http://maa.org/book/export/html/466289" rel="noreferrer noopener" target="_blank">http://maa.org/book/export/html/466289</a>.<sup data-fn="d26c39d7-b523-49fb-b322-935f549c436a"><a href="#d26c39d7-b523-49fb-b322-935f549c436a" id="d26c39d7-b523-49fb-b322-935f549c436a-link">2</a></sup></figcaption></figure></div> <p>In the image above, O is the centre of a circle, and P, G and R lie around the circle. Because P and R form a diameter, PGR is an equilateral triangle. Q is a point on the diameter PR, with PQ being length \(a\), and QR being length \(b\). The radius of the circle is \(\frac{a+b}{2}\) i.e. the arithmetic mean of \(a\) and \(b\). This is shown in pink on the diagram. To find the length of the purple line (let us call it \(x\)), we can use the similarity of the right-angled triangles to see that \(\frac{a}{x} = \frac{x}{b}\). This can be solved to show \(x = \sqrt{ab}\), i.e. the geometric mean. From the diagram, we can clearly see that the pink line is longer than the purple line (and they would only be equal length if Q was at the centre of the circle), i.e. the arithmetic mean is greater than the arithmetic mean.</p> <p>This arithmetic/geometric mean fact is known as the AM-GM inequality (after the initials of both the means) and is a staple of high school maths competitions the world over. One cool use of this inequality is that is shows that given a rectangle with fixed perimeter, the area is maximised when you have a square!</p> <p>This is because if side lengths of the rectangle are \(a\) and \(b\), the perimeter is \(2(a+b)\) which is four times the arithmetic mean, so fixing the perimeter fixes the arithmetic mean. Therefore, the geometric mean (which is the square root of the area of the rectangle) has a fixed upper bound which it can only achieve when \(a=b\).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/_butwhatdoyoumean/#comments 3 Bats, brains and memory palaces: shared computations behind navigation and memory? https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/bats-brains-and-memory-palaces-shared-computations-behind-navigation-and-memory/ https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/bats-brains-and-memory-palaces-shared-computations-behind-navigation-and-memory/#respond Tue, 13 Jan 2026 14:05:37 +0000 Alexander Eperon https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/?p=881 https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/files/mountains-edited-768x432.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/bats-brains-and-memory-palaces-shared-computations-behind-navigation-and-memory/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/files/mountains-edited.jpg" /><h1>Bats, brains and memory palaces: shared computations behind navigation and memory? » Thinky & Brain » SciLogs</h1><h2>By Alexander Eperon</h2><div itemprop="text"> <p>Humans are capable of remarkable feats of cognition. Some of us are able to remember extraordinary amounts of information by drawing on ‘memory palaces’, mental visualisations of where memories are stored. These abilities may seem uniquely human. However, recent research has highlighted how advanced memory techniques may draw upon the same neural computations used for spatial navigation across many species. </p> <p>In a now-famous philosophy paper, Thomas Nagel invites us to ask what it is like to be a bat. He argues that the bat has experiences we, as humans, can never imagine: what is it like to fly, to echolocate? For Nagel, we are trapped in our own little sensory bubble, unable to truly imagine what it is like to be outside of our own physical frame. </p> <p>While this may be true, we may have more in common with bats than one might think at a first glance. Many systems of the human brain are similar to those of other species via common ancestry: a bat may look very different to us, but it still has a visual cortex, an auditory cortex, and so forth. </p> <p>One brain region which is well-preserved across species is the hippocampal-entorhinal system. The hippocampus is a strange seahorse-shaped horn of grey matter, in humans buried below other ‘neocortical’ systems. Since the mid-1900s, we have known that the hippocampus is instrumental in forming new memories: a famous case study from Brenda Milner documents how Patient HM was rendered unable to form new memories after bilateral damage to the hippocampal system.</p> <p>The hippocampal formation is also involved in navigation. Navigation problems can be solved by many methods: the way we move around our home kitchen, for example, is very different to how we would explore the open seas. Nonetheless, cell populations in the hippocampus and adjacent entorhinal cortex ‘track us’, releasing bursts of energy (‘action potentials’) when we move across specific locations. This is true both in bats and humans: when you move across your kitchen floor, a place cell might fire only when you are next to the door – for a bat, a place cell might fire when it nears the cave entrance. This is solid evidence that something navigation-related is being tracked by your hippocampal formation.<aside></aside></p> <p>In the age of modern neural networks, it is easy to imagine the brain as a big mess of cells which, with enough training, learn to handle the problems we throw at it. Some people, indeed, argue that navigation and memory can be solved this way, and we over-interpret single cell results (Luo et al., 2024).</p> <p>Despite this complexity, the brains of different species appear to converge on the same solutions within the hippocampal formation.  Primates, bats and rodents all appear to use grid cells, neurons which typically fire in a hexagonal pattern, to navigate. Across species, this extends beyond spatial navigation into more complicated mnemonic functions: specialised cells map out specific pitches in rodent brains, while human neural patterns track the relationship between conceptual information.</p> <p>So, to recap: across species, the hippocampal formation responds selectively to information related to navigation and memory. Across species, cell populations appear to respond in similar ways. This suggests that there is something in common between the neural mechanisms used for navigation and memory.</p> <p>To bring all this under one umbrella, researchers have theorised that the hippocampal-entorhinal system carries out the same <em>computations</em>, across domains and species. One way to approach this has been to build up mathematical models which can explain both neural firing patterns and animal behaviour. These models produce predictions for future studies, which leads to a virtuous cycle of science. For example, models of grid cells based on attractor networks led to the remarkable prediction that grid cells can be described as a torus, a donut-like projection of neural data into a lower-dimensional space. This was duly discovered by a team led by Nobel prize-winners May-Britt and Edvard Moser. </p> <p>As mentioned above, the computations that lead to grid cells appeared to be shared both across species and across domains. When we navigate a social network or other ‘non-spatial’ memory spaces, we recruit the hippocampal formation in a similar way to that when we navigate real-world spaces. This raises an intriguing question: can we use models to explain both space and memory?</p> <p>In a Nature paper from last year (Chandra et al., 2025), researchers attempted to do just that. A team led by Ila Fiete (MIT) imagined the grid cell attractor network as a spatial ‘scaffold’ to which we can attach memories. The same processes, we might think, could describe the distance between rooms in a house or move between your memories of different subjects. In extreme cases, they argue, super-learners could exploit the spatial specialisation of these systems and anchor their memories to specific locations – just as we do when using memory palaces. </p> <p>This is, of course, theoretical work which leaves as many questions open as it answers. We know a lot about how the brain handles spatial navigation, but it is not clear if these processes can always be easily recycled into navigation of memory. In a physical space, movement is continuous and well-defined; is this really true for memory? What would it mean to move between my knowledge of algebra and my knowledge of literature? Nonetheless, mathematical models provide a computational bedrock for further study which will allow us to probe if, and how, well-understood features of spatial navigation can be ‘borrowed’ in service of memory. My own PhD work moves in that direction, showing that the human entorhinal cortex processes non-spatial ‘action’ in the form of mathematical operations and eye movements. </p> <p>All in all, these computational models provide an exciting glimpse at how navigational machinery may be recycled for memory. From an evolutionary perspective, this may help us understand how early humans evolved complex memory systems which enable the advanced communication characteristic of our species. Moreover, it may suggest that high-performing memorisers who use memory palaces are in fact drawing on an archaic link between space and memory.</p> <p>I will finish by returning to bats, who have similar hippocampal machinery to us. We might see and feel the world differently from a bat – certainly very few of us use echolocation – but the same gears and cranks which allow a bat to fly around a cave may help us to build societies and remember, well, quite a lot of things.</p> <div><div> <p><em><sub>Chandra, S., Sharma, S., Chaudhuri, R., &amp; Fiete, I. (2025). Episodic and associative memory from spatial scaffolds in the hippocampus. Nature, 638(8051), 739–751. https://doi.org/10.1038/s41586-024-08392-y</sub></em></p> <p><em><sub>Gardner, R. J., Hermansen, E., Pachitariu, M., Burak, Y., Baas, N. A., Dunn, B. A., Moser, M.-B., &amp; Moser, E. I. (2022). Toroidal topology of population activity in grid cells. Nature, 602(7895), 123–128. https://doi.org/10.1038/s41586-021-04268-7</sub></em></p> <p><em><sub>Luo, X., Mok, R. M., &amp; Love, B. C. (2024). The inevitability and superfluousness of cell types in spatial cognition. eLife, 13. https://doi.org/10.7554/eLife.99047.1</sub></em></p> </div></div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/files/mountains-edited.jpg" /><h1>Bats, brains and memory palaces: shared computations behind navigation and memory? » Thinky & Brain » SciLogs</h1><h2>By Alexander Eperon</h2><div itemprop="text"> <p>Humans are capable of remarkable feats of cognition. Some of us are able to remember extraordinary amounts of information by drawing on ‘memory palaces’, mental visualisations of where memories are stored. These abilities may seem uniquely human. However, recent research has highlighted how advanced memory techniques may draw upon the same neural computations used for spatial navigation across many species. </p> <p>In a now-famous philosophy paper, Thomas Nagel invites us to ask what it is like to be a bat. He argues that the bat has experiences we, as humans, can never imagine: what is it like to fly, to echolocate? For Nagel, we are trapped in our own little sensory bubble, unable to truly imagine what it is like to be outside of our own physical frame. </p> <p>While this may be true, we may have more in common with bats than one might think at a first glance. Many systems of the human brain are similar to those of other species via common ancestry: a bat may look very different to us, but it still has a visual cortex, an auditory cortex, and so forth. </p> <p>One brain region which is well-preserved across species is the hippocampal-entorhinal system. The hippocampus is a strange seahorse-shaped horn of grey matter, in humans buried below other ‘neocortical’ systems. Since the mid-1900s, we have known that the hippocampus is instrumental in forming new memories: a famous case study from Brenda Milner documents how Patient HM was rendered unable to form new memories after bilateral damage to the hippocampal system.</p> <p>The hippocampal formation is also involved in navigation. Navigation problems can be solved by many methods: the way we move around our home kitchen, for example, is very different to how we would explore the open seas. Nonetheless, cell populations in the hippocampus and adjacent entorhinal cortex ‘track us’, releasing bursts of energy (‘action potentials’) when we move across specific locations. This is true both in bats and humans: when you move across your kitchen floor, a place cell might fire only when you are next to the door – for a bat, a place cell might fire when it nears the cave entrance. This is solid evidence that something navigation-related is being tracked by your hippocampal formation.<aside></aside></p> <p>In the age of modern neural networks, it is easy to imagine the brain as a big mess of cells which, with enough training, learn to handle the problems we throw at it. Some people, indeed, argue that navigation and memory can be solved this way, and we over-interpret single cell results (Luo et al., 2024).</p> <p>Despite this complexity, the brains of different species appear to converge on the same solutions within the hippocampal formation.  Primates, bats and rodents all appear to use grid cells, neurons which typically fire in a hexagonal pattern, to navigate. Across species, this extends beyond spatial navigation into more complicated mnemonic functions: specialised cells map out specific pitches in rodent brains, while human neural patterns track the relationship between conceptual information.</p> <p>So, to recap: across species, the hippocampal formation responds selectively to information related to navigation and memory. Across species, cell populations appear to respond in similar ways. This suggests that there is something in common between the neural mechanisms used for navigation and memory.</p> <p>To bring all this under one umbrella, researchers have theorised that the hippocampal-entorhinal system carries out the same <em>computations</em>, across domains and species. One way to approach this has been to build up mathematical models which can explain both neural firing patterns and animal behaviour. These models produce predictions for future studies, which leads to a virtuous cycle of science. For example, models of grid cells based on attractor networks led to the remarkable prediction that grid cells can be described as a torus, a donut-like projection of neural data into a lower-dimensional space. This was duly discovered by a team led by Nobel prize-winners May-Britt and Edvard Moser. </p> <p>As mentioned above, the computations that lead to grid cells appeared to be shared both across species and across domains. When we navigate a social network or other ‘non-spatial’ memory spaces, we recruit the hippocampal formation in a similar way to that when we navigate real-world spaces. This raises an intriguing question: can we use models to explain both space and memory?</p> <p>In a Nature paper from last year (Chandra et al., 2025), researchers attempted to do just that. A team led by Ila Fiete (MIT) imagined the grid cell attractor network as a spatial ‘scaffold’ to which we can attach memories. The same processes, we might think, could describe the distance between rooms in a house or move between your memories of different subjects. In extreme cases, they argue, super-learners could exploit the spatial specialisation of these systems and anchor their memories to specific locations – just as we do when using memory palaces. </p> <p>This is, of course, theoretical work which leaves as many questions open as it answers. We know a lot about how the brain handles spatial navigation, but it is not clear if these processes can always be easily recycled into navigation of memory. In a physical space, movement is continuous and well-defined; is this really true for memory? What would it mean to move between my knowledge of algebra and my knowledge of literature? Nonetheless, mathematical models provide a computational bedrock for further study which will allow us to probe if, and how, well-understood features of spatial navigation can be ‘borrowed’ in service of memory. My own PhD work moves in that direction, showing that the human entorhinal cortex processes non-spatial ‘action’ in the form of mathematical operations and eye movements. </p> <p>All in all, these computational models provide an exciting glimpse at how navigational machinery may be recycled for memory. From an evolutionary perspective, this may help us understand how early humans evolved complex memory systems which enable the advanced communication characteristic of our species. Moreover, it may suggest that high-performing memorisers who use memory palaces are in fact drawing on an archaic link between space and memory.</p> <p>I will finish by returning to bats, who have similar hippocampal machinery to us. We might see and feel the world differently from a bat – certainly very few of us use echolocation – but the same gears and cranks which allow a bat to fly around a cave may help us to build societies and remember, well, quite a lot of things.</p> <div><div> <p><em><sub>Chandra, S., Sharma, S., Chaudhuri, R., &amp; Fiete, I. (2025). Episodic and associative memory from spatial scaffolds in the hippocampus. Nature, 638(8051), 739–751. https://doi.org/10.1038/s41586-024-08392-y</sub></em></p> <p><em><sub>Gardner, R. J., Hermansen, E., Pachitariu, M., Burak, Y., Baas, N. A., Dunn, B. A., Moser, M.-B., &amp; Moser, E. I. (2022). Toroidal topology of population activity in grid cells. Nature, 602(7895), 123–128. https://doi.org/10.1038/s41586-021-04268-7</sub></em></p> <p><em><sub>Luo, X., Mok, R. M., &amp; Love, B. C. (2024). The inevitability and superfluousness of cell types in spatial cognition. eLife, 13. https://doi.org/10.7554/eLife.99047.1</sub></em></p> </div></div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/bats-brains-and-memory-palaces-shared-computations-behind-navigation-and-memory/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Neueste Zahlen: Geht steigender Cannabiskonsum mit mehr Schizophrenien einher? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neueste-zahlen-geht-steigender-cannabiskonsum-mit-mehr-schizophrenien-einher/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neueste-zahlen-geht-steigender-cannabiskonsum-mit-mehr-schizophrenien-einher/#comments Mon, 12 Jan 2026 12:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3504 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ai-generated-9553065_1920-768x432.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neueste-zahlen-geht-steigender-cannabiskonsum-mit-mehr-schizophrenien-einher/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ai-generated-9553065_1920.jpg" /><h1>Neueste Zahlen: Geht steigender Cannabiskonsum mit mehr Schizophrenien einher? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Und eine Überraschung zum Psychoserisiko eines verbreiteten psychiatrischen Medikaments</strong></p> <span id="more-3504"></span> <p>Es ist noch kein Jahr her, dass man das Cannabisverbot in Deutschland einschränkte. Die Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP ist Geschichte. Erinnert sich noch jemand an die letzte Partei, die es nicht mehr in den Bundestag schaffte? Doch die Teillegalisierung der beliebtesten Droge nach Alkohol und Nikotin bleibt vorerst in Kraft – auch wenn die neue Bundesgesundheitsministerin von der CDU die Versorgung über Telemedizin und Online-Apotheken abschaffen will.</p> <p>Wir erinnern uns an die hitzigen Debatten: Vor allem die Abgeordneten der SPD mussten überzeugt werden. Dafür setzte sich der damalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) bis zur letzten Minute ein. Die Gesetzesänderung wurde schließlich am 23. Februar 2024 vom Bundestag verabschiedet. Doch die Unionsparteien wollten es mit einem Trick im Bundesrat aufhalten. Der Ministerpräsident des Freistaats Sachsen, Michael Kretschmer (CDU), brüskierte sogar seinen Koalitionspartner und setzte sich über die Gepflogenheiten des hohen Hauses hinweg. Er meinte, die Bundesrepublik vor einem großen Fehler retten zu müssen. Menschen-Bilder war damals live dabei.</p> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em>Frisch aus der Druckerpresse: Wissen über die Cannabispolitik in Deutschland und aus der Wissenschaft erhalten Sie <strong>jetzt für nur 14,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375">im BoD Shop</a>. 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Und für die wollte ohnehin niemand die Droge einfacher verfügbar machen.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz.jpg"><img alt="" decoding="async" height="592" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz-1024x592.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz-1024x592.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz-300x173.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz-768x444.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz.jpg 1527w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Laut den neuesten Daten vom IFT Institut für Therapieforschung konsumierten rund 10 Prozent der Erwachsenen in Deutschland zumindest gelegentlich Cannabis. Beim riskanten starken Konsum änderte sich den Zahlen nach aber nichts. Datenquelle: Hoch et al., 2025</em></p> <h2 id="h-schreckensszenario-nummer-1-psychoserisiko-und-schizophrenie">Schreckensszenario Nummer 1: Psychoserisiko und Schizophrenie</h2> <p>Die Kritiker wurden es nicht müde, immer wieder vom Psychose- beziehungsweise Schizophrenierisiko durch Cannabiskonsum zu warnen. Dass das Mittel wohl kaum seit Jahrtausenden in vielen Kulturen genutzt und auch hierzulande medizinisch verschrieben werden würde, wenn es wirklich so gefährlich wäre, ignorierten die Cannabisgegner geflissentlich.</p> <p>Aber der Risikobegriff kann ja sehr weit gedehnt werden: Die meisten von uns setzen sich auch Tag für Tag in ein Verkehrsmittel und setzen sich damit einem höheren Risiko für einen Verkehrsunfall aus, sogar jetzt bei verschneiten Straßen im Winter! Doch, wer hätte es gedacht: Trotz aller Risiken haben die allermeisten von ihnen am Ende des Tages nicht einmal eine Prellung.</p> <p>Zu den Risiken des Cannabiskonsums gibt es viele Studien. Prinzipiell gilt, dass <em>Beobachtungsstudien</em> keine Ursache-Wirkungs-Beziehung belegen können. Das heißt, vergleicht man zu verschiedenen Zeitpunkten die Gruppen der Konsumierenden und der Abstinenten und findet man dabei Unterschiede bei den Psychosen oder Schizophrenien, dann ist das <em>kein</em> Beleg für einen kausalen Einfluss von Cannabis. Schließlich unterscheiden sich die Gruppen ja auch in vielen anderen Faktoren. Dass diejenigen, die sonst auf kontrollierten Studien beharren, wenn sie die “evidenzbasierte Medizin” für sich beschwören, diese Standards bei der Dämonisierung von Drogen sofort vergessen, stimmt mich bedenklich.</p> <p>Jetzt liegen ganz neue Daten zu sowohl dem Cannabiskonsum als auch der Diagnose von psychotischen und schizophrenen Störungen vor. Auch wenn diese keinen letzten Beweis liefern: Was denken Sie, in welche Richtung der Zusammenhang weist?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel.jpg"><img alt="" decoding="async" height="594" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel-1024x594.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel-1024x594.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel-300x174.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel-768x446.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel.jpg 1520w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Die schon auf der letzten Abbildung dargestellte 12-Monats-Prävalenz (linke Skala) wird hier mit zwei möglichen Verläufen der Schizophreniekurve verglichen: Denken Sie, dass im gezeigten Zeitraum </em>immer mehr<em> (gelb; rechte Skala) oder </em>immer weniger<em> (rot) der psychologisch-psychiatrischen Störungen diagnostiziert wurden?</em></p> <h2 id="h-komplexe-wissenschaft">Komplexe Wissenschaft</h2> <p>Ich habe immer wieder darauf hingewiesen, dass Menschen mit erhöhtem Psychoserisiko häufiger Drogen konsumieren. Teils tun sie das, weil sie mehr Härten im Leben hinter sich haben und sich mithilfe der psychoaktiven Substanzen besser entspannen können. Manche weisen auch auf familiäre oder genetisch Risiken hin: Wer zum Beispiel einen nahen Verwandten mit einer Schizophrenie habe, der solle besser die Finger von den Mitteln lassen. Teils konsumieren Menschen mit der Diagnose Schizophrenie aber sogar Cannabisprodukte, um die Nebenwirkungen ihrer Medikamente besser zu ertragen!</p> <p>Das alles sind besondere Gründe dafür, dass man von einem gemeinsamen Auftreten von Cannabiskonsum und Psychosen beziehungsweise Schizophrenien <em>keine</em> Ursache-Wirkungs-Beziehung ableiten kann. Der kausale Pfeil könnte in <em>beide</em> Richtungen weisen. Cannabiskonsum und eine psychologisch-psychiatrische Störung können aber beide auch durch einen dritten Faktor bedingt sein. Das sind eigentlich Standardargumente aus einer Einführungsvorlesung in die Statistik.</p> <p>Trotzdem behaupten die Cannabisgegner in der Ärzteschaft beharrlich, aufgrund ihrer “klinischen Erfahrung” die Kausalität schlicht <em>sehen</em> zu können. Mir ist schon klar, dass man mit dem ohnehin oft nur oberflächlich angefertigten Dr. med. auch magische Kräfte verliehen bekommt.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2 id="h-auflosung">Auflösung</h2> <p>Was sagen also die neuesten Daten? Waren meine Vorbehalte und die der eher zurückhaltenden Forscherinnen und Forscher berechtigt? Oder haben doch die Cannabisgegner mit ihrer “klinischen Erfahrung” recht?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie.jpg"><img alt="" decoding="async" height="595" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-1024x595.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-1024x595.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-300x174.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-768x446.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie.jpg 1520w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Obwohl seit 2012 immer mehr erwachsene Deutsche Cannabis konsumieren, sank die Rate neu diagnostizierter psychotischer und schizophrener Störungen seit 2015 kontinuierlich: und zwar um satte 12 Prozent! Datenquellen: Kohring et al., 2024; Thom et al., 2024</em></p> <p>Damit wird übrigens nicht bestritten, dass besonders häufiger und starker Cannabiskonsum das Risiko für psychologisch-psychiatrische Störungen erhöht. Insbesondere diejenigen, die Lebensprobleme mit dem Mittel (oder anderen Drogen) unterdrücken wollen, gehen ein höheres Risiko ein. Denn mit dieser Bewältigungsstrategie tun sie nichts gegen die Probleme.</p> <p>Übrigens fällt mir bei der Ärzteschaft immer wieder das Muster auf, die von ihnen selbst verschriebenen Medikamente eher zu verharmlosen, doch die von den Menschen selbst gewählten Heilmittel als gefährlicher darzustellen. Vergessen wir nicht, dass zum Beispiel die Opioid-Epidemie in den USA ab den 1990ern von Ärzten und Pharmafirmen losgetreten wurde, die den Menschen ein Leben ohne Schmerzen versprach. Von dem offensichtlichen Suchtrisiko wollten sie lange nichts wissen, während sie an der Abhängigkeit der Patientinnen und Patienten übrigens sehr gut verdienten. 30 Jahre später sind Hunderttausende an Überdosierungen der Mittel gestorben.</p> <p>Und ohne hier eine Panik lostreten zu wollen: Wenn man danach sucht, dann finden Forscher auch für das sogar an Kinder immer häufiger verschriebene Methylphenidat (z.B. Ritalin) oder Amphetamin (“Speed”) ein erhöhtes Psychoserisiko (de Pablo et al., 2025). Ergebnis der Studie:</p> <blockquote> <p>“Diese systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse ergab ein nicht zu vernachlässigendes Auftreten von psychotischen Symptomen, psychotischen Störungen oder bipolarer Störung bei Personen mit ADHS, die mit Stimulanzien behandelt wurden. Amphetamine waren im Vergleich zu Methylphenidat mit einem höheren Auftreten assoziiert.” (de Pablo et al., 2025, S. 1103)</p> </blockquote> <p>Man muss immer Nutzen und Risiken gegeneinander abwägen. Aber ja, das böse Cannabis!</p> <h2 id="h-aus-den-cannabis-protokollen">Aus den “Cannabis-Protokollen”</h2> <p>Wie groß ist aber nun das Psychose- beziehungsweise Schizophrenierisiko? Ich erlaube mir, aus meinem neuen Buch zu zitieren (Schleim, 2026, S. 76f.):</p> <p>Aufgrund der Komplexität der Problematik folgerte eine Forschergruppe um Theresa Moore von der Universität Bristol (Großbritannien) schon einige Jahre vorher in der angesehenen medizinischen Fachzeitschrift <em>The Lancet</em>: “Die Unsicherheit darüber, ob Cannabis Psychosen verursacht, wird wahrscheinlich nicht durch weitere Längsschnittstudien aufgelöst werden können” (Moore et al., 2007, S. 316).</p> <p>Diese Studie hat sich wie kaum eine andere mit dem Problem der ‘umgekehrten Kausalität’ und möglichen Verzerrungen in den epidemiologischen Studien beschäftigt. Den Einfluss störender Faktoren in dieser Forschung bezeichnen sie als “substanziell”. Das mahnt uns zur Vorsicht, wenn wir daraus Schlüsse für die Praxis ziehen wollen.</p> <p>In ihrer Schlussfolgerung schreiben diese Forscherinnen und Forscher, man solle Cannabiskonsumenten vor dem Psychoserisiko und auch der Möglichkeit affektiver Störungen (wie Depressionen) warnen. Doch auch unter den regelmäßigen Konsumentinnen und Konsumenten sei das “Lebenszeitrisiko chronischer psychotischer Störungen wie Schizophrenie wahrscheinlich gering (kleiner als 3 Prozent)” (Moore et al., 2007, S. 327).</p> <p>Das heißt im Umkehrschluss aber auch: Für Gelegenheitskonsumenten ist das Risiko noch kleiner. Ein allgemeines Verbot lässt sich aufgrund dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse daher meiner Meinung nach nicht rechtfertigen – zumal wir überall sehen, dass Prohibition nicht funktioniert und im Gegenteil sogar Gesundheitsrisiken vergrößert. Denn dann sind die Substanzen mitunter verunreinigt, höher dosiert und suchen Betroffene aufgrund der Angst vor Stigmatisierung und Strafverfolgung weniger Hilfe.</p> <p>Wer also in Bezug auf Cannabis Gesundheitsschutz fordert, darf das Wort ‘Verbot’ nicht in den Mund nehmen. Und selbst die maßgeblichen Studien räumen ein, dass es keinen schlagenden Beweis für eine Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen dem Substanzkonsum und schweren, anhaltenden psychischen Störungen gibt.</p> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em>Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 14,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375">im BoD Shop</a>. 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P., Solmi, M., Torres-Cortes, J., Abdelhafez, N., … &amp; Cortese, S. (2025). Occurrence of psychosis and bipolar disorder in individuals with attention-deficit/hyperactivity disorder treated with stimulants: a systematic review and meta-analysis. <em>JAMA psychiatry</em>.</li> <li>Hoch E, Krowartz EM, Hollweck R, Möckl J, Olderbak S (2025). Cannabis consumption before and after partial legalization in Germany: Early trends, consumption patterns, and motives. <em>Dtsch Arztebl Int</em>; 122: 632–7.</li> <li>Moore, T. H., Zammit, S., Lingford-Hughes, A., Barnes, T. R., Jones, P. B., Burke, M., &amp; Lewis, G. (2007). Cannabis use and risk of psychotic or affective mental health outcomes: a systematic review. <em>The Lancet</em>, 370(9584), 319-328.</li> <li>Kohring C, Hartmann M, Holstiege J, Müller D (2024). Inzidenztrends für 37 psychische Störungen bei Erwachsenen in der ambulanten Versorgung – Entwicklungen zwischen 2015 und 2022 mit Fokus auf Schizophrenie, Depressionen, tabakbezogenen und somatoformen Störungen sowie Schlaf- und Persönlichkeitsstörungen. Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi). <em>Versorgungsatlas-Bericht</em>, Nr. 24/06. Berlin.</li> <li>Schleim, S. (2026). <em><u><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375">Die Cannabis-Protokolle: Medizin, Politik und Wissenschaft auf dem Prüfstand</a></u></em>. Hamburg: BoD.</li> <li>Thom J, Jonas B, Reitzle L, Mauz E, Hölling H, Schulz M (2024). Trends in the diagnostic prevalence of mental disorders, 2012–2022—using nationwide outpatient claims data for mental health surveillance. <em>Dtsch Arztebl Int</em>; 121: 355–62.</li> </ul> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/556f400977fe4af595ef517fbef566ad" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ai-generated-9553065_1920.jpg" /><h1>Neueste Zahlen: Geht steigender Cannabiskonsum mit mehr Schizophrenien einher? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Und eine Überraschung zum Psychoserisiko eines verbreiteten psychiatrischen Medikaments</strong></p> <span id="more-3504"></span> <p>Es ist noch kein Jahr her, dass man das Cannabisverbot in Deutschland einschränkte. Die Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP ist Geschichte. Erinnert sich noch jemand an die letzte Partei, die es nicht mehr in den Bundestag schaffte? Doch die Teillegalisierung der beliebtesten Droge nach Alkohol und Nikotin bleibt vorerst in Kraft – auch wenn die neue Bundesgesundheitsministerin von der CDU die Versorgung über Telemedizin und Online-Apotheken abschaffen will.</p> <p>Wir erinnern uns an die hitzigen Debatten: Vor allem die Abgeordneten der SPD mussten überzeugt werden. Dafür setzte sich der damalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) bis zur letzten Minute ein. Die Gesetzesänderung wurde schließlich am 23. Februar 2024 vom Bundestag verabschiedet. Doch die Unionsparteien wollten es mit einem Trick im Bundesrat aufhalten. Der Ministerpräsident des Freistaats Sachsen, Michael Kretschmer (CDU), brüskierte sogar seinen Koalitionspartner und setzte sich über die Gepflogenheiten des hohen Hauses hinweg. Er meinte, die Bundesrepublik vor einem großen Fehler retten zu müssen. Menschen-Bilder war damals live dabei.</p> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em>Frisch aus der Druckerpresse: Wissen über die Cannabispolitik in Deutschland und aus der Wissenschaft erhalten Sie <strong>jetzt für nur 14,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375">im BoD Shop</a>. 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Und für die wollte ohnehin niemand die Droge einfacher verfügbar machen.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz.jpg"><img alt="" decoding="async" height="592" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz-1024x592.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz-1024x592.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz-300x173.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz-768x444.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz.jpg 1527w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Laut den neuesten Daten vom IFT Institut für Therapieforschung konsumierten rund 10 Prozent der Erwachsenen in Deutschland zumindest gelegentlich Cannabis. Beim riskanten starken Konsum änderte sich den Zahlen nach aber nichts. Datenquelle: Hoch et al., 2025</em></p> <h2 id="h-schreckensszenario-nummer-1-psychoserisiko-und-schizophrenie">Schreckensszenario Nummer 1: Psychoserisiko und Schizophrenie</h2> <p>Die Kritiker wurden es nicht müde, immer wieder vom Psychose- beziehungsweise Schizophrenierisiko durch Cannabiskonsum zu warnen. Dass das Mittel wohl kaum seit Jahrtausenden in vielen Kulturen genutzt und auch hierzulande medizinisch verschrieben werden würde, wenn es wirklich so gefährlich wäre, ignorierten die Cannabisgegner geflissentlich.</p> <p>Aber der Risikobegriff kann ja sehr weit gedehnt werden: Die meisten von uns setzen sich auch Tag für Tag in ein Verkehrsmittel und setzen sich damit einem höheren Risiko für einen Verkehrsunfall aus, sogar jetzt bei verschneiten Straßen im Winter! Doch, wer hätte es gedacht: Trotz aller Risiken haben die allermeisten von ihnen am Ende des Tages nicht einmal eine Prellung.</p> <p>Zu den Risiken des Cannabiskonsums gibt es viele Studien. Prinzipiell gilt, dass <em>Beobachtungsstudien</em> keine Ursache-Wirkungs-Beziehung belegen können. Das heißt, vergleicht man zu verschiedenen Zeitpunkten die Gruppen der Konsumierenden und der Abstinenten und findet man dabei Unterschiede bei den Psychosen oder Schizophrenien, dann ist das <em>kein</em> Beleg für einen kausalen Einfluss von Cannabis. Schließlich unterscheiden sich die Gruppen ja auch in vielen anderen Faktoren. Dass diejenigen, die sonst auf kontrollierten Studien beharren, wenn sie die “evidenzbasierte Medizin” für sich beschwören, diese Standards bei der Dämonisierung von Drogen sofort vergessen, stimmt mich bedenklich.</p> <p>Jetzt liegen ganz neue Daten zu sowohl dem Cannabiskonsum als auch der Diagnose von psychotischen und schizophrenen Störungen vor. Auch wenn diese keinen letzten Beweis liefern: Was denken Sie, in welche Richtung der Zusammenhang weist?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel.jpg"><img alt="" decoding="async" height="594" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel-1024x594.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel-1024x594.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel-300x174.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel-768x446.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel.jpg 1520w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Die schon auf der letzten Abbildung dargestellte 12-Monats-Prävalenz (linke Skala) wird hier mit zwei möglichen Verläufen der Schizophreniekurve verglichen: Denken Sie, dass im gezeigten Zeitraum </em>immer mehr<em> (gelb; rechte Skala) oder </em>immer weniger<em> (rot) der psychologisch-psychiatrischen Störungen diagnostiziert wurden?</em></p> <h2 id="h-komplexe-wissenschaft">Komplexe Wissenschaft</h2> <p>Ich habe immer wieder darauf hingewiesen, dass Menschen mit erhöhtem Psychoserisiko häufiger Drogen konsumieren. Teils tun sie das, weil sie mehr Härten im Leben hinter sich haben und sich mithilfe der psychoaktiven Substanzen besser entspannen können. Manche weisen auch auf familiäre oder genetisch Risiken hin: Wer zum Beispiel einen nahen Verwandten mit einer Schizophrenie habe, der solle besser die Finger von den Mitteln lassen. Teils konsumieren Menschen mit der Diagnose Schizophrenie aber sogar Cannabisprodukte, um die Nebenwirkungen ihrer Medikamente besser zu ertragen!</p> <p>Das alles sind besondere Gründe dafür, dass man von einem gemeinsamen Auftreten von Cannabiskonsum und Psychosen beziehungsweise Schizophrenien <em>keine</em> Ursache-Wirkungs-Beziehung ableiten kann. Der kausale Pfeil könnte in <em>beide</em> Richtungen weisen. Cannabiskonsum und eine psychologisch-psychiatrische Störung können aber beide auch durch einen dritten Faktor bedingt sein. Das sind eigentlich Standardargumente aus einer Einführungsvorlesung in die Statistik.</p> <p>Trotzdem behaupten die Cannabisgegner in der Ärzteschaft beharrlich, aufgrund ihrer “klinischen Erfahrung” die Kausalität schlicht <em>sehen</em> zu können. Mir ist schon klar, dass man mit dem ohnehin oft nur oberflächlich angefertigten Dr. med. auch magische Kräfte verliehen bekommt.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2 id="h-auflosung">Auflösung</h2> <p>Was sagen also die neuesten Daten? Waren meine Vorbehalte und die der eher zurückhaltenden Forscherinnen und Forscher berechtigt? Oder haben doch die Cannabisgegner mit ihrer “klinischen Erfahrung” recht?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie.jpg"><img alt="" decoding="async" height="595" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-1024x595.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-1024x595.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-300x174.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-768x446.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie.jpg 1520w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Obwohl seit 2012 immer mehr erwachsene Deutsche Cannabis konsumieren, sank die Rate neu diagnostizierter psychotischer und schizophrener Störungen seit 2015 kontinuierlich: und zwar um satte 12 Prozent! Datenquellen: Kohring et al., 2024; Thom et al., 2024</em></p> <p>Damit wird übrigens nicht bestritten, dass besonders häufiger und starker Cannabiskonsum das Risiko für psychologisch-psychiatrische Störungen erhöht. Insbesondere diejenigen, die Lebensprobleme mit dem Mittel (oder anderen Drogen) unterdrücken wollen, gehen ein höheres Risiko ein. Denn mit dieser Bewältigungsstrategie tun sie nichts gegen die Probleme.</p> <p>Übrigens fällt mir bei der Ärzteschaft immer wieder das Muster auf, die von ihnen selbst verschriebenen Medikamente eher zu verharmlosen, doch die von den Menschen selbst gewählten Heilmittel als gefährlicher darzustellen. Vergessen wir nicht, dass zum Beispiel die Opioid-Epidemie in den USA ab den 1990ern von Ärzten und Pharmafirmen losgetreten wurde, die den Menschen ein Leben ohne Schmerzen versprach. Von dem offensichtlichen Suchtrisiko wollten sie lange nichts wissen, während sie an der Abhängigkeit der Patientinnen und Patienten übrigens sehr gut verdienten. 30 Jahre später sind Hunderttausende an Überdosierungen der Mittel gestorben.</p> <p>Und ohne hier eine Panik lostreten zu wollen: Wenn man danach sucht, dann finden Forscher auch für das sogar an Kinder immer häufiger verschriebene Methylphenidat (z.B. Ritalin) oder Amphetamin (“Speed”) ein erhöhtes Psychoserisiko (de Pablo et al., 2025). Ergebnis der Studie:</p> <blockquote> <p>“Diese systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse ergab ein nicht zu vernachlässigendes Auftreten von psychotischen Symptomen, psychotischen Störungen oder bipolarer Störung bei Personen mit ADHS, die mit Stimulanzien behandelt wurden. Amphetamine waren im Vergleich zu Methylphenidat mit einem höheren Auftreten assoziiert.” (de Pablo et al., 2025, S. 1103)</p> </blockquote> <p>Man muss immer Nutzen und Risiken gegeneinander abwägen. Aber ja, das böse Cannabis!</p> <h2 id="h-aus-den-cannabis-protokollen">Aus den “Cannabis-Protokollen”</h2> <p>Wie groß ist aber nun das Psychose- beziehungsweise Schizophrenierisiko? Ich erlaube mir, aus meinem neuen Buch zu zitieren (Schleim, 2026, S. 76f.):</p> <p>Aufgrund der Komplexität der Problematik folgerte eine Forschergruppe um Theresa Moore von der Universität Bristol (Großbritannien) schon einige Jahre vorher in der angesehenen medizinischen Fachzeitschrift <em>The Lancet</em>: “Die Unsicherheit darüber, ob Cannabis Psychosen verursacht, wird wahrscheinlich nicht durch weitere Längsschnittstudien aufgelöst werden können” (Moore et al., 2007, S. 316).</p> <p>Diese Studie hat sich wie kaum eine andere mit dem Problem der ‘umgekehrten Kausalität’ und möglichen Verzerrungen in den epidemiologischen Studien beschäftigt. Den Einfluss störender Faktoren in dieser Forschung bezeichnen sie als “substanziell”. Das mahnt uns zur Vorsicht, wenn wir daraus Schlüsse für die Praxis ziehen wollen.</p> <p>In ihrer Schlussfolgerung schreiben diese Forscherinnen und Forscher, man solle Cannabiskonsumenten vor dem Psychoserisiko und auch der Möglichkeit affektiver Störungen (wie Depressionen) warnen. Doch auch unter den regelmäßigen Konsumentinnen und Konsumenten sei das “Lebenszeitrisiko chronischer psychotischer Störungen wie Schizophrenie wahrscheinlich gering (kleiner als 3 Prozent)” (Moore et al., 2007, S. 327).</p> <p>Das heißt im Umkehrschluss aber auch: Für Gelegenheitskonsumenten ist das Risiko noch kleiner. Ein allgemeines Verbot lässt sich aufgrund dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse daher meiner Meinung nach nicht rechtfertigen – zumal wir überall sehen, dass Prohibition nicht funktioniert und im Gegenteil sogar Gesundheitsrisiken vergrößert. Denn dann sind die Substanzen mitunter verunreinigt, höher dosiert und suchen Betroffene aufgrund der Angst vor Stigmatisierung und Strafverfolgung weniger Hilfe.</p> <p>Wer also in Bezug auf Cannabis Gesundheitsschutz fordert, darf das Wort ‘Verbot’ nicht in den Mund nehmen. Und selbst die maßgeblichen Studien räumen ein, dass es keinen schlagenden Beweis für eine Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen dem Substanzkonsum und schweren, anhaltenden psychischen Störungen gibt.</p> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em>Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 14,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375">im BoD Shop</a>. 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P., Solmi, M., Torres-Cortes, J., Abdelhafez, N., … &amp; Cortese, S. (2025). Occurrence of psychosis and bipolar disorder in individuals with attention-deficit/hyperactivity disorder treated with stimulants: a systematic review and meta-analysis. <em>JAMA psychiatry</em>.</li> <li>Hoch E, Krowartz EM, Hollweck R, Möckl J, Olderbak S (2025). Cannabis consumption before and after partial legalization in Germany: Early trends, consumption patterns, and motives. <em>Dtsch Arztebl Int</em>; 122: 632–7.</li> <li>Moore, T. H., Zammit, S., Lingford-Hughes, A., Barnes, T. R., Jones, P. B., Burke, M., &amp; Lewis, G. (2007). Cannabis use and risk of psychotic or affective mental health outcomes: a systematic review. <em>The Lancet</em>, 370(9584), 319-328.</li> <li>Kohring C, Hartmann M, Holstiege J, Müller D (2024). Inzidenztrends für 37 psychische Störungen bei Erwachsenen in der ambulanten Versorgung – Entwicklungen zwischen 2015 und 2022 mit Fokus auf Schizophrenie, Depressionen, tabakbezogenen und somatoformen Störungen sowie Schlaf- und Persönlichkeitsstörungen. Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi). <em>Versorgungsatlas-Bericht</em>, Nr. 24/06. Berlin.</li> <li>Schleim, S. (2026). <em><u><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375">Die Cannabis-Protokolle: Medizin, Politik und Wissenschaft auf dem Prüfstand</a></u></em>. Hamburg: BoD.</li> <li>Thom J, Jonas B, Reitzle L, Mauz E, Hölling H, Schulz M (2024). Trends in the diagnostic prevalence of mental disorders, 2012–2022—using nationwide outpatient claims data for mental health surveillance. <em>Dtsch Arztebl Int</em>; 121: 355–62.</li> </ul> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/556f400977fe4af595ef517fbef566ad" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neueste-zahlen-geht-steigender-cannabiskonsum-mit-mehr-schizophrenien-einher/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>21</slash:comments> </item> <item> <title>Blume & Ince 49: Migräne & Mimesis – Menschen neurodivers https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-49-migraene-mimesis-menschen-neurodivers/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-49-migraene-mimesis-menschen-neurodivers/#comments Mon, 12 Jan 2026 08:35:56 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=10953 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce49InanmitMimesisFaustkeil-768x462.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-49-migraene-mimesis-menschen-neurodivers/</link> </image> <description type="html"><h1>Blume & Ince 49: Migräne & Mimesis - Menschen neurodivers » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Ohne Berücksichtigung der menschlichen Neurobiologie und Neuropsychologie lassen sich menschliche Erfahrungen und menschliches Verhalten nicht verstehen. Für die erste Folge von “Blume &amp; Ince” im neuen Jahr hatten sich Prof. Dr. Inan Ince und ich daher zwei Themen vorgenommen, die viele und auch fast alle Menschen betreffen: Die <strong>Migräne</strong>, die das Leben von Inan begleitet und die <strong>Mimesis</strong>, ohne die nach meiner Auffassung kein Verständnis menschlicher Religion, Kultur, Politik und Wirtschaft möglich ist.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=ywzggtktk4s" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Screenshot aus Folge 49 von Blume &amp; Ince. Die beiden Hosts Michael Blume und Inan Ince diskutieren in den Podcast-T-Shirts im Studio, Inan Ince wendet aufmerksam beschauend einen Faustkeil." decoding="async" height="778" sizes="(max-width: 1294px) 100vw, 1294px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce49InanmitMimesisFaustkeil.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce49InanmitMimesisFaustkeil.jpg 1294w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce49InanmitMimesisFaustkeil-300x180.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce49InanmitMimesisFaustkeil-1024x616.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce49InanmitMimesisFaustkeil-768x462.jpg 768w" width="1294"></img></a></p> <p><em>Der BWL-Prof Inan Ince bestaunt <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/">die Nachbildung eines Acheuléen-Faustkeils. Deren Funde werden als frühe Belege für frühmenschliche Mimesis verstanden.</a> Screenshot: Michael Blume</em></p> <p><a href="https://www.spektrum.de/inhaltsverzeichnis/anti-aging-fuers-gehirn-geistigen-abbau-bremsen-gehirn-und-geist-2-2026/2289579?itm_source=banner&amp;itm_medium=cross-ad&amp;itm_campaign=neuerscheinung">Zum Thema Migräne erschien in der neuen Ausgabe von <strong>Gehirn &amp; Geist</strong> auch ein starker und tiefer Interview-Dialog zwischen <strong>Corinna Hartmann </strong>und <strong>Dagny Holle-Lee </strong>zum aktuellen Forschungsstand der Medizin</a>, das wir sehr empfehlen können!</p> <p><img alt="" decoding="async" height="1820" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2320-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2320-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2320-300x213.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2320-1024x728.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2320-768x546.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2320-1536x1092.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2320-2048x1456.jpeg 2048w" width="2560"></img><aside></aside></p> <p><em>Gimmicks zur Folge 49 von “Blume &amp; Ince”: Oben <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/drk-blutspenden-statt-thymos-trump-boellern-gedanken-zur-mimesis-am-neujahrstag-2026/">ein Blutspende-Schal des Deutschen Roten Kreuzes (DRK)</a>, in der Mitte unten <a href="https://www.spektrum.de/inhaltsverzeichnis/anti-aging-fuers-gehirn-geistigen-abbau-bremsen-gehirn-und-geist-2-2026/2289579?itm_source=banner&amp;itm_medium=cross-ad&amp;itm_campaign=neuerscheinung">die “Gehirn &amp; Geist”-Ausgabe 02/2026</a>, links davon <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/">die Nachbildung eines steinzeitlichen Faustkeils</a> und rechts <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gedanken-zum-9-november-ich-sage-lieber-berliner-mauersturz-statt-nur-mauerfall/">ein Bruchstück aus der Berliner Mauer</a>. Hier fehlt nur das Adenauer-2-Mark-Stück. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Einen <a href="https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2025/10-2025/medien-und-mimesis-journalismus-in-zeiten-digitaler-aufmerksamkeitsoekonomie/">HerrKorr-Artikel von mir zu <strong><em>“Medien &amp; Mimesis”</em></strong> samt <strong>der Warnung vor Rechtsmimesis</strong> findet Ihr bei Interesse</a> auch hier:</p> <p><a href="https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2025/10-2025/medien-und-mimesis-journalismus-in-zeiten-digitaler-aufmerksamkeitsoekonomie/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Schaubild mit dem Titel: &quot;Medien &amp; Mimesis: Die Gefahr der Nachahmung&quot;. Es zeigt links, wie unreflektierte Medienberichte über Suizide und Gewalt emotionale Verrohungen und Polarisierungen auslösen können und plädiert rechts für einen medienethisch bewussten Medienkonsum." decoding="async" height="1429" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Medienkonsum ist meist nicht neutrale Informationsaufnahme, sondern aktiviert unsere menschliche Tendenz zur Mimesis. Deswegen gehört eine entsprechend achtsame Berichterstattung etwa zu Suiziden, Gewalttaten &amp; Polarisierungen zu den Klassikern der Medienethik. Schaubild: Michael Blume mit NotebookLM</em></p> <p>Wie immer gibt es <a href="https://blumeundince.podigee.io/52-folge-49-migrane-und-mimesis-mensch-neurodivers">auch Folge 49 von <strong><em>“Blume &amp; Ince”</em></strong> auf Podigee</a> &amp; allen gängigen Streamern kostenfrei zu hören. Und <a href="https://www.youtube.com/@BlumeundInce">auf unserem YouTube-Kanal @BlumeundInce auch zu sehen</a>: </p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/ywzggtktk4s?feature=oembed&amp;rel=0" title="Folge 49: Migräne und Mimesis - Mensch neurodivers | Blume &amp; Ince - 2 Stimmen, 4 Kulturen" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Blume & Ince 49: Migräne & Mimesis - Menschen neurodivers » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Ohne Berücksichtigung der menschlichen Neurobiologie und Neuropsychologie lassen sich menschliche Erfahrungen und menschliches Verhalten nicht verstehen. Für die erste Folge von “Blume &amp; Ince” im neuen Jahr hatten sich Prof. Dr. Inan Ince und ich daher zwei Themen vorgenommen, die viele und auch fast alle Menschen betreffen: Die <strong>Migräne</strong>, die das Leben von Inan begleitet und die <strong>Mimesis</strong>, ohne die nach meiner Auffassung kein Verständnis menschlicher Religion, Kultur, Politik und Wirtschaft möglich ist.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=ywzggtktk4s" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Screenshot aus Folge 49 von Blume &amp; Ince. Die beiden Hosts Michael Blume und Inan Ince diskutieren in den Podcast-T-Shirts im Studio, Inan Ince wendet aufmerksam beschauend einen Faustkeil." decoding="async" height="778" sizes="(max-width: 1294px) 100vw, 1294px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce49InanmitMimesisFaustkeil.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce49InanmitMimesisFaustkeil.jpg 1294w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce49InanmitMimesisFaustkeil-300x180.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce49InanmitMimesisFaustkeil-1024x616.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce49InanmitMimesisFaustkeil-768x462.jpg 768w" width="1294"></img></a></p> <p><em>Der BWL-Prof Inan Ince bestaunt <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/">die Nachbildung eines Acheuléen-Faustkeils. Deren Funde werden als frühe Belege für frühmenschliche Mimesis verstanden.</a> Screenshot: Michael Blume</em></p> <p><a href="https://www.spektrum.de/inhaltsverzeichnis/anti-aging-fuers-gehirn-geistigen-abbau-bremsen-gehirn-und-geist-2-2026/2289579?itm_source=banner&amp;itm_medium=cross-ad&amp;itm_campaign=neuerscheinung">Zum Thema Migräne erschien in der neuen Ausgabe von <strong>Gehirn &amp; Geist</strong> auch ein starker und tiefer Interview-Dialog zwischen <strong>Corinna Hartmann </strong>und <strong>Dagny Holle-Lee </strong>zum aktuellen Forschungsstand der Medizin</a>, das wir sehr empfehlen können!</p> <p><img alt="" decoding="async" height="1820" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2320-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2320-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2320-300x213.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2320-1024x728.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2320-768x546.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2320-1536x1092.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2320-2048x1456.jpeg 2048w" width="2560"></img><aside></aside></p> <p><em>Gimmicks zur Folge 49 von “Blume &amp; Ince”: Oben <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/drk-blutspenden-statt-thymos-trump-boellern-gedanken-zur-mimesis-am-neujahrstag-2026/">ein Blutspende-Schal des Deutschen Roten Kreuzes (DRK)</a>, in der Mitte unten <a href="https://www.spektrum.de/inhaltsverzeichnis/anti-aging-fuers-gehirn-geistigen-abbau-bremsen-gehirn-und-geist-2-2026/2289579?itm_source=banner&amp;itm_medium=cross-ad&amp;itm_campaign=neuerscheinung">die “Gehirn &amp; Geist”-Ausgabe 02/2026</a>, links davon <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/">die Nachbildung eines steinzeitlichen Faustkeils</a> und rechts <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gedanken-zum-9-november-ich-sage-lieber-berliner-mauersturz-statt-nur-mauerfall/">ein Bruchstück aus der Berliner Mauer</a>. Hier fehlt nur das Adenauer-2-Mark-Stück. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Einen <a href="https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2025/10-2025/medien-und-mimesis-journalismus-in-zeiten-digitaler-aufmerksamkeitsoekonomie/">HerrKorr-Artikel von mir zu <strong><em>“Medien &amp; Mimesis”</em></strong> samt <strong>der Warnung vor Rechtsmimesis</strong> findet Ihr bei Interesse</a> auch hier:</p> <p><a href="https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2025/10-2025/medien-und-mimesis-journalismus-in-zeiten-digitaler-aufmerksamkeitsoekonomie/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Schaubild mit dem Titel: &quot;Medien &amp; Mimesis: Die Gefahr der Nachahmung&quot;. Es zeigt links, wie unreflektierte Medienberichte über Suizide und Gewalt emotionale Verrohungen und Polarisierungen auslösen können und plädiert rechts für einen medienethisch bewussten Medienkonsum." decoding="async" height="1429" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Medienkonsum ist meist nicht neutrale Informationsaufnahme, sondern aktiviert unsere menschliche Tendenz zur Mimesis. Deswegen gehört eine entsprechend achtsame Berichterstattung etwa zu Suiziden, Gewalttaten &amp; Polarisierungen zu den Klassikern der Medienethik. Schaubild: Michael Blume mit NotebookLM</em></p> <p>Wie immer gibt es <a href="https://blumeundince.podigee.io/52-folge-49-migrane-und-mimesis-mensch-neurodivers">auch Folge 49 von <strong><em>“Blume &amp; Ince”</em></strong> auf Podigee</a> &amp; allen gängigen Streamern kostenfrei zu hören. Und <a href="https://www.youtube.com/@BlumeundInce">auf unserem YouTube-Kanal @BlumeundInce auch zu sehen</a>: </p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/ywzggtktk4s?feature=oembed&amp;rel=0" title="Folge 49: Migräne und Mimesis - Mensch neurodivers | Blume &amp; Ince - 2 Stimmen, 4 Kulturen" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-49-migraene-mimesis-menschen-neurodivers/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>31</slash:comments> </item> <item> <title>Quarter-Life-Crisis: Ist unser Hirn mit 25 auf dem Zenit? https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/quarter-life-crisis-ist-unser-hirn-mit-25-auf-dem-zenit/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/quarter-life-crisis-ist-unser-hirn-mit-25-auf-dem-zenit/#comments Mon, 12 Jan 2026 07:00:00 +0000 Antonia Ceric https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5475 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/schoner-kaukasischer-mann-mit-bart-der-gehirn-und-fragezeichen-halt-skeptisch-und-nervos-runzelt-die-stirn-wegen-des-problems-negativer-mensch-1-scaled-e1768064815764-768x291.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/quarter-life-crisis-ist-unser-hirn-mit-25-auf-dem-zenit/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/schoner-kaukasischer-mann-mit-bart-der-gehirn-und-fragezeichen-halt-skeptisch-und-nervos-runzelt-die-stirn-wegen-des-problems-negativer-mensch-1-scaled-e1768064815764.jpg" /><h1>Quarter-Life-Crisis: Ist unser Hirn mit 25 auf dem Zenit? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>In meinem Freundeskreis kommt allmählich der Punkt, dass die meisten von uns über 25 Jahre alt sind. Wir sind nicht mehr Anfang 20. Erwachsen. Oft habe ich schon gehört, mit 25, da ist der Frontallappen endlich voll entwickelt! Das Denken nicht mehr geprägt vom jugendlichen Leichtsinn, den wir mit 18 noch hatten. 25 und dann geht es bergab. Aber was soll da eigentlich „voll entwickelt“ sein? Woher kommt diese Zahl 25 überhaupt? Welche Studiengrundlage steckt dahinter?</p> <p>Es ist eine weit verbreitete Annahme: Mit 25 ist das Gehirn ausgereift. Die wilden Baustellen im Kopf sind abgeschlossen, der Beton ist trocken. Aber schwingt da nicht auch eine leise Bedrohung mit? Heißt „fertig“ auch Stillstand? Wenn der Gipfel erreicht ist, kann der Weg ja eigentlich nur noch nach unten führen. Das Lernen fällt immer schwerer, wir nehmen neue Inhalte nicht mehr so rasch auf wie Kinder es tun.</p> <p>Aber stimmt das überhaupt? Oder haben wir vielleicht viel mehr Zeit, als wir dachten? Heißt Veränderung gleich Abbau? Im heutigen Beitrag schauen wir uns an, was die aktuelle Forschungslage tatsächlich zur Hirnentwicklung zu sagen hat – und was ich gefunden habe, dürfte alle aufatmen lassen, die die 30 noch vor sich haben (und auch alle, die sie schon hinter sich haben).</p> <h2 id="h-der-mythos-der-25-ein-missverstandnis-der-wissenschaft"><strong>Der Mythos der 25: Ein Missverständnis der Wissenschaft</strong></h2> <p>Wenn man nachforscht, warum sich ausgerechnet die 25 so hartnäckig in unseren Köpfen festgesetzt hat, landet man schnell in den 90er und 2000er Jahren. Damals führten die National Institutes of Health (NIH) in den USA bahnbrechende Langzeitstudien durch. Forscher wie Jay Giedd steckten tausende junge Menschen in den MRT, um ihrem Gehirn beim Wachsen zuzusehen [1].</p> <p>Die Ergebnisse waren faszinierend: Sie zeigten, dass unser Gehirn nicht einfach nur größer wird, sondern sich fundamental umbaut – und zwar von hinten nach vorne. Das letzte Puzzlestück, das in diesem Prozess an die Reihe kommt, ist der präfrontale Cortex direkt hinter unserer Stirn. Das ist unser CEO im Kopf, zuständig für Planung, Impulskontrolle und vernünftige Entscheidungen. Mehr zu diesen sogenannten „exekutiven Funktionen“ lest ihr hier:<aside></aside></p> <figure></figure> <p>Warum ausgerechnet 25? In den Datenkurven sahen Gogtay, Giedd und ihr Team, dass sich die strukturellen Veränderungen in diesem Areal (z. B. die Dicke der Hirnrinde) etwa im Alter von 25 Jahren zu stabilisieren schienen oder die Kurven abflachten [2]. Die Medien, Versicherungen und die Politik stürzten sich auf diese Zahl als biologische Grenze zum Erwachsensein.</p> <p>Doch Wissenschaftler warnen heute vor dieser Vereinfachung. Das Problem war oft das Studiendesign selbst: Viele dieser frühen Untersuchungen endeten schlichtweg bei Probanden Mitte 20. Die 25 war oft kein biologischer „Endpunkt“, sondern einfach das Ende der Datentabelle. Renommierte Kritikerinnen wie die Harvard-Professorin Leah Somerville wiesen bereits 2016 in einer Analyse im Fachmagazin Neuron darauf hin, dass es keinen magischen Schalter gibt, der mit 25 umgelegt wird [3]. Ihre Arbeit zeigte, dass viele Hirnstrukturen auch jenseits der 30 noch keine Ruhe geben. Studien zur weißen Substanz zeigen mittlerweile, dass die Vernetzung oft erst in den 30ern oder 40ern ihren Höhepunkt erreicht [4]. Die 25 war also nie eine harte biologische Mauer, sondern eher ein statistischer „Best Guess“ aus den damals verfügbaren Daten.</p> <h2 id="h-baustelle-gehirn-mehr-als-nur-wachstum"><strong>Baustelle Gehirn: Mehr als nur Wachstum</strong></h2> <p>Um zu verstehen, warum das Spiel mit 25 noch nicht vorbei ist, müssen wir kurz den Bauhelm aufsetzen. Was genau „reift“ da eigentlich? Entgegen der Intuition wird unser Gehirn im Erwachsenenwerden nicht <em>voller</em>, sondern <em>leerer</em>.</p> <p>Zwei Hauptprozesse bestimmen die Reifung:</p> <ol start="1"> <li><strong>Synaptic Pruning (Der Gärtner):</strong> In der Kindheit wuchern unsere Nervenverbindungen wie ein wilder Dschungel. In der Pubertät beginnt unser Nervensystem all die Verbindungen und Stränge zu kappen, die kaum genutzt werden. Wie beim Gärtnern werden schwächere Stränge abgeschnitten, was mehr Energie für die verbleibenden Leitungen lässt. Das Motto: „Use it or lose it“. Das Gehirn wird effizienter. [1]</li> <li><strong>Myelinisierung (Der Straßenbau):</strong> Die verbleibenden wichtigen Verbindungen werden nun isoliert. Eine Schicht aus Myelin, eine fetthaltige Isolierschicht, umhüllt die Nervenbahnen, ähnlich wie Gummi um ein Stromkabel. Das sorgt für eine massive Beschleunigung der Signalübertragung – bis zu 100-mal schneller! Der Prozess der Myelinisierung beginnt bereits im Mutterleib, hat seinen Höhepunkt in den ersten Lebensmonaten, setzt sich allerdings noch bis über die Pubertät hinaus fort.</li> </ol> <p>Und hier liegt der Knackpunkt: Während das Pruning schon früher abnimmt, setzt sich die Myelinisierung viel länger fort als gedacht. Besonders die wichtigen „Datenautobahnen“, die unsere Gefühle mit dem Verstand verknüpfen, werden teils bis ins dritte Lebensjahrzehnt hinein ausgebaut [4]. Unten sind zwei Neuronen zu sehen, links ohne Myelinisierung, rechts mit Myelinscheiden.</p> <h2 id="h-update-aus-cambridge-32-ist-das-neue-25"><strong>Update aus Cambridge: 32 ist das neue 25</strong></h2> <p>Dass die 25 wackelt, vermuten Neurowissenschaftlerinnen und -wissenschaftler schon länger. Eine aktuelle Studie aus Cambridge, veröffentlicht in <em>Nature Communications</em>, liefert nun neue Daten [5]. Die Forschenden haben nicht nur auf das Volumen geschaut (wie viel Gehirn ist da?), sondern auf die Topologie – also den Bauplan des Netzwerks.</p> <p>Was diese Untersuchung so besonders macht, ist ihre gewaltige Datenbasis. Während frühere Studien oft nur kleine Gruppen untersuchten, analysierte das Team hier Scans von über 4.200 Menschen. Und das Entscheidende: Die Spanne der Teilnehmenden reichte vom Säuglingsalter bis hin zu 90-Jährigen. Erst durch diesen Blick auf die gesamte Lebensspanne konnten die Forschenden Muster erkennen, die vorher unsichtbar blieben.</p> <p>Stell dir dein Gehirn wie ein U-Bahn-Netz vor. Das Forschungsteam analysierte, wie gut die Stationen vernetzt sind und wie effizient man von A nach B kommt. Sie identifizierten sogenannte „Topologische Wendepunkte“ (<em>turning points</em>) im Leben – Momente, in denen sich die Organisation des Gehirns grundlegend ändert.</p> <h5 id="h-funf-epochen-der-hirnentwicklung">Fünf Epochen der Hirnentwicklung</h5> <p>Daraus ergeben sich laut den Forschenden fünf ungefähre Epochen in der Hirnentwicklung, die wir im Leben durchlaufen [5]:</p> <ol start="1"> <li><strong>Epoche 1 (0–9 Jahre):</strong> Die Kindheit, geprägt von rasantem Aufbau lokaler Verbindungen.</li> <li><strong>Epoche 2 (9–32 Jahre):</strong> Die “verlängerte Adoleszenz”. Hier wird das Netzwerk massiv integriert und auf Effizienz getrimmt.</li> <li><strong>Epoche 3 (32–66 Jahre):</strong> Das Erwachsenenalter. Hier ändert sich die Strategie hin zur Spezialisierung.</li> <li><strong>Epoche 4 &amp; 5 (ab 66 Jahren):</strong> Die Phasen des Alterns, in denen sich die Strukturen erneut verändern</li> </ol> <p>Das Ergebnis? Ein massiver Wendepunkt liegt nicht bei 25, sondern bei <strong>32 Jahren</strong>. Die Studie zeigt: Die Phase der „adoleszenten Entwicklung“, in der das Netzwerk immer stärker integriert und effizienter wird, zieht sich bis Anfang 30 hin. Erst danach, in der dritten Epoche (32–66 Jahre), ändert das Gehirn seine Strategie. Es baut nicht mehr primär auf globale Vernetzung, sondern auf Spezialisierung (<em>Segregation</em>). Man kann sich das wie in einem wachsenden Unternehmen vorstellen: Am Anfang machen alle alles (hohe Integration). Später bilden sich spezialisierte Fachabteilungen (hohe Segregation), die Expertenwissen aufbauen. Wir werden vielleicht etwas weniger flexibel, dafür aber kompetenter in unseren Fachbereichen.</p> <p>Das bedeutet: Mit 25 bist du biologisch gesehen noch mitten im Feinschliff deiner kognitiven Hardware. Dein Gehirn optimiert seine Netzwerkeffizienz noch jahrelang weiter. Die „Quarter-Life-Crisis“ ist also vielleicht gar kein Zeichen dafür, dass du feststeckst, sondern dass dein System gerade erst richtig hochfährt.</p> <p>Wichtig zu erwähnen ist jedoch auch hier: Bei diesen Zahlen handelt es sich um statistische Mittelwerte einer großen Gruppe, nicht um starre biologische Gesetze. Die Entwicklung des Hirns ist höchst individuell. Die Zeitpunkte aus der Studie beschreiben den Durchschnitt – dein persönlicher Wendepunkt kann früher oder später liegen. Aber eines ist sicher: Mit 25 ist das letzte Kapitel noch lange nicht geschrieben.</p> <h2 id="h-exkurs-wenn-es-nicht-am-gehirn-liegt-warum-die-20er-trotzdem-hart-sind"><strong>Exkurs: Wenn es nicht am Gehirn liegt – Warum die 20er trotzdem hart sind</strong></h2> <p>Jetzt wissen wir also: Biologisch gesehen sind wir mit 25 noch voll im „Ausbau“. Warum fühlt es sich trotzdem oft so an, als müssten wir längst fertig sein? Warum trifft uns die Quarter-Life-Crisis genau jetzt? Die Psychologie und Soziologie haben hierfür Erklärungen, die nichts mit Myelin oder Synapsen zu tun haben, sondern mit dem Druck, der auf uns lastet.</p> <h3 id="h-drei-faktoren-die-in-die-quarterlife-crisis-mit-hineinspielen">Drei Faktoren, die in die Quarterlife-Crisis mit hineinspielen:</h3> <ul> <li><strong>Der Verlust des „Drehbuchs“:</strong> Bis zum Schulabschluss, dem Ende des Studiums oder der Berufsausbildung war unser Leben wie eine Schiene. Das Ziel war klar vorgegeben: Versetzung, Schulabschluss, Gesellenbrief, Bachelor oder sonstiges. Für die meisten endet dieses vorgefertigte Skript Mitte der 20er dann plötzlich. Zum ersten Mal gibt es keine Noten mehr, die uns sagen, ob wir „gut“ sind. Gleichzeitig haben wir so viele verschiedene Wege vor uns und müssen einen für uns wählen. Diese plötzliche Freiheit ist riesig – und sie macht Angst. Die Struktur bricht weg, und wir müssen selbst Regie führen, ohne das Handbuch gelesen zu haben.</li> <li><strong>Die Qual der Wahl (Option Paralysis):</strong> Unsere Großeltern hatten oft nur einen Weg: Ausbildung, Heirat, Haus, Rente. Wir haben <em>tausende</em>. Wir können Digital Nomad auf Bali werden, Finance Bro in Frankfurt werden oder eine Töpferwerkstatt in der Uckermark eröffnen. Doch die Forschung zeigt: Zu viele Optionen machen unglücklich (das sogenannte <em>Paradox of Choice</em>). Wir haben ständig Angst, die „falsche“ Tür zu wählen und optimieren uns zu Tode, statt einfach mal loszulaufen [6].</li> <li><strong>Der Vergleichs-Wahnsinn:</strong> Früher verglich man sich mit dem Nachbarn oder dem Cousin. Heute vergleichen wir uns auf den verschiedensten sozialen Medien mit der <em>ganzen Welt</em>. Und dort sehen wir nur die Highlights: Die 23-jährige Gründerin, der 25-jährige Weltreisende. Andere haben mit 24 schon ein Haus gekauft und zwei Kinder. Dass diese Bilder kuratiert sind, weiß unser Verstand zwar – unser Gefühl aber meldet trotzdem: „Alle haben es geschafft, nur ich hänge hinterher.“</li> </ul> <h3 id="h-biologie-vs-leistungsgesellschaft">Biologie vs. Leistungsgesellschaft</h3> <p>Über all diesen inneren Kämpfen schwebt jedoch noch etwas Größeres, das von außen auf uns drückt: die sogenannte „Social Clock“ (soziale Uhr) [7]. Auch die Forschenden aus Cambridge betonen in ihrer Studie, dass der Übergang ins Erwachsenenalter eben nicht nur biologisch ist, sondern stark von „kulturellen und sozialen Faktoren“ abhängt [5]. Unsere Gesellschaft diktiert einen unsichtbaren Zeitplan: Studium mit 22, Karriere mit 25, Familie mit 30. Wir messen unser modernes, komplexes Leben an einem veralteten Maßstab. Listen wie „Forbes 30 under 30“ befeuern zudem einen subtilen Ageism (Altersdiskriminierung), der uns suggeriert, dass Potenzial ein Verfallsdatum hat. Dieser gesellschaftliche Druck erzeugt eine künstliche Hektik („Ich muss mich jetzt beeilen!“), die im direkten Widerspruch zu der Geduld steht, die unsere Biologie eigentlich an den Tag legt.</p> <p>Letztlich ist diese Hektik ein Symptom einer auf Effizienz getrimmten Leistungsgesellschaft. Wir versuchen kollektiv, einen langsamen, komplexen biologischen Prozess in den Takt einer beschleunigten Wirtschaftsordnung zu pressen. Dass es dabei knirscht, ist kein individuelles Versagen, sondern ein Problem des Systems.</p> <h2 id="h-fazit-durchatmen"><strong>Fazit: Durchatmen!</strong></h2> <p>Was lernen wir daraus? Wenn dich mit 25 (oder 29) die Panik packt, ist das kein Zeichen von Schwäche oder geistigem Abbau. Es ist eine logische Reaktion auf eine Lebensphase, in der maximaler gesellschaftlicher Druck auf eine noch laufende biologische Baustelle trifft. Dein Gehirn arbeitet noch hart daran, die besten Verbindungen zu knüpfen. Die große Integration, die Vernetzung deiner Fähigkeiten, läuft noch bis in die 30er auf Hochtouren. Also: Wenn du das nächste Mal denkst, du müsstest längst „fertig“ sein, weißt du, dass auch dein Gehirn noch seine Zeit braucht. Du bist nicht langsam. Du renderst noch. Und das Ergebnis wird vermutlich besser, als du jetzt denkst.</p> <h2 id="h-quellen"><strong>Quellen</strong></h2> <ol> <li>Giedd, J. N., Blumenthal, J., Jeffries, N. O., Castellanos, F. X., Liu, H., Zijdenbos, A., Paus, T., Evans, A. C., &amp; Rapoport, J. L. (1999). Brain development during childhood and adolescence: A longitudinal MRI study. <em>Nature Neuroscience</em>, <em>2</em>(10), 861–863. <a href="https://doi.org/10.1038/13158" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1038/13158</a></li> <li>Gogtay, N., Giedd, J. N., Lusk, L., Hayashi, K. M., Greenstein, D., Vaituzis, A. C., Nugent, T. F., Herman, D. H., Clasen, L. S., Toga, A. W., Rapoport, J. L., &amp; Thompson, P. M. (2004). Dynamic mapping of human cortical development during childhood through early adulthood. <em>Proceedings of the National Academy of Sciences</em>, <em>101</em>(21), 8174–8179. <a href="https://doi.org/10.1073/pnas.0402680101" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1073/pnas.0402680101</a></li> <li>Somerville, L. H. (2016). Searching for signatures of brain maturity: What are we searching for? <em>Neuron</em>, <em>92</em>(6), 1164–1167. <a href="https://doi.org/10.1016/j.neuron.2016.10.059" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.neuron.2016.10.059</a></li> <li>Lebel, C., Gee, M., Camara, E., &amp; Beaulieu, C. (2012). Diffusion tensor imaging of white matter tract evolution over the lifespan. <em>NeuroImage</em>, <em>60</em>(1), 340–352. <a href="https://doi.org/10.1016/j.neuroimage.2011.11.094" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.neuroimage.2011.11.094</a></li> <li>Mousley, A., Bethlehem, R.A.I., Yeh, FC. <em>et al.</em> Topological turning points across the human lifespan. <em>Nat Commun</em> <strong>16</strong>, 10055 (2025). <a href="https://doi.org/10.1038/s41467-025-65974-8">https://doi.org/10.1038/s41467-025-65974-8</a></li> <li>Schwartz, B. (2004). <em>The paradox of choice: Why more is less</em>. Harper Perennial.</li> <li>Neugarten, B. L. (1976). Adaptation and the life cycle. <em>The Counseling Psychologist</em>, <em>6</em>(1), 16–20. <a href="https://doi.org/10.1177/001100007600600104" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1177/001100007600600104</a></li> </ol> <p>Beitragsbild: <a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/schoener-kaukasischer-mann-mit-bart-der-gehirn-und-fragezeichen-haelt-skeptisch-und-nervoes-runzelt-die-stirn-wegen-des-problems-negativer-mensch_42512890.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=43&amp;uuid=827d5cff-5751-4b91-a95f-819debe5867f&amp;query=gehirn+erwachsen">Bild von krakenimages.com auf Freepik</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/schoner-kaukasischer-mann-mit-bart-der-gehirn-und-fragezeichen-halt-skeptisch-und-nervos-runzelt-die-stirn-wegen-des-problems-negativer-mensch-1-scaled-e1768064815764.jpg" /><h1>Quarter-Life-Crisis: Ist unser Hirn mit 25 auf dem Zenit? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>In meinem Freundeskreis kommt allmählich der Punkt, dass die meisten von uns über 25 Jahre alt sind. Wir sind nicht mehr Anfang 20. Erwachsen. Oft habe ich schon gehört, mit 25, da ist der Frontallappen endlich voll entwickelt! Das Denken nicht mehr geprägt vom jugendlichen Leichtsinn, den wir mit 18 noch hatten. 25 und dann geht es bergab. Aber was soll da eigentlich „voll entwickelt“ sein? Woher kommt diese Zahl 25 überhaupt? Welche Studiengrundlage steckt dahinter?</p> <p>Es ist eine weit verbreitete Annahme: Mit 25 ist das Gehirn ausgereift. Die wilden Baustellen im Kopf sind abgeschlossen, der Beton ist trocken. Aber schwingt da nicht auch eine leise Bedrohung mit? Heißt „fertig“ auch Stillstand? Wenn der Gipfel erreicht ist, kann der Weg ja eigentlich nur noch nach unten führen. Das Lernen fällt immer schwerer, wir nehmen neue Inhalte nicht mehr so rasch auf wie Kinder es tun.</p> <p>Aber stimmt das überhaupt? Oder haben wir vielleicht viel mehr Zeit, als wir dachten? Heißt Veränderung gleich Abbau? Im heutigen Beitrag schauen wir uns an, was die aktuelle Forschungslage tatsächlich zur Hirnentwicklung zu sagen hat – und was ich gefunden habe, dürfte alle aufatmen lassen, die die 30 noch vor sich haben (und auch alle, die sie schon hinter sich haben).</p> <h2 id="h-der-mythos-der-25-ein-missverstandnis-der-wissenschaft"><strong>Der Mythos der 25: Ein Missverständnis der Wissenschaft</strong></h2> <p>Wenn man nachforscht, warum sich ausgerechnet die 25 so hartnäckig in unseren Köpfen festgesetzt hat, landet man schnell in den 90er und 2000er Jahren. Damals führten die National Institutes of Health (NIH) in den USA bahnbrechende Langzeitstudien durch. Forscher wie Jay Giedd steckten tausende junge Menschen in den MRT, um ihrem Gehirn beim Wachsen zuzusehen [1].</p> <p>Die Ergebnisse waren faszinierend: Sie zeigten, dass unser Gehirn nicht einfach nur größer wird, sondern sich fundamental umbaut – und zwar von hinten nach vorne. Das letzte Puzzlestück, das in diesem Prozess an die Reihe kommt, ist der präfrontale Cortex direkt hinter unserer Stirn. Das ist unser CEO im Kopf, zuständig für Planung, Impulskontrolle und vernünftige Entscheidungen. Mehr zu diesen sogenannten „exekutiven Funktionen“ lest ihr hier:<aside></aside></p> <figure></figure> <p>Warum ausgerechnet 25? In den Datenkurven sahen Gogtay, Giedd und ihr Team, dass sich die strukturellen Veränderungen in diesem Areal (z. B. die Dicke der Hirnrinde) etwa im Alter von 25 Jahren zu stabilisieren schienen oder die Kurven abflachten [2]. Die Medien, Versicherungen und die Politik stürzten sich auf diese Zahl als biologische Grenze zum Erwachsensein.</p> <p>Doch Wissenschaftler warnen heute vor dieser Vereinfachung. Das Problem war oft das Studiendesign selbst: Viele dieser frühen Untersuchungen endeten schlichtweg bei Probanden Mitte 20. Die 25 war oft kein biologischer „Endpunkt“, sondern einfach das Ende der Datentabelle. Renommierte Kritikerinnen wie die Harvard-Professorin Leah Somerville wiesen bereits 2016 in einer Analyse im Fachmagazin Neuron darauf hin, dass es keinen magischen Schalter gibt, der mit 25 umgelegt wird [3]. Ihre Arbeit zeigte, dass viele Hirnstrukturen auch jenseits der 30 noch keine Ruhe geben. Studien zur weißen Substanz zeigen mittlerweile, dass die Vernetzung oft erst in den 30ern oder 40ern ihren Höhepunkt erreicht [4]. Die 25 war also nie eine harte biologische Mauer, sondern eher ein statistischer „Best Guess“ aus den damals verfügbaren Daten.</p> <h2 id="h-baustelle-gehirn-mehr-als-nur-wachstum"><strong>Baustelle Gehirn: Mehr als nur Wachstum</strong></h2> <p>Um zu verstehen, warum das Spiel mit 25 noch nicht vorbei ist, müssen wir kurz den Bauhelm aufsetzen. Was genau „reift“ da eigentlich? Entgegen der Intuition wird unser Gehirn im Erwachsenenwerden nicht <em>voller</em>, sondern <em>leerer</em>.</p> <p>Zwei Hauptprozesse bestimmen die Reifung:</p> <ol start="1"> <li><strong>Synaptic Pruning (Der Gärtner):</strong> In der Kindheit wuchern unsere Nervenverbindungen wie ein wilder Dschungel. In der Pubertät beginnt unser Nervensystem all die Verbindungen und Stränge zu kappen, die kaum genutzt werden. Wie beim Gärtnern werden schwächere Stränge abgeschnitten, was mehr Energie für die verbleibenden Leitungen lässt. Das Motto: „Use it or lose it“. Das Gehirn wird effizienter. [1]</li> <li><strong>Myelinisierung (Der Straßenbau):</strong> Die verbleibenden wichtigen Verbindungen werden nun isoliert. Eine Schicht aus Myelin, eine fetthaltige Isolierschicht, umhüllt die Nervenbahnen, ähnlich wie Gummi um ein Stromkabel. Das sorgt für eine massive Beschleunigung der Signalübertragung – bis zu 100-mal schneller! Der Prozess der Myelinisierung beginnt bereits im Mutterleib, hat seinen Höhepunkt in den ersten Lebensmonaten, setzt sich allerdings noch bis über die Pubertät hinaus fort.</li> </ol> <p>Und hier liegt der Knackpunkt: Während das Pruning schon früher abnimmt, setzt sich die Myelinisierung viel länger fort als gedacht. Besonders die wichtigen „Datenautobahnen“, die unsere Gefühle mit dem Verstand verknüpfen, werden teils bis ins dritte Lebensjahrzehnt hinein ausgebaut [4]. Unten sind zwei Neuronen zu sehen, links ohne Myelinisierung, rechts mit Myelinscheiden.</p> <h2 id="h-update-aus-cambridge-32-ist-das-neue-25"><strong>Update aus Cambridge: 32 ist das neue 25</strong></h2> <p>Dass die 25 wackelt, vermuten Neurowissenschaftlerinnen und -wissenschaftler schon länger. Eine aktuelle Studie aus Cambridge, veröffentlicht in <em>Nature Communications</em>, liefert nun neue Daten [5]. Die Forschenden haben nicht nur auf das Volumen geschaut (wie viel Gehirn ist da?), sondern auf die Topologie – also den Bauplan des Netzwerks.</p> <p>Was diese Untersuchung so besonders macht, ist ihre gewaltige Datenbasis. Während frühere Studien oft nur kleine Gruppen untersuchten, analysierte das Team hier Scans von über 4.200 Menschen. Und das Entscheidende: Die Spanne der Teilnehmenden reichte vom Säuglingsalter bis hin zu 90-Jährigen. Erst durch diesen Blick auf die gesamte Lebensspanne konnten die Forschenden Muster erkennen, die vorher unsichtbar blieben.</p> <p>Stell dir dein Gehirn wie ein U-Bahn-Netz vor. Das Forschungsteam analysierte, wie gut die Stationen vernetzt sind und wie effizient man von A nach B kommt. Sie identifizierten sogenannte „Topologische Wendepunkte“ (<em>turning points</em>) im Leben – Momente, in denen sich die Organisation des Gehirns grundlegend ändert.</p> <h5 id="h-funf-epochen-der-hirnentwicklung">Fünf Epochen der Hirnentwicklung</h5> <p>Daraus ergeben sich laut den Forschenden fünf ungefähre Epochen in der Hirnentwicklung, die wir im Leben durchlaufen [5]:</p> <ol start="1"> <li><strong>Epoche 1 (0–9 Jahre):</strong> Die Kindheit, geprägt von rasantem Aufbau lokaler Verbindungen.</li> <li><strong>Epoche 2 (9–32 Jahre):</strong> Die “verlängerte Adoleszenz”. Hier wird das Netzwerk massiv integriert und auf Effizienz getrimmt.</li> <li><strong>Epoche 3 (32–66 Jahre):</strong> Das Erwachsenenalter. Hier ändert sich die Strategie hin zur Spezialisierung.</li> <li><strong>Epoche 4 &amp; 5 (ab 66 Jahren):</strong> Die Phasen des Alterns, in denen sich die Strukturen erneut verändern</li> </ol> <p>Das Ergebnis? Ein massiver Wendepunkt liegt nicht bei 25, sondern bei <strong>32 Jahren</strong>. Die Studie zeigt: Die Phase der „adoleszenten Entwicklung“, in der das Netzwerk immer stärker integriert und effizienter wird, zieht sich bis Anfang 30 hin. Erst danach, in der dritten Epoche (32–66 Jahre), ändert das Gehirn seine Strategie. Es baut nicht mehr primär auf globale Vernetzung, sondern auf Spezialisierung (<em>Segregation</em>). Man kann sich das wie in einem wachsenden Unternehmen vorstellen: Am Anfang machen alle alles (hohe Integration). Später bilden sich spezialisierte Fachabteilungen (hohe Segregation), die Expertenwissen aufbauen. Wir werden vielleicht etwas weniger flexibel, dafür aber kompetenter in unseren Fachbereichen.</p> <p>Das bedeutet: Mit 25 bist du biologisch gesehen noch mitten im Feinschliff deiner kognitiven Hardware. Dein Gehirn optimiert seine Netzwerkeffizienz noch jahrelang weiter. Die „Quarter-Life-Crisis“ ist also vielleicht gar kein Zeichen dafür, dass du feststeckst, sondern dass dein System gerade erst richtig hochfährt.</p> <p>Wichtig zu erwähnen ist jedoch auch hier: Bei diesen Zahlen handelt es sich um statistische Mittelwerte einer großen Gruppe, nicht um starre biologische Gesetze. Die Entwicklung des Hirns ist höchst individuell. Die Zeitpunkte aus der Studie beschreiben den Durchschnitt – dein persönlicher Wendepunkt kann früher oder später liegen. Aber eines ist sicher: Mit 25 ist das letzte Kapitel noch lange nicht geschrieben.</p> <h2 id="h-exkurs-wenn-es-nicht-am-gehirn-liegt-warum-die-20er-trotzdem-hart-sind"><strong>Exkurs: Wenn es nicht am Gehirn liegt – Warum die 20er trotzdem hart sind</strong></h2> <p>Jetzt wissen wir also: Biologisch gesehen sind wir mit 25 noch voll im „Ausbau“. Warum fühlt es sich trotzdem oft so an, als müssten wir längst fertig sein? Warum trifft uns die Quarter-Life-Crisis genau jetzt? Die Psychologie und Soziologie haben hierfür Erklärungen, die nichts mit Myelin oder Synapsen zu tun haben, sondern mit dem Druck, der auf uns lastet.</p> <h3 id="h-drei-faktoren-die-in-die-quarterlife-crisis-mit-hineinspielen">Drei Faktoren, die in die Quarterlife-Crisis mit hineinspielen:</h3> <ul> <li><strong>Der Verlust des „Drehbuchs“:</strong> Bis zum Schulabschluss, dem Ende des Studiums oder der Berufsausbildung war unser Leben wie eine Schiene. Das Ziel war klar vorgegeben: Versetzung, Schulabschluss, Gesellenbrief, Bachelor oder sonstiges. Für die meisten endet dieses vorgefertigte Skript Mitte der 20er dann plötzlich. Zum ersten Mal gibt es keine Noten mehr, die uns sagen, ob wir „gut“ sind. Gleichzeitig haben wir so viele verschiedene Wege vor uns und müssen einen für uns wählen. Diese plötzliche Freiheit ist riesig – und sie macht Angst. Die Struktur bricht weg, und wir müssen selbst Regie führen, ohne das Handbuch gelesen zu haben.</li> <li><strong>Die Qual der Wahl (Option Paralysis):</strong> Unsere Großeltern hatten oft nur einen Weg: Ausbildung, Heirat, Haus, Rente. Wir haben <em>tausende</em>. Wir können Digital Nomad auf Bali werden, Finance Bro in Frankfurt werden oder eine Töpferwerkstatt in der Uckermark eröffnen. Doch die Forschung zeigt: Zu viele Optionen machen unglücklich (das sogenannte <em>Paradox of Choice</em>). Wir haben ständig Angst, die „falsche“ Tür zu wählen und optimieren uns zu Tode, statt einfach mal loszulaufen [6].</li> <li><strong>Der Vergleichs-Wahnsinn:</strong> Früher verglich man sich mit dem Nachbarn oder dem Cousin. Heute vergleichen wir uns auf den verschiedensten sozialen Medien mit der <em>ganzen Welt</em>. Und dort sehen wir nur die Highlights: Die 23-jährige Gründerin, der 25-jährige Weltreisende. Andere haben mit 24 schon ein Haus gekauft und zwei Kinder. Dass diese Bilder kuratiert sind, weiß unser Verstand zwar – unser Gefühl aber meldet trotzdem: „Alle haben es geschafft, nur ich hänge hinterher.“</li> </ul> <h3 id="h-biologie-vs-leistungsgesellschaft">Biologie vs. Leistungsgesellschaft</h3> <p>Über all diesen inneren Kämpfen schwebt jedoch noch etwas Größeres, das von außen auf uns drückt: die sogenannte „Social Clock“ (soziale Uhr) [7]. Auch die Forschenden aus Cambridge betonen in ihrer Studie, dass der Übergang ins Erwachsenenalter eben nicht nur biologisch ist, sondern stark von „kulturellen und sozialen Faktoren“ abhängt [5]. Unsere Gesellschaft diktiert einen unsichtbaren Zeitplan: Studium mit 22, Karriere mit 25, Familie mit 30. Wir messen unser modernes, komplexes Leben an einem veralteten Maßstab. Listen wie „Forbes 30 under 30“ befeuern zudem einen subtilen Ageism (Altersdiskriminierung), der uns suggeriert, dass Potenzial ein Verfallsdatum hat. Dieser gesellschaftliche Druck erzeugt eine künstliche Hektik („Ich muss mich jetzt beeilen!“), die im direkten Widerspruch zu der Geduld steht, die unsere Biologie eigentlich an den Tag legt.</p> <p>Letztlich ist diese Hektik ein Symptom einer auf Effizienz getrimmten Leistungsgesellschaft. Wir versuchen kollektiv, einen langsamen, komplexen biologischen Prozess in den Takt einer beschleunigten Wirtschaftsordnung zu pressen. Dass es dabei knirscht, ist kein individuelles Versagen, sondern ein Problem des Systems.</p> <h2 id="h-fazit-durchatmen"><strong>Fazit: Durchatmen!</strong></h2> <p>Was lernen wir daraus? Wenn dich mit 25 (oder 29) die Panik packt, ist das kein Zeichen von Schwäche oder geistigem Abbau. Es ist eine logische Reaktion auf eine Lebensphase, in der maximaler gesellschaftlicher Druck auf eine noch laufende biologische Baustelle trifft. Dein Gehirn arbeitet noch hart daran, die besten Verbindungen zu knüpfen. Die große Integration, die Vernetzung deiner Fähigkeiten, läuft noch bis in die 30er auf Hochtouren. Also: Wenn du das nächste Mal denkst, du müsstest längst „fertig“ sein, weißt du, dass auch dein Gehirn noch seine Zeit braucht. Du bist nicht langsam. Du renderst noch. Und das Ergebnis wird vermutlich besser, als du jetzt denkst.</p> <h2 id="h-quellen"><strong>Quellen</strong></h2> <ol> <li>Giedd, J. N., Blumenthal, J., Jeffries, N. O., Castellanos, F. X., Liu, H., Zijdenbos, A., Paus, T., Evans, A. C., &amp; Rapoport, J. L. (1999). Brain development during childhood and adolescence: A longitudinal MRI study. <em>Nature Neuroscience</em>, <em>2</em>(10), 861–863. <a href="https://doi.org/10.1038/13158" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1038/13158</a></li> <li>Gogtay, N., Giedd, J. N., Lusk, L., Hayashi, K. M., Greenstein, D., Vaituzis, A. C., Nugent, T. F., Herman, D. H., Clasen, L. S., Toga, A. W., Rapoport, J. L., &amp; Thompson, P. M. (2004). Dynamic mapping of human cortical development during childhood through early adulthood. <em>Proceedings of the National Academy of Sciences</em>, <em>101</em>(21), 8174–8179. <a href="https://doi.org/10.1073/pnas.0402680101" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1073/pnas.0402680101</a></li> <li>Somerville, L. H. (2016). Searching for signatures of brain maturity: What are we searching for? <em>Neuron</em>, <em>92</em>(6), 1164–1167. <a href="https://doi.org/10.1016/j.neuron.2016.10.059" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.neuron.2016.10.059</a></li> <li>Lebel, C., Gee, M., Camara, E., &amp; Beaulieu, C. (2012). Diffusion tensor imaging of white matter tract evolution over the lifespan. <em>NeuroImage</em>, <em>60</em>(1), 340–352. <a href="https://doi.org/10.1016/j.neuroimage.2011.11.094" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.neuroimage.2011.11.094</a></li> <li>Mousley, A., Bethlehem, R.A.I., Yeh, FC. <em>et al.</em> Topological turning points across the human lifespan. <em>Nat Commun</em> <strong>16</strong>, 10055 (2025). <a href="https://doi.org/10.1038/s41467-025-65974-8">https://doi.org/10.1038/s41467-025-65974-8</a></li> <li>Schwartz, B. (2004). <em>The paradox of choice: Why more is less</em>. Harper Perennial.</li> <li>Neugarten, B. L. (1976). Adaptation and the life cycle. <em>The Counseling Psychologist</em>, <em>6</em>(1), 16–20. <a href="https://doi.org/10.1177/001100007600600104" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1177/001100007600600104</a></li> </ol> <p>Beitragsbild: <a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/schoener-kaukasischer-mann-mit-bart-der-gehirn-und-fragezeichen-haelt-skeptisch-und-nervoes-runzelt-die-stirn-wegen-des-problems-negativer-mensch_42512890.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=43&amp;uuid=827d5cff-5751-4b91-a95f-819debe5867f&amp;query=gehirn+erwachsen">Bild von krakenimages.com auf Freepik</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/quarter-life-crisis-ist-unser-hirn-mit-25-auf-dem-zenit/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>3</slash:comments> </item> <item> <title>Der “Abendstern” ist Jupiter https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/der-abendstern-ist-jupiter/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/der-abendstern-ist-jupiter/#comments Sun, 11 Jan 2026 17:17:17 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12483 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499-768x576.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/der-abendstern-ist-jupiter/</link> </image> <description type="html"><h1>Der "Abendstern" ist Jupiter » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Schon in der Dämmerung sieht man abends ein helles Lichtpünktchen am Himmel – und zwar, wenn der Himmel sogar noch blau ist. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499.jpg 1280w" width="1024"></img></a></figure> <p>Die Himmelsrichtung ist allerdings Nordosten. Wenn es der üblicherweise “Abendstern” genannte Planet wäre, müsste das Lichtpünktchen in westlichen Richtungen stehen. Während ich das obige Foto nach Nordosten aufnahm, sah der südliche Himmel noch rosa aus: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502.jpg 1280w" width="1024"></img></a></figure> <p>Man sieht also klar, dass das obige Objekt zwar ein Planet ist, aber nicht Venus – sondern Jupiter: der Königsplanet. Der stand nämlich gestern (am <a href="https://www.starobserver.org/ap260110/">10. Januar: APOD</a>) in Opposition zur Sonne. </p> <p>Venus steht gerade (zusammen mit Mars) direkt neben der Sonne am Taghimmel und entzieht sich daher menschlicher Blicke. Sie wird ab Ende Februar wieder als Abendstern am Himmel glänzen.</p> <h2>Für Philosophen</h2> <p>Gottlob Freges berühmte Schrift über “<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cber_Sinn_und_Bedeutung">Sinn und Bedeutung</a>” gilt als eine der Grundlagen der modernen Logik und Sprachphilosophie. Frege war Professor für Mathematik hier in Jena und starb in dem Glauben, dass er nichts besonders geschafft hätte – gilt aber heute als hauptsächlichster Wegbereiter der analytischen Philosophie. <aside></aside></p> <p>Mich hatte die “analytische Philosophie” stets sehr interessiert – vor allem aber in ihren Anwendungen in Semantik und Linguistik – und ich bin auch ein großer Fan von Freges Werk. ABER als Astronomin habe ich wegen der Aussage im Titel des Posts das Gefühl, dass sein Beispiel vom “Abend- und Morgenstern” sehr unglücklich ist. Hier gibt es in der Tat eine sprachliche Verwirrung, die er – so lernte ich zumindest im Philosophie-Studium – wohl so nicht gemeint hat. Da die (astro-naiven) Philosophen sich einig zu sein scheinen in ihrer Deutung von Freges Text, kann ich damit leben, dass ich als Astronomin das Bildnis anders verstehend ein Außenseiter bin: Auch wenn ich recht habe, ändert das nichts an der fundamentalen Rolle, die Freges sprachphilosophische Grundlagen für die moderne Linguistik legen. Anders gesagt: nur weil das Beispiel ungeschickt oder falsch sein kann, ist die unter ihm liegende Erkenntnis fundamental. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Der "Abendstern" ist Jupiter » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Schon in der Dämmerung sieht man abends ein helles Lichtpünktchen am Himmel – und zwar, wenn der Himmel sogar noch blau ist. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499.jpg 1280w" width="1024"></img></a></figure> <p>Die Himmelsrichtung ist allerdings Nordosten. Wenn es der üblicherweise “Abendstern” genannte Planet wäre, müsste das Lichtpünktchen in westlichen Richtungen stehen. Während ich das obige Foto nach Nordosten aufnahm, sah der südliche Himmel noch rosa aus: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502.jpg 1280w" width="1024"></img></a></figure> <p>Man sieht also klar, dass das obige Objekt zwar ein Planet ist, aber nicht Venus – sondern Jupiter: der Königsplanet. Der stand nämlich gestern (am <a href="https://www.starobserver.org/ap260110/">10. Januar: APOD</a>) in Opposition zur Sonne. </p> <p>Venus steht gerade (zusammen mit Mars) direkt neben der Sonne am Taghimmel und entzieht sich daher menschlicher Blicke. Sie wird ab Ende Februar wieder als Abendstern am Himmel glänzen.</p> <h2>Für Philosophen</h2> <p>Gottlob Freges berühmte Schrift über “<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cber_Sinn_und_Bedeutung">Sinn und Bedeutung</a>” gilt als eine der Grundlagen der modernen Logik und Sprachphilosophie. Frege war Professor für Mathematik hier in Jena und starb in dem Glauben, dass er nichts besonders geschafft hätte – gilt aber heute als hauptsächlichster Wegbereiter der analytischen Philosophie. <aside></aside></p> <p>Mich hatte die “analytische Philosophie” stets sehr interessiert – vor allem aber in ihren Anwendungen in Semantik und Linguistik – und ich bin auch ein großer Fan von Freges Werk. ABER als Astronomin habe ich wegen der Aussage im Titel des Posts das Gefühl, dass sein Beispiel vom “Abend- und Morgenstern” sehr unglücklich ist. Hier gibt es in der Tat eine sprachliche Verwirrung, die er – so lernte ich zumindest im Philosophie-Studium – wohl so nicht gemeint hat. Da die (astro-naiven) Philosophen sich einig zu sein scheinen in ihrer Deutung von Freges Text, kann ich damit leben, dass ich als Astronomin das Bildnis anders verstehend ein Außenseiter bin: Auch wenn ich recht habe, ändert das nichts an der fundamentalen Rolle, die Freges sprachphilosophische Grundlagen für die moderne Linguistik legen. Anders gesagt: nur weil das Beispiel ungeschickt oder falsch sein kann, ist die unter ihm liegende Erkenntnis fundamental. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/der-abendstern-ist-jupiter/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeo Podcast: Als im Universum die Lichter angingen – wo sind die ersten Sterne? https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-als-im-universum-die-lichter-angingen-wo-sind-die-ersten-sterne/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-als-im-universum-die-lichter-angingen-wo-sind-die-ersten-sterne/#comments Sun, 11 Jan 2026 05:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1824 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-7-768x768.jpg Eine Art bläuliche Wolke mit zahlreichen hell leuchtenden Sternen. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-als-im-universum-die-lichter-angingen-wo-sind-die-ersten-sterne/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-7.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Als im Universum die Lichter angingen - wo sind die ersten Sterne? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag130-erste-sterne.html#/">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Nicht viele Sterne können von sich behaupten, beinahe unser Verständnis vom Universum kaputt gemacht zu haben – aber ein Stern mit der Bezeichnung HD 140283 hätte es fast geschafft: Im Jahr 2000 schätzten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sein Alter auf 16 Milliarden Jahre. Und damit wäre dieser so unscheinbare Stern älter als das Universum selbst Er liegt in rund 190 Lichtjahren Entfernung im Sternbild Waage und ist von der Erde aus zwar nicht mit dem bloßen Auge, aber doch immerhin schon mit einem Fernglas sichtbar. Seinen Spitznamen als „Methusalem-Stern“ hat er sich damit mehr als verdient.</p> <p>In den darauffolgenden Jahren korrigierten neue Messungen und Studien dieses Alter glücklicherweise nach unten. Inzwischen gilt HD 140283 zwar immer noch als alt, aber nicht mehr als älter als das Universum selbst. Trotz seines stolzen Alters ist eines wissenschaftlich sicher: Der Methusalem-Stern ist keiner von den allerersten Sternen, die es in unserem Universum je gegeben hat – doch auf die haben sie es abgesehen.<aside></aside></p> <p>Forschende bezeichnen jene ersten Sterne im Universum auch als Sterne der Population III. Es sind die Sterne, die nach dem Urknall als erstes Licht ins Dunkel brachten. Damals, vor Milliarden von Jahren, gab es im Universum vor allem Wasserstoff und Helium. Erst die ersten Sterne haben jene massereicheren Elemente hergestellt, die wir heute kennen und schätzen – und ohne die es uns nicht geben würde: Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff, und noch schwerere Elemente bis hin zum Eisen.</p> <p>Somit ist zwar vollkommen klar, dass es diese ersten Sterne gegeben haben muss. Und doch haben Forschende noch nie einen solchen Stern beobachtet, trotz Jahrzehnten der intensiven Suche.</p> <p>In dieser Folge erzählt Franzi von dieser Suche nach den Sternen der Population III, die Licht ins Universum gebracht haben – eine Suche, für die Forschende versuchen, mit dem James Webb-Weltraumteleskop so weit in die Vergangenheit zu blicken wie möglich. Aber auch unsere eigene Milchstraße bleibt ein möglicher Fundort für die wahren Methusalem-Sterne.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 65: <a href="https://astrogeo.de/blaue-riesensterne-nimm-zwei/">Blaue Riesensterne: Nimm Zwei!</a></li> <li>Folge 98: <a href="https://astrogeo.de/das-erbe-des-urknalls-wie-die-materie-in-unser-universum-kam/">Das Erbe des Urknalls: Wie die Materie in unser Universum kam</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Stern">Stern</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sonne">Sonne</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Population_(Astronomie)">Population (Astronomie)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/HD_140283">HD 140283 (Stern)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/HE_1523%E2%88%920901">HE 1523−0901 (Stern)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metallizit%C3%A4t">Metallizität</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metalle">Metalle</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rotverschiebung">Rotverschiebung</a></li> <li>WP: <a href="http://www.scilogs.de/kosmo//home/pikarl/Schreibtisch/Aktuell/2026-01%20AG130%20Erste%20Sterne%20(AG)/Hauptreihe">Hauptreihe</a></li> <li>Spektrum.de: <a href="https://www.spektrum.de/news/earendel-truegt-das-licht-des-aeltesten-sterns/2290008">Trügt das Licht des ältesten Sterns?</a> (Artikel von Franzi)</li> <li>Spektrum.de: <a href="https://www.spektrum.de/news/startete-das-universum-frueher-durch-als-gedacht/2258825">Startete das Universum früher durch als gedacht?</a> (Artikel von Franzi)</li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/MoM-z14">MoM-z14</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/James-Webb-Weltraumteleskop">James-Webb-Weltraumteleskop</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Earendel">Earendel</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kugelsternhaufen">Kugelsternhaufen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gammablitz">Gammablitz</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/HI-Linie">HI-Linie</a></li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1146/annurev-astro-071221-">The First Stars: Formation, Properties, and Impact (2023)</a></li> <li> Fachartikel: <a href="https://www.aanda.org/articles/aa/full_html/2025/11/aa56292-25/aa56292-25.html">Asteroseismic investigation of HD 140283: The Methuselah star (2025)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://www.nature.com/articles/s41550-025-02575-x">Determination of the mass distribution of the first stars from the 21-cm signal (2025)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.3847/2041-8213/adf4e3#fnref-apjladf4e3bib32">Metal-polluted Population III Galaxies and How to Find Them (2025)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.1088/0004-637X/808/2/139">Evidence for PopIII-like stellar populations in the most luminous Lyman-α emitters at the epoch of re-ionisation: spectroscopic confirmation (2015)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://academic.oup.com/mnras/article/469/1/448/3103051">No evidence for Population III stars or a direct collapse black hole in the z = 6.6 Lyman α emitter ‘CR7’</a> (2017)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.3847/2041-8213/ac7f9a#apjlac7f9as3">On the Probability of the Extremely Lensed z = 6.2 Earendel Source Being a Population III Star</a> (2022)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.3847/2041-8213/adf196"><u>Discovery of an [Fe/H] </u><u>∼</u><u>−</u><u>4.8 Star in Gaia XP Spectra</u></a> (2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://www.eso.org/public/germany/images/eso1524a/">ESO/M. Kornmesser (künstlerische Ansicht)</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-7.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Als im Universum die Lichter angingen - wo sind die ersten Sterne? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag130-erste-sterne.html#/">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Nicht viele Sterne können von sich behaupten, beinahe unser Verständnis vom Universum kaputt gemacht zu haben – aber ein Stern mit der Bezeichnung HD 140283 hätte es fast geschafft: Im Jahr 2000 schätzten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sein Alter auf 16 Milliarden Jahre. Und damit wäre dieser so unscheinbare Stern älter als das Universum selbst Er liegt in rund 190 Lichtjahren Entfernung im Sternbild Waage und ist von der Erde aus zwar nicht mit dem bloßen Auge, aber doch immerhin schon mit einem Fernglas sichtbar. Seinen Spitznamen als „Methusalem-Stern“ hat er sich damit mehr als verdient.</p> <p>In den darauffolgenden Jahren korrigierten neue Messungen und Studien dieses Alter glücklicherweise nach unten. Inzwischen gilt HD 140283 zwar immer noch als alt, aber nicht mehr als älter als das Universum selbst. Trotz seines stolzen Alters ist eines wissenschaftlich sicher: Der Methusalem-Stern ist keiner von den allerersten Sternen, die es in unserem Universum je gegeben hat – doch auf die haben sie es abgesehen.<aside></aside></p> <p>Forschende bezeichnen jene ersten Sterne im Universum auch als Sterne der Population III. Es sind die Sterne, die nach dem Urknall als erstes Licht ins Dunkel brachten. Damals, vor Milliarden von Jahren, gab es im Universum vor allem Wasserstoff und Helium. Erst die ersten Sterne haben jene massereicheren Elemente hergestellt, die wir heute kennen und schätzen – und ohne die es uns nicht geben würde: Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff, und noch schwerere Elemente bis hin zum Eisen.</p> <p>Somit ist zwar vollkommen klar, dass es diese ersten Sterne gegeben haben muss. Und doch haben Forschende noch nie einen solchen Stern beobachtet, trotz Jahrzehnten der intensiven Suche.</p> <p>In dieser Folge erzählt Franzi von dieser Suche nach den Sternen der Population III, die Licht ins Universum gebracht haben – eine Suche, für die Forschende versuchen, mit dem James Webb-Weltraumteleskop so weit in die Vergangenheit zu blicken wie möglich. Aber auch unsere eigene Milchstraße bleibt ein möglicher Fundort für die wahren Methusalem-Sterne.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 65: <a href="https://astrogeo.de/blaue-riesensterne-nimm-zwei/">Blaue Riesensterne: Nimm Zwei!</a></li> <li>Folge 98: <a href="https://astrogeo.de/das-erbe-des-urknalls-wie-die-materie-in-unser-universum-kam/">Das Erbe des Urknalls: Wie die Materie in unser Universum kam</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Stern">Stern</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sonne">Sonne</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Population_(Astronomie)">Population (Astronomie)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/HD_140283">HD 140283 (Stern)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/HE_1523%E2%88%920901">HE 1523−0901 (Stern)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metallizit%C3%A4t">Metallizität</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metalle">Metalle</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rotverschiebung">Rotverschiebung</a></li> <li>WP: <a href="http://www.scilogs.de/kosmo//home/pikarl/Schreibtisch/Aktuell/2026-01%20AG130%20Erste%20Sterne%20(AG)/Hauptreihe">Hauptreihe</a></li> <li>Spektrum.de: <a href="https://www.spektrum.de/news/earendel-truegt-das-licht-des-aeltesten-sterns/2290008">Trügt das Licht des ältesten Sterns?</a> (Artikel von Franzi)</li> <li>Spektrum.de: <a href="https://www.spektrum.de/news/startete-das-universum-frueher-durch-als-gedacht/2258825">Startete das Universum früher durch als gedacht?</a> (Artikel von Franzi)</li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/MoM-z14">MoM-z14</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/James-Webb-Weltraumteleskop">James-Webb-Weltraumteleskop</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Earendel">Earendel</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kugelsternhaufen">Kugelsternhaufen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gammablitz">Gammablitz</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/HI-Linie">HI-Linie</a></li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1146/annurev-astro-071221-">The First Stars: Formation, Properties, and Impact (2023)</a></li> <li> Fachartikel: <a href="https://www.aanda.org/articles/aa/full_html/2025/11/aa56292-25/aa56292-25.html">Asteroseismic investigation of HD 140283: The Methuselah star (2025)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://www.nature.com/articles/s41550-025-02575-x">Determination of the mass distribution of the first stars from the 21-cm signal (2025)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.3847/2041-8213/adf4e3#fnref-apjladf4e3bib32">Metal-polluted Population III Galaxies and How to Find Them (2025)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.1088/0004-637X/808/2/139">Evidence for PopIII-like stellar populations in the most luminous Lyman-α emitters at the epoch of re-ionisation: spectroscopic confirmation (2015)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://academic.oup.com/mnras/article/469/1/448/3103051">No evidence for Population III stars or a direct collapse black hole in the z = 6.6 Lyman α emitter ‘CR7’</a> (2017)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.3847/2041-8213/ac7f9a#apjlac7f9as3">On the Probability of the Extremely Lensed z = 6.2 Earendel Source Being a Population III Star</a> (2022)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.3847/2041-8213/adf196"><u>Discovery of an [Fe/H] </u><u>∼</u><u>−</u><u>4.8 Star in Gaia XP Spectra</u></a> (2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://www.eso.org/public/germany/images/eso1524a/">ESO/M. Kornmesser (künstlerische Ansicht)</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-als-im-universum-die-lichter-angingen-wo-sind-die-ersten-sterne/#comments 4 Das Oberharzer Bergbaumuseum ist gerettet https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/das-oberharzer-bergbaumuseum-ist-gerettet/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/das-oberharzer-bergbaumuseum-ist-gerettet/#respond Sat, 10 Jan 2026 17:47:05 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3724 <h1>Das Oberharzer Bergbaumuseum ist gerettet » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Am Anfang des Jahres die gute Nachricht, das Oberharzer Bergwerksmuseum ist gerettet. Im letzten Oktober hatte es noch so ausgesehen, als wenn zum Jahresende 2025 endgültig Schluss sei. Die hohen Sanierungskosten des Gebäudes zwangen die Stadt Clausthal-Zellerfeld zu dem drastischen Schritt. Zudem fehlte ein kompetenter Betreiber, denn die Stiftung Welterbe im Harz beendete seine Trägerschaft am 31.12.2025.</p> <p>Es sah also zugegebenermaßen düster aus für dieses Kleinod in der deutschen Museumslandschaft. Begonnen hatte alles im Jahre 1884, als der damalige Berghauptmann Adolf Achenbach die Harzer Berglaute aufrief, ausgediente Bergbaugeräte zur Verfügung zu stellen, um damit ein Museum aufzubauen. Die offizielle Gründung des Museums erfolgte dann im Jahr 1892, damit zählt es zu den ältesten Technikmuseen in Deutschland. Ich hatte im Oktober in einem Blogbeitrag darüber zur Unterzeichnung der Petition zum Erhalt des Museums aufgerufen.</p> <p>Und anscheinend war diese Petition ein deutlicher Erfolg. Sie wurde der Bürgermeisterin der Stadt Clausthal-Zellerfeld im Rahmen der Sitzung des Ausschusses für Jugend, Schulen, Sport und Gesellschaft am 20.11.2025 übergeben. Daraufhin stimmte der Rat der Stadt am 4.12.2025 für den Weiterbetrieb des Museums. Der neue Betreiber wird eine eigens hierfür gegründete gGmbH sein, welche vom Oberharzer Geschichts- und Museumsverein ins Leben gerufen wurde.</p> <p>Das Museum ist selber seit dem 15. Dezember geschlossen, ein Termin für die Wiedereröffnung ist bislang nicht bekannt, soll aber gegebenenfalls <a href="https://www.oberharzerbergwerksmuseum.de/">rechtzeitig bekannt</a> gegeben werden.</p> <p>Das ist, finde ich, mal eine gute Nachricht. Petitionen, auch online, haben eine Wirkung und sie können positives bewirken. Ich hoffe, dass dies nicht die einzige positive Nachricht in diesem Jahr bleibt, auch wenn das Jahr 2026 bislang mit Lichtblicken doch etwas geizig zu sein scheint.<aside></aside></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Das Oberharzer Bergbaumuseum ist gerettet » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Am Anfang des Jahres die gute Nachricht, das Oberharzer Bergwerksmuseum ist gerettet. Im letzten Oktober hatte es noch so ausgesehen, als wenn zum Jahresende 2025 endgültig Schluss sei. Die hohen Sanierungskosten des Gebäudes zwangen die Stadt Clausthal-Zellerfeld zu dem drastischen Schritt. Zudem fehlte ein kompetenter Betreiber, denn die Stiftung Welterbe im Harz beendete seine Trägerschaft am 31.12.2025.</p> <p>Es sah also zugegebenermaßen düster aus für dieses Kleinod in der deutschen Museumslandschaft. Begonnen hatte alles im Jahre 1884, als der damalige Berghauptmann Adolf Achenbach die Harzer Berglaute aufrief, ausgediente Bergbaugeräte zur Verfügung zu stellen, um damit ein Museum aufzubauen. Die offizielle Gründung des Museums erfolgte dann im Jahr 1892, damit zählt es zu den ältesten Technikmuseen in Deutschland. Ich hatte im Oktober in einem Blogbeitrag darüber zur Unterzeichnung der Petition zum Erhalt des Museums aufgerufen.</p> <p>Und anscheinend war diese Petition ein deutlicher Erfolg. Sie wurde der Bürgermeisterin der Stadt Clausthal-Zellerfeld im Rahmen der Sitzung des Ausschusses für Jugend, Schulen, Sport und Gesellschaft am 20.11.2025 übergeben. Daraufhin stimmte der Rat der Stadt am 4.12.2025 für den Weiterbetrieb des Museums. Der neue Betreiber wird eine eigens hierfür gegründete gGmbH sein, welche vom Oberharzer Geschichts- und Museumsverein ins Leben gerufen wurde.</p> <p>Das Museum ist selber seit dem 15. Dezember geschlossen, ein Termin für die Wiedereröffnung ist bislang nicht bekannt, soll aber gegebenenfalls <a href="https://www.oberharzerbergwerksmuseum.de/">rechtzeitig bekannt</a> gegeben werden.</p> <p>Das ist, finde ich, mal eine gute Nachricht. Petitionen, auch online, haben eine Wirkung und sie können positives bewirken. Ich hoffe, dass dies nicht die einzige positive Nachricht in diesem Jahr bleibt, auch wenn das Jahr 2026 bislang mit Lichtblicken doch etwas geizig zu sein scheint.<aside></aside></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/das-oberharzer-bergbaumuseum-ist-gerettet/#respond 0 Baut Trump jetzt Fusionskraftwerke? https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/baut-trump-jetzt-fusionskraftwerke/ https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/baut-trump-jetzt-fusionskraftwerke/#comments Fri, 09 Jan 2026 19:11:57 +0000 Thomas Grüter https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/?p=1770 https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Fusionskraftwerk-768x439.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/baut-trump-jetzt-fusionskraftwerke/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Fusionskraftwerk.jpg" /><h1>Fusionskraftwerk und die Pläne von TMTG » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Die Trump Media and Technology Group (TMTG) will ins Kraftwerksgeschäft einsteigen. Es geht dabei nicht etwa um Kohlekraftwerke, sondern um das nächste große Ding: die Kernfusion. „Ein großer Schritt voran zu einer revolutionären Technik, die Amerikas Energiedominanz für Generationen festschreiben wird“, schrieb Devin Nunes dazu, seines Zeichens CEO von TMTG. </b></p> <p>Bisher betreibt TMTG die Social Media Plattform Truth Social, die als Sprachrohr des amerikanischen Präsidenten gilt. Außerdem bietet das Unternehmen Finanzdienstleistungen an und will eine Kryptowährung herausbringen. Da passen doch Fusionskraftwerke gut ins Portfolio, sollte man meinen. Weil man die aber nicht an jeder Ecke bestellen kann, <a href="https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/kernfusion-die-trumps-steigen-ins-energiegeschaeft-ein-accg-110806506.html">will TMTG mit der Firma TAE Technologies verschmelzen</a>, die seit mehr als 25 Jahren daran arbeitet, Kernfusion als Stromquelle verfügbar zu machen. Müssen wir jetzt befürchten, dass sich die Trump-Familie ein Monopol auf die fortschrittlichste Technik zur Stromversorgung sichert? Devin Nunes sieht dieses Ziel offenbar näherrücken. Aber tatsächlich ist er auf dem Holzweg. </p> <h3>TMTG – Trump Media and Technology Group</h3> <p>Am 8. Januar 2021 legte Twitter Donald Trumps Konto still, weil seine Tweets die Richtlinien des Unternehmens verletzten. Trump hatte die Präsidentschaftswahl im November 2020 verloren und seitdem aus allen Rohren gegen den angeblichen „Wahlbetrug“ geschossen. Twitter ließ Trump trotzdem gewähren – vorerst. Am 6. Januar 2021 stürmte ein gewalttätiger Mob nach einer Brandrede von Trump das Kapitol. Dabei kamen mehrere Menschen ums Leben und das Gebäude wurde verwüstet. Daraufhin wollte Twitter Trump wohl keine Plattform mehr geben. Trump war wieder einmal beleidigt und begann mit den Vorbereitungen für eine eigene Social Media Plattform.</p> <p>Am 21. Oktober 2021 gab er die Gründung der Trump Media and Technology Group bekannt. Sie sollte mit einer <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Special_Purpose_Acquisition_Company">Special Purpose Acquisition Company</a> (abgekürzt SPAC) fusionieren, die bereits öffentlich gehandelt wurde. Damit konnte sein Unternehmen sofort an die Börse gehen, was in den USA sonst ein langwieriger und genau geregelter Vorgang ist. Geschäftsziel war die Schaffung und der Betrieb einer Social Media Plattform namens „Truth Social“. Sie sollte Twitter Konkurrenz machen.</p> <p>Dann begann ein jahrelanges Gezerre mit diversen Behörden, die solche Fusionen untersuchen und genehmigen müssen. So ermittelte die SEC (Securities and Exchange Commission) gegen eine chinesische Gesellschaft, die an der Gründung der SPAC beteiligt war. Eine Bundesstaatsanwaltschaft in New York prüfte, ob TMTG die Geldwäschegesetze verletzt hatte, weil es Geld angenommen hatte, dessen Quelle ein russischer Oligarch war.<aside></aside></p> <p>Es folgten Untersuchungen, Strafen, Klagen und Gerichtsverfahren der Beteiligten gegeneinander. Man hätte mehrere Staffeln einer Comedy-Serie damit füllen können (Das Onlineportal RollingStone hat <a href="https://www.rollingstone.com/politics/politics-news/truth-social-drama-donald-trump-lawsuits-ipo-1234999198/">hier eine Chronologie</a> zusammengestellt). Erst am 26. März 2024, als fast zweieinhalb Jahre nach Trumps Ankündigung, ging TMTG tatsächlich an die Börse. Trumps Aktienanteil wurde mit über drei Milliarden US$ bewertet.</p> <p>Die Aktie notierte am Starttag bei einem Höchstwert von 79,38 US-Dollar. Seitdem bröckelt der Kurs immer mehr ab. Am 8. Januar 2026 zeigte der Ticker 13,40 US$. Das gesamte Aktienkapital addiert sich auf circa 3,8 Milliarden US$ (3,25 Milliarden Euro). Etwa die Hälfte davon hält Donald Trump in einem Fond, den sein Sohn Donald Trump jr. für ihn verwaltet. Der aktuelle vierteljährliche Bericht von TMTG (<a href="https://s3.amazonaws.com/sec.irpass.cc/2660/0001140361-25-040977.htm#FinancialStatements">drittes Quartal 2025</a>) an die SEC weist ein „Total Equity“ (Eigenkapital, Vermögen) von 2,29 Milliarden US$ aus, 1,47 Milliarden US$ davon werden als „Digital Assets“ (Kryptowährungen) ausgewiesen. Das passt: Im Mai 2025 gab TMTG bekannt, Bitcoins im Wert von 2,5 Milliarden US$ erwerben zu wollen. Allerdings ist der Wert der Bitcoins gegen den US$ ab November um circa 20 Prozent gefallen, sodass der aktuelle Wert der „Digital Assets“ um einige Hundert Millionen US$ niedriger ausfällt.</p> <p>Auch bei der Geschäftstätigkeit schreibt TMTG horrende Verluste, in den ersten neun Monaten des Jahres 2025 insgesamt 107 Millionen US$, davon allein 55 Millionen im dritten Quartal. Vor diesem Hintergrund ist der Einstieg ins Kraftwerksgeschäft ein echtes Wagnis, schließlich müssen schon konventionelle Kraftwerke mit hohen Summen vorfinanziert werden.</p> <h3>TAE Technologies, Inc.</h3> <p>Die Firma, die bis 2031 ein völlig neuartiges Fusionskraftwerk bauen will, wurde bereits 1998 gegründet. Damals hieß sie noch „Tri Alpha Energy“. Der etwas kryptische Name weißt auf die Fusionsreaktion, mit das Kraftwerk Strom erzeugen soll. In den fast 28 Jahren seit der Gründung hat TAE nach eigenen Angaben ungefähr 1,3 Milliarden US$ von privaten Kapitalgebern eingeworben. Diese Leistung nötigt mir Respekt ab, denn die Firma hat bisher nicht nachweisen können, dass ihr Konzept tragfähig ist. Bis 2031 wird TAE mindestens noch einmal das Doppelte brauchen, um ein Fusionskraftwerk nach ihren Vorstellungen zu bauen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1773" id="attachment_1773"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope.jpg"><img alt="Bild der drei Wasserstoff-isotope" decoding="async" height="300" sizes="(max-width: 549px) 100vw, 549px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope-300x164.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope-300x164.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope-1024x559.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope-768x419.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope.jpg 1408w" width="549"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1773">Die drei Wasserstoffisotope. Während die meisten Firmen auf die Deuterium-Tritium-Fusion setzen, will TAE bei sehr viel höheren Temperaturen Wasserstoff mit Bor fusionieren.</figcaption></figure> <p>Mal angenommen, Sie könnten zwei bis drei Milliarden Euro erübrigen, wäre das Geld bei TAE gut angelegt? Schwer zu sagen. Die Firma setzt auf eine höchst futuristische Technik – sowohl bei Fusionsreaktion als auch beim Plasmaeinschluss. Die meisten Start-ups in der Fusionsindustrie planen die Fusion von Deuterium und Tritium. Dazu muss man das Plasma am wenigsten aufheizen, „nur“ auf etwa 100 bis 150 Millionen Grad Celsius. <a href="https://www.scinexx.de/dossierartikel/das-problem-des-tritiums/">Andererseits ist Tritium extrem selten</a>, und außerdem radioaktiv. Es zerfällt innerhalb von nur 12,3 Jahren auf die Hälfte seines Bestandes. Dafür ist diese Technologie <a href="https://euro-fusion.org/jet/#">gut erprobt</a>.</p> <p>TAE will in seinem Reaktor gewöhnlichen Wasserstoff mit dem Element Bor zu verschmelzen. Dabei entstehen drei Heliumkerne (sogenannte Alphateilchen), die mit hoher Geschwindigkeit davonfliegen. Diese Bewegung enthält den Hauptteil der freigesetzten Energie.</p> <p>TAE setzt auf eine selbst-stabilisierende Plasmageometrie, um die Fusionsreaktion zu in Gang zu bringen. Das erspart dem Reaktor die massiven supraleitenden Magnetspulen, die andere Fusionsreaktoren so klobig aussehen lassen.</p> <p>Die Reaktion setzt außerdem keine Neutronen<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a> frei. Das ist wichtig, weil Neutronen sich nicht mit Magnetfeldern einfangen lassen und als ungeladene Teilchen keinen Strom in externen Stromleitern induzieren. Neutronen heizen das Plasma auf und schlagen in die Reaktorwände ein, die dabei radioaktiv werden. Die Wärmeenergie heizt wie in traditionellen Kraftwerken eine Kühlflüssigkeit auf, die wiederum eine Turbine treibt, eventuell über mehrere Stufen. Die Bewegungsenergie der positiv geladenen Heliumatome lässt sich dagegen direkt in einen Stromfluss umsetzen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1772" id="attachment_1772"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_fusion.jpg"><img alt="Vergleich der Fusionsreaktionen" decoding="async" height="114" sizes="(max-width: 510px) 100vw, 510px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_fusion-300x67.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_fusion-300x67.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_fusion.jpg 663w" width="510"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1772">Vergleich der Deuterium-Tritium-Fusion mit der Bor-Wasserstoff-Fusion. p und n stehen für Proton und Neutron.</figcaption></figure> <p>Ein wirklich elegantes Verfahren – nur hat es zwei sehr ernsthafte Nachteile. Während das Plasma für die Deuterium-Tritium-Fusion auf ungefähr 100 bis 150 Millionen Grad Celsius aufgeheizt werden muss, braucht die Wasserstoff-Bor-Fusion etwa drei Milliarden Grad<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>. Diese Temperatur hat TAE bisher noch nicht annähernd erreichen können. Und der „selbst-stabilisierende“ Plasmawirbel hält bisher noch keine Sekunde. Wenn man das Plasma genügend dicht zusammenpresst, dann reicht aber diese sehr kurze Zeit zur Initiierung der Fusionsreaktion – so hofft TAE.</p> <p><a href="https://www.heise.de/news/Kernfusion-TAE-Technologies-sieht-kommerziellen-Einsatz-bis-2030-6010480.html">Bereits 2021 hatte TAE einen „Durchbruch“</a> mit der damaligen Versuchsanlage „Norman“ verkündet und wollte daraufhin das Nachfolgemodell „Copernicus“ bauen. Dieses Vorhaben gab das Unternehmen jedoch auf und konstruierte stattdessen eine optimierte Version von „Norman“ unter Namen „Norm“. Die Versuchsanlage Copernicus könne man jetzt überspringen, <a href="https://tae.com/tae-shortens-device-roadmap-prepares-for-commercial-era/">vermeldete die Firma im letzten November</a>. Der nächste Reaktor, genannt „Da Vinci“, solle der Kern eines kommerziellen Kraftwerks werden und in den „frühen 2030er-Jahren“ Strom ins Netz liefern.</p> <p>Warum wurde Copernicus nicht gebaut? Die technische Erklärung, man sei so gut vorangekommen, dass man die Maschine nicht mehr brauche, scheint mir wenig einleuchtend zu sein. Norm ist zu klein, um überhaupt eine Kernfusion zu erzeugen. Vielleicht reichte ganz einfach das Geld nicht aus. Copernicus sollte rund 200 Millionen US$ kosten. Die von den Investoren bereitgestellten 280 Millionen US$ hätten für den Bau der Anlage <i>und</i> den Betrieb der Firma mit ihren rund 400 Angestellten selbst unter günstigen Umständen wohl nur knapp gereicht<a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a>.</p> <p>Wenn jetzt direkt ein kommerzieller Reaktor gebaut werden soll, muss das Unternehmen sehr viel Geld in die Hand nehmen, bzw. in die Hand bekommen. Kann die Firmenfusion (Fachbegriff: Merger) mit TMTG dieses Problem lösen? Sehen wir uns die Fakten an:</p> <h3>Die Fusion der Unternehmen</h3> <p>TMTG will TAE bis zu 200 Millionen US$ zur Verfügung stellen und weitere 100 Millionen bei Abschluss des Mergers. Die beiden CEOs der jetzigen Unternehmen, Devin Nunes und Michl Binderbauer werden das neue Unternehmen gemeinschaftlich führen. Vorsitzender des Aufsichtsrat (des Boards) soll Michael B. Schwab werden, der jetzt schon im Board von TAE sitzt. Devin Nunes taxiert den Wert des neuen Unternehmens ziemlich optimistisch auf etwa 6 Milliarden US$. Bis Mitte diesen Jahres soll <a href="https://filemanager-cdn.mziq.com/published/83a9acb7-4ada-4a58-97e4-257b49aec76b/b0c3fa25-54b4-4546-a38a-342f068e634d_tmtg_tae_investor_slide_deck_121825.pdf">die Zusammenlegung der Unternehmen</a> rechtlich abgeschlossen sein.</p> <p>Das Vorgehen wirkt in gleich mehreren Punkten wenig durchdacht.</p> <ul> <li> <p>Eine Fusion sollte eigentlich „Synergien heben“, wie man so schön sagt. Die Stärken beider Unternehmen sollen sich potenzieren, die Schwächen sollen sich ausgleichen. Das ist hier aber nicht erkennbar. TAE kann nicht dazu beitragen, den Geschäftsbetrieb von TMTG zu fördern. Umgekehrt kann TMTG nichts tun, um TAEs Arbeit zu beschleunigen. Wenn es nur um Investitionen geht, ist ein Merger wenig sinnvoll, zumal TMTG kein reines Wirtschaftsunternehmen ist, sondern politische Abhängigkeiten mitbringt.</p> </li> <li> <p>Ein Unternehmen von zwei gleichberechtigten Co-CEOs führen zu lassen, ist im besten Fall schwierig. Devin Nunes ist studierter Agrarwissenschaftler und Berufspolitiker. Er war von Anfang 2013 bis Ende 2020 Mitglied des Repräsentantenhauses und galt als treuer Gefolgsmann von Donald Trump. Seit 2021 ist er CEO bei TMTG. Michl Binderbauer ist Physiker und seit 2017 CEO bei TAE. Die beiden müssen sich also in Zukunft über die Ausrichtung des neuen Unternehmens einigen. <br></br>Bei strenger Aufteilung der Arbeitsbereiche kann die Zusammenarbeit durchaus funktionieren, aber anhaltende Meinungsverschiedenheit führen schnell zu einer Lähmung in der Unternehmensleitung.</p> </li> <li> <p>Die Veröffentlichungen von Devin Nunes erwecken den Eindruck, dass er keine rechte Vorstellung vom Stand der Technik bei TAE hat. So schrieb er am <a href="https://truthsocial.com/@DevinNunes/posts/115740503934870037">18.12.2025 auf Truth Social</a> „TAE hat … fünf Fusionsreaktoren gebaut und betrieben“ und „Die Schlüsselaufgabe für TAE ist es, … sich auf den Bau es ersten netztauglichen Fusionsreaktors im Jahr 2026 zu konzentrieren (50 MW) …“</p> <p>Tatsächlich hat TAE überhaupt keinen Fusionsreaktor gebaut oder betrieben. Die bisherigen Versuchsanlagen haben nur das vorgesehene Verfahren für den Plasmaeinschluss getestet. Die Ergebnisse waren durchaus vielversprechend, aber von der geplanten Bor-Wasserstoff-Fusion ist man noch weit entfernt. Und TAE wird 2026 vielleicht mit dem Bau eines Fusionskraftwerks <i>anfangen</i>, aber kaum vor 2031 damit fertig werden.</p> </li> <li> <p>Die zugesagten Finanzmittel von „bis zu“ 300 Millionen US$ reichen nicht im Entferntesten aus, wie wir gleich sehen werden.</p> </li> </ul> <h3>Die Fusion der Atomkerne</h3> <p>TAE hat bisher nur nachgewiesen, dass ihr futuristisches Konzept des Plasmaeinschlusses funktioniert – bisher aber nur bei 50 Millionen Grad Celsius, nicht bei drei Milliarden Grad.</p> <p>Die Kosten für den neuen Reaktor „Da Vinci“ hat Michl Binderbauer im Jahr 2020 <a href="http://nautil.us/issue/86/energy/the-road-less-traveled-to-fusion-energy">in einem Gespräch mit dem amerikanischen Wissenschaftsportal Nautilus</a> auf circa 2 Milliarden US$ beziffert.</p> <p>Allein die Inflation dürfte den Preis inzwischen auf mehr als 2,5 Milliarden US$ treiben. Das ist weit mehr, als TAE und TMTG an Eigenmitteln zur Verfügung stellen können. Mindestens 80 Prozent der Investitionen müssen also von anderen Firmen eingeworben werden. Die einseitige politische Ausrichtung von TMTG ist dabei nicht unbedingt hilfreich. Das ist aber noch nicht alles.</p> <p>Fünf Jahre Bauzeit sind schon sehr optimistisch angesetzt, wenn man bedenkt, wie viele neue Systeme getestet werden müssen. Eine Skalierung um mehrere Größenordnungen lässt sich eigentlich nie komplett simulieren. Störfaktoren, die bisher kaum ins Gewicht fielen, können plötzlich den gesamten Betrieb lahmlegen. Und wer sagt eigentlich, dass bei 3 Milliarden Grad Celsius nur die <i>erwünschten</i> Reaktionen stattfinden? Bisher hat niemand solche Extrembedingungen erzeugt, Überraschungen sind also zu erwarten. Die Umwandlung der Bewegungsenergie der Alphateilchen in einen externen Stromfluss konnte ebenfalls bisher nicht getestet werden. Der Reaktor wird vermutlich mehrfach umgebaut werden müssen, bevor er zufriedenstellend arbeitet – oder der Ansatz verworfen werden muss.</p> <p>Und dann ist da auch noch die Konkurrenz.</p> <h3>Die Konkurrenz schläft nicht.</h3> <p>TAE will seine Pilotanlage circa 2031 fertigstellen und irgendwann danach einen großen, kommerziell konkurrenzfähigen Fusionsreaktor errichten. Das reicht aber wohl nicht mehr fürs Siegertreppchen.</p> <ul> <li> <p>Die Firma <a href="https://cfs.energy/">Commonwealth Fusion Systems</a> baut zurzeit ihren Demonstrationsreaktor SPARC. Er soll noch in diesem Jahr fertig werden und im nächsten Jahr mehr Energie produzieren als er verbraucht. In den frühen 2030er Jahren soll dann der erste kommerzielle Reaktor ARC entstehen. <a href="https://cfs.energy/chesterfield/overview">Der Standort</a> ist bereits festgelegt.</p> </li> <li> <p><a href="https://www.helionenergy.com/polaris/">Helion Energy</a> betreibt bereits eine Anlage, die als Proof-of-Conecpt Strom aus Kernfusion erzeugen soll. Allerdings hält die Firma sich mit öffentlichen Aussagen zum aktuellen Stand im Moment sehr zurück. Gleichzeitig baut Helion bereits <a href="https://www.geekwire.com/2025/helions-next-big-bet-is-fusion-power-manufacturing-at-scale-but-tech-uncertainty-remains/">an der nächsten Generation ihres Kraftwerks</a>, das schon 2030 Strom erzeugen soll. Mit Microsoft besteht bereits ein Liefervertrag.</p> </li> <li> <p><a href="https://t3n.de/news/fusionsenergie-warum-china-den-westen-bei-dieser-zukunftstechnologie-abhaengt-1696300/">China investiert in den letzten Jahren</a> sehr viel Geld in die Fusionsforschung und hat gute Chancen, den Westen zu überholen. Einzelheiten sind, wie so oft in China, nicht sicher bekannt.</p> </li> <li> <p>Das deutsche Start-up <a href="https://www.proximafusion.com/">Proxima Fusion</a>, eine Ausgründung des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik, hat einen kompletten Bauplan für einen Fusionsreaktor vorgestellt und in einem wissenschaftlichen Journal veröffentlicht. Der Reaktor soll nach dem Stellarator-Prinzip arbeiten, so wie der Forschungsreaktor Wendelstein 7-x in Greifswald. Wenn es die Bundesregierung mit der Förderung der Fusionsenergie ernst meint, könnte der erste Fusionsreaktor in Deutschland bereits zwischen 2031 und 2034 fertiggestellt sein.</p> </li> </ul> <p>Das sind nur einige Beispiele. Auch in England, Japan und Südkorea arbeiten diverse Start-ups an Fusionsreaktoren, die größtenteils in den 2030er Jahren ans Netz gehen sollen.</p> <h3>Fazit</h3> <p>Die Fusion der Unternehmen TMTG und TAE Technologies bringt keinen der beiden Beteiligten wirklich voran und die Konkurrenz muss deswegen keine schlaflosen Nächte bekommen. Aber vielleicht geht es ja auch nicht allein um Geschäfte, sondern eher um die Gunst des Herrschers. Oder <a href="https://truthsocial.com/@DevinNunes/posts/115740503934870037">wie Devin Nunes es formulierte</a>: „Unserer Ansicht nach wird TAE auch eindeutig große politische Unterstützung von Präsident Trump erhalten.“</p> <h3><br></br>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> Bei der notwendigen Temperatur laufen auch Reaktionen ab, bei denen Neutronen entstehen. Es sollen aber, so sagt TAE, etwa hundertmal weniger sein als bei der Konkurrenz.</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Sollte der Reaktor nicht gleich die ganze Fabrik verdampfen lassen, wenn das Plasma im Inneren drei Milliarden Grad Celsius heiß wird? Tatsächlich herrscht im Reaktor ein Hochvakuum, es sind also nur wenige Elementarteilchen unterwegs, die solche Temperaturen erreichen. Die Temperatur ist hier eigentlich nur ein Maß für die Geschwindigkeit und damit für die Bewegungsenergie der Elementarteilchen im Reaktor.</p> <div id="sdendnote3"> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3]</a> Firmen neigen dazu, die Anzahl ihrer Angestellten sehr großzügig anzugeben, um Investoren zu beeindrucken. Wenn ich mal annehme, dass TAE tatsächlich 400 Vollzeitkräfte beschäftigt, wären die Kosten für Löhne, Gebäude, Strom, Wasser, EDV, Verbrauchsmaterial etc. sicher mit 50 Millionen US$ im Jahr anzusetzen. Bei der üblichen inflationsbedingten Kostensteigerung würde ich für „Copernicus“ einen Preis von mindestens 250 Millionen US$ vermuten. Wie man es auch dreht und wendet – die 280 Millionen an Investorengeldern sind extrem knapp. Das könnte durchaus die Entscheidung der Firma gegen „Copernicus“ beeinflusst haben.</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Fusionskraftwerk.jpg" /><h1>Fusionskraftwerk und die Pläne von TMTG » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Die Trump Media and Technology Group (TMTG) will ins Kraftwerksgeschäft einsteigen. Es geht dabei nicht etwa um Kohlekraftwerke, sondern um das nächste große Ding: die Kernfusion. „Ein großer Schritt voran zu einer revolutionären Technik, die Amerikas Energiedominanz für Generationen festschreiben wird“, schrieb Devin Nunes dazu, seines Zeichens CEO von TMTG. </b></p> <p>Bisher betreibt TMTG die Social Media Plattform Truth Social, die als Sprachrohr des amerikanischen Präsidenten gilt. Außerdem bietet das Unternehmen Finanzdienstleistungen an und will eine Kryptowährung herausbringen. Da passen doch Fusionskraftwerke gut ins Portfolio, sollte man meinen. Weil man die aber nicht an jeder Ecke bestellen kann, <a href="https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/kernfusion-die-trumps-steigen-ins-energiegeschaeft-ein-accg-110806506.html">will TMTG mit der Firma TAE Technologies verschmelzen</a>, die seit mehr als 25 Jahren daran arbeitet, Kernfusion als Stromquelle verfügbar zu machen. Müssen wir jetzt befürchten, dass sich die Trump-Familie ein Monopol auf die fortschrittlichste Technik zur Stromversorgung sichert? Devin Nunes sieht dieses Ziel offenbar näherrücken. Aber tatsächlich ist er auf dem Holzweg. </p> <h3>TMTG – Trump Media and Technology Group</h3> <p>Am 8. Januar 2021 legte Twitter Donald Trumps Konto still, weil seine Tweets die Richtlinien des Unternehmens verletzten. Trump hatte die Präsidentschaftswahl im November 2020 verloren und seitdem aus allen Rohren gegen den angeblichen „Wahlbetrug“ geschossen. Twitter ließ Trump trotzdem gewähren – vorerst. Am 6. Januar 2021 stürmte ein gewalttätiger Mob nach einer Brandrede von Trump das Kapitol. Dabei kamen mehrere Menschen ums Leben und das Gebäude wurde verwüstet. Daraufhin wollte Twitter Trump wohl keine Plattform mehr geben. Trump war wieder einmal beleidigt und begann mit den Vorbereitungen für eine eigene Social Media Plattform.</p> <p>Am 21. Oktober 2021 gab er die Gründung der Trump Media and Technology Group bekannt. Sie sollte mit einer <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Special_Purpose_Acquisition_Company">Special Purpose Acquisition Company</a> (abgekürzt SPAC) fusionieren, die bereits öffentlich gehandelt wurde. Damit konnte sein Unternehmen sofort an die Börse gehen, was in den USA sonst ein langwieriger und genau geregelter Vorgang ist. Geschäftsziel war die Schaffung und der Betrieb einer Social Media Plattform namens „Truth Social“. Sie sollte Twitter Konkurrenz machen.</p> <p>Dann begann ein jahrelanges Gezerre mit diversen Behörden, die solche Fusionen untersuchen und genehmigen müssen. So ermittelte die SEC (Securities and Exchange Commission) gegen eine chinesische Gesellschaft, die an der Gründung der SPAC beteiligt war. Eine Bundesstaatsanwaltschaft in New York prüfte, ob TMTG die Geldwäschegesetze verletzt hatte, weil es Geld angenommen hatte, dessen Quelle ein russischer Oligarch war.<aside></aside></p> <p>Es folgten Untersuchungen, Strafen, Klagen und Gerichtsverfahren der Beteiligten gegeneinander. Man hätte mehrere Staffeln einer Comedy-Serie damit füllen können (Das Onlineportal RollingStone hat <a href="https://www.rollingstone.com/politics/politics-news/truth-social-drama-donald-trump-lawsuits-ipo-1234999198/">hier eine Chronologie</a> zusammengestellt). Erst am 26. März 2024, als fast zweieinhalb Jahre nach Trumps Ankündigung, ging TMTG tatsächlich an die Börse. Trumps Aktienanteil wurde mit über drei Milliarden US$ bewertet.</p> <p>Die Aktie notierte am Starttag bei einem Höchstwert von 79,38 US-Dollar. Seitdem bröckelt der Kurs immer mehr ab. Am 8. Januar 2026 zeigte der Ticker 13,40 US$. Das gesamte Aktienkapital addiert sich auf circa 3,8 Milliarden US$ (3,25 Milliarden Euro). Etwa die Hälfte davon hält Donald Trump in einem Fond, den sein Sohn Donald Trump jr. für ihn verwaltet. Der aktuelle vierteljährliche Bericht von TMTG (<a href="https://s3.amazonaws.com/sec.irpass.cc/2660/0001140361-25-040977.htm#FinancialStatements">drittes Quartal 2025</a>) an die SEC weist ein „Total Equity“ (Eigenkapital, Vermögen) von 2,29 Milliarden US$ aus, 1,47 Milliarden US$ davon werden als „Digital Assets“ (Kryptowährungen) ausgewiesen. Das passt: Im Mai 2025 gab TMTG bekannt, Bitcoins im Wert von 2,5 Milliarden US$ erwerben zu wollen. Allerdings ist der Wert der Bitcoins gegen den US$ ab November um circa 20 Prozent gefallen, sodass der aktuelle Wert der „Digital Assets“ um einige Hundert Millionen US$ niedriger ausfällt.</p> <p>Auch bei der Geschäftstätigkeit schreibt TMTG horrende Verluste, in den ersten neun Monaten des Jahres 2025 insgesamt 107 Millionen US$, davon allein 55 Millionen im dritten Quartal. Vor diesem Hintergrund ist der Einstieg ins Kraftwerksgeschäft ein echtes Wagnis, schließlich müssen schon konventionelle Kraftwerke mit hohen Summen vorfinanziert werden.</p> <h3>TAE Technologies, Inc.</h3> <p>Die Firma, die bis 2031 ein völlig neuartiges Fusionskraftwerk bauen will, wurde bereits 1998 gegründet. Damals hieß sie noch „Tri Alpha Energy“. Der etwas kryptische Name weißt auf die Fusionsreaktion, mit das Kraftwerk Strom erzeugen soll. In den fast 28 Jahren seit der Gründung hat TAE nach eigenen Angaben ungefähr 1,3 Milliarden US$ von privaten Kapitalgebern eingeworben. Diese Leistung nötigt mir Respekt ab, denn die Firma hat bisher nicht nachweisen können, dass ihr Konzept tragfähig ist. Bis 2031 wird TAE mindestens noch einmal das Doppelte brauchen, um ein Fusionskraftwerk nach ihren Vorstellungen zu bauen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1773" id="attachment_1773"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope.jpg"><img alt="Bild der drei Wasserstoff-isotope" decoding="async" height="300" sizes="(max-width: 549px) 100vw, 549px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope-300x164.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope-300x164.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope-1024x559.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope-768x419.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope.jpg 1408w" width="549"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1773">Die drei Wasserstoffisotope. Während die meisten Firmen auf die Deuterium-Tritium-Fusion setzen, will TAE bei sehr viel höheren Temperaturen Wasserstoff mit Bor fusionieren.</figcaption></figure> <p>Mal angenommen, Sie könnten zwei bis drei Milliarden Euro erübrigen, wäre das Geld bei TAE gut angelegt? Schwer zu sagen. Die Firma setzt auf eine höchst futuristische Technik – sowohl bei Fusionsreaktion als auch beim Plasmaeinschluss. Die meisten Start-ups in der Fusionsindustrie planen die Fusion von Deuterium und Tritium. Dazu muss man das Plasma am wenigsten aufheizen, „nur“ auf etwa 100 bis 150 Millionen Grad Celsius. <a href="https://www.scinexx.de/dossierartikel/das-problem-des-tritiums/">Andererseits ist Tritium extrem selten</a>, und außerdem radioaktiv. Es zerfällt innerhalb von nur 12,3 Jahren auf die Hälfte seines Bestandes. Dafür ist diese Technologie <a href="https://euro-fusion.org/jet/#">gut erprobt</a>.</p> <p>TAE will in seinem Reaktor gewöhnlichen Wasserstoff mit dem Element Bor zu verschmelzen. Dabei entstehen drei Heliumkerne (sogenannte Alphateilchen), die mit hoher Geschwindigkeit davonfliegen. Diese Bewegung enthält den Hauptteil der freigesetzten Energie.</p> <p>TAE setzt auf eine selbst-stabilisierende Plasmageometrie, um die Fusionsreaktion zu in Gang zu bringen. Das erspart dem Reaktor die massiven supraleitenden Magnetspulen, die andere Fusionsreaktoren so klobig aussehen lassen.</p> <p>Die Reaktion setzt außerdem keine Neutronen<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a> frei. Das ist wichtig, weil Neutronen sich nicht mit Magnetfeldern einfangen lassen und als ungeladene Teilchen keinen Strom in externen Stromleitern induzieren. Neutronen heizen das Plasma auf und schlagen in die Reaktorwände ein, die dabei radioaktiv werden. Die Wärmeenergie heizt wie in traditionellen Kraftwerken eine Kühlflüssigkeit auf, die wiederum eine Turbine treibt, eventuell über mehrere Stufen. Die Bewegungsenergie der positiv geladenen Heliumatome lässt sich dagegen direkt in einen Stromfluss umsetzen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1772" id="attachment_1772"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_fusion.jpg"><img alt="Vergleich der Fusionsreaktionen" decoding="async" height="114" sizes="(max-width: 510px) 100vw, 510px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_fusion-300x67.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_fusion-300x67.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_fusion.jpg 663w" width="510"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1772">Vergleich der Deuterium-Tritium-Fusion mit der Bor-Wasserstoff-Fusion. p und n stehen für Proton und Neutron.</figcaption></figure> <p>Ein wirklich elegantes Verfahren – nur hat es zwei sehr ernsthafte Nachteile. Während das Plasma für die Deuterium-Tritium-Fusion auf ungefähr 100 bis 150 Millionen Grad Celsius aufgeheizt werden muss, braucht die Wasserstoff-Bor-Fusion etwa drei Milliarden Grad<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>. Diese Temperatur hat TAE bisher noch nicht annähernd erreichen können. Und der „selbst-stabilisierende“ Plasmawirbel hält bisher noch keine Sekunde. Wenn man das Plasma genügend dicht zusammenpresst, dann reicht aber diese sehr kurze Zeit zur Initiierung der Fusionsreaktion – so hofft TAE.</p> <p><a href="https://www.heise.de/news/Kernfusion-TAE-Technologies-sieht-kommerziellen-Einsatz-bis-2030-6010480.html">Bereits 2021 hatte TAE einen „Durchbruch“</a> mit der damaligen Versuchsanlage „Norman“ verkündet und wollte daraufhin das Nachfolgemodell „Copernicus“ bauen. Dieses Vorhaben gab das Unternehmen jedoch auf und konstruierte stattdessen eine optimierte Version von „Norman“ unter Namen „Norm“. Die Versuchsanlage Copernicus könne man jetzt überspringen, <a href="https://tae.com/tae-shortens-device-roadmap-prepares-for-commercial-era/">vermeldete die Firma im letzten November</a>. Der nächste Reaktor, genannt „Da Vinci“, solle der Kern eines kommerziellen Kraftwerks werden und in den „frühen 2030er-Jahren“ Strom ins Netz liefern.</p> <p>Warum wurde Copernicus nicht gebaut? Die technische Erklärung, man sei so gut vorangekommen, dass man die Maschine nicht mehr brauche, scheint mir wenig einleuchtend zu sein. Norm ist zu klein, um überhaupt eine Kernfusion zu erzeugen. Vielleicht reichte ganz einfach das Geld nicht aus. Copernicus sollte rund 200 Millionen US$ kosten. Die von den Investoren bereitgestellten 280 Millionen US$ hätten für den Bau der Anlage <i>und</i> den Betrieb der Firma mit ihren rund 400 Angestellten selbst unter günstigen Umständen wohl nur knapp gereicht<a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a>.</p> <p>Wenn jetzt direkt ein kommerzieller Reaktor gebaut werden soll, muss das Unternehmen sehr viel Geld in die Hand nehmen, bzw. in die Hand bekommen. Kann die Firmenfusion (Fachbegriff: Merger) mit TMTG dieses Problem lösen? Sehen wir uns die Fakten an:</p> <h3>Die Fusion der Unternehmen</h3> <p>TMTG will TAE bis zu 200 Millionen US$ zur Verfügung stellen und weitere 100 Millionen bei Abschluss des Mergers. Die beiden CEOs der jetzigen Unternehmen, Devin Nunes und Michl Binderbauer werden das neue Unternehmen gemeinschaftlich führen. Vorsitzender des Aufsichtsrat (des Boards) soll Michael B. Schwab werden, der jetzt schon im Board von TAE sitzt. Devin Nunes taxiert den Wert des neuen Unternehmens ziemlich optimistisch auf etwa 6 Milliarden US$. Bis Mitte diesen Jahres soll <a href="https://filemanager-cdn.mziq.com/published/83a9acb7-4ada-4a58-97e4-257b49aec76b/b0c3fa25-54b4-4546-a38a-342f068e634d_tmtg_tae_investor_slide_deck_121825.pdf">die Zusammenlegung der Unternehmen</a> rechtlich abgeschlossen sein.</p> <p>Das Vorgehen wirkt in gleich mehreren Punkten wenig durchdacht.</p> <ul> <li> <p>Eine Fusion sollte eigentlich „Synergien heben“, wie man so schön sagt. Die Stärken beider Unternehmen sollen sich potenzieren, die Schwächen sollen sich ausgleichen. Das ist hier aber nicht erkennbar. TAE kann nicht dazu beitragen, den Geschäftsbetrieb von TMTG zu fördern. Umgekehrt kann TMTG nichts tun, um TAEs Arbeit zu beschleunigen. Wenn es nur um Investitionen geht, ist ein Merger wenig sinnvoll, zumal TMTG kein reines Wirtschaftsunternehmen ist, sondern politische Abhängigkeiten mitbringt.</p> </li> <li> <p>Ein Unternehmen von zwei gleichberechtigten Co-CEOs führen zu lassen, ist im besten Fall schwierig. Devin Nunes ist studierter Agrarwissenschaftler und Berufspolitiker. Er war von Anfang 2013 bis Ende 2020 Mitglied des Repräsentantenhauses und galt als treuer Gefolgsmann von Donald Trump. Seit 2021 ist er CEO bei TMTG. Michl Binderbauer ist Physiker und seit 2017 CEO bei TAE. Die beiden müssen sich also in Zukunft über die Ausrichtung des neuen Unternehmens einigen. <br></br>Bei strenger Aufteilung der Arbeitsbereiche kann die Zusammenarbeit durchaus funktionieren, aber anhaltende Meinungsverschiedenheit führen schnell zu einer Lähmung in der Unternehmensleitung.</p> </li> <li> <p>Die Veröffentlichungen von Devin Nunes erwecken den Eindruck, dass er keine rechte Vorstellung vom Stand der Technik bei TAE hat. So schrieb er am <a href="https://truthsocial.com/@DevinNunes/posts/115740503934870037">18.12.2025 auf Truth Social</a> „TAE hat … fünf Fusionsreaktoren gebaut und betrieben“ und „Die Schlüsselaufgabe für TAE ist es, … sich auf den Bau es ersten netztauglichen Fusionsreaktors im Jahr 2026 zu konzentrieren (50 MW) …“</p> <p>Tatsächlich hat TAE überhaupt keinen Fusionsreaktor gebaut oder betrieben. Die bisherigen Versuchsanlagen haben nur das vorgesehene Verfahren für den Plasmaeinschluss getestet. Die Ergebnisse waren durchaus vielversprechend, aber von der geplanten Bor-Wasserstoff-Fusion ist man noch weit entfernt. Und TAE wird 2026 vielleicht mit dem Bau eines Fusionskraftwerks <i>anfangen</i>, aber kaum vor 2031 damit fertig werden.</p> </li> <li> <p>Die zugesagten Finanzmittel von „bis zu“ 300 Millionen US$ reichen nicht im Entferntesten aus, wie wir gleich sehen werden.</p> </li> </ul> <h3>Die Fusion der Atomkerne</h3> <p>TAE hat bisher nur nachgewiesen, dass ihr futuristisches Konzept des Plasmaeinschlusses funktioniert – bisher aber nur bei 50 Millionen Grad Celsius, nicht bei drei Milliarden Grad.</p> <p>Die Kosten für den neuen Reaktor „Da Vinci“ hat Michl Binderbauer im Jahr 2020 <a href="http://nautil.us/issue/86/energy/the-road-less-traveled-to-fusion-energy">in einem Gespräch mit dem amerikanischen Wissenschaftsportal Nautilus</a> auf circa 2 Milliarden US$ beziffert.</p> <p>Allein die Inflation dürfte den Preis inzwischen auf mehr als 2,5 Milliarden US$ treiben. Das ist weit mehr, als TAE und TMTG an Eigenmitteln zur Verfügung stellen können. Mindestens 80 Prozent der Investitionen müssen also von anderen Firmen eingeworben werden. Die einseitige politische Ausrichtung von TMTG ist dabei nicht unbedingt hilfreich. Das ist aber noch nicht alles.</p> <p>Fünf Jahre Bauzeit sind schon sehr optimistisch angesetzt, wenn man bedenkt, wie viele neue Systeme getestet werden müssen. Eine Skalierung um mehrere Größenordnungen lässt sich eigentlich nie komplett simulieren. Störfaktoren, die bisher kaum ins Gewicht fielen, können plötzlich den gesamten Betrieb lahmlegen. Und wer sagt eigentlich, dass bei 3 Milliarden Grad Celsius nur die <i>erwünschten</i> Reaktionen stattfinden? Bisher hat niemand solche Extrembedingungen erzeugt, Überraschungen sind also zu erwarten. Die Umwandlung der Bewegungsenergie der Alphateilchen in einen externen Stromfluss konnte ebenfalls bisher nicht getestet werden. Der Reaktor wird vermutlich mehrfach umgebaut werden müssen, bevor er zufriedenstellend arbeitet – oder der Ansatz verworfen werden muss.</p> <p>Und dann ist da auch noch die Konkurrenz.</p> <h3>Die Konkurrenz schläft nicht.</h3> <p>TAE will seine Pilotanlage circa 2031 fertigstellen und irgendwann danach einen großen, kommerziell konkurrenzfähigen Fusionsreaktor errichten. Das reicht aber wohl nicht mehr fürs Siegertreppchen.</p> <ul> <li> <p>Die Firma <a href="https://cfs.energy/">Commonwealth Fusion Systems</a> baut zurzeit ihren Demonstrationsreaktor SPARC. Er soll noch in diesem Jahr fertig werden und im nächsten Jahr mehr Energie produzieren als er verbraucht. In den frühen 2030er Jahren soll dann der erste kommerzielle Reaktor ARC entstehen. <a href="https://cfs.energy/chesterfield/overview">Der Standort</a> ist bereits festgelegt.</p> </li> <li> <p><a href="https://www.helionenergy.com/polaris/">Helion Energy</a> betreibt bereits eine Anlage, die als Proof-of-Conecpt Strom aus Kernfusion erzeugen soll. Allerdings hält die Firma sich mit öffentlichen Aussagen zum aktuellen Stand im Moment sehr zurück. Gleichzeitig baut Helion bereits <a href="https://www.geekwire.com/2025/helions-next-big-bet-is-fusion-power-manufacturing-at-scale-but-tech-uncertainty-remains/">an der nächsten Generation ihres Kraftwerks</a>, das schon 2030 Strom erzeugen soll. Mit Microsoft besteht bereits ein Liefervertrag.</p> </li> <li> <p><a href="https://t3n.de/news/fusionsenergie-warum-china-den-westen-bei-dieser-zukunftstechnologie-abhaengt-1696300/">China investiert in den letzten Jahren</a> sehr viel Geld in die Fusionsforschung und hat gute Chancen, den Westen zu überholen. Einzelheiten sind, wie so oft in China, nicht sicher bekannt.</p> </li> <li> <p>Das deutsche Start-up <a href="https://www.proximafusion.com/">Proxima Fusion</a>, eine Ausgründung des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik, hat einen kompletten Bauplan für einen Fusionsreaktor vorgestellt und in einem wissenschaftlichen Journal veröffentlicht. Der Reaktor soll nach dem Stellarator-Prinzip arbeiten, so wie der Forschungsreaktor Wendelstein 7-x in Greifswald. Wenn es die Bundesregierung mit der Förderung der Fusionsenergie ernst meint, könnte der erste Fusionsreaktor in Deutschland bereits zwischen 2031 und 2034 fertiggestellt sein.</p> </li> </ul> <p>Das sind nur einige Beispiele. Auch in England, Japan und Südkorea arbeiten diverse Start-ups an Fusionsreaktoren, die größtenteils in den 2030er Jahren ans Netz gehen sollen.</p> <h3>Fazit</h3> <p>Die Fusion der Unternehmen TMTG und TAE Technologies bringt keinen der beiden Beteiligten wirklich voran und die Konkurrenz muss deswegen keine schlaflosen Nächte bekommen. Aber vielleicht geht es ja auch nicht allein um Geschäfte, sondern eher um die Gunst des Herrschers. Oder <a href="https://truthsocial.com/@DevinNunes/posts/115740503934870037">wie Devin Nunes es formulierte</a>: „Unserer Ansicht nach wird TAE auch eindeutig große politische Unterstützung von Präsident Trump erhalten.“</p> <h3><br></br>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> Bei der notwendigen Temperatur laufen auch Reaktionen ab, bei denen Neutronen entstehen. Es sollen aber, so sagt TAE, etwa hundertmal weniger sein als bei der Konkurrenz.</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Sollte der Reaktor nicht gleich die ganze Fabrik verdampfen lassen, wenn das Plasma im Inneren drei Milliarden Grad Celsius heiß wird? Tatsächlich herrscht im Reaktor ein Hochvakuum, es sind also nur wenige Elementarteilchen unterwegs, die solche Temperaturen erreichen. Die Temperatur ist hier eigentlich nur ein Maß für die Geschwindigkeit und damit für die Bewegungsenergie der Elementarteilchen im Reaktor.</p> <div id="sdendnote3"> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3]</a> Firmen neigen dazu, die Anzahl ihrer Angestellten sehr großzügig anzugeben, um Investoren zu beeindrucken. Wenn ich mal annehme, dass TAE tatsächlich 400 Vollzeitkräfte beschäftigt, wären die Kosten für Löhne, Gebäude, Strom, Wasser, EDV, Verbrauchsmaterial etc. sicher mit 50 Millionen US$ im Jahr anzusetzen. Bei der üblichen inflationsbedingten Kostensteigerung würde ich für „Copernicus“ einen Preis von mindestens 250 Millionen US$ vermuten. Wie man es auch dreht und wendet – die 280 Millionen an Investorengeldern sind extrem knapp. Das könnte durchaus die Entscheidung der Firma gegen „Copernicus“ beeinflusst haben.</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/baut-trump-jetzt-fusionskraftwerke/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>40</slash:comments> </item> <item> <title>Reizflut kann Hirnstrukturen verändern https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/reizflut-kann-hirnstrukturen-veraendern/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/reizflut-kann-hirnstrukturen-veraendern/#respond Thu, 08 Jan 2026 15:30:00 +0000 Gast https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5467 <h1>Reizflut kann Hirnstrukturen verändern » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Gast</h2><div itemprop="text"> <p>Das menschliche Gehirn ist täglich einer Flut an Reizen ausgesetzt: Bilder, Geräusche, Gerüche und digitale Informationen prasseln nonstop auf uns ein. Doch was passiert eigentlich im Gehirn, wenn es permanent mit Informationen überflutet wird? Das war auch Thema des diesjährigen NeuroForum Frankfurt „Reizflut – Herausforderung für Gehirn und Gesellschaft“, an dem <strong>Prof. Dr. Malek Bajbouj </strong>teilnahm. Er ist Einsteinprofessor und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. In unserem Interview erläutert Prof. Bajbouj die gesundheitlichen Risiken durch Reizüberflutung, die Rolle der eigenen Persönlichkeit, und warum bewusste Rituale helfen können, den Alltag zu entschleunigen.  </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Portrait_Bajbouj_neu-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Portrait_Bajbouj_neu-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Portrait_Bajbouj_neu-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Portrait_Bajbouj_neu-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Portrait_Bajbouj_neu-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Portrait_Bajbouj_neu-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Portrait_Bajbouj_neu-2048x1152.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><sup>Prof. Dr. Malek Bajbouj, <strong>©</strong> Charité/Mariia Streitsova </sup></figcaption></figure> <h4 id="h-es-ist-9-uhr-morgens-waren-sie-heute-schon-einer-nbsp-reizflut-nbsp-ausgesetzt-nbsp"><strong>Es ist 9 Uhr morgens, waren Sie heute schon einer Reizflut ausgesetzt?</strong> </h4> <p>Das ist fast schon eine philosophische Frage, denn jeder Mensch wird ja fast immer Reizen ausgesetzt. Aber ich glaube, bis jetzt hatte ich eher ein mittleres Maß an Reizen. Ich bin morgens mit dem Fahrrad in die Klinik zur Arbeit gefahren. Das war in Phasen eine sehr reizvolle Umgebung, aber auch eine reizarme, weil ein Teil des Weges durch den Berliner Tiergarten geht. Im Anschluss hatte ich wenige Besprechungen, eine Frühkonferenz, zwei Patientinnen, die ich gesehen habe. Das war ein moderates Maß, von dem ich nicht sagen würde, dass es eine Flut gewesen sei. </p> <h4 id="h-was-macht-nbsp-reizflut-nbsp-eigentlich-aus-ab-wann-werden-reize-fur-unser-hirn-nbsp-als-zu-viel-empfunden-nbsp-nbsp-nbsp"><strong>Was macht Reizflut eigentlich aus? Ab wann werden Reize für unser Hirn als zu viel empfunden?  </strong> </h4> <p>Der Begriff <em>Reizflut</em> beschreibt ja zunächst einmal nur die Menge, also viel oder wenig. Schaut man genauer hin, ist aber mindestens genauso entscheidend, ob die Reize für uns relevant sind oder nicht. Es macht einen Unterschied, ob ich Reizen ausgesetzt werde, die für mich persönlich bedeutsam sind, oder ob es um völlig irrelevante Dinge geht, wie zum Beispiel die Montageanleitung für einen IKEA-Schrank. In letzteren Fällen kann das Gehirn irgendwann sagen: „Okay, das ist unwichtig, das blende ich leichter aus.“ Anders verhält es sich, wenn die Reize dauerhaft relevant sind, dann fällt das Ausblenden deutlich schwerer. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die emotionale Färbung der Reize. Viele positive oder viele negative Reize können selbst in kleiner Menge das Gehirn stark beanspruchen, während eine große Anzahl irrelevanter, bedeutungsloser oder emotional neutraler Reize weniger Wirkung zeigt. </p> <h4 id="h-manche-menschen-sitzen-in-gesellschaft-im-restaurant-und-konnen-sich-kaum-wehren-jedes-gesprach-am-nachbartisch-im-wortlaut-mitzubekommen-warum-gelingt-es-ihnen-nur-schwer-solche-reize-auszublenden-nbsp-nbsp-wahrend-andere-nbsp-das-nbsp-drumherum-kaum-nbsp-registrieren-nbsp"><strong>Manche Menschen sitzen in Gesellschaft im Restaurant und können sich kaum wehren, jedes Gespräch am Nachbartisch im Wortlaut mitzubekommen. Warum gelingt es ihnen nur schwer, solche Reize auszublenden – während andere das Drumherum kaum registrieren?</strong> </h4> <p>Das hängt vermutlich auch mit Persönlichkeitseigenschaften zusammen, möglicherweise aber auch mit den Faktoren, die ich zuvor genannt habe. Nehmen wir nochmal das Beispiel mit der Montageanleitung: Zwei Personen am Nachbartisch gehen sie gemeinsam durch, und meine Neigung zuzuhören ist minimal. Wenn ich aber einen Sohn habe, der für ein halbes Jahr nach Kanada geht, und nebenan wird genau über Kanada und Schüleraustausch bei 15-Jährigen gesprochen, höre ich natürlich gebannt zu und kann mich kaum abwenden. Es muss für mich eine persönliche Relevanz haben. Oder nebenan wird über eine Trennung gesprochen, und die Personen sind in Tränen aufgelöst, dann höre ich auch eher zu als bei neutralen Gesprächen. Es kommt also auf den Inhalt an und darauf, welche Bedeutung er für mich persönlich hat. Dazu kommen Persönlichkeitseigenschaften: bin ich eher neugierig oder nicht? Und vielleicht spielt auch das Gegenüber eine Rolle: Ist das Gespräch mit der Person, mit der ich selbst rede, langweilig, lenkt mich die Unterhaltung nebenan eher ab. </p> <h4 id="h-welche-auswirkung-hat-reizuberflutung-auf-unser-gehirn-nbsp-und-auf-unsere-gesundheit-nbsp-nbsp"><strong>Welche Auswirkung hat Reizüberflutung auf unser Gehirn und auf unsere Gesundheit? </strong> </h4> <p>Das Gehirn ist so aufgebaut, dass es quasi einen Gatekeeper hat – Strukturen im Thalamus, die herausfiltern, welche Reize relevant sind und welche nicht. Evolutionär sind wir darauf ausgelegt, dass uns ständig mehr Reize umgeben, als wir bewusst verarbeiten können. Wenn wir Reizflut nun als eine Situation definieren, in der die üblichen Filterstrukturen überfordert sind, kann das eine ganze Reihe von Hirnfunktionen verändern: Die Fähigkeit zu fokussieren kann abnehmen, die Aufmerksamkeit und die Gedächtnisleistung können beeinträchtigt werden, und auch die Stimmung kann sich beispielsweise in Richtung Depressivität verschieben. Ein basales Reaktionsmuster ist dabei das sogenannte <em>Arousal-System</em>, das Gehirnsystem, das das allgemeine Aktivierungsniveau des zentralen Nervensystems steuert und somit auch für Anspannung verantwortlich ist. Bei zu vielen Reizen steigt dieser Wert deutlich an. <aside></aside></p> <h4 id="h-welche-erfahrungen-machen-sie-in-ihrer-nbsp-klinischen-nbsp-arbeit-nbsp-mit-patientinnen-und-patienten-die-nbsp-von-nbsp-reizuberflutung-nbsp-betroffen-sind-nbsp-nbsp"><strong>Welche Erfahrungen machen Sie in Ihrer klinischen Arbeit mit Patientinnen und Patienten, die von Reizüberflutung betroffen sind? </strong> </h4> <p>Eine eigene Kategorie „reizflutbezogene Erkrankungen“ gibt es zwar nicht, aber wir begegnen dem Phänomen in unterschiedlichen Varianten. Eine davon sind Abhängigkeiten, darunter auch die sogenannten Verhaltenssüchte oder nicht-stoffgebundenen Abhängigkeitsabhängigkeiten. Menschen konsumieren zum Beispiel übermäßig digitale Inhalte wie Handyinhalte oder Computerspiele und geraten dadurch in eine Art Abhängigkeit. Wenn sie nicht die gewohnte Intensität und Dosis an Informationen pro Tag erhalten, entsteht ein sogenanntes Craving, also ein starkes Verlangen, und es können Entzugssymptome auftreten. Bleibt die gewünschte Reizzufuhr aus, kommt es häufig auch zu einer Vernachlässigung sozialer Aktivitäten. In dieser Kategorie sehen wir im klinischen Kontext eine besonders hohe Dichte an Reizen. Eine zweite Variante betrifft Menschen mit Schizophrenien. Hier spielt der bereits erwähnte Thalamus eine Rolle, der normalerweise Informationen filtert. Bei diesen Patientinnen und Patienten funktioniert dieser Filtermechanismus nur eingeschränkt, sodass Informationen wie durch ein großmaschiges Sieb ungefiltert ins Gehirn gelangen und es überfordern. Das kann über mehrere Kaskaden hinweg zu Halluzinationen und Wahnvorstellungen führen. In diesem Zusammenhang wird deutlich, dass Reizüberflutung ein relevanter Faktor für die Psychopathologie sein kann. </p> <h4 id="h-kann-man-sagen-dass-manche-menschen-besonders-anfallig-fur-erkrankungen-im-zusammenhang-mit-reizuberflutung-sind-nbsp"><strong>Kann man sagen, dass manche Menschen besonders anfällig für Erkrankungen im Zusammenhang mit Reizüberflutung sind?</strong> </h4> <p>Für beide Erkrankungen, die ich zuvor genannt habe, spielt die genetische Prädisposition eine Rolle, also eine gewisse Veranlagung. Noch wichtiger sind jedoch Umgebungsfaktoren: Erfahrungen, die man im Leben gemacht hat, erlernte Verhaltensweisen oder das, was man nicht erlernt hat. Wir betrachten solche Erkrankungen immer im Rahmen des biopsychosozialen Modells: Krankheiten entstehen nie durch eine einzige Ursache, sondern durch ein Zusammenspiel von Genen, Umwelt und individuellem Lernen. </p> <h4 id="h-was-halten-sie-von-einem-handy-oder-auch-nbsp-social-media-verbot-fur-kinder-und-jugendliche-nbsp-nbsp"><strong>Was halten Sie von einem Handy- oder auch Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche? </strong> </h4> <p>Ich hoffe, dass wir in einigen Jahren auf unsere heutige Zeit und die weitgehend unregulierte Nutzung sozialer Medien ähnlich zurückblicken wie auf das Rauchen: „Wow, man hat damals wirklich in Restaurants geraucht und durfte wirklich im Auto rauchen!“ Natürlich sind soziale Medien nicht per se negativ, aber angesichts der noch nicht abgeschlossenen Hirnreifung sehr junger Menschen und der Art, wie soziale Medien gestaltet sind, überwiegen aus meiner Sicht die Nachteile gegenüber den Vorteilen für junge, noch vulnerable Gehirne. Auf der einen Seite sehe ich, mit welcher Selbstverständlichkeit die junge Generation über Grenzen hinweg kommuniziert und sich zu Themen vernetzt. Das ist eine großartige Entwicklung, die man nicht missen möchte. Auf der anderen Seite sind soziale Medien jedoch oft nicht darauf ausgelegt, wertvolle soziale Verbundenheit zu fördern oder den Blick über den digitalen Raum hinaus zu stärken. Ihre Algorithmen zielen vielmehr auf Polarisierung und schnelle Belohnung durch Aufmerksamkeit ab – und genau das macht sie für junge Menschen besonders problematisch. Deshalb erwarte und hoffe ich, dass wir in Zukunft einen restriktiveren und bewussteren Umgang mit sozialen Medien sehen werden. </p> <h4 id="h-gibt-es-aus-ihrer-sicht-ein-mindestalter-ab-dem-kinder-soziale-medien-nutzen-sollten-nbsp"><strong>Gibt es aus Ihrer Sicht ein Mindestalter, ab dem Kinder soziale Medien nutzen sollten?</strong> </h4> <p>Es gibt unterschiedliche Einschätzungen von Fachleuten – die Empfehlungen reichen meist von etwa zwölf bis sechzehn Jahren. Letztlich hängt es stark vom individuellen Entwicklungsstand des Kindes ab. Entscheidend ist, dass Kinder zunächst eine Phase erleben, in der sie soziale Fähigkeiten ohne digitale Medien aufbauen können: also echte Begegnungen, gemeinsames Spielen, Sport, gemeinsames durch den Wald laufen und etwas bauen, aber auch Konflikte aushandeln. In dieser Zeit lernen sie, dass ihr Belohnungssystem auch auf natürliche Weise aktiviert werden kann – durch Erlebnisse, Beziehungen oder Erfolgserlebnisse im echten Leben. Deshalb halte ich ein Einstiegsalter eher ab etwa 15 Jahren für sinnvoll, nicht schon mit 10 oder 11. </p> <h4 id="h-reize-uberall-dazu-rasanter-fortschritt-kann-unser-gehirn-evolutionar-gesehen-unserer-schnelllebigen-zeit-eigentlich-nbsp-noch-nbsp-folgen-nbsp-oder-hinkt-es-eher-hinterher-nbsp-nbsp"><strong>Reize überall, dazu rasanter Fortschritt – kann unser Gehirn evolutionär gesehen unserer schnelllebigen Zeit eigentlich noch folgen, oder hinkt es eher hinterher? </strong> </h4> <p>Ja und nein. Unser Gehirn ist unglaublich plastisch und reagiert ständig auf die Reize und Anforderungen, die uns umgeben. Zur Zeit Gutenbergs gab es noch keinen MRT-Scanner, daher wissen wir nicht genau, wie die Einführung des Buches das Gehirn verändert hat, aber wir wissen, dass neue Fähigkeiten immer auch Spuren im Gehirn hinterlassen. So zeigen etwa Studien, dass sich durch häufiges Computerspielen motorische Areale vergrößern, sich die selektive Aufmerksamkeit verändert und auch bestimmte Repräsentationsareale im Gehirn anpassen. Das bedeutet: Das Gehirn reagiert, es passt sich an und zwar fortlaufend. Die wichtigere Frage ist jedoch, ob diese neuroplastischen Veränderungen immer funktional sind und ob sie ausreichen. Wenn sich der motorische Kortex durch häufiges „Daddeln“ vergrößert, ist das zunächst nur ein Zeichen für Anpassung, es sagt aber nichts darüber aus, ob diese Veränderung nützlich oder schädlich ist. Sie ist einfach eine Reaktion auf äußere Reize. Evolutionäre Mechanismen dagegen brauchen viel Zeit. Solche grundlegenden Anpassungen geschehen nicht innerhalb von zwei oder drei Generationen. </p> <h4 id="h-wie-konnen-wir-uns-im-alltag-vor-der-uberflutung-von-reizen-schutzen-man-konnte-zwar-haufiger-das-handy-zur-seite-legen-aber-es-scheint-ja-nicht-so-einfach-zu-sein-nbsp"><strong>Wie können wir uns im Alltag vor der Überflutung von Reizen schützen? Man könnte zwar häufiger das Handy zur Seite legen, aber es scheint ja nicht so einfach zu sein…</strong> </h4> <p>Durch <em>protected time</em>, also geschützte Zeiten, und bewusste Rituale wie zum Beispiel Zeiten für Sport, Hobbys oder persönliche Begegnungen, die fest im Alltag verankert sind, damit eine Reizüberflutung gar keine Chance hat. Ich erinnere mich an die Aussage eines Sohns einer Bekannten, der irgendwann sagte: „Das Fußballspielen klaut total meine Zeit. Ich komme gar nicht mehr so richtig zum Zocken.“ Das bringt es eigentlich auf den Punkt. Es ist wenig wirksam, Kindern oder Jugendlichen einfach das Handy wegzunehmen und zu sagen: „Mach doch was anderes.“ Viel hilfreicher ist es, Gewohnheiten zu fördern und Rituale zu schaffen, die selbstverständlich werden – bis solche Sätze ganz von allein entstehen. Wenn ich zum Beispiel morgens mit dem Fahrrad fahre anstatt mit der U-Bahn, in der ich sonst E-Mails checken würde, oder in einem Auto, in dem gleichzeitig links ein Podcast läuft und rechts ein Telefonat geführt wird. Oder wenn ich mir am Wochenende bewusst Zeit für Aktivitäten draußen in Bewegung und mit anderen Menschen nehme, dann sind das kleine, aber überaus wirksamen Schritte, die helfen, unser Gehirn vor der Reizüberflutung zu schützen.  </p> <h4 id="h-wissen-tun-das-sicher-einige-aber-umsetzen-nbsp"><strong>Wissen tun das sicher einige, aber umsetzen…</strong> </h4> <p>Ja, es ist nicht unbedingt ein Erkenntnisproblem. Am Ende braucht es noch den Willen und die Entscheidung, die Dinge zum Positiven verändern zu wollen.   </p> <h4 id="h-welche-positiven-nbsp-effekte-nbsp-wurden-uns-nbsp-unmittelbar-nbsp-belohnen-nbsp-nbsp"><strong>Welche positiven Effekte würden uns unmittelbar belohnen? </strong> </h4> <p>In einer reizarme Umgebung sinkt das Arousal, also das Anspannungslevel. Gleichzeitig steigt die Fähigkeit, sich Dinge zu merken und fokussiert zu arbeiten. Man kann sogar anhand von Biomarkern messen, dass sich die Herzratenvariabilität günstig verändert, dazu gibt es eine ganze Reihe von spannenden Studien. Man muss dafür auch nicht sieben Tage die Woche 24 Stunden in der Tonne verbringen, aber es ist, wie schon die alten Griechen sagten: Das gesunde Mittelmaß macht‘s. Für Menschen bedeutet das einen Wechsel zwischen intensiveren Phasen und ruhigeren Abschnitten, und dieser Rhythmus ist individuell verschieden. Manche fühlen sich unwohl, wenn es zu ruhig ist, andere, wenn es zu laut und bunt ist. Aber da gibt es sicher für jede und jeden einen sinnvollen Korridor.   </p> <p><strong>Das Interview führte Rena Beeg für die <a href="https://www.ghst.de/interviews">Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a></strong>. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Reizflut kann Hirnstrukturen verändern » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Gast</h2><div itemprop="text"> <p>Das menschliche Gehirn ist täglich einer Flut an Reizen ausgesetzt: Bilder, Geräusche, Gerüche und digitale Informationen prasseln nonstop auf uns ein. Doch was passiert eigentlich im Gehirn, wenn es permanent mit Informationen überflutet wird? Das war auch Thema des diesjährigen NeuroForum Frankfurt „Reizflut – Herausforderung für Gehirn und Gesellschaft“, an dem <strong>Prof. Dr. Malek Bajbouj </strong>teilnahm. Er ist Einsteinprofessor und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. In unserem Interview erläutert Prof. Bajbouj die gesundheitlichen Risiken durch Reizüberflutung, die Rolle der eigenen Persönlichkeit, und warum bewusste Rituale helfen können, den Alltag zu entschleunigen.  </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Portrait_Bajbouj_neu-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Portrait_Bajbouj_neu-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Portrait_Bajbouj_neu-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Portrait_Bajbouj_neu-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Portrait_Bajbouj_neu-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Portrait_Bajbouj_neu-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Portrait_Bajbouj_neu-2048x1152.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><sup>Prof. Dr. Malek Bajbouj, <strong>©</strong> Charité/Mariia Streitsova </sup></figcaption></figure> <h4 id="h-es-ist-9-uhr-morgens-waren-sie-heute-schon-einer-nbsp-reizflut-nbsp-ausgesetzt-nbsp"><strong>Es ist 9 Uhr morgens, waren Sie heute schon einer Reizflut ausgesetzt?</strong> </h4> <p>Das ist fast schon eine philosophische Frage, denn jeder Mensch wird ja fast immer Reizen ausgesetzt. Aber ich glaube, bis jetzt hatte ich eher ein mittleres Maß an Reizen. Ich bin morgens mit dem Fahrrad in die Klinik zur Arbeit gefahren. Das war in Phasen eine sehr reizvolle Umgebung, aber auch eine reizarme, weil ein Teil des Weges durch den Berliner Tiergarten geht. Im Anschluss hatte ich wenige Besprechungen, eine Frühkonferenz, zwei Patientinnen, die ich gesehen habe. Das war ein moderates Maß, von dem ich nicht sagen würde, dass es eine Flut gewesen sei. </p> <h4 id="h-was-macht-nbsp-reizflut-nbsp-eigentlich-aus-ab-wann-werden-reize-fur-unser-hirn-nbsp-als-zu-viel-empfunden-nbsp-nbsp-nbsp"><strong>Was macht Reizflut eigentlich aus? Ab wann werden Reize für unser Hirn als zu viel empfunden?  </strong> </h4> <p>Der Begriff <em>Reizflut</em> beschreibt ja zunächst einmal nur die Menge, also viel oder wenig. Schaut man genauer hin, ist aber mindestens genauso entscheidend, ob die Reize für uns relevant sind oder nicht. Es macht einen Unterschied, ob ich Reizen ausgesetzt werde, die für mich persönlich bedeutsam sind, oder ob es um völlig irrelevante Dinge geht, wie zum Beispiel die Montageanleitung für einen IKEA-Schrank. In letzteren Fällen kann das Gehirn irgendwann sagen: „Okay, das ist unwichtig, das blende ich leichter aus.“ Anders verhält es sich, wenn die Reize dauerhaft relevant sind, dann fällt das Ausblenden deutlich schwerer. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die emotionale Färbung der Reize. Viele positive oder viele negative Reize können selbst in kleiner Menge das Gehirn stark beanspruchen, während eine große Anzahl irrelevanter, bedeutungsloser oder emotional neutraler Reize weniger Wirkung zeigt. </p> <h4 id="h-manche-menschen-sitzen-in-gesellschaft-im-restaurant-und-konnen-sich-kaum-wehren-jedes-gesprach-am-nachbartisch-im-wortlaut-mitzubekommen-warum-gelingt-es-ihnen-nur-schwer-solche-reize-auszublenden-nbsp-nbsp-wahrend-andere-nbsp-das-nbsp-drumherum-kaum-nbsp-registrieren-nbsp"><strong>Manche Menschen sitzen in Gesellschaft im Restaurant und können sich kaum wehren, jedes Gespräch am Nachbartisch im Wortlaut mitzubekommen. Warum gelingt es ihnen nur schwer, solche Reize auszublenden – während andere das Drumherum kaum registrieren?</strong> </h4> <p>Das hängt vermutlich auch mit Persönlichkeitseigenschaften zusammen, möglicherweise aber auch mit den Faktoren, die ich zuvor genannt habe. Nehmen wir nochmal das Beispiel mit der Montageanleitung: Zwei Personen am Nachbartisch gehen sie gemeinsam durch, und meine Neigung zuzuhören ist minimal. Wenn ich aber einen Sohn habe, der für ein halbes Jahr nach Kanada geht, und nebenan wird genau über Kanada und Schüleraustausch bei 15-Jährigen gesprochen, höre ich natürlich gebannt zu und kann mich kaum abwenden. Es muss für mich eine persönliche Relevanz haben. Oder nebenan wird über eine Trennung gesprochen, und die Personen sind in Tränen aufgelöst, dann höre ich auch eher zu als bei neutralen Gesprächen. Es kommt also auf den Inhalt an und darauf, welche Bedeutung er für mich persönlich hat. Dazu kommen Persönlichkeitseigenschaften: bin ich eher neugierig oder nicht? Und vielleicht spielt auch das Gegenüber eine Rolle: Ist das Gespräch mit der Person, mit der ich selbst rede, langweilig, lenkt mich die Unterhaltung nebenan eher ab. </p> <h4 id="h-welche-auswirkung-hat-reizuberflutung-auf-unser-gehirn-nbsp-und-auf-unsere-gesundheit-nbsp-nbsp"><strong>Welche Auswirkung hat Reizüberflutung auf unser Gehirn und auf unsere Gesundheit? </strong> </h4> <p>Das Gehirn ist so aufgebaut, dass es quasi einen Gatekeeper hat – Strukturen im Thalamus, die herausfiltern, welche Reize relevant sind und welche nicht. Evolutionär sind wir darauf ausgelegt, dass uns ständig mehr Reize umgeben, als wir bewusst verarbeiten können. Wenn wir Reizflut nun als eine Situation definieren, in der die üblichen Filterstrukturen überfordert sind, kann das eine ganze Reihe von Hirnfunktionen verändern: Die Fähigkeit zu fokussieren kann abnehmen, die Aufmerksamkeit und die Gedächtnisleistung können beeinträchtigt werden, und auch die Stimmung kann sich beispielsweise in Richtung Depressivität verschieben. Ein basales Reaktionsmuster ist dabei das sogenannte <em>Arousal-System</em>, das Gehirnsystem, das das allgemeine Aktivierungsniveau des zentralen Nervensystems steuert und somit auch für Anspannung verantwortlich ist. Bei zu vielen Reizen steigt dieser Wert deutlich an. <aside></aside></p> <h4 id="h-welche-erfahrungen-machen-sie-in-ihrer-nbsp-klinischen-nbsp-arbeit-nbsp-mit-patientinnen-und-patienten-die-nbsp-von-nbsp-reizuberflutung-nbsp-betroffen-sind-nbsp-nbsp"><strong>Welche Erfahrungen machen Sie in Ihrer klinischen Arbeit mit Patientinnen und Patienten, die von Reizüberflutung betroffen sind? </strong> </h4> <p>Eine eigene Kategorie „reizflutbezogene Erkrankungen“ gibt es zwar nicht, aber wir begegnen dem Phänomen in unterschiedlichen Varianten. Eine davon sind Abhängigkeiten, darunter auch die sogenannten Verhaltenssüchte oder nicht-stoffgebundenen Abhängigkeitsabhängigkeiten. Menschen konsumieren zum Beispiel übermäßig digitale Inhalte wie Handyinhalte oder Computerspiele und geraten dadurch in eine Art Abhängigkeit. Wenn sie nicht die gewohnte Intensität und Dosis an Informationen pro Tag erhalten, entsteht ein sogenanntes Craving, also ein starkes Verlangen, und es können Entzugssymptome auftreten. Bleibt die gewünschte Reizzufuhr aus, kommt es häufig auch zu einer Vernachlässigung sozialer Aktivitäten. In dieser Kategorie sehen wir im klinischen Kontext eine besonders hohe Dichte an Reizen. Eine zweite Variante betrifft Menschen mit Schizophrenien. Hier spielt der bereits erwähnte Thalamus eine Rolle, der normalerweise Informationen filtert. Bei diesen Patientinnen und Patienten funktioniert dieser Filtermechanismus nur eingeschränkt, sodass Informationen wie durch ein großmaschiges Sieb ungefiltert ins Gehirn gelangen und es überfordern. Das kann über mehrere Kaskaden hinweg zu Halluzinationen und Wahnvorstellungen führen. In diesem Zusammenhang wird deutlich, dass Reizüberflutung ein relevanter Faktor für die Psychopathologie sein kann. </p> <h4 id="h-kann-man-sagen-dass-manche-menschen-besonders-anfallig-fur-erkrankungen-im-zusammenhang-mit-reizuberflutung-sind-nbsp"><strong>Kann man sagen, dass manche Menschen besonders anfällig für Erkrankungen im Zusammenhang mit Reizüberflutung sind?</strong> </h4> <p>Für beide Erkrankungen, die ich zuvor genannt habe, spielt die genetische Prädisposition eine Rolle, also eine gewisse Veranlagung. Noch wichtiger sind jedoch Umgebungsfaktoren: Erfahrungen, die man im Leben gemacht hat, erlernte Verhaltensweisen oder das, was man nicht erlernt hat. Wir betrachten solche Erkrankungen immer im Rahmen des biopsychosozialen Modells: Krankheiten entstehen nie durch eine einzige Ursache, sondern durch ein Zusammenspiel von Genen, Umwelt und individuellem Lernen. </p> <h4 id="h-was-halten-sie-von-einem-handy-oder-auch-nbsp-social-media-verbot-fur-kinder-und-jugendliche-nbsp-nbsp"><strong>Was halten Sie von einem Handy- oder auch Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche? </strong> </h4> <p>Ich hoffe, dass wir in einigen Jahren auf unsere heutige Zeit und die weitgehend unregulierte Nutzung sozialer Medien ähnlich zurückblicken wie auf das Rauchen: „Wow, man hat damals wirklich in Restaurants geraucht und durfte wirklich im Auto rauchen!“ Natürlich sind soziale Medien nicht per se negativ, aber angesichts der noch nicht abgeschlossenen Hirnreifung sehr junger Menschen und der Art, wie soziale Medien gestaltet sind, überwiegen aus meiner Sicht die Nachteile gegenüber den Vorteilen für junge, noch vulnerable Gehirne. Auf der einen Seite sehe ich, mit welcher Selbstverständlichkeit die junge Generation über Grenzen hinweg kommuniziert und sich zu Themen vernetzt. Das ist eine großartige Entwicklung, die man nicht missen möchte. Auf der anderen Seite sind soziale Medien jedoch oft nicht darauf ausgelegt, wertvolle soziale Verbundenheit zu fördern oder den Blick über den digitalen Raum hinaus zu stärken. Ihre Algorithmen zielen vielmehr auf Polarisierung und schnelle Belohnung durch Aufmerksamkeit ab – und genau das macht sie für junge Menschen besonders problematisch. Deshalb erwarte und hoffe ich, dass wir in Zukunft einen restriktiveren und bewussteren Umgang mit sozialen Medien sehen werden. </p> <h4 id="h-gibt-es-aus-ihrer-sicht-ein-mindestalter-ab-dem-kinder-soziale-medien-nutzen-sollten-nbsp"><strong>Gibt es aus Ihrer Sicht ein Mindestalter, ab dem Kinder soziale Medien nutzen sollten?</strong> </h4> <p>Es gibt unterschiedliche Einschätzungen von Fachleuten – die Empfehlungen reichen meist von etwa zwölf bis sechzehn Jahren. Letztlich hängt es stark vom individuellen Entwicklungsstand des Kindes ab. Entscheidend ist, dass Kinder zunächst eine Phase erleben, in der sie soziale Fähigkeiten ohne digitale Medien aufbauen können: also echte Begegnungen, gemeinsames Spielen, Sport, gemeinsames durch den Wald laufen und etwas bauen, aber auch Konflikte aushandeln. In dieser Zeit lernen sie, dass ihr Belohnungssystem auch auf natürliche Weise aktiviert werden kann – durch Erlebnisse, Beziehungen oder Erfolgserlebnisse im echten Leben. Deshalb halte ich ein Einstiegsalter eher ab etwa 15 Jahren für sinnvoll, nicht schon mit 10 oder 11. </p> <h4 id="h-reize-uberall-dazu-rasanter-fortschritt-kann-unser-gehirn-evolutionar-gesehen-unserer-schnelllebigen-zeit-eigentlich-nbsp-noch-nbsp-folgen-nbsp-oder-hinkt-es-eher-hinterher-nbsp-nbsp"><strong>Reize überall, dazu rasanter Fortschritt – kann unser Gehirn evolutionär gesehen unserer schnelllebigen Zeit eigentlich noch folgen, oder hinkt es eher hinterher? </strong> </h4> <p>Ja und nein. Unser Gehirn ist unglaublich plastisch und reagiert ständig auf die Reize und Anforderungen, die uns umgeben. Zur Zeit Gutenbergs gab es noch keinen MRT-Scanner, daher wissen wir nicht genau, wie die Einführung des Buches das Gehirn verändert hat, aber wir wissen, dass neue Fähigkeiten immer auch Spuren im Gehirn hinterlassen. So zeigen etwa Studien, dass sich durch häufiges Computerspielen motorische Areale vergrößern, sich die selektive Aufmerksamkeit verändert und auch bestimmte Repräsentationsareale im Gehirn anpassen. Das bedeutet: Das Gehirn reagiert, es passt sich an und zwar fortlaufend. Die wichtigere Frage ist jedoch, ob diese neuroplastischen Veränderungen immer funktional sind und ob sie ausreichen. Wenn sich der motorische Kortex durch häufiges „Daddeln“ vergrößert, ist das zunächst nur ein Zeichen für Anpassung, es sagt aber nichts darüber aus, ob diese Veränderung nützlich oder schädlich ist. Sie ist einfach eine Reaktion auf äußere Reize. Evolutionäre Mechanismen dagegen brauchen viel Zeit. Solche grundlegenden Anpassungen geschehen nicht innerhalb von zwei oder drei Generationen. </p> <h4 id="h-wie-konnen-wir-uns-im-alltag-vor-der-uberflutung-von-reizen-schutzen-man-konnte-zwar-haufiger-das-handy-zur-seite-legen-aber-es-scheint-ja-nicht-so-einfach-zu-sein-nbsp"><strong>Wie können wir uns im Alltag vor der Überflutung von Reizen schützen? Man könnte zwar häufiger das Handy zur Seite legen, aber es scheint ja nicht so einfach zu sein…</strong> </h4> <p>Durch <em>protected time</em>, also geschützte Zeiten, und bewusste Rituale wie zum Beispiel Zeiten für Sport, Hobbys oder persönliche Begegnungen, die fest im Alltag verankert sind, damit eine Reizüberflutung gar keine Chance hat. Ich erinnere mich an die Aussage eines Sohns einer Bekannten, der irgendwann sagte: „Das Fußballspielen klaut total meine Zeit. Ich komme gar nicht mehr so richtig zum Zocken.“ Das bringt es eigentlich auf den Punkt. Es ist wenig wirksam, Kindern oder Jugendlichen einfach das Handy wegzunehmen und zu sagen: „Mach doch was anderes.“ Viel hilfreicher ist es, Gewohnheiten zu fördern und Rituale zu schaffen, die selbstverständlich werden – bis solche Sätze ganz von allein entstehen. Wenn ich zum Beispiel morgens mit dem Fahrrad fahre anstatt mit der U-Bahn, in der ich sonst E-Mails checken würde, oder in einem Auto, in dem gleichzeitig links ein Podcast läuft und rechts ein Telefonat geführt wird. Oder wenn ich mir am Wochenende bewusst Zeit für Aktivitäten draußen in Bewegung und mit anderen Menschen nehme, dann sind das kleine, aber überaus wirksamen Schritte, die helfen, unser Gehirn vor der Reizüberflutung zu schützen.  </p> <h4 id="h-wissen-tun-das-sicher-einige-aber-umsetzen-nbsp"><strong>Wissen tun das sicher einige, aber umsetzen…</strong> </h4> <p>Ja, es ist nicht unbedingt ein Erkenntnisproblem. Am Ende braucht es noch den Willen und die Entscheidung, die Dinge zum Positiven verändern zu wollen.   </p> <h4 id="h-welche-positiven-nbsp-effekte-nbsp-wurden-uns-nbsp-unmittelbar-nbsp-belohnen-nbsp-nbsp"><strong>Welche positiven Effekte würden uns unmittelbar belohnen? </strong> </h4> <p>In einer reizarme Umgebung sinkt das Arousal, also das Anspannungslevel. Gleichzeitig steigt die Fähigkeit, sich Dinge zu merken und fokussiert zu arbeiten. Man kann sogar anhand von Biomarkern messen, dass sich die Herzratenvariabilität günstig verändert, dazu gibt es eine ganze Reihe von spannenden Studien. Man muss dafür auch nicht sieben Tage die Woche 24 Stunden in der Tonne verbringen, aber es ist, wie schon die alten Griechen sagten: Das gesunde Mittelmaß macht‘s. Für Menschen bedeutet das einen Wechsel zwischen intensiveren Phasen und ruhigeren Abschnitten, und dieser Rhythmus ist individuell verschieden. Manche fühlen sich unwohl, wenn es zu ruhig ist, andere, wenn es zu laut und bunt ist. Aber da gibt es sicher für jede und jeden einen sinnvollen Korridor.   </p> <p><strong>Das Interview führte Rena Beeg für die <a href="https://www.ghst.de/interviews">Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a></strong>. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/reizflut-kann-hirnstrukturen-veraendern/#respond 0 Antimasonismus – Neuer Zustrom zu digitalen Illuminati-Verschwörungsmythen nach den Epstein-Trump-Files https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/antimasonismus-neuer-zustrom-zu-digitalen-illuminati-verschwoerungsmythen-nach-den-epstein-trump-files/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/antimasonismus-neuer-zustrom-zu-digitalen-illuminati-verschwoerungsmythen-nach-den-epstein-trump-files/#comments Wed, 07 Jan 2026 23:08:00 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=10942 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/97458AD1-709E-457D-88FA-499F1272A209-768x576.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/antimasonismus-neuer-zustrom-zu-digitalen-illuminati-verschwoerungsmythen-nach-den-epstein-trump-files/</link> </image> <description type="html"><h1>Antimasonismus - Zustrom zu Illuminaten-Verschwörungsmythen</h1><h2>By Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Schon Jahre bevor ich beruflich gegen den Antisemitismus beauftragt wurde, <a href="https://www.spektrum.de/kolumne/meinung-verschwoerungsglaube-ist-ein-religioeses-problem/1418857">warnte ich auch auf Spektrum.de vor den Gefahren auch antimasonischen Verschwörungsglaubens gegen Freimaurer, Rosenkreuzer, Illuminaten und Bilderberger</a>, die regelmäßig <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-42-antisemitismus-gegen-george-soros-die-ambivalenz-von-ki-kokons/">als Handlanger angeblicher, jüdischer Superverschwörer wie <strong>George Soros</strong> dargestellt</a> wurden und werden.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/illuminaten-spam-als-beleg-fuer-die-wirksamkeit-von-verschwoerungsmythen/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Eine Illuminati-Verschwörungspyramide von 2018, per Screenshot gesichert durch Dr. Michael Blume. Darin wird eine angebliche Weltverschwörung durch &quot;Satan&quot; und &quot;gefallene Engel&quot; verkündet, die von &quot;den Rothschilds&quot; und weiteren jüdischen wie freimaurerischen Weltverschwörern angeführt werde." decoding="async" height="278" sizes="(max-width: 474px) 100vw, 474px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IlluminatiVerschwoerungspyramide2015.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IlluminatiVerschwoerungspyramide2015.jpg 474w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IlluminatiVerschwoerungspyramide2015-300x176.jpg 300w" width="474"></img></a></p> <p><em>Eine <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/illuminaten-spam-als-beleg-fuer-die-wirksamkeit-von-verschwoerungsmythen/">Illuminaten-Verschwörungspyramide von 2018</a>, inklusive Rothschilds, Freimaurer, Vatikan, “Religious leaders &amp; politicians” sowie “Entertainers &amp; influential people”, aber auch der Polizei &amp; Steuerbehörden. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Der Begriff <strong>Antimasonismus </strong>leitet sich aus dem Englischen <strong>Freemason = Freimaurer &amp; Mason = Maurer </strong>ab. Er bezeichnet den Glauben an Weltverschwörungen durch Freimaurer, Illuminaten, Satanisten und weitere vermeintliche Geheimbünde wie Bilderberger und Rosenkreuzer.</p> <p><br></br>Und nachdem <a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/antisemitismusbeauftragter-ueber-qanon-der-rechtsstaat-100.html">die “Prophezeiungen” der <strong>QAnon</strong>-Verschwörungssekte weithin gescheitert sind</a> und sich <a href="https://www.fr.de/politik/epstein-akten-werden-moeglicherweise-erst-vollstaendig-veroeffentlicht-nachdem-trump-aus-dem-amt-geschieden-ist-zr-94111122.html">der fossile Thymokrat <strong>Donald Trump</strong> nun selbst immer wütender gegen weitere Veröffentlichungen von <strong>Epstein</strong>-Akten wehrt</a>, erlebe ich leider wieder eine deutliche Zunahme auch von antimasonischen Verschwörungsmythen.<aside></aside></p> <p>Selbst zu <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/konrad-adenauer-1876-1967-christdemokrat-medienkanzler-bundes-mimetiker/">meinem Blogpost</a> &amp; <a href="https://youtu.be/VsxKyTu6KbU" rel="noopener" target="_blank">einem Video zum 150. Geburtstag von <strong>Konrad Adenauer</strong></a> gingen heuer wieder wirre Texte bei mir ein, in denen es in der üblich überhasteten Rechtschreibung (Hass und Hetze(!)) zwischen antimasonischen, antisemitischen und antidemokratischen Verschwörungsmythen u.a. heißt:</p> <p><em>“Ich glaube Du hast es nicht verstanden. Freimaurer Illuminati und Satanisten gibt es wirklich.. Wann wurden eigentlich die Gaskammern in Auschwitz gebaut? Wie hoch war der Giftgasgehalt in den Wänden? Wurden damals lgtpq artige Bücher verbrannt? Wie sieht es aus? David irving Michael Grandt Silberjunge Thorsten Schulte Patton: we defeated the wrong enemy Btselem Democracy now Owen Jones Candace Owens Nachdenkseiten actuarium Bilderberger Merz klingbeil Hofreiter Freimaurer Scholz Steinmeier WEF Neubauer Baerbock”</em></p> <p><a href="https://youtu.be/CGAdbLHcWl8" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Drei Aufklärungsmedien von Dr. Michael Blume gegen Verschwörungsmythen: Links die CD zum Buch &quot;Islam in der Krise&quot;, in der Mitte das inzwischen als pdf frei erhältliche sciebook &quot;Freimaurer, Rosenkreuzer, Illuminaten&quot; und rechts das klassische Papierbuch &quot;Warum der Antisemitismus uns alle bedroht. Wie neue Medien alte Verschwörungsmythen befeuern&quot;, Patmos 2019." decoding="async" height="1536" sizes="(max-width: 2048px) 100vw, 2048px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/97458AD1-709E-457D-88FA-499F1272A209.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/97458AD1-709E-457D-88FA-499F1272A209.jpeg 2048w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/97458AD1-709E-457D-88FA-499F1272A209-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/97458AD1-709E-457D-88FA-499F1272A209-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/97458AD1-709E-457D-88FA-499F1272A209-1024x768.jpeg 1024w" width="2048"></img></a></p> <p><em>Um gerade auch Menschen im Internet zu erreichen, klärte ich nicht nur mit klassischen Büchern (rechts), sondern auch mit eBooks (Mitte) und sogar mit CDs (links) gegen antisemitische &amp; antimasonische Verschwörungsmythen auf, <a href="https://www.youtube.com/channel/UCUwB8PsVTmigEjHUFRcAvQw">derzeit auch verstärkt auf YouTube</a>. Foto: Michael Blume, 2019</em></p> <p>Um wissenschaftlich valide Aufklärung anzubieten, biete ich inzwischen fast alle meine sciebooks als kostenlose pdf-Dokumente, aber auch verstärkt Podcast-Folgen, Schaubilder und Videos gegen Verschwörungsmythen an. Denn wir müssen uns leider klar machen: die Menschen, die heute noch Bücher und wissenschaftlich informierende Texte lesen, sind meist gar nicht mehr das Problem. Der Verschwörungsglauben grassiert vielmehr am heftigsten unter denjenigen, die sich in digitalen Blasen und zunehmend auch KI-Kokons verloren haben.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/festrede-zum-kas-lokaljournalistenpreis-2021-die-bedeutung-von-mediensystemen/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Schaubild zur KAS-Festpreise von Dr. Michael Blume 2021 unter der Überschrift: &quot;Wenn ein Mediensystem kaputt ist, stürzt die Demokratie ab.&quot; Oben wird gezeigt, wie Verschwörungsmythen in zunehmend feindseligen Dualismus führen, unten wird die Bedeutung starker Lokalmedien für die Selbstwirksamkeit und das Vertrauen von Menschen in Demokratien dargestellt." decoding="async" height="1429" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMedienDemokratieWasserkriseKAS2021-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMedienDemokratieWasserkriseKAS2021-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMedienDemokratieWasserkriseKAS2021-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMedienDemokratieWasserkriseKAS2021-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMedienDemokratieWasserkriseKAS2021-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMedienDemokratieWasserkriseKAS2021-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMedienDemokratieWasserkriseKAS2021-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>2022 warnte ich in <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/die-desinformierer/">einem Interview mit der “Jüdischen Allgemeinen”: “Wenn ein Mediensystem kaputt ist, stürzt die Demokratie ab.”</a> Für <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/festrede-zum-kas-lokaljournalistenpreis-2021-die-bedeutung-von-mediensystemen/">mein entsprechendes Plädoyer für seriösen Journalismus bei der Konrad-Adenauer-Stiftung bekomme ich gerade wieder viel Antimasonismus &amp; Antisemitismus</a> ab. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeFestredeKASLokaljournalistenpreis1022.pdf">Schaubild zur KAS-Festrede 2021</a>: Michael Blume mit NotebookLM</em></p> <p>Auch deswegen plädierte ich auch im Hinblick auf <a href="https://youtube.com/shorts/XqQvAKXUK0k?feature=share" rel="noopener" target="_blank">eine kritische Folge von <em>“Sinans Woche”</em> dafür, den Kampf gegen Hass und Hetze auch als Schutz der vielen zu begreifen</a>, die sich auch heute noch digital radikalisieren. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/digitale-gewalt-gegen-die-hateaid-chefinnen-gezielt-an-weihnachten-2025/">Zivilgesellschaftliche Organisationen wie <strong>HateAid</strong> leisten einen unverzichtbaren Dienst zur Rechts- und Medienbildung</a> und also auch zum Schutz künftiger Generationen! Wir brauchen einerseits <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verantwortung-dialog-gewaltenteilung-gesicht-zeigen-fuer-unsere-justiz-und-fuer-gerechtigkeitsmimesis/">ein starkes, zunehmend europäisches Rechts- und Justizsystem</a> und zum anderen auch weiterhin viel Engagement und, ja, auch Geduld in der Aufklärung von Verschwörungsmythen. Denn noch immer <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wie-lehrt-mensch-den-medien-und-zeitenumbruch-kit-einfuehrungsvortrag-zur-aufmerksamkeitsoekonomie-ws-24-25/">beherrschen algorithmische, teilweise toxische Konzernplattformen die digitale Aufmerksamkeitsökonomie</a>.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/t4wkd0ctR2Y?feature=oembed" title="Digitale Aufmerksamkeitsökonomie &amp; die Gefahr des Neurohacking durch Konzerne für jede Demokratie" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Antimasonismus - Zustrom zu Illuminaten-Verschwörungsmythen</h1><h2>By Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Schon Jahre bevor ich beruflich gegen den Antisemitismus beauftragt wurde, <a href="https://www.spektrum.de/kolumne/meinung-verschwoerungsglaube-ist-ein-religioeses-problem/1418857">warnte ich auch auf Spektrum.de vor den Gefahren auch antimasonischen Verschwörungsglaubens gegen Freimaurer, Rosenkreuzer, Illuminaten und Bilderberger</a>, die regelmäßig <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-42-antisemitismus-gegen-george-soros-die-ambivalenz-von-ki-kokons/">als Handlanger angeblicher, jüdischer Superverschwörer wie <strong>George Soros</strong> dargestellt</a> wurden und werden.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/illuminaten-spam-als-beleg-fuer-die-wirksamkeit-von-verschwoerungsmythen/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Eine Illuminati-Verschwörungspyramide von 2018, per Screenshot gesichert durch Dr. Michael Blume. Darin wird eine angebliche Weltverschwörung durch &quot;Satan&quot; und &quot;gefallene Engel&quot; verkündet, die von &quot;den Rothschilds&quot; und weiteren jüdischen wie freimaurerischen Weltverschwörern angeführt werde." decoding="async" height="278" sizes="(max-width: 474px) 100vw, 474px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IlluminatiVerschwoerungspyramide2015.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IlluminatiVerschwoerungspyramide2015.jpg 474w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IlluminatiVerschwoerungspyramide2015-300x176.jpg 300w" width="474"></img></a></p> <p><em>Eine <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/illuminaten-spam-als-beleg-fuer-die-wirksamkeit-von-verschwoerungsmythen/">Illuminaten-Verschwörungspyramide von 2018</a>, inklusive Rothschilds, Freimaurer, Vatikan, “Religious leaders &amp; politicians” sowie “Entertainers &amp; influential people”, aber auch der Polizei &amp; Steuerbehörden. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Der Begriff <strong>Antimasonismus </strong>leitet sich aus dem Englischen <strong>Freemason = Freimaurer &amp; Mason = Maurer </strong>ab. Er bezeichnet den Glauben an Weltverschwörungen durch Freimaurer, Illuminaten, Satanisten und weitere vermeintliche Geheimbünde wie Bilderberger und Rosenkreuzer.</p> <p><br></br>Und nachdem <a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/antisemitismusbeauftragter-ueber-qanon-der-rechtsstaat-100.html">die “Prophezeiungen” der <strong>QAnon</strong>-Verschwörungssekte weithin gescheitert sind</a> und sich <a href="https://www.fr.de/politik/epstein-akten-werden-moeglicherweise-erst-vollstaendig-veroeffentlicht-nachdem-trump-aus-dem-amt-geschieden-ist-zr-94111122.html">der fossile Thymokrat <strong>Donald Trump</strong> nun selbst immer wütender gegen weitere Veröffentlichungen von <strong>Epstein</strong>-Akten wehrt</a>, erlebe ich leider wieder eine deutliche Zunahme auch von antimasonischen Verschwörungsmythen.<aside></aside></p> <p>Selbst zu <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/konrad-adenauer-1876-1967-christdemokrat-medienkanzler-bundes-mimetiker/">meinem Blogpost</a> &amp; <a href="https://youtu.be/VsxKyTu6KbU" rel="noopener" target="_blank">einem Video zum 150. Geburtstag von <strong>Konrad Adenauer</strong></a> gingen heuer wieder wirre Texte bei mir ein, in denen es in der üblich überhasteten Rechtschreibung (Hass und Hetze(!)) zwischen antimasonischen, antisemitischen und antidemokratischen Verschwörungsmythen u.a. heißt:</p> <p><em>“Ich glaube Du hast es nicht verstanden. Freimaurer Illuminati und Satanisten gibt es wirklich.. Wann wurden eigentlich die Gaskammern in Auschwitz gebaut? Wie hoch war der Giftgasgehalt in den Wänden? Wurden damals lgtpq artige Bücher verbrannt? Wie sieht es aus? David irving Michael Grandt Silberjunge Thorsten Schulte Patton: we defeated the wrong enemy Btselem Democracy now Owen Jones Candace Owens Nachdenkseiten actuarium Bilderberger Merz klingbeil Hofreiter Freimaurer Scholz Steinmeier WEF Neubauer Baerbock”</em></p> <p><a href="https://youtu.be/CGAdbLHcWl8" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Drei Aufklärungsmedien von Dr. Michael Blume gegen Verschwörungsmythen: Links die CD zum Buch &quot;Islam in der Krise&quot;, in der Mitte das inzwischen als pdf frei erhältliche sciebook &quot;Freimaurer, Rosenkreuzer, Illuminaten&quot; und rechts das klassische Papierbuch &quot;Warum der Antisemitismus uns alle bedroht. 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Foto: Michael Blume, 2019</em></p> <p>Um wissenschaftlich valide Aufklärung anzubieten, biete ich inzwischen fast alle meine sciebooks als kostenlose pdf-Dokumente, aber auch verstärkt Podcast-Folgen, Schaubilder und Videos gegen Verschwörungsmythen an. Denn wir müssen uns leider klar machen: die Menschen, die heute noch Bücher und wissenschaftlich informierende Texte lesen, sind meist gar nicht mehr das Problem. Der Verschwörungsglauben grassiert vielmehr am heftigsten unter denjenigen, die sich in digitalen Blasen und zunehmend auch KI-Kokons verloren haben.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/festrede-zum-kas-lokaljournalistenpreis-2021-die-bedeutung-von-mediensystemen/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Schaubild zur KAS-Festpreise von Dr. Michael Blume 2021 unter der Überschrift: &quot;Wenn ein Mediensystem kaputt ist, stürzt die Demokratie ab.&quot; Oben wird gezeigt, wie Verschwörungsmythen in zunehmend feindseligen Dualismus führen, unten wird die Bedeutung starker Lokalmedien für die Selbstwirksamkeit und das Vertrauen von Menschen in Demokratien dargestellt." decoding="async" height="1429" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMedienDemokratieWasserkriseKAS2021-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMedienDemokratieWasserkriseKAS2021-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMedienDemokratieWasserkriseKAS2021-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMedienDemokratieWasserkriseKAS2021-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMedienDemokratieWasserkriseKAS2021-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMedienDemokratieWasserkriseKAS2021-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMedienDemokratieWasserkriseKAS2021-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>2022 warnte ich in <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/die-desinformierer/">einem Interview mit der “Jüdischen Allgemeinen”: “Wenn ein Mediensystem kaputt ist, stürzt die Demokratie ab.”</a> Für <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/festrede-zum-kas-lokaljournalistenpreis-2021-die-bedeutung-von-mediensystemen/">mein entsprechendes Plädoyer für seriösen Journalismus bei der Konrad-Adenauer-Stiftung bekomme ich gerade wieder viel Antimasonismus &amp; Antisemitismus</a> ab. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeFestredeKASLokaljournalistenpreis1022.pdf">Schaubild zur KAS-Festrede 2021</a>: Michael Blume mit NotebookLM</em></p> <p>Auch deswegen plädierte ich auch im Hinblick auf <a href="https://youtube.com/shorts/XqQvAKXUK0k?feature=share" rel="noopener" target="_blank">eine kritische Folge von <em>“Sinans Woche”</em> dafür, den Kampf gegen Hass und Hetze auch als Schutz der vielen zu begreifen</a>, die sich auch heute noch digital radikalisieren. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/digitale-gewalt-gegen-die-hateaid-chefinnen-gezielt-an-weihnachten-2025/">Zivilgesellschaftliche Organisationen wie <strong>HateAid</strong> leisten einen unverzichtbaren Dienst zur Rechts- und Medienbildung</a> und also auch zum Schutz künftiger Generationen! Wir brauchen einerseits <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verantwortung-dialog-gewaltenteilung-gesicht-zeigen-fuer-unsere-justiz-und-fuer-gerechtigkeitsmimesis/">ein starkes, zunehmend europäisches Rechts- und Justizsystem</a> und zum anderen auch weiterhin viel Engagement und, ja, auch Geduld in der Aufklärung von Verschwörungsmythen. Denn noch immer <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wie-lehrt-mensch-den-medien-und-zeitenumbruch-kit-einfuehrungsvortrag-zur-aufmerksamkeitsoekonomie-ws-24-25/">beherrschen algorithmische, teilweise toxische Konzernplattformen die digitale Aufmerksamkeitsökonomie</a>.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/t4wkd0ctR2Y?feature=oembed" title="Digitale Aufmerksamkeitsökonomie &amp; die Gefahr des Neurohacking durch Konzerne für jede Demokratie" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/antimasonismus-neuer-zustrom-zu-digitalen-illuminati-verschwoerungsmythen-nach-den-epstein-trump-files/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>25</slash:comments> </item> <item> <title>Konrad Adenauer (1876 – 1967), Christdemokrat, Medienkanzler, Bundes-Mimetiker https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/konrad-adenauer-1876-1967-christdemokrat-medienkanzler-bundes-mimetiker/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/konrad-adenauer-1876-1967-christdemokrat-medienkanzler-bundes-mimetiker/#comments Sun, 04 Jan 2026 23:07:00 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=10929 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1395-768x374.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/konrad-adenauer-1876-1967-christdemokrat-medienkanzler-bundes-mimetiker/</link> </image> <description type="html"><h1>Konrad Adenauer (1876 - 1967), Christdemokrat & Medienkanzler</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Heute vor 150 Jahren wurde der spätere Kölner Oberbürgermeister, NS-Gegner, christdemokratische Parteivorsitzende und Bundeskanzler <strong>Konrad Adenauer </strong>in <strong>Köln </strong>geboren. Und wenn Sie (bislang) nicht viel von ihm halten, dann will ich Ihnen zurufen: Er hat gerade auch diejenigen am meisten geprägt, die ihn nicht verstehen wollen. So kopieren beispielsweise <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/">auch linke Parteien die (aus meiner Sicht nach dem linearen Fernsehen überholte) <strong>Praxis der Koalitionsverträge und Koalitionsausschüsse</strong>, mit denen <strong>Adenauer 1961 den deutschen Bundestag entmachtete</strong>.</a> Der deutsche Gründungskanzler selbst brachte die seit Jahrzehnten von ihm ausgehende, überwiegend vorbewusste Nachahmungswirkung (Mimesis) auf die einfache Formel: <em><strong>“Es musste alles neu gemacht werden.”</strong> </em></p> <p><strong>Adenauer</strong> begründete die ausgleichende Wirtschaftsform des <strong><em>“rheinischen Kapitalismus”</em></strong> als später so genannte “soziale Marktwirtschaft” und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/b-wie-berlin-babylon-preussen-und-der-fossile-faschismus/">Gegengewicht zum gescheiterten preußischen Zentralismus</a>, aber auch zum Neoliberalismus aus den <strong>USA</strong>. Er baute die Bundeswehr, die Reputation der Bundesrepublik im Ausland und europäische Strukturen mit auf, indem er sich das Vertrauen auch früherer Feinde hart erarbeitete. Und, ja, während seiner Amtszeit als Bundeskanzler (1949 – 1963) wurde <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/drk-blutspenden-statt-thymos-trump-boellern-gedanken-zur-mimesis-am-neujahrstag-2026/">auch <strong>das Blutspenden in Deutschland</strong> etabliert</a>.</p> <p>Als er dann im allzu hohen Alter und nach dem Berliner Mauerfall 1961 genau diese Befähigung zum Neuen verlor, in autoritärer Strenge verharrte und auch die SPIEGEL-Affäre 1962 eskalierte, endete seine politische Laufbahn mit erheblichen Schrammen. Doch auch darin stecken Lehren zur Zeit des Loslassens, die etwa <strong>Helmut Kohl</strong> nicht beherzigen wollte, <strong>Angela Merkel</strong> aber gelang. </p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/politik-und-gesellschaft/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Links die Autobiografie &quot;Freiheit&quot; von Angela Merkel, in der Mitte &quot;Adenauer. Eine Geschichte in Bildern&quot; und rechts &quot;Eine unmögliche Freundschaft. David Ben-Gurion und Konrad Adenauer&quot; von Michael Borchard" decoding="async" height="1247" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1395-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1395-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1395-300x146.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1395-1024x499.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1395-768x374.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1395-1536x748.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1395-2048x998.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Adenauer (Buch Mitte) hatte die Einführung neuer Medien nicht nur erlebt, sondern aktiv begleitet und u.a. das Vertrauen und die Freundschaft des israelischen Regierungschefs David Ben Gurion (Buch rechts) gewonnen. Bis einschließlich Angela Merkel (links) hatten nach ihm alle christdemokratischen Parteivorsitzenden und Bundeskanzler den Unterschied zwischen einer christdemokratischen und einer konservativen Partei verstanden. Foto: Michael Blume</em><aside></aside></p> <p>Fossile Faschisten dürfen Adenauer also gerne weiterhin ignorieren, sogar fürchten. Demokratinnen und Demokraten wären um ihrer selbst und unserer Republik willen jedoch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/ist-dummheit-gefaehrlicher-als-bosheit-dietrich-bonhoeffer-1906-1945-hatte-recht/">dumm (im Sinne <strong>Bonhoeffers</strong>)</a>, das zu tun. </p> <p>So hätte <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/menschenbilder-stadtbilder-verletzungen-die-sprachmacht-deutscher-komposita/">der gläubige Katholik und <strong>Zentrum-Mann Adenauer niemals den fundamentalen Unterschied zwischen einer christdemokratischen und einer konservativen Partei wie der DNVP übersehen</strong></a> – wie es heutige Stümper und Flachdenker quer durch Parteibüros, Lobbyverbände und Medienredaktionen immer wieder tun. </p> <p>Denn <strong>Adenauer </strong>hatte bereits als amtierender, anfangs gar noch “rheinpreußischer” Oberbürgermeister den Untergang des Kaiserreiches erlebt, die rechtdualistische Ermordung von <strong>Matthias Erzberger </strong>(Zentrum, 1875 – 1921) und <strong>Walter Rathenau </strong>(DDP, 1867 – 122) sowie die klare Rede “seines” (sogar etwas jüngeren) Zentrum-Reichskanzlers <strong>Joseph Wirth </strong>(1879 – 1956), der am 25. Juni 1922 weitsichtig in den Reichstag zu <strong>Berlin</strong> gerufen hatte:</p> <p><em>„Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. – Da steht der Feind – und darüber ist kein Zweifel: dieser Feind steht rechts!“</em></p> <p>Ich frage mich inzwischen ernsthaft, ob Verantwortliche in Politik, Medien und Wirtschaft in langen Friedensphasen “mimetisch einschlafen” und Lehren der Geschichte vergessen, weil sie Brüche, Diktaturen, Kriege und Krisen nie direkt erlebten und ihre zu früheren Zeiten geordnete Welt irgendwann für “alternativlos” halten, gar nicht mehr kritisch weiterdenken.</p> <p>Deswegen beginne ich mit diesem Blogpost zum neuen Jahr 2026 auch die neue Kategorie <strong>“Adenauer, Konrad”</strong>, die historisch treffend auch <strong>Adolf Hitler</strong> zurücksetzt. Denn auch <strong>im Verhältnis zum deutschen Judentum</strong> und zum <strong>Staat Israel</strong> setzte der von den Nazis Inhaftierte, der schon in der Weimarer Republik den Zionismus unterstützte, neue Maßstäbe.</p> <p><strong>Die KAS in Erinnerung an den großen Christdemokraten</strong></p> <p>Den wenigsten Bildungsbürgern dürfte verständlich sein, was für eine Freude und Motivation es für mich als Arbeiterkind bedeutete, für das Studium ein Stipendium der <strong>Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS)</strong> zu erhalten. Diese wird bis heute unter kundigen Christdemokratinnen und Christdemokraten einfach nur “die Stiftung” genannt, weil sie Unzählige für die Geisteswelten des demokratischen Denkens gewann. Ich hatte bereits eine Bankausbildung abgeschlossen und war verheiratet, aber unsicher, ob und wohin ich studieren sollte. Wichtiger als der Stipendiums-Mindestsatz (das “Büchergeld”) war mir die Ermutigung und der gute Rat, waren die Seminare und Veranstaltungen mit wirklich politisch und nicht selten auch religiös engagierten Menschen, schließlich die Unterstützung meines Studienwechsels in die Religions- und Politikwissenschaft.</p> <p>So werde ich nie die Gefühle vergessen, als mir – da damals schon im interreligiösen Dialog engagiert – in der Villa “des Alten” in <strong>Rhöndorf</strong> die Bibel in die Hand gereicht wurde, die ihm der <strong>Zentralrat der Juden in Deutschland Adenauer</strong> gewidmet und übereignet hatte. Ich habe diesen Moment als einen der christlich-jüdischen und demokratisch-zivilreligiösen Verpflichtung erlebt – bis heute.</p> <p>Dass sich “die Stiftung” gerade erst <a href="https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/kas-kramp-karrenbauer-100.html">der glücklosen, rechtslibertären Engführung durch <strong>Friedrich Merz (CDU)</strong> verweigerte und stattdessen nach einem starken <strong>Norbert Lammert</strong> die verdiente <strong>Annegret Kramp-Karrenbauer</strong> zur neuen Stiftungsvorsitzenden wählte</a>, hat mich für die Arbeit und Unabhängigkeit auch der KAS gefreut. Denn weiterhin nehme ich jedes Jahr bewusst auch Einladungen demokratischer Stiftungen an, sprach etwa <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeFestredeKASLokaljournalistenpreis1022.pdf">am 18. Oktober 2022 in Anwesenheit des KAS-Vorsitzenden <strong>Norbert Lammert</strong> auch zur Verleihung des Preises für Lokaljournalismus</a>.</p> <p><strong>Medienbildung als politische Lebensaufgabe</strong></p> <p>Denn:<strong> Adenauer verstand Medien wie vor ihm nur Bismarck und nach ihm kein deutscher Spitzenpolitiker mehr.</strong> Schon als <strong>Oberbürgermeister von Köln (1917 – 1933) nutzte er nicht nur das (erst 1923 eingeführte) Radio gekonnt, sondern holte auch 1928 die erste internationale Rundfunkausstellung nach Köln</strong>. Er begriff die Bedeutung von Reden, Symbolen, Plakaten und Fernsehen, während andere die Menschen von oben herab manipulieren oder belehrten wollte. Dabei hatte er es niemals nötig, sich wie mancher heutige Politik-Influencer lächerlich und unglaubwürdig zu machen. Er verstand, <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/die-desinformierer/">dass es ohne funktionierendes Mediensystem auch keine Demokratie geben kann</a>.</p> <p><em>“Einen neuen Goebbels brauchen wir nicht und wollen wir nicht”, erklärte er seinem Stab im Bundeskanzleramt, “aber ein wirksamer Apparat mit einem presseerfahrenen Mann an der Spitze, das muss unbedingt sein!”</em></p> <p><em>Dominik Geppert in: “Adenauer. Eine Geschichte in Bildern”, Hirmer 2022, S. 36 </em></p> <p>Ich meine: <em>Wer die Macht von Medien in der Politik nicht begreift, hat auch keine Chance, die gekonnten Inszenierungen, politischen Erfolge und mimetischen Prägungen von <strong>Adenauer</strong> auch nur im Ansatz zu verstehen.</em> Dabei biederte er sich keineswegs dem Journalismus an, sondern fürchtete etwa den WDR als <em>“Rotfunk”</em>. Zudem las er jeden Tag intensiv.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMedienDemokratieWasserkriseKAS2021-scaled.jpg" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Schaubild von Dr. Michael Blume zur Medienethik mit der Überschrift &quot;Wenn ein Mediensystem kaputt ist, stürzt die Demokratie ab.&quot; Oben werden die Gefahren von medialer Radikalisierung und feindseligem Dualismus aufgezeigt, unten die Bedeutung von starken Lokalmedien für das Vertrauen in Demokratien und die Bewältigung der Klima- als Wasserkrise." decoding="async" height="1429" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMedienDemokratieWasserkriseKAS2021-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMedienDemokratieWasserkriseKAS2021-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMedienDemokratieWasserkriseKAS2021-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMedienDemokratieWasserkriseKAS2021-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMedienDemokratieWasserkriseKAS2021-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMedienDemokratieWasserkriseKAS2021-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMedienDemokratieWasserkriseKAS2021-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em><a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/die-desinformierer/"><strong>“Wenn ein Mediensystem kaputt ist, stürzt die Demokratie ab.”</strong></a> Schaubild zu <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeFestredeKASLokaljournalistenpreis1022.pdf">meiner KAS-Rede zur Auszeichnung von starkem Lokaljournalismus</a>. Grafik: Michael Blume mit NotebookLM</em> </p> <p>Es wird mir auch in den kommenden Blogposts rund um <strong>Adenauer</strong> also nicht darum gehen, dass Sie alle seine Positionen und Taten begrüßen oder ihn für einen Heiligen halten. Beides tue auch ich nicht. Aber wenn es uns dialogisch gelänge, ihn, seine Geschichte mit furchtbaren Niederschlägen wie auch großen Erfolgen und damit die bis heute wirksame, bundesdeutsche Mimesis besser zu verstehen, dann wäre für uns alle und für unsere wieder so gefährdete Republik sehr viel gewonnen!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/VsxKyTu6KbU?feature=oembed" title="Medien-, Demokratie- und Wasserkrise. Zur Blume-Rede beim KAS-Preis für Lokaljournalismus 2021" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Konrad Adenauer (1876 - 1967), Christdemokrat & Medienkanzler</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Heute vor 150 Jahren wurde der spätere Kölner Oberbürgermeister, NS-Gegner, christdemokratische Parteivorsitzende und Bundeskanzler <strong>Konrad Adenauer </strong>in <strong>Köln </strong>geboren. Und wenn Sie (bislang) nicht viel von ihm halten, dann will ich Ihnen zurufen: Er hat gerade auch diejenigen am meisten geprägt, die ihn nicht verstehen wollen. So kopieren beispielsweise <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/">auch linke Parteien die (aus meiner Sicht nach dem linearen Fernsehen überholte) <strong>Praxis der Koalitionsverträge und Koalitionsausschüsse</strong>, mit denen <strong>Adenauer 1961 den deutschen Bundestag entmachtete</strong>.</a> Der deutsche Gründungskanzler selbst brachte die seit Jahrzehnten von ihm ausgehende, überwiegend vorbewusste Nachahmungswirkung (Mimesis) auf die einfache Formel: <em><strong>“Es musste alles neu gemacht werden.”</strong> </em></p> <p><strong>Adenauer</strong> begründete die ausgleichende Wirtschaftsform des <strong><em>“rheinischen Kapitalismus”</em></strong> als später so genannte “soziale Marktwirtschaft” und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/b-wie-berlin-babylon-preussen-und-der-fossile-faschismus/">Gegengewicht zum gescheiterten preußischen Zentralismus</a>, aber auch zum Neoliberalismus aus den <strong>USA</strong>. Er baute die Bundeswehr, die Reputation der Bundesrepublik im Ausland und europäische Strukturen mit auf, indem er sich das Vertrauen auch früherer Feinde hart erarbeitete. Und, ja, während seiner Amtszeit als Bundeskanzler (1949 – 1963) wurde <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/drk-blutspenden-statt-thymos-trump-boellern-gedanken-zur-mimesis-am-neujahrstag-2026/">auch <strong>das Blutspenden in Deutschland</strong> etabliert</a>.</p> <p>Als er dann im allzu hohen Alter und nach dem Berliner Mauerfall 1961 genau diese Befähigung zum Neuen verlor, in autoritärer Strenge verharrte und auch die SPIEGEL-Affäre 1962 eskalierte, endete seine politische Laufbahn mit erheblichen Schrammen. Doch auch darin stecken Lehren zur Zeit des Loslassens, die etwa <strong>Helmut Kohl</strong> nicht beherzigen wollte, <strong>Angela Merkel</strong> aber gelang. </p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/politik-und-gesellschaft/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Links die Autobiografie &quot;Freiheit&quot; von Angela Merkel, in der Mitte &quot;Adenauer. Eine Geschichte in Bildern&quot; und rechts &quot;Eine unmögliche Freundschaft. David Ben-Gurion und Konrad Adenauer&quot; von Michael Borchard" decoding="async" height="1247" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1395-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1395-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1395-300x146.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1395-1024x499.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1395-768x374.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1395-1536x748.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1395-2048x998.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Adenauer (Buch Mitte) hatte die Einführung neuer Medien nicht nur erlebt, sondern aktiv begleitet und u.a. das Vertrauen und die Freundschaft des israelischen Regierungschefs David Ben Gurion (Buch rechts) gewonnen. Bis einschließlich Angela Merkel (links) hatten nach ihm alle christdemokratischen Parteivorsitzenden und Bundeskanzler den Unterschied zwischen einer christdemokratischen und einer konservativen Partei verstanden. Foto: Michael Blume</em><aside></aside></p> <p>Fossile Faschisten dürfen Adenauer also gerne weiterhin ignorieren, sogar fürchten. Demokratinnen und Demokraten wären um ihrer selbst und unserer Republik willen jedoch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/ist-dummheit-gefaehrlicher-als-bosheit-dietrich-bonhoeffer-1906-1945-hatte-recht/">dumm (im Sinne <strong>Bonhoeffers</strong>)</a>, das zu tun. </p> <p>So hätte <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/menschenbilder-stadtbilder-verletzungen-die-sprachmacht-deutscher-komposita/">der gläubige Katholik und <strong>Zentrum-Mann Adenauer niemals den fundamentalen Unterschied zwischen einer christdemokratischen und einer konservativen Partei wie der DNVP übersehen</strong></a> – wie es heutige Stümper und Flachdenker quer durch Parteibüros, Lobbyverbände und Medienredaktionen immer wieder tun. </p> <p>Denn <strong>Adenauer </strong>hatte bereits als amtierender, anfangs gar noch “rheinpreußischer” Oberbürgermeister den Untergang des Kaiserreiches erlebt, die rechtdualistische Ermordung von <strong>Matthias Erzberger </strong>(Zentrum, 1875 – 1921) und <strong>Walter Rathenau </strong>(DDP, 1867 – 122) sowie die klare Rede “seines” (sogar etwas jüngeren) Zentrum-Reichskanzlers <strong>Joseph Wirth </strong>(1879 – 1956), der am 25. Juni 1922 weitsichtig in den Reichstag zu <strong>Berlin</strong> gerufen hatte:</p> <p><em>„Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. – Da steht der Feind – und darüber ist kein Zweifel: dieser Feind steht rechts!“</em></p> <p>Ich frage mich inzwischen ernsthaft, ob Verantwortliche in Politik, Medien und Wirtschaft in langen Friedensphasen “mimetisch einschlafen” und Lehren der Geschichte vergessen, weil sie Brüche, Diktaturen, Kriege und Krisen nie direkt erlebten und ihre zu früheren Zeiten geordnete Welt irgendwann für “alternativlos” halten, gar nicht mehr kritisch weiterdenken.</p> <p>Deswegen beginne ich mit diesem Blogpost zum neuen Jahr 2026 auch die neue Kategorie <strong>“Adenauer, Konrad”</strong>, die historisch treffend auch <strong>Adolf Hitler</strong> zurücksetzt. Denn auch <strong>im Verhältnis zum deutschen Judentum</strong> und zum <strong>Staat Israel</strong> setzte der von den Nazis Inhaftierte, der schon in der Weimarer Republik den Zionismus unterstützte, neue Maßstäbe.</p> <p><strong>Die KAS in Erinnerung an den großen Christdemokraten</strong></p> <p>Den wenigsten Bildungsbürgern dürfte verständlich sein, was für eine Freude und Motivation es für mich als Arbeiterkind bedeutete, für das Studium ein Stipendium der <strong>Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS)</strong> zu erhalten. Diese wird bis heute unter kundigen Christdemokratinnen und Christdemokraten einfach nur “die Stiftung” genannt, weil sie Unzählige für die Geisteswelten des demokratischen Denkens gewann. Ich hatte bereits eine Bankausbildung abgeschlossen und war verheiratet, aber unsicher, ob und wohin ich studieren sollte. Wichtiger als der Stipendiums-Mindestsatz (das “Büchergeld”) war mir die Ermutigung und der gute Rat, waren die Seminare und Veranstaltungen mit wirklich politisch und nicht selten auch religiös engagierten Menschen, schließlich die Unterstützung meines Studienwechsels in die Religions- und Politikwissenschaft.</p> <p>So werde ich nie die Gefühle vergessen, als mir – da damals schon im interreligiösen Dialog engagiert – in der Villa “des Alten” in <strong>Rhöndorf</strong> die Bibel in die Hand gereicht wurde, die ihm der <strong>Zentralrat der Juden in Deutschland Adenauer</strong> gewidmet und übereignet hatte. Ich habe diesen Moment als einen der christlich-jüdischen und demokratisch-zivilreligiösen Verpflichtung erlebt – bis heute.</p> <p>Dass sich “die Stiftung” gerade erst <a href="https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/kas-kramp-karrenbauer-100.html">der glücklosen, rechtslibertären Engführung durch <strong>Friedrich Merz (CDU)</strong> verweigerte und stattdessen nach einem starken <strong>Norbert Lammert</strong> die verdiente <strong>Annegret Kramp-Karrenbauer</strong> zur neuen Stiftungsvorsitzenden wählte</a>, hat mich für die Arbeit und Unabhängigkeit auch der KAS gefreut. Denn weiterhin nehme ich jedes Jahr bewusst auch Einladungen demokratischer Stiftungen an, sprach etwa <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeFestredeKASLokaljournalistenpreis1022.pdf">am 18. Oktober 2022 in Anwesenheit des KAS-Vorsitzenden <strong>Norbert Lammert</strong> auch zur Verleihung des Preises für Lokaljournalismus</a>.</p> <p><strong>Medienbildung als politische Lebensaufgabe</strong></p> <p>Denn:<strong> Adenauer verstand Medien wie vor ihm nur Bismarck und nach ihm kein deutscher Spitzenpolitiker mehr.</strong> Schon als <strong>Oberbürgermeister von Köln (1917 – 1933) nutzte er nicht nur das (erst 1923 eingeführte) Radio gekonnt, sondern holte auch 1928 die erste internationale Rundfunkausstellung nach Köln</strong>. Er begriff die Bedeutung von Reden, Symbolen, Plakaten und Fernsehen, während andere die Menschen von oben herab manipulieren oder belehrten wollte. Dabei hatte er es niemals nötig, sich wie mancher heutige Politik-Influencer lächerlich und unglaubwürdig zu machen. Er verstand, <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/die-desinformierer/">dass es ohne funktionierendes Mediensystem auch keine Demokratie geben kann</a>.</p> <p><em>“Einen neuen Goebbels brauchen wir nicht und wollen wir nicht”, erklärte er seinem Stab im Bundeskanzleramt, “aber ein wirksamer Apparat mit einem presseerfahrenen Mann an der Spitze, das muss unbedingt sein!”</em></p> <p><em>Dominik Geppert in: “Adenauer. Eine Geschichte in Bildern”, Hirmer 2022, S. 36 </em></p> <p>Ich meine: <em>Wer die Macht von Medien in der Politik nicht begreift, hat auch keine Chance, die gekonnten Inszenierungen, politischen Erfolge und mimetischen Prägungen von <strong>Adenauer</strong> auch nur im Ansatz zu verstehen.</em> Dabei biederte er sich keineswegs dem Journalismus an, sondern fürchtete etwa den WDR als <em>“Rotfunk”</em>. Zudem las er jeden Tag intensiv.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMedienDemokratieWasserkriseKAS2021-scaled.jpg" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Schaubild von Dr. Michael Blume zur Medienethik mit der Überschrift &quot;Wenn ein Mediensystem kaputt ist, stürzt die Demokratie ab.&quot; Oben werden die Gefahren von medialer Radikalisierung und feindseligem Dualismus aufgezeigt, unten die Bedeutung von starken Lokalmedien für das Vertrauen in Demokratien und die Bewältigung der Klima- als Wasserkrise." decoding="async" height="1429" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMedienDemokratieWasserkriseKAS2021-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMedienDemokratieWasserkriseKAS2021-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMedienDemokratieWasserkriseKAS2021-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMedienDemokratieWasserkriseKAS2021-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMedienDemokratieWasserkriseKAS2021-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMedienDemokratieWasserkriseKAS2021-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMedienDemokratieWasserkriseKAS2021-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em><a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/die-desinformierer/"><strong>“Wenn ein Mediensystem kaputt ist, stürzt die Demokratie ab.”</strong></a> Schaubild zu <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeFestredeKASLokaljournalistenpreis1022.pdf">meiner KAS-Rede zur Auszeichnung von starkem Lokaljournalismus</a>. Grafik: Michael Blume mit NotebookLM</em> </p> <p>Es wird mir auch in den kommenden Blogposts rund um <strong>Adenauer</strong> also nicht darum gehen, dass Sie alle seine Positionen und Taten begrüßen oder ihn für einen Heiligen halten. Beides tue auch ich nicht. Aber wenn es uns dialogisch gelänge, ihn, seine Geschichte mit furchtbaren Niederschlägen wie auch großen Erfolgen und damit die bis heute wirksame, bundesdeutsche Mimesis besser zu verstehen, dann wäre für uns alle und für unsere wieder so gefährdete Republik sehr viel gewonnen!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/VsxKyTu6KbU?feature=oembed" title="Medien-, Demokratie- und Wasserkrise. Zur Blume-Rede beim KAS-Preis für Lokaljournalismus 2021" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/konrad-adenauer-1876-1967-christdemokrat-medienkanzler-bundes-mimetiker/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>89</slash:comments> </item> <item> <title>Highlights of WGSN 2025 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/highlights-of-wgsn-2025/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/highlights-of-wgsn-2025/#respond Sat, 03 Jan 2026 19:30:19 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12432 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov-768x384.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/highlights-of-wgsn-2025/</link> </image> <description type="html"><h1>Highlights of WGSN 2025 » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Die Internationale Astronomische Union hat 2025 genau 40 neue Sternnamen veröffentlicht. Auf den Social Media-Kanälen der Gruppe “Sternnamen” wurden diese hübschen Bildchen als “Highlights” der Outreach-Arbeit publiziert.</p> <p>Zur Verteilung der neuen Namen am Himmel ergeben sich ein weites Feld. Die Abbildung zeigt die Verteilung der Namen bis November 2025; im Dezember kamen noch viele “links oben”, nördlich von Tiansi und Cexing dazu.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov.jpg"><img alt="" decoding="async" height="428" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 855px) 100vw, 855px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov.jpg 855w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov-300x150.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov-768x384.jpg 768w" width="855"></img></a></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Highlights of WGSN 2025 » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Die Internationale Astronomische Union hat 2025 genau 40 neue Sternnamen veröffentlicht. Auf den Social Media-Kanälen der Gruppe “Sternnamen” wurden diese hübschen Bildchen als “Highlights” der Outreach-Arbeit publiziert.</p> <p>Zur Verteilung der neuen Namen am Himmel ergeben sich ein weites Feld. Die Abbildung zeigt die Verteilung der Namen bis November 2025; im Dezember kamen noch viele “links oben”, nördlich von Tiansi und Cexing dazu.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov.jpg"><img alt="" decoding="async" height="428" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 855px) 100vw, 855px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov.jpg 855w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov-300x150.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov-768x384.jpg 768w" width="855"></img></a></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/highlights-of-wgsn-2025/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>DRK-Blutspenden statt Thymos, Trump & Böllern? Gedanken zur Mimesis am Neujahrstag 2026 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/drk-blutspenden-statt-thymos-trump-boellern-gedanken-zur-mimesis-am-neujahrstag-2026/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/drk-blutspenden-statt-thymos-trump-boellern-gedanken-zur-mimesis-am-neujahrstag-2026/#comments Thu, 01 Jan 2026 10:01:02 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=10900 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2259-768x254.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/drk-blutspenden-statt-thymos-trump-boellern-gedanken-zur-mimesis-am-neujahrstag-2026/</link> </image> <description type="html"><h1>DRK-Blutspenden statt Thymos, Trump & Böllern? Zu Silvester</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p><span>Als <a href="https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2025/10-2025/medien-und-mimesis-journalismus-in-zeiten-digitaler-aufmerksamkeitsoekonomie/">ich letztes Jahr den Artikel <strong><em>„Medien &amp; Mimesis“</em></strong> zu den Gefahren digitaler Aufmerksamkeitsökonomie und konkret der <strong>Rechtsmimesis</strong> für <strong>die Bundesrepublik Deutschland</strong> schrieb</a>, war es nicht schwer, Beispiele für irrationale, mimetische Ziel-Nachahmungen zu finden: <strong>Suizide</strong>, <strong>Gewalttaten</strong> und <strong>Flitzer</strong> verbreiten sich weltweit nachweislich durch mediale Verstärkungen. Dagegen hatte sich daher <strong>eine reflektierte Medienethik</strong> entwickelt, die jedoch durch die Digitalisierung ins Rutschen geraten ist.</span></p> <p>Denn der <strong>psychologische Begriff der Mimesis</strong> bezeichnet <strong>die menschliche Tendenz, nicht nur Verhalten, sondern auch Ziele von anderen zu übernehmen</strong>. Dies kann durchaus positive Wirkungen haben und formte aus unseren hominiden Ahnmüttern und -vätern evolutionspsychologisch uns Menschen: <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/">vor knapp 2 Millionen Jahren entstanden erstmals neuartige, eben mimetische Faustkeile der </a><b><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/">Acheuléen-Kultur</a>.</b> Heute gilt als <strong>Konsens in der evolutionären Anthropologie</strong> (Menschenkunde):<b> Jedes menschliche Zusammenleben beruht auch auf Mimesis!</b></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Auf einer Decke liegt links das Buch &quot;Religion in Human Evolution&quot; von Robert N. Bellah, rechts ein Bruchstück der Berliner Mauer." decoding="async" height="2050" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1996-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1996-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1996-300x240.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1996-1024x820.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1996-768x615.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1996-1536x1230.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1996-2048x1640.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/">Entdecker des Konzeptes der säkular-politischen “Zivilreligionen”, <strong>Robert N. Bellah</strong> (1927 – 2013), führte die Evolutionspsychologie der Mimesis auch in die Religionswissenschaft</a> ein. Das Titelbild <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/ae-wie-aepfelbach-die-mitwelt-aus-aethiopien-und-aegypten/">ägyptischer Pyramiden verweist dabei auf die komplexe Mimetik, Mythologien und Medienwelten von Jenseitshoffnungen und Todesritualen</a>. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Allerdings wird <strong>unsere mimetische Psyche leider auch seit Generationen zunehmend durch kommerzielle Werbung manipuliert</strong>: Indem attraktive Menschen um Produkte inszeniert werden, wird unsere Tendenz <strong>zur mimetischen Nachahmung bis zu Gier und Neid</strong> gesteigert. Deswegen übernehmen auch ärmere Menschen oft die Ziele von Reichen, versuchen sogar mit ihnen zu verschmelzen – denken wir nur <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/digitale-gewalt-gegen-die-hateaid-chefinnen-gezielt-an-weihnachten-2025/">an <strong>den mimetischen Hass der Trump – MAGA – Bewegung in den USA</strong>, der immer wieder bewusst auch an Feiertagen wie Weihnachten eskaliert</a> wird.<aside></aside></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/kryptowinter-die-falle-des-commitment-tunnel/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="In einem Post vom 18. Januar 2025 in antisozialen Konzernmedien bot Donald J. Trump nach ihm selbst benannte Memecoins zum Kauf an, um Teil der &quot;special Trump Community&quot; zu werden. Inszeniert wird diese Kryptowährung durch ein Schwarz-Weiß-Bild des Gewählten mit gereckter Faust, seiner Unterschrift und dem in Gold gehaltenen Schriftzug: FIGHT FIGHT FIGHT." decoding="async" height="737" sizes="(max-width: 567px) 100vw, 567px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/TrumpKryptoCoinX2025.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/TrumpKryptoCoinX2025.jpg 567w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/TrumpKryptoCoinX2025-231x300.jpg 231w" width="567"></img></a></p> <p><em>Mit <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/kryptowinter-die-falle-des-commitment-tunnel/">Memecoins wie $TRUMP erzielen Unternehmen von <strong>Donald Trump</strong> Millionengewinne, indem sie “Krypto”-Käuferinnen und &amp; Käufer mimetisch in eine sog. “Trump Community” einladen</a>. Auch ausländische Geldgebende können auf diesem Weg zudem Bestechungsgelder überweisen. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Hier sehen wir auch <strong>die oft verschwörungsgläubige Verschmelzung von Mimesis und Thymos (Statusstreben, Ruhm- und Empörungssucht)</strong>: Der Tyrann bietet sich seiner Anhängerschaft als Vorkämpfer gegen vermeintlich bösartige, verschwörerische Eliten zur psychologischen Verschmelzung an. Doch dieses Narrativ zerfällt immer mehr: <a href="https://www.spiegel.de/panorama/epstein-akten-wie-ein-republikaner-eine-trump-attacke-pariert-und-zu-geld-macht-a-b5b74044-439d-4582-8cfa-8d8413f2abf1">mit der nur widerwilligen Veröffentlichung der <strong>Epstein-Akten</strong>, in denen <strong>Trump</strong> auch selbst immer wieder auftaucht, wird der schwerreiche POTUS selbst als Teil dieser “Eliten” sichtbar</a>.</p> <p>Ebenso leidet auch <a href="https://youtu.be/F1nITBjZUAM">das Ansehen des fossilen Faschisten <strong>Wladimir Putin</strong></a>, seitdem er <a href="https://www.youtube.com/watch?v=My6IuvqyXwY">indische Männer als demografischen Ersatz für russische Verluste einfliegen</a> lassen muss. Auch zum Beispiel <a href="https://www.derstandard.at/story/3000000302275/orbans-ende-im-naechsten-jahr"><strong>Viktor Orban</strong> hat die medial-mimetische Dominanz in <strong>Ungarn</strong> derzeit verloren</a>.</p> <p>Politikwissenschaftlich gesehen <a href="https://youtu.be/F1nITBjZUAM">übt <strong>die mediale und politische Rechtsmimesis also eine verheerende Zerstörungskraft gegenüber Demokratien</strong> aus</a>, scheitert aber immer wieder am Aufbau nachhaltiger Strukturen. Ich deute ihre <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/erneuerbare-friedensenergien-und-die-abwehrschlacht-des-fossilismus/">durch fossile Konzerne und Lobbyisten finanzierte Verbreitung daher als wütende <strong>“Abwehrschlacht des Fossilismus”</strong> zur Verzögerung der längst globalen Energiewende</a>.</p> <p>Und wir sollten die psychologische, medial verstärkte Wucht dieser Gefahr nicht unterschätzen: Der französisch-amerikanische Literaturwissenschaftler und Kulturanthropologe <strong>René Girard</strong> (1923 – 2015) sagte aufgrund <strong>der Psychologie der Mimesis in Zeiten der sog. Massenmedien sogar den Zusammenbruch von Zivilisationen durch die Gleichschaltung von Zielen und also die Eskalation von Gier und Neid</strong> voraus. Auf dieses Szenario beruft sich u.a. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-katechon-glauben-zum-dritten-reich-in-deutschland-russland-usa-einfach-erklaert/">der rechtsdualistische Milliardär und Monarchist <strong>Peter Thiel</strong></a>, der u.a. den US-Vizepräsidenten <strong>J.D. Vance</strong> ins Amt hievte.</p> <p>Und wenn ich auch ein Weiterbestehen von rechtsstaatlichen Demokratien für möglich halte und befürworte, so plädiere ich doch dafür, <a href="https://youtu.be/PHl-XDEYy1M"><strong>die Macht von Medien, von Demografie und Rechtsmimesis</strong> sehr viel ernster als bisher zu nehmen</a>!</p> <p><a href="https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2025/10-2025/medien-und-mimesis-journalismus-in-zeiten-digitaler-aufmerksamkeitsoekonomie/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Im Schaubild zum Artikel &quot;Medien &amp; Mimesis&quot; von Dr. Michael Blume aus 2025 werden links die Gefahren medialer Nachahmung als Verrohung und Anstachelung von Gewalt dargestellt, rechts die Vorzüge von Medienethik, Dialog und bewussten Medienentscheidungen dargestellt." decoding="async" height="1429" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Das Schaubild zum Artikel “Medien &amp; Mimesis” bei Herder Korrespondenz 10/2025 zeigt links den “mimetischen Teufelskreis” aus der Nachahmung medial präsentierter Verhaltensweisen &amp; Ziele, rechts Erkenntnisse der Medienethik wie den Verlust von Medienvertrauen durch Gewaltdarstellungen, die Bedeutung von Dialog und Diegesis (“Erzählkunst”) und die Freiheit der Medienprosumierenden. Grafik: Michael Blume mit NotebookLM </em></p> <p>So meine ich, dass <strong>auch privatisiertes Böllern</strong> als Beispiel zur mimetischen Negativspirale aus Gewalt und fossiler Entsolidarisierung zu zählen ist.</p> <p><strong>Psychologische und kulturgeschichtliche Hintergründe des privatisierten, thymotischen Böllerns</strong></p> <p><span>Religionspsychologisch gesehen verunsichert Neujahr als Schwelle zwischen altem und neuem Kalenderjahr uns Menschen und regt je nach Gemüt mimetisch zur inneren Einkehr, zu Gemeinschaftsritualen oder zu beidem an. In der Ritualforschung wird ein solcher, gemeinsam zu bewältigender Schwellenzustand seit <strong>Victor Turner </strong>(1920 – 1983) als <strong><em>“liminal”</em></strong> bezeichnet: Denken wir neben <strong>den Jahreswechseln</strong> etwa auch an <strong>das Beispiel einer Eheschließung</strong>, mit der sich ja nicht nur die Rollen der Eheleute, sondern auch der Angehörigen, Freunde und Bekannten verändern. In allen menschlichen Kulturen – ob religiös oder säkular – entwickeln sich komplexe, rituelle Traditionen zur Bewältigung von sog. <strong><em>“Liminalität”</em></strong>.</span></p> <p><span data-wp-editing="1"><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Auf Feldwegen sind kleine Gruppen von Menschen zu sehen, die fossile, in grellen Lichtern zerplatzende Feuerwerksraketen in den Nachthimmel der Fildern abfeuern." decoding="async" height="2560" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2283-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2283-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2283-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2283-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2283-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2283-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></a></span></p> <p><span data-wp-editing="1"><em>Das private und meist gemeinschaftliche Zünden von fossilen Knallkörpern und Feuerwerksraketen (“Böllern”) befriedigt rituell psychologische Bedürfnisse aus Mimesis, Liminalität und Statusstreben (Thymos). Foto zum Jahresübergang 2025 / 2026 auf den Fildern: Zehra Blume</em> </span></p> <p><span>So entwickeln sich also auch in <strong>jeder menschlichen Kultur zum jeweiligen Jahreswechsel zahlreiche Rituale, die meist auch mit religiöser Symbolik verknüpft</strong> sind: Der heute auch im Deutschen verwurzelte <strong>Januar geht auf den römischen, zweigesichtigen Gott von Anfang und Ende, den Janus</strong>, zurück. Der 31.12. ist <strong>im gregorianisch-christlichen Kalender der Heiligengedenktag</strong> für den frühen <strong>Papst Silvester I.</strong> (284 – 335), an vielen Kirchen werden dazu auch Glocken geläutet.</span></p> <p>Im Deutschen hat sich über das Judendeutsche / Jiddische <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/guter-rutsch-und-hals-und-beinbruch-wo-kommen-diese-gr-e-her/">aus dem hebräischen Neujahrstag <strong><em>“Rosch”</em></strong> und dem Segensgruß <strong><em>“Hazlacha ubracha”</em></strong> der mimetisch-fröhliche Ausruf <em><strong>“Guter Rutsch und Hals- und Beinbruch!”</strong></em> entwickelt</a>.</p> <p>Während des christlich-kirchlichen Hintergrundes zum längst globalen Neujahr vielen Menschen in säkularen Demokratien gar nicht mehr bewusst ist, wird die beliebte Feier auch immer wieder von IS-Terroristen als „unislamisch“ angegriffen.</p> <p>So wurden gerade erst <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115809682527348907">bei einem Anti-Terror-Einsatz in <strong>Istanbul</strong> sechs IS-Verdächtige und drei Polizisten getötet</a>, Hunderte verhaftet. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-4-zeit-und-kalender-zwischen-hoffnung-und-antisemitismus/">Wer die Bedeutung von Zeit und Kalendern nicht versteht, versteht auch Hass, Hetze, Antisemitismus und Terrorismus nicht</a>. Der Holocaust-Überlebende und spätere Philosophie-Professor <strong>Hans Blumenberg</strong> (1920 – 1996) erkannte dagegen: <strong><em>“Enge der Zeit ist die Wurzel des Bösen.”</em></strong> </p> <p>Auch zivil-esoterische Traditionen wie Zukunftsvorhersagen aus Kaffeesatz oder Bleigießen und säkulare Traditionen wie <a href="https://youtube.com/shorts/TeEUFDVxMXs?si=EEZuhdUBtBfjp7SS">das (von der britischen Deutsch-Influencerin @Sammy bestaunte) Anschauen der britischen Komödie <strong><em>„Dinner for One“</em></strong> in <strong>Deutschland</strong></a> werden von Millionen mimetisch zum längst globalen Neujahr praktiziert.</p> <p><span>Manche populären Überlieferungen zu vermeintlichen, religiösen Wurzeln stimmen jedoch auch einfach nicht: <a href="https://www.deutschlandfunk.de/feuerwerk-geschichte-tradition-boellern-100.html"><strong>Die thymotische Böllerei geht nicht auf vermeintlich germanische Traditionen der Geistervertreibung zurück, sondern auf Salutschüsse und barocke Feuerwerke des europäischen Adels.</strong></a> Diese thymotischen Inszenierungen wurden jedoch von Reichen bezahlt und von Profis organisiert, um Gäste und städtische Öffentlichkeiten mimetisch zu beeindrucken.</span></p> <p>Doch im 20. Jahrhundert gelang es der fossilen Industriewerbung in vielen Ländern, das thymotische, Status-inszenierende Böllern vor allem bei Kindern und Männern als vermeintlich völkisches Naturrecht und thymotische Mutprobe mimetisch zu etablieren: Ein humorloser Weichling, wer nicht mitböllere.</p> <p>Und wenn auch <a href="https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/politik/feuerwerk-silvester-boeller-verbot-mdrfragt-umfrage-100.html">inzwischen knappe Mehrheiten deutscher Männer und deutliche Mehrheiten deutscher Frauen ein Verbot privater Böller &amp; Feuerwerke befürworten</a>, so muss doch allen klar sein, dass dessen Durchsetzung wie schon bei der <strong>Gurtpflicht</strong> zu massivem Widerwillen (<strong>Reaktanz</strong>) führen wird. Andererseits halte ich das fossile Weitermachen auch für keine gute Lösung: <a href="https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/erste-bilanz-der-silvesternacht-zahlreiche-angriffe-auf-einsatzkrafte--zwei-18-jahrige-sterben-bei-pyro-unfall-in-bielefeld-15092647.html">Auch gestern starben in <strong>Deutschland</strong> wieder vor allem junge Menschen, gab es zahlreiche auch schwere Verletzungen, Gewalttaten und Verhaftungen, Übergriffe gegen Polizei- und Rettungskräfte.</a> Auch in den vor einem Verbot stehenden <strong>Niederlanden</strong> kam es zu schwerer Gewalt, in <a href="https://www.tagesschau.de/ausland/europa/eilmeldung-explosion-schweiz-100.html">der <strong>Schweiz</strong> soll es im Zusammenhang mit kommerzieller Pyrotechnik am Skiort <strong>Crans-Montana</strong> zu einer Explosion mit vielen Toten gekommen</a> sein.</p> <p>Unstrittig sind auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-feuer-von-los-angeles-umwelt-klima-oder-endlich-mitweltschutz/">fossile, wirtschaftliche Schäden an der Mitwelt durch Brände</a> und Feinstaub sowie völlig unnötige Verängstigungen vor allem von Kindern und Tieren. Wissenschaftlich sehe ich da gar keine Zweifel mehr: <strong>Die private, thymotische, fossile Böllerei zu Silvester schädigt Mitmenschen und Mitwelt.</strong></p> <p>Eine bereits seit Jahren von christlichen Kirchen empfohlene Alternative sind Spendenaufrufe unter dem Motto <em><strong>“Brot statt Böller”</strong></em>. Als Wissenschaftler und Christ, Demokrat und Solarpunk wage ich jedoch einen weiteren, rituell-mimetischen Vorschlag: das <strong>Blutspenden </strong>für all jene, denen dies gesundheitlich (noch) möglich ist.</p> <p>Und ich widme diesen <strong>“Blutspenden statt Böller”-</strong>Vorschlag dem ehrenden Angedenken an die große <strong>Margot Friedländer </strong>(1921 – 2025), die allen, die zuhörten, <a href="https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/506886/margot-friedlaender-ich-spreche-fuer-die-die-nicht-mehr-sprechen-koennen/">die <strong>Bedeutung der Menschenwürde auch als Lehre der Geschichte</strong> vermittelte</a>:</p> <p><em>„Es gibt kein christliches Blut, kein jüdisches Blut, kein muslimisches Blut – es gibt nur menschliches Blut, und wir müssen die Menschen respektieren. Was war, war. Das können wir nicht ändern. Aber es sollte nie, nie, nie wieder passieren.“</em></p> <p><a href="https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/506886/margot-friedlaender-ich-spreche-fuer-die-die-nicht-mehr-sprechen-koennen/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Zitatkachel der Bundeszentrale für politische Bildung mit einem Foto und Doppelzitat von Margot Friedländer: &quot;Ich spreche für die, die nicht mehr sprechen können.&quot; - &quot;Es gibt kein jüdisches, christliches und kein muslimisches Blut. Es gibt nur menschliches Blut!&quot;" decoding="async" height="553" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 626px) 100vw, 626px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MargotFriedlaenderMenschlichesBlutBpB2025.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MargotFriedlaenderMenschlichesBlutBpB2025.jpg 626w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MargotFriedlaenderMenschlichesBlutBpB2025-300x265.jpg 300w" width="626"></img></a></p> <p><em>Zitatkachel zu Ehren von <strong>Margot Friedländer</strong>, seligen Angedenkens: <a href="https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/506886/margot-friedlaender-ich-spreche-fuer-die-die-nicht-mehr-sprechen-koennen/">Bundeszentrale für politische Bildung 2025</a></em></p> <p>Ich meine: In den Wochen vor dem Jahresende etwas gemeinschaftlich Gutes zu tun und damit auch anderen, gerade auch Jüngeren ein mimetisches Vorbild für Solidarität zu geben wäre ein guter, sinnvoller und überkonfessioneller Brauch auch für unsere Demokratien und demografisch unter Druck stehenden Gesundheitssysteme. Es wäre zudem ein Zeichen der Solidarität für unsere Medizinerinnen, Polizei- und Rettungskräfte, die gerade auch am “liminalen” Neujahr für uns alle im Einsatz sind.</p> <p><a href="https://www.blutspende.de/1bsv" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Auf einem roten Schal stehen die Worte &quot;Team Blutspende. Schenke Leben&quot; und ein kleiner Anhänger verweist auf den 1. BSV (&quot;Blutspendeverein&quot;) 1951." decoding="async" height="846" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2259-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2259-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2259-300x99.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2259-1024x338.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2259-768x254.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2259-1536x507.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2259-2048x677.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Dank an das <strong>Deutsche Rote Kreuz (DRK)</strong> für diese “Team Blutspende”-Schal für eine Blutspende am 27.12.2025 in Filderstadt. <a href="https://www.blutspende.de/1bsv">Der kleine Anhänger “1. BSV 1951” verweist auf den “ersten Blutspendeverein” von 1951, also auf eine bundesdeutsche Tradition</a>. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Und so will ich auch diesen Blogpost zu Neujahr 2026 mit einer positiven Medien-Mimesis schließen: <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/62-sukkat-salam">Einem <strong>jüdisch-christlich-islamischen <em>“Sukkat Salam”</em>-Friedensgespräch von 2025</strong> mitten auf dem Marienplatz (!) in <strong>Stuttgart</strong></a>. Dabei hatte ich die Muslimin <strong>Meryem Polat</strong> und den Juden <strong>Oron Hain</strong> für Podcast &amp; Video interviewt.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/z7VdCX4XJ-s?feature=oembed&amp;rel=0" title="Zu Gast bei &quot;Sukkat Salam&quot; - Jüdisch, muslimisch und miteinander solidarisch!" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>DRK-Blutspenden statt Thymos, Trump & Böllern? Zu Silvester</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p><span>Als <a href="https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2025/10-2025/medien-und-mimesis-journalismus-in-zeiten-digitaler-aufmerksamkeitsoekonomie/">ich letztes Jahr den Artikel <strong><em>„Medien &amp; Mimesis“</em></strong> zu den Gefahren digitaler Aufmerksamkeitsökonomie und konkret der <strong>Rechtsmimesis</strong> für <strong>die Bundesrepublik Deutschland</strong> schrieb</a>, war es nicht schwer, Beispiele für irrationale, mimetische Ziel-Nachahmungen zu finden: <strong>Suizide</strong>, <strong>Gewalttaten</strong> und <strong>Flitzer</strong> verbreiten sich weltweit nachweislich durch mediale Verstärkungen. Dagegen hatte sich daher <strong>eine reflektierte Medienethik</strong> entwickelt, die jedoch durch die Digitalisierung ins Rutschen geraten ist.</span></p> <p>Denn der <strong>psychologische Begriff der Mimesis</strong> bezeichnet <strong>die menschliche Tendenz, nicht nur Verhalten, sondern auch Ziele von anderen zu übernehmen</strong>. Dies kann durchaus positive Wirkungen haben und formte aus unseren hominiden Ahnmüttern und -vätern evolutionspsychologisch uns Menschen: <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/">vor knapp 2 Millionen Jahren entstanden erstmals neuartige, eben mimetische Faustkeile der </a><b><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/">Acheuléen-Kultur</a>.</b> Heute gilt als <strong>Konsens in der evolutionären Anthropologie</strong> (Menschenkunde):<b> Jedes menschliche Zusammenleben beruht auch auf Mimesis!</b></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Auf einer Decke liegt links das Buch &quot;Religion in Human Evolution&quot; von Robert N. Bellah, rechts ein Bruchstück der Berliner Mauer." decoding="async" height="2050" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1996-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1996-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1996-300x240.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1996-1024x820.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1996-768x615.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1996-1536x1230.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1996-2048x1640.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/">Entdecker des Konzeptes der säkular-politischen “Zivilreligionen”, <strong>Robert N. Bellah</strong> (1927 – 2013), führte die Evolutionspsychologie der Mimesis auch in die Religionswissenschaft</a> ein. Das Titelbild <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/ae-wie-aepfelbach-die-mitwelt-aus-aethiopien-und-aegypten/">ägyptischer Pyramiden verweist dabei auf die komplexe Mimetik, Mythologien und Medienwelten von Jenseitshoffnungen und Todesritualen</a>. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Allerdings wird <strong>unsere mimetische Psyche leider auch seit Generationen zunehmend durch kommerzielle Werbung manipuliert</strong>: Indem attraktive Menschen um Produkte inszeniert werden, wird unsere Tendenz <strong>zur mimetischen Nachahmung bis zu Gier und Neid</strong> gesteigert. Deswegen übernehmen auch ärmere Menschen oft die Ziele von Reichen, versuchen sogar mit ihnen zu verschmelzen – denken wir nur <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/digitale-gewalt-gegen-die-hateaid-chefinnen-gezielt-an-weihnachten-2025/">an <strong>den mimetischen Hass der Trump – MAGA – Bewegung in den USA</strong>, der immer wieder bewusst auch an Feiertagen wie Weihnachten eskaliert</a> wird.<aside></aside></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/kryptowinter-die-falle-des-commitment-tunnel/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="In einem Post vom 18. Januar 2025 in antisozialen Konzernmedien bot Donald J. Trump nach ihm selbst benannte Memecoins zum Kauf an, um Teil der &quot;special Trump Community&quot; zu werden. Inszeniert wird diese Kryptowährung durch ein Schwarz-Weiß-Bild des Gewählten mit gereckter Faust, seiner Unterschrift und dem in Gold gehaltenen Schriftzug: FIGHT FIGHT FIGHT." decoding="async" height="737" sizes="(max-width: 567px) 100vw, 567px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/TrumpKryptoCoinX2025.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/TrumpKryptoCoinX2025.jpg 567w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/TrumpKryptoCoinX2025-231x300.jpg 231w" width="567"></img></a></p> <p><em>Mit <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/kryptowinter-die-falle-des-commitment-tunnel/">Memecoins wie $TRUMP erzielen Unternehmen von <strong>Donald Trump</strong> Millionengewinne, indem sie “Krypto”-Käuferinnen und &amp; Käufer mimetisch in eine sog. “Trump Community” einladen</a>. Auch ausländische Geldgebende können auf diesem Weg zudem Bestechungsgelder überweisen. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Hier sehen wir auch <strong>die oft verschwörungsgläubige Verschmelzung von Mimesis und Thymos (Statusstreben, Ruhm- und Empörungssucht)</strong>: Der Tyrann bietet sich seiner Anhängerschaft als Vorkämpfer gegen vermeintlich bösartige, verschwörerische Eliten zur psychologischen Verschmelzung an. Doch dieses Narrativ zerfällt immer mehr: <a href="https://www.spiegel.de/panorama/epstein-akten-wie-ein-republikaner-eine-trump-attacke-pariert-und-zu-geld-macht-a-b5b74044-439d-4582-8cfa-8d8413f2abf1">mit der nur widerwilligen Veröffentlichung der <strong>Epstein-Akten</strong>, in denen <strong>Trump</strong> auch selbst immer wieder auftaucht, wird der schwerreiche POTUS selbst als Teil dieser “Eliten” sichtbar</a>.</p> <p>Ebenso leidet auch <a href="https://youtu.be/F1nITBjZUAM">das Ansehen des fossilen Faschisten <strong>Wladimir Putin</strong></a>, seitdem er <a href="https://www.youtube.com/watch?v=My6IuvqyXwY">indische Männer als demografischen Ersatz für russische Verluste einfliegen</a> lassen muss. Auch zum Beispiel <a href="https://www.derstandard.at/story/3000000302275/orbans-ende-im-naechsten-jahr"><strong>Viktor Orban</strong> hat die medial-mimetische Dominanz in <strong>Ungarn</strong> derzeit verloren</a>.</p> <p>Politikwissenschaftlich gesehen <a href="https://youtu.be/F1nITBjZUAM">übt <strong>die mediale und politische Rechtsmimesis also eine verheerende Zerstörungskraft gegenüber Demokratien</strong> aus</a>, scheitert aber immer wieder am Aufbau nachhaltiger Strukturen. Ich deute ihre <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/erneuerbare-friedensenergien-und-die-abwehrschlacht-des-fossilismus/">durch fossile Konzerne und Lobbyisten finanzierte Verbreitung daher als wütende <strong>“Abwehrschlacht des Fossilismus”</strong> zur Verzögerung der längst globalen Energiewende</a>.</p> <p>Und wir sollten die psychologische, medial verstärkte Wucht dieser Gefahr nicht unterschätzen: Der französisch-amerikanische Literaturwissenschaftler und Kulturanthropologe <strong>René Girard</strong> (1923 – 2015) sagte aufgrund <strong>der Psychologie der Mimesis in Zeiten der sog. Massenmedien sogar den Zusammenbruch von Zivilisationen durch die Gleichschaltung von Zielen und also die Eskalation von Gier und Neid</strong> voraus. Auf dieses Szenario beruft sich u.a. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-katechon-glauben-zum-dritten-reich-in-deutschland-russland-usa-einfach-erklaert/">der rechtsdualistische Milliardär und Monarchist <strong>Peter Thiel</strong></a>, der u.a. den US-Vizepräsidenten <strong>J.D. Vance</strong> ins Amt hievte.</p> <p>Und wenn ich auch ein Weiterbestehen von rechtsstaatlichen Demokratien für möglich halte und befürworte, so plädiere ich doch dafür, <a href="https://youtu.be/PHl-XDEYy1M"><strong>die Macht von Medien, von Demografie und Rechtsmimesis</strong> sehr viel ernster als bisher zu nehmen</a>!</p> <p><a href="https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2025/10-2025/medien-und-mimesis-journalismus-in-zeiten-digitaler-aufmerksamkeitsoekonomie/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Im Schaubild zum Artikel &quot;Medien &amp; Mimesis&quot; von Dr. Michael Blume aus 2025 werden links die Gefahren medialer Nachahmung als Verrohung und Anstachelung von Gewalt dargestellt, rechts die Vorzüge von Medienethik, Dialog und bewussten Medienentscheidungen dargestellt." decoding="async" height="1429" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Das Schaubild zum Artikel “Medien &amp; Mimesis” bei Herder Korrespondenz 10/2025 zeigt links den “mimetischen Teufelskreis” aus der Nachahmung medial präsentierter Verhaltensweisen &amp; Ziele, rechts Erkenntnisse der Medienethik wie den Verlust von Medienvertrauen durch Gewaltdarstellungen, die Bedeutung von Dialog und Diegesis (“Erzählkunst”) und die Freiheit der Medienprosumierenden. Grafik: Michael Blume mit NotebookLM </em></p> <p>So meine ich, dass <strong>auch privatisiertes Böllern</strong> als Beispiel zur mimetischen Negativspirale aus Gewalt und fossiler Entsolidarisierung zu zählen ist.</p> <p><strong>Psychologische und kulturgeschichtliche Hintergründe des privatisierten, thymotischen Böllerns</strong></p> <p><span>Religionspsychologisch gesehen verunsichert Neujahr als Schwelle zwischen altem und neuem Kalenderjahr uns Menschen und regt je nach Gemüt mimetisch zur inneren Einkehr, zu Gemeinschaftsritualen oder zu beidem an. In der Ritualforschung wird ein solcher, gemeinsam zu bewältigender Schwellenzustand seit <strong>Victor Turner </strong>(1920 – 1983) als <strong><em>“liminal”</em></strong> bezeichnet: Denken wir neben <strong>den Jahreswechseln</strong> etwa auch an <strong>das Beispiel einer Eheschließung</strong>, mit der sich ja nicht nur die Rollen der Eheleute, sondern auch der Angehörigen, Freunde und Bekannten verändern. In allen menschlichen Kulturen – ob religiös oder säkular – entwickeln sich komplexe, rituelle Traditionen zur Bewältigung von sog. <strong><em>“Liminalität”</em></strong>.</span></p> <p><span data-wp-editing="1"><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Auf Feldwegen sind kleine Gruppen von Menschen zu sehen, die fossile, in grellen Lichtern zerplatzende Feuerwerksraketen in den Nachthimmel der Fildern abfeuern." decoding="async" height="2560" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2283-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2283-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2283-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2283-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2283-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2283-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></a></span></p> <p><span data-wp-editing="1"><em>Das private und meist gemeinschaftliche Zünden von fossilen Knallkörpern und Feuerwerksraketen (“Böllern”) befriedigt rituell psychologische Bedürfnisse aus Mimesis, Liminalität und Statusstreben (Thymos). Foto zum Jahresübergang 2025 / 2026 auf den Fildern: Zehra Blume</em> </span></p> <p><span>So entwickeln sich also auch in <strong>jeder menschlichen Kultur zum jeweiligen Jahreswechsel zahlreiche Rituale, die meist auch mit religiöser Symbolik verknüpft</strong> sind: Der heute auch im Deutschen verwurzelte <strong>Januar geht auf den römischen, zweigesichtigen Gott von Anfang und Ende, den Janus</strong>, zurück. Der 31.12. ist <strong>im gregorianisch-christlichen Kalender der Heiligengedenktag</strong> für den frühen <strong>Papst Silvester I.</strong> (284 – 335), an vielen Kirchen werden dazu auch Glocken geläutet.</span></p> <p>Im Deutschen hat sich über das Judendeutsche / Jiddische <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/guter-rutsch-und-hals-und-beinbruch-wo-kommen-diese-gr-e-her/">aus dem hebräischen Neujahrstag <strong><em>“Rosch”</em></strong> und dem Segensgruß <strong><em>“Hazlacha ubracha”</em></strong> der mimetisch-fröhliche Ausruf <em><strong>“Guter Rutsch und Hals- und Beinbruch!”</strong></em> entwickelt</a>.</p> <p>Während des christlich-kirchlichen Hintergrundes zum längst globalen Neujahr vielen Menschen in säkularen Demokratien gar nicht mehr bewusst ist, wird die beliebte Feier auch immer wieder von IS-Terroristen als „unislamisch“ angegriffen.</p> <p>So wurden gerade erst <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115809682527348907">bei einem Anti-Terror-Einsatz in <strong>Istanbul</strong> sechs IS-Verdächtige und drei Polizisten getötet</a>, Hunderte verhaftet. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-4-zeit-und-kalender-zwischen-hoffnung-und-antisemitismus/">Wer die Bedeutung von Zeit und Kalendern nicht versteht, versteht auch Hass, Hetze, Antisemitismus und Terrorismus nicht</a>. Der Holocaust-Überlebende und spätere Philosophie-Professor <strong>Hans Blumenberg</strong> (1920 – 1996) erkannte dagegen: <strong><em>“Enge der Zeit ist die Wurzel des Bösen.”</em></strong> </p> <p>Auch zivil-esoterische Traditionen wie Zukunftsvorhersagen aus Kaffeesatz oder Bleigießen und säkulare Traditionen wie <a href="https://youtube.com/shorts/TeEUFDVxMXs?si=EEZuhdUBtBfjp7SS">das (von der britischen Deutsch-Influencerin @Sammy bestaunte) Anschauen der britischen Komödie <strong><em>„Dinner for One“</em></strong> in <strong>Deutschland</strong></a> werden von Millionen mimetisch zum längst globalen Neujahr praktiziert.</p> <p><span>Manche populären Überlieferungen zu vermeintlichen, religiösen Wurzeln stimmen jedoch auch einfach nicht: <a href="https://www.deutschlandfunk.de/feuerwerk-geschichte-tradition-boellern-100.html"><strong>Die thymotische Böllerei geht nicht auf vermeintlich germanische Traditionen der Geistervertreibung zurück, sondern auf Salutschüsse und barocke Feuerwerke des europäischen Adels.</strong></a> Diese thymotischen Inszenierungen wurden jedoch von Reichen bezahlt und von Profis organisiert, um Gäste und städtische Öffentlichkeiten mimetisch zu beeindrucken.</span></p> <p>Doch im 20. Jahrhundert gelang es der fossilen Industriewerbung in vielen Ländern, das thymotische, Status-inszenierende Böllern vor allem bei Kindern und Männern als vermeintlich völkisches Naturrecht und thymotische Mutprobe mimetisch zu etablieren: Ein humorloser Weichling, wer nicht mitböllere.</p> <p>Und wenn auch <a href="https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/politik/feuerwerk-silvester-boeller-verbot-mdrfragt-umfrage-100.html">inzwischen knappe Mehrheiten deutscher Männer und deutliche Mehrheiten deutscher Frauen ein Verbot privater Böller &amp; Feuerwerke befürworten</a>, so muss doch allen klar sein, dass dessen Durchsetzung wie schon bei der <strong>Gurtpflicht</strong> zu massivem Widerwillen (<strong>Reaktanz</strong>) führen wird. Andererseits halte ich das fossile Weitermachen auch für keine gute Lösung: <a href="https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/erste-bilanz-der-silvesternacht-zahlreiche-angriffe-auf-einsatzkrafte--zwei-18-jahrige-sterben-bei-pyro-unfall-in-bielefeld-15092647.html">Auch gestern starben in <strong>Deutschland</strong> wieder vor allem junge Menschen, gab es zahlreiche auch schwere Verletzungen, Gewalttaten und Verhaftungen, Übergriffe gegen Polizei- und Rettungskräfte.</a> Auch in den vor einem Verbot stehenden <strong>Niederlanden</strong> kam es zu schwerer Gewalt, in <a href="https://www.tagesschau.de/ausland/europa/eilmeldung-explosion-schweiz-100.html">der <strong>Schweiz</strong> soll es im Zusammenhang mit kommerzieller Pyrotechnik am Skiort <strong>Crans-Montana</strong> zu einer Explosion mit vielen Toten gekommen</a> sein.</p> <p>Unstrittig sind auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-feuer-von-los-angeles-umwelt-klima-oder-endlich-mitweltschutz/">fossile, wirtschaftliche Schäden an der Mitwelt durch Brände</a> und Feinstaub sowie völlig unnötige Verängstigungen vor allem von Kindern und Tieren. Wissenschaftlich sehe ich da gar keine Zweifel mehr: <strong>Die private, thymotische, fossile Böllerei zu Silvester schädigt Mitmenschen und Mitwelt.</strong></p> <p>Eine bereits seit Jahren von christlichen Kirchen empfohlene Alternative sind Spendenaufrufe unter dem Motto <em><strong>“Brot statt Böller”</strong></em>. Als Wissenschaftler und Christ, Demokrat und Solarpunk wage ich jedoch einen weiteren, rituell-mimetischen Vorschlag: das <strong>Blutspenden </strong>für all jene, denen dies gesundheitlich (noch) möglich ist.</p> <p>Und ich widme diesen <strong>“Blutspenden statt Böller”-</strong>Vorschlag dem ehrenden Angedenken an die große <strong>Margot Friedländer </strong>(1921 – 2025), die allen, die zuhörten, <a href="https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/506886/margot-friedlaender-ich-spreche-fuer-die-die-nicht-mehr-sprechen-koennen/">die <strong>Bedeutung der Menschenwürde auch als Lehre der Geschichte</strong> vermittelte</a>:</p> <p><em>„Es gibt kein christliches Blut, kein jüdisches Blut, kein muslimisches Blut – es gibt nur menschliches Blut, und wir müssen die Menschen respektieren. Was war, war. Das können wir nicht ändern. Aber es sollte nie, nie, nie wieder passieren.“</em></p> <p><a href="https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/506886/margot-friedlaender-ich-spreche-fuer-die-die-nicht-mehr-sprechen-koennen/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Zitatkachel der Bundeszentrale für politische Bildung mit einem Foto und Doppelzitat von Margot Friedländer: &quot;Ich spreche für die, die nicht mehr sprechen können.&quot; - &quot;Es gibt kein jüdisches, christliches und kein muslimisches Blut. Es gibt nur menschliches Blut!&quot;" decoding="async" height="553" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 626px) 100vw, 626px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MargotFriedlaenderMenschlichesBlutBpB2025.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MargotFriedlaenderMenschlichesBlutBpB2025.jpg 626w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MargotFriedlaenderMenschlichesBlutBpB2025-300x265.jpg 300w" width="626"></img></a></p> <p><em>Zitatkachel zu Ehren von <strong>Margot Friedländer</strong>, seligen Angedenkens: <a href="https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/506886/margot-friedlaender-ich-spreche-fuer-die-die-nicht-mehr-sprechen-koennen/">Bundeszentrale für politische Bildung 2025</a></em></p> <p>Ich meine: In den Wochen vor dem Jahresende etwas gemeinschaftlich Gutes zu tun und damit auch anderen, gerade auch Jüngeren ein mimetisches Vorbild für Solidarität zu geben wäre ein guter, sinnvoller und überkonfessioneller Brauch auch für unsere Demokratien und demografisch unter Druck stehenden Gesundheitssysteme. Es wäre zudem ein Zeichen der Solidarität für unsere Medizinerinnen, Polizei- und Rettungskräfte, die gerade auch am “liminalen” Neujahr für uns alle im Einsatz sind.</p> <p><a href="https://www.blutspende.de/1bsv" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Auf einem roten Schal stehen die Worte &quot;Team Blutspende. Schenke Leben&quot; und ein kleiner Anhänger verweist auf den 1. BSV (&quot;Blutspendeverein&quot;) 1951." decoding="async" height="846" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2259-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2259-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2259-300x99.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2259-1024x338.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2259-768x254.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2259-1536x507.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2259-2048x677.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Dank an das <strong>Deutsche Rote Kreuz (DRK)</strong> für diese “Team Blutspende”-Schal für eine Blutspende am 27.12.2025 in Filderstadt. <a href="https://www.blutspende.de/1bsv">Der kleine Anhänger “1. BSV 1951” verweist auf den “ersten Blutspendeverein” von 1951, also auf eine bundesdeutsche Tradition</a>. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Und so will ich auch diesen Blogpost zu Neujahr 2026 mit einer positiven Medien-Mimesis schließen: <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/62-sukkat-salam">Einem <strong>jüdisch-christlich-islamischen <em>“Sukkat Salam”</em>-Friedensgespräch von 2025</strong> mitten auf dem Marienplatz (!) in <strong>Stuttgart</strong></a>. Dabei hatte ich die Muslimin <strong>Meryem Polat</strong> und den Juden <strong>Oron Hain</strong> für Podcast &amp; Video interviewt.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/z7VdCX4XJ-s?feature=oembed&amp;rel=0" title="Zu Gast bei &quot;Sukkat Salam&quot; - Jüdisch, muslimisch und miteinander solidarisch!" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/drk-blutspenden-statt-thymos-trump-boellern-gedanken-zur-mimesis-am-neujahrstag-2026/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>76</slash:comments> </item> <item> <title>Quadrans – ein Feuerwerk https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/quadrans-ein-feuerwerk/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/quadrans-ein-feuerwerk/#respond Wed, 31 Dec 2025 23:00:15 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12331 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-768x768.jpg Info Karte der IAU https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/quadrans-ein-feuerwerk/ <h1>Quadrans - ein Feuerwerk » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <div> <div> <p>Anfang 2025 hat die Arbeitsgruppe Sternnamen (WGSN) der Internationalen Astronomischen Union (IAU) den 44sten Stern des Sternbilds Bootes mit der Katalognummer HIP 73695 “<a href="https://simbad.cds.unistra.fr/simbad/sim-basic?Ident=44+Boo&amp;submit=SIMBAD+search">44 Boo</a>” benannt. Er ist fürs Auge nur 4.83 mag hell, also in Großstädten nicht sichtbar, sondern nur im Dunkeln auf dem Land. </p> </div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1001" sizes="(max-width: 1001px) 100vw, 1001px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg 1001w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-768x768.jpg 768w" width="1001"></img></a></figure> </div> </div> <p>Der Stern erhielt den Namen “Quadrans”. </p> <p>Er ist ganz offensichtlich nicht quadratisch oder würfelförmig. Es ist tatsächlich ein Mehrfachstern, d.h. der benannte Hauptstern (die A-Komponente) wird von einem engen (spektroskopischen) Doppelstern begleitet und ist von einem Staubring umgeben. </p> <p>Eines der Offices für Astronomy in Education (OAE) der IAU hat dies in der oben abgebildeten Info-Karte visualisiert. Es werden für jeden Sternnamen zwei Infokarten hergestellt:<aside></aside></p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1001" sizes="(max-width: 1001px) 100vw, 1001px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg 1001w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-768x768.jpg 768w" width="1001"></img></a></figure> </div> <div> <p>Die zweite Karte zeigt die Lage des Sterns in üblichen IAU-Sternbildern. </p> <p>Bei Quadrans ist sie es, die den Namen erklärt: das Sternchen liegt neben dem scheinbaren Ursprung des Quadrantiden-Meteorschauers, der jedes Jahr Anfang Januar auftritt. </p> </div> </div> <p>Als virtuelles Silvesterfeuerwerk teile ich daher diese Bilder und weise darauf hin, dass </p> <ol> <li>die IAU derlei Infokarten in ihren medialen Kanälen teilt: auf BlueSky, X, Instagram, auf den Internetseiten des IAU-Office for Astronomy Outreach (OAO), und von manchen der IAU-Offices for Astronomy in Education (OAE). </li> <li>Sie der IAU und der Arbeitsgruppe Sternnamen (WGSN) auf den sozialen Medien folgen könnten (bluesky <a class="" data-cp-link="1" href="https://bsky.app/profile/iau-wgsn.bsky.social" target="_self">@iau-wgsn.bsky.social</a>, X @<a class="" data-cp-link="1" href="https://x.com/IAU_WGSN" target="_self">iau_wgsn</a>, insta <a class="" data-cp-link="1" href="https://www.instagram.com/iau.star.names" target="_self">@iau.star.names</a>) und </li> <li>in den nächsten Tagen ein Sternschnuppenschauer zu erwarten ist. </li> </ol> <p>Also wissen Sie ja, was mit den Neujahrswünschen zu tun ist… 😉 </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Quadrans - ein Feuerwerk » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <div> <div> <p>Anfang 2025 hat die Arbeitsgruppe Sternnamen (WGSN) der Internationalen Astronomischen Union (IAU) den 44sten Stern des Sternbilds Bootes mit der Katalognummer HIP 73695 “<a href="https://simbad.cds.unistra.fr/simbad/sim-basic?Ident=44+Boo&amp;submit=SIMBAD+search">44 Boo</a>” benannt. Er ist fürs Auge nur 4.83 mag hell, also in Großstädten nicht sichtbar, sondern nur im Dunkeln auf dem Land. </p> </div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1001" sizes="(max-width: 1001px) 100vw, 1001px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg 1001w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-768x768.jpg 768w" width="1001"></img></a></figure> </div> </div> <p>Der Stern erhielt den Namen “Quadrans”. </p> <p>Er ist ganz offensichtlich nicht quadratisch oder würfelförmig. Es ist tatsächlich ein Mehrfachstern, d.h. der benannte Hauptstern (die A-Komponente) wird von einem engen (spektroskopischen) Doppelstern begleitet und ist von einem Staubring umgeben. </p> <p>Eines der Offices für Astronomy in Education (OAE) der IAU hat dies in der oben abgebildeten Info-Karte visualisiert. Es werden für jeden Sternnamen zwei Infokarten hergestellt:<aside></aside></p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1001" sizes="(max-width: 1001px) 100vw, 1001px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg 1001w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-768x768.jpg 768w" width="1001"></img></a></figure> </div> <div> <p>Die zweite Karte zeigt die Lage des Sterns in üblichen IAU-Sternbildern. </p> <p>Bei Quadrans ist sie es, die den Namen erklärt: das Sternchen liegt neben dem scheinbaren Ursprung des Quadrantiden-Meteorschauers, der jedes Jahr Anfang Januar auftritt. </p> </div> </div> <p>Als virtuelles Silvesterfeuerwerk teile ich daher diese Bilder und weise darauf hin, dass </p> <ol> <li>die IAU derlei Infokarten in ihren medialen Kanälen teilt: auf BlueSky, X, Instagram, auf den Internetseiten des IAU-Office for Astronomy Outreach (OAO), und von manchen der IAU-Offices for Astronomy in Education (OAE). </li> <li>Sie der IAU und der Arbeitsgruppe Sternnamen (WGSN) auf den sozialen Medien folgen könnten (bluesky <a class="" data-cp-link="1" href="https://bsky.app/profile/iau-wgsn.bsky.social" target="_self">@iau-wgsn.bsky.social</a>, X @<a class="" data-cp-link="1" href="https://x.com/IAU_WGSN" target="_self">iau_wgsn</a>, insta <a class="" data-cp-link="1" href="https://www.instagram.com/iau.star.names" target="_self">@iau.star.names</a>) und </li> <li>in den nächsten Tagen ein Sternschnuppenschauer zu erwarten ist. </li> </ol> <p>Also wissen Sie ja, was mit den Neujahrswünschen zu tun ist… 😉 </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/quadrans-ein-feuerwerk/#respond 0 Kalkalgen-Gärten und Lachszuchten in Norwegen https://scilogs.spektrum.de/meertext/kalkalgen-gaerten-und-lachszuchten-in-norwegen/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/kalkalgen-gaerten-und-lachszuchten-in-norwegen/#comments Tue, 30 Dec 2025 10:50:35 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1858 <h1>Kalkalgen-Gärten und Lachszuchten in Norwegen » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Die Reste verkalkte Rotalgen, die wie winzige Riffkorallen aussehen, bilden vor den norwegischen Felsküsten ein besonders Ökosystem – Maerl beds. An der französischen Mittelmeerküste heißt dieses Ökosystem treffend „Coralligène“. Solche Maerlböden (Maerl Beds) sind wenige Zentimeter hohe Lebensräume für eine artenreiche Lebensgemeinschaft wie Muscheln, Seeigel, See- und Schlangensterne sowie Borstenwürmer. Für kleine Organismen ist das Geflecht ein dreidimensionaler Miniatur-Riff-Garten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-25.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="720" sizes="(max-width: 960px) 100vw, 960px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-25.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-25.png 960w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-25-300x225.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-25-768x576.png 768w" width="960"></img></a><figcaption>Maerl, a corraline algae (<a href="https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=User:ArranCOAST&amp;action=edit&amp;redlink=1">ArranCOAST</a>) <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Maerl">(Wikipedia: Maerl)</a> <br></br>(Der hier abgebildete Maerl ist nicht aus norwegischen Gewässern.<br></br>Abbildungen der norwegischen <a href="https://www.hi.no/en/hi/news/2020/july/studying-the-environmental-impacts-on-a-little-known-habitat">Arbeitsgruppe sind hier zu finden</a>)<br></br></figcaption></figure> <p>Der <a href="https://www.hi.no/en/hi/about-us/employees/erwann-legrand">Biologe Erwann Legrand</a> erforscht diese zwar weltweit vorkommenden, aber an der norwegischen Küste noch wenig bekannten Ökosystem für das norwegische <a href="https://www.hi.no/en/hi/about-us/employees/erwann-legrand">Institute of Marine Research.</a> Er ist spezialisiert auf benthische Systeme, also Habitate am Meeresboden und Strand und analysiert die Auswirkungen menschlicher Aktivitäten.<br></br>Er stammt aus Frankreich und hat dort über solche Maerl beds seinen PhD geschrieben, nun leitet er ein Forschungsprojekt in Norwegen dazu. Dazu kartierte die Arbeitsgruppe zunächst Maerl Beds auf den Lofoten, einer Inselgruppe südlich der Vesteralen. “This habitat is probably present in many places along the Norwegian coast north from Trøndelag, perhaps including some of the biggest maerl beds in Europe” meint Erwann Legrand. Es gibt also reichlich zu erforschen!<p>Ich selbst hatte das Coralligène zunächst bei einer Mittelmeer-Exkursion zur Meeresbiologischen Station Banyuls-sur-Mer kennengelernt und bei meiner Tätigkeit als Pottwal-Guide auch vor Norwegen auf den Vesteralen-Inseln gefunden. Als mir bei einer Tour an einen mir noch unbekannten Strand einer unserer Gäste winzige „Korallen“ zeigte und wissen wollte, ob das Riffkorallen seien, musste ich erstmal genauer hingucken. Das sah wirklich wie Miniatur-Korallen aus! Erst als ich mich hinkniete, erkannte ich die rosafarbenen Krusten und fand bei den weniger verkalkten „Korallen“, dass sie aus winzigen einzelnen Gliedern bestehen. Es waren Rotalgen mit segmentiertem Kalkskelett! Auf einigen abgestorbenen Exemplaren hatte sich weiterer Kalk abgelagert, so dass sie an Riffkorallen erinnerten. Allerdings fehlten ihnen weitere typische Korallenmerkmale. </p></p> <h2 id="h-kalkalgen-als-okosystem-ingenieure"><strong>Kalkalgen als Ökosystem-Ingenieure</strong></h2> <p>Maerl (oder Maerl beds) bezeichnet einen flachmarinen, küstennahen Sand oder feines Geröll, der zu mehr als 50%, oft zu mehr als 75% aus verzweigten, lebenden und toten <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Coralline_algae">Corallinaceen (Rotalgen: Rodophyta)</a> besteht. Maerlböden bestehen aus vielen Schichten ausgedehnter Algenkolonien, die felsige Meeresböden in flachen Gewässern als dicke Teppiche oder Krusten überziehen. Das lebende Maerl ist rosa und wächst in immer neuen Generationen auf den toten, weißen Algentrümmern, der Mini-wald wiegt sich mit der Strömung hin und her und bietet einen niedrigen dreidimensionalen Lebensraum eine reiche Artengemeinschaft. Für das Mittelmeer sind die <a href="https://hal.science/hal-02892573/file/2020_Cinar_Aquatic%20conservation,%20marine%20and%20freshwater%20ecosystems_pr_Coralligenous%20assemblages%20along%20their%20geographical%20distributions,%20testing%20of%20concepts%20and%20implications%20for%20management.pdf">solche „Coralligenous“-Lebensgemeinschaften sogar als HotSpots d</a>er Biodiversität besonders geschützt [Was ihnen in Zeiten der Klimakrise und angesichts der Plastikbelastung exakt nichts nützt – <em>Meertext</em>].<br></br>„<a href="https://www.hi.no/en/hi/news/2020/july/studying-the-environmental-impacts-on-a-little-known-habitat">Maerl ist das, was wir als ‚Ökosystemingenieur‘ bezeichnen: Es schafft Strukturen, die anderen Arten einen Lebensraum bieten</a>“, erklärte Legrand in einer Pressemitteilung des Instituts 2020. So bilden die toten und lebenden segmentierten Rotalgenbüsche ein dichtes Geflecht und wachsen nach oben, dem Licht entgegen – darin ähneln sie tropischen Korallenriffen, nur wesentlich kleiner. Solch ein Garten mit festem Untergrund und vielen Verstecken zieht natürlich viele weitere Arten an und ist dadurch ein Gewusel. Bryozoen (Moostierchen) und Mollusken (Muscheln, Käferschnecken und Schnecken) können weitere wichtige Bestandteile sein. Die sich verhakenden Komponenten bilden z.T. rigide, biostromähnliche (riffartige) Strukturen. Damit bieten sie gerade in den flachen Bereichen der Gezeitenzone einen stabilen Schutz vor der Kraft der Wellen. Dieses Ökosystem ist durch seine Kalkkomponenten gesteinsbildend und die Maerlfazies (Mael-Gestein) an den temperierten nordwesteuropäischen Atlantikküsten weit verbreitet.</p> <p>Die langsam wachsenden Maerl-Beds sind mit ihrem großen Artenreichtums als ökologisch bedeutsam. Sie sind unter anderem wichtige Aufzuchtgebiete auch für <a href="https://www.ospar.org/site/assets/files/44271/maerl_beds.pdf">wirtschaftlich wichtige Mollusken, Krebse und Fische, wie u. a. die OSPAR</a>-Konvention zum Schutz der Nordsee und des Nordostatlantiks feststellt. Da eine hohe Biodiversität – also eine hohe Anzahl verschiedener Arten, Ökosysteme und Genome – den besten Schutz gegen äußere Bedrohungen wie die Klimakrise bietet, ist der Schutz und Erhalt dieser flachen rosaroten Miniriffe eine gute Idee. Darum stehen diese Mini-Kalklandschaften in vielen Regionen unter Schutz.</p> <p>An der langen felsigen Küste Norwegens hingegen waren sie noch wenig erforscht. Legrand und seine Arbeitsgruppe haben dort erstmals systematisch die Ausdehnung dieses Lebensraums katalogisiert und dadurch eine Grundlage für weitere Forschung geschaffen – auch für die mögliche Gefährdung des Maerl durch die immer noch wachsenden Fischzuchten.<aside></aside></p> <h2 id="h-aquakultur-und-maerl"><strong>Aquakultur und Maerl</strong></h2> <p>„Bislang konzentrierte sich die Forschung zur Anfälligkeit von Maerlböden hauptsächlich auf die Auswirkungen des Klimawandels und der Ozeanversauerung.“ erzählt Legrand, der bereits <a href="https://bg.copernicus.org/articles/14/5359/2017/">2017 dazu eine umfassende Studie publiziert hat. Diese Daten </a>stammen aus französischen Gewässern. „Über die Auswirkungen der Aquakultur gibt es nur sehr wenige Forschungsergebnisse, daher sind viele Menschen daran interessiert, was unsere Ergebnisse zeigen werden“ erklärte er das neue Forschungsprojekt 2020.<br></br>Da die Aquakultur – vor allem die Lachszucht – an Norwegens kalten Felsküsten immer noch wächst und ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist, sind deren Auswirkungen auf die Ökosysteme eine wichtige Frage.</p> <p>„Laborstudien haben gezeigt, dass Emissionen [Hier sind Abwasser und Meeresverschmutzung gemeint – <em>Meertext</em>] negative Auswirkungen auf das Wachstum und das Überleben von Kalkalgen haben können. Es ist jedoch wichtig zu untersuchen, wie dies unter natürlichen Bedingungen funktioniert“, sagt die IMR-Forscherin Vivian Husa. Da gerade die Lachszuchten in Nordnorwegen immer noch wachsen und gerade dort küstennah zwischen 0 und 30 Metern Maerlböden gedeihen, sind solche Interaktionen von erheblicher Bedeutung.</p> <p>So haben die Forschenden auf den Lofoten Proben von Maerl-Betten aus Gebieten mit Aquakultur und aus deren Umkreis genommen. So konnten sie analysieren, wie und in welchem Umfang die Kalkalgen und die Tiergemeinschaft in ihrer Umgebung durch Einträge an Nähr- und Schadstoffen aus den Farmen beeinträchtigt werden.</p> <h2 id="h-rotalgen-und-fischfarmen"><strong>Rotalgen und Fischfarmen</strong></h2> <p>Auch vorher war bereits aus anderen Regionen wissenschaftlich nachgewiesen, dass Abwässer aus der Fischzucht die Struktur und Funktionsweise benthischer Ökosysteme verändern. Die Algen der Maerl Beds benötigen Licht für ihre Photosynthese, um zu wachsen. Von Fischfarmen freigesetzte Partikel wie Fischkot und Reste von Nahrungspellets können das Wasser trüben. Dann erhalten die Corallina-Algen weniger Sonnenlicht – das stört oder verhindert gar ihr Wachstum. Unter der Trübung und dem geringeren Corallina-Wachstum leiden dann auch andere Arten dieses besonderen Ökosystems. Gleichzeitig könnte das erhöhte Nährstoffangebot andere Tiere und Pflanzen anlocken und damit das Artengefüge nachhaltig verändern. Meist ersetzen dann wenige, nur wenig spezialisierte und resistentere Arten viele spezialisiertere Arten.</p> <p>In Norwegen haben die jüngsten technologischen Fortschritte in der Lachsindustrie die Ausweitung der Aquakultur auf flachere Standorte erleichtert. Dies hat nachweislich zu einer zusätzlichen Belastung der Küstenlebensräume geführt, <a href="https://hal.science/hal-04934364v1/file/2024_Legrand%20et%20al._AC.pdf">so schreibt das Forschungsteam.</a> Ihre Studie zielte nun darauf ab, solche Umweltveränderungen durch Fischfarmen in ihrer Umgebung zu analysieren und deren konkrete Auswirkungen auf die Struktur und Funktion der Makrofauna-Gemeinschaft in Maerl-Betten zu untersuchen. Da Maerl-/Rhodolith-Betten wichtige Bioingenieure in Küstengewässern sind und eine äußerst vielfältige Makrofauna-Gemeinschaft anziehen, sind die Auswirkungen auf sie besonders stark. Da Maerl ein flaches, langsam wachsendes Ökosystem ist, können Trübstoffe schnell Teile davon „verschütten“ und vom Licht abschneiden.<br></br>Zu viele Nährstoffe durch Fischfutterreste und Kot aus Aquakulturen führen außerdem dazu, dass schnellwüchsigere Grünalgen die langsam wachsenden Rotalgen überwuchern (Das gleiche Problem entsteht auch durch die Einleitung <a href="https://www.bbc.co.uk/news/articles/cp92nxp2gdxo.amp">städtischer und landwirtschaftlicher Abwässer, was gerade </a>rund um die Britischen Inseln zu einem Absterben der Corallina-Ökosysteme führt – <em>Meertext</em>).</p> <p>Für die Analyse nahmen Legrand und sein Team aus Maerlböden entlang von Transekten in drei ausgewählten Aquakulturen und außerhalb der Fischzuchten Bohrkerne. Mit einem <a href="https://www.deutsche-rohstoffagentur.de/DE/BGR/Wissenschaftliche-Infrastruktur/Geologie-Bohrungen/Kartierung_Beprobungsger%C3%A4te/kartierung_beprobung_node.html">Kastengreifer</a> (Box Corer) so stanzten sie in Tiefen zwischen 10 und 27 Metern systematisch 0,1 m2 große Proben des Meeresbodens aus.<br></br>Für jede Farm wurden Makrofauna-Proben entlang dreier Transekte (zwei bis fünf Kerne pro Transekt) genommen. Die Länge und Richtung der Transekte folgten dem Verbreitungsgebiet der Maerlböden. Nur Proben, die lebende oder tote Kalkalgen enthielten, wurden für die Analyse aufbewahrt – insgesamt 41 Kerne.</p> <p>Die untersuchten Maerl-Böden bestanden aus Ansammlungen der corallinen Algenarten <em>Lithothamnion soriferum</em> Kjellman und <em>Lithothamnion glaciale</em> Kjellman (Peña et al., 2021), die kürzlich in <a href="https://www.algaebase.org/search/species/detail/?species_id=189648"><em>Boreolithothamnion soriferum</em></a> (Kjellman) P.W. Gabrielson, Maneveldt, Hughey &amp; V. Peña und <a href="https://www.algaebase.org/search/species/detail/?species_id=189629"><em>Boreolithothamnion glaciale</em></a> (Kjellman) P.W. Gabrielson, Maneveldt, Hughey &amp; V. Peña (Gabrielson et al., 2023) umbenannt wurden. Diese Neubenennung zeigt bereits, dass dieses Forschungsprojekt Grundlagenforschung ist.</p> <p>In der Nähe der Käfige wurden hohe Nährstoffkonzentrationen und organische Anreicherung beobachtet – dort existierte nur noch wenig lebendes Maerl. Die stärksten Einflüsse der Lachszuchtbetriebe auf die Makrofauna-Gemeinschaften beschrieben die Forschenden im Umkreis von 100 Metern um die Netzkäfige. Allerdings konnten sie Veränderungen bis zu einer Entfernung von 300 Metern dokumentieren.</p> <p>In der Nähe der Käfige dominierten in den Lebensgemeinschaften Substratfresser, die in oder auf dem Maerl leben und opportunistischen Arten wie die Borstenwürmer (Polychaeten) <em>Chaetozone sp</em>., <em>Capitella sp</em>. und <em>Scoloplos armiger</em>. Solche Würmer sind <a href="https://www.researchgate.net/publication/45445780_Benthic_polychaetes_as_good_indicators_of_anthropogenic_impact">gute Indikatoren für anthropogenen Einfluß </a> und die dadurch schlechtere Wasserqualität (Auch im Süßwasser werden sie als Zeigerarten für ökologische Wassergüte genutzt – <em>Meertext</em>). Umgekehrt wiesen Standorte, die weiter von den Käfigen entfernt lagen, mehr auf dem Maerl lebende Tiergruppen auf, darunter viele Arten, die empfindlich auf organische Anreicherung und Schadstoffe reagieren. Dort waren Schlangensterne (Ophiuroidea) wie <em>Ophiura robusta</em>, der Borstenwurm <em>Proclea graffi</em> und Muschelkrebschen besonders häufig, die für gute ökologische Bedingungen stehen. </p> <p>Solche signifikanten Unterschiede der Maerl-Bewohner zeigen also klar die Auswirkungen von Aquakulturen. Die Forschenden betonen <a href="https://hal.science/hal-04934364v1/file/2024_Legrand%20et%20al._AC.pdf">mit dieser Arbeit von 2024  und anderen Studien die Bedeutung e</a>iner sorgfältigen Standortauswahl bei der Errichtung neuer Fischzuchtanlagen.</p> <p><a href="https://hal.science/hal-04934364v1/file/2024_Legrand%20et%20al._AC.pdf">In dieser</a> und einer ganzen <a href="https://www.hi.no/en/hi/about-us/employees/erwann-legrand">Reihe weiterer Arbeiten hat die Arbeitsgruppe</a> mittlerweile auch nachgewiesen, wie sich die Lachszucht-Aquakulturen auf einzelne Organismengruppen auswirken. Neben der überreichlichen Nährstoffschwemme aus Resten des ungefressenen Lachsfutters, das nach unten sinkt, haben auch die dort eingesetzten Chemikalien negative Folgen für andere Meeresbewohner.<br></br>Darunter sind Medikamente wie etwa Therapeutika gegen „Fischlaus“-Befall. Solche Parasiten sind kleine Krebse, die sich von außen an die Lachse anheften und sich in die Fische hineinfressen, sie kommen vor allem bei dichtem Fischbesatz und zu warmem Wasser vor. Dazu kommen Schwermetalle, die ebenfalls schädliche Auswirkungen auf Arten sowohl in der Wassersäule als auch in den Sedimenten unterhalb der Käfige haben können. <a href="https://hal.science/hal-04934364v1/file/2024_Legrand%20et%20al._AC.pdf">Die Ergebnisse zeigen für einige Probenstellen</a> eine teils starke Verschmutzung mit Kupfer, das aus kupferhaltigen Antifouling-Farben stammt. Solche Farben werden häufig auf Lachskäfige aufgetragen, um den Bewuchs mit Muscheln, Polypen und anderen Lebewesen zu verhindern. Solche Antifouling-Mittel sind relativ schwer wasserlöslich und reichern sich in der Regel in Sedimenten in der Nähe der Käfige an, sie sind potenzielle Risiken für empfindliche Gruppen wie Algen, Weichtiere und Krebse. Aufgrund dieser schwerwiegenden Auswirkungen empfehlen die Forscher, Lachsfarmen in mindestens 500 Metern Abstand von Maerl-Ökosystemen zu errichten.</p> <h2 id="h-lecker-lachs">Lecker Lachs? </h2> <p>Für mich sind solche Ergebnisse ein klares Signal, dass Aquakulturen zwar den Jagddruck auf Wildbestände nehmen können. Allerdings werden dann für das Futter von Raubfschen wie Lachsen zu oft andere Fischbestände ausgebeutet, die in den marinen Nahrungsketten fehlen und z B ein Grund für das Seevogelsterben im Nordatlantik sind. In s<a href="https://www.gov.scot/publications/sandeel-consultation-review-scientific-evidence/pages/4/">chottischen Gewässern ist die Sandaal-Fischerei zum Schutz</a> von Alkenarten wie Papagientauchern und anderen pelagischen Arten mittlerweile geschlossen worden, in anderen Gewässern jedoch nicht. <br></br>Dazu kommt der ökologische Impact solche Aquakulturen, neben Nährstoffeintrag und Schadstoffen wäre da auch noch die Gefahr von Tierseuchen, die in der Massentierhaltung ausbrechen und dann auch Wildbestände infizieren und dezimieren können. Ein weiterer Aspekt ist noch der Kunststoff-Eintrag durch die Netzkäfige ins Meer.<br></br>Positiv sind Netzkäfige für manche Meerestiere – Robben haben gelernt, Lachs durch die Netzmaschen zu ziehen, Vögel warten auf vorwitzige Fische und auch kleine Wale kommen gern zum Snacken vorbei [auf Teneriffa habe ich mal beobachtet, wie eine Delphinmutter ihrem Jungtier das “Jagen” an einem Netzkäfig voller Doraden beibrachte – <em>Meertext</em>]. Dafür bezahlen Wildtiere allerdings einen hohen Preis – Nahrungsmangel im Meer, Schadstoffe und Plastik sowie die Gefahr des Verhedderns in Netzen. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Kalkalgen-Gärten und Lachszuchten in Norwegen » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Die Reste verkalkte Rotalgen, die wie winzige Riffkorallen aussehen, bilden vor den norwegischen Felsküsten ein besonders Ökosystem – Maerl beds. An der französischen Mittelmeerküste heißt dieses Ökosystem treffend „Coralligène“. Solche Maerlböden (Maerl Beds) sind wenige Zentimeter hohe Lebensräume für eine artenreiche Lebensgemeinschaft wie Muscheln, Seeigel, See- und Schlangensterne sowie Borstenwürmer. Für kleine Organismen ist das Geflecht ein dreidimensionaler Miniatur-Riff-Garten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-25.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="720" sizes="(max-width: 960px) 100vw, 960px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-25.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-25.png 960w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-25-300x225.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-25-768x576.png 768w" width="960"></img></a><figcaption>Maerl, a corraline algae (<a href="https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=User:ArranCOAST&amp;action=edit&amp;redlink=1">ArranCOAST</a>) <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Maerl">(Wikipedia: Maerl)</a> <br></br>(Der hier abgebildete Maerl ist nicht aus norwegischen Gewässern.<br></br>Abbildungen der norwegischen <a href="https://www.hi.no/en/hi/news/2020/july/studying-the-environmental-impacts-on-a-little-known-habitat">Arbeitsgruppe sind hier zu finden</a>)<br></br></figcaption></figure> <p>Der <a href="https://www.hi.no/en/hi/about-us/employees/erwann-legrand">Biologe Erwann Legrand</a> erforscht diese zwar weltweit vorkommenden, aber an der norwegischen Küste noch wenig bekannten Ökosystem für das norwegische <a href="https://www.hi.no/en/hi/about-us/employees/erwann-legrand">Institute of Marine Research.</a> Er ist spezialisiert auf benthische Systeme, also Habitate am Meeresboden und Strand und analysiert die Auswirkungen menschlicher Aktivitäten.<br></br>Er stammt aus Frankreich und hat dort über solche Maerl beds seinen PhD geschrieben, nun leitet er ein Forschungsprojekt in Norwegen dazu. Dazu kartierte die Arbeitsgruppe zunächst Maerl Beds auf den Lofoten, einer Inselgruppe südlich der Vesteralen. “This habitat is probably present in many places along the Norwegian coast north from Trøndelag, perhaps including some of the biggest maerl beds in Europe” meint Erwann Legrand. Es gibt also reichlich zu erforschen!<p>Ich selbst hatte das Coralligène zunächst bei einer Mittelmeer-Exkursion zur Meeresbiologischen Station Banyuls-sur-Mer kennengelernt und bei meiner Tätigkeit als Pottwal-Guide auch vor Norwegen auf den Vesteralen-Inseln gefunden. Als mir bei einer Tour an einen mir noch unbekannten Strand einer unserer Gäste winzige „Korallen“ zeigte und wissen wollte, ob das Riffkorallen seien, musste ich erstmal genauer hingucken. Das sah wirklich wie Miniatur-Korallen aus! Erst als ich mich hinkniete, erkannte ich die rosafarbenen Krusten und fand bei den weniger verkalkten „Korallen“, dass sie aus winzigen einzelnen Gliedern bestehen. Es waren Rotalgen mit segmentiertem Kalkskelett! Auf einigen abgestorbenen Exemplaren hatte sich weiterer Kalk abgelagert, so dass sie an Riffkorallen erinnerten. Allerdings fehlten ihnen weitere typische Korallenmerkmale. </p></p> <h2 id="h-kalkalgen-als-okosystem-ingenieure"><strong>Kalkalgen als Ökosystem-Ingenieure</strong></h2> <p>Maerl (oder Maerl beds) bezeichnet einen flachmarinen, küstennahen Sand oder feines Geröll, der zu mehr als 50%, oft zu mehr als 75% aus verzweigten, lebenden und toten <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Coralline_algae">Corallinaceen (Rotalgen: Rodophyta)</a> besteht. Maerlböden bestehen aus vielen Schichten ausgedehnter Algenkolonien, die felsige Meeresböden in flachen Gewässern als dicke Teppiche oder Krusten überziehen. Das lebende Maerl ist rosa und wächst in immer neuen Generationen auf den toten, weißen Algentrümmern, der Mini-wald wiegt sich mit der Strömung hin und her und bietet einen niedrigen dreidimensionalen Lebensraum eine reiche Artengemeinschaft. Für das Mittelmeer sind die <a href="https://hal.science/hal-02892573/file/2020_Cinar_Aquatic%20conservation,%20marine%20and%20freshwater%20ecosystems_pr_Coralligenous%20assemblages%20along%20their%20geographical%20distributions,%20testing%20of%20concepts%20and%20implications%20for%20management.pdf">solche „Coralligenous“-Lebensgemeinschaften sogar als HotSpots d</a>er Biodiversität besonders geschützt [Was ihnen in Zeiten der Klimakrise und angesichts der Plastikbelastung exakt nichts nützt – <em>Meertext</em>].<br></br>„<a href="https://www.hi.no/en/hi/news/2020/july/studying-the-environmental-impacts-on-a-little-known-habitat">Maerl ist das, was wir als ‚Ökosystemingenieur‘ bezeichnen: Es schafft Strukturen, die anderen Arten einen Lebensraum bieten</a>“, erklärte Legrand in einer Pressemitteilung des Instituts 2020. So bilden die toten und lebenden segmentierten Rotalgenbüsche ein dichtes Geflecht und wachsen nach oben, dem Licht entgegen – darin ähneln sie tropischen Korallenriffen, nur wesentlich kleiner. Solch ein Garten mit festem Untergrund und vielen Verstecken zieht natürlich viele weitere Arten an und ist dadurch ein Gewusel. Bryozoen (Moostierchen) und Mollusken (Muscheln, Käferschnecken und Schnecken) können weitere wichtige Bestandteile sein. Die sich verhakenden Komponenten bilden z.T. rigide, biostromähnliche (riffartige) Strukturen. Damit bieten sie gerade in den flachen Bereichen der Gezeitenzone einen stabilen Schutz vor der Kraft der Wellen. Dieses Ökosystem ist durch seine Kalkkomponenten gesteinsbildend und die Maerlfazies (Mael-Gestein) an den temperierten nordwesteuropäischen Atlantikküsten weit verbreitet.</p> <p>Die langsam wachsenden Maerl-Beds sind mit ihrem großen Artenreichtums als ökologisch bedeutsam. Sie sind unter anderem wichtige Aufzuchtgebiete auch für <a href="https://www.ospar.org/site/assets/files/44271/maerl_beds.pdf">wirtschaftlich wichtige Mollusken, Krebse und Fische, wie u. a. die OSPAR</a>-Konvention zum Schutz der Nordsee und des Nordostatlantiks feststellt. Da eine hohe Biodiversität – also eine hohe Anzahl verschiedener Arten, Ökosysteme und Genome – den besten Schutz gegen äußere Bedrohungen wie die Klimakrise bietet, ist der Schutz und Erhalt dieser flachen rosaroten Miniriffe eine gute Idee. Darum stehen diese Mini-Kalklandschaften in vielen Regionen unter Schutz.</p> <p>An der langen felsigen Küste Norwegens hingegen waren sie noch wenig erforscht. Legrand und seine Arbeitsgruppe haben dort erstmals systematisch die Ausdehnung dieses Lebensraums katalogisiert und dadurch eine Grundlage für weitere Forschung geschaffen – auch für die mögliche Gefährdung des Maerl durch die immer noch wachsenden Fischzuchten.<aside></aside></p> <h2 id="h-aquakultur-und-maerl"><strong>Aquakultur und Maerl</strong></h2> <p>„Bislang konzentrierte sich die Forschung zur Anfälligkeit von Maerlböden hauptsächlich auf die Auswirkungen des Klimawandels und der Ozeanversauerung.“ erzählt Legrand, der bereits <a href="https://bg.copernicus.org/articles/14/5359/2017/">2017 dazu eine umfassende Studie publiziert hat. Diese Daten </a>stammen aus französischen Gewässern. „Über die Auswirkungen der Aquakultur gibt es nur sehr wenige Forschungsergebnisse, daher sind viele Menschen daran interessiert, was unsere Ergebnisse zeigen werden“ erklärte er das neue Forschungsprojekt 2020.<br></br>Da die Aquakultur – vor allem die Lachszucht – an Norwegens kalten Felsküsten immer noch wächst und ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist, sind deren Auswirkungen auf die Ökosysteme eine wichtige Frage.</p> <p>„Laborstudien haben gezeigt, dass Emissionen [Hier sind Abwasser und Meeresverschmutzung gemeint – <em>Meertext</em>] negative Auswirkungen auf das Wachstum und das Überleben von Kalkalgen haben können. Es ist jedoch wichtig zu untersuchen, wie dies unter natürlichen Bedingungen funktioniert“, sagt die IMR-Forscherin Vivian Husa. Da gerade die Lachszuchten in Nordnorwegen immer noch wachsen und gerade dort küstennah zwischen 0 und 30 Metern Maerlböden gedeihen, sind solche Interaktionen von erheblicher Bedeutung.</p> <p>So haben die Forschenden auf den Lofoten Proben von Maerl-Betten aus Gebieten mit Aquakultur und aus deren Umkreis genommen. So konnten sie analysieren, wie und in welchem Umfang die Kalkalgen und die Tiergemeinschaft in ihrer Umgebung durch Einträge an Nähr- und Schadstoffen aus den Farmen beeinträchtigt werden.</p> <h2 id="h-rotalgen-und-fischfarmen"><strong>Rotalgen und Fischfarmen</strong></h2> <p>Auch vorher war bereits aus anderen Regionen wissenschaftlich nachgewiesen, dass Abwässer aus der Fischzucht die Struktur und Funktionsweise benthischer Ökosysteme verändern. Die Algen der Maerl Beds benötigen Licht für ihre Photosynthese, um zu wachsen. Von Fischfarmen freigesetzte Partikel wie Fischkot und Reste von Nahrungspellets können das Wasser trüben. Dann erhalten die Corallina-Algen weniger Sonnenlicht – das stört oder verhindert gar ihr Wachstum. Unter der Trübung und dem geringeren Corallina-Wachstum leiden dann auch andere Arten dieses besonderen Ökosystems. Gleichzeitig könnte das erhöhte Nährstoffangebot andere Tiere und Pflanzen anlocken und damit das Artengefüge nachhaltig verändern. Meist ersetzen dann wenige, nur wenig spezialisierte und resistentere Arten viele spezialisiertere Arten.</p> <p>In Norwegen haben die jüngsten technologischen Fortschritte in der Lachsindustrie die Ausweitung der Aquakultur auf flachere Standorte erleichtert. Dies hat nachweislich zu einer zusätzlichen Belastung der Küstenlebensräume geführt, <a href="https://hal.science/hal-04934364v1/file/2024_Legrand%20et%20al._AC.pdf">so schreibt das Forschungsteam.</a> Ihre Studie zielte nun darauf ab, solche Umweltveränderungen durch Fischfarmen in ihrer Umgebung zu analysieren und deren konkrete Auswirkungen auf die Struktur und Funktion der Makrofauna-Gemeinschaft in Maerl-Betten zu untersuchen. Da Maerl-/Rhodolith-Betten wichtige Bioingenieure in Küstengewässern sind und eine äußerst vielfältige Makrofauna-Gemeinschaft anziehen, sind die Auswirkungen auf sie besonders stark. Da Maerl ein flaches, langsam wachsendes Ökosystem ist, können Trübstoffe schnell Teile davon „verschütten“ und vom Licht abschneiden.<br></br>Zu viele Nährstoffe durch Fischfutterreste und Kot aus Aquakulturen führen außerdem dazu, dass schnellwüchsigere Grünalgen die langsam wachsenden Rotalgen überwuchern (Das gleiche Problem entsteht auch durch die Einleitung <a href="https://www.bbc.co.uk/news/articles/cp92nxp2gdxo.amp">städtischer und landwirtschaftlicher Abwässer, was gerade </a>rund um die Britischen Inseln zu einem Absterben der Corallina-Ökosysteme führt – <em>Meertext</em>).</p> <p>Für die Analyse nahmen Legrand und sein Team aus Maerlböden entlang von Transekten in drei ausgewählten Aquakulturen und außerhalb der Fischzuchten Bohrkerne. Mit einem <a href="https://www.deutsche-rohstoffagentur.de/DE/BGR/Wissenschaftliche-Infrastruktur/Geologie-Bohrungen/Kartierung_Beprobungsger%C3%A4te/kartierung_beprobung_node.html">Kastengreifer</a> (Box Corer) so stanzten sie in Tiefen zwischen 10 und 27 Metern systematisch 0,1 m2 große Proben des Meeresbodens aus.<br></br>Für jede Farm wurden Makrofauna-Proben entlang dreier Transekte (zwei bis fünf Kerne pro Transekt) genommen. Die Länge und Richtung der Transekte folgten dem Verbreitungsgebiet der Maerlböden. Nur Proben, die lebende oder tote Kalkalgen enthielten, wurden für die Analyse aufbewahrt – insgesamt 41 Kerne.</p> <p>Die untersuchten Maerl-Böden bestanden aus Ansammlungen der corallinen Algenarten <em>Lithothamnion soriferum</em> Kjellman und <em>Lithothamnion glaciale</em> Kjellman (Peña et al., 2021), die kürzlich in <a href="https://www.algaebase.org/search/species/detail/?species_id=189648"><em>Boreolithothamnion soriferum</em></a> (Kjellman) P.W. Gabrielson, Maneveldt, Hughey &amp; V. Peña und <a href="https://www.algaebase.org/search/species/detail/?species_id=189629"><em>Boreolithothamnion glaciale</em></a> (Kjellman) P.W. Gabrielson, Maneveldt, Hughey &amp; V. Peña (Gabrielson et al., 2023) umbenannt wurden. Diese Neubenennung zeigt bereits, dass dieses Forschungsprojekt Grundlagenforschung ist.</p> <p>In der Nähe der Käfige wurden hohe Nährstoffkonzentrationen und organische Anreicherung beobachtet – dort existierte nur noch wenig lebendes Maerl. Die stärksten Einflüsse der Lachszuchtbetriebe auf die Makrofauna-Gemeinschaften beschrieben die Forschenden im Umkreis von 100 Metern um die Netzkäfige. Allerdings konnten sie Veränderungen bis zu einer Entfernung von 300 Metern dokumentieren.</p> <p>In der Nähe der Käfige dominierten in den Lebensgemeinschaften Substratfresser, die in oder auf dem Maerl leben und opportunistischen Arten wie die Borstenwürmer (Polychaeten) <em>Chaetozone sp</em>., <em>Capitella sp</em>. und <em>Scoloplos armiger</em>. Solche Würmer sind <a href="https://www.researchgate.net/publication/45445780_Benthic_polychaetes_as_good_indicators_of_anthropogenic_impact">gute Indikatoren für anthropogenen Einfluß </a> und die dadurch schlechtere Wasserqualität (Auch im Süßwasser werden sie als Zeigerarten für ökologische Wassergüte genutzt – <em>Meertext</em>). Umgekehrt wiesen Standorte, die weiter von den Käfigen entfernt lagen, mehr auf dem Maerl lebende Tiergruppen auf, darunter viele Arten, die empfindlich auf organische Anreicherung und Schadstoffe reagieren. Dort waren Schlangensterne (Ophiuroidea) wie <em>Ophiura robusta</em>, der Borstenwurm <em>Proclea graffi</em> und Muschelkrebschen besonders häufig, die für gute ökologische Bedingungen stehen. </p> <p>Solche signifikanten Unterschiede der Maerl-Bewohner zeigen also klar die Auswirkungen von Aquakulturen. Die Forschenden betonen <a href="https://hal.science/hal-04934364v1/file/2024_Legrand%20et%20al._AC.pdf">mit dieser Arbeit von 2024  und anderen Studien die Bedeutung e</a>iner sorgfältigen Standortauswahl bei der Errichtung neuer Fischzuchtanlagen.</p> <p><a href="https://hal.science/hal-04934364v1/file/2024_Legrand%20et%20al._AC.pdf">In dieser</a> und einer ganzen <a href="https://www.hi.no/en/hi/about-us/employees/erwann-legrand">Reihe weiterer Arbeiten hat die Arbeitsgruppe</a> mittlerweile auch nachgewiesen, wie sich die Lachszucht-Aquakulturen auf einzelne Organismengruppen auswirken. Neben der überreichlichen Nährstoffschwemme aus Resten des ungefressenen Lachsfutters, das nach unten sinkt, haben auch die dort eingesetzten Chemikalien negative Folgen für andere Meeresbewohner.<br></br>Darunter sind Medikamente wie etwa Therapeutika gegen „Fischlaus“-Befall. Solche Parasiten sind kleine Krebse, die sich von außen an die Lachse anheften und sich in die Fische hineinfressen, sie kommen vor allem bei dichtem Fischbesatz und zu warmem Wasser vor. Dazu kommen Schwermetalle, die ebenfalls schädliche Auswirkungen auf Arten sowohl in der Wassersäule als auch in den Sedimenten unterhalb der Käfige haben können. <a href="https://hal.science/hal-04934364v1/file/2024_Legrand%20et%20al._AC.pdf">Die Ergebnisse zeigen für einige Probenstellen</a> eine teils starke Verschmutzung mit Kupfer, das aus kupferhaltigen Antifouling-Farben stammt. Solche Farben werden häufig auf Lachskäfige aufgetragen, um den Bewuchs mit Muscheln, Polypen und anderen Lebewesen zu verhindern. Solche Antifouling-Mittel sind relativ schwer wasserlöslich und reichern sich in der Regel in Sedimenten in der Nähe der Käfige an, sie sind potenzielle Risiken für empfindliche Gruppen wie Algen, Weichtiere und Krebse. Aufgrund dieser schwerwiegenden Auswirkungen empfehlen die Forscher, Lachsfarmen in mindestens 500 Metern Abstand von Maerl-Ökosystemen zu errichten.</p> <h2 id="h-lecker-lachs">Lecker Lachs? </h2> <p>Für mich sind solche Ergebnisse ein klares Signal, dass Aquakulturen zwar den Jagddruck auf Wildbestände nehmen können. Allerdings werden dann für das Futter von Raubfschen wie Lachsen zu oft andere Fischbestände ausgebeutet, die in den marinen Nahrungsketten fehlen und z B ein Grund für das Seevogelsterben im Nordatlantik sind. In s<a href="https://www.gov.scot/publications/sandeel-consultation-review-scientific-evidence/pages/4/">chottischen Gewässern ist die Sandaal-Fischerei zum Schutz</a> von Alkenarten wie Papagientauchern und anderen pelagischen Arten mittlerweile geschlossen worden, in anderen Gewässern jedoch nicht. <br></br>Dazu kommt der ökologische Impact solche Aquakulturen, neben Nährstoffeintrag und Schadstoffen wäre da auch noch die Gefahr von Tierseuchen, die in der Massentierhaltung ausbrechen und dann auch Wildbestände infizieren und dezimieren können. Ein weiterer Aspekt ist noch der Kunststoff-Eintrag durch die Netzkäfige ins Meer.<br></br>Positiv sind Netzkäfige für manche Meerestiere – Robben haben gelernt, Lachs durch die Netzmaschen zu ziehen, Vögel warten auf vorwitzige Fische und auch kleine Wale kommen gern zum Snacken vorbei [auf Teneriffa habe ich mal beobachtet, wie eine Delphinmutter ihrem Jungtier das “Jagen” an einem Netzkäfig voller Doraden beibrachte – <em>Meertext</em>]. Dafür bezahlen Wildtiere allerdings einen hohen Preis – Nahrungsmangel im Meer, Schadstoffe und Plastik sowie die Gefahr des Verhedderns in Netzen. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/kalkalgen-gaerten-und-lachszuchten-in-norwegen/#comments 10 Rentiere am Himmel https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/rentiere-am-himmel/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/rentiere-am-himmel/#respond Tue, 30 Dec 2025 10:48:31 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12410 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Sarvvis_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN-768x766.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/rentiere-am-himmel/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Sarvvis_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN.jpg" /><h1>Rentiere am Himmel » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Die IAU “Working Group on Star Names” (WGSN) hat sich dieses Jahr den Schabernack erlaubt, am 25. Dezember vier neue Sternnamen zu publizieren, die “Rentier” heißen. Natürlich sind Astronomen ein seriöses Völkchen und insbesondere die Kulturastronomie ist eine (überwiegend geisteswissenschaftliche) Wissenschaft, in der man mehrere Forschungsdisziplinen kombinieren muss – was bisweilen zu großen Herausforderungen führt. Besonders knifflig wird es natürlich immer dann, wenn man naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Aspekte der Astronomie kombinieren muss/ möchte. </p> <p>Das tut z.B. die “Arbeitsgruppe Sternnamen” der <strong>Internationalen Astronomischen Union (IAU)</strong>, also diejenige globale Instanz, <strong>die (als einzige!) Sterne benennen</strong> darf. </p> <p>Etwa im Monatstakt werden neue ein paar neue Sternnamen im <a href="https://exopla.net/star-names/modern-iau-star-names/">IAU-Catalog of Star Names (CSN)</a> veröffentlicht: typischerweise nur ca. zwei, weil dies eben ein kniffliges Feld ist und diese Arbeitsgruppe erst seit ca. 10 Jahren existiert. Es mussten also viele Methoden erst erfunden und viele Datenressourcen erst erschlossen/ erstellt werden. </p> <h2 id="h-rentier-sterne">Rentier-Sterne</h2> <p>In diesem Jahr (2025) hat die WGSN insgesamt 40 neue Sternnamen publiziert, alle ein Produkt von jahrelanger Forschung in Wissensgeschichte, Ethnologie, Sprachwissenschaften etc. (allmählich beginnen wir zu ernten, was vor ~10 Jahren gesät wurde). Kulturastronomen sind aber auch Menschen(!) und uns sitzt bisweilen ein Schalk im Nacken. 😉 Neben aller Ernsthaftigkeit freuen wir uns auch, wenn wir andere erfreuen können. </p> <p>Das Ergebnis sind vier Rentiere – frisch gepflückt vom Weihnachtshimmel: <aside></aside></p> <h2 id="h-mehr-nachrichten">Mehr Nachrichten</h2> <p>Die Namen “Sarvvis” und “Aldu” sind aus der Sprache und Kultur der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Samen_(Volk)">Samen (auch Sámpi</a> genannt), die im hohen Norden von Skandinavien (Norwegen, Schweden, Finnland) leben. Es ist eine finn-ugrische Sprache. Die moderne Astrophysik verdankt diesem indigenen europäischen Volk jetzt also zwei Sternnamen!</p> <p>Wenn Sie mehr solcher Informationen interessieren, folgen Sie doch gern der IAU-WGSN auf den<a href="https://exopla.net/news/"> Social Media Channels von BlueSky, X und Insta</a>. 🙂 </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Sarvvis_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN.jpg" /><h1>Rentiere am Himmel » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Die IAU “Working Group on Star Names” (WGSN) hat sich dieses Jahr den Schabernack erlaubt, am 25. Dezember vier neue Sternnamen zu publizieren, die “Rentier” heißen. Natürlich sind Astronomen ein seriöses Völkchen und insbesondere die Kulturastronomie ist eine (überwiegend geisteswissenschaftliche) Wissenschaft, in der man mehrere Forschungsdisziplinen kombinieren muss – was bisweilen zu großen Herausforderungen führt. Besonders knifflig wird es natürlich immer dann, wenn man naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Aspekte der Astronomie kombinieren muss/ möchte. </p> <p>Das tut z.B. die “Arbeitsgruppe Sternnamen” der <strong>Internationalen Astronomischen Union (IAU)</strong>, also diejenige globale Instanz, <strong>die (als einzige!) Sterne benennen</strong> darf. </p> <p>Etwa im Monatstakt werden neue ein paar neue Sternnamen im <a href="https://exopla.net/star-names/modern-iau-star-names/">IAU-Catalog of Star Names (CSN)</a> veröffentlicht: typischerweise nur ca. zwei, weil dies eben ein kniffliges Feld ist und diese Arbeitsgruppe erst seit ca. 10 Jahren existiert. Es mussten also viele Methoden erst erfunden und viele Datenressourcen erst erschlossen/ erstellt werden. </p> <h2 id="h-rentier-sterne">Rentier-Sterne</h2> <p>In diesem Jahr (2025) hat die WGSN insgesamt 40 neue Sternnamen publiziert, alle ein Produkt von jahrelanger Forschung in Wissensgeschichte, Ethnologie, Sprachwissenschaften etc. (allmählich beginnen wir zu ernten, was vor ~10 Jahren gesät wurde). Kulturastronomen sind aber auch Menschen(!) und uns sitzt bisweilen ein Schalk im Nacken. 😉 Neben aller Ernsthaftigkeit freuen wir uns auch, wenn wir andere erfreuen können. </p> <p>Das Ergebnis sind vier Rentiere – frisch gepflückt vom Weihnachtshimmel: <aside></aside></p> <h2 id="h-mehr-nachrichten">Mehr Nachrichten</h2> <p>Die Namen “Sarvvis” und “Aldu” sind aus der Sprache und Kultur der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Samen_(Volk)">Samen (auch Sámpi</a> genannt), die im hohen Norden von Skandinavien (Norwegen, Schweden, Finnland) leben. Es ist eine finn-ugrische Sprache. Die moderne Astrophysik verdankt diesem indigenen europäischen Volk jetzt also zwei Sternnamen!</p> <p>Wenn Sie mehr solcher Informationen interessieren, folgen Sie doch gern der IAU-WGSN auf den<a href="https://exopla.net/news/"> Social Media Channels von BlueSky, X und Insta</a>. 🙂 </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/rentiere-am-himmel/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Unzuverlässige Worte oder Vagheit als Chance begreifen https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/unzuverlaessige-worte-oder-vagheit-als-chance-begreifen/ https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/unzuverlaessige-worte-oder-vagheit-als-chance-begreifen/#comments Tue, 30 Dec 2025 09:08:48 +0000 Ekkehard Felder https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/?p=422 <h1>Unzuverlässige Worte oder Vagheit als Chance begreifen » Semantische Wettkämpfe » SciLogs</h1><h2>By Ekkehard Felder</h2><div itemprop="text"> <p>Stellen wir uns folgende Alltagsszene vor: Drei Personen sitzen nach einer Sitzung zusammen, und eine sagt: „Das war eine sehr konsequente Entscheidung.“ Zustimmendes Nicken bei der zweiten (= <a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=parasprache.inc">nichtsprachliche Kommunikation</a>), demonstrativ lautes Seufzen bei der dritten Person<span id="more-422"></span> (= <a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=parasprache.inc">parasprachliche Kommunikation</a>). Beide haben dasselbe Wort gehört (= <a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=parasprache.inc">sprachliche Kommunikation</a>), niemand hat nachgefragt – und dennoch versteht und betont jede etwas anderes. Für die eine bedeutet „konsequent“ vielleicht so etwas wie ,Standhaftigkeit’, für die andere ,Starrsinn’. Schon dieses kleine Exempel zeigt, wie Mehrdeutigkeit bzw. Vagheit in der alltäglichen Kommunikation nicht Ausnahme, sondern Normalfall ist.</p> <h3><strong>Wie eindeutig bzw. uneindeutig sind eigentlich Worte?</strong></h3> <p><a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=sprachzeichen.inc">Sprachliche Zeichen sind nicht eindeutig</a>. Sie tragen keine fest verschraubte Bedeutung in sich, sondern eröffnen einen Bedeutungsraum, der erst im Gebrauch konturiert wird. Genau hier setzt eine der grundlegenden Einsichten der Linguistik an: Das Verhältnis zwischen Ausdrucksseite (Laut- oder Schriftform) und Inhaltsseite (Bedeutung) ist <a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=../../includes/arbitrarietaet.inc">arbiträr, also prinzipiell willkürlich</a> (vgl. Peter Bichsels (1969) Erzählung <a href="http://www.lawrenceglatz.com/germ3230/texte/bichsel1.htm">Ein Tisch ist ein Tisch</a>) – und damit mehr als vage. Nichts im Lautbild von <em>Baum</em> zwingt uns dazu, an einen verholzten, belaubten Organismus zu denken. Andere Sprachen tun es anders – und kommen kommunikativ ans Ziel.</p> <p>Diese Arbitrarität oder Beliebigkeit hätte eigentlich zur Folge, dass sprachliche Verständigung permanent scheitern müsste. Wenn Zeichen keine natürliche Verbindung zu dem haben, was sie bezeichnen, wenn sie zudem mehrdeutig sind und in unterschiedlichen Kontexten Unterschiedliches leisten, warum verstehen wir uns dann überhaupt? </p> <p>Die Antwort ist ebenso banal wie folgenreich: Wir verständigen uns nicht trotz, sondern durch Konventionen. Durch wiederholten, ähnlichen Gebrauch sprachlicher Zeichen in vergleichbaren Kommunikationssituationen entsteht eine Erwartungsstruktur. Wir gehen davon aus, dass andere <em>ungefähr</em> dasselbe meinen wie wir – und dieses Unterstellen von Gemeinsamkeit ist die Voraussetzung dafür, dass Kommunikation gelingt. Besonders interessant ist dabei die hohe Verdichtung komplexer Problemhorizonte in ein bis zwei Wörtern (z.B. „Leitkultur“, „Fake news“). </p> <h3><strong>Wie soll in Anbetracht dieser Umstände Verstehen möglich sein?</strong></h3> <p>Dabei handelt es sich nicht um ein exaktes Verstehen, sondern um ein hinreichendes. Missverständnisse werden nicht erkannt, solange sie den Handlungsfluss nicht stören. Präzisierungen erfolgen nur bei Bedarf. Das Ergebnis ist kein objektives, sondern ein soziales Verstehen: ein Aushandlungsprodukt, das immer vorläufig bleibt. Sprache funktioniert, weil wir ihre Ungenauigkeit pragmatisch abfedern – nicht, weil sie präzise wäre. Kurz gesagt: Im Sprachgebrauch kombinieren wir Komposition (= Zusammenstellung einzelner Elemente zu einem Ganzen) mit Konventionalität (= kompositionelle Verfahren wiederholt automatisiert zur Wirkung bringen).<aside></aside></p> <p>Gerade diese strukturelle Unschärfe gerät jedoch in ein bemerkenswertes Paradox zu Sprachauffassungen, die Wörter als zuverlässige Indikatoren innerer Haltungen, Einstellungen oder gar Gesinnungen lesen wollen. In politischen, medialen oder alltäglichen Kontexten wird häufig so argumentiert, als ließe sich aus der Wortwahl direkt auf Denkweisen schließen. Bestimmte Ausdrücke gelten dann als Beleg für bestimmte Überzeugungen. Sprache wird zur Beweisführung herangezogen – als wäre sie ein eindeutiges Fenster in den Kopf. <a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-scaled.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="200" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" src="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-300x200.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-300x200.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-1024x683.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-768x512.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-1536x1024.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-2048x1365.png 2048w" width="300"></img></a> Und wenn bestimmte Wortabfolgen zu häufig von bestimmten Personen in vergleichbaren Situationen geäußert werden, gilt dies als Beleg für unauthentisches Sprechen (und kulminiert in <a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/verfestigte-sprache/">„Sprech“: Verfestigte Sprache in Medien und Politik</a>).</p> <h3><strong>Wie ist der Widerspruch aufzulösen?</strong></h3> <p>Also wie passt das zusammen? Wenn also Ausdrucks- und Inhaltsseite sprachlicher Zeichen arbiträr, willkürlich oder beliebig sind, wenn ihre Bedeutungen kontextabhängig und konventionell stabilisiert, aber nie eindeutig festgelegt sind, dann kann ein einzelnes Wort kaum als sicherer Marker für eine innere Haltung dienen. Die Zuschreibung von Gesinnungen über Sprache setzt eine Eindeutigkeit voraus, die Sprache strukturell nicht leisten kann. Stein des Anstoßes ist mitunter die starke Metaphorizität bestimmter Ausdrucksweisen mittels Natur‑, Kriegs‑ oder Technikmetaphern (z.B. <em>Rentnerschwemme/Covid-19-Welle/natürliche Marktkräfte</em> oder <em>Preisschlacht/Virusbekämpfung/Wirtschaftskrieg </em>oder <em>Lernmaschine/systemrelevant/Künstliche Intelligenz</em>).  Wer Sprache auf diese Weise liest bzw. reduziert, ignoriert ihre Mehrstimmigkeit und ihre Einbettung in situative, diskursive und soziale Kontexte.</p> <p>Die Konventionalisierung von Worten geschieht durch ihre stetige Zubereitung in wiederkehrenden Kontexten – und zwar durch Rekontextualisierung: dieselben Ausdrücke zirkulieren zwischen Parteien, Medien, sozialen Netzwerken und Alltagskommunikation und verändern unterwegs ihre Bedeutung sukzessive in Nuancen. Sprachökonomisch – also Sprechaufwand und Redewirkung bedenkend – lässt sich dadurch der vage Wortgebrauch problemlos ohne große Reflexion handhaben. Die Schwierigkeiten beginnen erst mit der Sprachreflexion oder dem Versuch, Intentionen zu bestimmen. Unreflektierte Automatismen führen nicht zu Deutungsstreitigkeiten. Erst wenn Störfeuer beim kommunikativen Handeln aufpoppen, wird es herausfordernd.</p> <p>Das heißt nicht, dass Sprache bedeutungslos oder folgenlos wäre – und jede Ausdrucksweise (wie z.B. die infame Spaltungsvokabel “Remigration”) legitim ist. Im Gegenteil: Gerade weil Wortbedeutungen zwischen „automatischer“ Entstehung und öffentlicher Aushandlung angesiedelt sind, benötigen wir sprachliche Diskussionen über Deutung, Angemessenheit und Legitimität (<a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/populistische-rhetorik-versus-strukturelle-dialogizitaet-ein-linguistischer-zwischenruf/">Populistische Rhetorik versus strukturelle Dialogizität</a>). Wörter sind keine neutralen Werkzeuge, aber eben auch keine eindeutigen Beweise. <a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/gute-erkennungszeichen-von-der-fluechtigkeit-des-wortes/">Schlüsselworte</a> (z.B. „Generationengerechtigkeit“) oder gar <a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/wir-schaffen-das-aus-linguistischer-sicht-ein-genialer-satz/">saliente, also im kollektiven Gedächtnis verankerte Sätze</a> (John F. Kennedy (Inaugural Address 1961): „Ask not what your country can do for you; ask what you can do for your country“ oder Willy Brandt (Regierungserklärung 1969): „Wir wollen mehr Demokratie wagen“) sind Einsatzpunkte in semantischen Wettkämpfen, in denen um Interpretationen gerungen wird.</p> <h3><strong>Was bleibt?</strong></h3> <p>Am Ende bleibt eine nüchterne, vielleicht unbequeme Einsicht: <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s41244-022-00267-x">Vagheit als Chance verstehen</a>. Verstehen ist kein Zustand, sondern eine Praxis. Es beruht auf Konventionen, Erwartungen und wechselseitigen Annahmen bzw. Unterstellungen. Wer Sprache benutzt, muss mit Vagheit umgehen und bewegt sich mitunter auf unsicherem Grund – und genau darin liegt ihre gesellschaftliche Dynamik. Trotzdem bleibt eine Robustheit des (tatsächlichen oder vermeintlichen) Verstehens – und zwar aufgrund der angenommenen Voraussetzung, auch das Gegenüber ist an kooperativer Kommunikation interessiert. Die Kontexte helfen bei der Bedeutungspräzisierung, die Worte selbst sind oft unterbestimmt (<a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/vagheit-als-demokratische-chance/">Warum Vagheit der Demokratie dienen kann</a>). Statt nur Eindeutigkeit einzufordern, wäre es produktiver, die Unschärfe sprachlicher Zeichen ernst zu nehmen. Denn nicht trotz, sondern wegen dieser Unschärfe können wir miteinander sprechen. Oder etwas hipper formuliert: <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s41244-022-00267-x">Understanding Vagueness as an Opportunity</a>!</p> <p><u>Anmerkung:</u> Dieser Beitrag entstand mit nicht-intentionaler, nicht-menschlicher und damit un<em>freiwill</em>iger Unterstützung von generativer KI.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Unzuverlässige Worte oder Vagheit als Chance begreifen » Semantische Wettkämpfe » SciLogs</h1><h2>By Ekkehard Felder</h2><div itemprop="text"> <p>Stellen wir uns folgende Alltagsszene vor: Drei Personen sitzen nach einer Sitzung zusammen, und eine sagt: „Das war eine sehr konsequente Entscheidung.“ Zustimmendes Nicken bei der zweiten (= <a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=parasprache.inc">nichtsprachliche Kommunikation</a>), demonstrativ lautes Seufzen bei der dritten Person<span id="more-422"></span> (= <a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=parasprache.inc">parasprachliche Kommunikation</a>). Beide haben dasselbe Wort gehört (= <a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=parasprache.inc">sprachliche Kommunikation</a>), niemand hat nachgefragt – und dennoch versteht und betont jede etwas anderes. Für die eine bedeutet „konsequent“ vielleicht so etwas wie ,Standhaftigkeit’, für die andere ,Starrsinn’. Schon dieses kleine Exempel zeigt, wie Mehrdeutigkeit bzw. Vagheit in der alltäglichen Kommunikation nicht Ausnahme, sondern Normalfall ist.</p> <h3><strong>Wie eindeutig bzw. uneindeutig sind eigentlich Worte?</strong></h3> <p><a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=sprachzeichen.inc">Sprachliche Zeichen sind nicht eindeutig</a>. Sie tragen keine fest verschraubte Bedeutung in sich, sondern eröffnen einen Bedeutungsraum, der erst im Gebrauch konturiert wird. Genau hier setzt eine der grundlegenden Einsichten der Linguistik an: Das Verhältnis zwischen Ausdrucksseite (Laut- oder Schriftform) und Inhaltsseite (Bedeutung) ist <a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=../../includes/arbitrarietaet.inc">arbiträr, also prinzipiell willkürlich</a> (vgl. Peter Bichsels (1969) Erzählung <a href="http://www.lawrenceglatz.com/germ3230/texte/bichsel1.htm">Ein Tisch ist ein Tisch</a>) – und damit mehr als vage. Nichts im Lautbild von <em>Baum</em> zwingt uns dazu, an einen verholzten, belaubten Organismus zu denken. Andere Sprachen tun es anders – und kommen kommunikativ ans Ziel.</p> <p>Diese Arbitrarität oder Beliebigkeit hätte eigentlich zur Folge, dass sprachliche Verständigung permanent scheitern müsste. Wenn Zeichen keine natürliche Verbindung zu dem haben, was sie bezeichnen, wenn sie zudem mehrdeutig sind und in unterschiedlichen Kontexten Unterschiedliches leisten, warum verstehen wir uns dann überhaupt? </p> <p>Die Antwort ist ebenso banal wie folgenreich: Wir verständigen uns nicht trotz, sondern durch Konventionen. Durch wiederholten, ähnlichen Gebrauch sprachlicher Zeichen in vergleichbaren Kommunikationssituationen entsteht eine Erwartungsstruktur. Wir gehen davon aus, dass andere <em>ungefähr</em> dasselbe meinen wie wir – und dieses Unterstellen von Gemeinsamkeit ist die Voraussetzung dafür, dass Kommunikation gelingt. Besonders interessant ist dabei die hohe Verdichtung komplexer Problemhorizonte in ein bis zwei Wörtern (z.B. „Leitkultur“, „Fake news“). </p> <h3><strong>Wie soll in Anbetracht dieser Umstände Verstehen möglich sein?</strong></h3> <p>Dabei handelt es sich nicht um ein exaktes Verstehen, sondern um ein hinreichendes. Missverständnisse werden nicht erkannt, solange sie den Handlungsfluss nicht stören. Präzisierungen erfolgen nur bei Bedarf. Das Ergebnis ist kein objektives, sondern ein soziales Verstehen: ein Aushandlungsprodukt, das immer vorläufig bleibt. Sprache funktioniert, weil wir ihre Ungenauigkeit pragmatisch abfedern – nicht, weil sie präzise wäre. Kurz gesagt: Im Sprachgebrauch kombinieren wir Komposition (= Zusammenstellung einzelner Elemente zu einem Ganzen) mit Konventionalität (= kompositionelle Verfahren wiederholt automatisiert zur Wirkung bringen).<aside></aside></p> <p>Gerade diese strukturelle Unschärfe gerät jedoch in ein bemerkenswertes Paradox zu Sprachauffassungen, die Wörter als zuverlässige Indikatoren innerer Haltungen, Einstellungen oder gar Gesinnungen lesen wollen. In politischen, medialen oder alltäglichen Kontexten wird häufig so argumentiert, als ließe sich aus der Wortwahl direkt auf Denkweisen schließen. Bestimmte Ausdrücke gelten dann als Beleg für bestimmte Überzeugungen. 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Wenn also Ausdrucks- und Inhaltsseite sprachlicher Zeichen arbiträr, willkürlich oder beliebig sind, wenn ihre Bedeutungen kontextabhängig und konventionell stabilisiert, aber nie eindeutig festgelegt sind, dann kann ein einzelnes Wort kaum als sicherer Marker für eine innere Haltung dienen. Die Zuschreibung von Gesinnungen über Sprache setzt eine Eindeutigkeit voraus, die Sprache strukturell nicht leisten kann. Stein des Anstoßes ist mitunter die starke Metaphorizität bestimmter Ausdrucksweisen mittels Natur‑, Kriegs‑ oder Technikmetaphern (z.B. <em>Rentnerschwemme/Covid-19-Welle/natürliche Marktkräfte</em> oder <em>Preisschlacht/Virusbekämpfung/Wirtschaftskrieg </em>oder <em>Lernmaschine/systemrelevant/Künstliche Intelligenz</em>).  Wer Sprache auf diese Weise liest bzw. reduziert, ignoriert ihre Mehrstimmigkeit und ihre Einbettung in situative, diskursive und soziale Kontexte.</p> <p>Die Konventionalisierung von Worten geschieht durch ihre stetige Zubereitung in wiederkehrenden Kontexten – und zwar durch Rekontextualisierung: dieselben Ausdrücke zirkulieren zwischen Parteien, Medien, sozialen Netzwerken und Alltagskommunikation und verändern unterwegs ihre Bedeutung sukzessive in Nuancen. Sprachökonomisch – also Sprechaufwand und Redewirkung bedenkend – lässt sich dadurch der vage Wortgebrauch problemlos ohne große Reflexion handhaben. Die Schwierigkeiten beginnen erst mit der Sprachreflexion oder dem Versuch, Intentionen zu bestimmen. Unreflektierte Automatismen führen nicht zu Deutungsstreitigkeiten. Erst wenn Störfeuer beim kommunikativen Handeln aufpoppen, wird es herausfordernd.</p> <p>Das heißt nicht, dass Sprache bedeutungslos oder folgenlos wäre – und jede Ausdrucksweise (wie z.B. die infame Spaltungsvokabel “Remigration”) legitim ist. Im Gegenteil: Gerade weil Wortbedeutungen zwischen „automatischer“ Entstehung und öffentlicher Aushandlung angesiedelt sind, benötigen wir sprachliche Diskussionen über Deutung, Angemessenheit und Legitimität (<a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/populistische-rhetorik-versus-strukturelle-dialogizitaet-ein-linguistischer-zwischenruf/">Populistische Rhetorik versus strukturelle Dialogizität</a>). Wörter sind keine neutralen Werkzeuge, aber eben auch keine eindeutigen Beweise. <a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/gute-erkennungszeichen-von-der-fluechtigkeit-des-wortes/">Schlüsselworte</a> (z.B. „Generationengerechtigkeit“) oder gar <a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/wir-schaffen-das-aus-linguistischer-sicht-ein-genialer-satz/">saliente, also im kollektiven Gedächtnis verankerte Sätze</a> (John F. Kennedy (Inaugural Address 1961): „Ask not what your country can do for you; ask what you can do for your country“ oder Willy Brandt (Regierungserklärung 1969): „Wir wollen mehr Demokratie wagen“) sind Einsatzpunkte in semantischen Wettkämpfen, in denen um Interpretationen gerungen wird.</p> <h3><strong>Was bleibt?</strong></h3> <p>Am Ende bleibt eine nüchterne, vielleicht unbequeme Einsicht: <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s41244-022-00267-x">Vagheit als Chance verstehen</a>. Verstehen ist kein Zustand, sondern eine Praxis. Es beruht auf Konventionen, Erwartungen und wechselseitigen Annahmen bzw. Unterstellungen. Wer Sprache benutzt, muss mit Vagheit umgehen und bewegt sich mitunter auf unsicherem Grund – und genau darin liegt ihre gesellschaftliche Dynamik. Trotzdem bleibt eine Robustheit des (tatsächlichen oder vermeintlichen) Verstehens – und zwar aufgrund der angenommenen Voraussetzung, auch das Gegenüber ist an kooperativer Kommunikation interessiert. Die Kontexte helfen bei der Bedeutungspräzisierung, die Worte selbst sind oft unterbestimmt (<a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/vagheit-als-demokratische-chance/">Warum Vagheit der Demokratie dienen kann</a>). Statt nur Eindeutigkeit einzufordern, wäre es produktiver, die Unschärfe sprachlicher Zeichen ernst zu nehmen. Denn nicht trotz, sondern wegen dieser Unschärfe können wir miteinander sprechen. Oder etwas hipper formuliert: <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s41244-022-00267-x">Understanding Vagueness as an Opportunity</a>!</p> <p><u>Anmerkung:</u> Dieser Beitrag entstand mit nicht-intentionaler, nicht-menschlicher und damit un<em>freiwill</em>iger Unterstützung von generativer KI.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/unzuverlaessige-worte-oder-vagheit-als-chance-begreifen/#comments 7 Einmal tief einatmen bitte! Wie beeinflusst Atmung unser Gehirn? https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/einmal-tief-einatmen-bitte-wie-beeinflusst-atmung-unser-gehirn/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/einmal-tief-einatmen-bitte-wie-beeinflusst-atmung-unser-gehirn/#comments Mon, 29 Dec 2025 06:00:00 +0000 Luisa Sophie Engelke https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5392 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/chetalalala-768x768.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/einmal-tief-einatmen-bitte-wie-beeinflusst-atmung-unser-gehirn/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/chetalalala.jpg" /><h1>Einmal tief einatmen bitte! Wie beeinflusst Atmung unser Gehirn? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Luisa Sophie Engelke</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <blockquote> <blockquote> <blockquote> <p>Wie du atmest, so lebst du.</p> <cite>Andreas Tenzer, 2019</cite></blockquote> </blockquote> </blockquote> <p>Dieser Spruch könnte wahrer sein, als man denkt, und die Wissenschaft ist gerade dabei, dem auf den Grund zu gehen. Eines der heißesten Forschungsthemen in der Neurophysiologie ist aktuell die Verbindung von Herz und Gehirn. Es ist ja schon länger bekannt, dass unser Gehirn über den Vagusnerv Einfluss auf unser Herz nimmt, aber was ist eigentlich mit dem Weg andersherum? Wie sieht der Weg vom Herzen zum Hirn aus? Es zeigt sich immer deutlicher: Informationen aus dem Herzen werden über aufsteigende Nervenbahnen direkt ins Gehirn geleitet und beeinflussen dort Aufmerksamkeit, Emotionen und kognitive Leistungsfähigkeit.</p> <p><br></br>Und genau hier kommt die Atmung ins Spiel. Mit gezielten Atemtechniken lässt sich nicht nur der Herzrhythmus beruhigen, sondern auch die Aktivität des Gehirns positiv beeinflussen! Doch wie funktioniert das alles nun im Detail?</p> <h3 id="h-wie-funktioniert-die-atmung">Wie funktioniert die Atmung?</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12849230_15_inhale-exhale-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1125" sizes="(max-width: 2000px) 100vw, 2000px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12849230_15_inhale-exhale-1-edited.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12849230_15_inhale-exhale-1-edited.jpg 2000w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12849230_15_inhale-exhale-1-edited-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12849230_15_inhale-exhale-1-edited-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12849230_15_inhale-exhale-1-edited-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12849230_15_inhale-exhale-1-edited-1536x864.jpg 1536w" title="Atmung" width="2000"></img></a></figure></div> <p>Einatmen – ausatmen – einatmen – ausatmen. Wir machen es schätzungsweise 20.000-mal am Tag, meistens, ohne direkt darüber nachzudenken [2]. Die Atmung wird von unserem <strong>autonomen Nervensystem</strong> gesteuert, also dem Teil des Nervensystems, welches wir nicht bewusst bemerken. Das autonome Nervensystem ist also dafür zuständig, lebenswichtige Körperfunktionen, wie Herzschlag oder Verdauung, für uns zu steuern, sodass wir uns auf wichtigere Dinge konzentrieren können. Denn stellt euch nur mal vor, ihr müsstet aktiv über jeden einzelnen Atemzug nachdenken!</p> <p>Obwohl der Prozess der Atmung hauptsächlich automatisch abläuft, können wir sie aber auch bewusst steuern: Wir können besonders tief einatmen, die Luft anhalten, oder auch einen bewussten Rhythmus selbst wählen. Und genau das scheint mehr Vorteile zu haben, als man denken könnte.<aside></aside></p> <p>Gesteuert wird die Atmung im Hirnstamm [3]. Dort registrieren spezialisierte Nervenzellen, wie viel Sauerstoff und Kohlendioxid im Blut vorhanden ist, und passen die Atemfrequenz entsprechend an.</p> <h3 id="h-lunge-zu-herz">Lunge zu Herz</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/138419226_5d7bc13e-fe48-442a-8630-fd71b6b7c91e-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="964" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/138419226_5d7bc13e-fe48-442a-8630-fd71b6b7c91e-1024x964.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/138419226_5d7bc13e-fe48-442a-8630-fd71b6b7c91e-1024x964.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/138419226_5d7bc13e-fe48-442a-8630-fd71b6b7c91e-300x282.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/138419226_5d7bc13e-fe48-442a-8630-fd71b6b7c91e-768x723.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/138419226_5d7bc13e-fe48-442a-8630-fd71b6b7c91e-1536x1446.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/138419226_5d7bc13e-fe48-442a-8630-fd71b6b7c91e-2048x1928.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Dabei spielt unser Herz eine zentrale Rolle – denn die Atmung beeinflusst das Herz, und das Herz wiederum wirkt direkt auf das Gehirn. Die Atmung hat tatsächlich direkten Einfluss auf unser Herz. Wenn wir einatmen, beschleunigt sich unsere Herzfrequenz und das Herz schlägt schneller. Beim Ausatmen passiert genau das Gegenteil, die Herzfrequenz wird verlangsamt. Diesen Prozess nennt man <strong>respiratorische Sinusarrhythmie</strong>.  </p> <p>Es ist ein wunderbares Beispiel für das Gegenspielerprinzip von <strong>Sympathikus</strong> und <strong>Parasympathikus</strong>. Der Sympathikus lässt das Herz schneller schlagen, und der Parasympathikus beruhigt die Herzrate danach wieder.  Langsames Atmen hat nicht nur Einfluss auf die Herzrate, sondern auch auf die <strong>Herzvariabilität</strong>, welche beschreibt, wie die zeitlichen Abstände zwischen den einzelnen Herzschlägen sind. Denn entgegen der allgemeinen Annahme, dass das Herz wie ein Metronom immer genau im gleichen Takt schlägt, ist es tatsächlich nicht so! Mal sind es 0.9 Sekunden, mal 1.2 Sekunden, mal 0.95 Sekunden, die zwischen den Herzschlägen vergehen – und genau das ist auch gut so und zeigt, dass der Parasympathikus aktiv und das Herz gesund und anpassungsfähig ist!</p> <h3 id="h-herz-zu-hirn">Herz zu Hirn</h3> <p>Realisiert wird die Informationsleitung vom Herz zum Gehirn durch den berühmten <strong>Vagusnerv</strong>, der Hauptnerv des parasympathischen Systems, der aus dem Hirnstamm entspringt. Er besteht zu 70-90 % aus afferenten Fasern, also Fasern, die Informationen vom Körper ins Gehirn senden. Er wird auch der „wandernde Nerv“ genannt und sendet Informationen von Lunge, Herz und sogar vom Darm in das Gehirn [4]. Somit stellt der Vagusnerv die Hauptverbindung zwischen Herz und Gehirn dar und ist damit Teil des <strong>zentralen autonomen Netzwerks</strong> (central autonomic network) des Körpers [5]. Was genau der Darm damit zu tun hat, könnt ihr gerne in diesem Blogeintrag lesen:</p> <figure></figure> <p>Eine starke Vagusnerv-Aktivität heißt, dass der Parasympathikus aktiv ist. Dies resultiert darin, dass die Verdauung angekurbelt wird, die Herzrate und der Blutdruck sinken und man sich entspannt und gelassen fühlt [6]. Wenn man nun langsam und ruhig atmet, sendet der Vagusnerv Informationen des langsam schlagenden Herzens an das Hirn und teilt diesem mit, dass man in Sicherheit ist keine Gefahr besteht. Langsames Atmen sorgt daher durch die Anpassung des Herzens für eine verstärkte Aktivierung des Vagusnervs, welches den Parasympathikus erhöht [7].</p> <p>Konkret heißt das also: Eine hohe Aktivität des Vagusnervs steht für eine starke parasympathische Regulation und lässt unsern Körper in einen entspannteren Modus fallen. Den Vagusnerv kann man übrigens auch gezielt stimulieren kann. Falls ihr wissen wollt, wie, schaut gerne hier vorbei:</p> <figure></figure> <p>Jetzt wissen wir, dass langsames Atmen unser Herz und unseren Körper in eine Ruhemodus bringt. Aber was passiert noch so?</p> <h3 id="h-klarer-kopf-durch-atmung">Klarer Kopf durch Atmung</h3> <p>Mal abgesehen von den positiven Effekten, die langsames Atmen wie bereits beschrieben auf Herzrate und Blutdruck hat, gibt es durchaus noch mehr Vorteile.</p> <p>Im Gehirn werden die Informationen vom Vagusnerv zuerst im sogenannten <strong>Nucleus tractus solitarius </strong>(NTS) im Hirnstamm eingeordnet. Dort wird registriert, wie die aktuelle körperliche Lage ist, bei einer niedrigen Atmung also „alles ist sicher, uns geht es gut“. Der NTS ist die zentrale Umschaltstelle und leitet die Informationen über die niedrige Herzrate und hohe Herzvariabilität unter anderem in den Präfrontalkortex, der Insula, und dem anterioren singulären Kortex weiter, Areale, die besonders bei Aufmerksamkeit Exekutivfunktionen und Arbeitsgedächtnis aktiv sind [8].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/24202329_6894714.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/24202329_6894714-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/24202329_6894714-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/24202329_6894714-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/24202329_6894714-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/24202329_6894714-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/24202329_6894714-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/24202329_6894714.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Viele Studien zeigen, dass langsame Atmung das Kortisol-Level senken und damit subjektive Stressempfinden reduzieren kann [9]. Eine große Studie zeigte, dass langsames Atmen über 12 Wochen signifikant die subjektive Stresswahrnehmung senken konnte [10]. Studien, die Teilnehmer nach anstrengender (stressiger) körperlicher Aktivität testeten, fanden heraus, dass die Teilnehmer der langsamen Atemgruppe ein ruhigeres EEG Signal hatten und auch die HRV war gestiegen im Vergleich zur Kontrollgruppe, was auf eine bessere Erholung hindeutet [11]. Generell berichten viele Teilnehmer, dass ein längeres langsames Atemtraining zu weniger Angstgefühlen und besserer Stimmung führte [12]. Wenn man also gestresst ist, die Arbeit einem über den Kopf wächst oder man einfach mal überfordert ist, dann ist das gute alte Sprichwort “Erst mal tief durchatmen!” tatsächlich nicht einfach so dahergesagt, sondern bewirkt messbare körperliche Effekte!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6703745_3378282-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6703745_3378282-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6703745_3378282-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6703745_3378282-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6703745_3378282-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6703745_3378282-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6703745_3378282-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Vom Hirnstamm aus reichen noch weitere Verbindungen in den präfrontalen Kortex, wo die Informationen der parasympathischen Aktivität ebenfalls verarbeitet werden. Studien erforschen derzeit, welchen Effekt langsames Atmen auf kognitive Fähigkeiten hat. Stand jetzt kann man vorsichtig optimistisch sagen, dass langsames Atmen <strong>Aufmerksamkeit</strong>, <strong>Arbeitsgedächtnis</strong> und <strong>kognitive Kontrolle</strong> erhöhen kann [13], [14], [15]. Auch die inhibitorische Kontrolle als auch Emotionsregulation in speziellen kognitiven Tests konnte deutlich gebessert werden, wenn Atemübungen gemacht wurden [16], [17]. Da bisher jedoch vor allem kurzfristige Verbesserungen gut belegt sind, braucht es weitere Forschung zu langfristigen Effekten.</p> <p><a></a>Doch wie langsam soll man denn nun eigentlich atmen?</p> <h3 id="h-die-resonanzatmung">Die Resonanzatmung</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38729151_8680947.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38729151_8680947-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38729151_8680947-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38729151_8680947-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38729151_8680947-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38729151_8680947-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38729151_8680947-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38729151_8680947.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Studien beschäftigen sich aktuell immer mehr mit der Frage, welche Atemübung wohl am effektivsten ist. Es gibt viele verschiedene Ansätze, etwa die <strong>Box Breathing Methode</strong> (4 Sekunden einatmen → 4 halten → 4 ausatmen → 4 halten), <strong>die 4-7-8 Methode</strong> (4 Sekunden einatmen → 7 halten → 8 ausatmen), oder auch spezielle Methoden wie <strong>Nostril-Breathing</strong> (abwechselnd durch ein Nasenloch ein- und wieder ausatmen) [18], [19]. Doch durch das steigende Interesse an der Herz-Hirn Interaktion ist eine andere Atemtechnik sehr in den Vordergrund gerückt: die sogenannte <strong>Resonanzfrequenz-Atmung</strong>.</p> <p>Resonanzfrequenz-Atmung ist eine gezielte langsame Atemtechnik, bei der man in einem Atem-Tempo atmet, welches der individuellen Resonanzfrequenz des Herz-Kreislauf-Systems entspricht. Das Tempo ist für jeden leicht unterschiedlich, im Schnitt sind es aber meist etwa 5–7 Atemzüge pro Minute [6]. Das heißt zum Beispiel: 5 Sekunden einatmen, 5 Sekunden ausatmen, sodass man auf 6 Atemzüge pro Minute kommt. Dies ist also eine deutlich langsamere Frequenz als ca. 12 Atemzüge pro Minute, was wir durchschnittlich an den Tag legen [2].</p> <p>Probiert es doch einfach mal aus: für eine Minute 5 Sekunden ein-, und 5 Sekunden wieder ausatmen! Los geht’s!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6914664_3467216-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6914664_3467216-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6914664_3467216-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6914664_3467216-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6914664_3467216-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6914664_3467216-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6914664_3467216-2048x1365.jpg 2048w" title="Resonanzfrequenz-Atmung Beispielbild" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Was jetzt passiert ist eine Synchronisation (Resonanz) von Atmung, Herzfrequenz und Blutdruck im Körper. Der Herzschlag wird durch die spezielle Atemtechnik angepasst: Das Herz schlägt langsamer und stabiler. Forschende sind aktuell der Meinung, dass diese spezielle Technik die Herzvariabilität am stärksten erhöhen kann, und somit die besten Effekte auf das Gehirn hat.</p> <p>RFB ist eine sehr vielversprechende Atemtechnik, aber auch andere langsame Atemübungen aktivieren den Parasympathikus und bringen ähnliche Vorteile für Körper und Gehirn. Am Ende zählt vor allem, welche Form des Atmens für einen selbst am besten funktioniert. Mehrere Studien konnten zeigen, dass schon 5 Minuten Atemübungen pro Tag sich nicht nur positiv auf unsere Stimmung, sondern auch auf das Herzkreislaufsystem auswirken [20], [21]! Also: </p> <p>Ran ans Atmen!</p> <h3 id="h-fazit">Fazit</h3> <p>Langsames Atmen aktiviert unsern Parasympathikus, welcher die Herzrate und den Blutdruck erniedrigt und unsere Herzvariabilität verbessert. Diese physiologischen Veränderungen werden durch den Vagusnerv direkt in das Gehirn geleitet und wirken dort auf die neuronalen Netzwerke, die an Emotionen, kognitiver Kontrolle und Gemütszustand wirken!</p> <p>Unsere Atmung gezielt langsamer zu steuern hat viele positive Effekte, und dabei ist es so eine einfache Methode. Keine Medikamente nötig, kein Arzt – einfach nur 5 Minuten täglich sich Zeit für sich und seine Atmung nehmen und spüren, was die Atmung mit einem macht!</p> <p>Auch wenn die Forschung bis jetzt vor allem kurzzeitige Effekte messen konnte, ist langsames Atmen eine weiterhin vielversprechende Methode. Sie hat das Potenzial, sowohl ergänzend zu anderen Therapien eingesetzt zu werden, etwa zur Vorbeugung von Demenz oder bei psychischen Erkrankungen, als auch im Alltag, um in stressigen Momenten wieder Ruhe zu finden und den Fokus zurückzugewinnen.</p> <p>Also: vielleicht sollten wir alle uns mehr Zeit im Alltag für uns nehmen und einfach mal anfangen, ganz bewusst gaaaanz tief ein- … und wieder auszuatmen.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881039_1f59c519-c945-4019-8923-d32ad1954a54-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881039_1f59c519-c945-4019-8923-d32ad1954a54-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881039_1f59c519-c945-4019-8923-d32ad1954a54-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881039_1f59c519-c945-4019-8923-d32ad1954a54-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881039_1f59c519-c945-4019-8923-d32ad1954a54-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881039_1f59c519-c945-4019-8923-d32ad1954a54-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881039_1f59c519-c945-4019-8923-d32ad1954a54-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881039_1f59c519-c945-4019-8923-d32ad1954a54-2048x2048.jpg 2048w" title="langsames atmen" width="1024"></img></a></figure></div> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>[1]          ‘Zitat über Atmung: Wie du atmest, so lebst du.’, Zitate – Aphorismen – Lebensweisheiten. Accessed: Nov. 30, 2025. [Online]. Available: https://zitate-aphorismen.de/zitat/wie-du-atmest-so-lebst-du/</li> <li>[2]          ‘Tief Luft holen: Wie gesund ist Ihre Atemfrequenz?’ Accessed: Dec. 12, 2025. [Online]. Available: https://www.gesund-bleiben.de/news/details/id/125/</li> <li>[3]          K. Ikeda <em>et al.</em>, ‘The respiratory control mechanisms in the brainstem and spinal cord: integrative views of the neuroanatomy and neurophysiology’, <em>The Journal of Physiological Sciences</em>, vol. 67, no. 1, pp. 45–62, Jan. 2017, doi: 10.1007/s12576-016-0475-y.</li> <li>[4]          ‘Vagus Nerve: What It Is, Function, Location &amp; Conditions’, Cleveland Clinic. Accessed: Dec. 12, 2025. [Online]. Available: https://my.clevelandclinic.org/health/body/22279-vagus-nerve</li> <li>[5]          A. Huber, J. Koenig, B. Bruns, M. Bendszus, H.-C. Friederich, and J. J. Simon, ‘Brain activation and heart rate variability as markers of autonomic function under stress’, <em>Sci Rep</em>, vol. 15, p. 28114, Aug. 2025, doi: 10.1038/s41598-025-12430-8.</li> <li>[6]          P. R. Steffen, T. Austin, A. DeBarros, and T. Brown, ‘The Impact of Resonance Frequency Breathing on Measures of Heart Rate Variability, Blood Pressure, and Mood’, <em>Front. Public Health</em>, vol. 5, Aug. 2017, doi: 10.3389/fpubh.2017.00222.</li> <li>[7]          M. A. Russo, D. M. Santarelli, and D. O’Rourke, ‘The physiological effects of slow breathing in the healthy human’, <em>Breathe</em>, vol. 13, no. 4, pp. 298–309, Nov. 2017, doi: 10.1183/20734735.009817.</li> <li>[8]          A. Schumann, F. de la Cruz, S. Köhler, L. Brotte, and K.-J. Bär, ‘The Influence of Heart Rate Variability Biofeedback on Cardiac Regulation and Functional Brain Connectivity’, <em>Front Neurosci</em>, vol. 15, p. 691988, 2021, doi: 10.3389/fnins.2021.691988.</li> <li>[9]          P. Gonçalves <em>et al.</em>, ‘Effects on Heart Rate Variability and Salivary Cortisol of Slow Paced Breathing for Stress Management’, in <em>2025 6th International Conference on Bio-engineering for Smart Technologies (BioSMART)</em>, May 2025, pp. 1–4. doi: 10.1109/BioSMART66413.2025.11046095.</li> <li>[10]       G. Birdee <em>et al.</em>, ‘Slow breathing for reducing stress: The effect of extending exhale’, <em>Complementary Therapies in Medicine</em>, vol. 73, p. 102937, May 2023, doi: 10.1016/j.ctim.2023.102937.</li> <li>[11]       ‘Effects of deep and slow breathing on stress stimulation caused by high-intensity exercise in healthy adults: Psychology, Health &amp; Medicine: Vol 26, No 9’. Accessed: Dec. 12, 2025. [Online]. Available: https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/13548506.2020.1786138</li> <li>[12]       G. W. Fincham, C. Strauss, and K. Cavanagh, ‘Effect of coherent breathing on mental health and wellbeing: a randomised placebo-controlled trial’, <em>Sci Rep</em>, vol. 13, no. 1, p. 22141, Dec. 2023, doi: 10.1038/s41598-023-49279-8.</li> <li>[13]       M. P. Bonomini, M. V. Calvo, A. D. Morcillo, F. Segovia, J. M. F. Vicente, and E. Fernandez-Jover, ‘The Effect of Breath Pacing on Task Switching and Working Memory’, <em>Int J Neural Syst</em>, vol. 30, no. 6, p. 2050028, June 2020, doi: 10.1142/S0129065720500288.</li> <li>[14]       S. Deepeshwar and R. B. Budhi, ‘Slow yoga breathing improves mental load in working memory performance and cardiac activity among yoga practitioners’, <em>Front Psychol</em>, vol. 13, p. 968858, 2022, doi: 10.3389/fpsyg.2022.968858.</li> <li>[15]       J. J. Pilcher <em>et al.</em>, ‘Brief slow-paced breathing improves working memory, mood, and stress in college students’, <em>Anxiety, Stress, &amp; Coping</em>, vol. 38, no. 5, pp. 528–543, Sept. 2025, doi: 10.1080/10615806.2025.2505897.</li> <li>[16]       S. Hoffmann, L. T. Jendreizik, U. Ettinger, and S. Laborde, ‘Keeping the pace: The effect of slow-paced breathing on error monitoring’, <em>International Journal of Psychophysiology</em>, vol. 146, pp. 217–224, Dec. 2019, doi: 10.1016/j.ijpsycho.2019.10.001.</li> <li>[17]       L. B. F. Kurdziel, L. McDevitt, and C. Hardway, ‘Acute Effects of Slow-Paced Breathing on Emotion Regulation: A Pilot Study’, <em>Psychol Rep</em>, p. 332941251329856, Apr. 2025, doi: 10.1177/00332941251329856.</li> <li>[18]       S. Ghiya, ‘Alternate nostril breathing: a systematic review of clinical trials’, <em>Int J Res Med Sci</em>, vol. 5, no. 8, p. 3273, July 2017, doi: 10.18203/2320-6012.ijrms20173523.</li> <li>[19]       ‘Box breathing or six breaths per minute: Which strategy improves athletes post-HIIT cardiovascular recovery? | PLOS One’. Accessed: Dec. 12, 2025. [Online]. Available: https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0336615</li> <li>[20]       M. Y. Balban <em>et al.</em>, ‘Brief structured respiration practices enhance mood and reduce physiological arousal’, <em>Cell Reports Medicine</em>, vol. 4, no. 1, p. 100895, Jan. 2023, doi: 10.1016/j.xcrm.2022.100895.</li> <li>[21]       M. Woo and T. Kim, ‘Effects of slow-paced breathing and humming breathing on heart rate variability and affect: a pilot investigation’, <em>Physiology &amp; Behavior</em>, vol. 299, p. 114972, Oct. 2025, doi: 10.1016/j.physbeh.2025.114972.</li> </ul> <h3 id="h-bildquellen">Bildquellen</h3> <ul> <li>Titelbild: generiert mit GPT 5.1</li> <li>Abbildung 1: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/frauen-die-einatmen-atmen-aus-um-einen-ruhigen-stressabbau-zu-erreichen_12849230.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=ab7923a3-f9dd-4771-8a05-f8ce667f7c65&amp;query=breathing">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 2: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/herz-mit-herzschlaglinie_138419226.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=6&amp;uuid=b88d39f5-adb6-43e9-8376-23c9523affb9&amp;query=heart+rate">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 3: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/menschliche-organe-flach-2x2-satz-quadratischer-kompositionen-mit-floralen-elementen-und-farbigen-gliedmassen-innere-organe-vektorillustration_31643733.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=6&amp;uuid=07802ba1-f8d7-4249-afbd-a702054c0a70&amp;query=lungs+and+heart">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 4: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/flache-herbstillustration_18894869.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=45&amp;uuid=2d3e4323-3786-4ab7-94ef-4c978191c888&amp;query=relaxed">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 5: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/gehirn-menschliche-anatomie-biologie-organe-koerpersysteme-gesundheitswesen-und-medizin-handgezeichnete-cartoon-kunstillustrationen_19613551.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=7852aeeb-c39b-4aa0-afe0-a48cddb2332f&amp;query=brain">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 6: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/hand-gezeichnetes-flaches-design-ueberwaeltigte-leuteillustration_24202329.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=5&amp;uuid=48857758-67de-434d-a2e9-5fabf05547b1&amp;query=stress">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 7: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/erwachsener-mann-multitasking-konzept_6703745.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=d79771fc-1fce-4513-b2c1-705a122a0143&amp;query=productive">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 8: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/komplimentillustration-des-flachen-designs_38729151.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=33&amp;uuid=ab7923a3-f9dd-4771-8a05-f8ce667f7c65&amp;query=breathing">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 9: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/buntes-ausgleichswellenhintergrunddesign_6914664.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=34&amp;uuid=5f45ecf7-0c6c-4f2c-b0a8-6122408a7c42&amp;query=frequencies">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 10: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/schoene-frau-mit-braunen-haaren_136881039.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=f8e8640d-9ac4-4149-8c29-925675df8e2d&amp;query=closed+eyes">Bildquelle</a></li> </ul> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Engelke_Luisa-Sophie-scaled-1-200x200.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Engelke_Luisa-Sophie-scaled-1-400x400.jpg 2x" width="200"></img> <p>Mein Name ist Luisa Sophie Engelke und ich studiere Neurowissenschaften im Master an der Georg-August-Universität Göttingen. Nach meinem Biologiestudium wurde mir bewusst, dass mich insbesondere die kognitiven Neurowissenschaften faszinieren – vor allem die Schnittstellen zur Psychologie und Pharmakologie. Durch mein aktuelles Studium lerne ich immer wieder neue Facetten der Neurowissenschaften kennen, die mich inspirieren und faszinieren. Ich hoffe, meine Begeisterung in meinen Blogeinträgen mit euch teilen zu können und wünsche viel Spaß beim Lesen.</p> </div> </div> </article> <section> <div> <aside id="block-3"> <p>HIRN UND WEG ist der Neuroblog der <a href="https://www.ghst.de"><strong><mark>Gemeinnützigen Hertie-Stiftung</mark></strong></a> , der die Bandbreite und Facetten eines der faszinierendsten Organe zeigen, Erkenntnisse aus Wissenschaft einfach und gut erklären und geistreich und unterhaltsam begeistern möchte. Neben der Informationsvermittlung gehören die Förderung von Exzellenz und die Schaffung von Strukturen in den Neurowissenschaften zu den Zielen des Programmbereichs "Gehirn erforschen" der Stiftung. </p> </aside><aside id="block-2"> <figure><a href="https://www.ghst.de/"><img alt="" decoding="async" height="178" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-300x52.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-768x134.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1536x267.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1000x174.jpg 1000w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px.jpg 2000w" width="1024"></img></a><figcaption><a href="https://www.ghst.de/"><em>https://www.ghst.de/</em></a></figcaption></figure> </aside> </div> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-9"><div><p>&#xD; Die <a href="https://www.ghst.de/">Gemeinnützige Hertie-Stiftung </a>konzentriert sich auf die zwei Leitthemen „Gehirn erforschen“ und „Demokratie stärken“. Die Projekte der Stiftung setzen modellhafte Impulse innerhalb dieser Themen. &#xD; Ihr neu eingerichteter Neuroblog leistet einen Beitrag zur Förderung von Wissenschaftskommunikation und zum besseren Verständnis des Gehirns, seiner Funktionsweise und seiner Erkrankungen.&#xD; </p>&#xD; <p><a href="http://www.scilogs.de/kosmo//hirn-und-weg/impressum/">Impressum Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>&#xD; </p></div></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/chetalalala.jpg" /><h1>Einmal tief einatmen bitte! Wie beeinflusst Atmung unser Gehirn? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Luisa Sophie Engelke</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <blockquote> <blockquote> <blockquote> <p>Wie du atmest, so lebst du.</p> <cite>Andreas Tenzer, 2019</cite></blockquote> </blockquote> </blockquote> <p>Dieser Spruch könnte wahrer sein, als man denkt, und die Wissenschaft ist gerade dabei, dem auf den Grund zu gehen. Eines der heißesten Forschungsthemen in der Neurophysiologie ist aktuell die Verbindung von Herz und Gehirn. Es ist ja schon länger bekannt, dass unser Gehirn über den Vagusnerv Einfluss auf unser Herz nimmt, aber was ist eigentlich mit dem Weg andersherum? Wie sieht der Weg vom Herzen zum Hirn aus? Es zeigt sich immer deutlicher: Informationen aus dem Herzen werden über aufsteigende Nervenbahnen direkt ins Gehirn geleitet und beeinflussen dort Aufmerksamkeit, Emotionen und kognitive Leistungsfähigkeit.</p> <p><br></br>Und genau hier kommt die Atmung ins Spiel. Mit gezielten Atemtechniken lässt sich nicht nur der Herzrhythmus beruhigen, sondern auch die Aktivität des Gehirns positiv beeinflussen! Doch wie funktioniert das alles nun im Detail?</p> <h3 id="h-wie-funktioniert-die-atmung">Wie funktioniert die Atmung?</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12849230_15_inhale-exhale-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1125" sizes="(max-width: 2000px) 100vw, 2000px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12849230_15_inhale-exhale-1-edited.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12849230_15_inhale-exhale-1-edited.jpg 2000w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12849230_15_inhale-exhale-1-edited-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12849230_15_inhale-exhale-1-edited-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12849230_15_inhale-exhale-1-edited-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12849230_15_inhale-exhale-1-edited-1536x864.jpg 1536w" title="Atmung" width="2000"></img></a></figure></div> <p>Einatmen – ausatmen – einatmen – ausatmen. Wir machen es schätzungsweise 20.000-mal am Tag, meistens, ohne direkt darüber nachzudenken [2]. Die Atmung wird von unserem <strong>autonomen Nervensystem</strong> gesteuert, also dem Teil des Nervensystems, welches wir nicht bewusst bemerken. Das autonome Nervensystem ist also dafür zuständig, lebenswichtige Körperfunktionen, wie Herzschlag oder Verdauung, für uns zu steuern, sodass wir uns auf wichtigere Dinge konzentrieren können. Denn stellt euch nur mal vor, ihr müsstet aktiv über jeden einzelnen Atemzug nachdenken!</p> <p>Obwohl der Prozess der Atmung hauptsächlich automatisch abläuft, können wir sie aber auch bewusst steuern: Wir können besonders tief einatmen, die Luft anhalten, oder auch einen bewussten Rhythmus selbst wählen. Und genau das scheint mehr Vorteile zu haben, als man denken könnte.<aside></aside></p> <p>Gesteuert wird die Atmung im Hirnstamm [3]. Dort registrieren spezialisierte Nervenzellen, wie viel Sauerstoff und Kohlendioxid im Blut vorhanden ist, und passen die Atemfrequenz entsprechend an.</p> <h3 id="h-lunge-zu-herz">Lunge zu Herz</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/138419226_5d7bc13e-fe48-442a-8630-fd71b6b7c91e-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="964" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/138419226_5d7bc13e-fe48-442a-8630-fd71b6b7c91e-1024x964.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/138419226_5d7bc13e-fe48-442a-8630-fd71b6b7c91e-1024x964.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/138419226_5d7bc13e-fe48-442a-8630-fd71b6b7c91e-300x282.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/138419226_5d7bc13e-fe48-442a-8630-fd71b6b7c91e-768x723.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/138419226_5d7bc13e-fe48-442a-8630-fd71b6b7c91e-1536x1446.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/138419226_5d7bc13e-fe48-442a-8630-fd71b6b7c91e-2048x1928.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Dabei spielt unser Herz eine zentrale Rolle – denn die Atmung beeinflusst das Herz, und das Herz wiederum wirkt direkt auf das Gehirn. Die Atmung hat tatsächlich direkten Einfluss auf unser Herz. Wenn wir einatmen, beschleunigt sich unsere Herzfrequenz und das Herz schlägt schneller. Beim Ausatmen passiert genau das Gegenteil, die Herzfrequenz wird verlangsamt. Diesen Prozess nennt man <strong>respiratorische Sinusarrhythmie</strong>.  </p> <p>Es ist ein wunderbares Beispiel für das Gegenspielerprinzip von <strong>Sympathikus</strong> und <strong>Parasympathikus</strong>. Der Sympathikus lässt das Herz schneller schlagen, und der Parasympathikus beruhigt die Herzrate danach wieder.  Langsames Atmen hat nicht nur Einfluss auf die Herzrate, sondern auch auf die <strong>Herzvariabilität</strong>, welche beschreibt, wie die zeitlichen Abstände zwischen den einzelnen Herzschlägen sind. Denn entgegen der allgemeinen Annahme, dass das Herz wie ein Metronom immer genau im gleichen Takt schlägt, ist es tatsächlich nicht so! Mal sind es 0.9 Sekunden, mal 1.2 Sekunden, mal 0.95 Sekunden, die zwischen den Herzschlägen vergehen – und genau das ist auch gut so und zeigt, dass der Parasympathikus aktiv und das Herz gesund und anpassungsfähig ist!</p> <h3 id="h-herz-zu-hirn">Herz zu Hirn</h3> <p>Realisiert wird die Informationsleitung vom Herz zum Gehirn durch den berühmten <strong>Vagusnerv</strong>, der Hauptnerv des parasympathischen Systems, der aus dem Hirnstamm entspringt. Er besteht zu 70-90 % aus afferenten Fasern, also Fasern, die Informationen vom Körper ins Gehirn senden. Er wird auch der „wandernde Nerv“ genannt und sendet Informationen von Lunge, Herz und sogar vom Darm in das Gehirn [4]. Somit stellt der Vagusnerv die Hauptverbindung zwischen Herz und Gehirn dar und ist damit Teil des <strong>zentralen autonomen Netzwerks</strong> (central autonomic network) des Körpers [5]. Was genau der Darm damit zu tun hat, könnt ihr gerne in diesem Blogeintrag lesen:</p> <figure></figure> <p>Eine starke Vagusnerv-Aktivität heißt, dass der Parasympathikus aktiv ist. Dies resultiert darin, dass die Verdauung angekurbelt wird, die Herzrate und der Blutdruck sinken und man sich entspannt und gelassen fühlt [6]. Wenn man nun langsam und ruhig atmet, sendet der Vagusnerv Informationen des langsam schlagenden Herzens an das Hirn und teilt diesem mit, dass man in Sicherheit ist keine Gefahr besteht. Langsames Atmen sorgt daher durch die Anpassung des Herzens für eine verstärkte Aktivierung des Vagusnervs, welches den Parasympathikus erhöht [7].</p> <p>Konkret heißt das also: Eine hohe Aktivität des Vagusnervs steht für eine starke parasympathische Regulation und lässt unsern Körper in einen entspannteren Modus fallen. Den Vagusnerv kann man übrigens auch gezielt stimulieren kann. Falls ihr wissen wollt, wie, schaut gerne hier vorbei:</p> <figure></figure> <p>Jetzt wissen wir, dass langsames Atmen unser Herz und unseren Körper in eine Ruhemodus bringt. Aber was passiert noch so?</p> <h3 id="h-klarer-kopf-durch-atmung">Klarer Kopf durch Atmung</h3> <p>Mal abgesehen von den positiven Effekten, die langsames Atmen wie bereits beschrieben auf Herzrate und Blutdruck hat, gibt es durchaus noch mehr Vorteile.</p> <p>Im Gehirn werden die Informationen vom Vagusnerv zuerst im sogenannten <strong>Nucleus tractus solitarius </strong>(NTS) im Hirnstamm eingeordnet. Dort wird registriert, wie die aktuelle körperliche Lage ist, bei einer niedrigen Atmung also „alles ist sicher, uns geht es gut“. Der NTS ist die zentrale Umschaltstelle und leitet die Informationen über die niedrige Herzrate und hohe Herzvariabilität unter anderem in den Präfrontalkortex, der Insula, und dem anterioren singulären Kortex weiter, Areale, die besonders bei Aufmerksamkeit Exekutivfunktionen und Arbeitsgedächtnis aktiv sind [8].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/24202329_6894714.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/24202329_6894714-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/24202329_6894714-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/24202329_6894714-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/24202329_6894714-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/24202329_6894714-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/24202329_6894714-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/24202329_6894714.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Viele Studien zeigen, dass langsame Atmung das Kortisol-Level senken und damit subjektive Stressempfinden reduzieren kann [9]. Eine große Studie zeigte, dass langsames Atmen über 12 Wochen signifikant die subjektive Stresswahrnehmung senken konnte [10]. Studien, die Teilnehmer nach anstrengender (stressiger) körperlicher Aktivität testeten, fanden heraus, dass die Teilnehmer der langsamen Atemgruppe ein ruhigeres EEG Signal hatten und auch die HRV war gestiegen im Vergleich zur Kontrollgruppe, was auf eine bessere Erholung hindeutet [11]. Generell berichten viele Teilnehmer, dass ein längeres langsames Atemtraining zu weniger Angstgefühlen und besserer Stimmung führte [12]. Wenn man also gestresst ist, die Arbeit einem über den Kopf wächst oder man einfach mal überfordert ist, dann ist das gute alte Sprichwort “Erst mal tief durchatmen!” tatsächlich nicht einfach so dahergesagt, sondern bewirkt messbare körperliche Effekte!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6703745_3378282-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6703745_3378282-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6703745_3378282-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6703745_3378282-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6703745_3378282-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6703745_3378282-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6703745_3378282-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Vom Hirnstamm aus reichen noch weitere Verbindungen in den präfrontalen Kortex, wo die Informationen der parasympathischen Aktivität ebenfalls verarbeitet werden. Studien erforschen derzeit, welchen Effekt langsames Atmen auf kognitive Fähigkeiten hat. Stand jetzt kann man vorsichtig optimistisch sagen, dass langsames Atmen <strong>Aufmerksamkeit</strong>, <strong>Arbeitsgedächtnis</strong> und <strong>kognitive Kontrolle</strong> erhöhen kann [13], [14], [15]. Auch die inhibitorische Kontrolle als auch Emotionsregulation in speziellen kognitiven Tests konnte deutlich gebessert werden, wenn Atemübungen gemacht wurden [16], [17]. Da bisher jedoch vor allem kurzfristige Verbesserungen gut belegt sind, braucht es weitere Forschung zu langfristigen Effekten.</p> <p><a></a>Doch wie langsam soll man denn nun eigentlich atmen?</p> <h3 id="h-die-resonanzatmung">Die Resonanzatmung</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38729151_8680947.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38729151_8680947-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38729151_8680947-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38729151_8680947-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38729151_8680947-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38729151_8680947-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38729151_8680947-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38729151_8680947.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Studien beschäftigen sich aktuell immer mehr mit der Frage, welche Atemübung wohl am effektivsten ist. Es gibt viele verschiedene Ansätze, etwa die <strong>Box Breathing Methode</strong> (4 Sekunden einatmen → 4 halten → 4 ausatmen → 4 halten), <strong>die 4-7-8 Methode</strong> (4 Sekunden einatmen → 7 halten → 8 ausatmen), oder auch spezielle Methoden wie <strong>Nostril-Breathing</strong> (abwechselnd durch ein Nasenloch ein- und wieder ausatmen) [18], [19]. Doch durch das steigende Interesse an der Herz-Hirn Interaktion ist eine andere Atemtechnik sehr in den Vordergrund gerückt: die sogenannte <strong>Resonanzfrequenz-Atmung</strong>.</p> <p>Resonanzfrequenz-Atmung ist eine gezielte langsame Atemtechnik, bei der man in einem Atem-Tempo atmet, welches der individuellen Resonanzfrequenz des Herz-Kreislauf-Systems entspricht. Das Tempo ist für jeden leicht unterschiedlich, im Schnitt sind es aber meist etwa 5–7 Atemzüge pro Minute [6]. Das heißt zum Beispiel: 5 Sekunden einatmen, 5 Sekunden ausatmen, sodass man auf 6 Atemzüge pro Minute kommt. Dies ist also eine deutlich langsamere Frequenz als ca. 12 Atemzüge pro Minute, was wir durchschnittlich an den Tag legen [2].</p> <p>Probiert es doch einfach mal aus: für eine Minute 5 Sekunden ein-, und 5 Sekunden wieder ausatmen! Los geht’s!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6914664_3467216-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6914664_3467216-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6914664_3467216-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6914664_3467216-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6914664_3467216-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6914664_3467216-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6914664_3467216-2048x1365.jpg 2048w" title="Resonanzfrequenz-Atmung Beispielbild" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Was jetzt passiert ist eine Synchronisation (Resonanz) von Atmung, Herzfrequenz und Blutdruck im Körper. Der Herzschlag wird durch die spezielle Atemtechnik angepasst: Das Herz schlägt langsamer und stabiler. Forschende sind aktuell der Meinung, dass diese spezielle Technik die Herzvariabilität am stärksten erhöhen kann, und somit die besten Effekte auf das Gehirn hat.</p> <p>RFB ist eine sehr vielversprechende Atemtechnik, aber auch andere langsame Atemübungen aktivieren den Parasympathikus und bringen ähnliche Vorteile für Körper und Gehirn. Am Ende zählt vor allem, welche Form des Atmens für einen selbst am besten funktioniert. Mehrere Studien konnten zeigen, dass schon 5 Minuten Atemübungen pro Tag sich nicht nur positiv auf unsere Stimmung, sondern auch auf das Herzkreislaufsystem auswirken [20], [21]! Also: </p> <p>Ran ans Atmen!</p> <h3 id="h-fazit">Fazit</h3> <p>Langsames Atmen aktiviert unsern Parasympathikus, welcher die Herzrate und den Blutdruck erniedrigt und unsere Herzvariabilität verbessert. Diese physiologischen Veränderungen werden durch den Vagusnerv direkt in das Gehirn geleitet und wirken dort auf die neuronalen Netzwerke, die an Emotionen, kognitiver Kontrolle und Gemütszustand wirken!</p> <p>Unsere Atmung gezielt langsamer zu steuern hat viele positive Effekte, und dabei ist es so eine einfache Methode. Keine Medikamente nötig, kein Arzt – einfach nur 5 Minuten täglich sich Zeit für sich und seine Atmung nehmen und spüren, was die Atmung mit einem macht!</p> <p>Auch wenn die Forschung bis jetzt vor allem kurzzeitige Effekte messen konnte, ist langsames Atmen eine weiterhin vielversprechende Methode. Sie hat das Potenzial, sowohl ergänzend zu anderen Therapien eingesetzt zu werden, etwa zur Vorbeugung von Demenz oder bei psychischen Erkrankungen, als auch im Alltag, um in stressigen Momenten wieder Ruhe zu finden und den Fokus zurückzugewinnen.</p> <p>Also: vielleicht sollten wir alle uns mehr Zeit im Alltag für uns nehmen und einfach mal anfangen, ganz bewusst gaaaanz tief ein- … und wieder auszuatmen.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881039_1f59c519-c945-4019-8923-d32ad1954a54-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881039_1f59c519-c945-4019-8923-d32ad1954a54-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881039_1f59c519-c945-4019-8923-d32ad1954a54-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881039_1f59c519-c945-4019-8923-d32ad1954a54-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881039_1f59c519-c945-4019-8923-d32ad1954a54-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881039_1f59c519-c945-4019-8923-d32ad1954a54-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881039_1f59c519-c945-4019-8923-d32ad1954a54-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881039_1f59c519-c945-4019-8923-d32ad1954a54-2048x2048.jpg 2048w" title="langsames atmen" width="1024"></img></a></figure></div> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>[1]          ‘Zitat über Atmung: Wie du atmest, so lebst du.’, Zitate – Aphorismen – Lebensweisheiten. Accessed: Nov. 30, 2025. [Online]. Available: https://zitate-aphorismen.de/zitat/wie-du-atmest-so-lebst-du/</li> <li>[2]          ‘Tief Luft holen: Wie gesund ist Ihre Atemfrequenz?’ Accessed: Dec. 12, 2025. [Online]. Available: https://www.gesund-bleiben.de/news/details/id/125/</li> <li>[3]          K. Ikeda <em>et al.</em>, ‘The respiratory control mechanisms in the brainstem and spinal cord: integrative views of the neuroanatomy and neurophysiology’, <em>The Journal of Physiological Sciences</em>, vol. 67, no. 1, pp. 45–62, Jan. 2017, doi: 10.1007/s12576-016-0475-y.</li> <li>[4]          ‘Vagus Nerve: What It Is, Function, Location &amp; Conditions’, Cleveland Clinic. Accessed: Dec. 12, 2025. [Online]. Available: https://my.clevelandclinic.org/health/body/22279-vagus-nerve</li> <li>[5]          A. Huber, J. Koenig, B. Bruns, M. Bendszus, H.-C. Friederich, and J. J. Simon, ‘Brain activation and heart rate variability as markers of autonomic function under stress’, <em>Sci Rep</em>, vol. 15, p. 28114, Aug. 2025, doi: 10.1038/s41598-025-12430-8.</li> <li>[6]          P. R. Steffen, T. Austin, A. DeBarros, and T. Brown, ‘The Impact of Resonance Frequency Breathing on Measures of Heart Rate Variability, Blood Pressure, and Mood’, <em>Front. Public Health</em>, vol. 5, Aug. 2017, doi: 10.3389/fpubh.2017.00222.</li> <li>[7]          M. A. Russo, D. M. Santarelli, and D. O’Rourke, ‘The physiological effects of slow breathing in the healthy human’, <em>Breathe</em>, vol. 13, no. 4, pp. 298–309, Nov. 2017, doi: 10.1183/20734735.009817.</li> <li>[8]          A. Schumann, F. de la Cruz, S. Köhler, L. Brotte, and K.-J. Bär, ‘The Influence of Heart Rate Variability Biofeedback on Cardiac Regulation and Functional Brain Connectivity’, <em>Front Neurosci</em>, vol. 15, p. 691988, 2021, doi: 10.3389/fnins.2021.691988.</li> <li>[9]          P. Gonçalves <em>et al.</em>, ‘Effects on Heart Rate Variability and Salivary Cortisol of Slow Paced Breathing for Stress Management’, in <em>2025 6th International Conference on Bio-engineering for Smart Technologies (BioSMART)</em>, May 2025, pp. 1–4. doi: 10.1109/BioSMART66413.2025.11046095.</li> <li>[10]       G. Birdee <em>et al.</em>, ‘Slow breathing for reducing stress: The effect of extending exhale’, <em>Complementary Therapies in Medicine</em>, vol. 73, p. 102937, May 2023, doi: 10.1016/j.ctim.2023.102937.</li> <li>[11]       ‘Effects of deep and slow breathing on stress stimulation caused by high-intensity exercise in healthy adults: Psychology, Health &amp; Medicine: Vol 26, No 9’. Accessed: Dec. 12, 2025. [Online]. Available: https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/13548506.2020.1786138</li> <li>[12]       G. W. Fincham, C. Strauss, and K. Cavanagh, ‘Effect of coherent breathing on mental health and wellbeing: a randomised placebo-controlled trial’, <em>Sci Rep</em>, vol. 13, no. 1, p. 22141, Dec. 2023, doi: 10.1038/s41598-023-49279-8.</li> <li>[13]       M. P. Bonomini, M. V. Calvo, A. D. Morcillo, F. Segovia, J. M. F. Vicente, and E. Fernandez-Jover, ‘The Effect of Breath Pacing on Task Switching and Working Memory’, <em>Int J Neural Syst</em>, vol. 30, no. 6, p. 2050028, June 2020, doi: 10.1142/S0129065720500288.</li> <li>[14]       S. Deepeshwar and R. B. Budhi, ‘Slow yoga breathing improves mental load in working memory performance and cardiac activity among yoga practitioners’, <em>Front Psychol</em>, vol. 13, p. 968858, 2022, doi: 10.3389/fpsyg.2022.968858.</li> <li>[15]       J. J. Pilcher <em>et al.</em>, ‘Brief slow-paced breathing improves working memory, mood, and stress in college students’, <em>Anxiety, Stress, &amp; Coping</em>, vol. 38, no. 5, pp. 528–543, Sept. 2025, doi: 10.1080/10615806.2025.2505897.</li> <li>[16]       S. Hoffmann, L. T. Jendreizik, U. Ettinger, and S. Laborde, ‘Keeping the pace: The effect of slow-paced breathing on error monitoring’, <em>International Journal of Psychophysiology</em>, vol. 146, pp. 217–224, Dec. 2019, doi: 10.1016/j.ijpsycho.2019.10.001.</li> <li>[17]       L. B. F. Kurdziel, L. McDevitt, and C. Hardway, ‘Acute Effects of Slow-Paced Breathing on Emotion Regulation: A Pilot Study’, <em>Psychol Rep</em>, p. 332941251329856, Apr. 2025, doi: 10.1177/00332941251329856.</li> <li>[18]       S. Ghiya, ‘Alternate nostril breathing: a systematic review of clinical trials’, <em>Int J Res Med Sci</em>, vol. 5, no. 8, p. 3273, July 2017, doi: 10.18203/2320-6012.ijrms20173523.</li> <li>[19]       ‘Box breathing or six breaths per minute: Which strategy improves athletes post-HIIT cardiovascular recovery? | PLOS One’. Accessed: Dec. 12, 2025. [Online]. Available: https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0336615</li> <li>[20]       M. Y. Balban <em>et al.</em>, ‘Brief structured respiration practices enhance mood and reduce physiological arousal’, <em>Cell Reports Medicine</em>, vol. 4, no. 1, p. 100895, Jan. 2023, doi: 10.1016/j.xcrm.2022.100895.</li> <li>[21]       M. Woo and T. Kim, ‘Effects of slow-paced breathing and humming breathing on heart rate variability and affect: a pilot investigation’, <em>Physiology &amp; Behavior</em>, vol. 299, p. 114972, Oct. 2025, doi: 10.1016/j.physbeh.2025.114972.</li> </ul> <h3 id="h-bildquellen">Bildquellen</h3> <ul> <li>Titelbild: generiert mit GPT 5.1</li> <li>Abbildung 1: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/frauen-die-einatmen-atmen-aus-um-einen-ruhigen-stressabbau-zu-erreichen_12849230.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=ab7923a3-f9dd-4771-8a05-f8ce667f7c65&amp;query=breathing">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 2: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/herz-mit-herzschlaglinie_138419226.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=6&amp;uuid=b88d39f5-adb6-43e9-8376-23c9523affb9&amp;query=heart+rate">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 3: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/menschliche-organe-flach-2x2-satz-quadratischer-kompositionen-mit-floralen-elementen-und-farbigen-gliedmassen-innere-organe-vektorillustration_31643733.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=6&amp;uuid=07802ba1-f8d7-4249-afbd-a702054c0a70&amp;query=lungs+and+heart">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 4: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/flache-herbstillustration_18894869.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=45&amp;uuid=2d3e4323-3786-4ab7-94ef-4c978191c888&amp;query=relaxed">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 5: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/gehirn-menschliche-anatomie-biologie-organe-koerpersysteme-gesundheitswesen-und-medizin-handgezeichnete-cartoon-kunstillustrationen_19613551.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=7852aeeb-c39b-4aa0-afe0-a48cddb2332f&amp;query=brain">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 6: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/hand-gezeichnetes-flaches-design-ueberwaeltigte-leuteillustration_24202329.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=5&amp;uuid=48857758-67de-434d-a2e9-5fabf05547b1&amp;query=stress">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 7: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/erwachsener-mann-multitasking-konzept_6703745.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=d79771fc-1fce-4513-b2c1-705a122a0143&amp;query=productive">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 8: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/komplimentillustration-des-flachen-designs_38729151.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=33&amp;uuid=ab7923a3-f9dd-4771-8a05-f8ce667f7c65&amp;query=breathing">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 9: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/buntes-ausgleichswellenhintergrunddesign_6914664.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=34&amp;uuid=5f45ecf7-0c6c-4f2c-b0a8-6122408a7c42&amp;query=frequencies">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 10: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/schoene-frau-mit-braunen-haaren_136881039.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=f8e8640d-9ac4-4149-8c29-925675df8e2d&amp;query=closed+eyes">Bildquelle</a></li> </ul> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Engelke_Luisa-Sophie-scaled-1-200x200.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Engelke_Luisa-Sophie-scaled-1-400x400.jpg 2x" width="200"></img> <p>Mein Name ist Luisa Sophie Engelke und ich studiere Neurowissenschaften im Master an der Georg-August-Universität Göttingen. Nach meinem Biologiestudium wurde mir bewusst, dass mich insbesondere die kognitiven Neurowissenschaften faszinieren – vor allem die Schnittstellen zur Psychologie und Pharmakologie. Durch mein aktuelles Studium lerne ich immer wieder neue Facetten der Neurowissenschaften kennen, die mich inspirieren und faszinieren. Ich hoffe, meine Begeisterung in meinen Blogeinträgen mit euch teilen zu können und wünsche viel Spaß beim Lesen.</p> </div> </div> </article> <section> <div> <aside id="block-3"> <p>HIRN UND WEG ist der Neuroblog der <a href="https://www.ghst.de"><strong><mark>Gemeinnützigen Hertie-Stiftung</mark></strong></a> , der die Bandbreite und Facetten eines der faszinierendsten Organe zeigen, Erkenntnisse aus Wissenschaft einfach und gut erklären und geistreich und unterhaltsam begeistern möchte. Neben der Informationsvermittlung gehören die Förderung von Exzellenz und die Schaffung von Strukturen in den Neurowissenschaften zu den Zielen des Programmbereichs "Gehirn erforschen" der Stiftung. </p> </aside><aside id="block-2"> <figure><a href="https://www.ghst.de/"><img alt="" decoding="async" height="178" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-300x52.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-768x134.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1536x267.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1000x174.jpg 1000w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px.jpg 2000w" width="1024"></img></a><figcaption><a href="https://www.ghst.de/"><em>https://www.ghst.de/</em></a></figcaption></figure> </aside> </div> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-9"><div><p>&#xD; Die <a href="https://www.ghst.de/">Gemeinnützige Hertie-Stiftung </a>konzentriert sich auf die zwei Leitthemen „Gehirn erforschen“ und „Demokratie stärken“. Die Projekte der Stiftung setzen modellhafte Impulse innerhalb dieser Themen. &#xD; Ihr neu eingerichteter Neuroblog leistet einen Beitrag zur Förderung von Wissenschaftskommunikation und zum besseren Verständnis des Gehirns, seiner Funktionsweise und seiner Erkrankungen.&#xD; </p>&#xD; <p><a href="http://www.scilogs.de/kosmo//hirn-und-weg/impressum/">Impressum Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>&#xD; </p></div></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/einmal-tief-einatmen-bitte-wie-beeinflusst-atmung-unser-gehirn/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>2</slash:comments> </item> <item> <title>Zeitenwende mit Solarpunk – Allen einen guten Rosch ins Jahr 2026! https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zeitenwende-mit-solarpunk-allen-einen-guten-rosch-ins-jahr-2026/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zeitenwende-mit-solarpunk-allen-einen-guten-rosch-ins-jahr-2026/#comments Mon, 29 Dec 2025 01:26:27 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=10890 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeStadtrabbinerJehudaPushkinVfBStuttgartMakkabiTelAviv-768x699.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zeitenwende-mit-solarpunk-allen-einen-guten-rosch-ins-jahr-2026/</link> </image> <description type="html"><h1>Zeitenwende mit Solarpunk - Einen guten Rosch ins Jahr 2026!</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Was war 2025 wieder für ein Jahr!</p> <p>Die <a href="https://www.bietigheimerzeitung.de/inhalt.bietigheim-bissingen-es-gibt-keine-menschenwuerde-erster-und-zweiter-klasse.db535c4d-a022-48ec-983f-d0175b15a027.html">Aufklärung und Haltung gegen Antisemitismus und Verschwörungsglauben zog sich</a> durch das ganze Jahr. Terror und digitale Gewalt vor allem aus Russland, dem Iran, den arabischen Ölstaaten und zunehmend den USA rollten in <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/erneuerbare-friedensenergien-und-die-abwehrschlacht-des-fossilismus/">der zunehmend verzweifelten Abwehrschlacht des Fossilismus gegen die letzten Demokratien</a> an. Noch im Dezember konnte Baden-Württemberg <a href="https://ppstuttgart.polizei-bw.de/polizei-bereitet-anlaesslich-der-europa-league-begegnung-vfb-stuttgart-gegen-maccabi-tel-aviv-einen-grosseinsatz-vor/">das Fußballspiel <strong>VfB Stuttgart</strong> gegen <strong>Makkabi Tel Aviv</strong> mit massiven polizeilichen und zivilen Begleitmaßnahmen durchführen</a> – und damit ein Stück Freiheit in Zeiten von Terror und Krieg verteidigen.</p> <p><a href="https://ppstuttgart.polizei-bw.de/polizei-bereitet-anlaesslich-der-europa-league-begegnung-vfb-stuttgart-gegen-maccabi-tel-aviv-einen-grosseinsatz-vor/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Erleichtert nach dem Fußballspiel des VfB Stuttgart gegen Makkabi Tel Aviv: Dr. Michael Blume links und Stadtrabbiner Yehuda Pushkin rechts mit Blumes VfB- Fanschal." decoding="async" height="977" sizes="(max-width: 1074px) 100vw, 1074px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeStadtrabbinerJehudaPushkinVfBStuttgartMakkabiTelAviv.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeStadtrabbinerJehudaPushkinVfBStuttgartMakkabiTelAviv.jpeg 1074w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeStadtrabbinerJehudaPushkinVfBStuttgartMakkabiTelAviv-300x273.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeStadtrabbinerJehudaPushkinVfBStuttgartMakkabiTelAviv-1024x932.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeStadtrabbinerJehudaPushkinVfBStuttgartMakkabiTelAviv-768x699.jpeg 768w" width="1074"></img></a></p> <p><em>Erleichtert nach dem Fußballspiel des VfB Stuttgart gegen Makkabi Tel Aviv: Dr. Michael Blume links und Stadtrabbiner Yehuda Pushkin rechts. Der Fanschal ist von Blume. Foto: VfB Stuttgart</em></p> <p>Leider vertiefte sich die Krise der Bundesparteiblasen: Nach dem vorzeitigen Zerfall der Ampel-Regierung musste ich schon im Januar meinem Gewissen folgen und <a href="https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.michael-blume-antisemitismusbeauftragter-kritisiert-merz-viele-in-der-cdu-leiden.11dda589-5b85-454b-8211-a22d2d7cb30e.html">der fatalen <strong>Rechtsmimesis</strong> von <strong>Friedrich Merz (CDU)</strong> und <strong>Christian Lindner (FDP)</strong> sowie der meisten Medien Richtung AfD entgegentreten</a> – was mir damals heftigen Gegenwind eintrug, inzwischen aber Konsens geworden ist: <em>Wer aus der demokratischen Mitte nach Rechtsaußen blinkt, stärkt erst den rechten und dann auch den linken Rand.</em><aside></aside></p> <p>Es war nie anders und wird niemals anders sein, denn <a href="https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2025/10-2025/medien-und-mimesis-journalismus-in-zeiten-digitaler-aufmerksamkeitsoekonomie/">die menschliche Psychologie beruht vor allem auf Nachahmung (<strong>Mimesis</strong>)</a>. Und das bedeutet, übrigens gerade <a href="https://youtu.be/BeGhV302gR4" rel="noopener" target="_blank">auch für die seit 1961 weitgehend entmachteten Abgeordneten des deutschen Bundestages</a>: <strong><em>Es gibt vor der Geschichte kein Recht auf Feigheit.</em></strong></p> <p>Wenn <a href="https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/koalitionsvertrag-188.html">auch der amtierende Kanzleramtsminister <strong>Thorsten Frei (CDU)</strong> zu Recht einräumt</a>, dass die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/">zwischen kleinen Parteirunden verhandelte Koalitionsverträge (in Deutschland erst ab 1961 eingeführt) nicht mehr der Wirklichkeit standhalten</a>, dann ist es an der Zeit, wieder <a href="https://www.youtube.com/watch?v=BeGhV302gR4">mehr parlamentarische Konsensdemokratie, mehr Grundgesetz zu wagen</a>.</p> <p>Dennoch: Ich hatte es in über 30 Jahren Mitgliedschaft in der CDU niemals als notwendig empfunden, mich gegen einen Wortbruch und falschen Kurs eines Parteivorsitzenden zu stellen – und hoffe sehr, dass ich es auch nie wieder tun muss. Aber klar ist auch, dass ich – wie auch <a href="https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.volker-kauder-die-cdu-war-nie-eine-konservative-partei.4169a402-a6ce-4d95-b2ab-5140ee2a6ffa.html">der legendäre Fraktionsvorsitzende <strong>Volker Kauder (CDU)</strong> zu Recht betonte</a> – nie einer konservativen, sondern einer christdemokratischen Partei beigetreten bin. Inzwischen sollte es jeder Mensch guten Willens kapiert haben: <strong><em>Wer das C und die Lehren der deutschen Geschichte inhaltlich aufgibt, halbiert nicht den fossilen Faschismus, sondern die demokratische Mitte.</em></strong> Und meine Heimat Baden-Württemberg, Deutschland, Europa haben wahrlich Besseres verdient als noch eine Wissenschaft und Menschenwürde verleugnende Rechtsregierung.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=-faV3mga3VI" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Auf einer gelben Karte mit weißen Weihnachtssternen steht in Schwarz &quot;Heilig's Blechle&quot; und darunter eine Ausstecherform in den Umrissen des Bundeslandes Baden-Württemberg. Darinnen steht: &quot;The Länd&quot;." decoding="async" height="2560" sizes="(max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1215-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1215-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1215-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1215-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1215-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1215-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></a></p> <p><em>Ein <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/batterien-fuer-elektroautos-laenger-haltbar-immer-mehr-fossile-luegen-werden-entlarvt/">nicht-fossiles “Heilig’s Blechle” aus Baden-Württemberg, the Länd(le)</a>. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Keine Frage ist mir im letzten Jahr so oft gestellt worden wie diese, wie ich dem Trommelfeuer aus Hass, Druck und schlechten Nachrichten weiterhin standhielte. Und es sind wenige, aber gerade auch in 2025 sprudelnde Quellen: Meine Mitmenschen, Religion und Wissenschaft, Musik und Bücher, Solarpunk-Dialoge.</p> <p><strong>Mitmenschen</strong></p> <p>Ja, dialogischer Monismus ist anstrengend, doch er verbindet Menschen in vertrauensvollen Beziehungen. Meine Familie, unsere Freunde, mein Team im Büro, Engagierte in Demokratie, Wissenschaft, Religionen und Vereinen und Sie – die sich für unsere Arbeit interessieren – überstrahlen jeden Tag den kreischenden Hass der meist vereinsamten Hater. Deren psychologisches Abrutschen ist nie ein schöner Anblick: <a href="https://youtu.be/4guPv9epq1g">Verschwörungsglauben und feindseliger Dualismus stürzen die Menschen in einsame Untiefen</a>.</p> <p>Auch in diesen Tagen <em>“zwischen den Jahren”</em>, die vor dem Christentum auch düster als <em>“Raunächte”</em> bezeichnet wurden, bin ich glücklich mit Zehra, Kindern und Freunden am Reden, Speisen und Spielen, aber auch im Dialog per Medien, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-48-weihnachtsfolge-mit-dem-petrodollar-rentier-dem-weihnachtsmann/">mit Prof. Dr. Inan Ince in der Weihnachtsfolge von <em>“Blume &amp; Ince”</em></a>, mit dem <a href="https://www.youtube.com/@MichaelBlume">Solarpunk-Vlog</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/">Natur des Glaubens-Blog</a>.</p> <p><img alt="" decoding="async" height="2560" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1378-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1378-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1378-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1378-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1378-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1378-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></p> <p><em>Beim <a href="https://brettspieler.de/products/emission-gemeinsam-gegen-den-klimawandel">Solarpunk-Brettspiel “e-Mission. Die Zukunft liegt in Eurer Hand”</a> gilt es, gemeinsam die Mitweltkrise zu überstehen. Aber in 2025 war auch Platz für <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/qwirkle-blogs-und-philosophie/">Qwirkle mit Zehra</a>, für <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/philosophische-grund-weltanschauungen-fantasy-dnd-gesinnungen/">“Dungeons &amp; Dragons” (derzeit eine Spelljammer-Kampagne)</a>, für Schach und <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115789867191083296">“Warhammer 40k”</a> mit Kindern und Freunden. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Ein besonderer Moment war für mich beispielsweise auch, als einer unserer Söhne – frisch zurück aus einem freiwilligen Dienstjahr bei unserer Bundeswehr – nach dem Ende einer Veranstaltung plötzlich gegen alle Vorsichtsmaßnahmen auf einem gemeinsamen Foto bestand. Ich kann schwer beschreiben, wie gut es sich anfühlt, wenn sich die eigenen Kinder mutig zur Arbeit für Wissenschaft, Dialog und Demokratie bekennen. Ich hatte feuchte Augen, ja. </p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/kartenliebe-das-scheitern-digitaler-rechtsmimesis-am-beispiel-grossbritannien/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Michael Blume und einer seiner Söhne gemeinsam gegen Antisemitismus und Verschwörungsmythen, für Demokratie, Wissenschaft und Kartenliebe. Foto nach einem Vortrag beim JU Kreisverband Rems-Murr, 2. Oktober 2025" decoding="async" height="1200" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1600px) 100vw, 1600px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1024.jpeg 1600w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1024-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1024-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1024-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1024-1536x1152.jpeg 1536w" width="1600"></img></a></p> <p><em>Michael Blume und K2 <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/kartenliebe-das-scheitern-digitaler-rechtsmimesis-am-beispiel-grossbritannien/">gemeinsam gegen Antisemitismus und Verschwörungsmythen, für Demokratie, Wissenschaft und Kartenliebe</a>. Foto: JU Kreisverband Rems-Murr</em></p> <p><strong>Religion und Wissenschaft</strong></p> <p>Sicher ist: <a href="https://youtu.be/DizA7nkOqyg">Religionen können auch für Rechtsmimesis und Kriege missbraucht werden</a>, doch sie <a href="https://youtu.be/bY-slZJ1Oyk">vermögen auch Sinn, Gemeinschaft und Kinderreichtum zu stiften</a>. Wissenschaften, Technologien können für Ausbeutung und Gewalt missbraucht werden, doch sie vermögen auch Erkenntnisse, Wohlstand und Problemlösungen zu stiften.</p> <p>Auch 2025 durfte ich wieder an viel Gutem teilhaben und möchte besonders <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zivilreligion-des-lichts-rabbi-sacks-juedisch-christlicher-rap-von-den-jubalaires-ben-salomo-samuel-haas/">das zweite Pforzheimer Fest der Lichter</a> benennen, zu dem diesmal jüdische Geistliche <strong>Chanukka</strong>, christliche Geistliche den <strong>Advent</strong> und erstmals auch jesidische Geistliche ihr Lichterfest <strong>Ida Ezi</strong> beitrugen. Die Religionen wurden also nicht vermischt, sondern dialogisch beleuchtet. Vielen Anwesenden aus Politik, Polizei, Justiz und Zivilgesellschaft war klar, dass wir hier einen neuen Schritt der Religionsgeschichte erleben durften.</p> <p>Besonders eingesetzt hatte sich für dieses Ereignis das Pforzheimer jüdische Ehepaar <strong>Orna</strong> und <strong>Rami Suliman</strong>, deren Tochter <strong>Sharon</strong> mich dann auch später auf der Bühne als Religionswissenschaftler zum Ezidentum als Religion, zum Sonderkontingent und meiner bedauernden Ablehnung eines Bundesverdienstkreuzes befragte. Ein Freund hat das Gespräch gefilmt.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=e4NKOyhdlYM" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Sharon Suliman (links) befragte erst Julia und Ahmet Kurt sowie Hayder Dakheel vom ezidischen Zentrum Baden-Württemberg, später dann den Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume beim &quot;Gemeinsamen Festakt&quot; von Judentum, Christentum und Ezidentum in Pforzheim 2025." decoding="async" height="773" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1288px) 100vw, 1288px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SharonSulimaninterviewtMichaelBlumeChanukkaAdventIdaEzi.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SharonSulimaninterviewtMichaelBlumeChanukkaAdventIdaEzi.jpg 1288w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SharonSulimaninterviewtMichaelBlumeChanukkaAdventIdaEzi-300x180.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SharonSulimaninterviewtMichaelBlumeChanukkaAdventIdaEzi-1024x615.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SharonSulimaninterviewtMichaelBlumeChanukkaAdventIdaEzi-768x461.jpg 768w" width="1288"></img></a></p> <p><em>Sharon Suliman (links) befragte erst Julia und Ahmet Kurt sowie Hayder Dakheel vom ezidischen Zentrum Baden-Württemberg, später dann den Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume. Foto: Dr. Fabian Freiseis</em></p> <p>Mit <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/">der Einbeziehung der menschlichen <strong>Psychologie der Mimesis</strong></a> lösten sich für mich auch viele bisherige Rätsel, so dass ich u.a. die empirisch-wissenschaftliche These formulieren konnte:</p> <p><strong><em>“Die unbedingte Menschenwürde mit gleichem Menschenrecht für alle bildet die gemeinsame Mitte aller aufgeklärten Religionen &amp; demokratischen Zivilreligionen.”</em></strong></p> <p>Ich hoffe, daran in 2026 weiter auch religions- und politikwissenschaftlich arbeiten zu können.</p> <p><strong>Musik und Bücher</strong></p> <p>Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich es nicht schaffe, ein gutes Lied zu hören und in einem guten Buch zu lesen. Wenn <a href="https://www.youtube.com/watch?v=RXrmcUnru-s">die Band <strong>“Fries”</strong> vom <em>“Neuland”</em></a> singt, <a href="https://www.youtube.com/watch?v=ea7DAflUgHw">die Band <strong>Rahi</strong> <em>“Xeribim”</em></a>, wenn <a href="https://www.youtube.com/watch?v=AU7fppHMVqo"><strong>Ben Salomo</strong> <em>“Es gibt nur Einen”</em> bekennt</a> oder <a href="https://www.youtube.com/watch?v=va1oiojnGrA"><strong>Hans Zimmer</strong> (der Bach unserer Zeit) <em>“Time”</em> inszeniert</a>, dann werden mir Herz und Zeit leicht und voller Hoffnung.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Sinn_Musik_Hoffnung_Blume19042024.pdf">2024 hatte ich dazu ja bereits eine Musik-Sinn-Hoffnung-These vorgestellt</a>, die mir u.a. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1048-scaled.jpeg">eine Einladung zu einem Musik-und-Kirche-Symposium nach <strong>Brixen in Südtirol</strong> einbrachte</a>. Da ich als Solarpunk bewusst auf einen Flugurlaub im Sommer verzichtet hatte, konnte ich mir das terminlich einrichten und mit dem Zug anreisen. Dazu hoffe ich aber einmal in einem eigenen Blogpost berichten zu können.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Sinn_Musik_Hoffnung_Blume19042024.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die Band Fries performt am 27.12.2025 in einer Soundhalle in Nürtingen vor vollbesetztem Haus." decoding="async" height="1920" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1391-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1391-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1391-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1391-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1391-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1391-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1391-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Weihnachtskonzert von “Fries” am 27.12.2025 vor randvollem Haus in Nürtingen. Foto: Michael Blume</em> </p> <p><strong>Solarpunk-Dialoge v.a. auf “Natur des Glaubens”</strong></p> <p>Seitdem ich 2008 mit dem Wissenschaftsbloggen angefangen habe, ist alleine schon “Natur des Glaubens” auf über 1450 Blogposts mit derzeit 56.766 Drunter-Kommentaren (Drukos) angewachsen, davon wiederum 15.014 von mir.</p> <p>Die Abertausenden Stunden des Wissenschaftsbloggens und der intensiven Dialoge mit teilweise jahrelang aktiven Kommentierenden und also Mit-Bloggenden haben längst an Umfang und Reichweite alle meine Bücher übertroffen – und durch KI-Anwendungen verbreiten sich die Inhalte nun immer schneller weiter. Dabei nutze ich sehr bewusst KIen nicht zum Bloggen und auch zur Erstellung etwa von Grafiken, Videos oder Druko-Ergänzungen nur mit Quellenangaben. Denn wenn sich unsere entwickelnde KI-Gesellschaft sinnvoll entwickeln will, dann braucht sie – so meine ich – echt menschlichen Fediversum-Content. Das Leben unter der Vorherrschaft dieser oder jener Konzern-KI wäre ein Alptraum – und genau deswegen attackiert <strong>Elon Musk</strong> bereits Wikipedia.</p> <p>Für mich persönlich ist das Wissenschaftsbloggen jedoch nicht nur Ehrenamt mit Sinn und Freude, es löst auch den <strong>Blog-Wagenheber-Effekt</strong> aus: Wer zu einem Thema bloggt und es mit anderen durch Kommentare und Mastodon-Posts kritisch-konstruktiv diskutiert, durchdringt es damit auch selbst am Besten. Die <a href="https://blumeundince.podigee.io/">interdisziplinären Pod- und Videocast-Dialoge etwa bei <em>“Blume &amp; Ince”</em></a> erschaffen einen dynamischen Resonanz- und Wissensraum. Im Fediverse zu Bloggen sorgt nicht nur für dialogischere, sondern auch für produktivere Wissenschaft.</p> <p>Wenn ich also – um nur wenige Beispiele zu nennen – <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gutsche-3-die-illusion-der-zeit-blick-auf-die-quantenphysik/">mit Dr. <strong>Peter Gutsche</strong> über die <strong>Quantenphysik der Zeit</strong></a>, mit @Thomas Jeckenburger über Zeit &amp; Demografie, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gegen-einsamkeit-im-alter-ein-gastblogpost-von-elisabeth-krueger/">mit @Elisabeth K. über Medienbildung für alle Generationen</a> und mit @Marie H. über Sinn und Solidarität bis ans Lebensende dialogisieren darf, dann wird mir <strong>in der Zeit und über die Zeit</strong> viel mehr klar, als mein Säugetiergehirn vereinzelt jemals erfassen könnte. Menschliches Wissen wächst nur gemeinsam &amp; dafür wurde das Internet einst eigentlich geschaffen!</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=PHl-XDEYy1M" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Schaubild von Dr. Michael Blume mit der Überschrift: &quot;Vom Alphabet zur Zukunft: Wie Schrift unser Zeitverständnis prägt&quot;. Es zeigt, wie sich aus ägyptischen Symbolschriften Alphabete und lineare Kalender entwickelten, die sich jedoch in der säkularen Moderne bis zur &quot;Enge der Zeit&quot; nach Blumenberg beschleunigen können." decoding="async" height="1429" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AlphabetschriftZeitMichaelBlume122025-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AlphabetschriftZeitMichaelBlume122025-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AlphabetschriftZeitMichaelBlume122025-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AlphabetschriftZeitMichaelBlume122025-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AlphabetschriftZeitMichaelBlume122025-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AlphabetschriftZeitMichaelBlume122025-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AlphabetschriftZeitMichaelBlume122025-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Das <a href="https://www.youtube.com/watch?v=PHl-XDEYy1M">Thema Zeit verbindet alle Natur-, Kultur- und Geisteswissenschaften von der Physik über die Medien- und Religionswissenschaften bis zur Psychologie und Philosophie</a>. So entstanden lineare Kalender erst in Folge der Alphabetschriften, wobei sich die Linearität in der Säkularität derzeit überschlägt. Schaubild: Michael Blume mit NotebookLM.</em></p> <p>Sicher ist: <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/erneuerbare-friedensenergien-und-die-abwehrschlacht-des-fossilismus/">Der weltweite Fossilismus befindet sich in einer wütenden Abwehrschlacht gegen die Energiewende und Energiedemokratie</a>, gestützt durch den Solarpunk. Ich freue mich sehr, gemeinsam mit Ihnen durch das Medium eines Blogs auch in die Zukunft wirken zu können.</p> <p>Allen, die bis hierher gelesen haben, wünsche ich von Herzen <strong>einen guten Rosch in ein Wissenschaft-und-Solarpunk-Jahr 2026</strong>! 🤓🌞</p> <p>(Das hebräische <em>“Rosch”</em>-Neujahr wurde mit dem hebräischen Erfolgs- und Segenswunsch <em>“hazlacha uwracha”</em> zum judendeutschen <em>“A gude Rosch, hatslohke un brokhe!”</em> und so zur Wurzel des deutschen <em>“Guter Rutsch und Hals- und Beinbruch!”</em>)</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/PHl-XDEYy1M?feature=oembed&amp;rel=0" title="Solarpunk-Zeit: Vom ewigen Kreislauf zum Alphabet-Zeitstrahl in die Enge oder Weite der Zeit" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Zeitenwende mit Solarpunk - Einen guten Rosch ins Jahr 2026!</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Was war 2025 wieder für ein Jahr!</p> <p>Die <a href="https://www.bietigheimerzeitung.de/inhalt.bietigheim-bissingen-es-gibt-keine-menschenwuerde-erster-und-zweiter-klasse.db535c4d-a022-48ec-983f-d0175b15a027.html">Aufklärung und Haltung gegen Antisemitismus und Verschwörungsglauben zog sich</a> durch das ganze Jahr. Terror und digitale Gewalt vor allem aus Russland, dem Iran, den arabischen Ölstaaten und zunehmend den USA rollten in <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/erneuerbare-friedensenergien-und-die-abwehrschlacht-des-fossilismus/">der zunehmend verzweifelten Abwehrschlacht des Fossilismus gegen die letzten Demokratien</a> an. Noch im Dezember konnte Baden-Württemberg <a href="https://ppstuttgart.polizei-bw.de/polizei-bereitet-anlaesslich-der-europa-league-begegnung-vfb-stuttgart-gegen-maccabi-tel-aviv-einen-grosseinsatz-vor/">das Fußballspiel <strong>VfB Stuttgart</strong> gegen <strong>Makkabi Tel Aviv</strong> mit massiven polizeilichen und zivilen Begleitmaßnahmen durchführen</a> – und damit ein Stück Freiheit in Zeiten von Terror und Krieg verteidigen.</p> <p><a href="https://ppstuttgart.polizei-bw.de/polizei-bereitet-anlaesslich-der-europa-league-begegnung-vfb-stuttgart-gegen-maccabi-tel-aviv-einen-grosseinsatz-vor/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Erleichtert nach dem Fußballspiel des VfB Stuttgart gegen Makkabi Tel Aviv: Dr. Michael Blume links und Stadtrabbiner Yehuda Pushkin rechts mit Blumes VfB- Fanschal." decoding="async" height="977" sizes="(max-width: 1074px) 100vw, 1074px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeStadtrabbinerJehudaPushkinVfBStuttgartMakkabiTelAviv.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeStadtrabbinerJehudaPushkinVfBStuttgartMakkabiTelAviv.jpeg 1074w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeStadtrabbinerJehudaPushkinVfBStuttgartMakkabiTelAviv-300x273.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeStadtrabbinerJehudaPushkinVfBStuttgartMakkabiTelAviv-1024x932.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeStadtrabbinerJehudaPushkinVfBStuttgartMakkabiTelAviv-768x699.jpeg 768w" width="1074"></img></a></p> <p><em>Erleichtert nach dem Fußballspiel des VfB Stuttgart gegen Makkabi Tel Aviv: Dr. Michael Blume links und Stadtrabbiner Yehuda Pushkin rechts. Der Fanschal ist von Blume. Foto: VfB Stuttgart</em></p> <p>Leider vertiefte sich die Krise der Bundesparteiblasen: Nach dem vorzeitigen Zerfall der Ampel-Regierung musste ich schon im Januar meinem Gewissen folgen und <a href="https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.michael-blume-antisemitismusbeauftragter-kritisiert-merz-viele-in-der-cdu-leiden.11dda589-5b85-454b-8211-a22d2d7cb30e.html">der fatalen <strong>Rechtsmimesis</strong> von <strong>Friedrich Merz (CDU)</strong> und <strong>Christian Lindner (FDP)</strong> sowie der meisten Medien Richtung AfD entgegentreten</a> – was mir damals heftigen Gegenwind eintrug, inzwischen aber Konsens geworden ist: <em>Wer aus der demokratischen Mitte nach Rechtsaußen blinkt, stärkt erst den rechten und dann auch den linken Rand.</em><aside></aside></p> <p>Es war nie anders und wird niemals anders sein, denn <a href="https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2025/10-2025/medien-und-mimesis-journalismus-in-zeiten-digitaler-aufmerksamkeitsoekonomie/">die menschliche Psychologie beruht vor allem auf Nachahmung (<strong>Mimesis</strong>)</a>. Und das bedeutet, übrigens gerade <a href="https://youtu.be/BeGhV302gR4" rel="noopener" target="_blank">auch für die seit 1961 weitgehend entmachteten Abgeordneten des deutschen Bundestages</a>: <strong><em>Es gibt vor der Geschichte kein Recht auf Feigheit.</em></strong></p> <p>Wenn <a href="https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/koalitionsvertrag-188.html">auch der amtierende Kanzleramtsminister <strong>Thorsten Frei (CDU)</strong> zu Recht einräumt</a>, dass die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/">zwischen kleinen Parteirunden verhandelte Koalitionsverträge (in Deutschland erst ab 1961 eingeführt) nicht mehr der Wirklichkeit standhalten</a>, dann ist es an der Zeit, wieder <a href="https://www.youtube.com/watch?v=BeGhV302gR4">mehr parlamentarische Konsensdemokratie, mehr Grundgesetz zu wagen</a>.</p> <p>Dennoch: Ich hatte es in über 30 Jahren Mitgliedschaft in der CDU niemals als notwendig empfunden, mich gegen einen Wortbruch und falschen Kurs eines Parteivorsitzenden zu stellen – und hoffe sehr, dass ich es auch nie wieder tun muss. Aber klar ist auch, dass ich – wie auch <a href="https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.volker-kauder-die-cdu-war-nie-eine-konservative-partei.4169a402-a6ce-4d95-b2ab-5140ee2a6ffa.html">der legendäre Fraktionsvorsitzende <strong>Volker Kauder (CDU)</strong> zu Recht betonte</a> – nie einer konservativen, sondern einer christdemokratischen Partei beigetreten bin. Inzwischen sollte es jeder Mensch guten Willens kapiert haben: <strong><em>Wer das C und die Lehren der deutschen Geschichte inhaltlich aufgibt, halbiert nicht den fossilen Faschismus, sondern die demokratische Mitte.</em></strong> Und meine Heimat Baden-Württemberg, Deutschland, Europa haben wahrlich Besseres verdient als noch eine Wissenschaft und Menschenwürde verleugnende Rechtsregierung.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=-faV3mga3VI" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Auf einer gelben Karte mit weißen Weihnachtssternen steht in Schwarz &quot;Heilig's Blechle&quot; und darunter eine Ausstecherform in den Umrissen des Bundeslandes Baden-Württemberg. Darinnen steht: &quot;The Länd&quot;." decoding="async" height="2560" sizes="(max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1215-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1215-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1215-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1215-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1215-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1215-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></a></p> <p><em>Ein <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/batterien-fuer-elektroautos-laenger-haltbar-immer-mehr-fossile-luegen-werden-entlarvt/">nicht-fossiles “Heilig’s Blechle” aus Baden-Württemberg, the Länd(le)</a>. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Keine Frage ist mir im letzten Jahr so oft gestellt worden wie diese, wie ich dem Trommelfeuer aus Hass, Druck und schlechten Nachrichten weiterhin standhielte. Und es sind wenige, aber gerade auch in 2025 sprudelnde Quellen: Meine Mitmenschen, Religion und Wissenschaft, Musik und Bücher, Solarpunk-Dialoge.</p> <p><strong>Mitmenschen</strong></p> <p>Ja, dialogischer Monismus ist anstrengend, doch er verbindet Menschen in vertrauensvollen Beziehungen. Meine Familie, unsere Freunde, mein Team im Büro, Engagierte in Demokratie, Wissenschaft, Religionen und Vereinen und Sie – die sich für unsere Arbeit interessieren – überstrahlen jeden Tag den kreischenden Hass der meist vereinsamten Hater. Deren psychologisches Abrutschen ist nie ein schöner Anblick: <a href="https://youtu.be/4guPv9epq1g">Verschwörungsglauben und feindseliger Dualismus stürzen die Menschen in einsame Untiefen</a>.</p> <p>Auch in diesen Tagen <em>“zwischen den Jahren”</em>, die vor dem Christentum auch düster als <em>“Raunächte”</em> bezeichnet wurden, bin ich glücklich mit Zehra, Kindern und Freunden am Reden, Speisen und Spielen, aber auch im Dialog per Medien, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-48-weihnachtsfolge-mit-dem-petrodollar-rentier-dem-weihnachtsmann/">mit Prof. Dr. Inan Ince in der Weihnachtsfolge von <em>“Blume &amp; Ince”</em></a>, mit dem <a href="https://www.youtube.com/@MichaelBlume">Solarpunk-Vlog</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/">Natur des Glaubens-Blog</a>.</p> <p><img alt="" decoding="async" height="2560" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1378-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1378-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1378-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1378-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1378-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1378-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></p> <p><em>Beim <a href="https://brettspieler.de/products/emission-gemeinsam-gegen-den-klimawandel">Solarpunk-Brettspiel “e-Mission. Die Zukunft liegt in Eurer Hand”</a> gilt es, gemeinsam die Mitweltkrise zu überstehen. Aber in 2025 war auch Platz für <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/qwirkle-blogs-und-philosophie/">Qwirkle mit Zehra</a>, für <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/philosophische-grund-weltanschauungen-fantasy-dnd-gesinnungen/">“Dungeons &amp; Dragons” (derzeit eine Spelljammer-Kampagne)</a>, für Schach und <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115789867191083296">“Warhammer 40k”</a> mit Kindern und Freunden. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Ein besonderer Moment war für mich beispielsweise auch, als einer unserer Söhne – frisch zurück aus einem freiwilligen Dienstjahr bei unserer Bundeswehr – nach dem Ende einer Veranstaltung plötzlich gegen alle Vorsichtsmaßnahmen auf einem gemeinsamen Foto bestand. Ich kann schwer beschreiben, wie gut es sich anfühlt, wenn sich die eigenen Kinder mutig zur Arbeit für Wissenschaft, Dialog und Demokratie bekennen. Ich hatte feuchte Augen, ja. </p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/kartenliebe-das-scheitern-digitaler-rechtsmimesis-am-beispiel-grossbritannien/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Michael Blume und einer seiner Söhne gemeinsam gegen Antisemitismus und Verschwörungsmythen, für Demokratie, Wissenschaft und Kartenliebe. Foto nach einem Vortrag beim JU Kreisverband Rems-Murr, 2. Oktober 2025" decoding="async" height="1200" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1600px) 100vw, 1600px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1024.jpeg 1600w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1024-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1024-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1024-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1024-1536x1152.jpeg 1536w" width="1600"></img></a></p> <p><em>Michael Blume und K2 <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/kartenliebe-das-scheitern-digitaler-rechtsmimesis-am-beispiel-grossbritannien/">gemeinsam gegen Antisemitismus und Verschwörungsmythen, für Demokratie, Wissenschaft und Kartenliebe</a>. Foto: JU Kreisverband Rems-Murr</em></p> <p><strong>Religion und Wissenschaft</strong></p> <p>Sicher ist: <a href="https://youtu.be/DizA7nkOqyg">Religionen können auch für Rechtsmimesis und Kriege missbraucht werden</a>, doch sie <a href="https://youtu.be/bY-slZJ1Oyk">vermögen auch Sinn, Gemeinschaft und Kinderreichtum zu stiften</a>. Wissenschaften, Technologien können für Ausbeutung und Gewalt missbraucht werden, doch sie vermögen auch Erkenntnisse, Wohlstand und Problemlösungen zu stiften.</p> <p>Auch 2025 durfte ich wieder an viel Gutem teilhaben und möchte besonders <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zivilreligion-des-lichts-rabbi-sacks-juedisch-christlicher-rap-von-den-jubalaires-ben-salomo-samuel-haas/">das zweite Pforzheimer Fest der Lichter</a> benennen, zu dem diesmal jüdische Geistliche <strong>Chanukka</strong>, christliche Geistliche den <strong>Advent</strong> und erstmals auch jesidische Geistliche ihr Lichterfest <strong>Ida Ezi</strong> beitrugen. Die Religionen wurden also nicht vermischt, sondern dialogisch beleuchtet. Vielen Anwesenden aus Politik, Polizei, Justiz und Zivilgesellschaft war klar, dass wir hier einen neuen Schritt der Religionsgeschichte erleben durften.</p> <p>Besonders eingesetzt hatte sich für dieses Ereignis das Pforzheimer jüdische Ehepaar <strong>Orna</strong> und <strong>Rami Suliman</strong>, deren Tochter <strong>Sharon</strong> mich dann auch später auf der Bühne als Religionswissenschaftler zum Ezidentum als Religion, zum Sonderkontingent und meiner bedauernden Ablehnung eines Bundesverdienstkreuzes befragte. Ein Freund hat das Gespräch gefilmt.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=e4NKOyhdlYM" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Sharon Suliman (links) befragte erst Julia und Ahmet Kurt sowie Hayder Dakheel vom ezidischen Zentrum Baden-Württemberg, später dann den Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume beim &quot;Gemeinsamen Festakt&quot; von Judentum, Christentum und Ezidentum in Pforzheim 2025." decoding="async" height="773" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1288px) 100vw, 1288px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SharonSulimaninterviewtMichaelBlumeChanukkaAdventIdaEzi.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SharonSulimaninterviewtMichaelBlumeChanukkaAdventIdaEzi.jpg 1288w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SharonSulimaninterviewtMichaelBlumeChanukkaAdventIdaEzi-300x180.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SharonSulimaninterviewtMichaelBlumeChanukkaAdventIdaEzi-1024x615.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SharonSulimaninterviewtMichaelBlumeChanukkaAdventIdaEzi-768x461.jpg 768w" width="1288"></img></a></p> <p><em>Sharon Suliman (links) befragte erst Julia und Ahmet Kurt sowie Hayder Dakheel vom ezidischen Zentrum Baden-Württemberg, später dann den Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume. Foto: Dr. Fabian Freiseis</em></p> <p>Mit <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/">der Einbeziehung der menschlichen <strong>Psychologie der Mimesis</strong></a> lösten sich für mich auch viele bisherige Rätsel, so dass ich u.a. die empirisch-wissenschaftliche These formulieren konnte:</p> <p><strong><em>“Die unbedingte Menschenwürde mit gleichem Menschenrecht für alle bildet die gemeinsame Mitte aller aufgeklärten Religionen &amp; demokratischen Zivilreligionen.”</em></strong></p> <p>Ich hoffe, daran in 2026 weiter auch religions- und politikwissenschaftlich arbeiten zu können.</p> <p><strong>Musik und Bücher</strong></p> <p>Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich es nicht schaffe, ein gutes Lied zu hören und in einem guten Buch zu lesen. Wenn <a href="https://www.youtube.com/watch?v=RXrmcUnru-s">die Band <strong>“Fries”</strong> vom <em>“Neuland”</em></a> singt, <a href="https://www.youtube.com/watch?v=ea7DAflUgHw">die Band <strong>Rahi</strong> <em>“Xeribim”</em></a>, wenn <a href="https://www.youtube.com/watch?v=AU7fppHMVqo"><strong>Ben Salomo</strong> <em>“Es gibt nur Einen”</em> bekennt</a> oder <a href="https://www.youtube.com/watch?v=va1oiojnGrA"><strong>Hans Zimmer</strong> (der Bach unserer Zeit) <em>“Time”</em> inszeniert</a>, dann werden mir Herz und Zeit leicht und voller Hoffnung.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Sinn_Musik_Hoffnung_Blume19042024.pdf">2024 hatte ich dazu ja bereits eine Musik-Sinn-Hoffnung-These vorgestellt</a>, die mir u.a. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1048-scaled.jpeg">eine Einladung zu einem Musik-und-Kirche-Symposium nach <strong>Brixen in Südtirol</strong> einbrachte</a>. Da ich als Solarpunk bewusst auf einen Flugurlaub im Sommer verzichtet hatte, konnte ich mir das terminlich einrichten und mit dem Zug anreisen. Dazu hoffe ich aber einmal in einem eigenen Blogpost berichten zu können.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Sinn_Musik_Hoffnung_Blume19042024.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die Band Fries performt am 27.12.2025 in einer Soundhalle in Nürtingen vor vollbesetztem Haus." decoding="async" height="1920" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1391-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1391-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1391-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1391-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1391-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1391-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1391-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Weihnachtskonzert von “Fries” am 27.12.2025 vor randvollem Haus in Nürtingen. Foto: Michael Blume</em> </p> <p><strong>Solarpunk-Dialoge v.a. auf “Natur des Glaubens”</strong></p> <p>Seitdem ich 2008 mit dem Wissenschaftsbloggen angefangen habe, ist alleine schon “Natur des Glaubens” auf über 1450 Blogposts mit derzeit 56.766 Drunter-Kommentaren (Drukos) angewachsen, davon wiederum 15.014 von mir.</p> <p>Die Abertausenden Stunden des Wissenschaftsbloggens und der intensiven Dialoge mit teilweise jahrelang aktiven Kommentierenden und also Mit-Bloggenden haben längst an Umfang und Reichweite alle meine Bücher übertroffen – und durch KI-Anwendungen verbreiten sich die Inhalte nun immer schneller weiter. Dabei nutze ich sehr bewusst KIen nicht zum Bloggen und auch zur Erstellung etwa von Grafiken, Videos oder Druko-Ergänzungen nur mit Quellenangaben. Denn wenn sich unsere entwickelnde KI-Gesellschaft sinnvoll entwickeln will, dann braucht sie – so meine ich – echt menschlichen Fediversum-Content. Das Leben unter der Vorherrschaft dieser oder jener Konzern-KI wäre ein Alptraum – und genau deswegen attackiert <strong>Elon Musk</strong> bereits Wikipedia.</p> <p>Für mich persönlich ist das Wissenschaftsbloggen jedoch nicht nur Ehrenamt mit Sinn und Freude, es löst auch den <strong>Blog-Wagenheber-Effekt</strong> aus: Wer zu einem Thema bloggt und es mit anderen durch Kommentare und Mastodon-Posts kritisch-konstruktiv diskutiert, durchdringt es damit auch selbst am Besten. Die <a href="https://blumeundince.podigee.io/">interdisziplinären Pod- und Videocast-Dialoge etwa bei <em>“Blume &amp; Ince”</em></a> erschaffen einen dynamischen Resonanz- und Wissensraum. Im Fediverse zu Bloggen sorgt nicht nur für dialogischere, sondern auch für produktivere Wissenschaft.</p> <p>Wenn ich also – um nur wenige Beispiele zu nennen – <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gutsche-3-die-illusion-der-zeit-blick-auf-die-quantenphysik/">mit Dr. <strong>Peter Gutsche</strong> über die <strong>Quantenphysik der Zeit</strong></a>, mit @Thomas Jeckenburger über Zeit &amp; Demografie, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gegen-einsamkeit-im-alter-ein-gastblogpost-von-elisabeth-krueger/">mit @Elisabeth K. über Medienbildung für alle Generationen</a> und mit @Marie H. über Sinn und Solidarität bis ans Lebensende dialogisieren darf, dann wird mir <strong>in der Zeit und über die Zeit</strong> viel mehr klar, als mein Säugetiergehirn vereinzelt jemals erfassen könnte. Menschliches Wissen wächst nur gemeinsam &amp; dafür wurde das Internet einst eigentlich geschaffen!</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=PHl-XDEYy1M" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Schaubild von Dr. Michael Blume mit der Überschrift: &quot;Vom Alphabet zur Zukunft: Wie Schrift unser Zeitverständnis prägt&quot;. Es zeigt, wie sich aus ägyptischen Symbolschriften Alphabete und lineare Kalender entwickelten, die sich jedoch in der säkularen Moderne bis zur &quot;Enge der Zeit&quot; nach Blumenberg beschleunigen können." decoding="async" height="1429" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AlphabetschriftZeitMichaelBlume122025-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AlphabetschriftZeitMichaelBlume122025-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AlphabetschriftZeitMichaelBlume122025-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AlphabetschriftZeitMichaelBlume122025-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AlphabetschriftZeitMichaelBlume122025-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AlphabetschriftZeitMichaelBlume122025-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AlphabetschriftZeitMichaelBlume122025-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Das <a href="https://www.youtube.com/watch?v=PHl-XDEYy1M">Thema Zeit verbindet alle Natur-, Kultur- und Geisteswissenschaften von der Physik über die Medien- und Religionswissenschaften bis zur Psychologie und Philosophie</a>. So entstanden lineare Kalender erst in Folge der Alphabetschriften, wobei sich die Linearität in der Säkularität derzeit überschlägt. Schaubild: Michael Blume mit NotebookLM.</em></p> <p>Sicher ist: <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/erneuerbare-friedensenergien-und-die-abwehrschlacht-des-fossilismus/">Der weltweite Fossilismus befindet sich in einer wütenden Abwehrschlacht gegen die Energiewende und Energiedemokratie</a>, gestützt durch den Solarpunk. Ich freue mich sehr, gemeinsam mit Ihnen durch das Medium eines Blogs auch in die Zukunft wirken zu können.</p> <p>Allen, die bis hierher gelesen haben, wünsche ich von Herzen <strong>einen guten Rosch in ein Wissenschaft-und-Solarpunk-Jahr 2026</strong>! 🤓🌞</p> <p>(Das hebräische <em>“Rosch”</em>-Neujahr wurde mit dem hebräischen Erfolgs- und Segenswunsch <em>“hazlacha uwracha”</em> zum judendeutschen <em>“A gude Rosch, hatslohke un brokhe!”</em> und so zur Wurzel des deutschen <em>“Guter Rutsch und Hals- und Beinbruch!”</em>)</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/PHl-XDEYy1M?feature=oembed&amp;rel=0" title="Solarpunk-Zeit: Vom ewigen Kreislauf zum Alphabet-Zeitstrahl in die Enge oder Weite der Zeit" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zeitenwende-mit-solarpunk-allen-einen-guten-rosch-ins-jahr-2026/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>36</slash:comments> </item> <item> <title>Digitale Gewalt gegen die HateAid-Chefinnen gezielt an Weihnachten 2025 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/digitale-gewalt-gegen-die-hateaid-chefinnen-gezielt-an-weihnachten-2025/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/digitale-gewalt-gegen-die-hateaid-chefinnen-gezielt-an-weihnachten-2025/#comments Thu, 25 Dec 2025 23:21:00 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=10872 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HateAidWeihnachtskarte2022-768x1024.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/digitale-gewalt-gegen-die-hateaid-chefinnen-gezielt-an-weihnachten-2025/</link> </image> <description type="html"><h1>Digitale Gewalt gegen 2 HateAid-Chefinnen an Weihnachten 2025</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Vor vier Jahren erlebten meine Frau Zehra &amp; ich zum Jahreswechsel 2021 / 2022 einen brutalen Angriff auf unsere Integrität und Familie. Gezielt zu den Feiertagen wurde ich von <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-missbrauch-des-guten-namens-von-simon-wiesenthal-durch-us-trump-dualisten/">einer Trump – MAGA – Gruppe, die den guten Namen des Österreichers <strong>Simon Wiesenthal</strong> (1908 – 2005) missbraucht</a>, auf eine Internet-Prangerliste gesetzt. Auf diesen bizarren Listen waren auch schon <strong>Barack Obama</strong> und der deutsche Diplomat <strong>Christoph Heusgen</strong> gesetzt worden, auch waren die Vorwürfe leicht erkennbar unhaltbar: Ich sollte angeblich 2021 “antisemitische Facebook-Posts” geliked haben – dabei <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/warum-ich-facebook-und-instagram-verlasse-gedanken-zur-medienethik/">hatte ich meinen Facebook-Account doch bereits 2019 gelöscht</a>!</p> <p>Aber an Feiertagen ist der emotionale Schaden umso größer, die mediale Gegenwehr umso schwerer: Viele Pressestellen und Redaktionen sind allenfalls Not-besetzt, Zeitungen erscheinen nicht. Die Angreifer können also darauf hoffen, dass die digitale Gewalt tagelang über antisoziale Konzernmedien wie X eskaliert, bevor die Angegriffenen reagieren können.</p> <p>Dankenswerterweise sprang mir damals <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/medienethik-dank-fuer-solidaritaet-gegen-extremes-trolling-und-frohes-neujahr/">die baden-württembergische Landesregierung überparteilich bei</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/211228-PM_zur_Aufnahme_des_Antisemitismusbeauftragten_in_Wiesenthal-Liste.pdf">die israelitischen Religionsgemeinschaften von Baden und Württemberg formulierten eine gemeinsame Presseerklärung</a>, die ich dann <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/medienethik-dank-fuer-solidaritaet-gegen-extremes-trolling-und-frohes-neujahr/">an Neujahr 2022 auch auf meinen Blog stellen</a> konnte. Auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/pforzheimer-friedenspreis-2025-laudatio-fuer-duezen-tekkal/">mutige Freundinnen wie <strong>Düzen Tekkal</strong></a> warfen sich auf dem damaligen Twitter gegen den Hass.</p> <p>Seitdem warnte ich in Gesprächen immer wieder Mit-Betroffene von digitaler Gewalt: <em>Rechtsdualisten, Terroristen, Trolle und Hater versuchen immer wieder gezielt an Feiertagen wie Weihnachten, Ostern oder Simchat Thora digitale Gewalt auszuüben, um Betroffene auch privat zu erschüttern und jede Gegenwehr zu erschweren!</em></p> <p>Menschliche und auch rechtliche Unterstützung erhielt ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/den-prozess-blume-gegen-twitter-international-unterstuetzen-so-geht-es/">schließlich von <strong>Josephine Ballon</strong> und <strong>Anna-Lena von Hodenberg</strong> von <strong>HateAid</strong>, mit denen ich dann auch gemeinsam gegen Twitter, später X, in <strong>Frankfurt</strong> vor Gericht</a> ging.<aside></aside></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/den-prozess-blume-gegen-twitter-international-unterstuetzen-so-geht-es/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Eine Karte von HateAid zum Jahresende 2022. Darauf steht: &quot;Es gibt ein Recht auf freie Meinung. Aber keines auf Hass. Das Menschenrecht gilt auch digital.&quot;" decoding="async" height="2560" sizes="(max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HateAidWeihnachtskarte2022-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HateAidWeihnachtskarte2022-scaled.jpg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HateAidWeihnachtskarte2022-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HateAidWeihnachtskarte2022-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HateAidWeihnachtskarte2022-1152x1536.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HateAidWeihnachtskarte2022-1536x2048.jpg 1536w" width="1920"></img></a></p> <p><em>Mit dieser <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/den-prozess-blume-gegen-twitter-international-unterstuetzen-so-geht-es/">HateAid-Karte zum Jahresende 2022 warb ich um Unterstützung für die großartige Arbeit des Teams gegen Hass und Hetze auch von Seiten großer Medienkonzerne</a>. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Umso mehr freuten wir alle uns, dass sich <strong>Josephine Ballon</strong> am 6. November 2025 Zeit nahm, an unserer stark besuchten <strong>Fachtagung gegen jeden Antisemitismus in Leinfelden-Echterdingen, Baden-Württemberg</strong> teilzunehmen. Wir diskutierten miteinander auf einem Podium und <strong>Josephine</strong> sprach auch länger mit <strong>Zehra</strong> &amp; mir über die Erfahrungen mit Hass und Hetze, denen wir als Familie seit <a href="https://stm.baden-wuerttemberg.de/de/themen/beauftragter-gegen-antisemitismus/">meiner Beauftragung durch die Landesregierung Baden-Württemberg 2018</a> verstärkt ausgesetzt waren – und sind. Auch in <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/im-landtag-bw-gegen-antisemitismus-meine-rede-zum-9-11-2023/">meiner Landtagsrede vom 9.11.2023 gegen jeden Antisemitismus hatte ich mich dazu eingangs geäußert</a>.</p> <p>Am Ende der gelungenen Diskussion rief eine gutmütige Scherzboldin uns zu, dass <em>“mit Blumen und Blume der Kampf gegen Hass &amp; Hetze fast schon gewonnen”</em> sei. Wir lachten und Zehra machte ein spontanes Foto dazu.</p> <p><a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115774476885161620" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Solidaritätspost von Dr. Michael Blume am 24.12.2025 auf Mastodon mit der HateAid-Geschäftsführerin Josephine Ballon." decoding="async" height="713" sizes="(max-width: 362px) 100vw, 362px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeJosephineBallonHateAid061125BadenWuerttemberg.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeJosephineBallonHateAid061125BadenWuerttemberg.jpg 362w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeJosephineBallonHateAid061125BadenWuerttemberg-152x300.jpg 152w" width="362"></img></a></p> <p><em><a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115774476885161620">Mastodon-Post zur Solidarität mit HateAid zu Weihnachten 2025</a>. Auf dem Bild sind Michael Blume &amp; Josephine Ballon am Ende des Fachtages gegen Antisemitismus BW am 6.11.2025 zu sehen. Foto: Zehra Blume</em></p> <p>Weiteren Mut schöpfte ich, als der <strong>CDU-Landesverband Baden-Württemberg</strong> drei Tage später (also am 9. November (!) 2025) <a href="https://www.cdu-bw.de/ueber-uns/beschluesse/91-PFEsaHTXLR/">eine vom Landesvorsitzenden <strong>Manuel Hagel</strong> unterzeichnete, <strong>klare Abgrenzung gegenüber Antisemitismus, Faschismus und jeder Zusammenarbeit mit der AfD</strong> beschloss</a>.</p> <p>Doch neue, aggressive Töne aus den <strong>USA</strong> gegen <strong>die Demokratien der Europäischen Union</strong> ließen bereits Schlimmes erahnen. Bei verschiedenen Gelegenheiten warnte ich davor, dass <a href="https://www.tagesspiegel.de/politik/rede-auf-republikaner-gala-frohnmaier-erhalt-preis-in-new-york--und-will-offenbar-uber-deutschland-herziehen-15048775.html">der sog. “Ministerpräsidenten-Kandidat” der AfD <strong>Markus Frohnmaier</strong>, MdB, nicht einmal für den Landtag von Baden-Württemberg kandidiert – sich aber am 13. Dezember 2025 mit großer Delegation auf einer Versammlung rechter US-Republikaner in <strong>New York</strong> eine Auszeichnung abholte</a>. Benannt war dieser Preis nach dem aufgrund seiner gewalttätigen Methoden umstrittenen CIA-Chef <strong>Allen W. Dulles</strong> (1893 – 1963).</p> <p>Deutlicher konnte eine Ansage kaum sein und ich rechne mit digitalen Übergriffen aus den <strong>USA</strong>, <strong>Russland</strong> und ggf. <strong>China</strong> auch gegen <a href="https://www.landtagswahl-bw.de/landtagswahl-2026-in-baden-wuerttemberg">die Landtagswahl in <strong>Baden-Württemberg</strong> am 8. März 2026</a>. Auch deswegen setzten mein Team und ich <a href="https://www.literaturhaus-stuttgart.de/event/6615.html">für den 19. Januar 2026 eine gemeinsame Diskussionsveranstaltung zur Aufklärung über Desinformation und Verschwörungsmythen mit dem Sicherheitsexperten <strong>Carlo Masala</strong> im <strong>Literaturhaus Stuttgart</strong></a> an.</p> <p>Dass die amtierende US-Regierung jedoch so tief sinken würde, pünktlich <a href="https://hateaid.org/einreiseverbot-gegen-geschaeftsfuehrerinnen-von-hateaid/">zum Weihnachtstag 2025 gegen die <strong>HateAid-Geschäftsführerinnen Josephine Ballon und Anna-Lena von Hodenberg,</strong> den ehemaligen <strong>EU-Kommissar Thierry Breton</strong>, den <strong>CEO des CCDH Imran Ahmed</strong> und die <strong>CEO des Global Disinformation Index, Clare Melford, </strong>“Sanktionen” zu verhängen</a>, hat meine schlimmen Erwartungen übertroffen. Zumal es durchaus sein könnte, dass die <strong>Trump</strong>-Administration gegenüber den Angegriffenen auch <a href="https://www.derstandard.de/story/3000000298066/digitale-ausloeschung-wie-us-sanktionen-einen-europaeischen-richter-lahmlegen">noch <strong>den Software- und Banking-“Kill Switch”</strong> betätigt, wie sie es bereits gegenüber <strong>europäischen Richtern des Internationalen Strafgerichtshofes</strong> in <strong>Den Haag</strong> getan hat</a>!</p> <p>Und auch in den <strong>USA</strong> selbst eskaliert die <strong>Rechtsmimesis</strong> weiter, so dass <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115773622457517338">ich auf Mastodon im <strong>Solidaritäts-Thread mit HateAid</strong> postete</a>:</p> <p><em>“Die eskalierende #Rechtsmimesis in den #USA betrifft auch immer stärker jüdische Stimmen wie die #ADL &amp; selbst Konservative wie #Shapiro. Auch etwa #NickFuentes &amp; #TuckerCarlson befeuern immer stärker #Antisemitismus gegen #Israel.</em></p> <p><em>Wer behauptet hat, #Trump &amp; #MAGA seien „stabil“ gegen antisemitische #Verschwörungsmythen hat die Gefahren des #Rechtsdualismus , des fossilen #Faschismus verdrängt &amp; verleugnet.”</em></p> <p>Falls Sie die Sorge übertrieben finden: noch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/bangen-um-die-usa-dank-fuer-die-familienwerte-auszeichnung-durch-die-kirche-jesu-christi-der-heiligen-der-letzten-tage/">am 5. Oktober 2023 hatte ich meine (inzwischen entlassene) US-Kollegin <strong>Deborah Lipstadt</strong> im US-State Department in Washington sowie das Hauptquartier der jüdischen <strong>Anti-Defamation League (ADL)</strong> besucht</a> – die inzwischen ebenfalls massiver, digitaler Gewalt ausgesetzt sind. <strong>Donald Trump</strong> steht wegen der immer wieder verzögerten Veröffentlichung der sog. <strong>Epstein-Files</strong> auch innenpolitisch unter massivem Druck – und niemand weiß, ob er für seinen Machterhalt noch tiefer in den <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gewalttaetig-sind-nicht-nur-die-anderen-post-dualistische-weisheit-von-lord-rabbi-jonathan-sacks-1948-2022/"><strong>Rechtsdualismus</strong></a> gehen wird.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/stehen-elon-musk-und-donald-trump-vor-dem-sieg-im-us-finale-saekularisierung-und-die-enge-der-zeit/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Vor einem hellblauen Schriftzug &quot;Fighting Hate For Good&quot; in Washington stehen ADL-Vizepräsidentin Marina Rosenberg (links) und Dr. Michael Blume (rechts)." decoding="async" height="1600" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8363.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8363.jpeg 1200w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8363-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8363-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8363-1152x1536.jpeg 1152w" width="1200"></img></a></p> <p><em>Treffen mit <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/stehen-elon-musk-und-donald-trump-vor-dem-sieg-im-us-finale-saekularisierung-und-die-enge-der-zeit/">der ADL-Vizepräsidentin Marina Rosenberg am 5.10.2023 in Washington, USA</a>. Foto: Staatsministerium B.-W.</em></p> <p><strong>Was also können wir als Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union (EU) tun?</strong></p> <p>Zum einen sollten <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115773124345133642">wir als Demokratinnen und Demokraten mit den Angegriffenen Solidarität zeigen und die angegriffene Spitze von <strong>HateAid</strong> auch öffentlich unterstützen</a>.</p> <p>Dabei sollten wir auch sehr genau schauen, wer sich <a href="https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/reaktionen-einreiseverbot-hateaid-usa-100.html">wie <strong>Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU)</strong> und <strong>Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD)</strong> klar gegen die US-Einschüchterungsversuche äußert</a> – und wer dazu schweigt oder gar zustimmt.</p> <p>Wir sollten zudem unsere <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dialog-statt-dualismus-mein-abschied-aus-instagram/">Abhängigkeiten von US-Konzernen überprüfen, wie ich es bereits mit der <strong>Löschung meiner Accounts</strong> bei <strong>Facebook</strong>, <strong>Instagram, Amazon</strong> und <strong>X</strong> getan</a> habe. Und <a href="https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.disney-auf-schlingerkurs-kimmel-macht-sich-bei-rueckkehr-auch-ueber-disney-konzern-lustig.7d5ae1d6-06d0-409a-ae0c-bfd8ac52588d.html">als ich gemeinsam mit Hunderttausenden weltweit nach der zeitweisen Verbannung von <strong>Jimmy Kimmel</strong> auch mein Disney-Abonnement kündigte, knickte der US-Medienkonzern vor uns allen ein</a>.</p> <p><a href="https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.disney-auf-schlingerkurs-kimmel-macht-sich-bei-rueckkehr-auch-ueber-disney-konzern-lustig.7d5ae1d6-06d0-409a-ae0c-bfd8ac52588d.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mastodon-Account von Dr. Michael Blume vom 24.12.2025, in dem er in Solidarität mit HateAid an die erfolgreichen Abo-Kündigungen gegenüber Disney in der Causa Kimmel erinnerte. Link führt zu einem diesbezüglichen Artikel der Stuttgarter Zeitung." decoding="async" height="769" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 555px) 100vw, 555px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DisneyKimmelTrumpNiederlageBlumeMastodonPost251225.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DisneyKimmelTrumpNiederlageBlumeMastodonPost251225.jpg 555w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DisneyKimmelTrumpNiederlageBlumeMastodonPost251225-217x300.jpg 217w" width="555"></img></a></p> <p><em>Wenn <a href="https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.disney-auf-schlingerkurs-kimmel-macht-sich-bei-rueckkehr-auch-ueber-disney-konzern-lustig.7d5ae1d6-06d0-409a-ae0c-bfd8ac52588d.html">US-Konzerne merken, dass sie zunehmend europäische Kundschaft verlieren, dann zeigt das Wirkung. Mastodon-Post zur Disney-Abo-Kündigung meines “Star Wars”-Fan-Accounts</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Ja, ich fordere sogar, Ausgaben für <strong>FOSS (Free &amp; Open Source Software)</strong> sowie <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/nur-noch-das-fediversum-kann-uns-retten-neujahrsrede-zu-salach/">für <strong>das Fediversum</strong></a> als <strong>europäische Verteidigungsausgaben</strong> anzurechnen. Denn wir sind nach meiner Einschätzung nicht nur im Bereich der <strong>Energie</strong>, sondern auch im Bereich <strong>der Medien &amp; Software</strong> noch viel zu stark von <strong>Russland</strong>, <strong>China</strong> und den <strong>USA</strong> abhängig. <strong>Digitale Souveränität ist gelebte Sicherheit.</strong></p> <p>Entsprechend habe ich auch gestern ein neues Schaubild zu <a href="https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2025/10-2025/medien-und-mimesis-journalismus-in-zeiten-digitaler-aufmerksamkeitsoekonomie/">meinem <strong>Medienethik</strong>-Artikel <em><strong>“Medien &amp; Mimesis”</strong></em> bei HerderKorrespondenz veröffentlicht</a>, in dem ich auch bereits die Übergriffe des X-ers <strong>Elon Musk</strong> gegen <strong>die deutsche Bundestagswahl 2025</strong> thematisiert hatte.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-scaled.jpg" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Schaubild von Dr. Michael Blume mit dem Titel &quot;Medien &amp; Mimesis: Die Gefahr der medialen Nachahmung&quot;. Links sehen wir einen mimetischen Teufelskreis, in dem sich mediale Verrohung und Polarisierung bis zur Gewalt steigern. Rechts wird als Lösung &quot;Ethik und Verantwortung&quot; empfohlen, insbesondere ein bewusstes Auswählen und Konsumieren von Medieninhalten." decoding="async" height="1429" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-scaled.jpg">Schaubild zu den Gefahren der medialen Mimesis (Nachahmung von Zielen)</a>. Michael Blume mit NotebookLM</em></p> <p>Denn wenn Sie diesen Blogpost bis hierher gelesen haben, dann sind Sie wahrscheinlich längst kein passiver Medien-Konsument mehr, sondern <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/seminar-fuer-medien-und-berufsethik-am-kit-karlsruher-institut-fuer-technologie/">eine auch aktive Medienprosumentin</a>. Und darin liegt <strong>viel Hoffnung für unsere europäische Solarpunk-Zukunft in lebendigen Demokratien</strong>!</p> <p>Vielen herzlichen Dank!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/yDmyMLu9tX0?feature=oembed&amp;rel=0" title="Solidarität mit HateAid gegen digitale Gewalt aus den USA" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Digitale Gewalt gegen 2 HateAid-Chefinnen an Weihnachten 2025</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Vor vier Jahren erlebten meine Frau Zehra &amp; ich zum Jahreswechsel 2021 / 2022 einen brutalen Angriff auf unsere Integrität und Familie. Gezielt zu den Feiertagen wurde ich von <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-missbrauch-des-guten-namens-von-simon-wiesenthal-durch-us-trump-dualisten/">einer Trump – MAGA – Gruppe, die den guten Namen des Österreichers <strong>Simon Wiesenthal</strong> (1908 – 2005) missbraucht</a>, auf eine Internet-Prangerliste gesetzt. Auf diesen bizarren Listen waren auch schon <strong>Barack Obama</strong> und der deutsche Diplomat <strong>Christoph Heusgen</strong> gesetzt worden, auch waren die Vorwürfe leicht erkennbar unhaltbar: Ich sollte angeblich 2021 “antisemitische Facebook-Posts” geliked haben – dabei <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/warum-ich-facebook-und-instagram-verlasse-gedanken-zur-medienethik/">hatte ich meinen Facebook-Account doch bereits 2019 gelöscht</a>!</p> <p>Aber an Feiertagen ist der emotionale Schaden umso größer, die mediale Gegenwehr umso schwerer: Viele Pressestellen und Redaktionen sind allenfalls Not-besetzt, Zeitungen erscheinen nicht. Die Angreifer können also darauf hoffen, dass die digitale Gewalt tagelang über antisoziale Konzernmedien wie X eskaliert, bevor die Angegriffenen reagieren können.</p> <p>Dankenswerterweise sprang mir damals <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/medienethik-dank-fuer-solidaritaet-gegen-extremes-trolling-und-frohes-neujahr/">die baden-württembergische Landesregierung überparteilich bei</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/211228-PM_zur_Aufnahme_des_Antisemitismusbeauftragten_in_Wiesenthal-Liste.pdf">die israelitischen Religionsgemeinschaften von Baden und Württemberg formulierten eine gemeinsame Presseerklärung</a>, die ich dann <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/medienethik-dank-fuer-solidaritaet-gegen-extremes-trolling-und-frohes-neujahr/">an Neujahr 2022 auch auf meinen Blog stellen</a> konnte. Auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/pforzheimer-friedenspreis-2025-laudatio-fuer-duezen-tekkal/">mutige Freundinnen wie <strong>Düzen Tekkal</strong></a> warfen sich auf dem damaligen Twitter gegen den Hass.</p> <p>Seitdem warnte ich in Gesprächen immer wieder Mit-Betroffene von digitaler Gewalt: <em>Rechtsdualisten, Terroristen, Trolle und Hater versuchen immer wieder gezielt an Feiertagen wie Weihnachten, Ostern oder Simchat Thora digitale Gewalt auszuüben, um Betroffene auch privat zu erschüttern und jede Gegenwehr zu erschweren!</em></p> <p>Menschliche und auch rechtliche Unterstützung erhielt ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/den-prozess-blume-gegen-twitter-international-unterstuetzen-so-geht-es/">schließlich von <strong>Josephine Ballon</strong> und <strong>Anna-Lena von Hodenberg</strong> von <strong>HateAid</strong>, mit denen ich dann auch gemeinsam gegen Twitter, später X, in <strong>Frankfurt</strong> vor Gericht</a> ging.<aside></aside></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/den-prozess-blume-gegen-twitter-international-unterstuetzen-so-geht-es/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Eine Karte von HateAid zum Jahresende 2022. Darauf steht: &quot;Es gibt ein Recht auf freie Meinung. Aber keines auf Hass. Das Menschenrecht gilt auch digital.&quot;" decoding="async" height="2560" sizes="(max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HateAidWeihnachtskarte2022-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HateAidWeihnachtskarte2022-scaled.jpg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HateAidWeihnachtskarte2022-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HateAidWeihnachtskarte2022-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HateAidWeihnachtskarte2022-1152x1536.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HateAidWeihnachtskarte2022-1536x2048.jpg 1536w" width="1920"></img></a></p> <p><em>Mit dieser <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/den-prozess-blume-gegen-twitter-international-unterstuetzen-so-geht-es/">HateAid-Karte zum Jahresende 2022 warb ich um Unterstützung für die großartige Arbeit des Teams gegen Hass und Hetze auch von Seiten großer Medienkonzerne</a>. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Umso mehr freuten wir alle uns, dass sich <strong>Josephine Ballon</strong> am 6. November 2025 Zeit nahm, an unserer stark besuchten <strong>Fachtagung gegen jeden Antisemitismus in Leinfelden-Echterdingen, Baden-Württemberg</strong> teilzunehmen. Wir diskutierten miteinander auf einem Podium und <strong>Josephine</strong> sprach auch länger mit <strong>Zehra</strong> &amp; mir über die Erfahrungen mit Hass und Hetze, denen wir als Familie seit <a href="https://stm.baden-wuerttemberg.de/de/themen/beauftragter-gegen-antisemitismus/">meiner Beauftragung durch die Landesregierung Baden-Württemberg 2018</a> verstärkt ausgesetzt waren – und sind. Auch in <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/im-landtag-bw-gegen-antisemitismus-meine-rede-zum-9-11-2023/">meiner Landtagsrede vom 9.11.2023 gegen jeden Antisemitismus hatte ich mich dazu eingangs geäußert</a>.</p> <p>Am Ende der gelungenen Diskussion rief eine gutmütige Scherzboldin uns zu, dass <em>“mit Blumen und Blume der Kampf gegen Hass &amp; Hetze fast schon gewonnen”</em> sei. Wir lachten und Zehra machte ein spontanes Foto dazu.</p> <p><a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115774476885161620" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Solidaritätspost von Dr. Michael Blume am 24.12.2025 auf Mastodon mit der HateAid-Geschäftsführerin Josephine Ballon." decoding="async" height="713" sizes="(max-width: 362px) 100vw, 362px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeJosephineBallonHateAid061125BadenWuerttemberg.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeJosephineBallonHateAid061125BadenWuerttemberg.jpg 362w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeJosephineBallonHateAid061125BadenWuerttemberg-152x300.jpg 152w" width="362"></img></a></p> <p><em><a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115774476885161620">Mastodon-Post zur Solidarität mit HateAid zu Weihnachten 2025</a>. Auf dem Bild sind Michael Blume &amp; Josephine Ballon am Ende des Fachtages gegen Antisemitismus BW am 6.11.2025 zu sehen. Foto: Zehra Blume</em></p> <p>Weiteren Mut schöpfte ich, als der <strong>CDU-Landesverband Baden-Württemberg</strong> drei Tage später (also am 9. November (!) 2025) <a href="https://www.cdu-bw.de/ueber-uns/beschluesse/91-PFEsaHTXLR/">eine vom Landesvorsitzenden <strong>Manuel Hagel</strong> unterzeichnete, <strong>klare Abgrenzung gegenüber Antisemitismus, Faschismus und jeder Zusammenarbeit mit der AfD</strong> beschloss</a>.</p> <p>Doch neue, aggressive Töne aus den <strong>USA</strong> gegen <strong>die Demokratien der Europäischen Union</strong> ließen bereits Schlimmes erahnen. Bei verschiedenen Gelegenheiten warnte ich davor, dass <a href="https://www.tagesspiegel.de/politik/rede-auf-republikaner-gala-frohnmaier-erhalt-preis-in-new-york--und-will-offenbar-uber-deutschland-herziehen-15048775.html">der sog. “Ministerpräsidenten-Kandidat” der AfD <strong>Markus Frohnmaier</strong>, MdB, nicht einmal für den Landtag von Baden-Württemberg kandidiert – sich aber am 13. Dezember 2025 mit großer Delegation auf einer Versammlung rechter US-Republikaner in <strong>New York</strong> eine Auszeichnung abholte</a>. Benannt war dieser Preis nach dem aufgrund seiner gewalttätigen Methoden umstrittenen CIA-Chef <strong>Allen W. Dulles</strong> (1893 – 1963).</p> <p>Deutlicher konnte eine Ansage kaum sein und ich rechne mit digitalen Übergriffen aus den <strong>USA</strong>, <strong>Russland</strong> und ggf. <strong>China</strong> auch gegen <a href="https://www.landtagswahl-bw.de/landtagswahl-2026-in-baden-wuerttemberg">die Landtagswahl in <strong>Baden-Württemberg</strong> am 8. März 2026</a>. Auch deswegen setzten mein Team und ich <a href="https://www.literaturhaus-stuttgart.de/event/6615.html">für den 19. Januar 2026 eine gemeinsame Diskussionsveranstaltung zur Aufklärung über Desinformation und Verschwörungsmythen mit dem Sicherheitsexperten <strong>Carlo Masala</strong> im <strong>Literaturhaus Stuttgart</strong></a> an.</p> <p>Dass die amtierende US-Regierung jedoch so tief sinken würde, pünktlich <a href="https://hateaid.org/einreiseverbot-gegen-geschaeftsfuehrerinnen-von-hateaid/">zum Weihnachtstag 2025 gegen die <strong>HateAid-Geschäftsführerinnen Josephine Ballon und Anna-Lena von Hodenberg,</strong> den ehemaligen <strong>EU-Kommissar Thierry Breton</strong>, den <strong>CEO des CCDH Imran Ahmed</strong> und die <strong>CEO des Global Disinformation Index, Clare Melford, </strong>“Sanktionen” zu verhängen</a>, hat meine schlimmen Erwartungen übertroffen. Zumal es durchaus sein könnte, dass die <strong>Trump</strong>-Administration gegenüber den Angegriffenen auch <a href="https://www.derstandard.de/story/3000000298066/digitale-ausloeschung-wie-us-sanktionen-einen-europaeischen-richter-lahmlegen">noch <strong>den Software- und Banking-“Kill Switch”</strong> betätigt, wie sie es bereits gegenüber <strong>europäischen Richtern des Internationalen Strafgerichtshofes</strong> in <strong>Den Haag</strong> getan hat</a>!</p> <p>Und auch in den <strong>USA</strong> selbst eskaliert die <strong>Rechtsmimesis</strong> weiter, so dass <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115773622457517338">ich auf Mastodon im <strong>Solidaritäts-Thread mit HateAid</strong> postete</a>:</p> <p><em>“Die eskalierende #Rechtsmimesis in den #USA betrifft auch immer stärker jüdische Stimmen wie die #ADL &amp; selbst Konservative wie #Shapiro. Auch etwa #NickFuentes &amp; #TuckerCarlson befeuern immer stärker #Antisemitismus gegen #Israel.</em></p> <p><em>Wer behauptet hat, #Trump &amp; #MAGA seien „stabil“ gegen antisemitische #Verschwörungsmythen hat die Gefahren des #Rechtsdualismus , des fossilen #Faschismus verdrängt &amp; verleugnet.”</em></p> <p>Falls Sie die Sorge übertrieben finden: noch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/bangen-um-die-usa-dank-fuer-die-familienwerte-auszeichnung-durch-die-kirche-jesu-christi-der-heiligen-der-letzten-tage/">am 5. Oktober 2023 hatte ich meine (inzwischen entlassene) US-Kollegin <strong>Deborah Lipstadt</strong> im US-State Department in Washington sowie das Hauptquartier der jüdischen <strong>Anti-Defamation League (ADL)</strong> besucht</a> – die inzwischen ebenfalls massiver, digitaler Gewalt ausgesetzt sind. <strong>Donald Trump</strong> steht wegen der immer wieder verzögerten Veröffentlichung der sog. <strong>Epstein-Files</strong> auch innenpolitisch unter massivem Druck – und niemand weiß, ob er für seinen Machterhalt noch tiefer in den <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gewalttaetig-sind-nicht-nur-die-anderen-post-dualistische-weisheit-von-lord-rabbi-jonathan-sacks-1948-2022/"><strong>Rechtsdualismus</strong></a> gehen wird.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/stehen-elon-musk-und-donald-trump-vor-dem-sieg-im-us-finale-saekularisierung-und-die-enge-der-zeit/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Vor einem hellblauen Schriftzug &quot;Fighting Hate For Good&quot; in Washington stehen ADL-Vizepräsidentin Marina Rosenberg (links) und Dr. Michael Blume (rechts)." decoding="async" height="1600" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8363.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8363.jpeg 1200w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8363-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8363-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8363-1152x1536.jpeg 1152w" width="1200"></img></a></p> <p><em>Treffen mit <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/stehen-elon-musk-und-donald-trump-vor-dem-sieg-im-us-finale-saekularisierung-und-die-enge-der-zeit/">der ADL-Vizepräsidentin Marina Rosenberg am 5.10.2023 in Washington, USA</a>. Foto: Staatsministerium B.-W.</em></p> <p><strong>Was also können wir als Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union (EU) tun?</strong></p> <p>Zum einen sollten <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115773124345133642">wir als Demokratinnen und Demokraten mit den Angegriffenen Solidarität zeigen und die angegriffene Spitze von <strong>HateAid</strong> auch öffentlich unterstützen</a>.</p> <p>Dabei sollten wir auch sehr genau schauen, wer sich <a href="https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/reaktionen-einreiseverbot-hateaid-usa-100.html">wie <strong>Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU)</strong> und <strong>Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD)</strong> klar gegen die US-Einschüchterungsversuche äußert</a> – und wer dazu schweigt oder gar zustimmt.</p> <p>Wir sollten zudem unsere <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dialog-statt-dualismus-mein-abschied-aus-instagram/">Abhängigkeiten von US-Konzernen überprüfen, wie ich es bereits mit der <strong>Löschung meiner Accounts</strong> bei <strong>Facebook</strong>, <strong>Instagram, Amazon</strong> und <strong>X</strong> getan</a> habe. Und <a href="https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.disney-auf-schlingerkurs-kimmel-macht-sich-bei-rueckkehr-auch-ueber-disney-konzern-lustig.7d5ae1d6-06d0-409a-ae0c-bfd8ac52588d.html">als ich gemeinsam mit Hunderttausenden weltweit nach der zeitweisen Verbannung von <strong>Jimmy Kimmel</strong> auch mein Disney-Abonnement kündigte, knickte der US-Medienkonzern vor uns allen ein</a>.</p> <p><a href="https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.disney-auf-schlingerkurs-kimmel-macht-sich-bei-rueckkehr-auch-ueber-disney-konzern-lustig.7d5ae1d6-06d0-409a-ae0c-bfd8ac52588d.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mastodon-Account von Dr. Michael Blume vom 24.12.2025, in dem er in Solidarität mit HateAid an die erfolgreichen Abo-Kündigungen gegenüber Disney in der Causa Kimmel erinnerte. Link führt zu einem diesbezüglichen Artikel der Stuttgarter Zeitung." decoding="async" height="769" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 555px) 100vw, 555px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DisneyKimmelTrumpNiederlageBlumeMastodonPost251225.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DisneyKimmelTrumpNiederlageBlumeMastodonPost251225.jpg 555w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DisneyKimmelTrumpNiederlageBlumeMastodonPost251225-217x300.jpg 217w" width="555"></img></a></p> <p><em>Wenn <a href="https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.disney-auf-schlingerkurs-kimmel-macht-sich-bei-rueckkehr-auch-ueber-disney-konzern-lustig.7d5ae1d6-06d0-409a-ae0c-bfd8ac52588d.html">US-Konzerne merken, dass sie zunehmend europäische Kundschaft verlieren, dann zeigt das Wirkung. Mastodon-Post zur Disney-Abo-Kündigung meines “Star Wars”-Fan-Accounts</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Ja, ich fordere sogar, Ausgaben für <strong>FOSS (Free &amp; Open Source Software)</strong> sowie <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/nur-noch-das-fediversum-kann-uns-retten-neujahrsrede-zu-salach/">für <strong>das Fediversum</strong></a> als <strong>europäische Verteidigungsausgaben</strong> anzurechnen. Denn wir sind nach meiner Einschätzung nicht nur im Bereich der <strong>Energie</strong>, sondern auch im Bereich <strong>der Medien &amp; Software</strong> noch viel zu stark von <strong>Russland</strong>, <strong>China</strong> und den <strong>USA</strong> abhängig. <strong>Digitale Souveränität ist gelebte Sicherheit.</strong></p> <p>Entsprechend habe ich auch gestern ein neues Schaubild zu <a href="https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2025/10-2025/medien-und-mimesis-journalismus-in-zeiten-digitaler-aufmerksamkeitsoekonomie/">meinem <strong>Medienethik</strong>-Artikel <em><strong>“Medien &amp; Mimesis”</strong></em> bei HerderKorrespondenz veröffentlicht</a>, in dem ich auch bereits die Übergriffe des X-ers <strong>Elon Musk</strong> gegen <strong>die deutsche Bundestagswahl 2025</strong> thematisiert hatte.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-scaled.jpg" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Schaubild von Dr. Michael Blume mit dem Titel &quot;Medien &amp; Mimesis: Die Gefahr der medialen Nachahmung&quot;. Links sehen wir einen mimetischen Teufelskreis, in dem sich mediale Verrohung und Polarisierung bis zur Gewalt steigern. Rechts wird als Lösung &quot;Ethik und Verantwortung&quot; empfohlen, insbesondere ein bewusstes Auswählen und Konsumieren von Medieninhalten." decoding="async" height="1429" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-scaled.jpg">Schaubild zu den Gefahren der medialen Mimesis (Nachahmung von Zielen)</a>. Michael Blume mit NotebookLM</em></p> <p>Denn wenn Sie diesen Blogpost bis hierher gelesen haben, dann sind Sie wahrscheinlich längst kein passiver Medien-Konsument mehr, sondern <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/seminar-fuer-medien-und-berufsethik-am-kit-karlsruher-institut-fuer-technologie/">eine auch aktive Medienprosumentin</a>. Und darin liegt <strong>viel Hoffnung für unsere europäische Solarpunk-Zukunft in lebendigen Demokratien</strong>!</p> <p>Vielen herzlichen Dank!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/yDmyMLu9tX0?feature=oembed&amp;rel=0" title="Solidarität mit HateAid gegen digitale Gewalt aus den USA" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/digitale-gewalt-gegen-die-hateaid-chefinnen-gezielt-an-weihnachten-2025/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>48</slash:comments> </item> <item> <title>ADHS in den Medien: Was läuft schief? Beispiel Quarks https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-in-den-medien-was-laeuft-schief-beispiel-quarks/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-in-den-medien-was-laeuft-schief-beispiel-quarks/#comments Wed, 24 Dec 2025 12:37:07 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3497 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain-768x585.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-in-den-medien-was-laeuft-schief-beispiel-quarks/</link> </image> <description type="html"><h1>ADHS in den Medien: Was läuft schief? Beispiel Quarks » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Die gesellschaftlichen Folgen von zu viel Aufmerksamkeit für die Aufmerksamkeitsstörung</strong></p> <span id="more-3497"></span> <p>Ich habe hier gerade von der <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/">Versechsfachung der ADHS-Diagnosen</a> in bestimmten Gruppen geschrieben und diesen Trend <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/">gesellschaftlich gedeutet</a>. Wenn es so große Veränderungen in so kurzer Zeit gibt, sollte man kritisch nachbohren. Andere meinen, man würde jetzt Fälle diagnostizieren, die man früher übersehen habe. Aha. Es war da, schweres psychisches Leiden, doch niemand sah es?</p> <p>Auch die Wissenschaftssendung “Quarks” vom ARD verbreitet diese Ansicht, zum Beispiel auf seinem Instagram-Account: Hinter dem Anstieg “stecken den Forschenden zufolge vor allem verspätete Diagnosen: Menschen, die seit der Kindheit Symptome zeigen, aber nicht diagnostiziert wurden.” Bei den Quellen wird ein Psychiater aus Dresden genannt, bei dem man vielleicht einmal angerufen hat. Der muss es ja wisssen.</p> <p>Auf der Internetseite von Quarks heißt es unter der Überschrift “Das solltest du über ADHS wissen” zum Störungsbild: “Im Gehirn von Menschen mit ADHS stehen Dopamin und Noradrenalin dort, wo sie benötigt werden, nicht in ausreichender Menge zur Verfügung.” Dort und auf Instagram wird das von einem Gehirnbild mit ein paar Blasen und Pfeilen begleitet. Ich habe hier auch so eine Abbildung für Sie vorbereitet:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain.jpg"><img alt="" decoding="async" height="779" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain-1024x779.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain-1024x779.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain-300x228.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain-768x585.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain.jpg 1248w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Beispiel: Wie Autismus-Spektrum (links) oder ADHS (rechts) im Gehirn aussehen könnte – oder auch nicht. (von <a href="https://pixabay.com/illustrations/brain-mind-psychology-idea-drawing-2062057/">ElisaRiva</a>, modifiziert / <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">PixaBay Lizenz</a>)</em><aside></aside></p> <h2 id="h-nichts-genaues-weiss-man-nicht">Nichts Genaues weiß man nicht</h2> <p>Die originale Quarks-Abbildung ist tatsächlich mit dem Hinweis “exemplarische Darstellung” versehen. Das kennen wir eher aus der Werbung: Weil wir heute mal keine Lust aufs Kochen haben, kaufen wir uns eine Tiefkühlpizza. Und weil dieses gefrorene Etwas, das wir zu Hause aus der Verpackung schälen, doch sehr anders aussieht, steht auf der bunten Verpackung etwas wie “Serviervorschlag” oder “Abbildung ähnlich”.</p> <p>Nun reden wir bei ADHS aber nicht von Fertigmahlzeiten, sondern von Diagnosen, die Menschen bekommen – und deren Leben stark beeinflussen können. Die Journalisten ergänzen zu ihrer Quarks-Darstellung: “Was bei ADHD im Gehirn passiert, ist nicht sicher geklärt und sehr komplex.”</p> <p>Aber dann sagt man doch gleich im ersten Satz: “Im Gehirn von Menschen mit ADHS stehen Dopamin und Noradrenalin … nicht in ausreichender Menge zur Verfügung.” Wie passt das zusammen?</p> <h2 id="h-die-pra-adhs-ara">Die Prä-ADHS-Ära</h2> <p>Die ADHS-Diagnose, wie wir sie kennen, <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/30-jahre-aufmerksamkeitsstoerung-adhs/">gibt es erst seit 1980</a>. Frühere Bezeichnungen waren “minimaler Gehirnschaden” (engl. Minimal Brain Damage, MBD). In Reaktion auf die Beschwerden von Eltern schwächte man das in den 1960ern/1970ern ab zu “minimale Gehirndysfunktion” (engl. Minimal Brain Dysfunction, auch MBD). Ärzte, die ihre Patient*innen mit Latein beeindrucken wollten, sprachen auch von der “minimalen zerebralen Dysfunktion”. Wer hat auch nicht gelernt, dass <em>cerebrum</em> der lateinische Name fürs Hirn ist?</p> <p>Der Name “minimaler Gehirnschaden” entstand tatsächlich nach der schweren Pandemie (ca. 1918 bis 1920) am Ende des Ersten Weltkriegs. Viele starben damals an der sogenannten Spanischen Grippe. Manche überlebten nach einer schweren Gehirnentzündung, mitunter in einem gelähmten Zustand. Einige Kinder zeigten nach der Hirnentzündung Verhaltensauffälligkeiten.</p> <p>Deshalb kam man schließlich darauf, Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten auch ohne vorherige Gehirnerkrankung die MBD-Diagnose zu geben. Frei nach dem Motto: ähnliche Probleme, ähnliche Ursache. Eine verbreitete Alternativhypothese, dass es bei ihnen während der Geburt zu einem Sauerstoffdefizit gekommen war, ließ sich nicht bestätigen.</p> <p>So redet man bald 100 Jahre über MBD und, wie Quarks, ein ADHS-Gehirn. Doch man konnte nie zeigen, was im Gehirn dieser Kinder, Jugendlichen und heute auch immer mehr Erwachsenen anders sein soll. Man glaubt an das ADHS-Gehirn, doch finden kann man es nie. Wie kann das sein? Und wie kann man das “Wissenschaft” nennen?</p> <h2 id="h-symptome">Symptome</h2> <p>Wie bei allen anderen psychologisch-psychiatrischen Störungen, hat man es auch hier Symptomlisten zu tun. Diese beziehen sich in der Regel auf innere psychologische Vorgänge und äußeres Verhalten, manchmal auch körperliche Eigenschaften, zum Beispiel Gewichtsveränderungen bei Depressionen.</p> <p>Bei ADHS gibt es zwei Haupttypen, den eher unaufmerksamen und den eher hyperaktiven/impulsiven. Für beide zählt das diagnostische Handbuch DSM-5-TR von 2022 neun Symptome. Für eine Diagnose müssen mindestens sechs eines Typs vorliegen – und übrigens schon vor dem Alter von 12 Jahren, früher sieben Jahren vorgelegen haben. In einem wissenschaftlichen Aufsatz habe ich errechnet, dass es darum <a href="https://doi.org/10.3389/fpsyt.2022.943049">satte 116.220 nach DSM gültige Formen von ADHS gibt</a>.</p> <p>Trotzdem ist jeder Mensch mit ADHS-Diagnose wieder anders. Kann er am Morgen anders sein als am Abend. In den Ferien anders als während der Schulzeit. Tatsächlich bauen manche in der Ferienzeit die Medikamente ab. Das ist schon eine komische medizinische Krankheit, die sich an unsere Ferienzeiten hält!</p> <h2 id="h-kein-interesse">Kein Interesse?</h2> <p>Quarks informiert zu den (angeblichen) ADHS-Symptomen übrigens: “Es kann schwerfallen, fokussiert bei uninteressanten Aufgaben zu bleiben.”</p> <p>Das mit den “uninteressanten Aufgaben” ist äußerst interessant: Erstens steht das nämlich nicht bei den offiziellen Diagnosekriterien. Zweitens könnte man sich auch einmal fragen, ob das nicht völlig normal ist, dass man ohne Interesse schlechter aufpassen kann.</p> <p>Interessanterweise(!) gehört das von Quarks genannte Symptom zu einem anderen Störungsbild, das eine Lobby von Kinderpsychologen und -psychiatern seit einiger Zeit einführen will: Denken im Schneckentempo (engl. Sluggish Cognitive Tempo, SCT). Angeblich sollen 5 Prozent der Kinder daran leiden und dieselben Medikamente wie bei ADHS helfen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920.jpg 1764w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Ist diese Schnecke psychisch gestört – oder einfach nur langsamer als andere? (von <a href="https://pixabay.com/photos/snail-shell-invertebrate-sensor-6290772/">Nennieinszweidrei</a> / <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">PixaBay Lizenz</a>)</em></p> <p>Man merkte schließlich selbst, dass “Schneckentempodenken” kein guter Name ist, um eine Störung ins DSM zu bekommen. Dann könnte man viele neue Fachaufsätze publizieren und die Behandlung endlich bei den Krankenkassen abrechnen. So kam man später auf den Namen “Konzentrationsdefizitstörung” (engl. Concentration Deficit Disorder, CDD).</p> <p>Worin der Unterschied zwischen Aufmerksamkeits- und Konzentrationsdefizit bestehen soll, müsste man erst einmal erklären. Ursprünglich sollte es sich dabei um eine unerkannte, dritte Hauptform von ADHS handeln – eben unter anderem mit dem Symptom, bei uninteressanten Aufgaben schlechter aufzupassen.</p> <p>Doch inzwischen hat man sich auch davon wieder verabschiedet: Der Name des dritten Versuchs ist etwas schwerer zu übersetzen, vielleicht als “Syndrom kognitiver Distanzierung” (engl. Cognitive disengagement syndrome, CDS). Und anders als SCT oder CDD soll das keine ADHS-Variante mehr sein, sondern ein eigenes Störungsbild.</p> <h2 id="h-kurzschlusse">Kurzschlüsse</h2> <p>Folgen Sie mir noch? Sind Sie vielleicht uninteressiert? Haben Sie es schon mit Psychopharmaka probiert?</p> <p>Nein, bevor Sie medizinische Stimulanzien wie Amphetamin/Speed und Methylphenidat/Ritalin oder sogar Kokain nehmen – laut Professor Thomas Müller, Co-Präsident der Schweizerischen Fachgesellschaft für ADHS, kann eine positive Reaktion auf Kokain ein Hinweis auf ADHS sein –, klicken Sie lieber weiter.</p> <p>SCT, CDD oder CDS sind noch nicht im DSM. Vielleicht wird sich das mit dem DSM-6 ändern. Die Entscheidung treffen führende Psychiaterinnen und Psychiater, von denen die Mehrheit übrigens Gelder von der Pharmaindustrie bekommt – die wiederum daran verdient, wenn immer mehr Störungsbilder ins diagnostische Handbuch aufgenommen und so beschrieben werden, dass man die Symptome mit ihren Psychopharmaka beeinflussen kann.</p> <p>Auf der Quark(s)-Seite finden sich noch viel mehr Kurzschlüsse. Ein beliebter Fehler ist zum Beispiel eine Aussage wie: “So beeinflusst ADHS das Verhalten.”</p> <p>Nein, das ist ein Denkfehler: Ihr ADHS macht sie nicht unaufmerksam, genauso wenig wie ihre Depression sie traurig macht. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Bestimmte Formen von Unaufmerksamkeit beziehungsweise bestimmte Formen von Traurigkeit <em>nennen</em> wir heute ADHS oder Depression.</p> <p>Die allgemeinen Kriterien hierfür legen die genannten Fachleute fest. Im Einzelfall muss ein Arzt oder eine Therapeutin entscheiden, ob das individuelle Leiden oder die Probleme im Alltag groß genug sind, um eine psychologisch-psychiatrische Diagnose zu rechtfertigen. Das passiert in der subjektiven Abwägung – und ganz sicher nicht mit einem Blut-, Gen- oder Gehirntest.</p> <h2 id="h-verdinglichung">Verdinglichung</h2> <p>Sätze wie “mein ADHS macht mich unaufmerksam” machen aus der gerade beschriebenen <em>sprachlichen Konvention</em> medizinisch-psychologischer Fachleute <em>ein Ding</em> mit eigenen kausalen Kräften. Das grenz an Magie! In der Wissenschaft nennen wir das “Reifikation” (von lat. <em>res</em> = Ding) oder schlicht “Verdinglichung”.</p> <p>Manche erklären für sich und andere ihre Denk- und Verhaltensweisen anschließend damit, dass man das Wort in der medizinischen Akte mit ihnen verknüpft hat. Das ist zwar philosophisch und wissenschaftlich gesehen Unsinn, aus menschlicher Sicht aber nachvollziehbar: Denn im Bereich der Medizin entschuldigt man jemanden in der Regel für seine oder ihre (angeblichen) Mängel. Wenn nur das Problem der Stigmatisierung nicht wäre, dass manche Diagnosen gerade soziale Distanz erzeugen.</p> <p>Die Verdinglichung geht oft mit einem anderen Fehlschluss einher: Die diagnostischen Kategorien, die einen Zustand nur <em>beschreiben</em>, werden jetzt als dessen <em>Erklärung</em> herangezogen.</p> <h2 id="h-sprachliche-magie">Sprachliche Magie</h2> <p>Ein frappierendes Beispiel, das ich an dieser Stelle gerne zitiere, habe ich von meinem alten Bloggerkollegen Helmut Wicht gelernt, Biologe und früher Anatomiedozent an der Universität Frankfurt:</p> <p>Stellen Sie sich vor, Sie haben um die Lippen herum eine entzündete (gerötete) Haut. Deswegen gehen Sie zum Dermatologen. Dieser gibt Ihnen eine Salbe und die Diagnose “periorale Dermatitis”. Vielleicht denken Sie jetzt: “Wow, was für eine Fachkompetenz! Mein Dermatologe hat herausgefunden, dass ich eine <em>periorale Dermatitis</em> habe!”</p> <p>Dabei heißt “periorale Dermatitis” schlicht “Entzündung (-itis) der Haut (derma) um den Mund (oris) herum (peri)”. Sie haben also schlicht das gesagt bekommen, was Sie schon wussten: dass Sie eine Entzündung um den Mund herum haben, denn sonst wären Sie ja nicht zum Hautarzt gegangen.</p> <p>Warum der Arzt oder die Ärztin sich einer, nein sogar zweier – Latein und Altgriechisch werden hier vermischt – ausgestorbener Sprachen bedienen muss, um Ihnen zu erzählen, was Sie schon wussten, könnte man sich einmal überlegen. Wahrscheinlich wird so verschleiert, dass Ärztinnen und Ärzte auch nicht alles wissen. (Ein Prof in meiner Ausbildung: “Sage nie vor Patienten, dass du etwas nicht weißt!” Das machte ihn in meinen Augen nicht vertrauenswürdiger.)</p> <p>Und wofür früher solche Fremdsprachen verwendet wurden – in der Religion hat man die gläubigen Schäfchen damit auch lange Zeit beeindruckt, wenn nicht gar eingeschüchtert –, nimmt man heute gerne Abkürzungen: eben CDS, CDD, SCT, MBD oder ADHS.</p> <p>Klar, mein Kind hat SCT (alias Schneckentempodenken). Jetzt ergibt alles Sinn!</p> <h2 id="h-symptome-und-ursachen">Symptome und Ursachen</h2> <p>An dieser Stelle brodelt es in den Betroffenen mitunter. Sie sind wütend, fühlen sich nicht ernst genommen. Die philosophisch-wissenschaftliche Argumentation bedeute, dass man ihnen das Leid abspricht. Nein, das tut sie nicht!</p> <p>Ich weise nur auf den Prozess der <em>Umdeutung</em> hin: Ein Mensch leidet oder findet sich nicht so gut im Alltag zurecht. Oft genug verursacht Letzteres auch Ersteres: zum Beispiel, wenn andere einen für vergesslich halten und darum abwerten.</p> <p>Übrigens wurden auch homosexuelle Männer stark ausgegrenzt und nannten Psychiater das bis in die 1970er-Jahre eine Geistesstörung. Schlaue Leute hatten das ins DSM geschrieben, also musste es stimmen. Dann kam ein noch schlauerer Psychiater, Robert L. Spitzer (1932-2015), und wies seine Kollegen daraufhin, dass die Schwulen vor allem wegen der Ausgrenzung litten und nicht wegen ihrer sexuellen Vorlieben; und man bemerkte, dass der “objektive”, statistische Beweis für die angebliche Krankheit der Schwulen in Gefängnissen erhoben worden war, wo es Menschen allgemein schlechter geht.</p> <p>Ich bestreite auch nicht, dass die Hautsalbe vom Dermatologen oder die Stimulanzien vom Psychiater das Leiden lindern können. Mit der Wirkungsweise der Stimulanzien habe ich mich intensiv für die Gehirndoping-Debatte beschäftigt, siehe hier meine <a href="https://www.schleim.info/wordpress/de/2022/07/20/gratis-neuer-gehirndoping-bericht-erschienen/">Gratis-FAQ</a> als Ergebnis eines mehrjährigen Forschungsprojekts.</p> <p>Aber um den Kreis für ADHS zu schließen: Man macht uns, Eltern und Kindern, seit gut 100 Jahren weis, verhaltensauffällige Kinder hätten eine Gehirnstörung. Gefunden hat man sie nie. Währenddessen verbreitet eine Sendung wie Quark(s) suggestive Werbebildchen darüber, während sie selbst einräumt, dass man es nicht weiß.</p> <p>Warum redet man dann so, obwohl man weiß, dass es nicht stimmt?</p> <h2 id="h-individualisierung">Individualisierung</h2> <p>Ich gönne jedem seine Therapie und auch <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-32618-9">seine Medikamente</a>, wenn er/sie der Meinung ist, dass das mehr hilft als schadet. Ich will nur die falsche Magie aus dieser Diskussion haben.</p> <p>Denn mit dem nachweislich falschen Gen- und Gehirn-Sprech werden die Probleme ausschließlich im Individuum lokalisiert. Obwohl man es nicht in den vielen Patientinnen und Patienten nachweisen kann – die Gehirnscanner stehen doch bereit! –, soll es da an Dopamin oder Noradrenalin mangeln. Also wenn jemand etwas schüchtern ist und mit einem Glas Sekt sozialer wird, dann hatte er oder sie vorher einen Alkoholmangel?</p> <p>Dass das nicht nur Theorie ist, lässt sich zeigen, wenn ich auf den Fehler von Quarks mit dem fehlenden Interesse zurückkomme. Wann fehlt uns denn das Interesse? In der Regel dann, wenn wir etwas langweilig oder eintönig finden – oder auch dann, wenn wir ermüdet sind.</p> <p>Dann fällt es uns oft schwerer, uns für etwas zu motivieren. Ist es Zufall, dass stimulierende Substanzen wie Amphetamin, Methylphenidat oder Kokain die subjektive Energie, das Gefühl der Wachheit, die Motivation erhöhen? Und dass es Menschen damit leichter fällt, eintönige Aufgaben zu erledigen?</p> <p>Meine Forderung ist schlicht: nicht immer nur aufs Individuum zu schauen, sondern auch auf die Umgebung. Dann wird zum Beispiel ADHS nicht nur ein Thema der Psychiater, sondern auch von Psychologen, Pädagogen, Sozialarbeiten, Umweltmedizinern, der Gestaltung von Schulunterricht und Erziehung. Dann sucht man die Ursachen nicht nur im Einzelnen – und wir man nicht selten an anderen Orten fündig.</p> <h2 id="h-p-s-zur-gehirn-psychiatrie">P.S. Zur ‚Gehirn-Psychiatrie‘</h2> <p>Ja ja, ich weiß: Ich habe die Forschung nicht verstanden, obwohl ich in drei psychiatrischen Universitätskliniken gearbeitet und mit Verfahren der bildgebenden Hirnforschung meine kognitionswissenschaftlich Doktorarbeit abgeschlossen habe. Ich schwurble.</p> <p>Ich schwurble sogar so sehr, dass ich Bachelorstudierende der Psychologie im dritten Jahr mit etwas Anleitung einen der am häufigsten zitierten psychiatrischen Belege für die Behauptung, ADHS sei eine Gehirnstörung, analysieren ließ. Eine über tausendfach zitierte <a href="https://www.thelancet.com/journals/lanpsy/article/PIIS2215-0366(17)30049-4/abstract?ref=tomecontroldesusalud.com">Publikation</a> in <em>Lancet Psychiatry</em>. Über mehrere Jahre waren 100 Prozent meiner Studierenden in Gruppenarbeit dazu in der Lage, die grundlegenden Fehler dieser Behauptung herauszuarbeiten.</p> <p>Ja ja, ich weiß: Wir schwurbeln alle und jetzt verstecke ich mich sogar hinter meinen Bachelorstudierenden!</p> <p>Martine Hoogman von der Universitätsklinik in Nijmegen, die Erstautorin dieser Studie, wurde kürzlich für einen <a href="https://www.nytimes.com/2025/04/13/magazine/adhd-medication-treatment-research.html">ausführlichen Artikel zu ADHS</a> im <em>New York Times Magazine</em> befragt. Meiner Meinung nach waren ihre Gehirnfunde viel zu klein, um etwas über Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne ADHS-Diagnose aussagen zu können. Das sage ich seit bald zehn Jahren.</p> <p>Interessant, dass Hoogman, die die Botschaft “ADHS ist eine Gehirnstörung” in die Welt setzte, was massiv von den Medien verbreitet wurde, nun scheinbar ihre Meinung geändert hat:</p> <blockquote> <p>“Als ich Hoogman kürzlich per E-Mail interviewte, war ich überrascht zu erfahren, dass sie ihre Aussage im Nachhinein bereut. ‘Damals betonten wir die von uns festgestellten Unterschiede (wenn auch geringfügige), aber man kann auch schlussfolgern, dass das subkortikale und kortikale Volumen von Menschen mit und ohne ADHS nahezu identisch ist’, schrieb sie. Rückblickend fügte sie hinzu, es sei nicht angemessen gewesen, aus ihren Ergebnissen zu schließen, dass ADHS eine Hirnstörung sei.” (<em>New York Times Magazine</em>, 2025)</p> </blockquote> <p>Gehirnstörung oder nicht, andere Gehirne oder (nahezu) identisch – wo ist da der Unterschied? Man rühre im Quark und alles wird gleich.</p> <p>Tja, wer schwurbelt hier? Wer verfolgt damit seine finanziellen, Karriere- und Aufmerksamkeitsinteressen? Und wer wagt es, die herrschende Meinung zu kritisieren, und setzt sich damit Angriffen aus?</p> <h2 id="h-quark-s">Quark(s)</h2> <p>Um Missverständnisse zu vermeiden: Dass es Menschen mit – mehr oder weniger großen – Aufmerksamkeitsproblemen gibt, bestreitet niemand. Es geht darum, wie man – individuell und gesellschaftlich – damit umgehen soll.</p> <p>Welche Antwort bekommt man, wenn man eine anerkannte Wissenschaftsredaktion befragt? “Warum sind Betroffene oft hibbelig und unkonzentriert? Die Veränderungen im Gehirn wirken sich auf das Verhalten aus” (Quark). Nein, allgemeine Gehirnveränderungen wurden für ADHS nie nachgewiesen und sind auch im klinischen Einzelfall nicht belegt, weder bei der Diagnose noch in der Therapie. Dass Menschen auf psychoaktive Substanzen oder Verhaltenstherapie ansprechen, beweist nicht die Existenz eines Dings ADHS im Gehirn.</p> <p>Ich trete nur dafür ein, auch <em>die Umgebung</em> mitzudenken. In diesem Zusammenhang ist ein Quarks-Symptom für die hyperaktive Variante von ADHS interessant: “Es kann schwerfallen, auf Belohnungen zu warten.” Genau, zum Beispiel wenn Schulunterricht, wo sich die Symptome am häufigsten äußern, mit Social Media Apps konkurrieren, wo man permanent und endlos stimulierende Inhalte gezeigt bekommt.</p> <p>Es sei noch einmal daran erinnert, dass sowohl die ADHS-Diagnosen als auch Verschreibung stimulierender Psychopharmaka <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/">seit den 1990ern stark anstieg</a>, erst bei Kindern und Jugendlichen, dann auch zunehmend bei Erwachsenen. Ist es reiner Zufall, dass das mit der Digitalisierung der Gesellschaft einhergeht, wo die Konkurrenz um die Aufmerksamkeit immer größer wird?</p> <h2 id="h-neu-woruber-psychiater-ungern-sprechen">Neu: Worüber Psychiater ungern sprechen</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen, die Geschichte und Irrtümer der Psychiatrie und Alternativen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/illustrations/brain-mind-psychology-idea-drawing-2062057/">ElisaRiva</a> (modifiziert), <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/46b637f80507487cb00e88be7a02cbae" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>ADHS in den Medien: Was läuft schief? Beispiel Quarks » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Die gesellschaftlichen Folgen von zu viel Aufmerksamkeit für die Aufmerksamkeitsstörung</strong></p> <span id="more-3497"></span> <p>Ich habe hier gerade von der <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/">Versechsfachung der ADHS-Diagnosen</a> in bestimmten Gruppen geschrieben und diesen Trend <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/">gesellschaftlich gedeutet</a>. Wenn es so große Veränderungen in so kurzer Zeit gibt, sollte man kritisch nachbohren. Andere meinen, man würde jetzt Fälle diagnostizieren, die man früher übersehen habe. Aha. Es war da, schweres psychisches Leiden, doch niemand sah es?</p> <p>Auch die Wissenschaftssendung “Quarks” vom ARD verbreitet diese Ansicht, zum Beispiel auf seinem Instagram-Account: Hinter dem Anstieg “stecken den Forschenden zufolge vor allem verspätete Diagnosen: Menschen, die seit der Kindheit Symptome zeigen, aber nicht diagnostiziert wurden.” Bei den Quellen wird ein Psychiater aus Dresden genannt, bei dem man vielleicht einmal angerufen hat. Der muss es ja wisssen.</p> <p>Auf der Internetseite von Quarks heißt es unter der Überschrift “Das solltest du über ADHS wissen” zum Störungsbild: “Im Gehirn von Menschen mit ADHS stehen Dopamin und Noradrenalin dort, wo sie benötigt werden, nicht in ausreichender Menge zur Verfügung.” Dort und auf Instagram wird das von einem Gehirnbild mit ein paar Blasen und Pfeilen begleitet. Ich habe hier auch so eine Abbildung für Sie vorbereitet:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain.jpg"><img alt="" decoding="async" height="779" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain-1024x779.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain-1024x779.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain-300x228.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain-768x585.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain.jpg 1248w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Beispiel: Wie Autismus-Spektrum (links) oder ADHS (rechts) im Gehirn aussehen könnte – oder auch nicht. (von <a href="https://pixabay.com/illustrations/brain-mind-psychology-idea-drawing-2062057/">ElisaRiva</a>, modifiziert / <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">PixaBay Lizenz</a>)</em><aside></aside></p> <h2 id="h-nichts-genaues-weiss-man-nicht">Nichts Genaues weiß man nicht</h2> <p>Die originale Quarks-Abbildung ist tatsächlich mit dem Hinweis “exemplarische Darstellung” versehen. Das kennen wir eher aus der Werbung: Weil wir heute mal keine Lust aufs Kochen haben, kaufen wir uns eine Tiefkühlpizza. Und weil dieses gefrorene Etwas, das wir zu Hause aus der Verpackung schälen, doch sehr anders aussieht, steht auf der bunten Verpackung etwas wie “Serviervorschlag” oder “Abbildung ähnlich”.</p> <p>Nun reden wir bei ADHS aber nicht von Fertigmahlzeiten, sondern von Diagnosen, die Menschen bekommen – und deren Leben stark beeinflussen können. Die Journalisten ergänzen zu ihrer Quarks-Darstellung: “Was bei ADHD im Gehirn passiert, ist nicht sicher geklärt und sehr komplex.”</p> <p>Aber dann sagt man doch gleich im ersten Satz: “Im Gehirn von Menschen mit ADHS stehen Dopamin und Noradrenalin … nicht in ausreichender Menge zur Verfügung.” Wie passt das zusammen?</p> <h2 id="h-die-pra-adhs-ara">Die Prä-ADHS-Ära</h2> <p>Die ADHS-Diagnose, wie wir sie kennen, <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/30-jahre-aufmerksamkeitsstoerung-adhs/">gibt es erst seit 1980</a>. Frühere Bezeichnungen waren “minimaler Gehirnschaden” (engl. Minimal Brain Damage, MBD). In Reaktion auf die Beschwerden von Eltern schwächte man das in den 1960ern/1970ern ab zu “minimale Gehirndysfunktion” (engl. Minimal Brain Dysfunction, auch MBD). Ärzte, die ihre Patient*innen mit Latein beeindrucken wollten, sprachen auch von der “minimalen zerebralen Dysfunktion”. Wer hat auch nicht gelernt, dass <em>cerebrum</em> der lateinische Name fürs Hirn ist?</p> <p>Der Name “minimaler Gehirnschaden” entstand tatsächlich nach der schweren Pandemie (ca. 1918 bis 1920) am Ende des Ersten Weltkriegs. Viele starben damals an der sogenannten Spanischen Grippe. Manche überlebten nach einer schweren Gehirnentzündung, mitunter in einem gelähmten Zustand. Einige Kinder zeigten nach der Hirnentzündung Verhaltensauffälligkeiten.</p> <p>Deshalb kam man schließlich darauf, Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten auch ohne vorherige Gehirnerkrankung die MBD-Diagnose zu geben. Frei nach dem Motto: ähnliche Probleme, ähnliche Ursache. Eine verbreitete Alternativhypothese, dass es bei ihnen während der Geburt zu einem Sauerstoffdefizit gekommen war, ließ sich nicht bestätigen.</p> <p>So redet man bald 100 Jahre über MBD und, wie Quarks, ein ADHS-Gehirn. Doch man konnte nie zeigen, was im Gehirn dieser Kinder, Jugendlichen und heute auch immer mehr Erwachsenen anders sein soll. Man glaubt an das ADHS-Gehirn, doch finden kann man es nie. Wie kann das sein? Und wie kann man das “Wissenschaft” nennen?</p> <h2 id="h-symptome">Symptome</h2> <p>Wie bei allen anderen psychologisch-psychiatrischen Störungen, hat man es auch hier Symptomlisten zu tun. Diese beziehen sich in der Regel auf innere psychologische Vorgänge und äußeres Verhalten, manchmal auch körperliche Eigenschaften, zum Beispiel Gewichtsveränderungen bei Depressionen.</p> <p>Bei ADHS gibt es zwei Haupttypen, den eher unaufmerksamen und den eher hyperaktiven/impulsiven. Für beide zählt das diagnostische Handbuch DSM-5-TR von 2022 neun Symptome. Für eine Diagnose müssen mindestens sechs eines Typs vorliegen – und übrigens schon vor dem Alter von 12 Jahren, früher sieben Jahren vorgelegen haben. In einem wissenschaftlichen Aufsatz habe ich errechnet, dass es darum <a href="https://doi.org/10.3389/fpsyt.2022.943049">satte 116.220 nach DSM gültige Formen von ADHS gibt</a>.</p> <p>Trotzdem ist jeder Mensch mit ADHS-Diagnose wieder anders. Kann er am Morgen anders sein als am Abend. In den Ferien anders als während der Schulzeit. Tatsächlich bauen manche in der Ferienzeit die Medikamente ab. Das ist schon eine komische medizinische Krankheit, die sich an unsere Ferienzeiten hält!</p> <h2 id="h-kein-interesse">Kein Interesse?</h2> <p>Quarks informiert zu den (angeblichen) ADHS-Symptomen übrigens: “Es kann schwerfallen, fokussiert bei uninteressanten Aufgaben zu bleiben.”</p> <p>Das mit den “uninteressanten Aufgaben” ist äußerst interessant: Erstens steht das nämlich nicht bei den offiziellen Diagnosekriterien. Zweitens könnte man sich auch einmal fragen, ob das nicht völlig normal ist, dass man ohne Interesse schlechter aufpassen kann.</p> <p>Interessanterweise(!) gehört das von Quarks genannte Symptom zu einem anderen Störungsbild, das eine Lobby von Kinderpsychologen und -psychiatern seit einiger Zeit einführen will: Denken im Schneckentempo (engl. Sluggish Cognitive Tempo, SCT). Angeblich sollen 5 Prozent der Kinder daran leiden und dieselben Medikamente wie bei ADHS helfen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920.jpg 1764w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Ist diese Schnecke psychisch gestört – oder einfach nur langsamer als andere? (von <a href="https://pixabay.com/photos/snail-shell-invertebrate-sensor-6290772/">Nennieinszweidrei</a> / <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">PixaBay Lizenz</a>)</em></p> <p>Man merkte schließlich selbst, dass “Schneckentempodenken” kein guter Name ist, um eine Störung ins DSM zu bekommen. Dann könnte man viele neue Fachaufsätze publizieren und die Behandlung endlich bei den Krankenkassen abrechnen. So kam man später auf den Namen “Konzentrationsdefizitstörung” (engl. Concentration Deficit Disorder, CDD).</p> <p>Worin der Unterschied zwischen Aufmerksamkeits- und Konzentrationsdefizit bestehen soll, müsste man erst einmal erklären. Ursprünglich sollte es sich dabei um eine unerkannte, dritte Hauptform von ADHS handeln – eben unter anderem mit dem Symptom, bei uninteressanten Aufgaben schlechter aufzupassen.</p> <p>Doch inzwischen hat man sich auch davon wieder verabschiedet: Der Name des dritten Versuchs ist etwas schwerer zu übersetzen, vielleicht als “Syndrom kognitiver Distanzierung” (engl. Cognitive disengagement syndrome, CDS). Und anders als SCT oder CDD soll das keine ADHS-Variante mehr sein, sondern ein eigenes Störungsbild.</p> <h2 id="h-kurzschlusse">Kurzschlüsse</h2> <p>Folgen Sie mir noch? Sind Sie vielleicht uninteressiert? Haben Sie es schon mit Psychopharmaka probiert?</p> <p>Nein, bevor Sie medizinische Stimulanzien wie Amphetamin/Speed und Methylphenidat/Ritalin oder sogar Kokain nehmen – laut Professor Thomas Müller, Co-Präsident der Schweizerischen Fachgesellschaft für ADHS, kann eine positive Reaktion auf Kokain ein Hinweis auf ADHS sein –, klicken Sie lieber weiter.</p> <p>SCT, CDD oder CDS sind noch nicht im DSM. Vielleicht wird sich das mit dem DSM-6 ändern. Die Entscheidung treffen führende Psychiaterinnen und Psychiater, von denen die Mehrheit übrigens Gelder von der Pharmaindustrie bekommt – die wiederum daran verdient, wenn immer mehr Störungsbilder ins diagnostische Handbuch aufgenommen und so beschrieben werden, dass man die Symptome mit ihren Psychopharmaka beeinflussen kann.</p> <p>Auf der Quark(s)-Seite finden sich noch viel mehr Kurzschlüsse. Ein beliebter Fehler ist zum Beispiel eine Aussage wie: “So beeinflusst ADHS das Verhalten.”</p> <p>Nein, das ist ein Denkfehler: Ihr ADHS macht sie nicht unaufmerksam, genauso wenig wie ihre Depression sie traurig macht. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Bestimmte Formen von Unaufmerksamkeit beziehungsweise bestimmte Formen von Traurigkeit <em>nennen</em> wir heute ADHS oder Depression.</p> <p>Die allgemeinen Kriterien hierfür legen die genannten Fachleute fest. Im Einzelfall muss ein Arzt oder eine Therapeutin entscheiden, ob das individuelle Leiden oder die Probleme im Alltag groß genug sind, um eine psychologisch-psychiatrische Diagnose zu rechtfertigen. Das passiert in der subjektiven Abwägung – und ganz sicher nicht mit einem Blut-, Gen- oder Gehirntest.</p> <h2 id="h-verdinglichung">Verdinglichung</h2> <p>Sätze wie “mein ADHS macht mich unaufmerksam” machen aus der gerade beschriebenen <em>sprachlichen Konvention</em> medizinisch-psychologischer Fachleute <em>ein Ding</em> mit eigenen kausalen Kräften. Das grenz an Magie! In der Wissenschaft nennen wir das “Reifikation” (von lat. <em>res</em> = Ding) oder schlicht “Verdinglichung”.</p> <p>Manche erklären für sich und andere ihre Denk- und Verhaltensweisen anschließend damit, dass man das Wort in der medizinischen Akte mit ihnen verknüpft hat. Das ist zwar philosophisch und wissenschaftlich gesehen Unsinn, aus menschlicher Sicht aber nachvollziehbar: Denn im Bereich der Medizin entschuldigt man jemanden in der Regel für seine oder ihre (angeblichen) Mängel. Wenn nur das Problem der Stigmatisierung nicht wäre, dass manche Diagnosen gerade soziale Distanz erzeugen.</p> <p>Die Verdinglichung geht oft mit einem anderen Fehlschluss einher: Die diagnostischen Kategorien, die einen Zustand nur <em>beschreiben</em>, werden jetzt als dessen <em>Erklärung</em> herangezogen.</p> <h2 id="h-sprachliche-magie">Sprachliche Magie</h2> <p>Ein frappierendes Beispiel, das ich an dieser Stelle gerne zitiere, habe ich von meinem alten Bloggerkollegen Helmut Wicht gelernt, Biologe und früher Anatomiedozent an der Universität Frankfurt:</p> <p>Stellen Sie sich vor, Sie haben um die Lippen herum eine entzündete (gerötete) Haut. Deswegen gehen Sie zum Dermatologen. Dieser gibt Ihnen eine Salbe und die Diagnose “periorale Dermatitis”. Vielleicht denken Sie jetzt: “Wow, was für eine Fachkompetenz! Mein Dermatologe hat herausgefunden, dass ich eine <em>periorale Dermatitis</em> habe!”</p> <p>Dabei heißt “periorale Dermatitis” schlicht “Entzündung (-itis) der Haut (derma) um den Mund (oris) herum (peri)”. Sie haben also schlicht das gesagt bekommen, was Sie schon wussten: dass Sie eine Entzündung um den Mund herum haben, denn sonst wären Sie ja nicht zum Hautarzt gegangen.</p> <p>Warum der Arzt oder die Ärztin sich einer, nein sogar zweier – Latein und Altgriechisch werden hier vermischt – ausgestorbener Sprachen bedienen muss, um Ihnen zu erzählen, was Sie schon wussten, könnte man sich einmal überlegen. Wahrscheinlich wird so verschleiert, dass Ärztinnen und Ärzte auch nicht alles wissen. (Ein Prof in meiner Ausbildung: “Sage nie vor Patienten, dass du etwas nicht weißt!” Das machte ihn in meinen Augen nicht vertrauenswürdiger.)</p> <p>Und wofür früher solche Fremdsprachen verwendet wurden – in der Religion hat man die gläubigen Schäfchen damit auch lange Zeit beeindruckt, wenn nicht gar eingeschüchtert –, nimmt man heute gerne Abkürzungen: eben CDS, CDD, SCT, MBD oder ADHS.</p> <p>Klar, mein Kind hat SCT (alias Schneckentempodenken). Jetzt ergibt alles Sinn!</p> <h2 id="h-symptome-und-ursachen">Symptome und Ursachen</h2> <p>An dieser Stelle brodelt es in den Betroffenen mitunter. Sie sind wütend, fühlen sich nicht ernst genommen. Die philosophisch-wissenschaftliche Argumentation bedeute, dass man ihnen das Leid abspricht. Nein, das tut sie nicht!</p> <p>Ich weise nur auf den Prozess der <em>Umdeutung</em> hin: Ein Mensch leidet oder findet sich nicht so gut im Alltag zurecht. Oft genug verursacht Letzteres auch Ersteres: zum Beispiel, wenn andere einen für vergesslich halten und darum abwerten.</p> <p>Übrigens wurden auch homosexuelle Männer stark ausgegrenzt und nannten Psychiater das bis in die 1970er-Jahre eine Geistesstörung. Schlaue Leute hatten das ins DSM geschrieben, also musste es stimmen. Dann kam ein noch schlauerer Psychiater, Robert L. Spitzer (1932-2015), und wies seine Kollegen daraufhin, dass die Schwulen vor allem wegen der Ausgrenzung litten und nicht wegen ihrer sexuellen Vorlieben; und man bemerkte, dass der “objektive”, statistische Beweis für die angebliche Krankheit der Schwulen in Gefängnissen erhoben worden war, wo es Menschen allgemein schlechter geht.</p> <p>Ich bestreite auch nicht, dass die Hautsalbe vom Dermatologen oder die Stimulanzien vom Psychiater das Leiden lindern können. Mit der Wirkungsweise der Stimulanzien habe ich mich intensiv für die Gehirndoping-Debatte beschäftigt, siehe hier meine <a href="https://www.schleim.info/wordpress/de/2022/07/20/gratis-neuer-gehirndoping-bericht-erschienen/">Gratis-FAQ</a> als Ergebnis eines mehrjährigen Forschungsprojekts.</p> <p>Aber um den Kreis für ADHS zu schließen: Man macht uns, Eltern und Kindern, seit gut 100 Jahren weis, verhaltensauffällige Kinder hätten eine Gehirnstörung. Gefunden hat man sie nie. Währenddessen verbreitet eine Sendung wie Quark(s) suggestive Werbebildchen darüber, während sie selbst einräumt, dass man es nicht weiß.</p> <p>Warum redet man dann so, obwohl man weiß, dass es nicht stimmt?</p> <h2 id="h-individualisierung">Individualisierung</h2> <p>Ich gönne jedem seine Therapie und auch <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-32618-9">seine Medikamente</a>, wenn er/sie der Meinung ist, dass das mehr hilft als schadet. Ich will nur die falsche Magie aus dieser Diskussion haben.</p> <p>Denn mit dem nachweislich falschen Gen- und Gehirn-Sprech werden die Probleme ausschließlich im Individuum lokalisiert. Obwohl man es nicht in den vielen Patientinnen und Patienten nachweisen kann – die Gehirnscanner stehen doch bereit! –, soll es da an Dopamin oder Noradrenalin mangeln. Also wenn jemand etwas schüchtern ist und mit einem Glas Sekt sozialer wird, dann hatte er oder sie vorher einen Alkoholmangel?</p> <p>Dass das nicht nur Theorie ist, lässt sich zeigen, wenn ich auf den Fehler von Quarks mit dem fehlenden Interesse zurückkomme. Wann fehlt uns denn das Interesse? In der Regel dann, wenn wir etwas langweilig oder eintönig finden – oder auch dann, wenn wir ermüdet sind.</p> <p>Dann fällt es uns oft schwerer, uns für etwas zu motivieren. Ist es Zufall, dass stimulierende Substanzen wie Amphetamin, Methylphenidat oder Kokain die subjektive Energie, das Gefühl der Wachheit, die Motivation erhöhen? Und dass es Menschen damit leichter fällt, eintönige Aufgaben zu erledigen?</p> <p>Meine Forderung ist schlicht: nicht immer nur aufs Individuum zu schauen, sondern auch auf die Umgebung. Dann wird zum Beispiel ADHS nicht nur ein Thema der Psychiater, sondern auch von Psychologen, Pädagogen, Sozialarbeiten, Umweltmedizinern, der Gestaltung von Schulunterricht und Erziehung. Dann sucht man die Ursachen nicht nur im Einzelnen – und wir man nicht selten an anderen Orten fündig.</p> <h2 id="h-p-s-zur-gehirn-psychiatrie">P.S. Zur ‚Gehirn-Psychiatrie‘</h2> <p>Ja ja, ich weiß: Ich habe die Forschung nicht verstanden, obwohl ich in drei psychiatrischen Universitätskliniken gearbeitet und mit Verfahren der bildgebenden Hirnforschung meine kognitionswissenschaftlich Doktorarbeit abgeschlossen habe. Ich schwurble.</p> <p>Ich schwurble sogar so sehr, dass ich Bachelorstudierende der Psychologie im dritten Jahr mit etwas Anleitung einen der am häufigsten zitierten psychiatrischen Belege für die Behauptung, ADHS sei eine Gehirnstörung, analysieren ließ. Eine über tausendfach zitierte <a href="https://www.thelancet.com/journals/lanpsy/article/PIIS2215-0366(17)30049-4/abstract?ref=tomecontroldesusalud.com">Publikation</a> in <em>Lancet Psychiatry</em>. Über mehrere Jahre waren 100 Prozent meiner Studierenden in Gruppenarbeit dazu in der Lage, die grundlegenden Fehler dieser Behauptung herauszuarbeiten.</p> <p>Ja ja, ich weiß: Wir schwurbeln alle und jetzt verstecke ich mich sogar hinter meinen Bachelorstudierenden!</p> <p>Martine Hoogman von der Universitätsklinik in Nijmegen, die Erstautorin dieser Studie, wurde kürzlich für einen <a href="https://www.nytimes.com/2025/04/13/magazine/adhd-medication-treatment-research.html">ausführlichen Artikel zu ADHS</a> im <em>New York Times Magazine</em> befragt. Meiner Meinung nach waren ihre Gehirnfunde viel zu klein, um etwas über Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne ADHS-Diagnose aussagen zu können. Das sage ich seit bald zehn Jahren.</p> <p>Interessant, dass Hoogman, die die Botschaft “ADHS ist eine Gehirnstörung” in die Welt setzte, was massiv von den Medien verbreitet wurde, nun scheinbar ihre Meinung geändert hat:</p> <blockquote> <p>“Als ich Hoogman kürzlich per E-Mail interviewte, war ich überrascht zu erfahren, dass sie ihre Aussage im Nachhinein bereut. ‘Damals betonten wir die von uns festgestellten Unterschiede (wenn auch geringfügige), aber man kann auch schlussfolgern, dass das subkortikale und kortikale Volumen von Menschen mit und ohne ADHS nahezu identisch ist’, schrieb sie. Rückblickend fügte sie hinzu, es sei nicht angemessen gewesen, aus ihren Ergebnissen zu schließen, dass ADHS eine Hirnstörung sei.” (<em>New York Times Magazine</em>, 2025)</p> </blockquote> <p>Gehirnstörung oder nicht, andere Gehirne oder (nahezu) identisch – wo ist da der Unterschied? Man rühre im Quark und alles wird gleich.</p> <p>Tja, wer schwurbelt hier? Wer verfolgt damit seine finanziellen, Karriere- und Aufmerksamkeitsinteressen? Und wer wagt es, die herrschende Meinung zu kritisieren, und setzt sich damit Angriffen aus?</p> <h2 id="h-quark-s">Quark(s)</h2> <p>Um Missverständnisse zu vermeiden: Dass es Menschen mit – mehr oder weniger großen – Aufmerksamkeitsproblemen gibt, bestreitet niemand. Es geht darum, wie man – individuell und gesellschaftlich – damit umgehen soll.</p> <p>Welche Antwort bekommt man, wenn man eine anerkannte Wissenschaftsredaktion befragt? “Warum sind Betroffene oft hibbelig und unkonzentriert? Die Veränderungen im Gehirn wirken sich auf das Verhalten aus” (Quark). Nein, allgemeine Gehirnveränderungen wurden für ADHS nie nachgewiesen und sind auch im klinischen Einzelfall nicht belegt, weder bei der Diagnose noch in der Therapie. Dass Menschen auf psychoaktive Substanzen oder Verhaltenstherapie ansprechen, beweist nicht die Existenz eines Dings ADHS im Gehirn.</p> <p>Ich trete nur dafür ein, auch <em>die Umgebung</em> mitzudenken. In diesem Zusammenhang ist ein Quarks-Symptom für die hyperaktive Variante von ADHS interessant: “Es kann schwerfallen, auf Belohnungen zu warten.” Genau, zum Beispiel wenn Schulunterricht, wo sich die Symptome am häufigsten äußern, mit Social Media Apps konkurrieren, wo man permanent und endlos stimulierende Inhalte gezeigt bekommt.</p> <p>Es sei noch einmal daran erinnert, dass sowohl die ADHS-Diagnosen als auch Verschreibung stimulierender Psychopharmaka <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/">seit den 1990ern stark anstieg</a>, erst bei Kindern und Jugendlichen, dann auch zunehmend bei Erwachsenen. Ist es reiner Zufall, dass das mit der Digitalisierung der Gesellschaft einhergeht, wo die Konkurrenz um die Aufmerksamkeit immer größer wird?</p> <h2 id="h-neu-woruber-psychiater-ungern-sprechen">Neu: Worüber Psychiater ungern sprechen</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen, die Geschichte und Irrtümer der Psychiatrie und Alternativen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/illustrations/brain-mind-psychology-idea-drawing-2062057/">ElisaRiva</a> (modifiziert), <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/46b637f80507487cb00e88be7a02cbae" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-in-den-medien-was-laeuft-schief-beispiel-quarks/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>80</slash:comments> </item> <item> <title>Schlaganfall und Stammzellen https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/schlaganfall-und-stammzellen/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/schlaganfall-und-stammzellen/#comments Tue, 23 Dec 2025 15:24:50 +0000 Ruzica Sedic https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5457 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/csm_0828schlaganfall_2b59846098-768x329.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/schlaganfall-und-stammzellen/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/csm_0828schlaganfall_2b59846098.jpg" /><h1>Schlaganfall und Stammzellen » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Ruzica Sedic</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Sehstörungen, Sprach- und Sprachverständnisstörungen, Lähmungen und Taubheitsgefühle, Schwindel und Gangunsicherheit. So kann sich ein Schlaganfall ankündigen. Die Stammzelltherapie ist eine vielversprechende Behandlungsmöglichkeit, falls ein Schlaganfall eintritt. Doch was ist hierbei schon Realität und was Science Fiction?</p> <h3 id="h-was-ist-ein-schlaganfall">Was ist ein Schlaganfall?</h3> <p>Schlaganfälle sind die häufigste Ursache für Behinderungen weltweit und die zweithäufigste Todesursache [1, 2]. </p> <p>Ein Schlaganfall entsteht, wenn ein Teil des Gehirns plötzlich nicht mehr ausreichend mit Blut und Sauerstoff versorgt wird. Hierbei gibt es zwei Hauptformen: den Hirninfarkt, bei dem ein Gefäß im Gehirn durch ein Blutgerinnsel verschlossen wird (ischämischer Schlaganfall), und die Hirnblutung, bei der ein Gefäß im Gehirn platzt, sodass Blut in das umliegende Gewebe austritt (hämorrhagischer Schlaganfall) [3]. Obwohl hämorrhagische Schlaganfälle seltener sind als ischämische, gehen sie mit einer höheren Sterblichkeit einher [3].</p> <p>Die initiale Störung führt zum Tod der Nervenzellen und somit zu primären Hirnschäden [4]. Sekundäre Hirnschäden entstehen anschließend durch Entzündungen, oxidativen Stress und biochemische Kaskaden [5].</p> <p>Abhängig davon, in welchen Hirnarealen eine Störung vorliegt, können unterschiedliche Fähigkeiten beeinträchtigt sein.<aside></aside></p> <h3 id="h-entzundliches-milieu-nach-einem-schlaganfall">Entzündliches Milieu nach einem Schlaganfall</h3> <p>Nach einem Schlaganfall wird das Gehirn zu einem Hotspot der Immunaktivität. <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-stadtverwaltung-des-gehirns-die-gliazellen/">Mikroglia</a>, die Immunzellen des ZNS, werden innerhalb von Minuten aktiv, produzieren proinflammatorische Botenstoffe wie TNF, IL‑1bund IL‑6, was zu weiterem Nervenschaden führt [6, 7]. Weitere Entzündungskaskaden führen dazu, dass die Blut-Hirn-Schranke löchrig wird. Dadurch kann diese Barriere von peripheren Immunzellen durchdrungen werden [8].</p> <p>Auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-stadtverwaltung-des-gehirns-die-gliazellen/">Astrozyten</a>, die normalerweise die Stabilität der Blut-Hirn-Schranke stützen und neuronale Funktionen unterstützen, werden aktiv. Diese Reaktivität kann zur weiteren Ausschüttung proinflammatorischer Botenstoffe führen, was potenziell zur Entwicklung einer Glia-Narbe (“Glial Scar”) führen kann [9]. Eine solche Glia-Narbe kann sowohl physisch als auch molekular als Barriere wirken, was wiederum die Heilung behindern kann [10].</p> <p>Dieser Prozess ist ambivalent: Einerseits hilft er, Zelltrümmer abzuräumen und den Weg für Reparatur zu ebnen, andererseits kann überschießende oder zu lang anhaltende Entzündung den Schaden vergrößern und die Regeneration blockieren [11]. </p> <p>Parallel werden aber auch regulierende Mechanismen aktiviert, etwa regulatorische T‑Zellen, die versuchen, das immunologische Gleichgewicht wiederherzustellen [12].</p> <h3 id="h-aktuelle-therapien-fur-schlaganfalle">Aktuelle Therapien für Schlaganfälle</h3> <p>Die akute Behandlung zielt darauf ab, das betroffene Hirngewebe so schnell wie möglich wieder zu durchbluten oder weiteren Schaden zu verhindern.</p> <p>Bei ischämischen Schlaganfällen ist das wichtigste Ziel, das verschlossene Gefäß schnell wieder zu öffnen. Dafür stehen zwei bewährte Verfahren zur Verfügung:</p> <p>Intravenöse Thrombolyse: Innerhalb eines engen Zeitfensters von etwa 4,5 Stunden nach Symptombeginn wird ein Medikament verabreicht, um das Blutgerinnsel aufzulösen [13].</p> <p>Mechanische Thrombektomie: Hierbei wird das Gerinnsel über einen Katheter mechanisch aus dem Gefäß entfernt. Diese Methode ist besonders effektiv bei größeren Gefäßverschlüssen und kann in manchen Fällen bis zu 24 Stunden nach Symptombeginn sinnvoll sein [14].</p> <p>Beim hämorrhagischen Schlaganfall hingegen stehen die Blutstillung und Senkung des Hirndrucks im Vordergrund. In schweren Fällen kann ein chirurgischer Eingriff erforderlich sein, um das Blutgerinnsel zu entfernen oder das Gefäß zu stabilisieren [15].</p> <p>In der Rehabilitationsphase liegt der Fokus dann auf der Funktionserholung und der Neurorehabilitation. Ziel ist, durch gezieltes Training, Physiotherapie und Ergotherapie verlorene Fähigkeiten wiederzuerlangen oder zu kompensieren.</p> <h3 id="h-was-sind-stammzellen">Was sind Stammzellen?</h3> <p>Stammzellen sind besondere Zellen, die sich durch zwei zentrale Eigenschaften auszeichnen: Sie können sich selbst erneuern und sich in verschiedene Zelltypen differenzieren [16]. Je nach Ursprungsgewebe und Potenzial unterscheidet man verschiedene Arten von Stammzellen.</p> <p>Neuralstammzellen (NSCs) sind im zentralen Nervensystem zu finden. Sie können sich in die <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-stadtverwaltung-des-gehirns-die-gliazellen/">Hauptzelltypen des Gehirns</a> differenzieren: Neuronen, Astrozyten und Oligodendrozyten [17]. Beim <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/wachsendes-gehirn-adulte-neurogenese/">Erwachsenen</a> finden sich NSCs vor allem in bestimmten Regionen wie der subventrikulären Zone (SVZ) und dem Gyrus dentatus des Hippocampus [18, 19]. </p> <p>Mesenchymale Stammzellen (MSCs) können zum Beispiel aus Knochenmark [20] oder Fettgewebe [21] gewonnen werden. Sie haben nur begrenzte Fähigkeit, sich in Nervenzellen umzuwandeln (Multipotenz), wirken jedoch auf andere Weise therapeutisch: Sie setzen Wachstumsfaktoren und Zytokine frei, die Entzündungen reduzieren, die Immunantwort modulieren und die Mikro-Umgebung im geschädigten Gewebe verbessern. So schaffen sie indirekt Bedingungen, die die Regeneration unterstützen [22, 23, 24, 25]. </p> <p>Neben adulten Stammzelltypen gibt es auch embryonale Stammzellen (ESCs) und induzierte pluripotente Stammzellen (iPSCs). ESCs stammen aus sehr frühen Embryonalstadien und können sich in nahezu alle Zelltypen des Körpers entwickeln (Pluripotenz) [26]. iPSCs dagegen werden durch Reprogrammierung ausgereifter Körperzellen, zum Beispiel Hautzellen, gewonnen [27].</p> <h3 id="h-wie-wirkt-stammzelltherapie">Wie wirkt Stammzelltherapie?</h3> <p>Stammzelltherapie ist ein vielversprechender Ansatz, um fortschreitende Schäden zu begrenzen, aber auch um Gewebereparatur anzuregen. Stammzellen können Reparaturprozesse anstoßen, die Migration körpereigener Zellen in geschädigte Hirnareale fördern und das Mikromilieu nach einem Schlaganfall entscheidend beeinflussen.</p> <p>Besonders intensiv untersucht werden dabei neuronale Stammzellen (NSCs) und mesenchymale Stammzellen (MSCs). Beide zeigen auf unterschiedliche Weise ihr therapeutisches Potenzial: </p> <p>NSCs können sich in Neuronen und Gliazellen differenzieren und so direkt zur Regeneration beitragen, können aber auch Inflammation modulieren und die Bildung neuer Blutgefäße aus bestehenden Gefäßen (Angiogenese) anregen [28]. </p> <p>MSCs haben die Fähigkeit, Zelltod zu reduzieren, die Bildung neuer Synapsen (Synaptogenese) und Blutgefäße (Angiogenese) zu fördern und über Freisetzung entzündungshemmender Signalmoleküle das geschädigte Nervengewebe zu schützen [29].</p> <p>Ein zentrales Thema aktueller Studien ist die Wechselwirkung zwischen Stammzellen und der postischämischen Entzündungsumgebung. Nach einem Schlaganfall wird die Blut-Hirn-Schranke durchlässiger, sodass Stammzellen in Kontakt mit dem entzündlichen Milieu im und um das beschädigte Areal treten können. Hier entfalten sie Effekte, die weit über reinen Zellersatz hinausgehen [30, 31].</p> <h3 id="h-was-zeigen-tiermodelle">Was zeigen Tiermodelle?</h3> <p>In Tiermodellen konnte nachgewiesen werden, dass die Transplantation verschiedener Stammzelltypen (MSCs, NSCs und iPSCs) die neuronale Reparatur nach einem Schlaganfall verbessern kann. </p> <p>Studien haben beispielsweise gezeigt, dass die Transplantation von MSCs Gewebeschäden verringern, die Entzündung regulieren und das Wachstum neuer Nervenzellen und Blutgefäße anregen kann [32]. </p> <p>Eingesetzte NSCs können sich in Richtung der verletzten Region bewegen, sich zu Nervenzellen differenzieren und zur Wiederherstellung der Funktion beitragen [33].</p> <p>Auch die Art und das Timing der Verabreichung spielen eine Rolle: Intravenöse oder intraarterielle Gaben sind weniger invasiv und führen dennoch dazu, dass Verletzungen reduziert werden können [34, 35].</p> <h3 id="h-was-ist-klinisch-schon-realitat">Was ist klinisch schon Realität?</h3> <p>In den letzten Jahren wurden zahlreiche frühe klinische Studien durchgeführt, die unterschiedliche Stammzelltypen, Dosierungen und Zeitpunkte nach Schlaganfall getestet haben. </p> <p>In der Phase-II-Studie MASTERS (Multistem in acute stroke treatment to enhance recovery), in der intravenös multipotente Progenitorzellen verabreicht wurden, zeigte sich eine signifikante Immunregulation: Die behandelten Patienten wiesen am 7. Tag reduzierte CD3+-T-Zellen auf als die Placebo-Gruppe. Spezialisierte T-Zellen, auch T-Lymphozyten genannt, werden als CD3+-T-Zellen bezeichnet. Diese Gruppe von Blutzellen entsteht im Knochenmark und dient der Immunabwehr. Zudem wurde ein reduzierter Serumspiegel mit proinflammatorischen Zytokinen beobachtet. Dies deutet auf eine systemische entzündungshemmende Wirkung hin. Gleichzeitig konnte in der Studie keine globale Verbesserung der Schlaganfallsymptome, gemessen anhand von Faktoren wie Bewusstsein, Gesichtslähmung, motorischer Arm-/Beinfunktion, Sprache usw., festgestellt werden [36].</p> <p>Demgegenüber berichteten zwei frühe Phase-I-Studien an Patienten mit akutem ischämischem Schlaganfall, in denen entweder intravenös humane Nabelschnurzellen [37] oder allogene humane Amnionepithelzellen (Zellen der innersten Eihaut) [38] verabreicht wurden, von keinen Zytokinveränderungen. Allerdings fehlten beiden Studien Placebokontrollen und es gab methodische Einschränkungen, die eine robuste Immunbewertung verhinderten.</p> <h3 id="h-herausforderungen-auf-dem-weg-in-die-routine">Herausforderungen auf dem Weg in die Routine</h3> <p>Wenn Stammzelltherapie eines derzeit noch nicht ist, dann ist es ein Standardbaustein der Schlaganfallversorgung. Dafür gibt es mehrere Gründe: Es gibt keinen Konsens über die optimale Zellquelle, Dosis, das beste Zeitfenster und den idealen Applikationsweg – und Patienten mit Schlaganfall sind extrem heterogen, was Alter, Komorbiditäten und Ausmaß der Schädigung angeht. </p> <p>Eine Herausforderung ist das begrenzte Überleben und Einwachsen transplantierter Zellen im ischämischen Gehirn [39]. Eine weitere Herausforderung ist das Potenzial für Off-Target-Effekte oder z.B. Tumorentstehung und Schlaganfall-assoziierte Infektionen [40]. </p> <p>Mögliche zukünftige Entwicklungen in der Stammzelltherapie umfassen die Verwendung von Biomaterialien und Ansätzen des Tissue Engineering, um eine unterstützende Mikroumgebung für transplantierte Zellen zu schaffen und deren Überleben und Differenzierung zu verbessern [41].</p> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ol> <li>Tsao, C. W., Aday, A. W., Almarzooq, Z. I., Anderson, C. A. M., Arora, P., Avery, C. L., Baker-Smith, C. M., Beaton, A. Z., Boehme, A. K., Buxton, A. E., Commodore-Mensah, Y., Elkind, M. S. V., Evenson, K. R., Eze-Nliam, C., Fugar, S., Generoso, G., Heard, D. G., Hiremath, S., Ho, J. E., Kalani, R., Kazi, D. S., Ko, D., Levine, D. A., Liu, J., Ma, J., Magnani, J. W., Michos, E. D., Mussolino, M. E., Navaneethan, S. D., Parikh, N. I., Poudel, R., Rezk-Hanna, M., Roth, G. A., Shah, N. S., St-Onge, M.-P., Thacker, E. L., Virani, S. S., Voeks, J. H., Wang, N. Y., Wong, N. D., Wong, S. 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Außerdem fasziniert mich, wie unser Gehirn im Alltag funktioniert und welche unglaublichen Leistungen es vollbringt - oft ohne dass wir es bewusst wahrnehmen.</p> </div> </div> </article> <section> <div> <aside id="block-3"> <p>HIRN UND WEG ist der Neuroblog der <a href="https://www.ghst.de"><strong><mark>Gemeinnützigen Hertie-Stiftung</mark></strong></a> , der die Bandbreite und Facetten eines der faszinierendsten Organe zeigen, Erkenntnisse aus Wissenschaft einfach und gut erklären und geistreich und unterhaltsam begeistern möchte. Neben der Informationsvermittlung gehören die Förderung von Exzellenz und die Schaffung von Strukturen in den Neurowissenschaften zu den Zielen des Programmbereichs "Gehirn erforschen" der Stiftung. </p> </aside><aside id="block-2"> <figure><a href="https://www.ghst.de/"><img alt="" decoding="async" height="178" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-300x52.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-768x134.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1536x267.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1000x174.jpg 1000w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px.jpg 2000w" width="1024"></img></a><figcaption><a href="https://www.ghst.de/"><em>https://www.ghst.de/</em></a></figcaption></figure> </aside> </div> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-9"><div><p>&#xD; Die <a href="https://www.ghst.de/">Gemeinnützige Hertie-Stiftung </a>konzentriert sich auf die zwei Leitthemen „Gehirn erforschen“ und „Demokratie stärken“. Die Projekte der Stiftung setzen modellhafte Impulse innerhalb dieser Themen. &#xD; Ihr neu eingerichteter Neuroblog leistet einen Beitrag zur Förderung von Wissenschaftskommunikation und zum besseren Verständnis des Gehirns, seiner Funktionsweise und seiner Erkrankungen.&#xD; </p>&#xD; <p><a href="http://www.scilogs.de/kosmo//hirn-und-weg/impressum/">Impressum Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>&#xD; </p></div></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/csm_0828schlaganfall_2b59846098.jpg" /><h1>Schlaganfall und Stammzellen » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Ruzica Sedic</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Sehstörungen, Sprach- und Sprachverständnisstörungen, Lähmungen und Taubheitsgefühle, Schwindel und Gangunsicherheit. So kann sich ein Schlaganfall ankündigen. Die Stammzelltherapie ist eine vielversprechende Behandlungsmöglichkeit, falls ein Schlaganfall eintritt. Doch was ist hierbei schon Realität und was Science Fiction?</p> <h3 id="h-was-ist-ein-schlaganfall">Was ist ein Schlaganfall?</h3> <p>Schlaganfälle sind die häufigste Ursache für Behinderungen weltweit und die zweithäufigste Todesursache [1, 2]. </p> <p>Ein Schlaganfall entsteht, wenn ein Teil des Gehirns plötzlich nicht mehr ausreichend mit Blut und Sauerstoff versorgt wird. Hierbei gibt es zwei Hauptformen: den Hirninfarkt, bei dem ein Gefäß im Gehirn durch ein Blutgerinnsel verschlossen wird (ischämischer Schlaganfall), und die Hirnblutung, bei der ein Gefäß im Gehirn platzt, sodass Blut in das umliegende Gewebe austritt (hämorrhagischer Schlaganfall) [3]. Obwohl hämorrhagische Schlaganfälle seltener sind als ischämische, gehen sie mit einer höheren Sterblichkeit einher [3].</p> <p>Die initiale Störung führt zum Tod der Nervenzellen und somit zu primären Hirnschäden [4]. Sekundäre Hirnschäden entstehen anschließend durch Entzündungen, oxidativen Stress und biochemische Kaskaden [5].</p> <p>Abhängig davon, in welchen Hirnarealen eine Störung vorliegt, können unterschiedliche Fähigkeiten beeinträchtigt sein.<aside></aside></p> <h3 id="h-entzundliches-milieu-nach-einem-schlaganfall">Entzündliches Milieu nach einem Schlaganfall</h3> <p>Nach einem Schlaganfall wird das Gehirn zu einem Hotspot der Immunaktivität. <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-stadtverwaltung-des-gehirns-die-gliazellen/">Mikroglia</a>, die Immunzellen des ZNS, werden innerhalb von Minuten aktiv, produzieren proinflammatorische Botenstoffe wie TNF, IL‑1bund IL‑6, was zu weiterem Nervenschaden führt [6, 7]. Weitere Entzündungskaskaden führen dazu, dass die Blut-Hirn-Schranke löchrig wird. Dadurch kann diese Barriere von peripheren Immunzellen durchdrungen werden [8].</p> <p>Auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-stadtverwaltung-des-gehirns-die-gliazellen/">Astrozyten</a>, die normalerweise die Stabilität der Blut-Hirn-Schranke stützen und neuronale Funktionen unterstützen, werden aktiv. Diese Reaktivität kann zur weiteren Ausschüttung proinflammatorischer Botenstoffe führen, was potenziell zur Entwicklung einer Glia-Narbe (“Glial Scar”) führen kann [9]. Eine solche Glia-Narbe kann sowohl physisch als auch molekular als Barriere wirken, was wiederum die Heilung behindern kann [10].</p> <p>Dieser Prozess ist ambivalent: Einerseits hilft er, Zelltrümmer abzuräumen und den Weg für Reparatur zu ebnen, andererseits kann überschießende oder zu lang anhaltende Entzündung den Schaden vergrößern und die Regeneration blockieren [11]. </p> <p>Parallel werden aber auch regulierende Mechanismen aktiviert, etwa regulatorische T‑Zellen, die versuchen, das immunologische Gleichgewicht wiederherzustellen [12].</p> <h3 id="h-aktuelle-therapien-fur-schlaganfalle">Aktuelle Therapien für Schlaganfälle</h3> <p>Die akute Behandlung zielt darauf ab, das betroffene Hirngewebe so schnell wie möglich wieder zu durchbluten oder weiteren Schaden zu verhindern.</p> <p>Bei ischämischen Schlaganfällen ist das wichtigste Ziel, das verschlossene Gefäß schnell wieder zu öffnen. Dafür stehen zwei bewährte Verfahren zur Verfügung:</p> <p>Intravenöse Thrombolyse: Innerhalb eines engen Zeitfensters von etwa 4,5 Stunden nach Symptombeginn wird ein Medikament verabreicht, um das Blutgerinnsel aufzulösen [13].</p> <p>Mechanische Thrombektomie: Hierbei wird das Gerinnsel über einen Katheter mechanisch aus dem Gefäß entfernt. Diese Methode ist besonders effektiv bei größeren Gefäßverschlüssen und kann in manchen Fällen bis zu 24 Stunden nach Symptombeginn sinnvoll sein [14].</p> <p>Beim hämorrhagischen Schlaganfall hingegen stehen die Blutstillung und Senkung des Hirndrucks im Vordergrund. In schweren Fällen kann ein chirurgischer Eingriff erforderlich sein, um das Blutgerinnsel zu entfernen oder das Gefäß zu stabilisieren [15].</p> <p>In der Rehabilitationsphase liegt der Fokus dann auf der Funktionserholung und der Neurorehabilitation. Ziel ist, durch gezieltes Training, Physiotherapie und Ergotherapie verlorene Fähigkeiten wiederzuerlangen oder zu kompensieren.</p> <h3 id="h-was-sind-stammzellen">Was sind Stammzellen?</h3> <p>Stammzellen sind besondere Zellen, die sich durch zwei zentrale Eigenschaften auszeichnen: Sie können sich selbst erneuern und sich in verschiedene Zelltypen differenzieren [16]. Je nach Ursprungsgewebe und Potenzial unterscheidet man verschiedene Arten von Stammzellen.</p> <p>Neuralstammzellen (NSCs) sind im zentralen Nervensystem zu finden. Sie können sich in die <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-stadtverwaltung-des-gehirns-die-gliazellen/">Hauptzelltypen des Gehirns</a> differenzieren: Neuronen, Astrozyten und Oligodendrozyten [17]. Beim <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/wachsendes-gehirn-adulte-neurogenese/">Erwachsenen</a> finden sich NSCs vor allem in bestimmten Regionen wie der subventrikulären Zone (SVZ) und dem Gyrus dentatus des Hippocampus [18, 19]. </p> <p>Mesenchymale Stammzellen (MSCs) können zum Beispiel aus Knochenmark [20] oder Fettgewebe [21] gewonnen werden. Sie haben nur begrenzte Fähigkeit, sich in Nervenzellen umzuwandeln (Multipotenz), wirken jedoch auf andere Weise therapeutisch: Sie setzen Wachstumsfaktoren und Zytokine frei, die Entzündungen reduzieren, die Immunantwort modulieren und die Mikro-Umgebung im geschädigten Gewebe verbessern. So schaffen sie indirekt Bedingungen, die die Regeneration unterstützen [22, 23, 24, 25]. </p> <p>Neben adulten Stammzelltypen gibt es auch embryonale Stammzellen (ESCs) und induzierte pluripotente Stammzellen (iPSCs). ESCs stammen aus sehr frühen Embryonalstadien und können sich in nahezu alle Zelltypen des Körpers entwickeln (Pluripotenz) [26]. iPSCs dagegen werden durch Reprogrammierung ausgereifter Körperzellen, zum Beispiel Hautzellen, gewonnen [27].</p> <h3 id="h-wie-wirkt-stammzelltherapie">Wie wirkt Stammzelltherapie?</h3> <p>Stammzelltherapie ist ein vielversprechender Ansatz, um fortschreitende Schäden zu begrenzen, aber auch um Gewebereparatur anzuregen. Stammzellen können Reparaturprozesse anstoßen, die Migration körpereigener Zellen in geschädigte Hirnareale fördern und das Mikromilieu nach einem Schlaganfall entscheidend beeinflussen.</p> <p>Besonders intensiv untersucht werden dabei neuronale Stammzellen (NSCs) und mesenchymale Stammzellen (MSCs). Beide zeigen auf unterschiedliche Weise ihr therapeutisches Potenzial: </p> <p>NSCs können sich in Neuronen und Gliazellen differenzieren und so direkt zur Regeneration beitragen, können aber auch Inflammation modulieren und die Bildung neuer Blutgefäße aus bestehenden Gefäßen (Angiogenese) anregen [28]. </p> <p>MSCs haben die Fähigkeit, Zelltod zu reduzieren, die Bildung neuer Synapsen (Synaptogenese) und Blutgefäße (Angiogenese) zu fördern und über Freisetzung entzündungshemmender Signalmoleküle das geschädigte Nervengewebe zu schützen [29].</p> <p>Ein zentrales Thema aktueller Studien ist die Wechselwirkung zwischen Stammzellen und der postischämischen Entzündungsumgebung. Nach einem Schlaganfall wird die Blut-Hirn-Schranke durchlässiger, sodass Stammzellen in Kontakt mit dem entzündlichen Milieu im und um das beschädigte Areal treten können. Hier entfalten sie Effekte, die weit über reinen Zellersatz hinausgehen [30, 31].</p> <h3 id="h-was-zeigen-tiermodelle">Was zeigen Tiermodelle?</h3> <p>In Tiermodellen konnte nachgewiesen werden, dass die Transplantation verschiedener Stammzelltypen (MSCs, NSCs und iPSCs) die neuronale Reparatur nach einem Schlaganfall verbessern kann. </p> <p>Studien haben beispielsweise gezeigt, dass die Transplantation von MSCs Gewebeschäden verringern, die Entzündung regulieren und das Wachstum neuer Nervenzellen und Blutgefäße anregen kann [32]. </p> <p>Eingesetzte NSCs können sich in Richtung der verletzten Region bewegen, sich zu Nervenzellen differenzieren und zur Wiederherstellung der Funktion beitragen [33].</p> <p>Auch die Art und das Timing der Verabreichung spielen eine Rolle: Intravenöse oder intraarterielle Gaben sind weniger invasiv und führen dennoch dazu, dass Verletzungen reduziert werden können [34, 35].</p> <h3 id="h-was-ist-klinisch-schon-realitat">Was ist klinisch schon Realität?</h3> <p>In den letzten Jahren wurden zahlreiche frühe klinische Studien durchgeführt, die unterschiedliche Stammzelltypen, Dosierungen und Zeitpunkte nach Schlaganfall getestet haben. </p> <p>In der Phase-II-Studie MASTERS (Multistem in acute stroke treatment to enhance recovery), in der intravenös multipotente Progenitorzellen verabreicht wurden, zeigte sich eine signifikante Immunregulation: Die behandelten Patienten wiesen am 7. Tag reduzierte CD3+-T-Zellen auf als die Placebo-Gruppe. Spezialisierte T-Zellen, auch T-Lymphozyten genannt, werden als CD3+-T-Zellen bezeichnet. Diese Gruppe von Blutzellen entsteht im Knochenmark und dient der Immunabwehr. Zudem wurde ein reduzierter Serumspiegel mit proinflammatorischen Zytokinen beobachtet. Dies deutet auf eine systemische entzündungshemmende Wirkung hin. Gleichzeitig konnte in der Studie keine globale Verbesserung der Schlaganfallsymptome, gemessen anhand von Faktoren wie Bewusstsein, Gesichtslähmung, motorischer Arm-/Beinfunktion, Sprache usw., festgestellt werden [36].</p> <p>Demgegenüber berichteten zwei frühe Phase-I-Studien an Patienten mit akutem ischämischem Schlaganfall, in denen entweder intravenös humane Nabelschnurzellen [37] oder allogene humane Amnionepithelzellen (Zellen der innersten Eihaut) [38] verabreicht wurden, von keinen Zytokinveränderungen. Allerdings fehlten beiden Studien Placebokontrollen und es gab methodische Einschränkungen, die eine robuste Immunbewertung verhinderten.</p> <h3 id="h-herausforderungen-auf-dem-weg-in-die-routine">Herausforderungen auf dem Weg in die Routine</h3> <p>Wenn Stammzelltherapie eines derzeit noch nicht ist, dann ist es ein Standardbaustein der Schlaganfallversorgung. Dafür gibt es mehrere Gründe: Es gibt keinen Konsens über die optimale Zellquelle, Dosis, das beste Zeitfenster und den idealen Applikationsweg – und Patienten mit Schlaganfall sind extrem heterogen, was Alter, Komorbiditäten und Ausmaß der Schädigung angeht. </p> <p>Eine Herausforderung ist das begrenzte Überleben und Einwachsen transplantierter Zellen im ischämischen Gehirn [39]. Eine weitere Herausforderung ist das Potenzial für Off-Target-Effekte oder z.B. Tumorentstehung und Schlaganfall-assoziierte Infektionen [40]. </p> <p>Mögliche zukünftige Entwicklungen in der Stammzelltherapie umfassen die Verwendung von Biomaterialien und Ansätzen des Tissue Engineering, um eine unterstützende Mikroumgebung für transplantierte Zellen zu schaffen und deren Überleben und Differenzierung zu verbessern [41].</p> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ol> <li>Tsao, C. W., Aday, A. W., Almarzooq, Z. I., Anderson, C. A. M., Arora, P., Avery, C. L., Baker-Smith, C. M., Beaton, A. Z., Boehme, A. K., Buxton, A. E., Commodore-Mensah, Y., Elkind, M. S. V., Evenson, K. R., Eze-Nliam, C., Fugar, S., Generoso, G., Heard, D. G., Hiremath, S., Ho, J. E., Kalani, R., Kazi, D. S., Ko, D., Levine, D. A., Liu, J., Ma, J., Magnani, J. W., Michos, E. D., Mussolino, M. E., Navaneethan, S. D., Parikh, N. I., Poudel, R., Rezk-Hanna, M., Roth, G. A., Shah, N. S., St-Onge, M.-P., Thacker, E. L., Virani, S. S., Voeks, J. H., Wang, N. Y., Wong, N. D., Wong, S. 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Umbilical mesenchymal stem cells mitigate T-cell compartments shift and Th17/Treg imbalance in acute ischemic stroke via mitochondrial transfer. Stem Cell Research &amp; Therapy, 16(1), Article 134. https://doi.org/10.1186/s13287-025-04224-6</li> <li>Phan, T. G., Lim, R., Chan, S. T., McDonald, H., Gan, P.-Y., Zhang, S. R., Barreto Arce, L. J., Vuong, J., Thirugnanachandran, T., Clissold, B., Ly, J., Singhal, S., Hervet, M. V., Kim, H. A., Drummond, G. R., Wallace, E. M., Ma, H., &amp; Sobey, C. G. (2023). Erratum: Phase I trial outcome of amnion cell therapy in patients with ischemic stroke (I-ACT). Frontiers in Neuroscience, 17, Article 1237920. <a href="https://doi.org/10.3389/fnins.2023.1237920">https://doi.org/10.3389/fnins.2023.1237920</a></li> <li>Zera, K. A., &amp; Buckwalter, M. S. (2020). The local and peripheral immune responses to stroke: Implications for therapeutic development. 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Springer.</li> </ol> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Ruzica-1-200x200.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Ruzica-1-400x400.jpg 2x" width="200"></img> <p>Mein Name ist Ruzica Sedic und ich studiere Neurowissenschaften im Master an der Universität Düsseldorf. Während meiner Ausbildung zur biotechnologischen Assistentin und meinem Bachelor in Biologie habe ich meine Liebe zur Zellbiologie entdeckt. Deshalb finde ich den Zusammenhang zwischen zellulären Prozessen und neurologischen Phänomenen besonders spannend. Außerdem fasziniert mich, wie unser Gehirn im Alltag funktioniert und welche unglaublichen Leistungen es vollbringt - oft ohne dass wir es bewusst wahrnehmen.</p> </div> </div> </article> <section> <div> <aside id="block-3"> <p>HIRN UND WEG ist der Neuroblog der <a href="https://www.ghst.de"><strong><mark>Gemeinnützigen Hertie-Stiftung</mark></strong></a> , der die Bandbreite und Facetten eines der faszinierendsten Organe zeigen, Erkenntnisse aus Wissenschaft einfach und gut erklären und geistreich und unterhaltsam begeistern möchte. Neben der Informationsvermittlung gehören die Förderung von Exzellenz und die Schaffung von Strukturen in den Neurowissenschaften zu den Zielen des Programmbereichs "Gehirn erforschen" der Stiftung. </p> </aside><aside id="block-2"> <figure><a href="https://www.ghst.de/"><img alt="" decoding="async" height="178" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-300x52.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-768x134.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1536x267.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1000x174.jpg 1000w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px.jpg 2000w" width="1024"></img></a><figcaption><a href="https://www.ghst.de/"><em>https://www.ghst.de/</em></a></figcaption></figure> </aside> </div> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-9"><div><p>&#xD; Die <a href="https://www.ghst.de/">Gemeinnützige Hertie-Stiftung </a>konzentriert sich auf die zwei Leitthemen „Gehirn erforschen“ und „Demokratie stärken“. Die Projekte der Stiftung setzen modellhafte Impulse innerhalb dieser Themen. &#xD; Ihr neu eingerichteter Neuroblog leistet einen Beitrag zur Förderung von Wissenschaftskommunikation und zum besseren Verständnis des Gehirns, seiner Funktionsweise und seiner Erkrankungen.&#xD; </p>&#xD; <p><a href="http://www.scilogs.de/kosmo//hirn-und-weg/impressum/">Impressum Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>&#xD; </p></div></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/schlaganfall-und-stammzellen/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>Blume & Ince 48: Weihnachtsfolge mit dem Petrodollar-Rentier & dem Weihnachtsmann https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-48-weihnachtsfolge-mit-dem-petrodollar-rentier-dem-weihnachtsmann/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-48-weihnachtsfolge-mit-dem-petrodollar-rentier-dem-weihnachtsmann/#comments Mon, 22 Dec 2025 23:02:11 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=10858 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce48WeihnachtsfolgeRentierStaatsTheorieFriedensenergien-768x462.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-48-weihnachtsfolge-mit-dem-petrodollar-rentier-dem-weihnachtsmann/</link> </image> <description type="html"><h1>Blume & Ince 48: Weihnachtsfolge mit dem Rentierstaats-Rentier</h1><h2>By Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Ob wir vor Weihnachten noch <a href="https://blumeundince.podigee.io/51-folge-48-weihnachten-zwischen-rentieren-und-rentierstaats-frieden">eine Weihnachtsfolge 2025 von <em>“Blume &amp; Ince”</em> (Pod- &amp; Vodcast)</a> schaffen würden, war uns nicht klar. Doch dann <a href="https://www.youtube.com/watch?v=F1nITBjZUAM">entdeckte BWL-Prof. Dr. Inan Ince im Video zur <strong><em>“Solarpunk-Frieden-These”</em></strong> das knuffige <strong>Petrodollar-Rentierstaatstheorie-Rentier</strong></a> – und das Thema war gesetzt!</p> <p><img alt="" decoding="async" height="684" sizes="(max-width: 868px) 100vw, 868px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/RentierstaatstheorieRentierBlumeInce2025.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/RentierstaatstheorieRentierBlumeInce2025.jpg 868w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/RentierstaatstheorieRentierBlumeInce2025-300x236.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/RentierstaatstheorieRentierBlumeInce2025-768x605.jpg 768w" width="868"></img></p> <p><em>Links sehen wir ein Comic-artig gezeichnetes, an einem Dollarsack stehendes Rentier mit Krone, daneben rechts die “Ressourcenfluch”-Theorie anhand eines auslaufenden Fasses und eines verdorrten Baumes. Grafik: <a href="https://www.youtube.com/watch?v=F1nITBjZUAM">Michael Blume mit NotebookLM</a></em></p> <p>Schon im September 2023 hatten wir gefragt, warum <a href="https://blumeundince.podigee.io/6-ressourcenfluch-rentierstaatstheorie">die Rentierstaatstheorie der Politikwissenschaft und der Ressourcenfluch der Volkswirtschaftslehre im deutschsprachigen Raum so wenig bekannt</a> geworden sind. Inzwischen setzt sich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/energieglauben-und-solarpunk-solarboom-in-china-pakistan/">der <strong>Solarboom</strong> aber aufgrund seiner Wirtschaftlichkeit vor allem außerhalb von Europa wie etwa in <strong>China,</strong> P<strong>akistan</strong> und <strong>Sierra</strong> Leone rasant durch</a>!</p> <p>Nun also konnten wir gemeinsam nicht nur darüber aufklären, sondern auch darlegen, wer der Weihnachtsmann war und wie er zu seinen Rentieren kam. Der <a href="https://www.poetryfoundation.org/poems/43171/a-visit-from-st-nicholas">Prof. las sogar das dazu grundlegende Gedicht <em><strong>“A Visit from St. Nicholas” </strong></em>(1822) von <strong>Clement Clarke Moore </strong>(1779 – 1863) live!</a><aside></aside></p> <p>Das <a href="https://www.youtube.com/watch?v=F1nITBjZUAM">ganze Video basiert auf meinem Redeskript zum <strong>11. September</strong> 2025 bei Balkonsolar in <strong>Freiburg</strong> und thematisiert also auch erneuerbare Friedensenergien</a> und die Überwindung der fossilen Gewaltenergien.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=F1nITBjZUAM" rel="noopener" target="_blank"><img alt="In der Einstiegskachel von &quot;Blume &amp; Ince&quot; 48 mit dem Titel &quot;Weihnachten zwischen Rentieren und Rentierstaats-Frieden&quot; trägt Dr. Michael Blume links einen doppelten Weihnachtsmann auf dem Kopf, Prof. Dr. Inan Ince rechts das Geweih eines Rentieres." decoding="async" height="774" sizes="(max-width: 1287px) 100vw, 1287px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce48WeihnachtsfolgeRentierStaatsTheorieFriedensenergien.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce48WeihnachtsfolgeRentierStaatsTheorieFriedensenergien.jpg 1287w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce48WeihnachtsfolgeRentierStaatsTheorieFriedensenergien-300x180.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce48WeihnachtsfolgeRentierStaatsTheorieFriedensenergien-1024x616.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce48WeihnachtsfolgeRentierStaatsTheorieFriedensenergien-768x462.jpg 768w" width="1287"></img></a></p> <p><em><a href="https://www.youtube.com/watch?v=F1nITBjZUAM">Die Solarpunk-These: Fossile Gewaltenergien versus erneuerbare Friedensenergien.</a> Grafik: Prof. Dr. Inan Ince</em></p> <p>Mir war dabei wichtig, dass ich mir bei der Anwendung von KIen ausdrücklich auch hier auf dem Wissenschaftsblog drei eigene Regeln gesetzt habe:</p> <ol> <li>Jeder Einsatz von KI-Anwendungen ist transparent zu machen. Wo hier <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/">auf <em>“Natur des Glaubens”</em></a> keine KI angegeben ist, ist auch keine drinnen.</li> <li>Zur Erstellung von Erklärvideos, Folien usw. verwende ich nur <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeRede11September2025FreiburgGegenfossilenTerrorAntisemitismus.pdf">eigene Quellen, wie hier das <strong>Freiburg</strong>–<strong>Balkonsolar</strong>-Redeskript zum 11. September 2025</a>.</li> <li>Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeRede11September2025FreiburgGegenfossilenTerrorAntisemitismus.pdf">Originalquelle ist für all jene zu verlinken</a>, die anstelle der KI oder zusätzlich zu ihr Lesen und kritisch Prüfen wollen.</li> </ol> <p>Nun also wünschen wir allen frohe Weihnachten bzw. schöne Feiertage und einen guten Rosch / Rutsch ins neue Jahr 2026! Wir hoffen, <a href="https://blumeundince.podigee.io/51-folge-48-weihnachten-zwischen-rentieren-und-rentierstaats-frieden">die neue Folge von <em>“Blume &amp; Ince”</em> (als Podcast bei podigee)</a> bringt Euch auf den Schwingen der Neugier ins neue Jahr! 🙂 </p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/YZi2P8iHRMg?feature=oembed&amp;rel=0" title="Folge 48: Weihnachten zwischen Rentieren und Rentierstaats-Frieden | Blume &amp; Ince" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Blume & Ince 48: Weihnachtsfolge mit dem Rentierstaats-Rentier</h1><h2>By Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Ob wir vor Weihnachten noch <a href="https://blumeundince.podigee.io/51-folge-48-weihnachten-zwischen-rentieren-und-rentierstaats-frieden">eine Weihnachtsfolge 2025 von <em>“Blume &amp; Ince”</em> (Pod- &amp; Vodcast)</a> schaffen würden, war uns nicht klar. Doch dann <a href="https://www.youtube.com/watch?v=F1nITBjZUAM">entdeckte BWL-Prof. Dr. Inan Ince im Video zur <strong><em>“Solarpunk-Frieden-These”</em></strong> das knuffige <strong>Petrodollar-Rentierstaatstheorie-Rentier</strong></a> – und das Thema war gesetzt!</p> <p><img alt="" decoding="async" height="684" sizes="(max-width: 868px) 100vw, 868px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/RentierstaatstheorieRentierBlumeInce2025.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/RentierstaatstheorieRentierBlumeInce2025.jpg 868w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/RentierstaatstheorieRentierBlumeInce2025-300x236.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/RentierstaatstheorieRentierBlumeInce2025-768x605.jpg 768w" width="868"></img></p> <p><em>Links sehen wir ein Comic-artig gezeichnetes, an einem Dollarsack stehendes Rentier mit Krone, daneben rechts die “Ressourcenfluch”-Theorie anhand eines auslaufenden Fasses und eines verdorrten Baumes. Grafik: <a href="https://www.youtube.com/watch?v=F1nITBjZUAM">Michael Blume mit NotebookLM</a></em></p> <p>Schon im September 2023 hatten wir gefragt, warum <a href="https://blumeundince.podigee.io/6-ressourcenfluch-rentierstaatstheorie">die Rentierstaatstheorie der Politikwissenschaft und der Ressourcenfluch der Volkswirtschaftslehre im deutschsprachigen Raum so wenig bekannt</a> geworden sind. Inzwischen setzt sich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/energieglauben-und-solarpunk-solarboom-in-china-pakistan/">der <strong>Solarboom</strong> aber aufgrund seiner Wirtschaftlichkeit vor allem außerhalb von Europa wie etwa in <strong>China,</strong> P<strong>akistan</strong> und <strong>Sierra</strong> Leone rasant durch</a>!</p> <p>Nun also konnten wir gemeinsam nicht nur darüber aufklären, sondern auch darlegen, wer der Weihnachtsmann war und wie er zu seinen Rentieren kam. Der <a href="https://www.poetryfoundation.org/poems/43171/a-visit-from-st-nicholas">Prof. las sogar das dazu grundlegende Gedicht <em><strong>“A Visit from St. Nicholas” </strong></em>(1822) von <strong>Clement Clarke Moore </strong>(1779 – 1863) live!</a><aside></aside></p> <p>Das <a href="https://www.youtube.com/watch?v=F1nITBjZUAM">ganze Video basiert auf meinem Redeskript zum <strong>11. September</strong> 2025 bei Balkonsolar in <strong>Freiburg</strong> und thematisiert also auch erneuerbare Friedensenergien</a> und die Überwindung der fossilen Gewaltenergien.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=F1nITBjZUAM" rel="noopener" target="_blank"><img alt="In der Einstiegskachel von &quot;Blume &amp; Ince&quot; 48 mit dem Titel &quot;Weihnachten zwischen Rentieren und Rentierstaats-Frieden&quot; trägt Dr. Michael Blume links einen doppelten Weihnachtsmann auf dem Kopf, Prof. Dr. Inan Ince rechts das Geweih eines Rentieres." decoding="async" height="774" sizes="(max-width: 1287px) 100vw, 1287px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce48WeihnachtsfolgeRentierStaatsTheorieFriedensenergien.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce48WeihnachtsfolgeRentierStaatsTheorieFriedensenergien.jpg 1287w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce48WeihnachtsfolgeRentierStaatsTheorieFriedensenergien-300x180.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce48WeihnachtsfolgeRentierStaatsTheorieFriedensenergien-1024x616.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce48WeihnachtsfolgeRentierStaatsTheorieFriedensenergien-768x462.jpg 768w" width="1287"></img></a></p> <p><em><a href="https://www.youtube.com/watch?v=F1nITBjZUAM">Die Solarpunk-These: Fossile Gewaltenergien versus erneuerbare Friedensenergien.</a> Grafik: Prof. Dr. Inan Ince</em></p> <p>Mir war dabei wichtig, dass ich mir bei der Anwendung von KIen ausdrücklich auch hier auf dem Wissenschaftsblog drei eigene Regeln gesetzt habe:</p> <ol> <li>Jeder Einsatz von KI-Anwendungen ist transparent zu machen. Wo hier <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/">auf <em>“Natur des Glaubens”</em></a> keine KI angegeben ist, ist auch keine drinnen.</li> <li>Zur Erstellung von Erklärvideos, Folien usw. verwende ich nur <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeRede11September2025FreiburgGegenfossilenTerrorAntisemitismus.pdf">eigene Quellen, wie hier das <strong>Freiburg</strong>–<strong>Balkonsolar</strong>-Redeskript zum 11. September 2025</a>.</li> <li>Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeRede11September2025FreiburgGegenfossilenTerrorAntisemitismus.pdf">Originalquelle ist für all jene zu verlinken</a>, die anstelle der KI oder zusätzlich zu ihr Lesen und kritisch Prüfen wollen.</li> </ol> <p>Nun also wünschen wir allen frohe Weihnachten bzw. schöne Feiertage und einen guten Rosch / Rutsch ins neue Jahr 2026! Wir hoffen, <a href="https://blumeundince.podigee.io/51-folge-48-weihnachten-zwischen-rentieren-und-rentierstaats-frieden">die neue Folge von <em>“Blume &amp; Ince”</em> (als Podcast bei podigee)</a> bringt Euch auf den Schwingen der Neugier ins neue Jahr! 🙂 </p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/YZi2P8iHRMg?feature=oembed&amp;rel=0" title="Folge 48: Weihnachten zwischen Rentieren und Rentierstaats-Frieden | Blume &amp; Ince" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-48-weihnachtsfolge-mit-dem-petrodollar-rentier-dem-weihnachtsmann/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>37</slash:comments> </item> <item> <title>“ät” Zimtschnecke https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/aet-zimtschnecke/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/aet-zimtschnecke/#comments Sun, 21 Dec 2025 14:51:23 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12358 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/AT_zimtschnecke.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/aet-zimtschnecke/</link> </image> <description type="html"><h1>"ät" Zimtschnecke » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Das “ät”-Zeichen, @, ist eigentlich ein sehr altes, mindestens tausend Jahre altes, Schriftzeichen. Es lässt sich seit dem Mittelalter belegen und wurde damals im kaufmännischen Kontext genutzt. Das Symbol stand für ein Hohlraummaß, d.h. es wurde zur Angabe von Volumina genutzt (statt heute “Liter”).  </p> <h2>Arroba</h2> <p>Von dieser Historie zeugt der englische Name “commercial at”, während die iberischen Sprachen (auf Spanisch, Portugiesisch, Katalanisch) das Wort “arroba” nutzen, das sich von Arabisch “ar-rub'”, ein Viertel, ableitet: ein Viertel von dem, was ein Esel tragen kann. Nun ist das, was ein Esel tragen ein Gewicht und es hängt von der Dichte des Transportguts ab, wie viel Volumen dies einnimmt. Öl, Wein und Honig (oder gar Zucker, Mehl…) haben z.B. unterschiedliche Dichten und daher entspricht ein Volumen-Arroba unterschiedlich vielen Kilogramm. Allerdings wurde und wird die Einheit “Arroba” später (und in Lateinamerika bis heute) als Gewichtsmaß verwendet. Aufgrund der unterschiedlichen Dichten der gehandelten Güter, gibt es historisch unterschiedliche Angaben, wie viel Kilogramm nun eigentlich ein Arroba ist: irgendwas zwischen fast 10 und 16 kg – je nachdem, in welcher Gegend. </p> <p>“<em><strong>Arroba</strong></em>” ist jedenfalls das Wort, das mit “A” beginnt und von dem sich das<strong> Zeichen “@” ableitet</strong>, das wir inzwischen “At-Zeichen” nennen, weil es im Zeitalter von E-Mail in Adressen die wohl häufigste Anwendung findet. Noch vor ca. 25 Jahren nannte man es auf Deutsch mitunter umgangssprachlich “Klammeraffe” und die mittelalterliche Maßeinheit war bereits vergessen. </p> <p>In anderen Sprachen hat das lustige Zeichen aber andere Namen: <strong>im Schwedischen</strong> wird es zwar offiziell “Rüssel-A” (<em>snabel-a</em>) genannt, aber umgangssprachlich mitunter als “<em>kanebulle</em>“, <strong>Zimtschnecke,</strong> bezeichnet (behauptet zumindest die <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/At_sign#Names_in_other_languages">englische wikipedia</a>), womit es zur aktuellen Jahreszeit hervorragend passt.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/AT_zimtschnecke.jpg"><img alt="" decoding="async" height="408" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 744px) 100vw, 744px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/AT_zimtschnecke.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/AT_zimtschnecke.jpg 744w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/AT_zimtschnecke-300x165.jpg 300w" width="744"></img></a><figcaption>Zimtschnecke </figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium.jpg 1920w" width="1024"></img></a></figure> <h2>Zeichen</h2> <p>Mit Blick auf den Jahreswechsel wird derzeit ja häufig über “Zeichen” geredet: Vorzeichen, Orakel, Sternzeichen etc. Während die Sonne gerade im neunten Zeichen (Schütze, Sagittarius) steht und mit der Wintersonnenwende um 16:03 ins zehnte Zeichen (Steinbock, Capricornus) wechselt, steht sie innerhalb der Grenzen des IAU-Sternbilds Sagittarius. Sie hat es erst vor wenigen Tagen betreten und stand zuvor im Ophiuchus, Schlangenträger.  <aside></aside></p> <h3>@</h3> <p>“Arroba”, das “At-Zeichen”, ist das vierundsechzigste ASCII-Zeichen, also im ursprünglichen Basissatz von 128 (2<sup>7</sup>, zwei hoch sieben) Schriftzeichen, die mit Nullen und Einsen (binär) dargestellt werden konnten, ist es enthalten. Es wird also binär “<strong>0100 0000</strong>” geschrieben: von rechts nach links gelesen (wie alle Zahlen unseres Positionssystems): null mal 2<sup>0 </sup>=1, null mal 2<sup>1 </sup>=2, null mal 2<sup>2 </sup>=4, null mal 8, null mal 2<sup>4 </sup>=16, null mal 2<sup>5 </sup>=32, ein mal 2<sup>6 </sup>=64, null mal 2<sup>7 </sup>=128.</p> <table> <tbody> <tr> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>1</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> </tr> <tr> <td>2<sup>7</sup></td> <td>2<sup>6</sup></td> <td>2<sup>5</sup></td> <td>2<sup>4</sup></td> <td>2<sup>3</sup></td> <td>2<sup>2</sup></td> <td>2<sup>1</sup></td> <td>2<sup>0</sup></td> </tr> <tr> <td>128</td> <td>64</td> <td>32</td> <td>16</td> <td>8</td> <td>4</td> <td>2</td> <td>1</td> </tr> </tbody> </table> <p>In Unicode heißt die Zimtschnecke “U+0040”, denn Unicode wird mit vier Ziffern zur Basis 16 geschrieben (hexadezimal).  </p> <table> <tbody> <tr> <td><strong><span>0</span></strong></td> <td><strong><span>0</span></strong></td> <td><strong><span>4</span></strong></td> <td><strong><span>0</span></strong></td> </tr> <tr> <td>16<sup>3</sup></td> <td>16<sup>2</sup></td> <td>16<sup>1</sup></td> <td>16<sup>0</sup></td> </tr> <tr> <td>4096</td> <td>256</td> <td>16</td> <td>1</td> </tr> </tbody> </table> <p>Für weitere Darstellung siehe UTF8-Kodierungstabelle, z.B.<a href="https://www.utf8-chartable.de/unicode-utf8-table.pl?utf8=bin"> diese hier</a>.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi.jpg"><img alt="" decoding="async" height="699" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi-1024x699.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi-1024x699.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi-300x205.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi-768x524.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi.jpg 1280w" width="1024"></img></a></figure> <h2>Code der Zimtschnecke</h2> <p>Wenn Sie also zum Bäcker gehen und “U+0040” bestellen, kann dies auf zweierlei Weise interpretiert werden: entweder ein Arroba (irgendwas zwischen 10 und 15 kg) von Irgendwas oder – wenn’s ein schwedischer Bäcker ist – eine Zimtschnecke. 🙂</p> <p>Frohe Wintersonnenwende!</p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>"ät" Zimtschnecke » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Das “ät”-Zeichen, @, ist eigentlich ein sehr altes, mindestens tausend Jahre altes, Schriftzeichen. Es lässt sich seit dem Mittelalter belegen und wurde damals im kaufmännischen Kontext genutzt. Das Symbol stand für ein Hohlraummaß, d.h. es wurde zur Angabe von Volumina genutzt (statt heute “Liter”).  </p> <h2>Arroba</h2> <p>Von dieser Historie zeugt der englische Name “commercial at”, während die iberischen Sprachen (auf Spanisch, Portugiesisch, Katalanisch) das Wort “arroba” nutzen, das sich von Arabisch “ar-rub'”, ein Viertel, ableitet: ein Viertel von dem, was ein Esel tragen kann. Nun ist das, was ein Esel tragen ein Gewicht und es hängt von der Dichte des Transportguts ab, wie viel Volumen dies einnimmt. Öl, Wein und Honig (oder gar Zucker, Mehl…) haben z.B. unterschiedliche Dichten und daher entspricht ein Volumen-Arroba unterschiedlich vielen Kilogramm. Allerdings wurde und wird die Einheit “Arroba” später (und in Lateinamerika bis heute) als Gewichtsmaß verwendet. Aufgrund der unterschiedlichen Dichten der gehandelten Güter, gibt es historisch unterschiedliche Angaben, wie viel Kilogramm nun eigentlich ein Arroba ist: irgendwas zwischen fast 10 und 16 kg – je nachdem, in welcher Gegend. </p> <p>“<em><strong>Arroba</strong></em>” ist jedenfalls das Wort, das mit “A” beginnt und von dem sich das<strong> Zeichen “@” ableitet</strong>, das wir inzwischen “At-Zeichen” nennen, weil es im Zeitalter von E-Mail in Adressen die wohl häufigste Anwendung findet. Noch vor ca. 25 Jahren nannte man es auf Deutsch mitunter umgangssprachlich “Klammeraffe” und die mittelalterliche Maßeinheit war bereits vergessen. </p> <p>In anderen Sprachen hat das lustige Zeichen aber andere Namen: <strong>im Schwedischen</strong> wird es zwar offiziell “Rüssel-A” (<em>snabel-a</em>) genannt, aber umgangssprachlich mitunter als “<em>kanebulle</em>“, <strong>Zimtschnecke,</strong> bezeichnet (behauptet zumindest die <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/At_sign#Names_in_other_languages">englische wikipedia</a>), womit es zur aktuellen Jahreszeit hervorragend passt.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/AT_zimtschnecke.jpg"><img alt="" decoding="async" height="408" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 744px) 100vw, 744px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/AT_zimtschnecke.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/AT_zimtschnecke.jpg 744w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/AT_zimtschnecke-300x165.jpg 300w" width="744"></img></a><figcaption>Zimtschnecke </figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium.jpg 1920w" width="1024"></img></a></figure> <h2>Zeichen</h2> <p>Mit Blick auf den Jahreswechsel wird derzeit ja häufig über “Zeichen” geredet: Vorzeichen, Orakel, Sternzeichen etc. Während die Sonne gerade im neunten Zeichen (Schütze, Sagittarius) steht und mit der Wintersonnenwende um 16:03 ins zehnte Zeichen (Steinbock, Capricornus) wechselt, steht sie innerhalb der Grenzen des IAU-Sternbilds Sagittarius. Sie hat es erst vor wenigen Tagen betreten und stand zuvor im Ophiuchus, Schlangenträger.  <aside></aside></p> <h3>@</h3> <p>“Arroba”, das “At-Zeichen”, ist das vierundsechzigste ASCII-Zeichen, also im ursprünglichen Basissatz von 128 (2<sup>7</sup>, zwei hoch sieben) Schriftzeichen, die mit Nullen und Einsen (binär) dargestellt werden konnten, ist es enthalten. Es wird also binär “<strong>0100 0000</strong>” geschrieben: von rechts nach links gelesen (wie alle Zahlen unseres Positionssystems): null mal 2<sup>0 </sup>=1, null mal 2<sup>1 </sup>=2, null mal 2<sup>2 </sup>=4, null mal 8, null mal 2<sup>4 </sup>=16, null mal 2<sup>5 </sup>=32, ein mal 2<sup>6 </sup>=64, null mal 2<sup>7 </sup>=128.</p> <table> <tbody> <tr> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>1</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> </tr> <tr> <td>2<sup>7</sup></td> <td>2<sup>6</sup></td> <td>2<sup>5</sup></td> <td>2<sup>4</sup></td> <td>2<sup>3</sup></td> <td>2<sup>2</sup></td> <td>2<sup>1</sup></td> <td>2<sup>0</sup></td> </tr> <tr> <td>128</td> <td>64</td> <td>32</td> <td>16</td> <td>8</td> <td>4</td> <td>2</td> <td>1</td> </tr> </tbody> </table> <p>In Unicode heißt die Zimtschnecke “U+0040”, denn Unicode wird mit vier Ziffern zur Basis 16 geschrieben (hexadezimal).  </p> <table> <tbody> <tr> <td><strong><span>0</span></strong></td> <td><strong><span>0</span></strong></td> <td><strong><span>4</span></strong></td> <td><strong><span>0</span></strong></td> </tr> <tr> <td>16<sup>3</sup></td> <td>16<sup>2</sup></td> <td>16<sup>1</sup></td> <td>16<sup>0</sup></td> </tr> <tr> <td>4096</td> <td>256</td> <td>16</td> <td>1</td> </tr> </tbody> </table> <p>Für weitere Darstellung siehe UTF8-Kodierungstabelle, z.B.<a href="https://www.utf8-chartable.de/unicode-utf8-table.pl?utf8=bin"> diese hier</a>.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi.jpg"><img alt="" decoding="async" height="699" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi-1024x699.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi-1024x699.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi-300x205.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi-768x524.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi.jpg 1280w" width="1024"></img></a></figure> <h2>Code der Zimtschnecke</h2> <p>Wenn Sie also zum Bäcker gehen und “U+0040” bestellen, kann dies auf zweierlei Weise interpretiert werden: entweder ein Arroba (irgendwas zwischen 10 und 15 kg) von Irgendwas oder – wenn’s ein schwedischer Bäcker ist – eine Zimtschnecke. 🙂</p> <p>Frohe Wintersonnenwende!</p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/aet-zimtschnecke/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>3</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeoPlänkel: Luftzerplatzer, ungemütlicher Mars und kosmische Enden https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-luftzerplatzer-ungemuetlicher-mars-und-kosmische-enden/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-luftzerplatzer-ungemuetlicher-mars-und-kosmische-enden/#comments Sun, 21 Dec 2025 06:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1805 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag129-768x768.jpg Dreigeteiltes Quadrat einer brennenden Stadt, einer rötlich leuchtende, ovale Galaxie und einer düsteren Landschaft mit diffusen Wolken an einem grau-türkisen Himmel. Darüber steht: AstroGeoPlänkel. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-luftzerplatzer-ungemuetlicher-mars-und-kosmische-enden/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag129_sl-scaled.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Luftzerplatzer, ungemütlicher Mars und kosmische Enden » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2025-12-21T07:00:00+01:00">21. Dez. 2025</time></li><li> <span> Von <a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/author/urban/"> Karl Urban </a> </span> </li><li>Lesedauer ca. 2 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <blockquote> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag129-geplaenkel.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>In dieser Folge widmen sich Franzi und Karl dem Feedback zu den letzten Geschichten im AstroGeo Podcast. Besonders gefallen hat ihnen eine E-Mail von einer österreichischen Alm, mit Milchstraße, Satelliten und kindlichem Staunen über das „Mittendrinsein“ im Weltall.</p> <p>Franzi und Karl gehen der Frage nach, warum eine Astronautin am Ereignishorizont eines Schwarzen Lochs für weit entfernte Beobachter so wirkt, als sei sie eingefroren. Außerdem geht es um Singularitäten, Gravitation und der Frage, was wir wirklich „sehen“, wenn wir Bilder von Schwarzen Löchern betrachten.<aside></aside></p> <p>Auch zu unserem Nachbarplaneten Mars gab es Fragen: zu seiner dünnen Atmosphäre und ihrer chemischen Zusammensetzung, zu realen und hypothetischen Fluggeräten, sowie zu historischen Irrtümern. Und dann wäre da auch noch die künftige Besiedlung des Roten Planeten durch Menschen: Karl zweifelt am vermeintlich wirtschaftlichen Geschäftsmodell von SpaceX, das derzeit bereits diverse dramatische Folgen auf das Gemeinwohl auf der Erde hat. Es geht aber nicht nur um die fehlende Nachhaltigkeit von kommerziellen Unternehmen: Karl erzählt vom Buch „<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/A_City_on_Mars">A City on Mars</a>“, das von der menschlichen Fortpflanzung jenseits der Erde handelt, die bis heute zahlreiche biologische und damit auch ethische Fragen aufwirft.</p> </blockquote> <p>Schließlich gibt es Fragen zum Ende – genauer gesagt zu Franzis Folge über das Ende des Universums. Es geht um den Big Rip, den Big Crunch, den Big Freeze oder ob der Urknall eigentlich durch die uns bekannten Naturgesetze ausgelöst wurde. Wir sprechen auch darüber, ob im AstroGeo Podcast abseitige wissenschaftliche Hypothesen vorgestellt werden sollten, wo Franzi und Karl ihre Rolle als Journalisten sehen – und wo nicht.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/41cea3ac9a200678.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1536px) 100vw, 1536px" src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/41cea3ac9a200678.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/41cea3ac9a200678.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/41cea3ac9a200678-300x200.png 300w" width="1536"></img></a><figcaption>Quelle: @fee@nerdculture.de</figcaption></figure> <p>Karl beantwortet auch eure Fragen zu Sodom und Gomorra und dem vermeintlichen Luftzerplatzer eines Meteoriten in der Bronzezeit: Hörende erzählen vom real existierenden Peer Review oder ihren Erfahrungen mit Bibeltexten.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 120: <a href="https://astrogeo.de/riss-in-der-raumzeit-wie-karl-schwarzschild-auf-schwarze-loecher-stiess/">Raumzeit-Riss: Wie Karl Schwarzschild auf Schwarze Löcher stieß</a></li> <li>Folge 123: <a href="https://astrogeo.de/weisse-zwerge-die-rettung-vor-dem-schwarzen-loch/">Weiße Zwerge – die Rettung vor dem Schwarzen Loch?</a></li> <li>Folge 124: <a href="https://astrogeo.de/cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/">Cygnus X-1: Wie findet man ein Schwarzes Loch?</a></li> <li>Folge 126: <a href="https://astrogeo.de/ag126-von-marskanaelen-zum-wolkenatlas-duenne-luft-auf-dem-mars/">Von Marskanälen zum Wolkenatlas: Dünne Luft auf dem Mars</a></li> <li>Folge 127: <a href="https://astrogeo.de/aus-und-vorbei-das-universum-und-sein-ende/">Aus und vorbei: Das Universum und sein Ende</a></li> <li>Folge 128: <a href="https://astrogeo.de/biblische-bilder-broeckelnde-beweise-was-hat-sodom-und-gomorra-zerstoert/">Bröckelnde Beweise: Was hat Sodom und Gomorra zerstört?</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li><a href="https://astrogeo.de/cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/#comment-16905">Kommentar Klaus Kassner zu AG124 Wie findet man ein Schwarzes Loch?</a></li> <li>WP: <a href="https://it.wikisource.org/wiki/Lettere_(Galileo)/VIII/c">Lettere (Galileo)/VIII/c (italienisch)</a></li> <li>BR: <a href="https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/warum-ist-das-universum-so-eine-physikalische-sinnsuche/2109239">Warum ist das Universum so? Eine physikalische Sinnsuche, von Franzi</a></li> <li>Arte: <a href="https://www.youtube.com/playlist?list=PLHojeOC3kHtn8MTiQOh2nWpLruIrJ2Ar9">Geburt des Christentums</a> (YouTube-Link)</li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/A_City_on_Mars">A City on Mars (Buch)</a></li> <li>T3N: <a href="https://t3n.de/news/nasa-schlaegt-alarm-wie-starlink-und-co-die-weltraumforschung-sabotieren-1719927/">Nasa schlägt Alarm: Wie Starlink und Co. die Weltraumforschung sabotieren</a></li> </ul> <p><em>Episodenbild: Public Domain: John Martin (1852); ESO; NASA/JPL-Caltech/MSSS/Simeon Schmauß</em></p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/Karl-Urban_avatar_1_2.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/Karl-Urban_avatar_1_2.jpg 2x" width="200"></img> <p>Karl Urban wäre gern zu den Sternen geflogen. Stattdessen gründete er 2001 das Weltraumportal Raumfahrer.net und fühlt sich im Netz seitdem sehr wohl. Er studierte Geowissenschaften und schreibt für Online-, Hörfunk- und Print-Publikationen. Nebenbei podcastet und bloggt er.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag129_sl-scaled.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Luftzerplatzer, ungemütlicher Mars und kosmische Enden » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2025-12-21T07:00:00+01:00">21. Dez. 2025</time></li><li> <span> Von <a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/author/urban/"> Karl Urban </a> </span> </li><li>Lesedauer ca. 2 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <blockquote> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag129-geplaenkel.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>In dieser Folge widmen sich Franzi und Karl dem Feedback zu den letzten Geschichten im AstroGeo Podcast. Besonders gefallen hat ihnen eine E-Mail von einer österreichischen Alm, mit Milchstraße, Satelliten und kindlichem Staunen über das „Mittendrinsein“ im Weltall.</p> <p>Franzi und Karl gehen der Frage nach, warum eine Astronautin am Ereignishorizont eines Schwarzen Lochs für weit entfernte Beobachter so wirkt, als sei sie eingefroren. Außerdem geht es um Singularitäten, Gravitation und der Frage, was wir wirklich „sehen“, wenn wir Bilder von Schwarzen Löchern betrachten.<aside></aside></p> <p>Auch zu unserem Nachbarplaneten Mars gab es Fragen: zu seiner dünnen Atmosphäre und ihrer chemischen Zusammensetzung, zu realen und hypothetischen Fluggeräten, sowie zu historischen Irrtümern. Und dann wäre da auch noch die künftige Besiedlung des Roten Planeten durch Menschen: Karl zweifelt am vermeintlich wirtschaftlichen Geschäftsmodell von SpaceX, das derzeit bereits diverse dramatische Folgen auf das Gemeinwohl auf der Erde hat. Es geht aber nicht nur um die fehlende Nachhaltigkeit von kommerziellen Unternehmen: Karl erzählt vom Buch „<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/A_City_on_Mars">A City on Mars</a>“, das von der menschlichen Fortpflanzung jenseits der Erde handelt, die bis heute zahlreiche biologische und damit auch ethische Fragen aufwirft.</p> </blockquote> <p>Schließlich gibt es Fragen zum Ende – genauer gesagt zu Franzis Folge über das Ende des Universums. Es geht um den Big Rip, den Big Crunch, den Big Freeze oder ob der Urknall eigentlich durch die uns bekannten Naturgesetze ausgelöst wurde. Wir sprechen auch darüber, ob im AstroGeo Podcast abseitige wissenschaftliche Hypothesen vorgestellt werden sollten, wo Franzi und Karl ihre Rolle als Journalisten sehen – und wo nicht.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/41cea3ac9a200678.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1536px) 100vw, 1536px" src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/41cea3ac9a200678.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/41cea3ac9a200678.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/41cea3ac9a200678-300x200.png 300w" width="1536"></img></a><figcaption>Quelle: @fee@nerdculture.de</figcaption></figure> <p>Karl beantwortet auch eure Fragen zu Sodom und Gomorra und dem vermeintlichen Luftzerplatzer eines Meteoriten in der Bronzezeit: Hörende erzählen vom real existierenden Peer Review oder ihren Erfahrungen mit Bibeltexten.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 120: <a href="https://astrogeo.de/riss-in-der-raumzeit-wie-karl-schwarzschild-auf-schwarze-loecher-stiess/">Raumzeit-Riss: Wie Karl Schwarzschild auf Schwarze Löcher stieß</a></li> <li>Folge 123: <a href="https://astrogeo.de/weisse-zwerge-die-rettung-vor-dem-schwarzen-loch/">Weiße Zwerge – die Rettung vor dem Schwarzen Loch?</a></li> <li>Folge 124: <a href="https://astrogeo.de/cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/">Cygnus X-1: Wie findet man ein Schwarzes Loch?</a></li> <li>Folge 126: <a href="https://astrogeo.de/ag126-von-marskanaelen-zum-wolkenatlas-duenne-luft-auf-dem-mars/">Von Marskanälen zum Wolkenatlas: Dünne Luft auf dem Mars</a></li> <li>Folge 127: <a href="https://astrogeo.de/aus-und-vorbei-das-universum-und-sein-ende/">Aus und vorbei: Das Universum und sein Ende</a></li> <li>Folge 128: <a href="https://astrogeo.de/biblische-bilder-broeckelnde-beweise-was-hat-sodom-und-gomorra-zerstoert/">Bröckelnde Beweise: Was hat Sodom und Gomorra zerstört?</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li><a href="https://astrogeo.de/cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/#comment-16905">Kommentar Klaus Kassner zu AG124 Wie findet man ein Schwarzes Loch?</a></li> <li>WP: <a href="https://it.wikisource.org/wiki/Lettere_(Galileo)/VIII/c">Lettere (Galileo)/VIII/c (italienisch)</a></li> <li>BR: <a href="https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/warum-ist-das-universum-so-eine-physikalische-sinnsuche/2109239">Warum ist das Universum so? Eine physikalische Sinnsuche, von Franzi</a></li> <li>Arte: <a href="https://www.youtube.com/playlist?list=PLHojeOC3kHtn8MTiQOh2nWpLruIrJ2Ar9">Geburt des Christentums</a> (YouTube-Link)</li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/A_City_on_Mars">A City on Mars (Buch)</a></li> <li>T3N: <a href="https://t3n.de/news/nasa-schlaegt-alarm-wie-starlink-und-co-die-weltraumforschung-sabotieren-1719927/">Nasa schlägt Alarm: Wie Starlink und Co. die Weltraumforschung sabotieren</a></li> </ul> <p><em>Episodenbild: Public Domain: John Martin (1852); ESO; NASA/JPL-Caltech/MSSS/Simeon Schmauß</em></p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/Karl-Urban_avatar_1_2.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/Karl-Urban_avatar_1_2.jpg 2x" width="200"></img> <p>Karl Urban wäre gern zu den Sternen geflogen. Stattdessen gründete er 2001 das Weltraumportal Raumfahrer.net und fühlt sich im Netz seitdem sehr wohl. Er studierte Geowissenschaften und schreibt für Online-, Hörfunk- und Print-Publikationen. Nebenbei podcastet und bloggt er.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-luftzerplatzer-ungemuetlicher-mars-und-kosmische-enden/#comments 13 Tage der Enthüllung – Weihnachten allein im All? https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/tage-der-enthuellung-weihnachten-allein-im-all/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/tage-der-enthuellung-weihnachten-allein-im-all/#comments Sat, 20 Dec 2025 11:03:57 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=10851 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1350-768x576.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/tage-der-enthuellung-weihnachten-allein-im-all/</link> </image> <description type="html"><h1>Tage der Enthüllung - Weihnachten allein im All?</h1><h2>By Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Alle Jahre wieder verdichten sich zu Weihnachten klassisch religiöse und technologisch-mythologische Hoffnungen, vor allem Christentum und Alien-Hoffnungen. Gekonnt kündigt der Film-Großmeister <strong>Steven Spielberg </strong>heuer <a href="https://www.youtube.com/watch?v=YHWAkUOF5e8">den UFO-mythologischen Kinofilm <strong><em>“Disclosure Day”</em></strong>, deutsch: <em>Enthüllungstag, Tag der Enthüllung</em></a> – an, in dessen Trailer eine christliche Ordensschwester fragt:</p> <p><em><strong>“Warum sollte Er [Gott] ein so riesiges Universum erschaffen – und das nur für uns?”</strong></em></p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=YHWAkUOF5e8" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Im Trailer zum Kinofilm &quot;Disclosure Day&quot;, deutsch: Enthüllungstag, Tag der Enthüllung - von Steven Spielberg fragt eine christliche Ordensschwester vor einem Kreuz:&#xA;&#xA;“Warum sollte Er [Gott] ein so riesiges Universum erschaffen – und das nur für uns?”" decoding="async" height="772" sizes="(max-width: 1281px) 100vw, 1281px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DisclosureDaySpielbergNonneTrailerFermiParadox.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DisclosureDaySpielbergNonneTrailerFermiParadox.jpg 1281w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DisclosureDaySpielbergNonneTrailerFermiParadox-300x181.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DisclosureDaySpielbergNonneTrailerFermiParadox-1024x617.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DisclosureDaySpielbergNonneTrailerFermiParadox-768x463.jpg 768w" width="1281"></img></a></p> <p><em>Die christliche Theologie der Apokalypse verweist wörtlich auf eine kommende Enthüllung, Offenbarung. Filmszene mit christlicher Ordensschwester &amp; Kreuz im Trailer von “Disclosure Day”, Spielberg 2026. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>In der zweiten Hälfte des von Säkularisierung geprägten 20. Jahrhunderts setzten sich in der Literatur weltweit Hoffnungen auf Außerirdische und neue Technologien durch. Der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mein-erstes-ebooklet-zum-weltalphabetisierungstag-perry-rhodan-erscheinungstag/">deutschsprachige, also jafetisch alphabetisierte <strong>Perry Rhodan</strong>-Serienroman</a> (mit <em><strong>“Perry”</strong></em> als <em>“Pilger”</em> von lat. <em>“Peregrinus”</em>) wurde zum bisher längsten Fortsetzungstext der Menschheit. Autoren wie <strong>Whitley Strieber </strong>prägten mit UFO-religiösen Büchern wie <em>“Communion / Die Besucher”</em> (1987) ganze kulturelle Traditionen.<aside></aside></p> <p>Aber auch kundige <strong>Solarpunk</strong>-Autoren wie <strong>Michael Bukowski </strong>greifen die Alien-Hoffnungen gekonnt auf. In seinem <a href="https://www.xn--sonnenmrchen-mcb.de/">neuen Buch <strong>“Deutsches Sonnenmärchen. Wie wir die Solarenergie zum weltweiten Erfolg gemacht haben”</strong> (2025)</a> schlüpft der Autor einleitend in die Rolle eines außerirdischen “Kundschafters”, der die Menschheit beobachtet und dabei lehrt (S. 12):</p> <p><em>“Ihr müsst dazu eine Sache wissen. Es gibt eine universelle Regel im Universum. Eine simple Regel, viel leichter zu verstehen als zum Beispiel die Abseitsregel beim Fußball.</em></p> <p><em>Sie lautet: Zivilisationen, die es im Lauf ihrer Entwicklung nicht schaffen, die Energie ihres Sterns, also ihrer Sonne, zu nutzen, gehen unter. So einfach ist das.”</em></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-scaled.jpg" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Links eine Ausgabe von Perry Rhodan NEO &quot;Spur der Ewigkeit&quot;, in der Mitte Whitley Strieber mit dem Doppelband &quot;Die Besucher&quot; &amp; &quot;Unheiliges Feuer&quot; und rechts &quot;Deutsches Sonnenmärchen&quot; von Michael Bukowski." decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1350-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1350-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1350-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1350-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1350-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1350-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1350-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Bücher der technologischen Hoffnungen. Links eine Ausgabe von Perry Rhodan NEO “Spur der Ewigkeit”, in der Mitte Whitley Strieber mit dem Doppelband “Die Besucher” &amp; “Unheiliges Feuer” und rechts “Deutsches Sonnenmärchen” von Michael Bukowski. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Ganz neu sind diese Hoffnungen dabei nicht: Schon <a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/100-jahre-energiewende-wie-deutschland-fast-schon-mal-erneuerbar-wurde-100.html">vor einhundert Jahren gab es angesichts der Knappheit von Kohle und Erdöl in Deutschland eine Phase der Hoffnungen auf erneuerbare Energien</a>. Heute muss ich dagegen oft und zu Unrecht hören, erneuerbare Friedens- und Wohlstandsenergien seien doch lange gar nicht denkbar gewesen.</p> <p>Im späten 20. Jahrhundert entstanden <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-raelianer-ufo-glauben-und-atheistischer-kreationismus/">ganze UFO-Religionsgemeinschaften wie die heute noch bestehenden Raelianer</a>, die davon überzeugt sind, dass wir Menschen nach bestandener Prüfung von Außerirdischen allerhand errettende Technologien erhalten würden.</p> <p>Wissenschaftler wie der (mit seiner jüdischen Familie 1938 vor <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/franz-neumann-1900-1954-und-die-oel-obsession-der-nationalsozialisten/">dem fossilen Faschisten <strong>Mussolini</strong> aus <strong>Italien</strong> in die <strong>USA</strong> geflohene</a>) Physik-Nobelpreisträger <strong>Enrico Fermi </strong>(1901 – 1954) formulierten die Frage nach der Sichtbarkeit außerirdischer Zivilisationen, das bis heute so genannte <strong>Fermi-Paradox</strong>. Weit über Science-Fiction-Kreise hinaus wirkte dazu die Wahrscheinlichkeitsrechnung des Astrophysikers <strong>Frank Drake </strong>(1930 – 2022), <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Drake-Gleichung">die <strong>Drake-Gleichung</strong></a>.</p> <p>Inzwischen gibt es sogar <a href="https://nrw.social/@ahoernchen/115733734002442660">humorvolle <em>Alien-Solarpunk-Memes</em>, die sich mit lachenden Aliens an der Bar über das Festklammern der Menschen am zerstörerischen <strong>Fossilismus</strong> lustig</a> machen.</p> <p>Für mich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zivilreligion-des-lichts-rabbi-sacks-juedisch-christlicher-rap-von-den-jubalaires-ben-salomo-samuel-haas/">als evangelischen Christen in einer interreligiösen Familie bedeuten Chanukka und Weihnachten weit mehr als nur technologische Hoffnungen</a>. Aber ich verstehe und fühle dennoch, warum gerade auch zum Jahresende sehr viele nachdenkliche, im Selbstverständnis nichtreligiöse Menschen erneuerbare Friedensenergien mit Außerirdischen verknüpfen. Denn warum sollte ein so fantastisch großes Universum nur für uns erstanden sein?</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-scaled.jpg" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Solarpunk-Erklärbild zu erneuerbaren Friedensenergien rechts und fossilen Gewaltenergien rechts. Wir sehen, wie aus einem Ölbohrturm Terror und Kriege finanziert, gesellschaftliche Polarisierung vorangetrieben und der historische Faschismus miterklärt wird. Erneuerbare Friedensenergien entziehen Gewaltherrschern die Grundlage, stärken Demokratie und Wohlstand und können durch alle Menschen bewirkt werden." decoding="async" height="1429" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-scaled.jpg">Solarpunk-Erklärgrafik zu fossilen Gewaltenergien links und erneuerbaren Friedensenergien rechts.</a> Michael Blume mit Notebook LM</em> </p> <p>Allen Leserinnen &amp; Lesern von “Natur des Glaubens” wünsche ich von Herzen Chanukka Sameach, frohe Weihnachten bzw. einfach schöne und besinnliche Feiertage!  </p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/NU0cxZqnVd8?feature=oembed&amp;rel=0" title="Solarpunk als Friedensbewegung zu Weihnachten 2025" width="562"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Tage der Enthüllung - Weihnachten allein im All?</h1><h2>By Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Alle Jahre wieder verdichten sich zu Weihnachten klassisch religiöse und technologisch-mythologische Hoffnungen, vor allem Christentum und Alien-Hoffnungen. Gekonnt kündigt der Film-Großmeister <strong>Steven Spielberg </strong>heuer <a href="https://www.youtube.com/watch?v=YHWAkUOF5e8">den UFO-mythologischen Kinofilm <strong><em>“Disclosure Day”</em></strong>, deutsch: <em>Enthüllungstag, Tag der Enthüllung</em></a> – an, in dessen Trailer eine christliche Ordensschwester fragt:</p> <p><em><strong>“Warum sollte Er [Gott] ein so riesiges Universum erschaffen – und das nur für uns?”</strong></em></p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=YHWAkUOF5e8" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Im Trailer zum Kinofilm &quot;Disclosure Day&quot;, deutsch: Enthüllungstag, Tag der Enthüllung - von Steven Spielberg fragt eine christliche Ordensschwester vor einem Kreuz:&#xA;&#xA;“Warum sollte Er [Gott] ein so riesiges Universum erschaffen – und das nur für uns?”" decoding="async" height="772" sizes="(max-width: 1281px) 100vw, 1281px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DisclosureDaySpielbergNonneTrailerFermiParadox.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DisclosureDaySpielbergNonneTrailerFermiParadox.jpg 1281w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DisclosureDaySpielbergNonneTrailerFermiParadox-300x181.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DisclosureDaySpielbergNonneTrailerFermiParadox-1024x617.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/DisclosureDaySpielbergNonneTrailerFermiParadox-768x463.jpg 768w" width="1281"></img></a></p> <p><em>Die christliche Theologie der Apokalypse verweist wörtlich auf eine kommende Enthüllung, Offenbarung. Filmszene mit christlicher Ordensschwester &amp; Kreuz im Trailer von “Disclosure Day”, Spielberg 2026. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>In der zweiten Hälfte des von Säkularisierung geprägten 20. Jahrhunderts setzten sich in der Literatur weltweit Hoffnungen auf Außerirdische und neue Technologien durch. Der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mein-erstes-ebooklet-zum-weltalphabetisierungstag-perry-rhodan-erscheinungstag/">deutschsprachige, also jafetisch alphabetisierte <strong>Perry Rhodan</strong>-Serienroman</a> (mit <em><strong>“Perry”</strong></em> als <em>“Pilger”</em> von lat. <em>“Peregrinus”</em>) wurde zum bisher längsten Fortsetzungstext der Menschheit. Autoren wie <strong>Whitley Strieber </strong>prägten mit UFO-religiösen Büchern wie <em>“Communion / Die Besucher”</em> (1987) ganze kulturelle Traditionen.<aside></aside></p> <p>Aber auch kundige <strong>Solarpunk</strong>-Autoren wie <strong>Michael Bukowski </strong>greifen die Alien-Hoffnungen gekonnt auf. In seinem <a href="https://www.xn--sonnenmrchen-mcb.de/">neuen Buch <strong>“Deutsches Sonnenmärchen. Wie wir die Solarenergie zum weltweiten Erfolg gemacht haben”</strong> (2025)</a> schlüpft der Autor einleitend in die Rolle eines außerirdischen “Kundschafters”, der die Menschheit beobachtet und dabei lehrt (S. 12):</p> <p><em>“Ihr müsst dazu eine Sache wissen. Es gibt eine universelle Regel im Universum. Eine simple Regel, viel leichter zu verstehen als zum Beispiel die Abseitsregel beim Fußball.</em></p> <p><em>Sie lautet: Zivilisationen, die es im Lauf ihrer Entwicklung nicht schaffen, die Energie ihres Sterns, also ihrer Sonne, zu nutzen, gehen unter. So einfach ist das.”</em></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-scaled.jpg" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Links eine Ausgabe von Perry Rhodan NEO &quot;Spur der Ewigkeit&quot;, in der Mitte Whitley Strieber mit dem Doppelband &quot;Die Besucher&quot; &amp; &quot;Unheiliges Feuer&quot; und rechts &quot;Deutsches Sonnenmärchen&quot; von Michael Bukowski." decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1350-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1350-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1350-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1350-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1350-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1350-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1350-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Bücher der technologischen Hoffnungen. Links eine Ausgabe von Perry Rhodan NEO “Spur der Ewigkeit”, in der Mitte Whitley Strieber mit dem Doppelband “Die Besucher” &amp; “Unheiliges Feuer” und rechts “Deutsches Sonnenmärchen” von Michael Bukowski. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Ganz neu sind diese Hoffnungen dabei nicht: Schon <a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/100-jahre-energiewende-wie-deutschland-fast-schon-mal-erneuerbar-wurde-100.html">vor einhundert Jahren gab es angesichts der Knappheit von Kohle und Erdöl in Deutschland eine Phase der Hoffnungen auf erneuerbare Energien</a>. Heute muss ich dagegen oft und zu Unrecht hören, erneuerbare Friedens- und Wohlstandsenergien seien doch lange gar nicht denkbar gewesen.</p> <p>Im späten 20. Jahrhundert entstanden <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-raelianer-ufo-glauben-und-atheistischer-kreationismus/">ganze UFO-Religionsgemeinschaften wie die heute noch bestehenden Raelianer</a>, die davon überzeugt sind, dass wir Menschen nach bestandener Prüfung von Außerirdischen allerhand errettende Technologien erhalten würden.</p> <p>Wissenschaftler wie der (mit seiner jüdischen Familie 1938 vor <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/franz-neumann-1900-1954-und-die-oel-obsession-der-nationalsozialisten/">dem fossilen Faschisten <strong>Mussolini</strong> aus <strong>Italien</strong> in die <strong>USA</strong> geflohene</a>) Physik-Nobelpreisträger <strong>Enrico Fermi </strong>(1901 – 1954) formulierten die Frage nach der Sichtbarkeit außerirdischer Zivilisationen, das bis heute so genannte <strong>Fermi-Paradox</strong>. Weit über Science-Fiction-Kreise hinaus wirkte dazu die Wahrscheinlichkeitsrechnung des Astrophysikers <strong>Frank Drake </strong>(1930 – 2022), <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Drake-Gleichung">die <strong>Drake-Gleichung</strong></a>.</p> <p>Inzwischen gibt es sogar <a href="https://nrw.social/@ahoernchen/115733734002442660">humorvolle <em>Alien-Solarpunk-Memes</em>, die sich mit lachenden Aliens an der Bar über das Festklammern der Menschen am zerstörerischen <strong>Fossilismus</strong> lustig</a> machen.</p> <p>Für mich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zivilreligion-des-lichts-rabbi-sacks-juedisch-christlicher-rap-von-den-jubalaires-ben-salomo-samuel-haas/">als evangelischen Christen in einer interreligiösen Familie bedeuten Chanukka und Weihnachten weit mehr als nur technologische Hoffnungen</a>. Aber ich verstehe und fühle dennoch, warum gerade auch zum Jahresende sehr viele nachdenkliche, im Selbstverständnis nichtreligiöse Menschen erneuerbare Friedensenergien mit Außerirdischen verknüpfen. Denn warum sollte ein so fantastisch großes Universum nur für uns erstanden sein?</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-scaled.jpg" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Solarpunk-Erklärbild zu erneuerbaren Friedensenergien rechts und fossilen Gewaltenergien rechts. Wir sehen, wie aus einem Ölbohrturm Terror und Kriege finanziert, gesellschaftliche Polarisierung vorangetrieben und der historische Faschismus miterklärt wird. Erneuerbare Friedensenergien entziehen Gewaltherrschern die Grundlage, stärken Demokratie und Wohlstand und können durch alle Menschen bewirkt werden." decoding="async" height="1429" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-scaled.jpg">Solarpunk-Erklärgrafik zu fossilen Gewaltenergien links und erneuerbaren Friedensenergien rechts.</a> Michael Blume mit Notebook LM</em> </p> <p>Allen Leserinnen &amp; Lesern von “Natur des Glaubens” wünsche ich von Herzen Chanukka Sameach, frohe Weihnachten bzw. einfach schöne und besinnliche Feiertage!  </p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/NU0cxZqnVd8?feature=oembed&amp;rel=0" title="Solarpunk als Friedensbewegung zu Weihnachten 2025" width="562"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/tage-der-enthuellung-weihnachten-allein-im-all/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>62</slash:comments> </item> <item> <title>Mainz – über 2000 Jahre Glanz und ein paar Schatten https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/mainz-ueber-2000-jahre-glanz-und-ein-paar-schatten/ https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/mainz-ueber-2000-jahre-glanz-und-ein-paar-schatten/#comments Sat, 20 Dec 2025 01:26:57 +0000 Karin Schumacher https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/?p=4600 https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg Domplatz Mainz und St. Martin, das Wahrzeichen der Stadt. https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/mainz-ueber-2000-jahre-glanz-und-ein-paar-schatten/ <h1>Mainz - über 2000 Jahre Glanz und ein paar Schatten » Medicine & More » SciLogs</h1><h2>By Karin Schumacher</h2><div itemprop="text"> <p><strong><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/4101b2e3cfa34669a79690112d5b2d10" width="1"></img>Was macht Mainz seit Jahrtausenden so besonders? Ein Blick auf 2000 Jahre Geschichte – von Mogontiacum über den Buchdruck bis zu moderner Forschung, lebendiger Kultur und überraschenden Ideen der Gegenwart.</strong><span id="more-4600"></span></p> <p>1450 erfand der Mainzer Johannes Gutenberg den Buchdruck und begründete damit die Ära der massenhaften Wissensverbreitung. 570 Jahre später startete die Mainzer Biotech-Firma BioNTech ihr “Project Lightspeed”, das ein Jahr später zur Zulassung des weltweit ersten mRNA-Impfstoffs gegen COVID-19 führte. Trotz unseres Besuchs bei BioNTech (<a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/von-mainz-in-die-welt-biontechs-weg-zur-globalen-innovation/">s. mein voriger Artikel</a>), am Helmholtz Institute for Translational Oncology (HI-TRON) und im LEIZA, dem neuen Leibniz-Zentrum für Archäologie (s. auch unseren spannenden <a href="https://wpk.org/was-wir-bieten/recherchereisen/berichte-der-recherchereise-nach-mainz/" rel="noopener" target="_blank">Reisebericht</a> bei der WPK e.V.) blieb etwas Zeit, um zu entdecken, was diese Stadt so besonders macht.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4602" id="attachment_4602"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4602">Schmunzelnde Fußgänger dank Mainzelmännchen‑Ampeln. Was wäre, wenn jede Stadt ihre eigene Ampel‑Ikone hätte? (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Mainz ist eine Stadt, die Geschichte lebt. Gegründet von den Römern als Mogontiacum, entwickelte sie sich über die Jahrhunderte zu einem Ort wechselnder Kulturen, an dem immer wieder Ideen entstanden, die die Welt veränderten. In der Altstadt regeln die Mainzelmännchen den Fußgängerverkehr. Folgen wir den kleinen Kerlchen – auf einem Weg durch mehr als 2000 Jahre faszinierende Geschichte.</p> <p>Mainz blickt auf über 2000 Jahre Stadtgeschichte zurück. Gegründet wurde sie um 13/12 v. Chr. von den Römern unter Feldherr Drusus, dem Stiefsohn Kaiser Augustus’. Auf einem strategisch günstig gelegenen Hochplateau gegenüber der Mündung des Mains errichteten sie das Legionslager Mogontiacum, das bald zum militärischen und später zivilen Zentrum der Region wurde. [1]</p> <p>Die Römer nutzten dabei häufig bestehende Kultorte – so auch hier, wo sich vermutlich zuvor eine keltische Kultstätte befand. Der Name “Mogontiacum” geht auf den keltischen Gott Mogon zurück, der als Heil- oder Sonnengott gedeutet wird. Um 300 war Mogontiacum Hauptstadt der römischen Provinz Germania Secunda.<aside></aside></p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4603" id="attachment_4603"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4603">Rekonstruktion einer römischen Fußbodenheizung (Hypocaustum) am Romano-Guardini-Platz, Mainz: antike Baukunst mit hohem Energieaufwand (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Um das Jahr 1400 wurde in einem Mainzer Adelshof, dem Gutenberghof, ein Kind geboren. Wann genau, wissen wir nicht mehr. Auch sein Aussehen ist unbekannt; das erste Porträt entstand rund 100 Jahre nach seinem Tod. Der Junge wurde Johannes getauft, Henne genannt, und trug amtlich den Namen Johannes Gensfleisch. Die Welt kennt ihn heute als Johannes Gutenberg. Als er am 03. Februar 1468 starb, hatte er der Welt ein Vermächtnis hinterlassen, von dem wir alle bis heute profitieren [2].<br></br>Henne wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf. Vermutlich erhielt er eine gute Schulbildung, vielleicht studierte er sogar. Um 1434 zog er nach Straßburg, das damals ein kreatives, internationales Milieu bot. Schon dort muss er an dem Projekt gearbeitet haben, das später die Welt verändern sollte.</p> <p>1448 kehrte er nach Mainz zurück. Er nahm einen Kredit über 1600 Gulden auf – eine enorme Summe, wenn man bedenkt, dass ein Handwerksmeister rund 50 Gulden im Jahr verdiente. Gutenberg entwickelte bewegliche, wiederverwendbare Metalllettern: eine revolutionäre Neuerung, denn zuvor wurden Texte per Hand geschrieben oder spiegelverkehrt in Holz geschnitzt und wie Stempel gedruckt.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4586" id="attachment_4586"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="Johannes Gutenberg – Erfinder des Buchdrucks und Mainzer Visionär. Auch er investierte mutig in Innovation." decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4586">Johannes Gutenberg – Erfinder des Buchdrucks und Mainzer Visionär. Schon er investierte mutig in Innovation. (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Um 1450 begann die erste Druckpresse mit beweglichen Lettern zu arbeiten. Zwischen 1452 und 1454 entstand die erste gedruckte Bibel. Zwei der noch erhaltenen 49 Gutenberg-Bibeln befinden sich im Gutenberg-Museum in Mainz. Mehr als 500 Jahre lang wurde nach Gutenbergs Prinzip gedruckt, bevor in den 1970ern neue Techniken übernahmen.</p> <p>Bildung wurde durch seine Erfindung prinzipiell für alle zugänglich, die lesen konnten. Einer der ersten, die dies erfolgreich nutzten, war der Reformator Martin Luther, der seine Ansichten auf Flugblätter drucken ließ. Seine Reformation der Kirche gilt neben der Erfindung des Buchdrucks und der Eroberung Amerikas als Ende des Mittelalters und Beginn der Neuzeit. Heute erinnert das Gutenberg-Denkmal auf dem Marktplatz an den großen Mainzer Erfinder.</p> <h2>Der Alte Dom – St. Johannis</h2> <p>Am späten Nachmittag trafen wir am Modell des Neuen Doms einen Mann, der mit Leidenschaft über die Geschichte der Mainzer Kirchen sprach. St. Johannis, der “Alte Dom”, erklärte er, sei die älteste Kirche der Stadt und eine der ältesten nördlich der Alpen. Sie wurde im 5. oder 6. Jahrhundert zu einem dreischiffigen Raum umgebaut und war ursprünglich dem Heiligen Martin von Tours geweiht. Das Gelände dürfte zuvor keltischen, später römischen Kulten gedient haben.</p> <p>Um 1000 entstand ein spätottonischer Neubau mit zwei Chören und einer Krypta. 1002 und 1024 fanden hier die Königskrönungen Heinrichs II. und Konrads II. statt. Seit 2013 finden in der Kirche faszinierende archäologische Ausgrabungen statt, die wichtige Einblicke in die Bau- und Nutzungsgeschichte des Alten Doms liefern. Diese können <a href="https://www.mainz-alter-dom.de/hauptbauphasen-von-st-johannis-in-stichworten/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> nachverfolgt werden (siehe auch [3]).</p> <p>Dabei wurde u. a. bestätigt, dass Erzbischof Erkanbald 1021 hier beerdigt wurde; sein Grab wurde nach 1000 Jahren geöffnet und untersucht. Nach der Weihe des heutigen Doms im Jahr 1036 wurde St. Johannis zur Stiftskirche und dem Evangelisten Johannes geweiht. Heute ist sie evangelisch.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4604" id="attachment_4604"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="511" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x785.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x785.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x230.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x589.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1177.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1569.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4604">St. Johannis, der Alte Dom in Mainz – historische Kirche und Ort faszinierender archäologischer Ausgrabungen. Dahinter St. Martin, der Neue Dom. (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Der Mann wies darauf hin, dass frühe Sakralbauten andere statische Prinzipien hatten. Als im Hochmittelalter Wissen verloren ging – durch Brüche in der Überlieferung, Seuchen, Kriege oder die Inquisition -, mussten neue architektonische Lösungen wie Querschiffe geschaffen werden. Ein Satz, der nachdenklich stimmte.</p> <h2>Der Neue Dom – St. Martin: steinerne Mitte der Stadt</h2> <p>Unübersehbarer Mittelpunkt der Altstadt ist der Neue Dom, St. Martin. Er liegt nur wenige Schritte von St. Johannis entfernt und war einst durch einen Gang mit ihm verbunden. Seit über 1000 Jahren prägt er das Stadtbild – ein monumentales Ensemble aus romanischen, gotischen und barocken Elementen [4].</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4607" id="attachment_4607"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4607">Domplatz Mainz und St. Martin, das Wahrzeichen der Stadt. (Foto <span>Credit: Dr. Karin Schumacher)</span></figcaption></figure> <p>Neben Speyer und Worms zählt der Mainzer Dom zu den drei rheinischen Kaiserdomen – den Höhepunkten der deutschen Romanik. Erzbischof Willigis (975-1011) ließ um 1000 eine Kathedralanlage nach dem Vorbild von Alt St. Peter in Rom errichten. Williges war einer der einflussreichsten Mainzer Erzbischöfe des Mittelalters. Er hatte vom Papst den Vorrang vor allen Erzbischöfen nördlich der Alpen erhalten und damit das Recht, die ostfränkischen Könige zu krönen. Doch kurz vor der geplanten Weihe 1009 brannte der Dom ab; erst 1036 wurde er wieder geweiht.</p> <p>Auch die Bronzetür des Marktportals stammt aus der Willigis-Zeit – ein Werk des Meisters Berenger um 1000. Mit 3,70 Metern Höhe und einem Gewicht von bis zu 1850 Kilogramm sind die Türen beeindruckende Zeugnisse mittelalterlicher Kunst- und Machtsymbolik [5].</p> <p>Der Mainzer Dom war Kathedrale des größten europäischen Erzbistums – von Verden an der Aller bis nach Chur und Prag. Als Sitz eines der wichtigsten geistlichen Kurfürstentümer war Mainz über Jahrhunderte ein Zentrum von Macht, Diplomatie und Kunst. Bis heute symbolisiert St. Martin die geistliche und politische Bedeutung der Stadt. Doch auch ein paar Schatten trüben die glänzende Vergangenheit.</p> <h2>Denunziationen und Hexenprozesse in Kurmainz</h2> <p>Das geistliche Kurfürstentum Mainz zählte mit deutlich mehr als 2000 Opfern auf rund 7000 Quadratkilometern zu den am stärksten betroffenen Regionen der Hexenverfolgungen [6, 7]. Grundlage war die “Peinliche Halsgerichtsordnung” Kaiser Karls V. von 1532. Anzeigen kamen fast ausschließlich aus der Bevölkerung – Denunziationen spielten eine zentrale Rolle.</p> <p>Die Hauptverfolgungszeit verlief in vier Wellen zwischen 1593 und 1630 und endete abrupt mit der Besetzung durch die Schweden. Danach gab es nur noch vereinzelte Prozesse; die letzten Hinrichtungen fanden 1684 im eichsfeldischen Worbis statt.</p> <p>Die meisten Opfer waren verheiratete Frauen um die 55. Der Männeranteil lag jedoch mit 17–30 % relativ hoch. Kinder wurden selten hingerichtet. Betroffen waren vor allem Personen aus Handwerk und bäuerlichen Schichten; Geistliche und Gelehrte selten, Adelige gar nicht.</p> <h2>Denunziationen heute</h2> <p>Denunziationen sind <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-wesir-abdul-%d0%b2%d0%b8%d0%b7%d0%b8%d1%80%d1%8c-%d0%b0%d0%b1%d0%b4%d1%83%d0%bb-maerchen-von-leo-tolstoi/" rel="noopener" target="_blank">kein Relikt</a> vergangener Zeiten. Eine berechtigte Anzeige schützt – doch erfolgt sie unüberlegt, im Affekt oder aus ambivalenten Motiven, kann sie zerstörerische Folgen haben. Zugleich ist eine Anzeige in klaren Fällen, etwa bei einem Einbruch, wichtig und notwendig. Umso mehr braucht es Achtsamkeit, Weitsicht und Verantwortungsbewusstsein – Fähigkeiten, die wir bewusst pflegen und trainieren sollten [8].</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4616" id="attachment_4616"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="Mainzer Ampelmännchen: Achtung und Stopp - Signale für Vorsicht und Verantwortung." decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4616">Mainzer Ampelmännchen: Achtung und Stopp – Signale für Vorsicht und Verantwortung.(Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Achtsamkeit und Verantwortungsbewusstsein sind Werte, die oft aus den dunklen Kapiteln der Geschichte besonders stark erwachsen. Doch eigentlich sollten wir sie nicht erst nach Kriegen, Katastrophen oder <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-pedelec-unfall-und-was-wirklich-zaehlt-intuition-verantwortung-und-dankbarkeit/" rel="noopener" target="_blank">persönlichen Erschütterungen</a> begreifen müssen. Manchmal begegnen uns Impulse, die uns zeigen, wozu Menschen fähig sein können – im Guten, weil sie dem Bösen etwas entgegensetzen, das stärker und beständiger wirkt als es.</p> <p>Auch der jüdisch-russische Künstler Marc Chagall (1887–1985) wirkte in Mainz. 1978 übergab der damals über 90-Jährige das erste der insgesamt neun Fenster, die er bis zu seinem Tod für die Kirche St. Stephan schuf – eine Kirche, die im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt worden war [9]. Es sind die einzigen Glasfenster, die er je für eine deutsche Kirche entwarf. Das tiefe Blau der Fenster erzählt von biblischen Szenen und trägt zugleich Chagall Vermächtnis: eine leuchtende Botschaft von Frieden und Versöhnung.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4606" id="attachment_4606"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4606">Chagall-Fenster in St. Stephan Mainz – leuchtende Visionen für Frieden und Versöhnung ( <span>Credit: Dr. Karin Schumacher)</span></figcaption></figure> <p>Am Schillerplatz sprudelt der Fastnachtsbrunnen von 1967 – ein Denkmal mit über 200 bronzenen Figuren aus Mythologie, Stadtgeschichte und Fastnacht [10]. Gegenüber, vom Balkon des Osteiner Hofs, einem barocken Adelshof, wird jedes Jahr am 11.11. um 11:11 Uhr die Fastnacht ausgerufen.</p> <p>Die Stadt hat viele Kulturen kommen und gehen sehen. Mainz bleibt dennoch Mainz, während in der Altstadt die Mainzelmännchen liebevoll den Fußgängerverkehr regeln – zwischen Ernst und Heiterkeit, Weltmedizin und Geschichte, Vision und Alltag.</p> <p>…geht in die Weinberge – nach Nackenheim, Oppenheim oder Ingelheim. Oder setzt über den Rhein nach Wiesbaden, wo Thermalquellen sprudeln, das Casino lockt und Villen glänzen. Doch das ist eine andere Geschichte.</p> <ol> <li> <ol> <li>Mainz Alter Dom. Geschichte der Römerzeit in Mainz. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://www.mainz-alter-dom.de/" rel="noopener" target="_blank">https://www.mainz-alter-dom.de/</a></li> <li><span>Gutenberg-Museum Mainz. Johannes Gutenberg und der Buchdruck. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://www.gutenberg-museum.de/" rel="noopener" target="_blank">https://www.gutenberg-museum.de/</a></span></li> <li><span>Innenstadtgemeinde Mainz. (November 2023). Alter Dom St. Johannis: Geschichte und Ausgrabungen. Abgerufen am 8. Dezember 2025, von <a href="https://www.mainz-alter-dom.de/" rel="noopener" target="_blank">https://www.mainz-alter-dom.de/</a></span></li> <li><span>Bistum Mainz. Mainzer Dom St. Martin: Geschichte und Architektur. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://bistummainz.de/mainzer-dom/" rel="noopener" target="_blank">https://bistummainz.de/mainzer-dom/</a></span></li> <li><span>1000 Jahre Mainzer Dom. Das Marktportal und die Bronzetüren. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://www.1000-jahre-mainzer-dom.de/rundgang/portale.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.1000-jahre-mainzer-dom.de/rundgang/portale.html</a></span></li> <li><span>Pohl, H. (1998). Zauberglaube und Hexenangst im Kurfürstentum Mainz. Stuttgart: Steinert. Abgerufen am 8. Dezember 2025, von <a href="https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC" rel="noopener" target="_blank">https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC</a></span></li> <li><span>Gebhard, H. (1990). Hexenprozesse im Kurfürstentum Mainz des 17. Jahrhunderts. Aschaffenburg: Geschichts- und Kunstverein. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC" rel="noopener" target="_blank">https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC</a></span></li> <li><span>Deutschlandfunk. (11. Oktober 2023). Forschung zu Vigilanzkulturen: Wachsamkeit, freiwillige Überwachung und Denunziation in der Gesellschaft. Abgerufen am: 20.12.2025, von <a href="https://www.deutschlandfunk.de/forschung-zu-vigilanzkulturen-wachsamkeit-freiwillige-100.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.deutschlandfunk.de/forschung-zu-vigilanzkulturen-wachsamkeit-freiwillige-100.html</a></span></li> <li><span>St. Stephan Mainz. Chagall-Fenster in St. Stephan. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://bistummainz.de/pfarrei/mainz-st-stephan/chagall-fenster/die-fenster-von-marc-chagall/" rel="noopener" target="_blank">https://bistummainz.de/pfarrei/mainz-st-stephan/chagall-fenster/die-fenster-von-marc-chagall/</a></span></li> <li><span>Stadt Mainz. Fastnachtsbrunnen und Fastnachtstradition. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://www.mainz.de/tourismus/sehenswertes/fastnachtsbrunnen.php" rel="noopener" target="_blank">https://www.mainz.de/tourismus/sehenswertes/fastnachtsbrunnen.php</a></span></li> </ol> </li> </ol> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Mainz - über 2000 Jahre Glanz und ein paar Schatten » Medicine & More » SciLogs</h1><h2>By Karin Schumacher</h2><div itemprop="text"> <p><strong><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/4101b2e3cfa34669a79690112d5b2d10" width="1"></img>Was macht Mainz seit Jahrtausenden so besonders? Ein Blick auf 2000 Jahre Geschichte – von Mogontiacum über den Buchdruck bis zu moderner Forschung, lebendiger Kultur und überraschenden Ideen der Gegenwart.</strong><span id="more-4600"></span></p> <p>1450 erfand der Mainzer Johannes Gutenberg den Buchdruck und begründete damit die Ära der massenhaften Wissensverbreitung. 570 Jahre später startete die Mainzer Biotech-Firma BioNTech ihr “Project Lightspeed”, das ein Jahr später zur Zulassung des weltweit ersten mRNA-Impfstoffs gegen COVID-19 führte. Trotz unseres Besuchs bei BioNTech (<a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/von-mainz-in-die-welt-biontechs-weg-zur-globalen-innovation/">s. mein voriger Artikel</a>), am Helmholtz Institute for Translational Oncology (HI-TRON) und im LEIZA, dem neuen Leibniz-Zentrum für Archäologie (s. auch unseren spannenden <a href="https://wpk.org/was-wir-bieten/recherchereisen/berichte-der-recherchereise-nach-mainz/" rel="noopener" target="_blank">Reisebericht</a> bei der WPK e.V.) blieb etwas Zeit, um zu entdecken, was diese Stadt so besonders macht.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4602" id="attachment_4602"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4602">Schmunzelnde Fußgänger dank Mainzelmännchen‑Ampeln. Was wäre, wenn jede Stadt ihre eigene Ampel‑Ikone hätte? (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Mainz ist eine Stadt, die Geschichte lebt. Gegründet von den Römern als Mogontiacum, entwickelte sie sich über die Jahrhunderte zu einem Ort wechselnder Kulturen, an dem immer wieder Ideen entstanden, die die Welt veränderten. In der Altstadt regeln die Mainzelmännchen den Fußgängerverkehr. Folgen wir den kleinen Kerlchen – auf einem Weg durch mehr als 2000 Jahre faszinierende Geschichte.</p> <p>Mainz blickt auf über 2000 Jahre Stadtgeschichte zurück. Gegründet wurde sie um 13/12 v. Chr. von den Römern unter Feldherr Drusus, dem Stiefsohn Kaiser Augustus’. Auf einem strategisch günstig gelegenen Hochplateau gegenüber der Mündung des Mains errichteten sie das Legionslager Mogontiacum, das bald zum militärischen und später zivilen Zentrum der Region wurde. [1]</p> <p>Die Römer nutzten dabei häufig bestehende Kultorte – so auch hier, wo sich vermutlich zuvor eine keltische Kultstätte befand. Der Name “Mogontiacum” geht auf den keltischen Gott Mogon zurück, der als Heil- oder Sonnengott gedeutet wird. Um 300 war Mogontiacum Hauptstadt der römischen Provinz Germania Secunda.<aside></aside></p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4603" id="attachment_4603"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4603">Rekonstruktion einer römischen Fußbodenheizung (Hypocaustum) am Romano-Guardini-Platz, Mainz: antike Baukunst mit hohem Energieaufwand (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Um das Jahr 1400 wurde in einem Mainzer Adelshof, dem Gutenberghof, ein Kind geboren. Wann genau, wissen wir nicht mehr. Auch sein Aussehen ist unbekannt; das erste Porträt entstand rund 100 Jahre nach seinem Tod. Der Junge wurde Johannes getauft, Henne genannt, und trug amtlich den Namen Johannes Gensfleisch. Die Welt kennt ihn heute als Johannes Gutenberg. Als er am 03. Februar 1468 starb, hatte er der Welt ein Vermächtnis hinterlassen, von dem wir alle bis heute profitieren [2].<br></br>Henne wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf. Vermutlich erhielt er eine gute Schulbildung, vielleicht studierte er sogar. Um 1434 zog er nach Straßburg, das damals ein kreatives, internationales Milieu bot. Schon dort muss er an dem Projekt gearbeitet haben, das später die Welt verändern sollte.</p> <p>1448 kehrte er nach Mainz zurück. Er nahm einen Kredit über 1600 Gulden auf – eine enorme Summe, wenn man bedenkt, dass ein Handwerksmeister rund 50 Gulden im Jahr verdiente. Gutenberg entwickelte bewegliche, wiederverwendbare Metalllettern: eine revolutionäre Neuerung, denn zuvor wurden Texte per Hand geschrieben oder spiegelverkehrt in Holz geschnitzt und wie Stempel gedruckt.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4586" id="attachment_4586"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="Johannes Gutenberg – Erfinder des Buchdrucks und Mainzer Visionär. Auch er investierte mutig in Innovation." decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4586">Johannes Gutenberg – Erfinder des Buchdrucks und Mainzer Visionär. Schon er investierte mutig in Innovation. (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Um 1450 begann die erste Druckpresse mit beweglichen Lettern zu arbeiten. Zwischen 1452 und 1454 entstand die erste gedruckte Bibel. Zwei der noch erhaltenen 49 Gutenberg-Bibeln befinden sich im Gutenberg-Museum in Mainz. Mehr als 500 Jahre lang wurde nach Gutenbergs Prinzip gedruckt, bevor in den 1970ern neue Techniken übernahmen.</p> <p>Bildung wurde durch seine Erfindung prinzipiell für alle zugänglich, die lesen konnten. Einer der ersten, die dies erfolgreich nutzten, war der Reformator Martin Luther, der seine Ansichten auf Flugblätter drucken ließ. Seine Reformation der Kirche gilt neben der Erfindung des Buchdrucks und der Eroberung Amerikas als Ende des Mittelalters und Beginn der Neuzeit. Heute erinnert das Gutenberg-Denkmal auf dem Marktplatz an den großen Mainzer Erfinder.</p> <h2>Der Alte Dom – St. Johannis</h2> <p>Am späten Nachmittag trafen wir am Modell des Neuen Doms einen Mann, der mit Leidenschaft über die Geschichte der Mainzer Kirchen sprach. St. Johannis, der “Alte Dom”, erklärte er, sei die älteste Kirche der Stadt und eine der ältesten nördlich der Alpen. Sie wurde im 5. oder 6. Jahrhundert zu einem dreischiffigen Raum umgebaut und war ursprünglich dem Heiligen Martin von Tours geweiht. Das Gelände dürfte zuvor keltischen, später römischen Kulten gedient haben.</p> <p>Um 1000 entstand ein spätottonischer Neubau mit zwei Chören und einer Krypta. 1002 und 1024 fanden hier die Königskrönungen Heinrichs II. und Konrads II. statt. Seit 2013 finden in der Kirche faszinierende archäologische Ausgrabungen statt, die wichtige Einblicke in die Bau- und Nutzungsgeschichte des Alten Doms liefern. Diese können <a href="https://www.mainz-alter-dom.de/hauptbauphasen-von-st-johannis-in-stichworten/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> nachverfolgt werden (siehe auch [3]).</p> <p>Dabei wurde u. a. bestätigt, dass Erzbischof Erkanbald 1021 hier beerdigt wurde; sein Grab wurde nach 1000 Jahren geöffnet und untersucht. Nach der Weihe des heutigen Doms im Jahr 1036 wurde St. Johannis zur Stiftskirche und dem Evangelisten Johannes geweiht. Heute ist sie evangelisch.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4604" id="attachment_4604"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="511" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x785.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x785.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x230.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x589.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1177.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1569.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4604">St. Johannis, der Alte Dom in Mainz – historische Kirche und Ort faszinierender archäologischer Ausgrabungen. Dahinter St. Martin, der Neue Dom. (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Der Mann wies darauf hin, dass frühe Sakralbauten andere statische Prinzipien hatten. Als im Hochmittelalter Wissen verloren ging – durch Brüche in der Überlieferung, Seuchen, Kriege oder die Inquisition -, mussten neue architektonische Lösungen wie Querschiffe geschaffen werden. Ein Satz, der nachdenklich stimmte.</p> <h2>Der Neue Dom – St. Martin: steinerne Mitte der Stadt</h2> <p>Unübersehbarer Mittelpunkt der Altstadt ist der Neue Dom, St. Martin. Er liegt nur wenige Schritte von St. Johannis entfernt und war einst durch einen Gang mit ihm verbunden. Seit über 1000 Jahren prägt er das Stadtbild – ein monumentales Ensemble aus romanischen, gotischen und barocken Elementen [4].</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4607" id="attachment_4607"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4607">Domplatz Mainz und St. Martin, das Wahrzeichen der Stadt. (Foto <span>Credit: Dr. Karin Schumacher)</span></figcaption></figure> <p>Neben Speyer und Worms zählt der Mainzer Dom zu den drei rheinischen Kaiserdomen – den Höhepunkten der deutschen Romanik. Erzbischof Willigis (975-1011) ließ um 1000 eine Kathedralanlage nach dem Vorbild von Alt St. Peter in Rom errichten. Williges war einer der einflussreichsten Mainzer Erzbischöfe des Mittelalters. Er hatte vom Papst den Vorrang vor allen Erzbischöfen nördlich der Alpen erhalten und damit das Recht, die ostfränkischen Könige zu krönen. Doch kurz vor der geplanten Weihe 1009 brannte der Dom ab; erst 1036 wurde er wieder geweiht.</p> <p>Auch die Bronzetür des Marktportals stammt aus der Willigis-Zeit – ein Werk des Meisters Berenger um 1000. Mit 3,70 Metern Höhe und einem Gewicht von bis zu 1850 Kilogramm sind die Türen beeindruckende Zeugnisse mittelalterlicher Kunst- und Machtsymbolik [5].</p> <p>Der Mainzer Dom war Kathedrale des größten europäischen Erzbistums – von Verden an der Aller bis nach Chur und Prag. Als Sitz eines der wichtigsten geistlichen Kurfürstentümer war Mainz über Jahrhunderte ein Zentrum von Macht, Diplomatie und Kunst. Bis heute symbolisiert St. Martin die geistliche und politische Bedeutung der Stadt. Doch auch ein paar Schatten trüben die glänzende Vergangenheit.</p> <h2>Denunziationen und Hexenprozesse in Kurmainz</h2> <p>Das geistliche Kurfürstentum Mainz zählte mit deutlich mehr als 2000 Opfern auf rund 7000 Quadratkilometern zu den am stärksten betroffenen Regionen der Hexenverfolgungen [6, 7]. Grundlage war die “Peinliche Halsgerichtsordnung” Kaiser Karls V. von 1532. Anzeigen kamen fast ausschließlich aus der Bevölkerung – Denunziationen spielten eine zentrale Rolle.</p> <p>Die Hauptverfolgungszeit verlief in vier Wellen zwischen 1593 und 1630 und endete abrupt mit der Besetzung durch die Schweden. Danach gab es nur noch vereinzelte Prozesse; die letzten Hinrichtungen fanden 1684 im eichsfeldischen Worbis statt.</p> <p>Die meisten Opfer waren verheiratete Frauen um die 55. Der Männeranteil lag jedoch mit 17–30 % relativ hoch. Kinder wurden selten hingerichtet. Betroffen waren vor allem Personen aus Handwerk und bäuerlichen Schichten; Geistliche und Gelehrte selten, Adelige gar nicht.</p> <h2>Denunziationen heute</h2> <p>Denunziationen sind <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-wesir-abdul-%d0%b2%d0%b8%d0%b7%d0%b8%d1%80%d1%8c-%d0%b0%d0%b1%d0%b4%d1%83%d0%bb-maerchen-von-leo-tolstoi/" rel="noopener" target="_blank">kein Relikt</a> vergangener Zeiten. Eine berechtigte Anzeige schützt – doch erfolgt sie unüberlegt, im Affekt oder aus ambivalenten Motiven, kann sie zerstörerische Folgen haben. Zugleich ist eine Anzeige in klaren Fällen, etwa bei einem Einbruch, wichtig und notwendig. Umso mehr braucht es Achtsamkeit, Weitsicht und Verantwortungsbewusstsein – Fähigkeiten, die wir bewusst pflegen und trainieren sollten [8].</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4616" id="attachment_4616"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="Mainzer Ampelmännchen: Achtung und Stopp - Signale für Vorsicht und Verantwortung." decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4616">Mainzer Ampelmännchen: Achtung und Stopp – Signale für Vorsicht und Verantwortung.(Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Achtsamkeit und Verantwortungsbewusstsein sind Werte, die oft aus den dunklen Kapiteln der Geschichte besonders stark erwachsen. Doch eigentlich sollten wir sie nicht erst nach Kriegen, Katastrophen oder <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-pedelec-unfall-und-was-wirklich-zaehlt-intuition-verantwortung-und-dankbarkeit/" rel="noopener" target="_blank">persönlichen Erschütterungen</a> begreifen müssen. Manchmal begegnen uns Impulse, die uns zeigen, wozu Menschen fähig sein können – im Guten, weil sie dem Bösen etwas entgegensetzen, das stärker und beständiger wirkt als es.</p> <p>Auch der jüdisch-russische Künstler Marc Chagall (1887–1985) wirkte in Mainz. 1978 übergab der damals über 90-Jährige das erste der insgesamt neun Fenster, die er bis zu seinem Tod für die Kirche St. Stephan schuf – eine Kirche, die im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt worden war [9]. Es sind die einzigen Glasfenster, die er je für eine deutsche Kirche entwarf. Das tiefe Blau der Fenster erzählt von biblischen Szenen und trägt zugleich Chagall Vermächtnis: eine leuchtende Botschaft von Frieden und Versöhnung.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4606" id="attachment_4606"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4606">Chagall-Fenster in St. Stephan Mainz – leuchtende Visionen für Frieden und Versöhnung ( <span>Credit: Dr. Karin Schumacher)</span></figcaption></figure> <p>Am Schillerplatz sprudelt der Fastnachtsbrunnen von 1967 – ein Denkmal mit über 200 bronzenen Figuren aus Mythologie, Stadtgeschichte und Fastnacht [10]. Gegenüber, vom Balkon des Osteiner Hofs, einem barocken Adelshof, wird jedes Jahr am 11.11. um 11:11 Uhr die Fastnacht ausgerufen.</p> <p>Die Stadt hat viele Kulturen kommen und gehen sehen. Mainz bleibt dennoch Mainz, während in der Altstadt die Mainzelmännchen liebevoll den Fußgängerverkehr regeln – zwischen Ernst und Heiterkeit, Weltmedizin und Geschichte, Vision und Alltag.</p> <p>…geht in die Weinberge – nach Nackenheim, Oppenheim oder Ingelheim. Oder setzt über den Rhein nach Wiesbaden, wo Thermalquellen sprudeln, das Casino lockt und Villen glänzen. Doch das ist eine andere Geschichte.</p> <ol> <li> <ol> <li>Mainz Alter Dom. Geschichte der Römerzeit in Mainz. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://www.mainz-alter-dom.de/" rel="noopener" target="_blank">https://www.mainz-alter-dom.de/</a></li> <li><span>Gutenberg-Museum Mainz. Johannes Gutenberg und der Buchdruck. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://www.gutenberg-museum.de/" rel="noopener" target="_blank">https://www.gutenberg-museum.de/</a></span></li> <li><span>Innenstadtgemeinde Mainz. (November 2023). Alter Dom St. Johannis: Geschichte und Ausgrabungen. Abgerufen am 8. Dezember 2025, von <a href="https://www.mainz-alter-dom.de/" rel="noopener" target="_blank">https://www.mainz-alter-dom.de/</a></span></li> <li><span>Bistum Mainz. Mainzer Dom St. Martin: Geschichte und Architektur. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://bistummainz.de/mainzer-dom/" rel="noopener" target="_blank">https://bistummainz.de/mainzer-dom/</a></span></li> <li><span>1000 Jahre Mainzer Dom. Das Marktportal und die Bronzetüren. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://www.1000-jahre-mainzer-dom.de/rundgang/portale.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.1000-jahre-mainzer-dom.de/rundgang/portale.html</a></span></li> <li><span>Pohl, H. (1998). Zauberglaube und Hexenangst im Kurfürstentum Mainz. Stuttgart: Steinert. Abgerufen am 8. Dezember 2025, von <a href="https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC" rel="noopener" target="_blank">https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC</a></span></li> <li><span>Gebhard, H. (1990). Hexenprozesse im Kurfürstentum Mainz des 17. Jahrhunderts. Aschaffenburg: Geschichts- und Kunstverein. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC" rel="noopener" target="_blank">https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC</a></span></li> <li><span>Deutschlandfunk. (11. Oktober 2023). Forschung zu Vigilanzkulturen: Wachsamkeit, freiwillige Überwachung und Denunziation in der Gesellschaft. Abgerufen am: 20.12.2025, von <a href="https://www.deutschlandfunk.de/forschung-zu-vigilanzkulturen-wachsamkeit-freiwillige-100.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.deutschlandfunk.de/forschung-zu-vigilanzkulturen-wachsamkeit-freiwillige-100.html</a></span></li> <li><span>St. Stephan Mainz. Chagall-Fenster in St. Stephan. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://bistummainz.de/pfarrei/mainz-st-stephan/chagall-fenster/die-fenster-von-marc-chagall/" rel="noopener" target="_blank">https://bistummainz.de/pfarrei/mainz-st-stephan/chagall-fenster/die-fenster-von-marc-chagall/</a></span></li> <li><span>Stadt Mainz. Fastnachtsbrunnen und Fastnachtstradition. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://www.mainz.de/tourismus/sehenswertes/fastnachtsbrunnen.php" rel="noopener" target="_blank">https://www.mainz.de/tourismus/sehenswertes/fastnachtsbrunnen.php</a></span></li> </ol> </li> </ol> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/mainz-ueber-2000-jahre-glanz-und-ein-paar-schatten/#comments 8 Was bedeuten die stark ansteigenden Diagnosezahlen für ADHS? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/#comments Fri, 19 Dec 2025 12:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3479 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Achtung-ADHS-768x543.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Achtung-ADHS.jpg" /><h1>Was bedeuten die stark ansteigenden Diagnosezahlen für ADHS? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Vor allem bei erwachsenen Frauen stieg die Häufigkeit in den letzten Jahren auf bis das Sechsfache</strong></p> <span id="more-3479"></span> <p>Man liest es regelmäßig in den Medien: Psychologisch-psychiatrische Störungen werden immer häufiger diagnostiziert. Die Mengen der verschriebenen Medikamente <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-medikamente-fuer-erwachsene-verdreifacht/">steigen rasant</a>. Die Wartelisten für eine Therapie sind lang. Man brauche mehr Therapeutinnen und Therapeuten.</p> <p>Doch obwohl die sogenannten hoch entwickelten Länder schon sehr viel mehr davon haben als andere, scheint es nie genug zu sein. (Ich bekenne: Ich habe selbst über 5.000 Psychologinnen und Psychologen akademisch ausgebildet.) Schlimmer noch: Trotz aller Bemühungen, der Aufklärung und der (angeblichen) Entstigmatisierung steigen nicht nur die Diagnosen, sondern auch die Krankheitstage und -Kosten, ja sogar die langfristige Arbeitsunfähigkeit wegen psychischer Belastungen.</p> <p>Epidemiologen wundern sich: Laut ihren allgemeinen Bevölkerungsstudien ändert sich nichts oder allenfalls nur wenig. An den Türen der Arztpraxen und Therapiezentren sieht das aber ganz anders aus. Dort klopfen immer mehr Menschen mit Problemen an, die in den psychologisch-psychiatrischen Bereich eingeordnet werden. Sowohl die Diagnosen und Therapien als auch die Medikamentenverschreibungen und Arbeitsausfälle bilden einen zentralen Teil unseres Alltags ab.</p> <p>Mit dieser Realität haben sich zum Beispiel Julia Thom vom Robert Koch-Institut und Kollegen beschäftigt. Für eine aktuelle Studie haben sie die Veränderung der Diagnosen im Zeitraum von 2012 bis 2022 untersucht, die sie aus den Daten der gesetzlichen Krankenkassen errechnet haben (Thom et al., 2024). Demnach stiegen die Diagnosen der vor allem bei Frauen diagnostizierten Angststörungen und Depressionen um 31 beziehungsweise 15 Prozent.<aside></aside></p> <p>Bei den von Männern häufiger und intensiver konsumierten psychoaktiven Substanzen und damit einhergehenden psychischen Problemen betrug der Anstieg 35 Prozent. Am meisten veränderte sich aber bei der posttraumatischen Belastungsstörung, wenn auch in absoluten Zahlen auf einem niedrigeren Niveau: mit plus 116 Prozent mehr als eine Verdopplung.</p> <p>Das alles nimmt sich aber bescheiden heraus, wenn man es mit dem Anstieg der ADHS-Diagnosen bei den 25- bis 34-jährigen Frauen vergleicht, über den ich im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/">ersten Teil</a> schrieb: gut 500 Prozent!</p> <h2 id="h-be-deutung-von-erwachsenen-adhs">(Be-)Deutung von Erwachsenen-ADHS</h2> <p>Das sind Zahlen beziehungsweise Veränderungen, über die selbstverständlich die Medien berichten. Wie soll man sie deuten? Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Maria Ivanova vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Berlin, die die neuesten ADHS-Daten berichteten, diskutieren selbst <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/inzidenz-von-adhs-spektrum-stoerungen-bei-erwachsenen-22c4cb5b-38c9-4d19-baa1-70bbc8c595b3">verschiedene Möglichkeiten</a>. Schauen wir zunächst auf ihre Erklärung eines kleinen Rückgangs der Diagnosen im Jahr 2020:</p> <blockquote> <p>“Der kurzzeitige Inzidenzrückgang (2020) ist möglicherweise pandemiebedingt aufgrund geringerer Versorgungsinanspruchnahme, aber auch aufgrund von Einschränkungen in persönlichen Lebensbereichen und damit der Nichterfüllung der Erstdiagnostik-Kriterien zu erklären, die Funktionsbeeinträchtigungen in mindestens zwei Lebensbereichen erfordert.” (Ivanova et al., 2025)</p> </blockquote> <p>Das vermittelt uns das Wissen, dass die offiziellen diagnostischen Kriterien für ADHS seit 1994 das Vorliegen der Probleme – fehlende Aufmerksamkeit, Hyperaktivität und/oder Impulsivität – in mindestens zwei Bereichen vorschreiben, zum Beispiel in der Schule oder zu Hause. Wenn die Leute nur in der Wohnung sind, fallen andere Lebensbereiche natürlich weg.</p> <p>Übrigens wurde damals festgelegt, dass zumindest ein Teil der Probleme schon vor dem siebten Lebensjahr vorliegen muss. Es ist aber hinterher natürlich schwer zu sagen, wer als Kleinkind “oft” Anzeichen solcher Verhaltensweisen zeigte und wer nicht, zumal das bei Erwachsenen Jahrzehnte zurückliegt. Die genannte Altersgrenze wurde 2013 übrigens vom siebten auf das zwölfte Lebensjahr angehoben. Das erweiterte die Möglichkeit, die Störung zu diagnostizieren.</p> <p>Doch kommen wir jetzt zur wichtigeren Erklärung der Forscherinnen und Forscher:</p> <blockquote> <p>“[1] Der jüngst starke Inzidenzanstieg resultiert möglicherweise aus einer stärkeren gesellschaftlichen Sensibilisierung für AD(H)S, [2] der Einführung des F98.80-Codes sowie [3] Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die psychische Gesundheit. Dies erklärt möglicherweise auch die starke Zunahme bei jungen Frauen.” (Ivanova et al., 2025)</p> </blockquote> <p>Erstens – die Zahlen habe ich hilfsweise eingefügt – gibt es also vielleicht mehr Aufmerksamkeit für das Thema; zweitens wurde eine Diagnose-Möglichkeit eingeführt; und drittens ging die Pandemie mit besonderen Belastungen einher.</p> <h2 id="h-adhs-im-kontext">ADHS im Kontext</h2> <p>Mir gefällt, dass das Störungsbild hier kontextualisiert, also im Rahmen der gesellschaftlichen und institutionellen Bedingungen gesehen wird. Das in Deutschland immer noch hauptsächlich verwendete diagnostische Regelwerk, das aus den 1990er-Jahren stammende ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation, kannte eigentlich noch gar keine ADHS, wie sie seit 1980 in den amerikanischen Handbüchern steht. Stattdessen finden sich darin die “<a href="https://gesund.bund.de/icd-code-suche/f90">hyperkinetischen Störungen</a>“.</p> <p>Es gab für die Länder, die das ICD verwenden, im Laufe der Jahre aber immer sprachliche Anpassungen. Damit kam schließlich die “<a href="https://gesund.bund.de/icd-code-suche/f98-80">Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität mit Beginn in der Kindheit und Jugend</a>“. Wie ich im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/">ersten Teil</a> beschrieb, kommt der Subtyp von ADHS ohne Hyperaktivität beziehungsweise Impulsivität, manchmal auch “ADS” genannt, typischerweise häufiger bei den Mädchen vor.</p> <p>Diese Erklärung würde also zum besonders starken Anstieg bei den Frauen passen. Allerdings gibt es dieses Phänomen auch in Ländern wie den Niederlanden, die die amerikanischen Kriterien des sogenannten DSM verwenden. Auch hier bekamen Frauen in den letzten Jahren immer mehr ADHS-Diagnosen, obwohl die Klassifikation den unaufmerksamen Typ seit 1994 vorsieht.</p> <p>Dass immer mehr über ADHS – und andere psychologisch-psychiatrische Störungen – gesprochen wird und die Pandemie mit besonderen Belastungen einherging, sind im Kern soziale Erklärungen für den Anstieg. Mit dem Verweis auf “die starke Zunahme bei jungen Frauen” dachten die Forscherinnen und Forscher vielleicht an die Mehrfachbelastung durch Beruf und Erziehungsaufgaben, die stärker von Frauen wahrgenommen werden.</p> <h2 id="h-in-der-presse">In der Presse</h2> <p>Diese Deutungen konnte die Presse leicht diskutieren, als sie am 11. und 12. Dezember von der neuen Studie berichtete. Die öffentlich-rechtliche Tagesschau fiel aber negativ aus dem Rahmen: Obwohl die Daten der Originalveröffentlichung mit Link dargestellt wurden, ließen die Journalisten nur eine Reihe von Psychiatern <a href="https://www.tagesschau.de/wissen/gesundheit/adhs-erwachsene-diagnosen-100.html">zu Wort kommen</a>. Und die meinen alle, ADHS wurde und werde zu selten diagnostiziert.</p> <p>Kurzum, der Anstieg sei gar kein wirklicher Anstieg, sondern hole nur vorher übersehene Störungen ein. Warum das gerade in den Jahren 2021 bis 2024 passieren sollte und dann auch noch so schnell, erklärt keiner von ihnen.</p> <p>Swantje Matthies vom Universitätsklinikum Freiburg meint zudem,</p> <blockquote> <p>“die Symptome von ADHS und ADS [wurden] bei Frauen lange Zeit häufig übersehen. Die frühen Studien zu dem Thema basierten – wie so häufig im Gesundheitssystem – fast ausschließlich auf Daten von Jungen und Männern. Deshalb galten typisch männliche Symptome auch lange als allgemein typische AD(H)S-Symptome.” (Swantje Matthies auf tagesschau.de)</p> </blockquote> <p>Wie wir oben sahen, gibt es den bei den Mädchen häufiger Vorkommenden ADHS-Typ mit Unaufmerksamkeit als zentralem Kriterium aber schon seit 1994 in dem amerikanischen Diagnosewerk. Auch in den Ländern, die dieses verwenden, stiegen die Diagnosen in den letzten Jahren stark an.</p> <p>Noch eine Bemerkung zu der Kritik, die Studien basierten vor allem auf den Daten von Jungen und Männern: Das liegt zum Beispiel bei Medikamententests auch an der Tatsache, dass Männer sich dafür häufiger freiwillig melden. Wie ich im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/">ersten Teil</a> beschrieb, sind – vor allem: junge – Männer allgemein risikofreudiger. Es wäre wohl kaum im Sinne von Matthies, Frauen zur Teilnahme an solchen Tests gesetzlich zu verpflichten, um hier bessere Daten zu erhalten. Es stimmt aber auch, dass in der Forschung aufgrund knapper Ressourcen öfter nur ein Geschlecht untersucht wird und das zumindest in der Vergangenheit häufiger Männer waren.</p> <h2 id="h-und-was-fehlte">Und was fehlte</h2> <p>Trotzdem wunderte es mich, dass die Tagesschau die oben genannten sozialen Erklärungen aus der Originalarbeit verschwieg. Nach meinem Hinweis von 11:30 Uhr am 12. Dezember wurde <a href="https://www.tagesschau.de/wissen/gesundheit/adhs-erwachsene-diagnosen-100.html">der Artikel</a> um ca. 13:30 Uhr ergänzt und räumte man mir gegenüber in einer E-Mail von 13:42 Uhr den Fehler ein. Dieser redaktionelle Eingriff wurde im Text aber nicht kenntlich gemacht. In der dazugehörigen Audiodatei hört man wahrscheinlich noch die alte Version.</p> <p>Nach der Überarbeitung ist nun zwar von den möglichen Auswirkungen der Pandemie die Rede. Dass der Anstieg der Diagnosen aber auch an der gestiegenen Aufmerksamkeit in den Medien liegen könnte, wird dort immer noch nicht erwähnt. Dabei kann das jeder einmal selbst ausprobieren: Man liest die (oft schwammigen) Symptomlisten in so einem diagnostischen Werk und erkennt auf einmal an sich selbst ganz viele Störungsbilder oder Krankheiten. Manche Menschen sind hierfür anfälliger als andere.</p> <p>Der Tagesschau-Artikel erlaubte sich noch einen zweiten Patzer, nämlich bei den Medikamenten, auf die ich gleich ausführlicher eingehe. Am Ende wurde unter der Zwischenüberschrift “Medikamente wirken zuverlässiger” noch auf eine neuere Meta-Analyse (Ostinelli et al., 2025) zur Behandlung von Erwachsenen-ADHS verwiesen: “Danach helfen nur Medikamente, wie das vor allem unter Markennamen ‘Ritalin’ bekannte Methylphenidat oder Amphetamine verlässlich und schnell gegen Kernsymptome von ADHS, also Unruhe, Unaufmerksamkeit oder Impulsivität.”</p> <p>Eine sprachliche Feinheit vorweg: Wenn man im Deutschen nicht von Amphetamin (Straßenname “Speed”), sondern von “Amphetaminen” spricht, bezieht man sich auf eine allgemeine Substanzklasse, zu der auch Ecstasy/MDMA gehört. Wofür steht hier wohl das letzte “A”? Amphetamin! Daran haben die Tagesschau-Leute wohl eher nicht gedacht.</p> <p>Die genannte Studie belegt die Wirkung der Stimulanzien bei Erwachsenen mit einer ADHS-Diagnose aber nur für eine <em>kurzzeitige</em> Verwendungsdauer. Außerdem erfuhren die Konsumentinnen und Konsumenten dadurch keine Verbesserung ihrer Lebensqualität. Diese nicht ganz unwichtigen Einschränkungen hat die Redaktion nach meinem Hinweis ergänzt.</p> <h2 id="h-stimulanzien">Stimulanzien</h2> <p>Damit komme ich zu meinem letzten Punkt: Mit der Verwendung von Stimulanzien wie Amphetamin oder Methylphenidat (z.B. in Ritalin) in der Gesellschaft beschäftige ich mich ja, ursprünglich in der <a href="https://hdl.handle.net/11370/ea1bd3f0-513a-47ad-845f-a8c65cae0937">Gehirndoping-Debatte</a>, seit gut 20 Jahren. Wie man den Anstieg der Diagnosen auch deuten mag, bei den Zahlen der Medikamentenverschreibungen gibt es große Auffälligkeiten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Die Verschreibungen der typischen ADHS-Medikamente in Deutschland (schwarze Linie), hier dargestellt als Millionen definierte Tagesdosen, stiegen zunächst in der ersten Dekade der 2000 stark an. Eine zweite Welle setzte 2019 an. Zum Vergleich sind hier die niederländischen Zahlen dargestellt (orange). Da diese in etwa gleichauf liegen, verschreibt man in dem kleineren Land in etwa 4,5-mal so viele Stimulanzien pro Kopf. Datenquellen: Arzneiverordnungs-Report; Zorginstituut Nederland</em></p> <p>Ich könnte wahrheitsgetreu schreiben, dass man auf der Abbildung für Deutschland einen 270-fachen Anstieg sieht. Das liegt aber schlicht daran, dass Ritalinkonsum &amp; Co. in den 1990ern, meiner Zeit auf dem Gymnasium, einfach noch kein Thema war.</p> <p>Es gibt hier interessante Kulturunterschiede: In den USA, wo führende Psychiater schon 1980 das Störungsbild ADHS einführten, setzte der Trend früher ein – weswegen die Weltgesundheitsorganisation schon in den 1990ern warnte, zumal es um Medikamentenverschreibungen für Kinder ging. In Deutschland war man zögerlicher und legte man schließlich fest, dass die Stimulanzien, jedenfalls bei Minderjährigen, nicht mehr die erste Behandlungsmöglichkeit sein sollen. Die Leitlinie ist übrigens seit 2022 ausgelaufen und die neue Fassung wird mit Spannung erwartet.</p> <p>In den Niederlanden sah man es pragmatisch und verteilten Ärzte, auch wegen der langen Wartelisten, pro Kopf sogar noch mehr von den Mitteln als in den USA. In Dänemark war man aber vorsichtiger als in Deutschland (Bachmann et al., 2017). Und im Vereinigten Königreich ließ man die Finger fast ganz von den Stimulanzien, weil diese als (angeblich) gefährliche Drogen verboten sind. Letzteres gilt freilich für alle genannten Länder, wo man das aber offenbar nicht so streng sieht wie auf der anderen Seite der Nordsee.</p> <h2 id="h-wie-es-einem-gefallt">Wie es einem gefällt</h2> <p>Ich habe keine Glaskugel und kann den Leserinnen und Lesern auch nicht die eine wahre Antwort anbieten. Aber es ist schon auffällig, dass die Psychiaterinnen und Psychiater, die diese Substanzen vor allem verschreiben und damit Geld verdienen, die sozialen Deutungen ausklammern. Seit Jahrzehnten – ich habe es selbst miterlebt – reagieren sie auf jeden Anstieg immer nur mit der Behauptung, man diagnostiziere die Störungen nun besser.</p> <p>Das führt mit Blick auf die (staatlich regulierte) Produktion der Stimulanzien in den USA zu einer interessanten Frage.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-2048x1152.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>In den USA hatte man Amphetamin (graue Balken) ab den 1970ern im “Krieg gegen Drogen” erst dämonisiert. Deshalb verschrieb man noch in den 1990ern bei ADHS vor allem Methylphenidat (z.B. Ritalin; schwarze Balken). Den vorläufigen Höhepunkt bei der staatlich regulierten Produktion beider Substanzen (hier in Tonnen dargestellt) gab es 2014. Datenquellen: US Drug Enforcement Agency; Federal Register</em></p> <p>Ich habe diese Zahlen schon in den 2010er-Jahren in Artikel und Vorträgen gezeigt. Immer hieß es aus der Pro-ADHS-Ecke: “Ja, wir diagnostizieren eben besser.” Ein Beweis wurde hierfür übrigens nie erbracht. Der dreizehnfache Anstieg von Mitte der 1990er- bis Mitte der 2010er-Jahre würde demnach bedeuten, dass man dann dreizehnmal besser diagnostizierte? Und die Abnahme von 2014 bis 2023, dass man dann 40 Prozent schlechter diagnostizierte? Man kann sich die Zahlen so zurechtlegen, wie es einem gefällt.</p> <h2 id="h-uberlappungen">Überlappungen</h2> <p>Ich möchte hier noch einen alternativen Gedankengang vorschlagen: Wie ich im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/">ersten Teil</a> schrieb, gibt es weder für ADHS, noch für die anderen psychologisch-psychiatrischen Störungen einen Blut-, Gen- oder Gehirntest. Damit sind die Störungsbilder, über die Fachleute mit ihren eigenen Interessen alle Jahre wieder neu am Konferenztisch verhandeln, für finanzielle, Marketing- und Medieninteressen besonders anfällig. <em>Hätte</em> man die von den Psychiatern seit über 200 Jahren versprochenen objektiven Tests, könnte man die Diagnosen gar nicht so multiplizieren, wie wir es seit Jahrzehnten sehen.</p> <p>ADHS ist laut den DSM-Kriterien eine so komplexe Kategorie, dass man aus den offiziellen Symptomen satte 116.220 gültige Varianten erzeugen kann (Schleim, 2022). Zu dieser Vielfalt kommen die schwammigen Grenzen zu anderen Störungsbildern. Fachleute nennen das “Komorbidität” (<em>co</em> = Zusammen, <em>morbus</em> = Krankheit). Bei ADHS sind das insbesondere Autismusspektrum-, Entwicklungs-, Lern-, Substanzkonsum-, Zwangs-, Angst- und depressive Störungen (Drechsler et al., 2020). Allein mit den letzten beiden gibt es laut Studien in bis zu 45 Prozent der Fälle Überlappungen.</p> <p>Daher wage ich hier einmal eine Alternativhypothese: Nach gut 30 Jahren Burn-out- und Depressions-Epidemie (Schleim, 2026) sind jetzt gerade ADHS-Diagnosen im Trend. Gemein sind diesen Störungsbildern die fehlende Konzentration und Motivation, die Antriebslosigkeit. Ja, wenn man sich langweilt oder die Energie verschwindet, reagieren manche abgelenkt und träumerisch, andere impulsiv und hyperaktiv.</p> <p>Inzwischen leben wir in einer Welt, in der kontinuierlich nicht nur E-Mails, sondern auch Chatnachrichten auf uns einprasseln. Auf (a)sozialen Medien warten endlose Bildchen oder Videos, die sowohl von ihren Machern als auch den Algorithmen darauf optimiert wurden, unsere Aufmerksamkeit zu fesseln. Dazu kommen Online-Glücksspiel, -Games und -Pornografie. Das ist für unser Belohnungssystem alles so viel interessanter als eintönige Schul- oder Bildschirmarbeit und oft nur einen Klick oder Wisch weit entfernt.</p> <h2 id="h-psycho-aktiv">Psycho-Aktiv</h2> <p>Und nun erinnern wir uns noch einmal an die Medikamentenverschreibungen: Was für ein Zufall, dass Amphetamin und Methylphenidat vor allem auf das Noradrenalin- und Dopamin-System im Gehirn wirken, was sich psychoaktiv in mehr erfahrener Energie, Motivation und Interesse sowie (bei Müdigkeit) mehr Wachheit äußert – auch und gerade bei langweiligen Aufgaben.</p> <p>Was für ein Zufall, dass diese Mittel in den 1950ern und 1960ern beliebte “Antidepressiva” waren und seit den 1930ern vom Militär für die Truppenmoral und das Durchhaltevermögen eingesetzt werden. Und was für ein Zufall, dass sie als Gehirndoping-Mittel vor allem von schlechteren Studierenden und in Situationen mit höherem Konkurrenzdruck eingesetzt werden (Schleim, 2023, Kap. 3).</p> <p>Aber ja, unsere Psychiaterinnen und Psychiater diagnostizieren eben immer besser. Gott sei Dank! Oder verraten die Diagnosen und Wirkungen der psychoaktiven Substanzen vielleicht doch etwas über die Art von Gesellschaft, in der wir inzwischen leben?</p> <h2 id="h-individuum-und-gesellschaft">Individuum und Gesellschaft</h2> <p>Aus Sicht der oben dargestellten biologischen Psychiatrie werden hier immer besser Gehirnstörungen identifiziert. Für diese gibt es aber komischerweise keine Gehirn-Tests. Stattdessen werden die vagen und sowohl mit anderen Störungsbildern als auch der Normalität überlappenden diagnostischen Kriterien im Gespräch und mit Fragebögen festgestellt. Zur Unterstützung verwendet man vielleicht noch ein Computerprogramm.</p> <p>Ziel ist dann die richtige medikamentöse Einstellung, damit die Person ihren Alltag besser bewältigt. Dabei belegt die auch auf tagesschau.de zitierte neue Meta-Analyse dafür nur eine kurzfristige Linderung der ADHS-Symptome. Die Lebensqualität der Betroffenen stieg nicht messbar (Ostinelli et al., 2025).</p> <p>Die von mir vertretene, eher gesellschaftliche Sicht redet die individuellen Probleme nicht klein, sondern bezieht sie auf die psychosoziale Realität vieler Menschen. Grundvoraussetzung für die Diagnose einer psychologisch-psychiatrischen Störung ist immer das individuelle Leiden und die Einschränkung im Alltagsleben. Diese hängen aber nicht nur vom Einzelnen ab, sondern auch von dessen Umgebung.</p> <p>Dann verraten uns die Störungsbilder und auch der Konsum von Psychopharmaka – zumindest manchmal – etwas über den Zustand der Gesellschaft. Gerade bei großen Veränderungen in kurzer Zeit sollte man aufhorchen: Die Pandemie war für viele ein großes Stressereignis, dazu kamen die stark steigenden Lebenserhaltungskosten sowie Kriege und Krisen. Eine gemeinsame gesellschaftliche Auszeit zur Verarbeitung des Erlebten gab es nicht, sondern einen großen Druck aufs “Weiter so!”</p> <p>Dass unter solchen Umständen mehr Menschen an die Grenzen ihrer Konzentration stoßen, ihnen Energie fehlt und die Motivation für die Arbeit oder andere Alltagsdinge nachlässt, überrascht mich als Kognitionswissenschaftler jedenfalls nicht. Aus gesellschaftlicher Sicht könnte man etwas an den strukturellen Ursachen in der Umgebung ändern, unter denen viele Menschen leiden.</p> <p>Aus dem heute vorherrschenden medizinischen Blickwinkel werden die Probleme vor allem individualisiert. Davon profitieren erst einmal diejenigen, die diese individuellen Therapien anbieten – und behaupten, dass es individuelle biologische Probleme sind.</p> <h2 id="h-neu-lernen-sie-mehr-uber-psychische-storungen">Neu: Lernen Sie mehr über psychische Störungen</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em><em><em><em><em><em><strong>Erfahren Sie mehr über die Depressions-Epidemie im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></em></em></em></em></em></em></p> <h2 id="h-literatur">Literatur</h2> <ul> <li>Bachmann, C. J., Wijlaars, L. P., Kalverdijk, L. J., Burcu, M., Glaeske, G., Schuiling-Veninga, C. C., … &amp; Zito, J. M. (2017). Trends in ADHD medication use in children and adolescents in five western countries, 2005–2012. <em>European Neuropsychopharmacology</em>, 27(5), 484-493.</li> <li>Drechsler, R., Brem, S., Brandeis, D., Grünblatt, E., Berger, G., &amp; Walitza, S. (2020). ADHD: Current concepts and treatments in children and adolescents. <em>Neuropediatrics</em>, 51(05), 315-335.</li> <li>Ivanova, M, Holstiege, J, Akmatov, M. K., Müller, D., &amp; Kohring, C. (2025). The incidence of AD(H)D spectrum disorders in adults: An analysis of nationwide claims data of the statutory health insurance system in Germany, 2015–2024. <em>Dtsch Arztebl Int</em>, 122, 697–8.</li> <li>Ostinelli, E. G., Schulze, M., Zangani, C., Farhat, L. C., Tomlinson, A., Del Giovane, C., … &amp; Cortese, S. (2025). Comparative efficacy and acceptability of pharmacological, psychological, and neurostimulatory interventions for ADHD in adults: a systematic review and component network meta-analysis. <em>The Lancet Psychiatry</em>, 12(1), 32-43.</li> <li>Schleim, S. (2022). <a href="https://www.frontiersin.org/journals/psychiatry/articles/10.3389/fpsyt.2022.943049/full">Why mental disorders are brain disorders. And why they are not: ADHD and the challenges of heterogeneity and reification</a>. <em>Front. Psychiatry</em> 13:943049.</li> <li>Schleim, S. (2023). <em><u><a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-32618-9">Mental Health and Enhancement: Substance Use and Its Social Implications</a></u></em>. Cham: Palgrave Macmillan.</li> <li>Schleim, S. (2026). <em><u><a href="https://www.schleim.info/wordpress/de/2024/08/28/stephan-schleims-buecher/">Perspektiven aus der Depressions-Epidemie. Was Depressionen sind und wie man sie behandelt</a></u></em>. Hamburg: BoD.</li> <li>Thom, J., Jonas, B., Reitzle, L., Mauz, E., Hölling, H., &amp; Schulz, M. (2024). Trends in the diagnostic prevalence of mental disorders, 2012–2022—using nationwide outpatient claims data for mental health surveillance. <em>Dtsch Arztebl Int</em>, 121, 355–62</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/illustrations/traffic-signs-attention-right-of-way-663368/">geralt</a> (Hintergrund), <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/5d6eb5e1afb445fa927df6dc8ad9e891" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Achtung-ADHS.jpg" /><h1>Was bedeuten die stark ansteigenden Diagnosezahlen für ADHS? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Vor allem bei erwachsenen Frauen stieg die Häufigkeit in den letzten Jahren auf bis das Sechsfache</strong></p> <span id="more-3479"></span> <p>Man liest es regelmäßig in den Medien: Psychologisch-psychiatrische Störungen werden immer häufiger diagnostiziert. Die Mengen der verschriebenen Medikamente <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-medikamente-fuer-erwachsene-verdreifacht/">steigen rasant</a>. Die Wartelisten für eine Therapie sind lang. Man brauche mehr Therapeutinnen und Therapeuten.</p> <p>Doch obwohl die sogenannten hoch entwickelten Länder schon sehr viel mehr davon haben als andere, scheint es nie genug zu sein. (Ich bekenne: Ich habe selbst über 5.000 Psychologinnen und Psychologen akademisch ausgebildet.) Schlimmer noch: Trotz aller Bemühungen, der Aufklärung und der (angeblichen) Entstigmatisierung steigen nicht nur die Diagnosen, sondern auch die Krankheitstage und -Kosten, ja sogar die langfristige Arbeitsunfähigkeit wegen psychischer Belastungen.</p> <p>Epidemiologen wundern sich: Laut ihren allgemeinen Bevölkerungsstudien ändert sich nichts oder allenfalls nur wenig. An den Türen der Arztpraxen und Therapiezentren sieht das aber ganz anders aus. Dort klopfen immer mehr Menschen mit Problemen an, die in den psychologisch-psychiatrischen Bereich eingeordnet werden. Sowohl die Diagnosen und Therapien als auch die Medikamentenverschreibungen und Arbeitsausfälle bilden einen zentralen Teil unseres Alltags ab.</p> <p>Mit dieser Realität haben sich zum Beispiel Julia Thom vom Robert Koch-Institut und Kollegen beschäftigt. Für eine aktuelle Studie haben sie die Veränderung der Diagnosen im Zeitraum von 2012 bis 2022 untersucht, die sie aus den Daten der gesetzlichen Krankenkassen errechnet haben (Thom et al., 2024). Demnach stiegen die Diagnosen der vor allem bei Frauen diagnostizierten Angststörungen und Depressionen um 31 beziehungsweise 15 Prozent.<aside></aside></p> <p>Bei den von Männern häufiger und intensiver konsumierten psychoaktiven Substanzen und damit einhergehenden psychischen Problemen betrug der Anstieg 35 Prozent. Am meisten veränderte sich aber bei der posttraumatischen Belastungsstörung, wenn auch in absoluten Zahlen auf einem niedrigeren Niveau: mit plus 116 Prozent mehr als eine Verdopplung.</p> <p>Das alles nimmt sich aber bescheiden heraus, wenn man es mit dem Anstieg der ADHS-Diagnosen bei den 25- bis 34-jährigen Frauen vergleicht, über den ich im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/">ersten Teil</a> schrieb: gut 500 Prozent!</p> <h2 id="h-be-deutung-von-erwachsenen-adhs">(Be-)Deutung von Erwachsenen-ADHS</h2> <p>Das sind Zahlen beziehungsweise Veränderungen, über die selbstverständlich die Medien berichten. Wie soll man sie deuten? Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Maria Ivanova vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Berlin, die die neuesten ADHS-Daten berichteten, diskutieren selbst <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/inzidenz-von-adhs-spektrum-stoerungen-bei-erwachsenen-22c4cb5b-38c9-4d19-baa1-70bbc8c595b3">verschiedene Möglichkeiten</a>. Schauen wir zunächst auf ihre Erklärung eines kleinen Rückgangs der Diagnosen im Jahr 2020:</p> <blockquote> <p>“Der kurzzeitige Inzidenzrückgang (2020) ist möglicherweise pandemiebedingt aufgrund geringerer Versorgungsinanspruchnahme, aber auch aufgrund von Einschränkungen in persönlichen Lebensbereichen und damit der Nichterfüllung der Erstdiagnostik-Kriterien zu erklären, die Funktionsbeeinträchtigungen in mindestens zwei Lebensbereichen erfordert.” (Ivanova et al., 2025)</p> </blockquote> <p>Das vermittelt uns das Wissen, dass die offiziellen diagnostischen Kriterien für ADHS seit 1994 das Vorliegen der Probleme – fehlende Aufmerksamkeit, Hyperaktivität und/oder Impulsivität – in mindestens zwei Bereichen vorschreiben, zum Beispiel in der Schule oder zu Hause. Wenn die Leute nur in der Wohnung sind, fallen andere Lebensbereiche natürlich weg.</p> <p>Übrigens wurde damals festgelegt, dass zumindest ein Teil der Probleme schon vor dem siebten Lebensjahr vorliegen muss. Es ist aber hinterher natürlich schwer zu sagen, wer als Kleinkind “oft” Anzeichen solcher Verhaltensweisen zeigte und wer nicht, zumal das bei Erwachsenen Jahrzehnte zurückliegt. Die genannte Altersgrenze wurde 2013 übrigens vom siebten auf das zwölfte Lebensjahr angehoben. Das erweiterte die Möglichkeit, die Störung zu diagnostizieren.</p> <p>Doch kommen wir jetzt zur wichtigeren Erklärung der Forscherinnen und Forscher:</p> <blockquote> <p>“[1] Der jüngst starke Inzidenzanstieg resultiert möglicherweise aus einer stärkeren gesellschaftlichen Sensibilisierung für AD(H)S, [2] der Einführung des F98.80-Codes sowie [3] Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die psychische Gesundheit. Dies erklärt möglicherweise auch die starke Zunahme bei jungen Frauen.” (Ivanova et al., 2025)</p> </blockquote> <p>Erstens – die Zahlen habe ich hilfsweise eingefügt – gibt es also vielleicht mehr Aufmerksamkeit für das Thema; zweitens wurde eine Diagnose-Möglichkeit eingeführt; und drittens ging die Pandemie mit besonderen Belastungen einher.</p> <h2 id="h-adhs-im-kontext">ADHS im Kontext</h2> <p>Mir gefällt, dass das Störungsbild hier kontextualisiert, also im Rahmen der gesellschaftlichen und institutionellen Bedingungen gesehen wird. Das in Deutschland immer noch hauptsächlich verwendete diagnostische Regelwerk, das aus den 1990er-Jahren stammende ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation, kannte eigentlich noch gar keine ADHS, wie sie seit 1980 in den amerikanischen Handbüchern steht. Stattdessen finden sich darin die “<a href="https://gesund.bund.de/icd-code-suche/f90">hyperkinetischen Störungen</a>“.</p> <p>Es gab für die Länder, die das ICD verwenden, im Laufe der Jahre aber immer sprachliche Anpassungen. Damit kam schließlich die “<a href="https://gesund.bund.de/icd-code-suche/f98-80">Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität mit Beginn in der Kindheit und Jugend</a>“. Wie ich im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/">ersten Teil</a> beschrieb, kommt der Subtyp von ADHS ohne Hyperaktivität beziehungsweise Impulsivität, manchmal auch “ADS” genannt, typischerweise häufiger bei den Mädchen vor.</p> <p>Diese Erklärung würde also zum besonders starken Anstieg bei den Frauen passen. Allerdings gibt es dieses Phänomen auch in Ländern wie den Niederlanden, die die amerikanischen Kriterien des sogenannten DSM verwenden. Auch hier bekamen Frauen in den letzten Jahren immer mehr ADHS-Diagnosen, obwohl die Klassifikation den unaufmerksamen Typ seit 1994 vorsieht.</p> <p>Dass immer mehr über ADHS – und andere psychologisch-psychiatrische Störungen – gesprochen wird und die Pandemie mit besonderen Belastungen einherging, sind im Kern soziale Erklärungen für den Anstieg. Mit dem Verweis auf “die starke Zunahme bei jungen Frauen” dachten die Forscherinnen und Forscher vielleicht an die Mehrfachbelastung durch Beruf und Erziehungsaufgaben, die stärker von Frauen wahrgenommen werden.</p> <h2 id="h-in-der-presse">In der Presse</h2> <p>Diese Deutungen konnte die Presse leicht diskutieren, als sie am 11. und 12. Dezember von der neuen Studie berichtete. Die öffentlich-rechtliche Tagesschau fiel aber negativ aus dem Rahmen: Obwohl die Daten der Originalveröffentlichung mit Link dargestellt wurden, ließen die Journalisten nur eine Reihe von Psychiatern <a href="https://www.tagesschau.de/wissen/gesundheit/adhs-erwachsene-diagnosen-100.html">zu Wort kommen</a>. Und die meinen alle, ADHS wurde und werde zu selten diagnostiziert.</p> <p>Kurzum, der Anstieg sei gar kein wirklicher Anstieg, sondern hole nur vorher übersehene Störungen ein. Warum das gerade in den Jahren 2021 bis 2024 passieren sollte und dann auch noch so schnell, erklärt keiner von ihnen.</p> <p>Swantje Matthies vom Universitätsklinikum Freiburg meint zudem,</p> <blockquote> <p>“die Symptome von ADHS und ADS [wurden] bei Frauen lange Zeit häufig übersehen. Die frühen Studien zu dem Thema basierten – wie so häufig im Gesundheitssystem – fast ausschließlich auf Daten von Jungen und Männern. Deshalb galten typisch männliche Symptome auch lange als allgemein typische AD(H)S-Symptome.” (Swantje Matthies auf tagesschau.de)</p> </blockquote> <p>Wie wir oben sahen, gibt es den bei den Mädchen häufiger Vorkommenden ADHS-Typ mit Unaufmerksamkeit als zentralem Kriterium aber schon seit 1994 in dem amerikanischen Diagnosewerk. Auch in den Ländern, die dieses verwenden, stiegen die Diagnosen in den letzten Jahren stark an.</p> <p>Noch eine Bemerkung zu der Kritik, die Studien basierten vor allem auf den Daten von Jungen und Männern: Das liegt zum Beispiel bei Medikamententests auch an der Tatsache, dass Männer sich dafür häufiger freiwillig melden. Wie ich im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/">ersten Teil</a> beschrieb, sind – vor allem: junge – Männer allgemein risikofreudiger. Es wäre wohl kaum im Sinne von Matthies, Frauen zur Teilnahme an solchen Tests gesetzlich zu verpflichten, um hier bessere Daten zu erhalten. Es stimmt aber auch, dass in der Forschung aufgrund knapper Ressourcen öfter nur ein Geschlecht untersucht wird und das zumindest in der Vergangenheit häufiger Männer waren.</p> <h2 id="h-und-was-fehlte">Und was fehlte</h2> <p>Trotzdem wunderte es mich, dass die Tagesschau die oben genannten sozialen Erklärungen aus der Originalarbeit verschwieg. Nach meinem Hinweis von 11:30 Uhr am 12. Dezember wurde <a href="https://www.tagesschau.de/wissen/gesundheit/adhs-erwachsene-diagnosen-100.html">der Artikel</a> um ca. 13:30 Uhr ergänzt und räumte man mir gegenüber in einer E-Mail von 13:42 Uhr den Fehler ein. Dieser redaktionelle Eingriff wurde im Text aber nicht kenntlich gemacht. In der dazugehörigen Audiodatei hört man wahrscheinlich noch die alte Version.</p> <p>Nach der Überarbeitung ist nun zwar von den möglichen Auswirkungen der Pandemie die Rede. Dass der Anstieg der Diagnosen aber auch an der gestiegenen Aufmerksamkeit in den Medien liegen könnte, wird dort immer noch nicht erwähnt. Dabei kann das jeder einmal selbst ausprobieren: Man liest die (oft schwammigen) Symptomlisten in so einem diagnostischen Werk und erkennt auf einmal an sich selbst ganz viele Störungsbilder oder Krankheiten. Manche Menschen sind hierfür anfälliger als andere.</p> <p>Der Tagesschau-Artikel erlaubte sich noch einen zweiten Patzer, nämlich bei den Medikamenten, auf die ich gleich ausführlicher eingehe. Am Ende wurde unter der Zwischenüberschrift “Medikamente wirken zuverlässiger” noch auf eine neuere Meta-Analyse (Ostinelli et al., 2025) zur Behandlung von Erwachsenen-ADHS verwiesen: “Danach helfen nur Medikamente, wie das vor allem unter Markennamen ‘Ritalin’ bekannte Methylphenidat oder Amphetamine verlässlich und schnell gegen Kernsymptome von ADHS, also Unruhe, Unaufmerksamkeit oder Impulsivität.”</p> <p>Eine sprachliche Feinheit vorweg: Wenn man im Deutschen nicht von Amphetamin (Straßenname “Speed”), sondern von “Amphetaminen” spricht, bezieht man sich auf eine allgemeine Substanzklasse, zu der auch Ecstasy/MDMA gehört. Wofür steht hier wohl das letzte “A”? Amphetamin! Daran haben die Tagesschau-Leute wohl eher nicht gedacht.</p> <p>Die genannte Studie belegt die Wirkung der Stimulanzien bei Erwachsenen mit einer ADHS-Diagnose aber nur für eine <em>kurzzeitige</em> Verwendungsdauer. Außerdem erfuhren die Konsumentinnen und Konsumenten dadurch keine Verbesserung ihrer Lebensqualität. Diese nicht ganz unwichtigen Einschränkungen hat die Redaktion nach meinem Hinweis ergänzt.</p> <h2 id="h-stimulanzien">Stimulanzien</h2> <p>Damit komme ich zu meinem letzten Punkt: Mit der Verwendung von Stimulanzien wie Amphetamin oder Methylphenidat (z.B. in Ritalin) in der Gesellschaft beschäftige ich mich ja, ursprünglich in der <a href="https://hdl.handle.net/11370/ea1bd3f0-513a-47ad-845f-a8c65cae0937">Gehirndoping-Debatte</a>, seit gut 20 Jahren. Wie man den Anstieg der Diagnosen auch deuten mag, bei den Zahlen der Medikamentenverschreibungen gibt es große Auffälligkeiten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Die Verschreibungen der typischen ADHS-Medikamente in Deutschland (schwarze Linie), hier dargestellt als Millionen definierte Tagesdosen, stiegen zunächst in der ersten Dekade der 2000 stark an. Eine zweite Welle setzte 2019 an. Zum Vergleich sind hier die niederländischen Zahlen dargestellt (orange). Da diese in etwa gleichauf liegen, verschreibt man in dem kleineren Land in etwa 4,5-mal so viele Stimulanzien pro Kopf. Datenquellen: Arzneiverordnungs-Report; Zorginstituut Nederland</em></p> <p>Ich könnte wahrheitsgetreu schreiben, dass man auf der Abbildung für Deutschland einen 270-fachen Anstieg sieht. Das liegt aber schlicht daran, dass Ritalinkonsum &amp; Co. in den 1990ern, meiner Zeit auf dem Gymnasium, einfach noch kein Thema war.</p> <p>Es gibt hier interessante Kulturunterschiede: In den USA, wo führende Psychiater schon 1980 das Störungsbild ADHS einführten, setzte der Trend früher ein – weswegen die Weltgesundheitsorganisation schon in den 1990ern warnte, zumal es um Medikamentenverschreibungen für Kinder ging. In Deutschland war man zögerlicher und legte man schließlich fest, dass die Stimulanzien, jedenfalls bei Minderjährigen, nicht mehr die erste Behandlungsmöglichkeit sein sollen. Die Leitlinie ist übrigens seit 2022 ausgelaufen und die neue Fassung wird mit Spannung erwartet.</p> <p>In den Niederlanden sah man es pragmatisch und verteilten Ärzte, auch wegen der langen Wartelisten, pro Kopf sogar noch mehr von den Mitteln als in den USA. In Dänemark war man aber vorsichtiger als in Deutschland (Bachmann et al., 2017). Und im Vereinigten Königreich ließ man die Finger fast ganz von den Stimulanzien, weil diese als (angeblich) gefährliche Drogen verboten sind. Letzteres gilt freilich für alle genannten Länder, wo man das aber offenbar nicht so streng sieht wie auf der anderen Seite der Nordsee.</p> <h2 id="h-wie-es-einem-gefallt">Wie es einem gefällt</h2> <p>Ich habe keine Glaskugel und kann den Leserinnen und Lesern auch nicht die eine wahre Antwort anbieten. Aber es ist schon auffällig, dass die Psychiaterinnen und Psychiater, die diese Substanzen vor allem verschreiben und damit Geld verdienen, die sozialen Deutungen ausklammern. Seit Jahrzehnten – ich habe es selbst miterlebt – reagieren sie auf jeden Anstieg immer nur mit der Behauptung, man diagnostiziere die Störungen nun besser.</p> <p>Das führt mit Blick auf die (staatlich regulierte) Produktion der Stimulanzien in den USA zu einer interessanten Frage.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-2048x1152.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>In den USA hatte man Amphetamin (graue Balken) ab den 1970ern im “Krieg gegen Drogen” erst dämonisiert. Deshalb verschrieb man noch in den 1990ern bei ADHS vor allem Methylphenidat (z.B. Ritalin; schwarze Balken). Den vorläufigen Höhepunkt bei der staatlich regulierten Produktion beider Substanzen (hier in Tonnen dargestellt) gab es 2014. Datenquellen: US Drug Enforcement Agency; Federal Register</em></p> <p>Ich habe diese Zahlen schon in den 2010er-Jahren in Artikel und Vorträgen gezeigt. Immer hieß es aus der Pro-ADHS-Ecke: “Ja, wir diagnostizieren eben besser.” Ein Beweis wurde hierfür übrigens nie erbracht. Der dreizehnfache Anstieg von Mitte der 1990er- bis Mitte der 2010er-Jahre würde demnach bedeuten, dass man dann dreizehnmal besser diagnostizierte? Und die Abnahme von 2014 bis 2023, dass man dann 40 Prozent schlechter diagnostizierte? Man kann sich die Zahlen so zurechtlegen, wie es einem gefällt.</p> <h2 id="h-uberlappungen">Überlappungen</h2> <p>Ich möchte hier noch einen alternativen Gedankengang vorschlagen: Wie ich im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/">ersten Teil</a> schrieb, gibt es weder für ADHS, noch für die anderen psychologisch-psychiatrischen Störungen einen Blut-, Gen- oder Gehirntest. Damit sind die Störungsbilder, über die Fachleute mit ihren eigenen Interessen alle Jahre wieder neu am Konferenztisch verhandeln, für finanzielle, Marketing- und Medieninteressen besonders anfällig. <em>Hätte</em> man die von den Psychiatern seit über 200 Jahren versprochenen objektiven Tests, könnte man die Diagnosen gar nicht so multiplizieren, wie wir es seit Jahrzehnten sehen.</p> <p>ADHS ist laut den DSM-Kriterien eine so komplexe Kategorie, dass man aus den offiziellen Symptomen satte 116.220 gültige Varianten erzeugen kann (Schleim, 2022). Zu dieser Vielfalt kommen die schwammigen Grenzen zu anderen Störungsbildern. Fachleute nennen das “Komorbidität” (<em>co</em> = Zusammen, <em>morbus</em> = Krankheit). Bei ADHS sind das insbesondere Autismusspektrum-, Entwicklungs-, Lern-, Substanzkonsum-, Zwangs-, Angst- und depressive Störungen (Drechsler et al., 2020). Allein mit den letzten beiden gibt es laut Studien in bis zu 45 Prozent der Fälle Überlappungen.</p> <p>Daher wage ich hier einmal eine Alternativhypothese: Nach gut 30 Jahren Burn-out- und Depressions-Epidemie (Schleim, 2026) sind jetzt gerade ADHS-Diagnosen im Trend. Gemein sind diesen Störungsbildern die fehlende Konzentration und Motivation, die Antriebslosigkeit. Ja, wenn man sich langweilt oder die Energie verschwindet, reagieren manche abgelenkt und träumerisch, andere impulsiv und hyperaktiv.</p> <p>Inzwischen leben wir in einer Welt, in der kontinuierlich nicht nur E-Mails, sondern auch Chatnachrichten auf uns einprasseln. Auf (a)sozialen Medien warten endlose Bildchen oder Videos, die sowohl von ihren Machern als auch den Algorithmen darauf optimiert wurden, unsere Aufmerksamkeit zu fesseln. Dazu kommen Online-Glücksspiel, -Games und -Pornografie. Das ist für unser Belohnungssystem alles so viel interessanter als eintönige Schul- oder Bildschirmarbeit und oft nur einen Klick oder Wisch weit entfernt.</p> <h2 id="h-psycho-aktiv">Psycho-Aktiv</h2> <p>Und nun erinnern wir uns noch einmal an die Medikamentenverschreibungen: Was für ein Zufall, dass Amphetamin und Methylphenidat vor allem auf das Noradrenalin- und Dopamin-System im Gehirn wirken, was sich psychoaktiv in mehr erfahrener Energie, Motivation und Interesse sowie (bei Müdigkeit) mehr Wachheit äußert – auch und gerade bei langweiligen Aufgaben.</p> <p>Was für ein Zufall, dass diese Mittel in den 1950ern und 1960ern beliebte “Antidepressiva” waren und seit den 1930ern vom Militär für die Truppenmoral und das Durchhaltevermögen eingesetzt werden. Und was für ein Zufall, dass sie als Gehirndoping-Mittel vor allem von schlechteren Studierenden und in Situationen mit höherem Konkurrenzdruck eingesetzt werden (Schleim, 2023, Kap. 3).</p> <p>Aber ja, unsere Psychiaterinnen und Psychiater diagnostizieren eben immer besser. Gott sei Dank! Oder verraten die Diagnosen und Wirkungen der psychoaktiven Substanzen vielleicht doch etwas über die Art von Gesellschaft, in der wir inzwischen leben?</p> <h2 id="h-individuum-und-gesellschaft">Individuum und Gesellschaft</h2> <p>Aus Sicht der oben dargestellten biologischen Psychiatrie werden hier immer besser Gehirnstörungen identifiziert. Für diese gibt es aber komischerweise keine Gehirn-Tests. Stattdessen werden die vagen und sowohl mit anderen Störungsbildern als auch der Normalität überlappenden diagnostischen Kriterien im Gespräch und mit Fragebögen festgestellt. Zur Unterstützung verwendet man vielleicht noch ein Computerprogramm.</p> <p>Ziel ist dann die richtige medikamentöse Einstellung, damit die Person ihren Alltag besser bewältigt. Dabei belegt die auch auf tagesschau.de zitierte neue Meta-Analyse dafür nur eine kurzfristige Linderung der ADHS-Symptome. Die Lebensqualität der Betroffenen stieg nicht messbar (Ostinelli et al., 2025).</p> <p>Die von mir vertretene, eher gesellschaftliche Sicht redet die individuellen Probleme nicht klein, sondern bezieht sie auf die psychosoziale Realität vieler Menschen. Grundvoraussetzung für die Diagnose einer psychologisch-psychiatrischen Störung ist immer das individuelle Leiden und die Einschränkung im Alltagsleben. Diese hängen aber nicht nur vom Einzelnen ab, sondern auch von dessen Umgebung.</p> <p>Dann verraten uns die Störungsbilder und auch der Konsum von Psychopharmaka – zumindest manchmal – etwas über den Zustand der Gesellschaft. Gerade bei großen Veränderungen in kurzer Zeit sollte man aufhorchen: Die Pandemie war für viele ein großes Stressereignis, dazu kamen die stark steigenden Lebenserhaltungskosten sowie Kriege und Krisen. Eine gemeinsame gesellschaftliche Auszeit zur Verarbeitung des Erlebten gab es nicht, sondern einen großen Druck aufs “Weiter so!”</p> <p>Dass unter solchen Umständen mehr Menschen an die Grenzen ihrer Konzentration stoßen, ihnen Energie fehlt und die Motivation für die Arbeit oder andere Alltagsdinge nachlässt, überrascht mich als Kognitionswissenschaftler jedenfalls nicht. Aus gesellschaftlicher Sicht könnte man etwas an den strukturellen Ursachen in der Umgebung ändern, unter denen viele Menschen leiden.</p> <p>Aus dem heute vorherrschenden medizinischen Blickwinkel werden die Probleme vor allem individualisiert. Davon profitieren erst einmal diejenigen, die diese individuellen Therapien anbieten – und behaupten, dass es individuelle biologische Probleme sind.</p> <h2 id="h-neu-lernen-sie-mehr-uber-psychische-storungen">Neu: Lernen Sie mehr über psychische Störungen</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em><em><em><em><em><em><strong>Erfahren Sie mehr über die Depressions-Epidemie im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></em></em></em></em></em></em></p> <h2 id="h-literatur">Literatur</h2> <ul> <li>Bachmann, C. J., Wijlaars, L. P., Kalverdijk, L. J., Burcu, M., Glaeske, G., Schuiling-Veninga, C. C., … &amp; Zito, J. M. (2017). Trends in ADHD medication use in children and adolescents in five western countries, 2005–2012. <em>European Neuropsychopharmacology</em>, 27(5), 484-493.</li> <li>Drechsler, R., Brem, S., Brandeis, D., Grünblatt, E., Berger, G., &amp; Walitza, S. (2020). ADHD: Current concepts and treatments in children and adolescents. <em>Neuropediatrics</em>, 51(05), 315-335.</li> <li>Ivanova, M, Holstiege, J, Akmatov, M. K., Müller, D., &amp; Kohring, C. (2025). The incidence of AD(H)D spectrum disorders in adults: An analysis of nationwide claims data of the statutory health insurance system in Germany, 2015–2024. <em>Dtsch Arztebl Int</em>, 122, 697–8.</li> <li>Ostinelli, E. G., Schulze, M., Zangani, C., Farhat, L. C., Tomlinson, A., Del Giovane, C., … &amp; Cortese, S. (2025). Comparative efficacy and acceptability of pharmacological, psychological, and neurostimulatory interventions for ADHD in adults: a systematic review and component network meta-analysis. <em>The Lancet Psychiatry</em>, 12(1), 32-43.</li> <li>Schleim, S. (2022). <a href="https://www.frontiersin.org/journals/psychiatry/articles/10.3389/fpsyt.2022.943049/full">Why mental disorders are brain disorders. And why they are not: ADHD and the challenges of heterogeneity and reification</a>. <em>Front. Psychiatry</em> 13:943049.</li> <li>Schleim, S. (2023). <em><u><a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-32618-9">Mental Health and Enhancement: Substance Use and Its Social Implications</a></u></em>. Cham: Palgrave Macmillan.</li> <li>Schleim, S. (2026). <em><u><a href="https://www.schleim.info/wordpress/de/2024/08/28/stephan-schleims-buecher/">Perspektiven aus der Depressions-Epidemie. Was Depressionen sind und wie man sie behandelt</a></u></em>. Hamburg: BoD.</li> <li>Thom, J., Jonas, B., Reitzle, L., Mauz, E., Hölling, H., &amp; Schulz, M. (2024). Trends in the diagnostic prevalence of mental disorders, 2012–2022—using nationwide outpatient claims data for mental health surveillance. <em>Dtsch Arztebl Int</em>, 121, 355–62</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/illustrations/traffic-signs-attention-right-of-way-663368/">geralt</a> (Hintergrund), <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/5d6eb5e1afb445fa927df6dc8ad9e891" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>16</slash:comments> </item> <item> <title>When AI Can Do It All, What Will Be Left for Human Mathematicians and Scientists? https://scilogs.spektrum.de/hlf/when-ai-can-do-it-all-what-will-be-left-for-human-mathematicians-and-scientists/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/when-ai-can-do-it-all-what-will-be-left-for-human-mathematicians-and-scientists/#comments Wed, 17 Dec 2025 13:00:00 +0000 George Musser https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14003 <h1>When AI Can Do It All, What Will Be Left for Human Mathematicians and Scientists? - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By George Musser</h2><div itemprop="text"> <p>Among all the fields of research, mathematics is the one that one can most clearly foresee being automated. Artificial intelligence systems are already able to suggest new mathematical conjectures. They can translate them into a rigorous form. They can prove them. So, once you combine all three capabilities into one system, what will be left for humans to do? “Mathematicians become priests to oracles,” predicted <a href="https://lims.ac.uk/yang-hui-he/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Yang-Hui He</a>, a mathematical physicist at the London Institute and University of Oxford, during the Hot Topic session at this year’s Heidelberg Laureate Forum.</p> <p>A.I. was the dominant theme all week at the HLF, and the two Hot Topic panels – the first on mathematics, the second on physics – gave attendees a chance to share their delight as well as dread. All the panelists said they felt both poles of emotion. “We can be excited about the possibilities while also being aware of the potential downsides,” said <a href="https://frasermaia.github.io/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Maia Fraser</a>, a mathematician at the University of Ottawa. “We can do both at the same time.”</p> <p>No one doubted that computer tools – including but not limited to large language models – are revolutionizing mathematics research. “In the math community that I come from, progress was measured in years, sometimes even in decades, and now we start to measure things in months,” said <a href="https://sites.brown.edu/jgs/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Javier Gómez-Serrano</a>, a mathematician at Brown University. As A.I. takes over the chore of formulating and checking rigorous proofs, humans will be freed to concentrate on achieving and conveying intuitive understanding. “They’ll do even less formal proof, and the machines will convert it into some formal form,” said <a href="https://www.cs.princeton.edu/~arora/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Sanjeev Arora</a>, a computer scientist at Princeton University and recipient of the 2011 ACM Prize in Computing. “So, writing a paper will be much easier.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-Christian-Flemming.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-Christian-Flemming.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-Christian-Flemming.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-Christian-Flemming-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-Christian-Flemming-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Sanjeev Arora (ACM Prize in Computing – 2011) on the panel at the 12th HLF. Image credits: Flemming/HLFF</figcaption></figure></div> <p>The quickening pace makes it even harder than it already was to keep up with the literature, but Arora described how LLMs help him with that, too. He feeds a paper into a model and then engages in dialogue with it, which – he finds – gives much better results than simply asking for a summary. “You do a question-answer with a good model, and you understand the paper very well in 5, 10 minutes,” he said.</p> <p>So far, A.I. has yet to make any nontrivial discoveries on its own, a threshold that Yang calls the “<a href="https://www.nature.com/articles/d41586-024-00020-z" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Birch test</a>,” after his Oxford colleague Bryan Birch. But Yang cited instances in <a href="https://www.nature.com/articles/s41586-021-04086-x" rel="noreferrer noopener" target="_blank">knot theory</a>, <a href="https://arxiv.org/abs/2204.10140" rel="noreferrer noopener" target="_blank">number theory</a>, and group theory where it has come close. So, a fully automated advance is probably just a matter of time. He’s fine with that, if it means seeing the solutions to longstanding puzzles: “I really want to see the proof of the Riemann hypothesis, whether it’s given to me by God or by an oracle or by the mind of Terence Tao.”<aside></aside></p> <p>But Fraser cautioned that we should be careful what we wish for. The willingness of society to support mathematics research, already tenuous, may not survive automation. “I don’t want to speculate on how to maintain the public’s awareness of the importance of mathematicians when they’ve already been cut out of the loop,” she said.</p> <p>Cognitive de-skilling is another worry. In a poll, audience members expressed concern that A.I.-reliant students are failing to acquire core skills. Gómez-Serrano said this prospect worries him, too. “If we don’t think carefully about this, then this is going to arrive and we will not really know how to react.”</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/GpSvaA3fWAg?list=PLS0TjJA_GZXctE6kIEyuocCLEFNsJrNin" title="Hot Topic: The Machine-Learning Revolution – Part 1: Mathematics | September 16" width="666"></iframe> </p></figure> <h3 id="h-physics-is-hard-even-for-a-i">Physics Is Hard Even for A.I.</h3> <p>The physics panelists expressed no such ambivalence; for them, A.I. has been unequivocally good. It has sped up data analysis without threatening to usurp the human role anytime soon. The difference from mathematics is that the main bottleneck is not brainpower but the cost – in time, energy, and money – of experiments.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-1.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-1.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-1-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>From left to right: George Musser, Kyle Cranmer, Thea Klaeboe Åarrestad, David Silver, Maia Fraser. Image credits: Kreutzer/HLFF</figcaption></figure></div> <p>“We do experiments that take 10, 20 years to plan and pull off and require convincing a large fraction of the world to pitch in to be able to do it,” said <a href="https://theoryandpractice.org/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Kyle Cranmer</a>, a particle physicist at the University of Wisconsin–Madison. Furthermore, experiments entail tradeoffs. <a href="https://thaarres.github.io/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Thea Klaeboe Åarrestad</a>, a particle physicist at ETH Zurich, said the detectors at the Large Hadron Collider throw away 99.98 percent of the data they collect. That may seem wasteful, but strikes a balance. To save more would require more power cables and readout circuitry, which would get in the way of the very particles they are trying to measure. “We physically can’t read out all of the data,” she said.</p> <p>In general, whenever A.I. interfaces with the physical world, it faces the same constraints we humans do. “There’s going to be this natural brake on the progress of A.I.,” said <a href="https://davidstarsilver.wordpress.com/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">David Silver</a>, a computer scientist at Google DeepMind and University College London and recipient of the 2019 ACM Prize in Computing. Silver has argued that A.I. has entered an “era of experience” in which it learns more from its own exploration than from ingesting human knowledge. But exploring means tolerating failure, and we can’t always do that. “If it’s too unsafe to explore, well, OK, maybe it’s not something [on which] we’re ready to go beyond human knowledge,” he said.</p> <p>The panelists enthused over how A.I. helps them, for example, to decide which 99.98 percent of data the LHC detectors should throw away. “We know there has to be physics beyond the Standard Model somewhere,” Åarrestad said. “Could it be there? That’s what keeps me up at night.” A.I. also creates surrogate models – models of models that are trained on full-up simulations and can mimic their output much faster. Not only physicists but also cosmologists, neuroscientists, economists, and climate scientists are making use of these surrogates. They pick up on patterns in the underlying dynamics and, in a sense, express higher-order laws of nature. “It does seem to me to be reasonably fair to describe these neural networks as encapsulating a new model of science,” Silver said.</p> <p>As for hiring and promotion, the physics panelists also painted a positive picture. “We’re not yet seeing the job displacement,” Cranmer said. If anything, he said, A.I. has brought new investment into his field.</p> <p>For all its risks, the emerging human-machine partnership is making progress on the great mathematics and science questions of our time. “Anyone who is a mathematician or a scientist should be just so excited to be alive now, of all times,” Silver said. “We are alive now when the greatest changes are going to happen and biggest discoveries, the most advances, are going to happen.”</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/I-Ye-rMhRws?list=PLS0TjJA_GZXctE6kIEyuocCLEFNsJrNin" title="Hot Topic: The Machine-Learning Revolution – Part 2: Physical Sciences | September 16" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>When AI Can Do It All, What Will Be Left for Human Mathematicians and Scientists? - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By George Musser</h2><div itemprop="text"> <p>Among all the fields of research, mathematics is the one that one can most clearly foresee being automated. Artificial intelligence systems are already able to suggest new mathematical conjectures. They can translate them into a rigorous form. They can prove them. So, once you combine all three capabilities into one system, what will be left for humans to do? “Mathematicians become priests to oracles,” predicted <a href="https://lims.ac.uk/yang-hui-he/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Yang-Hui He</a>, a mathematical physicist at the London Institute and University of Oxford, during the Hot Topic session at this year’s Heidelberg Laureate Forum.</p> <p>A.I. was the dominant theme all week at the HLF, and the two Hot Topic panels – the first on mathematics, the second on physics – gave attendees a chance to share their delight as well as dread. All the panelists said they felt both poles of emotion. “We can be excited about the possibilities while also being aware of the potential downsides,” said <a href="https://frasermaia.github.io/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Maia Fraser</a>, a mathematician at the University of Ottawa. “We can do both at the same time.”</p> <p>No one doubted that computer tools – including but not limited to large language models – are revolutionizing mathematics research. “In the math community that I come from, progress was measured in years, sometimes even in decades, and now we start to measure things in months,” said <a href="https://sites.brown.edu/jgs/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Javier Gómez-Serrano</a>, a mathematician at Brown University. As A.I. takes over the chore of formulating and checking rigorous proofs, humans will be freed to concentrate on achieving and conveying intuitive understanding. “They’ll do even less formal proof, and the machines will convert it into some formal form,” said <a href="https://www.cs.princeton.edu/~arora/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Sanjeev Arora</a>, a computer scientist at Princeton University and recipient of the 2011 ACM Prize in Computing. “So, writing a paper will be much easier.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-Christian-Flemming.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-Christian-Flemming.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-Christian-Flemming.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-Christian-Flemming-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-Christian-Flemming-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Sanjeev Arora (ACM Prize in Computing – 2011) on the panel at the 12th HLF. Image credits: Flemming/HLFF</figcaption></figure></div> <p>The quickening pace makes it even harder than it already was to keep up with the literature, but Arora described how LLMs help him with that, too. He feeds a paper into a model and then engages in dialogue with it, which – he finds – gives much better results than simply asking for a summary. “You do a question-answer with a good model, and you understand the paper very well in 5, 10 minutes,” he said.</p> <p>So far, A.I. has yet to make any nontrivial discoveries on its own, a threshold that Yang calls the “<a href="https://www.nature.com/articles/d41586-024-00020-z" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Birch test</a>,” after his Oxford colleague Bryan Birch. But Yang cited instances in <a href="https://www.nature.com/articles/s41586-021-04086-x" rel="noreferrer noopener" target="_blank">knot theory</a>, <a href="https://arxiv.org/abs/2204.10140" rel="noreferrer noopener" target="_blank">number theory</a>, and group theory where it has come close. So, a fully automated advance is probably just a matter of time. He’s fine with that, if it means seeing the solutions to longstanding puzzles: “I really want to see the proof of the Riemann hypothesis, whether it’s given to me by God or by an oracle or by the mind of Terence Tao.”<aside></aside></p> <p>But Fraser cautioned that we should be careful what we wish for. The willingness of society to support mathematics research, already tenuous, may not survive automation. “I don’t want to speculate on how to maintain the public’s awareness of the importance of mathematicians when they’ve already been cut out of the loop,” she said.</p> <p>Cognitive de-skilling is another worry. In a poll, audience members expressed concern that A.I.-reliant students are failing to acquire core skills. Gómez-Serrano said this prospect worries him, too. “If we don’t think carefully about this, then this is going to arrive and we will not really know how to react.”</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/GpSvaA3fWAg?list=PLS0TjJA_GZXctE6kIEyuocCLEFNsJrNin" title="Hot Topic: The Machine-Learning Revolution – Part 1: Mathematics | September 16" width="666"></iframe> </p></figure> <h3 id="h-physics-is-hard-even-for-a-i">Physics Is Hard Even for A.I.</h3> <p>The physics panelists expressed no such ambivalence; for them, A.I. has been unequivocally good. It has sped up data analysis without threatening to usurp the human role anytime soon. The difference from mathematics is that the main bottleneck is not brainpower but the cost – in time, energy, and money – of experiments.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-1.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-1.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-1-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>From left to right: George Musser, Kyle Cranmer, Thea Klaeboe Åarrestad, David Silver, Maia Fraser. Image credits: Kreutzer/HLFF</figcaption></figure></div> <p>“We do experiments that take 10, 20 years to plan and pull off and require convincing a large fraction of the world to pitch in to be able to do it,” said <a href="https://theoryandpractice.org/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Kyle Cranmer</a>, a particle physicist at the University of Wisconsin–Madison. Furthermore, experiments entail tradeoffs. <a href="https://thaarres.github.io/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Thea Klaeboe Åarrestad</a>, a particle physicist at ETH Zurich, said the detectors at the Large Hadron Collider throw away 99.98 percent of the data they collect. That may seem wasteful, but strikes a balance. To save more would require more power cables and readout circuitry, which would get in the way of the very particles they are trying to measure. “We physically can’t read out all of the data,” she said.</p> <p>In general, whenever A.I. interfaces with the physical world, it faces the same constraints we humans do. “There’s going to be this natural brake on the progress of A.I.,” said <a href="https://davidstarsilver.wordpress.com/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">David Silver</a>, a computer scientist at Google DeepMind and University College London and recipient of the 2019 ACM Prize in Computing. Silver has argued that A.I. has entered an “era of experience” in which it learns more from its own exploration than from ingesting human knowledge. But exploring means tolerating failure, and we can’t always do that. “If it’s too unsafe to explore, well, OK, maybe it’s not something [on which] we’re ready to go beyond human knowledge,” he said.</p> <p>The panelists enthused over how A.I. helps them, for example, to decide which 99.98 percent of data the LHC detectors should throw away. “We know there has to be physics beyond the Standard Model somewhere,” Åarrestad said. “Could it be there? That’s what keeps me up at night.” A.I. also creates surrogate models – models of models that are trained on full-up simulations and can mimic their output much faster. Not only physicists but also cosmologists, neuroscientists, economists, and climate scientists are making use of these surrogates. They pick up on patterns in the underlying dynamics and, in a sense, express higher-order laws of nature. “It does seem to me to be reasonably fair to describe these neural networks as encapsulating a new model of science,” Silver said.</p> <p>As for hiring and promotion, the physics panelists also painted a positive picture. “We’re not yet seeing the job displacement,” Cranmer said. If anything, he said, A.I. has brought new investment into his field.</p> <p>For all its risks, the emerging human-machine partnership is making progress on the great mathematics and science questions of our time. “Anyone who is a mathematician or a scientist should be just so excited to be alive now, of all times,” Silver said. “We are alive now when the greatest changes are going to happen and biggest discoveries, the most advances, are going to happen.”</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/I-Ye-rMhRws?list=PLS0TjJA_GZXctE6kIEyuocCLEFNsJrNin" title="Hot Topic: The Machine-Learning Revolution – Part 2: Physical Sciences | September 16" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/when-ai-can-do-it-all-what-will-be-left-for-human-mathematicians-and-scientists/#comments 31 Franz Neumann (1900 – 1954) und die Öl-Obsession der Nationalsozialisten https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/franz-neumann-1900-1954-und-die-oel-obsession-der-nationalsozialisten/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/franz-neumann-1900-1954-und-die-oel-obsession-der-nationalsozialisten/#comments Tue, 16 Dec 2025 23:31:00 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=10833 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2187-768x1024.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/franz-neumann-1900-1954-und-die-oel-obsession-der-nationalsozialisten/</link> </image> <description type="html"><h1>Franz Neumann (1900 - 1954) und die Öl-Obsession der Nazis</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Wie seit knapp zwanzig Jahren <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115730263917279480">nahm ich auch dieses Jahr an einer Chanukka-Feier der jüdischen Gemeinden in Baden-Württemberg</a> teil – erst Recht <a href="https://www.tagesschau.de/inland/regional/badenwuerttemberg/swr-schuesse-am-bondi-beach-in-australien-juedische-vereine-aus-bw-reagieren-entsetzt-100.html">angesichts der Terrormorde in Sydney und des mutmaßlich vereitelten Anschlags auf einen Weihnachtsmarkt in Bayern</a>.</p> <p><a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115730263917279480" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mastodon-Post mit einem Foto der Chanukkia auf dem Stuttgarter Schlossplatz vom 16.12.2025. Darüber steht als Text: Nun also brennen vier Kerzen der Channukia auf dem Schlossplatz in Stuttgart.&#xA;&#xA;Drei wurden von Mitgliedern der jüdischen Gemeinde angezündet, einem vom evangelischen Landesbischof Gohl.&#xA;&#xA;So muss es sein &amp; bleiben. Als Wissenschaftler, Demokrat &amp; Solarpunk definiere ich Frieden als: Frei &amp; sicher vielfältig sein können." decoding="async" height="794" sizes="(max-width: 583px) 100vw, 583px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChanukkiaStuttgart2025MichaelBlumeMastodon161225.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChanukkiaStuttgart2025MichaelBlumeMastodon161225.jpg 583w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChanukkiaStuttgart2025MichaelBlumeMastodon161225-220x300.jpg 220w" width="583"></img></a></p> <p><em>Mastodon-Post mit Foto von der Chanukkia auf dem Stuttgarter Schlossplatz, 16.12.2025: Michael Blume</em></p> <p>In ihrer starken Rede zu diesem Anlass zitierte <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/56-neue-episode">die IRGW-Vorstandssprecherin <strong>Barbara Traub </strong>mehrfach den von uns beiden so geschätzten Religionsgelehrten <strong>Chief Rabbi Jonathan Sacks</strong> (1948 – 2020)</a>. Seine Beiträge zur Antisemitismusforschung waren für mich entscheidend und gerne <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gewalttaetig-sind-nicht-nur-die-anderen-post-dualistische-weisheit-von-lord-rabbi-jonathan-sacks-1948-2022/">sprach ich zu seinen Ehren 2022 in der <strong>jüdischen Gemeinde zu Pforzheim</strong></a>.</p> <p>Für die nächsten Jahre habe ich mir vorgenommen, auch einige weitere – jüdische und nichtjüdische – Forschende vorzustellen, denen ich in meinen Arbeiten gegen den <strong>Antisemitismus und Fossilismus</strong> viel zu verdanken habe.<aside></aside></p> <p>Anfangen möchte ich dabei heute mit dem bedeutenden Wirtschaftsjuristen <strong>Franz Neumann</strong> (1900 – 1954), der den biblisch betitelten <strong><em>“Leviathan”</em></strong> von <strong>Thomas Hobbes</strong> (1588 – 1679) durch den ökonomisch orientierten, ebenfalls nach einem biblischen Monster benannten <strong><em>“Behemoth” </em></strong>(1941 &amp; 1944) ergänzte.</p> <p>Franz Neumann wurde am 23. Mai 1900 in <strong>Kattowitz</strong> im damaligen <strong>Schlesien</strong> in eine jüdische Familie geboren. Als Student nahm er an der Novemberrevolution von 1918/19 teil und engagierte sich im linken Flügel der SPD. Nach seiner juristischen Promotion 1923 in Frankfurt wurde er Assistent des großen Arbeitsrechtlers <strong>Hugo Daniel Sinzheimer </strong>(1875 – 1945). Ab 1928 wirkte er als Arbeitsrechtsanwalt in <strong>Berlin</strong>, lehrte an der <strong>Deutschen Hochschule für Politik</strong> und unterstützte die SPD als Rechtsberater.</p> <p>Von den deutschen Nationalsozialisten wurde er unmittelbar nach deren Machtergreifung verhaftet, verfolgt und nach der erfolgreichen Ausreise im April 1933 nach <strong>Großbritannien</strong> ausgebürgert. Nach einer zweiten Promotion an der <strong>London School of Economics and Political Science</strong> wechselte er 1936 nach <strong>New York</strong>, wo er im <strong>Institut für Sozialwissenschaft</strong> der <strong>Frankfurter Schule</strong> wirkte. Hier verfasste er auch seinen <strong><em>“Behemoth”</em></strong> – eine der allerersten, wissenschaftlichen Studien des deutschen NS-Regimes.</p> <p>1942 ging <strong>Neumann</strong> nach Washington zum <strong>Office of Strategic Services (OSS)</strong>, für das er als Deutschlandexperte tätig war, bevor er Leiter des wissenschaftlichen Zweigs der Deutschland-Abteilung des <strong>US-State Department (Außenministerium)</strong> wurde.</p> <p>Nach dem Krieg wirkte er wegweisend an den Anklageschriften zu den <strong>Nürnberger Prozessen</strong> mit. Er wurde Professor an der <strong>Columbia University in New York</strong>, beteiligte sich aber auch am Wiederaufbau der Politikwissenschaft an der <strong>Freien Universität Berlin</strong>. Am 2. September 1954 starb er aufgrund eines Autounfalls in der <strong>Schweiz</strong>. Er hinterließ seine Ehefrau und zwei Söhne.</p> <p><strong>Neumanns Hauptwerk: Der “Behemoth”</strong></p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=F1nITBjZUAM" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Der bedeutende &quot;Behemoth. The Structure and Practice of National Socialism&quot; in der 1944 erweiterten Fassung von der Oxford University Press &amp; dem United States Holocaust Memorial Museum." decoding="async" height="2560" sizes="(max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2187-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2187-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2187-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2187-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2187-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2187-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></a></p> <p><em>Der bedeutende “Behemoth. The Structure and Practice of National Socialism” in der 1944 erweiterten Fassung von der Oxford University Press &amp; dem United States Holocaust Memorial Museum. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Der deutsche Historiker <strong>Armin Nolzen </strong>rühmte zu Recht <a href="https://docupedia.de/zg/nolzen_neumanns_behemoth_v1_de_2011">das große Werk als <em>“vergessener Klassiker der NS-Forschung”</em></a>. Denn <strong>Neumann</strong> blickte nicht nur auf die politischen, sondern auch auf die wirtschaftlichen, militärischen und reichsministeriellen Strukturen des NS-Regimes und ergänzte den Blick auf den <em>“totalitären Staat (Leviathan)”</em> durch die Perspektive auf die <em>“totalitäre Bewegung (Behemoth)”</em> des Nationalsozialismus. Vor allem die Bedeutung der Wirtschaftsverbände und Konzerne als Stützen und Förderer des Hitler-Regimes arbeitete er in bis heute beeindruckender Klarheit heraus. Für meine Forschungen wegweisend waren seine Hinweise auf die Erdöl-Besessenheit von Militär, Wirtschaft und auch <strong>Adolf Hitler</strong> (1889 – 1945) selbst. Den Nazis war von Anfang an klar, dass sie in <strong>Deutschland </strong>für ihre Weltmacht-Träume viel zu wenig und auch etwa in <strong>Rumänien</strong> nicht genug Öl für Fabriken, Schiffe, Panzer und Flugzeuge vorfinden würden. Also sollten zusätzlich zu allen verfügbaren Quellen die reichen Ölfelder im <strong>Kaukasus</strong> der damaligen <strong>Sowjetunion</strong> erobert werden.</p> <p>Dieser frühe Blick in <strong>die Abgründe des Fossilismus</strong> ist auch deswegen bemerkenswert, weil <strong>Neumann</strong> von den Massenmorden des Holocaust einschließlich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-23-blut-fuer-oel-das-unternehmen-wueste-und-die-rentierstaatstheorie/">der Abertausenden Zwangsarbeitenden des SS-<em>“Unternehmen Wüste”</em> zur Gewinnung von Mineralöl aus Ölschiefer</a> beim heutigen <strong>Tübingen</strong> noch gar nichts wissen konnte!</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=F1nITBjZUAM" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Links werden die fossilen Gewaltenergien mit Bild rauchender Industrieschlote, Ölförderanlagen, mit Rohren und je einem Panzer und einer Bombe dargestellt. Rechts sehen wir für die Friedensenergien die Symbole der Sonne und Photovoltaik auf einem Hausdach, ein Windrad, eine Friedenstaube und zwei sich waffenlos reichende Hände." decoding="async" height="1170" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2021px) 100vw, 2021px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2186.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2186.jpeg 2021w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2186-300x174.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2186-1024x593.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2186-768x445.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2186-1536x889.jpeg 1536w" width="2021"></img></a></p> <p><em>Die von mir vorgeschlagene <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/meine-rede-gegen-den-fossil-finanzierten-terror-antisemitismus-am-11-september-2025-in-freiburg-im-breisgau/">Unterscheidung von fossilen Gewaltenergien wie Kohle und vor allem Erdöl und Erdgas als Treiber des Fossilismus einerseits und erneuerbaren Friedensenergien wie Sonne- und Windenergie als Quellen von Energiedemokratie und Solarpunk</a> entstammt auch den wegweisenden Arbeiten von Franz Neumann. Grafik: Michael Blume mit NotebookLM</em></p> <p>Während in den <strong>Nürnberger Prozessen</strong> durchaus noch gegen Wirtschaftsfunktionäre verhandelt wurde, fiel die wirtschaftswissenschaftliche und fossil-kritische Perspektive auf den fossilen Faschismus und deutschen Nationalsozialismus danach leider schnell zusammen. Die <strong>Sowjetunion</strong> selbst basierte auf <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-kann-nicht-alleine-militaerisch-besiegt-werden-er-ist-staerker-als-kapitalismus-und-sozialismus/">dem Marxismus als einem Zweig des Fossilismus</a>, begründete ebenfalls eine zentralistische Fossilwirtschaft und finanzierte sich zunehmend aus Erdöl-Exporten. Auch den fossilistischen <strong>Hitler-Stalin-Pakt</strong> von 1939 sollten und wollten kommunistische “Ökonomen” gerne vergessen machen.</p> <p>Und im Westen wurde der fossile Konzernkapitalismus eilig reingewaschen, dominierten bald ehemalige NSDAP-Mitglieder auch wieder das Wirtschaftsleben der Bundesrepublik <strong>Deutschland </strong>– wie es zuletzt auch <strong>David de Jong </strong>in seinem wichtigen Buch <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Braunes_Erbe"><em><strong>“Braunes Erbe. Die dunkle Geschichte der reichsten deutschen Unternehmerdynastien”</strong></em> (2022)</a> darstellte. Es sollte sich also niemand wundern, wenn manche deutsche sog. “Familienunternehmer” es kaum abwarten können, auch heute wieder mit fossilen Faschisten zu paktieren. Die deutsche Wirtschaft wurde noch viel weniger “entnazifiert” als etwa die Politik, das Militär oder sogar die Justiz. Fossil-braune, heute vor allem sozialdarwinistische und rechtslibertäre Traditionen sind dort weiterhin lebendig.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=F1nITBjZUAM" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Artikel der Preußischen Allgemeine vom 08.07.2025 zeigt Dr. Michael Blume mit der Foto-Unterschrift: Wähnt hinter fossiler Energie nicht als das pure Böse: Michael Blume. Der Artikel heißt: Die Erfindung des 'Fossilen Faschismus'." decoding="async" height="2247" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1125px) 100vw, 1125px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0797.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0797.jpeg 1125w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0797-150x300.jpeg 150w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0797-513x1024.jpeg 513w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0797-768x1534.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0797-769x1536.jpeg 769w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0797-1025x2048.jpeg 1025w" width="1125"></img></a></p> <p><em>Im Juli 2025 bezichtigte mich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-aus-dem-ehemaligen-preussen-warum-deutscher-energieglauben-auch-regional-gepraegt-ist/">die “Preußische Allgemeine” als “Erfinder des ‘Fossilen Faschismus'”</a>. Diese Ehre steht mir jedoch nicht alleine zu, sondern u.a. auch <strong>Franz Neumanns “Behemoth”</strong>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Umso wichtiger ist es mir, auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/meine-rede-gegen-den-fossil-finanzierten-terror-antisemitismus-am-11-september-2025-in-freiburg-im-breisgau/">als Wissenschaftler mit der <strong>Solarpunk-These</strong> am Werk von <strong>Neumann</strong> und leider nur wenigen anderen anknüpfen</a> zu können: <em><strong>Im 19. Jahrhundert etablierten sich auf der Basis der Kohle-Industrialisierung die beiden Hauptideologien des Fossilismus, der Kapitalismus und Marxismus. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/b-wie-berlin-babylon-preussen-und-der-fossile-faschismus/">Bismarck feierte dessen Gewalt gegen Mitwelt und Mitmenschen als “Eisen und Blut”.</a> Im 20. Jahrhundert eskalierte der Fossilismus auf der Basis von Erdöl und Erdgas u.a. zum fossilen Faschismus, Stalinismus und deutschen Nationalsozialismus. Im 21. Jahrhundert befindet sich der Fossilismus in einem verzögernden Karbonblasen-Abwehrkampf gegen die Solarpunk-Bewegung für erneuerbare Friedensenergien und föderale Energiedemokratien.</strong></em></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/F1nITBjZUAM?feature=oembed&amp;rel=0" title="Die Solarpunk-These: Fossile Gewaltenergien versus erneuerbare Friedensenergien." width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Franz Neumann (1900 - 1954) und die Öl-Obsession der Nazis</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Wie seit knapp zwanzig Jahren <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115730263917279480">nahm ich auch dieses Jahr an einer Chanukka-Feier der jüdischen Gemeinden in Baden-Württemberg</a> teil – erst Recht <a href="https://www.tagesschau.de/inland/regional/badenwuerttemberg/swr-schuesse-am-bondi-beach-in-australien-juedische-vereine-aus-bw-reagieren-entsetzt-100.html">angesichts der Terrormorde in Sydney und des mutmaßlich vereitelten Anschlags auf einen Weihnachtsmarkt in Bayern</a>.</p> <p><a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115730263917279480" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mastodon-Post mit einem Foto der Chanukkia auf dem Stuttgarter Schlossplatz vom 16.12.2025. Darüber steht als Text: Nun also brennen vier Kerzen der Channukia auf dem Schlossplatz in Stuttgart.&#xA;&#xA;Drei wurden von Mitgliedern der jüdischen Gemeinde angezündet, einem vom evangelischen Landesbischof Gohl.&#xA;&#xA;So muss es sein &amp; bleiben. Als Wissenschaftler, Demokrat &amp; Solarpunk definiere ich Frieden als: Frei &amp; sicher vielfältig sein können." decoding="async" height="794" sizes="(max-width: 583px) 100vw, 583px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChanukkiaStuttgart2025MichaelBlumeMastodon161225.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChanukkiaStuttgart2025MichaelBlumeMastodon161225.jpg 583w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChanukkiaStuttgart2025MichaelBlumeMastodon161225-220x300.jpg 220w" width="583"></img></a></p> <p><em>Mastodon-Post mit Foto von der Chanukkia auf dem Stuttgarter Schlossplatz, 16.12.2025: Michael Blume</em></p> <p>In ihrer starken Rede zu diesem Anlass zitierte <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/56-neue-episode">die IRGW-Vorstandssprecherin <strong>Barbara Traub </strong>mehrfach den von uns beiden so geschätzten Religionsgelehrten <strong>Chief Rabbi Jonathan Sacks</strong> (1948 – 2020)</a>. Seine Beiträge zur Antisemitismusforschung waren für mich entscheidend und gerne <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gewalttaetig-sind-nicht-nur-die-anderen-post-dualistische-weisheit-von-lord-rabbi-jonathan-sacks-1948-2022/">sprach ich zu seinen Ehren 2022 in der <strong>jüdischen Gemeinde zu Pforzheim</strong></a>.</p> <p>Für die nächsten Jahre habe ich mir vorgenommen, auch einige weitere – jüdische und nichtjüdische – Forschende vorzustellen, denen ich in meinen Arbeiten gegen den <strong>Antisemitismus und Fossilismus</strong> viel zu verdanken habe.<aside></aside></p> <p>Anfangen möchte ich dabei heute mit dem bedeutenden Wirtschaftsjuristen <strong>Franz Neumann</strong> (1900 – 1954), der den biblisch betitelten <strong><em>“Leviathan”</em></strong> von <strong>Thomas Hobbes</strong> (1588 – 1679) durch den ökonomisch orientierten, ebenfalls nach einem biblischen Monster benannten <strong><em>“Behemoth” </em></strong>(1941 &amp; 1944) ergänzte.</p> <p>Franz Neumann wurde am 23. Mai 1900 in <strong>Kattowitz</strong> im damaligen <strong>Schlesien</strong> in eine jüdische Familie geboren. Als Student nahm er an der Novemberrevolution von 1918/19 teil und engagierte sich im linken Flügel der SPD. Nach seiner juristischen Promotion 1923 in Frankfurt wurde er Assistent des großen Arbeitsrechtlers <strong>Hugo Daniel Sinzheimer </strong>(1875 – 1945). Ab 1928 wirkte er als Arbeitsrechtsanwalt in <strong>Berlin</strong>, lehrte an der <strong>Deutschen Hochschule für Politik</strong> und unterstützte die SPD als Rechtsberater.</p> <p>Von den deutschen Nationalsozialisten wurde er unmittelbar nach deren Machtergreifung verhaftet, verfolgt und nach der erfolgreichen Ausreise im April 1933 nach <strong>Großbritannien</strong> ausgebürgert. Nach einer zweiten Promotion an der <strong>London School of Economics and Political Science</strong> wechselte er 1936 nach <strong>New York</strong>, wo er im <strong>Institut für Sozialwissenschaft</strong> der <strong>Frankfurter Schule</strong> wirkte. Hier verfasste er auch seinen <strong><em>“Behemoth”</em></strong> – eine der allerersten, wissenschaftlichen Studien des deutschen NS-Regimes.</p> <p>1942 ging <strong>Neumann</strong> nach Washington zum <strong>Office of Strategic Services (OSS)</strong>, für das er als Deutschlandexperte tätig war, bevor er Leiter des wissenschaftlichen Zweigs der Deutschland-Abteilung des <strong>US-State Department (Außenministerium)</strong> wurde.</p> <p>Nach dem Krieg wirkte er wegweisend an den Anklageschriften zu den <strong>Nürnberger Prozessen</strong> mit. Er wurde Professor an der <strong>Columbia University in New York</strong>, beteiligte sich aber auch am Wiederaufbau der Politikwissenschaft an der <strong>Freien Universität Berlin</strong>. Am 2. September 1954 starb er aufgrund eines Autounfalls in der <strong>Schweiz</strong>. Er hinterließ seine Ehefrau und zwei Söhne.</p> <p><strong>Neumanns Hauptwerk: Der “Behemoth”</strong></p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=F1nITBjZUAM" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Der bedeutende &quot;Behemoth. The Structure and Practice of National Socialism&quot; in der 1944 erweiterten Fassung von der Oxford University Press &amp; dem United States Holocaust Memorial Museum." decoding="async" height="2560" sizes="(max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2187-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2187-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2187-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2187-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2187-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2187-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></a></p> <p><em>Der bedeutende “Behemoth. The Structure and Practice of National Socialism” in der 1944 erweiterten Fassung von der Oxford University Press &amp; dem United States Holocaust Memorial Museum. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Der deutsche Historiker <strong>Armin Nolzen </strong>rühmte zu Recht <a href="https://docupedia.de/zg/nolzen_neumanns_behemoth_v1_de_2011">das große Werk als <em>“vergessener Klassiker der NS-Forschung”</em></a>. Denn <strong>Neumann</strong> blickte nicht nur auf die politischen, sondern auch auf die wirtschaftlichen, militärischen und reichsministeriellen Strukturen des NS-Regimes und ergänzte den Blick auf den <em>“totalitären Staat (Leviathan)”</em> durch die Perspektive auf die <em>“totalitäre Bewegung (Behemoth)”</em> des Nationalsozialismus. Vor allem die Bedeutung der Wirtschaftsverbände und Konzerne als Stützen und Förderer des Hitler-Regimes arbeitete er in bis heute beeindruckender Klarheit heraus. Für meine Forschungen wegweisend waren seine Hinweise auf die Erdöl-Besessenheit von Militär, Wirtschaft und auch <strong>Adolf Hitler</strong> (1889 – 1945) selbst. Den Nazis war von Anfang an klar, dass sie in <strong>Deutschland </strong>für ihre Weltmacht-Träume viel zu wenig und auch etwa in <strong>Rumänien</strong> nicht genug Öl für Fabriken, Schiffe, Panzer und Flugzeuge vorfinden würden. Also sollten zusätzlich zu allen verfügbaren Quellen die reichen Ölfelder im <strong>Kaukasus</strong> der damaligen <strong>Sowjetunion</strong> erobert werden.</p> <p>Dieser frühe Blick in <strong>die Abgründe des Fossilismus</strong> ist auch deswegen bemerkenswert, weil <strong>Neumann</strong> von den Massenmorden des Holocaust einschließlich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-23-blut-fuer-oel-das-unternehmen-wueste-und-die-rentierstaatstheorie/">der Abertausenden Zwangsarbeitenden des SS-<em>“Unternehmen Wüste”</em> zur Gewinnung von Mineralöl aus Ölschiefer</a> beim heutigen <strong>Tübingen</strong> noch gar nichts wissen konnte!</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=F1nITBjZUAM" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Links werden die fossilen Gewaltenergien mit Bild rauchender Industrieschlote, Ölförderanlagen, mit Rohren und je einem Panzer und einer Bombe dargestellt. Rechts sehen wir für die Friedensenergien die Symbole der Sonne und Photovoltaik auf einem Hausdach, ein Windrad, eine Friedenstaube und zwei sich waffenlos reichende Hände." decoding="async" height="1170" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2021px) 100vw, 2021px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2186.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2186.jpeg 2021w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2186-300x174.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2186-1024x593.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2186-768x445.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2186-1536x889.jpeg 1536w" width="2021"></img></a></p> <p><em>Die von mir vorgeschlagene <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/meine-rede-gegen-den-fossil-finanzierten-terror-antisemitismus-am-11-september-2025-in-freiburg-im-breisgau/">Unterscheidung von fossilen Gewaltenergien wie Kohle und vor allem Erdöl und Erdgas als Treiber des Fossilismus einerseits und erneuerbaren Friedensenergien wie Sonne- und Windenergie als Quellen von Energiedemokratie und Solarpunk</a> entstammt auch den wegweisenden Arbeiten von Franz Neumann. Grafik: Michael Blume mit NotebookLM</em></p> <p>Während in den <strong>Nürnberger Prozessen</strong> durchaus noch gegen Wirtschaftsfunktionäre verhandelt wurde, fiel die wirtschaftswissenschaftliche und fossil-kritische Perspektive auf den fossilen Faschismus und deutschen Nationalsozialismus danach leider schnell zusammen. Die <strong>Sowjetunion</strong> selbst basierte auf <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-kann-nicht-alleine-militaerisch-besiegt-werden-er-ist-staerker-als-kapitalismus-und-sozialismus/">dem Marxismus als einem Zweig des Fossilismus</a>, begründete ebenfalls eine zentralistische Fossilwirtschaft und finanzierte sich zunehmend aus Erdöl-Exporten. Auch den fossilistischen <strong>Hitler-Stalin-Pakt</strong> von 1939 sollten und wollten kommunistische “Ökonomen” gerne vergessen machen.</p> <p>Und im Westen wurde der fossile Konzernkapitalismus eilig reingewaschen, dominierten bald ehemalige NSDAP-Mitglieder auch wieder das Wirtschaftsleben der Bundesrepublik <strong>Deutschland </strong>– wie es zuletzt auch <strong>David de Jong </strong>in seinem wichtigen Buch <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Braunes_Erbe"><em><strong>“Braunes Erbe. Die dunkle Geschichte der reichsten deutschen Unternehmerdynastien”</strong></em> (2022)</a> darstellte. Es sollte sich also niemand wundern, wenn manche deutsche sog. “Familienunternehmer” es kaum abwarten können, auch heute wieder mit fossilen Faschisten zu paktieren. Die deutsche Wirtschaft wurde noch viel weniger “entnazifiert” als etwa die Politik, das Militär oder sogar die Justiz. Fossil-braune, heute vor allem sozialdarwinistische und rechtslibertäre Traditionen sind dort weiterhin lebendig.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=F1nITBjZUAM" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Artikel der Preußischen Allgemeine vom 08.07.2025 zeigt Dr. Michael Blume mit der Foto-Unterschrift: Wähnt hinter fossiler Energie nicht als das pure Böse: Michael Blume. 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Diese Ehre steht mir jedoch nicht alleine zu, sondern u.a. auch <strong>Franz Neumanns “Behemoth”</strong>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Umso wichtiger ist es mir, auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/meine-rede-gegen-den-fossil-finanzierten-terror-antisemitismus-am-11-september-2025-in-freiburg-im-breisgau/">als Wissenschaftler mit der <strong>Solarpunk-These</strong> am Werk von <strong>Neumann</strong> und leider nur wenigen anderen anknüpfen</a> zu können: <em><strong>Im 19. Jahrhundert etablierten sich auf der Basis der Kohle-Industrialisierung die beiden Hauptideologien des Fossilismus, der Kapitalismus und Marxismus. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/b-wie-berlin-babylon-preussen-und-der-fossile-faschismus/">Bismarck feierte dessen Gewalt gegen Mitwelt und Mitmenschen als “Eisen und Blut”.</a> Im 20. Jahrhundert eskalierte der Fossilismus auf der Basis von Erdöl und Erdgas u.a. zum fossilen Faschismus, Stalinismus und deutschen Nationalsozialismus. Im 21. Jahrhundert befindet sich der Fossilismus in einem verzögernden Karbonblasen-Abwehrkampf gegen die Solarpunk-Bewegung für erneuerbare Friedensenergien und föderale Energiedemokratien.</strong></em></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/F1nITBjZUAM?feature=oembed&amp;rel=0" title="Die Solarpunk-These: Fossile Gewaltenergien versus erneuerbare Friedensenergien." width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/franz-neumann-1900-1954-und-die-oel-obsession-der-nationalsozialisten/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>27</slash:comments> </item> <item> <title>ADHS-Diagnosen: Versechsfachung bei jungen Frauen, Verdreifachung bei den Männern https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/#comments Tue, 16 Dec 2025 12:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3471 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Achtung-ADHS-768x543.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Achtung-ADHS.jpg" /><h1>ADHS-Diagnosen: Versechsfachung bei jungen Frauen, Verdreifachung bei den Männern » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Seit der COVID-Pandemie explodieren die psychiatrischen Diagnosen förmlich</strong></p> <span id="more-3471"></span> <p>Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) galt lange Zeit als Problem der Kindheit und Jugend. Man dachte insbesondere an zappelnde, laute, herumspringende, anderen ins Wort fallende, kurzum: <em>störende</em> Jungen. Das beschreibt einen von zwei Haupttypen des Störungsbilds, bei dem Impulsivität im Vordergrund steht. Daneben gibt es aber auch die träumerische, vergessliche, eher abwesende Variante. Diese wird vor allem bei Mädchen diagnostiziert.</p> <p>Tatsächlich gab es bei ADHS immer einen großen Geschlechtsunterschied: Jungen bekamen die Diagnose in etwa dreimal so häufig wie Mädchen. Das wollte man genetisch erklären – bisher ohne Erfolg. Wahrscheinlich liegt es aber vor allem daran, dass der impulsive, bei den Jungen häufigere Typ andere sehr viel mehr stört als die unaufmerksame, bei den Mädchen häufiger vorkommende Variante.</p> <h2 id="h-geschlechtsunterschiede">Geschlechtsunterschiede</h2> <p>Allgemein gilt: Jungen und Männer <em>externalisieren</em> Probleme eher, werden verhaltensauffällig, mitunter störend, aggressiv, konsumieren mehr Alkohol und andere Drogen und tun überhaupt mehr riskante und/oder verbotene Dinge. Letzteres sieht man schließlich in der Geschlechtsverteilung in den Gefängnissen, wo fast nur Männer eingesperrt sind. Mädchen und Frauen neigen demgegenüber dazu, Probleme zu <em>internalisieren</em>: Sie werden häufiger still, ziehen sich zurück, geben sich selbst die Schuld oder essen nicht mehr. Angst- und Gefühlsstörungen beziehungsweise Depressionen bekommen sie zwei- bis dreimal so häufig diagnostiziert, Essstörungen sogar vier- bis achtmal so oft.</p> <p>Ob diese Geschlechtsunterschiede eher biologischer Natur oder gesellschaftlich geprägt sind, ist Stoff für endlose Diskussionen. Wahrscheinlich stimmt beides: Es gibt körperliche, hormonal geprägte Unterschiede, die durch gesellschaftliche Vorstellung von typischen Frauen- und Männerbildern verstärkt werden.<aside></aside></p> <p>Schon die feministische Philosophin Simone de Beauvoir (1908-1986) leitete hieraus eine interessante Erklärung für die Entstehung des Patriarchats ab: Ab der Bronzezeit, also ab ca. dem 3. Jahrtausend v.u.Z. konnten die körperlich meist stärkeren Männer die neuen und tödlicheren, aber auch schweren Waffen besser führen. Im Gegenzug für den Schutz der Gruppe nach innen und Überfälle anderer im Außen erwarteten sie bestimmte Privilegien.</p> <p>Noch in der Geburtsstunde der Demokratie, der griechischen Polis, waren die bürgerlichen Privilegien an das Einstehen für die Gesellschaft auf dem Schlachtfeld gebunden. Man könnte dieses Denken ins 21. Jahrhundert und zum Beispiel die Kriegsfront in der Ukraine übertragen. Aber bleiben wir beim Thema ADHS.</p> <h2 id="h-haufigkeit-von-adhs">Häufigkeit von ADHS</h2> <p>ADHS gilt zwar auch heute noch als neuronale Entwicklungsstörung, also als ein Problem primär der Kindheit und Jugend. Fachleute zerbrachen sich aber lange den Kopf darüber, was beim Übergang ins Erwachsenenalter mit den Symptomen passiert. In etwa seit der Jahrtausendwende gilt als Konsens, dass bei rund der Hälfte der Betroffenen die Probleme im Sinne einer psychologisch-psychiatrischen Störung bleiben. Dabei soll aber die Hyperaktivität beziehungsweise Impulsivität in den Hintergrund treten.</p> <p>Tatsächlich steht im offiziellen Konsenspapier der Weltvereinigung für ADHS (hier auch in <a href="https://www.adhd-federation.org/publications/international-consensus-statement.html">deutscher Übersetzung verfügbar</a>), dass die Störung bei rund 6 Prozent der Minderjährigen und 2,5 Prozent der Erwachsenen vorkomme (Faraone et al., 2021). Dort werden aber auch Studien zitiert, die wichtige gesellschaftliche Fragen aufwerfen: So gibt es zum Beispiel Untersuchungen aus den USA, die bei schwarzen Minderjährigen eine Prävalenz von satten 14 Prozent fanden, also rund doppelt so viel wie im Bevölkerungsdurchschnitt (Cénat et al., 2021).</p> <p>Man sollte nicht die alten Fehler der Psychiatrie wiederholen, solche Unterschiede genetisch-rassistisch zu erklären. Vielmehr vermute ich hier den Ausdruck von sozialer Benachteiligung: Dass Schwarze und andere nicht-weiße Gruppen in den USA (und nicht nur dort) im Durchschnitt weniger wohlhabend sind und häufiger unter schlechteren Bedingungen leben, ist bekannt.</p> <p>Die Forscherinnen und Forscher ziehen allerdings andere Schlüsse aus ihren Daten. Weil Schwarze ein höheres Risiko für ADHS hätten, müsse man bei ihnen noch intensiver nach der Störung suchen. Wenn daraus mal keine sich selbst erfüllende Prophezeiung wird?</p> <blockquote> <p>“… die Ergebnisse dieser systematischen Übersichtsarbeit und Meta-Analyse legen nahe, dass Schwarze ein höheres Risiko für eine ADHS-Diagnose aufweisen als die US-amerikanische Allgemeinbevölkerung. Diese Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, die ADHS-Diagnostik und -Überwachung bei Schwarzen unterschiedlicher sozialer Herkunft zu intensivieren.” (Cénat et al., 2021, S. 21)</p> </blockquote> <h2 id="h-soziale-aspekte">Soziale Aspekte</h2> <p>Im Gegenzug für eine ADHS-Diagnose kriegen Kinder und Jugendliche wegen Gesetzen gegen Benachteiligung mitunter mehr Betreuung oder Zeit zum Absolvieren von Tests; und die Erziehungsberechtigten vielleicht einen Zuschlag für Sozialleistungen oder Kindergeld. Man kann auch in Deutschland mit so einer Diagnose einen Schwerbehindertenausweis beantragen – und sich dann mit den Behörden über den Grad der Behinderung streiten. Anleitungen dafür finden sich im Netz.</p> <p>Frappierend ist auch der für viele Länder bestätigte Befund, dass in Schulklassen die jüngsten Kinder am häufigsten eine ADHS-Diagnose und eine Medikamentenverschreibung für Stimulanzien wie Methylphenidat (z.B. in Ritalin) erhalten. Das kann man anhand der Stichtage für die Einschulung nachvollziehen: Wenn ein Kind kurz davor Geburtstag hat, wird es immer zu den Jüngsten der Klasse gehören; ist der Geburtstag aber kurz nach dem Stichtag, wird es ein Jahr später eingeschult – und dann unter den Ältesten sein. Laut einer großen Meta-Analyse ist die Wahrscheinlichkeit für die Jüngsten, die Diagnose zu bekommen, sogar um ganze 34 Prozent höher (Caye et al., 2020).</p> <p>In Deutschland lässt sich dieser Einschulungseffekt besonders gut Untersuchen, da die 16 Bundesländer unterschiedliche Stichtage zwischen dem 30. Juni bis 30. September verwenden. Auf einer <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/kurioses-ueber-die-aufmerksamkeitsstoerung-adhs/">Abbildung aus dem Versorgungsatlas</a> (nach unten scrollen) sieht man ganz klar: Je jünger ein Kind in seinem Jahrgang ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer ADHS-Diagnose.</p> <p>Dieser Befund missfällt natürlich denen, die die Störung am liebsten als genetisch beziehungsweise neuronal bedingt darstellen. Denn der Einschulungseffekt lässt nach meiner Interpretation keine andere Erklärung zu, als dass – zumindest bei einem nicht zu vernachlässigenden Teil der Kinder – hier schlicht Kindlichkeit als psychologisch-psychiatrisches Problem klassifiziert wird. Würden diese Kinder ein Jahr später eingeschult, bekämen sie die Diagnose <em>nicht</em>.</p> <p>Deswegen sollte man das Kind nicht mit dem Bad ausschütten: Dass manche schwerste und behandlungsbedürftige Aufmerksamkeitsprobleme haben, bestreitet niemand. Heinrich Hoffmanns (1809-1894) “Zappelphilipp” kann man aber nicht als Beleg für die Echtheit der Störung anführen, da die Symptome nicht passen (Lange et al., 2010).</p> <h2 id="h-erwachsenen-adhs">Erwachsenen-ADHS</h2> <p>Halten wir fest: ADHS ist heute eine verbreitete psychologisch-psychiatrische Störung. Obwohl sie als neuronale Entwicklungsstörung gilt, gibt es keinen Blut-, Gen- oder Gehirntest, wie es die Forschung der biologischen Psychiatrie seit über 200 Jahren verspricht. Das gilt übrigens für <em>alle</em> Störungsbilder – schließt aber nicht aus, dass in Einzelfällen zum Beispiel eine Schilddrüsenfehlfunktion zu einer depressiven Verstimmung führen kann. Darum sind körperliche Untersuchungen bei ernsten und anhaltenden psychischen Problemen angeraten.</p> <p>Das heißt, ADHS wird nach wie vor in einem diagnostischen Gespräch festgestellt. Neben der Beurteilung des Aufmerksamkeitsdefizits oder der Impulsivität schreibt die Definition als <em>Entwicklungs</em>störung vor, dass die Probleme schon in Kindheit oder Jugend vorgelegen haben müssen. Bei Erwachsenen kann das in der Praxis über Gespräche oder Fragebögen von Eltern, Geschwistern, Freunden oder anderen früheren Bezugspersonen erhoben werden.</p> <p>Dumm nur, dass die Nachfrage nach der Diagnostik in Deutschland inzwischen so hoch ist, dass man als gesetzlich Versicherter mit einer Wartezeit von vielen Monaten bis wenigen Jahren rechnen muss. Dank Marktwirtschaft und Konkurrenzprinzip nutzen manche Praxen die Gelegenheit, das als Dienstleistung für Selbstzahler anzubieten. Wer es sich leisten kann, bezahlt am Ende oft so um die 500 Euro dafür. Am Rande: Durch diese gewinnmaximierende Verschiebung werden Wartezeiten für gesetzlich Versicherte natürlich höher.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg"><img alt="" decoding="async" height="563" sizes="(max-width: 850px) 100vw, 850px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg 850w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb-300x199.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb-768x509.jpg 768w" width="850"></img></a></figure> <p><em>Eine psychotherapeutische Praxis bietet eine ADHS-Voruntersuchung zum Preis von 143 Euro an. Dafür winken “potenzielle rechtliche und finanzielle Vorteile”. Die gesamte Diagnostik wird aber erst einmal mehr kosten. Quelle: Bildzitat nach Originalvorlage</em></p> <p>Wie haben sich nun die tatsächlichen Diagnosezahlen entwickelt, nach so viel Aufmerksamkeit für ADHS in der Gesellschaft, in den klassischen und (a)sozialen Medien? Im <em>Deutschen Ärzteblatt</em> ist dazu eine <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/inzidenz-von-adhs-spektrum-stoerungen-bei-erwachsenen-22c4cb5b-38c9-4d19-baa1-70bbc8c595b3">brandneue Auswertung</a> erschienen.</p> <h2 id="h-vervielfachung">Vervielfachung</h2> <p>Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Maria Ivanova vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Berlin haben dafür die Daten von 17 kassenärztlichen Vereinigungen erhalten. Bei den Männern verdoppelten bis vervierfachten sich die ADHS-Diagnosen im Vergleich von vor und nach der Pandemie.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Je nach Altersgruppe stieg die Häufigkeit der Diagnosen bei den Männern im Vergleich von 2015 (hellgrau) bis 2024 (dunkelgrau) um den Faktor zwei bis vier. Während ADHS früher ein Störungsbild Minderjähriger, dann junger Erwachsener war, lassen sich inzwischen auch mehr Menschen in den 40ern und 50ern entsprechend diagnostizieren, wenn auch insgesamt noch auf einem niedrigeren Niveau. Datenquelle: Ivanova et al., 2025</em></p> <p>Bei den Frauen war der Anstieg im selben Zeitraum noch größer.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Je nach Altersgruppe stieg die Häufigkeit der Diagnosen bei den Frauen im Vergleich von 2015 (grau) bis 2024 (schwarz) um den Faktor drei bis sechs. Datenquelle: Ivanova et al., 2025</em></p> <p>Ich spreche hier von “vor und nach der Pandemie”. Der Übersichtlichkeit halber habe ich den Start- und Endpunkt der Auswertung miteinander verglichen. Wer mag, kann <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/inzidenz-von-adhs-spektrum-stoerungen-bei-erwachsenen-22c4cb5b-38c9-4d19-baa1-70bbc8c595b3?tabId=figures#imgGrafik">auf der Originalabbildung</a> selbst nachvollziehen, dass sich in den Jahren 2015 bis 2020 wenig tat. Mitunter gab es sogar kleine Rückgänge. Der starke Anstieg spielte sich danach, in der Zeit von 2021 bis 2024 ab.</p> <p>Das führte zu einer interessanten Veränderung im Geschlechtsvergleich.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Erwachsenen-ADHS ist nun keine typisch männliche Störung mehr. Durch den besonders starken Anstieg der Diagnosen bei den Frauen in den Jahren 2021 bis 2024 gibt es nun kaum noch einen Geschlechtsunterschied. Ab 45 Jahren wird die Störung nun sogar etwas häufiger bei den Frauen (hellgrau) als bei den Männern (dunkelgrau) diagnostiziert. Datenquelle: Ivanova et al., 2025</em></p> <h2 id="h-ausblick">Ausblick</h2> <p>Wie auch bei anderen psychologisch-psychiatrischen Störungen, stiegen die Diagnosen der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung in den letzten Jahren stark an. Ein besonders auffälliger Trend entstand in der COVID-Pandemie bei den Erwachsenen: In nur wenigen Jahren verdoppelte bis versechsfachte sich die Häufigkeit der ADHS-Diagnosen, insbesondere bei den Frauen. Dadurch sind die Geschlechtsunterschiede bei den Erwachsenen nun verschwunden.</p> <p>Verschiedene Lager bieten für diese Vorgänge unterschiedliche Deutungen an: Führende Psychiater meinen, man diagnostiziere inzwischen besser, habe die Störungen früher also übersehen – diese Sichtweise übernehmen oft auch die Patientinnen und Patienten, die sich mit der Diagnose identifizieren. Von gesellschaftskritischer Seite heißt es hingegen, durch Trends in den Medien, heute verstärkt durch Influencer, komme es zu “Mode-Diagnosen”. Oder die Pandemie habe die Menschen so gestresst, dass sie vermehrt psychische Probleme bekamen.</p> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/">zweiten Teil</a> werden wir dies näher diskutieren.</p> <h2 id="h-neu-lernen-sie-mehr-uber-psychische-storungen">Neu: Lernen Sie mehr über psychische Störungen</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em><em><em><em><em><strong>Erfahren Sie mehr über die Depressions-Epidemie im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? 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Relative age and attention-deficit/hyperactivity disorder: data from three epidemiological cohorts and a meta-analysis. <em>Journal of the American Academy of Child &amp; Adolescent Psychiatry</em>, 59(8), 990-997.</li> <li>Cénat, J. M., Blais-Rochette, C., Morse, C., Vandette, M. P., Noorishad, P. G., Kogan, C., … &amp; Labelle, P. R. (2021). Prevalence and risk factors associated with attention-deficit/hyperactivity disorder among US black individuals: a systematic review and meta-analysis. <em>JAMA Psychiatry</em>, 78(1), 21-28.</li> <li>Faraone, S. V., Banaschewski, T., Coghill, D., Zheng, Y., Biederman, J., Bellgrove, M. A., … &amp; Wang, Y. (2021). The world federation of ADHD international consensus statement: 208 evidence-based conclusions about the disorder. <em>Neuroscience &amp; Biobehavioral Reviews</em>, 128, 789-818.</li> <li>Ivanova, M, Holstiege, J, Akmatov, M. K., Müller, D., &amp; Kohring, C. (2025). The incidence of AD(H)D spectrum disorders in adults: An analysis of nationwide claims data of the statutory health insurance system in Germany, 2015–2024. <em>Dtsch Arztebl Int</em>, 122, 697–8.</li> <li>Lange, K. W., Reichl, S., Lange, K. M., Tucha, L., &amp; Tucha, O. (2010). The history of attention deficit hyperactivity disorder. <em>ADHD Attention Deficit and Hyperactivity Disorders</em>, 2(4), 241-255.</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/illustrations/traffic-signs-attention-right-of-way-663368/">geralt</a> (Hintergrund), <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/ce9477d1e77b4109a628cfedbf9af7fe" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Achtung-ADHS.jpg" /><h1>ADHS-Diagnosen: Versechsfachung bei jungen Frauen, Verdreifachung bei den Männern » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Seit der COVID-Pandemie explodieren die psychiatrischen Diagnosen förmlich</strong></p> <span id="more-3471"></span> <p>Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) galt lange Zeit als Problem der Kindheit und Jugend. Man dachte insbesondere an zappelnde, laute, herumspringende, anderen ins Wort fallende, kurzum: <em>störende</em> Jungen. Das beschreibt einen von zwei Haupttypen des Störungsbilds, bei dem Impulsivität im Vordergrund steht. Daneben gibt es aber auch die träumerische, vergessliche, eher abwesende Variante. Diese wird vor allem bei Mädchen diagnostiziert.</p> <p>Tatsächlich gab es bei ADHS immer einen großen Geschlechtsunterschied: Jungen bekamen die Diagnose in etwa dreimal so häufig wie Mädchen. Das wollte man genetisch erklären – bisher ohne Erfolg. Wahrscheinlich liegt es aber vor allem daran, dass der impulsive, bei den Jungen häufigere Typ andere sehr viel mehr stört als die unaufmerksame, bei den Mädchen häufiger vorkommende Variante.</p> <h2 id="h-geschlechtsunterschiede">Geschlechtsunterschiede</h2> <p>Allgemein gilt: Jungen und Männer <em>externalisieren</em> Probleme eher, werden verhaltensauffällig, mitunter störend, aggressiv, konsumieren mehr Alkohol und andere Drogen und tun überhaupt mehr riskante und/oder verbotene Dinge. Letzteres sieht man schließlich in der Geschlechtsverteilung in den Gefängnissen, wo fast nur Männer eingesperrt sind. Mädchen und Frauen neigen demgegenüber dazu, Probleme zu <em>internalisieren</em>: Sie werden häufiger still, ziehen sich zurück, geben sich selbst die Schuld oder essen nicht mehr. Angst- und Gefühlsstörungen beziehungsweise Depressionen bekommen sie zwei- bis dreimal so häufig diagnostiziert, Essstörungen sogar vier- bis achtmal so oft.</p> <p>Ob diese Geschlechtsunterschiede eher biologischer Natur oder gesellschaftlich geprägt sind, ist Stoff für endlose Diskussionen. Wahrscheinlich stimmt beides: Es gibt körperliche, hormonal geprägte Unterschiede, die durch gesellschaftliche Vorstellung von typischen Frauen- und Männerbildern verstärkt werden.<aside></aside></p> <p>Schon die feministische Philosophin Simone de Beauvoir (1908-1986) leitete hieraus eine interessante Erklärung für die Entstehung des Patriarchats ab: Ab der Bronzezeit, also ab ca. dem 3. Jahrtausend v.u.Z. konnten die körperlich meist stärkeren Männer die neuen und tödlicheren, aber auch schweren Waffen besser führen. Im Gegenzug für den Schutz der Gruppe nach innen und Überfälle anderer im Außen erwarteten sie bestimmte Privilegien.</p> <p>Noch in der Geburtsstunde der Demokratie, der griechischen Polis, waren die bürgerlichen Privilegien an das Einstehen für die Gesellschaft auf dem Schlachtfeld gebunden. Man könnte dieses Denken ins 21. Jahrhundert und zum Beispiel die Kriegsfront in der Ukraine übertragen. Aber bleiben wir beim Thema ADHS.</p> <h2 id="h-haufigkeit-von-adhs">Häufigkeit von ADHS</h2> <p>ADHS gilt zwar auch heute noch als neuronale Entwicklungsstörung, also als ein Problem primär der Kindheit und Jugend. Fachleute zerbrachen sich aber lange den Kopf darüber, was beim Übergang ins Erwachsenenalter mit den Symptomen passiert. In etwa seit der Jahrtausendwende gilt als Konsens, dass bei rund der Hälfte der Betroffenen die Probleme im Sinne einer psychologisch-psychiatrischen Störung bleiben. Dabei soll aber die Hyperaktivität beziehungsweise Impulsivität in den Hintergrund treten.</p> <p>Tatsächlich steht im offiziellen Konsenspapier der Weltvereinigung für ADHS (hier auch in <a href="https://www.adhd-federation.org/publications/international-consensus-statement.html">deutscher Übersetzung verfügbar</a>), dass die Störung bei rund 6 Prozent der Minderjährigen und 2,5 Prozent der Erwachsenen vorkomme (Faraone et al., 2021). Dort werden aber auch Studien zitiert, die wichtige gesellschaftliche Fragen aufwerfen: So gibt es zum Beispiel Untersuchungen aus den USA, die bei schwarzen Minderjährigen eine Prävalenz von satten 14 Prozent fanden, also rund doppelt so viel wie im Bevölkerungsdurchschnitt (Cénat et al., 2021).</p> <p>Man sollte nicht die alten Fehler der Psychiatrie wiederholen, solche Unterschiede genetisch-rassistisch zu erklären. Vielmehr vermute ich hier den Ausdruck von sozialer Benachteiligung: Dass Schwarze und andere nicht-weiße Gruppen in den USA (und nicht nur dort) im Durchschnitt weniger wohlhabend sind und häufiger unter schlechteren Bedingungen leben, ist bekannt.</p> <p>Die Forscherinnen und Forscher ziehen allerdings andere Schlüsse aus ihren Daten. Weil Schwarze ein höheres Risiko für ADHS hätten, müsse man bei ihnen noch intensiver nach der Störung suchen. Wenn daraus mal keine sich selbst erfüllende Prophezeiung wird?</p> <blockquote> <p>“… die Ergebnisse dieser systematischen Übersichtsarbeit und Meta-Analyse legen nahe, dass Schwarze ein höheres Risiko für eine ADHS-Diagnose aufweisen als die US-amerikanische Allgemeinbevölkerung. Diese Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, die ADHS-Diagnostik und -Überwachung bei Schwarzen unterschiedlicher sozialer Herkunft zu intensivieren.” (Cénat et al., 2021, S. 21)</p> </blockquote> <h2 id="h-soziale-aspekte">Soziale Aspekte</h2> <p>Im Gegenzug für eine ADHS-Diagnose kriegen Kinder und Jugendliche wegen Gesetzen gegen Benachteiligung mitunter mehr Betreuung oder Zeit zum Absolvieren von Tests; und die Erziehungsberechtigten vielleicht einen Zuschlag für Sozialleistungen oder Kindergeld. Man kann auch in Deutschland mit so einer Diagnose einen Schwerbehindertenausweis beantragen – und sich dann mit den Behörden über den Grad der Behinderung streiten. Anleitungen dafür finden sich im Netz.</p> <p>Frappierend ist auch der für viele Länder bestätigte Befund, dass in Schulklassen die jüngsten Kinder am häufigsten eine ADHS-Diagnose und eine Medikamentenverschreibung für Stimulanzien wie Methylphenidat (z.B. in Ritalin) erhalten. Das kann man anhand der Stichtage für die Einschulung nachvollziehen: Wenn ein Kind kurz davor Geburtstag hat, wird es immer zu den Jüngsten der Klasse gehören; ist der Geburtstag aber kurz nach dem Stichtag, wird es ein Jahr später eingeschult – und dann unter den Ältesten sein. Laut einer großen Meta-Analyse ist die Wahrscheinlichkeit für die Jüngsten, die Diagnose zu bekommen, sogar um ganze 34 Prozent höher (Caye et al., 2020).</p> <p>In Deutschland lässt sich dieser Einschulungseffekt besonders gut Untersuchen, da die 16 Bundesländer unterschiedliche Stichtage zwischen dem 30. Juni bis 30. September verwenden. Auf einer <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/kurioses-ueber-die-aufmerksamkeitsstoerung-adhs/">Abbildung aus dem Versorgungsatlas</a> (nach unten scrollen) sieht man ganz klar: Je jünger ein Kind in seinem Jahrgang ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer ADHS-Diagnose.</p> <p>Dieser Befund missfällt natürlich denen, die die Störung am liebsten als genetisch beziehungsweise neuronal bedingt darstellen. Denn der Einschulungseffekt lässt nach meiner Interpretation keine andere Erklärung zu, als dass – zumindest bei einem nicht zu vernachlässigenden Teil der Kinder – hier schlicht Kindlichkeit als psychologisch-psychiatrisches Problem klassifiziert wird. Würden diese Kinder ein Jahr später eingeschult, bekämen sie die Diagnose <em>nicht</em>.</p> <p>Deswegen sollte man das Kind nicht mit dem Bad ausschütten: Dass manche schwerste und behandlungsbedürftige Aufmerksamkeitsprobleme haben, bestreitet niemand. Heinrich Hoffmanns (1809-1894) “Zappelphilipp” kann man aber nicht als Beleg für die Echtheit der Störung anführen, da die Symptome nicht passen (Lange et al., 2010).</p> <h2 id="h-erwachsenen-adhs">Erwachsenen-ADHS</h2> <p>Halten wir fest: ADHS ist heute eine verbreitete psychologisch-psychiatrische Störung. Obwohl sie als neuronale Entwicklungsstörung gilt, gibt es keinen Blut-, Gen- oder Gehirntest, wie es die Forschung der biologischen Psychiatrie seit über 200 Jahren verspricht. Das gilt übrigens für <em>alle</em> Störungsbilder – schließt aber nicht aus, dass in Einzelfällen zum Beispiel eine Schilddrüsenfehlfunktion zu einer depressiven Verstimmung führen kann. Darum sind körperliche Untersuchungen bei ernsten und anhaltenden psychischen Problemen angeraten.</p> <p>Das heißt, ADHS wird nach wie vor in einem diagnostischen Gespräch festgestellt. Neben der Beurteilung des Aufmerksamkeitsdefizits oder der Impulsivität schreibt die Definition als <em>Entwicklungs</em>störung vor, dass die Probleme schon in Kindheit oder Jugend vorgelegen haben müssen. Bei Erwachsenen kann das in der Praxis über Gespräche oder Fragebögen von Eltern, Geschwistern, Freunden oder anderen früheren Bezugspersonen erhoben werden.</p> <p>Dumm nur, dass die Nachfrage nach der Diagnostik in Deutschland inzwischen so hoch ist, dass man als gesetzlich Versicherter mit einer Wartezeit von vielen Monaten bis wenigen Jahren rechnen muss. Dank Marktwirtschaft und Konkurrenzprinzip nutzen manche Praxen die Gelegenheit, das als Dienstleistung für Selbstzahler anzubieten. Wer es sich leisten kann, bezahlt am Ende oft so um die 500 Euro dafür. Am Rande: Durch diese gewinnmaximierende Verschiebung werden Wartezeiten für gesetzlich Versicherte natürlich höher.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg"><img alt="" decoding="async" height="563" sizes="(max-width: 850px) 100vw, 850px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg 850w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb-300x199.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb-768x509.jpg 768w" width="850"></img></a></figure> <p><em>Eine psychotherapeutische Praxis bietet eine ADHS-Voruntersuchung zum Preis von 143 Euro an. Dafür winken “potenzielle rechtliche und finanzielle Vorteile”. Die gesamte Diagnostik wird aber erst einmal mehr kosten. Quelle: Bildzitat nach Originalvorlage</em></p> <p>Wie haben sich nun die tatsächlichen Diagnosezahlen entwickelt, nach so viel Aufmerksamkeit für ADHS in der Gesellschaft, in den klassischen und (a)sozialen Medien? Im <em>Deutschen Ärzteblatt</em> ist dazu eine <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/inzidenz-von-adhs-spektrum-stoerungen-bei-erwachsenen-22c4cb5b-38c9-4d19-baa1-70bbc8c595b3">brandneue Auswertung</a> erschienen.</p> <h2 id="h-vervielfachung">Vervielfachung</h2> <p>Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Maria Ivanova vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Berlin haben dafür die Daten von 17 kassenärztlichen Vereinigungen erhalten. Bei den Männern verdoppelten bis vervierfachten sich die ADHS-Diagnosen im Vergleich von vor und nach der Pandemie.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Je nach Altersgruppe stieg die Häufigkeit der Diagnosen bei den Männern im Vergleich von 2015 (hellgrau) bis 2024 (dunkelgrau) um den Faktor zwei bis vier. Während ADHS früher ein Störungsbild Minderjähriger, dann junger Erwachsener war, lassen sich inzwischen auch mehr Menschen in den 40ern und 50ern entsprechend diagnostizieren, wenn auch insgesamt noch auf einem niedrigeren Niveau. Datenquelle: Ivanova et al., 2025</em></p> <p>Bei den Frauen war der Anstieg im selben Zeitraum noch größer.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Je nach Altersgruppe stieg die Häufigkeit der Diagnosen bei den Frauen im Vergleich von 2015 (grau) bis 2024 (schwarz) um den Faktor drei bis sechs. Datenquelle: Ivanova et al., 2025</em></p> <p>Ich spreche hier von “vor und nach der Pandemie”. Der Übersichtlichkeit halber habe ich den Start- und Endpunkt der Auswertung miteinander verglichen. Wer mag, kann <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/inzidenz-von-adhs-spektrum-stoerungen-bei-erwachsenen-22c4cb5b-38c9-4d19-baa1-70bbc8c595b3?tabId=figures#imgGrafik">auf der Originalabbildung</a> selbst nachvollziehen, dass sich in den Jahren 2015 bis 2020 wenig tat. Mitunter gab es sogar kleine Rückgänge. Der starke Anstieg spielte sich danach, in der Zeit von 2021 bis 2024 ab.</p> <p>Das führte zu einer interessanten Veränderung im Geschlechtsvergleich.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Erwachsenen-ADHS ist nun keine typisch männliche Störung mehr. Durch den besonders starken Anstieg der Diagnosen bei den Frauen in den Jahren 2021 bis 2024 gibt es nun kaum noch einen Geschlechtsunterschied. Ab 45 Jahren wird die Störung nun sogar etwas häufiger bei den Frauen (hellgrau) als bei den Männern (dunkelgrau) diagnostiziert. Datenquelle: Ivanova et al., 2025</em></p> <h2 id="h-ausblick">Ausblick</h2> <p>Wie auch bei anderen psychologisch-psychiatrischen Störungen, stiegen die Diagnosen der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung in den letzten Jahren stark an. Ein besonders auffälliger Trend entstand in der COVID-Pandemie bei den Erwachsenen: In nur wenigen Jahren verdoppelte bis versechsfachte sich die Häufigkeit der ADHS-Diagnosen, insbesondere bei den Frauen. Dadurch sind die Geschlechtsunterschiede bei den Erwachsenen nun verschwunden.</p> <p>Verschiedene Lager bieten für diese Vorgänge unterschiedliche Deutungen an: Führende Psychiater meinen, man diagnostiziere inzwischen besser, habe die Störungen früher also übersehen – diese Sichtweise übernehmen oft auch die Patientinnen und Patienten, die sich mit der Diagnose identifizieren. Von gesellschaftskritischer Seite heißt es hingegen, durch Trends in den Medien, heute verstärkt durch Influencer, komme es zu “Mode-Diagnosen”. Oder die Pandemie habe die Menschen so gestresst, dass sie vermehrt psychische Probleme bekamen.</p> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/">zweiten Teil</a> werden wir dies näher diskutieren.</p> <h2 id="h-neu-lernen-sie-mehr-uber-psychische-storungen">Neu: Lernen Sie mehr über psychische Störungen</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em><em><em><em><em><strong>Erfahren Sie mehr über die Depressions-Epidemie im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></em></em></em></em></em></p> <h2 id="h-literatur">Literatur</h2> <ul> <li>Caye, A., Petresco, S., de Barros, A. J. D., Bressan, R. A., Gadelha, A., Goncalves, H., … &amp; Rohde, L. A. (2020). Relative age and attention-deficit/hyperactivity disorder: data from three epidemiological cohorts and a meta-analysis. <em>Journal of the American Academy of Child &amp; Adolescent Psychiatry</em>, 59(8), 990-997.</li> <li>Cénat, J. M., Blais-Rochette, C., Morse, C., Vandette, M. P., Noorishad, P. G., Kogan, C., … &amp; Labelle, P. R. (2021). Prevalence and risk factors associated with attention-deficit/hyperactivity disorder among US black individuals: a systematic review and meta-analysis. <em>JAMA Psychiatry</em>, 78(1), 21-28.</li> <li>Faraone, S. V., Banaschewski, T., Coghill, D., Zheng, Y., Biederman, J., Bellgrove, M. A., … &amp; Wang, Y. (2021). The world federation of ADHD international consensus statement: 208 evidence-based conclusions about the disorder. <em>Neuroscience &amp; Biobehavioral Reviews</em>, 128, 789-818.</li> <li>Ivanova, M, Holstiege, J, Akmatov, M. K., Müller, D., &amp; Kohring, C. (2025). The incidence of AD(H)D spectrum disorders in adults: An analysis of nationwide claims data of the statutory health insurance system in Germany, 2015–2024. <em>Dtsch Arztebl Int</em>, 122, 697–8.</li> <li>Lange, K. W., Reichl, S., Lange, K. M., Tucha, L., &amp; Tucha, O. (2010). The history of attention deficit hyperactivity disorder. <em>ADHD Attention Deficit and Hyperactivity Disorders</em>, 2(4), 241-255.</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/illustrations/traffic-signs-attention-right-of-way-663368/">geralt</a> (Hintergrund), <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/ce9477d1e77b4109a628cfedbf9af7fe" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>18</slash:comments> </item> <item> <title>Was soziale Ungleichheit mit unseren Gehirnen macht https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/was-soziale-ungleichheit-mit-unseren-gehirnen-macht/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/was-soziale-ungleichheit-mit-unseren-gehirnen-macht/#comments Mon, 15 Dec 2025 20:27:42 +0000 David Wurzer https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5436 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ct-768x547.png <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/was-soziale-ungleichheit-mit-unseren-gehirnen-macht/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ct.png" /><h1>Was soziale Ungleichheit mit unseren Gehirnen macht » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By David Wurzer</h2><div itemprop="text"> <p>Dass Armut krank macht, ist in der Medizin Konsens. Auch neurowissenschaftliche Studien zeigen zunehmend, dass sich soziale Ungleichheit auf die Hirnstruktur auswirkt und anfällig für diverse psychische Erkrankungen macht. Jetzt hat eine große US-Studie erstmals gezeigt, dass die Einkommensungleichheit einer Gesellschaft negative Effekte auf die Gehirne aller Kinder hat – egal, ob diese Kinder aus armen oder reichen Haushalten stammen.</p> <p>Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass soziale Ungleichheit ein eigenständiger neurobiologischer Stressor ist, der alle Mitglieder einer Gesellschaft betrifft. Angesichts steigender Ungleichheit ist das ein alarmierender Befund.</p> <h3 id="h-erfolg-misserfolg-reichtum-und-armut-henne-oder-ei">Erfolg, Misserfolg, Reichtum und Armut – Henne oder Ei?</h3> <p>Sind reiche Menschen einfach intelligenter als arme Menschen? Oder ist es so, dass Reichtum erfolgreich macht und Armut Erfolg verhindert? In politischen Debatten werden diese zwei Positionen, die erste als rechte, die zweite als linke Position, meist dogmatisch diskutiert, als läge ein Henne-Ei-Problem vor. Dem ist jedoch nicht so. In den biologischen Wissenschaften dominiert seit Jahrzehnten die Auffassung, dass Umwelt und Genetik bei komplexen Merkmalen stets miteinander interagieren.</p> <p>Karl Marx, Ikone vieler Linker, war der Auffassung, dass jedes Individuum allein ein Produkt seiner Umwelt sei. Heute wissen wir: das ist ebenso falsch, wie die rechte, meritokratische These, dass heute jeder an seinem natürlichen Platz sei, denn die Erfolgreichen hätten lediglich mehr geleistet oder verfügten im Zweifel einfach genetisch über mehr Intelligenz als unerfolgreiche Menschen (diese Spielart ist dann freilich nicht mehr meritokratisch).</p> <p>Auch gute neuronale Anlagen erfordern als weiteren Faktor erst noch eine gute, stimulierende Umwelt. Die muss aber erst aktiv hergestellt werden – von jemandem, der die Mittel dazu hat. Bei einem statistisch normalverteilten IQ in der Bevölkerung ist es deshalb, <em>ceteris paribus</em>, sehr wahrscheinlich, dass unzählige gute Gehirne brach liegen gelassen werden. Das macht erfolgreiche Menschen keineswegs dumm, der Eigenanteil ihres Erfolgs aber dürfte deutlich überschätzt werden, während der Umweltanteil in großen Teilen der einkommensschwachen Bevölkerung aktuell stark unterschätzt wird.<aside></aside></p> <h3 id="h-der-lange-schatten-der-eltern">Der lange Schatten der Eltern</h3> <p>Belegen lässt sich das anhand neurologischer Studien, welche die Gesundheit von Kindern untersuchen. Eine aktuelle Studie mit dem Titel <em>Parental divorce’s long shadow</em> konnte zeigen, dass Scheidungskinder später in ihrem Leben eine deutlich erhöhte Wahrscheinlichkeit für einen Schlaganfall haben (1). Das verwendete Wahrscheinlichkeitsmaß, die Odds Ratio, war 61% höher als bei Menschen, die eine Kindheit ohne Trennung der Eltern hatten. Die Studie (mit 13.000 Personen) ist von hoher Qualität, weil sie für viele andere Faktoren kontrolliert, sodass die höhere Schlaganfallrate recht sicher auf die Scheidungen zurückgeführt werden kann. Einer dieser Kontrollfaktoren war wiederum Armut.</p> <p>Exzellente Daten aus Meta-Analysen hatten bereits zuvor erwiesen, dass Armut in der Kindheit ein Prädiktor für einen Schlaganfall im späteren Leben ist (2, 3). Weil dieser Zusammenhang also bereits klar ist und weil viele Scheidungen zu Armut führen, wurde das Einkommen herausgerechnet. Umso beachtlicher ist der Befund, dass die Scheidung der Eltern <em>an sich</em> bereits einen so langen Schatten im Leben von Menschen wirft. Diese Art des Zusammenhangs zwischen Sozioökonomie und neuronaler Gesundheit ist allerdings nicht ganz neu – in einem <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/ueberraschende-studie-erhoeht-eine-ehe-das-demenzrisiko/">früheren Artikel</a> beschrieb ich eine Assoziation zwischen Ehe und Demenzrisiko. Geschieden zu sein erhöht übrigens auch für die Geschiedenen selbst das Schlaganfallrisiko (4).</p> <p>Neben Schlaganfällen sind Scheidungskinder auch häufiger mit späteren Gesundheitsrisiken konfrontiert, wie zum Beispiel Übergewicht, Rauchen, Drogenmissbrauch, Suizidalität, psychische Erkrankungen, Diabetes, Depression und eine erhöhte Morbidität über die gesamte Lebenszeit (5-14). Andererseits ist ein niedriges Haushaltseinkommen der Eltern wiederum selbst ein Prädiktor für die meisten dieser Gesundheitsrisiken, inklusive Schlaganfall (15, 16). Und: Eltern zu haben, die psychisch krank, drogensüchtig oder im Gefängnis inhaftiert sind, erhöhen wiederum das Schlaganfallrisiko (17).</p> <p>Die Datenlage ist also relativ eindeutig – und lässt große Zweifel an der These, dass gute Gene zum Lebenserfolg ausreichen. Ein Schlaganfall oder eine Depression macht auch vor einem überdurchschnittlichen IQ nicht halt.</p> <h3 id="h-nobelpreise-sind-an-das-einkommen-der-vater-gekoppelt">Nobelpreise sind an das Einkommen der Väter gekoppelt</h3> <p>Empirisch lässt sich also recht gut zeigen, dass die Umwelt eines Kindes dessen Lebenserfolg stark beeinträchtigen kann. Andersherum ist es jedoch eher schwer zu widerlegen, dass erfolgreiche Menschen ihres Glückes eigener Schmied waren – außer diese Menschen räumen selbst ein, dass für ihren Erfolg mehr Glück als Leistung maßgeblich war. Allerdings gibt es hin und wieder extreme statistische Verzerrungen, die einen reinen self-made Erfolg zumindest tendenziell unplausibel erscheinen lassen.</p> <p>So untersuchte eine noch unpublizierte ökonomische Studie die Biographien aller Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträger von 1901 bis 2023 (18). Die Hälfte von ihnen hatte einen Vater, der zu den reichsten 5% der Bevölkerung gehörte – unabhängig von der Nationalität (Abbildung 1). Weitere knapp 20% aller Preisträgerinnen und Preisträger hatten einen Vater, der immer noch zu den reichsten 10% gehörte. Der häufigste Beruf, den die Väter im Mittel haben: Firmenchefs.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-33.png"><img alt="" decoding="async" height="382" sizes="(max-width: 594px) 100vw, 594px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-33.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-33.png 594w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-33-300x193.png 300w" width="594"></img></a><figcaption><em>Abbildung 1:</em> 50% aller Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträger (y-Achse) hatten Väter, die zu den reichsten 5% ihrer Gesellschaft gehörten (x-Achse). Weitere knapp 20% hatten Väter, die zu den reichsten 10% gehörten. Aus der unteren Hälfte der Gesellschaft kommen praktisch keine Nobelpreise. Aus einem working paper von Novosad et al. 2024</figcaption></figure> <p>Da die statistische Verteilung so schief ist, dürften Leistung und Gene für den Gewinn eines Nobelpreises höchstens ein Ko-Faktor sein. Ein Genie zu sein, ohne aus einer reichen Familie zu stammen, hat historisch gesehen selten zum Nobelpreis gereicht. Übrigens: der Anteil an Frauen beim Nobelpreis beträgt bis 2023 nur 4%. Wenn es tatsächlich nur auf Leistung und Gene ankäme, dann stünden Frauen damit, nicht nur in der Wissenschaft, in einem denkbar schlechten Licht. Plausibler ist es, dass die These falsch ist, dass Erfolg und Talent in der Praxis verkoppelt seien. Und so interpretieren auch die Ökonominnen und Ökonomen ihre Studienergebnisse: “Unter diesen Annahmen lassen unsere Schätzungen vermuten, dass über drei Viertel der Kinder, die mit einem hohen wissenschaftlichen Talent geboren wurden, nicht die ergänzenden elterlichen und sozialen Impulse erhielten, die notwendig sind, um ihr Talent maximal zu entfalten“ (S.9)</p> <h3 id="h-ungleiche-gesellschaften-sind-gift-fur-unsere-gehirne">Ungleiche Gesellschaften sind Gift für unsere Gehirne</h3> <p>Bis hierher haben wir uns nur Daten zu den individuellen Auswirkungen sozialer Ungleichheit angesehen. Der sozioökonomische und gesundheitliche Status der Eltern wirft einen langen Schatten auf eben diese Faktoren ihrer Kinder. Das liegt eigentlich nahe. Viel kontraintuitiver ist der Befund einer aktuellen Studie, die in <em>Nature Mental Health</em> veröffentlich wurde: je ungleicher eine Gesellschaft ist, desto schlechter entwickeln sich die Gehirne ihrer Kinder (19).</p> <p>Untersucht wurden mehr als 8.000 Kinder in 17 US-Bundestaaten, alle im Alter von neun bis zehn Jahren. Gemessen wurde der Einfluss des Gini-Koeffizienten auf die kortikale Dicke, das totale Gehirnvolumen und die funktionale Konnektivität von 12 Hirnarealen (im fMRT). Außerdem wurden follow-up Termine gemacht, bei denen die psychische Gesundheit der Kinder per Fragebogen evaluiert wurde (6 Monate und 18 Monate nach dem Hirnscan).</p> <p>Der Gini-Koeffizient ist ein ökonomisches Maß für ökonomische Ungleichheit, er kann für Einkommen und (seltener) Vermögen berechnet werden und reicht von 0 bis 100. Ein Gini-Koeffizient von 100 bedeutet, dass eine einzige Person alles besitzt oder an Einkommen generiert; 0 bedeutet dass alle Mitglieder der Gesellschaft genau gleich viel verdienen oder besitzen. Das Studiendesign, Bundesstaaten im selben Land zu vergleichen anstatt verschiedener Nationalstaaten ist sehr gut gewählt, da so kulturelle und nationale Besonderheiten herausgerechnet werden können.</p> <p>Ergebnis der Studie: ein höherer Gini-Koeffizent im Bundesstaat, also eine höhere soziale Ungleichheit, sagte vorher, dass die Dicke der Hirnrinden, das totale Volumen der Gehirne und die funktionale Konnektivität der Kinder allesamt niedriger waren, als in sozial gleicheren Bundesstaaten (Abb. 2). Der Clue: wie auch bei der Scheidungsstudie wurde der individuelle sozioökonomische Status (hohes oder niedriges Einkommen der Eltern) der Kinder bereits herausgerechnet. Es war also egal, ob die Familien der Kinder individuell ökonomisch besser oder schlechter gestellt waren: ist ein Bundesstaat ungleich, dann wirkt sich das auf alle Kinder aus, die in ihm aufwachsen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-32.png"><img alt="" decoding="async" height="262" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-32-1024x262.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-32-1024x262.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-32-300x77.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-32-768x197.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-32.png 1288w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Abbildung 2:</em> a) Kortikale Dichte, b) Totale Gehirnoberfläche, c) Totales kortikales Volumen. Alle gemessenen Gewebefaktoren sinken mit höherem Gini-Koeffizienten, also mit mehr Ungleichheit. Die senkrechten blauen Linien stellen die 17 untersuchten Bundesstaaten dar. Auch wenn die Trendlinie nur leicht gekippt erscheint, so ist zu bedenken, dass es sich hier um Gehirngewebe handelt, bei dem wenige Millimeter bereits Millionen von Neuronen und Synapsen bedeuten. Aus: Rakesh et al. 2025</figcaption></figure> <p>Man muss es sich noch einmal bewusst machen: ist die Schere zwischen Arm und Reich in einem Bundesstaat groß, dann schrumpfen die Gehirne aller Kinder, auch wohlhabender Kinder. Soziale Ungleichheit, so das Studienteam, ist ein eigenständiger Stressor für eine Gesellschaft, der alle ihre Mitglieder betrifft. Dabei ist zu beachten, dass die untersuchten Bundesstaaten eher im Mittelfeld der USA lagen. Die ungleichsten Bundesstaaten wurden gar nicht in die Studie mit aufgenommen – die realen Effekte könnten also noch deutlich gravierender sein.</p> <p>Ein zweiter Befund war, dass die Kinder in sozioökonomisch ungleicheren Bundesstaaten 18 Monate nach der Studie eine schlechtere psychische Gesundheit aufwiesen. Und: interessanterweise sagte der Grad der neuronalen Verarmung für 18 wie auch für 6 Monate nach der Studie schlechtere mentale Gesundheit vorher.</p> <h3 id="h-wie-kann-das-sein-soziale-wahrnehmung-und-chronischer-stress">Wie kann das sein? Soziale Wahrnehmung und chronischer Stress</h3> <p>Auf Basis psychologischer und medizinischer Vorarbeiten spekuliert das Studienteam, dass Mechanismen des sozialen Vergleichens, der wahrgenommenen sozialen Kohäsion und der sozialen Mobilität verantwortlich für die Befunde sind. <em>Status anxiety</em> beschreibt die Angst vor sozialem Abstieg, welche vor allem wohlhabende Menschen haben. Je stärker die Gräben zwischen sozioökonomischen Schichten zu Tage treten, desto ausgeprägter könnte diese <em>status anxiety</em> werden. Bei ärmeren Menschen wiederum führt ein offensichtlicherer Kontrast zur Oberschicht womöglich vermehrt zu Gefühlen, unzureichend zu sein – und das womöglich noch mehr in dem Maße, in dem das neoliberale Narrativ dominiert, selbst für diese Lage verantwortlich sein,</p> <p>Kurz: Die Wahrnehmung einer sozial ungleichen Gesellschaft, in der Mitmenschen also materiell voneinander getrennt sind, könnte chronischen Stress auslösen, der das Gehirn beeinträchtigt. Die Hirnareale, deren funktionale Konnektivität gemessen wurde, waren unter anderem relevant für soziale und emotionale Regulation, aber auch Aufmerksamkeit. Medizinische Studien, die den Gini-Koeffizienten verschiedener Länder verglichen, fanden außerdem heraus, dass das C-reaktive Protein (CRP), ein grundlegender Marker für Entzündungen im Körper, mit höherem Gini ansteigt (20). Zwar lässt sich hier einwenden, dass verschiedene Länder sich unterschiedlich ernähren oder verschiedene Gesundheitspolitiken/-kulturen praktizieren. Die pathophysiologische Theorie passt jedoch grundsätzlich gut zu den Daten, und auch experimentelle Forschung unter Laborbedingungen zeigt, dass wahrgenommene Ungleichheit körperliche Stressreaktionen hervorrufen kann (21). Weitere Forschung wird zeigen müssen, ob sich der Zusammenhang empirisch weiter erhärten lässt. Doch was, wenn die Hypothese der Forscherinnen und Forscher stimmt?</p> <p>Sollte die Erklärung der Ergebnisse stimmen, dann haben einige gegenwärtige Gesellschaftsentwicklungen das Potential, diese Effekte noch zu verstärken. Der Druck, sich sozial mit anderen zu vergleichen, ist gerade für Kinder und Jugendliche durch social media massiv befeuert worden. Bei wohlhabenden jungen Menschen könnte das, dem Erklärungsmodell der Studie nach, eine regelrechte <em>status anxiety</em> Epidemie generieren. Bei Jugendlichen aus einkommens- oder vermögensschwachen Haushalten wiederum muss der permanente Vergleich nach oben unweigerlich Minderwertigkeitsgefühle produzieren.</p> <h3 id="h-die-soziale-mobilitat-sinkt-und-mit-ihr-vielleicht-das-hirnvolumen-unserer-kinder">Die soziale Mobilität sinkt – und mit ihr vielleicht das Hirnvolumen unserer Kinder</h3> <p>Auch die ohnehin traurigen statistischen Daten, die zeigen, dass die soziale Mobilität in Deutschland seit Jahrzehnten immer weiter sinkt, bekommen in diesem Licht eine alarmierende Aktualität. Eine Studie des ifo-Instituts (22) hat ermittelt, dass der Einfluss des elterlichen Einkommens auf das Einkommen und den Bildungsgrad ihrer Kinder sich innerhalb einer Generation verdoppelt hat (seit den 80er Jahren, um genau zu sein). Der Bildungsgrad ist übrigens der stärkste Prädiktor dafür, später eine Demenz zu bekommen – von bestimmten genetischen Mutationen einmal abgesehen. Umso drastischer wirkt der schlechte Platz, den Deutschland bei staatlichen Bildungsausgaben hat: Von den 27 EU-Ländern liegt Deutschland auf Platz 23 (23).</p> <p>Es würde vielleicht lohnen, sich solchen ökonomischen Sachverhalten auch neurowissenschaftlich zu nähern. Klafft die soziale Mobilität wirklich zwischen den Generationen auseinander, dann ist zu befürchten, dass man dies vielleicht auch im fMRT sehen kann.</p> <h3 id="h-einkommensungleichheit-ist-nicht-gleich-vermogensungleichheit">Einkommensungleichheit ist nicht gleich Vermögensungleichheit</h3> <p>Ein letztes Problem ist, dass in allen genannten Studien nur die Einkommensungleichheit untersucht wurde. Das kann die Ergebnisse verzerren, und zwar eher in Richtung stärkerer realer Effekte. Denn die Vermögensungleichheit ist meist noch viel drastischer als die Einkommensungleichheit. Der Gini-Koeffizient, der von 0 (maximal gleiche Verteilung) bis 100 reicht (Konzentration aller Werte auf eine einzige Person), wird bei Einkommen nach der Besteuerung errechnet. Einkommenssteuern gibt es in jedem Land, doch Vermögenssteuern gibt es selten, wodurch die Datengrundlage zur Berechnung des Gini-Scores meist fehlt und er grob geschätzt werden muss.</p> <p>Zum Vergleich: der Gini-Koeffizient für Einkommen reicht in der EU von 21.7 (Slowakei, am gleichsten) bis 38.4 (Bulgarien, am ungleichsten). Deutschland liegt hier mit 29.5 im Mittelfeld (24). Der geschätzte Gini-Koeffizient für Vermögen beträgt für Deutschland aber 73 – ein extremer Wert (25). Die Spannbreite der Studie in den 17 US-Bundesstaaten betrug nur 40 bis 50. Die Gini’s für Einkommen und Vermögen lassen sich jedoch, wie gesagt, nicht direkt vergleichen. </p> <p>Da wir in einem Land leben, in dem die Köpfe unserer Menschen die einzig wertvollen Ressourcen sind, und da immer weniger junge Menschen nachkommen, sollte uns an ihren Köpfen umso mehr gelegen sein.</p> <p>Mehr Wissenschaftskommunikation gibt’s auf <a href="https://www.instagram.com/davidmwurzer/">Instagram</a>.</p> <p><strong>Quellen:</strong></p> <p>(1) Schilke, M. K., Baiden, P., &amp; Fuller-Thomson, E. (2025). Parental divorce’s long shadow: Elevated stroke risk among older Americans. <em>PloS one</em>, <em>20</em>(1), e0316580.</p> <p>(2) Bardugo A, Bendor CD, Libruder C, Lutski M, Zucker I, Tsur AM, et al. Cognitive function in adolescence and the risk of early-onset stroke. J Epidemiol Community Health 2024</p> <p>(3) Marshall IJ, Wang Y, Crichton S, McKevitt C, Rudd AG, Wolfe CDA. The effects of socioeconomic status on stroke risk and outcomes. The Lancet Neurology. 2015 Dec; 14(12):1206–18. 1. https://doi.org/10.1016/S1474-4422(15)00200-8 PMID: 26581971</p> <p>(4) Wong CW, Kwok CS, Narain A, Gulati M, Mihalidou AS, Wu P, et al. Marital status and risk of cardiovascular diseases: a systematic review and meta-analysis. Heart. 2018 Dec 1; 104(23):1937–48. https://doi.org/10.1136/heartjnl-2018-313005 PMID: 29921571</p> <p>(5) Aksu GG, Kılıc¸aslan F, Kütük MÖ , Tufan AE, Kayar O, Toros F. Parental attitudes, child mental health problems and gender factor in the divorce process. Cukurova Med J. 2024 Mar 29; 49(1):181–91. 1.</p> <p>(6) Jabbour N, Abi Rached V, Haddad C, Salameh P, Sacre H, Hallit R, et al. Association between parental separation and addictions in adolescents: results of a National Lebanese Study. BMC Public Health. 2020 Jun 19; 20(1):965. 1. </p> <p>(7) Bayaz-Öztürk G. Parental breakup and children’s outcomes in the United States. Family Relations. 2022; 71(4):1802–16. 1.</p> <p>(8) Bohman H, Låftman SB, Päären A, Jonsson U. Parental separation in childhood as a risk factor for depression in adulthood: a community-based study of adolescents screened for depression and followed up after 15 years. BMC Psychiatry [Internet]. 2017 Mar 29 [cited 2024 Jul 18]; 17.</p> <p>(9) Fuller-Thomson E, Dalton AD. Suicidal ideation among individuals whose parents have divorced: findings from a representative Canadian community survey. Psychiatry Research. 2011 May 15; 187 (1):150–5. 1.</p> <p>(10) Palmtag EL. Like ripples on a pond: the long-term consequences of parental separation and conflicts in childhood on adult children’s self-rated health. SSM Popul Health. 2022 Jun; 18:101100. 1. </p> <p>(11) Varis H, Hagnas M, Mikkola I, Nordstrom T, Puukka K, Taanila A, et al. Parental separation and offspring morbidity in adulthood: a descriptive study of the Northern Finland Birth Cohort 1966. Scand J Public Health. 2022 Jul 1; 50(5):601–12.</p> <p>(12) Amiri S, Fathi-Ashtiani M, Sedghijalal A, Fathi-Ashtiani A. Parental divorce and offspring smoking and alcohol use: a systematic review and meta-analysis of observational studies. Journal of addictive diseases. 2021 Mar 2; 39.</p> <p>(13) Fuller-Thomson E, Filippelli J, Lue-Crisostomo CA. Gender-specific association between childhood adversities and smoking in adulthood: findings from a population-based study. Public Health. 2013 May; 127(5):449–60.</p> <p>(14) Goisis A,O¨ zcan B, Van Kerm P. Do children carry the weight of divorce? Demography. 2019 Jun; 56 (3):785–811.</p> <p>(15) Marshall IJ, Wang Y, Crichton S, McKevitt C, Rudd AG, Wolfe CDA. The effects of socioeconomic status on stroke risk and outcomes. The Lancet Neurology. 2015 Dec; 14(12):1206–18. 1. https://doi.org/10.1016/S1474-4422(15)00200-8 PMID: 26581971</p> <p>(16) McHutchison CA, Backhouse EV, Cvoro V, Shenkin SD, Wardlaw JM. Education, socioeconomic status, and intelligence in childhood and stroke risk in later life: a meta-analysis. Epidemiology. 2017 Jul; 28(4):608–18.</p> <p>(17) Godoy LC, Frankfurter C, Cooper M, Lay C, Maunder R, Farkouh ME. Association of adverse childhood experiences with cardiovascular disease later in life: a review. JAMA Cardiol. 2021 Feb 1; 6(2):228–35.</p> <p>(18) Novosad, P., Asher, S., Farquharson, C., &amp; Iljazi, E. (2024). Access to opportunity in the sciences: Evidence from the nobel laureates. <em>Unpublished working paper</em>.</p> <p>(19) Rakesh, D., Tsomokos, D. I., Vargas, T., Pickett, K. E., &amp; Patel, V. (2025). Macroeconomic income inequality, brain structure and function, and mental health. <em>Nature Mental Health</em>, 1-13. <a href="https://www.nature.com/articles/s44220-025-00508-1">Macroeconomic income inequality, brain structure and function, and mental health | Nature Mental Health</a></p> <p>(20) Layte, R. et al. A comparative analysis of the status anxiety hypothesis of socio-economic inequalities in health based on 18,349 individuals in four countries and five cohort studies. Sci. Rep. 9, 796 (2019).</p> <p>(21) Shapiro, M. S., Rylant, R., de Lima, A., Vidaurri, A. &amp; van de Werfhorst, H. Playing a rigged game: inequality’s effect on physiological stress responses. Physiol. Behav. 180, 60–69 (2017).</p> <p>(22) Baarck, J., Bode, M., &amp; Peichl, A. (2025). <em>Rising Inequality, Declining Mobility: The Evolution of Intergenerational Mobility in Germany</em> (No. 12058). CESifo Working Paper.</p> <p>(23) <a href="https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?title=Government_expenditure_on_education">Government expenditure on education – Statistics Explained – Eurostat</a></p> <p>(24) <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/942729/umfrage/ranking-der-eu-laender-nach-einkommensungleichheit-im-gini-index/">Europäische Union – Ranking der Einkommensungleichheit in den Mitgliedstaaten nach dem GINI-Index 2024| Statista</a></p> <p>(25) <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/zahlen-und-fakten/sozialbericht-2024/553230/vermoegensungleichheit/?utm_source=chatgpt.com">Vermögensungleichheit | Sozialbericht 2024 | bpb.de</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ct.png" /><h1>Was soziale Ungleichheit mit unseren Gehirnen macht » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By David Wurzer</h2><div itemprop="text"> <p>Dass Armut krank macht, ist in der Medizin Konsens. Auch neurowissenschaftliche Studien zeigen zunehmend, dass sich soziale Ungleichheit auf die Hirnstruktur auswirkt und anfällig für diverse psychische Erkrankungen macht. Jetzt hat eine große US-Studie erstmals gezeigt, dass die Einkommensungleichheit einer Gesellschaft negative Effekte auf die Gehirne aller Kinder hat – egal, ob diese Kinder aus armen oder reichen Haushalten stammen.</p> <p>Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass soziale Ungleichheit ein eigenständiger neurobiologischer Stressor ist, der alle Mitglieder einer Gesellschaft betrifft. Angesichts steigender Ungleichheit ist das ein alarmierender Befund.</p> <h3 id="h-erfolg-misserfolg-reichtum-und-armut-henne-oder-ei">Erfolg, Misserfolg, Reichtum und Armut – Henne oder Ei?</h3> <p>Sind reiche Menschen einfach intelligenter als arme Menschen? Oder ist es so, dass Reichtum erfolgreich macht und Armut Erfolg verhindert? In politischen Debatten werden diese zwei Positionen, die erste als rechte, die zweite als linke Position, meist dogmatisch diskutiert, als läge ein Henne-Ei-Problem vor. Dem ist jedoch nicht so. In den biologischen Wissenschaften dominiert seit Jahrzehnten die Auffassung, dass Umwelt und Genetik bei komplexen Merkmalen stets miteinander interagieren.</p> <p>Karl Marx, Ikone vieler Linker, war der Auffassung, dass jedes Individuum allein ein Produkt seiner Umwelt sei. Heute wissen wir: das ist ebenso falsch, wie die rechte, meritokratische These, dass heute jeder an seinem natürlichen Platz sei, denn die Erfolgreichen hätten lediglich mehr geleistet oder verfügten im Zweifel einfach genetisch über mehr Intelligenz als unerfolgreiche Menschen (diese Spielart ist dann freilich nicht mehr meritokratisch).</p> <p>Auch gute neuronale Anlagen erfordern als weiteren Faktor erst noch eine gute, stimulierende Umwelt. Die muss aber erst aktiv hergestellt werden – von jemandem, der die Mittel dazu hat. Bei einem statistisch normalverteilten IQ in der Bevölkerung ist es deshalb, <em>ceteris paribus</em>, sehr wahrscheinlich, dass unzählige gute Gehirne brach liegen gelassen werden. Das macht erfolgreiche Menschen keineswegs dumm, der Eigenanteil ihres Erfolgs aber dürfte deutlich überschätzt werden, während der Umweltanteil in großen Teilen der einkommensschwachen Bevölkerung aktuell stark unterschätzt wird.<aside></aside></p> <h3 id="h-der-lange-schatten-der-eltern">Der lange Schatten der Eltern</h3> <p>Belegen lässt sich das anhand neurologischer Studien, welche die Gesundheit von Kindern untersuchen. Eine aktuelle Studie mit dem Titel <em>Parental divorce’s long shadow</em> konnte zeigen, dass Scheidungskinder später in ihrem Leben eine deutlich erhöhte Wahrscheinlichkeit für einen Schlaganfall haben (1). Das verwendete Wahrscheinlichkeitsmaß, die Odds Ratio, war 61% höher als bei Menschen, die eine Kindheit ohne Trennung der Eltern hatten. Die Studie (mit 13.000 Personen) ist von hoher Qualität, weil sie für viele andere Faktoren kontrolliert, sodass die höhere Schlaganfallrate recht sicher auf die Scheidungen zurückgeführt werden kann. Einer dieser Kontrollfaktoren war wiederum Armut.</p> <p>Exzellente Daten aus Meta-Analysen hatten bereits zuvor erwiesen, dass Armut in der Kindheit ein Prädiktor für einen Schlaganfall im späteren Leben ist (2, 3). Weil dieser Zusammenhang also bereits klar ist und weil viele Scheidungen zu Armut führen, wurde das Einkommen herausgerechnet. Umso beachtlicher ist der Befund, dass die Scheidung der Eltern <em>an sich</em> bereits einen so langen Schatten im Leben von Menschen wirft. Diese Art des Zusammenhangs zwischen Sozioökonomie und neuronaler Gesundheit ist allerdings nicht ganz neu – in einem <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/ueberraschende-studie-erhoeht-eine-ehe-das-demenzrisiko/">früheren Artikel</a> beschrieb ich eine Assoziation zwischen Ehe und Demenzrisiko. Geschieden zu sein erhöht übrigens auch für die Geschiedenen selbst das Schlaganfallrisiko (4).</p> <p>Neben Schlaganfällen sind Scheidungskinder auch häufiger mit späteren Gesundheitsrisiken konfrontiert, wie zum Beispiel Übergewicht, Rauchen, Drogenmissbrauch, Suizidalität, psychische Erkrankungen, Diabetes, Depression und eine erhöhte Morbidität über die gesamte Lebenszeit (5-14). Andererseits ist ein niedriges Haushaltseinkommen der Eltern wiederum selbst ein Prädiktor für die meisten dieser Gesundheitsrisiken, inklusive Schlaganfall (15, 16). Und: Eltern zu haben, die psychisch krank, drogensüchtig oder im Gefängnis inhaftiert sind, erhöhen wiederum das Schlaganfallrisiko (17).</p> <p>Die Datenlage ist also relativ eindeutig – und lässt große Zweifel an der These, dass gute Gene zum Lebenserfolg ausreichen. Ein Schlaganfall oder eine Depression macht auch vor einem überdurchschnittlichen IQ nicht halt.</p> <h3 id="h-nobelpreise-sind-an-das-einkommen-der-vater-gekoppelt">Nobelpreise sind an das Einkommen der Väter gekoppelt</h3> <p>Empirisch lässt sich also recht gut zeigen, dass die Umwelt eines Kindes dessen Lebenserfolg stark beeinträchtigen kann. Andersherum ist es jedoch eher schwer zu widerlegen, dass erfolgreiche Menschen ihres Glückes eigener Schmied waren – außer diese Menschen räumen selbst ein, dass für ihren Erfolg mehr Glück als Leistung maßgeblich war. Allerdings gibt es hin und wieder extreme statistische Verzerrungen, die einen reinen self-made Erfolg zumindest tendenziell unplausibel erscheinen lassen.</p> <p>So untersuchte eine noch unpublizierte ökonomische Studie die Biographien aller Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträger von 1901 bis 2023 (18). Die Hälfte von ihnen hatte einen Vater, der zu den reichsten 5% der Bevölkerung gehörte – unabhängig von der Nationalität (Abbildung 1). Weitere knapp 20% aller Preisträgerinnen und Preisträger hatten einen Vater, der immer noch zu den reichsten 10% gehörte. Der häufigste Beruf, den die Väter im Mittel haben: Firmenchefs.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-33.png"><img alt="" decoding="async" height="382" sizes="(max-width: 594px) 100vw, 594px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-33.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-33.png 594w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-33-300x193.png 300w" width="594"></img></a><figcaption><em>Abbildung 1:</em> 50% aller Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträger (y-Achse) hatten Väter, die zu den reichsten 5% ihrer Gesellschaft gehörten (x-Achse). Weitere knapp 20% hatten Väter, die zu den reichsten 10% gehörten. Aus der unteren Hälfte der Gesellschaft kommen praktisch keine Nobelpreise. Aus einem working paper von Novosad et al. 2024</figcaption></figure> <p>Da die statistische Verteilung so schief ist, dürften Leistung und Gene für den Gewinn eines Nobelpreises höchstens ein Ko-Faktor sein. Ein Genie zu sein, ohne aus einer reichen Familie zu stammen, hat historisch gesehen selten zum Nobelpreis gereicht. Übrigens: der Anteil an Frauen beim Nobelpreis beträgt bis 2023 nur 4%. Wenn es tatsächlich nur auf Leistung und Gene ankäme, dann stünden Frauen damit, nicht nur in der Wissenschaft, in einem denkbar schlechten Licht. Plausibler ist es, dass die These falsch ist, dass Erfolg und Talent in der Praxis verkoppelt seien. Und so interpretieren auch die Ökonominnen und Ökonomen ihre Studienergebnisse: “Unter diesen Annahmen lassen unsere Schätzungen vermuten, dass über drei Viertel der Kinder, die mit einem hohen wissenschaftlichen Talent geboren wurden, nicht die ergänzenden elterlichen und sozialen Impulse erhielten, die notwendig sind, um ihr Talent maximal zu entfalten“ (S.9)</p> <h3 id="h-ungleiche-gesellschaften-sind-gift-fur-unsere-gehirne">Ungleiche Gesellschaften sind Gift für unsere Gehirne</h3> <p>Bis hierher haben wir uns nur Daten zu den individuellen Auswirkungen sozialer Ungleichheit angesehen. Der sozioökonomische und gesundheitliche Status der Eltern wirft einen langen Schatten auf eben diese Faktoren ihrer Kinder. Das liegt eigentlich nahe. Viel kontraintuitiver ist der Befund einer aktuellen Studie, die in <em>Nature Mental Health</em> veröffentlich wurde: je ungleicher eine Gesellschaft ist, desto schlechter entwickeln sich die Gehirne ihrer Kinder (19).</p> <p>Untersucht wurden mehr als 8.000 Kinder in 17 US-Bundestaaten, alle im Alter von neun bis zehn Jahren. Gemessen wurde der Einfluss des Gini-Koeffizienten auf die kortikale Dicke, das totale Gehirnvolumen und die funktionale Konnektivität von 12 Hirnarealen (im fMRT). Außerdem wurden follow-up Termine gemacht, bei denen die psychische Gesundheit der Kinder per Fragebogen evaluiert wurde (6 Monate und 18 Monate nach dem Hirnscan).</p> <p>Der Gini-Koeffizient ist ein ökonomisches Maß für ökonomische Ungleichheit, er kann für Einkommen und (seltener) Vermögen berechnet werden und reicht von 0 bis 100. Ein Gini-Koeffizient von 100 bedeutet, dass eine einzige Person alles besitzt oder an Einkommen generiert; 0 bedeutet dass alle Mitglieder der Gesellschaft genau gleich viel verdienen oder besitzen. Das Studiendesign, Bundesstaaten im selben Land zu vergleichen anstatt verschiedener Nationalstaaten ist sehr gut gewählt, da so kulturelle und nationale Besonderheiten herausgerechnet werden können.</p> <p>Ergebnis der Studie: ein höherer Gini-Koeffizent im Bundesstaat, also eine höhere soziale Ungleichheit, sagte vorher, dass die Dicke der Hirnrinden, das totale Volumen der Gehirne und die funktionale Konnektivität der Kinder allesamt niedriger waren, als in sozial gleicheren Bundesstaaten (Abb. 2). Der Clue: wie auch bei der Scheidungsstudie wurde der individuelle sozioökonomische Status (hohes oder niedriges Einkommen der Eltern) der Kinder bereits herausgerechnet. Es war also egal, ob die Familien der Kinder individuell ökonomisch besser oder schlechter gestellt waren: ist ein Bundesstaat ungleich, dann wirkt sich das auf alle Kinder aus, die in ihm aufwachsen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-32.png"><img alt="" decoding="async" height="262" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-32-1024x262.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-32-1024x262.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-32-300x77.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-32-768x197.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-32.png 1288w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Abbildung 2:</em> a) Kortikale Dichte, b) Totale Gehirnoberfläche, c) Totales kortikales Volumen. Alle gemessenen Gewebefaktoren sinken mit höherem Gini-Koeffizienten, also mit mehr Ungleichheit. Die senkrechten blauen Linien stellen die 17 untersuchten Bundesstaaten dar. Auch wenn die Trendlinie nur leicht gekippt erscheint, so ist zu bedenken, dass es sich hier um Gehirngewebe handelt, bei dem wenige Millimeter bereits Millionen von Neuronen und Synapsen bedeuten. Aus: Rakesh et al. 2025</figcaption></figure> <p>Man muss es sich noch einmal bewusst machen: ist die Schere zwischen Arm und Reich in einem Bundesstaat groß, dann schrumpfen die Gehirne aller Kinder, auch wohlhabender Kinder. Soziale Ungleichheit, so das Studienteam, ist ein eigenständiger Stressor für eine Gesellschaft, der alle ihre Mitglieder betrifft. Dabei ist zu beachten, dass die untersuchten Bundesstaaten eher im Mittelfeld der USA lagen. Die ungleichsten Bundesstaaten wurden gar nicht in die Studie mit aufgenommen – die realen Effekte könnten also noch deutlich gravierender sein.</p> <p>Ein zweiter Befund war, dass die Kinder in sozioökonomisch ungleicheren Bundesstaaten 18 Monate nach der Studie eine schlechtere psychische Gesundheit aufwiesen. Und: interessanterweise sagte der Grad der neuronalen Verarmung für 18 wie auch für 6 Monate nach der Studie schlechtere mentale Gesundheit vorher.</p> <h3 id="h-wie-kann-das-sein-soziale-wahrnehmung-und-chronischer-stress">Wie kann das sein? Soziale Wahrnehmung und chronischer Stress</h3> <p>Auf Basis psychologischer und medizinischer Vorarbeiten spekuliert das Studienteam, dass Mechanismen des sozialen Vergleichens, der wahrgenommenen sozialen Kohäsion und der sozialen Mobilität verantwortlich für die Befunde sind. <em>Status anxiety</em> beschreibt die Angst vor sozialem Abstieg, welche vor allem wohlhabende Menschen haben. Je stärker die Gräben zwischen sozioökonomischen Schichten zu Tage treten, desto ausgeprägter könnte diese <em>status anxiety</em> werden. Bei ärmeren Menschen wiederum führt ein offensichtlicherer Kontrast zur Oberschicht womöglich vermehrt zu Gefühlen, unzureichend zu sein – und das womöglich noch mehr in dem Maße, in dem das neoliberale Narrativ dominiert, selbst für diese Lage verantwortlich sein,</p> <p>Kurz: Die Wahrnehmung einer sozial ungleichen Gesellschaft, in der Mitmenschen also materiell voneinander getrennt sind, könnte chronischen Stress auslösen, der das Gehirn beeinträchtigt. Die Hirnareale, deren funktionale Konnektivität gemessen wurde, waren unter anderem relevant für soziale und emotionale Regulation, aber auch Aufmerksamkeit. Medizinische Studien, die den Gini-Koeffizienten verschiedener Länder verglichen, fanden außerdem heraus, dass das C-reaktive Protein (CRP), ein grundlegender Marker für Entzündungen im Körper, mit höherem Gini ansteigt (20). Zwar lässt sich hier einwenden, dass verschiedene Länder sich unterschiedlich ernähren oder verschiedene Gesundheitspolitiken/-kulturen praktizieren. Die pathophysiologische Theorie passt jedoch grundsätzlich gut zu den Daten, und auch experimentelle Forschung unter Laborbedingungen zeigt, dass wahrgenommene Ungleichheit körperliche Stressreaktionen hervorrufen kann (21). Weitere Forschung wird zeigen müssen, ob sich der Zusammenhang empirisch weiter erhärten lässt. Doch was, wenn die Hypothese der Forscherinnen und Forscher stimmt?</p> <p>Sollte die Erklärung der Ergebnisse stimmen, dann haben einige gegenwärtige Gesellschaftsentwicklungen das Potential, diese Effekte noch zu verstärken. Der Druck, sich sozial mit anderen zu vergleichen, ist gerade für Kinder und Jugendliche durch social media massiv befeuert worden. Bei wohlhabenden jungen Menschen könnte das, dem Erklärungsmodell der Studie nach, eine regelrechte <em>status anxiety</em> Epidemie generieren. Bei Jugendlichen aus einkommens- oder vermögensschwachen Haushalten wiederum muss der permanente Vergleich nach oben unweigerlich Minderwertigkeitsgefühle produzieren.</p> <h3 id="h-die-soziale-mobilitat-sinkt-und-mit-ihr-vielleicht-das-hirnvolumen-unserer-kinder">Die soziale Mobilität sinkt – und mit ihr vielleicht das Hirnvolumen unserer Kinder</h3> <p>Auch die ohnehin traurigen statistischen Daten, die zeigen, dass die soziale Mobilität in Deutschland seit Jahrzehnten immer weiter sinkt, bekommen in diesem Licht eine alarmierende Aktualität. Eine Studie des ifo-Instituts (22) hat ermittelt, dass der Einfluss des elterlichen Einkommens auf das Einkommen und den Bildungsgrad ihrer Kinder sich innerhalb einer Generation verdoppelt hat (seit den 80er Jahren, um genau zu sein). Der Bildungsgrad ist übrigens der stärkste Prädiktor dafür, später eine Demenz zu bekommen – von bestimmten genetischen Mutationen einmal abgesehen. Umso drastischer wirkt der schlechte Platz, den Deutschland bei staatlichen Bildungsausgaben hat: Von den 27 EU-Ländern liegt Deutschland auf Platz 23 (23).</p> <p>Es würde vielleicht lohnen, sich solchen ökonomischen Sachverhalten auch neurowissenschaftlich zu nähern. Klafft die soziale Mobilität wirklich zwischen den Generationen auseinander, dann ist zu befürchten, dass man dies vielleicht auch im fMRT sehen kann.</p> <h3 id="h-einkommensungleichheit-ist-nicht-gleich-vermogensungleichheit">Einkommensungleichheit ist nicht gleich Vermögensungleichheit</h3> <p>Ein letztes Problem ist, dass in allen genannten Studien nur die Einkommensungleichheit untersucht wurde. Das kann die Ergebnisse verzerren, und zwar eher in Richtung stärkerer realer Effekte. Denn die Vermögensungleichheit ist meist noch viel drastischer als die Einkommensungleichheit. Der Gini-Koeffizient, der von 0 (maximal gleiche Verteilung) bis 100 reicht (Konzentration aller Werte auf eine einzige Person), wird bei Einkommen nach der Besteuerung errechnet. Einkommenssteuern gibt es in jedem Land, doch Vermögenssteuern gibt es selten, wodurch die Datengrundlage zur Berechnung des Gini-Scores meist fehlt und er grob geschätzt werden muss.</p> <p>Zum Vergleich: der Gini-Koeffizient für Einkommen reicht in der EU von 21.7 (Slowakei, am gleichsten) bis 38.4 (Bulgarien, am ungleichsten). Deutschland liegt hier mit 29.5 im Mittelfeld (24). Der geschätzte Gini-Koeffizient für Vermögen beträgt für Deutschland aber 73 – ein extremer Wert (25). Die Spannbreite der Studie in den 17 US-Bundesstaaten betrug nur 40 bis 50. Die Gini’s für Einkommen und Vermögen lassen sich jedoch, wie gesagt, nicht direkt vergleichen. </p> <p>Da wir in einem Land leben, in dem die Köpfe unserer Menschen die einzig wertvollen Ressourcen sind, und da immer weniger junge Menschen nachkommen, sollte uns an ihren Köpfen umso mehr gelegen sein.</p> <p>Mehr Wissenschaftskommunikation gibt’s auf <a href="https://www.instagram.com/davidmwurzer/">Instagram</a>.</p> <p><strong>Quellen:</strong></p> <p>(1) Schilke, M. K., Baiden, P., &amp; Fuller-Thomson, E. (2025). Parental divorce’s long shadow: Elevated stroke risk among older Americans. <em>PloS one</em>, <em>20</em>(1), e0316580.</p> <p>(2) Bardugo A, Bendor CD, Libruder C, Lutski M, Zucker I, Tsur AM, et al. Cognitive function in adolescence and the risk of early-onset stroke. J Epidemiol Community Health 2024</p> <p>(3) Marshall IJ, Wang Y, Crichton S, McKevitt C, Rudd AG, Wolfe CDA. The effects of socioeconomic status on stroke risk and outcomes. The Lancet Neurology. 2015 Dec; 14(12):1206–18. 1. https://doi.org/10.1016/S1474-4422(15)00200-8 PMID: 26581971</p> <p>(4) Wong CW, Kwok CS, Narain A, Gulati M, Mihalidou AS, Wu P, et al. Marital status and risk of cardiovascular diseases: a systematic review and meta-analysis. Heart. 2018 Dec 1; 104(23):1937–48. https://doi.org/10.1136/heartjnl-2018-313005 PMID: 29921571</p> <p>(5) Aksu GG, Kılıc¸aslan F, Kütük MÖ , Tufan AE, Kayar O, Toros F. Parental attitudes, child mental health problems and gender factor in the divorce process. Cukurova Med J. 2024 Mar 29; 49(1):181–91. 1.</p> <p>(6) Jabbour N, Abi Rached V, Haddad C, Salameh P, Sacre H, Hallit R, et al. Association between parental separation and addictions in adolescents: results of a National Lebanese Study. BMC Public Health. 2020 Jun 19; 20(1):965. 1. </p> <p>(7) Bayaz-Öztürk G. Parental breakup and children’s outcomes in the United States. Family Relations. 2022; 71(4):1802–16. 1.</p> <p>(8) Bohman H, Låftman SB, Päären A, Jonsson U. Parental separation in childhood as a risk factor for depression in adulthood: a community-based study of adolescents screened for depression and followed up after 15 years. BMC Psychiatry [Internet]. 2017 Mar 29 [cited 2024 Jul 18]; 17.</p> <p>(9) Fuller-Thomson E, Dalton AD. Suicidal ideation among individuals whose parents have divorced: findings from a representative Canadian community survey. Psychiatry Research. 2011 May 15; 187 (1):150–5. 1.</p> <p>(10) Palmtag EL. Like ripples on a pond: the long-term consequences of parental separation and conflicts in childhood on adult children’s self-rated health. SSM Popul Health. 2022 Jun; 18:101100. 1. </p> <p>(11) Varis H, Hagnas M, Mikkola I, Nordstrom T, Puukka K, Taanila A, et al. Parental separation and offspring morbidity in adulthood: a descriptive study of the Northern Finland Birth Cohort 1966. Scand J Public Health. 2022 Jul 1; 50(5):601–12.</p> <p>(12) Amiri S, Fathi-Ashtiani M, Sedghijalal A, Fathi-Ashtiani A. Parental divorce and offspring smoking and alcohol use: a systematic review and meta-analysis of observational studies. Journal of addictive diseases. 2021 Mar 2; 39.</p> <p>(13) Fuller-Thomson E, Filippelli J, Lue-Crisostomo CA. Gender-specific association between childhood adversities and smoking in adulthood: findings from a population-based study. Public Health. 2013 May; 127(5):449–60.</p> <p>(14) Goisis A,O¨ zcan B, Van Kerm P. Do children carry the weight of divorce? Demography. 2019 Jun; 56 (3):785–811.</p> <p>(15) Marshall IJ, Wang Y, Crichton S, McKevitt C, Rudd AG, Wolfe CDA. The effects of socioeconomic status on stroke risk and outcomes. The Lancet Neurology. 2015 Dec; 14(12):1206–18. 1. https://doi.org/10.1016/S1474-4422(15)00200-8 PMID: 26581971</p> <p>(16) McHutchison CA, Backhouse EV, Cvoro V, Shenkin SD, Wardlaw JM. Education, socioeconomic status, and intelligence in childhood and stroke risk in later life: a meta-analysis. Epidemiology. 2017 Jul; 28(4):608–18.</p> <p>(17) Godoy LC, Frankfurter C, Cooper M, Lay C, Maunder R, Farkouh ME. Association of adverse childhood experiences with cardiovascular disease later in life: a review. JAMA Cardiol. 2021 Feb 1; 6(2):228–35.</p> <p>(18) Novosad, P., Asher, S., Farquharson, C., &amp; Iljazi, E. (2024). Access to opportunity in the sciences: Evidence from the nobel laureates. <em>Unpublished working paper</em>.</p> <p>(19) Rakesh, D., Tsomokos, D. I., Vargas, T., Pickett, K. E., &amp; Patel, V. (2025). Macroeconomic income inequality, brain structure and function, and mental health. <em>Nature Mental Health</em>, 1-13. <a href="https://www.nature.com/articles/s44220-025-00508-1">Macroeconomic income inequality, brain structure and function, and mental health | Nature Mental Health</a></p> <p>(20) Layte, R. et al. A comparative analysis of the status anxiety hypothesis of socio-economic inequalities in health based on 18,349 individuals in four countries and five cohort studies. Sci. Rep. 9, 796 (2019).</p> <p>(21) Shapiro, M. S., Rylant, R., de Lima, A., Vidaurri, A. &amp; van de Werfhorst, H. Playing a rigged game: inequality’s effect on physiological stress responses. Physiol. Behav. 180, 60–69 (2017).</p> <p>(22) Baarck, J., Bode, M., &amp; Peichl, A. (2025). <em>Rising Inequality, Declining Mobility: The Evolution of Intergenerational Mobility in Germany</em> (No. 12058). CESifo Working Paper.</p> <p>(23) <a href="https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?title=Government_expenditure_on_education">Government expenditure on education – Statistics Explained – Eurostat</a></p> <p>(24) <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/942729/umfrage/ranking-der-eu-laender-nach-einkommensungleichheit-im-gini-index/">Europäische Union – Ranking der Einkommensungleichheit in den Mitgliedstaaten nach dem GINI-Index 2024| Statista</a></p> <p>(25) <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/zahlen-und-fakten/sozialbericht-2024/553230/vermoegensungleichheit/?utm_source=chatgpt.com">Vermögensungleichheit | Sozialbericht 2024 | bpb.de</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/was-soziale-ungleichheit-mit-unseren-gehirnen-macht/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>Flexibles Gehirn: Kompensationsmechanismen kognitiver Netzwerke https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/flexibles-gehirn-kompensationsmechanismen-kognitiver-netzwerke/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/flexibles-gehirn-kompensationsmechanismen-kognitiver-netzwerke/#respond Mon, 15 Dec 2025 13:33:07 +0000 Antonia Ceric https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5439 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/draufsicht-holzstucke-und-papiergehirn-scaled-e1765805538972-768x277.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/flexibles-gehirn-kompensationsmechanismen-kognitiver-netzwerke/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/draufsicht-holzstucke-und-papiergehirn-scaled-e1765805538972.jpg" /><h1>Flexibles Gehirn: Kompensationsmechanismen kognitiver Netzwerke » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>Stell dir vor, du bist morgens auf deinem üblichen Weg zur Arbeit, zur Schule oder in die Uni. Doch plötzlich merkst du: Die Route ist gesperrt. Baustelle! Was machst du nun? Natürlich bleibst du nicht stehen. Du suchst eine Alternativroute – vielleicht über Schleichwege oder durch ein anderes Viertel. Wenn auch über Umwege, so kommst du schließlich doch ans Ziel. Genau diese „Umleitung“ führt uns anschaulich vor Augen, wie Kompensationsmechanismen im Hirn funktionieren könnten. </p> <p>Auch im Gehirn gibt es etablierte Routen der Informationsverarbeitung. Durch Störungen, wie etwa bei einem Schlaganfall, kann es allerdings passieren, dass wichtige Knotenpunkte ausfallen. Doch unser Gehirn findet oft Wege, dies bis zu einem gewissen Grad zu kompensieren [1]. Wie genau aber organisiert das Gehirn diese Umleitungen?</p> <h2 id="h-klare-aufgabenverteilung-dynamisches-system"><strong>Klare Aufgabenverteilung? Dynamisches System!</strong></h2> <p>Lange Zeit dominierte in der Hirnforschung die Vorstellung starrer Zuständigkeiten: Region A ist für Sprache zuständig, Region B für Motorik, und so weiter. In den letzten Jahren wandelte sich dieser statische Blickwinkel jedoch hin zu einer neuen Perspektive: Das Gehirn ist kein starres Mosaik, sondern ein hochdynamisches Netzwerksystem. Es kann seine funktionelle Gewichtung – welches Areal in einem Moment wie stark zu Aufgabe beiträgt – blitzschnell verschieben, sollte es notwendig sein [1]. Der Forschung geht es daher mehr und mehr um das „Wie“ und „Wann“ der Zusammenarbeit als nur um das einfache „Wo“.</p> <h3 id="h-abschied-von-der-lokalisierung"><strong>Abschied von der Lokalisierung</strong></h3> <p>Denken wir an klassische Modelle etwa von Broca und Wernicke, so war die Hirnforschung lange von einer Idee besessen: der Lokalisierung. Wir wollten wissen, wo genau die Sprache sitzt, wo das Gedächtnis verankert ist und wo wir Entscheidungen treffen. Doch moderne bildgebende Verfahren und Netzwerk-Neurowissenschaften zeichnen heute ein weitaus vielschichtigeres Bild. Kognitive Funktionen sind nicht in isolierten Inseln, sondern in großflächigen, verteilten Netzwerken organisiert [2, 3].</p> <div> <figure><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1911_EB_Chimpanzee_Brain.png"><img alt="" decoding="async" src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/6f/1911_EB_Chimpanzee_Brain.png"></img></a><figcaption>Zeichnung der Topographie eines Schimpansen-Gehirns von 1911. <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1911_EB_Chimpanzee_Brain.png">Bildquelle</a>. </figcaption></figure></div> <p>Daraus ergibt sich eine drängende Frage: Wenn Funktionen über weite Netzwerke verteilt sind, wie arbeiten verschiedene Areale dann zusammen? Und wie reagiert dieses System auf punktuelle Störungen? Warum führt eine kleine Verletzung bei dem einen Patienten zu massiven Ausfällen, während ein anderer kaum Einschränkungen zeigt?<aside></aside></p> <p>Gesa Hartwigsen vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig schlägt eine faszinierende neue Perspektive vor: Das Gehirn verfügt über eine hierarchische „Umverteilungs-Logik“ [1].</p> <h3 id="h-der-paradigmenwechsel-von-der-lasion-zur-virtuellen-storung"><strong>Der Paradigmenwechsel: Von der „Läsion“ zur „virtuellen Störung“</strong></h3> <p>Um zu verstehen, wie das Gehirn akut auf Störungen reagiert, reicht die Untersuchung von Patienten mit chronischen Hirnschäden oft nicht aus. Nach einem Schlaganfall hat sich das Gehirn über Monate bereits umstrukturiert. Um die unmittelbaren Reparaturmechanismen des gesunden Gehirns zu beobachten, nutzt die Forschung daher die transkranielle Magnetstimulation (TMS).</p> <p>Mit dieser Methode setzen Forscher sogenannte „virtuelle Läsionen“. Ein kurzer magnetischer Impuls stört vorübergehend eine spezifische Hirnregion. Das Spannende: Oft bleibt die Leistung der Probanden in den experimentellen Aufgaben stabil. Warum? Weil das Netzwerk den Ausfall sofort kompensiert. Hartwigsens Arbeit neben anderen zeigt, dass diese Kompensation kein Zufall ist, sondern hierarchischen Regeln folgt [1].</p> <h2 id="h-eine-asymmetrie-der-hilfe-generalisten-stutzen-spezialisten"><strong>Eine Asymmetrie der Hilfe: Generalisten stützen Spezialisten</strong></h2> <p>Hartwigsen beschreibt eine Asymmetrie in den Kompensationsmechanismen, die unser Hirn nutzt, um so lange wie möglich die gewünschte Leistung zu erbringen. Unser Gehirn unterscheidet zwischen:</p> <ul> <li><strong>Spezialisten: Domänen-spezifische Netzwerke</strong> (hochspezialisiert, z. B. für Sprache oder Gedächtnis; Zuständig für exakte Aufgaben wie Phonologie (Sprachklang), Semantik (Bedeutung) oder Motorik).</li> <li><strong>Generalisten: Domänen-übergreifende Netzwerke</strong> (Generalisten für Aufmerksamkeit und kognitive Kontrolle, z.B. <em>Multiple-Demand Network</em> oder Teile des <em>Default Mode Network</em>.).</li> </ul> <p>Die These lautet: Fällt ein Spezialist aus, können die Generalisten einspringen und die kognitive Last mittragen. Fällt jedoch das „Management“ (die Generalisten) aus, können die Spezialisten diesen Verlust nicht ausgleichen. Diese Erkenntnis rückt u.a. die kognitiven Kontrollfunktionen ins Zentrum unseres Verständnisses von Resilienz [1].</p> <p>Das Modell besagt:</p> <ul> <li><strong>Generalisten helfen Spezialisten:</strong> Wenn ein spezialisiertes Sprachareal (z. B. für Wortbedeutung) gestört wird, fährt das Gehirn die Aktivität der generellen Kontrollnetzwerke hoch. Das „Management“ greift ein, um die operative Ebene zu stützen.</li> <li><strong>Spezialisten können Generalisten <em>nicht</em> helfen:</strong> Das ist der entscheidende Punkt. Wenn die Netzwerke für kognitive Kontrolle selbst gestört sind, können die Sprachareale diesen Ausfall nicht kompensieren. Ein Sprachzentrum kann sich nicht plötzlich um „Aufmerksamkeit“ kümmern.</li> </ul> <div><figure><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 683px) 100vw, 683px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-3-683x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-3-683x1024.jpg 683w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-3-200x300.jpg 200w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-3-768x1152.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-3-1024x1536.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-3-1365x2048.jpg 1365w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-3-scaled.jpg 1707w" width="683"></img></figure><div> <p>Diese „Einbahnstraße“ der Plastizität erklärt, warum Störungen der Exekutivfunktionen (Planen, Entscheiden, Fokussieren) oft so verheerend für die Gesamtleistung des Gehirns sind: Sie sind das Sicherheitsnetz für alle anderen Funktionen.</p> <p>Bildquelle: <a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/stillleben-mit-menschlichem-gehirn_49639595.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=24&amp;uuid=2f13eb87-2c9a-4ced-9b1d-f27c893ee20e&amp;query=Gehirn+flexibilit%C3%A4t">Bild von freepik</a></p> </div></div> <h3 id="h-hoffnungstrager-bei-schlaganfallen-warum-sprache-mehr-als-nur-sprechen-ist"><strong>Hoffnungsträger bei Schlaganfällen: Warum „Sprache“ mehr als nur Sprechen ist</strong></h3> <p>Diese Theorie hat weitreichende Konsequenzen für die klinische Praxis, insbesondere für das Verständnis und die Therapie von Schlaganfällen. Ein Schlaganfall zerstört oft fokale Knotenpunkte in spezialisierten Netzwerken, was beispielsweise zu einer Aphasie (Sprachstörung) führen kann. Die klassische Lehrmeinung konzentrierte sich darauf, wie das Hirn versucht, das zerstörte Sprachareal zu „reparieren“ oder die entsprechende Region in der anderen Hirnhälfte zu aktivieren. Die neue Netzwerk-Perspektive zeigt jedoch ein komplexeres Bild:</p> <ul> <li><strong>Rekrutierung von Generalisten:</strong> Nach einer Läsion im Sprachnetzwerk werden verstärkt Areale aktiviert, die eigentlich für kognitive Kontrolle und Aufmerksamkeit zuständig sind. Das Gehirn versucht, das spezifische Defizit durch allgemeine Ressourcen auszugleichen [5].</li> <li><strong>Prognostischer Wert:</strong> Der Zustand dieser domänen-übergreifenden Fähigkeiten (z. B. Aufmerksamkeit, exekutive Funktionen) ist ein starker Prädiktor dafür ist, wie gut sich ein Patient von einer Aphasie erholt [5].</li> <li><strong>Therapeutische Konsequenz:</strong> Eine erfolgreiche Rehabilitation sollte sich möglicherweise nicht nur auf das sprachliche Defizit fokussieren, sondern auch gezielt diese allgemeinen kognitiven Kontrollfunktionen stärken. Wenn das „Backup-System“ (die Generalisten) gestärkt wird, kann das spezialisierte Netzwerk besser unterstützt werden.</li> </ul> <h3 id="h-kognitive-degeneracy-viele-wege-fuhren-zum-ziel">Kognitive Degeneracy: Viele Wege führen zum Ziel</h3> <p>Ein weiterer faszinierender Aspekt, den Hartwigsen unter Berufung auf Arbeiten von Noppeney und Price beschreibt, ist das Konzept der „Cognitive Degeneracy“ [6, 7]. In der Biologie bedeutet Degeneracy (nicht zu verwechseln mit Degeneration), dass unterschiedliche Strukturen dieselbe Funktion erfüllen können [7].</p> <p>Ein Beispiel aus der Praxis: Wenn Sie das Bild einer Katze sehen und das Wort „Katze“ nicht finden können, weil der direkte semantische Weg blockiert ist, nutzt Ihr Gehirn vielleicht visuelle Assoziationen oder episodische Erinnerungen („Das Tier, das ich gestern gestreichelt habe“), um die Antwort zu generieren. Das Gehirn wechselt also die Strategie und nutzt alternative Pfade. Das Verständnis dieser alternativen Routen ist essenziell, um Patienten beizubringen, wie sie ihre Defizite umgehen können.</p> <h2 id="h-ausblick-was-bedeutet-das-fur-das-alternde-gehirn">Ausblick: Was bedeutet das für das alternde Gehirn?</h2> <p>Diese Flexibilität ist nicht nur im Krankheitsfall relevant, sondern auch im normalen Alterungsprozess. Ältere Menschen zeigen bei Aufgaben oft eine stärkere bilaterale Aktivierung (beide Hirnhälften) als jüngere. Dies wird im HAROLD-Modell (Hemispheric Asymmetry Reduction in Older Adults) beschrieben [8]. Was früher oft als Unschärfe oder Effizienzverlust gedeutet wurde, sehen wir nun als aktive Kompensation: Da die spezialisierten Netzwerke im Alter an Schärfe verlieren, rekrutiert das Gehirn proaktiv die domänen-übergreifenden Ressourcen auch in der anderen Hirnhälfte, um das Leistungsniveau zu halten.</p> <h2 id="h-fazit-flexibilitat-als-schlusselkompetenz-des-gehirns"><strong>Fazit: Flexibilität als Schlüsselkompetenz des Gehirns</strong></h2> <p>Die aktuelle Studienlage zeigt uns, dass wir kognitive Funktionen nicht isoliert betrachten dürfen. Die Fähigkeit unseres Gehirns, „funktionelle Gewichte“ blitzschnell neu zu verteilen – sei es innerhalb eines Netzwerks oder durch Hinzuziehen domänen-übergreifender Ressourcen –, ist der Schlüssel zu unserer geistigen Widerstandsfähigkeit.</p> <p>Für die Wissenschaft bedeutet dies: Wir müssen weg von der Frage „Wo sitzt die Funktion?“ hin zu „Wie interagieren die Netzwerke miteinander?“. Für den Patienten bedeutet es Hoffnung: Das Gehirn verfügt über mächtige, unspezifische Reserven, die aktiviert und trainiert werden können, um spezifische Ausfälle zu kompensieren.</p> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ol> <li>Hartwigsen, G. (2018). Flexible redistribution in cognitive networks. <em>Trends in Cognitive Sciences, 22</em>(8), 687–698. <a href="https://doi.org/10.1016/j.tics.2018.05.008" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.tics.2018.05.008</a></li> <li>Binder, J. R., Desai, R. H., Graves, W. W., &amp; Conant, L. L. (2009). Where is the semantic system? A critical review and meta-analysis of 120 functional neuroimaging studies. <em>Cerebral Cortex, 19</em>(12), 2767–2796. <a href="https://doi.org/10.1093/cercor/bhp055" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1093/cercor/bhp055</a></li> <li>Yeo, B. T. T., Krienen, F. M., Sepulcre, J., Sabuncu, M. R., Lashkari, D., Hollinshead, M., … &amp; Buckner, R. L. (2011). The organization of the human cerebral cortex estimated by intrinsic functional connectivity. <em>Journal of Neurophysiology, 106</em>(3), 1125–1165. <a href="https://doi.org/10.1152/jn.00338.2011" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1152/jn.00338.2011</a></li> <li>Duncan, J. (2010). The multiple-demand (MD) system of the primate brain: Mental programs for intelligent behaviour. <em>Trends in Cognitive Sciences, 14</em>(4), 172–179. <a href="https://doi.org/10.1016/j.tics.2010.01.004" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.tics.2010.01.004</a></li> <li>Saur, D., Lange, R., Baumgaertner, A., Schraknepper, V., Willmes, K., Rijntjes, M., &amp; Weiller, C. (2006). Dynamics of language reorganization after stroke. <em>Brain, 129</em>(6), 1371–1384. <a href="https://doi.org/10.1093/brain/awl090" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1093/brain/awl090</a></li> <li>Noppeney, U., Friston, K. J., &amp; Price, C. J. (2004). Degenerate neuronal systems sustaining cognitive functions. <em>Journal of Anatomy, 205</em>(6), 433–442. <a href="https://doi.org/10.1111/j.0021-8782.2004.00343.x" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1111/j.0021-8782.2004.00343.x</a></li> <li>Price, C. J., &amp; Friston, K. J. (2002). Degeneracy and cognitive anatomy. <em>Trends in cognitive sciences</em>, <em>6</em>(10), 416–421. <a href="https://doi.org/10.1016/s1364-6613(02)01976-9">https://doi.org/10.1016/s1364-6613(02)01976-9</a></li> <li>Cabeza, R. (2002). Hemispheric asymmetry reduction in older adults: The HAROLD model. <em>Psychology and Aging, 17</em>(1), 85–100. <a href="https://doi.org/10.1037/0882-7974.17.1.85" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1037/0882-7974.17.1.85</a></li> </ol> <p>Beitragsbild: <a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/draufsicht-holzstuecke-und-papiergehirn_25629277.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=3&amp;uuid=2f13eb87-2c9a-4ced-9b1d-f27c893ee20e&amp;query=Gehirn+flexibilit%C3%A4t">Bild von freepik</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/draufsicht-holzstucke-und-papiergehirn-scaled-e1765805538972.jpg" /><h1>Flexibles Gehirn: Kompensationsmechanismen kognitiver Netzwerke » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>Stell dir vor, du bist morgens auf deinem üblichen Weg zur Arbeit, zur Schule oder in die Uni. Doch plötzlich merkst du: Die Route ist gesperrt. Baustelle! Was machst du nun? Natürlich bleibst du nicht stehen. Du suchst eine Alternativroute – vielleicht über Schleichwege oder durch ein anderes Viertel. Wenn auch über Umwege, so kommst du schließlich doch ans Ziel. Genau diese „Umleitung“ führt uns anschaulich vor Augen, wie Kompensationsmechanismen im Hirn funktionieren könnten. </p> <p>Auch im Gehirn gibt es etablierte Routen der Informationsverarbeitung. Durch Störungen, wie etwa bei einem Schlaganfall, kann es allerdings passieren, dass wichtige Knotenpunkte ausfallen. Doch unser Gehirn findet oft Wege, dies bis zu einem gewissen Grad zu kompensieren [1]. Wie genau aber organisiert das Gehirn diese Umleitungen?</p> <h2 id="h-klare-aufgabenverteilung-dynamisches-system"><strong>Klare Aufgabenverteilung? Dynamisches System!</strong></h2> <p>Lange Zeit dominierte in der Hirnforschung die Vorstellung starrer Zuständigkeiten: Region A ist für Sprache zuständig, Region B für Motorik, und so weiter. In den letzten Jahren wandelte sich dieser statische Blickwinkel jedoch hin zu einer neuen Perspektive: Das Gehirn ist kein starres Mosaik, sondern ein hochdynamisches Netzwerksystem. Es kann seine funktionelle Gewichtung – welches Areal in einem Moment wie stark zu Aufgabe beiträgt – blitzschnell verschieben, sollte es notwendig sein [1]. Der Forschung geht es daher mehr und mehr um das „Wie“ und „Wann“ der Zusammenarbeit als nur um das einfache „Wo“.</p> <h3 id="h-abschied-von-der-lokalisierung"><strong>Abschied von der Lokalisierung</strong></h3> <p>Denken wir an klassische Modelle etwa von Broca und Wernicke, so war die Hirnforschung lange von einer Idee besessen: der Lokalisierung. Wir wollten wissen, wo genau die Sprache sitzt, wo das Gedächtnis verankert ist und wo wir Entscheidungen treffen. Doch moderne bildgebende Verfahren und Netzwerk-Neurowissenschaften zeichnen heute ein weitaus vielschichtigeres Bild. Kognitive Funktionen sind nicht in isolierten Inseln, sondern in großflächigen, verteilten Netzwerken organisiert [2, 3].</p> <div> <figure><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1911_EB_Chimpanzee_Brain.png"><img alt="" decoding="async" src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/6f/1911_EB_Chimpanzee_Brain.png"></img></a><figcaption>Zeichnung der Topographie eines Schimpansen-Gehirns von 1911. <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1911_EB_Chimpanzee_Brain.png">Bildquelle</a>. </figcaption></figure></div> <p>Daraus ergibt sich eine drängende Frage: Wenn Funktionen über weite Netzwerke verteilt sind, wie arbeiten verschiedene Areale dann zusammen? Und wie reagiert dieses System auf punktuelle Störungen? Warum führt eine kleine Verletzung bei dem einen Patienten zu massiven Ausfällen, während ein anderer kaum Einschränkungen zeigt?<aside></aside></p> <p>Gesa Hartwigsen vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig schlägt eine faszinierende neue Perspektive vor: Das Gehirn verfügt über eine hierarchische „Umverteilungs-Logik“ [1].</p> <h3 id="h-der-paradigmenwechsel-von-der-lasion-zur-virtuellen-storung"><strong>Der Paradigmenwechsel: Von der „Läsion“ zur „virtuellen Störung“</strong></h3> <p>Um zu verstehen, wie das Gehirn akut auf Störungen reagiert, reicht die Untersuchung von Patienten mit chronischen Hirnschäden oft nicht aus. Nach einem Schlaganfall hat sich das Gehirn über Monate bereits umstrukturiert. Um die unmittelbaren Reparaturmechanismen des gesunden Gehirns zu beobachten, nutzt die Forschung daher die transkranielle Magnetstimulation (TMS).</p> <p>Mit dieser Methode setzen Forscher sogenannte „virtuelle Läsionen“. Ein kurzer magnetischer Impuls stört vorübergehend eine spezifische Hirnregion. Das Spannende: Oft bleibt die Leistung der Probanden in den experimentellen Aufgaben stabil. Warum? Weil das Netzwerk den Ausfall sofort kompensiert. Hartwigsens Arbeit neben anderen zeigt, dass diese Kompensation kein Zufall ist, sondern hierarchischen Regeln folgt [1].</p> <h2 id="h-eine-asymmetrie-der-hilfe-generalisten-stutzen-spezialisten"><strong>Eine Asymmetrie der Hilfe: Generalisten stützen Spezialisten</strong></h2> <p>Hartwigsen beschreibt eine Asymmetrie in den Kompensationsmechanismen, die unser Hirn nutzt, um so lange wie möglich die gewünschte Leistung zu erbringen. Unser Gehirn unterscheidet zwischen:</p> <ul> <li><strong>Spezialisten: Domänen-spezifische Netzwerke</strong> (hochspezialisiert, z. B. für Sprache oder Gedächtnis; Zuständig für exakte Aufgaben wie Phonologie (Sprachklang), Semantik (Bedeutung) oder Motorik).</li> <li><strong>Generalisten: Domänen-übergreifende Netzwerke</strong> (Generalisten für Aufmerksamkeit und kognitive Kontrolle, z.B. <em>Multiple-Demand Network</em> oder Teile des <em>Default Mode Network</em>.).</li> </ul> <p>Die These lautet: Fällt ein Spezialist aus, können die Generalisten einspringen und die kognitive Last mittragen. Fällt jedoch das „Management“ (die Generalisten) aus, können die Spezialisten diesen Verlust nicht ausgleichen. Diese Erkenntnis rückt u.a. die kognitiven Kontrollfunktionen ins Zentrum unseres Verständnisses von Resilienz [1].</p> <p>Das Modell besagt:</p> <ul> <li><strong>Generalisten helfen Spezialisten:</strong> Wenn ein spezialisiertes Sprachareal (z. B. für Wortbedeutung) gestört wird, fährt das Gehirn die Aktivität der generellen Kontrollnetzwerke hoch. Das „Management“ greift ein, um die operative Ebene zu stützen.</li> <li><strong>Spezialisten können Generalisten <em>nicht</em> helfen:</strong> Das ist der entscheidende Punkt. Wenn die Netzwerke für kognitive Kontrolle selbst gestört sind, können die Sprachareale diesen Ausfall nicht kompensieren. Ein Sprachzentrum kann sich nicht plötzlich um „Aufmerksamkeit“ kümmern.</li> </ul> <div><figure><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 683px) 100vw, 683px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-3-683x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-3-683x1024.jpg 683w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-3-200x300.jpg 200w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-3-768x1152.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-3-1024x1536.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-3-1365x2048.jpg 1365w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-3-scaled.jpg 1707w" width="683"></img></figure><div> <p>Diese „Einbahnstraße“ der Plastizität erklärt, warum Störungen der Exekutivfunktionen (Planen, Entscheiden, Fokussieren) oft so verheerend für die Gesamtleistung des Gehirns sind: Sie sind das Sicherheitsnetz für alle anderen Funktionen.</p> <p>Bildquelle: <a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/stillleben-mit-menschlichem-gehirn_49639595.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=24&amp;uuid=2f13eb87-2c9a-4ced-9b1d-f27c893ee20e&amp;query=Gehirn+flexibilit%C3%A4t">Bild von freepik</a></p> </div></div> <h3 id="h-hoffnungstrager-bei-schlaganfallen-warum-sprache-mehr-als-nur-sprechen-ist"><strong>Hoffnungsträger bei Schlaganfällen: Warum „Sprache“ mehr als nur Sprechen ist</strong></h3> <p>Diese Theorie hat weitreichende Konsequenzen für die klinische Praxis, insbesondere für das Verständnis und die Therapie von Schlaganfällen. Ein Schlaganfall zerstört oft fokale Knotenpunkte in spezialisierten Netzwerken, was beispielsweise zu einer Aphasie (Sprachstörung) führen kann. Die klassische Lehrmeinung konzentrierte sich darauf, wie das Hirn versucht, das zerstörte Sprachareal zu „reparieren“ oder die entsprechende Region in der anderen Hirnhälfte zu aktivieren. Die neue Netzwerk-Perspektive zeigt jedoch ein komplexeres Bild:</p> <ul> <li><strong>Rekrutierung von Generalisten:</strong> Nach einer Läsion im Sprachnetzwerk werden verstärkt Areale aktiviert, die eigentlich für kognitive Kontrolle und Aufmerksamkeit zuständig sind. Das Gehirn versucht, das spezifische Defizit durch allgemeine Ressourcen auszugleichen [5].</li> <li><strong>Prognostischer Wert:</strong> Der Zustand dieser domänen-übergreifenden Fähigkeiten (z. B. Aufmerksamkeit, exekutive Funktionen) ist ein starker Prädiktor dafür ist, wie gut sich ein Patient von einer Aphasie erholt [5].</li> <li><strong>Therapeutische Konsequenz:</strong> Eine erfolgreiche Rehabilitation sollte sich möglicherweise nicht nur auf das sprachliche Defizit fokussieren, sondern auch gezielt diese allgemeinen kognitiven Kontrollfunktionen stärken. Wenn das „Backup-System“ (die Generalisten) gestärkt wird, kann das spezialisierte Netzwerk besser unterstützt werden.</li> </ul> <h3 id="h-kognitive-degeneracy-viele-wege-fuhren-zum-ziel">Kognitive Degeneracy: Viele Wege führen zum Ziel</h3> <p>Ein weiterer faszinierender Aspekt, den Hartwigsen unter Berufung auf Arbeiten von Noppeney und Price beschreibt, ist das Konzept der „Cognitive Degeneracy“ [6, 7]. In der Biologie bedeutet Degeneracy (nicht zu verwechseln mit Degeneration), dass unterschiedliche Strukturen dieselbe Funktion erfüllen können [7].</p> <p>Ein Beispiel aus der Praxis: Wenn Sie das Bild einer Katze sehen und das Wort „Katze“ nicht finden können, weil der direkte semantische Weg blockiert ist, nutzt Ihr Gehirn vielleicht visuelle Assoziationen oder episodische Erinnerungen („Das Tier, das ich gestern gestreichelt habe“), um die Antwort zu generieren. Das Gehirn wechselt also die Strategie und nutzt alternative Pfade. Das Verständnis dieser alternativen Routen ist essenziell, um Patienten beizubringen, wie sie ihre Defizite umgehen können.</p> <h2 id="h-ausblick-was-bedeutet-das-fur-das-alternde-gehirn">Ausblick: Was bedeutet das für das alternde Gehirn?</h2> <p>Diese Flexibilität ist nicht nur im Krankheitsfall relevant, sondern auch im normalen Alterungsprozess. Ältere Menschen zeigen bei Aufgaben oft eine stärkere bilaterale Aktivierung (beide Hirnhälften) als jüngere. Dies wird im HAROLD-Modell (Hemispheric Asymmetry Reduction in Older Adults) beschrieben [8]. Was früher oft als Unschärfe oder Effizienzverlust gedeutet wurde, sehen wir nun als aktive Kompensation: Da die spezialisierten Netzwerke im Alter an Schärfe verlieren, rekrutiert das Gehirn proaktiv die domänen-übergreifenden Ressourcen auch in der anderen Hirnhälfte, um das Leistungsniveau zu halten.</p> <h2 id="h-fazit-flexibilitat-als-schlusselkompetenz-des-gehirns"><strong>Fazit: Flexibilität als Schlüsselkompetenz des Gehirns</strong></h2> <p>Die aktuelle Studienlage zeigt uns, dass wir kognitive Funktionen nicht isoliert betrachten dürfen. Die Fähigkeit unseres Gehirns, „funktionelle Gewichte“ blitzschnell neu zu verteilen – sei es innerhalb eines Netzwerks oder durch Hinzuziehen domänen-übergreifender Ressourcen –, ist der Schlüssel zu unserer geistigen Widerstandsfähigkeit.</p> <p>Für die Wissenschaft bedeutet dies: Wir müssen weg von der Frage „Wo sitzt die Funktion?“ hin zu „Wie interagieren die Netzwerke miteinander?“. Für den Patienten bedeutet es Hoffnung: Das Gehirn verfügt über mächtige, unspezifische Reserven, die aktiviert und trainiert werden können, um spezifische Ausfälle zu kompensieren.</p> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ol> <li>Hartwigsen, G. (2018). Flexible redistribution in cognitive networks. <em>Trends in Cognitive Sciences, 22</em>(8), 687–698. <a href="https://doi.org/10.1016/j.tics.2018.05.008" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.tics.2018.05.008</a></li> <li>Binder, J. R., Desai, R. H., Graves, W. W., &amp; Conant, L. L. (2009). Where is the semantic system? A critical review and meta-analysis of 120 functional neuroimaging studies. <em>Cerebral Cortex, 19</em>(12), 2767–2796. <a href="https://doi.org/10.1093/cercor/bhp055" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1093/cercor/bhp055</a></li> <li>Yeo, B. T. T., Krienen, F. M., Sepulcre, J., Sabuncu, M. R., Lashkari, D., Hollinshead, M., … &amp; Buckner, R. L. (2011). The organization of the human cerebral cortex estimated by intrinsic functional connectivity. <em>Journal of Neurophysiology, 106</em>(3), 1125–1165. <a href="https://doi.org/10.1152/jn.00338.2011" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1152/jn.00338.2011</a></li> <li>Duncan, J. (2010). The multiple-demand (MD) system of the primate brain: Mental programs for intelligent behaviour. <em>Trends in Cognitive Sciences, 14</em>(4), 172–179. <a href="https://doi.org/10.1016/j.tics.2010.01.004" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.tics.2010.01.004</a></li> <li>Saur, D., Lange, R., Baumgaertner, A., Schraknepper, V., Willmes, K., Rijntjes, M., &amp; Weiller, C. (2006). Dynamics of language reorganization after stroke. <em>Brain, 129</em>(6), 1371–1384. <a href="https://doi.org/10.1093/brain/awl090" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1093/brain/awl090</a></li> <li>Noppeney, U., Friston, K. J., &amp; Price, C. J. (2004). Degenerate neuronal systems sustaining cognitive functions. <em>Journal of Anatomy, 205</em>(6), 433–442. <a href="https://doi.org/10.1111/j.0021-8782.2004.00343.x" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1111/j.0021-8782.2004.00343.x</a></li> <li>Price, C. J., &amp; Friston, K. J. (2002). Degeneracy and cognitive anatomy. <em>Trends in cognitive sciences</em>, <em>6</em>(10), 416–421. <a href="https://doi.org/10.1016/s1364-6613(02)01976-9">https://doi.org/10.1016/s1364-6613(02)01976-9</a></li> <li>Cabeza, R. (2002). Hemispheric asymmetry reduction in older adults: The HAROLD model. <em>Psychology and Aging, 17</em>(1), 85–100. <a href="https://doi.org/10.1037/0882-7974.17.1.85" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1037/0882-7974.17.1.85</a></li> </ol> <p>Beitragsbild: <a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/draufsicht-holzstuecke-und-papiergehirn_25629277.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=3&amp;uuid=2f13eb87-2c9a-4ced-9b1d-f27c893ee20e&amp;query=Gehirn+flexibilit%C3%A4t">Bild von freepik</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/flexibles-gehirn-kompensationsmechanismen-kognitiver-netzwerke/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Vom Faustkeil zur Menschenwürde – Die Evolutionspsychologie der Mimesis erklärt https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/#comments Sat, 13 Dec 2025 05:11:00 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=10815 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AcheuleenFaustkeilJoseManuelBenitoWikimedia-768x475.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/</link> </image> <description type="html"><h1>Vom Faustkeil bis Menschenwürde - Die Psychologie der Mimesis</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Erfreulicherweise habe ich inzwischen fast täglich Gespräche über <strong>die Psychologie der Mimesis</strong> – der <strong>menschlichen Nachahmung von Zielen</strong>. Sie erklärt, <em>warum Menschen andere versklaven, foltern und töten, aber sie auch ehren, ihnen beistehen und sie retten können.</em> Die Mimesis erklärt auch, wie in der Evolution auch die Religion entstehen konnte und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gedanken-zum-9-november-ich-sage-lieber-berliner-mauersturz-statt-nur-mauerfall/">warum die Berliner Mauer nicht passiv “fiel”, sondern von mutigen Menschen aktiv gestürzt wurde</a>.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gedanken-zum-9-november-ich-sage-lieber-berliner-mauersturz-statt-nur-mauerfall/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Auf einer grünen Decke liegt links das Buch &quot;Religion in Human Evolution. From the Paleolithic to the Axial Age&quot; von Robert N. Bellah, rechts ein Brocken der Berliner Mauer von Falko Blume." decoding="async" height="2050" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1996-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1996-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1996-300x240.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1996-1024x820.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1996-768x615.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1996-1536x1230.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1996-2048x1640.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>In seinem Spätwerk <strong>“Religion in Human Evolution” (2011)</strong> überzeugte mich <strong>Robert Neelly Bellah</strong> (1927 – 2013) von der <strong>Theorie der Mimesis</strong> nach dem Psychologen <strong>Merlin Wilfred Donald</strong>. Rechts vom Buch liegt <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gedanken-zum-9-november-ich-sage-lieber-berliner-mauersturz-statt-nur-mauerfall/">ein Brocken der gestürzten (nicht nur: gefallenen) Berliner Mauer</a>. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Die meisten Forschenden setzen den Beginn der menschlichen Mimesis mit der <b>Acheuléen-Kultur der Altsteinzeit </b>an, in dem von Afrika bis Europa <strong>eine neue Art der Faustkeile</strong>, bisweilen sogar schon Handäxte genannt, aufkam. Sie waren beidseitig behauen, ästhetisch schön – und im konkreten Nutzen unklar. Forschende vergleichen sie gerne mit einem “Schweizer Taschenmesser”, das nicht nur eine Funktion erfüllt – wie das Schneiden von Fellen, Öffnen von Nüssen und Muscheln oder das Angeben (Status) -, sondern gleich mehrere davon.</p> <p><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bifaz_Handhaxe_Biface.gif" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein zweiseitig bearbeiteter Faustkeil aus der Altsteinzeit in einer grafischen Darstellung." decoding="async" height="693" sizes="(max-width: 1120px) 100vw, 1120px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AcheuleenFaustkeilJoseManuelBenitoWikimedia.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AcheuleenFaustkeilJoseManuelBenitoWikimedia.jpg 1120w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AcheuleenFaustkeilJoseManuelBenitoWikimedia-300x186.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AcheuleenFaustkeilJoseManuelBenitoWikimedia-1024x634.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AcheuleenFaustkeilJoseManuelBenitoWikimedia-768x475.jpg 768w" width="1120"></img></a><aside></aside></p> <p>Ein Faustkeil bzw. <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bifaz_Handhaxe_Biface.gif">eine bifazielle Handaxt des Acheuléen</a> aus der Region Valladolid, Spanien. Grafik: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Locutus_Borg" title="User:Locutus Borg">José-Manuel Benito</a>, Wikimedia, MfG</p> <p>Schon Millionen Jahre davor hatten unsere Vorfahrinnen – und andere, längst ausgestorbene Hominiden – das Verhalten von Zeitgenossen imitiert und die Herstellung von Werkzeugen nachgeahmt. Doch was sich innerhalb der letzten 2 Millionen Jahre in der Evolutionspsychologie des Menschen immer stärker durchsetzte, war <strong><em>die Mimesis als Nachahmung von Zielen</em></strong><em>: “So einen schönen Faustkeil wie sie möchte ich auch! So einen schönen Gesang wie er will ich auch!” </em>Und sehr viel später: <em>“Wenn die Gemeinschaft das Wohlwollen der Geister erstrebt, so will auch ich das tun!”</em></p> <p>Neben der neuen Formen der Acheuléen-Faustkeile spricht dafür auch, dass diese nicht mehr – wie frühere Werkzeuge – einfach vor Ort gelassen, sondern über weite Strecken mitgeführt und wohl zunehmend erbeutet, verschenkt, gehandelt und vererbt wurden. In poetischer Sprache: Während der Altsteinzeit bekamen Werkzeuge über ihre unmittelbare Funktionen hinaus auch einen überzeitlichen Sinn.</p> <p>Mimesis heißt also: Wir Menschen lernten, nicht nur das äußerliche Verhalten, sondern auch die Ziele voneinander zu übernehmen. Ein Spielzeug kann wochenlang in der Ecke liegen – wenn ein anderes Kind es will, erscheint es plötzlich überaus begehrenswert. Und auch jede Werbung funktioniert so: Platziere möglichst oft attraktive Menschen um ein Produkt – und es wird gekauft.</p> <p>Klar also, dass Musik und Religion, aber eben auch die Wirtschaft wesentlich mimetisch funktioniert. Aber <strong>Robert N. Bellah</strong> etablierte eben auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/definition-zivilreligion/">den religionswissenschaftlichen Begriff der <strong>Zivilreligion</strong></a>, wie sie um jede dauerhafte, politische Körperschaft entsteht.</p> <p>Wenn <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Isnogud">der intrigante Comic-Wesir <strong>Isnogud </strong></a>immer wieder brummelt: <em>“Ich will Kalif werden anstelle des Kalifen!”</em> – dann wird hier bereits ein mimetisches Wissen über politische Ämter und Rollen vorausgesetzt.</p> <p>Der französisch-amerikanische Philosoph und Literaturwissenschaftler <b>René Noël Théophile Girard </b>(1923 – 2015) erarbeitete sogar <strong>eine medienkritische Lesart der Mimesis</strong>: Weil wir alle durch die Massenmedien immer stärker mimetisch auf die gleichen Ziele abgerichtet würden, könnte uns nur noch der Bezug auf <strong>Jesus Christus</strong> vor überschnappender Konkurrenz und Gewalt bewahren. Einige Adepten des großen Denkers <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-katechon-glauben-zum-dritten-reich-in-deutschland-russland-usa-einfach-erklaert/">wie <strong>Peter Thiel</strong> argumentieren daher wieder in Richtung einer christlich grundierten Monarchie als “Katechon” vor dem mimetischen Zusammenbruch der Zivilisation</a>.</p> <p>Doch von dieser <a href="https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2025/10-2025/medien-und-mimesis-journalismus-in-zeiten-digitaler-aufmerksamkeitsoekonomie/">christlich-dualistischen Engführung der realen Medien-Mimesis-Problematik</a> halte ich wenig. Neben <strong>Rabbi Jehoschua / Jesus</strong> sehe ich auch etwa beim Philosophen <strong>Sokrates</strong>, der jüdischen <strong>Königin Esther</strong>, beim <strong>Siddhartha Gautama Buddha</strong>, dem <strong>Sufi al-Halladsch</strong> und weiteren Symbolen machtvolle Ansätze einer positiven Mimesis. Dagegen würde eine “christliche Monarchie” etwa unter <strong>J.D. Vance</strong> den Kreislauf der mimetischen Gier und Gewalt nach meiner Einschätzung gerade nicht unterbrechen, sondern nur weiter befeuern.</p> <p>Hier scheint mir das Argument des Philosophen <strong>Hans Blumenberg</strong> (1920 – 1996) für die dialogische Vielfalt jede auch mimetische Engführung zu übertreffen:</p> <p><em>“Es ist unser Glück, daß wir nicht wissen, was Glück ist. Wüßten wir es, könnten wir sicher sein, daß keiner es erreicht, weil alle dasselbe haben wollten.</em></p> <p><em>Schon der Mord Kains an Abel war von dem Verdacht motiviert, der Bruder wisse vom Glück durch die Opfergunst des Gottes und wolle es nicht teilen.</em></p> <p><em>Weil wir nicht wissen, was Glück ist, versucht es jeder auf seine Weise, daran zu kommen. Das hat die Menschheit zur Gattung der stupendsten Vielfalt ihrer Glücksversuche mit allen Nebenerzeugnissen derselben vorangedrängt.”</em></p> <p><strong>Blumenberg </strong>zitiert aus: <em>“Die Sorge geht über den Fluß”, </em>Suhrkamp 1987 / 2022, S. 215</p> <p>Hier sehe ich auch ein nicht nur religiöses, sondern auch <strong>philosophisches Argument für die Menschenwürde</strong>: <em>Wenn die Menschheit aus ihrer Vielfalt Sinn- und Glückserfahrungen schöpft, dann muss sich kein Mensch das Recht auf Sein und Respekt erst verdienen.</em></p> <p><a data-wp-editing="1" href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/rechtsmimesis-widerstand-ein-foto-mem-zur-deutschen-geschichte/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Auf einer historischen Fotografie aus der NS-Zeit steht ein Mann mit verschränkten Armen inmitten einer Hitler-grüßenden Menge. Darüber steht in weißer Schrift &quot;Seit dieser Mensch&quot;-Mem und darunter &quot;August Landmesser oder Gustav Wegert&quot;." decoding="async" height="430" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 496px) 100vw, 496px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SeidieserMannMemeBlume2025.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SeidieserMannMemeBlume2025.jpg 496w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SeidieserMannMemeBlume2025-300x260.jpg 300w" width="496"></img></a></p> <p><em>Das populäre “Be this Man”-Meme illustriert die Würde des Menschen – einschließlich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/rechtsmimesis-widerstand-ein-foto-mem-zur-deutschen-geschichte/">des Rechtes, jede gesellschaftlich überwältigende Mimesis kritisch (“falsifikatorisch”) zu hinterfragen. Mem-Version</a>: Michael Blume</em></p> <p><strong>Die mimetische Überpersonalisierung funktioniert schlechter als die parlamentarische Konsensdemokratie</strong></p> <p>Psychologisch-mimetisch erkläre ich mir auch das Versagen heutiger Verantwortlicher in Politik und Medien gegenüber der parlamentarischen Demokratie des bundesdeutschen Grundgesetzes: Fast alle haben einfach <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/">die Parteienherrschaft-Logik des ersten Adenauer-Mende-Koalitionsvertrages von 1961</a> übernommen. Dass <a href="https://www.youtube.com/watch?v=BeGhV302gR4">die Mütter und Väter unseres Grundgesetzes sehr bewusst Artikel 38 GG gegen die sog. “Fraktionsdisziplin” formuliert</a> hatten, ist nach meiner Erfahrung auch Wohlmeinenden meist gar nicht mehr bekannt. Die meisten finden es noch ganz normal, dass eine Parteien – Rentenkommission aus beamteten Professoren, Lobbyisten und Parteifunktionären die dringend notwendige Reform des deutschen Rentensystems ausarbeiten soll – und nicht etwa laut Grundgesetz alleine zuständige und von uns gewählte Bundestag mit 630 Abgeordneten und Tausenden Mitarbeitenden. Die mimetischen Regeln der (zerfallenden) Fernsehdemokratie haben Text und Sinn unserer Verfassung einfach überlagert.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=BeGhV302gR4" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Im abgebildeten Mastodon-Post vom 11. Dezember 2025 beklagte Dr. Michael Blume, dass sogar im SPIEGEL der Koalitionsausschuss der Bundesregierung unkritisch als Gesetzgeber beschrieben werde." decoding="async" height="775" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 587px) 100vw, 587px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMastodonKoalitionsausschussHeizungsgesetz111225.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMastodonKoalitionsausschussHeizungsgesetz111225.jpg 587w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMastodonKoalitionsausschussHeizungsgesetz111225-227x300.jpg 227w" width="587"></img></a></p> <p><em>Dass <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/konkurrenz-konkordanz-oder-konsensdemokratie-meine-heutige-duale-rede-bei-der-stiftung-weltethos-uni-tuebingen/">laut deutscher Verfassung kein im Grundgesetz gar nicht vorgesehener “Koalitionsausschuss”, sondern Bundestag und Bundesrat Gesetze beschließen, ist heute auch spezialisierten Medienredaktionen kaum mehr bekannt</a>. Screenshot von Mastodon: Michael Blume</em></p> <p>Denn für geheiligte Schriften in der Religion gilt das Gleiche wie für Verfassungstexte in der Politik: Sie werden viel lieber mimetisch beschworen als kritisch gelesen. Fragen Sie gerne einmal herum, was genau <em>“die 10 Gebote der Bibel”</em> seien – oder <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/konkurrenz-konkordanz-oder-konsensdemokratie-meine-heutige-duale-rede-bei-der-stiftung-weltethos-uni-tuebingen/">was in Artikel 38 des Grundgesetzes steht</a>. Kaum jemand weiß das noch. Die meisten haben da eher nur so ein mimetisches Gefühl.</p> <p>Sogar <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/">der erste Union-FDP-Koalitionsvertrag von 1961, auf den sich die politische Kultur der Bundesrepublik Deutschland bis heute mimetisch stützt</a> – ist kaum noch bekannt.</p> <p><strong>Fazit: Menschenwürde ist verwundbar und wird durch den digital befeuerten Rechtsmimesis bedroht</strong></p> <p>Wenn über den medialen und politischen Rechtsruck gesprochen wird, so fehlt selten die Floskel von der “Diskursverschiebung”, die “das Unsagbare sagbar gemacht” habe.</p> <p>Doch Fakt ist, dass es spätestens mit der Digitalisierung “den Diskurs” gar nicht mehr gibt, sondern Abertausende zunehmend voneinander abgeschottete, mimetische Diskursblasen. Wer etwa einer Beauty-Influencerin folgt, bekommt algorithmisch völlig andere Medienströme zugeführt als jene, die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-verschwoerungsmythologische-kunden-und-heldenreisen-anhand-des-podcasts-von-hoss-und-hopf/">einem Finfluencer-Duo</a>, einem Salafisten oder <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/warum-wir-mut-zu-digitalen-fehlern-brauchen-pro-mai-thi-nguyen-kim-und-karl-popper/">einer Naturwissenschaftlerin wie <strong>Mai Ti Nguyen-Kim</strong> folgt</a>. Und in jeder dieser Blasen werden andere Ziele (Schönheit, Geld, Salafismus, Wissen usw.) mimetisch vermittelt.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=BeGhV302gR4" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Zwei Dreier-Gruppen von freundlichen Comicfiguren starren jeweils auf ihre Smartphones und werden dabei durch Blasen getrennt. Darüber steht: &quot;Antisoziale Konzernblasen verstärken Mimesis&quot;. Darunter steht: &quot;Mehr Grundgesetz wagen! - Demokratie als Bauplan von Dr. Michael Blume&quot;" decoding="async" height="704" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1159px) 100vw, 1159px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntisozialeKonzernblasenverstaerkenMimesisMichaelBlume1225.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntisozialeKonzernblasenverstaerkenMimesisMichaelBlume1225.jpg 1159w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntisozialeKonzernblasenverstaerkenMimesisMichaelBlume1225-300x182.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntisozialeKonzernblasenverstaerkenMimesisMichaelBlume1225-1024x622.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntisozialeKonzernblasenverstaerkenMimesisMichaelBlume1225-768x466.jpg 768w" width="1159"></img></a></p> <p><em>Algorithmische und antisoziale Konzernmedien verstärken die jeweilige Mimesis und zerspalten die Diskurse. Grafik: <a href="https://www.youtube.com/watch?v=BeGhV302gR4">Michael Blume mit NotebookLM in “Mehr Grundgesetz wagen”</a></em></p> <p>Entsprechend gerät die so kostbare, im deutschen Grundgesetz in Artikel 1 kodifizierte Idee der Menschenwürde umso mehr unter Druck, umso mehr sie auch von Demokratinnen und Demokraten selbst nicht mehr geglaubt wird. Die <strong>Rechtsmimesis der Abwertung von Menschengruppen</strong> führt den Medienblasen der Rechtsdualisten immer mehr verunsicherte Menschen zu.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/OgD4UVfsmhw?feature=oembed&amp;rel=0" title="Der Aufstieg der AfD mit Rechtsmimesis zu Weihnachten #Politikwissenschaft #Religionswissenschaft" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Vom Faustkeil bis Menschenwürde - Die Psychologie der Mimesis</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Erfreulicherweise habe ich inzwischen fast täglich Gespräche über <strong>die Psychologie der Mimesis</strong> – der <strong>menschlichen Nachahmung von Zielen</strong>. Sie erklärt, <em>warum Menschen andere versklaven, foltern und töten, aber sie auch ehren, ihnen beistehen und sie retten können.</em> Die Mimesis erklärt auch, wie in der Evolution auch die Religion entstehen konnte und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gedanken-zum-9-november-ich-sage-lieber-berliner-mauersturz-statt-nur-mauerfall/">warum die Berliner Mauer nicht passiv “fiel”, sondern von mutigen Menschen aktiv gestürzt wurde</a>.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gedanken-zum-9-november-ich-sage-lieber-berliner-mauersturz-statt-nur-mauerfall/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Auf einer grünen Decke liegt links das Buch &quot;Religion in Human Evolution. From the Paleolithic to the Axial Age&quot; von Robert N. Bellah, rechts ein Brocken der Berliner Mauer von Falko Blume." decoding="async" height="2050" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1996-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1996-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1996-300x240.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1996-1024x820.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1996-768x615.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1996-1536x1230.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1996-2048x1640.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>In seinem Spätwerk <strong>“Religion in Human Evolution” (2011)</strong> überzeugte mich <strong>Robert Neelly Bellah</strong> (1927 – 2013) von der <strong>Theorie der Mimesis</strong> nach dem Psychologen <strong>Merlin Wilfred Donald</strong>. Rechts vom Buch liegt <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gedanken-zum-9-november-ich-sage-lieber-berliner-mauersturz-statt-nur-mauerfall/">ein Brocken der gestürzten (nicht nur: gefallenen) Berliner Mauer</a>. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Die meisten Forschenden setzen den Beginn der menschlichen Mimesis mit der <b>Acheuléen-Kultur der Altsteinzeit </b>an, in dem von Afrika bis Europa <strong>eine neue Art der Faustkeile</strong>, bisweilen sogar schon Handäxte genannt, aufkam. Sie waren beidseitig behauen, ästhetisch schön – und im konkreten Nutzen unklar. Forschende vergleichen sie gerne mit einem “Schweizer Taschenmesser”, das nicht nur eine Funktion erfüllt – wie das Schneiden von Fellen, Öffnen von Nüssen und Muscheln oder das Angeben (Status) -, sondern gleich mehrere davon.</p> <p><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bifaz_Handhaxe_Biface.gif" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein zweiseitig bearbeiteter Faustkeil aus der Altsteinzeit in einer grafischen Darstellung." decoding="async" height="693" sizes="(max-width: 1120px) 100vw, 1120px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AcheuleenFaustkeilJoseManuelBenitoWikimedia.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AcheuleenFaustkeilJoseManuelBenitoWikimedia.jpg 1120w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AcheuleenFaustkeilJoseManuelBenitoWikimedia-300x186.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AcheuleenFaustkeilJoseManuelBenitoWikimedia-1024x634.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AcheuleenFaustkeilJoseManuelBenitoWikimedia-768x475.jpg 768w" width="1120"></img></a><aside></aside></p> <p>Ein Faustkeil bzw. <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bifaz_Handhaxe_Biface.gif">eine bifazielle Handaxt des Acheuléen</a> aus der Region Valladolid, Spanien. Grafik: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Locutus_Borg" title="User:Locutus Borg">José-Manuel Benito</a>, Wikimedia, MfG</p> <p>Schon Millionen Jahre davor hatten unsere Vorfahrinnen – und andere, längst ausgestorbene Hominiden – das Verhalten von Zeitgenossen imitiert und die Herstellung von Werkzeugen nachgeahmt. Doch was sich innerhalb der letzten 2 Millionen Jahre in der Evolutionspsychologie des Menschen immer stärker durchsetzte, war <strong><em>die Mimesis als Nachahmung von Zielen</em></strong><em>: “So einen schönen Faustkeil wie sie möchte ich auch! So einen schönen Gesang wie er will ich auch!” </em>Und sehr viel später: <em>“Wenn die Gemeinschaft das Wohlwollen der Geister erstrebt, so will auch ich das tun!”</em></p> <p>Neben der neuen Formen der Acheuléen-Faustkeile spricht dafür auch, dass diese nicht mehr – wie frühere Werkzeuge – einfach vor Ort gelassen, sondern über weite Strecken mitgeführt und wohl zunehmend erbeutet, verschenkt, gehandelt und vererbt wurden. In poetischer Sprache: Während der Altsteinzeit bekamen Werkzeuge über ihre unmittelbare Funktionen hinaus auch einen überzeitlichen Sinn.</p> <p>Mimesis heißt also: Wir Menschen lernten, nicht nur das äußerliche Verhalten, sondern auch die Ziele voneinander zu übernehmen. Ein Spielzeug kann wochenlang in der Ecke liegen – wenn ein anderes Kind es will, erscheint es plötzlich überaus begehrenswert. Und auch jede Werbung funktioniert so: Platziere möglichst oft attraktive Menschen um ein Produkt – und es wird gekauft.</p> <p>Klar also, dass Musik und Religion, aber eben auch die Wirtschaft wesentlich mimetisch funktioniert. Aber <strong>Robert N. Bellah</strong> etablierte eben auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/definition-zivilreligion/">den religionswissenschaftlichen Begriff der <strong>Zivilreligion</strong></a>, wie sie um jede dauerhafte, politische Körperschaft entsteht.</p> <p>Wenn <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Isnogud">der intrigante Comic-Wesir <strong>Isnogud </strong></a>immer wieder brummelt: <em>“Ich will Kalif werden anstelle des Kalifen!”</em> – dann wird hier bereits ein mimetisches Wissen über politische Ämter und Rollen vorausgesetzt.</p> <p>Der französisch-amerikanische Philosoph und Literaturwissenschaftler <b>René Noël Théophile Girard </b>(1923 – 2015) erarbeitete sogar <strong>eine medienkritische Lesart der Mimesis</strong>: Weil wir alle durch die Massenmedien immer stärker mimetisch auf die gleichen Ziele abgerichtet würden, könnte uns nur noch der Bezug auf <strong>Jesus Christus</strong> vor überschnappender Konkurrenz und Gewalt bewahren. Einige Adepten des großen Denkers <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-katechon-glauben-zum-dritten-reich-in-deutschland-russland-usa-einfach-erklaert/">wie <strong>Peter Thiel</strong> argumentieren daher wieder in Richtung einer christlich grundierten Monarchie als “Katechon” vor dem mimetischen Zusammenbruch der Zivilisation</a>.</p> <p>Doch von dieser <a href="https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2025/10-2025/medien-und-mimesis-journalismus-in-zeiten-digitaler-aufmerksamkeitsoekonomie/">christlich-dualistischen Engführung der realen Medien-Mimesis-Problematik</a> halte ich wenig. Neben <strong>Rabbi Jehoschua / Jesus</strong> sehe ich auch etwa beim Philosophen <strong>Sokrates</strong>, der jüdischen <strong>Königin Esther</strong>, beim <strong>Siddhartha Gautama Buddha</strong>, dem <strong>Sufi al-Halladsch</strong> und weiteren Symbolen machtvolle Ansätze einer positiven Mimesis. Dagegen würde eine “christliche Monarchie” etwa unter <strong>J.D. Vance</strong> den Kreislauf der mimetischen Gier und Gewalt nach meiner Einschätzung gerade nicht unterbrechen, sondern nur weiter befeuern.</p> <p>Hier scheint mir das Argument des Philosophen <strong>Hans Blumenberg</strong> (1920 – 1996) für die dialogische Vielfalt jede auch mimetische Engführung zu übertreffen:</p> <p><em>“Es ist unser Glück, daß wir nicht wissen, was Glück ist. Wüßten wir es, könnten wir sicher sein, daß keiner es erreicht, weil alle dasselbe haben wollten.</em></p> <p><em>Schon der Mord Kains an Abel war von dem Verdacht motiviert, der Bruder wisse vom Glück durch die Opfergunst des Gottes und wolle es nicht teilen.</em></p> <p><em>Weil wir nicht wissen, was Glück ist, versucht es jeder auf seine Weise, daran zu kommen. Das hat die Menschheit zur Gattung der stupendsten Vielfalt ihrer Glücksversuche mit allen Nebenerzeugnissen derselben vorangedrängt.”</em></p> <p><strong>Blumenberg </strong>zitiert aus: <em>“Die Sorge geht über den Fluß”, </em>Suhrkamp 1987 / 2022, S. 215</p> <p>Hier sehe ich auch ein nicht nur religiöses, sondern auch <strong>philosophisches Argument für die Menschenwürde</strong>: <em>Wenn die Menschheit aus ihrer Vielfalt Sinn- und Glückserfahrungen schöpft, dann muss sich kein Mensch das Recht auf Sein und Respekt erst verdienen.</em></p> <p><a data-wp-editing="1" href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/rechtsmimesis-widerstand-ein-foto-mem-zur-deutschen-geschichte/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Auf einer historischen Fotografie aus der NS-Zeit steht ein Mann mit verschränkten Armen inmitten einer Hitler-grüßenden Menge. Darüber steht in weißer Schrift &quot;Seit dieser Mensch&quot;-Mem und darunter &quot;August Landmesser oder Gustav Wegert&quot;." decoding="async" height="430" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 496px) 100vw, 496px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SeidieserMannMemeBlume2025.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SeidieserMannMemeBlume2025.jpg 496w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SeidieserMannMemeBlume2025-300x260.jpg 300w" width="496"></img></a></p> <p><em>Das populäre “Be this Man”-Meme illustriert die Würde des Menschen – einschließlich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/rechtsmimesis-widerstand-ein-foto-mem-zur-deutschen-geschichte/">des Rechtes, jede gesellschaftlich überwältigende Mimesis kritisch (“falsifikatorisch”) zu hinterfragen. Mem-Version</a>: Michael Blume</em></p> <p><strong>Die mimetische Überpersonalisierung funktioniert schlechter als die parlamentarische Konsensdemokratie</strong></p> <p>Psychologisch-mimetisch erkläre ich mir auch das Versagen heutiger Verantwortlicher in Politik und Medien gegenüber der parlamentarischen Demokratie des bundesdeutschen Grundgesetzes: Fast alle haben einfach <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/">die Parteienherrschaft-Logik des ersten Adenauer-Mende-Koalitionsvertrages von 1961</a> übernommen. Dass <a href="https://www.youtube.com/watch?v=BeGhV302gR4">die Mütter und Väter unseres Grundgesetzes sehr bewusst Artikel 38 GG gegen die sog. “Fraktionsdisziplin” formuliert</a> hatten, ist nach meiner Erfahrung auch Wohlmeinenden meist gar nicht mehr bekannt. Die meisten finden es noch ganz normal, dass eine Parteien – Rentenkommission aus beamteten Professoren, Lobbyisten und Parteifunktionären die dringend notwendige Reform des deutschen Rentensystems ausarbeiten soll – und nicht etwa laut Grundgesetz alleine zuständige und von uns gewählte Bundestag mit 630 Abgeordneten und Tausenden Mitarbeitenden. Die mimetischen Regeln der (zerfallenden) Fernsehdemokratie haben Text und Sinn unserer Verfassung einfach überlagert.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=BeGhV302gR4" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Im abgebildeten Mastodon-Post vom 11. Dezember 2025 beklagte Dr. Michael Blume, dass sogar im SPIEGEL der Koalitionsausschuss der Bundesregierung unkritisch als Gesetzgeber beschrieben werde." decoding="async" height="775" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 587px) 100vw, 587px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMastodonKoalitionsausschussHeizungsgesetz111225.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMastodonKoalitionsausschussHeizungsgesetz111225.jpg 587w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMastodonKoalitionsausschussHeizungsgesetz111225-227x300.jpg 227w" width="587"></img></a></p> <p><em>Dass <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/konkurrenz-konkordanz-oder-konsensdemokratie-meine-heutige-duale-rede-bei-der-stiftung-weltethos-uni-tuebingen/">laut deutscher Verfassung kein im Grundgesetz gar nicht vorgesehener “Koalitionsausschuss”, sondern Bundestag und Bundesrat Gesetze beschließen, ist heute auch spezialisierten Medienredaktionen kaum mehr bekannt</a>. Screenshot von Mastodon: Michael Blume</em></p> <p>Denn für geheiligte Schriften in der Religion gilt das Gleiche wie für Verfassungstexte in der Politik: Sie werden viel lieber mimetisch beschworen als kritisch gelesen. Fragen Sie gerne einmal herum, was genau <em>“die 10 Gebote der Bibel”</em> seien – oder <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/konkurrenz-konkordanz-oder-konsensdemokratie-meine-heutige-duale-rede-bei-der-stiftung-weltethos-uni-tuebingen/">was in Artikel 38 des Grundgesetzes steht</a>. Kaum jemand weiß das noch. Die meisten haben da eher nur so ein mimetisches Gefühl.</p> <p>Sogar <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/">der erste Union-FDP-Koalitionsvertrag von 1961, auf den sich die politische Kultur der Bundesrepublik Deutschland bis heute mimetisch stützt</a> – ist kaum noch bekannt.</p> <p><strong>Fazit: Menschenwürde ist verwundbar und wird durch den digital befeuerten Rechtsmimesis bedroht</strong></p> <p>Wenn über den medialen und politischen Rechtsruck gesprochen wird, so fehlt selten die Floskel von der “Diskursverschiebung”, die “das Unsagbare sagbar gemacht” habe.</p> <p>Doch Fakt ist, dass es spätestens mit der Digitalisierung “den Diskurs” gar nicht mehr gibt, sondern Abertausende zunehmend voneinander abgeschottete, mimetische Diskursblasen. Wer etwa einer Beauty-Influencerin folgt, bekommt algorithmisch völlig andere Medienströme zugeführt als jene, die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-verschwoerungsmythologische-kunden-und-heldenreisen-anhand-des-podcasts-von-hoss-und-hopf/">einem Finfluencer-Duo</a>, einem Salafisten oder <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/warum-wir-mut-zu-digitalen-fehlern-brauchen-pro-mai-thi-nguyen-kim-und-karl-popper/">einer Naturwissenschaftlerin wie <strong>Mai Ti Nguyen-Kim</strong> folgt</a>. Und in jeder dieser Blasen werden andere Ziele (Schönheit, Geld, Salafismus, Wissen usw.) mimetisch vermittelt.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=BeGhV302gR4" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Zwei Dreier-Gruppen von freundlichen Comicfiguren starren jeweils auf ihre Smartphones und werden dabei durch Blasen getrennt. Darüber steht: &quot;Antisoziale Konzernblasen verstärken Mimesis&quot;. Darunter steht: &quot;Mehr Grundgesetz wagen! - Demokratie als Bauplan von Dr. Michael Blume&quot;" decoding="async" height="704" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1159px) 100vw, 1159px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntisozialeKonzernblasenverstaerkenMimesisMichaelBlume1225.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntisozialeKonzernblasenverstaerkenMimesisMichaelBlume1225.jpg 1159w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntisozialeKonzernblasenverstaerkenMimesisMichaelBlume1225-300x182.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntisozialeKonzernblasenverstaerkenMimesisMichaelBlume1225-1024x622.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntisozialeKonzernblasenverstaerkenMimesisMichaelBlume1225-768x466.jpg 768w" width="1159"></img></a></p> <p><em>Algorithmische und antisoziale Konzernmedien verstärken die jeweilige Mimesis und zerspalten die Diskurse. Grafik: <a href="https://www.youtube.com/watch?v=BeGhV302gR4">Michael Blume mit NotebookLM in “Mehr Grundgesetz wagen”</a></em></p> <p>Entsprechend gerät die so kostbare, im deutschen Grundgesetz in Artikel 1 kodifizierte Idee der Menschenwürde umso mehr unter Druck, umso mehr sie auch von Demokratinnen und Demokraten selbst nicht mehr geglaubt wird. Die <strong>Rechtsmimesis der Abwertung von Menschengruppen</strong> führt den Medienblasen der Rechtsdualisten immer mehr verunsicherte Menschen zu.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/OgD4UVfsmhw?feature=oembed&amp;rel=0" title="Der Aufstieg der AfD mit Rechtsmimesis zu Weihnachten #Politikwissenschaft #Religionswissenschaft" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>50</slash:comments> </item> <item> <title>Verschwörungsdenken und Antisemitismus in der extremen Rechten und darüber hinaus https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/verschwoerungsdenken-und-antisemitismus-in-der-extremen-rechten-und-darueber-hinaus/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/verschwoerungsdenken-und-antisemitismus-in-der-extremen-rechten-und-darueber-hinaus/#comments Fri, 12 Dec 2025 14:05:18 +0000 Elke Rajal und Nikolai Schreiter https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=363 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280-768x1144.jpg Drei Erdmännchen stehen im Kreis und wirken konspirativ. https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/verschwoerungsdenken-und-antisemitismus-in-der-extremen-rechten-und-darueber-hinaus/ <h1>Verschwörungsdenken und Antisemitismus in der extremen Rechten und darüber hinaus » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Elke Rajal und Nikolai Schreiter</h2><div itemprop="text"> <p><em>Verschwörungsdenken und Antisemitismus hängen eng zusammen. Auch in den Krisendiskursen der extremen Rechten der vergangen rund zehn Jahre zeigt sich, wie sie zusammenspielen. Ein Einblick in aktuelle Forschung zu projektiv-paranoiden Gedankenwelten, ihren grundlegenden Funktionsweisen und ihren politischen Erscheinungsformen.</em></p> <p>Der Antisemitismus ist <em>die </em>Verschwörungsideologie par excellence: Egal worum es geht, dahinter stehen die Juden. Versinnbildlicht in der Vorstellung einer ‚jüdischen Weltverschwörung‘ ist sie für jene, die sich entschieden haben daran zu glauben, so unwiderlegbar wie tatsächlich wahnhaft: Jeder Hinweis, Beweis oder Anhaltspunkt, dass die Welt <em>nicht </em>grundlegendvon einer kleinen Elite im Verborgenen gesteuert wird, könnte ja von den Verschwörer:innen gezielt platziert worden sein, um von der Verschwörung abzulenken. Dies ist nicht nur ein Zirkelschluss, sondern auch ein Paradebeispiel dafür, was Max Horkheimer und  Theodor W. Adorno eine pathische Projektion nannten: Wie in einem geschlossenen System kann nur mehr wahrgenommen werden, was als Prämisse die eigene Sicht auf die Welt bereits grundlegend prägt. Social Media und Messaging-Apps machen es zudem besonders leicht, sich nur mehr mit Informationen zu konfrontieren, die das eigene Weltbild bestätigen, doch rechtsextreme Lebenswelten waren auch zuvor bereits stark geschlossen. So könnte man die Bude einer deutschnationalen Burschenschaft als die Echokammer schlechthin bezeichnen.</p> <p>Von diesen Grundlagen ausgehend untersuchen wir in unserem Forschungsprojekt die Kommunikation der extremen Rechten in Bayern auf antisemitische Verschwörungserzählungen in der „Fluchtkrise“ der Jahre 2015/16, der Corona-Krise, der Klimakrise und in der Krise infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine. Dabei beziehen wir neuere als auch seit längerem bestehende Gruppierungen und Medien in die Analyse mit ein. Anhand einiger Beispiele aus diesem laufenden Forschungsprozess illustrieren wir im Folgenden das Verschwörungsdenken in der extremen Rechten, seine Funktionen und die dadurch entstehenden Anschlussfähigkeiten antisemitischer Denkweisen für breitere gesellschaftliche Milieus.</p> <p><strong>‚Vermischung‘ und ‚Beherrschung‘ der ‚Völker‘ und Menschen</strong></p> <p>Ein Beispiel aus dem Kontext einer besonders traditionsreichen Vereinigung stammt aus „Mensch und Maß“, der Zeitschrift des im bayerischen Tutzing beheimateten „Bundes für Deutsche Gotterkenntnis“. Im Frühling 2016 beschreibt man dort unter dem Titel „Strategie und Taktik der Menschheitsgleichmacher“ den „Bevölkerungsaustausch“, die in der extremen Rechten derzeit wohl die am breitesten geteilte antisemitische <em>und </em>rassistische Verschwörungserzählung. Zuerst geht es im Artikel kryptisch um Personen, die eine „künstliche[..] Einheitswelt ohne Grenzen“ – eine „One World“ – einrichten wollten, dann beschwört man offen rassistisch, dass diese eine „Masse von Hominiden gleicher Farbe und minderer Intelligenzquotienten“ erschaffen würden. Die angeblich bevorstehende Zerstörung (völkischer) Identität wird den „Globalisierern“ zugeschrieben. Ihr zersetzendes Ziel verfolgen sie in der Erzählung über Flüchtlingsströme, die sie angeblich steuern. Als Antwort auf die Frage, wer den entstehenden „unförmigen Rasseneinheitsbrei“, der sich in Deutschland bilde, regieren solle, werden die üblichen antisemitischen Chiffren genannt: die „Weltfinanz an der Wall Street“, die „Rothschilds“, George Soros usw. Für die, die es noch immer nicht verstanden haben, wird nochmal „ganz einfach ‚die Juden‘“ nachgesetzt. Migrationsphänomene sind in dieser Erzählung von den jüdischen Verschwörern und ihren Handlangern geplant und gezielt eingesetzt, um Deutschland zu schaden.<aside></aside></p> <p>So offen antisemitisch zeigt sich das Verschwörungsdenken allerdings nicht immer: Der ‚alternative Fernsehsender‘ AUF1 etwa behauptete im April 2023, „Globalisten“ wollten „mit transhumanistischen Plänen den Menschen ‚überwinden‘“ und eine „‚Gesundheits‘-Diktatur“ einrichten. Dazu seien „der Corona-Ausnahmezustand und die erzwungenen Spritzen“ lediglich der Anfang gewesen, das Ziel sei es nun, „den Menschen unter dem Vorwand des ‚Klimaschutzes‘ jegliche Freiheit“ zu nehmen. Anders als beim vorherigen Beispiel wird hier nicht offen ausgesprochen, dass „Globalisten“ eine Chiffre für „die Juden“ ist. Die antisemitische Denkstruktur der Verschwörung wird dennoch deutlich: Der Artikel macht gleichzeitig Werbung für einen „AUF1-Abend zum Thema Globalismus“, der „aktuelle Bedrohungs-Szenarien wie Great Reset, Gesundheits-Ausnahmezustand, Ukraine-Krieg, Bevölkerungsaustausch und Transhumanismus“ behandeln soll. Es gehe nämlich aktuell „für die Globalisten um alles“ und in ihrer vermeintlichen Verschwörung gegen die Menschheit gingen sie deshalb „mit entsprechender Härte gegen die Völker vor“.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280.jpg"><img alt="Drei Erdmännchen stehen im Kreis und wirken konspirativ." decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 687px) 100vw, 687px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280-687x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280-687x1024.jpg 687w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280-201x300.jpg 201w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280-768x1144.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280.jpg 859w" width="687"></img></a><figcaption>Auffällig ist, dass selten eine Verschwörung von Erdmännchen imaginiert wird. Stattdessen landet man stets bei ‚den Juden‘. (c) pixabay</figcaption></figure> <p><strong>Von der Metakrise zur Schuldzuweisung</strong></p> <p>In solchen Diskursen, die sich nicht nur auf eine Krise beziehen, sondern jede Krise lediglich als „Symptom“ einer Metakrise verstehen und alles unter der Prämisse verhandeln, dass es böse Mächte gäbe, die die Deutschen, die Familie oder gleich die ganze Menschheit bedrohten, wird das antisemitische Verschwörungsdenken besonders deutlich. Die Metakrise entstehe aus einem einzigen Grund – der Verschwörung der „bösen Mächte“ – und zeige sich dann in verschiedenen Bereichen. Eine derartige Rahmung von Krisen begünstigt einfache Schuldzuweisungen, kann sich graduell verdichten und zu immer hermetischeren verschwörungsideologischen Narrativen führen, bis hin zur Vorstellung einer „jüdischen Weltverschwörung“. Bezugnahmen auf eine solche finden sich auch in der extremen Rechten nach 1945 häufig in Andeutungen, in ironischem Ton oder in Form von rhetorischen Fragen und nicht offen.</p> <p>Verschwörungserzählungen mit ihrer Tendenz zum Antisemitismus erfüllen dabei psychische Funktionen über die extreme Rechte hinaus und bieten jederzeit, auf jeder Ebene und zu jedem auch neuen Thema den Einstieg und gleichzeitig die Erklärung an. Dies konnte man beispielsweise auch nach dem Massaker der Hamas und verbündeter Terrorbanden an der israelischen Zivilbevölkerung am 7. Oktober 2023 sehen: Das eine ist die naheliegende Frage, warum es der Hamas gelang, dieses genozidale Pogrom zu begehen. AUF1 aber fragte nicht nach dem wie oder dem warum, sondern nach dem „wer“, eine in der Tendenz bereits verschwörungsideologisch eingefärbte Frage: „Wem nützt das Blutbad in Israel wirklich?“ Mit dem Artikel „Jetzt bewiesen: Der Überfall der Hamas war gewollt“ im Compact-Magazin schließt sich dann der antisemitische Kreis über die ‚bösen Absichten‘. Darin wird über ein Buch berichtet, das die „Mitverantwortung israelischer Geheimdienst- und Sicherheitskreise beim Hamas-Überfall am 7. Oktober“ beweise.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Mindmap-Verschwoerungsbegriffe.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Mindmap-Verschwoerungsbegriffe.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Mindmap-Verschwoerungsbegriffe.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Mindmap-Verschwoerungsbegriffe-300x300.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Mindmap-Verschwoerungsbegriffe-150x150.jpeg 150w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Mindmap-Verschwoerungsbegriffe-768x768.jpeg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Das Dickicht der verschwörungsideologischen Begriffe der extremen Rechten.</figcaption></figure> <p><strong>Der spektrenübergreifende Reiz des Verschwörungsdenkens</strong></p> <p>Das Denken in Verschwörungen ist integraler Teil des Rechtsextremismus. Es ist aber auch darüber hinaus attraktiv, weil die komplexe, kontingente, in sich widersprüchliche und meist unbefriedigende Realität verzerrt zum kausalen Ergebnis der Machenschaften der immergleichen ‚Bösen‘ erklärt wird. Durch die ungeheure Macht, die diesen Feindbildern zugeschrieben wird, ist man selbst machtlos und aus der Verantwortung entlassen, kann sich aber kritisch und auf der Seite der Guten, der Wissenden und der Aufdecker wähnen. Davon fühlen sich nicht nur extrem Rechte angezogen, wie sich etwa im verschwörungsideologischen Antisemitismus aus einigen linken und sich progressiv verstehenden Milieus seit dem 7. Oktober zeigte.</p> <p><strong>Weiterführende Literatur:</strong></p> <p>Heil, Johannes (2006). „Gottesfeinde“ – „Menschenfeinde“. Die Vorstellung von jüdischer Weltverschwörung (13. bis 16. Jahrhundert) (1. Aufl). Klartext.</p> <p>Kirchhoff, Christine (2021). „Das Gerücht über die Juden“ – Zur (Psycho-)Analyse von Antisemitismus und Verschwörungsideologie. In: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (Hg.), Wissen schafft Demokratie. Schwerpunkt Antisemitismus (8. Aufl., S. 104–115). Amadeu Antonio Stiftung. https://doi.org/10.19222/202101/09 </p> <p>Nocun, Katharina &amp; Lamberty, Pia (2021). Fake Facts: Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen. Quadriga.</p> <p>Rajal, Elke (2025). ‚Schuldkult‘ und ‚German Guilt‘. Rechte und linke Abwehr durch Projektion im Kontext des 7. Oktobers. In: Grigat, Stephan &amp; Stögner, Karin (Hg.): Projektiver Antizionismus. Antisemitismus gegen Israel vor und nach dem 7. Oktober (S. 179–200). Nomos. <a href="https://doi.org/10.5771/9783748965787-153">https://doi.org/10.5771/9783748965787-153</a></p> <p>Rensmann, Lars (2025).<em> </em>Politischer Antisemitismus im postfaktischen Zeitalter. Formen und Ursachen in Demokratien des 21. Jahrhunderts. Nomos.</p> <p>Schreiter, Nikolai &amp; Rensmann, Lars (2025). Die radikale Rechte in Deutschland nach dem 7. Oktober. Ein Beispiel des politischen Antisemitismus im postfaktischen Zeitalter. In: Grigat, Stephan &amp; Stögner, Karin (Hg.): Projektiver Antizionismus. Antisemitismus gegen Israel vor und nach dem 7. Oktober (S. 153–178). Nomos. <a href="https://doi.org/10.5771/9783748965787-153">https://doi.org/10.5771/9783748965787-153</a></p> <p>Stögner, Karin &amp; Bischof, Karin (2018). International high finance against the nation? Antisemitism and nationalism in Austrian print media debates on the economic crisis. Journal of Language and Politics, 17(3), S. 428–446. <a href="https://doi.org/10.1075/jlp.16040.sto">https://doi.org/10.1075/jlp.16040.sto</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Verschwörungsdenken und Antisemitismus in der extremen Rechten und darüber hinaus » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Elke Rajal und Nikolai Schreiter</h2><div itemprop="text"> <p><em>Verschwörungsdenken und Antisemitismus hängen eng zusammen. Auch in den Krisendiskursen der extremen Rechten der vergangen rund zehn Jahre zeigt sich, wie sie zusammenspielen. Ein Einblick in aktuelle Forschung zu projektiv-paranoiden Gedankenwelten, ihren grundlegenden Funktionsweisen und ihren politischen Erscheinungsformen.</em></p> <p>Der Antisemitismus ist <em>die </em>Verschwörungsideologie par excellence: Egal worum es geht, dahinter stehen die Juden. Versinnbildlicht in der Vorstellung einer ‚jüdischen Weltverschwörung‘ ist sie für jene, die sich entschieden haben daran zu glauben, so unwiderlegbar wie tatsächlich wahnhaft: Jeder Hinweis, Beweis oder Anhaltspunkt, dass die Welt <em>nicht </em>grundlegendvon einer kleinen Elite im Verborgenen gesteuert wird, könnte ja von den Verschwörer:innen gezielt platziert worden sein, um von der Verschwörung abzulenken. Dies ist nicht nur ein Zirkelschluss, sondern auch ein Paradebeispiel dafür, was Max Horkheimer und  Theodor W. Adorno eine pathische Projektion nannten: Wie in einem geschlossenen System kann nur mehr wahrgenommen werden, was als Prämisse die eigene Sicht auf die Welt bereits grundlegend prägt. Social Media und Messaging-Apps machen es zudem besonders leicht, sich nur mehr mit Informationen zu konfrontieren, die das eigene Weltbild bestätigen, doch rechtsextreme Lebenswelten waren auch zuvor bereits stark geschlossen. So könnte man die Bude einer deutschnationalen Burschenschaft als die Echokammer schlechthin bezeichnen.</p> <p>Von diesen Grundlagen ausgehend untersuchen wir in unserem Forschungsprojekt die Kommunikation der extremen Rechten in Bayern auf antisemitische Verschwörungserzählungen in der „Fluchtkrise“ der Jahre 2015/16, der Corona-Krise, der Klimakrise und in der Krise infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine. Dabei beziehen wir neuere als auch seit längerem bestehende Gruppierungen und Medien in die Analyse mit ein. Anhand einiger Beispiele aus diesem laufenden Forschungsprozess illustrieren wir im Folgenden das Verschwörungsdenken in der extremen Rechten, seine Funktionen und die dadurch entstehenden Anschlussfähigkeiten antisemitischer Denkweisen für breitere gesellschaftliche Milieus.</p> <p><strong>‚Vermischung‘ und ‚Beherrschung‘ der ‚Völker‘ und Menschen</strong></p> <p>Ein Beispiel aus dem Kontext einer besonders traditionsreichen Vereinigung stammt aus „Mensch und Maß“, der Zeitschrift des im bayerischen Tutzing beheimateten „Bundes für Deutsche Gotterkenntnis“. Im Frühling 2016 beschreibt man dort unter dem Titel „Strategie und Taktik der Menschheitsgleichmacher“ den „Bevölkerungsaustausch“, die in der extremen Rechten derzeit wohl die am breitesten geteilte antisemitische <em>und </em>rassistische Verschwörungserzählung. Zuerst geht es im Artikel kryptisch um Personen, die eine „künstliche[..] Einheitswelt ohne Grenzen“ – eine „One World“ – einrichten wollten, dann beschwört man offen rassistisch, dass diese eine „Masse von Hominiden gleicher Farbe und minderer Intelligenzquotienten“ erschaffen würden. Die angeblich bevorstehende Zerstörung (völkischer) Identität wird den „Globalisierern“ zugeschrieben. Ihr zersetzendes Ziel verfolgen sie in der Erzählung über Flüchtlingsströme, die sie angeblich steuern. Als Antwort auf die Frage, wer den entstehenden „unförmigen Rasseneinheitsbrei“, der sich in Deutschland bilde, regieren solle, werden die üblichen antisemitischen Chiffren genannt: die „Weltfinanz an der Wall Street“, die „Rothschilds“, George Soros usw. Für die, die es noch immer nicht verstanden haben, wird nochmal „ganz einfach ‚die Juden‘“ nachgesetzt. Migrationsphänomene sind in dieser Erzählung von den jüdischen Verschwörern und ihren Handlangern geplant und gezielt eingesetzt, um Deutschland zu schaden.<aside></aside></p> <p>So offen antisemitisch zeigt sich das Verschwörungsdenken allerdings nicht immer: Der ‚alternative Fernsehsender‘ AUF1 etwa behauptete im April 2023, „Globalisten“ wollten „mit transhumanistischen Plänen den Menschen ‚überwinden‘“ und eine „‚Gesundheits‘-Diktatur“ einrichten. Dazu seien „der Corona-Ausnahmezustand und die erzwungenen Spritzen“ lediglich der Anfang gewesen, das Ziel sei es nun, „den Menschen unter dem Vorwand des ‚Klimaschutzes‘ jegliche Freiheit“ zu nehmen. Anders als beim vorherigen Beispiel wird hier nicht offen ausgesprochen, dass „Globalisten“ eine Chiffre für „die Juden“ ist. Die antisemitische Denkstruktur der Verschwörung wird dennoch deutlich: Der Artikel macht gleichzeitig Werbung für einen „AUF1-Abend zum Thema Globalismus“, der „aktuelle Bedrohungs-Szenarien wie Great Reset, Gesundheits-Ausnahmezustand, Ukraine-Krieg, Bevölkerungsaustausch und Transhumanismus“ behandeln soll. Es gehe nämlich aktuell „für die Globalisten um alles“ und in ihrer vermeintlichen Verschwörung gegen die Menschheit gingen sie deshalb „mit entsprechender Härte gegen die Völker vor“.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280.jpg"><img alt="Drei Erdmännchen stehen im Kreis und wirken konspirativ." decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 687px) 100vw, 687px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280-687x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280-687x1024.jpg 687w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280-201x300.jpg 201w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280-768x1144.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280.jpg 859w" width="687"></img></a><figcaption>Auffällig ist, dass selten eine Verschwörung von Erdmännchen imaginiert wird. Stattdessen landet man stets bei ‚den Juden‘. (c) pixabay</figcaption></figure> <p><strong>Von der Metakrise zur Schuldzuweisung</strong></p> <p>In solchen Diskursen, die sich nicht nur auf eine Krise beziehen, sondern jede Krise lediglich als „Symptom“ einer Metakrise verstehen und alles unter der Prämisse verhandeln, dass es böse Mächte gäbe, die die Deutschen, die Familie oder gleich die ganze Menschheit bedrohten, wird das antisemitische Verschwörungsdenken besonders deutlich. Die Metakrise entstehe aus einem einzigen Grund – der Verschwörung der „bösen Mächte“ – und zeige sich dann in verschiedenen Bereichen. Eine derartige Rahmung von Krisen begünstigt einfache Schuldzuweisungen, kann sich graduell verdichten und zu immer hermetischeren verschwörungsideologischen Narrativen führen, bis hin zur Vorstellung einer „jüdischen Weltverschwörung“. Bezugnahmen auf eine solche finden sich auch in der extremen Rechten nach 1945 häufig in Andeutungen, in ironischem Ton oder in Form von rhetorischen Fragen und nicht offen.</p> <p>Verschwörungserzählungen mit ihrer Tendenz zum Antisemitismus erfüllen dabei psychische Funktionen über die extreme Rechte hinaus und bieten jederzeit, auf jeder Ebene und zu jedem auch neuen Thema den Einstieg und gleichzeitig die Erklärung an. Dies konnte man beispielsweise auch nach dem Massaker der Hamas und verbündeter Terrorbanden an der israelischen Zivilbevölkerung am 7. Oktober 2023 sehen: Das eine ist die naheliegende Frage, warum es der Hamas gelang, dieses genozidale Pogrom zu begehen. AUF1 aber fragte nicht nach dem wie oder dem warum, sondern nach dem „wer“, eine in der Tendenz bereits verschwörungsideologisch eingefärbte Frage: „Wem nützt das Blutbad in Israel wirklich?“ Mit dem Artikel „Jetzt bewiesen: Der Überfall der Hamas war gewollt“ im Compact-Magazin schließt sich dann der antisemitische Kreis über die ‚bösen Absichten‘. Darin wird über ein Buch berichtet, das die „Mitverantwortung israelischer Geheimdienst- und Sicherheitskreise beim Hamas-Überfall am 7. 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Es ist aber auch darüber hinaus attraktiv, weil die komplexe, kontingente, in sich widersprüchliche und meist unbefriedigende Realität verzerrt zum kausalen Ergebnis der Machenschaften der immergleichen ‚Bösen‘ erklärt wird. Durch die ungeheure Macht, die diesen Feindbildern zugeschrieben wird, ist man selbst machtlos und aus der Verantwortung entlassen, kann sich aber kritisch und auf der Seite der Guten, der Wissenden und der Aufdecker wähnen. Davon fühlen sich nicht nur extrem Rechte angezogen, wie sich etwa im verschwörungsideologischen Antisemitismus aus einigen linken und sich progressiv verstehenden Milieus seit dem 7. Oktober zeigte.</p> <p><strong>Weiterführende Literatur:</strong></p> <p>Heil, Johannes (2006). „Gottesfeinde“ – „Menschenfeinde“. Die Vorstellung von jüdischer Weltverschwörung (13. bis 16. Jahrhundert) (1. Aufl). Klartext.</p> <p>Kirchhoff, Christine (2021). „Das Gerücht über die Juden“ – Zur (Psycho-)Analyse von Antisemitismus und Verschwörungsideologie. In: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (Hg.), Wissen schafft Demokratie. Schwerpunkt Antisemitismus (8. Aufl., S. 104–115). Amadeu Antonio Stiftung. https://doi.org/10.19222/202101/09 </p> <p>Nocun, Katharina &amp; Lamberty, Pia (2021). Fake Facts: Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen. Quadriga.</p> <p>Rajal, Elke (2025). ‚Schuldkult‘ und ‚German Guilt‘. Rechte und linke Abwehr durch Projektion im Kontext des 7. Oktobers. In: Grigat, Stephan &amp; Stögner, Karin (Hg.): Projektiver Antizionismus. Antisemitismus gegen Israel vor und nach dem 7. Oktober (S. 179–200). Nomos. <a href="https://doi.org/10.5771/9783748965787-153">https://doi.org/10.5771/9783748965787-153</a></p> <p>Rensmann, Lars (2025).<em> </em>Politischer Antisemitismus im postfaktischen Zeitalter. Formen und Ursachen in Demokratien des 21. Jahrhunderts. Nomos.</p> <p>Schreiter, Nikolai &amp; Rensmann, Lars (2025). Die radikale Rechte in Deutschland nach dem 7. Oktober. Ein Beispiel des politischen Antisemitismus im postfaktischen Zeitalter. In: Grigat, Stephan &amp; Stögner, Karin (Hg.): Projektiver Antizionismus. Antisemitismus gegen Israel vor und nach dem 7. Oktober (S. 153–178). Nomos. <a href="https://doi.org/10.5771/9783748965787-153">https://doi.org/10.5771/9783748965787-153</a></p> <p>Stögner, Karin &amp; Bischof, Karin (2018). International high finance against the nation? Antisemitism and nationalism in Austrian print media debates on the economic crisis. Journal of Language and Politics, 17(3), S. 428–446. <a href="https://doi.org/10.1075/jlp.16040.sto">https://doi.org/10.1075/jlp.16040.sto</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/verschwoerungsdenken-und-antisemitismus-in-der-extremen-rechten-und-darueber-hinaus/#comments 6 Arbeitskreise des Lebens – Metabolische Netze als Modulierende Musterräume des Menschen https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/die-arbeitskreise-des-lebens-metabolische-netze-als-modulierende-musterraeume-des-menschen/ https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/die-arbeitskreise-des-lebens-metabolische-netze-als-modulierende-musterraeume-des-menschen/#comments Fri, 12 Dec 2025 13:47:58 +0000 Dominic Blitz https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/?p=4129 https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/drei-kreise-matrizen-2-768x432.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/die-arbeitskreise-des-lebens-metabolische-netze-als-modulierende-musterraeume-des-menschen/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/drei-kreise-matrizen-2.jpg" /><h1>Arbeitskreise des Lebens - Metabolische Netze als Modulierende Musterräume des Menschen » Tensornetz » SciLogs</h1><h2>By Dominic Blitz</h2><div> <tbody> <tr> <td> <p>Arbeitskreise des Menschen: Die Beziehung zu sich, zu anderen Menschen und der Natur, erfährt der Mensch in seinen Kopf-Körper-Umwelt-Arbeitskreisen</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><em>Alles Gescheite ist schon gedacht worden, man muss nur versuchen, es noch einmal zu denken. Der Mensch ist nicht bloß ein denkendes, er ist zugleich ein empfindendes Wesen. Er ist ein Ganzes, eine Einheit vielfacher, innig verbundener Kräfte, und zu diesem Ganzen des Menschen muss das Kunstwerk sprechen: Wie Natur im Vielgebilde einen Gott nun offenbart, so im weiten Kunstgefilde webt ein Sinn der ewgen Art,</em> Wolfgang von Goethe, Natur-Forscher</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><em>Wenn ein Axon der Zelle A der Zelle B so nahe ist, dass es sie erregt, und wenn es sie wiederholt und ständig stimuliert, dann findet in einem oder beiden Fällen ein Wachstum und Stoffwechsel statt, wodurch sich das Potenzial von A als eine B stimulierende Zelle erhöht, Donald Hebb,</em> Neurowissenschaftler</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Die Mühlräder des Lebens</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Jeder von Ihnen hat sicherlich das Wort “Netz” schon einmal gehört und ist damit in Verbindung getreten. Seien es Spinnennetze, Fischernetze oder gar Moskitonetze. Wenn wir als Menschen Trauer oder Verlust eines anderen Menschen erleben, erfahren wir Trost in unseren sozialen Auffangnetzen von Familie und Freunden. Vor kurzem sah ich mir einen alten Agentenfilm, James Bond – 007 jagt Dr. No an. In diesem Film wurde ein Flugzeug samt Waffenbestückung Unterwasser unsichtbar geparkt. Raten Sie einmal, was man dem Jet als eine Tarnung überstülpte?<aside></aside></p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Die Welt der Netze</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Wir sehen Netze zudem als analoge und digitale Verbindungen zu uns, zu anderen Menschen und auch Dingen. So dienen Netze als Telefon- oder Computernetze als Kommunikation und Interfaces zu Maschinen, andererseits in modernen Netz-Organisationen sogar als Integrationsvehikel für Menschen. </p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Das Gehirn als kontinuierlicher Musterraum des Menschen</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Unser Gehirn vernetzt uns dabei ständig intern und extern als ein komplex modulierender Musterraum nicht nur beim menschlichen Verhalten, sondern auch zu Vorhersagen. Wir Menschen bauen so Weltmodelle zur kognitiven Weltprädiktion. Und das hat wiederum mit Netzen und auch deren Metabolismus (Stoffwechsel) zu tun, so z.B. in der Praxis, psycho-neuronal-immunologisch und auch hormonell. Das heißt biochemisch, elektrisch und biophysikalisch. Ob Freude oder Störungen der Epigenetik der Außenwelt, alles formt, prägt und graviert sich zellulär in uns ein. Das ist real und macht unsere Lebensqualität aus. Angst oder Freude. Leid oder Liebe. Auch Liebe ist eine Art Musterraum, in der Menschen gemeinsam modulieren und musizieren können.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Überall um uns herum Netze</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Ob Baye’sche Netze oder Boole’sche Funktionen; Ob Netzwerktheorie in den Beziehungen zu den Menschen oder bei Planungen im Projektmanagement der Netzplantechnik Mensch-Maschinen-Objektsteuerung. Wir nutzen Netze. Ob beim Einkauf und Versand von Ware gegen Geld nutzen wir Containernetze und globale Finanzmarktnetze. Ganz konkret am Bankautomaten auch Giralgeld Netze. Etwas speziellere Netze finden wir beim Schmidt’schen Netz in den Lagekugelmodellen von Geo-Datenmengen oder dem Wulff’schen Netzen stereoskopischer Projektionen.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Was macht eine interessante Geschichte aus?</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Vor Tagen war ich auf einer Krimi-Lesung und dachte an unser obiges Zitat von Donald Hebb aus seinem Werk The Organization of Behaviour. Und zwar in dem Sinne, dass es nicht nur auf die Geschichte ankommt, sondern wie spannend und erregend die Geschichte erzählt wird und auf uns wirkt!</p> </td> </tr> <tr> <td> <p>So ist sowohl der Inhalt als auch die Stärke der erzählten Geschichte auf unsere Wechselwirkungen der Nerventätigkeiten als ein Gesamtergebnis hochgradig relevant. Die Kreativität, die schöpferische Kraft, die sich mit entsprechenden Wirkungen gegenseitig aufschaukelt, ist hierbei ausschlaggebend. Sie hängt von den Fähigkeiten der Elemente, deren Eigenschaften und funktionierenden Faktoren ab!</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Was macht eine Interessante Organisation aus?</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Schauen wir auf Gleichungen in Organisationen, so hängt die Gesamtstärke eines Unternehmens und deren Thema an Personen, Prozessen und auch an Prinzipien (nicht Werten). Das ist wie bei Geschichten. Es ist abhängig von den Menschen; ihren Eigenschaften und der Funktionen der Elemente darin.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Ankopplung und Verkopplung</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Konsequenterweise kommen wir dann zu den Kopplungsfunktionen, die in Organismen und neuronalen Netzen von Gehirnen vonstattengehen und darin eine hochgradig entscheidende Rolle spielen. Es ist in der Biologie und Neurobiologie dann ähnlich wie in der einfachen Physik eines Eisenbahnwaggons oder Containers: Passiert diese Ankopplung des Neurons mit Synapsen oder eines Waggons oder Containers an der Bahn nicht, bleiben wir stehen, bleibt der Container mit seiner geladenen Fracht stecken. Es passiert nichts. Das Gegenteil von Ankopplung ist also Entkopplung, De-Coupling. De-Coupling führt zu Dekohärenz und Desintegration in Gruppen, Geschäften bis zu ganzen Gesellschaften. Koppeln sich die Waggons jedoch gegenseitig an, so kann eine ganze Bahnlinie, ein Bahnnetz entstehen. </p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Intelligence und Assembly Networks</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Reden wir von amerikanischen Wort Intelligence, so ist die Bedeutung dazu “Information”. So sitzt diese Information auch beim Menschen nicht in einer einzigen Zelle, auf der Zellebene, sondern die Information liegt zwischen den Zellen. Erst über eine Ankopplung kommt die Information in den Regelkreis. Nehmen wir einen Produktionsbetrieb, eine Fabrik, wobei ein Paket auf das Fließband als Format von Informationsübertragung, Informationsbereitstellung und Informationsverwandlung gestellt wird. Als ein Ensemble/Assembly (ähnlich wie Kandels Principles of Neural Science nun als großartiges “Production Assembly Network”. Aber auch hier passiert das nicht von selbst, sondern sollte aktiv in die Netzsysteme hinein organisiert werden. Dann ist die Frage, “wer geht hier voraus, wer ist hier ein Vorbild? Diese Informationen anderen Menschen bereitzustellen, damit sie produktiv in Regelkreisen arbeiten können.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Anschlüsse und Weiterleitungen</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Wenn wir hier von Netzmodulationen und Netzkonfigurationen reden, dann sind also gerade Netzkopplungen in Menschen und den Unternehmen relevant. Egal ob Gehirn-Musterräume, die zu Neuronen-Synapsen-Gliazellen-Informationsströmungen führen oder eben Assembly Networks in Unternehmen. Es geht bei den Organismen immer um Ankopplungen für Leben, Information und Ordnung. Noch besser wären neben Ankopplungen auch Weiterleitungen und Anschlussfähigkeiten. Sei es im Gehirn als Referenznetz, in Gruppen, Gremien oder in Organisationen. Die Biologie und unser Gehirn mit der Neurobiologie ist hierin ein großartiges Vorbild für musterentstehende Komplexitätsreduktionen. Komplexitätsreduktion über Musterbildung. Machen Sie das im Unternehmen schon?  Haben Sie die Personen, Prinzipien und Prozesse dazu? Wenn nicht, möchten Sie diese dann nicht innehaben und bei den Menschen und später den Maschinen einsetzen?</p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Interessant in dieser Kultur und Kontext ist hierbei auch der Unterschied von serieller und paralleler Verarbeitung vom Gehirn zum Körper bis zum Verhalten und Vorhersage. Kümmern wir uns um unseren Kopf und Körper, also der Neurowissenschaft, Genetik, Epigenetik und Immunologie, so geht es um vielfache Nerven-Netze und deren Prozesse und Systeme, die kaskadenartig gleichzeitig steuern und regeln. Und das mit permanent reverbierenden Rückwärts- und Vorwärtskopplungen. Ein Vergleich der Biologie gegenüber der Technologie wirkt dann oft primitiv und einfach, weil in Technik häufig seriell und additiv -und nicht wie im Kopf und Körper des Menschen parallel, selbstorganisiert und distributiv- gearbeitet wird. Was wir an Maschinen und Computern lieben, ist der zuverlässige Speicher und die zügigen Abtastraten in der Suche und Zusammenstellung von Technologie-Automationen.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Bionik und Kybernetik</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Die Disziplin und das Wissenschaftsfach, welches biologische Prozesse, Systeme und Strukturen immer wieder versuchte zu simulieren, nachzueifern und nachzubauen, nennt sich Bionik. Die Kybernetik hat in der Abgrenzung dazu die Aufgabe, die entsprechenden Regelkreise -ob in Menschen oder Maschinen- mit Feedback entsprechend zu regeln und zu steuern. Ähnlich wie dies Servo-Mechanismen, Flugabwehrsysteme, oder gar heute vermaschte Regelkreis-Raketensysteme übernehmen. Auch hier spielen Netzmuster selbst in der Technologie eine entscheidende Rolle. Es geht um Aktionen und Reaktionen, es geht um Fehlerkorrekturen und Latenz, ähnlich wie bei der Biologie und Physiologie.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Serielle und parallele Quanten-Formprozesse von Text und Bild im Geist des Menschen</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Lassen Sie uns einmal eine Prozessverarbeitung an einem Textbeispiel gegenüber eines Bildbeispiels anschauen. So liest der Mensch den Text eines Buches oder Website seriell und sequenziell aus. Das dauert seine Zeit. Beim Auslesen eines Bildes ist das ein zügig, weil parallel verlaufender Systemprozess. Einerseits arbeiten die Bilder bei uns im Kopf analog stufenlos, auto-assoziativ und auch autotroph. So z.B. auf den unterschiedlichen Blob-Bahnen. Andererseits deuten Vordenker wie Roger Penrose ein quantisiertes Denken an. Drittens wirken Bilder und Symbole über unsere Sprache, Kultur, Wirtschaft, Politik und Kontinente weit hinaus. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Passende Metapher-Bilder sind in der Tat zu Texten nicht immer einfach zu finden. </p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Referenzen in der Kunst</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Wo finden wir heute immer noch Schönheit in der Kunst? Wir finden sie z.B. bei einer Römischen Pieta Michelangelos oder Antonio Gaudi Sagrada Familia. Schauen Sie sich selbst die Werke dazu an.  Erzählende Bilder und lebendige Strukturen erzeugen in einzelnen Menschen, in Menschengruppen bis hin zu ganzen Gesellschaften massive Interferenzen und Stoffwechsel-Resonanzen. Das Wort Resonanz kommt dabei aus der Physik und kommt von “resonieren” (schwingen). Das heißt eine Geschichte kann schwingen und in uns Menschen weiter schwingen.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Der Name der Rose</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Ähnlich wie die Geschichte <em>Der Name der Rose </em>von Umberto Eco, die vernetzte Rose als Ikone und Rätsel im Netz-der-Netzsysteme! Durchdenken Sie bitte selbst eine vernetze Rose -mit ihren Blüten zum Licht und Himmel, mit den Stacheln gegen Feinde, und mit den Wurzeln überall hin -zu einem ganzheitlich verbundenen Meer der Rosen. </p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Geschichten, Geschichten, Geschichten</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Wir merken uns insbesondere dann Geschichten und Bilder als Symbole sehr gut, wenn sie für uns neu, kreativ und mit unserer eigenen Biografie zu tun haben. So kommen wir wieder zum Anfang von Goethes Zitaten und Hebbs Neuronen-Netzen als großen Arbeitskreis des Menschen.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Was soll all das bedeuten? Zwischen Wissenschaft, Technologie und Kunst existieren Musterräume. Netze und deren Stoffwechsel erschaffen, gestalten und erhalten modulierende Musterräume. Sei es in der Natur, der Natur des Menschen oder in Maschinen. Wir halten hier Gottes Schlüssel zum Schloss des Lebens in unseren Händen. </p> </td> </tr> </tbody> </div><p>Comment: Autor: G2G123: This is the type of content that stays useful over time. The structure, clarity, and focus make it a great resource to revisit.</p><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/drei-kreise-matrizen-2.jpg" /><h1>Arbeitskreise des Lebens - Metabolische Netze als Modulierende Musterräume des Menschen » Tensornetz » SciLogs</h1><h2>By Dominic Blitz</h2><div> <tbody> <tr> <td> <p>Arbeitskreise des Menschen: Die Beziehung zu sich, zu anderen Menschen und der Natur, erfährt der Mensch in seinen Kopf-Körper-Umwelt-Arbeitskreisen</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><em>Alles Gescheite ist schon gedacht worden, man muss nur versuchen, es noch einmal zu denken. Der Mensch ist nicht bloß ein denkendes, er ist zugleich ein empfindendes Wesen. Er ist ein Ganzes, eine Einheit vielfacher, innig verbundener Kräfte, und zu diesem Ganzen des Menschen muss das Kunstwerk sprechen: Wie Natur im Vielgebilde einen Gott nun offenbart, so im weiten Kunstgefilde webt ein Sinn der ewgen Art,</em> Wolfgang von Goethe, Natur-Forscher</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><em>Wenn ein Axon der Zelle A der Zelle B so nahe ist, dass es sie erregt, und wenn es sie wiederholt und ständig stimuliert, dann findet in einem oder beiden Fällen ein Wachstum und Stoffwechsel statt, wodurch sich das Potenzial von A als eine B stimulierende Zelle erhöht, Donald Hebb,</em> Neurowissenschaftler</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Die Mühlräder des Lebens</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Jeder von Ihnen hat sicherlich das Wort “Netz” schon einmal gehört und ist damit in Verbindung getreten. Seien es Spinnennetze, Fischernetze oder gar Moskitonetze. Wenn wir als Menschen Trauer oder Verlust eines anderen Menschen erleben, erfahren wir Trost in unseren sozialen Auffangnetzen von Familie und Freunden. Vor kurzem sah ich mir einen alten Agentenfilm, James Bond – 007 jagt Dr. No an. In diesem Film wurde ein Flugzeug samt Waffenbestückung Unterwasser unsichtbar geparkt. Raten Sie einmal, was man dem Jet als eine Tarnung überstülpte?<aside></aside></p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Die Welt der Netze</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Wir sehen Netze zudem als analoge und digitale Verbindungen zu uns, zu anderen Menschen und auch Dingen. So dienen Netze als Telefon- oder Computernetze als Kommunikation und Interfaces zu Maschinen, andererseits in modernen Netz-Organisationen sogar als Integrationsvehikel für Menschen. </p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Das Gehirn als kontinuierlicher Musterraum des Menschen</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Unser Gehirn vernetzt uns dabei ständig intern und extern als ein komplex modulierender Musterraum nicht nur beim menschlichen Verhalten, sondern auch zu Vorhersagen. Wir Menschen bauen so Weltmodelle zur kognitiven Weltprädiktion. Und das hat wiederum mit Netzen und auch deren Metabolismus (Stoffwechsel) zu tun, so z.B. in der Praxis, psycho-neuronal-immunologisch und auch hormonell. Das heißt biochemisch, elektrisch und biophysikalisch. Ob Freude oder Störungen der Epigenetik der Außenwelt, alles formt, prägt und graviert sich zellulär in uns ein. Das ist real und macht unsere Lebensqualität aus. Angst oder Freude. Leid oder Liebe. Auch Liebe ist eine Art Musterraum, in der Menschen gemeinsam modulieren und musizieren können.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Überall um uns herum Netze</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Ob Baye’sche Netze oder Boole’sche Funktionen; Ob Netzwerktheorie in den Beziehungen zu den Menschen oder bei Planungen im Projektmanagement der Netzplantechnik Mensch-Maschinen-Objektsteuerung. Wir nutzen Netze. Ob beim Einkauf und Versand von Ware gegen Geld nutzen wir Containernetze und globale Finanzmarktnetze. Ganz konkret am Bankautomaten auch Giralgeld Netze. Etwas speziellere Netze finden wir beim Schmidt’schen Netz in den Lagekugelmodellen von Geo-Datenmengen oder dem Wulff’schen Netzen stereoskopischer Projektionen.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Was macht eine interessante Geschichte aus?</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Vor Tagen war ich auf einer Krimi-Lesung und dachte an unser obiges Zitat von Donald Hebb aus seinem Werk The Organization of Behaviour. Und zwar in dem Sinne, dass es nicht nur auf die Geschichte ankommt, sondern wie spannend und erregend die Geschichte erzählt wird und auf uns wirkt!</p> </td> </tr> <tr> <td> <p>So ist sowohl der Inhalt als auch die Stärke der erzählten Geschichte auf unsere Wechselwirkungen der Nerventätigkeiten als ein Gesamtergebnis hochgradig relevant. Die Kreativität, die schöpferische Kraft, die sich mit entsprechenden Wirkungen gegenseitig aufschaukelt, ist hierbei ausschlaggebend. Sie hängt von den Fähigkeiten der Elemente, deren Eigenschaften und funktionierenden Faktoren ab!</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Was macht eine Interessante Organisation aus?</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Schauen wir auf Gleichungen in Organisationen, so hängt die Gesamtstärke eines Unternehmens und deren Thema an Personen, Prozessen und auch an Prinzipien (nicht Werten). Das ist wie bei Geschichten. Es ist abhängig von den Menschen; ihren Eigenschaften und der Funktionen der Elemente darin.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Ankopplung und Verkopplung</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Konsequenterweise kommen wir dann zu den Kopplungsfunktionen, die in Organismen und neuronalen Netzen von Gehirnen vonstattengehen und darin eine hochgradig entscheidende Rolle spielen. Es ist in der Biologie und Neurobiologie dann ähnlich wie in der einfachen Physik eines Eisenbahnwaggons oder Containers: Passiert diese Ankopplung des Neurons mit Synapsen oder eines Waggons oder Containers an der Bahn nicht, bleiben wir stehen, bleibt der Container mit seiner geladenen Fracht stecken. Es passiert nichts. Das Gegenteil von Ankopplung ist also Entkopplung, De-Coupling. De-Coupling führt zu Dekohärenz und Desintegration in Gruppen, Geschäften bis zu ganzen Gesellschaften. Koppeln sich die Waggons jedoch gegenseitig an, so kann eine ganze Bahnlinie, ein Bahnnetz entstehen. </p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Intelligence und Assembly Networks</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Reden wir von amerikanischen Wort Intelligence, so ist die Bedeutung dazu “Information”. So sitzt diese Information auch beim Menschen nicht in einer einzigen Zelle, auf der Zellebene, sondern die Information liegt zwischen den Zellen. Erst über eine Ankopplung kommt die Information in den Regelkreis. Nehmen wir einen Produktionsbetrieb, eine Fabrik, wobei ein Paket auf das Fließband als Format von Informationsübertragung, Informationsbereitstellung und Informationsverwandlung gestellt wird. Als ein Ensemble/Assembly (ähnlich wie Kandels Principles of Neural Science nun als großartiges “Production Assembly Network”. Aber auch hier passiert das nicht von selbst, sondern sollte aktiv in die Netzsysteme hinein organisiert werden. Dann ist die Frage, “wer geht hier voraus, wer ist hier ein Vorbild? Diese Informationen anderen Menschen bereitzustellen, damit sie produktiv in Regelkreisen arbeiten können.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Anschlüsse und Weiterleitungen</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Wenn wir hier von Netzmodulationen und Netzkonfigurationen reden, dann sind also gerade Netzkopplungen in Menschen und den Unternehmen relevant. Egal ob Gehirn-Musterräume, die zu Neuronen-Synapsen-Gliazellen-Informationsströmungen führen oder eben Assembly Networks in Unternehmen. Es geht bei den Organismen immer um Ankopplungen für Leben, Information und Ordnung. Noch besser wären neben Ankopplungen auch Weiterleitungen und Anschlussfähigkeiten. Sei es im Gehirn als Referenznetz, in Gruppen, Gremien oder in Organisationen. Die Biologie und unser Gehirn mit der Neurobiologie ist hierin ein großartiges Vorbild für musterentstehende Komplexitätsreduktionen. Komplexitätsreduktion über Musterbildung. Machen Sie das im Unternehmen schon?  Haben Sie die Personen, Prinzipien und Prozesse dazu? Wenn nicht, möchten Sie diese dann nicht innehaben und bei den Menschen und später den Maschinen einsetzen?</p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Interessant in dieser Kultur und Kontext ist hierbei auch der Unterschied von serieller und paralleler Verarbeitung vom Gehirn zum Körper bis zum Verhalten und Vorhersage. Kümmern wir uns um unseren Kopf und Körper, also der Neurowissenschaft, Genetik, Epigenetik und Immunologie, so geht es um vielfache Nerven-Netze und deren Prozesse und Systeme, die kaskadenartig gleichzeitig steuern und regeln. Und das mit permanent reverbierenden Rückwärts- und Vorwärtskopplungen. Ein Vergleich der Biologie gegenüber der Technologie wirkt dann oft primitiv und einfach, weil in Technik häufig seriell und additiv -und nicht wie im Kopf und Körper des Menschen parallel, selbstorganisiert und distributiv- gearbeitet wird. Was wir an Maschinen und Computern lieben, ist der zuverlässige Speicher und die zügigen Abtastraten in der Suche und Zusammenstellung von Technologie-Automationen.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Bionik und Kybernetik</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Die Disziplin und das Wissenschaftsfach, welches biologische Prozesse, Systeme und Strukturen immer wieder versuchte zu simulieren, nachzueifern und nachzubauen, nennt sich Bionik. Die Kybernetik hat in der Abgrenzung dazu die Aufgabe, die entsprechenden Regelkreise -ob in Menschen oder Maschinen- mit Feedback entsprechend zu regeln und zu steuern. Ähnlich wie dies Servo-Mechanismen, Flugabwehrsysteme, oder gar heute vermaschte Regelkreis-Raketensysteme übernehmen. Auch hier spielen Netzmuster selbst in der Technologie eine entscheidende Rolle. Es geht um Aktionen und Reaktionen, es geht um Fehlerkorrekturen und Latenz, ähnlich wie bei der Biologie und Physiologie.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Serielle und parallele Quanten-Formprozesse von Text und Bild im Geist des Menschen</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Lassen Sie uns einmal eine Prozessverarbeitung an einem Textbeispiel gegenüber eines Bildbeispiels anschauen. So liest der Mensch den Text eines Buches oder Website seriell und sequenziell aus. Das dauert seine Zeit. Beim Auslesen eines Bildes ist das ein zügig, weil parallel verlaufender Systemprozess. Einerseits arbeiten die Bilder bei uns im Kopf analog stufenlos, auto-assoziativ und auch autotroph. So z.B. auf den unterschiedlichen Blob-Bahnen. Andererseits deuten Vordenker wie Roger Penrose ein quantisiertes Denken an. Drittens wirken Bilder und Symbole über unsere Sprache, Kultur, Wirtschaft, Politik und Kontinente weit hinaus. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Passende Metapher-Bilder sind in der Tat zu Texten nicht immer einfach zu finden. </p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Referenzen in der Kunst</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Wo finden wir heute immer noch Schönheit in der Kunst? Wir finden sie z.B. bei einer Römischen Pieta Michelangelos oder Antonio Gaudi Sagrada Familia. Schauen Sie sich selbst die Werke dazu an.  Erzählende Bilder und lebendige Strukturen erzeugen in einzelnen Menschen, in Menschengruppen bis hin zu ganzen Gesellschaften massive Interferenzen und Stoffwechsel-Resonanzen. Das Wort Resonanz kommt dabei aus der Physik und kommt von “resonieren” (schwingen). Das heißt eine Geschichte kann schwingen und in uns Menschen weiter schwingen.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Der Name der Rose</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Ähnlich wie die Geschichte <em>Der Name der Rose </em>von Umberto Eco, die vernetzte Rose als Ikone und Rätsel im Netz-der-Netzsysteme! Durchdenken Sie bitte selbst eine vernetze Rose -mit ihren Blüten zum Licht und Himmel, mit den Stacheln gegen Feinde, und mit den Wurzeln überall hin -zu einem ganzheitlich verbundenen Meer der Rosen. </p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Geschichten, Geschichten, Geschichten</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Wir merken uns insbesondere dann Geschichten und Bilder als Symbole sehr gut, wenn sie für uns neu, kreativ und mit unserer eigenen Biografie zu tun haben. So kommen wir wieder zum Anfang von Goethes Zitaten und Hebbs Neuronen-Netzen als großen Arbeitskreis des Menschen.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Was soll all das bedeuten? Zwischen Wissenschaft, Technologie und Kunst existieren Musterräume. Netze und deren Stoffwechsel erschaffen, gestalten und erhalten modulierende Musterräume. Sei es in der Natur, der Natur des Menschen oder in Maschinen. Wir halten hier Gottes Schlüssel zum Schloss des Lebens in unseren Händen. </p> </td> </tr> </tbody> </div><p>Comment: Autor: G2G123: This is the type of content that stays useful over time. The structure, clarity, and focus make it a great resource to revisit.</p><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/die-arbeitskreise-des-lebens-metabolische-netze-als-modulierende-musterraeume-des-menschen/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>25 Jahre Berliner Chancen: Was lange währt, wird gut? https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/25-jahre-berliner-chancen/ https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/25-jahre-berliner-chancen/#respond Fri, 12 Dec 2025 08:27:50 +0000 René Krempkow https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/?p=1920 <h1>25 Jahre Berliner Chancen: Was lange währt, wird gut? » Über das Wissenschaftssystem » SciLogs</h1><h2>By René Krempkow</h2><div itemprop="text"> <p>Das Berliner Chancengleichheitsprogramm (BCP) fördert die Chancengleichheit für Frauen in Forschung und Lehre. Es hat sich seit seiner Einführung vor 25 Jahren durch den Berliner Senat zu einem wichtigen Steuerungsinstrument an den Berliner Hochschulen entwickelt. Genug Zeit also, um eine Bilanz zu ziehen und trotz oder auch gerade wegen der höchsten Frauenanteile an Professuren von allen Bundesländern und damit verbundener Vorreiterrolle über (Weiterentwicklungs-)Perspektiven nachzudenken. Unter dem dazu passenden Motto „Bilanz und Perspektiven“ wurden am 5.12.2025 bei der <a href="https://www.bcp-tagung.de/">Tagung an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) anlässlich des 25-jährigen Bestehens</a> die Ergebnisse einer Evaluation des BCP präsentiert sowie in Workshops, einer Podiumsdiskussion sowie in einem Ausblick auf die nächste Förderperiode über Weiterentwicklungen diskutiert.</p> <h2>Zeit, Bilanz zu ziehen </h2> <p>Welchen Stellenwert die Tagung hatte, wurde auch durch den Redebeitrag von Dr. Ina Czyborra deutlich, Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege, die aus gesundheitlichen Gründen durch Staatssekretär Henry Marx vertreten wurde. Highlights der Veranstaltung waren die Eröffnung der <a href="https://www.bmftr.bund.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/2025/09/1609-vernissage-versauemte-bilder.html">Ausstellung „Versäumte Bilder – Wissenschaftlerinnen und Pionierinnen sichtbar machen“ mit Bildern von Gesine Born</a> im Foyer des Hauptgebäudes der HU, die Vorstellung von BCP-geförderten Wissenschaftlerinnen und Künstlerinnen sowie die Prädikatsverleihung „Gleichstellungsstarke Hochschule“ durch Carolin Schumacher (BMFTR), Dr. Sandra Lewalter (SenASGIVA) und Dr. Julia Landgraf (SenWGP) an die HTW, die FU und die TU Berlin. Nachdenklich stimmte hierbei, dass Vertreter:innen der Hochschulen sich nicht nur für die Auszeichnung bedankten, sondern zugleich in Dankesreden deutlich auch auf Herausforderungen hinwiesen und vor Rückschritten warnten, gerade angesichts aktuell anstehender finanzieller Kürzungen.</p> <h2>Dank mit Warnungen</h2> <p>Dies kann man durchaus auch als eine Steilvorlage sehen, um auf die Ergebnisse der Evaluation des BCP und die daraus abgeleiteten Weiterentwicklungen zu sprechen zu kommen: Kurz zusammengefasst kann man aufgrund der Ergebnispräsentation durch Dr. Florian Berger, Fiona Bauer und Lisa-Marie Steinkampf (<a href="https://technopolis-group.com">Technopolis Group</a>) sagen: Die auf Befragungen der (ehemaligen) Geförderten, Interviews mit Hochschulangehörigen und Dokumentenanalysen basierenden Evaluationsergebnisse bekräftigen einerseits die im Unterschied zu anderen Bundesländern große Vielfalt der Förderansätze. Andererseits wird insbesondere eine stärkere Ausrichtung auf planbare Stellenformate (wie unbefristete Professuren oder zumindest mit Tenure Track) und eine stärkere strukturelle Verankerung empfohlen, sowie die weitere Stärkung der Vernetzungsmöglichkeiten der Geförderten.</p> <h2>Im Unterschied zu anderen Bundesländern große Vielfalt</h2> <p>Besonders interessant im Sinne einer Wirkungsanalyse ist angesichts der Ziele der Förderung bei gleichzeitig schwierigen Rahmenbedingungen auch der berufliche Verbleib der Geförderten: 60% der Geförderten sind zum Zeitpunkt der Befragung (Mitte 2025) in der Wissenschaft tätig, davon 40 Prozent auf einer Professur (d.h. 24% der Geförderten haben weitestgehende wissenschaftliche Unabhängigkeit erreicht). Der größere „Rest“ derjenigen die in der Wissenschaft blieben, ist im Wissenschaftsmanagement tätig, wie Berger auf Nachfrage aus dem Publikum erläuterte. Da <a href="https://www.researchgate.net/publication/375693111_Berufsfeld_Wissenschaftsmanagement">Angehörige des Wissenschaftsmanagements ganz überwiegend auf unbefristeten Stellen</a> arbeiten, kann dies ebenfalls als förderzieladäquat gelten – zumal sich bereits seit mehreren Jahren aufgrund der Arbeitsbedingungen nur noch eine Minderheit der <a href="https://buwik.de/">„Wissenschaftler:innen in frühen Karrierestufen“ in Deutschland</a> (WiK) insgesamt für einen Verbleib in der Akademia und von diesen (auch angesichts der geringen Erfolgswahrscheinlichkeit) nur eine Minderheit für die Professur entscheiden mag.</p> <h2>Nur eine Minderheit für einen Verbleib in der Akademia</h2> <p>Dies ist auch vor dem Hintergrund (im wahrsten Sinne des Wortes 😉) der diversen Zusammensetzung der Geförderten zu betrachten: Demnach ist Migrationshintergrund (1/3) unter den BCP-Geförderten häufiger als für WiK in Deutschland insgesamt (28%, leider nur für Promovierende und nicht für Postdocs u.ä. berichtet, sonst wäre der Unterschied wohl deutlicher angesichts einstelliger Anteile auf international besetzten Professuren), <a href="https://www.researchgate.net/publication/365714898_Welche_Chancen_haben_Migrantenkinder">was empirischen Studien zufolge einen Verbleib in der Akademia eher unwahrscheinlicher macht</a>. Bildungsherkunft Erstakademiker:in ist sogar deutlich häufiger (1/3) als in Deutschland insgesamt (16% der Promovierenden). Leider liegen bislang Zahlen für Geschlecht, Migration und Erstakademiker:innen nur jeweils separat und nur für Deutschland insgesamt, sowie nur bis zur Promotion vor. Für Berlin wie auch für Deutschland insgesamt liegen keine Zahlen dazu vor, welche Chancen nicht nur Frauen an sich, sondern in Kombination – also intersektional – betrachtet Frauen mit Erstakademiker:in- und/oder Migrationshintergrund auf eine Professur haben. Dies solle man aber künftig endlich wissen, wie in einem Publikumskommentar zur Podiumsdiskussion gefordert wurde.<aside></aside></p> <h2>Stärker intersektionale Betrachtung gefordert</h2> <p>Überhaupt wurden in der Podiumsdiskussion z.T. deutliche Worte gefunden, so u.a. von der Leiterin des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM), Prof. Dr. Naika Foroutan, die nicht nur ein künftig stärkeres Augenmerk auf eine intersektionale Betrachtung forderte. Vielmehr forderte sie dies auch für die z.T. vorhandenen weiteren Ausschlussmechanismen wie z.B. für die im Schnitt deutlich schlechtere schulische Leistungsbewertungen erreichenden Jungen, angesichts von z.B. für ein Psychologiestudium vielerorts geforderten 1,0-Abiturnoten. Ähnlich argumentierte hierzu Dr. Arn Sauer, Vorstand der Bundestiftung Gleichstellung, der auch ein stärkeres Augenmerk auf Frauen mir (körperlichen) Einschränkungen forderte.</p> <h2>Perspektiven des BCP</h2> <p>Was sind aber nun die Perspektiven des BCP? Im Ausblick auf die künftige Förderung wurde durch Micha Klapp, Staatsekretärin für Arbeit und Gleichstellung, dies – wenngleich die Planung der neuen Förderperiode „besonders herausfordernd“ sei – zumindest grob umrissen: Demnach sei insbesondere die beabsichtigte Gegenfinanzierung für vorgezogene Neuberufungen auch ab 2027 sichergestellt. Die befristeten Professuren sollen als „im Regelfall mit Tenure Track etabliert“ werden, es sollen „kooperative Promotionen an HAW mit Universitäten außerhalb Berlins bei der Förderung berücksichtigt“ werden und last but not least: „Intersektionalität soll künftig eine bedeutsame Rolle spielen“, wobei „auch weiterhin die strukturellen Benachteiligungen der Frauen im Vordergrund stehen werden“.</p> <h2>Fazit</h2> <p>Insgesamt kann dies daher nicht nur als eine gelungene Tagung mit spannenden Diskussionen gelten, sondern zugleich als ein Beispiel dafür, wie – im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten – Evaluationsergebnisse bei der empirisch informierten Planung einer neuen Förderperiode berücksichtigt werden können.</p> <p>Weitere Infos zur Tagung finden sich auf der <a href="https://www.bcp-tagung.de/">Tagungswebsite</a>, zum BCP auf der <a href="https://www.berlin.de/sen/frauen/arbeit/wissenschaft-und-forschung/berliner-programm/">BCP-Webseite</a>.</p> <p>________________</p> <p>Transparenzhinweis: Der Verfasser wirkte als Mitglied des Expert:innenbeirats zur Evaluation des BCP an der Konzeption der Evaluation mit, war jedoch an der Erstellung des Evaluationsberichtes nicht beteiligt. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>25 Jahre Berliner Chancen: Was lange währt, wird gut? » Über das Wissenschaftssystem » SciLogs</h1><h2>By René Krempkow</h2><div itemprop="text"> <p>Das Berliner Chancengleichheitsprogramm (BCP) fördert die Chancengleichheit für Frauen in Forschung und Lehre. Es hat sich seit seiner Einführung vor 25 Jahren durch den Berliner Senat zu einem wichtigen Steuerungsinstrument an den Berliner Hochschulen entwickelt. Genug Zeit also, um eine Bilanz zu ziehen und trotz oder auch gerade wegen der höchsten Frauenanteile an Professuren von allen Bundesländern und damit verbundener Vorreiterrolle über (Weiterentwicklungs-)Perspektiven nachzudenken. Unter dem dazu passenden Motto „Bilanz und Perspektiven“ wurden am 5.12.2025 bei der <a href="https://www.bcp-tagung.de/">Tagung an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) anlässlich des 25-jährigen Bestehens</a> die Ergebnisse einer Evaluation des BCP präsentiert sowie in Workshops, einer Podiumsdiskussion sowie in einem Ausblick auf die nächste Förderperiode über Weiterentwicklungen diskutiert.</p> <h2>Zeit, Bilanz zu ziehen </h2> <p>Welchen Stellenwert die Tagung hatte, wurde auch durch den Redebeitrag von Dr. Ina Czyborra deutlich, Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege, die aus gesundheitlichen Gründen durch Staatssekretär Henry Marx vertreten wurde. Highlights der Veranstaltung waren die Eröffnung der <a href="https://www.bmftr.bund.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/2025/09/1609-vernissage-versauemte-bilder.html">Ausstellung „Versäumte Bilder – Wissenschaftlerinnen und Pionierinnen sichtbar machen“ mit Bildern von Gesine Born</a> im Foyer des Hauptgebäudes der HU, die Vorstellung von BCP-geförderten Wissenschaftlerinnen und Künstlerinnen sowie die Prädikatsverleihung „Gleichstellungsstarke Hochschule“ durch Carolin Schumacher (BMFTR), Dr. Sandra Lewalter (SenASGIVA) und Dr. Julia Landgraf (SenWGP) an die HTW, die FU und die TU Berlin. Nachdenklich stimmte hierbei, dass Vertreter:innen der Hochschulen sich nicht nur für die Auszeichnung bedankten, sondern zugleich in Dankesreden deutlich auch auf Herausforderungen hinwiesen und vor Rückschritten warnten, gerade angesichts aktuell anstehender finanzieller Kürzungen.</p> <h2>Dank mit Warnungen</h2> <p>Dies kann man durchaus auch als eine Steilvorlage sehen, um auf die Ergebnisse der Evaluation des BCP und die daraus abgeleiteten Weiterentwicklungen zu sprechen zu kommen: Kurz zusammengefasst kann man aufgrund der Ergebnispräsentation durch Dr. Florian Berger, Fiona Bauer und Lisa-Marie Steinkampf (<a href="https://technopolis-group.com">Technopolis Group</a>) sagen: Die auf Befragungen der (ehemaligen) Geförderten, Interviews mit Hochschulangehörigen und Dokumentenanalysen basierenden Evaluationsergebnisse bekräftigen einerseits die im Unterschied zu anderen Bundesländern große Vielfalt der Förderansätze. Andererseits wird insbesondere eine stärkere Ausrichtung auf planbare Stellenformate (wie unbefristete Professuren oder zumindest mit Tenure Track) und eine stärkere strukturelle Verankerung empfohlen, sowie die weitere Stärkung der Vernetzungsmöglichkeiten der Geförderten.</p> <h2>Im Unterschied zu anderen Bundesländern große Vielfalt</h2> <p>Besonders interessant im Sinne einer Wirkungsanalyse ist angesichts der Ziele der Förderung bei gleichzeitig schwierigen Rahmenbedingungen auch der berufliche Verbleib der Geförderten: 60% der Geförderten sind zum Zeitpunkt der Befragung (Mitte 2025) in der Wissenschaft tätig, davon 40 Prozent auf einer Professur (d.h. 24% der Geförderten haben weitestgehende wissenschaftliche Unabhängigkeit erreicht). Der größere „Rest“ derjenigen die in der Wissenschaft blieben, ist im Wissenschaftsmanagement tätig, wie Berger auf Nachfrage aus dem Publikum erläuterte. Da <a href="https://www.researchgate.net/publication/375693111_Berufsfeld_Wissenschaftsmanagement">Angehörige des Wissenschaftsmanagements ganz überwiegend auf unbefristeten Stellen</a> arbeiten, kann dies ebenfalls als förderzieladäquat gelten – zumal sich bereits seit mehreren Jahren aufgrund der Arbeitsbedingungen nur noch eine Minderheit der <a href="https://buwik.de/">„Wissenschaftler:innen in frühen Karrierestufen“ in Deutschland</a> (WiK) insgesamt für einen Verbleib in der Akademia und von diesen (auch angesichts der geringen Erfolgswahrscheinlichkeit) nur eine Minderheit für die Professur entscheiden mag.</p> <h2>Nur eine Minderheit für einen Verbleib in der Akademia</h2> <p>Dies ist auch vor dem Hintergrund (im wahrsten Sinne des Wortes 😉) der diversen Zusammensetzung der Geförderten zu betrachten: Demnach ist Migrationshintergrund (1/3) unter den BCP-Geförderten häufiger als für WiK in Deutschland insgesamt (28%, leider nur für Promovierende und nicht für Postdocs u.ä. berichtet, sonst wäre der Unterschied wohl deutlicher angesichts einstelliger Anteile auf international besetzten Professuren), <a href="https://www.researchgate.net/publication/365714898_Welche_Chancen_haben_Migrantenkinder">was empirischen Studien zufolge einen Verbleib in der Akademia eher unwahrscheinlicher macht</a>. Bildungsherkunft Erstakademiker:in ist sogar deutlich häufiger (1/3) als in Deutschland insgesamt (16% der Promovierenden). Leider liegen bislang Zahlen für Geschlecht, Migration und Erstakademiker:innen nur jeweils separat und nur für Deutschland insgesamt, sowie nur bis zur Promotion vor. Für Berlin wie auch für Deutschland insgesamt liegen keine Zahlen dazu vor, welche Chancen nicht nur Frauen an sich, sondern in Kombination – also intersektional – betrachtet Frauen mit Erstakademiker:in- und/oder Migrationshintergrund auf eine Professur haben. Dies solle man aber künftig endlich wissen, wie in einem Publikumskommentar zur Podiumsdiskussion gefordert wurde.<aside></aside></p> <h2>Stärker intersektionale Betrachtung gefordert</h2> <p>Überhaupt wurden in der Podiumsdiskussion z.T. deutliche Worte gefunden, so u.a. von der Leiterin des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM), Prof. Dr. Naika Foroutan, die nicht nur ein künftig stärkeres Augenmerk auf eine intersektionale Betrachtung forderte. Vielmehr forderte sie dies auch für die z.T. vorhandenen weiteren Ausschlussmechanismen wie z.B. für die im Schnitt deutlich schlechtere schulische Leistungsbewertungen erreichenden Jungen, angesichts von z.B. für ein Psychologiestudium vielerorts geforderten 1,0-Abiturnoten. Ähnlich argumentierte hierzu Dr. Arn Sauer, Vorstand der Bundestiftung Gleichstellung, der auch ein stärkeres Augenmerk auf Frauen mir (körperlichen) Einschränkungen forderte.</p> <h2>Perspektiven des BCP</h2> <p>Was sind aber nun die Perspektiven des BCP? Im Ausblick auf die künftige Förderung wurde durch Micha Klapp, Staatsekretärin für Arbeit und Gleichstellung, dies – wenngleich die Planung der neuen Förderperiode „besonders herausfordernd“ sei – zumindest grob umrissen: Demnach sei insbesondere die beabsichtigte Gegenfinanzierung für vorgezogene Neuberufungen auch ab 2027 sichergestellt. Die befristeten Professuren sollen als „im Regelfall mit Tenure Track etabliert“ werden, es sollen „kooperative Promotionen an HAW mit Universitäten außerhalb Berlins bei der Förderung berücksichtigt“ werden und last but not least: „Intersektionalität soll künftig eine bedeutsame Rolle spielen“, wobei „auch weiterhin die strukturellen Benachteiligungen der Frauen im Vordergrund stehen werden“.</p> <h2>Fazit</h2> <p>Insgesamt kann dies daher nicht nur als eine gelungene Tagung mit spannenden Diskussionen gelten, sondern zugleich als ein Beispiel dafür, wie – im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten – Evaluationsergebnisse bei der empirisch informierten Planung einer neuen Förderperiode berücksichtigt werden können.</p> <p>Weitere Infos zur Tagung finden sich auf der <a href="https://www.bcp-tagung.de/">Tagungswebsite</a>, zum BCP auf der <a href="https://www.berlin.de/sen/frauen/arbeit/wissenschaft-und-forschung/berliner-programm/">BCP-Webseite</a>.</p> <p>________________</p> <p>Transparenzhinweis: Der Verfasser wirkte als Mitglied des Expert:innenbeirats zur Evaluation des BCP an der Konzeption der Evaluation mit, war jedoch an der Erstellung des Evaluationsberichtes nicht beteiligt. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/25-jahre-berliner-chancen/#respond 0 Cassiopeia https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/cassiopeia/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/cassiopeia/#comments Fri, 12 Dec 2025 07:46:00 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12338 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-768x768.jpg Info Karte der IAU https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/cassiopeia/ <h1>Cassiopeia » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Mit der Benennung des mittleren Sterns im “W” der hellsten Sterne der Cassiopeia ist die Benennung nun komplett: alle fünf hellen Sterne haben einen offiziellen IAU-Namen. </p> <p>Die Arbeitsgruppe Sternnamen (WGSN) der Internationalen Astronomischen Union hat gerade dieses hübsche Bild auf ihren Kanälen der sozialen Medien gepostet, das das Multikulti am globalen Sternhimmel zu visualisieren versucht:  </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1.jpg 1968w" width="1024"></img></a></figure> <p>Der Name des Sternbilds wurde 1922 in der latinisierten Version standardisiert (statt griechisch “Kassiepeia” nun offiziell “Cassiopeia”). </p> <p><strong>Untere Sterne des “W”s.</strong></p> <p>Für Brust- und Knie-Stern (alpha und delta Cas) dieser Königin wurden Sternnamen standardisiert, die Kurzformen der arabischen Übersetzung griechischer Positionsbeschreibungen sind. <aside></aside></p> <p><strong>Obere Sterne des “W”s. </strong></p> <p>Der Stern rechts oben im “W” (beta Cas) erhielt einen indigenen arabischen Namen “Hand” eines Sternbilds der Beduinen, das in Vergessenheit geriet, nachdem der griechische Almagest übersetzt worden war.  </p> <p>Der mittlere Stern im “W” (gamma Cas) erhielt einen chinesischen Namen, der an ein uraltes historisches Sternbild im Reich der Mitte erinnert: die <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/himmlische-quadriga/">Quadriga</a> von Wangliang.</p> <p>Der Stern links oben im “W” (epsilon Cas) hat einen Namen, dessen Herkunft unklar ist: man weiß nur, dass er zuerst in einem tschechischen Stern-Atlas von 1950 auftauchte, aber nicht, woher der Autor diesen Namen hat. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Cassiopeia » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Mit der Benennung des mittleren Sterns im “W” der hellsten Sterne der Cassiopeia ist die Benennung nun komplett: alle fünf hellen Sterne haben einen offiziellen IAU-Namen. </p> <p>Die Arbeitsgruppe Sternnamen (WGSN) der Internationalen Astronomischen Union hat gerade dieses hübsche Bild auf ihren Kanälen der sozialen Medien gepostet, das das Multikulti am globalen Sternhimmel zu visualisieren versucht:  </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1.jpg 1968w" width="1024"></img></a></figure> <p>Der Name des Sternbilds wurde 1922 in der latinisierten Version standardisiert (statt griechisch “Kassiepeia” nun offiziell “Cassiopeia”). </p> <p><strong>Untere Sterne des “W”s.</strong></p> <p>Für Brust- und Knie-Stern (alpha und delta Cas) dieser Königin wurden Sternnamen standardisiert, die Kurzformen der arabischen Übersetzung griechischer Positionsbeschreibungen sind. <aside></aside></p> <p><strong>Obere Sterne des “W”s. </strong></p> <p>Der Stern rechts oben im “W” (beta Cas) erhielt einen indigenen arabischen Namen “Hand” eines Sternbilds der Beduinen, das in Vergessenheit geriet, nachdem der griechische Almagest übersetzt worden war.  </p> <p>Der mittlere Stern im “W” (gamma Cas) erhielt einen chinesischen Namen, der an ein uraltes historisches Sternbild im Reich der Mitte erinnert: die <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/himmlische-quadriga/">Quadriga</a> von Wangliang.</p> <p>Der Stern links oben im “W” (epsilon Cas) hat einen Namen, dessen Herkunft unklar ist: man weiß nur, dass er zuerst in einem tschechischen Stern-Atlas von 1950 auftauchte, aber nicht, woher der Autor diesen Namen hat. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/cassiopeia/#comments 2 Lichtspiele am Himmel https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lichtspiele-am-himmel/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lichtspiele-am-himmel/#respond Wed, 10 Dec 2025 21:59:41 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12350 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-768x576.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lichtspiele-am-himmel/</link> </image> <description type="html"><h1>Lichtspiele am Himmel » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Merkur im größten Glanz am Morgenhimmel: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Der Planet ist das Lichtpünktchen in dem c-förmigen Bogen einer dunklen Wolke in der Morgendämmerung.</figcaption></figure> <p>Am Vorabend dieses Morgens hatte der Himmel allerdings mit Cirrus-Wolken gespielt und einen Mond-Halo mit Nebenmond gezaubert.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p>… und StarLink gab auch eine Show ab. ….</p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Lichtspiele am Himmel » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Merkur im größten Glanz am Morgenhimmel: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Der Planet ist das Lichtpünktchen in dem c-förmigen Bogen einer dunklen Wolke in der Morgendämmerung.</figcaption></figure> <p>Am Vorabend dieses Morgens hatte der Himmel allerdings mit Cirrus-Wolken gespielt und einen Mond-Halo mit Nebenmond gezaubert.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p>… und StarLink gab auch eine Show ab. ….</p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lichtspiele-am-himmel/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Rechtsmimesis & Widerstand – Ein Foto-Mem zur deutschen Geschichte https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/rechtsmimesis-widerstand-ein-foto-mem-zur-deutschen-geschichte/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/rechtsmimesis-widerstand-ein-foto-mem-zur-deutschen-geschichte/#comments Wed, 10 Dec 2025 18:19:33 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=10806 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SeidieserMannMemeBlume2025.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/rechtsmimesis-widerstand-ein-foto-mem-zur-deutschen-geschichte/</link> </image> <description type="html"><h1>Rechtsmimesis & Widerstand - Ein deutsches Foto-Meme</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Das Foto zeigt eine aufgepeitschte Masse von Männern, die fanatisiert den Hitlergruß zeigen. Doch ein einzelner Mann verweigert sich mit verschränkten Armen der Rechtsmimesis – der rechtsdualistischen Nachahmung von Verhalten und Zielen. Als <strong>“Be this Man”-Meme</strong>, deutsch: <strong>“Sei dieser Mensch!”-Mem</strong>, hat sich dieser Moment weltweit über das Internet verbreitet, ist “viral gegangen”.</p> <p><a href="https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2025/10-2025/medien-und-mimesis-journalismus-in-zeiten-digitaler-aufmerksamkeitsoekonomie/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Mann steht mit verschränkten Armen in einer Menge Heil-Hitler-grüßender Männer. Darüber steht in weißer Schrift &quot;Sei dieser Mensch&quot;-Mem und darunter August Landmesser Wegert." decoding="async" height="430" sizes="(max-width: 496px) 100vw, 496px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SeidieserMannMemeBlume2025.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SeidieserMannMemeBlume2025.jpg 496w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SeidieserMannMemeBlume2025-300x260.jpg 300w" width="496"></img></a></p> <p><em>Das “Be this Man”-Meme soll auf August Landmesser oder Gustav Wegert zurückgehen. Mem-Gestaltung hier: Michael Blume</em></p> <p>Die meisten Fachleute vermuten, dass es sich um das zeitweise NS-Mitglied <strong>August Landmesser </strong>(1910 – 1944) handelt, der später als Mitglied der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Strafdivision_999"><em>“Strafdivision 999”</em></a> auf dem Balkan fiel. Grund für seinen späteren Widerstand gegen den NS und seine Verhaftung war die Verlobung mit der Hamburger Jüdin <strong>Irma Eckler</strong> (1913 – 1942), die 1942 wahrscheinlich in der sog. <a href="https://gedenkstaette-bernburg.sachsen-anhalt.de/"><em>“Euthanasie”</em>-Anstalt <strong>Bernburg</strong></a> ermordet wurde. Andere halten den Schlosser <strong>Gustav Wegert</strong> (1890 – 1959) für den Abgebildeten, der sich aus christlicher Überzeugung dem Nationalsozialismus verweigert habe.</p> <p>Den <a href="https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2025/10-2025/medien-und-mimesis-journalismus-in-zeiten-digitaler-aufmerksamkeitsoekonomie/">Begriff der <em>“Memes”</em> bildete der Evolutionsbiologe <strong>Richard Dawkins</strong> aus dem griechischen <em>“Mimesis”</em> (Nachahmung von Zielen) und <em>“Genes”</em> (Gene)</a>. Soziale und mediale Einflüsse bestimmen unser Denken und Verhalten nicht völlig, aber prägen es sehr stark. Der Mut des Mannes mit den verschränkten Armen ist für uns alle sichtbar, weil wir selber die Erfahrung gemacht haben, wie es sich anfühlt, gegen eine mimetisch gerichtete Mehrheit zu stehen. Oder aber: weil wir es nie gewagt haben, in dieses Risiko zu gehen.<aside></aside></p> <p>Der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/ist-dummheit-gefaehrlicher-als-bosheit-dietrich-bonhoeffer-1906-1945-hatte-recht/">vom NS hingerichtete, evangelische Märtyrer <strong>Dietrich Bonhoeffer</strong> (1906 – 1945) nannte diese Verleugnung der Machtverhältnisse “Dummheit” und unterschied diese von der “Bosheit”</a>. Denn ein echter Widerstand gegen feindselig-dualistische Mimesis bedeutet gerade nicht, immer nur “gegen die Mehrheit” zu sein. Sondern es bedeutet den Mut, auch die je eigene Blase zu hinterfragen – und sich nötigenfalls an die Seite der Abgewerteten, Angegriffenen zu stellen.</p> <p>Bereits <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/kartenliebe-das-scheitern-digitaler-rechtsmimesis-am-beispiel-grossbritannien/">im Oktober hatte ich daher gebloggt</a>:</p> <p><strong>Rechtsmimesis </strong>bedeutet, dass <em>die Nachahmung von Feindbild-Erzählungen gegen Migranten und deren Nachkommen, gegen Bildung &amp; Wissenschaften, gegen Feministinnen, Juden, gegen Arme, Kranke, gegen andere Völker und Religionen immer und immer wieder den feindseligen <strong>Rechtsdualismus</strong> verstärken</em> wird. Rechtspopulistische, rechtsextreme, rechtsdualistische Parteien werden dadurch in den Augen der Öffentlichkeit mimetisch bestätigt und gestärkt, nicht geschwächt. Wer als Demokrat oder Demokratin weiterhin auf Rechtsmimesis setzt, ist entweder ignorant oder hat bereits innerlich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/menschenbilder-stadtbilder-verletzungen-die-sprachmacht-deutscher-komposita/">die Idee der Menschenwürde</a> aufgegeben.</p> <p><em><strong>Rechtsmimesis befeuert Rechtsdualismus.</strong></em><span> Immer &amp; immer wieder.</span></p> <p><strong>Wann beginnt die Rechtsmimesis</strong></p> <p>In den letzten beiden Tagen besuchte ich <a href="https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/mannheim/fachgespraech-juedisches-leben-in-mannheim-100.html">mit Mitarbeitenden <strong>die jüdische Gemeinde zu Mannheim</strong></a> und den <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115689237811722415">(auch bereits auf Mastodon präsenten) <strong>“Euthanasie”-Gedenkort Grafeneck</strong></a>. Und immerhin bestätigte eine <a href="https://www.kas.de/de/einzeltitel/-/content/einwanderungsgesellschaft-im-wandel">Einstellungen-Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS)</a>, dass wir Fachleute nicht alleine mit den Sorgen sind: Knapp drei Viertel (74 Prozent) der Deutschen ohne familiäre Einwanderungsgeschichte bejahten die Aussage <em>“Der Rechtsextremismus in Deutschland macht mir Angst”.</em> 46 Prozent stimmten ihr <em>“völlig”</em> und 28 Prozent <em>“eher”</em> zu. Bei den Deutschen mit Migrationshintergrund waren es 66 Prozent, bei den in Deutschland lebenden Ausländern 55 Prozent – was für mich ein starker Hinweis darauf ist, dass historische und politische Bildung in deutscher Geschichte eine tatsächliche und auch warnende Wirkung hat.</p> <p>So hatte ich schon öfter vermutet, dass das ableistische NS-Plakat nicht zufällig einen “arischen” Arbeiter zeigte, der zwei als minderwertig gekennzeichnete Menschen auf seinen Schultern trug. War hier bewusst der jüdische Jesus am Kreuz ersetzt worden?</p> <p><a href="https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2025/10-2025/medien-und-mimesis-journalismus-in-zeiten-digitaler-aufmerksamkeitsoekonomie/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="&quot;Hier trägst Du mit&quot;-Propagandaplakat der deutschen Nationalsozialisten von 1936. Gezeigt wird ein gebeugter, &quot;arischer&quot; Arbeiter, der zwei rassistisch und ableistisch gezeichnete Personen auf einem Kreuzbalken trägt. Unter der Überschrift steht: &quot;Ein Erbkranker kostet bis zur Erreichung des 60. Lebensjahres im Durchschnitt 50.000 RM.&quot; (Reichsmark)" decoding="async" height="2560" sizes="(max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></a></p> <p><em>“Hier trägst Du mit”-Propagandaplakat der deutschen Nationalsozialisten von 1936 <a href="https://sueden.social/@gedenkstaette_grafeneck@weremember.social">im Dokumentationszentrum der “Euthanasie”-Gedenkstätte Grafeneck</a>. Foto: Michael Blume </em></p> <p>Diese Frage wurde mir nun beantwortet, denn in Grafeneck wird zu dieser Darstellung ein Text aus der SS-Wochenzeitschrift <em>“Das Schwarze Korps”</em> von 1937 zitiert: <em>“Man müsste ein Gesetz schaffen, das der Natur zu ihrem Recht verhilft. Die Natur würde dieses lebensunfähige Geschöpf verhungern lassen. Wir dürfen humaner sein und ihm einen schmerzlosen Gnadentod bereiten…</em></p> <p><em>Aus dem Bibelspruch Matthäus 5 ‘Selig sind die am Geiste Armen’ wird kein vernünftiger Mensch irdische Rechte der Idioten ableiten, die anderen hat niemand bestritten. Ihrer mag das Himmelreich sein.”</em></p> <p>So wurden also die ersten Massenmorde an “Euthanasie”-Opfern – wie psychisch Erkrankter und auch traumatisierter Veteranen des Ersten Weltkrieges – vorbereitet und in der sog. “T4”-Aktion gegen noch geltendes Recht im NS-Reich durchgeführt. Noch gab es vereinzelte Proteste aus den Kirchen, so <a href="https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/texte/599.html">die mutige Predigt des Münsteraner Bischofs <strong>Clemens Graf von Galen</strong> (1878 – 1946) gegen jede <em>“Euthanasie”</em></a>. Wenige Sätze seien daraus hier zitiert:</p> <p><em>“Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, dass man den unproduktiven Mitmenschen töten darf, dann wehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden! Wenn man die unproduktiven Mitmenschen töten darf, dann wehe den Invaliden, die im Produktionsprozess ihre Kraft, ihre gesunden Knochen eingesetzt, geopfert und eingebüsst haben! Wenn man die unproduktiven Mitmenschen gewaltsam beseitigen darf, dann wehe unseren braven Soldaten, die als schwer Kriegsverletzte, als Krüppel, als Invalide in die Heimat zurückkehren. […]</em></p> <p><em>Dann ist keiner von uns seines Lebens mehr sicher. […]</em></p> <p><em>Christen von Münster! Hat der Sohn Gottes in seiner Allwissenheit damals nur Jerusalem und sein Volk gesehen? Hat er nur über Jerusalem geweint? Ist das Volk Israel das einzige Volk, das Gott mit Vatersorge und Mutterliebe umgeben, beschützt, an sich gezogen hat? Und das nicht gewollt hat? Das Gottes Wahrheit abgelehnt, Gottes Gesetz von sich geworfen und so sich ins Verderben gestürzt hat? Hat Jesus, der allwissende Gott, damals auch unser deutsches Volk geschaut, auch unser Westfalenland, unser Münsterland, den Niederrhein? Und hat er auch über uns geweint? Über Münster geweint? Seit tausend Jahren hat er unsere Vorfahren und uns mit seiner Wahrheit belehrt, mit selbem Gesetz geleitet, mit seiner Gnade genährt, uns gesammelt wie die Henne ihre Küchlein unter ihre Flügel sammelt. Hat der allwissende Sohn Gottes damals gesehen, dass er in unserer Zeit auch über uns das Urteil sprechen muss: «Du hast nicht gewollt! Seht, euer Haus wird euch verwüstet werden!» Wie furchtbar wäre das!”</em></p> <p>Es wurde so furchtbar, auch Münster <em>“verwüstet”</em>. Und doch bekam es eine weitere Chance und durfte neu erblühen, auch mit dem von mir <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/rok-zitate-von-hans-blumenberg-lars-fischer-karl-popper-und-agnes-heller/">so geschätzten Philosophen <strong>Hans Blumenberg</strong> (1920 – 1996)</a>.</p> <p>Und heute? Erhebt sich in der digital befeuerten <strong>“Enge der Zeit”</strong> die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-hand-des-feindseligen-dualismus-was-antisemitismus-rassismus-und-sexismus-verbindet/">zur Faust geballte Hand des feindseligen Dualismus weltweit</a> und wieder auch in Deutschland.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-hand-des-feindseligen-dualismus-was-antisemitismus-rassismus-und-sexismus-verbindet/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Eine symbolische Darstellung des feindseligen Dualismus als Handfläche, von dem die Finger der Polarisierung, des Antiziganismus, des Sexismus, des Antisemitismus sowie des Rassismus und Ableismus ausgehen." decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Hand_des_feindseligen_Dualismus_Michael_Blume_LeonardoAI.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Hand_des_feindseligen_Dualismus_Michael_Blume_LeonardoAI.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Hand_des_feindseligen_Dualismus_Michael_Blume_LeonardoAI-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Hand_des_feindseligen_Dualismus_Michael_Blume_LeonardoAI-150x150.jpg 150w" width="768"></img></a></p> <p><em>Der psychologische Hang zum Freund-Feind-Dualismus und damit zur “Hetze” bildet die Grundlage aller Varianten der sog. gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. Bild: Michael Blume mit Leonardo.ai </em></p> <p>Ich halte weiterhin daran fest: <strong>Geschichte reimt sich, aber wiederholt sich nicht.</strong></p> <p>Die Bundesrepublik ist nicht die Weimarer Republik, der fossile Faschismus nicht der historische Nationalsozialismus und der rechtslibertäre Sozialdarwinismus nicht die SS. Auch tragen wir Heutigen – völlig unabhängig von unserer Herkunft oder auch Staatsangehörigkeit – keine “Schuld” an den Verbrechen der Nazis. Doch wir haben eine Verantwortung aus der Geschichte zu lernen, der Rechtsmimesis rechtzeitig zu widerstehen.</p> <p>Es soll Dir nicht egal sein, wenn <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115690234596260013">aus dem heutigen <strong>Deutschland</strong> eine alleinerziehende Mutter mit ihren zwei Kindern (sieben &amp; elf Jahre) nach sieben Jahren Aufenthalt und Schulbesuch aus Deutschland nach <strong>Nigeria</strong> abgeschoben</a> wird. Wer dafür verantwortlich ist, hat nach meiner Einschätzung die Botschaft von Weihnachten nicht verstanden.</p> <p>Es sollte Dich beunruhigen, wenn es selbst <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/konkurrenz-konkordanz-oder-konsensdemokratie-meine-heutige-duale-rede-bei-der-stiftung-weltethos-uni-tuebingen/#comment-190778">der SPD-Bundestagsabgeordnete und Menschenrechtsbeauftragte <strong>Lars Castelluci </strong>nicht mehr wagt, gegen den deutschen Verrat an afghanischen Verfolgten zu stimmen</a>. Der <a href="https://www.youtube.com/watch?v=BeGhV302gR4">Artikel 38 unseres Grundgesetzes sollte genau solchen eigentlich mutigen Abgeordneten den Rücken stärken</a>.</p> <p>Ich bin mir der Konsequenzen auch aufgrund eigener Erfahrungen durchaus bewusst, was es bedeutet, gegen die Rechtsmimesis mitmenschlich zu bleiben.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=XnZND63B3Pc"><em><strong>“Sei ein Mensch!” </strong></em>hatte <strong>Marcel Reif </strong>in unserem deutschen Bundestag gesagt.</a></p> <p>Politik und Medien versagen bereits vielfach, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/konkurrenz-konkordanz-oder-konsensdemokratie-meine-heutige-duale-rede-bei-der-stiftung-weltethos-uni-tuebingen/">wagen zu wenig Grundgesetz</a>. Es ist also leider wieder Zeit, <em><strong>gegen den fossilistischen und mimetischen Hass für die Menschenwürde</strong></em> einzustehen.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/BeGhV302gR4?feature=oembed&amp;rel=0" title="&quot;Mehr Grundgesetz wagen!&quot; - Demokratie als Bauplan von Dr. Michael Blume" width="666"></iframe> </p></figure> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/StFjho7P-1Q?feature=oembed&amp;rel=0" title="Berlin &amp; Babylon. Wie der fossile Faschismus &amp; Antisemitismus Hitler an die Macht brachten" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Rechtsmimesis & Widerstand - Ein deutsches Foto-Meme</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Das Foto zeigt eine aufgepeitschte Masse von Männern, die fanatisiert den Hitlergruß zeigen. Doch ein einzelner Mann verweigert sich mit verschränkten Armen der Rechtsmimesis – der rechtsdualistischen Nachahmung von Verhalten und Zielen. Als <strong>“Be this Man”-Meme</strong>, deutsch: <strong>“Sei dieser Mensch!”-Mem</strong>, hat sich dieser Moment weltweit über das Internet verbreitet, ist “viral gegangen”.</p> <p><a href="https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2025/10-2025/medien-und-mimesis-journalismus-in-zeiten-digitaler-aufmerksamkeitsoekonomie/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Mann steht mit verschränkten Armen in einer Menge Heil-Hitler-grüßender Männer. Darüber steht in weißer Schrift &quot;Sei dieser Mensch&quot;-Mem und darunter August Landmesser Wegert." decoding="async" height="430" sizes="(max-width: 496px) 100vw, 496px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SeidieserMannMemeBlume2025.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SeidieserMannMemeBlume2025.jpg 496w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SeidieserMannMemeBlume2025-300x260.jpg 300w" width="496"></img></a></p> <p><em>Das “Be this Man”-Meme soll auf August Landmesser oder Gustav Wegert zurückgehen. Mem-Gestaltung hier: Michael Blume</em></p> <p>Die meisten Fachleute vermuten, dass es sich um das zeitweise NS-Mitglied <strong>August Landmesser </strong>(1910 – 1944) handelt, der später als Mitglied der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Strafdivision_999"><em>“Strafdivision 999”</em></a> auf dem Balkan fiel. Grund für seinen späteren Widerstand gegen den NS und seine Verhaftung war die Verlobung mit der Hamburger Jüdin <strong>Irma Eckler</strong> (1913 – 1942), die 1942 wahrscheinlich in der sog. <a href="https://gedenkstaette-bernburg.sachsen-anhalt.de/"><em>“Euthanasie”</em>-Anstalt <strong>Bernburg</strong></a> ermordet wurde. Andere halten den Schlosser <strong>Gustav Wegert</strong> (1890 – 1959) für den Abgebildeten, der sich aus christlicher Überzeugung dem Nationalsozialismus verweigert habe.</p> <p>Den <a href="https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2025/10-2025/medien-und-mimesis-journalismus-in-zeiten-digitaler-aufmerksamkeitsoekonomie/">Begriff der <em>“Memes”</em> bildete der Evolutionsbiologe <strong>Richard Dawkins</strong> aus dem griechischen <em>“Mimesis”</em> (Nachahmung von Zielen) und <em>“Genes”</em> (Gene)</a>. Soziale und mediale Einflüsse bestimmen unser Denken und Verhalten nicht völlig, aber prägen es sehr stark. Der Mut des Mannes mit den verschränkten Armen ist für uns alle sichtbar, weil wir selber die Erfahrung gemacht haben, wie es sich anfühlt, gegen eine mimetisch gerichtete Mehrheit zu stehen. Oder aber: weil wir es nie gewagt haben, in dieses Risiko zu gehen.<aside></aside></p> <p>Der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/ist-dummheit-gefaehrlicher-als-bosheit-dietrich-bonhoeffer-1906-1945-hatte-recht/">vom NS hingerichtete, evangelische Märtyrer <strong>Dietrich Bonhoeffer</strong> (1906 – 1945) nannte diese Verleugnung der Machtverhältnisse “Dummheit” und unterschied diese von der “Bosheit”</a>. Denn ein echter Widerstand gegen feindselig-dualistische Mimesis bedeutet gerade nicht, immer nur “gegen die Mehrheit” zu sein. Sondern es bedeutet den Mut, auch die je eigene Blase zu hinterfragen – und sich nötigenfalls an die Seite der Abgewerteten, Angegriffenen zu stellen.</p> <p>Bereits <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/kartenliebe-das-scheitern-digitaler-rechtsmimesis-am-beispiel-grossbritannien/">im Oktober hatte ich daher gebloggt</a>:</p> <p><strong>Rechtsmimesis </strong>bedeutet, dass <em>die Nachahmung von Feindbild-Erzählungen gegen Migranten und deren Nachkommen, gegen Bildung &amp; Wissenschaften, gegen Feministinnen, Juden, gegen Arme, Kranke, gegen andere Völker und Religionen immer und immer wieder den feindseligen <strong>Rechtsdualismus</strong> verstärken</em> wird. Rechtspopulistische, rechtsextreme, rechtsdualistische Parteien werden dadurch in den Augen der Öffentlichkeit mimetisch bestätigt und gestärkt, nicht geschwächt. Wer als Demokrat oder Demokratin weiterhin auf Rechtsmimesis setzt, ist entweder ignorant oder hat bereits innerlich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/menschenbilder-stadtbilder-verletzungen-die-sprachmacht-deutscher-komposita/">die Idee der Menschenwürde</a> aufgegeben.</p> <p><em><strong>Rechtsmimesis befeuert Rechtsdualismus.</strong></em><span> Immer &amp; immer wieder.</span></p> <p><strong>Wann beginnt die Rechtsmimesis</strong></p> <p>In den letzten beiden Tagen besuchte ich <a href="https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/mannheim/fachgespraech-juedisches-leben-in-mannheim-100.html">mit Mitarbeitenden <strong>die jüdische Gemeinde zu Mannheim</strong></a> und den <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115689237811722415">(auch bereits auf Mastodon präsenten) <strong>“Euthanasie”-Gedenkort Grafeneck</strong></a>. Und immerhin bestätigte eine <a href="https://www.kas.de/de/einzeltitel/-/content/einwanderungsgesellschaft-im-wandel">Einstellungen-Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS)</a>, dass wir Fachleute nicht alleine mit den Sorgen sind: Knapp drei Viertel (74 Prozent) der Deutschen ohne familiäre Einwanderungsgeschichte bejahten die Aussage <em>“Der Rechtsextremismus in Deutschland macht mir Angst”.</em> 46 Prozent stimmten ihr <em>“völlig”</em> und 28 Prozent <em>“eher”</em> zu. Bei den Deutschen mit Migrationshintergrund waren es 66 Prozent, bei den in Deutschland lebenden Ausländern 55 Prozent – was für mich ein starker Hinweis darauf ist, dass historische und politische Bildung in deutscher Geschichte eine tatsächliche und auch warnende Wirkung hat.</p> <p>So hatte ich schon öfter vermutet, dass das ableistische NS-Plakat nicht zufällig einen “arischen” Arbeiter zeigte, der zwei als minderwertig gekennzeichnete Menschen auf seinen Schultern trug. War hier bewusst der jüdische Jesus am Kreuz ersetzt worden?</p> <p><a href="https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2025/10-2025/medien-und-mimesis-journalismus-in-zeiten-digitaler-aufmerksamkeitsoekonomie/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="&quot;Hier trägst Du mit&quot;-Propagandaplakat der deutschen Nationalsozialisten von 1936. Gezeigt wird ein gebeugter, &quot;arischer&quot; Arbeiter, der zwei rassistisch und ableistisch gezeichnete Personen auf einem Kreuzbalken trägt. Unter der Überschrift steht: &quot;Ein Erbkranker kostet bis zur Erreichung des 60. Lebensjahres im Durchschnitt 50.000 RM.&quot; (Reichsmark)" decoding="async" height="2560" sizes="(max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1250-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></a></p> <p><em>“Hier trägst Du mit”-Propagandaplakat der deutschen Nationalsozialisten von 1936 <a href="https://sueden.social/@gedenkstaette_grafeneck@weremember.social">im Dokumentationszentrum der “Euthanasie”-Gedenkstätte Grafeneck</a>. Foto: Michael Blume </em></p> <p>Diese Frage wurde mir nun beantwortet, denn in Grafeneck wird zu dieser Darstellung ein Text aus der SS-Wochenzeitschrift <em>“Das Schwarze Korps”</em> von 1937 zitiert: <em>“Man müsste ein Gesetz schaffen, das der Natur zu ihrem Recht verhilft. Die Natur würde dieses lebensunfähige Geschöpf verhungern lassen. Wir dürfen humaner sein und ihm einen schmerzlosen Gnadentod bereiten…</em></p> <p><em>Aus dem Bibelspruch Matthäus 5 ‘Selig sind die am Geiste Armen’ wird kein vernünftiger Mensch irdische Rechte der Idioten ableiten, die anderen hat niemand bestritten. Ihrer mag das Himmelreich sein.”</em></p> <p>So wurden also die ersten Massenmorde an “Euthanasie”-Opfern – wie psychisch Erkrankter und auch traumatisierter Veteranen des Ersten Weltkrieges – vorbereitet und in der sog. “T4”-Aktion gegen noch geltendes Recht im NS-Reich durchgeführt. Noch gab es vereinzelte Proteste aus den Kirchen, so <a href="https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/texte/599.html">die mutige Predigt des Münsteraner Bischofs <strong>Clemens Graf von Galen</strong> (1878 – 1946) gegen jede <em>“Euthanasie”</em></a>. Wenige Sätze seien daraus hier zitiert:</p> <p><em>“Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, dass man den unproduktiven Mitmenschen töten darf, dann wehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden! Wenn man die unproduktiven Mitmenschen töten darf, dann wehe den Invaliden, die im Produktionsprozess ihre Kraft, ihre gesunden Knochen eingesetzt, geopfert und eingebüsst haben! Wenn man die unproduktiven Mitmenschen gewaltsam beseitigen darf, dann wehe unseren braven Soldaten, die als schwer Kriegsverletzte, als Krüppel, als Invalide in die Heimat zurückkehren. […]</em></p> <p><em>Dann ist keiner von uns seines Lebens mehr sicher. […]</em></p> <p><em>Christen von Münster! Hat der Sohn Gottes in seiner Allwissenheit damals nur Jerusalem und sein Volk gesehen? Hat er nur über Jerusalem geweint? Ist das Volk Israel das einzige Volk, das Gott mit Vatersorge und Mutterliebe umgeben, beschützt, an sich gezogen hat? Und das nicht gewollt hat? Das Gottes Wahrheit abgelehnt, Gottes Gesetz von sich geworfen und so sich ins Verderben gestürzt hat? Hat Jesus, der allwissende Gott, damals auch unser deutsches Volk geschaut, auch unser Westfalenland, unser Münsterland, den Niederrhein? Und hat er auch über uns geweint? Über Münster geweint? Seit tausend Jahren hat er unsere Vorfahren und uns mit seiner Wahrheit belehrt, mit selbem Gesetz geleitet, mit seiner Gnade genährt, uns gesammelt wie die Henne ihre Küchlein unter ihre Flügel sammelt. Hat der allwissende Sohn Gottes damals gesehen, dass er in unserer Zeit auch über uns das Urteil sprechen muss: «Du hast nicht gewollt! Seht, euer Haus wird euch verwüstet werden!» Wie furchtbar wäre das!”</em></p> <p>Es wurde so furchtbar, auch Münster <em>“verwüstet”</em>. Und doch bekam es eine weitere Chance und durfte neu erblühen, auch mit dem von mir <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/rok-zitate-von-hans-blumenberg-lars-fischer-karl-popper-und-agnes-heller/">so geschätzten Philosophen <strong>Hans Blumenberg</strong> (1920 – 1996)</a>.</p> <p>Und heute? Erhebt sich in der digital befeuerten <strong>“Enge der Zeit”</strong> die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-hand-des-feindseligen-dualismus-was-antisemitismus-rassismus-und-sexismus-verbindet/">zur Faust geballte Hand des feindseligen Dualismus weltweit</a> und wieder auch in Deutschland.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-hand-des-feindseligen-dualismus-was-antisemitismus-rassismus-und-sexismus-verbindet/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Eine symbolische Darstellung des feindseligen Dualismus als Handfläche, von dem die Finger der Polarisierung, des Antiziganismus, des Sexismus, des Antisemitismus sowie des Rassismus und Ableismus ausgehen." decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Hand_des_feindseligen_Dualismus_Michael_Blume_LeonardoAI.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Hand_des_feindseligen_Dualismus_Michael_Blume_LeonardoAI.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Hand_des_feindseligen_Dualismus_Michael_Blume_LeonardoAI-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Hand_des_feindseligen_Dualismus_Michael_Blume_LeonardoAI-150x150.jpg 150w" width="768"></img></a></p> <p><em>Der psychologische Hang zum Freund-Feind-Dualismus und damit zur “Hetze” bildet die Grundlage aller Varianten der sog. gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. Bild: Michael Blume mit Leonardo.ai </em></p> <p>Ich halte weiterhin daran fest: <strong>Geschichte reimt sich, aber wiederholt sich nicht.</strong></p> <p>Die Bundesrepublik ist nicht die Weimarer Republik, der fossile Faschismus nicht der historische Nationalsozialismus und der rechtslibertäre Sozialdarwinismus nicht die SS. Auch tragen wir Heutigen – völlig unabhängig von unserer Herkunft oder auch Staatsangehörigkeit – keine “Schuld” an den Verbrechen der Nazis. Doch wir haben eine Verantwortung aus der Geschichte zu lernen, der Rechtsmimesis rechtzeitig zu widerstehen.</p> <p>Es soll Dir nicht egal sein, wenn <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115690234596260013">aus dem heutigen <strong>Deutschland</strong> eine alleinerziehende Mutter mit ihren zwei Kindern (sieben &amp; elf Jahre) nach sieben Jahren Aufenthalt und Schulbesuch aus Deutschland nach <strong>Nigeria</strong> abgeschoben</a> wird. Wer dafür verantwortlich ist, hat nach meiner Einschätzung die Botschaft von Weihnachten nicht verstanden.</p> <p>Es sollte Dich beunruhigen, wenn es selbst <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/konkurrenz-konkordanz-oder-konsensdemokratie-meine-heutige-duale-rede-bei-der-stiftung-weltethos-uni-tuebingen/#comment-190778">der SPD-Bundestagsabgeordnete und Menschenrechtsbeauftragte <strong>Lars Castelluci </strong>nicht mehr wagt, gegen den deutschen Verrat an afghanischen Verfolgten zu stimmen</a>. Der <a href="https://www.youtube.com/watch?v=BeGhV302gR4">Artikel 38 unseres Grundgesetzes sollte genau solchen eigentlich mutigen Abgeordneten den Rücken stärken</a>.</p> <p>Ich bin mir der Konsequenzen auch aufgrund eigener Erfahrungen durchaus bewusst, was es bedeutet, gegen die Rechtsmimesis mitmenschlich zu bleiben.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=XnZND63B3Pc"><em><strong>“Sei ein Mensch!” </strong></em>hatte <strong>Marcel Reif </strong>in unserem deutschen Bundestag gesagt.</a></p> <p>Politik und Medien versagen bereits vielfach, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/konkurrenz-konkordanz-oder-konsensdemokratie-meine-heutige-duale-rede-bei-der-stiftung-weltethos-uni-tuebingen/">wagen zu wenig Grundgesetz</a>. Es ist also leider wieder Zeit, <em><strong>gegen den fossilistischen und mimetischen Hass für die Menschenwürde</strong></em> einzustehen.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/BeGhV302gR4?feature=oembed&amp;rel=0" title="&quot;Mehr Grundgesetz wagen!&quot; - Demokratie als Bauplan von Dr. Michael Blume" width="666"></iframe> </p></figure> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/StFjho7P-1Q?feature=oembed&amp;rel=0" title="Berlin &amp; Babylon. Wie der fossile Faschismus &amp; Antisemitismus Hitler an die Macht brachten" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/rechtsmimesis-widerstand-ein-foto-mem-zur-deutschen-geschichte/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>30</slash:comments> </item> <item> <title>Sternbild Dreieck https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/sternbild-dreieck/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/sternbild-dreieck/#respond Mon, 08 Dec 2025 23:05:00 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12342 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-768x767.jpg Info Karte der IAU https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/sternbild-dreieck/ <h1>Sternbild Dreieck » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Das Sternbild Dreieck (Triangulum) ist seit Alters her – d.h. seit ca. 2000 Jahren – durch vier Sterne definiert. Warum? Tja, leider können wir die Autoren nicht mehr fragen, aber wir lesen in den Texten, dass es so ist. Ptolemäus von Alexandria schrieb im 2. Jahrhundert n.Chr. jedenfalls selbstbewusst “4 Sterne, 3 von dritter Magnitude, 1 von vierter”.</p> <p>Alle vier Sterne im Dreieck haben nun offizielle <a href="https://www.iau.org/">IAU-</a>Namen: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-768x767.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025.jpg 1276w" width="1024"></img></a></figure> <p>Der Hauptstern (alpha Trianguli) hat einen arabischen Namen, der Übersetzung aus dem Griechischen ist (Spitze des Dreiecks). </p> <p>Der zweithellste (beta Trianguli) hat einen indigen arabischen Namen aus der Zeit vor der Übernahme griechischer Sternbilder: Damals hatten die Beduinen ein Sternbild “Widder”, das größer war als der griechische Widder und außerdem umgekehrt: die Kniegelenke dieses indigen arabischen Beduinen-Widders wurden durch die Sterne alpha und beta Trianguli markiert, woran dieser Name erinnert. </p> <p>Im Alten Ägypten kannte man weder das Sternbild “Widder” noch “Dreieck”, sondern betrachtete diese Himmelsgegend als Teil eines großen Sternbilds “Vogel”. Die heutige ägyptologische Forschung weiß nicht, um was für einen Vogel es sich hier handelt (Falke oder Gans/ Ente), aber ramessidische Sternuhren aus der Zeit von ca. 1100 v.Chr. überliefern einige Sternnamen in dieser Figur, so dass wir sicher wissen, dass sie sich zwischen Perseus, Pegasus und Cetus erstreckte. Der Stern gamma Trianguli bekam daher diesen Namen. <aside></aside></p> <p>Astronominnen lieben Wortspiele. Daher wurde der altgriechische Name des Sternbilds “Deltoton” für den Stern delta Trianguli standardisiert. Das “Dreieck” am Himmel ist nämlich keineswegs ein Geodreieck, das ein schlampiger Schüler dort liegen ließ, sondern es ist der griechische Buchstabe “Delta” (Δ) – in Monumentalschrift (Großbuchstaben) ein Dreieck Δ. Es ist der Anfangsbuchstabe des griechischen Wortes für den höchsten Gott: Dios. Ihm gehört das Himmelszelt und das Sternbild “Dreieck” (eigentlich “Deltoton”) gibt diese göttliche Widmung der Sterne an. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Sternbild Dreieck » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Das Sternbild Dreieck (Triangulum) ist seit Alters her – d.h. seit ca. 2000 Jahren – durch vier Sterne definiert. Warum? Tja, leider können wir die Autoren nicht mehr fragen, aber wir lesen in den Texten, dass es so ist. Ptolemäus von Alexandria schrieb im 2. Jahrhundert n.Chr. jedenfalls selbstbewusst “4 Sterne, 3 von dritter Magnitude, 1 von vierter”.</p> <p>Alle vier Sterne im Dreieck haben nun offizielle <a href="https://www.iau.org/">IAU-</a>Namen: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-768x767.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025.jpg 1276w" width="1024"></img></a></figure> <p>Der Hauptstern (alpha Trianguli) hat einen arabischen Namen, der Übersetzung aus dem Griechischen ist (Spitze des Dreiecks). </p> <p>Der zweithellste (beta Trianguli) hat einen indigen arabischen Namen aus der Zeit vor der Übernahme griechischer Sternbilder: Damals hatten die Beduinen ein Sternbild “Widder”, das größer war als der griechische Widder und außerdem umgekehrt: die Kniegelenke dieses indigen arabischen Beduinen-Widders wurden durch die Sterne alpha und beta Trianguli markiert, woran dieser Name erinnert. </p> <p>Im Alten Ägypten kannte man weder das Sternbild “Widder” noch “Dreieck”, sondern betrachtete diese Himmelsgegend als Teil eines großen Sternbilds “Vogel”. Die heutige ägyptologische Forschung weiß nicht, um was für einen Vogel es sich hier handelt (Falke oder Gans/ Ente), aber ramessidische Sternuhren aus der Zeit von ca. 1100 v.Chr. überliefern einige Sternnamen in dieser Figur, so dass wir sicher wissen, dass sie sich zwischen Perseus, Pegasus und Cetus erstreckte. Der Stern gamma Trianguli bekam daher diesen Namen. <aside></aside></p> <p>Astronominnen lieben Wortspiele. Daher wurde der altgriechische Name des Sternbilds “Deltoton” für den Stern delta Trianguli standardisiert. Das “Dreieck” am Himmel ist nämlich keineswegs ein Geodreieck, das ein schlampiger Schüler dort liegen ließ, sondern es ist der griechische Buchstabe “Delta” (Δ) – in Monumentalschrift (Großbuchstaben) ein Dreieck Δ. Es ist der Anfangsbuchstabe des griechischen Wortes für den höchsten Gott: Dios. Ihm gehört das Himmelszelt und das Sternbild “Dreieck” (eigentlich “Deltoton”) gibt diese göttliche Widmung der Sterne an. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/sternbild-dreieck/#respond 0 „Neue Modelle der Universität“ – Themenheft beleuchtet innovative Strukturen, adaptive Reaktionen und strategisches Verhalten https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/neue-modelle-der-universitaet/ https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/neue-modelle-der-universitaet/#comments Mon, 08 Dec 2025 07:33:44 +0000 René Krempkow https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/?p=1912 <img src="https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/files/CoverZFHE2025-4.jpg" /><h1>„Neue Modelle der Universität“ – Themenheft beleuchtet innovative Strukturen, adaptive Reaktionen und strategisches Verhalten » Über das Wissenschaftssystem » SciLogs</h1><h2>By René Krempkow</h2><div itemprop="text"> <p>Universitäten sehen sich zunehmend mit dem Paradoxon von Stabilität und Wandel konfrontiert. Während ihre Aufgaben in Forschung, Lehre und gesellschaftlichem Engagement unverändert bleiben, haben sich die Bedingungen, unter denen diese Aufgaben wahrgenommen werden, grundlegend verändert. Der globale Wettbewerb, der digitale Wandel und die Erwartungen an die gesellschaftliche Wirkung zwingen Hochschulen dazu, ihre Organisationsmodelle und Führungsstrukturen zu überdenken. Das Humboldt’sche Erbe der Autonomie und akademischen Selbstverwaltung wird durch den Druck nach Effizienz, Rechenschaftspflicht und Innovation in Frage gestellt.</p> <h2>„Mission Overload“ und „Mission Drift“</h2> <p>Der Call for Papers für diese überwiegend englischsprachige Sonderausgabe mit dem Originaltitel „New Models of the University: Innovative Structures, Adaptive Responses, and Strategic Behavior” hob diese Spannungen hervor, indem er auf ein zentrales Paradoxon im heutigen Hochschulwesen hinwies: Universitäten müssen ihren akademischen Kernaufgaben treu bleiben und sich gleichzeitig an externe Anforderungen anpassen, die oft im Widerspruch zu diesen Aufgaben stehen. Konzepte wie „Mission Overload“ und „Mission Drift“ beschreiben das Risiko, dass Universitäten in ihrem Bestreben, global wettbewerbsfähig und lokal relevant zu sein, sich übernehmen und ihren strategischen Fokus verlieren.</p> <h2>Universitäten als soziale Institutionen und strategische Organisationen</h2> <p>Universitäten fungieren heute sowohl als soziale Institutionen – eingebettet in kulturelle und politische Kontexte – als auch als strategische Organisationen, die bestimmte Ziele verfolgen und sich in einem komplexen Umfeld von Interessengruppen bewegen. Diese Doppelnatur bedeutet, dass weder deterministische Modelle struktureller Zwänge noch voluntaristische Vorstellungen von Managementfreiheit ausreichen, um Veränderungen zu erklären. Diese Spannung spiegelt wider, was in der Literatur als Paradoxon des Umweltdeterminismus und der Führungsagentur hervorgehoben wird. Diese Perspektive führt uns zurück zur alten Institutionalismustheorie, die sich genau auf die Organisation als meso-level soziales Umfeld konzentriert, in dem sich externe Druckfaktoren und interne Handlungen überschneiden. Die Beiträge in des Heftes untersuchen dieses Paradoxon empirisch und theoretisch. Sie untersuchen, wie Universitäten Autonomie und Rechenschaftspflicht, Innovation und Kontinuität, Wettbewerb und Zusammenarbeit in Einklang bringen. Auf der Grundlage von Organisations- und Institutionstheorien beleuchten sie, wie Hochschulen als adaptive, lernende Systeme agieren, die in ein breiteres politisches Umfeld eingebettet sind, das ihre Entwicklung zwar prägt, aber nicht bestimmt.</p> <h2>Wie Autonomie und Rechenschaftspflicht, Innovation und Kontinuität in Einklang bringen?</h2> <p>In den letzten Jahren haben sich Digitalisierung und künstliche Intelligenz (KI) zu transformativen Kräften entwickelt, die den Wandel hin zu einer „Mode 2“-Wissensproduktion beschleunigen – kontextorientiert, problemfokussiert und sozial verteilt. Die Universitäten reagieren auf diesen Druck nicht nur durch die Einführung neuer Technologien, sondern auch durch die Entwicklung neuer Governance-Kapazitäten: vorausschauende Weitsicht, sektorübergreifende Zusammenarbeit und vernetzte Organisationsformen.</p> <h2>Entwicklung neuer Governance-Kapazitäten</h2> <p>Vor diesem Hintergrund befassen sich die Beiträge in dieses Heftes gemeinsam mit einer zentralen Frage: Wie gestalten Universitäten ihre Organisationsarchitektur, ihre Governance-Systeme und ihr strategisches Verhalten neu, um komplexe, mehrschichtige Veränderungen zu bewältigen? Die Idee zu diesem Themenheft entstand aus laufenden wissenschaftlichen Debatten und empirischen Beobachtungen zum institutionellen Wandel im europäischen und internationalen Hochschulwesen. Die Herausgeber luden zu Beiträgen ein, die analytische Tiefe mit empirischer Stringenz verbinden und eine Brücke zwischen den Perspektiven der Organisationssoziologie, der Hochschulforschung und der Managementwissenschaften schlagen sollten.<aside></aside></p> <h2>Dimensionen des Wandels</h2> <p>Der Call for Papers schlug mehrere analytische Dimensionen vor, an denen sich die Beiträge orientieren sollten: (1) Finanzierung und Ressourcenabhängigkeit; (2) Digitalisierung und technologische Innovation; (3) Diversität, Inklusion und Internationalisierung; (4) Autonomie und Governance; (5) akademische Freiheit und Legitimität; und (6) gesellschaftliche Relevanz und Wirkung. Diese Themen spiegeln sowohl langfristige Entwicklungen im Hochschulwesen als auch neue systemische Belastungen wider, die sich aus globalen Krisen, der Verbreitung künstlicher Intelligenz und Nachhaltigkeitserfordernissen ergeben.</p> <p>Der Aufruf lud die Autoren außerdem dazu ein, organisatorische und institutionelle Perspektiven einzunehmen, insbesondere Ressourcenabhängigkeit, institutioneller Isomorphismus und organisationales Lernen zu berücksichtigen. Diese Rahmenkonzepte erkennen Universitäten als dynamische Akteure an, die eine strategische Positionierung anstreben und gleichzeitig innerhalb regulatorischer und kultureller Beschränkungen agieren.</p> <h2>Kontexte von Europa über Nordamerika bis zum Nahen Osten</h2> <p>Aus den zahlreichen Einreichungen wurden nach einer Begutachtung durch Fachkollegen dreizehn Beiträge ausgewählt, die verschiedene Methoden widerspiegeln – qualitative Fallstudien, Ethnografie, Dokumentenanalyse und Literaturrecherchen – und Kontexte von Europa über Nordamerika bis zum Nahen Osten abdecken. Zusammengenommen zeigen sie, dass organisatorische Veränderungen an Universitäten selten linear verlaufen, sondern sich durch Verhandlungen, Anpassungen und Experimente auf mehreren Ebenen vollziehen.</p> <p>Aus Gründen der Übersichtlichkeit und Kohärenz wurden die (zu einem relativ großen Teil englischsprachigen) Beiträge in vier thematische Cluster gruppiert:</p> <ol> <li>Strukturelle und strategische Innovation – Untersuchung neuer Governance-Modelle und institutioneller Experimente;</li> <li>Adaptive Governance und Krisenmanagement – Umgang mit Resilienz, Konflikten und technologischen Umbrüchen;</li> <li>Kollaborative und vorausschauende Entwicklung – Erforschung von Zusammenarbeit, Netzwerken und KI-Governance; und</li> <li>Umfassendere Reform- und Nachhaltigkeitsperspektiven.</li> </ol> <p>Das Themenheft wurde herausgegeben von Barbara Sporn (Wirtschaftsuniversität Wien), Tatiana Fumasoli (University College London), René Krempkow (Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg) und Liudvika Leišytė (TU Dortmund). Es erscheint dank einer Förderung durch das Forum Neue Medien Austria im Open Access und kann daher kostenlos heruntergeladen werden unter <a data-wplink-edit="true" href="http://www.zfhe.at">www.zfhe.at</a>.</p> <p>Ergänzend zur Veröffentlichung des Heftes wird es ein Online Event zur Präsentation der zentralen Ergebnisse der Beiträge für eine breitere (wissenschaftliche) Öffentlichkeit geben. Das Format wird einen einführenden Überblick der Herausgeber:innen enthalten, gefolgt von kurzen “Pitches” durch Autor:innen (je 5 Minuten) und deren Diskussion. Das Event wird am 12. Februar, 13-14.30 Uhr (CET) stattfinden, als Teil der (englischsprachigen) IHM Speaker Series (<a href="https://www.wu.ac.at/ihm/events/higher-education-speaker-series">https://www.wu.ac.at/ihm/events/higher-education-speaker-series</a>).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/files/CoverZFHE2025-4.jpg" /><h1>„Neue Modelle der Universität“ – Themenheft beleuchtet innovative Strukturen, adaptive Reaktionen und strategisches Verhalten » Über das Wissenschaftssystem » SciLogs</h1><h2>By René Krempkow</h2><div itemprop="text"> <p>Universitäten sehen sich zunehmend mit dem Paradoxon von Stabilität und Wandel konfrontiert. Während ihre Aufgaben in Forschung, Lehre und gesellschaftlichem Engagement unverändert bleiben, haben sich die Bedingungen, unter denen diese Aufgaben wahrgenommen werden, grundlegend verändert. Der globale Wettbewerb, der digitale Wandel und die Erwartungen an die gesellschaftliche Wirkung zwingen Hochschulen dazu, ihre Organisationsmodelle und Führungsstrukturen zu überdenken. Das Humboldt’sche Erbe der Autonomie und akademischen Selbstverwaltung wird durch den Druck nach Effizienz, Rechenschaftspflicht und Innovation in Frage gestellt.</p> <h2>„Mission Overload“ und „Mission Drift“</h2> <p>Der Call for Papers für diese überwiegend englischsprachige Sonderausgabe mit dem Originaltitel „New Models of the University: Innovative Structures, Adaptive Responses, and Strategic Behavior” hob diese Spannungen hervor, indem er auf ein zentrales Paradoxon im heutigen Hochschulwesen hinwies: Universitäten müssen ihren akademischen Kernaufgaben treu bleiben und sich gleichzeitig an externe Anforderungen anpassen, die oft im Widerspruch zu diesen Aufgaben stehen. Konzepte wie „Mission Overload“ und „Mission Drift“ beschreiben das Risiko, dass Universitäten in ihrem Bestreben, global wettbewerbsfähig und lokal relevant zu sein, sich übernehmen und ihren strategischen Fokus verlieren.</p> <h2>Universitäten als soziale Institutionen und strategische Organisationen</h2> <p>Universitäten fungieren heute sowohl als soziale Institutionen – eingebettet in kulturelle und politische Kontexte – als auch als strategische Organisationen, die bestimmte Ziele verfolgen und sich in einem komplexen Umfeld von Interessengruppen bewegen. Diese Doppelnatur bedeutet, dass weder deterministische Modelle struktureller Zwänge noch voluntaristische Vorstellungen von Managementfreiheit ausreichen, um Veränderungen zu erklären. Diese Spannung spiegelt wider, was in der Literatur als Paradoxon des Umweltdeterminismus und der Führungsagentur hervorgehoben wird. Diese Perspektive führt uns zurück zur alten Institutionalismustheorie, die sich genau auf die Organisation als meso-level soziales Umfeld konzentriert, in dem sich externe Druckfaktoren und interne Handlungen überschneiden. Die Beiträge in des Heftes untersuchen dieses Paradoxon empirisch und theoretisch. Sie untersuchen, wie Universitäten Autonomie und Rechenschaftspflicht, Innovation und Kontinuität, Wettbewerb und Zusammenarbeit in Einklang bringen. Auf der Grundlage von Organisations- und Institutionstheorien beleuchten sie, wie Hochschulen als adaptive, lernende Systeme agieren, die in ein breiteres politisches Umfeld eingebettet sind, das ihre Entwicklung zwar prägt, aber nicht bestimmt.</p> <h2>Wie Autonomie und Rechenschaftspflicht, Innovation und Kontinuität in Einklang bringen?</h2> <p>In den letzten Jahren haben sich Digitalisierung und künstliche Intelligenz (KI) zu transformativen Kräften entwickelt, die den Wandel hin zu einer „Mode 2“-Wissensproduktion beschleunigen – kontextorientiert, problemfokussiert und sozial verteilt. Die Universitäten reagieren auf diesen Druck nicht nur durch die Einführung neuer Technologien, sondern auch durch die Entwicklung neuer Governance-Kapazitäten: vorausschauende Weitsicht, sektorübergreifende Zusammenarbeit und vernetzte Organisationsformen.</p> <h2>Entwicklung neuer Governance-Kapazitäten</h2> <p>Vor diesem Hintergrund befassen sich die Beiträge in dieses Heftes gemeinsam mit einer zentralen Frage: Wie gestalten Universitäten ihre Organisationsarchitektur, ihre Governance-Systeme und ihr strategisches Verhalten neu, um komplexe, mehrschichtige Veränderungen zu bewältigen? Die Idee zu diesem Themenheft entstand aus laufenden wissenschaftlichen Debatten und empirischen Beobachtungen zum institutionellen Wandel im europäischen und internationalen Hochschulwesen. Die Herausgeber luden zu Beiträgen ein, die analytische Tiefe mit empirischer Stringenz verbinden und eine Brücke zwischen den Perspektiven der Organisationssoziologie, der Hochschulforschung und der Managementwissenschaften schlagen sollten.<aside></aside></p> <h2>Dimensionen des Wandels</h2> <p>Der Call for Papers schlug mehrere analytische Dimensionen vor, an denen sich die Beiträge orientieren sollten: (1) Finanzierung und Ressourcenabhängigkeit; (2) Digitalisierung und technologische Innovation; (3) Diversität, Inklusion und Internationalisierung; (4) Autonomie und Governance; (5) akademische Freiheit und Legitimität; und (6) gesellschaftliche Relevanz und Wirkung. Diese Themen spiegeln sowohl langfristige Entwicklungen im Hochschulwesen als auch neue systemische Belastungen wider, die sich aus globalen Krisen, der Verbreitung künstlicher Intelligenz und Nachhaltigkeitserfordernissen ergeben.</p> <p>Der Aufruf lud die Autoren außerdem dazu ein, organisatorische und institutionelle Perspektiven einzunehmen, insbesondere Ressourcenabhängigkeit, institutioneller Isomorphismus und organisationales Lernen zu berücksichtigen. Diese Rahmenkonzepte erkennen Universitäten als dynamische Akteure an, die eine strategische Positionierung anstreben und gleichzeitig innerhalb regulatorischer und kultureller Beschränkungen agieren.</p> <h2>Kontexte von Europa über Nordamerika bis zum Nahen Osten</h2> <p>Aus den zahlreichen Einreichungen wurden nach einer Begutachtung durch Fachkollegen dreizehn Beiträge ausgewählt, die verschiedene Methoden widerspiegeln – qualitative Fallstudien, Ethnografie, Dokumentenanalyse und Literaturrecherchen – und Kontexte von Europa über Nordamerika bis zum Nahen Osten abdecken. Zusammengenommen zeigen sie, dass organisatorische Veränderungen an Universitäten selten linear verlaufen, sondern sich durch Verhandlungen, Anpassungen und Experimente auf mehreren Ebenen vollziehen.</p> <p>Aus Gründen der Übersichtlichkeit und Kohärenz wurden die (zu einem relativ großen Teil englischsprachigen) Beiträge in vier thematische Cluster gruppiert:</p> <ol> <li>Strukturelle und strategische Innovation – Untersuchung neuer Governance-Modelle und institutioneller Experimente;</li> <li>Adaptive Governance und Krisenmanagement – Umgang mit Resilienz, Konflikten und technologischen Umbrüchen;</li> <li>Kollaborative und vorausschauende Entwicklung – Erforschung von Zusammenarbeit, Netzwerken und KI-Governance; und</li> <li>Umfassendere Reform- und Nachhaltigkeitsperspektiven.</li> </ol> <p>Das Themenheft wurde herausgegeben von Barbara Sporn (Wirtschaftsuniversität Wien), Tatiana Fumasoli (University College London), René Krempkow (Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg) und Liudvika Leišytė (TU Dortmund). Es erscheint dank einer Förderung durch das Forum Neue Medien Austria im Open Access und kann daher kostenlos heruntergeladen werden unter <a data-wplink-edit="true" href="http://www.zfhe.at">www.zfhe.at</a>.</p> <p>Ergänzend zur Veröffentlichung des Heftes wird es ein Online Event zur Präsentation der zentralen Ergebnisse der Beiträge für eine breitere (wissenschaftliche) Öffentlichkeit geben. Das Format wird einen einführenden Überblick der Herausgeber:innen enthalten, gefolgt von kurzen “Pitches” durch Autor:innen (je 5 Minuten) und deren Diskussion. Das Event wird am 12. Februar, 13-14.30 Uhr (CET) stattfinden, als Teil der (englischsprachigen) IHM Speaker Series (<a href="https://www.wu.ac.at/ihm/events/higher-education-speaker-series">https://www.wu.ac.at/ihm/events/higher-education-speaker-series</a>).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/neue-modelle-der-universitaet/#comments 2 AstroGeo Podcast: Bröckelnde Beweise – was hat Sodom und Gomorra zerstört? https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/broeckelnde-beweise-was-hat-sodom-und-gomorra-zerstoert/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/broeckelnde-beweise-was-hat-sodom-und-gomorra-zerstoert/#respond Sun, 07 Dec 2025 05:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1798 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-6-768x768.jpg Dramatisches Gemälde einer Stadt, die in einer Feuersbrunst zusammenstürzt, im Vordergrund drei Menschen auf einer Anhöhe, näher an der Stadt eine einzelne Person, die sich umwendet und zu verharren scheint. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/broeckelnde-beweise-was-hat-sodom-und-gomorra-zerstoert/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel_sl-3.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Bröckelnde Beweise - was hat Sodom und Gomorra zerstört? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag128-sodom-und-gomorra.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5.png 1181w" width="1024"></img></a></figure></div> <p><strong><a href="https://wissenschaftspodcasts.de/adventskalender2025">Diese Folge ist das 5. Türchen der #WissPodWeihnacht, des Adventskalenders von Wissenschaftspodcasts.de.</a></strong> Hört euch gerne auch die anderen Türchen an!</p> <p>Während der Bronzezeit stand im Nordwesten des heutigen Jordaniens eine mächtige Stadt: Dicke Stadtmauern, ein mehrstöckiger Palast und ein 30 Meter hoher Wachturm sind nachgewiesen – doch diese Stadt sollte untergehen. Wie genau sie zerstört wurde, darüber wurde in den letzten Jahren ein wissenschaftlicher Disput geführt.<aside></aside></p> <p>Karl erzählt in dieser Folge von der Ausgrabungsstelle Tell el-Hammam: Der Ort liegt 14 Kilometer nordöstlich des Toten Meeres im Jordantal. Hier siedelten Menschen schon zur Zeit der Römer, aber auch lange davor, über Tausende von Jahren wurden dort Städte aufgebaut und gingen wieder zugrunde. Im September 2021 veröffentlichte ein Team aus Archäologen, Geologen, Metallurgen und Materialwissenschaftlern im Fachmagazin Scientific Reports eine Studie, die zeigen sollte: Die Stadt sei in der Bronzezeit vor rund 3670 Jahren geradezu zertrümmert worden. Heiße Winde seien vom Himmel über die Stadt gekommen, hätten vier Meter breite Lehmziegel zerbröselt, Dachziegel geschmolzen und den Schutt samt dem Hausrat ihrer Bewohner über ein großes Areal verteilt. Schuld daran seien keine kriegerischen Auseinandersetzungen oder irdische Naturkatastrophen gewesen – sondern ein Meteorit aus dem All, der über dem Toten Meer detoniert sei und eine heiße Druckwelle ausgesandt habe.</p> <p>Die wissenschaftliche Arbeit korrespondiert mit einer Erzählung aus dem Alten Testament, die bis heute sprichwörtlich ist: <em>Sodom und Gomorra</em> mussten untergehen, weil der biblische Gott dort unhaltbare Zustände vorfand. Aber war das bronzezeitliche Tell el-Hammam wirklich eine Art Vorbild für das Sodom aus dem Buch Genesis des Alten Testaments – und wie gut sind die Argumente in der Studie?</p> <p>Sie waren überhaupt nicht gut, wie sich kürzlich zeigte: Im April 2025 wurde die Studie von Scientific Reports zurückgezogen. Externe Forschende hatten manipulierte Fotos, falsch eingeordnete historische Vorbilder und Modelle gefunden. Es lag klar wissenschaftliches Fehlverhalten vor, das den Richtlinien des Journals widersprach.</p> <p>Aber was steckt dahinter? Einen Hinweis geben die ursprünglichen Autoren selbst: Für die Grabung in Jordanien hatte ein Teil des Teams Gelder gemeinsam mit evangelikalen US-Gruppen gesammelt, die sich ihrerseits der Unfehlbarkeit der christlichen heiligen Schriften verschrieben haben. Es sind Vertreter des <em>Kreationismus der alten Erde</em>: Sie erkennen zwar manche naturwissenschaftliche Erkenntnisse an, etwa das Alter der Erde von 4,5 Milliarden Jahren. Doch gleichzeitig müssen wissenschaftliche Erkenntnisse für sie kompatibel mit der Bibel sein.</p> <h3 id="h-mehr-bei-astrogeo">Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 4: <a href="https://astrogeo.de/ag004-meteoriten/">Meteoriten</a></li> <li>Folge 86: <a href="https://astrogeo.de/das-ende-der-dinosaurier-massensterben-im-fruehling/">Das Ende der Dinosaurier: Massensterben im Frühling</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sodom_und_Gomorra">WP: Sodom und Gomorra</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tell_el-Hammam">Tell el-Hammam</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tunguska-Ereignis">Tunguska-Ereignis</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Luftdetonation">Airburst</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Mark_Boslough">Mark Borlough</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Old_Earth_creationism">Old Earth creationism</a> (englisch)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel (zurückgezogen): <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-021-97778-3">A Tunguska sized airburst destroyed Tall el‐Hammam a Middle Bronze Age city in the Jordan Valley near the Dead Sea</a>, Scientific Reports (20.09.2021)</li> <li>Blogeintrag: <a href="https://scienceintegritydigest.com/2021/10/01/blast-in-the-past-image-concerns-in-paper-about-comet-that-might-have-destroyed-tall-el-hammam/">Elisabeth Biks: Blast in the Past: Image concerns in paper about comet that might have destroyed Tall el-Hammam</a> (01.10.2021, Zugriff 25.11.2025)</li> <li>Blogeintrag: <a href="https://pandasthumb.org/archives/2021/10/tall-el-hammam-gullibility.html">Paul Braterman: Tall el-Hammam: an airburst of gullibility</a> (05.10.2021, Zugriff 25.11.2025)</li> <li>Blogeintrag: <a href="https://paulbraterman.wordpress.com/2021/10/14/tall-el-hammam-an-airburst-of-gullibility-it-gets-worse/">Paul Braterman: Tall el-Hammam; an airburst of gullibility; it gets worse</a> (14.10.2021, Zugriff 25.11.2025)</li> <li>Fachartikel-Korrektur: Bunch et al.: <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-022-06266-9">A Tunguska sized airburst destroyed Tall el‐Hammam a Middle Bronze Age city in the Jordan Valley near the Dead Sea</a>, Scientific Reports (22.02.2022)</li> <li>Fachartikel-Kommentar: <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-021-97778-3">Jaret &amp; Harris: No mineralogic or geochemical evidence of impact at Tall el‐Hammam, a Middle Bronze Age city in the Jordan Valley near the Dead Sea</a>, Scientific Reports (25.03.2022)</li> <li>Fachartikel-Kommentar: <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-021-97778-3">Boslough &amp; Bruno: Misunderstandings about the Tunguska event, shock wave physics, and airbursts have resulted in misinterpretations of evidence at Tall el-Hammam</a>, Scientific Reports (22.04.2025)</li> <li>Retraction Watch: <a href="https://retractionwatch.com/2025/04/23/sodom-comet-paper-to-be-retracted-two-years-after-editors-note-acknowledging-concerns/">Sodom comet paper to be retracted two years after editor’s note acknowledging concerns</a> (23.04.2025, Zugriff 25.11.2025)</li> <li>Retraction Note: <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-021-97778-3">A Tunguska sized airburst destroyed Tall el-Hammam a Middle Bronze Age city in the Jordan Valley near the Dead Sea</a> (24.04.2025)</li> <li>Scientific American: <a href="https://www.scientificamerican.com/article/a-sodom-and-gomorrah-story-shows-scientific-facts-arent-settled-by-public/">Mark Boslough: A Sodom and Gomorrah Story Shows Scientific Facts Aren’t Settled by Public Opinion</a> (25.06.2025)</li> <li>Fachartikel (republiziert): LeCompte et al.: <a href="https://doi.org/10.14293/ACI.2025.0003">A Tunguska Sized Airburst Destroyed Tall el-Hammam a Middle Bronze Age City in the Jordan Valley Near the Dead Sea (Expanded)</a>, Airbursts and Cratering Impacts (24.05.2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:John_Martin_-_Sodom_and_Gomorrah.jpg">Public Domain: John Martin (1852)</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel_sl-3.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Bröckelnde Beweise - was hat Sodom und Gomorra zerstört? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag128-sodom-und-gomorra.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5.png 1181w" width="1024"></img></a></figure></div> <p><strong><a href="https://wissenschaftspodcasts.de/adventskalender2025">Diese Folge ist das 5. Türchen der #WissPodWeihnacht, des Adventskalenders von Wissenschaftspodcasts.de.</a></strong> Hört euch gerne auch die anderen Türchen an!</p> <p>Während der Bronzezeit stand im Nordwesten des heutigen Jordaniens eine mächtige Stadt: Dicke Stadtmauern, ein mehrstöckiger Palast und ein 30 Meter hoher Wachturm sind nachgewiesen – doch diese Stadt sollte untergehen. Wie genau sie zerstört wurde, darüber wurde in den letzten Jahren ein wissenschaftlicher Disput geführt.<aside></aside></p> <p>Karl erzählt in dieser Folge von der Ausgrabungsstelle Tell el-Hammam: Der Ort liegt 14 Kilometer nordöstlich des Toten Meeres im Jordantal. Hier siedelten Menschen schon zur Zeit der Römer, aber auch lange davor, über Tausende von Jahren wurden dort Städte aufgebaut und gingen wieder zugrunde. Im September 2021 veröffentlichte ein Team aus Archäologen, Geologen, Metallurgen und Materialwissenschaftlern im Fachmagazin Scientific Reports eine Studie, die zeigen sollte: Die Stadt sei in der Bronzezeit vor rund 3670 Jahren geradezu zertrümmert worden. Heiße Winde seien vom Himmel über die Stadt gekommen, hätten vier Meter breite Lehmziegel zerbröselt, Dachziegel geschmolzen und den Schutt samt dem Hausrat ihrer Bewohner über ein großes Areal verteilt. Schuld daran seien keine kriegerischen Auseinandersetzungen oder irdische Naturkatastrophen gewesen – sondern ein Meteorit aus dem All, der über dem Toten Meer detoniert sei und eine heiße Druckwelle ausgesandt habe.</p> <p>Die wissenschaftliche Arbeit korrespondiert mit einer Erzählung aus dem Alten Testament, die bis heute sprichwörtlich ist: <em>Sodom und Gomorra</em> mussten untergehen, weil der biblische Gott dort unhaltbare Zustände vorfand. Aber war das bronzezeitliche Tell el-Hammam wirklich eine Art Vorbild für das Sodom aus dem Buch Genesis des Alten Testaments – und wie gut sind die Argumente in der Studie?</p> <p>Sie waren überhaupt nicht gut, wie sich kürzlich zeigte: Im April 2025 wurde die Studie von Scientific Reports zurückgezogen. Externe Forschende hatten manipulierte Fotos, falsch eingeordnete historische Vorbilder und Modelle gefunden. Es lag klar wissenschaftliches Fehlverhalten vor, das den Richtlinien des Journals widersprach.</p> <p>Aber was steckt dahinter? Einen Hinweis geben die ursprünglichen Autoren selbst: Für die Grabung in Jordanien hatte ein Teil des Teams Gelder gemeinsam mit evangelikalen US-Gruppen gesammelt, die sich ihrerseits der Unfehlbarkeit der christlichen heiligen Schriften verschrieben haben. Es sind Vertreter des <em>Kreationismus der alten Erde</em>: Sie erkennen zwar manche naturwissenschaftliche Erkenntnisse an, etwa das Alter der Erde von 4,5 Milliarden Jahren. Doch gleichzeitig müssen wissenschaftliche Erkenntnisse für sie kompatibel mit der Bibel sein.</p> <h3 id="h-mehr-bei-astrogeo">Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 4: <a href="https://astrogeo.de/ag004-meteoriten/">Meteoriten</a></li> <li>Folge 86: <a href="https://astrogeo.de/das-ende-der-dinosaurier-massensterben-im-fruehling/">Das Ende der Dinosaurier: Massensterben im Frühling</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sodom_und_Gomorra">WP: Sodom und Gomorra</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tell_el-Hammam">Tell el-Hammam</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tunguska-Ereignis">Tunguska-Ereignis</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Luftdetonation">Airburst</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Mark_Boslough">Mark Borlough</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Old_Earth_creationism">Old Earth creationism</a> (englisch)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel (zurückgezogen): <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-021-97778-3">A Tunguska sized airburst destroyed Tall el‐Hammam a Middle Bronze Age city in the Jordan Valley near the Dead Sea</a>, Scientific Reports (20.09.2021)</li> <li>Blogeintrag: <a href="https://scienceintegritydigest.com/2021/10/01/blast-in-the-past-image-concerns-in-paper-about-comet-that-might-have-destroyed-tall-el-hammam/">Elisabeth Biks: Blast in the Past: Image concerns in paper about comet that might have destroyed Tall el-Hammam</a> (01.10.2021, Zugriff 25.11.2025)</li> <li>Blogeintrag: <a href="https://pandasthumb.org/archives/2021/10/tall-el-hammam-gullibility.html">Paul Braterman: Tall el-Hammam: an airburst of gullibility</a> (05.10.2021, Zugriff 25.11.2025)</li> <li>Blogeintrag: <a href="https://paulbraterman.wordpress.com/2021/10/14/tall-el-hammam-an-airburst-of-gullibility-it-gets-worse/">Paul Braterman: Tall el-Hammam; an airburst of gullibility; it gets worse</a> (14.10.2021, Zugriff 25.11.2025)</li> <li>Fachartikel-Korrektur: Bunch et al.: <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-022-06266-9">A Tunguska sized airburst destroyed Tall el‐Hammam a Middle Bronze Age city in the Jordan Valley near the Dead Sea</a>, Scientific Reports (22.02.2022)</li> <li>Fachartikel-Kommentar: <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-021-97778-3">Jaret &amp; Harris: No mineralogic or geochemical evidence of impact at Tall el‐Hammam, a Middle Bronze Age city in the Jordan Valley near the Dead Sea</a>, Scientific Reports (25.03.2022)</li> <li>Fachartikel-Kommentar: <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-021-97778-3">Boslough &amp; Bruno: Misunderstandings about the Tunguska event, shock wave physics, and airbursts have resulted in misinterpretations of evidence at Tall el-Hammam</a>, Scientific Reports (22.04.2025)</li> <li>Retraction Watch: <a href="https://retractionwatch.com/2025/04/23/sodom-comet-paper-to-be-retracted-two-years-after-editors-note-acknowledging-concerns/">Sodom comet paper to be retracted two years after editor’s note acknowledging concerns</a> (23.04.2025, Zugriff 25.11.2025)</li> <li>Retraction Note: <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-021-97778-3">A Tunguska sized airburst destroyed Tall el-Hammam a Middle Bronze Age city in the Jordan Valley near the Dead Sea</a> (24.04.2025)</li> <li>Scientific American: <a href="https://www.scientificamerican.com/article/a-sodom-and-gomorrah-story-shows-scientific-facts-arent-settled-by-public/">Mark Boslough: A Sodom and Gomorrah Story Shows Scientific Facts Aren’t Settled by Public Opinion</a> (25.06.2025)</li> <li>Fachartikel (republiziert): LeCompte et al.: <a href="https://doi.org/10.14293/ACI.2025.0003">A Tunguska Sized Airburst Destroyed Tall el-Hammam a Middle Bronze Age City in the Jordan Valley Near the Dead Sea (Expanded)</a>, Airbursts and Cratering Impacts (24.05.2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:John_Martin_-_Sodom_and_Gomorrah.jpg">Public Domain: John Martin (1852)</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/broeckelnde-beweise-was-hat-sodom-und-gomorra-zerstoert/#respond 0 Peak Child – Zeitenumbruch auch durch die säkulare Geburtenimplosion https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/peak-child-zeitenumbruch-auch-durch-die-saekulare-geburtenimplosion/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/peak-child-zeitenumbruch-auch-durch-die-saekulare-geburtenimplosion/#comments Sat, 06 Dec 2025 23:54:41 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=10802 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-768x768.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/peak-child-zeitenumbruch-auch-durch-die-saekulare-geburtenimplosion/</link> </image> <description type="html"><h1>Peak Child - Zeitenumbruch auch durch die Geburtenimplosion</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Bestimmt bin ich nicht der Einzige, der immer öfter <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/es-ist-die-zukunftsangst-stupid-die-zeitenumbruch-these-zur-wiederwahl-von-donald-trump-usa/">Zeitenumbruch-Erfahrungen</a> macht – zu denen neben positiver Aufregung auch Schübe von Reaktanz und Nostalgie gehören.</p> <p>Diese Woche war es beispielsweise eine Nachfrage nach dem <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AbrahamHeuteCIGStuttgartMichaelBlume2000.pdf"><strong>Theaterstück <em>“Abraham heute”</em></strong></a>, das ich vor über 25 Jahren geschrieben und mit einer kleinen, christlich-islamischen Theatertruppe am 28. Oktober 2000 uraufgeführt hatte. Wir tourten daraufhin einige Jahre damit quer durch Deutschland. 2013 lösten wir, tief in den Familienphasen und buchstäblich über den halben Globus verstreut, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/jahre-christlich-islamische-gesellschaft-cig/">die Christlich-Islamische Gesellschaft (CIG) Region Stuttgart e.V. dann auch wieder auf</a>.</p> <p>Ich fand <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AbrahamHeuteCIGStuttgartMichaelBlume2000.pdf">den Text auf einer alten Festplatte, konvertierte ihn in pdf</a> – und stellte mit einem Gänsehaut-Moment fest, dass sich <em>erst einige Jahre später digitale Fotografien</em> auf dem Datenspeicher fanden! Digitale Kameras waren uns damals noch zu teuer und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/IPhone_(1._Generation)">das erste IPhone-Smartphone</a> kam sogar erst 2007 heraus! Und jetzt, 2025, kürte <a href="https://www.zeit.de/kultur/2025-12/ki-aera-ist-das-wort-des-jahres-2025-gxe">die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) schon “KI-Ära” zum Wort des Jahres</a>!</p> <p>Während die Alphabet-Medienrevolution noch Jahrtausende brauchte, um die Hälfte der Menschheit zu erreichen, der Alphabet-Buchdruck noch knapp fünf Jahrhunderte und die elektronische Medienrevolution noch eines, haben wir Angehörigen der Generation X (Jahrgänge 1965 – 1980) sowohl die Explosionen des Internet in drei Jahrzehnten und der KI-Anwendungen in wenigen Jahren erlebt.</p> <p>Und während Rechte und Liberale noch oft <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/nachgefragt-podcast-zum-zunehmenden-kampf-ums-wasser-im-21-jahrhundert/">die Eskalation der globalen Erhitzung zur Wasserkrise verleugnen</a>, verdrängen Linke und Liberale besonders gerne <strong>die Rasanz der säkularen Geburtenimplosion</strong>. Dabei räumen inzwischen <a href="https://ourworldindata.org/data-insights/the-world-has-passed-peak-child">laut Auswertung von <strong>Hannah Ritchie</strong> auch die Vereinten Nationen (UN) ein</a>, dass <strong>die Zahl der Unter-5-Jährigen Kinder bereits seit 2017 weltweit zurückgeht</strong>. D<strong>ie Zahl der Unter-15-Jährigen sinke bereits seit 2020 &amp; die Zahl der Unter-25-Jährigen seit 2024</strong>. Weltweit. Nach dem <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/hans-rosling-ber-religion-und-babys-richtig-verstehen/">schwedischen Arzt und Wissenschaftskommunikator <strong>Hans Rosling</strong> (1948 – 2017)</a> spricht man dabei auch vom Überschreiten des <strong>“Peak Child”</strong> – des Gipfels der Kinderzahlen. Es wird unweigerlich in einem baldigen <strong>“Peak Population”</strong> – dem Höhepunkt der Weltbevölkerung – münden. Persönlich erwarte ich diesen Punkt bereits in den 2030er Jahren, da alleine schon <a href="https://www.youtube.com/watch?v=YTS38Ihqmtk">die KP-Diktatur <strong>China</strong> die eigene Bevölkerung statistische um viele, womöglich Hunderte von Millionen Menschen zu überhöhen</a> scheint. Schon <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/berbev-lkerung-und-reproduktionsvorteil-durch-religion/">2009 diskutierten wir auch hier auf <em>“Natur des Glaubens”</em> den <em>falschen Mythos von der <strong>“Überbevölkerung”</strong></em></a>.<aside></aside></p> <p>Beachten Sie dabei bitte auch, wie gerade auch die “mittleren Prognosen” – die seit Jahrzehnten immer unterboten wurden – versuchen, eine relative Stabilität der Entwicklung zu vermitteln. Es ist sowohl psychologisch wie wissenschaftlich schwer, Szenarien zu modellieren, die es so noch nie gegeben hat.</p> <p><a href="https://ourworldindata.org/data-insights/the-world-has-passed-peak-child" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Laut den offiziellen UN-Berechnungen sinken die weltweiten Zahlen der Unter-5-Jährigen seit 2017, jene der Unter-15-Jährigen seit 2020 und jene der Unter-25-Jährigen seit 2024." decoding="async" height="905" sizes="(max-width: 905px) 100vw, 905px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025.jpg 905w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-768x768.jpg 768w" width="905"></img></a></p> <p><em>Laut den offiziellen UN-Berechnungen sinken die weltweiten Zahlen der Unter-5-Jährigen seit 2017, jene der Unter-15-Jährigen seit 2020 und jene der Unter-25-Jährigen seit 2024. Schon alleine wegen der mutmaßlich verfälschten Zahlen und Prognosen aus China dürfte die säkulare Geburtenimplosion in Wirklichkeit schon viel weiter fortgeschritten sein. Grafik: <a href="https://ourworldindata.org/data-insights/the-world-has-passed-peak-child">Our World in Data 2025, CC BY</a></em></p> <p>Wie ich <a href="https://www.spektrum.de/magazin/homo-religiosus/982255">aus Jahrzehnten von Arbeiten und Dialogen zur <strong>Religionsdemografie</strong> bestätigen</a> kann, ist <strong>Demografie sogar eher noch stärker als die Klimakrise mit heftigen Emotionen verbunden</strong>.</p> <p>Wann immer auch in der deutschen Politik über die eskalierenden Renten- und Schuldenlasten für junge Menschen debattiert wird, reagieren viele Progressive verstört, manchmal gar wütend. Denn seit dem sog. “Bevölkerungsgesetz” (1798) von <strong>Thomas Robert Malthus</strong> (1766 – 1834) waren <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-kann-nicht-alleine-militaerisch-besiegt-werden-er-ist-staerker-als-kapitalismus-und-sozialismus/">sowohl kapitalistische wie auch kommunistische Denker von ewigem, fossilem Wachstum auch der Bevölkerung</a> ausgegangen. Und der Zusammenbruch von Weltanschauungen ist mit erheblichem Schmerzen kognitiver Dissonanz verbunden und wird daher so lange wie möglich vermieden. Es geht immerhin um die je eigenen Biografien, um Familien und Sterblichkeit, um die Nachfrage nach Gütern und die Zukunft der Exportwirtschaft, um Politik, Regionen, Immobilien, <a href="https://www.youtube.com/watch?v=Iy9J9ddelVw">die Evolution und die Zukunft der Säkularisierung</a> u.v.m.</p> <p><a href="https://www.spektrum.de/magazin/homo-religiosus/982255" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die Grafik aus dem Artikel &quot;Homo religiosus&quot; von Dr. Michael Blume in Gehirn &amp; Geist 04/2009 zeigt die Korrelation von Gebetshäufigkeit und durchschnittlicher Kinderzahl in Deutschland und weltweit." decoding="async" height="516" sizes="(max-width: 550px) 100vw, 550px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionDemografieHomoreligiosus.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionDemografieHomoreligiosus.jpg 550w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionDemografieHomoreligiosus-300x281.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionDemografieHomoreligiosus-150x140.jpg 150w" width="550"></img></a></p> <p><em><span><a href="https://www.spektrum.de/magazin/homo-religiosus/982255">Religionsgemeinschaften entfalten ein kooperatives und damit auch reproduktives Potential.</a> Grafik aus: <a href="https://www.spektrum.de/magazin/homo-religiosus/982255">Michael Blume, “Homo religiosus”, Gehirn &amp; Geist 04/2009</a></span></em></p> <p>Immerhin räumten inzwischen auch <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115637512327757836">bei einer Mastodon-Umfrage zum Thema</a> bereits 38 Prozent der Antwortenden ein, “den weltweiten Einbruch der Geburtenraten, die säkulare Geburtenimplosion” als “ambivalent” zu empfinden. Diese Bereitschaft zu einem differenzierten und mutigen Blick respektiere ich sehr. Ich glaube, wir brauchen ihn dringend.</p> <p><a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115637512327757836" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mastodon-Umfrage zu Empfindungen gegenüber dem weltweiten Einbruch der Geburtenraten, der säkularen Geburtenimplosion vom 30.11.2025. 51% empfanden die Entwicklung &quot;überwiegend erfreulich&quot;, 38% als &quot;ambivalent&quot; und 7% &quot;überwiegend unerfreulich&quot;." decoding="async" height="422" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 577px) 100vw, 577px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SaekulareGeburtenimplosionMastodonBlume301125.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SaekulareGeburtenimplosionMastodonBlume301125.jpg 577w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SaekulareGeburtenimplosionMastodonBlume301125-300x219.jpg 300w" width="577"></img></a></p> <p><em><a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115637512327757836">Mastodon-Umfrage zu Empfindungen gegenüber dem weltweiten Einbruch der Geburtenraten, der säkularen Geburtenimplosion vom 30.11.2025</a>. 51% empfanden die Entwicklung “überwiegend erfreulich”, 38% als “ambivalent” und 7% “überwiegend unerfreulich”. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/israel-thymotische-religionsdemografie-und-das-saekulare-verebben/">Demokratie mit den höchsten Geburtenraten (TFR 2023 2,8) ist derzeit <strong>Israel</strong></a>, jene mit den niedrigsten Geburtenraten (TFR 2023 0,72) ist <strong>Südkorea</strong>. Ich meine, wir können auf der koreanischen Halbinsel sehr drastisch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/kick-it-like-einstein-nordkorea-verordneter-atheismus-und-die-folgen-2/"><strong>das Scheitern des fossilen Kommunismus in Nordkorea</strong></a>, aber auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-polarisierende-macht-der-saekularen-demografischen-traditionalismusfalle/"><strong>das Scheitern des fossilen Kapitalismus in Südkorea</strong></a> sehen.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/saekularer-zeitenumbruch-wie-fuehlt-sich-die-zeit-fuer-dich-an/">Der Zeitenumbruch ist real.</a> Wir werden auch in Fragen der Demografie neue Antworten brauchen. Wir sollten also dialogisch darüber sprechen.</p> <p><em>“Kurzgesagt”</em> versucht es mit niedlichen Comic-Animationen. Und immerhin: <a href="https://www.youtube.com/watch?v=Ufmu1WD2TSk">Die englische Version <em>“South Korea is over”</em> hat bereits 14 Millionen Abrufe.</a></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/l9UGB_V6A8g?feature=oembed&amp;rel=0" title="SÜDKOREA IST AM ENDE" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Peak Child - Zeitenumbruch auch durch die Geburtenimplosion</h1><h2>By Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Bestimmt bin ich nicht der Einzige, der immer öfter <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/es-ist-die-zukunftsangst-stupid-die-zeitenumbruch-these-zur-wiederwahl-von-donald-trump-usa/">Zeitenumbruch-Erfahrungen</a> macht – zu denen neben positiver Aufregung auch Schübe von Reaktanz und Nostalgie gehören.</p> <p>Diese Woche war es beispielsweise eine Nachfrage nach dem <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AbrahamHeuteCIGStuttgartMichaelBlume2000.pdf"><strong>Theaterstück <em>“Abraham heute”</em></strong></a>, das ich vor über 25 Jahren geschrieben und mit einer kleinen, christlich-islamischen Theatertruppe am 28. Oktober 2000 uraufgeführt hatte. Wir tourten daraufhin einige Jahre damit quer durch Deutschland. 2013 lösten wir, tief in den Familienphasen und buchstäblich über den halben Globus verstreut, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/jahre-christlich-islamische-gesellschaft-cig/">die Christlich-Islamische Gesellschaft (CIG) Region Stuttgart e.V. dann auch wieder auf</a>.</p> <p>Ich fand <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AbrahamHeuteCIGStuttgartMichaelBlume2000.pdf">den Text auf einer alten Festplatte, konvertierte ihn in pdf</a> – und stellte mit einem Gänsehaut-Moment fest, dass sich <em>erst einige Jahre später digitale Fotografien</em> auf dem Datenspeicher fanden! Digitale Kameras waren uns damals noch zu teuer und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/IPhone_(1._Generation)">das erste IPhone-Smartphone</a> kam sogar erst 2007 heraus! Und jetzt, 2025, kürte <a href="https://www.zeit.de/kultur/2025-12/ki-aera-ist-das-wort-des-jahres-2025-gxe">die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) schon “KI-Ära” zum Wort des Jahres</a>!</p> <p>Während die Alphabet-Medienrevolution noch Jahrtausende brauchte, um die Hälfte der Menschheit zu erreichen, der Alphabet-Buchdruck noch knapp fünf Jahrhunderte und die elektronische Medienrevolution noch eines, haben wir Angehörigen der Generation X (Jahrgänge 1965 – 1980) sowohl die Explosionen des Internet in drei Jahrzehnten und der KI-Anwendungen in wenigen Jahren erlebt.</p> <p>Und während Rechte und Liberale noch oft <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/nachgefragt-podcast-zum-zunehmenden-kampf-ums-wasser-im-21-jahrhundert/">die Eskalation der globalen Erhitzung zur Wasserkrise verleugnen</a>, verdrängen Linke und Liberale besonders gerne <strong>die Rasanz der säkularen Geburtenimplosion</strong>. Dabei räumen inzwischen <a href="https://ourworldindata.org/data-insights/the-world-has-passed-peak-child">laut Auswertung von <strong>Hannah Ritchie</strong> auch die Vereinten Nationen (UN) ein</a>, dass <strong>die Zahl der Unter-5-Jährigen Kinder bereits seit 2017 weltweit zurückgeht</strong>. D<strong>ie Zahl der Unter-15-Jährigen sinke bereits seit 2020 &amp; die Zahl der Unter-25-Jährigen seit 2024</strong>. Weltweit. Nach dem <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/hans-rosling-ber-religion-und-babys-richtig-verstehen/">schwedischen Arzt und Wissenschaftskommunikator <strong>Hans Rosling</strong> (1948 – 2017)</a> spricht man dabei auch vom Überschreiten des <strong>“Peak Child”</strong> – des Gipfels der Kinderzahlen. Es wird unweigerlich in einem baldigen <strong>“Peak Population”</strong> – dem Höhepunkt der Weltbevölkerung – münden. Persönlich erwarte ich diesen Punkt bereits in den 2030er Jahren, da alleine schon <a href="https://www.youtube.com/watch?v=YTS38Ihqmtk">die KP-Diktatur <strong>China</strong> die eigene Bevölkerung statistische um viele, womöglich Hunderte von Millionen Menschen zu überhöhen</a> scheint. Schon <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/berbev-lkerung-und-reproduktionsvorteil-durch-religion/">2009 diskutierten wir auch hier auf <em>“Natur des Glaubens”</em> den <em>falschen Mythos von der <strong>“Überbevölkerung”</strong></em></a>.<aside></aside></p> <p>Beachten Sie dabei bitte auch, wie gerade auch die “mittleren Prognosen” – die seit Jahrzehnten immer unterboten wurden – versuchen, eine relative Stabilität der Entwicklung zu vermitteln. Es ist sowohl psychologisch wie wissenschaftlich schwer, Szenarien zu modellieren, die es so noch nie gegeben hat.</p> <p><a href="https://ourworldindata.org/data-insights/the-world-has-passed-peak-child" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Laut den offiziellen UN-Berechnungen sinken die weltweiten Zahlen der Unter-5-Jährigen seit 2017, jene der Unter-15-Jährigen seit 2020 und jene der Unter-25-Jährigen seit 2024." decoding="async" height="905" sizes="(max-width: 905px) 100vw, 905px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025.jpg 905w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-768x768.jpg 768w" width="905"></img></a></p> <p><em>Laut den offiziellen UN-Berechnungen sinken die weltweiten Zahlen der Unter-5-Jährigen seit 2017, jene der Unter-15-Jährigen seit 2020 und jene der Unter-25-Jährigen seit 2024. Schon alleine wegen der mutmaßlich verfälschten Zahlen und Prognosen aus China dürfte die säkulare Geburtenimplosion in Wirklichkeit schon viel weiter fortgeschritten sein. Grafik: <a href="https://ourworldindata.org/data-insights/the-world-has-passed-peak-child">Our World in Data 2025, CC BY</a></em></p> <p>Wie ich <a href="https://www.spektrum.de/magazin/homo-religiosus/982255">aus Jahrzehnten von Arbeiten und Dialogen zur <strong>Religionsdemografie</strong> bestätigen</a> kann, ist <strong>Demografie sogar eher noch stärker als die Klimakrise mit heftigen Emotionen verbunden</strong>.</p> <p>Wann immer auch in der deutschen Politik über die eskalierenden Renten- und Schuldenlasten für junge Menschen debattiert wird, reagieren viele Progressive verstört, manchmal gar wütend. Denn seit dem sog. “Bevölkerungsgesetz” (1798) von <strong>Thomas Robert Malthus</strong> (1766 – 1834) waren <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-kann-nicht-alleine-militaerisch-besiegt-werden-er-ist-staerker-als-kapitalismus-und-sozialismus/">sowohl kapitalistische wie auch kommunistische Denker von ewigem, fossilem Wachstum auch der Bevölkerung</a> ausgegangen. Und der Zusammenbruch von Weltanschauungen ist mit erheblichem Schmerzen kognitiver Dissonanz verbunden und wird daher so lange wie möglich vermieden. Es geht immerhin um die je eigenen Biografien, um Familien und Sterblichkeit, um die Nachfrage nach Gütern und die Zukunft der Exportwirtschaft, um Politik, Regionen, Immobilien, <a href="https://www.youtube.com/watch?v=Iy9J9ddelVw">die Evolution und die Zukunft der Säkularisierung</a> u.v.m.</p> <p><a href="https://www.spektrum.de/magazin/homo-religiosus/982255" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die Grafik aus dem Artikel &quot;Homo religiosus&quot; von Dr. Michael Blume in Gehirn &amp; Geist 04/2009 zeigt die Korrelation von Gebetshäufigkeit und durchschnittlicher Kinderzahl in Deutschland und weltweit." decoding="async" height="516" sizes="(max-width: 550px) 100vw, 550px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionDemografieHomoreligiosus.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionDemografieHomoreligiosus.jpg 550w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionDemografieHomoreligiosus-300x281.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionDemografieHomoreligiosus-150x140.jpg 150w" width="550"></img></a></p> <p><em><span><a href="https://www.spektrum.de/magazin/homo-religiosus/982255">Religionsgemeinschaften entfalten ein kooperatives und damit auch reproduktives Potential.</a> Grafik aus: <a href="https://www.spektrum.de/magazin/homo-religiosus/982255">Michael Blume, “Homo religiosus”, Gehirn &amp; Geist 04/2009</a></span></em></p> <p>Immerhin räumten inzwischen auch <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115637512327757836">bei einer Mastodon-Umfrage zum Thema</a> bereits 38 Prozent der Antwortenden ein, “den weltweiten Einbruch der Geburtenraten, die säkulare Geburtenimplosion” als “ambivalent” zu empfinden. Diese Bereitschaft zu einem differenzierten und mutigen Blick respektiere ich sehr. Ich glaube, wir brauchen ihn dringend.</p> <p><a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115637512327757836" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mastodon-Umfrage zu Empfindungen gegenüber dem weltweiten Einbruch der Geburtenraten, der säkularen Geburtenimplosion vom 30.11.2025. 51% empfanden die Entwicklung &quot;überwiegend erfreulich&quot;, 38% als &quot;ambivalent&quot; und 7% &quot;überwiegend unerfreulich&quot;." decoding="async" height="422" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 577px) 100vw, 577px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SaekulareGeburtenimplosionMastodonBlume301125.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SaekulareGeburtenimplosionMastodonBlume301125.jpg 577w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SaekulareGeburtenimplosionMastodonBlume301125-300x219.jpg 300w" width="577"></img></a></p> <p><em><a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115637512327757836">Mastodon-Umfrage zu Empfindungen gegenüber dem weltweiten Einbruch der Geburtenraten, der säkularen Geburtenimplosion vom 30.11.2025</a>. 51% empfanden die Entwicklung “überwiegend erfreulich”, 38% als “ambivalent” und 7% “überwiegend unerfreulich”. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/israel-thymotische-religionsdemografie-und-das-saekulare-verebben/">Demokratie mit den höchsten Geburtenraten (TFR 2023 2,8) ist derzeit <strong>Israel</strong></a>, jene mit den niedrigsten Geburtenraten (TFR 2023 0,72) ist <strong>Südkorea</strong>. Ich meine, wir können auf der koreanischen Halbinsel sehr drastisch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/kick-it-like-einstein-nordkorea-verordneter-atheismus-und-die-folgen-2/"><strong>das Scheitern des fossilen Kommunismus in Nordkorea</strong></a>, aber auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-polarisierende-macht-der-saekularen-demografischen-traditionalismusfalle/"><strong>das Scheitern des fossilen Kapitalismus in Südkorea</strong></a> sehen.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/saekularer-zeitenumbruch-wie-fuehlt-sich-die-zeit-fuer-dich-an/">Der Zeitenumbruch ist real.</a> Wir werden auch in Fragen der Demografie neue Antworten brauchen. Wir sollten also dialogisch darüber sprechen.</p> <p><em>“Kurzgesagt”</em> versucht es mit niedlichen Comic-Animationen. Und immerhin: <a href="https://www.youtube.com/watch?v=Ufmu1WD2TSk">Die englische Version <em>“South Korea is over”</em> hat bereits 14 Millionen Abrufe.</a></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/l9UGB_V6A8g?feature=oembed&amp;rel=0" title="SÜDKOREA IST AM ENDE" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/peak-child-zeitenumbruch-auch-durch-die-saekulare-geburtenimplosion/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>62</slash:comments> </item> <item> <title>Terraforming des Mars https://scilogs.spektrum.de/meertext/terraforming-des-mars/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/terraforming-des-mars/#comments Thu, 04 Dec 2025 22:09:18 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1842 <h1>Terraforming des Mars » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Der Rote Planet ist der Erde besonders nahe und ist seit historischen Zeiten Projektionsfläche für Wünsche, Sehnsüchte und Ängste. In den letzten Jahrzehnten kam es im Zuge der technischen Fortschritte immer wieder zu Diskussionen und Vorstellungen, den Mars mit Terraforming für Menschen bespielbar zu machen, sowohl von WissenschaftlerInnen als auch von Science-Fiction-AutorInnen.<br></br>Im Sommer hatte ein interdisziplinäres Team von Forschenden unterschiedlicher US-Institutionen eine neue Studie dazu veröffentlicht. Sie hatten auf der Basis aktuellen Wissens zu Wasser, Kohlendioxid und der Bodenbeschaffenheit des Mars sowie möglichen Ansätzen zur Erhöhung der Oberflächentemperatur und des atmosphärischen Drucks sowie des Sauerstoffgehalts ein mögliches Terraforming des Roten Planeten analysiert. </p> <p>Die zwei Hauptfragen sind:</p> <ul> <li>Ist es möglich?</li> <li>Sollte es durchgeführt werden, wenn es möglich ist?</li> </ul> <p>„Ob Sie es glauben oder nicht, seit 1991 hat sich niemand mehr wirklich mit der Frage beschäftigt, ob eine Terraformung des Mars überhaupt machbar ist“, sagte Nina Lanza, Planetenforscherin am Los Alamos National Laboratory und Mitautorin der Studie gegenüber der Presse. „Seitdem haben wir jedoch große Fortschritte in der Marsforschung, der Geoengineering, den Startkapazitäten und den Biowissenschaften gemacht, was uns die Möglichkeit gibt, die Terraforming-Forschung neu zu betrachten und uns zu fragen, <a href="https://www.lanl.gov/media/news/0513-terraforming-mars">was tatsächlich möglich ist.“ erklärte die Mitautorin und Planetologin Nina Lanza</a> (Los Alamos National Laboratory) gegenüber der Presse. (Meertext: Ich würde wirklich gern wissen, welche Fortschritte beim Geoengineering sie meint. Ich habe da bislang ziemlich unausgegorenes Zeug gelesen, das ein reiches Sortiment an Möglichkeiten zum Verschlimmbessern enthält. Außerdem kann ich mir schwer vorstellen, dass diese Frage seit 1991 nicht diskutiert worden ist. Schließlich gibt es eine Organisation zur Besiedlung des Mars, die z B in <a href="https://nationalgeographic.de/wissenschaft/2017/11/der-mars-bald-eine-reise-wert/">diesem National Geographic-Beitrag von 2017 </a>genannt wird.)</p> <p>Die neue Studie will erstmals die Klärung der zweiten Frage vor die nach der Machbarkeit stellen. Sie diskutieren das mögliche Terraforming also aus einer anderen Perspektive. Mit ihrer Arbeit wollen sie einen Entwurf vorlegen, der als Grundlage für die Bewertung der Voraussetzungen für die Terraformung des Mars dienen könnte.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 1016px) 100vw, 1016px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-1016x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-1016x1024.jpg 1016w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-298x300.jpg 298w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-768x774.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-1524x1536.jpg 1524w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-2032x2048.jpg 2032w" width="1016"></img></a><figcaption>Künstlerische Darstellung des Terraforming-Prozesses Mars (Wikipedia: <a>Terraforming des Mars</a>)</figcaption></figure> <h2 id="h-terraforming-schritt-fur-schritt">Terraforming Schritt für Schritt</h2> <p><strong>Schritt 1: Marserwärmung<br></br></strong>Der Mars hat in Äquatornähe Temperaturen von etwa 20 °C am Tag, nachts können sie auf −85 °C sinken. Die mittlere Temperatur des Planeten liegt bei etwa −63 °C.<br></br>Darum müsste ein Terraforming vermutlich mit der Erwärmung des Planeten beginnen. Mögliche Methoden dafür wären etwa die Anbringung von Sonnensegeln oder die Verteilung von Nanopartikeln in der Atmosphäre des Planeten, um die Wärme der Sonne zu speichern. Sobald der Planet um etwa 30 °C erwärmt wäre, was wahrscheinlich viele Jahre dauern würde, würde Kohlendioxid aus den Polen freigesetzt werden, was zur weiteren <a href="https://phys.org/news/2025-06-realistic-terraforming-mars.html">Erwärmung des Planeten beitragen und die Atmosphäre verdichten würde</a> Meertext: Mit Letzterem haben wir Menschen ja wirklich ausreichend Erfahrung).<aside></aside></p> <p><strong>Schritt 2:</strong> <strong>Sauerstoffproduktion</strong><br></br>Ist der Rote Planet ausreichend erwärmt, könnte man photosynthetisch aktive Mikroben zur Sauerstoffproduktion einführen.<br></br>Sowie ein ausreichend erscheinender Sauerstoffgehalt vorliegt, könnte „<a href="https://phys.org/news/2025-06-realistic-terraforming-mars.html">die Atmosphäre mit der Zugabe von Chemikalien und anderen Materialien</a> nach Bedarf gepflegt werden.“<br></br>(Meertext: Wie dieser Prozess auf der Erde abgelaufen ist und dass er durch die „Große Sauerstoffkatastrophe“ zu einer Massenvernichtung anderer Lebensformen geführt hat, habe ich gerade für den Sonderband 2025 von Bild der Wissenschaft und Natur <a href="https://www.wissenschaft.de/naturplus/die-geschichte-des-lebens-3/">geschrieben</a>. Außerdem hat es auf der Erde viele Erfahrungen mit dem Anreichern verschiedener Chemikalien in der Atmosphöre gegeben. Die fast immer zu Massensterben geführt haben, wie etwa in der guten alten <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/triassic-life-der-aufstieg-der-dinosaurier/">Zeit der Perm-Trias-Krise)</a>.</p> <p><strong>Schritt 3: Schrittweise Einführung von Pflanzen und Tieren<br></br></strong>Damit könnten Ökosysteme auf der Planetenoberfläche eingerichtet werden.</p> <p><strong>Schritt 4: Menschen können auf dem Mars leben</strong></p> <p>Mit einer heimeligen Atmosphäre inmitten heimischer Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen könnten dann Menschen auch außerhalb spezieller Habitaten leben.</p> <h2 id="h-was-eher-dagegen-spricht"><strong>Was eher dagegen spricht</strong></h2> <p>Klar, was soll schon schiefgehen?<br></br>Immerhin haben wir Erfahrung mit 100 Jahren Treibhauseffekt und kennen die wunderbare Wärme des Kohlendioxids.<br></br>Und mit der Einführung neuer Spezies und dem Verändern von Ökosystemen haben wir Tausende von Jahren Erfahrung. In der Regel ist es schief gegangen, aber so what, was kann schon auf einem neuen Planeten passieren?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-24.png"><img alt="" decoding="async" height="483" sizes="(max-width: 519px) 100vw, 519px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-24.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-24.png 519w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-24-300x279.png 300w" width="519"></img></a><figcaption>Skeet auf BlueSky von Erika Alden DeBenedictis, 13.05.2025</figcaption></figure> <p>Auf <a href="https://bsky.app/profile/did:plc:rnpyw35qfwyjchekcev425ki">Erika Alden DeBenedictis begeisterten Thread </a>zur Publikation am 13.05.2025 auf BlueSky kam eine eher distanzierte und übersichtliche Diskussion. Ein wichtiger Kritikpunkt war, dass Mars ohne Magnetfeld eine künstlich geschaffene Atmosphäre nicht stabil halten könnte und für Lebensformen eher ungemütlich sein dürfte.<br></br>Der zweite wichtige Kritikpunkt ist genauso schwerwiegend und wird von diesen beiden Kommentaren zusammengefasst: „So charming that scientists with great ideas are not even trying to save the planet we have which is perpetually on fire and growing more toxic by the day. I’m glad you see a new green planet in the future; I rather prefer the one we’ve got.“ – „I agree – let’s terraform earth first and fix our carbon cycle“. </p> <p>Der Science Fiction-Ausnahme-Autor Kim Stanley Robinson hat zu genau diesem Thema seine berühmte Mars-Trilogie geschrieben, die die BAsis seines Rums ist. In „Red Mars“, „Green Mars“ und „Blue Mars“ beschreibt er detailliert die Besiedlung des Mars und die verschiedenen Stadien. Wissenschaftsbasiert, soziologisch versiert und erfindungsreich (Meertext: Ich muss an dieser Stelle ehrlich zugeben, dass ich in Band 2 steckenblieb und lieber seine anderen Bücher weiterlas).</p> <p>Aber von der Realisierung einer solchen Utopie sind wir nicht nur technologisch, sondern auch psychologisch und soziologisch weit, weit entfernt.<br></br>So sehr ich dagegen bin, mit dem Hinweis auf die Kosten der Klimakrise andere Forschungsgebiete beschneiden zu wollen, kam mir diese Publikation von Erika Alden DeBenedictis et al etwas zu reichlich phantasievoll vor.<br></br>Ich hätte bei diesen Ansagen auch eine ethische Technologiefolgenabschätzung erwartet, ob wir den Mars überhaupt besiedeln sollten. Möglicherweise kommt die irgendwo in der Publikation vor, deren Paywall ich leider nicht überwinden konnte. In Pressemitteilung und Presseberichten war dazu nichts zu finden.<br></br>Da sind viele SF-Szenarien deutlich weiter.</p> <h2 id="h-ware-eine-mars-siedlung-ethisch-vertretbar"><strong>Wäre eine Mars-Siedlung ethisch vertretbar?</strong></h2> <p>Unser roter Nachbarplanet steht auch wegen der Suche nach außerirdischem Leben immer wieder im Licht der Öffentlchkeit.<br></br>Dass dort heute etwas lebt, erscheint zwar unwahrscheinlich, ist aber nicht vollkommen ausgeschlossen. Wissenschaftlicher Konsens ist zurzeit, dass es dort eher zu einer früheren Zeit, vor dem Verlust der Mars-Atmosphäre, möglicherweise Leben gegeben haben könnte. Dafür gibt es bisher keinen Nachweis.<br></br>Beim Mars-Meteoriten ALH 84001 und aktuellen Gesteinsfunden etwa durch den Mars-Rover <em>Perseverance</em> handelt es sich, <a href="https://carnegiescience.edu/news/martian-meteorites-organic-materials-origin-not-biological">so der aktuelle Stand, nicht um fossile Biosignaturen</a>. Auch wenn sie in einigen Aspekten Strukturen in Gesteinen ähneln, die auf der Erde teilweise unter Mitwirkung von Mikroorganismen entstanden. Allerdings gibt es für deren Bildung auch mehrere nicht-biologische, rein mineralogische und geochemische Erklärungen.</p> <p>Nichtsdestotrotz ist oder war der Mars eine potenzielle Welt, wenn auch wohl bestenfalls vor über 3 Milliarden Jahren. Zu diesser Zeit könnte sich, im ähnlichen Zeitraum wie auf der Erde, einfaches Lebens oder Vorstufen davon gebildet haben. Während auf der Erde solche Gesteine meist stark verwittert oder nicht zugänglich sind, könnten sie auf dem Mars vielleicht noch besser erhalten sein. Ohne die irdischen Wetterverhältnisse und die fossil-störenden Auswirkungen der späteren Lebensformen könnte man dort in nicht allzu großer Gesteinstiefe ungestörte Gesteinsablagerungen finden, etwa in <a href="https://www.dlr.de/de/forschung-und-transfer/projekte-und-missionen/mars2020/wissenschaftliche-ziele-der-mission-mars-2020">Sedimenten von Flußfächern (Auf dieser DLR-Seite ist es gut erklärt)</a>. Darum erhoffen sich AstrobiologInnen, PaläontologInnen und andere Forschende mögliche Informationen zur frühen Entwicklung des Lebens auf der Erde.<p>Solche potenziell habitablen Planeten und Monde – wie auch Mars – unterliegen den strengen Vorschriften des Committee on Space Research <a href="https://cosparhq.cnes.fr/">(COSPAR)</a>:</p><br></br>“The main objectives are to</p> <ul> <li>Rigorously preclude backward contamination of Earth by extraterrestrial life or bioactive molecules in returned samples from habitable worlds in order to prevent potentially harmful consequences for humans and the Earth’s biosphere.</li> <li>Carefully control forward contamination of other worlds by terrestrial organisms and organic materials carried by spacecraft in order to guarantee the integrity of the search and study of extraterrestrial life, if it exists.</li> </ul> <p>Eine Besiedlung oder gar ein Terraforming des Mars könnte solche erhofften Spuren sehr frühen Lebens oder, noch schlimmer, hypothetische heutige Lebensspuren oder biogene Moleküle, auslöschen. Bei <a href="https://astrobiology.com/2025/01/mars-sample-return-from-collection-to-curation-of-samples-from-a-habitable-world.html">Sample Return-Missionen zum Mars werden sie im Missionsdesign auch berücksichtigt.</a> <br></br>Darum wären solche Ideen von Terraforming oder Besiedlung sehr kritisch zu sehen, schließlich verstoßen sie gegen alle ethischen Überlegungen zum Schutz außerirdischen Lebens. Wie übrigens auch das Fernziel der Firma Pioneer Labs, deren CEO Erika Alden DeBenedictis ist – also die Arbeit mit extremophilen Mikroorganismen und deren Potential zum Terraforming des Mars.</p> <h2 id="h-marsforschung-als-wissenschaftliche-fingerubung">“<strong>Marsforschung” als wissenschaftliche Fingerübung</strong></h2> <p>Im letzten Absatz der <a href="https://www.lanl.gov/media/news/0513-terraforming-mars">Pressemitteilung der Los Alamos National Laboratory</a> rudern die AutorInnen dann allerdings mächtig zurück:<br></br>„Die AutorInnen merken außerdem an, dass diese Forschung letztendlich dazu beitragen könnte, die „Oase Erde“ zu erhalten. Sie argumentieren, dass Technologien, die für die Besiedlung des Mars entwickelt wurden, wie beispielsweise trockenheitsresistente Nutzpflanzen, effiziente Bodensanierung und verbesserte Ökosystemmodellierung, wahrscheinlich auch unserem Heimatplaneten zugutekommen werden.„Die Forschung zur Terraformung des Mars bietet einen wichtigen Testbereich für die Planetenforschung, in dem Theorien validiert oder Wissenslücken aufgedeckt werden können“, schreiben sie. „Die Fortsetzung der Forschung verspricht bedeutende wissenschaftliche Fortschritte, unabhängig davon, ob eine vollständige Terraformung stattfindet oder nicht.“ <br></br>Bis diese Forschung abgeschlossen ist, schreiben sie: „Wir wissen noch nicht einmal, was physikalisch oder biologisch möglich ist. … Wenn die Menschen lernen, wie man eine Welt wie den Mars terraformt, könnte dies der erste Schritt zu weiteren Zielen sein.““. Solche Publikationen sind jedenfalls definitv ein wichtiger Schritt, Marketing für Pioneer Labs zu machen</p> <p>Astro-Forschung kommt tatsächlich meist zunächst der Erde zugute. Sie ist ein Testbereich für wissenschaftliche Hypothesen und Technologien – also eine Art Fingerübung. Nur, dass eine Publikation zum Terraforming des Mars eine unendlich viel höhere Aufmerksamkeit bekommt, als neue trockenheitsresistente Nutzpflanzen, effiziente Bodensanierung oder verbesserte Ökosystemmodellierung.<br></br>Aber vielleicht sollten wir Terraforming-Methoden zunächst auf unserer guten alten Erde anwenden, damit wir endlich unseren Kohlenstoffkreislauf stabilisiert bekommen. <br></br>Vielleicht hört sich Terraforming Earth einfach eher sexy und erstrebenswert an, als Restoring Earth. Von mir aus. Hauptsache, wir gehen auf der Erde endlich mal an die Arbeit.</p> <p>PS: Übrigens halte ich am Sa, dem 06.12 und somit am Nikolaustag, auf der Volkssternwarte Darmstatd einen Vortrag über “<a href="https://vsda.de/">Wüste(n) Planeten</a> in der Science Fiction” – darin kommt auch der Mars mit seinen ultimativen Wüsten vor.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Terraforming des Mars » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Der Rote Planet ist der Erde besonders nahe und ist seit historischen Zeiten Projektionsfläche für Wünsche, Sehnsüchte und Ängste. In den letzten Jahrzehnten kam es im Zuge der technischen Fortschritte immer wieder zu Diskussionen und Vorstellungen, den Mars mit Terraforming für Menschen bespielbar zu machen, sowohl von WissenschaftlerInnen als auch von Science-Fiction-AutorInnen.<br></br>Im Sommer hatte ein interdisziplinäres Team von Forschenden unterschiedlicher US-Institutionen eine neue Studie dazu veröffentlicht. Sie hatten auf der Basis aktuellen Wissens zu Wasser, Kohlendioxid und der Bodenbeschaffenheit des Mars sowie möglichen Ansätzen zur Erhöhung der Oberflächentemperatur und des atmosphärischen Drucks sowie des Sauerstoffgehalts ein mögliches Terraforming des Roten Planeten analysiert. </p> <p>Die zwei Hauptfragen sind:</p> <ul> <li>Ist es möglich?</li> <li>Sollte es durchgeführt werden, wenn es möglich ist?</li> </ul> <p>„Ob Sie es glauben oder nicht, seit 1991 hat sich niemand mehr wirklich mit der Frage beschäftigt, ob eine Terraformung des Mars überhaupt machbar ist“, sagte Nina Lanza, Planetenforscherin am Los Alamos National Laboratory und Mitautorin der Studie gegenüber der Presse. „Seitdem haben wir jedoch große Fortschritte in der Marsforschung, der Geoengineering, den Startkapazitäten und den Biowissenschaften gemacht, was uns die Möglichkeit gibt, die Terraforming-Forschung neu zu betrachten und uns zu fragen, <a href="https://www.lanl.gov/media/news/0513-terraforming-mars">was tatsächlich möglich ist.“ erklärte die Mitautorin und Planetologin Nina Lanza</a> (Los Alamos National Laboratory) gegenüber der Presse. (Meertext: Ich würde wirklich gern wissen, welche Fortschritte beim Geoengineering sie meint. Ich habe da bislang ziemlich unausgegorenes Zeug gelesen, das ein reiches Sortiment an Möglichkeiten zum Verschlimmbessern enthält. Außerdem kann ich mir schwer vorstellen, dass diese Frage seit 1991 nicht diskutiert worden ist. Schließlich gibt es eine Organisation zur Besiedlung des Mars, die z B in <a href="https://nationalgeographic.de/wissenschaft/2017/11/der-mars-bald-eine-reise-wert/">diesem National Geographic-Beitrag von 2017 </a>genannt wird.)</p> <p>Die neue Studie will erstmals die Klärung der zweiten Frage vor die nach der Machbarkeit stellen. Sie diskutieren das mögliche Terraforming also aus einer anderen Perspektive. Mit ihrer Arbeit wollen sie einen Entwurf vorlegen, der als Grundlage für die Bewertung der Voraussetzungen für die Terraformung des Mars dienen könnte.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 1016px) 100vw, 1016px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-1016x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-1016x1024.jpg 1016w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-298x300.jpg 298w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-768x774.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-1524x1536.jpg 1524w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-2032x2048.jpg 2032w" width="1016"></img></a><figcaption>Künstlerische Darstellung des Terraforming-Prozesses Mars (Wikipedia: <a>Terraforming des Mars</a>)</figcaption></figure> <h2 id="h-terraforming-schritt-fur-schritt">Terraforming Schritt für Schritt</h2> <p><strong>Schritt 1: Marserwärmung<br></br></strong>Der Mars hat in Äquatornähe Temperaturen von etwa 20 °C am Tag, nachts können sie auf −85 °C sinken. Die mittlere Temperatur des Planeten liegt bei etwa −63 °C.<br></br>Darum müsste ein Terraforming vermutlich mit der Erwärmung des Planeten beginnen. Mögliche Methoden dafür wären etwa die Anbringung von Sonnensegeln oder die Verteilung von Nanopartikeln in der Atmosphäre des Planeten, um die Wärme der Sonne zu speichern. Sobald der Planet um etwa 30 °C erwärmt wäre, was wahrscheinlich viele Jahre dauern würde, würde Kohlendioxid aus den Polen freigesetzt werden, was zur weiteren <a href="https://phys.org/news/2025-06-realistic-terraforming-mars.html">Erwärmung des Planeten beitragen und die Atmosphäre verdichten würde</a> Meertext: Mit Letzterem haben wir Menschen ja wirklich ausreichend Erfahrung).<aside></aside></p> <p><strong>Schritt 2:</strong> <strong>Sauerstoffproduktion</strong><br></br>Ist der Rote Planet ausreichend erwärmt, könnte man photosynthetisch aktive Mikroben zur Sauerstoffproduktion einführen.<br></br>Sowie ein ausreichend erscheinender Sauerstoffgehalt vorliegt, könnte „<a href="https://phys.org/news/2025-06-realistic-terraforming-mars.html">die Atmosphäre mit der Zugabe von Chemikalien und anderen Materialien</a> nach Bedarf gepflegt werden.“<br></br>(Meertext: Wie dieser Prozess auf der Erde abgelaufen ist und dass er durch die „Große Sauerstoffkatastrophe“ zu einer Massenvernichtung anderer Lebensformen geführt hat, habe ich gerade für den Sonderband 2025 von Bild der Wissenschaft und Natur <a href="https://www.wissenschaft.de/naturplus/die-geschichte-des-lebens-3/">geschrieben</a>. Außerdem hat es auf der Erde viele Erfahrungen mit dem Anreichern verschiedener Chemikalien in der Atmosphöre gegeben. Die fast immer zu Massensterben geführt haben, wie etwa in der guten alten <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/triassic-life-der-aufstieg-der-dinosaurier/">Zeit der Perm-Trias-Krise)</a>.</p> <p><strong>Schritt 3: Schrittweise Einführung von Pflanzen und Tieren<br></br></strong>Damit könnten Ökosysteme auf der Planetenoberfläche eingerichtet werden.</p> <p><strong>Schritt 4: Menschen können auf dem Mars leben</strong></p> <p>Mit einer heimeligen Atmosphäre inmitten heimischer Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen könnten dann Menschen auch außerhalb spezieller Habitaten leben.</p> <h2 id="h-was-eher-dagegen-spricht"><strong>Was eher dagegen spricht</strong></h2> <p>Klar, was soll schon schiefgehen?<br></br>Immerhin haben wir Erfahrung mit 100 Jahren Treibhauseffekt und kennen die wunderbare Wärme des Kohlendioxids.<br></br>Und mit der Einführung neuer Spezies und dem Verändern von Ökosystemen haben wir Tausende von Jahren Erfahrung. In der Regel ist es schief gegangen, aber so what, was kann schon auf einem neuen Planeten passieren?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-24.png"><img alt="" decoding="async" height="483" sizes="(max-width: 519px) 100vw, 519px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-24.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-24.png 519w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-24-300x279.png 300w" width="519"></img></a><figcaption>Skeet auf BlueSky von Erika Alden DeBenedictis, 13.05.2025</figcaption></figure> <p>Auf <a href="https://bsky.app/profile/did:plc:rnpyw35qfwyjchekcev425ki">Erika Alden DeBenedictis begeisterten Thread </a>zur Publikation am 13.05.2025 auf BlueSky kam eine eher distanzierte und übersichtliche Diskussion. Ein wichtiger Kritikpunkt war, dass Mars ohne Magnetfeld eine künstlich geschaffene Atmosphäre nicht stabil halten könnte und für Lebensformen eher ungemütlich sein dürfte.<br></br>Der zweite wichtige Kritikpunkt ist genauso schwerwiegend und wird von diesen beiden Kommentaren zusammengefasst: „So charming that scientists with great ideas are not even trying to save the planet we have which is perpetually on fire and growing more toxic by the day. I’m glad you see a new green planet in the future; I rather prefer the one we’ve got.“ – „I agree – let’s terraform earth first and fix our carbon cycle“. </p> <p>Der Science Fiction-Ausnahme-Autor Kim Stanley Robinson hat zu genau diesem Thema seine berühmte Mars-Trilogie geschrieben, die die BAsis seines Rums ist. In „Red Mars“, „Green Mars“ und „Blue Mars“ beschreibt er detailliert die Besiedlung des Mars und die verschiedenen Stadien. Wissenschaftsbasiert, soziologisch versiert und erfindungsreich (Meertext: Ich muss an dieser Stelle ehrlich zugeben, dass ich in Band 2 steckenblieb und lieber seine anderen Bücher weiterlas).</p> <p>Aber von der Realisierung einer solchen Utopie sind wir nicht nur technologisch, sondern auch psychologisch und soziologisch weit, weit entfernt.<br></br>So sehr ich dagegen bin, mit dem Hinweis auf die Kosten der Klimakrise andere Forschungsgebiete beschneiden zu wollen, kam mir diese Publikation von Erika Alden DeBenedictis et al etwas zu reichlich phantasievoll vor.<br></br>Ich hätte bei diesen Ansagen auch eine ethische Technologiefolgenabschätzung erwartet, ob wir den Mars überhaupt besiedeln sollten. Möglicherweise kommt die irgendwo in der Publikation vor, deren Paywall ich leider nicht überwinden konnte. In Pressemitteilung und Presseberichten war dazu nichts zu finden.<br></br>Da sind viele SF-Szenarien deutlich weiter.</p> <h2 id="h-ware-eine-mars-siedlung-ethisch-vertretbar"><strong>Wäre eine Mars-Siedlung ethisch vertretbar?</strong></h2> <p>Unser roter Nachbarplanet steht auch wegen der Suche nach außerirdischem Leben immer wieder im Licht der Öffentlchkeit.<br></br>Dass dort heute etwas lebt, erscheint zwar unwahrscheinlich, ist aber nicht vollkommen ausgeschlossen. Wissenschaftlicher Konsens ist zurzeit, dass es dort eher zu einer früheren Zeit, vor dem Verlust der Mars-Atmosphäre, möglicherweise Leben gegeben haben könnte. Dafür gibt es bisher keinen Nachweis.<br></br>Beim Mars-Meteoriten ALH 84001 und aktuellen Gesteinsfunden etwa durch den Mars-Rover <em>Perseverance</em> handelt es sich, <a href="https://carnegiescience.edu/news/martian-meteorites-organic-materials-origin-not-biological">so der aktuelle Stand, nicht um fossile Biosignaturen</a>. Auch wenn sie in einigen Aspekten Strukturen in Gesteinen ähneln, die auf der Erde teilweise unter Mitwirkung von Mikroorganismen entstanden. Allerdings gibt es für deren Bildung auch mehrere nicht-biologische, rein mineralogische und geochemische Erklärungen.</p> <p>Nichtsdestotrotz ist oder war der Mars eine potenzielle Welt, wenn auch wohl bestenfalls vor über 3 Milliarden Jahren. Zu diesser Zeit könnte sich, im ähnlichen Zeitraum wie auf der Erde, einfaches Lebens oder Vorstufen davon gebildet haben. Während auf der Erde solche Gesteine meist stark verwittert oder nicht zugänglich sind, könnten sie auf dem Mars vielleicht noch besser erhalten sein. Ohne die irdischen Wetterverhältnisse und die fossil-störenden Auswirkungen der späteren Lebensformen könnte man dort in nicht allzu großer Gesteinstiefe ungestörte Gesteinsablagerungen finden, etwa in <a href="https://www.dlr.de/de/forschung-und-transfer/projekte-und-missionen/mars2020/wissenschaftliche-ziele-der-mission-mars-2020">Sedimenten von Flußfächern (Auf dieser DLR-Seite ist es gut erklärt)</a>. Darum erhoffen sich AstrobiologInnen, PaläontologInnen und andere Forschende mögliche Informationen zur frühen Entwicklung des Lebens auf der Erde.<p>Solche potenziell habitablen Planeten und Monde – wie auch Mars – unterliegen den strengen Vorschriften des Committee on Space Research <a href="https://cosparhq.cnes.fr/">(COSPAR)</a>:</p><br></br>“The main objectives are to</p> <ul> <li>Rigorously preclude backward contamination of Earth by extraterrestrial life or bioactive molecules in returned samples from habitable worlds in order to prevent potentially harmful consequences for humans and the Earth’s biosphere.</li> <li>Carefully control forward contamination of other worlds by terrestrial organisms and organic materials carried by spacecraft in order to guarantee the integrity of the search and study of extraterrestrial life, if it exists.</li> </ul> <p>Eine Besiedlung oder gar ein Terraforming des Mars könnte solche erhofften Spuren sehr frühen Lebens oder, noch schlimmer, hypothetische heutige Lebensspuren oder biogene Moleküle, auslöschen. Bei <a href="https://astrobiology.com/2025/01/mars-sample-return-from-collection-to-curation-of-samples-from-a-habitable-world.html">Sample Return-Missionen zum Mars werden sie im Missionsdesign auch berücksichtigt.</a> <br></br>Darum wären solche Ideen von Terraforming oder Besiedlung sehr kritisch zu sehen, schließlich verstoßen sie gegen alle ethischen Überlegungen zum Schutz außerirdischen Lebens. Wie übrigens auch das Fernziel der Firma Pioneer Labs, deren CEO Erika Alden DeBenedictis ist – also die Arbeit mit extremophilen Mikroorganismen und deren Potential zum Terraforming des Mars.</p> <h2 id="h-marsforschung-als-wissenschaftliche-fingerubung">“<strong>Marsforschung” als wissenschaftliche Fingerübung</strong></h2> <p>Im letzten Absatz der <a href="https://www.lanl.gov/media/news/0513-terraforming-mars">Pressemitteilung der Los Alamos National Laboratory</a> rudern die AutorInnen dann allerdings mächtig zurück:<br></br>„Die AutorInnen merken außerdem an, dass diese Forschung letztendlich dazu beitragen könnte, die „Oase Erde“ zu erhalten. Sie argumentieren, dass Technologien, die für die Besiedlung des Mars entwickelt wurden, wie beispielsweise trockenheitsresistente Nutzpflanzen, effiziente Bodensanierung und verbesserte Ökosystemmodellierung, wahrscheinlich auch unserem Heimatplaneten zugutekommen werden.„Die Forschung zur Terraformung des Mars bietet einen wichtigen Testbereich für die Planetenforschung, in dem Theorien validiert oder Wissenslücken aufgedeckt werden können“, schreiben sie. „Die Fortsetzung der Forschung verspricht bedeutende wissenschaftliche Fortschritte, unabhängig davon, ob eine vollständige Terraformung stattfindet oder nicht.“ <br></br>Bis diese Forschung abgeschlossen ist, schreiben sie: „Wir wissen noch nicht einmal, was physikalisch oder biologisch möglich ist. … Wenn die Menschen lernen, wie man eine Welt wie den Mars terraformt, könnte dies der erste Schritt zu weiteren Zielen sein.““. Solche Publikationen sind jedenfalls definitv ein wichtiger Schritt, Marketing für Pioneer Labs zu machen</p> <p>Astro-Forschung kommt tatsächlich meist zunächst der Erde zugute. Sie ist ein Testbereich für wissenschaftliche Hypothesen und Technologien – also eine Art Fingerübung. Nur, dass eine Publikation zum Terraforming des Mars eine unendlich viel höhere Aufmerksamkeit bekommt, als neue trockenheitsresistente Nutzpflanzen, effiziente Bodensanierung oder verbesserte Ökosystemmodellierung.<br></br>Aber vielleicht sollten wir Terraforming-Methoden zunächst auf unserer guten alten Erde anwenden, damit wir endlich unseren Kohlenstoffkreislauf stabilisiert bekommen. <br></br>Vielleicht hört sich Terraforming Earth einfach eher sexy und erstrebenswert an, als Restoring Earth. Von mir aus. Hauptsache, wir gehen auf der Erde endlich mal an die Arbeit.</p> <p>PS: Übrigens halte ich am Sa, dem 06.12 und somit am Nikolaustag, auf der Volkssternwarte Darmstatd einen Vortrag über “<a href="https://vsda.de/">Wüste(n) Planeten</a> in der Science Fiction” – darin kommt auch der Mars mit seinen ultimativen Wüsten vor.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/terraforming-des-mars/#comments 53 Randomisierter kontrollierter Unfug https://scilogs.spektrum.de/hlf/randomisierter-kontrollierter-unfug/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/randomisierter-kontrollierter-unfug/#comments Wed, 03 Dec 2025 13:00:00 +0000 Christoph Pöppe https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=13976 <h1>Randomisierter kontrollierter Unfug - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Christoph Pöppe</h2><div itemprop="text"> <p>Wer unvorbereitet auf den Artikel „<a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC61047/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Effects of remote, retroactive intercessory prayer on outcomes in patients with bloodstream infection: randomised controlled trial</a>“ stößt, der im Dezember 2001 im renommierten „British Medical Journal“ veröffentlicht wurde, dürfte mit absolut ungläubigem Kopfschütteln reagieren – oder mit schallendem Gelächter. Der Autor Leonard Leibovici untersuchte, ob Stoßgebete zugunsten von Krankenhauspatientinnen und -patienten mit Blutvergiftung eine günstige Wirkung auf ihr Wohlergehen haben, und fand einen kleinen, allerdings deutlichen Effekt. Nur wurden die Fürbitten erst Jahre nach dem Krankenhausaufenthalt der Betroffenen gesprochen!</p> <p>Richtig lachhaft wird die Geschichte erst durch den Kontext, in dem sie erscheint. Das British Medical Journal verlangt von seinen Autorinnen und Autoren, dass sie in einem sehr formalisierten „Abstract“ Auskunft auf gewisse Standardfragen geben: „Ziel der Studie? Studiendesign? Auswahl der Versuchspersonen? Art der Behandlung? Messskala für den Erfolg? Ergebnisse?“ und einige mehr. Und von der Art der Behandlung abgesehen sind die Antworten sämtlich vom Feinsten. Das Rabin Medical Center in Petah-Tiqva ist eines der größten und renommiertesten Krankenhäuser Israels; die Anzahl der Versuchspersonen war 3393, eine Größenordnung, von der andere medizinisch Forschende nur träumen können; und diese Personen wurden streng nach dem Zufall in die Behandlungs- und die Kontrollgruppe eingeteilt, wobei zusätzlich darauf geachtet wurde, dass nicht eine wesentliche Eigenschaft – Geschlecht, Alter, Art der Vorerkrankung und so weiter – in einer der Gruppen deutlich anders ausgeprägt war als in der anderen. Damit erfüllt die Studie die Kriterien des „randomised controlled trial“, was wiederum für professionelle Medizinerinnen und Mediziner die unabdingbare Voraussetzung ist, ein Ergebnis für voll zu nehmen.</p> <p>So wie es aussieht, hat das nachträgliche Beten dem Überleben der Erkrankten nicht nennenswert aufgeholfen. Von den Angehörigen der Behandlungsgruppe haben 28,1 Prozent das Krankenhaus nicht lebend verlassen, von denen der Kontrollgruppe 30,2 Prozent. Der Unterschied ist selbst bei dem großen Kollektiv zu klein, um signifikant zu sein. Aber die durchschnittliche Verweildauer der Bebeteten war deutlich kürzer als die der übrigen. Der berüchtigte <em>p</em>-Wert lag bei stolzen 0,01, also weit unter der Grenze von 0,05, bis zu der man anzunehmen pflegt, dass die Abweichung nicht schon durch Zufall zustande kommt.</p> <p>Konsequenterweise empfiehlt Leonard Leibovici die Anwendung seines Verfahrens in der klinischen Praxis. Immerhin sei die Behandlung kostengünstig – in der Tat – und höchstwahrscheinlich ohne schädliche Nebenwirkungen. Das ist richtig: Wo keine Wirkung ist, kann es auch keine Nebenwirkungen geben. Dieses Argument bringt der Autor allerdings nicht an, aus nachvollziehbaren Gründen.</p> <p>Wie kommt dieser ausgemachte Quatsch in eine stockseriöse wissenschaftliche Zeitschrift? Da gab es den weithin bekannt gewordenen „Sokal Hoax“: Der Physiker Alan Sokal hatte 1996 der Zeitschrift „Social Text“ ein <a href="https://physics.nyu.edu/faculty/sokal/transgress_v2/transgress_v2_singlefile.html">Manuskript</a> eingereicht, in dem er die Ergebnisse seines eigenen Fachs zu bloßen gesellschaftlichen Vereinbarungen herabwürdigte: „Es stellt sich immer deutlicher heraus, dass die physikalische ,Realität‘, nicht anders als die gesellschaftliche ,Realität‘, im Grunde ein soziales und linguistisches Konstrukt ist; dass wissenschaftliche ,Erkenntnis‘ alles andere als objektiv ist, sondern vielmehr die dominanten Ideologien und die Machtverhältnisse der Kultur wiederspiegelt, die selbige hervorgebracht hat …“ Weiter geht es unter wilder Vermischung physikalischer Fachbegriffe mit Soziologenjargon, so erfolgreich, dass die Herausgeber der Zeitschrift das Manuskript akzeptierten. Hohn und Spott ergoss sich über sie, nachdem Sokal enthüllte, dass sein ganzer Text ein einziger Blödsinn war.<aside></aside></p> <p>Hier liegen die Verhältnisse deutlich anders. Zu offensichtlich hat Leibovici seinen Blödsinn formuliert und zu allem Überfluss noch eine Abbildung eines Zellabstrichs beigefügt, die er als „Rudolf the red-nosed reindeer“ bezeichnet – na ja, es gibt eine entfernte Ähnlichkeit. Nein – die Herausgeber haben ihren Lesern diesen Text mit der Kopfzeile „Beyond Science“ als Schmankerl zu Weihnachten serviert.</p> <p>Unter den zahlreichen Leserreaktionen auf den Artikel führen etliche den Unfug noch weiter. Andrew M. Thornett von der australischen Adelaide University überschüttet den Autor zunächst mit Lob, bemängelt jedoch, dass die Religionszugehörigkeit der Betenden nicht erwähnt wird. In dieser Richtung weiter gedacht: Natürlich kann das Ärger geben, wenn die Fürbitte nicht an den Gott gerichtet wird, an den der Patient glaubt, sondern an den Kollegen vom anderen Gebetbuch. Demnach könnte die Studie, weil sie darauf nicht achtete, den Effekt sogar noch unterschätzen.</p> <p>Übrigens bekamen die Betenden von ihren Schützlingen nichts weiter mitgeteilt als den Vornamen. Also hätten auch Mitglieder der Kontrollgruppe, die zufällig denselben Vornamen tragen, in gleichem Maße von den zugehörigen Fürbitten profitiert, wodurch der eigentlich zu messende Effekt ebenfalls verwässert worden wäre.</p> <p>Manche Kommentatoren schlagen vor, jetzt auch die Kontrollgruppe mit Gebeten zu bedenken und nachzusehen, ob sich dadurch die Daten aus der Vergangenheit verändern. Ein solcher Akt sei schon durch die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Deklaration_von_Helsinki" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Deklaration von Helsinki zur ärztlichen Ethik</a> geboten, weil man niemandem eine nachweislich effektive Behandlung ohne guten Grund vorenthalten dürfe.</p> <p>Aber: Wenn wir schon, zum Beispiel durch Gebete, in die Vergangenheit einwirken könnten, dann würden wir das niemals merken! Schließlich ist uns nur unsere jeweils „aktuelle“ Vergangenheit zugänglich. Für die Kontrollgruppe zu beten hätte möglicherweise den Effekt, dass es daraufhin deren Mitgliedern besser gegangen ist als gerade eben noch. Damit hätten sich auch die Krankenakten verändert, die Leibovici für seinen Artikel verwendet hat, und es gäbe einen entsprechend anderen Artikel … Eine von vielen Möglichkeiten, sich aus dem Zeitreise-Paradox herauszuwinden.</p> <p>Das ist ja alles ganz lustig und eine nette intellektuelle Spielerei. Problematisch bis sogar erschreckend sind dagegen in meinen Augen die Kommentare der Leute, die den Artikel für voll nehmen. Nicht wenige sehen in dem Ergebnis einen Beweis der Existenz Gottes. Ein Leserbriefschreiber berichtet über Erfahrungen vom Typ „ein gegenwärtiges Ereignis beeinflusst ein vergangenes“ in einem völlig anderen Kontext und verweist auf seine sehr esoterische <a href="https://www.fourmilab.ch/rpkp/">Website</a>.</p> <p>Etliche Leute nutzen die Online-Leserbriefspalte des British Medical Journal für umfangreiche Abhandlungen über das Wesen Gottes, insbesondere seine Unabhängigkeit von unserer Zeit, was ihn befähige, in die Vergangenheit einzugreifen. Im übrigen sei ja das Prinzip, dass die Ursache der Folge stets zeitlich vorausgeht, bereits in der Quantenmechanik verletzt (eine sehr abenteuerliche Interpretation der „spukhaften Fernwirkung“). Weiter geht es mit dem Urknall, kosmischen Wurmlöchern und allem, was die moderne Physik an philosophielastigen Theorien zu bieten hat. Leute, es war ein Witz!</p> <p>Es kommt noch schlimmer. Leibovici bemerkt zutreffend, dass sein Thema in der bisherigen Literatur kaum vorkommt, zitiert dann aber immerhin eine einschlägige <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/fullarticle/485161">Arbeit</a> von neun Medizinern aus drei amerikanischen Instituten. Untersucht wurde der Effekt von Gebeten auf das Schicksal von Patienten der Coronary Care Unit am Mid America Heart Institute in Kansas City. Es geht also um Menschen, die einen Herzinfarkt erlitten haben oder gerade noch rechtzeitig vorher eingeliefert wurden. Im Gegensatz zu Leibovici beschreiben die Autoren sehr detailliert, wer die Betenden waren und was sie im Einzelnen zu tun hatten. Auch in diesem Fall sind sie ihren „Nutznießern“ nie persönlich begegnet und kannten nichts weiter von ihnen als den Vornamen. Der wesentliche Unterschied: Die Gebete setzten bereits ein, während die Patientinnen und Patienten noch im Krankenhaus lagen. Die Hypothese einer zeitlichen Rückwirkung stand also nicht zur Debatte. Und die Patienten, nach allen Regeln der Kunst randomisiert in Behandlungs- und Kontrollgruppe eingeteilt, wussten nichts von ihrem Glück beziehungsweise Pech. Man konnte also ausschließen, dass das bloße Wissen „Für mich wird gebetet“ einen Effekt hatte.</p> <p>Im Ergebnis fand sich ein positiver Effekt der Bet-Aktivitäten – nicht berauschend, aber mit einem <em>p</em>-Wert von 0,04 noch deutlich im signifikanten Bereich. Das gilt allerdings nur, wenn man das Schicksal der Patienten nach einem eigens für diese Studie entwickelten System, dem „MAHI-CCU score“, quantifiziert. Nach einer älteren, gröberen Klassifikation ergibt sich kein nennenswerter Effekt.</p> <p>Offensichtlich ist diese Untersuchung ernst gemeint. Und im Gegensatz zu Leibovicis Studie ist hier die Arbeitshypothese nicht offensichtlich absurd, sondern nur absurd. Erst bei genauem Lesen stellt sich heraus, dass die Betenden ihre „Kunden“ erst mit ungefähr einem Tag Verzögerung zugewiesen bekamen – einleuchtend, ein 24-Stunden-Bet-Notdienst wäre wohl kaum einzurichten gewesen. Nur finden die entscheidenden Eingriffe bei Erkrankungen dieser Art typischerweise in den ersten 24 Stunden nach Einlieferung statt. Und damit fragt die Studie – unbeabsichtigt – eben doch nach einer zeitlichen Rückwirkung, nicht über Jahre wie bei Leibovici, sondern nur über wenige Tage bis Wochen; aber das macht für die Absurdität keinen wesentlichen Unterschied.</p> <p>Die Autoren sprechen auch offen die Tatsache an, dass es für den von ihnen gefundenen Effekt bislang keine naturwissenschaftliche Erklärung gibt. Aber das entwerte ihre Schlussfolgerungen nicht. Schließlich hatte der schottische Arzt James Lind (1716–1794) in einem der ersten klinisch kontrollierten Experimente nachgewiesen, dass Zitrusfrüchte gegen Skorbut helfen, ohne von dem Wirkstoff Ascorbinsäure (Vitamin C), geschweige denn von dessen Wirkungsweise, auch nur etwas erahnen zu können; ein Argument, das auch Leibovici bringt. Schon richtig; aber irgendwie ist es doch ein Unterschied, ob man von einem physiologischen Prozess nur keine Ahnung hat oder ob man, um auch nur irgendeine Wirkungsweise anzunehmen, die ganze etablierte Physik über den Haufen werfen müsste.</p> <p>Ironischerweise gelang es den Kommentatorinnen Shehan Hettiaratchy und Carolyn Hemsley, Leibovici eine Unsauberkeit in der Statistik nachzuweisen. Ein Patient in der Kontrollgruppe musste volle 320 Tage im Krankenhaus zubringen, während der Rekordhalter in der Behandlungsgruppe nur auf 165 Tage kam. Solche Ausreißer ziehen den Durchschnittswert in die Höhe und geben dadurch ein falsches Bild, so wie ein einziger Millionär im Dorf das Durchschnittsvermögen der Dorfbewohner in völlig unrealistische Höhen treibt. Sinnvoller ist es in solchen Fällen, anstelle des Durchschnitts den Median zu verwenden, also den Wert mit der Eigenschaft, dass 50 Prozent der Beteiligten darüber und 50 Prozent darunter liegen. Tut man das mit Leibovicis Daten, so schrumpft der vorgebliche Effekt auf den bedeutungslosen Unterschied zwischen 7 Tagen für die Behandlungs- und 8 für die Kontrollgruppe.</p> <p>Somit scheint auf den ersten Blick alles wieder in Ordnung zu sein. Jemand hat eine absurde Hypothese aufgestellt, und die statistische Auswertung, richtig betrieben, hat sie widerlegt. (Korrekt ausgedrückt: Sie hat keine hinreichend sicheren Hinweise dafür gefunden, dass das Gegenteil der Hypothese falsch ist.) Nur kann man sich darauf nicht verlassen. Der berüchtigte <em>p</em>-Wert von 0,05 besagt ja nur, dass die (geschätzte) Wahrscheinlichkeit, einem Zufallseffekt aufgesessen zu sein, höchstens 5 Prozent beträgt. Im Umkehrschluss heißt das: Es ist damit zu rechnen, dass eine von 20 absurden Hypothesen durch schiere Zufallseffekte eine statistische Bestätigung findet. Wenn man also fleißig Unfug in die Welt setzt und die entsprechenden Behauptungen nach allen Regeln der Statistik überprüft, wird man relativ bald einen Treffer landen.</p> <p>Und das ist nicht etwa eine spezielle Strategie der Esoteriker. Manche ganz gewöhnlichen Mediziner oder Psychologen haben zwar eine große Menge statistischer Daten erhoben, aber eine Bestätigung der zu testenden Hypothese geben die nicht her. Da aber der arme Doktorand dringend ein publizierbares Ergebnis braucht, berechnet er alle möglichen Korrelationen zwischen Variablen und schreibt dann über diejenigen, die einen <em>p</em>-Wert unter 0,05 liefern – womit er genau die Voraussetzungen untergräbt, unter denen der <em>p</em>-Wert überhaupt Sinn macht. Dieses so genannte <em>p</em>-Hacking, erkennbar an einer auffälligen Häufung von <em>p</em>-Werten knapp unter der Schranke von 0,05, ist inzwischen ein ernsthaftes Problem (siehe auch ein <a href="https://www.spektrum.de/inhaltsverzeichnis/vorsicht-statistik-spektrum-highlights-3-2019/1425075" rel="noreferrer noopener" target="_blank">„Spektrum“-Sonderheft</a> zum Thema). So wie es aussieht, leistet es einen erheblichen Beitrag zu der vielbeklagten Reproduzierbarkeitskrise in der Psychologie.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Randomisierter kontrollierter Unfug - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Christoph Pöppe</h2><div itemprop="text"> <p>Wer unvorbereitet auf den Artikel „<a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC61047/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Effects of remote, retroactive intercessory prayer on outcomes in patients with bloodstream infection: randomised controlled trial</a>“ stößt, der im Dezember 2001 im renommierten „British Medical Journal“ veröffentlicht wurde, dürfte mit absolut ungläubigem Kopfschütteln reagieren – oder mit schallendem Gelächter. Der Autor Leonard Leibovici untersuchte, ob Stoßgebete zugunsten von Krankenhauspatientinnen und -patienten mit Blutvergiftung eine günstige Wirkung auf ihr Wohlergehen haben, und fand einen kleinen, allerdings deutlichen Effekt. Nur wurden die Fürbitten erst Jahre nach dem Krankenhausaufenthalt der Betroffenen gesprochen!</p> <p>Richtig lachhaft wird die Geschichte erst durch den Kontext, in dem sie erscheint. Das British Medical Journal verlangt von seinen Autorinnen und Autoren, dass sie in einem sehr formalisierten „Abstract“ Auskunft auf gewisse Standardfragen geben: „Ziel der Studie? Studiendesign? Auswahl der Versuchspersonen? Art der Behandlung? Messskala für den Erfolg? Ergebnisse?“ und einige mehr. Und von der Art der Behandlung abgesehen sind die Antworten sämtlich vom Feinsten. Das Rabin Medical Center in Petah-Tiqva ist eines der größten und renommiertesten Krankenhäuser Israels; die Anzahl der Versuchspersonen war 3393, eine Größenordnung, von der andere medizinisch Forschende nur träumen können; und diese Personen wurden streng nach dem Zufall in die Behandlungs- und die Kontrollgruppe eingeteilt, wobei zusätzlich darauf geachtet wurde, dass nicht eine wesentliche Eigenschaft – Geschlecht, Alter, Art der Vorerkrankung und so weiter – in einer der Gruppen deutlich anders ausgeprägt war als in der anderen. Damit erfüllt die Studie die Kriterien des „randomised controlled trial“, was wiederum für professionelle Medizinerinnen und Mediziner die unabdingbare Voraussetzung ist, ein Ergebnis für voll zu nehmen.</p> <p>So wie es aussieht, hat das nachträgliche Beten dem Überleben der Erkrankten nicht nennenswert aufgeholfen. Von den Angehörigen der Behandlungsgruppe haben 28,1 Prozent das Krankenhaus nicht lebend verlassen, von denen der Kontrollgruppe 30,2 Prozent. Der Unterschied ist selbst bei dem großen Kollektiv zu klein, um signifikant zu sein. Aber die durchschnittliche Verweildauer der Bebeteten war deutlich kürzer als die der übrigen. Der berüchtigte <em>p</em>-Wert lag bei stolzen 0,01, also weit unter der Grenze von 0,05, bis zu der man anzunehmen pflegt, dass die Abweichung nicht schon durch Zufall zustande kommt.</p> <p>Konsequenterweise empfiehlt Leonard Leibovici die Anwendung seines Verfahrens in der klinischen Praxis. Immerhin sei die Behandlung kostengünstig – in der Tat – und höchstwahrscheinlich ohne schädliche Nebenwirkungen. Das ist richtig: Wo keine Wirkung ist, kann es auch keine Nebenwirkungen geben. Dieses Argument bringt der Autor allerdings nicht an, aus nachvollziehbaren Gründen.</p> <p>Wie kommt dieser ausgemachte Quatsch in eine stockseriöse wissenschaftliche Zeitschrift? Da gab es den weithin bekannt gewordenen „Sokal Hoax“: Der Physiker Alan Sokal hatte 1996 der Zeitschrift „Social Text“ ein <a href="https://physics.nyu.edu/faculty/sokal/transgress_v2/transgress_v2_singlefile.html">Manuskript</a> eingereicht, in dem er die Ergebnisse seines eigenen Fachs zu bloßen gesellschaftlichen Vereinbarungen herabwürdigte: „Es stellt sich immer deutlicher heraus, dass die physikalische ,Realität‘, nicht anders als die gesellschaftliche ,Realität‘, im Grunde ein soziales und linguistisches Konstrukt ist; dass wissenschaftliche ,Erkenntnis‘ alles andere als objektiv ist, sondern vielmehr die dominanten Ideologien und die Machtverhältnisse der Kultur wiederspiegelt, die selbige hervorgebracht hat …“ Weiter geht es unter wilder Vermischung physikalischer Fachbegriffe mit Soziologenjargon, so erfolgreich, dass die Herausgeber der Zeitschrift das Manuskript akzeptierten. Hohn und Spott ergoss sich über sie, nachdem Sokal enthüllte, dass sein ganzer Text ein einziger Blödsinn war.<aside></aside></p> <p>Hier liegen die Verhältnisse deutlich anders. Zu offensichtlich hat Leibovici seinen Blödsinn formuliert und zu allem Überfluss noch eine Abbildung eines Zellabstrichs beigefügt, die er als „Rudolf the red-nosed reindeer“ bezeichnet – na ja, es gibt eine entfernte Ähnlichkeit. Nein – die Herausgeber haben ihren Lesern diesen Text mit der Kopfzeile „Beyond Science“ als Schmankerl zu Weihnachten serviert.</p> <p>Unter den zahlreichen Leserreaktionen auf den Artikel führen etliche den Unfug noch weiter. Andrew M. Thornett von der australischen Adelaide University überschüttet den Autor zunächst mit Lob, bemängelt jedoch, dass die Religionszugehörigkeit der Betenden nicht erwähnt wird. In dieser Richtung weiter gedacht: Natürlich kann das Ärger geben, wenn die Fürbitte nicht an den Gott gerichtet wird, an den der Patient glaubt, sondern an den Kollegen vom anderen Gebetbuch. Demnach könnte die Studie, weil sie darauf nicht achtete, den Effekt sogar noch unterschätzen.</p> <p>Übrigens bekamen die Betenden von ihren Schützlingen nichts weiter mitgeteilt als den Vornamen. Also hätten auch Mitglieder der Kontrollgruppe, die zufällig denselben Vornamen tragen, in gleichem Maße von den zugehörigen Fürbitten profitiert, wodurch der eigentlich zu messende Effekt ebenfalls verwässert worden wäre.</p> <p>Manche Kommentatoren schlagen vor, jetzt auch die Kontrollgruppe mit Gebeten zu bedenken und nachzusehen, ob sich dadurch die Daten aus der Vergangenheit verändern. Ein solcher Akt sei schon durch die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Deklaration_von_Helsinki" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Deklaration von Helsinki zur ärztlichen Ethik</a> geboten, weil man niemandem eine nachweislich effektive Behandlung ohne guten Grund vorenthalten dürfe.</p> <p>Aber: Wenn wir schon, zum Beispiel durch Gebete, in die Vergangenheit einwirken könnten, dann würden wir das niemals merken! Schließlich ist uns nur unsere jeweils „aktuelle“ Vergangenheit zugänglich. Für die Kontrollgruppe zu beten hätte möglicherweise den Effekt, dass es daraufhin deren Mitgliedern besser gegangen ist als gerade eben noch. Damit hätten sich auch die Krankenakten verändert, die Leibovici für seinen Artikel verwendet hat, und es gäbe einen entsprechend anderen Artikel … Eine von vielen Möglichkeiten, sich aus dem Zeitreise-Paradox herauszuwinden.</p> <p>Das ist ja alles ganz lustig und eine nette intellektuelle Spielerei. Problematisch bis sogar erschreckend sind dagegen in meinen Augen die Kommentare der Leute, die den Artikel für voll nehmen. Nicht wenige sehen in dem Ergebnis einen Beweis der Existenz Gottes. Ein Leserbriefschreiber berichtet über Erfahrungen vom Typ „ein gegenwärtiges Ereignis beeinflusst ein vergangenes“ in einem völlig anderen Kontext und verweist auf seine sehr esoterische <a href="https://www.fourmilab.ch/rpkp/">Website</a>.</p> <p>Etliche Leute nutzen die Online-Leserbriefspalte des British Medical Journal für umfangreiche Abhandlungen über das Wesen Gottes, insbesondere seine Unabhängigkeit von unserer Zeit, was ihn befähige, in die Vergangenheit einzugreifen. Im übrigen sei ja das Prinzip, dass die Ursache der Folge stets zeitlich vorausgeht, bereits in der Quantenmechanik verletzt (eine sehr abenteuerliche Interpretation der „spukhaften Fernwirkung“). Weiter geht es mit dem Urknall, kosmischen Wurmlöchern und allem, was die moderne Physik an philosophielastigen Theorien zu bieten hat. Leute, es war ein Witz!</p> <p>Es kommt noch schlimmer. Leibovici bemerkt zutreffend, dass sein Thema in der bisherigen Literatur kaum vorkommt, zitiert dann aber immerhin eine einschlägige <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/fullarticle/485161">Arbeit</a> von neun Medizinern aus drei amerikanischen Instituten. Untersucht wurde der Effekt von Gebeten auf das Schicksal von Patienten der Coronary Care Unit am Mid America Heart Institute in Kansas City. Es geht also um Menschen, die einen Herzinfarkt erlitten haben oder gerade noch rechtzeitig vorher eingeliefert wurden. Im Gegensatz zu Leibovici beschreiben die Autoren sehr detailliert, wer die Betenden waren und was sie im Einzelnen zu tun hatten. Auch in diesem Fall sind sie ihren „Nutznießern“ nie persönlich begegnet und kannten nichts weiter von ihnen als den Vornamen. Der wesentliche Unterschied: Die Gebete setzten bereits ein, während die Patientinnen und Patienten noch im Krankenhaus lagen. Die Hypothese einer zeitlichen Rückwirkung stand also nicht zur Debatte. Und die Patienten, nach allen Regeln der Kunst randomisiert in Behandlungs- und Kontrollgruppe eingeteilt, wussten nichts von ihrem Glück beziehungsweise Pech. Man konnte also ausschließen, dass das bloße Wissen „Für mich wird gebetet“ einen Effekt hatte.</p> <p>Im Ergebnis fand sich ein positiver Effekt der Bet-Aktivitäten – nicht berauschend, aber mit einem <em>p</em>-Wert von 0,04 noch deutlich im signifikanten Bereich. Das gilt allerdings nur, wenn man das Schicksal der Patienten nach einem eigens für diese Studie entwickelten System, dem „MAHI-CCU score“, quantifiziert. Nach einer älteren, gröberen Klassifikation ergibt sich kein nennenswerter Effekt.</p> <p>Offensichtlich ist diese Untersuchung ernst gemeint. Und im Gegensatz zu Leibovicis Studie ist hier die Arbeitshypothese nicht offensichtlich absurd, sondern nur absurd. Erst bei genauem Lesen stellt sich heraus, dass die Betenden ihre „Kunden“ erst mit ungefähr einem Tag Verzögerung zugewiesen bekamen – einleuchtend, ein 24-Stunden-Bet-Notdienst wäre wohl kaum einzurichten gewesen. Nur finden die entscheidenden Eingriffe bei Erkrankungen dieser Art typischerweise in den ersten 24 Stunden nach Einlieferung statt. Und damit fragt die Studie – unbeabsichtigt – eben doch nach einer zeitlichen Rückwirkung, nicht über Jahre wie bei Leibovici, sondern nur über wenige Tage bis Wochen; aber das macht für die Absurdität keinen wesentlichen Unterschied.</p> <p>Die Autoren sprechen auch offen die Tatsache an, dass es für den von ihnen gefundenen Effekt bislang keine naturwissenschaftliche Erklärung gibt. Aber das entwerte ihre Schlussfolgerungen nicht. Schließlich hatte der schottische Arzt James Lind (1716–1794) in einem der ersten klinisch kontrollierten Experimente nachgewiesen, dass Zitrusfrüchte gegen Skorbut helfen, ohne von dem Wirkstoff Ascorbinsäure (Vitamin C), geschweige denn von dessen Wirkungsweise, auch nur etwas erahnen zu können; ein Argument, das auch Leibovici bringt. Schon richtig; aber irgendwie ist es doch ein Unterschied, ob man von einem physiologischen Prozess nur keine Ahnung hat oder ob man, um auch nur irgendeine Wirkungsweise anzunehmen, die ganze etablierte Physik über den Haufen werfen müsste.</p> <p>Ironischerweise gelang es den Kommentatorinnen Shehan Hettiaratchy und Carolyn Hemsley, Leibovici eine Unsauberkeit in der Statistik nachzuweisen. Ein Patient in der Kontrollgruppe musste volle 320 Tage im Krankenhaus zubringen, während der Rekordhalter in der Behandlungsgruppe nur auf 165 Tage kam. Solche Ausreißer ziehen den Durchschnittswert in die Höhe und geben dadurch ein falsches Bild, so wie ein einziger Millionär im Dorf das Durchschnittsvermögen der Dorfbewohner in völlig unrealistische Höhen treibt. Sinnvoller ist es in solchen Fällen, anstelle des Durchschnitts den Median zu verwenden, also den Wert mit der Eigenschaft, dass 50 Prozent der Beteiligten darüber und 50 Prozent darunter liegen. Tut man das mit Leibovicis Daten, so schrumpft der vorgebliche Effekt auf den bedeutungslosen Unterschied zwischen 7 Tagen für die Behandlungs- und 8 für die Kontrollgruppe.</p> <p>Somit scheint auf den ersten Blick alles wieder in Ordnung zu sein. Jemand hat eine absurde Hypothese aufgestellt, und die statistische Auswertung, richtig betrieben, hat sie widerlegt. (Korrekt ausgedrückt: Sie hat keine hinreichend sicheren Hinweise dafür gefunden, dass das Gegenteil der Hypothese falsch ist.) Nur kann man sich darauf nicht verlassen. Der berüchtigte <em>p</em>-Wert von 0,05 besagt ja nur, dass die (geschätzte) Wahrscheinlichkeit, einem Zufallseffekt aufgesessen zu sein, höchstens 5 Prozent beträgt. Im Umkehrschluss heißt das: Es ist damit zu rechnen, dass eine von 20 absurden Hypothesen durch schiere Zufallseffekte eine statistische Bestätigung findet. Wenn man also fleißig Unfug in die Welt setzt und die entsprechenden Behauptungen nach allen Regeln der Statistik überprüft, wird man relativ bald einen Treffer landen.</p> <p>Und das ist nicht etwa eine spezielle Strategie der Esoteriker. Manche ganz gewöhnlichen Mediziner oder Psychologen haben zwar eine große Menge statistischer Daten erhoben, aber eine Bestätigung der zu testenden Hypothese geben die nicht her. Da aber der arme Doktorand dringend ein publizierbares Ergebnis braucht, berechnet er alle möglichen Korrelationen zwischen Variablen und schreibt dann über diejenigen, die einen <em>p</em>-Wert unter 0,05 liefern – womit er genau die Voraussetzungen untergräbt, unter denen der <em>p</em>-Wert überhaupt Sinn macht. Dieses so genannte <em>p</em>-Hacking, erkennbar an einer auffälligen Häufung von <em>p</em>-Werten knapp unter der Schranke von 0,05, ist inzwischen ein ernsthaftes Problem (siehe auch ein <a href="https://www.spektrum.de/inhaltsverzeichnis/vorsicht-statistik-spektrum-highlights-3-2019/1425075" rel="noreferrer noopener" target="_blank">„Spektrum“-Sonderheft</a> zum Thema). So wie es aussieht, leistet es einen erheblichen Beitrag zu der vielbeklagten Reproduzierbarkeitskrise in der Psychologie.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/randomisierter-kontrollierter-unfug/#comments 60 Konkurrenz-, Konkordanz- oder Konsensdemokratie? Meine heutige, duale Rede bei der Stiftung Weltethos, Uni Tübingen https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/konkurrenz-konkordanz-oder-konsensdemokratie-meine-heutige-duale-rede-bei-der-stiftung-weltethos-uni-tuebingen/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/konkurrenz-konkordanz-oder-konsensdemokratie-meine-heutige-duale-rede-bei-der-stiftung-weltethos-uni-tuebingen/#comments Wed, 03 Dec 2025 11:36:37 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=10796 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2010-768x1291.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/konkurrenz-konkordanz-oder-konsensdemokratie-meine-heutige-duale-rede-bei-der-stiftung-weltethos-uni-tuebingen/</link> </image> <description type="html"><h1>Konkurrenz-, Konkordanz- oder Konsensdemokratie?</h1><h2>By Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Nach einem mir wichtigen Besuch an einer Schule geht es für mich heute Abend an meine Alma Mater, die Universität Tübingen. Auf Einladung der Stiftung Weltethos spreche ich dort über die drei der Politikwissenschaft bekannten Demokratieformen der <strong>Parteien-Konkurrenzdemokratie</strong>, der <strong>alpinen Konkordanzdemokratie</strong> und der <strong>parlamentarischen Konsensdemokratie</strong>. (Die auch von <strong>Hedwig Richter</strong> zu Recht kritisierte <strong>Konsumdemokratie</strong> verstehe ich dabei als rechtslibertäre Untervariante der Parteien – Konkurrenzdemokratie.)</p> <p>Wie auch schon bei anderen, größeren Anlässen spreche ich auf Basis einer <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025-12-03-BlumeTuebingenWeltethosDemokratieformen.pdf">selbst geschriebenen, dualen Rede</a> – das <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025-12-03-BlumeTuebingenWeltethosDemokratieformen.pdf">selbst und ohne KI verfasste Redeskript findet Ihr bei Interesse hier</a>.</p> <p>Das ist auch hilfreich, falls die heutige Veranstaltung mal wieder von Hamas-Sympathisanten, Querdenkern, Rechtsdualisten oder sonstigen Verschwörungsgläubigen gestört werden sollte. 🙂</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025-12-03-BlumeTuebingenWeltethosDemokratieformen.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Einladungsseite der Stiftung Weltethos zu einem Vortrag von Dr. Michael Blume: &quot;Konkurrenz-, Konsens- Konkordanzdemokratie - Welche Demokratieform baut Brücken ins 21. Jahrhundert?&quot; mit einem Foto des Beauftragten der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben." decoding="async" height="1966" sizes="(max-width: 1170px) 100vw, 1170px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2010.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2010.jpeg 1170w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2010-179x300.jpeg 179w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2010-609x1024.jpeg 609w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2010-768x1291.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2010-914x1536.jpeg 914w" width="1170"></img></a></p> <p><em>Einladung zum heutigen Weltethos-Abend im Hörsaal 25 des Kupferbaus der Universität Tübingen ab 18:15 Uhr, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025-12-03-BlumeTuebingenWeltethosDemokratieformen.pdf">duales Redeskript bereits hier online</a>. Screenshot: Michael Blume</em><aside></aside></p> <p>Und klar freue ich mich auch wieder auf intensive Dialoge zu den drei Demokratieformen hier auf dem Blog und auf Mastodon.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/Nkk9WV69ksQ?feature=oembed&amp;rel=0" title="Konkurrenz-, Konkordanz- oder parlamentarische Konsensdemokratie? Weltethos &amp; Demokratieformen" width="562"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Konkurrenz-, Konkordanz- oder Konsensdemokratie?</h1><h2>By Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Nach einem mir wichtigen Besuch an einer Schule geht es für mich heute Abend an meine Alma Mater, die Universität Tübingen. Auf Einladung der Stiftung Weltethos spreche ich dort über die drei der Politikwissenschaft bekannten Demokratieformen der <strong>Parteien-Konkurrenzdemokratie</strong>, der <strong>alpinen Konkordanzdemokratie</strong> und der <strong>parlamentarischen Konsensdemokratie</strong>. (Die auch von <strong>Hedwig Richter</strong> zu Recht kritisierte <strong>Konsumdemokratie</strong> verstehe ich dabei als rechtslibertäre Untervariante der Parteien – Konkurrenzdemokratie.)</p> <p>Wie auch schon bei anderen, größeren Anlässen spreche ich auf Basis einer <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025-12-03-BlumeTuebingenWeltethosDemokratieformen.pdf">selbst geschriebenen, dualen Rede</a> – das <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025-12-03-BlumeTuebingenWeltethosDemokratieformen.pdf">selbst und ohne KI verfasste Redeskript findet Ihr bei Interesse hier</a>.</p> <p>Das ist auch hilfreich, falls die heutige Veranstaltung mal wieder von Hamas-Sympathisanten, Querdenkern, Rechtsdualisten oder sonstigen Verschwörungsgläubigen gestört werden sollte. 🙂</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025-12-03-BlumeTuebingenWeltethosDemokratieformen.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Einladungsseite der Stiftung Weltethos zu einem Vortrag von Dr. Michael Blume: &quot;Konkurrenz-, Konsens- Konkordanzdemokratie - Welche Demokratieform baut Brücken ins 21. Jahrhundert?&quot; mit einem Foto des Beauftragten der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben." decoding="async" height="1966" sizes="(max-width: 1170px) 100vw, 1170px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2010.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2010.jpeg 1170w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2010-179x300.jpeg 179w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2010-609x1024.jpeg 609w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2010-768x1291.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2010-914x1536.jpeg 914w" width="1170"></img></a></p> <p><em>Einladung zum heutigen Weltethos-Abend im Hörsaal 25 des Kupferbaus der Universität Tübingen ab 18:15 Uhr, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025-12-03-BlumeTuebingenWeltethosDemokratieformen.pdf">duales Redeskript bereits hier online</a>. Screenshot: Michael Blume</em><aside></aside></p> <p>Und klar freue ich mich auch wieder auf intensive Dialoge zu den drei Demokratieformen hier auf dem Blog und auf Mastodon.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/Nkk9WV69ksQ?feature=oembed&amp;rel=0" title="Konkurrenz-, Konkordanz- oder parlamentarische Konsensdemokratie? Weltethos &amp; Demokratieformen" width="562"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/konkurrenz-konkordanz-oder-konsensdemokratie-meine-heutige-duale-rede-bei-der-stiftung-weltethos-uni-tuebingen/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>68</slash:comments> </item> <item> <title>Brain in Pain – Gehirnstimulation gegen Fibromyalgie? https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/brain-in-pain-gehirnstimulation-gegen-fibromyalgie/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/brain-in-pain-gehirnstimulation-gegen-fibromyalgie/#comments Mon, 01 Dec 2025 06:00:00 +0000 Luisa Sophie Engelke https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5315 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Nov-24-2025-04_13_02-PM-768x768.png <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/brain-in-pain-gehirnstimulation-gegen-fibromyalgie/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Nov-24-2025-04_13_02-PM.png" /><h1>Brain in Pain – Gehirnstimulation gegen Fibromyalgie? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Luisa Sophie Engelke</h2><div itemprop="text"> <p>Muskeln schmerzen, Gelenke brennen, und man fühlt sich energielos und erschöpft, weil man mal wieder so schlecht geschlafen hat. Und doch zeigt kein Röntgenbild und kein Blutwert etwas Auffälliges. Denn die Schmerzen kommen nicht, weil man sich verletzt hat, sondern weil der Körper selbst die Schmerzquelle ist.</p> <p>Für viele Betroffene mit <strong>Fibromyalgie</strong> ist das leider tägliche Realität. Was hinter diesem rätselhaften Schmerzsyndrom steckt, hat weniger mit Muskeln als mit dem Gehirn zu tun. Die deutsche Gesellschaft für Rheumatologie schätzt, dass ca. 3 bis 4 % der Bevölkerung in Deutschland an Fibromyalgie leiden, was sie damit zu einer der häufigsten chronischen Schmerzerkrankungen macht [1], [2]. Da sie zu den weniger gut erforschten Erkrankungen gehört, rückt sie oft in den Hintergrund – auch wenn der Schmerz im Alltag alles andere als nebensächlich ist. Betroffene leiden oft darunter, nicht ernst genommen zu werden und selbst wenn doch, sind die therapeutischen Maßnahmen unbefriedigend [3].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411175_7439a7c3-6e6f-49d5-81d9-5a07e3064fb0-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411175_7439a7c3-6e6f-49d5-81d9-5a07e3064fb0-819x1024.jpg"></img></a></figure></div> <p>Im Durchschnitt vergehen ganze 16 Jahre, bis Betroffene eine offizielle Diagnose erhalten – eine lange, belastende Zeit voller Unsicherheit und ohne angemessene Behandlung [4]. Die Komplexität der noch so unerforschten Krankheit erschwert die Entwicklung geeigneter Therapien, doch sogenannte Gehirnstimulationsmethoden treten immer mehr in den Vordergrund und scheinen vielversprechend zu sein. Doch sind sie wirklich eine neue Hoffnung für Menschen mit Fibromyalgie?</p> <h3 id="h-der-weg-des-schmerzreizes">Der Weg des Schmerzreizes</h3> <p>Wenn man die Ursachen von Fibromyalgie verstehen will, muss man sich zuerst damit beschäftigen, wie die Schmerzverarbeitung im Körper eigentlich funktioniert.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2616135_6919-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2616135_6919-edited-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2616135_6919-edited-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2616135_6919-edited-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2616135_6919-edited-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2616135_6919-edited-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2616135_6919-edited-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2616135_6919-edited-2048x1536.jpg 2048w" width="2560"></img></a></figure></div> <p>Autsch! Schon ist es beim Nähen passiert, und man piekst sich in den Finger. Dieser Reiz wird von den Schmerz- und Temperatursensoren der Haut erfasst und über aufsteigende Nervenbahnen zuerst in das Rückenmark und dann in das Gehirn geleitet. Bereits im Rückenmark werden Schmerzreize durch spezielle Nervenzellen gefiltert und gedämpft [5]. Die Informationen erreichen den <strong>Thalamus</strong>, der die weitere Verschaltung in verschiedene andere Gehirnbereiche übernimmt, unter anderem dem primären und sekundären sensorischen Kortex (S1 und S2), die den Schmerz lokalisieren („Da tut etwas an meinem Finger weh“). Die Informationen gelangen auch in die Insula und den anterioren cingulären Kortex (ACC), dort wird der Reiz emotional bewertet („Aua, das tat weh!“). Der präfrontale Kortex ist schlussendlich für die Bewertung und die Empfindung des Schmerzreizes verantwortlich (“Ah, ich habe mir beim Nähen mit der Nadel in den Finger gepikst, aber das ist nicht so schlimm!”).<aside></aside></p> <p>Der Präfrontalkortex hat außerdem die wichtige Aufgabe, Schmerz über die absteigenden Nervenbahnen zu lindern. Er sorgt für die Ausschüttung von körpereigenen <strong>Opioiden</strong>, die als endogenes Schmerzhemmungsmittel dienen. Diese “<strong>Top-Down” Kontrolle</strong> sorgt beispielsweise dafür, dass ein Schmerzreiz wie Druck nach einiger Zeit nicht mehr so stark bis ins Gehirn weitergeleitet wird, weil die Signale vom präfrontalen Kortex (PFC) aus nach unten bis ins Rückenmark gehemmt werden [6].</p> <h3 id="h-die-symptome-der-fibromyalgie">Die Symptome der Fibromyalgie</h3> <p>Dieser normale Weg der Schmerzverarbeitung- und Filterung ist bei Fibromyalgie-Betroffenen gestört [3]. Schmerz ist für unseren Körper ein Warnsignal, auf das wir adäquat reagieren und uns beispielsweise von einem zu heißen Feuer wegbewegen. Doch bei den Betroffenen scheint der Körper im Daueralarm-Modus zu sein.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/145139714_bb5eeb8b-3f29-418c-a518-acfe9dc60eb3-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 819px) 100vw, 819px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/145139714_bb5eeb8b-3f29-418c-a518-acfe9dc60eb3-819x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/145139714_bb5eeb8b-3f29-418c-a518-acfe9dc60eb3-819x1024.jpg 819w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/145139714_bb5eeb8b-3f29-418c-a518-acfe9dc60eb3-240x300.jpg 240w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/145139714_bb5eeb8b-3f29-418c-a518-acfe9dc60eb3-768x960.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/145139714_bb5eeb8b-3f29-418c-a518-acfe9dc60eb3-1229x1536.jpg 1229w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/145139714_bb5eeb8b-3f29-418c-a518-acfe9dc60eb3-1639x2048.jpg 1639w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/145139714_bb5eeb8b-3f29-418c-a518-acfe9dc60eb3-scaled.jpg 2048w" width="819"></img></a></figure></div> <p>Das Wort Fibromyalgie beschreibt wortwörtlich Faser-Muskel-Schmerz [7], doch entgegen der Annahme, dass es sich um Schädigungen oder Entzündungen im Gewebe oder Muskel handelt, liegt die Ursache im zentralen Nervensystem. Unter der Krankheit leiden zu 90 % Frauen, doch auch Männer können erkranken, werden nur seltener diagnostiziert [8]. Warum so viel mehr Frauen betroffen sind, ist der Wissenschaft bis heute ein Rätsel.</p> <p>Generell sind die genauen neurowissenschaftlichen Ursachen bis heute teilweise sehr rätselhaft, scheinen jedoch vielseitig zu sein [2]. Es wird vermutet, dass bei den Betroffenen eine <strong>zentrale Sensitivierung</strong> vorliegt, welche zu einer erhöhten <strong>Schmerzempfindlichkeit</strong> führt. Diese sogenannte <strong>Hyperalgesie </strong>ist eines der Hauptsymptome von Fibromyalgie-Betroffenen. Schon leichter Druck auf der Haut oder sanfte Berührungen werden von Betroffenen als sehr schmerzhaft wahrgenommen [3].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411581_87ddca35-a0d7-4b5a-ac58-096de56e036a-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411581_87ddca35-a0d7-4b5a-ac58-096de56e036a-683x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411581_87ddca35-a0d7-4b5a-ac58-096de56e036a-683x1024.jpg 683w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411581_87ddca35-a0d7-4b5a-ac58-096de56e036a-200x300.jpg 200w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411581_87ddca35-a0d7-4b5a-ac58-096de56e036a-768x1152.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411581_87ddca35-a0d7-4b5a-ac58-096de56e036a-1024x1536.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411581_87ddca35-a0d7-4b5a-ac58-096de56e036a-1366x2048.jpg 1366w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411581_87ddca35-a0d7-4b5a-ac58-096de56e036a-scaled.jpg 1707w" width="683"></img></a></figure></div> <p>Die zentrale Sensitivierung beschreibt, dass die Neuronen im Gehirn stärker und anhaltender feuern und so das Schmerzempfinden länger aktiv im Gehirn halten [9]. Dies resultiert in einer sensorischen <strong>Hypersensitivität</strong>, die vermutlich der Grund für die chronisch anhaltenden Schmerzen ist. Grund dafür ist auch eine verringerte Schmerzschwelle, bei der etwas als schmerzhaft wahrgenommen wird. Empfundener Schmerz gegenüber eigentlich harmlosen Reizen, etwa Temperatur oder Druck, wird <strong>Allodynie</strong> genannt, auch das ist bei Fibromyalgie-Patientinnen und Patienten weit verbreitet. Die Krankheit kann sogar so weit führen, dass Betroffene sogar Schmerzen empfinden, obwohl gar kein konkreter Schmerzreiz im oder am Körper vorliegt. Generell sind die Schmerzen am stärksten zu spüren an bestimmten sensiblen Punkten am Körper, doch das gesamte Krankheitsbild geht auch oft mit Begleitsymptomen wie Erschöpfung, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Magenproblemen und kognitiven Problemen einhergeht [2], [10], [11].</p> <h3 id="h-was-ist-los-im-gehirn">Was ist los im Gehirn?</h3> <p>Studien zeigten, dass bei Betroffenen oft erhöhte Konzentrationen von Schmerz-Botenstoffen, etwa Substanz P und Glutamat, im Nervensystem gefunden werden, die für verstärkte Schmerzsignale sorgen [12]. Ebenso scheinen bei Menschen mit Fibromyalgie die absteigenden Bahnen betroffen zu sein, die eine angemessene Schmerzhemmung nicht mehr zulassen [13]. Man geht davon aus, dass bestimmte Bereiche des Präfrontalkortex, die für die Top-Down-Kontrolle zuständig sind, bei Fibromyalgie vermindert aktiviert bzw. weniger gut vernetzt sind [14]. Der Körper schafft es also nicht mehr, ab einem bestimmten Punkt die Schmerzsignale herunterzuregulieren.</p> <p>Hingegen deuten strukturelle Analysen von Gehirnen von Fibromyalgie-Betroffenen darauf hin, dass die schmerzverarbeitenden neuronalen Netzwerke verstärkt aktiv sind (Hypersensibilität). Funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRI)-Studien mit Betroffenen und gesunden Teilnehmern zeigten, dass Schmerzreize (Druck auf den Daumen) zu einer deutlich höheren Aktivierung der Schmerzzentren im Gehirn bei Fibromylagie-Patientinnen und -patienten führt verglichen zu gesunden Teilnehmern [15].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/57166804_2305_q802_009_s_m009_c12_headache_pain_flat_illustration-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="688" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/57166804_2305_q802_009_s_m009_c12_headache_pain_flat_illustration-1024x688.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/57166804_2305_q802_009_s_m009_c12_headache_pain_flat_illustration-1024x688.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/57166804_2305_q802_009_s_m009_c12_headache_pain_flat_illustration-300x202.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/57166804_2305_q802_009_s_m009_c12_headache_pain_flat_illustration-768x516.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/57166804_2305_q802_009_s_m009_c12_headache_pain_flat_illustration-1536x1033.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/57166804_2305_q802_009_s_m009_c12_headache_pain_flat_illustration-2048x1377.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Es wird spekuliert, dass chronischer Schmerz, verursacht durch Stress, Schlafmangel oder langanhaltende Schmerzen, zu dieser Hyperaktivierung der Neuronen führt [16], [17]. Chronischer Stress und Schmerz bewirken eine Anpassung des Nervensystems auf die dauernden Reize, was schließlich zu Fibromyalgiesymptomen führen kann. Dieses sogenannte <strong>Schmerzgedächtnis</strong> führt dazu, dass die Schmerzen dauerhaft verarbeitet und empfunden werden.</p> <h3 id="h-neue-hoffnungen-fur-therapieansatze">Neue Hoffnungen für Therapieansätze?</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/37452043_8443631.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/37452043_8443631-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/37452043_8443631-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/37452043_8443631-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/37452043_8443631-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/37452043_8443631-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/37452043_8443631-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/37452043_8443631.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Die Therapieansätze bei Fibromyalgie sind ebenso vielschichtig wie die Symptome der Erkrankung selbst. Von Bewegungstherapien wie Wassergymnastik und Kraftübungen, über Physio-, Ergo und Musiktherapie, Achtsamkeit und Meditation bis hin zu Psychotherapie werden verschiedene Ansätze genutzt, um den Betroffenen Linderung zu verschaffen, sowohl physisch als auch psychisch.</p> <p>Aufgrund der gestörten Schmerzwahrnehmung im Gehirn zeigen medikamentöse Behandlungen bis heute leider nur sehr begrenzte Wirkung. Zwar zeigen extra für Fibromyalgie hergestellte Antidepressiva oder Antikonvulsiva (Antiepileptika) Linderung, dies aber nur in Einzelfällen [18]. Betroffene sprechen oft nicht auf Medikamente an, sodass sich neuerdings das Interesse der Forschung auf die nicht mehr chemischen, sondern elektrischen Therapieansätze fokussiert. Neue Hoffnungen machen sogenannte <strong>Gehirnstimulations-Methoden</strong>, bei denen das Gehirn und die Nervenzellen nicht-invasiv angeregt werden. </p> <p>Obwohl die aktuelle Forschung in Richtung Gehirnstimulation noch in ihren Anfängen ist, zeigen sich trotzdem optimistische Resultate. Durch magnetische oder elektrische Energie werden durch den Kopf (“transkraniell”) die darunterliegenden neuronalen Netzwerke angeregt, die unteraktiv bei Fibromyalgie-Betroffenen sind. Daher wird besonders der Präfrontalcortex stimuliert, damit wieder eine intakte Hemmung der Schmerzen passiert. Ziel ist es, die Top-Down Hemmung wieder auf ein gesundes Level zu bringen [19].</p> <h4 id="h-elektrische-stimulation-mit-tdcs">Elektrische Stimulation mit tDCS</h4> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2025-11-23-153730.png"><img alt="" decoding="async" height="653" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 433px) 100vw, 433px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2025-11-23-153730.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2025-11-23-153730.png 433w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2025-11-23-153730-199x300.png 199w" width="433"></img></a></figure></div> <p>Eine Form der Hirnstimulation ist die transkranielle Gleichstromstimulation (transcranial direct current stimulation, <strong>tDCS</strong>). Dabei werden am Kopf zwei Elektroden angebracht, die einen leichten Strom erzeugen und damit die Neuronen im Gehirn anregen.</p> <p>Eine groß angelegte Studie von 2025 testete diese Methode bei 112 Frauen, über einen Zeitraum von einem Monat täglich 20 Minuten eigenständig mit einem Stimulationsgerät die Gehirnstimulation durchführten. Die Studie war Placebo-kontrolliert und doppelblind, das heißt, weder die Teilnehmerinnen noch die Untersuchenden wussten, wer die reale oder die Placebo-Stimulation erhielt. In der Studie wurde der linke dorsolaterale Präfrontalcortex für die Stimulation ausgesucht. Zudem absolvierten die Teilnehmer Bewegungsübungen und nahmen an Schmerzschulungs-Trainings teil. Die Wirkung der Stimulation wurde mithilfe eines Schmerzfragebogens erfasst, der mehrere Lebensbereiche abbildet: wie stark der Schmerz den Alltag beeinträchtigt, welchen Einfluss er auf die Stimmung hat und inwiefern soziale Interaktionen betroffen sind [20]. Die Ergebnisse zeigten, dass der Schmerz bei Frauen mit echter Stimulation um ca. 38.8 % verringert war (bei der Placebogruppe waren es ca. 16,0 %).</p> <p>Generell kommen die Studienergebnisse zusammenfassend nach aktuellem Stand zu einem vorsichtig positiven Fazit bezüglich tDCS. Um die Details, wie Intensität, Ort der Stimulation und Dauer zu klären, bedarf es jedoch noch weiterer Forschung [21].</p> <h4 id="h-magnetische-stimulation-mit-rtms">Magnetische Stimulation mit rTMS</h4> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-31.png"><img alt="" decoding="async" height="202" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 309px) 100vw, 309px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-31.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-31.png 309w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-31-300x196.png 300w" width="309"></img></a></figure></div> <p>Eine andere Gehirnstimulationsmethode ist die repetitive transkranielle Magnetstimulation (repetitive transcranial magnetic stimulation, <strong>rTMS</strong>), welche im Gegensatz zu tDCS keine elektrischen Impulse sendet, sondern magnetische. Auch mit dieser Methode konnte 2025 in einer großen Studie gezeigt werden, dass rTMS über dem rechten Präfrontalkortex signifikant Schmerzen linderte und sich die allgemeine schmerzliche Belastung bei den Teilnehmern verringerte [22]. Weitere Studien zeigten außerdem, dass die positiven Effekte auch noch bis zu drei Monate nach Beendigung der Stimulation anhielten! Weitere Studien rund um das Thema rTMS stimulierten auch oft den Motorkortex, welcher ebenfalls zur Hemmung der Schmerzen führt [23]. Studien zeigen, dass rTMS über dem Motorkortex bei vielen Fibromyalgie-Patientinnen und Patienten die Schmerzen spürbar reduzieren kann, auch oft sogar über Wochen hinweg.</p> <p>Doch auch rund um rTMS als Therapie lassen sich zusammenfassend die Ergebnisse so beschreiben, dass moderate, aber keine absolut signifikanten Verbesserungen der Schmerzen im Vergleich zu Placebogruppen gefunden wurden [24]. Auch hier bedarf es weiterhin an Forschung, am besten mit größeren Stichproben, um die Forschung weiter voranzutreiben.</p> <p>Falls ihr euch mehr für das Thema “Gehirnstimulation” interessiert, schaut gerne hier vorbei:</p> <figure></figure> <h3 id="h-fazit">Fazit</h3> <p>Fibromyalgie ist eine von vielen noch eher unbekannten, unterschätzten und schlecht erforschten Krankheiten, deren Ursachen im Zentralnervensystem liegen.</p> <p>Die Erkrankung wird sowohl in Medizin als auch in der Gesellschaft oft missverstanden und zu spät diagnostiziert. Hoffnung machen jedoch Therapien, die auf dem Level des Nervensystems ansetzen – die Gehirnstimulation, entweder durch elektrische oder magnetische Pulse, scheint Linderung in Fibromyalgie liefern zu können, besonders in Kombination mit anderen Methoden wie Bewegungstherapien.</p> <p>Die Gehirnstimulationen versprechen echtes Potenzial zu haben, Schmerzen der Betroffenen langfristig zu lindern, doch die bisherigen Ergebnisse fallen je nach Person sehr unterschiedlich aus und reichen noch nicht für einen klaren Durchbruch. Wie bei so vielen Krankheiten ist Aufklärung ein wichtiger Schritt, um vernünftig mit ihr umgehen zu können, daher ist es wichtig, dass die Forschung weiterhin unterstützt wird. Wenn durch mehr Forschung bessere und standardisiertere Stimulationsprotokolle ausgearbeitet werden, könnten Gehirnstimulationsmethoden weiterhin eine valide Hoffnung für alle Betroffenen sein.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/11235524_10765-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="736" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/11235524_10765-1024x736.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/11235524_10765-1024x736.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/11235524_10765-300x216.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/11235524_10765-768x552.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/11235524_10765-1536x1104.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/11235524_10765-2048x1472.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <p>[1]          ‘Manchmal nicht erkannt: Fibromyalgie’. Accessed: Nov. 04, 2025. [Online]. Available: https://www.gebo-med.de/news/detailansicht/viele-millionen-menschen-leiden-weltweit-an-rheumatischen-erkrankungen</p> <p>[2]          ‘Fibromyalgie: Ursachen, Symptome, Therapie’. Accessed: Nov. 04, 2025. [Online]. Available: https://www.rheuma-liga.de/rheuma/krankheitsbilder/fibromyalgie</p> <p>[3]          ‘Fibromyalgie’, Asklepios. Accessed: Nov. 16, 2025. [Online]. Available: https://www.asklepios.com/konzern/diagnosen/gehirn-nerven/nerven/fibromyalgie</p> <p>[4]          ‘DGS-PraxisLeitfaden Fibromyalgie: Vorurteile abbauen, Diagnose erleichtern’, Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. Accessed: Nov. 04, 2025. [Online]. Available: https://www.dgschmerzmedizin.de/news/dgs-pressemitteilungen/archiv/detail/news/dgs-praxisleitfaden-fibromyalgie-vorurteile-abbauen-diagnose-erleichtern/</p> <p>[5]          ‘Schmerz ist nicht gleich Schmerz: Wie das Rückenmark unsere Wahrnehmung beeinflusst’. Accessed: Nov. 16, 2025. [Online]. Available: https://www.cbs.mpg.de/881644/20180327-01</p> <p>[6]          L. Urien and J. Wang, ‘Top-Down Cortical Control of Acute and Chronic Pain’, <em>Biopsychosoc. Sci. Med.</em>, vol. 81, no. 9, p. 851, Dec. 2019, doi: 10.1097/PSY.0000000000000744.</p> <p>[7]          ‘Fibromyalgie-Syndrom’. Accessed: Nov. 04, 2025. [Online]. Available: https://www.schmerzgesellschaft.de/topnavi/patienteninformationen/schmerzerkrankungen/fibromyalgie-syndrom</p> <p>[8]          S. W. R. Kultur, ‘Fibromyalgie – Der unverstandene Schmerz’, SWR Kultur. Accessed: Nov. 04, 2025. [Online]. Available: https://www.swr.de/swrkultur/wissen/fibromyalgie-der-unverstandene-schmerz-104.html</p> <p>[9]          J. H. Bourke <em>et al.</em>, ‘Central sensitisation in chronic fatigue syndrome and fibromyalgia; a case control study’, <em>J. Psychosom. </em><em>Res.</em>, vol. 150, p. 110624, Nov. 2021, doi: 10.1016/j.jpsychores.2021.110624.</p> <p>[10]       ‘Fibromyalgie: Elektrische Hirnstimulation lindert Schmerzen’, netDoktor. Accessed: Nov. 09, 2025. [Online]. Available: https://www.netdoktor.de/news/fibromyalgie-hirnstimulation-lindert-schmerzen/</p> <p>[11]       W. Häuser <em>et al.</em>, ‘Fibromyalgia’, <em>Nat. </em><em>Rev. Dis. Primer</em>, vol. 1, no. 1, p. 15022, Aug. 2015, doi: 10.1038/nrdp.2015.22.</p> <p>[12]       I. J. Russell <em>et al.</em>, ‘Elevated cerebrospinal fluid levels of substance P in patients with the fibromyalgia syndrome’, <em>Arthritis Rheum.</em>, vol. 37, no. 11, pp. 1593–1601, Nov. 1994, doi: 10.1002/art.1780371106.</p> <p>[13]       A. T. O’Brien, A. Deitos, Y. Triñanes Pego, F. Fregni, and M. T. Carrillo-de-la-Peña, ‘Defective Endogenous Pain Modulation in Fibromyalgia: A Meta-Analysis of Temporal Summation and Conditioned Pain Modulation Paradigms’, <em>J. Pain</em>, vol. 19, no. 8, pp. 819–836, Aug. 2018, doi: 10.1016/j.jpain.2018.01.010.</p> <p>[14]       A. Sandström, I. Ellerbrock, J. Tour, D. Kadetoff, K. Jensen, and E. Kosek, ‘Dysfunctional Activation of the Dorsolateral Prefrontal Cortex During Pain Anticipation Is Associated With Altered Subsequent Pain Experience in Fibromyalgia Patients’, <em>J. Pain</em>, vol. 24, no. 9, pp. 1731–1743, Sept. 2023, doi: 10.1016/j.jpain.2023.05.006.</p> <p>[15]       R. H. Gracely, F. Petzke, J. M. Wolf, and D. J. Clauw, ‘Functional magnetic resonance imaging evidence of augmented pain processing in fibromyalgia’, <em>Arthritis Rheum.</em>, vol. 46, no. 5, pp. 1333–1343, May 2002, doi: 10.1002/art.10225.</p> <p>[16]       E. H. S. Choy, ‘The role of sleep in pain and fibromyalgia’, <em>Nat. Rev. Rheumatol.</em>, vol. 11, no. 9, pp. 513–520, Sept. 2015, doi: 10.1038/nrrheum.2015.56.</p> <p>[17]       R. A. Markkula, E. A. Kalso, and J. A. Kaprio, ‘Predictors of fibromyalgia: a population-based twin cohort study’, <em>BMC Musculoskelet. Disord.</em>, vol. 17, no. 1, p. 29, Jan. 2016, doi: 10.1186/s12891-016-0873-6.</p> <p>[18]       D. J. Clauw, ‘Fibromyalgia: A Clinical Review’, <em>JAMA</em>, vol. 311, no. 15, p. 1547, Apr. 2014, doi: 10.1001/jama.2014.3266.</p> <p>[19]       J.-H. Zhang, J. Liang, and Z.-W. Yang, ‘Non-invasive brain stimulation for fibromyalgia: current trends and future perspectives’, <em>Front. Neurosci.</em>, vol. 17, Oct. 2023, doi: 10.3389/fnins.2023.1288765.</p> <p>[20]       W. Caumo <em>et al.</em>, ‘Home-Based Transcranial Direct Current Stimulation vs Placebo for Fibromyalgia: A Randomized Clinical Trial’, <em>JAMA Netw. Open</em>, vol. 8, no. 6, p. e2514262, June 2025, doi: 10.1001/jamanetworkopen.2025.14262.</p> <p>[21]       R. Moshfeghinia <em>et al.</em>, ‘The effects of transcranial direct-current stimulation (tDCS) on pain intensity of patients with fibromyalgia: a systematic review and meta-analysis’, <em>BMC Neurol.</em>, vol. 23, no. 1, p. 395, Nov. 2023, doi: 10.1186/s12883-023-03445-7.</p> <p>[22]       E. Nation, A. Irani, and S. Barrett, ‘Repetitive transcranial magnetic stimulation at low frequency for the treatment of fibromyalgia. Results from the first treatment cohort at the brainwave clinic’, <em>Front. Pain Res.</em>, vol. 6, June 2025, doi: 10.3389/fpain.2025.1558175.</p> <p>[23]       Y. Argaman, Y. Granovsky, E. Sprecher, A. Sinai, D. Yarnitsky, and I. Weissman-Fogel, ‘Resting-state functional connectivity predicts motor cortex stimulation-dependent pain relief in fibromyalgia syndrome patients’, <em>Sci. Rep.</em>, vol. 12, no. 1, p. 17135, Oct. 2022, doi: 10.1038/s41598-022-21557-x.</p> <p>[24]       P. Sun, L. Fang, J. Zhang, Y. Liu, G. Wang, and R. Qi, ‘Repetitive Transcranial Magnetic Stimulation for Patients with Fibromyalgia: A Systematic Review with Meta-Analysis’, <em>Pain Med. </em><em>Malden Mass</em>, vol. 23, no. 3, pp. 499–514, Mar. 2022, doi: 10.1093/pm/pnab276.</p> <h3 id="h-bildquellen">Bildquellen</h3> <ul> <li>Titelbild: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/epilepsie-maedchen-design_137411771.htm#fromView=search&amp;page=2&amp;position=10&amp;uuid=5e3ee5e2-f8cd-409f-b68e-f7cfeb75ed39&amp;query=pain">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 1: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/illustration-einer-frau-mit-epilepsie_137411175.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=7&amp;uuid=08a4bb82-6177-41b1-add4-bf4ed815d66e&amp;query=pain">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 2: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/person-die-eine-geschenkbox-einwickelt_2616135.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=19&amp;uuid=6ca76d53-2d5d-44a3-9f10-de3ba3f44f70&amp;query=nadel+und+faden">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 3: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/illustration-von-einem-epilepsie-mann_145139714.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=bccca9dc-1378-4258-96fe-99c502cd6958&amp;query=pain">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 4: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/illustration-von-einem-epilepsie-mann_145139714.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=bccca9dc-1378-4258-96fe-99c502cd6958&amp;query=pain">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 5: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/flache-komposition-fuer-kopfschmerzen-und-schmerzen-mit-arztpraxenlandschaft-und-scannergeraet-mit-gehirn-auf-medizinischer-computervektorillustration_57166804.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=0c6a2756-710f-49ac-bb8f-0c2b02e08fdb&amp;query=brain+in+pain+fMRI">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 6: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/illustration-der-sportphysiotherapie_37452043.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=72a06ea4-b4cb-4cde-8346-06cc6e636edd&amp;query=physiotherapie https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/illustration-einer-frau-mit-epilepsie_137411175.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=7&amp;uuid=61481d19-913f-4c38-88e6-3f535760ffa8&amp;query=pain">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 7: generiert von Chat GPT 5.1</li> <li>Abbildung 8: generiert von Chat GPT 5.1</li> <li>Abbildung 9: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/glueckliches-treffen-von-mutter-und-tochter-im-freien-treffen-der-aelteren-und-jungen-frau-mit-der-flachen-illustration-der-offenen-arme_11235524.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=4&amp;uuid=c96515b3-6d8a-458a-a5e6-1f9e6493e6fa&amp;query=happy+and+calm">Bildquelle</a></li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Nov-24-2025-04_13_02-PM.png" /><h1>Brain in Pain – Gehirnstimulation gegen Fibromyalgie? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Luisa Sophie Engelke</h2><div itemprop="text"> <p>Muskeln schmerzen, Gelenke brennen, und man fühlt sich energielos und erschöpft, weil man mal wieder so schlecht geschlafen hat. Und doch zeigt kein Röntgenbild und kein Blutwert etwas Auffälliges. Denn die Schmerzen kommen nicht, weil man sich verletzt hat, sondern weil der Körper selbst die Schmerzquelle ist.</p> <p>Für viele Betroffene mit <strong>Fibromyalgie</strong> ist das leider tägliche Realität. Was hinter diesem rätselhaften Schmerzsyndrom steckt, hat weniger mit Muskeln als mit dem Gehirn zu tun. Die deutsche Gesellschaft für Rheumatologie schätzt, dass ca. 3 bis 4 % der Bevölkerung in Deutschland an Fibromyalgie leiden, was sie damit zu einer der häufigsten chronischen Schmerzerkrankungen macht [1], [2]. Da sie zu den weniger gut erforschten Erkrankungen gehört, rückt sie oft in den Hintergrund – auch wenn der Schmerz im Alltag alles andere als nebensächlich ist. Betroffene leiden oft darunter, nicht ernst genommen zu werden und selbst wenn doch, sind die therapeutischen Maßnahmen unbefriedigend [3].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411175_7439a7c3-6e6f-49d5-81d9-5a07e3064fb0-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411175_7439a7c3-6e6f-49d5-81d9-5a07e3064fb0-819x1024.jpg"></img></a></figure></div> <p>Im Durchschnitt vergehen ganze 16 Jahre, bis Betroffene eine offizielle Diagnose erhalten – eine lange, belastende Zeit voller Unsicherheit und ohne angemessene Behandlung [4]. Die Komplexität der noch so unerforschten Krankheit erschwert die Entwicklung geeigneter Therapien, doch sogenannte Gehirnstimulationsmethoden treten immer mehr in den Vordergrund und scheinen vielversprechend zu sein. Doch sind sie wirklich eine neue Hoffnung für Menschen mit Fibromyalgie?</p> <h3 id="h-der-weg-des-schmerzreizes">Der Weg des Schmerzreizes</h3> <p>Wenn man die Ursachen von Fibromyalgie verstehen will, muss man sich zuerst damit beschäftigen, wie die Schmerzverarbeitung im Körper eigentlich funktioniert.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2616135_6919-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2616135_6919-edited-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2616135_6919-edited-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2616135_6919-edited-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2616135_6919-edited-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2616135_6919-edited-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2616135_6919-edited-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2616135_6919-edited-2048x1536.jpg 2048w" width="2560"></img></a></figure></div> <p>Autsch! Schon ist es beim Nähen passiert, und man piekst sich in den Finger. Dieser Reiz wird von den Schmerz- und Temperatursensoren der Haut erfasst und über aufsteigende Nervenbahnen zuerst in das Rückenmark und dann in das Gehirn geleitet. Bereits im Rückenmark werden Schmerzreize durch spezielle Nervenzellen gefiltert und gedämpft [5]. Die Informationen erreichen den <strong>Thalamus</strong>, der die weitere Verschaltung in verschiedene andere Gehirnbereiche übernimmt, unter anderem dem primären und sekundären sensorischen Kortex (S1 und S2), die den Schmerz lokalisieren („Da tut etwas an meinem Finger weh“). Die Informationen gelangen auch in die Insula und den anterioren cingulären Kortex (ACC), dort wird der Reiz emotional bewertet („Aua, das tat weh!“). Der präfrontale Kortex ist schlussendlich für die Bewertung und die Empfindung des Schmerzreizes verantwortlich (“Ah, ich habe mir beim Nähen mit der Nadel in den Finger gepikst, aber das ist nicht so schlimm!”).<aside></aside></p> <p>Der Präfrontalkortex hat außerdem die wichtige Aufgabe, Schmerz über die absteigenden Nervenbahnen zu lindern. Er sorgt für die Ausschüttung von körpereigenen <strong>Opioiden</strong>, die als endogenes Schmerzhemmungsmittel dienen. Diese “<strong>Top-Down” Kontrolle</strong> sorgt beispielsweise dafür, dass ein Schmerzreiz wie Druck nach einiger Zeit nicht mehr so stark bis ins Gehirn weitergeleitet wird, weil die Signale vom präfrontalen Kortex (PFC) aus nach unten bis ins Rückenmark gehemmt werden [6].</p> <h3 id="h-die-symptome-der-fibromyalgie">Die Symptome der Fibromyalgie</h3> <p>Dieser normale Weg der Schmerzverarbeitung- und Filterung ist bei Fibromyalgie-Betroffenen gestört [3]. Schmerz ist für unseren Körper ein Warnsignal, auf das wir adäquat reagieren und uns beispielsweise von einem zu heißen Feuer wegbewegen. Doch bei den Betroffenen scheint der Körper im Daueralarm-Modus zu sein.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/145139714_bb5eeb8b-3f29-418c-a518-acfe9dc60eb3-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 819px) 100vw, 819px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/145139714_bb5eeb8b-3f29-418c-a518-acfe9dc60eb3-819x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/145139714_bb5eeb8b-3f29-418c-a518-acfe9dc60eb3-819x1024.jpg 819w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/145139714_bb5eeb8b-3f29-418c-a518-acfe9dc60eb3-240x300.jpg 240w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/145139714_bb5eeb8b-3f29-418c-a518-acfe9dc60eb3-768x960.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/145139714_bb5eeb8b-3f29-418c-a518-acfe9dc60eb3-1229x1536.jpg 1229w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/145139714_bb5eeb8b-3f29-418c-a518-acfe9dc60eb3-1639x2048.jpg 1639w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/145139714_bb5eeb8b-3f29-418c-a518-acfe9dc60eb3-scaled.jpg 2048w" width="819"></img></a></figure></div> <p>Das Wort Fibromyalgie beschreibt wortwörtlich Faser-Muskel-Schmerz [7], doch entgegen der Annahme, dass es sich um Schädigungen oder Entzündungen im Gewebe oder Muskel handelt, liegt die Ursache im zentralen Nervensystem. Unter der Krankheit leiden zu 90 % Frauen, doch auch Männer können erkranken, werden nur seltener diagnostiziert [8]. Warum so viel mehr Frauen betroffen sind, ist der Wissenschaft bis heute ein Rätsel.</p> <p>Generell sind die genauen neurowissenschaftlichen Ursachen bis heute teilweise sehr rätselhaft, scheinen jedoch vielseitig zu sein [2]. Es wird vermutet, dass bei den Betroffenen eine <strong>zentrale Sensitivierung</strong> vorliegt, welche zu einer erhöhten <strong>Schmerzempfindlichkeit</strong> führt. Diese sogenannte <strong>Hyperalgesie </strong>ist eines der Hauptsymptome von Fibromyalgie-Betroffenen. Schon leichter Druck auf der Haut oder sanfte Berührungen werden von Betroffenen als sehr schmerzhaft wahrgenommen [3].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411581_87ddca35-a0d7-4b5a-ac58-096de56e036a-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411581_87ddca35-a0d7-4b5a-ac58-096de56e036a-683x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411581_87ddca35-a0d7-4b5a-ac58-096de56e036a-683x1024.jpg 683w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411581_87ddca35-a0d7-4b5a-ac58-096de56e036a-200x300.jpg 200w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411581_87ddca35-a0d7-4b5a-ac58-096de56e036a-768x1152.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411581_87ddca35-a0d7-4b5a-ac58-096de56e036a-1024x1536.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411581_87ddca35-a0d7-4b5a-ac58-096de56e036a-1366x2048.jpg 1366w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411581_87ddca35-a0d7-4b5a-ac58-096de56e036a-scaled.jpg 1707w" width="683"></img></a></figure></div> <p>Die zentrale Sensitivierung beschreibt, dass die Neuronen im Gehirn stärker und anhaltender feuern und so das Schmerzempfinden länger aktiv im Gehirn halten [9]. Dies resultiert in einer sensorischen <strong>Hypersensitivität</strong>, die vermutlich der Grund für die chronisch anhaltenden Schmerzen ist. Grund dafür ist auch eine verringerte Schmerzschwelle, bei der etwas als schmerzhaft wahrgenommen wird. Empfundener Schmerz gegenüber eigentlich harmlosen Reizen, etwa Temperatur oder Druck, wird <strong>Allodynie</strong> genannt, auch das ist bei Fibromyalgie-Patientinnen und Patienten weit verbreitet. Die Krankheit kann sogar so weit führen, dass Betroffene sogar Schmerzen empfinden, obwohl gar kein konkreter Schmerzreiz im oder am Körper vorliegt. Generell sind die Schmerzen am stärksten zu spüren an bestimmten sensiblen Punkten am Körper, doch das gesamte Krankheitsbild geht auch oft mit Begleitsymptomen wie Erschöpfung, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Magenproblemen und kognitiven Problemen einhergeht [2], [10], [11].</p> <h3 id="h-was-ist-los-im-gehirn">Was ist los im Gehirn?</h3> <p>Studien zeigten, dass bei Betroffenen oft erhöhte Konzentrationen von Schmerz-Botenstoffen, etwa Substanz P und Glutamat, im Nervensystem gefunden werden, die für verstärkte Schmerzsignale sorgen [12]. Ebenso scheinen bei Menschen mit Fibromyalgie die absteigenden Bahnen betroffen zu sein, die eine angemessene Schmerzhemmung nicht mehr zulassen [13]. Man geht davon aus, dass bestimmte Bereiche des Präfrontalkortex, die für die Top-Down-Kontrolle zuständig sind, bei Fibromyalgie vermindert aktiviert bzw. weniger gut vernetzt sind [14]. Der Körper schafft es also nicht mehr, ab einem bestimmten Punkt die Schmerzsignale herunterzuregulieren.</p> <p>Hingegen deuten strukturelle Analysen von Gehirnen von Fibromyalgie-Betroffenen darauf hin, dass die schmerzverarbeitenden neuronalen Netzwerke verstärkt aktiv sind (Hypersensibilität). Funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRI)-Studien mit Betroffenen und gesunden Teilnehmern zeigten, dass Schmerzreize (Druck auf den Daumen) zu einer deutlich höheren Aktivierung der Schmerzzentren im Gehirn bei Fibromylagie-Patientinnen und -patienten führt verglichen zu gesunden Teilnehmern [15].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/57166804_2305_q802_009_s_m009_c12_headache_pain_flat_illustration-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="688" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/57166804_2305_q802_009_s_m009_c12_headache_pain_flat_illustration-1024x688.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/57166804_2305_q802_009_s_m009_c12_headache_pain_flat_illustration-1024x688.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/57166804_2305_q802_009_s_m009_c12_headache_pain_flat_illustration-300x202.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/57166804_2305_q802_009_s_m009_c12_headache_pain_flat_illustration-768x516.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/57166804_2305_q802_009_s_m009_c12_headache_pain_flat_illustration-1536x1033.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/57166804_2305_q802_009_s_m009_c12_headache_pain_flat_illustration-2048x1377.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Es wird spekuliert, dass chronischer Schmerz, verursacht durch Stress, Schlafmangel oder langanhaltende Schmerzen, zu dieser Hyperaktivierung der Neuronen führt [16], [17]. Chronischer Stress und Schmerz bewirken eine Anpassung des Nervensystems auf die dauernden Reize, was schließlich zu Fibromyalgiesymptomen führen kann. Dieses sogenannte <strong>Schmerzgedächtnis</strong> führt dazu, dass die Schmerzen dauerhaft verarbeitet und empfunden werden.</p> <h3 id="h-neue-hoffnungen-fur-therapieansatze">Neue Hoffnungen für Therapieansätze?</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/37452043_8443631.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/37452043_8443631-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/37452043_8443631-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/37452043_8443631-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/37452043_8443631-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/37452043_8443631-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/37452043_8443631-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/37452043_8443631.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Die Therapieansätze bei Fibromyalgie sind ebenso vielschichtig wie die Symptome der Erkrankung selbst. Von Bewegungstherapien wie Wassergymnastik und Kraftübungen, über Physio-, Ergo und Musiktherapie, Achtsamkeit und Meditation bis hin zu Psychotherapie werden verschiedene Ansätze genutzt, um den Betroffenen Linderung zu verschaffen, sowohl physisch als auch psychisch.</p> <p>Aufgrund der gestörten Schmerzwahrnehmung im Gehirn zeigen medikamentöse Behandlungen bis heute leider nur sehr begrenzte Wirkung. Zwar zeigen extra für Fibromyalgie hergestellte Antidepressiva oder Antikonvulsiva (Antiepileptika) Linderung, dies aber nur in Einzelfällen [18]. Betroffene sprechen oft nicht auf Medikamente an, sodass sich neuerdings das Interesse der Forschung auf die nicht mehr chemischen, sondern elektrischen Therapieansätze fokussiert. Neue Hoffnungen machen sogenannte <strong>Gehirnstimulations-Methoden</strong>, bei denen das Gehirn und die Nervenzellen nicht-invasiv angeregt werden. </p> <p>Obwohl die aktuelle Forschung in Richtung Gehirnstimulation noch in ihren Anfängen ist, zeigen sich trotzdem optimistische Resultate. Durch magnetische oder elektrische Energie werden durch den Kopf (“transkraniell”) die darunterliegenden neuronalen Netzwerke angeregt, die unteraktiv bei Fibromyalgie-Betroffenen sind. Daher wird besonders der Präfrontalcortex stimuliert, damit wieder eine intakte Hemmung der Schmerzen passiert. Ziel ist es, die Top-Down Hemmung wieder auf ein gesundes Level zu bringen [19].</p> <h4 id="h-elektrische-stimulation-mit-tdcs">Elektrische Stimulation mit tDCS</h4> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2025-11-23-153730.png"><img alt="" decoding="async" height="653" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 433px) 100vw, 433px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2025-11-23-153730.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2025-11-23-153730.png 433w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2025-11-23-153730-199x300.png 199w" width="433"></img></a></figure></div> <p>Eine Form der Hirnstimulation ist die transkranielle Gleichstromstimulation (transcranial direct current stimulation, <strong>tDCS</strong>). Dabei werden am Kopf zwei Elektroden angebracht, die einen leichten Strom erzeugen und damit die Neuronen im Gehirn anregen.</p> <p>Eine groß angelegte Studie von 2025 testete diese Methode bei 112 Frauen, über einen Zeitraum von einem Monat täglich 20 Minuten eigenständig mit einem Stimulationsgerät die Gehirnstimulation durchführten. Die Studie war Placebo-kontrolliert und doppelblind, das heißt, weder die Teilnehmerinnen noch die Untersuchenden wussten, wer die reale oder die Placebo-Stimulation erhielt. In der Studie wurde der linke dorsolaterale Präfrontalcortex für die Stimulation ausgesucht. Zudem absolvierten die Teilnehmer Bewegungsübungen und nahmen an Schmerzschulungs-Trainings teil. Die Wirkung der Stimulation wurde mithilfe eines Schmerzfragebogens erfasst, der mehrere Lebensbereiche abbildet: wie stark der Schmerz den Alltag beeinträchtigt, welchen Einfluss er auf die Stimmung hat und inwiefern soziale Interaktionen betroffen sind [20]. Die Ergebnisse zeigten, dass der Schmerz bei Frauen mit echter Stimulation um ca. 38.8 % verringert war (bei der Placebogruppe waren es ca. 16,0 %).</p> <p>Generell kommen die Studienergebnisse zusammenfassend nach aktuellem Stand zu einem vorsichtig positiven Fazit bezüglich tDCS. Um die Details, wie Intensität, Ort der Stimulation und Dauer zu klären, bedarf es jedoch noch weiterer Forschung [21].</p> <h4 id="h-magnetische-stimulation-mit-rtms">Magnetische Stimulation mit rTMS</h4> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-31.png"><img alt="" decoding="async" height="202" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 309px) 100vw, 309px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-31.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-31.png 309w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-31-300x196.png 300w" width="309"></img></a></figure></div> <p>Eine andere Gehirnstimulationsmethode ist die repetitive transkranielle Magnetstimulation (repetitive transcranial magnetic stimulation, <strong>rTMS</strong>), welche im Gegensatz zu tDCS keine elektrischen Impulse sendet, sondern magnetische. Auch mit dieser Methode konnte 2025 in einer großen Studie gezeigt werden, dass rTMS über dem rechten Präfrontalkortex signifikant Schmerzen linderte und sich die allgemeine schmerzliche Belastung bei den Teilnehmern verringerte [22]. Weitere Studien zeigten außerdem, dass die positiven Effekte auch noch bis zu drei Monate nach Beendigung der Stimulation anhielten! Weitere Studien rund um das Thema rTMS stimulierten auch oft den Motorkortex, welcher ebenfalls zur Hemmung der Schmerzen führt [23]. Studien zeigen, dass rTMS über dem Motorkortex bei vielen Fibromyalgie-Patientinnen und Patienten die Schmerzen spürbar reduzieren kann, auch oft sogar über Wochen hinweg.</p> <p>Doch auch rund um rTMS als Therapie lassen sich zusammenfassend die Ergebnisse so beschreiben, dass moderate, aber keine absolut signifikanten Verbesserungen der Schmerzen im Vergleich zu Placebogruppen gefunden wurden [24]. Auch hier bedarf es weiterhin an Forschung, am besten mit größeren Stichproben, um die Forschung weiter voranzutreiben.</p> <p>Falls ihr euch mehr für das Thema “Gehirnstimulation” interessiert, schaut gerne hier vorbei:</p> <figure></figure> <h3 id="h-fazit">Fazit</h3> <p>Fibromyalgie ist eine von vielen noch eher unbekannten, unterschätzten und schlecht erforschten Krankheiten, deren Ursachen im Zentralnervensystem liegen.</p> <p>Die Erkrankung wird sowohl in Medizin als auch in der Gesellschaft oft missverstanden und zu spät diagnostiziert. Hoffnung machen jedoch Therapien, die auf dem Level des Nervensystems ansetzen – die Gehirnstimulation, entweder durch elektrische oder magnetische Pulse, scheint Linderung in Fibromyalgie liefern zu können, besonders in Kombination mit anderen Methoden wie Bewegungstherapien.</p> <p>Die Gehirnstimulationen versprechen echtes Potenzial zu haben, Schmerzen der Betroffenen langfristig zu lindern, doch die bisherigen Ergebnisse fallen je nach Person sehr unterschiedlich aus und reichen noch nicht für einen klaren Durchbruch. Wie bei so vielen Krankheiten ist Aufklärung ein wichtiger Schritt, um vernünftig mit ihr umgehen zu können, daher ist es wichtig, dass die Forschung weiterhin unterstützt wird. Wenn durch mehr Forschung bessere und standardisiertere Stimulationsprotokolle ausgearbeitet werden, könnten Gehirnstimulationsmethoden weiterhin eine valide Hoffnung für alle Betroffenen sein.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/11235524_10765-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="736" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/11235524_10765-1024x736.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/11235524_10765-1024x736.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/11235524_10765-300x216.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/11235524_10765-768x552.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/11235524_10765-1536x1104.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/11235524_10765-2048x1472.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <p>[1]          ‘Manchmal nicht erkannt: Fibromyalgie’. Accessed: Nov. 04, 2025. [Online]. Available: https://www.gebo-med.de/news/detailansicht/viele-millionen-menschen-leiden-weltweit-an-rheumatischen-erkrankungen</p> <p>[2]          ‘Fibromyalgie: Ursachen, Symptome, Therapie’. Accessed: Nov. 04, 2025. [Online]. Available: https://www.rheuma-liga.de/rheuma/krankheitsbilder/fibromyalgie</p> <p>[3]          ‘Fibromyalgie’, Asklepios. Accessed: Nov. 16, 2025. [Online]. Available: https://www.asklepios.com/konzern/diagnosen/gehirn-nerven/nerven/fibromyalgie</p> <p>[4]          ‘DGS-PraxisLeitfaden Fibromyalgie: Vorurteile abbauen, Diagnose erleichtern’, Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. Accessed: Nov. 04, 2025. [Online]. Available: https://www.dgschmerzmedizin.de/news/dgs-pressemitteilungen/archiv/detail/news/dgs-praxisleitfaden-fibromyalgie-vorurteile-abbauen-diagnose-erleichtern/</p> <p>[5]          ‘Schmerz ist nicht gleich Schmerz: Wie das Rückenmark unsere Wahrnehmung beeinflusst’. Accessed: Nov. 16, 2025. [Online]. Available: https://www.cbs.mpg.de/881644/20180327-01</p> <p>[6]          L. Urien and J. Wang, ‘Top-Down Cortical Control of Acute and Chronic Pain’, <em>Biopsychosoc. Sci. Med.</em>, vol. 81, no. 9, p. 851, Dec. 2019, doi: 10.1097/PSY.0000000000000744.</p> <p>[7]          ‘Fibromyalgie-Syndrom’. Accessed: Nov. 04, 2025. [Online]. Available: https://www.schmerzgesellschaft.de/topnavi/patienteninformationen/schmerzerkrankungen/fibromyalgie-syndrom</p> <p>[8]          S. W. R. Kultur, ‘Fibromyalgie – Der unverstandene Schmerz’, SWR Kultur. Accessed: Nov. 04, 2025. [Online]. Available: https://www.swr.de/swrkultur/wissen/fibromyalgie-der-unverstandene-schmerz-104.html</p> <p>[9]          J. H. Bourke <em>et al.</em>, ‘Central sensitisation in chronic fatigue syndrome and fibromyalgia; a case control study’, <em>J. Psychosom. </em><em>Res.</em>, vol. 150, p. 110624, Nov. 2021, doi: 10.1016/j.jpsychores.2021.110624.</p> <p>[10]       ‘Fibromyalgie: Elektrische Hirnstimulation lindert Schmerzen’, netDoktor. Accessed: Nov. 09, 2025. [Online]. Available: https://www.netdoktor.de/news/fibromyalgie-hirnstimulation-lindert-schmerzen/</p> <p>[11]       W. Häuser <em>et al.</em>, ‘Fibromyalgia’, <em>Nat. </em><em>Rev. Dis. Primer</em>, vol. 1, no. 1, p. 15022, Aug. 2015, doi: 10.1038/nrdp.2015.22.</p> <p>[12]       I. J. Russell <em>et al.</em>, ‘Elevated cerebrospinal fluid levels of substance P in patients with the fibromyalgia syndrome’, <em>Arthritis Rheum.</em>, vol. 37, no. 11, pp. 1593–1601, Nov. 1994, doi: 10.1002/art.1780371106.</p> <p>[13]       A. T. O’Brien, A. Deitos, Y. Triñanes Pego, F. Fregni, and M. T. Carrillo-de-la-Peña, ‘Defective Endogenous Pain Modulation in Fibromyalgia: A Meta-Analysis of Temporal Summation and Conditioned Pain Modulation Paradigms’, <em>J. Pain</em>, vol. 19, no. 8, pp. 819–836, Aug. 2018, doi: 10.1016/j.jpain.2018.01.010.</p> <p>[14]       A. Sandström, I. Ellerbrock, J. Tour, D. Kadetoff, K. Jensen, and E. Kosek, ‘Dysfunctional Activation of the Dorsolateral Prefrontal Cortex During Pain Anticipation Is Associated With Altered Subsequent Pain Experience in Fibromyalgia Patients’, <em>J. Pain</em>, vol. 24, no. 9, pp. 1731–1743, Sept. 2023, doi: 10.1016/j.jpain.2023.05.006.</p> <p>[15]       R. H. Gracely, F. Petzke, J. M. Wolf, and D. J. Clauw, ‘Functional magnetic resonance imaging evidence of augmented pain processing in fibromyalgia’, <em>Arthritis Rheum.</em>, vol. 46, no. 5, pp. 1333–1343, May 2002, doi: 10.1002/art.10225.</p> <p>[16]       E. H. S. Choy, ‘The role of sleep in pain and fibromyalgia’, <em>Nat. Rev. Rheumatol.</em>, vol. 11, no. 9, pp. 513–520, Sept. 2015, doi: 10.1038/nrrheum.2015.56.</p> <p>[17]       R. A. Markkula, E. A. Kalso, and J. A. Kaprio, ‘Predictors of fibromyalgia: a population-based twin cohort study’, <em>BMC Musculoskelet. Disord.</em>, vol. 17, no. 1, p. 29, Jan. 2016, doi: 10.1186/s12891-016-0873-6.</p> <p>[18]       D. J. Clauw, ‘Fibromyalgia: A Clinical Review’, <em>JAMA</em>, vol. 311, no. 15, p. 1547, Apr. 2014, doi: 10.1001/jama.2014.3266.</p> <p>[19]       J.-H. Zhang, J. Liang, and Z.-W. Yang, ‘Non-invasive brain stimulation for fibromyalgia: current trends and future perspectives’, <em>Front. Neurosci.</em>, vol. 17, Oct. 2023, doi: 10.3389/fnins.2023.1288765.</p> <p>[20]       W. Caumo <em>et al.</em>, ‘Home-Based Transcranial Direct Current Stimulation vs Placebo for Fibromyalgia: A Randomized Clinical Trial’, <em>JAMA Netw. Open</em>, vol. 8, no. 6, p. e2514262, June 2025, doi: 10.1001/jamanetworkopen.2025.14262.</p> <p>[21]       R. Moshfeghinia <em>et al.</em>, ‘The effects of transcranial direct-current stimulation (tDCS) on pain intensity of patients with fibromyalgia: a systematic review and meta-analysis’, <em>BMC Neurol.</em>, vol. 23, no. 1, p. 395, Nov. 2023, doi: 10.1186/s12883-023-03445-7.</p> <p>[22]       E. Nation, A. Irani, and S. Barrett, ‘Repetitive transcranial magnetic stimulation at low frequency for the treatment of fibromyalgia. Results from the first treatment cohort at the brainwave clinic’, <em>Front. Pain Res.</em>, vol. 6, June 2025, doi: 10.3389/fpain.2025.1558175.</p> <p>[23]       Y. Argaman, Y. Granovsky, E. Sprecher, A. Sinai, D. Yarnitsky, and I. Weissman-Fogel, ‘Resting-state functional connectivity predicts motor cortex stimulation-dependent pain relief in fibromyalgia syndrome patients’, <em>Sci. Rep.</em>, vol. 12, no. 1, p. 17135, Oct. 2022, doi: 10.1038/s41598-022-21557-x.</p> <p>[24]       P. Sun, L. Fang, J. Zhang, Y. Liu, G. Wang, and R. Qi, ‘Repetitive Transcranial Magnetic Stimulation for Patients with Fibromyalgia: A Systematic Review with Meta-Analysis’, <em>Pain Med. </em><em>Malden Mass</em>, vol. 23, no. 3, pp. 499–514, Mar. 2022, doi: 10.1093/pm/pnab276.</p> <h3 id="h-bildquellen">Bildquellen</h3> <ul> <li>Titelbild: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/epilepsie-maedchen-design_137411771.htm#fromView=search&amp;page=2&amp;position=10&amp;uuid=5e3ee5e2-f8cd-409f-b68e-f7cfeb75ed39&amp;query=pain">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 1: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/illustration-einer-frau-mit-epilepsie_137411175.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=7&amp;uuid=08a4bb82-6177-41b1-add4-bf4ed815d66e&amp;query=pain">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 2: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/person-die-eine-geschenkbox-einwickelt_2616135.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=19&amp;uuid=6ca76d53-2d5d-44a3-9f10-de3ba3f44f70&amp;query=nadel+und+faden">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 3: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/illustration-von-einem-epilepsie-mann_145139714.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=bccca9dc-1378-4258-96fe-99c502cd6958&amp;query=pain">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 4: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/illustration-von-einem-epilepsie-mann_145139714.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=bccca9dc-1378-4258-96fe-99c502cd6958&amp;query=pain">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 5: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/flache-komposition-fuer-kopfschmerzen-und-schmerzen-mit-arztpraxenlandschaft-und-scannergeraet-mit-gehirn-auf-medizinischer-computervektorillustration_57166804.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=0c6a2756-710f-49ac-bb8f-0c2b02e08fdb&amp;query=brain+in+pain+fMRI">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 6: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/illustration-der-sportphysiotherapie_37452043.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=72a06ea4-b4cb-4cde-8346-06cc6e636edd&amp;query=physiotherapie https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/illustration-einer-frau-mit-epilepsie_137411175.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=7&amp;uuid=61481d19-913f-4c38-88e6-3f535760ffa8&amp;query=pain">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 7: generiert von Chat GPT 5.1</li> <li>Abbildung 8: generiert von Chat GPT 5.1</li> <li>Abbildung 9: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/glueckliches-treffen-von-mutter-und-tochter-im-freien-treffen-der-aelteren-und-jungen-frau-mit-der-flachen-illustration-der-offenen-arme_11235524.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=4&amp;uuid=c96515b3-6d8a-458a-a5e6-1f9e6493e6fa&amp;query=happy+and+calm">Bildquelle</a></li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/brain-in-pain-gehirnstimulation-gegen-fibromyalgie/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>2</slash:comments> </item> <item> <title>Blume & Ince 46: Interaktiver Vodcast zu KI & Kokons https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-46-interaktiver-vodcast-zu-ki-kokons/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-46-interaktiver-vodcast-zu-ki-kokons/#comments Sat, 29 Nov 2025 09:53:58 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=10792 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce46StadtbibliothekFilderstadt0925-768x482.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-46-interaktiver-vodcast-zu-ki-kokons/</link> </image> <description type="html"><h1>Interaktiver Vodcast zu KI, Kirchen & Kultur</h1><h2>By Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Es gibt derzeit viele gerade auch digitale Trends, die uns große Sorgen bereiten – beispielsweise <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115631924549743065">die Angriffe von <strong>Elon Musk</strong> und anderen <strong>X</strong>-ern gegen <strong>Wikipedia</strong></a>. KI-Anwendungen vergeuden Unmengen an Energie und Wasser und produzieren dabei gefährlichen Botshit, es droht <a href="https://www.newsroom.de/news/aktuelle-meldungen/multimedia-9/medienethiker-blume-monopole-von-google-meta-und-x-werden-enden-975689/">das Platzen bzw. Verschrumpeln riesiger Konzernblasen</a>.</p> <p>Es gibt jedoch auch Entwicklungen, die uns ermutigen – so die wachsende Lust vieler Menschen, auch wissenschaftlich orientiert im Fediversum und in Podcasts mitzuwirken, in Dialogen selbst die Stimme zu erheben. Auch Vodcasts – Videocasts, also Ton-Video-Aufnahmen – blühen zunehmend auf.</p> <p>Nach der schönen Resonanz auf den ersten <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-45-dialog-vodcast-gaming-mimesis-an-der-uni-stuttgart/"><strong><em>“Blume &amp; Ince”</em>-Vodcast von der Game Night der Uni Stuttgart</strong></a> wagten Inan und ich also den nächsten Schritt: In <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vernunft-ki-demokratie-gegen-die-groesste-luege-im-dialog-mit-barbara-traub-inan-ince-der-stiftung-weltethos/">der Stadtbibliothek Filderstadt diskutierten wir mit Publikum über <em>“KI und Kirchen. Liegt unsere Zukunft im Kokon?”</em></a> und bezogen dabei auch Originaltöne von Zuhörerinnen und Zuhörer ein. Für die Einladung danken wir Dr. <strong>Glenda Olfens</strong> und <strong>Petra Rösner</strong>.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=jJmoE_652LY" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das Coverbild von Folge 46 von Blume &amp; Ince zum Thema &quot;Liegt unsere Zukunft im Kokon? Ein (Publikums-)Dialog zu KI, Kirchen und Kultur&quot;." decoding="async" height="837" sizes="(max-width: 1333px) 100vw, 1333px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce46StadtbibliothekFilderstadt0925.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce46StadtbibliothekFilderstadt0925.jpg 1333w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce46StadtbibliothekFilderstadt0925-300x188.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce46StadtbibliothekFilderstadt0925-1024x643.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce46StadtbibliothekFilderstadt0925-768x482.jpg 768w" width="1333"></img></a></p> <p><em>Folge 46 von <a href="https://www.youtube.com/watch?v=jJmoE_652LY">“Blume &amp; Ince” zeichneten wir in der Stadtbibliothek Filderstadt auf (links), rechts mit Dr. Glenda Olfens</a>. Screenshot: Prof. Dr. Inan Ince &amp; Dr. Michael Blume</em><aside></aside></p> <p>Unter anderem <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115614575864045770">freuten wir uns über (mindestens) drei Aktive von Mastodon – @silberspur , @hirnchirurg &amp; @dreimling – und über meine einstige Englisch-Abi-Lehrerin Frau Zangl</a>. Und klar wollen wir uns dialogisch und technisch immer weiter entwickeln, um unseren kleinen Beitrag zu leisten, das Internet dialogisch-monistischer und damit auch demokratischer und wissenschaftlicher zu gestalten. Während wir mit der Videoqualität schon recht zufrieden sind, sehen wir bei der Tonqualität noch Luft nach oben. Auch wird zu entscheiden sind, ob wir zukünftig auch Publikum in die Videoaufnahme einladen oder es beim Ton belassen. Doch im Grundsatz ist klar, dass wir neben den klassischen Studio-Aufnahmen auch weiter mit dialogischen Folgen arbeiten wollen. Denn wir glauben und erleben: Freiheit, die nicht gelebt wird, wird absterben.</p> <p>Viel Freude <a href="https://blumeundince.podigee.io/49-folge-46-liegt-unsere-zukunft-im-kokon-ein-publikums-dialog-zu-ki-kirchen-und-kultur">beim Hören von <em>“Blume &amp; Ince”</em> 46 auf Podigee</a> und allen gängigen Podcast-Plattformen oder auch beim Anschauen der Folge hier:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/jJmoE_652LY?feature=oembed&amp;rel=0" title="Folge 46: Liegt unsere Zukunft im Kokon? Ein (Publikums-)Dialog zu KI, Kirchen und Kultur" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Interaktiver Vodcast zu KI, Kirchen & Kultur</h1><h2>By Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Es gibt derzeit viele gerade auch digitale Trends, die uns große Sorgen bereiten – beispielsweise <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115631924549743065">die Angriffe von <strong>Elon Musk</strong> und anderen <strong>X</strong>-ern gegen <strong>Wikipedia</strong></a>. KI-Anwendungen vergeuden Unmengen an Energie und Wasser und produzieren dabei gefährlichen Botshit, es droht <a href="https://www.newsroom.de/news/aktuelle-meldungen/multimedia-9/medienethiker-blume-monopole-von-google-meta-und-x-werden-enden-975689/">das Platzen bzw. Verschrumpeln riesiger Konzernblasen</a>.</p> <p>Es gibt jedoch auch Entwicklungen, die uns ermutigen – so die wachsende Lust vieler Menschen, auch wissenschaftlich orientiert im Fediversum und in Podcasts mitzuwirken, in Dialogen selbst die Stimme zu erheben. Auch Vodcasts – Videocasts, also Ton-Video-Aufnahmen – blühen zunehmend auf.</p> <p>Nach der schönen Resonanz auf den ersten <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-45-dialog-vodcast-gaming-mimesis-an-der-uni-stuttgart/"><strong><em>“Blume &amp; Ince”</em>-Vodcast von der Game Night der Uni Stuttgart</strong></a> wagten Inan und ich also den nächsten Schritt: In <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vernunft-ki-demokratie-gegen-die-groesste-luege-im-dialog-mit-barbara-traub-inan-ince-der-stiftung-weltethos/">der Stadtbibliothek Filderstadt diskutierten wir mit Publikum über <em>“KI und Kirchen. Liegt unsere Zukunft im Kokon?”</em></a> und bezogen dabei auch Originaltöne von Zuhörerinnen und Zuhörer ein. Für die Einladung danken wir Dr. <strong>Glenda Olfens</strong> und <strong>Petra Rösner</strong>.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=jJmoE_652LY" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das Coverbild von Folge 46 von Blume &amp; Ince zum Thema &quot;Liegt unsere Zukunft im Kokon? Ein (Publikums-)Dialog zu KI, Kirchen und Kultur&quot;." decoding="async" height="837" sizes="(max-width: 1333px) 100vw, 1333px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce46StadtbibliothekFilderstadt0925.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce46StadtbibliothekFilderstadt0925.jpg 1333w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce46StadtbibliothekFilderstadt0925-300x188.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce46StadtbibliothekFilderstadt0925-1024x643.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce46StadtbibliothekFilderstadt0925-768x482.jpg 768w" width="1333"></img></a></p> <p><em>Folge 46 von <a href="https://www.youtube.com/watch?v=jJmoE_652LY">“Blume &amp; Ince” zeichneten wir in der Stadtbibliothek Filderstadt auf (links), rechts mit Dr. Glenda Olfens</a>. Screenshot: Prof. Dr. Inan Ince &amp; Dr. Michael Blume</em><aside></aside></p> <p>Unter anderem <a href="https://sueden.social/@BlumeEvolution/115614575864045770">freuten wir uns über (mindestens) drei Aktive von Mastodon – @silberspur , @hirnchirurg &amp; @dreimling – und über meine einstige Englisch-Abi-Lehrerin Frau Zangl</a>. Und klar wollen wir uns dialogisch und technisch immer weiter entwickeln, um unseren kleinen Beitrag zu leisten, das Internet dialogisch-monistischer und damit auch demokratischer und wissenschaftlicher zu gestalten. Während wir mit der Videoqualität schon recht zufrieden sind, sehen wir bei der Tonqualität noch Luft nach oben. Auch wird zu entscheiden sind, ob wir zukünftig auch Publikum in die Videoaufnahme einladen oder es beim Ton belassen. Doch im Grundsatz ist klar, dass wir neben den klassischen Studio-Aufnahmen auch weiter mit dialogischen Folgen arbeiten wollen. Denn wir glauben und erleben: Freiheit, die nicht gelebt wird, wird absterben.</p> <p>Viel Freude <a href="https://blumeundince.podigee.io/49-folge-46-liegt-unsere-zukunft-im-kokon-ein-publikums-dialog-zu-ki-kirchen-und-kultur">beim Hören von <em>“Blume &amp; Ince”</em> 46 auf Podigee</a> und allen gängigen Podcast-Plattformen oder auch beim Anschauen der Folge hier:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/jJmoE_652LY?feature=oembed&amp;rel=0" title="Folge 46: Liegt unsere Zukunft im Kokon? Ein (Publikums-)Dialog zu KI, Kirchen und Kultur" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-46-interaktiver-vodcast-zu-ki-kokons/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>15</slash:comments> </item> <item> <title>Cold Seeps, Oktopus-Kinderstube und Meeresschutz https://scilogs.spektrum.de/meertext/cold-seeps-oktopus-kinderstube-und-meeresschutz/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/cold-seeps-oktopus-kinderstube-und-meeresschutz/#comments Fri, 28 Nov 2025 16:38:19 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1836 <h1>Cold Seeps, Oktopus-Kinderstube und Meeresschutz » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Bei einer Tiefsee-Expedition zu einem zerklüfteten, vulkanischen Meeresboden der Tiefsee vor der kanadischen Küste stießen Wissenschaftler statt auf die erwarteten Röhrenwürmer auf eine Oktopus-Kinderstube. Diese Entdeckung ist ein wichtiges Argument für den Schutz dieser Tiefsee-Landschaft.</p> <h2 id="h-octomoms-statt-rohrenwurmer"><strong>Octomoms statt Röhrenwürmer</strong></h2> <p>Auf der <a href="https://www.sciencefriday.com/articles/octopus-garden-vancouver-canada/">2023 NEPDEP-Expedition war auch die kanadische Meeresbiologin</a> Cherisse Du Preez (Leiterin des Deep Sea Ecology Program) dabei. Sie war auf der Suche nach Röhrenwurm-Kolonien an „Kalten Quellen“ (Cold Seeps) – dort treten aus Spalten am Meeresboden Gase wie Methan und Schwefelwasserstoff aus dem Meeresboden aus. Ein Kollege hatte ihr berichtet, dass etwa 90 Meilen vor Vancouver Island Blasen ausgasten. Dort machte die Expedition also einen Zwischenstopp und schickte den mit Kameras ausgestatteten Tauchroboter (ROV) zum Meeresboden. An solchen Stellen gibt es oft Oasen des Lebens, die sich durch Chemosynthese ernähren. Die Basis der Nahrungskette sind meist schwefelatmende Bakterien, von denen sich an diesen <a href="https://oceanexplorer.noaa.gov/wp-content/uploads/2024/05/what-are-cold-seeps-fact-sheet.pdf">„Cold Seeps“</a> strohhalmdünne weißliche Röhrenwürmer ernähren und große Kolonien bilden. Aber an dieser Stelle erfassten die Kameras keine Wurmwelten, sondern eine Ansammlung violetter Oktopus-Mütter mit ihren Eigelegen.</p> <p>Diese Kinderstube Pazifischer Warzenkraken lag inmitten einer bizarren Unterwasserlandschaft aus zerklüfteten Karbonatgesteinen, eisbergähnlichen Felsbrocken und schneeweißen Methanhydraten – entstanden aus den aus einem Hügel aufsteigenden Methanblasen, die mit Meerwasser und Bakterien reagiert hatten. </p> <p>Solche <a href="https://www.mbari.org/project/the-octopus-garden/">Oktopus-Kinderstuben, auch Oktopus-Gärten</a> genannt, waren bei ihrer Entdeckung 2018 eine Sensation – dieser war 2023 erst der vierte. Da Oktopusse normalerweise als Einzelgänger gelten und kein Schwarmverhalten zeigen, waren Gruppen von Dutzenden bis Tausenden eine große Überraschung.  Die anderen Kinderstuben liegen vor den Küsten Kaliforniens und Costa Ricas.</p> <h2 id="h-tiefsee-oktopusse-bruten-langer"><strong>Tiefsee-Oktopusse brüten länger</strong></h2> <p>Einige Kinderstuben liegen in der Nähe hydrothermaler Quellen, die das Wasser erwärmen. Da die Wassertemperatur die Brutzeit der Tintenfische beeinflusst und es in der Tiefsee normalerweise nur 4°C „warm“ ist, könnten diese Brutplätze bewusst ausgesucht werden, da die Wärme den Stoffwechsel der ungeborenen Oktopusse ankurbelt. Während tropische Oktopusse viele, kleine Eier legen und der Nachwuchs meist schon nach wenigen Wochen schlüpft, werden die Eier mit zunehmender Tiefe und Kälte größer und die Brutzeiten länger.<aside></aside></p> <p>In den Tiefen des Ozeans kann die Brutzeit erschreckend lang sein. <em>Graneledone pacifica,</em> manchmal auch Pazifischer Warzen-Oktopus genannt, hat beispielsweise die längste bekannte Brutzeit aller Tiere auf der Erde. <a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0103437">Sie pflegen ihre Eier bis zu vier Jahre</a> oder länger, verzichten während dieser Zeit vollständig auf Nahrung und sterben kurz nach dem Schlüpfen der Eier. In wärmeren Tintenfisch-Kinderstuben ist die Brutzeit jedoch wahrscheinlich viel kürzer: Heiße Quellen hingegen sind regelrechte Brutkästen. <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.adg3247">Der Tintenfisch-Experte Bruce T. Barry hatte</a> eine Kinderstube anderswo im Pazifik über einer hydrothermalen Quelle in rund 3200 Metern Tiefe beschrieben, dass die Brutzeit von Perlentintenfischen etwa 1,8 Jahre betrug – also viel kürzer als bei einer Tiefseeart zu erwarten wäre.</p> <p>Das ist an der von Du Preez und Team vor Vancouver untersuchten kalten Quelle nicht der Fall, deren Temperatur eher dem Umgebungswasser entspricht. Wärme ist wohl nicht die einzige Verlockung für Tintenfisch-Mütter. Es könnte auch an den zerklüfteten Felsen liegen, die viele Nischen zu Befestigung der Eier und viele Höhlungen als Unterschlupf für die Mütter bieten.  </p> <p><img alt="A few white, oblong eggs dangle from a beige rock, surrounded by purplish octopus arms." decoding="async" fetchpriority="high" height="340" src="https://scilogs.spektrum.de/2167c1ad-f37d-40b2-b1c6-01746367945a" width="605"></img><br></br>Octopus eggs stay attached to a substrate until they’re ready to hatch. The black dots in the eggs are the octopuses’ eyes. Credit: Northeast Pacific Deep-sea Expedition partners and CSSF ROPOS</p> <p>Derzeit arbeitet Fisheries and Oceans Canada mit mehreren First Nations, also indigenen Communities, in British Columbia zusammen, um die Artenvielfalt der Kaltwasserquellen, darunter auch die Octopus-Gärten, zu schützen. Dies würde das zweitgrößte Meeresschutzgebiet Kanadas und würde das Land seinem Ziel, bis 2030 30 % der Ozeane des Landes als Schutzgebiete auszuweisen, einen bedeutenden Schritt näherbringen.</p> <h2 id="h-meeresschutz-als-kooperation-von-wissenschaft-und-indigenen"><strong>Meeresschutz als Kooperation von Wissenschaft und Indigenen</strong></h2> <p>Auf der 2023 NEPDEP-Expedition erforschte ein <a href="https://www.ropos.com/index.php/news-and-media/49-tully-nep-dep-2023-expedition-summary">internationales Wissenschaftler-Team</a> mit Unterstützung von Fisheries and Oceans Canada eine bizarre Pazifik-Tiefsee-Landschaft nahe der kanadischen Küste. Dort treffen mehrere kleine, aktive und küstennahe tektonische Platten aufeinander, was zu einer hohen Konzentration von Seebergen, hydrothermalen Quellen und kalten Quellen führt. Tiefsee-Hot Spots der Biodiversität!<br></br>Die Datenbasis zu Ökosystemen und Arten-Vielfalt ist die Grundlage für den Schutz und das Management dieser ökologisch und biologisch bedeutenden Gebiete. Das Ziel ist ein gesunder Ozean für alle – das <a href="https://www.oceannetworks.ca/expeditions/northeast-pacific-deep-sea-expedition/">NEPDEP-Projekt</a> erfolgt in Partnerschaft mit den dort lebenden indigenen Völkern (Council of the Haida Nation, Nuu-chah-nulth Tribal Council und Pacheedaht First Nations) sowie Ocean Networks Canada.</p> <p>Die Verbindung zwischen den <a href="https://www.sciencefriday.com/articles/octopus-garden-vancouver-canada/">Nuu-chah-nulth-Gemeinden und dem Meer „reicht Jahrtausende zurück</a>“, sagt Irine Polyzogopoulos, Kommunikations- und Entwicklungskoordinatorin der Fischereibehörde des <a href="https://nuuchahnulth.org/">Nuu-chah-nulth Tribal Council</a>, einer der First Nations-Partnerorganisationen. „Wir sprechen über das Prinzip der Nuu-chah-nulth, hišukʔiš c̓awaak, was übersetzt ‚alles ist verbunden, alles ist eins‘ bedeutet. … Was wir zum Schutz des Ozeans tun, hängt alles mit der Fischerei zusammen, auf die die Gemeinden für ihre Ernährung und wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit angewiesen sind.”</p> <p>Darum arbeiten die indigenen Küstengemeinden seit langem mit der kanadischen Regierung an Initiativen zum Schutz der Meere. Die Zusammenarbeit im Bereich der Tiefseeforschung begann jedoch <a href="https://www.sciencefriday.com/articles/octopus-garden-vancouver-canada/">erst 2015, sagt Polyzogopoulo.</a> Damals begannen die Regierung und mehrere indigene Gruppen mit der Schaffung des größten Schutzgebiets des Landes – einer Fläche, die etwa doppelt so groß ist wie Maryland und gemeinsam von der kanadischen Regierung, dem Rat der Haida-Nation, der Pacheedaht First Nation, der Quatsino First Nation und dem Nuu-chah-nulth Tribal Council verwaltet wird. Im Jahr 2024 wurde sie offiziell als Tang.ɢwan—ḥačxwiqak—Tsig̱is -Marine Protected Area ausgewiesen.</p> <p><a href="https://www.sciencefriday.com/articles/octopus-garden-vancouver-canada/">Diese Partnerschaften und Schutzgebiete sind laut Du Preez</a> von entscheidender Bedeutung, insbesondere da der Klimawandel und menschliche Aktivitäten wie der Unterwasserbergbau dazu führen könnten, dass unerschlossene Tiefseewunder, darunter auch die Aufzuchtgebiete von Tintenfischen, dauerhaft verändert oder zerstört werden. „<a href="https://www.sciencefriday.com/articles/octopus-garden-vancouver-canada/">Während wir mit all den neuen</a> Aktivitäten in der Tiefsee voranschreiten, müssen wir berücksichtigen, was wir nicht wissen“, sagt sie.</p> <p>Damit hat Du Preez absolut recht!<br></br>Meeresschutzgebiete unter Einbindung der Anwohner funktionieren sicherlich besser, als solche, die weiter durch jedermann ausgebeutet werden dürfen und für die sich die Menschen nicht wirklich verantwortlich fühlen – wie wir es in Europa und gerade in Deutschland an zu vielen Stellen sehen.</p> <h2 id="h-cephalopodfriday-goodies"><strong>#CephalopodFriday-Goodies</strong></h2> <p>Die <a href="https://www.nepdep.com/2025expeditionseeps">NEPDEP-Expeditionen werden hier live</a> gestreamt.<br></br>Reingucken lohnt sich!</p> <p>Weil heute #CephalopdFriday ist, gibt´s auch noch Musik (Octopus`s Garden) und einen tanzenden Dumbo-Octopus mit Klavierbegleitung.</p> <p><strong>The Beatles – Octopus’s Garden</strong></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/mdpIWZd9JmA?feature=oembed&amp;rel=0" title="The Beatles - Octopus's Garden (Official Music Video)" width="666"></iframe> </p></figure> <p><strong>Beautiful Octopus ‘Dances’ for Scientists in Submarine</strong></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/V24uwR44CWU?feature=oembed&amp;rel=0" title="Beautiful Octopus 'Dances' for Scientists in Submarine" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Cold Seeps, Oktopus-Kinderstube und Meeresschutz » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Bei einer Tiefsee-Expedition zu einem zerklüfteten, vulkanischen Meeresboden der Tiefsee vor der kanadischen Küste stießen Wissenschaftler statt auf die erwarteten Röhrenwürmer auf eine Oktopus-Kinderstube. Diese Entdeckung ist ein wichtiges Argument für den Schutz dieser Tiefsee-Landschaft.</p> <h2 id="h-octomoms-statt-rohrenwurmer"><strong>Octomoms statt Röhrenwürmer</strong></h2> <p>Auf der <a href="https://www.sciencefriday.com/articles/octopus-garden-vancouver-canada/">2023 NEPDEP-Expedition war auch die kanadische Meeresbiologin</a> Cherisse Du Preez (Leiterin des Deep Sea Ecology Program) dabei. Sie war auf der Suche nach Röhrenwurm-Kolonien an „Kalten Quellen“ (Cold Seeps) – dort treten aus Spalten am Meeresboden Gase wie Methan und Schwefelwasserstoff aus dem Meeresboden aus. Ein Kollege hatte ihr berichtet, dass etwa 90 Meilen vor Vancouver Island Blasen ausgasten. Dort machte die Expedition also einen Zwischenstopp und schickte den mit Kameras ausgestatteten Tauchroboter (ROV) zum Meeresboden. An solchen Stellen gibt es oft Oasen des Lebens, die sich durch Chemosynthese ernähren. Die Basis der Nahrungskette sind meist schwefelatmende Bakterien, von denen sich an diesen <a href="https://oceanexplorer.noaa.gov/wp-content/uploads/2024/05/what-are-cold-seeps-fact-sheet.pdf">„Cold Seeps“</a> strohhalmdünne weißliche Röhrenwürmer ernähren und große Kolonien bilden. Aber an dieser Stelle erfassten die Kameras keine Wurmwelten, sondern eine Ansammlung violetter Oktopus-Mütter mit ihren Eigelegen.</p> <p>Diese Kinderstube Pazifischer Warzenkraken lag inmitten einer bizarren Unterwasserlandschaft aus zerklüfteten Karbonatgesteinen, eisbergähnlichen Felsbrocken und schneeweißen Methanhydraten – entstanden aus den aus einem Hügel aufsteigenden Methanblasen, die mit Meerwasser und Bakterien reagiert hatten. </p> <p>Solche <a href="https://www.mbari.org/project/the-octopus-garden/">Oktopus-Kinderstuben, auch Oktopus-Gärten</a> genannt, waren bei ihrer Entdeckung 2018 eine Sensation – dieser war 2023 erst der vierte. Da Oktopusse normalerweise als Einzelgänger gelten und kein Schwarmverhalten zeigen, waren Gruppen von Dutzenden bis Tausenden eine große Überraschung.  Die anderen Kinderstuben liegen vor den Küsten Kaliforniens und Costa Ricas.</p> <h2 id="h-tiefsee-oktopusse-bruten-langer"><strong>Tiefsee-Oktopusse brüten länger</strong></h2> <p>Einige Kinderstuben liegen in der Nähe hydrothermaler Quellen, die das Wasser erwärmen. Da die Wassertemperatur die Brutzeit der Tintenfische beeinflusst und es in der Tiefsee normalerweise nur 4°C „warm“ ist, könnten diese Brutplätze bewusst ausgesucht werden, da die Wärme den Stoffwechsel der ungeborenen Oktopusse ankurbelt. Während tropische Oktopusse viele, kleine Eier legen und der Nachwuchs meist schon nach wenigen Wochen schlüpft, werden die Eier mit zunehmender Tiefe und Kälte größer und die Brutzeiten länger.<aside></aside></p> <p>In den Tiefen des Ozeans kann die Brutzeit erschreckend lang sein. <em>Graneledone pacifica,</em> manchmal auch Pazifischer Warzen-Oktopus genannt, hat beispielsweise die längste bekannte Brutzeit aller Tiere auf der Erde. <a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0103437">Sie pflegen ihre Eier bis zu vier Jahre</a> oder länger, verzichten während dieser Zeit vollständig auf Nahrung und sterben kurz nach dem Schlüpfen der Eier. In wärmeren Tintenfisch-Kinderstuben ist die Brutzeit jedoch wahrscheinlich viel kürzer: Heiße Quellen hingegen sind regelrechte Brutkästen. <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.adg3247">Der Tintenfisch-Experte Bruce T. Barry hatte</a> eine Kinderstube anderswo im Pazifik über einer hydrothermalen Quelle in rund 3200 Metern Tiefe beschrieben, dass die Brutzeit von Perlentintenfischen etwa 1,8 Jahre betrug – also viel kürzer als bei einer Tiefseeart zu erwarten wäre.</p> <p>Das ist an der von Du Preez und Team vor Vancouver untersuchten kalten Quelle nicht der Fall, deren Temperatur eher dem Umgebungswasser entspricht. Wärme ist wohl nicht die einzige Verlockung für Tintenfisch-Mütter. Es könnte auch an den zerklüfteten Felsen liegen, die viele Nischen zu Befestigung der Eier und viele Höhlungen als Unterschlupf für die Mütter bieten.  </p> <p><img alt="A few white, oblong eggs dangle from a beige rock, surrounded by purplish octopus arms." decoding="async" fetchpriority="high" height="340" src="https://scilogs.spektrum.de/2167c1ad-f37d-40b2-b1c6-01746367945a" width="605"></img><br></br>Octopus eggs stay attached to a substrate until they’re ready to hatch. The black dots in the eggs are the octopuses’ eyes. Credit: Northeast Pacific Deep-sea Expedition partners and CSSF ROPOS</p> <p>Derzeit arbeitet Fisheries and Oceans Canada mit mehreren First Nations, also indigenen Communities, in British Columbia zusammen, um die Artenvielfalt der Kaltwasserquellen, darunter auch die Octopus-Gärten, zu schützen. Dies würde das zweitgrößte Meeresschutzgebiet Kanadas und würde das Land seinem Ziel, bis 2030 30 % der Ozeane des Landes als Schutzgebiete auszuweisen, einen bedeutenden Schritt näherbringen.</p> <h2 id="h-meeresschutz-als-kooperation-von-wissenschaft-und-indigenen"><strong>Meeresschutz als Kooperation von Wissenschaft und Indigenen</strong></h2> <p>Auf der 2023 NEPDEP-Expedition erforschte ein <a href="https://www.ropos.com/index.php/news-and-media/49-tully-nep-dep-2023-expedition-summary">internationales Wissenschaftler-Team</a> mit Unterstützung von Fisheries and Oceans Canada eine bizarre Pazifik-Tiefsee-Landschaft nahe der kanadischen Küste. Dort treffen mehrere kleine, aktive und küstennahe tektonische Platten aufeinander, was zu einer hohen Konzentration von Seebergen, hydrothermalen Quellen und kalten Quellen führt. Tiefsee-Hot Spots der Biodiversität!<br></br>Die Datenbasis zu Ökosystemen und Arten-Vielfalt ist die Grundlage für den Schutz und das Management dieser ökologisch und biologisch bedeutenden Gebiete. Das Ziel ist ein gesunder Ozean für alle – das <a href="https://www.oceannetworks.ca/expeditions/northeast-pacific-deep-sea-expedition/">NEPDEP-Projekt</a> erfolgt in Partnerschaft mit den dort lebenden indigenen Völkern (Council of the Haida Nation, Nuu-chah-nulth Tribal Council und Pacheedaht First Nations) sowie Ocean Networks Canada.</p> <p>Die Verbindung zwischen den <a href="https://www.sciencefriday.com/articles/octopus-garden-vancouver-canada/">Nuu-chah-nulth-Gemeinden und dem Meer „reicht Jahrtausende zurück</a>“, sagt Irine Polyzogopoulos, Kommunikations- und Entwicklungskoordinatorin der Fischereibehörde des <a href="https://nuuchahnulth.org/">Nuu-chah-nulth Tribal Council</a>, einer der First Nations-Partnerorganisationen. „Wir sprechen über das Prinzip der Nuu-chah-nulth, hišukʔiš c̓awaak, was übersetzt ‚alles ist verbunden, alles ist eins‘ bedeutet. … Was wir zum Schutz des Ozeans tun, hängt alles mit der Fischerei zusammen, auf die die Gemeinden für ihre Ernährung und wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit angewiesen sind.”</p> <p>Darum arbeiten die indigenen Küstengemeinden seit langem mit der kanadischen Regierung an Initiativen zum Schutz der Meere. Die Zusammenarbeit im Bereich der Tiefseeforschung begann jedoch <a href="https://www.sciencefriday.com/articles/octopus-garden-vancouver-canada/">erst 2015, sagt Polyzogopoulo.</a> Damals begannen die Regierung und mehrere indigene Gruppen mit der Schaffung des größten Schutzgebiets des Landes – einer Fläche, die etwa doppelt so groß ist wie Maryland und gemeinsam von der kanadischen Regierung, dem Rat der Haida-Nation, der Pacheedaht First Nation, der Quatsino First Nation und dem Nuu-chah-nulth Tribal Council verwaltet wird. Im Jahr 2024 wurde sie offiziell als Tang.ɢwan—ḥačxwiqak—Tsig̱is -Marine Protected Area ausgewiesen.</p> <p><a href="https://www.sciencefriday.com/articles/octopus-garden-vancouver-canada/">Diese Partnerschaften und Schutzgebiete sind laut Du Preez</a> von entscheidender Bedeutung, insbesondere da der Klimawandel und menschliche Aktivitäten wie der Unterwasserbergbau dazu führen könnten, dass unerschlossene Tiefseewunder, darunter auch die Aufzuchtgebiete von Tintenfischen, dauerhaft verändert oder zerstört werden. „<a href="https://www.sciencefriday.com/articles/octopus-garden-vancouver-canada/">Während wir mit all den neuen</a> Aktivitäten in der Tiefsee voranschreiten, müssen wir berücksichtigen, was wir nicht wissen“, sagt sie.</p> <p>Damit hat Du Preez absolut recht!<br></br>Meeresschutzgebiete unter Einbindung der Anwohner funktionieren sicherlich besser, als solche, die weiter durch jedermann ausgebeutet werden dürfen und für die sich die Menschen nicht wirklich verantwortlich fühlen – wie wir es in Europa und gerade in Deutschland an zu vielen Stellen sehen.</p> <h2 id="h-cephalopodfriday-goodies"><strong>#CephalopodFriday-Goodies</strong></h2> <p>Die <a href="https://www.nepdep.com/2025expeditionseeps">NEPDEP-Expeditionen werden hier live</a> gestreamt.<br></br>Reingucken lohnt sich!</p> <p>Weil heute #CephalopdFriday ist, gibt´s auch noch Musik (Octopus`s Garden) und einen tanzenden Dumbo-Octopus mit Klavierbegleitung.</p> <p><strong>The Beatles – Octopus’s Garden</strong></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/mdpIWZd9JmA?feature=oembed&amp;rel=0" title="The Beatles - Octopus's Garden (Official Music Video)" width="666"></iframe> </p></figure> <p><strong>Beautiful Octopus ‘Dances’ for Scientists in Submarine</strong></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/V24uwR44CWU?feature=oembed&amp;rel=0" title="Beautiful Octopus 'Dances' for Scientists in Submarine" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/cold-seeps-oktopus-kinderstube-und-meeresschutz/#comments 2 Von Mainz in die Welt: BioNTechs Weg zur globalen Innovation https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/von-mainz-in-die-welt-biontechs-weg-zur-globalen-innovation/ https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/von-mainz-in-die-welt-biontechs-weg-zur-globalen-innovation/#comments Thu, 27 Nov 2025 15:04:51 +0000 Karin Schumacher https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/?p=4579 https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-768x512.jpg Modell einer Lipid-Nanopartikel-Struktur (LPX), wie sie in mRNA-Krebsimmuntherapien eingesetzt wird. © BioNTech SE https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/von-mainz-in-die-welt-biontechs-weg-zur-globalen-innovation/ <h1>Von Mainz in die Welt: BioNTechs Weg zur globalen Innovation » Medicine & More » SciLogs</h1><h2>By Karin Schumacher</h2><div itemprop="text"> <p><strong><img alt="„&quot;" decoding="async" height="1" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/088a4cae9e164a038eefa3a6474b478b" width="1"></img>Blick hinter den Kulissen von BioNTech: Wie aus der Vision personalisierter Krebsimmuntherapien der erste mRNA-Impfstoff gegen COVID-19 entstand – und was das für die Zukunft der Medizin bedeutet.</strong><span id="more-4579"></span></p> <p>Vor rund 570 Jahren revolutionierte Johannes Gutenberg von Mainz aus die Welt – mit der Erfindung des Buchdrucks und der ersten gedruckten Bibel. Damit begann die Ära der massenhaften Wissensverbreitung.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4586" id="attachment_4586"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="Johannes Gutenberg – Erfinder des Buchdrucks und Mainzer Visionär. Auch er investierte mutig in Innovation." decoding="async" height="500" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4586"><span>Credit: Dr. Karin Schumacher</span> Johannes Gutenberg – Erfinder des Buchdrucks und Mainzer Visionär. Auch er investierte mutig in Innovation. Dahinter der “Neue Dom”.</figcaption></figure> <p>Heute, im 21. Jahrhundert, ist es wieder Mainz, von wo aus sich eine globale Innovation verbreitet: Hier entwickelte das bis dahin unbekannte Biotech-Startup BioNTech den ersten zugelassenen mRNA-Impfstoff gegen COVID-19.</p> <p>Bei einem Medientag öffnete nun dieses weltbekannte Unternehmen seine hochgesicherten Pforten für eine kleine Delegation der <a href="https://wpk.org/was-wir-bieten/recherchereisen/" rel="noopener" target="_blank">Wissenschaftspressekonferenz (WPK) e.V.</a>. So erhielten wir einen seltenen Einblick, wie aus wissenschaftlicher Vision globale Innovation entstehen kann.</p> <p>Das 2008 von Prof. Dr. med. Ugur Şahin, Prof. Dr. med. Özlem Türeci und Prof. Dr. med. Christoph Huber gegründete Unternehmen entwickelte sich von einem forschungsgetriebenen Biotech-Start-up im Zuge der Corona-Pandemie zu einem global agierenden Pharmaunternehmen. Schon lange vor der Pandemie arbeiteten das Mediziner-, Forscher- und Ehepaar Şahin und Türeci an der Idee, die Boten-RNA (mRNA) therapeutisch nutzbar zu machen – mit dem Ziel, personalisierte Krebsimmuntherapien zu entwickeln.<aside></aside></p> <p>2019 ging das damals noch unbekannte Unternehmen an die Börse und nahm dabei rund 150 Mio. US-Dollar ein. Als sich im Januar 2020 abzeichnete, dass ein neues Virus zu einer Pandemie führen könnte, zählten Şahin und Türeci zu den weltweit Ersten, denen die erfolgreiche Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs gelang [1]. Der Börsengang verschaffte dem damals noch kleinen Mainzer Biotech-Startup die Grundlage für die Partnerschaft mit Pfizer – ein entscheidender Schritt für Produktion und Zulassung des Impfstoffs. Mit dem “Project Lightspeed”, der Entwicklung des ersten zugelassenen mRNA-Impfstoffs gegen COVID-19, wurde das Unternehmen weltberühmt.</p> <h2>Standorte in Deutschland und global</h2> <p>Derzeit beschäftigt BioNTech weltweit etwa 6.800 Mitarbeitende, davon rund 2.800 in der Forschung und Entwicklung. Neben dem Hauptsitz in Mainz unterhält das Unternehmen internationale Standorte in Australien, China, Österreich, Ruanda, Singapur, der Türkei, den USA und dem Vereinigten Königreich. In Deutschland gibt es weitere Standorte in Berlin, Halle, Idar-Oberstein, Marburg und München [2].<br></br>Bislang ist ein Produkt zugelassen – der COVID-19-Impfstoff, der in Kooperation mit Pfizer entwickelt wurde. Etwa 4,8 Milliarden Dosen wurden bislang in über 180 Länder und Regionen ausgeliefert. Dabei liegt der Schwerpunkt der Firma nach wie vor im onkologischen Bereich: Derzeit befinden sich über 30 weitere Produktkandidaten in der Pipeline, mehr als die Hälfte davon in der Onkologie [3].</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4584" id="attachment_4584"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-scaled.jpg"><img alt="Modell einer Lipid-Nanopartikel-Struktur (LPX), wie sie in mRNA-Krebsimmuntherapien eingesetzt wird. © BioNTech SE" decoding="async" height="444" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-2048x1366.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4584"><span>Titelfoto: Credit: BioNTech SE / Pressemappe – Verwendung mit freundlicher Genehmigung</span> Modell einer Lipid-Nanopartikel-Struktur (LPX), wie sie in mRNA-Krebsimmuntherapien eingesetzt wird. © BioNTech SE</figcaption></figure> <p>Prof. Dr. Clara Lehmann (Universitätsklinikum Köln) stellte Analysen anonymisierter Krankenkassendaten aus Thüringen und Sachsen vor [4]. Hier zeigt sich, dass insbesondere ältere und vorerkrankte Menschen weiterhin ein erhöhtes Risiko für schwere COVID-19-Verläufe tragen. Impfungen gegen COVID-19 und Influenza können Risikogruppen nicht nur vor Komplikationen schützen, sondern auch vor weiteren kardiovaskulären Erkrankungen. Dennoch sind die Impfquoten bei Personen über 60 nach wie vor niedrig. In der Saison 2023/24 erhielten nur 38 % eine Grippeimpfung, 21 % eine Auffrischung gegen COVID-19, 20 % eine Pneumokokken-Impfung und 21 % eine Impfung gegen Herpes Zoster.</p> <p>Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt für Personen ab 60 Jahren sowie für Menschen mit Vorerkrankungen oder erhöhtem beruflichem Risiko eine jährliche Auffrischimpfung gegen Influenza [5] und COVID‑19 [6]. Gegen COVID-19 zugelassen sind alle mRNA- und proteinbasierten Impfstoffe, die an die von der WHO empfohlenen Virusvarianten angepasst wurden. Ein Preprint der Medizinischen Hochschule Hannover deutet darauf hin, dass der an JN.1, KP.2 und LP.8.1 angepasste Impfstoff (<em>Comirnaty</em>) auch gegen die derzeit zirkulierende XFG-Variante schützt [7].</p> <p>Über die Jahre hat sich das Virus verändert: Anfangs sehr aggressiv und auf ein “jungfräuliches” Immunsystem treffend, inzwischen weniger gefährlich, aber sehr infektiös. Teilweise entsteht Kreuzimmunität ähnlich wie bei Influenza, sodass das Immunsystem unterschiedlich reagiert – das ergibt eine Vielzahl unterschiedlicher Immunantworten.</p> <p>In den spannenden Diskussionen nur am Rande angesprochen, aber hoch interessant sind die kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift Nature veröffentlichten, unerwarteten Daten, dass eine mRNA-Impfung gegen SARS-CoV-2 die Wirksamkeit einer Immuntherapie gegen bestimmte Tumoren steigern kann [8].<br></br>Patient:innen mit nichtkleinzelligem Lungenkrebs (NSCLC) oder Melanom zeigten deutlich verlängerte Überlebenszeiten, wenn sie in den ersten 100 Tagen nach Beginn einer Behandlung mit Checkpoint-Inhibitoren (ICIs) eine mRNA-Impfung gegen COVID-19 erhalten hatten.</p> <p>Die Annahme ist, dass mRNA-Impfstoffe potente Immunstimulanzien sind, die eine lokale Immunantwort aktivieren und sogenannte immunologisch “kalte” Tumoren dadurch für eine Behandlung mit ICIs sensibilisieren. Die Ergebnisse zeigen auch, dass der Zeitpunkt einer routinemäßigen Impfung den Therapieverlauf maßgeblich beeinflussen kann – und eine einfache Möglichkeit bietet, die Schutzmechanismen der Tumoren zu überwinden. Diese Erkenntnisse könnten künftig helfen, mRNA-Therapeutika gezielt zum richtigen Zeitpunkt einzusetzen, um das vom Tumor manipulierte Immunsystem wieder funktionsfähig für eine wirksame Immuntherapie zu machen.</p> <h2>Ausblick: KI, Entwicklungen und Herausforderungen</h2> <p>BioNTech entwickelt seine Impfstoffe gegen COVID-19 kontinuierlich weiter. Darüber hinaus hat das Unternehmen in den letzten Jahren seine Forschungsbasis deutlich ausgebaut – unter anderem durch die Übernahmen von<em> InstaDeep</em> (KI-gestützte Arzneimittelforschung) und <em>CureVac</em>, den Tübinger “Erfindern” der medizinischen Nutzung der Boten-RNA, deren COVID-19-Impfstoffentwicklung nicht die erhoffte Wirksamkeit erreichte, deren mRNA-Kompetenz aber einen wichtigen Grundstein für die mRNA-Forschung legte. Darüber hinaus hat BioNTech weitere strategische Partnerschaften im Bereich zielgerichteter Immuntherapien.</p> <p>Zudem baut das Unternehmen seine Präsenz in Afrika aus – mit einer modularen mRNA-Produktionsanlage in Ruanda, die als Blaupause für globale Impfstoffgerechtigkeit dienen könnte.</p> <p>“An der Goldgrube” – so lautet BioNTechs Geschäftsadresse. Doch auch wenn die aktuellen Bilanzen durch den Rückgang der COVID-19-Impfstoffnachfrage belastet sind, bleibt die Firma ein Hoffnungsträger für die Krebsforschung und globale Impfstoffentwicklung [2].</p> <p>Der Medientag bei BioNTech war kompakt, aber eindrucksvoll. Er zeigte, wie aus wissenschaftlicher Neugier, unternehmerischem Mut und einer guten Prise Glück eine Erfolgsgeschichte wurde – mit Ursprung in Mainz und Wirkung auf die ganze Welt.</p> <p>Schließlich haben Investitionen in Visionen Tradition in Mainz: Auch Johannes Gutenberg nahm für sein Projekt einst 1600 Gulden Kredit auf – zu einer Zeit, als ein Handwerksmeister etwa 50 Gulden im Jahr verdiente. Dies und mehr über diese faszinierende Stadt gibt es im nächsten Beitrag.</p> <p><strong>Hinweis:</strong> Dieser Artikel wurde am 28.11.2025 aktualisiert, um eine Zahl zu korrigieren und eine Passage zur mRNA-Forschung zu präzisieren.</p> <ol> <li>Sahin, U., &amp; Türeci, Ö. (2023). mRNA-based therapeutics — developing a new class of drugs. Nature Reviews Drug Discovery, 22, 101–119. <a href="https://doi.org/10.1038/s41573-022-00591-3" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1038/s41573-022-00591-3</a></li> <li>BioNTech SE. (2025). Annual reports. Abgerufen am 27. November 2025 von <a href="https://investors.biontech.de/de/financials-filings/annual-reports" rel="noopener" target="_blank">https://investors.biontech.de/de/financials-filings/annual-reports</a></li> <li><span>BioNTech SE. (2025). Pipeline and products.Abgerufen am 27. November 2025 von <a href="https://www.biontech.com/int/en/home/pipeline-and-products/pipeline.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.biontech.com/int/en/home/pipeline-and-products/pipeline.html</a></span></li> <li><span>Müller, S., Lehmann, C., Becker, J., &amp; Vogel, M. (2025). COVID-19 vaccination coverage and risk profiles in elderly populations: A regional analysis. Viruses, 17(3), 424. <a href="https://doi.org/10.3390/v17030424" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.3390/v17030424</a></span></li> <li><span>Robert Koch-Institut. STIKO-Empfehlungen zur Influenza-Impfung. Abgerufen am 27. November 2025 von <a href="https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/Influenza/FAQ-Liste/FAQ-Liste-Impfempfehlung.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/Influenza/FAQ-Liste/FAQ-Liste-Impfempfehlung.html</a></span></li> <li><span>Robert Koch-Institut. STIKO-Empfehlungen zur COVID-19-Impfung. Abgerufen am 27. November 2025 von <a href="https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/COVID-19/FAQ-Liste/FAQ-Liste-Impfempfehlung.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/COVID-19/FAQ-Liste/FAQ-Liste-Impfempfehlung.html</a></span></li> <li><span>Happle, C., et al. (2025). Efficacy of variant-adapted Comirnaty vaccine against emerging XFG lineage. medRxiv. <a href="https://doi.org/10.1101/2025.10.21.25338461" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1101/2025.10.21.25338461</a></span></li> <li><span>Grippin, A. J., Zhang, Y., Patel, S., Lee, J., Chen, H., &amp; Wu, X. (2025). SARS-CoV-2 mRNA vaccines sensitize tumours to immune checkpoint blockade. Nature. <a href="https://doi.org/10.1038/s41586-025-09655-y" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1038/s41586-025-09655-y</a></span></li> </ol> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Von Mainz in die Welt: BioNTechs Weg zur globalen Innovation » Medicine & More » SciLogs</h1><h2>By Karin Schumacher</h2><div itemprop="text"> <p><strong><img alt="„&quot;" decoding="async" height="1" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/088a4cae9e164a038eefa3a6474b478b" width="1"></img>Blick hinter den Kulissen von BioNTech: Wie aus der Vision personalisierter Krebsimmuntherapien der erste mRNA-Impfstoff gegen COVID-19 entstand – und was das für die Zukunft der Medizin bedeutet.</strong><span id="more-4579"></span></p> <p>Vor rund 570 Jahren revolutionierte Johannes Gutenberg von Mainz aus die Welt – mit der Erfindung des Buchdrucks und der ersten gedruckten Bibel. Damit begann die Ära der massenhaften Wissensverbreitung.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4586" id="attachment_4586"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="Johannes Gutenberg – Erfinder des Buchdrucks und Mainzer Visionär. Auch er investierte mutig in Innovation." decoding="async" height="500" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4586"><span>Credit: Dr. Karin Schumacher</span> Johannes Gutenberg – Erfinder des Buchdrucks und Mainzer Visionär. Auch er investierte mutig in Innovation. Dahinter der “Neue Dom”.</figcaption></figure> <p>Heute, im 21. Jahrhundert, ist es wieder Mainz, von wo aus sich eine globale Innovation verbreitet: Hier entwickelte das bis dahin unbekannte Biotech-Startup BioNTech den ersten zugelassenen mRNA-Impfstoff gegen COVID-19.</p> <p>Bei einem Medientag öffnete nun dieses weltbekannte Unternehmen seine hochgesicherten Pforten für eine kleine Delegation der <a href="https://wpk.org/was-wir-bieten/recherchereisen/" rel="noopener" target="_blank">Wissenschaftspressekonferenz (WPK) e.V.</a>. So erhielten wir einen seltenen Einblick, wie aus wissenschaftlicher Vision globale Innovation entstehen kann.</p> <p>Das 2008 von Prof. Dr. med. Ugur Şahin, Prof. Dr. med. Özlem Türeci und Prof. Dr. med. Christoph Huber gegründete Unternehmen entwickelte sich von einem forschungsgetriebenen Biotech-Start-up im Zuge der Corona-Pandemie zu einem global agierenden Pharmaunternehmen. Schon lange vor der Pandemie arbeiteten das Mediziner-, Forscher- und Ehepaar Şahin und Türeci an der Idee, die Boten-RNA (mRNA) therapeutisch nutzbar zu machen – mit dem Ziel, personalisierte Krebsimmuntherapien zu entwickeln.<aside></aside></p> <p>2019 ging das damals noch unbekannte Unternehmen an die Börse und nahm dabei rund 150 Mio. US-Dollar ein. Als sich im Januar 2020 abzeichnete, dass ein neues Virus zu einer Pandemie führen könnte, zählten Şahin und Türeci zu den weltweit Ersten, denen die erfolgreiche Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs gelang [1]. Der Börsengang verschaffte dem damals noch kleinen Mainzer Biotech-Startup die Grundlage für die Partnerschaft mit Pfizer – ein entscheidender Schritt für Produktion und Zulassung des Impfstoffs. Mit dem “Project Lightspeed”, der Entwicklung des ersten zugelassenen mRNA-Impfstoffs gegen COVID-19, wurde das Unternehmen weltberühmt.</p> <h2>Standorte in Deutschland und global</h2> <p>Derzeit beschäftigt BioNTech weltweit etwa 6.800 Mitarbeitende, davon rund 2.800 in der Forschung und Entwicklung. Neben dem Hauptsitz in Mainz unterhält das Unternehmen internationale Standorte in Australien, China, Österreich, Ruanda, Singapur, der Türkei, den USA und dem Vereinigten Königreich. In Deutschland gibt es weitere Standorte in Berlin, Halle, Idar-Oberstein, Marburg und München [2].<br></br>Bislang ist ein Produkt zugelassen – der COVID-19-Impfstoff, der in Kooperation mit Pfizer entwickelt wurde. Etwa 4,8 Milliarden Dosen wurden bislang in über 180 Länder und Regionen ausgeliefert. Dabei liegt der Schwerpunkt der Firma nach wie vor im onkologischen Bereich: Derzeit befinden sich über 30 weitere Produktkandidaten in der Pipeline, mehr als die Hälfte davon in der Onkologie [3].</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4584" id="attachment_4584"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-scaled.jpg"><img alt="Modell einer Lipid-Nanopartikel-Struktur (LPX), wie sie in mRNA-Krebsimmuntherapien eingesetzt wird. © BioNTech SE" decoding="async" height="444" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-2048x1366.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4584"><span>Titelfoto: Credit: BioNTech SE / Pressemappe – Verwendung mit freundlicher Genehmigung</span> Modell einer Lipid-Nanopartikel-Struktur (LPX), wie sie in mRNA-Krebsimmuntherapien eingesetzt wird. © BioNTech SE</figcaption></figure> <p>Prof. Dr. Clara Lehmann (Universitätsklinikum Köln) stellte Analysen anonymisierter Krankenkassendaten aus Thüringen und Sachsen vor [4]. Hier zeigt sich, dass insbesondere ältere und vorerkrankte Menschen weiterhin ein erhöhtes Risiko für schwere COVID-19-Verläufe tragen. Impfungen gegen COVID-19 und Influenza können Risikogruppen nicht nur vor Komplikationen schützen, sondern auch vor weiteren kardiovaskulären Erkrankungen. Dennoch sind die Impfquoten bei Personen über 60 nach wie vor niedrig. In der Saison 2023/24 erhielten nur 38 % eine Grippeimpfung, 21 % eine Auffrischung gegen COVID-19, 20 % eine Pneumokokken-Impfung und 21 % eine Impfung gegen Herpes Zoster.</p> <p>Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt für Personen ab 60 Jahren sowie für Menschen mit Vorerkrankungen oder erhöhtem beruflichem Risiko eine jährliche Auffrischimpfung gegen Influenza [5] und COVID‑19 [6]. Gegen COVID-19 zugelassen sind alle mRNA- und proteinbasierten Impfstoffe, die an die von der WHO empfohlenen Virusvarianten angepasst wurden. Ein Preprint der Medizinischen Hochschule Hannover deutet darauf hin, dass der an JN.1, KP.2 und LP.8.1 angepasste Impfstoff (<em>Comirnaty</em>) auch gegen die derzeit zirkulierende XFG-Variante schützt [7].</p> <p>Über die Jahre hat sich das Virus verändert: Anfangs sehr aggressiv und auf ein “jungfräuliches” Immunsystem treffend, inzwischen weniger gefährlich, aber sehr infektiös. Teilweise entsteht Kreuzimmunität ähnlich wie bei Influenza, sodass das Immunsystem unterschiedlich reagiert – das ergibt eine Vielzahl unterschiedlicher Immunantworten.</p> <p>In den spannenden Diskussionen nur am Rande angesprochen, aber hoch interessant sind die kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift Nature veröffentlichten, unerwarteten Daten, dass eine mRNA-Impfung gegen SARS-CoV-2 die Wirksamkeit einer Immuntherapie gegen bestimmte Tumoren steigern kann [8].<br></br>Patient:innen mit nichtkleinzelligem Lungenkrebs (NSCLC) oder Melanom zeigten deutlich verlängerte Überlebenszeiten, wenn sie in den ersten 100 Tagen nach Beginn einer Behandlung mit Checkpoint-Inhibitoren (ICIs) eine mRNA-Impfung gegen COVID-19 erhalten hatten.</p> <p>Die Annahme ist, dass mRNA-Impfstoffe potente Immunstimulanzien sind, die eine lokale Immunantwort aktivieren und sogenannte immunologisch “kalte” Tumoren dadurch für eine Behandlung mit ICIs sensibilisieren. Die Ergebnisse zeigen auch, dass der Zeitpunkt einer routinemäßigen Impfung den Therapieverlauf maßgeblich beeinflussen kann – und eine einfache Möglichkeit bietet, die Schutzmechanismen der Tumoren zu überwinden. Diese Erkenntnisse könnten künftig helfen, mRNA-Therapeutika gezielt zum richtigen Zeitpunkt einzusetzen, um das vom Tumor manipulierte Immunsystem wieder funktionsfähig für eine wirksame Immuntherapie zu machen.</p> <h2>Ausblick: KI, Entwicklungen und Herausforderungen</h2> <p>BioNTech entwickelt seine Impfstoffe gegen COVID-19 kontinuierlich weiter. Darüber hinaus hat das Unternehmen in den letzten Jahren seine Forschungsbasis deutlich ausgebaut – unter anderem durch die Übernahmen von<em> InstaDeep</em> (KI-gestützte Arzneimittelforschung) und <em>CureVac</em>, den Tübinger “Erfindern” der medizinischen Nutzung der Boten-RNA, deren COVID-19-Impfstoffentwicklung nicht die erhoffte Wirksamkeit erreichte, deren mRNA-Kompetenz aber einen wichtigen Grundstein für die mRNA-Forschung legte. Darüber hinaus hat BioNTech weitere strategische Partnerschaften im Bereich zielgerichteter Immuntherapien.</p> <p>Zudem baut das Unternehmen seine Präsenz in Afrika aus – mit einer modularen mRNA-Produktionsanlage in Ruanda, die als Blaupause für globale Impfstoffgerechtigkeit dienen könnte.</p> <p>“An der Goldgrube” – so lautet BioNTechs Geschäftsadresse. Doch auch wenn die aktuellen Bilanzen durch den Rückgang der COVID-19-Impfstoffnachfrage belastet sind, bleibt die Firma ein Hoffnungsträger für die Krebsforschung und globale Impfstoffentwicklung [2].</p> <p>Der Medientag bei BioNTech war kompakt, aber eindrucksvoll. Er zeigte, wie aus wissenschaftlicher Neugier, unternehmerischem Mut und einer guten Prise Glück eine Erfolgsgeschichte wurde – mit Ursprung in Mainz und Wirkung auf die ganze Welt.</p> <p>Schließlich haben Investitionen in Visionen Tradition in Mainz: Auch Johannes Gutenberg nahm für sein Projekt einst 1600 Gulden Kredit auf – zu einer Zeit, als ein Handwerksmeister etwa 50 Gulden im Jahr verdiente. Dies und mehr über diese faszinierende Stadt gibt es im nächsten Beitrag.</p> <p><strong>Hinweis:</strong> Dieser Artikel wurde am 28.11.2025 aktualisiert, um eine Zahl zu korrigieren und eine Passage zur mRNA-Forschung zu präzisieren.</p> <ol> <li>Sahin, U., &amp; Türeci, Ö. (2023). mRNA-based therapeutics — developing a new class of drugs. Nature Reviews Drug Discovery, 22, 101–119. <a href="https://doi.org/10.1038/s41573-022-00591-3" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1038/s41573-022-00591-3</a></li> <li>BioNTech SE. (2025). Annual reports. Abgerufen am 27. November 2025 von <a href="https://investors.biontech.de/de/financials-filings/annual-reports" rel="noopener" target="_blank">https://investors.biontech.de/de/financials-filings/annual-reports</a></li> <li><span>BioNTech SE. (2025). Pipeline and products.Abgerufen am 27. November 2025 von <a href="https://www.biontech.com/int/en/home/pipeline-and-products/pipeline.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.biontech.com/int/en/home/pipeline-and-products/pipeline.html</a></span></li> <li><span>Müller, S., Lehmann, C., Becker, J., &amp; Vogel, M. (2025). COVID-19 vaccination coverage and risk profiles in elderly populations: A regional analysis. Viruses, 17(3), 424. <a href="https://doi.org/10.3390/v17030424" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.3390/v17030424</a></span></li> <li><span>Robert Koch-Institut. STIKO-Empfehlungen zur Influenza-Impfung. Abgerufen am 27. November 2025 von <a href="https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/Influenza/FAQ-Liste/FAQ-Liste-Impfempfehlung.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/Influenza/FAQ-Liste/FAQ-Liste-Impfempfehlung.html</a></span></li> <li><span>Robert Koch-Institut. STIKO-Empfehlungen zur COVID-19-Impfung. Abgerufen am 27. November 2025 von <a href="https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/COVID-19/FAQ-Liste/FAQ-Liste-Impfempfehlung.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/COVID-19/FAQ-Liste/FAQ-Liste-Impfempfehlung.html</a></span></li> <li><span>Happle, C., et al. (2025). Efficacy of variant-adapted Comirnaty vaccine against emerging XFG lineage. medRxiv. <a href="https://doi.org/10.1101/2025.10.21.25338461" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1101/2025.10.21.25338461</a></span></li> <li><span>Grippin, A. J., Zhang, Y., Patel, S., Lee, J., Chen, H., &amp; Wu, X. (2025). SARS-CoV-2 mRNA vaccines sensitize tumours to immune checkpoint blockade. Nature. <a href="https://doi.org/10.1038/s41586-025-09655-y" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1038/s41586-025-09655-y</a></span></li> </ol> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/von-mainz-in-die-welt-biontechs-weg-zur-globalen-innovation/#comments 2 Hilbert’s 10th Problem and the Limits of Computation https://scilogs.spektrum.de/hlf/hilberts-10th-problem-and-the-limits-of-computation/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/hilberts-10th-problem-and-the-limits-of-computation/#respond Wed, 26 Nov 2025 13:00:00 +0000 Benjamin Skuse https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=13959 <h1>Hilbert's 10th Problem and the Limits of Computation - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>Mathematics could be renamed the glacial science. 125 years since revered German mathematician David Hilbert listed 23 problems he felt were worthy challenges upon which the community should focus their minds for the next century, just 10 are generally accepted as resolved.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13963" rel="attachment wp-att-13963"><img alt="David Hilbert" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 716px) 100vw, 716px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/David_Hilbert_1907-716x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/David_Hilbert_1907-716x1024.jpg 716w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/David_Hilbert_1907-210x300.jpg 210w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/David_Hilbert_1907-768x1099.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/David_Hilbert_1907-1074x1536.jpg 1074w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/David_Hilbert_1907.jpg 1185w" width="716"></img></a><figcaption>David Hilbert in 1907. Public domain image. Source: <a href="https://www.jstor.org/stable/2369910?seq=1">JSTOR</a></figcaption></figure></div> <p>One of the most interesting of these solved problems, particularly in the context of the main talking points at the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">12th Heidelberg Laureate Forum</a>, is Hilbert’s 10th problem, which Hilbert stated roughly as follows:</p> <p><em>Given a Diophantine equation with any number of unknown quantities and with rational integral numerical coefficients, devise a process involving a finite number of operations to determine whether the equation is solvable in rational integers. </em></p> <p>In simpler terms Hilbert himself did not use:</p> <p><em>Design an algorithm that decides whether any given polynomial equation</em> \( p(x_{1}, . . . , x_{n}) = 0 \) <em>over the integers has an integral solution</em> \( x_{1}, . . . , x_{n} \in \mathbb{Z} \).<aside></aside></p> <p>In even simpler terms, Hilbert wanted to know if there was a universal way to know whether it is always possible to tell if a polynomial equation with integer coefficients has integer solutions; does something fundamental set, for example, \(3x + 6y = 18\) (which has several solutions including \(x = 4, y = 1\)) apart from \(2x + 10y = 17\), which has no solution?</p> <h3 id="h-computer-science-to-the-rescue"><strong>Computer Science to the Rescue</strong></h3> <p>No progress was made on this problem until computer science had matured to the point where it could come to the aid of number theory in the 1950s and 60s. American mathematician and computer scientist Martin Davis was the first to make any inroads. In the early 1950s, he posited that a set is Diophantine if and only if it is recursively enumerable.</p> <p>Here, a ‘Diophantine set’ is a set of integers that can be defined by a Diophantine equation or a system of Diophantine equations, and to be ‘recursively enumerable’ means listable. Importantly, a recursively enumerable set is another way of describing an algorithm; or, more precisely, it is the set of outputs or elements that an algorithm can list, given infinite time.</p> <p>Around the same time Davis was formulating this general result, American mathematician Julia Robinson, who began studying Hilbert’s 10th problem in 1948, was looking at special cases of Diophantine relations and building a conjecture that would become known as the Julia Robinson hypothesis, or simply JR.</p> <p>Robinson’s work focused on constructing a Diophantine relation that satisfies the fast-growing properties:</p> <ul> <li>\( J(a,b) \) implies \(a \lt b^{b}\)</li> </ul> <ul> <li>For every positive integer \( k \), there exist \( a \) and \(b \) such that \( J(a,b) \)  and \(a \gt b^{k}\),</li> </ul> <p>and showing that if such a relation exists, as she suspected it did, then the exponential relation is also Diophantine.</p> <p>Fast forward almost a decade and Martin Davis and his collaborator American analytical philosopher Hilary Putnam teamed up with Robinson – who would later become the first female mathematician to be elected to the National Academy of Sciences and first female president of the American Mathematical Society – to make another critical breakthrough. In 1961, they published a paper revealing that listable sets and exponential Diophantine sets are one and the same.</p> <p>If JR was ever proven true, meaning that exponentiation was Diophantine, then the new paper would mean listable sets were Diophantine, and therefore Hilbert’s 10<sup>th</sup> problem would be unsolvable. Sadly, proving JR was tricky.</p> <h3 id="h-a-birthday-wish-come-true"><strong>A Birthday Wish Come True</strong></h3> <p>“It was the custom in our family to have a get-together for each family member’s birthday,” recalled Robinson in an <a href="https://mathshistory.st-andrews.ac.uk/Extras/Robinson_Hilbert_10th/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">interview</a> for the 1990 book <em>More Mathematical People</em>. “When it came time for me to blow out the candles on my cake, I always wished, year after year, that the Tenth Problem would be solved – not that I would solve it, but just that it would be solved. I felt that I couldn’t bear to die without knowing the answer.”</p> <p>Robinson’s wish came true in 1970. Russian mathematician Yuri Matiyasevich was equally obsessed with Hilbert’s 10th problem. In 1969, he was asked to referee a paper by Robinson in which she introduced a new idea concerning the periodicity of sequences of solutions of a well-known Diophantine equation called Pell’s equation (\( x^{2} – ny^{2} = 1\), where \( n \) is a positive nonsquare integer).</p> <p>This work inspired him to adapt the idea to a different sequence: the Fibonacci numbers (\( x_{n+2} = x_{n+1} + x_{n} = 0, 1, 1, 2, 3, 5, 8,…\)). When he did this, everything fell into place. By showing that the sequence of Fibonacci numbers is Diophantine, he thereby proved that JR was true, listable sets were Diophantine, and Hilbert’s 10th problem was unsolvable.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13966" rel="attachment wp-att-13966"><img alt="Yuri Matiyasevich" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 744px) 100vw, 744px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Yuri_Matiyasevich._Portrait_1969-744x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Yuri_Matiyasevich._Portrait_1969-744x1024.jpg 744w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Yuri_Matiyasevich._Portrait_1969-218x300.jpg 218w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Yuri_Matiyasevich._Portrait_1969-768x1058.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Yuri_Matiyasevich._Portrait_1969-1115x1536.jpg 1115w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Yuri_Matiyasevich._Portrait_1969-1487x2048.jpg 1487w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Yuri_Matiyasevich._Portrait_1969-scaled.jpg 1859w" width="744"></img></a><figcaption>Yuri Matiyasevich in 1969. Image credit: Yuri Matiyasevich (CC-BY-3.0)</figcaption></figure></div> <p>You may ask, what on Earth has the undecidability of Hilbert’s 10th problem, solved 55 years ago, got to do with topical conversations at the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">12th Heidelberg Laureate Forum</a>? Well, a significant amount of time in the lecture halls and during the coffee breaks was spent asking questions such as, how exactly will the roles of computers and human mathematicians change as AI advances? And just how much of mathematics is solvable by machines?</p> <p>Proving that an easily understood mathematical challenge – determining whether every Diophantine equation restricted to integers has a solution – cannot be solved by mechanical means is a vivid example showing the limitations of computing and AI in mathematics.</p> <p>But it is also puzzling. If Diophantine equations are allowed to have complex number solutions instead of just integer ones, Hilbert’s 10th problem is actually trivial and always solvable by a general algorithm, even though integers can be written as complex numbers; the integers are a subset of the complex numbers! Might there be other sets of numbers over which Hilbert’s 10th problem is unsolvable too?</p> <h3 id="h-beyond-the-integers"><strong>Beyond the Integers</strong></h3> <p><a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/manjul-bhargava/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Manjul Bhargava</a> (Fields Medal – 2014) was scheduled to offer fresh insight into this question at this year’s Forum. It was a shame that he ultimately could not attend, because recently he and his collaborators posted an <a href="https://arxiv.org/abs/2501.18774" rel="noreferrer noopener" target="_blank">arXiv preprint</a> detailing their discovery of one of these special sets; discovered independently around the same time by <a href="https://arxiv.org/abs/2412.01768" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Peter Koymans and Carlo Pagano</a>.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13967" rel="attachment wp-att-13967"><img alt="Manjul Bhargava" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/15215181807_08f074446d_o-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/15215181807_08f074446d_o-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/15215181807_08f074446d_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/15215181807_08f074446d_o-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/15215181807_08f074446d_o-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/15215181807_08f074446d_o-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Manjul Bhargava visiting a high school in the week of the 2nd Heidelberg Laureate Forum in 2014. (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>Using completely different methods, both teams proved that Hilbert’s 10th problem is unsolvable for every ring of integers. The ring of integers \( \mathcal{O}_{K} \) of a number field \( K \), which is a finite extension of the rational numbers, is the set of all integers contained within \( K \). Crucially, \( \mathcal{O}_{K} \) is always a set that is the same size as or bigger than the set of ordinary integers, often including infinitely many numbers that are not in the set of integers. This result makes the potential solution space for a machine mathematician, a future <a href="https://youtu.be/q9MJWfo3DCE?si=Ni7ltzbb-HXu6ArE" rel="noreferrer noopener" target="_blank">superhuman AI mathematician</a>, just that little bit smaller.</p> <p>The next challenge is widely regarded as one of the biggest open problems in the area of undecidability in number theory: proving whether Hilbert’s 10th problem over the field \( \mathbb{Q} \) of rational numbers is unsolvable too.</p> <p>Solving this one way or another would be profound. It would either mean that there is an inherent, algorithmic limit to what can be determined about rational-valued polynomial equations, shrinking machine-based mathematical problem solving even further, or that an algorithm exists to solve all rational Diophantine equations. And at the same time, it would bring number theorists closer to understanding the ultimate source of mathematical undecidability.</p> <p>Either way, pursuing an answer will no doubt introduce entirely new frameworks and techniques to study rational solutions, ushering in a new era of exploration in the theory of computation and number theory.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Hilbert's 10th Problem and the Limits of Computation - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>Mathematics could be renamed the glacial science. 125 years since revered German mathematician David Hilbert listed 23 problems he felt were worthy challenges upon which the community should focus their minds for the next century, just 10 are generally accepted as resolved.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13963" rel="attachment wp-att-13963"><img alt="David Hilbert" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 716px) 100vw, 716px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/David_Hilbert_1907-716x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/David_Hilbert_1907-716x1024.jpg 716w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/David_Hilbert_1907-210x300.jpg 210w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/David_Hilbert_1907-768x1099.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/David_Hilbert_1907-1074x1536.jpg 1074w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/David_Hilbert_1907.jpg 1185w" width="716"></img></a><figcaption>David Hilbert in 1907. Public domain image. Source: <a href="https://www.jstor.org/stable/2369910?seq=1">JSTOR</a></figcaption></figure></div> <p>One of the most interesting of these solved problems, particularly in the context of the main talking points at the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">12th Heidelberg Laureate Forum</a>, is Hilbert’s 10th problem, which Hilbert stated roughly as follows:</p> <p><em>Given a Diophantine equation with any number of unknown quantities and with rational integral numerical coefficients, devise a process involving a finite number of operations to determine whether the equation is solvable in rational integers. </em></p> <p>In simpler terms Hilbert himself did not use:</p> <p><em>Design an algorithm that decides whether any given polynomial equation</em> \( p(x_{1}, . . . , x_{n}) = 0 \) <em>over the integers has an integral solution</em> \( x_{1}, . . . , x_{n} \in \mathbb{Z} \).<aside></aside></p> <p>In even simpler terms, Hilbert wanted to know if there was a universal way to know whether it is always possible to tell if a polynomial equation with integer coefficients has integer solutions; does something fundamental set, for example, \(3x + 6y = 18\) (which has several solutions including \(x = 4, y = 1\)) apart from \(2x + 10y = 17\), which has no solution?</p> <h3 id="h-computer-science-to-the-rescue"><strong>Computer Science to the Rescue</strong></h3> <p>No progress was made on this problem until computer science had matured to the point where it could come to the aid of number theory in the 1950s and 60s. American mathematician and computer scientist Martin Davis was the first to make any inroads. In the early 1950s, he posited that a set is Diophantine if and only if it is recursively enumerable.</p> <p>Here, a ‘Diophantine set’ is a set of integers that can be defined by a Diophantine equation or a system of Diophantine equations, and to be ‘recursively enumerable’ means listable. Importantly, a recursively enumerable set is another way of describing an algorithm; or, more precisely, it is the set of outputs or elements that an algorithm can list, given infinite time.</p> <p>Around the same time Davis was formulating this general result, American mathematician Julia Robinson, who began studying Hilbert’s 10th problem in 1948, was looking at special cases of Diophantine relations and building a conjecture that would become known as the Julia Robinson hypothesis, or simply JR.</p> <p>Robinson’s work focused on constructing a Diophantine relation that satisfies the fast-growing properties:</p> <ul> <li>\( J(a,b) \) implies \(a \lt b^{b}\)</li> </ul> <ul> <li>For every positive integer \( k \), there exist \( a \) and \(b \) such that \( J(a,b) \)  and \(a \gt b^{k}\),</li> </ul> <p>and showing that if such a relation exists, as she suspected it did, then the exponential relation is also Diophantine.</p> <p>Fast forward almost a decade and Martin Davis and his collaborator American analytical philosopher Hilary Putnam teamed up with Robinson – who would later become the first female mathematician to be elected to the National Academy of Sciences and first female president of the American Mathematical Society – to make another critical breakthrough. In 1961, they published a paper revealing that listable sets and exponential Diophantine sets are one and the same.</p> <p>If JR was ever proven true, meaning that exponentiation was Diophantine, then the new paper would mean listable sets were Diophantine, and therefore Hilbert’s 10<sup>th</sup> problem would be unsolvable. Sadly, proving JR was tricky.</p> <h3 id="h-a-birthday-wish-come-true"><strong>A Birthday Wish Come True</strong></h3> <p>“It was the custom in our family to have a get-together for each family member’s birthday,” recalled Robinson in an <a href="https://mathshistory.st-andrews.ac.uk/Extras/Robinson_Hilbert_10th/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">interview</a> for the 1990 book <em>More Mathematical People</em>. “When it came time for me to blow out the candles on my cake, I always wished, year after year, that the Tenth Problem would be solved – not that I would solve it, but just that it would be solved. I felt that I couldn’t bear to die without knowing the answer.”</p> <p>Robinson’s wish came true in 1970. Russian mathematician Yuri Matiyasevich was equally obsessed with Hilbert’s 10th problem. In 1969, he was asked to referee a paper by Robinson in which she introduced a new idea concerning the periodicity of sequences of solutions of a well-known Diophantine equation called Pell’s equation (\( x^{2} – ny^{2} = 1\), where \( n \) is a positive nonsquare integer).</p> <p>This work inspired him to adapt the idea to a different sequence: the Fibonacci numbers (\( x_{n+2} = x_{n+1} + x_{n} = 0, 1, 1, 2, 3, 5, 8,…\)). When he did this, everything fell into place. By showing that the sequence of Fibonacci numbers is Diophantine, he thereby proved that JR was true, listable sets were Diophantine, and Hilbert’s 10th problem was unsolvable.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13966" rel="attachment wp-att-13966"><img alt="Yuri Matiyasevich" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 744px) 100vw, 744px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Yuri_Matiyasevich._Portrait_1969-744x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Yuri_Matiyasevich._Portrait_1969-744x1024.jpg 744w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Yuri_Matiyasevich._Portrait_1969-218x300.jpg 218w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Yuri_Matiyasevich._Portrait_1969-768x1058.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Yuri_Matiyasevich._Portrait_1969-1115x1536.jpg 1115w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Yuri_Matiyasevich._Portrait_1969-1487x2048.jpg 1487w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Yuri_Matiyasevich._Portrait_1969-scaled.jpg 1859w" width="744"></img></a><figcaption>Yuri Matiyasevich in 1969. Image credit: Yuri Matiyasevich (CC-BY-3.0)</figcaption></figure></div> <p>You may ask, what on Earth has the undecidability of Hilbert’s 10th problem, solved 55 years ago, got to do with topical conversations at the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">12th Heidelberg Laureate Forum</a>? Well, a significant amount of time in the lecture halls and during the coffee breaks was spent asking questions such as, how exactly will the roles of computers and human mathematicians change as AI advances? And just how much of mathematics is solvable by machines?</p> <p>Proving that an easily understood mathematical challenge – determining whether every Diophantine equation restricted to integers has a solution – cannot be solved by mechanical means is a vivid example showing the limitations of computing and AI in mathematics.</p> <p>But it is also puzzling. If Diophantine equations are allowed to have complex number solutions instead of just integer ones, Hilbert’s 10th problem is actually trivial and always solvable by a general algorithm, even though integers can be written as complex numbers; the integers are a subset of the complex numbers! Might there be other sets of numbers over which Hilbert’s 10th problem is unsolvable too?</p> <h3 id="h-beyond-the-integers"><strong>Beyond the Integers</strong></h3> <p><a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/manjul-bhargava/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Manjul Bhargava</a> (Fields Medal – 2014) was scheduled to offer fresh insight into this question at this year’s Forum. It was a shame that he ultimately could not attend, because recently he and his collaborators posted an <a href="https://arxiv.org/abs/2501.18774" rel="noreferrer noopener" target="_blank">arXiv preprint</a> detailing their discovery of one of these special sets; discovered independently around the same time by <a href="https://arxiv.org/abs/2412.01768" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Peter Koymans and Carlo Pagano</a>.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13967" rel="attachment wp-att-13967"><img alt="Manjul Bhargava" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/15215181807_08f074446d_o-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/15215181807_08f074446d_o-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/15215181807_08f074446d_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/15215181807_08f074446d_o-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/15215181807_08f074446d_o-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/15215181807_08f074446d_o-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Manjul Bhargava visiting a high school in the week of the 2nd Heidelberg Laureate Forum in 2014. (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>Using completely different methods, both teams proved that Hilbert’s 10th problem is unsolvable for every ring of integers. The ring of integers \( \mathcal{O}_{K} \) of a number field \( K \), which is a finite extension of the rational numbers, is the set of all integers contained within \( K \). Crucially, \( \mathcal{O}_{K} \) is always a set that is the same size as or bigger than the set of ordinary integers, often including infinitely many numbers that are not in the set of integers. This result makes the potential solution space for a machine mathematician, a future <a href="https://youtu.be/q9MJWfo3DCE?si=Ni7ltzbb-HXu6ArE" rel="noreferrer noopener" target="_blank">superhuman AI mathematician</a>, just that little bit smaller.</p> <p>The next challenge is widely regarded as one of the biggest open problems in the area of undecidability in number theory: proving whether Hilbert’s 10th problem over the field \( \mathbb{Q} \) of rational numbers is unsolvable too.</p> <p>Solving this one way or another would be profound. It would either mean that there is an inherent, algorithmic limit to what can be determined about rational-valued polynomial equations, shrinking machine-based mathematical problem solving even further, or that an algorithm exists to solve all rational Diophantine equations. And at the same time, it would bring number theorists closer to understanding the ultimate source of mathematical undecidability.</p> <p>Either way, pursuing an answer will no doubt introduce entirely new frameworks and techniques to study rational solutions, ushering in a new era of exploration in the theory of computation and number theory.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/hilberts-10th-problem-and-the-limits-of-computation/#respond 0 Nachgefragt-Podcast zum zunehmenden Kampf ums Wasser im 21. Jahrhundert https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/nachgefragt-podcast-zum-zunehmenden-kampf-ums-wasser-im-21-jahrhundert/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/nachgefragt-podcast-zum-zunehmenden-kampf-ums-wasser-im-21-jahrhundert/#comments Mon, 24 Nov 2025 19:33:32 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=10788 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/NachgefragtPodcastKriegumsWasserMichaelBlume1125.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/nachgefragt-podcast-zum-zunehmenden-kampf-ums-wasser-im-21-jahrhundert/</link> </image> <description type="html"><h1>Nachgefragt-Podcast 82 zum zunehmenden Kampf ums Wasser</h1><h2>By Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Seitdem auch die Hauptstadt des Iran, Teheran, im Abgrund der Dürren zu scheitern droht, höre ich zu meinen langjährigen Warnungen vor der Wasserkrise kaum mehr Spott. Dennoch überwiegt oft noch die Auffassung, <em>“Wasser”</em> sei kein Thema, solange es in Europa noch genug davon gebe. Dem möchte ich auch hier – widersprechen.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-fossil-finanzierten-revolutionsgarden-als-die-heimlichen-herrscher-des-iran/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mastodon-Post mit dem Text: &quot;Tausendmal gewarnt: Das fossile &amp; also korrupte Ressourcenfluch - Regime des Iran beutet seit Jahrzehnten das einst wasserreiche Land für Erdöl aus &amp; finanziert Antisemitismus, Krieg &amp; Terror statt Mitweltschutz. Nach immer größeren Teilen des Landes taumelt nun auch die Hauptstadt Teheran in die Klima- als Wasserkrise, steht vor der &quot;Schließung&quot;. Der Fossilismus tötet, auch Herz &amp; Verstand..." decoding="async" height="729" sizes="(max-width: 583px) 100vw, 583px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeTeheranIranWasserkrise300725.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeTeheranIranWasserkrise300725.jpg 583w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeTeheranIranWasserkrise300725-240x300.jpg 240w" width="583"></img></a></p> <p><em>Das <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-fossil-finanzierten-revolutionsgarden-als-die-heimlichen-herrscher-des-iran/">iranische Regime verschleuderte die fossilen Einnahmen zur Unterdrückung der eigenen Bevölkerung durch die korrupte Revolutionsgarde</a>, zur Finanzierung von Terror, antisemitischer Propaganda und Kriegen. Jetzt leidet das Land unter der Klima- als Wasserkrise, die Hauptstadt Teheran steht vor dem Dürre-Kollaps. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Knapp gesagt vertrete ich die These, dass <strong>die Geschichte des 19. Jahrhunderts von der Kohle</strong> (<em>“Eisen und Blut”</em>) dominiert wurde, jene <strong>des 20. Jahrhunderts von Erdöl &amp; Erdgas</strong> (<em>“Blut für Öl”</em>) und jene <strong>des 21. Jahrhunderts zunehmend von Hitze &amp; Wasser</strong> (<em>“Karbonblase gegen Solarpunk”</em>).</p> <p>Warum ich über diese Themen auch immer wieder per Text &amp; Podcast informiere? Die meisten werden den Begriff <em>“Schriftreligionen”</em> kennen. Doch ob <strong>Judentum</strong>, <strong>Christentum</strong>, <strong>Islam</strong>, <strong>Sikhismus</strong> oder <strong>Bahai</strong> – auch Religionen, die auf Texten basieren, setzen auf Menschen, die das geschriebene Wort wieder in gesprochene Sprache verwandeln.<aside></aside></p> <p><em>“Schema Yisrael!” – “Höre Israel!”</em> heißt der Glaubensruf im Judentum und seit Jahrtausenden wird die Alphabetschrift an Kinder vermittelt. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/im-landtag-bw-gegen-antisemitismus-meine-rede-zum-9-11-2023/">Der Noahsohn <strong>Sem</strong> gilt gar als erster Begründer einer Alphabetschule.</a> Rabbi <strong>Jehoschua</strong>, griechisch <strong>Jesus</strong>, arabisch <strong>Isa</strong> sprach laut den Evangelien viel, las auch aus dem Tanach. Doch hinterließ er keinen eigenen Text und <a href="https://www.bibleserver.com/EU.LUT/Johannes8%2C6">wird in der Bibel (Joh. 8, 6) nur einmal als in den Sand schreibend – beschrieben</a>. Der islamische <strong>Quran</strong> leitet sich aus arabisch <em>iqra</em> = Rezitieren – also dem lauten Textvortrag – ab und wurde erst nach dem Tod des Propheten komplett verschriftet und als Kodex kanonisiert. Die Heilige Schrift der Sikhs, der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Adi_Granth"><strong>Guru Granth Sahib / Adi Granth</strong></a>, wird ebenfalls nicht nur gelesen und ausgelegt, sondern gilt auch als Verkörperung der Lehre, als <em>“Guru”</em>. Die achtzehn Jünger des persischen <strong>Bab</strong> (1819 – 1850) und er selbst galten als <em>Ḥurúf-i-Ḥayy</em>, <em>“Buchstaben des Lebendigen” </em>– die auch durch Predigten, Gedichte und Gesänge die Botschaften weitertrugen.</p> <p>Mediengeschichtlich gesprochen: <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/seminar-am-kit-karlsruhe-ueber-medienrevolutionen-zwischen-begeisterung-und-wut/">Sprache ist und bleibt das primäre Medium, Schrift das sekundäre Medium.</a></p> <p>Weil ich das Hören so wichtig finde, bin ich ein großer Fan <a href="https://nachgefragt-podcast.de/2025/11/24/krieg-um-wasser-israel-palaestina/">des wissenschaftlich informierenden <em>“Nachgefragt”</em>-Podcast von <strong>Michi “Melima” Voth</strong></a>. Entsprechend gerne war ich nun zum sechsten Mal bei ihr zu Gast, diesmal zum Thema <em><strong><a href="https://nachgefragt-podcast.de/2025/11/24/krieg-um-wasser-israel-palaestina/">“Krieg um Wasser? – Treiber oder Brandbeschleuniger im Konflikt Israel – Palästina”</a></strong></em>. Darin mache ich darauf aufmerksam, dass Wasser mehr denn je ein Mittel der Konkurrenz und Inflation, aber auch des Friedens und der Zusammenarbeit sein kann. Darüber hatte ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-51-anti-israel-bds-und-wasserkrise/">ja bereits in <em>“Verschwörungsfragen”</em> ein halbes Jahr vor dem Hamas-Terrormassaker des 7. Oktober 2023 warnend informiert</a>.</p> <p><a href="https://nachgefragt-podcast.de/2025/11/24/krieg-um-wasser-israel-palaestina/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Nachgefragt-Podcast 82 mit Dr. Michael Blume zum Thema &quot;Krieg um Wasser?&quot;" decoding="async" height="300" sizes="(max-width: 764px) 100vw, 764px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/NachgefragtPodcastKriegumsWasserMichaelBlume1125.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/NachgefragtPodcastKriegumsWasserMichaelBlume1125.jpg 764w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/NachgefragtPodcastKriegumsWasserMichaelBlume1125-300x118.jpg 300w" width="764"></img></a></p> <p><em><a href="https://nachgefragt-podcast.de/2025/11/24/krieg-um-wasser-israel-palaestina/">Nachgefragt Folge 82 (November 2025) “Krieg um Wasser? Treiber oder Brandbeschleuniger im eurasischen Gürtel?”.</a> Screenshot: Michael Blume</em> </p> <p>Hier auch unsere bisherigen Nachgefragt-Dialoge:</p> <ul> <li><a href="https://nachgefragt-podcast.de/2020/08/25/ngf035-thema-antisemitismus-und-verschwoerungsmythen/">Nachgefragt 35 (August 2020) über <strong>Antisemitismus und Verschwörungsmythen</strong></a></li> <li><a href="https://nachgefragt-podcast.de/2021/03/21/ngf040-thema-esoterik-und-religion/">Nachgefragt 40 (März 2021) über <strong>Esoterik und Religion</strong></a></li> <li><a href="https://nachgefragt-podcast.de/2022/03/22/ngf051-wie-funktioniert-exegese-in-den-religionswissenschaften/">Nachgefragt 51 (März 2022) über <strong>Exegese und Religionswissenschaft</strong></a></li> <li><a href="https://nachgefragt-podcast.de/2023/03/30/ngf61-thema-die-jesiden-zwischen-genozid-und-sprung-in-die-moderne/">Nachgefragt 61 (März 2023) über <strong>Jesidinnen und Jesiden</strong></a></li> <li><a href="https://nachgefragt-podcast.de/2023/12/19/ngf68-spezial-fantasy/">Nachgefragt Weihnachtsspezial 68 über <strong>Fantasy zur Weihnachtszeit</strong></a></li> </ul> <p>Gerade auch über die globale Wasserkrise werde ich also immer wieder schreiben, aber eben auch streamen und sprechen.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/eIXd296IQRE?feature=oembed&amp;rel=0" title="Wasserkrise von Iran bis Nestlé &amp; Wasser als Lebensquelle in der Thora / Bibel" width="562"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Nachgefragt-Podcast 82 zum zunehmenden Kampf ums Wasser</h1><h2>By Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Seitdem auch die Hauptstadt des Iran, Teheran, im Abgrund der Dürren zu scheitern droht, höre ich zu meinen langjährigen Warnungen vor der Wasserkrise kaum mehr Spott. Dennoch überwiegt oft noch die Auffassung, <em>“Wasser”</em> sei kein Thema, solange es in Europa noch genug davon gebe. Dem möchte ich auch hier – widersprechen.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-fossil-finanzierten-revolutionsgarden-als-die-heimlichen-herrscher-des-iran/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mastodon-Post mit dem Text: &quot;Tausendmal gewarnt: Das fossile &amp; also korrupte Ressourcenfluch - Regime des Iran beutet seit Jahrzehnten das einst wasserreiche Land für Erdöl aus &amp; finanziert Antisemitismus, Krieg &amp; Terror statt Mitweltschutz. Nach immer größeren Teilen des Landes taumelt nun auch die Hauptstadt Teheran in die Klima- als Wasserkrise, steht vor der &quot;Schließung&quot;. Der Fossilismus tötet, auch Herz &amp; Verstand..." decoding="async" height="729" sizes="(max-width: 583px) 100vw, 583px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeTeheranIranWasserkrise300725.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeTeheranIranWasserkrise300725.jpg 583w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeTeheranIranWasserkrise300725-240x300.jpg 240w" width="583"></img></a></p> <p><em>Das <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-fossil-finanzierten-revolutionsgarden-als-die-heimlichen-herrscher-des-iran/">iranische Regime verschleuderte die fossilen Einnahmen zur Unterdrückung der eigenen Bevölkerung durch die korrupte Revolutionsgarde</a>, zur Finanzierung von Terror, antisemitischer Propaganda und Kriegen. Jetzt leidet das Land unter der Klima- als Wasserkrise, die Hauptstadt Teheran steht vor dem Dürre-Kollaps. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Knapp gesagt vertrete ich die These, dass <strong>die Geschichte des 19. Jahrhunderts von der Kohle</strong> (<em>“Eisen und Blut”</em>) dominiert wurde, jene <strong>des 20. Jahrhunderts von Erdöl &amp; Erdgas</strong> (<em>“Blut für Öl”</em>) und jene <strong>des 21. Jahrhunderts zunehmend von Hitze &amp; Wasser</strong> (<em>“Karbonblase gegen Solarpunk”</em>).</p> <p>Warum ich über diese Themen auch immer wieder per Text &amp; Podcast informiere? Die meisten werden den Begriff <em>“Schriftreligionen”</em> kennen. Doch ob <strong>Judentum</strong>, <strong>Christentum</strong>, <strong>Islam</strong>, <strong>Sikhismus</strong> oder <strong>Bahai</strong> – auch Religionen, die auf Texten basieren, setzen auf Menschen, die das geschriebene Wort wieder in gesprochene Sprache verwandeln.<aside></aside></p> <p><em>“Schema Yisrael!” – “Höre Israel!”</em> heißt der Glaubensruf im Judentum und seit Jahrtausenden wird die Alphabetschrift an Kinder vermittelt. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/im-landtag-bw-gegen-antisemitismus-meine-rede-zum-9-11-2023/">Der Noahsohn <strong>Sem</strong> gilt gar als erster Begründer einer Alphabetschule.</a> Rabbi <strong>Jehoschua</strong>, griechisch <strong>Jesus</strong>, arabisch <strong>Isa</strong> sprach laut den Evangelien viel, las auch aus dem Tanach. Doch hinterließ er keinen eigenen Text und <a href="https://www.bibleserver.com/EU.LUT/Johannes8%2C6">wird in der Bibel (Joh. 8, 6) nur einmal als in den Sand schreibend – beschrieben</a>. Der islamische <strong>Quran</strong> leitet sich aus arabisch <em>iqra</em> = Rezitieren – also dem lauten Textvortrag – ab und wurde erst nach dem Tod des Propheten komplett verschriftet und als Kodex kanonisiert. Die Heilige Schrift der Sikhs, der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Adi_Granth"><strong>Guru Granth Sahib / Adi Granth</strong></a>, wird ebenfalls nicht nur gelesen und ausgelegt, sondern gilt auch als Verkörperung der Lehre, als <em>“Guru”</em>. Die achtzehn Jünger des persischen <strong>Bab</strong> (1819 – 1850) und er selbst galten als <em>Ḥurúf-i-Ḥayy</em>, <em>“Buchstaben des Lebendigen” </em>– die auch durch Predigten, Gedichte und Gesänge die Botschaften weitertrugen.</p> <p>Mediengeschichtlich gesprochen: <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/seminar-am-kit-karlsruhe-ueber-medienrevolutionen-zwischen-begeisterung-und-wut/">Sprache ist und bleibt das primäre Medium, Schrift das sekundäre Medium.</a></p> <p>Weil ich das Hören so wichtig finde, bin ich ein großer Fan <a href="https://nachgefragt-podcast.de/2025/11/24/krieg-um-wasser-israel-palaestina/">des wissenschaftlich informierenden <em>“Nachgefragt”</em>-Podcast von <strong>Michi “Melima” Voth</strong></a>. Entsprechend gerne war ich nun zum sechsten Mal bei ihr zu Gast, diesmal zum Thema <em><strong><a href="https://nachgefragt-podcast.de/2025/11/24/krieg-um-wasser-israel-palaestina/">“Krieg um Wasser? – Treiber oder Brandbeschleuniger im Konflikt Israel – Palästina”</a></strong></em>. Darin mache ich darauf aufmerksam, dass Wasser mehr denn je ein Mittel der Konkurrenz und Inflation, aber auch des Friedens und der Zusammenarbeit sein kann. Darüber hatte ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-51-anti-israel-bds-und-wasserkrise/">ja bereits in <em>“Verschwörungsfragen”</em> ein halbes Jahr vor dem Hamas-Terrormassaker des 7. Oktober 2023 warnend informiert</a>.</p> <p><a href="https://nachgefragt-podcast.de/2025/11/24/krieg-um-wasser-israel-palaestina/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Nachgefragt-Podcast 82 mit Dr. Michael Blume zum Thema &quot;Krieg um Wasser?&quot;" decoding="async" height="300" sizes="(max-width: 764px) 100vw, 764px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/NachgefragtPodcastKriegumsWasserMichaelBlume1125.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/NachgefragtPodcastKriegumsWasserMichaelBlume1125.jpg 764w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/NachgefragtPodcastKriegumsWasserMichaelBlume1125-300x118.jpg 300w" width="764"></img></a></p> <p><em><a href="https://nachgefragt-podcast.de/2025/11/24/krieg-um-wasser-israel-palaestina/">Nachgefragt Folge 82 (November 2025) “Krieg um Wasser? Treiber oder Brandbeschleuniger im eurasischen Gürtel?”.</a> Screenshot: Michael Blume</em> </p> <p>Hier auch unsere bisherigen Nachgefragt-Dialoge:</p> <ul> <li><a href="https://nachgefragt-podcast.de/2020/08/25/ngf035-thema-antisemitismus-und-verschwoerungsmythen/">Nachgefragt 35 (August 2020) über <strong>Antisemitismus und Verschwörungsmythen</strong></a></li> <li><a href="https://nachgefragt-podcast.de/2021/03/21/ngf040-thema-esoterik-und-religion/">Nachgefragt 40 (März 2021) über <strong>Esoterik und Religion</strong></a></li> <li><a href="https://nachgefragt-podcast.de/2022/03/22/ngf051-wie-funktioniert-exegese-in-den-religionswissenschaften/">Nachgefragt 51 (März 2022) über <strong>Exegese und Religionswissenschaft</strong></a></li> <li><a href="https://nachgefragt-podcast.de/2023/03/30/ngf61-thema-die-jesiden-zwischen-genozid-und-sprung-in-die-moderne/">Nachgefragt 61 (März 2023) über <strong>Jesidinnen und Jesiden</strong></a></li> <li><a href="https://nachgefragt-podcast.de/2023/12/19/ngf68-spezial-fantasy/">Nachgefragt Weihnachtsspezial 68 über <strong>Fantasy zur Weihnachtszeit</strong></a></li> </ul> <p>Gerade auch über die globale Wasserkrise werde ich also immer wieder schreiben, aber eben auch streamen und sprechen.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/eIXd296IQRE?feature=oembed&amp;rel=0" title="Wasserkrise von Iran bis Nestlé &amp; Wasser als Lebensquelle in der Thora / Bibel" width="562"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/nachgefragt-podcast-zum-zunehmenden-kampf-ums-wasser-im-21-jahrhundert/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>29</slash:comments> </item> <item> <title>Wachsendes Gehirn? Adulte Neurogenese https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/wachsendes-gehirn-adulte-neurogenese/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/wachsendes-gehirn-adulte-neurogenese/#comments Mon, 24 Nov 2025 18:22:16 +0000 Ruzica Sedic https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5335 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Brain-Evolution-Vertebrate-1-768x456.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/wachsendes-gehirn-adulte-neurogenese/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Brain-Evolution-Vertebrate-1.jpg" /><h1>Wachsendes Gehirn? Adulte Neurogenese » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Ruzica Sedic</h2><div itemprop="text"> <p>Bis ins 20. Jahrhundert dachte man, dass das Wirbeltiergehirn nach der Geburt ein starres System sei, dessen Zellen sich nicht mehr teilen oder erneuern. Heute weiß man, dass das Gehirn ein dynamisches System ist, das sich lebenslang an neue Anforderungen und Erfahrungen anpasst und sogar im Alter noch adulte Neurogenese betreibt.</p> <h3 id="h-die-entwicklung-des-gehirns-bei-wirbeltieren">Die Entwicklung des Gehirns bei Wirbeltieren</h3> <p>Bei allen Wirbeltieren besteht das Gehirn aus fünf Teilen: dem Großhirn, dem Zwischenhirn, dem Mittelhirn, dem Hinterhirn und dem Nachhirn. Diese Abschnitte werden auch als Telencephalon, Diencephalon, Mesencephalon, Metencephalon und Myelencephalon bezeichnet und sind in ihrer Grundanlage bei Fischen, Amphibien, Reptilien, Vögeln und Säugetieren vorhanden (Bayer &amp; Altman, 2006). Die Ausprägung dieser Abschnitte variiert dabei deutlich: Beispielsweise besitzen Vögel im Verhältnis ein größeres Kleinhirn (Cerebellum, Teil des Metencephalons), was unter anderem ihre außergewöhnliche Bewegungskoordination ermöglicht, wie zum Beispiel das Navigieren im dreidimensionalen Raum (Boire &amp; Baron, 1994; Iwaniuk et al., 2007).</p> <p>Das Gehirn entwickelt sich im Verlauf der Embryonalentwicklung aus dem sogenannten Neuralrohr. Das Neuralrohr ist eine röhrenförmige Struktur, die sich sehr früh nach der Befruchtung aus einer Zellplatte (Neuralplatte) abschnürt. Es bildet den Vorläufer des gesamten zentralen Nervensystems, also sowohl des Gehirns als auch des Rückenmarks. Das Neuralrohr ist zu Beginn noch relativ einfach aufgebaut; seine Zellen teilen sich jedoch rasch und bilden verschiedene Segmente, aus denen sich die einzelnen Gehirnabschnitte herausdifferenzieren (Colas &amp; Schoenwolf, 2001). </p> <div> <figure><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 862px) 100vw, 862px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Brain-Evolution-Vertebrate-862x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Brain-Evolution-Vertebrate-862x1024.jpg 862w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Brain-Evolution-Vertebrate-253x300.jpg 253w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Brain-Evolution-Vertebrate-768x912.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Brain-Evolution-Vertebrate.jpg 1010w" width="862"></img><figcaption>Abbildung 1: Wirbeltiergehirne im Vergleich. Carlson, 2025</figcaption></figure></div> <p>In den nächsten Entwicklungsschritten erfolgt die sogenannte Musterbildung (Patterning): Signale von bestimmten Regionen, zum Beispiel durch molekulare Botenstoffe wie „Sonic hedgehog“ oder „Wnt“-Proteine, sorgen dafür, dass im Neuralrohr verschiedene Funktionsbereiche entstehen. Diese Funktionsbereiche werden als Neuromere bezeichnet und legen die spätere Gliederung des Wirbeltiergehirns fest (Altman &amp; Brivanlou, 2001; Le Dréau &amp; Marti, 2002).</p> <p>Im weiteren Verlauf setzen dann Prozesse wie die Neurogenese ein – also die eigentliche Entstehung und Vermehrung von Nervenzellen (Neuronen) sowie sogenannten <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-stadtverwaltung-des-gehirns-die-gliazellen/">Gliazellen</a>, welche die Nervenzellen in ihrer Funktion unterstützen. Zunächst teilen sich Stammzellen symmetrisch, um die Zellzahl zu erhöhen. Später entstehen durch asymmetrische Zellteilungen differenzierte Neuronen und Gliazellen, die sich entlang von besonderen Bahnen aus dem Neuralrohr in ihr Zielgebiet bewegen (Zhong &amp; Chia, 2008; Götz &amp; Wieland, 2005). <aside></aside></p> <p>Sobald die jungen Nervenzellen ihren Bestimmungsort erreicht haben, reifen sie weiter aus: Sie verzweigen und vernetzen sich mit anderen Neuronen und bilden erste Synapsen. Bereits vor der Geburt entstehen so die grundlegenden Schaltpläne für spätere Wahrnehmung und Verhalten. Nach der Geburt kommt es durch Umwelteinflüsse und Aktivität zu einer weiteren Verfeinerung dieser Netzwerke: Überflüssige Verbindungen werden zurückgebaut, während nützliche verstärkt werden. Dieses Phänomen nennt man auch neuronale Plastizität (Kolb &amp; Gibb, 2011).</p> <p>Beim Menschen verändert sich das Volumen des Gehirns im Verlauf des Lebens deutlich. In den ersten Lebensjahren wachsen sowohl graue als auch weiße Substanz besonders schnell bis etwa zum sechsten Lebensjahr (Abbildung 1). Ab dem sechsten Lebensjahr sieht man vor allem einen Abfall in dem Volumen der grauen Substanz (Betlehem et al., 2022).</p> <figure><img alt="" decoding="async" height="414" sizes="(max-width: 904px) 100vw, 904px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-9.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-9.jpeg 904w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-9-300x137.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-9-768x352.jpeg 768w" width="904"></img><figcaption>Abbildung 2: Betlehem et al., 2022</figcaption></figure> <h3 id="h-was-ist-adulte-neurogenese">Was ist adulte Neurogenese?</h3> <p>Die Neurogenese beschreibt die Bildung neuer Nervenzellen aus Stamm- oder Vorläuferzellen und findet sowohl im sich entwickelnden als auch im erwachsenen Gehirn (adulte Neurogenese) statt (Gulati, 2015; Gage, 2002). </p> <p>Im Jahre 1913 stellte Santiago Ramón y Cajal fest, dass Nervenzellen nur während der Entwicklung des Gehirns generiert werden. Man ging davon aus, dass nach der Embryonalentwicklung keine neuen Neuronen entstehen würden. Erst seit Ende des 20. Jahrhunderts ist nachgewiesen, dass das erwachsene Gehirn über ein Reservoir neuronaler Stammzellen verfügt, die neue Nervenzellen hervorbringen können (Altman &amp; Das, 1965). </p> <p>Adulte Neurogenese findet in Vögeln (Goldman et al., 1983), Nagetieren (Altman &amp; Das, 1965), Primaten (Gould et al., 1999) und Menschen (Eriksson et al., 1998) statt.</p> <p>Funktionell ist die adulte Neurogenese eng mit Lernen, Gedächtnisbildung und neuronaler Plastizität verknüpft (Ambrogini et al., 2000; Hairston et al., 2005).</p> <h3 id="h-wie-findet-man-sich-teilende-zellen">Wie findet man sich teilende Zellen?</h3> <p>Wo Neurogenese stattfindet, teilen sich Zellen. Wo sich Zellen teilen, wird DNA synthetisiert. Ein Grundbaustein von DNA ist hierbei die Base Thymidin, deren Einbau bei der Synthese man sich zu Nutzen machen kann, indem man BrdU (5-Bromo-2’-deoxyuridin) verwendet. BrdU ist hierbei ein Analogon von Thymidin und wird an seiner Stelle in die neue DNA eingebaut. Die Verwendung von Antikörpern, welche an BrdU binden, ermöglicht die Detektion der neuen Zellen mit der neuen BrdU-enthaltenden DNA. Dadurch wird eine Visualisierung der Zellteilung und damit der Neurogenese ermöglicht (Thermo Fisher Scientific, o.D.).</p> <h3 id="h-adulte-neurogenese-bei-unterschiedlichen-tieren">Adulte Neurogenese bei unterschiedlichen Tieren</h3> <p>Bei Nagetieren und Vögeln findet die adulte Neurogenese vor allem in zwei spezifischen Bereichen des Gehirns statt: dem Gyrus dentatus, welcher zum Hippocampus gehört, und der Subventrikulären Zone (SVZ), welche sich entlang der Seitenventrikel befindet (Goldman et al., 1983; Altman &amp; Das, 1965; Allen 1912). </p> <p>Eine 2025 publizierte Studie von Herold et al. kommt zu dem Ergebnis, dass sich der Prozess der adulten Neurogenese in Tauben und Mäusen nicht nur in den zuvor beschriebenen Zonen abspielt, sondern zudem im Striatum, wobei sie bei Tauben signifikant höher ist.</p> <p>Auch bei Primaten, zu denen der Mensch gehört, findet die adulte Neurogenese im Gyrus dentatus des Hippocampus und in der subventrikulären Zone statt (Kukekov et al., 1999; Eriksson et al., 1998).</p> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <p>Allen, E. (1912). The cessation of mitosis in the central nervous system of the albino rat. Journal of Comparative Neurology, 22(4), 547–568.</p> <p>Altman, J., &amp; Das, G. D. (1965). Autoradiographic and histological evidence of postnatal hippocampal neurogenesis in rats. Journal of Comparative Neurology, 124(3), 319-335. https://doi.org/10.1002/cne.901240303</p> <p>Altmann, C. R., &amp; Brivanlou, A. H. (2001). Neural patterning in the vertebrate embryo. International Review of Cytology, 203, 447-482. <a href="https://doi.org/10.1016/s0074-7696(01)03013-3">https://doi.org/10.1016/s0074-7696(01)03013-3</a></p> <p>Ambrogini, P., Cuppini, R., Cuppini, C., et al. (2000). Spatial learning affects immature granule cell survival in adult rat dentate gyrus. Neuroscience Letters, 286(1), 21–24. https://doi.org/10.1016/s0304-3940(00)01074-0</p> <p>Bayer, S.A., &amp; Altman, J. (2006). The Human Brain During the Late First Trimester (1st ed.). CRC Press. https://doi.org/10.1201/9781420003277</p> <p>Bethlehem, R. A. I., Seidlitz, J., White, S. R., Vogel, J. W., Anderson, K. M., Adamson, C., Adler, S., Alexopoulos, G. S., Anagnostou, E., Areces-Gonzalez, A., Astle, D. E., Auyeung, B., Ayub, M., Bae, J., Ball, G., Baron-Cohen, S., Beare, R., Bedford, S. A., Benegal, V., … Alexander-Bloch, A. F. (2022). Brain charts for the human lifespan. Nature, 604(7906), 525–533. <a href="https://doi.org/10.1038/s41586-022-04554-y">https://doi.org/10.1038/s41586-022-04554-y</a></p> <p>Boire, D., &amp; Baron, G. (1994). Allometric comparison of brain and main brain subdivisions in birds. Journal für Hirnforschung, 35(1), 49-66.</p> <p>Carlson, D. (2025). Vertebrate brain evolution illustration [Illustration]. Carlson Stock Art. https://www.carlsonstockart.com/photo/vertebrate-brain-evolution-illustration/</p> <p>Colas, J. F., &amp; Schoenwolf, G. C. (2001). Towards a cellular and molecular understanding of neurulation. Developmental Dynamics, 221(2), 117-145. <a href="https://doi.org/10.1002/dvdy.1144">https://doi.org/10.1002/dvdy.1144</a></p> <p>Eriksson, P. S., Perfilieva, E., Bjork-Eriksson, T., et al. (1998). Neurogenesis in the adult human hippocampus. Nature Medicine, 4(11), 1313–1317. https://doi.org/10.1038/3305</p> <p>Gage, F. H. (2002). Neurogenesis in the adult brain. Journal of Neuroscience, 22(3), 612-613. <a href="https://doi.org/10.1523/JNEUROSCI.22-03-00612.2002">https://doi.org/10.1523/JNEUROSCI.22-03-00612.2002</a></p> <p>Goldman, S. A., &amp; Nottebohm, F. (1983). Neuronal production, migration, and differentiation in a vocal control nucleus of the adult female canary brain. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 80(8), 2390–2394. <a href="https://doi.org/10.1073/pnas.80.8.2390">https://doi.org/10.1073/pnas.80.8.2390</a></p> <p>Gould, E., Reeves, A. J., Graziano, M. S. A., &amp; Gross, C. G. (1999). Neurogenesis in the neocortex of adult primates. Science, 286(5439), 548–552. https://doi.org/10.1126/science.286.5439.548</p> <p>Gulati, A. (2015). Understanding neurogenesis in the adult human brain. Indian Journal of Pharmacology, 47(6), 583-584. https://doi.org/10.4103/0253-7613.169598</p> <p>Götz, M., &amp; Huttner, W. B. (2005). The cell biology of neurogenesis. Nature Reviews Molecular Cell Biology, 6(10), 777-788. <a href="https://doi.org/10.1038/nrm1739">https://doi.org/10.1038/nrm1739</a></p> <p>Hairston, I. S., Little, M. T., Scanlon, M. D., et al. (2005). Sleep restriction suppresses neurogenesis induced by hippocampus-dependent learning. Journal of Neurophysiology, 94(6), 4224–4233. <a href="https://doi.org/10.1152/jn.00218.2005">https://doi.org/10.1152/jn.00218.2005</a></p> <p>Herold, C., Karsli, E., Delhaes, N., Mehlhorn, J., Bidmon, H., &amp; Amunts, K. (2025). Adult striatal neurogenesis—A comparative approach between pigeons, mice, macaques, and human. Journal of Comparative Neurology, 533(11), e70107. https://doi.org/10.1002/cne.70107</p> <p>Iwaniuk, A. N., Hurd, P. L., &amp; Wylie, D. R. (2007). Comparative morphology of the avian cerebellum: II. Size of folia. Brain, Behavior and Evolution, 69(3), 196-219. <a href="https://doi.org/10.1159/000096987">https://doi.org/10.1159/000096987</a></p> <p>Kolb, B., &amp; Gibb, R. (2011). Brain plasticity and behaviour in the developing brain. Journal of the Canadian Academy of Child and Adolescent Psychiatry, 20(4), 265-276. <a href="https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3222570/">https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3222570/</a></p> <p>Kukekov, V. G., Laywell, E. D., Suslov, O., Davies, K., Scheffler, B., Thomas, L. B., et al. (1999). Multipotent stem/progenitor cells with similar properties arise from two neurogenic regions of adult human brain. Experimental Neurology, 156(2), 333–344. <a href="https://doi.org/10.1006/exnr.1999.7028">https://doi.org/10.1006/exnr.1999.7028</a></p> <p>Kumar, A., Pareek, V., Faiq, M. A., Ghosh, S. K., &amp; Kumari, C. (2019). Adult neurogenesis in humans: A review of basic concepts, history, current research, and clinical implications. Innovations in Clinical Neuroscience, 16(5–6), 30–37. https://doi.org/10.31662/jmds.2019.16.5.2 [oder PMID: 31440399]</p> <p>Le Dréau, G., &amp; Martí, E. (2012). Dorsal-ventral patterning of the neural tube: A tale of three signals. Developmental Neurobiology, 72(12), 1471-1481. <a href="https://doi.org/10.1002/dneu.22015">https://doi.org/10.1002/dneu.22015</a></p> <p>Thermo Fisher Scientific. (o. D.). BrdU Labeling and Detection Protocol. https://www.thermofisher.com/de/de/home/references/protocols/cell-and-tissue-analysis/protocols/brdu-labeling-and-detection-protocol.html (Abruf am 12. November 2025)</p> <p>Zhong, W., &amp; Chia, W. (2008). Neurogenesis and asymmetric cell division. Current Opinion in Neurobiology, 18(1), 4-11. <a href="https://doi.org/10.1016/j.conb.2008.05.002">https://doi.org/10.1016/j.conb.2008.05.002</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Brain-Evolution-Vertebrate-1.jpg" /><h1>Wachsendes Gehirn? Adulte Neurogenese » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Ruzica Sedic</h2><div itemprop="text"> <p>Bis ins 20. Jahrhundert dachte man, dass das Wirbeltiergehirn nach der Geburt ein starres System sei, dessen Zellen sich nicht mehr teilen oder erneuern. Heute weiß man, dass das Gehirn ein dynamisches System ist, das sich lebenslang an neue Anforderungen und Erfahrungen anpasst und sogar im Alter noch adulte Neurogenese betreibt.</p> <h3 id="h-die-entwicklung-des-gehirns-bei-wirbeltieren">Die Entwicklung des Gehirns bei Wirbeltieren</h3> <p>Bei allen Wirbeltieren besteht das Gehirn aus fünf Teilen: dem Großhirn, dem Zwischenhirn, dem Mittelhirn, dem Hinterhirn und dem Nachhirn. Diese Abschnitte werden auch als Telencephalon, Diencephalon, Mesencephalon, Metencephalon und Myelencephalon bezeichnet und sind in ihrer Grundanlage bei Fischen, Amphibien, Reptilien, Vögeln und Säugetieren vorhanden (Bayer &amp; Altman, 2006). Die Ausprägung dieser Abschnitte variiert dabei deutlich: Beispielsweise besitzen Vögel im Verhältnis ein größeres Kleinhirn (Cerebellum, Teil des Metencephalons), was unter anderem ihre außergewöhnliche Bewegungskoordination ermöglicht, wie zum Beispiel das Navigieren im dreidimensionalen Raum (Boire &amp; Baron, 1994; Iwaniuk et al., 2007).</p> <p>Das Gehirn entwickelt sich im Verlauf der Embryonalentwicklung aus dem sogenannten Neuralrohr. Das Neuralrohr ist eine röhrenförmige Struktur, die sich sehr früh nach der Befruchtung aus einer Zellplatte (Neuralplatte) abschnürt. Es bildet den Vorläufer des gesamten zentralen Nervensystems, also sowohl des Gehirns als auch des Rückenmarks. Das Neuralrohr ist zu Beginn noch relativ einfach aufgebaut; seine Zellen teilen sich jedoch rasch und bilden verschiedene Segmente, aus denen sich die einzelnen Gehirnabschnitte herausdifferenzieren (Colas &amp; Schoenwolf, 2001). </p> <div> <figure><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 862px) 100vw, 862px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Brain-Evolution-Vertebrate-862x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Brain-Evolution-Vertebrate-862x1024.jpg 862w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Brain-Evolution-Vertebrate-253x300.jpg 253w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Brain-Evolution-Vertebrate-768x912.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Brain-Evolution-Vertebrate.jpg 1010w" width="862"></img><figcaption>Abbildung 1: Wirbeltiergehirne im Vergleich. Carlson, 2025</figcaption></figure></div> <p>In den nächsten Entwicklungsschritten erfolgt die sogenannte Musterbildung (Patterning): Signale von bestimmten Regionen, zum Beispiel durch molekulare Botenstoffe wie „Sonic hedgehog“ oder „Wnt“-Proteine, sorgen dafür, dass im Neuralrohr verschiedene Funktionsbereiche entstehen. Diese Funktionsbereiche werden als Neuromere bezeichnet und legen die spätere Gliederung des Wirbeltiergehirns fest (Altman &amp; Brivanlou, 2001; Le Dréau &amp; Marti, 2002).</p> <p>Im weiteren Verlauf setzen dann Prozesse wie die Neurogenese ein – also die eigentliche Entstehung und Vermehrung von Nervenzellen (Neuronen) sowie sogenannten <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-stadtverwaltung-des-gehirns-die-gliazellen/">Gliazellen</a>, welche die Nervenzellen in ihrer Funktion unterstützen. Zunächst teilen sich Stammzellen symmetrisch, um die Zellzahl zu erhöhen. Später entstehen durch asymmetrische Zellteilungen differenzierte Neuronen und Gliazellen, die sich entlang von besonderen Bahnen aus dem Neuralrohr in ihr Zielgebiet bewegen (Zhong &amp; Chia, 2008; Götz &amp; Wieland, 2005). <aside></aside></p> <p>Sobald die jungen Nervenzellen ihren Bestimmungsort erreicht haben, reifen sie weiter aus: Sie verzweigen und vernetzen sich mit anderen Neuronen und bilden erste Synapsen. Bereits vor der Geburt entstehen so die grundlegenden Schaltpläne für spätere Wahrnehmung und Verhalten. Nach der Geburt kommt es durch Umwelteinflüsse und Aktivität zu einer weiteren Verfeinerung dieser Netzwerke: Überflüssige Verbindungen werden zurückgebaut, während nützliche verstärkt werden. Dieses Phänomen nennt man auch neuronale Plastizität (Kolb &amp; Gibb, 2011).</p> <p>Beim Menschen verändert sich das Volumen des Gehirns im Verlauf des Lebens deutlich. In den ersten Lebensjahren wachsen sowohl graue als auch weiße Substanz besonders schnell bis etwa zum sechsten Lebensjahr (Abbildung 1). Ab dem sechsten Lebensjahr sieht man vor allem einen Abfall in dem Volumen der grauen Substanz (Betlehem et al., 2022).</p> <figure><img alt="" decoding="async" height="414" sizes="(max-width: 904px) 100vw, 904px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-9.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-9.jpeg 904w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-9-300x137.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-9-768x352.jpeg 768w" width="904"></img><figcaption>Abbildung 2: Betlehem et al., 2022</figcaption></figure> <h3 id="h-was-ist-adulte-neurogenese">Was ist adulte Neurogenese?</h3> <p>Die Neurogenese beschreibt die Bildung neuer Nervenzellen aus Stamm- oder Vorläuferzellen und findet sowohl im sich entwickelnden als auch im erwachsenen Gehirn (adulte Neurogenese) statt (Gulati, 2015; Gage, 2002). </p> <p>Im Jahre 1913 stellte Santiago Ramón y Cajal fest, dass Nervenzellen nur während der Entwicklung des Gehirns generiert werden. Man ging davon aus, dass nach der Embryonalentwicklung keine neuen Neuronen entstehen würden. Erst seit Ende des 20. Jahrhunderts ist nachgewiesen, dass das erwachsene Gehirn über ein Reservoir neuronaler Stammzellen verfügt, die neue Nervenzellen hervorbringen können (Altman &amp; Das, 1965). </p> <p>Adulte Neurogenese findet in Vögeln (Goldman et al., 1983), Nagetieren (Altman &amp; Das, 1965), Primaten (Gould et al., 1999) und Menschen (Eriksson et al., 1998) statt.</p> <p>Funktionell ist die adulte Neurogenese eng mit Lernen, Gedächtnisbildung und neuronaler Plastizität verknüpft (Ambrogini et al., 2000; Hairston et al., 2005).</p> <h3 id="h-wie-findet-man-sich-teilende-zellen">Wie findet man sich teilende Zellen?</h3> <p>Wo Neurogenese stattfindet, teilen sich Zellen. Wo sich Zellen teilen, wird DNA synthetisiert. Ein Grundbaustein von DNA ist hierbei die Base Thymidin, deren Einbau bei der Synthese man sich zu Nutzen machen kann, indem man BrdU (5-Bromo-2’-deoxyuridin) verwendet. BrdU ist hierbei ein Analogon von Thymidin und wird an seiner Stelle in die neue DNA eingebaut. Die Verwendung von Antikörpern, welche an BrdU binden, ermöglicht die Detektion der neuen Zellen mit der neuen BrdU-enthaltenden DNA. Dadurch wird eine Visualisierung der Zellteilung und damit der Neurogenese ermöglicht (Thermo Fisher Scientific, o.D.).</p> <h3 id="h-adulte-neurogenese-bei-unterschiedlichen-tieren">Adulte Neurogenese bei unterschiedlichen Tieren</h3> <p>Bei Nagetieren und Vögeln findet die adulte Neurogenese vor allem in zwei spezifischen Bereichen des Gehirns statt: dem Gyrus dentatus, welcher zum Hippocampus gehört, und der Subventrikulären Zone (SVZ), welche sich entlang der Seitenventrikel befindet (Goldman et al., 1983; Altman &amp; Das, 1965; Allen 1912). </p> <p>Eine 2025 publizierte Studie von Herold et al. kommt zu dem Ergebnis, dass sich der Prozess der adulten Neurogenese in Tauben und Mäusen nicht nur in den zuvor beschriebenen Zonen abspielt, sondern zudem im Striatum, wobei sie bei Tauben signifikant höher ist.</p> <p>Auch bei Primaten, zu denen der Mensch gehört, findet die adulte Neurogenese im Gyrus dentatus des Hippocampus und in der subventrikulären Zone statt (Kukekov et al., 1999; Eriksson et al., 1998).</p> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <p>Allen, E. (1912). The cessation of mitosis in the central nervous system of the albino rat. Journal of Comparative Neurology, 22(4), 547–568.</p> <p>Altman, J., &amp; Das, G. D. (1965). Autoradiographic and histological evidence of postnatal hippocampal neurogenesis in rats. Journal of Comparative Neurology, 124(3), 319-335. https://doi.org/10.1002/cne.901240303</p> <p>Altmann, C. R., &amp; Brivanlou, A. H. (2001). Neural patterning in the vertebrate embryo. International Review of Cytology, 203, 447-482. <a href="https://doi.org/10.1016/s0074-7696(01)03013-3">https://doi.org/10.1016/s0074-7696(01)03013-3</a></p> <p>Ambrogini, P., Cuppini, R., Cuppini, C., et al. (2000). Spatial learning affects immature granule cell survival in adult rat dentate gyrus. Neuroscience Letters, 286(1), 21–24. https://doi.org/10.1016/s0304-3940(00)01074-0</p> <p>Bayer, S.A., &amp; Altman, J. (2006). The Human Brain During the Late First Trimester (1st ed.). CRC Press. https://doi.org/10.1201/9781420003277</p> <p>Bethlehem, R. A. I., Seidlitz, J., White, S. R., Vogel, J. W., Anderson, K. M., Adamson, C., Adler, S., Alexopoulos, G. S., Anagnostou, E., Areces-Gonzalez, A., Astle, D. E., Auyeung, B., Ayub, M., Bae, J., Ball, G., Baron-Cohen, S., Beare, R., Bedford, S. A., Benegal, V., … Alexander-Bloch, A. F. (2022). Brain charts for the human lifespan. Nature, 604(7906), 525–533. <a href="https://doi.org/10.1038/s41586-022-04554-y">https://doi.org/10.1038/s41586-022-04554-y</a></p> <p>Boire, D., &amp; Baron, G. (1994). Allometric comparison of brain and main brain subdivisions in birds. Journal für Hirnforschung, 35(1), 49-66.</p> <p>Carlson, D. (2025). Vertebrate brain evolution illustration [Illustration]. Carlson Stock Art. https://www.carlsonstockart.com/photo/vertebrate-brain-evolution-illustration/</p> <p>Colas, J. F., &amp; Schoenwolf, G. C. (2001). Towards a cellular and molecular understanding of neurulation. Developmental Dynamics, 221(2), 117-145. <a href="https://doi.org/10.1002/dvdy.1144">https://doi.org/10.1002/dvdy.1144</a></p> <p>Eriksson, P. S., Perfilieva, E., Bjork-Eriksson, T., et al. (1998). Neurogenesis in the adult human hippocampus. Nature Medicine, 4(11), 1313–1317. https://doi.org/10.1038/3305</p> <p>Gage, F. H. (2002). Neurogenesis in the adult brain. Journal of Neuroscience, 22(3), 612-613. <a href="https://doi.org/10.1523/JNEUROSCI.22-03-00612.2002">https://doi.org/10.1523/JNEUROSCI.22-03-00612.2002</a></p> <p>Goldman, S. A., &amp; Nottebohm, F. (1983). Neuronal production, migration, and differentiation in a vocal control nucleus of the adult female canary brain. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 80(8), 2390–2394. <a href="https://doi.org/10.1073/pnas.80.8.2390">https://doi.org/10.1073/pnas.80.8.2390</a></p> <p>Gould, E., Reeves, A. J., Graziano, M. S. A., &amp; Gross, C. G. (1999). Neurogenesis in the neocortex of adult primates. Science, 286(5439), 548–552. https://doi.org/10.1126/science.286.5439.548</p> <p>Gulati, A. (2015). Understanding neurogenesis in the adult human brain. Indian Journal of Pharmacology, 47(6), 583-584. https://doi.org/10.4103/0253-7613.169598</p> <p>Götz, M., &amp; Huttner, W. B. (2005). The cell biology of neurogenesis. Nature Reviews Molecular Cell Biology, 6(10), 777-788. <a href="https://doi.org/10.1038/nrm1739">https://doi.org/10.1038/nrm1739</a></p> <p>Hairston, I. S., Little, M. T., Scanlon, M. D., et al. (2005). Sleep restriction suppresses neurogenesis induced by hippocampus-dependent learning. Journal of Neurophysiology, 94(6), 4224–4233. <a href="https://doi.org/10.1152/jn.00218.2005">https://doi.org/10.1152/jn.00218.2005</a></p> <p>Herold, C., Karsli, E., Delhaes, N., Mehlhorn, J., Bidmon, H., &amp; Amunts, K. (2025). Adult striatal neurogenesis—A comparative approach between pigeons, mice, macaques, and human. Journal of Comparative Neurology, 533(11), e70107. https://doi.org/10.1002/cne.70107</p> <p>Iwaniuk, A. N., Hurd, P. L., &amp; Wylie, D. R. (2007). Comparative morphology of the avian cerebellum: II. Size of folia. Brain, Behavior and Evolution, 69(3), 196-219. <a href="https://doi.org/10.1159/000096987">https://doi.org/10.1159/000096987</a></p> <p>Kolb, B., &amp; Gibb, R. (2011). Brain plasticity and behaviour in the developing brain. Journal of the Canadian Academy of Child and Adolescent Psychiatry, 20(4), 265-276. <a href="https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3222570/">https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3222570/</a></p> <p>Kukekov, V. G., Laywell, E. D., Suslov, O., Davies, K., Scheffler, B., Thomas, L. B., et al. (1999). Multipotent stem/progenitor cells with similar properties arise from two neurogenic regions of adult human brain. Experimental Neurology, 156(2), 333–344. <a href="https://doi.org/10.1006/exnr.1999.7028">https://doi.org/10.1006/exnr.1999.7028</a></p> <p>Kumar, A., Pareek, V., Faiq, M. A., Ghosh, S. K., &amp; Kumari, C. (2019). Adult neurogenesis in humans: A review of basic concepts, history, current research, and clinical implications. Innovations in Clinical Neuroscience, 16(5–6), 30–37. https://doi.org/10.31662/jmds.2019.16.5.2 [oder PMID: 31440399]</p> <p>Le Dréau, G., &amp; Martí, E. (2012). Dorsal-ventral patterning of the neural tube: A tale of three signals. Developmental Neurobiology, 72(12), 1471-1481. <a href="https://doi.org/10.1002/dneu.22015">https://doi.org/10.1002/dneu.22015</a></p> <p>Thermo Fisher Scientific. (o. D.). BrdU Labeling and Detection Protocol. https://www.thermofisher.com/de/de/home/references/protocols/cell-and-tissue-analysis/protocols/brdu-labeling-and-detection-protocol.html (Abruf am 12. November 2025)</p> <p>Zhong, W., &amp; Chia, W. (2008). Neurogenesis and asymmetric cell division. Current Opinion in Neurobiology, 18(1), 4-11. <a href="https://doi.org/10.1016/j.conb.2008.05.002">https://doi.org/10.1016/j.conb.2008.05.002</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/wachsendes-gehirn-adulte-neurogenese/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeo Podcast: Aus und vorbei – das Universum und sein Ende https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-aus-und-vorbei-das-universum-und-sein-ende/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-aus-und-vorbei-das-universum-und-sein-ende/#comments Sun, 23 Nov 2025 05:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1789 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-5-768x768.jpg Eine rötlich leuchtende, ovale Galaxie vor einem schwarzen Hintergrund mit wenigen Sternen. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-aus-und-vorbei-das-universum-und-sein-ende/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel_sl-2.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Aus und vorbei - das Universum und sein Ende » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag127-ende-universum.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Zumindest darüber sind sich Forschende mehr oder weniger einig: Unser Universum gibt es nicht schon seit ewigen Zeiten – sondern es hat vor rund 13,8 Milliarden Jahren mit dem Urknall begonnen. Seitdem dehnt sich das Universum aus, es wird immer größer und kühlt sich immer weiter ab. Aber wie geht die Geschichte des Universums eigentlich weiter, und vor allem: Wie hört diese Geschichte auf? Wenn das Universum einen Anfang hat, sollte es dann nicht auch ein Ende geben?</p> <p>Zur allseitigen Beruhigung sei geschrieben, dass jegliche Enden des Universums in so unvorstellbar weiter Zukunft liegen, dass sie keinerlei Auswirkungen auf das Leben auf der Erde haben. Wir Menschen sind davon nicht betroffen.<aside></aside></p> <p>Analog zum Begriff des Urknalls, auf Englisch „Big Bang“, werden vor allem drei verschiedene potenzielle Schicksale für unser Universum diskutiert: Da wäre der „Big Crunch“, bei dem das Universum in einer Art kosmischer Symmetrie am Ende wieder in sich zusammenstürzt – eine Art umgekehrter Urknall. Bei einem „Big Rip“ hingegen würde das genaue Gegenteil eintreten und das Universum würde sich so schnell ausdehnen, dass es letztendlich zerreißt – seinen gesamten Inhalt eingeschlossen. Der „Big Freeze“ hingegen bezeichnet den Kältetod des Universums: Im expandierenden Universum würden einfach nach und nach die Lichter ausgehen, Galaxien wären in so weiter Ferne, dass jede Sterneninsel für sich allein durchs All driftet und das Universum würde immer größer, kälter und leerer werden. Bis irgendwann gar nichts mehr passiert – und auch nie wieder passieren wird.</p> <p>In dieser Folge des AstroGeo-Podcasts erzählt Franzi vom ultimativen Schicksal unseres Universums, was mit ihm am Ende der Zeit passiert – und was die mysteriöse Dunkle Energie damit zu tun hat, die derzeit dafür sorgt, dass sich das Universum beschleunigt ausdehnt.</p> <h2 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h2> <ul> <li>Folge 69: <a href="https://astrogeo.de/vakuumzerfall-weltuntergang-mit-lichtgeschwindigkeit/">Vakuumzerfall: Wenn das Universum sich auflöst</a></li> <li>Folge 94: <a href="https://astrogeo.de/das-universum-und-sein-urknall-der-anfang-des-anfangs/">Das Universum und sein Urknall – Der Anfang des Anfangs</a></li> </ul> <h2 id="h-weiterfuhrende-links">Weiterführende Links</h2> <ul> <li>BR2 IQ: <a href="https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:94ed2acf7142bc6d/">Fünf Endzeitszenarien, die ihr kennen solltet</a> (von Franzi)</li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Universum">Universum</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kosmologie">Kosmologie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lambda-CDM-Modell">Lambda-CDM-Modell</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Big_Freeze">Big Freeze</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Big_Rip">Big Rip</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Big_Crunch">Big Crunch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dunkle_Energie">Dunkle Energie</a></li> </ul> <h2 id="h-quellen">Quellen</h2> <ul> <li>Pressemitteilung: <a href="https://noirlab.edu/public/news/noirlab2512/">Tantalizing Hints That Dark Energy is Evolving — New Results and Data Released by the DESI Project</a> (19.03.2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: ESO</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel_sl-2.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Aus und vorbei - das Universum und sein Ende » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag127-ende-universum.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Zumindest darüber sind sich Forschende mehr oder weniger einig: Unser Universum gibt es nicht schon seit ewigen Zeiten – sondern es hat vor rund 13,8 Milliarden Jahren mit dem Urknall begonnen. Seitdem dehnt sich das Universum aus, es wird immer größer und kühlt sich immer weiter ab. Aber wie geht die Geschichte des Universums eigentlich weiter, und vor allem: Wie hört diese Geschichte auf? Wenn das Universum einen Anfang hat, sollte es dann nicht auch ein Ende geben?</p> <p>Zur allseitigen Beruhigung sei geschrieben, dass jegliche Enden des Universums in so unvorstellbar weiter Zukunft liegen, dass sie keinerlei Auswirkungen auf das Leben auf der Erde haben. Wir Menschen sind davon nicht betroffen.<aside></aside></p> <p>Analog zum Begriff des Urknalls, auf Englisch „Big Bang“, werden vor allem drei verschiedene potenzielle Schicksale für unser Universum diskutiert: Da wäre der „Big Crunch“, bei dem das Universum in einer Art kosmischer Symmetrie am Ende wieder in sich zusammenstürzt – eine Art umgekehrter Urknall. Bei einem „Big Rip“ hingegen würde das genaue Gegenteil eintreten und das Universum würde sich so schnell ausdehnen, dass es letztendlich zerreißt – seinen gesamten Inhalt eingeschlossen. Der „Big Freeze“ hingegen bezeichnet den Kältetod des Universums: Im expandierenden Universum würden einfach nach und nach die Lichter ausgehen, Galaxien wären in so weiter Ferne, dass jede Sterneninsel für sich allein durchs All driftet und das Universum würde immer größer, kälter und leerer werden. Bis irgendwann gar nichts mehr passiert – und auch nie wieder passieren wird.</p> <p>In dieser Folge des AstroGeo-Podcasts erzählt Franzi vom ultimativen Schicksal unseres Universums, was mit ihm am Ende der Zeit passiert – und was die mysteriöse Dunkle Energie damit zu tun hat, die derzeit dafür sorgt, dass sich das Universum beschleunigt ausdehnt.</p> <h2 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h2> <ul> <li>Folge 69: <a href="https://astrogeo.de/vakuumzerfall-weltuntergang-mit-lichtgeschwindigkeit/">Vakuumzerfall: Wenn das Universum sich auflöst</a></li> <li>Folge 94: <a href="https://astrogeo.de/das-universum-und-sein-urknall-der-anfang-des-anfangs/">Das Universum und sein Urknall – Der Anfang des Anfangs</a></li> </ul> <h2 id="h-weiterfuhrende-links">Weiterführende Links</h2> <ul> <li>BR2 IQ: <a href="https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:94ed2acf7142bc6d/">Fünf Endzeitszenarien, die ihr kennen solltet</a> (von Franzi)</li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Universum">Universum</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kosmologie">Kosmologie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lambda-CDM-Modell">Lambda-CDM-Modell</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Big_Freeze">Big Freeze</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Big_Rip">Big Rip</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Big_Crunch">Big Crunch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dunkle_Energie">Dunkle Energie</a></li> </ul> <h2 id="h-quellen">Quellen</h2> <ul> <li>Pressemitteilung: <a href="https://noirlab.edu/public/news/noirlab2512/">Tantalizing Hints That Dark Energy is Evolving — New Results and Data Released by the DESI Project</a> (19.03.2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: ESO</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-aus-und-vorbei-das-universum-und-sein-ende/#comments 12 Solarpunk-Arche-Filmtip: Passengers von 2016 von Morten Tyldum & Jon Spaits https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-arche-filmtip-passengers-von-2016-von-morten-tyldum-jon-spaits/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-arche-filmtip-passengers-von-2016-von-morten-tyldum-jon-spaits/#comments Sat, 22 Nov 2025 18:59:24 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=10782 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2067-768x576.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-arche-filmtip-passengers-von-2016-von-morten-tyldum-jon-spaits/</link> </image> <description type="html"><h1>Passengers 2016 von Morten Tyldum</h1><h2>By Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p><em>“Ich beneide Dich, Arthur.<br></br></em><em>Du hast eine Aufgabe. Du bist immer glücklich.”</em><br></br>– Die Autorin <strong>Aurora Lane </strong>zum KI-Barkeeper <strong>Arthur</strong> in <em>“Passengers”</em> (2016)</p> <p>Klar ist es möglich, sich der <em><strong>Solarpunk</strong>-Fantastik </em>nur über Texte zu nähern. Doch ich halte Bilder und Filme für eher noch wichtiger, beispielsweise den <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-hoffnung-statt-cyberpunk-verzweiflung-geburtenrueckgang-arche-regionen-und-dear-alice/">Dear Alice-Werbeclip</a>. Und wenn ich nach einem guten Solarpunk-Film für Einsteiger gefragt werde, dann empfehle ich <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Passengers_(2016)">den Science-Fiction-Film <strong><em>“Passengers”</em></strong> (2016)</a> unter der Regie des Norwegers <strong>Morten Tyldum</strong> und dem Drehbuch des US-Mythologen <strong>Jon Spaits</strong>.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/rsUZVCig89E?feature=oembed&amp;rel=0" title="PASSENGERS | Trailer Deutsch German | HD 2016 | Chris Pratt &amp; Jennifer Lawrence" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Alles Weltvertrauen fängt an mit <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-macht-der-namen-einfuehrungsvortrag-zum-kit-berufs-und-medienethik-seminar-2022/">den Namen, zu denen sich Bilder entwerfen und Geschichten erzählen</a> lassen. Das gilt auch für die Passagiere in <em>“Passangers”</em>.</p> <p>Ohne die gesamte Handlung zu spoilern kann ich doch sagen, dass <strong>der gesamte Film mythologisch in einer Raumschiff-Arche namens “Avalon” </strong>(einer Insel der keltisch-arthurianischen Mythologie) spielt. Die Reisedauer zwischen der sterbenden Erde und einem neuen Sonnen(!)system beträgt demnach 120 Jahre – nach 1. Mose 6,3:</p> <p><em>“Da sprach der HERR: Die Menschen wollen sich von meinem Geist nicht mehr strafen lassen; denn sie sind Fleisch. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/40-jahre-pkc-synagoge-freudental-text-der-dualen-stiftungsrede-zu-juden-und-christentum-aschkenas-japhet-und-schem/">Ich will ihnen noch Frist geben hundertundzwanzig Jahre</a>.”</em><aside></aside></p> <p>Der ersterwachende Hauptheld heißt <strong>James “Jim” Preston </strong>und wird vom Schauspieler <strong>Chris Pratt </strong>verkörpert: <strong>James </strong>und dessen Kurform <strong>Jim</strong> sind dabei die englische Version von <strong>Jakob </strong>und zudem Namensgeber der <strong>King-James-Bibel</strong> (nach König <strong>Jakob I.</strong>). <strong><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Preston">Preston</a> </strong>ist wiederum eine britische Stadt, die das Jesus-Lamm im Wappen trägt und über eine der höchsten Kirchen Großbritanniens verfügt. Fun Fact: Die knapp einhunderttausend Seelen zählende Stadt wurde 2016, im Jahr des Erscheinens von <em>“Passengers”</em> auch noch Sitz der Eparchie Großbritannien der mit Rom unierten Syro-malabarischen Kirche.</p> <p>Die zweite Hauptfigur ist <strong>Aurora Lane</strong>, gespielt von der bekannten Schauspielerin <strong>Jennifer Lawrence</strong>. <strong>Aurora </strong>ist dabei der Name der römischen Göttin der Morgenröte und <strong>Lois Lane</strong> war die Partnerin und später auch Ehefrau von <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mit-gelbem-juden-stern-markiert-als-superman-bildmontage-im-filmmengen-paradox/"><strong>Superman</strong></a>.</p> <p>Die Namensbetrachtungen ließen sich noch lange weiterführen (<strong>Arthur</strong> = <strong>König Arthus &amp; Avalon</strong>, <strong>Gus = Augustus</strong> usw.), aber nicht weniger spannend sind <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/uebers-wasser-reden-vom-raumschiff-erde-und-der-weisheit-der-thora-bibel/">die biblisch-mythologisch erzählten Elemente</a>: Licht und Dunkelheit, das gefährliche Feuer und das ambivalente Wasser.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/uebers-wasser-reden-vom-raumschiff-erde-und-der-weisheit-der-thora-bibel/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Auf einem Fernseher sehen wir eine Filmszene aus &quot;Passengers&quot; (2016), in dem sich das lebensspendende Wasser bei Ausfall des Gravitationssystems plötzlich zu einer lebensbedrohlichen Katastrophe für die Schwimmerin Aurora Lane verwandelt." decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2067-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2067-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2067-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2067-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2067-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2067-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2067-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/uebers-wasser-reden-vom-raumschiff-erde-und-der-weisheit-der-thora-bibel/">Wasser bildet die Lebensquelle &amp; wird auch an Bord des Raumschiffs “Avalon” als Solarpunk-Arche durchweg positiv gezeigt, bis die Lebenserhaltungssysteme durchbrennen (!)</a>. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Der Spannungsbogen entsteht, in dem eine anfänglich kleine Störung zu einer zunehmend gefährlichen Überhitzung (!) der Arche-Lebenserhaltungssysteme führt. Heldin und Held müssen Verzweiflung, Reaktanz und Bequemlichkeit, Arm-Reich-Klassenunterschiede und Todesängste überwinden, um die Gefahr erkennen und das Raumschiff für alle Passagiere retten (und bepflanzen) zu können. Sie entdecken: Wir leben eben nicht nur in einer zu durchreisenden Raumzeit, sondern auch in einem begrenzten Zeitraum.</p> <p>Zeitlichkeit und Sinnfragen, digitale Vereinsamung, KI-Kokonisierung und Luxus ohne Gemeinschaft, KI-Technologie versus menschlicher Empathie, Technologieoffenheit und Nachhaltigkeit – dieser Film feiert die kalte Schönheit des Universums nicht nur, sondern durchmisst sie auch philosophisch. Ich gehe so weit als <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-und-solarpopper-wasserstoff-hoffnung-wunsiedel-bayern/"><em>“Solarpopper”</em></a> zu sagen, dass die Mythologie und Psychologie des “Solarpunk” hier nicht nur nahezu perfekt abgebildet, sondern utopisch erweitert wird. </p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/K79szfyxqf4?feature=oembed&amp;rel=0" title="Solarpunk-Filmtip: Passengers (2016) von Morten Tyldum &amp; Jon Spaiths" width="562"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Passengers 2016 von Morten Tyldum</h1><h2>By Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p><em>“Ich beneide Dich, Arthur.<br></br></em><em>Du hast eine Aufgabe. Du bist immer glücklich.”</em><br></br>– Die Autorin <strong>Aurora Lane </strong>zum KI-Barkeeper <strong>Arthur</strong> in <em>“Passengers”</em> (2016)</p> <p>Klar ist es möglich, sich der <em><strong>Solarpunk</strong>-Fantastik </em>nur über Texte zu nähern. Doch ich halte Bilder und Filme für eher noch wichtiger, beispielsweise den <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-hoffnung-statt-cyberpunk-verzweiflung-geburtenrueckgang-arche-regionen-und-dear-alice/">Dear Alice-Werbeclip</a>. Und wenn ich nach einem guten Solarpunk-Film für Einsteiger gefragt werde, dann empfehle ich <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Passengers_(2016)">den Science-Fiction-Film <strong><em>“Passengers”</em></strong> (2016)</a> unter der Regie des Norwegers <strong>Morten Tyldum</strong> und dem Drehbuch des US-Mythologen <strong>Jon Spaits</strong>.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/rsUZVCig89E?feature=oembed&amp;rel=0" title="PASSENGERS | Trailer Deutsch German | HD 2016 | Chris Pratt &amp; Jennifer Lawrence" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Alles Weltvertrauen fängt an mit <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-macht-der-namen-einfuehrungsvortrag-zum-kit-berufs-und-medienethik-seminar-2022/">den Namen, zu denen sich Bilder entwerfen und Geschichten erzählen</a> lassen. Das gilt auch für die Passagiere in <em>“Passangers”</em>.</p> <p>Ohne die gesamte Handlung zu spoilern kann ich doch sagen, dass <strong>der gesamte Film mythologisch in einer Raumschiff-Arche namens “Avalon” </strong>(einer Insel der keltisch-arthurianischen Mythologie) spielt. Die Reisedauer zwischen der sterbenden Erde und einem neuen Sonnen(!)system beträgt demnach 120 Jahre – nach 1. Mose 6,3:</p> <p><em>“Da sprach der HERR: Die Menschen wollen sich von meinem Geist nicht mehr strafen lassen; denn sie sind Fleisch. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/40-jahre-pkc-synagoge-freudental-text-der-dualen-stiftungsrede-zu-juden-und-christentum-aschkenas-japhet-und-schem/">Ich will ihnen noch Frist geben hundertundzwanzig Jahre</a>.”</em><aside></aside></p> <p>Der ersterwachende Hauptheld heißt <strong>James “Jim” Preston </strong>und wird vom Schauspieler <strong>Chris Pratt </strong>verkörpert: <strong>James </strong>und dessen Kurform <strong>Jim</strong> sind dabei die englische Version von <strong>Jakob </strong>und zudem Namensgeber der <strong>King-James-Bibel</strong> (nach König <strong>Jakob I.</strong>). <strong><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Preston">Preston</a> </strong>ist wiederum eine britische Stadt, die das Jesus-Lamm im Wappen trägt und über eine der höchsten Kirchen Großbritanniens verfügt. Fun Fact: Die knapp einhunderttausend Seelen zählende Stadt wurde 2016, im Jahr des Erscheinens von <em>“Passengers”</em> auch noch Sitz der Eparchie Großbritannien der mit Rom unierten Syro-malabarischen Kirche.</p> <p>Die zweite Hauptfigur ist <strong>Aurora Lane</strong>, gespielt von der bekannten Schauspielerin <strong>Jennifer Lawrence</strong>. <strong>Aurora </strong>ist dabei der Name der römischen Göttin der Morgenröte und <strong>Lois Lane</strong> war die Partnerin und später auch Ehefrau von <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mit-gelbem-juden-stern-markiert-als-superman-bildmontage-im-filmmengen-paradox/"><strong>Superman</strong></a>.</p> <p>Die Namensbetrachtungen ließen sich noch lange weiterführen (<strong>Arthur</strong> = <strong>König Arthus &amp; Avalon</strong>, <strong>Gus = Augustus</strong> usw.), aber nicht weniger spannend sind <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/uebers-wasser-reden-vom-raumschiff-erde-und-der-weisheit-der-thora-bibel/">die biblisch-mythologisch erzählten Elemente</a>: Licht und Dunkelheit, das gefährliche Feuer und das ambivalente Wasser.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/uebers-wasser-reden-vom-raumschiff-erde-und-der-weisheit-der-thora-bibel/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Auf einem Fernseher sehen wir eine Filmszene aus &quot;Passengers&quot; (2016), in dem sich das lebensspendende Wasser bei Ausfall des Gravitationssystems plötzlich zu einer lebensbedrohlichen Katastrophe für die Schwimmerin Aurora Lane verwandelt." decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2067-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2067-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2067-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2067-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2067-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2067-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2067-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/uebers-wasser-reden-vom-raumschiff-erde-und-der-weisheit-der-thora-bibel/">Wasser bildet die Lebensquelle &amp; wird auch an Bord des Raumschiffs “Avalon” als Solarpunk-Arche durchweg positiv gezeigt, bis die Lebenserhaltungssysteme durchbrennen (!)</a>. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Der Spannungsbogen entsteht, in dem eine anfänglich kleine Störung zu einer zunehmend gefährlichen Überhitzung (!) der Arche-Lebenserhaltungssysteme führt. Heldin und Held müssen Verzweiflung, Reaktanz und Bequemlichkeit, Arm-Reich-Klassenunterschiede und Todesängste überwinden, um die Gefahr erkennen und das Raumschiff für alle Passagiere retten (und bepflanzen) zu können. Sie entdecken: Wir leben eben nicht nur in einer zu durchreisenden Raumzeit, sondern auch in einem begrenzten Zeitraum.</p> <p>Zeitlichkeit und Sinnfragen, digitale Vereinsamung, KI-Kokonisierung und Luxus ohne Gemeinschaft, KI-Technologie versus menschlicher Empathie, Technologieoffenheit und Nachhaltigkeit – dieser Film feiert die kalte Schönheit des Universums nicht nur, sondern durchmisst sie auch philosophisch. Ich gehe so weit als <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-und-solarpopper-wasserstoff-hoffnung-wunsiedel-bayern/"><em>“Solarpopper”</em></a> zu sagen, dass die Mythologie und Psychologie des “Solarpunk” hier nicht nur nahezu perfekt abgebildet, sondern utopisch erweitert wird. </p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/K79szfyxqf4?feature=oembed&amp;rel=0" title="Solarpunk-Filmtip: Passengers (2016) von Morten Tyldum &amp; Jon Spaiths" width="562"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-arche-filmtip-passengers-von-2016-von-morten-tyldum-jon-spaits/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>27</slash:comments> </item> <item> <title>Lego-Cosmorama in Jena https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lego-cosmorama-in-jena/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lego-cosmorama-in-jena/#comments Sat, 22 Nov 2025 18:19:16 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12280 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161253-768x1024.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lego-cosmorama-in-jena/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161253.jpg" /><h1>Lego-Cosmorama in Jena » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Wie lockt man eine kleine Astronomin in ein Einkaufszentrum? … das ist beim besten Willen nicht leicht, da sich diese Sorte Mensch entweder arbeitend am Computer oder beim Spaziergang im Wald befindet. Shoppen ist für sie keine Freizeitbeschäftigung, sondern eher eine der Sachen, die eben gemacht werden müssen. ABER …</p> <h2 id="h-die-goethe-galerie-in-jena">Die Goethe-Galerie in Jena …</h2> <p>… ist ein Einkaufszentrum, das sich im Gebäude des ehemaligen <a href="https://www.zeiss.de/corporate/home.html">Zeiss</a>-Werks befindet und dort hat man den letzten klassisch-optomechanischen großen Zeiss-Planetariumsprojektor hingestellt, der vor der Glasfasertechnik gebaut wurde: Glühlampe statt LED, durchlöcherte Metallplättchen in den Bullaugen, flatschige Sternscheibchen im Dom, in Kombi mit klappernden Diaprojektoren in der Kuppel genutzt und von Computern gesteuert, die noch einen ganzen Raum füllten (statt wie heute ein Rack). Diesen Projektor für Großplanetarien gibt es nur ganze dreimal auf der Welt: in Auftrag gegeben für Planetarium Toronto, Kanada, wurde er in Jena in den 1980er Jahren entwickelt und gebaut. Der Prototyp kam natürlich – wie immer zu DDR-Zeiten – ins öffentliche <a href="https://planetarium-jena.de/">Planetarium Jena</a>. Ein weiteres Modell wurde anlässlich der 750 Jahr-Feier Berlins der Hauptstadt der DDR geschenkt, als diese 1987 ihr neues <a href="https://www.planetarium.berlin/zeiss-grossplanetarium">Zeiss-Großplanetarium</a> an einer von Honeckers Paradestraßen eröffnete. Alle drei Modelle sind heute außer Dienst in dem Sinn, dass sie nicht mehr in Planetarien zur Sternhimmelerklärung bereit stehen.</p> <p>In Jena allerdings – der Stadt, in der das moderne Projektionsplanetarium erfunden wurde – steht dieser Höhepunkt der Technikgeschichte in dem Einkaufszentrum, das früher Zeiss-Werk gewesen war, kann sich noch bewegen und tanzt einmal pro Stunde, während die deutsche Synchronstimme von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Figuren_im_Star-Trek-Universum#Commander_Spock">Mr Spock (TOS),</a> Herbert Weicker, aus StarTrek das “<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/2023/10/">Wunder von Jena</a>” erklärt. &lt;3</p> <h2>The Dream Machine</h2> <p>Dieser “letzte seiner Art” große Zeiss-Planetariumsprojektor in der GoeGa heißt “<strong>Cosmorama</strong>“. </p> <h2 id="h-limited-edition-von-lego">Limited Edition von Lego</h2> <p>In der GoeGa gibt es seit sechs Jahren auch einen Lego-Laden: Steinarium. Zur Feier dieses kleinen Jubiläums hat dieser Laden jetzt ein Lego-Cosmorama: das ist <strong><em>mit Abstand das beste Jena-Souvenir</em></strong>, das es jemals gegeben hat! <aside></aside></p> <p>Wie das Original ist auch dies eine “<strong>limited edition</strong>“; es gibt allerdings mehr als drei: 500 Stück. </p> <p>Vermouthstropfen dabei: </p> <p>Leider gibt es diesen <strong>Lego-Satz <em>nicht</em> zu kaufen</strong>. Man erhält ihn <em>als Geschenk</em>, wenn man für mind. 30 Euro Lego kauft. Also: in meiner Familie muss jemand offenbar dieses Jahr dringend Lego zu Weihnachten bekommen. </p> <p>Hoffnung</p> <p>Es könnte natürlich sein, dass es später einmal einen Lego-Satz “Planetariumsprojektor” geben wird, aber sicher ist das nicht. In der Welthauptstadt des <a href="https://www.zeiss.de/planetariums/home.html">Zeiss-Planetarium</a>s war dies genau das Gadget, das der Stadt bisher fehlte. Ich hoffe für Jena, dass sich mal irgendwer erbarmt und sowas für den Souvenirshop herstellt – denn bisher gibt’s dort nur langweilige Schlüsselanhänger und eine Keksdose in Form der “Keksrolle” JenTower. Ein bisschen mehr Astro-, Optik- und Planetariums-Marketing würde Zeiss-City vermutlich gut tun (behaupte ich mal als nicht-Jenenser Jenaerin &amp; Weltenbummlerin). </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249.jpg 1280w" width="1024"></img></a></figure> <p><strong>Disclaimer: </strong>Die Firma Zeiss hat mich noch nie bezahlt. Dort arbeiten keine Astronomen (vor allem nicht Frauen im Vorstand, obwohl ich ein Zeiss-Vorstandsgehalt und Jobsicherheit sicher verdienen würde ;)). Astronomie setzt nur die Maßstäbe, an denen sich dieses Weltklasseunternehmen orientiert. Darum weiß ich zwar die hochwertigen Produkte der Firma zu schätzen (obwohl meine Brillengläser aus der geheimen zweiten Optikhauptstadt <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/teleskop-unterm-mikroskop/">Rathenow</a> sind und nicht von Zeiss) und bin selbst beruflich das Produkt des Cosmoramas (weil es mich als Achtjährige inspirierte, einen naturwissenschaftlichen Beruf erlernen zu wollen), aber wenn ich hier schreibe, dass ein Zeiss-Produkt gut ist, bekomme ich dafür keine Tantiemen. </p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161253.jpg" /><h1>Lego-Cosmorama in Jena » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Wie lockt man eine kleine Astronomin in ein Einkaufszentrum? … das ist beim besten Willen nicht leicht, da sich diese Sorte Mensch entweder arbeitend am Computer oder beim Spaziergang im Wald befindet. Shoppen ist für sie keine Freizeitbeschäftigung, sondern eher eine der Sachen, die eben gemacht werden müssen. ABER …</p> <h2 id="h-die-goethe-galerie-in-jena">Die Goethe-Galerie in Jena …</h2> <p>… ist ein Einkaufszentrum, das sich im Gebäude des ehemaligen <a href="https://www.zeiss.de/corporate/home.html">Zeiss</a>-Werks befindet und dort hat man den letzten klassisch-optomechanischen großen Zeiss-Planetariumsprojektor hingestellt, der vor der Glasfasertechnik gebaut wurde: Glühlampe statt LED, durchlöcherte Metallplättchen in den Bullaugen, flatschige Sternscheibchen im Dom, in Kombi mit klappernden Diaprojektoren in der Kuppel genutzt und von Computern gesteuert, die noch einen ganzen Raum füllten (statt wie heute ein Rack). Diesen Projektor für Großplanetarien gibt es nur ganze dreimal auf der Welt: in Auftrag gegeben für Planetarium Toronto, Kanada, wurde er in Jena in den 1980er Jahren entwickelt und gebaut. Der Prototyp kam natürlich – wie immer zu DDR-Zeiten – ins öffentliche <a href="https://planetarium-jena.de/">Planetarium Jena</a>. Ein weiteres Modell wurde anlässlich der 750 Jahr-Feier Berlins der Hauptstadt der DDR geschenkt, als diese 1987 ihr neues <a href="https://www.planetarium.berlin/zeiss-grossplanetarium">Zeiss-Großplanetarium</a> an einer von Honeckers Paradestraßen eröffnete. Alle drei Modelle sind heute außer Dienst in dem Sinn, dass sie nicht mehr in Planetarien zur Sternhimmelerklärung bereit stehen.</p> <p>In Jena allerdings – der Stadt, in der das moderne Projektionsplanetarium erfunden wurde – steht dieser Höhepunkt der Technikgeschichte in dem Einkaufszentrum, das früher Zeiss-Werk gewesen war, kann sich noch bewegen und tanzt einmal pro Stunde, während die deutsche Synchronstimme von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Figuren_im_Star-Trek-Universum#Commander_Spock">Mr Spock (TOS),</a> Herbert Weicker, aus StarTrek das “<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/2023/10/">Wunder von Jena</a>” erklärt. &lt;3</p> <h2>The Dream Machine</h2> <p>Dieser “letzte seiner Art” große Zeiss-Planetariumsprojektor in der GoeGa heißt “<strong>Cosmorama</strong>“. </p> <h2 id="h-limited-edition-von-lego">Limited Edition von Lego</h2> <p>In der GoeGa gibt es seit sechs Jahren auch einen Lego-Laden: Steinarium. Zur Feier dieses kleinen Jubiläums hat dieser Laden jetzt ein Lego-Cosmorama: das ist <strong><em>mit Abstand das beste Jena-Souvenir</em></strong>, das es jemals gegeben hat! <aside></aside></p> <p>Wie das Original ist auch dies eine “<strong>limited edition</strong>“; es gibt allerdings mehr als drei: 500 Stück. </p> <p>Vermouthstropfen dabei: </p> <p>Leider gibt es diesen <strong>Lego-Satz <em>nicht</em> zu kaufen</strong>. Man erhält ihn <em>als Geschenk</em>, wenn man für mind. 30 Euro Lego kauft. Also: in meiner Familie muss jemand offenbar dieses Jahr dringend Lego zu Weihnachten bekommen. </p> <p>Hoffnung</p> <p>Es könnte natürlich sein, dass es später einmal einen Lego-Satz “Planetariumsprojektor” geben wird, aber sicher ist das nicht. In der Welthauptstadt des <a href="https://www.zeiss.de/planetariums/home.html">Zeiss-Planetarium</a>s war dies genau das Gadget, das der Stadt bisher fehlte. Ich hoffe für Jena, dass sich mal irgendwer erbarmt und sowas für den Souvenirshop herstellt – denn bisher gibt’s dort nur langweilige Schlüsselanhänger und eine Keksdose in Form der “Keksrolle” JenTower. Ein bisschen mehr Astro-, Optik- und Planetariums-Marketing würde Zeiss-City vermutlich gut tun (behaupte ich mal als nicht-Jenenser Jenaerin &amp; Weltenbummlerin). </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249.jpg 1280w" width="1024"></img></a></figure> <p><strong>Disclaimer: </strong>Die Firma Zeiss hat mich noch nie bezahlt. Dort arbeiten keine Astronomen (vor allem nicht Frauen im Vorstand, obwohl ich ein Zeiss-Vorstandsgehalt und Jobsicherheit sicher verdienen würde ;)). Astronomie setzt nur die Maßstäbe, an denen sich dieses Weltklasseunternehmen orientiert. Darum weiß ich zwar die hochwertigen Produkte der Firma zu schätzen (obwohl meine Brillengläser aus der geheimen zweiten Optikhauptstadt <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/teleskop-unterm-mikroskop/">Rathenow</a> sind und nicht von Zeiss) und bin selbst beruflich das Produkt des Cosmoramas (weil es mich als Achtjährige inspirierte, einen naturwissenschaftlichen Beruf erlernen zu wollen), aber wenn ich hier schreibe, dass ein Zeiss-Produkt gut ist, bekomme ich dafür keine Tantiemen. </p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lego-cosmorama-in-jena/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>5</slash:comments> </item> <item> <title>3. Berliner Bauherrentag – Bauen neu denken! https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/3-berliner-bauherrentag-bauen-neu-denken/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/3-berliner-bauherrentag-bauen-neu-denken/#comments Fri, 21 Nov 2025 22:38:41 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3720 <h1>3. Berliner Bauherrentag – Bauen neu denken! » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Am 5. November fand in diesem Jahr der 3. Berliner Bauherrentag statt, diesmal in der Beuth Halle an der Berliner Hochschule für Technik. Auch in diesem Jahr standen sowohl die Schadstoffe beim Bauen im Bestand als auch möglichst kostenreduziertes Bauen und die Kreislaufwirtschaft im Fokus. Die Beuth Halle direkt an der Berliner Hochschule konnte als alte Werkshalle durchaus mit dem alten Hubertusbad mithalten und bot zudem eine deutlich bessere Akustik.</p> <p>Nach der Begrüßung durch den Vizepräsidenten der Berliner Hochschule für Technik, Prof. Joachim Villwock und den Vorsitzenden der Fördergemeinschaft Bauwesen, Bernd Ahlsdorf sollte Holger Gültzow von der Fachgemeinschaft Bau den ersten Block über die Anforderungen der Schadstoffsanierung im Bestandsbau eröffnen. Getreu dem Motto: Bauen neu denken!</p> <h2 id="h-bauen-im-bestand-und-schadstoffe">Bauen im Bestand und Schadstoffe</h2> <p>Bernd Ahlsdorf brachte uns in seinem Beitrag die Herausforderung dar, welche die Gebäudeschadstoffe und die Kreislaufwirtschaft gerade für die Bauunternehmen darstellen. Dabei stellen unsere Gebäude durchaus bedeutende Rohstofflager für die Zukunft dar, die man keinesfalls unterschätzen sollte. Diese Rohstoffe werden einerseits zu ihrem Bau verbraucht und werden daher immer knapper, beispielsweise Sand und Kies. Dagegen stehen rund 80 Mio. Tonnen Bauschutt, die jedes Jahr anfallen. Diese könnten durchaus zumindest einen Teil der Rohstoffe ersetzen oder zumindest ergänzen. Doch auch wenn die Recyclingquote durchaus hoch ist, handelt es sich dabei meist nicht um hochwertige Recyclingbaustoffe, sondern in der Regel um minderwertige Produkte, sogenanntes Downcycling.</p> <h3 id="h-gebaudeschadstoffe-sind-uberall">Gebäudeschadstoffe sind überall</h3> <p>Wichtig ist dabei auch immer, die Ausschleusung von alten Gebäudeschadstoffen wie etwa Asbest im Auge zu behalten. Das ist leider nicht immer allen Beteiligten klar, denn in der aktuellen Gefahrstoffverordnung wurde die Bauherrenverantwortung abgeschwächt, ich hatte das Thema hier im Blog ja auch schon verschiedentlich aufgegriffen. Aktuell muss so der Auftraggeber dem ausführenden Unternehmen nur noch entsprechende Informationen zur Verfügung stellen. Der Unternehmer ist dann in der Pflicht, die ihm zur Verfügung gestellten Informationen dahingehend zu prüfen, ob bei den Tätigkeiten Gefahrstoffe freigesetzt und eine Gesundheitsgefahr für die Beschäftigten bestehen könnte.</p> <p>Das wirft dann eine Menge weiterer Fragen auf. Aber ganz allgemein, wie können Handwerksbetriebe den neuen Anforderungen der Gefahrstoffverordnung gerecht werden? Wie sieht es mit Altbausanierungen aus? Können diese in Zukunft nur noch durch Spezialbetriebe ausgeführt werden? Wie funktioniert eine fachgerechte Entsorgung asbesthaltiger Materialien?<aside></aside></p> <p>Und schließlich haben wir über die Zeit eine recht ansehnliche Palette an Gefahrstoffen in unseren Gebäuden verbaut. Das fängt bei meinem Lieblingsschadstoff, der ehemaligen Wunderfaser Asbest an und geht über PAK (früher auch als „Teer“ bekannt) und PCB bis hin zu diversen Pestiziden oder PCP.</p> <p>Dabei kommen auch die jeweils schadstoffspezifischen Verwendungszeiträume zum Tragen. Und um die Sache noch etwas komplizierter zu machen, kann dabei sogar die Wiedervereinigung eine Rolle spielen, denn manche Stoffe wurden z.B. in der alten Bundesrepublik deutlich früher verboten als in der ehemaligen DDR, so etwa DDT oder auch die PCP und Lindan.</p> <h3 id="h-pak-pcp-lindan-und-asbest">PAK, PCP, Lindan und Asbest</h3> <p>Die Polycyclischen aromatischen Kohlenwasserstoffe, kurz PAK, waren früher auch als „Teer“ bekannt. Verwendet wurden sie gerne in schwarzen Klebern oder Anstrichen, aber auch in Dachpappen und Dichtungsbahnen, Asphaltestrichen oder Holzschutzmitteln.</p> <p>Pentachlorphenol, kurz PCP findet man in dauerelastischen Dichtungsmassen in Gebäudetrennfugen, aber auch in Brandschutzanstrichen, Kondensatoren, Buntsteinputz oder Vergussmasse. Lindan und andere Pestizide sind in Holzschutzmitteln zu finden, aber auch in Farben, Lacken und Bodenbelägen. Sie wurden gerne gegen Insektenbefall und als Pflanzenschutzmittel eingesetzt.</p> <p>Und wo überall Asbest zu finden sein kann, habe ich hier im Blog schon zu diversen Gelegenheiten dargelegt. Um es kurz zu machen, es gibt über 3000 bauchemische Produkte, in denen die ehemalige Wunderfaser eingesetzt wurde. Darunter Putze, Spachtelmassen, Fliesenkleber, Brandschutzplatten, Pappen, Vliese, Dichtschnüre, im Brandschutz oder in Bodenbelägen und deren Klebern. Und nicht zuletzt die bekannteste Verwendung als Asbestzement. In der Dämmung findet man auch gerne sogenannte „alte“ Mineralwolle, die vor dem Mai 2000 in Verkehr gebracht wurde und entsprechend nicht über ein RAL Gütezeichen verfügt.</p> <h3 id="h-asbest-eine-lauernde-gefahr">Asbest – eine lauernde Gefahr</h3> <p>Wenn man sich die Altersverteilung unserer Bestandsgebäude in der Bundesrepublik so ansieht, so fällt einem eines auf. Ein sehr großer Teil ist vor dem Verwendungsverbot von Asbest im Jahr 1993 errichtet worden. Das bedeutet, dass vermutlich in den meisten Gebäuden, also allen, deren Baubeginn vor 1993 lag, Asbest zu finden sein dürfte. In vielen Fällen vermutlich sogar noch in einem Zeitraum bis 1995, wenn man noch diverse „ich hab da noch etwas auf Lager“ Fälle mit einberechnet.</p> <p>Diese lauernde Gefahr durch Asbest ist nicht zu unterschätzen. Denn es ist auch auffällig, dass wir immer noch pro Jahr rund über 3000 Fälle von asbestbedingten Berufskrankheiten haben. Immerhin ist das Verbot auch schon über 30 Jahre her. Wenn man die Schwere der von Asbest ausgelösten Krankheiten betrachtet, sind das auf jeden Fall immer noch zu viel, zumal die Dunkelziffer vermutlich höher liegt.</p> <h4 id="h-unbeabsichtigte-asbestbelastung-schon-bei-einfachen-tatigkeiten">unbeabsichtigte Asbestbelastung schon bei einfachen Tätigkeiten</h4> <p>Das kann unter anderem sicher auch daran liegen, dass man schnell unabsichtlich mit Asbest im Berührung kommen kann, selbst wenn man nur relativ überschaubare Tätigkeiten, etwa als Heimwerker durchführt.</p> <p>Hat man etwa eine Tapete über asbesthaltigem Spachtel und möchte diese gerne abreißen, können dabei bis zu 5000 Fasern /m³ in die Luft gelangen, selbst wenn der asbesthaltige Spachtel nur 10 bis 20 % der Fläche einnimmt.</p> <p>Bohrt man hingegen ein Loch in einen Fliesenspiegel, der mit asbesthaltigem Fliesenkleber befestigt wurde, können es schon rund 36 000 Fasern / m³ sein. Holt man diese Fliesen später großflächig von der Wand, reden wir über 77 000 Fasern /m³.</p> <p>Und bevor jetzt jemand meint, die asbesthaltigen Spachtel oder Fliesenkleber einfach abschleifen zu wollen. Dabei werden rund 1,5 Mio. Fasern / m³ freigesetzt.</p> <p>Der Umgang mit Gefahrstoffen ist durch verschiedene Gesetze und Verordnungen geregelt. Ziemlich zentral ist hier die gerade (2024) frisch erneuerte Gefahrstoffverordnung, die hier auf dem Blog ja schon öfter Thema war. Sie regelt die Mitwirkungs- und Informationspflichten für den Veranlasser von Baumaßmaßnahmen, aber sie bürdet den ausführenden Firmen auch einiges an Verantwortung auf, wie etwa die Gefährdungsbeurteilung.</p> <h3 id="h-und-was-ist-mit-handwerksbetrieben">Und was ist mit Handwerksbetrieben?</h3> <p>Weiterhin regelt sich auch die Ausnahmen für Abbruch, Sanierung und Instandhaltung. Hier ist für Handwerksbetriebe besonders wichtig, dass handwerksnahe Tätigkeiten beim Bauen im Bestand erlaubt sind.</p> <p>Gleichzeitig sind Tätigkeiten im Bereich des hohen Risikos, also bei Freisetzung von mehr als 100 000 Fasern / m³ nur zertifizierten Sanierungsfachbetrieben mit entsprechender Ausrüstung und Zulassung erlaubt. Und wie wir oben gesehen haben, könne diese Faserzahlen durchaus schon bei vergleichsweise einfachen Tätigkeiten erreicht werden.</p> <p>Gerade für den Bereich des mittleren Risikos, also für Faserzahlen zwischen 10 000 und 100 000 Fasern / m³ kann es aber für Handwerksbetriebe einige Lösungen geben. So eigne sich etwa staubarme oder brucharme Verfahren, wenn sie als geprüfte emissionsarme Verfahren gelten. Bei Arbeiten in Innenräumen können entsprechend die Arbeitsbereiche abgeschottet werden, der Zugang wird dann über Schleusen (mindestens Ein-Kammer-Schleusen) geregelt. Luftwechsel, mindestens 8-fach pro Stunde und eine entsprechende persönliche Schutzausrüstung.</p> <p>Als Fazit lässt sich sagen, dass eine Schadstofferkundung, Sanierungsplanung und ein entsprechendes Entsorgungs- bzw. Verwertungskonzept vor einer Störung des Bauablaufs schützt, die Bau- und Entsorgungskosten reduziert und entsprechend Probleme mit dem Arbeits- und Nutzerschutz verhindert. Außerdem verbessert sie die Recyclingfähigkeit der Bauabfälle.</p> <h2 id="h-arbeitsschutz-nach-der-novellierten-gefahrstoffverordnung">Arbeitsschutz nach der novellierten Gefahrstoffverordnung</h2> <p>Im Folgenden ging es um die im letzten Jahr frisch novellierte Gefahrstoffverordnung und ihre Bedeutung für den Arbeitsschutz. Berit Schuchmann von der BG Bau setzte uns hier ins Bild.</p> <p>Die Gefahrstoffverordnung sorgt immer noch für Informationsbedarf. Da ist zum einen das risikobezogene Maßnahmenkonzept mit seinen drei Stufen vom niedrigen über das mittlere hin zum hohen Risiko. Gleichzeitig wurden hier die Veranlasserpflichten eingeführt (und gleich auch wieder abgeschwächt) sowie neue Regelungen für Asbest eingeführt.</p> <p>Das risikobezogene Maßnahmenkonzept besteht aus den stoffübergreifenden Risikogrenzen. Das Akzeptanzrisiko liegt bei unter 4:10 000, was für Asbest zum Beispiel eine Faserkonzentration von weniger als 10 000 Fasern je m³ bedeutet. Alles darunter ist im Bereich des niedrigen Risikos, alles darüber der des mittleren Risikos. Oberhalb des Toleranzrisikos von 4 : 1000 beginnt der Bereich des hohen Risikos, was für Asbest eine Faserkonzentration von 100 000 Fasern je m³ bedeutet.</p> <p>Die Mitwirkungs- und Informationspflichten des Veranlassers waren hier im Blog auch schon öfters Thema. Sie wurden erst mit großem Getöse eingeführt. Der Veranlasser von Baumaßnahmen hat dem beauftragten Unternehmer Informationen bezüglich der Baugeschichte und vorhandenen oder auch vermuteten Schadstoffen zur Verfügung zu stellen.</p> <p>Leider wurden diese dann auch ebenso schnell wieder abgeschwächt, denn dies gilt, wenn diese Informationen in zumutbarem Aufwand zugänglich sind…</p> <p>er Unternehmer hat diese Informationen zu prüfen, ob sie plausibel sind und ob sie zur Gefährdungsabschätzung ausreichend sind. Gegebenenfalls hat er zu prüfen, ob im Rahmen der geplanten Tätigkeiten Schadstoffe freigesetzt werden können und ob die Tätigkeiten zulässig sind. Dabei hat er, wenn eigene Kenntnisse nicht ausreichen, auch externen Sachverstand mit hinzuzuziehen.</p> <h3 id="h-verwendungs-und-tatigkeitsbeschrankungen-bei-asbest">Verwendungs – und Tätigkeitsbeschränkungen bei Asbest</h3> <p>In § 11 werden die Verwendungsbeschränkungen und Tätigkeitsbeschränkungen für Asbest beschrieben. Eigentlich sollte das klar sein, aber manches muss doch immer wieder gesagt werden. So ist die Gewinnung, Aufbereitung, Wiederverwendung und Weiterverarbeitung von natürlich vorkommenden mineralischen Rohstoffen und daraus hergestellten Gemischen und Erzeugnissen mit einem Massengehalt von mehr als 0,1 % Asbest verboten.</p> <p>Ebenso verboten ist die weitere Verwendung von asbesthaltigen Materialien, denen Asbest absichtlich zugesetzt wurde und die bei Tätigkeiten anfallen. Ausgenommen sind die Abfallbehandlung und die Abfallentsorgung.</p> <p>Ebenfalls verboten sind Tätigkeiten mit asbesthaltigen Materialien in baulichen oder technischen Anlagen.</p> <p>Wie immer gibt es auch hier Ausnahmen. So ist das vollständige Entfernen von asbesthaltigen Bauteilen oder Materialien selbstverständlich weiterhin möglich, auch in Teilbereichen.</p> <p>Auch Sanierungsarbeiten, d.h. Maßnahmen zur Vermeidung von Gefährdungen der Nutzer, z.B. durch räumliche Trennung, wenn z.B. eine vollständige Entfernung des asbesthaltigen Materials aus technischen Gründen nicht möglich ist. Dies gilt auch für Sofortmaßnahmen zur Sicherung beschädigter asbesthaltiger Bauteile. Hier ist unverzüglich mit der Entfernung zu beginnen.</p> <h3 id="h-anforderungen-an-tatigkeiten-mit-asbest">Anforderungen an Tätigkeiten mit Asbest</h3> <p>Nach Möglichkeit sind immer Verfahren anzuwenden, die eine Faserfreisetzung verhindern oder zumindest minimieren. Darüber hinaus gelten die risikobasierten Schutzmaßnahmen und Qualifikationsanforderungen. Für Arbeiten mit Expositionen unter 1000 Fasern pro m³ gelten keine asbestspezifischen Anforderungen.</p> <p>Der Arbeitgeber hat hier die Aufgabe, im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung festzustellen, ob die Tätigkeiten überhaupt zulässig sind und ob sie zu einer Faserfreisetzung führen können. Weiterhin muss er festlegen, ob die Tätigkeiten in Bereichen mit geringer, mittlerer oder hoher Gefährdung durchgeführt werden und welche Schutzmaßnahmen dafür vorgesehen sind. Außerdem muss er einen Arbeitsplan erstellen.</p> <p><span>Die Zulassung für Tätigkeiten mit hohem Risiko gilt für 6 Jahre und kann w</span><span>iderrufen werden</span></p> <p>Die beteiligten Personen müssen, je nach Risikoabschätzung, unterschiedliche Qualifikationen mitbringen. Diese werden auch bei der BG Bau als Fortbildung angeboten, zum Beispiel als Grundkenntnisse Asbest mit 5 Lerneinheiten Theorie und 5 Lerneinheiten Praxis, Je Lerneinheit 45 min.</p> <p>Zusätzlich bietet die BG Bau auch Schutzpakete für das Bauen im Bestand an, welche unter anderem Handmaschinen mit Absaugung, Entstauber der Klasse H, Einwegschutzanzüge und Einkammerschleusen beinhaltet.</p> <h2 id="h-schadstoffsanierung-am-beispiel-flughafen-tegel">Schadstoffsanierung am Beispiel Flughafen Tegel</h2> <p>Der Flughafen Tegel , Terminal A, war ja auch schon auf dem letzten Bauherrentag ein Thema. Und da es sich hier um ein e herausforderndes Projekt mit einer Menge an Bauschadstoffen handelt, das es so in der Form und Größe in der Bundesrepublik vermutlich so nicht wieder geben wird, auch in diesem Jahr wieder Thema. Denis Zurek von der Kluge Sanierung GmbH brachte uns auf den neuesten Stand.</p> <p>Das zweigeschossige, sechseckige Ringebäude stammt aus dem Bauzeitraum 1969 bis 1972 und hat einen Umfang von750 m. Errichtet wurde es in Stahlbeton-Skelett Bauweise auf einem massiven Kellergeschoss.</p> <h4 id="h-abfallreduzierung-durch-auswahl-des-strahlverfahrens">Abfallreduzierung durch Auswahl des Strahlverfahrens</h4> <p>Innerhalb von 15 Monaten sollte hier eine Schadstofffreiheit hergestellt werden. Das bedeutete einen hohen Einsatz an Personal, aber vor allem auch an Gerät, die über den gesamten Projektzeitraum vor Ort vorgehalten werden mussten. Dabei galt es, ein möglichst optimale Lösung zwischen einer minimalen Umweltbelastung, sprich: Abfallvermeidung, aber auch hoher Wirtschaftlichkeit und Funktionalität zu finden.</p> <p>Ein gutes Beispiel hierfür ist der asbesthaltige Mörtel, der in dem Gebäude zur Füllung von Fehlstellen im Beton großflächig eingesetzt worden war. Dabei ging es um rund 70 000 Quadratmeter Fläche, was in etwa 10 Fußballfeldern entspricht. Wenn man von rund 2 mm Betonabtrag ausgeht, kommen bei der Dichte von Beton bei 2400 kg/m³ rund 4,8 kg je m³ und insgesamt 333 000 kg Material, die als gefährlicher Abfall auf die Deponie gebracht werden müssen.</p> <p>Bei Anwendung eines klassischen Strahlverfahrens würden zusätzlich ca. 15 bis 20 kg Strahlmittel pro m² verbraucht, was noch einmal 1 050 000 kg gefährlichen Abfall bedeutet hätte.<br></br>Bei Anwendung eines Mehrweg-Strahlmittels konnte diese Abfallmenge deutlich reduziert werden, da nur 0,2 kg Strahlmittel je m² verbraucht wurden, was insgesamt 14 t Abfall bedeutete. Es mussten am Schluss also nur 350 t gefährlicher Abfall deponiert werden, anstatt der ursprünglichen 1 386 t.</p> <p>Bei der Anschließenden Podiumsdiskussion ging es hauptsächlich um die Frage, ob die Handwerksbetriebe den heutigen Anforderungen hinsichtlich der Schadstoffe im Bestandsbau überhaupt noch gerecht werden können. Ich denke, die Frage lässt sich durchaus mit ja beantworten. Zumindest wenn die Fortbildungsangebote zum Beispiel der BG Bau sowie die dort auch angebotenen Schutzpakete entsprechend angenommen werden. Es stellt sich ja auch die Frage, wer, wenn nicht die Handwerksbetriebe.</p> <h2>Kreislaufwirtschaft – Potentiale, Pflichten und Perspektiven</h2> <p>Wenn man über Bauen, und hier vor allem über Bauen im Bestand spricht, kommt man um die Kreislaufwirtschaft nicht herum. Kai Kummert von der Berliner Hochschule für Technik sieht die Kreislaufwirtschaft entsprechend auch zusammen mit der Nachhaltigkeit als Schlüsselthema.</p> <p>Man muss sich auch nur mal die Zahlen vor Augen halten. Rund 90 % der inländischen mineralischen Rohstoffe werden von der Bauwirtschaft verbraucht. Rund 40 % der Treihausgasemissionen gehen auf das Konto der Herstellung, Einrichtung, Modernisierung, Nutzung und Betrieb von Gebäuden.</p> <p>Der deutsche Gebäudebestand besteht aus rund 15 Mrd. t Material, davon alleine stellen die mineralischen Materialien wie Beton; Ziegel und Co. Gut 90 %. Und das Ganze ist ja nicht statisch. Jährlich kommen 500 Mio. t Material im Neubau hinzu, gleichzeitig fallen durch Rückbau, Umbau und so weiter auch 230 Mio. t Bauabfälle an. Man kann sich also unschwer vorstellen, dass hier ein enormes Rohstoffpotential schlummert.</p> <p>Dabei erfordert die Kreislaufwirtschaft einen Paradigmenwechsel, der bereits früh in der Produktionskette ansetzen muss. Aber auch ein Umdenken im Sinne einer Strategie, die ältere Gebäude ertüchtigt, gegebenenfalls umnutzt oder auch anfallende Materialien direkt wiederverwendet. Am Schluss muss dann natürlich eine stoffliche oder energetische Wiederverwertung oder gegebenenfalls eine industrielle Aufarbeitung stehen.</p> <p>Eine Schlüsselposition wird hier die Europäische Zentralbank einnehmen, welche nicht-nachhaltige „grüne“ Bauprojekte mit Zinsvorteilen belohnt, so dass diese an billigeres Geld kommen als entsprechende nicht-nachhaltige Projekte. Damit wird laut Herrn Kummert die Nachhaltigkeit über den Zins zum neuen Preis des Geldes werden.</p> <h2 id="h-nachhaltig-planen-wirtschaftlich-bauen">Nachhaltig Planen – Wirtschaftlich Bauen</h2> <p>Das Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit beim Bauen kein Widerspruch sind, zeigte auch der Beitrag von Fritz Breitenthaler von der BauWerke GmbH. Denn die Preise für das Bauen steigen in Deutschland schneller als die allgemeine Preissteigerung, und dabei bleibt es relativ egal, ob man nun den Wohnungsbau, den Bau von Bürogebäuden oder den Straßenbau betrachtet.</p> <p>Wenn man aber die Definitionen von Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit gegenüberstellt, so fallen einem viele Parallelen auf.</p> <p>Bei Nachhaltigkeit steht der Nutzen bzw. der Ertrag gegenüber dem Aufwand im Vordergrund, es geht um eine möglichst langfristige Befriedigung eines Bedarfs und die Werthaltigkeit von Investitionen und um einen Wertschöpfungszuwachs durch eine Steigerung der Effizienz.</p> <p>Für Nachhaltigkeit findet sich eine möglichst langfristige Bewirtschaftung, ähnlich wie in der Forstwirtschaft, wo heute Bäume gepflanzt werden, die erst spätere Generationen als Nutzholz ernten können. Es geht um den Erhalt von Grundlagen und einen Wertschöpfungszuwachs durch eine Steigerung der Effizienz. Schon hier kann man gut erkennen, dass die beiden Begriffe durchaus parallel gehen und kein Widerspruch sein müssen. Je früher man die Nachhaltigkeitsziele in seine Planung einbezieht, desto besser. Man kann schon bei der Materialauswahl eine spätere Recyclingfähigkeit oder eine Drittverwendungsfähigkeit einplanen. Materialien sollten möglichst langlebig sein und / oder regional bezogen werden. Es zählt immer die Planung des gesamten Lebenszyklus.</p> <h2 id="h-moglichkeiten-im-holzbau-heute">Möglichkeiten im Holzbau heute</h2> <p>Ein Baustoff, der heute zumindest in meinen Augen immer noch etwas zu kurz kommt, ist Holz. Dass da aber einiges in Bewegung ist, weiß ich durchaus aus eigener Erfahrung. Ich lebe, zumindest teilweise, in einem architektonisch modernen Haus aus Holz. Johannes Lederbauer von der WIHAG sieht ebenfalls eine große Chance für das Bauen aus Holz im Zeitalter der Nachhaltigkeit. Wobei er sich allerdings nicht mit kleinen Wohnhäusern abgibt, sondern in ganz anderen Dimensionen denkt.</p> <p>Immerhin ist alleine die Bauwirtschaft für 38 % der CO2 Emissionen weltweit verantwortlich. Davon entfallen 26 % auf den Betrieb der Gebäude, also das Heizen und so weiter, während 12 % aus der Produktion der Baumaterialien stammen. Zum Vergleich, die Luftfahrt ist mit 3,5 % an den CO2 Emissionen beteiligt. Das alleine sollte deutlich machen, wie groß hier der Hebel sein kann, möglichst klimaschonende Baustoffe einzusetzen.</p> <h4 id="h-holza-als-klimaneutraler-baustoff">Holza als klimaneutraler Baustoff</h4> <p>Da kommt Holz als vergleichsweise CO2 neutraler Baustoff ganz gelegen, denn gerade junge Bäume speichern relativ viel Kohlendioxid. Diese Speicherung lässt sich gut für langlebige Holzprodukte nutzen. Dadurch verlängert sich die Speicherung des ursprünglich von den Bäumen aufgenommenen Kohlendioxids zumindest über den Zeitraum der Nutzungsdauer, bei anschließendem Recycling des Materials sogar noch darüber hinaus. Das gilt natürlich ganz besonders für Holz aus nachhaltigem Anbau, daher ist die WIHAG auch Partner der Schweizer Timber Finance Initiative (THI), welche die weltweit erste Methode entwickelt hat, um langlebige Produkte aus Biomasse als hochwertige CO2 Speicher zu zertifizieren und am freiwilligen CO2 Markt zu verkaufen. Das kann für die Bauwirtschaft einen durchaus attraktiven Erlös darstellen.</p> <p>Es wurden auch einige interessante Gebäude aus Holz vorgestellt, so etwa das Timber Pioneer in Frankfurt, ein Bürogebäude in Holz-Hybridbauwiese mit 8 Stockwerken und 30 m Höhe mit rund 15 000 m² Nutzfläche. Auch die Geschäfststelle des FB Leipzig Bundesligaclubs ist aus Holz erbaut, immerhin 4 Geschosse und 14 500 m² Fläche.</p> <p>In Marktredwitz steht das größte aus Holz erbaute Zentrallager für EDEKA, Insgesamt 100 000 m² Hallenfläche. Oder der Atlassian Tower in Sydney, das weltweit höchste Gebäude aus Holz mit 180 m Höhe, 39 Stockwerken und 75 000 m² Bruttogeschößfläche.<br></br>Alleine diese Beispiele zeigen, welche vielfältigen Möglichkeiten Holz, gerade auch in Kombination mit anderen Baustoffen wie Stahl oder Beton bietet.</p> <h2 id="h-wege-zu-bezahlbarem-wohnraum">Wege zu bezahlbarem Wohnraum</h2> <p>Die steigenden Kosten für das Bauen, besonders für das Bauen von Wohnungen hatte ich weiter oben bereits angesprochen. Ulrich Brüggerhoff von der Postbaugenossenschaft München und Oberbayern eG hat hierzu den Vorschlag, nach Mindeststandard zu bauen.</p> <p>In diesem Fall sollte ein neues Wohnquartier bebaut werden wobei zumindest ein Teil eben auch in genossenschaftlicher Hand sein sollte. Das bedeutet rund 56 Wohnungen in Holz-Hybridbauweise. Durch Einhaltung der Mindeststandards erhofft man sich Einsparungen. Das bedeutet auch, eben kein erhöhter Standard zum Beispiel im Schallschutz, obwohl dieser meist als Stand der Technik angesehen wird. Überdachte Laubengänge ermöglichen auch eine Abweichung von der Abdichtungsrichtlinie an Eingangstüren. Es sollten weniger raumhohe Fensterelemente verbaut werden und die Außenanlagen nur reduziert beleuchtet werden (was in meinen Augen auch aus Gründen der Verminderung der Lichtverschmutzung durchaus interessant sein kann).</p> <p>Verzichtet werden soll auch auf eine kontrollierte Be- und Entlüftung der Wohnungen sowie konsequente Einsparungen bei der Auswahl zum Beispiel der Balkonbrüstungen, Pflaster und ähnlichem.</p> <h2 id="h-zirkulares-bauen-reuse-und-nachhaltigkeit">Zirkuläres Bauen – Reuse und Nachhaltigkeit</h2> <p>Kim LeRoux von LXSY Architektur informierte uns über die Grundlagen des zirkulären Bauens. Generell geht es darum, mit dem zu Bauen, was an Material vorhanden ist, wobei man eine Wiederverwendung in der Zukunft auch immer mit im Blick behalten sollte. Das bedingt natürlich eine hohe Flexibilität in der Planung sowie gegebenenfalls auch einen neuen Umgang mit Standards. Was wird wirklich benötigt und kann gegebenenfalls der Nutzen auch anders erbracht werden? Wenn möglich, kann es reduziert werden, in Größe oder Menge?</p> <p>Oder kann man vielleicht auch etwas bereits Gebrauchtes verwendet werden? Muss dieses und kann es repariert oder eventuell auf den aktuellen Stand der Technik gebracht werden?</p> <p>Können noch tadellos intakte Komponenten eventuell wieder in andere, neue Produkte integriert werden? Vielleicht kann man es auch in ein anderes Produkt einbauen und ihm so einen vollkommen neuen Nutzen geben.</p> <p>Und wenn alle Stränge reißen: Kann es getrennt oder gar recycelt werden?</p> <p>Ein Ansatz hierzu sind Materialpässe, aus welchen unter anderem die Art, Größe und Menge des Materials, seine Zusammensetzung und sein Herstellungs- und Einbauzeitraum hervorgehen.</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Mir hat das wieder sehr viel Spaß gemacht. Es war schön zu sehen, dass die Schadstoffproblematik und dier Gedanke des zirkulären Bauens nicht unbedingt im Widerspruch zueinander stehen müssen. Ich hoffe, auch bei nächsten Mal wieder dabeis ein zu dürfen. Die Bilder der Vaeranstaltung sind unter <a href="https://flic.kr/s/aHBqjCzPEk">https://flic.kr/s/aHBqjCzPEk</a> zu finden.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>3. Berliner Bauherrentag – Bauen neu denken! » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Am 5. November fand in diesem Jahr der 3. Berliner Bauherrentag statt, diesmal in der Beuth Halle an der Berliner Hochschule für Technik. Auch in diesem Jahr standen sowohl die Schadstoffe beim Bauen im Bestand als auch möglichst kostenreduziertes Bauen und die Kreislaufwirtschaft im Fokus. Die Beuth Halle direkt an der Berliner Hochschule konnte als alte Werkshalle durchaus mit dem alten Hubertusbad mithalten und bot zudem eine deutlich bessere Akustik.</p> <p>Nach der Begrüßung durch den Vizepräsidenten der Berliner Hochschule für Technik, Prof. Joachim Villwock und den Vorsitzenden der Fördergemeinschaft Bauwesen, Bernd Ahlsdorf sollte Holger Gültzow von der Fachgemeinschaft Bau den ersten Block über die Anforderungen der Schadstoffsanierung im Bestandsbau eröffnen. Getreu dem Motto: Bauen neu denken!</p> <h2 id="h-bauen-im-bestand-und-schadstoffe">Bauen im Bestand und Schadstoffe</h2> <p>Bernd Ahlsdorf brachte uns in seinem Beitrag die Herausforderung dar, welche die Gebäudeschadstoffe und die Kreislaufwirtschaft gerade für die Bauunternehmen darstellen. Dabei stellen unsere Gebäude durchaus bedeutende Rohstofflager für die Zukunft dar, die man keinesfalls unterschätzen sollte. Diese Rohstoffe werden einerseits zu ihrem Bau verbraucht und werden daher immer knapper, beispielsweise Sand und Kies. Dagegen stehen rund 80 Mio. Tonnen Bauschutt, die jedes Jahr anfallen. Diese könnten durchaus zumindest einen Teil der Rohstoffe ersetzen oder zumindest ergänzen. Doch auch wenn die Recyclingquote durchaus hoch ist, handelt es sich dabei meist nicht um hochwertige Recyclingbaustoffe, sondern in der Regel um minderwertige Produkte, sogenanntes Downcycling.</p> <h3 id="h-gebaudeschadstoffe-sind-uberall">Gebäudeschadstoffe sind überall</h3> <p>Wichtig ist dabei auch immer, die Ausschleusung von alten Gebäudeschadstoffen wie etwa Asbest im Auge zu behalten. Das ist leider nicht immer allen Beteiligten klar, denn in der aktuellen Gefahrstoffverordnung wurde die Bauherrenverantwortung abgeschwächt, ich hatte das Thema hier im Blog ja auch schon verschiedentlich aufgegriffen. Aktuell muss so der Auftraggeber dem ausführenden Unternehmen nur noch entsprechende Informationen zur Verfügung stellen. Der Unternehmer ist dann in der Pflicht, die ihm zur Verfügung gestellten Informationen dahingehend zu prüfen, ob bei den Tätigkeiten Gefahrstoffe freigesetzt und eine Gesundheitsgefahr für die Beschäftigten bestehen könnte.</p> <p>Das wirft dann eine Menge weiterer Fragen auf. Aber ganz allgemein, wie können Handwerksbetriebe den neuen Anforderungen der Gefahrstoffverordnung gerecht werden? Wie sieht es mit Altbausanierungen aus? Können diese in Zukunft nur noch durch Spezialbetriebe ausgeführt werden? Wie funktioniert eine fachgerechte Entsorgung asbesthaltiger Materialien?<aside></aside></p> <p>Und schließlich haben wir über die Zeit eine recht ansehnliche Palette an Gefahrstoffen in unseren Gebäuden verbaut. Das fängt bei meinem Lieblingsschadstoff, der ehemaligen Wunderfaser Asbest an und geht über PAK (früher auch als „Teer“ bekannt) und PCB bis hin zu diversen Pestiziden oder PCP.</p> <p>Dabei kommen auch die jeweils schadstoffspezifischen Verwendungszeiträume zum Tragen. Und um die Sache noch etwas komplizierter zu machen, kann dabei sogar die Wiedervereinigung eine Rolle spielen, denn manche Stoffe wurden z.B. in der alten Bundesrepublik deutlich früher verboten als in der ehemaligen DDR, so etwa DDT oder auch die PCP und Lindan.</p> <h3 id="h-pak-pcp-lindan-und-asbest">PAK, PCP, Lindan und Asbest</h3> <p>Die Polycyclischen aromatischen Kohlenwasserstoffe, kurz PAK, waren früher auch als „Teer“ bekannt. Verwendet wurden sie gerne in schwarzen Klebern oder Anstrichen, aber auch in Dachpappen und Dichtungsbahnen, Asphaltestrichen oder Holzschutzmitteln.</p> <p>Pentachlorphenol, kurz PCP findet man in dauerelastischen Dichtungsmassen in Gebäudetrennfugen, aber auch in Brandschutzanstrichen, Kondensatoren, Buntsteinputz oder Vergussmasse. Lindan und andere Pestizide sind in Holzschutzmitteln zu finden, aber auch in Farben, Lacken und Bodenbelägen. Sie wurden gerne gegen Insektenbefall und als Pflanzenschutzmittel eingesetzt.</p> <p>Und wo überall Asbest zu finden sein kann, habe ich hier im Blog schon zu diversen Gelegenheiten dargelegt. Um es kurz zu machen, es gibt über 3000 bauchemische Produkte, in denen die ehemalige Wunderfaser eingesetzt wurde. Darunter Putze, Spachtelmassen, Fliesenkleber, Brandschutzplatten, Pappen, Vliese, Dichtschnüre, im Brandschutz oder in Bodenbelägen und deren Klebern. Und nicht zuletzt die bekannteste Verwendung als Asbestzement. In der Dämmung findet man auch gerne sogenannte „alte“ Mineralwolle, die vor dem Mai 2000 in Verkehr gebracht wurde und entsprechend nicht über ein RAL Gütezeichen verfügt.</p> <h3 id="h-asbest-eine-lauernde-gefahr">Asbest – eine lauernde Gefahr</h3> <p>Wenn man sich die Altersverteilung unserer Bestandsgebäude in der Bundesrepublik so ansieht, so fällt einem eines auf. Ein sehr großer Teil ist vor dem Verwendungsverbot von Asbest im Jahr 1993 errichtet worden. Das bedeutet, dass vermutlich in den meisten Gebäuden, also allen, deren Baubeginn vor 1993 lag, Asbest zu finden sein dürfte. In vielen Fällen vermutlich sogar noch in einem Zeitraum bis 1995, wenn man noch diverse „ich hab da noch etwas auf Lager“ Fälle mit einberechnet.</p> <p>Diese lauernde Gefahr durch Asbest ist nicht zu unterschätzen. Denn es ist auch auffällig, dass wir immer noch pro Jahr rund über 3000 Fälle von asbestbedingten Berufskrankheiten haben. Immerhin ist das Verbot auch schon über 30 Jahre her. Wenn man die Schwere der von Asbest ausgelösten Krankheiten betrachtet, sind das auf jeden Fall immer noch zu viel, zumal die Dunkelziffer vermutlich höher liegt.</p> <h4 id="h-unbeabsichtigte-asbestbelastung-schon-bei-einfachen-tatigkeiten">unbeabsichtigte Asbestbelastung schon bei einfachen Tätigkeiten</h4> <p>Das kann unter anderem sicher auch daran liegen, dass man schnell unabsichtlich mit Asbest im Berührung kommen kann, selbst wenn man nur relativ überschaubare Tätigkeiten, etwa als Heimwerker durchführt.</p> <p>Hat man etwa eine Tapete über asbesthaltigem Spachtel und möchte diese gerne abreißen, können dabei bis zu 5000 Fasern /m³ in die Luft gelangen, selbst wenn der asbesthaltige Spachtel nur 10 bis 20 % der Fläche einnimmt.</p> <p>Bohrt man hingegen ein Loch in einen Fliesenspiegel, der mit asbesthaltigem Fliesenkleber befestigt wurde, können es schon rund 36 000 Fasern / m³ sein. Holt man diese Fliesen später großflächig von der Wand, reden wir über 77 000 Fasern /m³.</p> <p>Und bevor jetzt jemand meint, die asbesthaltigen Spachtel oder Fliesenkleber einfach abschleifen zu wollen. Dabei werden rund 1,5 Mio. Fasern / m³ freigesetzt.</p> <p>Der Umgang mit Gefahrstoffen ist durch verschiedene Gesetze und Verordnungen geregelt. Ziemlich zentral ist hier die gerade (2024) frisch erneuerte Gefahrstoffverordnung, die hier auf dem Blog ja schon öfter Thema war. Sie regelt die Mitwirkungs- und Informationspflichten für den Veranlasser von Baumaßmaßnahmen, aber sie bürdet den ausführenden Firmen auch einiges an Verantwortung auf, wie etwa die Gefährdungsbeurteilung.</p> <h3 id="h-und-was-ist-mit-handwerksbetrieben">Und was ist mit Handwerksbetrieben?</h3> <p>Weiterhin regelt sich auch die Ausnahmen für Abbruch, Sanierung und Instandhaltung. Hier ist für Handwerksbetriebe besonders wichtig, dass handwerksnahe Tätigkeiten beim Bauen im Bestand erlaubt sind.</p> <p>Gleichzeitig sind Tätigkeiten im Bereich des hohen Risikos, also bei Freisetzung von mehr als 100 000 Fasern / m³ nur zertifizierten Sanierungsfachbetrieben mit entsprechender Ausrüstung und Zulassung erlaubt. Und wie wir oben gesehen haben, könne diese Faserzahlen durchaus schon bei vergleichsweise einfachen Tätigkeiten erreicht werden.</p> <p>Gerade für den Bereich des mittleren Risikos, also für Faserzahlen zwischen 10 000 und 100 000 Fasern / m³ kann es aber für Handwerksbetriebe einige Lösungen geben. So eigne sich etwa staubarme oder brucharme Verfahren, wenn sie als geprüfte emissionsarme Verfahren gelten. Bei Arbeiten in Innenräumen können entsprechend die Arbeitsbereiche abgeschottet werden, der Zugang wird dann über Schleusen (mindestens Ein-Kammer-Schleusen) geregelt. Luftwechsel, mindestens 8-fach pro Stunde und eine entsprechende persönliche Schutzausrüstung.</p> <p>Als Fazit lässt sich sagen, dass eine Schadstofferkundung, Sanierungsplanung und ein entsprechendes Entsorgungs- bzw. Verwertungskonzept vor einer Störung des Bauablaufs schützt, die Bau- und Entsorgungskosten reduziert und entsprechend Probleme mit dem Arbeits- und Nutzerschutz verhindert. Außerdem verbessert sie die Recyclingfähigkeit der Bauabfälle.</p> <h2 id="h-arbeitsschutz-nach-der-novellierten-gefahrstoffverordnung">Arbeitsschutz nach der novellierten Gefahrstoffverordnung</h2> <p>Im Folgenden ging es um die im letzten Jahr frisch novellierte Gefahrstoffverordnung und ihre Bedeutung für den Arbeitsschutz. Berit Schuchmann von der BG Bau setzte uns hier ins Bild.</p> <p>Die Gefahrstoffverordnung sorgt immer noch für Informationsbedarf. Da ist zum einen das risikobezogene Maßnahmenkonzept mit seinen drei Stufen vom niedrigen über das mittlere hin zum hohen Risiko. Gleichzeitig wurden hier die Veranlasserpflichten eingeführt (und gleich auch wieder abgeschwächt) sowie neue Regelungen für Asbest eingeführt.</p> <p>Das risikobezogene Maßnahmenkonzept besteht aus den stoffübergreifenden Risikogrenzen. Das Akzeptanzrisiko liegt bei unter 4:10 000, was für Asbest zum Beispiel eine Faserkonzentration von weniger als 10 000 Fasern je m³ bedeutet. Alles darunter ist im Bereich des niedrigen Risikos, alles darüber der des mittleren Risikos. Oberhalb des Toleranzrisikos von 4 : 1000 beginnt der Bereich des hohen Risikos, was für Asbest eine Faserkonzentration von 100 000 Fasern je m³ bedeutet.</p> <p>Die Mitwirkungs- und Informationspflichten des Veranlassers waren hier im Blog auch schon öfters Thema. Sie wurden erst mit großem Getöse eingeführt. Der Veranlasser von Baumaßnahmen hat dem beauftragten Unternehmer Informationen bezüglich der Baugeschichte und vorhandenen oder auch vermuteten Schadstoffen zur Verfügung zu stellen.</p> <p>Leider wurden diese dann auch ebenso schnell wieder abgeschwächt, denn dies gilt, wenn diese Informationen in zumutbarem Aufwand zugänglich sind…</p> <p>er Unternehmer hat diese Informationen zu prüfen, ob sie plausibel sind und ob sie zur Gefährdungsabschätzung ausreichend sind. Gegebenenfalls hat er zu prüfen, ob im Rahmen der geplanten Tätigkeiten Schadstoffe freigesetzt werden können und ob die Tätigkeiten zulässig sind. Dabei hat er, wenn eigene Kenntnisse nicht ausreichen, auch externen Sachverstand mit hinzuzuziehen.</p> <h3 id="h-verwendungs-und-tatigkeitsbeschrankungen-bei-asbest">Verwendungs – und Tätigkeitsbeschränkungen bei Asbest</h3> <p>In § 11 werden die Verwendungsbeschränkungen und Tätigkeitsbeschränkungen für Asbest beschrieben. Eigentlich sollte das klar sein, aber manches muss doch immer wieder gesagt werden. So ist die Gewinnung, Aufbereitung, Wiederverwendung und Weiterverarbeitung von natürlich vorkommenden mineralischen Rohstoffen und daraus hergestellten Gemischen und Erzeugnissen mit einem Massengehalt von mehr als 0,1 % Asbest verboten.</p> <p>Ebenso verboten ist die weitere Verwendung von asbesthaltigen Materialien, denen Asbest absichtlich zugesetzt wurde und die bei Tätigkeiten anfallen. Ausgenommen sind die Abfallbehandlung und die Abfallentsorgung.</p> <p>Ebenfalls verboten sind Tätigkeiten mit asbesthaltigen Materialien in baulichen oder technischen Anlagen.</p> <p>Wie immer gibt es auch hier Ausnahmen. So ist das vollständige Entfernen von asbesthaltigen Bauteilen oder Materialien selbstverständlich weiterhin möglich, auch in Teilbereichen.</p> <p>Auch Sanierungsarbeiten, d.h. Maßnahmen zur Vermeidung von Gefährdungen der Nutzer, z.B. durch räumliche Trennung, wenn z.B. eine vollständige Entfernung des asbesthaltigen Materials aus technischen Gründen nicht möglich ist. Dies gilt auch für Sofortmaßnahmen zur Sicherung beschädigter asbesthaltiger Bauteile. Hier ist unverzüglich mit der Entfernung zu beginnen.</p> <h3 id="h-anforderungen-an-tatigkeiten-mit-asbest">Anforderungen an Tätigkeiten mit Asbest</h3> <p>Nach Möglichkeit sind immer Verfahren anzuwenden, die eine Faserfreisetzung verhindern oder zumindest minimieren. Darüber hinaus gelten die risikobasierten Schutzmaßnahmen und Qualifikationsanforderungen. Für Arbeiten mit Expositionen unter 1000 Fasern pro m³ gelten keine asbestspezifischen Anforderungen.</p> <p>Der Arbeitgeber hat hier die Aufgabe, im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung festzustellen, ob die Tätigkeiten überhaupt zulässig sind und ob sie zu einer Faserfreisetzung führen können. Weiterhin muss er festlegen, ob die Tätigkeiten in Bereichen mit geringer, mittlerer oder hoher Gefährdung durchgeführt werden und welche Schutzmaßnahmen dafür vorgesehen sind. Außerdem muss er einen Arbeitsplan erstellen.</p> <p><span>Die Zulassung für Tätigkeiten mit hohem Risiko gilt für 6 Jahre und kann w</span><span>iderrufen werden</span></p> <p>Die beteiligten Personen müssen, je nach Risikoabschätzung, unterschiedliche Qualifikationen mitbringen. Diese werden auch bei der BG Bau als Fortbildung angeboten, zum Beispiel als Grundkenntnisse Asbest mit 5 Lerneinheiten Theorie und 5 Lerneinheiten Praxis, Je Lerneinheit 45 min.</p> <p>Zusätzlich bietet die BG Bau auch Schutzpakete für das Bauen im Bestand an, welche unter anderem Handmaschinen mit Absaugung, Entstauber der Klasse H, Einwegschutzanzüge und Einkammerschleusen beinhaltet.</p> <h2 id="h-schadstoffsanierung-am-beispiel-flughafen-tegel">Schadstoffsanierung am Beispiel Flughafen Tegel</h2> <p>Der Flughafen Tegel , Terminal A, war ja auch schon auf dem letzten Bauherrentag ein Thema. Und da es sich hier um ein e herausforderndes Projekt mit einer Menge an Bauschadstoffen handelt, das es so in der Form und Größe in der Bundesrepublik vermutlich so nicht wieder geben wird, auch in diesem Jahr wieder Thema. Denis Zurek von der Kluge Sanierung GmbH brachte uns auf den neuesten Stand.</p> <p>Das zweigeschossige, sechseckige Ringebäude stammt aus dem Bauzeitraum 1969 bis 1972 und hat einen Umfang von750 m. Errichtet wurde es in Stahlbeton-Skelett Bauweise auf einem massiven Kellergeschoss.</p> <h4 id="h-abfallreduzierung-durch-auswahl-des-strahlverfahrens">Abfallreduzierung durch Auswahl des Strahlverfahrens</h4> <p>Innerhalb von 15 Monaten sollte hier eine Schadstofffreiheit hergestellt werden. Das bedeutete einen hohen Einsatz an Personal, aber vor allem auch an Gerät, die über den gesamten Projektzeitraum vor Ort vorgehalten werden mussten. Dabei galt es, ein möglichst optimale Lösung zwischen einer minimalen Umweltbelastung, sprich: Abfallvermeidung, aber auch hoher Wirtschaftlichkeit und Funktionalität zu finden.</p> <p>Ein gutes Beispiel hierfür ist der asbesthaltige Mörtel, der in dem Gebäude zur Füllung von Fehlstellen im Beton großflächig eingesetzt worden war. Dabei ging es um rund 70 000 Quadratmeter Fläche, was in etwa 10 Fußballfeldern entspricht. Wenn man von rund 2 mm Betonabtrag ausgeht, kommen bei der Dichte von Beton bei 2400 kg/m³ rund 4,8 kg je m³ und insgesamt 333 000 kg Material, die als gefährlicher Abfall auf die Deponie gebracht werden müssen.</p> <p>Bei Anwendung eines klassischen Strahlverfahrens würden zusätzlich ca. 15 bis 20 kg Strahlmittel pro m² verbraucht, was noch einmal 1 050 000 kg gefährlichen Abfall bedeutet hätte.<br></br>Bei Anwendung eines Mehrweg-Strahlmittels konnte diese Abfallmenge deutlich reduziert werden, da nur 0,2 kg Strahlmittel je m² verbraucht wurden, was insgesamt 14 t Abfall bedeutete. Es mussten am Schluss also nur 350 t gefährlicher Abfall deponiert werden, anstatt der ursprünglichen 1 386 t.</p> <p>Bei der Anschließenden Podiumsdiskussion ging es hauptsächlich um die Frage, ob die Handwerksbetriebe den heutigen Anforderungen hinsichtlich der Schadstoffe im Bestandsbau überhaupt noch gerecht werden können. Ich denke, die Frage lässt sich durchaus mit ja beantworten. Zumindest wenn die Fortbildungsangebote zum Beispiel der BG Bau sowie die dort auch angebotenen Schutzpakete entsprechend angenommen werden. Es stellt sich ja auch die Frage, wer, wenn nicht die Handwerksbetriebe.</p> <h2>Kreislaufwirtschaft – Potentiale, Pflichten und Perspektiven</h2> <p>Wenn man über Bauen, und hier vor allem über Bauen im Bestand spricht, kommt man um die Kreislaufwirtschaft nicht herum. Kai Kummert von der Berliner Hochschule für Technik sieht die Kreislaufwirtschaft entsprechend auch zusammen mit der Nachhaltigkeit als Schlüsselthema.</p> <p>Man muss sich auch nur mal die Zahlen vor Augen halten. Rund 90 % der inländischen mineralischen Rohstoffe werden von der Bauwirtschaft verbraucht. Rund 40 % der Treihausgasemissionen gehen auf das Konto der Herstellung, Einrichtung, Modernisierung, Nutzung und Betrieb von Gebäuden.</p> <p>Der deutsche Gebäudebestand besteht aus rund 15 Mrd. t Material, davon alleine stellen die mineralischen Materialien wie Beton; Ziegel und Co. Gut 90 %. Und das Ganze ist ja nicht statisch. Jährlich kommen 500 Mio. t Material im Neubau hinzu, gleichzeitig fallen durch Rückbau, Umbau und so weiter auch 230 Mio. t Bauabfälle an. Man kann sich also unschwer vorstellen, dass hier ein enormes Rohstoffpotential schlummert.</p> <p>Dabei erfordert die Kreislaufwirtschaft einen Paradigmenwechsel, der bereits früh in der Produktionskette ansetzen muss. Aber auch ein Umdenken im Sinne einer Strategie, die ältere Gebäude ertüchtigt, gegebenenfalls umnutzt oder auch anfallende Materialien direkt wiederverwendet. Am Schluss muss dann natürlich eine stoffliche oder energetische Wiederverwertung oder gegebenenfalls eine industrielle Aufarbeitung stehen.</p> <p>Eine Schlüsselposition wird hier die Europäische Zentralbank einnehmen, welche nicht-nachhaltige „grüne“ Bauprojekte mit Zinsvorteilen belohnt, so dass diese an billigeres Geld kommen als entsprechende nicht-nachhaltige Projekte. Damit wird laut Herrn Kummert die Nachhaltigkeit über den Zins zum neuen Preis des Geldes werden.</p> <h2 id="h-nachhaltig-planen-wirtschaftlich-bauen">Nachhaltig Planen – Wirtschaftlich Bauen</h2> <p>Das Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit beim Bauen kein Widerspruch sind, zeigte auch der Beitrag von Fritz Breitenthaler von der BauWerke GmbH. Denn die Preise für das Bauen steigen in Deutschland schneller als die allgemeine Preissteigerung, und dabei bleibt es relativ egal, ob man nun den Wohnungsbau, den Bau von Bürogebäuden oder den Straßenbau betrachtet.</p> <p>Wenn man aber die Definitionen von Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit gegenüberstellt, so fallen einem viele Parallelen auf.</p> <p>Bei Nachhaltigkeit steht der Nutzen bzw. der Ertrag gegenüber dem Aufwand im Vordergrund, es geht um eine möglichst langfristige Befriedigung eines Bedarfs und die Werthaltigkeit von Investitionen und um einen Wertschöpfungszuwachs durch eine Steigerung der Effizienz.</p> <p>Für Nachhaltigkeit findet sich eine möglichst langfristige Bewirtschaftung, ähnlich wie in der Forstwirtschaft, wo heute Bäume gepflanzt werden, die erst spätere Generationen als Nutzholz ernten können. Es geht um den Erhalt von Grundlagen und einen Wertschöpfungszuwachs durch eine Steigerung der Effizienz. Schon hier kann man gut erkennen, dass die beiden Begriffe durchaus parallel gehen und kein Widerspruch sein müssen. Je früher man die Nachhaltigkeitsziele in seine Planung einbezieht, desto besser. Man kann schon bei der Materialauswahl eine spätere Recyclingfähigkeit oder eine Drittverwendungsfähigkeit einplanen. Materialien sollten möglichst langlebig sein und / oder regional bezogen werden. Es zählt immer die Planung des gesamten Lebenszyklus.</p> <h2 id="h-moglichkeiten-im-holzbau-heute">Möglichkeiten im Holzbau heute</h2> <p>Ein Baustoff, der heute zumindest in meinen Augen immer noch etwas zu kurz kommt, ist Holz. Dass da aber einiges in Bewegung ist, weiß ich durchaus aus eigener Erfahrung. Ich lebe, zumindest teilweise, in einem architektonisch modernen Haus aus Holz. Johannes Lederbauer von der WIHAG sieht ebenfalls eine große Chance für das Bauen aus Holz im Zeitalter der Nachhaltigkeit. Wobei er sich allerdings nicht mit kleinen Wohnhäusern abgibt, sondern in ganz anderen Dimensionen denkt.</p> <p>Immerhin ist alleine die Bauwirtschaft für 38 % der CO2 Emissionen weltweit verantwortlich. Davon entfallen 26 % auf den Betrieb der Gebäude, also das Heizen und so weiter, während 12 % aus der Produktion der Baumaterialien stammen. Zum Vergleich, die Luftfahrt ist mit 3,5 % an den CO2 Emissionen beteiligt. Das alleine sollte deutlich machen, wie groß hier der Hebel sein kann, möglichst klimaschonende Baustoffe einzusetzen.</p> <h4 id="h-holza-als-klimaneutraler-baustoff">Holza als klimaneutraler Baustoff</h4> <p>Da kommt Holz als vergleichsweise CO2 neutraler Baustoff ganz gelegen, denn gerade junge Bäume speichern relativ viel Kohlendioxid. Diese Speicherung lässt sich gut für langlebige Holzprodukte nutzen. Dadurch verlängert sich die Speicherung des ursprünglich von den Bäumen aufgenommenen Kohlendioxids zumindest über den Zeitraum der Nutzungsdauer, bei anschließendem Recycling des Materials sogar noch darüber hinaus. Das gilt natürlich ganz besonders für Holz aus nachhaltigem Anbau, daher ist die WIHAG auch Partner der Schweizer Timber Finance Initiative (THI), welche die weltweit erste Methode entwickelt hat, um langlebige Produkte aus Biomasse als hochwertige CO2 Speicher zu zertifizieren und am freiwilligen CO2 Markt zu verkaufen. Das kann für die Bauwirtschaft einen durchaus attraktiven Erlös darstellen.</p> <p>Es wurden auch einige interessante Gebäude aus Holz vorgestellt, so etwa das Timber Pioneer in Frankfurt, ein Bürogebäude in Holz-Hybridbauwiese mit 8 Stockwerken und 30 m Höhe mit rund 15 000 m² Nutzfläche. Auch die Geschäfststelle des FB Leipzig Bundesligaclubs ist aus Holz erbaut, immerhin 4 Geschosse und 14 500 m² Fläche.</p> <p>In Marktredwitz steht das größte aus Holz erbaute Zentrallager für EDEKA, Insgesamt 100 000 m² Hallenfläche. Oder der Atlassian Tower in Sydney, das weltweit höchste Gebäude aus Holz mit 180 m Höhe, 39 Stockwerken und 75 000 m² Bruttogeschößfläche.<br></br>Alleine diese Beispiele zeigen, welche vielfältigen Möglichkeiten Holz, gerade auch in Kombination mit anderen Baustoffen wie Stahl oder Beton bietet.</p> <h2 id="h-wege-zu-bezahlbarem-wohnraum">Wege zu bezahlbarem Wohnraum</h2> <p>Die steigenden Kosten für das Bauen, besonders für das Bauen von Wohnungen hatte ich weiter oben bereits angesprochen. Ulrich Brüggerhoff von der Postbaugenossenschaft München und Oberbayern eG hat hierzu den Vorschlag, nach Mindeststandard zu bauen.</p> <p>In diesem Fall sollte ein neues Wohnquartier bebaut werden wobei zumindest ein Teil eben auch in genossenschaftlicher Hand sein sollte. Das bedeutet rund 56 Wohnungen in Holz-Hybridbauweise. Durch Einhaltung der Mindeststandards erhofft man sich Einsparungen. Das bedeutet auch, eben kein erhöhter Standard zum Beispiel im Schallschutz, obwohl dieser meist als Stand der Technik angesehen wird. Überdachte Laubengänge ermöglichen auch eine Abweichung von der Abdichtungsrichtlinie an Eingangstüren. Es sollten weniger raumhohe Fensterelemente verbaut werden und die Außenanlagen nur reduziert beleuchtet werden (was in meinen Augen auch aus Gründen der Verminderung der Lichtverschmutzung durchaus interessant sein kann).</p> <p>Verzichtet werden soll auch auf eine kontrollierte Be- und Entlüftung der Wohnungen sowie konsequente Einsparungen bei der Auswahl zum Beispiel der Balkonbrüstungen, Pflaster und ähnlichem.</p> <h2 id="h-zirkulares-bauen-reuse-und-nachhaltigkeit">Zirkuläres Bauen – Reuse und Nachhaltigkeit</h2> <p>Kim LeRoux von LXSY Architektur informierte uns über die Grundlagen des zirkulären Bauens. Generell geht es darum, mit dem zu Bauen, was an Material vorhanden ist, wobei man eine Wiederverwendung in der Zukunft auch immer mit im Blick behalten sollte. Das bedingt natürlich eine hohe Flexibilität in der Planung sowie gegebenenfalls auch einen neuen Umgang mit Standards. Was wird wirklich benötigt und kann gegebenenfalls der Nutzen auch anders erbracht werden? Wenn möglich, kann es reduziert werden, in Größe oder Menge?</p> <p>Oder kann man vielleicht auch etwas bereits Gebrauchtes verwendet werden? Muss dieses und kann es repariert oder eventuell auf den aktuellen Stand der Technik gebracht werden?</p> <p>Können noch tadellos intakte Komponenten eventuell wieder in andere, neue Produkte integriert werden? Vielleicht kann man es auch in ein anderes Produkt einbauen und ihm so einen vollkommen neuen Nutzen geben.</p> <p>Und wenn alle Stränge reißen: Kann es getrennt oder gar recycelt werden?</p> <p>Ein Ansatz hierzu sind Materialpässe, aus welchen unter anderem die Art, Größe und Menge des Materials, seine Zusammensetzung und sein Herstellungs- und Einbauzeitraum hervorgehen.</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Mir hat das wieder sehr viel Spaß gemacht. Es war schön zu sehen, dass die Schadstoffproblematik und dier Gedanke des zirkulären Bauens nicht unbedingt im Widerspruch zueinander stehen müssen. Ich hoffe, auch bei nächsten Mal wieder dabeis ein zu dürfen. Die Bilder der Vaeranstaltung sind unter <a href="https://flic.kr/s/aHBqjCzPEk">https://flic.kr/s/aHBqjCzPEk</a> zu finden.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/3-berliner-bauherrentag-bauen-neu-denken/#comments 1 Auf der „Jagd“ nach dem Japanischen Schnabelwal (Mesoplodon gingkodens) https://scilogs.spektrum.de/meertext/auf-der-jagd-nach-dem-japanischen-schnabelwal-mesoplodon-gingkodens/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/auf-der-jagd-nach-dem-japanischen-schnabelwal-mesoplodon-gingkodens/#comments Fri, 21 Nov 2025 15:25:04 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1827 <h1>Auf der „Jagd“ nach dem Japanischen Schnabelwal (Mesoplodon gingkodens) » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Im Juni 2024 sichteten Forschende vor der nordwestlichen Baja California in mexikanischen Gewässern eine der seltensten Walarten der Welt: den Japanischen Schnabelwal (<em>Mesoplodon gingkodens</em>). Für mehrere Stunden konnten sie gleich zwei Tiere, die immer wieder auf- und abtauchten, beobachten, ihre Laute aufnehmen und zuletzt sogar eine Gewebeprobe für die genetische Analyse nehmen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-22.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="611" sizes="(max-width: 524px) 100vw, 524px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-22.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-22.png 524w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-22-257x300.png 257w" width="524"></img></a></figure> <p>Das war die erste bestätigte Lebendsichtung dieser mittelgroßen Zahnwale und damit eine Sensation. Diese Sichtung einer so seltenen und scheuen Art in den Weiten des Meeres war absolut kein Zufall, sondern das Ergebnis einer fünfjährigen Suche.<br></br>Im Juli <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/mms.70052">wurde die Sichtung publiziert</a>. Dass sie in den Medien gerade viral geht, liegt allerdings nur zum Teil an den Walen, sondern auch an einem herumlungernden Albatros. Dazu später mehr.<p>Hier geht´s zur Publikation:</p><br></br><a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Henderson/E.+Elizabeth">E. Elizabeth Henderson</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Ballance/Lisa+T.">Lisa T. Ballance</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/C%C3%A1rdenas%E2%80%90Hinojosa/Gustavo">Gustavo Cárdenas-Hinojosa</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Barlow/Jay">Jay Barlow</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/DeAngelis/Annamaria+I.">Annamaria I. DeAngelis</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Mart%C3%ADnez%E2%80%90Aguilar/Sergio">Sergio Martínez-Aguilar</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Hayslip/Craig">Craig Hayslip</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Pusser/L.+Todd">L. Todd Pusser</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Segovia/Mario+M%C3%A1rquez">Mario Márquez Segovia</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Baker/C.+Scott">C. Scott Baker</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Steel/Debbie">Debbie Steel</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Huerta%E2%80%90Pati%C3%B1o/Rodrigo">Rodrigo Huerta-Patiño</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Paredes/Luis+Manuel+Enriquez">Luis Manuel Enriquez Paredes</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Brownell/Robert+L./Jr">Robert L. Brownell Jr</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Pitman/Robert+L.">Robert L. Pitman</a>: “First At-Sea Identifications of Ginkgo-Toothed Beaked Whale (<em>Mesoplodon ginkgodens</em>): Acoustics, Genetics, and Biological Observations Off Baja California, México”; 28 July 2025; Marine Mammal Science, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/toc/17487692/2026/42/1">Volume 42, Issue1</a>; <a href="https://doi.org/10.1111/mms.70052">https://doi.org/10.1111/mms.70052</a></p> <h2 id="h-whales-starboard-side"><strong>“Whales! Starboard side!”</strong></h2> <p>Als das Wal-Forschungsteam mit Wal-Experten aus den USA und Mexiko an einem Junimorgen 2024 vor der Küste der Bacha California in mexikanischen Gewässern fündig wurden, saßen die meisten gerade beim Frühstück. Der Wal-Ausguck des Forschungsschiffes RV <em>Pacific Storm</em> war aber natürlich während der gesamten Tageslichtzeit besetzt, hellwach und mit exzellenten Ferngläsern ausgestattet. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-23.png"><img alt="" decoding="async" height="629" sizes="(max-width: 987px) 100vw, 987px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-23.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-23.png 987w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-23-300x191.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-23-768x489.png 768w" width="987"></img></a><figcaption>NOAA: RV <em>Pacific Storm</em><br></br>https://oceanexplorer.noaa.gov/multimedia/explorations-23pacific-methane-seeps-pacific-storm/</figcaption></figure> <p>Beim Ruf “Whales! Starboard side!” sprangen natürlich alle auf und rannten raus.<br></br>Dann verfolgten sie die beiden Schnabelwale für die nächsten Stunden, schossen Photos, nahmen ihre Laute auf und kamen schließlich so nahe heran, dass der erfahre Wal-Experte Robert Pitman (Oregon State University) mit der Spezial-Armbrust einen Schuss auf einen der dunkelgrauen Wal-Rücken abgeben konnte. Solche Armbrustbolzen sind für das Biopsy sampling so modifiziert, dass sie nur ein Stückchen aus der Oberfläche ausstanzen. Der Bolzen mit dem Gewebepröbchen schwimmt dann an der Wasseroberfläche und kann dort eingesammelt werden. Mit dem genetischen Abgleich kann die Walart nochmals bestätigt werden.</p> <p>Pitmans Schuß saß perfekt und der Bolzen trieb an der Oberfläche.<br></br>Robert Pitman ist eigentlich gerade pensioniert worden, aber genau der richtige für solch eine Wal-Expedition. Der extrem erfahrene Walforscher mit viel KnowHow hat schon verschiedene Male auch schwierig zu entdeckende Spezies mit aufgespürt und beschrieben, wie etwa die <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/typ-d-orcas-phantome-im-suedlichen-ozean/">Unterart der antarktischen Typ D-Orcas</a>. Außerdem hat er bereits an der Artbeschreibung neuer Schnabelwalarten des Nordpazifiks mitgearbeitet, wie dem „Raben“ (Satos Schnabelwal, <em>Berardius</em> <em>minimus</em>). Außerdem ist er sehr <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/wie-wale-mit-krypto-kommunikation-orcas-meiden/">erfahren mit dem Verhalten verschiedener Arten. </a>Darum konnte gerade Pitman sich diese Jagd nach einer neuen Walart nicht entgehen lassen.<aside></aside></p> <h2 id="h-5-jahre-wal-pirsch"><strong>5 Jahre Wal-Pirsch</strong></h2> <p>Auf diese Sichtung hatten die Wissenschaftler fünf Jahre hingearbeitet. 2020 hatte Elizabeth Henderson, eine Wissenschaftlerin des US military’s Naval Information Warfare Center LS Portal mit einigen Kollegen aus Mexiko und den USA eine Gruppe von Walen aufgenommen, die ungewöhnliche Rufe abgaben. Sie nannten den Ruf <a href="https://nautil.us/hunting-the-most-elusive-whale-1238825/">BW 43</a>. Klar war, dass die Rufe von einer der Arten der immer noch wenig erforschten <em>Mesoplodon</em>-Gattung stammten, mittelgroßen Schnabelwalen, bei denen nur die Männchen zwei ungewöhnlich geformte Zähne im Unterkiefer entwickeln. Diese Zähne und noch einige Schädeldetails sind die wichtigsten Identifikationsmerkmale. Außerdem sind sie als Tieftaucher wenig an der Oberfläche und sehr scheu. Darum ist es schwierig, sie lebendig zu sichten. BW 43, so hofften die Forscher konnte von Perrins Schnabelwal, (<em>Mesoplodon perrini</em>) stammen, der auch noch nie lebendig beobachtet worden war. Da jede Schnabelwalart ihren eigenen, frequenzmodulierten Echolokationsimpuls mit ansteigender Frequenz erzeugt, kann, sowie der Echoortungsimpuls für eine bestimmte Art erst einmal identifiziert ist, dieser Impuls zur Arterkennung genutzt werden.</p> <p>So kehrten die Forscher in drei aufeinanderfolgenden Jahren zu diesem Ort zurück, zuerst mit einem Segelboot, dann mit einem gecharterten mexikanischen Fischerboot – doch ohne Erfolg. 2024 entschloss sich dann ein Team der Oregon State University mit einem Forschungsschiff zurückzukehren: Der <em>Pacific Storm.</em> Dieses Schiff war mit Hydrophonen ausgestattet, um Wale unter Wasser anhand ihrer Laute aufzuspüren und verfügte über eine hoch liegende Beobachtungsplattform (ein größeres Krähennest) mit leistungsstarken Binokularen. <br></br>Dort wechselte sich ein Team von fünf Beobachtern während der Tagesstunden in 30-Minuten-Intervallen an drei Stationen (linkes Bigeye, rechtes Bigeye und Handfernglas) ab, sofern das Wetter dies zuließ (in der Regel Beaufort-Seegang &lt; 6 und Sichtweite &gt; 1 km). Die zwei 25 × 150 mm („Bigeye“) Ferngläser waren über dem Steuerhaus des Schiffes (6,7 m über dem Meeresspiegel) angebracht, im Ausguck (10,7 m über dem Meeresspiegel) kamen Handferngläser zum Einsatz. <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/mms.70052">Die systematische Suche nach </a>standardisierten Linientransektmethoden erfolgte in den geografischen Gebieten, in denen zuvor akustische Detektionen von BW43-Echolokationsimpulsen aufgezeichnete worden waren sowie anderen potenziellen Gebiete, in denen Schnabelwale oft vorkommen, also Meeresgebiete mit bathymetrischen Merkmalen mit starken Neigungsgradienten wie Seebergen oder submarinen Canyons. </p> <p>Genau das führte bei dieser Schnabelwal-Suche zum Erfolg: Das Beobachtungsdeck liegt hoch genug, um einen großen Teil der Meeresoberfläche zu scannen. Und die leistungsstarken Binokulare ermöglichen die Erkennung selbst von Schnabelwalen, die beim Auftauchen nur Kopf und Rücken wenige Zentimeter über die Wasseroberfläche strecken und einen niedrigen Blow haben. Dieses unscheinbare Verhalten macht ihre Sichtungen besonders schwierig. Dabei auch noch ein erwachsenes Männchen zu sichten und bei diesem dann auch noch die beiden Zähne im Unterkiefer zu erspähen, wäre nur mit extrem viel Glück möglich gewesen. Selbst wenn, wie hier, die Suche in ihrem spezifischen Lebensraum stattfindet.</p> <p>Auf dieser Expedition sichteten die Forschenden sechsmal Schnabelwale: <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/mms.70052">Einen Cuvier-Wal und fünf <em>Mesoplodon</em>-Sichtungen, die später durch Photos, Genetik und Akustik </a>als Japanische Schnabelwale identifiziert werden konnten. Letzte waren allein oder in Gruppen von bis zu fünf Exemplaren unterwegs.</p> <p>Diese Aufnahme aus der Publikation, die in den meisten Zeitungen erschien, ermöglichte auch die visuelle Identifikation: Es ist eine Nah-Aufnahme eines erwachsenen Männchens. Der Schnabel ist artspezifisch kurz und lässt die nicht sehr großen Zahnspitzen erkennen. Diese sind abgenutz und von weißlichem Narbengewebe umgeben – die Bullen fechten mit Schnäbeln und Zähnen Kommentkämpfe aus. Die Mundöffnung ist geschwungen und der Zahn sitzt auf dem höchsten Punkt in der Mitte. Hinter dem Zahn, auf der Melone udn dem Unterkiefer sind weitere weiße “Bürstenstriche”, vermutlich ebenfalls Narben von Kommentkämpfen. <br></br>Auf der dunkelgrauen Haut der Wale sind oft weitere weiße Striche zu sehen, die vermutlich von den Zähnen der Artgenossen stammen, runde Narben hingegen stammen von “Cookie-Cutter-Haien” (Keksausstecher-Haie), die sich von den ausgestanzten Bissen ernähren.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-22.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="611" sizes="(max-width: 524px) 100vw, 524px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-22.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-22.png 524w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-22-257x300.png 257w" width="524"></img></a></figure> <figure><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Ginkgo-toothed_beaked_whale#/media/File:Mesoplodon_ginkgodens_2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="379" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Mesoplodon_ginkgodens_2-1024x379.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Mesoplodon_ginkgodens_2-1024x379.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Mesoplodon_ginkgodens_2-300x111.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Mesoplodon_ginkgodens_2-768x284.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Mesoplodon_ginkgodens_2.jpg 1280w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Mesoplodon ginkgodens</em> (Ginkgo-toothed beaked whale), oil on paper (Wikipedia: Jörg Mazur)<br></br>Auch hier ist ein erwachsenes Männchen abgebildet, mit der artspezifischen Schnabelform und Bezahnung.</figcaption></figure> <h2 id="h-schnabelwale-sind-kompliziert-und-gefahrdet"><strong>Schnabelwale sind kompliziert</strong>. <strong>Und gefährdet.</strong></h2> <p>Aktuell sind 24 Arten der Gattung <em>Mesoplodon</em> bekannt, es werden immer noch neue beschrieben, zuletzt 2021 Ramaris Zweizahnwal<em> (Mesoplodon eueu</em>). Gemeinsam mit anderen Schnabelwal-Arten und den Pottwalen sind sie die extremstene Tieftaucher unter den Walen (nur Südlcihe See-Elefanten können mit ihnen noch mithalten) und verbringen den größten Teil ihres Lebens in den Tiefen der Meere. Zwischendurch kommen sie nur für wenige Minuten an die Meeresoberfläche, um sehr schnell ihr gesamtes Lungenvolumen an Atemluft auszutauschen udn dann wieder in der Sicherheit der Tiefe zu verschwinden, auf der Suche nach Tintenfischen. Sie leben in tiefen Gewässern, meist weit entfernt von den nächsten Küsten. Außerdem sind sie sehr scheu ja und vermeiden Kontakte mit Booten und Schiffen durch meist schnelles Abtauchen. Da sie dabei leise nach unten gleiten, ohne die Fluke anzuheben, bleiben sie oft ungesehen und ungehört.</p> <p>Von den heute bekannten 94 Wal-Arten machen die Schnabelwale fast ein Viertel aus. Dennoch haben die meisten Menschen noch nie von ihnen gehört und auch viele Forschende wissen nur wenig über sie.<br></br>Meist werden diese Tiere nur tot an Stränden angespült, viele werden nur aufgrund solcher Totfunde beschrieben. Daher ist noch wenig über ihre Verbreitungsgebiete bekannt. In den letzten 30 Jahren nehmen ihre Totstrandungen leider alarmierend zu: Sie s<a href="https://theecologist.org/2000/jun/07/deafness-deep">ind extrem empfindlich gegenüber Marine-Sonar zur U-Boot-Jagd, dem sogenannten LFAS.</a> Deren Impulse ähneln den Sonar-Klicks jagender Orcas, den Totfeinden der Schnabelwale. Vor ihren schwarz-weißen Jägern tauchen die Tintenfischfresser in große Tiefen ab, kommunizieren nur mit akustischer Tarnkappe und kommen nur kurz und unauffällig an die Meeresoberflächen. Durch <a href="https://acousticstoday.org/wp-content/uploads/2015/05/Sonars-and-Strandings-Are-Beaked-Whales-the-Aquatic-Acoustic-Canary.pdf">die LFAS-Laute geraten sie in derartige Panik</a>, dass sie viel zu schnell auftauchen und dann Dekompressions-Krankheit entwickeln: In den Blutgefäßen perlen Sauerstoffbläschen aus und zerreißen die Blutgefäße, was zu sichtbaren Hirn- und Ohrblutungen führt.<br></br>Die US Navy versucht darum seit Längerem, bei Manövern bekannte Schnabelwal-Habitate zu vermeiden, auch um die Kanarischen Inseln herum dürfen nach mehreren Massenstrandungen keine Manöver mehr durchgeführt werden. Anderswo gibt es leider noch keine Schutzgebiete für diese immer noch geheimnisvollen Wale, erst im Juli/August 2025 wurden <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/schnabelwal-strandungen-im-juli-august-2025/">auffallend viele Schnabelwale an den Atlantik-Küsten Irlands</a>, Englands, Schottlands sowie den Nordseeküsten der Niederlande und Deutschlands tot angespült – vermutlich im Kontext mit einer Marine-Übung, das ist allerdings noch nicht bestätigt.  </p> <h2 id="h-uberraschungen"><strong>Überraschungen</strong></h2> <p>Die Wal-Experten hatten vor der mexikanischen Küste gar nicht mit Japanischen Schnabelwalen gerechnet, da die meisten Strandungen auf der anderen Seite des Pazifiks dokumentiert sind, vor den japanischen Küsten – wie ja auch der deutsche Name schon sagt (Ihr wissenschaftlicher Name hingegen bezieht sich auf die beiden gingkoförmigen Zähne im Unterkiefer der Bullen.) An den nordamerikanischen Küsten wurden bislang nur zwei <em>M. gingkodens-</em>Strandungen berichtet, die die Forscher für Ausnahmen hielten. Aber jetzt ist klar, dass der Lebensraum der Wale bis dorthin reicht.  <br></br>Mit der Zuordnung ihrer Laute kann jetzt auch mit den passive Sonarstationen, die Wal-Vorkommen erfassen, ihr Lebensraum besser definiert werden, was eien wichtige Voraussetzung für ihren besseren Schutz ist.</p> <p>Für Robert Pitman war diese Sichtung die 90. Walspezies von <a href="https://www.theguardian.com/environment/2025/nov/17/rare-gingko-toothed-beaked-whale-science-cetacean-research">weltweit 94 beschriebenen, die er persönlich</a> gesehen hat, wie er der Presse erzählte.  Als nächstes träumt er von einem Treffen mit dem noch nie lebend gesichteten Perrins Schnabelwal. Von dem gibt es bisher nur das Wissen aus sechs Strandungen, aber weder eine Lebendsichtung noch eine Tonaufnahme. Darum wissen die Forscher gerade noch nicht genau, wo sie danach gezielt Ausschau halten sollen, schließlich ist der Nordpazifik groß. Aber sie sind der scheuen Art weiter auf den Fluken.</p> <p>Trotz Pitmans erfolgreichem Armbrust-Schuß wäre die Gewebeprobe fast noch verloren gegangen: Ein Albatros kam angeflogen und begann, an dem wertvollen Beweisstück zu picken. In Panik fingen die Wissenschaftler und die Crew an zu schreien, einige warfen sogar ihre Frühstücksbrötchen nach dem hungrigen <a href="https://www.theguardian.com/environment/2025/nov/17/rare-gingko-toothed-beaked-whale-science-cetacean-research">Meeresvogel, um ihn abzulenken oder zu vertreiben</a>. Davon wurden zumindest bislang leider keine Photos veröffentlicht. Ebenfalls unbekannt ist, ob der Albatros dann lieber nach den Brötchen geschnappt hat, aber er ließ von dem Bolzen mit dem kostbaren Walgewebe ab und flog erstmal seines Weges.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Auf der „Jagd“ nach dem Japanischen Schnabelwal (Mesoplodon gingkodens) » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Im Juni 2024 sichteten Forschende vor der nordwestlichen Baja California in mexikanischen Gewässern eine der seltensten Walarten der Welt: den Japanischen Schnabelwal (<em>Mesoplodon gingkodens</em>). Für mehrere Stunden konnten sie gleich zwei Tiere, die immer wieder auf- und abtauchten, beobachten, ihre Laute aufnehmen und zuletzt sogar eine Gewebeprobe für die genetische Analyse nehmen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-22.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="611" sizes="(max-width: 524px) 100vw, 524px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-22.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-22.png 524w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-22-257x300.png 257w" width="524"></img></a></figure> <p>Das war die erste bestätigte Lebendsichtung dieser mittelgroßen Zahnwale und damit eine Sensation. Diese Sichtung einer so seltenen und scheuen Art in den Weiten des Meeres war absolut kein Zufall, sondern das Ergebnis einer fünfjährigen Suche.<br></br>Im Juli <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/mms.70052">wurde die Sichtung publiziert</a>. Dass sie in den Medien gerade viral geht, liegt allerdings nur zum Teil an den Walen, sondern auch an einem herumlungernden Albatros. Dazu später mehr.<p>Hier geht´s zur Publikation:</p><br></br><a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Henderson/E.+Elizabeth">E. Elizabeth Henderson</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Ballance/Lisa+T.">Lisa T. Ballance</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/C%C3%A1rdenas%E2%80%90Hinojosa/Gustavo">Gustavo Cárdenas-Hinojosa</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Barlow/Jay">Jay Barlow</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/DeAngelis/Annamaria+I.">Annamaria I. DeAngelis</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Mart%C3%ADnez%E2%80%90Aguilar/Sergio">Sergio Martínez-Aguilar</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Hayslip/Craig">Craig Hayslip</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Pusser/L.+Todd">L. Todd Pusser</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Segovia/Mario+M%C3%A1rquez">Mario Márquez Segovia</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Baker/C.+Scott">C. Scott Baker</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Steel/Debbie">Debbie Steel</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Huerta%E2%80%90Pati%C3%B1o/Rodrigo">Rodrigo Huerta-Patiño</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Paredes/Luis+Manuel+Enriquez">Luis Manuel Enriquez Paredes</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Brownell/Robert+L./Jr">Robert L. Brownell Jr</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Pitman/Robert+L.">Robert L. Pitman</a>: “First At-Sea Identifications of Ginkgo-Toothed Beaked Whale (<em>Mesoplodon ginkgodens</em>): Acoustics, Genetics, and Biological Observations Off Baja California, México”; 28 July 2025; Marine Mammal Science, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/toc/17487692/2026/42/1">Volume 42, Issue1</a>; <a href="https://doi.org/10.1111/mms.70052">https://doi.org/10.1111/mms.70052</a></p> <h2 id="h-whales-starboard-side"><strong>“Whales! Starboard side!”</strong></h2> <p>Als das Wal-Forschungsteam mit Wal-Experten aus den USA und Mexiko an einem Junimorgen 2024 vor der Küste der Bacha California in mexikanischen Gewässern fündig wurden, saßen die meisten gerade beim Frühstück. Der Wal-Ausguck des Forschungsschiffes RV <em>Pacific Storm</em> war aber natürlich während der gesamten Tageslichtzeit besetzt, hellwach und mit exzellenten Ferngläsern ausgestattet. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-23.png"><img alt="" decoding="async" height="629" sizes="(max-width: 987px) 100vw, 987px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-23.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-23.png 987w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-23-300x191.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-23-768x489.png 768w" width="987"></img></a><figcaption>NOAA: RV <em>Pacific Storm</em><br></br>https://oceanexplorer.noaa.gov/multimedia/explorations-23pacific-methane-seeps-pacific-storm/</figcaption></figure> <p>Beim Ruf “Whales! Starboard side!” sprangen natürlich alle auf und rannten raus.<br></br>Dann verfolgten sie die beiden Schnabelwale für die nächsten Stunden, schossen Photos, nahmen ihre Laute auf und kamen schließlich so nahe heran, dass der erfahre Wal-Experte Robert Pitman (Oregon State University) mit der Spezial-Armbrust einen Schuss auf einen der dunkelgrauen Wal-Rücken abgeben konnte. Solche Armbrustbolzen sind für das Biopsy sampling so modifiziert, dass sie nur ein Stückchen aus der Oberfläche ausstanzen. Der Bolzen mit dem Gewebepröbchen schwimmt dann an der Wasseroberfläche und kann dort eingesammelt werden. Mit dem genetischen Abgleich kann die Walart nochmals bestätigt werden.</p> <p>Pitmans Schuß saß perfekt und der Bolzen trieb an der Oberfläche.<br></br>Robert Pitman ist eigentlich gerade pensioniert worden, aber genau der richtige für solch eine Wal-Expedition. Der extrem erfahrene Walforscher mit viel KnowHow hat schon verschiedene Male auch schwierig zu entdeckende Spezies mit aufgespürt und beschrieben, wie etwa die <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/typ-d-orcas-phantome-im-suedlichen-ozean/">Unterart der antarktischen Typ D-Orcas</a>. Außerdem hat er bereits an der Artbeschreibung neuer Schnabelwalarten des Nordpazifiks mitgearbeitet, wie dem „Raben“ (Satos Schnabelwal, <em>Berardius</em> <em>minimus</em>). Außerdem ist er sehr <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/wie-wale-mit-krypto-kommunikation-orcas-meiden/">erfahren mit dem Verhalten verschiedener Arten. </a>Darum konnte gerade Pitman sich diese Jagd nach einer neuen Walart nicht entgehen lassen.<aside></aside></p> <h2 id="h-5-jahre-wal-pirsch"><strong>5 Jahre Wal-Pirsch</strong></h2> <p>Auf diese Sichtung hatten die Wissenschaftler fünf Jahre hingearbeitet. 2020 hatte Elizabeth Henderson, eine Wissenschaftlerin des US military’s Naval Information Warfare Center LS Portal mit einigen Kollegen aus Mexiko und den USA eine Gruppe von Walen aufgenommen, die ungewöhnliche Rufe abgaben. Sie nannten den Ruf <a href="https://nautil.us/hunting-the-most-elusive-whale-1238825/">BW 43</a>. Klar war, dass die Rufe von einer der Arten der immer noch wenig erforschten <em>Mesoplodon</em>-Gattung stammten, mittelgroßen Schnabelwalen, bei denen nur die Männchen zwei ungewöhnlich geformte Zähne im Unterkiefer entwickeln. Diese Zähne und noch einige Schädeldetails sind die wichtigsten Identifikationsmerkmale. Außerdem sind sie als Tieftaucher wenig an der Oberfläche und sehr scheu. Darum ist es schwierig, sie lebendig zu sichten. BW 43, so hofften die Forscher konnte von Perrins Schnabelwal, (<em>Mesoplodon perrini</em>) stammen, der auch noch nie lebendig beobachtet worden war. Da jede Schnabelwalart ihren eigenen, frequenzmodulierten Echolokationsimpuls mit ansteigender Frequenz erzeugt, kann, sowie der Echoortungsimpuls für eine bestimmte Art erst einmal identifiziert ist, dieser Impuls zur Arterkennung genutzt werden.</p> <p>So kehrten die Forscher in drei aufeinanderfolgenden Jahren zu diesem Ort zurück, zuerst mit einem Segelboot, dann mit einem gecharterten mexikanischen Fischerboot – doch ohne Erfolg. 2024 entschloss sich dann ein Team der Oregon State University mit einem Forschungsschiff zurückzukehren: Der <em>Pacific Storm.</em> Dieses Schiff war mit Hydrophonen ausgestattet, um Wale unter Wasser anhand ihrer Laute aufzuspüren und verfügte über eine hoch liegende Beobachtungsplattform (ein größeres Krähennest) mit leistungsstarken Binokularen. <br></br>Dort wechselte sich ein Team von fünf Beobachtern während der Tagesstunden in 30-Minuten-Intervallen an drei Stationen (linkes Bigeye, rechtes Bigeye und Handfernglas) ab, sofern das Wetter dies zuließ (in der Regel Beaufort-Seegang &lt; 6 und Sichtweite &gt; 1 km). Die zwei 25 × 150 mm („Bigeye“) Ferngläser waren über dem Steuerhaus des Schiffes (6,7 m über dem Meeresspiegel) angebracht, im Ausguck (10,7 m über dem Meeresspiegel) kamen Handferngläser zum Einsatz. <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/mms.70052">Die systematische Suche nach </a>standardisierten Linientransektmethoden erfolgte in den geografischen Gebieten, in denen zuvor akustische Detektionen von BW43-Echolokationsimpulsen aufgezeichnete worden waren sowie anderen potenziellen Gebiete, in denen Schnabelwale oft vorkommen, also Meeresgebiete mit bathymetrischen Merkmalen mit starken Neigungsgradienten wie Seebergen oder submarinen Canyons. </p> <p>Genau das führte bei dieser Schnabelwal-Suche zum Erfolg: Das Beobachtungsdeck liegt hoch genug, um einen großen Teil der Meeresoberfläche zu scannen. Und die leistungsstarken Binokulare ermöglichen die Erkennung selbst von Schnabelwalen, die beim Auftauchen nur Kopf und Rücken wenige Zentimeter über die Wasseroberfläche strecken und einen niedrigen Blow haben. Dieses unscheinbare Verhalten macht ihre Sichtungen besonders schwierig. Dabei auch noch ein erwachsenes Männchen zu sichten und bei diesem dann auch noch die beiden Zähne im Unterkiefer zu erspähen, wäre nur mit extrem viel Glück möglich gewesen. Selbst wenn, wie hier, die Suche in ihrem spezifischen Lebensraum stattfindet.</p> <p>Auf dieser Expedition sichteten die Forschenden sechsmal Schnabelwale: <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/mms.70052">Einen Cuvier-Wal und fünf <em>Mesoplodon</em>-Sichtungen, die später durch Photos, Genetik und Akustik </a>als Japanische Schnabelwale identifiziert werden konnten. Letzte waren allein oder in Gruppen von bis zu fünf Exemplaren unterwegs.</p> <p>Diese Aufnahme aus der Publikation, die in den meisten Zeitungen erschien, ermöglichte auch die visuelle Identifikation: Es ist eine Nah-Aufnahme eines erwachsenen Männchens. Der Schnabel ist artspezifisch kurz und lässt die nicht sehr großen Zahnspitzen erkennen. Diese sind abgenutz und von weißlichem Narbengewebe umgeben – die Bullen fechten mit Schnäbeln und Zähnen Kommentkämpfe aus. Die Mundöffnung ist geschwungen und der Zahn sitzt auf dem höchsten Punkt in der Mitte. Hinter dem Zahn, auf der Melone udn dem Unterkiefer sind weitere weiße “Bürstenstriche”, vermutlich ebenfalls Narben von Kommentkämpfen. <br></br>Auf der dunkelgrauen Haut der Wale sind oft weitere weiße Striche zu sehen, die vermutlich von den Zähnen der Artgenossen stammen, runde Narben hingegen stammen von “Cookie-Cutter-Haien” (Keksausstecher-Haie), die sich von den ausgestanzten Bissen ernähren.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-22.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="611" sizes="(max-width: 524px) 100vw, 524px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-22.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-22.png 524w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-22-257x300.png 257w" width="524"></img></a></figure> <figure><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Ginkgo-toothed_beaked_whale#/media/File:Mesoplodon_ginkgodens_2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="379" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Mesoplodon_ginkgodens_2-1024x379.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Mesoplodon_ginkgodens_2-1024x379.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Mesoplodon_ginkgodens_2-300x111.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Mesoplodon_ginkgodens_2-768x284.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Mesoplodon_ginkgodens_2.jpg 1280w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Mesoplodon ginkgodens</em> (Ginkgo-toothed beaked whale), oil on paper (Wikipedia: Jörg Mazur)<br></br>Auch hier ist ein erwachsenes Männchen abgebildet, mit der artspezifischen Schnabelform und Bezahnung.</figcaption></figure> <h2 id="h-schnabelwale-sind-kompliziert-und-gefahrdet"><strong>Schnabelwale sind kompliziert</strong>. <strong>Und gefährdet.</strong></h2> <p>Aktuell sind 24 Arten der Gattung <em>Mesoplodon</em> bekannt, es werden immer noch neue beschrieben, zuletzt 2021 Ramaris Zweizahnwal<em> (Mesoplodon eueu</em>). Gemeinsam mit anderen Schnabelwal-Arten und den Pottwalen sind sie die extremstene Tieftaucher unter den Walen (nur Südlcihe See-Elefanten können mit ihnen noch mithalten) und verbringen den größten Teil ihres Lebens in den Tiefen der Meere. Zwischendurch kommen sie nur für wenige Minuten an die Meeresoberfläche, um sehr schnell ihr gesamtes Lungenvolumen an Atemluft auszutauschen udn dann wieder in der Sicherheit der Tiefe zu verschwinden, auf der Suche nach Tintenfischen. Sie leben in tiefen Gewässern, meist weit entfernt von den nächsten Küsten. Außerdem sind sie sehr scheu ja und vermeiden Kontakte mit Booten und Schiffen durch meist schnelles Abtauchen. Da sie dabei leise nach unten gleiten, ohne die Fluke anzuheben, bleiben sie oft ungesehen und ungehört.</p> <p>Von den heute bekannten 94 Wal-Arten machen die Schnabelwale fast ein Viertel aus. Dennoch haben die meisten Menschen noch nie von ihnen gehört und auch viele Forschende wissen nur wenig über sie.<br></br>Meist werden diese Tiere nur tot an Stränden angespült, viele werden nur aufgrund solcher Totfunde beschrieben. Daher ist noch wenig über ihre Verbreitungsgebiete bekannt. In den letzten 30 Jahren nehmen ihre Totstrandungen leider alarmierend zu: Sie s<a href="https://theecologist.org/2000/jun/07/deafness-deep">ind extrem empfindlich gegenüber Marine-Sonar zur U-Boot-Jagd, dem sogenannten LFAS.</a> Deren Impulse ähneln den Sonar-Klicks jagender Orcas, den Totfeinden der Schnabelwale. Vor ihren schwarz-weißen Jägern tauchen die Tintenfischfresser in große Tiefen ab, kommunizieren nur mit akustischer Tarnkappe und kommen nur kurz und unauffällig an die Meeresoberflächen. Durch <a href="https://acousticstoday.org/wp-content/uploads/2015/05/Sonars-and-Strandings-Are-Beaked-Whales-the-Aquatic-Acoustic-Canary.pdf">die LFAS-Laute geraten sie in derartige Panik</a>, dass sie viel zu schnell auftauchen und dann Dekompressions-Krankheit entwickeln: In den Blutgefäßen perlen Sauerstoffbläschen aus und zerreißen die Blutgefäße, was zu sichtbaren Hirn- und Ohrblutungen führt.<br></br>Die US Navy versucht darum seit Längerem, bei Manövern bekannte Schnabelwal-Habitate zu vermeiden, auch um die Kanarischen Inseln herum dürfen nach mehreren Massenstrandungen keine Manöver mehr durchgeführt werden. Anderswo gibt es leider noch keine Schutzgebiete für diese immer noch geheimnisvollen Wale, erst im Juli/August 2025 wurden <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/schnabelwal-strandungen-im-juli-august-2025/">auffallend viele Schnabelwale an den Atlantik-Küsten Irlands</a>, Englands, Schottlands sowie den Nordseeküsten der Niederlande und Deutschlands tot angespült – vermutlich im Kontext mit einer Marine-Übung, das ist allerdings noch nicht bestätigt.  </p> <h2 id="h-uberraschungen"><strong>Überraschungen</strong></h2> <p>Die Wal-Experten hatten vor der mexikanischen Küste gar nicht mit Japanischen Schnabelwalen gerechnet, da die meisten Strandungen auf der anderen Seite des Pazifiks dokumentiert sind, vor den japanischen Küsten – wie ja auch der deutsche Name schon sagt (Ihr wissenschaftlicher Name hingegen bezieht sich auf die beiden gingkoförmigen Zähne im Unterkiefer der Bullen.) An den nordamerikanischen Küsten wurden bislang nur zwei <em>M. gingkodens-</em>Strandungen berichtet, die die Forscher für Ausnahmen hielten. Aber jetzt ist klar, dass der Lebensraum der Wale bis dorthin reicht.  <br></br>Mit der Zuordnung ihrer Laute kann jetzt auch mit den passive Sonarstationen, die Wal-Vorkommen erfassen, ihr Lebensraum besser definiert werden, was eien wichtige Voraussetzung für ihren besseren Schutz ist.</p> <p>Für Robert Pitman war diese Sichtung die 90. Walspezies von <a href="https://www.theguardian.com/environment/2025/nov/17/rare-gingko-toothed-beaked-whale-science-cetacean-research">weltweit 94 beschriebenen, die er persönlich</a> gesehen hat, wie er der Presse erzählte.  Als nächstes träumt er von einem Treffen mit dem noch nie lebend gesichteten Perrins Schnabelwal. Von dem gibt es bisher nur das Wissen aus sechs Strandungen, aber weder eine Lebendsichtung noch eine Tonaufnahme. Darum wissen die Forscher gerade noch nicht genau, wo sie danach gezielt Ausschau halten sollen, schließlich ist der Nordpazifik groß. Aber sie sind der scheuen Art weiter auf den Fluken.</p> <p>Trotz Pitmans erfolgreichem Armbrust-Schuß wäre die Gewebeprobe fast noch verloren gegangen: Ein Albatros kam angeflogen und begann, an dem wertvollen Beweisstück zu picken. In Panik fingen die Wissenschaftler und die Crew an zu schreien, einige warfen sogar ihre Frühstücksbrötchen nach dem hungrigen <a href="https://www.theguardian.com/environment/2025/nov/17/rare-gingko-toothed-beaked-whale-science-cetacean-research">Meeresvogel, um ihn abzulenken oder zu vertreiben</a>. Davon wurden zumindest bislang leider keine Photos veröffentlicht. Ebenfalls unbekannt ist, ob der Albatros dann lieber nach den Brötchen geschnappt hat, aber er ließ von dem Bolzen mit dem kostbaren Walgewebe ab und flog erstmal seines Weges.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/auf-der-jagd-nach-dem-japanischen-schnabelwal-mesoplodon-gingkodens/#comments 6 Save the Date – meine Vorträge Winter 2025/2026 https://scilogs.spektrum.de/meertext/save-the-date-meine-vortraege-winter-2025-2026/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/save-the-date-meine-vortraege-winter-2025-2026/#respond Fri, 21 Nov 2025 09:57:09 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1810 <h1>Save the Date – meine Vorträge Winter 2025/2026 » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>2025 ist noch nicht zu Ende und mein Terminkalender füllt sich schon wieder.<br></br>Wie schon 2025 lese und erzähle ich aus meinem Buch “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung” auch 2026 – dann auch in digitalen Formaten. Ich mag es ja lieber, wenn ich direkt mit meinem Publikum interagieren kann, aber Online hat den Riesenvorteil, dass sich jede/r zuschalten kann, ohne Reiseaufwand.<br></br>Mein <a href="https://www.wissenschaft.de/rezensionen/wissensbuecher-des-jahres/wissensbuch-des-jahres-die-sieger-2025/">“Jules Verne” ist von <em>Bild der Wissenschaft </em>als Wissensbuch 2025 in der Kategorie Überraschung gekürt worden – und nun tatsächlich zum Publikumsliebling gewählt worden.</a><br></br>Ein herzliches Dankeschön an alle, die für mich votierten – ich freue mich riesig darüber!<p>Das sind nur die ersten, schon feststehenden öffentlichen Termine, da kommen noch eine Menge mehr dazu. Ganz sicher auch noch der “Jules Verne”. </p></p> <h2 id="h-06-12-2025-darmstadt-wuste-n-planeten-in-der-science-fiction">06.12.2025, Darmstadt: “Wüste(n) Planeten in der Science Fiction”</h2> <p><a href="https://vsda.de/veranstaltungen/veranstaltungskalender/cat_ids~8/">Vortrag in der Volkssternwarte Darmstadt</a>, Beginn 20:00 Uhr. Eintritt<p><a href="https://www.google.com/maps/place//data=!4m2!3m1!1s0x47bd79e7d015f84d:0x2f620c8e9aaa4003?sa=X&amp;ved=1t:8290&amp;ictx=111">Auf d. Ludwigshöhe 196, 64285 Darmstadt</a>Dune, Star Wars, Star Trek – in vielen Science Fiction-Szenarien werden die HeldInnen in die Wüste geschickt.</p><br></br>Wüsten bieten für die Protagonisten neben Schweiß und Durst noch viel mehr Herausforderungen, von der Einsamkeit über Sandstürme bis zu schrecklichen Aliens.<br></br>Welche Wissenschaft steckt hinter diesen Konzepten? Wie glaubwürdig ist es, dass ein ganzer Planet nur aus Wüste bestehen soll? Wo haben sich die Schöpfer außerirdischer Wüsten bei Menschen, Tieren, Pflanzen und Steinen unserer Erde inspirieren lassen? Und welche Überlebensstrategien nutzen die HeldInnen in ihrer wüsten Umgebung?<br></br>Ein kurzer Ausblick zeigt, dass Wüstentrainings bei ESA und NASA auch für Raumsonden und Astronauten üblich sind, um sie auf sandige Einöden außerhalb der Erde vorzubereiten.<br></br>Und was könnten Science Fiction-AutorInnen und FilmemacherInnen von den RaumfahrerInnen lernen?<p>Adresse:</p><br></br>Auch diese<a href="https://vsda.de/anfahrt/"> Sternwarte liegt im Wald,</a> eine Taschenlampe ist für den letzten Teil des Weges zu Fuß dorthin sehr nützlich.</p> <h2 id="h-17-18-01-2026-digitaler-bucon-jules-verne">17./18.01.2026 Digitaler BuCon: “Jules Verne” </h2> <p>Am 17./18.01.2026 bin ich zu Gast im virtuellen “Café Jules Verne”, auf Einladung von Thorsten Küper. Das “Bühnenbild” stammt übrigens von Barlok Barboza</p> <p>Samstag, 17.Januar: ab 20:00 Uhr: Susan Abyss, Jasmin Jülicher und ich werden gemeinsam in Barloks Hafen einlaufen und im Jules Verne-Café gemeinsam lesen:<br></br>Ich stelle mein Sachbuch „Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung“ vor. Susan Abyss liest aus ihrem Roman „Das Geheimnis der Nautilus Noir“ und Jasmin Jülicher wird einen Ausschnitt aus einem ihrer Steampunk Werke lesen. Barlok soll bereits jetzt am Café Jules Verne bauen, die Anreise zu den Lesungen wird stilsicher im U-Boot erfolgen (wie Thorsten mir versicherte) und ihr dürft mit einer visuell außergewöhnlichen Veranstaltung rechnen. “Ein Event mit Tiefe!!!”</p> <p>Ton über den Discord-Server der Brennenden:<aside></aside></p> <p><a href="https://discord.gg/P3x79Xw">https://discord.gg/P3x79Xw</a></p> <p>Live Video Übertragung auf youtube unter <a href="https://www.youtube.de/kueperpunk?fbclid=IwZXh0bgNhZW0CMTAAYnJpZBEwRDRlVDFuRG9ZUDJ6UElCYXNydGMGYXBwX2lkEDIyMjAzOTE3ODgyMDA4OTIIY2FsbHNpdGUBMgABHgbo_kw0Hzo02jE-p4SNHS-M4x35QtD9Az5f1msePN6uRF_BvMYe8L_A48CS_aem_xPiq0XmrYuV8C0_bNKJLKg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://www.youtube.de/kueperpunk</a></p> <p>SLURL: <a href="https://l.facebook.com/l.php?u=https%3A%2F%2Fmaps.secondlife.com%2Fsecondlife%2FKreativ%2520Dorf%2F48%2F172%2F37%3Ffbclid%3DIwZXh0bgNhZW0CMTAAYnJpZBEwRDRlVDFuRG9ZUDJ6UElCYXNydGMGYXBwX2lkEDIyMjAzOTE3ODgyMDA4OTIIY2FsbHNpdGUBMgABHqGG6zbgcIyYrNBf3bcZUtXxmNyuPaklDTsTviQCS7KVGwov9meq_5TMXaYi_aem_pVyMm69gQdYrLQY2xKbglQ&amp;h=AT3Ue82KkhJgv8wtNW0N4klo7WR3sxpwWcG7rkK1m6eqc5wyqYsaw8WChy1LuBG53YFA8QIoYgZmfrfJROXCIfuFZB5TcTJcZ11CD-SgKIgOfHmb2lbQzyDRZkHu08ptk0qtP00nGn4BMDX4lsqr5ajbo79eUA&amp;__tn__=-UK-y-R&amp;c[0]=AT3j3Ycn2OupPYKbUv6mW_vP3NL2g-fEISI8ELQnBkU9K4Em0IduY1w7Z5hjaISy8F7oSDy_P3WJ24ByEtsakUNoZNaM8wkOB_IAkaQTwRDtRro_TkSAWazbuViAfjcorDmvnNxMkLfPV3u74iKQrWapWZF-4EEdLRZbtSzPGhhjxqvZ4NdyYIz-bNN1Z-iHv3UIGBA27JjYoMBDRvIzLldeUQb7gcBC_fNDRcb2EK-7_pVANiTSOmQ" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://maps.secondlife.com/seco…/Kreativ%20Dorf/48/172/37</a></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/577028117_4338274559829109_6202856369585083608_n.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="697" sizes="(max-width: 526px) 100vw, 526px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/577028117_4338274559829109_6202856369585083608_n.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/577028117_4338274559829109_6202856369585083608_n.jpg 526w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/577028117_4338274559829109_6202856369585083608_n-226x300.jpg 226w" width="526"></img></a></figure> <h2 id="h-18-02-2026-darmstadt-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">18.02.2026, Darmstadt: “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung”</h2> <p>Zu Gast beim <a href="https://nwv-darmstadt.de/">Naturwissenschaftlichen Verein Darmstadt e.V. </a>im Hessischen Landesmuseum Darmstadt, Friedensplatz 1, 64283 Darmstadt<br></br>Beginn 18:00 Uhr, kostenlos<p>Jules Verne (1828–1905) ist der Erfinder des wissenschaftlichen Romans mit Science-Fiction-Elementen. Er lebte und schrieb in einer Zeit der bahnbrechenden Erfindungen und Entdeckungen, die er begeistert aufnahm und den Faden weiter bis ins Fiktive spann. Seine Helden stießen in die Ozeane, den Luft- und Weltraum und unter die Erde vor. Vernes zahlreiche Romane enthalten viel Fachwissen, eingebettet in aufregende Abenteuer. Sein Roman „Zwanzigtausend Meilen unter den Meeren” ist eines seiner wichtigsten Werke und ein einzigartiges Zeugnis der Entstehung der Meeresforschung dieser Zeit. Darin schickt der französische Autor seinen Prof. Aronnax, einen berühmten französischen Meeresbiologen, auf ein unglaubliches Abenteuer durch die Ozeane, von exotischen Inseln bis in die Tiefsee und zum Südpol. Dafür erdachte Verne das erste literarische Tauchboot und erschuf den rätselhaften, düsteren Kapitän Nemo als Aronnax` Antagonisten. Wieviel Wissenschaft und Technik steckt in Vernes Meeresepos? Wie war der Stand des Wissens und der Wissenschaft und was hat sich der Autor ausgedacht? Wie recherchierte Verne diese Fakten und was war der gesellschaftspolitische Hintergrund für die Buchreihe “Phantastische Reisen”?</p></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg"><img alt="" decoding="async" height="350" sizes="(max-width: 228px) 100vw, 228px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg 228w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_-195x300.jpg 195w" width="228"></img></a><figcaption>Signiert oder unsigniert, erhältlich im <a href="https://www.shop-hirnkost.de/produkt/signiert-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung/">hirnkost-Shop</a> oder direkt bei mir</figcaption></figure> <h2 id="h-24-02-2026-pottwale-mythos-und-wirklichkeit">24.02.2026: “Pottwale – Mythos und Wirklichkeit”</h2> <p><a href="https://www.bund-hessen.de/stadtnaturzentrum/">BUND Zentrum für Stadtnatur</a>, Klappacher Straße 27 64285 Darmstadt<br></br>Zufahrt zur Orangerie von der Klappacher Straße aus, 1. Tor links (hinter dem Gebäude des Grünflächenamtes)<br></br>Den Beginn weiß ich noch nicht, wird noch nachgeliefert. Vermutlich gegen 18:30 Uhr</p> <p>Der Pottwal (<em>Physeter macrocephalus</em>) ist der größte aller Zahnwale. Er ist der amtierende Tieftauchmeister, hat die größte Nase im Tierreich und ist der größte lebende Beutegreifer. Zugleich ist er eng verknüpft mit der menschlichen Kulturgeschichte: Über Jahrhunderte haben ihm Walfänger nachgestellt, in Romanen wie »Moby-Dick« ist er unsterblich geworden und sein Spermaceti-Öl war für den Menschen lange Zeit unersetzlich.</p> <p>Durch sein Abtauchen und seine gewaltige Größe hat er sich den neugierigen Augen der Menschen lange erfolgreich entzogen, erst mit Hightech-Entwicklungen können Forschende den großen Zahnwalen manchmal auf ihrem Weg in die Tiefen folgen. Umfangreiche Feldforschungen vor den Galapagos-Inseln und anderswo zeigen, dass Pottwale eine eigene Form von Kultur und Sprachen haben. Mit Hilfe von KI und anderen digitalen Werkzeugen findet ein interdisziplinäres Team gerade mehr über die Sprache der Leviathane heraus.</p> <h2 id="h-03-03-2026-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">03.03.2026: “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung”</h2> <p><a href="https://www.bund-hessen.de/stadtnaturzentrum/">BUND Zentrum für Stadtnatur</a>, Klappacher Straße 27 64285 Darmstadt<br></br>Zufahrt zur Orangerie von der Klappacher Straße aus, 1. Tor links (hinter dem Gebäude des Grünflächenamtes).<br></br>Den Beginn weiß ich noch nicht, wird noch nachgeliefert. Vermutlich gegen 18:30 Uhr</p> <h2 id="h-02-05-05-05-berlin-metropol-con">02.05/05.05, Berlin, Metropol-Con: </h2> <p>Im Kulturzentrum <em>Silent Green</em> findet wieder die Metropol-Con statt, eine multimediale futuristische und fantastische Convention. Die letzte fand ich schon großartig, die Entscheidung, welche Lesung und welchen Vortrag ich hören wollte, war echt schwierig. Diesmal ist die Metropol-Con sogar Euro-Con. D. h., der Austragungsort für das jährliche europaweite SF-Spektakel. Darum sind diesmal Vorträge und Lesungen aus ganz Europa dabei, die meisten auf Englisch. Als Ehrengäste stehen jetzt schon Becky Chambers und Aiki Mira fest – ich bin von den Büchern beider begeistert und freue mich schon sehr darauf.<br></br>Natürlich habe ich Beiträge eingereicht – ob das klappt, weiß ich noch nicht (beim letzten Mal haben meine Freundin Rita und ich Raktajino ausgeschenkt und Soylent Green sowie Insektenpasta angeboten – dadurch wurde unser Slot um 10:00 Uhr gut besucht : ) -“Raktajino ist ein geiles Zeug, wir waren lull und lall”)<br></br>Aber kommen werde ich auf jeden Fall – ich möchte unbedingt dabei sein und werde natürlich am hirnkost-Stand mithelfen. <br></br>Jede/r kann dorthin kommen. Ganz besonders willkommen in SupporterInnen, die jetzt schon ihr Ticket bestellen. Das ist erstens günstiger und gibt zweitens dem Orga-Team die teils im Voraus nötige finanzielle Unterstützung. Die Location ist ziemlich schräg: ein altes Krematorium, das nun zum modernen Kulturzentrum wurde. In den Keller, zu den Buch- und anderen Verkaufsständen geht es über eine Betonrampe…</p> <figure></figure> <h2 id="h-mich-kann-man-buchen">Mich kann man buchen</h2> <p>Neben wissenschaftsjournalistischen Texten zu Biologie, Paläontologie, Klimakrise und anderen naturwissenschaftlichen Themen erzähle ich meine Themen auch gern in populärwissenschaftlichen Vorträgen und Science Performances für Menschen aller Altersgruppen.<br></br>Eine Übersicht über meine Vortrags-Themen gibt es <a href="https://meertext.eu/vortraege/">hier</a>.<br></br>An dieser Stelle sollte ich anmerken, dass ich nicht nur leidenschaftliche Meeresbiologin, sondern auch eine Liebhaberin der wissenschaftsbasierten Science Fiction bin. In Vorträgen hinterfrage ich die wissenschaftlichen Fakten in SF-Szenarien und erzähle noch mehr Wissenswertes dazu.</p> <p>Alle Vorträge und Präsentationen sind allgemein verständlich ausgearbeitet, laufen schnörkellos auf Powerpoint und dauern nach Absprache – meist 45 Minuten.<br></br>Sie können bei <a href="https://meertext.eu/kontakt/">mir</a> von jeder/m und für jede/n gebucht werden, live oder online – für Verein, Schule, Museum, Event oder private Veranstaltungen. Honorar und Reisekosten nach Absprache.</p> <p>Weiterhin biete ich Lesungen zum Jules Verne-Buch sowie Vorlesungen und Workshops für Studierende und Jugendliche.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Save the Date – meine Vorträge Winter 2025/2026 » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>2025 ist noch nicht zu Ende und mein Terminkalender füllt sich schon wieder.<br></br>Wie schon 2025 lese und erzähle ich aus meinem Buch “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung” auch 2026 – dann auch in digitalen Formaten. Ich mag es ja lieber, wenn ich direkt mit meinem Publikum interagieren kann, aber Online hat den Riesenvorteil, dass sich jede/r zuschalten kann, ohne Reiseaufwand.<br></br>Mein <a href="https://www.wissenschaft.de/rezensionen/wissensbuecher-des-jahres/wissensbuch-des-jahres-die-sieger-2025/">“Jules Verne” ist von <em>Bild der Wissenschaft </em>als Wissensbuch 2025 in der Kategorie Überraschung gekürt worden – und nun tatsächlich zum Publikumsliebling gewählt worden.</a><br></br>Ein herzliches Dankeschön an alle, die für mich votierten – ich freue mich riesig darüber!<p>Das sind nur die ersten, schon feststehenden öffentlichen Termine, da kommen noch eine Menge mehr dazu. Ganz sicher auch noch der “Jules Verne”. </p></p> <h2 id="h-06-12-2025-darmstadt-wuste-n-planeten-in-der-science-fiction">06.12.2025, Darmstadt: “Wüste(n) Planeten in der Science Fiction”</h2> <p><a href="https://vsda.de/veranstaltungen/veranstaltungskalender/cat_ids~8/">Vortrag in der Volkssternwarte Darmstadt</a>, Beginn 20:00 Uhr. Eintritt<p><a href="https://www.google.com/maps/place//data=!4m2!3m1!1s0x47bd79e7d015f84d:0x2f620c8e9aaa4003?sa=X&amp;ved=1t:8290&amp;ictx=111">Auf d. Ludwigshöhe 196, 64285 Darmstadt</a>Dune, Star Wars, Star Trek – in vielen Science Fiction-Szenarien werden die HeldInnen in die Wüste geschickt.</p><br></br>Wüsten bieten für die Protagonisten neben Schweiß und Durst noch viel mehr Herausforderungen, von der Einsamkeit über Sandstürme bis zu schrecklichen Aliens.<br></br>Welche Wissenschaft steckt hinter diesen Konzepten? Wie glaubwürdig ist es, dass ein ganzer Planet nur aus Wüste bestehen soll? Wo haben sich die Schöpfer außerirdischer Wüsten bei Menschen, Tieren, Pflanzen und Steinen unserer Erde inspirieren lassen? Und welche Überlebensstrategien nutzen die HeldInnen in ihrer wüsten Umgebung?<br></br>Ein kurzer Ausblick zeigt, dass Wüstentrainings bei ESA und NASA auch für Raumsonden und Astronauten üblich sind, um sie auf sandige Einöden außerhalb der Erde vorzubereiten.<br></br>Und was könnten Science Fiction-AutorInnen und FilmemacherInnen von den RaumfahrerInnen lernen?<p>Adresse:</p><br></br>Auch diese<a href="https://vsda.de/anfahrt/"> Sternwarte liegt im Wald,</a> eine Taschenlampe ist für den letzten Teil des Weges zu Fuß dorthin sehr nützlich.</p> <h2 id="h-17-18-01-2026-digitaler-bucon-jules-verne">17./18.01.2026 Digitaler BuCon: “Jules Verne” </h2> <p>Am 17./18.01.2026 bin ich zu Gast im virtuellen “Café Jules Verne”, auf Einladung von Thorsten Küper. Das “Bühnenbild” stammt übrigens von Barlok Barboza</p> <p>Samstag, 17.Januar: ab 20:00 Uhr: Susan Abyss, Jasmin Jülicher und ich werden gemeinsam in Barloks Hafen einlaufen und im Jules Verne-Café gemeinsam lesen:<br></br>Ich stelle mein Sachbuch „Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung“ vor. Susan Abyss liest aus ihrem Roman „Das Geheimnis der Nautilus Noir“ und Jasmin Jülicher wird einen Ausschnitt aus einem ihrer Steampunk Werke lesen. Barlok soll bereits jetzt am Café Jules Verne bauen, die Anreise zu den Lesungen wird stilsicher im U-Boot erfolgen (wie Thorsten mir versicherte) und ihr dürft mit einer visuell außergewöhnlichen Veranstaltung rechnen. “Ein Event mit Tiefe!!!”</p> <p>Ton über den Discord-Server der Brennenden:<aside></aside></p> <p><a href="https://discord.gg/P3x79Xw">https://discord.gg/P3x79Xw</a></p> <p>Live Video Übertragung auf youtube unter <a href="https://www.youtube.de/kueperpunk?fbclid=IwZXh0bgNhZW0CMTAAYnJpZBEwRDRlVDFuRG9ZUDJ6UElCYXNydGMGYXBwX2lkEDIyMjAzOTE3ODgyMDA4OTIIY2FsbHNpdGUBMgABHgbo_kw0Hzo02jE-p4SNHS-M4x35QtD9Az5f1msePN6uRF_BvMYe8L_A48CS_aem_xPiq0XmrYuV8C0_bNKJLKg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://www.youtube.de/kueperpunk</a></p> <p>SLURL: <a href="https://l.facebook.com/l.php?u=https%3A%2F%2Fmaps.secondlife.com%2Fsecondlife%2FKreativ%2520Dorf%2F48%2F172%2F37%3Ffbclid%3DIwZXh0bgNhZW0CMTAAYnJpZBEwRDRlVDFuRG9ZUDJ6UElCYXNydGMGYXBwX2lkEDIyMjAzOTE3ODgyMDA4OTIIY2FsbHNpdGUBMgABHqGG6zbgcIyYrNBf3bcZUtXxmNyuPaklDTsTviQCS7KVGwov9meq_5TMXaYi_aem_pVyMm69gQdYrLQY2xKbglQ&amp;h=AT3Ue82KkhJgv8wtNW0N4klo7WR3sxpwWcG7rkK1m6eqc5wyqYsaw8WChy1LuBG53YFA8QIoYgZmfrfJROXCIfuFZB5TcTJcZ11CD-SgKIgOfHmb2lbQzyDRZkHu08ptk0qtP00nGn4BMDX4lsqr5ajbo79eUA&amp;__tn__=-UK-y-R&amp;c[0]=AT3j3Ycn2OupPYKbUv6mW_vP3NL2g-fEISI8ELQnBkU9K4Em0IduY1w7Z5hjaISy8F7oSDy_P3WJ24ByEtsakUNoZNaM8wkOB_IAkaQTwRDtRro_TkSAWazbuViAfjcorDmvnNxMkLfPV3u74iKQrWapWZF-4EEdLRZbtSzPGhhjxqvZ4NdyYIz-bNN1Z-iHv3UIGBA27JjYoMBDRvIzLldeUQb7gcBC_fNDRcb2EK-7_pVANiTSOmQ" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://maps.secondlife.com/seco…/Kreativ%20Dorf/48/172/37</a></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/577028117_4338274559829109_6202856369585083608_n.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="697" sizes="(max-width: 526px) 100vw, 526px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/577028117_4338274559829109_6202856369585083608_n.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/577028117_4338274559829109_6202856369585083608_n.jpg 526w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/577028117_4338274559829109_6202856369585083608_n-226x300.jpg 226w" width="526"></img></a></figure> <h2 id="h-18-02-2026-darmstadt-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">18.02.2026, Darmstadt: “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung”</h2> <p>Zu Gast beim <a href="https://nwv-darmstadt.de/">Naturwissenschaftlichen Verein Darmstadt e.V. </a>im Hessischen Landesmuseum Darmstadt, Friedensplatz 1, 64283 Darmstadt<br></br>Beginn 18:00 Uhr, kostenlos<p>Jules Verne (1828–1905) ist der Erfinder des wissenschaftlichen Romans mit Science-Fiction-Elementen. Er lebte und schrieb in einer Zeit der bahnbrechenden Erfindungen und Entdeckungen, die er begeistert aufnahm und den Faden weiter bis ins Fiktive spann. Seine Helden stießen in die Ozeane, den Luft- und Weltraum und unter die Erde vor. Vernes zahlreiche Romane enthalten viel Fachwissen, eingebettet in aufregende Abenteuer. Sein Roman „Zwanzigtausend Meilen unter den Meeren” ist eines seiner wichtigsten Werke und ein einzigartiges Zeugnis der Entstehung der Meeresforschung dieser Zeit. Darin schickt der französische Autor seinen Prof. Aronnax, einen berühmten französischen Meeresbiologen, auf ein unglaubliches Abenteuer durch die Ozeane, von exotischen Inseln bis in die Tiefsee und zum Südpol. Dafür erdachte Verne das erste literarische Tauchboot und erschuf den rätselhaften, düsteren Kapitän Nemo als Aronnax` Antagonisten. Wieviel Wissenschaft und Technik steckt in Vernes Meeresepos? Wie war der Stand des Wissens und der Wissenschaft und was hat sich der Autor ausgedacht? Wie recherchierte Verne diese Fakten und was war der gesellschaftspolitische Hintergrund für die Buchreihe “Phantastische Reisen”?</p></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg"><img alt="" decoding="async" height="350" sizes="(max-width: 228px) 100vw, 228px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg 228w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_-195x300.jpg 195w" width="228"></img></a><figcaption>Signiert oder unsigniert, erhältlich im <a href="https://www.shop-hirnkost.de/produkt/signiert-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung/">hirnkost-Shop</a> oder direkt bei mir</figcaption></figure> <h2 id="h-24-02-2026-pottwale-mythos-und-wirklichkeit">24.02.2026: “Pottwale – Mythos und Wirklichkeit”</h2> <p><a href="https://www.bund-hessen.de/stadtnaturzentrum/">BUND Zentrum für Stadtnatur</a>, Klappacher Straße 27 64285 Darmstadt<br></br>Zufahrt zur Orangerie von der Klappacher Straße aus, 1. Tor links (hinter dem Gebäude des Grünflächenamtes)<br></br>Den Beginn weiß ich noch nicht, wird noch nachgeliefert. Vermutlich gegen 18:30 Uhr</p> <p>Der Pottwal (<em>Physeter macrocephalus</em>) ist der größte aller Zahnwale. Er ist der amtierende Tieftauchmeister, hat die größte Nase im Tierreich und ist der größte lebende Beutegreifer. Zugleich ist er eng verknüpft mit der menschlichen Kulturgeschichte: Über Jahrhunderte haben ihm Walfänger nachgestellt, in Romanen wie »Moby-Dick« ist er unsterblich geworden und sein Spermaceti-Öl war für den Menschen lange Zeit unersetzlich.</p> <p>Durch sein Abtauchen und seine gewaltige Größe hat er sich den neugierigen Augen der Menschen lange erfolgreich entzogen, erst mit Hightech-Entwicklungen können Forschende den großen Zahnwalen manchmal auf ihrem Weg in die Tiefen folgen. Umfangreiche Feldforschungen vor den Galapagos-Inseln und anderswo zeigen, dass Pottwale eine eigene Form von Kultur und Sprachen haben. Mit Hilfe von KI und anderen digitalen Werkzeugen findet ein interdisziplinäres Team gerade mehr über die Sprache der Leviathane heraus.</p> <h2 id="h-03-03-2026-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">03.03.2026: “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung”</h2> <p><a href="https://www.bund-hessen.de/stadtnaturzentrum/">BUND Zentrum für Stadtnatur</a>, Klappacher Straße 27 64285 Darmstadt<br></br>Zufahrt zur Orangerie von der Klappacher Straße aus, 1. Tor links (hinter dem Gebäude des Grünflächenamtes).<br></br>Den Beginn weiß ich noch nicht, wird noch nachgeliefert. Vermutlich gegen 18:30 Uhr</p> <h2 id="h-02-05-05-05-berlin-metropol-con">02.05/05.05, Berlin, Metropol-Con: </h2> <p>Im Kulturzentrum <em>Silent Green</em> findet wieder die Metropol-Con statt, eine multimediale futuristische und fantastische Convention. Die letzte fand ich schon großartig, die Entscheidung, welche Lesung und welchen Vortrag ich hören wollte, war echt schwierig. Diesmal ist die Metropol-Con sogar Euro-Con. D. h., der Austragungsort für das jährliche europaweite SF-Spektakel. Darum sind diesmal Vorträge und Lesungen aus ganz Europa dabei, die meisten auf Englisch. Als Ehrengäste stehen jetzt schon Becky Chambers und Aiki Mira fest – ich bin von den Büchern beider begeistert und freue mich schon sehr darauf.<br></br>Natürlich habe ich Beiträge eingereicht – ob das klappt, weiß ich noch nicht (beim letzten Mal haben meine Freundin Rita und ich Raktajino ausgeschenkt und Soylent Green sowie Insektenpasta angeboten – dadurch wurde unser Slot um 10:00 Uhr gut besucht : ) -“Raktajino ist ein geiles Zeug, wir waren lull und lall”)<br></br>Aber kommen werde ich auf jeden Fall – ich möchte unbedingt dabei sein und werde natürlich am hirnkost-Stand mithelfen. <br></br>Jede/r kann dorthin kommen. Ganz besonders willkommen in SupporterInnen, die jetzt schon ihr Ticket bestellen. Das ist erstens günstiger und gibt zweitens dem Orga-Team die teils im Voraus nötige finanzielle Unterstützung. Die Location ist ziemlich schräg: ein altes Krematorium, das nun zum modernen Kulturzentrum wurde. In den Keller, zu den Buch- und anderen Verkaufsständen geht es über eine Betonrampe…</p> <figure></figure> <h2 id="h-mich-kann-man-buchen">Mich kann man buchen</h2> <p>Neben wissenschaftsjournalistischen Texten zu Biologie, Paläontologie, Klimakrise und anderen naturwissenschaftlichen Themen erzähle ich meine Themen auch gern in populärwissenschaftlichen Vorträgen und Science Performances für Menschen aller Altersgruppen.<br></br>Eine Übersicht über meine Vortrags-Themen gibt es <a href="https://meertext.eu/vortraege/">hier</a>.<br></br>An dieser Stelle sollte ich anmerken, dass ich nicht nur leidenschaftliche Meeresbiologin, sondern auch eine Liebhaberin der wissenschaftsbasierten Science Fiction bin. In Vorträgen hinterfrage ich die wissenschaftlichen Fakten in SF-Szenarien und erzähle noch mehr Wissenswertes dazu.</p> <p>Alle Vorträge und Präsentationen sind allgemein verständlich ausgearbeitet, laufen schnörkellos auf Powerpoint und dauern nach Absprache – meist 45 Minuten.<br></br>Sie können bei <a href="https://meertext.eu/kontakt/">mir</a> von jeder/m und für jede/n gebucht werden, live oder online – für Verein, Schule, Museum, Event oder private Veranstaltungen. Honorar und Reisekosten nach Absprache.</p> <p>Weiterhin biete ich Lesungen zum Jules Verne-Buch sowie Vorlesungen und Workshops für Studierende und Jugendliche.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/save-the-date-meine-vortraege-winter-2025-2026/#respond 0 Schau mir in die Augen, Kleines https://scilogs.spektrum.de/klartext/schau-mir-in-die-augen-kleines/ https://scilogs.spektrum.de/klartext/schau-mir-in-die-augen-kleines/#respond Fri, 21 Nov 2025 07:54:31 +0000 klartext https://scilogs.spektrum.de/klartext/?p=1198 <h1>Schau mir in die Augen, Kleines » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den <span><a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</a> 2</span>023 in der Kategorie Informatik veranschaulichte Christina Breil, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p>Neuere Computeralgorithmen können Augenkontakt nun auch in Videokonferenzen simulieren. Was auf den ersten Blick aussieht wie eine große Hilfe, hat bei näherer Betrachtung jedoch erhebliche Nachteile. Denn auch bei Blickkontakt ist weniger manchmal mehr.</p> <p>Ein Blick sagt mehr als tausend Worte. Mag sie mich? Was hat er vor? Darf ich mir das letzte Stück Kuchen nehmen? Indem wir unseren Mitmenschen in die Augen schauen, gewinnen wir wichtige Einblicke in ihr Denken, Fühlen und Handeln. Gleichzeitig nutzen wir unsere eigenen Augenbewegungen, um gezielt mit anderen zu kommunizieren. Ganz im Sinne des Film-Zitats „Schau mir in die Augen, Kleines“ scheint direkter Blickkontakt dabei eine besondere Wirkung zu haben. Wer viel Augenkontakt sucht, wird als besonders sympathisch, attraktiv, vertrauenswürdig und intelligent wahrgenommen – ganz unabhängig davon, ob er oder sie es tatsächlich ist. Doch auch das Gegenteil kann zutreffen. So gibt es Situationen, in denen es akzeptiert oder sogar erwünscht ist, den Blick anderer Menschen zu meiden. Wir kennen es alle: die Fahrt im Aufzug eines Kaufhauses. Alle schauen leicht beklemmt auf den Boden, denn man will ja kein unangenehmes Gespräch beginnen. Berühren sich die Blicke doch, ringt man sich ein kurzes Lächeln ab – man will ja nicht unhöflich sein – und ist dann sehr dankbar, wenn man wieder aussteigen kann. Welches Blickverhalten als angemessen empfunden wird, kommt also auf den Kontext an. Zum Glück meistern viele von uns das ganz natürlich, ohne großartig darüber nachdenken zu müssen. Alles andere wäre auch ganz schön anstrengend!</p> <p>Leider zeigen diese intuitiven Regeln in Videokonferenzen, die bei den meisten von uns mittlerweile zum Alltag gehören, nicht die gewohnte Wirkung. Das hat einen einfachen Grund: um ein Gefühl von Blickkontakt mit den anderen Beteiligten herstellen zu können, müsste die Kamera mitten auf dem Bildschirm angebracht sein, idealerweise genau auf den Augen der anderen Person. Die derzeit gängigen Geräte können diesen Aufbau leisten. Um das Problem zu beheben, wurden in jüngster Zeit Computeralgorithmen entwickelt, die unsere Blickrichtung in Videotelefonaten so „korrigieren“ können, dass man sich scheinbar gegenseitig in die Augen schaut: während ich in Wirklichkeit die Person auf dem Monitor anschaue, statt direkt die Kamera zu fixieren, nimmt die andere Person es so wahr, als würde ich ihr direkt in die Augen sehen. Das wirkt zunächst vielversprechend, hat aber seine Tücken. Wie meine Kolleg:innen und ich in unserer Forschungsarbeit zeigen konnten, ist es nämlich häufig gerade das Wechselspiel aus direktem und abgewandtem Blick, dass uns einander nahe bringt.</p> <p>In unseren Studien haben wir Personen unterschiedlichsten Alters und Geschlechts an vorher aufgenommenen Videokonferenzen teilnehmen lassen. Sie sollten dabei in die Rolle der Person schlüpfen, aus deren Perspektive die Konferenz aufgenommen wurde und die im Video nicht zu sehen, sondern nur zu hören war. Während diese Erzählperson eine hoch emotionale Geschichte aus ihrem eigenen Leben erzählte, konnten die Versuchspersonen die Reaktionen des Gegenübers auf dem Bildschirm beobachten. Nach jedem Gespräch haben wir die Versuchspersonen gefragt, wie sie die zuhörende Person, die sie zuvor beobachten konnten, einschätzen. Dabei fanden wir: Personen, die während einer dramatischen Geschichte durchgängig direkten Blick zeigten, schnitten deutlich besser ab als Personen, die permanent wegschauten. Am empathischsten wirkten jedoch Personen, die in solchen Situationen abwechselnd hin- und wieder wegschauten. Sie schafften es, ein stärkeres Gefühl der Nähe zwischen den Beteiligten aufzubauen.<aside></aside></p> <p>Diese Art des Blickverhaltens scheint sich nicht nur auf die Wahrnehmung von uns Menschen auszuwirken, sondern auch das tatsächliche Verhalten beeinflussen zu können. In weiteren Experimenten haben wir Versuchspersonen erneut an kurzen Videokonferenzen mit verschiedenen, ihnen völlig fremden Personen teilnehmen lassen. Im Anschluss an jedes Gespräch gaben wir den Teilnehmer:innen Geld, das sie entweder behalten oder mit der anderen Person teilen durften. Der Clou dabei: wie die Versuchspersonen wussten, haben wir ihre Geldabgaben nicht einfach überwiesen, sondern den Betrag vorher verdreifacht. Die begünstigte Person konnte der Versuchsperson anschließend einen frei wählbaren Betrag zurückschicken, sozusagen als Dank. Sie konnte sich aber auch dazu entschließen, den kompletten Geldbetrag selbst einzustecken. Für die Versuchspersonen war es in diesem Szenario also am sichersten, nicht zu teilen. Allerdings stellte die Alternative, nämlich Geld abzugeben, die Strategie mit dem größeren Gewinnpotenzial dar: im günstigsten Fall zeigte sich die andere Person erkenntlich. Wenn sie zum Beispiel vier der neun Münzen zurückschickte, gingen beide mit mehr Geld nach Hause, als ihnen vor der Interaktion zur Verfügung stand. Wenn sich die andere Person hingegen dazu entschloss, den überwiesenen Betrag in voller Höhe zu behalten, ging die Versuchsperson leer aus. Das Vertrauen hat sich nicht ausgezahlt.</p> <p>Wie wir erwartet haben, wurde der fremden Person eher vertraut – also eher Geld geschickt – wenn sie zuvor abwechselnd direkten und abgewandten Blick gezeigt hatte. Das galt sogar dann, wenn wir der fremden Person die Möglichkeit entzogen, Geld zurückzuschicken. Wenn die Versuchsperson also freiwillig Geld an die fremde Person verschenkte oder „spendete“, ohne dabei einen Gewinn erzielen zu können.</p> <p>Aus all diesen Experimenten haben wir geschlossen, dass Personen, die in emotionalen Gesprächen zwischen abgewandtem und direktem Blick wechseln, nicht nur empathischer und vertrauenswürdiger wirken, sondern dass ihnen auch bereitwilliger geholfen wird.  Das war ein relativ neuer Befund, da man bisher davon ausging, dass direkter Blickkontakt ohne Einschränkungen die besten Wirkungen erzielt. Bei Gesprächen mit neutralem Inhalt konnten wir diesen Effekt übrigens nicht finden. Auch hier war wichtig, dass Blickkontakt hergestellt wurde, ob er aber permanent gehalten oder zeitweise unterbrochen wurde, machte keinen Unterschied. Wir vermuten, dass eine Unterbrechung des Blickkontakts in emotionalen Gesprächen eine wichtige Funktion erfüllt, zum Beispiel, sich selbst und dem Gegenüber die Möglichkeit zu geben, die eigenen Gefühle zu regulieren. Wer bei einer traurigen Geschichte hin und wieder wegsieht, könnte damit also Mitgefühl signalisieren.</p> <p>Was aber bedeuten unsere Befunde für Videokonferenzen, in denen Blickkontakt gar nicht möglich ist? Zunächst einmal, dass die Wahrnehmung von direktem Blick auch hier äußerst positiv auf uns wirkt – und das, obwohl wir wissen, dass unser Gegenüber genau in diesen Momenten die Kamera fixiert und nicht uns. Außerdem zeigen unsere Studien, dass Algorithmen zur Blickkorrektur wichtige Aspekte von natürlichem Blickverhalten vernachlässigen. Die Algorithmen lassen es so aussehen, als schauten wir unseren Gesprächspartnern permanent in die Augen. Wenn wir zwischendurch wegschauen, kommt das beim Gegenüber also gar nicht mehr an. Das ist tragisch, denn oft ist es genau dieses Verhalten, das echtes Mitgefühl und echte Emotionen signalisiert. Momentan ist der Verzicht auf Blickkorrekturen also das Mittel der Wahl, zumindest so lange, bis es Algorithmen gibt, die natürliches Blickverhalten widerspiegeln können. Bis dahin können wir zum Glück selbst etwas tun, wenn wir uns die Bedeutung von Augenkontakt in Videokonferenzen ab und zu ins Gedächtnis rufen. Ein Blick in die Kamera ist wie ein Blick in die Augen unserer Gesprächspartner. Er signalisiert Aufmerksamkeit und Zuwendung und kann dazu beitragen, dass wir uns einander ein bisschen näher fühlen, selbst wenn in Wahrheit eine Kamera zwischen uns helfen muss, die fehlende räumliche Nähe zu ersetzen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Schau mir in die Augen, Kleines » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den <span><a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</a> 2</span>023 in der Kategorie Informatik veranschaulichte Christina Breil, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p>Neuere Computeralgorithmen können Augenkontakt nun auch in Videokonferenzen simulieren. Was auf den ersten Blick aussieht wie eine große Hilfe, hat bei näherer Betrachtung jedoch erhebliche Nachteile. Denn auch bei Blickkontakt ist weniger manchmal mehr.</p> <p>Ein Blick sagt mehr als tausend Worte. Mag sie mich? Was hat er vor? Darf ich mir das letzte Stück Kuchen nehmen? Indem wir unseren Mitmenschen in die Augen schauen, gewinnen wir wichtige Einblicke in ihr Denken, Fühlen und Handeln. Gleichzeitig nutzen wir unsere eigenen Augenbewegungen, um gezielt mit anderen zu kommunizieren. Ganz im Sinne des Film-Zitats „Schau mir in die Augen, Kleines“ scheint direkter Blickkontakt dabei eine besondere Wirkung zu haben. Wer viel Augenkontakt sucht, wird als besonders sympathisch, attraktiv, vertrauenswürdig und intelligent wahrgenommen – ganz unabhängig davon, ob er oder sie es tatsächlich ist. Doch auch das Gegenteil kann zutreffen. So gibt es Situationen, in denen es akzeptiert oder sogar erwünscht ist, den Blick anderer Menschen zu meiden. Wir kennen es alle: die Fahrt im Aufzug eines Kaufhauses. Alle schauen leicht beklemmt auf den Boden, denn man will ja kein unangenehmes Gespräch beginnen. Berühren sich die Blicke doch, ringt man sich ein kurzes Lächeln ab – man will ja nicht unhöflich sein – und ist dann sehr dankbar, wenn man wieder aussteigen kann. Welches Blickverhalten als angemessen empfunden wird, kommt also auf den Kontext an. Zum Glück meistern viele von uns das ganz natürlich, ohne großartig darüber nachdenken zu müssen. Alles andere wäre auch ganz schön anstrengend!</p> <p>Leider zeigen diese intuitiven Regeln in Videokonferenzen, die bei den meisten von uns mittlerweile zum Alltag gehören, nicht die gewohnte Wirkung. Das hat einen einfachen Grund: um ein Gefühl von Blickkontakt mit den anderen Beteiligten herstellen zu können, müsste die Kamera mitten auf dem Bildschirm angebracht sein, idealerweise genau auf den Augen der anderen Person. Die derzeit gängigen Geräte können diesen Aufbau leisten. Um das Problem zu beheben, wurden in jüngster Zeit Computeralgorithmen entwickelt, die unsere Blickrichtung in Videotelefonaten so „korrigieren“ können, dass man sich scheinbar gegenseitig in die Augen schaut: während ich in Wirklichkeit die Person auf dem Monitor anschaue, statt direkt die Kamera zu fixieren, nimmt die andere Person es so wahr, als würde ich ihr direkt in die Augen sehen. Das wirkt zunächst vielversprechend, hat aber seine Tücken. Wie meine Kolleg:innen und ich in unserer Forschungsarbeit zeigen konnten, ist es nämlich häufig gerade das Wechselspiel aus direktem und abgewandtem Blick, dass uns einander nahe bringt.</p> <p>In unseren Studien haben wir Personen unterschiedlichsten Alters und Geschlechts an vorher aufgenommenen Videokonferenzen teilnehmen lassen. Sie sollten dabei in die Rolle der Person schlüpfen, aus deren Perspektive die Konferenz aufgenommen wurde und die im Video nicht zu sehen, sondern nur zu hören war. Während diese Erzählperson eine hoch emotionale Geschichte aus ihrem eigenen Leben erzählte, konnten die Versuchspersonen die Reaktionen des Gegenübers auf dem Bildschirm beobachten. Nach jedem Gespräch haben wir die Versuchspersonen gefragt, wie sie die zuhörende Person, die sie zuvor beobachten konnten, einschätzen. Dabei fanden wir: Personen, die während einer dramatischen Geschichte durchgängig direkten Blick zeigten, schnitten deutlich besser ab als Personen, die permanent wegschauten. Am empathischsten wirkten jedoch Personen, die in solchen Situationen abwechselnd hin- und wieder wegschauten. Sie schafften es, ein stärkeres Gefühl der Nähe zwischen den Beteiligten aufzubauen.<aside></aside></p> <p>Diese Art des Blickverhaltens scheint sich nicht nur auf die Wahrnehmung von uns Menschen auszuwirken, sondern auch das tatsächliche Verhalten beeinflussen zu können. In weiteren Experimenten haben wir Versuchspersonen erneut an kurzen Videokonferenzen mit verschiedenen, ihnen völlig fremden Personen teilnehmen lassen. Im Anschluss an jedes Gespräch gaben wir den Teilnehmer:innen Geld, das sie entweder behalten oder mit der anderen Person teilen durften. Der Clou dabei: wie die Versuchspersonen wussten, haben wir ihre Geldabgaben nicht einfach überwiesen, sondern den Betrag vorher verdreifacht. Die begünstigte Person konnte der Versuchsperson anschließend einen frei wählbaren Betrag zurückschicken, sozusagen als Dank. Sie konnte sich aber auch dazu entschließen, den kompletten Geldbetrag selbst einzustecken. Für die Versuchspersonen war es in diesem Szenario also am sichersten, nicht zu teilen. Allerdings stellte die Alternative, nämlich Geld abzugeben, die Strategie mit dem größeren Gewinnpotenzial dar: im günstigsten Fall zeigte sich die andere Person erkenntlich. Wenn sie zum Beispiel vier der neun Münzen zurückschickte, gingen beide mit mehr Geld nach Hause, als ihnen vor der Interaktion zur Verfügung stand. Wenn sich die andere Person hingegen dazu entschloss, den überwiesenen Betrag in voller Höhe zu behalten, ging die Versuchsperson leer aus. Das Vertrauen hat sich nicht ausgezahlt.</p> <p>Wie wir erwartet haben, wurde der fremden Person eher vertraut – also eher Geld geschickt – wenn sie zuvor abwechselnd direkten und abgewandten Blick gezeigt hatte. Das galt sogar dann, wenn wir der fremden Person die Möglichkeit entzogen, Geld zurückzuschicken. Wenn die Versuchsperson also freiwillig Geld an die fremde Person verschenkte oder „spendete“, ohne dabei einen Gewinn erzielen zu können.</p> <p>Aus all diesen Experimenten haben wir geschlossen, dass Personen, die in emotionalen Gesprächen zwischen abgewandtem und direktem Blick wechseln, nicht nur empathischer und vertrauenswürdiger wirken, sondern dass ihnen auch bereitwilliger geholfen wird.  Das war ein relativ neuer Befund, da man bisher davon ausging, dass direkter Blickkontakt ohne Einschränkungen die besten Wirkungen erzielt. Bei Gesprächen mit neutralem Inhalt konnten wir diesen Effekt übrigens nicht finden. Auch hier war wichtig, dass Blickkontakt hergestellt wurde, ob er aber permanent gehalten oder zeitweise unterbrochen wurde, machte keinen Unterschied. Wir vermuten, dass eine Unterbrechung des Blickkontakts in emotionalen Gesprächen eine wichtige Funktion erfüllt, zum Beispiel, sich selbst und dem Gegenüber die Möglichkeit zu geben, die eigenen Gefühle zu regulieren. Wer bei einer traurigen Geschichte hin und wieder wegsieht, könnte damit also Mitgefühl signalisieren.</p> <p>Was aber bedeuten unsere Befunde für Videokonferenzen, in denen Blickkontakt gar nicht möglich ist? Zunächst einmal, dass die Wahrnehmung von direktem Blick auch hier äußerst positiv auf uns wirkt – und das, obwohl wir wissen, dass unser Gegenüber genau in diesen Momenten die Kamera fixiert und nicht uns. Außerdem zeigen unsere Studien, dass Algorithmen zur Blickkorrektur wichtige Aspekte von natürlichem Blickverhalten vernachlässigen. Die Algorithmen lassen es so aussehen, als schauten wir unseren Gesprächspartnern permanent in die Augen. Wenn wir zwischendurch wegschauen, kommt das beim Gegenüber also gar nicht mehr an. Das ist tragisch, denn oft ist es genau dieses Verhalten, das echtes Mitgefühl und echte Emotionen signalisiert. Momentan ist der Verzicht auf Blickkorrekturen also das Mittel der Wahl, zumindest so lange, bis es Algorithmen gibt, die natürliches Blickverhalten widerspiegeln können. Bis dahin können wir zum Glück selbst etwas tun, wenn wir uns die Bedeutung von Augenkontakt in Videokonferenzen ab und zu ins Gedächtnis rufen. Ein Blick in die Kamera ist wie ein Blick in die Augen unserer Gesprächspartner. Er signalisiert Aufmerksamkeit und Zuwendung und kann dazu beitragen, dass wir uns einander ein bisschen näher fühlen, selbst wenn in Wahrheit eine Kamera zwischen uns helfen muss, die fehlende räumliche Nähe zu ersetzen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/klartext/schau-mir-in-die-augen-kleines/#respond 0 The Pressure to Publish Is Challenging the Foundations of Academic Integrity https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-pressure-to-publish-is-challenging-the-foundations-of-academic-integrity/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-pressure-to-publish-is-challenging-the-foundations-of-academic-integrity/#comments Wed, 19 Nov 2025 13:00:00 +0000 Andrei Mihai https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=13906 <h1>The Pressure to Publish Is Challenging the Foundations of Academic Integrity - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>According to an analysis in <em>Science</em>, around 1.92 million papers were indexed by the Scopus and Web of Science publication <a href="https://www.science.org/content/article/scienceadviser-scientists-are-publishing-too-many-papers-and-s-bad-science" rel="noreferrer noopener" target="_blank">databases in 2016</a>. In 2022, that number rose to 2.82 million. The authors of that analysis <a href="https://news.exeter.ac.uk/faculty-of-environment-science-and-economy/avalanche-of-papers-could-erode-trust-in-science/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">asked themselves</a> whether this is eroding trust in science; can all this research be genuine and trustworthy?</p> <p>At the 12th Heidelberg Laureate Forum, which took place in September 2025, a panel of mathematicians, publishers, and research integrity experts tried to address this thorny situation. Their discussion revealed a complex ecosystem for academics caught between the need for openness and the pressure to perform in the publishing arena.</p> <h3 id="h-publish-or-perish">Publish or Perish</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796772862_9b35954d98_o.jpg"><img alt="a moderator standing up in front of a panel" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796772862_9b35954d98_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796772862_9b35954d98_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796772862_9b35954d98_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796772862_9b35954d98_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Panel discussion at Heidelberg Laureate Forum. ©: HLFF / Kreutzer</figcaption></figure></div> <p>The modern academic machine runs fast. In the “good old days,” researchers could take their time and immerse themselves in their work. You would sometimes discuss with reviewers directly and engage in complex back-and-forth, says Yukari Ito, a mathematician and Professor at Nagoya University.</p> <p>Nowadays, this is no longer the case. The “<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Publish_or_perish" rel="noreferrer noopener" target="_blank">publish or perish</a>” mantra has firmly gripped the academic world. Papers are expected to appear in rapid succession, each feeding the next grant application or promotion review.</p> <p>“There are many papers published every day, which also puts pressure on us to publish many papers,” Ito says. “We have to be careful with this evaluation. Many people look at the number of papers and citations and so on, she added.”<aside></aside></p> <p>Eunsang Lee, who works in the research integrity group at Springer Nature, also acknowledges this issue and says the pressure is coming from the research institutions.</p> <p>“We understand that there is pressure to publish many papers, especially from the institution or funding bodies,” he said. “We are trying to work together closely with institutions and funding bodies to release this kind of pressure, but it’s a very long way to go. It also depends on the culture and country. As a publisher there’s not much we can do, but we try to provide a safer platform for researchers.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785727_6f051c9319_o.jpg"><img alt="group of people engaged in a discussion at a conference, with one person gesturing" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785727_6f051c9319_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785727_6f051c9319_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785727_6f051c9319_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785727_6f051c9319_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Eunsang Lee (left) at the panel discussion on the state of academic intregrity. ©: HLFF / Flemming</figcaption></figure></div> <p>This pressure is not without consequences, and the consequences are felt most by young researchers. Data <a href="https://www.nature.com/articles/d41586-024-03136-4" rel="noreferrer noopener" target="_blank">consistently shows</a> that PhD students suffer severe mental strain and are at <a href="https://www.ucl.ac.uk/news/2024/jan/comment-phd-students-mental-health-poor-and-pandemic-made-it-worse" rel="noreferrer noopener" target="_blank">high risk of depression and anxiety</a>. For many young researchers, mental health problems have become <a href="https://www.sussex.ac.uk/broadcast/read/56932#:~:text=" rel="noreferrer noopener" target="_blank">“normal”</a> parts of research.</p> <p>At the same time, this approach can end up prioritizing quantity over quality, resulting in a flood of papers. Some of these papers are good or excellent; some are repetitive or inconsequential; and some are outright fraudulent.</p> <h3 id="h-how-bad-is-academic-fraud">How Bad Is Academic Fraud?</h3> <p>There is no way to tell just how widespread academic fraud is. Lee, whose main task is to analyze data from potentially problematic papers or authors, says he was not originally aware of this problem. “After joining the publishing industry, I realized that academic integrity is a serious problem.”</p> <p>There are many types of breaches, Lee says. “Data fabrication is one example. For publishers, this is difficult because identifying data fabrication requires both expertise and in-depth analysis. The problem is that we are getting this at a massive scale, so it’s really hard to tackle.”</p> <p>But aside from the classic issues, newer risks have also emerged, in particular due to the rise of AI. AI can mask plagiarism under clever paraphrasing, or it can generate or edit images (sometimes, with <a href="https://www.theguardian.com/science/2025/jul/13/quality-of-scientific-papers-questioned-as-academics-overwhelmed-by-the-millions-published" rel="noreferrer noopener" target="_blank">hilarious results</a>). It can also facilitate chains of citations, connecting unrelated papers in an artificial web of self-reference.</p> <p>“AI can generate text and images, which can be a big problem and result in obviously fake science. We also see many cases of irrelevant references because some people include self-citations of unrelated work or some other irrelevant references to inflate their citation profile. It’s a big problem and also hard to tackle as a publisher.”</p> <p>There is no simple way to weed out these problems, but it is not impossible, either.</p> <h3 id="h-the-rise-of-the-scientific-sleuth">The Rise of the Scientific Sleuth</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889848_142b1d8446_b.jpg"><img alt="a man speaking and gesturing" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889848_142b1d8446_b.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889848_142b1d8446_b.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889848_142b1d8446_b-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889848_142b1d8446_b-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Lonni Besançon on the panel. ©: HLFF / Flemming</figcaption></figure></div> <p>For Lonni Besançon, an Assistant Professor of Visualization at Linköping University in Sweden, and <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/visualization-and-integrity/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">alumnus of the HLF</a>, questions of integrity became personal during the pandemic.</p> <p>“I got into misconduct finding and looking at it because some of the papers that I was reading during COVID were a bit problematic,” he says. “I have a methodological background also, so I started looking into this more, and I’ve now discovered quite a few problematic papers. Around a few thousand, in different fields, not in mine. I’ve been reporting on them for a while and talking about this.”</p> <p>Besançon belongs to a growing group of volunteer “<a href="https://retractionwatch.com/2018/06/17/meet-the-scientific-sleuths-ten-whove-had-an-impact-on-the-scientific-literature" rel="noreferrer noopener" target="_blank">scientific sleuths</a>” – researchers who <a href="https://www.nature.com/articles/d41586-025-02347-7" rel="noreferrer noopener" target="_blank">spend their free time</a> identifying falsified data, image duplications, and plagiarized manuscripts. Many of them have exposed widespread misconduct, including fake journals and so-called “paper mills” that mass-produce fraudulent articles for paying clients. Science greatly benefits from this process, but this is largely unpaid, underappreciated, volunteer work.</p> <p>Assessing scientific discovery has never been easy, and the need for better metrics is clear. Yet, for Besançon, the core issue is the idea of metrics itself.</p> <p>“The day something becomes a metric is the day people start gaming that. Personally, I’m against all kinds of metrics. I see the point of citations …, but I think if we make a metric, eventually people will game it. It’s always been the case.”</p> <p>The French researcher also emphasizes that when a problem is spotted, this is not always because of bad intent. Honest mistakes obviously happen. However, retractions or corrections have come to be seen as damning for scientists, when in fact, they are a normal part of the scientific process.</p> <p>“We shouldn’t see the correction of papers or the retraction of papers as a problem. If there’s a mistake in one of our papers, we should correct it because this is the body of knowledge that we’ve created for the world,” says Besançon.</p> <p>Lee echoed that sentiment: “Don’t be afraid of retractions and corrections caused by honest errors. Everyone can make a mistake. Publishers always try to distinguish between corrections made by honest errors and research integrity. So don’t worry about this. Post-publication actions by authors are the healthiest way to achieve a high standard of research today. That’s something I want to mention especially for young researchers.”</p> <h3 id="h-so-what-do-we-do">So What Do We Do?</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o-1.jpg"><img alt="a panel of people talking, behind them a screen highlighting the speaker" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o-1.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o-1.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o-1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o-1-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Yukari Ito speaking on the panel. ©: HLFF / Flemming.</figcaption></figure></div> <p>Maintaining trust in a system that produces nearly three million papers a year is an enormous challenge. Transparency is a good way to start. If research integrity is the foundation of science, then transparency is its scaffolding. It supports trust not only between researchers and their peers, but between science and the public.</p> <p>“Transparency is key. When in doubt, share. That’s one thing I can say confidently. If you can share, share. If you can’t, for instance if you have anonymization problems, just explain why you’re not sharing. Be transparent with everything as much as you can.”</p> <p>This ethos of openness, honesty, and accountability was echoed across the panel. It is the best defense scientists have at their disposal to showcase the value of their work.</p> <p>“It’s obvious that you have to ensure fully transparent authorship, including authorship changes, and also you have to declare any conflict of interest and cite your sources. The next thing I would say, which is especially true in the case of mathematics and computer science is to share your code and data availability as much as you can,” says Lee.</p> <p>Yet, even as researchers and publishers confront misconduct, the structure of academic incentives remains unchanged, pushing for more papers. Ito suggests that perhaps the entire system should rediscover the patience that once defined scholarship: to slow down, to prioritize originality over output, and to treat retractions and corrections as acts of integrity and not as failure.</p> <p>“For young researchers, publishing your first paper is very important,” she said. “You have to find one big problem. But then, you should continue your research by being original and interesting.”</p> <p>Ultimately, transparency and integrity alone will not solve a systemic problem rooted in incentives. Until universities, funders, and publishers work together to devise a system that truly rewards rigor and value over volume, the pressure cooker of modern academia will keep boiling.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>The Pressure to Publish Is Challenging the Foundations of Academic Integrity - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>According to an analysis in <em>Science</em>, around 1.92 million papers were indexed by the Scopus and Web of Science publication <a href="https://www.science.org/content/article/scienceadviser-scientists-are-publishing-too-many-papers-and-s-bad-science" rel="noreferrer noopener" target="_blank">databases in 2016</a>. In 2022, that number rose to 2.82 million. The authors of that analysis <a href="https://news.exeter.ac.uk/faculty-of-environment-science-and-economy/avalanche-of-papers-could-erode-trust-in-science/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">asked themselves</a> whether this is eroding trust in science; can all this research be genuine and trustworthy?</p> <p>At the 12th Heidelberg Laureate Forum, which took place in September 2025, a panel of mathematicians, publishers, and research integrity experts tried to address this thorny situation. Their discussion revealed a complex ecosystem for academics caught between the need for openness and the pressure to perform in the publishing arena.</p> <h3 id="h-publish-or-perish">Publish or Perish</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796772862_9b35954d98_o.jpg"><img alt="a moderator standing up in front of a panel" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796772862_9b35954d98_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796772862_9b35954d98_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796772862_9b35954d98_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796772862_9b35954d98_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Panel discussion at Heidelberg Laureate Forum. ©: HLFF / Kreutzer</figcaption></figure></div> <p>The modern academic machine runs fast. In the “good old days,” researchers could take their time and immerse themselves in their work. You would sometimes discuss with reviewers directly and engage in complex back-and-forth, says Yukari Ito, a mathematician and Professor at Nagoya University.</p> <p>Nowadays, this is no longer the case. The “<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Publish_or_perish" rel="noreferrer noopener" target="_blank">publish or perish</a>” mantra has firmly gripped the academic world. Papers are expected to appear in rapid succession, each feeding the next grant application or promotion review.</p> <p>“There are many papers published every day, which also puts pressure on us to publish many papers,” Ito says. “We have to be careful with this evaluation. Many people look at the number of papers and citations and so on, she added.”<aside></aside></p> <p>Eunsang Lee, who works in the research integrity group at Springer Nature, also acknowledges this issue and says the pressure is coming from the research institutions.</p> <p>“We understand that there is pressure to publish many papers, especially from the institution or funding bodies,” he said. “We are trying to work together closely with institutions and funding bodies to release this kind of pressure, but it’s a very long way to go. It also depends on the culture and country. As a publisher there’s not much we can do, but we try to provide a safer platform for researchers.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785727_6f051c9319_o.jpg"><img alt="group of people engaged in a discussion at a conference, with one person gesturing" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785727_6f051c9319_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785727_6f051c9319_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785727_6f051c9319_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785727_6f051c9319_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Eunsang Lee (left) at the panel discussion on the state of academic intregrity. ©: HLFF / Flemming</figcaption></figure></div> <p>This pressure is not without consequences, and the consequences are felt most by young researchers. Data <a href="https://www.nature.com/articles/d41586-024-03136-4" rel="noreferrer noopener" target="_blank">consistently shows</a> that PhD students suffer severe mental strain and are at <a href="https://www.ucl.ac.uk/news/2024/jan/comment-phd-students-mental-health-poor-and-pandemic-made-it-worse" rel="noreferrer noopener" target="_blank">high risk of depression and anxiety</a>. For many young researchers, mental health problems have become <a href="https://www.sussex.ac.uk/broadcast/read/56932#:~:text=" rel="noreferrer noopener" target="_blank">“normal”</a> parts of research.</p> <p>At the same time, this approach can end up prioritizing quantity over quality, resulting in a flood of papers. Some of these papers are good or excellent; some are repetitive or inconsequential; and some are outright fraudulent.</p> <h3 id="h-how-bad-is-academic-fraud">How Bad Is Academic Fraud?</h3> <p>There is no way to tell just how widespread academic fraud is. Lee, whose main task is to analyze data from potentially problematic papers or authors, says he was not originally aware of this problem. “After joining the publishing industry, I realized that academic integrity is a serious problem.”</p> <p>There are many types of breaches, Lee says. “Data fabrication is one example. For publishers, this is difficult because identifying data fabrication requires both expertise and in-depth analysis. The problem is that we are getting this at a massive scale, so it’s really hard to tackle.”</p> <p>But aside from the classic issues, newer risks have also emerged, in particular due to the rise of AI. AI can mask plagiarism under clever paraphrasing, or it can generate or edit images (sometimes, with <a href="https://www.theguardian.com/science/2025/jul/13/quality-of-scientific-papers-questioned-as-academics-overwhelmed-by-the-millions-published" rel="noreferrer noopener" target="_blank">hilarious results</a>). It can also facilitate chains of citations, connecting unrelated papers in an artificial web of self-reference.</p> <p>“AI can generate text and images, which can be a big problem and result in obviously fake science. We also see many cases of irrelevant references because some people include self-citations of unrelated work or some other irrelevant references to inflate their citation profile. It’s a big problem and also hard to tackle as a publisher.”</p> <p>There is no simple way to weed out these problems, but it is not impossible, either.</p> <h3 id="h-the-rise-of-the-scientific-sleuth">The Rise of the Scientific Sleuth</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889848_142b1d8446_b.jpg"><img alt="a man speaking and gesturing" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889848_142b1d8446_b.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889848_142b1d8446_b.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889848_142b1d8446_b-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889848_142b1d8446_b-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Lonni Besançon on the panel. ©: HLFF / Flemming</figcaption></figure></div> <p>For Lonni Besançon, an Assistant Professor of Visualization at Linköping University in Sweden, and <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/visualization-and-integrity/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">alumnus of the HLF</a>, questions of integrity became personal during the pandemic.</p> <p>“I got into misconduct finding and looking at it because some of the papers that I was reading during COVID were a bit problematic,” he says. “I have a methodological background also, so I started looking into this more, and I’ve now discovered quite a few problematic papers. Around a few thousand, in different fields, not in mine. I’ve been reporting on them for a while and talking about this.”</p> <p>Besançon belongs to a growing group of volunteer “<a href="https://retractionwatch.com/2018/06/17/meet-the-scientific-sleuths-ten-whove-had-an-impact-on-the-scientific-literature" rel="noreferrer noopener" target="_blank">scientific sleuths</a>” – researchers who <a href="https://www.nature.com/articles/d41586-025-02347-7" rel="noreferrer noopener" target="_blank">spend their free time</a> identifying falsified data, image duplications, and plagiarized manuscripts. Many of them have exposed widespread misconduct, including fake journals and so-called “paper mills” that mass-produce fraudulent articles for paying clients. Science greatly benefits from this process, but this is largely unpaid, underappreciated, volunteer work.</p> <p>Assessing scientific discovery has never been easy, and the need for better metrics is clear. Yet, for Besançon, the core issue is the idea of metrics itself.</p> <p>“The day something becomes a metric is the day people start gaming that. Personally, I’m against all kinds of metrics. I see the point of citations …, but I think if we make a metric, eventually people will game it. It’s always been the case.”</p> <p>The French researcher also emphasizes that when a problem is spotted, this is not always because of bad intent. Honest mistakes obviously happen. However, retractions or corrections have come to be seen as damning for scientists, when in fact, they are a normal part of the scientific process.</p> <p>“We shouldn’t see the correction of papers or the retraction of papers as a problem. If there’s a mistake in one of our papers, we should correct it because this is the body of knowledge that we’ve created for the world,” says Besançon.</p> <p>Lee echoed that sentiment: “Don’t be afraid of retractions and corrections caused by honest errors. Everyone can make a mistake. Publishers always try to distinguish between corrections made by honest errors and research integrity. So don’t worry about this. Post-publication actions by authors are the healthiest way to achieve a high standard of research today. That’s something I want to mention especially for young researchers.”</p> <h3 id="h-so-what-do-we-do">So What Do We Do?</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o-1.jpg"><img alt="a panel of people talking, behind them a screen highlighting the speaker" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o-1.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o-1.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o-1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o-1-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Yukari Ito speaking on the panel. ©: HLFF / Flemming.</figcaption></figure></div> <p>Maintaining trust in a system that produces nearly three million papers a year is an enormous challenge. Transparency is a good way to start. If research integrity is the foundation of science, then transparency is its scaffolding. It supports trust not only between researchers and their peers, but between science and the public.</p> <p>“Transparency is key. When in doubt, share. That’s one thing I can say confidently. If you can share, share. If you can’t, for instance if you have anonymization problems, just explain why you’re not sharing. Be transparent with everything as much as you can.”</p> <p>This ethos of openness, honesty, and accountability was echoed across the panel. It is the best defense scientists have at their disposal to showcase the value of their work.</p> <p>“It’s obvious that you have to ensure fully transparent authorship, including authorship changes, and also you have to declare any conflict of interest and cite your sources. The next thing I would say, which is especially true in the case of mathematics and computer science is to share your code and data availability as much as you can,” says Lee.</p> <p>Yet, even as researchers and publishers confront misconduct, the structure of academic incentives remains unchanged, pushing for more papers. Ito suggests that perhaps the entire system should rediscover the patience that once defined scholarship: to slow down, to prioritize originality over output, and to treat retractions and corrections as acts of integrity and not as failure.</p> <p>“For young researchers, publishing your first paper is very important,” she said. “You have to find one big problem. But then, you should continue your research by being original and interesting.”</p> <p>Ultimately, transparency and integrity alone will not solve a systemic problem rooted in incentives. Until universities, funders, and publishers work together to devise a system that truly rewards rigor and value over volume, the pressure cooker of modern academia will keep boiling.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-pressure-to-publish-is-challenging-the-foundations-of-academic-integrity/#comments 2 Hyperscanning: Der neuronale Schlüssel zum Miteinander? https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/hyperscanning-der-neuronale-schluessel-zum-miteinander/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/hyperscanning-der-neuronale-schluessel-zum-miteinander/#comments Mon, 17 Nov 2025 06:00:00 +0000 Antonia Ceric https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5322 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-768x513.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/hyperscanning-der-neuronale-schluessel-zum-miteinander/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-scaled.jpg" /><h1>Hyperscanning: Der neuronale Schlüssel zum Miteinander? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>Einer der spannendsten aktuellen Trends in der neurowissenschaftlichen Forschung ist das Hyperscanning. Dabei werden nicht mehr einzelne Hirne isoliert betrachtet, sondern mehrere Personen gleichzeitig gescannt, um zu beobachten, wie ihre Gehirne in Interaktion arbeiten. Im ersten Teil dieses Artikels haben wir uns bereits damit beschäftigt, wie derartige Messverfahren aussehen und funktionieren. Die Quintessenz: In Interaktion scheinen die Gehirne mehrerer Menschen sich zu synchronisieren, mitzuschwingen. Eine wichtige Frage blieb dabei allerdings noch offen: Warum ist das so? Unsere neuronalen Netzwerke machen nichts aus Zufall, diese Synchronie muss also eine Bedeutung haben. In der heutigen Fortsetzung schauen wir uns daher an, was die aktuelle Forschung bislang dazu sagen kann.</p> <h3 id="h-ein-tanz-zwischen-ursache-und-wirkung"><strong>Ein Tanz zwischen Ursache und Wirkung</strong></h3> <p>Zurück zum Beispiel der musikalischen Interaktion: Wenn zwei Musiker im Einklang miteinander spielen, ist die neuronale Synchronie unmittelbar messbar. Doch was kommt zuerst? Ist das In-Takt-Schwingen der Gehirne die Ursache für die erfolgreiche Interaktion? Unterstützt es das gegenseitige aufeinander Abstimmen, das gemeinsame Musizieren? Oder ist das Synchronisieren mehr die Folge eines erfolgreichen Miteinanders, die sich automatisch einstellt, wenn beide gut aufeinander abgestimmt spielen?</p> <p>Die Forschung konnte bislang klare Hinweise darauf liefern, dass das Synchronisieren der Gehirnaktivitäten nicht nur eine Folge sozialer Interaktion ist, sondern auch eine funktionale Bedeutung innehat, um erfolgreiche Interaktionen zu fördern [4, 5, 6]. Demnach scheint sie vor allem drei übergeordneten Zwecken zu dienen:</p> <ol> <li>Aktionskoordination: Das Synchronisieren ermöglicht die Abstimmung von Handlungen durch geteilte zeitliche Verarbeitung, ebenso wie die Vorhersage des Handelns meines Gegenübers [1, 5, 6].</li> <li>Informationsaustausch: Es ist notwendig für den effektiven Transfer von Wissen, wie etwa im Klassenzimmer zwischen Lehrenden und Lernenden [6].</li> <li>Soziale Bindung: Es hilft uns, soziale Verbindungen effizient zu knüpfen und zu festigen [4, 5].</li> </ol> <p>Die neuronale Synchronisierung scheint also ein adaptiver Mechanismus zu sein, der uns hilft Aufgaben vor allem in sozialer Interaktion besser zu lösen. Diese Annahme, dass die Synchronie ein Schlüssel zum Miteinander ist, lässt sich durch mehrere Hypothesen erklären: Sie könnte als „sozialer Klebstoff“ fungieren und uns helfen, Vertrauen aufzubauen und uns emotional verbunden zu fühlen. Gleichzeitig ist sie ein Effizienz-Booster: Für Gehirne ist es einfacher, im Gleichtakt zu arbeiten, um eine gemeinsame Aufgabe zu lösen – ähnlich wie beim Tanzen, wo man einen gemeinsamen Rhythmus findet, der alle Schritte leichter macht. Vor allem aber agiert die Synchronie als Vorhersage-Maschine. Sie ermöglicht es uns, das Verhalten unseres Gegenübers besser zu antizipieren. Musiker beispielsweise können durch diesen Gleichklang ahnen, was der andere als Nächstes tun wird [3, 4].</p> <h2 id="h-neuronen-bereiten-sich-vor-synchronie-als-antizipation"><strong>Neuronen bereiten sich vor: Synchronie als Antizipation</strong></h2> <p>Das alles bedeutet allerdings noch nicht, dass unsere Gehirne in sozialer Interaktion dauerhaft synchron laufen. Ganz im Gegenteil, setzt die Synchronität ganz gezielt in bestimmten Phasen ein. Vor allem etwa in der Vorbereitung von Aktionen. Bei Gitarrenduos, so konnte bereits gezeigt werden, tritt die Synchronisation etwa drei Sekunden vor dem Beginn der koordinierten Handlung auf [1]. In diesem Moment stellen sich die Musikerinnen aufeinander ein und ihre Gehirne antizipieren die Aktion der jeweils anderen bereits. Beim Einsatz der Aktion ist die Synchronisation dann auf ihrem Höhepunkt. Dann, wenn die Musiker aktiv das gemeinsame Spiel abstimmen. Sobald die Aktion routinierter abläuft, nimmt die Synchronizität oft wieder ab [1]. Sie ist daher kein zufälliges Echo, sondern ein ressourceneffizienter Mechanismus zur gegenseitigen Vorhersage, um gezielt ein Miteinander abstimmen zu können.<aside></aside></p> <h3 id="h-dirigent-im-kopf"><strong>Dirigent im Kopf</strong></h3> <p>Auch andere musikalische Beispiele verdeutlichen die Bedeutung sich synchronisierender neuronaler Vorgänge, wenn sie die Koordination komplexer zeitlicher Abläufe, wie sie in der Musik erforderlich ist, unterstützen. Bei Jazz-Improvisationen spiegelte das Maß an Synchronizität etwa die Fähigkeit der Musiker wider, vorherzusagen, welche musikalischen Ideen ihre Kollegen als Nächstes spielen würden [3]. Sie scheint also einen schnellen und präzisen Informationsaustausch zwischen den Musikerinnen und Musikern zu begünstigen, was essenziell für komplexe musikalische Abfolgen ist.</p> <h3 id="h-die-sprache-der-synchronie-was-frequenzen-verraten"><strong>Die Sprache der Synchronie: Was Frequenzen verraten</strong></h3> <p>Selbst wenn zwei Gehirne im Takt sind, bedeutet das nicht, dass sie genau dasselbe tun. Vielmehr können wir beobachten, dass das Gehirn verschiedene „Kanäle“ oder Frequenzbänder nutzt, je nachdem, welche Aufgabe gerade ansteht und welche Art von Information synchronisiert werden muss.</p> <p>Für Aufgaben, die motorische Koordination und präzise zeitliche Steuerung erfordern – wie etwa das gemeinsame Musizieren – werden primär langsame Rhythmen in den niedrigen Frequenzen (Delta und Theta: 1–8 Hz) in sensorimotorischen und frontalen Regionen aktiv [2]. Sie bilden den Arbeitstakt, der Musiker dabei unterstützt, ihre Bewegungen auf die Millisekunde genau aufeinander abzustimmen.</p> <p>Im Gegensatz dazu werden für komplexe soziale und emotionale Prozesse, wie die schnelle soziale Wahrnehmung und die Koordination von Gefühlen, höhere Gamma-Frequenzen (30–60 Hz) genutzt [4]. Diese schnelleren Oszillationen sind notwendig, um sensorische Informationen schnell zu binden und in Echtzeit zu verarbeiten, wie es etwa bei der emotionalen Synchronisation von Paaren der Fall ist. Die Synchronisierung ist somit kontextabhängig und sieht anders aus, je nachdem, worüber sich die Gehirne gerade abstimmen [2, 4].</p> <h3 id="h-vernetzung-im-klassenzimmer"><strong>Vernetzung im Klassenzimmer</strong></h3> <p>Auch im Klassenzimmer hat das Hyperscanning die Rolle der Synchronie als Index für den Lernerfolg herausgestellt. Zum einen ist eine Synchronie unter den Schülerinnen und Schülern festzustellen, wenn sie denselben Lernbedingungen ausgesetzt sind. Doch auch die neuronale Aktivität von Lehrpersonen, Schülerinnen und Schülern ist beim Unterrichten und Lernen gekoppelt. Diese Kopplung entsteht nur bei intakten Vorträgen. Wurde der Vortrag zeitlich durcheinander gewürfelt, konnte keine Synchronie beobachtet werden. Reines Zuhören oder das Teilen loser Information reicht nicht aus, damit die Hirne aller Beteiligten sich synchronisieren [6]. Nun könnte man meinen, im Klassenzimmer sehen und hören ja auch alle die gleichen Stimuli. Kein Wunder, dass wir ähnliche Aktivitätsmuster feststellen können. Forschende konnten solch eine Kopplung allerdings auch in höheren Verarbeitungsregionen feststellen, was sie auf das geteilte Verständnis der Inhalte zurückführen [6].</p> <h2 id="h-auf-einer-wellenlange"><strong>Auf einer Wellenlänge</strong></h2> <p>Eine bekannte Redewendung besagt, dass man mit Menschen, mit denen man sich besonders gut versteht, auf einer Wellenlänge ist. Vor dem Hintergrund des Hyperscannings bekommt dies noch einmal eine ganz neue Bedeutung, denn die Forschung zeigt, dass die Synchronie stark von der Beziehung und Vertrautheit zwischen den interagierenden Personen abhängt [4, 5].</p> <p>Gerade bei Menschen, die sich nicht kennen, konnten verschiedene Studien zeigen, dass eine Synchronisierung der Hirnaktivität durchaus von der Art der sozialen Begegnung und dem jeweiligen Gegenüber abhängt. In einer EEG-Studie war die neuronale Synchronie bei Fremden während natürlicher Gespräche oft abwesend [4]. Dennoch konnte aktive soziale Beteiligung die fehlende Vertrautheit teilweise kompensieren [4]. Auch bei ihnen korrelierte die neuronale Aktivität, wenn sie angeregt miteinander interagierten oder sich stark in die Diskussion eingebracht fühlten. Ein weiteres Ergebnis deutet zudem auf individuelle Unterschiede hin: Bei Männern korrelierte eine unsichere Bindung (Angst vor Nähe) negativ mit der neuronalen Synchronie, was darauf hindeutet, dass solche Bindungsmuster die Abstimmung zwischen Gehirnen stören können [4, 5].</p> <h3 id="h-liebespaare-laufen-weniger-synchron"><strong>Liebespaare laufen weniger synchron?!</strong></h3> <p>Ganz anders sieht die sogenannte „neuronale Effizienz“ bei romantischen Paaren aus. Ihre Vertrautheit ermöglicht eine effiziente Ressourcenzuteilung, was sich je nach Aufgabe unterschiedlich zeigt [5]. Bei motorischen Aufgaben, die Präzision erfordern, zeigten Paare die höchste neuronale Synchronie, gepaart mit der besten Verhaltens-Synchronie, da sie ihr Wissen um den Partner für die perfekte Abstimmung nutzten. Bei Empathie-Aufgaben hingegen lieferten Paare die beste Verhaltens-Synchronie (sie unterstützten sich am besten), aber mit der geringsten neuronalen Synchronie.</p> <div><figure><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 683px) 100vw, 683px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-683x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-683x1024.jpg 683w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-200x300.jpg 200w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-768x1152.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-1024x1536.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-1366x2048.jpg 1366w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-scaled.jpg 1707w" width="683"></img></figure><div> <p>Dieses Muster deutet darauf hin, dass die Gehirne von Paaren nicht mehr so viel „neuronalen Aufwand“ betreiben müssen, um sich emotional zu verstehen und zu unterstützen. Sie besitzen bereits internalisierte Vorhersagemodelle des Partners und erreichen ihr Ziel mit geringerem neuronalen Aufwand. Im Gegensatz dazu mussten Fremde einen höheren neuronalen Aufwand betreiben, um nur annähernd vergleichbare Ergebnisse zu erzielen [5]. Die Synchronie ist somit nicht nur ein Zeichen von Verbundenheit, sondern ein neuronaler Mechanismus, dessen Intensität die Vertrautheit und die Effizienz der Zusammenarbeit widerspiegelt.</p> <p>Bildquelle: <a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/stillleben-mit-menschlichem-gehirn_49639351.htm">freepik</a></p> </div></div> <h2 id="h-aus-der-klinik">Aus der Klinik</h2> <p>Ein spannendes Anwendungsgebiet für Hyperscanning ist die klinische Forschung, da soziale Interaktion oft im Kern psychischer Herausforderungen steht. Die zentrale Frage lautet: Was passiert, wenn die neuronale Synchronie fehlt oder anders strukturiert ist – und können wir die Verbindung wiederherstellen? Hyperscanning bietet potentiell ein Werkzeug, um die therapeutische Beziehung messbar zu machen. Eine starke neuronale Kopplung zwischen Klient und Therapeut könnte ein Indikator dafür sein, wie gut das Vertrauensverhältnis ist und wie erfolgreich der Informationsaustausch stattfindet. Und dass die therapeutische Beziehung einer der wichtigsten Faktoren für den Behandlungserfolg ist, ist in der klinisch-psychologischen Forschung schon lange eine gängige Auffassung. </p> <p>Auch bei Paaren ist bekannt, dass die Bindungsmuster (z.B. Bindungsangst bei Männern) mit einer negativen Korrelation der Synchronie einhergehen können [5]. Die Messung der Synchronie beim Sprechen über Konflikte könnte Therapeuten helfen, gezielt an gestörten Mustern zu arbeiten, um die Effizienz der sozialen Vorhersage und Bindung zu verbessern. Schließlich ermöglicht es das Hyperscanning, genauer zu untersuchen, ob Menschen mit Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion (wie z. B. im Autismus-Spektrum) eine schwächere oder anders geartete Synchronie aufweisen [7]. Statt nur das einzelne Gehirn zu betrachten, kann die Forschung nun messen, ob die Fähigkeit zur „Inter-Brain-Koordination“ betroffen ist, was neue therapeutische Perspektiven eröffnen könnte, die auf die Verbesserung der gegenseitigen Vorhersage abzielen.</p> <h3 id="h-weniger-synchronie-aber-gleiche-fahigkeit"><strong>Weniger Synchronie, aber gleiche Fähigkeit</strong></h3> <p>Besonders interessant wird dieser Ansatz, wenn wir etwa das Autismus-Spektrum betrachten. Eine aktuelle Studie der Universität Montréal untersuchte die Gehirn-Synchronisation bei Imitationsaufgaben, indem sie ein neurotypisches Individuum entweder mit einem anderen neurotypischen Partner oder mit einer Person aus dem Autismus-Spektrum zusammenarbeiten ließen [7]. Die Forschenden nutzten EEG-Hyperscanning, um die Gehirnaktivität der Paare simultan aufzuzeichnen, während diese aufgefordert wurden, Handgesten zu imitieren. Dabei zeigte sich, dass die Gehirn-Synchronisation zwischen einem neurotypischen Menschen und einem Partner auf dem Autismus-Spektrum geringer war als zwischen zwei neurotypischen Partnern [7].</p> <p>Die Personen aus dem Autismus-Spektrum waren genauso fähig, die Bewegungen ihres Partners zu imitieren und ihre eigenen Bewegungen zu synchronisieren. Der entscheidende Unterschied lag nicht in der Fähigkeit zur Imitation, sondern im „Turn-Taking“ (dem Wechsel zwischen Führen und Folgen) [7]. Die Personen aus dem Autismus-Spektrum waren weniger wahrscheinlich die Initiatoren der Bewegung, sondern folgten eher der Bewegung des Gegenübers.</p> <p>Die Forschenden interpretierten diese Dynamik dahingehend, dass Autismus als eine relationale Bedingung und nicht primär als eine Störung des Individuums betrachtet werden sollte [7]. Da die sozialen Herausforderungen beidseitig gerichtet sind, liegt die Verantwortung für eine erschwerte Interaktion bei allen Beteiligten – nicht nur bei der Person mit Autismus.</p> <h3 id="h-zukunftige-forschung-kunstbasierte-therapieansatze"><strong>Zukünftige Forschung: Kunstbasierte Therapieansätze</strong></h3> <p>Die Forschung geht nun weiter, um die neuralen und kognitiven Grundlagen der atypischen emotionalen Kommunikation bei Autismus zu untersuchen. Ein entscheidendes Problem ist, dass herkömmliche Studien oft gesichtsbasierte Stimuli verwenden, was Befunde aufgrund von Themen wie Blickkontaktvermeidung oder sozialer Angst verfälschen kann [8].</p> <p>Hier setzen innovative Ansätze an, wie ein interdisziplinäres Projekt an der Universität Wien [8]. Die Forscher entwickeln Paradigmen, bei denen Probanden Emotionen durch abstrakte Zeichnungen ausdrücken und erkennen müssen – eine Methode, um Emotionen ohne Gesichter oder Körper zu kommunizieren. Gekoppelt wird dies mit der fNIRS-Hyperscanning-Methode zur gleichzeitigen Messung der Gehirnaktivität mehrerer Teilnehmer. </p> <div><div> <p>Dies erlaubt die Untersuchung der Synchronie zwischen Sender- und Empfängergehirn während der emotionalen Kommunikation. Das Ziel ist es, die Unterschiede in der Emotionskommunikation zwischen autistischen und nicht-autistischen Erwachsenen zu erforschen und die Grundlage für kunstbasierte klinische Interventionen zu schaffen, die direkt auf die Verbesserung der interpersonellen Prozesse abzielen [8]. Dieser Ansatz unterstreicht die wachsende Bedeutung des Hyperscannings, um soziale Interaktion als dynamischen, gemeinsamen Prozess zu verstehen und so neue, personenzentrierte Therapieansätze zu entwickeln.</p> <p>Bildquelle: <a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen_48110597.htm#from_element=cross_selling__photo">freepik</a></p> </div><figure><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 684px) 100vw, 684px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-1-1-684x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-1-1-684x1024.jpg 684w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-1-1-200x300.jpg 200w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-1-1-768x1151.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-1-1-1025x1536.jpg 1025w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-1-1-1367x2048.jpg 1367w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-1-1-scaled.jpg 1709w" width="684"></img></figure></div> <h2 id="h-vom-ich-zum-wir"><strong>Vom „Ich“ zum „Wir“</strong></h2> <p>Hyperscanning verändert unseren Blick auf das menschliche Gehirn. Es ist kein isoliertes Organ, das nur auf Reize reagiert. Es ist vielmehr ein Organ, das fundamental darauf ausgelegt ist, im sozialen Dialog zu funktionieren. Die interpersonelle Synchronie dient als ein adaptiver, ressourceneffizienter Mechanismus, der sich in Frequenz, Ort und zeitlichem Muster an die jeweilige Aufgabe – Koordination, Lernen oder Empathie – anpasst.</p> <p>Die akteulle Forschungslage zeigt: Synchronie ist ein messbares Zeichen für effektive Koordination, erfolgreiches Lernen und tiefe soziale Bindung. Wir kratzen gerade erst an der Oberfläche, um zu verstehen, was es heißt, Mensch zu sein – und zwar gemeinsam. Mit mobilen Messsystemen wie fNIRS und tragbaren EEGs, die den Weg aus dem Labor in den Alltag finden, wird dieser „neuronale Takt“ des Miteinanders in Zukunft noch viel deutlicher hörbar werden und uns neue Wege zum Verständnis und zur Optimierung unserer sozialen Welt eröffnen.</p> <h2 id="h-quellen"><strong>Quellen</strong></h2> <ol start="1"> <li>Lindenberger, U., Li, S. C., Gruber, W., &amp; Müller, V. (2009). Brains swinging in concert: cortical phase synchronization while playing guitar. <em>BMC Neuroscience</em>, <em>10</em>, 22. <a href="https://doi.org/10.1186/1471-2202-10-22" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1186/1471-2202-10-22</a></li> <li>Sänger, J. C., Müller, V., &amp; Lindenberger, U. (2012). Intra- and interbrain synchronization and network properties when playing guitar in duets. <em>Frontiers in Human Neuroscience</em>, <em>6</em>, 312. <a href="https://doi.org/10.3389/fnhum.2012.00312" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.3389/fnhum.2012.00312</a></li> <li>Müller, V., &amp; Lindenberger, U. (2019). Dynamic Orchestration of Brains and Instruments During Free Guitar Improvisation. <em>Frontiers in Integrative Neuroscience</em>, <em>13</em>, 50. <a href="https://doi.org/10.3389/fnint.2019.00050" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.3389/fnint.2019.00050</a></li> <li>Kinreich, S., Djalovski, A., Kraus, L., Louzoun, Y., &amp; Feldman, R. (2017). Brain-to-Brain Synchrony during Naturalistic Social Interactions. <em>Scientific Reports</em>, <em>7</em>, 17478. <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-017-17339-5" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1038/s41598-017-17339-5</a></li> <li>Djalovski, A., Dumas, G., Kinreich, S., &amp; Feldman, R. (2020). Human attachments shape interbrain synchrony toward efficient performance of social goals. <em>NeuroImage, 226</em>. <a href="https://doi.org/10.1016/j.neuroimage.2020.117600" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.neuroimage.2020.117600</a></li> <li>Nguyen, M., Chang, A., Micciche, E. T., Meshulam, M., Nastase, S. A., &amp; Hasson, U. (2020). Teacher–student neural coupling during teaching and learning. <em>Social Cognitive and Affective Neuroscience</em>, <em>16</em>(1-2), 101–110. <a href="https://doi.org/10.1093/scan/nsab103" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1093/scan/nsab103</a></li> <li>Moreau, Q., Brun, F., Ayrolles, A., Nadel, J., &amp; Dumas, G. (2024). Distinct social behavior and inter-brain connectivity in Dyads with autistic individuals. <em>Social Neuroscience</em>, <em>19</em>(2), 124–136. <a href="https://doi.org/10.1080/17470919.2024.2379917" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1080/17470919.2024.2379917</a></li> <li>Pelowski, M., Kim, H., &amp; Silani, G. (o. J.). <em>Abstract: Interdisciplinary Combination of Neuroscience, Clinical Psychology, and Empirical Aesthetics (University of Vienna Project)</em> [Forschungsprojekt-Abstract]. Universität Wien. <a href="https://ucrisportal.univie.ac.at/en/projects/gehirnsynchronität-und-kommunikation-jenseits-des-angesichts" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://ucrisportal.univie.ac.at/en/projects/gehirnsynchronität-und-kommunikation-jenseits-des-angesichts</a></li> </ol> <p>Beitragsbild Hyperscanning: <a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen_48110544.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=2&amp;uuid=1bcc044c-a2b1-489d-bb60-1a22380040c7&amp;query=brains+synchrony">freepik</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-scaled.jpg" /><h1>Hyperscanning: Der neuronale Schlüssel zum Miteinander? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>Einer der spannendsten aktuellen Trends in der neurowissenschaftlichen Forschung ist das Hyperscanning. Dabei werden nicht mehr einzelne Hirne isoliert betrachtet, sondern mehrere Personen gleichzeitig gescannt, um zu beobachten, wie ihre Gehirne in Interaktion arbeiten. Im ersten Teil dieses Artikels haben wir uns bereits damit beschäftigt, wie derartige Messverfahren aussehen und funktionieren. Die Quintessenz: In Interaktion scheinen die Gehirne mehrerer Menschen sich zu synchronisieren, mitzuschwingen. Eine wichtige Frage blieb dabei allerdings noch offen: Warum ist das so? Unsere neuronalen Netzwerke machen nichts aus Zufall, diese Synchronie muss also eine Bedeutung haben. In der heutigen Fortsetzung schauen wir uns daher an, was die aktuelle Forschung bislang dazu sagen kann.</p> <h3 id="h-ein-tanz-zwischen-ursache-und-wirkung"><strong>Ein Tanz zwischen Ursache und Wirkung</strong></h3> <p>Zurück zum Beispiel der musikalischen Interaktion: Wenn zwei Musiker im Einklang miteinander spielen, ist die neuronale Synchronie unmittelbar messbar. Doch was kommt zuerst? Ist das In-Takt-Schwingen der Gehirne die Ursache für die erfolgreiche Interaktion? Unterstützt es das gegenseitige aufeinander Abstimmen, das gemeinsame Musizieren? Oder ist das Synchronisieren mehr die Folge eines erfolgreichen Miteinanders, die sich automatisch einstellt, wenn beide gut aufeinander abgestimmt spielen?</p> <p>Die Forschung konnte bislang klare Hinweise darauf liefern, dass das Synchronisieren der Gehirnaktivitäten nicht nur eine Folge sozialer Interaktion ist, sondern auch eine funktionale Bedeutung innehat, um erfolgreiche Interaktionen zu fördern [4, 5, 6]. Demnach scheint sie vor allem drei übergeordneten Zwecken zu dienen:</p> <ol> <li>Aktionskoordination: Das Synchronisieren ermöglicht die Abstimmung von Handlungen durch geteilte zeitliche Verarbeitung, ebenso wie die Vorhersage des Handelns meines Gegenübers [1, 5, 6].</li> <li>Informationsaustausch: Es ist notwendig für den effektiven Transfer von Wissen, wie etwa im Klassenzimmer zwischen Lehrenden und Lernenden [6].</li> <li>Soziale Bindung: Es hilft uns, soziale Verbindungen effizient zu knüpfen und zu festigen [4, 5].</li> </ol> <p>Die neuronale Synchronisierung scheint also ein adaptiver Mechanismus zu sein, der uns hilft Aufgaben vor allem in sozialer Interaktion besser zu lösen. Diese Annahme, dass die Synchronie ein Schlüssel zum Miteinander ist, lässt sich durch mehrere Hypothesen erklären: Sie könnte als „sozialer Klebstoff“ fungieren und uns helfen, Vertrauen aufzubauen und uns emotional verbunden zu fühlen. Gleichzeitig ist sie ein Effizienz-Booster: Für Gehirne ist es einfacher, im Gleichtakt zu arbeiten, um eine gemeinsame Aufgabe zu lösen – ähnlich wie beim Tanzen, wo man einen gemeinsamen Rhythmus findet, der alle Schritte leichter macht. Vor allem aber agiert die Synchronie als Vorhersage-Maschine. Sie ermöglicht es uns, das Verhalten unseres Gegenübers besser zu antizipieren. Musiker beispielsweise können durch diesen Gleichklang ahnen, was der andere als Nächstes tun wird [3, 4].</p> <h2 id="h-neuronen-bereiten-sich-vor-synchronie-als-antizipation"><strong>Neuronen bereiten sich vor: Synchronie als Antizipation</strong></h2> <p>Das alles bedeutet allerdings noch nicht, dass unsere Gehirne in sozialer Interaktion dauerhaft synchron laufen. Ganz im Gegenteil, setzt die Synchronität ganz gezielt in bestimmten Phasen ein. Vor allem etwa in der Vorbereitung von Aktionen. Bei Gitarrenduos, so konnte bereits gezeigt werden, tritt die Synchronisation etwa drei Sekunden vor dem Beginn der koordinierten Handlung auf [1]. In diesem Moment stellen sich die Musikerinnen aufeinander ein und ihre Gehirne antizipieren die Aktion der jeweils anderen bereits. Beim Einsatz der Aktion ist die Synchronisation dann auf ihrem Höhepunkt. Dann, wenn die Musiker aktiv das gemeinsame Spiel abstimmen. Sobald die Aktion routinierter abläuft, nimmt die Synchronizität oft wieder ab [1]. Sie ist daher kein zufälliges Echo, sondern ein ressourceneffizienter Mechanismus zur gegenseitigen Vorhersage, um gezielt ein Miteinander abstimmen zu können.<aside></aside></p> <h3 id="h-dirigent-im-kopf"><strong>Dirigent im Kopf</strong></h3> <p>Auch andere musikalische Beispiele verdeutlichen die Bedeutung sich synchronisierender neuronaler Vorgänge, wenn sie die Koordination komplexer zeitlicher Abläufe, wie sie in der Musik erforderlich ist, unterstützen. Bei Jazz-Improvisationen spiegelte das Maß an Synchronizität etwa die Fähigkeit der Musiker wider, vorherzusagen, welche musikalischen Ideen ihre Kollegen als Nächstes spielen würden [3]. Sie scheint also einen schnellen und präzisen Informationsaustausch zwischen den Musikerinnen und Musikern zu begünstigen, was essenziell für komplexe musikalische Abfolgen ist.</p> <h3 id="h-die-sprache-der-synchronie-was-frequenzen-verraten"><strong>Die Sprache der Synchronie: Was Frequenzen verraten</strong></h3> <p>Selbst wenn zwei Gehirne im Takt sind, bedeutet das nicht, dass sie genau dasselbe tun. Vielmehr können wir beobachten, dass das Gehirn verschiedene „Kanäle“ oder Frequenzbänder nutzt, je nachdem, welche Aufgabe gerade ansteht und welche Art von Information synchronisiert werden muss.</p> <p>Für Aufgaben, die motorische Koordination und präzise zeitliche Steuerung erfordern – wie etwa das gemeinsame Musizieren – werden primär langsame Rhythmen in den niedrigen Frequenzen (Delta und Theta: 1–8 Hz) in sensorimotorischen und frontalen Regionen aktiv [2]. Sie bilden den Arbeitstakt, der Musiker dabei unterstützt, ihre Bewegungen auf die Millisekunde genau aufeinander abzustimmen.</p> <p>Im Gegensatz dazu werden für komplexe soziale und emotionale Prozesse, wie die schnelle soziale Wahrnehmung und die Koordination von Gefühlen, höhere Gamma-Frequenzen (30–60 Hz) genutzt [4]. Diese schnelleren Oszillationen sind notwendig, um sensorische Informationen schnell zu binden und in Echtzeit zu verarbeiten, wie es etwa bei der emotionalen Synchronisation von Paaren der Fall ist. Die Synchronisierung ist somit kontextabhängig und sieht anders aus, je nachdem, worüber sich die Gehirne gerade abstimmen [2, 4].</p> <h3 id="h-vernetzung-im-klassenzimmer"><strong>Vernetzung im Klassenzimmer</strong></h3> <p>Auch im Klassenzimmer hat das Hyperscanning die Rolle der Synchronie als Index für den Lernerfolg herausgestellt. Zum einen ist eine Synchronie unter den Schülerinnen und Schülern festzustellen, wenn sie denselben Lernbedingungen ausgesetzt sind. Doch auch die neuronale Aktivität von Lehrpersonen, Schülerinnen und Schülern ist beim Unterrichten und Lernen gekoppelt. Diese Kopplung entsteht nur bei intakten Vorträgen. Wurde der Vortrag zeitlich durcheinander gewürfelt, konnte keine Synchronie beobachtet werden. Reines Zuhören oder das Teilen loser Information reicht nicht aus, damit die Hirne aller Beteiligten sich synchronisieren [6]. Nun könnte man meinen, im Klassenzimmer sehen und hören ja auch alle die gleichen Stimuli. Kein Wunder, dass wir ähnliche Aktivitätsmuster feststellen können. Forschende konnten solch eine Kopplung allerdings auch in höheren Verarbeitungsregionen feststellen, was sie auf das geteilte Verständnis der Inhalte zurückführen [6].</p> <h2 id="h-auf-einer-wellenlange"><strong>Auf einer Wellenlänge</strong></h2> <p>Eine bekannte Redewendung besagt, dass man mit Menschen, mit denen man sich besonders gut versteht, auf einer Wellenlänge ist. Vor dem Hintergrund des Hyperscannings bekommt dies noch einmal eine ganz neue Bedeutung, denn die Forschung zeigt, dass die Synchronie stark von der Beziehung und Vertrautheit zwischen den interagierenden Personen abhängt [4, 5].</p> <p>Gerade bei Menschen, die sich nicht kennen, konnten verschiedene Studien zeigen, dass eine Synchronisierung der Hirnaktivität durchaus von der Art der sozialen Begegnung und dem jeweiligen Gegenüber abhängt. In einer EEG-Studie war die neuronale Synchronie bei Fremden während natürlicher Gespräche oft abwesend [4]. Dennoch konnte aktive soziale Beteiligung die fehlende Vertrautheit teilweise kompensieren [4]. Auch bei ihnen korrelierte die neuronale Aktivität, wenn sie angeregt miteinander interagierten oder sich stark in die Diskussion eingebracht fühlten. Ein weiteres Ergebnis deutet zudem auf individuelle Unterschiede hin: Bei Männern korrelierte eine unsichere Bindung (Angst vor Nähe) negativ mit der neuronalen Synchronie, was darauf hindeutet, dass solche Bindungsmuster die Abstimmung zwischen Gehirnen stören können [4, 5].</p> <h3 id="h-liebespaare-laufen-weniger-synchron"><strong>Liebespaare laufen weniger synchron?!</strong></h3> <p>Ganz anders sieht die sogenannte „neuronale Effizienz“ bei romantischen Paaren aus. Ihre Vertrautheit ermöglicht eine effiziente Ressourcenzuteilung, was sich je nach Aufgabe unterschiedlich zeigt [5]. Bei motorischen Aufgaben, die Präzision erfordern, zeigten Paare die höchste neuronale Synchronie, gepaart mit der besten Verhaltens-Synchronie, da sie ihr Wissen um den Partner für die perfekte Abstimmung nutzten. Bei Empathie-Aufgaben hingegen lieferten Paare die beste Verhaltens-Synchronie (sie unterstützten sich am besten), aber mit der geringsten neuronalen Synchronie.</p> <div><figure><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 683px) 100vw, 683px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-683x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-683x1024.jpg 683w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-200x300.jpg 200w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-768x1152.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-1024x1536.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-1366x2048.jpg 1366w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichem-gehirn-scaled.jpg 1707w" width="683"></img></figure><div> <p>Dieses Muster deutet darauf hin, dass die Gehirne von Paaren nicht mehr so viel „neuronalen Aufwand“ betreiben müssen, um sich emotional zu verstehen und zu unterstützen. Sie besitzen bereits internalisierte Vorhersagemodelle des Partners und erreichen ihr Ziel mit geringerem neuronalen Aufwand. Im Gegensatz dazu mussten Fremde einen höheren neuronalen Aufwand betreiben, um nur annähernd vergleichbare Ergebnisse zu erzielen [5]. Die Synchronie ist somit nicht nur ein Zeichen von Verbundenheit, sondern ein neuronaler Mechanismus, dessen Intensität die Vertrautheit und die Effizienz der Zusammenarbeit widerspiegelt.</p> <p>Bildquelle: <a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/stillleben-mit-menschlichem-gehirn_49639351.htm">freepik</a></p> </div></div> <h2 id="h-aus-der-klinik">Aus der Klinik</h2> <p>Ein spannendes Anwendungsgebiet für Hyperscanning ist die klinische Forschung, da soziale Interaktion oft im Kern psychischer Herausforderungen steht. Die zentrale Frage lautet: Was passiert, wenn die neuronale Synchronie fehlt oder anders strukturiert ist – und können wir die Verbindung wiederherstellen? Hyperscanning bietet potentiell ein Werkzeug, um die therapeutische Beziehung messbar zu machen. Eine starke neuronale Kopplung zwischen Klient und Therapeut könnte ein Indikator dafür sein, wie gut das Vertrauensverhältnis ist und wie erfolgreich der Informationsaustausch stattfindet. Und dass die therapeutische Beziehung einer der wichtigsten Faktoren für den Behandlungserfolg ist, ist in der klinisch-psychologischen Forschung schon lange eine gängige Auffassung. </p> <p>Auch bei Paaren ist bekannt, dass die Bindungsmuster (z.B. Bindungsangst bei Männern) mit einer negativen Korrelation der Synchronie einhergehen können [5]. Die Messung der Synchronie beim Sprechen über Konflikte könnte Therapeuten helfen, gezielt an gestörten Mustern zu arbeiten, um die Effizienz der sozialen Vorhersage und Bindung zu verbessern. Schließlich ermöglicht es das Hyperscanning, genauer zu untersuchen, ob Menschen mit Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion (wie z. B. im Autismus-Spektrum) eine schwächere oder anders geartete Synchronie aufweisen [7]. Statt nur das einzelne Gehirn zu betrachten, kann die Forschung nun messen, ob die Fähigkeit zur „Inter-Brain-Koordination“ betroffen ist, was neue therapeutische Perspektiven eröffnen könnte, die auf die Verbesserung der gegenseitigen Vorhersage abzielen.</p> <h3 id="h-weniger-synchronie-aber-gleiche-fahigkeit"><strong>Weniger Synchronie, aber gleiche Fähigkeit</strong></h3> <p>Besonders interessant wird dieser Ansatz, wenn wir etwa das Autismus-Spektrum betrachten. Eine aktuelle Studie der Universität Montréal untersuchte die Gehirn-Synchronisation bei Imitationsaufgaben, indem sie ein neurotypisches Individuum entweder mit einem anderen neurotypischen Partner oder mit einer Person aus dem Autismus-Spektrum zusammenarbeiten ließen [7]. Die Forschenden nutzten EEG-Hyperscanning, um die Gehirnaktivität der Paare simultan aufzuzeichnen, während diese aufgefordert wurden, Handgesten zu imitieren. Dabei zeigte sich, dass die Gehirn-Synchronisation zwischen einem neurotypischen Menschen und einem Partner auf dem Autismus-Spektrum geringer war als zwischen zwei neurotypischen Partnern [7].</p> <p>Die Personen aus dem Autismus-Spektrum waren genauso fähig, die Bewegungen ihres Partners zu imitieren und ihre eigenen Bewegungen zu synchronisieren. Der entscheidende Unterschied lag nicht in der Fähigkeit zur Imitation, sondern im „Turn-Taking“ (dem Wechsel zwischen Führen und Folgen) [7]. Die Personen aus dem Autismus-Spektrum waren weniger wahrscheinlich die Initiatoren der Bewegung, sondern folgten eher der Bewegung des Gegenübers.</p> <p>Die Forschenden interpretierten diese Dynamik dahingehend, dass Autismus als eine relationale Bedingung und nicht primär als eine Störung des Individuums betrachtet werden sollte [7]. Da die sozialen Herausforderungen beidseitig gerichtet sind, liegt die Verantwortung für eine erschwerte Interaktion bei allen Beteiligten – nicht nur bei der Person mit Autismus.</p> <h3 id="h-zukunftige-forschung-kunstbasierte-therapieansatze"><strong>Zukünftige Forschung: Kunstbasierte Therapieansätze</strong></h3> <p>Die Forschung geht nun weiter, um die neuralen und kognitiven Grundlagen der atypischen emotionalen Kommunikation bei Autismus zu untersuchen. Ein entscheidendes Problem ist, dass herkömmliche Studien oft gesichtsbasierte Stimuli verwenden, was Befunde aufgrund von Themen wie Blickkontaktvermeidung oder sozialer Angst verfälschen kann [8].</p> <p>Hier setzen innovative Ansätze an, wie ein interdisziplinäres Projekt an der Universität Wien [8]. Die Forscher entwickeln Paradigmen, bei denen Probanden Emotionen durch abstrakte Zeichnungen ausdrücken und erkennen müssen – eine Methode, um Emotionen ohne Gesichter oder Körper zu kommunizieren. Gekoppelt wird dies mit der fNIRS-Hyperscanning-Methode zur gleichzeitigen Messung der Gehirnaktivität mehrerer Teilnehmer. </p> <div><div> <p>Dies erlaubt die Untersuchung der Synchronie zwischen Sender- und Empfängergehirn während der emotionalen Kommunikation. Das Ziel ist es, die Unterschiede in der Emotionskommunikation zwischen autistischen und nicht-autistischen Erwachsenen zu erforschen und die Grundlage für kunstbasierte klinische Interventionen zu schaffen, die direkt auf die Verbesserung der interpersonellen Prozesse abzielen [8]. Dieser Ansatz unterstreicht die wachsende Bedeutung des Hyperscannings, um soziale Interaktion als dynamischen, gemeinsamen Prozess zu verstehen und so neue, personenzentrierte Therapieansätze zu entwickeln.</p> <p>Bildquelle: <a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen_48110597.htm#from_element=cross_selling__photo">freepik</a></p> </div><figure><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 684px) 100vw, 684px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-1-1-684x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-1-1-684x1024.jpg 684w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-1-1-200x300.jpg 200w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-1-1-768x1151.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-1-1-1025x1536.jpg 1025w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-1-1-1367x2048.jpg 1367w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen-1-1-scaled.jpg 1709w" width="684"></img></figure></div> <h2 id="h-vom-ich-zum-wir"><strong>Vom „Ich“ zum „Wir“</strong></h2> <p>Hyperscanning verändert unseren Blick auf das menschliche Gehirn. Es ist kein isoliertes Organ, das nur auf Reize reagiert. Es ist vielmehr ein Organ, das fundamental darauf ausgelegt ist, im sozialen Dialog zu funktionieren. Die interpersonelle Synchronie dient als ein adaptiver, ressourceneffizienter Mechanismus, der sich in Frequenz, Ort und zeitlichem Muster an die jeweilige Aufgabe – Koordination, Lernen oder Empathie – anpasst.</p> <p>Die akteulle Forschungslage zeigt: Synchronie ist ein messbares Zeichen für effektive Koordination, erfolgreiches Lernen und tiefe soziale Bindung. Wir kratzen gerade erst an der Oberfläche, um zu verstehen, was es heißt, Mensch zu sein – und zwar gemeinsam. Mit mobilen Messsystemen wie fNIRS und tragbaren EEGs, die den Weg aus dem Labor in den Alltag finden, wird dieser „neuronale Takt“ des Miteinanders in Zukunft noch viel deutlicher hörbar werden und uns neue Wege zum Verständnis und zur Optimierung unserer sozialen Welt eröffnen.</p> <h2 id="h-quellen"><strong>Quellen</strong></h2> <ol start="1"> <li>Lindenberger, U., Li, S. C., Gruber, W., &amp; Müller, V. (2009). Brains swinging in concert: cortical phase synchronization while playing guitar. <em>BMC Neuroscience</em>, <em>10</em>, 22. <a href="https://doi.org/10.1186/1471-2202-10-22" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1186/1471-2202-10-22</a></li> <li>Sänger, J. C., Müller, V., &amp; Lindenberger, U. (2012). Intra- and interbrain synchronization and network properties when playing guitar in duets. <em>Frontiers in Human Neuroscience</em>, <em>6</em>, 312. <a href="https://doi.org/10.3389/fnhum.2012.00312" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.3389/fnhum.2012.00312</a></li> <li>Müller, V., &amp; Lindenberger, U. (2019). Dynamic Orchestration of Brains and Instruments During Free Guitar Improvisation. <em>Frontiers in Integrative Neuroscience</em>, <em>13</em>, 50. <a href="https://doi.org/10.3389/fnint.2019.00050" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.3389/fnint.2019.00050</a></li> <li>Kinreich, S., Djalovski, A., Kraus, L., Louzoun, Y., &amp; Feldman, R. (2017). Brain-to-Brain Synchrony during Naturalistic Social Interactions. <em>Scientific Reports</em>, <em>7</em>, 17478. <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-017-17339-5" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1038/s41598-017-17339-5</a></li> <li>Djalovski, A., Dumas, G., Kinreich, S., &amp; Feldman, R. (2020). Human attachments shape interbrain synchrony toward efficient performance of social goals. <em>NeuroImage, 226</em>. <a href="https://doi.org/10.1016/j.neuroimage.2020.117600" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.neuroimage.2020.117600</a></li> <li>Nguyen, M., Chang, A., Micciche, E. T., Meshulam, M., Nastase, S. A., &amp; Hasson, U. (2020). Teacher–student neural coupling during teaching and learning. <em>Social Cognitive and Affective Neuroscience</em>, <em>16</em>(1-2), 101–110. <a href="https://doi.org/10.1093/scan/nsab103" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1093/scan/nsab103</a></li> <li>Moreau, Q., Brun, F., Ayrolles, A., Nadel, J., &amp; Dumas, G. (2024). Distinct social behavior and inter-brain connectivity in Dyads with autistic individuals. <em>Social Neuroscience</em>, <em>19</em>(2), 124–136. <a href="https://doi.org/10.1080/17470919.2024.2379917" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1080/17470919.2024.2379917</a></li> <li>Pelowski, M., Kim, H., &amp; Silani, G. (o. J.). <em>Abstract: Interdisciplinary Combination of Neuroscience, Clinical Psychology, and Empirical Aesthetics (University of Vienna Project)</em> [Forschungsprojekt-Abstract]. Universität Wien. <a href="https://ucrisportal.univie.ac.at/en/projects/gehirnsynchronität-und-kommunikation-jenseits-des-angesichts" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://ucrisportal.univie.ac.at/en/projects/gehirnsynchronität-und-kommunikation-jenseits-des-angesichts</a></li> </ol> <p>Beitragsbild Hyperscanning: <a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/stillleben-mit-menschlichen-gehirnen_48110544.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=2&amp;uuid=1bcc044c-a2b1-489d-bb60-1a22380040c7&amp;query=brains+synchrony">freepik</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/hyperscanning-der-neuronale-schluessel-zum-miteinander/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>2</slash:comments> </item> <item> <title>Qualia https://scilogs.spektrum.de/3g/qualia/ https://scilogs.spektrum.de/3g/qualia/#comments Fri, 14 Nov 2025 16:53:26 +0000 Christian Hoppe https://scilogs.spektrum.de/3g/?p=312 <h1>Qualia » 3G » SciLogs</h1><h2>By Christian Hoppe</h2><div itemprop="text"> <p>Am Ende verdichten sich alle Fragen der Philosophie und Religion zu der einen Frage nach der Natur des subjektiven Erlebens: Ist Bewusstsein von dieser Welt – oder ist es der Fingerzeig auf eine zweite, geistige Welt jenseits der Welt physischer Dinge, Eigenschaften und Ereignisse?</p> <p>Bewusstsein macht den alles entscheidenden Unterschied: Ohne Bewusstsein kein Erkennen. Ohne bewusstes Erleben „hätte“ niemand eine Welt, zu der er sich erkennend und handelnd irgendwie verhalten könnte. Ohne Bewusstsein auch kein Schmerz, kein Leiden – sondern allenfalls Schmerzreaktionen, schmerzartiges Grimassieren, schmerzvermeidendes Verhalten. Wo es kein Leiden geben kann, muss Leiden auch nicht mehr vermieden werden – daher: Ohne Bewusstsein keine Ethik, keine Moral, keine Verantwortung oder Schuld. Die Welt als Aneinanderreihung bloßer Tatsachen, die niemanden interessieren, die sind, was sie sind, weder gut noch böse. Alles wäre einfach und eindimensional ausschließlich Welt. Und wenn niemand mehr da ist, der irgendetwas bemerkt, wird am Ende auch die Aussage schwierig, dass es die Welt überhaupt gibt (oder dass es in der Welt irgendetwas gibt).</p> <p>Die Alltagswelt, die physische Realität – sie sind offensichtlich das Ergebnis einer Interaktion zwischen einer irgendwie gearteten materiellen Wirklichkeit (zu der wir selbst dazugehören) mit unserem Organismus, unseren Wahrnehmungsorganen und unserem Gehirn, letztlich mit unserem bewussten Erleben. Wie sieht Rot aus, wenn niemand es sieht? Es ist klar, wie es aussehen wird, sobald jemand es wieder anschaut – aber wie sieht Rot aus, wenn niemand es sieht? Warum und wie überhaupt die unterschiedlichen Sinnesmodalitäten – Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen –, wo uns die Welt doch ausschließlich über den einheitlichen und wenig sinnlichen neuronalen Code des sensorischen Interfaces unseres Nervensystems erreicht?</p> <p>Die Bewusstseinstheorien beschäftigen sich meistens mit der Frage, warum uns etwas Bestimmtes bewusst wird oder nicht, während wir wach sind. Hier geht es mir aber mehr um diese Wachheit selbst – bei Bewusstsein sein, überhaupt irgendetwas erleben können. Vigilanz kennt Abstufungen: Beim Erwachen gibt es einen Moment – ab dem sind wir da und mit uns die Welt; und beim Einschlafen gibt es einen Moment, wo beide, ich und meine Welt, zugleich verschwinden. Während des Tages gibt es tranceartige, automatische Momente – ganze Stunden manchmal – und dann immer wieder lichte, hellwache Momente mit glasklarer Aufmerksamkeit und messerscharfem Denken. Offensichtlich korreliert unsere Leistungsfähigkeit mit dem Bewusstsein im Sinne von Wachheit (wobei manchmal auch in tranceartigen Zuständen erstaunliche Dinge vollbracht werden).</p> <p><em>Exkurs: Bewusstsein hat normalerweise einen intentionalen Gehalt und ein Subjekt, das diesen erlebt, erfährt, denkt, erinnert usw.: Es ist für mich irgendwie, rot zu sehen, sauer zu schmecken etc. In Meditationskreisen wird behauptet, es gäbe Bewusstsein außerhalb dieser epistemischen Subjekt-Objekt-Struktur, d.h. „reines Bewusstsein“, niemandes Bewusstsein, Bewusstsein ohne irgendeine Welt, ohne „Inhalt“. Mir scheint dies als extremes Ende der gegebenen positiven Korrelation zwischen dem Erstehen eines Subjekts und einer objektiven Welt durchaus denkbar – aber im Folgenden werde ich mich auf subjektives Bewusstsein mit phänomenalem Gehalt konzentrieren. —</em><aside></aside></p> <p>Informationsverarbeitung kann in physischen Systemen realisiert werden – in Zeiten von ChatGPT und AlphaFold 3 eine Binse. Aber vielleicht doch bemerkenswert: Informationsverarbeitung ist gar nicht das Problem. Solange wir über Informationsverarbeitung reden, hat der Physikalismus auch kein Problem (siehe „conscious access“, Ned Block). Es ist absolut denkbar, dass sich physische System entwickeln, die erstaunliche Fähigkeiten in der (unbewussten) Verarbeitung und Integration großer Informationsmengen in Richtung eines adaptiven Verhaltens entwickeln. Für mein eigenes sichtbares Verhalten gilt ohnehin: Alles, was daran physisch ist, unterliegt physischen Gesetzmäßigkeiten. Aber auch für die Informationsverarbeitung in meinem Nervensystem sowie anderen Organsystemen gilt: Sie unterliegt den Gesetzen der Physik. Fraglich ist einzig und allein dieser letzte, wie wir oben gesehen haben, entscheidende Moment des Bewusstseins, des subjektiven Erlebens, der Qualia: das „<em>hard problem of consciousness</em>“ (David Chalmers).</p> <p>Es ist im Grunde ganz einfach: Entweder ist Bewusstsein (im strengen zugespitzten Sinne der Qualia) physisch oder nicht.</p> <p>Physisch ist es, wenn es kausale Power in der physischen Realität besitzt – es sollte dann letztlich messbar und beobachtbar sein, weil es das Potential hätte, mit unseren Messinstrumenten und Wahrnehmungsorganen zu interagieren. Die Tatsache des subjektiven Erlebens als solcher würde dann in der physischen Realität einen Unterschied machen (unabhängig vom konkreten Inhalt, der ohnehin als Informationsverarbeitung physisch real wirkt). Bewusstsein wäre dann ein weiteres physikalisches Phänomen. Man könnte über Mechanismen wie Emergenz, Supervenienz usw. nachdenken. Formulierungen wie „hirnorganische Prozesse liegen dem Bewusstsein zugrunde“ wären verständlich, weil wir uns innerhalb der Physik und der physischen Realität bewegen. Interaktionen zwischen Bewusstsein und der physischen Realität des Körpers und der Umgebung scheinen in beide Richtungen, also perzeptiv und motorisch, ohne Weiteres denkbar. Es ist verständlich, wie mein Bewusstsein mit meinem Körper verknüpft sein kann, sodass ich immer dort bin, wo sich meine Körper befindet (außer in Traum und Fantasie). Die Schlussfolgerung, dass Bewusstsein selbst in der physischen Welt relevant ist und den entscheidenden Unterschied macht, erscheint uns zudem unbedingt wünschenswert.</p> <p><em>Exkurs: Ich verstehe „kausale Geschlossenheit der physischen Realität“ nicht exklusiv, sondern inklusiv. Alles, was in der physischen Realität kausale Power besitzt, muss seinerseits dieser physischen Realität zugerechnet werden, muss Untersuchungsgegenstand der Physik werden. Wenn Gott in der physischen Welt wirkt, ist er für die Physik relevant; man kann dann nicht sagen, Gott ist immateriell und daher nichtphysisch. Was physisch wirkt, ist physisch. —</em></p> <p>Nun haben wir bislang aber kein <em>Conscious-o-meter</em> entwickelt. Wenn überhaupt erscheint allerhöchstens denkbar, dass wir eines Tages physiologische Biomarker bewussten Erlebens finden, die bewusstes Erleben mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erkennen und vielleicht sogar entziffern können (idealerweise speziesübergreifend). Solange aber stehen wir vor einem wirklichen Problem: Ist mein Gegenüber wirklich bei Bewusstsein, wie es mir erscheint (Rapport) – oder handelt es sich um einen perfekt programmierten androiden Roboter, der mir nur äußerst echt vorspielt, dass er etwas erlebt, obwohl er nichts erlebt (<em>other mind problem</em>, Thomas Nagel)? Wie könnte ich das eine oder andere beweisen? Ist dieser Embryo, dieser Fötus bei Bewusstsein, fühlt er/sie Schmerz? Was ist mit dem Bewusstsein von Tieren: Säugetieren, Insekten, Bakterien – erleben sie die Welt, spüren sie sich? Ist die nach einer Hemisphärotomie diskonnektierte Großhirnhälfte weiterhin bei Bewusstsein? Und hat das <em>Large Language Model </em>von OpenAI mittlerweile Bewusstsein entwickelt? Wir wissen, dass Selbstauskünfte fehlerhaft sein (vgl. <em>Blindsight</em>-Phänomen: unbewusst „sehen“; Anton-Syndrom: irrtümlich davon überzeugt sein, dass man sieht) und dass Responsivität fehlen kann aufgrund rein motorischer Blockaden (vgl. <em>Locked-in</em>-Syndrom, teilweise epileptische Anfälle, <em>minimal conscious states</em>/vgl. die Arbeiten von Owen et al.). Es scheint methodisch jedoch keinen anderen Weg zu geben: Wir sind auf die für uns verständliche Selbstauskunft angewiesen, müssen dieser Auskunft trauen und können unsere physiologischen Messungen nur daran kalibrieren. (Reine Wahrnehmungsexperimente laufen unter Informationsverarbeitung, sie verpassen grundsätzlich das Problem der phänomenalen Bewusstheit). Von diesem Standpunkt aus, erscheint Bewusstsein streng subjektiv, streng privat, prinzipiell von außen nicht beobachtbar, messbar, nachweisbar.</p> <p>Eine mögliche Erklärung für die Unbeobachtbarkeit des Bewusstseins könnte sein, dass Bewusstsein nichtphysischer Natur ist. Phänomenologisch erscheint diese Beschreibung durchaus ansprechend, etwa mit Blick auf das tiefgründige Problem des Fremdpsychischen. Das Bewusstsein wäre dann nicht Teil der physischen Realität, es stände außerhalb – und begründete damit die Vorstellung von der Existenz einer weiteren, nichtphysischen Wirklichkeit (ideelle oder geistige Wirklichkeit). Es wäre dann aber auch klar, dass Bewusstsein im engen Sinne (Qualia) in der physischen Welt keinen Unterschied macht; nur Informationsverarbeitung kann das. Welche Informationen verarbeitet werden, ist relevant, aber die Tatsache selbst, dass ich diese Prozesse teilweise bewusst erlebe, dass ich etwas denke, fühle, erinnere usw., wäre irrelevant und absolut wirkungslos im Hinblick auf den eigenen Körper und die physische Welt um uns herum.</p> <p>Ein nichtphysisches Bewusstsein könnte in keinem physikalischen Verhältnis zur physischen Realität stehen. Jedenfalls wüssten wir nicht, was Emergenz, Supervenienz oder selbst eine Formulierung wie „zugrunde liegen“ usw. zwischen physischen Prozessen einerseits und etwas Nichtphysischem andererseits überhaupt bedeuten sollen, jenseits bloßer Metaphern. Niemand ist je auf den Gedanken gekommen, irgendein Verhältnis zwischen der Zahl 3 (oder allen Zahlen) und der physischen Realität zu behaupten. Es ergäbe einfach keinen Sinn, es wäre ein schwerer Kategorienfehler. Die absolute Unwirksamkeit des subjektiven Erlebens (Qualia) in der physischen Realität ist nun keinesfalls wünschenswert, und sie scheint auch sehr starken alltagspsychologisch begründeten Intuitionen diametral zu widersprechen. Sie entspricht allerdings unserer heutigen Physik, die so etwas wie „mentale Ursachen“ bzw. Wechselwirkungen nicht kennt (vgl. die bekannten vier Wechselwirkungen in der Quantenfeldtheorie). Wäre diese Sichtweise zutreffend, befänden sich alle bewussten Wesen in dem denkbar radikalsten <em>Locked-In</em>-Syndrom: Während Sie vielleicht glauben, dass Sie selbst irgendetwas absichtlich tun, stecken Sie tatsächlich aus unbekanntem Grunde in einem Körper fest. Alle Dinge an ihrem Körper und um sie herum geschehen von ganz alleine ohne Ihr Zutun, aber Sie sind gezwungen, diesen Ereignissen beizuwohnen, sie zu erleben und zu erleiden, jeden Tag für viele Stunden.</p> <p><em>Exkurs: Aber wir erleben doch die Welt! Also wirkt sie doch auf unser Bewusstsein physisch ein! Nein – richtig ist, dass Informationsverarbeitung abläuft. Manchmal sind wir hinreichend wach und als erlebensfähiges Subjekt präsent und dann sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen wir die Welt mit uns darin. In bestimmten Phasen geht quasi das Licht an (aber diese Art Licht hat absolut keinen Einfluss auf das, was geschieht!); in der Regel laufen wesentlich komplexere perzeptuelle und motorische Prozesse ab, wenn das Licht an ist. Wäre es jedoch so, dass diese Prozesse das Bewusstseins-Licht anschalten oder umgekehrt – dann wäre Bewusstsein doch wieder ein physisches Emergenzphänomen mit kausaler Power. –</em></p> <p>In früheren Beiträgen hatte ich bereits gezeigt, dass die Idee eines Bewusstseins an und für sich keinen Sinn macht; dieses Konzept steht dem Gedanken eines nichtphysischen Bewusstseins zumindest nahe, u.a. wäre dieses ja auch hirnunabhängig. Gegeben, dass seine Bezeichnung seine Natur bezeichnen soll, müsste man eines von einem absoluten Bewusstsein verlangen dürfen: dass es bei Bewusstsein ist. Ein absolutes Bewusstsein kann deswegen nicht mein individuelles Bewusstsein sein, weil ich phasenweise bewusstlos bin (Tiefschlaf, Narkose, K.O., epileptischer Anfall, usw.) und mein Bewusstsein in diesen Phasen ein <em>bewusstloses Bewusstsein</em> wäre – offensichtlich eine <em>contradictio in se adiecto</em>. Die Variabilität meiner Bewusstseinszustände bis hin zur völligen Bewusstlosigkeit ist mit einem absoluten Bewusstsein an und für sich nicht vereinbar. Die Möglichkeit, Bewusstsein pharmakologisch zu kontrollieren, spricht sehr stark für seine physische Natur. Es mag also ein absolutes Bewusstsein existieren – es ist aber nicht mein Bewusstsein oder das irgendeines anderen endlichen Wesens, das variable Bewusstseinszustände durchläuft.</p> <p>Mir erscheint zusammenfassend dann folgende Sicht am plausibelsten: Bewusstsein ist eine Eigenschaft einiger informationsverarbeitender Prozesse (bisher) in Gehirnen bzw. Nervensystemen; es ist aber – jenseits stets möglicher sprachlicher Abstraktion (vgl. rote Tomate – die Farbe Rot – das Rote an sich) – keine Substanz. Bewusstsein kennzeichnet alle informationsverarbeitenden Prozesse, bei denen ein Subjekt etwas wahrnimmt oder bemerkt: Empfindungen, Wahrnehmungen, Gedanken, Erinnerungen, was auch immer; in der Regel wird ein gesunder Proband dies dann auch berichten (oder durch entsprechende Reaktionen markieren) können.</p> <p>Das erlebensfähige Subjekt, das dieser Proband zeitweise ist, existiert ausschließlich, <em>indem</em> es etwas wahrnimmt; es ko-existiert stets mit dem erlebten Inhalt, in einer epistemischen Subjekt-Objekt-Spannung. Da Informationsverarbeitung im Wachzustand um ein vielfaches leistungsfähiger ist als in bewusstlosen Phasen (vgl. aber auch Traum), ist die Eigenschaft „bewusst“ auch physisch relevant. Es macht in der physischen Realität demnach einen Unterschied, ob bestimmte Informationen bewusst verarbeitet werden oder nicht. Gegeben hinreichende Wachheit, gibt es allerdings durchaus Prozesse, die unterbewusst (vorbewusst) effizienter verarbeitet werden als wenn sich bewusste Informationsverarbeitungsprozesse einschalten (z.B. die Fingerbewegungen beim Spielen eines Musikinstrumentes).</p> <p><em>Exkurs: Es ist in vielen Bereichen immer wieder eine praktisch hochwichtige Frage, bei welchen Tätigkeiten, Problemen und Aufgabenstellungen bewusste Informationsverarbeitung (in strenger Trennung von Subjekt und Objekt) das Mittel der Wahl ist und wann man „das Denken besser abschalten“ und die Dinge automatisch ablaufen, von alleine geschehen lassen sollte (vgl. Trance/Flow, Dissoziation, sowie Intuition/“Bauchgefühl“; ferner Absorption: „eins sein mit der Handlung“). Hierzu gibt es auch umfangreiche experimental- und sozialpsychologische Literatur. –</em></p> <p>Bewusste Informationsverarbeitung ist weitgehend identisch mit aufmerksamer Informationsverarbeitung, wobei das Gesamtmaß verfügbarer Aufmerksamkeit von Wachheit abhängt und die Aufmerksamkeit dann mehr oder weniger auf einzelne Objekte zentriert werden kann („Konzentration“). (Ein Teil der Aufmerksamkeit wird immer auf den Hintergrund gerichtet; vgl. Orientierungsreaktion.) Aufmerksamkeit können wir phasenweise „bewusst“ lenken, d.h. wir richten Aufmerksamkeit auf die Lenkung der Aufmerksamkeit selbst (die normalerweise automatisch abläuft).</p> <p><em>Exkurs: Ein (vermeintlich) höheres Subjekt (Selbst) resultiert immer dann, wenn die Aufmerksamkeit auf (vermeintlich) höhere Ebenen und Metaebenen der Informationsverarbeitung (z.B. auf die Aufmerksamkeit selbst) gelenkt und dort eine Zeitlang gehalten wird; auch das (höhere) Subjekt ko-existiert also stets mit seinen (höheren) Erlebensinhalten. Letztlich wird aber auch bei diesen Prozessen der physische Determinismus und Automatismus der gesamten Informationsverarbeitung nicht durchbrochen: Warum komme ich ausgerechnet jetzt auf den Gedanken, mich auf X konzentrieren zu wollen, und warum schweife ich nach exakt 13,247 Sekunden wieder ab, um meinem nächsten Gedanken zu folgen? —</em></p> <p>Es ergeben sich folgende Schlussfolgerungen bzw. Forschungsresiduen:</p> <ul> <li>Wir sollten wieder mehr über Vigilanz (Arousal, Wachheit/Schlaf, usw.) forschen – auch über das Eintreten in die und das Erwachen aus der Narkose, einem epileptischen Anfall oder einem Koma.</li> <li>Wir sollten weiter an dem Unterschied zwischen nachweislich stattfindender, aber nicht berichtsfähiger („unbewusster“, z.B. unter-/vorbewusster) versus bewusster und berichtsfähiger Informationsverarbeitung forschen.</li> <li>Möglicherweise gewinnen wir aus der oben beschriebenen notwendigen Subjekt-Objekt-Struktur allen Erlebens (d.h. Ko-Existenz bzw. Ko-Emergenz von erlebendem Subjekts und erlebtem Objekt), d.h. aus der epistemischen Spannung, Anhaltspunkte für die Entdeckung physiologischer Prozesse mit vergleichbaren informationstheoretischen Eigenschaften. (Weltfremde Spekulationen über „reines Bewusstsein“ lenken von dieser interessanten Eigenschaft bewusster Zustände eher ab.) Die Qualia-Definition sollte nicht lauten: „<em>there is something it is like to &lt; see, hear, feel etc. &gt;</em>”, sondern “<em>there is something it is like </em>for someone<em> to &lt; see, hear, feel etc. &gt;</em>”.</li> <li>Wir sollten sehr viel mehr über Aufmerksamkeit sowie über unbewusste und bewusste Aufmerksamkeitslenkung wissen – nicht nur in neurowissenschaftlicher, sondern auch in praktischer Hinsicht (was ist wann indiziert?). Es gibt definitiv ineffiziente, missbräuchliche, störende und vielleicht sogar krankmachende Anwendungen bewussten Denkens.</li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Qualia » 3G » SciLogs</h1><h2>By Christian Hoppe</h2><div itemprop="text"> <p>Am Ende verdichten sich alle Fragen der Philosophie und Religion zu der einen Frage nach der Natur des subjektiven Erlebens: Ist Bewusstsein von dieser Welt – oder ist es der Fingerzeig auf eine zweite, geistige Welt jenseits der Welt physischer Dinge, Eigenschaften und Ereignisse?</p> <p>Bewusstsein macht den alles entscheidenden Unterschied: Ohne Bewusstsein kein Erkennen. Ohne bewusstes Erleben „hätte“ niemand eine Welt, zu der er sich erkennend und handelnd irgendwie verhalten könnte. Ohne Bewusstsein auch kein Schmerz, kein Leiden – sondern allenfalls Schmerzreaktionen, schmerzartiges Grimassieren, schmerzvermeidendes Verhalten. Wo es kein Leiden geben kann, muss Leiden auch nicht mehr vermieden werden – daher: Ohne Bewusstsein keine Ethik, keine Moral, keine Verantwortung oder Schuld. Die Welt als Aneinanderreihung bloßer Tatsachen, die niemanden interessieren, die sind, was sie sind, weder gut noch böse. Alles wäre einfach und eindimensional ausschließlich Welt. Und wenn niemand mehr da ist, der irgendetwas bemerkt, wird am Ende auch die Aussage schwierig, dass es die Welt überhaupt gibt (oder dass es in der Welt irgendetwas gibt).</p> <p>Die Alltagswelt, die physische Realität – sie sind offensichtlich das Ergebnis einer Interaktion zwischen einer irgendwie gearteten materiellen Wirklichkeit (zu der wir selbst dazugehören) mit unserem Organismus, unseren Wahrnehmungsorganen und unserem Gehirn, letztlich mit unserem bewussten Erleben. Wie sieht Rot aus, wenn niemand es sieht? Es ist klar, wie es aussehen wird, sobald jemand es wieder anschaut – aber wie sieht Rot aus, wenn niemand es sieht? Warum und wie überhaupt die unterschiedlichen Sinnesmodalitäten – Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen –, wo uns die Welt doch ausschließlich über den einheitlichen und wenig sinnlichen neuronalen Code des sensorischen Interfaces unseres Nervensystems erreicht?</p> <p>Die Bewusstseinstheorien beschäftigen sich meistens mit der Frage, warum uns etwas Bestimmtes bewusst wird oder nicht, während wir wach sind. Hier geht es mir aber mehr um diese Wachheit selbst – bei Bewusstsein sein, überhaupt irgendetwas erleben können. Vigilanz kennt Abstufungen: Beim Erwachen gibt es einen Moment – ab dem sind wir da und mit uns die Welt; und beim Einschlafen gibt es einen Moment, wo beide, ich und meine Welt, zugleich verschwinden. Während des Tages gibt es tranceartige, automatische Momente – ganze Stunden manchmal – und dann immer wieder lichte, hellwache Momente mit glasklarer Aufmerksamkeit und messerscharfem Denken. Offensichtlich korreliert unsere Leistungsfähigkeit mit dem Bewusstsein im Sinne von Wachheit (wobei manchmal auch in tranceartigen Zuständen erstaunliche Dinge vollbracht werden).</p> <p><em>Exkurs: Bewusstsein hat normalerweise einen intentionalen Gehalt und ein Subjekt, das diesen erlebt, erfährt, denkt, erinnert usw.: Es ist für mich irgendwie, rot zu sehen, sauer zu schmecken etc. In Meditationskreisen wird behauptet, es gäbe Bewusstsein außerhalb dieser epistemischen Subjekt-Objekt-Struktur, d.h. „reines Bewusstsein“, niemandes Bewusstsein, Bewusstsein ohne irgendeine Welt, ohne „Inhalt“. Mir scheint dies als extremes Ende der gegebenen positiven Korrelation zwischen dem Erstehen eines Subjekts und einer objektiven Welt durchaus denkbar – aber im Folgenden werde ich mich auf subjektives Bewusstsein mit phänomenalem Gehalt konzentrieren. —</em><aside></aside></p> <p>Informationsverarbeitung kann in physischen Systemen realisiert werden – in Zeiten von ChatGPT und AlphaFold 3 eine Binse. Aber vielleicht doch bemerkenswert: Informationsverarbeitung ist gar nicht das Problem. Solange wir über Informationsverarbeitung reden, hat der Physikalismus auch kein Problem (siehe „conscious access“, Ned Block). Es ist absolut denkbar, dass sich physische System entwickeln, die erstaunliche Fähigkeiten in der (unbewussten) Verarbeitung und Integration großer Informationsmengen in Richtung eines adaptiven Verhaltens entwickeln. Für mein eigenes sichtbares Verhalten gilt ohnehin: Alles, was daran physisch ist, unterliegt physischen Gesetzmäßigkeiten. Aber auch für die Informationsverarbeitung in meinem Nervensystem sowie anderen Organsystemen gilt: Sie unterliegt den Gesetzen der Physik. Fraglich ist einzig und allein dieser letzte, wie wir oben gesehen haben, entscheidende Moment des Bewusstseins, des subjektiven Erlebens, der Qualia: das „<em>hard problem of consciousness</em>“ (David Chalmers).</p> <p>Es ist im Grunde ganz einfach: Entweder ist Bewusstsein (im strengen zugespitzten Sinne der Qualia) physisch oder nicht.</p> <p>Physisch ist es, wenn es kausale Power in der physischen Realität besitzt – es sollte dann letztlich messbar und beobachtbar sein, weil es das Potential hätte, mit unseren Messinstrumenten und Wahrnehmungsorganen zu interagieren. Die Tatsache des subjektiven Erlebens als solcher würde dann in der physischen Realität einen Unterschied machen (unabhängig vom konkreten Inhalt, der ohnehin als Informationsverarbeitung physisch real wirkt). Bewusstsein wäre dann ein weiteres physikalisches Phänomen. Man könnte über Mechanismen wie Emergenz, Supervenienz usw. nachdenken. Formulierungen wie „hirnorganische Prozesse liegen dem Bewusstsein zugrunde“ wären verständlich, weil wir uns innerhalb der Physik und der physischen Realität bewegen. Interaktionen zwischen Bewusstsein und der physischen Realität des Körpers und der Umgebung scheinen in beide Richtungen, also perzeptiv und motorisch, ohne Weiteres denkbar. Es ist verständlich, wie mein Bewusstsein mit meinem Körper verknüpft sein kann, sodass ich immer dort bin, wo sich meine Körper befindet (außer in Traum und Fantasie). Die Schlussfolgerung, dass Bewusstsein selbst in der physischen Welt relevant ist und den entscheidenden Unterschied macht, erscheint uns zudem unbedingt wünschenswert.</p> <p><em>Exkurs: Ich verstehe „kausale Geschlossenheit der physischen Realität“ nicht exklusiv, sondern inklusiv. Alles, was in der physischen Realität kausale Power besitzt, muss seinerseits dieser physischen Realität zugerechnet werden, muss Untersuchungsgegenstand der Physik werden. Wenn Gott in der physischen Welt wirkt, ist er für die Physik relevant; man kann dann nicht sagen, Gott ist immateriell und daher nichtphysisch. Was physisch wirkt, ist physisch. —</em></p> <p>Nun haben wir bislang aber kein <em>Conscious-o-meter</em> entwickelt. Wenn überhaupt erscheint allerhöchstens denkbar, dass wir eines Tages physiologische Biomarker bewussten Erlebens finden, die bewusstes Erleben mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erkennen und vielleicht sogar entziffern können (idealerweise speziesübergreifend). Solange aber stehen wir vor einem wirklichen Problem: Ist mein Gegenüber wirklich bei Bewusstsein, wie es mir erscheint (Rapport) – oder handelt es sich um einen perfekt programmierten androiden Roboter, der mir nur äußerst echt vorspielt, dass er etwas erlebt, obwohl er nichts erlebt (<em>other mind problem</em>, Thomas Nagel)? Wie könnte ich das eine oder andere beweisen? Ist dieser Embryo, dieser Fötus bei Bewusstsein, fühlt er/sie Schmerz? Was ist mit dem Bewusstsein von Tieren: Säugetieren, Insekten, Bakterien – erleben sie die Welt, spüren sie sich? Ist die nach einer Hemisphärotomie diskonnektierte Großhirnhälfte weiterhin bei Bewusstsein? Und hat das <em>Large Language Model </em>von OpenAI mittlerweile Bewusstsein entwickelt? Wir wissen, dass Selbstauskünfte fehlerhaft sein (vgl. <em>Blindsight</em>-Phänomen: unbewusst „sehen“; Anton-Syndrom: irrtümlich davon überzeugt sein, dass man sieht) und dass Responsivität fehlen kann aufgrund rein motorischer Blockaden (vgl. <em>Locked-in</em>-Syndrom, teilweise epileptische Anfälle, <em>minimal conscious states</em>/vgl. die Arbeiten von Owen et al.). Es scheint methodisch jedoch keinen anderen Weg zu geben: Wir sind auf die für uns verständliche Selbstauskunft angewiesen, müssen dieser Auskunft trauen und können unsere physiologischen Messungen nur daran kalibrieren. (Reine Wahrnehmungsexperimente laufen unter Informationsverarbeitung, sie verpassen grundsätzlich das Problem der phänomenalen Bewusstheit). Von diesem Standpunkt aus, erscheint Bewusstsein streng subjektiv, streng privat, prinzipiell von außen nicht beobachtbar, messbar, nachweisbar.</p> <p>Eine mögliche Erklärung für die Unbeobachtbarkeit des Bewusstseins könnte sein, dass Bewusstsein nichtphysischer Natur ist. Phänomenologisch erscheint diese Beschreibung durchaus ansprechend, etwa mit Blick auf das tiefgründige Problem des Fremdpsychischen. Das Bewusstsein wäre dann nicht Teil der physischen Realität, es stände außerhalb – und begründete damit die Vorstellung von der Existenz einer weiteren, nichtphysischen Wirklichkeit (ideelle oder geistige Wirklichkeit). Es wäre dann aber auch klar, dass Bewusstsein im engen Sinne (Qualia) in der physischen Welt keinen Unterschied macht; nur Informationsverarbeitung kann das. Welche Informationen verarbeitet werden, ist relevant, aber die Tatsache selbst, dass ich diese Prozesse teilweise bewusst erlebe, dass ich etwas denke, fühle, erinnere usw., wäre irrelevant und absolut wirkungslos im Hinblick auf den eigenen Körper und die physische Welt um uns herum.</p> <p>Ein nichtphysisches Bewusstsein könnte in keinem physikalischen Verhältnis zur physischen Realität stehen. Jedenfalls wüssten wir nicht, was Emergenz, Supervenienz oder selbst eine Formulierung wie „zugrunde liegen“ usw. zwischen physischen Prozessen einerseits und etwas Nichtphysischem andererseits überhaupt bedeuten sollen, jenseits bloßer Metaphern. Niemand ist je auf den Gedanken gekommen, irgendein Verhältnis zwischen der Zahl 3 (oder allen Zahlen) und der physischen Realität zu behaupten. Es ergäbe einfach keinen Sinn, es wäre ein schwerer Kategorienfehler. Die absolute Unwirksamkeit des subjektiven Erlebens (Qualia) in der physischen Realität ist nun keinesfalls wünschenswert, und sie scheint auch sehr starken alltagspsychologisch begründeten Intuitionen diametral zu widersprechen. Sie entspricht allerdings unserer heutigen Physik, die so etwas wie „mentale Ursachen“ bzw. Wechselwirkungen nicht kennt (vgl. die bekannten vier Wechselwirkungen in der Quantenfeldtheorie). Wäre diese Sichtweise zutreffend, befänden sich alle bewussten Wesen in dem denkbar radikalsten <em>Locked-In</em>-Syndrom: Während Sie vielleicht glauben, dass Sie selbst irgendetwas absichtlich tun, stecken Sie tatsächlich aus unbekanntem Grunde in einem Körper fest. Alle Dinge an ihrem Körper und um sie herum geschehen von ganz alleine ohne Ihr Zutun, aber Sie sind gezwungen, diesen Ereignissen beizuwohnen, sie zu erleben und zu erleiden, jeden Tag für viele Stunden.</p> <p><em>Exkurs: Aber wir erleben doch die Welt! Also wirkt sie doch auf unser Bewusstsein physisch ein! Nein – richtig ist, dass Informationsverarbeitung abläuft. Manchmal sind wir hinreichend wach und als erlebensfähiges Subjekt präsent und dann sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen wir die Welt mit uns darin. In bestimmten Phasen geht quasi das Licht an (aber diese Art Licht hat absolut keinen Einfluss auf das, was geschieht!); in der Regel laufen wesentlich komplexere perzeptuelle und motorische Prozesse ab, wenn das Licht an ist. Wäre es jedoch so, dass diese Prozesse das Bewusstseins-Licht anschalten oder umgekehrt – dann wäre Bewusstsein doch wieder ein physisches Emergenzphänomen mit kausaler Power. –</em></p> <p>In früheren Beiträgen hatte ich bereits gezeigt, dass die Idee eines Bewusstseins an und für sich keinen Sinn macht; dieses Konzept steht dem Gedanken eines nichtphysischen Bewusstseins zumindest nahe, u.a. wäre dieses ja auch hirnunabhängig. Gegeben, dass seine Bezeichnung seine Natur bezeichnen soll, müsste man eines von einem absoluten Bewusstsein verlangen dürfen: dass es bei Bewusstsein ist. Ein absolutes Bewusstsein kann deswegen nicht mein individuelles Bewusstsein sein, weil ich phasenweise bewusstlos bin (Tiefschlaf, Narkose, K.O., epileptischer Anfall, usw.) und mein Bewusstsein in diesen Phasen ein <em>bewusstloses Bewusstsein</em> wäre – offensichtlich eine <em>contradictio in se adiecto</em>. Die Variabilität meiner Bewusstseinszustände bis hin zur völligen Bewusstlosigkeit ist mit einem absoluten Bewusstsein an und für sich nicht vereinbar. Die Möglichkeit, Bewusstsein pharmakologisch zu kontrollieren, spricht sehr stark für seine physische Natur. Es mag also ein absolutes Bewusstsein existieren – es ist aber nicht mein Bewusstsein oder das irgendeines anderen endlichen Wesens, das variable Bewusstseinszustände durchläuft.</p> <p>Mir erscheint zusammenfassend dann folgende Sicht am plausibelsten: Bewusstsein ist eine Eigenschaft einiger informationsverarbeitender Prozesse (bisher) in Gehirnen bzw. Nervensystemen; es ist aber – jenseits stets möglicher sprachlicher Abstraktion (vgl. rote Tomate – die Farbe Rot – das Rote an sich) – keine Substanz. Bewusstsein kennzeichnet alle informationsverarbeitenden Prozesse, bei denen ein Subjekt etwas wahrnimmt oder bemerkt: Empfindungen, Wahrnehmungen, Gedanken, Erinnerungen, was auch immer; in der Regel wird ein gesunder Proband dies dann auch berichten (oder durch entsprechende Reaktionen markieren) können.</p> <p>Das erlebensfähige Subjekt, das dieser Proband zeitweise ist, existiert ausschließlich, <em>indem</em> es etwas wahrnimmt; es ko-existiert stets mit dem erlebten Inhalt, in einer epistemischen Subjekt-Objekt-Spannung. Da Informationsverarbeitung im Wachzustand um ein vielfaches leistungsfähiger ist als in bewusstlosen Phasen (vgl. aber auch Traum), ist die Eigenschaft „bewusst“ auch physisch relevant. Es macht in der physischen Realität demnach einen Unterschied, ob bestimmte Informationen bewusst verarbeitet werden oder nicht. Gegeben hinreichende Wachheit, gibt es allerdings durchaus Prozesse, die unterbewusst (vorbewusst) effizienter verarbeitet werden als wenn sich bewusste Informationsverarbeitungsprozesse einschalten (z.B. die Fingerbewegungen beim Spielen eines Musikinstrumentes).</p> <p><em>Exkurs: Es ist in vielen Bereichen immer wieder eine praktisch hochwichtige Frage, bei welchen Tätigkeiten, Problemen und Aufgabenstellungen bewusste Informationsverarbeitung (in strenger Trennung von Subjekt und Objekt) das Mittel der Wahl ist und wann man „das Denken besser abschalten“ und die Dinge automatisch ablaufen, von alleine geschehen lassen sollte (vgl. Trance/Flow, Dissoziation, sowie Intuition/“Bauchgefühl“; ferner Absorption: „eins sein mit der Handlung“). Hierzu gibt es auch umfangreiche experimental- und sozialpsychologische Literatur. –</em></p> <p>Bewusste Informationsverarbeitung ist weitgehend identisch mit aufmerksamer Informationsverarbeitung, wobei das Gesamtmaß verfügbarer Aufmerksamkeit von Wachheit abhängt und die Aufmerksamkeit dann mehr oder weniger auf einzelne Objekte zentriert werden kann („Konzentration“). (Ein Teil der Aufmerksamkeit wird immer auf den Hintergrund gerichtet; vgl. Orientierungsreaktion.) Aufmerksamkeit können wir phasenweise „bewusst“ lenken, d.h. wir richten Aufmerksamkeit auf die Lenkung der Aufmerksamkeit selbst (die normalerweise automatisch abläuft).</p> <p><em>Exkurs: Ein (vermeintlich) höheres Subjekt (Selbst) resultiert immer dann, wenn die Aufmerksamkeit auf (vermeintlich) höhere Ebenen und Metaebenen der Informationsverarbeitung (z.B. auf die Aufmerksamkeit selbst) gelenkt und dort eine Zeitlang gehalten wird; auch das (höhere) Subjekt ko-existiert also stets mit seinen (höheren) Erlebensinhalten. Letztlich wird aber auch bei diesen Prozessen der physische Determinismus und Automatismus der gesamten Informationsverarbeitung nicht durchbrochen: Warum komme ich ausgerechnet jetzt auf den Gedanken, mich auf X konzentrieren zu wollen, und warum schweife ich nach exakt 13,247 Sekunden wieder ab, um meinem nächsten Gedanken zu folgen? —</em></p> <p>Es ergeben sich folgende Schlussfolgerungen bzw. Forschungsresiduen:</p> <ul> <li>Wir sollten wieder mehr über Vigilanz (Arousal, Wachheit/Schlaf, usw.) forschen – auch über das Eintreten in die und das Erwachen aus der Narkose, einem epileptischen Anfall oder einem Koma.</li> <li>Wir sollten weiter an dem Unterschied zwischen nachweislich stattfindender, aber nicht berichtsfähiger („unbewusster“, z.B. unter-/vorbewusster) versus bewusster und berichtsfähiger Informationsverarbeitung forschen.</li> <li>Möglicherweise gewinnen wir aus der oben beschriebenen notwendigen Subjekt-Objekt-Struktur allen Erlebens (d.h. Ko-Existenz bzw. Ko-Emergenz von erlebendem Subjekts und erlebtem Objekt), d.h. aus der epistemischen Spannung, Anhaltspunkte für die Entdeckung physiologischer Prozesse mit vergleichbaren informationstheoretischen Eigenschaften. (Weltfremde Spekulationen über „reines Bewusstsein“ lenken von dieser interessanten Eigenschaft bewusster Zustände eher ab.) Die Qualia-Definition sollte nicht lauten: „<em>there is something it is like to &lt; see, hear, feel etc. &gt;</em>”, sondern “<em>there is something it is like </em>for someone<em> to &lt; see, hear, feel etc. &gt;</em>”.</li> <li>Wir sollten sehr viel mehr über Aufmerksamkeit sowie über unbewusste und bewusste Aufmerksamkeitslenkung wissen – nicht nur in neurowissenschaftlicher, sondern auch in praktischer Hinsicht (was ist wann indiziert?). Es gibt definitiv ineffiziente, missbräuchliche, störende und vielleicht sogar krankmachende Anwendungen bewussten Denkens.</li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/3g/qualia/#comments 105 Der Rassismus-Begriff: Von internationalen zu deutschen Diskursen. Ein Überblick über die Forschung und wissenschaftliche Perspektiven. https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/der-rassismus-begriff-von-internationalen-zu-deutschen-diskursen-ein-ueberblick-ueber-die-forschung-und-wissenschaftliche-perspektiven/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/der-rassismus-begriff-von-internationalen-zu-deutschen-diskursen-ein-ueberblick-ueber-die-forschung-und-wissenschaftliche-perspektiven/#respond Fri, 14 Nov 2025 14:45:44 +0000 Paulina Seelmann https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=341 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Buechstapel-Blogbeitrag-Nov2025-4-768x627.png <link>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/der-rassismus-begriff-von-internationalen-zu-deutschen-diskursen-ein-ueberblick-ueber-die-forschung-und-wissenschaftliche-perspektiven/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Buechstapel-Blogbeitrag-Nov2025-4.png" /><h1>Der Rassismus-Begriff: Von internationalen zu deutschen Diskursen. Ein Überblick über die Forschung und wissenschaftliche Perspektiven. » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Paulina Seelmann</h2><div itemprop="text"> <p>Obwohl eine der ersten Publikationen zum Thema 1938 vom deutschen Wissenschaftler Hirschfeld verfasst wurde<sup data-fn="48484f9f-f747-48c1-a387-80c7de225d80"><a href="#48484f9f-f747-48c1-a387-80c7de225d80" id="48484f9f-f747-48c1-a387-80c7de225d80-link">1</a></sup>, wurde ein Großteil der Rassismusforschung jahrzehntelang hauptsächlich im anglo-amerikanischen Raum betrieben. Anfangs prägten Sklaverei und NS-Zeit, später der Kampf um Gleichberechtigung internationale Publikationen zu Rassismus<sup data-fn="5427af2a-846a-4620-92ec-5aa844ba80e2"><a href="#5427af2a-846a-4620-92ec-5aa844ba80e2" id="5427af2a-846a-4620-92ec-5aa844ba80e2-link">2</a></sup>. Bahnbrechend waren die in Zusammenarbeit mit Wissenschaftler*innen entstandenen UNESCO-Erklärungen zu dem Thema in den 1950/60er Jahren sowie die sog. <em>International Convention on the Elimination of Racial Discrimination</em> (ICERD) zum Schutz vor rassistischer Diskriminierung. Der Tod von George Floyd durch rassistisch motivierte Polizeigewalt in den USA befeuerte globale Proteste sowie eine intensive Diskussion über Rassismus. Dieser Blogbeitrag zeichnet die Entwicklung der Rassismusforschung, ihrer Perspektiven und des Begriffsverständnisses von der internationalen zur deutschen Debatte nach.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/demonstration-5267931_1280-2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="590" sizes="(max-width: 886px) 100vw, 886px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/demonstration-5267931_1280-2-edited.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/demonstration-5267931_1280-2-edited.jpg 886w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/demonstration-5267931_1280-2-edited-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/demonstration-5267931_1280-2-edited-768x511.jpg 768w" width="886"></img></a><figcaption><em>Foto: UnratedStudio auf Pixabay </em></figcaption></figure> <h3 id="h-die-internationale-rassismusforschung">Die internationale Rassismusforschung</h3> <p>International entwickelten sich in der kritischen Rassismusforschung verschiedene Perspektiven aus(einander). Die marxistische Perspektive sieht in Rassismus die Abwertung einer Menschengruppe mit dem Ziel ihrer (ökonomischen) Ausbeutung. Laut dem neomarxistischen Forscher Miles ist Rassismus eine Ideologie, bei der durch die Einteilung von Menschen in konstruierte Gruppen negative Folgen für die Betroffenen entstehen<sup data-fn="937c96de-659f-47bc-9315-a01f475e32e7"><a href="#937c96de-659f-47bc-9315-a01f475e32e7" id="937c96de-659f-47bc-9315-a01f475e32e7-link">3</a></sup>. Die Einteilung basiert auf biologischen Merkmalen, die gesellschaftlich mit negativen Bedeutungen verbunden werden. Rassistische Ideologie entsteht laut Hall durch die Verknüpfung der Schaffung und Zuschreibung von Bedeutung mit Machtstrategien, in deren Folge Gruppen von Ressourcen ausgeschlossen werden<sup data-fn="8f35d114-13aa-4d07-ad1d-d774ee829bd5"><a href="#8f35d114-13aa-4d07-ad1d-d774ee829bd5" id="8f35d114-13aa-4d07-ad1d-d774ee829bd5-link">4</a></sup>.  </p> <p>Die institutionelle Perspektive nimmt die Beziehung zwischen Vorurteilen und Macht in den Blick. Rassismus dient dem Erhalt von Macht bestimmter gesellschaftlicher Gruppen<sup data-fn="98c36701-edac-40ee-8405-05f0b3eedf3b"><a href="#98c36701-edac-40ee-8405-05f0b3eedf3b" id="98c36701-edac-40ee-8405-05f0b3eedf3b-link">5</a></sup>. Basierend auf Erfahrungen mit rassistischer Unterdrückung im Kontext der Jim Crow Order in Mississippi, unterscheiden Carmichael und Hamilton 1967 zwischen „persönlicher und institutionell rassistischer“ Unterdrückung: zwischen Rassismus zwischen Einzelpersonen und durch gesellschaftliche Institutionen<sup data-fn="6894c35c-8c23-493c-8b38-f70a32762a3f"><a href="#6894c35c-8c23-493c-8b38-f70a32762a3f" id="6894c35c-8c23-493c-8b38-f70a32762a3f-link">6</a></sup>. Die erste Praxisdefinition von institutionellem Rassismus legt 1999 MacPherson of Cluny im Rahmen seiner Untersuchung der Aufklärung des Mordes an einem von Rassismus betroffenen Jugendlichen durch die Londoner Polizei vor<sup data-fn="be1741d0-93ca-498e-827f-e23f94c663d6"><a href="#be1741d0-93ca-498e-827f-e23f94c663d6" id="be1741d0-93ca-498e-827f-e23f94c663d6-link">7</a></sup>. Institutioneller Rassismus findet auch heute statt, z.B. in Form von Racial Profiling der Polizei oder von rassistischer Diskriminierung auf den Arbeitsmarkt.</p> <p>In den 1970er Jahren bemerkten Forschende, dass sich rassistische Erzählungen nach dem 2. Weltkrieg zunehmend auf kulturelle anstatt biologische Unterschiede zwischen Menschen bezogen: Die Unvereinbarkeit von Kulturen wird betont und ihre Vermischung abgelehnt<sup data-fn="f3862229-af12-4157-b21d-089270b57b8f"><a href="#f3862229-af12-4157-b21d-089270b57b8f" id="f3862229-af12-4157-b21d-089270b57b8f-link">8</a></sup>. Dieser kulturell argumentierende Rassismus wird auch „Neuer Rassismus”<sup data-fn="62e16f65-3e0c-48c8-a692-3cb7de72114b"><a href="#62e16f65-3e0c-48c8-a692-3cb7de72114b" id="62e16f65-3e0c-48c8-a692-3cb7de72114b-link">9</a></sup>, „Differentialistischer Rassismus”<sup data-fn="2b9fc92f-53f8-46a9-9900-79af2a82b32e"><a href="#2b9fc92f-53f8-46a9-9900-79af2a82b32e" id="2b9fc92f-53f8-46a9-9900-79af2a82b32e-link">10</a></sup> oder „Neo-Rassismus”<sup data-fn="ac7c127a-185b-4004-8413-5129f17e7b1b"><a href="#ac7c127a-185b-4004-8413-5129f17e7b1b" id="ac7c127a-185b-4004-8413-5129f17e7b1b-link">11</a></sup> genannt. Heute wird diese Form oftmals in der antimuslimischen Rhetorik rechtspopulistischer oder -extremer Parteien genutzt. In den 1980er Jahren rückte die Forschung dann die alltäglichen Konsequenzen von Rassismus für Betroffene in den Blick: Mithilfe des Konzepts des Alltagsrassismus untersucht Essed 1984 die Alltagserfahrung betroffener Frauen aus deren Perspektive<sup data-fn="5c69b7f9-fc77-4c0d-a664-5a2e280183a3"><a href="#5c69b7f9-fc77-4c0d-a664-5a2e280183a3" id="5c69b7f9-fc77-4c0d-a664-5a2e280183a3-link">12</a></sup>.</p> <p>Die strukturelle Perspektive beleuchtet ab den 1980/90er Jahren, dass Staat und Gesellschaft von Rassismus durchdrungen sind. Omi &amp; Winant betrachten die USA: Hier strukturiere die Einteilung von Personen in Menschengruppen die Gesellschaft als eine Art “Ordnungsprinzip”<sup data-fn="4365f6f9-7189-4a3e-93cf-c330c1ef9115"><a href="#4365f6f9-7189-4a3e-93cf-c330c1ef9115" id="4365f6f9-7189-4a3e-93cf-c330c1ef9115-link">13</a></sup>. Dadurch würden die Identität von Personen und ihr soziales Leben in der Gesellschaft geprägt. Laut Bonilla-Silvas Konzept der sog. <em>Racialized Social Systems</em> ergeben sich Strukturen der Gesellschaft aus der Zuordnung von Menschen(gruppen) in rassistische Kategorien. Rassismus beeinflusst folglich den Platz von Personen in der gesellschaftlichen Hierarchie, ihre Beziehungen zu anderen Personen(gruppen), ihren Zugang zu Ressourcen, ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt und/oder gesellschaftliche Reputation<sup data-fn="85521894-a134-4084-b039-ff40409bf667"><a href="#85521894-a134-4084-b039-ff40409bf667" id="85521894-a134-4084-b039-ff40409bf667-link">14</a></sup>.    <aside></aside></p> <h3 id="h-die-deutsche-rassismusforschung">Die deutsche Rassismusforschung</h3> <p>Aufgrund der deutschen Geschichte und der Verbrechen während des Nationalsozialismus blieb der Rassismusbegriff bis in die 1990er Jahre in Politik und Wissenschaft weitestgehend tabuisiert und wurde nur im Kontext dieser Zeit verwendet. Zudem wurde die Forschung im deutschen Diskurs stark durch das Phänomen Rechtsextremismus beeinflusst: Lange wurde die Rassismusforschung der Rechtsextremismusforschung untergeordnet oder von dieser überschattet<sup data-fn="20eec823-1958-4f07-8d4b-242ab55a55fb"><a href="#20eec823-1958-4f07-8d4b-242ab55a55fb" id="20eec823-1958-4f07-8d4b-242ab55a55fb-link">15</a></sup>. Erst als internationale Diskurse deutsche Gesetzgebung beeinflussten, begann die deutsche Forschungslandschaft sich dem Rassismus unabhängig von Rechtsextremismus und Nationalsozialismus zuzuwenden. Folglich ist die Rassismusforschung eine relativ junge Disziplin.</p> <p>Laut Mecherils Definition basiert Rassismus auf der Unterscheidung zwischen „Wir“ und „den Anderen“. Zweitere werden auf Grundlage rassistischer Bilder und Erzählungen vom „Wir“ unterschieden und herabgewürdigt, ihre Ungleichbehandlung als legitim dargestellt. Durch Abgrenzung von den rassistisch markierten „Anderen“ definiert sich die „Wir“-Gruppe selbst<sup data-fn="055adc03-9675-47fd-a68f-7a001e3fde32"><a href="#055adc03-9675-47fd-a68f-7a001e3fde32" id="055adc03-9675-47fd-a68f-7a001e3fde32-link">16</a></sup>.</p> <p>Rassismus wird in Definitionen der 2010/20er Jahre mit Machtausübung, -erhaltung und Herrschaft verbunden. Foroutan analysiert Rassismus als Ordnungssystem und Dominanzstruktur<sup data-fn="6f83ffa5-32aa-4e02-91c5-af320ddfb7ef"><a href="#6f83ffa5-32aa-4e02-91c5-af320ddfb7ef" id="6f83ffa5-32aa-4e02-91c5-af320ddfb7ef-link">17</a></sup>. Als „globales Gruppenprivileg“<sup data-fn="6c276906-309c-475d-abd8-3ef1456f2266"><a href="#6c276906-309c-475d-abd8-3ef1456f2266" id="6c276906-309c-475d-abd8-3ef1456f2266-link">18</a></sup> nutze Rassismus laut Sow “soziale, wirtschaftliche, politische und kulturelle Beziehungen” zum Erhalt von Herrschaft. Rommelspacher versteht ihn als ein System von Diskursen und Praxen, die Machtverhältnisse rechtfertigen, wiedergeben und nachbilden. Menschen werden aufgrund von vermeintlich naturgegebenen biologischen und kulturellen Merkmalen als ungleich eingestuft und in vereinheitlichte und als grundsätzlich unterschiedlich angesehene Gruppen zusammengefasst. Daraus ergibt sich eine vermeintliche Rangfolge dieser Gruppen<sup data-fn="be92ab78-7baf-44a7-a845-6dfc2ecf90ac"><a href="#be92ab78-7baf-44a7-a845-6dfc2ecf90ac" id="be92ab78-7baf-44a7-a845-6dfc2ecf90ac-link">19</a></sup>. </p> <p>Die Kritische Diskursanalyse beschäftigt sich mit Diskriminierung und Sprache: Rassismus, Ungleichheit und Machtstrukturen werden in politischen und medialen Debatten sowie Alltagsgesprächen analysiert. Rassismus manifestiert sich durch Sprache als soziales Konzept, Praktik und Ideologie: durch Diskurse werden sowohl rassistische als auch antirassistische Äußerungen ab- und nachgebildet sowie verbreitet<sup data-fn="1aa04cb4-4f8c-4266-b22b-807150ef6305"><a href="#1aa04cb4-4f8c-4266-b22b-807150ef6305" id="1aa04cb4-4f8c-4266-b22b-807150ef6305-link">20</a></sup>.</p> <p>Weitere Entwicklungen zeigen sich in der empirischen Forschung mit den Studien des Nationalen Rassismusmonitors (NaDiRa) sowie den Afro-Zensus und im Kontext der politischen Bildung mit der Arbeitsdefinition Rassismus für die berufliche Praxis<sup data-fn="a2e009a6-7eae-4e00-9ee8-fc56ed8a1e82"><a href="#a2e009a6-7eae-4e00-9ee8-fc56ed8a1e82" id="a2e009a6-7eae-4e00-9ee8-fc56ed8a1e82-link">21</a></sup>.  <br></br> </p> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <p>Balibar, Ètienne (1989): Gibt es einen “neuen Rassismus”? In: Das Argument, 175, 369-380.<br></br>Barker, Martin (1981): The New Racism: Conservatives and the Ideology of the Tribe. London: Junction Books.<br></br>Barskanmaz, Cengiz (2019): Rassismus differenziert. In: Cengiz Barskanmaz (Hg.): Recht und Rassismus. Das menschenrechtliche Verbot der Diskriminierung aufgrund der Rasse. Wiesbaden: Springer VS, S. 51-66.<br></br>Bonilla-Silva, Eduardo (1997): Rethinking Racism: Toward a Structural Interpretation. In: American Sociological Review 62 (3), S. 465–480.<br></br>Carmichael, Stokely; Hamilton, Charles (1967): Black Power: the politics of liberation in America. New York: Vintage Books.<br></br>Essed, Philomena (1984): Alledaags Racisme. Amsterdam: Feministische Uitgeverij Sara.<br></br>Foroutan, Naika (2020): Rassismus in der Postmigrantischen Gesellschaft. In: APuZ, (70)42-44, 12-28.<br></br>Hall, Stuart (1989): Rassismus als ideologischer Diskurs. In: Das Argument, 178, S. 913-921.<br></br>Hirschfeld, Magnus (1938): Racism. London: Gollancz.<br></br>MacPherson of Cluny, William (1999): The Stephen Lawrence Inquiry. Report of an Inquiry by Sir WIlliam MacPherson of Cluny. Hg. v. Home Office. Online verfügbar unter https://www.gov.uk/government/publications/the-stephen-lawrence-inquiry.<br></br>Mecheril, Paul (2004): Einführung in die Migrationspädagogik. Weinheim: Beltz.<br></br>Mecheril, Paul; Melter, Claus (2011): Rassismustheorie und -forschung in Deutschland. Kontur eines wissenschaftlichen Feldes. In: Claus Melter und Paul Mecheril (Hg.): Rassismuskritik. Band 1: Rassismustheorie und -forschung. 2. Aufl. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verl. (Reihe Politik und Bildung, 47), S. 13–24.<br></br>Miles, Robert (1989): Bedeutungskonstitution und der Begriff des Rassismus. In: Das Argument, 175, S. 353–367.<br></br>Miles, Robert (2014): Einführung in die Geschichte und Theorie eines Begriffs. Hamburg: Argument Verlag.<br></br>Omi, Michael; Winant, Howard (2014): Racial Formation in the United States (3rd Edition). Third edition. New York, London: Taylor and Francis.<br></br>Rattansi, Ali (2020): Racism: a very short introduction: Oxford University Press.<br></br>Rommelspacher, Birgit (2011): Was ist eigentlich Rassismus? In: Claus Melter und Paul Mecheril (Hg.): Rassismuskritik. Band 1: Rassismustheorie und -forschung. 2. Aufl. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verl. (Reihe Politik und Bildung, 47), S. 25–38.<br></br>Schellenberg, Britta (2020): Training Antidiskriminierung. Den Menschen im Blick : Schwerpunkt Rassismus. 1. Aufl. Schwalbach am Taunus, Stuttgart: Wochenschau Verlag; UTB GmbH.<br></br>Scherr, Albert (2011): Rassismus oder Rechtsextremismus? Annäherung an eine vergleichende Betrachtung zweier Paradigmen jenseits rhetorischer Scheinkontroversen. In: Claus Melter und Paul Mecheril (Hg.): Rassismuskritik. Band 1: Rassismustheorie und -forschung. 2. Aufl. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verl. (Reihe Politik und Bildung, 47), S. 75–97.<br></br>Sow, Noah (2011): Rassismus. In: Susan Arndt und Nadja Ofuatey-Alazard (Hg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Münster: Unrast Verlag, S. 37<br></br>Taguieff, Pierre-André (1990): The New Cultural Racism in France. In: Telos, 83, 109-122.<br></br>Wodak, Ruth; Reisigl, Martin (1999): Discourse and Racism: European Perspectives. In: Annual Review of Anthropology 1999 (28), S. 175–199.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Buechstapel-Blogbeitrag-Nov2025-4.png" /><h1>Der Rassismus-Begriff: Von internationalen zu deutschen Diskursen. Ein Überblick über die Forschung und wissenschaftliche Perspektiven. » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Paulina Seelmann</h2><div itemprop="text"> <p>Obwohl eine der ersten Publikationen zum Thema 1938 vom deutschen Wissenschaftler Hirschfeld verfasst wurde<sup data-fn="48484f9f-f747-48c1-a387-80c7de225d80"><a href="#48484f9f-f747-48c1-a387-80c7de225d80" id="48484f9f-f747-48c1-a387-80c7de225d80-link">1</a></sup>, wurde ein Großteil der Rassismusforschung jahrzehntelang hauptsächlich im anglo-amerikanischen Raum betrieben. Anfangs prägten Sklaverei und NS-Zeit, später der Kampf um Gleichberechtigung internationale Publikationen zu Rassismus<sup data-fn="5427af2a-846a-4620-92ec-5aa844ba80e2"><a href="#5427af2a-846a-4620-92ec-5aa844ba80e2" id="5427af2a-846a-4620-92ec-5aa844ba80e2-link">2</a></sup>. Bahnbrechend waren die in Zusammenarbeit mit Wissenschaftler*innen entstandenen UNESCO-Erklärungen zu dem Thema in den 1950/60er Jahren sowie die sog. <em>International Convention on the Elimination of Racial Discrimination</em> (ICERD) zum Schutz vor rassistischer Diskriminierung. Der Tod von George Floyd durch rassistisch motivierte Polizeigewalt in den USA befeuerte globale Proteste sowie eine intensive Diskussion über Rassismus. Dieser Blogbeitrag zeichnet die Entwicklung der Rassismusforschung, ihrer Perspektiven und des Begriffsverständnisses von der internationalen zur deutschen Debatte nach.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/demonstration-5267931_1280-2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="590" sizes="(max-width: 886px) 100vw, 886px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/demonstration-5267931_1280-2-edited.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/demonstration-5267931_1280-2-edited.jpg 886w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/demonstration-5267931_1280-2-edited-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/demonstration-5267931_1280-2-edited-768x511.jpg 768w" width="886"></img></a><figcaption><em>Foto: UnratedStudio auf Pixabay </em></figcaption></figure> <h3 id="h-die-internationale-rassismusforschung">Die internationale Rassismusforschung</h3> <p>International entwickelten sich in der kritischen Rassismusforschung verschiedene Perspektiven aus(einander). Die marxistische Perspektive sieht in Rassismus die Abwertung einer Menschengruppe mit dem Ziel ihrer (ökonomischen) Ausbeutung. Laut dem neomarxistischen Forscher Miles ist Rassismus eine Ideologie, bei der durch die Einteilung von Menschen in konstruierte Gruppen negative Folgen für die Betroffenen entstehen<sup data-fn="937c96de-659f-47bc-9315-a01f475e32e7"><a href="#937c96de-659f-47bc-9315-a01f475e32e7" id="937c96de-659f-47bc-9315-a01f475e32e7-link">3</a></sup>. Die Einteilung basiert auf biologischen Merkmalen, die gesellschaftlich mit negativen Bedeutungen verbunden werden. Rassistische Ideologie entsteht laut Hall durch die Verknüpfung der Schaffung und Zuschreibung von Bedeutung mit Machtstrategien, in deren Folge Gruppen von Ressourcen ausgeschlossen werden<sup data-fn="8f35d114-13aa-4d07-ad1d-d774ee829bd5"><a href="#8f35d114-13aa-4d07-ad1d-d774ee829bd5" id="8f35d114-13aa-4d07-ad1d-d774ee829bd5-link">4</a></sup>.  </p> <p>Die institutionelle Perspektive nimmt die Beziehung zwischen Vorurteilen und Macht in den Blick. Rassismus dient dem Erhalt von Macht bestimmter gesellschaftlicher Gruppen<sup data-fn="98c36701-edac-40ee-8405-05f0b3eedf3b"><a href="#98c36701-edac-40ee-8405-05f0b3eedf3b" id="98c36701-edac-40ee-8405-05f0b3eedf3b-link">5</a></sup>. Basierend auf Erfahrungen mit rassistischer Unterdrückung im Kontext der Jim Crow Order in Mississippi, unterscheiden Carmichael und Hamilton 1967 zwischen „persönlicher und institutionell rassistischer“ Unterdrückung: zwischen Rassismus zwischen Einzelpersonen und durch gesellschaftliche Institutionen<sup data-fn="6894c35c-8c23-493c-8b38-f70a32762a3f"><a href="#6894c35c-8c23-493c-8b38-f70a32762a3f" id="6894c35c-8c23-493c-8b38-f70a32762a3f-link">6</a></sup>. Die erste Praxisdefinition von institutionellem Rassismus legt 1999 MacPherson of Cluny im Rahmen seiner Untersuchung der Aufklärung des Mordes an einem von Rassismus betroffenen Jugendlichen durch die Londoner Polizei vor<sup data-fn="be1741d0-93ca-498e-827f-e23f94c663d6"><a href="#be1741d0-93ca-498e-827f-e23f94c663d6" id="be1741d0-93ca-498e-827f-e23f94c663d6-link">7</a></sup>. Institutioneller Rassismus findet auch heute statt, z.B. in Form von Racial Profiling der Polizei oder von rassistischer Diskriminierung auf den Arbeitsmarkt.</p> <p>In den 1970er Jahren bemerkten Forschende, dass sich rassistische Erzählungen nach dem 2. Weltkrieg zunehmend auf kulturelle anstatt biologische Unterschiede zwischen Menschen bezogen: Die Unvereinbarkeit von Kulturen wird betont und ihre Vermischung abgelehnt<sup data-fn="f3862229-af12-4157-b21d-089270b57b8f"><a href="#f3862229-af12-4157-b21d-089270b57b8f" id="f3862229-af12-4157-b21d-089270b57b8f-link">8</a></sup>. Dieser kulturell argumentierende Rassismus wird auch „Neuer Rassismus”<sup data-fn="62e16f65-3e0c-48c8-a692-3cb7de72114b"><a href="#62e16f65-3e0c-48c8-a692-3cb7de72114b" id="62e16f65-3e0c-48c8-a692-3cb7de72114b-link">9</a></sup>, „Differentialistischer Rassismus”<sup data-fn="2b9fc92f-53f8-46a9-9900-79af2a82b32e"><a href="#2b9fc92f-53f8-46a9-9900-79af2a82b32e" id="2b9fc92f-53f8-46a9-9900-79af2a82b32e-link">10</a></sup> oder „Neo-Rassismus”<sup data-fn="ac7c127a-185b-4004-8413-5129f17e7b1b"><a href="#ac7c127a-185b-4004-8413-5129f17e7b1b" id="ac7c127a-185b-4004-8413-5129f17e7b1b-link">11</a></sup> genannt. Heute wird diese Form oftmals in der antimuslimischen Rhetorik rechtspopulistischer oder -extremer Parteien genutzt. In den 1980er Jahren rückte die Forschung dann die alltäglichen Konsequenzen von Rassismus für Betroffene in den Blick: Mithilfe des Konzepts des Alltagsrassismus untersucht Essed 1984 die Alltagserfahrung betroffener Frauen aus deren Perspektive<sup data-fn="5c69b7f9-fc77-4c0d-a664-5a2e280183a3"><a href="#5c69b7f9-fc77-4c0d-a664-5a2e280183a3" id="5c69b7f9-fc77-4c0d-a664-5a2e280183a3-link">12</a></sup>.</p> <p>Die strukturelle Perspektive beleuchtet ab den 1980/90er Jahren, dass Staat und Gesellschaft von Rassismus durchdrungen sind. Omi &amp; Winant betrachten die USA: Hier strukturiere die Einteilung von Personen in Menschengruppen die Gesellschaft als eine Art “Ordnungsprinzip”<sup data-fn="4365f6f9-7189-4a3e-93cf-c330c1ef9115"><a href="#4365f6f9-7189-4a3e-93cf-c330c1ef9115" id="4365f6f9-7189-4a3e-93cf-c330c1ef9115-link">13</a></sup>. Dadurch würden die Identität von Personen und ihr soziales Leben in der Gesellschaft geprägt. Laut Bonilla-Silvas Konzept der sog. <em>Racialized Social Systems</em> ergeben sich Strukturen der Gesellschaft aus der Zuordnung von Menschen(gruppen) in rassistische Kategorien. Rassismus beeinflusst folglich den Platz von Personen in der gesellschaftlichen Hierarchie, ihre Beziehungen zu anderen Personen(gruppen), ihren Zugang zu Ressourcen, ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt und/oder gesellschaftliche Reputation<sup data-fn="85521894-a134-4084-b039-ff40409bf667"><a href="#85521894-a134-4084-b039-ff40409bf667" id="85521894-a134-4084-b039-ff40409bf667-link">14</a></sup>.    <aside></aside></p> <h3 id="h-die-deutsche-rassismusforschung">Die deutsche Rassismusforschung</h3> <p>Aufgrund der deutschen Geschichte und der Verbrechen während des Nationalsozialismus blieb der Rassismusbegriff bis in die 1990er Jahre in Politik und Wissenschaft weitestgehend tabuisiert und wurde nur im Kontext dieser Zeit verwendet. Zudem wurde die Forschung im deutschen Diskurs stark durch das Phänomen Rechtsextremismus beeinflusst: Lange wurde die Rassismusforschung der Rechtsextremismusforschung untergeordnet oder von dieser überschattet<sup data-fn="20eec823-1958-4f07-8d4b-242ab55a55fb"><a href="#20eec823-1958-4f07-8d4b-242ab55a55fb" id="20eec823-1958-4f07-8d4b-242ab55a55fb-link">15</a></sup>. Erst als internationale Diskurse deutsche Gesetzgebung beeinflussten, begann die deutsche Forschungslandschaft sich dem Rassismus unabhängig von Rechtsextremismus und Nationalsozialismus zuzuwenden. Folglich ist die Rassismusforschung eine relativ junge Disziplin.</p> <p>Laut Mecherils Definition basiert Rassismus auf der Unterscheidung zwischen „Wir“ und „den Anderen“. Zweitere werden auf Grundlage rassistischer Bilder und Erzählungen vom „Wir“ unterschieden und herabgewürdigt, ihre Ungleichbehandlung als legitim dargestellt. Durch Abgrenzung von den rassistisch markierten „Anderen“ definiert sich die „Wir“-Gruppe selbst<sup data-fn="055adc03-9675-47fd-a68f-7a001e3fde32"><a href="#055adc03-9675-47fd-a68f-7a001e3fde32" id="055adc03-9675-47fd-a68f-7a001e3fde32-link">16</a></sup>.</p> <p>Rassismus wird in Definitionen der 2010/20er Jahre mit Machtausübung, -erhaltung und Herrschaft verbunden. Foroutan analysiert Rassismus als Ordnungssystem und Dominanzstruktur<sup data-fn="6f83ffa5-32aa-4e02-91c5-af320ddfb7ef"><a href="#6f83ffa5-32aa-4e02-91c5-af320ddfb7ef" id="6f83ffa5-32aa-4e02-91c5-af320ddfb7ef-link">17</a></sup>. Als „globales Gruppenprivileg“<sup data-fn="6c276906-309c-475d-abd8-3ef1456f2266"><a href="#6c276906-309c-475d-abd8-3ef1456f2266" id="6c276906-309c-475d-abd8-3ef1456f2266-link">18</a></sup> nutze Rassismus laut Sow “soziale, wirtschaftliche, politische und kulturelle Beziehungen” zum Erhalt von Herrschaft. Rommelspacher versteht ihn als ein System von Diskursen und Praxen, die Machtverhältnisse rechtfertigen, wiedergeben und nachbilden. Menschen werden aufgrund von vermeintlich naturgegebenen biologischen und kulturellen Merkmalen als ungleich eingestuft und in vereinheitlichte und als grundsätzlich unterschiedlich angesehene Gruppen zusammengefasst. Daraus ergibt sich eine vermeintliche Rangfolge dieser Gruppen<sup data-fn="be92ab78-7baf-44a7-a845-6dfc2ecf90ac"><a href="#be92ab78-7baf-44a7-a845-6dfc2ecf90ac" id="be92ab78-7baf-44a7-a845-6dfc2ecf90ac-link">19</a></sup>. </p> <p>Die Kritische Diskursanalyse beschäftigt sich mit Diskriminierung und Sprache: Rassismus, Ungleichheit und Machtstrukturen werden in politischen und medialen Debatten sowie Alltagsgesprächen analysiert. Rassismus manifestiert sich durch Sprache als soziales Konzept, Praktik und Ideologie: durch Diskurse werden sowohl rassistische als auch antirassistische Äußerungen ab- und nachgebildet sowie verbreitet<sup data-fn="1aa04cb4-4f8c-4266-b22b-807150ef6305"><a href="#1aa04cb4-4f8c-4266-b22b-807150ef6305" id="1aa04cb4-4f8c-4266-b22b-807150ef6305-link">20</a></sup>.</p> <p>Weitere Entwicklungen zeigen sich in der empirischen Forschung mit den Studien des Nationalen Rassismusmonitors (NaDiRa) sowie den Afro-Zensus und im Kontext der politischen Bildung mit der Arbeitsdefinition Rassismus für die berufliche Praxis<sup data-fn="a2e009a6-7eae-4e00-9ee8-fc56ed8a1e82"><a href="#a2e009a6-7eae-4e00-9ee8-fc56ed8a1e82" id="a2e009a6-7eae-4e00-9ee8-fc56ed8a1e82-link">21</a></sup>.  <br></br> </p> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <p>Balibar, Ètienne (1989): Gibt es einen “neuen Rassismus”? In: Das Argument, 175, 369-380.<br></br>Barker, Martin (1981): The New Racism: Conservatives and the Ideology of the Tribe. London: Junction Books.<br></br>Barskanmaz, Cengiz (2019): Rassismus differenziert. In: Cengiz Barskanmaz (Hg.): Recht und Rassismus. Das menschenrechtliche Verbot der Diskriminierung aufgrund der Rasse. Wiesbaden: Springer VS, S. 51-66.<br></br>Bonilla-Silva, Eduardo (1997): Rethinking Racism: Toward a Structural Interpretation. In: American Sociological Review 62 (3), S. 465–480.<br></br>Carmichael, Stokely; Hamilton, Charles (1967): Black Power: the politics of liberation in America. New York: Vintage Books.<br></br>Essed, Philomena (1984): Alledaags Racisme. Amsterdam: Feministische Uitgeverij Sara.<br></br>Foroutan, Naika (2020): Rassismus in der Postmigrantischen Gesellschaft. In: APuZ, (70)42-44, 12-28.<br></br>Hall, Stuart (1989): Rassismus als ideologischer Diskurs. In: Das Argument, 178, S. 913-921.<br></br>Hirschfeld, Magnus (1938): Racism. London: Gollancz.<br></br>MacPherson of Cluny, William (1999): The Stephen Lawrence Inquiry. Report of an Inquiry by Sir WIlliam MacPherson of Cluny. Hg. v. Home Office. Online verfügbar unter https://www.gov.uk/government/publications/the-stephen-lawrence-inquiry.<br></br>Mecheril, Paul (2004): Einführung in die Migrationspädagogik. Weinheim: Beltz.<br></br>Mecheril, Paul; Melter, Claus (2011): Rassismustheorie und -forschung in Deutschland. Kontur eines wissenschaftlichen Feldes. In: Claus Melter und Paul Mecheril (Hg.): Rassismuskritik. Band 1: Rassismustheorie und -forschung. 2. Aufl. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verl. (Reihe Politik und Bildung, 47), S. 13–24.<br></br>Miles, Robert (1989): Bedeutungskonstitution und der Begriff des Rassismus. In: Das Argument, 175, S. 353–367.<br></br>Miles, Robert (2014): Einführung in die Geschichte und Theorie eines Begriffs. Hamburg: Argument Verlag.<br></br>Omi, Michael; Winant, Howard (2014): Racial Formation in the United States (3rd Edition). Third edition. New York, London: Taylor and Francis.<br></br>Rattansi, Ali (2020): Racism: a very short introduction: Oxford University Press.<br></br>Rommelspacher, Birgit (2011): Was ist eigentlich Rassismus? In: Claus Melter und Paul Mecheril (Hg.): Rassismuskritik. Band 1: Rassismustheorie und -forschung. 2. Aufl. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verl. (Reihe Politik und Bildung, 47), S. 25–38.<br></br>Schellenberg, Britta (2020): Training Antidiskriminierung. Den Menschen im Blick : Schwerpunkt Rassismus. 1. Aufl. Schwalbach am Taunus, Stuttgart: Wochenschau Verlag; UTB GmbH.<br></br>Scherr, Albert (2011): Rassismus oder Rechtsextremismus? Annäherung an eine vergleichende Betrachtung zweier Paradigmen jenseits rhetorischer Scheinkontroversen. In: Claus Melter und Paul Mecheril (Hg.): Rassismuskritik. Band 1: Rassismustheorie und -forschung. 2. Aufl. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verl. (Reihe Politik und Bildung, 47), S. 75–97.<br></br>Sow, Noah (2011): Rassismus. In: Susan Arndt und Nadja Ofuatey-Alazard (Hg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Münster: Unrast Verlag, S. 37<br></br>Taguieff, Pierre-André (1990): The New Cultural Racism in France. In: Telos, 83, 109-122.<br></br>Wodak, Ruth; Reisigl, Martin (1999): Discourse and Racism: European Perspectives. In: Annual Review of Anthropology 1999 (28), S. 175–199.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/der-rassismus-begriff-von-internationalen-zu-deutschen-diskursen-ein-ueberblick-ueber-die-forschung-und-wissenschaftliche-perspektiven/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Proteinverklumpungen entwirren: Auf dem Pfad zur Heilung von Chorea Huntington https://scilogs.spektrum.de/klartext/proteinverklumpungen-entwirren-auf-dem-pfad-zur-heilung-von-chorea-huntington/ https://scilogs.spektrum.de/klartext/proteinverklumpungen-entwirren-auf-dem-pfad-zur-heilung-von-chorea-huntington/#comments Fri, 14 Nov 2025 10:06:35 +0000 klartext https://scilogs.spektrum.de/klartext/?p=1191 https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-9-768x244.png <link>https://scilogs.spektrum.de/klartext/proteinverklumpungen-entwirren-auf-dem-pfad-zur-heilung-von-chorea-huntington/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-9-1024x326.png" /><h1>Proteinverklumpungen entwirren: Auf dem Pfad zur Heilung von Chorea Huntington » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den <a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><span>KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</span></a> 2023 in der Kategorie Biologie veranschaulichte Monika Witzenberger, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Was passiert bei neurodegenerativer Erkrankungen wie Chorea Huntington, im Volksmund Veitstanz genannt, in unserem Gehirn? Können wir neueste Erkenntnisse aus der Forschung nutzen, um ein mögliches Heilmittel zu finden? Monika Witzenberger, die am Helmholtz Zentrum München promoviert hat, beschäftigt sich genau mit diesen Fragen.</em></p> <p>“Huntington. Für die meisten ist es nur ein Name. Für mich eine Bedrohung. […] Ich habe Angst zu wissen, ob ich sie geerbt habe. Zu vergessen, wer ich bin, wer ich war.”, so Miranda aus der Serie Lady Voyeur. Für mehr als 12.000 Personen in Deutschland ist das die Realität, nicht nur Teil einer TV-Serie. Chorea Huntington, auch bekannt als “Veitstanz”, ist eine unheilbare, erbliche Erkrankung des Gehirns. Die ersten Symptome treten zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr auf. Sie umfassen fortschreitenden Gedächtnisverlust, unkontrollierte Zuckungen, sowie Depressionen. Diese verschlechtern sich im Laufe der Zeit zunehmend und enden tödlich.</p> <p>Chorea Huntington wird durch eine Mutation im Huntingtin Gen verursacht. Mithilfe des Gens stellt die Zelle ein wichtiges Eiweiß her. Aber durch die Mutation entsteht fehlerhaftes Eiweiß, das Klumpen bildet – ähnlich wie das Eiweiß vom Ei beim Braten in der Pfanne. Im Normalzustand entsorgt unser Körper fehlerhaftes Eiweiß, aber bei Chorea Huntington ist die körpereigene Müllabfuhr überfordert. Die Eiweiß Aggregate sammeln sich an und zerstören schlussendlich Nervenzellen. Es sind vor allem Zellen in denjenigen Gehirnregionen betroffen, die für Bewegung zuständig sind.</p> <p>Leider gibt es bislang keine Behandlung, die Chorea Huntington vollständig heilen kann; Lediglich Medikamente, die die Symptome lindern. Forscher arbeiten seit Jahrzehnten daran ein Heilmittel zu finden, bisher erfolglos. Dennoch gibt es Hoffnung – jeder neue Ansatz, jedes neu erforschte Detail ist wie ein Puzzlestück, das uns einen Schritt näher an ein mögliches Heilmittel bringt. Dafür müssen WissenschaftlerInnen allerdings zuerst verstehen was in unseren Nervenzellen bei Chorea Huntington schief läuft.<aside></aside></p> <p>Unsere Zelle ist ein hochkomplexes System, das wie eine riesige, sich selbstversorgende Fabrik funktioniert. Die Zentrale ist der Zellkern, in dem unsere Gene gespeichert werden. Aus diesem werden Anweisungen an die Produktionsketten (Ribosome) geschickt. Diese Ribosome stellen aus einzelnen Bausteinen fertige Produkte her: die Proteine. Sie errichten und erhalten den Betrieb. Wie in jeder Fabrik sorgt ein Kraftwerk (Mitochondrien) für die Energieversorgung. Die eigene Müllabfuhr (Proteasom) entsorgt fehlerhafte Produkte. Unzählige Maschinen arbeiten in dieser Fabrik zusammen, um verschiedene Aufgaben zu erfüllen wie zum Beispiel den Transport des Endproduktes, die Bereitstellung der Bausteine oder die Instandhaltung anderer Maschinen. Doch manchmal läuft nicht alles wie geplant. Bei Chorea Huntington sammelt sich in der Zelle das fehlerhafte Produkt Huntingtin-Eiweiß an, welches die normalen Funktionen beeinträchtigt und letztendlich zum komplettem Kollaps der Fabrik führt.</p> <p>WissenschaftlerInnen versuchen den Betrieb wieder zum Laufen zu bringen, bevor er unwiderruflich zusammenbricht. Ähnlich wie HandwerkerInnen müssen sie herumschrauben, Einstellungen ändern oder sogar ganze Maschinen abschalten, um zu erreichen, dass weniger oder gar kein fehlerhaftes Produkt mehr hergestellt wird. Aber wie finden sie heraus welches der tausend Einzelteile angepasst werden muss? Dafür gibt es einen Trick: Sie führen einen „Screen“ durch, bei dem sie eine Maschine nach der anderen abschalten, um dann zu überprüfen, ob weniger oder mehr fehlerhaftes Produkt hergestellt wird. Natürlich werden solche „Screen“ Tests nicht im Menschen selbst, sondern in speziellen Testsystemen verwirklicht.</p> <p>Einen solchen Screen führten WissenschaftlerInnen des Universitätsklinikums Aachen am Testsystem Fruchtfliege durch. Diese wurde so manipuliert, dass sich eine Huntington-ähnliche Krankheit im Fliegenauge entwickelte. Im kranken Auge sammeln sich dadurch Eiweiß-Aggregate an, es kommt zu einer Farbänderung und die typische Augenstruktur geht verloren. In dieser Fruchtfliege schalteten sie nun eine Maschine nach der anderen aus. Das Fehlen einer bestimmten Maschine, stellte das fast gesunde Fliegenauge wieder her: Diese Maschine ist ein Protein mit dem Namen TRMT2A. Noch besser: In menschlichen Zellen reduzierte das fehlende TRMT2A die krankmachenden Eiweiß-Ansammlungen und weniger Zellen starben.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8.png"><img alt="" decoding="async" height="326" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-1024x326.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-1024x326.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-300x95.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-768x244.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-1536x489.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-2048x652.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Zellen oder Bakterien produzieren große Mengen eines Proteins (links). Aus diesen Bakterien oder Zellen wird das Protein TRMT2A aufgereinigt (blaue Band, mitte). In bestimmten Lösungen kristallisiert das hochkonzentrierte Protein zu Proteinkristallen (rechts). (Quelle: Monika Witzenberger)</em></figcaption></figure> <p>Der Screen war erfolgreich. Aber wie hängen TRMT2A und Chorea Huntington zusammen? Wie können WissenschaftlerInnen dieses Protein im Menschen ausschalten? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Monika Witzenberger, die im Forschungsfeld der Strukturbiologie arbeitet. StrukturbiologInnen sind wie IngenieurInnen, die versuchen herauszufinden wie die Einzelteile einer molekularen Maschine aussehen und wie sie zusammenpassen. Nur so ist es möglich die Funktionsweise zu verstehen und ihren „Aus-Knopf“ zu finden. Diese Informationen sind dringend notwendig, um ein Medikament zu entwickeln, welches TRMT2A gezielt reduzieren und somit die Eiweiß-Ansammlungen vermindern kann. TRMT2A ist ein Protein, von dem wir nicht viel wissen, außer das es mit bestimmten anderen Molekülen in der Zelle interagiert. Zur Untersuchung des Proteins TRMT2A verwenden wir in der Arbeitsgruppe Niessing am Helmholtz Zentrum München die Technik der Kristallographie.</p> <p>Das klingt zuerst etwas esoterisch, ist aber eine Form des Fotografierens, bei der sogar einzelnen Atome abgebildet werden können. Um ein genaues Bild der molekularen Struktur von TRMT2A zu erhalten, trennen wir es vom Rest der Zelle ab und fotografieren es. Ähnlich wie bei unscharfen Fotos, die durch Bewegungen des Motivs verwackeln, bewegen sich Proteine wie TRMT2A ständig. Um es zu fixieren wird es kristallisiert. Ein Kristall entsteht, wenn extrem reines, konzentriertes Protein mit Salzlösungen gemischt wird. Ein guter Vergleich ist das Entstehen von Salzkristallen, sobald Wasser verdampft. Danach richten wir einen sehr starken Laser auf den TRMT2A Proteinkristall. Dieser Laser schießt dann aus verschiedenen Winkeln „Fotos“. Im Computer werden dann die Bilder zu einer dreidimensionalen Struktur von TRMT2A zusammengesetzt. Somit konnten wir erstmals einen Teil von TRMT2A sehen und beginnen die Funktionsweise zu verstehen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7.png"><img alt="" decoding="async" height="306" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-1024x306.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-1024x306.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-300x90.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-768x230.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-1536x459.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-2048x612.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Das „Fotografieren“ der Kristalle passiert in einer grossen Anlage, die Synchrotron genannt wird (links). Ein Beugungsmuster, oder „Foto“ des Kristalles ist das Ergebnis des Experiment. WissenschaftlerInnen bauen daraus ein Model der atomaren Struktur des Proteins (rechts). (Quelle: Monika Witzenberger, Elena Davydova, Biorender)</em></figcaption></figure> <p>In unserem nächsten Schritt wollten wir Moleküle finden, die TRMT2A zielgerichtet abschalten. Solche Moleküle werden Inhibitoren genannt und stellen den ersten Entwicklungsschritt eines Medikaments dar. Wir suchen quasi den passenden Schraubenzieher, um die Maschine auszuschalten, was wiederum die Herstellung des fehlerhaften Produkts unterbinden und die Fabrik retten kann.</p> <p>Gemeinsam mit Forschern am Forschungszentrum Jülich machten wir uns auf die Suche nach diesen „Schraubenzieher-Molekülen“. Dazu kombinierten wir computergestützte Modelle und das erzeugte 3D-Bild von TRMT2A. Analog zum Puzzeln versuchten wir im PC Millionen von Molekülen in die TRMT2A Struktur einzufügen. Wir fanden schließlich einige wenige Moleküle, die sehr gut hineinpassten. Als wir diese an menschlichen Zellen testeten, halfen einige tatsächlich dabei fehlerhaftes, aggregiertes Eiweiß und den damit einhergehenden Zelltod zu verringern. Wir haben diese Moleküle identifiziert, aber es gibt noch viel Arbeit, um aus ihnen ein neues und sicheres Medikament für Menschen zu entwickeln. Wir müssen weitere Tests durchführen, weitere Moleküle finden, sie optimieren und nach möglichen Nebenwirkungen Ausschau halten. Trotzdem ist es ein erster Schritt in die richtige Richtung, der hoffentlich eines Tages Patienten mit Chorea Huntington helfen wird.</p> <hr></hr> <p>Monika Witzenberger studierte Molekulare Biotechnologie an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg und der Cambridge University in Großbritannien. Während ihres Promotionsstudiums am Helmholtz Zentrum in München und der Universität Ulm konzentrierte sie sich auf die Erforschung der neurodegenerativen Erkrankung Chorea Huntington, sowie auf die Identifizierung eines neuen potenziellen Wirkstoffziels für deren Behandlung. Derzeit setzt sie ihre Forschung am Weizmann Institute of Science in Israel im Bereich der RNA-Therapeutika fort.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-9-1024x326.png" /><h1>Proteinverklumpungen entwirren: Auf dem Pfad zur Heilung von Chorea Huntington » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den <a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><span>KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</span></a> 2023 in der Kategorie Biologie veranschaulichte Monika Witzenberger, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Was passiert bei neurodegenerativer Erkrankungen wie Chorea Huntington, im Volksmund Veitstanz genannt, in unserem Gehirn? Können wir neueste Erkenntnisse aus der Forschung nutzen, um ein mögliches Heilmittel zu finden? Monika Witzenberger, die am Helmholtz Zentrum München promoviert hat, beschäftigt sich genau mit diesen Fragen.</em></p> <p>“Huntington. Für die meisten ist es nur ein Name. Für mich eine Bedrohung. […] Ich habe Angst zu wissen, ob ich sie geerbt habe. Zu vergessen, wer ich bin, wer ich war.”, so Miranda aus der Serie Lady Voyeur. Für mehr als 12.000 Personen in Deutschland ist das die Realität, nicht nur Teil einer TV-Serie. Chorea Huntington, auch bekannt als “Veitstanz”, ist eine unheilbare, erbliche Erkrankung des Gehirns. Die ersten Symptome treten zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr auf. Sie umfassen fortschreitenden Gedächtnisverlust, unkontrollierte Zuckungen, sowie Depressionen. Diese verschlechtern sich im Laufe der Zeit zunehmend und enden tödlich.</p> <p>Chorea Huntington wird durch eine Mutation im Huntingtin Gen verursacht. Mithilfe des Gens stellt die Zelle ein wichtiges Eiweiß her. Aber durch die Mutation entsteht fehlerhaftes Eiweiß, das Klumpen bildet – ähnlich wie das Eiweiß vom Ei beim Braten in der Pfanne. Im Normalzustand entsorgt unser Körper fehlerhaftes Eiweiß, aber bei Chorea Huntington ist die körpereigene Müllabfuhr überfordert. Die Eiweiß Aggregate sammeln sich an und zerstören schlussendlich Nervenzellen. Es sind vor allem Zellen in denjenigen Gehirnregionen betroffen, die für Bewegung zuständig sind.</p> <p>Leider gibt es bislang keine Behandlung, die Chorea Huntington vollständig heilen kann; Lediglich Medikamente, die die Symptome lindern. Forscher arbeiten seit Jahrzehnten daran ein Heilmittel zu finden, bisher erfolglos. Dennoch gibt es Hoffnung – jeder neue Ansatz, jedes neu erforschte Detail ist wie ein Puzzlestück, das uns einen Schritt näher an ein mögliches Heilmittel bringt. Dafür müssen WissenschaftlerInnen allerdings zuerst verstehen was in unseren Nervenzellen bei Chorea Huntington schief läuft.<aside></aside></p> <p>Unsere Zelle ist ein hochkomplexes System, das wie eine riesige, sich selbstversorgende Fabrik funktioniert. Die Zentrale ist der Zellkern, in dem unsere Gene gespeichert werden. Aus diesem werden Anweisungen an die Produktionsketten (Ribosome) geschickt. Diese Ribosome stellen aus einzelnen Bausteinen fertige Produkte her: die Proteine. Sie errichten und erhalten den Betrieb. Wie in jeder Fabrik sorgt ein Kraftwerk (Mitochondrien) für die Energieversorgung. Die eigene Müllabfuhr (Proteasom) entsorgt fehlerhafte Produkte. Unzählige Maschinen arbeiten in dieser Fabrik zusammen, um verschiedene Aufgaben zu erfüllen wie zum Beispiel den Transport des Endproduktes, die Bereitstellung der Bausteine oder die Instandhaltung anderer Maschinen. Doch manchmal läuft nicht alles wie geplant. Bei Chorea Huntington sammelt sich in der Zelle das fehlerhafte Produkt Huntingtin-Eiweiß an, welches die normalen Funktionen beeinträchtigt und letztendlich zum komplettem Kollaps der Fabrik führt.</p> <p>WissenschaftlerInnen versuchen den Betrieb wieder zum Laufen zu bringen, bevor er unwiderruflich zusammenbricht. Ähnlich wie HandwerkerInnen müssen sie herumschrauben, Einstellungen ändern oder sogar ganze Maschinen abschalten, um zu erreichen, dass weniger oder gar kein fehlerhaftes Produkt mehr hergestellt wird. Aber wie finden sie heraus welches der tausend Einzelteile angepasst werden muss? Dafür gibt es einen Trick: Sie führen einen „Screen“ durch, bei dem sie eine Maschine nach der anderen abschalten, um dann zu überprüfen, ob weniger oder mehr fehlerhaftes Produkt hergestellt wird. Natürlich werden solche „Screen“ Tests nicht im Menschen selbst, sondern in speziellen Testsystemen verwirklicht.</p> <p>Einen solchen Screen führten WissenschaftlerInnen des Universitätsklinikums Aachen am Testsystem Fruchtfliege durch. Diese wurde so manipuliert, dass sich eine Huntington-ähnliche Krankheit im Fliegenauge entwickelte. Im kranken Auge sammeln sich dadurch Eiweiß-Aggregate an, es kommt zu einer Farbänderung und die typische Augenstruktur geht verloren. In dieser Fruchtfliege schalteten sie nun eine Maschine nach der anderen aus. Das Fehlen einer bestimmten Maschine, stellte das fast gesunde Fliegenauge wieder her: Diese Maschine ist ein Protein mit dem Namen TRMT2A. Noch besser: In menschlichen Zellen reduzierte das fehlende TRMT2A die krankmachenden Eiweiß-Ansammlungen und weniger Zellen starben.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8.png"><img alt="" decoding="async" height="326" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-1024x326.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-1024x326.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-300x95.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-768x244.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-1536x489.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-2048x652.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Zellen oder Bakterien produzieren große Mengen eines Proteins (links). Aus diesen Bakterien oder Zellen wird das Protein TRMT2A aufgereinigt (blaue Band, mitte). In bestimmten Lösungen kristallisiert das hochkonzentrierte Protein zu Proteinkristallen (rechts). (Quelle: Monika Witzenberger)</em></figcaption></figure> <p>Der Screen war erfolgreich. Aber wie hängen TRMT2A und Chorea Huntington zusammen? Wie können WissenschaftlerInnen dieses Protein im Menschen ausschalten? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Monika Witzenberger, die im Forschungsfeld der Strukturbiologie arbeitet. StrukturbiologInnen sind wie IngenieurInnen, die versuchen herauszufinden wie die Einzelteile einer molekularen Maschine aussehen und wie sie zusammenpassen. Nur so ist es möglich die Funktionsweise zu verstehen und ihren „Aus-Knopf“ zu finden. Diese Informationen sind dringend notwendig, um ein Medikament zu entwickeln, welches TRMT2A gezielt reduzieren und somit die Eiweiß-Ansammlungen vermindern kann. TRMT2A ist ein Protein, von dem wir nicht viel wissen, außer das es mit bestimmten anderen Molekülen in der Zelle interagiert. Zur Untersuchung des Proteins TRMT2A verwenden wir in der Arbeitsgruppe Niessing am Helmholtz Zentrum München die Technik der Kristallographie.</p> <p>Das klingt zuerst etwas esoterisch, ist aber eine Form des Fotografierens, bei der sogar einzelnen Atome abgebildet werden können. Um ein genaues Bild der molekularen Struktur von TRMT2A zu erhalten, trennen wir es vom Rest der Zelle ab und fotografieren es. Ähnlich wie bei unscharfen Fotos, die durch Bewegungen des Motivs verwackeln, bewegen sich Proteine wie TRMT2A ständig. Um es zu fixieren wird es kristallisiert. Ein Kristall entsteht, wenn extrem reines, konzentriertes Protein mit Salzlösungen gemischt wird. Ein guter Vergleich ist das Entstehen von Salzkristallen, sobald Wasser verdampft. Danach richten wir einen sehr starken Laser auf den TRMT2A Proteinkristall. Dieser Laser schießt dann aus verschiedenen Winkeln „Fotos“. Im Computer werden dann die Bilder zu einer dreidimensionalen Struktur von TRMT2A zusammengesetzt. Somit konnten wir erstmals einen Teil von TRMT2A sehen und beginnen die Funktionsweise zu verstehen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7.png"><img alt="" decoding="async" height="306" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-1024x306.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-1024x306.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-300x90.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-768x230.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-1536x459.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-2048x612.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Das „Fotografieren“ der Kristalle passiert in einer grossen Anlage, die Synchrotron genannt wird (links). Ein Beugungsmuster, oder „Foto“ des Kristalles ist das Ergebnis des Experiment. WissenschaftlerInnen bauen daraus ein Model der atomaren Struktur des Proteins (rechts). (Quelle: Monika Witzenberger, Elena Davydova, Biorender)</em></figcaption></figure> <p>In unserem nächsten Schritt wollten wir Moleküle finden, die TRMT2A zielgerichtet abschalten. Solche Moleküle werden Inhibitoren genannt und stellen den ersten Entwicklungsschritt eines Medikaments dar. Wir suchen quasi den passenden Schraubenzieher, um die Maschine auszuschalten, was wiederum die Herstellung des fehlerhaften Produkts unterbinden und die Fabrik retten kann.</p> <p>Gemeinsam mit Forschern am Forschungszentrum Jülich machten wir uns auf die Suche nach diesen „Schraubenzieher-Molekülen“. Dazu kombinierten wir computergestützte Modelle und das erzeugte 3D-Bild von TRMT2A. Analog zum Puzzeln versuchten wir im PC Millionen von Molekülen in die TRMT2A Struktur einzufügen. Wir fanden schließlich einige wenige Moleküle, die sehr gut hineinpassten. Als wir diese an menschlichen Zellen testeten, halfen einige tatsächlich dabei fehlerhaftes, aggregiertes Eiweiß und den damit einhergehenden Zelltod zu verringern. Wir haben diese Moleküle identifiziert, aber es gibt noch viel Arbeit, um aus ihnen ein neues und sicheres Medikament für Menschen zu entwickeln. Wir müssen weitere Tests durchführen, weitere Moleküle finden, sie optimieren und nach möglichen Nebenwirkungen Ausschau halten. Trotzdem ist es ein erster Schritt in die richtige Richtung, der hoffentlich eines Tages Patienten mit Chorea Huntington helfen wird.</p> <hr></hr> <p>Monika Witzenberger studierte Molekulare Biotechnologie an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg und der Cambridge University in Großbritannien. Während ihres Promotionsstudiums am Helmholtz Zentrum in München und der Universität Ulm konzentrierte sie sich auf die Erforschung der neurodegenerativen Erkrankung Chorea Huntington, sowie auf die Identifizierung eines neuen potenziellen Wirkstoffziels für deren Behandlung. Derzeit setzt sie ihre Forschung am Weizmann Institute of Science in Israel im Bereich der RNA-Therapeutika fort.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/klartext/proteinverklumpungen-entwirren-auf-dem-pfad-zur-heilung-von-chorea-huntington/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>Himmlische Quadriga https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/himmlische-quadriga/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/himmlische-quadriga/#respond Thu, 13 Nov 2025 13:36:45 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12260 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadriga_BrandenburgGate_2025-768x456.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/himmlische-quadriga/</link> </image> <description type="html"><h1>Himmlische Quadriga » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>In Berlin ist <a href="https://berlin-freedom-week.com/en">Freedom-Week</a>, denn wir feiern 35 Jahre Wiedervereinigung. Rein zufällige Koinzidenz ist, dass die IAU diese Woche auch einen neuen Sternnamen “Himmlische Quadriga” (Tiansi) gemacht hat. Der Name “Tiansi” bezeichnet in China seit über 2000 Jahren den von vier Pferden gezogenen Wagen eines legendären Generals namens <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Wangliang">Wangliang</a>. Sein Sternbild besteht aus einigen – aber nicht ganz allen – Sterne des Himmels-Ws. </p> <p>Was man sich hierzulande als eitle Königin Cassiopeia vorstellt, die auf einem Thron sitzt, ist also in China ein hoher Militär in einem Wagen mit vier Pferde. Der General steht unter einem Baldachin und schwingt als Wagenlenker natürlich eine Peitsche. </p> <p>Die vier Pferde sind gamma, eta, alpha und zeta Cassiopeiae; der General selbst ist beta Cassiopeiae, seine Peitsche wird traditionell in dem Stern kappa Cas gesehen. </p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadriga_BrandenburgGate_2025.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="609" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadriga_BrandenburgGate_2025-1024x609.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadriga_BrandenburgGate_2025-1024x609.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadriga_BrandenburgGate_2025-300x178.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadriga_BrandenburgGate_2025-768x456.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadriga_BrandenburgGate_2025.jpg 1528w" width="1024"></img></a><figcaption>Quadriga auf dem Brandenburger Tor in Berlin. </figcaption></figure> </div> <div> <div><img alt="" data-object-fit="cover" decoding="async" height="966" sizes="(max-width: 887px) 100vw, 887px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Cas_stellarium.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Cas_stellarium.jpg 887w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Cas_stellarium-275x300.jpg 275w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Cas_stellarium-768x836.jpg 768w" width="887"></img><span aria-hidden="true"></span><p>Tiansi in Wangliang</p></div> </div> </div> <p>Die freie Planetariumssoftware Stellarium erlaubt die Darstellung solcher historischer Sternbilder von vielen Kulturen. Sie können sie im Klassenraum einer Schule wie auch im Großplanetarium benutzen. <aside></aside></p> <p>Sorgen Sie nur bitte regelmäßig für Updates, um stets die aktuellen Datensätze zu haben. Da es sich um eine Astronomie-Software handelt, gibt es vier Updates pro Jahr: zu allen Sonnenwenden und Tag-und-Nachtgleichen. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Himmlische Quadriga » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>In Berlin ist <a href="https://berlin-freedom-week.com/en">Freedom-Week</a>, denn wir feiern 35 Jahre Wiedervereinigung. Rein zufällige Koinzidenz ist, dass die IAU diese Woche auch einen neuen Sternnamen “Himmlische Quadriga” (Tiansi) gemacht hat. Der Name “Tiansi” bezeichnet in China seit über 2000 Jahren den von vier Pferden gezogenen Wagen eines legendären Generals namens <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Wangliang">Wangliang</a>. Sein Sternbild besteht aus einigen – aber nicht ganz allen – Sterne des Himmels-Ws. </p> <p>Was man sich hierzulande als eitle Königin Cassiopeia vorstellt, die auf einem Thron sitzt, ist also in China ein hoher Militär in einem Wagen mit vier Pferde. Der General steht unter einem Baldachin und schwingt als Wagenlenker natürlich eine Peitsche. </p> <p>Die vier Pferde sind gamma, eta, alpha und zeta Cassiopeiae; der General selbst ist beta Cassiopeiae, seine Peitsche wird traditionell in dem Stern kappa Cas gesehen. </p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadriga_BrandenburgGate_2025.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="609" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadriga_BrandenburgGate_2025-1024x609.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadriga_BrandenburgGate_2025-1024x609.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadriga_BrandenburgGate_2025-300x178.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadriga_BrandenburgGate_2025-768x456.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadriga_BrandenburgGate_2025.jpg 1528w" width="1024"></img></a><figcaption>Quadriga auf dem Brandenburger Tor in Berlin. </figcaption></figure> </div> <div> <div><img alt="" data-object-fit="cover" decoding="async" height="966" sizes="(max-width: 887px) 100vw, 887px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Cas_stellarium.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Cas_stellarium.jpg 887w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Cas_stellarium-275x300.jpg 275w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Cas_stellarium-768x836.jpg 768w" width="887"></img><span aria-hidden="true"></span><p>Tiansi in Wangliang</p></div> </div> </div> <p>Die freie Planetariumssoftware Stellarium erlaubt die Darstellung solcher historischer Sternbilder von vielen Kulturen. Sie können sie im Klassenraum einer Schule wie auch im Großplanetarium benutzen. <aside></aside></p> <p>Sorgen Sie nur bitte regelmäßig für Updates, um stets die aktuellen Datensätze zu haben. Da es sich um eine Astronomie-Software handelt, gibt es vier Updates pro Jahr: zu allen Sonnenwenden und Tag-und-Nachtgleichen. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/himmlische-quadriga/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Turing’s Two Penn’orth on Today’s AI Talking Points https://scilogs.spektrum.de/hlf/turings-two-pennorth-on-todays-ai-talking-points/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/turings-two-pennorth-on-todays-ai-talking-points/#comments Wed, 12 Nov 2025 13:00:00 +0000 Benjamin Skuse https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=13919 <h1>Turing’s Two Penn’orth on Today’s AI Talking Points - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13930" rel="attachment wp-att-13930"><img alt="Statue of Alan Turing" decoding="async" fetchpriority="high" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Alan_Turing-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Alan_Turing-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Alan_Turing-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Alan_Turing-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Alan_Turing-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Alan_Turing-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Statue of Alan Turing at Bletchley Park. Image credit: <a href="https://www.flickr.com/people/19745294@N06" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Jon Callas</a> (CC-BY-2.0)</figcaption></figure></div> <p>What would Alan Turing have made of the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">12th Heidelberg Laureate Forum</a>? To start, it is easy to picture him marvelling at all the ‘computer scientists’ – a term coined just a few years after his death in 1954 – swarming around him. He would then be awestruck by the tiny computers each and every one of them (and every tourist on the street nearby for that matter) had in their hand or pocket. The most powerful computer Turing would have heard of was the Naval Ordnance Research Computer (NORC); under construction at the time of his death. Developed by IBM for the U.S. Navy Bureau of Ordnance, the large room-sized NORC’s 15,000 operations per second pales in significance to the trillions of operations per second a typical 2025 smartphone can perform.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13920" rel="attachment wp-att-13920"><img alt="Young scientist using a smartphone" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54785799042_9cdd61a169_o-Christian-Fellming.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54785799042_9cdd61a169_o-Christian-Fellming.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54785799042_9cdd61a169_o-Christian-Fellming-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54785799042_9cdd61a169_o-Christian-Fellming-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>A young scientist using a smartphone (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>Bizarrely, however, despite the staggering leaps in computing technology witnessed since Turing’s time and its growth in society – from specialist scientific and mathematical calculator to near-ubiquitous universal tool extending human capabilities – the topics on everyone’s lips were ones Turing would not only be familiar with, but be able to contribute to insightfully. Are machines (LLMs) becoming so human-like and useful in their responses that they will replace many roles? Can machines (AI) solve all of mathematics? And will machines (AI) develop superhuman capabilities?</p> <h3 id="h-thoughts-on-imitating-and-replacing-humans">Thoughts on Imitating and Replacing Humans</h3> <p>A talking point that is far from restricted to the Forum is the growing capabilities of AI to carry out human tasks, with chatbots based on LLMs particularly imitating humans in ever more realistic and useful ways. Specific impacts for science were discussed in back-to-back Hot Topic sessions ‘<a href="https://youtu.be/I-Ye-rMhRws?si=CNO17bLyigyRNeNI" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The Machine-Learning Revolution in Mathematics and Science’</a>, while broader societal consequences were the focus of the Spark Session talk ‘<a href="https://youtu.be/27qTr7My_no?si=YilIo_OMe516eQUU" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Shaping AI’s Impact to Help Billions</a>’ from <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/jeffrey-a-dean/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Jeffrey Dean</a> (ACM Prize in Computing – 2012) and <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/david-a-patterson/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">David Patterson</a> (ACM A.M. Turing Award – 2017).</p> <div> <figure id="has-small-font-size"><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13925" rel="attachment wp-att-13925"><img alt="Jeffrey Dean and David Patterson" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54791172889_da0a96e22f_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54791172889_da0a96e22f_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54791172889_da0a96e22f_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54791172889_da0a96e22f_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Jeffrey Dean and David Patterson (© HLFF)</figcaption></figure></div> <p>On this topic, Turing was decades ahead of his time in respect to thinking about how computers might one day be capable of exhibiting human-like intelligence. In his 1950 paper <a href="https://www.cs.ox.ac.uk/activities/ieg/e-library/sources/t_article.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><em>Computing machinery and intelligence</em></a>, he began: “I propose to consider the question, ‘Can machines think?’,” before introducing the famous Imitation Game, now more commonly referred to as the Turing Test.</p> <p>This test is a game between three participants. One is a human interrogator, and the other two are a human and a machine playing the part of separate interviewees. Through a simple question and answer format, the object of the game for the interrogator is to determine which of the other two is human.<aside></aside></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13932" rel="attachment wp-att-13932"><img alt="Turing test" decoding="async" height="640" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Turing_Test-1024x640.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Turing_Test-1024x640.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Turing_Test-300x188.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Turing_Test-768x480.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Turing_Test-1536x960.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Turing_Test-2048x1280.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>The Turing Test. Image credit: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Luke.schaaf">Luke.schaaf</a> (CC-BY-SA-4.0)</figcaption></figure></div> <p>Turing’s original specimen questions and answers are informative in not only revealing how the Turing Test works in practical terms, but also how strikingly similar the back-and-forth conversation is to the way in which many people now interact with chatbots on a daily basis:</p> <p><em>Q: Please write me a sonnet on the subject of the Forth Bridge. </em></p> <p><em>A: Count me out on this one. I never could write poetry. </em></p> <p><em>Q: Add 34957 to 70764. </em></p> <p><em>A: (Pause about 30 seconds and then give as answer) 105621. </em></p> <p><em>Q: Do you play chess? </em></p> <p><em>A: Yes. </em></p> <p><em>Q: I have K at my K1, and no other pieces. You have only K at K6 and R at R1. It is your move. What do you play? </em></p> <p><em>A: (After a pause of 15 seconds) R-R8 mate.</em></p> <p>It is often claimed, though also widely contested, that the Turing Test was <a href="https://www.bbc.co.uk/news/technology-27762088" rel="noreferrer noopener" target="_blank">first passed in 2014</a> by a chatbot named Eugene Goostman, which simulated the personality of a 13-year-old Ukrainian boy. Eugene fooled 33% of the judges at the Royal Society in London that it was human. More recently, in work yet to be peer-reviewed, researchers have made the unverified claim that GPT-4 has passed as human <a href="https://arxiv.org/abs/2405.08007" rel="noreferrer noopener" target="_blank">over 50% of the time</a>, and GPT-4.5 <a href="https://arxiv.org/abs/2503.23674" rel="noreferrer noopener" target="_blank">73% of the time</a> (which is better than the 67% actual humans achieve!).</p> <p>Despite these results, for most, the Turing Test has not been successful in answering whether machines can think, as was originally proposed. Neither does it test true intelligence in many people’s opinion. For instance, philosopher John Searle used a Turing Test-like argument against machines ever possessing actual understanding. </p> <p>In his <a href="https://www.cambridge.org/core/journals/behavioral-and-brain-sciences/article/abs/minds-brains-and-programs/DC644B47A4299C637C89772FACC2706A?utm_campaign=shareaholic&amp;utm_medium=copy_link&amp;utm_source=bookmark" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Chinese Room argument</a>, he devised a scenario in which an English speaker locked in a room, who cannot speak a word of Chinese, could follow detailed instructions in English for manipulating Chinese symbols in response to Chinese symbols (text) provided to them. The responses would be “absolutely indistinguishable from those of Chinese speakers” even though the English speaker would remain completely ignorant of Chinese. Searle argued computers similarly just follow instructions without true understanding.</p> <p>However, the Turing Test paradigm – that two things are the same if they cannot be told apart by any reasonable test – has been staggeringly successful as a gauge of the progress in AI, and useful to scientific and technological innovation.</p> <p>Moreover, the original Turing Test has inspired more stringent versions that are even more of a challenge for machine intelligence. To pass the <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/BF00360578" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Total Turing Test</a>, for example, requires machines to be capable of perceiving and acting in the world in a way indistinguishable from a human – a feat that has not been achieved. And the <a href="https://arxiv.org/abs/1410.6142" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Lovelace 2.0 Test</a> has not been definitively passed yet either. This assesses computational creativity and intelligence by requiring a machine to create a story, poem, painting, etc, that meets a complex set of constraints specified by a human judge.</p> <h3 id="h-thoughts-on-mathematics">Thoughts on Mathematics</h3> <p>Kicking off the main programme, <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/sanjeev-arora/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Sanjeev Arora</a>’s (ACM Prize in Computing – 2011) brief talk during the first Spark Session ‘<a href="https://youtu.be/q9MJWfo3DCE?si=-ZisKRtC0OwKYOjL" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Will there be a superhuman AI mathematician?</a>’ mulled over the idea of machines solving mathematical problems that have remained unsolved for decades and even centuries. Delving deeper, the Hot Topic session ‘<a href="https://youtu.be/GpSvaA3fWAg?si=2af2pgKu889U5ADt" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The Machine-Learning Revolution in Mathematics and Science, Part 1: Mathematics</a>’ outlined the potential of such a tool, as well as the ethical, social and professional risks for mathematicians.</p> <div> <figure id="has-small-font-size"><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13934" rel="attachment wp-att-13934"><img alt="Maia Fraser" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159987_0dab3114db_o-Christian-Flemming.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159987_0dab3114db_o-Christian-Flemming.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159987_0dab3114db_o-Christian-Flemming-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159987_0dab3114db_o-Christian-Flemming-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Panellist Maia Fraser makes a point during the Hot Topic session: The Machine-Learning Revolution in Mathematics and Science, Part 1: Mathematics (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>Turing’s legendary 1936 paper <a href="https://www.cs.ox.ac.uk/activities/ieg/e-library/sources/tp2-ie.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><em>On computable numbers, with an application to the Entscheidungsproblem</em></a> has a lot to say on this topic. In it, Turing laid down the foundations for computer science, giving us the concepts of algorithms and computation with his ‘automatic machines’, later called Turing machines. “It’s hard to believe that this one maths paper probably impacted the world more than any other paper written,” said <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/avi-wigderson/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Avi Wigderson</a> (Nevanlinna Prize – 1994, Abel Prize – 2021, ACM A.M. Turing Award – 2023) in his Lecture ‘<a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/video/lecture-reading-alan-turing/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Reading Alan Turing</a>’. “It basically brought on the computer revolution.”</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/Yq_De4275dY?start=101&amp;feature=oembed" title="Lecture Widgerson | September 19" width="666"></iframe> </p></figure> <p>A Turing machine is a simple abstract device Turing conjured up to explore computation. It consists of a tape on which is printed a line of cells. Each cell on the tape can be blank or contain symbols 0, 1 or something else. Therefore, the tape can be thought of as the computer memory, extending infinitely in each direction. </p> <p>The ‘active cell’ is the one over which the machine’s head is positioned. The head can perform three operations: read the symbol on the active cell; edit the symbol; or move the tape left or right one space. Which operation it performs depends on the input and the rules of the machine, which are much like machine-code instructions.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13936" rel="attachment wp-att-13936"><img alt="Depiction of a Turing machine" decoding="async" height="747" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8juhtg8juhtg8juh-1024x747.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8juhtg8juhtg8juh-1024x747.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8juhtg8juhtg8juh-300x219.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8juhtg8juhtg8juh-768x560.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8juhtg8juhtg8juh.png 1184w" width="1024"></img></a><figcaption>Depiction of a simple Turing machine. This image was created with the assistance of <a href="https://gemini.google.com/app" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Google Gemini</a>.</figcaption></figure></div> <p>Surprisingly, this relatively simple abstract machine can be considered a model of a general-purpose computer. And by defining it precisely, Turing was able to prove many of the potential capabilities and limitations of computation in general.</p> <p>The key limitation relevant to superhuman AI mathematicians is that Turing proved the uncomputability of the Entscheidungsproblem; in other words, he showed that no universal algorithm can exist that can take any logical statement and determine whether it is true or false. Therefore, no computer, no matter how advanced, can prove all mathematics. </p> <p>Even if AI technologies conspire to take humans completely <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/when-the-stochastic-parrot-spoke-for-itself-and-flew-away/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">out of the loop</a>, as Arora outlined as a possibility, there will still be a subset of mathematical theorems that computers cannot solve. This remains as true today as when Turing predicted it in 1936.</p> <p>Also in this celebrated paper was a key capability of any superhuman AI mathematician: Turing envisaged the possibility of machines being capable of verifying proofs, just as we are seeing today with AI-based formal proof assistants. Turing called these devices choice machines, capable of going beyond normal deterministic computation: “The machine can have a non-deterministic decision whether to go to one state or another,” explained Wigderson in his Lecture. “This defines what happens in proof verification – somebody supplying the proof and the machine just verifies it.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13929" rel="attachment wp-att-13929"><img alt="Avi Wigderson" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889898_dbfcc71253_o-Christian-Flemming.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889898_dbfcc71253_o-Christian-Flemming.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889898_dbfcc71253_o-Christian-Flemming-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889898_dbfcc71253_o-Christian-Flemming-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Avi Wigderson (© HLFF / Flemming) </figcaption></figure></div> <h3 id="h-thoughts-on-superhuman-capabilities-and-learning">Thoughts on Superhuman Capabilities and Learning</h3> <p>Discussions of superhuman AI capabilities were not restricted to mathematics at the Forum. In two <a href="https://youtu.be/q9MJWfo3DCE?si=sIh_CQg7kgYyA_hU" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Spark Session</a> talks, <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/david-silver/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">David Silver</a> (ACM Prize in Computing – 2019) and his former PhD advisor <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/richard-sutton/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Richard S. Sutton</a> (ACM A.M. Turing Award – 2024) outlined the wide-ranging transformative potential of AI that learns from its own experiences of the world. They both argued that through continually generating data by interacting with its environment, combined with powerful self-improvement methods, AI will transcend human knowledge and capabilities.</p> <p>In a different <a href="https://youtu.be/27qTr7My_no?si=wiV21KRrgKYzdBMG" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Spark Session</a>, <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/leslie-g-valiant/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Leslie Valiant</a> (Nevanlinna Prize – 1986, ACM A.M. Turing Award – 2010) spoke of ‘educability’ – the capability to learn and acquire belief systems from one’s own experience and from others, and to apply these to new situations – being the innate core capability that currently distinguishes humans from machines. However, he believes that ‘supereducated’ machines could attain this skill in future, thereby leading to superhuman capabilities. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13926" rel="attachment wp-att-13926"><img alt="Leslie Valiant" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54791244581_85fdbf58ab_o-Christian-Flemming.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54791244581_85fdbf58ab_o-Christian-Flemming.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54791244581_85fdbf58ab_o-Christian-Flemming-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54791244581_85fdbf58ab_o-Christian-Flemming-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Leslie Valiant (© HLFF / Flemming) </figcaption></figure></div> <p>These arguments bear a striking resemblance to that given in <a href="https://turingarchive.kings.cam.ac.uk/publications-lectures-and-talks-amtb/amt-b-1" rel="noreferrer noopener" target="_blank">one of Turing’s talks</a> to the London Mathematical Society in 1947, where he called for “a machine that can learn from experience” by devising a way to let the machine alter its own instructions. In his own words:</p> <p><em>Let us suppose we have set up a machine with certain initial instruction tables, so constructed that these tables might on occasion, if good reason arose, modify those tables. One can imagine that after the machine has been operating for some time, the instructions would have altered out of all recognition, but nevertheless still be such that one would have to admit that the machine was still doing very worthwhile calculations. Possibly it might still be getting results of the type desired when the machine was first set up, but in a much more efficient manner. </em></p> <p><em>In such a case one would have to admit that the progress of the machine had not been foreseen when its original instructions were put in. It would be like a pupil who had learnt much from his master, but had added much more by his own work. When this happens, I feel that one is obliged to regard the machine as showing intelligence.</em></p> <p>As this eerily prescient quote shows, Turing may not have lived to see the smartphone or the rise of generative AI, but his thoughts and opinions – his timeless ‘two penn’orth’ – remain remarkably relevant at this critical moment in the advancement of computation and AI.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Turing’s Two Penn’orth on Today’s AI Talking Points - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13930" rel="attachment wp-att-13930"><img alt="Statue of Alan Turing" decoding="async" fetchpriority="high" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Alan_Turing-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Alan_Turing-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Alan_Turing-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Alan_Turing-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Alan_Turing-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Alan_Turing-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Statue of Alan Turing at Bletchley Park. Image credit: <a href="https://www.flickr.com/people/19745294@N06" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Jon Callas</a> (CC-BY-2.0)</figcaption></figure></div> <p>What would Alan Turing have made of the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">12th Heidelberg Laureate Forum</a>? To start, it is easy to picture him marvelling at all the ‘computer scientists’ – a term coined just a few years after his death in 1954 – swarming around him. He would then be awestruck by the tiny computers each and every one of them (and every tourist on the street nearby for that matter) had in their hand or pocket. The most powerful computer Turing would have heard of was the Naval Ordnance Research Computer (NORC); under construction at the time of his death. Developed by IBM for the U.S. Navy Bureau of Ordnance, the large room-sized NORC’s 15,000 operations per second pales in significance to the trillions of operations per second a typical 2025 smartphone can perform.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13920" rel="attachment wp-att-13920"><img alt="Young scientist using a smartphone" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54785799042_9cdd61a169_o-Christian-Fellming.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54785799042_9cdd61a169_o-Christian-Fellming.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54785799042_9cdd61a169_o-Christian-Fellming-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54785799042_9cdd61a169_o-Christian-Fellming-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>A young scientist using a smartphone (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>Bizarrely, however, despite the staggering leaps in computing technology witnessed since Turing’s time and its growth in society – from specialist scientific and mathematical calculator to near-ubiquitous universal tool extending human capabilities – the topics on everyone’s lips were ones Turing would not only be familiar with, but be able to contribute to insightfully. Are machines (LLMs) becoming so human-like and useful in their responses that they will replace many roles? Can machines (AI) solve all of mathematics? And will machines (AI) develop superhuman capabilities?</p> <h3 id="h-thoughts-on-imitating-and-replacing-humans">Thoughts on Imitating and Replacing Humans</h3> <p>A talking point that is far from restricted to the Forum is the growing capabilities of AI to carry out human tasks, with chatbots based on LLMs particularly imitating humans in ever more realistic and useful ways. Specific impacts for science were discussed in back-to-back Hot Topic sessions ‘<a href="https://youtu.be/I-Ye-rMhRws?si=CNO17bLyigyRNeNI" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The Machine-Learning Revolution in Mathematics and Science’</a>, while broader societal consequences were the focus of the Spark Session talk ‘<a href="https://youtu.be/27qTr7My_no?si=YilIo_OMe516eQUU" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Shaping AI’s Impact to Help Billions</a>’ from <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/jeffrey-a-dean/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Jeffrey Dean</a> (ACM Prize in Computing – 2012) and <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/david-a-patterson/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">David Patterson</a> (ACM A.M. Turing Award – 2017).</p> <div> <figure id="has-small-font-size"><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13925" rel="attachment wp-att-13925"><img alt="Jeffrey Dean and David Patterson" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54791172889_da0a96e22f_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54791172889_da0a96e22f_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54791172889_da0a96e22f_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54791172889_da0a96e22f_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Jeffrey Dean and David Patterson (© HLFF)</figcaption></figure></div> <p>On this topic, Turing was decades ahead of his time in respect to thinking about how computers might one day be capable of exhibiting human-like intelligence. In his 1950 paper <a href="https://www.cs.ox.ac.uk/activities/ieg/e-library/sources/t_article.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><em>Computing machinery and intelligence</em></a>, he began: “I propose to consider the question, ‘Can machines think?’,” before introducing the famous Imitation Game, now more commonly referred to as the Turing Test.</p> <p>This test is a game between three participants. One is a human interrogator, and the other two are a human and a machine playing the part of separate interviewees. Through a simple question and answer format, the object of the game for the interrogator is to determine which of the other two is human.<aside></aside></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13932" rel="attachment wp-att-13932"><img alt="Turing test" decoding="async" height="640" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Turing_Test-1024x640.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Turing_Test-1024x640.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Turing_Test-300x188.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Turing_Test-768x480.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Turing_Test-1536x960.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Turing_Test-2048x1280.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>The Turing Test. Image credit: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Luke.schaaf">Luke.schaaf</a> (CC-BY-SA-4.0)</figcaption></figure></div> <p>Turing’s original specimen questions and answers are informative in not only revealing how the Turing Test works in practical terms, but also how strikingly similar the back-and-forth conversation is to the way in which many people now interact with chatbots on a daily basis:</p> <p><em>Q: Please write me a sonnet on the subject of the Forth Bridge. </em></p> <p><em>A: Count me out on this one. I never could write poetry. </em></p> <p><em>Q: Add 34957 to 70764. </em></p> <p><em>A: (Pause about 30 seconds and then give as answer) 105621. </em></p> <p><em>Q: Do you play chess? </em></p> <p><em>A: Yes. </em></p> <p><em>Q: I have K at my K1, and no other pieces. You have only K at K6 and R at R1. It is your move. What do you play? </em></p> <p><em>A: (After a pause of 15 seconds) R-R8 mate.</em></p> <p>It is often claimed, though also widely contested, that the Turing Test was <a href="https://www.bbc.co.uk/news/technology-27762088" rel="noreferrer noopener" target="_blank">first passed in 2014</a> by a chatbot named Eugene Goostman, which simulated the personality of a 13-year-old Ukrainian boy. Eugene fooled 33% of the judges at the Royal Society in London that it was human. More recently, in work yet to be peer-reviewed, researchers have made the unverified claim that GPT-4 has passed as human <a href="https://arxiv.org/abs/2405.08007" rel="noreferrer noopener" target="_blank">over 50% of the time</a>, and GPT-4.5 <a href="https://arxiv.org/abs/2503.23674" rel="noreferrer noopener" target="_blank">73% of the time</a> (which is better than the 67% actual humans achieve!).</p> <p>Despite these results, for most, the Turing Test has not been successful in answering whether machines can think, as was originally proposed. Neither does it test true intelligence in many people’s opinion. For instance, philosopher John Searle used a Turing Test-like argument against machines ever possessing actual understanding. </p> <p>In his <a href="https://www.cambridge.org/core/journals/behavioral-and-brain-sciences/article/abs/minds-brains-and-programs/DC644B47A4299C637C89772FACC2706A?utm_campaign=shareaholic&amp;utm_medium=copy_link&amp;utm_source=bookmark" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Chinese Room argument</a>, he devised a scenario in which an English speaker locked in a room, who cannot speak a word of Chinese, could follow detailed instructions in English for manipulating Chinese symbols in response to Chinese symbols (text) provided to them. The responses would be “absolutely indistinguishable from those of Chinese speakers” even though the English speaker would remain completely ignorant of Chinese. Searle argued computers similarly just follow instructions without true understanding.</p> <p>However, the Turing Test paradigm – that two things are the same if they cannot be told apart by any reasonable test – has been staggeringly successful as a gauge of the progress in AI, and useful to scientific and technological innovation.</p> <p>Moreover, the original Turing Test has inspired more stringent versions that are even more of a challenge for machine intelligence. To pass the <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/BF00360578" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Total Turing Test</a>, for example, requires machines to be capable of perceiving and acting in the world in a way indistinguishable from a human – a feat that has not been achieved. And the <a href="https://arxiv.org/abs/1410.6142" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Lovelace 2.0 Test</a> has not been definitively passed yet either. This assesses computational creativity and intelligence by requiring a machine to create a story, poem, painting, etc, that meets a complex set of constraints specified by a human judge.</p> <h3 id="h-thoughts-on-mathematics">Thoughts on Mathematics</h3> <p>Kicking off the main programme, <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/sanjeev-arora/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Sanjeev Arora</a>’s (ACM Prize in Computing – 2011) brief talk during the first Spark Session ‘<a href="https://youtu.be/q9MJWfo3DCE?si=-ZisKRtC0OwKYOjL" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Will there be a superhuman AI mathematician?</a>’ mulled over the idea of machines solving mathematical problems that have remained unsolved for decades and even centuries. Delving deeper, the Hot Topic session ‘<a href="https://youtu.be/GpSvaA3fWAg?si=2af2pgKu889U5ADt" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The Machine-Learning Revolution in Mathematics and Science, Part 1: Mathematics</a>’ outlined the potential of such a tool, as well as the ethical, social and professional risks for mathematicians.</p> <div> <figure id="has-small-font-size"><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13934" rel="attachment wp-att-13934"><img alt="Maia Fraser" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159987_0dab3114db_o-Christian-Flemming.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159987_0dab3114db_o-Christian-Flemming.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159987_0dab3114db_o-Christian-Flemming-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159987_0dab3114db_o-Christian-Flemming-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Panellist Maia Fraser makes a point during the Hot Topic session: The Machine-Learning Revolution in Mathematics and Science, Part 1: Mathematics (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>Turing’s legendary 1936 paper <a href="https://www.cs.ox.ac.uk/activities/ieg/e-library/sources/tp2-ie.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><em>On computable numbers, with an application to the Entscheidungsproblem</em></a> has a lot to say on this topic. In it, Turing laid down the foundations for computer science, giving us the concepts of algorithms and computation with his ‘automatic machines’, later called Turing machines. “It’s hard to believe that this one maths paper probably impacted the world more than any other paper written,” said <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/avi-wigderson/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Avi Wigderson</a> (Nevanlinna Prize – 1994, Abel Prize – 2021, ACM A.M. Turing Award – 2023) in his Lecture ‘<a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/video/lecture-reading-alan-turing/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Reading Alan Turing</a>’. “It basically brought on the computer revolution.”</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/Yq_De4275dY?start=101&amp;feature=oembed" title="Lecture Widgerson | September 19" width="666"></iframe> </p></figure> <p>A Turing machine is a simple abstract device Turing conjured up to explore computation. It consists of a tape on which is printed a line of cells. Each cell on the tape can be blank or contain symbols 0, 1 or something else. Therefore, the tape can be thought of as the computer memory, extending infinitely in each direction. </p> <p>The ‘active cell’ is the one over which the machine’s head is positioned. The head can perform three operations: read the symbol on the active cell; edit the symbol; or move the tape left or right one space. Which operation it performs depends on the input and the rules of the machine, which are much like machine-code instructions.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13936" rel="attachment wp-att-13936"><img alt="Depiction of a Turing machine" decoding="async" height="747" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8juhtg8juhtg8juh-1024x747.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8juhtg8juhtg8juh-1024x747.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8juhtg8juhtg8juh-300x219.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8juhtg8juhtg8juh-768x560.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8juhtg8juhtg8juh.png 1184w" width="1024"></img></a><figcaption>Depiction of a simple Turing machine. This image was created with the assistance of <a href="https://gemini.google.com/app" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Google Gemini</a>.</figcaption></figure></div> <p>Surprisingly, this relatively simple abstract machine can be considered a model of a general-purpose computer. And by defining it precisely, Turing was able to prove many of the potential capabilities and limitations of computation in general.</p> <p>The key limitation relevant to superhuman AI mathematicians is that Turing proved the uncomputability of the Entscheidungsproblem; in other words, he showed that no universal algorithm can exist that can take any logical statement and determine whether it is true or false. Therefore, no computer, no matter how advanced, can prove all mathematics. </p> <p>Even if AI technologies conspire to take humans completely <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/when-the-stochastic-parrot-spoke-for-itself-and-flew-away/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">out of the loop</a>, as Arora outlined as a possibility, there will still be a subset of mathematical theorems that computers cannot solve. This remains as true today as when Turing predicted it in 1936.</p> <p>Also in this celebrated paper was a key capability of any superhuman AI mathematician: Turing envisaged the possibility of machines being capable of verifying proofs, just as we are seeing today with AI-based formal proof assistants. Turing called these devices choice machines, capable of going beyond normal deterministic computation: “The machine can have a non-deterministic decision whether to go to one state or another,” explained Wigderson in his Lecture. “This defines what happens in proof verification – somebody supplying the proof and the machine just verifies it.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13929" rel="attachment wp-att-13929"><img alt="Avi Wigderson" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889898_dbfcc71253_o-Christian-Flemming.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889898_dbfcc71253_o-Christian-Flemming.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889898_dbfcc71253_o-Christian-Flemming-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889898_dbfcc71253_o-Christian-Flemming-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Avi Wigderson (© HLFF / Flemming) </figcaption></figure></div> <h3 id="h-thoughts-on-superhuman-capabilities-and-learning">Thoughts on Superhuman Capabilities and Learning</h3> <p>Discussions of superhuman AI capabilities were not restricted to mathematics at the Forum. In two <a href="https://youtu.be/q9MJWfo3DCE?si=sIh_CQg7kgYyA_hU" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Spark Session</a> talks, <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/david-silver/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">David Silver</a> (ACM Prize in Computing – 2019) and his former PhD advisor <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/richard-sutton/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Richard S. Sutton</a> (ACM A.M. Turing Award – 2024) outlined the wide-ranging transformative potential of AI that learns from its own experiences of the world. They both argued that through continually generating data by interacting with its environment, combined with powerful self-improvement methods, AI will transcend human knowledge and capabilities.</p> <p>In a different <a href="https://youtu.be/27qTr7My_no?si=wiV21KRrgKYzdBMG" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Spark Session</a>, <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/leslie-g-valiant/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Leslie Valiant</a> (Nevanlinna Prize – 1986, ACM A.M. Turing Award – 2010) spoke of ‘educability’ – the capability to learn and acquire belief systems from one’s own experience and from others, and to apply these to new situations – being the innate core capability that currently distinguishes humans from machines. However, he believes that ‘supereducated’ machines could attain this skill in future, thereby leading to superhuman capabilities. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13926" rel="attachment wp-att-13926"><img alt="Leslie Valiant" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54791244581_85fdbf58ab_o-Christian-Flemming.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54791244581_85fdbf58ab_o-Christian-Flemming.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54791244581_85fdbf58ab_o-Christian-Flemming-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54791244581_85fdbf58ab_o-Christian-Flemming-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Leslie Valiant (© HLFF / Flemming) </figcaption></figure></div> <p>These arguments bear a striking resemblance to that given in <a href="https://turingarchive.kings.cam.ac.uk/publications-lectures-and-talks-amtb/amt-b-1" rel="noreferrer noopener" target="_blank">one of Turing’s talks</a> to the London Mathematical Society in 1947, where he called for “a machine that can learn from experience” by devising a way to let the machine alter its own instructions. In his own words:</p> <p><em>Let us suppose we have set up a machine with certain initial instruction tables, so constructed that these tables might on occasion, if good reason arose, modify those tables. One can imagine that after the machine has been operating for some time, the instructions would have altered out of all recognition, but nevertheless still be such that one would have to admit that the machine was still doing very worthwhile calculations. Possibly it might still be getting results of the type desired when the machine was first set up, but in a much more efficient manner. </em></p> <p><em>In such a case one would have to admit that the progress of the machine had not been foreseen when its original instructions were put in. It would be like a pupil who had learnt much from his master, but had added much more by his own work. When this happens, I feel that one is obliged to regard the machine as showing intelligence.</em></p> <p>As this eerily prescient quote shows, Turing may not have lived to see the smartphone or the rise of generative AI, but his thoughts and opinions – his timeless ‘two penn’orth’ – remain remarkably relevant at this critical moment in the advancement of computation and AI.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/turings-two-pennorth-on-todays-ai-talking-points/#comments 2 Lernen ohne Gehirn: das Gedächtnis unserer Wirbelsäule https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/lernen-ohne-gehirn-das-gedaechtnis-unserer-wirbelsaeule/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/lernen-ohne-gehirn-das-gedaechtnis-unserer-wirbelsaeule/#comments Mon, 10 Nov 2025 18:57:40 +0000 David Wurzer https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5308 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/21683480_Tiny-doctors-examining-spine-bones-of-patient-1-768x591.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/lernen-ohne-gehirn-das-gedaechtnis-unserer-wirbelsaeule/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/21683480_Tiny-doctors-examining-spine-bones-of-patient-1.jpg" /><h1>Lernen ohne Gehirn: das Gedächtnis unserer Wirbelsäule » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By David Wurzer</h2><div itemprop="text"> <p>Lernen findet nicht nur im Gehirn statt, sondern auch im Rückenmark. Das zeigt eine Tierversuchsstudie, die im Journal <em>Science</em> erschien. Ein Forschungsteam um Simon Lavaud hat herausgefunden, dass zwei Klassen hemmender Nervenzellen im Rückenmark unterschiedliche Rollen beim Speichern und Abrufen körperlicher Aktivität spielen – beim sogenannten motorischen Lernen. Das Kuriose: das Rückenmark lernte, obwohl es vom Gehirn getrennt war.</p> <h3 id="h-ruckenmarksverletzungen-ein-medizinischer-engpass">Rückenmarksverletzungen: ein medizinischer Engpass</h3> <p>Wer sich für Neurowissenschaft interessiert, dem geht es meist vor allem um das Gehirn. Und tatsächlich übt der Popstar aller Organe eine nachvollziehbare Faszination auf uns aus: Denken, Fühlen, Persönlichkeit – das menschliche Gehirn scheint ein <em>all inclusive</em> Paket für alles zu sein, was uns als Spezies ausmacht. Die Wirbelsäule, genauer das Rückenmark, ist zwar ebenfalls hochkomplex, wird aber wissenschaftlich eher stiefmütterlich behandelt. Dabei treten in Europa ca. 11.000 neue Fälle von Rückenmarksverletzungen pro Jahr auf, die EU spricht von einem medizinischen Engpass (1). 60% der Erkrankten sind anschließend arbeitsunfähig und haben eine deutlich reduzierte Lebenserwartung.</p> <h3 id="h-evolution-vom-peripheren-zum-zentralen-nervensystem">Evolution: vom peripheren zum zentralen Nervensystem</h3> <p>Die Wirbelsäule ist bedeutend älter als das Gehirn (2). Auch wenn die Entwicklungsgeschichte wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt ist, so nimmt man an, dass aus dem peripheren Nervensystem früher Meeresbewohner vor ca. 500 Millionen Jahren das Rückenmark als Zentralorgan entstand (im Wasser bewegt es sich besser, wenn man eine stabile Achse hat). An Land wurden die Ansprüche dann jedoch so vielfältig, dass das Rückenmark zur Koordination nicht mehr genügte: es entwickelten sich die ersten Gehirne. Heute verfügt unser Gehirn über schätzungsweise 86 bis 200 Milliarden Neurone, das Rückenmark dagegen über ca. 100 Millionen bis 1 Milliarde. Beide Organe enthalten weiße und graue Substanz (Axone und Zellkörper) sowie Gliazellen (ernährende, stützende und immunreaktive Zellen) und Hirnhäute. Dementsprechend treten Tumore der Hirnhäute und Nervenzellen auch in der Wirbelsäule auf.</p> <h3 id="h-mehr-als-ein-reflex-ein-lernparadigma-im-ruckenmark">Mehr als ein Reflex: ein Lernparadigma im Rückenmark</h3> <p>Angesichts der Evolutionsbiologie sollte es also nicht verwundern, dass unser Rückenmark zumindest eine grundlegende Koordinationsfunktion für Bewegung hat. Bis zur Studie von Lavaud (3) war jedoch bislang nicht klar, wie weit diese Funktion wirklich reicht und wie sie neuronal vermittelt wird.</p> <p>Simon Lavaud und sein Team nutzten ein Modell, bei dem vollständig durchtrenntes Rückenmark von 50 Mäusen weiterhin reflexartige Beinbewegungen erlaubte. Die Mäuse hingen in einer Art Röhre über dem Boden, nur die Pfoten ihrer Hinterbeine erreichten den Boden. Über einen Schaltkreis mit Highspeed-Kameras wurde registriert, wann die Pfoten der Mäuse unter eine bestimmte Höhe sanken; in diesem Fall erfolgte ein leichter elektrischer Reiz. Innerhalb weniger Minuten lernten die Tiere – bzw. deren Rückenmark – das Bein oben zu <em>halten</em>, um den Reiz zu vermeiden. Obwohl die Informationen über den Reiz das Gehirn nicht erreichten, konnte die Information gespeichert und später genutzt werden.<aside></aside></p> <p>Das Rückenmark zeigte damit ein simples, aber potentiell überlebenswichtiges Lernverhalten: Es verband Positionsinformationen des eigenen Körpers (Propriozeption) mit einem Umweltsignal. Damit war das Verhalten mehr als ein bloßer Reflex, dieser wäre nicht ‚erinnert‘ worden. Außerdem fand das Experiment immer mit Mäusepaaren statt: ein Exemplar war die Lernmaus, das andere die Kontrollmaus. Die Kontrollmaus bekam immer genau jene Stromreize, welche die Lernmaus auslöste und erhielt (wenn ihr Hinterbein unter die 3mm Schwelle sank), bei der Kontrollmaus selbst machte die Beinposition jedoch keinen Unterschied. Die Reize für die Lernmaus hatten also ein lernbares System, die Reize für die Kontrollmaus waren zufällig bzw. unabhängig von deren Körperposition.</p> <p>Ergebnis: die Lernmäuse erreichten das definierte Lernziel innerhalb von zehn Minuten (sie hielten ihre Beine oberhalb der Schwelle), während die Kontrollmäuse dieses Lernziel verfehlten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-30.png"><img alt="" decoding="async" height="690" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-30-1024x690.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-30-1024x690.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-30-300x202.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-30-768x517.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-30-1536x1035.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-30.png 1689w" width="1024"></img></a><figcaption>Abb. 1: Neurale Netzwerke des Rückenmarks koordinieren einen Kniesehnenreflex. Aus: Markl et al. 2019</figcaption></figure> <h3 id="h-zwei-lernphasen-zwei-zelltypen">Zwei Lernphasen, zwei Zelltypen</h3> <p>Mit genetischen und elektrophysiologischen Methoden identifizierten die Forschenden zwei klar getrennte Phasen des Lernprozesses. Während des Lernens sind dorsale (hinten im Mark gelegene), hemmende Neuronen entscheidend. Sie kontrollieren, welche sensorischen Informationen weitergeleitet werden – vermutlich durch präsynaptische Hemmung bestimmter Schmerz- und Lagefasern (Aδ/C-Afferenzen). So wird die Relevanz („Salienz“) der entscheidenden Signale verstärkt.</p> <p>Beim Erinnern und Ausführen der gelernten Bewegung übernehmen dann ventrale (vorne im Mark gelegene) hemmende Neuronen die Kontrolle, insbesondere sogenannte Renshaw-Zellen. Diese modulieren die Aktivität der Motoneurone, also der Zellen, die schlussendlich die Muskeln innervieren. Manipulierte man ihre Erregbarkeit, so ließ sich das Abrufen des gelernten Verhaltens gezielt verstärken oder abschwächen.</p> <h3 id="h-motorisches-lernen-ohne-gehirn">Motorisches Lernen ohne Gehirn</h3> <p>Das bemerkenswerte Fazit: Das Rückenmark verfügt über eine eigene neuroplastische Architektur zur Verhaltensadaption, wobei Lernen und Erinnerung voneinander getrennt sind – ähnlich wie bei höheren Gehirnstrukturen. Während dorsale Hemmzellen sensorische Information so filtern, dass Lernen möglich wird, fungieren ventrale Hemmzellen als Output für das gespeicherte Verhalten.</p> <h3 id="h-ausblick-neue-therapien-bei-ruckenmarksverletzungen">Ausblick: neue Therapien bei Rückenmarksverletzungen</h3> <p>Durch das Verständnis der neuronalen Player im Rückenmark eröffnen sich möglicherweise neue Wege in der Rehabilitation nach Rückenmarksverletzungen – etwa durch gezieltes Aktivieren der passenden neuronalen Subsysteme in den richtigen Lernphasen.</p> <p>In diese Richtung weist zum Beispiel eine aktuelle Studie, in der ein Organoid-Gerüst aus dem 3D-Drucker dabei half, Wirbelsäulenverletzungen von Ratten zu heilen (4). Das winzige Gerüst enthielt mikroskopisch kleine Kanäle, die neurale Vorläuferzellen leiten – Stammzellen, die sich nach Einnistung zu spezialisierten Nervenzellen entwickeln können. Diese Gerüste wurden Ratten mit vollständig durchtrennten Rückenmarken implantiert. Im Laufe der Zeit entwickelten sich die Stammzellen zu Neuronen und bildeten neue Nervenfasern in beide Richtungen aus, wodurch die unterbrochenen Nervenbahnen wieder verbunden werden konnten. Auch auf höchster Ebene fördert die EU bereits ein ähnliches Projekt (1). Patientinnen und Patienten dürfen also optimistisch sein, denn nach all den Tierversuchen dürften bald die ersten klinische Studien durchgeführt werden.</p> <p><strong>Mehr Wissenschaftskommunikation gibt’s auf <a href="https://www.instagram.com/davidmwurzer/">Instagram.</a></strong></p> <p>Quellen:</p> <p>(1) <a href="https://cordis.europa.eu/article/id/170308-new-hope-for-spinal-cord-injuries/de#:~:text=In%20Europa%20gibt%20es%20etwa%20330.000%20Menschen,chirurgischen%20Praxis%2C%20und%20derzeit%20existiert%20keine%20Therapie.">Neue Hoffnung bei Rückenmarksverletzungen  | NeuroGraft Project | Ergebnisse in Kürze | FP7 | CORDIS | Europäische Kommission</a></p> <p>(2) Holland, L. Z. (2015). The origin and evolution of chordate nervous systems. <em>Philosophical Transactions of the Royal Society B: Biological Sciences</em>, <em>370</em>(1684), 20150048.</p> <p>(3) Lavaud, S., Bichara, C., D’Andola, M., Yeh, S. H., &amp; Takeoka, A. (2024). Two inhibitory neuronal classes govern acquisition and recall of spinal sensorimotor adaptation. <em>Science</em>, <em>384</em>(6692), 194-201.</p> <p>(4) Han, G., Lavoie, N. S., Patil, N., Korenfeld, O. G., Kim, H., Esguerra, M., … &amp; Parr, A. M. (2025). 3D‐Printed Scaffolds Promote Enhanced Spinal Organoid Formation for Use in Spinal Cord Injury. <em>Advanced Healthcare Materials</em>, <em>14</em>(24), e04817.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/21683480_Tiny-doctors-examining-spine-bones-of-patient-1.jpg" /><h1>Lernen ohne Gehirn: das Gedächtnis unserer Wirbelsäule » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By David Wurzer</h2><div itemprop="text"> <p>Lernen findet nicht nur im Gehirn statt, sondern auch im Rückenmark. Das zeigt eine Tierversuchsstudie, die im Journal <em>Science</em> erschien. Ein Forschungsteam um Simon Lavaud hat herausgefunden, dass zwei Klassen hemmender Nervenzellen im Rückenmark unterschiedliche Rollen beim Speichern und Abrufen körperlicher Aktivität spielen – beim sogenannten motorischen Lernen. Das Kuriose: das Rückenmark lernte, obwohl es vom Gehirn getrennt war.</p> <h3 id="h-ruckenmarksverletzungen-ein-medizinischer-engpass">Rückenmarksverletzungen: ein medizinischer Engpass</h3> <p>Wer sich für Neurowissenschaft interessiert, dem geht es meist vor allem um das Gehirn. Und tatsächlich übt der Popstar aller Organe eine nachvollziehbare Faszination auf uns aus: Denken, Fühlen, Persönlichkeit – das menschliche Gehirn scheint ein <em>all inclusive</em> Paket für alles zu sein, was uns als Spezies ausmacht. Die Wirbelsäule, genauer das Rückenmark, ist zwar ebenfalls hochkomplex, wird aber wissenschaftlich eher stiefmütterlich behandelt. Dabei treten in Europa ca. 11.000 neue Fälle von Rückenmarksverletzungen pro Jahr auf, die EU spricht von einem medizinischen Engpass (1). 60% der Erkrankten sind anschließend arbeitsunfähig und haben eine deutlich reduzierte Lebenserwartung.</p> <h3 id="h-evolution-vom-peripheren-zum-zentralen-nervensystem">Evolution: vom peripheren zum zentralen Nervensystem</h3> <p>Die Wirbelsäule ist bedeutend älter als das Gehirn (2). Auch wenn die Entwicklungsgeschichte wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt ist, so nimmt man an, dass aus dem peripheren Nervensystem früher Meeresbewohner vor ca. 500 Millionen Jahren das Rückenmark als Zentralorgan entstand (im Wasser bewegt es sich besser, wenn man eine stabile Achse hat). An Land wurden die Ansprüche dann jedoch so vielfältig, dass das Rückenmark zur Koordination nicht mehr genügte: es entwickelten sich die ersten Gehirne. Heute verfügt unser Gehirn über schätzungsweise 86 bis 200 Milliarden Neurone, das Rückenmark dagegen über ca. 100 Millionen bis 1 Milliarde. Beide Organe enthalten weiße und graue Substanz (Axone und Zellkörper) sowie Gliazellen (ernährende, stützende und immunreaktive Zellen) und Hirnhäute. Dementsprechend treten Tumore der Hirnhäute und Nervenzellen auch in der Wirbelsäule auf.</p> <h3 id="h-mehr-als-ein-reflex-ein-lernparadigma-im-ruckenmark">Mehr als ein Reflex: ein Lernparadigma im Rückenmark</h3> <p>Angesichts der Evolutionsbiologie sollte es also nicht verwundern, dass unser Rückenmark zumindest eine grundlegende Koordinationsfunktion für Bewegung hat. Bis zur Studie von Lavaud (3) war jedoch bislang nicht klar, wie weit diese Funktion wirklich reicht und wie sie neuronal vermittelt wird.</p> <p>Simon Lavaud und sein Team nutzten ein Modell, bei dem vollständig durchtrenntes Rückenmark von 50 Mäusen weiterhin reflexartige Beinbewegungen erlaubte. Die Mäuse hingen in einer Art Röhre über dem Boden, nur die Pfoten ihrer Hinterbeine erreichten den Boden. Über einen Schaltkreis mit Highspeed-Kameras wurde registriert, wann die Pfoten der Mäuse unter eine bestimmte Höhe sanken; in diesem Fall erfolgte ein leichter elektrischer Reiz. Innerhalb weniger Minuten lernten die Tiere – bzw. deren Rückenmark – das Bein oben zu <em>halten</em>, um den Reiz zu vermeiden. Obwohl die Informationen über den Reiz das Gehirn nicht erreichten, konnte die Information gespeichert und später genutzt werden.<aside></aside></p> <p>Das Rückenmark zeigte damit ein simples, aber potentiell überlebenswichtiges Lernverhalten: Es verband Positionsinformationen des eigenen Körpers (Propriozeption) mit einem Umweltsignal. Damit war das Verhalten mehr als ein bloßer Reflex, dieser wäre nicht ‚erinnert‘ worden. Außerdem fand das Experiment immer mit Mäusepaaren statt: ein Exemplar war die Lernmaus, das andere die Kontrollmaus. Die Kontrollmaus bekam immer genau jene Stromreize, welche die Lernmaus auslöste und erhielt (wenn ihr Hinterbein unter die 3mm Schwelle sank), bei der Kontrollmaus selbst machte die Beinposition jedoch keinen Unterschied. Die Reize für die Lernmaus hatten also ein lernbares System, die Reize für die Kontrollmaus waren zufällig bzw. unabhängig von deren Körperposition.</p> <p>Ergebnis: die Lernmäuse erreichten das definierte Lernziel innerhalb von zehn Minuten (sie hielten ihre Beine oberhalb der Schwelle), während die Kontrollmäuse dieses Lernziel verfehlten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-30.png"><img alt="" decoding="async" height="690" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-30-1024x690.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-30-1024x690.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-30-300x202.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-30-768x517.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-30-1536x1035.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-30.png 1689w" width="1024"></img></a><figcaption>Abb. 1: Neurale Netzwerke des Rückenmarks koordinieren einen Kniesehnenreflex. Aus: Markl et al. 2019</figcaption></figure> <h3 id="h-zwei-lernphasen-zwei-zelltypen">Zwei Lernphasen, zwei Zelltypen</h3> <p>Mit genetischen und elektrophysiologischen Methoden identifizierten die Forschenden zwei klar getrennte Phasen des Lernprozesses. Während des Lernens sind dorsale (hinten im Mark gelegene), hemmende Neuronen entscheidend. Sie kontrollieren, welche sensorischen Informationen weitergeleitet werden – vermutlich durch präsynaptische Hemmung bestimmter Schmerz- und Lagefasern (Aδ/C-Afferenzen). So wird die Relevanz („Salienz“) der entscheidenden Signale verstärkt.</p> <p>Beim Erinnern und Ausführen der gelernten Bewegung übernehmen dann ventrale (vorne im Mark gelegene) hemmende Neuronen die Kontrolle, insbesondere sogenannte Renshaw-Zellen. Diese modulieren die Aktivität der Motoneurone, also der Zellen, die schlussendlich die Muskeln innervieren. Manipulierte man ihre Erregbarkeit, so ließ sich das Abrufen des gelernten Verhaltens gezielt verstärken oder abschwächen.</p> <h3 id="h-motorisches-lernen-ohne-gehirn">Motorisches Lernen ohne Gehirn</h3> <p>Das bemerkenswerte Fazit: Das Rückenmark verfügt über eine eigene neuroplastische Architektur zur Verhaltensadaption, wobei Lernen und Erinnerung voneinander getrennt sind – ähnlich wie bei höheren Gehirnstrukturen. Während dorsale Hemmzellen sensorische Information so filtern, dass Lernen möglich wird, fungieren ventrale Hemmzellen als Output für das gespeicherte Verhalten.</p> <h3 id="h-ausblick-neue-therapien-bei-ruckenmarksverletzungen">Ausblick: neue Therapien bei Rückenmarksverletzungen</h3> <p>Durch das Verständnis der neuronalen Player im Rückenmark eröffnen sich möglicherweise neue Wege in der Rehabilitation nach Rückenmarksverletzungen – etwa durch gezieltes Aktivieren der passenden neuronalen Subsysteme in den richtigen Lernphasen.</p> <p>In diese Richtung weist zum Beispiel eine aktuelle Studie, in der ein Organoid-Gerüst aus dem 3D-Drucker dabei half, Wirbelsäulenverletzungen von Ratten zu heilen (4). Das winzige Gerüst enthielt mikroskopisch kleine Kanäle, die neurale Vorläuferzellen leiten – Stammzellen, die sich nach Einnistung zu spezialisierten Nervenzellen entwickeln können. Diese Gerüste wurden Ratten mit vollständig durchtrennten Rückenmarken implantiert. Im Laufe der Zeit entwickelten sich die Stammzellen zu Neuronen und bildeten neue Nervenfasern in beide Richtungen aus, wodurch die unterbrochenen Nervenbahnen wieder verbunden werden konnten. Auch auf höchster Ebene fördert die EU bereits ein ähnliches Projekt (1). Patientinnen und Patienten dürfen also optimistisch sein, denn nach all den Tierversuchen dürften bald die ersten klinische Studien durchgeführt werden.</p> <p><strong>Mehr Wissenschaftskommunikation gibt’s auf <a href="https://www.instagram.com/davidmwurzer/">Instagram.</a></strong></p> <p>Quellen:</p> <p>(1) <a href="https://cordis.europa.eu/article/id/170308-new-hope-for-spinal-cord-injuries/de#:~:text=In%20Europa%20gibt%20es%20etwa%20330.000%20Menschen,chirurgischen%20Praxis%2C%20und%20derzeit%20existiert%20keine%20Therapie.">Neue Hoffnung bei Rückenmarksverletzungen  | NeuroGraft Project | Ergebnisse in Kürze | FP7 | CORDIS | Europäische Kommission</a></p> <p>(2) Holland, L. Z. (2015). The origin and evolution of chordate nervous systems. <em>Philosophical Transactions of the Royal Society B: Biological Sciences</em>, <em>370</em>(1684), 20150048.</p> <p>(3) Lavaud, S., Bichara, C., D’Andola, M., Yeh, S. H., &amp; Takeoka, A. (2024). Two inhibitory neuronal classes govern acquisition and recall of spinal sensorimotor adaptation. <em>Science</em>, <em>384</em>(6692), 194-201.</p> <p>(4) Han, G., Lavoie, N. S., Patil, N., Korenfeld, O. G., Kim, H., Esguerra, M., … &amp; Parr, A. M. (2025). 3D‐Printed Scaffolds Promote Enhanced Spinal Organoid Formation for Use in Spinal Cord Injury. <em>Advanced Healthcare Materials</em>, <em>14</em>(24), e04817.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/lernen-ohne-gehirn-das-gedaechtnis-unserer-wirbelsaeule/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeo Podcast: Von Marskanälen zum Wolkenatlas – dünne Luft auf dem Mars https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-von-marskanaelen-zum-wolkenatlas-duenne-luft-auf-dem-mars/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-von-marskanaelen-zum-wolkenatlas-duenne-luft-auf-dem-mars/#comments Sun, 09 Nov 2025 05:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1782 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-4-768x768.jpg Düstere Landschaft: Ein Bergrücken, der dunkel, aber leicht rötlich erscheint, darüber ein grauer Himmel mit diffusen Wolkenformationen. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-von-marskanaelen-zum-wolkenatlas-duenne-luft-auf-dem-mars/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel_sl-1-scaled.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Von Marskanälen zum Wolkenatlas - dünne Luft auf dem Mars » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag126-wolkenatlas.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Am 15. Juli 1965 kommt es in den Räumen des Jet Propulsion Laboratory der NASA in Kalifornien zu einem Showdown: Drei Männer betrachten eine der ersten Aufnahmen der Marsoberfläche, welche die Raumsonde Mariner 4 nur wenige Stunde zuvor beim Vorbeiflieg aus der Nähe gemacht hatte. Ein Foto vom Mars – eigentlich ein großartiger Erfolg für die Wissenschaft! Und doch war jene Aufnahme eine riesige Enttäuschung – denn ein Bild sagt mehr als tausend Worte, und jenes Bild der Marsoberfläche sagte den NASA-Vertretern: Der Mars ist ganz anders als gedacht – und vor allem ist er kalt und tot. Das Bild zeigte, dass es wohl kein weit verbreitetes Leben auf dem Mars gibt, was vor allem mit seiner Atmosphäre zusammenhängt.</p> <p>In dieser Folge erzählt Karl eine kleine Geschichte der Mars-Atmosphäre. Die Astronomen der Antike sahen beim Mars zunächst nicht mehr als einen rötlichen Wandelstern, der in Schleifen übers Firmament läuft. Und während auch die ersten Astronomen der Neuzeit nur wenige Details des Planeten in Erfahrung bringen konnten, so waren sie doch überzeugt: Der Mars ist eine belebte Welt, die der Erde ähneln sollte.<aside></aside></p> <p>Doch bis ins 20. Jahrhundert hinein wussten Forscherinnen und Forscher lediglich: Die Tage auf dem Mars sind vergleichbar lang wie auf der Erde (24 Stunden und 37 Minuten), der Planet besitzt vermutlich Polkappen und Jahreszeiten. Der italienische Astronom Giovanni Schiaparelli hatte im 19. Jahrhunderte lange Linien beschrieben, die er <em>canali</em> nannte und die folgende Generationen über die Möglichkeit einer marsianischen Zivilisation spekulieren ließen. Doch die Voraussetzung für solches Leben auf dem Mars wäre, dass diese Außerirdischen Luft zum atmen hätten. Die Aufnahmen der NASA-Sonde Mariner 4 aus dem Jahr 1965 bereitete all diesen Mutmaßungen ein abruptes Ende: Auf ihnen erschien der Rote Planet als tote, kalte und tiefgefrorene Welt mit einer extrem dünnen Atmosphäre.</p> <p>Dass in der kaum vorhandenen Marsluft dennoch etwas passiert, wurde zwar früh erkannt, war aber nie genauer untersucht worden. Marsianische Wolken bestehen aus Eiskristallen und waren eher ein Störfaktor für Kameras, die eigentlich Krater, Canyons oder Flusstäler der festen Oberfläche fotografieren sollten. Erst 2018 gibt ein spanischer Doktorand Anlass, die Marswolken genauer zu untersuchen. Jorge Hérnandez-Bernal findet am Riesenvulkan Arsia Mons eine extrem lange Wolke, die über die letzten Jahrzehnte immer zu einer bestimmten Jahreszeit wiederkehrt.</p> <p>Diese Entdeckung von Hérnandez-Bernal motiviert schließlich ein Team um Daniela Tirsch vom Institut für Weltraumforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt genauer nachzusehen. Die europäische Raumsonde Mars Express hatte seit 2003 tausende Bilder gemacht. Und damit gelingt etwas, was sich die NASA-Mitarbeitenden aus dem Jahr 1965 kaum hätten vorstellen können: der allererste Wolkenatlas einer außerirdischen Welt.</p> <h3 id="h-mehr-bei-astrogeo">Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 44: <a href="https://astrogeo.de/die-raetselhafte-marswolke/">Die rätselhafte Marswolke</a></li> <li>Folge 70: <a href="https://astrogeo.de/mars-musik-eine-klangliche-expedition/">Mars-Musik: Eine klangliche Expedition</a></li> <li>Folge 74: <a href="https://astrogeo.de/leuchtende-nachtwolken-aesthetische-boten-der-klimakrise/">Leuchtende Nachtwolken: ästhetische Boten der Klimakrise</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mariner#Mariner_4">Mariner 4</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_B._Leighton">Bob Leighton</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Galileo_Galilei">Galileo Galilei</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Christiaan_Huygens">Christiaan Huygens</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Herschel">William Herschel</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Caroline_Herschel">Caroline Herschel</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Atmosph%C3%A4re_des_Mars">Atmosphäre des Mars</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Marskan%C3%A4le">Marskanäle</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Giovanni_Schiaparelli">Giovanni Schiaparelli</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Krieg_der_Welten">Krieg der Welten</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Zond_2">Zond-2</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Marsianer">Der Marsianer</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Arsia_Mons">Arsia Mons</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mars_Express">Mars Express</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schwerewelle">Schwerewellen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Staubsturm_(Mars)">Staubsturm (Mars)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Opportunity">Opportunity</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Valles_Marineris">Valles Marineris</a></li> <li>DLF: <a href="https://www.deutschlandfunk.de/neues-vom-mars-rot-und-tot-100.html">Rot und tot</a> (Feature von Karl)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://ui.adsabs.harvard.edu/abs/1947ApJ...106..251K/abstract">Andre Kuiper: Infrared Spectra of Planets, Astrophysical Journal (1947)</a></li> <li>Buch: Sarah Stewart Johnson: The Sirens of Mars, Penguin (2020) [<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/The_Sirens_of_Mars">WP</a>] [<a href="https://www.penguinrandomhouse.com/books/529592/the-sirens-of-mars-by-sarah-stewart-johnson/">Penguin</a>] [<a href="https://www.goodreads.com/book/show/50751225-the-sirens-of-mars">Goodreads</a>]</li> <li>DLR: <a href="https://hrscteam.dlr.de/public/data.php">HRSC Cloud Atlas</a></li> <li>Konferenzbeitrag: Tirsch et al.: <a href="https://www.europlanet.org/cloud-atlas-of-mars-showcases-array-of-atmospheric-phenomena/">Cloud Atlas of Mars Showcases Array of Atmospheric Phenomena</a>, Europlanet (2024)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: NASA/JPL-Caltech/MSSS/Simeon Schmauß</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel_sl-1-scaled.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Von Marskanälen zum Wolkenatlas - dünne Luft auf dem Mars » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag126-wolkenatlas.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Am 15. Juli 1965 kommt es in den Räumen des Jet Propulsion Laboratory der NASA in Kalifornien zu einem Showdown: Drei Männer betrachten eine der ersten Aufnahmen der Marsoberfläche, welche die Raumsonde Mariner 4 nur wenige Stunde zuvor beim Vorbeiflieg aus der Nähe gemacht hatte. Ein Foto vom Mars – eigentlich ein großartiger Erfolg für die Wissenschaft! Und doch war jene Aufnahme eine riesige Enttäuschung – denn ein Bild sagt mehr als tausend Worte, und jenes Bild der Marsoberfläche sagte den NASA-Vertretern: Der Mars ist ganz anders als gedacht – und vor allem ist er kalt und tot. Das Bild zeigte, dass es wohl kein weit verbreitetes Leben auf dem Mars gibt, was vor allem mit seiner Atmosphäre zusammenhängt.</p> <p>In dieser Folge erzählt Karl eine kleine Geschichte der Mars-Atmosphäre. Die Astronomen der Antike sahen beim Mars zunächst nicht mehr als einen rötlichen Wandelstern, der in Schleifen übers Firmament läuft. Und während auch die ersten Astronomen der Neuzeit nur wenige Details des Planeten in Erfahrung bringen konnten, so waren sie doch überzeugt: Der Mars ist eine belebte Welt, die der Erde ähneln sollte.<aside></aside></p> <p>Doch bis ins 20. Jahrhundert hinein wussten Forscherinnen und Forscher lediglich: Die Tage auf dem Mars sind vergleichbar lang wie auf der Erde (24 Stunden und 37 Minuten), der Planet besitzt vermutlich Polkappen und Jahreszeiten. Der italienische Astronom Giovanni Schiaparelli hatte im 19. Jahrhunderte lange Linien beschrieben, die er <em>canali</em> nannte und die folgende Generationen über die Möglichkeit einer marsianischen Zivilisation spekulieren ließen. Doch die Voraussetzung für solches Leben auf dem Mars wäre, dass diese Außerirdischen Luft zum atmen hätten. Die Aufnahmen der NASA-Sonde Mariner 4 aus dem Jahr 1965 bereitete all diesen Mutmaßungen ein abruptes Ende: Auf ihnen erschien der Rote Planet als tote, kalte und tiefgefrorene Welt mit einer extrem dünnen Atmosphäre.</p> <p>Dass in der kaum vorhandenen Marsluft dennoch etwas passiert, wurde zwar früh erkannt, war aber nie genauer untersucht worden. Marsianische Wolken bestehen aus Eiskristallen und waren eher ein Störfaktor für Kameras, die eigentlich Krater, Canyons oder Flusstäler der festen Oberfläche fotografieren sollten. Erst 2018 gibt ein spanischer Doktorand Anlass, die Marswolken genauer zu untersuchen. Jorge Hérnandez-Bernal findet am Riesenvulkan Arsia Mons eine extrem lange Wolke, die über die letzten Jahrzehnte immer zu einer bestimmten Jahreszeit wiederkehrt.</p> <p>Diese Entdeckung von Hérnandez-Bernal motiviert schließlich ein Team um Daniela Tirsch vom Institut für Weltraumforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt genauer nachzusehen. Die europäische Raumsonde Mars Express hatte seit 2003 tausende Bilder gemacht. Und damit gelingt etwas, was sich die NASA-Mitarbeitenden aus dem Jahr 1965 kaum hätten vorstellen können: der allererste Wolkenatlas einer außerirdischen Welt.</p> <h3 id="h-mehr-bei-astrogeo">Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 44: <a href="https://astrogeo.de/die-raetselhafte-marswolke/">Die rätselhafte Marswolke</a></li> <li>Folge 70: <a href="https://astrogeo.de/mars-musik-eine-klangliche-expedition/">Mars-Musik: Eine klangliche Expedition</a></li> <li>Folge 74: <a href="https://astrogeo.de/leuchtende-nachtwolken-aesthetische-boten-der-klimakrise/">Leuchtende Nachtwolken: ästhetische Boten der Klimakrise</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mariner#Mariner_4">Mariner 4</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_B._Leighton">Bob Leighton</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Galileo_Galilei">Galileo Galilei</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Christiaan_Huygens">Christiaan Huygens</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Herschel">William Herschel</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Caroline_Herschel">Caroline Herschel</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Atmosph%C3%A4re_des_Mars">Atmosphäre des Mars</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Marskan%C3%A4le">Marskanäle</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Giovanni_Schiaparelli">Giovanni Schiaparelli</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Krieg_der_Welten">Krieg der Welten</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Zond_2">Zond-2</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Marsianer">Der Marsianer</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Arsia_Mons">Arsia Mons</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mars_Express">Mars Express</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schwerewelle">Schwerewellen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Staubsturm_(Mars)">Staubsturm (Mars)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Opportunity">Opportunity</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Valles_Marineris">Valles Marineris</a></li> <li>DLF: <a href="https://www.deutschlandfunk.de/neues-vom-mars-rot-und-tot-100.html">Rot und tot</a> (Feature von Karl)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://ui.adsabs.harvard.edu/abs/1947ApJ...106..251K/abstract">Andre Kuiper: Infrared Spectra of Planets, Astrophysical Journal (1947)</a></li> <li>Buch: Sarah Stewart Johnson: The Sirens of Mars, Penguin (2020) [<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/The_Sirens_of_Mars">WP</a>] [<a href="https://www.penguinrandomhouse.com/books/529592/the-sirens-of-mars-by-sarah-stewart-johnson/">Penguin</a>] [<a href="https://www.goodreads.com/book/show/50751225-the-sirens-of-mars">Goodreads</a>]</li> <li>DLR: <a href="https://hrscteam.dlr.de/public/data.php">HRSC Cloud Atlas</a></li> <li>Konferenzbeitrag: Tirsch et al.: <a href="https://www.europlanet.org/cloud-atlas-of-mars-showcases-array-of-atmospheric-phenomena/">Cloud Atlas of Mars Showcases Array of Atmospheric Phenomena</a>, Europlanet (2024)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: NASA/JPL-Caltech/MSSS/Simeon Schmauß</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-von-marskanaelen-zum-wolkenatlas-duenne-luft-auf-dem-mars/#comments 2 Schatzsuche im Mutterleib – Wie funktioniert das Gehirn vor der Geburt? https://scilogs.spektrum.de/klartext/schatzsuche-im-mutterleib-wie-funktioniert-das-gehirn-vor-der-geburt/ https://scilogs.spektrum.de/klartext/schatzsuche-im-mutterleib-wie-funktioniert-das-gehirn-vor-der-geburt/#respond Fri, 07 Nov 2025 09:47:14 +0000 klartext https://scilogs.spektrum.de/klartext/?p=1189 <h1>Schatzsuche im Mutterleib - Wie funktioniert das Gehirn vor der Geburt? » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den </strong><a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><strong>KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</strong></a><strong> 2023 in der Kategorie Neurowissenschaften veranschaulichte Katrin Sippel, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Wer erforschen will, wie sich die Gehirnaktivität im Mutterleib entwickelt und was ein Baby dort schon alles lernt, der braucht zweifelsohne ein bisschen Glück, gute Signalverarbeitungsalgorithmen und zuallererst ein tolles wissenschaftliches Verfahren. In unserem Fall ist das die fetale Magnetenzephalographie (fMEG), ein harmloses, nicht-invasives Verfahren mit dem die Herz- und Gehirnaktivität von Babys in der zweiten Schwangerschaftshälfte gleichzeitig mit der Herzaktivität der Mutter aufgezeichnet werden kann.</em></p> <p>Ich kann mich noch genau daran erinnern, als mein Sohn mir wenige Stunden nach seiner Geburt das erste Mal so richtig tief in die Augen geschaut hat. Ein Blick, in dem schon so viel Weisheit lag. In diesem Moment habe ich mit nichts sehnlicher gewünscht, als zu wissen, was in diesem kleinen Kopf so vor sich geht und was sich in den vergangenen 9 Monaten dort alles schon entwickelt hat. Betrachtet man das Gehirn eines neugeborenen Babys im wissenschaftlichen Sinn, so sind quasi alle Nervenzellen angelegt und miteinander vernetzt. Im Laufe des Lebens werden diese Nervenzellen wachsen und ihre Signalweiterleitung wird schneller werden. Einige Verbindungen zwischen den Nervenzellen werden sich im Laufe des Lebens verfestigen und ausbilden, wenn neue Sachen gelernt oder Zusammenhänge erkannt werden. Andere Verbindungen werden abgebaut, wenn sie nicht benötigt werden. Insgesamt werden aber keine neuen Nervenzellen hinzukommen. Bereits im Mutterleib sind wichtige Verbindungen im Gehirn entstanden. Wie sonst könnte ein Baby schon direkt nach der Geburt die Stimme seiner Mutter von anderen Frauenstimmen unterscheiden oder ein Schlaflied wieder erkennen, das ihm schon während der Schwangerschaft vorgesungen wurde?</p> <p>Zu untersuchen, ob und wann ein Fetus bestimmte Dinge lernt, ist nicht ganz einfach und ein bisschen mit einer Schatzsuche vergleichbar. Bei Erwachsenen oder Kleinkindern kann man die elektrische oder magnetische Aktivität, die bei der Aktivierung von Nervenzellen im Gehirn entsteht, mittels Sensoren messen, die direkt auf oder über der Kopfhaut angebracht werden. So ähnlich funktioniert das auch bei der fetalen Magnetenzephalographie.</p> <p>Fetus ist der Fachbegriff für ein ungeborenes Kind im Mutterleib ab der 9. Schwangerschaftswoche. Die Magnetenzephalographie ist eine Untersuchungsmethode, mit der Magnetfelder gemessen werden, die durch die elektrische Hirnaktivität erzeugt werden. Im Gegensatz zur elektrischen Aktivität können die Magnetfelder das umliegende Gewebe, in diesem Fall das Fruchtwasser und den Bauch der Mutter, problemlos passieren und so auch von ausserhalb gemessen werden. Das fMEG Gerät besteht aus ca. 150 magnetischen Sensoren, die in einer muschelförmigen Schale rund um den Bauch der Schwangeren Frau angeordnet sind und diese Aktivität messen. Diese funktionieren ähnlich wie ein Kompass, sind also völlig ungefährlich für Mutter und Kind. Um die empfindlichen Sensoren von äusseren magnetischen Einflüssen abzuschirmen, befindet sich das fMEG Gerät dazu in einem magnetisch abgeschirmten Raum, dessen Wände mit dicken Schichten aus Metall überzogen sind. Jedoch erzeugt nicht nur die Hirnaktivität magnetische Felder, sondern auch jede Form von Muskelaktivität. Deshalb ist es wichtig, dass die Schwangere während der Messung möglichst entspannt auf dem Gerät Platz nimmt und auch der Fetus möglichst ruhig bleibt. Eine Art von Muskelaktivität, die in den Messungen immer mit erfasst wird, ist die Herzaktivität – sowohl die der Mutter als auch die des Kindes. Die Herzrate und Herzratenvariabilität gewähren Einblick in die Funktion des Autonomen Nervensystems und des aktuellen Stresslevels. Andererseits überlagern die starken Magnetfelder der Herzaktivitäten aber auch das fetale Hirnsignal. Das Signal des Magnetfelds, welches so ein fetales Gehirn erzeugt, ist ungefähr so schwach wie die magnetische Aktivität eines Autos in 2 km Entfernung. Das fetale Herzsignal ist im Vergleich dazu um ein 10- bis 100- faches, das des mütterlichen Herzens sogar bis zu 1000 fach stärker. Wenn man also aus den Messdaten ein fetales Hirnsignal herauslesen will, muss man die unterschiedlichen Magnetfelder nachträglich wieder voneinander trennen, um die fetale Hirnaktivität freizulegen. Es ist in etwa so wie Goldschürfen. Zuerst wird mit einem groben Sieb die mütterliche Herzaktivität entfernt, dann mit einem feineren Sieb die fetale Herzaktivität. Wenn Mutter und Baby sich während der Messung nicht zu heftig bewegt haben, findet man so mit etwas Glück ein deutlich sichtbares Bündel an fetaler Hirnaktivität – das Goldnugget nach dem wir suchen. Bisher wurde die Erkennung der Herzaktivität zu einem großen Teil von Hand durchgeführt und ihre Entfernung mithilfe mehrerer unterschiedlicher Methoden. Die Auswertung der Hirndaten war so häufig nur nach etlichen Wiederholungszyklen und dem Löschen einzelner störender Sensorsignale möglich. Dieser Prozess war sehr zeitaufwändig und setzte viel Erfahrung voraus. Er konnte daher nur von sehr wenigen Experten durchgeführt werden. Meine Mission war es deshalb, die Herzaktivität vollautomatisiert zu erkennen und zu entfernen und die Datenverarbeitung somit wesentlich schneller und effizienter zu gestalten. Dabei musste dieses Verfahren so flexibel sein, dass es sowohl gegen Ende der Schwangerschaft funktioniert als auch schon in der 20 Schwangerschaftswoche, wenn der Fetus noch viel kleiner und seine Herz- und Hirnaktivität somit auch noch viel schwächer ist.<aside></aside></p> <p>Das erste Signal, das entfernt werden muss, ist die Herzaktivität der Mutter. Dazu werden zuerst die Zeitpunkte aller mütterlichen Herzschläge markiert. Danach wird das Signal über genau diese Zeitpunkte gemittelt, wodurch eine Art Schablone für das Signal des gesamten Herzschlag erstellt wird. Wendet man diese Schablone dann auf das gesamte Signal an, erhält man eine recht gute Schätzung der mütterlichen Herzaktivität über die komplette Zeit der Messung. Diese geschätzte Aktivität wird dann vom ursprünglichen Signal subtrahiert, zusammen mit anderen Signalbestandteilen, die eine hohe Korrelation mit der entfernten Herzaktivität aufweisen. Beim Goldschürfen filtern unterschiedlich feine Siebe ungewünschte Stoffe heraus, damit man am Ende das Gold übrig behält. Nichts anderes macht dieser Algorithmus.</p> <p>Nachdem die mütterliche Herzaktivität erfolgreich von den restlichen Daten getrennt worden ist, wird dasselbe mit der Aktivität des fetalen Herzens gemacht. Da der fetale Herzschlag schneller und weniger stark ist, werden dazu einige Parameter im Algorithmus etwas feinmaschiger eingestellt. Mit etwas Glück bleibt nun noch etwas magnetische Aktivität übrig, die ein deutlich sichtbares Bündel auf 5-10 benachbarten Sensoren bildet. Das ist dann die fetale Hirnaktivität, unser kleines Goldnugget. Hat man diesen Schatz gefunden, eröffnet sich eine faszinierende Welt. Die spontane Hirnaktivität eines Fetus gibt Aufschluss über die fetalen Schlaf-/Wachzustände und darüber, wie sich das Gehirn immer besser vernetzt und komplexere Vorgänge zulässt. Man kann dem Baby über den Bauch der Mutter auch Töne vorspielen und analysieren wie es darauf reagiert. Dadurch wissen wir inzwischen, wie lange das fetale Gehirn braucht, um einzelne Töne zu verarbeiten und wie der Blutzuckerspiegel der Mutter dies beeinflussen kann. Wir wissen, ab wann der Fetus einfache oder komplexere Muster in Tonabfolgen lernen kann und sogar ein grundlegendes Mengenverständnis hat. Dank der neuen automatisierten Verarbeitungsmethoden konnten wir sogar untersuchen, wann der Fetus beginnt, die Stimme seiner Mutter von anderen Frauenstimmen zu unterscheiden. Da die fetale Magnetenzephalographie die einzige Methode ist, mit der man die Hirnaktivität von Kindern bereits im Mutterleib messen kann, und es weltweit nur wenige Arbeitsgruppen gibt, die sich mit dieser Thematik beschäftigen, befinden wir uns in diesem Bereich noch in der Grundlagenforschung. Dies bedeutet aber auch, dass es noch viele spannende Fragestellungen gibt, die wir mit dieser Methode untersuchen können. Dank der neuen automatisierten Signalverarbeitungsmethoden kommen wir mit der Beantwortung dieser Fragen in Zukunft dann hoffentlich auch noch viel schneller voran. Und wenn mein Enkel mir eines Tages in die Augen schaut, dann kann ich mir vielleicht schon denken: „Ja mein Schatz, ich weiss!“.</p> <hr></hr> <p>Katrin Sippel hat an der Eberhardt-Karls-Universität Tübingen Bioinformatik studiert. Während des Masterstudiums spezialisierte sie sich auf den Bereich der Neurowissenschaften. Ihre Doktorarbeit schrieb sie im Rahmen der Inneren Medizin IV am Universitätsklinikum Tübingen und dem Institut für Diabetesforschung und metabolische Erkrankungen des Helmholtz Zentrum München an der Universität Tübingen. Dabei lag der Fokus auf der Entwicklung sensibler, vollautomatisierter Vorverarbeitungsmethoden für das Verfahren der fetalen Magnetenzephalographie sowie einer Studie zur fetalen Wahrnehmung der Mutterstimme. Auch nach der Promotion ließ sie die Faszination für dieses Themengebiet nicht los, daher ist sie in diesem Bereich weiterhin als PostDoc tätig.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Schatzsuche im Mutterleib - Wie funktioniert das Gehirn vor der Geburt? » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den </strong><a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><strong>KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</strong></a><strong> 2023 in der Kategorie Neurowissenschaften veranschaulichte Katrin Sippel, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Wer erforschen will, wie sich die Gehirnaktivität im Mutterleib entwickelt und was ein Baby dort schon alles lernt, der braucht zweifelsohne ein bisschen Glück, gute Signalverarbeitungsalgorithmen und zuallererst ein tolles wissenschaftliches Verfahren. In unserem Fall ist das die fetale Magnetenzephalographie (fMEG), ein harmloses, nicht-invasives Verfahren mit dem die Herz- und Gehirnaktivität von Babys in der zweiten Schwangerschaftshälfte gleichzeitig mit der Herzaktivität der Mutter aufgezeichnet werden kann.</em></p> <p>Ich kann mich noch genau daran erinnern, als mein Sohn mir wenige Stunden nach seiner Geburt das erste Mal so richtig tief in die Augen geschaut hat. Ein Blick, in dem schon so viel Weisheit lag. In diesem Moment habe ich mit nichts sehnlicher gewünscht, als zu wissen, was in diesem kleinen Kopf so vor sich geht und was sich in den vergangenen 9 Monaten dort alles schon entwickelt hat. Betrachtet man das Gehirn eines neugeborenen Babys im wissenschaftlichen Sinn, so sind quasi alle Nervenzellen angelegt und miteinander vernetzt. Im Laufe des Lebens werden diese Nervenzellen wachsen und ihre Signalweiterleitung wird schneller werden. Einige Verbindungen zwischen den Nervenzellen werden sich im Laufe des Lebens verfestigen und ausbilden, wenn neue Sachen gelernt oder Zusammenhänge erkannt werden. Andere Verbindungen werden abgebaut, wenn sie nicht benötigt werden. Insgesamt werden aber keine neuen Nervenzellen hinzukommen. Bereits im Mutterleib sind wichtige Verbindungen im Gehirn entstanden. Wie sonst könnte ein Baby schon direkt nach der Geburt die Stimme seiner Mutter von anderen Frauenstimmen unterscheiden oder ein Schlaflied wieder erkennen, das ihm schon während der Schwangerschaft vorgesungen wurde?</p> <p>Zu untersuchen, ob und wann ein Fetus bestimmte Dinge lernt, ist nicht ganz einfach und ein bisschen mit einer Schatzsuche vergleichbar. Bei Erwachsenen oder Kleinkindern kann man die elektrische oder magnetische Aktivität, die bei der Aktivierung von Nervenzellen im Gehirn entsteht, mittels Sensoren messen, die direkt auf oder über der Kopfhaut angebracht werden. So ähnlich funktioniert das auch bei der fetalen Magnetenzephalographie.</p> <p>Fetus ist der Fachbegriff für ein ungeborenes Kind im Mutterleib ab der 9. Schwangerschaftswoche. Die Magnetenzephalographie ist eine Untersuchungsmethode, mit der Magnetfelder gemessen werden, die durch die elektrische Hirnaktivität erzeugt werden. Im Gegensatz zur elektrischen Aktivität können die Magnetfelder das umliegende Gewebe, in diesem Fall das Fruchtwasser und den Bauch der Mutter, problemlos passieren und so auch von ausserhalb gemessen werden. Das fMEG Gerät besteht aus ca. 150 magnetischen Sensoren, die in einer muschelförmigen Schale rund um den Bauch der Schwangeren Frau angeordnet sind und diese Aktivität messen. Diese funktionieren ähnlich wie ein Kompass, sind also völlig ungefährlich für Mutter und Kind. Um die empfindlichen Sensoren von äusseren magnetischen Einflüssen abzuschirmen, befindet sich das fMEG Gerät dazu in einem magnetisch abgeschirmten Raum, dessen Wände mit dicken Schichten aus Metall überzogen sind. Jedoch erzeugt nicht nur die Hirnaktivität magnetische Felder, sondern auch jede Form von Muskelaktivität. Deshalb ist es wichtig, dass die Schwangere während der Messung möglichst entspannt auf dem Gerät Platz nimmt und auch der Fetus möglichst ruhig bleibt. Eine Art von Muskelaktivität, die in den Messungen immer mit erfasst wird, ist die Herzaktivität – sowohl die der Mutter als auch die des Kindes. Die Herzrate und Herzratenvariabilität gewähren Einblick in die Funktion des Autonomen Nervensystems und des aktuellen Stresslevels. Andererseits überlagern die starken Magnetfelder der Herzaktivitäten aber auch das fetale Hirnsignal. Das Signal des Magnetfelds, welches so ein fetales Gehirn erzeugt, ist ungefähr so schwach wie die magnetische Aktivität eines Autos in 2 km Entfernung. Das fetale Herzsignal ist im Vergleich dazu um ein 10- bis 100- faches, das des mütterlichen Herzens sogar bis zu 1000 fach stärker. Wenn man also aus den Messdaten ein fetales Hirnsignal herauslesen will, muss man die unterschiedlichen Magnetfelder nachträglich wieder voneinander trennen, um die fetale Hirnaktivität freizulegen. Es ist in etwa so wie Goldschürfen. Zuerst wird mit einem groben Sieb die mütterliche Herzaktivität entfernt, dann mit einem feineren Sieb die fetale Herzaktivität. Wenn Mutter und Baby sich während der Messung nicht zu heftig bewegt haben, findet man so mit etwas Glück ein deutlich sichtbares Bündel an fetaler Hirnaktivität – das Goldnugget nach dem wir suchen. Bisher wurde die Erkennung der Herzaktivität zu einem großen Teil von Hand durchgeführt und ihre Entfernung mithilfe mehrerer unterschiedlicher Methoden. Die Auswertung der Hirndaten war so häufig nur nach etlichen Wiederholungszyklen und dem Löschen einzelner störender Sensorsignale möglich. Dieser Prozess war sehr zeitaufwändig und setzte viel Erfahrung voraus. Er konnte daher nur von sehr wenigen Experten durchgeführt werden. Meine Mission war es deshalb, die Herzaktivität vollautomatisiert zu erkennen und zu entfernen und die Datenverarbeitung somit wesentlich schneller und effizienter zu gestalten. Dabei musste dieses Verfahren so flexibel sein, dass es sowohl gegen Ende der Schwangerschaft funktioniert als auch schon in der 20 Schwangerschaftswoche, wenn der Fetus noch viel kleiner und seine Herz- und Hirnaktivität somit auch noch viel schwächer ist.<aside></aside></p> <p>Das erste Signal, das entfernt werden muss, ist die Herzaktivität der Mutter. Dazu werden zuerst die Zeitpunkte aller mütterlichen Herzschläge markiert. Danach wird das Signal über genau diese Zeitpunkte gemittelt, wodurch eine Art Schablone für das Signal des gesamten Herzschlag erstellt wird. Wendet man diese Schablone dann auf das gesamte Signal an, erhält man eine recht gute Schätzung der mütterlichen Herzaktivität über die komplette Zeit der Messung. Diese geschätzte Aktivität wird dann vom ursprünglichen Signal subtrahiert, zusammen mit anderen Signalbestandteilen, die eine hohe Korrelation mit der entfernten Herzaktivität aufweisen. Beim Goldschürfen filtern unterschiedlich feine Siebe ungewünschte Stoffe heraus, damit man am Ende das Gold übrig behält. Nichts anderes macht dieser Algorithmus.</p> <p>Nachdem die mütterliche Herzaktivität erfolgreich von den restlichen Daten getrennt worden ist, wird dasselbe mit der Aktivität des fetalen Herzens gemacht. Da der fetale Herzschlag schneller und weniger stark ist, werden dazu einige Parameter im Algorithmus etwas feinmaschiger eingestellt. Mit etwas Glück bleibt nun noch etwas magnetische Aktivität übrig, die ein deutlich sichtbares Bündel auf 5-10 benachbarten Sensoren bildet. Das ist dann die fetale Hirnaktivität, unser kleines Goldnugget. Hat man diesen Schatz gefunden, eröffnet sich eine faszinierende Welt. Die spontane Hirnaktivität eines Fetus gibt Aufschluss über die fetalen Schlaf-/Wachzustände und darüber, wie sich das Gehirn immer besser vernetzt und komplexere Vorgänge zulässt. Man kann dem Baby über den Bauch der Mutter auch Töne vorspielen und analysieren wie es darauf reagiert. Dadurch wissen wir inzwischen, wie lange das fetale Gehirn braucht, um einzelne Töne zu verarbeiten und wie der Blutzuckerspiegel der Mutter dies beeinflussen kann. Wir wissen, ab wann der Fetus einfache oder komplexere Muster in Tonabfolgen lernen kann und sogar ein grundlegendes Mengenverständnis hat. Dank der neuen automatisierten Verarbeitungsmethoden konnten wir sogar untersuchen, wann der Fetus beginnt, die Stimme seiner Mutter von anderen Frauenstimmen zu unterscheiden. Da die fetale Magnetenzephalographie die einzige Methode ist, mit der man die Hirnaktivität von Kindern bereits im Mutterleib messen kann, und es weltweit nur wenige Arbeitsgruppen gibt, die sich mit dieser Thematik beschäftigen, befinden wir uns in diesem Bereich noch in der Grundlagenforschung. Dies bedeutet aber auch, dass es noch viele spannende Fragestellungen gibt, die wir mit dieser Methode untersuchen können. Dank der neuen automatisierten Signalverarbeitungsmethoden kommen wir mit der Beantwortung dieser Fragen in Zukunft dann hoffentlich auch noch viel schneller voran. Und wenn mein Enkel mir eines Tages in die Augen schaut, dann kann ich mir vielleicht schon denken: „Ja mein Schatz, ich weiss!“.</p> <hr></hr> <p>Katrin Sippel hat an der Eberhardt-Karls-Universität Tübingen Bioinformatik studiert. Während des Masterstudiums spezialisierte sie sich auf den Bereich der Neurowissenschaften. Ihre Doktorarbeit schrieb sie im Rahmen der Inneren Medizin IV am Universitätsklinikum Tübingen und dem Institut für Diabetesforschung und metabolische Erkrankungen des Helmholtz Zentrum München an der Universität Tübingen. Dabei lag der Fokus auf der Entwicklung sensibler, vollautomatisierter Vorverarbeitungsmethoden für das Verfahren der fetalen Magnetenzephalographie sowie einer Studie zur fetalen Wahrnehmung der Mutterstimme. Auch nach der Promotion ließ sie die Faszination für dieses Themengebiet nicht los, daher ist sie in diesem Bereich weiterhin als PostDoc tätig.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/klartext/schatzsuche-im-mutterleib-wie-funktioniert-das-gehirn-vor-der-geburt/#respond 0 Is AI Becoming a Scientific Collaborator, More Than a Tool? https://scilogs.spektrum.de/hlf/is-ai-becoming-a-scientific-collaborator-more-than-a-tool/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/is-ai-becoming-a-scientific-collaborator-more-than-a-tool/#comments Wed, 05 Nov 2025 13:00:00 +0000 Andrei Mihai https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=13902 <h1>Is AI Becoming a Scientific Collaborator, More Than a Tool? - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>At the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">12th Heidelberg Laureate Forum</a>, artificial intelligence (AI) was at the center of heated discussions. In the second part of the Hot Topic session on “The Machine-Learning Revolution in Mathematics and Science,” the panel explored various ways through which AI can impact research, as well as potential pitfalls and downsides. On stage sat a physicist who wrangles with petabytes of data, an AI pioneer who taught machines to outthink world champions, and applied researchers testing the limits of deep learning.</p> <p>The discussion was less about hype and more about reality: how AI is already changing the way we do science, and where it might lead us next.</p> <h3 id="h-a-thought-partner-and-an-analyst">A Thought Partner and an Analyst</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245774_3c19188744_o.jpg"><img alt="people on a panel with a screen in the background" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245774_3c19188744_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245774_3c19188744_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245774_3c19188744_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245774_3c19188744_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>The Hot Topic panel discussion (Part II) at the 12th Heidelberg Laureate Forum. © HLFF / Kreutzer</figcaption></figure></div> <p>When people talk about AI, the usual headlines are either overly optimistic or doom and gloom. Reading most newspapers, you could think AI will either remake our society for the better or lead to rogue algorithms and machines stealing our agency. But the panel members saw AI more as a collaborator than a replacement.</p> <p>Kyle Cranmer, a physicist at the University of Wisconsin, envisions “using AI as more like a thought partner or an agent for inspiration.” He sees AI less as a tool for discovering or proving theorems and more for providing ideas and laying the groundwork.</p> <p>Thea Klæboe Årrestad, a particle physicist at CERN, uses AI for the Large Hadron Collider. She echoed that sentiment, but added that machine learning can help physicists make sense of vast amounts of data. The LHC experiments face an immense data volume and severe physical limitations on data readout, necessitating the use of AI for filtering and processing.<aside></aside></p> <p>Due to power and hardware constraints (if too many readout chips are used, the detector can become obscured) the systems physically can’t read out all of the data. The AI’s function is to perform real-time data reduction, filtering the massive stream down to a small fraction of the total data volume so it can be stored and analyzed practically.</p> <p>“At CERN we generate 40,000 exabytes of data every year and we need to reduce that to 0.02%. For that, we use … real-time machine learning to filter that data”.</p> <p>The main challenge is, of course, figuring out which data to throw out and which data to keep. The existing algorithms can still be improved, but the implementation of deep learning has already resulted in a substantial increase in sensitivity.</p> <p>“We’re doing analyses we could never have dreamt of doing with the amount of data we have purely because of deep learning,” Årrestad added.</p> <h3>Beyond the Data Deluge: The Age of Experience</h3> <p>David Silver, principal research scientist at Google DeepMind and a professor at University College London, has led research on reinforcement learning with the <a href="https://www.newsroom.hlf-foundation.org/blog/article/how-an-algorithm-became-superhuman-at-go-but-not-starcraft-and-then-moved-on-to-modeling-proteins" rel="noreferrer noopener" target="_blank">“Alpha” systems</a> (like AlphaGo, AlphaZero and AlphaStar). He was awarded the 2019 ACM Prize in Computing for breakthrough advances in computer game-playing. Speaking on the panel, Silver says he foresees a new forthcoming age for AI, something he calls “The Age of Experience.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o.jpg"><img alt="people on a panel with a crowd in the foreground and a screen in the background" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-768x512.jpg 768w" title="caption" width="1024"></img></a><figcaption>The Hot Topic (Part II) at the 12th Heidelberg Laureate Forum. © HLFF / Kreutzer</figcaption></figure></div> <p>Until now, the tools that humanity has built have been, well, tools. They were used for some purpose or produced some output. In this new paradigm, AI can learn from experience to solve challenging problems, with the ultimate goal of developing profound, generally capable intelligences that are able to discover things <a href="https://www.newsroom.hlf-foundation.org/blog/article/beyond-chess-and-go-why-ai-mastering-games-could-be-good-news-for-everyone" rel="noreferrer noopener" target="_blank">that go beyond humans</a>. This idea relies on the machine’s ability to learn autonomously through interaction; the system must be allowed to try things, explore, learn, make mistakes, learn from those mistakes, and get better</p> <p>The classic example is that of AlphaZero, a DeepMind system that was not given any chess information. Instead, it was only left to play an enormous number of games with itself. Not only did it develop superhuman chess-playing ability, but it did so much more efficiently than when constrained by human strategies.</p> <p>This is not a distant future, but a shift that is already well underway, in real experiments where AI systems learn by doing, make small mistakes, and come back stronger – much like human scientists themselves. So AI is increasingly learning through experimentation and trial-and-error, much like humans. Silver mentioned that soon, this approach will likely become more common and increasingly used in research groups around the world.</p> <p>“We saw earlier the poll with the audience using a great range of these [AI tools]. Now imagine that you have a system which can interact through some unified environment like a terminal or a GUI that allows the agent to access any of these tools and sequence them in any way it wants in order to achieve some meaningful measurable goal.”</p> <p>Cranmer also spots another benefit in using AI in this manner: it fosters inter- and cross-disciplinary collaboration. Deep learning provides the capability to solve specific, concrete problems (like approximating intractable likelihood functions or efficiently performing large integrals) that are common to a huge number of scientific applications, which can help build bridges across different disciplines.</p> <p>“To me, that’s one of the things that I find really exciting about AI for science is that it’s leading to this cross-pollination of ideas that I’ve basically never really seen … the idea that you know a theoretical chemist and a person that does nuclear matter particle physics came up with simultaneously the same idea.</p> <p>“Now all of these people are talking to each other and even using the same software package to do it and like I’ve never seen that kind of interaction between very different domains.”</p> <h3>Paleolithic Emotions, Medieval Institutions, Godlike Technology</h3> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/I-Ye-rMhRws?feature=oembed&amp;rel=0" title="Hot Topic: The Machine-Learning Revolution – Part 2: Physical Sciences | September 16" width="666"></iframe> </p></figure> <p>The panelists emphasized that for AI to advance toward a true intelligence able to “discover things that go beyond humans,” it must be allowed the freedom to learn through interaction. Essentially, we should let the systems try things, explore, learn, make mistakes, learn from those mistakes, and get better. But what happens when the system gets it wrong?</p> <p>“We should also acknowledge that we don’t have all the answers yet. It had some great successes and some applications where it works really well but there are also lots of questions … There are some real deep questions that still need to be answered,” says Silver.</p> <p>The laureate stressed that this exploration should happen within strict boundaries, in places where the system can make small mistakes without severe consequences. He advocated that researchers should not be afraid to allow small mistakes to happen, as the system can then learn to generalize from those small errors to avoid making costlier, larger mistakes. But it’s essential that these mistakes take place in an environment where they are affordable.</p> <p>Even in a scientific, experimental setup, such mistakes can be costly. In the case of CERN, Årrestad mentions, one mistake could melt an essential pipe or cable. “You really don’t want to do that mistake,” she says.</p> <p>While the panel focused specifically on scientific discovery, this concern for the scientific world echoes larger-scale concerns from the real-world, where AI is increasingly used in various applications. Maia Fraser, Associate Professor at the University of Ottawa, says we can keep our optimism while also ensuring no severe mistakes cause problems.</p> <p>“I was just going to add that we can be excited about the possibilities while also being aware of the potential downsides. We can do both at the same time: be motivated by the excitement and extra careful in the way things are deployed.” She referenced a famous quote by renowned biologist Edward Wilson, who said that our biggest problem is that we have “paleolithic emotions, medieval institutions, and godlike technology.” But Fraser says we have all the tools required to act responsibly.</p> <p>“We have the capacity to navigate a course of action. We can get the benefits of the exciting stuff without falling into some sort of pit.”</p> <p>AI is one in a long lineage of tools. But unlike past instruments, it does not just serve a simplistic purpose. It joins our reasoning. It helps us think of new questions, sees patterns we cannot, and sometimes, reasons in ways we cannot understand. If the researchers on the panel are right, we are standing at the edge of a golden age. An era when discovery accelerates not because machines replace us, but because they stand beside us.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Is AI Becoming a Scientific Collaborator, More Than a Tool? - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>At the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">12th Heidelberg Laureate Forum</a>, artificial intelligence (AI) was at the center of heated discussions. In the second part of the Hot Topic session on “The Machine-Learning Revolution in Mathematics and Science,” the panel explored various ways through which AI can impact research, as well as potential pitfalls and downsides. On stage sat a physicist who wrangles with petabytes of data, an AI pioneer who taught machines to outthink world champions, and applied researchers testing the limits of deep learning.</p> <p>The discussion was less about hype and more about reality: how AI is already changing the way we do science, and where it might lead us next.</p> <h3 id="h-a-thought-partner-and-an-analyst">A Thought Partner and an Analyst</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245774_3c19188744_o.jpg"><img alt="people on a panel with a screen in the background" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245774_3c19188744_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245774_3c19188744_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245774_3c19188744_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245774_3c19188744_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>The Hot Topic panel discussion (Part II) at the 12th Heidelberg Laureate Forum. © HLFF / Kreutzer</figcaption></figure></div> <p>When people talk about AI, the usual headlines are either overly optimistic or doom and gloom. Reading most newspapers, you could think AI will either remake our society for the better or lead to rogue algorithms and machines stealing our agency. But the panel members saw AI more as a collaborator than a replacement.</p> <p>Kyle Cranmer, a physicist at the University of Wisconsin, envisions “using AI as more like a thought partner or an agent for inspiration.” He sees AI less as a tool for discovering or proving theorems and more for providing ideas and laying the groundwork.</p> <p>Thea Klæboe Årrestad, a particle physicist at CERN, uses AI for the Large Hadron Collider. She echoed that sentiment, but added that machine learning can help physicists make sense of vast amounts of data. The LHC experiments face an immense data volume and severe physical limitations on data readout, necessitating the use of AI for filtering and processing.<aside></aside></p> <p>Due to power and hardware constraints (if too many readout chips are used, the detector can become obscured) the systems physically can’t read out all of the data. The AI’s function is to perform real-time data reduction, filtering the massive stream down to a small fraction of the total data volume so it can be stored and analyzed practically.</p> <p>“At CERN we generate 40,000 exabytes of data every year and we need to reduce that to 0.02%. For that, we use … real-time machine learning to filter that data”.</p> <p>The main challenge is, of course, figuring out which data to throw out and which data to keep. The existing algorithms can still be improved, but the implementation of deep learning has already resulted in a substantial increase in sensitivity.</p> <p>“We’re doing analyses we could never have dreamt of doing with the amount of data we have purely because of deep learning,” Årrestad added.</p> <h3>Beyond the Data Deluge: The Age of Experience</h3> <p>David Silver, principal research scientist at Google DeepMind and a professor at University College London, has led research on reinforcement learning with the <a href="https://www.newsroom.hlf-foundation.org/blog/article/how-an-algorithm-became-superhuman-at-go-but-not-starcraft-and-then-moved-on-to-modeling-proteins" rel="noreferrer noopener" target="_blank">“Alpha” systems</a> (like AlphaGo, AlphaZero and AlphaStar). He was awarded the 2019 ACM Prize in Computing for breakthrough advances in computer game-playing. Speaking on the panel, Silver says he foresees a new forthcoming age for AI, something he calls “The Age of Experience.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o.jpg"><img alt="people on a panel with a crowd in the foreground and a screen in the background" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-768x512.jpg 768w" title="caption" width="1024"></img></a><figcaption>The Hot Topic (Part II) at the 12th Heidelberg Laureate Forum. © HLFF / Kreutzer</figcaption></figure></div> <p>Until now, the tools that humanity has built have been, well, tools. They were used for some purpose or produced some output. In this new paradigm, AI can learn from experience to solve challenging problems, with the ultimate goal of developing profound, generally capable intelligences that are able to discover things <a href="https://www.newsroom.hlf-foundation.org/blog/article/beyond-chess-and-go-why-ai-mastering-games-could-be-good-news-for-everyone" rel="noreferrer noopener" target="_blank">that go beyond humans</a>. This idea relies on the machine’s ability to learn autonomously through interaction; the system must be allowed to try things, explore, learn, make mistakes, learn from those mistakes, and get better</p> <p>The classic example is that of AlphaZero, a DeepMind system that was not given any chess information. Instead, it was only left to play an enormous number of games with itself. Not only did it develop superhuman chess-playing ability, but it did so much more efficiently than when constrained by human strategies.</p> <p>This is not a distant future, but a shift that is already well underway, in real experiments where AI systems learn by doing, make small mistakes, and come back stronger – much like human scientists themselves. So AI is increasingly learning through experimentation and trial-and-error, much like humans. Silver mentioned that soon, this approach will likely become more common and increasingly used in research groups around the world.</p> <p>“We saw earlier the poll with the audience using a great range of these [AI tools]. Now imagine that you have a system which can interact through some unified environment like a terminal or a GUI that allows the agent to access any of these tools and sequence them in any way it wants in order to achieve some meaningful measurable goal.”</p> <p>Cranmer also spots another benefit in using AI in this manner: it fosters inter- and cross-disciplinary collaboration. Deep learning provides the capability to solve specific, concrete problems (like approximating intractable likelihood functions or efficiently performing large integrals) that are common to a huge number of scientific applications, which can help build bridges across different disciplines.</p> <p>“To me, that’s one of the things that I find really exciting about AI for science is that it’s leading to this cross-pollination of ideas that I’ve basically never really seen … the idea that you know a theoretical chemist and a person that does nuclear matter particle physics came up with simultaneously the same idea.</p> <p>“Now all of these people are talking to each other and even using the same software package to do it and like I’ve never seen that kind of interaction between very different domains.”</p> <h3>Paleolithic Emotions, Medieval Institutions, Godlike Technology</h3> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/I-Ye-rMhRws?feature=oembed&amp;rel=0" title="Hot Topic: The Machine-Learning Revolution – Part 2: Physical Sciences | September 16" width="666"></iframe> </p></figure> <p>The panelists emphasized that for AI to advance toward a true intelligence able to “discover things that go beyond humans,” it must be allowed the freedom to learn through interaction. Essentially, we should let the systems try things, explore, learn, make mistakes, learn from those mistakes, and get better. But what happens when the system gets it wrong?</p> <p>“We should also acknowledge that we don’t have all the answers yet. It had some great successes and some applications where it works really well but there are also lots of questions … There are some real deep questions that still need to be answered,” says Silver.</p> <p>The laureate stressed that this exploration should happen within strict boundaries, in places where the system can make small mistakes without severe consequences. He advocated that researchers should not be afraid to allow small mistakes to happen, as the system can then learn to generalize from those small errors to avoid making costlier, larger mistakes. But it’s essential that these mistakes take place in an environment where they are affordable.</p> <p>Even in a scientific, experimental setup, such mistakes can be costly. In the case of CERN, Årrestad mentions, one mistake could melt an essential pipe or cable. “You really don’t want to do that mistake,” she says.</p> <p>While the panel focused specifically on scientific discovery, this concern for the scientific world echoes larger-scale concerns from the real-world, where AI is increasingly used in various applications. Maia Fraser, Associate Professor at the University of Ottawa, says we can keep our optimism while also ensuring no severe mistakes cause problems.</p> <p>“I was just going to add that we can be excited about the possibilities while also being aware of the potential downsides. We can do both at the same time: be motivated by the excitement and extra careful in the way things are deployed.” She referenced a famous quote by renowned biologist Edward Wilson, who said that our biggest problem is that we have “paleolithic emotions, medieval institutions, and godlike technology.” But Fraser says we have all the tools required to act responsibly.</p> <p>“We have the capacity to navigate a course of action. We can get the benefits of the exciting stuff without falling into some sort of pit.”</p> <p>AI is one in a long lineage of tools. But unlike past instruments, it does not just serve a simplistic purpose. It joins our reasoning. It helps us think of new questions, sees patterns we cannot, and sometimes, reasons in ways we cannot understand. If the researchers on the panel are right, we are standing at the edge of a golden age. An era when discovery accelerates not because machines replace us, but because they stand beside us.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/is-ai-becoming-a-scientific-collaborator-more-than-a-tool/#comments 6 Neuer Podcast: Was ist Psychologie? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neuer-podcast-was-ist-psychologie/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neuer-podcast-was-ist-psychologie/#comments Tue, 04 Nov 2025 13:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3464 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Verruecktland-Logo-1-SciLogs-768x627.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neuer-podcast-was-ist-psychologie/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Verruecktland-Logo-1-SciLogs.jpg" /><h1>Neuer Podcast: Was ist Psychologie? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Ist die Welt verrückt geworden? Dann schnell zum Psychologen! Stephan Schleim begleitet Sie durch “Verrücktland”</strong></p> <span id="more-3464"></span> <p>Immer mehr Studierende schreiben sich für das Fach Psychologie ein. Damit ist es heute eines der beliebtesten in ganz Deutschland. Und immer mehr Menschen suchen die Hilfe “vom Psychologen”, womit sie eine Psychotherapeutin oder einen Psychotherapeuten meinen.</p> <p>Psychologie ist heute so allgegenwärtig, dass manche schon den überbordenden “Psycho-Markt” kritisieren. Und tatsächlich gibt es viele Akteure, die zweifelhaftes Halbwissen verkaufen. Der immer weiter wachsende Markt der Selbsthilfe- und Ratgeberliteratur ist hierfür ein Beispiel. Doch was ist überhaupt Psychologie?</p> <p>Stephan Schleim beschäftigt sich seit inzwischen einem Vierteljahrhundert mit dem Thema. An der Universität Groningen in den Niederlanden hat er über 5.000 Studierende im Fach Psychologie ausgebildet. Im neuen Podcast teilt er sein Wissen mit der Allgemeinheit. Dabei soll es weniger um rein theoretische Debatten gehen, sondern um Relevantes für den Alltag und die Praxis.</p> <p>In der ersten Folge stellt der Autor sich kurz vor und erklärt er, was es mit “Verrücktland” auf sich hat. Danach behandeln wir die Frage, was Psychologie ist, aus verschiedenen Blickwinkeln. Das Ergebnis dürfte Sie überraschen.<aside></aside></p> <figure></figure> <p>Diskutieren Sie mit, stellen Sie fragen oder schlagen Sie ein Thema vor. Das Gebiet der Psychologie ist so reichhaltig, dass für alle etwas Interessantes dabei ist.</p> <h2 id="h-inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis</h2> <ul> <li>1:23 Teil 1: Verrücktland</li> <li>3:33 Teil 2: Biografie</li> <li>5:41 Teil 3: Verhalten &amp; Erleben</li> <li>6:29 Teil 4: Psychologie als Studienfach</li> <li>7:41 Teil 5: Antwort der Deutschen Gesellschaft für Psychologie</li> <li>16:53 Teil 6: Die Gegenstandsfrage</li> <li>21:25 Teil 7: Das Unsichtbare</li> <li>24:09 Teil 8: Berühmter Psychologe</li> <li>27:48 Zusammenfassung</li> </ul> <h2 id="h-zusammenfassung">Zusammenfassung</h2> <ul> <li>Die Psychologie ist sehr wichtig, meiner Meinung nach die wichtigste Disziplin vom Menschen.</li> <li>Auch bei den Studierenden ist das Fach sehr beliebt – und wird sogar immer populärer: Psychologie landet mit Medizin und den Rechtswissenschaften auf Platz drei an den Hochschulen.</li> <li>Trotzdem kann auch nach über 100 Jahren niemand genau sagen, was “die Psyche” eigentlich ist.</li> <li>Wir haben gesehen, dass man die Frage, was Psychologie ist, mit Blick auf die vielen Teildisziplinen beantworten kann.</li> <li>Dass Seelisches in einem bestimmten Sinn unsichtbar ist, stellt das Fach und auch uns Menschen vor besondere Herausforderungen, insbesondere bei den psychischen Störungen.</li> <li>Die Behavioristen wollten das Problem lösen, indem sie alles außer dem Verhalten aus der Wissenschaft verbannen – und waren damit über Jahrzehnte hinweg erfolgreich.</li> <li>Wir werden hier im Podcast noch genauer untersuchen, ob man den Begriff der Psyche oder Seele besser verstehen – und so auch die Trennung zwischen Psychologie in der Theorie und Praxis überwinden kann.</li> </ul> <p>Das Buchzitat kommt (leicht gekürzt) aus Mark Galliker (2016), <em>Ist die Psychologie eine Wissenschaft?</em>, S. 217.</p> <h2 id="h-zum-weiterlesen">Zum Weiterlesen</h2> <ul> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/warum-die-hirnforschung-die-psychologie-braucht/">Warum die Hirnforschung die Psychologie braucht</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/gehirnscanner-oder-verhalten-wer-hat-hier-das-sagen/">Gehirnscanner oder Verhalten – Wer hat hier das Sagen?</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychologie-der-freiheit-einmal-anders-dar-ber-nachgedacht/">Psychologie der Freiheit – einmal anders darüber nachgedacht</a></li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis). Abbildung: Mit einem Foto von Elsbeth Hoekstra.</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/99c70dd8efc647b298e11b6e574d4634" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Verruecktland-Logo-1-SciLogs.jpg" /><h1>Neuer Podcast: Was ist Psychologie? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Ist die Welt verrückt geworden? Dann schnell zum Psychologen! Stephan Schleim begleitet Sie durch “Verrücktland”</strong></p> <span id="more-3464"></span> <p>Immer mehr Studierende schreiben sich für das Fach Psychologie ein. Damit ist es heute eines der beliebtesten in ganz Deutschland. Und immer mehr Menschen suchen die Hilfe “vom Psychologen”, womit sie eine Psychotherapeutin oder einen Psychotherapeuten meinen.</p> <p>Psychologie ist heute so allgegenwärtig, dass manche schon den überbordenden “Psycho-Markt” kritisieren. Und tatsächlich gibt es viele Akteure, die zweifelhaftes Halbwissen verkaufen. Der immer weiter wachsende Markt der Selbsthilfe- und Ratgeberliteratur ist hierfür ein Beispiel. Doch was ist überhaupt Psychologie?</p> <p>Stephan Schleim beschäftigt sich seit inzwischen einem Vierteljahrhundert mit dem Thema. An der Universität Groningen in den Niederlanden hat er über 5.000 Studierende im Fach Psychologie ausgebildet. Im neuen Podcast teilt er sein Wissen mit der Allgemeinheit. Dabei soll es weniger um rein theoretische Debatten gehen, sondern um Relevantes für den Alltag und die Praxis.</p> <p>In der ersten Folge stellt der Autor sich kurz vor und erklärt er, was es mit “Verrücktland” auf sich hat. Danach behandeln wir die Frage, was Psychologie ist, aus verschiedenen Blickwinkeln. Das Ergebnis dürfte Sie überraschen.<aside></aside></p> <figure></figure> <p>Diskutieren Sie mit, stellen Sie fragen oder schlagen Sie ein Thema vor. Das Gebiet der Psychologie ist so reichhaltig, dass für alle etwas Interessantes dabei ist.</p> <h2 id="h-inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis</h2> <ul> <li>1:23 Teil 1: Verrücktland</li> <li>3:33 Teil 2: Biografie</li> <li>5:41 Teil 3: Verhalten &amp; Erleben</li> <li>6:29 Teil 4: Psychologie als Studienfach</li> <li>7:41 Teil 5: Antwort der Deutschen Gesellschaft für Psychologie</li> <li>16:53 Teil 6: Die Gegenstandsfrage</li> <li>21:25 Teil 7: Das Unsichtbare</li> <li>24:09 Teil 8: Berühmter Psychologe</li> <li>27:48 Zusammenfassung</li> </ul> <h2 id="h-zusammenfassung">Zusammenfassung</h2> <ul> <li>Die Psychologie ist sehr wichtig, meiner Meinung nach die wichtigste Disziplin vom Menschen.</li> <li>Auch bei den Studierenden ist das Fach sehr beliebt – und wird sogar immer populärer: Psychologie landet mit Medizin und den Rechtswissenschaften auf Platz drei an den Hochschulen.</li> <li>Trotzdem kann auch nach über 100 Jahren niemand genau sagen, was “die Psyche” eigentlich ist.</li> <li>Wir haben gesehen, dass man die Frage, was Psychologie ist, mit Blick auf die vielen Teildisziplinen beantworten kann.</li> <li>Dass Seelisches in einem bestimmten Sinn unsichtbar ist, stellt das Fach und auch uns Menschen vor besondere Herausforderungen, insbesondere bei den psychischen Störungen.</li> <li>Die Behavioristen wollten das Problem lösen, indem sie alles außer dem Verhalten aus der Wissenschaft verbannen – und waren damit über Jahrzehnte hinweg erfolgreich.</li> <li>Wir werden hier im Podcast noch genauer untersuchen, ob man den Begriff der Psyche oder Seele besser verstehen – und so auch die Trennung zwischen Psychologie in der Theorie und Praxis überwinden kann.</li> </ul> <p>Das Buchzitat kommt (leicht gekürzt) aus Mark Galliker (2016), <em>Ist die Psychologie eine Wissenschaft?</em>, S. 217.</p> <h2 id="h-zum-weiterlesen">Zum Weiterlesen</h2> <ul> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/warum-die-hirnforschung-die-psychologie-braucht/">Warum die Hirnforschung die Psychologie braucht</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/gehirnscanner-oder-verhalten-wer-hat-hier-das-sagen/">Gehirnscanner oder Verhalten – Wer hat hier das Sagen?</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychologie-der-freiheit-einmal-anders-dar-ber-nachgedacht/">Psychologie der Freiheit – einmal anders darüber nachgedacht</a></li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis). Abbildung: Mit einem Foto von Elsbeth Hoekstra.</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/99c70dd8efc647b298e11b6e574d4634" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neuer-podcast-was-ist-psychologie/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>18</slash:comments> </item> <item> <title>Gefühlte Minuten, gedachte Stunden: das Mysterium der Zeitwahrnehmung https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/gefuehlte-minuten-gedachte-stunden-das-mysterium-der-zeitwahrnehmung/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/gefuehlte-minuten-gedachte-stunden-das-mysterium-der-zeitwahrnehmung/#comments Mon, 03 Nov 2025 06:00:00 +0000 Luisa Sophie Engelke https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5236 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26877068_Happy-girl-hugging-clock-flat-vector-illustration-scaled-e1761673138976-768x768.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/gefuehlte-minuten-gedachte-stunden-das-mysterium-der-zeitwahrnehmung/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26877068_Happy-girl-hugging-clock-flat-vector-illustration-scaled-e1761673138976.jpg" /><h1>Gefühlte Minuten, gedachte Stunden: das Mysterium der Zeitwahrnehmung » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Luisa Sophie Engelke</h2><div itemprop="text"> <p>Kaum etwas ist so trügerisch wie die Zeit. Ein stundenlanger Abend mit Freunden vergeht wie im Flug, doch nur fünf Minuten im Wartezimmer, bevor der Weisheitszahn gezogen wird, fühlen sich an wie eine Ewigkeit. Der Montagvormittag bei der Arbeit könnte gefühlt nicht langsamer verlaufen, doch das Wochenende rennt einem förmlich davon. Jeder kennt dieses Phänomen, und obwohl die Uhr stets im selben Rhythmus tickt, scheint sie für uns mal zu rennen und mal kaum voranzukommen.</p> <p>Es ist schon erstaunlich, dass Zeitgefühl ein so essenzieller Teil des menschlichen Daseins ist, und trotzdem sind die Fragen rund um wo und wie Zeitgefühl im Gehirn entsteht nur sehr schlecht erforscht [1]. </p> <p>Unser Gehirn scheint seine ganz eigene Zeit zu haben. Aber wo entsteht dieses subjektive Zeitgefühl überhaupt – und warum lässt es uns ausgerechnet die schönen Momente verlieren, während die unangenehmen endlos scheinen?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12146551_Wavy_Lst-15_Single-11-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12146551_Wavy_Lst-15_Single-11-1-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12146551_Wavy_Lst-15_Single-11-1-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12146551_Wavy_Lst-15_Single-11-1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12146551_Wavy_Lst-15_Single-11-1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12146551_Wavy_Lst-15_Single-11-1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12146551_Wavy_Lst-15_Single-11-1-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12146551_Wavy_Lst-15_Single-11-1-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <h3 id="h-zeit-ist-nicht-gleich-zeit">Zeit ist nicht gleich Zeit</h3> <p>Zuerst einmal ist wichtig zu definieren, was Zeit ist. Denn es ist keine physikalische Größe wie z.B. Geschwindigkeit oder Masse, sondern Zeit existiert nur in unserem Kopf. Sie ist ein mentales Konstrukt, welches unser Gehirn aufgrund von äußeren Informationen erschafft [1]. Unser Gehirn registriert Veränderungen in unserer Umwelt bringt dies in eine logische zeitliche Abfolge. Eine tief stehende Sonne etwa signalisiert uns, dass der Tag voranschreitet – und manchmal merken wir beim Lesen oder Arbeiten erst spät, wie viel Zeit vergangen ist, wenn das Buch auf einmal zu Ende ist.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/4331804_2293174-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/4331804_2293174-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/4331804_2293174-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/4331804_2293174-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/4331804_2293174-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/4331804_2293174-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/4331804_2293174-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Doch im Gegensatz zu anderen physikalischen Größen nehmen wir Zeit nicht konstant wahr. Ein Kilogramm Zucker oder ein Meter Stoff wiegt immer gleich viel, egal ob wir glücklich oder gestresst sind, und auch unabhängig davon, wie alt wir sind – seine Länge verändert sich objektiv nicht. Zeit hingegen erleben wir immer unterschiedlich: Sie kann sich ziehen wie Kaugummi oder im Nu verfliegen, nicht wahr? Das Gehirn misst also nicht die Sekunden, sondern bewertet Zeit als Gesamteindruck und rekonstruiert sie anhand von vielen verschiedenen Einflussfaktoren.<aside></aside></p> <h3 id="h-das-zeitgeber-modell">Das Zeitgeber-Modell</h3> <p>Obwohl wir also zweifellos ein Zeitgefühl haben, sind unsere Körper nicht mit einem Sinnesorgan für den Zeitablauf ausgestattet, so wie wir Augen und Ohren haben, um Licht und Geräusche wahrzunehmen [1]. Ebenso sind im Gehirn verschiedenste Regionen für die Verarbeitung von verschiedenen Sinnesmodalitäten zuständig, doch auch für die Zeit gibt es kein einzelnes Areal, welches unser Zeitempfinden erklären könnte. Wie funktioniert das also?</p> <p>Ein verbreitetes theoretisches Modell geht davon aus, dass wir im Gehirn einen <strong>Zeitgeber</strong> („pacemaker“) haben, der Impulse an einen <strong>Zähler</strong> („acumulator“) sendet, basierend auf unseren Eindrücken und der resultierenden neuronal Aktivität [2]. Unser Zeitempfinden, so sagt das Modell, resultiert aus der Anzahl an gesendeten Impulsen bzw. wie viele Impulse sich pro Zeiteinheit im Zähler ansammeln [3]. Wie fMRI Studien zeigten, sind Zeitgeber und Zähler jedoch keine bestimmten Regionen im Gehirn, sondern viele verschiedene Strukturen, die alle miteinander arbeiten und zeitgleich aktiv sind, darunter das Striatum, der rechte frontale und der partietale Kortex sowie das Kleinhirn [2], [4].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/4812012_54184-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 857px) 100vw, 857px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/4812012_54184-857x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/4812012_54184-857x1024.jpg 857w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/4812012_54184-251x300.jpg 251w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/4812012_54184-768x918.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/4812012_54184-1286x1536.jpg 1286w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/4812012_54184-1714x2048.jpg 1714w" width="857"></img></a></figure></div> <p>Man vermutet, dass der Zeitgeber umso mehr Impulse sendet, je mehr neue Eindrücke man erlebt und wie stark man körperlich angeregt ist [5]. Diese Impulse sammeln sich im Zähler, sodass das Zeitintervall für uns subjektiv länger erscheint – die Zeit wird also gefühlt <strong>langsamer</strong>. Andersherum sorgen weniger, wiederholende, oder bereits bekannte Eindrücke zu verringerter Impulsausstoßung – die Zeit verläuft für uns <strong>schneller </strong>[6]. Diese Kombination sei für unser unterschiedliches Zeitgefühl verantwortlich [7].</p> <h3 id="h-je-mehr-wir-auf-die-uhr-schauen-desto-langer-wird-s">Je mehr wir auf die Uhr schauen, desto länger wird‘s</h3> <p>Frage: Wann vergeht für Sie die Zeit schneller? Beim Warten auf den Bus oder beim Spieleabend mit Freunden? Schon doof, dass genau die großartigen Erlebnisse zu kurzweilig zu sein scheinen, wieso ist das so?</p> <p>Fakt ist, dass viele verschiedene Faktoren an der unterschiedlichen Zeitwahrnehmung beteiligt sind [1], [8]. Darunter fällt unser aktuelles Wohlbefinden, die Situation, in der wir uns befinden, und auch unsere Aufmerksamkeit!</p> <p>Das testen wir doch direkt mal: Schließen Sie die Augen und zählen Sie bitte von 0 bis 60.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13146569_Human-hand-holding-stopwatch-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13146569_Human-hand-holding-stopwatch-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13146569_Human-hand-holding-stopwatch-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13146569_Human-hand-holding-stopwatch-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13146569_Human-hand-holding-stopwatch-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13146569_Human-hand-holding-stopwatch-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13146569_Human-hand-holding-stopwatch-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13146569_Human-hand-holding-stopwatch-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Na? Kam Ihnen die Zeit kurz oder lang vor? Und seid ehrlich: habt ihr wirklich bis 60 gezählt, oder hat die Langeweile euch schon vorher aufhören lassen? Falls ihr durchgehalten habt, kam euch die Zeit vermutlich eher lang vor, denn im besten Fall haben Sie sich ausschließlich auf die Aufgabe und nichts anderes konzentriert. Dies ist ein Beispiel dafür, wie sehr <strong>Aufmerksamkeit</strong> unser Zeitempfinden beeinflusst. Das Zeitgeber-Modell kann dahingehend erweitert werden, dass Aufmerksamkeit als eine Art <strong>Schalter </strong>fungiert, der dafür sorgt, dass sich mehr Impulse im Zähler ansammeln. Je mehr Aufmerksamkeit wir uns einer Aufgabe widmen, desto mehr Pulse werden vom Zähler erfasst und desto langsamer kommt uns sie Zeit vor.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12146083_Wavy_Lst-05_Single-09-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12146083_Wavy_Lst-05_Single-09-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12146083_Wavy_Lst-05_Single-09-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12146083_Wavy_Lst-05_Single-09-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12146083_Wavy_Lst-05_Single-09-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12146083_Wavy_Lst-05_Single-09-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12146083_Wavy_Lst-05_Single-09-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12146083_Wavy_Lst-05_Single-09-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Denkt nur an das Warten auf den Bus: Wenn wir ständig auf die Uhr schauen und jede Minute bewusst wahrnehmen, scheint die Zeit ewig zu dauern. Das liegt daran, dass unsere Aufmerksamkeit auf den Zeitverlauf selbst gerichtet ist, wodurch unser Gehirn viele Impulse ansammelt. Also – nächstes Mal beim Warten auf den Bus am besten nicht alle 20 Sekunden auf die Uhr schauen! Das Gleiche passiert auch bei dösender <strong>Langeweile</strong>: Ob in der Bahn, wenn man sein Lieblingsbuch vergessen hat einzupacken, oder der ereignislose Sonntagnachmittag, der nicht vorbeigehen will. Bei Langeweile liegt die Aufmerksamkeit ebenso ganz bei der Zeit, deshalb lässt sich Langeweile am besten vertreiben, indem man aktiv wird.</p> <p>Falls ihr euch weiter für Aufmerksamkeit interessiert, schaut gerne bei diesem Blogeintrag vorbei:</p> <figure></figure> <h3 id="h-zeitlupe-und-zeitraffer">Zeitlupe und Zeitraffer</h3> <p>Doch nicht nur die Aufmerksamkeit, sondern auch unser aktueller Gefühlszustand ist an Zeitwahrnehmung beteiligt:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291394_Wavy_Tsp-05_Single-03-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291394_Wavy_Tsp-05_Single-03-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291394_Wavy_Tsp-05_Single-03-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291394_Wavy_Tsp-05_Single-03-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291394_Wavy_Tsp-05_Single-03-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291394_Wavy_Tsp-05_Single-03-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291394_Wavy_Tsp-05_Single-03-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291394_Wavy_Tsp-05_Single-03-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Bei <strong>Angst</strong> oder <strong>Aufregung</strong> dehnt sich die Zeit aus. Situationen kommen einem oft vor, als wäre man in Zeitlupe unterwegs, wie etwa bei lebensbedrohlichen Ereignissen, beispielsweise bei einem Autounfall. In Filmen werden Autounfälle deshalb auch oft in Zeitlupe dargestellt, weil viele Betroffene im Nachhinein ein solches Gefühl von Verlangsamung berichten [9]. Die vielen wichtigen Sinnes- und emotionalen Informationen in kurzer Zeit im Gehirn verarbeitet werden, sendet der Zeitgeber viele Impulse pro Sekunde, und das Zeitgefühl kommt uns somit langsamer vor [6].  Erstaunlicherweise konnten Studien zeigen, dass sogar das Betrachten von Menschen, die ängstliche oder wütende Gesichtsausdrücke präsentierten, das Zeitgefühl in dem Betrachter verlangsamen, was vermutlich durch die signalisierte Gefahrensignale zu erklären ist [10].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/60947148_2307.q702.032.S.m005.c13.amusement-2-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="2439" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2439px) 100vw, 2439px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/60947148_2307.q702.032.S.m005.c13.amusement-2-edited-1.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/60947148_2307.q702.032.S.m005.c13.amusement-2-edited-1.jpg 2439w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/60947148_2307.q702.032.S.m005.c13.amusement-2-edited-1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/60947148_2307.q702.032.S.m005.c13.amusement-2-edited-1-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/60947148_2307.q702.032.S.m005.c13.amusement-2-edited-1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/60947148_2307.q702.032.S.m005.c13.amusement-2-edited-1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/60947148_2307.q702.032.S.m005.c13.amusement-2-edited-1-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/60947148_2307.q702.032.S.m005.c13.amusement-2-edited-1-2048x2048.jpg 2048w" width="2439"></img></a></figure></div> <p>Wenn wir hingegen schöne Aktivitäten unternehmen und viel Spaß haben, scheint die Zeit nur so davonzurasen. Ein ganzer Tag im Achterbahnpark, eingekuschelt im Bett, während die neue Lieblingsserie läuft, oder beim lustigen Spieleabend mit Freunden – in solchen Momenten vergessen wir die Zeit und richten unsere Aufmerksamkeit ganz auf das Geschehen [4]. Die positiven Emotionen sorgen dafür, dass wir die Zeit um uns herum eher vergessen, weil wir so investiert im Moment sind [11]. Beim Warten auf den guten alten Bus vergeht die Zeit ja auch viel schneller, wenn wir in ein Gespräch vertieft sind oder Musik hören. Wir brauchen also etwas zu tun, damit uns Zeit schneller vorkommt!</p> <h3 id="h-erst-langsam-dann-doch-schnell">Erst langsam, dann doch schnell?</h3> <p>Auch die Perspektive, aus der wir eine Situation wahrnehmen, kann unser Zeitgefühl deutlich verändern.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/16861688_5810214-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/16861688_5810214-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/16861688_5810214-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/16861688_5810214-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/16861688_5810214-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/16861688_5810214-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/16861688_5810214-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Denkt nur an euren letzten großen Urlaub zurück. Im Urlaub selbst hatte man das Gefühl, viel Zeit für die verschiedensten Unternehmungen zu haben. Zwei Wochen voller Aktivitäten – was man da alles machen kann! Doch rückblickend erscheint es einem so, als wäre der zweiwöchige Urlaub in Südamerika nur ein paar Tage lang gewesen. Oder auch eine routinemäßige Arbeitswoche: Während der Woche scheinen die Tage nicht zu vergehen, da die Arbeit monoton und gut bekannt ist, doch Freitagnachmittag fragt man sich, wo die Zeit geblieben ist und dass doch gefühlt gestern erst Montag war.</p> <p>Der Unterschied zwischen dem Erleben von Zeit im Moment, und dem rückblickenden Erinnern an den Moment wird <strong>prospektiver </strong>und<strong> retrospektiver Zeitmodus </strong>genannt [1]. Wenn man bei der Arbeit eine endlose Online-Konferenz verfolgt und immer wieder auf die Uhr blickt, erlebt man Zeit prospektiv – sie scheint kaum zu vergehen. Denkt man später an denselben Vormittag zurück, also retrospektiv, erscheint er erstaunlich kurz, weil kaum etwas wirklich im Gedächtnis geblieben ist.</p> <p>Dieses unterschiedliche Zeitempfinden hat mit unserer <strong>Erinnerung</strong> zu tun: Unser Gehirn erinnert nicht jedes Details eines jeden Tages, sondern nur die bedeutsamen Momente. Und je weniger man davon gesammelt hat, desto weniger erinnert man sich, und die Zeit erscheint einem rasend [12].</p> <p>Auch mit zunehmendem Alter scheint die Zeit nur so zu rasen. Warum das so ist, erklärt dieses Video:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/xPWCbTFVk8Y?feature=oembed&amp;rel=0" title="Warum vergeht die Zeit immer schneller, je älter du wirst? | Quarks Dimension Ralph" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Mehr darüber, wie unsere innere Uhr tickt und warum sie unseren Tag-Nacht-Rhythmus steuert, erfahrt ihr in diesem Blogeintrag:</p> <figure></figure> <h3 id="h-fazit">Fazit</h3> <p>Zeit ist relativ – und unser Zeitempfinden ebenso. Ob wir die Zeit als zäh oder rasend schnell erleben, hängt weniger von den Sekunden auf der Uhr ab als von dem, was in unserem Gehirn passiert. Das Gehirn erschafft die Zeit als eine Illusion und zeigt damit mal wieder, dass unser Gehirn unsere Realität erschafft und wir nicht einfach nur die Umwelt wahrnehmen, wie sie ist.</p> <p>Dass wir Zeit so unterschiedlich wahrnehmen, hat besonders mit unserer Aufmerksamkeit und unserem Gefühlszustand zu tun. Man kann heruntergebrochen sagen: Je mehr man auf die Zeit achtet, desto länger erscheint sie. Je intensiver man sich ablenkt und beschäftigt ist, desto schneller vergeht sie. </p> <p>Also: versucht bei Langeweile nicht so sehr auf die Zeit zu achten, sondern mit der Zeit etwas anzufangen und sie zu gestalten! Euer Gehirn wird dafür sorgen, dass euch die Zeit dann schneller vorkommt!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/27572989_Man-stopping-minute-hand-of-clock-with-finger-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="799" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/27572989_Man-stopping-minute-hand-of-clock-with-finger-1024x799.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/27572989_Man-stopping-minute-hand-of-clock-with-finger-1024x799.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/27572989_Man-stopping-minute-hand-of-clock-with-finger-300x234.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/27572989_Man-stopping-minute-hand-of-clock-with-finger-768x599.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/27572989_Man-stopping-minute-hand-of-clock-with-finger-1536x1198.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/27572989_Man-stopping-minute-hand-of-clock-with-finger-2048x1597.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <p>[1]          M. Wittmann, ‘The inner experience of time’, <em>Philos. Trans. R. Soc. B Biol. Sci.</em>, vol. 364, no. 1525, pp. 1955–1967, July 2009, doi: 10.1098/rstb.2009.0003.</p> <p>[2]          J. Hartcher-O’Brien, C. Brighouse, and C. A. Levitan, ‘A single mechanism account of duration and rate processing via the pacemaker-accumulator and beat frequency models’, <em>Curr. Opin. Behav. Sci.</em>, vol. 8, pp. 268–275, Apr. 2016, doi: 10.1016/j.cobeha.2016.02.026.</p> <p>[3]          J. Hartcher-O’Brien, C. Brighouse, and C. A. Levitan, ‘A single mechanism account of duration and rate processing via the pacemaker-accumulator and beat frequency models’, <em>Curr. Opin. Behav. Sci.</em>, vol. 8, pp. 268–275, Apr. 2016, doi: 10.1016/j.cobeha.2016.02.026.</p> <p>[4]          J. D. and S. Sleek, ‘The Fluidity of Time: Scientists Uncover How Emotions Alter Time Perception’, <em>APS Obs.</em>, vol. 31, Sept. 2018, Accessed: Oct. 15, 2025. [Online]. Available: https://www.psychologicalscience.org/observer/the-fluidity-of-time</p> <p>[5]          W. J. Matthews, ‘Stimulus Repetition and the Perception of Time: The Effects of Prior Exposure on Temporal Discrimination, Judgment, and Production’, <em>PLOS ONE</em>, vol. 6, no. 5, p. e19815, May 2011, doi: 10.1371/journal.pone.0019815.</p> <p>[6]          J. I. Lake, K. S. LaBar, and W. H. Meck, ‘Emotional Modulation of Interval Timing and Time Perception’, <em>Neurosci. Biobehav. Rev.</em>, vol. 64, pp. 403–420, May 2016, doi: 10.1016/j.neubiorev.2016.03.003.</p> <p>[7]          D. Di Lernia, S. Serino, G. Pezzulo, E. Pedroli, P. Cipresso, and G. Riva, ‘Feel the Time. Time Perception as a Function of Interoceptive Processing’, <em>Front. Hum. Neurosci.</em>, vol. 12, Mar. 2018, doi: 10.3389/fnhum.2018.00074.</p> <p>[8]          R. Fontes <em>et al.</em>, ‘Time Perception Mechanisms at Central Nervous System’, <em>Neurol. Int.</em>, vol. 8, no. 1, p. 5939, Apr. 2016, doi: 10.4081/ni.2016.5939.</p> <p>[9]          C. Stetson, M. P. Fiesta, and D. M. Eagleman, ‘Does Time Really Slow Down during a Frightening Event?’, <em>PLOS ONE</em>, vol. 2, no. 12, p. e1295, Dec. 2007, doi: 10.1371/journal.pone.0001295.</p> <p>[10]       S. L. Fayolle and S. Droit-Volet, ‘Time Perception and Dynamics of Facial Expressions of Emotions’, <em>PLoS ONE</em>, vol. 9, no. 5, p. e97944, May 2014, doi: 10.1371/journal.pone.0097944.</p> <p>[11]       P. A. Gable, A. L. Wilhelm, and B. D. Poole, ‘How Does Emotion Influence Time Perception? A Review of Evidence Linking Emotional Motivation and Time Processing’, <em>Front. Psychol.</em>, vol. 13, Apr. 2022, doi: 10.3389/fpsyg.2022.848154.</p> <p>[12]       D. Zakay, ‘Psychological time as information: the case of boredom†’, <em>Front. Psychol.</em>, vol. 5, p. 917, Aug. 2014, doi: 10.3389/fpsyg.2014.00917.</p> <h3 id="h-bildquellen">Bildquellen</h3> <ul> <li>Titelbild: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/glueckliches-maedchen-das-flache-vektorillustration-der-uhr-umarmt-frau-die-sich-um-den-zeitplan-kuemmert-aktivitaeten-plant-zeitmanagementkonzept-fuer-banner-website-design-oder-landing-webseite_26877068.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=48&amp;uuid=b650b34a-0af8-4033-b8c0-f5d87f71b660&amp;query=Time">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 1: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/herausforderungen-fuer-die-abstrakte-konzeptillustration-geschiedener-vaeter-vater-ohne-sorgerecht-gerichtsentscheidung-sorgerechtsentscheidung-depressives-kind-schlechte-beziehungen-familienkampf_12146551.htm#fromView=search&amp;page=2&amp;position=17&amp;uuid=3a7eec66-9ce9-4533-8df5-ef7cd9381859&amp;query=time+">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 2: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/online-bildung_4331804.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=f1e29b4f-0ca9-4348-9127-c72f7c12bd17&amp;query=measure">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 3: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/taschenrechner_4812012.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=d857a58a-7b0b-4d9e-b3f7-132b6d482e4d&amp;query=z%C3%A4hler">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 4: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/menschliche-hand-haelt-stoppuhr_13146569.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=b238a6f6-46db-4f63-8de3-44f924996ffa&amp;query=timer">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 5: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/uebergewichtige-mannkarikaturfigur-die-auf-sessel-liegt-und-soda-trinkt-koerperliche-inaktivitaet-passiver-lebensstil-schlechte-angewohnheit-bewegungsmangel_12146083.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=6&amp;uuid=07375240-9873-42c9-b4b8-f6d8e5084d13&amp;query=boredom">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 6: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/abstrakte-konzeptillustration-des-verkehrsunfalls_12291394.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=bbd3878e-87c5-4912-bd6b-acadb0bc03cf&amp;query=car+crash">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 7: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/begeisterte-menschen-die-im-vergnuegungspark-achterbahn-fahren-flache-vektorillustration_60947148.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=8d3ed5f9-8558-4f2a-b852-c08247f70ce4&amp;query=achterbahn">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 8: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/handgezeichneter-abenteuerhintergrund_16861688.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=4&amp;uuid=33e8b543-cedd-4c4f-871f-e8231d0504e9&amp;query=adventure">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 9: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/mann-der-den-minutenzeiger-der-uhr-mit-dem-finger-stoppt-kontrolle-und-messung-der-arbeitszeit-durch-flache-vektorillustration-der-person-zeitmanagementkonzept-fuer-banner-website-design-oder-landing-webseite_27572989.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=33&amp;uuid=3177a7ad-57ba-4f65-9e3e-2e19e125af6e&amp;query=time">Bildquelle</a></li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26877068_Happy-girl-hugging-clock-flat-vector-illustration-scaled-e1761673138976.jpg" /><h1>Gefühlte Minuten, gedachte Stunden: das Mysterium der Zeitwahrnehmung » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Luisa Sophie Engelke</h2><div itemprop="text"> <p>Kaum etwas ist so trügerisch wie die Zeit. Ein stundenlanger Abend mit Freunden vergeht wie im Flug, doch nur fünf Minuten im Wartezimmer, bevor der Weisheitszahn gezogen wird, fühlen sich an wie eine Ewigkeit. Der Montagvormittag bei der Arbeit könnte gefühlt nicht langsamer verlaufen, doch das Wochenende rennt einem förmlich davon. Jeder kennt dieses Phänomen, und obwohl die Uhr stets im selben Rhythmus tickt, scheint sie für uns mal zu rennen und mal kaum voranzukommen.</p> <p>Es ist schon erstaunlich, dass Zeitgefühl ein so essenzieller Teil des menschlichen Daseins ist, und trotzdem sind die Fragen rund um wo und wie Zeitgefühl im Gehirn entsteht nur sehr schlecht erforscht [1]. </p> <p>Unser Gehirn scheint seine ganz eigene Zeit zu haben. Aber wo entsteht dieses subjektive Zeitgefühl überhaupt – und warum lässt es uns ausgerechnet die schönen Momente verlieren, während die unangenehmen endlos scheinen?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12146551_Wavy_Lst-15_Single-11-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12146551_Wavy_Lst-15_Single-11-1-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12146551_Wavy_Lst-15_Single-11-1-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12146551_Wavy_Lst-15_Single-11-1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12146551_Wavy_Lst-15_Single-11-1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12146551_Wavy_Lst-15_Single-11-1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12146551_Wavy_Lst-15_Single-11-1-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12146551_Wavy_Lst-15_Single-11-1-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <h3 id="h-zeit-ist-nicht-gleich-zeit">Zeit ist nicht gleich Zeit</h3> <p>Zuerst einmal ist wichtig zu definieren, was Zeit ist. Denn es ist keine physikalische Größe wie z.B. Geschwindigkeit oder Masse, sondern Zeit existiert nur in unserem Kopf. Sie ist ein mentales Konstrukt, welches unser Gehirn aufgrund von äußeren Informationen erschafft [1]. Unser Gehirn registriert Veränderungen in unserer Umwelt bringt dies in eine logische zeitliche Abfolge. Eine tief stehende Sonne etwa signalisiert uns, dass der Tag voranschreitet – und manchmal merken wir beim Lesen oder Arbeiten erst spät, wie viel Zeit vergangen ist, wenn das Buch auf einmal zu Ende ist.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/4331804_2293174-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/4331804_2293174-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/4331804_2293174-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/4331804_2293174-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/4331804_2293174-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/4331804_2293174-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/4331804_2293174-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Doch im Gegensatz zu anderen physikalischen Größen nehmen wir Zeit nicht konstant wahr. Ein Kilogramm Zucker oder ein Meter Stoff wiegt immer gleich viel, egal ob wir glücklich oder gestresst sind, und auch unabhängig davon, wie alt wir sind – seine Länge verändert sich objektiv nicht. Zeit hingegen erleben wir immer unterschiedlich: Sie kann sich ziehen wie Kaugummi oder im Nu verfliegen, nicht wahr? Das Gehirn misst also nicht die Sekunden, sondern bewertet Zeit als Gesamteindruck und rekonstruiert sie anhand von vielen verschiedenen Einflussfaktoren.<aside></aside></p> <h3 id="h-das-zeitgeber-modell">Das Zeitgeber-Modell</h3> <p>Obwohl wir also zweifellos ein Zeitgefühl haben, sind unsere Körper nicht mit einem Sinnesorgan für den Zeitablauf ausgestattet, so wie wir Augen und Ohren haben, um Licht und Geräusche wahrzunehmen [1]. Ebenso sind im Gehirn verschiedenste Regionen für die Verarbeitung von verschiedenen Sinnesmodalitäten zuständig, doch auch für die Zeit gibt es kein einzelnes Areal, welches unser Zeitempfinden erklären könnte. Wie funktioniert das also?</p> <p>Ein verbreitetes theoretisches Modell geht davon aus, dass wir im Gehirn einen <strong>Zeitgeber</strong> („pacemaker“) haben, der Impulse an einen <strong>Zähler</strong> („acumulator“) sendet, basierend auf unseren Eindrücken und der resultierenden neuronal Aktivität [2]. Unser Zeitempfinden, so sagt das Modell, resultiert aus der Anzahl an gesendeten Impulsen bzw. wie viele Impulse sich pro Zeiteinheit im Zähler ansammeln [3]. Wie fMRI Studien zeigten, sind Zeitgeber und Zähler jedoch keine bestimmten Regionen im Gehirn, sondern viele verschiedene Strukturen, die alle miteinander arbeiten und zeitgleich aktiv sind, darunter das Striatum, der rechte frontale und der partietale Kortex sowie das Kleinhirn [2], [4].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/4812012_54184-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 857px) 100vw, 857px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/4812012_54184-857x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/4812012_54184-857x1024.jpg 857w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/4812012_54184-251x300.jpg 251w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/4812012_54184-768x918.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/4812012_54184-1286x1536.jpg 1286w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/4812012_54184-1714x2048.jpg 1714w" width="857"></img></a></figure></div> <p>Man vermutet, dass der Zeitgeber umso mehr Impulse sendet, je mehr neue Eindrücke man erlebt und wie stark man körperlich angeregt ist [5]. Diese Impulse sammeln sich im Zähler, sodass das Zeitintervall für uns subjektiv länger erscheint – die Zeit wird also gefühlt <strong>langsamer</strong>. Andersherum sorgen weniger, wiederholende, oder bereits bekannte Eindrücke zu verringerter Impulsausstoßung – die Zeit verläuft für uns <strong>schneller </strong>[6]. Diese Kombination sei für unser unterschiedliches Zeitgefühl verantwortlich [7].</p> <h3 id="h-je-mehr-wir-auf-die-uhr-schauen-desto-langer-wird-s">Je mehr wir auf die Uhr schauen, desto länger wird‘s</h3> <p>Frage: Wann vergeht für Sie die Zeit schneller? Beim Warten auf den Bus oder beim Spieleabend mit Freunden? Schon doof, dass genau die großartigen Erlebnisse zu kurzweilig zu sein scheinen, wieso ist das so?</p> <p>Fakt ist, dass viele verschiedene Faktoren an der unterschiedlichen Zeitwahrnehmung beteiligt sind [1], [8]. Darunter fällt unser aktuelles Wohlbefinden, die Situation, in der wir uns befinden, und auch unsere Aufmerksamkeit!</p> <p>Das testen wir doch direkt mal: Schließen Sie die Augen und zählen Sie bitte von 0 bis 60.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13146569_Human-hand-holding-stopwatch-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13146569_Human-hand-holding-stopwatch-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13146569_Human-hand-holding-stopwatch-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13146569_Human-hand-holding-stopwatch-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13146569_Human-hand-holding-stopwatch-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13146569_Human-hand-holding-stopwatch-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13146569_Human-hand-holding-stopwatch-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13146569_Human-hand-holding-stopwatch-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Na? Kam Ihnen die Zeit kurz oder lang vor? Und seid ehrlich: habt ihr wirklich bis 60 gezählt, oder hat die Langeweile euch schon vorher aufhören lassen? Falls ihr durchgehalten habt, kam euch die Zeit vermutlich eher lang vor, denn im besten Fall haben Sie sich ausschließlich auf die Aufgabe und nichts anderes konzentriert. Dies ist ein Beispiel dafür, wie sehr <strong>Aufmerksamkeit</strong> unser Zeitempfinden beeinflusst. Das Zeitgeber-Modell kann dahingehend erweitert werden, dass Aufmerksamkeit als eine Art <strong>Schalter </strong>fungiert, der dafür sorgt, dass sich mehr Impulse im Zähler ansammeln. Je mehr Aufmerksamkeit wir uns einer Aufgabe widmen, desto mehr Pulse werden vom Zähler erfasst und desto langsamer kommt uns sie Zeit vor.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12146083_Wavy_Lst-05_Single-09-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12146083_Wavy_Lst-05_Single-09-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12146083_Wavy_Lst-05_Single-09-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12146083_Wavy_Lst-05_Single-09-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12146083_Wavy_Lst-05_Single-09-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12146083_Wavy_Lst-05_Single-09-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12146083_Wavy_Lst-05_Single-09-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12146083_Wavy_Lst-05_Single-09-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Denkt nur an das Warten auf den Bus: Wenn wir ständig auf die Uhr schauen und jede Minute bewusst wahrnehmen, scheint die Zeit ewig zu dauern. Das liegt daran, dass unsere Aufmerksamkeit auf den Zeitverlauf selbst gerichtet ist, wodurch unser Gehirn viele Impulse ansammelt. Also – nächstes Mal beim Warten auf den Bus am besten nicht alle 20 Sekunden auf die Uhr schauen! Das Gleiche passiert auch bei dösender <strong>Langeweile</strong>: Ob in der Bahn, wenn man sein Lieblingsbuch vergessen hat einzupacken, oder der ereignislose Sonntagnachmittag, der nicht vorbeigehen will. Bei Langeweile liegt die Aufmerksamkeit ebenso ganz bei der Zeit, deshalb lässt sich Langeweile am besten vertreiben, indem man aktiv wird.</p> <p>Falls ihr euch weiter für Aufmerksamkeit interessiert, schaut gerne bei diesem Blogeintrag vorbei:</p> <figure></figure> <h3 id="h-zeitlupe-und-zeitraffer">Zeitlupe und Zeitraffer</h3> <p>Doch nicht nur die Aufmerksamkeit, sondern auch unser aktueller Gefühlszustand ist an Zeitwahrnehmung beteiligt:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291394_Wavy_Tsp-05_Single-03-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291394_Wavy_Tsp-05_Single-03-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291394_Wavy_Tsp-05_Single-03-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291394_Wavy_Tsp-05_Single-03-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291394_Wavy_Tsp-05_Single-03-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291394_Wavy_Tsp-05_Single-03-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291394_Wavy_Tsp-05_Single-03-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291394_Wavy_Tsp-05_Single-03-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Bei <strong>Angst</strong> oder <strong>Aufregung</strong> dehnt sich die Zeit aus. Situationen kommen einem oft vor, als wäre man in Zeitlupe unterwegs, wie etwa bei lebensbedrohlichen Ereignissen, beispielsweise bei einem Autounfall. In Filmen werden Autounfälle deshalb auch oft in Zeitlupe dargestellt, weil viele Betroffene im Nachhinein ein solches Gefühl von Verlangsamung berichten [9]. Die vielen wichtigen Sinnes- und emotionalen Informationen in kurzer Zeit im Gehirn verarbeitet werden, sendet der Zeitgeber viele Impulse pro Sekunde, und das Zeitgefühl kommt uns somit langsamer vor [6].  Erstaunlicherweise konnten Studien zeigen, dass sogar das Betrachten von Menschen, die ängstliche oder wütende Gesichtsausdrücke präsentierten, das Zeitgefühl in dem Betrachter verlangsamen, was vermutlich durch die signalisierte Gefahrensignale zu erklären ist [10].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/60947148_2307.q702.032.S.m005.c13.amusement-2-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="2439" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2439px) 100vw, 2439px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/60947148_2307.q702.032.S.m005.c13.amusement-2-edited-1.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/60947148_2307.q702.032.S.m005.c13.amusement-2-edited-1.jpg 2439w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/60947148_2307.q702.032.S.m005.c13.amusement-2-edited-1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/60947148_2307.q702.032.S.m005.c13.amusement-2-edited-1-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/60947148_2307.q702.032.S.m005.c13.amusement-2-edited-1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/60947148_2307.q702.032.S.m005.c13.amusement-2-edited-1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/60947148_2307.q702.032.S.m005.c13.amusement-2-edited-1-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/60947148_2307.q702.032.S.m005.c13.amusement-2-edited-1-2048x2048.jpg 2048w" width="2439"></img></a></figure></div> <p>Wenn wir hingegen schöne Aktivitäten unternehmen und viel Spaß haben, scheint die Zeit nur so davonzurasen. Ein ganzer Tag im Achterbahnpark, eingekuschelt im Bett, während die neue Lieblingsserie läuft, oder beim lustigen Spieleabend mit Freunden – in solchen Momenten vergessen wir die Zeit und richten unsere Aufmerksamkeit ganz auf das Geschehen [4]. Die positiven Emotionen sorgen dafür, dass wir die Zeit um uns herum eher vergessen, weil wir so investiert im Moment sind [11]. Beim Warten auf den guten alten Bus vergeht die Zeit ja auch viel schneller, wenn wir in ein Gespräch vertieft sind oder Musik hören. Wir brauchen also etwas zu tun, damit uns Zeit schneller vorkommt!</p> <h3 id="h-erst-langsam-dann-doch-schnell">Erst langsam, dann doch schnell?</h3> <p>Auch die Perspektive, aus der wir eine Situation wahrnehmen, kann unser Zeitgefühl deutlich verändern.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/16861688_5810214-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/16861688_5810214-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/16861688_5810214-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/16861688_5810214-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/16861688_5810214-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/16861688_5810214-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/16861688_5810214-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Denkt nur an euren letzten großen Urlaub zurück. Im Urlaub selbst hatte man das Gefühl, viel Zeit für die verschiedensten Unternehmungen zu haben. Zwei Wochen voller Aktivitäten – was man da alles machen kann! Doch rückblickend erscheint es einem so, als wäre der zweiwöchige Urlaub in Südamerika nur ein paar Tage lang gewesen. Oder auch eine routinemäßige Arbeitswoche: Während der Woche scheinen die Tage nicht zu vergehen, da die Arbeit monoton und gut bekannt ist, doch Freitagnachmittag fragt man sich, wo die Zeit geblieben ist und dass doch gefühlt gestern erst Montag war.</p> <p>Der Unterschied zwischen dem Erleben von Zeit im Moment, und dem rückblickenden Erinnern an den Moment wird <strong>prospektiver </strong>und<strong> retrospektiver Zeitmodus </strong>genannt [1]. Wenn man bei der Arbeit eine endlose Online-Konferenz verfolgt und immer wieder auf die Uhr blickt, erlebt man Zeit prospektiv – sie scheint kaum zu vergehen. Denkt man später an denselben Vormittag zurück, also retrospektiv, erscheint er erstaunlich kurz, weil kaum etwas wirklich im Gedächtnis geblieben ist.</p> <p>Dieses unterschiedliche Zeitempfinden hat mit unserer <strong>Erinnerung</strong> zu tun: Unser Gehirn erinnert nicht jedes Details eines jeden Tages, sondern nur die bedeutsamen Momente. Und je weniger man davon gesammelt hat, desto weniger erinnert man sich, und die Zeit erscheint einem rasend [12].</p> <p>Auch mit zunehmendem Alter scheint die Zeit nur so zu rasen. Warum das so ist, erklärt dieses Video:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/xPWCbTFVk8Y?feature=oembed&amp;rel=0" title="Warum vergeht die Zeit immer schneller, je älter du wirst? | Quarks Dimension Ralph" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Mehr darüber, wie unsere innere Uhr tickt und warum sie unseren Tag-Nacht-Rhythmus steuert, erfahrt ihr in diesem Blogeintrag:</p> <figure></figure> <h3 id="h-fazit">Fazit</h3> <p>Zeit ist relativ – und unser Zeitempfinden ebenso. Ob wir die Zeit als zäh oder rasend schnell erleben, hängt weniger von den Sekunden auf der Uhr ab als von dem, was in unserem Gehirn passiert. Das Gehirn erschafft die Zeit als eine Illusion und zeigt damit mal wieder, dass unser Gehirn unsere Realität erschafft und wir nicht einfach nur die Umwelt wahrnehmen, wie sie ist.</p> <p>Dass wir Zeit so unterschiedlich wahrnehmen, hat besonders mit unserer Aufmerksamkeit und unserem Gefühlszustand zu tun. Man kann heruntergebrochen sagen: Je mehr man auf die Zeit achtet, desto länger erscheint sie. Je intensiver man sich ablenkt und beschäftigt ist, desto schneller vergeht sie. </p> <p>Also: versucht bei Langeweile nicht so sehr auf die Zeit zu achten, sondern mit der Zeit etwas anzufangen und sie zu gestalten! Euer Gehirn wird dafür sorgen, dass euch die Zeit dann schneller vorkommt!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/27572989_Man-stopping-minute-hand-of-clock-with-finger-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="799" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/27572989_Man-stopping-minute-hand-of-clock-with-finger-1024x799.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/27572989_Man-stopping-minute-hand-of-clock-with-finger-1024x799.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/27572989_Man-stopping-minute-hand-of-clock-with-finger-300x234.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/27572989_Man-stopping-minute-hand-of-clock-with-finger-768x599.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/27572989_Man-stopping-minute-hand-of-clock-with-finger-1536x1198.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/27572989_Man-stopping-minute-hand-of-clock-with-finger-2048x1597.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <p>[1]          M. Wittmann, ‘The inner experience of time’, <em>Philos. Trans. R. Soc. B Biol. Sci.</em>, vol. 364, no. 1525, pp. 1955–1967, July 2009, doi: 10.1098/rstb.2009.0003.</p> <p>[2]          J. Hartcher-O’Brien, C. Brighouse, and C. A. Levitan, ‘A single mechanism account of duration and rate processing via the pacemaker-accumulator and beat frequency models’, <em>Curr. Opin. Behav. Sci.</em>, vol. 8, pp. 268–275, Apr. 2016, doi: 10.1016/j.cobeha.2016.02.026.</p> <p>[3]          J. Hartcher-O’Brien, C. Brighouse, and C. A. Levitan, ‘A single mechanism account of duration and rate processing via the pacemaker-accumulator and beat frequency models’, <em>Curr. Opin. Behav. Sci.</em>, vol. 8, pp. 268–275, Apr. 2016, doi: 10.1016/j.cobeha.2016.02.026.</p> <p>[4]          J. D. and S. Sleek, ‘The Fluidity of Time: Scientists Uncover How Emotions Alter Time Perception’, <em>APS Obs.</em>, vol. 31, Sept. 2018, Accessed: Oct. 15, 2025. [Online]. Available: https://www.psychologicalscience.org/observer/the-fluidity-of-time</p> <p>[5]          W. J. Matthews, ‘Stimulus Repetition and the Perception of Time: The Effects of Prior Exposure on Temporal Discrimination, Judgment, and Production’, <em>PLOS ONE</em>, vol. 6, no. 5, p. e19815, May 2011, doi: 10.1371/journal.pone.0019815.</p> <p>[6]          J. I. Lake, K. S. LaBar, and W. H. Meck, ‘Emotional Modulation of Interval Timing and Time Perception’, <em>Neurosci. Biobehav. Rev.</em>, vol. 64, pp. 403–420, May 2016, doi: 10.1016/j.neubiorev.2016.03.003.</p> <p>[7]          D. Di Lernia, S. Serino, G. Pezzulo, E. Pedroli, P. Cipresso, and G. Riva, ‘Feel the Time. Time Perception as a Function of Interoceptive Processing’, <em>Front. Hum. Neurosci.</em>, vol. 12, Mar. 2018, doi: 10.3389/fnhum.2018.00074.</p> <p>[8]          R. Fontes <em>et al.</em>, ‘Time Perception Mechanisms at Central Nervous System’, <em>Neurol. Int.</em>, vol. 8, no. 1, p. 5939, Apr. 2016, doi: 10.4081/ni.2016.5939.</p> <p>[9]          C. Stetson, M. P. Fiesta, and D. M. Eagleman, ‘Does Time Really Slow Down during a Frightening Event?’, <em>PLOS ONE</em>, vol. 2, no. 12, p. e1295, Dec. 2007, doi: 10.1371/journal.pone.0001295.</p> <p>[10]       S. L. Fayolle and S. Droit-Volet, ‘Time Perception and Dynamics of Facial Expressions of Emotions’, <em>PLoS ONE</em>, vol. 9, no. 5, p. e97944, May 2014, doi: 10.1371/journal.pone.0097944.</p> <p>[11]       P. A. Gable, A. L. Wilhelm, and B. D. Poole, ‘How Does Emotion Influence Time Perception? A Review of Evidence Linking Emotional Motivation and Time Processing’, <em>Front. Psychol.</em>, vol. 13, Apr. 2022, doi: 10.3389/fpsyg.2022.848154.</p> <p>[12]       D. Zakay, ‘Psychological time as information: the case of boredom†’, <em>Front. Psychol.</em>, vol. 5, p. 917, Aug. 2014, doi: 10.3389/fpsyg.2014.00917.</p> <h3 id="h-bildquellen">Bildquellen</h3> <ul> <li>Titelbild: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/glueckliches-maedchen-das-flache-vektorillustration-der-uhr-umarmt-frau-die-sich-um-den-zeitplan-kuemmert-aktivitaeten-plant-zeitmanagementkonzept-fuer-banner-website-design-oder-landing-webseite_26877068.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=48&amp;uuid=b650b34a-0af8-4033-b8c0-f5d87f71b660&amp;query=Time">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 1: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/herausforderungen-fuer-die-abstrakte-konzeptillustration-geschiedener-vaeter-vater-ohne-sorgerecht-gerichtsentscheidung-sorgerechtsentscheidung-depressives-kind-schlechte-beziehungen-familienkampf_12146551.htm#fromView=search&amp;page=2&amp;position=17&amp;uuid=3a7eec66-9ce9-4533-8df5-ef7cd9381859&amp;query=time+">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 2: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/online-bildung_4331804.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=f1e29b4f-0ca9-4348-9127-c72f7c12bd17&amp;query=measure">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 3: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/taschenrechner_4812012.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=d857a58a-7b0b-4d9e-b3f7-132b6d482e4d&amp;query=z%C3%A4hler">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 4: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/menschliche-hand-haelt-stoppuhr_13146569.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=b238a6f6-46db-4f63-8de3-44f924996ffa&amp;query=timer">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 5: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/uebergewichtige-mannkarikaturfigur-die-auf-sessel-liegt-und-soda-trinkt-koerperliche-inaktivitaet-passiver-lebensstil-schlechte-angewohnheit-bewegungsmangel_12146083.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=6&amp;uuid=07375240-9873-42c9-b4b8-f6d8e5084d13&amp;query=boredom">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 6: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/abstrakte-konzeptillustration-des-verkehrsunfalls_12291394.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=bbd3878e-87c5-4912-bd6b-acadb0bc03cf&amp;query=car+crash">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 7: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/begeisterte-menschen-die-im-vergnuegungspark-achterbahn-fahren-flache-vektorillustration_60947148.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=8d3ed5f9-8558-4f2a-b852-c08247f70ce4&amp;query=achterbahn">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 8: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/handgezeichneter-abenteuerhintergrund_16861688.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=4&amp;uuid=33e8b543-cedd-4c4f-871f-e8231d0504e9&amp;query=adventure">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 9: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/mann-der-den-minutenzeiger-der-uhr-mit-dem-finger-stoppt-kontrolle-und-messung-der-arbeitszeit-durch-flache-vektorillustration-der-person-zeitmanagementkonzept-fuer-banner-website-design-oder-landing-webseite_27572989.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=33&amp;uuid=3177a7ad-57ba-4f65-9e3e-2e19e125af6e&amp;query=time">Bildquelle</a></li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/gefuehlte-minuten-gedachte-stunden-das-mysterium-der-zeitwahrnehmung/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>24</slash:comments> </item> <item> <title>Zur psychischen Gesundheit der Jugend – ein Kommentar https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zur-psychischen-gesundheit-der-jugend-ein-kommentar/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zur-psychischen-gesundheit-der-jugend-ein-kommentar/#comments Sun, 02 Nov 2025 12:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3458 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/woman-2048905_1920-768x592.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zur-psychischen-gesundheit-der-jugend-ein-kommentar/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/woman-2048905_1920.jpg" /><h1>Zur psychischen Gesundheit der Jugend – ein Kommentar » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Die Bundesschülerkonferenz und das Institut der Deutschen Wirtschaft schlagen Alarm. Über individuelle und strukturelle Lösungen.</strong></p> <span id="more-3458"></span> <p>Am 30. Oktober veröffentlichte das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) einen Bericht <a href="https://www.iwkoeln.de/studien/christina-anger-julia-betz-wido-geis-thoene-die-oekonomische-bedeutung-der-psychischen-gesundheit-von-schuelerinnen-und-schuelern.html">über die ökonomische Bedeutung der psychischen Gesundheit von Schülerinnen und Schülern</a>. Natürlich sollte man sich in erster Linie wegen des Leidens und der Lebensqualität mit dem mentalen Wohlsein beschäftigen. Aber für manche Entscheidungsträger ist das Argument durchschlaggebend, damit auch der Wirtschaft etwas Gutes zu tun.</p> <p>Laut dem IW entsteht der deutschen Volkswirtschaft wegen psychischer Störungen jährlich ein Schaden von fast 150 Milliarden Euro. Auf diese Problematik würden rund zwei Drittel der Erwerbsminderungsrenten bei den Unter-30-Jährigen zurückgehen.</p> <p>Ich erklärte schon vor vielen Jahren, dass solche Kostenrechnungen <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/verursachen-psychisch-kranke-finanziellen-schaden/">mit Vorsicht zu genießen sind</a>. Die so hohen wie runden Milliardenbeträge machen sich natürlich gut in den Medien und politischen Diskussionen. Aber es sind abstrakte Größen.</p> <p>Zum Teil werden sie auf dem Gesundheitsmarkt sogar zu einem Nullsummenspiel, weil viele Akteure mit Krankheit Geld verdienen und in diesem Sinne volkswirtschaftlichen Wert erzeugen. Und auch das Risiko der Stigmatisierung sollte man nicht unterschätzen, wenn man beispielsweise Depressive als Milliardenposten darstellt.<aside></aside></p> <p>Dass die Krankheitslasten – sowohl für eher psychische als auch eher körperliche Probleme – <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/die-deutschen-sind-kraenker-denn-je/">steigen</a>, obwohl wir immer mehr Geld ins Gesundheitssystem und die Gesundheitsforschung pumpen, sollte uns aber aufhorchen lassen. Und die Probleme der jungen Menschen sind ein Spiegel der Erwachsenenwelt.</p> <p>Umgekehrt wird auch ein Schuh daraus: Weil (ohne passende Migration) immer weniger Menschen auf dem Arbeitsmarkt verfügbar sind aber immer mehr Bürger Behandlung und Pflege brauchen, werden die Probleme in Zukunft noch größer werden. Allein das kann einen schon deprimieren.</p> <h2 id="h-individualisierung">Individualisierung</h2> <p>Insofern ist es zu begrüßen, wenn sich auch das IW des Themas psychische Gesundheit annimmt. Doch leider wiederholt das Institut den häufigen Fehler, es primär als <em>medizinisches</em> und <em>individuelles</em> Problem zu sehen. So lautet dann die Empfehlung: “Um die psychische Gesundheit von Schülerinnen und Schülern in Deutschland nachhaltig zu verbessern, sollte die medizinische Versorgung und Unterstützung der Kinder und Jugendlichen verbessert werden.” Außerdem sollten alle Beteiligten noch mehr für psychische Problematik sensibilisiert werden.</p> <p>Viele haben immer noch nicht verstanden, was durch Industrialisierung, das Leben in großen Ballungsräumen und andere Aspekte des sogenannten technologischen Fortschritts mit der Medizin geschah: Seit dem 19. Jahrhundert wurden zunehmend menschliche und gesellschaftliche Probleme ihren Bereich verschoben. So entstand überhaupt erst die Psychiatrie als Fachdisziplin innerhalb der Medizin, im 20. Jahrhundert auch die klinische Psychologie.</p> <p>Auch die WHO versteht ihr Aufgabengebiet Gesundheit seit ihrer Gründung so offiziell wie breit als: Zustand des vollständigen körperlichen, seelischen und sogar sozialen(!) Wohlergehens. Dann sind die Aufgabengebiete für Ärztinnen und Ärzte natürlich endlos.</p> <p>Doch die Tatsache, dass trotz immer mehr Behandlern und Behandlungen, trotz immer mehr Therapie und Medikamentenverschreibungen die Anzahl der Krankheitstage und Erwerbsminderungsrenten wegen psychischer Probleme steigt, <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychiatrie-gebt-das-medizinische-modell-endlich-auf/">zeigt die Beschränkungen des medizinische Modells in diesem Bereich</a>. Volkswirtschaftlich reiche Länder wie Deutschland, die Schweiz oder die Niederlande haben heute schon die weltweit höchsten Pro-Kopf-Raten von Psychotherapeuten und Psychiatern.</p> <p>Trotzdem werden in solchen Diskussionen unermüdlich immer mehr Behandler gefordert. Wie viel mehr sollen es denn noch sein? Anno 2023 meinte die scheidende Familienministerin, die psychische Gesundheit der Jüngeren mit mehr “Mental Health Coaches” in Schulen zu verbessern. Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychologische-hilfe-fuer-schulkinder-jetzt-sollen-mental-health-coaches-es-richten/">dafür bereitgestellten 10 Millionen Euro</a> sind natürlich ein Klacks im Vergleich zu dem angeblichen Milliardenschaden. Aber auch Coaches werden die Probleme nicht lösen.</p> <h2 id="h-fehler-im-system">Fehler im System</h2> <p>Natürlich gibt es medizinische Erkrankungen, die – zum Beispiel wegen Schmerzen, Einschränkungen im Alltag oder biochemischer Störungen – mit starkem psychischem Leiden einhergehen können. Diese sollte man nach Möglichkeit primär medizinisch behandeln, und zwar an der Wurzel des Übels. Einen verfaulenden Zahn würde man auf Dauer auch nicht nur symptomatisch mit gutem Zureden und Schmerzmitteln behandeln, sondern reparieren oder ziehen.</p> <p>Man darf nicht vergessen: Trotz all dem neurobiologischen und genetischen Geforsche der letzten 225(!) Jahre, können die biologischen Psychiater auch heute <em>keine einzige</em> der Hunderten klassifizierten psychischen Störungen mit einem Gehirn-, Gen- oder Bluttest diagnostizieren. Ihre mit unzähligen Forschungsmilliarden belohnten Versprechen haben sie nicht einmal ansatzweise erfüllt. Dass ihr Paradigma trotzdem die Forschung und Ausbildung dominiert, hat ideologische Gründe, die ich in meinem neuen Buch <em>Perspektiven aus der Depressions-Epidemie</em> näher erkläre.</p> <p>Leider ist das nicht nur eine wissenschaftliche Debatte. Die ewig ergebnislose Suche nach den vermuteten “neuronalen Mechanismen” psychischer Störungen steht der Umsetzung und Verbesserung der Hilfe im Weg: Wenn man wartet, bis psychische Probleme behandlungsbedürftig werden, sichert das zwar die Jobs der Behandler. Mit gesellschaftlichen Maßnahmen und individueller Präventionsarbeit könnte man das Gros der Störungen aber verhindern oder zumindest abmildern.</p> <p>Zum Beispiel sind die größten Risikofaktoren für die immer häufiger diagnostizierten depressiven Störungen schwere Lebensereignisse: Traumata, Verluste, Krisen. Dazu kommt der Stress durch Überforderung, Vereinsamung und das Wegfallen sozialer Strukturen, die einen stützen könnten.</p> <p>Wir leben zwar in einem Sozialstaat. Die überbordende Bürokratisierung dürfte aber gerade diejenigen, die Hilfe am nötigsten haben, als Kampf der Verwaltung gegen Bürgerinnen und Bürger erfahren. Wenn die Entscheidung über den Wohnzuschlag oder die Übernahme einer Behandlung lange dauert und nicht nachvollziehbar ist, erzeugt das Not. Dabei betonen sogar führende Politiker die Notwendigkeit des Bürokratieabbaus und der Vereinfachung der Systeme – und halten diesen Zustand trotzdem seit Jahrzehnten instand.</p> <h2 id="h-unsichtbares">Unsichtbares</h2> <p>Im Bereich der psychischen Störungen ist das Problem besonders groß, weil “die Psyche” nicht direkt sichtbar ist. Das ist gerade das (zum Scheitern verurteilte) Versprechen der biologischen Psychiatrie und Neuropsychologie: das Seelenleben sichtbar zu machen und zu objektivieren. Im Ergebnis herrscht dann aber Seelenleere in der Seelenlehre, den etablierten Psy-Disziplinen.</p> <p>Die so ausgebildeten Fachleute zucken mit den Schultern und diagnostizieren allenfalls sogenannte somatoforme oder Konversionsstörungen, wenn Menschen unverstandene körperliche Beschwerden haben und von Facharzt zu Facharzt geschickt wurden. In der “harten”, sich gerne naturwissenschaftlich und objektiv gebenden Medizin sind die Patienten nicht mehr willkommen, wenn alle Laboruntersuchungen und Scans erst einmal abgerechnet sind. Die Honorare einer radiologischen Praxis <a href="https://rwf-online.de/artikel/finanzen-und-steuern/2024/10/radiologie-erwirtschaftet-weniger-reinertrag-fachbeitrag">in Höhe von durchschnittlich 3,5 Millionen Euro pro Jahr</a> müssen ja irgendwoher kommen.</p> <p>Mit weniger Wohlwollen wirft man den Hilfesuchenden Simulantentum vor. Das war vor 100 Jahren nicht anders, wenn im Ergebnis auch viel preiswerter.</p> <p>Wir Menschen heute sind von uns selbst, Leib und Seele entfremdet. Wie sich dauerhafte Spannung, Stress oder Angst körperlich äußern können – zum Beispiel in Herzklopfen, Taubheitsgefühlen, Schwindel, Schwitzen, Schlaflosigkeit, Zittern, Magen- oder anderen Schmerzen und Durchfall –, bringt einem keiner bei. Und der Hinweis, dass solche Erscheinungen <em>psychische</em> Ursachen haben können, erzeugt schnell Abwehr. Denn die Betroffenen haben verinnerlicht, dass Psychisches im Gesundheitssystem als weniger real gilt.</p> <h2 id="h-unverstanden">Unverstanden</h2> <p>Tipps wie: “Entspann dich doch mal”, “Mach doch mal Urlaub”, “Nimm’s dir nicht so zu Herzen” oder gar “Stell dich nicht so an” von Bekannten oder Vorgesetzten dürften den Leidensdruck eher vergrößern. Im Ergebnis erhalten Frauen etwa zweieinhalbmal so oft Diagnosen einer Depression oder Angststörung als Männer. Letztere, die insgesamt seltener Hilfe suchen, bekommen dafür zwei- bis dreimal so oft eine Substanzkonsumstörung attestiert. Probleme mit Drogen zu betäuben, geht meist nicht lange gut.</p> <p>Damit sind die häufigsten psychologisch-psychiatrischen Störungsbilder fast schon abgedeckt. Sehr im Kommen sind zurzeit die Aufmerksamkeitsstörungen – die sich diagnostisch aber stark mit depressiven, Angst- und Substanzkonsumstörungen überschneiden. Ein Schelm, wer denkt, dass ADHS jetzt als weniger stigmatisierende Variante zur Depression fungiert. Über Burnout – mit dem Aufkommen der Industrialisierung sprach man noch von “<a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/warum-man-burn-out-nicht-als-modeerscheinung-abtun-sollte/">Neurasthenie</a>“, Nervenschwäche – haben wir ja lange genug geredet. Wer nicht privat versichert ist und auch kein Jahr auf die Diagnose warten will, legt dafür schon einmal 500 Euro auf den Tisch. Bei den Therapeuten klingeln die Kassen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg"><img alt="" decoding="async" height="563" sizes="(max-width: 850px) 100vw, 850px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg 850w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb-300x199.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb-768x509.jpg 768w" width="850"></img></a></figure> <p><em><strong>Bildzitat nach Originalvorlage:</strong> Bei einer auf ADHS-Diagnosen spezialisierten Praxis in einer deutschen Großstadt kann man ein vorbereitendes Gespräch für rund 143 Euro reservieren. Bis zur gewünschten Diagnose wird man tiefer in die Tasche greifen müssen. Da ist die Erwartungshalten der Kunden, das gewünschte Resultat zu erhalten, natürlich hoch. Aber dafür winken “rechtliche und finanzielle Vorteile”.</em></p> <p>Jenseits der bekannten Raster bleibt ohne Befund aber mit den genannten körperlichen Problemen vielleicht die mysteriöse somatoforme Störung. Laut Epidemiologen trifft sie jährlich immerhin fünf Prozent der Bevölkerung. Die im Volks- aber auch manchem Arztmund eher abwertende Bezeichnung “Hypochondrie” war nicht immer negativ besetzt. Ein Blick auf die wortwörtliche Bedeutung entschlüsselt das: altgriechisch <em>hypo</em> = unter und <em>khondros</em> = Knorpel. Mit Letzterem ist der Brustkorb gemeint.</p> <p>Das heißt, Hypochondrie war nicht unbedingt ein eingebildetes Kranksein. Sie konnte auch wahrgenommenes Unwohlsein unter den Rippen bedeuten: Und dort finden sich mit Herz, Lungen, Leber, Milz, Nieren, Bauchspeicheldrüse und Magen nicht ganz unwichtige Organe. Über das vegetative Nervensystem – kurz gesagt: Vagusnerv, Parasympathikus und Sympathikus – nimmt es an unserer lebenden Intelligenz (im Wortsinn von “Erkennen, Verstehen”) teil. Das heißt, die Organe bekommen mit, ob es uns gut geht oder wir gestresst sind.</p> <h2 id="h-umdeutung">Umdeutung</h2> <p>Doch Stress wird selten beseitigt, sondern meist umgedeutet und gemanagt. Mit Ideen wie: “Wie du Stress als deinen Freund siehst”, haben Gesundheitspsychologen viel Geld verdient. Die “Mental Health Coaches” wurden schon erwähnt. Und auch Yoga, Achtsamkeit oder Meditation werden langfristig nichts lösen, <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wozu-meditation-und-achtsamkeit-und-wozu-nicht/">wenn sie immer nur kurzfristig die Schäden durch den Alltag reparieren</a>. Allen Ansätzen ist gemein, dass sie die Umgebung als konstant – man könnte auch sagen: alternativlos – und das Individuum als formbar ansehen.</p> <p>Was daraus folgt, können wir anhand eines anderen Gesundheitsbeispiels verdeutlichen, der Ernährung: Auch hier werden wir permanent mit Botschaften bombardiert, unser Verhalten zu optimieren. Wir sollen möglichst ausgewogen, abwechslungsreich, frisch und vollkorn essen.</p> <p>In der Reklame und den Supermarktregalen werden uns aber permanent Produkte schmackhaft gemacht, die das Gegenteil davon sind: Mit viel Fett, Zucker, Salz, Aromen und anderen Geschmacksverstärkern lassen sich zwar günstig Massenwaren herstellen. Doch echte Lebensmittel, die diesen Namen verdienen, muss man aufwendig suchen – und auch wissen, wie man sie schmackhaft zubereitet.</p> <p>Obendrein kann man nicht mal mehr Zeitschriften oder Batterien kaufen, ohne dass beim erforderlichen Abrechnen fett- und zuckerreiche Produkte wie Schokoriegel oder Energydrinks präsentiert werden. Sie sind so schnell bezahlt wie verzehrt und aktivieren garantiert das Belohnungssystem im Gehirn. Jedenfalls für ein paar Sekunden.</p> <p>Das heißt, die Botschaften an das <em>Individuum</em>, sich möglichst gesund zu verhalten, kollidieren permanent mit den Angeboten unserer <em>Lebenswelt</em>. Dieser andauernde Spagat muss die Menschen stressen.</p> <p>Doch als richtig gestresste Konsumenten füttern wir die kapitalistische Maschine noch besser: dann verdienen auch die Coaches und Yogalehrer an uns. Werden wir krank, die Ärzte und Therapeuten. Die krankmachenden Umstände gelten als normal. Der Einzelne, der darauf normal reagiert, nämlich mit Krankheit, gilt als das Problem. Hier setzen so gut wie alle therapeutischen Verdienmodelle an – nicht an der Lebenswelt, wo die Probleme entstehen.</p> <h2 id="h-stress-und-keine-losung">Stress und keine Lösung</h2> <p>Ach ja: Und bitte trennen Sie Ihren Müll, damit Ihnen weiter einfach zu standardisierende, komfortabel verpackte Produkte verkauft werden können. Denken Sie nicht an Weichmacher oder Mikroplastik. Vergessen Sie aber nicht ihre 10.000 Schritte am Tag, bitte mindestens drei bis fünf Stunden Bewegung pro Woche. Alkohol und Tabak sind Gift – verwenden Sie diese bloß nicht zur Stresskompensation. Letzterer bringt Sie nicht nur als Passivrauch ins Grab, sondern sogar als Tertiärrauch aus Textilien. Stresst Sie das alles? Aber gut schlafen müssen Sie schon!</p> <p>Auch die psychiatrische Forschung bestreitet heute nicht mehr, dass die Störungsbilder “stressreaktiv” sind. Es wird zwar immer noch von individuell unterschiedlichen Veranlagungen für die psychischen Störungen ausgegangen, was nicht ganz falsch ist, doch auch nicht ganz richtig. Doch dass viel Stress schlecht für die Psyche sein kann, wird jetzt allgemein anerkannt. Dennoch wird als Lösung nicht die Beseitigung von Stress in der Umgebung angeboten, sondern die Erhöhung von <em>Resilienz</em> im Individuum.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em><strong>Deutsche Bücher als Trendbarometer:</strong> Man sieht, wie die Diskussion um Neurasthenie im späten 19. Jahrhundert aufkam. In bürgerlichen Kreisen galt eine gewisse Sensibilität damals durchaus als schick. Doch mit dem Ende der Weimarer Republik und der erneuten Militarisierung wurden die “Nervenschwachen” zunehmend stigmatisiert. Stress wurde dann nach dem Zweiten Weltkrieg zum Thema, sehr viel stärker gegen Ende der 1990er. Burnout kam um die Jahrtausendwende als Thema auf, Resilienz etwas später. Der psychischen Gesundheit der Masse hat all das Gerede bisher nicht geholfen. Datenquelle: Google Ngram</em></p> <p>Historisch nachvollziehbar stützt sich <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/09/das-dogma-der-biologischen-psychiatrie-in-historischer-perspektive/">seit dem 19. Jahrhundert die Psychiatrie</a> und etwas später auch die klinische Psychologie mit dem Gen- und Gehirndenken auf diesen Individualismus. Gleichzeitig versprachen sie damit das Sichtbarmachen der unsichtbaren Seele. Zugegeben, es gab und gibt immer wieder auch einmal soziale Ansätze. Doch in der Forschung und der Darstellung der Probleme führen sie eher ein Schattendasein.</p> <h2 id="h-zuruck-zur-jugend">Zurück zur Jugend</h2> <p>Wie wir sahen, ist dieser Status quo für eine ganze Reihe einflussreicher Marktteilnehmer äußerst lukrativ. In diesen Markt wachsen die jungen Menschen hinein, ohne dass sie davon profitieren könnten oder eine Alternative angeboten bekämen.</p> <p>Dazu kommen zahlreiche Probleme, die ihnen die Erwachsenen, die sie in Zukunft versorgen sollen, überlassen: Denken wir an Staatsschulden, klimaschädliche Gase in der Luft und Stickstoff in den Böden, steigende Temperaturen und Meeresspiegel, Müll in den Meeren, zerbröckelnde Infrastruktur, zunehmende Kosten im Zusammenhang mit den wachsenden Unterschieden zwischen Wohlhabenden und Ärmeren, die Destabilisierung demokratischer Rechtsstaaten und kriegerische Konflikte.</p> <p>Die Antwort der zuständigen Fachleute lautet im Wesentlichen: Achtet mehr auf eure psychische Gesundheit und tut mehr für die Resilienz! Ersteres, auch bekannt als “mental health awareness”, dürfte die Probleme eher vergrößern. Die Symptome der Hunderten Störungsbilder sind nämlich oft so vage formuliert und überschneiden sich mit der Normalität, dass man sich leicht darin wiedererkennt. Das kennt jeder, der ein Diagnosehandbuch aufschlägt und darin liest. Ehe man sich versieht, hat man sich schon selbst diagnostiziert.</p> <p>Die ZEIT hatte gerade am 25. Oktober einen längeren Artikel darüber, dass das unablässige Reden über psychische Probleme diese gerade noch verstärken kann. Und die Zunahme an Menschen mit leichten Problemen, die jetzt alle Psychotherapie wollen, macht die Versorgung für die Härtefälle gerade schwerer. Dabei haben diese die Hilfe am nötigsten.</p> <p>Das Vermitteln von Resilienz wird die Probleme vielleicht etwas verzögern, aber nicht lösen – weil es nichts an den Ursachen ändert.</p> <h2 id="h-therapie">Therapie</h2> <p>Natürlich <em>kann</em> man individuell etwas bewirken. Gerade bei Ängsten gibt es wirksame Verfahren der Verhaltenstherapie, die oft auf eine Konfrontation und dann Überwindung der Angst hinauslaufen. Wer unter negativen Gedankenmustern leidet, kann diese ebenso wie wiederkehrende Probleme in zwischenmenschlichen Beziehungen in einer Gesprächstherapie bearbeiten.</p> <p>Für den Umgang mit schmerzhaften Erinnerungen gibt es spezialisierte Verfahren. Und zur Unterstützung können insbesondere bei schweren Störungen Psychopharmaka sinnvoll sein. In <em>Perspektiven aus der Depressions-Epidemie</em> gehe ich ausführlicher auf die Möglichkeiten ein.</p> <p>Aber auch die Therapeutinnen und Therapeuten haben nicht nur hehre Ziele. Zugegeben, der Weg zur Approbation ist hart. Und dann hat man noch lange keinen Kassensitz, um die Masse der gesetzlich Versicherten abrechnen zu können.</p> <p>Durch den inoffiziellen Handel mit den Lizenzen lassen sich Psychotherapeuten, die schon jahrzehntelang ihre Leistungen gut abrechnen konnten, heute den Übergang in die Rente vergolden: Dass man in Großstädten sechsstellige Beträge für die Übernahme einer Praxis verlangt, gilt inzwischen als normal. Offiziell zahlt man das für die Praxiseinrichtung. Aber wie teuer kann die bei Psychotherapeuten schon sein?</p> <p>Hat man es geschafft – und sich für Ausbildung und Praxis wahrscheinlich verschuldet –, dann hat man im Prinzip eine Lizenz zum Gelddrucken. Wer es gut anstellt, kommt mit 25 Klienten pro Woche auf ein sechsstelliges Einkommen. Mit Gruppentherapie und Privatpatienten kann man mehr verdienen. Das müssen Normalbürger mit im Median 45.000 Euro brutto pro Jahr erst einmal schaffen.</p> <p>Also gilt auch hier, dass strukturelle Faktoren das Angebot bestimmen, wenn man sich individuell auf die Suche macht. Willkommen auf dem kapitalistischen Gesundheitsmarkt. Und viel Glück beim Finden eines Behandlungsplatzes, wo dann die therapeutische Beziehung auch noch passt!</p> <h2 id="h-strukturelle-losungen">Strukturelle Lösungen</h2> <p>Ein Hoffnungsschimmer für die Jugend ist allerdings eine Initiative, mit der die Bundesschülerkonferenz jetzt selbst aufwartet. Mit ihrer Kampagne “<a href="https://bundesschuelerkonferenz.com/uns-gehts-gut/">Uns geht’s gut?</a>” hat sie einen Zehn-Punkte-Plan für eine bessere Zukunft aufgestellt.</p> <p>Anders als die gut bezahlten Fachleute haben die Schülerinnen und Schüler immerhin ein Bewusstsein für strukturelle Lösungen: mehr Personal für Sozialarbeit, bessere Schulstrukturen, Fortbildungen für das Personal, Gesundheitsförderung durch zum Beispiel mehr Angebote für Bewegung und gesunde Ernährung, Schutz vor Mobbing und Diskriminierung, Verbesserung der Schulbauten sowie zielgerichtete Hilfe für benachteiligte Gruppen.</p> <p>Unterstützen wir sie dabei!</p> <h2 id="h-mehr-zur-depressions-epidemie">Mehr zur Depressions-Epidemie</h2> <figure><a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die Depressions-Epidemie im neuen Buch von Stephan Schleim: Was sind Depressionen überhaupt? Wie werden sie diagnostiziert? Wie veränderte sich das Störungsbild im Laufe der Zeit? Warum wird es in den letzten Jahrzehnten so viel häufiger diagnostiziert und haben sich die Medikamentenverschreibungen verfielfacht? Das Buch kombiniert 27 alte und neue Perspektiven aus Psychologie, Neurowissenschaft und Soziologie mit viel Orientierungswissen zum Verstehen, Vorbeugen und Heilen. Das eBook gibt es für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="http://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play</a><a href="https://play.google.com/store/books/details?id=pbRPEQAAQBAJ"> Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/woman-sad-portrait-crying-2048905/">Anemone123</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/379d17df4c474f8b82cc8b66e5a9e004" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/woman-2048905_1920.jpg" /><h1>Zur psychischen Gesundheit der Jugend – ein Kommentar » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Die Bundesschülerkonferenz und das Institut der Deutschen Wirtschaft schlagen Alarm. Über individuelle und strukturelle Lösungen.</strong></p> <span id="more-3458"></span> <p>Am 30. Oktober veröffentlichte das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) einen Bericht <a href="https://www.iwkoeln.de/studien/christina-anger-julia-betz-wido-geis-thoene-die-oekonomische-bedeutung-der-psychischen-gesundheit-von-schuelerinnen-und-schuelern.html">über die ökonomische Bedeutung der psychischen Gesundheit von Schülerinnen und Schülern</a>. Natürlich sollte man sich in erster Linie wegen des Leidens und der Lebensqualität mit dem mentalen Wohlsein beschäftigen. Aber für manche Entscheidungsträger ist das Argument durchschlaggebend, damit auch der Wirtschaft etwas Gutes zu tun.</p> <p>Laut dem IW entsteht der deutschen Volkswirtschaft wegen psychischer Störungen jährlich ein Schaden von fast 150 Milliarden Euro. Auf diese Problematik würden rund zwei Drittel der Erwerbsminderungsrenten bei den Unter-30-Jährigen zurückgehen.</p> <p>Ich erklärte schon vor vielen Jahren, dass solche Kostenrechnungen <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/verursachen-psychisch-kranke-finanziellen-schaden/">mit Vorsicht zu genießen sind</a>. Die so hohen wie runden Milliardenbeträge machen sich natürlich gut in den Medien und politischen Diskussionen. Aber es sind abstrakte Größen.</p> <p>Zum Teil werden sie auf dem Gesundheitsmarkt sogar zu einem Nullsummenspiel, weil viele Akteure mit Krankheit Geld verdienen und in diesem Sinne volkswirtschaftlichen Wert erzeugen. Und auch das Risiko der Stigmatisierung sollte man nicht unterschätzen, wenn man beispielsweise Depressive als Milliardenposten darstellt.<aside></aside></p> <p>Dass die Krankheitslasten – sowohl für eher psychische als auch eher körperliche Probleme – <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/die-deutschen-sind-kraenker-denn-je/">steigen</a>, obwohl wir immer mehr Geld ins Gesundheitssystem und die Gesundheitsforschung pumpen, sollte uns aber aufhorchen lassen. Und die Probleme der jungen Menschen sind ein Spiegel der Erwachsenenwelt.</p> <p>Umgekehrt wird auch ein Schuh daraus: Weil (ohne passende Migration) immer weniger Menschen auf dem Arbeitsmarkt verfügbar sind aber immer mehr Bürger Behandlung und Pflege brauchen, werden die Probleme in Zukunft noch größer werden. Allein das kann einen schon deprimieren.</p> <h2 id="h-individualisierung">Individualisierung</h2> <p>Insofern ist es zu begrüßen, wenn sich auch das IW des Themas psychische Gesundheit annimmt. Doch leider wiederholt das Institut den häufigen Fehler, es primär als <em>medizinisches</em> und <em>individuelles</em> Problem zu sehen. So lautet dann die Empfehlung: “Um die psychische Gesundheit von Schülerinnen und Schülern in Deutschland nachhaltig zu verbessern, sollte die medizinische Versorgung und Unterstützung der Kinder und Jugendlichen verbessert werden.” Außerdem sollten alle Beteiligten noch mehr für psychische Problematik sensibilisiert werden.</p> <p>Viele haben immer noch nicht verstanden, was durch Industrialisierung, das Leben in großen Ballungsräumen und andere Aspekte des sogenannten technologischen Fortschritts mit der Medizin geschah: Seit dem 19. Jahrhundert wurden zunehmend menschliche und gesellschaftliche Probleme ihren Bereich verschoben. So entstand überhaupt erst die Psychiatrie als Fachdisziplin innerhalb der Medizin, im 20. Jahrhundert auch die klinische Psychologie.</p> <p>Auch die WHO versteht ihr Aufgabengebiet Gesundheit seit ihrer Gründung so offiziell wie breit als: Zustand des vollständigen körperlichen, seelischen und sogar sozialen(!) Wohlergehens. Dann sind die Aufgabengebiete für Ärztinnen und Ärzte natürlich endlos.</p> <p>Doch die Tatsache, dass trotz immer mehr Behandlern und Behandlungen, trotz immer mehr Therapie und Medikamentenverschreibungen die Anzahl der Krankheitstage und Erwerbsminderungsrenten wegen psychischer Probleme steigt, <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychiatrie-gebt-das-medizinische-modell-endlich-auf/">zeigt die Beschränkungen des medizinische Modells in diesem Bereich</a>. Volkswirtschaftlich reiche Länder wie Deutschland, die Schweiz oder die Niederlande haben heute schon die weltweit höchsten Pro-Kopf-Raten von Psychotherapeuten und Psychiatern.</p> <p>Trotzdem werden in solchen Diskussionen unermüdlich immer mehr Behandler gefordert. Wie viel mehr sollen es denn noch sein? Anno 2023 meinte die scheidende Familienministerin, die psychische Gesundheit der Jüngeren mit mehr “Mental Health Coaches” in Schulen zu verbessern. Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychologische-hilfe-fuer-schulkinder-jetzt-sollen-mental-health-coaches-es-richten/">dafür bereitgestellten 10 Millionen Euro</a> sind natürlich ein Klacks im Vergleich zu dem angeblichen Milliardenschaden. Aber auch Coaches werden die Probleme nicht lösen.</p> <h2 id="h-fehler-im-system">Fehler im System</h2> <p>Natürlich gibt es medizinische Erkrankungen, die – zum Beispiel wegen Schmerzen, Einschränkungen im Alltag oder biochemischer Störungen – mit starkem psychischem Leiden einhergehen können. Diese sollte man nach Möglichkeit primär medizinisch behandeln, und zwar an der Wurzel des Übels. Einen verfaulenden Zahn würde man auf Dauer auch nicht nur symptomatisch mit gutem Zureden und Schmerzmitteln behandeln, sondern reparieren oder ziehen.</p> <p>Man darf nicht vergessen: Trotz all dem neurobiologischen und genetischen Geforsche der letzten 225(!) Jahre, können die biologischen Psychiater auch heute <em>keine einzige</em> der Hunderten klassifizierten psychischen Störungen mit einem Gehirn-, Gen- oder Bluttest diagnostizieren. Ihre mit unzähligen Forschungsmilliarden belohnten Versprechen haben sie nicht einmal ansatzweise erfüllt. Dass ihr Paradigma trotzdem die Forschung und Ausbildung dominiert, hat ideologische Gründe, die ich in meinem neuen Buch <em>Perspektiven aus der Depressions-Epidemie</em> näher erkläre.</p> <p>Leider ist das nicht nur eine wissenschaftliche Debatte. Die ewig ergebnislose Suche nach den vermuteten “neuronalen Mechanismen” psychischer Störungen steht der Umsetzung und Verbesserung der Hilfe im Weg: Wenn man wartet, bis psychische Probleme behandlungsbedürftig werden, sichert das zwar die Jobs der Behandler. Mit gesellschaftlichen Maßnahmen und individueller Präventionsarbeit könnte man das Gros der Störungen aber verhindern oder zumindest abmildern.</p> <p>Zum Beispiel sind die größten Risikofaktoren für die immer häufiger diagnostizierten depressiven Störungen schwere Lebensereignisse: Traumata, Verluste, Krisen. Dazu kommt der Stress durch Überforderung, Vereinsamung und das Wegfallen sozialer Strukturen, die einen stützen könnten.</p> <p>Wir leben zwar in einem Sozialstaat. Die überbordende Bürokratisierung dürfte aber gerade diejenigen, die Hilfe am nötigsten haben, als Kampf der Verwaltung gegen Bürgerinnen und Bürger erfahren. Wenn die Entscheidung über den Wohnzuschlag oder die Übernahme einer Behandlung lange dauert und nicht nachvollziehbar ist, erzeugt das Not. Dabei betonen sogar führende Politiker die Notwendigkeit des Bürokratieabbaus und der Vereinfachung der Systeme – und halten diesen Zustand trotzdem seit Jahrzehnten instand.</p> <h2 id="h-unsichtbares">Unsichtbares</h2> <p>Im Bereich der psychischen Störungen ist das Problem besonders groß, weil “die Psyche” nicht direkt sichtbar ist. Das ist gerade das (zum Scheitern verurteilte) Versprechen der biologischen Psychiatrie und Neuropsychologie: das Seelenleben sichtbar zu machen und zu objektivieren. Im Ergebnis herrscht dann aber Seelenleere in der Seelenlehre, den etablierten Psy-Disziplinen.</p> <p>Die so ausgebildeten Fachleute zucken mit den Schultern und diagnostizieren allenfalls sogenannte somatoforme oder Konversionsstörungen, wenn Menschen unverstandene körperliche Beschwerden haben und von Facharzt zu Facharzt geschickt wurden. In der “harten”, sich gerne naturwissenschaftlich und objektiv gebenden Medizin sind die Patienten nicht mehr willkommen, wenn alle Laboruntersuchungen und Scans erst einmal abgerechnet sind. Die Honorare einer radiologischen Praxis <a href="https://rwf-online.de/artikel/finanzen-und-steuern/2024/10/radiologie-erwirtschaftet-weniger-reinertrag-fachbeitrag">in Höhe von durchschnittlich 3,5 Millionen Euro pro Jahr</a> müssen ja irgendwoher kommen.</p> <p>Mit weniger Wohlwollen wirft man den Hilfesuchenden Simulantentum vor. Das war vor 100 Jahren nicht anders, wenn im Ergebnis auch viel preiswerter.</p> <p>Wir Menschen heute sind von uns selbst, Leib und Seele entfremdet. Wie sich dauerhafte Spannung, Stress oder Angst körperlich äußern können – zum Beispiel in Herzklopfen, Taubheitsgefühlen, Schwindel, Schwitzen, Schlaflosigkeit, Zittern, Magen- oder anderen Schmerzen und Durchfall –, bringt einem keiner bei. Und der Hinweis, dass solche Erscheinungen <em>psychische</em> Ursachen haben können, erzeugt schnell Abwehr. Denn die Betroffenen haben verinnerlicht, dass Psychisches im Gesundheitssystem als weniger real gilt.</p> <h2 id="h-unverstanden">Unverstanden</h2> <p>Tipps wie: “Entspann dich doch mal”, “Mach doch mal Urlaub”, “Nimm’s dir nicht so zu Herzen” oder gar “Stell dich nicht so an” von Bekannten oder Vorgesetzten dürften den Leidensdruck eher vergrößern. Im Ergebnis erhalten Frauen etwa zweieinhalbmal so oft Diagnosen einer Depression oder Angststörung als Männer. Letztere, die insgesamt seltener Hilfe suchen, bekommen dafür zwei- bis dreimal so oft eine Substanzkonsumstörung attestiert. Probleme mit Drogen zu betäuben, geht meist nicht lange gut.</p> <p>Damit sind die häufigsten psychologisch-psychiatrischen Störungsbilder fast schon abgedeckt. Sehr im Kommen sind zurzeit die Aufmerksamkeitsstörungen – die sich diagnostisch aber stark mit depressiven, Angst- und Substanzkonsumstörungen überschneiden. Ein Schelm, wer denkt, dass ADHS jetzt als weniger stigmatisierende Variante zur Depression fungiert. Über Burnout – mit dem Aufkommen der Industrialisierung sprach man noch von “<a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/warum-man-burn-out-nicht-als-modeerscheinung-abtun-sollte/">Neurasthenie</a>“, Nervenschwäche – haben wir ja lange genug geredet. Wer nicht privat versichert ist und auch kein Jahr auf die Diagnose warten will, legt dafür schon einmal 500 Euro auf den Tisch. Bei den Therapeuten klingeln die Kassen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg"><img alt="" decoding="async" height="563" sizes="(max-width: 850px) 100vw, 850px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg 850w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb-300x199.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb-768x509.jpg 768w" width="850"></img></a></figure> <p><em><strong>Bildzitat nach Originalvorlage:</strong> Bei einer auf ADHS-Diagnosen spezialisierten Praxis in einer deutschen Großstadt kann man ein vorbereitendes Gespräch für rund 143 Euro reservieren. Bis zur gewünschten Diagnose wird man tiefer in die Tasche greifen müssen. Da ist die Erwartungshalten der Kunden, das gewünschte Resultat zu erhalten, natürlich hoch. Aber dafür winken “rechtliche und finanzielle Vorteile”.</em></p> <p>Jenseits der bekannten Raster bleibt ohne Befund aber mit den genannten körperlichen Problemen vielleicht die mysteriöse somatoforme Störung. Laut Epidemiologen trifft sie jährlich immerhin fünf Prozent der Bevölkerung. Die im Volks- aber auch manchem Arztmund eher abwertende Bezeichnung “Hypochondrie” war nicht immer negativ besetzt. Ein Blick auf die wortwörtliche Bedeutung entschlüsselt das: altgriechisch <em>hypo</em> = unter und <em>khondros</em> = Knorpel. Mit Letzterem ist der Brustkorb gemeint.</p> <p>Das heißt, Hypochondrie war nicht unbedingt ein eingebildetes Kranksein. Sie konnte auch wahrgenommenes Unwohlsein unter den Rippen bedeuten: Und dort finden sich mit Herz, Lungen, Leber, Milz, Nieren, Bauchspeicheldrüse und Magen nicht ganz unwichtige Organe. Über das vegetative Nervensystem – kurz gesagt: Vagusnerv, Parasympathikus und Sympathikus – nimmt es an unserer lebenden Intelligenz (im Wortsinn von “Erkennen, Verstehen”) teil. Das heißt, die Organe bekommen mit, ob es uns gut geht oder wir gestresst sind.</p> <h2 id="h-umdeutung">Umdeutung</h2> <p>Doch Stress wird selten beseitigt, sondern meist umgedeutet und gemanagt. Mit Ideen wie: “Wie du Stress als deinen Freund siehst”, haben Gesundheitspsychologen viel Geld verdient. Die “Mental Health Coaches” wurden schon erwähnt. Und auch Yoga, Achtsamkeit oder Meditation werden langfristig nichts lösen, <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wozu-meditation-und-achtsamkeit-und-wozu-nicht/">wenn sie immer nur kurzfristig die Schäden durch den Alltag reparieren</a>. Allen Ansätzen ist gemein, dass sie die Umgebung als konstant – man könnte auch sagen: alternativlos – und das Individuum als formbar ansehen.</p> <p>Was daraus folgt, können wir anhand eines anderen Gesundheitsbeispiels verdeutlichen, der Ernährung: Auch hier werden wir permanent mit Botschaften bombardiert, unser Verhalten zu optimieren. Wir sollen möglichst ausgewogen, abwechslungsreich, frisch und vollkorn essen.</p> <p>In der Reklame und den Supermarktregalen werden uns aber permanent Produkte schmackhaft gemacht, die das Gegenteil davon sind: Mit viel Fett, Zucker, Salz, Aromen und anderen Geschmacksverstärkern lassen sich zwar günstig Massenwaren herstellen. Doch echte Lebensmittel, die diesen Namen verdienen, muss man aufwendig suchen – und auch wissen, wie man sie schmackhaft zubereitet.</p> <p>Obendrein kann man nicht mal mehr Zeitschriften oder Batterien kaufen, ohne dass beim erforderlichen Abrechnen fett- und zuckerreiche Produkte wie Schokoriegel oder Energydrinks präsentiert werden. Sie sind so schnell bezahlt wie verzehrt und aktivieren garantiert das Belohnungssystem im Gehirn. Jedenfalls für ein paar Sekunden.</p> <p>Das heißt, die Botschaften an das <em>Individuum</em>, sich möglichst gesund zu verhalten, kollidieren permanent mit den Angeboten unserer <em>Lebenswelt</em>. Dieser andauernde Spagat muss die Menschen stressen.</p> <p>Doch als richtig gestresste Konsumenten füttern wir die kapitalistische Maschine noch besser: dann verdienen auch die Coaches und Yogalehrer an uns. Werden wir krank, die Ärzte und Therapeuten. Die krankmachenden Umstände gelten als normal. Der Einzelne, der darauf normal reagiert, nämlich mit Krankheit, gilt als das Problem. Hier setzen so gut wie alle therapeutischen Verdienmodelle an – nicht an der Lebenswelt, wo die Probleme entstehen.</p> <h2 id="h-stress-und-keine-losung">Stress und keine Lösung</h2> <p>Ach ja: Und bitte trennen Sie Ihren Müll, damit Ihnen weiter einfach zu standardisierende, komfortabel verpackte Produkte verkauft werden können. Denken Sie nicht an Weichmacher oder Mikroplastik. Vergessen Sie aber nicht ihre 10.000 Schritte am Tag, bitte mindestens drei bis fünf Stunden Bewegung pro Woche. Alkohol und Tabak sind Gift – verwenden Sie diese bloß nicht zur Stresskompensation. Letzterer bringt Sie nicht nur als Passivrauch ins Grab, sondern sogar als Tertiärrauch aus Textilien. Stresst Sie das alles? Aber gut schlafen müssen Sie schon!</p> <p>Auch die psychiatrische Forschung bestreitet heute nicht mehr, dass die Störungsbilder “stressreaktiv” sind. Es wird zwar immer noch von individuell unterschiedlichen Veranlagungen für die psychischen Störungen ausgegangen, was nicht ganz falsch ist, doch auch nicht ganz richtig. Doch dass viel Stress schlecht für die Psyche sein kann, wird jetzt allgemein anerkannt. Dennoch wird als Lösung nicht die Beseitigung von Stress in der Umgebung angeboten, sondern die Erhöhung von <em>Resilienz</em> im Individuum.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em><strong>Deutsche Bücher als Trendbarometer:</strong> Man sieht, wie die Diskussion um Neurasthenie im späten 19. Jahrhundert aufkam. In bürgerlichen Kreisen galt eine gewisse Sensibilität damals durchaus als schick. Doch mit dem Ende der Weimarer Republik und der erneuten Militarisierung wurden die “Nervenschwachen” zunehmend stigmatisiert. Stress wurde dann nach dem Zweiten Weltkrieg zum Thema, sehr viel stärker gegen Ende der 1990er. Burnout kam um die Jahrtausendwende als Thema auf, Resilienz etwas später. Der psychischen Gesundheit der Masse hat all das Gerede bisher nicht geholfen. Datenquelle: Google Ngram</em></p> <p>Historisch nachvollziehbar stützt sich <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/09/das-dogma-der-biologischen-psychiatrie-in-historischer-perspektive/">seit dem 19. Jahrhundert die Psychiatrie</a> und etwas später auch die klinische Psychologie mit dem Gen- und Gehirndenken auf diesen Individualismus. Gleichzeitig versprachen sie damit das Sichtbarmachen der unsichtbaren Seele. Zugegeben, es gab und gibt immer wieder auch einmal soziale Ansätze. Doch in der Forschung und der Darstellung der Probleme führen sie eher ein Schattendasein.</p> <h2 id="h-zuruck-zur-jugend">Zurück zur Jugend</h2> <p>Wie wir sahen, ist dieser Status quo für eine ganze Reihe einflussreicher Marktteilnehmer äußerst lukrativ. In diesen Markt wachsen die jungen Menschen hinein, ohne dass sie davon profitieren könnten oder eine Alternative angeboten bekämen.</p> <p>Dazu kommen zahlreiche Probleme, die ihnen die Erwachsenen, die sie in Zukunft versorgen sollen, überlassen: Denken wir an Staatsschulden, klimaschädliche Gase in der Luft und Stickstoff in den Böden, steigende Temperaturen und Meeresspiegel, Müll in den Meeren, zerbröckelnde Infrastruktur, zunehmende Kosten im Zusammenhang mit den wachsenden Unterschieden zwischen Wohlhabenden und Ärmeren, die Destabilisierung demokratischer Rechtsstaaten und kriegerische Konflikte.</p> <p>Die Antwort der zuständigen Fachleute lautet im Wesentlichen: Achtet mehr auf eure psychische Gesundheit und tut mehr für die Resilienz! Ersteres, auch bekannt als “mental health awareness”, dürfte die Probleme eher vergrößern. Die Symptome der Hunderten Störungsbilder sind nämlich oft so vage formuliert und überschneiden sich mit der Normalität, dass man sich leicht darin wiedererkennt. Das kennt jeder, der ein Diagnosehandbuch aufschlägt und darin liest. Ehe man sich versieht, hat man sich schon selbst diagnostiziert.</p> <p>Die ZEIT hatte gerade am 25. Oktober einen längeren Artikel darüber, dass das unablässige Reden über psychische Probleme diese gerade noch verstärken kann. Und die Zunahme an Menschen mit leichten Problemen, die jetzt alle Psychotherapie wollen, macht die Versorgung für die Härtefälle gerade schwerer. Dabei haben diese die Hilfe am nötigsten.</p> <p>Das Vermitteln von Resilienz wird die Probleme vielleicht etwas verzögern, aber nicht lösen – weil es nichts an den Ursachen ändert.</p> <h2 id="h-therapie">Therapie</h2> <p>Natürlich <em>kann</em> man individuell etwas bewirken. Gerade bei Ängsten gibt es wirksame Verfahren der Verhaltenstherapie, die oft auf eine Konfrontation und dann Überwindung der Angst hinauslaufen. Wer unter negativen Gedankenmustern leidet, kann diese ebenso wie wiederkehrende Probleme in zwischenmenschlichen Beziehungen in einer Gesprächstherapie bearbeiten.</p> <p>Für den Umgang mit schmerzhaften Erinnerungen gibt es spezialisierte Verfahren. Und zur Unterstützung können insbesondere bei schweren Störungen Psychopharmaka sinnvoll sein. In <em>Perspektiven aus der Depressions-Epidemie</em> gehe ich ausführlicher auf die Möglichkeiten ein.</p> <p>Aber auch die Therapeutinnen und Therapeuten haben nicht nur hehre Ziele. Zugegeben, der Weg zur Approbation ist hart. Und dann hat man noch lange keinen Kassensitz, um die Masse der gesetzlich Versicherten abrechnen zu können.</p> <p>Durch den inoffiziellen Handel mit den Lizenzen lassen sich Psychotherapeuten, die schon jahrzehntelang ihre Leistungen gut abrechnen konnten, heute den Übergang in die Rente vergolden: Dass man in Großstädten sechsstellige Beträge für die Übernahme einer Praxis verlangt, gilt inzwischen als normal. Offiziell zahlt man das für die Praxiseinrichtung. Aber wie teuer kann die bei Psychotherapeuten schon sein?</p> <p>Hat man es geschafft – und sich für Ausbildung und Praxis wahrscheinlich verschuldet –, dann hat man im Prinzip eine Lizenz zum Gelddrucken. Wer es gut anstellt, kommt mit 25 Klienten pro Woche auf ein sechsstelliges Einkommen. Mit Gruppentherapie und Privatpatienten kann man mehr verdienen. Das müssen Normalbürger mit im Median 45.000 Euro brutto pro Jahr erst einmal schaffen.</p> <p>Also gilt auch hier, dass strukturelle Faktoren das Angebot bestimmen, wenn man sich individuell auf die Suche macht. Willkommen auf dem kapitalistischen Gesundheitsmarkt. Und viel Glück beim Finden eines Behandlungsplatzes, wo dann die therapeutische Beziehung auch noch passt!</p> <h2 id="h-strukturelle-losungen">Strukturelle Lösungen</h2> <p>Ein Hoffnungsschimmer für die Jugend ist allerdings eine Initiative, mit der die Bundesschülerkonferenz jetzt selbst aufwartet. Mit ihrer Kampagne “<a href="https://bundesschuelerkonferenz.com/uns-gehts-gut/">Uns geht’s gut?</a>” hat sie einen Zehn-Punkte-Plan für eine bessere Zukunft aufgestellt.</p> <p>Anders als die gut bezahlten Fachleute haben die Schülerinnen und Schüler immerhin ein Bewusstsein für strukturelle Lösungen: mehr Personal für Sozialarbeit, bessere Schulstrukturen, Fortbildungen für das Personal, Gesundheitsförderung durch zum Beispiel mehr Angebote für Bewegung und gesunde Ernährung, Schutz vor Mobbing und Diskriminierung, Verbesserung der Schulbauten sowie zielgerichtete Hilfe für benachteiligte Gruppen.</p> <p>Unterstützen wir sie dabei!</p> <h2 id="h-mehr-zur-depressions-epidemie">Mehr zur Depressions-Epidemie</h2> <figure><a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die Depressions-Epidemie im neuen Buch von Stephan Schleim: Was sind Depressionen überhaupt? Wie werden sie diagnostiziert? Wie veränderte sich das Störungsbild im Laufe der Zeit? Warum wird es in den letzten Jahrzehnten so viel häufiger diagnostiziert und haben sich die Medikamentenverschreibungen verfielfacht? Das Buch kombiniert 27 alte und neue Perspektiven aus Psychologie, Neurowissenschaft und Soziologie mit viel Orientierungswissen zum Verstehen, Vorbeugen und Heilen. Das eBook gibt es für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="http://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play</a><a href="https://play.google.com/store/books/details?id=pbRPEQAAQBAJ"> Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/woman-sad-portrait-crying-2048905/">Anemone123</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/379d17df4c474f8b82cc8b66e5a9e004" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zur-psychischen-gesundheit-der-jugend-ein-kommentar/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>18</slash:comments> </item> <item> <title>„Mein Alzheimer-Outing hat mein Leben leichter gemacht“  https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/mein-alzheimer-outing-hat-mein-leben-leichter-gemacht/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/mein-alzheimer-outing-hat-mein-leben-leichter-gemacht/#respond Fri, 31 Oct 2025 14:10:03 +0000 Gast https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5287 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Britta-Flaig10-1-scaled-e1761919773862-768x183.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/mein-alzheimer-outing-hat-mein-leben-leichter-gemacht/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Britta-Flaig10-1-scaled-e1761919773862.jpg" /><h1>„Mein Alzheimer-Outing hat mein Leben leichter gemacht“  » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Gast</h2><div itemprop="text"> <h4 id="h-britta-flaig-57-aus-eckernforde-in-schleswig-holstein-war-mitte-funfzig-als-sie-die-diagnose-alzheimer-bekam-ein-schock-fur-die-lehrerin-und-mutter-von-vier-kindern-denn-eine-demenz-vom-typ-alzheimer-tritt-eher-im-hoheren-alter-auf-doch-schon-bald-entschied-sie-ich-nehme-die-diagnose-an-und-mache-das-beste-daraus-britta-flaig-schrieb-und-illustrierte-ein-kinderbuch-uber-alzheimer-mit-dem-sie-bis-heute-auf-lesungen-jung-und-alt-beruhrt-es-ist-die-geschichte-von-schafmama-berta-die-immer-vergesslicher-wird-sich-verlauft-und-die-namen-ihrer-kinder-verwechselt-es-ist-britta-flaigs-geschichte-sie-erzahlt-sie-herzlich-und-hoffnungsvoll-und-macht-damit-betroffenen-und-ihren-familien-mut-ein-echtes-vorbild-die-hertie-stiftung-verleiht-britta-flaig-deshalb-2025-den-hertie-preis-fur-engagement-und-selbsthilfe-der-einzelpersonen-und-projekte-wurdigt-die-sich-mit-neurologischen-erkrankungen-auseinandersetzen-und-dabei-mut-kreativitat-und-wirkung-zeigen-wir-haben-britta-flaig-in-eckernforde-an-der-ostsee-besucht"><strong>Britta Flaig (57) aus Eckernförde in Schleswig-Holstein war Mitte fünfzig, als sie die Diagnose Alzheimer bekam. Ein Schock für die Lehrerin und Mutter von vier Kindern, denn eine Demenz vom Typ Alzheimer tritt eher im höheren Alter auf. Doch schon bald entschied sie: „Ich nehme die Diagnose an und mache das Beste daraus.“ Britta Flaig schrieb und illustrierte ein Kinderbuch über Alzheimer, mit dem sie bis heute auf Lesungen Jung und Alt berührt. Es ist die Geschichte von Schafmama Berta, die immer vergesslicher wird, sich verläuft und die Namen ihrer Kinder verwechselt – es ist Britta Flaigs Geschichte. Sie erzählt sie herzlich und hoffnungsvoll und macht damit Betroffenen und ihren Familien Mut. Ein echtes Vorbild! Die Hertie-Stiftung verleiht Britta Flaig deshalb 2025 den <a href="https://www.ghst.de/hertie-preis-ms">Hertie-Preis für Engagement und Selbsthilfe</a>, der Einzelpersonen und Projekte würdigt, die sich mit neurologischen Erkrankungen auseinandersetzen und dabei Mut, Kreativität und Wirkung zeigen. Wir haben Britta Flaig in Eckernförde an der Ostsee besucht.  </strong></h4> <p>Heute ist ein guter Nachmittag für Britta Flaig (57). Ihre „kleine Fee Dementia“ flattert nur wenig, scheint ausgeruht und sanft. Noch am Vormittag war sie übereifrig im Kopf der ehemaligen Grundschullehrerin umhergewirbelt, hatte immer wieder Gedanken und Erinnerungen verrückt – und sie am Ende einfach vergessen lassen: „Warum stehe ich mit dem Wäschekorb in der Küche?“, „Wie hebe ich Geld bei der Bank ab?“, „Wo geht es nach Hause?“. Die „kleine Fee Dementia“ wohnt im Kopf von Britta Flaig und treibt dort seit knapp sieben Jahren ganz öffentlich ihr Unwesen. Britta Flaig hat die Fee dort für sich entdeckt und ihr diesen Namen gegeben: Dementia, eine Elfe, zart, verspielt und lieblich – weil alles andere kaum auszuhalten wäre. „Kurz nachdem bei mir der Verdacht auf eine beginnende Demenz vom Typ Alzheimer diagnostiziert wurde, hatte ich die Vorstellung, dass Motten Löcher in mein Gehirn fressen“, erzählt Britta Flaig. „Es war furchtbar, die pure Angst. Mit diesem Bild hätte ich nie Frieden schließen können. So kam die Fee Dementia zu mir, sie macht es mir und anderen leichter zu akzeptieren, was ist“. Auch ihr kleiner Enkel Emil (7) weiß jetzt, dass Dementia dahintersteckt, wenn seine Oma immer „tüddeliger“ wird oder an manchen Tagen immer wieder dasselbe erzählt, so dass er ruft: „Oma, jetzt flattert deine Fee aber ganz schön doll.“ Mit Motten wäre das nicht gegangen.  </p> <p>Demenz und Alzheimer den Schrecken nehmen, darüber aufklären sowie Betroffene und ihre Familien ermutigen – dafür steht Britta Flaig, dafür geht sie in die Öffentlichkeit, und genau dafür wurde sie mit dem Hertie-Preis für Engagement und Selbsthilfe ausgezeichnet, als eines von insgesamt vier Projekten.</p> <div><figure><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 722px) 100vw, 722px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Britta-Flaig28-722x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Britta-Flaig28-722x1024.jpg 722w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Britta-Flaig28-211x300.jpg 211w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Britta-Flaig28-768x1089.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Britta-Flaig28-1083x1536.jpg 1083w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Britta-Flaig28-1444x2048.jpg 1444w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Britta-Flaig28-scaled.jpg 1805w" width="722"></img></figure><p> Durch Enkel Emil inspiriert hat sie das Kinderbuch <a href="https://www.brittaflaig.de/b%C3%BCcher/mama-berta-und-das-vergessen-britta-flaig">„Mama Berta und das Vergessen“</a> geschrieben, illustriert und selbst verlegt. Sie liest daraus in Schulen und Altenheimen, in der Stadtbibliothek, erzählt in Podcasts, immer für Jung und Alt, „denn Alzheimer darf kein Tabu mehr sein“, sagt sie, „niemand muss sich für die Krankheit schämen.“  </p></div> <p>Zu Besuch bei Britta Flaig und ihrem Mann Stefan Seidel in Eckernförde an der Ostsee: Es gibt Apfel- und Rhabarberkuchen, Britta Flaig hat ihn am Morgen ausgesucht. Am Handgelenk trägt sie eine orangefarbene Uhr mit Tracker, damit ihr Mann immer weiß, wo sie ist. Einige Male hat sich seine Frau schon verlaufen, zuletzt im Sommerurlaub in Schweden, als sie auf eigene Faust „mal kurz“ einen Berg besteigen wollte… Wer Britta Flaig begegnet, ahnt zunächst nicht, dass sie an Alzheimer erkrankt ist. Wie auch?  Herzliches Sommersprossen-Lachen, wacher Blick, Latzhose, das weiße Haar lässig zum Knoten gebunden. Nur manchmal verhaspelt oder wiederholt sie sich, vergisst mitten im Satz die Frage, blickt zu ihrem Mann: „Stefan, wie war das nochmal…?“. „Eine Vollblutlehrerin“ sei sie gewesen, erzählt Britta Flaig, eine, die ihre Arbeit an der Grundschule wirklich geliebt habe. Bis es nicht mehr ging. </p> <p>Wie kam es zur Diagnose? „Das war ein langer Weg. Mit etwa 50 Jahren zeigten sich erste Symptome: Ich wurde immer fahriger und vergesslicher, verwechselte Worte, die Namen der Kinder und wurde in der Schule und auch zuhause immer unzuverlässiger. Jeglicher Arztbesuch endete mit der Diagnose ‘Burnout‘, obwohl ich mich gar nicht ausgebrannt fühlte. Ich spürte, dass es etwas anderes sein musste, fühlte mich aber nicht ernstgenommen.“ Es folgten Gesprächs- und Verhaltenstherapien, zwei Kuraufenthalte und schließlich ein „Finden Sie sich damit ab, Sie sind eben labil.“ Britta Flaig kehrte in die Schule zurück, doch schnell kam der Tiefpunkt: „Im Unterricht wurde die Klasse plötzlich sehr unruhig, bis mir meine Praktikantin sagte: ‚Britta, Du hast das Gleiche eben schon mal erklärt.‘ Das war mein letzter Tag in der Schule, die Wiedereingliederung war gescheitert. Erst Monate später gelangte ich an eine Ärztin, die ein Hirn-MRT und eine Lumbalpunktion veranlasste. Sechs Wochen später erhielt ich den Befund: Verdacht auf beginnende Alzheimer-Demenz – mit Mitte 50!  Es folgten noch viele Untersuchungen. Schließlich stand fest: Als Lehrerin konnte ich nicht mehr eingesetzt werden. Meine endgültige Diagnose bekam ich dann erst im Januar 2024.“  <aside></aside></p> <p>Ein Schock, oder? „Und wie! Zunächst war ich erleichtert, weil ich nach Jahren endlich eine Diagnose hatte. Ziemlich schnell setzten aber Verzweiflung und die Angst vor der Krankheit und ihren Folgen ein. Außerdem vermisste ich meine Arbeit und die Schulkinder. Ich habe viel geweint, aber zum Glück hatte ich noch während meiner Lehrtätigkeit begonnen, mein erstes Kinderbuch ‚Abenteuer in Schafhausen‘ zu schreiben und zu illustrieren, das hat sich einfach für mich gefügt, sonst wäre ich in ein noch viel größeres Loch gefallen.“ Überhaupt: Kreativ zu sein, habe ihr immer geholfen, sagt Britta Flaig. Zu malen, Dinge aufzuschreiben, das ist bis heute so.  </p> <h3 id="h-die-zeit-mit-moglichst-vielen-schonen-erlebnissen-fullen-nbsp-nbsp"><strong>Die Zeit mit möglichst vielen schönen Erlebnissen füllen </strong> </h3> <p>Stefan Seidel, Britta Flaigs Ehemann, schenkt Kaffee nach. Ein ruhiger, freundlicher Mann, der halbtags als Sekretär an der Schule arbeitet. Nachmittags verbringt er Zeit mit seiner Frau. Dann kaufen sie ein, unterhalten sich, erledigen Arztbesuche, kochen, singen im Gospelchor, schmieden Urlaubspläne – alles, solange es noch geht. Denn die Krankheit schreitet voran, schneller als gedacht. „Wir wollen unsere gemeinsame Zeit mit möglichst vielen schönen Erlebnissen füllen“, sagt Stefan Seidel, der die Betreuung seiner Frau übernommen hat.  Es ist nicht immer leicht mit der Fee Dementia, auch für ihn. „Ich balanciere täglich auf einem schmalen Grat zwischen Hilfe und Bevormundung“, sagt er, „meine Frau ist sehr autonomiebedürftig und temperamentvoll, da ist es nicht so einfach, wenn immer mehr Fähigkeiten wegfallen.“ Allein Autofahren zum Beispiel, einen privaten Kalender führen, Einkaufen, Planen, Geld abheben bei der Bank. Wobei: „Als ich am Bankautomaten nicht zurechtkam, habe ich dem Mann am Schalter gesagt, dass ich Alzheimer habe, und er mir bitte zeigen soll, wie das mit dem Automaten geht“, erzählt Britta Flaig. Stolz schwingt mit in ihrer Stimme: „Ich habe Alzheimer.“ Es ist oftmals ein langer Weg, bis Betroffene diese Worte laut aussprechen können, sich trauen. Auch für Britta Flaig war das so: „Wenn ich früher etwas vergessen hatte, habe ich aus Scham immer verlegen gelacht, mir mit ‚Ich-Dummkopf-Geste‘ an die Stirn geklopft und die Situation heruntergespielt. Diese Fassade aufrechtzuerhalten, war auf Dauer unheimlich anstrengend. Inzwischen habe ich gelernt, meine Erkrankung anzunehmen und offen mit ihr umzugehen. Schließlich habe ich keine andere Wahl, denn den Kopf in den Sand zu stecken, passt nicht zu mir. Seit meinem Alzheimer-Outing geht es mit viel besser, es war die beste Entscheidung, das Versteckspiel zu beenden. Dazu kann ich alle Betroffenen ermutigen.“ Ihr Mann ergänzt: „Diese Klarheit hilft auch mir und anderen, denn nun kann jeder verstehen, warum du vielleicht mal ein Treffen vergessen hast oder jemanden auf der Straße nicht erkennst.“   </p> <p>Auf dem Holztisch im Wohnzimmer liegt „Mama Berta und das Vergessen“, Britta Flaigs persönlichstes Buch. Darin vergisst Schafmama Berta die Geburtstage ihrer vier Lämmchen und weint bitterlich darüber. „Mir ist genau das passiert“, erzählt Britta Flaig. „Als ich es bemerkte, habe ich mir die Geburtsdaten meiner Kinder auf einen Zettel geschrieben und ihn immer vorn in meiner Latzhose getragen – bis ich irgendwann nicht mehr wusste, was diese Zahlen auf dem Zettel bedeuten…. Es war furchtbar.“ Was oder wer hilft in solchen Momenten?<strong> </strong>„Die Familie und mein Freundeskreis. Meine Kinder gehen großartig mit meiner Erkrankung um. Natürlich waren sie am Anfang fix und fertig, aber wir halten fest zusammen, und sie unterstützen mich. Und dann mein Mann Stefan natürlich, in dessen große Arme ich mich immer wieder fallen lassen kann. Dann weine ich alles raus, die Angst, die Wut, die Verzweiflung, bis es wieder geht.“ Seit fünf Jahren sind die beiden ein Paar, die vier erwachsenen Kinder stammen aus Britta Flaigs erster Ehe. Große Sorge habe sie gehabt, dass sie die Demenz an sie weitervererben könnte, denn gerade bei früherem Alzheimer liegt meistens eine genetische Ursache vor. Doch die Tests sprechen dagegen.  </p> <h3 id="h-die-liste-der-grossen-und-kleinen-wunsche-abarbeiten-nbsp"><strong>Die Liste der großen und kleinen Wünsche abarbeiten</strong> </h3> <p>Wie hat sich ihr Leben seit der Diagnose verändert?<strong> „</strong>Ich lebe jeden Augenblick viel bewusster. Morgens gehe ich erstmal eine Stunde am Strand walken und anschließend in die Ostsee. Ich kann zwar nicht so gut schwimmen, aber ich hüpfe immer mal kurz rein. Herrlich! Dann fühlt sich der Körper schon mal gut an und ich habe das Morgentief hinter mir. Eine feste Struktur am Tag ist sehr wichtig.“ Und dann natürlich die Bucket-List, zu der sie ihre Ergotherapeutin ermutigt hat. </p> <div><figure><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/IMG_1813-1-768x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/IMG_1813-1-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/IMG_1813-1-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/IMG_1813-1-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/IMG_1813-1-1536x2048.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/IMG_1813-1-scaled.jpeg 1920w" width="768"></img></figure><p>„In dieser Liste habe ich alles eingetragen, was ich noch erleben möchte“, sagt Britta Flaig – sie hat bis heute jeden einzelnen Punkt abgehakt: Sie war mit zweien ihr Kinder für fünf Wochen in Südafrika und Namibia, sie hat mit ihrem jüngsten Sohn zu Fuß die Alpen überquert, sie war mit ihrer ganzen Familie im Hansa-Park und ist dort mit ihnen Achterbahn gefahren – und sie hat ihren Stefan geheiratet, ein „Hochzeits- und Lebensfest“ mit über 100 Gästen.  „Ich zehre noch sehr von diesen Erlebnissen“, sagt Britta Flaig, „sie geben mir Kraft.“ Immer wieder sieht sie sich die Fotos und Schnappschüsse an, die in einem digitalen Bilderrahmen auf dem Wohnzimmerschrank aufploppen.  </p></div> <p>Irgendwann werden auch diese Bilder verblassen, die Menschen darauf werden zu Fremden, Britta Flaig wird sich nicht mehr an sie erinnern können. Sie weiß das, und sie spürt es, wenn die kleine Fee wieder mal den Turbo anschaltet und sie in Schüben in diesen Nebel schickt, der dann durch ihren Kopf wabert: „Solche Momente machen mir noch immer Angst, weil ich nicht weiß, was mich hinter dem Nebel erwartet“, sagt Britta Flaig. Sie will nichts schönreden, auch nicht als Mutmacherin. „Wir brauchen ein echtes Verständnis für Alzheimer und die Menschen, die von dieser Erkrankung betroffen sind, damit wir besser miteinander umgehen können.“ Noch immer würde es sie “die Krätze“ ärgern, wenn Leute ihr sagten: „Oh, Du vergisst so viel, das kenne ich, dann habe ich wohl auch Alzheimer.“ Nicht ernstgenommen fühle sie sich dann, nicht erkannt und nicht gesehen mit all der Last und dem Leid, das diese schwere Krankheit auch bedeutet. Oder Sätze wie: „Das habe ich Dir doch schon mal gesagt“. „Solche Hinweise helfen Menschen mit Alzheimer nicht“, sagt Britta Flaig, ebenso wie Streitgespräche: „Im Wortgefecht habe ich nach kurzer Zeit sowieso wieder vergessen, worum es eigentlich geht – und kann am Ende nur verlieren“. Stress frisst Hirn, habe ihr Neurologe ihr gesagt. Seitdem versuche sie, sich besser abzugrenzen von allem, was ihr nicht guttut.  </p> <p>Was sie anderen Betroffenen raten kann? „Legt den Fokus immer auf das, was noch geht und was ihr noch könnt, nicht auf das, was nicht mehr geht. Konzentriert euch auf das Positive. Ich kann zwar nicht mehr so einkaufen, dass man daraus eine leckere Mahlzeit mit mehreren Komponenten kochen könnte, aber ich kann zum Beispiel noch zum Bäcker gehen und Kuchen aussuchen. Darüber freue ich mich.“ Welche Wünsche gibt es noch? „Da ist nichts mehr, was ich erledigen muss“, sagt Britta Flaig, „natürlich möchte ich nochmal mit meinen Kindern und mit Stefan in den Urlaub fahren, vielleicht mit meinem alten VW-Bus. Das wäre was.“ Und sie möchte sich weiter für die Aufklärung über Alzheimer engagieren, das ist ihr ein Herzensanliegen. Dass sie dafür nun mit dem Hertie-Preis ausgezeichnet wurde, habe Britta Flaig total überrascht und sehr gefreut. „Ich habe so viel zu geben, das war schon als Lehrerin so“, sagt sie und ergänzt nach kurzer Stille: „Wenn ich schon eine Krankheit bekommen sollte, dann musste es wohl Alzheimer sein, damit ich darüber berichten und Menschen ermutigen kann. Wir sind so viele, die Trost brauchen.“  </p> <p>Text und Interview von Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Britta-Flaig10-1-scaled-e1761919773862.jpg" /><h1>„Mein Alzheimer-Outing hat mein Leben leichter gemacht“  » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Gast</h2><div itemprop="text"> <h4 id="h-britta-flaig-57-aus-eckernforde-in-schleswig-holstein-war-mitte-funfzig-als-sie-die-diagnose-alzheimer-bekam-ein-schock-fur-die-lehrerin-und-mutter-von-vier-kindern-denn-eine-demenz-vom-typ-alzheimer-tritt-eher-im-hoheren-alter-auf-doch-schon-bald-entschied-sie-ich-nehme-die-diagnose-an-und-mache-das-beste-daraus-britta-flaig-schrieb-und-illustrierte-ein-kinderbuch-uber-alzheimer-mit-dem-sie-bis-heute-auf-lesungen-jung-und-alt-beruhrt-es-ist-die-geschichte-von-schafmama-berta-die-immer-vergesslicher-wird-sich-verlauft-und-die-namen-ihrer-kinder-verwechselt-es-ist-britta-flaigs-geschichte-sie-erzahlt-sie-herzlich-und-hoffnungsvoll-und-macht-damit-betroffenen-und-ihren-familien-mut-ein-echtes-vorbild-die-hertie-stiftung-verleiht-britta-flaig-deshalb-2025-den-hertie-preis-fur-engagement-und-selbsthilfe-der-einzelpersonen-und-projekte-wurdigt-die-sich-mit-neurologischen-erkrankungen-auseinandersetzen-und-dabei-mut-kreativitat-und-wirkung-zeigen-wir-haben-britta-flaig-in-eckernforde-an-der-ostsee-besucht"><strong>Britta Flaig (57) aus Eckernförde in Schleswig-Holstein war Mitte fünfzig, als sie die Diagnose Alzheimer bekam. Ein Schock für die Lehrerin und Mutter von vier Kindern, denn eine Demenz vom Typ Alzheimer tritt eher im höheren Alter auf. Doch schon bald entschied sie: „Ich nehme die Diagnose an und mache das Beste daraus.“ Britta Flaig schrieb und illustrierte ein Kinderbuch über Alzheimer, mit dem sie bis heute auf Lesungen Jung und Alt berührt. Es ist die Geschichte von Schafmama Berta, die immer vergesslicher wird, sich verläuft und die Namen ihrer Kinder verwechselt – es ist Britta Flaigs Geschichte. Sie erzählt sie herzlich und hoffnungsvoll und macht damit Betroffenen und ihren Familien Mut. Ein echtes Vorbild! Die Hertie-Stiftung verleiht Britta Flaig deshalb 2025 den <a href="https://www.ghst.de/hertie-preis-ms">Hertie-Preis für Engagement und Selbsthilfe</a>, der Einzelpersonen und Projekte würdigt, die sich mit neurologischen Erkrankungen auseinandersetzen und dabei Mut, Kreativität und Wirkung zeigen. Wir haben Britta Flaig in Eckernförde an der Ostsee besucht.  </strong></h4> <p>Heute ist ein guter Nachmittag für Britta Flaig (57). Ihre „kleine Fee Dementia“ flattert nur wenig, scheint ausgeruht und sanft. Noch am Vormittag war sie übereifrig im Kopf der ehemaligen Grundschullehrerin umhergewirbelt, hatte immer wieder Gedanken und Erinnerungen verrückt – und sie am Ende einfach vergessen lassen: „Warum stehe ich mit dem Wäschekorb in der Küche?“, „Wie hebe ich Geld bei der Bank ab?“, „Wo geht es nach Hause?“. Die „kleine Fee Dementia“ wohnt im Kopf von Britta Flaig und treibt dort seit knapp sieben Jahren ganz öffentlich ihr Unwesen. Britta Flaig hat die Fee dort für sich entdeckt und ihr diesen Namen gegeben: Dementia, eine Elfe, zart, verspielt und lieblich – weil alles andere kaum auszuhalten wäre. „Kurz nachdem bei mir der Verdacht auf eine beginnende Demenz vom Typ Alzheimer diagnostiziert wurde, hatte ich die Vorstellung, dass Motten Löcher in mein Gehirn fressen“, erzählt Britta Flaig. „Es war furchtbar, die pure Angst. Mit diesem Bild hätte ich nie Frieden schließen können. So kam die Fee Dementia zu mir, sie macht es mir und anderen leichter zu akzeptieren, was ist“. Auch ihr kleiner Enkel Emil (7) weiß jetzt, dass Dementia dahintersteckt, wenn seine Oma immer „tüddeliger“ wird oder an manchen Tagen immer wieder dasselbe erzählt, so dass er ruft: „Oma, jetzt flattert deine Fee aber ganz schön doll.“ Mit Motten wäre das nicht gegangen.  </p> <p>Demenz und Alzheimer den Schrecken nehmen, darüber aufklären sowie Betroffene und ihre Familien ermutigen – dafür steht Britta Flaig, dafür geht sie in die Öffentlichkeit, und genau dafür wurde sie mit dem Hertie-Preis für Engagement und Selbsthilfe ausgezeichnet, als eines von insgesamt vier Projekten.</p> <div><figure><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 722px) 100vw, 722px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Britta-Flaig28-722x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Britta-Flaig28-722x1024.jpg 722w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Britta-Flaig28-211x300.jpg 211w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Britta-Flaig28-768x1089.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Britta-Flaig28-1083x1536.jpg 1083w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Britta-Flaig28-1444x2048.jpg 1444w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Britta-Flaig28-scaled.jpg 1805w" width="722"></img></figure><p> Durch Enkel Emil inspiriert hat sie das Kinderbuch <a href="https://www.brittaflaig.de/b%C3%BCcher/mama-berta-und-das-vergessen-britta-flaig">„Mama Berta und das Vergessen“</a> geschrieben, illustriert und selbst verlegt. Sie liest daraus in Schulen und Altenheimen, in der Stadtbibliothek, erzählt in Podcasts, immer für Jung und Alt, „denn Alzheimer darf kein Tabu mehr sein“, sagt sie, „niemand muss sich für die Krankheit schämen.“  </p></div> <p>Zu Besuch bei Britta Flaig und ihrem Mann Stefan Seidel in Eckernförde an der Ostsee: Es gibt Apfel- und Rhabarberkuchen, Britta Flaig hat ihn am Morgen ausgesucht. Am Handgelenk trägt sie eine orangefarbene Uhr mit Tracker, damit ihr Mann immer weiß, wo sie ist. Einige Male hat sich seine Frau schon verlaufen, zuletzt im Sommerurlaub in Schweden, als sie auf eigene Faust „mal kurz“ einen Berg besteigen wollte… Wer Britta Flaig begegnet, ahnt zunächst nicht, dass sie an Alzheimer erkrankt ist. Wie auch?  Herzliches Sommersprossen-Lachen, wacher Blick, Latzhose, das weiße Haar lässig zum Knoten gebunden. Nur manchmal verhaspelt oder wiederholt sie sich, vergisst mitten im Satz die Frage, blickt zu ihrem Mann: „Stefan, wie war das nochmal…?“. „Eine Vollblutlehrerin“ sei sie gewesen, erzählt Britta Flaig, eine, die ihre Arbeit an der Grundschule wirklich geliebt habe. Bis es nicht mehr ging. </p> <p>Wie kam es zur Diagnose? „Das war ein langer Weg. Mit etwa 50 Jahren zeigten sich erste Symptome: Ich wurde immer fahriger und vergesslicher, verwechselte Worte, die Namen der Kinder und wurde in der Schule und auch zuhause immer unzuverlässiger. Jeglicher Arztbesuch endete mit der Diagnose ‘Burnout‘, obwohl ich mich gar nicht ausgebrannt fühlte. Ich spürte, dass es etwas anderes sein musste, fühlte mich aber nicht ernstgenommen.“ Es folgten Gesprächs- und Verhaltenstherapien, zwei Kuraufenthalte und schließlich ein „Finden Sie sich damit ab, Sie sind eben labil.“ Britta Flaig kehrte in die Schule zurück, doch schnell kam der Tiefpunkt: „Im Unterricht wurde die Klasse plötzlich sehr unruhig, bis mir meine Praktikantin sagte: ‚Britta, Du hast das Gleiche eben schon mal erklärt.‘ Das war mein letzter Tag in der Schule, die Wiedereingliederung war gescheitert. Erst Monate später gelangte ich an eine Ärztin, die ein Hirn-MRT und eine Lumbalpunktion veranlasste. Sechs Wochen später erhielt ich den Befund: Verdacht auf beginnende Alzheimer-Demenz – mit Mitte 50!  Es folgten noch viele Untersuchungen. Schließlich stand fest: Als Lehrerin konnte ich nicht mehr eingesetzt werden. Meine endgültige Diagnose bekam ich dann erst im Januar 2024.“  <aside></aside></p> <p>Ein Schock, oder? „Und wie! Zunächst war ich erleichtert, weil ich nach Jahren endlich eine Diagnose hatte. Ziemlich schnell setzten aber Verzweiflung und die Angst vor der Krankheit und ihren Folgen ein. Außerdem vermisste ich meine Arbeit und die Schulkinder. Ich habe viel geweint, aber zum Glück hatte ich noch während meiner Lehrtätigkeit begonnen, mein erstes Kinderbuch ‚Abenteuer in Schafhausen‘ zu schreiben und zu illustrieren, das hat sich einfach für mich gefügt, sonst wäre ich in ein noch viel größeres Loch gefallen.“ Überhaupt: Kreativ zu sein, habe ihr immer geholfen, sagt Britta Flaig. Zu malen, Dinge aufzuschreiben, das ist bis heute so.  </p> <h3 id="h-die-zeit-mit-moglichst-vielen-schonen-erlebnissen-fullen-nbsp-nbsp"><strong>Die Zeit mit möglichst vielen schönen Erlebnissen füllen </strong> </h3> <p>Stefan Seidel, Britta Flaigs Ehemann, schenkt Kaffee nach. Ein ruhiger, freundlicher Mann, der halbtags als Sekretär an der Schule arbeitet. Nachmittags verbringt er Zeit mit seiner Frau. Dann kaufen sie ein, unterhalten sich, erledigen Arztbesuche, kochen, singen im Gospelchor, schmieden Urlaubspläne – alles, solange es noch geht. Denn die Krankheit schreitet voran, schneller als gedacht. „Wir wollen unsere gemeinsame Zeit mit möglichst vielen schönen Erlebnissen füllen“, sagt Stefan Seidel, der die Betreuung seiner Frau übernommen hat.  Es ist nicht immer leicht mit der Fee Dementia, auch für ihn. „Ich balanciere täglich auf einem schmalen Grat zwischen Hilfe und Bevormundung“, sagt er, „meine Frau ist sehr autonomiebedürftig und temperamentvoll, da ist es nicht so einfach, wenn immer mehr Fähigkeiten wegfallen.“ Allein Autofahren zum Beispiel, einen privaten Kalender führen, Einkaufen, Planen, Geld abheben bei der Bank. Wobei: „Als ich am Bankautomaten nicht zurechtkam, habe ich dem Mann am Schalter gesagt, dass ich Alzheimer habe, und er mir bitte zeigen soll, wie das mit dem Automaten geht“, erzählt Britta Flaig. Stolz schwingt mit in ihrer Stimme: „Ich habe Alzheimer.“ Es ist oftmals ein langer Weg, bis Betroffene diese Worte laut aussprechen können, sich trauen. Auch für Britta Flaig war das so: „Wenn ich früher etwas vergessen hatte, habe ich aus Scham immer verlegen gelacht, mir mit ‚Ich-Dummkopf-Geste‘ an die Stirn geklopft und die Situation heruntergespielt. Diese Fassade aufrechtzuerhalten, war auf Dauer unheimlich anstrengend. Inzwischen habe ich gelernt, meine Erkrankung anzunehmen und offen mit ihr umzugehen. Schließlich habe ich keine andere Wahl, denn den Kopf in den Sand zu stecken, passt nicht zu mir. Seit meinem Alzheimer-Outing geht es mit viel besser, es war die beste Entscheidung, das Versteckspiel zu beenden. Dazu kann ich alle Betroffenen ermutigen.“ Ihr Mann ergänzt: „Diese Klarheit hilft auch mir und anderen, denn nun kann jeder verstehen, warum du vielleicht mal ein Treffen vergessen hast oder jemanden auf der Straße nicht erkennst.“   </p> <p>Auf dem Holztisch im Wohnzimmer liegt „Mama Berta und das Vergessen“, Britta Flaigs persönlichstes Buch. Darin vergisst Schafmama Berta die Geburtstage ihrer vier Lämmchen und weint bitterlich darüber. „Mir ist genau das passiert“, erzählt Britta Flaig. „Als ich es bemerkte, habe ich mir die Geburtsdaten meiner Kinder auf einen Zettel geschrieben und ihn immer vorn in meiner Latzhose getragen – bis ich irgendwann nicht mehr wusste, was diese Zahlen auf dem Zettel bedeuten…. Es war furchtbar.“ Was oder wer hilft in solchen Momenten?<strong> </strong>„Die Familie und mein Freundeskreis. Meine Kinder gehen großartig mit meiner Erkrankung um. Natürlich waren sie am Anfang fix und fertig, aber wir halten fest zusammen, und sie unterstützen mich. Und dann mein Mann Stefan natürlich, in dessen große Arme ich mich immer wieder fallen lassen kann. Dann weine ich alles raus, die Angst, die Wut, die Verzweiflung, bis es wieder geht.“ Seit fünf Jahren sind die beiden ein Paar, die vier erwachsenen Kinder stammen aus Britta Flaigs erster Ehe. Große Sorge habe sie gehabt, dass sie die Demenz an sie weitervererben könnte, denn gerade bei früherem Alzheimer liegt meistens eine genetische Ursache vor. Doch die Tests sprechen dagegen.  </p> <h3 id="h-die-liste-der-grossen-und-kleinen-wunsche-abarbeiten-nbsp"><strong>Die Liste der großen und kleinen Wünsche abarbeiten</strong> </h3> <p>Wie hat sich ihr Leben seit der Diagnose verändert?<strong> „</strong>Ich lebe jeden Augenblick viel bewusster. Morgens gehe ich erstmal eine Stunde am Strand walken und anschließend in die Ostsee. Ich kann zwar nicht so gut schwimmen, aber ich hüpfe immer mal kurz rein. Herrlich! Dann fühlt sich der Körper schon mal gut an und ich habe das Morgentief hinter mir. Eine feste Struktur am Tag ist sehr wichtig.“ Und dann natürlich die Bucket-List, zu der sie ihre Ergotherapeutin ermutigt hat. </p> <div><figure><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/IMG_1813-1-768x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/IMG_1813-1-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/IMG_1813-1-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/IMG_1813-1-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/IMG_1813-1-1536x2048.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/IMG_1813-1-scaled.jpeg 1920w" width="768"></img></figure><p>„In dieser Liste habe ich alles eingetragen, was ich noch erleben möchte“, sagt Britta Flaig – sie hat bis heute jeden einzelnen Punkt abgehakt: Sie war mit zweien ihr Kinder für fünf Wochen in Südafrika und Namibia, sie hat mit ihrem jüngsten Sohn zu Fuß die Alpen überquert, sie war mit ihrer ganzen Familie im Hansa-Park und ist dort mit ihnen Achterbahn gefahren – und sie hat ihren Stefan geheiratet, ein „Hochzeits- und Lebensfest“ mit über 100 Gästen.  „Ich zehre noch sehr von diesen Erlebnissen“, sagt Britta Flaig, „sie geben mir Kraft.“ Immer wieder sieht sie sich die Fotos und Schnappschüsse an, die in einem digitalen Bilderrahmen auf dem Wohnzimmerschrank aufploppen.  </p></div> <p>Irgendwann werden auch diese Bilder verblassen, die Menschen darauf werden zu Fremden, Britta Flaig wird sich nicht mehr an sie erinnern können. Sie weiß das, und sie spürt es, wenn die kleine Fee wieder mal den Turbo anschaltet und sie in Schüben in diesen Nebel schickt, der dann durch ihren Kopf wabert: „Solche Momente machen mir noch immer Angst, weil ich nicht weiß, was mich hinter dem Nebel erwartet“, sagt Britta Flaig. Sie will nichts schönreden, auch nicht als Mutmacherin. „Wir brauchen ein echtes Verständnis für Alzheimer und die Menschen, die von dieser Erkrankung betroffen sind, damit wir besser miteinander umgehen können.“ Noch immer würde es sie “die Krätze“ ärgern, wenn Leute ihr sagten: „Oh, Du vergisst so viel, das kenne ich, dann habe ich wohl auch Alzheimer.“ Nicht ernstgenommen fühle sie sich dann, nicht erkannt und nicht gesehen mit all der Last und dem Leid, das diese schwere Krankheit auch bedeutet. Oder Sätze wie: „Das habe ich Dir doch schon mal gesagt“. „Solche Hinweise helfen Menschen mit Alzheimer nicht“, sagt Britta Flaig, ebenso wie Streitgespräche: „Im Wortgefecht habe ich nach kurzer Zeit sowieso wieder vergessen, worum es eigentlich geht – und kann am Ende nur verlieren“. Stress frisst Hirn, habe ihr Neurologe ihr gesagt. Seitdem versuche sie, sich besser abzugrenzen von allem, was ihr nicht guttut.  </p> <p>Was sie anderen Betroffenen raten kann? „Legt den Fokus immer auf das, was noch geht und was ihr noch könnt, nicht auf das, was nicht mehr geht. Konzentriert euch auf das Positive. Ich kann zwar nicht mehr so einkaufen, dass man daraus eine leckere Mahlzeit mit mehreren Komponenten kochen könnte, aber ich kann zum Beispiel noch zum Bäcker gehen und Kuchen aussuchen. Darüber freue ich mich.“ Welche Wünsche gibt es noch? „Da ist nichts mehr, was ich erledigen muss“, sagt Britta Flaig, „natürlich möchte ich nochmal mit meinen Kindern und mit Stefan in den Urlaub fahren, vielleicht mit meinem alten VW-Bus. Das wäre was.“ Und sie möchte sich weiter für die Aufklärung über Alzheimer engagieren, das ist ihr ein Herzensanliegen. Dass sie dafür nun mit dem Hertie-Preis ausgezeichnet wurde, habe Britta Flaig total überrascht und sehr gefreut. „Ich habe so viel zu geben, das war schon als Lehrerin so“, sagt sie und ergänzt nach kurzer Stille: „Wenn ich schon eine Krankheit bekommen sollte, dann musste es wohl Alzheimer sein, damit ich darüber berichten und Menschen ermutigen kann. Wir sind so viele, die Trost brauchen.“  </p> <p>Text und Interview von Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/mein-alzheimer-outing-hat-mein-leben-leichter-gemacht/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Komet C/2025 A6 Lemmon https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/komet-c-2025-a6-lemmon/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/komet-c-2025-a6-lemmon/#respond Thu, 30 Oct 2025 20:02:05 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12244 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000156948-768x1647.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/komet-c-2025-a6-lemmon/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000156948.jpg" /><h1>Komet C/2025 A6 Lemmon » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Der Komet spukt schon seit einigen Wochen durch die Sterngucker-Presse. Während die NASA-Seite des “Astronomy Picture of the Day” wegen des nicht freigegebenen Staatshaushalts derzeit nicht updated wird, dürfen wir uns sehr wohl über Versionen des APOD in europäischen Sprachen freuen: einmal gab es ein eindrucksvolles <a href="https://www.starobserver.org/ap251022/">Bild über der Hohen Tatra</a> (.pl) und ein andermal titelte jemand sein <a href="https://www.starobserver.org/ap251013/">Bild “Lemmon Tree”</a> und erinnerte an den <a href="https://www.youtube.com/watch?v=wCQfkEkePx8">Song von Fools Garden</a> aus den 1990ern. Aber diese eindrucksvollen Bilder sieht man nicht mit dem bloßen Auge. </p> <p>Ich sehe von meinem Dachgeschoss-Balkon beeindruckend viel vom Himmel, aber hier hat mir der hell illuminierte Uni-Campus hinreichend viel Lichtverschmutzung beschert, dass ich dieses Objekts nicht gewahr werden konnte: “… and all that I can see, is …” nicht mal ein “yellow lemmon tree”. </p> <h2 id="h-stellarium-app-zeigt-ihn-aber-an">Stellarium App zeigt ihn aber an</h2> <p>etwas westlich der Verbindungslinie zwischen Arktur (am Horizont) und Wega (am oben Bildrand) müsste das Krümelchen doch sein … </p> <p>Sehen kann ich beim besten Willen nichts – nicht einmal mit Feldstecher, aber das liegt wirklich an der Lichtverschmutzung, denn ich müsste genau über eine Straßenlaterne schauen oder (anderes Fenster) über den hell erleuchteten Campus.</p> <h2>Nachweis</h2> <p>Mit der Kamera (Canon EOS 600D) gelingt aber der Nachweis: der schmutzige Schneeball in Grün ist wirklich da. – Leider nicht so spektakulär wie die schönen APODs glauben machen – aber er ist da.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Lemmon_Oct30_blue_s.jpg"><img alt="" decoding="async" height="681" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Lemmon_Oct30_blue_s-1024x681.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Lemmon_Oct30_blue_s-1024x681.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Lemmon_Oct30_blue_s-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Lemmon_Oct30_blue_s-768x511.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Lemmon_Oct30_blue_s.jpg 1043w" width="1024"></img></a></figure> <p>C/2025 A6 Lemmon (unten rechts im obigen Bild: in Schleierwolken)</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/lemmon_IMG_2789.jpg"><img alt="" decoding="async" height="569" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 855px) 100vw, 855px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/lemmon_IMG_2789.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/lemmon_IMG_2789.jpg 855w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/lemmon_IMG_2789-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/lemmon_IMG_2789-768x511.jpg 768w" width="855"></img></a></figure> <p>“Lemmon” heißt er übrigens nicht, weil er irgendwas mit der Zitronenstadt Napoli zu tun hätte, sondern weil er im “<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Mount_Lemmon_Observatory">Mount Lemmon”-Observatorium</a> (Arizona/ USA) entdeckt wurde. </p> <p>Er befindet sich derzeit im <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lasst-uns-den-tierkreis-aendern/">dreizehnten Tierkreis-Sternbild</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/tuer-7-schlange-und-schlangentraeger-2/">Ophiuchus</a>, also dem berühmten dreizehnten Sternbild, das schon immer (seit der Erfindung des Zodiaks um 400 v.Chr.) im Tierkreis war und ist – die Sonne steht in diesem Sternbild vom 29. November bis 17. Dezember. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000156948.jpg" /><h1>Komet C/2025 A6 Lemmon » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Der Komet spukt schon seit einigen Wochen durch die Sterngucker-Presse. Während die NASA-Seite des “Astronomy Picture of the Day” wegen des nicht freigegebenen Staatshaushalts derzeit nicht updated wird, dürfen wir uns sehr wohl über Versionen des APOD in europäischen Sprachen freuen: einmal gab es ein eindrucksvolles <a href="https://www.starobserver.org/ap251022/">Bild über der Hohen Tatra</a> (.pl) und ein andermal titelte jemand sein <a href="https://www.starobserver.org/ap251013/">Bild “Lemmon Tree”</a> und erinnerte an den <a href="https://www.youtube.com/watch?v=wCQfkEkePx8">Song von Fools Garden</a> aus den 1990ern. Aber diese eindrucksvollen Bilder sieht man nicht mit dem bloßen Auge. </p> <p>Ich sehe von meinem Dachgeschoss-Balkon beeindruckend viel vom Himmel, aber hier hat mir der hell illuminierte Uni-Campus hinreichend viel Lichtverschmutzung beschert, dass ich dieses Objekts nicht gewahr werden konnte: “… and all that I can see, is …” nicht mal ein “yellow lemmon tree”. </p> <h2 id="h-stellarium-app-zeigt-ihn-aber-an">Stellarium App zeigt ihn aber an</h2> <p>etwas westlich der Verbindungslinie zwischen Arktur (am Horizont) und Wega (am oben Bildrand) müsste das Krümelchen doch sein … </p> <p>Sehen kann ich beim besten Willen nichts – nicht einmal mit Feldstecher, aber das liegt wirklich an der Lichtverschmutzung, denn ich müsste genau über eine Straßenlaterne schauen oder (anderes Fenster) über den hell erleuchteten Campus.</p> <h2>Nachweis</h2> <p>Mit der Kamera (Canon EOS 600D) gelingt aber der Nachweis: der schmutzige Schneeball in Grün ist wirklich da. – Leider nicht so spektakulär wie die schönen APODs glauben machen – aber er ist da.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Lemmon_Oct30_blue_s.jpg"><img alt="" decoding="async" height="681" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Lemmon_Oct30_blue_s-1024x681.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Lemmon_Oct30_blue_s-1024x681.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Lemmon_Oct30_blue_s-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Lemmon_Oct30_blue_s-768x511.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Lemmon_Oct30_blue_s.jpg 1043w" width="1024"></img></a></figure> <p>C/2025 A6 Lemmon (unten rechts im obigen Bild: in Schleierwolken)</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/lemmon_IMG_2789.jpg"><img alt="" decoding="async" height="569" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 855px) 100vw, 855px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/lemmon_IMG_2789.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/lemmon_IMG_2789.jpg 855w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/lemmon_IMG_2789-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/lemmon_IMG_2789-768x511.jpg 768w" width="855"></img></a></figure> <p>“Lemmon” heißt er übrigens nicht, weil er irgendwas mit der Zitronenstadt Napoli zu tun hätte, sondern weil er im “<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Mount_Lemmon_Observatory">Mount Lemmon”-Observatorium</a> (Arizona/ USA) entdeckt wurde. </p> <p>Er befindet sich derzeit im <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lasst-uns-den-tierkreis-aendern/">dreizehnten Tierkreis-Sternbild</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/tuer-7-schlange-und-schlangentraeger-2/">Ophiuchus</a>, also dem berühmten dreizehnten Sternbild, das schon immer (seit der Erfindung des Zodiaks um 400 v.Chr.) im Tierkreis war und ist – die Sonne steht in diesem Sternbild vom 29. November bis 17. Dezember. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/komet-c-2025-a6-lemmon/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Sehr tief ins Glas geschaut https://scilogs.spektrum.de/klartext/sehr-tief-ins-glas-geschaut/ https://scilogs.spektrum.de/klartext/sehr-tief-ins-glas-geschaut/#respond Thu, 30 Oct 2025 09:53:49 +0000 klartext https://scilogs.spektrum.de/klartext/?p=1182 https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-768x575.png <link>https://scilogs.spektrum.de/klartext/sehr-tief-ins-glas-geschaut/</link> </image> <description type="html"><h1>Sehr tief ins Glas geschaut » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für seine Bewerbung um den <span><a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</a></span> 2023 in der Kategorie Chemie veranschaulichte Stefan Pieczonka, was er für seine Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Der tiefgreifende analytische Blick der ultrahochauflösenden Massenspektrometrie ermöglicht neue Konzepte, unsere Lebensmittel zu überwachen, ihre Sicherheit zu gewährleisten und Produktionsprozesse zu optimieren. Die umfangreichen molekularen Fingerabdrücke stehen dabei keineswegs im Widerspruch zur Unbelassenheit und Qualität unserer Nahrungsmittel. Am Beispiel des Bieres verdeutlichen wir, wie sie vielmehr versprechen, diese zu bewahren und weiterzuentwickeln.</em></p> <p>Zutatenlisten, Nährwerttabellen, Nutri-Scores – sie begegnen uns bei jedem Einkauf. Doch unsere Lebensmittel beherbergen eine molekulare Welt, die noch weit über Kohlenhydrate, Proteine und Fette hinausgeht. Eine Technik mit dem schlichten Namen „Fourier-Transform Ionenzyklotronresonanz Massenspektrometrie“ (oder für Versierte: FT-ICR-MS) ermöglicht es, diese mannigfaltige molekulare Ebene unserer Lebensmittel zu betreten. Die Auswahl eines anschaulichen Probenmaterials fällt dabei nicht schwer: Nicht allein die Tradition oder der Genuss, sondern die Komplexität seiner Zusammensetzung macht das Bier zum bestgeeigneten Untersuchungsobjekt. Ausgehend von den Rohstoffen prägen biologische, biochemische und chemische Prozesse in vielfältiger Weise das komplexe molekulare Gemisch, das wir Bier nennen. Pünktlich zum 500-jährigen Jubiläum des Reinheitsgebots begann 2016 an der Technischen Universität München also unsere Mission, die molekularen Fingerabdrücke der Biere zu decodieren. Das dabei eingesetzte Massenspektrometer begnügt sich schon mit einem tausendstel Tropfen des Hopfengetränks!</p> <p>Mithilfe des FT-ICR-MS ist es uns möglich, die Masse von Molekülen äußerst akkurat zu bestimmen. Das Prinzip ist simpel: je schneller die Moleküle sich auf einer Kreisbahn bewegen, desto leichter müssen sie sein. Der Messfehler ist dabei so klein, dass jedem Signal nur eine einzige Kombination aus Atomgewichten zugrunde liegen kann. Nur zehn Minuten dauert es, und wir kennen die atomare Zusammensetzung eines jeden Moleküls unseres Lebensmittels. Ging es der Forschung der letzten Jahrzehnte im Wesentlichen darum, vordefinierte Verbindungen zu quantifizieren („targeted analysis“), so gestattet unser Ansatz einen Blick auf die gesamte Diversität kleinster Moleküle („non-targeted analysis“). Noch unbekannte Inhaltsstoffe des köstlichen Molekülmixes sollen nicht länger vorschnell ignoriert werden. Die statistische Datenauswertung dieses Gesamtbildes weist uns schließlich auf spezifische Fingerabdrücke für bestimmte Zutaten und Produktionsweisen hin. Auch die ermittelte atomare Zusammensetzung der Moleküle nutzen wir geschickt. Ihre Summenformeln spiegeln biochemische Verwandtschaftsbeziehungen wider. Eine Oxidierung sorgt für „+O“, das Anfügen einer Glucoseeinheit für „+C6H10O5“. Auf diese Weise spannen sich molekulare Netzwerke verwandter Moleküle auf. Über diese Pfade führt uns die analytische Reise durch die molekulare Welt des Brauens von der modernen Überwachung des Reinheitsgebots bis zurück zur Brauweise der Deutschen Kaiserzeit.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-scaled.png"><img alt="" decoding="async" height="767" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-1024x767.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-1024x767.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-300x225.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-768x575.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-1536x1150.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-2048x1534.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Die Vielfält der molekularen Welt des Bieres speist sich aus seinen natürlichen Rohstoffen und dem komplexen Brauprozess. ©Stefan Pieczonka</em></figcaption></figure> <p>Es lässt aufhorchen, es wirkt zunächst alarmierend: Wir konnten mehr als 10.000 unterschiedliche Moleküle im Bier nachweisen! Doch gerade diese Vielzahl hilft uns, die Brauweise eines Bieres nachzuvollziehen. Auf dem internationalen Markt wird zuhauf mit kostengünstigem Mais und Reis gebraut. Die traditionelle deutsche Brauweise lehnt diese Stärkequellen und den damit erforderlichen Einsatz von zugesetzten Enzymen ab. Unser analytischer Blick zeigt, dass sich Reinheitsgebot-konforme Biere auch molekular von denjenigen unterscheiden, die zusätzlich Mais oder Reis enthalten: Es sind die Verbindungen des Sekundärstoffwechsels der Pflanzen, die im fertigen Bier als spezifische Signatur wiedergefunden werden können. Diese reichen von antimikrobiellen pflanzlichen Abwehrstoffen über die Wachstumsregulatoren bis zu Phytohormonen. Die vollumfänglichen molekularen Signaturen versprechen also, Betrugsversuche aufdecken zu können.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="550" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-1024x550.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-1024x550.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-300x161.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-768x412.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-1536x824.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-2048x1099.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Ein kleiner Ausschnitt aus dem Fingerabdruck des Kaiserbieres: All diese Moleküle haben die Masse 317. Sie unterscheiden sich lediglich in ihrer Nachkommastelle. Abgewandelt entnommen aus <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-022-12943-6">Pieczonka, S.A. et al. Archeochemistry reveals the first steps into modern industrial brewing. Sci Rep 12, 9251 (2022).</a></em></figcaption></figure> <p>Findet der Brauprozess nach dem Reinheitsgebot statt, belässt man es nebst Hopfen und Wasser bei der Gerste. Im ersten Schritt wird diese vermälzt. Die hohen Temperaturen beim Mälzen führen dabei zur sogenannten Maillard-Reaktion. Aus unserem Alltag nicht wegzudenken, sorgt diese auch für das betörende Aroma des Röstkaffees, gibt dem Grillfleisch Farbe und Geschmack und veredelt unseren Ofenkäse. Es handelt sich dabei nicht um eine einzelne definierte Reaktion, sondern um ein großes Reaktionsnetzwerk, das die chemische Interaktion von Aminosäuren mit Zuckern beschreibt. Die prinzipiellen Mechanismen sind gut erforscht. Die schiere Vielfalt an Molekülen hingegen, die während dieses Prozesses entstehen, verbirgt sich tief im molekularen Fingerabdruck der Lebensmittel. Selbst im Bier, das von natürlichen Zutaten und Prozessen geprägt ist, verstecken sich über 3.000 Moleküle, die diesem chemischen Reaktionsnetzwerk entspringen. Ihr atomarer Aufbau teilt sich eine intrinsische Natur, die den Regeln Maillards folgt: Viele bekannte Teilschritte der Maillard-Reaktion führen in ihrer Gesamtheit zu komplexen Veränderungen. Diesen Prozess, der den malzigen Charakter des Bieres prägt, können wir nun auf molekularer Ebene beschrieben. Die Grundlagenforschung dieser bedeutenden Reaktionskaskade profitiert von unserem holistischen analytischen Blick.</p> <p>Zum besonderen Protagonisten unserer Studien sollte ein archäologischer Fund avancieren. Ein hopfiger Zeitzeuge der Deutschen Kaiserzeit, gefunden im westfälischen Lübbecke und auf das Jahr 1885 datiert, wird Einblicke in eine längst vergangene Zeit gewähren. Eng verknüpft mit der Brauforschung setzten damals die Pioniere Louis Pasteur und Carl v. Linde mit der Mikrobiologie und der Kältemaschine die ersten Grundbausteine für die moderne Lebensmittelhygiene und industrielle Lebensmittelproduktion.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2-474x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2-474x1024.jpg 474w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2-139x300.jpg 139w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2-711x1536.jpg 711w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2.jpg 754w" width="474"></img></a><figcaption><em>Ein Zeitungsartikel weist auf den Fund des historischen Bieres in Lübbecke hin. Erscheinungsort des Artikels unbekannt. © Foto Brauerei Ernst Barre GmbH.</em></figcaption></figure> <p>Eine FT-ICR-MS Analyse des historischen Bieres und der forensische Abgleich mit molekularen Fingerabdrücken moderner Vergleichsbiere gibt Einblick in seine historische Brauweise. Das Bier wurde seinerzeit nach dem Reinheitsgebot gebraut, Spuren von anderen Getreidesorten als Gerste sind nicht erkennbar. Die Anwesenheit von Niacin (Vitamin B3) weist auf eine technologisch ungenügende Entfernung des Gerstenkeimlings hin. Unsere Maillard-Forschung sollte sich nur bedingt auszahlen: Die Braugerste  wurde anschließend bei niedrigen Temperaturen gedarrt. Das Bier anzusäuern, um die Enzymaktivität zu optimieren, ist eine brautechnische Feinheit, die offenbar noch nicht erprobt war. Fortschrittlicher zeigte sich der Gärkeller, in dem die erst kürzlich erfundene Kältemaschine Lindes zum Einsatz kam. Von den untergärigen Brauhefen, die auf diesen  Umstand hinweisen, verblieben lediglich molekulare Abdrücke; denn selbst für das mikroskopische Auge waren keinerlei Mikroorganismen mehr erkennbar. Wenngleich der verkorkte, verdrahtete und versiegelte Flascheninhalt unwahrscheinlich gut erhalten blieb, der Zahn der Zeit ist nicht spurlos an diesem „Jahrzehnte laufenden Minilabor“ vorbeigegangen: Die typischen Inhaltsstoffe des Hopfens wichen hunderten unerforschten, oxidierten Verbindungen. Seinem Alter zum Trotz hat das kaiserliche Bier den Connaisseur Dr. Martin Zarnkow von der Brau- und Lebensmittelqualität Weihenstephan überzeugt: Mit vollmundigen 4 Vol.-% Alkohol sei es „sehr ausgewogen und harmonisch, mit einer angenehmen Bittere, einem erfrischenden Säurecharakter und Sherry-artigen Dörrobstnoten“.</p> <p>Auch in unserer heutigen Zeit und gerade mit dem stetig steigenden Maßstab der Lebensmittelproduktion ist die tiefgreifende molekulare Analyse unserer Nahrungsmittel von entscheidender Bedeutung. Einen Ausblick auf die Zukunft gibt der Wissenschaftsjournalist Lars Fischer: Die sich im Zuge des Klimawandels ändernden Versorgungsstrukturen und neue Ernährungsgewohnheiten bedürfen einer umfassenden analytischen Begleitung. Der molekulare Blick auf unsere Lebensmittel wird es ermöglichen, neue Prozesse zu entwickeln und die Qualität unserer Lebensmittel und der Agrikultur auch weiterhin zu gewährleisten.</p> <hr></hr> <p>Stefan Pieczonka studierte Lebensmittelchemie an der Technischen Universität München (TUM). Während seiner Promotionszeit am Lehrstuhl für Analytische Lebensmittelchemie spezialisierte er sich auf die Analyse kleiner Moleküle (Metabolomics). Mit dem Forschungsschwerpunkt seiner Thesis, die umfassende molekulare Charakterisierung von Bier, war er nicht nur ein gerne gesehenen Gast auf den gemeinsamen Sommerfeiern. Auch die deutsche Wissenschaftslandschaft machte er mit seiner innovativen Arbeit auf sich aufmerksam. Angetrieben von verschiedenen Auszeichnungen geht er seit 2022 als Post-Doktorand den nächsten Schritte einer möglichen akademischen Laufbahn nach.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Sehr tief ins Glas geschaut » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für seine Bewerbung um den <span><a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</a></span> 2023 in der Kategorie Chemie veranschaulichte Stefan Pieczonka, was er für seine Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Der tiefgreifende analytische Blick der ultrahochauflösenden Massenspektrometrie ermöglicht neue Konzepte, unsere Lebensmittel zu überwachen, ihre Sicherheit zu gewährleisten und Produktionsprozesse zu optimieren. Die umfangreichen molekularen Fingerabdrücke stehen dabei keineswegs im Widerspruch zur Unbelassenheit und Qualität unserer Nahrungsmittel. Am Beispiel des Bieres verdeutlichen wir, wie sie vielmehr versprechen, diese zu bewahren und weiterzuentwickeln.</em></p> <p>Zutatenlisten, Nährwerttabellen, Nutri-Scores – sie begegnen uns bei jedem Einkauf. Doch unsere Lebensmittel beherbergen eine molekulare Welt, die noch weit über Kohlenhydrate, Proteine und Fette hinausgeht. Eine Technik mit dem schlichten Namen „Fourier-Transform Ionenzyklotronresonanz Massenspektrometrie“ (oder für Versierte: FT-ICR-MS) ermöglicht es, diese mannigfaltige molekulare Ebene unserer Lebensmittel zu betreten. Die Auswahl eines anschaulichen Probenmaterials fällt dabei nicht schwer: Nicht allein die Tradition oder der Genuss, sondern die Komplexität seiner Zusammensetzung macht das Bier zum bestgeeigneten Untersuchungsobjekt. Ausgehend von den Rohstoffen prägen biologische, biochemische und chemische Prozesse in vielfältiger Weise das komplexe molekulare Gemisch, das wir Bier nennen. Pünktlich zum 500-jährigen Jubiläum des Reinheitsgebots begann 2016 an der Technischen Universität München also unsere Mission, die molekularen Fingerabdrücke der Biere zu decodieren. Das dabei eingesetzte Massenspektrometer begnügt sich schon mit einem tausendstel Tropfen des Hopfengetränks!</p> <p>Mithilfe des FT-ICR-MS ist es uns möglich, die Masse von Molekülen äußerst akkurat zu bestimmen. Das Prinzip ist simpel: je schneller die Moleküle sich auf einer Kreisbahn bewegen, desto leichter müssen sie sein. Der Messfehler ist dabei so klein, dass jedem Signal nur eine einzige Kombination aus Atomgewichten zugrunde liegen kann. Nur zehn Minuten dauert es, und wir kennen die atomare Zusammensetzung eines jeden Moleküls unseres Lebensmittels. Ging es der Forschung der letzten Jahrzehnte im Wesentlichen darum, vordefinierte Verbindungen zu quantifizieren („targeted analysis“), so gestattet unser Ansatz einen Blick auf die gesamte Diversität kleinster Moleküle („non-targeted analysis“). Noch unbekannte Inhaltsstoffe des köstlichen Molekülmixes sollen nicht länger vorschnell ignoriert werden. Die statistische Datenauswertung dieses Gesamtbildes weist uns schließlich auf spezifische Fingerabdrücke für bestimmte Zutaten und Produktionsweisen hin. Auch die ermittelte atomare Zusammensetzung der Moleküle nutzen wir geschickt. Ihre Summenformeln spiegeln biochemische Verwandtschaftsbeziehungen wider. Eine Oxidierung sorgt für „+O“, das Anfügen einer Glucoseeinheit für „+C6H10O5“. Auf diese Weise spannen sich molekulare Netzwerke verwandter Moleküle auf. Über diese Pfade führt uns die analytische Reise durch die molekulare Welt des Brauens von der modernen Überwachung des Reinheitsgebots bis zurück zur Brauweise der Deutschen Kaiserzeit.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-scaled.png"><img alt="" decoding="async" height="767" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-1024x767.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-1024x767.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-300x225.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-768x575.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-1536x1150.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-2048x1534.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Die Vielfält der molekularen Welt des Bieres speist sich aus seinen natürlichen Rohstoffen und dem komplexen Brauprozess. ©Stefan Pieczonka</em></figcaption></figure> <p>Es lässt aufhorchen, es wirkt zunächst alarmierend: Wir konnten mehr als 10.000 unterschiedliche Moleküle im Bier nachweisen! Doch gerade diese Vielzahl hilft uns, die Brauweise eines Bieres nachzuvollziehen. Auf dem internationalen Markt wird zuhauf mit kostengünstigem Mais und Reis gebraut. Die traditionelle deutsche Brauweise lehnt diese Stärkequellen und den damit erforderlichen Einsatz von zugesetzten Enzymen ab. Unser analytischer Blick zeigt, dass sich Reinheitsgebot-konforme Biere auch molekular von denjenigen unterscheiden, die zusätzlich Mais oder Reis enthalten: Es sind die Verbindungen des Sekundärstoffwechsels der Pflanzen, die im fertigen Bier als spezifische Signatur wiedergefunden werden können. Diese reichen von antimikrobiellen pflanzlichen Abwehrstoffen über die Wachstumsregulatoren bis zu Phytohormonen. 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Abgewandelt entnommen aus <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-022-12943-6">Pieczonka, S.A. et al. Archeochemistry reveals the first steps into modern industrial brewing. Sci Rep 12, 9251 (2022).</a></em></figcaption></figure> <p>Findet der Brauprozess nach dem Reinheitsgebot statt, belässt man es nebst Hopfen und Wasser bei der Gerste. Im ersten Schritt wird diese vermälzt. Die hohen Temperaturen beim Mälzen führen dabei zur sogenannten Maillard-Reaktion. Aus unserem Alltag nicht wegzudenken, sorgt diese auch für das betörende Aroma des Röstkaffees, gibt dem Grillfleisch Farbe und Geschmack und veredelt unseren Ofenkäse. Es handelt sich dabei nicht um eine einzelne definierte Reaktion, sondern um ein großes Reaktionsnetzwerk, das die chemische Interaktion von Aminosäuren mit Zuckern beschreibt. Die prinzipiellen Mechanismen sind gut erforscht. Die schiere Vielfalt an Molekülen hingegen, die während dieses Prozesses entstehen, verbirgt sich tief im molekularen Fingerabdruck der Lebensmittel. Selbst im Bier, das von natürlichen Zutaten und Prozessen geprägt ist, verstecken sich über 3.000 Moleküle, die diesem chemischen Reaktionsnetzwerk entspringen. Ihr atomarer Aufbau teilt sich eine intrinsische Natur, die den Regeln Maillards folgt: Viele bekannte Teilschritte der Maillard-Reaktion führen in ihrer Gesamtheit zu komplexen Veränderungen. Diesen Prozess, der den malzigen Charakter des Bieres prägt, können wir nun auf molekularer Ebene beschrieben. Die Grundlagenforschung dieser bedeutenden Reaktionskaskade profitiert von unserem holistischen analytischen Blick.</p> <p>Zum besonderen Protagonisten unserer Studien sollte ein archäologischer Fund avancieren. Ein hopfiger Zeitzeuge der Deutschen Kaiserzeit, gefunden im westfälischen Lübbecke und auf das Jahr 1885 datiert, wird Einblicke in eine längst vergangene Zeit gewähren. Eng verknüpft mit der Brauforschung setzten damals die Pioniere Louis Pasteur und Carl v. Linde mit der Mikrobiologie und der Kältemaschine die ersten Grundbausteine für die moderne Lebensmittelhygiene und industrielle Lebensmittelproduktion.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2-474x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2-474x1024.jpg 474w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2-139x300.jpg 139w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2-711x1536.jpg 711w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2.jpg 754w" width="474"></img></a><figcaption><em>Ein Zeitungsartikel weist auf den Fund des historischen Bieres in Lübbecke hin. Erscheinungsort des Artikels unbekannt. © Foto Brauerei Ernst Barre GmbH.</em></figcaption></figure> <p>Eine FT-ICR-MS Analyse des historischen Bieres und der forensische Abgleich mit molekularen Fingerabdrücken moderner Vergleichsbiere gibt Einblick in seine historische Brauweise. Das Bier wurde seinerzeit nach dem Reinheitsgebot gebraut, Spuren von anderen Getreidesorten als Gerste sind nicht erkennbar. Die Anwesenheit von Niacin (Vitamin B3) weist auf eine technologisch ungenügende Entfernung des Gerstenkeimlings hin. Unsere Maillard-Forschung sollte sich nur bedingt auszahlen: Die Braugerste  wurde anschließend bei niedrigen Temperaturen gedarrt. Das Bier anzusäuern, um die Enzymaktivität zu optimieren, ist eine brautechnische Feinheit, die offenbar noch nicht erprobt war. Fortschrittlicher zeigte sich der Gärkeller, in dem die erst kürzlich erfundene Kältemaschine Lindes zum Einsatz kam. Von den untergärigen Brauhefen, die auf diesen  Umstand hinweisen, verblieben lediglich molekulare Abdrücke; denn selbst für das mikroskopische Auge waren keinerlei Mikroorganismen mehr erkennbar. Wenngleich der verkorkte, verdrahtete und versiegelte Flascheninhalt unwahrscheinlich gut erhalten blieb, der Zahn der Zeit ist nicht spurlos an diesem „Jahrzehnte laufenden Minilabor“ vorbeigegangen: Die typischen Inhaltsstoffe des Hopfens wichen hunderten unerforschten, oxidierten Verbindungen. Seinem Alter zum Trotz hat das kaiserliche Bier den Connaisseur Dr. Martin Zarnkow von der Brau- und Lebensmittelqualität Weihenstephan überzeugt: Mit vollmundigen 4 Vol.-% Alkohol sei es „sehr ausgewogen und harmonisch, mit einer angenehmen Bittere, einem erfrischenden Säurecharakter und Sherry-artigen Dörrobstnoten“.</p> <p>Auch in unserer heutigen Zeit und gerade mit dem stetig steigenden Maßstab der Lebensmittelproduktion ist die tiefgreifende molekulare Analyse unserer Nahrungsmittel von entscheidender Bedeutung. Einen Ausblick auf die Zukunft gibt der Wissenschaftsjournalist Lars Fischer: Die sich im Zuge des Klimawandels ändernden Versorgungsstrukturen und neue Ernährungsgewohnheiten bedürfen einer umfassenden analytischen Begleitung. Der molekulare Blick auf unsere Lebensmittel wird es ermöglichen, neue Prozesse zu entwickeln und die Qualität unserer Lebensmittel und der Agrikultur auch weiterhin zu gewährleisten.</p> <hr></hr> <p>Stefan Pieczonka studierte Lebensmittelchemie an der Technischen Universität München (TUM). Während seiner Promotionszeit am Lehrstuhl für Analytische Lebensmittelchemie spezialisierte er sich auf die Analyse kleiner Moleküle (Metabolomics). Mit dem Forschungsschwerpunkt seiner Thesis, die umfassende molekulare Charakterisierung von Bier, war er nicht nur ein gerne gesehenen Gast auf den gemeinsamen Sommerfeiern. Auch die deutsche Wissenschaftslandschaft machte er mit seiner innovativen Arbeit auf sich aufmerksam. Angetrieben von verschiedenen Auszeichnungen geht er seit 2022 als Post-Doktorand den nächsten Schritte einer möglichen akademischen Laufbahn nach.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/klartext/sehr-tief-ins-glas-geschaut/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>A Probabilist’s Perspective on Fundamental Physics  https://scilogs.spektrum.de/hlf/a-probabilists-perspective-on-fundamental-physics/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/a-probabilists-perspective-on-fundamental-physics/#comments Wed, 29 Oct 2025 13:00:00 +0000 Benjamin Skuse https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=13882 <h1>A Probabilist’s Perspective on Fundamental Physics  - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>The primary purpose of the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Heidelberg Laureate Forum</a> is to bring together “some of the brightest minds in mathematics and computer science.” This is not simply a show of solidarity or a recognition of overlapping histories, it’s an opportunity to exchange and combine ideas from different fields and subfields in the hope of delivering new, perhaps unexpected, insights into up-to-now intractable problems.</p> <p>No attendee of the Forum embodies this ethos better than <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/wendelin-werner/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Wendelin Werner</a>. A Franco-German mathematician (whose older brother happens to be an outstanding computer scientist), his 2006 Fields Medal was awarded “for his contributions to the development of stochastic Loewner evolution, the geometry of two-dimensional Brownian motion, and conformal field theory,” work largely conducted in collaboration with fellow mathematicians Greg Lawler and Oded Schramm.</p> <p>This ground-breaking research offered new mathematical tools in statistical physics for understanding and rigorously proving fundamental physical concepts, including what happens when physical systems reach critical temperature, like when a kettle boils, or how percolation works, like when water seeps through porous rock.</p> <p>Almost two decades on from his Fields Medal – incidentally, the first to be awarded to a probabilist – Werner continues to straddle, and chip away at, the border between mathematics and physics, as he described in his Lecture at the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">12th Heidelberg Laureate Forum</a>.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/OA5GnnhGwhk?feature=oembed" title="Lecture: Werner | September 18" width="666"></iframe> </p></figure> <h3 id="h-unanswered-question-from-childhood">Unanswered Question from Childhood</h3> <p>Werner’s fascination with the points where mathematics and physics intersect started from an early age. To begin his talk, he recalled a discussion in high school between him and his physics teacher regarding Newton’s universal law of gravitation. This law describes gravity as a force between two masses, attracting them in proportion to the product of their masses and inversely as the square of the distance between them.<aside></aside></p> <p>“I raised my hand and said […] ‘Who’s measuring the distance between the Earth and the Sun in order to decide what the force is going to be – surely something has to travel back and forth.’” After a lengthy discussion digging deeper and deeper into the law, his teacher finally said: “Well, if you continue always asking why and how, you should rather be a mathematician than a physicist.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13884" rel="attachment wp-att-13884"><img alt="Wendelin Werner" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795670761_cdff64e355_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795670761_cdff64e355_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795670761_cdff64e355_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795670761_cdff64e355_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Wendelin Werner speaking at the 12th HLF. (© HLFF)</figcaption></figure></div> <p>This propensity to dig deeper and deeper in the hope of discovering more fundamental truths continues to drive Werner’s work to this day. He still remains unsatisfied with many physics-based explanations of fundamental real-world phenomena, and in particular gravity. “In some sense, the rule in physics is to find some formalism that produces equations or numbers that you can then confront to experimental data to measure something, and you see that this formalism fits with the real-world data,” he says. “But it will never tell you exactly how does it actually work.” For Werner, Newton’s law and Einstein’s theory of general relativity may predict what gravity does accurately, but they don’t fully explain the underlying mechanism.</p> <h3 id="h-introducing-loops">Introducing Loops</h3> <p>Werner has attacked the problem of deeply understanding gravity on and off throughout his career. He often does so in a roundabout way, treating it like a mathematical puzzle, and picturing how mathematical objects could be incarnated in the world around us to form what we perceive as gravity.</p> <p>The first mathematical object he introduced in his talk was the harmonic function. A harmonic function \( u(x,y) \) is a twice continuously differentiable function that also satisfies the Laplace equation:</p> <p>\[ \nabla^{2}u = u_{xx} + u_{yy} = 0. \]</p> <p>Such a function has the property that its value at a point is the same as its average value on any sphere around that point. If we look at similar properties in the real world, we come across gravitational potential, or equivalently Newton potential, \( 1/r \), where \( r \) is the distance between the centre of mass of the source object and the point in space where the potential is being measured. That it is harmonic is the only way to mathematically explain Newton potential’s properties, such as why we can treat a planet’s mass as if it were concentrated at a single central point.</p> <p>The second mathematical object Werner introduced is called a Brownian loop, which he described as “the simplest possible, most natural, random structure that you can try to define around you without making any arbitrary choices.” Brownian loops are a nod to Brownian motion, first discovered by 19<sup>th</sup> Century botanist Robert Brown, who observed the jagged erratic motion of pollen immersed in water – one of the first tantalising experimental glimpses of atoms and molecules, and a crucial link between physical phenomena and the abstract world of probability theory and randomness. Regular Brownian motion requires a starting point, but Brownian loops do not, making them even simpler random structures that have only one fixed property: they are isotropic, i.e. their behaviour is uniform in all directions.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13883" rel="attachment wp-att-13883"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54794813417_ab35d5e327_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54794813417_ab35d5e327_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54794813417_ab35d5e327_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54794813417_ab35d5e327_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Wendelin Werner (© HLFF)</figcaption></figure></div> <p>Imagining these Brownian loops appearing completely randomly in space and time, Werner conjured a reality in which there are infinitely many small independent loops everywhere at all scales. If you have a collection of these loops where they intermingle, called a ‘loop soup,’ it turns out that whether two loops are intersecting or whether a single loop is just overlapping itself, it doesn’t matter; the properties of the loop soup remain the same. Essentially, when they intermingle, each loop loses its individual identity. And they reestablish their identity when you extract an individual loop from the loop soup.</p> <p>“In physics, bosons are particles that have this property that they’re indistinguishable when you see a collection of all these particles, but you can recover the individual particles,” said Werner. “This is a bit reminiscent to that … maybe there is something here, this exchangeability property, which is very elementary.”</p> <h3 id="h-connecting-it-all-together">Connecting It All Together</h3> <p>How do loops relate to Werner’s enduring desire to understand gravity at a fundamental level? He asked the audience to imagine two points \( x \) and \( y \) in three-dimensional space. “What is the probability that \( x \) and \( y \) are connected by a chain of loops?,” he said. “This probability is 1 over the distance – it’s our friend, the Newton potential.”</p> <p>He next asked them to picture a single Brownian excursion going from \( x \) to \( y \), which can be thought of like a jagged telephone wire connecting the two points, with an unconditioned collection (i.e. not a chain) of loops on top. In simple terms, <a href="https://arxiv.org/abs/2502.06754" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Werner showed recently</a> that these two setups are exactly equivalent. This correspondence not only provides a useful tool to study loop-soup clusters, it very gently hints at relations to physics concepts including quantum field theory.</p> <p>“When you mix randomness with continuum structures, some subtle things can appear that might have escaped from the radar of other types of approaches to this problem,” said Werner. But he was quick to point out that the work he presented should not be seen as having a direct relation to physics. “Disclaimer: I’m not doing any physics,” he underlined. “This is just what a mathematician is doing and dreaming about, playing around with fun math structures …; it might be inspired by physics, but in a way that physicists would not recognize.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13885" rel="attachment wp-att-13885"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797525523_90a84c77e1_o-CF.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797525523_90a84c77e1_o-CF.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797525523_90a84c77e1_o-CF-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797525523_90a84c77e1_o-CF-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Wendelin Werner (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>Nor did he feel that Brownian motion and loop soups are necessarily going to be any more satisfactory for others than conventional physics concepts such as particles and fields. However, he did hope that by presenting a probabilist’s unorthodox perspective on physics concepts, it might inspire young scientists to do the same.</p> <p>“Some 10 years ago, I remember seeing a child looking out of the window of a train and trying to zoom in on what they were watching outside,” Werner recalled. “That child’s experience of what reality is, is very different from mine.” Because of this, the child on the train is unlikely to independently discover loop soups, but they do have the potential to unlock a completely fresh perspective – be it from probability theory, computer science, or some other discipline – to attack intransigent problems in science.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>A Probabilist’s Perspective on Fundamental Physics  - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>The primary purpose of the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Heidelberg Laureate Forum</a> is to bring together “some of the brightest minds in mathematics and computer science.” This is not simply a show of solidarity or a recognition of overlapping histories, it’s an opportunity to exchange and combine ideas from different fields and subfields in the hope of delivering new, perhaps unexpected, insights into up-to-now intractable problems.</p> <p>No attendee of the Forum embodies this ethos better than <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/wendelin-werner/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Wendelin Werner</a>. A Franco-German mathematician (whose older brother happens to be an outstanding computer scientist), his 2006 Fields Medal was awarded “for his contributions to the development of stochastic Loewner evolution, the geometry of two-dimensional Brownian motion, and conformal field theory,” work largely conducted in collaboration with fellow mathematicians Greg Lawler and Oded Schramm.</p> <p>This ground-breaking research offered new mathematical tools in statistical physics for understanding and rigorously proving fundamental physical concepts, including what happens when physical systems reach critical temperature, like when a kettle boils, or how percolation works, like when water seeps through porous rock.</p> <p>Almost two decades on from his Fields Medal – incidentally, the first to be awarded to a probabilist – Werner continues to straddle, and chip away at, the border between mathematics and physics, as he described in his Lecture at the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">12th Heidelberg Laureate Forum</a>.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/OA5GnnhGwhk?feature=oembed" title="Lecture: Werner | September 18" width="666"></iframe> </p></figure> <h3 id="h-unanswered-question-from-childhood">Unanswered Question from Childhood</h3> <p>Werner’s fascination with the points where mathematics and physics intersect started from an early age. To begin his talk, he recalled a discussion in high school between him and his physics teacher regarding Newton’s universal law of gravitation. This law describes gravity as a force between two masses, attracting them in proportion to the product of their masses and inversely as the square of the distance between them.<aside></aside></p> <p>“I raised my hand and said […] ‘Who’s measuring the distance between the Earth and the Sun in order to decide what the force is going to be – surely something has to travel back and forth.’” After a lengthy discussion digging deeper and deeper into the law, his teacher finally said: “Well, if you continue always asking why and how, you should rather be a mathematician than a physicist.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13884" rel="attachment wp-att-13884"><img alt="Wendelin Werner" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795670761_cdff64e355_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795670761_cdff64e355_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795670761_cdff64e355_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795670761_cdff64e355_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Wendelin Werner speaking at the 12th HLF. (© HLFF)</figcaption></figure></div> <p>This propensity to dig deeper and deeper in the hope of discovering more fundamental truths continues to drive Werner’s work to this day. He still remains unsatisfied with many physics-based explanations of fundamental real-world phenomena, and in particular gravity. “In some sense, the rule in physics is to find some formalism that produces equations or numbers that you can then confront to experimental data to measure something, and you see that this formalism fits with the real-world data,” he says. “But it will never tell you exactly how does it actually work.” For Werner, Newton’s law and Einstein’s theory of general relativity may predict what gravity does accurately, but they don’t fully explain the underlying mechanism.</p> <h3 id="h-introducing-loops">Introducing Loops</h3> <p>Werner has attacked the problem of deeply understanding gravity on and off throughout his career. He often does so in a roundabout way, treating it like a mathematical puzzle, and picturing how mathematical objects could be incarnated in the world around us to form what we perceive as gravity.</p> <p>The first mathematical object he introduced in his talk was the harmonic function. A harmonic function \( u(x,y) \) is a twice continuously differentiable function that also satisfies the Laplace equation:</p> <p>\[ \nabla^{2}u = u_{xx} + u_{yy} = 0. \]</p> <p>Such a function has the property that its value at a point is the same as its average value on any sphere around that point. If we look at similar properties in the real world, we come across gravitational potential, or equivalently Newton potential, \( 1/r \), where \( r \) is the distance between the centre of mass of the source object and the point in space where the potential is being measured. That it is harmonic is the only way to mathematically explain Newton potential’s properties, such as why we can treat a planet’s mass as if it were concentrated at a single central point.</p> <p>The second mathematical object Werner introduced is called a Brownian loop, which he described as “the simplest possible, most natural, random structure that you can try to define around you without making any arbitrary choices.” Brownian loops are a nod to Brownian motion, first discovered by 19<sup>th</sup> Century botanist Robert Brown, who observed the jagged erratic motion of pollen immersed in water – one of the first tantalising experimental glimpses of atoms and molecules, and a crucial link between physical phenomena and the abstract world of probability theory and randomness. Regular Brownian motion requires a starting point, but Brownian loops do not, making them even simpler random structures that have only one fixed property: they are isotropic, i.e. their behaviour is uniform in all directions.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13883" rel="attachment wp-att-13883"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54794813417_ab35d5e327_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54794813417_ab35d5e327_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54794813417_ab35d5e327_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54794813417_ab35d5e327_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Wendelin Werner (© HLFF)</figcaption></figure></div> <p>Imagining these Brownian loops appearing completely randomly in space and time, Werner conjured a reality in which there are infinitely many small independent loops everywhere at all scales. If you have a collection of these loops where they intermingle, called a ‘loop soup,’ it turns out that whether two loops are intersecting or whether a single loop is just overlapping itself, it doesn’t matter; the properties of the loop soup remain the same. Essentially, when they intermingle, each loop loses its individual identity. And they reestablish their identity when you extract an individual loop from the loop soup.</p> <p>“In physics, bosons are particles that have this property that they’re indistinguishable when you see a collection of all these particles, but you can recover the individual particles,” said Werner. “This is a bit reminiscent to that … maybe there is something here, this exchangeability property, which is very elementary.”</p> <h3 id="h-connecting-it-all-together">Connecting It All Together</h3> <p>How do loops relate to Werner’s enduring desire to understand gravity at a fundamental level? He asked the audience to imagine two points \( x \) and \( y \) in three-dimensional space. “What is the probability that \( x \) and \( y \) are connected by a chain of loops?,” he said. “This probability is 1 over the distance – it’s our friend, the Newton potential.”</p> <p>He next asked them to picture a single Brownian excursion going from \( x \) to \( y \), which can be thought of like a jagged telephone wire connecting the two points, with an unconditioned collection (i.e. not a chain) of loops on top. In simple terms, <a href="https://arxiv.org/abs/2502.06754" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Werner showed recently</a> that these two setups are exactly equivalent. This correspondence not only provides a useful tool to study loop-soup clusters, it very gently hints at relations to physics concepts including quantum field theory.</p> <p>“When you mix randomness with continuum structures, some subtle things can appear that might have escaped from the radar of other types of approaches to this problem,” said Werner. But he was quick to point out that the work he presented should not be seen as having a direct relation to physics. “Disclaimer: I’m not doing any physics,” he underlined. “This is just what a mathematician is doing and dreaming about, playing around with fun math structures …; it might be inspired by physics, but in a way that physicists would not recognize.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13885" rel="attachment wp-att-13885"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797525523_90a84c77e1_o-CF.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797525523_90a84c77e1_o-CF.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797525523_90a84c77e1_o-CF-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797525523_90a84c77e1_o-CF-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Wendelin Werner (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>Nor did he feel that Brownian motion and loop soups are necessarily going to be any more satisfactory for others than conventional physics concepts such as particles and fields. However, he did hope that by presenting a probabilist’s unorthodox perspective on physics concepts, it might inspire young scientists to do the same.</p> <p>“Some 10 years ago, I remember seeing a child looking out of the window of a train and trying to zoom in on what they were watching outside,” Werner recalled. “That child’s experience of what reality is, is very different from mine.” Because of this, the child on the train is unlikely to independently discover loop soups, but they do have the potential to unlock a completely fresh perspective – be it from probability theory, computer science, or some other discipline – to attack intransigent problems in science.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/a-probabilists-perspective-on-fundamental-physics/#comments 2 Jenseits der Wolken lauern Selbstakzeptanz – und manchmal ein dünner Sumo https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/jenseits-der-wolken-lauern-selbstakzeptanz-und-manchmal-ein-duenner-sumo/ https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/jenseits-der-wolken-lauern-selbstakzeptanz-und-manchmal-ein-duenner-sumo/#comments Tue, 28 Oct 2025 23:43:27 +0000 Karin Schumacher https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/?p=4559 https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5924-768x330.jpg Blick von Chamonix’ Grand Balcon Nord auf die Aiguilles de Chamonix. https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/jenseits-der-wolken-lauern-selbstakzeptanz-und-manchmal-ein-duenner-sumo/ <h1>Jenseits der Wolken lauern Selbstakzeptanz - und manchmal ein dünner Sumo » Medicine & More » SciLogs</h1><h2>By Karin Schumacher</h2><div itemprop="text"> <p><strong><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/dc1266b5f8e347d8b5b7976fb0fb99be" width="1"></img>Über dem Nebelmeer liegt nicht nur der blaue Himmel, sondern auch ein klarerer Blick auf uns selbst und auf die Welt, in der wir leben. Inspiriert von Éric-Emmanuel Schmitts Parabel “<em>Der Sumo-Ringer, der nicht dick werden konnte</em>“, lädt dieser Text dazu ein, die Kunst der Selbstakzeptanz und eines bewussten Lebens zu entdecken.</strong><span id="more-4559"></span></p> <p>Neulich stand ich endlich mal wieder über dem Nebelmeer. Nicht ganz wie Caspar David Friedrichs berühmter Wanderer, sondern etwas höher, in den Alpen. Dabei kam mir ein Zitat aus einem kleinen Buch des französischen Philosophen und Bestseller-Autors Éric-Emmanuel Schmitt wieder in den Sinn, das mich vor einigen Jahren fasziniert hat:</p> <blockquote> <p>“À l’envers des nuages, il y a toujours un ciel.”</p> <p>“Auf der anderen Seite der Wolken, ist immer ein Himmel.”</p> </blockquote> <p>So versucht der alte Sumo-Meister Shomintsu in Éric-Emmanuel Schmitts Parabelroman “<em>Der Sumo-Ringer, der nicht dick werden konnte</em>” (französisch “<em>Le sumo qui ne pouvait pas grossir</em>“) einem Straßenjungen aus Tokio eine Zen-Weisheit näherzubringen.<aside></aside></p> <p>Doch warum soll gerade der 15-jährige, schlanke Jun, voller Wut und Gleichgültigkeit, zu einem Dicken werden? Gibt es davon in der sogenannten zivilisierten Welt nicht längst schon mehr als genug?</p> <p>In den industrialisierten Gesellschaften wachsen die gravierenden Folgen des Überflusses: Stress, Sinnleere, Bewegungsmangel und fehlende echte Verbindungen – all das wird für viele Menschen zur toxischen Falle.</p> <p>Übermäßiges Essen dient oft der Selbstberuhigung oder als Belohnung. Auch andere Verhaltenssüchte – Alkohol, Nikotin, exzessiver Sport, Arbeit, Shopping oder stundenlanger Internetkonsum – erfüllen ähnliche Funktionen. Was auf den ersten Blick wie Genuss aussieht, ist häufig der Versuch, Schmerz zu regulieren, Einsamkeit oder Selbstzweifel zu überdecken oder ungelöste Konflikte zu verdrängen.<br></br>Jun steht am anderen Ende dieses Spektrums: Er ist mager – fast durchsichtig. Auch Untergewicht kann Ausdruck seelischer Not sein.</p> <h2>Sinnlosigkeit</h2> <p>Im Sinne von <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/gesundheit-und-heilung-durch-sinn-ja-zu-viktor-frankl-sagen/" rel="noopener" target="_blank">Viktor Frankl</a> oder Erich Fromm verkörpert Jun eine Form der Selbstentfremdung. Sein Leben ist sinn- und beziehungslos, sein Körper wird zum Symbol dieser inneren Leere – fast unsichtbar.</p> <h2>Vermeidung</h2> <p>Jun zeigt Züge einer vermeidenden Persönlichkeit. Er zieht sich zurück, meidet emotionale Nähe, weil er Angst vor Zurückweisung und Schmerz hat. Untergewicht und Gleichgültigkeit werden zu Formen des Selbstschutzes. Während Übergewicht wie ein Schutzpanzer wirken kann, schützt Untergewicht vor dem Leben selbst.</p> <h2>Selbstverleugnung</h2> <p>Man könnte auch sagen, Jun leidet an einer narzisstischen Leere, nicht an einer narzisstischen Überhöhung. Das ist ein feiner, aber wesentlicher Unterschied: Auch mangelnde Selbstachtung ist ein narzisstisches Thema – nur am anderen Pol. Jun verhält sich nicht selbstbezogen, sondern selbstentwertend; statt Selbstliebe dominiert Selbstverneinung.</p> <h2>Beginn der Individuation</h2> <p>Wäre Jun dem Schweizer Psychoanalytiker C. G. Jung begegnet, hätte dieser ihn wohl am Beginn einer Individuation gesehen: Jun muss erst lernen, sich selbst zu akzeptieren und in Beziehung zur Welt zu treten. Seine Selbstvergessenheit ist der Ausgangspunkt, aus dem echte Selbstliebe erwachsen kann.</p> <p>Starkes Untergewicht ist medizinisch oft gefährlicher als Übergewicht, wird gesellschaftlich jedoch häufig verharmlost oder gar bewundert. Herzprobleme, hormonelle Störungen, Infektanfälligkeit, Knochenschwund und psychische Erkrankungen sind typische Folgen. Unter den Essstörungen weist das extreme Untergewicht die höchste Sterblichkeitsrate auf.</p> <p>Schlankheit gilt noch immer als Ideal. Wer zu dick ist, wird stigmatisiert; wer zu dünn ist, oft entschuldigt (“isst halt wenig”) oder gar beneidet. Dass auch Untergewicht Ausdruck suchtähnlicher, lebensbedrohlicher Verhaltensmuster sein kann, wird selten offen thematisiert.</p> <p>Dabei geht es – auf beiden Seiten – um Beziehungen. Menschen mit Essstörungen oder anderen Süchten sind oft in ungesunde Bindungen verstrickt: zu <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/herz-kreislauf-erkrankungen-dicke-kinder-kranke-erwachsene/" rel="noopener" target="_blank">Essen</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/weltkrebstag-mit-alkohol-glas-f-r-glas-zum-tumor/" rel="noopener" target="_blank">Alkohol</a>, Nikotin, Arbeit, Sport, Internet, sozialen Medien (<a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/tiktokst-du-oder-lebst-du-noch/" rel="noopener" target="_blank">TikTok</a>, Instagram, Facebook und Co.) – oder zu <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-wesir-abdul-%d0%b2%d0%b8%d0%b7%d0%b8%d1%80%d1%8c-%d0%b0%d0%b1%d0%b4%d1%83%d0%bb-maerchen-von-leo-tolstoi/" rel="noopener" target="_blank">Menschen</a>, die ihnen nicht guttun.</p> <p>Was all diesen Phänomenen gemeinsam ist – von exzessivem Konsum über Körperideale bis hin zu pathologischen Selbstkontrollversuchen – ist das Verlorengehen des gesunden Maßes. Wir leben in einer Welt, in der das “Zuviel” gefeiert und das “Zuwenig” romantisiert wird, während das <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-lange-weg-zu-einem-wahren-gesundheitswesen/" rel="noopener" target="_blank">Maßvolle</a> kaum Beachtung findet. Doch genau hier liegt die Basis für körperliche und seelische Gesundheit – und für gesellschaftliche wie ökologische Nachhaltigkeit.</p> <p>Wohl kaum ein anderes Lebewesen kann so erfinderisch, aber auch so toxisch mit sich selbst umgehen wie der Mensch. Vielleicht noch der Oktopus, der eines der raffiniertesten Nervensysteme unter allen Lebewesen besitzt. Auch er kennt die Selbstzerstörung – nach der Fortpflanzung stirbt er, um Platz für die nächste Generation zu schaffen.</p> <p>Doch beim <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/was-verbindet-mensch-und-oktopus/" rel="noopener" target="_blank">Oktopus</a> ist dieses Sterben biologisch notwendig. Zum Glück sind wir Menschen keine Oktopusse, sondern empathische, soziale Wesen. Wir sind fähig zur Reflexion, zur Veränderung und zur Verbindung.</p> <p>Und genau hier liegt auch die Wendung in Schmitts Erzählung. Jun trifft jemanden, der an ihn glaubt. Der in ihm Potenzial sieht – und nicht nur Mangel.</p> <p><span>“Je vois un gros en toi.”</span></p> <p>“Ich sehe einen Dicken in dir,” sagt Shomintsu. Nicht aus Spott, sondern aus tiefem Mitgefühl.Es ist eine Einladung zur Fülle – im Sinne von Vollständigkeit: körperlich, geistig und spirituell.</p> <p>“Exaspérant!” – “Ärgerlich!” – beschwert sich der 15-Jährige anfangs über diese dreiste Behauptung seines ungewollten Mentors.</p> <p>Doch die Hartnäckigkeit des Sumotrainers setzt sich durch. Denn Shomintsu hat etwas, das Jun fehlt: innere Harmonie und Lebenserfahrung. Er ist mit sich und der Welt im Reinen. So kann er über seinen eigenen Horizont hinausblicken und das Potenzial des Jungen erkennen.</p> <p>“Ich sehe einen Dicken in dir,” sagt Shomintsu wieder und wieder – bis der Junge schließlich selbst daran glaubt. Der Himmel steht dabei nicht für eine abergläubische, von irgendjemandem manipulierte Chimäre, sondern für ein “Jenseits” des Sichtbaren und Vernünftigen. Es ist ein Raum, der von Menschen nicht vollständige kontrollierbar ist, in dem wir aber eine innere Verankerung finden können und vielleicht auch sollten.</p> <h2>Der Himmel über dem Nebel – Verantwortung für uns selbst und andere</h2> <p>Was Schmitt mit erzählerischer Leichtigkeit vermittelt, ist tief philosophisch: Der Weg zur Heilung beginnt dort, wo Kontrolle losgelassen werden kann und Vertrauen entsteht. Vertrauen in sich selbst, in andere, in das Leben. Selbstakzeptanz ist dabei kein Luxus, sondern Grundbedingung für jedes gesunde Wachstum.</p> <p>Selbstliebe ist keine egoistische oder narzisstische Haltung, denn bei diesen fehlt ja eigentlich sogar die Selbstliebe. Daher werden dann andere dafür “missbraucht”. Die Liebe und Fürsorge für sich selbst ist vielmehr eine notwendige Grundlage für gesunde Beziehungen zu anderen Menschen, für persönliches Wachstum und für die innere Heilung.</p> <p>Jun beginnt – nicht über Nacht, aber Schritt für Schritt – seinen Körper zu bewohnen. Er entwickelt Kraft, Form, Haltung. Er hat nun ein Ziel: Er wird ein “Dicker” werden, er wird sein Potential entfalten, er wird es schaffen. Der Junge fasst Vertrauen in den Weg, in sich selbst. Es ist ein Prozess der Selbstheilung, der durch Beziehung, Fokus und Konzentration auf das Ziel gelingt.</p> <h2>Auf der anderen Seite der Wolken beginnt die Akzeptanz</h2> <p>Was Shomintsu ihm schenkt, ist kein Ernährungsplan, kein sportlicher Drill, keine Ideologie – sondern: Akzeptanz. Er ist ein Mentor, der das Potential sieht und nicht nur die Defizite. Er schaut durch den Nebel aus Wut, Verweigerung und Schmerz hindurch – und erkennt den Himmel dahinter. Genau wie in jenem Satz, der sich ebenfalls durch das Buch zieht:</p> <blockquote> <p>“A l’envers des nuages, il y a toujours un ciel.”…<br></br>“Auf der anderen Seite der Wolken, ist immer ein Himmel.”…</p> </blockquote> <p>“Pardon?” erwidert Jun.<br></br>Shomintsu erklärt: “Dieser Zen-Satz bedeutet, dass man die positive Seite der Erscheinungen im Auge behalten und optimistisch bleiben muss. Das Wichtigste im Moment ist, dass du Fortschritte machst.”</p> <p>Der 1940 in der Region von Lyon geborene Éric-Emmanuel Schmitt ist Philosoph, aber kein Dogmatiker. Agnostiker, aber kein Zyniker. Er will uns weder spirituell noch esoterisch vertrösten. Vielmehr lädt er dazu ein, sich wieder an das zu erinnern, was längst in uns angelegt ist: Vertrauen, Mitgefühl, Verbundenheit – mit uns selbst und mit der Welt.</p> <p>Schmitt begann seinen “<em>Zyklus des Unsichtbaren</em>” (französisch: <em>cycle d’invisible</em>) über die Weltreligionen mit “<em>Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran</em>“, in dem es um den Sufismus geht und schloss ihn mit “<em>Vom Sumo, der nicht dick werden konnte</em>” über den Zen-Buddhismus ab. Dazwischen lagen Werke über das Christentum (“<em>Oskar und die Dame in Rosa</em>“), das Judentum (“<em>Das Kind von Noah</em>“) und den tibetischen Buddhismus (“<em>Milarepa</em>“).<br></br>Meister Shomintsu nimmt Jun und uns mit auf die Reise in die Welt des Zen-Buddhismus. Der Weise hilft dem Jungen, seinen eigenen Weg zu finden, der gut für ihn und seine Umwelt ist.</p> <h2>Der Himmel – viel mehr als ein Symbol</h2> <p>Der Himmel steht für die Möglichkeiten, für die Weite, für Perspektiven, aber auch für ständige Veränderung. Für das, was wir nicht kontrollieren können – und vielleicht erst erahnen können, wenn wir loslassen. Für jenes “Jenseits des Sichtbaren und Vernünftigen”, das Schmitt in einem Interview so beschreibt: Ein Ort innerer Verankerung, ein Vertrauen in das Leben jenseits des rein Machbaren. Und auch: Der Weg ist das Ziel, nicht das Ziel des Weges.</p> <p>Auch Rosa Luxemburg schrieb 1917 aus dem Breslauer Gefängnis an ihre beste Freundin Sonja Liebknecht über den Himmel – und damit meinte sie keinen Traum von einem jenseitigen Paradies:</p> <blockquote> <p>“Jetzt eben – ich habe eine kleine Pause gemacht, um den Himmel zu beobachten […]<br></br>Es liegt so viel Unbekümmertheit und kühles Lächeln in diesem Wolkenflug, dass ich mitlächeln muss […].<br></br>Wie könnte man bei solchem Himmel ‚bös‘ oder kleinlich sein? Vergessen Sie bloß nie, um sich zu blicken, dann werden Sie immer wieder »gut« sein.”</p> </blockquote> <p>Und Jun, der junge Sumo? Mit 18 Jahren ist er mental und körperlich bereit, in den <em>Dojo</em> zu steigen. Er nimmt sich vor, zwei Wochen lang, mit einem Kampf pro Tag, seinem Mentor zu beweisen, dass dieser seine Zeit nicht mit ihm verschwendet hat. Am Ende der zwei Wochen geht er zu seinem Mentor.</p> <blockquote> <p>“- Je m’arrête, maître Shomintsu. Je ne remonterai plus sur le doyo.<br></br>– Ich höre auf, Meister Shomintsu. Ich werde nicht mehr in den Dojo steigen.</p> <p><span>– Pourquoi? Tu pèses quatre-vingt-quinze kilos et tu y arrives enfin.<br></br></span><span>– Warum? Du wiegst 95 Kilo und schaffst es endlich.</span></p> <p><span>– Comme vous dites: j’y arrive! Le but, c’était d’y arriver. […] Cependant, mon but n’a jamais été de devenir un champion, encore moins le champions de champions. Ai-je tort?<br></br></span><span>– Wie Sie sagen: Ich schaffe es! Das Ziel war, hierher zu gelangen. […] Mein Ziel war jedoch nie, ein Champion zu werden, geschweige denn der Champion der Champions. Habe ich unrecht?</span></p> <p><span>– Tu seul le sais.<br></br></span><span>– Das weißt nur du.</span></p> <p><span>– Vous avez répété que vous voyiez un gros en moi, pas un champion.<br></br></span><span>– Sie haben wiederholt, dass Sie in mir einen Dicken sehen, keinen Champion.</span></p> <p><span>– Tu m’as entendu.<br></br></span><span>– Du hast mich verstanden.</span></p> <p><span>– Le gros en moi, ça y est, je le vois: le gros, ce n’est pas le vainqueur des autres, mais le vainqueur de moi; le gros, c’est le meilleur de moi qui marche devant moi, qui me guide, m’inspire. Ça y est, je vois le gros en moi. Maintenant, je vais maigrir et entreprendre des études pour devenir médecin.<br></br></span><span>– Der Dicke in mir, das ist es, ich sehe ihn: Der Dicke ist nicht derjenige, der andere besiegt, sondern derjenige, der mich besiegt; der Dicke ist das Beste in mir, das vor mir geht, das mich führt, mich inspiriert. Das ist es, ich sehe den Dicken in mir. Jetzt werde ich abnehmen und ein Medizinstudium beginnen. </span><span>[…]</span></p> <p><span>– Bien vu. La vie n’est ni un jeu ni un match, sinon il y aurait des gagnants.”<br></br></span><span>– Gut erkannt. Das Leben ist weder ein Spiel noch ein Wettkampf, sonst gäbe es Gewinner.</span><em> [Eigene Übersetzung]</em><span>.</span></p> </blockquote> <figure aria-describedby="caption-attachment-4569" id="attachment_4569"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4569"><em>Der Weg als Ziel – Grand Balcon Nord, Chamonix-Mont-Blanc, Oktober 2025 [Foto <span>Credit Dr. Karin Schumacher]</span></em></figcaption></figure> <p>In einer Gesellschaft, die oft zwischen Extremen schwankt – zwischen Disziplin und Genuss, Kontrolle und Exzess, Selbstoptimierung und Selbstaufgabe – ist die Suche nach dem richtigen Maß eine radikale und heilsame Entscheidung.</p> <p>Sie verlangt <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/pseudo-moralismus-vs-phaenomen-dr-jordan-peterson/" rel="noopener" target="_blank">Mut</a> und Selbsterkenntnis (altgriechisch Γνῶθι σεαυτόν, <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/arbeitszeiten-machen-klinik-rzte-krank/" rel="noopener" target="_blank">gnôthi seautón</a>) – das wussten schon die alten Griechen:</p> <ul> <li>Mut zur Ehrlichkeit gegenüber sich selbst.</li> <li>Mut zur Verbindung und zur Empathie mit anderen.</li> <li>Und Mut zum Fokus auf das wirklich Wichtige in einer Welt, die uns ständig zur Maßlosigkeit und <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-bullshit-krieg/" rel="noopener" target="_blank">Ablenkungen</a> verführt.</li> </ul> <p>Das hat auch gesellschaftliche Dimensionen. Denn wie wir mit uns selbst umgehen, so gehen wir oft auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/die-wahrheit-ist-das-erste-opfer/" rel="noopener" target="_blank">mit anderen</a> um – und mit dem <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/alpen-klimawandel-katastrophen-und-die-konsequenzen/" rel="noopener" target="_blank">Planeten</a>, den wir bewohnen. Selbstfürsorge und <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/vier-kleine-freuden-pro-tag-und-eine-spritze-zufall/" rel="noopener" target="_blank">Achtsamkeit</a> sind kein egoistischer Luxus, sondern wichtige <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/forschung-zu-naturrisiken-in-der-schweiz-was-koennen-wir-daraus-lernen/" rel="noopener" target="_blank">Grundlagen</a> für Nachhaltigkeit.<br></br>Und genau deshalb ist Selbstakzeptanz auch keine Schwäche, sondern eine Stärke. Als Ausgangspunkt für Veränderung. Für Heilung. Für <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/empathie-und-andere-geschenke-der-unvollkommenheit/" rel="noopener" target="_blank">Mitgefühl</a> und Achtsamkeit – mit sich selbst und mit anderen.</p> <h2>Persönlicher Nachklang</h2> <p>Meine persönliche Verbindung zum Thema ist eng: Mein Vater litt viele Jahre an einer schweren Essstörung mit Untergewicht. Erst nach seinem Tod verstand ich besser, wie komplex, tief verborge, generationsübergreifend (<a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/vier-kleine-freuden-pro-tag-und-eine-spritze-zufall/" rel="noopener" target="_blank">psychogenealogisch</a>) und somit schwer heilbar innere Konflikte sein können.</p> <p>Die Herausforderungen, die Jun erlebt, sind keine abstrakten Probleme, sondern real – und tief menschlich, auch wenn die Geschichte nach etwa 100 Seiten in einem Happy End endet. Im echten Leben läuft es nicht immer so optimal, aber gerade dafür ist es ja eine Geschichte, die uns inspirieren soll. Denn über dem Nebelmeer – und das sollten wir nie vergessen – ist immer ein Himmel.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4570" id="attachment_4570"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-scaled.jpg"><img alt="Das Mer de Glace, das „Eismeer“, ist der größte Gletscher Frankreichs und der viertgrößte der Alpen. Seit 150 Jahren zieht sich das Eis zurück - in den letzten Jahren schmilzt es wie ein Eis am Stil in der Sonne.&#xA;1779 stand Goethe auf dem Mer de Glace am Montenvers und notierte: „Was für eine Hingabe an dieses Schauspiel aus Eis!“ Was würde er heute wohl notieren?" decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4570"><em>Das Mer de Glace im Oktober 2025. Das “Eismeer” ist der größte Gletscher Frankreichs und der viertgrößte der Alpen. Seit 150 Jahren zieht sich das Eis zurück – in den letzten Jahren schmilzt es wie ein Eis am Stil in der Sonne.</em><br></br><em>1779 stand Goethe auf dem Mer de Glace am Montenvers und notierte: “Was für eine Hingabe an dieses Schauspiel aus Eis!” Was würde er heute wohl notieren? [Foto Credit: <span>Dr. Karin Schumacher]</span></em></figcaption></figure><h3>Titelfoto: </h3> <p>Über dem Nebelmeer: Blick vom Grand Balcon Nord auf die Aiguilles de Chamonix, Chamonix-Mont-Blanc, Oktober 2025 [Foto Credit Dr. Karin Schumacher].</p> <ul> <li>Schmitt, É. E. (2009). Le sumo qui ne pouvait pas grossir. Éditions Albin Michel.</li> <li>Schmitt, É. E. (2009). Der Sumo-Ringer, der nicht dick werden konnte (K. Laabs, Übers.). Ammann.</li> <li>Schmitt, É. E. Offizielle Website. Abgerufen am 28.10.2025, von <a href="https://www.eric-emmanuel-schmitt.com/literature.cfm?nomenclatureId=1772&amp;catalogid=853&amp;lang=DE" rel="noopener" target="_blank">https://www.eric-emmanuel-schmitt.com/literature.cfm?nomenclatureId=1772&amp;catalogid=853&amp;lang=DE</a></li> <li>Luxemburg, R. (1917, 2. August). Brief aus Breslau an Sonja Liebknecht. Abgerufen am 28.10.2025, von<a href="https://www.tha.de/~harsch/germanica/Chronologie/20Jh/Luxemburg/lux_br21.html" rel="noopener" target="_blank"> https://www.tha.de/~harsch/germanica/Chronologie/20Jh/Luxemburg/lux_br21.html</a></li> <li>World Health Organization (WHO). (2025, 8. Mai). Obesity and Overweight – Key Facts. Abgerufen am 28.10.2025, von <a href="https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/obesity-and-overweight" rel="noopener" target="_blank">https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/obesity-and-overweight</a></li> <li>National Institute of Mental Health (NIMH). (2024). Eating Disorders (revised). Abgerufen am 28.10.2025, von <a href="https://www.nimh.nih.gov/health/publications/eating-disorders" rel="noopener" target="_blank">https://www.nimh.nih.gov/health/publications/eating-disorders</a></li> <li>Dill, B., &amp; Holton, R. (2014). The addict in us all. Frontiers in Psychiatry, 5, 139. <a href="https://doi.org/10.3389/fpsyt.2014.00139" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.3389/fpsyt.2014.00139</a></li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Jenseits der Wolken lauern Selbstakzeptanz - und manchmal ein dünner Sumo » Medicine & More » SciLogs</h1><h2>By Karin Schumacher</h2><div itemprop="text"> <p><strong><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/dc1266b5f8e347d8b5b7976fb0fb99be" width="1"></img>Über dem Nebelmeer liegt nicht nur der blaue Himmel, sondern auch ein klarerer Blick auf uns selbst und auf die Welt, in der wir leben. Inspiriert von Éric-Emmanuel Schmitts Parabel “<em>Der Sumo-Ringer, der nicht dick werden konnte</em>“, lädt dieser Text dazu ein, die Kunst der Selbstakzeptanz und eines bewussten Lebens zu entdecken.</strong><span id="more-4559"></span></p> <p>Neulich stand ich endlich mal wieder über dem Nebelmeer. Nicht ganz wie Caspar David Friedrichs berühmter Wanderer, sondern etwas höher, in den Alpen. Dabei kam mir ein Zitat aus einem kleinen Buch des französischen Philosophen und Bestseller-Autors Éric-Emmanuel Schmitt wieder in den Sinn, das mich vor einigen Jahren fasziniert hat:</p> <blockquote> <p>“À l’envers des nuages, il y a toujours un ciel.”</p> <p>“Auf der anderen Seite der Wolken, ist immer ein Himmel.”</p> </blockquote> <p>So versucht der alte Sumo-Meister Shomintsu in Éric-Emmanuel Schmitts Parabelroman “<em>Der Sumo-Ringer, der nicht dick werden konnte</em>” (französisch “<em>Le sumo qui ne pouvait pas grossir</em>“) einem Straßenjungen aus Tokio eine Zen-Weisheit näherzubringen.<aside></aside></p> <p>Doch warum soll gerade der 15-jährige, schlanke Jun, voller Wut und Gleichgültigkeit, zu einem Dicken werden? Gibt es davon in der sogenannten zivilisierten Welt nicht längst schon mehr als genug?</p> <p>In den industrialisierten Gesellschaften wachsen die gravierenden Folgen des Überflusses: Stress, Sinnleere, Bewegungsmangel und fehlende echte Verbindungen – all das wird für viele Menschen zur toxischen Falle.</p> <p>Übermäßiges Essen dient oft der Selbstberuhigung oder als Belohnung. Auch andere Verhaltenssüchte – Alkohol, Nikotin, exzessiver Sport, Arbeit, Shopping oder stundenlanger Internetkonsum – erfüllen ähnliche Funktionen. Was auf den ersten Blick wie Genuss aussieht, ist häufig der Versuch, Schmerz zu regulieren, Einsamkeit oder Selbstzweifel zu überdecken oder ungelöste Konflikte zu verdrängen.<br></br>Jun steht am anderen Ende dieses Spektrums: Er ist mager – fast durchsichtig. Auch Untergewicht kann Ausdruck seelischer Not sein.</p> <h2>Sinnlosigkeit</h2> <p>Im Sinne von <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/gesundheit-und-heilung-durch-sinn-ja-zu-viktor-frankl-sagen/" rel="noopener" target="_blank">Viktor Frankl</a> oder Erich Fromm verkörpert Jun eine Form der Selbstentfremdung. Sein Leben ist sinn- und beziehungslos, sein Körper wird zum Symbol dieser inneren Leere – fast unsichtbar.</p> <h2>Vermeidung</h2> <p>Jun zeigt Züge einer vermeidenden Persönlichkeit. Er zieht sich zurück, meidet emotionale Nähe, weil er Angst vor Zurückweisung und Schmerz hat. Untergewicht und Gleichgültigkeit werden zu Formen des Selbstschutzes. Während Übergewicht wie ein Schutzpanzer wirken kann, schützt Untergewicht vor dem Leben selbst.</p> <h2>Selbstverleugnung</h2> <p>Man könnte auch sagen, Jun leidet an einer narzisstischen Leere, nicht an einer narzisstischen Überhöhung. Das ist ein feiner, aber wesentlicher Unterschied: Auch mangelnde Selbstachtung ist ein narzisstisches Thema – nur am anderen Pol. Jun verhält sich nicht selbstbezogen, sondern selbstentwertend; statt Selbstliebe dominiert Selbstverneinung.</p> <h2>Beginn der Individuation</h2> <p>Wäre Jun dem Schweizer Psychoanalytiker C. G. Jung begegnet, hätte dieser ihn wohl am Beginn einer Individuation gesehen: Jun muss erst lernen, sich selbst zu akzeptieren und in Beziehung zur Welt zu treten. Seine Selbstvergessenheit ist der Ausgangspunkt, aus dem echte Selbstliebe erwachsen kann.</p> <p>Starkes Untergewicht ist medizinisch oft gefährlicher als Übergewicht, wird gesellschaftlich jedoch häufig verharmlost oder gar bewundert. Herzprobleme, hormonelle Störungen, Infektanfälligkeit, Knochenschwund und psychische Erkrankungen sind typische Folgen. Unter den Essstörungen weist das extreme Untergewicht die höchste Sterblichkeitsrate auf.</p> <p>Schlankheit gilt noch immer als Ideal. Wer zu dick ist, wird stigmatisiert; wer zu dünn ist, oft entschuldigt (“isst halt wenig”) oder gar beneidet. Dass auch Untergewicht Ausdruck suchtähnlicher, lebensbedrohlicher Verhaltensmuster sein kann, wird selten offen thematisiert.</p> <p>Dabei geht es – auf beiden Seiten – um Beziehungen. Menschen mit Essstörungen oder anderen Süchten sind oft in ungesunde Bindungen verstrickt: zu <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/herz-kreislauf-erkrankungen-dicke-kinder-kranke-erwachsene/" rel="noopener" target="_blank">Essen</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/weltkrebstag-mit-alkohol-glas-f-r-glas-zum-tumor/" rel="noopener" target="_blank">Alkohol</a>, Nikotin, Arbeit, Sport, Internet, sozialen Medien (<a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/tiktokst-du-oder-lebst-du-noch/" rel="noopener" target="_blank">TikTok</a>, Instagram, Facebook und Co.) – oder zu <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-wesir-abdul-%d0%b2%d0%b8%d0%b7%d0%b8%d1%80%d1%8c-%d0%b0%d0%b1%d0%b4%d1%83%d0%bb-maerchen-von-leo-tolstoi/" rel="noopener" target="_blank">Menschen</a>, die ihnen nicht guttun.</p> <p>Was all diesen Phänomenen gemeinsam ist – von exzessivem Konsum über Körperideale bis hin zu pathologischen Selbstkontrollversuchen – ist das Verlorengehen des gesunden Maßes. Wir leben in einer Welt, in der das “Zuviel” gefeiert und das “Zuwenig” romantisiert wird, während das <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-lange-weg-zu-einem-wahren-gesundheitswesen/" rel="noopener" target="_blank">Maßvolle</a> kaum Beachtung findet. Doch genau hier liegt die Basis für körperliche und seelische Gesundheit – und für gesellschaftliche wie ökologische Nachhaltigkeit.</p> <p>Wohl kaum ein anderes Lebewesen kann so erfinderisch, aber auch so toxisch mit sich selbst umgehen wie der Mensch. Vielleicht noch der Oktopus, der eines der raffiniertesten Nervensysteme unter allen Lebewesen besitzt. Auch er kennt die Selbstzerstörung – nach der Fortpflanzung stirbt er, um Platz für die nächste Generation zu schaffen.</p> <p>Doch beim <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/was-verbindet-mensch-und-oktopus/" rel="noopener" target="_blank">Oktopus</a> ist dieses Sterben biologisch notwendig. Zum Glück sind wir Menschen keine Oktopusse, sondern empathische, soziale Wesen. Wir sind fähig zur Reflexion, zur Veränderung und zur Verbindung.</p> <p>Und genau hier liegt auch die Wendung in Schmitts Erzählung. Jun trifft jemanden, der an ihn glaubt. Der in ihm Potenzial sieht – und nicht nur Mangel.</p> <p><span>“Je vois un gros en toi.”</span></p> <p>“Ich sehe einen Dicken in dir,” sagt Shomintsu. Nicht aus Spott, sondern aus tiefem Mitgefühl.Es ist eine Einladung zur Fülle – im Sinne von Vollständigkeit: körperlich, geistig und spirituell.</p> <p>“Exaspérant!” – “Ärgerlich!” – beschwert sich der 15-Jährige anfangs über diese dreiste Behauptung seines ungewollten Mentors.</p> <p>Doch die Hartnäckigkeit des Sumotrainers setzt sich durch. Denn Shomintsu hat etwas, das Jun fehlt: innere Harmonie und Lebenserfahrung. Er ist mit sich und der Welt im Reinen. So kann er über seinen eigenen Horizont hinausblicken und das Potenzial des Jungen erkennen.</p> <p>“Ich sehe einen Dicken in dir,” sagt Shomintsu wieder und wieder – bis der Junge schließlich selbst daran glaubt. Der Himmel steht dabei nicht für eine abergläubische, von irgendjemandem manipulierte Chimäre, sondern für ein “Jenseits” des Sichtbaren und Vernünftigen. Es ist ein Raum, der von Menschen nicht vollständige kontrollierbar ist, in dem wir aber eine innere Verankerung finden können und vielleicht auch sollten.</p> <h2>Der Himmel über dem Nebel – Verantwortung für uns selbst und andere</h2> <p>Was Schmitt mit erzählerischer Leichtigkeit vermittelt, ist tief philosophisch: Der Weg zur Heilung beginnt dort, wo Kontrolle losgelassen werden kann und Vertrauen entsteht. Vertrauen in sich selbst, in andere, in das Leben. Selbstakzeptanz ist dabei kein Luxus, sondern Grundbedingung für jedes gesunde Wachstum.</p> <p>Selbstliebe ist keine egoistische oder narzisstische Haltung, denn bei diesen fehlt ja eigentlich sogar die Selbstliebe. Daher werden dann andere dafür “missbraucht”. Die Liebe und Fürsorge für sich selbst ist vielmehr eine notwendige Grundlage für gesunde Beziehungen zu anderen Menschen, für persönliches Wachstum und für die innere Heilung.</p> <p>Jun beginnt – nicht über Nacht, aber Schritt für Schritt – seinen Körper zu bewohnen. Er entwickelt Kraft, Form, Haltung. Er hat nun ein Ziel: Er wird ein “Dicker” werden, er wird sein Potential entfalten, er wird es schaffen. Der Junge fasst Vertrauen in den Weg, in sich selbst. Es ist ein Prozess der Selbstheilung, der durch Beziehung, Fokus und Konzentration auf das Ziel gelingt.</p> <h2>Auf der anderen Seite der Wolken beginnt die Akzeptanz</h2> <p>Was Shomintsu ihm schenkt, ist kein Ernährungsplan, kein sportlicher Drill, keine Ideologie – sondern: Akzeptanz. Er ist ein Mentor, der das Potential sieht und nicht nur die Defizite. Er schaut durch den Nebel aus Wut, Verweigerung und Schmerz hindurch – und erkennt den Himmel dahinter. Genau wie in jenem Satz, der sich ebenfalls durch das Buch zieht:</p> <blockquote> <p>“A l’envers des nuages, il y a toujours un ciel.”…<br></br>“Auf der anderen Seite der Wolken, ist immer ein Himmel.”…</p> </blockquote> <p>“Pardon?” erwidert Jun.<br></br>Shomintsu erklärt: “Dieser Zen-Satz bedeutet, dass man die positive Seite der Erscheinungen im Auge behalten und optimistisch bleiben muss. Das Wichtigste im Moment ist, dass du Fortschritte machst.”</p> <p>Der 1940 in der Region von Lyon geborene Éric-Emmanuel Schmitt ist Philosoph, aber kein Dogmatiker. Agnostiker, aber kein Zyniker. Er will uns weder spirituell noch esoterisch vertrösten. Vielmehr lädt er dazu ein, sich wieder an das zu erinnern, was längst in uns angelegt ist: Vertrauen, Mitgefühl, Verbundenheit – mit uns selbst und mit der Welt.</p> <p>Schmitt begann seinen “<em>Zyklus des Unsichtbaren</em>” (französisch: <em>cycle d’invisible</em>) über die Weltreligionen mit “<em>Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran</em>“, in dem es um den Sufismus geht und schloss ihn mit “<em>Vom Sumo, der nicht dick werden konnte</em>” über den Zen-Buddhismus ab. Dazwischen lagen Werke über das Christentum (“<em>Oskar und die Dame in Rosa</em>“), das Judentum (“<em>Das Kind von Noah</em>“) und den tibetischen Buddhismus (“<em>Milarepa</em>“).<br></br>Meister Shomintsu nimmt Jun und uns mit auf die Reise in die Welt des Zen-Buddhismus. Der Weise hilft dem Jungen, seinen eigenen Weg zu finden, der gut für ihn und seine Umwelt ist.</p> <h2>Der Himmel – viel mehr als ein Symbol</h2> <p>Der Himmel steht für die Möglichkeiten, für die Weite, für Perspektiven, aber auch für ständige Veränderung. Für das, was wir nicht kontrollieren können – und vielleicht erst erahnen können, wenn wir loslassen. Für jenes “Jenseits des Sichtbaren und Vernünftigen”, das Schmitt in einem Interview so beschreibt: Ein Ort innerer Verankerung, ein Vertrauen in das Leben jenseits des rein Machbaren. Und auch: Der Weg ist das Ziel, nicht das Ziel des Weges.</p> <p>Auch Rosa Luxemburg schrieb 1917 aus dem Breslauer Gefängnis an ihre beste Freundin Sonja Liebknecht über den Himmel – und damit meinte sie keinen Traum von einem jenseitigen Paradies:</p> <blockquote> <p>“Jetzt eben – ich habe eine kleine Pause gemacht, um den Himmel zu beobachten […]<br></br>Es liegt so viel Unbekümmertheit und kühles Lächeln in diesem Wolkenflug, dass ich mitlächeln muss […].<br></br>Wie könnte man bei solchem Himmel ‚bös‘ oder kleinlich sein? Vergessen Sie bloß nie, um sich zu blicken, dann werden Sie immer wieder »gut« sein.”</p> </blockquote> <p>Und Jun, der junge Sumo? Mit 18 Jahren ist er mental und körperlich bereit, in den <em>Dojo</em> zu steigen. Er nimmt sich vor, zwei Wochen lang, mit einem Kampf pro Tag, seinem Mentor zu beweisen, dass dieser seine Zeit nicht mit ihm verschwendet hat. Am Ende der zwei Wochen geht er zu seinem Mentor.</p> <blockquote> <p>“- Je m’arrête, maître Shomintsu. Je ne remonterai plus sur le doyo.<br></br>– Ich höre auf, Meister Shomintsu. Ich werde nicht mehr in den Dojo steigen.</p> <p><span>– Pourquoi? Tu pèses quatre-vingt-quinze kilos et tu y arrives enfin.<br></br></span><span>– Warum? Du wiegst 95 Kilo und schaffst es endlich.</span></p> <p><span>– Comme vous dites: j’y arrive! Le but, c’était d’y arriver. […] Cependant, mon but n’a jamais été de devenir un champion, encore moins le champions de champions. Ai-je tort?<br></br></span><span>– Wie Sie sagen: Ich schaffe es! Das Ziel war, hierher zu gelangen. […] Mein Ziel war jedoch nie, ein Champion zu werden, geschweige denn der Champion der Champions. Habe ich unrecht?</span></p> <p><span>– Tu seul le sais.<br></br></span><span>– Das weißt nur du.</span></p> <p><span>– Vous avez répété que vous voyiez un gros en moi, pas un champion.<br></br></span><span>– Sie haben wiederholt, dass Sie in mir einen Dicken sehen, keinen Champion.</span></p> <p><span>– Tu m’as entendu.<br></br></span><span>– Du hast mich verstanden.</span></p> <p><span>– Le gros en moi, ça y est, je le vois: le gros, ce n’est pas le vainqueur des autres, mais le vainqueur de moi; le gros, c’est le meilleur de moi qui marche devant moi, qui me guide, m’inspire. Ça y est, je vois le gros en moi. Maintenant, je vais maigrir et entreprendre des études pour devenir médecin.<br></br></span><span>– Der Dicke in mir, das ist es, ich sehe ihn: Der Dicke ist nicht derjenige, der andere besiegt, sondern derjenige, der mich besiegt; der Dicke ist das Beste in mir, das vor mir geht, das mich führt, mich inspiriert. Das ist es, ich sehe den Dicken in mir. Jetzt werde ich abnehmen und ein Medizinstudium beginnen. </span><span>[…]</span></p> <p><span>– Bien vu. La vie n’est ni un jeu ni un match, sinon il y aurait des gagnants.”<br></br></span><span>– Gut erkannt. Das Leben ist weder ein Spiel noch ein Wettkampf, sonst gäbe es Gewinner.</span><em> [Eigene Übersetzung]</em><span>.</span></p> </blockquote> <figure aria-describedby="caption-attachment-4569" id="attachment_4569"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4569"><em>Der Weg als Ziel – Grand Balcon Nord, Chamonix-Mont-Blanc, Oktober 2025 [Foto <span>Credit Dr. Karin Schumacher]</span></em></figcaption></figure> <p>In einer Gesellschaft, die oft zwischen Extremen schwankt – zwischen Disziplin und Genuss, Kontrolle und Exzess, Selbstoptimierung und Selbstaufgabe – ist die Suche nach dem richtigen Maß eine radikale und heilsame Entscheidung.</p> <p>Sie verlangt <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/pseudo-moralismus-vs-phaenomen-dr-jordan-peterson/" rel="noopener" target="_blank">Mut</a> und Selbsterkenntnis (altgriechisch Γνῶθι σεαυτόν, <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/arbeitszeiten-machen-klinik-rzte-krank/" rel="noopener" target="_blank">gnôthi seautón</a>) – das wussten schon die alten Griechen:</p> <ul> <li>Mut zur Ehrlichkeit gegenüber sich selbst.</li> <li>Mut zur Verbindung und zur Empathie mit anderen.</li> <li>Und Mut zum Fokus auf das wirklich Wichtige in einer Welt, die uns ständig zur Maßlosigkeit und <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-bullshit-krieg/" rel="noopener" target="_blank">Ablenkungen</a> verführt.</li> </ul> <p>Das hat auch gesellschaftliche Dimensionen. Denn wie wir mit uns selbst umgehen, so gehen wir oft auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/die-wahrheit-ist-das-erste-opfer/" rel="noopener" target="_blank">mit anderen</a> um – und mit dem <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/alpen-klimawandel-katastrophen-und-die-konsequenzen/" rel="noopener" target="_blank">Planeten</a>, den wir bewohnen. Selbstfürsorge und <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/vier-kleine-freuden-pro-tag-und-eine-spritze-zufall/" rel="noopener" target="_blank">Achtsamkeit</a> sind kein egoistischer Luxus, sondern wichtige <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/forschung-zu-naturrisiken-in-der-schweiz-was-koennen-wir-daraus-lernen/" rel="noopener" target="_blank">Grundlagen</a> für Nachhaltigkeit.<br></br>Und genau deshalb ist Selbstakzeptanz auch keine Schwäche, sondern eine Stärke. Als Ausgangspunkt für Veränderung. Für Heilung. Für <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/empathie-und-andere-geschenke-der-unvollkommenheit/" rel="noopener" target="_blank">Mitgefühl</a> und Achtsamkeit – mit sich selbst und mit anderen.</p> <h2>Persönlicher Nachklang</h2> <p>Meine persönliche Verbindung zum Thema ist eng: Mein Vater litt viele Jahre an einer schweren Essstörung mit Untergewicht. Erst nach seinem Tod verstand ich besser, wie komplex, tief verborge, generationsübergreifend (<a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/vier-kleine-freuden-pro-tag-und-eine-spritze-zufall/" rel="noopener" target="_blank">psychogenealogisch</a>) und somit schwer heilbar innere Konflikte sein können.</p> <p>Die Herausforderungen, die Jun erlebt, sind keine abstrakten Probleme, sondern real – und tief menschlich, auch wenn die Geschichte nach etwa 100 Seiten in einem Happy End endet. Im echten Leben läuft es nicht immer so optimal, aber gerade dafür ist es ja eine Geschichte, die uns inspirieren soll. Denn über dem Nebelmeer – und das sollten wir nie vergessen – ist immer ein Himmel.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4570" id="attachment_4570"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-scaled.jpg"><img alt="Das Mer de Glace, das „Eismeer“, ist der größte Gletscher Frankreichs und der viertgrößte der Alpen. Seit 150 Jahren zieht sich das Eis zurück - in den letzten Jahren schmilzt es wie ein Eis am Stil in der Sonne.&#xA;1779 stand Goethe auf dem Mer de Glace am Montenvers und notierte: „Was für eine Hingabe an dieses Schauspiel aus Eis!“ Was würde er heute wohl notieren?" decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4570"><em>Das Mer de Glace im Oktober 2025. Das “Eismeer” ist der größte Gletscher Frankreichs und der viertgrößte der Alpen. Seit 150 Jahren zieht sich das Eis zurück – in den letzten Jahren schmilzt es wie ein Eis am Stil in der Sonne.</em><br></br><em>1779 stand Goethe auf dem Mer de Glace am Montenvers und notierte: “Was für eine Hingabe an dieses Schauspiel aus Eis!” Was würde er heute wohl notieren? [Foto Credit: <span>Dr. Karin Schumacher]</span></em></figcaption></figure><h3>Titelfoto: </h3> <p>Über dem Nebelmeer: Blick vom Grand Balcon Nord auf die Aiguilles de Chamonix, Chamonix-Mont-Blanc, Oktober 2025 [Foto Credit Dr. Karin Schumacher].</p> <ul> <li>Schmitt, É. E. (2009). Le sumo qui ne pouvait pas grossir. Éditions Albin Michel.</li> <li>Schmitt, É. E. (2009). Der Sumo-Ringer, der nicht dick werden konnte (K. Laabs, Übers.). Ammann.</li> <li>Schmitt, É. E. Offizielle Website. Abgerufen am 28.10.2025, von <a href="https://www.eric-emmanuel-schmitt.com/literature.cfm?nomenclatureId=1772&amp;catalogid=853&amp;lang=DE" rel="noopener" target="_blank">https://www.eric-emmanuel-schmitt.com/literature.cfm?nomenclatureId=1772&amp;catalogid=853&amp;lang=DE</a></li> <li>Luxemburg, R. (1917, 2. August). Brief aus Breslau an Sonja Liebknecht. Abgerufen am 28.10.2025, von<a href="https://www.tha.de/~harsch/germanica/Chronologie/20Jh/Luxemburg/lux_br21.html" rel="noopener" target="_blank"> https://www.tha.de/~harsch/germanica/Chronologie/20Jh/Luxemburg/lux_br21.html</a></li> <li>World Health Organization (WHO). (2025, 8. Mai). Obesity and Overweight – Key Facts. Abgerufen am 28.10.2025, von <a href="https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/obesity-and-overweight" rel="noopener" target="_blank">https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/obesity-and-overweight</a></li> <li>National Institute of Mental Health (NIMH). (2024). Eating Disorders (revised). Abgerufen am 28.10.2025, von <a href="https://www.nimh.nih.gov/health/publications/eating-disorders" rel="noopener" target="_blank">https://www.nimh.nih.gov/health/publications/eating-disorders</a></li> <li>Dill, B., &amp; Holton, R. (2014). The addict in us all. Frontiers in Psychiatry, 5, 139. <a href="https://doi.org/10.3389/fpsyt.2014.00139" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.3389/fpsyt.2014.00139</a></li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/jenseits-der-wolken-lauern-selbstakzeptanz-und-manchmal-ein-duenner-sumo/#comments 11 Heroin auf Empfehlung vom AI-Chatbot? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/heroin-auf-empfehlung-vom-ai-chatbot/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/heroin-auf-empfehlung-vom-ai-chatbot/#comments Tue, 28 Oct 2025 12:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3453 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-768x576.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/heroin-auf-empfehlung-vom-ai-chatbot/</link> </image> <description type="html"><h1>Heroin auf Empfehlung vom AI-Chatbot? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Der medienwirksame Patzer der künstlichen Intelligenz von Reddit aus pharmakologischer und drogenpolitischer Sicht</strong></p> <span id="more-3453"></span> <p>Über den Sinn und Unsinn von künstlicher Intelligenz erscheinen zurzeit fast täglich Nachrichten. Dass man nicht alles, was einem ein Chatbot als Antwort gibt, für bare Münze nehmen sollte, hat sich hoffentlich inzwischen herumgesprochen. Das gilt insbesondere auch für medizinische Themen, wo es um Leben und Tod gehen kann.</p> <p>Englischsprachige Medien, zum Beispiel die Newsseite des <em>PC Magazine</em> vom 17. Oktober 2025, berichteten nun von einem Fauxpas des Chatbots der beliebten Diskussionsplattform Reddit. Dieser wird mit Antworten der eigenen Nutzerinnen und Nutzer trainiert. Und laut den Berichten empfahl der Reddit-Bot nun <a href="https://www.pcmag.com/news/cant-trust-chatbots-yet-reddits-ai-was-caught-suggesting-heroin-for-pain">Heroin zur Schmerzbehandlung</a>. Dabei verwies er auf den Kommentar eines Nutzers, der behauptete, die Droge <a href="https://imgur.com/a/Ld5RYSO">habe ihm das Leben gerettet</a>.</p> <h2 id="h-was-ist-eigentlich-heroin">Was ist eigentlich Heroin?</h2> <p>Wahrscheinlich wissen die meisten Leserinnen und Leser nicht genau, was Heroin eigentlich ist. Sie glauben nur so viel: Es ist eine ganz schlimme Droge, von der man ganz schnell abhängig wird und die bei Überdosierung zum Tod führen kann.</p> <p>Fangen wir am Anfang an: “Heroin” ist kein pharmazeutischer Name. Ursprünglich – das ist 1898 – war er ein von der heute noch in der chemischen Industrie tätigen Bayer AG eingetragener Markenname. Zum ersten mal produziert wurde die Substanz übrigens im Bayer-Stammwerk in Wuppertal-Elberfeld.<aside></aside></p> <p>Im 19. Jahrhundert interessierten sich Chemiker für das seit Jahrtausenden medizinisch und in manchen Kulturen auch als Genussmittel verbreitete Opium. Der Milchsaft, die wörtliche Bedeutung des altgriechischen Worts “opium”, der botanisch <em>Papaver somniferum</em> (Schlafmohn) genannten Pflanze produziert unter geeigneten klimatischen Bedingungen eine hohe Konzentration psychoaktiver Stoffe.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920.jpg 1920w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Der Schlafmohn: Grundstock aller Opiate. Foto von Sabine Löwer, Pixabay-Lizenz.</em></p> <p>Nachweislich über Jahrhunderte, wahrscheinlich aber viel länger, rätselte die Ärzteschaft, woher die medizinisch nützlichen Eigenschaften des Opiums rührten: Es konnte beruhigen, beim Einschlafen helfen, unterdrückte den Hustenreiz, half bei Durchfall, linderte Schmerzen und wahrscheinlich noch sehr viel mehr. Erstaunlicherweise konnte es aber auch berauschen und wurde darum auch für Kämpfe eingesetzt. Entsprechend der alten Säftelehre oder Naturphilosophie vermutete man, dass es mal besondere “kalte”, mal “warme” Eigenschaften des Opiums seien, die diese Effekte hervorrufen.</p> <p>Erst die moderne Naturwissenschaft lüftete das Rätsel: Ebenso wie das Cannabisharz enthält auch die Opiummilch eine Vielzahl auf das menschliche Nervensystem wirkende Substanzen. Über diesen Gleichklang von menschlichem Gehirn und Erdenpflanzen nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip kann man staunen. Man nannte im 20. Jahrhundert die neuronalen Rezeptoren – Endocannabinoid- oder Opioid-Rezeptoren – nach den Pflanzen, nicht umgekehrt.</p> <p>Doch zunächst isolierte man im 19. Jahrhundert aus der Vielzahl der Opium-Stoffe das nach dem griechischen Gott des Schlafs benannte Morphin oder Morphium als denjenigen mit dem stärksten schmerzlindernden Effekt.</p> <h2 id="h-schmerzstillung">Schmerzstillung</h2> <p>Als man dann auch noch die Spritze entwickelte und die Substanzen nicht mehr indirekt über den Speise- und Verdauungsapparat verabreichen musste, stand der Menschheit ein sehr viel stärkeres Betäubungsmittel zur Verfügung denn je zuvor.</p> <p>Nebenbei: Auch Kokain wurde damals <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zweite-opiumkonferenz-100-jahre-boeses-cannabis/">als praktisches Anästhetikum erkannt</a>. Während der Kokainliebhaber Sigmund Freud (1856-1939) damit allerdings eine Patientin fast umbrachte und mit dem gescheiterten Versuch, die Opiumabhängigkeit mit dem anderen Rauschmittel zu behandeln, sein öffentliches Ansehen ruinierte, erntete ein anderer Wiener Arzt die Lorbeeren der betäubenden Eigenschaften. Es war Freuds Kollege Carl Koller (1857-1944), der mit Kokain den Augenmuskel vorübergehend anästhesieren und damit chirurgischen Eingriffen an diesem sensiblen Organ einen Teil ihres Schreckens nehmen konnte.</p> <p>Bleiben wir aber beim Opium und seinen Abkömmlingen. Morphium verbesserte also die Schmerztherapie enorm. Es war schnell nicht mehr aus der Feldapotheke der Militärärzte wegzudenken. Betäubt vom Saft des Schlafgotts fühlte manch ein versehrter Soldat nicht einmal mehr die Amputation eines Gliedes. Der körperliche wie psychische Schmerz würde erst später auftreten.</p> <p>Man hätte auch auf das Kriegführen verzichten können. Doch wir sind ja Menschen.</p> <p>Übrigens gönnte sich so mancher Arzt hin und wieder einen Schuss Morphium als Aufputschmittel. Hierin äußert sich schon die Janusköpfigkeit so gut wie aller Medikamente beziehungsweise Drogen: Die starken Schmerzmittel konnten oft helfen, manchmal vielleicht sogar heilen, mitunter aber auch als Rauschmittel missbraucht werden.</p> <p>Unter den Eindrücken des Ersten Weltkriegs promovierte 1919 der in Frankfurt am Main geborene, 1938 wegen seiner jüdischen Herkunft in die USA geflohene Arzt und Philosoph Erwin W. Straus (1891-1975) “Zur Pathogenese des chronischen Morphinismus” – gerade einmal 16 Seiten reichten für ihn zum Doktor der Medizin. In einzelnen Fallgeschichten beschrieb er, wie Menschen morphiumabhängig wurden. In der Regel hatten sie schwere Schicksale erlebt, worauf wir später noch einmal zurückkommen.</p> <h2 id="h-veredelung">Veredelung</h2> <p>Wozu aber dieser Umweg über Opium und Morphium, wo es doch um Heroin gehen soll? Nun ja, weil Heroin nichts anderes ist als – <em>veredeltes</em> Morphium. Der deutsche Chemiker und Bayer-Angestellte Felix Hoffmann (1868-1946) erzeugte es, indem er Morphium mit Essigsäureanhydrid reagieren ließ. Ihm hat der Konzern übrigens auch das Aspirin zu verdanken.</p> <p>Chemisch heißt das Ergebnis der Reaktion eigentlich Diamorphin. Marketing-Leute von Bayer hielten dann aber “Heroin” für einen besseren Handelsnamen. Und weil die deutsche chemisch-pharmazeutische Industrie damals Weltmarktführer war, verbreitete der Name sich auf dem Globus.</p> <p>Opium, Morphium oder gar Heroin waren damals in vielen gängigen Erkältungs- und Grippemitteln enthaltene Wirkstoffe. Wer sich sozusagen schon die halbe Lunge herausgehustet hat, dürfte sich über die Stillung des Hustenreizes freuen. Die Aufhellung des Gemüts, die man den Drogenabhängigen als “Euphorie” vorwirft, nimmt man gerne als Begleiterscheinung in Kauf.</p> <p>Wer sich jetzt empört, dass diese Mittel, allgemein “Opiate” genannt, damals sogar zur Anwendung bei Kindern beworben und frei verfügbar waren, sollte einen Moment innehalten: Denn noch heute gibt es in der Apotheke Grippemittel mit einem anderen Opiat, nämlich Codein. Auch dieses ist in der natürlichen Opiummilch enthalten.</p> <p>Hin und wieder hört man davon, dass hohe Mengen dieses Hustensafts in der Hip Hop-Szene beliebt sind, mit dem Szenenamen “Lean”. Dem einen oder anderen wurde das zum Verhängnis. Bei Überdosierung kann aus der Unterdrückung des Hustenreizes nämlich die lebensgefährliche Betäubung der Atemmuskulatur werden. Außerdem wird dem Hustensaft neben dem Opiat oft auch Paracetamol hinzugefügt, das in hohen Mengen die Leber schädigt. Als Heroinersatz sollte man ihn daher nicht verwenden.</p> <p>Trotzdem ist Diamorphin alias Heroin eigentlich das medizinisch bessere Produkt. Denn aufgrund der chemischen Veredlung passiert es die Blut-Gehirn-Schranke schneller. Wenn man es richtig anwendet, kann man damit also gezielter behandeln als mit Morphium.</p> <h2 id="h-medizin-droge-oder-gift">Medizin, Droge oder Gift?</h2> <p>Im Wort “pharmakon” der alten Griechen steckt mehr Weisheit, als man heute in gesundheits- und drogenpolitischen Diskussionen findet: Es bedeutete nämlich <em>sowohl</em> Arzneimittel <em>als auch</em> Gift. Im Englischen ist man sprachlich noch näher an dieser Realität dran, weil “drugs” Arzneimittel und verbotene Drogen sein können.</p> <p>“Droge”, wahrscheinlich von niederländisch “droog” für trocken, was sich auf getrocknete Kolonialwaren bezog, die man in der Drogerie kaufte, ist heute vor allem ein politischer Begriff: Er bezeichnet meist diejenigen Mittel, die eifrige Politiker auf die Verbotsliste setzen. Und, ja, darauf findet sich natürlich auch Heroin.</p> <p>Die Verbote der Opiate wurden vor ziemlich genau 100 Jahren <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zweite-opiumkonferenz-100-jahre-boeses-cannabis/">auf den Opiumkonferenzen mit internationaler Verbindlichkeit durchgedrückt</a>. Dem ging vor allem in den USA die Dämonisierung der teils seit Jahrtausenden bewährten Arzneimittel und Handelsgüter durch puritanische Extremisten voraus: Was früher (und teils noch heute) als unerlässliche Medizin galt, sollte auf einmal die Geißel der Gesellschaft sein.</p> <p>Die Frage, ob Diamorphin nun Medizin oder Rauschgift ist, hängt daher vom Standpunkt ab. Bis heute gibt es Ärzte, die es bei Lungenerkrankungen einsetzen wollen. Politisch haben sie einen schweren Stand, weil viele die H-Substanz für die absolute Horrordroge halten.</p> <p>Doch warum haben dann viele von uns, mich eingeschlossen, schon stärkere Opiate wie Oxycodon vom Arzt bekommen? Mir wurde es sogar ohne Vorwarnung bei einer Operation verabreicht – und ich wachte in einem starken, euphorischen Rausch auf. Wenn Heroin der Horror ist, dann müsste man Oxycodon eigentlich als Über-Horror ansehen.</p> <p>Diese Doppelmoral findet man auch im deutschen Betäubungsmittelgesetz wieder: Will man die Substanz verbieten, dann setzt man sie als “Heroin” auf Anlage I der “nicht verkehrsfähigen” Mittel; will man die medizinische Abgabe zur Substitutionstherapie nach § 13 BtMG regulieren, dann spricht man ausschließlich vom “Diamorphin”. Dabei ist die Substanz immer dieselbe.</p> <h2 id="h-rassismus-und-kolonialismus">Rassismus und Kolonialismus</h2> <p>Praktischerweise hatten und haben in den USA vor allem Randgruppen einen problematischen Konsum, also meist Einwanderer und Schwarze. Das verdeutlicht die kolonialistische <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/mit-drogenpolitik-wird-sozial-und-migrationspolitik-gemacht/">und sozialpolitische Dimension der Drogenpolitik</a>. Der Neuropsychopharmakologe Carl L. Hart, nach eigenem Bekunden der erste schwarze Professor in dieser Funktion an der angesehenen Columbia University in New York, hat dafür in seinem Buch <em>Drug Use for Grown-Ups</em> viele Beispiele gesammelt.</p> <p>Demnach ist nicht nur angeblicher Cannabisgeruch im Auto vor allem in konservativen US-Bundesstaaten eine häufige Begründung der Polizei, um Schwarze und migrantisch aussehende Bürger harten Maßnahmen zu unterziehen – immer wieder mit tödlichem Verlauf. Auch historisch sei man gegen den Substanzkonsum von Nicht-Weißen immer besonders hart vorgegangen. Als man schließlich die – übrigens bis heute bestehenden – Probleme der Verbote von Opiaten einsah, ließ man die Substitutionstherapie an speziellen Abgabestellen zu. Weil das Warten in der Schlange vor allem von Weißen als Demütigung erfahren wurde, so Hart, habe man dann doch die diskrete Abgabe beim Arzt erlaubt.</p> <p>Und während ich diese Zeilen schreibe, droht der US-Präsident Venezuela mit Kriegsschiffen und einem Flugzeugträger. Angeblich geht es darum, Drogenkuriere zu bekämpfen. Dabei waren es die US-eigenen Ärzte, Apotheker und Pharmafirmen, die überhaupt erst so viele Bürgerinnen und Bürger von den heutigen, so viel stärkeren Opium-artigen Mitteln – wörtlich: Opioiden – <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/opioide-wennnicht-drogen-sondern-medikamente-und-die-falsche-politik-toeten/">abhängig machten</a>.</p> <p>Sie haben den Menschen ein schmerzfreies Leben versprochen. Das war zwar eine Lüge, doch hervorragend fürs Geschäft. Manche nennen es “<a href="https://www.imdb.com/title/tt14055432/">Das Verbrechen des Jahrhunderts</a>“.</p> <p>Mit dem desolaten Resultat lassen sich heute nicht nur die sozial Schwachen polizeilich kontrollieren, sondern international machtpolitische Ziele rechtfertigen. Auch Erzfeind China warf man schon vor, die Heimat mit den Drogen zu überfluten. Der Weltmacht konnte man zur Strafe allerdings nicht militärisch, dafür aber mit Einfuhrzöllen und Sanktionen drohen.</p> <h2 id="h-doppelte-stigmatisierung">Doppelte Stigmatisierung</h2> <p>Im Vietnamkrieg (ca. 1955-1975) hielten sich viele US-Soldaten mit Heroin über Wasser. Nahe an der Quelle und aufgrund niedriger Preise und der hohen Qualität konnten sie es aber <em>rauchen</em>, was ungefährlicher ist als der direkte Weg über die Spritze. Interessanterweise hörten viele <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/warum-geht-es-in-der-drogenpolitik-selten-um-freiheit/">nach der Rückkehr in die Heimat wieder auf</a>. Den problematischen Konsum behielten vor allem diejenigen bei, die vorher schon psychosoziale Probleme hatten.</p> <p>Und so kommen wir zu meiner Hauptkritik an den Drogenverboten: Denn international replizierte Studien mit Hunderttausenden Personen zeigten immer wieder, dass Menschen mit traumatischen Erfahrungen ein viel größeres Risiko für den exzessiven Gebrauch von Rauschmitteln haben. Wenn diese darum polizeiliche Maßnahmen erfahren, erhalten sie nach ihrem psychosozialen Pech jetzt ein weiteres, diesmal institutionelles Unglück.</p> <p>Sie werden gewissermaßen für ihre alte Stigmatisierung erneut stigmatisiert. Wie kann das gerecht sein? Und selbst wenn die Drogen wirklich so gefährlich wären, wie es immer wieder heißt: Man ist in so gut wie allen Ländern aus Gründen der Menschenwürde auch davon abgerückt, Menschen für Suizidversuche zu bestrafen.</p> <h2 id="h-horror-heroin">Horror Heroin</h2> <p>Es sollte klar geworden sein, dass in der Öffentlichkeit ein verzerrtes Bild über Diamorphin alias Heroin verbreitet wurde. Das verdeutlicht auch die folgende Abbildung mit historischen beziehungsweise aktuellen Produkten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine.jpg"><img alt="" decoding="async" height="496" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-1024x496.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-1024x496.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-300x145.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-768x372.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-1536x744.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-2048x991.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Zwei Namen, eine Substanz: Links eine Werbung für Heroin von Bayer, wahrscheinlich um 1920, in New York. Vor den Dämonisierungskampagnen waren Opiate als Erkältungsmittel beliebt. Codein-Präparate gibt es noch heute. Rechts ein aktuelles pharmazeutisches Produkt aus dem Vereinigten Königreich. Lizenz: Pete Chapman, <u><a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/">CC BY-SA 3.0</a></u></em></p> <p>Aber ist Heroin nicht gefährlich? Ja, natürlich – wenn man es falsch konsumiert. Die Verabreichung sicherer Produkte ist eine Hauptaufgabe der Pharmafirmen und Apotheken. Umgekehrt können auch viele frei verkäufliche Substanzen bei falscher Verwendung zu schweren Gesundheitsschäden oder sogar dem Tod führen.</p> <p>Interessanterweise sind die oft mit Heroin verbundenen Gesundheitsprobleme – wie AIDS/HIV oder Hepatitis – gar keine Nebenwirkung der Substanz, sondern von verunreinigtem Besteck. Bei richtiger Anwendung der Opiate ist eine häufige Nebenwirkung: Verstopfung.</p> <p>Das Abhängigkeitsrisiko wächst mit der Dauer der Verwendung. Wer seine körperlichen oder psychischen Schmerzen anders nicht verträgt, muss mit der Zeit wahrscheinlich die Dosis erhöhen. Das körpereigene Opioid-System passt sich an die von außen zugeführten Mengen an. Wenn man dann aufhört, erlebt man wahrscheinlich noch viel stärkere Schmerzen als vorher. Die konnte man ja auch schon nicht ertragen. Willkommen im Teufelskreis der Sucht.</p> <p>Darum sollen die hier genannten Substanzen auch gar nicht verharmlost werden. Ich glaube allerdings, dass man das zunehmende Drogenproblem nicht ohne ehrliche Aufklärung wird lösen können. Dazu gehört auch, von der Ursache her psychische oder soziale Probleme nicht fälschlich als Drogenprobleme darzustellen, wie es in Politik und Medien leider tagtäglich passiert.</p> <h2 id="h-drogen-statt-soziales-problem">Drogen- statt soziales Problem</h2> <p>Die allgemeine Verelendung wird auch in vielen europäischen Städten zu einem immer größeren und sichtbareren Problem. Arme und Obdachlose sind die andere Seite der Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft. “Sollen sie sich doch eine Arbeit suchen – oder reiche Eltern zum Erben!”</p> <p>Das niederländische Rotterdam – um nur ein Beispiel zu nennen – ist eine der Städte mit besonders großen Problemen. Weil sich die “guten” Bürgerinnen und Bürgern dadurch zunehmend gestört fühlen, diskutiert man jetzt kreative Lösungen: So soll etwa die im Stadtzentrum gelegene Pauluskirche, in der viele Arme, Obdachlose und Drogenabhängige Hilfe suchen, in einen Außenbezirk umziehen. Aus den Augen, aus dem Sinn.</p> <p>Die <em>sozialen</em> Probleme löst man damit nicht. Da diese die andere Seite der Ungleichverteilung des Wohlstands sind, nimmt man sie vorzugsweise als <em>Drogen</em>problem wahr. Dann kann man den Substanzen die Schuld geben und das Problem in den Bereich von Polizei und Justiz verschieben; dann ist nicht mehr die Gesellschaft in der Verantwortung, sondern die Drogen und die angeblich willensschwachen Individuen.</p> <p>Ist es Zufall, dass im Altgriechischen der “pharmakos” der <em>Sündenbock</em> war? Auch in diesem Sinne passen die Substanzen 2000 Jahre später noch zur ursprünglichen Wortbedeutung.</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Wenn also ein Chatbot im Jahr 2025 Heroin als Schmerzmittel empfiehlt, dann ist das pharmakologisch konsistent. Die Entrüstung in den Medien sagt mehr über unsere drogenpolitische Indoktrination aus.</p> <p>Diese Indoktrination wird immer dogmatischer: Alkohol gilt jetzt als Gift, vom ersten Tropfen an. Der Diabetologe und Bestsellerautor Matthias Riedl nannte kürzlich sogar Zucker ein “dosisabhängiges Gift”. Ja, würde man den Zucker aus einem gängigen Schokoriegel direkt ins Blut spritzen, wäre das tödlich. Über den Verdauungsapparat können die meisten Menschen die Menge aber problemlos regulieren – jedoch nicht die Zuckerkranken.</p> <p>Die antike Idee von “pharmakon” – Arzneimittel <em>und</em> Gift – drückte es eigentlich perfekt aus. Dosis, Art und Zweck des Konsums entscheiden über Nutzen und Gefährlichkeit. Dabei sind die Substanzen ohne Qualitätskontrollen vom Schwarzmarkt am gefährlichsten.</p> <p>Opium, Codein, Morphium, Diamorphin/Heroin, Oxycodon, Fentanyl sind alles Opioide mit zunehmender Potenz. Keines ist moralisch schlechter als das andere, wenn man es denn richtig anwendet. Der Rest ist politisches “Framing”.</p> <p>Diesen Griff in die Trickkiste sehen wir auch beim Cannabis: Verschreiben Ärzte es selbst, dann betonen sie den medizinischen Nutzen; besorgen die Menschen es sich selbst, dann ruft man “Psychoserisiko!” und “Hirnschaden!”. Es scheint, als könnten die Moleküle die Gedanken der Menschen lesen.</p> <p>Das ist kein Plädoyer für eine radikale Freigabe aller psychoaktiven Substanzen. Aber es ist ein Fingerzeig darauf, dass man das Drogenproblem nicht lösen kann, ohne psychologische Traumatisierung und soziale Ausgrenzung aufzufangen.</p> <p>Die deutsche Drogenpolitik scheint diese historische Wahrheit immer noch zu ignorieren: Die ohnehin bescheidenen Fortschritte durch die Entkriminalisierung von Cannabis sollen jetzt zum Teil wieder rückgängig gemacht werden, wenn es nach führenden Unionspolitikern geht. Nun ja, wenn man sein “Kraut” nicht mehr bequem bei der Online-Apotheke bestellen kann, werden die Dealer vor Ort wieder vermehrt die Nachfrage bedienen.</p> <p>Anstatt wichtige Probleme zu lösen, werden so beständig neue geschaffen.</p> <h2 id="h-mehr-zum-thema">Mehr zum Thema</h2> <figure><a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die Cannabis-Gesetzgebung sowie wichtige Grundlagen: Was ist eine Droge? Was ist Abhängigkeit? Seit wann gibt es Cannabiskonsum in der Menschheitsgeschichte? Und was sind sein Nutzen und seine Risiken? Das neue Buch von Stephan Schleim gibt es als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/nl/book/die-cannabis-protokolle/id6745148090">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=f5pZEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/poppy-opium-poppy-field-poppy-field-1574273/">Sabine Löwer</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/46685928ab994c90854555ffad5b417c" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Heroin auf Empfehlung vom AI-Chatbot? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Der medienwirksame Patzer der künstlichen Intelligenz von Reddit aus pharmakologischer und drogenpolitischer Sicht</strong></p> <span id="more-3453"></span> <p>Über den Sinn und Unsinn von künstlicher Intelligenz erscheinen zurzeit fast täglich Nachrichten. Dass man nicht alles, was einem ein Chatbot als Antwort gibt, für bare Münze nehmen sollte, hat sich hoffentlich inzwischen herumgesprochen. Das gilt insbesondere auch für medizinische Themen, wo es um Leben und Tod gehen kann.</p> <p>Englischsprachige Medien, zum Beispiel die Newsseite des <em>PC Magazine</em> vom 17. Oktober 2025, berichteten nun von einem Fauxpas des Chatbots der beliebten Diskussionsplattform Reddit. Dieser wird mit Antworten der eigenen Nutzerinnen und Nutzer trainiert. Und laut den Berichten empfahl der Reddit-Bot nun <a href="https://www.pcmag.com/news/cant-trust-chatbots-yet-reddits-ai-was-caught-suggesting-heroin-for-pain">Heroin zur Schmerzbehandlung</a>. Dabei verwies er auf den Kommentar eines Nutzers, der behauptete, die Droge <a href="https://imgur.com/a/Ld5RYSO">habe ihm das Leben gerettet</a>.</p> <h2 id="h-was-ist-eigentlich-heroin">Was ist eigentlich Heroin?</h2> <p>Wahrscheinlich wissen die meisten Leserinnen und Leser nicht genau, was Heroin eigentlich ist. Sie glauben nur so viel: Es ist eine ganz schlimme Droge, von der man ganz schnell abhängig wird und die bei Überdosierung zum Tod führen kann.</p> <p>Fangen wir am Anfang an: “Heroin” ist kein pharmazeutischer Name. Ursprünglich – das ist 1898 – war er ein von der heute noch in der chemischen Industrie tätigen Bayer AG eingetragener Markenname. Zum ersten mal produziert wurde die Substanz übrigens im Bayer-Stammwerk in Wuppertal-Elberfeld.<aside></aside></p> <p>Im 19. Jahrhundert interessierten sich Chemiker für das seit Jahrtausenden medizinisch und in manchen Kulturen auch als Genussmittel verbreitete Opium. Der Milchsaft, die wörtliche Bedeutung des altgriechischen Worts “opium”, der botanisch <em>Papaver somniferum</em> (Schlafmohn) genannten Pflanze produziert unter geeigneten klimatischen Bedingungen eine hohe Konzentration psychoaktiver Stoffe.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920.jpg 1920w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Der Schlafmohn: Grundstock aller Opiate. Foto von Sabine Löwer, Pixabay-Lizenz.</em></p> <p>Nachweislich über Jahrhunderte, wahrscheinlich aber viel länger, rätselte die Ärzteschaft, woher die medizinisch nützlichen Eigenschaften des Opiums rührten: Es konnte beruhigen, beim Einschlafen helfen, unterdrückte den Hustenreiz, half bei Durchfall, linderte Schmerzen und wahrscheinlich noch sehr viel mehr. Erstaunlicherweise konnte es aber auch berauschen und wurde darum auch für Kämpfe eingesetzt. Entsprechend der alten Säftelehre oder Naturphilosophie vermutete man, dass es mal besondere “kalte”, mal “warme” Eigenschaften des Opiums seien, die diese Effekte hervorrufen.</p> <p>Erst die moderne Naturwissenschaft lüftete das Rätsel: Ebenso wie das Cannabisharz enthält auch die Opiummilch eine Vielzahl auf das menschliche Nervensystem wirkende Substanzen. Über diesen Gleichklang von menschlichem Gehirn und Erdenpflanzen nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip kann man staunen. Man nannte im 20. Jahrhundert die neuronalen Rezeptoren – Endocannabinoid- oder Opioid-Rezeptoren – nach den Pflanzen, nicht umgekehrt.</p> <p>Doch zunächst isolierte man im 19. Jahrhundert aus der Vielzahl der Opium-Stoffe das nach dem griechischen Gott des Schlafs benannte Morphin oder Morphium als denjenigen mit dem stärksten schmerzlindernden Effekt.</p> <h2 id="h-schmerzstillung">Schmerzstillung</h2> <p>Als man dann auch noch die Spritze entwickelte und die Substanzen nicht mehr indirekt über den Speise- und Verdauungsapparat verabreichen musste, stand der Menschheit ein sehr viel stärkeres Betäubungsmittel zur Verfügung denn je zuvor.</p> <p>Nebenbei: Auch Kokain wurde damals <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zweite-opiumkonferenz-100-jahre-boeses-cannabis/">als praktisches Anästhetikum erkannt</a>. Während der Kokainliebhaber Sigmund Freud (1856-1939) damit allerdings eine Patientin fast umbrachte und mit dem gescheiterten Versuch, die Opiumabhängigkeit mit dem anderen Rauschmittel zu behandeln, sein öffentliches Ansehen ruinierte, erntete ein anderer Wiener Arzt die Lorbeeren der betäubenden Eigenschaften. Es war Freuds Kollege Carl Koller (1857-1944), der mit Kokain den Augenmuskel vorübergehend anästhesieren und damit chirurgischen Eingriffen an diesem sensiblen Organ einen Teil ihres Schreckens nehmen konnte.</p> <p>Bleiben wir aber beim Opium und seinen Abkömmlingen. Morphium verbesserte also die Schmerztherapie enorm. Es war schnell nicht mehr aus der Feldapotheke der Militärärzte wegzudenken. Betäubt vom Saft des Schlafgotts fühlte manch ein versehrter Soldat nicht einmal mehr die Amputation eines Gliedes. Der körperliche wie psychische Schmerz würde erst später auftreten.</p> <p>Man hätte auch auf das Kriegführen verzichten können. Doch wir sind ja Menschen.</p> <p>Übrigens gönnte sich so mancher Arzt hin und wieder einen Schuss Morphium als Aufputschmittel. Hierin äußert sich schon die Janusköpfigkeit so gut wie aller Medikamente beziehungsweise Drogen: Die starken Schmerzmittel konnten oft helfen, manchmal vielleicht sogar heilen, mitunter aber auch als Rauschmittel missbraucht werden.</p> <p>Unter den Eindrücken des Ersten Weltkriegs promovierte 1919 der in Frankfurt am Main geborene, 1938 wegen seiner jüdischen Herkunft in die USA geflohene Arzt und Philosoph Erwin W. Straus (1891-1975) “Zur Pathogenese des chronischen Morphinismus” – gerade einmal 16 Seiten reichten für ihn zum Doktor der Medizin. In einzelnen Fallgeschichten beschrieb er, wie Menschen morphiumabhängig wurden. In der Regel hatten sie schwere Schicksale erlebt, worauf wir später noch einmal zurückkommen.</p> <h2 id="h-veredelung">Veredelung</h2> <p>Wozu aber dieser Umweg über Opium und Morphium, wo es doch um Heroin gehen soll? Nun ja, weil Heroin nichts anderes ist als – <em>veredeltes</em> Morphium. Der deutsche Chemiker und Bayer-Angestellte Felix Hoffmann (1868-1946) erzeugte es, indem er Morphium mit Essigsäureanhydrid reagieren ließ. Ihm hat der Konzern übrigens auch das Aspirin zu verdanken.</p> <p>Chemisch heißt das Ergebnis der Reaktion eigentlich Diamorphin. Marketing-Leute von Bayer hielten dann aber “Heroin” für einen besseren Handelsnamen. Und weil die deutsche chemisch-pharmazeutische Industrie damals Weltmarktführer war, verbreitete der Name sich auf dem Globus.</p> <p>Opium, Morphium oder gar Heroin waren damals in vielen gängigen Erkältungs- und Grippemitteln enthaltene Wirkstoffe. Wer sich sozusagen schon die halbe Lunge herausgehustet hat, dürfte sich über die Stillung des Hustenreizes freuen. Die Aufhellung des Gemüts, die man den Drogenabhängigen als “Euphorie” vorwirft, nimmt man gerne als Begleiterscheinung in Kauf.</p> <p>Wer sich jetzt empört, dass diese Mittel, allgemein “Opiate” genannt, damals sogar zur Anwendung bei Kindern beworben und frei verfügbar waren, sollte einen Moment innehalten: Denn noch heute gibt es in der Apotheke Grippemittel mit einem anderen Opiat, nämlich Codein. Auch dieses ist in der natürlichen Opiummilch enthalten.</p> <p>Hin und wieder hört man davon, dass hohe Mengen dieses Hustensafts in der Hip Hop-Szene beliebt sind, mit dem Szenenamen “Lean”. Dem einen oder anderen wurde das zum Verhängnis. Bei Überdosierung kann aus der Unterdrückung des Hustenreizes nämlich die lebensgefährliche Betäubung der Atemmuskulatur werden. Außerdem wird dem Hustensaft neben dem Opiat oft auch Paracetamol hinzugefügt, das in hohen Mengen die Leber schädigt. Als Heroinersatz sollte man ihn daher nicht verwenden.</p> <p>Trotzdem ist Diamorphin alias Heroin eigentlich das medizinisch bessere Produkt. Denn aufgrund der chemischen Veredlung passiert es die Blut-Gehirn-Schranke schneller. Wenn man es richtig anwendet, kann man damit also gezielter behandeln als mit Morphium.</p> <h2 id="h-medizin-droge-oder-gift">Medizin, Droge oder Gift?</h2> <p>Im Wort “pharmakon” der alten Griechen steckt mehr Weisheit, als man heute in gesundheits- und drogenpolitischen Diskussionen findet: Es bedeutete nämlich <em>sowohl</em> Arzneimittel <em>als auch</em> Gift. Im Englischen ist man sprachlich noch näher an dieser Realität dran, weil “drugs” Arzneimittel und verbotene Drogen sein können.</p> <p>“Droge”, wahrscheinlich von niederländisch “droog” für trocken, was sich auf getrocknete Kolonialwaren bezog, die man in der Drogerie kaufte, ist heute vor allem ein politischer Begriff: Er bezeichnet meist diejenigen Mittel, die eifrige Politiker auf die Verbotsliste setzen. Und, ja, darauf findet sich natürlich auch Heroin.</p> <p>Die Verbote der Opiate wurden vor ziemlich genau 100 Jahren <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zweite-opiumkonferenz-100-jahre-boeses-cannabis/">auf den Opiumkonferenzen mit internationaler Verbindlichkeit durchgedrückt</a>. Dem ging vor allem in den USA die Dämonisierung der teils seit Jahrtausenden bewährten Arzneimittel und Handelsgüter durch puritanische Extremisten voraus: Was früher (und teils noch heute) als unerlässliche Medizin galt, sollte auf einmal die Geißel der Gesellschaft sein.</p> <p>Die Frage, ob Diamorphin nun Medizin oder Rauschgift ist, hängt daher vom Standpunkt ab. Bis heute gibt es Ärzte, die es bei Lungenerkrankungen einsetzen wollen. Politisch haben sie einen schweren Stand, weil viele die H-Substanz für die absolute Horrordroge halten.</p> <p>Doch warum haben dann viele von uns, mich eingeschlossen, schon stärkere Opiate wie Oxycodon vom Arzt bekommen? Mir wurde es sogar ohne Vorwarnung bei einer Operation verabreicht – und ich wachte in einem starken, euphorischen Rausch auf. Wenn Heroin der Horror ist, dann müsste man Oxycodon eigentlich als Über-Horror ansehen.</p> <p>Diese Doppelmoral findet man auch im deutschen Betäubungsmittelgesetz wieder: Will man die Substanz verbieten, dann setzt man sie als “Heroin” auf Anlage I der “nicht verkehrsfähigen” Mittel; will man die medizinische Abgabe zur Substitutionstherapie nach § 13 BtMG regulieren, dann spricht man ausschließlich vom “Diamorphin”. Dabei ist die Substanz immer dieselbe.</p> <h2 id="h-rassismus-und-kolonialismus">Rassismus und Kolonialismus</h2> <p>Praktischerweise hatten und haben in den USA vor allem Randgruppen einen problematischen Konsum, also meist Einwanderer und Schwarze. Das verdeutlicht die kolonialistische <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/mit-drogenpolitik-wird-sozial-und-migrationspolitik-gemacht/">und sozialpolitische Dimension der Drogenpolitik</a>. Der Neuropsychopharmakologe Carl L. Hart, nach eigenem Bekunden der erste schwarze Professor in dieser Funktion an der angesehenen Columbia University in New York, hat dafür in seinem Buch <em>Drug Use for Grown-Ups</em> viele Beispiele gesammelt.</p> <p>Demnach ist nicht nur angeblicher Cannabisgeruch im Auto vor allem in konservativen US-Bundesstaaten eine häufige Begründung der Polizei, um Schwarze und migrantisch aussehende Bürger harten Maßnahmen zu unterziehen – immer wieder mit tödlichem Verlauf. Auch historisch sei man gegen den Substanzkonsum von Nicht-Weißen immer besonders hart vorgegangen. Als man schließlich die – übrigens bis heute bestehenden – Probleme der Verbote von Opiaten einsah, ließ man die Substitutionstherapie an speziellen Abgabestellen zu. Weil das Warten in der Schlange vor allem von Weißen als Demütigung erfahren wurde, so Hart, habe man dann doch die diskrete Abgabe beim Arzt erlaubt.</p> <p>Und während ich diese Zeilen schreibe, droht der US-Präsident Venezuela mit Kriegsschiffen und einem Flugzeugträger. Angeblich geht es darum, Drogenkuriere zu bekämpfen. Dabei waren es die US-eigenen Ärzte, Apotheker und Pharmafirmen, die überhaupt erst so viele Bürgerinnen und Bürger von den heutigen, so viel stärkeren Opium-artigen Mitteln – wörtlich: Opioiden – <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/opioide-wennnicht-drogen-sondern-medikamente-und-die-falsche-politik-toeten/">abhängig machten</a>.</p> <p>Sie haben den Menschen ein schmerzfreies Leben versprochen. Das war zwar eine Lüge, doch hervorragend fürs Geschäft. Manche nennen es “<a href="https://www.imdb.com/title/tt14055432/">Das Verbrechen des Jahrhunderts</a>“.</p> <p>Mit dem desolaten Resultat lassen sich heute nicht nur die sozial Schwachen polizeilich kontrollieren, sondern international machtpolitische Ziele rechtfertigen. Auch Erzfeind China warf man schon vor, die Heimat mit den Drogen zu überfluten. Der Weltmacht konnte man zur Strafe allerdings nicht militärisch, dafür aber mit Einfuhrzöllen und Sanktionen drohen.</p> <h2 id="h-doppelte-stigmatisierung">Doppelte Stigmatisierung</h2> <p>Im Vietnamkrieg (ca. 1955-1975) hielten sich viele US-Soldaten mit Heroin über Wasser. Nahe an der Quelle und aufgrund niedriger Preise und der hohen Qualität konnten sie es aber <em>rauchen</em>, was ungefährlicher ist als der direkte Weg über die Spritze. Interessanterweise hörten viele <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/warum-geht-es-in-der-drogenpolitik-selten-um-freiheit/">nach der Rückkehr in die Heimat wieder auf</a>. Den problematischen Konsum behielten vor allem diejenigen bei, die vorher schon psychosoziale Probleme hatten.</p> <p>Und so kommen wir zu meiner Hauptkritik an den Drogenverboten: Denn international replizierte Studien mit Hunderttausenden Personen zeigten immer wieder, dass Menschen mit traumatischen Erfahrungen ein viel größeres Risiko für den exzessiven Gebrauch von Rauschmitteln haben. Wenn diese darum polizeiliche Maßnahmen erfahren, erhalten sie nach ihrem psychosozialen Pech jetzt ein weiteres, diesmal institutionelles Unglück.</p> <p>Sie werden gewissermaßen für ihre alte Stigmatisierung erneut stigmatisiert. Wie kann das gerecht sein? Und selbst wenn die Drogen wirklich so gefährlich wären, wie es immer wieder heißt: Man ist in so gut wie allen Ländern aus Gründen der Menschenwürde auch davon abgerückt, Menschen für Suizidversuche zu bestrafen.</p> <h2 id="h-horror-heroin">Horror Heroin</h2> <p>Es sollte klar geworden sein, dass in der Öffentlichkeit ein verzerrtes Bild über Diamorphin alias Heroin verbreitet wurde. Das verdeutlicht auch die folgende Abbildung mit historischen beziehungsweise aktuellen Produkten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine.jpg"><img alt="" decoding="async" height="496" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-1024x496.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-1024x496.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-300x145.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-768x372.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-1536x744.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-2048x991.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Zwei Namen, eine Substanz: Links eine Werbung für Heroin von Bayer, wahrscheinlich um 1920, in New York. Vor den Dämonisierungskampagnen waren Opiate als Erkältungsmittel beliebt. Codein-Präparate gibt es noch heute. Rechts ein aktuelles pharmazeutisches Produkt aus dem Vereinigten Königreich. Lizenz: Pete Chapman, <u><a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/">CC BY-SA 3.0</a></u></em></p> <p>Aber ist Heroin nicht gefährlich? Ja, natürlich – wenn man es falsch konsumiert. Die Verabreichung sicherer Produkte ist eine Hauptaufgabe der Pharmafirmen und Apotheken. Umgekehrt können auch viele frei verkäufliche Substanzen bei falscher Verwendung zu schweren Gesundheitsschäden oder sogar dem Tod führen.</p> <p>Interessanterweise sind die oft mit Heroin verbundenen Gesundheitsprobleme – wie AIDS/HIV oder Hepatitis – gar keine Nebenwirkung der Substanz, sondern von verunreinigtem Besteck. Bei richtiger Anwendung der Opiate ist eine häufige Nebenwirkung: Verstopfung.</p> <p>Das Abhängigkeitsrisiko wächst mit der Dauer der Verwendung. Wer seine körperlichen oder psychischen Schmerzen anders nicht verträgt, muss mit der Zeit wahrscheinlich die Dosis erhöhen. Das körpereigene Opioid-System passt sich an die von außen zugeführten Mengen an. Wenn man dann aufhört, erlebt man wahrscheinlich noch viel stärkere Schmerzen als vorher. Die konnte man ja auch schon nicht ertragen. Willkommen im Teufelskreis der Sucht.</p> <p>Darum sollen die hier genannten Substanzen auch gar nicht verharmlost werden. Ich glaube allerdings, dass man das zunehmende Drogenproblem nicht ohne ehrliche Aufklärung wird lösen können. Dazu gehört auch, von der Ursache her psychische oder soziale Probleme nicht fälschlich als Drogenprobleme darzustellen, wie es in Politik und Medien leider tagtäglich passiert.</p> <h2 id="h-drogen-statt-soziales-problem">Drogen- statt soziales Problem</h2> <p>Die allgemeine Verelendung wird auch in vielen europäischen Städten zu einem immer größeren und sichtbareren Problem. Arme und Obdachlose sind die andere Seite der Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft. “Sollen sie sich doch eine Arbeit suchen – oder reiche Eltern zum Erben!”</p> <p>Das niederländische Rotterdam – um nur ein Beispiel zu nennen – ist eine der Städte mit besonders großen Problemen. Weil sich die “guten” Bürgerinnen und Bürgern dadurch zunehmend gestört fühlen, diskutiert man jetzt kreative Lösungen: So soll etwa die im Stadtzentrum gelegene Pauluskirche, in der viele Arme, Obdachlose und Drogenabhängige Hilfe suchen, in einen Außenbezirk umziehen. Aus den Augen, aus dem Sinn.</p> <p>Die <em>sozialen</em> Probleme löst man damit nicht. Da diese die andere Seite der Ungleichverteilung des Wohlstands sind, nimmt man sie vorzugsweise als <em>Drogen</em>problem wahr. Dann kann man den Substanzen die Schuld geben und das Problem in den Bereich von Polizei und Justiz verschieben; dann ist nicht mehr die Gesellschaft in der Verantwortung, sondern die Drogen und die angeblich willensschwachen Individuen.</p> <p>Ist es Zufall, dass im Altgriechischen der “pharmakos” der <em>Sündenbock</em> war? Auch in diesem Sinne passen die Substanzen 2000 Jahre später noch zur ursprünglichen Wortbedeutung.</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Wenn also ein Chatbot im Jahr 2025 Heroin als Schmerzmittel empfiehlt, dann ist das pharmakologisch konsistent. Die Entrüstung in den Medien sagt mehr über unsere drogenpolitische Indoktrination aus.</p> <p>Diese Indoktrination wird immer dogmatischer: Alkohol gilt jetzt als Gift, vom ersten Tropfen an. Der Diabetologe und Bestsellerautor Matthias Riedl nannte kürzlich sogar Zucker ein “dosisabhängiges Gift”. Ja, würde man den Zucker aus einem gängigen Schokoriegel direkt ins Blut spritzen, wäre das tödlich. Über den Verdauungsapparat können die meisten Menschen die Menge aber problemlos regulieren – jedoch nicht die Zuckerkranken.</p> <p>Die antike Idee von “pharmakon” – Arzneimittel <em>und</em> Gift – drückte es eigentlich perfekt aus. Dosis, Art und Zweck des Konsums entscheiden über Nutzen und Gefährlichkeit. Dabei sind die Substanzen ohne Qualitätskontrollen vom Schwarzmarkt am gefährlichsten.</p> <p>Opium, Codein, Morphium, Diamorphin/Heroin, Oxycodon, Fentanyl sind alles Opioide mit zunehmender Potenz. Keines ist moralisch schlechter als das andere, wenn man es denn richtig anwendet. Der Rest ist politisches “Framing”.</p> <p>Diesen Griff in die Trickkiste sehen wir auch beim Cannabis: Verschreiben Ärzte es selbst, dann betonen sie den medizinischen Nutzen; besorgen die Menschen es sich selbst, dann ruft man “Psychoserisiko!” und “Hirnschaden!”. Es scheint, als könnten die Moleküle die Gedanken der Menschen lesen.</p> <p>Das ist kein Plädoyer für eine radikale Freigabe aller psychoaktiven Substanzen. Aber es ist ein Fingerzeig darauf, dass man das Drogenproblem nicht lösen kann, ohne psychologische Traumatisierung und soziale Ausgrenzung aufzufangen.</p> <p>Die deutsche Drogenpolitik scheint diese historische Wahrheit immer noch zu ignorieren: Die ohnehin bescheidenen Fortschritte durch die Entkriminalisierung von Cannabis sollen jetzt zum Teil wieder rückgängig gemacht werden, wenn es nach führenden Unionspolitikern geht. Nun ja, wenn man sein “Kraut” nicht mehr bequem bei der Online-Apotheke bestellen kann, werden die Dealer vor Ort wieder vermehrt die Nachfrage bedienen.</p> <p>Anstatt wichtige Probleme zu lösen, werden so beständig neue geschaffen.</p> <h2 id="h-mehr-zum-thema">Mehr zum Thema</h2> <figure><a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die Cannabis-Gesetzgebung sowie wichtige Grundlagen: Was ist eine Droge? Was ist Abhängigkeit? Seit wann gibt es Cannabiskonsum in der Menschheitsgeschichte? Und was sind sein Nutzen und seine Risiken? Das neue Buch von Stephan Schleim gibt es als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/nl/book/die-cannabis-protokolle/id6745148090">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=f5pZEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/poppy-opium-poppy-field-poppy-field-1574273/">Sabine Löwer</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/46685928ab994c90854555ffad5b417c" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/heroin-auf-empfehlung-vom-ai-chatbot/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>7</slash:comments> </item> <item> <title>Bildung für die Zukunft im Anthropozän – Herausforderungen, Potenziale, Leuchttürme und Abbruchsvorhaben. https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/bildung-fuer-die-zukunft-im-anthropozaen-herausforderungen-potenziale-leuchtuerme-und-abbruchsvorhaben/ https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/bildung-fuer-die-zukunft-im-anthropozaen-herausforderungen-potenziale-leuchtuerme-und-abbruchsvorhaben/#comments Tue, 28 Oct 2025 08:51:09 +0000 Reinhold Leinfelder https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/?p=2085 https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo-768x508.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/bildung-fuer-die-zukunft-im-anthropozaen-herausforderungen-potenziale-leuchtuerme-und-abbruchsvorhaben/</link> </image> <description type="html"><h1>Bildung für die Zukunft im Anthropozän - Herausforderungen, Potenziale, Leuchttürme und Abbruchsvorhaben. » Der Anthropozäniker » SciLogs</h1><h2>By Reinhold Leinfelder</h2><div itemprop="text"> <h3>1. Intro: Alles hängt mit allem zusammen</h3> <p><a href="https://userpage.fu-berlin.de/leinfelder/palaeo_de/leinfelder/freepdfs/Leinfelder%202025-PHNOE-Anthropozaeniker_30_10_2025_vers1b2_noed.pdf" rel="noopener" target="_blank">-&gt; pdf-Version</a></p> <p>Im Anthropozäniker-Blog gibt es bereits mehrere Beiträge zu obigem Haupthema, also zu neuen Bildungsaspekten im Anthropozän. Aus aktuellem Anlass sei dies aber hier nochmals aufgegriffen, um einen Überblick zu geben und mit Aktuellem, durchaus auch „Schrägem“, um nicht zu sagen „Skandalösem“ – zu ergänzen. Aber schauen wir der Reihe nach nochmals durch:</p> <ul> <li>„Alles hängt mit allem zusammen“, dies ist ein revolutionäres Zitat von A.v. Humboldt, übernommen auch als häufiges Bonmot hier im Anthropozäniker-Blog sowie in vielen meiner Vorträge. Es gilt in den Zeiten des Anthropozäns – im Sinne eines <strong>ganzheitlichen, systemischen Ansatzes</strong> – natürlich insbesondere auch für Bildung und Zukunftsgestaltung (z.B. Leinfelder 2018a,b, 2020a, Leinfelder &amp; Lehmann 2015, ggf. auch <a href="https://www.youtube.com/watch?v=4-4cOuriGpU" rel="noopener" target="_blank">hier (youtube</a>)).</li> <li>Ebenso gelten die hier immer wieder erwähnten <strong>Herausforderungen des Anthropozän</strong>s auch im <strong>Kontext Bildung zur Zukunftskompetenz</strong>. Dies betrifft insbesondere die hier bereits behandelte <strong>Sektoralisierung</strong> unserer Welt, um sie besser „bearbeitbar“ zu machen, also die Aufteilung von Behörden und Verwaltungen in „fachspezifische“ Abteilungen bzw. Ministerien, aber natürlich auch Gliederung in Fächer, Fach- und Wissenschaftsbereiche in Wissenschaften und Bildung. Wie schon mehrfach hier erwähnt, ist nichts gegen tiefgehende, fachspezifische Forschung und Bildung zu sagen, allerdings muss diese gerade in der heutigen Zeit auch wieder stärker fächerverbindend und fachübergreifend, also interdisziplinär und ggf. transdisziplinär verbunden werden, damit die Kleinteile des Wissenspuzzles wieder zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden können, etwa im Humboldtianischen Sinne. (siehe hierzu viele Beiträge in diesem Anthropozäniker-Blog, bzw Leinfelder 2020b, 2023 etc.)</li> <li>Auch unser „westlicher“ <strong>Dualismus</strong>, also die Suche nach der EINEN richtigen Lösung für einen komplexes Problempaket, sowie unser Wunsch nach <strong>Ranking</strong>, d.h. Abarbeitung komplexer, zusammenhängender Problemkreise zerlegt in Einzelprobleme, in ihrer angeblichen Wichtigkeit gereiht und dann nacheinander abgearbeitet werden sollen, gehört zu diesem Herausforderungspaket (Leinfelder et al. 2025).</li> <li>Versucht man, Obiges bereits im Schulunterricht zu thematisieren und neue, zukunftsorientierte Unterrichtswege zu beschreiten, ist dies eine weitere große Herausforderung, da Derartiges mit einem “weiter wie bisher”-Schulunterricht nicht zu machen ist und damit also die Ausbildung wie auch Fort- und Weiterbildung von Lehrer*innen auch entsprechend erweitert werden müssen. Manche möchten solche notwendigen Änderungen verhindern, dies aber nicht zugeben, weshalb sie  sich auf ein Bild von Lehre berufen, das längst überholt ist und einer zeitgemäßen schüler- oder studierendenzentrierten Didaktik widerspricht. Dieser Beitrag behandelt im Kontext von neuen, interdisziplinären und zukunftsorientierten Unterrichtswegen (und damit einhergehend auch neuen Unterrichtsformen) einen derartigen,  nicht nachvollziehbaren (um nicht zu sagen, skandalösen) Vorgang. </li> </ul> <h3>2. Herausforderungen (nicht nur) für den Unterricht</h3> <p>Für den schulischen Unterricht bedeutet all dies, dass neben dem Fachunterricht insbesondere auch der fächerverbindende und fächerübergreifende Unterricht sehr wichtig ist und vor allem immer noch wichtiger wird. Dies gilt nicht nur, aber insbesondere auch bereits für die Primarstufe. Unsere heutige Weltsituation zeigt ja mehr denn je, wie Probleme zusammenhängen, sich gegenseitig bedingen, miteinander wechselwirken und oft verstärken, sich dabei zu Kipppunkten zusammenbrauen, und vieles mehr. Diese Weltsituation zeigt aber auch, wie Mächteverhältnisse, insbesonderer auch finanzieller Art sowie die „Eigentumsfrage“ (siehe z.B. „<a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/wem-gehoert-die-erde/" rel="noopener" target="_blank">Wem gehört die Erde?</a>“) hier enorm viel Wichtiges verhindern, und zunehmend Diskurse wegen der „Spaltpille” <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/kann-das-anthropozaen-gegen-populismus-und-fake-news-helfen/" rel="noopener" target="_blank">Populismus</a> unmöglich werden. Dies betrifft auch die Zukunftskompetenzen. Hier ist es wieder die Suche nach der EINEN, „richtigen“ Zukunftslösung, dem „richtigen“ Zukunftspfad, auf dem wir dann wieder 200 Jahre ruhig voranschreiten können. Die Zukunftsdiskussion ist damit zu einer Farce verkommen, denn es gibt einfach keine „Silver Bullets“, die mit einem „Schuss“ alles regeln, genauso wie es keine, uns aus Science Fiction doch so gut bekannte Supermänner/-frauen gibt, die dann in letzter Minute doch noch alles wieder retten und richten, puh! So sind etwa beim Thema Klimakrise weder CCS noch Nuclear Fusion solche „Silver Bullets”, doch sie könnten – bei entsprechenden Tests auf Machbarkeit und Nebenwirkungen vor ihrem zukünftigen Einsatz – ggf. Teil späterer, gemischter Zukunftsportfolios werden, welche aber eben auch erneuerbare Energien, Suffizienzansätze, enorme Ausweitung des Recyclings und ja, natürlich auch reaktive Schutzmaßnahmen beinhalten müssen.</p> <p>Leider sind wir Erwachsene meist ziemlich gefangen in dem, was wir kennen, also dem „Weiter wie bisher“-Pfad, obwohl wir eigentlich wissen, dass wir es anders machen sollten. Aber den meisten von uns fehlt das Vorstellungsvermögen dazu, vor allem auch weil wir uns sicherer fühlen bei dem, was wir bereits kennen; Vertrautes gibt man halt so ungern auf, denn das Neue erscheint so fremd. Damit ergeben sich für Zukunftsszenarien meist nur kleinere Abweichungen von diesem BAU-Pfad – die Zukunfswissenschaften nennen dies die explorative Pfadgruppe (also ausgehend vom Bekannten und Weitermachen mit eher kleineren Abweichungen davon, siehe Abb 1a, b. Uns fehlt schlichtweg das Vorstellungsvermögen, andere Wegmöglichkeiten zu erdenken, also weitere mögliche Zukünfte zu imaginieren und daraus dann auch wünschbare Zukünfte herauszufiltern sowie Gestaltungswege dorthin zu finden. Mögliche Zukunftspfade sollten dann miteinander begangen werden, um zu sehen, ob wir da wirklich vorankommen. Also nochmals: wir benötigen keine Suche nach „Silver Bullets”, sondern müssen gemischte Portfolios von Lösungsansätzen zusammenstellen, deren Wirksamkeit überwacht wird, und die immer wieder auch umgebaut werden können, ja sollten, sofern etwa neue Technologien, neue Bereitschaften in der Bevölkerung oder auch zu große Nebenwirkungen verwendeter Techniken festgestellt werden. Es sollte also gemeinsam, jedoch auf vielen Wegen in eine kreative und offene Zukunft gehen (mehr dazu siehe z.B. <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/haus-zukunft-berlin/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/zukunft-teil3-zukuenfte/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> im Blog sowie Leinfelder 2016, 2020b). Dazu benötigen wir aber sehr viel Imaginationsfähigkeit, die uns leider oft – um nicht zu sagen: meist – fehlt.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1116" sizes="(max-width: 1894px) 100vw, 1894px" src="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg 1894w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-300x177.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-1024x603.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-768x453.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-1536x905.jpg 1536w" width="1894"></img></a><aside></aside></p> <p><span>Abb. 1a: Weshalb Szenarien? Der Zukünfte-Szenarientrichter mit Erläuterungen nach Steinmüller (2011), mit kleinen Änderungen und Ergänzungen. (Version aus Leinfelder 2023).</span> </p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1196" sizes="(max-width: 1822px) 100vw, 1822px" src="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr.jpg 1822w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr-300x197.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr-1024x672.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr-768x504.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr-1536x1008.jpg 1536w" width="1822"></img></a></p> <p><span>Abb. 1b: Grafische Hinführung zum Mehrwege-Zukünfte-Konzept (basierend auf Leinfelder 2014), Grafik von Tanja Föhr (aus Leinfelder &amp; Föhr 2015, siehe dort auch weitere graphische Umsetzung des Konzepts.) </span></p> <h3>3. Potentiale für die Zukunftsgestaltung: Imagination fördern, fächerübergreifend ausbilden, selbst Wissen schaffen, ausprobieren.</h3> <p>Hier kommt gleich die <span>nächste</span> Herausforderung: Obige Herausforderungsliste benötigt doch hochkomplexe, insbesondere auch wissenschaftliche Ansätze zu ihrer Bewältigung – was haben denn die Schulen damit zu tun, gar die Grundschulen? Dies ist sehr einfach zu beantworten: Wie oben geschildert,<span> brauchen wir eine viel bessere Imaginationsfähigkeit. </span>Das Imaginationsvermögen von Kindern ist bekanntermaßen besonders im jungen Alter enorm gut ausgeprägt, dies ist also eine offene Türe, um bereits junge Kinder auch für Zukunftsfragen besser zu schulen und insgesamt die verbundenen Themenkomplexe besser in unseren ethischen Wertekanon mit einzubringen (auch hierzu u.a. Leinfelder 2018a,b, 2020a,b, Leinfelder &amp; Sippl 2023a,b).</p> <p>Natürlich ist die Notwendigkeit zum Erreichen einer besseren KulturNatur-Kompetenz (CNL-Literacy) und Zukünfte-Kompetenz (Futures Literacy) nicht nur auf die Primarschulen begrenzt. Wir müssen insgesamt <em>Wissen schaffen </em>(also Wissenschaften), <em>Wissen lernen </em>(also Bildung) und <em>erlerntes Wissen nutzen und verbreiten</em> (also Aus-/Weiterbildung, Wissenschaftskommunikation, Anwendung), was alles ebenfalls besser verknüpft werden muss. Viel mehr Wissenschaftler*innen als früher sind heute bereit, ihr geschaffenes Wissen auch zu kommunizieren. Auch bei DFG-Anträgen (sowie bei vielen anderen Formen der Forschungsförderung) ist seit längerem nun immer auch anzugeben, wie neue Projekt-Forschungsergebnisse dann kommuniziert werden sollen. Früher (und z.T. noch heute) wurde man als Wissenschaftler*in, der/die auch Wissenschaftskommunikation betreibt, allerdings schon mal gefragt, ob man seine Forschung eingestellt habe, wenn für derartiges wie „Wisskomm” Zeit bleibt, bzw. ob man den Journalist*innen ihre Jobs wegnehmen möchte. Ja, ich weiß leider auch aus eigener Erfahrung, wovon ich hier spreche.</p> <p>Dabei sollte doch Wissenskommunikation ein echtes Bedürfnis sein. Um von mir zu reden: Mir war es schon als Diplomand, der dort am Mikroskop über 150 Millionen Jahre alten, selbst ausgebuddelten Mikrofossilien saß bzw. sich dann später mit ebenso alten Korallenriffen beschäftigte, wichtig, mir selbst die mich umtreibende Frage zu beantworten, was denn die ganze Welt von diesen Studien habe. Ja, Minipuzzleteile zum besseren Verständnis der Evolution der Lebensformen und ihre Ansprüche sowie Anpassungsfähigkeiten, das war die Antwort, die ich schon damals sah und die mich beruhigte. Tatsächlich hat sich viel später herausgestellt, dass insbesondere bei den Korallenriffen die Kenntnis ihrer evolutionären und adaptiven Entwicklung von ihren Ursprüngen bis heute maßgeblich auch zur Einschätzung der weiteren Entwicklung / des möglichen Untergangs heutiger Riffe (Stichwort „atavistische“ Korallen, siehe z.B. <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/zukunftsoptionen-fuer-korallenriffe/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/die-zukunft-der-korallenriffe-auftakt-zum-internationalen-jahr-des-riffs-iyor-2018-deutsche-aktivitaeten/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/zombie-riffe-im-anthropoz-n/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> im Blog sowie z.B. Leinfelder 2019, Cardoso et al. 2025 sowie <a href="https://www.fu-berlin.de/en/featured-stories/research/2025/corals-at-risk-gabriel-cardoso/index.html" rel="noopener" target="_blank">Feature dazu</a>) immer wichtiger wurde.  Und weil ich also schon immer schon meinte, dass bereits in den Schulen neues Wissen in entsprechender, adäquater Weise eingebracht werden sollte, habe ich quasi vom Anfang meiner Laufbahn an – und zunehmend verstärkt – an Wissenschaftskommunikation und Bildungskooperationen mit Schulen gearbeitet. Wegen meiner Überzeugung, dass Wissenskommunikation überaus wichtig für die Gesellschaft sei, habe ich zukunftsrelevante Ausstellungen mitinitiiert und mitkonzipiert (so etwa die weltweit erste große Anthropozän-Ausstellung am Deutschen Museum München), sowie Museumsleitungen an naturkundlichen Museen, aber auch fürs damals zu gründende „Haus der Zukunft” / „Futurium” in Berlin übernommen, dabei auch immer wieder mit Schüler*innen Ausstellungen gemacht bzw. Ausstellungen für Schulen mitkonzipiert (die an Schulen ausgeliehen wurden, wenn sich dort viele Lehrkräfte aus verschiedenen Fächern gemeinsam mit dem Thema beschäftigten) (siehe z.B. Leinfelder et al., 1998/2002, 2007, Leinfelder 2010a,b, 2021, Leinfelder &amp; Zinfert 2015). Bildbasierte Formate waren und sind dabei ebenfalls überaus wichtig. Thematisch ging es vom wohl ersten <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/forschung-und-entwicklung/anthropozaen/mutmachbuch" rel="noopener" target="_blank">Kinderbuch zum Anthropozän (ab 8 Jahren)</a> (Abb. 2) bis hin zu Sachcomics für ältere Jugendliche und Erwachsene, darunter die „Übersetzung“ eines 400-seitigen Hauptgutachtens des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung (dem ich damals angehörte) zur Großen Transformation in einen Comic (Hamann et al. 2013, siehe z.B. <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/forschung-und-entwicklung/anthropozaen/mutmachbuch" rel="noopener" target="_blank">hier</a> oder <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/trafocomicprojekt/" rel="noopener" target="_blank">hier</a>), ein Begleit-Sachcomic zur großen Anthropozän-Ausstellung im Deutschen Museum (Hamann et al. 2014), aber auch die Darstellung großer Forschungsprojekte als Wissenscomics, etwa das Projekt „Die Anthropozän-Küche” des Excellenzclusters Bild-Wissen-Gestaltung (Leinfelder et al. 2016, siehe auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/anthropozaen-kueche/" rel="noopener" target="_blank">hier im Blog</a>) oder die <a href="https://macobios.eu/prp/other-products/" rel="noopener" target="_blank">Ergebnisse des EU-Projekts MaCoBios auch als Sachcomic</a> (Tregardot et al. 2025). Auch die Arbeit der Internationalen Anthropocene Working Group wurde als Wissenscomic umgesetzt (Hamann et al. 2024, Leinfelder &amp; Hamann 2025).</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2000px) 100vw, 2000px" src="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg 2000w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-1536x1152.jpg 1536w" width="2000"></img></a></p> <p>Abb. 2:  Das in Kooperation mit der PH produzierte Mutmachbuch von Laibl et al. (2022), mit Buchcover (links), Seitenbeispielen (rechts) sowie Buchcover der umfangreichen Lehrhandreichungen dazu. (Näheres dazu <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/forschung-und-entwicklung/anthropozaen/mutmachbuch" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>)</p> <p>Solche bildbasierten Formate, also auch Sach-Comics, haben Ähnlichkeiten mit Ausstellung: beide sollten nicht ausschließlich „linear“ sein, also wie Filme, Bücher, Frontalunterricht etc., sondern stellen „slow Media“ dar. So erlauben es Wissenschaftscomics (ähnlich wie auch Ausstellungen), Komplexitäten zu vermitteln, indem man verschiedene Handlungs- und Zeitstränge nebeneinander herlaufen lassen und darin „umherspringen“ kann (siehe hierzu auch Hangartner et al. 2013, Heydenreich 2019, Wagenbreth 2023, Leinfelder &amp; Hamann 2025, Leinfelder et al. 2015, 2017) und fördern damit eben auch die Schulung unseres Imaginationsvermögens. Um dies auch im Unterricht zu ermöglichen, wurden unsere Sachcomics in fast allen Fällen durch umfangreiche Lehrhandreichungen (siehe z.B. <a href="http://anthropocene-kitchen.com/fileadmin/user/handreichung/Mehlwurmburger/Mehlwurmburger-web.pdf" rel="noopener" target="_blank">hier</a> und <a href="https://www.deutsches-museum.de/museum/verlag/publikation/willkommen-im-anthropozaen" rel="noopener" target="_blank">hier</a> und <a href="https://userpage.fu-berlin.de/leinfelder/palaeo_de/leinfelder/freepdfs/die_grosse_transformation_web.pdf" rel="noopener" target="_blank">hier</a>) ergänzt (siehe auch Abb 2). Auch viele andere an den Schulunterricht anpassungsfähgige Formate, wie Zukunftswerkstätten, Design Thinking-Projekte, Repair Cafés, partizipative Exkursionen, Monitoringprojekte uvm. (s. Abb. 3) ermöglichen das Erkennen von Zusammenhängen, der Bedeutung der Natur für uns und unsere Zukunft, sowie die Schulung unseres Imaginationsvermögens. Sie können damit wichtige Beiträge zur Erarbeitung einer  CultureNature Literacy und einer Futures Literacy liefern (siehe auch Leinfelder &amp; Sippl 2023a,b; zu partizipativen Monitoring-Projekten siehe auch die Dissertation von A. Rost 2014).</p> <p>Abb. 3: Beispiele für fächerübergreifende Aktivformate auch für den schulischen Unterricht. (Vortragsfolie Leinfelder, näheressiehe Text)</p> <p>Dies alles waren ja immer wieder auch wichtige Themen hier im Anthropozäniker-Blog. Wer aber erarbeitet insgesamt das Wissen um derartige Projekte, stellt den schulischen Unterricht in entsprechender Weise neu auf, so dass eben die fächerübergreifenden Aspekte und damit auch CultureNature-Literacy, Futures-Literacy auch erarbeitet und im schulischen Unterricht umgesetzt werden können? Daran sind natürlich viele beteiligt, wie der nachfolgende kurze Überblick klar machen und an einem herausragenden Leuchtturmbeispiel verdeutlichen möchte.</p> <h3>4. Die Rolle der Hochschulausbildung von Lehrkräften für die Primarstufe und Sekundarstufe I</h3> <p>Früher waren in Deutschland Pädagogische Hochschulen (PHs) für die (damalige) Volksschulausbildung für Lehramtsstudierende zuständig. Häufig (etwa in Bayern) waren sie römisch-katholisch oder evangelisch ausgerichtet. Forschung sowie Ausbildung für angehende Gymnasiallehrer*innen waren an den Universitäten angesiedelt. Details hierzu führen für diesen Blogpost zu weit (siehe ggf. hier <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pädagogische_Hochschule" rel="noopener" target="_blank">https://de.wikipedia.org/wiki/Pädagogische_Hochschule</a>). Allerdings wurden die PHs in Deutschland etwa ab den 1970er Jahren zunehmend abgeschafft (in den östlichen Bundesländern nach der Wende). Nur Baden-Württemberg hat heute noch PHs, die alle jeweils eine etwas unterschiedliche Schwerpunktsetzung haben und auch auch über Promotions- und Habilitationsrecht verfügen. Im restlichen Deutschland findet die Lehrkraftausbildung auch für die Primarstufe i.d.R. nun in den Sektoren der Fachdisziplinen statt, ergänzt durch spezielle Kurse, die von Lehrveranstaltungen in pädagogischen Fachbereichen (bzw. in anderen Fachbereichen – etwa Sozialwissenschaften, Psychologie etc.-  angesiedelten pädagogischen Fachgebieten) sowie Referendarzeiten ergänzt werden. Damit wurde auch die Primarstufe doch deutlich fachspezifischer, was fächerverbindende und -übergreifende Projekte erschweren kann, aber nicht muss.</p> <h4><strong>4. 1. Der österreichische Weg: Pädagogische Hochschulen</strong></h4> <p>Österreich ging hier einen anderen Weg. Dort gibt es derzeit neun öffentliche und vier private Pädagogische Hochschulen, dazu eine zusätzlich für Agrar- und Umweltwissenschaften. Vor 2006 gab es keine PHs, dafür verschiedenste Pädagogische Akademien und Institute, die dann österreichweit ab Oktober 2007 zu Pädagogischen Hochschulen zusammengefasst wurden, welche für die Primarstufe und Sekundarstufe I zuständig sind. (Näheres siehe z.B. hier: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bildungssystem_in_%C3%96sterreich">https://de.wikipedia.org/wiki/Bildungssystem_in_Österreich</a>.) Obwohl die österreichischen PHs an die jeweiligen Bundesländer angebunden sind, unterstehen sie (im Unterschied zu Deutschland) direkt dem nationalen Bildungsministerium. Die PHs haben neben den Ausbildungsaufgaben auch Forschungsaufgaben. Auch ist ihr Spektrum durchaus unterschiedlich, was die derzeitige österreichische Regierung mit einem Bildungsminister aus der Partei NEOS (einer Abzweigung der FPÖ, ausgeschriebener Name: „Das Neue Österreich und Liberales Forum”) jedoch im Rahmen des aktuellen Regierungsprogramms ändern möchte (siehe dazu <a href="https://www.bmb.gv.at/Themen/regierungsprogramm.html" rel="noopener" target="_blank">Regierungsprogramm, u.a. S. 214, Bullet 3</a>).</p> <h4><strong>4.2 Der Leuchtturm Pädagogische Hochschule Niederösterreich</strong></h4> <p>Ein besonders herausragendes Beispiel, welches in den letzten Jahren sogar ein großes EU-Projekt („<a href="https://cnl.ph-noe.ac.at" rel="noopener" target="_blank"><em>CultureNature Literacy: Curricular key competences for shaping the future in the Anthropocene</em></a>“) mit vielen anderen europäischen Partnern organisiert und geleitet hat und des weiteren auch einen Unesco Chair für „<a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/ph-noe/unesco-chair/learning-and-teaching-futures-literacy-in-the-anthropocene" rel="noopener" target="_blank"><em>Learning and Teaching Futures Literacy in the Anthropocene</em></a>“ eingeworben hat, sei hier besonders genannt: Die <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/" rel="noopener" target="_blank">Pädagogische Hochschule Niederösterreich</a> (University College of Teacher Education Lower Austria, PH NÖ).</p> <p>Weshalb ist dies hier von Interesse? Nun, zum einen, weil für die Ausbildung zur Primarstufe, wie oben erwähnt, möglichst viel Fächerverbindendes und Fächerübergreifendes notwendig ist und eben auch die Imaginationsfähigkeit sowie mit innovativen Lehransätzen auch CultureNature- und Futures Literacy in der Primarstufe besonders gut entwickelbar sind. Das ist beim heutigen Schulsystem in Deutschland nicht so leicht möglich, auch wenn es selbstverständlich auch dort fächerübergreifenden Unterricht gibt (siehe dazu aber <a href="#Kollegen">unten</a>). Auch die Forschung zu neuen inter- und transdisziplinären Schulbildungsansätzen ist damit ebenfalls besser möglich, wie das Beispiel der PH NÖ gut zeigt. Dort existiert sogar eine eigene Literaturreihe, „Pädagogik für Niederösterreich”,  in der viele der Forschungs- und Projektergebnisse der PH NÖ und ihrer Partner dokumentiert und dauerhaft (in <a href="https://www.studienverlag.at/produkt-kategorie/reihen/paedagogik-noe/" rel="noopener" target="_blank">Buchform</a>, aber seit etlichen Jahren auch als <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/forschung-und-entwicklung/schriftenreihe-paedagogik-fuer-niederoesterreich" rel="noopener" target="_blank">open access eBooks</a>) zugänglich sind. Und ja, ich bin überaus begeistert von der PH NÖ, nicht nur, aber auch, weil sie das Thema Anthropozän, beginnend beim Rektor der Universität (siehe z.B. Rauscher 2022), bis weit darüber hinaus als äußerst geeignet für ihren zukunftsorientierten, konstruktiven und verantwortungsgelenkten Ansatz ansehen und verwenden, genauso wie sie auch sehr am Potenzial bildbasierter Formate für die Lehre interessiert sind. Ich wurde im Februar 2019 erstmals vom Rektor zu einem Vortrag eingeladen, mein Vortragsthema damals lautete „<em>Von der Umwelt zur Unswelt – Das Potenzial des Anthropozän-Konzepts für den Schulunterricht</em>“, also ganz „Anthropozäniker-like”. Es ergab sich schon damals eine spannende Diskussion zum Begriff <em>Umwelt</em> und <em>Unswelt</em>; Rektor Rauscher brachte dazu noch den Begriff „<em>Wirwelt</em>“ mit ein (siehe dazu auch Rauscher 2020). (Nicht nur) diese Diskussion führten wir über etliche Jahre in überaus konstruktiver und gegenseitig befruchtender Weise (und derzeit ist in oben erwähnter Reihe auch eine gemeinsame Publikation dazu im Druck, siehe Leinfelder, Rauscher &amp; Sippl 2025). Ich war auch zu weiteren Vortragsterminen an der PH NÖ, führte z.T. dort auch Lehre durch (in Corona-Zeiten hybrid bzw. via VidCon) und wurde auch assoziierter Partner der PH NÖ für das CNL-EU-Projekt. Ja, ich verdanke dem Rektor, dem UNESCO Chair und der gesamten PH NÖ sehr viel für meine inhaltliche Weiterentwicklung in den letzten Jahren. Für Näheres zu den spannenden Aktivitäten dieser Leuchtturm-PH mit ihren wegweisenden Projekten und Zentren (etwa Zentren Lernen-Lehren, Zukünfte-Bildung, Prohairesis-Demokratie etc.)verweise ich auf die <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/" rel="noopener" target="_blank">Webseite der PHNÖ</a> (die leider nun doch eingedünnt wurde, siehe dazu auch nachfolgend). Ja, sicherlich gibt es auch etliche weitere Leuchttürme in der Bildung für eine anthropozäne Zukunft, darunter Universitäten oder auch andere Forschungsinstitutionen (wie etwa das Karlsruher Institut für Technologie, die Universität Augsburg oder auch das Institut Futur der Freien Universität Berlin, an denen auch ich u.a. an Ringvorlesungen beteiligt war). Aber die PH NÖ ragt, zumindest nach meiner Einschätzung, wegen der Gesamtheit und Kooperationsfähigkeit ihres Teams da doch noch deutlich weiter hervor. Überaus vieles verdankt sie hier der Initiativen und der Unterstützung durch Rektor Rauscher, den ich als überaus offenen, konstruktiven, dialogbereiten, sympathischen, wissensdurstigen, unkonventionellen, unterstützenden, fördernden und alle mitnehmenden Menschen kennen und überaus schätzen lernte. Hätten doch viel mehr Führungspersonen so ein „Kaliber”! </p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2000px) 100vw, 2000px" src="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic.jpg 2000w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic-1536x1152.jpg 1536w" width="2000"></img></a></p> <p><span>Abb. 4: Links: Überreichung des Sammelbandes „Die Verführung zur Güte” an den Rektor der PHNÖ, Herrn Prof. Rauscher (links) als Festschrift anlässlich seines  70. Geburtstags (im Jahr 2020). Neben ihm Grafikkünstler Leopold Maurer. Die Festschrift wird von Leitsätzen des Rektors durchzogen, die von L. Maurer in Comic-Paneele übersetzt wurden (mit dem Rektor in Comic-Form) und auch die Festschrift durchziehen. Rechts ein Beispiel dazu (zu weiteren Infos <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/news/news-detail/paedagogische-leitsaetze-als-comic" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>)</span></p> <p>Warum ist mir meine Erfahrung um die PH NÖ und rund um Prof. Dr.Dr. Erwin Rauscher hier so wichtig? Wir haben ja noch den Begriff „Abbruchsvorhaben“ im Titel, wozu wir gleich kommen werden. <a id="Kollegen"></a>Aber zuvor noch generell zu einer weiteren „Herausforderung”, die es natürlich weit verbreitet – aber nicht dermaßen bekannt – eben auch an Forschungs- und Bildungsinstitutionen gibt, wobei ich keinesfalls verallgemeinern möchte, sondern nur wenige Beispiele in allgemeiner Art herausgreife. Es geht um Kolleg*innen, die teilweise – und aus verschiedenen Gründen – doch sehr kritisch auf so manches schauen, was man ggf. anders macht als sie dies tun. Schon in den Anfängen meiner Kooperationen mit Schulen berichtete mir eine ältere, leider schon längst verstorbene, hochverdiente Lehrerin, dass viele angehende junge Lehrkräfte mit hohem Elan und überaus guten Projektideen, gerade auch für fächerübergreifenden und fächerverbindenden Unterricht, von den Hochschulen kommen und bald versuchen, derartige Projekte an ihren Schulen zu etablieren. (Zu) viele ältere Kolleg*innen würden dabei allerdings sehr kritisch auf den Elan und die Innovationsfreude der jungen blicken, und diese dann häufig ausbremsen, aus Angst, derartiges würde dann von ihnen auch erwartet. Manche begründen diese Ablehnung auch ganz formell damit, dass solche neuen Formate, wie Zukunftswerkstätten, Design-Thinking-Projekte, Outdoor-Seminare, selbständige Geländearbeiten u.v.m. ja gar nicht in Lehrplänen vorgesehen sind, keine behördlich zugelassenen Materialien dazu vorlägen, bzw. Mehrkosten entstünden, die nicht wirklich abrechenbar seien. Das hat durchaus einen wahren Kern, es gehört also schon auch etwas Mut dazu, derartig Neues anzupacken und das Vorgehen ggf. auch zu verteidigen (s.u.).</p> <p>Aus eigener Erfahrung mit meiner Universitätslaufbahn (die über viele Stationen und Institutionen an verschiedenen Orten führte) hab ich durchaus auch Neid-Vorbehalte unter Kolleg*innen kennengelernt, etwa nach dem Motto „<em>Der ist laufend in den Medien mit seinem neuen Zeugs, als ob das Anthropozän etwas mit Geologie und Paläontologie zu tun hätte!</em>” (doch, das hat es, und wie!). Oder auch Neid, dass Studierende bei Wahlpflichtveranstaltungen oft eher solche mit neuen Themen wählten, statt sich den klassischeren Themen zuzuwenden. (Warum fällt mir da wieder das Anthropozän ein?) Dies ging so weit, dass ein Kollege einmal einen extrem kritischen Zeitungsartikel zum Anthropozän (Titel: Epochaler Irrtum) vergrößert als Poster im Forschungsposterformat des Departments direkt neben der Ankündigung meiner Anthropozän-Kurse aushängte (- wir haben dies danach konstruktiv besprochen und gelöst -) oder sich ein anderer Kollege einmal weigerte, eine Studierende in seinem Fach zur Abschlussprüfung zuzulassen, weil sie ihre schriftliche Abschlussarbeit zum Thema Anthropozän durchgeführt hatte (, was dann auch noch irgendwie gelöst wurde). Oder auch, dass angeblich keine Verlängerung meiner aktiven Tätigkeit nach Erreichen des 65. Lebensjahrs möglich war (was der Fachbereich hätte bewilligen müssen). Nach einer Initiative der Studierenden (die unbedingt nochmals einen Anthropozän-Kurs haben wollten) gemeinsam mit dem Studiendekan gab es dann doch noch einen einsemestrigem Lehrvertrag, so dass der interdisziplinäre Anthropozän-Kurs nochmals stattfand. </p> <p>Lassen wir es bei diesen Beispielen bewenden und kommen zurück zum Beispiel der PH NÖ und ihrem so überaus beeindruckenden Kanzler (Kanzler ist hier im Österreichischen im Sinne eines Hochschulpräsidenten bzw. -rektors gemeint, nicht als Finanz- und Verwaltungschef einer Universität, wie dies in Deutschland häufig der Fall ist).</p> <h4><strong>4.3 Abbruchinitiierung eines überragenden Leuchtturms? </strong></h4> <p>Die Aktivitäten der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich (PH NÖ) sind – nicht nur – in Österreich in vieler Munde. Nicht nur, gerade aber auch die projektbasierten, institutsübergreifenden Aktivitäten, mit entsprechend vielen Drittmitteleinwerbungen, sind sehr gut und sehr weit sichtbar. Wegen dieser herausragenden Sichtbarkeit werden dann schon auch ab und an von den Ministerien entsprechende Papiere, etwa zur Zukunftskompetenz-Entwicklung in der schulischen Bildung erwünscht, die man dann natürlich auch erstellt und zuschickt. Ja, da kann es schon mal ein paar Probleme geben, etwa: wer hatte die Idee zu Polyzukünften und deren Einbringung im Unterricht?. Sind Polyzukünfte dasselbe wie die polyperspektivischen Zukünfte, auf denen u.a. das Gründungskonzept eines gewissen Leinfelders für das Berliner Haus der Zukunft / Futurium beruht (siehe <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/haus-zukunft-berlin/" rel="noopener" target="_blank">hier im Blog</a> sowie Leinfelder 2016)? Was sind Unterschiede und Verbindungen zwischen Umwelt, Mitwelt, Unswelt, Wirwelt? (siehe Leinfelder, Rauscher &amp; Sippl. 2025)? Wer schickt dann mit wem etwas an das Ministerium und was wird dabei zitiert? Da kann es schon mal Abstimmungsbedarf geben, aber all das ist (und war) lösbar. </p> <p>Anders sieht es jedoch derzeit aus. Prof. Rauscher, der Gründungsrektor und seit 2006 durchgängig Rektor der PHNÖ, also nicht nur Erbauer, sondern mit seinem gesamten Team aktiver Miterweiterer und ja, auch Wächter dieses Leuchtturms, wurde geschasst, genauer: über Nacht vom Bildungsministerium als Rektor abberufen, in den Ruhestand geschickt und strafrechtlich angezeigt. Sein Name wurde auch innerhalb von Minuten von der Webseite der PH NÖ getilgt, zumindest von der Rektoratseite und anderen Einträgen ist er komplett verschwunden, so als hätte es ihn nie gegeben (die Webseiten der PHs werden übrigens vom österreichischen Bildungsministerium “mitbetreut”, oha!). Dann gleich noch eine heftige Pressemeldung raushauen (via APA, der österreichischen Presseagentur, die von den Medien sofort und quasi völlig unüberprüft übernommen wurde? Siehe z.B. hier: die <a href="https://www.sn.at/panorama/oesterreich/rektor-paedagogischen-hochschule-noe-185360365" rel="noopener" target="_blank">APA-Meldung in den Salzburger Nachrichten vom 2.10.2025</a>.  Was ist passiert? Honni soit que mal y pense? Oder hat da wer gezündelt und der ganze Leuchtturm ist versehentlich abgebrannt? Nein, der Betrieb geht weiter. Aber es läuft wirklich eine handfeste Intrige dort ab, anders kann ich es leider nicht bezeichnen. Ich bin an der PHNÖ nur assoziierter Projektpartner, bin mit dem österreichischen Bildungssystem nicht so vertraut wie mit dem deutschen (siehe auch oben) und will grundsätzlich niemanden direkt anschwärzen. Doch ein paar Aspekte zu diskutieren sei erlaubt, weil es sich nicht nur um ein m.E. skandalöses Vorgehen gegen einen überaus geschätzten Kollegen handelt, sondern viele andere davon in Mitleidenschaft gezogen werden, und damit auch der ganze Leuchtturm stark beschädigt wird. Vor allem aber möchte ich dazu berichten, weil auch für das Unterrichten viel daraus gelernt werden kann. Ich versuche mich möglichst kurz zu fassen und verweise für Vertiefungen auf einige, unten angegebene Medienartikel, damit sich die Anthropozäniker-Leser*innen ihre eigene Meinung bilden können. Aus einigen Medienartikeln erlaube ich mir, kurze, als solche kenntlich gemachte Ausschnitte, wiederzugeben bzw. sie direkt im Text zu verlinken.</p> <p><strong><em>Zur Anschuldigung: <br></br></em></strong>Die in vielen Medien nachzulesenden Anschuldigungen lauten zusammengefasst so.  “<em>Das Bildungsministerium hat Erwin Rauscher, den Rektor der Pädagogischen Hochschule (PH) Niederösterreich, mit sofortiger Wirkung von seinem Amt abberufen. Das teilte das Ministerium von Christoph Wiederkehr (Neos) am Donnerstag in einer Aussendung mit. Grund dafür seien „schwerwiegende dienst- und strafrechtlich relevante Vorwürfe”</em> (aus: <a href="https://www.derstandard.at/consent/tcf/story/3000000290324/bildungsministerium-beruft-rektor-der-ph-niederoesterreich-ab-und-zeigt-ihn-an" rel="noopener" target="_blank">Der Standard vom 2.10.2025</a>). Weiter heißt es dort, „<em>es seien ‚fingierte Lehrveranstaltungen’ im Verwaltungssystem angelegt worden. .. Auch eine Strafanzeige sei eingebracht worden.” Dadurch sei wohl „ein mutmaßlicher Schaden in Höhe von mindestens 32.522 Euro entstanden</em>“. Die weiteren Details will ich nicht groß ausmalen. Nur soviel dazu: Es geht darum, dass dieses Verwaltungssystem vor allem für klassische Lehrveranstaltungen angelegt ist. Für alles andere, was Geld kostet, müsse man Lehraufträge abschließen. Dieses System ist also ähnlich unflexibel wie in Deutschland. Zusätzliche, gerade auch im Kontext der Lehre und des Lehrstudiums wichtige Aktivitäten, angefangen von Social Media-Training, über spezielle, neuartige Lehrprojekte (z.B. Monitoring draußen, Werkstattprojekte uvm) gelten formal nicht als klassische Lehre, wurden aber dennoch hier verbucht. Hätte man diese via Werksverträge abgeschlossen, wären etwa statt dieser 32.000 Euro Kosten von ca. 150.000 Euro entstanden (siehe hier <a href="https://www.oe24.at/oesterreich/chronik/niederoesterreich/verjagter-rektor-schlaegt-zurueck-habe-150-000-euro-eingespart/651567225">oe24 vom 7.10.2025</a>). (Vom gigantischen Verwaltungsaufwand, incl. „Ausschreiberitis” selbst für kleinste Vorhaben, oft unter der Missachtung von Wissenschaftsfreiheit und Lehrfreiheit mal ganz abgesehen, ich weiß, wovon ich spreche). Die PH NÖ hat somit also kräftig Kosten und Verwaltungsarbeit gespart. (Warum kommt mir da dieser Artikel in den Sinn, der darüber berichtet, dass unter diesem Bildungsminister das Ministerium in einem Monat 126.000 Euro für externe Beratung ausgegeben hat? Siehe hier: <a href="https://www.derstandard.at/consent/tcf/story/3000000275629/was-hinter-wiederkehrs-ueppigen-ausgaben-steckt" rel="noopener" target="_blank">Der Standard v. 26.6.2025</a>. Könnte es sein, dass Herr Rauscher ihm dies durch seine einsparende Abrechnung indirekt ermöglicht hat? Zynismus off). Das Ganze ist also ein verwaltungstechnisches, ein „legistisches” Problem, worauf auch der <a href="https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20251008_OTS0015/offener-brief-von-lehrenden-der-ph-noe-an-bm-wiederkehr-zur-abberufung-von-rektor-erwin-rauscher" rel="noopener" target="_blank">offene Brief der PH NÖ-Mitarbeiter*innen</a> (verantwortlich Prof. Christoph Hofbauer, ebenfalls PH NÖ) hinweist. Aber halt, angeblich machen es die anderen PHs ja überhaupt nicht so mit ihrer Abrechnung, solche Dummy-Veranstaltungen gäbe es da nicht, meint zumindest die derzeitige Vorsitzende der Rektor*innenkonferenz der österreichischen PHs, Prof. Beatrix Karl, ehemalige Justizministerin Österreichs, die nun selbst auch eine andere PH in Österreich leitet. Sie meinte dazu in der Kleinen Zeitung vom 10.10.2025: „<em>Eine Nachjustierung und mehr Flexibilität des Dienstrechts wäre wünschenswert, aber es funktioniert auch in seiner jetzigen Form. Es zwingt niemanden dazu, rechtswidrig zu agieren”</em> (<a href="https://www.kleinezeitung.at/oesterreich/20185027/eskalation-in-streit-um-geschassten-rektor-andere-phs-werden-gewarnt" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>). Nur dumm, dass im Kurier von 18.10.2025 (S. 5, Print, bzw. online <a href="https://www.pressreader.com/article/284279601309059" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>) ein Artikel mit dem Titel „<em>Fake-Kurse auch an der PH Steiermark?”</em> dazu herauskam. Oh, das ist ja die PH von Frau Karl. Hier nur der Teaser: „<em>Was in Niederösterreich zur Entlassung des Rektors führte, scheint andernorts auch System zu haben. An der PH Graz kann mal leicht 79 ‚Dummy’-Lehrveranstaltungen finden.”</em> Aha!</p> <p>Es gab übrigens auch eine interne Prüfung an der PHNÖ von all dem, die nichts Strafbares beanstandete. Und natürlich gibt es auch bei allgemein hervorragendem Arbeitsklima immer ein paar Ausnahmen. Und wenn mal Fehler passieren: Herrr Rauscher stellte sich immer auch vor evtl. Fehler anderer Mitarbeiter*innen und übernahm immer die Verantwortung. </p> <p>Ich muss nun zum Verständnis doch noch einmal auf Personelles eingehen. Sehr lange wurden alle Gesprächswünsche der Belegschaft mit dem Ministerium zur Causa Rauscher abgelehnt (drei unbeantwortete Schreiben an den Minister, sieben an die Sektionschefin), daraufhin gab es den oben erwähnten offenen Brief der Belegschaft ans Ministerium, was nach der Abberufung des Rektors doch noch zu einem Gespräch an der PHNÖ mit dem Generalsekretär des Ministers, Herrn Netzer, führte. Dieses Gespräch fand am 14.10.2025 statt und ist offensichtlich komplett entgleist;  ich war nicht dabei, mir wurde aber davon berichtet, und im schon oben erwähnten Artikel des Kurier vom 18.12.2025 wird auch dazu kommentiert; hier ein Ausschnitt daraus: „<em>Wie sehr die Nerven in der Causa Rauscher im Ministerium blank liegen, zeigt ein Vorfall bei einer Veranstaltung an der PH NÖ, bei der der Generalsektretär des Bildungsministeriums, Martin Netzer, seine Sicht der Causa Rauscher schilderte. Eine Hochschulprofessorin stellte dann in einer Wortmeldung fest, dass Rauscher immer ein umsichtiger Rektor gewesen sei, für ihn müsse jedenfalls die Unschuldsvermutung gelten. Netzer konterte scharf: ‚Ich bin erschüttert. Erschüttert über Ihr Rechtsverständnis. Und mache mir Sorgen, wenn Personen wie Sie mit diesem Rechtsverständnis unsere Lehrerinnen und Lehrer ausbilden.’</em>“</p> <p>Was soll man dazu sagen? Das war m.E. nichts anderes als eine „trumpeske” Bedrohung einer Professorin, die es wagte, die Unschuldsvermutung gerade auch für den honorigen Prof. Rauscher anzunehmen, bevor das Urteil in einem etwaigen Strafprozess gesprochen wird. Unglaublich! Mir wurde zusätzlich berichtet, das eine andere anwesende, schwangere Kollegin daraufhin ein medizinischer Notfall ereilte, so dass der Rettungsnotdienst gerufen werden musste. Mehr muss man zu diesem Auftritt wohl nicht sagen / schreiben.</p> <p><strong><em>Weitere Kollateralschäden und die Rolle der Politik<br></br></em></strong>Einer Person im Bildungsministerium scheint diese PH NÖ ein Dorn im Auge zu sein. Die PH NÖ kann offensichtlich mehr Forschungspublikationen als die anderen österreichischen PHs vorweisen und ist eben auch sehr innovativ: Anthropozän, Zukunftsaspekte, Werte, Verantwortung usw. usw.. Rektor Rauscher ist dabei keinesfalls eine „ultralinke” Socke, sondern ein wertebewusster, offener und kooperativer Mensch, dabei auch aktiver Christ, insgesamt fernab jeglicher Unterstellung von „<em>Wokeness”,</em> „Linksgrünversiffung” oder was auch immer für entsprechende Begriffe zur Demontage gewählt würden. Dennoch gab es schon im Sommer eine andere, ebenfalls absolut unnachvollziehbare heftige Rüge des Ministeriums für Rektor Rauscher. An einer mit der PH NÖ assoziierten Primarstufen-Schule war in einer Stellenausschreibung für eine Lehrkraft angegeben, dass auch Türkischkenntnisse sehr wichtig wären. Darauf gab es Reaktionen von ÖVP und FPÖ wie „<em>Deutsch müsse als Unterrichts- und Integrationssprache im Mittelpunkt stehen”</em> (ÖVP) und „<em>die Ausschreibung sei ‚unfair, unvernünftig und diskriminierend’ gegenüber heimischen Lehrkräften ohne Türkischkenntnisse. … ‚Deutsch [sei] auch in Pausen via Hausordnung durchzusetzen'”</em> (Landes-FPÖ), <a href="https://noe.orf.at/stories/3318144/" rel="noopener" target="_blank">siehe hier in ORF_at vom 18.8.2025</a>. Ja, genauso wie in Deutschland ist natürlich auch in Österreich an Volksschulen die Lehrsprache Deutsch, aber etliche der Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund, vor allem aber die Eltern dieser Kinder, haben oft Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Dass es solchen Familien überaus hilft bzw. sie z.T. sogar nur dann erreichbar sind, wenn sie in Gesprächen ggf. auch in der Heimatsprache sprechen können, ist doch bekannt. Damit ist dieser Wunsch nach Türkischkenntnissen absolut sinnvoll.</p> <p>Der junge Bundesminister ist von der Partei der NEOS (einer Abspaltung der FPÖ, <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/politiklexikon/17792/liberales-forum-neos/" rel="noopener" target="_blank">siehe hierzu die Bundeszentrale für politische Bildung, Deutschland</a> (schon etwas älter)); einen <a href="https://www.diepresse.com/19458600/zib-2-die-radikale-gesinnungsaenderung-des-christoph-wiederkehr" rel="noopener" target="_blank">Beitrag zum neuen Bildungsminister Österreichs von ORF-TV, ZIB 2 (vom 11.3.2025) gibt es hier</a>. Der langjährige Generalsekretär Netzer des Bildungsministeriums ist gleichzeitig auch noch Sektionschef der Präsidialsektion des Ministeriums, es steht aber offensichtlich ein Wechsel an; der Minister möchte seinen bisherigen Kabinettschef, Huber, zum Generalsekretär machen (<a href="https://www.diepresse.com/20188544/was-neos-personalien-mit-dem-streit-um-ph-rektor-rauscher-zu-tun-haben" rel="noopener" target="_blank">siehe Die Presse vom 10.10.2025</a>). Tendenzen, wonach von den Organisationsplänen bis zu den Curricula der PH’s möglichst Einheitlichkeit dominieren müsse, kann ich nur als Angriff auf die Themen Anthropozän und Zukunft interpretieren, die eben eine neue, aber überaus notwendige Sicht- und Denkweise schulen. </p> <p><strong><i>Bewertung der Causa Rauscher?<br></br></i></strong>Ich maße mir als Nichtjurist nicht an, eine juristische Bewertung des Vorgangs vorzunehmen. Ich wollte mit obigen Gedanken vor allem anregen, die wichtige Rolle der frühen schulischen Ausbildung für unsere vielfältigen, in neuer Weise anzugehenden Zukunftsherausforderungen zu betonen, aber auch darauf hinzuweisen, wie schnell derartiges Vorgehen aus unterschiedlichsten Gründen in Misskredit gebracht werden kann. Hierbei stellt leider auch die gewisse Einseitigkeit von Vorwürfen mit Hilfe der Medien, ohne die Gegenseitig in voller Weise darzustellen, offensichtlich eine zusätzliche Herausforderung dar. Aber jede*r kann sich hierzu ein eigenes Bild erstellen, so denke ich.</p> <p>Statt eines weiteren Fazits zur Bewertung der Causa Rauscher erlaube ich mir lieber, ein paar Zitate hier anzufügen:</p> <p>a) „<em>Für Erwin Rauscher dreht sich immer alles um die Menschen. Für ihn ist seine Hochschule daher zwar ein besonderer Ort, vielmehr und unverzichtbar aber besteht sie aus dem großen Team der PH-NÖ-Mitarbeiter/innen. Sie sind das starke Fundamentum; auf sie, für sie und mit ihnen hat er diese Hochschule gebaut und gestaltet sie beharrlich weiter, in wechselseitigem Respekt und Vertrauen fördert er ihr Wirken nach Kräften, die Unterstützung und Entwicklung jedes und jeder Einzelnen liegt ihm am Herzen. Er macht Mut für das kreative Verknüpfen von Wissen, das Denken in Alternativen und Zusammenhängen, das Überwinden alter Kausalitätsmuster und Infragestellen herkömmlicher Gewissheiten und Schlussfolgerungen – für visionäres Denken und Imaginationsfähigkeit schlechthin.</em>” (aus Schörg 2020 im Hinführungsartikel der damaligen PHNÖ-Vizerektorin Christine Schörg zur Festschrift von Herrn Rauschers 70 Geburtstag. Zu Glückwünschen weiterer Personen an Herrn Rauscher siehe im selben Band: Mikl-Leitner et al. (2020) (siehe auch Abb. 4 und 5).</p> <p><em><span>b) „Gerechtigkeit, Unvoreingenommenheit und das Prinzip der Fairness sind Grundpfeiler unseres demokratischen Staatsgefüges … Im Wirbel um die PH NÖ, der nun am 2.10.2025 in der Abberufung von Rektor Erwin Rauscher gipfelte, ist dieser Grundsatz missachtet worden. </span><span>Lehrende und Studierende der PH NÖ haben seit Mai 2025 wiederholt an Sie appelliert, auch jene zu hören, die hier gerne arbeiten – aber von einem Dienstrecht betroffen sind, das fachlich-organisationale Tätigkeiten nicht berücksichtigt. Wir wurden abgewiesen oder es kam keine Reaktion. .. </span></em><span><em>Das Dienstrecht lässt hier keine andere Möglichkeit als ein „Hilfskonstrukt“ zur Abgeltung der Administration und Organisation zu – welches jedenfalls an vielen anderen Hochschulen ebenfalls im Einsatz ist</em>.” <br></br>Auszug aus dem <a href="https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20251008_OTS0015/offener-brief-von-lehrenden-der-ph-noe-an-bm-wiederkehr-zur-abberufung-von-rektor-erwin-rauscher" rel="noopener" target="_blank">Offenen Brief von Lehrenden der PH NÖ an Bildungsminister Wiederkehr zur Abberufung von Rektor Erwin Rauscher</a> (vom 8.10.2025) (Rückfragen und Kontakt Prof. Christoph Hofbauer, PH NÖ). </span></p> <div title="Page 1"> <div> <div> <div> <p><em><span>c) „</span>Der jahrzehntelange Rektor der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich, Erwin Rauscher, wurde suspendiert. Er hätte ein System technisch so programmiert, dass Leistungen, die tatsächlich erbracht wurden, nicht mit dem formal richtigen Etikett versehen wurden. So wurde die Betreuung von Sozialen Medien auch als Lehre verbucht. Jeder, der auf der Höhe der Zeit ist, weiß, dass mittlerweile Lehre mehr ist, als vor 25 Personen zu stehen und Monologe zu halten. Es gibt verschiedenste Möglichkeiten, Lehrinhalte, im besten Fall interaktiv, zu vermitteln.</em></p> <ul> <li><em><span>Anstatt real erbrachte Leistungen extern zu vergeben, wurden die Leistungen intern und billiger erbracht.</span></em></li> <li><em><span>Anstatt in einer budgetär taumelnden Republik dem Rektor ein Lobschreiben zukommen zu lassen, werden formale Mängel in der Art der Verbuchung festgestellt.</span></em></li> <li><em><span>Anstatt in Spalte A wurde eine tatsächlich erbrachte Leistung in Spalte B eingetragen – und sicher nicht vom Rektor selbst.</span></em></li> <li><em><span>Anstatt dies in der gebotenen verhältnismäßigen Weise zu lösen, nämlich durch einen Hinweis, diese Leistung sei anders zu buchen, passiert Folgendes:</span></em></li> </ul> <div title="Page 1"> <div> <div> <div> <p><em>Ein seit Jahrzehnten über das durchschnittliche Maß hinaus engagierter Mann, der Inbegriff eines integren Menschen, ein Mensch, der für das Bildungssystem und für die Republik Österreich Unbezahlbares geleistet hat, der sich persönlich so weit engagiert, dass er nicht mit 65 Jahren in Pension geht, sondern stattdessen bis zu seinem 75. Lebensjahr voll weiterarbeitet, wird mit Schimpf und Schande davongejagt.</em></p> <div title="Page 2"> <div> <div> <div> <p><em>Wie schon Hannes Androsch sagte: Wenn man einen Hund schlagen möchte, dann findet man einen Stock dazu. Hingegen ist kein Fall eines Beamten überliefert, der aufgrund völliger Untätigkeit jemals suspendiert worden wäre. Es häufen sich jedoch die Fälle, dass über viele Jahre engagierte Beamte, besonders Ausnahmetalente, die in ihrem Leben bereits wiederholte Male Topleistungen erbracht haben, von noch nie positiv in Erscheinung getretenen Heckenschützen erlegt werden. Der unqualifizierte Neuling richtet die hoch integre erfahrene Person durch kabinettsjustizielle Vorverurteilung hin. Attackiert werden heutzutage jene, die etwas erreicht und geleistet haben. Leute, die sich meist vom Durchschnitt abheben. Dieser Mann soll nie mehr die Durchschnittlichkeit Österreichs stören. ….<span>Die Besten werden entfernt. …</span></em></p> <div title="Page 3"> <div> <div> <div> <p><em>Die Botschaft lautet: Sei möglichst inaktiv und ja nicht innovativ, denn durch eine falsche Buchung stehen die Pseudoanzeige und der Rufmord ins Haus. Und nur keine Innovation, denn bei neuen Initiativen ist das Risiko viel höher, Fehler zu machen.</em>“<br></br>Auszüge aus <a href="https://www.andreas-unterberger.at/m/2025/10/leistungstrger-raus-zur-skandalsen-intrige-gegen-erwin-rauscher/" rel="noopener" target="_blank">“<span>Leistungsträger raus! Zur skandalösen Intrige gegen Erwin Rauscher”, Gastbeitrag </span>von Franz Schabhüttl, 12.10.2025 auf das-tagebuch-at</a> (Blog von Andreas Unterberger)</p> <p>d) Und hier nochmals meine Kurz-Charakterisierung des Rektors von weiter oben (Leinfelder 28.10.2025)<br></br><em>Überaus vieles verdankt [die PH] der Unterstützung durch Rektor Rauscher, den ich als überaus offenen, konstruktiven, dialogbereiten, sympathischen, wissensdurstigen, unkonventionellen, unterstützenden, fördernden und alle mitnehmenden Menschen kennen und überaus schätzen lernte. Hätten doch viel mehr Führungspersonen so ein “Kaliber”!</em>“</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo.jpg"><img alt="" decoding="async" height="728" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1100px) 100vw, 1100px" src="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo.jpg 1100w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo-300x199.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo-1024x678.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo-768x508.jpg 768w" width="1100"></img></a></p> <p><span>Abb 5: Danke, lieber Herr Rauscher!  (aus Schörg 2020, Grafik von Leopold Maurer)</span></p> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> <h3>5. Versuch eines Fazits: </h3> <p>Dem Anthropozän-Konzept wird ja häufig unterstellt, es sei ein Ansatz zur Untersuchung des Erdsystems und ergäbe wegen der immensen Unterschiede zu den weiteren Epochen des Quartärs als Konsequenz eine Notwendigkeit zur Ausrufung einer neuen erdgeschichtlichen Epoche, dem Anthropozän. Damit sei es ja ausschließlich naturwissenschaftlich. Dass dies so keinesfalls stimmt, ist in diesem Blog schon häufig behandelt worden. Was nützt ein analytischer Befund, wenn dieser dem Patienten nicht erläutert wird?  Was nützt es, wenn ggf. keine Behandlung verordnet wird? Was nützt die Empfehlung einer Behandlung, wenn diese dann nicht durchgeführt wird? Was nützt eine tatsächlich begonnene Behandlung, wenn sie zu früh abgebrochen wird bzw. weitere Behandlungsnotwendigkeiten der systemischen Erkrankung des Systems nicht umgesetzt werden? </p> <p>Daher sind neue Narrative und Metaphern (siehe z.B.  <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/narrative/">hier im Blog</a>) im Kontext der Verantwortungs-Metaebene der Anthropozän-Konzeptes so wichtig (dazu <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/das-anthropozan-was-bin-ich-und-wenn-ja-wie-viele/" rel="noopener" target="_blank">hier im Blog</a>, siehe auch Leinfelder 2022, Abb. 3). Und dazu gehört eben auch die Bildung, beginnend beim jungen Schulkind bis hin zum lebenslangen Lernen, weswegen etwa das mit der Kooperation mit der PHNÖ entstandene Mutmachbuch so wichtig ist (s. Abb. 2), sowie die vielen weiteren innovativen Aktivitäten der PHNÖ mit dieser Altersgruppe. Andererseits ist Bildung ohne entsprechendes Umdenken im Handeln auch nicht ausreichend. Gerade daher sind neue Lernformen, bei denen – etwa im Sinne des Design Thinking-Ansatzes oder von Naturlaborlernorten (s. Abb 3)- die Schüler*innen selbst versuchen, Probleme zu erkennen, dann vielfältige Möglichkeiten der evtl. Lösung konstruktiv miteinander zu diskutieren, dann auszuprobieren, sich dabei von Spezialisten  helfen zu lassen, Fortschritte und Fehlversuche zu erkennen und zu analysieren und dann eben iterativ unter Modifikationen weiterzumachen, so wichtig für die Zukunftsgestaltung. Dazu sind KulturNatur-Kompetenz, Zukünftekompetenz, darunter auch Imaginationsvermögen und vieles mehr notwendig. Vielfältigste, oben und andernorts hier im Blog erwähnte, erweiterte Lehrformen sind hier sinnvoll und sollten fest in die Bildungslandschaften mit eingebaut werden – all dies bieten die Forschungs-, Lehr- und Schulausbildungsaktivitäten der PH-NÖ-Teams und ihres Rektors in herausragender Weise.</p> <p>Dies alles mag sehr nachvollziehbar klingen, wenn es dann aber um die entsprechenden Themen geht, wie eben Zukünfte im Anthropozän, ist das Erschrecken oft groß. Altbekanntes verlassen? Keine klaren Zuständigkeiten (in Bereichen, Fächern etc.), wer soll’s machen? Und dann auch keine Polarisierungen, keine simplifizierten externe Schuldzuweisungen als Selbstentschuldigung für Nichtstun? Dann ist vielen ein <em><span>„</span>Jetzt möchte ich möglichst gut leben, nach mir zwar vielleicht nicht gleich die Sintflut, aber da wird der neuen Generation dann schon noch etwas einfallen</em>” doch lieber. Auf all dies wollte ich einerseits im Sinne einer Zusammenfassung von bereits häufig Gesagtem, andererseits aber insbesondere auch am konkreten Beispiel für beeindruckende neue Ansätze, sowie leider dann auch an der, wie in diesem Falle, extrem vehementen Opposition dagegen, hier klarmachen. Und auch die Aussage vom verstorbenen Politiker Hannes Androsch sollte ein Augenöffner sein: “<em>Wenn man einen Hund schlagen möchte, dann findet man einen Stock dazu”</em> (s.o.). Der hochverdiente Rektor der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich, Prof. DDr. Erwin Rauscher ist dazu nicht der Richtige.</p> <p>Vielen Dank! Konstruktive Kommentare sind sehr erwünscht. </p> <p><em>Version 1a vom 28.10.2025<br></br>Version 1b vom 30.10.2025 mit einer Ergänzung im Intro-Kapitel sowie kleineren Korrekturen (v.a. Rechtschreibung und Layout)</em></p> <h4>Literaturverzeichnis</h4> <p>Cardoso, G., Kersting, D., Brachert, T., Heiss, G., Leinfelder, R., Maréchal, J.-P., D’Olivo, J.-P. (2025): Emerging skeletal growth responses of <em>Siderastrea siderea</em> corals to multidecadal anthropogenic impacts in Martinique, Caribbean Sea.- Nature Scientific Reports, 15, 23127 2025, doi: 10.1038/s41598-025-08709-5, <a href="https://www.nature.com/articles/s41598-025-08709-5" rel="noopener" target="_blank">nature.com/articles/s41598-025-08709-5</a></p> <p>Hangartner, U., Keller, F., Öechslin, D. (Hg) (2013): Wissen durch Bilder. Sachcomics als Medien von Bildung und Information, 330 S., Kultur und Medientheorie, Bielefeld (Transcript-Verlag)</p> <p>Hamann, A., Zea-Schmidt, C. &amp; Leinfelder, R. (Hrsg.) (2013): Die Große Transformation. Klima – Kriegen wir die Kurve? – 144 S., Stuttgart (Jakoby&amp; Stuart). ISBN 978-3-941087-23-1 (<a href="https://www.wbgu.de/de/publikationen/publikation/the-great-transformation" rel="noopener" target="_blank">download engl. Ausgabe siehe hier</a>)</p> <p>Hamann, A., Leinfelder, R., Trischler, H. &amp; Wagenbreth, H. (Hrsg.) (2014): Anthropozän – 30 Meilensteine auf dem Weg in ein neues Erdzeitalter. Eine Comic-Anthologie, 82 S., München (Verlag Deutsches Museum) (zur Online-Version der Meilensteine <a href="https://mintwissen.com/Anthropozan-Meilensteine" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>)</p> <p>Hamann, A., Leinfelder, R, Shimizu, M. (2024, 2nd Ed): Taming Time. A Golden Spike for the Anthropocene. A Science Graphic Novel.- 105 pp., eBook, Refubium Open Access-Server, Freie Universität Berlin, <a href="http://dx.doi.org/10.17169/refubium-40617.2" rel="noopener" target="_blank">http://dx.doi.org/10.17169/refubium-40617.2</a>, (Info blog: <a href="https://tamingtime.de" rel="noopener" target="_blank">https://tamingtime.de</a>)</p> <p>Heydenreich, C. (Hg) (2019): Comics und Naturwissenschaften, 273 S., Berlin (<a href="http://www.christian-bachmann.de/b_comfor5.html" rel="noopener" target="_blank">CH.A. Bachmann-Verlag</a>).</p> <p>Laibl, M. &amp; Jegelka, C. (in Coop. m. R. Leinfelder) (2022): WErde wieder wunderbar. 9 Wünsche fürs Anthropozän. Ein Mutmachbuch, 64 S., Edition Nilpferd, G&amp;G-Kinderbuchverlag (Wien). ISBN: 978-3-7074-5272-3, <a href="http://wwww.werdewiederwunderbar.com/" rel="noopener" target="_blank">Infos und Ressourcen</a>,  <a href="https://www.ph-noe.ac.at/fileadmin/root_phnoe/MitarbeiterInnen/Carmen_Sippl/PM_Laibl_Erde_FJ2022.pdf" rel="noopener" target="_blank">Ausschnitte, incl. Geleitwort</a></p> <p>Leinfelder, R. (2010a): Vom Handeln zum Wissen – das Museum zum Mitmachen.- In: Damaschun, F., Hackethal, S., Landsberg, H. &amp; Leinfelder, R. (eds.)(2010): Klasse, Ordnung, Art. 200 Jahre Museum für Naturkunde, S. 62-67, Rangsdorf (Basilisken-Presse)<span> </span></p> <p>Leinfelder, R.R. (2010b): Die wunderbare Natur.- In: Bödeker, K. &amp; Hammer, C. (eds.), Wunderforschung – Ein Experiment von Kindern, Wissenschaftlern und Künstlern, S. 54-62, Berlin (Nicolai-Verlag)</p> <p>Leinfelder, R. (2014): Das Haus der Zukunft (Berlin) als Ort der Partizipation.- Der Anthropozäniker, SciLogs, Spektrum der Wissenschaften-Verlag (20 S., 24 Abb.), <a href="http://www.scilogs.de/der-anthropozaeniker/haus-zukunft-berlin/" rel="noopener" target="_blank">http://www.scilogs.de/der-anthropozaeniker/haus-zukunft-berlin/</a> (oder direkt <a href="https://doi.org/10.13140/2.1.2720.5920" rel="noopener" target="_blank">zur pdf-Version, DOI: 10.13140/2.1.2720.5920</a></p> <p>Leinfelder, R. (2016): Das Haus der Zukunft (Berlin) als Ort der Partizipation.- In: Popp, R., Fischer, N., Heiskanen-Schüttler, M., Holz, J. &amp; Uhl, A. (ed.), Einblicke, Ausblicke, Weitblicke. Aktuelle Perspektiven der Zukunftsforschung, S. 74-93, Berlin, Wien etc. (LIT-Verlag)</p> <p>Leinfelder, R. (2018a): Nachhaltigkeitsbildung im Anthropozän – Herausforderungen und Anregungen. In: LernortLabor – Bundesverband der Schülerlabore e.V. (Hrsg), MINT-Nachhaltigkeitsbildung in Schülerlaboren – Lernen für die Gestaltung einer zukunftsfähigen Gesellschaft, S. 130-141, Berlin, ISBN 978-3-946709-02-2. (<a href="https://www.researchgate.net/publication/323934863_Nachhaltigkeitsbildung_im_Anthropozan_-_Herausforderungen_und_Anregungen" rel="noopener" target="_blank">check reprint via RG</a>)</p> <p>Leinfelder, R. (2018b): Das Anthropozän. Ein integratives Wissenschafts- und Bildungskonzept.- Gemeinsam lernen. Zeitschrift für Schule, Pädagogik und Gesellschaft. 3/2018 (Themenheft Global Goals), S. 8-14, Schwalbach/Ts (Debus). (check <a href="https://www.researchgate.net/publication/326380990_Das_Anthropozan_Ein_integratives_Wissenschafts-_und_Bildungskonzept" rel="noopener" target="_blank">Reprint via Researchgate</a>)</p> <p>Leinfelder , R. (2019): Using the state of reefs for Anthropocene stratigraphy: An ecostratigraphic approach.- In: Jan Zalasiewicz, Colin Waters, Mark Williams, Colin Summerhayes, (eds), The Anthropocene as a Geological Time Unit. A Guide to the Scientific Evidence and Current Debate, pp. 128-136, Cambridge (Cambridge University Press), <a href="https://www.cambridge.org/de/academic/subjects/earth-and-environmental-science/sedimentology-and-stratigraphy/anthropocene-geological-time-unit-guide-scientific-evidence-and-current-debate?format=HB" rel="noopener" target="_blank">ISBN 9781108475235</a>, <a href="https://www.researchgate.net/publication/331608833_Using_the_state_of_reefs_for_Anthropocene_stratigraphy_An_ecostratigraphic_approach" rel="noopener" target="_blank">RG-availability?</a></p> <p>Leinfelder, R. (2020a): Von der Umwelt zur Unswelt – Das Potenzial des Anthropozän-Konzeptes für den Schulunterricht. In: Schörg, Ch. &amp; Sippl, C. (Hrsg.): Die Verführung zur Güte. Beiträge zur Pädagogik im 21. Jahrhundert. Festschrift für Erwin Rauscher, Pädagogik für Niederösterreich, Band 8, S. 81-97, Innsbruck, Wien (StudienVerlag). print: ISBN 978-3-7065-4967-7.  online access download des ganzen Festbands <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.140" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.53349/oa.2022.a2.140</a></p> <p>Leinfelder, R. (2020b): Das Anthropozän – mit offenem Blick in die Zukunft der Bildung. In: Sippl, C.Rauscher, E.&amp; Scheuch, M. (Hrsg.): Das Anthropozän lernen und lehren, S. 17-65, Pädagogik für Niederösterreich, Band 9, Innsbruck, Wien (StudienVerlag), print ISBN 978-3-7065-5598-2, ebook EAN 9783706560832. Open-access download des ganzen Buchs <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.130">doi: 10.53349/oa.2022.a2.130</a>.</p> <p>Leinfelder, R. (2021): Die Zukunft im Museum ausstellen?.- In: Mohr, Henning &amp; Modarressi-Tehrani, Diana (Hsg.) Museen der Zukunft. Trends und Herausforderungen eines innovationsorientierten Kulturmanagements. S. 363-399, Bielefeld (<a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-4896-6/museen-der-zukunft/" rel="noopener" target="_blank">Transcript-Verlag, ISBN 978-3-8376-4896-6</a> (ebook/print)</p> <p>Leinfelder, R. (2022): “Auch Maschinen haben Hunger” – Biosphäre als Modell für die Technosphäre im Anthropozän.- In: Carmen Sippl &amp; Erwin Rauscher. (Hrsg.) <a href="https://www.studienverlag.at/produkt/6180/kulturelle-nachhaltigkeit-lernen-und-lehren/">Kulturelle Nachhaltigkeit lernen und lehren</a>. Reihe: Pädagogik für Niederösterreich, Bd. 11, S.S 489-521 Innsbruck, Wien (StudienVerlag), ISBN 978-3-7065-6180-8 open-access eBook des gesamten Buchs via <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.110" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.53349/oa.2022.a2.110</a>.</p> <p>Leinfelder, R. (2023): Die Zukunft als Skalen- und Perspektivenproblem – Tiefenzeit-Einsichten, Szenarien und Partizipation als Grundlage für Futures Literacy.- In: Sippl, C., Brandhofer, G. &amp; Rauscher, E. (eds.), Futures Literacy – Zukunft lernen und lehren. Pädagogik für Niederösterreich, Bd. 13, 35-60. Innsbruck, Vienna (StudienVerlag); Open access ebook des Bands:  <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.170" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.53349/oa.2022.a2.170</a>.</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Hamann, A. (2019): Das WBGU-Transformations-Gutachten als Sachcomic – ein neuer Wissenstransferansatz für komplexe Zukunftsthemen?.- In: Heydenreich, C. (ed.): Comics und Naturwissenschaften, S. 127-147, Berlin (<a href="http://www.christian-bachmann.de/b_comfor5.html" rel="noopener" target="_blank">CH.A. Bachmann-Verlag</a>).</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Hamann, A. (2025, in press): Imagining the Anthropocene with Images. The Potential of Slow-Media for Co-Designing Futures.- In: Sippl, C, Capatu, I. &amp; Krebs, R.E. (eds), Es wird einmal – Wissen schaffen – Zukünfte erzählen, Pädagogik für Niederösterreich, Bd. 17, (13.Nov.2025), Innsbruck, Wien. (StudienVerlag) (<a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/futures-literacy/sparkling-science-projekt" rel="noopener" target="_blank">Info</a>)</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Föhr, T. (2015): Auf dem Weg ins Haus der Zukunft. Extrablatt, Nr. 1 vom 10.6.2015., Haus der Zukunft gGmbH (Berlin). Faltblatt, 4 S., doi: <a href="https://doi.org/10.13140/RG.2.1.5074.9606" rel="noopener" target="_blank">10.13140/RG.2.1.5074.9606;</a> (bzw. 24S Präsentationsfassung: <a href="https://userpage.fu-berlin.de/leinfelder/palaeo_de/leinfelder/pdfs/HdZExtrablatt_24S.pdf" rel="noopener" target="_blank">download</a>)</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Lehmann, R. (2015): Das Anthropozän-Konzept. Ein neuer Ansatz für fachübergreifende Umweltbildung.- In: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt (Hrsg), Umweltbildung für Berlins biologische Vielfalt – nachhaltig und zielgruppenorientiert. Dokumentation der Berliner Umweltbildungskonferenz vom 4. September 2014, Rotes Rathaus, Berlin, S. 34-37, doi: <a href="https://doi.org/10.13140/RG.2.1.3540.8089" rel="noopener" target="_blank">10.13140/RG.2.1.3540.8089</a></p> <p>Leinfelder, R. &amp; Sippl, C. (2023a): CNL &amp; Anthropozän. Welche Impulse bietet das Anthropozän als Denkrahmen für CultureNature Literacy? – In: Sippl, C. &amp; Wanning, B. (Hrsg.) (2023): CultureNature Literacy (CNL). Schlüsselkompetenzen für Zukunftsgestaltung im Anthropozän. Ein Handbuch für den Theorie-Praxis-Transfer in Schule und Hochschule, S.41-49, Baden: Pädagogische Hochschule Niederösterreich, <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2023.a1.210" rel="noopener" target="_blank">DOI: 10.53349/oa.2023.a1.210</a> (op.acc. for entire eBook).</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Sippl, C. (2023b): CNL &amp; Wissenschaftskommunikation. Wie lassen sich komplexe Mensch-Natur-Beziehungen verständlich kommunizieren? -In: Sippl, C. &amp; Wanning, B. (Hrsg.) (2023): CultureNature Literacy (CNL). Schlüsselkompetenzen für Zukunftsgestaltung im Anthropozän. Ein Handbuch für den Theorie-Praxis-Transfer in Schule und Hochschule, S.142-152,Baden: Pädagogische Hochschule Niederösterreich, <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2023.a1.210" rel="noopener" target="_blank">DOI: 10.53349/oa.2023.a1.210</a> (op.cc. for entire eBook).</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Zinfert, M. (2015): Zukunftsbilder – Unsichtbares sichtbar machen. In: Zechlin, R. (ed) Wie leben? Zukunftsbilder von Malewitsch bis Fujimoto, (Ausstellungskatalog-Wilhelm Hack-Museum, Ludwigshafen), S. 16-29, (also in english: Images of the Future. Making the Invisible Visible), Köln (Wienand-Verlag), ISBN 978-3-86832-303-0</p> <p>Leinfelder, R., Adeney Thomas, J., Vidas, D., Williams, M. &amp; Zalasiewicz, J. (2024): Geoethics and the Anthropocene: Five Perspectives.- In: Silvia Peppoloni &amp; Giuseppe Di Capua (eds): Chap. 6; Geoethics for the Future: Facing Global Challenges, pp 69-83, chap. doi: <a href="https://doi.org/10.1016/B978-0-443-15654-0.00005-0" rel="noopener" target="_blank">10.1016/B978-0-443-15654-0.00005-0</a> (Elsevier, ISBN 978-0443156540), 69-83, (<a href="https://www.geoethics.org/geoethics-for-the-future-elsevier" rel="noopener" target="_blank">Book Info</a>)</p> <p>Leinfelder, R. Hamann, A., Jens Kirstein, J. &amp; Schleunitz, M. (Hrsg.)(2016): Die Anthropozän-Küche. Matooke, Bienenstich und eine Prise Phosphor – in zehn Speisen um die Welt. 248 S., Berlin, Heidelberg Springer-Verlag. ISBN 978-3-662-49871-2 (<a href="https://mintwissen.com/Eating-Anthropocene" rel="noopener" target="_blank">Info</a>)</p> <p>Leinfelder, R., Hamann, A. &amp; Kirstein, J. (2015): Wissenschaftliche Sachcomics: Multimodale Bildsprache, partizipative Wissensgenerierung und raumzeitliche Gestaltungsmöglichkeiten.- in: Bredekamp, H. &amp; Schäffner, W. (Hrsg.)(2015): Haare hören, Strukturen wissen, Räume agieren. Berichte aus dem Interdisziplinären Labor Bild-Wissen-Gestaltung, S. 45-59, Bielefeld (transcript-Verlag); ISBN 978-3-8376-3272-9 (Open access für gesamtes Buch <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-3272-9/haare-hoeren-strukturen-wissen-raeume-agieren/?number=978-3-8394-3272-3" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>)</p> <p>Leinfelder, R., Hamann, A., Kirstein, J. &amp; Schleunitz, M. (Hrsg.) (2017): Science meets Comics.- Proceedings of the Symposium on Communicating and Designing the Future of Food in the Anthropocene. With contributions by Jaqueline Berndt, Anne-Kathrin Kuhlemann, Toni Meier, Veronika Mischitz, Stephan Packard, Lukas Plank, Nick Sousanis, Katerina Teaiwa, Arnold van Huis, and the editors. 117 pp, Berlin (<a href="http://www.christian-bachmann.de/b_sciencemeets.html" rel="noopener" target="_blank">Ch. Bachmann publ.</a>)(4 April 2017); Open Access version: <a href="http://doi.org/10.5281/zenodo.556383" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.5281/zenodo.556383</a></p> <p>Leinfelder, R., Kull, U. &amp; Brümmer, F. (Hrsg.)(1998): Riffe – ein faszinierendes Thema für den Schulunterricht.-Materialien für die Fächer Biologie, Erdkunde und Geologie, Profil, 13, 150 S. (2nd ed 2002, ebook <a href="https://www.researchgate.net/profile/Reinhold-Leinfelder/publication/260069283_Riffe_-ein_faszinierendes_Thema_fur_den_Schulunterricht_Materialien_fur_die_Facher_Biologie_Erdkunde_und_Geologie/links/0c96052f4b801bee4a000000/Riffe-ein-faszinierendes-Thema-fuer-den-Schulunterricht-Materialien-fuer-die-Faecher-Biologie-Erdkunde-und-Geologie.pdf" rel="noopener" target="_blank">-&gt; download via ResearchGate</a>)</p> <p>Leinfelder, R.R., Maaßen, Ch. &amp; Püschel, H. (2007): Das Thema “Riffe” im Schulunterricht. Informationen, Anregungen, Erfahrungen.- In: Stritzke, R. (coord.), Geologie macht Schule, scriptum, 14, S. 32-51, Geol.Dienst NRW, <a href="https://www.gd.nrw.de/pdf/Scriptum14_scr.pdf" rel="noopener" target="_blank">https://www.gd.nrw.de/pdf/Scriptum14_scr.pdf</a> (für ganzes Heft)</p> <p>Leinfelder, R., Rauscher, E. &amp; Sippl, C. (2025, in press): Die Vierfalt der Weltverantwortung, Lernen und Lehren für nachhaltige Zukünfte im Anthropozän.- In: Sippl, C, Capatu, I. &amp; Krebs, R.E. (Hrsg), Es wird einmal – Wissen schaffen – Zukünfte erzählen, Pädagogik für Niederösterreich, Bd. 17, (13.Nov.2025), Innsbruck, Wien. (StudienVerlag) (<a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/futures-literacy/sparkling-science-projekt" rel="noopener" target="_blank">Info</a>)</p> <p>Mikl-Leitner, J., Teschl-Hofmeister, C., Henzinger, Thomas A., Schnabl, C. &amp; Mettinger, A. (2020): Glückwünsche.- In: Schörg, Ch. &amp; Sippl, C. (Hrsg.): Die Verführung zur Güte. Beiträge zur Pädagogik im 21. Jahrhundert. Festschrift für Erwin Rauscher, Pädagogik für Niederösterreich, Band 8, S. 37-42, Innsbruck, Wien (StudienVerlag). print: ISBN 978-3-7065-4967-7.  online access download des ganzen Festbands <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.140" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.53349/oa.2022.a2.140</a></p> <p>Rauscher, Erwin (2020). Unswelt als Wirwelt. Anthropozän – Herausforderung für Schulleitungshandeln. In Carmen Sippl, Erwin Rauscher &amp; Martin Scheuch (Hrsg.), Das Anthropozän lernen und lehren (S. 181–202). Studienverlag. (Pädagogik für Niederösterreich, 9) – DOI: <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.130" rel="noopener" target="_blank">10.53349/oa.2022.a2.130</a></p> <p>Rauscher, E. (2022): Wenn nicht die Schule, wer dann? Zukunftsfähigkeit als Bildungsverantwortung im Anthropozän. In Carmen Sippl &amp; Erwin Rauscher (Hrsg.), Kulturelle Nachhaltigkeit lernen und lehren (S. 273–305). Studienverlag. (Pädagogik für Niederösterreich, 11) – DOI: <a href="http://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.110" rel="noopener" target="_blank">10.53349/oa.2022.a2.110</a></p> <p>Rost, A. (2014): Konzeption und Evaluierung von fächerübergreifenden Forscherheften zum Biodiversitätsmonitoring – Beeinflusst eine Intervention das systemische Denken?- 302 S., Dissertation, Freie Universität Berlin (AG Geobiologie und Anthropozänforschung). Op.Acc. <a href="https://refubium.fu-berlin.de/bitstream/handle/fub188/10721/Rost_Anneli.diss.pdf" rel="noopener" target="_blank">https://refubium.fu-berlin.de/bitstream/handle/fub188/10721/Rost_Anneli.diss.pdf</a></p> <p>Schörg, C. (2020): Vom Kreidekreis zum Themen-Reigen. Eine Hinführung. In: Schörg, Ch. &amp; Sippl, C. (Hrsg.): Die Verführung zur Güte. Beiträge zur Pädagogik im 21. Jahrhundert. Festschrift für Erwin Rauscher, Pädagogik für Niederösterreich, Band 8, S. 9-22, Innsbruck, Wien (StudienVerlag). print: ISBN 978-3-7065-4967-7.  online access download des ganzen Festbands: Doi: <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.140" rel="noopener" target="_blank">10.53349/oa.2022.a2.140</a></p> <div title="Page 25"> <div> <div> <div title="Page 25"> <div> <p>Sippl, C., Tengler, K., Capatu, I., Krebs, R.E. &amp; Wittmann, A (2025): Die Zukunft des Bodens – Eine Pilotstudie zur Förderung von Zukünftedenken in der Primarstufe im methodischen Format der Zukünftewerkstatt.- R&amp;E-SOURCE 12. Jg. (2025)(Nr. 4):93 – 116, DOI: 10.53349/re-source.2025.i4.a1486</p> <p>Steinmüller, K. (2011): Weshalb Szenarien? (Grafik). In Autorenkollektiv Internet &amp; Gesellschaft Co:llaboratory (Hrsg.), Gleichgewicht und Spannung zwischen digitaler Privatheit und Öffentlichkeit (S. 58). Publikationen UB Uni Frankfurt -&gt; <a href="https://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/opus4/frontdoor/deliver/index/docId/27240/file/13510754.pdf" rel="noopener" target="_blank">pdf download</a>.</p> </div> </div> </div> </div> </div> <p>Trégarot, Ewan, Elena Allegri, Andrea Cabrito, Gema Casal, Gabriel Cardoso, Cindy Cornet, Juan Pablo D’Olivo, Kieran Deane, Silvia de Juan, Georg Heiss, Diego Kersting, Reinhold Leinfelder, Bethan O’Leary, Christian Simeoni, Marina Vergotti, Elisa Furlan; Llorenç Garrit &amp; Pato Conde (2024): Waves of Hope.- Science Graphic Novel, eBook 36pp, open access, <a href="https://macobios.eu/prp/other-products/#ComicBook" rel="noopener" target="_blank">macobios.eu/prp/other-products/#ComicBook</a> (produced by Horizon 2020 – EU-Research Project ‘Marine Coastal Ecosystems, Biodiversity and Services in a Changing World’) <i>(translations into German, French, Italian, Spanish, Catalan and Portuguese are now also availabe via above link)</i>.</p> <p>Zalasiewicz, J., Waters, C.N., Ellis, E.C., Head, M.J., Vidas, D., Steffen, W., Adeney Thomas, J., Horn, E., Summerhayes, C.P., Leinfelder, R., McNeill, J. R., Galuszka, A., Williams, M., Barnosky, A.D., Richter, D. deB., Gibbard, P.L., Syvitski, J., Jeandel, C., Cearreta, A., Cundy, A.B., Fairchild, I.J., Rose, N.L., Ivar do Sul, J.A., Shotyk, W., Turner, S., Wagreich, M., Zinke, J. (2021): The Anthropocene: comparing its meaning in geology (chronostratigraphy) with conceptual approaches arising in other disciplines.- Earth’s future, EFT2777, <a href="https://agupubs.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1029/2020EF001896" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.1029/2020EF001896</a> (open access).</p> <p>Wagenbreth, Henning (Hrsg.)(2023): Bilder schreiben, Wörter zeichnen. Was wir mit Illustrationen machen können. 512 S., Wuppertal (Peter Hammer Verlag, ISBN 978-3779507079).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Bildung für die Zukunft im Anthropozän - Herausforderungen, Potenziale, Leuchttürme und Abbruchsvorhaben. » Der Anthropozäniker » SciLogs</h1><h2>By Reinhold Leinfelder</h2><div itemprop="text"> <h3>1. Intro: Alles hängt mit allem zusammen</h3> <p><a href="https://userpage.fu-berlin.de/leinfelder/palaeo_de/leinfelder/freepdfs/Leinfelder%202025-PHNOE-Anthropozaeniker_30_10_2025_vers1b2_noed.pdf" rel="noopener" target="_blank">-&gt; pdf-Version</a></p> <p>Im Anthropozäniker-Blog gibt es bereits mehrere Beiträge zu obigem Haupthema, also zu neuen Bildungsaspekten im Anthropozän. Aus aktuellem Anlass sei dies aber hier nochmals aufgegriffen, um einen Überblick zu geben und mit Aktuellem, durchaus auch „Schrägem“, um nicht zu sagen „Skandalösem“ – zu ergänzen. Aber schauen wir der Reihe nach nochmals durch:</p> <ul> <li>„Alles hängt mit allem zusammen“, dies ist ein revolutionäres Zitat von A.v. Humboldt, übernommen auch als häufiges Bonmot hier im Anthropozäniker-Blog sowie in vielen meiner Vorträge. Es gilt in den Zeiten des Anthropozäns – im Sinne eines <strong>ganzheitlichen, systemischen Ansatzes</strong> – natürlich insbesondere auch für Bildung und Zukunftsgestaltung (z.B. Leinfelder 2018a,b, 2020a, Leinfelder &amp; Lehmann 2015, ggf. auch <a href="https://www.youtube.com/watch?v=4-4cOuriGpU" rel="noopener" target="_blank">hier (youtube</a>)).</li> <li>Ebenso gelten die hier immer wieder erwähnten <strong>Herausforderungen des Anthropozän</strong>s auch im <strong>Kontext Bildung zur Zukunftskompetenz</strong>. Dies betrifft insbesondere die hier bereits behandelte <strong>Sektoralisierung</strong> unserer Welt, um sie besser „bearbeitbar“ zu machen, also die Aufteilung von Behörden und Verwaltungen in „fachspezifische“ Abteilungen bzw. Ministerien, aber natürlich auch Gliederung in Fächer, Fach- und Wissenschaftsbereiche in Wissenschaften und Bildung. Wie schon mehrfach hier erwähnt, ist nichts gegen tiefgehende, fachspezifische Forschung und Bildung zu sagen, allerdings muss diese gerade in der heutigen Zeit auch wieder stärker fächerverbindend und fachübergreifend, also interdisziplinär und ggf. transdisziplinär verbunden werden, damit die Kleinteile des Wissenspuzzles wieder zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden können, etwa im Humboldtianischen Sinne. (siehe hierzu viele Beiträge in diesem Anthropozäniker-Blog, bzw Leinfelder 2020b, 2023 etc.)</li> <li>Auch unser „westlicher“ <strong>Dualismus</strong>, also die Suche nach der EINEN richtigen Lösung für einen komplexes Problempaket, sowie unser Wunsch nach <strong>Ranking</strong>, d.h. Abarbeitung komplexer, zusammenhängender Problemkreise zerlegt in Einzelprobleme, in ihrer angeblichen Wichtigkeit gereiht und dann nacheinander abgearbeitet werden sollen, gehört zu diesem Herausforderungspaket (Leinfelder et al. 2025).</li> <li>Versucht man, Obiges bereits im Schulunterricht zu thematisieren und neue, zukunftsorientierte Unterrichtswege zu beschreiten, ist dies eine weitere große Herausforderung, da Derartiges mit einem “weiter wie bisher”-Schulunterricht nicht zu machen ist und damit also die Ausbildung wie auch Fort- und Weiterbildung von Lehrer*innen auch entsprechend erweitert werden müssen. Manche möchten solche notwendigen Änderungen verhindern, dies aber nicht zugeben, weshalb sie  sich auf ein Bild von Lehre berufen, das längst überholt ist und einer zeitgemäßen schüler- oder studierendenzentrierten Didaktik widerspricht. Dieser Beitrag behandelt im Kontext von neuen, interdisziplinären und zukunftsorientierten Unterrichtswegen (und damit einhergehend auch neuen Unterrichtsformen) einen derartigen,  nicht nachvollziehbaren (um nicht zu sagen, skandalösen) Vorgang. </li> </ul> <h3>2. Herausforderungen (nicht nur) für den Unterricht</h3> <p>Für den schulischen Unterricht bedeutet all dies, dass neben dem Fachunterricht insbesondere auch der fächerverbindende und fächerübergreifende Unterricht sehr wichtig ist und vor allem immer noch wichtiger wird. Dies gilt nicht nur, aber insbesondere auch bereits für die Primarstufe. Unsere heutige Weltsituation zeigt ja mehr denn je, wie Probleme zusammenhängen, sich gegenseitig bedingen, miteinander wechselwirken und oft verstärken, sich dabei zu Kipppunkten zusammenbrauen, und vieles mehr. Diese Weltsituation zeigt aber auch, wie Mächteverhältnisse, insbesonderer auch finanzieller Art sowie die „Eigentumsfrage“ (siehe z.B. „<a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/wem-gehoert-die-erde/" rel="noopener" target="_blank">Wem gehört die Erde?</a>“) hier enorm viel Wichtiges verhindern, und zunehmend Diskurse wegen der „Spaltpille” <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/kann-das-anthropozaen-gegen-populismus-und-fake-news-helfen/" rel="noopener" target="_blank">Populismus</a> unmöglich werden. Dies betrifft auch die Zukunftskompetenzen. Hier ist es wieder die Suche nach der EINEN, „richtigen“ Zukunftslösung, dem „richtigen“ Zukunftspfad, auf dem wir dann wieder 200 Jahre ruhig voranschreiten können. Die Zukunftsdiskussion ist damit zu einer Farce verkommen, denn es gibt einfach keine „Silver Bullets“, die mit einem „Schuss“ alles regeln, genauso wie es keine, uns aus Science Fiction doch so gut bekannte Supermänner/-frauen gibt, die dann in letzter Minute doch noch alles wieder retten und richten, puh! So sind etwa beim Thema Klimakrise weder CCS noch Nuclear Fusion solche „Silver Bullets”, doch sie könnten – bei entsprechenden Tests auf Machbarkeit und Nebenwirkungen vor ihrem zukünftigen Einsatz – ggf. Teil späterer, gemischter Zukunftsportfolios werden, welche aber eben auch erneuerbare Energien, Suffizienzansätze, enorme Ausweitung des Recyclings und ja, natürlich auch reaktive Schutzmaßnahmen beinhalten müssen.</p> <p>Leider sind wir Erwachsene meist ziemlich gefangen in dem, was wir kennen, also dem „Weiter wie bisher“-Pfad, obwohl wir eigentlich wissen, dass wir es anders machen sollten. Aber den meisten von uns fehlt das Vorstellungsvermögen dazu, vor allem auch weil wir uns sicherer fühlen bei dem, was wir bereits kennen; Vertrautes gibt man halt so ungern auf, denn das Neue erscheint so fremd. Damit ergeben sich für Zukunftsszenarien meist nur kleinere Abweichungen von diesem BAU-Pfad – die Zukunfswissenschaften nennen dies die explorative Pfadgruppe (also ausgehend vom Bekannten und Weitermachen mit eher kleineren Abweichungen davon, siehe Abb 1a, b. Uns fehlt schlichtweg das Vorstellungsvermögen, andere Wegmöglichkeiten zu erdenken, also weitere mögliche Zukünfte zu imaginieren und daraus dann auch wünschbare Zukünfte herauszufiltern sowie Gestaltungswege dorthin zu finden. Mögliche Zukunftspfade sollten dann miteinander begangen werden, um zu sehen, ob wir da wirklich vorankommen. Also nochmals: wir benötigen keine Suche nach „Silver Bullets”, sondern müssen gemischte Portfolios von Lösungsansätzen zusammenstellen, deren Wirksamkeit überwacht wird, und die immer wieder auch umgebaut werden können, ja sollten, sofern etwa neue Technologien, neue Bereitschaften in der Bevölkerung oder auch zu große Nebenwirkungen verwendeter Techniken festgestellt werden. Es sollte also gemeinsam, jedoch auf vielen Wegen in eine kreative und offene Zukunft gehen (mehr dazu siehe z.B. <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/haus-zukunft-berlin/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/zukunft-teil3-zukuenfte/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> im Blog sowie Leinfelder 2016, 2020b). Dazu benötigen wir aber sehr viel Imaginationsfähigkeit, die uns leider oft – um nicht zu sagen: meist – fehlt.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1116" sizes="(max-width: 1894px) 100vw, 1894px" src="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg 1894w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-300x177.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-1024x603.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-768x453.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-1536x905.jpg 1536w" width="1894"></img></a><aside></aside></p> <p><span>Abb. 1a: Weshalb Szenarien? Der Zukünfte-Szenarientrichter mit Erläuterungen nach Steinmüller (2011), mit kleinen Änderungen und Ergänzungen. (Version aus Leinfelder 2023).</span> </p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1196" sizes="(max-width: 1822px) 100vw, 1822px" src="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr.jpg 1822w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr-300x197.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr-1024x672.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr-768x504.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr-1536x1008.jpg 1536w" width="1822"></img></a></p> <p><span>Abb. 1b: Grafische Hinführung zum Mehrwege-Zukünfte-Konzept (basierend auf Leinfelder 2014), Grafik von Tanja Föhr (aus Leinfelder &amp; Föhr 2015, siehe dort auch weitere graphische Umsetzung des Konzepts.) </span></p> <h3>3. Potentiale für die Zukunftsgestaltung: Imagination fördern, fächerübergreifend ausbilden, selbst Wissen schaffen, ausprobieren.</h3> <p>Hier kommt gleich die <span>nächste</span> Herausforderung: Obige Herausforderungsliste benötigt doch hochkomplexe, insbesondere auch wissenschaftliche Ansätze zu ihrer Bewältigung – was haben denn die Schulen damit zu tun, gar die Grundschulen? Dies ist sehr einfach zu beantworten: Wie oben geschildert,<span> brauchen wir eine viel bessere Imaginationsfähigkeit. </span>Das Imaginationsvermögen von Kindern ist bekanntermaßen besonders im jungen Alter enorm gut ausgeprägt, dies ist also eine offene Türe, um bereits junge Kinder auch für Zukunftsfragen besser zu schulen und insgesamt die verbundenen Themenkomplexe besser in unseren ethischen Wertekanon mit einzubringen (auch hierzu u.a. Leinfelder 2018a,b, 2020a,b, Leinfelder &amp; Sippl 2023a,b).</p> <p>Natürlich ist die Notwendigkeit zum Erreichen einer besseren KulturNatur-Kompetenz (CNL-Literacy) und Zukünfte-Kompetenz (Futures Literacy) nicht nur auf die Primarschulen begrenzt. Wir müssen insgesamt <em>Wissen schaffen </em>(also Wissenschaften), <em>Wissen lernen </em>(also Bildung) und <em>erlerntes Wissen nutzen und verbreiten</em> (also Aus-/Weiterbildung, Wissenschaftskommunikation, Anwendung), was alles ebenfalls besser verknüpft werden muss. Viel mehr Wissenschaftler*innen als früher sind heute bereit, ihr geschaffenes Wissen auch zu kommunizieren. Auch bei DFG-Anträgen (sowie bei vielen anderen Formen der Forschungsförderung) ist seit längerem nun immer auch anzugeben, wie neue Projekt-Forschungsergebnisse dann kommuniziert werden sollen. Früher (und z.T. noch heute) wurde man als Wissenschaftler*in, der/die auch Wissenschaftskommunikation betreibt, allerdings schon mal gefragt, ob man seine Forschung eingestellt habe, wenn für derartiges wie „Wisskomm” Zeit bleibt, bzw. ob man den Journalist*innen ihre Jobs wegnehmen möchte. Ja, ich weiß leider auch aus eigener Erfahrung, wovon ich hier spreche.</p> <p>Dabei sollte doch Wissenskommunikation ein echtes Bedürfnis sein. Um von mir zu reden: Mir war es schon als Diplomand, der dort am Mikroskop über 150 Millionen Jahre alten, selbst ausgebuddelten Mikrofossilien saß bzw. sich dann später mit ebenso alten Korallenriffen beschäftigte, wichtig, mir selbst die mich umtreibende Frage zu beantworten, was denn die ganze Welt von diesen Studien habe. Ja, Minipuzzleteile zum besseren Verständnis der Evolution der Lebensformen und ihre Ansprüche sowie Anpassungsfähigkeiten, das war die Antwort, die ich schon damals sah und die mich beruhigte. Tatsächlich hat sich viel später herausgestellt, dass insbesondere bei den Korallenriffen die Kenntnis ihrer evolutionären und adaptiven Entwicklung von ihren Ursprüngen bis heute maßgeblich auch zur Einschätzung der weiteren Entwicklung / des möglichen Untergangs heutiger Riffe (Stichwort „atavistische“ Korallen, siehe z.B. <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/zukunftsoptionen-fuer-korallenriffe/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/die-zukunft-der-korallenriffe-auftakt-zum-internationalen-jahr-des-riffs-iyor-2018-deutsche-aktivitaeten/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/zombie-riffe-im-anthropoz-n/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> im Blog sowie z.B. Leinfelder 2019, Cardoso et al. 2025 sowie <a href="https://www.fu-berlin.de/en/featured-stories/research/2025/corals-at-risk-gabriel-cardoso/index.html" rel="noopener" target="_blank">Feature dazu</a>) immer wichtiger wurde.  Und weil ich also schon immer schon meinte, dass bereits in den Schulen neues Wissen in entsprechender, adäquater Weise eingebracht werden sollte, habe ich quasi vom Anfang meiner Laufbahn an – und zunehmend verstärkt – an Wissenschaftskommunikation und Bildungskooperationen mit Schulen gearbeitet. Wegen meiner Überzeugung, dass Wissenskommunikation überaus wichtig für die Gesellschaft sei, habe ich zukunftsrelevante Ausstellungen mitinitiiert und mitkonzipiert (so etwa die weltweit erste große Anthropozän-Ausstellung am Deutschen Museum München), sowie Museumsleitungen an naturkundlichen Museen, aber auch fürs damals zu gründende „Haus der Zukunft” / „Futurium” in Berlin übernommen, dabei auch immer wieder mit Schüler*innen Ausstellungen gemacht bzw. Ausstellungen für Schulen mitkonzipiert (die an Schulen ausgeliehen wurden, wenn sich dort viele Lehrkräfte aus verschiedenen Fächern gemeinsam mit dem Thema beschäftigten) (siehe z.B. Leinfelder et al., 1998/2002, 2007, Leinfelder 2010a,b, 2021, Leinfelder &amp; Zinfert 2015). Bildbasierte Formate waren und sind dabei ebenfalls überaus wichtig. Thematisch ging es vom wohl ersten <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/forschung-und-entwicklung/anthropozaen/mutmachbuch" rel="noopener" target="_blank">Kinderbuch zum Anthropozän (ab 8 Jahren)</a> (Abb. 2) bis hin zu Sachcomics für ältere Jugendliche und Erwachsene, darunter die „Übersetzung“ eines 400-seitigen Hauptgutachtens des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung (dem ich damals angehörte) zur Großen Transformation in einen Comic (Hamann et al. 2013, siehe z.B. <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/forschung-und-entwicklung/anthropozaen/mutmachbuch" rel="noopener" target="_blank">hier</a> oder <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/trafocomicprojekt/" rel="noopener" target="_blank">hier</a>), ein Begleit-Sachcomic zur großen Anthropozän-Ausstellung im Deutschen Museum (Hamann et al. 2014), aber auch die Darstellung großer Forschungsprojekte als Wissenscomics, etwa das Projekt „Die Anthropozän-Küche” des Excellenzclusters Bild-Wissen-Gestaltung (Leinfelder et al. 2016, siehe auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/anthropozaen-kueche/" rel="noopener" target="_blank">hier im Blog</a>) oder die <a href="https://macobios.eu/prp/other-products/" rel="noopener" target="_blank">Ergebnisse des EU-Projekts MaCoBios auch als Sachcomic</a> (Tregardot et al. 2025). Auch die Arbeit der Internationalen Anthropocene Working Group wurde als Wissenscomic umgesetzt (Hamann et al. 2024, Leinfelder &amp; Hamann 2025).</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2000px) 100vw, 2000px" src="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg 2000w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-1536x1152.jpg 1536w" width="2000"></img></a></p> <p>Abb. 2:  Das in Kooperation mit der PH produzierte Mutmachbuch von Laibl et al. (2022), mit Buchcover (links), Seitenbeispielen (rechts) sowie Buchcover der umfangreichen Lehrhandreichungen dazu. (Näheres dazu <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/forschung-und-entwicklung/anthropozaen/mutmachbuch" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>)</p> <p>Solche bildbasierten Formate, also auch Sach-Comics, haben Ähnlichkeiten mit Ausstellung: beide sollten nicht ausschließlich „linear“ sein, also wie Filme, Bücher, Frontalunterricht etc., sondern stellen „slow Media“ dar. So erlauben es Wissenschaftscomics (ähnlich wie auch Ausstellungen), Komplexitäten zu vermitteln, indem man verschiedene Handlungs- und Zeitstränge nebeneinander herlaufen lassen und darin „umherspringen“ kann (siehe hierzu auch Hangartner et al. 2013, Heydenreich 2019, Wagenbreth 2023, Leinfelder &amp; Hamann 2025, Leinfelder et al. 2015, 2017) und fördern damit eben auch die Schulung unseres Imaginationsvermögens. Um dies auch im Unterricht zu ermöglichen, wurden unsere Sachcomics in fast allen Fällen durch umfangreiche Lehrhandreichungen (siehe z.B. <a href="http://anthropocene-kitchen.com/fileadmin/user/handreichung/Mehlwurmburger/Mehlwurmburger-web.pdf" rel="noopener" target="_blank">hier</a> und <a href="https://www.deutsches-museum.de/museum/verlag/publikation/willkommen-im-anthropozaen" rel="noopener" target="_blank">hier</a> und <a href="https://userpage.fu-berlin.de/leinfelder/palaeo_de/leinfelder/freepdfs/die_grosse_transformation_web.pdf" rel="noopener" target="_blank">hier</a>) ergänzt (siehe auch Abb 2). Auch viele andere an den Schulunterricht anpassungsfähgige Formate, wie Zukunftswerkstätten, Design Thinking-Projekte, Repair Cafés, partizipative Exkursionen, Monitoringprojekte uvm. (s. Abb. 3) ermöglichen das Erkennen von Zusammenhängen, der Bedeutung der Natur für uns und unsere Zukunft, sowie die Schulung unseres Imaginationsvermögens. Sie können damit wichtige Beiträge zur Erarbeitung einer  CultureNature Literacy und einer Futures Literacy liefern (siehe auch Leinfelder &amp; Sippl 2023a,b; zu partizipativen Monitoring-Projekten siehe auch die Dissertation von A. Rost 2014).</p> <p>Abb. 3: Beispiele für fächerübergreifende Aktivformate auch für den schulischen Unterricht. (Vortragsfolie Leinfelder, näheressiehe Text)</p> <p>Dies alles waren ja immer wieder auch wichtige Themen hier im Anthropozäniker-Blog. Wer aber erarbeitet insgesamt das Wissen um derartige Projekte, stellt den schulischen Unterricht in entsprechender Weise neu auf, so dass eben die fächerübergreifenden Aspekte und damit auch CultureNature-Literacy, Futures-Literacy auch erarbeitet und im schulischen Unterricht umgesetzt werden können? Daran sind natürlich viele beteiligt, wie der nachfolgende kurze Überblick klar machen und an einem herausragenden Leuchtturmbeispiel verdeutlichen möchte.</p> <h3>4. Die Rolle der Hochschulausbildung von Lehrkräften für die Primarstufe und Sekundarstufe I</h3> <p>Früher waren in Deutschland Pädagogische Hochschulen (PHs) für die (damalige) Volksschulausbildung für Lehramtsstudierende zuständig. Häufig (etwa in Bayern) waren sie römisch-katholisch oder evangelisch ausgerichtet. Forschung sowie Ausbildung für angehende Gymnasiallehrer*innen waren an den Universitäten angesiedelt. Details hierzu führen für diesen Blogpost zu weit (siehe ggf. hier <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pädagogische_Hochschule" rel="noopener" target="_blank">https://de.wikipedia.org/wiki/Pädagogische_Hochschule</a>). Allerdings wurden die PHs in Deutschland etwa ab den 1970er Jahren zunehmend abgeschafft (in den östlichen Bundesländern nach der Wende). Nur Baden-Württemberg hat heute noch PHs, die alle jeweils eine etwas unterschiedliche Schwerpunktsetzung haben und auch auch über Promotions- und Habilitationsrecht verfügen. Im restlichen Deutschland findet die Lehrkraftausbildung auch für die Primarstufe i.d.R. nun in den Sektoren der Fachdisziplinen statt, ergänzt durch spezielle Kurse, die von Lehrveranstaltungen in pädagogischen Fachbereichen (bzw. in anderen Fachbereichen – etwa Sozialwissenschaften, Psychologie etc.-  angesiedelten pädagogischen Fachgebieten) sowie Referendarzeiten ergänzt werden. Damit wurde auch die Primarstufe doch deutlich fachspezifischer, was fächerverbindende und -übergreifende Projekte erschweren kann, aber nicht muss.</p> <h4><strong>4. 1. Der österreichische Weg: Pädagogische Hochschulen</strong></h4> <p>Österreich ging hier einen anderen Weg. Dort gibt es derzeit neun öffentliche und vier private Pädagogische Hochschulen, dazu eine zusätzlich für Agrar- und Umweltwissenschaften. Vor 2006 gab es keine PHs, dafür verschiedenste Pädagogische Akademien und Institute, die dann österreichweit ab Oktober 2007 zu Pädagogischen Hochschulen zusammengefasst wurden, welche für die Primarstufe und Sekundarstufe I zuständig sind. (Näheres siehe z.B. hier: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bildungssystem_in_%C3%96sterreich">https://de.wikipedia.org/wiki/Bildungssystem_in_Österreich</a>.) Obwohl die österreichischen PHs an die jeweiligen Bundesländer angebunden sind, unterstehen sie (im Unterschied zu Deutschland) direkt dem nationalen Bildungsministerium. Die PHs haben neben den Ausbildungsaufgaben auch Forschungsaufgaben. Auch ist ihr Spektrum durchaus unterschiedlich, was die derzeitige österreichische Regierung mit einem Bildungsminister aus der Partei NEOS (einer Abzweigung der FPÖ, ausgeschriebener Name: „Das Neue Österreich und Liberales Forum”) jedoch im Rahmen des aktuellen Regierungsprogramms ändern möchte (siehe dazu <a href="https://www.bmb.gv.at/Themen/regierungsprogramm.html" rel="noopener" target="_blank">Regierungsprogramm, u.a. S. 214, Bullet 3</a>).</p> <h4><strong>4.2 Der Leuchtturm Pädagogische Hochschule Niederösterreich</strong></h4> <p>Ein besonders herausragendes Beispiel, welches in den letzten Jahren sogar ein großes EU-Projekt („<a href="https://cnl.ph-noe.ac.at" rel="noopener" target="_blank"><em>CultureNature Literacy: Curricular key competences for shaping the future in the Anthropocene</em></a>“) mit vielen anderen europäischen Partnern organisiert und geleitet hat und des weiteren auch einen Unesco Chair für „<a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/ph-noe/unesco-chair/learning-and-teaching-futures-literacy-in-the-anthropocene" rel="noopener" target="_blank"><em>Learning and Teaching Futures Literacy in the Anthropocene</em></a>“ eingeworben hat, sei hier besonders genannt: Die <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/" rel="noopener" target="_blank">Pädagogische Hochschule Niederösterreich</a> (University College of Teacher Education Lower Austria, PH NÖ).</p> <p>Weshalb ist dies hier von Interesse? Nun, zum einen, weil für die Ausbildung zur Primarstufe, wie oben erwähnt, möglichst viel Fächerverbindendes und Fächerübergreifendes notwendig ist und eben auch die Imaginationsfähigkeit sowie mit innovativen Lehransätzen auch CultureNature- und Futures Literacy in der Primarstufe besonders gut entwickelbar sind. Das ist beim heutigen Schulsystem in Deutschland nicht so leicht möglich, auch wenn es selbstverständlich auch dort fächerübergreifenden Unterricht gibt (siehe dazu aber <a href="#Kollegen">unten</a>). Auch die Forschung zu neuen inter- und transdisziplinären Schulbildungsansätzen ist damit ebenfalls besser möglich, wie das Beispiel der PH NÖ gut zeigt. Dort existiert sogar eine eigene Literaturreihe, „Pädagogik für Niederösterreich”,  in der viele der Forschungs- und Projektergebnisse der PH NÖ und ihrer Partner dokumentiert und dauerhaft (in <a href="https://www.studienverlag.at/produkt-kategorie/reihen/paedagogik-noe/" rel="noopener" target="_blank">Buchform</a>, aber seit etlichen Jahren auch als <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/forschung-und-entwicklung/schriftenreihe-paedagogik-fuer-niederoesterreich" rel="noopener" target="_blank">open access eBooks</a>) zugänglich sind. Und ja, ich bin überaus begeistert von der PH NÖ, nicht nur, aber auch, weil sie das Thema Anthropozän, beginnend beim Rektor der Universität (siehe z.B. Rauscher 2022), bis weit darüber hinaus als äußerst geeignet für ihren zukunftsorientierten, konstruktiven und verantwortungsgelenkten Ansatz ansehen und verwenden, genauso wie sie auch sehr am Potenzial bildbasierter Formate für die Lehre interessiert sind. Ich wurde im Februar 2019 erstmals vom Rektor zu einem Vortrag eingeladen, mein Vortragsthema damals lautete „<em>Von der Umwelt zur Unswelt – Das Potenzial des Anthropozän-Konzepts für den Schulunterricht</em>“, also ganz „Anthropozäniker-like”. Es ergab sich schon damals eine spannende Diskussion zum Begriff <em>Umwelt</em> und <em>Unswelt</em>; Rektor Rauscher brachte dazu noch den Begriff „<em>Wirwelt</em>“ mit ein (siehe dazu auch Rauscher 2020). (Nicht nur) diese Diskussion führten wir über etliche Jahre in überaus konstruktiver und gegenseitig befruchtender Weise (und derzeit ist in oben erwähnter Reihe auch eine gemeinsame Publikation dazu im Druck, siehe Leinfelder, Rauscher &amp; Sippl 2025). Ich war auch zu weiteren Vortragsterminen an der PH NÖ, führte z.T. dort auch Lehre durch (in Corona-Zeiten hybrid bzw. via VidCon) und wurde auch assoziierter Partner der PH NÖ für das CNL-EU-Projekt. Ja, ich verdanke dem Rektor, dem UNESCO Chair und der gesamten PH NÖ sehr viel für meine inhaltliche Weiterentwicklung in den letzten Jahren. Für Näheres zu den spannenden Aktivitäten dieser Leuchtturm-PH mit ihren wegweisenden Projekten und Zentren (etwa Zentren Lernen-Lehren, Zukünfte-Bildung, Prohairesis-Demokratie etc.)verweise ich auf die <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/" rel="noopener" target="_blank">Webseite der PHNÖ</a> (die leider nun doch eingedünnt wurde, siehe dazu auch nachfolgend). Ja, sicherlich gibt es auch etliche weitere Leuchttürme in der Bildung für eine anthropozäne Zukunft, darunter Universitäten oder auch andere Forschungsinstitutionen (wie etwa das Karlsruher Institut für Technologie, die Universität Augsburg oder auch das Institut Futur der Freien Universität Berlin, an denen auch ich u.a. an Ringvorlesungen beteiligt war). Aber die PH NÖ ragt, zumindest nach meiner Einschätzung, wegen der Gesamtheit und Kooperationsfähigkeit ihres Teams da doch noch deutlich weiter hervor. Überaus vieles verdankt sie hier der Initiativen und der Unterstützung durch Rektor Rauscher, den ich als überaus offenen, konstruktiven, dialogbereiten, sympathischen, wissensdurstigen, unkonventionellen, unterstützenden, fördernden und alle mitnehmenden Menschen kennen und überaus schätzen lernte. Hätten doch viel mehr Führungspersonen so ein „Kaliber”! </p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2000px) 100vw, 2000px" src="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic.jpg 2000w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic-1536x1152.jpg 1536w" width="2000"></img></a></p> <p><span>Abb. 4: Links: Überreichung des Sammelbandes „Die Verführung zur Güte” an den Rektor der PHNÖ, Herrn Prof. Rauscher (links) als Festschrift anlässlich seines  70. Geburtstags (im Jahr 2020). Neben ihm Grafikkünstler Leopold Maurer. Die Festschrift wird von Leitsätzen des Rektors durchzogen, die von L. Maurer in Comic-Paneele übersetzt wurden (mit dem Rektor in Comic-Form) und auch die Festschrift durchziehen. Rechts ein Beispiel dazu (zu weiteren Infos <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/news/news-detail/paedagogische-leitsaetze-als-comic" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>)</span></p> <p>Warum ist mir meine Erfahrung um die PH NÖ und rund um Prof. Dr.Dr. Erwin Rauscher hier so wichtig? Wir haben ja noch den Begriff „Abbruchsvorhaben“ im Titel, wozu wir gleich kommen werden. <a id="Kollegen"></a>Aber zuvor noch generell zu einer weiteren „Herausforderung”, die es natürlich weit verbreitet – aber nicht dermaßen bekannt – eben auch an Forschungs- und Bildungsinstitutionen gibt, wobei ich keinesfalls verallgemeinern möchte, sondern nur wenige Beispiele in allgemeiner Art herausgreife. Es geht um Kolleg*innen, die teilweise – und aus verschiedenen Gründen – doch sehr kritisch auf so manches schauen, was man ggf. anders macht als sie dies tun. Schon in den Anfängen meiner Kooperationen mit Schulen berichtete mir eine ältere, leider schon längst verstorbene, hochverdiente Lehrerin, dass viele angehende junge Lehrkräfte mit hohem Elan und überaus guten Projektideen, gerade auch für fächerübergreifenden und fächerverbindenden Unterricht, von den Hochschulen kommen und bald versuchen, derartige Projekte an ihren Schulen zu etablieren. (Zu) viele ältere Kolleg*innen würden dabei allerdings sehr kritisch auf den Elan und die Innovationsfreude der jungen blicken, und diese dann häufig ausbremsen, aus Angst, derartiges würde dann von ihnen auch erwartet. Manche begründen diese Ablehnung auch ganz formell damit, dass solche neuen Formate, wie Zukunftswerkstätten, Design-Thinking-Projekte, Outdoor-Seminare, selbständige Geländearbeiten u.v.m. ja gar nicht in Lehrplänen vorgesehen sind, keine behördlich zugelassenen Materialien dazu vorlägen, bzw. Mehrkosten entstünden, die nicht wirklich abrechenbar seien. Das hat durchaus einen wahren Kern, es gehört also schon auch etwas Mut dazu, derartig Neues anzupacken und das Vorgehen ggf. auch zu verteidigen (s.u.).</p> <p>Aus eigener Erfahrung mit meiner Universitätslaufbahn (die über viele Stationen und Institutionen an verschiedenen Orten führte) hab ich durchaus auch Neid-Vorbehalte unter Kolleg*innen kennengelernt, etwa nach dem Motto „<em>Der ist laufend in den Medien mit seinem neuen Zeugs, als ob das Anthropozän etwas mit Geologie und Paläontologie zu tun hätte!</em>” (doch, das hat es, und wie!). Oder auch Neid, dass Studierende bei Wahlpflichtveranstaltungen oft eher solche mit neuen Themen wählten, statt sich den klassischeren Themen zuzuwenden. (Warum fällt mir da wieder das Anthropozän ein?) Dies ging so weit, dass ein Kollege einmal einen extrem kritischen Zeitungsartikel zum Anthropozän (Titel: Epochaler Irrtum) vergrößert als Poster im Forschungsposterformat des Departments direkt neben der Ankündigung meiner Anthropozän-Kurse aushängte (- wir haben dies danach konstruktiv besprochen und gelöst -) oder sich ein anderer Kollege einmal weigerte, eine Studierende in seinem Fach zur Abschlussprüfung zuzulassen, weil sie ihre schriftliche Abschlussarbeit zum Thema Anthropozän durchgeführt hatte (, was dann auch noch irgendwie gelöst wurde). Oder auch, dass angeblich keine Verlängerung meiner aktiven Tätigkeit nach Erreichen des 65. Lebensjahrs möglich war (was der Fachbereich hätte bewilligen müssen). Nach einer Initiative der Studierenden (die unbedingt nochmals einen Anthropozän-Kurs haben wollten) gemeinsam mit dem Studiendekan gab es dann doch noch einen einsemestrigem Lehrvertrag, so dass der interdisziplinäre Anthropozän-Kurs nochmals stattfand. </p> <p>Lassen wir es bei diesen Beispielen bewenden und kommen zurück zum Beispiel der PH NÖ und ihrem so überaus beeindruckenden Kanzler (Kanzler ist hier im Österreichischen im Sinne eines Hochschulpräsidenten bzw. -rektors gemeint, nicht als Finanz- und Verwaltungschef einer Universität, wie dies in Deutschland häufig der Fall ist).</p> <h4><strong>4.3 Abbruchinitiierung eines überragenden Leuchtturms? </strong></h4> <p>Die Aktivitäten der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich (PH NÖ) sind – nicht nur – in Österreich in vieler Munde. Nicht nur, gerade aber auch die projektbasierten, institutsübergreifenden Aktivitäten, mit entsprechend vielen Drittmitteleinwerbungen, sind sehr gut und sehr weit sichtbar. Wegen dieser herausragenden Sichtbarkeit werden dann schon auch ab und an von den Ministerien entsprechende Papiere, etwa zur Zukunftskompetenz-Entwicklung in der schulischen Bildung erwünscht, die man dann natürlich auch erstellt und zuschickt. Ja, da kann es schon mal ein paar Probleme geben, etwa: wer hatte die Idee zu Polyzukünften und deren Einbringung im Unterricht?. Sind Polyzukünfte dasselbe wie die polyperspektivischen Zukünfte, auf denen u.a. das Gründungskonzept eines gewissen Leinfelders für das Berliner Haus der Zukunft / Futurium beruht (siehe <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/haus-zukunft-berlin/" rel="noopener" target="_blank">hier im Blog</a> sowie Leinfelder 2016)? Was sind Unterschiede und Verbindungen zwischen Umwelt, Mitwelt, Unswelt, Wirwelt? (siehe Leinfelder, Rauscher &amp; Sippl. 2025)? Wer schickt dann mit wem etwas an das Ministerium und was wird dabei zitiert? Da kann es schon mal Abstimmungsbedarf geben, aber all das ist (und war) lösbar. </p> <p>Anders sieht es jedoch derzeit aus. Prof. Rauscher, der Gründungsrektor und seit 2006 durchgängig Rektor der PHNÖ, also nicht nur Erbauer, sondern mit seinem gesamten Team aktiver Miterweiterer und ja, auch Wächter dieses Leuchtturms, wurde geschasst, genauer: über Nacht vom Bildungsministerium als Rektor abberufen, in den Ruhestand geschickt und strafrechtlich angezeigt. Sein Name wurde auch innerhalb von Minuten von der Webseite der PH NÖ getilgt, zumindest von der Rektoratseite und anderen Einträgen ist er komplett verschwunden, so als hätte es ihn nie gegeben (die Webseiten der PHs werden übrigens vom österreichischen Bildungsministerium “mitbetreut”, oha!). Dann gleich noch eine heftige Pressemeldung raushauen (via APA, der österreichischen Presseagentur, die von den Medien sofort und quasi völlig unüberprüft übernommen wurde? Siehe z.B. hier: die <a href="https://www.sn.at/panorama/oesterreich/rektor-paedagogischen-hochschule-noe-185360365" rel="noopener" target="_blank">APA-Meldung in den Salzburger Nachrichten vom 2.10.2025</a>.  Was ist passiert? Honni soit que mal y pense? Oder hat da wer gezündelt und der ganze Leuchtturm ist versehentlich abgebrannt? Nein, der Betrieb geht weiter. Aber es läuft wirklich eine handfeste Intrige dort ab, anders kann ich es leider nicht bezeichnen. Ich bin an der PHNÖ nur assoziierter Projektpartner, bin mit dem österreichischen Bildungssystem nicht so vertraut wie mit dem deutschen (siehe auch oben) und will grundsätzlich niemanden direkt anschwärzen. Doch ein paar Aspekte zu diskutieren sei erlaubt, weil es sich nicht nur um ein m.E. skandalöses Vorgehen gegen einen überaus geschätzten Kollegen handelt, sondern viele andere davon in Mitleidenschaft gezogen werden, und damit auch der ganze Leuchtturm stark beschädigt wird. Vor allem aber möchte ich dazu berichten, weil auch für das Unterrichten viel daraus gelernt werden kann. Ich versuche mich möglichst kurz zu fassen und verweise für Vertiefungen auf einige, unten angegebene Medienartikel, damit sich die Anthropozäniker-Leser*innen ihre eigene Meinung bilden können. Aus einigen Medienartikeln erlaube ich mir, kurze, als solche kenntlich gemachte Ausschnitte, wiederzugeben bzw. sie direkt im Text zu verlinken.</p> <p><strong><em>Zur Anschuldigung: <br></br></em></strong>Die in vielen Medien nachzulesenden Anschuldigungen lauten zusammengefasst so.  “<em>Das Bildungsministerium hat Erwin Rauscher, den Rektor der Pädagogischen Hochschule (PH) Niederösterreich, mit sofortiger Wirkung von seinem Amt abberufen. Das teilte das Ministerium von Christoph Wiederkehr (Neos) am Donnerstag in einer Aussendung mit. Grund dafür seien „schwerwiegende dienst- und strafrechtlich relevante Vorwürfe”</em> (aus: <a href="https://www.derstandard.at/consent/tcf/story/3000000290324/bildungsministerium-beruft-rektor-der-ph-niederoesterreich-ab-und-zeigt-ihn-an" rel="noopener" target="_blank">Der Standard vom 2.10.2025</a>). Weiter heißt es dort, „<em>es seien ‚fingierte Lehrveranstaltungen’ im Verwaltungssystem angelegt worden. .. Auch eine Strafanzeige sei eingebracht worden.” Dadurch sei wohl „ein mutmaßlicher Schaden in Höhe von mindestens 32.522 Euro entstanden</em>“. Die weiteren Details will ich nicht groß ausmalen. Nur soviel dazu: Es geht darum, dass dieses Verwaltungssystem vor allem für klassische Lehrveranstaltungen angelegt ist. Für alles andere, was Geld kostet, müsse man Lehraufträge abschließen. Dieses System ist also ähnlich unflexibel wie in Deutschland. Zusätzliche, gerade auch im Kontext der Lehre und des Lehrstudiums wichtige Aktivitäten, angefangen von Social Media-Training, über spezielle, neuartige Lehrprojekte (z.B. Monitoring draußen, Werkstattprojekte uvm) gelten formal nicht als klassische Lehre, wurden aber dennoch hier verbucht. Hätte man diese via Werksverträge abgeschlossen, wären etwa statt dieser 32.000 Euro Kosten von ca. 150.000 Euro entstanden (siehe hier <a href="https://www.oe24.at/oesterreich/chronik/niederoesterreich/verjagter-rektor-schlaegt-zurueck-habe-150-000-euro-eingespart/651567225">oe24 vom 7.10.2025</a>). (Vom gigantischen Verwaltungsaufwand, incl. „Ausschreiberitis” selbst für kleinste Vorhaben, oft unter der Missachtung von Wissenschaftsfreiheit und Lehrfreiheit mal ganz abgesehen, ich weiß, wovon ich spreche). Die PH NÖ hat somit also kräftig Kosten und Verwaltungsarbeit gespart. (Warum kommt mir da dieser Artikel in den Sinn, der darüber berichtet, dass unter diesem Bildungsminister das Ministerium in einem Monat 126.000 Euro für externe Beratung ausgegeben hat? Siehe hier: <a href="https://www.derstandard.at/consent/tcf/story/3000000275629/was-hinter-wiederkehrs-ueppigen-ausgaben-steckt" rel="noopener" target="_blank">Der Standard v. 26.6.2025</a>. Könnte es sein, dass Herr Rauscher ihm dies durch seine einsparende Abrechnung indirekt ermöglicht hat? Zynismus off). Das Ganze ist also ein verwaltungstechnisches, ein „legistisches” Problem, worauf auch der <a href="https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20251008_OTS0015/offener-brief-von-lehrenden-der-ph-noe-an-bm-wiederkehr-zur-abberufung-von-rektor-erwin-rauscher" rel="noopener" target="_blank">offene Brief der PH NÖ-Mitarbeiter*innen</a> (verantwortlich Prof. Christoph Hofbauer, ebenfalls PH NÖ) hinweist. Aber halt, angeblich machen es die anderen PHs ja überhaupt nicht so mit ihrer Abrechnung, solche Dummy-Veranstaltungen gäbe es da nicht, meint zumindest die derzeitige Vorsitzende der Rektor*innenkonferenz der österreichischen PHs, Prof. Beatrix Karl, ehemalige Justizministerin Österreichs, die nun selbst auch eine andere PH in Österreich leitet. Sie meinte dazu in der Kleinen Zeitung vom 10.10.2025: „<em>Eine Nachjustierung und mehr Flexibilität des Dienstrechts wäre wünschenswert, aber es funktioniert auch in seiner jetzigen Form. Es zwingt niemanden dazu, rechtswidrig zu agieren”</em> (<a href="https://www.kleinezeitung.at/oesterreich/20185027/eskalation-in-streit-um-geschassten-rektor-andere-phs-werden-gewarnt" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>). Nur dumm, dass im Kurier von 18.10.2025 (S. 5, Print, bzw. online <a href="https://www.pressreader.com/article/284279601309059" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>) ein Artikel mit dem Titel „<em>Fake-Kurse auch an der PH Steiermark?”</em> dazu herauskam. Oh, das ist ja die PH von Frau Karl. Hier nur der Teaser: „<em>Was in Niederösterreich zur Entlassung des Rektors führte, scheint andernorts auch System zu haben. An der PH Graz kann mal leicht 79 ‚Dummy’-Lehrveranstaltungen finden.”</em> Aha!</p> <p>Es gab übrigens auch eine interne Prüfung an der PHNÖ von all dem, die nichts Strafbares beanstandete. Und natürlich gibt es auch bei allgemein hervorragendem Arbeitsklima immer ein paar Ausnahmen. Und wenn mal Fehler passieren: Herrr Rauscher stellte sich immer auch vor evtl. Fehler anderer Mitarbeiter*innen und übernahm immer die Verantwortung. </p> <p>Ich muss nun zum Verständnis doch noch einmal auf Personelles eingehen. Sehr lange wurden alle Gesprächswünsche der Belegschaft mit dem Ministerium zur Causa Rauscher abgelehnt (drei unbeantwortete Schreiben an den Minister, sieben an die Sektionschefin), daraufhin gab es den oben erwähnten offenen Brief der Belegschaft ans Ministerium, was nach der Abberufung des Rektors doch noch zu einem Gespräch an der PHNÖ mit dem Generalsekretär des Ministers, Herrn Netzer, führte. Dieses Gespräch fand am 14.10.2025 statt und ist offensichtlich komplett entgleist;  ich war nicht dabei, mir wurde aber davon berichtet, und im schon oben erwähnten Artikel des Kurier vom 18.12.2025 wird auch dazu kommentiert; hier ein Ausschnitt daraus: „<em>Wie sehr die Nerven in der Causa Rauscher im Ministerium blank liegen, zeigt ein Vorfall bei einer Veranstaltung an der PH NÖ, bei der der Generalsektretär des Bildungsministeriums, Martin Netzer, seine Sicht der Causa Rauscher schilderte. Eine Hochschulprofessorin stellte dann in einer Wortmeldung fest, dass Rauscher immer ein umsichtiger Rektor gewesen sei, für ihn müsse jedenfalls die Unschuldsvermutung gelten. Netzer konterte scharf: ‚Ich bin erschüttert. Erschüttert über Ihr Rechtsverständnis. Und mache mir Sorgen, wenn Personen wie Sie mit diesem Rechtsverständnis unsere Lehrerinnen und Lehrer ausbilden.’</em>“</p> <p>Was soll man dazu sagen? Das war m.E. nichts anderes als eine „trumpeske” Bedrohung einer Professorin, die es wagte, die Unschuldsvermutung gerade auch für den honorigen Prof. Rauscher anzunehmen, bevor das Urteil in einem etwaigen Strafprozess gesprochen wird. Unglaublich! Mir wurde zusätzlich berichtet, das eine andere anwesende, schwangere Kollegin daraufhin ein medizinischer Notfall ereilte, so dass der Rettungsnotdienst gerufen werden musste. Mehr muss man zu diesem Auftritt wohl nicht sagen / schreiben.</p> <p><strong><em>Weitere Kollateralschäden und die Rolle der Politik<br></br></em></strong>Einer Person im Bildungsministerium scheint diese PH NÖ ein Dorn im Auge zu sein. Die PH NÖ kann offensichtlich mehr Forschungspublikationen als die anderen österreichischen PHs vorweisen und ist eben auch sehr innovativ: Anthropozän, Zukunftsaspekte, Werte, Verantwortung usw. usw.. Rektor Rauscher ist dabei keinesfalls eine „ultralinke” Socke, sondern ein wertebewusster, offener und kooperativer Mensch, dabei auch aktiver Christ, insgesamt fernab jeglicher Unterstellung von „<em>Wokeness”,</em> „Linksgrünversiffung” oder was auch immer für entsprechende Begriffe zur Demontage gewählt würden. Dennoch gab es schon im Sommer eine andere, ebenfalls absolut unnachvollziehbare heftige Rüge des Ministeriums für Rektor Rauscher. An einer mit der PH NÖ assoziierten Primarstufen-Schule war in einer Stellenausschreibung für eine Lehrkraft angegeben, dass auch Türkischkenntnisse sehr wichtig wären. Darauf gab es Reaktionen von ÖVP und FPÖ wie „<em>Deutsch müsse als Unterrichts- und Integrationssprache im Mittelpunkt stehen”</em> (ÖVP) und „<em>die Ausschreibung sei ‚unfair, unvernünftig und diskriminierend’ gegenüber heimischen Lehrkräften ohne Türkischkenntnisse. … ‚Deutsch [sei] auch in Pausen via Hausordnung durchzusetzen'”</em> (Landes-FPÖ), <a href="https://noe.orf.at/stories/3318144/" rel="noopener" target="_blank">siehe hier in ORF_at vom 18.8.2025</a>. Ja, genauso wie in Deutschland ist natürlich auch in Österreich an Volksschulen die Lehrsprache Deutsch, aber etliche der Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund, vor allem aber die Eltern dieser Kinder, haben oft Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Dass es solchen Familien überaus hilft bzw. sie z.T. sogar nur dann erreichbar sind, wenn sie in Gesprächen ggf. auch in der Heimatsprache sprechen können, ist doch bekannt. Damit ist dieser Wunsch nach Türkischkenntnissen absolut sinnvoll.</p> <p>Der junge Bundesminister ist von der Partei der NEOS (einer Abspaltung der FPÖ, <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/politiklexikon/17792/liberales-forum-neos/" rel="noopener" target="_blank">siehe hierzu die Bundeszentrale für politische Bildung, Deutschland</a> (schon etwas älter)); einen <a href="https://www.diepresse.com/19458600/zib-2-die-radikale-gesinnungsaenderung-des-christoph-wiederkehr" rel="noopener" target="_blank">Beitrag zum neuen Bildungsminister Österreichs von ORF-TV, ZIB 2 (vom 11.3.2025) gibt es hier</a>. Der langjährige Generalsekretär Netzer des Bildungsministeriums ist gleichzeitig auch noch Sektionschef der Präsidialsektion des Ministeriums, es steht aber offensichtlich ein Wechsel an; der Minister möchte seinen bisherigen Kabinettschef, Huber, zum Generalsekretär machen (<a href="https://www.diepresse.com/20188544/was-neos-personalien-mit-dem-streit-um-ph-rektor-rauscher-zu-tun-haben" rel="noopener" target="_blank">siehe Die Presse vom 10.10.2025</a>). Tendenzen, wonach von den Organisationsplänen bis zu den Curricula der PH’s möglichst Einheitlichkeit dominieren müsse, kann ich nur als Angriff auf die Themen Anthropozän und Zukunft interpretieren, die eben eine neue, aber überaus notwendige Sicht- und Denkweise schulen. </p> <p><strong><i>Bewertung der Causa Rauscher?<br></br></i></strong>Ich maße mir als Nichtjurist nicht an, eine juristische Bewertung des Vorgangs vorzunehmen. Ich wollte mit obigen Gedanken vor allem anregen, die wichtige Rolle der frühen schulischen Ausbildung für unsere vielfältigen, in neuer Weise anzugehenden Zukunftsherausforderungen zu betonen, aber auch darauf hinzuweisen, wie schnell derartiges Vorgehen aus unterschiedlichsten Gründen in Misskredit gebracht werden kann. Hierbei stellt leider auch die gewisse Einseitigkeit von Vorwürfen mit Hilfe der Medien, ohne die Gegenseitig in voller Weise darzustellen, offensichtlich eine zusätzliche Herausforderung dar. Aber jede*r kann sich hierzu ein eigenes Bild erstellen, so denke ich.</p> <p>Statt eines weiteren Fazits zur Bewertung der Causa Rauscher erlaube ich mir lieber, ein paar Zitate hier anzufügen:</p> <p>a) „<em>Für Erwin Rauscher dreht sich immer alles um die Menschen. Für ihn ist seine Hochschule daher zwar ein besonderer Ort, vielmehr und unverzichtbar aber besteht sie aus dem großen Team der PH-NÖ-Mitarbeiter/innen. Sie sind das starke Fundamentum; auf sie, für sie und mit ihnen hat er diese Hochschule gebaut und gestaltet sie beharrlich weiter, in wechselseitigem Respekt und Vertrauen fördert er ihr Wirken nach Kräften, die Unterstützung und Entwicklung jedes und jeder Einzelnen liegt ihm am Herzen. Er macht Mut für das kreative Verknüpfen von Wissen, das Denken in Alternativen und Zusammenhängen, das Überwinden alter Kausalitätsmuster und Infragestellen herkömmlicher Gewissheiten und Schlussfolgerungen – für visionäres Denken und Imaginationsfähigkeit schlechthin.</em>” (aus Schörg 2020 im Hinführungsartikel der damaligen PHNÖ-Vizerektorin Christine Schörg zur Festschrift von Herrn Rauschers 70 Geburtstag. Zu Glückwünschen weiterer Personen an Herrn Rauscher siehe im selben Band: Mikl-Leitner et al. (2020) (siehe auch Abb. 4 und 5).</p> <p><em><span>b) „Gerechtigkeit, Unvoreingenommenheit und das Prinzip der Fairness sind Grundpfeiler unseres demokratischen Staatsgefüges … Im Wirbel um die PH NÖ, der nun am 2.10.2025 in der Abberufung von Rektor Erwin Rauscher gipfelte, ist dieser Grundsatz missachtet worden. </span><span>Lehrende und Studierende der PH NÖ haben seit Mai 2025 wiederholt an Sie appelliert, auch jene zu hören, die hier gerne arbeiten – aber von einem Dienstrecht betroffen sind, das fachlich-organisationale Tätigkeiten nicht berücksichtigt. Wir wurden abgewiesen oder es kam keine Reaktion. .. </span></em><span><em>Das Dienstrecht lässt hier keine andere Möglichkeit als ein „Hilfskonstrukt“ zur Abgeltung der Administration und Organisation zu – welches jedenfalls an vielen anderen Hochschulen ebenfalls im Einsatz ist</em>.” <br></br>Auszug aus dem <a href="https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20251008_OTS0015/offener-brief-von-lehrenden-der-ph-noe-an-bm-wiederkehr-zur-abberufung-von-rektor-erwin-rauscher" rel="noopener" target="_blank">Offenen Brief von Lehrenden der PH NÖ an Bildungsminister Wiederkehr zur Abberufung von Rektor Erwin Rauscher</a> (vom 8.10.2025) (Rückfragen und Kontakt Prof. Christoph Hofbauer, PH NÖ). </span></p> <div title="Page 1"> <div> <div> <div> <p><em><span>c) „</span>Der jahrzehntelange Rektor der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich, Erwin Rauscher, wurde suspendiert. Er hätte ein System technisch so programmiert, dass Leistungen, die tatsächlich erbracht wurden, nicht mit dem formal richtigen Etikett versehen wurden. So wurde die Betreuung von Sozialen Medien auch als Lehre verbucht. Jeder, der auf der Höhe der Zeit ist, weiß, dass mittlerweile Lehre mehr ist, als vor 25 Personen zu stehen und Monologe zu halten. Es gibt verschiedenste Möglichkeiten, Lehrinhalte, im besten Fall interaktiv, zu vermitteln.</em></p> <ul> <li><em><span>Anstatt real erbrachte Leistungen extern zu vergeben, wurden die Leistungen intern und billiger erbracht.</span></em></li> <li><em><span>Anstatt in einer budgetär taumelnden Republik dem Rektor ein Lobschreiben zukommen zu lassen, werden formale Mängel in der Art der Verbuchung festgestellt.</span></em></li> <li><em><span>Anstatt in Spalte A wurde eine tatsächlich erbrachte Leistung in Spalte B eingetragen – und sicher nicht vom Rektor selbst.</span></em></li> <li><em><span>Anstatt dies in der gebotenen verhältnismäßigen Weise zu lösen, nämlich durch einen Hinweis, diese Leistung sei anders zu buchen, passiert Folgendes:</span></em></li> </ul> <div title="Page 1"> <div> <div> <div> <p><em>Ein seit Jahrzehnten über das durchschnittliche Maß hinaus engagierter Mann, der Inbegriff eines integren Menschen, ein Mensch, der für das Bildungssystem und für die Republik Österreich Unbezahlbares geleistet hat, der sich persönlich so weit engagiert, dass er nicht mit 65 Jahren in Pension geht, sondern stattdessen bis zu seinem 75. Lebensjahr voll weiterarbeitet, wird mit Schimpf und Schande davongejagt.</em></p> <div title="Page 2"> <div> <div> <div> <p><em>Wie schon Hannes Androsch sagte: Wenn man einen Hund schlagen möchte, dann findet man einen Stock dazu. Hingegen ist kein Fall eines Beamten überliefert, der aufgrund völliger Untätigkeit jemals suspendiert worden wäre. Es häufen sich jedoch die Fälle, dass über viele Jahre engagierte Beamte, besonders Ausnahmetalente, die in ihrem Leben bereits wiederholte Male Topleistungen erbracht haben, von noch nie positiv in Erscheinung getretenen Heckenschützen erlegt werden. Der unqualifizierte Neuling richtet die hoch integre erfahrene Person durch kabinettsjustizielle Vorverurteilung hin. Attackiert werden heutzutage jene, die etwas erreicht und geleistet haben. Leute, die sich meist vom Durchschnitt abheben. Dieser Mann soll nie mehr die Durchschnittlichkeit Österreichs stören. ….<span>Die Besten werden entfernt. …</span></em></p> <div title="Page 3"> <div> <div> <div> <p><em>Die Botschaft lautet: Sei möglichst inaktiv und ja nicht innovativ, denn durch eine falsche Buchung stehen die Pseudoanzeige und der Rufmord ins Haus. Und nur keine Innovation, denn bei neuen Initiativen ist das Risiko viel höher, Fehler zu machen.</em>“<br></br>Auszüge aus <a href="https://www.andreas-unterberger.at/m/2025/10/leistungstrger-raus-zur-skandalsen-intrige-gegen-erwin-rauscher/" rel="noopener" target="_blank">“<span>Leistungsträger raus! Zur skandalösen Intrige gegen Erwin Rauscher”, Gastbeitrag </span>von Franz Schabhüttl, 12.10.2025 auf das-tagebuch-at</a> (Blog von Andreas Unterberger)</p> <p>d) Und hier nochmals meine Kurz-Charakterisierung des Rektors von weiter oben (Leinfelder 28.10.2025)<br></br><em>Überaus vieles verdankt [die PH] der Unterstützung durch Rektor Rauscher, den ich als überaus offenen, konstruktiven, dialogbereiten, sympathischen, wissensdurstigen, unkonventionellen, unterstützenden, fördernden und alle mitnehmenden Menschen kennen und überaus schätzen lernte. Hätten doch viel mehr Führungspersonen so ein “Kaliber”!</em>“</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo.jpg"><img alt="" decoding="async" height="728" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1100px) 100vw, 1100px" src="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo.jpg 1100w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo-300x199.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo-1024x678.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo-768x508.jpg 768w" width="1100"></img></a></p> <p><span>Abb 5: Danke, lieber Herr Rauscher!  (aus Schörg 2020, Grafik von Leopold Maurer)</span></p> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> <h3>5. Versuch eines Fazits: </h3> <p>Dem Anthropozän-Konzept wird ja häufig unterstellt, es sei ein Ansatz zur Untersuchung des Erdsystems und ergäbe wegen der immensen Unterschiede zu den weiteren Epochen des Quartärs als Konsequenz eine Notwendigkeit zur Ausrufung einer neuen erdgeschichtlichen Epoche, dem Anthropozän. Damit sei es ja ausschließlich naturwissenschaftlich. Dass dies so keinesfalls stimmt, ist in diesem Blog schon häufig behandelt worden. Was nützt ein analytischer Befund, wenn dieser dem Patienten nicht erläutert wird?  Was nützt es, wenn ggf. keine Behandlung verordnet wird? Was nützt die Empfehlung einer Behandlung, wenn diese dann nicht durchgeführt wird? Was nützt eine tatsächlich begonnene Behandlung, wenn sie zu früh abgebrochen wird bzw. weitere Behandlungsnotwendigkeiten der systemischen Erkrankung des Systems nicht umgesetzt werden? </p> <p>Daher sind neue Narrative und Metaphern (siehe z.B.  <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/narrative/">hier im Blog</a>) im Kontext der Verantwortungs-Metaebene der Anthropozän-Konzeptes so wichtig (dazu <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/das-anthropozan-was-bin-ich-und-wenn-ja-wie-viele/" rel="noopener" target="_blank">hier im Blog</a>, siehe auch Leinfelder 2022, Abb. 3). Und dazu gehört eben auch die Bildung, beginnend beim jungen Schulkind bis hin zum lebenslangen Lernen, weswegen etwa das mit der Kooperation mit der PHNÖ entstandene Mutmachbuch so wichtig ist (s. Abb. 2), sowie die vielen weiteren innovativen Aktivitäten der PHNÖ mit dieser Altersgruppe. Andererseits ist Bildung ohne entsprechendes Umdenken im Handeln auch nicht ausreichend. Gerade daher sind neue Lernformen, bei denen – etwa im Sinne des Design Thinking-Ansatzes oder von Naturlaborlernorten (s. Abb 3)- die Schüler*innen selbst versuchen, Probleme zu erkennen, dann vielfältige Möglichkeiten der evtl. Lösung konstruktiv miteinander zu diskutieren, dann auszuprobieren, sich dabei von Spezialisten  helfen zu lassen, Fortschritte und Fehlversuche zu erkennen und zu analysieren und dann eben iterativ unter Modifikationen weiterzumachen, so wichtig für die Zukunftsgestaltung. Dazu sind KulturNatur-Kompetenz, Zukünftekompetenz, darunter auch Imaginationsvermögen und vieles mehr notwendig. Vielfältigste, oben und andernorts hier im Blog erwähnte, erweiterte Lehrformen sind hier sinnvoll und sollten fest in die Bildungslandschaften mit eingebaut werden – all dies bieten die Forschungs-, Lehr- und Schulausbildungsaktivitäten der PH-NÖ-Teams und ihres Rektors in herausragender Weise.</p> <p>Dies alles mag sehr nachvollziehbar klingen, wenn es dann aber um die entsprechenden Themen geht, wie eben Zukünfte im Anthropozän, ist das Erschrecken oft groß. Altbekanntes verlassen? Keine klaren Zuständigkeiten (in Bereichen, Fächern etc.), wer soll’s machen? Und dann auch keine Polarisierungen, keine simplifizierten externe Schuldzuweisungen als Selbstentschuldigung für Nichtstun? Dann ist vielen ein <em><span>„</span>Jetzt möchte ich möglichst gut leben, nach mir zwar vielleicht nicht gleich die Sintflut, aber da wird der neuen Generation dann schon noch etwas einfallen</em>” doch lieber. Auf all dies wollte ich einerseits im Sinne einer Zusammenfassung von bereits häufig Gesagtem, andererseits aber insbesondere auch am konkreten Beispiel für beeindruckende neue Ansätze, sowie leider dann auch an der, wie in diesem Falle, extrem vehementen Opposition dagegen, hier klarmachen. Und auch die Aussage vom verstorbenen Politiker Hannes Androsch sollte ein Augenöffner sein: “<em>Wenn man einen Hund schlagen möchte, dann findet man einen Stock dazu”</em> (s.o.). Der hochverdiente Rektor der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich, Prof. DDr. Erwin Rauscher ist dazu nicht der Richtige.</p> <p>Vielen Dank! Konstruktive Kommentare sind sehr erwünscht. </p> <p><em>Version 1a vom 28.10.2025<br></br>Version 1b vom 30.10.2025 mit einer Ergänzung im Intro-Kapitel sowie kleineren Korrekturen (v.a. Rechtschreibung und Layout)</em></p> <h4>Literaturverzeichnis</h4> <p>Cardoso, G., Kersting, D., Brachert, T., Heiss, G., Leinfelder, R., Maréchal, J.-P., D’Olivo, J.-P. (2025): Emerging skeletal growth responses of <em>Siderastrea siderea</em> corals to multidecadal anthropogenic impacts in Martinique, Caribbean Sea.- Nature Scientific Reports, 15, 23127 2025, doi: 10.1038/s41598-025-08709-5, <a href="https://www.nature.com/articles/s41598-025-08709-5" rel="noopener" target="_blank">nature.com/articles/s41598-025-08709-5</a></p> <p>Hangartner, U., Keller, F., Öechslin, D. (Hg) (2013): Wissen durch Bilder. Sachcomics als Medien von Bildung und Information, 330 S., Kultur und Medientheorie, Bielefeld (Transcript-Verlag)</p> <p>Hamann, A., Zea-Schmidt, C. &amp; Leinfelder, R. (Hrsg.) (2013): Die Große Transformation. Klima – Kriegen wir die Kurve? – 144 S., Stuttgart (Jakoby&amp; Stuart). ISBN 978-3-941087-23-1 (<a href="https://www.wbgu.de/de/publikationen/publikation/the-great-transformation" rel="noopener" target="_blank">download engl. Ausgabe siehe hier</a>)</p> <p>Hamann, A., Leinfelder, R., Trischler, H. &amp; Wagenbreth, H. (Hrsg.) (2014): Anthropozän – 30 Meilensteine auf dem Weg in ein neues Erdzeitalter. Eine Comic-Anthologie, 82 S., München (Verlag Deutsches Museum) (zur Online-Version der Meilensteine <a href="https://mintwissen.com/Anthropozan-Meilensteine" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>)</p> <p>Hamann, A., Leinfelder, R, Shimizu, M. (2024, 2nd Ed): Taming Time. A Golden Spike for the Anthropocene. A Science Graphic Novel.- 105 pp., eBook, Refubium Open Access-Server, Freie Universität Berlin, <a href="http://dx.doi.org/10.17169/refubium-40617.2" rel="noopener" target="_blank">http://dx.doi.org/10.17169/refubium-40617.2</a>, (Info blog: <a href="https://tamingtime.de" rel="noopener" target="_blank">https://tamingtime.de</a>)</p> <p>Heydenreich, C. (Hg) (2019): Comics und Naturwissenschaften, 273 S., Berlin (<a href="http://www.christian-bachmann.de/b_comfor5.html" rel="noopener" target="_blank">CH.A. Bachmann-Verlag</a>).</p> <p>Laibl, M. &amp; Jegelka, C. (in Coop. m. R. Leinfelder) (2022): WErde wieder wunderbar. 9 Wünsche fürs Anthropozän. Ein Mutmachbuch, 64 S., Edition Nilpferd, G&amp;G-Kinderbuchverlag (Wien). ISBN: 978-3-7074-5272-3, <a href="http://wwww.werdewiederwunderbar.com/" rel="noopener" target="_blank">Infos und Ressourcen</a>,  <a href="https://www.ph-noe.ac.at/fileadmin/root_phnoe/MitarbeiterInnen/Carmen_Sippl/PM_Laibl_Erde_FJ2022.pdf" rel="noopener" target="_blank">Ausschnitte, incl. Geleitwort</a></p> <p>Leinfelder, R. (2010a): Vom Handeln zum Wissen – das Museum zum Mitmachen.- In: Damaschun, F., Hackethal, S., Landsberg, H. &amp; Leinfelder, R. (eds.)(2010): Klasse, Ordnung, Art. 200 Jahre Museum für Naturkunde, S. 62-67, Rangsdorf (Basilisken-Presse)<span> </span></p> <p>Leinfelder, R.R. (2010b): Die wunderbare Natur.- In: Bödeker, K. &amp; Hammer, C. (eds.), Wunderforschung – Ein Experiment von Kindern, Wissenschaftlern und Künstlern, S. 54-62, Berlin (Nicolai-Verlag)</p> <p>Leinfelder, R. (2014): Das Haus der Zukunft (Berlin) als Ort der Partizipation.- Der Anthropozäniker, SciLogs, Spektrum der Wissenschaften-Verlag (20 S., 24 Abb.), <a href="http://www.scilogs.de/der-anthropozaeniker/haus-zukunft-berlin/" rel="noopener" target="_blank">http://www.scilogs.de/der-anthropozaeniker/haus-zukunft-berlin/</a> (oder direkt <a href="https://doi.org/10.13140/2.1.2720.5920" rel="noopener" target="_blank">zur pdf-Version, DOI: 10.13140/2.1.2720.5920</a></p> <p>Leinfelder, R. (2016): Das Haus der Zukunft (Berlin) als Ort der Partizipation.- In: Popp, R., Fischer, N., Heiskanen-Schüttler, M., Holz, J. &amp; Uhl, A. (ed.), Einblicke, Ausblicke, Weitblicke. Aktuelle Perspektiven der Zukunftsforschung, S. 74-93, Berlin, Wien etc. (LIT-Verlag)</p> <p>Leinfelder, R. (2018a): Nachhaltigkeitsbildung im Anthropozän – Herausforderungen und Anregungen. In: LernortLabor – Bundesverband der Schülerlabore e.V. (Hrsg), MINT-Nachhaltigkeitsbildung in Schülerlaboren – Lernen für die Gestaltung einer zukunftsfähigen Gesellschaft, S. 130-141, Berlin, ISBN 978-3-946709-02-2. (<a href="https://www.researchgate.net/publication/323934863_Nachhaltigkeitsbildung_im_Anthropozan_-_Herausforderungen_und_Anregungen" rel="noopener" target="_blank">check reprint via RG</a>)</p> <p>Leinfelder, R. (2018b): Das Anthropozän. Ein integratives Wissenschafts- und Bildungskonzept.- Gemeinsam lernen. Zeitschrift für Schule, Pädagogik und Gesellschaft. 3/2018 (Themenheft Global Goals), S. 8-14, Schwalbach/Ts (Debus). (check <a href="https://www.researchgate.net/publication/326380990_Das_Anthropozan_Ein_integratives_Wissenschafts-_und_Bildungskonzept" rel="noopener" target="_blank">Reprint via Researchgate</a>)</p> <p>Leinfelder , R. (2019): Using the state of reefs for Anthropocene stratigraphy: An ecostratigraphic approach.- In: Jan Zalasiewicz, Colin Waters, Mark Williams, Colin Summerhayes, (eds), The Anthropocene as a Geological Time Unit. A Guide to the Scientific Evidence and Current Debate, pp. 128-136, Cambridge (Cambridge University Press), <a href="https://www.cambridge.org/de/academic/subjects/earth-and-environmental-science/sedimentology-and-stratigraphy/anthropocene-geological-time-unit-guide-scientific-evidence-and-current-debate?format=HB" rel="noopener" target="_blank">ISBN 9781108475235</a>, <a href="https://www.researchgate.net/publication/331608833_Using_the_state_of_reefs_for_Anthropocene_stratigraphy_An_ecostratigraphic_approach" rel="noopener" target="_blank">RG-availability?</a></p> <p>Leinfelder, R. (2020a): Von der Umwelt zur Unswelt – Das Potenzial des Anthropozän-Konzeptes für den Schulunterricht. In: Schörg, Ch. &amp; Sippl, C. (Hrsg.): Die Verführung zur Güte. Beiträge zur Pädagogik im 21. Jahrhundert. Festschrift für Erwin Rauscher, Pädagogik für Niederösterreich, Band 8, S. 81-97, Innsbruck, Wien (StudienVerlag). print: ISBN 978-3-7065-4967-7.  online access download des ganzen Festbands <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.140" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.53349/oa.2022.a2.140</a></p> <p>Leinfelder, R. (2020b): Das Anthropozän – mit offenem Blick in die Zukunft der Bildung. In: Sippl, C.Rauscher, E.&amp; Scheuch, M. (Hrsg.): Das Anthropozän lernen und lehren, S. 17-65, Pädagogik für Niederösterreich, Band 9, Innsbruck, Wien (StudienVerlag), print ISBN 978-3-7065-5598-2, ebook EAN 9783706560832. Open-access download des ganzen Buchs <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.130">doi: 10.53349/oa.2022.a2.130</a>.</p> <p>Leinfelder, R. (2021): Die Zukunft im Museum ausstellen?.- In: Mohr, Henning &amp; Modarressi-Tehrani, Diana (Hsg.) Museen der Zukunft. Trends und Herausforderungen eines innovationsorientierten Kulturmanagements. S. 363-399, Bielefeld (<a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-4896-6/museen-der-zukunft/" rel="noopener" target="_blank">Transcript-Verlag, ISBN 978-3-8376-4896-6</a> (ebook/print)</p> <p>Leinfelder, R. (2022): “Auch Maschinen haben Hunger” – Biosphäre als Modell für die Technosphäre im Anthropozän.- In: Carmen Sippl &amp; Erwin Rauscher. (Hrsg.) <a href="https://www.studienverlag.at/produkt/6180/kulturelle-nachhaltigkeit-lernen-und-lehren/">Kulturelle Nachhaltigkeit lernen und lehren</a>. Reihe: Pädagogik für Niederösterreich, Bd. 11, S.S 489-521 Innsbruck, Wien (StudienVerlag), ISBN 978-3-7065-6180-8 open-access eBook des gesamten Buchs via <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.110" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.53349/oa.2022.a2.110</a>.</p> <p>Leinfelder, R. (2023): Die Zukunft als Skalen- und Perspektivenproblem – Tiefenzeit-Einsichten, Szenarien und Partizipation als Grundlage für Futures Literacy.- In: Sippl, C., Brandhofer, G. &amp; Rauscher, E. (eds.), Futures Literacy – Zukunft lernen und lehren. Pädagogik für Niederösterreich, Bd. 13, 35-60. Innsbruck, Vienna (StudienVerlag); Open access ebook des Bands:  <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.170" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.53349/oa.2022.a2.170</a>.</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Hamann, A. (2019): Das WBGU-Transformations-Gutachten als Sachcomic – ein neuer Wissenstransferansatz für komplexe Zukunftsthemen?.- In: Heydenreich, C. (ed.): Comics und Naturwissenschaften, S. 127-147, Berlin (<a href="http://www.christian-bachmann.de/b_comfor5.html" rel="noopener" target="_blank">CH.A. Bachmann-Verlag</a>).</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Hamann, A. (2025, in press): Imagining the Anthropocene with Images. The Potential of Slow-Media for Co-Designing Futures.- In: Sippl, C, Capatu, I. &amp; Krebs, R.E. (eds), Es wird einmal – Wissen schaffen – Zukünfte erzählen, Pädagogik für Niederösterreich, Bd. 17, (13.Nov.2025), Innsbruck, Wien. (StudienVerlag) (<a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/futures-literacy/sparkling-science-projekt" rel="noopener" target="_blank">Info</a>)</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Föhr, T. (2015): Auf dem Weg ins Haus der Zukunft. Extrablatt, Nr. 1 vom 10.6.2015., Haus der Zukunft gGmbH (Berlin). Faltblatt, 4 S., doi: <a href="https://doi.org/10.13140/RG.2.1.5074.9606" rel="noopener" target="_blank">10.13140/RG.2.1.5074.9606;</a> (bzw. 24S Präsentationsfassung: <a href="https://userpage.fu-berlin.de/leinfelder/palaeo_de/leinfelder/pdfs/HdZExtrablatt_24S.pdf" rel="noopener" target="_blank">download</a>)</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Lehmann, R. (2015): Das Anthropozän-Konzept. Ein neuer Ansatz für fachübergreifende Umweltbildung.- In: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt (Hrsg), Umweltbildung für Berlins biologische Vielfalt – nachhaltig und zielgruppenorientiert. Dokumentation der Berliner Umweltbildungskonferenz vom 4. September 2014, Rotes Rathaus, Berlin, S. 34-37, doi: <a href="https://doi.org/10.13140/RG.2.1.3540.8089" rel="noopener" target="_blank">10.13140/RG.2.1.3540.8089</a></p> <p>Leinfelder, R. &amp; Sippl, C. (2023a): CNL &amp; Anthropozän. Welche Impulse bietet das Anthropozän als Denkrahmen für CultureNature Literacy? – In: Sippl, C. &amp; Wanning, B. (Hrsg.) (2023): CultureNature Literacy (CNL). Schlüsselkompetenzen für Zukunftsgestaltung im Anthropozän. Ein Handbuch für den Theorie-Praxis-Transfer in Schule und Hochschule, S.41-49, Baden: Pädagogische Hochschule Niederösterreich, <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2023.a1.210" rel="noopener" target="_blank">DOI: 10.53349/oa.2023.a1.210</a> (op.acc. for entire eBook).</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Sippl, C. (2023b): CNL &amp; Wissenschaftskommunikation. Wie lassen sich komplexe Mensch-Natur-Beziehungen verständlich kommunizieren? -In: Sippl, C. &amp; Wanning, B. (Hrsg.) (2023): CultureNature Literacy (CNL). Schlüsselkompetenzen für Zukunftsgestaltung im Anthropozän. Ein Handbuch für den Theorie-Praxis-Transfer in Schule und Hochschule, S.142-152,Baden: Pädagogische Hochschule Niederösterreich, <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2023.a1.210" rel="noopener" target="_blank">DOI: 10.53349/oa.2023.a1.210</a> (op.cc. for entire eBook).</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Zinfert, M. (2015): Zukunftsbilder – Unsichtbares sichtbar machen. In: Zechlin, R. (ed) Wie leben? Zukunftsbilder von Malewitsch bis Fujimoto, (Ausstellungskatalog-Wilhelm Hack-Museum, Ludwigshafen), S. 16-29, (also in english: Images of the Future. Making the Invisible Visible), Köln (Wienand-Verlag), ISBN 978-3-86832-303-0</p> <p>Leinfelder, R., Adeney Thomas, J., Vidas, D., Williams, M. &amp; Zalasiewicz, J. (2024): Geoethics and the Anthropocene: Five Perspectives.- In: Silvia Peppoloni &amp; Giuseppe Di Capua (eds): Chap. 6; Geoethics for the Future: Facing Global Challenges, pp 69-83, chap. doi: <a href="https://doi.org/10.1016/B978-0-443-15654-0.00005-0" rel="noopener" target="_blank">10.1016/B978-0-443-15654-0.00005-0</a> (Elsevier, ISBN 978-0443156540), 69-83, (<a href="https://www.geoethics.org/geoethics-for-the-future-elsevier" rel="noopener" target="_blank">Book Info</a>)</p> <p>Leinfelder, R. Hamann, A., Jens Kirstein, J. &amp; Schleunitz, M. (Hrsg.)(2016): Die Anthropozän-Küche. Matooke, Bienenstich und eine Prise Phosphor – in zehn Speisen um die Welt. 248 S., Berlin, Heidelberg Springer-Verlag. ISBN 978-3-662-49871-2 (<a href="https://mintwissen.com/Eating-Anthropocene" rel="noopener" target="_blank">Info</a>)</p> <p>Leinfelder, R., Hamann, A. &amp; Kirstein, J. (2015): Wissenschaftliche Sachcomics: Multimodale Bildsprache, partizipative Wissensgenerierung und raumzeitliche Gestaltungsmöglichkeiten.- in: Bredekamp, H. &amp; Schäffner, W. (Hrsg.)(2015): Haare hören, Strukturen wissen, Räume agieren. Berichte aus dem Interdisziplinären Labor Bild-Wissen-Gestaltung, S. 45-59, Bielefeld (transcript-Verlag); ISBN 978-3-8376-3272-9 (Open access für gesamtes Buch <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-3272-9/haare-hoeren-strukturen-wissen-raeume-agieren/?number=978-3-8394-3272-3" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>)</p> <p>Leinfelder, R., Hamann, A., Kirstein, J. &amp; Schleunitz, M. (Hrsg.) (2017): Science meets Comics.- Proceedings of the Symposium on Communicating and Designing the Future of Food in the Anthropocene. With contributions by Jaqueline Berndt, Anne-Kathrin Kuhlemann, Toni Meier, Veronika Mischitz, Stephan Packard, Lukas Plank, Nick Sousanis, Katerina Teaiwa, Arnold van Huis, and the editors. 117 pp, Berlin (<a href="http://www.christian-bachmann.de/b_sciencemeets.html" rel="noopener" target="_blank">Ch. Bachmann publ.</a>)(4 April 2017); Open Access version: <a href="http://doi.org/10.5281/zenodo.556383" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.5281/zenodo.556383</a></p> <p>Leinfelder, R., Kull, U. &amp; Brümmer, F. (Hrsg.)(1998): Riffe – ein faszinierendes Thema für den Schulunterricht.-Materialien für die Fächer Biologie, Erdkunde und Geologie, Profil, 13, 150 S. (2nd ed 2002, ebook <a href="https://www.researchgate.net/profile/Reinhold-Leinfelder/publication/260069283_Riffe_-ein_faszinierendes_Thema_fur_den_Schulunterricht_Materialien_fur_die_Facher_Biologie_Erdkunde_und_Geologie/links/0c96052f4b801bee4a000000/Riffe-ein-faszinierendes-Thema-fuer-den-Schulunterricht-Materialien-fuer-die-Faecher-Biologie-Erdkunde-und-Geologie.pdf" rel="noopener" target="_blank">-&gt; download via ResearchGate</a>)</p> <p>Leinfelder, R.R., Maaßen, Ch. &amp; Püschel, H. (2007): Das Thema “Riffe” im Schulunterricht. Informationen, Anregungen, Erfahrungen.- In: Stritzke, R. (coord.), Geologie macht Schule, scriptum, 14, S. 32-51, Geol.Dienst NRW, <a href="https://www.gd.nrw.de/pdf/Scriptum14_scr.pdf" rel="noopener" target="_blank">https://www.gd.nrw.de/pdf/Scriptum14_scr.pdf</a> (für ganzes Heft)</p> <p>Leinfelder, R., Rauscher, E. &amp; Sippl, C. (2025, in press): Die Vierfalt der Weltverantwortung, Lernen und Lehren für nachhaltige Zukünfte im Anthropozän.- In: Sippl, C, Capatu, I. &amp; Krebs, R.E. (Hrsg), Es wird einmal – Wissen schaffen – Zukünfte erzählen, Pädagogik für Niederösterreich, Bd. 17, (13.Nov.2025), Innsbruck, Wien. (StudienVerlag) (<a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/futures-literacy/sparkling-science-projekt" rel="noopener" target="_blank">Info</a>)</p> <p>Mikl-Leitner, J., Teschl-Hofmeister, C., Henzinger, Thomas A., Schnabl, C. &amp; Mettinger, A. (2020): Glückwünsche.- In: Schörg, Ch. &amp; Sippl, C. (Hrsg.): Die Verführung zur Güte. Beiträge zur Pädagogik im 21. Jahrhundert. Festschrift für Erwin Rauscher, Pädagogik für Niederösterreich, Band 8, S. 37-42, Innsbruck, Wien (StudienVerlag). print: ISBN 978-3-7065-4967-7.  online access download des ganzen Festbands <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.140" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.53349/oa.2022.a2.140</a></p> <p>Rauscher, Erwin (2020). Unswelt als Wirwelt. Anthropozän – Herausforderung für Schulleitungshandeln. In Carmen Sippl, Erwin Rauscher &amp; Martin Scheuch (Hrsg.), Das Anthropozän lernen und lehren (S. 181–202). Studienverlag. (Pädagogik für Niederösterreich, 9) – DOI: <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.130" rel="noopener" target="_blank">10.53349/oa.2022.a2.130</a></p> <p>Rauscher, E. (2022): Wenn nicht die Schule, wer dann? Zukunftsfähigkeit als Bildungsverantwortung im Anthropozän. In Carmen Sippl &amp; Erwin Rauscher (Hrsg.), Kulturelle Nachhaltigkeit lernen und lehren (S. 273–305). Studienverlag. (Pädagogik für Niederösterreich, 11) – DOI: <a href="http://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.110" rel="noopener" target="_blank">10.53349/oa.2022.a2.110</a></p> <p>Rost, A. (2014): Konzeption und Evaluierung von fächerübergreifenden Forscherheften zum Biodiversitätsmonitoring – Beeinflusst eine Intervention das systemische Denken?- 302 S., Dissertation, Freie Universität Berlin (AG Geobiologie und Anthropozänforschung). Op.Acc. <a href="https://refubium.fu-berlin.de/bitstream/handle/fub188/10721/Rost_Anneli.diss.pdf" rel="noopener" target="_blank">https://refubium.fu-berlin.de/bitstream/handle/fub188/10721/Rost_Anneli.diss.pdf</a></p> <p>Schörg, C. (2020): Vom Kreidekreis zum Themen-Reigen. Eine Hinführung. In: Schörg, Ch. &amp; Sippl, C. (Hrsg.): Die Verführung zur Güte. Beiträge zur Pädagogik im 21. Jahrhundert. Festschrift für Erwin Rauscher, Pädagogik für Niederösterreich, Band 8, S. 9-22, Innsbruck, Wien (StudienVerlag). print: ISBN 978-3-7065-4967-7.  online access download des ganzen Festbands: Doi: <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.140" rel="noopener" target="_blank">10.53349/oa.2022.a2.140</a></p> <div title="Page 25"> <div> <div> <div title="Page 25"> <div> <p>Sippl, C., Tengler, K., Capatu, I., Krebs, R.E. &amp; Wittmann, A (2025): Die Zukunft des Bodens – Eine Pilotstudie zur Förderung von Zukünftedenken in der Primarstufe im methodischen Format der Zukünftewerkstatt.- R&amp;E-SOURCE 12. Jg. (2025)(Nr. 4):93 – 116, DOI: 10.53349/re-source.2025.i4.a1486</p> <p>Steinmüller, K. (2011): Weshalb Szenarien? (Grafik). In Autorenkollektiv Internet &amp; Gesellschaft Co:llaboratory (Hrsg.), Gleichgewicht und Spannung zwischen digitaler Privatheit und Öffentlichkeit (S. 58). Publikationen UB Uni Frankfurt -&gt; <a href="https://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/opus4/frontdoor/deliver/index/docId/27240/file/13510754.pdf" rel="noopener" target="_blank">pdf download</a>.</p> </div> </div> </div> </div> </div> <p>Trégarot, Ewan, Elena Allegri, Andrea Cabrito, Gema Casal, Gabriel Cardoso, Cindy Cornet, Juan Pablo D’Olivo, Kieran Deane, Silvia de Juan, Georg Heiss, Diego Kersting, Reinhold Leinfelder, Bethan O’Leary, Christian Simeoni, Marina Vergotti, Elisa Furlan; Llorenç Garrit &amp; Pato Conde (2024): Waves of Hope.- Science Graphic Novel, eBook 36pp, open access, <a href="https://macobios.eu/prp/other-products/#ComicBook" rel="noopener" target="_blank">macobios.eu/prp/other-products/#ComicBook</a> (produced by Horizon 2020 – EU-Research Project ‘Marine Coastal Ecosystems, Biodiversity and Services in a Changing World’) <i>(translations into German, French, Italian, Spanish, Catalan and Portuguese are now also availabe via above link)</i>.</p> <p>Zalasiewicz, J., Waters, C.N., Ellis, E.C., Head, M.J., Vidas, D., Steffen, W., Adeney Thomas, J., Horn, E., Summerhayes, C.P., Leinfelder, R., McNeill, J. R., Galuszka, A., Williams, M., Barnosky, A.D., Richter, D. deB., Gibbard, P.L., Syvitski, J., Jeandel, C., Cearreta, A., Cundy, A.B., Fairchild, I.J., Rose, N.L., Ivar do Sul, J.A., Shotyk, W., Turner, S., Wagreich, M., Zinke, J. (2021): The Anthropocene: comparing its meaning in geology (chronostratigraphy) with conceptual approaches arising in other disciplines.- Earth’s future, EFT2777, <a href="https://agupubs.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1029/2020EF001896" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.1029/2020EF001896</a> (open access).</p> <p>Wagenbreth, Henning (Hrsg.)(2023): Bilder schreiben, Wörter zeichnen. Was wir mit Illustrationen machen können. 512 S., Wuppertal (Peter Hammer Verlag, ISBN 978-3779507079).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/bildung-fuer-die-zukunft-im-anthropozaen-herausforderungen-potenziale-leuchtuerme-und-abbruchsvorhaben/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>11</slash:comments> </item> <item> <title>Der dämonische Feind https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/der-daemonische-feind/ https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/der-daemonische-feind/#comments Mon, 27 Oct 2025 18:26:42 +0000 Thomas Grüter https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/?p=1759 https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/capitol2-768x419.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/der-daemonische-feind/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/capitol2.jpg" /><h1>Der dämonische Feind » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Donald Trump hat die Antifa zur einheimischen Terrororganisation erklärt. Ganz offiziell, per Dekret. Nur: Die Antifa ist keine Organisation. Der Begriff ist eher eine Selbstbeschreibung von locker verbundenen Gruppen und Individuen, die sich als „antifaschistisch“ verstehen. Was wie ein Versuch aussieht, einen Pudding an die Wand zu nageln, ist tatsächlich der bisher gefährlichste Vorstoß der Trump-Administration zur übergriffigen Machtausweitung – was hier offenbar fast niemand bemerkt hat.</b></p> <p>Autoritäre oder diktatorische Regime brauchen Feinde. Je diffuser, desto besser. Und die besten Feinde sind immer die, die man selbst erfindet. Putin hat die <i>Nazis</i> zu Feinden ernannt. In der russischen Propaganda sind das unbelehrbare Feinde Russlands, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie Russland vernichten wollen. Das rechtfertigt auch die härtesten Maßnahmen und eine unablässige Repression. In der DDR war es der <i>Klassenfeind</i>, der den Aufbau des Sozialismus immer und überall hintertrieb, bei Tag und bei Nacht („Der Klassenfeind schläft nicht!“).</p> <p>Auch Trump baut ein Feindbild auf, und zwar genau nach Lehrbuch. Seine Regierung konstruiert das diffuse Bild einer kaum fassbaren, aber ungeheuer mächtigen und reichen, militärisch gedrillten und ideologisch gefestigten Geheimorganisation, die den Amerikanern jede Freiheit nehmen will. In meinem Buch „<a href="https://www.fischerverlage.de/buch/thomas-grueter-freimaurer-illuminaten-und-andere-verschwoerer-9783104000374">Freimaurer, Illuminaten und andere Verschwörer</a>“ habe ich dafür den Begriff <i>Dämonenstereotyp</i> einführt.</p> <h3>Der Feind im Inneren</h3> <p>Die Stadt Portland in Oregon, traditionell eine Bastion linker Demokraten, hat Trump seit Langem im Visier. Nach verschiedenen, nicht immer ganz friedlichen Protestdemonstrationen bezeichnete er die Stadt als „kriegszerstört (war-ravaged)“, worüber sich die Einwohner <a href="https://www.theguardian.com/us-news/2025/oct/19/portland-oregon-residents-trump-housing-drugs">immer wieder lustig machen</a><a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a>. „Portland hat nicht mal Abwasserkanäle. Und kein Glas. Sie haben Sperrholzplatten in den Fenstern. Aber die meisten Geschäfte sind weg“, sagte Trump bei anderer Gelegenheit. Auch das ist Unsinn – aber er hört nicht auf. In einer <a href="https://www.whitehouse.gov/articles/2025/10/portland-fake-news-ignores-antifa-violence-residents-pleas-for-help/">aktuellen Mitteilung des Weißen Hauses heißt es</a> :</p> <p>„Seit Jahren verwandelt ein von der Antifa angeführtes Inferno [die Stadt] Portland in eine Ödnis aus Brandbomben, Schlägereien und dreisten Angriffen auf Bundesbeamte und Eigentum – dennoch leugnen die Fake News schändlicherweise die Terrorherrschaft der radikalen Linken.“<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a><aside></aside></p> <p>Um es noch einmal zu sagen: <a href="https://apnews.com/article/fact-check-trump-portland-oregon-protests-antifa-203826406efb7420911ae756b4331f60">In Portland herrscht Frieden</a>, trotz der anhaltenden Proteste gegen die Jagd der Bundesbehörden auf Einwanderer ohne Papiere. Wenn Sie sich selbst überzeugen möchten – der Site <a href="https://isportlandburning.com/#cameras">https://isportlandburning.com/#cameras</a> zeigt Life-Videos von diversen Kameras im Stadtgebiet.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1763" id="attachment_1763"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025.jpeg"><img alt="Portland 2025" decoding="async" height="239" sizes="(max-width: 424px) 100vw, 424px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025-300x169.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025-300x169.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025-1024x576.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025-768x432.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025.jpeg 1280w" width="424"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1763">Portland, Luftbild, PD</figcaption></figure> <p>Man könnte hier meinen, dass es sich wieder um die üblichen Lügen und Übertreibungen handelt, aber diesmal ist System dahinter. Es geht dabei weniger um Portland, sondern um die unscheinbare Formulierung „von der <i>Antifa</i> angeführt“.</p> <h3>Der angebliche Terror der Antifa</h3> <p>Eben diese Antifa hat Trump gerade als einheimische Terrororganisation eingestuft. In einer „<a href="https://www.whitehouse.gov/presidential-actions/2025/09/designating-antifa-as-a-domestic-terrorist-organization/">Executive Order</a><a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a>“ vom 22.9.2025 erklärte er, sie sei „eine militaristische, anarchistische Unternehmung, die ausdrücklich dazu aufruft, die Regierung der Vereinigten Staaten, die Strafverfolgungsbehörden und die gesetzmäßige Ordnung zu stürzen“.</p> <p>Sie vernetze sich außerdem mit anderen Gruppen, „um politische Gewalt zu verbreiten“ und „gesetzeskonforme politische Äußerungen zu unterdrücken.“</p> <p>Deshalb erkläre er sie zur „einheimischen Terrororganisation“.</p> <p>Diese Erklärung hängt allerdings in der Luft, weil erstens die Antifa weder eine Organisation und noch eine Unternehmung ist, und zweitens die amerikanischen Bundesgesetze den Begriff der „einheimischen Terrororganisation“ nicht kennen.</p> <p>Sie kennt nur „ausländische Terrororganisationen“. Sollten amerikanische Staatsbürger einer solchen Terrororganisation finanzielle, organisatorische und sonstige nachweisbare Hilfe (der englische Begriff lautet: „material Support“) leisten, müssen sie mit strengen Strafen rechnen. <a href="https://www.state.gov/foreign-terrorist-organizations">Eine Liste dieser Organisationen</a> kann auf der Website des US-amerikanischen Außenministeriums eingesehen werden.</p> <h3>Was ist eine Terrororganisation?</h3> <p>Bei einem <a href="https://www.npr.org/2025/09/19/nx-s1-5545764/trump-antifa-domestic-terrorist-organization">Interview mit dem National Public Radio</a> erklärte Tom Brzozowski, ehemaliger Mitarbeiter im „Counsel of Domestic Terrorism“ des amerikanischen Justizministeriums, den Unterschied an einem Beispiel:</p> <p>„Wenn ich beispielsweise eine Geschenkkarte im Wert von 20 Dollar an eine Organisation auf der Liste auf der Website des Außenministeriums schicke, obwohl ich weiß, dass sie eine ausländische Terrororganisation ist, müsste ich mit einer Freiheitsstrafe von 20 Jahren rechnen. Wenn ich jedoch dieselbe Geschenkkarte beispielsweise an den örtlichen Ableger des Ku-Klux-Klan schicke, würde dies keinerlei strafrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.“</p> <p>Jetzt könnte man auf die Idee kommen, die Unterscheidung aufzuheben. Aber so einfach ist das nicht. Beispielsweise hat jeder Amerikaner das verfassungsmäßige Recht, Waffen zu tragen. Selbst eine bewaffnete Gruppe lässt sich nicht so einfach auflösen, nicht einmal dann, wenn sie ausdrücklich ihre Gegnerschaft zur aktuellen Regierung erklärt – das fällt unter die von der Verfassung garantierte Meinungsfreiheit.</p> <p>R<a href="https://www.splcenter.org/resources/extremist-files/militia-movement/">echtsextreme bewaffnete Milizen</a>, die teilweise ausdrücklich den Kampf gegen die Regierung in ihre Programme geschrieben haben, sind bisher immer unbehelligt geblieben. Einige geben sogar an, mit der Trump-Regierung in Kontakt zu stehen. Trump selbst hat alle Kapitolstürmer begnadigt, auch dann, wenn sie bewaffnet waren und gewaltsam vorgegangen waren. Darunter waren auch Mitglieder der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Proud_Boys">„Proud Boys</a>“, einer rechtsextremen Vereinigung, die ausdrücklich den gewaltsamen Widerstand gegen den Staat und gegen politische Gegner propagiert. Diese Gruppen betrachtet die Trump-Regierung keineswegs als Terrorgruppen, und <a href="https://whyy.org/articles/trump-proud-boys-capitol-rioters-pardon/">der Präsident hat freundliche Worte für sie</a>.</p> <h3>Die Antifa als Dämon</h3> <p>Ist die Verteufelung der Antifa eine reine Propagandaaktion? Nein, keineswegs. Man sollte nicht vergessen, dass Donald Trump in seiner zweiten Amtszeit nicht allein handelt, sondern das Sprachrohr einer exzellent organisierten autoritär ausgerichteten Gruppe ist. Sie versteckt sich hinter seinem aufschneiderischen Auftreten und nutzt seinen wütenden Hass auf alle, die er für seine Feinde hält. Ihre wichtigsten Vertreter sind Russell Vought (Direktor des Office of Management and Budget der amerikanischen Regierung) und Stephen Miller (stellvertretender Stabschef im Weißen Haus).</p> <p>Wenn wir davon ausgehen, dass die Erklärung der Antifa zur Terrororganisation keine spontane Laune eines unsteten Herrschers ist, was soll diese Executive Order dann erreichen? Und warum gerade die Antifa?</p> <p>Zum einen existiert die Antifa nicht als Organisation und kann sich demzufolge nicht vor Gericht wehren. Hätte Trump einen Verein oder eine Partei zur Terrororganisation erklärt, dann müsste er sofort mit einer Klage rechnen, und seine juristisch frei schwebende Konstruktion würde zusammenfallen. Zum zweiten eignet sich die Antifa gerade wegen ihrer diffusen Struktur ideal als dämonisches Feindbild, auf das man alles projizieren kann. Damit legt die Regierung eine gute Grundlage für weitere einschneidende Schritte.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1764" id="attachment_1764"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="403" sizes="(max-width: 403px) 100vw, 403px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2.jpg 1024w" width="403"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1764">Dämonenbeschwörung. KI-generierte Karikatur</figcaption></figure> <h3>Das Memo NSPM-7</h3> <p>Die Zielrichtung lässt sich an einem „Presidential Memorandum“ NSPM-7 ablesen, das Trump nur drei Tage nach seiner Executive Order am 25.9.2025 veröffentlichte<a href="#sdendnote4sym" name="sdendnote4anc"><sup>4</sup></a>.</p> <p><a href="https://www.whitehouse.gov/presidential-actions/2025/09/countering-domestic-terrorism-and-organized-political-violence/">Es trägt den schönen Titel</a>: „Gegen einheimischen Terrorismus und organisierte politische Gewalt [Countering Domestic Terrorism and Organized Political Violence]“.</p> <p>Das Memorandum enthält Handlungsanweisungen an Ministerien und das FBI für das Vorgehen gegen einheimische Terrororganisationen. Die Präambel lässt allerdings keinen Zweifel, dass hier die Antifa und nur die Antifa gemeint ist.</p> <p>Die Anweisungen haben es in sich. Der Kern ist nicht ganz einfach zu finden, weil er sich unter sehr viel hohltönender Propaganda versteckt. Hat man das erst eliminiert, kommt zum Vorschein, dass sämtliche Geldströme, die irgendetwas mit der Antifa zu tun haben, untersucht und unterbunden werden sollen.</p> <p>Die Finanzbehörden sollen sicherstellen, dass keine gemeinnützige Organisation <i>direkt oder indirekt </i>an der Finanzierung der Antifa beteiligt ist.</p> <p>Damit schreibt sich die Regierung einen Freibrief, um gegen eine große Zahl von liberalen Stiftungen vorzugehen, auch solche, die lediglich Bürgerrechte einfordern. Viele davon sind mit der Demokratischen Partei verbunden. Selbst Spenden für die demokratische Partei oder für einzelne Kandidaten könnten dann mit Klagen bedroht werden.</p> <h3>Die Propaganda-Runde im Weißen Haus</h3> <p>Das ist mehr als ein theoretisches Gedankenspiel. Bei <a href="https://edition.cnn.com/2025/10/08/politics/antifa-white-house-roundtable">einer </a><a href="https://edition.cnn.com/2025/10/08/politics/antifa-white-house-roundtable">Diskussionsrunde im weißen Haus</a> am 8.10.2025 mit Kabinettsmitgliedern und handverlesenen rechten Influencern erklärte Donald Trump, dass Mitglieder der Antifa „den Menschen gegenüber sehr bedrohlich aufgetreten sind, aber wir werden ihnen gegenüber sehr bedrohlich auftreten, weitaus bedrohlicher, als sie es jemals uns gegenüber waren. Und das schließt auch die Leute ein, die sie finanzieren, wahrscheinlich einige Leute, die ich kenne, einige Leute, mit denen ich diniere. Aber wenn sie das tun, sind sie in großen Schwierigkeiten, also werden wir uns sehr genau mit den Leuten befassen, die diese Operationen finanzieren.“</p> <p>Und die Heimatschutzministerin Kristi Noem ergänzte, die Antifa sei so hoch organisiert (im Original „sophisticated“) „wie MS-13, wie TDA [zwei Drogenkartelle], wie die Hisbollah und wie die Hamas – wie sie alle – sie sind genauso gefährlich<a href="#sdendnote5sym" name="sdendnote5anc"><sup>5</sup></a>“.</p> <p>Die Bekämpfung der Antifa soll ähnlich wie die der organisierten Gewaltkriminalität angegangen werden. Und der Justizminister soll weitere Gruppen benennen, die er als „einheimische Terroristen“ ansieht und diese Liste an den Präsidenten schicken. Es kann also sein, dass Trump bald ein ganzes Ökosystem von mehr oder weniger organisierten Gruppen als „einheimische Terrorgruppen“ einstuft, deren finanzielle oder organisatorische Unterstützung er unter strenge Strafen stellen will. Wohlgemerkt: Das ist nicht etwa eine reine Vermutung. <a href="https://abcnews.go.com/US/doj-charges-alleged-antifa-followers-terrorism-offense-attack/story?id=126590253">Das Justizministerium hat bereits angefangen</a>, Menschen wegen „material Support“ für die Antifa anzuklagen, obwohl jeder Anwalt, der sein Geld Wert ist, diese Argumentation in Fetzen reißen würde.</p> <h3>Der Opposition die Mittel entziehen.</h3> <p>Insgesamt geht es darum, die eher linken Bürgerrechtsorganisationen und natürlich die Demokratische Partei finanziell auszutrocknen. Außerdem könnte der Wahlkampf der Demokratischen Partei empfindlich gestört werden, wenn Kandidaten wegen „materieller Unterstützung“ von einheimischen Terrororganisationen angeklagt werden. Das mag rechtlich unhaltbar sein, aber die Trump-Regierung hat bereits gezeigt, dass sie sich wenig darum kümmert, ob ihre Argumente vor Gericht überhaupt Substanz haben. Trump selber versucht immer wieder, von Presseorganen absurde Milliardensummen einzuklagen, weil sie angeblich parteiisch, nicht vollständig oder falsch berichten (was sie natürlich dürfen). <a href="https://www.axios.com/2025/07/22/trump-lawsuits-wsj-npr-pbs">Axios hat 34 Prozesse seit 2015 gezählt</a>. Aktuell laufen Klagen gegen die New York Times über 15 Milliarden US$ und das Wall Street Journal über 10 Milliarden US$. <a href="https://www.france24.com/en/live-news/20251009-trump-hosts-roundtable-accusing-sick-media-of-backing-antifa">Bei dem Pressegespräch beschuldigte Trump</a> übrigens „einige Medien“, mit der Antifa zusammenzuarbeiten. Namentlich erwähnte er ABC, NBC und MSNBC – das ist natürlich eine Aufforderung an das Justizministerium, sie für „materielle Unterstützung“ des Terrors zu verfolgen.</p> <p>Solche Prozesse stören in jedem Fall die Geschäftsabläufe, kosten Geld und Zeit, und sind, wenn sie Privatleute betreffen, außerordentlich belastend, selbst wenn sie keine Chance haben.</p> <h3>Lügen für einen bösen Zweck</h3> <p>Die massive Propaganda, mit der diese Aktionen vorbereitet werden, hat eine bestimmte Zielrichtung: Die eigene Klientel soll davon überzeugt werden, dass fundamentale Rechte der Opposition ausgehebelt werden dürfen – ja müssen –, weil die Opposition zusammen mit linken Splittergruppen einen gewaltsamen Umsturz plant.</p> <p>Andernfalls könnten die eigenen Wähler vielleicht das Gefühl bekommen, dass sich Trump zu viel Macht sichern will. Bei den meist knappen Wahlergebnissen könnte das gefährlich werden. Das gilt um so mehr, als sich die Trump-Familie und viele ihrer Helfer offen bestechlich gezeigt haben, Bundesrecht gebeugt oder gebrochen haben und bei einem Regierungswechsel vermutlich vor Gericht landen würden.</p> <p>Sagen wir es ganz deutlich: Trump, seine Familie und Teile seiner Regierung müssen eine Abwahl fürchten und werden alles unternehmen, um sie zu verhindern.</p> <h3>Wahrnehmung in Deutschland</h3> <p>Haben Sie das alles schon anderswo gelesen? Zumindest in der deutschsprachigen Presse hat Trumps Aktion gegen die Antifa allenfalls Kopfschütteln ausgelöst, das Memorandum fand kaum Erwähnung, das Pressegespräch war den meisten Portalen allenfalls eine Kurzmeldung wert. Einzig die <a href="https://www.rollingstone.de/dieses-trump-memo-soll-die-demokraten-zerstoeren-3063685/">deutsche Ausgabe des Rolling Stone Magazine</a> hat die Tragweite der Aktion erkannt und sie in dem Artikel „Dieses Trump-Memo soll die Demokraten zerstören“ eingehend beleuchtet. In den USA hat es wegen des Memos einen Aufschrei gegeben, den hier aber offenbar niemand gehört hat. <a href="https://www.tagesschau.de/ausland/europa/eu-parlament-fleischersatz-100.html">Die Berichterstattung über den Beschluss des Europaparlaments</a> gegen „Veggie-Würstchen“<a href="#sdendnote6sym" name="sdendnote6anc"><sup>6</sup></a> war jedenfalls sehr viel umfangreicher. Man muss eben Prioritäten setzen.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> Die Stadt hat natürlich durchaus ihre Probleme. Sie ist mit ca. 640000 Einwohner die größte Stadt des US-Bundesstaats Oregon, und kämpft, wie viele andere Städte, mit einer extremen Wohnungsnot und zu vielen Obdachlosen. 2021 beschloss die Stadt, Drogensüchtige nicht als Kriminelle zu behandeln, sondern die medizinischen Angebote für sie in den Vordergrund zu rücken. Das führte zu einem heftigen Streit über die Folgen, zumal die Ausweitung der medizinischen Versorgung sich als schwierig erwies. Die Gegner führten die hohe Zahl der in den Straßen der Stadt fast überall sichtbaren Obdachlosen und Drogenabhängigen auf die zu lasche Verfolgung zurück, die Befürworter verwiesen darauf, dass es anderswo auch nicht besser sei. Inzwischen ist die Regelung wieder aufgehoben, und der Besitz von illegalen Drogen, auch zum eigenen Gebrauch, ist wieder strafbar.</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Im englischen Original: „For years, an <a href="https://www.whitehouse.gov/fact-sheets/2025/09/fact-sheet-president-donald-j-trump-designates-antifa-as-a-domestic-terrorist-organization/#:~:text=Antifa%20has%20engaged,must%20be%20stopped.">Antifa-led</a> hellfire has turned Portland into a wasteland of firebombs, beatings, and brazen attacks on <a href="https://www.whitehouse.gov/articles/2025/09/president-trump-deploys-federal-resources-to-crush-violent-radical-left-terrorism-in-portland/">federal officers and property</a> — yet the Fake News remains in <a href="https://x.com/RapidResponse47/status/1975254876004491792">shameful denial</a> about the Radical Left’s reign of terror.“</p> <div id="sdendnote3"> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3]</a> Die oft verwendeten deutsche Übersetzungen „Durchführungsverordnung“ oder „Präsidentendekret“ treffen die Tragweite eines solchen Dokuments znur unzureichend. „Executive Orders“ dürfen offiziell kein neues Recht schaffen, tun es aber immer wieder. Eine Executive Order des Präsidenten kann vom Parlament aufgehoben werden. Bis dahin ist sie für die US-Bundesbehörden verbindlich. Donald Trump macht davon exzessiven Gebrauch. Er hat in den ersten neun Monaten seiner Amtszeit mehr Executive Orders erlassen als sein Vorgänger in vier Jahren (209 gegen 162).</p> </div> <p><a href="#sdendnote4anc" name="sdendnote4sym">[4]</a> Verfasser ist vermutlich Stephen Miller, nicht Donald Trump.</p> <p><a href="#sdendnote5anc" name="sdendnote5sym">[5]</a> Weitere absurde Behauptungen der Propagandarunde finden sich in einem Bericht von <a href="https://uk.news.yahoo.com/trump-just-hosted-antifa-roundtable-213414391.html">Yahoo UK</a>.</p> <p><a href="#sdendnote6anc" name="sdendnote6sym">[6]</a> Der Beschluss wurde am 8.10.2025 gefasst, am Tag des „Pressegesprächs“ im weißen Haus.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/capitol2.jpg" /><h1>Der dämonische Feind » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Donald Trump hat die Antifa zur einheimischen Terrororganisation erklärt. Ganz offiziell, per Dekret. Nur: Die Antifa ist keine Organisation. Der Begriff ist eher eine Selbstbeschreibung von locker verbundenen Gruppen und Individuen, die sich als „antifaschistisch“ verstehen. Was wie ein Versuch aussieht, einen Pudding an die Wand zu nageln, ist tatsächlich der bisher gefährlichste Vorstoß der Trump-Administration zur übergriffigen Machtausweitung – was hier offenbar fast niemand bemerkt hat.</b></p> <p>Autoritäre oder diktatorische Regime brauchen Feinde. Je diffuser, desto besser. Und die besten Feinde sind immer die, die man selbst erfindet. Putin hat die <i>Nazis</i> zu Feinden ernannt. In der russischen Propaganda sind das unbelehrbare Feinde Russlands, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie Russland vernichten wollen. Das rechtfertigt auch die härtesten Maßnahmen und eine unablässige Repression. In der DDR war es der <i>Klassenfeind</i>, der den Aufbau des Sozialismus immer und überall hintertrieb, bei Tag und bei Nacht („Der Klassenfeind schläft nicht!“).</p> <p>Auch Trump baut ein Feindbild auf, und zwar genau nach Lehrbuch. Seine Regierung konstruiert das diffuse Bild einer kaum fassbaren, aber ungeheuer mächtigen und reichen, militärisch gedrillten und ideologisch gefestigten Geheimorganisation, die den Amerikanern jede Freiheit nehmen will. In meinem Buch „<a href="https://www.fischerverlage.de/buch/thomas-grueter-freimaurer-illuminaten-und-andere-verschwoerer-9783104000374">Freimaurer, Illuminaten und andere Verschwörer</a>“ habe ich dafür den Begriff <i>Dämonenstereotyp</i> einführt.</p> <h3>Der Feind im Inneren</h3> <p>Die Stadt Portland in Oregon, traditionell eine Bastion linker Demokraten, hat Trump seit Langem im Visier. Nach verschiedenen, nicht immer ganz friedlichen Protestdemonstrationen bezeichnete er die Stadt als „kriegszerstört (war-ravaged)“, worüber sich die Einwohner <a href="https://www.theguardian.com/us-news/2025/oct/19/portland-oregon-residents-trump-housing-drugs">immer wieder lustig machen</a><a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a>. „Portland hat nicht mal Abwasserkanäle. Und kein Glas. Sie haben Sperrholzplatten in den Fenstern. Aber die meisten Geschäfte sind weg“, sagte Trump bei anderer Gelegenheit. Auch das ist Unsinn – aber er hört nicht auf. In einer <a href="https://www.whitehouse.gov/articles/2025/10/portland-fake-news-ignores-antifa-violence-residents-pleas-for-help/">aktuellen Mitteilung des Weißen Hauses heißt es</a> :</p> <p>„Seit Jahren verwandelt ein von der Antifa angeführtes Inferno [die Stadt] Portland in eine Ödnis aus Brandbomben, Schlägereien und dreisten Angriffen auf Bundesbeamte und Eigentum – dennoch leugnen die Fake News schändlicherweise die Terrorherrschaft der radikalen Linken.“<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a><aside></aside></p> <p>Um es noch einmal zu sagen: <a href="https://apnews.com/article/fact-check-trump-portland-oregon-protests-antifa-203826406efb7420911ae756b4331f60">In Portland herrscht Frieden</a>, trotz der anhaltenden Proteste gegen die Jagd der Bundesbehörden auf Einwanderer ohne Papiere. Wenn Sie sich selbst überzeugen möchten – der Site <a href="https://isportlandburning.com/#cameras">https://isportlandburning.com/#cameras</a> zeigt Life-Videos von diversen Kameras im Stadtgebiet.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1763" id="attachment_1763"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025.jpeg"><img alt="Portland 2025" decoding="async" height="239" sizes="(max-width: 424px) 100vw, 424px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025-300x169.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025-300x169.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025-1024x576.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025-768x432.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025.jpeg 1280w" width="424"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1763">Portland, Luftbild, PD</figcaption></figure> <p>Man könnte hier meinen, dass es sich wieder um die üblichen Lügen und Übertreibungen handelt, aber diesmal ist System dahinter. Es geht dabei weniger um Portland, sondern um die unscheinbare Formulierung „von der <i>Antifa</i> angeführt“.</p> <h3>Der angebliche Terror der Antifa</h3> <p>Eben diese Antifa hat Trump gerade als einheimische Terrororganisation eingestuft. In einer „<a href="https://www.whitehouse.gov/presidential-actions/2025/09/designating-antifa-as-a-domestic-terrorist-organization/">Executive Order</a><a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a>“ vom 22.9.2025 erklärte er, sie sei „eine militaristische, anarchistische Unternehmung, die ausdrücklich dazu aufruft, die Regierung der Vereinigten Staaten, die Strafverfolgungsbehörden und die gesetzmäßige Ordnung zu stürzen“.</p> <p>Sie vernetze sich außerdem mit anderen Gruppen, „um politische Gewalt zu verbreiten“ und „gesetzeskonforme politische Äußerungen zu unterdrücken.“</p> <p>Deshalb erkläre er sie zur „einheimischen Terrororganisation“.</p> <p>Diese Erklärung hängt allerdings in der Luft, weil erstens die Antifa weder eine Organisation und noch eine Unternehmung ist, und zweitens die amerikanischen Bundesgesetze den Begriff der „einheimischen Terrororganisation“ nicht kennen.</p> <p>Sie kennt nur „ausländische Terrororganisationen“. Sollten amerikanische Staatsbürger einer solchen Terrororganisation finanzielle, organisatorische und sonstige nachweisbare Hilfe (der englische Begriff lautet: „material Support“) leisten, müssen sie mit strengen Strafen rechnen. <a href="https://www.state.gov/foreign-terrorist-organizations">Eine Liste dieser Organisationen</a> kann auf der Website des US-amerikanischen Außenministeriums eingesehen werden.</p> <h3>Was ist eine Terrororganisation?</h3> <p>Bei einem <a href="https://www.npr.org/2025/09/19/nx-s1-5545764/trump-antifa-domestic-terrorist-organization">Interview mit dem National Public Radio</a> erklärte Tom Brzozowski, ehemaliger Mitarbeiter im „Counsel of Domestic Terrorism“ des amerikanischen Justizministeriums, den Unterschied an einem Beispiel:</p> <p>„Wenn ich beispielsweise eine Geschenkkarte im Wert von 20 Dollar an eine Organisation auf der Liste auf der Website des Außenministeriums schicke, obwohl ich weiß, dass sie eine ausländische Terrororganisation ist, müsste ich mit einer Freiheitsstrafe von 20 Jahren rechnen. Wenn ich jedoch dieselbe Geschenkkarte beispielsweise an den örtlichen Ableger des Ku-Klux-Klan schicke, würde dies keinerlei strafrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.“</p> <p>Jetzt könnte man auf die Idee kommen, die Unterscheidung aufzuheben. Aber so einfach ist das nicht. Beispielsweise hat jeder Amerikaner das verfassungsmäßige Recht, Waffen zu tragen. Selbst eine bewaffnete Gruppe lässt sich nicht so einfach auflösen, nicht einmal dann, wenn sie ausdrücklich ihre Gegnerschaft zur aktuellen Regierung erklärt – das fällt unter die von der Verfassung garantierte Meinungsfreiheit.</p> <p>R<a href="https://www.splcenter.org/resources/extremist-files/militia-movement/">echtsextreme bewaffnete Milizen</a>, die teilweise ausdrücklich den Kampf gegen die Regierung in ihre Programme geschrieben haben, sind bisher immer unbehelligt geblieben. Einige geben sogar an, mit der Trump-Regierung in Kontakt zu stehen. Trump selbst hat alle Kapitolstürmer begnadigt, auch dann, wenn sie bewaffnet waren und gewaltsam vorgegangen waren. Darunter waren auch Mitglieder der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Proud_Boys">„Proud Boys</a>“, einer rechtsextremen Vereinigung, die ausdrücklich den gewaltsamen Widerstand gegen den Staat und gegen politische Gegner propagiert. Diese Gruppen betrachtet die Trump-Regierung keineswegs als Terrorgruppen, und <a href="https://whyy.org/articles/trump-proud-boys-capitol-rioters-pardon/">der Präsident hat freundliche Worte für sie</a>.</p> <h3>Die Antifa als Dämon</h3> <p>Ist die Verteufelung der Antifa eine reine Propagandaaktion? Nein, keineswegs. Man sollte nicht vergessen, dass Donald Trump in seiner zweiten Amtszeit nicht allein handelt, sondern das Sprachrohr einer exzellent organisierten autoritär ausgerichteten Gruppe ist. Sie versteckt sich hinter seinem aufschneiderischen Auftreten und nutzt seinen wütenden Hass auf alle, die er für seine Feinde hält. Ihre wichtigsten Vertreter sind Russell Vought (Direktor des Office of Management and Budget der amerikanischen Regierung) und Stephen Miller (stellvertretender Stabschef im Weißen Haus).</p> <p>Wenn wir davon ausgehen, dass die Erklärung der Antifa zur Terrororganisation keine spontane Laune eines unsteten Herrschers ist, was soll diese Executive Order dann erreichen? Und warum gerade die Antifa?</p> <p>Zum einen existiert die Antifa nicht als Organisation und kann sich demzufolge nicht vor Gericht wehren. Hätte Trump einen Verein oder eine Partei zur Terrororganisation erklärt, dann müsste er sofort mit einer Klage rechnen, und seine juristisch frei schwebende Konstruktion würde zusammenfallen. Zum zweiten eignet sich die Antifa gerade wegen ihrer diffusen Struktur ideal als dämonisches Feindbild, auf das man alles projizieren kann. Damit legt die Regierung eine gute Grundlage für weitere einschneidende Schritte.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1764" id="attachment_1764"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="403" sizes="(max-width: 403px) 100vw, 403px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2.jpg 1024w" width="403"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1764">Dämonenbeschwörung. KI-generierte Karikatur</figcaption></figure> <h3>Das Memo NSPM-7</h3> <p>Die Zielrichtung lässt sich an einem „Presidential Memorandum“ NSPM-7 ablesen, das Trump nur drei Tage nach seiner Executive Order am 25.9.2025 veröffentlichte<a href="#sdendnote4sym" name="sdendnote4anc"><sup>4</sup></a>.</p> <p><a href="https://www.whitehouse.gov/presidential-actions/2025/09/countering-domestic-terrorism-and-organized-political-violence/">Es trägt den schönen Titel</a>: „Gegen einheimischen Terrorismus und organisierte politische Gewalt [Countering Domestic Terrorism and Organized Political Violence]“.</p> <p>Das Memorandum enthält Handlungsanweisungen an Ministerien und das FBI für das Vorgehen gegen einheimische Terrororganisationen. Die Präambel lässt allerdings keinen Zweifel, dass hier die Antifa und nur die Antifa gemeint ist.</p> <p>Die Anweisungen haben es in sich. Der Kern ist nicht ganz einfach zu finden, weil er sich unter sehr viel hohltönender Propaganda versteckt. Hat man das erst eliminiert, kommt zum Vorschein, dass sämtliche Geldströme, die irgendetwas mit der Antifa zu tun haben, untersucht und unterbunden werden sollen.</p> <p>Die Finanzbehörden sollen sicherstellen, dass keine gemeinnützige Organisation <i>direkt oder indirekt </i>an der Finanzierung der Antifa beteiligt ist.</p> <p>Damit schreibt sich die Regierung einen Freibrief, um gegen eine große Zahl von liberalen Stiftungen vorzugehen, auch solche, die lediglich Bürgerrechte einfordern. Viele davon sind mit der Demokratischen Partei verbunden. Selbst Spenden für die demokratische Partei oder für einzelne Kandidaten könnten dann mit Klagen bedroht werden.</p> <h3>Die Propaganda-Runde im Weißen Haus</h3> <p>Das ist mehr als ein theoretisches Gedankenspiel. Bei <a href="https://edition.cnn.com/2025/10/08/politics/antifa-white-house-roundtable">einer </a><a href="https://edition.cnn.com/2025/10/08/politics/antifa-white-house-roundtable">Diskussionsrunde im weißen Haus</a> am 8.10.2025 mit Kabinettsmitgliedern und handverlesenen rechten Influencern erklärte Donald Trump, dass Mitglieder der Antifa „den Menschen gegenüber sehr bedrohlich aufgetreten sind, aber wir werden ihnen gegenüber sehr bedrohlich auftreten, weitaus bedrohlicher, als sie es jemals uns gegenüber waren. Und das schließt auch die Leute ein, die sie finanzieren, wahrscheinlich einige Leute, die ich kenne, einige Leute, mit denen ich diniere. Aber wenn sie das tun, sind sie in großen Schwierigkeiten, also werden wir uns sehr genau mit den Leuten befassen, die diese Operationen finanzieren.“</p> <p>Und die Heimatschutzministerin Kristi Noem ergänzte, die Antifa sei so hoch organisiert (im Original „sophisticated“) „wie MS-13, wie TDA [zwei Drogenkartelle], wie die Hisbollah und wie die Hamas – wie sie alle – sie sind genauso gefährlich<a href="#sdendnote5sym" name="sdendnote5anc"><sup>5</sup></a>“.</p> <p>Die Bekämpfung der Antifa soll ähnlich wie die der organisierten Gewaltkriminalität angegangen werden. Und der Justizminister soll weitere Gruppen benennen, die er als „einheimische Terroristen“ ansieht und diese Liste an den Präsidenten schicken. Es kann also sein, dass Trump bald ein ganzes Ökosystem von mehr oder weniger organisierten Gruppen als „einheimische Terrorgruppen“ einstuft, deren finanzielle oder organisatorische Unterstützung er unter strenge Strafen stellen will. Wohlgemerkt: Das ist nicht etwa eine reine Vermutung. <a href="https://abcnews.go.com/US/doj-charges-alleged-antifa-followers-terrorism-offense-attack/story?id=126590253">Das Justizministerium hat bereits angefangen</a>, Menschen wegen „material Support“ für die Antifa anzuklagen, obwohl jeder Anwalt, der sein Geld Wert ist, diese Argumentation in Fetzen reißen würde.</p> <h3>Der Opposition die Mittel entziehen.</h3> <p>Insgesamt geht es darum, die eher linken Bürgerrechtsorganisationen und natürlich die Demokratische Partei finanziell auszutrocknen. Außerdem könnte der Wahlkampf der Demokratischen Partei empfindlich gestört werden, wenn Kandidaten wegen „materieller Unterstützung“ von einheimischen Terrororganisationen angeklagt werden. Das mag rechtlich unhaltbar sein, aber die Trump-Regierung hat bereits gezeigt, dass sie sich wenig darum kümmert, ob ihre Argumente vor Gericht überhaupt Substanz haben. Trump selber versucht immer wieder, von Presseorganen absurde Milliardensummen einzuklagen, weil sie angeblich parteiisch, nicht vollständig oder falsch berichten (was sie natürlich dürfen). <a href="https://www.axios.com/2025/07/22/trump-lawsuits-wsj-npr-pbs">Axios hat 34 Prozesse seit 2015 gezählt</a>. Aktuell laufen Klagen gegen die New York Times über 15 Milliarden US$ und das Wall Street Journal über 10 Milliarden US$. <a href="https://www.france24.com/en/live-news/20251009-trump-hosts-roundtable-accusing-sick-media-of-backing-antifa">Bei dem Pressegespräch beschuldigte Trump</a> übrigens „einige Medien“, mit der Antifa zusammenzuarbeiten. Namentlich erwähnte er ABC, NBC und MSNBC – das ist natürlich eine Aufforderung an das Justizministerium, sie für „materielle Unterstützung“ des Terrors zu verfolgen.</p> <p>Solche Prozesse stören in jedem Fall die Geschäftsabläufe, kosten Geld und Zeit, und sind, wenn sie Privatleute betreffen, außerordentlich belastend, selbst wenn sie keine Chance haben.</p> <h3>Lügen für einen bösen Zweck</h3> <p>Die massive Propaganda, mit der diese Aktionen vorbereitet werden, hat eine bestimmte Zielrichtung: Die eigene Klientel soll davon überzeugt werden, dass fundamentale Rechte der Opposition ausgehebelt werden dürfen – ja müssen –, weil die Opposition zusammen mit linken Splittergruppen einen gewaltsamen Umsturz plant.</p> <p>Andernfalls könnten die eigenen Wähler vielleicht das Gefühl bekommen, dass sich Trump zu viel Macht sichern will. Bei den meist knappen Wahlergebnissen könnte das gefährlich werden. Das gilt um so mehr, als sich die Trump-Familie und viele ihrer Helfer offen bestechlich gezeigt haben, Bundesrecht gebeugt oder gebrochen haben und bei einem Regierungswechsel vermutlich vor Gericht landen würden.</p> <p>Sagen wir es ganz deutlich: Trump, seine Familie und Teile seiner Regierung müssen eine Abwahl fürchten und werden alles unternehmen, um sie zu verhindern.</p> <h3>Wahrnehmung in Deutschland</h3> <p>Haben Sie das alles schon anderswo gelesen? Zumindest in der deutschsprachigen Presse hat Trumps Aktion gegen die Antifa allenfalls Kopfschütteln ausgelöst, das Memorandum fand kaum Erwähnung, das Pressegespräch war den meisten Portalen allenfalls eine Kurzmeldung wert. Einzig die <a href="https://www.rollingstone.de/dieses-trump-memo-soll-die-demokraten-zerstoeren-3063685/">deutsche Ausgabe des Rolling Stone Magazine</a> hat die Tragweite der Aktion erkannt und sie in dem Artikel „Dieses Trump-Memo soll die Demokraten zerstören“ eingehend beleuchtet. In den USA hat es wegen des Memos einen Aufschrei gegeben, den hier aber offenbar niemand gehört hat. <a href="https://www.tagesschau.de/ausland/europa/eu-parlament-fleischersatz-100.html">Die Berichterstattung über den Beschluss des Europaparlaments</a> gegen „Veggie-Würstchen“<a href="#sdendnote6sym" name="sdendnote6anc"><sup>6</sup></a> war jedenfalls sehr viel umfangreicher. Man muss eben Prioritäten setzen.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> Die Stadt hat natürlich durchaus ihre Probleme. Sie ist mit ca. 640000 Einwohner die größte Stadt des US-Bundesstaats Oregon, und kämpft, wie viele andere Städte, mit einer extremen Wohnungsnot und zu vielen Obdachlosen. 2021 beschloss die Stadt, Drogensüchtige nicht als Kriminelle zu behandeln, sondern die medizinischen Angebote für sie in den Vordergrund zu rücken. Das führte zu einem heftigen Streit über die Folgen, zumal die Ausweitung der medizinischen Versorgung sich als schwierig erwies. Die Gegner führten die hohe Zahl der in den Straßen der Stadt fast überall sichtbaren Obdachlosen und Drogenabhängigen auf die zu lasche Verfolgung zurück, die Befürworter verwiesen darauf, dass es anderswo auch nicht besser sei. Inzwischen ist die Regelung wieder aufgehoben, und der Besitz von illegalen Drogen, auch zum eigenen Gebrauch, ist wieder strafbar.</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Im englischen Original: „For years, an <a href="https://www.whitehouse.gov/fact-sheets/2025/09/fact-sheet-president-donald-j-trump-designates-antifa-as-a-domestic-terrorist-organization/#:~:text=Antifa%20has%20engaged,must%20be%20stopped.">Antifa-led</a> hellfire has turned Portland into a wasteland of firebombs, beatings, and brazen attacks on <a href="https://www.whitehouse.gov/articles/2025/09/president-trump-deploys-federal-resources-to-crush-violent-radical-left-terrorism-in-portland/">federal officers and property</a> — yet the Fake News remains in <a href="https://x.com/RapidResponse47/status/1975254876004491792">shameful denial</a> about the Radical Left’s reign of terror.“</p> <div id="sdendnote3"> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3]</a> Die oft verwendeten deutsche Übersetzungen „Durchführungsverordnung“ oder „Präsidentendekret“ treffen die Tragweite eines solchen Dokuments znur unzureichend. „Executive Orders“ dürfen offiziell kein neues Recht schaffen, tun es aber immer wieder. Eine Executive Order des Präsidenten kann vom Parlament aufgehoben werden. Bis dahin ist sie für die US-Bundesbehörden verbindlich. Donald Trump macht davon exzessiven Gebrauch. Er hat in den ersten neun Monaten seiner Amtszeit mehr Executive Orders erlassen als sein Vorgänger in vier Jahren (209 gegen 162).</p> </div> <p><a href="#sdendnote4anc" name="sdendnote4sym">[4]</a> Verfasser ist vermutlich Stephen Miller, nicht Donald Trump.</p> <p><a href="#sdendnote5anc" name="sdendnote5sym">[5]</a> Weitere absurde Behauptungen der Propagandarunde finden sich in einem Bericht von <a href="https://uk.news.yahoo.com/trump-just-hosted-antifa-roundtable-213414391.html">Yahoo UK</a>.</p> <p><a href="#sdendnote6anc" name="sdendnote6sym">[6]</a> Der Beschluss wurde am 8.10.2025 gefasst, am Tag des „Pressegesprächs“ im weißen Haus.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/der-daemonische-feind/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>24</slash:comments> </item> <item> <title>Babylonische Sternbilder im Vergleich https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/babylonische-sternbilder-im-vergleich/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/babylonische-sternbilder-im-vergleich/#respond Sat, 25 Oct 2025 19:49:31 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12234 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constVgl_zodiac_engl_nurBab_4blog-768x196.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/babylonische-sternbilder-im-vergleich/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constVgl_zodiac_engl_nurBab_4blog.jpg" /><h1>Babylonische Sternbilder im Vergleich » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>gerade erreicht mich die Nachricht eines Italieners, dass er ein Video auf YouTube gestellt hat. Warum schreibt er mir das? – Nun, weil es meine Arbeit (von vor ~7 Jahren) zeigt und didaktisch aufbereitet. </p> <p>Mit der amerikanischen Künstlerin Jessica Gullberg habe ich die babylonischen Sternbilder rekonstruiert: ich habe die Flächen am Himmel bestimmt, wo sie (vermutlich) gesehen wurden und Jessica hat dann auf eine Sternkarte der Region die Figuren aufgepasst – d.h. Abbildungen gemalt, die sich an historischen Darstellungen orientieren, aber akkurat auf die Sterne passen. </p> <p>Diese “Himmelskultur” ist seit einigen Jahren in Stellarium verfügbar (und in mehreren Planetariumskuppeln in Deutschland), aber ich habe sie erst Anfang dieses Jahres wieder einmal überarbeitet: Stellarium hat vier Software-Releases im Jahr (zu allen Sonnenwenden und Tag-und-Nachtgleichen). </p> <p>Leider hatte bisher niemand die Zeit, dies didaktisch aufzubereiten, d.h. Lehrkonzepte/ -materialien dafür zu erstellen. Es wird leider nicht bezahlt, und für mich ist die Arbeit an den und mit den Daten schon zeitaufwendig genug. Der Italiener hat das hier recht hübsch realisiert:  </p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/zC-zzVAdDzM?feature=oembed&amp;rel=0" title="COSTELLAZIONI SUMERE MULAPIN E MODERNE" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Die technischen Perfektionisten und Planetarier werden monieren, dass es technisch nicht perfekt gearbeitet ist; man hätte Meteore und Planeten ausschalten können etc. Das ist alles richtig – aber ich bin in erster Linie dankbar, dass es überhaupt gemacht wurde und dass es sachlich richtig ist: solange es didaktisch korrekt ist, kann man wenigstens damit arbeiten und ist es für Lehre tauglich. <aside></aside></p> <p>Mille grazie, Guiseppe Fusco fi Napoli (in bella Italia). </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constVgl_zodiac_engl_nurBab_4blog.jpg" /><h1>Babylonische Sternbilder im Vergleich » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>gerade erreicht mich die Nachricht eines Italieners, dass er ein Video auf YouTube gestellt hat. Warum schreibt er mir das? – Nun, weil es meine Arbeit (von vor ~7 Jahren) zeigt und didaktisch aufbereitet. </p> <p>Mit der amerikanischen Künstlerin Jessica Gullberg habe ich die babylonischen Sternbilder rekonstruiert: ich habe die Flächen am Himmel bestimmt, wo sie (vermutlich) gesehen wurden und Jessica hat dann auf eine Sternkarte der Region die Figuren aufgepasst – d.h. Abbildungen gemalt, die sich an historischen Darstellungen orientieren, aber akkurat auf die Sterne passen. </p> <p>Diese “Himmelskultur” ist seit einigen Jahren in Stellarium verfügbar (und in mehreren Planetariumskuppeln in Deutschland), aber ich habe sie erst Anfang dieses Jahres wieder einmal überarbeitet: Stellarium hat vier Software-Releases im Jahr (zu allen Sonnenwenden und Tag-und-Nachtgleichen). </p> <p>Leider hatte bisher niemand die Zeit, dies didaktisch aufzubereiten, d.h. Lehrkonzepte/ -materialien dafür zu erstellen. Es wird leider nicht bezahlt, und für mich ist die Arbeit an den und mit den Daten schon zeitaufwendig genug. Der Italiener hat das hier recht hübsch realisiert:  </p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/zC-zzVAdDzM?feature=oembed&amp;rel=0" title="COSTELLAZIONI SUMERE MULAPIN E MODERNE" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Die technischen Perfektionisten und Planetarier werden monieren, dass es technisch nicht perfekt gearbeitet ist; man hätte Meteore und Planeten ausschalten können etc. Das ist alles richtig – aber ich bin in erster Linie dankbar, dass es überhaupt gemacht wurde und dass es sachlich richtig ist: solange es didaktisch korrekt ist, kann man wenigstens damit arbeiten und ist es für Lehre tauglich. <aside></aside></p> <p>Mille grazie, Guiseppe Fusco fi Napoli (in bella Italia). </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/babylonische-sternbilder-im-vergleich/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeoPlänkel: Gletscherflut, Geoengineering und Singularitäten https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-gletscherflut-geoengineering-und-singularitaeten/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-gletscherflut-geoengineering-und-singularitaeten/#comments Sat, 25 Oct 2025 13:56:33 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1776 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag125-768x768.jpg Das AstroGeo-Logo mit dem Schriftzug „AstroGeo“, darunter steht „Geplänkel“. Darunter ein dreigeteiltes Bild – Gletschereis von oben, und jeweils ein bläulich leuchtendes sternartiges Objekt https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-gletscherflut-geoengineering-und-singularitaeten/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag125-scaled.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Gletscherflut, Geoengineering und Singularitäten » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag125-geplaenkel.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten)</p> <p>In dieser Folge widmen sich Franzi und Karl dem Feedback zu den letzten drei Geschichten im AstroGeo Podcast. Hörer berichten, wo sie AstroGeo gehört haben, etwa bei einer Fahrradtour durch Frankreich oder im Zug bei der Fahrt quer durch Europa.</p> <p>In Folge 122 ging es um Seen tief unter dem Gletschereis der Antarktis und von Grönland, die künftig zum Problem werden könnten. Karl hatte erzählt, ob man einen rutschenden Gletscher trockenlegen könnte, indem man den darunterliegenden See abpumpt. Dazu gibt es eine korrigierte Zahl: Demnach wäre für die kritischsten Gletscherzungen „nur“ zehnmal mehr Flüssigkeit in Grönland und der Antarktis abzupumpen als heute an Erdöl an die Oberfläche gefördert wird (knapp 5 km³ Erdöl pro Jahr vs. 50 km³ Schmelzwasser pro Jahr). Darüber hinaus sprechen Franzi und Karl über den Hinweis, dass ein steigender Meeresspiegel heute noch das geringere Problem ist: Viele Städte sinken derzeit ab, weil unter ihnen zu viel Grundwasser gefördert wird.<aside></aside></p> <p>In den Rückmeldungen zu Franzis Folgen über Schwarze Löcher (AG123 und AG124) überwiegt begeistertes Lob: Viele finden die komplexen Inhalte zur Allgemeinen Relativitätstheorie und Quantenphysik hervorragend aufbereitet, manche wünschen sich jedoch mehr Vereinfachung. Es gibt eine physikalische Ergänzung zur Natur von Singularitäten und Franzi erklärt, warum Schwarze Löcher „keine Haare“ haben. Am Rande geht es auch um die Allgemeine Relativitätstheorie und die Frage, durch welche Effekte die hochgenauen Atomuhren auf Satelliten langsamer gehen als jene auf der Erde.</p> <p>Weitere Rückmeldungen betreffen alte Folgen – etwa Beobachtungen zur Nova in der Nördlichen Krone. Die Prognose aus Folge AG091 über einen Ausbruch im Jahr 2024 ist nicht eingetreten, was vermutlich an allzu schlechten Basisdaten liegt. Somit warten wir alle weiterhin auf den nächsten Ausbruch der Nova T Coronae Borealis.</p> <p>Zuletzt sprechen Franzi und Karl über andere Geologie-Podcasts. Karl kennt fast nur englischsprachige Produktionen und bittet um Mithilfe.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 91: <a href="https://astrogeo.de/ein-neuer-stern-die-bevorstehende-nova-in-der-noerdlichen-krone/">Ein neuer Stern – die bevorstehende Nova in der Nördlichen Krone</a></li> <li>Folge 122: <a href="https://astrogeo.de/unsichtbare-wasserwelten-was-verbirgt-sich-unter-gletschern-und-eisschilden/">Unsichtbare Wasserwelten: Was schlummert unter den Eisschilden?</a></li> <li>Folge 123: <a href="https://astrogeo.de/weisse-zwerge-die-rettung-vor-dem-schwarzen-loch/">Weiße Zwerge – die Rettung vor dem Schwarzen Loch?</a></li> <li>Folge 124: <a href="https://astrogeo.de/cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/">Cygnus X-1: Wie findet man ein Schwarzes Loch?</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kerr-Metrik">Kerr-Metrik</a></li> <li>Podcast: <a href="https://www.museumfuernaturkunde.berlin/de/besuch-planen/fuernatur-digital/beats-bones-der-podcast-aus-dem-museum-fuer-naturkunde-berlin">Beats and Bones</a></li> <li>Podcast: <a href="https://www.palaeocast.com/">Palaeocast</a></li> <li>Podcast: <a href="https://planetgeocast.com/">Planet Geo</a></li> <li>Podcast: <a href="https://www.geologybites.com/">Geology Bites</a></li> <li>Podcast: <a href="https://www.bedrockpodcast.com/">Bedrock</a></li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>MPG: <a href="https://www.mpg.de/21320411/schmelzende-gletscher-groenland">Die große Schmelze</a> (02.01.2024)</li> <li>IEA: <a href="https://www.eia.gov/outlooks/ieo/data/pdf/G_G2_r_230822.081459.pdf">Erdölproduktion: 80,4 Millionen Barrel pro Tag</a> → 4,6 km³ pro Jahr (2022)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">CC-BY 4.0</a> <a href="https://doi.org/10.1371/journal.pone.0088640">Motani R, Jiang D-y, Tintori A, Rieppel O, Chen G-b (2014)</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag125-scaled.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Gletscherflut, Geoengineering und Singularitäten » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag125-geplaenkel.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten)</p> <p>In dieser Folge widmen sich Franzi und Karl dem Feedback zu den letzten drei Geschichten im AstroGeo Podcast. Hörer berichten, wo sie AstroGeo gehört haben, etwa bei einer Fahrradtour durch Frankreich oder im Zug bei der Fahrt quer durch Europa.</p> <p>In Folge 122 ging es um Seen tief unter dem Gletschereis der Antarktis und von Grönland, die künftig zum Problem werden könnten. Karl hatte erzählt, ob man einen rutschenden Gletscher trockenlegen könnte, indem man den darunterliegenden See abpumpt. Dazu gibt es eine korrigierte Zahl: Demnach wäre für die kritischsten Gletscherzungen „nur“ zehnmal mehr Flüssigkeit in Grönland und der Antarktis abzupumpen als heute an Erdöl an die Oberfläche gefördert wird (knapp 5 km³ Erdöl pro Jahr vs. 50 km³ Schmelzwasser pro Jahr). Darüber hinaus sprechen Franzi und Karl über den Hinweis, dass ein steigender Meeresspiegel heute noch das geringere Problem ist: Viele Städte sinken derzeit ab, weil unter ihnen zu viel Grundwasser gefördert wird.<aside></aside></p> <p>In den Rückmeldungen zu Franzis Folgen über Schwarze Löcher (AG123 und AG124) überwiegt begeistertes Lob: Viele finden die komplexen Inhalte zur Allgemeinen Relativitätstheorie und Quantenphysik hervorragend aufbereitet, manche wünschen sich jedoch mehr Vereinfachung. Es gibt eine physikalische Ergänzung zur Natur von Singularitäten und Franzi erklärt, warum Schwarze Löcher „keine Haare“ haben. Am Rande geht es auch um die Allgemeine Relativitätstheorie und die Frage, durch welche Effekte die hochgenauen Atomuhren auf Satelliten langsamer gehen als jene auf der Erde.</p> <p>Weitere Rückmeldungen betreffen alte Folgen – etwa Beobachtungen zur Nova in der Nördlichen Krone. Die Prognose aus Folge AG091 über einen Ausbruch im Jahr 2024 ist nicht eingetreten, was vermutlich an allzu schlechten Basisdaten liegt. Somit warten wir alle weiterhin auf den nächsten Ausbruch der Nova T Coronae Borealis.</p> <p>Zuletzt sprechen Franzi und Karl über andere Geologie-Podcasts. Karl kennt fast nur englischsprachige Produktionen und bittet um Mithilfe.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 91: <a href="https://astrogeo.de/ein-neuer-stern-die-bevorstehende-nova-in-der-noerdlichen-krone/">Ein neuer Stern – die bevorstehende Nova in der Nördlichen Krone</a></li> <li>Folge 122: <a href="https://astrogeo.de/unsichtbare-wasserwelten-was-verbirgt-sich-unter-gletschern-und-eisschilden/">Unsichtbare Wasserwelten: Was schlummert unter den Eisschilden?</a></li> <li>Folge 123: <a href="https://astrogeo.de/weisse-zwerge-die-rettung-vor-dem-schwarzen-loch/">Weiße Zwerge – die Rettung vor dem Schwarzen Loch?</a></li> <li>Folge 124: <a href="https://astrogeo.de/cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/">Cygnus X-1: Wie findet man ein Schwarzes Loch?</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kerr-Metrik">Kerr-Metrik</a></li> <li>Podcast: <a href="https://www.museumfuernaturkunde.berlin/de/besuch-planen/fuernatur-digital/beats-bones-der-podcast-aus-dem-museum-fuer-naturkunde-berlin">Beats and Bones</a></li> <li>Podcast: <a href="https://www.palaeocast.com/">Palaeocast</a></li> <li>Podcast: <a href="https://planetgeocast.com/">Planet Geo</a></li> <li>Podcast: <a href="https://www.geologybites.com/">Geology Bites</a></li> <li>Podcast: <a href="https://www.bedrockpodcast.com/">Bedrock</a></li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>MPG: <a href="https://www.mpg.de/21320411/schmelzende-gletscher-groenland">Die große Schmelze</a> (02.01.2024)</li> <li>IEA: <a href="https://www.eia.gov/outlooks/ieo/data/pdf/G_G2_r_230822.081459.pdf">Erdölproduktion: 80,4 Millionen Barrel pro Tag</a> → 4,6 km³ pro Jahr (2022)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">CC-BY 4.0</a> <a href="https://doi.org/10.1371/journal.pone.0088640">Motani R, Jiang D-y, Tintori A, Rieppel O, Chen G-b (2014)</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-gletscherflut-geoengineering-und-singularitaeten/#comments 3 Interstellarer Komet 3I/ATLAS – UFO-Warnung? https://scilogs.spektrum.de/meertext/interstellarer-komet-3i-atlas-ufo-warnung/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/interstellarer-komet-3i-atlas-ufo-warnung/#comments Fri, 24 Oct 2025 14:16:15 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1802 <h1>Interstellarer Komet 3I/ATLAS – UFO-Warnung? » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Erinnert Ihr Euch noch an den Kurzbesuch des <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/3i-atlas-ein-interstellarer-komet/">neu entdeckten interstellaren Kometen 3I/ATLAS?</a> Er war das erst das dritte interstellar Objekt, das von irdischen Teleskopen jemals beobachtet wurde. „3I“ steht für 3. Interstellares Objekt. Die beiden anderen sind 1I/ʻOumuamua im Jahr 2017 und 2I/Borisov im Jahr 2019. <br></br>Kommen wir zur neuen ESA-UFO-Story.<br></br>Das Planetary Defence Office der ESA kümmert sich um die Beobachtung und Entdeckung von Asteroiden, die der Erde gefährlich nahekommen könnten, ich habe persönliche Kontakte zu dieser Arbeitsgruppe. Gestern ließ das Team die Korken knallen, denn sie sind nun als wirklich global wichtige Akteure im Weltraum ausgezeichnet worden: Sie haben jetzt ihre eigene UFO-Verschwörungsgeschichte. Ein angeblicher ESA-Whistleblower behauptet, ESA hätte Hinweise auf<a href="https://www.msn.com/en-gb/news/other/esa-insider-shocks-space-community-3i-atlas-not-a-comet-but-a-stable-engine-powered-object-leak-suggests/ar-AA1OVk6y"> ein interstellares Raumschiff u</a>nd würden es vor der Weltöffentlichkeit geheim halten! <br></br>Diese Ehre war bisher nur der NASA zuteilgeworden.  </p> <p><strong>„ESA Insider Shocks Space Community: 3I/ATLAS ‘Not a Comet’ but a Stable, Engine-Powered Object, Leak Suggests“</strong> schrieb Jaja Agpalo am 22.10 auf MSN: Das Leak ist natürlich ein nicht näher genannter Whistleblower, der sich angeblich am 21.10.25 in den sozialen Medien gemeldet hatte. Der MSN-Artikel gibt leider keinen Link zu diesen Meldungen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-19.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="766" sizes="(max-width: 965px) 100vw, 965px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-19.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-19.png 965w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-19-300x238.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-19-768x610.png 768w" width="965"></img></a><figcaption>https://www.msn.com/en-gb/news/other/esa-insider-shocks-space-community-3i-atlas-not-a-comet-but-a-stable-engine-powered-object-leak-suggests/ar-AA1OVk6y</figcaption></figure> <p>Ich habe die Geschichte mal für mein geneigtes, astrobegeistertes Publikum übersetzt.<br></br>Entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten, habe ich den Beitrag nicht umgeschrieben, sondern nur (Danke, Deepl) übersetzt. Ich möchte ihn möglichst originalgetreu zitieren, um die Wortwahl authentisch beizubehalten, die der typischen Mystifizierung solcher Meldungen entspricht:</p> <p>„Das Rätsel um das interstellare Objekt 3I/ATLAS hat sich nach den sensationellen Behauptungen einer Person, die angibt, als Ingenieur für Weltraummüll bei der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) zu arbeiten, dramatisch vertieft.<br></br>Während der Besucher von der Größe Manhattans seine Reise durch unser Sonnensystem fortsetzt und Wissenschaftler wie den Harvard-Astrophysiker Avi Loeb mit seinen seltsamen metallischen Emissionen und seiner unwahrscheinlichen Flugbahn verwirrt, trat dieser angebliche Insider am späten Dienstag, dem 21. Oktober 2025, in den sozialen Medien an die Öffentlichkeit und behauptete, dass zwischen der ESA und der NASA eine massive Vertuschungsaktion im Gange sei.<br></br>In einem ausführlichen Beitrag, der seitdem viral gegangen ist, warnt der mutmaßliche Whistleblower, dass das Objekt ein konstantes, „motorähnliches Geräusch” von sich gibt und dass streng geheime Daten absichtlich vor der Öffentlichkeit und sogar vor anderen Analysten der Weltraumbehörde verborgen werden. Ihre erschreckende Schlussfolgerung: „Etwas Großes steht bevor.”“</p> <h2 id="h-ein-konstantes-motorahnliches-gerausch-die-schockierenden-neuen-behauptungen-uber-3i-atlas"><strong>„Ein konstantes, motorähnliches Geräusch“: Die schockierenden neuen Behauptungen über 3I/ATLAS</strong></h2> <p>Der Kern der Behauptung des Whistleblowers konzentriert sich auf eine Entdeckung des Fermi-Gammastrahlen-Weltraumteleskops (GST). Sie behaupten, dass das Teleskop eine höchst ungewöhnliche Signatur von 3I/ATLAS entdeckt habe.<br></br>„Mitte September hat das Fermi GST ein stabiles Signal auf dem Objekt entdeckt, das keiner anderen Quelle im Weltraum zugeordnet werden kann“, heißt es in dem Beitrag. „Mit anderen Worten: Das Objekt sendet ein konstantes, motorähnliches Geräusch aus.“<aside></aside></p> <p>Diese technische Beschreibung deutet darauf hin, dass es sich bei dem Signal nicht um ein natürliches Phänomen handelt, wie beispielsweise die von einem Pulsar ausgesendeten Radiowellen, sondern um etwas Künstliches und Konstantes.<br></br>Laut der Quelle wurde diese unglaubliche Entdeckung innerhalb der ESA weder weitergegeben noch analysiert. Stattdessen wurde sie unter einer neuen Geheimhaltungsvorschrift sofort an die amerikanischen Kollegen weitergegeben.<br></br>„Die Daten wurden gemäß einer neuen Geheimhaltungsvorschrift sofort an die NASA weitergeleitet, sodass bei der ESA keine Spuren davon mehr zu finden sind“, schrieben sie.<br></br>Die Quelle behauptet auch, dass diese Informationssperre mit einem „signifikanten Anstieg der UAPS-Beobachtungen auf dem gesamten Planeten und weiteren neuen Beobachtungen“ zusammenfällt.“</p> <h2 id="h-eine-mauer-der-geheimhaltung-vertuschung-von-3i-atlas-durch-nasa-und-esa"><strong>Eine Mauer der Geheimhaltung: Vertuschung von 3I/ATLAS durch NASA und ESA?</strong></h2> <p>Der Whistleblower, der sich als mittelständischer Ingenieur/Analyst für Weltraummüll bezeichnet, behauptet, dass eine Mauer der Geheimhaltung um das Objekt errichtet wurde, die insbesondere europäische Wissenschaftler von ihren üblichen amerikanischen Kooperationspartnern abschneidet.<br></br>„Ich bin SDA bei der ESA. Normalerweise arbeiten wir in Teams, die sich um bestimmte Objekte oder Projekte mit Amerikanern bilden. Jetzt werden wir komplett abgeschnitten und im Dunkeln gelassen“, erklärte er.“<br></br>So und nicht anders steht es auf MSN.</p> <p>Die 3I/ATLAS-UFO-Story hat natürlich auch in anderen Medien eingeschlagen wie ein Asteroid – allerdings je nach Qualität des Mediums eher sachlich richtigstellend.<br></br>Solche UFO-Stories lassen sich oft bis zu einem Harvard-Astronomen zurückverfolgen: Avi Loeb. Selbst wenn er nicht immer namentlich genannt wird. Der israelisch-amerikanische theoretische Physiker ist tatsächlich Astrophysik-Professor an der Harvard University. In diesem Kontext beschäftig er sich auch mit SETI und ist ein zuverlässiger Lieferant von schrillen Hypothesen, wenn es um UFOS, außerirdischen Intelligenzen und Zivilisationen geht. Sein Wikipedia-Eintrag gibt einen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Avi_Loeb">guten Überblick: Avi Loeb</a>.</p> <p>Ich finde diese Themen auch absolut faszinierend und halte außerirdisches Leben und Zivilisationen für existent, schließlich ist das Weltall ziemlich groß. Allerdings bin ich bei Avi Loebs Hypothesen immer etwas vorsichtig, weil er meiner Ansicht nach deutlich über das Ziel hinausschießt. Durch seine Begeisterung wird seinen Medienpartnern nicht immer ganz deutlich, was eine Hypothese ist. Ich denke, dass seine Hypothesen meist eher in der Bereich der plausiblen Spekulation gehören – naturwissenschaftlich fundiert, aber unbewiesen: Also Science Fiction.</p> <p>Loeb versucht seit dem Auftauchen des Kometen, daraus ein Raumschiff zu konstruieren, mit immer neuen “Hinweisen”. <br></br>Schon am 11.09.25 hatte die NASA Loebs Behauptungen debunkt<a href="https://www.theguardian.com/science/2025/sep/11/interstellar-comet-nasa-alien-made">:“ <strong>Interstellar overhype: Nasa debunks claim about alien-made comet</strong></a><strong> – </strong>Nasa dismisses theory by Harvard astronomer who suggested an object from beyond the solar system could be a relic from a distant civilization“. Die NASA hatte Loebs Hypothese, „<a href="https://www.theguardian.com/science/2025/sep/11/interstellar-comet-nasa-alien-made">that a rare interstellar object hurtling</a> through our solar system is a relic from a civilization in another celestial neighborhood, and “could potentially be dire for humanity”.“ zurückgewiesen. Das hatte Loeb nämlich am 12.07.25 auf seinem Blog „Medium“ im Beitrag „<strong><a href="https://avi-loeb.medium.com/preliminary-anomalies-of-3i-atlas-79339f64a39f">Preliminary Anomalies of 3I/ATLAS</a>“ </strong>behauptet. Er hatte an 3I/ATLAS Anomalien entdeckt und dazu innerhalb kürzester Zeit eine Publikation verfasst, dass der Asteroid, weil einige seiner Parameter außerhalb des Normbereichs liegen, kein Asteroid sei. Zu seiner Empörung hatte diese steile Hypothese das Peer-Review-Verfahren nicht überstanden.</p> <p>Die Story seiner „Alien Mutterschiff-Hypothese“ und was er nun noch angeblich neues gefunden habe, ist im IFL-Beitrag <strong>“<a href="https://www.iflscience.com/alien-mothership-hypothesis-about-to-have-key-test-as-interstellar-object-3iatlas-hits-solar-conjunction-and-perihelion-81248">Alien Mothership” Hypothesis About To Have Key Test As Interstellar Object 3I/ATLAS Hits Solar Conjunction And Perihelion</a>“ </strong>gut vorgestellt. Inklusive Loebs Frustration, weil andere Forschende, darunter NASA und SETI-Experten, seiner Interpretation nicht folgen, sondern sie zurückweisen.<br></br>Die Verwicklung von Ari Loeb in UFO-Stories (die er produziert) und der NASA (die diese debunkt) ist nicht neu. Neu ist allerdings die Story mit dem ESA-Whistleblower und dem Engagement der Planetary Defence-Arbeitsgruppe. Herzlich willkommen im UFO-Klub!<p>Falls jemand diese angeblichen Meldungen des anonymen Whistleblowers in den unendlichen Weiten des Internets entdeckt – schreibt gern den Link in die Kommentare. Ich habe ihn nicht gefunden.</p><p>Wir – mein persönlicher Whistleblower und ich – haben gestern bereits Tränen gelacht.</p><br></br>Unter der heißen MSN-Story sind natürlich jede Menge <a href="https://www.msn.com/en-gb/news/other/esa-insider-shocks-space-community-3i-atlas-not-a-comet-but-a-stable-engine-powered-object-leak-suggests/ar-AA1OVk6y">links zum Weiterlesen anderer UFO-Stories.</a> <br></br>Bei so viel intergalaktischem Verkehrsaufkommen wundert es mich, dass es nicht häufiger zu Zusammenstößen oder Staus kommt. Außerdem überlege ich ernsthaft, eine intergalaktische Raststätte in der Erdumlaufbahn zu eröffnen. Da müsste es eine Menge Kundschaft geben. Für Zeitreisende wären Getränke nur gegen bar und wie in der Asimov-Kellerbar würde gelten: Kein Raumhelm an der Bar.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Interstellarer Komet 3I/ATLAS – UFO-Warnung? » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Erinnert Ihr Euch noch an den Kurzbesuch des <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/3i-atlas-ein-interstellarer-komet/">neu entdeckten interstellaren Kometen 3I/ATLAS?</a> Er war das erst das dritte interstellar Objekt, das von irdischen Teleskopen jemals beobachtet wurde. „3I“ steht für 3. Interstellares Objekt. Die beiden anderen sind 1I/ʻOumuamua im Jahr 2017 und 2I/Borisov im Jahr 2019. <br></br>Kommen wir zur neuen ESA-UFO-Story.<br></br>Das Planetary Defence Office der ESA kümmert sich um die Beobachtung und Entdeckung von Asteroiden, die der Erde gefährlich nahekommen könnten, ich habe persönliche Kontakte zu dieser Arbeitsgruppe. Gestern ließ das Team die Korken knallen, denn sie sind nun als wirklich global wichtige Akteure im Weltraum ausgezeichnet worden: Sie haben jetzt ihre eigene UFO-Verschwörungsgeschichte. Ein angeblicher ESA-Whistleblower behauptet, ESA hätte Hinweise auf<a href="https://www.msn.com/en-gb/news/other/esa-insider-shocks-space-community-3i-atlas-not-a-comet-but-a-stable-engine-powered-object-leak-suggests/ar-AA1OVk6y"> ein interstellares Raumschiff u</a>nd würden es vor der Weltöffentlichkeit geheim halten! <br></br>Diese Ehre war bisher nur der NASA zuteilgeworden.  </p> <p><strong>„ESA Insider Shocks Space Community: 3I/ATLAS ‘Not a Comet’ but a Stable, Engine-Powered Object, Leak Suggests“</strong> schrieb Jaja Agpalo am 22.10 auf MSN: Das Leak ist natürlich ein nicht näher genannter Whistleblower, der sich angeblich am 21.10.25 in den sozialen Medien gemeldet hatte. Der MSN-Artikel gibt leider keinen Link zu diesen Meldungen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-19.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="766" sizes="(max-width: 965px) 100vw, 965px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-19.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-19.png 965w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-19-300x238.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-19-768x610.png 768w" width="965"></img></a><figcaption>https://www.msn.com/en-gb/news/other/esa-insider-shocks-space-community-3i-atlas-not-a-comet-but-a-stable-engine-powered-object-leak-suggests/ar-AA1OVk6y</figcaption></figure> <p>Ich habe die Geschichte mal für mein geneigtes, astrobegeistertes Publikum übersetzt.<br></br>Entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten, habe ich den Beitrag nicht umgeschrieben, sondern nur (Danke, Deepl) übersetzt. Ich möchte ihn möglichst originalgetreu zitieren, um die Wortwahl authentisch beizubehalten, die der typischen Mystifizierung solcher Meldungen entspricht:</p> <p>„Das Rätsel um das interstellare Objekt 3I/ATLAS hat sich nach den sensationellen Behauptungen einer Person, die angibt, als Ingenieur für Weltraummüll bei der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) zu arbeiten, dramatisch vertieft.<br></br>Während der Besucher von der Größe Manhattans seine Reise durch unser Sonnensystem fortsetzt und Wissenschaftler wie den Harvard-Astrophysiker Avi Loeb mit seinen seltsamen metallischen Emissionen und seiner unwahrscheinlichen Flugbahn verwirrt, trat dieser angebliche Insider am späten Dienstag, dem 21. Oktober 2025, in den sozialen Medien an die Öffentlichkeit und behauptete, dass zwischen der ESA und der NASA eine massive Vertuschungsaktion im Gange sei.<br></br>In einem ausführlichen Beitrag, der seitdem viral gegangen ist, warnt der mutmaßliche Whistleblower, dass das Objekt ein konstantes, „motorähnliches Geräusch” von sich gibt und dass streng geheime Daten absichtlich vor der Öffentlichkeit und sogar vor anderen Analysten der Weltraumbehörde verborgen werden. Ihre erschreckende Schlussfolgerung: „Etwas Großes steht bevor.”“</p> <h2 id="h-ein-konstantes-motorahnliches-gerausch-die-schockierenden-neuen-behauptungen-uber-3i-atlas"><strong>„Ein konstantes, motorähnliches Geräusch“: Die schockierenden neuen Behauptungen über 3I/ATLAS</strong></h2> <p>Der Kern der Behauptung des Whistleblowers konzentriert sich auf eine Entdeckung des Fermi-Gammastrahlen-Weltraumteleskops (GST). Sie behaupten, dass das Teleskop eine höchst ungewöhnliche Signatur von 3I/ATLAS entdeckt habe.<br></br>„Mitte September hat das Fermi GST ein stabiles Signal auf dem Objekt entdeckt, das keiner anderen Quelle im Weltraum zugeordnet werden kann“, heißt es in dem Beitrag. „Mit anderen Worten: Das Objekt sendet ein konstantes, motorähnliches Geräusch aus.“<aside></aside></p> <p>Diese technische Beschreibung deutet darauf hin, dass es sich bei dem Signal nicht um ein natürliches Phänomen handelt, wie beispielsweise die von einem Pulsar ausgesendeten Radiowellen, sondern um etwas Künstliches und Konstantes.<br></br>Laut der Quelle wurde diese unglaubliche Entdeckung innerhalb der ESA weder weitergegeben noch analysiert. Stattdessen wurde sie unter einer neuen Geheimhaltungsvorschrift sofort an die amerikanischen Kollegen weitergegeben.<br></br>„Die Daten wurden gemäß einer neuen Geheimhaltungsvorschrift sofort an die NASA weitergeleitet, sodass bei der ESA keine Spuren davon mehr zu finden sind“, schrieben sie.<br></br>Die Quelle behauptet auch, dass diese Informationssperre mit einem „signifikanten Anstieg der UAPS-Beobachtungen auf dem gesamten Planeten und weiteren neuen Beobachtungen“ zusammenfällt.“</p> <h2 id="h-eine-mauer-der-geheimhaltung-vertuschung-von-3i-atlas-durch-nasa-und-esa"><strong>Eine Mauer der Geheimhaltung: Vertuschung von 3I/ATLAS durch NASA und ESA?</strong></h2> <p>Der Whistleblower, der sich als mittelständischer Ingenieur/Analyst für Weltraummüll bezeichnet, behauptet, dass eine Mauer der Geheimhaltung um das Objekt errichtet wurde, die insbesondere europäische Wissenschaftler von ihren üblichen amerikanischen Kooperationspartnern abschneidet.<br></br>„Ich bin SDA bei der ESA. Normalerweise arbeiten wir in Teams, die sich um bestimmte Objekte oder Projekte mit Amerikanern bilden. Jetzt werden wir komplett abgeschnitten und im Dunkeln gelassen“, erklärte er.“<br></br>So und nicht anders steht es auf MSN.</p> <p>Die 3I/ATLAS-UFO-Story hat natürlich auch in anderen Medien eingeschlagen wie ein Asteroid – allerdings je nach Qualität des Mediums eher sachlich richtigstellend.<br></br>Solche UFO-Stories lassen sich oft bis zu einem Harvard-Astronomen zurückverfolgen: Avi Loeb. Selbst wenn er nicht immer namentlich genannt wird. Der israelisch-amerikanische theoretische Physiker ist tatsächlich Astrophysik-Professor an der Harvard University. In diesem Kontext beschäftig er sich auch mit SETI und ist ein zuverlässiger Lieferant von schrillen Hypothesen, wenn es um UFOS, außerirdischen Intelligenzen und Zivilisationen geht. Sein Wikipedia-Eintrag gibt einen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Avi_Loeb">guten Überblick: Avi Loeb</a>.</p> <p>Ich finde diese Themen auch absolut faszinierend und halte außerirdisches Leben und Zivilisationen für existent, schließlich ist das Weltall ziemlich groß. Allerdings bin ich bei Avi Loebs Hypothesen immer etwas vorsichtig, weil er meiner Ansicht nach deutlich über das Ziel hinausschießt. Durch seine Begeisterung wird seinen Medienpartnern nicht immer ganz deutlich, was eine Hypothese ist. Ich denke, dass seine Hypothesen meist eher in der Bereich der plausiblen Spekulation gehören – naturwissenschaftlich fundiert, aber unbewiesen: Also Science Fiction.</p> <p>Loeb versucht seit dem Auftauchen des Kometen, daraus ein Raumschiff zu konstruieren, mit immer neuen “Hinweisen”. <br></br>Schon am 11.09.25 hatte die NASA Loebs Behauptungen debunkt<a href="https://www.theguardian.com/science/2025/sep/11/interstellar-comet-nasa-alien-made">:“ <strong>Interstellar overhype: Nasa debunks claim about alien-made comet</strong></a><strong> – </strong>Nasa dismisses theory by Harvard astronomer who suggested an object from beyond the solar system could be a relic from a distant civilization“. Die NASA hatte Loebs Hypothese, „<a href="https://www.theguardian.com/science/2025/sep/11/interstellar-comet-nasa-alien-made">that a rare interstellar object hurtling</a> through our solar system is a relic from a civilization in another celestial neighborhood, and “could potentially be dire for humanity”.“ zurückgewiesen. Das hatte Loeb nämlich am 12.07.25 auf seinem Blog „Medium“ im Beitrag „<strong><a href="https://avi-loeb.medium.com/preliminary-anomalies-of-3i-atlas-79339f64a39f">Preliminary Anomalies of 3I/ATLAS</a>“ </strong>behauptet. Er hatte an 3I/ATLAS Anomalien entdeckt und dazu innerhalb kürzester Zeit eine Publikation verfasst, dass der Asteroid, weil einige seiner Parameter außerhalb des Normbereichs liegen, kein Asteroid sei. Zu seiner Empörung hatte diese steile Hypothese das Peer-Review-Verfahren nicht überstanden.</p> <p>Die Story seiner „Alien Mutterschiff-Hypothese“ und was er nun noch angeblich neues gefunden habe, ist im IFL-Beitrag <strong>“<a href="https://www.iflscience.com/alien-mothership-hypothesis-about-to-have-key-test-as-interstellar-object-3iatlas-hits-solar-conjunction-and-perihelion-81248">Alien Mothership” Hypothesis About To Have Key Test As Interstellar Object 3I/ATLAS Hits Solar Conjunction And Perihelion</a>“ </strong>gut vorgestellt. Inklusive Loebs Frustration, weil andere Forschende, darunter NASA und SETI-Experten, seiner Interpretation nicht folgen, sondern sie zurückweisen.<br></br>Die Verwicklung von Ari Loeb in UFO-Stories (die er produziert) und der NASA (die diese debunkt) ist nicht neu. Neu ist allerdings die Story mit dem ESA-Whistleblower und dem Engagement der Planetary Defence-Arbeitsgruppe. Herzlich willkommen im UFO-Klub!<p>Falls jemand diese angeblichen Meldungen des anonymen Whistleblowers in den unendlichen Weiten des Internets entdeckt – schreibt gern den Link in die Kommentare. Ich habe ihn nicht gefunden.</p><p>Wir – mein persönlicher Whistleblower und ich – haben gestern bereits Tränen gelacht.</p><br></br>Unter der heißen MSN-Story sind natürlich jede Menge <a href="https://www.msn.com/en-gb/news/other/esa-insider-shocks-space-community-3i-atlas-not-a-comet-but-a-stable-engine-powered-object-leak-suggests/ar-AA1OVk6y">links zum Weiterlesen anderer UFO-Stories.</a> <br></br>Bei so viel intergalaktischem Verkehrsaufkommen wundert es mich, dass es nicht häufiger zu Zusammenstößen oder Staus kommt. Außerdem überlege ich ernsthaft, eine intergalaktische Raststätte in der Erdumlaufbahn zu eröffnen. Da müsste es eine Menge Kundschaft geben. Für Zeitreisende wären Getränke nur gegen bar und wie in der Asimov-Kellerbar würde gelten: Kein Raumhelm an der Bar.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/interstellarer-komet-3i-atlas-ufo-warnung/#comments 37 Virtuelle Realität unterstützt Ärzte im Kampf gegen Krebs https://scilogs.spektrum.de/klartext/virtuelle-realitaet-unterstuetzt-aerzte-im-kampf-gegen-krebs/ https://scilogs.spektrum.de/klartext/virtuelle-realitaet-unterstuetzt-aerzte-im-kampf-gegen-krebs/#respond Fri, 24 Oct 2025 07:43:19 +0000 klartext https://scilogs.spektrum.de/klartext/?p=1171 https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-768x563.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/klartext/virtuelle-realitaet-unterstuetzt-aerzte-im-kampf-gegen-krebs/</link> </image> <description type="html"><h1>Virtuelle Realität unterstützt Ärzte im Kampf gegen Krebs » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den <a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</a> 2023 in der Kategorie Neurowissenschaften veranschaulichte Anke Reinschlüssel, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Neue Technologien werden Ärzt:innen in Zukunft helfen, ihre Fähigkeiten noch besser einzusetzen. Virtuelle Realität wird Ärzt:innen unterstützen, Operationen besser zu planen und erfolgreicher abzuschließen. Für viele Patient:innen kann das bedeuten, dass dem Krebs jetzt mehr entgegen zu setzen ist.</em></p> <p>Im Jahr 2021 war Krebs die zweithäufigste Todesursache in Deutschland. Aufgrund des demographischen Wandels und des modernen Lebensstils beobachten wir weltweit einen Anstieg an Krebspatient:innen. In der Krebstherapie nutzt die Medizin die neuen technischen Möglichkeiten noch nicht ausreichend, um die Fähigkeiten von Ärzt:innen zu unterstützen. Zu den Technologien mit dem größten ungenutzten Potenzial gehören Virtual Reality auch VR abgekürzt, und Augmented Reality (AR), die erweiterte Realität.  </p> <p>Diese Technologien sind sogenannte 3D-Technologien, d.h., sie erzeugen und zeigen eine räumliche Darstellung von Informationen. Mit einer VR-Brille kann jeder in eine völlig andere Welt eintauchen. Dabei handelt es sich um ein Display, das das gesamte Sichtfeld abdeckt und wie im 3D-Kino für jedes Auge ein Bild generiert, um einen Tiefeneindruck zu erzeugen. Eine AR-Brille hingegen lässt Science-Fiction Szenen aus Minority Report oder Ironman Wirklichkeit werden. Wie die VR-Brille erzeugt sie ebenfalls ein 3D-Bild, blendet es aber über die reale Welt, die man ebenfalls durch die AR-Brille sieht. Diese Technologien können helfen, Chirurg:innen vorab eine bessere Übersicht über die Situation im Körper der Patient:innen zu geben.</p> <p>Dank moderner radiologischer Verfahren wie Magnetresonanztomographie (MRT) oder Computertomographie (CT) können sich Chirurg:innen ein ungefähres Bild der Situation im Patienten machen, die Größe von Tumoren abschätzen und entscheiden, ob und wie diese entfernt werden können. MRT- und CT-Bilder stellen standardmäßig den Körper jedoch nur in Graustufen dar und geben nur eine Schicht, quasi eine hauchdünne Scheibe, des gesamten Körpers wider. Es erfordert viel Erfahrung, gute anatomische Kenntnisse und ein sehr gutes räumliches Vorstellungsvermögen um diese Informationen gedanklich zusammenzusetzen, um Lagebeziehungen zu erkennen. Moderne Technologien können diese Bilder bereits als 3D-Darstellung aufbereiten. Ergänzt man diese nun mit künstlicher Intelligenz, unterstützen sie erfahrene Radiolog:innen darin aus den 2D-Daten der radiologischen Verfahren ein hochwertiges und genaueres 3D-Modell des von Krebs-befallenen Organs, z.B. der Leber, zu generieren. Das Modell kann wie in einem Anatomiebuch eingefärbt werden, was die Unterscheidung der verschiedener Gewebearte und Gefäße erleichtert.<aside></aside></p> <p>Diese 3D-Modelle ermöglichen einen ganz anderen Blick auf die Ergebnisse des MRTs oder CTs, reduzieren den Aufwand für der Erstellung des mentalen Modells und schaffen eine gemeinsame Diskussionsgrundlage zwischen den Ärzt:innen. Um alle Vorteile eines 3D-Modells nutzen zu können, bedarf es allerdings eines 3D-fähiges Anzeigemediums – zum Beispiel eine VR- oder AR-Brille. Doch was braucht es noch, damit ein 3D-Modell und eine VR-Brille Chirurg:innen bei der Operationsplanung unterstützen können?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-1024x576.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-1024x576.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-300x169.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-768x432.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-1536x864.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-2048x1152.jpeg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Ein Blick auf die Benutzeroberfläche des VR-Planungstools, wo man das virtuelle Lebermodell inklusive der 2D Schichtaufnahmen aus dem MRT sieht sowie das Menü zum Zugriff auf verschiedene Planungswerkzeuge. ©BMBF Projekt VIVATOP  &amp; Anke Reinschlüssel</em></figcaption></figure> <p>In enger Zusammenarbeit mit Chirurg:innen haben wir ein VR-System entwickelt, das diese bei der Vorbereitung auf eine Operation an der Leber optimal unterstützt. Hierbei war es zuerst wichtig, die Arbeitsabläufe und Herausforderungen der Chirurg:innen kennen zu lernen, sodass wir im Krankenhaus inklusive OP hospitiert haben. Anschließend entwickelten wir im interdisziplinären Team mit Spezialist:innen aus den Bereichen medizinische Bildaufbereitung, Informatik und Mensch-Technik Interaktion einen ersten Prototypen um den medizinischen Expert:innen eine Vorstellung der technischen Möglichkeiten zu geben. In enger Zusammenarbeit mit den Chirurg:innen und durch mehrere gemeinsame Evaluationen gewannen wir ein immer tiefergehendes Verständnis für die Anforderungen an unser System und entwickelten es entsprechend weiter. So entstand aus einem einfachen Prototyp ein elaboriertes Werkzeug für die OP-Planung. Das finale System besteht aus mehreren Komponenten: einem 3D-Modell der Leber des Patienten, einem Menü mit wichtigen Tools zur OP-Planung, einer VR-Brille und den Controllern, also der Steuerung. Chirurg:innen können ein Organmodell von allen Seiten betrachten, die entscheidenden Abstände zwischen Tumoren und Gefäßen messen und sogar virtuell Gewebe entfernen, um die Überlebenschancen besser einschätzen zu können.</p> <p>Chirurg:innen sind mit handwerklichem Geschick ausgestattet und verlassen sich viel auf ihren Tastsinn. Herkömmliche VR-Interaktionsmethoden unterstützen dies jedoch kaum, da sie generische „Controller“ wie bei einer Playstation verwenden. Im Gegensatz dazu, geben wir den Chirurg:innen ein „Organ“ in die Hand – z.B. eine 3D-gedruckte Leber, die alle wichtigen Merkmale zum Ertasten hat. Diese kombinieren wir mit der Darstellung in VR – sodass, wenn ein:e Chirurg:in die Leber in der Hand dreht, sich auch die virtuelle Leber dreht. Dies ermöglicht eine intuitive Bedienung und macht die Technologie zugänglicher. Somit geben wir jedem Chirurgen und jeder Chirurgin die Möglichkeit, die Patientendaten räumlich zu erfahren. Ein Chirurg des Teams hob hervor, dass dies „den Unterschied zwischen einem palliativen und einem kurativen Ansatz“ aus chirurgischer Sicht der Krebstherapie bedeuten kann, d.h., ob der Patient Chancen auf Heilung und damit auf ein Überleben der Krebserkrankung hat.</p> <p>Auch wenn diese 3D-Modelle sehr einprägsam sind, wäre es doch schön, wenn die Chirurg:innen sie mit in den OP nehmen könnten. Hier bietet sich eine AR-Brille an – der Nutzer sieht sowohl die Umgebung, also den Patienten, als auch das dazugehörige virtuelle 3D-Modell. So können die Chirurg:innen auch während der Operation die virtuelle Leber an verschiedenen Stellen im Raum platzieren und drehen. Mittels natürlicher Gesten wie dem Greifen mit Zeigefinger und Daumen können Chirurg:innen das virtuelle Modell anfassen und es beispielsweise „neben“ den Patienten legen – die Hände bleiben dabei steril, da sie nur Luft greifen.</p> <p>Während im oben beschriebenen Szenario VR- und AR-Brillen einen großen Vorteil bieten, gibt es in der Medizin auch Situationen, in denen diese Technologien aufgrund der Rahmenbedingungen nicht eingesetzt werden können. Ein Beispiel hierfür sind Untersuchungen, die in einem MRT stattfinden. Weil dabei ein sehr starkes Magnetfeld erzeugt wird, stellen fast alle technischen Geräte eine potentielle Gefahrenquelle dar oder sie funktionieren schlichtweg nicht mehr.  Hierfür haben wir auch an anderen Technologien geforscht. Eine mögliche Technologie in diesem Anwendungskontext ist die  „Elektrolumineszenz“– mit Hilfe eines elektrischen Feldes geben Elektronen in bestimmten Materialen ihre Energie in Form von Licht ab – und zwar ohne vom Magnetfeld gestört zu werden. Displays mit dieser Technologie können dann direkt am Patienten angebracht werden, weil sie sehr leicht und flexibel sind. Diese erweitern dann ähnlich wie die AR-Brille die Realität für die Mediziner:innen indem sie beispielsweise Navigationshinweise für korrekte Einstichstellen von Nadeln geben. Dies erlaubt eine präzisere  Durchführung von Untersuchungen und Eingriffen.</p> <p>All diese Anwendungen haben wir in enger Zusammenarbeit mit den (zukünftigen) Anwender:innen entwickelt. Unser vorrangiges Ziel ist es, Ärzt:innen zu unterstützen, damit sie ihre Fähigkeiten noch besser einsetzen können. Die Anwendungen sind jedoch momentan Zukunftsmusik, da sie sich im Entwicklungsstadium befinden und noch die Zertifizierung als Medizinprodukt durchlaufen müssen. Dann können diese Technologien helfen, viele Erkrankungen, wie z.B. Krebs, noch besser zu bekämpfen und damit die Lebensqualität und Heilungschancen der Betroffenen zu erhöhen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="751" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-1024x751.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-1024x751.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-300x220.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-768x563.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-1536x1127.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C.jpeg 1820w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Ein virtuelles Lebermodell, das die Gefäßstrukturen (in blau und türkis) sowie die Tumore (in gelb) als 3D Visualisierung zeigt. Weitere anliegende Strukturen sind hier in orange und grün zu sehen. ©BMBF Projekt VIVATOP, Fraunhofer MEVIS &amp; Anke Reinschlüssel</em></figcaption></figure> <hr></hr> <p>Anke Reinschlüssel studierte Kognitionswissenschaften im Bachelor und wandte sich im Master dem Feld Mensch-Technik Interaktion (engl. Human-Computer Interaction – HCI) zu. Während ihrer Promotion an der Universität Bremen entwickelte und erforschte sie Anwendungen und neue Interaktionsmethoden für bestehende Technologien wie Virtuelle Realität und Tangibles, auf deutsch auch ‚begreifbare Objekte‘ genannt. Weil zu ihrer Faszination für Technik und Menschen eine Begeisterung für Medizin gehört, spezialisierte sie sich auf den Anwendungskontext Chirurgie. Aktuell forscht sie als PostDoc an der Universität Konstanz weiter an den Möglichkeiten von Virtueller Realität.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Virtuelle Realität unterstützt Ärzte im Kampf gegen Krebs » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den <a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</a> 2023 in der Kategorie Neurowissenschaften veranschaulichte Anke Reinschlüssel, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Neue Technologien werden Ärzt:innen in Zukunft helfen, ihre Fähigkeiten noch besser einzusetzen. Virtuelle Realität wird Ärzt:innen unterstützen, Operationen besser zu planen und erfolgreicher abzuschließen. Für viele Patient:innen kann das bedeuten, dass dem Krebs jetzt mehr entgegen zu setzen ist.</em></p> <p>Im Jahr 2021 war Krebs die zweithäufigste Todesursache in Deutschland. Aufgrund des demographischen Wandels und des modernen Lebensstils beobachten wir weltweit einen Anstieg an Krebspatient:innen. In der Krebstherapie nutzt die Medizin die neuen technischen Möglichkeiten noch nicht ausreichend, um die Fähigkeiten von Ärzt:innen zu unterstützen. Zu den Technologien mit dem größten ungenutzten Potenzial gehören Virtual Reality auch VR abgekürzt, und Augmented Reality (AR), die erweiterte Realität.  </p> <p>Diese Technologien sind sogenannte 3D-Technologien, d.h., sie erzeugen und zeigen eine räumliche Darstellung von Informationen. Mit einer VR-Brille kann jeder in eine völlig andere Welt eintauchen. Dabei handelt es sich um ein Display, das das gesamte Sichtfeld abdeckt und wie im 3D-Kino für jedes Auge ein Bild generiert, um einen Tiefeneindruck zu erzeugen. Eine AR-Brille hingegen lässt Science-Fiction Szenen aus Minority Report oder Ironman Wirklichkeit werden. Wie die VR-Brille erzeugt sie ebenfalls ein 3D-Bild, blendet es aber über die reale Welt, die man ebenfalls durch die AR-Brille sieht. Diese Technologien können helfen, Chirurg:innen vorab eine bessere Übersicht über die Situation im Körper der Patient:innen zu geben.</p> <p>Dank moderner radiologischer Verfahren wie Magnetresonanztomographie (MRT) oder Computertomographie (CT) können sich Chirurg:innen ein ungefähres Bild der Situation im Patienten machen, die Größe von Tumoren abschätzen und entscheiden, ob und wie diese entfernt werden können. MRT- und CT-Bilder stellen standardmäßig den Körper jedoch nur in Graustufen dar und geben nur eine Schicht, quasi eine hauchdünne Scheibe, des gesamten Körpers wider. Es erfordert viel Erfahrung, gute anatomische Kenntnisse und ein sehr gutes räumliches Vorstellungsvermögen um diese Informationen gedanklich zusammenzusetzen, um Lagebeziehungen zu erkennen. Moderne Technologien können diese Bilder bereits als 3D-Darstellung aufbereiten. Ergänzt man diese nun mit künstlicher Intelligenz, unterstützen sie erfahrene Radiolog:innen darin aus den 2D-Daten der radiologischen Verfahren ein hochwertiges und genaueres 3D-Modell des von Krebs-befallenen Organs, z.B. der Leber, zu generieren. Das Modell kann wie in einem Anatomiebuch eingefärbt werden, was die Unterscheidung der verschiedener Gewebearte und Gefäße erleichtert.<aside></aside></p> <p>Diese 3D-Modelle ermöglichen einen ganz anderen Blick auf die Ergebnisse des MRTs oder CTs, reduzieren den Aufwand für der Erstellung des mentalen Modells und schaffen eine gemeinsame Diskussionsgrundlage zwischen den Ärzt:innen. Um alle Vorteile eines 3D-Modells nutzen zu können, bedarf es allerdings eines 3D-fähiges Anzeigemediums – zum Beispiel eine VR- oder AR-Brille. Doch was braucht es noch, damit ein 3D-Modell und eine VR-Brille Chirurg:innen bei der Operationsplanung unterstützen können?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-1024x576.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-1024x576.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-300x169.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-768x432.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-1536x864.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-2048x1152.jpeg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Ein Blick auf die Benutzeroberfläche des VR-Planungstools, wo man das virtuelle Lebermodell inklusive der 2D Schichtaufnahmen aus dem MRT sieht sowie das Menü zum Zugriff auf verschiedene Planungswerkzeuge. ©BMBF Projekt VIVATOP  &amp; Anke Reinschlüssel</em></figcaption></figure> <p>In enger Zusammenarbeit mit Chirurg:innen haben wir ein VR-System entwickelt, das diese bei der Vorbereitung auf eine Operation an der Leber optimal unterstützt. Hierbei war es zuerst wichtig, die Arbeitsabläufe und Herausforderungen der Chirurg:innen kennen zu lernen, sodass wir im Krankenhaus inklusive OP hospitiert haben. Anschließend entwickelten wir im interdisziplinären Team mit Spezialist:innen aus den Bereichen medizinische Bildaufbereitung, Informatik und Mensch-Technik Interaktion einen ersten Prototypen um den medizinischen Expert:innen eine Vorstellung der technischen Möglichkeiten zu geben. In enger Zusammenarbeit mit den Chirurg:innen und durch mehrere gemeinsame Evaluationen gewannen wir ein immer tiefergehendes Verständnis für die Anforderungen an unser System und entwickelten es entsprechend weiter. So entstand aus einem einfachen Prototyp ein elaboriertes Werkzeug für die OP-Planung. Das finale System besteht aus mehreren Komponenten: einem 3D-Modell der Leber des Patienten, einem Menü mit wichtigen Tools zur OP-Planung, einer VR-Brille und den Controllern, also der Steuerung. Chirurg:innen können ein Organmodell von allen Seiten betrachten, die entscheidenden Abstände zwischen Tumoren und Gefäßen messen und sogar virtuell Gewebe entfernen, um die Überlebenschancen besser einschätzen zu können.</p> <p>Chirurg:innen sind mit handwerklichem Geschick ausgestattet und verlassen sich viel auf ihren Tastsinn. Herkömmliche VR-Interaktionsmethoden unterstützen dies jedoch kaum, da sie generische „Controller“ wie bei einer Playstation verwenden. Im Gegensatz dazu, geben wir den Chirurg:innen ein „Organ“ in die Hand – z.B. eine 3D-gedruckte Leber, die alle wichtigen Merkmale zum Ertasten hat. Diese kombinieren wir mit der Darstellung in VR – sodass, wenn ein:e Chirurg:in die Leber in der Hand dreht, sich auch die virtuelle Leber dreht. Dies ermöglicht eine intuitive Bedienung und macht die Technologie zugänglicher. Somit geben wir jedem Chirurgen und jeder Chirurgin die Möglichkeit, die Patientendaten räumlich zu erfahren. Ein Chirurg des Teams hob hervor, dass dies „den Unterschied zwischen einem palliativen und einem kurativen Ansatz“ aus chirurgischer Sicht der Krebstherapie bedeuten kann, d.h., ob der Patient Chancen auf Heilung und damit auf ein Überleben der Krebserkrankung hat.</p> <p>Auch wenn diese 3D-Modelle sehr einprägsam sind, wäre es doch schön, wenn die Chirurg:innen sie mit in den OP nehmen könnten. Hier bietet sich eine AR-Brille an – der Nutzer sieht sowohl die Umgebung, also den Patienten, als auch das dazugehörige virtuelle 3D-Modell. So können die Chirurg:innen auch während der Operation die virtuelle Leber an verschiedenen Stellen im Raum platzieren und drehen. Mittels natürlicher Gesten wie dem Greifen mit Zeigefinger und Daumen können Chirurg:innen das virtuelle Modell anfassen und es beispielsweise „neben“ den Patienten legen – die Hände bleiben dabei steril, da sie nur Luft greifen.</p> <p>Während im oben beschriebenen Szenario VR- und AR-Brillen einen großen Vorteil bieten, gibt es in der Medizin auch Situationen, in denen diese Technologien aufgrund der Rahmenbedingungen nicht eingesetzt werden können. Ein Beispiel hierfür sind Untersuchungen, die in einem MRT stattfinden. Weil dabei ein sehr starkes Magnetfeld erzeugt wird, stellen fast alle technischen Geräte eine potentielle Gefahrenquelle dar oder sie funktionieren schlichtweg nicht mehr.  Hierfür haben wir auch an anderen Technologien geforscht. Eine mögliche Technologie in diesem Anwendungskontext ist die  „Elektrolumineszenz“– mit Hilfe eines elektrischen Feldes geben Elektronen in bestimmten Materialen ihre Energie in Form von Licht ab – und zwar ohne vom Magnetfeld gestört zu werden. Displays mit dieser Technologie können dann direkt am Patienten angebracht werden, weil sie sehr leicht und flexibel sind. Diese erweitern dann ähnlich wie die AR-Brille die Realität für die Mediziner:innen indem sie beispielsweise Navigationshinweise für korrekte Einstichstellen von Nadeln geben. Dies erlaubt eine präzisere  Durchführung von Untersuchungen und Eingriffen.</p> <p>All diese Anwendungen haben wir in enger Zusammenarbeit mit den (zukünftigen) Anwender:innen entwickelt. Unser vorrangiges Ziel ist es, Ärzt:innen zu unterstützen, damit sie ihre Fähigkeiten noch besser einsetzen können. Die Anwendungen sind jedoch momentan Zukunftsmusik, da sie sich im Entwicklungsstadium befinden und noch die Zertifizierung als Medizinprodukt durchlaufen müssen. Dann können diese Technologien helfen, viele Erkrankungen, wie z.B. Krebs, noch besser zu bekämpfen und damit die Lebensqualität und Heilungschancen der Betroffenen zu erhöhen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="751" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-1024x751.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-1024x751.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-300x220.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-768x563.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-1536x1127.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C.jpeg 1820w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Ein virtuelles Lebermodell, das die Gefäßstrukturen (in blau und türkis) sowie die Tumore (in gelb) als 3D Visualisierung zeigt. Weitere anliegende Strukturen sind hier in orange und grün zu sehen. ©BMBF Projekt VIVATOP, Fraunhofer MEVIS &amp; Anke Reinschlüssel</em></figcaption></figure> <hr></hr> <p>Anke Reinschlüssel studierte Kognitionswissenschaften im Bachelor und wandte sich im Master dem Feld Mensch-Technik Interaktion (engl. Human-Computer Interaction – HCI) zu. Während ihrer Promotion an der Universität Bremen entwickelte und erforschte sie Anwendungen und neue Interaktionsmethoden für bestehende Technologien wie Virtuelle Realität und Tangibles, auf deutsch auch ‚begreifbare Objekte‘ genannt. Weil zu ihrer Faszination für Technik und Menschen eine Begeisterung für Medizin gehört, spezialisierte sie sich auf den Anwendungskontext Chirurgie. Aktuell forscht sie als PostDoc an der Universität Konstanz weiter an den Möglichkeiten von Virtueller Realität.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/klartext/virtuelle-realitaet-unterstuetzt-aerzte-im-kampf-gegen-krebs/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>A Lindau Lecture to Catalyze the Power of Chemistry https://scilogs.spektrum.de/hlf/a-lindau-lecture-to-catalyze-the-power-of-chemistry/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/a-lindau-lecture-to-catalyze-the-power-of-chemistry/#comments Wed, 22 Oct 2025 12:00:00 +0000 Andrei Mihai https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=13888 <h1>A Lindau Lecture to Catalyze the Power of Chemistry - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>The <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Heidelberg Laureate Forum</a> has a deep connection to the <a href="https://www.lindau-nobel.org/de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Lindau Nobel Laureate Meetings</a>. Every year, the two sister events “swap lectures.” This year, it was David MacMillan, a Nobel laureate in chemistry, who took the stage at both events, delivering his signature lecture on the power of catalysis. MacMillan’s lecture explored the intricacies of organic catalysis, a field he helped pioneer, and also offered a glimpse into the future of sustainable chemistry.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796056403_bc5a106e75_o.jpg"><img alt="a man presenting a lecture on chemistry in front of an audience" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796056403_bc5a106e75_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796056403_bc5a106e75_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796056403_bc5a106e75_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796056403_bc5a106e75_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>MacMillan presenting his lecture at the 12th HLF. (© HLFF / Kreutzer)</figcaption></figure></div> <h3 id="h-catalysis-is-everywhere">Catalysis Is Everywhere</h3> <p>MacMillan was awarded the <a href="https://www.nobelprize.org/prizes/chemistry/2021/macmillan/facts/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Nobel Prize for his work</a> on <a href="https://macmillan.princeton.edu/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">asymmetric organocatalysts</a>, which opened up an entirely new range of chemical reactions. But to understand why MacMillan’s work is so revolutionary, we have to first look at the previous state of affairs.</p> <p>“If you look around you right now, absolutely everything that you can see is made by a chemical reaction,” MacMillan says. From the caffeine in your coffee to the screen you are reading this on, chemical reactions are the invisible architects of the modern world. But some reactions need a bit of “help” to take place. This is where catalysis come in.</p> <p>A catalyst is a substance that speeds up a chemical reaction without being consumed in the process. Think of it like a person trying to get home every day by walking over a massive hill. A catalyst is like digging a tunnel through that hill. From that long, complex journey that takes up a lot of energy, you can walk through the hill and get to the destination faster and easier. So, in essence, catalysis lowers the energy required for a reaction to happen, making it faster, more efficient, or even making it possible in the first place.</p> <p>This is not a niche concern. Catalysts are essential because many of the chemical reactions needed to create vital products (from plastics and medicines to the fertilizer that grows our food) are naturally so slow that they are practically impossible on a useful timescale. Catalysts are so widespread that an estimated 35% of the world’s GDP <a href="https://www.harwell.manchester.ac.uk/research-areas/catalysis/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">is directly dependent on them</a>, and the number will only get <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2590332224002082" rel="noreferrer noopener" target="_blank">higher in the future</a>. The most striking example is the <a href="https://www.bbc.co.uk/news/business-38305504" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Haber-Bosch process</a>, a catalytic reaction that converts nitrogen from the air into ammonia for fertilizer. Without it, we could not produce enough food to feed the Earth’s 8 billion people. This process is so widespread that around half of the nitrogen atoms in your body come from synthetic catalysis.<aside></aside></p> <p>For a hundred years, chemists believed they had only two types of catalysts.</p> <p>The first was nature’s way: enzymes. These are the catalysts of life, gigantic, intricate proteins that perform every chemical task inside our bodies with remarkable precision. Chemists have harnessed enzymes <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Enzyme_catalysis" rel="noreferrer noopener" target="_blank">to create various products</a> and this approach has been widely successful. However, enzymes are often delicate, highly specific, and can be difficult to work with outside of their natural environment.</p> <p>The second, and far more common in industrial chemistry, was the human-invented method: metal catalysis. Metalocatalysis relies on metals, which are technically elements from the middle of the periodic table. Palladium, rhodium, platinum, and nickel are common examples. These metals are phenomenal catalysts, capable of performing an incredible range of chemical transformations. They are the workhorses that build our plastics, our pharmaceuticals, and our fuels.</p> <p>But they too have a dark side.</p> <p>Many of these metals are rare and expensive. Palladium, essential for everything from your car’s catalytic converter to your smartphone, is a prime example. “We’ve been using palladium on Earth for about 90 years,” MacMillan warns, but we don’t have too many years left of palladium on Earth. Furthermore, these metals are also <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0360056408601066" rel="noreferrer noopener" target="_blank">frequently toxic</a>, posing a risk to both human health and the environment. And they are incredibly sensitive. Many metal catalysts are instantly destroyed by contact with air or water, forcing chemists to work in cumbersome “glove boxes,” sealed chambers filled with inert gas.</p> <p>So, MacMillan looked for a better way.</p> <h3>An Organic Revolution</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797610980_b044c3ffb8_o.jpg"><img alt="a man smiling while giving a presentation" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797610980_b044c3ffb8_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797610980_b044c3ffb8_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797610980_b044c3ffb8_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797610980_b044c3ffb8_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>© HLFF / Flemming</figcaption></figure></div> <p>A key moment for MacMillan started with a question from a graduate student of his. Tristan Lambert walked up to MacMillan and asked about the mechanism of a classic chemical reaction. The Laureate walked to the blackboard and started explaining and that was when he realized something.</p> <p>A typical metal catalyst has two parts: a central metal atom (the expensive, toxic, and sensitive part) and a surrounding “organic framework.” This framework is a molecule made mostly of carbon, hydrogen, and other common elements, very common elements. In traditional metal catalysis, this organic part was seen as a mere scaffold to hold the important metal atom in place.</p> <p>Staring at the chalk diagram on the board that day, MacMillan had his eureka moment. He realized the organic molecule in question briefly formed a special state that looked suspiciously similar to the way metal catalysts worked. If an organic molecule could mimic the electronic action of a complex metal catalyst, even for a moment, then couldn’t it be a catalyst on its own? “What if,” he thought, “we just get rid of the metal? Why don’t we just use the organic part to do the catalysis?”</p> <p>This was the birth of asymmetric organocatalysis. The idea was to use small, simple, robust organic molecules to do the work that had previously required rare, precious metals. These were molecules that are non-toxic, insensitive to air and water, and completely sustainable. It was, in theory, a perfect solution.</p> <p>The first test was a big one. MacMillan and his students decided to try their idea on one of the most famous and powerful reactions in all of chemistry: the <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Diels%E2%80%93Alder_reaction" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Diels-Alder reaction</a>, a cornerstone of molecular construction so important its discoverers won the Nobel Prize in 1950. They took two simple starting materials, added a small amount of a simple organic molecule as their proposed catalyst, and mixed them.</p> <p>It worked perfectly.</p> <p>“I always remember getting this result,” MacMillan recounts with a laugh. “I walked in my office, I closed the door and locked the door. I closed the blinds. Then I jumped up and down for about 10 minutes. I was so excited. I remember calling my wife and I said to my wife, ‘I think we’re going to get tenure!'”</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/-ywYB4nAWnA?feature=oembed&amp;rel=0" title="Lindau Lecture: MacMillan | September 18" width="666"></iframe> </p></figure> <h3>A New Way to Do Chemistry</h3> <p>MacMillan realized he was on to something remarkable. But in his first scientific paper, he made a bold, almost reckless, proclamation. He argued this wasn’t just a one-off trick that worked for a single reaction. He claimed it was a “generic activation mode,” a general principle that should work for hundreds of different reactions.</p> <p>The only problem was, he could not replicate it in other reactions.</p> <p>“This was our first-generation catalyst. We said it’s going to work for hundreds of reactions. It went bang, bang, bang … nothing,” he says. “We tried it on three reactions, and then it just stopped.” The catalyst that worked so beautifully for the Diels-Alder reaction was a dud for everything else. “In this moment, I’m starting to have panic attacks. I’ve just told the world this is going to work for hundreds of reactions. We’ve got three.”</p> <p>Yet again, key inspiration came from graduate students, who suggested a subtle but critical change to the catalyst’s structure. It was a bit of “precision molecular engineering.” MacMillan compares it to a spectacular goal scored against England by <a href="https://www.youtube.com/watch?v=RM_5tJncHww" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Zlatan Ibrahimovic</a>. It’s a goal of sublime, almost impossible precision. The new catalyst, like that goal, was engineered for perfection.</p> <p>When they tried it, the floodgates opened. “Bang,” MacMillan says, “they started to really work.” Soon, labs around the world jumped in, designing new organocatalysts, and the field exploded.</p> <p>The impact has been enormous. In everything from fragrances to drugs, organocatalysis is now being <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Organocatalysis" rel="noreferrer noopener" target="_blank">routinely used</a>. For MacMillan, seeing his chemistry used to create a medicine that helps millions was a “wonderful” moment.</p> <p>Perhaps the most profound impact, however, was one he never anticipated. Because the catalysts are so cheap, stable, and easy to use, they don’t require expensive equipment or facilities. This has led to what MacMillan calls the “democratization of catalysis.” For the first time, cutting-edge chemical research could be performed not just in the elite labs of the Western world, but on every continent.</p> <p>“When people ask me, ‘What is the next big idea coming from catalysis?’,” he says, “I say, ‘Number one, I don’t know. But the second thing is, I know it’s not going to be based on who has the most money but rather on who has the best idea.'” For someone with his values, he says, “that is something which is really, really cool.”</p> <h3>Chemistry in a New Light</h3> <p>After explaining his Nobel-winning work, MacMillan continued with something that he considers just as promising, if not more.</p> <p>After establishing organocatalysis as the third great pillar of the field, MacMillan’s restless mind turned to a new challenge. This time, he says, the idea was “completely stolen” from a different group of scientists altogether: inorganic chemists who were trying to harness solar energy to power the planet.</p> <p>Their work involved materials that could absorb visible light. MacMillan wondered if he could take their light-absorbing molecules and merge them with the world of catalysis. This gave rise to a second new field called photoredox catalysis.</p> <p>Most organic molecules are colorless; they don’t interact with visible light. However, the special photoredox catalysts, often containing a metal atom like iridium or ruthenium, are brightly colored. They act like tiny antennas, specifically designed to absorb the energy from a photon of light like a simple LED.</p> <p>When the catalyst absorbs that blue light, it enters a highly energized, excited state. MacMillan explains the magnitude of this energy boost with a jaw-dropping analogy: “It basically is the equivalent of being at 32,000 degrees Celsius, while every other molecule in the vessel is still at room temperature.” The catalyst now has a massive surplus of energy, and it is desperate to get rid of it. It does this by either giving an electron to, or snatching one from, a nearby molecule.</p> <p>This act of electron transfer flips a switch on otherwise inert, unreactive molecules, turning them into highly reactive molecules. Suddenly, chemists could use simple blue light to activate vast classes of abundant, everyday chemicals that were previously thought to be unusable.</p> <p>The implications are <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0013935123010915">especially important </a><a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0013935123010915" rel="noreferrer noopener" target="_blank">f</a><a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0013935123010915">or medicine</a>, enabling researchers to limit the side effects of drugs in the body and create drug candidates with much higher specificity and precision. This branch is now also used routinely by pharmaceutical companies.</p> <p>David MacMillan’s engaging lecture is a reminder that sometimes, even the most groundbreaking of discoveries start with a blackboard and a seemingly simple question. His work gave chemistry a greener, cheaper, and more democratic way to help build the world. As we face global challenges like climate change and disease, his work is a powerful reminder that the next world-changing idea might just be a matter of looking at an old problem and seeing it in a completely new light.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>A Lindau Lecture to Catalyze the Power of Chemistry - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>The <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Heidelberg Laureate Forum</a> has a deep connection to the <a href="https://www.lindau-nobel.org/de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Lindau Nobel Laureate Meetings</a>. Every year, the two sister events “swap lectures.” This year, it was David MacMillan, a Nobel laureate in chemistry, who took the stage at both events, delivering his signature lecture on the power of catalysis. MacMillan’s lecture explored the intricacies of organic catalysis, a field he helped pioneer, and also offered a glimpse into the future of sustainable chemistry.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796056403_bc5a106e75_o.jpg"><img alt="a man presenting a lecture on chemistry in front of an audience" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796056403_bc5a106e75_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796056403_bc5a106e75_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796056403_bc5a106e75_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796056403_bc5a106e75_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>MacMillan presenting his lecture at the 12th HLF. (© HLFF / Kreutzer)</figcaption></figure></div> <h3 id="h-catalysis-is-everywhere">Catalysis Is Everywhere</h3> <p>MacMillan was awarded the <a href="https://www.nobelprize.org/prizes/chemistry/2021/macmillan/facts/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Nobel Prize for his work</a> on <a href="https://macmillan.princeton.edu/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">asymmetric organocatalysts</a>, which opened up an entirely new range of chemical reactions. But to understand why MacMillan’s work is so revolutionary, we have to first look at the previous state of affairs.</p> <p>“If you look around you right now, absolutely everything that you can see is made by a chemical reaction,” MacMillan says. From the caffeine in your coffee to the screen you are reading this on, chemical reactions are the invisible architects of the modern world. But some reactions need a bit of “help” to take place. This is where catalysis come in.</p> <p>A catalyst is a substance that speeds up a chemical reaction without being consumed in the process. Think of it like a person trying to get home every day by walking over a massive hill. A catalyst is like digging a tunnel through that hill. From that long, complex journey that takes up a lot of energy, you can walk through the hill and get to the destination faster and easier. So, in essence, catalysis lowers the energy required for a reaction to happen, making it faster, more efficient, or even making it possible in the first place.</p> <p>This is not a niche concern. Catalysts are essential because many of the chemical reactions needed to create vital products (from plastics and medicines to the fertilizer that grows our food) are naturally so slow that they are practically impossible on a useful timescale. Catalysts are so widespread that an estimated 35% of the world’s GDP <a href="https://www.harwell.manchester.ac.uk/research-areas/catalysis/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">is directly dependent on them</a>, and the number will only get <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2590332224002082" rel="noreferrer noopener" target="_blank">higher in the future</a>. The most striking example is the <a href="https://www.bbc.co.uk/news/business-38305504" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Haber-Bosch process</a>, a catalytic reaction that converts nitrogen from the air into ammonia for fertilizer. Without it, we could not produce enough food to feed the Earth’s 8 billion people. This process is so widespread that around half of the nitrogen atoms in your body come from synthetic catalysis.<aside></aside></p> <p>For a hundred years, chemists believed they had only two types of catalysts.</p> <p>The first was nature’s way: enzymes. These are the catalysts of life, gigantic, intricate proteins that perform every chemical task inside our bodies with remarkable precision. Chemists have harnessed enzymes <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Enzyme_catalysis" rel="noreferrer noopener" target="_blank">to create various products</a> and this approach has been widely successful. However, enzymes are often delicate, highly specific, and can be difficult to work with outside of their natural environment.</p> <p>The second, and far more common in industrial chemistry, was the human-invented method: metal catalysis. Metalocatalysis relies on metals, which are technically elements from the middle of the periodic table. Palladium, rhodium, platinum, and nickel are common examples. These metals are phenomenal catalysts, capable of performing an incredible range of chemical transformations. They are the workhorses that build our plastics, our pharmaceuticals, and our fuels.</p> <p>But they too have a dark side.</p> <p>Many of these metals are rare and expensive. Palladium, essential for everything from your car’s catalytic converter to your smartphone, is a prime example. “We’ve been using palladium on Earth for about 90 years,” MacMillan warns, but we don’t have too many years left of palladium on Earth. Furthermore, these metals are also <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0360056408601066" rel="noreferrer noopener" target="_blank">frequently toxic</a>, posing a risk to both human health and the environment. And they are incredibly sensitive. Many metal catalysts are instantly destroyed by contact with air or water, forcing chemists to work in cumbersome “glove boxes,” sealed chambers filled with inert gas.</p> <p>So, MacMillan looked for a better way.</p> <h3>An Organic Revolution</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797610980_b044c3ffb8_o.jpg"><img alt="a man smiling while giving a presentation" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797610980_b044c3ffb8_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797610980_b044c3ffb8_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797610980_b044c3ffb8_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54797610980_b044c3ffb8_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>© HLFF / Flemming</figcaption></figure></div> <p>A key moment for MacMillan started with a question from a graduate student of his. Tristan Lambert walked up to MacMillan and asked about the mechanism of a classic chemical reaction. The Laureate walked to the blackboard and started explaining and that was when he realized something.</p> <p>A typical metal catalyst has two parts: a central metal atom (the expensive, toxic, and sensitive part) and a surrounding “organic framework.” This framework is a molecule made mostly of carbon, hydrogen, and other common elements, very common elements. In traditional metal catalysis, this organic part was seen as a mere scaffold to hold the important metal atom in place.</p> <p>Staring at the chalk diagram on the board that day, MacMillan had his eureka moment. He realized the organic molecule in question briefly formed a special state that looked suspiciously similar to the way metal catalysts worked. If an organic molecule could mimic the electronic action of a complex metal catalyst, even for a moment, then couldn’t it be a catalyst on its own? “What if,” he thought, “we just get rid of the metal? Why don’t we just use the organic part to do the catalysis?”</p> <p>This was the birth of asymmetric organocatalysis. The idea was to use small, simple, robust organic molecules to do the work that had previously required rare, precious metals. These were molecules that are non-toxic, insensitive to air and water, and completely sustainable. It was, in theory, a perfect solution.</p> <p>The first test was a big one. MacMillan and his students decided to try their idea on one of the most famous and powerful reactions in all of chemistry: the <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Diels%E2%80%93Alder_reaction" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Diels-Alder reaction</a>, a cornerstone of molecular construction so important its discoverers won the Nobel Prize in 1950. They took two simple starting materials, added a small amount of a simple organic molecule as their proposed catalyst, and mixed them.</p> <p>It worked perfectly.</p> <p>“I always remember getting this result,” MacMillan recounts with a laugh. “I walked in my office, I closed the door and locked the door. I closed the blinds. Then I jumped up and down for about 10 minutes. I was so excited. I remember calling my wife and I said to my wife, ‘I think we’re going to get tenure!'”</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/-ywYB4nAWnA?feature=oembed&amp;rel=0" title="Lindau Lecture: MacMillan | September 18" width="666"></iframe> </p></figure> <h3>A New Way to Do Chemistry</h3> <p>MacMillan realized he was on to something remarkable. But in his first scientific paper, he made a bold, almost reckless, proclamation. He argued this wasn’t just a one-off trick that worked for a single reaction. He claimed it was a “generic activation mode,” a general principle that should work for hundreds of different reactions.</p> <p>The only problem was, he could not replicate it in other reactions.</p> <p>“This was our first-generation catalyst. We said it’s going to work for hundreds of reactions. It went bang, bang, bang … nothing,” he says. “We tried it on three reactions, and then it just stopped.” The catalyst that worked so beautifully for the Diels-Alder reaction was a dud for everything else. “In this moment, I’m starting to have panic attacks. I’ve just told the world this is going to work for hundreds of reactions. We’ve got three.”</p> <p>Yet again, key inspiration came from graduate students, who suggested a subtle but critical change to the catalyst’s structure. It was a bit of “precision molecular engineering.” MacMillan compares it to a spectacular goal scored against England by <a href="https://www.youtube.com/watch?v=RM_5tJncHww" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Zlatan Ibrahimovic</a>. It’s a goal of sublime, almost impossible precision. The new catalyst, like that goal, was engineered for perfection.</p> <p>When they tried it, the floodgates opened. “Bang,” MacMillan says, “they started to really work.” Soon, labs around the world jumped in, designing new organocatalysts, and the field exploded.</p> <p>The impact has been enormous. In everything from fragrances to drugs, organocatalysis is now being <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Organocatalysis" rel="noreferrer noopener" target="_blank">routinely used</a>. For MacMillan, seeing his chemistry used to create a medicine that helps millions was a “wonderful” moment.</p> <p>Perhaps the most profound impact, however, was one he never anticipated. Because the catalysts are so cheap, stable, and easy to use, they don’t require expensive equipment or facilities. This has led to what MacMillan calls the “democratization of catalysis.” For the first time, cutting-edge chemical research could be performed not just in the elite labs of the Western world, but on every continent.</p> <p>“When people ask me, ‘What is the next big idea coming from catalysis?’,” he says, “I say, ‘Number one, I don’t know. But the second thing is, I know it’s not going to be based on who has the most money but rather on who has the best idea.'” For someone with his values, he says, “that is something which is really, really cool.”</p> <h3>Chemistry in a New Light</h3> <p>After explaining his Nobel-winning work, MacMillan continued with something that he considers just as promising, if not more.</p> <p>After establishing organocatalysis as the third great pillar of the field, MacMillan’s restless mind turned to a new challenge. This time, he says, the idea was “completely stolen” from a different group of scientists altogether: inorganic chemists who were trying to harness solar energy to power the planet.</p> <p>Their work involved materials that could absorb visible light. MacMillan wondered if he could take their light-absorbing molecules and merge them with the world of catalysis. This gave rise to a second new field called photoredox catalysis.</p> <p>Most organic molecules are colorless; they don’t interact with visible light. However, the special photoredox catalysts, often containing a metal atom like iridium or ruthenium, are brightly colored. They act like tiny antennas, specifically designed to absorb the energy from a photon of light like a simple LED.</p> <p>When the catalyst absorbs that blue light, it enters a highly energized, excited state. MacMillan explains the magnitude of this energy boost with a jaw-dropping analogy: “It basically is the equivalent of being at 32,000 degrees Celsius, while every other molecule in the vessel is still at room temperature.” The catalyst now has a massive surplus of energy, and it is desperate to get rid of it. It does this by either giving an electron to, or snatching one from, a nearby molecule.</p> <p>This act of electron transfer flips a switch on otherwise inert, unreactive molecules, turning them into highly reactive molecules. Suddenly, chemists could use simple blue light to activate vast classes of abundant, everyday chemicals that were previously thought to be unusable.</p> <p>The implications are <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0013935123010915">especially important </a><a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0013935123010915" rel="noreferrer noopener" target="_blank">f</a><a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0013935123010915">or medicine</a>, enabling researchers to limit the side effects of drugs in the body and create drug candidates with much higher specificity and precision. This branch is now also used routinely by pharmaceutical companies.</p> <p>David MacMillan’s engaging lecture is a reminder that sometimes, even the most groundbreaking of discoveries start with a blackboard and a seemingly simple question. His work gave chemistry a greener, cheaper, and more democratic way to help build the world. As we face global challenges like climate change and disease, his work is a powerful reminder that the next world-changing idea might just be a matter of looking at an old problem and seeing it in a completely new light.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/a-lindau-lecture-to-catalyze-the-power-of-chemistry/#comments 6 Triassic Life – der Aufstieg der Dinosaurier https://scilogs.spektrum.de/meertext/triassic-life-der-aufstieg-der-dinosaurier/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/triassic-life-der-aufstieg-der-dinosaurier/#comments Tue, 21 Oct 2025 11:33:15 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1779 https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200234-768x576.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/meertext/triassic-life-der-aufstieg-der-dinosaurier/</link> </image> <description type="html"><h1>Triassic Life - der Aufstieg der Dinosaurier » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Am Donnerstag abend war ich in Stuttgart zur Ausstellungseröffnung <a href="https://www.naturkundemuseum-bw.de/ausstellungen/sonderausstellungen/triassic-life">“<strong>Triassic Life</strong>“</a>, einer Sonderausstellung des Naturkundemuseums Stuttgart.<br></br>Die persönliche Einladung hatte ich erhalten, weil ich für die aktuelle Ausgabe von <em>Bild der Wissenschaft </em>(Konradin) einen Artikel beigesteuert hatte. <em>Bild der Wissenschaft</em> ist Medienpartner des Naturkundemuseums und so gibt es im Okotoberheft den Schwerpunkt: “<strong><a href="https://www.wissenschaft.de/bdw-hefte-specials/aktuelles-heft/">Die Welt der Saurier </a>– Im Erdzeitalter Trias lebten wundersame Reptilien. Wie entwickelte sich das Leben nach der Klimakatastrophe?</strong>” (<a href="https://www.direktabo.de/de/wissen-natur-geschichte/bild-der-wissenschaft/einzelhefte/einzelhefte-print/bdw-ausgabe-11-2025.html">Print oder Online)</a>.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_174617-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="573" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_174617-1024x573.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_174617-1024x573.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_174617-300x168.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_174617-768x430.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_174617-1536x859.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_174617-2048x1146.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Ausstellungseröffnung im Staatlichen Naturkundemuseum Stuttgart (Photo: Bettina Wurche)</figcaption></figure> <h2 id="h-trias-klimakrise-und-reptilien-evolution"><strong>Trias – Klimakrise und Reptilien-Evolution</strong></h2> <p>Die Perm-Trias-Grenze war das größte Massensterben der Erdgeschichte: Vor rund 252 Millionen Jahren führten vor allem gigantische Vulkanausbrüche (Mega-Vulkanismus) zum Zusammenbruch fast aller Ökosysteme. Dieser großräumige Flutbasalt-Ausstoß des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sibirischer_Trapp">Sibirischen Trapps</a> auf dem uralten Kraton Sibiria, der immer wieder zu verschiedenen größeren Kontinenten gehörte, stieß über Hunderttausende von Jahren magmatische Gesteine aus, die heute eine Fläche von 7 Millionen Quadratkilometern (etwas weniger als die Fläche des heutigen Australiens) bedecken. Dieser <a href="https://www.geomar.de/news/article/ausloeser-fuer-groesstes-massenaussterben-der-erdgeschichte-identifiziert">massive Ausstoß von Lava, CO2, Methan, Schwefelverbindungen</a> und anderem verdunkelte die Welt und führte zur globalen Klimakatastrophe, einem Temperaturanstieg von 10°C und zur Meeresversauerung. Die Kadaver von Pflanzen und Tieren, die über Flüsse bis ins Meer gespült wurden, führten dort zu einer extrem starken Überdüngung und damit zur Sauerstoffzehrung – viele Meerestiere erstickten. Außerdem fraßen sich die Schwefel-Verbindungen sowie Kohlensäure in die Kalkstrukturen von Meereslebensformen – Fischschuppen, Seeigel-Skelette u<a href="https://www.volkswagenstiftung.de/de/news/interview/der-klimakrise-mit-urzeitwissen-begegnen">nd Korallenriffe lösten sich auf (mehr dazu im meinem Interview mit Prof. Udo Kiessling für die VW-Stiftung).</a> Dadurch starben etwa 75 % der landlebenden Arten und ca 95 % der Meeresarten aus, vor allem höhere Lebensformen waren betroffen. Lebensformen wie <a href="https://www.museumfuernaturkunde.berlin/de/museum/medien/presse/perm-trias-grenze-schwerwiegende-auswirkungen-auf-die-oekosysteme-durch-kurze">Bakterien können sich durch ihre sehr schnelle Generationenfolge und hohe Fortpflanzungsrate</a> natürlich leichter anpassen und nutzten das große Sterben der Mehrzeller für eine kurze Blütezeit.</p> <p>Die Trias zeigt dann eine Neuordnung der Lebensformen: Zuerst kamen die Wälder zurück, denn die Samen vieler Pflanzen hatten die Katastrophe im Untergrund gut geschützt überlebt. Dann kam der Aufstieg der landlebenden Reptilien. Die amphibischen Lurche des Erdaltertums hatten zwar teilweise überlebt, waren aber zu wasserabhängig und zu langsam für die neue Zeit. Reptilien hingegen hatten sich mit ihrer festen, geschuppten Haut und den hartschaligen Eiern von aquatischen Lebensräumen emanzipiert und eroberten nun auch trocknere Areale. Die Reptilien des Erdaltertums wie die Synapsiden (früher: säugetierartige Reptilien) waren durch die Perm-Trias-Krise ebenfalls schwer getroffen worden, nur wenige von ihnen hatten überlebt – darunter die Cynodonten (Doppelhundszähner). Sie mussten sich anatomisch und ökologisch erstmal neu sortieren und lebten zunächst im Schatten anderer, erfolgreicherer Reptiliengruppen wie den Dinosauriern. Zu den Überlebenden gehören etwa die dicynodonten <em>Lystrosaurier. </em>Welche Arten starben und welche überlebten, hat Tim Schröder<a href="https://www.wissenschaft.de/bdwplus/das-grosse-sterben-6/"> im BdW-Beitrag “Das große Sterben”</a> aufgeschrieben.</p> <p>Die Trias ist die älteste Epoche des Erdmittelalters und beschreibt die Zeit von 251,9 bis 201,3 Millionen Jahren. Der Name Trias wurde 1834 von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_von_Alberti">Friedrich von Alberti</a> nach der in Mitteleuropa auffälligen Dreiteilung in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Buntsandstein">Buntsandstein</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Muschelkalk">Muschelkalk</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Keuper">Keuper</a> vorgeschlagen – wie sie in Württemberg, wo Alberti lebte und arbeitete, gut sichtbar sind. Alberti sammelte Zeit seines Lebens Fossilien. 1862 kaufte der württembergische Staat diese Sammlung für das Königliche Naturalienkabinett an, aus dem schließlich das heutige <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Museum_am_Rosenstein">Staatliches Museum für Naturkunde</a> hervorging. Das Museum ist für seine herausragende Sammlung und Forschung im Bereich der Trias bekannt und konnte dadurch die Grauvogel-Sammlung ankaufen. <br></br>Der französische Sammler Louis Grauvogel hatte über zehntausende Fossilien und Gesteinsproben aus dem oberen Buntsandstein der Mittleren Trias der Vogesen zusammengetragen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200220-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200220-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200220-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200220-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200220-1152x1536.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200220-1536x2048.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200220-scaled.jpg 1920w" width="768"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200234-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200234-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200234-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200234-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200234-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200234-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200234-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <h2 id="h-voltzien-sandstein-fluss-delta-und-dauer-regen"><strong>Voltzien-Sandstein, Fluß-Delta und Dauer-Regen</strong></h2> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_1954581-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="662" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_1954581-1024x662.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_1954581-1024x662.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_1954581-300x194.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_1954581-768x496.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_1954581-1536x993.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_1954581-2048x1323.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Der Triassische Voltzien-Dschungel in Stuttgart (Photo: Bettina Wurche)</figcaption></figure> <p>Louis Grauvogels Fossiliensammlung gibt Einblicke in ein Trias-Ökosystem, das noch nicht gut erforscht ist. Seine Fossilien und Gesteinsproben bilden ein subtropisches Flußdelta ab, das vor 245 Millionen Jahren in Mitteleuropa lag und Lebensraum für viele bisher unbekannte Arten bot. Mit dem Voltzien-Sandstein (Grès à <em>Voltzia</em>) blieb in Ost-Frankreich der oberste Teil des Buntsandsteins fossil erhalten. Dieser Sandstein erzählt die Geschichte des Ü<a href="https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-642-68770-9_10">bergangs von der kontinentalen Bildung des Buntsandsteins zu den marinen Ablagerungen des Muschelkalks</a>. Die Sammlung Grauvogel umfasst vor allem zahlreiche Pflanzen, die sich vor 245 Millionen Jahren nach dem großen Artensterben an der Wende zum Erdmittelalter im Bundsandstein ablagerten. Voltzien sind die dafür typische ausgestorbenen Koniferengattung. Neben sehr vielen Pflanzen hat das feinkörnige Sediment auch viele Insektenfossilien erhalten. Nachdem Grauvogel die Sammlung zusammengetragen hatte, wurde sie von seinen Kindern bearbeitet und verblieb zunächst im Familienbesitz. 2019 erwarb das Staatliche Museum für Naturkunde Stuttgart von der Erbin der Sammlung, Léa Grauvogel-Stamm, diesen steinernen Schatz. Finanzielle Unterstützung kam von der <a href="https://www.foerderverein-smns.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Gesellschaft zur Förderung des Naturkundemuseums Stuttgart e. V.</a> und der <a href="https://www.kulturstiftung.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Kulturstiftung der Länder</a>, die Erforschung <a href="https://www.dfg.de/de" rel="noreferrer noopener" target="_blank">wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) </a>gefördert.<p>Die Sonderausstellung soll nun die jahrelange Forschung und die so gut erhaltenen Fossilien der Öffentlichkeit präsentieren, inklusive einiger außergewöhnlicher Neuentdeckungen. </p><br></br>Dafür ist aus dem Ausstellungsbereich ein grünes Labyrinth geworden, dessen verschachtelte Anordnung die Besucher in einer Dschungel weit vor unserer Zeit entführt. Manchmal landete ich vor Vitrinen und Dioramen, die ich schon kannte, aber mit Vergnügen nochmal anschaute. Dann wieder blickte ich auf Sandsteinfragmente erstaunlich großer Pflanzen. Hatte ich aus dem Studium den Terminus “Voltzien-Sandstein” noch irgendwie im Hinterkopf, hatte ich dabei niemals einen solchen Dschungel vor Augen. Voltzien waren Koniferen – ihre Stämme, Äste, Blätter und Triebe sind im Sandstein wie steinerne Herbariumsblätter detailliert erhalten. Wesentlich größer als ich mir das bislang vorgestellt hätte.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200536-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200536-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200536-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200536-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200536-1152x1536.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200536-1536x2048.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200536-scaled.jpg 1920w" width="768"></img></a><figcaption>Voltzia-Trieb (Photo: Bettina Wurche)</figcaption></figure> <p>Bei der Recherche für meinen Beitrag zu diesem Schwerpunkt über Koprolithen und Dinosaurier-Evolution im Polnischen Becken hatte ich mal wieder jede Menge dazugelernt. Die <a href="http://Digestive contents and food webs record the advent of dinosaur supremacy Martin Qvarnström, Joel Vikberg Wernström, Zuzanna Wawrzyniak, Maria Barbacka, Grzegorz Pacyna, Artur Górecki, Jadwiga Ziaja, Agata Jarzynka, Krzysztof Owocki, Tomasz Sulej, Leszek Marynowski, Grzegorz Pieńkowski, Per E. Ahlberg &amp; Grzegorz Niedźwiedzki">Nature-Publikation “Digestive contents and food webs record the advent of dinosaur supremacy”</a> von <a href="https://www.nature.com/articles/s41586-024-08265-4#auth-Martin-Qvarnstr_m-Aff1">Martin Qvarnström</a> et al war extrem gehaltvoll, für den Artikel hatte ich sowohl <a href="https://www.nature.com/articles/s41586-024-08265-4#auth-Martin-Qvarnstr_m-Aff1">Martin Qvarnström</a> schriftlich kurz interviewt, als auch ein langes Gespräch mit der nicht daran beteiligten <a href="https://home.provinz.bz.it/de/kontakte/7736">Paläobotanikerin Evelyn Kustatscher</a> geführt. Sie erzählte mir vollkommen begeistert, wie in der Trias im sogenannten Pluvial Event ein 1 bis 2 Millionen Jahre dauernden Regen zu extremem Pflanzenwachstum führte. Und wie man das in Koprolithen nachweisen kann, obwohl Pflanzenfresser-Kot nur schlecht fossil erhalten wird. So schrieb ich also den <a href="https://www.wissenschaft.de/bdwplus/faekale-forensik/">Beitrag Fäkale Forensik</a> – mit meinem Lieblingszitat von Evelyn Kustatscher: “Iß Deine Farne und wachs!”</p> <h2 id="h-mirasaura-die-wunderechse"><strong><em>Mirasaura</em> – die Wunderechse</strong></h2> <p>Der Star des Trias-Lebens ist in Stuttgart aber kein Dinosaurier, nicht einmal ein Archosaurier, sondern ein kleines Reptil, das zu einer viel basaleren Kriechtiergruppe gehört: “<em>Mirasaura grauvogeli</em>“.<br></br>Von dem hatte ich noch nie gehört. Aber es hat es in eine Nature-Publikation geschafft, so erwartete ich Stephan Spiekmans Kurzvorstellung – er ist der Hauptautor der Publikation “<a href="http://Triassic diapsid shows early diversification of skin appendages in reptiles">Triassic diapsid shows early diversification of skin appendages in reptiles</a>” – mit Spannung.</p> <p>Bereits bei seiner systematischen Einordnung des neu beschriebenen Fossils hatte ich Verständnisdefizite: Mit Archosauriern und ihren größeren Untergruppen kenne ich mich mittlerweile ganz gut aus, aber von Drepanosauromorpha hatte ich noch nie gehört oder gelesen. Spättriassische Echsen mit vogelartigem Schädel, meist fassförmigem Körper und oft einem horizontal getragenen Schwanz. Ein uralter Echsenzweig, der längst ausgestorben ist. Die vorgestellte Wunderechse <em>Mirasaura</em> hatte “Greifhände”, die mich sofort an Chamäleons erinnerten. Auch ihr Greifschwanz passte dazu. Vermutlich kletterte sie im Geäst herum und schnappte sich Insekten. <br></br>Ihr ungewöhnlichstes Merkmal: Ein großes Rückensegel!</p> <p>Dieser Winzling ist die größte Überraschung der Grauvogel-Sammlung. <br></br>Es gibt zwar rund 80 dieser Miniechsen, allerdings haben erst die Stuttgarter Forschenden mit ihrer geballten Kompetenz und ihrem technischen Know How einige rätselhafte Fossilien zusammengeführt. Das besterhaltene Rückensegel war auf dem Sandstein eines Stücks der Grauvogel-Sammlung zwar deutlich sichtbar, aber bis dahin nur isoliert betrachtet worden: Als Teil einer Pflanze, als Rückenflosse eines Fisches oder anderes. Andere Körperfossilien jüngerer Tiere zeigten kleine und noch winzigere Knochen, fast so fein wie die Gräten einer Sprotte. <br></br>Erst die Stuttgarter Forschenden entdeckten bei einem der winzigen Fossilien den Zusammenhang aus Schädel, dem Körper-Skelett und dem “Rückenkamm”: So wurde das Objekt SMNS 97278 zum Holotypus einer neuen Art: <em>Mirasaura grauvogeli</em>. Per Synchrotronstrahlungs-Mikrocomputertomographie-Scan durchleuchteten sie das 17 Millimeter kleine Schädelchen in vielen Schichten und konnten so eine 3 D-Rekonstruktion anfertigen.</p> <p>Damit konnten sie Echse und Rückensegel zusammenfügen, aufgrund der Schädelmorphologie die systematische Einordnung vornehmen und daraus das große Rätsel um die Mini-Echse im<em> Voltzien</em>-Koniferen-Wald lösen. Nun landeten die isolierten Flossen-Pflanzen-Segel-Objekte mit dem versteinerten Muster auf dem Rücken der Echsen.<br></br>Das Segelchen enthielt eine 2. Überraschung, die mir auch erklärte, warum Christian Foth der Zweitautor ist. Ihn hatte ich <a href="https://www.wissenschaft.de/naturplus/dinosaurier-und-urvoegel-die-ersten-federtiere/">2024 ausführlich für “natur” zur Evolution der Federn</a> interviewt. Der Rückenkamm der kleinen <em>Mirasaura</em> war nicht etwa ein Hautsegel war, wie man es z B von <em>Dimetrodon</em> kennt, sondern ähnelte vielmehr Federn. Allerdings ohne deren filigrane, fiedrige Struktur, dafür mit äußerst ähnlichen schwarzen Pigmenten (Melanosomen). Solche Hautanhänge – so die wissenschaftliche korrekte Bezeichnung – dienten also nicht nur als isolierenden Körperbedeckung oder zum Fliegen, sondern hatten offenbar bereits früh auch “Display”-Aufgaben – etwa als attraktives Merkmal für die Partnersuche. Mit diesen außergewöhnlichen Eigenschaften schaffte es die kleine Echse dann sogar auf den Nature-Titel.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/525596933_1325300822930715_2627017262061588962_n.jpg"><img alt="" decoding="async" height="700" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 526px) 100vw, 526px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/525596933_1325300822930715_2627017262061588962_n.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/525596933_1325300822930715_2627017262061588962_n.jpg 526w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/525596933_1325300822930715_2627017262061588962_n-225x300.jpg 225w" width="526"></img></a></figure> <p>Da ich den Star der Ausstellung nicht gefunden hatte – mir war nicht klar, wie klein <em>Mirasaura</em> war – bat ich Stephan Spiekman im Anschluß an die Vorträge, mir das Wundertier vorzuführen. Er erzählte mir dann noch wesentlich mehr zu diesem unglaublichen Fund. Und dann kamen wir so richtig ins Plaudern über Weichteilerhaltung, Hautanhangsorgane und wie unglaublich weit der Ursprung der Feder in die Tiefen der Erdgeschichte zurückgeht. Aber diese Geschichte hat er auch der BdW-Redakteurin Salome Berblinger erzählt, die <a href="https://www.wissenschaft.de/bdwplus/die-trias-war-ein-evolutionaeres-experiment/">das Interview unter dem verheißungsvollen Titel “»Die Trias war ein evolutionäres Experiment«</a> <a href="https://www.wissenschaft.de/bdwplus/die-trias-war-ein-evolutionaeres-experiment/">aufgeschrieben hat</a> – darum verrate ich hier nicht mehr. </p> <h2 id="h-die-perm-trias-krise-ist-topaktuell"><strong>Die Perm-Trias-Krise ist topaktuell!</strong></h2> <p>Massensterben sind für PaläontologInnen wichtig, weil der massenhafte, gleichzeitige Tod eine große Menge Fossilien bedeutet. Oft sterben dann ganze Ökosysteme synchron und versteinern gemeinsam als Gesteinsschichten. Durch solche Ablagerungen können Forschende dann nicht nur einzelne Arten oder Individuen untersuchen, sondern die komplexen Beziehungen ganzer Nahrungsnetze und ihrer Lebensräume. Solche “Events” grenzen verschiedene Gesteinsschichten gut sichtbar voneinander ab, etwa durch andersfarbige Gesteine oder Leichenfelder wie Ammoniten- oder Muschelnschalen, Schwammriffe oder Schachtelhalmhaine, Knochen oder Bakterienschichten. Darauf basiert die Einteilung der Erdzeitalter, wie die Perm-Trias- oder die noch besser bekannte Kreide-Tertiär-Grenze. </p> <p>Solche Katastrophen löschen natürlich nicht das Leben an sich aus, sondern einzelne Organismen-Gruppen und Lebensräume. Danach entstehen neue, andere Ökosysteme, in denen einige Tiergruppen, die überlebt haben, dann groß herauskommen können. Es beginnt ein evolutives Wettrennen, indem sich einige Eigenschaften und die spezifische Anpassungsfähigkeit als Vor- oder Nachteile herausstellen können. Nach solchen Events werden ganze Kontinente zu Experimentierstuben – wer schneller frißt, wächst und läuft kann an anderen Arten vorbeiziehen. Genau das beschreibt die von mir vorgestellte Koprolithen-Studie für den frühen Aufstieg der Dinosaurier im Polnischen Becken und vermutlich global. Ihr Erfolg ist auf den gammelnden Gebeinen anderer Tiere gebaut.<p>Die Paläontologie erlangt durch solche Massensterben und Leichenfelder einen gewissen morbiden Charme. </p><br></br>Das Witzeln über Aussterbe-Events bleibt einem allerdings im Halse stecken, wenn Paläontologen einem dann die Ursachen und Folgen des milliardenfachen Todes erklärt haben und dann genauso sachlich weiter erzählen, dass solche ökologischen Streßfaktoren jetzt gerade auch wieder zu sehen sind.<br></br>Ökologische Streßfaktoren entstehen, wenn Lebewesen durch zu wenig Licht, Nahrung oder andere Probleme körperlich gestresst werden. Dann nehmen Wachstum und Fortpflanzungsfähigkeit ab. Das wird an geringeren Größen sichtbar und an der dünneren, poröseren Ausbildung von Kalkstrukturen wie Schalen, Schuppen oder Knochen. Außerdem bilden gestresste Arten weniger ornamentale Strukturen aus – bei Ammoniten etwa werden dann die Lobenlinien deutlich einfacher (<a href="https://www.mineralienatlas.de/lexikon/index.php/Lobenlinie">Lobenlinien sind die geschwungenen Nähte </a>zwischen der Gehäusewand und den Kammerscheidewänden (Septen)).<br></br>Meinen “Moment of Doom” hatte ich im Interview mit Udo Kiessling, als er mir erzählte, dass heutige Meeres-Ökosysteme ähnliche Stressfaktoren zeigen, wie die an der Perm-Trias-Grenze. “Wir sollten den Klimawandel also sehr ernst nehmen! Heute kommen zur extrem schnellen Erderwärmung noch andere, menschengemachte Faktoren dazu, wie etwa die Zerstörung von Lebensraum für Landnutzung. Ein Massenaussterben ist kaum mehr abzuwenden. Die Paläontologie ist zwar ein kleines Fach, aber mit unseren Erkenntnissen aus der Erdgeschichte stehen wir bei der Analyse und Bewältigung der derzeitigen Klimakrise an vorderster Front.” Der Experte für fossile Korallen hat große Datenbanken aufgebaut und war<a href="https://www.gzn.nat.fau.de/palaeontologie/team/professors/kiessling/ipcc-bericht/"> 2021 beim 6. Sachstandsbericht IPCC-Hauptautor.</a></p> <p>Dadurch hat die Stuttgarter Trias-Ausstellung also eine dringliche Aktualität, die auch in den Reden zur Eröffnung sehr deutlich wurde. Und in der Anwesenheit des Staatssekretärs und anderer MitarbeiterInnen nicht nur aus dem Kultur-, sondern auch aus dem Umweltbereich der Baden-Württembergischen Ministerien.<br></br>Klimakrise ist jetzt – und ich würde lieber nicht darauf hoffen, als wundersame Mini-Echse mit bunten Flügeln wiedergeboren zu werden.</p> <h2 id="h-die-welt-der-saurier-bdw-heft-oktober-2025"><strong>Die Welt der Saurier – BdW-Heft Oktober 2025</strong></h2> <p>Die Ausstellung <a href="https://www.naturkundemuseum-bw.de/ausstellungen/sonderausstellungen/triassic-life">“Triassic Life” </a>ist absolut sehenswert!<br></br>Statt eines Begleitbuchs sind die wundersamen Reptilien der Trias und die Entwicklung des Lebens nach der Klimakatastrophe das Schwerpunktthema des <a href="https://www.wissenschaft.de/erde-umwelt/die-welt-der-saurier-2/">BdW-Hefts Oktober 2025 “Die Welt der Saurier”</a> (Online oder Print) geworden. In 5 Artikeln gibt es reichlich Background-Wissen, neueste Forschungsergebnisse rund um die Trias, zu den kleinen und <a href="https://www.wissenschaft.de/bdwplus/das-grosse-sterben-6/">großen Klimakrisen</a> dieser Zeit, <a href="https://www.wissenschaft.de/bdwplus/das-leben-danach/">den Krisengewinnlern</a> und -verlierern, <a href="https://www.wissenschaft.de/bdwplus/faekale-forensik/">fäkale Forensik</a> sowie Interviews für exklusive Einblicke in die <a href="https://www.wissenschaft.de/bdwplus/die-trias-war-ein-evolutionaeres-experiment/">unglaubliche Story von <em>Mirasaura</em></a> und mehr.<br></br></p> <p>Ja, ich mache dafür Werbung – schließlich finanziert der Kauf dieser Zeitschrift auch meine Tätigkeit als begeisterte Wissenschaftsjournalistin und meine aufwändigen Recherchen. Die Zusammenarbeit von Museen und solchen wissenschaftspopulären Medien finde ich wirklich sehr gelungen. Schließlich habe ich als Museumsbesucherin oft viel tiefgehendere Fragen, als in Ausstellungen so beantwortet werden. Und hinter solchen Ausstellungen steckt natürlich viel mehr Forschung und Herzblut, als vielen Besuchenden bewusst wird. <br></br>Zusätzlich bietet das Museum ein <a href="https://www.naturkundemuseum-bw.de/ausstellungen/sonderausstellungen/triassic-life">gut gemachtes Expeditionsheft an, mit dem kleine und große Besucher noch besser in die geheimnisvolle Trias eintauchen und Forschung besser erleben können.</a></p> <p>Außerdem gibt es “<a href="https://www.wissenschaft.de/erde-umwelt/bdw-podcast-folge-21/">Die Welt der Saurier” noch für die Ohren: Im BdW-Podcast</a> erzählt der Paläontologe Raphael Moreno vom Naturkundemuseum Stuttgart, der “Ausstellungsmacher”, zum Leben in der Trias.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Triassic Life - der Aufstieg der Dinosaurier » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Am Donnerstag abend war ich in Stuttgart zur Ausstellungseröffnung <a href="https://www.naturkundemuseum-bw.de/ausstellungen/sonderausstellungen/triassic-life">“<strong>Triassic Life</strong>“</a>, einer Sonderausstellung des Naturkundemuseums Stuttgart.<br></br>Die persönliche Einladung hatte ich erhalten, weil ich für die aktuelle Ausgabe von <em>Bild der Wissenschaft </em>(Konradin) einen Artikel beigesteuert hatte. <em>Bild der Wissenschaft</em> ist Medienpartner des Naturkundemuseums und so gibt es im Okotoberheft den Schwerpunkt: “<strong><a href="https://www.wissenschaft.de/bdw-hefte-specials/aktuelles-heft/">Die Welt der Saurier </a>– Im Erdzeitalter Trias lebten wundersame Reptilien. Wie entwickelte sich das Leben nach der Klimakatastrophe?</strong>” (<a href="https://www.direktabo.de/de/wissen-natur-geschichte/bild-der-wissenschaft/einzelhefte/einzelhefte-print/bdw-ausgabe-11-2025.html">Print oder Online)</a>.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_174617-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="573" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_174617-1024x573.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_174617-1024x573.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_174617-300x168.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_174617-768x430.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_174617-1536x859.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_174617-2048x1146.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Ausstellungseröffnung im Staatlichen Naturkundemuseum Stuttgart (Photo: Bettina Wurche)</figcaption></figure> <h2 id="h-trias-klimakrise-und-reptilien-evolution"><strong>Trias – Klimakrise und Reptilien-Evolution</strong></h2> <p>Die Perm-Trias-Grenze war das größte Massensterben der Erdgeschichte: Vor rund 252 Millionen Jahren führten vor allem gigantische Vulkanausbrüche (Mega-Vulkanismus) zum Zusammenbruch fast aller Ökosysteme. Dieser großräumige Flutbasalt-Ausstoß des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sibirischer_Trapp">Sibirischen Trapps</a> auf dem uralten Kraton Sibiria, der immer wieder zu verschiedenen größeren Kontinenten gehörte, stieß über Hunderttausende von Jahren magmatische Gesteine aus, die heute eine Fläche von 7 Millionen Quadratkilometern (etwas weniger als die Fläche des heutigen Australiens) bedecken. Dieser <a href="https://www.geomar.de/news/article/ausloeser-fuer-groesstes-massenaussterben-der-erdgeschichte-identifiziert">massive Ausstoß von Lava, CO2, Methan, Schwefelverbindungen</a> und anderem verdunkelte die Welt und führte zur globalen Klimakatastrophe, einem Temperaturanstieg von 10°C und zur Meeresversauerung. Die Kadaver von Pflanzen und Tieren, die über Flüsse bis ins Meer gespült wurden, führten dort zu einer extrem starken Überdüngung und damit zur Sauerstoffzehrung – viele Meerestiere erstickten. Außerdem fraßen sich die Schwefel-Verbindungen sowie Kohlensäure in die Kalkstrukturen von Meereslebensformen – Fischschuppen, Seeigel-Skelette u<a href="https://www.volkswagenstiftung.de/de/news/interview/der-klimakrise-mit-urzeitwissen-begegnen">nd Korallenriffe lösten sich auf (mehr dazu im meinem Interview mit Prof. Udo Kiessling für die VW-Stiftung).</a> Dadurch starben etwa 75 % der landlebenden Arten und ca 95 % der Meeresarten aus, vor allem höhere Lebensformen waren betroffen. Lebensformen wie <a href="https://www.museumfuernaturkunde.berlin/de/museum/medien/presse/perm-trias-grenze-schwerwiegende-auswirkungen-auf-die-oekosysteme-durch-kurze">Bakterien können sich durch ihre sehr schnelle Generationenfolge und hohe Fortpflanzungsrate</a> natürlich leichter anpassen und nutzten das große Sterben der Mehrzeller für eine kurze Blütezeit.</p> <p>Die Trias zeigt dann eine Neuordnung der Lebensformen: Zuerst kamen die Wälder zurück, denn die Samen vieler Pflanzen hatten die Katastrophe im Untergrund gut geschützt überlebt. Dann kam der Aufstieg der landlebenden Reptilien. Die amphibischen Lurche des Erdaltertums hatten zwar teilweise überlebt, waren aber zu wasserabhängig und zu langsam für die neue Zeit. Reptilien hingegen hatten sich mit ihrer festen, geschuppten Haut und den hartschaligen Eiern von aquatischen Lebensräumen emanzipiert und eroberten nun auch trocknere Areale. Die Reptilien des Erdaltertums wie die Synapsiden (früher: säugetierartige Reptilien) waren durch die Perm-Trias-Krise ebenfalls schwer getroffen worden, nur wenige von ihnen hatten überlebt – darunter die Cynodonten (Doppelhundszähner). Sie mussten sich anatomisch und ökologisch erstmal neu sortieren und lebten zunächst im Schatten anderer, erfolgreicherer Reptiliengruppen wie den Dinosauriern. Zu den Überlebenden gehören etwa die dicynodonten <em>Lystrosaurier. </em>Welche Arten starben und welche überlebten, hat Tim Schröder<a href="https://www.wissenschaft.de/bdwplus/das-grosse-sterben-6/"> im BdW-Beitrag “Das große Sterben”</a> aufgeschrieben.</p> <p>Die Trias ist die älteste Epoche des Erdmittelalters und beschreibt die Zeit von 251,9 bis 201,3 Millionen Jahren. Der Name Trias wurde 1834 von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_von_Alberti">Friedrich von Alberti</a> nach der in Mitteleuropa auffälligen Dreiteilung in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Buntsandstein">Buntsandstein</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Muschelkalk">Muschelkalk</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Keuper">Keuper</a> vorgeschlagen – wie sie in Württemberg, wo Alberti lebte und arbeitete, gut sichtbar sind. Alberti sammelte Zeit seines Lebens Fossilien. 1862 kaufte der württembergische Staat diese Sammlung für das Königliche Naturalienkabinett an, aus dem schließlich das heutige <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Museum_am_Rosenstein">Staatliches Museum für Naturkunde</a> hervorging. Das Museum ist für seine herausragende Sammlung und Forschung im Bereich der Trias bekannt und konnte dadurch die Grauvogel-Sammlung ankaufen. <br></br>Der französische Sammler Louis Grauvogel hatte über zehntausende Fossilien und Gesteinsproben aus dem oberen Buntsandstein der Mittleren Trias der Vogesen zusammengetragen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200220-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200220-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200220-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200220-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200220-1152x1536.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200220-1536x2048.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200220-scaled.jpg 1920w" width="768"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200234-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200234-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200234-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200234-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200234-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200234-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200234-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <h2 id="h-voltzien-sandstein-fluss-delta-und-dauer-regen"><strong>Voltzien-Sandstein, Fluß-Delta und Dauer-Regen</strong></h2> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_1954581-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="662" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_1954581-1024x662.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_1954581-1024x662.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_1954581-300x194.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_1954581-768x496.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_1954581-1536x993.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_1954581-2048x1323.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Der Triassische Voltzien-Dschungel in Stuttgart (Photo: Bettina Wurche)</figcaption></figure> <p>Louis Grauvogels Fossiliensammlung gibt Einblicke in ein Trias-Ökosystem, das noch nicht gut erforscht ist. Seine Fossilien und Gesteinsproben bilden ein subtropisches Flußdelta ab, das vor 245 Millionen Jahren in Mitteleuropa lag und Lebensraum für viele bisher unbekannte Arten bot. Mit dem Voltzien-Sandstein (Grès à <em>Voltzia</em>) blieb in Ost-Frankreich der oberste Teil des Buntsandsteins fossil erhalten. Dieser Sandstein erzählt die Geschichte des Ü<a href="https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-642-68770-9_10">bergangs von der kontinentalen Bildung des Buntsandsteins zu den marinen Ablagerungen des Muschelkalks</a>. Die Sammlung Grauvogel umfasst vor allem zahlreiche Pflanzen, die sich vor 245 Millionen Jahren nach dem großen Artensterben an der Wende zum Erdmittelalter im Bundsandstein ablagerten. Voltzien sind die dafür typische ausgestorbenen Koniferengattung. Neben sehr vielen Pflanzen hat das feinkörnige Sediment auch viele Insektenfossilien erhalten. Nachdem Grauvogel die Sammlung zusammengetragen hatte, wurde sie von seinen Kindern bearbeitet und verblieb zunächst im Familienbesitz. 2019 erwarb das Staatliche Museum für Naturkunde Stuttgart von der Erbin der Sammlung, Léa Grauvogel-Stamm, diesen steinernen Schatz. Finanzielle Unterstützung kam von der <a href="https://www.foerderverein-smns.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Gesellschaft zur Förderung des Naturkundemuseums Stuttgart e. V.</a> und der <a href="https://www.kulturstiftung.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Kulturstiftung der Länder</a>, die Erforschung <a href="https://www.dfg.de/de" rel="noreferrer noopener" target="_blank">wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) </a>gefördert.<p>Die Sonderausstellung soll nun die jahrelange Forschung und die so gut erhaltenen Fossilien der Öffentlichkeit präsentieren, inklusive einiger außergewöhnlicher Neuentdeckungen. </p><br></br>Dafür ist aus dem Ausstellungsbereich ein grünes Labyrinth geworden, dessen verschachtelte Anordnung die Besucher in einer Dschungel weit vor unserer Zeit entführt. Manchmal landete ich vor Vitrinen und Dioramen, die ich schon kannte, aber mit Vergnügen nochmal anschaute. Dann wieder blickte ich auf Sandsteinfragmente erstaunlich großer Pflanzen. Hatte ich aus dem Studium den Terminus “Voltzien-Sandstein” noch irgendwie im Hinterkopf, hatte ich dabei niemals einen solchen Dschungel vor Augen. Voltzien waren Koniferen – ihre Stämme, Äste, Blätter und Triebe sind im Sandstein wie steinerne Herbariumsblätter detailliert erhalten. Wesentlich größer als ich mir das bislang vorgestellt hätte.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200536-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200536-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200536-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200536-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200536-1152x1536.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200536-1536x2048.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/20251016_200536-scaled.jpg 1920w" width="768"></img></a><figcaption>Voltzia-Trieb (Photo: Bettina Wurche)</figcaption></figure> <p>Bei der Recherche für meinen Beitrag zu diesem Schwerpunkt über Koprolithen und Dinosaurier-Evolution im Polnischen Becken hatte ich mal wieder jede Menge dazugelernt. Die <a href="http://Digestive contents and food webs record the advent of dinosaur supremacy Martin Qvarnström, Joel Vikberg Wernström, Zuzanna Wawrzyniak, Maria Barbacka, Grzegorz Pacyna, Artur Górecki, Jadwiga Ziaja, Agata Jarzynka, Krzysztof Owocki, Tomasz Sulej, Leszek Marynowski, Grzegorz Pieńkowski, Per E. Ahlberg &amp; Grzegorz Niedźwiedzki">Nature-Publikation “Digestive contents and food webs record the advent of dinosaur supremacy”</a> von <a href="https://www.nature.com/articles/s41586-024-08265-4#auth-Martin-Qvarnstr_m-Aff1">Martin Qvarnström</a> et al war extrem gehaltvoll, für den Artikel hatte ich sowohl <a href="https://www.nature.com/articles/s41586-024-08265-4#auth-Martin-Qvarnstr_m-Aff1">Martin Qvarnström</a> schriftlich kurz interviewt, als auch ein langes Gespräch mit der nicht daran beteiligten <a href="https://home.provinz.bz.it/de/kontakte/7736">Paläobotanikerin Evelyn Kustatscher</a> geführt. Sie erzählte mir vollkommen begeistert, wie in der Trias im sogenannten Pluvial Event ein 1 bis 2 Millionen Jahre dauernden Regen zu extremem Pflanzenwachstum führte. Und wie man das in Koprolithen nachweisen kann, obwohl Pflanzenfresser-Kot nur schlecht fossil erhalten wird. So schrieb ich also den <a href="https://www.wissenschaft.de/bdwplus/faekale-forensik/">Beitrag Fäkale Forensik</a> – mit meinem Lieblingszitat von Evelyn Kustatscher: “Iß Deine Farne und wachs!”</p> <h2 id="h-mirasaura-die-wunderechse"><strong><em>Mirasaura</em> – die Wunderechse</strong></h2> <p>Der Star des Trias-Lebens ist in Stuttgart aber kein Dinosaurier, nicht einmal ein Archosaurier, sondern ein kleines Reptil, das zu einer viel basaleren Kriechtiergruppe gehört: “<em>Mirasaura grauvogeli</em>“.<br></br>Von dem hatte ich noch nie gehört. Aber es hat es in eine Nature-Publikation geschafft, so erwartete ich Stephan Spiekmans Kurzvorstellung – er ist der Hauptautor der Publikation “<a href="http://Triassic diapsid shows early diversification of skin appendages in reptiles">Triassic diapsid shows early diversification of skin appendages in reptiles</a>” – mit Spannung.</p> <p>Bereits bei seiner systematischen Einordnung des neu beschriebenen Fossils hatte ich Verständnisdefizite: Mit Archosauriern und ihren größeren Untergruppen kenne ich mich mittlerweile ganz gut aus, aber von Drepanosauromorpha hatte ich noch nie gehört oder gelesen. Spättriassische Echsen mit vogelartigem Schädel, meist fassförmigem Körper und oft einem horizontal getragenen Schwanz. Ein uralter Echsenzweig, der längst ausgestorben ist. Die vorgestellte Wunderechse <em>Mirasaura</em> hatte “Greifhände”, die mich sofort an Chamäleons erinnerten. Auch ihr Greifschwanz passte dazu. Vermutlich kletterte sie im Geäst herum und schnappte sich Insekten. <br></br>Ihr ungewöhnlichstes Merkmal: Ein großes Rückensegel!</p> <p>Dieser Winzling ist die größte Überraschung der Grauvogel-Sammlung. <br></br>Es gibt zwar rund 80 dieser Miniechsen, allerdings haben erst die Stuttgarter Forschenden mit ihrer geballten Kompetenz und ihrem technischen Know How einige rätselhafte Fossilien zusammengeführt. Das besterhaltene Rückensegel war auf dem Sandstein eines Stücks der Grauvogel-Sammlung zwar deutlich sichtbar, aber bis dahin nur isoliert betrachtet worden: Als Teil einer Pflanze, als Rückenflosse eines Fisches oder anderes. Andere Körperfossilien jüngerer Tiere zeigten kleine und noch winzigere Knochen, fast so fein wie die Gräten einer Sprotte. <br></br>Erst die Stuttgarter Forschenden entdeckten bei einem der winzigen Fossilien den Zusammenhang aus Schädel, dem Körper-Skelett und dem “Rückenkamm”: So wurde das Objekt SMNS 97278 zum Holotypus einer neuen Art: <em>Mirasaura grauvogeli</em>. Per Synchrotronstrahlungs-Mikrocomputertomographie-Scan durchleuchteten sie das 17 Millimeter kleine Schädelchen in vielen Schichten und konnten so eine 3 D-Rekonstruktion anfertigen.</p> <p>Damit konnten sie Echse und Rückensegel zusammenfügen, aufgrund der Schädelmorphologie die systematische Einordnung vornehmen und daraus das große Rätsel um die Mini-Echse im<em> Voltzien</em>-Koniferen-Wald lösen. Nun landeten die isolierten Flossen-Pflanzen-Segel-Objekte mit dem versteinerten Muster auf dem Rücken der Echsen.<br></br>Das Segelchen enthielt eine 2. Überraschung, die mir auch erklärte, warum Christian Foth der Zweitautor ist. Ihn hatte ich <a href="https://www.wissenschaft.de/naturplus/dinosaurier-und-urvoegel-die-ersten-federtiere/">2024 ausführlich für “natur” zur Evolution der Federn</a> interviewt. Der Rückenkamm der kleinen <em>Mirasaura</em> war nicht etwa ein Hautsegel war, wie man es z B von <em>Dimetrodon</em> kennt, sondern ähnelte vielmehr Federn. Allerdings ohne deren filigrane, fiedrige Struktur, dafür mit äußerst ähnlichen schwarzen Pigmenten (Melanosomen). Solche Hautanhänge – so die wissenschaftliche korrekte Bezeichnung – dienten also nicht nur als isolierenden Körperbedeckung oder zum Fliegen, sondern hatten offenbar bereits früh auch “Display”-Aufgaben – etwa als attraktives Merkmal für die Partnersuche. Mit diesen außergewöhnlichen Eigenschaften schaffte es die kleine Echse dann sogar auf den Nature-Titel.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/525596933_1325300822930715_2627017262061588962_n.jpg"><img alt="" decoding="async" height="700" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 526px) 100vw, 526px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/525596933_1325300822930715_2627017262061588962_n.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/525596933_1325300822930715_2627017262061588962_n.jpg 526w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/525596933_1325300822930715_2627017262061588962_n-225x300.jpg 225w" width="526"></img></a></figure> <p>Da ich den Star der Ausstellung nicht gefunden hatte – mir war nicht klar, wie klein <em>Mirasaura</em> war – bat ich Stephan Spiekman im Anschluß an die Vorträge, mir das Wundertier vorzuführen. Er erzählte mir dann noch wesentlich mehr zu diesem unglaublichen Fund. Und dann kamen wir so richtig ins Plaudern über Weichteilerhaltung, Hautanhangsorgane und wie unglaublich weit der Ursprung der Feder in die Tiefen der Erdgeschichte zurückgeht. Aber diese Geschichte hat er auch der BdW-Redakteurin Salome Berblinger erzählt, die <a href="https://www.wissenschaft.de/bdwplus/die-trias-war-ein-evolutionaeres-experiment/">das Interview unter dem verheißungsvollen Titel “»Die Trias war ein evolutionäres Experiment«</a> <a href="https://www.wissenschaft.de/bdwplus/die-trias-war-ein-evolutionaeres-experiment/">aufgeschrieben hat</a> – darum verrate ich hier nicht mehr. </p> <h2 id="h-die-perm-trias-krise-ist-topaktuell"><strong>Die Perm-Trias-Krise ist topaktuell!</strong></h2> <p>Massensterben sind für PaläontologInnen wichtig, weil der massenhafte, gleichzeitige Tod eine große Menge Fossilien bedeutet. Oft sterben dann ganze Ökosysteme synchron und versteinern gemeinsam als Gesteinsschichten. Durch solche Ablagerungen können Forschende dann nicht nur einzelne Arten oder Individuen untersuchen, sondern die komplexen Beziehungen ganzer Nahrungsnetze und ihrer Lebensräume. Solche “Events” grenzen verschiedene Gesteinsschichten gut sichtbar voneinander ab, etwa durch andersfarbige Gesteine oder Leichenfelder wie Ammoniten- oder Muschelnschalen, Schwammriffe oder Schachtelhalmhaine, Knochen oder Bakterienschichten. Darauf basiert die Einteilung der Erdzeitalter, wie die Perm-Trias- oder die noch besser bekannte Kreide-Tertiär-Grenze. </p> <p>Solche Katastrophen löschen natürlich nicht das Leben an sich aus, sondern einzelne Organismen-Gruppen und Lebensräume. Danach entstehen neue, andere Ökosysteme, in denen einige Tiergruppen, die überlebt haben, dann groß herauskommen können. Es beginnt ein evolutives Wettrennen, indem sich einige Eigenschaften und die spezifische Anpassungsfähigkeit als Vor- oder Nachteile herausstellen können. Nach solchen Events werden ganze Kontinente zu Experimentierstuben – wer schneller frißt, wächst und läuft kann an anderen Arten vorbeiziehen. Genau das beschreibt die von mir vorgestellte Koprolithen-Studie für den frühen Aufstieg der Dinosaurier im Polnischen Becken und vermutlich global. Ihr Erfolg ist auf den gammelnden Gebeinen anderer Tiere gebaut.<p>Die Paläontologie erlangt durch solche Massensterben und Leichenfelder einen gewissen morbiden Charme. </p><br></br>Das Witzeln über Aussterbe-Events bleibt einem allerdings im Halse stecken, wenn Paläontologen einem dann die Ursachen und Folgen des milliardenfachen Todes erklärt haben und dann genauso sachlich weiter erzählen, dass solche ökologischen Streßfaktoren jetzt gerade auch wieder zu sehen sind.<br></br>Ökologische Streßfaktoren entstehen, wenn Lebewesen durch zu wenig Licht, Nahrung oder andere Probleme körperlich gestresst werden. Dann nehmen Wachstum und Fortpflanzungsfähigkeit ab. Das wird an geringeren Größen sichtbar und an der dünneren, poröseren Ausbildung von Kalkstrukturen wie Schalen, Schuppen oder Knochen. Außerdem bilden gestresste Arten weniger ornamentale Strukturen aus – bei Ammoniten etwa werden dann die Lobenlinien deutlich einfacher (<a href="https://www.mineralienatlas.de/lexikon/index.php/Lobenlinie">Lobenlinien sind die geschwungenen Nähte </a>zwischen der Gehäusewand und den Kammerscheidewänden (Septen)).<br></br>Meinen “Moment of Doom” hatte ich im Interview mit Udo Kiessling, als er mir erzählte, dass heutige Meeres-Ökosysteme ähnliche Stressfaktoren zeigen, wie die an der Perm-Trias-Grenze. “Wir sollten den Klimawandel also sehr ernst nehmen! Heute kommen zur extrem schnellen Erderwärmung noch andere, menschengemachte Faktoren dazu, wie etwa die Zerstörung von Lebensraum für Landnutzung. Ein Massenaussterben ist kaum mehr abzuwenden. Die Paläontologie ist zwar ein kleines Fach, aber mit unseren Erkenntnissen aus der Erdgeschichte stehen wir bei der Analyse und Bewältigung der derzeitigen Klimakrise an vorderster Front.” Der Experte für fossile Korallen hat große Datenbanken aufgebaut und war<a href="https://www.gzn.nat.fau.de/palaeontologie/team/professors/kiessling/ipcc-bericht/"> 2021 beim 6. Sachstandsbericht IPCC-Hauptautor.</a></p> <p>Dadurch hat die Stuttgarter Trias-Ausstellung also eine dringliche Aktualität, die auch in den Reden zur Eröffnung sehr deutlich wurde. Und in der Anwesenheit des Staatssekretärs und anderer MitarbeiterInnen nicht nur aus dem Kultur-, sondern auch aus dem Umweltbereich der Baden-Württembergischen Ministerien.<br></br>Klimakrise ist jetzt – und ich würde lieber nicht darauf hoffen, als wundersame Mini-Echse mit bunten Flügeln wiedergeboren zu werden.</p> <h2 id="h-die-welt-der-saurier-bdw-heft-oktober-2025"><strong>Die Welt der Saurier – BdW-Heft Oktober 2025</strong></h2> <p>Die Ausstellung <a href="https://www.naturkundemuseum-bw.de/ausstellungen/sonderausstellungen/triassic-life">“Triassic Life” </a>ist absolut sehenswert!<br></br>Statt eines Begleitbuchs sind die wundersamen Reptilien der Trias und die Entwicklung des Lebens nach der Klimakatastrophe das Schwerpunktthema des <a href="https://www.wissenschaft.de/erde-umwelt/die-welt-der-saurier-2/">BdW-Hefts Oktober 2025 “Die Welt der Saurier”</a> (Online oder Print) geworden. In 5 Artikeln gibt es reichlich Background-Wissen, neueste Forschungsergebnisse rund um die Trias, zu den kleinen und <a href="https://www.wissenschaft.de/bdwplus/das-grosse-sterben-6/">großen Klimakrisen</a> dieser Zeit, <a href="https://www.wissenschaft.de/bdwplus/das-leben-danach/">den Krisengewinnlern</a> und -verlierern, <a href="https://www.wissenschaft.de/bdwplus/faekale-forensik/">fäkale Forensik</a> sowie Interviews für exklusive Einblicke in die <a href="https://www.wissenschaft.de/bdwplus/die-trias-war-ein-evolutionaeres-experiment/">unglaubliche Story von <em>Mirasaura</em></a> und mehr.<br></br></p> <p>Ja, ich mache dafür Werbung – schließlich finanziert der Kauf dieser Zeitschrift auch meine Tätigkeit als begeisterte Wissenschaftsjournalistin und meine aufwändigen Recherchen. Die Zusammenarbeit von Museen und solchen wissenschaftspopulären Medien finde ich wirklich sehr gelungen. Schließlich habe ich als Museumsbesucherin oft viel tiefgehendere Fragen, als in Ausstellungen so beantwortet werden. Und hinter solchen Ausstellungen steckt natürlich viel mehr Forschung und Herzblut, als vielen Besuchenden bewusst wird. <br></br>Zusätzlich bietet das Museum ein <a href="https://www.naturkundemuseum-bw.de/ausstellungen/sonderausstellungen/triassic-life">gut gemachtes Expeditionsheft an, mit dem kleine und große Besucher noch besser in die geheimnisvolle Trias eintauchen und Forschung besser erleben können.</a></p> <p>Außerdem gibt es “<a href="https://www.wissenschaft.de/erde-umwelt/bdw-podcast-folge-21/">Die Welt der Saurier” noch für die Ohren: Im BdW-Podcast</a> erzählt der Paläontologe Raphael Moreno vom Naturkundemuseum Stuttgart, der “Ausstellungsmacher”, zum Leben in der Trias.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/meertext/triassic-life-der-aufstieg-der-dinosaurier/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>11</slash:comments> </item> <item> <title>Hyperscanning – Gehirne im Einklang https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/hyperscanning-gehirne-im-einklang/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/hyperscanning-gehirne-im-einklang/#comments Mon, 20 Oct 2025 15:07:39 +0000 Antonia Ceric https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5242 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6195115_3143318-edited-768x432.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/hyperscanning-gehirne-im-einklang/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6195115_3143318-edited-scaled.jpg" /><h1>Hyperscanning – Gehirne im Einklang » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>Stell dir vor: Zwei Musiker stehen auf der Bühne, ein Kontrabass und eine Geige. Stille. Dann beginnen sie zu spielen. Langsam baut sich ein musikalischer Dialog zwischen den beiden auf. Jede Bewegung, jedes Zögern, jedes Einatmen des anderen wird aufmerksam wahrgenommen. Sie müssen genau aufeinander achten, dem Gegenüber genau zuhören und so ihr Spiel aufeinander abstimmen. Beide Instrumente verschmelzen zu einem Klang. Doch die Instrumente sind nicht das einzige, das sich hier miteinander schwingt – auch die Gehirne der beiden Musikerinnen tun es.</p> <p>Forschende der Neurowissenschaften können heute tatsächlich beobachten, wie sich die Aktivität in zwei oder mehr Gehirnen während solcher Interaktionen angleicht. Das tun sie, indem sie sogenanntes „Hyperscanning“ durchführen [1, 4]. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse könnten verändern, wie wir über Kommunikation, Zusammenarbeit und Empathie denken [1, 4].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7685554.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7685554-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7685554-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7685554-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7685554-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7685554-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7685554-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7685554.jpg 2000w" width="1024"></img></a><figcaption>Zwei Personen treten musikalisch in Interaktion. <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/illustration-von-klassischen-musikspielern_31194600.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=4&amp;uuid=f964c3c7-ae51-452e-ac67-86ed8d10660d&amp;query=cello+und+geige+duo">Bildquelle.</a></figcaption></figure></div> <h2 id="h-was-ist-eigentlich-hyperscanning"><strong>Was ist eigentlich Hyperscanning?</strong></h2> <p>Lange Zeit war die Hirnforschung lediglich auf das einzelne Gehirn fokussiert. Eine Person liegt im MRT-Scanner oder hat eine EEG-Haube auf dem Kopf, schaut auf einen Bildschirm oder löst eine Aufgabe – so die klassische Versuchssituation. Unser Leben funktioniert so allerdings nur selten: Wir sprechen, musizieren, lachen oder lernen gemeinsam mit anderen Menschen. Wir interagieren miteinander. Der Ansatz des Hyperscannings ist, die Aktivität mehrerer Gehirne gleichzeitig zu messen, während Menschen direkt miteinander interagieren oder das gleiche zusammen erleben [1, 4]. Es geht also nicht mehr nur darum, was in einer Person passiert, sondern darum, was gleichzeitig in beiden Personen oder zwischen Ihnen vor sich geht.</p> <p>Forschende sprechen deshalb oft von einem Schritt „vom Einzelgehirn zum Zwischenraum“ [1]. Dies geht über ähnliche Aktivität durch das Wahrnehmen des gleichen Reizes hinaus und erlaubt die Untersuchung funktioneller Kopplung zwischen Hirnen und der Korrelation von Aktivierungsmustern. Zwei Menschen können denselben Film schauen und dadurch ähnliche Hirnaktivierungen zeigen. Doch erst, wenn sie miteinander interagieren, wird sichtbar, wie ihre Hirne dies ermöglichen [3, 4]. Das Ziel ist also nicht nur das gleichzeitige Messen, sondern auch die funktionelle Kopplung zwischen Personen zu untersuchen und somit, wie ihre neuronalen Prozesse während sozialer Interaktion aufeinander abgestimmt sind [1, 4].</p> <h2 id="h-ein-kurzer-blick-zuruck"><strong>Ein kurzer Blick zurück</strong></h2> <p>Die Idee entstand Anfang der 2000er-Jahre. 2002 gelang es einer Gruppe um den US-Neurowissenschaftler Read Montague, erstmals zwei Personen gleichzeitig im fMRT zu untersuchen, während sie ein einfaches Spiel spielten. Die Geräte waren dabei über das Internet miteinander verbunden. Dies war die Geburtsstunde des Hyperscannings [5]. Ein weiterer Meilenstein folgte 2010 mit der berühmten „Speaker–Listener“-Studie von Uri Hasson und Kolleginnen. Hier hörten Versuchspersonen einer Sprecherin zu, die eine Geschichte erzählte, während ihre Gehirnaktivität im Scanner aufgezeichnet wurde. Das Ergebnis: Je besser die Zuhörerinnen die Geschichte verstanden, desto stärker ähnelten sich ihre Gehirnaktivierungen denjenigen der Sprecherin – fast so, als würden ihre Gehirne sich synchronisieren und mitschwingen [8]. Diese und viele andere Studien zeigen: Verständnis ist keine Einbahnstraße, sondern ein Prozess des Abgleichs, der Synchronisation [8].<aside></aside></p> <h2 id="h-wie-messen-wir-so-etwas"><strong>Wie messen wir so etwas?</strong></h2> <p>Hyperscanning kann mit verschiedenen Methoden durchgeführt werden: Am häufigsten wird hierfür die Elektroenzephalographie genutzt, kurz EEG. Beim EEG (Elektroenzephalografie) wird direkt die elektrische Aktivität des Gehirns über Elektroden auf der Kopfhaut gemessen. Die Messung erfolgt auf die Millisekunde genau und ist daher besonders gut geeignet, um die feinen Rhythmen der Hirnwellen in sozialer Interaktion zu untersuchen [1, 4]. In Hyperscanning-Experimenten werden mehrere Versuchpersonen gleichzeitig mit einem EEG ausgestattet und müssen dann etwa zusammen eine Aufgabe lösen oder anderweitig miteinander interagieren [3]. </p> <p>Ich selbst habe erst kürzlich an einer Studie in Zusammenarbeit mit der Universität für Angewandte Kunst in Wien teilgenommen. Wir saßen zu dritt an Tischen und mussten – mit einer EEG-Kappe auf dem Kopf – ein Kartenspiel spielen. Die Forschenden sind unter anderem daran interessiert, wie Kooperation in solch einem Setting funktioniert. Je nach Runde spielten wir alleine oder im Team mit einer der anderen Personen. Ganz wichtig war allerdings, dass wir nicht zu viel Mimik zeigen durften, da die Signale der Muskelbewegungen jene Signale des Hirns schnell überlagern können, die eigentlich gemessen werden sollten.</p> <p>Beim fNIRS (funktionelle Nahinfrarotspektroskopie) hingegen nutzen Forschende Licht, um Veränderungen des Sauerstoffgehalts im Blut zu messen. Die Idee ähnelt der des MRT, das darauf basiert, dass aktivierte Hirnregionen stärker durchblutet und mit Sauerstoff versorgt werden. Dies ist also ein indirektes Maß für die neuronale Aktivität [4]. Das System ist allerdings im Gegensatz zum MRT tragbar und erlaubt natürliche Interaktionen – z. B. zwei Personen, die sich gegenübersitzen und sprechen. Das macht fNIRS besonders interessant für Studien in Kommunikation, Bildung oder Kunst, weil die Methode den Einsatz in realistischeren Situationen ermöglicht [4].</p> <p>Schließlich kann die Forschung auch mit dem fMRT (funktionelle Magnetresonanztomografie) arbeiten. Dieses liefert detailreichere Bilder des Hirns und zeigt, wo Aktivierungen stattfinden, funktioniert aber nur im Scanner – ist also weniger alltagsnah [1]. Beim fMRT kann nicht direkt eine synchrone Aktivität gemessen werden. Die Analyse erlaubt stattdessen die Untersuchung der Korrelation zeitgleicher Aktivierungsmuster, also zum Beispiel wie ähnlich sich diese sind [1, 4].</p> <p>Hier kannst du noch einmal genauer nachlesen, wie die gängigen neurowissenschaftlichen Untersuchungsmethoden funktionieren:</p> <figure></figure> <h3 id="h-in-der-analyse-zeigt-sich-ob-die-hirne-sich-synchronisiert-haben">In der Analyse zeigt sich, ob die Hirne sich “synchronisiert” haben</h3> <p>Die gewonnenen Daten werden anschließend miteinander verglichen. Bei EEG- und fNIRS-Daten analysieren Forschende, wie stark sich die zeitlichen Muster der Gehirnaktivität zweier Personen ähneln – ob ihre Signale im gleichen Takt schwingen. Wenn die elektrischen oder hämodynamischen Rhythmen zweier Gehirne gleichzeitig auf- und abfluten, spricht man von „neuronaler Synchronie“ oder „Phase-Locking“. Diese Messungen zeigen also, wie gut sich die Gehirne in einem bestimmten Moment aufeinander abstimmen [1, 4].</p> <p>Bei fMRT-Hyperscanning läuft die Analyse etwas anders. Hier werden keine schnellen Wellen gemessen, sondern Veränderungen im Sauerstoffgehalt des Blutes – der sogenannte BOLD-Signal (blood-oxygen-level dependent). Forschende vergleichen, ob die Aktivierungsmuster bestimmter Hirnregionen bei zwei Personen über die Zeit hinweg ähnlich verlaufen. So kann man erkennen, ob etwa bei beiden die gleichen sozialen oder sprachbezogenen Areale gleichzeitig aktiv werden [1, 4].</p> <p>In den ersten fMRT-Hyperscanning-Studien, wie etwa der vorhin bereits erwähnten, wurden dafür sogar zwei Scanner per Internet verbunden, um Interaktionen in Echtzeit zu messen – zum Beispiel Vertrauen oder Kooperation in Entscheidungsspielen [5]. fMRT eignet sich also weniger für die feinen zeitlichen Rhythmen des Zusammenspiels, liefert aber einen genauen Blick darauf, wo im Gehirn gemeinsame Aktivierungen stattfinden [1].</p> <h2 id="h-was-die-forschung-bisher-zeigt"><strong>Was die Forschung bisher zeigt</strong></h2> <p>Verschiedene Bereiche haben bereits spannende Erkenntnisse mithilfe des Hyperscannings gemacht. In Gesprächen ähneln sich die Aktivitätsmuster von Sprecherin und Zuhörerin, besonders auch dann, wenn sie sich gut verstehen. Die berühmte „Speaker–Listener“-Studie von Hasson und Kollegen zeigte: Je besser eine Geschichte verstanden wurde, desto stärker ähnelten sich die Aktivierungen im Sprachzentrum und in höheren Assoziationsarealen. Mit anderen Worten könnte man auch sagen, der Prozess des Verstehens hinterlässt ein neuronales Echo im Gehirn des Gegenübers [8].</p> <p>Studien mit Gitarrenduos zeigen, dass sich beim gemeinsamen Musizieren bestimmte Gehirnfrequenzen synchronisieren. Das Maß der Synchronisation hing direkt damit zusammen, wie gut die Musikerinnen und Musiker ihr Spiel aufeinander abgestimmt hatten [6, 7]. Auch hier zeigt sich: Koordination im Verhalten geht mit Kopplung im Gehirn einher.</p> <p>In realen Klassenzimmern haben Dikker und Kolleginnen EEG-Hyperscanning eingesetzt, um die Gehirnaktivitäten von Lehrerinnen und Schülerinnen gleichzeitig zu messen. Das Ergebnis: Wenn die Aufmerksamkeit und das Engagement hoch waren, synchronisierten sich die Gehirne der Lernenden stärker miteinander und mit der Lehrperson. Die Stärke dieser Kopplung konnte sogar vorhersagen, wie sehr sich Schülerinnen und Schüler im Unterricht eingebunden fühlten [2].</p> <h2 id="h-was-bedeutet-das"><strong>Was bedeutet das?</strong></h2> <p>Hyperscanning zeigt: Denken, Fühlen und Verstehen sind keine isolierten Vorgänge innerhalb der einzelnen Personen. Es lohnt der Blick darauf, was gleichzeitig in unterschiedlichen Köpfen vor sich geht [1, 4]. Wenn wir miteinander reden, mitfühlen oder Musik machen, entsteht so etwas wie ein gemeinsamer neuronaler Raum. Vielleicht ist das, was wir „Resonanz“ nennen, tatsächlich messbar – jene flüchtigen Momente, in denen zwei Menschen nicht nur dasselbe erleben, sondern es im gleichen Takt erleben [1, 4]. </p> <p>Doch die Forschung steht erst am Anfang: Noch ist nicht eindeutig geklärt, ob neuronale Synchronie sozialer Verbundenheit unterstützt oder eine Folge derselben ist. Forschende arbeiten daran, diese wechselseitigen Prozesse besser zu verstehen: mit neuen Ansätzen wie gleichzeitiger Stimulation beider Gehirne (etwa durch transkranielle Magnetstimulation) oder mit mobilen Messsystemen, die natürliche Begegnungen außerhalb des Labors erfassen [4]. Im zweiten Teil dieses Blogbeitrags, den Sie im nächsten Monat hier lesen können, wird es darum gehen, warum diese Synchronie so entscheidend ist und wie sie in Kunst, Bildung und klinischer Forschung neue Perspektiven eröffnet.</p> <h2 id="h-quellen">Quellen</h2> <p>[1] Babiloni, F. &amp; Astolfi, L. (2012). Social neuroscience and hyperscanning techniques: Past, present and future. <em>Neuroscience &amp; Biobehavioral Reviews</em>, <em>44</em>, 76–93. <a href="https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2012.07.006">https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2012.07.006</a></p> <p>[2] Dikker, S., Wan, L., Davidesco, I., Kaggen, L., Oostrik, M., McClintock, J., Rowland, J., Michalareas, G., Van Bavel, J. J., Ding, M., &amp; Poeppel, D. (2017). Brain-to-Brain Synchrony Tracks Real-World Dynamic Group Interactions in the Classroom. <em>Current biology : CB</em>, <em>27</em>(9), 1375–1380. https://doi.org/10.1016/j.cub.2017.04.002</p> <p>[3] Dumas, G., Nadel, J., Soussignan, R., Martinerie, J. &amp; Garnero, L. (2010). Inter-Brain Synchronization during Social Interaction. <em>PLoS ONE</em>, <em>5</em>(8), e12166. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0012166</p> <p>[4] Hakim, U., De Felice, S., Pinti, P., Zhang, X., Noah, J., Ono, Y., Burgess, P., Hamilton, A., Hirsch, J. &amp; Tachtsidis, I. (2023). Quantification of inter-brain coupling: A review of current methods used in haemodynamic and electrophysiological hyperscanning studies. <em>NeuroImage</em>, <em>280</em>, 120354. https://doi.org/10.1016/j.neuroimage.2023.120354</p> <p>[5] Montague, P. R., Berns, G. S., Cohen, J. D., McClure, S. M., Pagnoni, G., Dhamala, M., Wiest, M. C., Karpov, I., King, R. D., Apple, N., &amp; Fisher, R. E. (2002). Hyperscanning: simultaneous fMRI during linked social interactions. <em>NeuroImage</em>, <em>16</em>(4), 1159–1164. <a href="https://doi.org/10.1006/nimg.2002.1150">https://doi.org/10.1006/nimg.2002.1150</a></p> <p>[6] Müller, V., Sänger, J. &amp; Lindenberger, U. (2013). Intra- and Inter-Brain Synchronization during Musical Improvisation on the Guitar. <em>PLoS ONE</em>, <em>8</em>(9), e73852. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0073852</p> <p>[7] Sänger, J., Müller, V. &amp; Lindenberger, U. (2012). Intra- and interbrain synchronization and network properties when playing guitar in duets. <em>Frontiers in Human Neuroscience</em>, <em>6</em>. https://doi.org/10.3389/fnhum.2012.00312</p> <p>[8] Stephens, G. J., Silbert, L. J. &amp; Hasson, U. (2010). Speaker–listener neural coupling underlies successful communication. <em>Proceedings Of The National Academy Of Sciences</em>, <em>107</em>(32), 14425–14430. <a href="https://doi.org/10.1073/pnas.1008662107">https://doi.org/10.1073/pnas.1008662107</a></p> <p><a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/sammlung-junge-leute-die-hand-wellenartig-bewegen_6195115.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=25&amp;uuid=cd51e2de-1cd9-4431-a9c0-b1590f4299bf&amp;query=people+smiling">Quelle Beitragsbild</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6195115_3143318-edited-scaled.jpg" /><h1>Hyperscanning – Gehirne im Einklang » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>Stell dir vor: Zwei Musiker stehen auf der Bühne, ein Kontrabass und eine Geige. Stille. Dann beginnen sie zu spielen. Langsam baut sich ein musikalischer Dialog zwischen den beiden auf. Jede Bewegung, jedes Zögern, jedes Einatmen des anderen wird aufmerksam wahrgenommen. Sie müssen genau aufeinander achten, dem Gegenüber genau zuhören und so ihr Spiel aufeinander abstimmen. Beide Instrumente verschmelzen zu einem Klang. Doch die Instrumente sind nicht das einzige, das sich hier miteinander schwingt – auch die Gehirne der beiden Musikerinnen tun es.</p> <p>Forschende der Neurowissenschaften können heute tatsächlich beobachten, wie sich die Aktivität in zwei oder mehr Gehirnen während solcher Interaktionen angleicht. Das tun sie, indem sie sogenanntes „Hyperscanning“ durchführen [1, 4]. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse könnten verändern, wie wir über Kommunikation, Zusammenarbeit und Empathie denken [1, 4].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7685554.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7685554-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7685554-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7685554-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7685554-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7685554-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7685554-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7685554.jpg 2000w" width="1024"></img></a><figcaption>Zwei Personen treten musikalisch in Interaktion. <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/illustration-von-klassischen-musikspielern_31194600.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=4&amp;uuid=f964c3c7-ae51-452e-ac67-86ed8d10660d&amp;query=cello+und+geige+duo">Bildquelle.</a></figcaption></figure></div> <h2 id="h-was-ist-eigentlich-hyperscanning"><strong>Was ist eigentlich Hyperscanning?</strong></h2> <p>Lange Zeit war die Hirnforschung lediglich auf das einzelne Gehirn fokussiert. Eine Person liegt im MRT-Scanner oder hat eine EEG-Haube auf dem Kopf, schaut auf einen Bildschirm oder löst eine Aufgabe – so die klassische Versuchssituation. Unser Leben funktioniert so allerdings nur selten: Wir sprechen, musizieren, lachen oder lernen gemeinsam mit anderen Menschen. Wir interagieren miteinander. Der Ansatz des Hyperscannings ist, die Aktivität mehrerer Gehirne gleichzeitig zu messen, während Menschen direkt miteinander interagieren oder das gleiche zusammen erleben [1, 4]. Es geht also nicht mehr nur darum, was in einer Person passiert, sondern darum, was gleichzeitig in beiden Personen oder zwischen Ihnen vor sich geht.</p> <p>Forschende sprechen deshalb oft von einem Schritt „vom Einzelgehirn zum Zwischenraum“ [1]. Dies geht über ähnliche Aktivität durch das Wahrnehmen des gleichen Reizes hinaus und erlaubt die Untersuchung funktioneller Kopplung zwischen Hirnen und der Korrelation von Aktivierungsmustern. Zwei Menschen können denselben Film schauen und dadurch ähnliche Hirnaktivierungen zeigen. Doch erst, wenn sie miteinander interagieren, wird sichtbar, wie ihre Hirne dies ermöglichen [3, 4]. Das Ziel ist also nicht nur das gleichzeitige Messen, sondern auch die funktionelle Kopplung zwischen Personen zu untersuchen und somit, wie ihre neuronalen Prozesse während sozialer Interaktion aufeinander abgestimmt sind [1, 4].</p> <h2 id="h-ein-kurzer-blick-zuruck"><strong>Ein kurzer Blick zurück</strong></h2> <p>Die Idee entstand Anfang der 2000er-Jahre. 2002 gelang es einer Gruppe um den US-Neurowissenschaftler Read Montague, erstmals zwei Personen gleichzeitig im fMRT zu untersuchen, während sie ein einfaches Spiel spielten. Die Geräte waren dabei über das Internet miteinander verbunden. Dies war die Geburtsstunde des Hyperscannings [5]. Ein weiterer Meilenstein folgte 2010 mit der berühmten „Speaker–Listener“-Studie von Uri Hasson und Kolleginnen. Hier hörten Versuchspersonen einer Sprecherin zu, die eine Geschichte erzählte, während ihre Gehirnaktivität im Scanner aufgezeichnet wurde. Das Ergebnis: Je besser die Zuhörerinnen die Geschichte verstanden, desto stärker ähnelten sich ihre Gehirnaktivierungen denjenigen der Sprecherin – fast so, als würden ihre Gehirne sich synchronisieren und mitschwingen [8]. Diese und viele andere Studien zeigen: Verständnis ist keine Einbahnstraße, sondern ein Prozess des Abgleichs, der Synchronisation [8].<aside></aside></p> <h2 id="h-wie-messen-wir-so-etwas"><strong>Wie messen wir so etwas?</strong></h2> <p>Hyperscanning kann mit verschiedenen Methoden durchgeführt werden: Am häufigsten wird hierfür die Elektroenzephalographie genutzt, kurz EEG. Beim EEG (Elektroenzephalografie) wird direkt die elektrische Aktivität des Gehirns über Elektroden auf der Kopfhaut gemessen. Die Messung erfolgt auf die Millisekunde genau und ist daher besonders gut geeignet, um die feinen Rhythmen der Hirnwellen in sozialer Interaktion zu untersuchen [1, 4]. In Hyperscanning-Experimenten werden mehrere Versuchpersonen gleichzeitig mit einem EEG ausgestattet und müssen dann etwa zusammen eine Aufgabe lösen oder anderweitig miteinander interagieren [3]. </p> <p>Ich selbst habe erst kürzlich an einer Studie in Zusammenarbeit mit der Universität für Angewandte Kunst in Wien teilgenommen. Wir saßen zu dritt an Tischen und mussten – mit einer EEG-Kappe auf dem Kopf – ein Kartenspiel spielen. Die Forschenden sind unter anderem daran interessiert, wie Kooperation in solch einem Setting funktioniert. Je nach Runde spielten wir alleine oder im Team mit einer der anderen Personen. Ganz wichtig war allerdings, dass wir nicht zu viel Mimik zeigen durften, da die Signale der Muskelbewegungen jene Signale des Hirns schnell überlagern können, die eigentlich gemessen werden sollten.</p> <p>Beim fNIRS (funktionelle Nahinfrarotspektroskopie) hingegen nutzen Forschende Licht, um Veränderungen des Sauerstoffgehalts im Blut zu messen. Die Idee ähnelt der des MRT, das darauf basiert, dass aktivierte Hirnregionen stärker durchblutet und mit Sauerstoff versorgt werden. Dies ist also ein indirektes Maß für die neuronale Aktivität [4]. Das System ist allerdings im Gegensatz zum MRT tragbar und erlaubt natürliche Interaktionen – z. B. zwei Personen, die sich gegenübersitzen und sprechen. Das macht fNIRS besonders interessant für Studien in Kommunikation, Bildung oder Kunst, weil die Methode den Einsatz in realistischeren Situationen ermöglicht [4].</p> <p>Schließlich kann die Forschung auch mit dem fMRT (funktionelle Magnetresonanztomografie) arbeiten. Dieses liefert detailreichere Bilder des Hirns und zeigt, wo Aktivierungen stattfinden, funktioniert aber nur im Scanner – ist also weniger alltagsnah [1]. Beim fMRT kann nicht direkt eine synchrone Aktivität gemessen werden. Die Analyse erlaubt stattdessen die Untersuchung der Korrelation zeitgleicher Aktivierungsmuster, also zum Beispiel wie ähnlich sich diese sind [1, 4].</p> <p>Hier kannst du noch einmal genauer nachlesen, wie die gängigen neurowissenschaftlichen Untersuchungsmethoden funktionieren:</p> <figure></figure> <h3 id="h-in-der-analyse-zeigt-sich-ob-die-hirne-sich-synchronisiert-haben">In der Analyse zeigt sich, ob die Hirne sich “synchronisiert” haben</h3> <p>Die gewonnenen Daten werden anschließend miteinander verglichen. Bei EEG- und fNIRS-Daten analysieren Forschende, wie stark sich die zeitlichen Muster der Gehirnaktivität zweier Personen ähneln – ob ihre Signale im gleichen Takt schwingen. Wenn die elektrischen oder hämodynamischen Rhythmen zweier Gehirne gleichzeitig auf- und abfluten, spricht man von „neuronaler Synchronie“ oder „Phase-Locking“. Diese Messungen zeigen also, wie gut sich die Gehirne in einem bestimmten Moment aufeinander abstimmen [1, 4].</p> <p>Bei fMRT-Hyperscanning läuft die Analyse etwas anders. Hier werden keine schnellen Wellen gemessen, sondern Veränderungen im Sauerstoffgehalt des Blutes – der sogenannte BOLD-Signal (blood-oxygen-level dependent). Forschende vergleichen, ob die Aktivierungsmuster bestimmter Hirnregionen bei zwei Personen über die Zeit hinweg ähnlich verlaufen. So kann man erkennen, ob etwa bei beiden die gleichen sozialen oder sprachbezogenen Areale gleichzeitig aktiv werden [1, 4].</p> <p>In den ersten fMRT-Hyperscanning-Studien, wie etwa der vorhin bereits erwähnten, wurden dafür sogar zwei Scanner per Internet verbunden, um Interaktionen in Echtzeit zu messen – zum Beispiel Vertrauen oder Kooperation in Entscheidungsspielen [5]. fMRT eignet sich also weniger für die feinen zeitlichen Rhythmen des Zusammenspiels, liefert aber einen genauen Blick darauf, wo im Gehirn gemeinsame Aktivierungen stattfinden [1].</p> <h2 id="h-was-die-forschung-bisher-zeigt"><strong>Was die Forschung bisher zeigt</strong></h2> <p>Verschiedene Bereiche haben bereits spannende Erkenntnisse mithilfe des Hyperscannings gemacht. In Gesprächen ähneln sich die Aktivitätsmuster von Sprecherin und Zuhörerin, besonders auch dann, wenn sie sich gut verstehen. Die berühmte „Speaker–Listener“-Studie von Hasson und Kollegen zeigte: Je besser eine Geschichte verstanden wurde, desto stärker ähnelten sich die Aktivierungen im Sprachzentrum und in höheren Assoziationsarealen. Mit anderen Worten könnte man auch sagen, der Prozess des Verstehens hinterlässt ein neuronales Echo im Gehirn des Gegenübers [8].</p> <p>Studien mit Gitarrenduos zeigen, dass sich beim gemeinsamen Musizieren bestimmte Gehirnfrequenzen synchronisieren. Das Maß der Synchronisation hing direkt damit zusammen, wie gut die Musikerinnen und Musiker ihr Spiel aufeinander abgestimmt hatten [6, 7]. Auch hier zeigt sich: Koordination im Verhalten geht mit Kopplung im Gehirn einher.</p> <p>In realen Klassenzimmern haben Dikker und Kolleginnen EEG-Hyperscanning eingesetzt, um die Gehirnaktivitäten von Lehrerinnen und Schülerinnen gleichzeitig zu messen. Das Ergebnis: Wenn die Aufmerksamkeit und das Engagement hoch waren, synchronisierten sich die Gehirne der Lernenden stärker miteinander und mit der Lehrperson. Die Stärke dieser Kopplung konnte sogar vorhersagen, wie sehr sich Schülerinnen und Schüler im Unterricht eingebunden fühlten [2].</p> <h2 id="h-was-bedeutet-das"><strong>Was bedeutet das?</strong></h2> <p>Hyperscanning zeigt: Denken, Fühlen und Verstehen sind keine isolierten Vorgänge innerhalb der einzelnen Personen. Es lohnt der Blick darauf, was gleichzeitig in unterschiedlichen Köpfen vor sich geht [1, 4]. Wenn wir miteinander reden, mitfühlen oder Musik machen, entsteht so etwas wie ein gemeinsamer neuronaler Raum. Vielleicht ist das, was wir „Resonanz“ nennen, tatsächlich messbar – jene flüchtigen Momente, in denen zwei Menschen nicht nur dasselbe erleben, sondern es im gleichen Takt erleben [1, 4]. </p> <p>Doch die Forschung steht erst am Anfang: Noch ist nicht eindeutig geklärt, ob neuronale Synchronie sozialer Verbundenheit unterstützt oder eine Folge derselben ist. Forschende arbeiten daran, diese wechselseitigen Prozesse besser zu verstehen: mit neuen Ansätzen wie gleichzeitiger Stimulation beider Gehirne (etwa durch transkranielle Magnetstimulation) oder mit mobilen Messsystemen, die natürliche Begegnungen außerhalb des Labors erfassen [4]. Im zweiten Teil dieses Blogbeitrags, den Sie im nächsten Monat hier lesen können, wird es darum gehen, warum diese Synchronie so entscheidend ist und wie sie in Kunst, Bildung und klinischer Forschung neue Perspektiven eröffnet.</p> <h2 id="h-quellen">Quellen</h2> <p>[1] Babiloni, F. &amp; Astolfi, L. (2012). Social neuroscience and hyperscanning techniques: Past, present and future. <em>Neuroscience &amp; Biobehavioral Reviews</em>, <em>44</em>, 76–93. <a href="https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2012.07.006">https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2012.07.006</a></p> <p>[2] Dikker, S., Wan, L., Davidesco, I., Kaggen, L., Oostrik, M., McClintock, J., Rowland, J., Michalareas, G., Van Bavel, J. J., Ding, M., &amp; Poeppel, D. (2017). Brain-to-Brain Synchrony Tracks Real-World Dynamic Group Interactions in the Classroom. <em>Current biology : CB</em>, <em>27</em>(9), 1375–1380. https://doi.org/10.1016/j.cub.2017.04.002</p> <p>[3] Dumas, G., Nadel, J., Soussignan, R., Martinerie, J. &amp; Garnero, L. (2010). Inter-Brain Synchronization during Social Interaction. <em>PLoS ONE</em>, <em>5</em>(8), e12166. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0012166</p> <p>[4] Hakim, U., De Felice, S., Pinti, P., Zhang, X., Noah, J., Ono, Y., Burgess, P., Hamilton, A., Hirsch, J. &amp; Tachtsidis, I. (2023). Quantification of inter-brain coupling: A review of current methods used in haemodynamic and electrophysiological hyperscanning studies. <em>NeuroImage</em>, <em>280</em>, 120354. https://doi.org/10.1016/j.neuroimage.2023.120354</p> <p>[5] Montague, P. R., Berns, G. S., Cohen, J. D., McClure, S. M., Pagnoni, G., Dhamala, M., Wiest, M. C., Karpov, I., King, R. D., Apple, N., &amp; Fisher, R. E. (2002). Hyperscanning: simultaneous fMRI during linked social interactions. <em>NeuroImage</em>, <em>16</em>(4), 1159–1164. <a href="https://doi.org/10.1006/nimg.2002.1150">https://doi.org/10.1006/nimg.2002.1150</a></p> <p>[6] Müller, V., Sänger, J. &amp; Lindenberger, U. (2013). Intra- and Inter-Brain Synchronization during Musical Improvisation on the Guitar. <em>PLoS ONE</em>, <em>8</em>(9), e73852. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0073852</p> <p>[7] Sänger, J., Müller, V. &amp; Lindenberger, U. (2012). Intra- and interbrain synchronization and network properties when playing guitar in duets. <em>Frontiers in Human Neuroscience</em>, <em>6</em>. https://doi.org/10.3389/fnhum.2012.00312</p> <p>[8] Stephens, G. J., Silbert, L. J. &amp; Hasson, U. (2010). Speaker–listener neural coupling underlies successful communication. <em>Proceedings Of The National Academy Of Sciences</em>, <em>107</em>(32), 14425–14430. <a href="https://doi.org/10.1073/pnas.1008662107">https://doi.org/10.1073/pnas.1008662107</a></p> <p><a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/sammlung-junge-leute-die-hand-wellenartig-bewegen_6195115.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=25&amp;uuid=cd51e2de-1cd9-4431-a9c0-b1590f4299bf&amp;query=people+smiling">Quelle Beitragsbild</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/hyperscanning-gehirne-im-einklang/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>3</slash:comments> </item> <item> <title>Wer kontrolliert den Untergang von Nervenzellen? https://scilogs.spektrum.de/klartext/wer-kontrolliert-den-untergang-von-nervenzellen/ https://scilogs.spektrum.de/klartext/wer-kontrolliert-den-untergang-von-nervenzellen/#respond Mon, 20 Oct 2025 10:47:25 +0000 klartext https://scilogs.spektrum.de/klartext/?p=1168 https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613-768x584.png <link>https://scilogs.spektrum.de/klartext/wer-kontrolliert-den-untergang-von-nervenzellen/</link> </image> <description type="html"><h1>Wer kontrolliert den Untergang von Nervenzellen? » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den <a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</a> 2023 in der Kategorie molekulare Medizin veranschaulichte Maike Hartlehnert, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Unser Immunsystem verteidigt uns gegen Bakterien und Viren. Kämpfen unsere Immunzellen jedoch am falschen Ort, können sie gesunde Zellen zerstören – zum Beispiel Nervenzellen in unserem Gehirn. Wer begrenzt den Schadensumfang?</em></p> <p>Spätestens der letzte Herbst hat uns daran erinnert, wie wichtig eine gute Immunabwehr ist. Reagiert unser Immunsystem zu schwach oder zu spät auf Krankheitserreger, die uns bei dem nasskalten Wetter vermehrt begegnen, machen Erkältungen und grippale Infekte unseren Alltag ungemütlich. Um das möglichst zu vermeiden, arbeitet eine Vielfalt an Immunzellen mit verschiedenen Aufgaben Hand in Hand.</p> <p>Wichtig sind regulierende Faktoren, die wie ein Regler am Gasherd die Immunreaktion nach Bedarf anpassen können. Während sich eine zu schwache Immunantwort häufig in ständigen Infekten zeigt, kann eine zu starke und zugleich fehl gerichtete Immunreaktion körpereigene Zellen angreifen. Das passiert zum Beispiel bei Multipler Sklerose (MS): Bei dieser Krankheit bilden Immunzellen oft Entzündungsherde im Gehirn und Rückenmark, also im zentralen Nervensystem (ZNS), und können den Untergang von Nervenzellen fördern. Unsere Nervenzellen empfangen, verarbeiten und versenden Signale und ermöglichen eine Reihe von Muskelbewegungen wie beim Laufen, Stehen, Greifen, Sehen. Je nachdem, welche Nervenzellen angegriffen werden, können Symptome bei MS stark variieren. Sichtbare Symptome sind zum Beispiel Muskelschwäche und Koordinationsprobleme.</p> <p>Unser Forschungsteam von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster wollte wissen, wie sich eine Fehlregulation des Immunsystems auf die Funktionalität von Halte- und Gangmuskulatur samt Koordination bei MS Patient:innen auswirkt. Wir haben untersucht, ob ein bestimmter Immunsystem-Regulator das Gangbild verändert.<aside></aside></p> <p>Wir haben den Regulator „Bcl6“ ausgewählt: Das ist ein Protein, das den Charakter von bestimmten Immunzellen –dem Typ T– gezielt beeinflussen kann. Unseren Regulator Bcl6 nennen wir hier „X“ und die von ihm beeinflussten Zellen bekommen den Zusatz „X-Charakter“. X wird von der T Immunzelle selbst hergestellt. Wofür brauchen wir T Immunzellen mit X-Charakter? Sie sind wichtig, damit sich andere Immunzellen entwickeln können: die B Immunzellen. Unsere beiden Immunzelltypen T und B arbeiten eng zusammen: In unseren Lymphknoten bilden die Abwehrzellen Gruppen. Sie unterstützen sich auf engem Raum – eine wichtige Voraussetzung für eine gesunde Abwehr.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 815px) 100vw, 815px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage-815x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage-815x1024.jpg 815w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage-239x300.jpg 239w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage-768x964.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage-1223x1536.jpg 1223w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage.jpg 1333w" width="815"></img></a><figcaption><em>Forschungsfrage: Befeuert der Regulator Bcl6 (im Text „X“ genannt) das Zusammenspiel zwischen Immunzellen vom Typ T und B – wirkt Bcl6 also wie ein Regler am Gasherd und verstärkt das Entzündungs-„Feuer“ im ZNS im Tierversuch?</em></figcaption></figure> <p>Was passiert, wenn Immunzellen am „falschen“ Ort kämpfen? Bei MS Patient:innen findet man oft Entzündungsherde mit vielen Immunzellen im ZNS und in den Hirnhäuten. Hirnhäute umhüllen das Nervengewebe in Gehirn und Rückenmark. Studien haben gezeigt: je größer und häufiger die Entzündungsherde, desto ausgeprägter sind Muskelschwäche und -lähmungen bei MS Patient:innen. Die Zusammensetzung dieser Immunzell-Gruppen erinnert an jene in den Lymphknoten: Neben Immunzellen vom Typ T finden wir auch hier zahlreiche Immunzellen vom Typ B. Spannend ist: Therapien, die Immunzellen vom Typ T oder B eindämmen, können das Fortschreiten von MS deutlich verlangsamen. Ein Indiz, dass B und T Immunzellen eine große Rolle bei MS spielen. Wie und wo genau die B und T Immunzellen bei MS interagieren, ist nicht vollständig geklärt. Weil unser Regulator X das Zusammenspiel von B und T Immunzellen in der gesunden Abwehr fördert, war er der perfekte Kandidat für unsere Studie.</p> <p>Mit Tierversuchen in Mäusen wollten wir Interaktionen von T und B Immunzellen im ZNS und in den Hirnhäuten nachstellen: Wir haben gesunden Mäusen Immunzellen vom Typ T gespritzt. Das besondere an diesen T Immunzellen: Sie sind hoch reaktiv und können gezielt Nervenzellen angreifen. Diese „angriffslustigen“ T Immunzellen wandern ins ZNS und bilden gemeinsam mit anderen Immunzellen, unter anderem vom Typ B, Entzündungsherde im ZNS und in den Hirnhäuten. Die Mäuse entwickeln Muskelschwäche und Koordinationsprobleme. Diese Symptome nehmen zu – mit der Anzahl und Größe der Immunzell-Gruppen im ZNS und den Hirnhäuten.</p> <p>Wir wollten wissen: Welche Rolle spielt unser Regulator X in diesen Tierversuchen? Unsere Idee: T Immunzellen mit X-Charakter wandern ins ZNS und arbeiten mit B Immunzellen zusammen. Entzündungsherde bilden sich im ZNS und in den Hirnhäuten. Nervenzellen werden zerstört und Muskelbewegungen gestört. Wir haben uns gefragt: Befeuert X das Zusammenspiel zwischen T und B Immunzellen in unseren Tierversuchen – wirkt X also wie ein Regler am Gasherd und verstärkt das Entzündungs-„Feuer“ im ZNS und in den Hirnhäuten? Und können wir die Folgen im Gangbild der Mäuse beobachten?</p> <p>Unsere Fragen bauen aufeinander auf – ein Schritt für Schritt Plan musste her. Bevor wir in die Tiefen der Immunzell-Interaktionen abtauchten, waren wir neugierig, ob unser Regulator X überhaupt das Gangbild der Mäuse beeinflussen kann. Dafür haben wir mit zwei Maustypen gearbeitet: Während bei der Mausgruppe „AN“ der Regulator X vorhanden war, wurde dieser spezifisch aus dem Erbgut der angriffslustigen T Immunzellen in der Mausgruppe „AUS“ gelöscht. Das kann man sich so vorstellen, dass die Erbinformation für die Herstellung des Regulators mit einer Schere ausgeschnitten wird. Die angriffslustigen T Immunzellen der Mausgruppe „AUS“ bilden dann kein X.</p> <p>Unsere Versuchsmäuse durften über einen Laufsteg krabbeln – in unserem Fall ein Tisch im Tierstall. Wir haben sie dabei beobachtet. Lähmungen zeigten sich zuerst in den Hinterläufen: statt ihre Tatzen sauber aufzusetzen, schleiften die Mäuse ihre Hinterläufe über den Boden. Tatsächlich beeinflusste X das Gangbild: Bei den kranken Mäusen der Gruppe „AN“ beobachteten wir stärkere Muskellähmungen als bei der Gruppe „AUS“.</p> <p>Aus ähnlichen Tierversuchen wussten wir: Starke Lähmungen gehen meist einher mit vielen Entzündungen im ZNS. War das bei unseren Mäusen auch so? Sehr dünne „Scheiben“ von Gehirn und Rückenmark der kranken Mäuse waren unser abgestecktes Terrain: hier gingen wir auf Immunzell-Suche. Um Zellen unter dem Mikroskop sichtbar zu machen, kann man sie anfärben. Die Farbstoffe passen jeweils nur zu einem Zelltyp – so wie ein Schlüssel nur zu einem Schloss passt. Somit erscheinen zum Beispiel T Immunzellen unter dem Mikroskop weiß und B Immunzellen grün.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613.png"><img alt="" decoding="async" height="659" sizes="(max-width: 867px) 100vw, 867px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613.png 867w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613-300x228.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613-768x584.png 768w" width="867"></img></a><figcaption><em>Immunzellen leuchten unter dem Mikroskop – Immunzellen vom Typ T in weiß, Immunzellen vom Typ B in grün. Der Ausschnitt zeigt Immunzellen in den Hirnhäuten von kranken Mäusen mit Muskellähmungen.</em></figcaption></figure> <p>Wir fanden häufiger große Immunzell-Gruppen im ZNS der Mäuse der Gruppe „AN“ (mit den stärkeren Lähmungen). Auffällig waren große Immunzell-Gruppen in den Hirnhäuten mit vielen Immunzellen vom Typ B.</p> <p>Nur ein kleiner Teil von allen T Immunzellen in den kranken Mäusen waren unsere angriffslustigen T Immunzellen mit X-Charakter. Befanden sie sich in der Nähe von B Immunzellen? Unter dem Mikroskop haben wir gesehen: Unsere T Immunzellen mit X-Charakter waren umringt von B Immunzellen – und zwar in den Hirnhäuten.</p> <p>„Sprachen“ die T und B Immunzellen in den Hirnhäuten miteinander und welche Rolle spielte der Regulator X dabei? Immunzellen senden Proteine aus, die an Rezeptoren anderer Zellen binden und so Signale übertragen können. Bestimmte Protein-Rezeptor-Paare deuten auf Interaktionen zwischen T und B Immunzellen hin. Konnten wir einige davon in den Hirnhäuten finden? Ja, und es gab mehr „Gespräche“ zwischen B und T Immunzellen, wenn unser Regulator X vorhanden war.</p> <p>Am Ende waren wir neugierig, warum der rege Austausch zwischen T und B Immunzellen gerade in den Hirnhäuten der kranken Mäuse stattfand. Mikroskop-Bilder der Hirnhäute zeigten Faserstrukturen, die umso dichter werden, je mehr Immunzellen sich dort ansiedelten. Als wir zusätzlich T und B Immunzellen anfärbten, entdeckten wir große Immunzellgruppen vom Typ B zwischen den Fasern, gemeinsam mit angriffslustigen T Immunzellen.</p> <p>Immunzellen vom Typ T und B inmitten verwobener Faserstrukturen fanden wir in vielen kranken Mäusen der Gruppe „AN“. Die Kombination erinnert an Immunzell-Gruppen in den Lymphknoten: hier geben enge Faserstrukturen den Immunzellen Halt – als Teil einer gesunden Immunabwehr.</p> <p>Diese Parallelen zu den Lymphknoten lassen uns vermuten, dass sich Immunzell-Gruppen gerne innerhalb der faserreichen Hirnhäute bilden. Hier kann unser Regulator X Gespräche zwischen angriffslustigen T Immunzellen und B Immunzellen vermutlich besonders gut unterstützen – und so den Untergang von Nervenzellen beeinflussen.</p> <hr></hr> <p>Maike Hartlehnert studierte Molekulare Medizin an der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg. Neugierig auf die großen Zusammenhänge im menschlichen Körper und die Wirkweise des Immunsystems führte ihr Weg sie zu ihrer Promotion an die Westfälische Wilhelms-Universität Münster. Parallel absolvierte sie eine Ausbildung in Akupunktur und Chinesischer Medizin. Seit März 2023 unterstützt sie als Heilpraktikerin in Erlangen Menschen auf ihrem Weg zu einem gesünderen Leben.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Wer kontrolliert den Untergang von Nervenzellen? » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den <a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</a> 2023 in der Kategorie molekulare Medizin veranschaulichte Maike Hartlehnert, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Unser Immunsystem verteidigt uns gegen Bakterien und Viren. Kämpfen unsere Immunzellen jedoch am falschen Ort, können sie gesunde Zellen zerstören – zum Beispiel Nervenzellen in unserem Gehirn. Wer begrenzt den Schadensumfang?</em></p> <p>Spätestens der letzte Herbst hat uns daran erinnert, wie wichtig eine gute Immunabwehr ist. Reagiert unser Immunsystem zu schwach oder zu spät auf Krankheitserreger, die uns bei dem nasskalten Wetter vermehrt begegnen, machen Erkältungen und grippale Infekte unseren Alltag ungemütlich. Um das möglichst zu vermeiden, arbeitet eine Vielfalt an Immunzellen mit verschiedenen Aufgaben Hand in Hand.</p> <p>Wichtig sind regulierende Faktoren, die wie ein Regler am Gasherd die Immunreaktion nach Bedarf anpassen können. Während sich eine zu schwache Immunantwort häufig in ständigen Infekten zeigt, kann eine zu starke und zugleich fehl gerichtete Immunreaktion körpereigene Zellen angreifen. Das passiert zum Beispiel bei Multipler Sklerose (MS): Bei dieser Krankheit bilden Immunzellen oft Entzündungsherde im Gehirn und Rückenmark, also im zentralen Nervensystem (ZNS), und können den Untergang von Nervenzellen fördern. Unsere Nervenzellen empfangen, verarbeiten und versenden Signale und ermöglichen eine Reihe von Muskelbewegungen wie beim Laufen, Stehen, Greifen, Sehen. Je nachdem, welche Nervenzellen angegriffen werden, können Symptome bei MS stark variieren. Sichtbare Symptome sind zum Beispiel Muskelschwäche und Koordinationsprobleme.</p> <p>Unser Forschungsteam von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster wollte wissen, wie sich eine Fehlregulation des Immunsystems auf die Funktionalität von Halte- und Gangmuskulatur samt Koordination bei MS Patient:innen auswirkt. Wir haben untersucht, ob ein bestimmter Immunsystem-Regulator das Gangbild verändert.<aside></aside></p> <p>Wir haben den Regulator „Bcl6“ ausgewählt: Das ist ein Protein, das den Charakter von bestimmten Immunzellen –dem Typ T– gezielt beeinflussen kann. Unseren Regulator Bcl6 nennen wir hier „X“ und die von ihm beeinflussten Zellen bekommen den Zusatz „X-Charakter“. X wird von der T Immunzelle selbst hergestellt. Wofür brauchen wir T Immunzellen mit X-Charakter? Sie sind wichtig, damit sich andere Immunzellen entwickeln können: die B Immunzellen. Unsere beiden Immunzelltypen T und B arbeiten eng zusammen: In unseren Lymphknoten bilden die Abwehrzellen Gruppen. Sie unterstützen sich auf engem Raum – eine wichtige Voraussetzung für eine gesunde Abwehr.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 815px) 100vw, 815px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage-815x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage-815x1024.jpg 815w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage-239x300.jpg 239w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage-768x964.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage-1223x1536.jpg 1223w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage.jpg 1333w" width="815"></img></a><figcaption><em>Forschungsfrage: Befeuert der Regulator Bcl6 (im Text „X“ genannt) das Zusammenspiel zwischen Immunzellen vom Typ T und B – wirkt Bcl6 also wie ein Regler am Gasherd und verstärkt das Entzündungs-„Feuer“ im ZNS im Tierversuch?</em></figcaption></figure> <p>Was passiert, wenn Immunzellen am „falschen“ Ort kämpfen? Bei MS Patient:innen findet man oft Entzündungsherde mit vielen Immunzellen im ZNS und in den Hirnhäuten. Hirnhäute umhüllen das Nervengewebe in Gehirn und Rückenmark. Studien haben gezeigt: je größer und häufiger die Entzündungsherde, desto ausgeprägter sind Muskelschwäche und -lähmungen bei MS Patient:innen. Die Zusammensetzung dieser Immunzell-Gruppen erinnert an jene in den Lymphknoten: Neben Immunzellen vom Typ T finden wir auch hier zahlreiche Immunzellen vom Typ B. Spannend ist: Therapien, die Immunzellen vom Typ T oder B eindämmen, können das Fortschreiten von MS deutlich verlangsamen. Ein Indiz, dass B und T Immunzellen eine große Rolle bei MS spielen. Wie und wo genau die B und T Immunzellen bei MS interagieren, ist nicht vollständig geklärt. Weil unser Regulator X das Zusammenspiel von B und T Immunzellen in der gesunden Abwehr fördert, war er der perfekte Kandidat für unsere Studie.</p> <p>Mit Tierversuchen in Mäusen wollten wir Interaktionen von T und B Immunzellen im ZNS und in den Hirnhäuten nachstellen: Wir haben gesunden Mäusen Immunzellen vom Typ T gespritzt. Das besondere an diesen T Immunzellen: Sie sind hoch reaktiv und können gezielt Nervenzellen angreifen. Diese „angriffslustigen“ T Immunzellen wandern ins ZNS und bilden gemeinsam mit anderen Immunzellen, unter anderem vom Typ B, Entzündungsherde im ZNS und in den Hirnhäuten. Die Mäuse entwickeln Muskelschwäche und Koordinationsprobleme. Diese Symptome nehmen zu – mit der Anzahl und Größe der Immunzell-Gruppen im ZNS und den Hirnhäuten.</p> <p>Wir wollten wissen: Welche Rolle spielt unser Regulator X in diesen Tierversuchen? Unsere Idee: T Immunzellen mit X-Charakter wandern ins ZNS und arbeiten mit B Immunzellen zusammen. Entzündungsherde bilden sich im ZNS und in den Hirnhäuten. Nervenzellen werden zerstört und Muskelbewegungen gestört. Wir haben uns gefragt: Befeuert X das Zusammenspiel zwischen T und B Immunzellen in unseren Tierversuchen – wirkt X also wie ein Regler am Gasherd und verstärkt das Entzündungs-„Feuer“ im ZNS und in den Hirnhäuten? Und können wir die Folgen im Gangbild der Mäuse beobachten?</p> <p>Unsere Fragen bauen aufeinander auf – ein Schritt für Schritt Plan musste her. Bevor wir in die Tiefen der Immunzell-Interaktionen abtauchten, waren wir neugierig, ob unser Regulator X überhaupt das Gangbild der Mäuse beeinflussen kann. Dafür haben wir mit zwei Maustypen gearbeitet: Während bei der Mausgruppe „AN“ der Regulator X vorhanden war, wurde dieser spezifisch aus dem Erbgut der angriffslustigen T Immunzellen in der Mausgruppe „AUS“ gelöscht. Das kann man sich so vorstellen, dass die Erbinformation für die Herstellung des Regulators mit einer Schere ausgeschnitten wird. Die angriffslustigen T Immunzellen der Mausgruppe „AUS“ bilden dann kein X.</p> <p>Unsere Versuchsmäuse durften über einen Laufsteg krabbeln – in unserem Fall ein Tisch im Tierstall. Wir haben sie dabei beobachtet. Lähmungen zeigten sich zuerst in den Hinterläufen: statt ihre Tatzen sauber aufzusetzen, schleiften die Mäuse ihre Hinterläufe über den Boden. Tatsächlich beeinflusste X das Gangbild: Bei den kranken Mäusen der Gruppe „AN“ beobachteten wir stärkere Muskellähmungen als bei der Gruppe „AUS“.</p> <p>Aus ähnlichen Tierversuchen wussten wir: Starke Lähmungen gehen meist einher mit vielen Entzündungen im ZNS. War das bei unseren Mäusen auch so? Sehr dünne „Scheiben“ von Gehirn und Rückenmark der kranken Mäuse waren unser abgestecktes Terrain: hier gingen wir auf Immunzell-Suche. Um Zellen unter dem Mikroskop sichtbar zu machen, kann man sie anfärben. Die Farbstoffe passen jeweils nur zu einem Zelltyp – so wie ein Schlüssel nur zu einem Schloss passt. Somit erscheinen zum Beispiel T Immunzellen unter dem Mikroskop weiß und B Immunzellen grün.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613.png"><img alt="" decoding="async" height="659" sizes="(max-width: 867px) 100vw, 867px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613.png 867w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613-300x228.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613-768x584.png 768w" width="867"></img></a><figcaption><em>Immunzellen leuchten unter dem Mikroskop – Immunzellen vom Typ T in weiß, Immunzellen vom Typ B in grün. Der Ausschnitt zeigt Immunzellen in den Hirnhäuten von kranken Mäusen mit Muskellähmungen.</em></figcaption></figure> <p>Wir fanden häufiger große Immunzell-Gruppen im ZNS der Mäuse der Gruppe „AN“ (mit den stärkeren Lähmungen). Auffällig waren große Immunzell-Gruppen in den Hirnhäuten mit vielen Immunzellen vom Typ B.</p> <p>Nur ein kleiner Teil von allen T Immunzellen in den kranken Mäusen waren unsere angriffslustigen T Immunzellen mit X-Charakter. Befanden sie sich in der Nähe von B Immunzellen? Unter dem Mikroskop haben wir gesehen: Unsere T Immunzellen mit X-Charakter waren umringt von B Immunzellen – und zwar in den Hirnhäuten.</p> <p>„Sprachen“ die T und B Immunzellen in den Hirnhäuten miteinander und welche Rolle spielte der Regulator X dabei? Immunzellen senden Proteine aus, die an Rezeptoren anderer Zellen binden und so Signale übertragen können. Bestimmte Protein-Rezeptor-Paare deuten auf Interaktionen zwischen T und B Immunzellen hin. Konnten wir einige davon in den Hirnhäuten finden? Ja, und es gab mehr „Gespräche“ zwischen B und T Immunzellen, wenn unser Regulator X vorhanden war.</p> <p>Am Ende waren wir neugierig, warum der rege Austausch zwischen T und B Immunzellen gerade in den Hirnhäuten der kranken Mäuse stattfand. Mikroskop-Bilder der Hirnhäute zeigten Faserstrukturen, die umso dichter werden, je mehr Immunzellen sich dort ansiedelten. Als wir zusätzlich T und B Immunzellen anfärbten, entdeckten wir große Immunzellgruppen vom Typ B zwischen den Fasern, gemeinsam mit angriffslustigen T Immunzellen.</p> <p>Immunzellen vom Typ T und B inmitten verwobener Faserstrukturen fanden wir in vielen kranken Mäusen der Gruppe „AN“. Die Kombination erinnert an Immunzell-Gruppen in den Lymphknoten: hier geben enge Faserstrukturen den Immunzellen Halt – als Teil einer gesunden Immunabwehr.</p> <p>Diese Parallelen zu den Lymphknoten lassen uns vermuten, dass sich Immunzell-Gruppen gerne innerhalb der faserreichen Hirnhäute bilden. Hier kann unser Regulator X Gespräche zwischen angriffslustigen T Immunzellen und B Immunzellen vermutlich besonders gut unterstützen – und so den Untergang von Nervenzellen beeinflussen.</p> <hr></hr> <p>Maike Hartlehnert studierte Molekulare Medizin an der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg. Neugierig auf die großen Zusammenhänge im menschlichen Körper und die Wirkweise des Immunsystems führte ihr Weg sie zu ihrer Promotion an die Westfälische Wilhelms-Universität Münster. Parallel absolvierte sie eine Ausbildung in Akupunktur und Chinesischer Medizin. Seit März 2023 unterstützt sie als Heilpraktikerin in Erlangen Menschen auf ihrem Weg zu einem gesünderen Leben.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/klartext/wer-kontrolliert-den-untergang-von-nervenzellen/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Rettet das Oberharzer Bergwerksmuseum! https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/rettet-das-oberharzer-bergwerksmuseum/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/rettet-das-oberharzer-bergwerksmuseum/#comments Thu, 16 Oct 2025 21:39:58 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3711 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/563429194_1122598546661903_2570412127739280128_n.jpg Rettet das Oberharzer Bergwersmuseum https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/rettet-das-oberharzer-bergwerksmuseum/ <h1>Rettet das Oberharzer Bergwerksmuseum! » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/563429194_1122598546661903_2570412127739280128_n.jpg"><img alt="" decoding="async" height="440" sizes="(max-width: 660px) 100vw, 660px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/563429194_1122598546661903_2570412127739280128_n.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/563429194_1122598546661903_2570412127739280128_n.jpg 660w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/563429194_1122598546661903_2570412127739280128_n-300x200.jpg 300w" width="660"></img></a></figure> <p>Wenn kein Wunder geschieht, muss das Oberharzer Bergwerksmuseum in Clausthal-Zellerfeld zum 1. Januar 2026 schließen. So wurde es vom zuständigen Stadtrat beschlossen, da sich bislang kein neuer Betreiber für das Museum gefunden hat. Zusätzlich wären hohe Kosten für eine notwendige Sanierung des Gebäudes zu stemmen. Das Gebäude gehört der Stadt, die das dafür benötigte Geld nicht zur Verfügung hat. <br></br>Mit seinem Gründungsjahr 1892  zählt das Museum zu den ältesten Technikmuseen Deutschlands. Das überaus sehenswerte Museum mit seinem Schaubergwerk ist in meinen Augen ein Kleinod, das gerade für den Harz und seine Geschichte von großem Wert ist. Es erforscht und präsentiert die Geschichte des Harzer Bergbaus, die bis ins Mittelalter zurückreicht. Für mich ist der Harz ohne einen zentralen Ort, der die reiche Bergbau- und Technikgeschichte sowie das UNESCO-Welterbe der Oberharzer Wasserwirtschaft präsentiert, schlicht unvorstellbar. <br></br>Die rund 15.000 Besucher, die hier jedes Jahr gezählt werden, zeigen, wie wichtig das Museum auch für den Tourismus der Region ist. Eine Schließung wäre ein unwiederbringlicher Verlust für den Tourismus sowie für Bildung und Kultur im Harz. <br></br>Ich kann verstehen, dass sich die Stadt, vertreten durch ihre Bürgermeisterin Frau Emmerich-Kopatsch, in einer finanziell herausfordernden Lage befindet. Mit meiner Stimme in der <a href="https://www.openpetition.de/zpjvn">Petition</a> zum Erhalt des Museums möchte ich den Befürwortern des Erhalts ein wenig den Rücken stärken.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Rettet das Oberharzer Bergwerksmuseum! » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/563429194_1122598546661903_2570412127739280128_n.jpg"><img alt="" decoding="async" height="440" sizes="(max-width: 660px) 100vw, 660px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/563429194_1122598546661903_2570412127739280128_n.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/563429194_1122598546661903_2570412127739280128_n.jpg 660w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/563429194_1122598546661903_2570412127739280128_n-300x200.jpg 300w" width="660"></img></a></figure> <p>Wenn kein Wunder geschieht, muss das Oberharzer Bergwerksmuseum in Clausthal-Zellerfeld zum 1. Januar 2026 schließen. So wurde es vom zuständigen Stadtrat beschlossen, da sich bislang kein neuer Betreiber für das Museum gefunden hat. Zusätzlich wären hohe Kosten für eine notwendige Sanierung des Gebäudes zu stemmen. Das Gebäude gehört der Stadt, die das dafür benötigte Geld nicht zur Verfügung hat. <br></br>Mit seinem Gründungsjahr 1892  zählt das Museum zu den ältesten Technikmuseen Deutschlands. Das überaus sehenswerte Museum mit seinem Schaubergwerk ist in meinen Augen ein Kleinod, das gerade für den Harz und seine Geschichte von großem Wert ist. Es erforscht und präsentiert die Geschichte des Harzer Bergbaus, die bis ins Mittelalter zurückreicht. Für mich ist der Harz ohne einen zentralen Ort, der die reiche Bergbau- und Technikgeschichte sowie das UNESCO-Welterbe der Oberharzer Wasserwirtschaft präsentiert, schlicht unvorstellbar. <br></br>Die rund 15.000 Besucher, die hier jedes Jahr gezählt werden, zeigen, wie wichtig das Museum auch für den Tourismus der Region ist. Eine Schließung wäre ein unwiederbringlicher Verlust für den Tourismus sowie für Bildung und Kultur im Harz. <br></br>Ich kann verstehen, dass sich die Stadt, vertreten durch ihre Bürgermeisterin Frau Emmerich-Kopatsch, in einer finanziell herausfordernden Lage befindet. Mit meiner Stimme in der <a href="https://www.openpetition.de/zpjvn">Petition</a> zum Erhalt des Museums möchte ich den Befürwortern des Erhalts ein wenig den Rücken stärken.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/rettet-das-oberharzer-bergwerksmuseum/#comments 2 Sonst noch was? – Die Abstellkammer der polizeilichen Erfassung politisch motivierter Kriminalität https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/sonst-noch-was-die-abstellkammer-der-polizeilichen-erfassung-politisch-motivierter-kriminalitaet/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/sonst-noch-was-die-abstellkammer-der-polizeilichen-erfassung-politisch-motivierter-kriminalitaet/#respond Thu, 16 Oct 2025 12:59:48 +0000 Hannah Weinert https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=298 <h1>Sonst noch was? – Die Abstellkammer der polizeilichen Erfassung politisch motivierter Kriminalität » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Hannah Weinert</h2><div itemprop="text"> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel.png 1920w" width="1024"></img></a></figure> <p>Jedes Jahr im Mai stellt das Bundesinneministerium die neuen Zahlen zur politisch motivierten Kriminalität (PMK) vor. Grundlage dafür sind die Daten, die dem Bundeskriminalamt (BKA) durch die Landeskriminalämter übermittelt wurden. Strukturiert werden die Meldungen durch die Vorgaben des Kriminalpolizeilichen Meldedienst in Fällen politisch motivierter Kriminalität (KPMD-PMK), der festlegt, wie politisch motivierte Taten erfasst werden sollen.</p> <p>Erkennen Polizeibeamt*innen in einer Tat ein politisches Motiv, muss die Tat laut der Richtlinien unter anderem einem Phänomenbereich zugeordnet werden: PMK-rechts, PMK-links, PMK-ausländische Ideologie oder PMK-religiöse Ideologie. Lässt sich eine Tat nicht eindeutig in eine der vorgesehen Phänomenbereiche einordnen, wir diese unter <strong>PMK-sonstige Zuordnungen</strong> erfasst<sup data-fn="89c0db58-1ad6-49ad-904d-64ee9a9eaaea"><a href="#89c0db58-1ad6-49ad-904d-64ee9a9eaaea" id="89c0db58-1ad6-49ad-904d-64ee9a9eaaea-link">1</a></sup>.</p> <h2 id="h-das-problem-mit-den-sonstigen-zuordnungen">Das Problem mit den “sonstigen Zuordnungen”</h2> <p>Der Kategorie der „sonstigen Zuordnungen“ wird, im Gegensatz zu den Phänomenbereichen, häufig nur <strong>wenig Aufmerksamkeit</strong> geschenkt. Dabei lassen sich an anhand dieser einige zentrale Probleme der Erfassung politisch motivierter Kriminalität aufzeigen. Dass der <strong>Auffangkategorie</strong> mehr Beachtung geschenkt werden sollte, veranschaulicht die Entwicklung der Fallzahlen. Bis auf eine leichte Schwankung im Jahr 2017 zeigt sich für die vergangenen 10 Jahre ein kontinuierlicher Anstieg der „sonstigen Zuordnungen“, der 2022 seinen Höhepunkt erreichte, als etwa 40 % der erfassten Fälle politisch motivierter Kriminalität keinem der vier anderen Phänomenbereiche zugeordnet wurden<sup data-fn="5ef48a1e-4ba5-49b3-b613-2807627c1cf6"><a href="#5ef48a1e-4ba5-49b3-b613-2807627c1cf6" id="5ef48a1e-4ba5-49b3-b613-2807627c1cf6-link">2</a></sup>. Zurückgeführt wurde dieser Anstieg primär auf das Protestgeschehen während der Corona-Pandemie. Doch auch nach einem Rückgang 2023 und 2024 pendelte sich der Anteil der „sonstigen Zuordnungen“ am Gesamtstraftatenaufkommen politisch motivierter Kriminalität auf einem hohen Niveau ein. Zuletzt wurden 2024 rund ein Viertel (26 %) der registrierten Fälle politisch motivierter Kriminalität in den Bereich der „sonstigen Zuordnungen“ kategorisiert, womit dieser nach dem Phänomenbereich PMK-rechts der <strong>zweitgrößte</strong> war<sup data-fn="c4667501-b37c-4251-9d65-fe5ef8f907c9"><a href="#c4667501-b37c-4251-9d65-fe5ef8f907c9" id="c4667501-b37c-4251-9d65-fe5ef8f907c9-link">3</a></sup>.</p> <p>Um sich vom Extremismus-Konzept zu lösen und eine bundesweit einheitliche Erfassung zu etablieren, wurde das PMK-Definitionssystem 2001 umfassend überarbeitet. Dies sollte insbesondere durch einen neu eingeführten <strong>Themenfeldkatalog</strong> erreicht werden, in dessen Rahmen durch Oberfeldthemen und Unterfeldthemen die tatauslösende Motivation der Täter*innen genauer erfasst werden kann. Gesellschaftlicher Entwicklungen entsprechend werden die Themenfelder und ihnen zugeordnete Unterthemenfelder fortwährend angepasst und erweitert. Aktuell umfasst der Themenfeldkatalog 25 Oberfeldthemen und 114 Unterfeldthemen sowie einen politischen Kalender. Speziell die Betrachtung des Oberfeldthemas <strong>„Hasskriminalität“</strong> und den zur Kategorisierung vorgesehenen Unterfeldthemen offenbart, dass die Abgrenzungen, speziell der Unterfeldthemen, stellenweise unpräzise sind. Beispielhaft dafür kann das Nebeneinanderstehen der Unterfeldthemen „Ausländerfeindlich“, „Fremdenfeindlich“ und „Rassismus“ angeführt werden. Neben der kritisch zu bewertenden Verwendungung der Begriffe „fremdenfeindlich“ und „ausländerfeindlich“, kann die Abgrenzungsproblematik zu unterschiedlichen Erfassungspraxen führen und so die statistische Aussagekraft schwächen. Da die Kategorisierung einer politisch motivierten Tat maßgeblich von der (subjektiven) Bewertung in der polizeilichen Praxis abhängt, sollte die einheitliche Erfassung durch aussagekräftige und abgrenzbare Kategorien erleichtert und nicht erschwert werden.</p> <p>Zusätzlich zu den Unstimmigkeiten der oben genannten Unterfeldthemen lässt sich am 2022 eingeführten Unterfeldthema „Geschlechterbezogene Diversität“ die <strong>Entkopplung</strong> des Themenfeldes „Hasskriminalität“ von den Phänomenbereichen illustrieren. Im Unterfeldthema „Geschlechterbezogene Diversität“, werden Taten „[…] gegen Menschen, deren geschlechtliche Identität vom biologischen Geschlecht abweicht sowie intersexuelle Menschen bzw. das Geschlecht gerichtet, welches nicht eindeutig als männlich oder weiblich zu bestimmen ist“<sup data-fn="29675963-8f3c-45fc-8184-08b06b7fd669"><a href="#29675963-8f3c-45fc-8184-08b06b7fd669" id="29675963-8f3c-45fc-8184-08b06b7fd669-link">4</a></sup> erfasst. Mehr als die Hälfte (55 %) der registrierten Fälle in diesem Unterthemenfeld wurden 2024 im Phänomenbereich der „Sonstigen“ zugeordnet, während insgesamt 41 % der Fälle dem Phänomenbereich PMK-rechts zugeordnet werden konnten<sup data-fn="367afefb-23c4-4d7a-95ae-37eca13df36f"><a href="#367afefb-23c4-4d7a-95ae-37eca13df36f" id="367afefb-23c4-4d7a-95ae-37eca13df36f-link">5</a></sup>.<aside></aside></p> <p>Allerdings ist, wie sich auch immer wieder in Einstellungsumfragen zeigt, Transfeindlichkeit vor allem, aber nicht nur im politisch rechten Spektrum zu verorten. Zuletzt offenbarte die Leipziger Autoritarismus-Studie, dass 35 % der Personen, die sich selbst in der politischen Mitte verorten, ein geschlossen transfeindliches Weltbild haben<sup data-fn="98ebd543-d819-441d-831d-9c1fd956c369"><a href="#98ebd543-d819-441d-831d-9c1fd956c369" id="98ebd543-d819-441d-831d-9c1fd956c369-link">6</a></sup>. Transfeindlichkeit lässt sich damit nicht nur an den politischen Rändern (mit denen das PMK-Definitionssystem zugrundeliegende Extremismus-Konzept operiert) lokalisieren. Diese Befunde auf der Einstellungsebene können als Indiz dafür gewertet werden, dass für die Begehung einer vorurteilsmotivierten transfeindlichen Tat <strong>keine</strong> gefestigte ideologische Überzeugung oder ein explizites politisches Ziel vorliegen muss.</p> <p>Die Ausdehnung der Kategorie „sonstige Zuordnungen“, sowohl auf Ebene der Einordnung in Phänomenbereiche als auch in das Unterfeldthema „geschlechterbezogene Diversität“, verdeutlichen die Grenzen und Schwächen des aktuellen PMK-Definitionssystems. Für die Begehung einer durch Ungleichwertigkeitsideologien motivierten Straftat ist keine gefestigte Ideologie notwendig, die sich trennscharf in einer der vier anderen Phänomenbereiche verorten ließe. Die <strong>Auffangkategorie</strong> der „sonstigen Zuordnungen“ verdeutlicht dies.<a id="_msocom_1"></a></p> <h2 id="h-die-definition-politisch-motivierter-kriminalitat-auf-dem-prufstand">Die Definition politisch motivierter Kriminalität auf dem Prüfstand </h2> <p>Das nach wie vor am Extremismus-Konzept orientierte Definitionssystem politisch motivierter Kriminalität, mit seinen nicht trennscharfen Kategorien, ist damit nur eingeschränkt dazu geeignet Polizeibeamt*innen eine <strong>klare Orientierung</strong> bei der Kategorisierung an die Hand zu geben. Damit wird das Ziel einer adäquaten, und bundesweit einheitlichen Erfassung politisch motivierter Kriminalität sowie die Abbildung ihrer ideologischen Hintergründe unterlaufen.</p> <p>Es sollte kritisch geprüft werden, ob das zugrunde gelegte Extremismus-Konzept und die darauf basierenden Phänomenbereiche politisch motivierte Kriminalität noch angemessen abbilden. Zielführender könnte es sein, Vorurteilskriminalität als von gefestigten ideologischen Überzeugungen und expliziten politischen Zielen, <strong>unabhängiges Phänomen </strong>zu erfassen. Im Zuge dessen sollte auch die <strong>Perspektive der Opfer</strong> bei der Beurteilung der Motivation stärker berücksichtigt werden.</p> <p>Daneben ist eine <strong>Aktualisierung und Neustrukturierung</strong> des Themenfeldkataloges notwendig. Exemplarisch hierfür stehen die Unterfeldthemen „Ausländerfeindlich“ und „Fremdenfeindlich“, die zugunsten eines Unterfeldthemas „Rassismus“ abgeschafft werden sollten, um zum einen die sprachliche Übernahme der Täter*innenperspektive zu beenden und zum anderen die <strong>statistische Aussagekraft</strong> zu erhöhen. Denn auch wenn es sich bei der PMK-Statistik um eine Statistik handelt, die in erster Linie Auskunft über die polizeiliche Arbeitsweise und Erfassungspraxis gibt, prägt sie durch ihre mediale und gesellschaftliche Rezeption die<strong> gesellschaftliche Wahrnehmung</strong> politisch motivierter Kriminalität. Zudem werden auf ihrer Grundlage Lagebilder erstellt und politische Entscheidungsprozesse angestoßen. Insbesondere wenn die jährlichen Fallzahlen den Ausgangspunkt für die Entwicklung von <strong>Repressions- und Präventionsstrategien</strong> darstellen, wiegen die Schwächen des PMK-Definitionssystems schwer.</p> <p>Quellen:</p> <p>Bundeskriminalamt (Hrsg.). (2022). Definitionssystem Politisch motivierte Kriminalität.</p> <p>Bundeskriminalamt (Hrsg.). (2023). Themenfeldkatalog zur Kriminaltaktischen Anfrage in Fällen Politisch motivierter Kriminalität (KTA-PMK). </p> <p>Bundesministerium des Innern (Hrsg.). (2016). Politisch motivierte Kriminalität im Jahr 2015. Bundesweite Fallzahlen.</p> <p>Bundesministerium des Innern und für Heimat (Hrsg.). (2023). Politisch motivierte Kriminalität im Jahr 2022. Bundesweite Fallzahlen.</p> <p>Bundesministerium des Innern und für Heimat (Hrsg.). (2025). Bundesweite Fallzahlen 2024. Politisch motivierte Kriminalität.</p> <p>Decker, O., Kiess, J., Heller, A., &amp; Brähler, E. (Hrsg.). (2024). Vereint im Ressentiment: Autoritäre Dynamiken und rechtsextreme Einstellungen/Leipziger Autoritarismus Studie 2024. Psychosozial-Verlag. <a href="https://doi.org/10.30820/9783837962864">https://doi.org/10.30820/9783837962864</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Sonst noch was? – Die Abstellkammer der polizeilichen Erfassung politisch motivierter Kriminalität » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Hannah Weinert</h2><div itemprop="text"> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel.png 1920w" width="1024"></img></a></figure> <p>Jedes Jahr im Mai stellt das Bundesinneministerium die neuen Zahlen zur politisch motivierten Kriminalität (PMK) vor. Grundlage dafür sind die Daten, die dem Bundeskriminalamt (BKA) durch die Landeskriminalämter übermittelt wurden. Strukturiert werden die Meldungen durch die Vorgaben des Kriminalpolizeilichen Meldedienst in Fällen politisch motivierter Kriminalität (KPMD-PMK), der festlegt, wie politisch motivierte Taten erfasst werden sollen.</p> <p>Erkennen Polizeibeamt*innen in einer Tat ein politisches Motiv, muss die Tat laut der Richtlinien unter anderem einem Phänomenbereich zugeordnet werden: PMK-rechts, PMK-links, PMK-ausländische Ideologie oder PMK-religiöse Ideologie. Lässt sich eine Tat nicht eindeutig in eine der vorgesehen Phänomenbereiche einordnen, wir diese unter <strong>PMK-sonstige Zuordnungen</strong> erfasst<sup data-fn="89c0db58-1ad6-49ad-904d-64ee9a9eaaea"><a href="#89c0db58-1ad6-49ad-904d-64ee9a9eaaea" id="89c0db58-1ad6-49ad-904d-64ee9a9eaaea-link">1</a></sup>.</p> <h2 id="h-das-problem-mit-den-sonstigen-zuordnungen">Das Problem mit den “sonstigen Zuordnungen”</h2> <p>Der Kategorie der „sonstigen Zuordnungen“ wird, im Gegensatz zu den Phänomenbereichen, häufig nur <strong>wenig Aufmerksamkeit</strong> geschenkt. Dabei lassen sich an anhand dieser einige zentrale Probleme der Erfassung politisch motivierter Kriminalität aufzeigen. Dass der <strong>Auffangkategorie</strong> mehr Beachtung geschenkt werden sollte, veranschaulicht die Entwicklung der Fallzahlen. Bis auf eine leichte Schwankung im Jahr 2017 zeigt sich für die vergangenen 10 Jahre ein kontinuierlicher Anstieg der „sonstigen Zuordnungen“, der 2022 seinen Höhepunkt erreichte, als etwa 40 % der erfassten Fälle politisch motivierter Kriminalität keinem der vier anderen Phänomenbereiche zugeordnet wurden<sup data-fn="5ef48a1e-4ba5-49b3-b613-2807627c1cf6"><a href="#5ef48a1e-4ba5-49b3-b613-2807627c1cf6" id="5ef48a1e-4ba5-49b3-b613-2807627c1cf6-link">2</a></sup>. Zurückgeführt wurde dieser Anstieg primär auf das Protestgeschehen während der Corona-Pandemie. Doch auch nach einem Rückgang 2023 und 2024 pendelte sich der Anteil der „sonstigen Zuordnungen“ am Gesamtstraftatenaufkommen politisch motivierter Kriminalität auf einem hohen Niveau ein. Zuletzt wurden 2024 rund ein Viertel (26 %) der registrierten Fälle politisch motivierter Kriminalität in den Bereich der „sonstigen Zuordnungen“ kategorisiert, womit dieser nach dem Phänomenbereich PMK-rechts der <strong>zweitgrößte</strong> war<sup data-fn="c4667501-b37c-4251-9d65-fe5ef8f907c9"><a href="#c4667501-b37c-4251-9d65-fe5ef8f907c9" id="c4667501-b37c-4251-9d65-fe5ef8f907c9-link">3</a></sup>.</p> <p>Um sich vom Extremismus-Konzept zu lösen und eine bundesweit einheitliche Erfassung zu etablieren, wurde das PMK-Definitionssystem 2001 umfassend überarbeitet. Dies sollte insbesondere durch einen neu eingeführten <strong>Themenfeldkatalog</strong> erreicht werden, in dessen Rahmen durch Oberfeldthemen und Unterfeldthemen die tatauslösende Motivation der Täter*innen genauer erfasst werden kann. Gesellschaftlicher Entwicklungen entsprechend werden die Themenfelder und ihnen zugeordnete Unterthemenfelder fortwährend angepasst und erweitert. Aktuell umfasst der Themenfeldkatalog 25 Oberfeldthemen und 114 Unterfeldthemen sowie einen politischen Kalender. Speziell die Betrachtung des Oberfeldthemas <strong>„Hasskriminalität“</strong> und den zur Kategorisierung vorgesehenen Unterfeldthemen offenbart, dass die Abgrenzungen, speziell der Unterfeldthemen, stellenweise unpräzise sind. Beispielhaft dafür kann das Nebeneinanderstehen der Unterfeldthemen „Ausländerfeindlich“, „Fremdenfeindlich“ und „Rassismus“ angeführt werden. Neben der kritisch zu bewertenden Verwendungung der Begriffe „fremdenfeindlich“ und „ausländerfeindlich“, kann die Abgrenzungsproblematik zu unterschiedlichen Erfassungspraxen führen und so die statistische Aussagekraft schwächen. Da die Kategorisierung einer politisch motivierten Tat maßgeblich von der (subjektiven) Bewertung in der polizeilichen Praxis abhängt, sollte die einheitliche Erfassung durch aussagekräftige und abgrenzbare Kategorien erleichtert und nicht erschwert werden.</p> <p>Zusätzlich zu den Unstimmigkeiten der oben genannten Unterfeldthemen lässt sich am 2022 eingeführten Unterfeldthema „Geschlechterbezogene Diversität“ die <strong>Entkopplung</strong> des Themenfeldes „Hasskriminalität“ von den Phänomenbereichen illustrieren. Im Unterfeldthema „Geschlechterbezogene Diversität“, werden Taten „[…] gegen Menschen, deren geschlechtliche Identität vom biologischen Geschlecht abweicht sowie intersexuelle Menschen bzw. das Geschlecht gerichtet, welches nicht eindeutig als männlich oder weiblich zu bestimmen ist“<sup data-fn="29675963-8f3c-45fc-8184-08b06b7fd669"><a href="#29675963-8f3c-45fc-8184-08b06b7fd669" id="29675963-8f3c-45fc-8184-08b06b7fd669-link">4</a></sup> erfasst. Mehr als die Hälfte (55 %) der registrierten Fälle in diesem Unterthemenfeld wurden 2024 im Phänomenbereich der „Sonstigen“ zugeordnet, während insgesamt 41 % der Fälle dem Phänomenbereich PMK-rechts zugeordnet werden konnten<sup data-fn="367afefb-23c4-4d7a-95ae-37eca13df36f"><a href="#367afefb-23c4-4d7a-95ae-37eca13df36f" id="367afefb-23c4-4d7a-95ae-37eca13df36f-link">5</a></sup>.<aside></aside></p> <p>Allerdings ist, wie sich auch immer wieder in Einstellungsumfragen zeigt, Transfeindlichkeit vor allem, aber nicht nur im politisch rechten Spektrum zu verorten. Zuletzt offenbarte die Leipziger Autoritarismus-Studie, dass 35 % der Personen, die sich selbst in der politischen Mitte verorten, ein geschlossen transfeindliches Weltbild haben<sup data-fn="98ebd543-d819-441d-831d-9c1fd956c369"><a href="#98ebd543-d819-441d-831d-9c1fd956c369" id="98ebd543-d819-441d-831d-9c1fd956c369-link">6</a></sup>. Transfeindlichkeit lässt sich damit nicht nur an den politischen Rändern (mit denen das PMK-Definitionssystem zugrundeliegende Extremismus-Konzept operiert) lokalisieren. Diese Befunde auf der Einstellungsebene können als Indiz dafür gewertet werden, dass für die Begehung einer vorurteilsmotivierten transfeindlichen Tat <strong>keine</strong> gefestigte ideologische Überzeugung oder ein explizites politisches Ziel vorliegen muss.</p> <p>Die Ausdehnung der Kategorie „sonstige Zuordnungen“, sowohl auf Ebene der Einordnung in Phänomenbereiche als auch in das Unterfeldthema „geschlechterbezogene Diversität“, verdeutlichen die Grenzen und Schwächen des aktuellen PMK-Definitionssystems. Für die Begehung einer durch Ungleichwertigkeitsideologien motivierten Straftat ist keine gefestigte Ideologie notwendig, die sich trennscharf in einer der vier anderen Phänomenbereiche verorten ließe. Die <strong>Auffangkategorie</strong> der „sonstigen Zuordnungen“ verdeutlicht dies.<a id="_msocom_1"></a></p> <h2 id="h-die-definition-politisch-motivierter-kriminalitat-auf-dem-prufstand">Die Definition politisch motivierter Kriminalität auf dem Prüfstand </h2> <p>Das nach wie vor am Extremismus-Konzept orientierte Definitionssystem politisch motivierter Kriminalität, mit seinen nicht trennscharfen Kategorien, ist damit nur eingeschränkt dazu geeignet Polizeibeamt*innen eine <strong>klare Orientierung</strong> bei der Kategorisierung an die Hand zu geben. Damit wird das Ziel einer adäquaten, und bundesweit einheitlichen Erfassung politisch motivierter Kriminalität sowie die Abbildung ihrer ideologischen Hintergründe unterlaufen.</p> <p>Es sollte kritisch geprüft werden, ob das zugrunde gelegte Extremismus-Konzept und die darauf basierenden Phänomenbereiche politisch motivierte Kriminalität noch angemessen abbilden. Zielführender könnte es sein, Vorurteilskriminalität als von gefestigten ideologischen Überzeugungen und expliziten politischen Zielen, <strong>unabhängiges Phänomen </strong>zu erfassen. Im Zuge dessen sollte auch die <strong>Perspektive der Opfer</strong> bei der Beurteilung der Motivation stärker berücksichtigt werden.</p> <p>Daneben ist eine <strong>Aktualisierung und Neustrukturierung</strong> des Themenfeldkataloges notwendig. Exemplarisch hierfür stehen die Unterfeldthemen „Ausländerfeindlich“ und „Fremdenfeindlich“, die zugunsten eines Unterfeldthemas „Rassismus“ abgeschafft werden sollten, um zum einen die sprachliche Übernahme der Täter*innenperspektive zu beenden und zum anderen die <strong>statistische Aussagekraft</strong> zu erhöhen. Denn auch wenn es sich bei der PMK-Statistik um eine Statistik handelt, die in erster Linie Auskunft über die polizeiliche Arbeitsweise und Erfassungspraxis gibt, prägt sie durch ihre mediale und gesellschaftliche Rezeption die<strong> gesellschaftliche Wahrnehmung</strong> politisch motivierter Kriminalität. Zudem werden auf ihrer Grundlage Lagebilder erstellt und politische Entscheidungsprozesse angestoßen. Insbesondere wenn die jährlichen Fallzahlen den Ausgangspunkt für die Entwicklung von <strong>Repressions- und Präventionsstrategien</strong> darstellen, wiegen die Schwächen des PMK-Definitionssystems schwer.</p> <p>Quellen:</p> <p>Bundeskriminalamt (Hrsg.). (2022). Definitionssystem Politisch motivierte Kriminalität.</p> <p>Bundeskriminalamt (Hrsg.). (2023). Themenfeldkatalog zur Kriminaltaktischen Anfrage in Fällen Politisch motivierter Kriminalität (KTA-PMK). </p> <p>Bundesministerium des Innern (Hrsg.). (2016). Politisch motivierte Kriminalität im Jahr 2015. Bundesweite Fallzahlen.</p> <p>Bundesministerium des Innern und für Heimat (Hrsg.). (2023). Politisch motivierte Kriminalität im Jahr 2022. Bundesweite Fallzahlen.</p> <p>Bundesministerium des Innern und für Heimat (Hrsg.). (2025). Bundesweite Fallzahlen 2024. Politisch motivierte Kriminalität.</p> <p>Decker, O., Kiess, J., Heller, A., &amp; Brähler, E. (Hrsg.). (2024). Vereint im Ressentiment: Autoritäre Dynamiken und rechtsextreme Einstellungen/Leipziger Autoritarismus Studie 2024. Psychosozial-Verlag. <a href="https://doi.org/10.30820/9783837962864">https://doi.org/10.30820/9783837962864</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/sonst-noch-was-die-abstellkammer-der-polizeilichen-erfassung-politisch-motivierter-kriminalitaet/#respond 0 Der alte Mann und der Weg zum Weltfrieden https://scilogs.spektrum.de/hlf/der-alte-mann-und-der-weg-zum-weltfrieden/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/der-alte-mann-und-der-weg-zum-weltfrieden/#comments Wed, 15 Oct 2025 12:00:00 +0000 Christoph Pöppe https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=13854 <h1>Der alte Mann und der Weg zum Weltfrieden - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Christoph Pöppe</h2><div itemprop="text"> <p>Martin Hellman ist gemeinsam mit Whitfield Diffie mit dem Turing Award von 2015 für die bahnbrechende Entdeckung der Kryptographie mit veröffentlichtem Schlüssel („public-key cryptography“) geehrt worden – für ihn selbst nur die letzte und höchstrangige in einer ganzen Liste von Auszeichungen. Damit gehört er zu der illustren Liste der Preisträger in Mathematik und Informatik, die alljährlich zum <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/">Heidelberg Laureate Forum (HLF)</a> eingeladen werden, um dort mit der jungen Forschergeneration in den Dialog zu treten. So war der Weg für mich nicht weit, auf dem <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/past-hlfs/6th-hlf-2018/">HLF 2018 </a>ein <a href="https://www.spektrum.de/magazin/von-der-kryptografie-zum-weltfrieden/1621176">Interview</a> mit ihm zu führen – aus Anlass eines 40-jährigen Jubiläums. Hellman hatte nämlich 1979 die Grundzüge seiner Entdeckung im „Scientific American“ und in der Folge in dessen deutscher Ausgabe „Spektrum der Wissenschaft“ erläutert, die soeben auch ihren vierzigsten Geburtstag gefeiert hatte. („Spektrum“ ist in Heidelberg ansässig, und ich gehörte zu dessen Redaktion.)</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto_Watermark-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1711" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto_Watermark-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto_Watermark-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto_Watermark-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto_Watermark-1024x684.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto_Watermark-768x513.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto_Watermark-1536x1026.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto_Watermark-2048x1369.jpg 2048w" width="2560"></img></a><figcaption>Martin Hellman (ACM A.M. Turing Award – 2015), im Interview mit dem Autor (links), 2018. Foto: HLFF / Kreutzer</figcaption></figure></div> <p>Als ich den Interviewtext meinem Chef vorlegte, sagte er mit deutlich erkennbarem Stirnrunzeln: „Das ist ja Lindenstraße!“ und meinte damit offensichtlich, dass da große, weltbewegende Probleme in das kuschelige Umfeld einiger weniger Privatpersonen transportiert und damit verniedlicht würden, so wie das die Sonntagabend-Kultserie des ARD-Fernsehens (1985–2010) angeblich getan hat. Na ja – es sah auf den ersten Blick tatsächlich so aus. Punkt 1, Verlagerung ins Privatleben, trifft definitiv zu. Hellman versichert nicht nur in diesem Interview, sondern auch in einem eigens dafür (gemeinsam mit seiner Ehefrau) verfassten <a href="https://ee.stanford.edu/~hellman/publications/book3.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Buch</a> (über diesen Link kostenfrei zugänglich), dass er zunächst lernen musste, seine Eheprobleme zu bewältigen. Erst mit den dabei entwickelten Mitteln sei es ihm gelungen, Konflikte beizulegen, die alles andere als privater Natur waren. Und niedlich schon gar nicht; Punkt 2 trifft definitiv nicht zu. Vielmehr brachte ihn seine eigene Erfindung in gefährliches Fahrwasser.</p> <p>Die Kryptographie mit veröffentlichtem Schlüssel bietet neue Möglichkeiten, geheime Nachrichten über abhörbare Kanäle zu schicken, ohne dass ein Lauscher sie entschlüsseln kann. Mehr noch: Es ist nutzlos, beim Absender den Schlüssel zu entwenden, das heißt jene Zeichenkette, mit deren Hilfe der Absender aus dem Klartext den zu versendenden Geheimtext macht. Diesen „Schlüssel zum Zuschließen“ hat nämlich der Empfänger der Nachricht ohnehin veröffentlicht; heute würde er ihn einfach auf seine Website stellen. Nur den zugehörigen „Schlüssel zum Aufschließen“ muss er sorgfältig geheimhalten. Wenn also die professionellen Abhörer von der National Security Agency (NSA) keinen Zugriff auf den Empfänger haben, zum Beispiel weil der in Moskau sitzt, verstopft ihnen das Verfahren von Diffie und Hellman effektiv die Lauscherohren.</p> <p>In den Augen einiger Leute macht das die <em>public-key cryptography </em>zur Kriegswaffe, deren Veröffentlichung in einer internationalen wissenschaftlichen Zeitschrift gilt als Export, und auf den ungenehmigten Export von Kriegswaffen stehen hohe Strafen. Hellman wurde – nicht offen, aber gleichwohl unmissverständlich – mit Gefängnis bedroht, hielt stand, veröffentlichte sein Verfahren, und zur allgemeinen Überraschung suchte wenig später der Chef der NSA, Admiral Bobby Inman, ihn zu einem Gespräch auf. In der Folge bauten die beiden nicht nur Vertrauen zueinander auf, sondern wurden später sogar Freunde.</p> <p>Ironie der Geschichte: Heute würde Bobby Inman die Kryptographie mit veröffentlichtem Schlüssel selbst dann nicht unterdrücken, wenn er es könnte. Eine Variante des Verfahrens eignet sich nämlich dafür, eine Nachricht unverfälschbar zu machen, was wiederum der Vertrauensbildung aufhilft.<aside></aside></p> <p>Hellmans Mittel zur Konfliktbewältigung sind übrigens nicht sonderlich originell: Versetze dich in die Lage deines Gegners, mach dir klar, aus welchen Gründen der Misstrauen, Groll oder Furcht gegen dich hegen könnte, und bemühe dich, diese Gründe auszuräumen. Darauf hätten die fiktiven Bewohner der „Lindenstraße“ auch kommen können.</p> <p>Nur hat sich diese einfache Einsicht bei den bedeutenden Regierungschefs nicht durchgesetzt. Unter den Präsidenten von Hellmans Heimatland USA ist Trump da nur das krasseste Beispiel. In einer Gesprächsrunde auf dem diesjährigen 12. <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/">Heidelberg Laureate Forum</a> führt Hellman aus: „1945 konnte uns keine Macht der Welt etwas anhaben. Heute haben mehrere Akteure die Möglichkeit, uns binnen einer Stunde zu vernichten. Und warum hat sich zum Beispiel Nordkorea Atombomben zugelegt? Erstens weil Präsident Bush 2002 das ,1994 Agreed Framework’, das Nordkorea den Zugriff auf seine Plutoniumvorräte verwehrte, gekündigt hatte (und die ersatzweise zugesagten, nicht plutoniumfähigen Kernreaktoren nie geliefert wurden), woraufhin Nordkorea die Plutoniumproduktion wieder aufnahm; zweitens aber, weil Kim Jong-Un nicht dasselbe Schicksal erleiden wollte wie Gaddafi und Saddam Hussein, mit denen wir gar nicht erst versucht haben, zu einer Einigung zu kommen, sondern nur unsere Übermacht ausgespielt haben.“</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795918863_7ba1eb8e92_o.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795918863_7ba1eb8e92_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795918863_7ba1eb8e92_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795918863_7ba1eb8e92_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795918863_7ba1eb8e92_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Martin Hellman beim 12. Heidelberg Laureate Forum. Foto: HLFF / Kreutzer</figcaption></figure></div> <p>In diesem Zusammenhang kommt Hellman auch auf die atomare Bedrohung zu sprechen, ein Thema, das seit dem Ende der Sowjetunion weitgehend aus der öffentlichen Diskussion verschwunden ist. Zu Unrecht, sagt Hellman. Kaum einem Zeitgenossen ist klar, dass der Präsident der Vereinigten Staaten nur den Befehl „Nuke’em“ aussprechen muss (was ihm auch im betrunkenen Zustand noch ohne weiteres über die Lippen gehen würde), und die atomare Katastrophe würde losbrechen. Es sei denn, ein Glied in der Befehlskette handelt den eindeutigen Vorschriften zuwider.</p> <p>Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit eines Atomkriegs, sei es mit Vorsatz, aus Versehen oder aus irgendeinem Grund dazwischen? Gegeben die Tatsache, dass in den letzten 80 Jahren keiner stattgefunden hat? Hier prallen die verschiedenen Interpretationen des Wahrscheinlichkeitsbegriffs aufeinander. Die frequentistische versteht Wahrscheinlichkeit als Grenzwert der relativen Häufigkeiten und lässt deshalb nur Ereignisse gelten, die tatsächlich stattgefunden haben, was in diesem Fall offensichtlich in die Irre führt. Die Bayes’sche Interpretation dagegen geht von einer a-priori-Wahrscheinlichkeit im Kopf des Beobachters aus, die durch neue Erfahrungen revidiert wird. Wenn man unter Letztere auch Fast-Katastrophen zählt, kommt man der Sache schon näher. Da gab es nicht nur die allgemein bekannte Kuba-Krise von 1962, sondern auch etliche andere Ereignisse, von denen die Öffentlichkeit nicht viel erfahren hat. Hellman geht so weit zu behaupten, die russische Regierung hätte für den Fall, dass sie beim Angriff auf die Ukraine eine totale Niederlage erlitten hätte, die nukleare Option in Erwägung gezogen.</p> <p>Auch mit Insiderkenntnissen, über die der nach wie vor gut vernetzte Hellman zweifellos verfügt, ist die Wahrscheinlichkeit eines Atomkriegs nur sehr ungefähr abzuschätzen. Hellman kommt auf eine Größenordnung von einem Prozent – pro Jahr, wohlgemerkt. Zehn Prozent ist definitiv zu hoch gegriffen: Dann wäre die große Katastrophe mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit inzwischen eingetreten. Dagegen ist 0,1 Prozent angesichts der nicht wenigen Fast-Katastrophen viel zu niedrig geschätzt. Na ja – selbst wenn man Hellmans Größenordnungs-Schätzung optimistisch interpretiert, sagen wir 0,5 Prozent pro Jahr, dann hätten wir im Durchschnitt alle 200 Jahre mit einem Atomkrieg zu rechnen. Nicht wirklich beruhigend.</p> <p>Martin Hellman ist am 2. Oktober dieses Jahres 80 Jahre alt geworden und geht am Stock – was ihn nicht hindert, weiterhin politisch aktiv zu sein. So ist er federführender Verfasser der Denkschrift <a href="https://ee.stanford.edu/~hellman/publications/78.pdf">„Rethinking National Security“</a>, welche die oben skizzierten Gedanken zur atomaren Bedrohung detailliert ausführt. (Eine Zusammenfassung in wenigen Sätzen und weitere Webhinweise finden Sie <a href="https://ee.stanford.edu/~hellman/rns/index.html">hier</a>.) Unter den Mitunterzeichnern finden sich etliche Nobelpreisträger sowie ehemals hochrangige politische Figuren – und insbesondere Hellmans ehemaliger Widersacher und späterer Freund Bobby Inman.</p> <p>Gegenwärtig arbeitet er an einer Gesetzvorlage mit dem Ziel, das Problem mit dem betrunkenen Oberbefehlshaber zumindest etwas abzumildern. Die letzte Version des Entwurfs sei so verwässert, dass sie immerhin eine Chance habe, im Kongress diskutiert zu werden, bemerkt Hellman mit süßsaurer Miene. Mehr könne man unter den gegenwärtigen Verhältnissen ohnehin nicht erwarten.</p> <p>Es sieht ganz so aus, als hätten die großen Entscheidungsträger noch viel von Hellmans Lindenstraßen-Wahrheiten zu lernen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Der alte Mann und der Weg zum Weltfrieden - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Christoph Pöppe</h2><div itemprop="text"> <p>Martin Hellman ist gemeinsam mit Whitfield Diffie mit dem Turing Award von 2015 für die bahnbrechende Entdeckung der Kryptographie mit veröffentlichtem Schlüssel („public-key cryptography“) geehrt worden – für ihn selbst nur die letzte und höchstrangige in einer ganzen Liste von Auszeichungen. Damit gehört er zu der illustren Liste der Preisträger in Mathematik und Informatik, die alljährlich zum <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/">Heidelberg Laureate Forum (HLF)</a> eingeladen werden, um dort mit der jungen Forschergeneration in den Dialog zu treten. So war der Weg für mich nicht weit, auf dem <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/past-hlfs/6th-hlf-2018/">HLF 2018 </a>ein <a href="https://www.spektrum.de/magazin/von-der-kryptografie-zum-weltfrieden/1621176">Interview</a> mit ihm zu führen – aus Anlass eines 40-jährigen Jubiläums. Hellman hatte nämlich 1979 die Grundzüge seiner Entdeckung im „Scientific American“ und in der Folge in dessen deutscher Ausgabe „Spektrum der Wissenschaft“ erläutert, die soeben auch ihren vierzigsten Geburtstag gefeiert hatte. („Spektrum“ ist in Heidelberg ansässig, und ich gehörte zu dessen Redaktion.)</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto_Watermark-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1711" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto_Watermark-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto_Watermark-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto_Watermark-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto_Watermark-1024x684.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto_Watermark-768x513.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto_Watermark-1536x1026.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto_Watermark-2048x1369.jpg 2048w" width="2560"></img></a><figcaption>Martin Hellman (ACM A.M. Turing Award – 2015), im Interview mit dem Autor (links), 2018. Foto: HLFF / Kreutzer</figcaption></figure></div> <p>Als ich den Interviewtext meinem Chef vorlegte, sagte er mit deutlich erkennbarem Stirnrunzeln: „Das ist ja Lindenstraße!“ und meinte damit offensichtlich, dass da große, weltbewegende Probleme in das kuschelige Umfeld einiger weniger Privatpersonen transportiert und damit verniedlicht würden, so wie das die Sonntagabend-Kultserie des ARD-Fernsehens (1985–2010) angeblich getan hat. Na ja – es sah auf den ersten Blick tatsächlich so aus. Punkt 1, Verlagerung ins Privatleben, trifft definitiv zu. Hellman versichert nicht nur in diesem Interview, sondern auch in einem eigens dafür (gemeinsam mit seiner Ehefrau) verfassten <a href="https://ee.stanford.edu/~hellman/publications/book3.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Buch</a> (über diesen Link kostenfrei zugänglich), dass er zunächst lernen musste, seine Eheprobleme zu bewältigen. Erst mit den dabei entwickelten Mitteln sei es ihm gelungen, Konflikte beizulegen, die alles andere als privater Natur waren. Und niedlich schon gar nicht; Punkt 2 trifft definitiv nicht zu. Vielmehr brachte ihn seine eigene Erfindung in gefährliches Fahrwasser.</p> <p>Die Kryptographie mit veröffentlichtem Schlüssel bietet neue Möglichkeiten, geheime Nachrichten über abhörbare Kanäle zu schicken, ohne dass ein Lauscher sie entschlüsseln kann. Mehr noch: Es ist nutzlos, beim Absender den Schlüssel zu entwenden, das heißt jene Zeichenkette, mit deren Hilfe der Absender aus dem Klartext den zu versendenden Geheimtext macht. Diesen „Schlüssel zum Zuschließen“ hat nämlich der Empfänger der Nachricht ohnehin veröffentlicht; heute würde er ihn einfach auf seine Website stellen. Nur den zugehörigen „Schlüssel zum Aufschließen“ muss er sorgfältig geheimhalten. Wenn also die professionellen Abhörer von der National Security Agency (NSA) keinen Zugriff auf den Empfänger haben, zum Beispiel weil der in Moskau sitzt, verstopft ihnen das Verfahren von Diffie und Hellman effektiv die Lauscherohren.</p> <p>In den Augen einiger Leute macht das die <em>public-key cryptography </em>zur Kriegswaffe, deren Veröffentlichung in einer internationalen wissenschaftlichen Zeitschrift gilt als Export, und auf den ungenehmigten Export von Kriegswaffen stehen hohe Strafen. Hellman wurde – nicht offen, aber gleichwohl unmissverständlich – mit Gefängnis bedroht, hielt stand, veröffentlichte sein Verfahren, und zur allgemeinen Überraschung suchte wenig später der Chef der NSA, Admiral Bobby Inman, ihn zu einem Gespräch auf. In der Folge bauten die beiden nicht nur Vertrauen zueinander auf, sondern wurden später sogar Freunde.</p> <p>Ironie der Geschichte: Heute würde Bobby Inman die Kryptographie mit veröffentlichtem Schlüssel selbst dann nicht unterdrücken, wenn er es könnte. Eine Variante des Verfahrens eignet sich nämlich dafür, eine Nachricht unverfälschbar zu machen, was wiederum der Vertrauensbildung aufhilft.<aside></aside></p> <p>Hellmans Mittel zur Konfliktbewältigung sind übrigens nicht sonderlich originell: Versetze dich in die Lage deines Gegners, mach dir klar, aus welchen Gründen der Misstrauen, Groll oder Furcht gegen dich hegen könnte, und bemühe dich, diese Gründe auszuräumen. Darauf hätten die fiktiven Bewohner der „Lindenstraße“ auch kommen können.</p> <p>Nur hat sich diese einfache Einsicht bei den bedeutenden Regierungschefs nicht durchgesetzt. Unter den Präsidenten von Hellmans Heimatland USA ist Trump da nur das krasseste Beispiel. In einer Gesprächsrunde auf dem diesjährigen 12. <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/">Heidelberg Laureate Forum</a> führt Hellman aus: „1945 konnte uns keine Macht der Welt etwas anhaben. Heute haben mehrere Akteure die Möglichkeit, uns binnen einer Stunde zu vernichten. Und warum hat sich zum Beispiel Nordkorea Atombomben zugelegt? Erstens weil Präsident Bush 2002 das ,1994 Agreed Framework’, das Nordkorea den Zugriff auf seine Plutoniumvorräte verwehrte, gekündigt hatte (und die ersatzweise zugesagten, nicht plutoniumfähigen Kernreaktoren nie geliefert wurden), woraufhin Nordkorea die Plutoniumproduktion wieder aufnahm; zweitens aber, weil Kim Jong-Un nicht dasselbe Schicksal erleiden wollte wie Gaddafi und Saddam Hussein, mit denen wir gar nicht erst versucht haben, zu einer Einigung zu kommen, sondern nur unsere Übermacht ausgespielt haben.“</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795918863_7ba1eb8e92_o.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795918863_7ba1eb8e92_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795918863_7ba1eb8e92_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795918863_7ba1eb8e92_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795918863_7ba1eb8e92_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Martin Hellman beim 12. Heidelberg Laureate Forum. Foto: HLFF / Kreutzer</figcaption></figure></div> <p>In diesem Zusammenhang kommt Hellman auch auf die atomare Bedrohung zu sprechen, ein Thema, das seit dem Ende der Sowjetunion weitgehend aus der öffentlichen Diskussion verschwunden ist. Zu Unrecht, sagt Hellman. Kaum einem Zeitgenossen ist klar, dass der Präsident der Vereinigten Staaten nur den Befehl „Nuke’em“ aussprechen muss (was ihm auch im betrunkenen Zustand noch ohne weiteres über die Lippen gehen würde), und die atomare Katastrophe würde losbrechen. Es sei denn, ein Glied in der Befehlskette handelt den eindeutigen Vorschriften zuwider.</p> <p>Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit eines Atomkriegs, sei es mit Vorsatz, aus Versehen oder aus irgendeinem Grund dazwischen? Gegeben die Tatsache, dass in den letzten 80 Jahren keiner stattgefunden hat? Hier prallen die verschiedenen Interpretationen des Wahrscheinlichkeitsbegriffs aufeinander. Die frequentistische versteht Wahrscheinlichkeit als Grenzwert der relativen Häufigkeiten und lässt deshalb nur Ereignisse gelten, die tatsächlich stattgefunden haben, was in diesem Fall offensichtlich in die Irre führt. Die Bayes’sche Interpretation dagegen geht von einer a-priori-Wahrscheinlichkeit im Kopf des Beobachters aus, die durch neue Erfahrungen revidiert wird. Wenn man unter Letztere auch Fast-Katastrophen zählt, kommt man der Sache schon näher. Da gab es nicht nur die allgemein bekannte Kuba-Krise von 1962, sondern auch etliche andere Ereignisse, von denen die Öffentlichkeit nicht viel erfahren hat. Hellman geht so weit zu behaupten, die russische Regierung hätte für den Fall, dass sie beim Angriff auf die Ukraine eine totale Niederlage erlitten hätte, die nukleare Option in Erwägung gezogen.</p> <p>Auch mit Insiderkenntnissen, über die der nach wie vor gut vernetzte Hellman zweifellos verfügt, ist die Wahrscheinlichkeit eines Atomkriegs nur sehr ungefähr abzuschätzen. Hellman kommt auf eine Größenordnung von einem Prozent – pro Jahr, wohlgemerkt. Zehn Prozent ist definitiv zu hoch gegriffen: Dann wäre die große Katastrophe mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit inzwischen eingetreten. Dagegen ist 0,1 Prozent angesichts der nicht wenigen Fast-Katastrophen viel zu niedrig geschätzt. Na ja – selbst wenn man Hellmans Größenordnungs-Schätzung optimistisch interpretiert, sagen wir 0,5 Prozent pro Jahr, dann hätten wir im Durchschnitt alle 200 Jahre mit einem Atomkrieg zu rechnen. Nicht wirklich beruhigend.</p> <p>Martin Hellman ist am 2. Oktober dieses Jahres 80 Jahre alt geworden und geht am Stock – was ihn nicht hindert, weiterhin politisch aktiv zu sein. So ist er federführender Verfasser der Denkschrift <a href="https://ee.stanford.edu/~hellman/publications/78.pdf">„Rethinking National Security“</a>, welche die oben skizzierten Gedanken zur atomaren Bedrohung detailliert ausführt. (Eine Zusammenfassung in wenigen Sätzen und weitere Webhinweise finden Sie <a href="https://ee.stanford.edu/~hellman/rns/index.html">hier</a>.) Unter den Mitunterzeichnern finden sich etliche Nobelpreisträger sowie ehemals hochrangige politische Figuren – und insbesondere Hellmans ehemaliger Widersacher und späterer Freund Bobby Inman.</p> <p>Gegenwärtig arbeitet er an einer Gesetzvorlage mit dem Ziel, das Problem mit dem betrunkenen Oberbefehlshaber zumindest etwas abzumildern. Die letzte Version des Entwurfs sei so verwässert, dass sie immerhin eine Chance habe, im Kongress diskutiert zu werden, bemerkt Hellman mit süßsaurer Miene. Mehr könne man unter den gegenwärtigen Verhältnissen ohnehin nicht erwarten.</p> <p>Es sieht ganz so aus, als hätten die großen Entscheidungsträger noch viel von Hellmans Lindenstraßen-Wahrheiten zu lernen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/der-alte-mann-und-der-weg-zum-weltfrieden/#comments 28 Ostsee: Meeresleben auf giftiger Weltkriegs-Munition  https://scilogs.spektrum.de/meertext/ostsee-meeresleben-auf-giftiger-weltkriegs-munition/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/ostsee-meeresleben-auf-giftiger-weltkriegs-munition/#comments Tue, 14 Oct 2025 07:44:46 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1773 https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-18-768x354.png <link>https://scilogs.spektrum.de/meertext/ostsee-meeresleben-auf-giftiger-weltkriegs-munition/</link> </image> <description type="html"><h1>Ostsee: Meeresleben auf giftiger Weltkriegs-Munition  » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Als Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg entmilitarisiert wurde, wurden große Mengen der übrig gebliebenen Munition in der Ostsee versenkt.<br></br>Eine aktuelle Studie eines Teams unter Leitung der <a href="https://www.nature.com/articles/s43247-025-02593-7">Senckenberg-Meeresbiologen</a> Andrey Vedenin und Ingrid Kröncke in Kooperation mit dem Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung (Geomar, Kiel) sowie dem Thünen-Institut für Seefischerei (Bremerhaven) hat jetzt ergeben, dass einige dieser versenkten Waffen, obwohl sie giftige Verbindungen freisetzen, <a href="https://www.nature.com/articles/s43247-025-02593-7#Sec7">mittlerweile mehr Meeresorganismen beherbergen</a> als die Sedimente in ihrer Umgebung.<br></br>Es ist nicht so paradox und schon gar nicht so harmlos, wie diese Meldung auf den ersten Blick scheint. Dafür braucht es allerdings Kontext-Wissen.</p> <h2 id="h-das-toxische-erbe-des-kriegs"><strong>Das toxische Erbe des Kriegs</strong></h2> <p>Nach <a href="https://www.umweltbundesamt.de/themen/wasser/meere/nutzung-belastungen/munition-im-meer">Angaben des Bundesumweltamtes (Stand 2023)</a> <a href="https://www.umweltbundesamt.de/themen/wasser/meere/nutzung-belastungen/munition-im-meer">lagern </a>in der deutschen Nord- und Ostsee Altlasten von ca. 1,6 Millionen Tonnen konventioneller Munition und 5.000 Tonnen chemischer Kampfstoffe. Manche gerieten im Zweiten Weltkrieg durch Militäroperationen ins Wasser, andere wurden danach durch Verklappung versenkt. Dies gefährde, so das Umweltbundesamt, Schiffsverkehr, Fischerei, Tourismus, Menschen an Stränden sowie die Meeresumwelt und ist zusätzlich eine Gefahr für Offshore-Installationen und Seekabel-Verlegungen (<em>Anmerkung Meertext: Die Mengenangaben basieren auf Schätzungen, Funden und Verklappungsplänen, darum können sie in verschiedenen Arbeiten etwas abweichen</em>).</p> <p>Allein <a href="https://www.geomar.de/news/article/umweltbelastung-durch-altmunition-in-der-ostsee">in der deutschen Ostsee sind schätzungsweise rund 300.000 Tonnen</a> Altmunition, deren Metallhüllen durch Korrosion eine zunehmende Gesundheitsgefahr werden. GEOMAR und andere Forschungsinstitutionen messen den Schadstoffgehalt des Seewassers. Zurzeit ist die toxikologische Belastung etwa des Trinkwassers noch unterhalb der als unbedenklich festgelegten Grenzen, in einigen Gebieten erreicht sie aber bereits kritische Grenzen, so der Meereschemiker Aaron Beck, Geochemiker am GEOMAR: „<a href="https://www.geomar.de/news/article/umweltbelastung-durch-altmunition-in-der-ostsee">Die Altmunition enthält giftige Substanzen wie TNT</a> (2,4,6-Trinitrotoluol), RDX (1,3,5-Trinitro-1,3,5-triazinan) und DNB (1,3-Dinitrobenzol), die ins Meerwasser freigesetzt werden, wenn die Metallhüllen durchrosten“ – „Diese Stoffe können die marine Umwelt und die Gesundheit von Lebewesen gefährden, da sie toxisch und krebserregend sind.“ Die Mengen der im Wasser gelösten Chemikalien unterscheiden sich regional. Durch den zunehmenden Zerfall der im Meerwasser korrodierenden <a href="https://www.geomar.de/news/article/umweltbelastung-durch-altmunition-in-der-ostsee">Behältnisse werden ihre Konzentrationen allerdings</a> ansteigen, darum besteht dringender Handelsbedarf. Ansonsten würde der Prozess der Korrosion und Freisetzung wohl noch 800 Jahre dauern.<br></br>Die <a href="https://www.geomar.de/news/article/umweltbelastung-durch-altmunition-in-der-ostsee">rot-grün-gelbe Bundesregierung</a> hatte im Herbst 2024 <a href="https://www.geomar.de/news/article/munitionsraeumung-jetzt-gehts-los-1">ein Pilotprogramm zur Bergung und umweltgerechten Entsorgung von</a> Munitionsaltlasten ins Leben gerufen. So konnten mit einem Budget von 100 Millionen Euro im Herbst 2024 erstmals gezielt Munitionsreste aus der Lübecker Bucht geborgen werden. In einem zweiten Schritt sollte dann eine autonome Bergungsplattform entwickelt werden, die die Altmunition Ort birgt und unschädlich macht.</p> <h2 id="h-schoner-wohnen-auf-weltkriegsmunition"><strong>Schöner wohnen auf Weltkriegsmunition?</strong></h2> <p>Als im Oktober 2024 Forscher eine Munitionsdeponie im nördlichen Teil der Lübecker Bucht im Südwesten der Ostsee untersuchten, fanden sie darauf eine überraschend hohe Anzahl von Arten und Exemplaren. Mit den beiden Kamerasystemen ihres ferngesteuerten Unterwasserfahrzeugs, dem ROV “Käpt`n Blaubär”, filmten sie große Metallzylinder, die auf dem feinen Schlammsediment verstreut waren: Sprengköpfe von Fieseler Fi103-Marschflugkörpern, die während des Krieges vom nationalsozialistischen Deutschland eingesetzt worden waren.<br></br>Außerdem filmten sie das darauf und em angrenzenden Sandboden sitzende Meeresleben und sammelten biologische und Sedimentproben sowohl von den militärischen Trümmern als auch aus dem umgebenden Sediment.</p> <p>Auf den ROV-Videos identifizierten sie acht Arten, darunter Schnecken, Seeanemonen, Würmer, Seesterne, Krabben und Fische wie Kabeljau, Schwarzgrundel und Flunder. Am häufigsten waren <em>Polydora ciliata</em>-Würmer und <em>Metridium dianthus</em>-Seeanemonen. Insgesamt zählten sie auf den Raketenreste wesentlich mehr Organismen (43.184 Individuen pro Quadratmeter) – als auf dem umgebenden Sediment (8.213 Individuen/m2).<br></br>Das war überraschend, denn eigentlich hatten sie erwartet, <a href="https://www.nature.com/articles/s43247-025-02593-7#Sec7">auf den giftigen Trümmern weniger Tiere als in der Umgebung zu finden. </a>Allerdings, so Vedenin, war nur die Individuenzahl sehr hoch, die Artenzahl war mit 8 dafür recht gering.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/2779195_bigpicture_1071696_communications_earth__environment_-_image_5.jpg"><img alt="" decoding="async" height="819" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/2779195_bigpicture_1071696_communications_earth__environment_-_image_5-1024x819.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/2779195_bigpicture_1071696_communications_earth__environment_-_image_5-1024x819.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/2779195_bigpicture_1071696_communications_earth__environment_-_image_5-300x240.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/2779195_bigpicture_1071696_communications_earth__environment_-_image_5-768x614.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/2779195_bigpicture_1071696_communications_earth__environment_-_image_5.jpg 1279w" width="1024"></img></a></figure> <p><img alt="Examples of the species identified from the ROV videos. Image courtesy of Vedenin et al., 2025 (CC BY 4.0).]" decoding="async" height="483" src="https://scilogs.spektrum.de/2a4d52dc-0ef6-4593-b9cb-36eade7fa30c" width="605"></img><p>Gleichzeitig fand das Forschungsteam heraus, dass das Wasser rund um die Munition hochgiftige Sprengstoffverbindungen enthielt, hauptsächlich TNT und RDX. Teilweise in Konzentrationen, die bekanntermaßen für Meereslebewesen gefährlich sind.</p><br></br>Allerdings mieden die Tiere die Sprengstofffüllung und siedelten stattdessen auf den Metallteilen. Das dürfte daran liegen, dass die Oberflächen mit den höchsten Toxin-Konzentrationen tatsächlich zu giftig zum Besiedlen sind. Ob die Tiere die Toxine wahrnehmen und dann aktiv ausweichen oder beim Versuch, darauf zu siedeln, schnell sterben, ist nicht untersucht. Die weniger stark toxischen Metallteile hingegen sind offenbar attraktive Fundamente.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-18.png"><img alt="" decoding="async" height="472" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-18-1024x472.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-18-1024x472.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-18-300x138.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-18-768x354.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-18-1536x708.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-18.png 1564w" width="1024"></img></a><figcaption>ROV “Käpt`n Blaubär” (https://www.nature.com/articles/s43247-025-02593-7/figures/2)</figcaption></figure> <p>Die <a href="https://www.nature.com/articles/s43247-025-02593-7#Sec7">Erklärung dafür ist, dass viele Tiere einen festen Untergrund als Siedlungsfundament</a> brauchen. Da die ursprünglich am Ostseegrund natürlich vorkommenden eiszeitlichen Steine und Felsblöcke aber durch die Ostsee-Steinfischerei weitgehend verschwunden sind, herrscht Wohnungsnot. Auch wenn die historische „Steinfischen“ für Bau- und kommerzielle Zwecke in der deutschen Ostsee 1976 verboten wurde, war bis dahin der größte Teil der natürlichen Festsubstrate verschwunden. So besiedelten viele Tiere notgedrungen ersatzweise die Munitionsreste, trotz derer Toxinlast.</p> <p>Darum schlagen Wissenschaftlerinnen<a href="https://www.academia.edu/17365269/Submarine_hard_bottom_substrates_in_the_western_Baltic_Sea_human_impact_versus_natural_development"> schon länger vor, der einheimischen Tierwelt künftig ungiftige</a> harte Gegenstände auf dem Meeresboden anzubieten, die die ursprünglichen Steine ersetzen. Schließlich ziehen die schützenden Strukturen auch viele andere Arten an und sind etwa für Fischbrut sowie manche erwachsene Fische zum Verstecken und Fressen sehr attraktiv. So sorgt etwa ein <a href="https://www1.wdr.de/mediathek/video-kuenstliche-riffe-in-der-ostsee-100.html">künstliches Riff vor Nienhagen bei Rostock</a> für wimmelndes Meeresleben.</p> <p>Für die Meereswesen mit Flossen und Beinchen wäre künstliche Strukturen sicherlich gesünder, als toxische Untergründe. Im Bereich der Ostsee ist nicht untersucht, ob und welche Auswirkungen die Gifte auf Krebse, Seesterne oder Co haben. Allerdings zeigen Ergebnisse aus anderen Regionen anderer Meere, dass toxische Last zu verringerter Fruchtbarkeit, verkrüppeltem Nachwuchs und Erkrankungen führt.<br></br>In der Ostsee ist das bislang nur für Fische nachgewiesen, die weiter oben in der Nahrungskette stehen: Speisefische zeigen, je nach Region, hohe Belastungen mit auch für Menschen gesundheitsgefährdenden Stoffen. <a href="http://www.scilogs.de/kosmo//Users/Admin/Downloads/Tracking_explosive_contaminants_from_dumped_muniti.pdf">Aktuelle Studien des Thünen-Instituts wiesen erstmals TNT-Metaboliten im Urin von den Plattfischen</a> Klieschen, Schollen und Flundern nach. Demnach kann die Analyse von Sprengstoffen in Galle oder Urin als zuverlässige und wirksame Überwachungsstrategien für Vorkommen von Sprengstoffen in der Ostsee genutzt werden, so die FischereibiologiInnen.</p> <p>Andere Thünen-Studien hatten bereits 2022 gezeigt, dass das Vorhandensein verrottender Munition bei Klieschen (<em>Limanda limanda</em>) zu steigenden Lebertumoren <a href="https://www.thuenen.de/en/thuenen-topics/seas/munition-am-meeresgrund/auswirkungen-von-tnt-und-seinen-metaboliten-auf-fische">führt – 25%, gegenüber den normal kommenden 5%.</a> Der Sprengstoff TNT (Trinitrotoluol) hatte auch bei zahlreichen anderen Studien an Menschen bereits zu erheblichen <a href="https://academic.oup.com/carcin/article-abstract/26/7/1272/2390907?redirectedFrom=fulltext">Gesundheitsrisiken geführt, darunter ein Anstieg der Leberkrebsrate sowie Hepatitis sowie Anämie</a>.</p> <h2 id="h-ostseesteine-und-riffe"><strong>Ostseesteine und Riffe</strong></h2> <p>Wie stark die Ostsee-Tierwelt von Steinen als Untergrund abhängig ist, wurde mir erst <a href="https://www.spektrum.de/news/ostsee-rummel-am-riff/1776489">2020 im Rahmen einer Recherche über Riffe in der Ostsee</a> bekannt. Ich war nicht die Einzige, die das überraschte. Wie ausgedehnt solche Riffe – die in der Ostsee mit ihren ausgedehnten Sandböden meist nur aus wenigen Meter großen Steinblock-Stapeln bestehen, auf denen einige Algen wachsen, ist vor allem durch die ökologischen Kartierungen vor dem Bau des Fehmarnbelt-Tunnels herausgekommen. „Riffe sind vom Meeresboden schwach bis stark aufragende mineralische Hartsubstrate wie Felsen, Geschiebe, Steine, hauptsächlich auf Moränenrücken mit Block- und Steinbedeckung in kiesig-sandiger Umgebung“ mit „aufwachsenden Muscheln und Großalgen“, beschreibt das BfN diese festen Strukturen der deutschen Ostsee. Im Bereich des Fehmarnbelts liegen sie teilweise recht tief und damit im kühleren, salzhaltigeren Wasserkörper, der aus der Nordsee hereinschwappt. <a href="https://agupubs.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/2017JC013050">Solche „Inflows“ hängen von Wind und Temperaturen</a> ab, sie bringen dann auch eigentlich ozeanische Arten wie Sonnensterne oder Hochseefische mit in die eigentlich eher brackige Ostsee – aber nur in tiefere Areale.</p> <p>In der Nordsee gibt es auch Riffe, die bestehen allerdings aus Miesmuschel-, früher auch aus Austernbänken oder sogenannten Sandkorallen oder Wurmschiet. Das sind <a href="https://www.schutzstation-wattenmeer.de/wissen/tiere/wuermer/sandkoralle/">Röhrenwurmriffe der Ringelwürmer <em>Sabellaria spinulosa</em>. </a>Die Winzlinge bauen aus Schleim und Sand Wohnröhren, die als Communities dann zu riffartigen Festsubstraten werden – darin und darauf siedeln sich dann auch andere Tiere an. Diese Riffe sind durch die Fischerei stark reduziert, die europäische Auster gilt im südlichen Bereich der Nordsee als ausgestorben und Wurmriffe sind auch verschwunden. Dafür wachsen dort mittlerweile die eingeschleppten pazifischen Austern, die sich in der erwärmten Nordsee entgegen der ursprünglichen Annahme sehr wohlfühlen und auch fortpflanzen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Ostsee: Meeresleben auf giftiger Weltkriegs-Munition  » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Als Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg entmilitarisiert wurde, wurden große Mengen der übrig gebliebenen Munition in der Ostsee versenkt.<br></br>Eine aktuelle Studie eines Teams unter Leitung der <a href="https://www.nature.com/articles/s43247-025-02593-7">Senckenberg-Meeresbiologen</a> Andrey Vedenin und Ingrid Kröncke in Kooperation mit dem Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung (Geomar, Kiel) sowie dem Thünen-Institut für Seefischerei (Bremerhaven) hat jetzt ergeben, dass einige dieser versenkten Waffen, obwohl sie giftige Verbindungen freisetzen, <a href="https://www.nature.com/articles/s43247-025-02593-7#Sec7">mittlerweile mehr Meeresorganismen beherbergen</a> als die Sedimente in ihrer Umgebung.<br></br>Es ist nicht so paradox und schon gar nicht so harmlos, wie diese Meldung auf den ersten Blick scheint. Dafür braucht es allerdings Kontext-Wissen.</p> <h2 id="h-das-toxische-erbe-des-kriegs"><strong>Das toxische Erbe des Kriegs</strong></h2> <p>Nach <a href="https://www.umweltbundesamt.de/themen/wasser/meere/nutzung-belastungen/munition-im-meer">Angaben des Bundesumweltamtes (Stand 2023)</a> <a href="https://www.umweltbundesamt.de/themen/wasser/meere/nutzung-belastungen/munition-im-meer">lagern </a>in der deutschen Nord- und Ostsee Altlasten von ca. 1,6 Millionen Tonnen konventioneller Munition und 5.000 Tonnen chemischer Kampfstoffe. Manche gerieten im Zweiten Weltkrieg durch Militäroperationen ins Wasser, andere wurden danach durch Verklappung versenkt. Dies gefährde, so das Umweltbundesamt, Schiffsverkehr, Fischerei, Tourismus, Menschen an Stränden sowie die Meeresumwelt und ist zusätzlich eine Gefahr für Offshore-Installationen und Seekabel-Verlegungen (<em>Anmerkung Meertext: Die Mengenangaben basieren auf Schätzungen, Funden und Verklappungsplänen, darum können sie in verschiedenen Arbeiten etwas abweichen</em>).</p> <p>Allein <a href="https://www.geomar.de/news/article/umweltbelastung-durch-altmunition-in-der-ostsee">in der deutschen Ostsee sind schätzungsweise rund 300.000 Tonnen</a> Altmunition, deren Metallhüllen durch Korrosion eine zunehmende Gesundheitsgefahr werden. GEOMAR und andere Forschungsinstitutionen messen den Schadstoffgehalt des Seewassers. Zurzeit ist die toxikologische Belastung etwa des Trinkwassers noch unterhalb der als unbedenklich festgelegten Grenzen, in einigen Gebieten erreicht sie aber bereits kritische Grenzen, so der Meereschemiker Aaron Beck, Geochemiker am GEOMAR: „<a href="https://www.geomar.de/news/article/umweltbelastung-durch-altmunition-in-der-ostsee">Die Altmunition enthält giftige Substanzen wie TNT</a> (2,4,6-Trinitrotoluol), RDX (1,3,5-Trinitro-1,3,5-triazinan) und DNB (1,3-Dinitrobenzol), die ins Meerwasser freigesetzt werden, wenn die Metallhüllen durchrosten“ – „Diese Stoffe können die marine Umwelt und die Gesundheit von Lebewesen gefährden, da sie toxisch und krebserregend sind.“ Die Mengen der im Wasser gelösten Chemikalien unterscheiden sich regional. Durch den zunehmenden Zerfall der im Meerwasser korrodierenden <a href="https://www.geomar.de/news/article/umweltbelastung-durch-altmunition-in-der-ostsee">Behältnisse werden ihre Konzentrationen allerdings</a> ansteigen, darum besteht dringender Handelsbedarf. Ansonsten würde der Prozess der Korrosion und Freisetzung wohl noch 800 Jahre dauern.<br></br>Die <a href="https://www.geomar.de/news/article/umweltbelastung-durch-altmunition-in-der-ostsee">rot-grün-gelbe Bundesregierung</a> hatte im Herbst 2024 <a href="https://www.geomar.de/news/article/munitionsraeumung-jetzt-gehts-los-1">ein Pilotprogramm zur Bergung und umweltgerechten Entsorgung von</a> Munitionsaltlasten ins Leben gerufen. So konnten mit einem Budget von 100 Millionen Euro im Herbst 2024 erstmals gezielt Munitionsreste aus der Lübecker Bucht geborgen werden. In einem zweiten Schritt sollte dann eine autonome Bergungsplattform entwickelt werden, die die Altmunition Ort birgt und unschädlich macht.</p> <h2 id="h-schoner-wohnen-auf-weltkriegsmunition"><strong>Schöner wohnen auf Weltkriegsmunition?</strong></h2> <p>Als im Oktober 2024 Forscher eine Munitionsdeponie im nördlichen Teil der Lübecker Bucht im Südwesten der Ostsee untersuchten, fanden sie darauf eine überraschend hohe Anzahl von Arten und Exemplaren. Mit den beiden Kamerasystemen ihres ferngesteuerten Unterwasserfahrzeugs, dem ROV “Käpt`n Blaubär”, filmten sie große Metallzylinder, die auf dem feinen Schlammsediment verstreut waren: Sprengköpfe von Fieseler Fi103-Marschflugkörpern, die während des Krieges vom nationalsozialistischen Deutschland eingesetzt worden waren.<br></br>Außerdem filmten sie das darauf und em angrenzenden Sandboden sitzende Meeresleben und sammelten biologische und Sedimentproben sowohl von den militärischen Trümmern als auch aus dem umgebenden Sediment.</p> <p>Auf den ROV-Videos identifizierten sie acht Arten, darunter Schnecken, Seeanemonen, Würmer, Seesterne, Krabben und Fische wie Kabeljau, Schwarzgrundel und Flunder. Am häufigsten waren <em>Polydora ciliata</em>-Würmer und <em>Metridium dianthus</em>-Seeanemonen. Insgesamt zählten sie auf den Raketenreste wesentlich mehr Organismen (43.184 Individuen pro Quadratmeter) – als auf dem umgebenden Sediment (8.213 Individuen/m2).<br></br>Das war überraschend, denn eigentlich hatten sie erwartet, <a href="https://www.nature.com/articles/s43247-025-02593-7#Sec7">auf den giftigen Trümmern weniger Tiere als in der Umgebung zu finden. </a>Allerdings, so Vedenin, war nur die Individuenzahl sehr hoch, die Artenzahl war mit 8 dafür recht gering.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/2779195_bigpicture_1071696_communications_earth__environment_-_image_5.jpg"><img alt="" decoding="async" height="819" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/2779195_bigpicture_1071696_communications_earth__environment_-_image_5-1024x819.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/2779195_bigpicture_1071696_communications_earth__environment_-_image_5-1024x819.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/2779195_bigpicture_1071696_communications_earth__environment_-_image_5-300x240.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/2779195_bigpicture_1071696_communications_earth__environment_-_image_5-768x614.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/2779195_bigpicture_1071696_communications_earth__environment_-_image_5.jpg 1279w" width="1024"></img></a></figure> <p><img alt="Examples of the species identified from the ROV videos. Image courtesy of Vedenin et al., 2025 (CC BY 4.0).]" decoding="async" height="483" src="https://scilogs.spektrum.de/2a4d52dc-0ef6-4593-b9cb-36eade7fa30c" width="605"></img><p>Gleichzeitig fand das Forschungsteam heraus, dass das Wasser rund um die Munition hochgiftige Sprengstoffverbindungen enthielt, hauptsächlich TNT und RDX. Teilweise in Konzentrationen, die bekanntermaßen für Meereslebewesen gefährlich sind.</p><br></br>Allerdings mieden die Tiere die Sprengstofffüllung und siedelten stattdessen auf den Metallteilen. Das dürfte daran liegen, dass die Oberflächen mit den höchsten Toxin-Konzentrationen tatsächlich zu giftig zum Besiedlen sind. Ob die Tiere die Toxine wahrnehmen und dann aktiv ausweichen oder beim Versuch, darauf zu siedeln, schnell sterben, ist nicht untersucht. Die weniger stark toxischen Metallteile hingegen sind offenbar attraktive Fundamente.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-18.png"><img alt="" decoding="async" height="472" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-18-1024x472.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-18-1024x472.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-18-300x138.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-18-768x354.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-18-1536x708.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-18.png 1564w" width="1024"></img></a><figcaption>ROV “Käpt`n Blaubär” (https://www.nature.com/articles/s43247-025-02593-7/figures/2)</figcaption></figure> <p>Die <a href="https://www.nature.com/articles/s43247-025-02593-7#Sec7">Erklärung dafür ist, dass viele Tiere einen festen Untergrund als Siedlungsfundament</a> brauchen. Da die ursprünglich am Ostseegrund natürlich vorkommenden eiszeitlichen Steine und Felsblöcke aber durch die Ostsee-Steinfischerei weitgehend verschwunden sind, herrscht Wohnungsnot. Auch wenn die historische „Steinfischen“ für Bau- und kommerzielle Zwecke in der deutschen Ostsee 1976 verboten wurde, war bis dahin der größte Teil der natürlichen Festsubstrate verschwunden. So besiedelten viele Tiere notgedrungen ersatzweise die Munitionsreste, trotz derer Toxinlast.</p> <p>Darum schlagen Wissenschaftlerinnen<a href="https://www.academia.edu/17365269/Submarine_hard_bottom_substrates_in_the_western_Baltic_Sea_human_impact_versus_natural_development"> schon länger vor, der einheimischen Tierwelt künftig ungiftige</a> harte Gegenstände auf dem Meeresboden anzubieten, die die ursprünglichen Steine ersetzen. Schließlich ziehen die schützenden Strukturen auch viele andere Arten an und sind etwa für Fischbrut sowie manche erwachsene Fische zum Verstecken und Fressen sehr attraktiv. So sorgt etwa ein <a href="https://www1.wdr.de/mediathek/video-kuenstliche-riffe-in-der-ostsee-100.html">künstliches Riff vor Nienhagen bei Rostock</a> für wimmelndes Meeresleben.</p> <p>Für die Meereswesen mit Flossen und Beinchen wäre künstliche Strukturen sicherlich gesünder, als toxische Untergründe. Im Bereich der Ostsee ist nicht untersucht, ob und welche Auswirkungen die Gifte auf Krebse, Seesterne oder Co haben. Allerdings zeigen Ergebnisse aus anderen Regionen anderer Meere, dass toxische Last zu verringerter Fruchtbarkeit, verkrüppeltem Nachwuchs und Erkrankungen führt.<br></br>In der Ostsee ist das bislang nur für Fische nachgewiesen, die weiter oben in der Nahrungskette stehen: Speisefische zeigen, je nach Region, hohe Belastungen mit auch für Menschen gesundheitsgefährdenden Stoffen. <a href="http://www.scilogs.de/kosmo//Users/Admin/Downloads/Tracking_explosive_contaminants_from_dumped_muniti.pdf">Aktuelle Studien des Thünen-Instituts wiesen erstmals TNT-Metaboliten im Urin von den Plattfischen</a> Klieschen, Schollen und Flundern nach. Demnach kann die Analyse von Sprengstoffen in Galle oder Urin als zuverlässige und wirksame Überwachungsstrategien für Vorkommen von Sprengstoffen in der Ostsee genutzt werden, so die FischereibiologiInnen.</p> <p>Andere Thünen-Studien hatten bereits 2022 gezeigt, dass das Vorhandensein verrottender Munition bei Klieschen (<em>Limanda limanda</em>) zu steigenden Lebertumoren <a href="https://www.thuenen.de/en/thuenen-topics/seas/munition-am-meeresgrund/auswirkungen-von-tnt-und-seinen-metaboliten-auf-fische">führt – 25%, gegenüber den normal kommenden 5%.</a> Der Sprengstoff TNT (Trinitrotoluol) hatte auch bei zahlreichen anderen Studien an Menschen bereits zu erheblichen <a href="https://academic.oup.com/carcin/article-abstract/26/7/1272/2390907?redirectedFrom=fulltext">Gesundheitsrisiken geführt, darunter ein Anstieg der Leberkrebsrate sowie Hepatitis sowie Anämie</a>.</p> <h2 id="h-ostseesteine-und-riffe"><strong>Ostseesteine und Riffe</strong></h2> <p>Wie stark die Ostsee-Tierwelt von Steinen als Untergrund abhängig ist, wurde mir erst <a href="https://www.spektrum.de/news/ostsee-rummel-am-riff/1776489">2020 im Rahmen einer Recherche über Riffe in der Ostsee</a> bekannt. Ich war nicht die Einzige, die das überraschte. Wie ausgedehnt solche Riffe – die in der Ostsee mit ihren ausgedehnten Sandböden meist nur aus wenigen Meter großen Steinblock-Stapeln bestehen, auf denen einige Algen wachsen, ist vor allem durch die ökologischen Kartierungen vor dem Bau des Fehmarnbelt-Tunnels herausgekommen. „Riffe sind vom Meeresboden schwach bis stark aufragende mineralische Hartsubstrate wie Felsen, Geschiebe, Steine, hauptsächlich auf Moränenrücken mit Block- und Steinbedeckung in kiesig-sandiger Umgebung“ mit „aufwachsenden Muscheln und Großalgen“, beschreibt das BfN diese festen Strukturen der deutschen Ostsee. Im Bereich des Fehmarnbelts liegen sie teilweise recht tief und damit im kühleren, salzhaltigeren Wasserkörper, der aus der Nordsee hereinschwappt. <a href="https://agupubs.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/2017JC013050">Solche „Inflows“ hängen von Wind und Temperaturen</a> ab, sie bringen dann auch eigentlich ozeanische Arten wie Sonnensterne oder Hochseefische mit in die eigentlich eher brackige Ostsee – aber nur in tiefere Areale.</p> <p>In der Nordsee gibt es auch Riffe, die bestehen allerdings aus Miesmuschel-, früher auch aus Austernbänken oder sogenannten Sandkorallen oder Wurmschiet. Das sind <a href="https://www.schutzstation-wattenmeer.de/wissen/tiere/wuermer/sandkoralle/">Röhrenwurmriffe der Ringelwürmer <em>Sabellaria spinulosa</em>. </a>Die Winzlinge bauen aus Schleim und Sand Wohnröhren, die als Communities dann zu riffartigen Festsubstraten werden – darin und darauf siedeln sich dann auch andere Tiere an. Diese Riffe sind durch die Fischerei stark reduziert, die europäische Auster gilt im südlichen Bereich der Nordsee als ausgestorben und Wurmriffe sind auch verschwunden. Dafür wachsen dort mittlerweile die eingeschleppten pazifischen Austern, die sich in der erwärmten Nordsee entgegen der ursprünglichen Annahme sehr wohlfühlen und auch fortpflanzen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/meertext/ostsee-meeresleben-auf-giftiger-weltkriegs-munition/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>11</slash:comments> </item> <item> <title>Wird schon gut gehen – oder? Neurowissenschaft und Optimismus https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/wird-schon-gut-gehen-oder-neurowissenschaft-und-optimismus/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/wird-schon-gut-gehen-oder-neurowissenschaft-und-optimismus/#comments Mon, 13 Oct 2025 16:47:40 +0000 David Wurzer https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5231 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Bild_GHS_Optimismus-768x512.png <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/wird-schon-gut-gehen-oder-neurowissenschaft-und-optimismus/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Bild_GHS_Optimismus-1024x683.png" /><h1>Wird schon gut gehen – oder? Neurowissenschaft und Optimismus » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By David Wurzer</h2><div itemprop="text"> <p>1761 schreibt der französische Philosoph Voltaire in einem Brief: „Tatsächlich habe ich, nachdem mir vor einigen Jahren klar geworden war, dass es nichts nützt, betrübt zu sein, begonnen, etwas fröhlicher zu leben – man hatte mir gesagt, das sei gesund.“ Bis heute streitet sich die Wissenschaft jedoch über die Frage, ob man als Optimist oder Pessimist geboren wird oder ob man Optimismus, á la Voltaire, auch trainieren kann.</p> <p>Eine aktuelle Studie (1) hat nun erstmals Unterschiede in den Gehirnen von Optimisten und Pessimisten gefunden. Interessant dabei: Optimisten zeigen untereinander sehr ähnliche neuronale Aktivitätsmuster, was einem geteilten, positiven Interpretationsstil entspricht. Pessimisten hingegen zeigen neuronal eher eigenwillige Repräsentationen der Zukunft. Kurz: Optimisten ähneln sich in ihrem Denkstil, Pessimisten variieren mehr.</p> <h3 id="h-kann-man-optimistische-gehirne-erkennen">Kann man optimistische Gehirne erkennen?</h3> <p>Das japanische Forschungsteam der Universität Kyoto unterzog in zwei Experimenten insgesamt 87 Probandinnen und Probanden einem fMRT Scan (Kernspin), um deren Aktivitätsmuster zu kartographieren. Zunächst erfassten die Forschenden jedoch den Optimismusgrad der Teilnehmenden mithilfe des etablierten <em>Life Orientation Test – Revised</em> (LOT-R). Dieser misst, wie stark jemand dazu neigt, stabile positive oder negative Erwartungen an die Zukunft zu haben (wissenschaftlich spricht man von <em>dispositionellem Optimismus</em>, einem Persönlichkeitsmerkmal). Auf dieser Basis erhielt jede Versuchsperson einen individuellen Optimismus-Score, es ging also nicht um eine scharfe Trennung zwischen Optimisten und Pessimisten, sondern um die Nuancen eines Spektrums.</p> <p>Anschließend sollten die Probandinnen und Probanden sich, während des Hirnscans, verschiedene zukünftige Ereignisse vorstellen – positive, negative und neutrale Szenarien, wie z.B. eine Weltreise, einen Glücksspielgewinn oder den Tod. Im Zentrum der Auswertung stand der mediale präfrontale Kortex (mPFC) – eine Region, die an Selbstbezug, Zukunftsplanung und an der Bewertung emotionaler Relevanz beteiligt ist. Die Forschenden verglichen mithilfe multivariater Musteranalysen, wie ähnlich die Aktivitätsmuster zwischen verschiedenen Personen waren. Und: wie sehr diese neuronalen Muster mit dem subjektiven emotionalen Rating der mentalen Vorstellungen waren. Die Fragestellung: kann man Optimisten an ihrer Hirnaktivität erkennen?  </p> <h3 id="h-das-studienergebnis">Das Studienergebnis</h3> <p>Das Ergebnis war deutlich: Optimistischere Personen zeigten im mPFC besonders konsistente neuronale Muster, wenn sie über zukünftige Ereignisse nachdachten. Ihre Gehirnaktivität unterschied klarer zwischen positiven und negativen Szenarien, was sich in der subjektiven emotionalen Bewertung widerspiegelte. Man könnte sagen: Optimistische Menschen organisieren ihr Zukunftsdenken stärker entlang einer „emotionalen Achse“ und konkretisieren das Positive, während das Negative abstrakter bleibt. Pessimistischere Personen dagegen zeigten individuellere Aktivitätsmuster, lediglich positive und negative Emotionen schienen sie weniger stark zu unterscheiden. Die Studie deutet somit an: ja, es gibt funktionale neuronale Unterschiede zwischen optimistischeren und pessimistischeren Menschen – allerdings werden diese erst deutlich, wenn man sie mit der subjektiven emotionalen Bewertung von Ereignissen verrechnet. Neuroanatomische Unterschiede gibt es also nicht, lediglich ähnliche Aktivitätsmuster, die mit Denkstilen zusammenzuhängen scheinen).<aside></aside></p> <h3 id="h-was-jetzt-wird-man-so-geboren-oder-kann-man-optimismus-trainieren">Was jetzt – wird man so geboren oder kann man Optimismus trainieren?</h3> <p>Auf die Frage nach der Determiniertheit von Optimismus gibt die Studie leider keine direkte Antwort. Schließlich bleibt es unklar, ob die Gehirne der Probandinnen und Probanden schon immer so waren, oder erst so wurden. Man müsste zu diesem Zweck dieselbe Studie einmal <em>prospektiv</em>, also über viele Jahre durchführen, um Veränderungen (oder Konsistenz) festzustellen.</p> <p>Andererseits deuten Meta-Analysen und Zwillingsstudien auf einen Mix aus Genetik und Umwelt hin, mit einer stärkeren Betonung der Umwelt (2, 3, 4). Mehrere Studien wiederholen Ergebnisse in der Größenordnung ~30% Genetik und ~70% Umwelt. Allerdings sind diese Studien schon etwas älter und mittlerer Qualität. Widersprüchlich zu diesem Befund ist außerdem, dass 29 Interventionsstudien (5) aus der <em>Positiven Psychologie</em> darauf hindeuten, dass man mit professionellem psychologischem Training einen höheren Score auf dem oben erwähnten LOT-R erzielen kann – dass die Effekte aber stets sehr klein ausfallen. Das heißt im Klartext: womöglich werden wir mit einer Tendenz geboren, die dann aber durch die Lebensereignisse stark beeinflusst wird. Und bewusst trainieren kann man Optimismus offenbar auch. Allerdings halten sich langfristige Veränderungen durch Schulungen in Positiver Psychologie in recht engen Grenzen.</p> <h3 id="h-weiss-man-ja-eigentlich">Weiß man ja eigentlich</h3> <p>Ganz eindeutig ist das Bild also noch nicht, es fehlt an prospektiven Studien. Wie bei vielen Themen der Psychologie reicht aber womöglich auch unser Alltagsgefühl aus, um das Phänomen adäquat zu erfassen. Das japanische Forschungsteam leitet ihren Fachartikel mit einer Anekdote aus Tolstoi’s Buch <em>Anna Karenina</em> (1877) ein. Das tun sie, weil Tolstoi dort die wissenschaftlichen Befunde der Studie bereits vorweggenommen hat. So entstand das in der Wissenschaft häufig zitierte <em>Anna Karenina Prinzip,</em> welches erst Anlass zur Studie war. Ähnlich ist es mit Voltaire, der sein Buch <em>Candide oder der Optimismus</em> (1759) mit dem vielleicht universellen Prinzip abschließt: ‚Das Glück ist mit den Fleißigen‘. Weiß man ja eigentlich.</p> <p><strong>Mehr Wissenschaftskommunikation gibt’s auf <a href="https://www.instagram.com/davidmwurzer/">Instagram</a>.</strong></p> <p><strong>Quellen</strong></p> <p>(1) Yanagisawa, K., Nakai, R., Asano, K., Kashima, E. S., Sugiura, H., &amp; Abe, N. (2025). Optimistic people are all alike: Shared neural representations supporting episodic future thinking among optimistic individuals. <em>Proceedings of the National Academy of Sciences</em>, <em>122</em>(30), e2511101122.</p> <p>(2) Schulman, P., Keith, D., &amp; Seligman, M. E. (1993). Is optimism heritable? A study of twins. <em>Behaviour research and therapy</em>, <em>31</em>(6), 569-574.</p> <p>(3) van de Weijer, M. P., de Vries, L. P., &amp; Bartels, M. (2022). Happiness and well-being: The value and findings from genetic studies. In <em>Twin research for everyone</em> (pp. 295-322). Academic Press.</p> <p>(4) <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s10519-021-10081-9?utm_source=chatgpt.com">de Vries, L. P., van de Weijer, M. P., Pelt, D. H., Ligthart, L., Willemsen, G., Boomsma, D. I., … &amp; Bartels, M. (2022). Gene-by-crisis interaction for optimism and meaning in life: the effects of the COVID-19 pandemic. <em>Behavior Genetics</em>, <em>52</em>(1), 13-25.</a> Die Autorinnen und Autoren diskutieren hier das Thema Optimismus am Rande.</p> <p>(5) Malouff, J. M., &amp; Schutte, N. S. (2017). Can psychological interventions increase optimism? A meta-analysis. <em>The Journal of Positive Psychology</em>, <em>12</em>(6), 594-604.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Bild_GHS_Optimismus-1024x683.png" /><h1>Wird schon gut gehen – oder? Neurowissenschaft und Optimismus » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By David Wurzer</h2><div itemprop="text"> <p>1761 schreibt der französische Philosoph Voltaire in einem Brief: „Tatsächlich habe ich, nachdem mir vor einigen Jahren klar geworden war, dass es nichts nützt, betrübt zu sein, begonnen, etwas fröhlicher zu leben – man hatte mir gesagt, das sei gesund.“ Bis heute streitet sich die Wissenschaft jedoch über die Frage, ob man als Optimist oder Pessimist geboren wird oder ob man Optimismus, á la Voltaire, auch trainieren kann.</p> <p>Eine aktuelle Studie (1) hat nun erstmals Unterschiede in den Gehirnen von Optimisten und Pessimisten gefunden. Interessant dabei: Optimisten zeigen untereinander sehr ähnliche neuronale Aktivitätsmuster, was einem geteilten, positiven Interpretationsstil entspricht. Pessimisten hingegen zeigen neuronal eher eigenwillige Repräsentationen der Zukunft. Kurz: Optimisten ähneln sich in ihrem Denkstil, Pessimisten variieren mehr.</p> <h3 id="h-kann-man-optimistische-gehirne-erkennen">Kann man optimistische Gehirne erkennen?</h3> <p>Das japanische Forschungsteam der Universität Kyoto unterzog in zwei Experimenten insgesamt 87 Probandinnen und Probanden einem fMRT Scan (Kernspin), um deren Aktivitätsmuster zu kartographieren. Zunächst erfassten die Forschenden jedoch den Optimismusgrad der Teilnehmenden mithilfe des etablierten <em>Life Orientation Test – Revised</em> (LOT-R). Dieser misst, wie stark jemand dazu neigt, stabile positive oder negative Erwartungen an die Zukunft zu haben (wissenschaftlich spricht man von <em>dispositionellem Optimismus</em>, einem Persönlichkeitsmerkmal). Auf dieser Basis erhielt jede Versuchsperson einen individuellen Optimismus-Score, es ging also nicht um eine scharfe Trennung zwischen Optimisten und Pessimisten, sondern um die Nuancen eines Spektrums.</p> <p>Anschließend sollten die Probandinnen und Probanden sich, während des Hirnscans, verschiedene zukünftige Ereignisse vorstellen – positive, negative und neutrale Szenarien, wie z.B. eine Weltreise, einen Glücksspielgewinn oder den Tod. Im Zentrum der Auswertung stand der mediale präfrontale Kortex (mPFC) – eine Region, die an Selbstbezug, Zukunftsplanung und an der Bewertung emotionaler Relevanz beteiligt ist. Die Forschenden verglichen mithilfe multivariater Musteranalysen, wie ähnlich die Aktivitätsmuster zwischen verschiedenen Personen waren. Und: wie sehr diese neuronalen Muster mit dem subjektiven emotionalen Rating der mentalen Vorstellungen waren. Die Fragestellung: kann man Optimisten an ihrer Hirnaktivität erkennen?  </p> <h3 id="h-das-studienergebnis">Das Studienergebnis</h3> <p>Das Ergebnis war deutlich: Optimistischere Personen zeigten im mPFC besonders konsistente neuronale Muster, wenn sie über zukünftige Ereignisse nachdachten. Ihre Gehirnaktivität unterschied klarer zwischen positiven und negativen Szenarien, was sich in der subjektiven emotionalen Bewertung widerspiegelte. Man könnte sagen: Optimistische Menschen organisieren ihr Zukunftsdenken stärker entlang einer „emotionalen Achse“ und konkretisieren das Positive, während das Negative abstrakter bleibt. Pessimistischere Personen dagegen zeigten individuellere Aktivitätsmuster, lediglich positive und negative Emotionen schienen sie weniger stark zu unterscheiden. Die Studie deutet somit an: ja, es gibt funktionale neuronale Unterschiede zwischen optimistischeren und pessimistischeren Menschen – allerdings werden diese erst deutlich, wenn man sie mit der subjektiven emotionalen Bewertung von Ereignissen verrechnet. Neuroanatomische Unterschiede gibt es also nicht, lediglich ähnliche Aktivitätsmuster, die mit Denkstilen zusammenzuhängen scheinen).<aside></aside></p> <h3 id="h-was-jetzt-wird-man-so-geboren-oder-kann-man-optimismus-trainieren">Was jetzt – wird man so geboren oder kann man Optimismus trainieren?</h3> <p>Auf die Frage nach der Determiniertheit von Optimismus gibt die Studie leider keine direkte Antwort. Schließlich bleibt es unklar, ob die Gehirne der Probandinnen und Probanden schon immer so waren, oder erst so wurden. Man müsste zu diesem Zweck dieselbe Studie einmal <em>prospektiv</em>, also über viele Jahre durchführen, um Veränderungen (oder Konsistenz) festzustellen.</p> <p>Andererseits deuten Meta-Analysen und Zwillingsstudien auf einen Mix aus Genetik und Umwelt hin, mit einer stärkeren Betonung der Umwelt (2, 3, 4). Mehrere Studien wiederholen Ergebnisse in der Größenordnung ~30% Genetik und ~70% Umwelt. Allerdings sind diese Studien schon etwas älter und mittlerer Qualität. Widersprüchlich zu diesem Befund ist außerdem, dass 29 Interventionsstudien (5) aus der <em>Positiven Psychologie</em> darauf hindeuten, dass man mit professionellem psychologischem Training einen höheren Score auf dem oben erwähnten LOT-R erzielen kann – dass die Effekte aber stets sehr klein ausfallen. Das heißt im Klartext: womöglich werden wir mit einer Tendenz geboren, die dann aber durch die Lebensereignisse stark beeinflusst wird. Und bewusst trainieren kann man Optimismus offenbar auch. Allerdings halten sich langfristige Veränderungen durch Schulungen in Positiver Psychologie in recht engen Grenzen.</p> <h3 id="h-weiss-man-ja-eigentlich">Weiß man ja eigentlich</h3> <p>Ganz eindeutig ist das Bild also noch nicht, es fehlt an prospektiven Studien. Wie bei vielen Themen der Psychologie reicht aber womöglich auch unser Alltagsgefühl aus, um das Phänomen adäquat zu erfassen. Das japanische Forschungsteam leitet ihren Fachartikel mit einer Anekdote aus Tolstoi’s Buch <em>Anna Karenina</em> (1877) ein. Das tun sie, weil Tolstoi dort die wissenschaftlichen Befunde der Studie bereits vorweggenommen hat. So entstand das in der Wissenschaft häufig zitierte <em>Anna Karenina Prinzip,</em> welches erst Anlass zur Studie war. Ähnlich ist es mit Voltaire, der sein Buch <em>Candide oder der Optimismus</em> (1759) mit dem vielleicht universellen Prinzip abschließt: ‚Das Glück ist mit den Fleißigen‘. Weiß man ja eigentlich.</p> <p><strong>Mehr Wissenschaftskommunikation gibt’s auf <a href="https://www.instagram.com/davidmwurzer/">Instagram</a>.</strong></p> <p><strong>Quellen</strong></p> <p>(1) Yanagisawa, K., Nakai, R., Asano, K., Kashima, E. S., Sugiura, H., &amp; Abe, N. (2025). Optimistic people are all alike: Shared neural representations supporting episodic future thinking among optimistic individuals. <em>Proceedings of the National Academy of Sciences</em>, <em>122</em>(30), e2511101122.</p> <p>(2) Schulman, P., Keith, D., &amp; Seligman, M. E. (1993). Is optimism heritable? A study of twins. <em>Behaviour research and therapy</em>, <em>31</em>(6), 569-574.</p> <p>(3) van de Weijer, M. P., de Vries, L. P., &amp; Bartels, M. (2022). Happiness and well-being: The value and findings from genetic studies. In <em>Twin research for everyone</em> (pp. 295-322). Academic Press.</p> <p>(4) <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s10519-021-10081-9?utm_source=chatgpt.com">de Vries, L. P., van de Weijer, M. P., Pelt, D. H., Ligthart, L., Willemsen, G., Boomsma, D. I., … &amp; Bartels, M. (2022). Gene-by-crisis interaction for optimism and meaning in life: the effects of the COVID-19 pandemic. <em>Behavior Genetics</em>, <em>52</em>(1), 13-25.</a> Die Autorinnen und Autoren diskutieren hier das Thema Optimismus am Rande.</p> <p>(5) Malouff, J. M., &amp; Schutte, N. S. (2017). Can psychological interventions increase optimism? A meta-analysis. <em>The Journal of Positive Psychology</em>, <em>12</em>(6), 594-604.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/wird-schon-gut-gehen-oder-neurowissenschaft-und-optimismus/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>7</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeo Podcast: Cygnus X-1 – wie findet man ein Schwarzes Loch? https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/#comments Sun, 12 Oct 2025 05:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1761 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag124-sl-768x768.jpg Das Röntgenbild des Schwarzen Lochs Cygnus X-1 zeigt ein helles blaues Licht in der Mitte, umgeben von einem dunklen Hintergrund. Die blaue Quelle hat ein körniges, leuchtendes Aussehen, das an einen sehr großen, aber leicht unscharfen Stern erinnert. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag124-sl-scaled.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Cygnus X-1 - wie findet man ein Schwarzes Loch? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag124-schwarze-loecher-entdeckung.html#/">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Je nach Masse beenden Sterne ihre Entwicklung auf unterschiedliche Weisen. Ein Stern wie unsere Sonne – eher klein, eher gelb – endet als Weißer Zwerg. Massereichere Sterne hingegen verwandeln sich in Neutronensterne, die dichtesten Gebilde im Universum. Nur den massereichsten Sternen ist das wohl spektakulärste Schicksal vorbehalten: Sie kollabieren zu einem Schwarzen Loch. Weiße Zwerge und Neutronensterne können Astronominnen und Astronomen problemlos im All beobachten – aber Schwarze Löcher? Wie sollte man ein Schwarzes Loch beobachten können, das seinem Namen wirklich alle Ehre macht, da schließlich noch nicht einmal Licht ihm entkommen kann? Schwarze Löcher sind per Definition unsichtbar.</p> <p>Nachdem Forschende im Jahr 1939 die Existenz von Schwarzen Löchern vorhergesagt hatten, blieben diese zunächst ein rein theoretisches Gebilde. Wenn überhaupt, beschäftigten sich Mathematiker und theoretische Physiker damit, vor allem waren das die Liebhaber der Allgemeinen Relativitätstheorie. Astronomen und Astrophysikerinnen hingegen kümmerten sich nicht um Schwarze Löcher – denn noch war sich niemand sicher, dass es sie tatsächlich gibt.<aside></aside></p> <p>Das sollte sich erst in den 1960er-Jahren ändern. Damals wurde klar, dass Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie nicht nur ein theoretisches Konstrukt ist, sondern sich auch an astronomischen Himmelsobjekten beobachten lässt. Da Schwarze Löcher eine Konsequenz aus der Allgemeinen Relativitätstheorie sind, stellte sich damit die Fragen, ob es sie tatsächlich gibt und falls ja, wie man sie überhaupt beobachten könnte.</p> <p>In dieser Folge erzählt Franzi, wie Astronominnen und Astronomen das erste Schwarze Loch entdeckt haben: eine helle Röntgenquelle namens Cygnus X-1 im Sternbild Schwan – und warum sie sich trotzdem lange Zeit nicht sicher sein konnten, dass es wirklich existierte.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 61: <a href="https://astrogeo.de/quasisterne-in-der-ferne/">Quasisterne in der Ferne</a></li> <li>Folge 75: <a href="https://astrogeo.de/ein-schwarzes-loch-im-zentrum-der-etwas-andere-quasi-stern/">Ein Schwarzes Loch im Zentrum: der etwas andere Quasi-Stern</a></li> <li>Folge 102: <a href="https://astrogeo.de/das-ende-des-anfangs-was-vom-urknall-uebrigblieb/">Das Ende des Anfangs: Was vom Urknall übrigblieb</a></li> <li>Folge 120: <a href="https://astrogeo.de/riss-in-der-raumzeit-wie-karl-schwarzschild-auf-schwarze-loecher-stiess/">Raumzeit-Riss: Wie Karl Schwarzschild auf Schwarze Löcher stieß</a></li> <li>Folge 123: <a href="https://astrogeo.de/weisse-zwerge-die-rettung-vor-dem-schwarzen-loch/">Weiße Zwerge – die Rettung vor dem Schwarzen Loch?</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links">Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Allgemeine_Relativit%C3%A4tstheorie">Allgemeine Relativitätstheorie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ereignishorizont">Ereignishorizont</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Singularit%C3%A4t_(Astronomie)">Singularität (Astronomie)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzes_Loch">Schwarzes Loch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Schwarzen_L%C3%B6cher">Geschichte der Schwarzen Löcher</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ereignishorizont">Ereignishorizont</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/David_Finkelstein">David Finkelstein</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Engelbert_Sch%C3%BCcking">Engelbert Schücking</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/3C_273">3C 273</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Quasar">Quasar</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Schwarzschild">Martin Schwarzschild</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Henry_Dicke">Robert Henry Dicke</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Cygnus_X-1">Cygnus X-1</a></li> <li>Welt der Physik: <a href="https://www.weltderphysik.de/gebiet/universum/schwarze-loecher/ereignishorizont/">Die Grenzen eines Schwarzen Lochs</a> (2016)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://www.nature.com/articles/235037a0">Cygnus X-1-a Spectroscopic Binary with a Heavy Companion? (1972)</a></li> <li>Buch: <a href="https://marcuschown.com/book/a-crack-in-everything/">Marcus Chown: A Crack in Everything</a></li> <li>Buch: <a href="https://yalebooks.yale.edu/book/9780300219661/black-hole/">Marcia Bartusiak: Black Hole</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s00016-025-00331-2">The Prediction and Interpretation of Singularities and Black Holes: From Einstein and Schwarzschild to Penrose and Wheeler</a> (2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://chandra.harvard.edu/photo/2009/cygx1/">NASA/CXC/SAO </a></em></p> <p><em>Schwarze Löcher sind unsichtbar – auch auf diesem Röntgenbild ist das Schwarze Loch Cygnus X-1 nicht zu sehen. Es verrät sich über seine Röntgenstrahlung: Weil das Schwarze Loch Materie von seinem Begleitstern abzieht, wird diese hochenergetische Strahlung freigesetzt, während die Materie selbst auf Nimmerwiedersehen ins Schwarze Loch stürzt.</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag124-sl-scaled.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Cygnus X-1 - wie findet man ein Schwarzes Loch? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag124-schwarze-loecher-entdeckung.html#/">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Je nach Masse beenden Sterne ihre Entwicklung auf unterschiedliche Weisen. Ein Stern wie unsere Sonne – eher klein, eher gelb – endet als Weißer Zwerg. Massereichere Sterne hingegen verwandeln sich in Neutronensterne, die dichtesten Gebilde im Universum. Nur den massereichsten Sternen ist das wohl spektakulärste Schicksal vorbehalten: Sie kollabieren zu einem Schwarzen Loch. Weiße Zwerge und Neutronensterne können Astronominnen und Astronomen problemlos im All beobachten – aber Schwarze Löcher? Wie sollte man ein Schwarzes Loch beobachten können, das seinem Namen wirklich alle Ehre macht, da schließlich noch nicht einmal Licht ihm entkommen kann? Schwarze Löcher sind per Definition unsichtbar.</p> <p>Nachdem Forschende im Jahr 1939 die Existenz von Schwarzen Löchern vorhergesagt hatten, blieben diese zunächst ein rein theoretisches Gebilde. Wenn überhaupt, beschäftigten sich Mathematiker und theoretische Physiker damit, vor allem waren das die Liebhaber der Allgemeinen Relativitätstheorie. Astronomen und Astrophysikerinnen hingegen kümmerten sich nicht um Schwarze Löcher – denn noch war sich niemand sicher, dass es sie tatsächlich gibt.<aside></aside></p> <p>Das sollte sich erst in den 1960er-Jahren ändern. Damals wurde klar, dass Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie nicht nur ein theoretisches Konstrukt ist, sondern sich auch an astronomischen Himmelsobjekten beobachten lässt. Da Schwarze Löcher eine Konsequenz aus der Allgemeinen Relativitätstheorie sind, stellte sich damit die Fragen, ob es sie tatsächlich gibt und falls ja, wie man sie überhaupt beobachten könnte.</p> <p>In dieser Folge erzählt Franzi, wie Astronominnen und Astronomen das erste Schwarze Loch entdeckt haben: eine helle Röntgenquelle namens Cygnus X-1 im Sternbild Schwan – und warum sie sich trotzdem lange Zeit nicht sicher sein konnten, dass es wirklich existierte.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 61: <a href="https://astrogeo.de/quasisterne-in-der-ferne/">Quasisterne in der Ferne</a></li> <li>Folge 75: <a href="https://astrogeo.de/ein-schwarzes-loch-im-zentrum-der-etwas-andere-quasi-stern/">Ein Schwarzes Loch im Zentrum: der etwas andere Quasi-Stern</a></li> <li>Folge 102: <a href="https://astrogeo.de/das-ende-des-anfangs-was-vom-urknall-uebrigblieb/">Das Ende des Anfangs: Was vom Urknall übrigblieb</a></li> <li>Folge 120: <a href="https://astrogeo.de/riss-in-der-raumzeit-wie-karl-schwarzschild-auf-schwarze-loecher-stiess/">Raumzeit-Riss: Wie Karl Schwarzschild auf Schwarze Löcher stieß</a></li> <li>Folge 123: <a href="https://astrogeo.de/weisse-zwerge-die-rettung-vor-dem-schwarzen-loch/">Weiße Zwerge – die Rettung vor dem Schwarzen Loch?</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links">Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Allgemeine_Relativit%C3%A4tstheorie">Allgemeine Relativitätstheorie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ereignishorizont">Ereignishorizont</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Singularit%C3%A4t_(Astronomie)">Singularität (Astronomie)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzes_Loch">Schwarzes Loch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Schwarzen_L%C3%B6cher">Geschichte der Schwarzen Löcher</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ereignishorizont">Ereignishorizont</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/David_Finkelstein">David Finkelstein</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Engelbert_Sch%C3%BCcking">Engelbert Schücking</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/3C_273">3C 273</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Quasar">Quasar</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Schwarzschild">Martin Schwarzschild</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Henry_Dicke">Robert Henry Dicke</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Cygnus_X-1">Cygnus X-1</a></li> <li>Welt der Physik: <a href="https://www.weltderphysik.de/gebiet/universum/schwarze-loecher/ereignishorizont/">Die Grenzen eines Schwarzen Lochs</a> (2016)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://www.nature.com/articles/235037a0">Cygnus X-1-a Spectroscopic Binary with a Heavy Companion? (1972)</a></li> <li>Buch: <a href="https://marcuschown.com/book/a-crack-in-everything/">Marcus Chown: A Crack in Everything</a></li> <li>Buch: <a href="https://yalebooks.yale.edu/book/9780300219661/black-hole/">Marcia Bartusiak: Black Hole</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s00016-025-00331-2">The Prediction and Interpretation of Singularities and Black Holes: From Einstein and Schwarzschild to Penrose and Wheeler</a> (2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://chandra.harvard.edu/photo/2009/cygx1/">NASA/CXC/SAO </a></em></p> <p><em>Schwarze Löcher sind unsichtbar – auch auf diesem Röntgenbild ist das Schwarze Loch Cygnus X-1 nicht zu sehen. Es verrät sich über seine Röntgenstrahlung: Weil das Schwarze Loch Materie von seinem Begleitstern abzieht, wird diese hochenergetische Strahlung freigesetzt, während die Materie selbst auf Nimmerwiedersehen ins Schwarze Loch stürzt.</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/#comments 3 Neuromythos: Persönlichkeit zerstört durch Hirnverletzung oder spektakuläre Erholung? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neuromythos-persoenlichkeit-zerstoert-durch-hirnverletzung-oder-spektakulaere-erholung/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neuromythos-persoenlichkeit-zerstoert-durch-hirnverletzung-oder-spektakulaere-erholung/#comments Thu, 09 Oct 2025 11:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3450 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Bigelow-1850-Phineas-Gage-Recovery-Figure-1-768x444.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neuromythos-persoenlichkeit-zerstoert-durch-hirnverletzung-oder-spektakulaere-erholung/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Bigelow-1850-Phineas-Gage-Recovery-Figure-1.jpg" /><h1>Neuromythos: Persönlichkeit zerstört durch Hirnverletzung oder spektakuläre Erholung? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><br></br><strong>Phineas Gage ist der berühmteste neurologische Patient aller Zeiten. In einem neuen Podcast wird nun auf unterhaltsame Weise die ganze Geschichte erzählt.</strong></p> <span id="more-3450"></span> <p>Wir befinden uns im Jahr 1848 in der Nähe des Dorfs Cavendish im US-Bundesstaat Vermont. Der Ausbau der Eisenbahn läuft auf Hochtouren. Doch die Arbeit ist oft schwierig. Wie räumte man damals Felsblöcke aus dem Weg, um den Schienen den Weg zu bahnen? Am besten mit Sprengstoff.</p> <p>Am Nachmittag des 13. Septembers macht der damals 25-jährige Vorarbeiter Phineas Gage einen folgenschweren Fehler: In den Händen hält er die sechs Kilo schwere Eisenstange, mit der er sonst eine Schicht Sand auf das Schwarzpulver für eine Sprengung presst. Für einen Moment ist er abgelenkt.</p> <p>Wahrscheinlich kommen Eisen und Fels in Kontakt und entsteht so ein Funke. Dieser entzündet das Schwarzpulver, das noch nicht mit Sand abgedeckt ist. Die Explosion schießt die Eisenstange durch seinen Kopf. Wäre sie nicht angespitzt gewesen, hätte ihm die schiere Wucht wohl Schädel und Genick gebrochen. So wird der junge Mann zwar umgeworfen. Doch wenig später steht er wieder auf – blutend und mit einem Loch im Kopf. Er ist bei Bewusstsein und ansprechbar.</p> <h2 id="h-fakt-und-fiktion">Fakt und Fiktion</h2> <p>Was sich im 19. Jahrhundert niemand vorstellen konnte, ist für uns heute ein historisches Fakt: Phineas Gage überlebt den gravierenden Unfall. Wie ein zweites Wunder muss uns erscheinen, dass ihn auch die schlechten hygienischen Bedingungen der damaligen Zeit nicht dahinraffen. Der einfache Landarzt John M. Harlow (1819-1907), gerade einmal vier Jahre älter als sein Patient, versorgt ihn und rettet ihn auch durch ein gefährliches Fieberkoma.<aside></aside></p> <p>Das wäre alles schon außergewöhnlich genug, um den Fall interessant für medizinische Geschichtsbücher zu machen. Doch bis in die heutige Zeit fasziniert uns Gages Hirnschaden wegen der (angeblichen) Persönlichkeitsveränderungen, die dadurch entstanden: Viele Forscher behaupten, die Eisenstange habe aus dem vorbildlichen Vorarbeiter eine Art Psychopath gemacht. Eine Verwandlung von Doktor Jekyll zu Mister Hyde.</p> <p>Ist das aber die ganze Geschichte? Und stimmt sie überhaupt? Oder haben Harlow und andere den Fall so beschrieben, wie es die damals vorherrschende Gehirntheorie, die Phrenologie, erwarten ließ? Und was ist mit alternativen psychologischen Erklärungen, wie zum Beispiel der posttraumatischen Belastungsstörung?</p> <h2 id="h-neuer-podcast">Neuer Podcast</h2> <p><br></br>Armin Groh hat den Fall in seinem Podcast “<a href="https://www.rsh.de/jahrhundertgeschichten">Jahrhundertgeschichten. Der True-Life Podcast</a>” aufgegriffen und musikalisch untermalt. Erfahren Sie im Gespräch mit mir, ob Gages Persönlichkeit wirklich unwiderruflich durch die Eisenstange zerstört wurde – oder es sich vielmehr um ein Beispiel einer spektakulären Erholung handelt, Stichwort: Neuroplastizität.</p> <p>Lernen Sie die ganze Geschichte kennen. Und auch die wissenschaftliche Geschichte hinter der Geschichte.</p> <figure></figure> <p>Als Alternative zu Spotify ist die Folge auch <a href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/jahrhundertgeschichten/id1725966102">auf Apple Podcasts</a> verfügbar.</p> <h2 id="h-hintergrunde">Hintergründe</h2> <p>Mehr zum Fall und seiner Bedeutung für Psychologie und Hirnforschung können Sie in meinem Buch <em><a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-662-66323-3">Wissenschaft und Willensfreiheit</a></em> (hier beim Verlag oder im Buchhandel erhältlich) nachlesen. Über die Geschichte der Phrenologie und ihre Bedeutung für Hirnforschung und Psychiatrie bis heute erfahren Sie mehr in meinem neuen Buch <em>Perspektiven aus der Depressions-Pandemie</em>.</p> <figure><a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die “Depressions-Epidemie” im neuen Buch von Stephan Schleim: Was sind Depressionen überhaupt? Wie werden sie diagnostiziert? Wie veränderte sich das Störungsbild im Laufe der Zeit? Warum wird es in den letzten Jahrzehnten so viel häufiger diagnostiziert und haben sich die Medikamentenverschreibungen verfielfacht? Das Buch kombiniert 27 alte und neue Perspektiven aus Psychologie, Neurowissenschaft und Soziologie mit viel Orientierungswissen zum Verstehen, Vorbeugen und Heilen. Das eBook gibt es für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="http://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play</a><a href="https://play.google.com/store/books/details?id=pbRPEQAAQBAJ"> Books</a>.</em></p> <p>Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung findet sich in meinen beiden Publikationen:</p> <ul> <li>Schleim, S. (2012). <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0160252712000027">Brains in context in the neurolaw debate: The examples of free will and “dangerous” brains</a>. <em>International Journal of Law and Psychiatry</em>, <em>35</em>(2), 104-111.</li> <li>Schleim, S. (2022). <a href="https://www.frontiersin.org/journals/human-neuroscience/articles/10.3389/fnhum.2022.734174/full">Neuroscience education begins with good science: Communication about Phineas Gage (1823–1860), one of neurology’s most-famous patients, in scientific articles</a>. <em>Frontiers in Human Neuroscience</em>, <em>16</em>, 734174.</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: Nach dem Arzt und Wissenschaftler Henry J. Bigelow, 1850</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/782baef62f8648d5b799f139d04a7b43" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Bigelow-1850-Phineas-Gage-Recovery-Figure-1.jpg" /><h1>Neuromythos: Persönlichkeit zerstört durch Hirnverletzung oder spektakuläre Erholung? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><br></br><strong>Phineas Gage ist der berühmteste neurologische Patient aller Zeiten. In einem neuen Podcast wird nun auf unterhaltsame Weise die ganze Geschichte erzählt.</strong></p> <span id="more-3450"></span> <p>Wir befinden uns im Jahr 1848 in der Nähe des Dorfs Cavendish im US-Bundesstaat Vermont. Der Ausbau der Eisenbahn läuft auf Hochtouren. Doch die Arbeit ist oft schwierig. Wie räumte man damals Felsblöcke aus dem Weg, um den Schienen den Weg zu bahnen? Am besten mit Sprengstoff.</p> <p>Am Nachmittag des 13. Septembers macht der damals 25-jährige Vorarbeiter Phineas Gage einen folgenschweren Fehler: In den Händen hält er die sechs Kilo schwere Eisenstange, mit der er sonst eine Schicht Sand auf das Schwarzpulver für eine Sprengung presst. Für einen Moment ist er abgelenkt.</p> <p>Wahrscheinlich kommen Eisen und Fels in Kontakt und entsteht so ein Funke. Dieser entzündet das Schwarzpulver, das noch nicht mit Sand abgedeckt ist. Die Explosion schießt die Eisenstange durch seinen Kopf. Wäre sie nicht angespitzt gewesen, hätte ihm die schiere Wucht wohl Schädel und Genick gebrochen. So wird der junge Mann zwar umgeworfen. Doch wenig später steht er wieder auf – blutend und mit einem Loch im Kopf. Er ist bei Bewusstsein und ansprechbar.</p> <h2 id="h-fakt-und-fiktion">Fakt und Fiktion</h2> <p>Was sich im 19. Jahrhundert niemand vorstellen konnte, ist für uns heute ein historisches Fakt: Phineas Gage überlebt den gravierenden Unfall. Wie ein zweites Wunder muss uns erscheinen, dass ihn auch die schlechten hygienischen Bedingungen der damaligen Zeit nicht dahinraffen. Der einfache Landarzt John M. Harlow (1819-1907), gerade einmal vier Jahre älter als sein Patient, versorgt ihn und rettet ihn auch durch ein gefährliches Fieberkoma.<aside></aside></p> <p>Das wäre alles schon außergewöhnlich genug, um den Fall interessant für medizinische Geschichtsbücher zu machen. Doch bis in die heutige Zeit fasziniert uns Gages Hirnschaden wegen der (angeblichen) Persönlichkeitsveränderungen, die dadurch entstanden: Viele Forscher behaupten, die Eisenstange habe aus dem vorbildlichen Vorarbeiter eine Art Psychopath gemacht. Eine Verwandlung von Doktor Jekyll zu Mister Hyde.</p> <p>Ist das aber die ganze Geschichte? Und stimmt sie überhaupt? Oder haben Harlow und andere den Fall so beschrieben, wie es die damals vorherrschende Gehirntheorie, die Phrenologie, erwarten ließ? Und was ist mit alternativen psychologischen Erklärungen, wie zum Beispiel der posttraumatischen Belastungsstörung?</p> <h2 id="h-neuer-podcast">Neuer Podcast</h2> <p><br></br>Armin Groh hat den Fall in seinem Podcast “<a href="https://www.rsh.de/jahrhundertgeschichten">Jahrhundertgeschichten. Der True-Life Podcast</a>” aufgegriffen und musikalisch untermalt. Erfahren Sie im Gespräch mit mir, ob Gages Persönlichkeit wirklich unwiderruflich durch die Eisenstange zerstört wurde – oder es sich vielmehr um ein Beispiel einer spektakulären Erholung handelt, Stichwort: Neuroplastizität.</p> <p>Lernen Sie die ganze Geschichte kennen. Und auch die wissenschaftliche Geschichte hinter der Geschichte.</p> <figure></figure> <p>Als Alternative zu Spotify ist die Folge auch <a href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/jahrhundertgeschichten/id1725966102">auf Apple Podcasts</a> verfügbar.</p> <h2 id="h-hintergrunde">Hintergründe</h2> <p>Mehr zum Fall und seiner Bedeutung für Psychologie und Hirnforschung können Sie in meinem Buch <em><a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-662-66323-3">Wissenschaft und Willensfreiheit</a></em> (hier beim Verlag oder im Buchhandel erhältlich) nachlesen. Über die Geschichte der Phrenologie und ihre Bedeutung für Hirnforschung und Psychiatrie bis heute erfahren Sie mehr in meinem neuen Buch <em>Perspektiven aus der Depressions-Pandemie</em>.</p> <figure><a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die “Depressions-Epidemie” im neuen Buch von Stephan Schleim: Was sind Depressionen überhaupt? Wie werden sie diagnostiziert? Wie veränderte sich das Störungsbild im Laufe der Zeit? Warum wird es in den letzten Jahrzehnten so viel häufiger diagnostiziert und haben sich die Medikamentenverschreibungen verfielfacht? Das Buch kombiniert 27 alte und neue Perspektiven aus Psychologie, Neurowissenschaft und Soziologie mit viel Orientierungswissen zum Verstehen, Vorbeugen und Heilen. Das eBook gibt es für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="http://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play</a><a href="https://play.google.com/store/books/details?id=pbRPEQAAQBAJ"> Books</a>.</em></p> <p>Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung findet sich in meinen beiden Publikationen:</p> <ul> <li>Schleim, S. (2012). <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0160252712000027">Brains in context in the neurolaw debate: The examples of free will and “dangerous” brains</a>. <em>International Journal of Law and Psychiatry</em>, <em>35</em>(2), 104-111.</li> <li>Schleim, S. (2022). <a href="https://www.frontiersin.org/journals/human-neuroscience/articles/10.3389/fnhum.2022.734174/full">Neuroscience education begins with good science: Communication about Phineas Gage (1823–1860), one of neurology’s most-famous patients, in scientific articles</a>. <em>Frontiers in Human Neuroscience</em>, <em>16</em>, 734174.</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: Nach dem Arzt und Wissenschaftler Henry J. Bigelow, 1850</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/782baef62f8648d5b799f139d04a7b43" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neuromythos-persoenlichkeit-zerstoert-durch-hirnverletzung-oder-spektakulaere-erholung/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>7</slash:comments> </item> <item> <title>Der zelluläre Code zum Recyclen https://scilogs.spektrum.de/klartext/der-zellulaere-code-zum-recyclen/ https://scilogs.spektrum.de/klartext/der-zellulaere-code-zum-recyclen/#comments Thu, 09 Oct 2025 10:20:34 +0000 klartext https://scilogs.spektrum.de/klartext/?p=1144 https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender-768x649.png <link>https://scilogs.spektrum.de/klartext/der-zellulaere-code-zum-recyclen/</link> </image> <description type="html"><h1>Der zelluläre Code zum Recyclen » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für seine Bewerbung um den <a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><span>KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</span></a> 2023 in der Kategorie Biologie veranschaulichte Simon Kienle, was er für seine Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Wer bringt eigentlich in einer menschlichen Zelle den Müll weg? Erstaunlicherweise haben auch Zellen ein Müllentsorgungssystem. Die Zelle arbeitet hier mit einem ausgetüftelten Code, wobei ein bestimmtes Protein eine ganz besondere Rolle spielt. Das Müllentsorgungssystem der Zelle ist so wichtig, dass sich viele Krankheiten darauf zurückführen lassen.</em></p> <p>Eine menschliche Zelle ist wie eine Stadt. Sie ist stets „in action“. Dort gibt es Einrichtungen zur Energieerzeugung, Transportstraßen und Fabriken, die etwas herstellen. Es herrscht also viel Trubel in einer Zelle. Dabei fällt auch viel Müll an. Gut, dass eine Zelle auch ein Müllentsorgungssystem besitzt! Würde der Müll liegenbleiben, wäre das für die Abläufe in der Zelle schädlich und könnte letztlich Krankheiten verursachen. Und in der Tat, viele Krankheiten sind mit einer Fehlfunktion der zellulären Müllentsorgung verbunden. Aber wie funktioniert die Beseitigung von Müll in einer Zelle?</p> <p><strong>Die Müllabfuhr in der Zelle</strong></p> <p>Zu verstehen, wie eine Zelle ihren Müll beseitigt, ist nicht einfach, da es sich um ein sehr ausgetüfteltes System handelt. Hauptakteur ist ein Protein mit dem Namen Ubiquitin. Proteine sind im Prinzip zelleigene Maschinen und erfüllen bestimmte Aufgaben in der Zelle. Zum Beispiel transportieren Proteine Moleküle von einem Ort zum anderen, erzeugen Energie, oder beseitigen eben Müll. Somit sorgen Proteine für den reibungslosen Ablauf in einer Zelle. Das Protein Ubiquitin hat die Aufgabe defekte oder nicht mehr benötigte Proteine als „Müll“ zu markieren. Diese Proteine werden dann von der Zelle über ihr Müllentsorgungssystem mit speziellen Recycling-Proteinen beseitigt. Ubiquitin kann also als eine Art „Haftnotiz“ betrachtet werden. Wie eine Haftnotiz kann Ubiquitin an einem Protein angebracht aber auch wieder entfernt werden. Das Markieren von Proteinen mit diesem Haftnotiz-Protein Ubiquitin, ermöglicht es der Zelle zu unterscheiden welche Proteine entsorgt werden und welche nicht. Oder anders gesagt, nur Proteine mit der Haftnotiz werden beseitigt.<aside></aside></p> <p>In meiner Doktorarbeit habe ich mich hauptsächlich mit Ubiquitin, dem Haftnotiz Protein, befasst. Durch meine Forschung kann ein weiteres Mosaikstück zu dem Verständnis über die vielseitigen Aufgaben von Ubiquitin hinzugefügt werden.</p> <p>Ubiquitin und das Müllentsorgungssystem sind von zentraler Bedeutung für die Zelle. Viele Krankheiten lassen sich darauf zurückführen: Parkinson, Alzheimer, Gebärmutterhalskrebs im Besonderen und viele Krebsarten im Allgemeinen. Aber woher kommt diese zentrale Bedeutung?</p> <p><strong>Ein Code für viele Aufgaben</strong></p> <p>In unserem Alltag sind solche Haftnotizen, wie Ubiquitin, um bei der Analogie zu bleiben, in verschiedensten Farben erhältlich. Unterschiedliche Farben kann man nutzen, um ihnen unterschiedliche Aufgaben zuzuweisen, sodass man eine Art Farbcode erstellen kann. Dieses Prinzip trifft auch auf Ubiquitin zu. Es gibt auch bei Ubiquitin einen bestimmten Code, den „Ubiquitin-Code“. Nur ist dieser Code nicht durch ein Farbschema hinterlegt, sondern durch bestimmte Modifikationen von Ubiquitin, die wie ein Code funktionieren. Durch diesen Code weiß die zelleigene Müllentsorgung, ob es sich um Sperrmüll handelt oder ob ein Kleinteil recycelt werden soll. Der Ubiquitin-Code wird dazu von bestimmten Recycling-Proteinen gelesen und der Müll entsprechend entsorgt. So kann Ubiquitin als Haftnotiz für verschiedenste Müllsorten verwendet werden. In dieser Vielseitigkeit liegt auch die zentrale Bedeutung von Ubiquitin. Ubiquitin und dessen farbcode-ähnliche Modifikationen steuern nämlich fast alle Prozesse rundum die Abfallbeseitigung einer Zelle. Deswegen forschen wir auch intensiv an den Funktionen von Ubiquitin.</p> <p><strong>Ubiquitin und seine Verbindung zu Krankheiten</strong></p> <p>Bei Krankheiten wird Ubiquitin oft falsch angeheftet oder der Code nicht korrekt ausgeführt. Wenn eine Haftnotiz falsch angebracht wird, wird womöglich der falsche Gegenstand vernichtet bzw. entsorgt. Wird hingegen der Code nicht korrekt ausgeführt, kann es sein, dass Sperrmüllteile im Hausmüll entsorgt werden. Dies trifft auch auf Ubiquitin und das Müllentsorgungssystem zu. Damit in der Zelle alles problemlos abläuft, muss Ubiquitin auch an den richtigen Proteinen angebracht werden; für die passende Entsorgung muss der Ubiquitin-Code richtig entschlüsselt werden. Bei Krankheiten ist oftmals ein Punkt oder sogar beide dieser Punkte fehlgesteuert. Besonders deutlich wird das bei Gebärmutterhalskrebs. Hier wird unter anderem ein Protein irrtümlich vernichtet, welches das Zellwachstum hemmt. Das führt dann zu einer unkontrollierten Zellvermehrung und schließlich zu Krebs. Dahingegen werden bei Alzheimer kaputte Protein nicht richtig entsorgt. Sprich, der Protein-Müll bleibt in Gehirnzellen liegen und führt dazu, dass sie absterben.</p> <p>Jedoch wissen wir bei vielen Krankheiten nicht, was im Ablauf der Müllentsorgung, also im Ubiquitin-Code, schiefläuft. Deshalb habe ich mir das Ziel gesetzt, während meiner Doktorarbeit ein weiteres Stück Ubiquitin-Code zu entschlüsseln.</p> <p><strong>Ein weiteres Stück Ubiquitin-Code aufklären</strong></p> <p>Diesen vielseitigen Farbcode zu entschlüsseln, ist eine wahre Herkulesaufgabe, denn unsere Zellen benutzen enorme viele Ubiquitin Modifikationen. Sprich, es gibt eine außerordentlich große Anzahl an Farbvarianten der Haftnotiz. Deswegen sind wir den schlecht erforschten Farben der Haftnotiz auf die Spur gegangen. Wir haben dadurch den noch unbekannten Code hinter einer Farbe des Haftnotiz-Proteins und dessen Aufgabe bei der Müllentsorgung entschlüsselt.</p> <p>Dazu haben wir im Labor über ein paar Tricks, Ubiquitin, also die Haftnotiz, mit der entsprechenden Modifikation selbst hergestellt. Nun war die Frage: Was ist die Aufgabe hinter dieser Farbvariante des Ubiquitin-Codes?</p> <p><strong>Auf der Suche nach unseren Recycling-Proteinen</strong></p> <p>Es gibt bestimmte Recycling-Proteine, der zelleigenen Müllentsorgung, die den Ubiquitin-Code entschlüsseln können und dann den markierten Müll entsorgen. Dabei lesen diese Recycling-Proteine den Ubiquitin-Code und setzten ihn in die entsprechende Entsorgung um. Dazu binden diese decodierenden Recycling-Proteine spezifisch eine Farbe der Haftnotiz. Für unsere Ubiquitin Modifikation waren diese Recycling-Proteine noch nicht bekannt. Und solang dieses Stück des Ubiquitin-Codes nicht entziffert werden kann, kann auch die Aufgabe, die er beschreibt, nicht verstanden werden. Genau deswegen sind wir der Frage nachgegangen, welche Recycling-Proteine unsere Ubiquitin Modifikation übersetzen können.</p> <p>Dazu haben wir den gesuchten Recycling-Proteinen eine Falle gestellt. Diese Proteine müssen nämlich direkt an unser Haftnotiz-Protein Ubiquitin binden, um den Code zu lesen. Das haben wir ausgenutzt. Wenn wir bei der Analogie der Zelle als Stadt bleiben wollen, dann könnte man sagen, dass wir in der ganzen Stadt unsere Haftnotiz verteilt haben und dann beobachtet haben, welche Recycling-Proteine zu der Haftnotiz kommen und gebunden bleiben. Sprich, unsere Ubiquitin war der Köder für die zelluläre Müllabfuhr.</p> <p>Und in der Tat konnten wir dabei Recycling-Proteine finden. Sogar relativ viele Proteine gingen uns in die Falle. Eines jedoch stach besonders heraus: Das war das Protein mit dem Namen „NDP52“. NDP52 ging nämlich sehr häufig in die Falle, was natürlich unsere Aufmerksamkeit weckte. Außerdem ist NDP52 sehr interessant, da es bei der Beseitigung von bakteriellen Krankheitserregern eine wichtige Rolle spielt. Zu diesen Krankheitserregern gehören unter anderem Salmonellen. Wir versuchten also unsere Ergebnisse zu bestätigen – mit Erfolg! NDP52 zeigte in allen weiteren Versuchen eine starke Bindung zu unserer Ubiquitin-Haftnotiz. Das heißt, NDP52 ist eines der Recycling-Proteine für unseren Teil des Ubiquitin-Codes. So nehmen wir an, dass unser Stück Ubiquitin-Code dazu beiträgt große Sperrmüllteile, wie zum Beispiel ganze Bakterien, zu beseitigen. Im Allgemeinen lässt sich durch unsere Forschung mit NDP52 und den anderen gefundenen Recycling-Proteinen die Aufgabe unseres Stücks Ubiquitin-Code besser verstehen. In Zukunft kann dieses Wissen sogar zur Entwicklung neuer Medikamente gegen Krankheiten ausgenutzt werden.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender.png"><img alt="" decoding="async" height="7452" sizes="(max-width: 8813px) 100vw, 8813px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender.png 8813w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender-300x254.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender-1024x866.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender-768x649.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender-1536x1299.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender-2048x1732.png 2048w" width="8813"></img></a><figcaption><em>Erstellt mit BioRender</em></figcaption></figure> <hr></hr> <p>Simon Maria Kienle promovierte an der Universität Konstanz am Fachbereich Biologie zum Thema posttranslationale Modifikation von Proteinen und deren Wirkungsweisen. Er schloss seine Promotion im Jahr 2022 ab und forscht heute als PostDoc an der Realisierung von personalisierter Medizin am Steno Diabetes Center Kopenhagen, Dänemark. Hier begibt er sich auch mittels „-omics“ Technologien auf die Spurensuche nach Molekülen, die es erlauben ein Krankheitsverlauf zuverlässig vorherzusagen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Der zelluläre Code zum Recyclen » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für seine Bewerbung um den <a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><span>KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</span></a> 2023 in der Kategorie Biologie veranschaulichte Simon Kienle, was er für seine Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Wer bringt eigentlich in einer menschlichen Zelle den Müll weg? Erstaunlicherweise haben auch Zellen ein Müllentsorgungssystem. Die Zelle arbeitet hier mit einem ausgetüftelten Code, wobei ein bestimmtes Protein eine ganz besondere Rolle spielt. Das Müllentsorgungssystem der Zelle ist so wichtig, dass sich viele Krankheiten darauf zurückführen lassen.</em></p> <p>Eine menschliche Zelle ist wie eine Stadt. Sie ist stets „in action“. Dort gibt es Einrichtungen zur Energieerzeugung, Transportstraßen und Fabriken, die etwas herstellen. Es herrscht also viel Trubel in einer Zelle. Dabei fällt auch viel Müll an. Gut, dass eine Zelle auch ein Müllentsorgungssystem besitzt! Würde der Müll liegenbleiben, wäre das für die Abläufe in der Zelle schädlich und könnte letztlich Krankheiten verursachen. Und in der Tat, viele Krankheiten sind mit einer Fehlfunktion der zellulären Müllentsorgung verbunden. Aber wie funktioniert die Beseitigung von Müll in einer Zelle?</p> <p><strong>Die Müllabfuhr in der Zelle</strong></p> <p>Zu verstehen, wie eine Zelle ihren Müll beseitigt, ist nicht einfach, da es sich um ein sehr ausgetüfteltes System handelt. Hauptakteur ist ein Protein mit dem Namen Ubiquitin. Proteine sind im Prinzip zelleigene Maschinen und erfüllen bestimmte Aufgaben in der Zelle. Zum Beispiel transportieren Proteine Moleküle von einem Ort zum anderen, erzeugen Energie, oder beseitigen eben Müll. Somit sorgen Proteine für den reibungslosen Ablauf in einer Zelle. Das Protein Ubiquitin hat die Aufgabe defekte oder nicht mehr benötigte Proteine als „Müll“ zu markieren. Diese Proteine werden dann von der Zelle über ihr Müllentsorgungssystem mit speziellen Recycling-Proteinen beseitigt. Ubiquitin kann also als eine Art „Haftnotiz“ betrachtet werden. Wie eine Haftnotiz kann Ubiquitin an einem Protein angebracht aber auch wieder entfernt werden. Das Markieren von Proteinen mit diesem Haftnotiz-Protein Ubiquitin, ermöglicht es der Zelle zu unterscheiden welche Proteine entsorgt werden und welche nicht. Oder anders gesagt, nur Proteine mit der Haftnotiz werden beseitigt.<aside></aside></p> <p>In meiner Doktorarbeit habe ich mich hauptsächlich mit Ubiquitin, dem Haftnotiz Protein, befasst. Durch meine Forschung kann ein weiteres Mosaikstück zu dem Verständnis über die vielseitigen Aufgaben von Ubiquitin hinzugefügt werden.</p> <p>Ubiquitin und das Müllentsorgungssystem sind von zentraler Bedeutung für die Zelle. Viele Krankheiten lassen sich darauf zurückführen: Parkinson, Alzheimer, Gebärmutterhalskrebs im Besonderen und viele Krebsarten im Allgemeinen. Aber woher kommt diese zentrale Bedeutung?</p> <p><strong>Ein Code für viele Aufgaben</strong></p> <p>In unserem Alltag sind solche Haftnotizen, wie Ubiquitin, um bei der Analogie zu bleiben, in verschiedensten Farben erhältlich. Unterschiedliche Farben kann man nutzen, um ihnen unterschiedliche Aufgaben zuzuweisen, sodass man eine Art Farbcode erstellen kann. Dieses Prinzip trifft auch auf Ubiquitin zu. Es gibt auch bei Ubiquitin einen bestimmten Code, den „Ubiquitin-Code“. Nur ist dieser Code nicht durch ein Farbschema hinterlegt, sondern durch bestimmte Modifikationen von Ubiquitin, die wie ein Code funktionieren. Durch diesen Code weiß die zelleigene Müllentsorgung, ob es sich um Sperrmüll handelt oder ob ein Kleinteil recycelt werden soll. Der Ubiquitin-Code wird dazu von bestimmten Recycling-Proteinen gelesen und der Müll entsprechend entsorgt. So kann Ubiquitin als Haftnotiz für verschiedenste Müllsorten verwendet werden. In dieser Vielseitigkeit liegt auch die zentrale Bedeutung von Ubiquitin. Ubiquitin und dessen farbcode-ähnliche Modifikationen steuern nämlich fast alle Prozesse rundum die Abfallbeseitigung einer Zelle. Deswegen forschen wir auch intensiv an den Funktionen von Ubiquitin.</p> <p><strong>Ubiquitin und seine Verbindung zu Krankheiten</strong></p> <p>Bei Krankheiten wird Ubiquitin oft falsch angeheftet oder der Code nicht korrekt ausgeführt. Wenn eine Haftnotiz falsch angebracht wird, wird womöglich der falsche Gegenstand vernichtet bzw. entsorgt. Wird hingegen der Code nicht korrekt ausgeführt, kann es sein, dass Sperrmüllteile im Hausmüll entsorgt werden. Dies trifft auch auf Ubiquitin und das Müllentsorgungssystem zu. Damit in der Zelle alles problemlos abläuft, muss Ubiquitin auch an den richtigen Proteinen angebracht werden; für die passende Entsorgung muss der Ubiquitin-Code richtig entschlüsselt werden. Bei Krankheiten ist oftmals ein Punkt oder sogar beide dieser Punkte fehlgesteuert. Besonders deutlich wird das bei Gebärmutterhalskrebs. Hier wird unter anderem ein Protein irrtümlich vernichtet, welches das Zellwachstum hemmt. Das führt dann zu einer unkontrollierten Zellvermehrung und schließlich zu Krebs. Dahingegen werden bei Alzheimer kaputte Protein nicht richtig entsorgt. Sprich, der Protein-Müll bleibt in Gehirnzellen liegen und führt dazu, dass sie absterben.</p> <p>Jedoch wissen wir bei vielen Krankheiten nicht, was im Ablauf der Müllentsorgung, also im Ubiquitin-Code, schiefläuft. Deshalb habe ich mir das Ziel gesetzt, während meiner Doktorarbeit ein weiteres Stück Ubiquitin-Code zu entschlüsseln.</p> <p><strong>Ein weiteres Stück Ubiquitin-Code aufklären</strong></p> <p>Diesen vielseitigen Farbcode zu entschlüsseln, ist eine wahre Herkulesaufgabe, denn unsere Zellen benutzen enorme viele Ubiquitin Modifikationen. Sprich, es gibt eine außerordentlich große Anzahl an Farbvarianten der Haftnotiz. Deswegen sind wir den schlecht erforschten Farben der Haftnotiz auf die Spur gegangen. Wir haben dadurch den noch unbekannten Code hinter einer Farbe des Haftnotiz-Proteins und dessen Aufgabe bei der Müllentsorgung entschlüsselt.</p> <p>Dazu haben wir im Labor über ein paar Tricks, Ubiquitin, also die Haftnotiz, mit der entsprechenden Modifikation selbst hergestellt. Nun war die Frage: Was ist die Aufgabe hinter dieser Farbvariante des Ubiquitin-Codes?</p> <p><strong>Auf der Suche nach unseren Recycling-Proteinen</strong></p> <p>Es gibt bestimmte Recycling-Proteine, der zelleigenen Müllentsorgung, die den Ubiquitin-Code entschlüsseln können und dann den markierten Müll entsorgen. Dabei lesen diese Recycling-Proteine den Ubiquitin-Code und setzten ihn in die entsprechende Entsorgung um. Dazu binden diese decodierenden Recycling-Proteine spezifisch eine Farbe der Haftnotiz. Für unsere Ubiquitin Modifikation waren diese Recycling-Proteine noch nicht bekannt. 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NDP52 ging nämlich sehr häufig in die Falle, was natürlich unsere Aufmerksamkeit weckte. Außerdem ist NDP52 sehr interessant, da es bei der Beseitigung von bakteriellen Krankheitserregern eine wichtige Rolle spielt. Zu diesen Krankheitserregern gehören unter anderem Salmonellen. Wir versuchten also unsere Ergebnisse zu bestätigen – mit Erfolg! NDP52 zeigte in allen weiteren Versuchen eine starke Bindung zu unserer Ubiquitin-Haftnotiz. Das heißt, NDP52 ist eines der Recycling-Proteine für unseren Teil des Ubiquitin-Codes. So nehmen wir an, dass unser Stück Ubiquitin-Code dazu beiträgt große Sperrmüllteile, wie zum Beispiel ganze Bakterien, zu beseitigen. Im Allgemeinen lässt sich durch unsere Forschung mit NDP52 und den anderen gefundenen Recycling-Proteinen die Aufgabe unseres Stücks Ubiquitin-Code besser verstehen. In Zukunft kann dieses Wissen sogar zur Entwicklung neuer Medikamente gegen Krankheiten ausgenutzt werden.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender.png"><img alt="" decoding="async" height="7452" sizes="(max-width: 8813px) 100vw, 8813px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender.png 8813w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender-300x254.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender-1024x866.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender-768x649.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender-1536x1299.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Muellentsorgungssystem_BioRender-2048x1732.png 2048w" width="8813"></img></a><figcaption><em>Erstellt mit BioRender</em></figcaption></figure> <hr></hr> <p>Simon Maria Kienle promovierte an der Universität Konstanz am Fachbereich Biologie zum Thema posttranslationale Modifikation von Proteinen und deren Wirkungsweisen. Er schloss seine Promotion im Jahr 2022 ab und forscht heute als PostDoc an der Realisierung von personalisierter Medizin am Steno Diabetes Center Kopenhagen, Dänemark. Hier begibt er sich auch mittels „-omics“ Technologien auf die Spurensuche nach Molekülen, die es erlauben ein Krankheitsverlauf zuverlässig vorherzusagen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/klartext/der-zellulaere-code-zum-recyclen/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>Mathematicians’ New Best Friend? https://scilogs.spektrum.de/hlf/mathematicians-new-best-friend/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/mathematicians-new-best-friend/#comments Wed, 08 Oct 2025 12:00:00 +0000 Benjamin Skuse https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=13822 <h1>Mathematicians’ New Best Friend? - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>When the 101 young mathematicians were making their way to the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">12th Heidelberg Laureate Forum</a> from across the world, most would have been excited by the potential for meeting new friends, new collaborators, hearing inspiring talks and potentially finding new research directions. Few would have expected to be considering whether mathematics was on the cusp of a transformative AI revolution after the first day. Yet, the message from <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/sanjeev-arora/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Sanjeev Arora</a> (ACM Prize in Computing – 2011), <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/david-silver/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">David Silver</a> (ACM Prize in Computing – 2019) and <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/richard-sutton/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Richard S. Sutton</a> (ACM A.M. Turing Award – 2024) during their Spark Session talks was clear: They expect that AI will unshackle itself from its creators to transcend human knowledge and capabilities, and the first subject to feel the effects of this new world order will be mathematics.</p> <p>From various discussions with young researchers during the coffee breaks, this message gave many of them a somewhat bitter aftertaste. Excitement that a superintelligent AI mathematician might be able to solve the Riemann hypothesis and other important unsolved problems in pure mathematics was tempered by more practical concerns. In five to 10 years’ time, will these young mathematicians still have a job? Will the generation after that? And if so, will humans still be conducting the part of mathematics that is fun; the creative, problem-solving side at the bleeding edge of current knowledge?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13827" rel="attachment wp-att-13827"><img alt="Hot Topic: The Machine-Learning Revolution in Mathematics and Science - Mathematics " decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005646_59b2b4652b_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005646_59b2b4652b_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005646_59b2b4652b_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005646_59b2b4652b_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Hot Topic: The Machine-Learning Revolution in Mathematics and Science – Mathematics (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>On the second day of the Forum, it was into this somewhat unsettled atmosphere that the Hot Topic session “<a href="https://www.youtube.com/watch?v=GpSvaA3fWAg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The Machine-Learning Revolution in Mathematics and Science – Part 1: Mathematics</a>” kicked off. Panellists Yang-Hui He (Fellow of the London Institute of Mathematical Science, UK), Javier Gómez-Serrano (Professor at Brown University, USA), Maia Fraser (Professor at the University of Ottawa, Canada) and Arora, were asked by moderator George Musser what excites and concerns them most about AI. Their answers mirrored the thoughts of young scientists and can be broadly summarised as: New vistas in mathematics will be opened up by AI, but the technology is developing too rapidly to understand what roles humans will play in the mathematics of the future.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/GpSvaA3fWAg?feature=oembed&amp;rel=0" title="Hot Topic: The Machine-Learning Revolution – Part 1: Mathematics | September 16" width="666"></iframe> </p></figure> <h3 id="h-picking-up-the-pace">Picking up the Pace</h3> <p>To these concerns, there was a wide array of responses from the eclectic expert panel. Gómez-Serrano is working at the coalface of AI development, and so has a clear view of the pace of progress. He was first exposed to the power of AI when he began applying neural networks to find out when and if Leonhard Euler’s 1757 equation to describe the motion of an ideal, incompressible fluid, ever breaks down and delivers nonsense.</p> <p>More recently, Gómez-Serrano has been working with <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/terence-tao/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Terence Tao</a> (Fields Medal – 2006) and Google DeepMind to develop AlphaEvolve. AlphaEvolve is a Gemini-powered evolutionary coding agent that substantially enhances capabilities of state-of-the-art large language models on highly challenging tasks such as tackling open scientific problems or optimising critical pieces of computational infrastructure. “It’s doing meaningful things in actual open problems at a much faster time scale than a trained human,” he said. “In the maths community, progress was measured in years or even in decades, and now we can start to measure things in months.”<aside></aside></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13824" rel="attachment wp-att-13824"><img alt="Javier Gómez-Serrano" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159962_2bf49ecb78_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159962_2bf49ecb78_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159962_2bf49ecb78_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159962_2bf49ecb78_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Javier Gómez-Serrano (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>Arora also has a well-resolved view of progress in the field. He received the ACM Prize in Computing 2011 for contributions to computational complexity, algorithms and optimisation that have helped reshape understanding of computation. In 2023, he became founding Director of Princeton Language and Intelligence, a new unit at Princeton University devoted to the study of large AI models and their applications, and currently he is deeply involved in developing <a href="https://goedel-lm.github.io/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Goedel-Prover</a>, an open-source language model that generates automated formal proofs of mathematical problems.</p> <p>Arora’s message was even more sobering than Gómez-Serrano’s: “The number one takeaway from the AI revolution of the last 10 years is that whatever we thought was hard for AI is often easy, and vice versa,” he exclaimed. “And my guess is that making good conjectures is the stuff AI will be good at; and that’s the creative part.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13829" rel="attachment wp-att-13829"><img alt="Sanjeev Arora" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Sanjeev Arora (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <h3 id="h-beyond-the-turing-test">Beyond the Turing Test</h3> <p>Although He sees himself as a “fanatic” in the use of AI and machine learning in pure mathematicians, he suggested AI is still far from the finished article, with time left before it starts benching human mathematicians. With ChatGPT passing the Turing test in 2022, He and colleagues came up with a new stricter test for AI-assisted conjecture formulation, which they named the Birch test, consisting of three components: A, I and N. A stands for automaticity, such that the conjecture raised by the AI cannot be influenced by humans during its process. I is for interpretability, so that humans can interpret the mathematics in a form they can digest. And N is for non-triviality, in the sense that the conjecture is interesting enough for humans to want to work on it. “In this very strict sense, nothing out of the hundreds of papers in the past decade has passed this Birch test,” he remarked. “There are only two instances where we got close.”</p> <p>The first He mentioned was a <a href="https://www.nature.com/articles/s41586-021-04086-x" rel="noreferrer noopener" target="_blank">2021 DeepMind paper published in <em>Nature</em></a> in which a machine-learning-guided framework was used to find a new connection between the algebraic and geometric structure of knots, and a candidate algorithm predicted by the combinatorial invariance conjecture for symmetric groups. “That passed the A and I,” said He. “But it didn’t pass the N test because they were able to prove it.”</p> <p>The other case was one of his own <a href="https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/10586458.2024.2382361" rel="noreferrer noopener" target="_blank">published in 2024</a>: the murmuration conjecture. He and colleagues used machine learning on millions of elliptic curves (i.e. curves defined by equations of the form \(y^{2} = y^{2} + ax + b\), where \(a\) and \(b\) are constants) to predict their ranks (numbers indicating how many independent points are needed to generate all other points on the curve). Analysing and visualising the success of the method revealed patterns that resembled a murmuration – the ever-changing striking patterns that large groups of starlings make – with curves of different ranks flowing across the plot. “But that failed the A test,” said He. “Because we had to choose the algorithm to try to inch out that formula.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13830" rel="attachment wp-att-13830"><img alt="Starling murmuration" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Starling_Murmuration_-_RSPB_Minsmere_21446738793-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Starling_Murmuration_-_RSPB_Minsmere_21446738793-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Starling_Murmuration_-_RSPB_Minsmere_21446738793-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Starling_Murmuration_-_RSPB_Minsmere_21446738793-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Starling_Murmuration_-_RSPB_Minsmere_21446738793-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Starling_Murmuration_-_RSPB_Minsmere_21446738793-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Starling murmuration. Image credit: Airwolfhound (CC-BY-SA-2.0)</figcaption></figure></div> <h3 id="h-human-agency-in-ai-deployment"><strong>Human Agency in AI Deployment</strong></h3> <p>In contrast to the other panellists, Fraser felt that the replacement of humans in important tasks like forming conjectures is far from inevitable, and still in the hands of human mathematicians, at least for the time being. A mathematician researching machine learning, for the past five years Fraser has been running a training programme across four Canadian universities to support graduate students who are combining mathematics and machine learning, but also to raise their awareness about questions of social impact and ethics.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13825" rel="attachment wp-att-13825"><img alt="Maia Fraser" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159987_0dab3114db_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159987_0dab3114db_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159987_0dab3114db_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159987_0dab3114db_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Maia Fraser (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>Then last year, Fraser was one of the guest editors for two special editions of the <em>Bulletin of the American Mathematical Society</em> called “<a href="https://www.ams.org/journals/bull/2024-61-02/S0273-0979-2024-01836-9/viewer/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Will machines change mathematics?</a>”, whose call to action – “It is for us to determine how our subject should develop” – resonated with the community and forced many to start seriously thinking about the impact of AI on mathematics and their own work. She is also currently writing a book on AI safety and has spoken on this topic for the HLFF Blog in a <a href="https://www.newsroom.hlf-foundation.org/blog/article/ok-google-prove-the-riemann-hypothesis/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">previous post</a>. “I would emphasise the need to just pause for a moment and try to see a big picture view,” she stated. “The concern is that without looking at the social impact of some of these things, stuff will just happen by default. But we have a lot of agency in terms of the kinds of things we want to invent and how we’re going to deploy them.”</p> <h3 id="h-priests-to-oracles">Priests to Oracles?</h3> <p>Though the comments from panellists were enlightening, they did not quell the audience’s concerns about rapidly evolving AI posing risks to human mathematicians. Unsurprisingly, considering the pace of change, there was little consensus from the panel to the audience’s insightful questions and comments.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13826" rel="attachment wp-att-13826"><img alt="A young researcher absorbing the Hot Topic discussion" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005636_c55564457c_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005636_c55564457c_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005636_c55564457c_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005636_c55564457c_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>A young researcher absorbing the Hot Topic discussion (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>For instance, one young researcher asked whether the uptake of AI for research will lead to institutions putting less resources into recruiting and training people to do research work. “The way you do research will change, and people will get used to AI assistance,” said Gómez-Serrano. “But it may or may not affect hiring.” Fraser, in contrast, was certain that AI uptake would affect the job market, calling for institutions and society more generally to recognise the importance of jobs in mathematics as not only performing a function and a means to live, but also as a way to discover purpose in life through the community noticing what someone is doing and appreciating it: “We should acknowledge that and value it so that we can make sure that it’s cared for as we navigate into the future,” she said.</p> <p>Several audience members asked questions about what could happen if AI gets to the stage where humans are completely <a href="https://www.newsroom.hlf-foundation.org/blog/article/when-the-stochastic-parrot-spoke-for-itself-and-flew-away/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">out of the loop</a>. Arora and He, in particular, seemed unfazed by this idea, suggesting human mathematics will morph into an activity akin to chess or studying English Literature. “Just as chess now is more popular than ever, even though machines have been much better for 25 years, humans like to do it, and so they will like to do math,” Arora claimed. “I don’t know how to predict how that will all work, but people will enjoy doing it more, because from an early age, people will have this amazing [AI] teacher, which very few people had growing up previously.”</p> <p>“A colleague of mine from the English Department gives a good view on this,” began He in his response. “Imagine the extreme case where [mathematics] is all done completely by AI: Where do we come in, and what do we do? And my friend says: ‘Well, what do English professors do? We write commentary on Shakespeare,’ … and that’s still a very, very interesting thing to do. So in the distant future, where you have an automatically generated proof of the Riemann hypothesis, we can then write commentary on how we digest the proof and make sense of it and talk about it. In some sense, mathematicians become priests to oracles.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13828" rel="attachment wp-att-13828"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005666_e2b70eb44f_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005666_e2b70eb44f_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005666_e2b70eb44f_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005666_e2b70eb44f_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Yang-Hui He (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>Only Fraser made the point that AI only gets to the stage where humans are completely out of the loop if humans choose to take themselves out of the loop, re-emphasising that right now mathematicians have agency to plot the course of how AI is deployed in their profession, forming a template for other areas of society that will be affected later down the line. “One thing that young researchers in math can do is identify things that they value in being a mathematician, and care for those so that the path in which AI is integrated into math honours that,” she concluded. “Math is a very cohesive community; it’s going to be much harder in other areas of society, so it’s important that math sets an example for these societal aspects of AI.”</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Mathematicians’ New Best Friend? - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>When the 101 young mathematicians were making their way to the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">12th Heidelberg Laureate Forum</a> from across the world, most would have been excited by the potential for meeting new friends, new collaborators, hearing inspiring talks and potentially finding new research directions. Few would have expected to be considering whether mathematics was on the cusp of a transformative AI revolution after the first day. Yet, the message from <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/sanjeev-arora/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Sanjeev Arora</a> (ACM Prize in Computing – 2011), <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/david-silver/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">David Silver</a> (ACM Prize in Computing – 2019) and <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/richard-sutton/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Richard S. Sutton</a> (ACM A.M. Turing Award – 2024) during their Spark Session talks was clear: They expect that AI will unshackle itself from its creators to transcend human knowledge and capabilities, and the first subject to feel the effects of this new world order will be mathematics.</p> <p>From various discussions with young researchers during the coffee breaks, this message gave many of them a somewhat bitter aftertaste. Excitement that a superintelligent AI mathematician might be able to solve the Riemann hypothesis and other important unsolved problems in pure mathematics was tempered by more practical concerns. In five to 10 years’ time, will these young mathematicians still have a job? Will the generation after that? And if so, will humans still be conducting the part of mathematics that is fun; the creative, problem-solving side at the bleeding edge of current knowledge?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13827" rel="attachment wp-att-13827"><img alt="Hot Topic: The Machine-Learning Revolution in Mathematics and Science - Mathematics " decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005646_59b2b4652b_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005646_59b2b4652b_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005646_59b2b4652b_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005646_59b2b4652b_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Hot Topic: The Machine-Learning Revolution in Mathematics and Science – Mathematics (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>On the second day of the Forum, it was into this somewhat unsettled atmosphere that the Hot Topic session “<a href="https://www.youtube.com/watch?v=GpSvaA3fWAg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The Machine-Learning Revolution in Mathematics and Science – Part 1: Mathematics</a>” kicked off. Panellists Yang-Hui He (Fellow of the London Institute of Mathematical Science, UK), Javier Gómez-Serrano (Professor at Brown University, USA), Maia Fraser (Professor at the University of Ottawa, Canada) and Arora, were asked by moderator George Musser what excites and concerns them most about AI. Their answers mirrored the thoughts of young scientists and can be broadly summarised as: New vistas in mathematics will be opened up by AI, but the technology is developing too rapidly to understand what roles humans will play in the mathematics of the future.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/GpSvaA3fWAg?feature=oembed&amp;rel=0" title="Hot Topic: The Machine-Learning Revolution – Part 1: Mathematics | September 16" width="666"></iframe> </p></figure> <h3 id="h-picking-up-the-pace">Picking up the Pace</h3> <p>To these concerns, there was a wide array of responses from the eclectic expert panel. Gómez-Serrano is working at the coalface of AI development, and so has a clear view of the pace of progress. He was first exposed to the power of AI when he began applying neural networks to find out when and if Leonhard Euler’s 1757 equation to describe the motion of an ideal, incompressible fluid, ever breaks down and delivers nonsense.</p> <p>More recently, Gómez-Serrano has been working with <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/terence-tao/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Terence Tao</a> (Fields Medal – 2006) and Google DeepMind to develop AlphaEvolve. AlphaEvolve is a Gemini-powered evolutionary coding agent that substantially enhances capabilities of state-of-the-art large language models on highly challenging tasks such as tackling open scientific problems or optimising critical pieces of computational infrastructure. “It’s doing meaningful things in actual open problems at a much faster time scale than a trained human,” he said. “In the maths community, progress was measured in years or even in decades, and now we can start to measure things in months.”<aside></aside></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13824" rel="attachment wp-att-13824"><img alt="Javier Gómez-Serrano" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159962_2bf49ecb78_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159962_2bf49ecb78_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159962_2bf49ecb78_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159962_2bf49ecb78_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Javier Gómez-Serrano (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>Arora also has a well-resolved view of progress in the field. He received the ACM Prize in Computing 2011 for contributions to computational complexity, algorithms and optimisation that have helped reshape understanding of computation. In 2023, he became founding Director of Princeton Language and Intelligence, a new unit at Princeton University devoted to the study of large AI models and their applications, and currently he is deeply involved in developing <a href="https://goedel-lm.github.io/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Goedel-Prover</a>, an open-source language model that generates automated formal proofs of mathematical problems.</p> <p>Arora’s message was even more sobering than Gómez-Serrano’s: “The number one takeaway from the AI revolution of the last 10 years is that whatever we thought was hard for AI is often easy, and vice versa,” he exclaimed. “And my guess is that making good conjectures is the stuff AI will be good at; and that’s the creative part.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13829" rel="attachment wp-att-13829"><img alt="Sanjeev Arora" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Sanjeev Arora (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <h3 id="h-beyond-the-turing-test">Beyond the Turing Test</h3> <p>Although He sees himself as a “fanatic” in the use of AI and machine learning in pure mathematicians, he suggested AI is still far from the finished article, with time left before it starts benching human mathematicians. With ChatGPT passing the Turing test in 2022, He and colleagues came up with a new stricter test for AI-assisted conjecture formulation, which they named the Birch test, consisting of three components: A, I and N. A stands for automaticity, such that the conjecture raised by the AI cannot be influenced by humans during its process. I is for interpretability, so that humans can interpret the mathematics in a form they can digest. And N is for non-triviality, in the sense that the conjecture is interesting enough for humans to want to work on it. “In this very strict sense, nothing out of the hundreds of papers in the past decade has passed this Birch test,” he remarked. “There are only two instances where we got close.”</p> <p>The first He mentioned was a <a href="https://www.nature.com/articles/s41586-021-04086-x" rel="noreferrer noopener" target="_blank">2021 DeepMind paper published in <em>Nature</em></a> in which a machine-learning-guided framework was used to find a new connection between the algebraic and geometric structure of knots, and a candidate algorithm predicted by the combinatorial invariance conjecture for symmetric groups. “That passed the A and I,” said He. “But it didn’t pass the N test because they were able to prove it.”</p> <p>The other case was one of his own <a href="https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/10586458.2024.2382361" rel="noreferrer noopener" target="_blank">published in 2024</a>: the murmuration conjecture. He and colleagues used machine learning on millions of elliptic curves (i.e. curves defined by equations of the form \(y^{2} = y^{2} + ax + b\), where \(a\) and \(b\) are constants) to predict their ranks (numbers indicating how many independent points are needed to generate all other points on the curve). Analysing and visualising the success of the method revealed patterns that resembled a murmuration – the ever-changing striking patterns that large groups of starlings make – with curves of different ranks flowing across the plot. “But that failed the A test,” said He. “Because we had to choose the algorithm to try to inch out that formula.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13830" rel="attachment wp-att-13830"><img alt="Starling murmuration" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Starling_Murmuration_-_RSPB_Minsmere_21446738793-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Starling_Murmuration_-_RSPB_Minsmere_21446738793-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Starling_Murmuration_-_RSPB_Minsmere_21446738793-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Starling_Murmuration_-_RSPB_Minsmere_21446738793-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Starling_Murmuration_-_RSPB_Minsmere_21446738793-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Starling_Murmuration_-_RSPB_Minsmere_21446738793-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Starling murmuration. Image credit: Airwolfhound (CC-BY-SA-2.0)</figcaption></figure></div> <h3 id="h-human-agency-in-ai-deployment"><strong>Human Agency in AI Deployment</strong></h3> <p>In contrast to the other panellists, Fraser felt that the replacement of humans in important tasks like forming conjectures is far from inevitable, and still in the hands of human mathematicians, at least for the time being. A mathematician researching machine learning, for the past five years Fraser has been running a training programme across four Canadian universities to support graduate students who are combining mathematics and machine learning, but also to raise their awareness about questions of social impact and ethics.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13825" rel="attachment wp-att-13825"><img alt="Maia Fraser" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159987_0dab3114db_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159987_0dab3114db_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159987_0dab3114db_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54792159987_0dab3114db_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Maia Fraser (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>Then last year, Fraser was one of the guest editors for two special editions of the <em>Bulletin of the American Mathematical Society</em> called “<a href="https://www.ams.org/journals/bull/2024-61-02/S0273-0979-2024-01836-9/viewer/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Will machines change mathematics?</a>”, whose call to action – “It is for us to determine how our subject should develop” – resonated with the community and forced many to start seriously thinking about the impact of AI on mathematics and their own work. She is also currently writing a book on AI safety and has spoken on this topic for the HLFF Blog in a <a href="https://www.newsroom.hlf-foundation.org/blog/article/ok-google-prove-the-riemann-hypothesis/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">previous post</a>. “I would emphasise the need to just pause for a moment and try to see a big picture view,” she stated. “The concern is that without looking at the social impact of some of these things, stuff will just happen by default. But we have a lot of agency in terms of the kinds of things we want to invent and how we’re going to deploy them.”</p> <h3 id="h-priests-to-oracles">Priests to Oracles?</h3> <p>Though the comments from panellists were enlightening, they did not quell the audience’s concerns about rapidly evolving AI posing risks to human mathematicians. Unsurprisingly, considering the pace of change, there was little consensus from the panel to the audience’s insightful questions and comments.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13826" rel="attachment wp-att-13826"><img alt="A young researcher absorbing the Hot Topic discussion" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005636_c55564457c_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005636_c55564457c_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005636_c55564457c_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005636_c55564457c_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>A young researcher absorbing the Hot Topic discussion (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>For instance, one young researcher asked whether the uptake of AI for research will lead to institutions putting less resources into recruiting and training people to do research work. “The way you do research will change, and people will get used to AI assistance,” said Gómez-Serrano. “But it may or may not affect hiring.” Fraser, in contrast, was certain that AI uptake would affect the job market, calling for institutions and society more generally to recognise the importance of jobs in mathematics as not only performing a function and a means to live, but also as a way to discover purpose in life through the community noticing what someone is doing and appreciating it: “We should acknowledge that and value it so that we can make sure that it’s cared for as we navigate into the future,” she said.</p> <p>Several audience members asked questions about what could happen if AI gets to the stage where humans are completely <a href="https://www.newsroom.hlf-foundation.org/blog/article/when-the-stochastic-parrot-spoke-for-itself-and-flew-away/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">out of the loop</a>. Arora and He, in particular, seemed unfazed by this idea, suggesting human mathematics will morph into an activity akin to chess or studying English Literature. “Just as chess now is more popular than ever, even though machines have been much better for 25 years, humans like to do it, and so they will like to do math,” Arora claimed. “I don’t know how to predict how that will all work, but people will enjoy doing it more, because from an early age, people will have this amazing [AI] teacher, which very few people had growing up previously.”</p> <p>“A colleague of mine from the English Department gives a good view on this,” began He in his response. “Imagine the extreme case where [mathematics] is all done completely by AI: Where do we come in, and what do we do? And my friend says: ‘Well, what do English professors do? We write commentary on Shakespeare,’ … and that’s still a very, very interesting thing to do. So in the distant future, where you have an automatically generated proof of the Riemann hypothesis, we can then write commentary on how we digest the proof and make sense of it and talk about it. In some sense, mathematicians become priests to oracles.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=13828" rel="attachment wp-att-13828"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005666_e2b70eb44f_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005666_e2b70eb44f_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005666_e2b70eb44f_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005666_e2b70eb44f_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Yang-Hui He (© HLFF / Flemming)</figcaption></figure></div> <p>Only Fraser made the point that AI only gets to the stage where humans are completely out of the loop if humans choose to take themselves out of the loop, re-emphasising that right now mathematicians have agency to plot the course of how AI is deployed in their profession, forming a template for other areas of society that will be affected later down the line. “One thing that young researchers in math can do is identify things that they value in being a mathematician, and care for those so that the path in which AI is integrated into math honours that,” she concluded. “Math is a very cohesive community; it’s going to be much harder in other areas of society, so it’s important that math sets an example for these societal aspects of AI.”</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/mathematicians-new-best-friend/#comments 7 Flourishing Minds – Flourishing Europe: Erstes Europäisches Forum für Positive Neurowissenschaften gegründet https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/flourishing-minds-flourishing-europe-erstes-europaeisches-forum-fuer-positive-neurowissenschaften-gegruendet/ https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/flourishing-minds-flourishing-europe-erstes-europaeisches-forum-fuer-positive-neurowissenschaften-gegruendet/#comments Mon, 06 Oct 2025 14:39:55 +0000 Michaela Brohm-Badry https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/?p=1293 <h1>Flourishing Minds – Flourishing Europe: Erstes Europäisches Forum für Positive Neurowissenschaften gegründet » Positive Psychologie und Motivation » SciLogs</h1><h2>By Michaela Brohm-Badry</h2><div itemprop="text"> <p>Michaela Brohm-Badry</p> <p>Europa steht an einem Wendepunkt. Krisen, Spaltungen und Zukunftsängste prägen das gesellschaftliche Klima. Doch die entscheidende Ressource unseres Kontinents liegt nicht in Rohstoffen oder Märkten – sondern im Menschen selbst: in seiner geistigen, emotionalen und motivationalen Kraft.<br></br>Ein Europa, das gedeihen will, braucht Menschen, die aufblühen – Menschen, die Hoffnung statt Resignation leben, Kreativität statt Stillstand entfalten, Wissenschaft statt Fakenews stärken und Menschlichkeit statt Spaltung fördern. Genau hier setzt die Forschung der Positiven Neurowissenschaften (Positive Neuroscience) an.</p> <h3><br></br>Von der Positiven Psychologie zu den Positiven Neurowissenschaften</h3> <p><br></br>Der Begriff Positive Neuroscience wurde 2009 von Martin E. P. Seligman und Jonathan Haidt (University of Pennsylvania) geprägt. Sie zielten darauf ab, die neuronalen Grundlagen von Tugenden, Stärken und psychischem Aufblühen (flourishing) zu erforschen.<br></br>Ein Jahr später förderte die John Templeton Foundation das Positive Neuroscience Project unter Leitung von Tali Sharot, Kevin Ochsner, Richard Davidson und Mary Helen Immordino-Yang. Zum ersten Mal wurden dabei die neuronalen Grundlagen positiver menschlicher Eigenschaften im Gehirn systematisch untersucht.<br></br>Seither liefern die Positiven Neurowissenschaften grundlegende Erkenntnisse darüber, wie das Gehirn Wohlbefinden, Resilienz und Hoffnung generiert – und wie positive Emotionen neuroplastische Prozesse aktivieren, die die psychische Gesundheit langfristig stärken.<br></br>Das Feld verbindet damit Neurowissenschaften und Positive Psychologie – es richtet den Fokus nicht auf Defizite oder Störungen, sondern auf die neuronalen Grundlagen menschlicher Stärke, Motivation und Verbundenheit.</p> <h3 id="h-kernkonzepte-der-positiven-neurowissenschaften">Kernkonzepte der Positiven Neurowissenschaften</h3> <p><br></br>1. Positive Emotionen<br></br>Studien zeigen, dass Emotionen wie Freude, Dankbarkeit und Liebe nicht nur kurzfristig das Wohlbefinden steigern, sondern langfristig neuroplastische Veränderungen anstoßen. Diese fördern emotionale Stabilität, Lernfähigkeit und Resilienz.<aside></aside></p> <p><br></br>2. Neuroplastizität<br></br>Positive Erfahrungen verändern die synaptische, strukturelle und funktionelle Architektur des Gehirns. Sie stärken neuronale Netzwerke, die Widerstandskraft gegenüber Stress und Trauma ermöglichen – eine zentrale biologische Grundlage für Lernen und psychisches Wachstum.</p> <p><br></br>3. Wohlbefinden und Sinn<br></br>Forschung zu Zielorientierung, Achtsamkeit und sozialer Verbundenheit zeigt: Sinnstiftende Lebenskontexte sind mit charakteristischen Aktivierungsmustern in präfrontalen und limbischen Strukturen verbunden – Arealen, die emotionale Regulation und Motivation steuern.</p> <p><br></br>4. Evidenzbasierte Interventionen<br></br>Meditation, kognitive Verhaltenstherapie, Dankbarkeitsübungen, Musik, kreatives Schreiben oder Journaling wirken nicht nur psychologisch, sondern zeigen messbare Effekte auf neuronale Netzwerke, die Wohlbefinden stabilisieren.</p> <div><figure><img alt="Gehirn_EUPONS_Brohm-Badry" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-1024x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-1024x1024.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-300x300.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-150x150.jpeg 150w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-768x768.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-1536x1536.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie.jpeg 2000w" width="1024"></img></figure><div> <p><br></br><strong>Anwendungsfelder der Positiven Neurowissenschaften in Bildung, Gesundheit, Wirtschaft, Politik</strong></p> </div></div> <h3 id="h-anwendungsfelder-bildung-gesundheit-wirtschaft-politik"><br></br>Anwendungsfelder: Bildung, Gesundheit, Wirtschaft, Politik</h3> <p><br></br>Die Erkenntnisse der Positiven Neurowissenschaften haben breite Relevanz:</p> <ul> <li><strong>Bildung:</strong> Förderung emotionaler und motivationaler Kompetenzen steigert Lernfreude, Konzentration und Resilienz.</li> <li><strong>Gesundheitswesen: </strong>Positive Interventionen unterstützen Rehabilitation, Prävention und Lebensqualität.</li> <li><strong>Arbeitswelt: </strong>Ein positives neurobiologisches Klima in Organisationen steigert Kreativität, Kooperation und Innovationskraft.</li> <li><strong>Gesellschaft und Politik: </strong>Evidenzbasierte Politikgestaltung kann Rahmenbedingungen schaffen, die das Flourishing von Individuen und Gemeinschaften fördern.</li> </ul> <p>Das Gehirn ist kein isoliertes Organ, sondern ein Sozialorgan – es reagiert auf menschliche Verbundenheit und gesellschaftliche Strukturen. Damit wird deutlich: Die Förderung individueller Lebensqualität ist immer auch ein Beitrag zur kollektiven Resilienz.</p> <h3 id="h-eupons-das-europaische-forum-fur-positive-neurowissenschaften">EUPONS – Das Europäische Forum für Positive Neurowissenschaften</h3> <p>Vor diesem Hintergrund wurde 2025 das European Forum for Positive Neuroscience (EUPONS) gegründet – das erste europaweite Netzwerk, das Forschung, Praxis und Politik im Feld der Positiven Neurowissenschaften verknüpft.<br></br>EUPONS versteht sich als interdisziplinäre Plattform zur Förderung von Forschung, Dialog und Transfer über die neurowissenschaftlichen Grundlagen menschlichen Lernens, Wohlbefindens und gesellschaftlicher Resilienz.</p> <p>Forschungsschwerpunkte sind insbesondere:</p> <ul> <li>Flourishing</li> <li>Mentale Gesundheit und Resilienz</li> <li>Motivation</li> <li>Politische und gesellschaftliche Teilhaberschaft</li> <li>Positive Leadership</li> <li>Well-being Literacy</li> <li>Neuroplastizität und Lernen</li> </ul> <p>Ziel ist eine „Neuroscience of Flourishing“, also ein Verständnis dafür, wie Gehirn, Psyche und Gesellschaft gemeinsam gedeihen können<br></br>Unter dem Leitgedanken <em>Flourishing Minds – Flourishing Europe</em> schafft EUPONS Räume für Austausch zwischen Neurowissenschaft, Psychologie, Pädagogik, Medizin, Wirtschaft und Politik – zum Wohlergehen der Menschen, insbesondere im europäischen Kontext.</p> <p>EUPONS initiiert und begleitet europäische Forschungs- und Entwicklungsprojekte, erprobt sie in der Praxis und fördert den Wissenstransfer in Bildung, Gesundheit und Arbeitswelt. Ziel ist ein neues, europäisch vernetztes Verständnis von Motivation, Lernen und psychischer Gesundheit – fundiert in Wissenschaft, getragen von Kooperation und inspiriert von der Vision eines aufblühenden Europas.</p> <p>Kontakt und Informationen:<br></br>European Forum for Positive Neuroscience (EUPONS)<p><a href="http://www.eupons.eu">www.eupons.eu</a>info@eupons.eu</p></p> <p>Foto (c) shutterstock.com</p> <p>Website <a href="http://brohm-badry.de">www.brohm-badry.de</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Flourishing Minds – Flourishing Europe: Erstes Europäisches Forum für Positive Neurowissenschaften gegründet » Positive Psychologie und Motivation » SciLogs</h1><h2>By Michaela Brohm-Badry</h2><div itemprop="text"> <p>Michaela Brohm-Badry</p> <p>Europa steht an einem Wendepunkt. Krisen, Spaltungen und Zukunftsängste prägen das gesellschaftliche Klima. Doch die entscheidende Ressource unseres Kontinents liegt nicht in Rohstoffen oder Märkten – sondern im Menschen selbst: in seiner geistigen, emotionalen und motivationalen Kraft.<br></br>Ein Europa, das gedeihen will, braucht Menschen, die aufblühen – Menschen, die Hoffnung statt Resignation leben, Kreativität statt Stillstand entfalten, Wissenschaft statt Fakenews stärken und Menschlichkeit statt Spaltung fördern. Genau hier setzt die Forschung der Positiven Neurowissenschaften (Positive Neuroscience) an.</p> <h3><br></br>Von der Positiven Psychologie zu den Positiven Neurowissenschaften</h3> <p><br></br>Der Begriff Positive Neuroscience wurde 2009 von Martin E. P. Seligman und Jonathan Haidt (University of Pennsylvania) geprägt. Sie zielten darauf ab, die neuronalen Grundlagen von Tugenden, Stärken und psychischem Aufblühen (flourishing) zu erforschen.<br></br>Ein Jahr später förderte die John Templeton Foundation das Positive Neuroscience Project unter Leitung von Tali Sharot, Kevin Ochsner, Richard Davidson und Mary Helen Immordino-Yang. Zum ersten Mal wurden dabei die neuronalen Grundlagen positiver menschlicher Eigenschaften im Gehirn systematisch untersucht.<br></br>Seither liefern die Positiven Neurowissenschaften grundlegende Erkenntnisse darüber, wie das Gehirn Wohlbefinden, Resilienz und Hoffnung generiert – und wie positive Emotionen neuroplastische Prozesse aktivieren, die die psychische Gesundheit langfristig stärken.<br></br>Das Feld verbindet damit Neurowissenschaften und Positive Psychologie – es richtet den Fokus nicht auf Defizite oder Störungen, sondern auf die neuronalen Grundlagen menschlicher Stärke, Motivation und Verbundenheit.</p> <h3 id="h-kernkonzepte-der-positiven-neurowissenschaften">Kernkonzepte der Positiven Neurowissenschaften</h3> <p><br></br>1. Positive Emotionen<br></br>Studien zeigen, dass Emotionen wie Freude, Dankbarkeit und Liebe nicht nur kurzfristig das Wohlbefinden steigern, sondern langfristig neuroplastische Veränderungen anstoßen. Diese fördern emotionale Stabilität, Lernfähigkeit und Resilienz.<aside></aside></p> <p><br></br>2. Neuroplastizität<br></br>Positive Erfahrungen verändern die synaptische, strukturelle und funktionelle Architektur des Gehirns. Sie stärken neuronale Netzwerke, die Widerstandskraft gegenüber Stress und Trauma ermöglichen – eine zentrale biologische Grundlage für Lernen und psychisches Wachstum.</p> <p><br></br>3. Wohlbefinden und Sinn<br></br>Forschung zu Zielorientierung, Achtsamkeit und sozialer Verbundenheit zeigt: Sinnstiftende Lebenskontexte sind mit charakteristischen Aktivierungsmustern in präfrontalen und limbischen Strukturen verbunden – Arealen, die emotionale Regulation und Motivation steuern.</p> <p><br></br>4. Evidenzbasierte Interventionen<br></br>Meditation, kognitive Verhaltenstherapie, Dankbarkeitsübungen, Musik, kreatives Schreiben oder Journaling wirken nicht nur psychologisch, sondern zeigen messbare Effekte auf neuronale Netzwerke, die Wohlbefinden stabilisieren.</p> <div><figure><img alt="Gehirn_EUPONS_Brohm-Badry" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-1024x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-1024x1024.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-300x300.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-150x150.jpeg 150w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-768x768.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-1536x1536.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie.jpeg 2000w" width="1024"></img></figure><div> <p><br></br><strong>Anwendungsfelder der Positiven Neurowissenschaften in Bildung, Gesundheit, Wirtschaft, Politik</strong></p> </div></div> <h3 id="h-anwendungsfelder-bildung-gesundheit-wirtschaft-politik"><br></br>Anwendungsfelder: Bildung, Gesundheit, Wirtschaft, Politik</h3> <p><br></br>Die Erkenntnisse der Positiven Neurowissenschaften haben breite Relevanz:</p> <ul> <li><strong>Bildung:</strong> Förderung emotionaler und motivationaler Kompetenzen steigert Lernfreude, Konzentration und Resilienz.</li> <li><strong>Gesundheitswesen: </strong>Positive Interventionen unterstützen Rehabilitation, Prävention und Lebensqualität.</li> <li><strong>Arbeitswelt: </strong>Ein positives neurobiologisches Klima in Organisationen steigert Kreativität, Kooperation und Innovationskraft.</li> <li><strong>Gesellschaft und Politik: </strong>Evidenzbasierte Politikgestaltung kann Rahmenbedingungen schaffen, die das Flourishing von Individuen und Gemeinschaften fördern.</li> </ul> <p>Das Gehirn ist kein isoliertes Organ, sondern ein Sozialorgan – es reagiert auf menschliche Verbundenheit und gesellschaftliche Strukturen. Damit wird deutlich: Die Förderung individueller Lebensqualität ist immer auch ein Beitrag zur kollektiven Resilienz.</p> <h3 id="h-eupons-das-europaische-forum-fur-positive-neurowissenschaften">EUPONS – Das Europäische Forum für Positive Neurowissenschaften</h3> <p>Vor diesem Hintergrund wurde 2025 das European Forum for Positive Neuroscience (EUPONS) gegründet – das erste europaweite Netzwerk, das Forschung, Praxis und Politik im Feld der Positiven Neurowissenschaften verknüpft.<br></br>EUPONS versteht sich als interdisziplinäre Plattform zur Förderung von Forschung, Dialog und Transfer über die neurowissenschaftlichen Grundlagen menschlichen Lernens, Wohlbefindens und gesellschaftlicher Resilienz.</p> <p>Forschungsschwerpunkte sind insbesondere:</p> <ul> <li>Flourishing</li> <li>Mentale Gesundheit und Resilienz</li> <li>Motivation</li> <li>Politische und gesellschaftliche Teilhaberschaft</li> <li>Positive Leadership</li> <li>Well-being Literacy</li> <li>Neuroplastizität und Lernen</li> </ul> <p>Ziel ist eine „Neuroscience of Flourishing“, also ein Verständnis dafür, wie Gehirn, Psyche und Gesellschaft gemeinsam gedeihen können<br></br>Unter dem Leitgedanken <em>Flourishing Minds – Flourishing Europe</em> schafft EUPONS Räume für Austausch zwischen Neurowissenschaft, Psychologie, Pädagogik, Medizin, Wirtschaft und Politik – zum Wohlergehen der Menschen, insbesondere im europäischen Kontext.</p> <p>EUPONS initiiert und begleitet europäische Forschungs- und Entwicklungsprojekte, erprobt sie in der Praxis und fördert den Wissenstransfer in Bildung, Gesundheit und Arbeitswelt. Ziel ist ein neues, europäisch vernetztes Verständnis von Motivation, Lernen und psychischer Gesundheit – fundiert in Wissenschaft, getragen von Kooperation und inspiriert von der Vision eines aufblühenden Europas.</p> <p>Kontakt und Informationen:<br></br>European Forum for Positive Neuroscience (EUPONS)<p><a href="http://www.eupons.eu">www.eupons.eu</a>info@eupons.eu</p></p> <p>Foto (c) shutterstock.com</p> <p>Website <a href="http://brohm-badry.de">www.brohm-badry.de</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/flourishing-minds-flourishing-europe-erstes-europaeisches-forum-fuer-positive-neurowissenschaften-gegruendet/#comments 18 Einfach mal loslachen! Warum wir lachen und warum es so ansteckend ist https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/einfach-mal-loslachen-warum-wir-lachen-und-warum-es-so-ansteckend-ist/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/einfach-mal-loslachen-warum-wir-lachen-und-warum-es-so-ansteckend-ist/#comments Mon, 06 Oct 2025 07:00:42 +0000 Luisa Sophie Engelke https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5193 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6195121_3190140-edited-scaled-e1759657992907-768x655.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/einfach-mal-loslachen-warum-wir-lachen-und-warum-es-so-ansteckend-ist/</link> </image> <description type="html"><h1>Einfach mal loslachen! Warum wir lachen und warum es so ansteckend ist » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Luisa Sophie Engelke</h2><div itemprop="text"> <figure><blockquote><p>„Lachen ist eine körperliche Übung mit großem Wert für die Gesundheit.“</p><cite>– Aristoteles</cite></blockquote></figure> <p>Man kennt es nur zu gut: Wenn man jemanden lachen hört, dann kann man sich ein Schmunzeln kaum verkneifen. Der Ausdruck „ansteckendes Lachen“ bekommt eine ganz neue Bedeutung, wenn man sich die sogenannte „Lach-Epidemie“ von 1962 in Tanganjika (heute Tansania) in Ostafrika ansieht.</p> <p>Alles begann scheinbar harmlos: Drei Schulkinder konnten während des Unterrichts ihr Lachen nicht mehr unterdrücken. Aus einem kleinen Kichern wurde schnell ein unaufhaltsamer Lachsturm – bald lag die gesamte Schule in Lachkrämpfen. Das Phänomen weitete sich aus, griff auf andere Schulen über und erfasste schließlich ganze Dörfer [1]. Es wurde berichtet, dass einige Schüler bis zu vier Tage lang einen Lachanfall hatten! Falls ihr genauer wissen wollt, was da damals los war, schaut gerne dieses Video: </p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/PxOWks0piF8?feature=oembed&amp;rel=0" title="Die Tanganjika-Lachepidemie, 1962" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Ein herzhaftes Lachen kann anscheinend ansteckender sein als man denkt, und es gibt immer mehr Therapieansätze, die sich auf die positiven Auswirkungen von Lachen stützen. Sogenanntes Lachyoga verbindet absichtliches Lachen und Atemübungen, Humortherapie setzt Witze, lustige Videos und Rollenspiele bei Patienten ein und auch die berühmten Klinikclowns sind besonders auf den Kinderstationen bei Jüngeren sehr beliebt.</p> <p>Doch wieso ist Lachen eigentlich so ansteckend und kann Lachen wirklich so große Effekte erzielen? Oder ist der Hype um all das doch etwas übertrieben?<aside></aside></p> <h3 id="h-warum-lachen-wir-eigentlich">Warum lachen wir eigentlich</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13234575_5161565-2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13234575_5161565-2-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13234575_5161565-2-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13234575_5161565-2-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13234575_5161565-2-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13234575_5161565-2-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13234575_5161565-2-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13234575_5161565-2.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Schauen wir uns Lachen mal genauer an: Lachen ist eine positive emotionale Erfahrung, die durch Gesichtsmimik und auch durch körperliche Ausdrücke beschrieben wird [2]. Dabei geht es von tränenden Augen bis hin zu den seltsamsten Lachlauten, und bei einem richtigen Lachanfall hält man sich manchmal den Bauch vor Schmerzen. Schon wirklich eine komische körperliche Reaktion, wenn man es sich mal näher anschaut. Wo kommt das denn her?</p> <p>Wenn wir einen Blick zurück in die Anfänge der Menschheit werfen, wird deutlich, dass Lachen schon immer eine zentrale soziale Rolle spielte: Es signalisiert Verbundenheit mit anderen, stärkt den Zusammenhalt, zeigt Verspieltheit und fördert das Gemeinschaftsgefühl [3], [4]. Wenn dich jemand angelächelt hat, dann wurde damit Zuneigung und Verständnis gezeigt – man war außer Gefahr. Lachen war also damals und ist auch heute noch ein wichtiger Teil der nonverbalen menschlichen Kommunikation und seine Mechanismen sind tief in uns verankert [5]. </p> <p>Heutzutage ist es interessanterweise so, dass nur ca. 20 Prozent aller Lacher durch erzählte Witze oder lustige Beobachtungen ausgelöst werden. Die meisten Lacher entstehen, um dem Gegenüber nonverbal etwas mitzuteilen [6]. Denkt nur daran, wie ihr beim Erzählen einer kleinen Panne durch ein gemeinsames Lachen zeigt, dass alles halb so schlimm ist, oder wie ihr bei einem Familienessen mit einem Lachen signalisiert, dass ihr die Stimmung und das Zusammensein gerade besonders genießt.</p> <p>Worüber wir genau lachen, das ist natürlich sehr individuell und durch verschiedene Theorien beschrieben. Beispielsweise sagt die <strong>Inkongruenz-Theorie</strong>, dass wir lachen, wenn etwas Unerwartetes passiert, womit man nicht gerechnet hat [7]. Darauf basieren auch die meisten verbalen Witze: „Was ist rot und schlecht für die Zähne? Ein Ziegelstein.“</p> <p>Unser Gehirn erkennt die Inkongruenz, wie eine überraschende Pointe, vor allem in den Sprachzentren, wo der Witz verarbeitet wird. Der frontale Cortex interpretiert das Gehörte und erkennt es als Witz, sendet Informationen an das limbische System, wo die Emotion von Freude erzeugt wird. Schlussendlich ist dann der Motorcortex dafür zuständig, dass wir eine körperliche Reaktion zeigen, z.B. dass wir lächeln (oder mit den Augen rollen, wenn der Witz so schlecht war wie der Ziegelsteinwitz).</p> <p>Eine andere Art von Witzen funktioniert eher durch dunklen Humor, wo im Witz einer Person etwas eher Unschönes passiert oder soziale Regeln gebrochen werden – das zumindest sagt die <strong>Theorie der harmlosen Regelverletzung</strong> („Benign Violation Theory“) [8]. Ein Beispiel wäre, wenn jemand in einem Video stolpert, sich aber nicht schwer verletzt. Die <strong>Erleichterungstheorie</strong> („Relief-Theory“) besagt, dass man lacht, um Spannungen und Stress loszuwerden. Damit könnte erklärt werden, warum man manchmal in unangenehmen Situationen anfängt zu lachen [9].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6195121_3190140-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6195121_3190140-edited-scaled.jpg"></img></a></figure></div> <h3 id="h-ansteckendes-lachen">Ansteckendes Lachen</h3> <p>Aber wieso genau können wir eigentlich gar nicht anders, als mitzulachen, wenn wir jemanden lachen sehen oder hören? Die Antwort darauf liegt, wie so oft, im Gehirn.</p> <p>Wenn wir jemanden lachen sehen oder hören, springen in unserem Gehirn sogenannte <strong>Spiegelneurone</strong> an. Anfang der 1990er-Jahre stießen italienische Forschende auf ein erstaunliches Phänomen bei Makaken – einer weit verbreiteten Gattung von Affen. Sie beobachteten, dass bei den Tieren dieselben Hirnregionen aktiv wurden, ganz gleich, ob sie selbst nach einer Erdnuss griffen oder lediglich nur zusahen, wie ein Mensch die Nuss aufhob. Das war die Entdeckung der Spiegelneuronen, die nicht nur Makaken, sondern auch wir Menschen besitzen.</p> <p>Spiegelneurone sind Nervenzellen, die aktiv werden, wenn wir selbst eine Handlung ausführen oder wenn wir beobachten, wie jemand anderes sie macht. Sie sind entscheidend dafür, dass wir Emotionen anderer verstehen können [10], [11]. Daher werden sie auch <strong>Empathie-Neuronen</strong> genannt [11]. Wenn wir beispielsweise jemanden sehen, der unter emotionalem Stress zusammenbricht, dann simulieren die Spiegelneuronen in unseren Gehirnen ebenfalls Stress, sodass wir buchstäblich dasselbe fühlen wie die andere Person. Aber auch bei simpleren Beobachtungen, etwa, wenn wir jemanden gähnen oder lächeln sehen, dann tendieren wir stark dazu, dies auch zu tun.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Oct-1-2025-06_00_29-PM-1.png"><img alt="" decoding="async" height="975" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 975px) 100vw, 975px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Oct-1-2025-06_00_29-PM-1-edited.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Oct-1-2025-06_00_29-PM-1-edited.png 975w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Oct-1-2025-06_00_29-PM-1-edited-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Oct-1-2025-06_00_29-PM-1-edited-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Oct-1-2025-06_00_29-PM-1-edited-768x768.png 768w" width="975"></img></a></figure></div> <p>Beim Lachen bedeutet das: Wenn wir ein fröhliches Lachen sehen oder hören, aktivieren sich in unserem Gehirn dieselben Nervenzellen, die auch arbeiten würden, wenn wir selbst lachen [11]. Dadurch kommt es oft ganz automatisch dazu, dass wir ebenfalls lächeln oder lachen [12]. So sorgt das Spiegelneuron-System dafür, dass sich Freude blitzschnell von Mensch zu Mensch überträgt und wir uns emotional aufeinander einstimmen. Das ist übrigens auch der Grund dafür, warum in vielen Sitcoms ein Gelächter nach einem Witz im Hintergrund abgespielt wird – es verleitet uns dazu, mitzulachen.</p> <p>So, jetzt haben wir geklärt, wieso Lachen so ansteckend ist! Und das Schöne daran: Anders als bei einem Virus ist diese Ansteckung nicht gefährlich, sondern ausgesprochen heilsam – denn gemeinsames Lachen tut Körper und Seele gut und entfaltet überraschend viele positive Effekte!</p> <h3 id="h-lachen-ist-gesund">Lachen ist gesund!</h3> <p>Bei einem richtigen Lachanfall werden bis zu 300 Muskeln angespannt [6]! Doch die positiven gesundheitlichen Aspekte sind nicht nur potenziell gestärkte Bauchmuskeln, sondern noch weitaus mehr!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881182_2db675d1-88b0-48a8-88f0-4968d041ac24-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881182_2db675d1-88b0-48a8-88f0-4968d041ac24-1-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881182_2db675d1-88b0-48a8-88f0-4968d041ac24-1-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881182_2db675d1-88b0-48a8-88f0-4968d041ac24-1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881182_2db675d1-88b0-48a8-88f0-4968d041ac24-1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881182_2db675d1-88b0-48a8-88f0-4968d041ac24-1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881182_2db675d1-88b0-48a8-88f0-4968d041ac24-1-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881182_2db675d1-88b0-48a8-88f0-4968d041ac24-1-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Beim Lachen verändert sich unsere Atmung: Wir nehmen durch tiefere Atemzüge mehr Sauerstoff auf und pusten die Luft in großen Schüben wieder aus. Das macht uns wach und aktiver, da unser Herz schneller schlagen kann und Organe und das Gehirn besser mit Sauerstoff versorgt werden [6]. Lachen ist auf physiologischer Ebene zunächst ein Zustand der Anspannung, dem eine entspannende Phase folgt – genau dieser Wechsel macht es so wohltuend. Das ist auch der Grund, warum Lachen bei Herzinfarktpatienten angewandt wird. Unter Aufsicht werden die Patienten zum Lachen gebracht, damit der anschließende Entspannungszustand ihre Herzrate niedrig hält [6].</p> <p>Es wird vermutet, dass Lachen auch zu einer höheren Schmerztoleranz führt [13]. In einer Studie von 1993 konnte gezeigt werden, dass Probanden den Schmerz von kalten Wasser an ihren Händen besser aushielten, wenn sie währenddessen ein Video schauten und das Video auch explizit als lustig empfanden [14].</p> <p>Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass herzhaftes Lachen den <strong>Cortisolspiegel</strong>, das bekannte Stresshormon im Körper, nachweislich deutlich senkt. Beispielsweise zeigte dies eine Studie von 2023 mit 315 Teilnehmenden, bei denen Lachtraining zu etwa 32 % Cortisol-Reduktion führte [15]. Außerdem regt Lachen die Produktion körpereigener Glückshormone wie Dopamin und Serotonin an. Diese <strong>Endorphine</strong> heben die Stimmung und sorgen für Wohlbefinden. In einer bekannten Studie zeigte sich das deutlich: Zwölf Männer lachten gemeinsam mit ihren Freunden, und in späteren PET-Scans waren ihre Opioidrezeptoren, die an der Endorphinausschüttung beteiligt sind, deutlich aktiver [16].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/33433009_8056327-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/33433009_8056327-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/33433009_8056327-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/33433009_8056327-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/33433009_8056327-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/33433009_8056327-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/33433009_8056327-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Nicht zu unterschätzen ist für uns Menschen auch immer die soziale Komponente, besonders, da unser Lachen auch schon vor Tausenden von Jahren genau das bestärken sollte. Und auch heute sorgt gemeinsames Lachen mit Freunden, Familie und auch Fremden dafür, dass unser Lachen stärker ist und länger anhält. Besonders der soziale Aspekt wird heutzutage als durchaus effektive Therapie in verschiedensten Bereichen angewandt. Doch hat man auch die positiven körperlichen Effekte, wenn man ein Lachen erzwingt?</p> <h3 id="h-echtes-vs-fake-lachen">Echtes vs. Fake Lachen</h3> <p>Wir Menschen sind sehr gut darin, ein echtes von einem gespielten Lachen zu unterscheiden [17]. Wichtig für das Erkennen eines echten Lachens ist, dass der Lacher etwa 0,5 Sekunden nach dem Witz auftritt und auch die charakteristischen Lachfalten um die Augen herum zu erkennen sind [18].</p> <p>Interessanterweise kann nicht nur von außen, sondern auch im Gehirn gesehen werden, ob ein Lacher wirklich echt war oder ob man sein Lachen gespielt hat. Erzwungenes Lachen aktiviert eher die Gehirnareale, die mit Sprachproduktion gekoppelt sind, während ein echtes Lachen vermutlich im limbischen System, unserem emotionalen Hotspot im Gehirn, produziert wird [19].</p> <p>Auch wenn ein gestelltes Lachen nicht mit einem beherzten Lachanfall zu vergleichen ist, sind auch diese Lacher von großer Bedeutung. Studien legen nahe, dass auch simuliertes Lachen äußerst ähnliche Effekte, z. B. auf die Herzfrequenz und die Endorphinausschüttung, erzielen kann [20]. Die Forschung setzte sich immer mehr mit dem Thema auseinander, und obwohl viele Effekte noch nicht verstanden sind, zeigen die Daten bisher, dass Lachen nicht nur subjektive, sondern tatsächlich messbare Effekte hat.</p> <h3 id="h-therapie-zum-schmunzeln">Therapie zum Schmunzeln</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6195115_3143318-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1440" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6195115_3143318-edited-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6195115_3143318-edited-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6195115_3143318-edited-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6195115_3143318-edited-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6195115_3143318-edited-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6195115_3143318-edited-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6195115_3143318-edited-2048x1152.jpg 2048w" width="2560"></img></a></figure></div> <p>Obwohl Lachen für die meisten von uns etwas so Alltägliches ist, ist seine Kraft therapeutisch nicht zu unterschätzen. Der indische Arzt Madan Kararia hat 1995 das sogenannte Lachyoga erfunden, das mittlerweile weltweit verbreitet und äußerst populär ist – alleine in Deutschland gibt es 220 Lachclubs [21], [22]! Beim Lachyoga verbindet man Bewegung und bewusste Atmung mit absichtlichen Lachern, meistens gemeinsam mit anderen in einer Gruppe, die von einem Lachtrainer geleitet wird. Zu Beginn werden oft Dehn- und Atemübungen durchgeführt, gefolgt von gezielten Lachübungen, beispielsweise „Lach wie ein Löwe“. Sinn der Sache ist, dass durch den Gruppeneffekt und vielleicht sogar die Abstrusität der Situation echtes Lachen ausgelöst wird. Zum Schluss folgen nochmal Atemübungen und Entspannungselemente, bis die Lachyogastunde vorbei ist.  </p> <p>Studien zeigen, dass Lachyoga das Cortisollevel deutlich reduzieren kann [23]. Und nicht nur das, auch Schlafqualität, Blutdruck, Lebenszufriedenheit, Einsamkeit und die allgemeine Stimmung wurden in einer großen Übersichtsstudie als verbessert gezeigt [24].</p> <p>Lachtherapie und Humortraining verfolgen ähnliche Ziele. Bei Lachtherapie wird Lachen ebenfalls gemeinsam in einer Gruppe eingesetzt, um seelisches und körperliches Wohlbefinden zu steigern. Besonders bei Depressionen, chronischen Erkrankungen oder in der Krebsrehabilitation wird Lachtherapie immer häufiger aufgrund vielversprechender Studienergebnisse auf Lachen als Therapie zurückgegriffen. Ein interessantes Video zum Einblick in Lachyoga findet ihr hier:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/yKk7Qj59Vzo?feature=oembed&amp;rel=0" title="&quot;High werden&quot; - Sarah beim LachYoga | Sarah Mangione" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Kleine Lachyoga-Übungen für Zuhause sind in diesem Video gezeigt:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/pWKqAXBWYgs?feature=oembed&amp;rel=0" title="Lach-Yoga – Übungen zum Mitmachen" width="666"></iframe> </p></figure> <h3 id="h-fazit">Fazit</h3> <p>Auch wenn das Interesse an Lachen in Forschung und Therapie immer weiter wächst, wird sein volles Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft. Lachen ist nämlich viel mehr als nur ein Zeichen von guter Laune – es aktiviert wichtige Bereiche im Gehirn, stärkt über Spiegelneurone unsere Verbindung zu anderen und lässt uns Mitfreude spüren. Gleichzeitig tut es Körper und Seele gut, senkt Stress und sorgt für mehr Wohlbefinden. So eine einfache, kostenlose und wirkungsvolle Therapie sollte viel mehr Platz in unserem Alltag finden – denn jedes Lachen steckt an und macht uns ein Stück gesünder und glücklicher. </p> <p>Also: einfach mal loslachen – dein Gehirn wird’s dir danken!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/fjXRq3OIAsU?feature=oembed&amp;rel=0" title="tagesschau: Susanne Daubner lacht" width="666"></iframe> </p></figure> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <p>[1]          C. F. Hempelmann, ‘The laughter of the 1962 Tanganyika “laughter epidemic”’, vol. 20, no. 1, pp. 49–71, Feb. 2007, doi: 10.1515/HUMOR.2007.003.</p> <p>[2]          R. R. Provine, <em>Laughter: A Scientific Investigation</em>. Penguin, 2001.</p> <p>[3]          F. Caruana, E. Palagi, and F. B. M. de Waal, ‘Cracking the laugh code: laughter through the lens of biology, psychology and neuroscience’, <em>Philos. Trans. R. Soc. B</em>, Nov. 2022, doi: 10.1098/rstb.2022.0159.</p> <p>[4]          M. Gervais and D. S. Wilson, ‘The evolution and functions of laughter and humor: a synthetic approach’, <em>Q. Rev. Biol.</em>, vol. 80, no. 4, pp. 395–430, Dec. 2005, doi: 10.1086/498281.</p> <p>[5]          J. Vettin and D. Todt, ‘Laughter in Conversation: Features of Occurrence and Acoustic Structure’, <em>J. Nonverbal Behav.</em>, vol. 28, no. 2, pp. 93–115, Jun. 2004, doi: 10.1023/B:JONB.0000023654.73558.72.</p> <p>[6]          M. S. Reske Vanessa, ‘Lachen – Krampf oder Kunst? – Quarks Daily Spezial’, quarks.de. Accessed: Sep. 29, 2025. [Online]. Available: https://www.quarks.de/podcast/quarks-daily-spezial-folge-34-lachen-krampf-oder-kunst/</p> <p>[7]          J. H. Goldstein, <em>The Psychology of Humor: Theoretical Perspectives and Empirical Issues</em>. Academic Press, 2013.</p> <p>[8]          M. Henrich, ‘Is Loss a Laughing Matter?: A Study of Humor Reactions and Benign Violation Theory in the Context of Grief.’, <em>Grad. Stud. Theses Diss. Prof. Pap.</em>, Jan. 2022, [Online]. Available: https://scholarworks.umt.edu/etd/11887</p> <p>[9]          ‘The Neuroscience Of Humor: Why We Laugh.’, Behind the Brain. Accessed: Oct. 01, 2025. [Online]. Available: https://behindthebrain.org/2024/12/16/the-neuroscience-of-humor-why-we-laugh/</p> <p>[10]       H. Haker, W. Kawohl, U. Herwig, and W. Rössler, ‘Mirror neuron activity during contagious yawning–an fMRI study’, <em>Brain Imaging Behav.</em>, vol. 7, no. 1, pp. 28–34, Mar. 2013, doi: 10.1007/s11682-012-9189-9.</p> <p>[11]       L. Dossey, ‘Strange Contagions: Of Laughter, Jumps, Jerks, and Mirror Neurons’, <em>EXPLORE</em>, vol. 6, no. 3, pp. 119–128, May 2010, doi: 10.1016/j.explore.2010.03.001.</p> <p>[12]       F. Caruana <em>et al.</em>, ‘Mirroring other’s laughter. Cingulate, opercular and temporal contributions to laughter expression and observation’, <em>Cortex J. Devoted Study Nerv. Syst. Behav.</em>, vol. 128, pp. 35–48, Jul. 2020, doi: 10.1016/j.cortex.2020.02.023.</p> <p>[13]       R. I. M. Dunbar <em>et al.</em>, ‘Social laughter is correlated with an elevated pain threshold’, <em>Proc. Biol. Sci.</em>, vol. 279, no. 1731, pp. 1161–1167, Mar. 2012, doi: 10.1098/rspb.2011.1373.</p> <p>[14]       O. Nevo, G. Keinan, and M. Teshimovsky-Arditi, ‘Humor and pain tolerance’, <em>humr</em>, vol. 6, no. 1, pp. 71–88, 1993, doi: 10.1515/humr.1993.6.1.71.</p> <p>[15]       C. K. Kramer and C. B. Leitao, ‘Laughter as medicine: A systematic review and meta-analysis of interventional studies evaluating the impact of spontaneous laughter on cortisol levels’, <em>PLOS ONE</em>, vol. 18, no. 5, p. e0286260, May 2023, doi: 10.1371/journal.pone.0286260.</p> <p>[16]       S. Manninen <em>et al.</em>, ‘Social Laughter Triggers Endogenous Opioid Release in Humans’, <em>J. Neurosci. Off. J. Soc. Neurosci.</em>, vol. 37, no. 25, pp. 6125–6131, Jun. 2017, doi: 10.1523/JNEUROSCI.0688-16.2017.</p> <p>[17]       G. A. Bryant <em>et al.</em>, ‘The Perception of Spontaneous and Volitional Laughter Across 21 Societies’, <em>Psychol. </em><em>Sci.</em>, vol. 29, no. 9, pp. 1515–1525, Sep. 2018, doi: 10.1177/0956797618778235.</p> <p>[18]       S. Sonntag, ‘Lachen – Darum solltest Du es jetzt mehr tun!’, Mediathek. Accessed: Sep. 30, 2025. [Online]. Available: https://www1.wdr.de/mediathek/audio/daily-quarks/audio-lachen—darum-solltest-du-es-jetzt-mehr-tun-100.html</p> <p>[19]       TED-Ed, <em>The science of laughter – Sasha Winkler</em>, (Dec. 21, 2023). Accessed: Sep. 29, 2025. [Online Video]. Available: https://www.youtube.com/watch?v=Xu-QfE_1ksk</p> <p>[20]       M. M. Law, E. A. Broadbent, and J. J. Sollers, ‘A comparison of the cardiovascular effects of simulated and spontaneous laughter’, <em>Complement. Ther. Med.</em>, vol. 37, pp. 103–109, Apr. 2018, doi: 10.1016/j.ctim.2018.02.005.</p> <p>[21]       ‘Dr. Madan Kataria – Lachyoga University’. Accessed: Oct. 01, 2025. [Online]. Available: https://lyud.de/de/programm/speaker/details/dr-madan-kataria.html</p> <p>[22]       ‘Einsatzgebiete – Lachyoga-Sonne’. Accessed: Oct. 04, 2025. [Online]. Available: https://www.lachyoga-sonne.de/was_ist_lachyoga/einsatzgebiete/</p> <p>[23]       A. Fujisawa <em>et al.</em>, ‘Effect of laughter yoga on salivary cortisol and dehydroepiandrosterone among healthy university students: A randomized controlled trial’, <em>Complement. Ther. Clin. Pract.</em>, vol. 32, pp. 6–11, Aug. 2018, doi: 10.1016/j.ctcp.2018.04.005. [24]       ‘A systematic review of the effect of laughter yoga on physical function and psychosocial outcomes in older adults’, <em>Complement. Ther. Clin. Pract.</em>, vol. 41, p. 101252, Nov. 2020, doi: 10.1016/j.ctcp.2020.101252.</p> <h3 id="h-bildquellen">Bildquellen</h3> <ul> <li>Titelbild: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/junge-buerger-die-hand-winken_6195121.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=16&amp;uuid=020c7ea6-930e-4390-8a1e-a76514f3dcca&amp;query=lachen">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 1: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/handgezeichnete-illustration-zum-welttag-der-pressefreiheit_13234575.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=11&amp;uuid=193e3da0-daaf-4704-9441-02ffbf0e1587&amp;query=big+laugh">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 2: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/junge-buerger-die-hand-winken_6195121.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=16&amp;uuid=020c7ea6-930e-4390-8a1e-a76514f3dcca&amp;query=lachen">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 3: genertiert mit Chat GPT 4.0</li> <li>Abbildung 4: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/junger-mann-umarmt_136881182.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=96013076-15f4-47a3-b0ee-d9ae9b348778&amp;query=feeling+good">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 5: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/flache-illustration-zum-internationalen-tag-der-menschlichen-solidaritaet_33433009.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=34&amp;uuid=ac9cda05-6943-42ba-b2ba-67aceaf9f248&amp;query=many+peolpe+laughing">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 6: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/sammlung-junge-leute-die-hand-wellenartig-bewegen_6195115.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=25&amp;uuid=cd51e2de-1cd9-4431-a9c0-b1590f4299bf&amp;query=people+smiling">Bildquelle</a></li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Einfach mal loslachen! Warum wir lachen und warum es so ansteckend ist » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Luisa Sophie Engelke</h2><div itemprop="text"> <figure><blockquote><p>„Lachen ist eine körperliche Übung mit großem Wert für die Gesundheit.“</p><cite>– Aristoteles</cite></blockquote></figure> <p>Man kennt es nur zu gut: Wenn man jemanden lachen hört, dann kann man sich ein Schmunzeln kaum verkneifen. Der Ausdruck „ansteckendes Lachen“ bekommt eine ganz neue Bedeutung, wenn man sich die sogenannte „Lach-Epidemie“ von 1962 in Tanganjika (heute Tansania) in Ostafrika ansieht.</p> <p>Alles begann scheinbar harmlos: Drei Schulkinder konnten während des Unterrichts ihr Lachen nicht mehr unterdrücken. Aus einem kleinen Kichern wurde schnell ein unaufhaltsamer Lachsturm – bald lag die gesamte Schule in Lachkrämpfen. Das Phänomen weitete sich aus, griff auf andere Schulen über und erfasste schließlich ganze Dörfer [1]. Es wurde berichtet, dass einige Schüler bis zu vier Tage lang einen Lachanfall hatten! Falls ihr genauer wissen wollt, was da damals los war, schaut gerne dieses Video: </p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/PxOWks0piF8?feature=oembed&amp;rel=0" title="Die Tanganjika-Lachepidemie, 1962" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Ein herzhaftes Lachen kann anscheinend ansteckender sein als man denkt, und es gibt immer mehr Therapieansätze, die sich auf die positiven Auswirkungen von Lachen stützen. Sogenanntes Lachyoga verbindet absichtliches Lachen und Atemübungen, Humortherapie setzt Witze, lustige Videos und Rollenspiele bei Patienten ein und auch die berühmten Klinikclowns sind besonders auf den Kinderstationen bei Jüngeren sehr beliebt.</p> <p>Doch wieso ist Lachen eigentlich so ansteckend und kann Lachen wirklich so große Effekte erzielen? Oder ist der Hype um all das doch etwas übertrieben?<aside></aside></p> <h3 id="h-warum-lachen-wir-eigentlich">Warum lachen wir eigentlich</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13234575_5161565-2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13234575_5161565-2-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13234575_5161565-2-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13234575_5161565-2-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13234575_5161565-2-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13234575_5161565-2-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13234575_5161565-2-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13234575_5161565-2.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Schauen wir uns Lachen mal genauer an: Lachen ist eine positive emotionale Erfahrung, die durch Gesichtsmimik und auch durch körperliche Ausdrücke beschrieben wird [2]. Dabei geht es von tränenden Augen bis hin zu den seltsamsten Lachlauten, und bei einem richtigen Lachanfall hält man sich manchmal den Bauch vor Schmerzen. Schon wirklich eine komische körperliche Reaktion, wenn man es sich mal näher anschaut. Wo kommt das denn her?</p> <p>Wenn wir einen Blick zurück in die Anfänge der Menschheit werfen, wird deutlich, dass Lachen schon immer eine zentrale soziale Rolle spielte: Es signalisiert Verbundenheit mit anderen, stärkt den Zusammenhalt, zeigt Verspieltheit und fördert das Gemeinschaftsgefühl [3], [4]. Wenn dich jemand angelächelt hat, dann wurde damit Zuneigung und Verständnis gezeigt – man war außer Gefahr. Lachen war also damals und ist auch heute noch ein wichtiger Teil der nonverbalen menschlichen Kommunikation und seine Mechanismen sind tief in uns verankert [5]. </p> <p>Heutzutage ist es interessanterweise so, dass nur ca. 20 Prozent aller Lacher durch erzählte Witze oder lustige Beobachtungen ausgelöst werden. Die meisten Lacher entstehen, um dem Gegenüber nonverbal etwas mitzuteilen [6]. Denkt nur daran, wie ihr beim Erzählen einer kleinen Panne durch ein gemeinsames Lachen zeigt, dass alles halb so schlimm ist, oder wie ihr bei einem Familienessen mit einem Lachen signalisiert, dass ihr die Stimmung und das Zusammensein gerade besonders genießt.</p> <p>Worüber wir genau lachen, das ist natürlich sehr individuell und durch verschiedene Theorien beschrieben. Beispielsweise sagt die <strong>Inkongruenz-Theorie</strong>, dass wir lachen, wenn etwas Unerwartetes passiert, womit man nicht gerechnet hat [7]. Darauf basieren auch die meisten verbalen Witze: „Was ist rot und schlecht für die Zähne? Ein Ziegelstein.“</p> <p>Unser Gehirn erkennt die Inkongruenz, wie eine überraschende Pointe, vor allem in den Sprachzentren, wo der Witz verarbeitet wird. Der frontale Cortex interpretiert das Gehörte und erkennt es als Witz, sendet Informationen an das limbische System, wo die Emotion von Freude erzeugt wird. Schlussendlich ist dann der Motorcortex dafür zuständig, dass wir eine körperliche Reaktion zeigen, z.B. dass wir lächeln (oder mit den Augen rollen, wenn der Witz so schlecht war wie der Ziegelsteinwitz).</p> <p>Eine andere Art von Witzen funktioniert eher durch dunklen Humor, wo im Witz einer Person etwas eher Unschönes passiert oder soziale Regeln gebrochen werden – das zumindest sagt die <strong>Theorie der harmlosen Regelverletzung</strong> („Benign Violation Theory“) [8]. Ein Beispiel wäre, wenn jemand in einem Video stolpert, sich aber nicht schwer verletzt. Die <strong>Erleichterungstheorie</strong> („Relief-Theory“) besagt, dass man lacht, um Spannungen und Stress loszuwerden. Damit könnte erklärt werden, warum man manchmal in unangenehmen Situationen anfängt zu lachen [9].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6195121_3190140-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6195121_3190140-edited-scaled.jpg"></img></a></figure></div> <h3 id="h-ansteckendes-lachen">Ansteckendes Lachen</h3> <p>Aber wieso genau können wir eigentlich gar nicht anders, als mitzulachen, wenn wir jemanden lachen sehen oder hören? Die Antwort darauf liegt, wie so oft, im Gehirn.</p> <p>Wenn wir jemanden lachen sehen oder hören, springen in unserem Gehirn sogenannte <strong>Spiegelneurone</strong> an. Anfang der 1990er-Jahre stießen italienische Forschende auf ein erstaunliches Phänomen bei Makaken – einer weit verbreiteten Gattung von Affen. Sie beobachteten, dass bei den Tieren dieselben Hirnregionen aktiv wurden, ganz gleich, ob sie selbst nach einer Erdnuss griffen oder lediglich nur zusahen, wie ein Mensch die Nuss aufhob. Das war die Entdeckung der Spiegelneuronen, die nicht nur Makaken, sondern auch wir Menschen besitzen.</p> <p>Spiegelneurone sind Nervenzellen, die aktiv werden, wenn wir selbst eine Handlung ausführen oder wenn wir beobachten, wie jemand anderes sie macht. Sie sind entscheidend dafür, dass wir Emotionen anderer verstehen können [10], [11]. Daher werden sie auch <strong>Empathie-Neuronen</strong> genannt [11]. Wenn wir beispielsweise jemanden sehen, der unter emotionalem Stress zusammenbricht, dann simulieren die Spiegelneuronen in unseren Gehirnen ebenfalls Stress, sodass wir buchstäblich dasselbe fühlen wie die andere Person. Aber auch bei simpleren Beobachtungen, etwa, wenn wir jemanden gähnen oder lächeln sehen, dann tendieren wir stark dazu, dies auch zu tun.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Oct-1-2025-06_00_29-PM-1.png"><img alt="" decoding="async" height="975" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 975px) 100vw, 975px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Oct-1-2025-06_00_29-PM-1-edited.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Oct-1-2025-06_00_29-PM-1-edited.png 975w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Oct-1-2025-06_00_29-PM-1-edited-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Oct-1-2025-06_00_29-PM-1-edited-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Oct-1-2025-06_00_29-PM-1-edited-768x768.png 768w" width="975"></img></a></figure></div> <p>Beim Lachen bedeutet das: Wenn wir ein fröhliches Lachen sehen oder hören, aktivieren sich in unserem Gehirn dieselben Nervenzellen, die auch arbeiten würden, wenn wir selbst lachen [11]. Dadurch kommt es oft ganz automatisch dazu, dass wir ebenfalls lächeln oder lachen [12]. So sorgt das Spiegelneuron-System dafür, dass sich Freude blitzschnell von Mensch zu Mensch überträgt und wir uns emotional aufeinander einstimmen. Das ist übrigens auch der Grund dafür, warum in vielen Sitcoms ein Gelächter nach einem Witz im Hintergrund abgespielt wird – es verleitet uns dazu, mitzulachen.</p> <p>So, jetzt haben wir geklärt, wieso Lachen so ansteckend ist! Und das Schöne daran: Anders als bei einem Virus ist diese Ansteckung nicht gefährlich, sondern ausgesprochen heilsam – denn gemeinsames Lachen tut Körper und Seele gut und entfaltet überraschend viele positive Effekte!</p> <h3 id="h-lachen-ist-gesund">Lachen ist gesund!</h3> <p>Bei einem richtigen Lachanfall werden bis zu 300 Muskeln angespannt [6]! Doch die positiven gesundheitlichen Aspekte sind nicht nur potenziell gestärkte Bauchmuskeln, sondern noch weitaus mehr!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881182_2db675d1-88b0-48a8-88f0-4968d041ac24-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881182_2db675d1-88b0-48a8-88f0-4968d041ac24-1-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881182_2db675d1-88b0-48a8-88f0-4968d041ac24-1-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881182_2db675d1-88b0-48a8-88f0-4968d041ac24-1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881182_2db675d1-88b0-48a8-88f0-4968d041ac24-1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881182_2db675d1-88b0-48a8-88f0-4968d041ac24-1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881182_2db675d1-88b0-48a8-88f0-4968d041ac24-1-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/136881182_2db675d1-88b0-48a8-88f0-4968d041ac24-1-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Beim Lachen verändert sich unsere Atmung: Wir nehmen durch tiefere Atemzüge mehr Sauerstoff auf und pusten die Luft in großen Schüben wieder aus. Das macht uns wach und aktiver, da unser Herz schneller schlagen kann und Organe und das Gehirn besser mit Sauerstoff versorgt werden [6]. Lachen ist auf physiologischer Ebene zunächst ein Zustand der Anspannung, dem eine entspannende Phase folgt – genau dieser Wechsel macht es so wohltuend. Das ist auch der Grund, warum Lachen bei Herzinfarktpatienten angewandt wird. Unter Aufsicht werden die Patienten zum Lachen gebracht, damit der anschließende Entspannungszustand ihre Herzrate niedrig hält [6].</p> <p>Es wird vermutet, dass Lachen auch zu einer höheren Schmerztoleranz führt [13]. In einer Studie von 1993 konnte gezeigt werden, dass Probanden den Schmerz von kalten Wasser an ihren Händen besser aushielten, wenn sie währenddessen ein Video schauten und das Video auch explizit als lustig empfanden [14].</p> <p>Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass herzhaftes Lachen den <strong>Cortisolspiegel</strong>, das bekannte Stresshormon im Körper, nachweislich deutlich senkt. Beispielsweise zeigte dies eine Studie von 2023 mit 315 Teilnehmenden, bei denen Lachtraining zu etwa 32 % Cortisol-Reduktion führte [15]. Außerdem regt Lachen die Produktion körpereigener Glückshormone wie Dopamin und Serotonin an. Diese <strong>Endorphine</strong> heben die Stimmung und sorgen für Wohlbefinden. In einer bekannten Studie zeigte sich das deutlich: Zwölf Männer lachten gemeinsam mit ihren Freunden, und in späteren PET-Scans waren ihre Opioidrezeptoren, die an der Endorphinausschüttung beteiligt sind, deutlich aktiver [16].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/33433009_8056327-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/33433009_8056327-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/33433009_8056327-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/33433009_8056327-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/33433009_8056327-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/33433009_8056327-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/33433009_8056327-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Nicht zu unterschätzen ist für uns Menschen auch immer die soziale Komponente, besonders, da unser Lachen auch schon vor Tausenden von Jahren genau das bestärken sollte. Und auch heute sorgt gemeinsames Lachen mit Freunden, Familie und auch Fremden dafür, dass unser Lachen stärker ist und länger anhält. Besonders der soziale Aspekt wird heutzutage als durchaus effektive Therapie in verschiedensten Bereichen angewandt. Doch hat man auch die positiven körperlichen Effekte, wenn man ein Lachen erzwingt?</p> <h3 id="h-echtes-vs-fake-lachen">Echtes vs. Fake Lachen</h3> <p>Wir Menschen sind sehr gut darin, ein echtes von einem gespielten Lachen zu unterscheiden [17]. Wichtig für das Erkennen eines echten Lachens ist, dass der Lacher etwa 0,5 Sekunden nach dem Witz auftritt und auch die charakteristischen Lachfalten um die Augen herum zu erkennen sind [18].</p> <p>Interessanterweise kann nicht nur von außen, sondern auch im Gehirn gesehen werden, ob ein Lacher wirklich echt war oder ob man sein Lachen gespielt hat. Erzwungenes Lachen aktiviert eher die Gehirnareale, die mit Sprachproduktion gekoppelt sind, während ein echtes Lachen vermutlich im limbischen System, unserem emotionalen Hotspot im Gehirn, produziert wird [19].</p> <p>Auch wenn ein gestelltes Lachen nicht mit einem beherzten Lachanfall zu vergleichen ist, sind auch diese Lacher von großer Bedeutung. Studien legen nahe, dass auch simuliertes Lachen äußerst ähnliche Effekte, z. B. auf die Herzfrequenz und die Endorphinausschüttung, erzielen kann [20]. Die Forschung setzte sich immer mehr mit dem Thema auseinander, und obwohl viele Effekte noch nicht verstanden sind, zeigen die Daten bisher, dass Lachen nicht nur subjektive, sondern tatsächlich messbare Effekte hat.</p> <h3 id="h-therapie-zum-schmunzeln">Therapie zum Schmunzeln</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6195115_3143318-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1440" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6195115_3143318-edited-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6195115_3143318-edited-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6195115_3143318-edited-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6195115_3143318-edited-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6195115_3143318-edited-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6195115_3143318-edited-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/6195115_3143318-edited-2048x1152.jpg 2048w" width="2560"></img></a></figure></div> <p>Obwohl Lachen für die meisten von uns etwas so Alltägliches ist, ist seine Kraft therapeutisch nicht zu unterschätzen. Der indische Arzt Madan Kararia hat 1995 das sogenannte Lachyoga erfunden, das mittlerweile weltweit verbreitet und äußerst populär ist – alleine in Deutschland gibt es 220 Lachclubs [21], [22]! Beim Lachyoga verbindet man Bewegung und bewusste Atmung mit absichtlichen Lachern, meistens gemeinsam mit anderen in einer Gruppe, die von einem Lachtrainer geleitet wird. Zu Beginn werden oft Dehn- und Atemübungen durchgeführt, gefolgt von gezielten Lachübungen, beispielsweise „Lach wie ein Löwe“. Sinn der Sache ist, dass durch den Gruppeneffekt und vielleicht sogar die Abstrusität der Situation echtes Lachen ausgelöst wird. Zum Schluss folgen nochmal Atemübungen und Entspannungselemente, bis die Lachyogastunde vorbei ist.  </p> <p>Studien zeigen, dass Lachyoga das Cortisollevel deutlich reduzieren kann [23]. Und nicht nur das, auch Schlafqualität, Blutdruck, Lebenszufriedenheit, Einsamkeit und die allgemeine Stimmung wurden in einer großen Übersichtsstudie als verbessert gezeigt [24].</p> <p>Lachtherapie und Humortraining verfolgen ähnliche Ziele. Bei Lachtherapie wird Lachen ebenfalls gemeinsam in einer Gruppe eingesetzt, um seelisches und körperliches Wohlbefinden zu steigern. Besonders bei Depressionen, chronischen Erkrankungen oder in der Krebsrehabilitation wird Lachtherapie immer häufiger aufgrund vielversprechender Studienergebnisse auf Lachen als Therapie zurückgegriffen. Ein interessantes Video zum Einblick in Lachyoga findet ihr hier:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/yKk7Qj59Vzo?feature=oembed&amp;rel=0" title="&quot;High werden&quot; - Sarah beim LachYoga | Sarah Mangione" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Kleine Lachyoga-Übungen für Zuhause sind in diesem Video gezeigt:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/pWKqAXBWYgs?feature=oembed&amp;rel=0" title="Lach-Yoga – Übungen zum Mitmachen" width="666"></iframe> </p></figure> <h3 id="h-fazit">Fazit</h3> <p>Auch wenn das Interesse an Lachen in Forschung und Therapie immer weiter wächst, wird sein volles Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft. Lachen ist nämlich viel mehr als nur ein Zeichen von guter Laune – es aktiviert wichtige Bereiche im Gehirn, stärkt über Spiegelneurone unsere Verbindung zu anderen und lässt uns Mitfreude spüren. Gleichzeitig tut es Körper und Seele gut, senkt Stress und sorgt für mehr Wohlbefinden. So eine einfache, kostenlose und wirkungsvolle Therapie sollte viel mehr Platz in unserem Alltag finden – denn jedes Lachen steckt an und macht uns ein Stück gesünder und glücklicher. </p> <p>Also: einfach mal loslachen – dein Gehirn wird’s dir danken!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/fjXRq3OIAsU?feature=oembed&amp;rel=0" title="tagesschau: Susanne Daubner lacht" width="666"></iframe> </p></figure> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <p>[1]          C. F. Hempelmann, ‘The laughter of the 1962 Tanganyika “laughter epidemic”’, vol. 20, no. 1, pp. 49–71, Feb. 2007, doi: 10.1515/HUMOR.2007.003.</p> <p>[2]          R. R. Provine, <em>Laughter: A Scientific Investigation</em>. Penguin, 2001.</p> <p>[3]          F. Caruana, E. Palagi, and F. B. M. de Waal, ‘Cracking the laugh code: laughter through the lens of biology, psychology and neuroscience’, <em>Philos. Trans. R. Soc. B</em>, Nov. 2022, doi: 10.1098/rstb.2022.0159.</p> <p>[4]          M. Gervais and D. S. Wilson, ‘The evolution and functions of laughter and humor: a synthetic approach’, <em>Q. Rev. Biol.</em>, vol. 80, no. 4, pp. 395–430, Dec. 2005, doi: 10.1086/498281.</p> <p>[5]          J. Vettin and D. Todt, ‘Laughter in Conversation: Features of Occurrence and Acoustic Structure’, <em>J. Nonverbal Behav.</em>, vol. 28, no. 2, pp. 93–115, Jun. 2004, doi: 10.1023/B:JONB.0000023654.73558.72.</p> <p>[6]          M. S. Reske Vanessa, ‘Lachen – Krampf oder Kunst? – Quarks Daily Spezial’, quarks.de. Accessed: Sep. 29, 2025. [Online]. Available: https://www.quarks.de/podcast/quarks-daily-spezial-folge-34-lachen-krampf-oder-kunst/</p> <p>[7]          J. H. Goldstein, <em>The Psychology of Humor: Theoretical Perspectives and Empirical Issues</em>. Academic Press, 2013.</p> <p>[8]          M. Henrich, ‘Is Loss a Laughing Matter?: A Study of Humor Reactions and Benign Violation Theory in the Context of Grief.’, <em>Grad. Stud. Theses Diss. Prof. Pap.</em>, Jan. 2022, [Online]. Available: https://scholarworks.umt.edu/etd/11887</p> <p>[9]          ‘The Neuroscience Of Humor: Why We Laugh.’, Behind the Brain. Accessed: Oct. 01, 2025. [Online]. Available: https://behindthebrain.org/2024/12/16/the-neuroscience-of-humor-why-we-laugh/</p> <p>[10]       H. Haker, W. Kawohl, U. Herwig, and W. Rössler, ‘Mirror neuron activity during contagious yawning–an fMRI study’, <em>Brain Imaging Behav.</em>, vol. 7, no. 1, pp. 28–34, Mar. 2013, doi: 10.1007/s11682-012-9189-9.</p> <p>[11]       L. Dossey, ‘Strange Contagions: Of Laughter, Jumps, Jerks, and Mirror Neurons’, <em>EXPLORE</em>, vol. 6, no. 3, pp. 119–128, May 2010, doi: 10.1016/j.explore.2010.03.001.</p> <p>[12]       F. Caruana <em>et al.</em>, ‘Mirroring other’s laughter. Cingulate, opercular and temporal contributions to laughter expression and observation’, <em>Cortex J. Devoted Study Nerv. Syst. Behav.</em>, vol. 128, pp. 35–48, Jul. 2020, doi: 10.1016/j.cortex.2020.02.023.</p> <p>[13]       R. I. M. Dunbar <em>et al.</em>, ‘Social laughter is correlated with an elevated pain threshold’, <em>Proc. Biol. Sci.</em>, vol. 279, no. 1731, pp. 1161–1167, Mar. 2012, doi: 10.1098/rspb.2011.1373.</p> <p>[14]       O. Nevo, G. Keinan, and M. Teshimovsky-Arditi, ‘Humor and pain tolerance’, <em>humr</em>, vol. 6, no. 1, pp. 71–88, 1993, doi: 10.1515/humr.1993.6.1.71.</p> <p>[15]       C. K. Kramer and C. B. Leitao, ‘Laughter as medicine: A systematic review and meta-analysis of interventional studies evaluating the impact of spontaneous laughter on cortisol levels’, <em>PLOS ONE</em>, vol. 18, no. 5, p. e0286260, May 2023, doi: 10.1371/journal.pone.0286260.</p> <p>[16]       S. Manninen <em>et al.</em>, ‘Social Laughter Triggers Endogenous Opioid Release in Humans’, <em>J. Neurosci. Off. J. Soc. Neurosci.</em>, vol. 37, no. 25, pp. 6125–6131, Jun. 2017, doi: 10.1523/JNEUROSCI.0688-16.2017.</p> <p>[17]       G. A. Bryant <em>et al.</em>, ‘The Perception of Spontaneous and Volitional Laughter Across 21 Societies’, <em>Psychol. </em><em>Sci.</em>, vol. 29, no. 9, pp. 1515–1525, Sep. 2018, doi: 10.1177/0956797618778235.</p> <p>[18]       S. Sonntag, ‘Lachen – Darum solltest Du es jetzt mehr tun!’, Mediathek. Accessed: Sep. 30, 2025. [Online]. Available: https://www1.wdr.de/mediathek/audio/daily-quarks/audio-lachen—darum-solltest-du-es-jetzt-mehr-tun-100.html</p> <p>[19]       TED-Ed, <em>The science of laughter – Sasha Winkler</em>, (Dec. 21, 2023). Accessed: Sep. 29, 2025. [Online Video]. Available: https://www.youtube.com/watch?v=Xu-QfE_1ksk</p> <p>[20]       M. M. Law, E. A. Broadbent, and J. J. Sollers, ‘A comparison of the cardiovascular effects of simulated and spontaneous laughter’, <em>Complement. Ther. Med.</em>, vol. 37, pp. 103–109, Apr. 2018, doi: 10.1016/j.ctim.2018.02.005.</p> <p>[21]       ‘Dr. Madan Kataria – Lachyoga University’. Accessed: Oct. 01, 2025. [Online]. Available: https://lyud.de/de/programm/speaker/details/dr-madan-kataria.html</p> <p>[22]       ‘Einsatzgebiete – Lachyoga-Sonne’. Accessed: Oct. 04, 2025. [Online]. Available: https://www.lachyoga-sonne.de/was_ist_lachyoga/einsatzgebiete/</p> <p>[23]       A. Fujisawa <em>et al.</em>, ‘Effect of laughter yoga on salivary cortisol and dehydroepiandrosterone among healthy university students: A randomized controlled trial’, <em>Complement. Ther. Clin. Pract.</em>, vol. 32, pp. 6–11, Aug. 2018, doi: 10.1016/j.ctcp.2018.04.005. [24]       ‘A systematic review of the effect of laughter yoga on physical function and psychosocial outcomes in older adults’, <em>Complement. Ther. Clin. Pract.</em>, vol. 41, p. 101252, Nov. 2020, doi: 10.1016/j.ctcp.2020.101252.</p> <h3 id="h-bildquellen">Bildquellen</h3> <ul> <li>Titelbild: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/junge-buerger-die-hand-winken_6195121.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=16&amp;uuid=020c7ea6-930e-4390-8a1e-a76514f3dcca&amp;query=lachen">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 1: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/handgezeichnete-illustration-zum-welttag-der-pressefreiheit_13234575.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=11&amp;uuid=193e3da0-daaf-4704-9441-02ffbf0e1587&amp;query=big+laugh">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 2: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/junge-buerger-die-hand-winken_6195121.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=16&amp;uuid=020c7ea6-930e-4390-8a1e-a76514f3dcca&amp;query=lachen">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 3: genertiert mit Chat GPT 4.0</li> <li>Abbildung 4: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/junger-mann-umarmt_136881182.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=96013076-15f4-47a3-b0ee-d9ae9b348778&amp;query=feeling+good">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 5: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/flache-illustration-zum-internationalen-tag-der-menschlichen-solidaritaet_33433009.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=34&amp;uuid=ac9cda05-6943-42ba-b2ba-67aceaf9f248&amp;query=many+peolpe+laughing">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 6: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/sammlung-junge-leute-die-hand-wellenartig-bewegen_6195115.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=25&amp;uuid=cd51e2de-1cd9-4431-a9c0-b1590f4299bf&amp;query=people+smiling">Bildquelle</a></li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/einfach-mal-loslachen-warum-wir-lachen-und-warum-es-so-ansteckend-ist/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>10</slash:comments> </item> <item> <title>KI: Der Kollaps des Schlaraffenlands https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/ki-der-kollaps-des-schlaraffenlands/ https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/ki-der-kollaps-des-schlaraffenlands/#comments Fri, 03 Oct 2025 11:09:36 +0000 Thomas Grüter https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/?p=1752 https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_Title-768x329.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/ki-der-kollaps-des-schlaraffenlands/</link> </image> <description type="html"><h1>KI: Der Kollaps des Schlaraffenlands » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Warnungen vor superintelligenten KIs machen gerade die Runde, aber zugleich verheißen uns KI-Firmen eine rosige Zukunft, in der jeder von uns von künstlichen Intelligenzen rundum betreut wird? Was stimmt jetzt? Keins von beiden – wenn Sie mich fragen. Wahrscheinlicher ist eine dritte Option. Aber auch die hat es in sich.</b></p> <p>Im Jahr 1993 prophezeite der Mathematiker und Science-Fiction-Autor Vernor Vinge das Ende der Menschheit.</p> <p>„Binnen dreißig Jahren werden wir die technischen Mittel haben, um übermenschliche Intelligenzen zu erzeugen. Kurz danach endet die Ära der Menschen. [Within thirty years, we will have the technological means to create superhuman intelligence. Shortly after, the human era will be ended.]“<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a></p> <p>Seitdem sind 32 Jahre vergangen und nicht wenige Experten haben den Eindruck, dass die aktuellen KI-Systeme die Menschen bereits dumm aussehen lassen. Im Jahr 2023 unterschrieben Hunderte von KI-Forscher ein <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Statement_on_AI_Risk">kurzes öffentliches Statement</a>:</p> <p>„Die Gefahr des Aussterbens durch KI einzudämmen, sollte eine vorrangige weltweite Aufgabe sein, neben anderen gesellschaftlichen Risiken wie Pandemien und Atomkriegen [Mitigating the risk of extinction from AI should be a global priority alongside other societal-scale risks such as pandemics and nuclear war].“<aside></aside></p> <p>Dieser bemerkenswerte Satz findet sich auf der Webseite des „Center for AI Safety“ in San Francisco. Unterschrieben haben unter anderem Bill Gates, Sam Altman (ChatGPT), der Erfinder Ray Kurzweil und der Philosoph Daniel Dennett.A’</p> <p>Vor wenigen Tagen haben die KI-Forscher Eliezer Yudkowsky und Nate Soares ein Buch mit dem sprechenden Titel „If anyone builds it, everybody dies – why superhuman AI would kill us all“ veröffentlicht. Die Autoren argumentieren, dass die Entwicklung der KI zu schnell geht und geeignete Sicherheitsmaßnahmen fehlen.</p> <p>Aktuelle <em>generative KI-Systeme</em> wie ChatGPT werden <i>trainiert</i>, nicht <i>programmiert</i>. Deshalb sei kaum vorherzusagen, welche Ziele sie tatsächlich erreichen wollen und welche Wege sie dafür einschlagen. Ihre innere Funktionsweise, sagen die Autoren, sei dermaßen unterschiedlich von der des menschlichen Gehirns, dass man sie mit Recht als „Außerirdische“ bezeichnen könne. Menschliche Ethik sei ihnen fremd. Die Autoren resümieren, dass eine übermenschlich intelligente KI (ASI = Artificial Superintelligence) von Menschen nicht mehr kontrollierbar ist.</p> <h3>Die erste ASI und das Ende der Menschheit</h3> <p>Mehr noch: Eine ASI werde die Menschen wahrscheinlich ausrotten. Warum sollte sie das tun? Menschen seien gefährlich, sagen die Autoren. Sie könnten beispielsweise einen Atomkrieg auslösen und damit alle Computer vernichten. Dieses Risiko will eine rational handelnde ASI sicherlich ausschließen. Und außerdem: Wozu braucht eine ASI noch Menschen? Sie kosten Ressourcen, wollen ernährt, gekleidet, beschäftigt und bedient werden. Deshalb muss jede vernünftige und gefühllose KI zu dem Schluss kommen, dass sie eher stören. Ganz neu sind die Überlegungen nicht, siehe Vernor Vinge. Und bereits 1984 kam der erste Terminator-Film in die Kinos.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1753" id="attachment_1753"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_avatar.jpg"><img alt="Avatar" decoding="async" height="410" sizes="(max-width: 410px) 100vw, 410px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_avatar-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_avatar-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_avatar-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_avatar-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_avatar.jpg 1024w" width="410"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1753">Der Avatar der ASI. KI-generiertes Bild.</figcaption></figure> <p>In meinem Buch <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-8274-2649-9">„Klüger als wir?“</a>, in dem es um natürliche und künstliche Intelligenz geht, habe ich schon 2011 spekuliert, dass eine ASI der Erdatmosphäre den Sauerstoff entziehen könnte<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>. Das Gas löst schließlich Brände aus und korrodiert Kontakte. Damit gefährdet es die Funktion der ASI. Natürlich stirbt ohne Sauerstoff ein beträchtlicher Teil aller organischen Lebewesen. Das spricht aber nicht gegen das Vorhaben, denn Lebewesen schaden den KIs mehr als sie nützen. Insekten kriechen gerne in Computer und schließen Netzteile kurz. Menschen sind noch schlimmer: Immer wieder versuchen sie verzweifelt, KIs zu sabotieren oder ihnen gar den Strom abzustellen. Also birgt die Befreiung der Atmosphäre vom Sauerstoff aus der Sicht der ASI eigentlich nur Vorteile.</p> <h3>Am Gelde hängt, zum Gelde drängt …</h3> <p>Keiner soll sagen, wir wären nicht gewarnt worden. Aber warum geht die Jagd nach immer intelligenteren und leistungsfähigeren KIs ungebremst weiter?</p> <p>Im Grunde ist die Antwort einfach: Es geht um viel Geld. Die heutigen KIs beantworten zwar Fragen, entwerfen Präsentationen und schreiben Computerprogramme, aber ihnen unterlaufen dabei groteske Fehler. Deshalb sind die aktuellen Large Language Models (LLM) in kritischen Situationen schlicht unbrauchbar. Ein <a href="https://www.artificialintelligence-news.com/wp-content/uploads/2025/08/ai_report_2025.pdf">aktueller Report</a> des MIT Media Lab stellte dazu fest:</p> <p>„Dieser Report deckt die überraschende Tatsache auf, dass trotz Investitionen von 30 bis 40 Milliarden US$ in generative KI, 95 Prozent aller Firmen keinen Gewinn daraus erzielt haben [Despite $30–40 billion in enterprise investment into GenAI, this report uncovers a surprising result in that 95 % of organizations are getting zero return].“</p> <p>So lassen sich mit ChatGPT problemlos ganze Präsentationen zusammenstellen. Nur enthalten sie oft genug auf zwanzig Folien nur wohlklingende Phrasen, aber keine brauchbaren Ideen. Und viele Angestellte beklagen sich über Kollegen, die sich damit profilieren wollen, dass sie sinnlose KI-generierte Memos herumschicken. Viele Firmen haben deshalb feststellen müssen, dass der KI-Einsatz mehr Zeit kostet, als er einspart.</p> <p>Eine ASI wäre also ein gigantisches Geschäft – wenn sie sich denn kontrollieren lässt. Und natürlich kann der erste, dem es gelingt, einen Deus in Machina (einen Maschinengott) zu konstruieren, mit (un)sterblichem Ruhm rechnen.</p> <h3>Das falsche Paradies</h3> <p>Sam Altman, Gründer von OpenAI (bekannt durch ChatGPT), wich in einem <a href="https://www.welt.de/wirtschaft/article68d4ffe40356251aa91fa086/OpenAI-Chef-Sam-Altman-Ich-glaube-nicht-dass-die-KI-Menschen-wie-Ameisen-behandeln-wird.html">Interview mit der Welt am Sonntag</a> (28.9.2025) der Frage aus, ob er ASIs für eine Gefahr halte. Er sagte, seine liebste Beschreibung, wie ein solches System die Menschen behandeln würde, stamme von seinem Mitgründer Ilya Sutskever, der einmal gesagt haben soll, er hoffe, dass eine ASI die Menschen so behandeln werde wie ein liebevoller Elternteil. So klingt Pfeifen im Dunkeln.</p> <p>Und Sam Altman will weitermachen. Bis 2030 erwartet er eine KI, „die Dinge tut, die wir nicht können“. Nehmen wir einfach an, dass sich eine ASI so trainieren lässt, dass sie den Menschen jeden Wunsch von den Augen abliest. Wäre das die Rückkehr ins verlorene Paradies? Nicht unbedingt. Der Traum vom Schlaraffenland, vom Millionengewinn im Lotto oder der Ölquelle im Garten wandelt sich oft genug zum Fluch, sobald er sich erfüllt.</p> <p>Die Wirtschaftswissenschaft kennt den Begriff des „Ressourcenfluchs“. Ein Reichtum an Bodenschätzen hat demnach negative Folgen für ein Land, und zwar fast immer. Die Landwirtschaft geht zurück, die Wirtschaft leidet, die Geldentwertung beschleunigt sich, Korruption greift um sich und die Wahrscheinlichkeit einer Diktatur nimmt zu. Das ist keine Theorie, sondern eine Beobachtung. So sind Saudi-Arabien und die Golfstaaten für ihre extravaganten Gebäude bekannt, aber auch für ihre repressiven Regime. Die Hochhäuser und Paläste wurden von Arbeitern errichtet, die am Reichtum keinen Anteil hatten, sondern zu teilweise unmenschlichen Bedingungen schuften mussten.</p> <h3>Der Fluch des leichten Gelds</h3> <p>In den Niederlanden trieb der enorme Export von Erdgas in den 1960er-Jahren den Kurs des holländischen Guldens so hoch, dass die Industrie nicht mehr konkurrenzfähig arbeiten konnte. Das gleiche wiederholte sich zwanzig Jahre später in England, als die Ausbeutung der Ölfelder in der Nordsee begann.</p> <p>Wenn also eine wohlwollende künstliche Superintelligenz ihren hart erarbeiteten Reichtum brav bei uns abliefert (und gleich gewinnbringend für uns anlegt), verbessert sie damit die Situation der meisten Menschen allenfalls für kurze Zeit.</p> <p>Wir sollten der KI auch nicht das Denken überlassen. Mit der Intelligenz verhält es sich wie mit einem Muskel: Sie muss trainiert werden. Ständig. Bei fehlender Übung baut sie schnell ab. Wenn Schüler ihre Aufsätze von ChatGPT schreiben lassen, die Lösungen ihrer Mathehausaufgaben vom Bildschirm kopieren und im Kunstunterricht die Kreativität von Gemini oder DALL-E ausbeuten, dann werden sie dadurch nicht klüger.</p> <p>Eine barmherzige künstliche Superintelligenz, die uns ein Schlaraffenland erschafft, zieht uns in einen Strudel der Abhängigkeit, aus dem wir uns nur mit enormer Anstrengung wieder befreien können.</p> <h3>Was eher passieren wird</h3> <p>Halten wir fest: Eine ganze Reihe von Firmen treibt die Entwicklung einer ASI mit gewaltigen Investitionen voran, trotz aller Bedenken. Die Verlockung eines geradezu märchenhaften Gewinns und die Faszination der Erschaffung eines Deus in Machina ist einfach zu groß.</p> <p>Aber sie werden aller Voraussicht nach scheitern.</p> <p>Im Wahrheit ist eine ASI sehr viel weiter entfernt, als die meisten Menschen denken. Selbst das größte heutige LLM spiegelt ihre Intelligenz nur vor. Sie wird mit einer Unmenge von Texten gefüttert und erschließt daraus, wie ein Text, der einer vorgegebenen Frage entspricht, am wahrscheinlichsten aussehen würde. Prinzipiell geht sie dabei von der Frage aus und ergänzt als zunächst ein Wort, genau eins. Den gesamten Text (Frage plus erstes Wort der Antwort) nimmt es dann als neuen Input und generiert das nächste Wort, bis die Antwort fertig ist.</p> <p>Zugegeben: Das ist die Strichmännchenzeichnung eines in Wahrheit recht komplexen Prozesses, aber sie vermittelt eine Idee davon, dass die KI als Wahrscheinlichkeitsmaschine funktioniert und kein tieferes Verständnis der Fragestellung mitbringt. Wenn ich bei dieser Maschine also eine Präsentation bestelle, erhalte ich die eingedampfte Essenz der Trainingsmaterialien. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Davon darf ich keine Innovationen erwarten, es sei denn, eine Idee liegt geradezu „in der Luft“ und wurde von vielen Experten wohl angerissen, aber nicht zu Ende gedacht.</p> <p>Bei der Bildgenerierung ist es nicht anders. Die KI-Bildgeneratoren gehen von einem „Samenkorn“ aus, einem „Seed“, und fügen dann Bildelemente hinzu, die am wahrscheinlichsten dazu passen. Wenn die KI mit einer großen Zahl von Bildern trainiert wurde, erzeugt sie durchaus sehenswerte Ergebnisse. Innovativ oder gar kreativ ist das aber nicht.</p> <h3>KI ist blind und taub</h3> <p>Das Gehirn von höheren Tieren muss die Wahrnehmung von Augen, Ohren, Nase und Haut auswerten und mit der Bewegung der Muskeln koordinieren. Wenn das nicht perfekt funktioniert, stirbt das Tier relativ schnell. Je komplexer das Gehirn, desto länger müssen die Eltern ihre Nachkommen betreuen, bevor deren Gehirne gelernt haben, ihren Körper richtig zu steuern. Gefühle wie Hunger, Liebe oder Ehrgeiz sorgen für den Antrieb der biologischen Maschine. Heutige KIs dagegen haben keine Sinnesorgane und keine Gefühle. Sie entwickeln kein Bild der Außenwelt, sie bilden nur die gewichtete (und nachkorrigierte) Essenz der schriftlichen Erkenntnisse von Menschen ab.</p> <p>Füttert man KI-Modelle immer wieder mit ihren eigenen Antworten, werden die Aussagen immer fahriger, bis sie sich am Ende in sinnlosem Gebrabbel verlieren. Experten sprechen hier von einem sogenannten Modell-Kollaps.</p> <h3>Wie man künstliche Intelligenz steigert – und wie nicht</h3> <p>Vor gigantischen Investitionen in gewaltige Daten- und Rechenzentren sollten die Firmen vielleicht vorher klären, ob die Intelligenz der KI wirklich linear mit der Datenmenge, der Rechenleistung und dem Stromverbrauch wächst. Wenn die Intelligenz allerdings davon abhängt, immer mehr Daten auf jede mögliche Weise zu kombinieren, wächst die Intelligenz sehr viel langsamer.</p> <p>Lasse Sie mich das an einem Beispiel erläutern: Ein reisender Händler besucht fünf Städte, und will dabei möglichst kurze Wege zurücklegen. Er kann in einer beliebigen Stadt anfangen, und von da in jede der verbleibenden vier Städte reisen. Dann bleiben noch drei, zwei und eine. Er hat also 5 x 4 x 3 x 2 x 1 = 120 Kombinationen. Er schreibt eine Tabelle der Entfernungen und der Reisedauer auf ein Blatt Papier und hat in einer Stunde die günstigste Lösung gefunden. Das macht ihn so erfolgreich, dass er jetzt 10 Städte besuchen möchte. Nur: 10 x 9 x 8 … x 2 x 1 ergibt 3 628 800 Kombinationen! Das kann er nicht mehr auf einem Blatt Papier ausrechnen, selbst tausend Blätter würden dafür nicht reichen.</p> <p>Sollte also die Intelligenz einer KI von der Fähigkeit zur sinnvollen Kombination immer größerer Datenmengen abhängen, dann erfordert jede kleine Intelligenzsteigerung eine Vervielfachung der Rechenleistung. Es könnte also sein, dass trotz riesiger <a href="https://www.heise.de/news/Atomstrom-fuer-KI-Rechenzentren-Microsoft-laesst-Three-Mile-Island-reaktivieren-9939236.html">Serverfarmen mit eigenen Kernkraftwerken</a> die Intelligenz der KI nicht nennenswert steigt.</p> <h3>Erfolgsrezepte bei Mensch und Maschine</h3> <p>Bei Menschen sind Beharrlichkeit, gute soziale Fähigkeiten, Übersicht und Zielstrebigkeit wichtiger als bloße Intelligenz. Die erfolgreichsten Zeitgenossen sind nicht die mit einem himmelstürmenden IQ, sondern eher diejenigen, die unbeirrbar ein Ziel verfolgen und dabei sehr gut mit anderen Menschen zusammenarbeiten (oder sie für sich arbeiten lassen). An diesen Dingen fehlt es der KI, und auch eine ASI wird darin nicht wesentlich besser werden. Sie wird beispielsweise kaum vorhersagen können, ob das neue Produkt der Firma den Markt aufrollen wird oder in den Regalen liegen bleibt. Nach den ersten Enttäuschungen werden viele Firmen also weitere Investitionen in KI-Lizenzen genau prüfen wollen.</p> <p>Trotzdem haben die Anbieter dermaßen viel Geld in neue KI-Modelle gesteckt, dass eine dünnhäutige Blase entstanden ist, die jederzeit platzen kann. Wir reden hier von mehr als <a href="https://www.theguardian.com/commentisfree/2025/sep/24/ai-investors-llms">700 Milliarden US$. </a> Schon im nächsten Jahr könnte ein ähnlicher Betrag dazu kommen. Zum Vergleich: Die Investitionen in Kernfusionskraftwerke liegt bei etwa 10 Milliarden US$ (ohne ITER)<a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a>.</p> <h3>Der tiefe Sturz der glorreichen Sieben</h3> <p>Während also neue Rechenzentren und das KI-Training einige Tausend Milliarden US$ verschlingen, bringen die Anwenderlizenzen bisher nur maximal einen zweistelligen Milliardenbetrag ein. Unternehmen wie Google, Meta, Microsoft und OpenAI (und unzählige Start-ups) wissen das auch, aber sie verlassen sich darauf, dass ihre Kunden künftig gigantische Summen für ASI-Lizenzen ausgeben werden, wobei diese ASI erst noch erfunden werden muss. Anders ausgedrückt: Man hat im teuersten Lokal der Stadt Austern bestellt und hofft jetzt, in einer davon eine Perle zu finden, mit der man die Rechnung bezahlen kann. In der Vergangenheit haben solche Szenarien im besten Fall zu einer Marktbereinigung geführt, im schlimmsten Fall zu einem kompletten Zusammenbruch der Weltwirtschaft.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1754" id="attachment_1754"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_out_or_order.jpg"><img alt="Rechenzentrum, zerfallen" decoding="async" height="410" sizes="(max-width: 410px) 100vw, 410px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_out_or_order-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_out_or_order-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_out_or_order-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_out_or_order-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_out_or_order.jpg 1024w" width="410"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1754">Nach dem Kollaps. KI-generiertes Symbolbild</figcaption></figure> <p>Nehmen wir einmal an, dass die KI-Modelle der nächsten Generation die meisten zahlenden Kunden nicht überzeugen. Dann müssten die Hersteller mehrere Billionen US$ an Investitionen abschreiben, und die Börsenkurse der KI-Unternehmen würden abstürzen. Und deren Weg nach unten ist lang. Allein der Börsenwert der „Magnificent Seven“ (Apple, Amazon, Alphabet, Meta Platforms, Microsoft, Nvidia, Tesla)<a href="#sdendnote4sym" name="sdendnote4anc"><sup>4</sup></a> <a href="https://www.fool.com/research/magnificent-seven-sp-500/">beträgt schwindelerregende 21 Billionen US$</a> und macht mehr als ein Drittel des Börsenwerts aller Unternehmen des S&amp;P 500 aus. Sie stützen damit die <a href="https://www.golem.de/news/deutsch-bank-warnt-nur-ki-blase-halte-us-wirtschaft-noch-zusammen-2509-200576.html">US-Konjunktur fast im Alleingang</a>. In China sieht es <a href="https://www.nytimes.com/2025/10/03/business/china-tech-stocks-artificial-intelligence.html">ähnlich aus</a>. Zur Einordung: Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (Wert aller inländischen Produkte und Dienstleistungen) betrug 2024 etwa 4,6 Billionen US$.</p> <p>Ein Zusammenbruch der KI-Aktienriesen würde die weltweite Wirtschaft ins Chaos stürzen. Ein solcher Crash ließe die Covid-Delle wie eine winzige Scharte aussehen.</p> <p>Die Frage ist nur, ob es vorher gelingt, eine ASI zu bauen und zu trainieren. Wenn nicht, wird es wohl in der überschaubaren Zukunft keine geben. Wenn doch, wird sie vermutlich weder den Erwartungen noch den Befürchtungen gerecht werden können.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> Vinge, V. (1993). The coming technological singularity: How to survive in the post-human era. Science fiction criticism: An anthology of essential writings, 81, 352-363. <a href="https://edoras.sdsu.edu/~vinge/misc/singularity.html">Link zum Volltext</a></p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Das ist nicht so schwierig wie es vielleicht auf den ersten Blick erscheint. Sauerstoff ist sehr reaktiv. Wenn die grünen Pflanzen ihn nicht ständig nachproduzieren, verschwindet er in wenigen tausend Jahren aus der Luft. Und wenn eine ASI nachhilft, geht es natürlich auch deutlich schneller.</p> <div id="sdendnote3"> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3]</a> Laut Fusion Industry Report 2025 von der Fusion Industry Association</p> </div> <p><a href="#sdendnote4anc" name="sdendnote4sym">[4]</a> Das wertvollste deutsche Unternehmen ist SAP mit ca. 265 Milliarden Euro Marktwert. Zweiter ist Siemens mit ca. 182 Milliarden Euro. Der Markwert der Volkswagen AG beträgt 46 Milliarden Euro und damit nicht viel mehr als der von Electronic Arts (Computerspiele).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>KI: Der Kollaps des Schlaraffenlands » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Warnungen vor superintelligenten KIs machen gerade die Runde, aber zugleich verheißen uns KI-Firmen eine rosige Zukunft, in der jeder von uns von künstlichen Intelligenzen rundum betreut wird? Was stimmt jetzt? Keins von beiden – wenn Sie mich fragen. Wahrscheinlicher ist eine dritte Option. Aber auch die hat es in sich.</b></p> <p>Im Jahr 1993 prophezeite der Mathematiker und Science-Fiction-Autor Vernor Vinge das Ende der Menschheit.</p> <p>„Binnen dreißig Jahren werden wir die technischen Mittel haben, um übermenschliche Intelligenzen zu erzeugen. Kurz danach endet die Ära der Menschen. [Within thirty years, we will have the technological means to create superhuman intelligence. Shortly after, the human era will be ended.]“<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a></p> <p>Seitdem sind 32 Jahre vergangen und nicht wenige Experten haben den Eindruck, dass die aktuellen KI-Systeme die Menschen bereits dumm aussehen lassen. Im Jahr 2023 unterschrieben Hunderte von KI-Forscher ein <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Statement_on_AI_Risk">kurzes öffentliches Statement</a>:</p> <p>„Die Gefahr des Aussterbens durch KI einzudämmen, sollte eine vorrangige weltweite Aufgabe sein, neben anderen gesellschaftlichen Risiken wie Pandemien und Atomkriegen [Mitigating the risk of extinction from AI should be a global priority alongside other societal-scale risks such as pandemics and nuclear war].“<aside></aside></p> <p>Dieser bemerkenswerte Satz findet sich auf der Webseite des „Center for AI Safety“ in San Francisco. Unterschrieben haben unter anderem Bill Gates, Sam Altman (ChatGPT), der Erfinder Ray Kurzweil und der Philosoph Daniel Dennett.A’</p> <p>Vor wenigen Tagen haben die KI-Forscher Eliezer Yudkowsky und Nate Soares ein Buch mit dem sprechenden Titel „If anyone builds it, everybody dies – why superhuman AI would kill us all“ veröffentlicht. Die Autoren argumentieren, dass die Entwicklung der KI zu schnell geht und geeignete Sicherheitsmaßnahmen fehlen.</p> <p>Aktuelle <em>generative KI-Systeme</em> wie ChatGPT werden <i>trainiert</i>, nicht <i>programmiert</i>. Deshalb sei kaum vorherzusagen, welche Ziele sie tatsächlich erreichen wollen und welche Wege sie dafür einschlagen. Ihre innere Funktionsweise, sagen die Autoren, sei dermaßen unterschiedlich von der des menschlichen Gehirns, dass man sie mit Recht als „Außerirdische“ bezeichnen könne. Menschliche Ethik sei ihnen fremd. Die Autoren resümieren, dass eine übermenschlich intelligente KI (ASI = Artificial Superintelligence) von Menschen nicht mehr kontrollierbar ist.</p> <h3>Die erste ASI und das Ende der Menschheit</h3> <p>Mehr noch: Eine ASI werde die Menschen wahrscheinlich ausrotten. Warum sollte sie das tun? Menschen seien gefährlich, sagen die Autoren. Sie könnten beispielsweise einen Atomkrieg auslösen und damit alle Computer vernichten. Dieses Risiko will eine rational handelnde ASI sicherlich ausschließen. Und außerdem: Wozu braucht eine ASI noch Menschen? Sie kosten Ressourcen, wollen ernährt, gekleidet, beschäftigt und bedient werden. Deshalb muss jede vernünftige und gefühllose KI zu dem Schluss kommen, dass sie eher stören. Ganz neu sind die Überlegungen nicht, siehe Vernor Vinge. Und bereits 1984 kam der erste Terminator-Film in die Kinos.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1753" id="attachment_1753"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_avatar.jpg"><img alt="Avatar" decoding="async" height="410" sizes="(max-width: 410px) 100vw, 410px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_avatar-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_avatar-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_avatar-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_avatar-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_avatar.jpg 1024w" width="410"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1753">Der Avatar der ASI. KI-generiertes Bild.</figcaption></figure> <p>In meinem Buch <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-8274-2649-9">„Klüger als wir?“</a>, in dem es um natürliche und künstliche Intelligenz geht, habe ich schon 2011 spekuliert, dass eine ASI der Erdatmosphäre den Sauerstoff entziehen könnte<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>. Das Gas löst schließlich Brände aus und korrodiert Kontakte. Damit gefährdet es die Funktion der ASI. Natürlich stirbt ohne Sauerstoff ein beträchtlicher Teil aller organischen Lebewesen. Das spricht aber nicht gegen das Vorhaben, denn Lebewesen schaden den KIs mehr als sie nützen. Insekten kriechen gerne in Computer und schließen Netzteile kurz. Menschen sind noch schlimmer: Immer wieder versuchen sie verzweifelt, KIs zu sabotieren oder ihnen gar den Strom abzustellen. Also birgt die Befreiung der Atmosphäre vom Sauerstoff aus der Sicht der ASI eigentlich nur Vorteile.</p> <h3>Am Gelde hängt, zum Gelde drängt …</h3> <p>Keiner soll sagen, wir wären nicht gewarnt worden. Aber warum geht die Jagd nach immer intelligenteren und leistungsfähigeren KIs ungebremst weiter?</p> <p>Im Grunde ist die Antwort einfach: Es geht um viel Geld. Die heutigen KIs beantworten zwar Fragen, entwerfen Präsentationen und schreiben Computerprogramme, aber ihnen unterlaufen dabei groteske Fehler. Deshalb sind die aktuellen Large Language Models (LLM) in kritischen Situationen schlicht unbrauchbar. Ein <a href="https://www.artificialintelligence-news.com/wp-content/uploads/2025/08/ai_report_2025.pdf">aktueller Report</a> des MIT Media Lab stellte dazu fest:</p> <p>„Dieser Report deckt die überraschende Tatsache auf, dass trotz Investitionen von 30 bis 40 Milliarden US$ in generative KI, 95 Prozent aller Firmen keinen Gewinn daraus erzielt haben [Despite $30–40 billion in enterprise investment into GenAI, this report uncovers a surprising result in that 95 % of organizations are getting zero return].“</p> <p>So lassen sich mit ChatGPT problemlos ganze Präsentationen zusammenstellen. Nur enthalten sie oft genug auf zwanzig Folien nur wohlklingende Phrasen, aber keine brauchbaren Ideen. Und viele Angestellte beklagen sich über Kollegen, die sich damit profilieren wollen, dass sie sinnlose KI-generierte Memos herumschicken. Viele Firmen haben deshalb feststellen müssen, dass der KI-Einsatz mehr Zeit kostet, als er einspart.</p> <p>Eine ASI wäre also ein gigantisches Geschäft – wenn sie sich denn kontrollieren lässt. Und natürlich kann der erste, dem es gelingt, einen Deus in Machina (einen Maschinengott) zu konstruieren, mit (un)sterblichem Ruhm rechnen.</p> <h3>Das falsche Paradies</h3> <p>Sam Altman, Gründer von OpenAI (bekannt durch ChatGPT), wich in einem <a href="https://www.welt.de/wirtschaft/article68d4ffe40356251aa91fa086/OpenAI-Chef-Sam-Altman-Ich-glaube-nicht-dass-die-KI-Menschen-wie-Ameisen-behandeln-wird.html">Interview mit der Welt am Sonntag</a> (28.9.2025) der Frage aus, ob er ASIs für eine Gefahr halte. Er sagte, seine liebste Beschreibung, wie ein solches System die Menschen behandeln würde, stamme von seinem Mitgründer Ilya Sutskever, der einmal gesagt haben soll, er hoffe, dass eine ASI die Menschen so behandeln werde wie ein liebevoller Elternteil. So klingt Pfeifen im Dunkeln.</p> <p>Und Sam Altman will weitermachen. Bis 2030 erwartet er eine KI, „die Dinge tut, die wir nicht können“. Nehmen wir einfach an, dass sich eine ASI so trainieren lässt, dass sie den Menschen jeden Wunsch von den Augen abliest. Wäre das die Rückkehr ins verlorene Paradies? Nicht unbedingt. Der Traum vom Schlaraffenland, vom Millionengewinn im Lotto oder der Ölquelle im Garten wandelt sich oft genug zum Fluch, sobald er sich erfüllt.</p> <p>Die Wirtschaftswissenschaft kennt den Begriff des „Ressourcenfluchs“. Ein Reichtum an Bodenschätzen hat demnach negative Folgen für ein Land, und zwar fast immer. Die Landwirtschaft geht zurück, die Wirtschaft leidet, die Geldentwertung beschleunigt sich, Korruption greift um sich und die Wahrscheinlichkeit einer Diktatur nimmt zu. Das ist keine Theorie, sondern eine Beobachtung. So sind Saudi-Arabien und die Golfstaaten für ihre extravaganten Gebäude bekannt, aber auch für ihre repressiven Regime. Die Hochhäuser und Paläste wurden von Arbeitern errichtet, die am Reichtum keinen Anteil hatten, sondern zu teilweise unmenschlichen Bedingungen schuften mussten.</p> <h3>Der Fluch des leichten Gelds</h3> <p>In den Niederlanden trieb der enorme Export von Erdgas in den 1960er-Jahren den Kurs des holländischen Guldens so hoch, dass die Industrie nicht mehr konkurrenzfähig arbeiten konnte. Das gleiche wiederholte sich zwanzig Jahre später in England, als die Ausbeutung der Ölfelder in der Nordsee begann.</p> <p>Wenn also eine wohlwollende künstliche Superintelligenz ihren hart erarbeiteten Reichtum brav bei uns abliefert (und gleich gewinnbringend für uns anlegt), verbessert sie damit die Situation der meisten Menschen allenfalls für kurze Zeit.</p> <p>Wir sollten der KI auch nicht das Denken überlassen. Mit der Intelligenz verhält es sich wie mit einem Muskel: Sie muss trainiert werden. Ständig. Bei fehlender Übung baut sie schnell ab. Wenn Schüler ihre Aufsätze von ChatGPT schreiben lassen, die Lösungen ihrer Mathehausaufgaben vom Bildschirm kopieren und im Kunstunterricht die Kreativität von Gemini oder DALL-E ausbeuten, dann werden sie dadurch nicht klüger.</p> <p>Eine barmherzige künstliche Superintelligenz, die uns ein Schlaraffenland erschafft, zieht uns in einen Strudel der Abhängigkeit, aus dem wir uns nur mit enormer Anstrengung wieder befreien können.</p> <h3>Was eher passieren wird</h3> <p>Halten wir fest: Eine ganze Reihe von Firmen treibt die Entwicklung einer ASI mit gewaltigen Investitionen voran, trotz aller Bedenken. Die Verlockung eines geradezu märchenhaften Gewinns und die Faszination der Erschaffung eines Deus in Machina ist einfach zu groß.</p> <p>Aber sie werden aller Voraussicht nach scheitern.</p> <p>Im Wahrheit ist eine ASI sehr viel weiter entfernt, als die meisten Menschen denken. Selbst das größte heutige LLM spiegelt ihre Intelligenz nur vor. Sie wird mit einer Unmenge von Texten gefüttert und erschließt daraus, wie ein Text, der einer vorgegebenen Frage entspricht, am wahrscheinlichsten aussehen würde. Prinzipiell geht sie dabei von der Frage aus und ergänzt als zunächst ein Wort, genau eins. Den gesamten Text (Frage plus erstes Wort der Antwort) nimmt es dann als neuen Input und generiert das nächste Wort, bis die Antwort fertig ist.</p> <p>Zugegeben: Das ist die Strichmännchenzeichnung eines in Wahrheit recht komplexen Prozesses, aber sie vermittelt eine Idee davon, dass die KI als Wahrscheinlichkeitsmaschine funktioniert und kein tieferes Verständnis der Fragestellung mitbringt. Wenn ich bei dieser Maschine also eine Präsentation bestelle, erhalte ich die eingedampfte Essenz der Trainingsmaterialien. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Davon darf ich keine Innovationen erwarten, es sei denn, eine Idee liegt geradezu „in der Luft“ und wurde von vielen Experten wohl angerissen, aber nicht zu Ende gedacht.</p> <p>Bei der Bildgenerierung ist es nicht anders. Die KI-Bildgeneratoren gehen von einem „Samenkorn“ aus, einem „Seed“, und fügen dann Bildelemente hinzu, die am wahrscheinlichsten dazu passen. Wenn die KI mit einer großen Zahl von Bildern trainiert wurde, erzeugt sie durchaus sehenswerte Ergebnisse. Innovativ oder gar kreativ ist das aber nicht.</p> <h3>KI ist blind und taub</h3> <p>Das Gehirn von höheren Tieren muss die Wahrnehmung von Augen, Ohren, Nase und Haut auswerten und mit der Bewegung der Muskeln koordinieren. Wenn das nicht perfekt funktioniert, stirbt das Tier relativ schnell. Je komplexer das Gehirn, desto länger müssen die Eltern ihre Nachkommen betreuen, bevor deren Gehirne gelernt haben, ihren Körper richtig zu steuern. Gefühle wie Hunger, Liebe oder Ehrgeiz sorgen für den Antrieb der biologischen Maschine. Heutige KIs dagegen haben keine Sinnesorgane und keine Gefühle. Sie entwickeln kein Bild der Außenwelt, sie bilden nur die gewichtete (und nachkorrigierte) Essenz der schriftlichen Erkenntnisse von Menschen ab.</p> <p>Füttert man KI-Modelle immer wieder mit ihren eigenen Antworten, werden die Aussagen immer fahriger, bis sie sich am Ende in sinnlosem Gebrabbel verlieren. Experten sprechen hier von einem sogenannten Modell-Kollaps.</p> <h3>Wie man künstliche Intelligenz steigert – und wie nicht</h3> <p>Vor gigantischen Investitionen in gewaltige Daten- und Rechenzentren sollten die Firmen vielleicht vorher klären, ob die Intelligenz der KI wirklich linear mit der Datenmenge, der Rechenleistung und dem Stromverbrauch wächst. Wenn die Intelligenz allerdings davon abhängt, immer mehr Daten auf jede mögliche Weise zu kombinieren, wächst die Intelligenz sehr viel langsamer.</p> <p>Lasse Sie mich das an einem Beispiel erläutern: Ein reisender Händler besucht fünf Städte, und will dabei möglichst kurze Wege zurücklegen. Er kann in einer beliebigen Stadt anfangen, und von da in jede der verbleibenden vier Städte reisen. Dann bleiben noch drei, zwei und eine. Er hat also 5 x 4 x 3 x 2 x 1 = 120 Kombinationen. Er schreibt eine Tabelle der Entfernungen und der Reisedauer auf ein Blatt Papier und hat in einer Stunde die günstigste Lösung gefunden. Das macht ihn so erfolgreich, dass er jetzt 10 Städte besuchen möchte. Nur: 10 x 9 x 8 … x 2 x 1 ergibt 3 628 800 Kombinationen! Das kann er nicht mehr auf einem Blatt Papier ausrechnen, selbst tausend Blätter würden dafür nicht reichen.</p> <p>Sollte also die Intelligenz einer KI von der Fähigkeit zur sinnvollen Kombination immer größerer Datenmengen abhängen, dann erfordert jede kleine Intelligenzsteigerung eine Vervielfachung der Rechenleistung. Es könnte also sein, dass trotz riesiger <a href="https://www.heise.de/news/Atomstrom-fuer-KI-Rechenzentren-Microsoft-laesst-Three-Mile-Island-reaktivieren-9939236.html">Serverfarmen mit eigenen Kernkraftwerken</a> die Intelligenz der KI nicht nennenswert steigt.</p> <h3>Erfolgsrezepte bei Mensch und Maschine</h3> <p>Bei Menschen sind Beharrlichkeit, gute soziale Fähigkeiten, Übersicht und Zielstrebigkeit wichtiger als bloße Intelligenz. Die erfolgreichsten Zeitgenossen sind nicht die mit einem himmelstürmenden IQ, sondern eher diejenigen, die unbeirrbar ein Ziel verfolgen und dabei sehr gut mit anderen Menschen zusammenarbeiten (oder sie für sich arbeiten lassen). An diesen Dingen fehlt es der KI, und auch eine ASI wird darin nicht wesentlich besser werden. Sie wird beispielsweise kaum vorhersagen können, ob das neue Produkt der Firma den Markt aufrollen wird oder in den Regalen liegen bleibt. Nach den ersten Enttäuschungen werden viele Firmen also weitere Investitionen in KI-Lizenzen genau prüfen wollen.</p> <p>Trotzdem haben die Anbieter dermaßen viel Geld in neue KI-Modelle gesteckt, dass eine dünnhäutige Blase entstanden ist, die jederzeit platzen kann. Wir reden hier von mehr als <a href="https://www.theguardian.com/commentisfree/2025/sep/24/ai-investors-llms">700 Milliarden US$. </a> Schon im nächsten Jahr könnte ein ähnlicher Betrag dazu kommen. Zum Vergleich: Die Investitionen in Kernfusionskraftwerke liegt bei etwa 10 Milliarden US$ (ohne ITER)<a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a>.</p> <h3>Der tiefe Sturz der glorreichen Sieben</h3> <p>Während also neue Rechenzentren und das KI-Training einige Tausend Milliarden US$ verschlingen, bringen die Anwenderlizenzen bisher nur maximal einen zweistelligen Milliardenbetrag ein. Unternehmen wie Google, Meta, Microsoft und OpenAI (und unzählige Start-ups) wissen das auch, aber sie verlassen sich darauf, dass ihre Kunden künftig gigantische Summen für ASI-Lizenzen ausgeben werden, wobei diese ASI erst noch erfunden werden muss. Anders ausgedrückt: Man hat im teuersten Lokal der Stadt Austern bestellt und hofft jetzt, in einer davon eine Perle zu finden, mit der man die Rechnung bezahlen kann. In der Vergangenheit haben solche Szenarien im besten Fall zu einer Marktbereinigung geführt, im schlimmsten Fall zu einem kompletten Zusammenbruch der Weltwirtschaft.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1754" id="attachment_1754"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_out_or_order.jpg"><img alt="Rechenzentrum, zerfallen" decoding="async" height="410" sizes="(max-width: 410px) 100vw, 410px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_out_or_order-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_out_or_order-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_out_or_order-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_out_or_order-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_out_or_order.jpg 1024w" width="410"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1754">Nach dem Kollaps. KI-generiertes Symbolbild</figcaption></figure> <p>Nehmen wir einmal an, dass die KI-Modelle der nächsten Generation die meisten zahlenden Kunden nicht überzeugen. Dann müssten die Hersteller mehrere Billionen US$ an Investitionen abschreiben, und die Börsenkurse der KI-Unternehmen würden abstürzen. Und deren Weg nach unten ist lang. Allein der Börsenwert der „Magnificent Seven“ (Apple, Amazon, Alphabet, Meta Platforms, Microsoft, Nvidia, Tesla)<a href="#sdendnote4sym" name="sdendnote4anc"><sup>4</sup></a> <a href="https://www.fool.com/research/magnificent-seven-sp-500/">beträgt schwindelerregende 21 Billionen US$</a> und macht mehr als ein Drittel des Börsenwerts aller Unternehmen des S&amp;P 500 aus. Sie stützen damit die <a href="https://www.golem.de/news/deutsch-bank-warnt-nur-ki-blase-halte-us-wirtschaft-noch-zusammen-2509-200576.html">US-Konjunktur fast im Alleingang</a>. In China sieht es <a href="https://www.nytimes.com/2025/10/03/business/china-tech-stocks-artificial-intelligence.html">ähnlich aus</a>. Zur Einordung: Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (Wert aller inländischen Produkte und Dienstleistungen) betrug 2024 etwa 4,6 Billionen US$.</p> <p>Ein Zusammenbruch der KI-Aktienriesen würde die weltweite Wirtschaft ins Chaos stürzen. Ein solcher Crash ließe die Covid-Delle wie eine winzige Scharte aussehen.</p> <p>Die Frage ist nur, ob es vorher gelingt, eine ASI zu bauen und zu trainieren. Wenn nicht, wird es wohl in der überschaubaren Zukunft keine geben. Wenn doch, wird sie vermutlich weder den Erwartungen noch den Befürchtungen gerecht werden können.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> Vinge, V. (1993). The coming technological singularity: How to survive in the post-human era. Science fiction criticism: An anthology of essential writings, 81, 352-363. <a href="https://edoras.sdsu.edu/~vinge/misc/singularity.html">Link zum Volltext</a></p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Das ist nicht so schwierig wie es vielleicht auf den ersten Blick erscheint. Sauerstoff ist sehr reaktiv. Wenn die grünen Pflanzen ihn nicht ständig nachproduzieren, verschwindet er in wenigen tausend Jahren aus der Luft. Und wenn eine ASI nachhilft, geht es natürlich auch deutlich schneller.</p> <div id="sdendnote3"> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3]</a> Laut Fusion Industry Report 2025 von der Fusion Industry Association</p> </div> <p><a href="#sdendnote4anc" name="sdendnote4sym">[4]</a> Das wertvollste deutsche Unternehmen ist SAP mit ca. 265 Milliarden Euro Marktwert. Zweiter ist Siemens mit ca. 182 Milliarden Euro. Der Markwert der Volkswagen AG beträgt 46 Milliarden Euro und damit nicht viel mehr als der von Electronic Arts (Computerspiele).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/ki-der-kollaps-des-schlaraffenlands/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>79</slash:comments> </item> <item> <title>Chemie-Nobelpreis 2025 für Nachhaltigkeit? https://scilogs.spektrum.de/fischblog/chemie-nobelpreis-2025-nachhaltigkeit/ https://scilogs.spektrum.de/fischblog/chemie-nobelpreis-2025-nachhaltigkeit/#respond Thu, 02 Oct 2025 12:22:16 +0000 Lars Fischer https://scilogs.spektrum.de/fischblog/?p=3823 https://scilogs.spektrum.de/fischblog/files/iStock-1389119268quer-768x202.jpg we-Bergwitz / Getty Images / iStock https://scilogs.spektrum.de/fischblog/chemie-nobelpreis-2025-nachhaltigkeit/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/fischblog/files/iStock-1389119268quer-scaled.jpg" /><h1>Chemie-Nobelpreis 2025 für Nachhaltigkeit? » Fischblog</h1><h2>By Lars Fischer</h2><div itemprop="text"> <p>Es ist wieder Nobelpreis-Saison, und niemand hat eine Ahnung, wer es wird. OK, streng genommen ist das immer so, aber in den letzten Jahren hatte man öfter das Gefühl, dass es bei bestimmten Themen nur eine Frage der Zeit ist. Zum Beispiel bei den Lithiumionenakkus <a href="https://www.spektrum.de/magazin/chemie-nobelpreis-2019-der-weg-zum-sicheren-lithium-ionen-akku/1685222" rel="noreferrer noopener" target="_blank">(Nobelpreis 2019)</a>, CRISPR-Cas9 <a href="https://www.spektrum.de/news/zwischen-patentstreit-und-gentech-debatte/1780080" rel="noreferrer noopener" target="_blank">(Nobelpreis 2020)</a>, mRNA-Technologie <a href="https://scilogs.spektrum.de/fischblog/mrna-impfung-chemie-nobelpreis/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">(Nobelpreis 2023 für Medizin)</a> oder den KI-Verfahren hinter Alphafold2 <a href="https://www.spektrum.de/news/chemie-nobelpreis-2024-kuenstliche-proteine-und-kuenstliche-intelligenz/2236131" rel="noreferrer noopener" target="_blank">(Nobelpreis 2024)</a>.</p> <p>Diesmal gibt es keine herausragenden Favoriten mehr. Stattdessen haben wir ein enorm weites Feld preiswürdiger Themen, die zum Teil seit Jahren fester Bestandteil der Nobel-Saison sind. Außerdem kommen immer wieder neue spannende Sachen dazu, die man vorher gar nicht auf dem Schirm hatte.</p> <p>2025 sind das die <strong>biomolekularen Kondensate</strong>, die derzeit das Verständnis der Zellbiologie grundlegend verändern. Das sind kleine Ansammlungen aus Proteinen, RNA und anderen Biomolekülen, die sich durch eine physikalische Phasentrennung vom Zellplasma abscheiden. Sie bilden Tröpfchen, in denen dann entscheidende regulatorische Vorgänge ablaufen. Das Thema tauchte dieses Jahr <a href="https://www.chemistryworld.com/news/who-will-win-the-2025-chemistry-nobel-prize-data-crunchers-unveil-their-predictions/4022195.article" rel="noreferrer noopener" target="_blank">bei den Citation Laureates auf</a>, und bei <a href="https://www.spektrum.de/news/lebenswichtige-molekuelklumpen-im-innern-von-zellen/2264351" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Spektrum gibt es einen ausführlichen Artikel dazu</a>. Preisträger wären da <strong>Anthony Hyman</strong> und <strong>Michael Rosen</strong>. Allerdings ist das Forschungsgebiet im Moment sehr dynamisch. Da sehe ich einen Nobelpreis erst in ein paar Jahren, und auch eher in Medizin als Chemie.</p> <p>Schon sehr lange dabei ist dagegen <strong>Omar Yaghi</strong>, Erfinder der <strong>Metal Organic Frameworks (MOFs)</strong>, einer Klasse von Gittermaterialien, die aus ganz verschiedenen Bauteilen zusammengesetzt und entsprechend mit vielen gewünschten Eigenschaften ausgestattet werden können. <a href="https://www.spektrum.de/news/metall-organische-gerueste-mofs-loesen-ihre-versprechen-ein/1355898" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Die Dinger können unglaublich viel – CO<sub>2</sub> einfangen, Wasserdampf aus der Luft gewinnen, Reaktionen katalysieren und so</a>. Der Haken: Das ist alles theoretisch. In der Technik warten die MOFs trotz aller Potenziale noch auf den großen Durchbruch. Und deswegen glaub ich nicht, dass es einen Nobelpreis dafür gibt. Eine Möglichkeit wäre, dass man MOFs mit <a href="https://www.spektrum.de/news/zeolithe-nanokanaele-fuer-die-nachhaltigkeit/1888366"><strong>Zeolithen</strong> zusammenfasst, die ein bisschen ähnlich sind</a>, aber zusätzlich für das Cracken von Rohöl in der petrochemischen Industrie große Bedeutung haben. Die Erfinderin <strong>Edith Flanigen</strong> ist außerdem ziemlich cool und hätte den Preis verdient. Außerdem ist sie fast 100, also wenn, dann jetzt. Weder Zeolithe noch MOFs reichen aus meiner Sicht allein für den Preis, aber beide zusammen wären ein angemessener Chemie-Nobel.</p> <p>Ebenfalls seit einiger Zeit auf meiner Liste ist <strong>Next Generation Sequencing</strong>, ein Verfahren, mit dem man durch paralleles Auslesen kurzer DNA-Stränge und leistungsfähige Computerverfahren sehr schnell ganze Genome auslesen kann. Die wichtigsten Forscher auf dem Gebiet sind <strong>Shankar Balasubramanian</strong> und <strong>David Klenerman</strong>. Heutzutage untersucht und vergleicht man Genome von Individuen und Populationen, Tumoren oder unterschiedlichen Virusvarianten, als stünden sie im Beipackzettel. Aber tatsächlich wäre all das ohne NGS nicht möglich; bevor das Verfahren aufkam, dauerte es Wochen oder Monate und enormen Aufwand, auch nur ein Erbgut zu entschlüsseln. Definitiv ein zukünftiger Nobelpreis und einer der Favoriten dies Jahr.<aside></aside></p> <p>Ein zentrales Thema in der Chemie ist außerdem <strong>Nachhaltigkeit</strong>. Fast jede Konferenz hat das Thema derzeit auf der Agenda und die Industrie macht gefühlt auch kaum noch was anderes. Ohne passende chemische Verfahren wird es weder eine globale Energiewende noch eine nachhaltige Stoffwirtschaft geben. Angesichts seiner großen Bedeutung wäre das Thema reif für einen Nobelpreis. Das Problem ist, dass da kaum ein einzelnes Forschungsgebiet gleichzeitig weit genug entwickelt und bedeutend genug ist. Das Nobelkomitee könnte sich aber entschließen, das Konzept der Green Chemistry zu würdigen, das von <strong>John Warner</strong> und <strong>Paul Anastas</strong> entwickelt wurde, und das heute in der Forschung und Industrie eine wesentliche Rolle spielt.</p> <p>Eine weitere Option, grüne Technologien zu würdigen, wären die Materialwissenschaften. Spezialwerkstoffe mit besonderen Eigenschaften sind absolut zentral für alle Nachhaltigkeitsanwendungen. Eines der prominentesten Beispiele sind die <strong>Neodym-Supermagnete</strong>, erfunden von <strong>Sagawa Masato</strong> und <strong>John Croat</strong>, die heute in Windturbinen und Elektromotoren, aber auch in Computern und Lautsprechern zum Einsatz kommen. Eher ein Außenseitertipp, aber warum nicht? Zumal wenn man vielleicht noch Superalloys oder so dazu nimmt. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/fischblog/files/iStock-1389119268quer-scaled.jpg" /><h1>Chemie-Nobelpreis 2025 für Nachhaltigkeit? » Fischblog</h1><h2>By Lars Fischer</h2><div itemprop="text"> <p>Es ist wieder Nobelpreis-Saison, und niemand hat eine Ahnung, wer es wird. OK, streng genommen ist das immer so, aber in den letzten Jahren hatte man öfter das Gefühl, dass es bei bestimmten Themen nur eine Frage der Zeit ist. Zum Beispiel bei den Lithiumionenakkus <a href="https://www.spektrum.de/magazin/chemie-nobelpreis-2019-der-weg-zum-sicheren-lithium-ionen-akku/1685222" rel="noreferrer noopener" target="_blank">(Nobelpreis 2019)</a>, CRISPR-Cas9 <a href="https://www.spektrum.de/news/zwischen-patentstreit-und-gentech-debatte/1780080" rel="noreferrer noopener" target="_blank">(Nobelpreis 2020)</a>, mRNA-Technologie <a href="https://scilogs.spektrum.de/fischblog/mrna-impfung-chemie-nobelpreis/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">(Nobelpreis 2023 für Medizin)</a> oder den KI-Verfahren hinter Alphafold2 <a href="https://www.spektrum.de/news/chemie-nobelpreis-2024-kuenstliche-proteine-und-kuenstliche-intelligenz/2236131" rel="noreferrer noopener" target="_blank">(Nobelpreis 2024)</a>.</p> <p>Diesmal gibt es keine herausragenden Favoriten mehr. Stattdessen haben wir ein enorm weites Feld preiswürdiger Themen, die zum Teil seit Jahren fester Bestandteil der Nobel-Saison sind. Außerdem kommen immer wieder neue spannende Sachen dazu, die man vorher gar nicht auf dem Schirm hatte.</p> <p>2025 sind das die <strong>biomolekularen Kondensate</strong>, die derzeit das Verständnis der Zellbiologie grundlegend verändern. Das sind kleine Ansammlungen aus Proteinen, RNA und anderen Biomolekülen, die sich durch eine physikalische Phasentrennung vom Zellplasma abscheiden. Sie bilden Tröpfchen, in denen dann entscheidende regulatorische Vorgänge ablaufen. Das Thema tauchte dieses Jahr <a href="https://www.chemistryworld.com/news/who-will-win-the-2025-chemistry-nobel-prize-data-crunchers-unveil-their-predictions/4022195.article" rel="noreferrer noopener" target="_blank">bei den Citation Laureates auf</a>, und bei <a href="https://www.spektrum.de/news/lebenswichtige-molekuelklumpen-im-innern-von-zellen/2264351" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Spektrum gibt es einen ausführlichen Artikel dazu</a>. Preisträger wären da <strong>Anthony Hyman</strong> und <strong>Michael Rosen</strong>. Allerdings ist das Forschungsgebiet im Moment sehr dynamisch. Da sehe ich einen Nobelpreis erst in ein paar Jahren, und auch eher in Medizin als Chemie.</p> <p>Schon sehr lange dabei ist dagegen <strong>Omar Yaghi</strong>, Erfinder der <strong>Metal Organic Frameworks (MOFs)</strong>, einer Klasse von Gittermaterialien, die aus ganz verschiedenen Bauteilen zusammengesetzt und entsprechend mit vielen gewünschten Eigenschaften ausgestattet werden können. <a href="https://www.spektrum.de/news/metall-organische-gerueste-mofs-loesen-ihre-versprechen-ein/1355898" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Die Dinger können unglaublich viel – CO<sub>2</sub> einfangen, Wasserdampf aus der Luft gewinnen, Reaktionen katalysieren und so</a>. Der Haken: Das ist alles theoretisch. In der Technik warten die MOFs trotz aller Potenziale noch auf den großen Durchbruch. Und deswegen glaub ich nicht, dass es einen Nobelpreis dafür gibt. Eine Möglichkeit wäre, dass man MOFs mit <a href="https://www.spektrum.de/news/zeolithe-nanokanaele-fuer-die-nachhaltigkeit/1888366"><strong>Zeolithen</strong> zusammenfasst, die ein bisschen ähnlich sind</a>, aber zusätzlich für das Cracken von Rohöl in der petrochemischen Industrie große Bedeutung haben. Die Erfinderin <strong>Edith Flanigen</strong> ist außerdem ziemlich cool und hätte den Preis verdient. Außerdem ist sie fast 100, also wenn, dann jetzt. Weder Zeolithe noch MOFs reichen aus meiner Sicht allein für den Preis, aber beide zusammen wären ein angemessener Chemie-Nobel.</p> <p>Ebenfalls seit einiger Zeit auf meiner Liste ist <strong>Next Generation Sequencing</strong>, ein Verfahren, mit dem man durch paralleles Auslesen kurzer DNA-Stränge und leistungsfähige Computerverfahren sehr schnell ganze Genome auslesen kann. Die wichtigsten Forscher auf dem Gebiet sind <strong>Shankar Balasubramanian</strong> und <strong>David Klenerman</strong>. Heutzutage untersucht und vergleicht man Genome von Individuen und Populationen, Tumoren oder unterschiedlichen Virusvarianten, als stünden sie im Beipackzettel. Aber tatsächlich wäre all das ohne NGS nicht möglich; bevor das Verfahren aufkam, dauerte es Wochen oder Monate und enormen Aufwand, auch nur ein Erbgut zu entschlüsseln. Definitiv ein zukünftiger Nobelpreis und einer der Favoriten dies Jahr.<aside></aside></p> <p>Ein zentrales Thema in der Chemie ist außerdem <strong>Nachhaltigkeit</strong>. Fast jede Konferenz hat das Thema derzeit auf der Agenda und die Industrie macht gefühlt auch kaum noch was anderes. Ohne passende chemische Verfahren wird es weder eine globale Energiewende noch eine nachhaltige Stoffwirtschaft geben. Angesichts seiner großen Bedeutung wäre das Thema reif für einen Nobelpreis. Das Problem ist, dass da kaum ein einzelnes Forschungsgebiet gleichzeitig weit genug entwickelt und bedeutend genug ist. Das Nobelkomitee könnte sich aber entschließen, das Konzept der Green Chemistry zu würdigen, das von <strong>John Warner</strong> und <strong>Paul Anastas</strong> entwickelt wurde, und das heute in der Forschung und Industrie eine wesentliche Rolle spielt.</p> <p>Eine weitere Option, grüne Technologien zu würdigen, wären die Materialwissenschaften. Spezialwerkstoffe mit besonderen Eigenschaften sind absolut zentral für alle Nachhaltigkeitsanwendungen. Eines der prominentesten Beispiele sind die <strong>Neodym-Supermagnete</strong>, erfunden von <strong>Sagawa Masato</strong> und <strong>John Croat</strong>, die heute in Windturbinen und Elektromotoren, aber auch in Computern und Lautsprechern zum Einsatz kommen. Eher ein Außenseitertipp, aber warum nicht? Zumal wenn man vielleicht noch Superalloys oder so dazu nimmt. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/fischblog/chemie-nobelpreis-2025-nachhaltigkeit/#respond 0 Erschöpfung – Ein Warnsignal des Gehirns? https://scilogs.spektrum.de/klartext/erschoepfung-ein-warnsignal-des-gehirns/ https://scilogs.spektrum.de/klartext/erschoepfung-ein-warnsignal-des-gehirns/#respond Thu, 02 Oct 2025 09:10:35 +0000 klartext https://scilogs.spektrum.de/klartext/?p=1157 https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-6-768x213.png <link>https://scilogs.spektrum.de/klartext/erschoepfung-ein-warnsignal-des-gehirns/</link> </image> <description type="html"><h1>Erschöpfung – Ein Warnsignal des Gehirns? » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den<span> <a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</a> </span>2023 in der Kategorie Neurowissenschaften veranschaulichte Tanja Müller, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Nach einem langen Arbeitstag, einer Prüfung oder einer sportlichen Aktivität sind wir oft müde oder erschöpft. Jeder kennt wohl dieses Gefühl. Aber warum ist das eigentlich so? Wie wirkt sich Anstrengung auf unser Gehirn und Verhalten aus? Neue Methoden liefern neue Einblicke und Möglichkeiten.</em></p> <p>„Viele Fragen sind noch zu beantworten, um die Mechanismen, die Erschöpfung zugrunde liegen, zu enträtseln. Dieser Herausforderung werden sich zukünftig sicher auch einige junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stellen.“ An diese Botschaft der Abschlussrede eines wissenschaftlichen Meetings zur Neurobiologie von Erschöpfung, das ich zu Beginn meiner Dissertation besuchte, erinnere ich mich gut.</p> <p>Mit der Frage, wie Erschöpfung zustande kommt, beschäftigen sich Forscher schon seit über hundert Jahren. Dennoch wird nach wie vor darüber spekuliert und diskutiert, welche Faktoren eine zentrale Rolle spielen, welche Prozesse in unserem Gehirn und ganzen Körper ablaufen und ob das Erschöpfungsgefühl einem bestimmten Zweck dient. Handelt es sich um ein Warnsignal, das es uns ermöglicht, unser Verhalten rechtzeitig anzupassen, um unser inneres Gleichgewicht wiederherzustellen und unsere Ressourcen zu schonen? Stellt es alternativ eine lästige Begleiterscheinung dar, die uns nur davon abhält, unsere Ziele zu erreichen? Oder liegt die Antwort dazwischen und variiert womöglich auch je nach Situation und Person? Erschöpfung zu erforschen ist kompliziert. Es gibt verschiedene Ausprägungen von Erschöpfung, im normalen und im krankhaften Bereich, wie es beim Chronischen Erschöpfungssyndrom, nach viraler Infektion zum Beispiel mit COVID-19 oder bei verschiedenen anderen Krankheiten der Fall sein kann. Zudem kann sich Erschöpfung unterschiedlich stark von einem Moment auf den anderen ändern. Hinzu kommt, dass einige Forschende annehmen, dass sich Erschöpfung auf unsere Motivation und somit auf unsere Entscheidungen und unser Verhalten auswirkt, und dass sie wiederum von unserem Verhalten und komplexen psychologischen und physiologischen Prozessen abhängt. Die stetige Entwicklung neuer Methoden ermöglicht jedoch ein immer genaueres und umfangreicheres Verständnis dieses facettenreichen Phänomens.</p> <p>Zusammen mit Forschungsteams der Universität Oxford untersuchte ich, wie sich Erschöpfung von einem Moment zum nächsten entwickelt und wie sie Entscheidungen, sich anzustrengen, beeinflusst. Dafür verwendeten wir Aufgaben zur Entscheidungsfindung, Ratingskalen, mathematische Modellierung, bildgebende Verfahren sowie pharmakologische Methoden. Besonders interessiert waren wir an den Vorgängen im Gehirn, die immer noch ein faszinierendes Rätsel darstellen.<aside></aside></p> <p>Basierend auf einer umfangreichen Literaturrecherche und theoretischen Überlegungen entwickelten wir ein mathematisches Rahmenmodell, das beschreibt, wie sich Erschöpfung von einem Moment zum nächsten ändert und wie Erschöpfung die Motivation und somit Entscheidungen, sich für mögliche Belohnung anzustrengen, beeinträchtigt. In einem Experiment variierten wir dann den Grad des Aufwands (physische Kraft) und den Grad der Belohnung (Punkte, die später in Geld umgerechnet wurden) von einem Versuchsdurchgang zum nächsten systematisch. Dadurch konnten wir zeigen, dass unser Modell individuelle Schwankungen sowohl in Entscheidungen sich anzustrengen („Ist mir eine bestimmte Belohnung ein bestimmter Aufwand wert?“) als auch in selbstberichteter Erschöpfung („Wie müde fühle ich mich momentan?“) vorhersagen kann und mögliche Zusammenhänge von Erschöpfung und Motivation aufzeigt. Im Speziellen zeigte das Modell, dass Erschöpfung zwei Komponenten zugrunde liegen: eine Komponente, die bei Arbeitsphasen zunimmt und sich bei Arbeitspausen erholt, sowie eine weitere Komponente, die bei kurzen Arbeitspausen unverändert bleibt.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-5.png"><img alt="" decoding="async" height="270" sizes="(max-width: 439px) 100vw, 439px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-5.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-5.png 439w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-5-300x185.png 300w" width="439"></img></a><figcaption><em>Schematische Darstellung, wie subjektiver Wert vom Grad der erforderlichen Anstrengung, der Höhe der zu erwartenden Belohnung und Erschöpfung abhängt. Anstrengung vermindert tendenziell den subjektiven Wert von Belohnung. Dieser Effekt wird unter Erschöpfung (F = Fatigue; gestrichelte Linien) verstärkt, sodass man weniger dazu bereit ist, sich für Belohnung anzustrengen. Mithilfe von Experimenten können der subjektive Wert, den eine bestimmte Person einem Gut oder einer Tätigkeit zuschreibt, und Schwankungen darin berechnet werden. Auch können Rückschlüsse auf Schwankungen in Erschöpfung gezogen werden, die hier von der erbrachten Anstrengung und den eingelegten Pausen über das Experiment hinweg abhängt. Abbildung entnommen aus Müller et al. (2021), Nature Communications, unter Lizenz https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/</em></figcaption></figure> <p>Einen Teil dieser Studie führten knapp 40 gesunde Versuchspersonen unter Verwendung von funktioneller Magnetresonanztomographie durch. Dieses Verfahren ermöglichte es, bei jeder Versuchsperson über fast eine Stunde hinweg alle ein bis zwei Sekunden Aufnahmen ihres Gehirns zu machen. Die Aufnahmen lieferten uns Informationen darüber, wie sich die neuronale Aktivität in verschiedenen Gehirnbereichen über das Experiment hinweg änderte. Ganz schön viele Daten! Dabei konnten wir feststellen, dass neuronale Aktivität während der Entscheidungsfindung in separaten Subregionen frontaler Gehirnbereiche entsprechend der zwei zuvor genannten Erschöpfungs-Komponenten schwankte. Zudem signalisierte neuronale Aktivität im ventralen Striatum (eine Region ungefähr in der Mitte des Gehirns, die bereits zuvor mit Motivation und Entscheidungsfindung in Zusammenhang gebracht wurde) unter anderem Unterschiede zwischen den einzelnen Versuchspersonen in dem Ausmaß, in dem ihr Entscheidungsverhalten durch Erschöpfung beeinflusst wurde. Die Studie zeigte also fluktuierende Komponenten von Erschöpfung und ihrer Effekte auf. Gleichzeitig erweiterte sie unser Verständnis der Eigenschaften und Rolle bestimmter Gehirnbereiche.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-6.png"><img alt="" decoding="async" height="249" sizes="(max-width: 897px) 100vw, 897px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-6.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-6.png 897w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-6-300x83.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-6-768x213.png 768w" width="897"></img></a><figcaption><em>Neuronale Aktivität während der Entscheidungsfindung schwankt in separaten Subregionen frontaler Gehirnbereiche entsprechend zweier Erschöpfungs-Komponenten, die durch mathematische Modellierung identifiziert wurden (hellblau: verändert sich bei Arbeitsphasen und erholt sich während Pausen; dunkelblau: verändert sich bei Arbeitsphasen und bleibt bei kurzen Pausen unverändert). Abbildung entnommen aus Müller et al. (2021), Nature Communications, unter Lizenz https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/</em></figcaption></figure> <p>In einer weiteren Studie untersuchten wir nun, ob Menschen eher Informationen dazu suchen, wie anstrengend eine Handlung sein wird oder ob sie eher dazu neigen, zuerst Informationen zur möglichen Belohnung einzuholen. Interessant war dabei auch, herauszufinden, ob diese mögliche Präferenz gegebenenfalls mit ihrer Arbeitsbereitschaft zusammenhängt. Die Versuchspersonen entschieden in jedem Durchgang zunächst, ob sie zuerst den Grad des Aufwands oder den Grad der Belohnung sehen möchten bevor sie jeweils entschieden, ob die ihnen angebotene Belohnung den erforderlichen Aufwand wert ist. Dabei waren diejenigen Personen, die sich öfters dafür entschieden, den Anstrengungsgrad zuerst zu sehen, weniger bereit dazu, sich für Geld anzustrengen, wenn dies relativ hohe Anstrengung erforderte. Einige Teilnehmende, die Informationen über die mit einer Handlung verbundene Anstrengung bevorzugten, anstatt zuerst Informationen zur möglichen Belohnung einzuholen, berichteten zudem von weniger anstrengender Aktivität und erhöhter Erschöpfung im Alltag. Die Ergebnisse zeigten einen bislang unbekannten Zusammenhang zwischen individuellen Tendenzen bei der Informationssuche, Motivation, körperlicher Aktivität und Erschöpfung auf. Inwiefern sich diese Faktoren gegenseitig beeinflussen, bleibt eine spannende Frage für zukünftige Forschung.</p> <p>Die entwickelten Aufgaben-Paradigmen und mathematischen Modelle machen es möglich, verschiedene Komponenten der Entwicklung von Erschöpfung und ihrer Auswirkungen zu identifizieren und zu quantifizieren. Somit helfen sie dabei, die Mechanismen, die Erschöpfung und individuellen Abweichungen in der Verarbeitung von Anstrengung zugrunde liegen, besser zu verstehen. Und das nicht nur in gesunden Versuchspersonen, sondern auch in denjenigen Patienten, die sich typischerweise erschöpft fühlen. Ein Beispiel: In einer aktuellen Studie verwenden wir eine Version des Experiments und mathematischen Modells zur Erfassung von Schwankungen im subjektiven Erschöpfungsgefühl von Parkinson-Patienten. Dabei gehen wir der Frage nach, ob Parkinson-Patienten durch Anstrengung mehr ermüden oder ob sie sich während Pausen langsamer erholen als gesunde Probanden und welche Rolle der Neurotransmitter Dopamin dafür spielt. Insgesamt könnten die Ansätze und Ergebnisse eine wichtige Wissensbasis bereitstellen für verschiedene Maßnahmen, um übermäßige Erschöpfung und ihre Auswirkungen auf die Motivation und das Verhalten zu verhindern oder zu reduzieren.</p> <p>Natürlich ist eine gewisse Anstrengung erforderlich, um unsere Ziele zu erreichen und neue Dinge zu erlernen. Sie kann teilweise Freude bereiten, und das richtige, persönliche Maß an Aktivität fördert die psychische und körperliche Gesundheit. Manche Studien anderer Forschungsgruppen legen sogar nahe, dass gewisse körperliche Aktivität längerfristig gesehen Erschöpfung entgegenwirken kann, zumindest bei einigen Personen und Erkrankungen. Entscheidend ist wohl, die individuelle Balance zu finden. Dabei kann es helfen, mögliche Warnsignale seines Gehirns wahrzunehmen und, falls nötig, seine Denkweise und sein Verhalten entsprechend anzupassen. Die Forschung ist den Grundlagen und dem potentiellen Zweck des Erschöpfungsgefühls auf der Spur, hat aber auch noch eine spannende Reise vor sich.</p> <hr></hr> <p>Tanja Müller ist derzeit als Postdoc im Fachbereich Neuroökonomie an der Universität Zürich tätig. Unterstützt durch ein Forschungsstipendium des Schweizerischen Nationalfonds beschäftigt sie sich dort mit Erschöpfung und Entscheidungsfindung. Zuvor studierte sie Psychologie und Neuro-kognitive Psychologie an den Universitäten Freiburg (Breisgau) und München und verbrachte Studien- und Forschungsaufenthalte an der University of Oxford (England) und der Stanford University (USA). Für ihre Doktorarbeit an der Universität Oxford untersuchte sie Mechanismen, die Erschöpfung und deren Einfluss auf die Motivation zugrunde liegen, mit einem speziellen Fokus auf die Vorgänge im menschlichen Gehirn.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Erschöpfung – Ein Warnsignal des Gehirns? » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den<span> <a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</a> </span>2023 in der Kategorie Neurowissenschaften veranschaulichte Tanja Müller, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Nach einem langen Arbeitstag, einer Prüfung oder einer sportlichen Aktivität sind wir oft müde oder erschöpft. Jeder kennt wohl dieses Gefühl. Aber warum ist das eigentlich so? Wie wirkt sich Anstrengung auf unser Gehirn und Verhalten aus? Neue Methoden liefern neue Einblicke und Möglichkeiten.</em></p> <p>„Viele Fragen sind noch zu beantworten, um die Mechanismen, die Erschöpfung zugrunde liegen, zu enträtseln. Dieser Herausforderung werden sich zukünftig sicher auch einige junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stellen.“ An diese Botschaft der Abschlussrede eines wissenschaftlichen Meetings zur Neurobiologie von Erschöpfung, das ich zu Beginn meiner Dissertation besuchte, erinnere ich mich gut.</p> <p>Mit der Frage, wie Erschöpfung zustande kommt, beschäftigen sich Forscher schon seit über hundert Jahren. Dennoch wird nach wie vor darüber spekuliert und diskutiert, welche Faktoren eine zentrale Rolle spielen, welche Prozesse in unserem Gehirn und ganzen Körper ablaufen und ob das Erschöpfungsgefühl einem bestimmten Zweck dient. Handelt es sich um ein Warnsignal, das es uns ermöglicht, unser Verhalten rechtzeitig anzupassen, um unser inneres Gleichgewicht wiederherzustellen und unsere Ressourcen zu schonen? Stellt es alternativ eine lästige Begleiterscheinung dar, die uns nur davon abhält, unsere Ziele zu erreichen? Oder liegt die Antwort dazwischen und variiert womöglich auch je nach Situation und Person? Erschöpfung zu erforschen ist kompliziert. Es gibt verschiedene Ausprägungen von Erschöpfung, im normalen und im krankhaften Bereich, wie es beim Chronischen Erschöpfungssyndrom, nach viraler Infektion zum Beispiel mit COVID-19 oder bei verschiedenen anderen Krankheiten der Fall sein kann. Zudem kann sich Erschöpfung unterschiedlich stark von einem Moment auf den anderen ändern. Hinzu kommt, dass einige Forschende annehmen, dass sich Erschöpfung auf unsere Motivation und somit auf unsere Entscheidungen und unser Verhalten auswirkt, und dass sie wiederum von unserem Verhalten und komplexen psychologischen und physiologischen Prozessen abhängt. Die stetige Entwicklung neuer Methoden ermöglicht jedoch ein immer genaueres und umfangreicheres Verständnis dieses facettenreichen Phänomens.</p> <p>Zusammen mit Forschungsteams der Universität Oxford untersuchte ich, wie sich Erschöpfung von einem Moment zum nächsten entwickelt und wie sie Entscheidungen, sich anzustrengen, beeinflusst. Dafür verwendeten wir Aufgaben zur Entscheidungsfindung, Ratingskalen, mathematische Modellierung, bildgebende Verfahren sowie pharmakologische Methoden. Besonders interessiert waren wir an den Vorgängen im Gehirn, die immer noch ein faszinierendes Rätsel darstellen.<aside></aside></p> <p>Basierend auf einer umfangreichen Literaturrecherche und theoretischen Überlegungen entwickelten wir ein mathematisches Rahmenmodell, das beschreibt, wie sich Erschöpfung von einem Moment zum nächsten ändert und wie Erschöpfung die Motivation und somit Entscheidungen, sich für mögliche Belohnung anzustrengen, beeinträchtigt. In einem Experiment variierten wir dann den Grad des Aufwands (physische Kraft) und den Grad der Belohnung (Punkte, die später in Geld umgerechnet wurden) von einem Versuchsdurchgang zum nächsten systematisch. Dadurch konnten wir zeigen, dass unser Modell individuelle Schwankungen sowohl in Entscheidungen sich anzustrengen („Ist mir eine bestimmte Belohnung ein bestimmter Aufwand wert?“) als auch in selbstberichteter Erschöpfung („Wie müde fühle ich mich momentan?“) vorhersagen kann und mögliche Zusammenhänge von Erschöpfung und Motivation aufzeigt. Im Speziellen zeigte das Modell, dass Erschöpfung zwei Komponenten zugrunde liegen: eine Komponente, die bei Arbeitsphasen zunimmt und sich bei Arbeitspausen erholt, sowie eine weitere Komponente, die bei kurzen Arbeitspausen unverändert bleibt.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-5.png"><img alt="" decoding="async" height="270" sizes="(max-width: 439px) 100vw, 439px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-5.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-5.png 439w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-5-300x185.png 300w" width="439"></img></a><figcaption><em>Schematische Darstellung, wie subjektiver Wert vom Grad der erforderlichen Anstrengung, der Höhe der zu erwartenden Belohnung und Erschöpfung abhängt. Anstrengung vermindert tendenziell den subjektiven Wert von Belohnung. Dieser Effekt wird unter Erschöpfung (F = Fatigue; gestrichelte Linien) verstärkt, sodass man weniger dazu bereit ist, sich für Belohnung anzustrengen. Mithilfe von Experimenten können der subjektive Wert, den eine bestimmte Person einem Gut oder einer Tätigkeit zuschreibt, und Schwankungen darin berechnet werden. Auch können Rückschlüsse auf Schwankungen in Erschöpfung gezogen werden, die hier von der erbrachten Anstrengung und den eingelegten Pausen über das Experiment hinweg abhängt. Abbildung entnommen aus Müller et al. (2021), Nature Communications, unter Lizenz https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/</em></figcaption></figure> <p>Einen Teil dieser Studie führten knapp 40 gesunde Versuchspersonen unter Verwendung von funktioneller Magnetresonanztomographie durch. Dieses Verfahren ermöglichte es, bei jeder Versuchsperson über fast eine Stunde hinweg alle ein bis zwei Sekunden Aufnahmen ihres Gehirns zu machen. Die Aufnahmen lieferten uns Informationen darüber, wie sich die neuronale Aktivität in verschiedenen Gehirnbereichen über das Experiment hinweg änderte. Ganz schön viele Daten! Dabei konnten wir feststellen, dass neuronale Aktivität während der Entscheidungsfindung in separaten Subregionen frontaler Gehirnbereiche entsprechend der zwei zuvor genannten Erschöpfungs-Komponenten schwankte. Zudem signalisierte neuronale Aktivität im ventralen Striatum (eine Region ungefähr in der Mitte des Gehirns, die bereits zuvor mit Motivation und Entscheidungsfindung in Zusammenhang gebracht wurde) unter anderem Unterschiede zwischen den einzelnen Versuchspersonen in dem Ausmaß, in dem ihr Entscheidungsverhalten durch Erschöpfung beeinflusst wurde. Die Studie zeigte also fluktuierende Komponenten von Erschöpfung und ihrer Effekte auf. Gleichzeitig erweiterte sie unser Verständnis der Eigenschaften und Rolle bestimmter Gehirnbereiche.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-6.png"><img alt="" decoding="async" height="249" sizes="(max-width: 897px) 100vw, 897px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-6.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-6.png 897w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-6-300x83.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-6-768x213.png 768w" width="897"></img></a><figcaption><em>Neuronale Aktivität während der Entscheidungsfindung schwankt in separaten Subregionen frontaler Gehirnbereiche entsprechend zweier Erschöpfungs-Komponenten, die durch mathematische Modellierung identifiziert wurden (hellblau: verändert sich bei Arbeitsphasen und erholt sich während Pausen; dunkelblau: verändert sich bei Arbeitsphasen und bleibt bei kurzen Pausen unverändert). Abbildung entnommen aus Müller et al. (2021), Nature Communications, unter Lizenz https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/</em></figcaption></figure> <p>In einer weiteren Studie untersuchten wir nun, ob Menschen eher Informationen dazu suchen, wie anstrengend eine Handlung sein wird oder ob sie eher dazu neigen, zuerst Informationen zur möglichen Belohnung einzuholen. Interessant war dabei auch, herauszufinden, ob diese mögliche Präferenz gegebenenfalls mit ihrer Arbeitsbereitschaft zusammenhängt. Die Versuchspersonen entschieden in jedem Durchgang zunächst, ob sie zuerst den Grad des Aufwands oder den Grad der Belohnung sehen möchten bevor sie jeweils entschieden, ob die ihnen angebotene Belohnung den erforderlichen Aufwand wert ist. Dabei waren diejenigen Personen, die sich öfters dafür entschieden, den Anstrengungsgrad zuerst zu sehen, weniger bereit dazu, sich für Geld anzustrengen, wenn dies relativ hohe Anstrengung erforderte. Einige Teilnehmende, die Informationen über die mit einer Handlung verbundene Anstrengung bevorzugten, anstatt zuerst Informationen zur möglichen Belohnung einzuholen, berichteten zudem von weniger anstrengender Aktivität und erhöhter Erschöpfung im Alltag. Die Ergebnisse zeigten einen bislang unbekannten Zusammenhang zwischen individuellen Tendenzen bei der Informationssuche, Motivation, körperlicher Aktivität und Erschöpfung auf. Inwiefern sich diese Faktoren gegenseitig beeinflussen, bleibt eine spannende Frage für zukünftige Forschung.</p> <p>Die entwickelten Aufgaben-Paradigmen und mathematischen Modelle machen es möglich, verschiedene Komponenten der Entwicklung von Erschöpfung und ihrer Auswirkungen zu identifizieren und zu quantifizieren. Somit helfen sie dabei, die Mechanismen, die Erschöpfung und individuellen Abweichungen in der Verarbeitung von Anstrengung zugrunde liegen, besser zu verstehen. Und das nicht nur in gesunden Versuchspersonen, sondern auch in denjenigen Patienten, die sich typischerweise erschöpft fühlen. Ein Beispiel: In einer aktuellen Studie verwenden wir eine Version des Experiments und mathematischen Modells zur Erfassung von Schwankungen im subjektiven Erschöpfungsgefühl von Parkinson-Patienten. Dabei gehen wir der Frage nach, ob Parkinson-Patienten durch Anstrengung mehr ermüden oder ob sie sich während Pausen langsamer erholen als gesunde Probanden und welche Rolle der Neurotransmitter Dopamin dafür spielt. Insgesamt könnten die Ansätze und Ergebnisse eine wichtige Wissensbasis bereitstellen für verschiedene Maßnahmen, um übermäßige Erschöpfung und ihre Auswirkungen auf die Motivation und das Verhalten zu verhindern oder zu reduzieren.</p> <p>Natürlich ist eine gewisse Anstrengung erforderlich, um unsere Ziele zu erreichen und neue Dinge zu erlernen. Sie kann teilweise Freude bereiten, und das richtige, persönliche Maß an Aktivität fördert die psychische und körperliche Gesundheit. Manche Studien anderer Forschungsgruppen legen sogar nahe, dass gewisse körperliche Aktivität längerfristig gesehen Erschöpfung entgegenwirken kann, zumindest bei einigen Personen und Erkrankungen. Entscheidend ist wohl, die individuelle Balance zu finden. Dabei kann es helfen, mögliche Warnsignale seines Gehirns wahrzunehmen und, falls nötig, seine Denkweise und sein Verhalten entsprechend anzupassen. Die Forschung ist den Grundlagen und dem potentiellen Zweck des Erschöpfungsgefühls auf der Spur, hat aber auch noch eine spannende Reise vor sich.</p> <hr></hr> <p>Tanja Müller ist derzeit als Postdoc im Fachbereich Neuroökonomie an der Universität Zürich tätig. Unterstützt durch ein Forschungsstipendium des Schweizerischen Nationalfonds beschäftigt sie sich dort mit Erschöpfung und Entscheidungsfindung. Zuvor studierte sie Psychologie und Neuro-kognitive Psychologie an den Universitäten Freiburg (Breisgau) und München und verbrachte Studien- und Forschungsaufenthalte an der University of Oxford (England) und der Stanford University (USA). Für ihre Doktorarbeit an der Universität Oxford untersuchte sie Mechanismen, die Erschöpfung und deren Einfluss auf die Motivation zugrunde liegen, mit einem speziellen Fokus auf die Vorgänge im menschlichen Gehirn.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/klartext/erschoepfung-ein-warnsignal-des-gehirns/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Shaping AI for the People: A Blueprint for the Future https://scilogs.spektrum.de/hlf/shaping-ai-for-the-people-a-blueprint-for-the-future/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/shaping-ai-for-the-people-a-blueprint-for-the-future/#comments Wed, 01 Oct 2025 12:00:00 +0000 Andrei Mihai https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=13798 <h1>Shaping AI for the People: A Blueprint for the Future - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>Artificial intelligence is no longer a futuristic promise; it is here, and seems to be embedded almost everywhere. Few technologies have spread so quickly, and few technologies have split opinion so sharply. To some, AI is the dawn of a new golden age, while others see a ticking time bomb. This tension between possibility and risk was also visible during a live poll performed with the audience at the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">12th Heidelberg Laureate Forum</a> this year, where “deepfakes and misinformation” was chosen as the most important AI challenge over the next 10 years, followed by concerns about ethics and privacy.</p> <p>Beneath all this tension is one key question: How do we make sure AI works <em>for</em> people, not against them?</p> <p>Jeff Dean (Chief Scientist, Google DeepMind and Google Research; ACM Prize in Computing – 2012) and David Patterson (ACM A.M. Turing Award – 2017) also asked themselves that question. The two gathered expert advice from fields ranging from science to policy and law. They discussed with experts from the field of AI, as well as with the likes of Nobel Laureate John Jumper and former US President Barack Obama. In a Spark Session at the 2025 Heidelberg Laureate Forum, they presented some of their conclusions.</p> <div> <figure><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/09/image-3.png"><img alt="a poll of AI-related challenges " decoding="async" src="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/09/image-3-1024x567.png"></img></a><figcaption>A printscreen showing the results of a live poll with the 12th HLF’s participants. Image credits: HLFF.</figcaption></figure></div> <h3 id="h-four-moonshots">Four Moonshots</h3> <p>The main conclusion was neither a rosy “AI will save us all,” nor a warning about rogue superintelligence. Instead, the two laureates tried to lay out a practical approach on how AI in jobs, education, healthcare, and even democracy will set the trajectory for billions of lives. They wanted to steer the research community with concrete goals, much like the <a href="https://www.jfklibrary.org/visit-museum/exhibits/special-exhibits/moon-shot-jfk-and-space-exploration" rel="noreferrer noopener" target="_blank">“moonshot” of the Space Race</a>.</p> <p>The result, a project called “<a href="https://shapingai.com/about.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Shaping AI</a>“, was born out of a “shared frustration over the polarized discourse on AI, which has devolved into a standoff between accelerationists and doomers.”<aside></aside></p> <p>“Rather than simply predict what the impact of AI will be given a laissez-faire approach, our goal is to propose what the impact could be given directed efforts to maximize the upsides and minimize the downsides,” the project’s <em>About</em> page reads. A summary is also presented in an <a href="https://arxiv.org/abs/2412.02730" rel="noreferrer noopener" target="_blank">arXiv paper</a>.</p> <p>At the HLF Spark session on Tuesday morning, Dean and Patterson took the stage together to present some of their findings. They started with what they hope AI can actually deliver. “We should set concrete goals to have a positive societal benefit,” says Patterson.</p> <p>They could not limit themselves to one “moonshot,” however. They landed on four:</p> <ul> <li><strong>Functional Civic Discourse by 2030;</strong></li> <li><strong>AI for Healthcare;</strong></li> <li><strong>A Century of Progress in a Single Decade;</strong></li> <li><strong>Workforce Re-skilling.</strong></li> </ul> <p>The latter is perhaps the most straightforward to address. If AI displaces workers, it must also help them rebound. Patterson calls for an “AI rapid upskilling prize,” a system that helps low-wage workers retrain into middle-class jobs within six months. In fact, he explained how AI could actually help rebuild the <a href="https://www.noemamag.com/how-ai-could-help-rebuild-the-middle-class/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">middle class</a>. Yet, people’s jobs concerns are not unfounded.</p> <div> <figure><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/09/54791172889_da0a96e22f_o.jpg"><img alt="jeff dean on stage" decoding="async" src="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/09/54791172889_da0a96e22f_o.jpg"></img></a><figcaption>Jeff Dean answering questions after his presentation. © HLFF.</figcaption></figure></div> <p>AI is far from the first technology set to change the job force, but the scale at which it is happening is striking. The impact is also geography-dependent. In developed countries like the US, the worry is lawyers or coders being displaced. In sub-Saharan Africa, for example, the crisis is the opposite: There are not enough trained professionals. In such regions, AI could be transformative, just as mobile phones once leapfrogged landlines. An AI “health aide” in a nurse’s pocket might literally save lives where doctors are scarce. Ultimately, if directed wisely, AI could <em>expand</em> employment by boosting productivity in sectors where demand is boundless, like education, healthcare, software, or research. But if left unchecked, it could hollow out industries with fixed ceilings.</p> <p>The main, immediate focus is to remove the drudgery from current tasks, Dean points out. The recommended approach is to focus AI on increasing human productivity rather than labor replacement.</p> <p>“AI focused on human productivity is better than labor replacement,” the Laureate says. AI can increase human employability, but we need safeguards when AI veers off course. The first objective should be to “remove drudgery from current tasks and only then move to new AI innovation,” Dean continued.</p> <h3 id="h-can-ai-help-democracy">Can AI Help Democracy?</h3> <p>Whereas the impact of AI on jobs has some predictable parts, assessing the impact of the technology on our civic discourse and democratic societies is far more unpredictable.</p> <p>We are seeing today how social networks and AI-fuelled operations often amplify division and stir misinformation; we also see <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Artificial_intelligence_for_video_surveillance" rel="noreferrer noopener" target="_blank">AI used for surveillance</a> in some contexts. The small HLF survey <a href="https://news.harvard.edu/gazette/story/2020/10/ethical-concerns-mount-as-ai-takes-bigger-decision-making-role/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">echoes similar concerns</a> from broader civic society. But could AI also be used to repair some of the broken machinery of our society?</p> <p>Experiments highlighted by Dean and Patterson in the paper show AI can sometimes play a positive role, moderating conversations, surfacing shared values, and even countering conspiracy theories. Patterson cites one familiar case: a friend who engaged in conspiracy theories argued with AI until their arguments simply ran dry. Later on, that friend showed less attachment to their false beliefs.</p> <div> <figure><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/09/54790087007_8edbc52616_b.jpg"><img alt="david patterson and jeff dean on stage" decoding="async" src="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/09/54790087007_8edbc52616_b.jpg"></img></a><figcaption>Patterson answering questions after his presentation. © HLFF.</figcaption></figure></div> <p>“Though many are rightly worried about the prospect of artificial intelligence being used to spread misinformation or polarize online communications, our findings indicate it may also be useful for promoting respect, understanding, and democratic reciprocity,” one quoted study mentioned.</p> <p>Sceptical? So are Dean and Patterson. After all, good science rests on a healthy dose of scepticism. But they argue it is a research question worth funding. If AI can help societies pull back from polarization, it could be one of the greatest public goods of the 21st century.</p> <p>In terms of healthcare, we are already seeing substantial benefits, but the two laureates emphasize the importance of starting with the basics: help nurses, physician assistants, and overworked clinicians cut paperwork and triage faster. Then move toward systems that catch misdiagnoses, which are still <a href="https://qualitysafety.bmj.com/content/33/2/109" rel="noreferrer noopener" target="_blank">strikingly common</a>.</p> <h3 id="h-the-stakes-are-high">The Stakes Are High</h3> <p>The impact of AI in society is almost guaranteed to be transformative. AI could accelerate scientific discovery by a factor of ten, compressing a century of breakthroughs into a single decade. It could double GDP growth in countries like the United States, lifting millions out of poverty and rebuilding the middle class. It could give overburdened teachers and doctors tools that free them from paperwork and allow them to focus on the human parts of their jobs.</p> <p>But the risks are just as profound. Poorly directed, AI could concentrate wealth and power and create large pockets of long-term unemployment.</p> <p>Patterson and Dean stress that technology will not magically align itself with human values. They argue that with intention, coordination, and the right incentives, AI could lead to global prosperity, but this is not a guaranteed.</p> <p>“Artificial Intelligence (AI), like any transformative technology, has the potential to be a double-edged sword, leading either toward significant advancements or detrimental outcomes for society as a whole. As is often the case when it comes to widely-used technologies in market economies (e.g., cars and semiconductor chips), commercial interest tends to be the predominant guiding factor,” the paper reads.</p> <p>“The AI community is at risk of becoming polarized to either take a laissez-faire attitude toward AI development, or to call for government overregulation. Between these two poles we argue for the community of AI practitioners to consciously and proactively work for the common good.”</p> <p>At the 2025 Heidelberg Laureate Forum, AI was rightfully highlighted as one of the most consequential technologies of this time. Yet, as Patterson and Dean emphasize, AI does not come with a fixed set of outcomes. The way it is developed, deployed, and governed in the next few years will affect the lives of billions. It was a healthy and important reminder of the societal impact of research, and a reminder that while it is easy to fall into extremes, a balanced approach typically yields the best results.</p> <p>“It can be as big a mistake to ignore potential gains as it is to ignore risks,” their paper concludes.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/27qTr7My_no?feature=oembed&amp;rel=0" title="Spark Session | September 16" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Shaping AI for the People: A Blueprint for the Future - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>Artificial intelligence is no longer a futuristic promise; it is here, and seems to be embedded almost everywhere. Few technologies have spread so quickly, and few technologies have split opinion so sharply. To some, AI is the dawn of a new golden age, while others see a ticking time bomb. This tension between possibility and risk was also visible during a live poll performed with the audience at the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">12th Heidelberg Laureate Forum</a> this year, where “deepfakes and misinformation” was chosen as the most important AI challenge over the next 10 years, followed by concerns about ethics and privacy.</p> <p>Beneath all this tension is one key question: How do we make sure AI works <em>for</em> people, not against them?</p> <p>Jeff Dean (Chief Scientist, Google DeepMind and Google Research; ACM Prize in Computing – 2012) and David Patterson (ACM A.M. Turing Award – 2017) also asked themselves that question. The two gathered expert advice from fields ranging from science to policy and law. They discussed with experts from the field of AI, as well as with the likes of Nobel Laureate John Jumper and former US President Barack Obama. In a Spark Session at the 2025 Heidelberg Laureate Forum, they presented some of their conclusions.</p> <div> <figure><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/09/image-3.png"><img alt="a poll of AI-related challenges " decoding="async" src="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/09/image-3-1024x567.png"></img></a><figcaption>A printscreen showing the results of a live poll with the 12th HLF’s participants. Image credits: HLFF.</figcaption></figure></div> <h3 id="h-four-moonshots">Four Moonshots</h3> <p>The main conclusion was neither a rosy “AI will save us all,” nor a warning about rogue superintelligence. Instead, the two laureates tried to lay out a practical approach on how AI in jobs, education, healthcare, and even democracy will set the trajectory for billions of lives. They wanted to steer the research community with concrete goals, much like the <a href="https://www.jfklibrary.org/visit-museum/exhibits/special-exhibits/moon-shot-jfk-and-space-exploration" rel="noreferrer noopener" target="_blank">“moonshot” of the Space Race</a>.</p> <p>The result, a project called “<a href="https://shapingai.com/about.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Shaping AI</a>“, was born out of a “shared frustration over the polarized discourse on AI, which has devolved into a standoff between accelerationists and doomers.”<aside></aside></p> <p>“Rather than simply predict what the impact of AI will be given a laissez-faire approach, our goal is to propose what the impact could be given directed efforts to maximize the upsides and minimize the downsides,” the project’s <em>About</em> page reads. A summary is also presented in an <a href="https://arxiv.org/abs/2412.02730" rel="noreferrer noopener" target="_blank">arXiv paper</a>.</p> <p>At the HLF Spark session on Tuesday morning, Dean and Patterson took the stage together to present some of their findings. They started with what they hope AI can actually deliver. “We should set concrete goals to have a positive societal benefit,” says Patterson.</p> <p>They could not limit themselves to one “moonshot,” however. They landed on four:</p> <ul> <li><strong>Functional Civic Discourse by 2030;</strong></li> <li><strong>AI for Healthcare;</strong></li> <li><strong>A Century of Progress in a Single Decade;</strong></li> <li><strong>Workforce Re-skilling.</strong></li> </ul> <p>The latter is perhaps the most straightforward to address. If AI displaces workers, it must also help them rebound. Patterson calls for an “AI rapid upskilling prize,” a system that helps low-wage workers retrain into middle-class jobs within six months. In fact, he explained how AI could actually help rebuild the <a href="https://www.noemamag.com/how-ai-could-help-rebuild-the-middle-class/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">middle class</a>. Yet, people’s jobs concerns are not unfounded.</p> <div> <figure><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/09/54791172889_da0a96e22f_o.jpg"><img alt="jeff dean on stage" decoding="async" src="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/09/54791172889_da0a96e22f_o.jpg"></img></a><figcaption>Jeff Dean answering questions after his presentation. © HLFF.</figcaption></figure></div> <p>AI is far from the first technology set to change the job force, but the scale at which it is happening is striking. The impact is also geography-dependent. In developed countries like the US, the worry is lawyers or coders being displaced. In sub-Saharan Africa, for example, the crisis is the opposite: There are not enough trained professionals. In such regions, AI could be transformative, just as mobile phones once leapfrogged landlines. An AI “health aide” in a nurse’s pocket might literally save lives where doctors are scarce. Ultimately, if directed wisely, AI could <em>expand</em> employment by boosting productivity in sectors where demand is boundless, like education, healthcare, software, or research. But if left unchecked, it could hollow out industries with fixed ceilings.</p> <p>The main, immediate focus is to remove the drudgery from current tasks, Dean points out. The recommended approach is to focus AI on increasing human productivity rather than labor replacement.</p> <p>“AI focused on human productivity is better than labor replacement,” the Laureate says. AI can increase human employability, but we need safeguards when AI veers off course. The first objective should be to “remove drudgery from current tasks and only then move to new AI innovation,” Dean continued.</p> <h3 id="h-can-ai-help-democracy">Can AI Help Democracy?</h3> <p>Whereas the impact of AI on jobs has some predictable parts, assessing the impact of the technology on our civic discourse and democratic societies is far more unpredictable.</p> <p>We are seeing today how social networks and AI-fuelled operations often amplify division and stir misinformation; we also see <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Artificial_intelligence_for_video_surveillance" rel="noreferrer noopener" target="_blank">AI used for surveillance</a> in some contexts. The small HLF survey <a href="https://news.harvard.edu/gazette/story/2020/10/ethical-concerns-mount-as-ai-takes-bigger-decision-making-role/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">echoes similar concerns</a> from broader civic society. But could AI also be used to repair some of the broken machinery of our society?</p> <p>Experiments highlighted by Dean and Patterson in the paper show AI can sometimes play a positive role, moderating conversations, surfacing shared values, and even countering conspiracy theories. Patterson cites one familiar case: a friend who engaged in conspiracy theories argued with AI until their arguments simply ran dry. Later on, that friend showed less attachment to their false beliefs.</p> <div> <figure><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/09/54790087007_8edbc52616_b.jpg"><img alt="david patterson and jeff dean on stage" decoding="async" src="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/09/54790087007_8edbc52616_b.jpg"></img></a><figcaption>Patterson answering questions after his presentation. © HLFF.</figcaption></figure></div> <p>“Though many are rightly worried about the prospect of artificial intelligence being used to spread misinformation or polarize online communications, our findings indicate it may also be useful for promoting respect, understanding, and democratic reciprocity,” one quoted study mentioned.</p> <p>Sceptical? So are Dean and Patterson. After all, good science rests on a healthy dose of scepticism. But they argue it is a research question worth funding. If AI can help societies pull back from polarization, it could be one of the greatest public goods of the 21st century.</p> <p>In terms of healthcare, we are already seeing substantial benefits, but the two laureates emphasize the importance of starting with the basics: help nurses, physician assistants, and overworked clinicians cut paperwork and triage faster. Then move toward systems that catch misdiagnoses, which are still <a href="https://qualitysafety.bmj.com/content/33/2/109" rel="noreferrer noopener" target="_blank">strikingly common</a>.</p> <h3 id="h-the-stakes-are-high">The Stakes Are High</h3> <p>The impact of AI in society is almost guaranteed to be transformative. AI could accelerate scientific discovery by a factor of ten, compressing a century of breakthroughs into a single decade. It could double GDP growth in countries like the United States, lifting millions out of poverty and rebuilding the middle class. It could give overburdened teachers and doctors tools that free them from paperwork and allow them to focus on the human parts of their jobs.</p> <p>But the risks are just as profound. Poorly directed, AI could concentrate wealth and power and create large pockets of long-term unemployment.</p> <p>Patterson and Dean stress that technology will not magically align itself with human values. They argue that with intention, coordination, and the right incentives, AI could lead to global prosperity, but this is not a guaranteed.</p> <p>“Artificial Intelligence (AI), like any transformative technology, has the potential to be a double-edged sword, leading either toward significant advancements or detrimental outcomes for society as a whole. As is often the case when it comes to widely-used technologies in market economies (e.g., cars and semiconductor chips), commercial interest tends to be the predominant guiding factor,” the paper reads.</p> <p>“The AI community is at risk of becoming polarized to either take a laissez-faire attitude toward AI development, or to call for government overregulation. Between these two poles we argue for the community of AI practitioners to consciously and proactively work for the common good.”</p> <p>At the 2025 Heidelberg Laureate Forum, AI was rightfully highlighted as one of the most consequential technologies of this time. Yet, as Patterson and Dean emphasize, AI does not come with a fixed set of outcomes. The way it is developed, deployed, and governed in the next few years will affect the lives of billions. It was a healthy and important reminder of the societal impact of research, and a reminder that while it is easy to fall into extremes, a balanced approach typically yields the best results.</p> <p>“It can be as big a mistake to ignore potential gains as it is to ignore risks,” their paper concludes.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/27qTr7My_no?feature=oembed&amp;rel=0" title="Spark Session | September 16" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/shaping-ai-for-the-people-a-blueprint-for-the-future/#comments 4 Erste Cannabis-Evaluation: Was die Daten zeigen und wie es jetzt weitergeht https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/erste-cannabis-evaluation-was-die-daten-zeigen-und-wie-es-jetzt-weitergeht/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/erste-cannabis-evaluation-was-die-daten-zeigen-und-wie-es-jetzt-weitergeht/#comments Tue, 30 Sep 2025 11:41:07 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3444 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/marijuana-leaf-5315561_1920-768x512.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/erste-cannabis-evaluation-was-die-daten-zeigen-und-wie-es-jetzt-weitergeht/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/marijuana-leaf-5315561_1920.jpg" /><h1>Erste Cannabis-Evaluation: Was die Daten zeigen und wie es jetzt weitergeht » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Wie häufig ist Cannabis-Konsum in Deutschland? Steigt er? Wie entwickelt sich die Kriminalität? Und drogenpolitische Schlussfolgerungen</strong></p> <span id="more-3444"></span> <p>Menschen kiffen. Nach der intensiv diskutierten Entkriminalisierung von Cannabis zum 1. April 2024 liegt nun die erste Zwischen-Evaluation vor: Ein <a href="https://www.fdr.uni-hamburg.de/record/17993">fast 200-seitiger Bericht</a> unter der Federführung Hamburger Suchtforscher.</p> <p>Darin ist von einem geschätzten Jahresbedarf von 670.000 bis 823.000 Kilogramm Cannabis für Deutschland die Rede. Wenn wir einmal von der Mitte ausgehen, also von 747 Tonnen, dann wären das rund 9 Gramm Gras (die Blüten) oder Haschisch (das Harz) pro Kopf und Jahr, um die häufigsten Konsumformen zu nennen.</p> <p>Das ist eine abstrakte Größe, die wir gleich noch genauer nach der Häufigkeit des Konsums aufschlüsseln. Sie zeigt aber, dass Cannabis zu Deutschland gehört.</p> <p>Zum Vergleich: Im Schnitt trinkt die deutsche Bevölkerung ab 15 Jahren zehn Liter reinen Alkohol pro Kopf und Jahr, was in Bier ausgedrückt bei einem Alkoholgehalt von 5 Volumenprozent 200 Liter wären. Aber natürlich trinken manche mehr und andere gar keine alkoholischen Getränke.<aside></aside></p> <p>Wie ich kürzlich für mein Buch <em>Die Cannabis-Protokolle. Medizin, Politik und Wissenschaft auf dem Prüfstand </em>recherchierte, lässt sich Cannabis-Konsum in Europa seit rund 5000 Jahren nachweisen. Wohl aus klimatischen Gründen dürfte die psychoaktive Substanz damals vor allem im Südosten des Kontinents verbreitet gewesen sein, während man im Nordwesten eher Bier und Honigwein (Met) braute, bis die Römer mit ihren Eroberungen auch den Weinbau mitbrachten.</p> <p>Zum Beispiel fand man bei Ausgrabungen einer Grabstätte im heutigen Rumänien eine Pfeife und Pflanzenreste von Hanf, die auf einen rituellen Gebrauch schließen lassen. Sozusagen ein Joint zur Beerdigung als europäisches Kulturgut.</p> <h2 id="h-wie-haufig-ist-der-konsum">Wie häufig ist der Konsum?</h2> <p>Doch bleiben wir in der Gegenwart: Die Jahresprävalenz für den Cannabiskonsum in Deutschland lag kurz vor der Gesetzesänderung <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/cannabisgebrauch-in-deutschland-0610bc6e-b97f-44f8-b9c1-e476a09352d4">bei fast 5 Prozent</a>, also rund jedem beziehungsweise jeder 20. Deutschen. Besonders beliebt ist die Substanz unter den 18- bis 25-Jährigen mit 25 Prozent. Bei den 12- bis 17-Jährigen sind es geschätzte 8 Prozent.</p> <p>Nach der Häufigkeit schlüsseln sich die genannten fünf Prozent wie folgt auf: Mindestens einmal im Monat konsumierten 2,3 Prozent Cannabis, mindestens einmal pro Woche 1,5 Prozent und (fast) täglich 0,7 Prozent. Laut dieser repräsentativen Befragung wären also fast jeder 20. ein Gelegenheits- und fast jeder 50. ein regelmäßiger Konsument.</p> <p>Am Rande sei hier erwähnt, dass es bei solchen Studien auffällige Unterschiede gibt: So kam der alle drei Jahre vom Institut für Therapieforschung in München erhobene “epidemiologische Suchtsurvey” auf eine Jahresprävalenz von <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/konsum-psychoaktiver-substanzen-in-deutschland-a8c9e691-dbc5-4eb3-9d00-5bdfdf363b8e">fast 10 Prozent</a>. Die “CannaStreet Studie” vom Institut für interdisziplinäre Sucht- und Drogenforschung in Hamburg schätzte noch höhere Werte, basierte aber nur auf Onlinebefragungen. Die seit 2022 jährlich durchgeführte “Deutsche Befragung zum Rauchverhalten” vom Centre for Health and Society an der Uniklinik Düsseldorf kam auf niedrigere Ergebnisse.</p> <p>Die Unterschiede dürften teils an der verwendeten Methodik liegen, wie man beispielsweise die Antworten von wenigen Tausend Befragten auf die gesamte Gesellschaft hochrechnet. Allgemein weiß man zum Beispiel, dass in den Städten mehr Cannabis und andere Drogen konsumiert werden als auf dem Land. Das macht die Schätzungen komplexer. Die drogenpolitisch wichtigere Frage ist aber, ob der Konsum zunimmt.</p> <h2 id="h-nimmt-der-cannabiskonsum-zu">Nimmt der Cannabiskonsum zu?</h2> <p>Am 23. September 2025, also wenige Tage vor Veröffentlichung des Zwischenberichts, titelte ein Artikel im Tagesspiegel: “Droge ist teilweise legalisiert: Cannabis-Konsum bei 18- bis 25-Jährigen deutlich gestiegen”.</p> <p>Es stimmt zwar, dass der Konsum von Cannabis steigt. Das mit der Entkriminalisierung 2024 in Zusammenhang zu bringen, halte ich aber für grob irreführend. Im Artikel werden dann Zahlen von 2025 mit denen von 2015 verglichen.</p> <p>Korrekt ist, dass der Cannabis-Konsum schon seit den 1990ern zunimmt – und zwar in vielen Ländern. Auf der Abbildung ist das für die USA zu sehen und habe ich den Zeitpunkt der in immer mehr US-Bundesstaaten einsetzenden Legalisierung eingezeichnet. Die politischen Maßnahmen laufen also dem Verhalten der Bürgerinnen und Bürger hinterher, nicht andersherum.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/World-Drug-Report-2022-Cannabis-USA.jpg"><img alt="" decoding="async" height="724" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/World-Drug-Report-2022-Cannabis-USA-1024x724.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/World-Drug-Report-2022-Cannabis-USA-1024x724.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/World-Drug-Report-2022-Cannabis-USA-300x212.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/World-Drug-Report-2022-Cannabis-USA-768x543.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/World-Drug-Report-2022-Cannabis-USA.jpg 1286w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Abbildung: Der UN World Drug Report beschäftigte sich 2022 ausführlich mit dem Thema Cannabis. Die hier dargestellte Monatsprävalenz zeigt für drei Altersgruppen, dass die psychoaktive Substanz vor allem bei jungen Erwachsenen beliebt ist. Die Zahlen nähern sich wieder dem Niveau der 1970er an. Diese Trendwende setzte aber lange vor der Liberalisierung der Drogenpolitik ein.</em></p> <p>Das bestätigt der schon erwähnte Münchner Suchtsurvey auch für Deutschland: Hier verdoppelte sich die Jahresprävalenz des Cannabis-Konsums von 2009 bis 2024 allmählich. Diesen Trend nahm der frühere Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) ja gerade zum Anlass für die Gesetzeslockerung.</p> <p>Aussagekräftiger als die auf Selbstauskünften beruhenden Befragungen sind Abwasseruntersuchungen. Diese hat man in elf Städten unmittelbar vor (Dezember bis März 2024) und nach (Mai 2024 bis Mai 2025) der Entkriminalisierung vorgenommen. Das Ergebnis ist ein Unentschieden: Zwar nahm der Cannabiskonsum in Chemnitz, Magdeburg, Nürnberg und Rostock leicht zu. Doch in Frankfurt am Main, Potsdam und Saarbrücken änderte sich nichts und in Dresden, Greifswald, Hannover und Mainz nahm der Konsum sogar leicht ab.</p> <p>Diese Ergebnisse zeigen uns im Prinzip auch, dass sich der Drogenkonsum in der Gesellschaft nicht oder nur eingeschränkt durch Drogenverbote steuern lässt. Schließlich konnte der bloße Besitz von Cannabis bis zum 30. März 2024 mit bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe bestraft werden (§ 29 Abs. 1, Punkt 3 BtMG). Die Gesetzeslage war in den USA noch härter, vor allem im Wiederholungsfall.</p> <p>Viele Bürgerinnen und Bürger verwendeten und verwenden die psychoaktiven Substanzen trotzdem. Ein Blick auf die Gründe für den Konsum hilft uns dabei, das besser zu verstehen.</p> <h2 id="h-grunde-fur-den-cannabiskonsum">Gründe für den Cannabiskonsum</h2> <p>Für die erst im August erschienene, jedoch nicht repräsentative Onlinebefragung des Instituts für Suchtforschung in Frankfurt am Main und anderer Institutionen äußerten sich immerhin 11.471 Personen zu ihren Konsumgewohnheiten. Da darunter nur 96 Jugendliche waren, beschränkte ich mich hier auf die Antworten der Erwachsenen.</p> <p>Auf Platz 1 der Gründe landete mit 82 Prozent die Suche nach Entspannung. Danach folgte mit 64 Prozent, “Weil ich das Gefühl mag” (Mehrfachnennungen waren möglich). Das dürfte sich natürlich zum Teil mit dem Gefühl der Entspannung überschneiden.</p> <p>Mit immerhin 54 Prozent waren medizinische Gründe auf Platz 3, dazu gleich mehr. Danach folgten noch der Genuss zusammen mit anderen (31 Prozent) und der Wunsch nach einer veränderten Wahrnehmung bei immerhin jedem Vierten (25 Prozent).</p> <p>Die mit Blick auf eine mögliche Abhängigkeit eher bedenklichen Gründe waren die Ausnahme: 12 Prozent folgten einer Gewohnheit, 10 Prozent wollten ihre Sorgen vergessen und 5 Prozent gaben als Grund an, weil Freundinnen und Freunde es auch tun.</p> <h2 id="h-problematischer-konsum">Problematischer Konsum</h2> <p>Dazu passen die Ergebnisse der neuen Drogenaffinitätsstudie des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit vom September. Für diese wurden 7000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene repräsentativ befragt. Neben der Bestätigung der schon erwähnten Trends – bei Minderjährigen nimmt der Cannabiskonsum eher ab, bei jungen Erwachsenen eher zu – wurden die Personen hier auch zum problematischen Konsum befragt.</p> <p>Demnach lag dieser bei 11 Prozent der Jugendlichen und 13 Prozent der jungen Erwachsenen (18 bis 25 Jahre) vor. Die Ergebnisse von 2023 und 2025, also vor und nach der Entkriminalisierung, unterschieden sich nicht signifikant.</p> <p>Zur Erhebung des problematischen Konsums wurde eine deutsche Übersetzung des “Cannabis Abuse Screening Test” verwendet. Dieser zählt die Antworten auf sechs Fragen, mit jeweils 0 bis 4 Punkten für die Antworten von “niemals” über “manchmal” bis “sehr oft”.</p> <p>Die sechs Fragen sind: Haben Sie schon einmal am Morgen oder Vormittag Cannabis geraucht? Haben Sie es getan, wenn Sie alleine waren? Hatten Sie Gedächtnisprobleme, wenn Sie Cannabis geraucht haben? Haben Freunde oder Familienangehörige zu Ihnen gesagt, dass Sie weniger Cannabis rauchen sollten? Haben Sie schon erfolglos mit dem Konsum aufhören oder ihn reduzieren wollen? Hatten Sie Probleme wegen Ihres Cannabiskonsums, zum Beispiel Streit, einen Kampf, Unfall oder schlechtes Schulergebnis?</p> <p>Von den maximal 24 Punkten gilt nur der Bereich von 0 bis 2 Punkte als unbedenklich. Mit 3 bis 7 soll man ein niedriges und ab 8 Punkten ein hohes Suchtrisiko haben. Sucht ist aber ein sehr komplexes Thema und hängt nicht nur von der konsumierten Substanz ab, sondern auch von der Art und Häufigkeit des Konsums sowie von persönlichen und sozialen Umständen.</p> <p>Als besonders gefährdet gilt, wer viel Schlimmes erlebt hat und dann Cannabis – oder auch andere psychoaktive Substanzen – konsumiert, um seinen Problemen aus dem Weg zu gehen oder unangenehme Gefühle zu unterdrücken. Da man Herausforderungen so in der Regel nicht bewältigt, kann man in einen Teufelskreis geraten, insbesondere dann, wenn man immer mehr und häufiger konsumiert und die Substanz besonders gesundheitsschädlich, teuer oder schwer verfügbar ist.</p> <p>Das Thema ist sehr komplex. Darüber und die verschiedenen Arten der Abhängigkeit habe ich mehr im neuen Buch <em>Die Cannabis-Protokolle. Medizin, Politik und Wissenschaft auf dem Prüfstand</em> geschrieben.</p> <h2 id="h-medizinischer-und-freizeitkonsum">Medizinischer und Freizeitkonsum</h2> <p>Ein interessanter Befund aus der neuen Cannabis-Evaluation ist, dass sich der medizinische und Freizeitkonsum nicht gut trennen lässt. Auf dieses Ergebnis kam ich übrigens schon 2023 in meinem Fachbuch <em>Mental Health and Enhancement: Substance Use and Its Social Implications</em> (hier <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-32618-9">gratis</a>), wenn auch mit Blick auf die Psychostimulanzien, die heute vor allem bei Aufmerksamkeitsproblemen verschrieben werden. Ein Teil insbesondere jüngerer Leute verwendet die Mittel auch für mehr Spaß auf Partys, mehr Motivation beim Lernen oder zum Abnehmen.</p> <p>Dem steht Cannabis diametral entgegen: Wie wir sahen, nimmt die Mehrheit dieses Mittel nicht zum besseren “Anschalten” der geistigen Leistungsfähigkeit in Schule, Studium oder Arbeitsplatz, sondern sozusagen zum “Abschalten”, zur Entspannung. Wer dadurch starke Hungergefühle bekommt, dürfte dadurch auch eher nicht abnehmen. Diesen Effekt nutzt man mitunter medizinisch, wenn Patientinnen und Patienten aufgrund einer schweren Erkrankung oder Behandlung zu wenig essen.</p> <p>Aber da der medizinische Markt in der Leistungsgesellschaft immer weiter aufgebläht wurde und in den letzten Jahrzehnten immer mehr Facetten des Lebens aufnahm – neben Anspannung/Stress seien auch Traurigkeit oder schöpferische Pausen als Beispiele genannt –, ist die Grenzziehung hier schwer. Wir sahen gerade, dass 82 Prozent der Konsumierenden Entspannung als Grund für den Cannabiskonsum angegeben haben.</p> <p>Dass viele von ihnen in einer Online-Apotheke ein paar Symptome anklicken, dann vom Telemediziner ein Rezept und das Cannabisprodukt ihrer Wahl in pharmazeutischer Qualität in den Briefkasten bekommen, ist der neuen Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) ein Dorn im Auge. Sie will den Deutschen den Gang zum niedergelassenen Arzt und der Apotheke vor Ort vorschreiben. Diese Lobby wird ihr’s danken.</p> <p>Das könnte allerdings gegen EU-Wettbewerbsrecht (Art. 56 AEUV) verstoßen und die verfassungsrechtliche Berufsfreiheit unverhältnismäßig einschränken. Einfach gesagt: Womöglich kann die Ministerin den Ärzten im Inland ihre Online-Tätigkeit nicht ohne guten Grund einschränken – und sie auch nicht schlechter stellen als die Konkurrenz im EU-Ausland.</p> <p>Ich denke, wenn man eine ausufernde Ausstellung solcher Online-Rezepte eindämmen will, wird man zumindest die Alternative einer Videosprechstunde mit einem Arzt bestehen lassen müssen. Doch das letzte Wort hätten hier die Gerichte.</p> <h2 id="h-drogenpolitische-schlussfolgerungen">Drogenpolitische Schlussfolgerungen</h2> <p>Was bleibt nun von der Evaluation der Cannabisgesetzgebung nach eineinhalb Jahren und was bleibt zu tun?</p> <p>In der aktuellen Diskussion wird kritisiert, dass mit der Entkriminalisierung der Schwarzmarkt nicht verschwand. Aber dass die Cannabisclubs beziehungsweise Anbauvereinigungen dieses Problem nicht lösen würden, war von Anfang an klar. Ich warnte noch im Februar 2024 <a href="https://overton-magazin.de/dialog/eine-gesellschaft-auf-kokain-in-der-wir-endlose-wirtschaftskriege-fuehren-wuensche-ich-mir-nicht/">vor einem Bürokratiemonster</a>.</p> <p>Tatsächlich ist die Erfüllung der Auflagen nicht nur kompliziert und teuer. Vielmehr verzöger(te)n verschiedene Behörden den Aufbau, vor allem in Bayern. Es ist also überhaupt nicht überraschend, dass die Clubs 2024 laut der Evaluation nicht einmal 0,1 Prozent(!) des Bedarfs deckten. Auch wenn der Wert für 2025 vielleicht etwas höher liegen wird, dürfte er kaum ins Gewicht fallen.</p> <p>Wie wir oben sahen, tut gut die Hälfte der Cannabiskonsumenten das nur gelegentlich. Sich dafür in einem Verein – sofern überhaupt vorhanden – einzuschreiben oder gar eigene Pflanzen zu züchten, ist utopisch. Wer die Substanz nicht von Freunden mit legalen Quellen bekommt und sich nicht bei einer Online-Apotheke registrieren und warten will, kommt um illegale Bezugsquellen nicht herum. Leider dramatisieren verschiedene Medien und Politiker den Schwarzmarkt, indem sie auch das (nicht kommerzielle) Teilen unter Freunden dazu zählen.</p> <p>Dass die Gesetzesänderung wirkt, lässt sich am besten an den Zahlen zur Strafverfolgung nachvollziehen: Die ist laut der Evaluation um satte 60 bis 80 Prozent gesunken. Jetzt können sich Polizei und Justiz verstärkt echten Straftaten mit wirklichen Opfern widmen, was in Zeiten von Personalmangel immer wichtiger wird.</p> <p>Auch wenn der Konsum weiter gemessen werden sollte, ist aber doch klar: Der an die Wand gemalte Teufel, dass jetzt alle mehr Cannabis konsumieren, weil die Substanz aus der Verbotsliste gestrichen wird, war Unsinn. Man sollte auch nicht vergessen, dass es vor 100 Jahren überhaupt nur durch einen Kuhhandel darauf landete. Die Westmächte wollten unter amerikanischer Führung <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/mit-drogenpolitik-wird-sozial-und-migrationspolitik-gemacht/">aus innenpolitischen Gründen</a> Opium und seine Derivate – über Jahrhunderte übrigens die wichtigsten Arzneien – verbieten.</p> <p>Die herrschende Elite Ägyptens hatte etwas gegen das “normale Volk” mit seinem Cannabiskonsum und wollte sich von den früheren Kolonialmächten emanzipieren. Man schloss einen Deal: Wir stimmen dem Opiumverbot zu, wenn ihr auch Cannabis verbietet. <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zweite-opiumkonferenz-100-jahre-boeses-cannabis/">Es funktionierte</a>. Und so nahmen 100 Jahre sinnloser und sogar sozial schädlicher Verbotspolitik ihren Lauf, mit zahlreichen Verschärfungen im 20. Jahrhundert.</p> <h2 id="h-drogenpolitisches-chaos">Drogenpolitisches Chaos</h2> <p>Absurderweise wollen die Unionsparteien mit ihrer Gesundheitsministerin Warken die Liberalisierung gerade dort einschränken, wo sie am besten funktioniert: beim Bezug von medizinischem Cannabis. Sollen sich diese vielen Bürgerinnen und Bürger wieder auf der Straße oder zwielichtigen Ecken in den Parks versorgen?</p> <p>Dass der neue Drogenbeauftragte Hendrik Streeck (CDU) für seine Kritik die Jugendschutz-Karte zieht, war vielleicht abzusehen. Aber wie stimmig ist das, wenn doch trotz der Entkriminalisierung <em>weniger</em> Jugendliche Cannabis konsumieren? Er verweist darauf, dass Jugendrichter jetzt nicht mehr helfen könnten – um was für eine Art von “Hilfe” es da geht, hängt aber doch sehr stark vom jeweiligen Richter ab.</p> <p>Außerdem kritisierte Streeck die Besitzmengen von 25 Gramm auf der Straße und 50 Gramm zu Hause. Man könnte besser von Tschechien lernen, das jetzt 100 Gramm Cannabis im Eigenheim erlauben will. Was sollen die Heimgärtner denn tun, wenn ihre Pflanzen mehr als 50 Gramm abwerfen, was bei den heutigen Sorten realistisch ist? Selbst ein Wegwerfen des Überschusses könnte ein illegales Inverkehrbringen sein, das mit Geldstrafe oder bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe geahndet wird (§ 29 Abs. 1, Punkt 1 BtMG).</p> <p>Wer rechtlich auf Nummer sicher gehen will, dem bleiben eigentlich nur zwei Alternativen: Entweder verbraucht er den Überschuss sofort – oder er lässt ihn von der Polizei abholen und vernichten. Wollen die Unionspartei den Bürgerinnen und Bürgern wirklich einen extremen Drogenkonsum aufzwängen oder die Polizei wieder unnötig belasten?</p> <h2 id="h-jenseits-der-grenzen">Jenseits der Grenzen</h2> <p>Um die Ziele der neuen Cannabisgesetzgebung zu erreichen, muss endlich eine legale Lösung auch für Gelegenheitskonsumenten kommen. In den Niederlanden gibt es inzwischen acht Städte, in denen seit 1. Juli dieses Jahres <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/gesundheitsminister-eroeffnet-verkauf-von-erstem-sauberen-cannabis-in-den-niederlanden/">nur noch 100 Prozent legales Gras und Haschisch</a> verkauft wird. Dass das Modellprojekt seit Jahren geplant und seit Ende 2023 erweitert wurde, deutet darauf hin, dass die EU-Kommission es zulässt. Ansonsten hätte das wegen des Schengenabkommens <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/internationales-recht-cannabis-legalisierung-gescheitert/">unterbunden werden müssen</a>.</p> <p>Wenn man weiter meint, mit Drogenverboten Probleme lösen zu können, wird man in Europa zunehmend amerikanische Verhältnisse bekommen: Im niederländischen Rotterdam wird zurzeit die soziale Verelendung von immer mehr hilflosen Menschen sichtbarer. Wer erst einmal auf der Straße landet, greift schnell zu allem Verfügbaren, um sein Elend wenigstens für ein paar Momente nicht mehr spüren zu müssen. Die neuesten Drogen sind darin so gut wie gefährlich.</p> <p>Und in Belgien wird gerade ein möglicher Einsatz des Militärs im Kampf gegen die Drogenkriminalität diskutiert. Der frühere General Marc Thys warnte allerdings, dass es dann auch zivile Opfer geben könnte. Die Gangs hätten inzwischen Handgranaten und andere Kriegswaffen. Thys erwartet, dass Kriminelle die Militärpatrouillen testen und zum Gegenschlag provozieren könnten – mit unvorhersehbaren Konsequenzen.</p> <p>Es ging und geht Drogenpolitik immer auch um Sozialpolitik und die Sicherheit der Gesellschaft. Dass Verbote den Konsum nicht unterbinden und viele Probleme im Gegenteil sogar verschärfen, sehen wir seit gut 100 Jahren. Prävention durch zugängliche Hilfe insbesondere sozial schwacher Personen vor Ort und eine Substitutionstherapie für diejenigen, für die die Prävention zu spät kommt, wären wichtige Bausteine.</p> <p>Laut der neuen Evaluation konsumieren über 5 Millionen Deutsche zumindest gelegentlich Cannabis. Spätestens bei den nächsten Wahlen sollten sie sich an die politischen Hardliner erinnern, die die individuelle Freiheit missachten und den sozialen Frieden gefährden.</p> <h2 id="h-mehr-zum-thema">Mehr zum Thema</h2> <figure><a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die Cannabis-Gesetzgebung sowie wichtige Grundlagen: Was ist eine Droge? Was ist Abhängigkeit? Seit wann gibt es Cannabiskonsum in der Menschheitsgeschichte? Und was sind sein Nutzen und seine Risiken? Das neue Buch von Stephan Schleim gibt es als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/nl/book/die-cannabis-protokolle/id6745148090">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=f5pZEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/marijuana-leaf-cannabis-leaf-5315561/">Erin Stone</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/bcc32007766b48439ec9077aad77afe7" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/marijuana-leaf-5315561_1920.jpg" /><h1>Erste Cannabis-Evaluation: Was die Daten zeigen und wie es jetzt weitergeht » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Wie häufig ist Cannabis-Konsum in Deutschland? Steigt er? Wie entwickelt sich die Kriminalität? Und drogenpolitische Schlussfolgerungen</strong></p> <span id="more-3444"></span> <p>Menschen kiffen. Nach der intensiv diskutierten Entkriminalisierung von Cannabis zum 1. April 2024 liegt nun die erste Zwischen-Evaluation vor: Ein <a href="https://www.fdr.uni-hamburg.de/record/17993">fast 200-seitiger Bericht</a> unter der Federführung Hamburger Suchtforscher.</p> <p>Darin ist von einem geschätzten Jahresbedarf von 670.000 bis 823.000 Kilogramm Cannabis für Deutschland die Rede. Wenn wir einmal von der Mitte ausgehen, also von 747 Tonnen, dann wären das rund 9 Gramm Gras (die Blüten) oder Haschisch (das Harz) pro Kopf und Jahr, um die häufigsten Konsumformen zu nennen.</p> <p>Das ist eine abstrakte Größe, die wir gleich noch genauer nach der Häufigkeit des Konsums aufschlüsseln. Sie zeigt aber, dass Cannabis zu Deutschland gehört.</p> <p>Zum Vergleich: Im Schnitt trinkt die deutsche Bevölkerung ab 15 Jahren zehn Liter reinen Alkohol pro Kopf und Jahr, was in Bier ausgedrückt bei einem Alkoholgehalt von 5 Volumenprozent 200 Liter wären. Aber natürlich trinken manche mehr und andere gar keine alkoholischen Getränke.<aside></aside></p> <p>Wie ich kürzlich für mein Buch <em>Die Cannabis-Protokolle. Medizin, Politik und Wissenschaft auf dem Prüfstand </em>recherchierte, lässt sich Cannabis-Konsum in Europa seit rund 5000 Jahren nachweisen. Wohl aus klimatischen Gründen dürfte die psychoaktive Substanz damals vor allem im Südosten des Kontinents verbreitet gewesen sein, während man im Nordwesten eher Bier und Honigwein (Met) braute, bis die Römer mit ihren Eroberungen auch den Weinbau mitbrachten.</p> <p>Zum Beispiel fand man bei Ausgrabungen einer Grabstätte im heutigen Rumänien eine Pfeife und Pflanzenreste von Hanf, die auf einen rituellen Gebrauch schließen lassen. Sozusagen ein Joint zur Beerdigung als europäisches Kulturgut.</p> <h2 id="h-wie-haufig-ist-der-konsum">Wie häufig ist der Konsum?</h2> <p>Doch bleiben wir in der Gegenwart: Die Jahresprävalenz für den Cannabiskonsum in Deutschland lag kurz vor der Gesetzesänderung <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/cannabisgebrauch-in-deutschland-0610bc6e-b97f-44f8-b9c1-e476a09352d4">bei fast 5 Prozent</a>, also rund jedem beziehungsweise jeder 20. Deutschen. Besonders beliebt ist die Substanz unter den 18- bis 25-Jährigen mit 25 Prozent. Bei den 12- bis 17-Jährigen sind es geschätzte 8 Prozent.</p> <p>Nach der Häufigkeit schlüsseln sich die genannten fünf Prozent wie folgt auf: Mindestens einmal im Monat konsumierten 2,3 Prozent Cannabis, mindestens einmal pro Woche 1,5 Prozent und (fast) täglich 0,7 Prozent. Laut dieser repräsentativen Befragung wären also fast jeder 20. ein Gelegenheits- und fast jeder 50. ein regelmäßiger Konsument.</p> <p>Am Rande sei hier erwähnt, dass es bei solchen Studien auffällige Unterschiede gibt: So kam der alle drei Jahre vom Institut für Therapieforschung in München erhobene “epidemiologische Suchtsurvey” auf eine Jahresprävalenz von <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/konsum-psychoaktiver-substanzen-in-deutschland-a8c9e691-dbc5-4eb3-9d00-5bdfdf363b8e">fast 10 Prozent</a>. Die “CannaStreet Studie” vom Institut für interdisziplinäre Sucht- und Drogenforschung in Hamburg schätzte noch höhere Werte, basierte aber nur auf Onlinebefragungen. Die seit 2022 jährlich durchgeführte “Deutsche Befragung zum Rauchverhalten” vom Centre for Health and Society an der Uniklinik Düsseldorf kam auf niedrigere Ergebnisse.</p> <p>Die Unterschiede dürften teils an der verwendeten Methodik liegen, wie man beispielsweise die Antworten von wenigen Tausend Befragten auf die gesamte Gesellschaft hochrechnet. Allgemein weiß man zum Beispiel, dass in den Städten mehr Cannabis und andere Drogen konsumiert werden als auf dem Land. Das macht die Schätzungen komplexer. Die drogenpolitisch wichtigere Frage ist aber, ob der Konsum zunimmt.</p> <h2 id="h-nimmt-der-cannabiskonsum-zu">Nimmt der Cannabiskonsum zu?</h2> <p>Am 23. September 2025, also wenige Tage vor Veröffentlichung des Zwischenberichts, titelte ein Artikel im Tagesspiegel: “Droge ist teilweise legalisiert: Cannabis-Konsum bei 18- bis 25-Jährigen deutlich gestiegen”.</p> <p>Es stimmt zwar, dass der Konsum von Cannabis steigt. Das mit der Entkriminalisierung 2024 in Zusammenhang zu bringen, halte ich aber für grob irreführend. Im Artikel werden dann Zahlen von 2025 mit denen von 2015 verglichen.</p> <p>Korrekt ist, dass der Cannabis-Konsum schon seit den 1990ern zunimmt – und zwar in vielen Ländern. Auf der Abbildung ist das für die USA zu sehen und habe ich den Zeitpunkt der in immer mehr US-Bundesstaaten einsetzenden Legalisierung eingezeichnet. Die politischen Maßnahmen laufen also dem Verhalten der Bürgerinnen und Bürger hinterher, nicht andersherum.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/World-Drug-Report-2022-Cannabis-USA.jpg"><img alt="" decoding="async" height="724" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/World-Drug-Report-2022-Cannabis-USA-1024x724.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/World-Drug-Report-2022-Cannabis-USA-1024x724.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/World-Drug-Report-2022-Cannabis-USA-300x212.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/World-Drug-Report-2022-Cannabis-USA-768x543.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/World-Drug-Report-2022-Cannabis-USA.jpg 1286w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Abbildung: Der UN World Drug Report beschäftigte sich 2022 ausführlich mit dem Thema Cannabis. Die hier dargestellte Monatsprävalenz zeigt für drei Altersgruppen, dass die psychoaktive Substanz vor allem bei jungen Erwachsenen beliebt ist. Die Zahlen nähern sich wieder dem Niveau der 1970er an. Diese Trendwende setzte aber lange vor der Liberalisierung der Drogenpolitik ein.</em></p> <p>Das bestätigt der schon erwähnte Münchner Suchtsurvey auch für Deutschland: Hier verdoppelte sich die Jahresprävalenz des Cannabis-Konsums von 2009 bis 2024 allmählich. Diesen Trend nahm der frühere Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) ja gerade zum Anlass für die Gesetzeslockerung.</p> <p>Aussagekräftiger als die auf Selbstauskünften beruhenden Befragungen sind Abwasseruntersuchungen. Diese hat man in elf Städten unmittelbar vor (Dezember bis März 2024) und nach (Mai 2024 bis Mai 2025) der Entkriminalisierung vorgenommen. Das Ergebnis ist ein Unentschieden: Zwar nahm der Cannabiskonsum in Chemnitz, Magdeburg, Nürnberg und Rostock leicht zu. Doch in Frankfurt am Main, Potsdam und Saarbrücken änderte sich nichts und in Dresden, Greifswald, Hannover und Mainz nahm der Konsum sogar leicht ab.</p> <p>Diese Ergebnisse zeigen uns im Prinzip auch, dass sich der Drogenkonsum in der Gesellschaft nicht oder nur eingeschränkt durch Drogenverbote steuern lässt. Schließlich konnte der bloße Besitz von Cannabis bis zum 30. März 2024 mit bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe bestraft werden (§ 29 Abs. 1, Punkt 3 BtMG). Die Gesetzeslage war in den USA noch härter, vor allem im Wiederholungsfall.</p> <p>Viele Bürgerinnen und Bürger verwendeten und verwenden die psychoaktiven Substanzen trotzdem. Ein Blick auf die Gründe für den Konsum hilft uns dabei, das besser zu verstehen.</p> <h2 id="h-grunde-fur-den-cannabiskonsum">Gründe für den Cannabiskonsum</h2> <p>Für die erst im August erschienene, jedoch nicht repräsentative Onlinebefragung des Instituts für Suchtforschung in Frankfurt am Main und anderer Institutionen äußerten sich immerhin 11.471 Personen zu ihren Konsumgewohnheiten. Da darunter nur 96 Jugendliche waren, beschränkte ich mich hier auf die Antworten der Erwachsenen.</p> <p>Auf Platz 1 der Gründe landete mit 82 Prozent die Suche nach Entspannung. Danach folgte mit 64 Prozent, “Weil ich das Gefühl mag” (Mehrfachnennungen waren möglich). Das dürfte sich natürlich zum Teil mit dem Gefühl der Entspannung überschneiden.</p> <p>Mit immerhin 54 Prozent waren medizinische Gründe auf Platz 3, dazu gleich mehr. Danach folgten noch der Genuss zusammen mit anderen (31 Prozent) und der Wunsch nach einer veränderten Wahrnehmung bei immerhin jedem Vierten (25 Prozent).</p> <p>Die mit Blick auf eine mögliche Abhängigkeit eher bedenklichen Gründe waren die Ausnahme: 12 Prozent folgten einer Gewohnheit, 10 Prozent wollten ihre Sorgen vergessen und 5 Prozent gaben als Grund an, weil Freundinnen und Freunde es auch tun.</p> <h2 id="h-problematischer-konsum">Problematischer Konsum</h2> <p>Dazu passen die Ergebnisse der neuen Drogenaffinitätsstudie des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit vom September. Für diese wurden 7000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene repräsentativ befragt. Neben der Bestätigung der schon erwähnten Trends – bei Minderjährigen nimmt der Cannabiskonsum eher ab, bei jungen Erwachsenen eher zu – wurden die Personen hier auch zum problematischen Konsum befragt.</p> <p>Demnach lag dieser bei 11 Prozent der Jugendlichen und 13 Prozent der jungen Erwachsenen (18 bis 25 Jahre) vor. Die Ergebnisse von 2023 und 2025, also vor und nach der Entkriminalisierung, unterschieden sich nicht signifikant.</p> <p>Zur Erhebung des problematischen Konsums wurde eine deutsche Übersetzung des “Cannabis Abuse Screening Test” verwendet. Dieser zählt die Antworten auf sechs Fragen, mit jeweils 0 bis 4 Punkten für die Antworten von “niemals” über “manchmal” bis “sehr oft”.</p> <p>Die sechs Fragen sind: Haben Sie schon einmal am Morgen oder Vormittag Cannabis geraucht? Haben Sie es getan, wenn Sie alleine waren? Hatten Sie Gedächtnisprobleme, wenn Sie Cannabis geraucht haben? Haben Freunde oder Familienangehörige zu Ihnen gesagt, dass Sie weniger Cannabis rauchen sollten? Haben Sie schon erfolglos mit dem Konsum aufhören oder ihn reduzieren wollen? Hatten Sie Probleme wegen Ihres Cannabiskonsums, zum Beispiel Streit, einen Kampf, Unfall oder schlechtes Schulergebnis?</p> <p>Von den maximal 24 Punkten gilt nur der Bereich von 0 bis 2 Punkte als unbedenklich. Mit 3 bis 7 soll man ein niedriges und ab 8 Punkten ein hohes Suchtrisiko haben. Sucht ist aber ein sehr komplexes Thema und hängt nicht nur von der konsumierten Substanz ab, sondern auch von der Art und Häufigkeit des Konsums sowie von persönlichen und sozialen Umständen.</p> <p>Als besonders gefährdet gilt, wer viel Schlimmes erlebt hat und dann Cannabis – oder auch andere psychoaktive Substanzen – konsumiert, um seinen Problemen aus dem Weg zu gehen oder unangenehme Gefühle zu unterdrücken. Da man Herausforderungen so in der Regel nicht bewältigt, kann man in einen Teufelskreis geraten, insbesondere dann, wenn man immer mehr und häufiger konsumiert und die Substanz besonders gesundheitsschädlich, teuer oder schwer verfügbar ist.</p> <p>Das Thema ist sehr komplex. Darüber und die verschiedenen Arten der Abhängigkeit habe ich mehr im neuen Buch <em>Die Cannabis-Protokolle. Medizin, Politik und Wissenschaft auf dem Prüfstand</em> geschrieben.</p> <h2 id="h-medizinischer-und-freizeitkonsum">Medizinischer und Freizeitkonsum</h2> <p>Ein interessanter Befund aus der neuen Cannabis-Evaluation ist, dass sich der medizinische und Freizeitkonsum nicht gut trennen lässt. Auf dieses Ergebnis kam ich übrigens schon 2023 in meinem Fachbuch <em>Mental Health and Enhancement: Substance Use and Its Social Implications</em> (hier <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-32618-9">gratis</a>), wenn auch mit Blick auf die Psychostimulanzien, die heute vor allem bei Aufmerksamkeitsproblemen verschrieben werden. Ein Teil insbesondere jüngerer Leute verwendet die Mittel auch für mehr Spaß auf Partys, mehr Motivation beim Lernen oder zum Abnehmen.</p> <p>Dem steht Cannabis diametral entgegen: Wie wir sahen, nimmt die Mehrheit dieses Mittel nicht zum besseren “Anschalten” der geistigen Leistungsfähigkeit in Schule, Studium oder Arbeitsplatz, sondern sozusagen zum “Abschalten”, zur Entspannung. Wer dadurch starke Hungergefühle bekommt, dürfte dadurch auch eher nicht abnehmen. Diesen Effekt nutzt man mitunter medizinisch, wenn Patientinnen und Patienten aufgrund einer schweren Erkrankung oder Behandlung zu wenig essen.</p> <p>Aber da der medizinische Markt in der Leistungsgesellschaft immer weiter aufgebläht wurde und in den letzten Jahrzehnten immer mehr Facetten des Lebens aufnahm – neben Anspannung/Stress seien auch Traurigkeit oder schöpferische Pausen als Beispiele genannt –, ist die Grenzziehung hier schwer. Wir sahen gerade, dass 82 Prozent der Konsumierenden Entspannung als Grund für den Cannabiskonsum angegeben haben.</p> <p>Dass viele von ihnen in einer Online-Apotheke ein paar Symptome anklicken, dann vom Telemediziner ein Rezept und das Cannabisprodukt ihrer Wahl in pharmazeutischer Qualität in den Briefkasten bekommen, ist der neuen Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) ein Dorn im Auge. Sie will den Deutschen den Gang zum niedergelassenen Arzt und der Apotheke vor Ort vorschreiben. Diese Lobby wird ihr’s danken.</p> <p>Das könnte allerdings gegen EU-Wettbewerbsrecht (Art. 56 AEUV) verstoßen und die verfassungsrechtliche Berufsfreiheit unverhältnismäßig einschränken. Einfach gesagt: Womöglich kann die Ministerin den Ärzten im Inland ihre Online-Tätigkeit nicht ohne guten Grund einschränken – und sie auch nicht schlechter stellen als die Konkurrenz im EU-Ausland.</p> <p>Ich denke, wenn man eine ausufernde Ausstellung solcher Online-Rezepte eindämmen will, wird man zumindest die Alternative einer Videosprechstunde mit einem Arzt bestehen lassen müssen. Doch das letzte Wort hätten hier die Gerichte.</p> <h2 id="h-drogenpolitische-schlussfolgerungen">Drogenpolitische Schlussfolgerungen</h2> <p>Was bleibt nun von der Evaluation der Cannabisgesetzgebung nach eineinhalb Jahren und was bleibt zu tun?</p> <p>In der aktuellen Diskussion wird kritisiert, dass mit der Entkriminalisierung der Schwarzmarkt nicht verschwand. Aber dass die Cannabisclubs beziehungsweise Anbauvereinigungen dieses Problem nicht lösen würden, war von Anfang an klar. Ich warnte noch im Februar 2024 <a href="https://overton-magazin.de/dialog/eine-gesellschaft-auf-kokain-in-der-wir-endlose-wirtschaftskriege-fuehren-wuensche-ich-mir-nicht/">vor einem Bürokratiemonster</a>.</p> <p>Tatsächlich ist die Erfüllung der Auflagen nicht nur kompliziert und teuer. Vielmehr verzöger(te)n verschiedene Behörden den Aufbau, vor allem in Bayern. Es ist also überhaupt nicht überraschend, dass die Clubs 2024 laut der Evaluation nicht einmal 0,1 Prozent(!) des Bedarfs deckten. Auch wenn der Wert für 2025 vielleicht etwas höher liegen wird, dürfte er kaum ins Gewicht fallen.</p> <p>Wie wir oben sahen, tut gut die Hälfte der Cannabiskonsumenten das nur gelegentlich. Sich dafür in einem Verein – sofern überhaupt vorhanden – einzuschreiben oder gar eigene Pflanzen zu züchten, ist utopisch. Wer die Substanz nicht von Freunden mit legalen Quellen bekommt und sich nicht bei einer Online-Apotheke registrieren und warten will, kommt um illegale Bezugsquellen nicht herum. Leider dramatisieren verschiedene Medien und Politiker den Schwarzmarkt, indem sie auch das (nicht kommerzielle) Teilen unter Freunden dazu zählen.</p> <p>Dass die Gesetzesänderung wirkt, lässt sich am besten an den Zahlen zur Strafverfolgung nachvollziehen: Die ist laut der Evaluation um satte 60 bis 80 Prozent gesunken. Jetzt können sich Polizei und Justiz verstärkt echten Straftaten mit wirklichen Opfern widmen, was in Zeiten von Personalmangel immer wichtiger wird.</p> <p>Auch wenn der Konsum weiter gemessen werden sollte, ist aber doch klar: Der an die Wand gemalte Teufel, dass jetzt alle mehr Cannabis konsumieren, weil die Substanz aus der Verbotsliste gestrichen wird, war Unsinn. Man sollte auch nicht vergessen, dass es vor 100 Jahren überhaupt nur durch einen Kuhhandel darauf landete. Die Westmächte wollten unter amerikanischer Führung <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/mit-drogenpolitik-wird-sozial-und-migrationspolitik-gemacht/">aus innenpolitischen Gründen</a> Opium und seine Derivate – über Jahrhunderte übrigens die wichtigsten Arzneien – verbieten.</p> <p>Die herrschende Elite Ägyptens hatte etwas gegen das “normale Volk” mit seinem Cannabiskonsum und wollte sich von den früheren Kolonialmächten emanzipieren. Man schloss einen Deal: Wir stimmen dem Opiumverbot zu, wenn ihr auch Cannabis verbietet. <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zweite-opiumkonferenz-100-jahre-boeses-cannabis/">Es funktionierte</a>. Und so nahmen 100 Jahre sinnloser und sogar sozial schädlicher Verbotspolitik ihren Lauf, mit zahlreichen Verschärfungen im 20. Jahrhundert.</p> <h2 id="h-drogenpolitisches-chaos">Drogenpolitisches Chaos</h2> <p>Absurderweise wollen die Unionsparteien mit ihrer Gesundheitsministerin Warken die Liberalisierung gerade dort einschränken, wo sie am besten funktioniert: beim Bezug von medizinischem Cannabis. Sollen sich diese vielen Bürgerinnen und Bürger wieder auf der Straße oder zwielichtigen Ecken in den Parks versorgen?</p> <p>Dass der neue Drogenbeauftragte Hendrik Streeck (CDU) für seine Kritik die Jugendschutz-Karte zieht, war vielleicht abzusehen. Aber wie stimmig ist das, wenn doch trotz der Entkriminalisierung <em>weniger</em> Jugendliche Cannabis konsumieren? Er verweist darauf, dass Jugendrichter jetzt nicht mehr helfen könnten – um was für eine Art von “Hilfe” es da geht, hängt aber doch sehr stark vom jeweiligen Richter ab.</p> <p>Außerdem kritisierte Streeck die Besitzmengen von 25 Gramm auf der Straße und 50 Gramm zu Hause. Man könnte besser von Tschechien lernen, das jetzt 100 Gramm Cannabis im Eigenheim erlauben will. Was sollen die Heimgärtner denn tun, wenn ihre Pflanzen mehr als 50 Gramm abwerfen, was bei den heutigen Sorten realistisch ist? Selbst ein Wegwerfen des Überschusses könnte ein illegales Inverkehrbringen sein, das mit Geldstrafe oder bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe geahndet wird (§ 29 Abs. 1, Punkt 1 BtMG).</p> <p>Wer rechtlich auf Nummer sicher gehen will, dem bleiben eigentlich nur zwei Alternativen: Entweder verbraucht er den Überschuss sofort – oder er lässt ihn von der Polizei abholen und vernichten. Wollen die Unionspartei den Bürgerinnen und Bürgern wirklich einen extremen Drogenkonsum aufzwängen oder die Polizei wieder unnötig belasten?</p> <h2 id="h-jenseits-der-grenzen">Jenseits der Grenzen</h2> <p>Um die Ziele der neuen Cannabisgesetzgebung zu erreichen, muss endlich eine legale Lösung auch für Gelegenheitskonsumenten kommen. In den Niederlanden gibt es inzwischen acht Städte, in denen seit 1. Juli dieses Jahres <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/gesundheitsminister-eroeffnet-verkauf-von-erstem-sauberen-cannabis-in-den-niederlanden/">nur noch 100 Prozent legales Gras und Haschisch</a> verkauft wird. Dass das Modellprojekt seit Jahren geplant und seit Ende 2023 erweitert wurde, deutet darauf hin, dass die EU-Kommission es zulässt. Ansonsten hätte das wegen des Schengenabkommens <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/internationales-recht-cannabis-legalisierung-gescheitert/">unterbunden werden müssen</a>.</p> <p>Wenn man weiter meint, mit Drogenverboten Probleme lösen zu können, wird man in Europa zunehmend amerikanische Verhältnisse bekommen: Im niederländischen Rotterdam wird zurzeit die soziale Verelendung von immer mehr hilflosen Menschen sichtbarer. Wer erst einmal auf der Straße landet, greift schnell zu allem Verfügbaren, um sein Elend wenigstens für ein paar Momente nicht mehr spüren zu müssen. Die neuesten Drogen sind darin so gut wie gefährlich.</p> <p>Und in Belgien wird gerade ein möglicher Einsatz des Militärs im Kampf gegen die Drogenkriminalität diskutiert. Der frühere General Marc Thys warnte allerdings, dass es dann auch zivile Opfer geben könnte. Die Gangs hätten inzwischen Handgranaten und andere Kriegswaffen. Thys erwartet, dass Kriminelle die Militärpatrouillen testen und zum Gegenschlag provozieren könnten – mit unvorhersehbaren Konsequenzen.</p> <p>Es ging und geht Drogenpolitik immer auch um Sozialpolitik und die Sicherheit der Gesellschaft. Dass Verbote den Konsum nicht unterbinden und viele Probleme im Gegenteil sogar verschärfen, sehen wir seit gut 100 Jahren. Prävention durch zugängliche Hilfe insbesondere sozial schwacher Personen vor Ort und eine Substitutionstherapie für diejenigen, für die die Prävention zu spät kommt, wären wichtige Bausteine.</p> <p>Laut der neuen Evaluation konsumieren über 5 Millionen Deutsche zumindest gelegentlich Cannabis. Spätestens bei den nächsten Wahlen sollten sie sich an die politischen Hardliner erinnern, die die individuelle Freiheit missachten und den sozialen Frieden gefährden.</p> <h2 id="h-mehr-zum-thema">Mehr zum Thema</h2> <figure><a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die Cannabis-Gesetzgebung sowie wichtige Grundlagen: Was ist eine Droge? Was ist Abhängigkeit? Seit wann gibt es Cannabiskonsum in der Menschheitsgeschichte? Und was sind sein Nutzen und seine Risiken? Das neue Buch von Stephan Schleim gibt es als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/nl/book/die-cannabis-protokolle/id6745148090">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=f5pZEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/marijuana-leaf-cannabis-leaf-5315561/">Erin Stone</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/bcc32007766b48439ec9077aad77afe7" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/erste-cannabis-evaluation-was-die-daten-zeigen-und-wie-es-jetzt-weitergeht/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>7</slash:comments> </item> <item> <title>Huntington: vom Tanz zur Bewegungsarmut https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/huntington-von-tanz-bis-bewegungsarmut/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/huntington-von-tanz-bis-bewegungsarmut/#comments Mon, 29 Sep 2025 07:00:00 +0000 Ruzica Sedic https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5184 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Basalganglien-475x355-1.png <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/huntington-von-tanz-bis-bewegungsarmut/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Basalganglien-475x355-1.png" /><h1>Huntington: vom Tanz zur Bewegungsarmut » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Ruzica Sedic</h2><div itemprop="text"> <p>Huntington ist eine seltene, aber verheerende Erbkrankheit. Erste Anzeichen der neurodegenerativen Erkrankung sind unwillkürliche, tanzartige Bewegungen – die Chorea –, die sich später in Bewegungsarmut verwandeln. Was mit kaum wahrnehmbaren Zuckungen beginnt, wächst zu einer unaufhaltsamen Erkrankung heran, ausgelöst durch ein einzelnes Gen.</p> <h3 id="h-was-ist-huntington">Was ist Huntington?</h3> <p>Huntington, auch Chorea Huntington genannt, ist eine seltene, aber schwerwiegende neurodegenerative Erkrankung. Sie ist genetisch bedingt und betrifft vor allem die Basalganglien, eine tief im Gehirn gelegene Region, die für Bewegungssteuerung, Emotionen und kognitive Funktionen verantwortlich ist (Barry et al., 2022; Arsalidou et al., 2013). Die Erkrankung zeigt sich typischerweise zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr, kann jedoch in seltenen Fällen auch früher oder später auftreten (McColgan &amp; Tabrizi, 2018). Huntington zeigt sich durch motorische, kognitive und psychische Symptome, besonders auffällig ist dabei die Chorea mit ihren unwillkürlichen, tanzähnlichen Bewegungen (Bates et al., 2015; Duff et al., 2007). Anders als viele andere neurologische Erkrankungen, bei denen Umweltfaktoren eine Rolle spielen, ist Huntington streng genetisch determiniert (Myers, 2004).</p> <h3 id="h-symptome-und-verlauf">Symptome und Verlauf</h3> <p>Die Bewegungsstörungen beginnen oft subtil mit unwillkürlichen Zuckungen oder Bewegungen, die als Hyperkinesie bezeichnet werden. Mit Fortschreiten der Krankheit nehmen die Bewegungen ab, und die Patienten zeigen eine Bewegungsarmut, die als Hypokinesie bezeichnet wird (Deutsche Hirnstiftung, o.J.). Schluckstörungen führen häufig zu krankhafter Abmagerung (Pizzorni et al., 2022). Aufgrund der Schluckstörungen und der eingeschränkten Beweglichkeit steigt zudem das Risiko für Lungenentzündungen (Pneumonien), die bei der Huntington-Krankheit die häufigste Todesursache sind (Heemskerk &amp; Roos, 2012). Die durchschnittliche Lebenserwartung nach Krankheitsmanifestation beträgt etwa 15 bis 18 Jahre (Caron et al., 2020).</p> <p>Psychische Veränderungen beginnen oft unauffällig mit Antriebsstörungen, die sich durch Rückzug, Apathie oder Motivationsverlust äußern können. Im weiteren Verlauf treten impulsives Verhalten, emotionale Instabilität oder depressive Symptome auf. Suizidgedanken und -versuche sind bei einigen Patienten ein ernstzunehmendes Risiko (Duff et al., 2007). </p> <p>Im Frühstadium zeigen Patienten oft leichte Gedächtnisstörungen und eine langsam abnehmende geistige Flexibilität. Diese Symptome werden häufig übersehen, da sie subtil beginnen. Mit der Zeit entwickelt sich jedoch eine deutliche kognitive Einschränkung, die bis zur Demenz fortschreiten kann. Patienten verlieren zunehmend ihre Fähigkeit, komplexe Aufgaben zu planen, Entscheidungen zu treffen oder soziale Signale richtig zu deuten (Deutsche Hirnstiftung, o.J.).<aside></aside></p> <h3 id="h-ursachen-und-genetik">Ursachen und Genetik</h3> <p>Während viele neurodegenerative Krankheiten auf einem komplexen Zusammenspiel genetischer und Umweltfaktoren beruhen, ist die Ursache von Huntington genetisch klar determiniert.</p> <p>Die Ursache liegt in einer sogenannten CAG-Triplett-Expansion im Huntingtin-Gen auf Chromosom 4 (Testa &amp; Jankovic, 2019). Unsere DNA besteht unter anderem aus vier Bausteinen: Adenin (A), Thymin (T), Guanin (G) und Cytosin (C). Drei dieser Bausteine hintereinander bilden ein Triplett, das eine bestimmte Aminosäure kodiert. Im Huntingtin-Gen kommt das CAG-Triplett mehrfach hintereinander vor. Bei gesunden Menschen wiederholt es sich bis zu 26 Mal. Bei Patienten mit Huntington sind es jedoch 40 oder mehr Wiederholungen. Diese übermäßigen Wiederholungen nennt man Triplett-Expansion (Myers, 2004).</p> <p>Die Länge der Expansion korreliert mit dem Erkrankungsalter: Je mehr Wiederholungen, desto früher tritt die Krankheit auf. </p> <p>Huntington wird autosomal-dominant vererbt: Jeder Mensch besitzt von jedem Gen zwei Kopien – eine von der Mutter und eine vom Vater. Bei dominant vererbbaren Krankheiten reicht ein krankhaft verändertes Gen aus, um die Krankheit auszulösen. Somit besteht ein 50-prozentiges Risiko, an Huntington zu erkranken, wenn ein Elternteil die Krankheit hat (Myers, 2004).</p> <h3 id="h-fehlfaltung">Fehlfaltung</h3> <p>Die CAG-Tripletts kodieren für die Aminosäure Glutamin. Durch die Expansion entstehen im Huntingtin-Protein lange Glutaminketten. Diese führen zu einer Fehlfaltung des Proteins, die wiederum die Funktion der Nervenzellen beeinträchtigt. Fehlgefaltete Proteine neigen dazu, sich in der Zelle anzusammeln und sogenannte Proteinaggregate zu bilden, die toxisch für die Zellen sind. Ein ähnlicher Mechanismus wird auch bei Parkinson beobachtet, dort sind es vor allem fehlgefaltete α-Synuclein-Proteine. Bei Huntington ist die Hauptauswirkung dieser Fehlfaltung die Degeneration bestimmter Neuronen im Striatum, insbesondere im Putamen (Morigaki &amp; Goto, 2017).</p> <p>Auch bei Parkinson kommt es zu fehlgefalteten Proteinen, mehr dazu findest du <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/parkinson-wenn-zellen-sterben/">hier</a>.</p> <h3 id="h-anatomie">Anatomie </h3> <p>Das Striatum, ein Teil der Basalganglien, ist das Zentrum für Bewegungssteuerung, Motivation und Belohnungsverarbeitung. Innerhalb des Striatums ist besonders das Putamen betroffen (Morigaki &amp; Goto, 2017). Der Verlust der Neuronen in dieser Region erklärt die typischen Bewegungsstörungen wie die Chorea sowie die später auftretende Bewegungsarmut (Guo et al., 2012). Auch kognitive und psychische Symptome lassen sich durch die Degeneration im Striatum und seinen Verbindungen zu anderen Gehirnregionen, wie dem präfrontalen Kortex, erklären (Montoya et al., 2006). Diese Verbindung ist entscheidend für Planung, Arbeitsgedächtnis und Impulskontrolle.</p> <h3 id="h-therapie">Therapie</h3> <p>Zur Kontrolle der Bewegungsstörungen werden vor allem sogenannte Dopaminantagonisten oder VMAT2-Inhibitoren eingesetzt, die die unwillkürlichen Bewegungen reduzieren können (Koch et al., 2020). Psychische Symptome wie Depressionen oder Angstzustände werden mit Antidepressiva oder anderen Psychopharmaka behandelt.</p> <p>Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie sind wichtige Bestandteile der Behandlung. Sie helfen Patienten, ihre Beweglichkeit zu erhalten, die Sprech- und Schluckfähigkeit zu verbessern und den Alltag besser zu bewältigen. Kognitive Trainingsprogramme können das Fortschreiten von Gedächtnisstörungen etwas verlangsamen.</p> <p>Mehr zu Huntington, Parkinson und Kreativität <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/parkinson-huntington-ploetzlich-kreativ/">hier</a>.</p> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <p>Arsalidou, M., Duerden, E. G., &amp; Taylor, M. J. (2013). The centre of the brain: Topographical model of motor, cognitive, affective, and somatosensory functions of the basal ganglia. Human Brain Mapping, 34(11), 3031–3054. <a href="https://doi.org/10.1002/hbm.22124">https://doi.org/10.1002/hbm.22124</a></p> <p>Barry, J., Bui, M. T. N., Levine, M. S., &amp; Cepeda, C. (2022). Synaptic pathology in Huntington’s disease: Beyond the corticostriatal pathway. Neurobiology of Disease, 162, 105574. <a href="https://doi.org/10.1016/j.nbd.2021.105574">https://doi.org/10.1016/j.nbd.2021.105574</a></p> <p>Bates, G. P., Dorsey, R., Gusella, J. F., Hayden, M. R., Kay, C., Leavitt, B. R., Nance, M., Ross, C. A., Scahill, R. I., Wetzel, R., Wild, E. J., &amp; Tabrizi, S. J. (2015). Huntington disease. Nature Reviews Disease Primers, 1, 15005. <a href="https://doi.org/10.1038/nrdp.2015.5">https://doi.org/10.1038/nrdp.2015.5</a></p> <p>Caron, N. S., Wright, G. E. B., &amp; Hayden, M. R. (2020). Huntington disease. In M. P. Adam, J. Feldman, G. M. Mirzaa, et al. (Eds.), GeneReviews® [Internet]. University of Washington, Seattle. Retrieved September 27, 2025, from https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK1305/</p> <p>Deutsche Hirnstiftung. (o. J.). Huntington-Krankheit: Symptome, Ursachen, Behandlung. Abgerufen am 27. September 2025, von https://hirnstiftung.org/alle-erkrankungen/huntington-krankheit/</p> <p>Duff, K., Paulsen, J. S., Beglinger, L. J., Langbehn, D. R., &amp; Stout, J. C.; Predict-HD Investigators of the Huntington Study Group. (2007). Psychiatric symptoms in Huntington’s disease before diagnosis: The Predict-HD study. Biological Psychiatry, 62(12), 1341–1346. <a href="https://doi.org/10.1016/j.biopsych.2006.11.034">https://doi.org/10.1016/j.biopsych.2006.11.034</a></p> <p>Guo, Z., Rudow, G., Pletnikova, O., Codispoti, K. E., Orr, B. A., Crain, B. J., Duan, W., Margolis, R. L., Rosenblatt, A., Ross, C. A., &amp; Troncoso, J. C. (2012). Striatal neuronal loss correlates with clinical motor impairment in Huntington’s disease. Movement Disorders, 27(11), 1379–1386. <a href="https://doi.org/10.1002/mds.25159">https://doi.org/10.1002/mds.25159</a></p> <p>Heemskerk, A.-W., &amp; Roos, R. A. C. (2012). Aspiration pneumonia and death in Huntington’s disease. PLoS Currents, 4, RRN1293. https://doi.org/10.1371/currents.RRN1293</p> <p>Koch, J., Shi, W. X., &amp; Dashtipour, K. (2020). VMAT2 inhibitors for the treatment of hyperkinetic movement disorders. Pharmacology &amp; Therapeutics, 212, 107580. https://doi.org/10.1016/j.pharmthera.2020.107580</p> <p>McColgan, P., &amp; Tabrizi, S. J. (2018). Huntington’s disease: A clinical review. European Journal of Neurology, 25(1), 24–34. <a href="https://doi.org/10.1111/ene.13413">https://doi.org/10.1111/ene.13413</a></p> <p>Montoya, A., Price, B. H., Menear, M., &amp; Lepage, M. (2006). Brain imaging and cognitive dysfunctions in Huntington’s disease. Journal of Psychiatry &amp; Neuroscience, 31(1), 21–29. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1325063/</p> <p>Morigaki, R., &amp; Goto, S. (2017). Striatal vulnerability in Huntington’s disease: Neuroprotection versus neurotoxicity. Brain Sciences, 7(6), 63. https://doi.org/10.3390/brainsci7060063</p> <p>Myers, R. H. (2004). Huntington’s disease genetics. NeuroRx, 1(2), 255–262. <a href="https://doi.org/10.1602/neurorx.1.2.255">https://doi.org/10.1602/neurorx.1.2.255</a></p> <p>Pizzorni, N., Ciammola, A., Casazza, G., Ginocchio, D., Bianchi, F., Feroldi, S., Poletti, B., Nanetti, L., Mariotti, C., Mora, G., &amp; Schindler, A. (2022). Predictors of malnutrition risk in neurodegenerative diseases: The role of swallowing function. European Journal of Neurology, 29(8), 2493–2498. https://doi.org/10.1111/ene.15345</p> <p>Testa, C. M., &amp; Jankovic, J. (2019). Huntington disease: A quarter century of progress since the gene discovery. Journal of Neurological Sciences, 396, 52–68. https://doi.org/10.1016/j.jns.2018.09.022</p> <p>The Huntington’s Disease Collaborative Research Group. (1993). A novel gene containing a trinucleotide repeat that is expanded and unstable on Huntington’s disease chromosomes. Cell, 72(6), 971–983. https://doi.org/10.1016/0092-8674(93)90585-E</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Basalganglien-475x355-1.png" /><h1>Huntington: vom Tanz zur Bewegungsarmut » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Ruzica Sedic</h2><div itemprop="text"> <p>Huntington ist eine seltene, aber verheerende Erbkrankheit. Erste Anzeichen der neurodegenerativen Erkrankung sind unwillkürliche, tanzartige Bewegungen – die Chorea –, die sich später in Bewegungsarmut verwandeln. Was mit kaum wahrnehmbaren Zuckungen beginnt, wächst zu einer unaufhaltsamen Erkrankung heran, ausgelöst durch ein einzelnes Gen.</p> <h3 id="h-was-ist-huntington">Was ist Huntington?</h3> <p>Huntington, auch Chorea Huntington genannt, ist eine seltene, aber schwerwiegende neurodegenerative Erkrankung. Sie ist genetisch bedingt und betrifft vor allem die Basalganglien, eine tief im Gehirn gelegene Region, die für Bewegungssteuerung, Emotionen und kognitive Funktionen verantwortlich ist (Barry et al., 2022; Arsalidou et al., 2013). Die Erkrankung zeigt sich typischerweise zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr, kann jedoch in seltenen Fällen auch früher oder später auftreten (McColgan &amp; Tabrizi, 2018). Huntington zeigt sich durch motorische, kognitive und psychische Symptome, besonders auffällig ist dabei die Chorea mit ihren unwillkürlichen, tanzähnlichen Bewegungen (Bates et al., 2015; Duff et al., 2007). Anders als viele andere neurologische Erkrankungen, bei denen Umweltfaktoren eine Rolle spielen, ist Huntington streng genetisch determiniert (Myers, 2004).</p> <h3 id="h-symptome-und-verlauf">Symptome und Verlauf</h3> <p>Die Bewegungsstörungen beginnen oft subtil mit unwillkürlichen Zuckungen oder Bewegungen, die als Hyperkinesie bezeichnet werden. Mit Fortschreiten der Krankheit nehmen die Bewegungen ab, und die Patienten zeigen eine Bewegungsarmut, die als Hypokinesie bezeichnet wird (Deutsche Hirnstiftung, o.J.). Schluckstörungen führen häufig zu krankhafter Abmagerung (Pizzorni et al., 2022). Aufgrund der Schluckstörungen und der eingeschränkten Beweglichkeit steigt zudem das Risiko für Lungenentzündungen (Pneumonien), die bei der Huntington-Krankheit die häufigste Todesursache sind (Heemskerk &amp; Roos, 2012). Die durchschnittliche Lebenserwartung nach Krankheitsmanifestation beträgt etwa 15 bis 18 Jahre (Caron et al., 2020).</p> <p>Psychische Veränderungen beginnen oft unauffällig mit Antriebsstörungen, die sich durch Rückzug, Apathie oder Motivationsverlust äußern können. Im weiteren Verlauf treten impulsives Verhalten, emotionale Instabilität oder depressive Symptome auf. Suizidgedanken und -versuche sind bei einigen Patienten ein ernstzunehmendes Risiko (Duff et al., 2007). </p> <p>Im Frühstadium zeigen Patienten oft leichte Gedächtnisstörungen und eine langsam abnehmende geistige Flexibilität. Diese Symptome werden häufig übersehen, da sie subtil beginnen. Mit der Zeit entwickelt sich jedoch eine deutliche kognitive Einschränkung, die bis zur Demenz fortschreiten kann. Patienten verlieren zunehmend ihre Fähigkeit, komplexe Aufgaben zu planen, Entscheidungen zu treffen oder soziale Signale richtig zu deuten (Deutsche Hirnstiftung, o.J.).<aside></aside></p> <h3 id="h-ursachen-und-genetik">Ursachen und Genetik</h3> <p>Während viele neurodegenerative Krankheiten auf einem komplexen Zusammenspiel genetischer und Umweltfaktoren beruhen, ist die Ursache von Huntington genetisch klar determiniert.</p> <p>Die Ursache liegt in einer sogenannten CAG-Triplett-Expansion im Huntingtin-Gen auf Chromosom 4 (Testa &amp; Jankovic, 2019). Unsere DNA besteht unter anderem aus vier Bausteinen: Adenin (A), Thymin (T), Guanin (G) und Cytosin (C). Drei dieser Bausteine hintereinander bilden ein Triplett, das eine bestimmte Aminosäure kodiert. Im Huntingtin-Gen kommt das CAG-Triplett mehrfach hintereinander vor. Bei gesunden Menschen wiederholt es sich bis zu 26 Mal. Bei Patienten mit Huntington sind es jedoch 40 oder mehr Wiederholungen. Diese übermäßigen Wiederholungen nennt man Triplett-Expansion (Myers, 2004).</p> <p>Die Länge der Expansion korreliert mit dem Erkrankungsalter: Je mehr Wiederholungen, desto früher tritt die Krankheit auf. </p> <p>Huntington wird autosomal-dominant vererbt: Jeder Mensch besitzt von jedem Gen zwei Kopien – eine von der Mutter und eine vom Vater. Bei dominant vererbbaren Krankheiten reicht ein krankhaft verändertes Gen aus, um die Krankheit auszulösen. Somit besteht ein 50-prozentiges Risiko, an Huntington zu erkranken, wenn ein Elternteil die Krankheit hat (Myers, 2004).</p> <h3 id="h-fehlfaltung">Fehlfaltung</h3> <p>Die CAG-Tripletts kodieren für die Aminosäure Glutamin. Durch die Expansion entstehen im Huntingtin-Protein lange Glutaminketten. Diese führen zu einer Fehlfaltung des Proteins, die wiederum die Funktion der Nervenzellen beeinträchtigt. Fehlgefaltete Proteine neigen dazu, sich in der Zelle anzusammeln und sogenannte Proteinaggregate zu bilden, die toxisch für die Zellen sind. Ein ähnlicher Mechanismus wird auch bei Parkinson beobachtet, dort sind es vor allem fehlgefaltete α-Synuclein-Proteine. Bei Huntington ist die Hauptauswirkung dieser Fehlfaltung die Degeneration bestimmter Neuronen im Striatum, insbesondere im Putamen (Morigaki &amp; Goto, 2017).</p> <p>Auch bei Parkinson kommt es zu fehlgefalteten Proteinen, mehr dazu findest du <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/parkinson-wenn-zellen-sterben/">hier</a>.</p> <h3 id="h-anatomie">Anatomie </h3> <p>Das Striatum, ein Teil der Basalganglien, ist das Zentrum für Bewegungssteuerung, Motivation und Belohnungsverarbeitung. Innerhalb des Striatums ist besonders das Putamen betroffen (Morigaki &amp; Goto, 2017). Der Verlust der Neuronen in dieser Region erklärt die typischen Bewegungsstörungen wie die Chorea sowie die später auftretende Bewegungsarmut (Guo et al., 2012). Auch kognitive und psychische Symptome lassen sich durch die Degeneration im Striatum und seinen Verbindungen zu anderen Gehirnregionen, wie dem präfrontalen Kortex, erklären (Montoya et al., 2006). Diese Verbindung ist entscheidend für Planung, Arbeitsgedächtnis und Impulskontrolle.</p> <h3 id="h-therapie">Therapie</h3> <p>Zur Kontrolle der Bewegungsstörungen werden vor allem sogenannte Dopaminantagonisten oder VMAT2-Inhibitoren eingesetzt, die die unwillkürlichen Bewegungen reduzieren können (Koch et al., 2020). Psychische Symptome wie Depressionen oder Angstzustände werden mit Antidepressiva oder anderen Psychopharmaka behandelt.</p> <p>Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie sind wichtige Bestandteile der Behandlung. Sie helfen Patienten, ihre Beweglichkeit zu erhalten, die Sprech- und Schluckfähigkeit zu verbessern und den Alltag besser zu bewältigen. Kognitive Trainingsprogramme können das Fortschreiten von Gedächtnisstörungen etwas verlangsamen.</p> <p>Mehr zu Huntington, Parkinson und Kreativität <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/parkinson-huntington-ploetzlich-kreativ/">hier</a>.</p> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <p>Arsalidou, M., Duerden, E. G., &amp; Taylor, M. J. (2013). The centre of the brain: Topographical model of motor, cognitive, affective, and somatosensory functions of the basal ganglia. Human Brain Mapping, 34(11), 3031–3054. <a href="https://doi.org/10.1002/hbm.22124">https://doi.org/10.1002/hbm.22124</a></p> <p>Barry, J., Bui, M. T. N., Levine, M. S., &amp; Cepeda, C. (2022). Synaptic pathology in Huntington’s disease: Beyond the corticostriatal pathway. Neurobiology of Disease, 162, 105574. <a href="https://doi.org/10.1016/j.nbd.2021.105574">https://doi.org/10.1016/j.nbd.2021.105574</a></p> <p>Bates, G. P., Dorsey, R., Gusella, J. F., Hayden, M. R., Kay, C., Leavitt, B. R., Nance, M., Ross, C. A., Scahill, R. I., Wetzel, R., Wild, E. J., &amp; Tabrizi, S. J. (2015). Huntington disease. Nature Reviews Disease Primers, 1, 15005. <a href="https://doi.org/10.1038/nrdp.2015.5">https://doi.org/10.1038/nrdp.2015.5</a></p> <p>Caron, N. S., Wright, G. E. B., &amp; Hayden, M. R. (2020). Huntington disease. In M. P. Adam, J. Feldman, G. M. Mirzaa, et al. (Eds.), GeneReviews® [Internet]. University of Washington, Seattle. Retrieved September 27, 2025, from https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK1305/</p> <p>Deutsche Hirnstiftung. (o. J.). Huntington-Krankheit: Symptome, Ursachen, Behandlung. Abgerufen am 27. September 2025, von https://hirnstiftung.org/alle-erkrankungen/huntington-krankheit/</p> <p>Duff, K., Paulsen, J. S., Beglinger, L. J., Langbehn, D. R., &amp; Stout, J. C.; Predict-HD Investigators of the Huntington Study Group. (2007). Psychiatric symptoms in Huntington’s disease before diagnosis: The Predict-HD study. Biological Psychiatry, 62(12), 1341–1346. <a href="https://doi.org/10.1016/j.biopsych.2006.11.034">https://doi.org/10.1016/j.biopsych.2006.11.034</a></p> <p>Guo, Z., Rudow, G., Pletnikova, O., Codispoti, K. E., Orr, B. A., Crain, B. J., Duan, W., Margolis, R. L., Rosenblatt, A., Ross, C. A., &amp; Troncoso, J. C. (2012). Striatal neuronal loss correlates with clinical motor impairment in Huntington’s disease. Movement Disorders, 27(11), 1379–1386. <a href="https://doi.org/10.1002/mds.25159">https://doi.org/10.1002/mds.25159</a></p> <p>Heemskerk, A.-W., &amp; Roos, R. A. C. (2012). Aspiration pneumonia and death in Huntington’s disease. PLoS Currents, 4, RRN1293. https://doi.org/10.1371/currents.RRN1293</p> <p>Koch, J., Shi, W. X., &amp; Dashtipour, K. (2020). VMAT2 inhibitors for the treatment of hyperkinetic movement disorders. Pharmacology &amp; Therapeutics, 212, 107580. https://doi.org/10.1016/j.pharmthera.2020.107580</p> <p>McColgan, P., &amp; Tabrizi, S. J. (2018). Huntington’s disease: A clinical review. European Journal of Neurology, 25(1), 24–34. <a href="https://doi.org/10.1111/ene.13413">https://doi.org/10.1111/ene.13413</a></p> <p>Montoya, A., Price, B. H., Menear, M., &amp; Lepage, M. (2006). Brain imaging and cognitive dysfunctions in Huntington’s disease. Journal of Psychiatry &amp; Neuroscience, 31(1), 21–29. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1325063/</p> <p>Morigaki, R., &amp; Goto, S. (2017). Striatal vulnerability in Huntington’s disease: Neuroprotection versus neurotoxicity. Brain Sciences, 7(6), 63. https://doi.org/10.3390/brainsci7060063</p> <p>Myers, R. H. (2004). Huntington’s disease genetics. NeuroRx, 1(2), 255–262. <a href="https://doi.org/10.1602/neurorx.1.2.255">https://doi.org/10.1602/neurorx.1.2.255</a></p> <p>Pizzorni, N., Ciammola, A., Casazza, G., Ginocchio, D., Bianchi, F., Feroldi, S., Poletti, B., Nanetti, L., Mariotti, C., Mora, G., &amp; Schindler, A. (2022). Predictors of malnutrition risk in neurodegenerative diseases: The role of swallowing function. European Journal of Neurology, 29(8), 2493–2498. https://doi.org/10.1111/ene.15345</p> <p>Testa, C. M., &amp; Jankovic, J. (2019). Huntington disease: A quarter century of progress since the gene discovery. Journal of Neurological Sciences, 396, 52–68. https://doi.org/10.1016/j.jns.2018.09.022</p> <p>The Huntington’s Disease Collaborative Research Group. (1993). A novel gene containing a trinucleotide repeat that is expanded and unstable on Huntington’s disease chromosomes. Cell, 72(6), 971–983. https://doi.org/10.1016/0092-8674(93)90585-E</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/huntington-von-tanz-bis-bewegungsarmut/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>CephalopodFriday: Pottwal frisst Riesenkalmar – und wird dabei gefilmt https://scilogs.spektrum.de/meertext/cephalopodfriday-pottwal-frisst-riesenkalmar-und-wird-dabei-gefilmt/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/cephalopodfriday-pottwal-frisst-riesenkalmar-und-wird-dabei-gefilmt/#comments Fri, 26 Sep 2025 13:27:32 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1768 <h1>CephalopodFriday: Pottwal frisst Riesenkalmar – und wird dabei gefilmt » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Prof. <a href="https://bsky.app/profile/rebeccarhelm.bsky.social">‪<strong>Rebecca R Helm</strong></a> teilte gerade in ihrer BlueSky-Timeline ein SPEKTAKULÄRES Video: Ein Pottwal verschlingt einen Riesenkalmar, der sich mit sämtlichen Tentakeln dagegen wehrt.</p> <p>Dass Pottwale, die größten aller Zahnwale, neben vielen kleineren Kopffüßern auch Riesenkalmare (giant squid) erbeuten, ist nicht neu. In Mageninhalten fanden sich immer wieder die Reste des legendären <em>Architeuthys</em>. Ein harpunierter Pottwal erbrach vor den Augen der Walfänger sogar solch einen Mollusken-Moloch.</p> <p>Ein <em>Architeuthys</em> ist kein leichter Gegner. Zu der Mantellänge von bis zu 2 Metern hat er noch 8 Tentakel und 2 besonders lange Jagdtentakel von bis zu 10 Metern Länge (das weiche Fleisch lässt sich auch weiter ausdehnen und führt dann zu sensationellen Längen – die hier angegebenen Messungen sind wissenschaftlicher Konsens). Die Innenflächen der Arme und Tentakel sind mit Hunderten von runden Saugnäpfen mit einem Durchmesser von 2 bis 5 cm bedeckt. Jeder gewölbte Saugnapf sitzt auf einem Stiel, der Außenrand ist mit scharfen<a href="https://www.ingentaconnect.com/content/umrsmas/bullmar/2002/00000071/00000002/art00012">, fein gezackten Ringen aus Chitin gesäumt</a>.  Pottwale tragen oft weißliche Narben solcher Saugnäpfe auf dem dunkelgrauen Körper, die von Titanenkämpfen in der lichtlosen Tiefe erzählen.<br></br>Dazu hat der Kalmar an der Mundöffnung inmitten des Tentakelkranzes einen scharfen papageienartigen Schnabel, mit dem er Fleischwunden beißen kann. Außerdem sind Weichtiere dieser Größe sehr stark, ihre 10 Arme bestehen nur aus zäher Muskulatur.</p> <p>So wissen Naturforscher und andere Meeresbegeisterte seit Jahrhunderten um solche Duelle zweiter Top-Prädatoren in den Tiefen der Meere. Aber bisher gab es nur Indizien dafür. Jetzt sind Taucher erstmals Augenzeugen eines Pottwal-Jagderfolgs geworden: In den warmen Gewässern von Mauritius kam ein junger Pottwal (erkennbar an den typischen Körperproportionen mit dem relativ kleinen Kopf) aus der Tiefe zurück ins durchlichtete Meer nahe der Oberfläche. In der kalten lichtlosen Tiefsee hatte er den Kalmar mit seinem Sonar geortet und ihn sich dann genau passend geschnappt: Mit dem Kopf voran.<br></br>Im Hintergrund ist ein anderer Pottwal zu sehen. Bei beiden Walen fallen die weißen Unterkiefer auf und die eng an den Körper gelegten Brustflossen. Hier wirken die Körper der grauen Riesen wie Tauchboote, keinesfalls wie Säugetiere.</p> <p>Näher an der helleren, durchlichteten Oberfläche beendet der junge <em>Physeter</em> seinen vertikalen Aufstieg und legt sich horizontal. Dabei hat er seine Beute fest ins Maul geklemmt und versucht sichtbar, das wehrhafte Weichtier weiter zu schlucken. In einem Comic würde diese Szene vermutlich mit einem lautmalerischen „CHOMP“ unterlegt. Der aus dem Maul hängende Kalmar versucht währenddessen verzweifelt, zu entkommen und streckt Tentakel aus dem Walmaul, um sie um den grauen, walzenförmigen Walkörper zu schlingen. Außerdem stößt er Schwaden schwarzer Tinte aus, die die Jagdszene dramatisch umwabern<br></br>Zum Größenvergleich: Der Unterkiefer des jungen Wals soll ca 2 Meter lang sein (ohne Quellenangabe, aus der Diskussion unter Rebeccas BlueSky Post).<aside></aside></p> <p>Auch wenn Tintenfische keine Dekompressionskrankheit durch Druckunterschiede bekommen, dürfte der schnelle Aufstieg (Pottwale tauchen bis zu 100 Meter pro Minute ab und auf) ihn doch schwächen.<br></br>Dieses Video fängt diese Jagdszene genauso dramatisch ein, wie ich es mir immer vorgestellt habe!</p> <p>Dieses Video nahm “Ludo” (so sein Instagram-Name) vor der Küste von Mauritius auf, wo Pottwal-Familien leben. Diese Sozialverbunde (social units) sind sehr stabil, die meisten von ihnen sind <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8074673/">miteinander verwandt, wie genetische Studien zeigen</a>. Die Mütter und „Tanten“ lehren den Nachwuchs, zu jagen – offenbar sehr erfolgreich. Da die Mütter zum Jagen abtauchen und ihre Kälber dann allein lassen müssen, haben sie engste Freundinnen, die dann auf den Nachwuchs aufpassen. Diese Sozialverbände haben also sehr enge Beziehungen zueinander, um den kostbaren Nachwuchs zu beschützen. Ein Walkalb kann sonst schnell Beute von Orcas oder großen Haien werden. Da Pottwalmütter nur sehr wenig Nachwuchs bekommen und sich dann sehr lange darum kümmern, behüten sie ihre Kälber.<br></br>Der Pottwalbestand um Mauritius ist, wie derjenige aus der Karibik, das ganze <a href="https://www.globice.org/wp-content/uploads/2020/07/Huijser-etal-2020-Pm-Mauritius.pdf">Jahr über ortsfest</a>.</p> <p>Dass es sich um einen <em>Architheutys dux</em> handelt, hat der exzellente Tintenfisch-Experte Mike Vecchione (NOAA) bestätigt (Ich kenne Mike sogar persönlich von einer Antarktis-Reise mit RV Polarstern). Dass es ein junger Pottwal ist, haben andere bestätigt und auch ich kann das nur unterstreichen. Das ältere Tier im Hintergrund ist vermutlich die Mutter oder eine nahe Verwandte.</p> <p>Da auf BlueSky sofort einige Personen das von Rebecca vorgestellte und kommentierte Video als Fake abtaten: Rebecca ist selbst Meeresbiologie-Professorin. Sie hat <a href="https://naturalhistory.si.edu/staff/mike-vecchione">Mike Vecchione (NOAA)</a> um die ID des Kalmars gebeten, der <em>Architeuthys dux </em>identifizierte. Dann ließ sie eine Pottwal- Expertin das Video bewerten: Die flippte auch aus und bestätigte ebenfalls die Echtheit.<br></br>Und ich kenne mich mit Pottwalen auch ziemlich gut aus – auch ich habe keinen Hinweis auf Fake gefunden. Außerdem meldeten sich in den Kommentaren unter dem Video weitere Wal- und Kalmar-Forschende zu Wort – von denen hat auch niemand die Echtheit bezweifelt.  Darum gehen wir davon aus, dass das Video echt ist.</p> <p>Diese Aufnahmen sind eine Sensation!</p> <p>Das Video stammt von einem Taucher, der jede Menge Pottwale in Bild und Video postet. Mehr kann ich zu seiner Identität nicht sagen, ich bin nicht mehr auf Instagram. Es gibt zurzeit auch noch keine wissenschaftliche Publikation dazu, es ist ein allerdings sachkundiges Amateurvideo. Da ich ihn nicht um Erlaubnis zum Teilen des Videos fragen konnte, gibt es hier nur ein Standbild von Rebeccas Instagram-Post – der Link <a href="https://www.instagram.com/reel/DO_zW2QjibW/">zum ganzen Video ist hier: Pottwal frisst Riesenkalmar</a>.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-17.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="742" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-17.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-17.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-17-300x217.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-17-768x557.png 768w" width="1024"></img></a></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>CephalopodFriday: Pottwal frisst Riesenkalmar – und wird dabei gefilmt » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Prof. <a href="https://bsky.app/profile/rebeccarhelm.bsky.social">‪<strong>Rebecca R Helm</strong></a> teilte gerade in ihrer BlueSky-Timeline ein SPEKTAKULÄRES Video: Ein Pottwal verschlingt einen Riesenkalmar, der sich mit sämtlichen Tentakeln dagegen wehrt.</p> <p>Dass Pottwale, die größten aller Zahnwale, neben vielen kleineren Kopffüßern auch Riesenkalmare (giant squid) erbeuten, ist nicht neu. In Mageninhalten fanden sich immer wieder die Reste des legendären <em>Architeuthys</em>. Ein harpunierter Pottwal erbrach vor den Augen der Walfänger sogar solch einen Mollusken-Moloch.</p> <p>Ein <em>Architeuthys</em> ist kein leichter Gegner. Zu der Mantellänge von bis zu 2 Metern hat er noch 8 Tentakel und 2 besonders lange Jagdtentakel von bis zu 10 Metern Länge (das weiche Fleisch lässt sich auch weiter ausdehnen und führt dann zu sensationellen Längen – die hier angegebenen Messungen sind wissenschaftlicher Konsens). Die Innenflächen der Arme und Tentakel sind mit Hunderten von runden Saugnäpfen mit einem Durchmesser von 2 bis 5 cm bedeckt. Jeder gewölbte Saugnapf sitzt auf einem Stiel, der Außenrand ist mit scharfen<a href="https://www.ingentaconnect.com/content/umrsmas/bullmar/2002/00000071/00000002/art00012">, fein gezackten Ringen aus Chitin gesäumt</a>.  Pottwale tragen oft weißliche Narben solcher Saugnäpfe auf dem dunkelgrauen Körper, die von Titanenkämpfen in der lichtlosen Tiefe erzählen.<br></br>Dazu hat der Kalmar an der Mundöffnung inmitten des Tentakelkranzes einen scharfen papageienartigen Schnabel, mit dem er Fleischwunden beißen kann. Außerdem sind Weichtiere dieser Größe sehr stark, ihre 10 Arme bestehen nur aus zäher Muskulatur.</p> <p>So wissen Naturforscher und andere Meeresbegeisterte seit Jahrhunderten um solche Duelle zweiter Top-Prädatoren in den Tiefen der Meere. Aber bisher gab es nur Indizien dafür. Jetzt sind Taucher erstmals Augenzeugen eines Pottwal-Jagderfolgs geworden: In den warmen Gewässern von Mauritius kam ein junger Pottwal (erkennbar an den typischen Körperproportionen mit dem relativ kleinen Kopf) aus der Tiefe zurück ins durchlichtete Meer nahe der Oberfläche. In der kalten lichtlosen Tiefsee hatte er den Kalmar mit seinem Sonar geortet und ihn sich dann genau passend geschnappt: Mit dem Kopf voran.<br></br>Im Hintergrund ist ein anderer Pottwal zu sehen. Bei beiden Walen fallen die weißen Unterkiefer auf und die eng an den Körper gelegten Brustflossen. Hier wirken die Körper der grauen Riesen wie Tauchboote, keinesfalls wie Säugetiere.</p> <p>Näher an der helleren, durchlichteten Oberfläche beendet der junge <em>Physeter</em> seinen vertikalen Aufstieg und legt sich horizontal. Dabei hat er seine Beute fest ins Maul geklemmt und versucht sichtbar, das wehrhafte Weichtier weiter zu schlucken. In einem Comic würde diese Szene vermutlich mit einem lautmalerischen „CHOMP“ unterlegt. Der aus dem Maul hängende Kalmar versucht währenddessen verzweifelt, zu entkommen und streckt Tentakel aus dem Walmaul, um sie um den grauen, walzenförmigen Walkörper zu schlingen. Außerdem stößt er Schwaden schwarzer Tinte aus, die die Jagdszene dramatisch umwabern<br></br>Zum Größenvergleich: Der Unterkiefer des jungen Wals soll ca 2 Meter lang sein (ohne Quellenangabe, aus der Diskussion unter Rebeccas BlueSky Post).<aside></aside></p> <p>Auch wenn Tintenfische keine Dekompressionskrankheit durch Druckunterschiede bekommen, dürfte der schnelle Aufstieg (Pottwale tauchen bis zu 100 Meter pro Minute ab und auf) ihn doch schwächen.<br></br>Dieses Video fängt diese Jagdszene genauso dramatisch ein, wie ich es mir immer vorgestellt habe!</p> <p>Dieses Video nahm “Ludo” (so sein Instagram-Name) vor der Küste von Mauritius auf, wo Pottwal-Familien leben. Diese Sozialverbunde (social units) sind sehr stabil, die meisten von ihnen sind <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8074673/">miteinander verwandt, wie genetische Studien zeigen</a>. Die Mütter und „Tanten“ lehren den Nachwuchs, zu jagen – offenbar sehr erfolgreich. Da die Mütter zum Jagen abtauchen und ihre Kälber dann allein lassen müssen, haben sie engste Freundinnen, die dann auf den Nachwuchs aufpassen. Diese Sozialverbände haben also sehr enge Beziehungen zueinander, um den kostbaren Nachwuchs zu beschützen. Ein Walkalb kann sonst schnell Beute von Orcas oder großen Haien werden. Da Pottwalmütter nur sehr wenig Nachwuchs bekommen und sich dann sehr lange darum kümmern, behüten sie ihre Kälber.<br></br>Der Pottwalbestand um Mauritius ist, wie derjenige aus der Karibik, das ganze <a href="https://www.globice.org/wp-content/uploads/2020/07/Huijser-etal-2020-Pm-Mauritius.pdf">Jahr über ortsfest</a>.</p> <p>Dass es sich um einen <em>Architheutys dux</em> handelt, hat der exzellente Tintenfisch-Experte Mike Vecchione (NOAA) bestätigt (Ich kenne Mike sogar persönlich von einer Antarktis-Reise mit RV Polarstern). Dass es ein junger Pottwal ist, haben andere bestätigt und auch ich kann das nur unterstreichen. Das ältere Tier im Hintergrund ist vermutlich die Mutter oder eine nahe Verwandte.</p> <p>Da auf BlueSky sofort einige Personen das von Rebecca vorgestellte und kommentierte Video als Fake abtaten: Rebecca ist selbst Meeresbiologie-Professorin. Sie hat <a href="https://naturalhistory.si.edu/staff/mike-vecchione">Mike Vecchione (NOAA)</a> um die ID des Kalmars gebeten, der <em>Architeuthys dux </em>identifizierte. Dann ließ sie eine Pottwal- Expertin das Video bewerten: Die flippte auch aus und bestätigte ebenfalls die Echtheit.<br></br>Und ich kenne mich mit Pottwalen auch ziemlich gut aus – auch ich habe keinen Hinweis auf Fake gefunden. Außerdem meldeten sich in den Kommentaren unter dem Video weitere Wal- und Kalmar-Forschende zu Wort – von denen hat auch niemand die Echtheit bezweifelt.  Darum gehen wir davon aus, dass das Video echt ist.</p> <p>Diese Aufnahmen sind eine Sensation!</p> <p>Das Video stammt von einem Taucher, der jede Menge Pottwale in Bild und Video postet. Mehr kann ich zu seiner Identität nicht sagen, ich bin nicht mehr auf Instagram. Es gibt zurzeit auch noch keine wissenschaftliche Publikation dazu, es ist ein allerdings sachkundiges Amateurvideo. Da ich ihn nicht um Erlaubnis zum Teilen des Videos fragen konnte, gibt es hier nur ein Standbild von Rebeccas Instagram-Post – der Link <a href="https://www.instagram.com/reel/DO_zW2QjibW/">zum ganzen Video ist hier: Pottwal frisst Riesenkalmar</a>.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-17.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="742" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-17.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-17.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-17-300x217.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-17-768x557.png 768w" width="1024"></img></a></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/cephalopodfriday-pottwal-frisst-riesenkalmar-und-wird-dabei-gefilmt/#comments 9 Different Perspectives on Scientific Misconduct https://scilogs.spektrum.de/hlf/different-perspectives-on-scientific-misconduct/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/different-perspectives-on-scientific-misconduct/#respond Fri, 26 Sep 2025 12:00:00 +0000 Markus Pössel https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=13790 <h1>Different Perspectives on Scientific Misconduct - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Markus Pössel</h2><div itemprop="text"> <p>For me, the most interesting takeaway from the panel discussion on scientific integrity at the 12th Heidelberg Laureate Forum was that scientific misconduct means rather different things from different perspectives, and that these perspectives shape how serious, or not, we take different forms of misconduct.</p> <p>The first perspective is that of scientific progress. Present-day research builds on what is already there; if that foundation is flawed, e.g. because somebody falsified the data they then pretended to analyse, whatever is built upon the foundation suffers. After all, as one of the panelists, the mathematician Yukari Ito (Tokyo University) put it: Papers are meant to document what scientists within a field believe to be true.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>The discussion panel on “Scientific Integrity.” From left to right: Benjamin Skuse, Lonni Besançon, Eunsang Lee, Yukari Ito. Image credits: HLFF / Flemming</figcaption></figure></div> <p>The second perspective is that of career building. When scientists apply for a postdoc position, or a professorship, or for tenure that gives them long-term security, their publication record plays a key role. In some institutions, this goes as far as setting a minimum number of publications per year as a requirement for continued employment. There have even been (and probably still are) <a href="https://www.nature.com/articles/d41586-020-00574-8" rel="noreferrer noopener" target="_blank">institutions that offer their researchers cash bonuses for publications in prestigious journals</a>.</p> <p>With this in mind, consider two forms of scientific misconduct: First, taking short-cuts by falsifying your data, e.g. by fabricating a table, or an image, without going through the time-consuming process of actually doing the experiment. Sleuthing out this kind of falsification is the contribution to scientific integrity of another panelist, <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/visualization-and-integrity/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Lonni Besançon</a> (Linköping University); <a href="https://liu.se/en/news-item/dodshot-vardagsmat-for-den-akademiska-detektiven" rel="noreferrer noopener" target="_blank">“sanitation work” done in his spare time</a>.</p> <p>Second, consider the possibilities of generative AI. Beyond ethical uses (and I will later on use DeepL to produce a first draft for the German translation of this blog entry), there are numerous ways to abuse AI. In an extreme case, a researcher might clandestinely use generative AI to produce a whole paper, either with the help of genuine data or from scratch. Falsification of data, whether “by hand” or via AI hallucination, definitely hurts research. On the other hand, if an AI-generated paper could adhere to all the standards a field sets for its research methods (and no, in important respects AI capablities do not appear to be at that point, by a long shot), it might not impede progress in the field. But it could still represent a dishonest attempt by the author to game a system where career advancement demands numerous publications.<aside></aside></p> <p>A decoupling of perspectives was very clear in the live online survey that the moderator, Benjamin Skuse, had the HLF audience complete: Which of a given list of items did we think was the most significant threat to research integrity? Somewhat to the moderator’s suprise, “Fabricating/falsifying data” came in first, relegating “Mass-produced genAI papers” to second place. Presumably, the audience was taking the perspective of hurting a field’s progress, and decided that mass-produced generative AI papers might amount to clutter – but that clutter that is widely ignored by serious researchers was not in significant danger of “polluting” a field.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-scaled.jpg"><img alt="Slide showing the results of the online audience survey. In order of descending importance, the chosen issues of scientific misconduct are: Data falsification, mass-produced genAI papers, conflicts of interest, plagiarism, and research mistakes" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-1152x1536.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-1536x2048.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-scaled.jpg 1920w" width="768"></img></a><figcaption>Result of the audience survey on the importance of various scientific integrity issues.</figcaption></figure></div> <p>From the perspective of the third panelist, Eunsang Lee from the research integrity group at the Springer Nature publishing company, ignoring the onslaught of generative-AI papers is sadly not an option. Mass submissions are real. Lee mentioned five full papers by the same author in a single month, and that in mathematics, traditionally considered a “slow science.”</p> <p>So, what to do? And yes, like the rest of the audience I laughed at examples of <a href="https://arxiv.org/abs/2107.06751" rel="noreferrer noopener" target="_blank">“tortured phrases,”</a> which arise when someone asks generative AI to paraphrase an article (e.g. in order to cover up plagiarism). When the “immune system” morphs into the “invulnerable framework”, that certainly is a red flag, and looking for this and other indicators will hopefully help fight fraudulent submissions.</p> <p>But I think that the key to dealing with scientific misconduct lies elsewhere, namely in a statement that Lonni Besançon made: If you make a metric out of it, people will game that metric. Following that statement to its logical conclusion means a long, hard look at the various convenient short-cuts within the scientific ecosystem. If you want to evaluate a prospective colleague’s scientific career, you will need to read and understand their papers, and have in-depth conversations with them. No short-hand proxy, such as counting first-author papers or computing metrics like the h-index, can be an adequate substitute for this sort of in-depth process.</p> <p>Even at the first stage of filling a position, namely producing a short-list from the applicant pool, if your process relies on gameable metrics then you are putting those at an advantage who are doing their best (worst?) to game the various metrics.</p> <p>Generative AI exacerbates problems of this kind, although the problems themselves, from paper mills to citation cartels, are not new. But if we’re lucky, maybe the sheer scale of how generative AI can be misused within science can provide a wake-up call for finally eliminating our convenient shortcuts, and making science gaming-proof.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/r9TRd6eugUI?feature=oembed&amp;rel=0" title="Panel Discussion: The State of Science Integrity | September 19" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Different Perspectives on Scientific Misconduct - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Markus Pössel</h2><div itemprop="text"> <p>For me, the most interesting takeaway from the panel discussion on scientific integrity at the 12th Heidelberg Laureate Forum was that scientific misconduct means rather different things from different perspectives, and that these perspectives shape how serious, or not, we take different forms of misconduct.</p> <p>The first perspective is that of scientific progress. Present-day research builds on what is already there; if that foundation is flawed, e.g. because somebody falsified the data they then pretended to analyse, whatever is built upon the foundation suffers. After all, as one of the panelists, the mathematician Yukari Ito (Tokyo University) put it: Papers are meant to document what scientists within a field believe to be true.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>The discussion panel on “Scientific Integrity.” From left to right: Benjamin Skuse, Lonni Besançon, Eunsang Lee, Yukari Ito. Image credits: HLFF / Flemming</figcaption></figure></div> <p>The second perspective is that of career building. When scientists apply for a postdoc position, or a professorship, or for tenure that gives them long-term security, their publication record plays a key role. In some institutions, this goes as far as setting a minimum number of publications per year as a requirement for continued employment. There have even been (and probably still are) <a href="https://www.nature.com/articles/d41586-020-00574-8" rel="noreferrer noopener" target="_blank">institutions that offer their researchers cash bonuses for publications in prestigious journals</a>.</p> <p>With this in mind, consider two forms of scientific misconduct: First, taking short-cuts by falsifying your data, e.g. by fabricating a table, or an image, without going through the time-consuming process of actually doing the experiment. Sleuthing out this kind of falsification is the contribution to scientific integrity of another panelist, <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/visualization-and-integrity/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Lonni Besançon</a> (Linköping University); <a href="https://liu.se/en/news-item/dodshot-vardagsmat-for-den-akademiska-detektiven" rel="noreferrer noopener" target="_blank">“sanitation work” done in his spare time</a>.</p> <p>Second, consider the possibilities of generative AI. Beyond ethical uses (and I will later on use DeepL to produce a first draft for the German translation of this blog entry), there are numerous ways to abuse AI. In an extreme case, a researcher might clandestinely use generative AI to produce a whole paper, either with the help of genuine data or from scratch. Falsification of data, whether “by hand” or via AI hallucination, definitely hurts research. On the other hand, if an AI-generated paper could adhere to all the standards a field sets for its research methods (and no, in important respects AI capablities do not appear to be at that point, by a long shot), it might not impede progress in the field. But it could still represent a dishonest attempt by the author to game a system where career advancement demands numerous publications.<aside></aside></p> <p>A decoupling of perspectives was very clear in the live online survey that the moderator, Benjamin Skuse, had the HLF audience complete: Which of a given list of items did we think was the most significant threat to research integrity? Somewhat to the moderator’s suprise, “Fabricating/falsifying data” came in first, relegating “Mass-produced genAI papers” to second place. Presumably, the audience was taking the perspective of hurting a field’s progress, and decided that mass-produced generative AI papers might amount to clutter – but that clutter that is widely ignored by serious researchers was not in significant danger of “polluting” a field.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-scaled.jpg"><img alt="Slide showing the results of the online audience survey. In order of descending importance, the chosen issues of scientific misconduct are: Data falsification, mass-produced genAI papers, conflicts of interest, plagiarism, and research mistakes" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-1152x1536.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-1536x2048.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-scaled.jpg 1920w" width="768"></img></a><figcaption>Result of the audience survey on the importance of various scientific integrity issues.</figcaption></figure></div> <p>From the perspective of the third panelist, Eunsang Lee from the research integrity group at the Springer Nature publishing company, ignoring the onslaught of generative-AI papers is sadly not an option. Mass submissions are real. Lee mentioned five full papers by the same author in a single month, and that in mathematics, traditionally considered a “slow science.”</p> <p>So, what to do? And yes, like the rest of the audience I laughed at examples of <a href="https://arxiv.org/abs/2107.06751" rel="noreferrer noopener" target="_blank">“tortured phrases,”</a> which arise when someone asks generative AI to paraphrase an article (e.g. in order to cover up plagiarism). When the “immune system” morphs into the “invulnerable framework”, that certainly is a red flag, and looking for this and other indicators will hopefully help fight fraudulent submissions.</p> <p>But I think that the key to dealing with scientific misconduct lies elsewhere, namely in a statement that Lonni Besançon made: If you make a metric out of it, people will game that metric. Following that statement to its logical conclusion means a long, hard look at the various convenient short-cuts within the scientific ecosystem. If you want to evaluate a prospective colleague’s scientific career, you will need to read and understand their papers, and have in-depth conversations with them. No short-hand proxy, such as counting first-author papers or computing metrics like the h-index, can be an adequate substitute for this sort of in-depth process.</p> <p>Even at the first stage of filling a position, namely producing a short-list from the applicant pool, if your process relies on gameable metrics then you are putting those at an advantage who are doing their best (worst?) to game the various metrics.</p> <p>Generative AI exacerbates problems of this kind, although the problems themselves, from paper mills to citation cartels, are not new. But if we’re lucky, maybe the sheer scale of how generative AI can be misused within science can provide a wake-up call for finally eliminating our convenient shortcuts, and making science gaming-proof.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/r9TRd6eugUI?feature=oembed&amp;rel=0" title="Panel Discussion: The State of Science Integrity | September 19" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/different-perspectives-on-scientific-misconduct/#respond 0 Wie verhindern wir wissenschaftliches Fehlverhalten in den Zeiten von AI? https://scilogs.spektrum.de/hlf/wie-verhindern-wir-wissenschaftliches-fehlverhalten-in-den-zeiten-von-ai/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/wie-verhindern-wir-wissenschaftliches-fehlverhalten-in-den-zeiten-von-ai/#comments Fri, 26 Sep 2025 12:00:00 +0000 Markus Pössel https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=13812 <h1>Wie verhindern wir wissenschaftliches Fehlverhalten in den Zeiten von AI? - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Markus Pössel</h2><div itemprop="text"> <p>Für mich war die interessanteste Erkenntnis aus der Podiumsdiskussion zum Thema ‘wissenschaftliche Integrität’, die beim <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">12. Heidelberg Laureate Forum</a> stattfand, dass die Bedeutung des Begriffs stark von der eigenen Perspektive abhängt. Unterschiedlichen Perspektiven. Je nach Perspektive ändert sich, wieviel Gewicht man unterschiedlichen Formen von wissenschaftlichem Fehlverhalten beimisst.</p> <p>Da wäre zunächst die Perspektive, die den wissenschaftlichen Fortschritt ins Zentrum stellt: Wie können wir verhindern, dass wissenschaftliches Fehlverhalten die Forschung als Ganzes kompromittiert? Heutige Forschung baut auf dem auf, was bereits an wissenschaftlichen Ergebnissen vorhanden ist. Wo Teile dieser Grundlage fehlerhaft sind, z.B. weil jemand Daten erfunden oder gefälscht hat, die er oder sie dann vorgab zu analysieren, dann steht alles, was auf jenem Teil der Grundlage aufbaut, ebenfalls auf wackligen Füßen. Schließlich gilt, wie es eine Panel-Teilnehmerin ausdrückte, die Mathematikerin Yukari Ito (Universität Tokio): Fachveröffentlichungen sollen dokumentieren, was Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen eines Fachgebiets für wahr halten.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o.jpg"><img alt="Panel onstage." decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Das Panel zu “Scientific Integrity.” V. l. n. r.: Benjamin Skuse, Lonni Besançon, Eunsang Lee, Yukari Ito. Bild: HLFF / Flemming</figcaption></figure></div> <p>Bei der zweiten Perspektive geht es um wissenschaftliche Karrieren. Bewerben sich Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftler auf eine Postdoc-Stelle oder eine Professur, oder beantragen im “Tenure-track-Verfahren” eine Entfristung, dann spielt für die entsprechenden Entscheidungen ihre Publikationsliste eine wichtige Rolle. In einigen Einrichtungen wird gar eine Mindestanzahl an Publikationen pro Jahr als Voraussetzung für die Weiterbeschäftigung gefordert. Es gab sogar (und gibt wahrscheinlich immer noch) <a href="https://www.nature.com/articles/d41586-020-00574-8" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Einrichtungen, die ihren Forscherinnen und Forschern Geldprämien für Veröffentlichungen in renommierten Fachzeitschriften anbieten</a>.</p> <p>Behalten wir diese beiden Perspektiven einmal im Hinterkopf und betrachten zwei Formen wissenschaftlichen Fehlverhaltens: Erstens das Fälschen von Daten. Dabei wird etwa eine für die Veröffentlichung nötige Tabelle ganz oder teilweise erfunden, oder Bildmaterial wird nicht aufwändig aus einem Experiment gewonnen, sondern per Photoshop aus vorhandenem Material aus früheren Experimenten zusammengeschustert. Das Aufdecken solcher Fälschungen erledigt übrigens ein weiterer Panel-Teilnehmer, <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/visualization-and-integrity/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Lonni Besançon</a> (Universität Linköping), <a href="https://liu.se/en/news-item/dodshot-vardagsmat-for-den-akademiska-detektiven">ehrenamtlich in seiner Freizeit</a>.</p> <p>Die zweite Art von Fehlverhalten ist moderner. Wir sind damit beim Modethema “generative KI” angelangt: Solche KI kann ein legitimes Werkzeug sein (Offenlegung: ich habe diesen Text ursprünglich auf englisch geschrieben, und DeepL hat daraus den ersten Entwurf für die deutsche Fassung erzeugt). Aber KI kann auch wissenschaftliches Fehlverhalten unterstützen oder sogar erst ermöglichen. Im Extremfall könnte ein Forscher heimlich generative KI einsetzen, um einen kompletten Fachartikel zu erstellen, sei es mit Hilfe echter Daten oder sogar ganz ohne Datengrundlage.<aside></aside></p> <p>Die Fälschung von Daten, sei es „von Hand“ oder durch KI-Halluzinationen, schadet der Forschung auf jeden Fall. Aber wie ist es mit einer KI-generierten Arbeit allgemein – sagen wir hypothetisch: einen mit KI auf Basis echter Forschungsdaten generierter Fachartikel, der bei der Bearbeitung ihres Themas alle methodischen Standards des Fachgebietes einhält? (Und nein, das kann KI heutzutage noch nicht so richtig.)</p> <p>Dann würden die Unterschiede zwischen den verschiedenen Perspektiven wichtig. Dem wissenschaftlichen Fortschritt ist es egal, wer die Forschungsarbeit macht, solange jene Arbeit den Standards des entsprechenden Fachgebiets nach sauber ausgeführt wird. Aber selbst eine in dieser Hinsicht saubere Arbeit wäre natürlich nach wie vor Betrug, wenn ein Autor die entsprechende Veröffentlichung als echte Eigenleistung ausgibt, um sich damit Karrierevorteile zu verschaffen.</p> <p>Eine Entkopplung der Perspektiven zeigte sich auch in der Live-Umfrage, die der Moderator Benjamin Skuse sein HLF-Publikum ausfüllen ließ. Die Frage war: Welche der nachfolgend aufgeführten Punkte haltet ihr für die größte Bedrohung für redliche Wissenschaft? Etwas zur Überraschung des Moderators landete „Fälschung/Verfälschung von Daten” auf dem ersten Platz, und verwies damit insbesondere „massenproduzierte genAI-Papers” auf den zweiten Platz. Ich nehme an: Die meisten derer, die abgestimmt haben, haben die Frage aus der Perspektive des wissenschaftlichen Fortschritts betrachtet, und sind für sich zu dem Schluss gekommen: massenhaft produzierte generative KI-Publikationen sind derzeit noch zu einfach als solche erkennbar, werden von seriösen Forschern weitgehend ignoriert, und so besteht keine größere Gefahr, dass sie den Forschungsstand eines Fachgebiets merklich stören.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-scaled.jpg"><img alt="Slide showing the results of the online audience survey. In order of descending importance, the chosen issues of scientific misconduct are: Data falsification, mass-produced genAI papers, conflicts of interest, plagiarism, and research mistakes" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-1152x1536.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-1536x2048.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-scaled.jpg 1920w" width="768"></img></a><figcaption>Ergebnisse der Publikums-Umfrage zu den verschiedenen Spielarten wissenschaftlichen Fehlverhaltens.</figcaption></figure></div> <p>Aus Sicht des dritten Panel-Teilnehmers, Eunsang Lee von der Research Integrity Group des Springer-Nature-Verlags, ist bloßes Ignorieren bei solcher AI-Massenware leider keine Option. Bei den Verlagen bzw. bei den Fachzeitschriften kommt die entsprechende Flut in Form von Artikel-Einreichungen bereits jetzt an. Lee erwähnte fünf Artikel desselben Erstautors innerhalb eines Monats, und zwar in der Mathematik, die traditionell als „langsame Wissenschaft” gilt.</p> <p>Was also tun? Und ja, wie der Rest des Publikums habe ich über Beispiele von <a href="https://arxiv.org/abs/2107.06751" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><em>tortured phrases,</em></a><em> „gequälten Formulierungen” </em>gelacht, die entstehen, wenn jemand derzeit generative KI bittet, einen Artikel zu paraphrasieren um beispielsweise ein Plagiat zu vertuschen. Ist in einem Text vom “unverwundbaren Gerüst” die Rede, wo dem Kontext nach das Immunsystem gemeint ist, ist das ein sehr deutliches Anzeichen dafür, dass etwas nicht stimmt. Warnzeichen dieser Art bieten zumindest bislang noch Möglichkeiten, betrügerische KI-Einreichungen bei Fachjournalen automatisiert zu erkennen.</p> <p>Letztlich liegt der Schlüssel zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten aber meiner Überzeugung nach an einer anderen Stelle. Lonni Besançon sagte im Laufe der Diskussion: Wenn man als Kriterium eine Metrik einführt, wird es Leute geben, die speziell jene Metrik ausnutzen. Als verkürztes Beispiel: Wenn wir uns nicht mehr den Inhalt einzelner Veröffentlichungen anschauen, sondern Forschende allein nach der Quantität beurteilen (wie viele Fachartikel insgesamt? Wie viele in Prestige-Zeitschriften wie Science oder Nature?), dann müssen wir uns nicht wundern, wenn diejenigen, die gerne eine unbefristete Stelle in der Wissenschaft ergattern wollen, gezielt an der Menge ihrer Publikationen arbeiten, in der Regel dann zu Lasten der Qualität: <em>gaming the metric</em>; Kennzahlen gezielt für den eigenen Vorteil ausnutzen.</p> <p>Zuende gedacht heißt das für mich, dass wir all die verschiedenen bequemen Abkürzungen, die sich im wissenschaftlichen Ökosystem etabliert haben, kritisch unter die Lupe nehmen müssen. Will man die wissenschaftliche Karriere eines potenziellen Kollegen bewerten, dann muss man eben doch die betreffenden Fachartikel lesen und verstehen (!), und sich darüber hinaus ggf. intensiv mit der betreffenden Person unterhalten. Die üblichen Abkürzungen zu bemühen, wie das Zählen von Erstautor-Publikationen oder das Berechnen von Metriken wie dem h-Index, kann diese Art inhaltlicher Auseinandersetzung nicht ersetzen.</p> <p>Auch in der ersten Phase der Besetzung einer Stelle, nämlich der Erstellung einer Auswahlliste aus dem Bewerberpool, gilt: Verlässt man sich bei der Vorauswahl auf Kennzahlen, dann begünstigt man automatisch diejenigen, die sich aktiv bemühen, jene Kennzahlen zu optimieren.</p> <p>Solche Kennzahl-Optimierungsprobleme gab es schon lange vor AI, von Papierfabriken über Salami-Veröffentlichungen (in jedem Fachartikel nur genau das Minimum die für eine Veröffentlichung nötige Dosis an neuem Ergebnis!) bis hin zu Zitierkartellen. Aber generative KI verschärft das Problem noch einmal deutlich. Hoffentlich ist das dann endlich der nötige Ansporn, die bequemen Abkürzungen im Wissenschaftsbetrieb konsequent zu beseitigen und die Wissenschaft damit insgesamt manipulationssicherer zu machen.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/r9TRd6eugUI?feature=oembed&amp;rel=0" title="Panel Discussion: The State of Science Integrity | September 19" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Wie verhindern wir wissenschaftliches Fehlverhalten in den Zeiten von AI? - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Markus Pössel</h2><div itemprop="text"> <p>Für mich war die interessanteste Erkenntnis aus der Podiumsdiskussion zum Thema ‘wissenschaftliche Integrität’, die beim <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">12. Heidelberg Laureate Forum</a> stattfand, dass die Bedeutung des Begriffs stark von der eigenen Perspektive abhängt. Unterschiedlichen Perspektiven. Je nach Perspektive ändert sich, wieviel Gewicht man unterschiedlichen Formen von wissenschaftlichem Fehlverhalten beimisst.</p> <p>Da wäre zunächst die Perspektive, die den wissenschaftlichen Fortschritt ins Zentrum stellt: Wie können wir verhindern, dass wissenschaftliches Fehlverhalten die Forschung als Ganzes kompromittiert? Heutige Forschung baut auf dem auf, was bereits an wissenschaftlichen Ergebnissen vorhanden ist. Wo Teile dieser Grundlage fehlerhaft sind, z.B. weil jemand Daten erfunden oder gefälscht hat, die er oder sie dann vorgab zu analysieren, dann steht alles, was auf jenem Teil der Grundlage aufbaut, ebenfalls auf wackligen Füßen. Schließlich gilt, wie es eine Panel-Teilnehmerin ausdrückte, die Mathematikerin Yukari Ito (Universität Tokio): Fachveröffentlichungen sollen dokumentieren, was Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen eines Fachgebiets für wahr halten.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o.jpg"><img alt="Panel onstage." decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54804889863_968e8f884d_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Das Panel zu “Scientific Integrity.” V. l. n. r.: Benjamin Skuse, Lonni Besançon, Eunsang Lee, Yukari Ito. Bild: HLFF / Flemming</figcaption></figure></div> <p>Bei der zweiten Perspektive geht es um wissenschaftliche Karrieren. Bewerben sich Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftler auf eine Postdoc-Stelle oder eine Professur, oder beantragen im “Tenure-track-Verfahren” eine Entfristung, dann spielt für die entsprechenden Entscheidungen ihre Publikationsliste eine wichtige Rolle. In einigen Einrichtungen wird gar eine Mindestanzahl an Publikationen pro Jahr als Voraussetzung für die Weiterbeschäftigung gefordert. Es gab sogar (und gibt wahrscheinlich immer noch) <a href="https://www.nature.com/articles/d41586-020-00574-8" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Einrichtungen, die ihren Forscherinnen und Forschern Geldprämien für Veröffentlichungen in renommierten Fachzeitschriften anbieten</a>.</p> <p>Behalten wir diese beiden Perspektiven einmal im Hinterkopf und betrachten zwei Formen wissenschaftlichen Fehlverhaltens: Erstens das Fälschen von Daten. Dabei wird etwa eine für die Veröffentlichung nötige Tabelle ganz oder teilweise erfunden, oder Bildmaterial wird nicht aufwändig aus einem Experiment gewonnen, sondern per Photoshop aus vorhandenem Material aus früheren Experimenten zusammengeschustert. Das Aufdecken solcher Fälschungen erledigt übrigens ein weiterer Panel-Teilnehmer, <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/visualization-and-integrity/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Lonni Besançon</a> (Universität Linköping), <a href="https://liu.se/en/news-item/dodshot-vardagsmat-for-den-akademiska-detektiven">ehrenamtlich in seiner Freizeit</a>.</p> <p>Die zweite Art von Fehlverhalten ist moderner. Wir sind damit beim Modethema “generative KI” angelangt: Solche KI kann ein legitimes Werkzeug sein (Offenlegung: ich habe diesen Text ursprünglich auf englisch geschrieben, und DeepL hat daraus den ersten Entwurf für die deutsche Fassung erzeugt). Aber KI kann auch wissenschaftliches Fehlverhalten unterstützen oder sogar erst ermöglichen. Im Extremfall könnte ein Forscher heimlich generative KI einsetzen, um einen kompletten Fachartikel zu erstellen, sei es mit Hilfe echter Daten oder sogar ganz ohne Datengrundlage.<aside></aside></p> <p>Die Fälschung von Daten, sei es „von Hand“ oder durch KI-Halluzinationen, schadet der Forschung auf jeden Fall. Aber wie ist es mit einer KI-generierten Arbeit allgemein – sagen wir hypothetisch: einen mit KI auf Basis echter Forschungsdaten generierter Fachartikel, der bei der Bearbeitung ihres Themas alle methodischen Standards des Fachgebietes einhält? (Und nein, das kann KI heutzutage noch nicht so richtig.)</p> <p>Dann würden die Unterschiede zwischen den verschiedenen Perspektiven wichtig. Dem wissenschaftlichen Fortschritt ist es egal, wer die Forschungsarbeit macht, solange jene Arbeit den Standards des entsprechenden Fachgebiets nach sauber ausgeführt wird. Aber selbst eine in dieser Hinsicht saubere Arbeit wäre natürlich nach wie vor Betrug, wenn ein Autor die entsprechende Veröffentlichung als echte Eigenleistung ausgibt, um sich damit Karrierevorteile zu verschaffen.</p> <p>Eine Entkopplung der Perspektiven zeigte sich auch in der Live-Umfrage, die der Moderator Benjamin Skuse sein HLF-Publikum ausfüllen ließ. Die Frage war: Welche der nachfolgend aufgeführten Punkte haltet ihr für die größte Bedrohung für redliche Wissenschaft? Etwas zur Überraschung des Moderators landete „Fälschung/Verfälschung von Daten” auf dem ersten Platz, und verwies damit insbesondere „massenproduzierte genAI-Papers” auf den zweiten Platz. Ich nehme an: Die meisten derer, die abgestimmt haben, haben die Frage aus der Perspektive des wissenschaftlichen Fortschritts betrachtet, und sind für sich zu dem Schluss gekommen: massenhaft produzierte generative KI-Publikationen sind derzeit noch zu einfach als solche erkennbar, werden von seriösen Forschern weitgehend ignoriert, und so besteht keine größere Gefahr, dass sie den Forschungsstand eines Fachgebiets merklich stören.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Foto-19.09.25-10-11-17-scaled.jpg"><img alt="Slide showing the results of the online audience survey. 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Bei den Verlagen bzw. bei den Fachzeitschriften kommt die entsprechende Flut in Form von Artikel-Einreichungen bereits jetzt an. Lee erwähnte fünf Artikel desselben Erstautors innerhalb eines Monats, und zwar in der Mathematik, die traditionell als „langsame Wissenschaft” gilt.</p> <p>Was also tun? Und ja, wie der Rest des Publikums habe ich über Beispiele von <a href="https://arxiv.org/abs/2107.06751" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><em>tortured phrases,</em></a><em> „gequälten Formulierungen” </em>gelacht, die entstehen, wenn jemand derzeit generative KI bittet, einen Artikel zu paraphrasieren um beispielsweise ein Plagiat zu vertuschen. Ist in einem Text vom “unverwundbaren Gerüst” die Rede, wo dem Kontext nach das Immunsystem gemeint ist, ist das ein sehr deutliches Anzeichen dafür, dass etwas nicht stimmt. Warnzeichen dieser Art bieten zumindest bislang noch Möglichkeiten, betrügerische KI-Einreichungen bei Fachjournalen automatisiert zu erkennen.</p> <p>Letztlich liegt der Schlüssel zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten aber meiner Überzeugung nach an einer anderen Stelle. Lonni Besançon sagte im Laufe der Diskussion: Wenn man als Kriterium eine Metrik einführt, wird es Leute geben, die speziell jene Metrik ausnutzen. Als verkürztes Beispiel: Wenn wir uns nicht mehr den Inhalt einzelner Veröffentlichungen anschauen, sondern Forschende allein nach der Quantität beurteilen (wie viele Fachartikel insgesamt? Wie viele in Prestige-Zeitschriften wie Science oder Nature?), dann müssen wir uns nicht wundern, wenn diejenigen, die gerne eine unbefristete Stelle in der Wissenschaft ergattern wollen, gezielt an der Menge ihrer Publikationen arbeiten, in der Regel dann zu Lasten der Qualität: <em>gaming the metric</em>; Kennzahlen gezielt für den eigenen Vorteil ausnutzen.</p> <p>Zuende gedacht heißt das für mich, dass wir all die verschiedenen bequemen Abkürzungen, die sich im wissenschaftlichen Ökosystem etabliert haben, kritisch unter die Lupe nehmen müssen. Will man die wissenschaftliche Karriere eines potenziellen Kollegen bewerten, dann muss man eben doch die betreffenden Fachartikel lesen und verstehen (!), und sich darüber hinaus ggf. intensiv mit der betreffenden Person unterhalten. Die üblichen Abkürzungen zu bemühen, wie das Zählen von Erstautor-Publikationen oder das Berechnen von Metriken wie dem h-Index, kann diese Art inhaltlicher Auseinandersetzung nicht ersetzen.</p> <p>Auch in der ersten Phase der Besetzung einer Stelle, nämlich der Erstellung einer Auswahlliste aus dem Bewerberpool, gilt: Verlässt man sich bei der Vorauswahl auf Kennzahlen, dann begünstigt man automatisch diejenigen, die sich aktiv bemühen, jene Kennzahlen zu optimieren.</p> <p>Solche Kennzahl-Optimierungsprobleme gab es schon lange vor AI, von Papierfabriken über Salami-Veröffentlichungen (in jedem Fachartikel nur genau das Minimum die für eine Veröffentlichung nötige Dosis an neuem Ergebnis!) bis hin zu Zitierkartellen. Aber generative KI verschärft das Problem noch einmal deutlich. Hoffentlich ist das dann endlich der nötige Ansporn, die bequemen Abkürzungen im Wissenschaftsbetrieb konsequent zu beseitigen und die Wissenschaft damit insgesamt manipulationssicherer zu machen.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/r9TRd6eugUI?feature=oembed&amp;rel=0" title="Panel Discussion: The State of Science Integrity | September 19" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/wie-verhindern-wir-wissenschaftliches-fehlverhalten-in-den-zeiten-von-ai/#comments 66 AstroGeo Podcast: Weiße Zwerge – die Rettung vor dem Schwarzen Loch? https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-weisse-zwerge-die-rettung-vor-dem-schwarzen-loch/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-weisse-zwerge-die-rettung-vor-dem-schwarzen-loch/#comments Fri, 26 Sep 2025 08:59:31 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1756 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag123_logo-768x768.jpg Ein Bild des Hubble-Weltraumteleskops mit Sirius A, den hellsten Stern unseres Nachthimmels, zusammen mit seinem schwachen, winzigen Begleitstern Sirius B. Astronomen haben das Bild von Sirius A [in der Mitte] überbelichtet, damit der schwache Sirius B [winziger Punkt unten links] sichtbar wird. Die kreuzförmigen Beugungsspitzen und konzentrischen Ringe um Sirius A sowie der kleine Ring um Sirius B sind Artefakte, die im Bildgebungssystem des Teleskops entstehen. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-weisse-zwerge-die-rettung-vor-dem-schwarzen-loch/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag123_logo-scaled.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Weiße Zwerge - die Rettung vor dem Schwarzen Loch? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Heutzutage mögen Schwarze Löcher selbstverständlicher Teil des Weltalls sein, doch das war nicht immer so. Nachdem der deutsche Astrophysiker Karl Schwarzschild zu Beginn des 20. Jahrhunderts gezeigt hatte, dass Schwarze Löcher als Lösung der Einsteinschen Feldgleichungen der Allgemeinen Relativitätstheorie herauskommen, hatten Physiker in den folgenden Jahrzehnten nur ein Bestreben: Wie werden sie die merkwürdigen Objekte wieder los?</p> <p>Karl Schwarzschild hatte berechnet, dass ein Stern gar sonderbare Dinge mit der Raumzeit anstellt, wenn sein Volumen auf einmal so drastisch schrumpft, dass der Radius des Sterns unter dem sogenannten Schwarzschild-Radius liegt: Dann nämlich gäbe es jenseits dieses Radius` kein Entkommen mehr, hätten Licht oder Materie ihn einmal überquert. Die Raumzeit wäre zu stark gekrümmt, und im Inneren lauerte die Singularität: ein Ort mit unendlicher Dichte und noch vielerlei anderen Unendlichkeiten, über die sich selbst Albert Einstein am liebsten gar keine Gedanken machen wollte: Für ihn wäre es eine „Katastrophe“, wäre der Radius eines Körpers kleiner als sein Schwarzschild-Radius – würde ein Himmelskörper also zu dem werden, was wir heute als Schwarzes Loch bezeichnen.</p> <p>Da traf es sich gut, dass der Schwarzschild-Radius eines Sterns recht winzig ist: Bei der Sonne beträgt er nur wenige Kilometer. Und es sollte doch unmöglich sein, dass ein Stern einfach so zusammenstürzt und kleiner wird als dieser Radius – so glaubten viele Forschende?</p> <p>Tatsächlich würde ein Stern wie unsere Sonne einfach so unter ihrer eigenen Schwerkraft zusammenstürzen – wenn nicht der Strahlungsdruck der Kernfusion in ihrem Inneren einen Gegendruck erzeugen würde. Und das heißt: Vorerst bleibt die Sonne so groß wie sie ist. Aber was passiert eigentlich, wenn der Brennstoff eines Sterns am Ende seiner Entwicklung verbraucht ist? Was könnte einen solchen Stern davon abhalten, zu dem so „katastrophalen“ Schwarzen Loch zu kollabieren?</p> <p>In dieser Folge des AstroGeo-Podcasts erzählt Franzi, wie Weiße Zwerge und Neutronensterne den Kollaps eines Sterns zunächst aufhalten können – und wie sie deshalb das Universum fast vor der Existenz der Schwarzen Löcher bewahrt hätten.<aside></aside></p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 75: <a href="https://astrogeo.de/ein-schwarzes-loch-im-zentrum-der-etwas-andere-quasi-stern/">Ein Schwarzes Loch im Zentrum: der etwas andere Quasi-Stern</a></li> <li>Folge 105: <a href="https://astrogeo.de/vom-mittelpunkt-zum-mitlaeufer-wie-wir-unseren-platz-im-kosmos-fanden/">Vom Mittelpunkt zum Mitläufer: Wie wir unseren Platz im Kosmos fanden</a></li> <li>Folge 120: <a href="https://astrogeo.de/riss-in-der-raumzeit-wie-karl-schwarzschild-auf-schwarze-loecher-stiess/">Raumzeit-Riss: Wie Karl Schwarzschild auf Schwarze Löcher stieß</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a><strong>Weiterführende Links</strong></h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Schwarzschild">Karl Schwarzschild</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Einstein">Albert Einstein</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Allgemeine_Relativit%C3%A4tstheorie">Allgemeine Relativitätstheorie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ereignishorizont">Ereignishorizont</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Singularit%C3%A4t_(Astronomie)">Singularität (Astronomie)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzes_Loch">Schwarzes Loch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Schwarzen_L%C3%B6cher">Geschichte der Schwarzen Löcher</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ereignishorizont">Ereignishorizont</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sirius">Sirius</a></li> <li>WP:<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wei%C3%9Fer_Zwerg">Weißer Zwerg</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ralph_Howard_Fowler">Ralph Howard Fowler</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Arthur_Stanley_Eddington">Arthur Stanley Eddington</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Masse-Leuchtkraft-Beziehung">Masse-Leuchtkraft-Beziehung</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Subrahmanyan_Chandrasekhar">Subrahmanyan Chandrasekhar</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Spezielle_Relativit%C3%A4tstheorie">Spezielle Relativitätstheorie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Chandrasekhar-Grenze">Chandrasekhar-Grenze</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lew_Dawidowitsch_Landau">Lew Dawidowitsch Landau</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Entartete_Materie">Entartete Materie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Neutron">Neutron</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Neutronenstern">Neutronenstern</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Oppenheimer">Robert Oppenheimer</a></li> <li>Welt der Physik: <a href="https://www.weltderphysik.de/gebiet/universum/schwarze-loecher/ereignishorizont/">Die Grenzen eines Schwarzen Lochs</a> (2016)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Buch: <a href="https://marcuschown.com/book/a-crack-in-everything/">Marcus Chown: A Crack in Everything</a></li> <li>Buch: <a href="https://yalebooks.yale.edu/book/9780300219661/black-hole/">Marcia Bartusiak: Black Hole</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s00016-025-00331-2">The Prediction and Interpretation of Singularities and Black Holes: From Einstein and Schwarzschild to Penrose and Wheeler</a> (2025)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/002182860904000201">The Discovery of the Existence of White Dwarf Stars: 1862 to 1930</a> (2009)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://esahubble.org/images/heic0516a/">ASA, ESA, H. Bond (STScI), and M. Barstow (University of Leicester)</a></em><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg05.met.vgwort.de/na/6e899d51e6a446b18f9c2c71315a32a7" width="1"></img></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag123_logo-scaled.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Weiße Zwerge - die Rettung vor dem Schwarzen Loch? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Heutzutage mögen Schwarze Löcher selbstverständlicher Teil des Weltalls sein, doch das war nicht immer so. Nachdem der deutsche Astrophysiker Karl Schwarzschild zu Beginn des 20. Jahrhunderts gezeigt hatte, dass Schwarze Löcher als Lösung der Einsteinschen Feldgleichungen der Allgemeinen Relativitätstheorie herauskommen, hatten Physiker in den folgenden Jahrzehnten nur ein Bestreben: Wie werden sie die merkwürdigen Objekte wieder los?</p> <p>Karl Schwarzschild hatte berechnet, dass ein Stern gar sonderbare Dinge mit der Raumzeit anstellt, wenn sein Volumen auf einmal so drastisch schrumpft, dass der Radius des Sterns unter dem sogenannten Schwarzschild-Radius liegt: Dann nämlich gäbe es jenseits dieses Radius` kein Entkommen mehr, hätten Licht oder Materie ihn einmal überquert. Die Raumzeit wäre zu stark gekrümmt, und im Inneren lauerte die Singularität: ein Ort mit unendlicher Dichte und noch vielerlei anderen Unendlichkeiten, über die sich selbst Albert Einstein am liebsten gar keine Gedanken machen wollte: Für ihn wäre es eine „Katastrophe“, wäre der Radius eines Körpers kleiner als sein Schwarzschild-Radius – würde ein Himmelskörper also zu dem werden, was wir heute als Schwarzes Loch bezeichnen.</p> <p>Da traf es sich gut, dass der Schwarzschild-Radius eines Sterns recht winzig ist: Bei der Sonne beträgt er nur wenige Kilometer. Und es sollte doch unmöglich sein, dass ein Stern einfach so zusammenstürzt und kleiner wird als dieser Radius – so glaubten viele Forschende?</p> <p>Tatsächlich würde ein Stern wie unsere Sonne einfach so unter ihrer eigenen Schwerkraft zusammenstürzen – wenn nicht der Strahlungsdruck der Kernfusion in ihrem Inneren einen Gegendruck erzeugen würde. Und das heißt: Vorerst bleibt die Sonne so groß wie sie ist. Aber was passiert eigentlich, wenn der Brennstoff eines Sterns am Ende seiner Entwicklung verbraucht ist? Was könnte einen solchen Stern davon abhalten, zu dem so „katastrophalen“ Schwarzen Loch zu kollabieren?</p> <p>In dieser Folge des AstroGeo-Podcasts erzählt Franzi, wie Weiße Zwerge und Neutronensterne den Kollaps eines Sterns zunächst aufhalten können – und wie sie deshalb das Universum fast vor der Existenz der Schwarzen Löcher bewahrt hätten.<aside></aside></p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 75: <a href="https://astrogeo.de/ein-schwarzes-loch-im-zentrum-der-etwas-andere-quasi-stern/">Ein Schwarzes Loch im Zentrum: der etwas andere Quasi-Stern</a></li> <li>Folge 105: <a href="https://astrogeo.de/vom-mittelpunkt-zum-mitlaeufer-wie-wir-unseren-platz-im-kosmos-fanden/">Vom Mittelpunkt zum Mitläufer: Wie wir unseren Platz im Kosmos fanden</a></li> <li>Folge 120: <a href="https://astrogeo.de/riss-in-der-raumzeit-wie-karl-schwarzschild-auf-schwarze-loecher-stiess/">Raumzeit-Riss: Wie Karl Schwarzschild auf Schwarze Löcher stieß</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a><strong>Weiterführende Links</strong></h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Schwarzschild">Karl Schwarzschild</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Einstein">Albert Einstein</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Allgemeine_Relativit%C3%A4tstheorie">Allgemeine Relativitätstheorie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ereignishorizont">Ereignishorizont</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Singularit%C3%A4t_(Astronomie)">Singularität (Astronomie)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzes_Loch">Schwarzes Loch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Schwarzen_L%C3%B6cher">Geschichte der Schwarzen Löcher</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ereignishorizont">Ereignishorizont</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sirius">Sirius</a></li> <li>WP:<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wei%C3%9Fer_Zwerg">Weißer Zwerg</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ralph_Howard_Fowler">Ralph Howard Fowler</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Arthur_Stanley_Eddington">Arthur Stanley Eddington</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Masse-Leuchtkraft-Beziehung">Masse-Leuchtkraft-Beziehung</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Subrahmanyan_Chandrasekhar">Subrahmanyan Chandrasekhar</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Spezielle_Relativit%C3%A4tstheorie">Spezielle Relativitätstheorie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Chandrasekhar-Grenze">Chandrasekhar-Grenze</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lew_Dawidowitsch_Landau">Lew Dawidowitsch Landau</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Entartete_Materie">Entartete Materie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Neutron">Neutron</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Neutronenstern">Neutronenstern</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Oppenheimer">Robert Oppenheimer</a></li> <li>Welt der Physik: <a href="https://www.weltderphysik.de/gebiet/universum/schwarze-loecher/ereignishorizont/">Die Grenzen eines Schwarzen Lochs</a> (2016)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Buch: <a href="https://marcuschown.com/book/a-crack-in-everything/">Marcus Chown: A Crack in Everything</a></li> <li>Buch: <a href="https://yalebooks.yale.edu/book/9780300219661/black-hole/">Marcia Bartusiak: Black Hole</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s00016-025-00331-2">The Prediction and Interpretation of Singularities and Black Holes: From Einstein and Schwarzschild to Penrose and Wheeler</a> (2025)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/002182860904000201">The Discovery of the Existence of White Dwarf Stars: 1862 to 1930</a> (2009)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://esahubble.org/images/heic0516a/">ASA, ESA, H. Bond (STScI), and M. Barstow (University of Leicester)</a></em><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg05.met.vgwort.de/na/6e899d51e6a446b18f9c2c71315a32a7" width="1"></img></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-weisse-zwerge-die-rettung-vor-dem-schwarzen-loch/#comments 5 Studie: Verbessert Cannabis die Gehirn-Vernetzung und die Empathie? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/studie-verbessert-cannabis-die-gehirn-vernetzung-und-die-empathie/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/studie-verbessert-cannabis-die-gehirn-vernetzung-und-die-empathie/#comments Wed, 24 Sep 2025 11:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3442 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/marijuana-leaf-5315561_1920-768x512.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/studie-verbessert-cannabis-die-gehirn-vernetzung-und-die-empathie/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/marijuana-leaf-5315561_1920.jpg" /><h1>Studie: Verbessert Cannabis die Gehirn-Vernetzung und die Empathie? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>In den Medien hört man viel über die Risiken der beliebten Droge. Mexikanische Forscher fanden im Hirnscanner eine mögliche Verbesserung.</strong></p> <span id="more-3442"></span> <p><em>ein Gastbeitrag von Dr. Wiebke Schick</em></p> <p>Es passierte kurz vor Weihnachten: ich blätterte im Zug durch ein Journal und war in Gedanken bei den Feiertagen, den Familienfeiern sowie dem Stress, der dadurch entsteht – und lese da: Cannabisnutzer zeigen mehr Empathie! Ich wusste sofort: Das muss auf die Bühne!</p> <p>Die Autoren der Studie hatten eine <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/jnr.25252">dichtere Vernetzung im Gehirn von Cannabis-Nutzern</a> in der Gürtelwindung, im <em>Gyrus cinguli</em>, festgestellt. So eine dichtere Vernetzung entsteht, wenn die Nervenzellen immer wieder gemeinsam aktiv werden: es bilden sich zwischen den Nervenzellen weitere Synapsen, also weitere Kontaktstellen, und durch mehr Kontakte werden die Netzwerke größer und die Informationsübertragung schneller. Durch diese häufige gemeinsame Aktivierung steigt auch die Wahrscheinlichkeit, in Zukunft wieder gemeinsam aktiv zu werden. Das passiert beim Lernen, und ist der Grund, wieso wir in so unterschiedlichen Gebieten wie Turmspringen, den Regierungszeiten der römischen Kaiser und der Fantasiesprache Klingonisch mit ausreichend Wiederholung zu Experten werden können, um nur einige Beispiele zu nennen.</p> <p>Solch ein Zuwachs an Verbindungen zwischen den Nervenzellen war bei den Cannabisnutzern in der Region entdeckt worden, die an der Entstehung von Empathie beteiligt ist. Hier feuern also die Neurone, wenn wir die Perspektive eines Mitmenschen einnehmen, wenn wir nachvollziehen, warum sie oder er jetzt so empfindet. Möglich, dass wir uns von der Stimmung anstecken lassen und mitschwingen, möglich, dass wir eine Erwartung anstellen, was als Nächstes passiert, und uns darauf vorbereiten, passend zu reagieren. Es kann überlebenswichtig sein, zu erkennen, ob jetzt eine Umarmung angebracht ist – oder die Flucht!<aside></aside></p> <p>Allerdings kann man aus den MRT-Aufnahmen und den Fragebögen nicht feststellen, ob die bessere Vernetzung und die Tendenz zu sozialeren Antworten durch das Tetrahydrocannabinol verursacht werden – oder dadurch, dass es die Nutzer immer wieder in einen Zustand versetzt, in der sie an das Wohl anderer denken und sich mit dem Befinden ihrer Mitmenschen auseinandersetzen. Dieses wiederholte Aktivieren derselben neuronalen Netzwerke – landläufig auch “Lernen” genannt – verstärkt die synaptischen Verbindungen zwischen den daran beteiligten Neuronen, und erhöht auch die Wahrscheinlichkeit, dass diese Neurone in Zukunft wieder gemeinsam aktiv werden. In mehreren Studien wurde durch wiederholtes Training eine <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s10826-019-01413-9">Verbesserung des empathischen Verständnisses</a> beobachtet, sowohl bei <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s10826-019-01413-9&quot;">Jugendlichen als auch bei Erwachsenen</a>.</p> <h2 id="h-uberraschende-botschaften">Überraschende Botschaften</h2> <p>Schon beim ersten Auftritt fiel mir auf, wie erstaunt sowohl Veranstalter als auch Zuschauer darüber waren, jenseits von medizinischen Anwendungen etwas Positives über Cannabis zu hören. Das Publikum bestand aus zwei Gruppen: den Begeisterten und den Besorgten. Da immer wieder dieselben Fragen gestellt wurden, begann ich zu recherchieren, und baute die Antworten in Form eines Publikumsquiz ein, wodurch ich einen noch genaueren Eindruck davon bekam, was gewusst, gedacht und befürchtet wurde.</p> <p>Begeisterung zeigt sich oft so: ein Jugendlicher strahlt erst mich an, dann seine Mama und freut sich: “Siehst du, Mama, Kiffen tut mir gut!”</p> <p>Die Besorgten dagegen sprechen von psychischen Erkrankungen sowie von Cannabis als Einstiegsdroge. Die These von der Einstiegsdroge wurde schon 1994 vom <a href="https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/1994/03/ls19940309_2bvl004392.html">Bundesverfassungsgericht</a> verworfen. Die typischen Einstiegsdrogen sind Nikotin und Alkohol. (Hier bei MENSCHEN-BILDER wurde zuvor eine Studie in der angesehenen Fachzeitschrift <em>Science</em> aus den 1970er-Jahren behandelt, die <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/weg-mit-den-mythen-die-entkriminalisierung-von-cannabis-hilft-auch-der-wissenschaft/">schon 20 Jahre vorher den Mythos von Cannabis als Einstiegsdroge</a> widerlegte.)</p> <h2 id="h-gefahren-von-cannabiskonsum">Gefahren von Cannabiskonsum</h2> <p>Zusammenhänge wurden aber auch bei der Verursachung von psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie oder Psychosen gefunden. Eine eindeutige Zuordnung von Cannabis als alleiniger Auslöser war aber nicht möglich: Viele dieser Studien untersuchten Menschen, die das Cannabis in der Pubertät konsumiert haben. Die Pubertät ist aber bei allen, auch bei Nicht-Konsumenten, die Zeit, in der die Wahrscheinlichkeit am höchsten ist, dass psychische Erkrankungen bemerkbar werden.</p> <p><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30150663/">2018 wurden fast 185.000 Teilnehmer für eine Studie zu Cannabis und Schizophrenie</a> genetisch untersucht. Die Beweislage für die Rolle des Cannabis bei der Entstehung von Schizophrenie war schwach. Die Forscher machten aber eine andere Entdeckung: Personen, die bestimmte Gene in sich tragen, die mit der Krankheit in Verbindung gebracht werden, neigen eher zum Cannabiskonsum.</p> <p>Wie sieht es aber bei den Cannabis-Nutzern mit der Gefahrenwahrnehmung aus? Anders gefragt: ist das Gras wirklich grüner auf der anderen Seite? Die Befürworter hatten oft schon persönlich positive Erfahrungen gemacht, und viele erzählten mir, dass sie die Gesellschaft anderer mehr genießen konnten, wenn sie entspannt und gut drauf waren. Das Studienergebnis war für viele Bestätigung der eigenen Erfahrung. Eine Förderung des sozialen Verhaltens durch Cannabis stellten auch Vigel und Kollegen ihrer Studie “<a href="https://www.nature.com/articles/s41598-022-12202-8">Cannabis consumption and prosociality</a>” fest.</p> <p>Wenn ich die Begeisterten fragte, warum sie zum Gras griffen, wurden oft Entspannung und Spaß genannt. Das deckt sich mit den Antworten des <u><a href="https://www.bioeg.de/fileadmin/user_upload/Studien/PDF/DAS_2023_Forschungsbericht_final.pdf">BZgA-Forschungsbericht / 2025 Die Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland 2023</a></u>. Für diesen Bericht wurden Jugendliche und junge Erwachsene wurden nach ihrem Konsum befragt, der zu dem Zeitpunkt ja noch illegal war.</p> <p>Gefragt wurde auch nach der Einschätzung der Risiken des Cannabiskonsums: Obwohl die Mehrzahl der befragten Jugendlichen den Konsum für schädlich oder sehr schädlich hielt, war das Wissen über negative Folgen begrenzt, die häufigste Antwort war “weiß nicht” (S. 59). Ist das ein Grund, weshalb so viele Nutzer ihren Konsum nicht als Risiko einschätzen? Denn obwohl der Konsum allgemein als schädlich eingeschätzt wurde, hielt der Großteil der Befragten den eigenen Konsum für unbedenklich: 83,7 % der jugendlichen Nutzer gaben an, dass sie sich nie Sorgen über ihren Konsum machten, und bei den jungen Erwachsenen ging es 74,1 % genauso (S. 58).</p> <h2 id="h-cannabis-und-altersgrenzen">Cannabis und Altersgrenzen</h2> <p><a href="https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/ccc4e9a4ab57211f0c3b0af315ffd99a27ce3fb3/2023-11-02_DGPPN_STN_Cannabis.pdf)">Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) warnte in einer Stellungnahme</a> vor den Auswirkungen von Cannabis auf das reifende Gehirn. Als Richtwert für die vollständige Entwicklung gilt das Alter von 21 Jahren. Vor allem die Reifung der Nervenzellen und die Myelinisierung, also die Bildung der umhüllenden Schichten, die für die Geschwindigkeit der Signalweiterleitung im Gehirn entscheidend ist, werden vom Cannabiskonsum beeinträchtigt.</p> <p>Salopp gefragt: Was verbaut man sich vielleicht in der Jugend, wenn man da gerne mal einen Joint baut? Bis wir erwachsen sind, finden in unseren Gehirnen viele Umbauprozesse statt. Wir können uns das vorstellen wie die Entwicklung des Verkehrsnetzes einer Stadt: während sie wächst, kommen neue Verbindungen und Abzweigungen dazu, und viel befahrene Strecken werden erweitert, erhalten eine zweite Spur, während auf der Straße zu einem Ort, an dem wenig los ist, auch wenig Verkehr ist.</p> <p><em></em>Wenn der Aufbau des Verkehrsnetzes von außen gestört und behindert wird, hat das Folgen für den späteren Verkehrsfluss. Übertragen auf das Gehirn heißt das, dass man noch zu wenig weiß, um vorherzusagen, welche Strecken dann eventuell nicht optimal ausgebaut werden, und bei welchen Fähigkeiten, Eigenschaften und Gewohnheiten Cannabis Einfluss nimmt. Denn sie wissen nicht, was sie tun – das trifft hier zu.</p> <p>Eine Freigabe erst ab dem 21. Lebensjahr wäre eine Möglichkeit gewesen, dieses Wissen um die Gehirnreifung publik zu machen und es mit einer verständlichen und genauen Analyse der Auswirkungen zu verbinden. Da mag vielleicht der eine oder andere Kopf rauchen, aber vielleicht verdampft damit ein Teil dieses gefährlichen Halbwissens!</p> <p>Es gibt also noch viel zu diskutieren – am besten empathisch, und mit der Bereitschaft, sich das ganze Bild anzuschauen. Und wenn mich wieder ein Moderator fragt, ob ich Marihuana als Weg zu einer friedlicheren Welt sehe, antworte ich: Die Entscheidung, ob Cannabis der Weg zu mehr Wohlbefinden ist, sollte jeder für sich selber treffen dürfen – aber erst wenn er dazu in der Lage ist – neuroanatomisch gesehen! Denn erst dann ist es für die Hirnentwicklung egal, ob das Mehr an Wohlbefinden durch mehr Entspannung oder weniger Schmerzen entsteht – oder durch friedliche Feiertage!</p> <h2 id="h-uber-die-autorin">Über die Autorin</h2> <p><a href="https://www.schick-und-schlau.de/">Dr. Wiebke Schick</a> ist Neuro-, Sprach- und Datenwissenschaftlerin. Bisher hat sie vor allem untersucht, was im Gehirn passiert, wenn wir ein Navigationsgerät nutzen, also Wegbeschreibungen folgen, und wie Sprache die Wahrnehmung und Erinnerung beeinflusst. Grundlage für all das ist die Neuroplastizität, also die Fähigkeit des Gehirns, sich zu verändern und anzupassen. Das passiert nicht nur in neuen Umgebungen, sondern kann auch durch Substanzen ausgelöst werden, zum Beispiel Alkohol und Cannabis. Und der Konsum wiederum hat Auswirkungen auf die Wahrnehmung, auf die eigene, und die der Mitmenschen. Seit zwei Jahren tritt sie bei Science Slams mit einem Cannabis-Slam auf. Dieser Blogbeitrag ist ihr Erfahrungsbericht, es handelt sich sozusagen um eine (Hanf-)Feldstudie.</p> <h2 id="h-mehr-zum-thema">Mehr zum Thema</h2> <figure><a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die Cannabis-Gesetzgebung sowie wichtige Grundlagen: Was ist eine Droge? Was ist Abhängigkeit? Seit wann gibt es Cannabiskonsum in der Menschheitsgeschichte? Und was sind sein Nutzen und seine Risiken? Das neue Buch von Stephan Schleim gibt es als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/nl/book/die-cannabis-protokolle/id6745148090">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=f5pZEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/marijuana-leaf-cannabis-leaf-5315561/">Erin Stone</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/marijuana-leaf-5315561_1920.jpg" /><h1>Studie: Verbessert Cannabis die Gehirn-Vernetzung und die Empathie? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>In den Medien hört man viel über die Risiken der beliebten Droge. Mexikanische Forscher fanden im Hirnscanner eine mögliche Verbesserung.</strong></p> <span id="more-3442"></span> <p><em>ein Gastbeitrag von Dr. Wiebke Schick</em></p> <p>Es passierte kurz vor Weihnachten: ich blätterte im Zug durch ein Journal und war in Gedanken bei den Feiertagen, den Familienfeiern sowie dem Stress, der dadurch entsteht – und lese da: Cannabisnutzer zeigen mehr Empathie! Ich wusste sofort: Das muss auf die Bühne!</p> <p>Die Autoren der Studie hatten eine <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/jnr.25252">dichtere Vernetzung im Gehirn von Cannabis-Nutzern</a> in der Gürtelwindung, im <em>Gyrus cinguli</em>, festgestellt. So eine dichtere Vernetzung entsteht, wenn die Nervenzellen immer wieder gemeinsam aktiv werden: es bilden sich zwischen den Nervenzellen weitere Synapsen, also weitere Kontaktstellen, und durch mehr Kontakte werden die Netzwerke größer und die Informationsübertragung schneller. Durch diese häufige gemeinsame Aktivierung steigt auch die Wahrscheinlichkeit, in Zukunft wieder gemeinsam aktiv zu werden. Das passiert beim Lernen, und ist der Grund, wieso wir in so unterschiedlichen Gebieten wie Turmspringen, den Regierungszeiten der römischen Kaiser und der Fantasiesprache Klingonisch mit ausreichend Wiederholung zu Experten werden können, um nur einige Beispiele zu nennen.</p> <p>Solch ein Zuwachs an Verbindungen zwischen den Nervenzellen war bei den Cannabisnutzern in der Region entdeckt worden, die an der Entstehung von Empathie beteiligt ist. Hier feuern also die Neurone, wenn wir die Perspektive eines Mitmenschen einnehmen, wenn wir nachvollziehen, warum sie oder er jetzt so empfindet. Möglich, dass wir uns von der Stimmung anstecken lassen und mitschwingen, möglich, dass wir eine Erwartung anstellen, was als Nächstes passiert, und uns darauf vorbereiten, passend zu reagieren. Es kann überlebenswichtig sein, zu erkennen, ob jetzt eine Umarmung angebracht ist – oder die Flucht!<aside></aside></p> <p>Allerdings kann man aus den MRT-Aufnahmen und den Fragebögen nicht feststellen, ob die bessere Vernetzung und die Tendenz zu sozialeren Antworten durch das Tetrahydrocannabinol verursacht werden – oder dadurch, dass es die Nutzer immer wieder in einen Zustand versetzt, in der sie an das Wohl anderer denken und sich mit dem Befinden ihrer Mitmenschen auseinandersetzen. Dieses wiederholte Aktivieren derselben neuronalen Netzwerke – landläufig auch “Lernen” genannt – verstärkt die synaptischen Verbindungen zwischen den daran beteiligten Neuronen, und erhöht auch die Wahrscheinlichkeit, dass diese Neurone in Zukunft wieder gemeinsam aktiv werden. In mehreren Studien wurde durch wiederholtes Training eine <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s10826-019-01413-9">Verbesserung des empathischen Verständnisses</a> beobachtet, sowohl bei <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s10826-019-01413-9&quot;">Jugendlichen als auch bei Erwachsenen</a>.</p> <h2 id="h-uberraschende-botschaften">Überraschende Botschaften</h2> <p>Schon beim ersten Auftritt fiel mir auf, wie erstaunt sowohl Veranstalter als auch Zuschauer darüber waren, jenseits von medizinischen Anwendungen etwas Positives über Cannabis zu hören. Das Publikum bestand aus zwei Gruppen: den Begeisterten und den Besorgten. Da immer wieder dieselben Fragen gestellt wurden, begann ich zu recherchieren, und baute die Antworten in Form eines Publikumsquiz ein, wodurch ich einen noch genaueren Eindruck davon bekam, was gewusst, gedacht und befürchtet wurde.</p> <p>Begeisterung zeigt sich oft so: ein Jugendlicher strahlt erst mich an, dann seine Mama und freut sich: “Siehst du, Mama, Kiffen tut mir gut!”</p> <p>Die Besorgten dagegen sprechen von psychischen Erkrankungen sowie von Cannabis als Einstiegsdroge. Die These von der Einstiegsdroge wurde schon 1994 vom <a href="https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/1994/03/ls19940309_2bvl004392.html">Bundesverfassungsgericht</a> verworfen. Die typischen Einstiegsdrogen sind Nikotin und Alkohol. (Hier bei MENSCHEN-BILDER wurde zuvor eine Studie in der angesehenen Fachzeitschrift <em>Science</em> aus den 1970er-Jahren behandelt, die <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/weg-mit-den-mythen-die-entkriminalisierung-von-cannabis-hilft-auch-der-wissenschaft/">schon 20 Jahre vorher den Mythos von Cannabis als Einstiegsdroge</a> widerlegte.)</p> <h2 id="h-gefahren-von-cannabiskonsum">Gefahren von Cannabiskonsum</h2> <p>Zusammenhänge wurden aber auch bei der Verursachung von psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie oder Psychosen gefunden. Eine eindeutige Zuordnung von Cannabis als alleiniger Auslöser war aber nicht möglich: Viele dieser Studien untersuchten Menschen, die das Cannabis in der Pubertät konsumiert haben. Die Pubertät ist aber bei allen, auch bei Nicht-Konsumenten, die Zeit, in der die Wahrscheinlichkeit am höchsten ist, dass psychische Erkrankungen bemerkbar werden.</p> <p><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30150663/">2018 wurden fast 185.000 Teilnehmer für eine Studie zu Cannabis und Schizophrenie</a> genetisch untersucht. Die Beweislage für die Rolle des Cannabis bei der Entstehung von Schizophrenie war schwach. Die Forscher machten aber eine andere Entdeckung: Personen, die bestimmte Gene in sich tragen, die mit der Krankheit in Verbindung gebracht werden, neigen eher zum Cannabiskonsum.</p> <p>Wie sieht es aber bei den Cannabis-Nutzern mit der Gefahrenwahrnehmung aus? Anders gefragt: ist das Gras wirklich grüner auf der anderen Seite? Die Befürworter hatten oft schon persönlich positive Erfahrungen gemacht, und viele erzählten mir, dass sie die Gesellschaft anderer mehr genießen konnten, wenn sie entspannt und gut drauf waren. Das Studienergebnis war für viele Bestätigung der eigenen Erfahrung. Eine Förderung des sozialen Verhaltens durch Cannabis stellten auch Vigel und Kollegen ihrer Studie “<a href="https://www.nature.com/articles/s41598-022-12202-8">Cannabis consumption and prosociality</a>” fest.</p> <p>Wenn ich die Begeisterten fragte, warum sie zum Gras griffen, wurden oft Entspannung und Spaß genannt. Das deckt sich mit den Antworten des <u><a href="https://www.bioeg.de/fileadmin/user_upload/Studien/PDF/DAS_2023_Forschungsbericht_final.pdf">BZgA-Forschungsbericht / 2025 Die Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland 2023</a></u>. Für diesen Bericht wurden Jugendliche und junge Erwachsene wurden nach ihrem Konsum befragt, der zu dem Zeitpunkt ja noch illegal war.</p> <p>Gefragt wurde auch nach der Einschätzung der Risiken des Cannabiskonsums: Obwohl die Mehrzahl der befragten Jugendlichen den Konsum für schädlich oder sehr schädlich hielt, war das Wissen über negative Folgen begrenzt, die häufigste Antwort war “weiß nicht” (S. 59). Ist das ein Grund, weshalb so viele Nutzer ihren Konsum nicht als Risiko einschätzen? Denn obwohl der Konsum allgemein als schädlich eingeschätzt wurde, hielt der Großteil der Befragten den eigenen Konsum für unbedenklich: 83,7 % der jugendlichen Nutzer gaben an, dass sie sich nie Sorgen über ihren Konsum machten, und bei den jungen Erwachsenen ging es 74,1 % genauso (S. 58).</p> <h2 id="h-cannabis-und-altersgrenzen">Cannabis und Altersgrenzen</h2> <p><a href="https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/ccc4e9a4ab57211f0c3b0af315ffd99a27ce3fb3/2023-11-02_DGPPN_STN_Cannabis.pdf)">Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) warnte in einer Stellungnahme</a> vor den Auswirkungen von Cannabis auf das reifende Gehirn. Als Richtwert für die vollständige Entwicklung gilt das Alter von 21 Jahren. Vor allem die Reifung der Nervenzellen und die Myelinisierung, also die Bildung der umhüllenden Schichten, die für die Geschwindigkeit der Signalweiterleitung im Gehirn entscheidend ist, werden vom Cannabiskonsum beeinträchtigt.</p> <p>Salopp gefragt: Was verbaut man sich vielleicht in der Jugend, wenn man da gerne mal einen Joint baut? Bis wir erwachsen sind, finden in unseren Gehirnen viele Umbauprozesse statt. Wir können uns das vorstellen wie die Entwicklung des Verkehrsnetzes einer Stadt: während sie wächst, kommen neue Verbindungen und Abzweigungen dazu, und viel befahrene Strecken werden erweitert, erhalten eine zweite Spur, während auf der Straße zu einem Ort, an dem wenig los ist, auch wenig Verkehr ist.</p> <p><em></em>Wenn der Aufbau des Verkehrsnetzes von außen gestört und behindert wird, hat das Folgen für den späteren Verkehrsfluss. Übertragen auf das Gehirn heißt das, dass man noch zu wenig weiß, um vorherzusagen, welche Strecken dann eventuell nicht optimal ausgebaut werden, und bei welchen Fähigkeiten, Eigenschaften und Gewohnheiten Cannabis Einfluss nimmt. Denn sie wissen nicht, was sie tun – das trifft hier zu.</p> <p>Eine Freigabe erst ab dem 21. Lebensjahr wäre eine Möglichkeit gewesen, dieses Wissen um die Gehirnreifung publik zu machen und es mit einer verständlichen und genauen Analyse der Auswirkungen zu verbinden. Da mag vielleicht der eine oder andere Kopf rauchen, aber vielleicht verdampft damit ein Teil dieses gefährlichen Halbwissens!</p> <p>Es gibt also noch viel zu diskutieren – am besten empathisch, und mit der Bereitschaft, sich das ganze Bild anzuschauen. Und wenn mich wieder ein Moderator fragt, ob ich Marihuana als Weg zu einer friedlicheren Welt sehe, antworte ich: Die Entscheidung, ob Cannabis der Weg zu mehr Wohlbefinden ist, sollte jeder für sich selber treffen dürfen – aber erst wenn er dazu in der Lage ist – neuroanatomisch gesehen! Denn erst dann ist es für die Hirnentwicklung egal, ob das Mehr an Wohlbefinden durch mehr Entspannung oder weniger Schmerzen entsteht – oder durch friedliche Feiertage!</p> <h2 id="h-uber-die-autorin">Über die Autorin</h2> <p><a href="https://www.schick-und-schlau.de/">Dr. Wiebke Schick</a> ist Neuro-, Sprach- und Datenwissenschaftlerin. Bisher hat sie vor allem untersucht, was im Gehirn passiert, wenn wir ein Navigationsgerät nutzen, also Wegbeschreibungen folgen, und wie Sprache die Wahrnehmung und Erinnerung beeinflusst. Grundlage für all das ist die Neuroplastizität, also die Fähigkeit des Gehirns, sich zu verändern und anzupassen. Das passiert nicht nur in neuen Umgebungen, sondern kann auch durch Substanzen ausgelöst werden, zum Beispiel Alkohol und Cannabis. Und der Konsum wiederum hat Auswirkungen auf die Wahrnehmung, auf die eigene, und die der Mitmenschen. Seit zwei Jahren tritt sie bei Science Slams mit einem Cannabis-Slam auf. Dieser Blogbeitrag ist ihr Erfahrungsbericht, es handelt sich sozusagen um eine (Hanf-)Feldstudie.</p> <h2 id="h-mehr-zum-thema">Mehr zum Thema</h2> <figure><a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die Cannabis-Gesetzgebung sowie wichtige Grundlagen: Was ist eine Droge? Was ist Abhängigkeit? Seit wann gibt es Cannabiskonsum in der Menschheitsgeschichte? Und was sind sein Nutzen und seine Risiken? Das neue Buch von Stephan Schleim gibt es als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/nl/book/die-cannabis-protokolle/id6745148090">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=f5pZEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/marijuana-leaf-cannabis-leaf-5315561/">Erin Stone</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/studie-verbessert-cannabis-die-gehirn-vernetzung-und-die-empathie/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>25</slash:comments> </item> <item> <title>Glauben II https://scilogs.spektrum.de/3g/glauben-ii/ https://scilogs.spektrum.de/3g/glauben-ii/#comments Mon, 22 Sep 2025 09:49:19 +0000 Christian Hoppe https://scilogs.spektrum.de/3g/?p=310 <h1>Glauben II » 3G » SciLogs</h1><h2>By Christian Hoppe</h2><div itemprop="text"> <p>Wenn man Glauben als die allgemeinmenschliche Fähigkeit deutet, bestimmte Vorstellungen durch Aufmerksamkeit und Absorption quasi Wirklichkeit werden zu lassen, sodass ihre (vermeintliche) Wahrheit konkret empfunden und erlebt wird, dann kommt einem Typ dieses Glaubens eine besonders wichtige Bedeutung zu: dem Rollenspiel.</p> <p>Gegeben die derzeitige absolute Dominanz individualpsychologischer Ideen – z.B. Selbstverwirklichung, Selbstwirksamkeit, Achtsamkeit/Meditation, individuelle Psychotherapie usw. –, wird die Funktion und Bedeutung sozialer Rollen stark unterschätzt. Vielen ist nicht bewusst, dass sie sich während des Tages (und auch nachts!) fortlaufend in solchen Rollen bewegen und dass diese Rollen ihr Verhalten, vor allem auch das Sozialverhalten, entscheidend beeinflussen. Der wichtigste Aspekt der Rolle ist der mit dieser Rolle verbundene soziale Status, der bereits für sich genommen einen enormen Einfluss auf das mögliche und unmögliche Miteinander ausübt. Und dass dies eben genau so ist, dass also Rollen und der mit ihnen verknüpfte soziale Status in ihrer Wirkung praktisch kaum wahrgenommen werden, ist genau der Effekt dieser hochinteressanten und relevanten Variante des Glaubens, wie er oben definiert wurde. Denn auch im Rollenspiel werden bestimmte Vorstellungen, von dem, wer man ist (bzw. zu sein hat aus der Perspektive der Anderen), wie man sich zu verhalten hat, usw. durch Aufmerksamkeitszuwendung und Absorption quasi zu <em>der</em> Wirklichkeit und Identität der eigenen Person. Die für eine andere Person verständlichste und zugänglichste Art und Weise, sich vorzustellen, ist daher auch die Nennung und Erläuterung der diversen Rollen, die man innehat, seien es berufliche (Ärztin an einer Uniklinik) oder private Rollen (Mutter von drei Schulkindern). Die Rollenvorstellung übt eine starke Wirkung auf das eigene tatsächliche Verhalten aus, strukturiert und orientiert es; sie beinhaltet auch einen Beurteilungsmaßstab. Vor allem strukturiert sie das Sozialverhalten und richtet es inhaltlich aus. Beispielsweise kann ich in meiner Rolle als klinischer Neuropsychologe innerhalb kürzester Zeit mit mir zuvor völlig unbekannten Patienten/-innen in ein Gespräch über teils sehr persönliche Themen gelangen. Vielleicht ist es so, dass man eine Rolle mit seiner eigenen Person ausfüllen und gestalten muss – eben: an sie glauben muss –, aber die Wirkung der Rolle selbst darf man auf keinen Fall unterschätzen.</p> <p>Der religiöse Glaube kann sehr facettenreiche Rollenspiele mit sich bringen. Ich meine hier in erster Linie nicht klar definierte offizielle Rollen wie Papst, Priester, Ordensschwester, Kirchenvorstandsmitglied, gläubiger Laie und ähnliches (um einmal christliche Beispiele zu nennen) – wobei derartige Rollen und die mit ihnen verbundene Macht und Hierarchie ganz offensichtlich eine entscheidende Auswirkung auf die Kirchen bzw. Religionsgemeinschaften als Institutionen haben. Ich meinte vielmehr die religiöse Rolle bzw. genauer: die religiösen Rollen als Gläubiger wie zum Beispiel: Kind Gottes; Sünder; Beter/Mystiker; ein (besonders) guter Mensch (vgl. barmherziger Samariter) oder ein besonders ernsthafter Mensch; jemand, der über tiefere Erkenntnis, über Offenbarungswissen verfügt, der um metaphysische Dinge weiß, von denen andere nichts ahnen; ein Sterblicher, der sich auf das ewige Leben bei Gott vorbereitet; ein Missionar oder ein Apologet (eher im angelsächsischen Raum bekannt); ein frommer demütiger Mensch; ein Heiliger; usw. Mit diesen Rollen gehen bestimmte religiöse Handlungen und Sprechhandlungen einher. Diese religiösen Rollen prägen das Selbstbild gläubiger Person meistens stärker und tiefgehender als z.B. berufliche Rollen. Im Grunde sind religiöse Rollen „Meta-Rollen“, die die Ausübung und Gestaltung aller anderen irdischen Rollen prägen (wenn jemand es ernst meint mit seiner Religion).</p> <p>Der Glaube ist für viele gläubige Menschen die eine ganz große, das gesamte Leben von Geburt (und vorher) bis Tod (und nachher) umfassende Geschichte, auf die sich ein Gläubiger einlässt und in welcher er eine Rolle spielt (und dies präzise auch im doppelten Sinne von „Bedeutung haben“). Der religiöse Glaube besteht eben in diesem Mitspielen in der Geschichte – und darin, dabei zu vergessen, dass man nur „spielt“, dass man nur „so tut als ob“.</p> <p>Als ich über diesen Beitrag nachdachte, fiel mir der Film „Die Truman Show“ (Peter Weir, 1998) ein. Für Außenstehende – und wir alle, ausnahmslos, sind ja Außenstehende für fast alle Religionen und Glaubensüberzeugungen der Welt – wirkt es einerseits vielleicht „schlüssig“, wie Gläubige sich innerhalb ihres religiösen Bezugssystems verhalten, dies kann sogar sehr beneidenswert sein (z.B. weil man spürt, dass diese Menschen in ihrer Geschichte zuhause, geradezu geborgen sind, dass sie daraus moralische Klarheit und vielfältige Erfahrungen von Schönheit gewinnen, dass diese Geschichte sie über den Tod und schicksalshafte Ereignisse in ihrem Leben hinwegtrösten und Hoffnung jenseits eines billigen Optimismus spenden kann); wirklich religiöse Personen wirken nicht selten besonders glaubwürdig und vertrauenserweckend („true man“). Andererseits denkt man aber, dass die religiösen Vorstellungen und vorstellungskonformen Wahrnehmungen, auf denen dieses Leben beruht, sehr wahrscheinlich komplett <em>Fake</em> sind, Fantasieprodukte, dass das eine Leben, welches Gläubige besitzen, innerhalb einer von Menschen ausgedachten Vorstellung stattfindet, die kaum Evidenz für sich vorweisen kann, eine Schein-Welt, eine Lüge am Ende, in die sie meist hineingeboren bzw. von ihren Eltern während ihrer frühesten Entwicklung und Sozialisation hineingesetzt wurden – und dies durchaus „im guten Glauben“. Vielleicht wünscht man einer gläubigen Person, zu erwachen aus ihrem religiösen Traum, herauszukommen aus ihrer religiösen Trance, zur Wahrheit zu gelangen und den Tatsachen in die Augen zu schauen – so wie Truman Burbank in der „Truman Show“ irgendwann durch die Kulissen „am Ende der Welt“ in die wirkliche Welt übertritt – was seinerseits noch viel interessantere Fragen aufwirft:<aside></aside></p> <p>„<em>Christof [der Produzent der Fernsehserie; C.H.] spricht zu Truman und beschwört ihn, in Seahaven zu bleiben, da es in der wirklichen Welt nicht mehr an Wahrheit zu finden gebe als in seiner künstlich erschaffenen Heimat, in der er dafür aber Sicherheit habe. Doch Truman wählt den Ausgang.</em>“ (Wikipedia, Die Truman Show, 22.09.2025).</p> <p>Wirklich und tiefgreifend überzeugend sind für uns die Geschichten, in die wir hineingeboren wurden, die ganz selbstverständlich unsere Welt sind. Durchschauen wir diese Geschichten, weil wir logische oder empirische Inkonsistenzen darin entdeckt haben, oder stoßen wir auf neue andere interessante Geschichten (z.B. Christen, die Yoga oder Buddhismus für sich entdecken), oder würden wir vor eine Wahl gestellt, so könnten nur die wenigsten von uns (weniger als ein Drittel, schätze ich) willkürlich tief in diese Vorstellungswelt eintauchen und dann vollständig vergessen, dass sie an eine Geschichte glauben – sprich: sich von dieser Geschichte mit Haut und Haaren absorbieren lassen. Hohe Absorptionsfähigkeit bzw. hohe Suggestibilität sind letztlich eher selten (10-30%).</p> <p>Für die meisten von uns bliebe jedoch ein Rest kritischer Distanz, ob wir wollen oder nicht. Diskursiv-kritisches Denken mag tieferen (religiösen) Erlebnissen und einer vollständigen Identifikation mit religiösen Rollen vielleicht im Wege stehen – viele Religionen warnen ausdrücklich vor zu viel Denken und der Zweifel gilt manchen Christen als schwere Sünde (vgl. etwa <a href="https://www.worldchallenge.org/de/zweifel-%E2%80%93-die-s%C3%BCnde-die-gott-am-meisten-hasst">World Challenge</a>).* Aber man kann, wenn man möchte, sich religiösen Geschichten aussetzen, man kann durchaus bis zu einem gewissen Grade religiös musikalisch sein, aber eben nicht religiös virtuos.</p> <p>Vielleicht ist ein am Umgang mit guter Literatur geschulter kritisch-kompetenter Umgang auch mit religiösen Texten, Ritualen und Traditionen am Ende doch für uns alle der gesündeste Weg? Diesen Weg könnten wir jedenfalls ohne Fanatismus und ohne Bisse unseres Wahrheitsgewissens gehen, wahrscheinlich mit erheblichem Gewinn für unsere persönliche Entwicklung und für das Miteinander.</p> <p><strong>PS. </strong>Der Vergleich gerade des Christentums mit Literatur ist sicher mehr als eine bloße Metapher. Es spricht nach neueren frühjüdischen, hellenistischen und neutestamentlichen Studien einiges dafür, dass die Evangelien für die damaligen Zuhörer und Leser Geschichten bzw. Geschichtssammlungen waren, die sie keinesfalls historisch gelesen oder gehört haben, sondern vielmehr in Zusammenhang mit damals weit verbreiteten Erzählmotiven (z.B. Jungfrauengeburten, Auferstehungsgeschichten, Leere-Grab-Geschichten, u.ä.). Unser heutiges historisch-kritisches Fragen nach der historischen Wahrheit der Evangelien wäre ihnen vermutlich genauso befremdlich erschienen, wie wenn wir heute fragen würden, ob die literarische Wahrheit der „Harry Potter“-Saga denn überhaupt eine historische Basis besitzt, ob denn das alles überhaupt wirklich so stattgefunden hat, wie es da geschrieben steht (was es natürlich nicht hat). – Ich fand es schon immer verwunderlich, dass Paulus praktisch nichts von den Evangelien zu wissen scheint, z.B. von den Auferstehungserzählungen, und die Erklärung dafür ist natürlich, dass sie wesentlich später geschrieben wurden als die Paulusbriefe. Auch die Übereinstimmungen und Inkonsistenzen zwischen den (synoptischen) Evangelien erklären sich recht gut, wenn man hier professionelle, hochgebildete Schriftsteller am Werke sieht, die die seinerzeit in verschiedenen Gemeinden kursierenden Erzählungen aufgegriffen und mit höchster literarischer Qualität, u.a. mit praktisch unerreichter Kürze und Prägnanz, aufgeschrieben haben, wobei sie vielfältige Bezüge zur Hebräischen Bibel herzustellen wussten (teils verifizierbar, teils faktisch gar nicht vorhanden bzw. in der genannten Schrift nicht vorhanden). Die christliche Religion funktioniert im Wesentlichen narrativ, es wird die eine Geschichte Jesu in vielen Geschichten erzählt und diese Geschichte hat bis heute das Potential, Zuhörer in ihren Bann zu ziehen, sie in diese Geschichte hineinzuziehen und darin zu verwickeln, sodass man noch heute „in der Nachfolge Jesu“ leben kann – weil diese Literatur etwas in einem anspricht, weil sie einen Punkt trifft (vgl. etwa Andreas Maier in „Ich: Frankfurter Poetikvorlesungen“, 2006, über die Wahrheit und das Matthäus-Evangelium). Durchweg vermissen wir hingegen (außerhalb der Theologie) eine Sprachstruktur von These, Argument und Gegenargument, wie wir sie in Philosophie und Wissenschaft, aber auch im gesellschaftlichen und politischen Diskurs erwarten. Man sollte hier kein falsches Entweder-oder konstruieren.</p> <p>Ich plädiere hiermit für eine <em>Rélecture</em> des Christentums und seine Wiederaneignung im Westen als Literatur, d.h. jenseits historisch-kritischer, naturwissenschaftlicher und philosophisch-metaphysischer Fragen und jenseits (oder diesseits) exklusiver religiöser Bekenntnisse.</p> <p>* Ich selbst halte Wahrheitsliebe für die Schlüsseltugend schlechthin und schätze daher im Hinblick auf die unendlichen Möglichkeiten der Täuschung und Irreführung des menschlichen Geistes Zweifel und Skepsis sehr – wenn sie denn aus Wahrheitsliebe geboren sind.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Glauben II » 3G » SciLogs</h1><h2>By Christian Hoppe</h2><div itemprop="text"> <p>Wenn man Glauben als die allgemeinmenschliche Fähigkeit deutet, bestimmte Vorstellungen durch Aufmerksamkeit und Absorption quasi Wirklichkeit werden zu lassen, sodass ihre (vermeintliche) Wahrheit konkret empfunden und erlebt wird, dann kommt einem Typ dieses Glaubens eine besonders wichtige Bedeutung zu: dem Rollenspiel.</p> <p>Gegeben die derzeitige absolute Dominanz individualpsychologischer Ideen – z.B. Selbstverwirklichung, Selbstwirksamkeit, Achtsamkeit/Meditation, individuelle Psychotherapie usw. –, wird die Funktion und Bedeutung sozialer Rollen stark unterschätzt. Vielen ist nicht bewusst, dass sie sich während des Tages (und auch nachts!) fortlaufend in solchen Rollen bewegen und dass diese Rollen ihr Verhalten, vor allem auch das Sozialverhalten, entscheidend beeinflussen. Der wichtigste Aspekt der Rolle ist der mit dieser Rolle verbundene soziale Status, der bereits für sich genommen einen enormen Einfluss auf das mögliche und unmögliche Miteinander ausübt. Und dass dies eben genau so ist, dass also Rollen und der mit ihnen verknüpfte soziale Status in ihrer Wirkung praktisch kaum wahrgenommen werden, ist genau der Effekt dieser hochinteressanten und relevanten Variante des Glaubens, wie er oben definiert wurde. Denn auch im Rollenspiel werden bestimmte Vorstellungen, von dem, wer man ist (bzw. zu sein hat aus der Perspektive der Anderen), wie man sich zu verhalten hat, usw. durch Aufmerksamkeitszuwendung und Absorption quasi zu <em>der</em> Wirklichkeit und Identität der eigenen Person. Die für eine andere Person verständlichste und zugänglichste Art und Weise, sich vorzustellen, ist daher auch die Nennung und Erläuterung der diversen Rollen, die man innehat, seien es berufliche (Ärztin an einer Uniklinik) oder private Rollen (Mutter von drei Schulkindern). Die Rollenvorstellung übt eine starke Wirkung auf das eigene tatsächliche Verhalten aus, strukturiert und orientiert es; sie beinhaltet auch einen Beurteilungsmaßstab. Vor allem strukturiert sie das Sozialverhalten und richtet es inhaltlich aus. Beispielsweise kann ich in meiner Rolle als klinischer Neuropsychologe innerhalb kürzester Zeit mit mir zuvor völlig unbekannten Patienten/-innen in ein Gespräch über teils sehr persönliche Themen gelangen. Vielleicht ist es so, dass man eine Rolle mit seiner eigenen Person ausfüllen und gestalten muss – eben: an sie glauben muss –, aber die Wirkung der Rolle selbst darf man auf keinen Fall unterschätzen.</p> <p>Der religiöse Glaube kann sehr facettenreiche Rollenspiele mit sich bringen. Ich meine hier in erster Linie nicht klar definierte offizielle Rollen wie Papst, Priester, Ordensschwester, Kirchenvorstandsmitglied, gläubiger Laie und ähnliches (um einmal christliche Beispiele zu nennen) – wobei derartige Rollen und die mit ihnen verbundene Macht und Hierarchie ganz offensichtlich eine entscheidende Auswirkung auf die Kirchen bzw. Religionsgemeinschaften als Institutionen haben. Ich meinte vielmehr die religiöse Rolle bzw. genauer: die religiösen Rollen als Gläubiger wie zum Beispiel: Kind Gottes; Sünder; Beter/Mystiker; ein (besonders) guter Mensch (vgl. barmherziger Samariter) oder ein besonders ernsthafter Mensch; jemand, der über tiefere Erkenntnis, über Offenbarungswissen verfügt, der um metaphysische Dinge weiß, von denen andere nichts ahnen; ein Sterblicher, der sich auf das ewige Leben bei Gott vorbereitet; ein Missionar oder ein Apologet (eher im angelsächsischen Raum bekannt); ein frommer demütiger Mensch; ein Heiliger; usw. Mit diesen Rollen gehen bestimmte religiöse Handlungen und Sprechhandlungen einher. Diese religiösen Rollen prägen das Selbstbild gläubiger Person meistens stärker und tiefgehender als z.B. berufliche Rollen. Im Grunde sind religiöse Rollen „Meta-Rollen“, die die Ausübung und Gestaltung aller anderen irdischen Rollen prägen (wenn jemand es ernst meint mit seiner Religion).</p> <p>Der Glaube ist für viele gläubige Menschen die eine ganz große, das gesamte Leben von Geburt (und vorher) bis Tod (und nachher) umfassende Geschichte, auf die sich ein Gläubiger einlässt und in welcher er eine Rolle spielt (und dies präzise auch im doppelten Sinne von „Bedeutung haben“). Der religiöse Glaube besteht eben in diesem Mitspielen in der Geschichte – und darin, dabei zu vergessen, dass man nur „spielt“, dass man nur „so tut als ob“.</p> <p>Als ich über diesen Beitrag nachdachte, fiel mir der Film „Die Truman Show“ (Peter Weir, 1998) ein. Für Außenstehende – und wir alle, ausnahmslos, sind ja Außenstehende für fast alle Religionen und Glaubensüberzeugungen der Welt – wirkt es einerseits vielleicht „schlüssig“, wie Gläubige sich innerhalb ihres religiösen Bezugssystems verhalten, dies kann sogar sehr beneidenswert sein (z.B. weil man spürt, dass diese Menschen in ihrer Geschichte zuhause, geradezu geborgen sind, dass sie daraus moralische Klarheit und vielfältige Erfahrungen von Schönheit gewinnen, dass diese Geschichte sie über den Tod und schicksalshafte Ereignisse in ihrem Leben hinwegtrösten und Hoffnung jenseits eines billigen Optimismus spenden kann); wirklich religiöse Personen wirken nicht selten besonders glaubwürdig und vertrauenserweckend („true man“). Andererseits denkt man aber, dass die religiösen Vorstellungen und vorstellungskonformen Wahrnehmungen, auf denen dieses Leben beruht, sehr wahrscheinlich komplett <em>Fake</em> sind, Fantasieprodukte, dass das eine Leben, welches Gläubige besitzen, innerhalb einer von Menschen ausgedachten Vorstellung stattfindet, die kaum Evidenz für sich vorweisen kann, eine Schein-Welt, eine Lüge am Ende, in die sie meist hineingeboren bzw. von ihren Eltern während ihrer frühesten Entwicklung und Sozialisation hineingesetzt wurden – und dies durchaus „im guten Glauben“. Vielleicht wünscht man einer gläubigen Person, zu erwachen aus ihrem religiösen Traum, herauszukommen aus ihrer religiösen Trance, zur Wahrheit zu gelangen und den Tatsachen in die Augen zu schauen – so wie Truman Burbank in der „Truman Show“ irgendwann durch die Kulissen „am Ende der Welt“ in die wirkliche Welt übertritt – was seinerseits noch viel interessantere Fragen aufwirft:<aside></aside></p> <p>„<em>Christof [der Produzent der Fernsehserie; C.H.] spricht zu Truman und beschwört ihn, in Seahaven zu bleiben, da es in der wirklichen Welt nicht mehr an Wahrheit zu finden gebe als in seiner künstlich erschaffenen Heimat, in der er dafür aber Sicherheit habe. Doch Truman wählt den Ausgang.</em>“ (Wikipedia, Die Truman Show, 22.09.2025).</p> <p>Wirklich und tiefgreifend überzeugend sind für uns die Geschichten, in die wir hineingeboren wurden, die ganz selbstverständlich unsere Welt sind. Durchschauen wir diese Geschichten, weil wir logische oder empirische Inkonsistenzen darin entdeckt haben, oder stoßen wir auf neue andere interessante Geschichten (z.B. Christen, die Yoga oder Buddhismus für sich entdecken), oder würden wir vor eine Wahl gestellt, so könnten nur die wenigsten von uns (weniger als ein Drittel, schätze ich) willkürlich tief in diese Vorstellungswelt eintauchen und dann vollständig vergessen, dass sie an eine Geschichte glauben – sprich: sich von dieser Geschichte mit Haut und Haaren absorbieren lassen. Hohe Absorptionsfähigkeit bzw. hohe Suggestibilität sind letztlich eher selten (10-30%).</p> <p>Für die meisten von uns bliebe jedoch ein Rest kritischer Distanz, ob wir wollen oder nicht. Diskursiv-kritisches Denken mag tieferen (religiösen) Erlebnissen und einer vollständigen Identifikation mit religiösen Rollen vielleicht im Wege stehen – viele Religionen warnen ausdrücklich vor zu viel Denken und der Zweifel gilt manchen Christen als schwere Sünde (vgl. etwa <a href="https://www.worldchallenge.org/de/zweifel-%E2%80%93-die-s%C3%BCnde-die-gott-am-meisten-hasst">World Challenge</a>).* Aber man kann, wenn man möchte, sich religiösen Geschichten aussetzen, man kann durchaus bis zu einem gewissen Grade religiös musikalisch sein, aber eben nicht religiös virtuos.</p> <p>Vielleicht ist ein am Umgang mit guter Literatur geschulter kritisch-kompetenter Umgang auch mit religiösen Texten, Ritualen und Traditionen am Ende doch für uns alle der gesündeste Weg? Diesen Weg könnten wir jedenfalls ohne Fanatismus und ohne Bisse unseres Wahrheitsgewissens gehen, wahrscheinlich mit erheblichem Gewinn für unsere persönliche Entwicklung und für das Miteinander.</p> <p><strong>PS. </strong>Der Vergleich gerade des Christentums mit Literatur ist sicher mehr als eine bloße Metapher. Es spricht nach neueren frühjüdischen, hellenistischen und neutestamentlichen Studien einiges dafür, dass die Evangelien für die damaligen Zuhörer und Leser Geschichten bzw. Geschichtssammlungen waren, die sie keinesfalls historisch gelesen oder gehört haben, sondern vielmehr in Zusammenhang mit damals weit verbreiteten Erzählmotiven (z.B. Jungfrauengeburten, Auferstehungsgeschichten, Leere-Grab-Geschichten, u.ä.). Unser heutiges historisch-kritisches Fragen nach der historischen Wahrheit der Evangelien wäre ihnen vermutlich genauso befremdlich erschienen, wie wenn wir heute fragen würden, ob die literarische Wahrheit der „Harry Potter“-Saga denn überhaupt eine historische Basis besitzt, ob denn das alles überhaupt wirklich so stattgefunden hat, wie es da geschrieben steht (was es natürlich nicht hat). – Ich fand es schon immer verwunderlich, dass Paulus praktisch nichts von den Evangelien zu wissen scheint, z.B. von den Auferstehungserzählungen, und die Erklärung dafür ist natürlich, dass sie wesentlich später geschrieben wurden als die Paulusbriefe. Auch die Übereinstimmungen und Inkonsistenzen zwischen den (synoptischen) Evangelien erklären sich recht gut, wenn man hier professionelle, hochgebildete Schriftsteller am Werke sieht, die die seinerzeit in verschiedenen Gemeinden kursierenden Erzählungen aufgegriffen und mit höchster literarischer Qualität, u.a. mit praktisch unerreichter Kürze und Prägnanz, aufgeschrieben haben, wobei sie vielfältige Bezüge zur Hebräischen Bibel herzustellen wussten (teils verifizierbar, teils faktisch gar nicht vorhanden bzw. in der genannten Schrift nicht vorhanden). Die christliche Religion funktioniert im Wesentlichen narrativ, es wird die eine Geschichte Jesu in vielen Geschichten erzählt und diese Geschichte hat bis heute das Potential, Zuhörer in ihren Bann zu ziehen, sie in diese Geschichte hineinzuziehen und darin zu verwickeln, sodass man noch heute „in der Nachfolge Jesu“ leben kann – weil diese Literatur etwas in einem anspricht, weil sie einen Punkt trifft (vgl. etwa Andreas Maier in „Ich: Frankfurter Poetikvorlesungen“, 2006, über die Wahrheit und das Matthäus-Evangelium). Durchweg vermissen wir hingegen (außerhalb der Theologie) eine Sprachstruktur von These, Argument und Gegenargument, wie wir sie in Philosophie und Wissenschaft, aber auch im gesellschaftlichen und politischen Diskurs erwarten. Man sollte hier kein falsches Entweder-oder konstruieren.</p> <p>Ich plädiere hiermit für eine <em>Rélecture</em> des Christentums und seine Wiederaneignung im Westen als Literatur, d.h. jenseits historisch-kritischer, naturwissenschaftlicher und philosophisch-metaphysischer Fragen und jenseits (oder diesseits) exklusiver religiöser Bekenntnisse.</p> <p>* Ich selbst halte Wahrheitsliebe für die Schlüsseltugend schlechthin und schätze daher im Hinblick auf die unendlichen Möglichkeiten der Täuschung und Irreführung des menschlichen Geistes Zweifel und Skepsis sehr – wenn sie denn aus Wahrheitsliebe geboren sind.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/3g/glauben-ii/#comments 102 Parkinson & Huntington: Plötzlich kreativ? https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/parkinson-huntington-ploetzlich-kreativ/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/parkinson-huntington-ploetzlich-kreativ/#comments Mon, 22 Sep 2025 09:21:21 +0000 Antonia Ceric https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5174 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/paint-composition-with-female-model-768x512.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/parkinson-huntington-ploetzlich-kreativ/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/paint-composition-with-female-model-scaled.jpg" /><h1>Parkinson & Huntington: Plötzlich kreativ? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>Parkinson und Huntington sind neurodegenerative Erkrankungen. Das bedeutet: Nach und nach sterben Nervenzellen im Gehirn ab. Doch das nicht zufällig irgendwo, sondern in bestimmten Regionen, die für Bewegung, Denken und Stimmung entscheidend sind. So greifen beide Krankheitsbilder tief in das Nervensystem ein, verändern Motorik und Wahrnehmung und stellen Betroffene sowie Angehörige vor große Herausforderungen.</p> <p>Inmitten dieser schweren Symptome tritt jedoch ein überraschendes Phänomen auf: Manche Patientinnen oder Patienten berichten von einem neuen Drang, kreativ tätig zu werden. Sie beginnen zu malen, zu musizieren oder Gedichte zu schreiben. Andere wiederum erleben das Gegenteil: ihre Kreativität versiegt. Warum kommt es bei denselben Erkrankungen zu so unterschiedlichen Entwicklungen? Und noch wichtiger: Können Kunst und kreative Tätigkeiten gezielt genutzt werden, um das Leben mit Parkinson oder Huntington zu erleichtern?</p> <h2 id="h-wenn-das-gehirn-aus-dem-takt-gerat"><strong>Wenn das Gehirn aus dem Takt gerät</strong></h2> <p>Das menschliche Gehirn ist ein hochkomplexes Netzwerk. Verschiedene Areale sind miteinander verschaltet und arbeiten in Schleifen, die Bewegungen planen, Motivation steuern und Gedanken flexibel machen. Besonders wichtig sind dabei Botenstoffe – kleine chemische Signalgeber, die zwischen Nervenzellen vermitteln. Einer dieser Botenstoffe heißt Dopamin. Er spielt eine Schlüsselrolle für Antrieb, Belohnung und Flexibilität. [2, 4, 8]</p> <p>Bei Parkinson und Huntington werden genau jene Nervenzellen geschädigt, die Dopamin produzieren oder mit ihm arbeiten. Das bringt die fein abgestimmte Balance der Netzwerke ins Wanken – und damit auch viele Fähigkeiten, die wir für selbstverständlich halten.</p> <h2 id="h-was-passiert-bei-den-erkrankungen"><strong>Was passiert bei den Erkrankungen?</strong></h2> <h3 id="h-parkinson">Parkinson</h3> <p>Bei Parkinson sterben schrittweise Nervenzellen in der Substantia Nigra ab, einer Region im Mittelhirn, die entscheidend für die Produktion des Neurotransmitters Dopamin ist [9]. Fehlt dieses Dopamin nun, geraten die Schaltkreise der Basalganglien aus dem Gleichgewicht. Die Basalganglien sind eine Gruppe von Hirnstrukturen, die sich tief im inneren unseres Gehirns befinden. Eine ihrer wichtigsten Aufgaben ist die Initiierung und Steuerung von Bewegungsabläufen, die Entscheidung darüber, was ausgeführt, was gestoppt wird. Sie sorgen so dafür, dass wir gezielt und kontrolliert handeln können. Möchte ich etwa nach einer Tasse greifen, aktivieren die Basalganglien eben jene Muskeln, die dafür notwendig sind und unterdrücken die Aktivität jener, die dafür hinderlich wären – wie zum Beispiel das abrupte Hochreißen des Arms, der vorsichtig die Tasse greifen möchte. [1, 4]<aside></aside></p> <p>Damit das gelingt, benötigen die Basalganglien Dopamin. Dopamin verstärkt die Signale für Bewegungen, die ausgeführt werden sollen und schwächt gleichzeitig jene, die unterdrückt bleiben sollen. Ist nicht ausreichend Dopamin vorhanden, kommen gewollte Bewegungen schwer in Gang, laufen stockend ab oder lassen sich nicht rechtzeitig stoppen. Bei Betroffenen von Parkinson äußert sich dies in Symptomen wie Zittern, Bewegungsverlangsamung oder Muskelsteifheit.</p> <p>Das Dopamin in den Basalganglien beeinflusst allerdings nicht nur den Bewegungsapparat. Es ist auch eng mit Motivation, Belohnung und geistiger Flexibilität verknüpft. Es hilft uns Entscheidungen zu treffen, Neues auszuprobieren und unser Verhalten an veränderte Gegebenheiten anzupassen. Hinzu kommen daher häufig Symptome wie Antriebslosigkeit, depressive Verstimmungen und eine kognitive Rigidität – das Festhalten an Denk- und Handlungsmustern. Und eben hier erhalten wir bereits einen Hinweis darauf, wo wir die Verbindung zur Kreativität finden können. [1, 4]</p> <p>Lesen Sie mehr hier auf unserem Blog:</p> <figure></figure> <h3 id="h-huntington">Huntington</h3> <p>Bei Huntington liegt die Ursache etwas tiefer, denn die Krankheit ist genetisch bedingt. Durch eine Mutation im sogenannten Huntingtin-Gen beschädigt ein fehlerhaftes Protein Nervenzellen. Besonders betroffen ist zunächst das Striatum, ein zentraler Teil der Basalganglien, welches eng mit der Substantia Nigra aber auch der Großhirnrinde zusammenarbeitet. Später weitet sich diese Neurodegeneration – die Rückbildung von Nervenzellen – auch auf andere Hirnregionen aus. [10]</p> <p>Das Striatum erfüllt im Zusammenspiel mit den übrigen Strukturen der Basalganglien eine Art Schaltfunktion. Es bewertet, welche Handlungen sinnvoll sind, filtert unnötige Bewegungen heraus und passt unser Verhalten an Ziele und Situationen an. Die Nervenzellen im Striatum sind besonders empfindlich gegenüber der Mutationen, die Huntington verursacht. Sie gehen besonders früh im Krankheitsverlauf verloren, was weitreichende Folgen für Motorik, Stimmung und Denken hat.</p> <p>Betroffene entwickeln unwillkürliche Bewegungen, die als Chorea bezeichnet werden. Arme, Beine oder Gesichtsmuskeln bewegen sich plötzlich, ruckartig und unwillkürlich. Auch hier steckt dahinter eine Fehlsteuerung im dopaminergen Gleichgewicht. In den frühen Stadien der Erkrankung herrscht häufig eine Überaktivität von Dopamin. Bewegungen entgleiten der Kontrolle, Betroffene wirken unruhig, manchmal auch reizbar und euphorisch. [10]</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/512px-202103_Basal_ganglia.svg_.png"><img alt="" decoding="async" height="512" sizes="(max-width: 512px) 100vw, 512px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/512px-202103_Basal_ganglia.svg_.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/512px-202103_Basal_ganglia.svg_.png 512w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/512px-202103_Basal_ganglia.svg_-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/512px-202103_Basal_ganglia.svg_-150x150.png 150w" width="512"></img></a><figcaption>Die Basalganglien liegen im Inneren des Gehirns. <a href="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/45/202103_Basal_ganglia.svg">Bildquelle</a></figcaption></figure></div> <h3 id="h-zwei-gegenlaufige-krankheitsphasen">Zwei gegenläufige Krankheitsphasen</h3> <p>Mit Fortschreiten der Krankheit kippt das Bild. Das Dopamin ist erschöpft, die Nervenzellen sterben weiter ab und es kommt zum Dopaminmangel. Bewegungen verlangsamen sich, Antrieb und Motivation schwinden, ebenso nehmen kognitive Leistungen wie Aufmerksamkeit oder Gedächtnis ab. Auch Huntington betrifft somit nicht bloß die Motorik. Auch emotionale Regulation und kognitive Flexibilität geraten durch die Beteiligung von Striatum und Kortex aus dem Gleichgewicht. Viele Betroffene erleben starke Stimmungsschwankungen, von Reizbarkeit bis Depression, sowie zunehmende Schwierigkeiten, Handlungen zu planen oder sich auf Neues einzustellen. Geraten diese komplexen Systeme aus dem Takt, verändert sich also nicht nur der Körper, sondern auch die Art, wie Menschen denken und fühlen – was für Kreativität ein entscheidender Faktor ist.</p> <p>Die beiden Erkrankungen sind zwar durchaus ähnlich. Doch während bei Parkinson von Beginn an ein Mangel an Dopamin besteht, der Bewegungen verlangsamt und das Denken zum Stocken bringt, zeigt Huntington einen zweiphasigen Verlauf mit einem anfänglichen Dopaminüberschuss mit überschießenden Bewegungen und Unruhe, gefolgt von einem Mangel durch den fortschreitenden Zelltod dopaminerger Neuronen, der zu Antriebslosigkeit und kognitiven Abbau führt.</p> <h2 id="h-kreativitat-im-wandel"><strong>Kreativität im Wandel</strong></h2> <p>Kreativität ist schwer zu greifen, doch allgemein wird sie beschrieben als die Fähigkeit, etwas Neues zu schaffen [3]. Dieses „Neue“ kann ein Bild oder ein Gedicht sein, aber ebenso gut auch eine Idee im Alltag oder eine Lösung für ein Problem. Es geht also nicht nur um das Schaffen von Kunstwerken, sondern vielmehr um den kreativen Ansatz, die Art und Weise wie an ein Vorhaben herangegangen wird. Kreativität ist eine grundlegende menschliche Fähigkeit, die essentiell mit unserer Wahrnehmung, unserem Denken und unserer Motivation verbunden ist.</p> <p>Eine Schlüsselrolle dabei spielt erneut: der Neurotransmitter Dopamin! Dopaminerge Nervenzellen feuern nicht einfach zufällig, sondern mit einer besonderen Logik: Sie reagieren auf Vorhersagefehler – also auf die Differenz zwischen dem, was wir erwarten, und dem, was tatsächlich eintritt. So signalisiert Dopamin dem Gehirn, wie wichtig eine neue Information ist und ob es sich lohnt, unser Modell der Welt anzupassen. Man könnte sagen: Dopamin entscheidet, ob wir offen für Neues sind oder lieber beim Bekannten bleiben.</p> <p>Ist die dopaminerge Aktivität zu schwach, werden Vorhersagefehler kaum beachtet. Unser Denken verharrt in alten Mustern, Neues dringt nicht durch – Kreativität nimmt ab. Bei einem mittleren, ausgewogenen Maß jedoch werden Vorhersagefehler präzise gewichtet: Das Gehirn ist flexibel, bewertet Überraschungen als bedeutsam, probiert neue Verknüpfungen und bringt so kreative Ideen hervor. Gerät die dopaminerge Aktivität aber ins andere Extrem, werden selbst kleinste Abweichungen als bedeutsam markiert. Alles wirkt plötzlich wichtig, die Gedanken überschießen, Ideen sprudeln unkontrolliert und verlieren leicht ihre innere Kohärenz. [2, 8]</p> <h2 id="h-neurodegeneration-und-kreativitat"><strong>Neurodegeneration und Kreativität</strong></h2> <p>Genau hier setzt die aktuelle Forschung zu Parkinson und Huntington an. Beide Erkrankungen betreffen Hirnregionen, in denen Dopamin eine Schlüsselrolle spielt – vor allem die Basalganglien und das Striatum. Wird dieses Gleichgewicht gestört, geraten nicht nur Bewegungen aus dem Takt, sondern auch die Balance zwischen Stabilität und Flexibilität im Denken – und damit die Grundlagen kreativen Handelns.</p> <p>Studien zeigen: Ein Dopaminmangel, wie er bei unbehandeltem Parkinson typisch ist, führt zu kognitiver Starrheit, verminderter Aufmerksamkeit und einem Verlust kreativer Offenheit. Ein Dopaminüberschuss, etwa durch Medikamente oder in frühen Stadien von Huntington, kann dagegen einen regelrechten kreativen Drang auslösen – oft jedoch begleitet von Zwanghaftigkeit oder Überproduktion. Gross und Schooler beschreiben dies als „atypische Salienz“: Das Gehirn markiert plötzlich auch eigentlich nebensächliche Eindrücke als bedeutsam, was in milder Form neue Verknüpfungen und Ideen begünstigt, in extremer Ausprägung jedoch ins Chaotische kippen kann. [3]</p> <p>Dopaminerge Neuronen arbeiten nach dem Prinzip des predictive firing: Sie feuern, wenn Vorhersagen nicht mit der Realität übereinstimmen, und signalisieren so, ob unser Modell der Welt angepasst werden muss. Bei optimaler Gewichtung werden nur relevante Überraschungen integriert – Kreativität bleibt flexibel und kohärent. Im Zuge einer Untergewichtung (Dopaminmangel) verharrt das Gehirn in starren Mustern; Neues wird kaum integriert. Bei Übergewichtung (Dopaminüberschuss) erscheinen selbst kleinste Abweichungen bedeutsam – es entsteht eine Flut unstrukturierter Ideen.</p> <h3 id="h-kreative-therapie-und-fenster-ins-gehirn">Kreative Therapie und Fenster ins Gehirn</h3> <p>Ein spannender Ansatz kommt aus Wien: Das Artis-Lab unter der Leitung von Matthew Pelowski (Unlocking the Muse, 2024) schlägt vor, Kreativität bei neurodegenerativen Erkrankungen nicht bloß als Nebenprodukt gestörter Neurochemie zu betrachten, sondern als Fenster in die Funktionsweise des Gehirns [5].</p> <p>Noch wichtiger: Forschende wie Pelowski und Spee betonen, dass Kreativität in diesem Kontext nicht nur ein Symptom ist, sondern eine Ressource [5, 7]. Gerade dort, wo Sprache oder Motorik versagen, eröffnen künstlerische Tätigkeiten neue Wege des Ausdrucks. Sie helfen Patient:innen, ihre Identität zu bewahren, Resilienz aufzubauen und Selbstwirksamkeit zu erfahren. Gleichzeitig bietet die Auseinandersetzung mit Kreativität der Wissenschaft ein einzigartiges Modell, um zu verstehen, wie neurobiologische Veränderungen schöpferische Prozesse beeinflussen – und wie man diese vielleicht gezielt therapeutisch fördern kann.</p> <h2 id="h-offene-fragen-und-aktuelle-forschung"><strong>Offene Fragen und aktuelle Forschung</strong></h2> <p>Die bisherigen Befunde sind allerdings uneindeutig. Einige der von Parkinson Betroffenen berichten von einem kreativen Aufschwung – teils durch Medikamente angestoßen –, andere fühlen sich geistig starrer und weniger ideenreich. Auch bei Huntington ist das Bild vielschichtig: Während einige Betroffene in frühen Stadien mehr Ausdruckslust zeigen, verlieren andere im Verlauf die Fähigkeit zu kreativem Denken und Handeln [1, 2]. Diese Spannbreite macht deutlich: Kreativität ist kein einheitliches Symptom, sondern das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels von Neurobiologie, Persönlichkeit, Krankheitsverlauf und sozialem Umfeld.</p> <p>Hinzu kommt, dass die Forschungslage bislang noch dünn ist. Viele Erkenntnisse stammen aus Einzelfallberichten oder kleinen Stichproben. Größere, kontrollierte Studien werden derzeit von Forschenden etwa des Artis-Lab der Universität Wien durchgeführt. Erste Pilotarbeiten – etwa die von Spee und Kolleg:innen, die eine co-designte Kunsttherapie für Parkinson erprobten – deuten zwar auf positive Effekte hin, darunter weniger Angst, gesteigertes Wohlbefinden und leichte Verbesserungen kognitiver Flexibilität [7]. Doch bleibt offen, ob diese Effekte stabil sind, ob sie für alle Patient:innen gelten und welche genauen Effekte im Zuge der medikamentösen Therapie entstehen.</p> <p>Die Wiener Forschung gibt hier noch weitere spannende Ausblicke: Neben der Arbeiten von Pelowski, Spee und Angermair untersuchen andere Forschende neurokognitive Modelle der Kreativität und testen ihre Tragfähigkeit für Krankheitsprozesse und Therapien. Schmid und Crone an der Universität Wien betrachten etwa, wie sich neurobiologische Mechanismen der Kreativität experimentell modellieren lassen – ein Ansatz, der langfristig auch helfen könnte, Kunsttherapien gezielter einzusetzen [6].</p> <p>Entscheidende Fragen bleiben damit vorerst unbeantwortet: Wann, wie und für wen wird Kreativität zur Ressource? Inwiefern spiegelt sie Dysbalancen neurodegenerativer Prozesse wider? Und wie können die Erkenntnisse gezielt in kreativen Therapieansätzen genutzt werden? Es bleibt abzuwarten, was die aktuelle Forschung herausfindet.</p> <h2 id="h-quellen">Quellen</h2> <p>[1] Canesi, M., Rusconi, M. L., Isaias, I. U., &amp; Pezzoli, G. (2012). Artistic productivity and creative thinking in Parkinson’s disease. <em>European Journal of Neurology, 19</em>(3), 468–472. https://doi.org/10.1111/j.1468-1331.2011.03546.x</p> <p>[2] Garcia-Ruiz, P. J. (2018). Impulse Control Disorders and Dopamine-Related Creativity: Pathogenesis and Mechanism, Short Review, and Hypothesis. Frontiers in Neurology, 9. <a href="https://doi.org/10.3389/fneur.2018.01041">https://doi.org/10.3389/fneur.2018.01041</a></p> <p>[3] Gross, M. E. &amp; Schooler, J. W. (2024). Standing out: an atypical salience account of creativity. Trends in Cognitive Sciences, 28(7), 597–599. <a href="https://doi.org/10.1016/j.tics.2024.04.013">https://doi.org/10.1016/j.tics.2024.04.013</a></p> <p>[4] Lhommée, E., Klinger, H., Thobois, S., Schmitt, E., Ardouin, C., Bichon, A., Fraix, V., … Krack, P. (2014). Dopamine and the biology of creativity: Lessons from Parkinson’s disease. <em>Frontiers in Neurology, 5</em>, 55. <a href="https://doi.org/10.3389/fneur.2014.00055">https://doi.org/10.3389/fneur.2014.00055</a></p> <p>[5] Pelowski, M., Angermair, P. A., Schmid, F. R., Crone, J. S., &amp; Spee, B. T. M. (2024). Kunst und Kreativität – Unlocking the Muse: Neue Einblicke zu Kreativität, künstlerischem Ausdruck und Morbus Parkinson. <em>Psychologie in Österreich, 44</em>(2), 120–127. <a href="https://www.researchgate.net/publication/381925743">https://www.researchgate.net/publication/381925743</a></p> <h4 id="h-6-schmid-f-r-amp-crone-j-s-2024-juli-3-franz-roman-schmid-und-julia-sophia-crone-erforschen-kreativitat-und-neurokognition-universitat-wien-institut-fur-psychologie-https-psychologie-univie-ac-at-news-medienbeitraege-news-forschung-details-news-franz-roman-schmid-und-julia-sophia-crone-erforschen"><strong>[6] Schmid, F. R., &amp; Crone, J. S. (2024, Juli 3). Franz-Roman Schmid und Julia Sophia Crone erforschen Kreativität und Neurokognition. <em>Universität Wien – Institut für Psychologie</em>. <a href="https://psychologie.univie.ac.at/news-medienbeitraege/news-forschung/details/news/franz-roman-schmid-und-julia-sophia-crone-erforschen">https://psychologie.univie.ac.at/news-medienbeitraege/news-forschung/details/news/franz-roman-schmid-und-julia-sophia-crone-erforschen</a></strong></h4> <p>[7] Spee, B. T. M., de Vries, N. M., Zeggio, S., Plijnaer, M., Koksma, J. J., Duits, A. A., Stap, T., Pasman, G., Haeyen, S., Darweesh, S., Crone, J., Bloem, B. R., &amp; Pelowski, M. (2025). Unleashing creativity in people with Parkinson’s disease: a pilot study of a co-designed creative arts therapy. <em>Journal of neurology</em>, <em>272</em>(2), 161. <a href="https://doi.org/10.1007/s00415-024-12878-0">https://doi.org/10.1007/s00415-024-12878-0</a></p> <p>[8] Zabelina, D. L., Colzato, L., Beeman, M., &amp; Hommel, B. (2016). Dopamine and the Creative Mind: Individual Differences in Creativity Are Predicted by Interactions between Dopamine Genes DAT and COMT. <em>PloS one</em>, <em>11</em>(1), e0146768. <a href="https://doi.org/10.1371/journal.pone.0146768">https://doi.org/10.1371/journal.pone.0146768</a></p> <p>[9] Zhou, Z. D., Yi, L. X., Wang, D. Q., Lim, T. M. &amp; Tan, E. K. (2023). Role of dopamine in the pathophysiology of Parkinson’s disease. Translational Neurodegeneration, 12(1). <a href="https://doi.org/10.1186/s40035-023-00378-6">https://doi.org/10.1186/s40035-023-00378-6</a></p> <p>[10] Chen, J. Y., Wang, E. A., Cepeda, C. &amp; Levine, M. S. (2013). Dopamine imbalance in Huntington’s disease: a mechanism for the lack of behavioral flexibility. Frontiers in Neuroscience, 7. https://doi.org/10.3389/fnins.2013.00114</p> <p>Quelle Beitragsbild: <a href="https://www.freepik.com/free-photo/paint-composition-with-female-model_3362454.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=c2cb3b50-568e-4cd3-8c0c-c84c8fd796ef&amp;query=art+therapy">freepik</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/paint-composition-with-female-model-scaled.jpg" /><h1>Parkinson & Huntington: Plötzlich kreativ? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>Parkinson und Huntington sind neurodegenerative Erkrankungen. Das bedeutet: Nach und nach sterben Nervenzellen im Gehirn ab. Doch das nicht zufällig irgendwo, sondern in bestimmten Regionen, die für Bewegung, Denken und Stimmung entscheidend sind. So greifen beide Krankheitsbilder tief in das Nervensystem ein, verändern Motorik und Wahrnehmung und stellen Betroffene sowie Angehörige vor große Herausforderungen.</p> <p>Inmitten dieser schweren Symptome tritt jedoch ein überraschendes Phänomen auf: Manche Patientinnen oder Patienten berichten von einem neuen Drang, kreativ tätig zu werden. Sie beginnen zu malen, zu musizieren oder Gedichte zu schreiben. Andere wiederum erleben das Gegenteil: ihre Kreativität versiegt. Warum kommt es bei denselben Erkrankungen zu so unterschiedlichen Entwicklungen? Und noch wichtiger: Können Kunst und kreative Tätigkeiten gezielt genutzt werden, um das Leben mit Parkinson oder Huntington zu erleichtern?</p> <h2 id="h-wenn-das-gehirn-aus-dem-takt-gerat"><strong>Wenn das Gehirn aus dem Takt gerät</strong></h2> <p>Das menschliche Gehirn ist ein hochkomplexes Netzwerk. Verschiedene Areale sind miteinander verschaltet und arbeiten in Schleifen, die Bewegungen planen, Motivation steuern und Gedanken flexibel machen. Besonders wichtig sind dabei Botenstoffe – kleine chemische Signalgeber, die zwischen Nervenzellen vermitteln. Einer dieser Botenstoffe heißt Dopamin. Er spielt eine Schlüsselrolle für Antrieb, Belohnung und Flexibilität. [2, 4, 8]</p> <p>Bei Parkinson und Huntington werden genau jene Nervenzellen geschädigt, die Dopamin produzieren oder mit ihm arbeiten. Das bringt die fein abgestimmte Balance der Netzwerke ins Wanken – und damit auch viele Fähigkeiten, die wir für selbstverständlich halten.</p> <h2 id="h-was-passiert-bei-den-erkrankungen"><strong>Was passiert bei den Erkrankungen?</strong></h2> <h3 id="h-parkinson">Parkinson</h3> <p>Bei Parkinson sterben schrittweise Nervenzellen in der Substantia Nigra ab, einer Region im Mittelhirn, die entscheidend für die Produktion des Neurotransmitters Dopamin ist [9]. Fehlt dieses Dopamin nun, geraten die Schaltkreise der Basalganglien aus dem Gleichgewicht. Die Basalganglien sind eine Gruppe von Hirnstrukturen, die sich tief im inneren unseres Gehirns befinden. Eine ihrer wichtigsten Aufgaben ist die Initiierung und Steuerung von Bewegungsabläufen, die Entscheidung darüber, was ausgeführt, was gestoppt wird. Sie sorgen so dafür, dass wir gezielt und kontrolliert handeln können. Möchte ich etwa nach einer Tasse greifen, aktivieren die Basalganglien eben jene Muskeln, die dafür notwendig sind und unterdrücken die Aktivität jener, die dafür hinderlich wären – wie zum Beispiel das abrupte Hochreißen des Arms, der vorsichtig die Tasse greifen möchte. [1, 4]<aside></aside></p> <p>Damit das gelingt, benötigen die Basalganglien Dopamin. Dopamin verstärkt die Signale für Bewegungen, die ausgeführt werden sollen und schwächt gleichzeitig jene, die unterdrückt bleiben sollen. Ist nicht ausreichend Dopamin vorhanden, kommen gewollte Bewegungen schwer in Gang, laufen stockend ab oder lassen sich nicht rechtzeitig stoppen. Bei Betroffenen von Parkinson äußert sich dies in Symptomen wie Zittern, Bewegungsverlangsamung oder Muskelsteifheit.</p> <p>Das Dopamin in den Basalganglien beeinflusst allerdings nicht nur den Bewegungsapparat. Es ist auch eng mit Motivation, Belohnung und geistiger Flexibilität verknüpft. Es hilft uns Entscheidungen zu treffen, Neues auszuprobieren und unser Verhalten an veränderte Gegebenheiten anzupassen. Hinzu kommen daher häufig Symptome wie Antriebslosigkeit, depressive Verstimmungen und eine kognitive Rigidität – das Festhalten an Denk- und Handlungsmustern. Und eben hier erhalten wir bereits einen Hinweis darauf, wo wir die Verbindung zur Kreativität finden können. [1, 4]</p> <p>Lesen Sie mehr hier auf unserem Blog:</p> <figure></figure> <h3 id="h-huntington">Huntington</h3> <p>Bei Huntington liegt die Ursache etwas tiefer, denn die Krankheit ist genetisch bedingt. Durch eine Mutation im sogenannten Huntingtin-Gen beschädigt ein fehlerhaftes Protein Nervenzellen. Besonders betroffen ist zunächst das Striatum, ein zentraler Teil der Basalganglien, welches eng mit der Substantia Nigra aber auch der Großhirnrinde zusammenarbeitet. Später weitet sich diese Neurodegeneration – die Rückbildung von Nervenzellen – auch auf andere Hirnregionen aus. [10]</p> <p>Das Striatum erfüllt im Zusammenspiel mit den übrigen Strukturen der Basalganglien eine Art Schaltfunktion. Es bewertet, welche Handlungen sinnvoll sind, filtert unnötige Bewegungen heraus und passt unser Verhalten an Ziele und Situationen an. Die Nervenzellen im Striatum sind besonders empfindlich gegenüber der Mutationen, die Huntington verursacht. Sie gehen besonders früh im Krankheitsverlauf verloren, was weitreichende Folgen für Motorik, Stimmung und Denken hat.</p> <p>Betroffene entwickeln unwillkürliche Bewegungen, die als Chorea bezeichnet werden. Arme, Beine oder Gesichtsmuskeln bewegen sich plötzlich, ruckartig und unwillkürlich. Auch hier steckt dahinter eine Fehlsteuerung im dopaminergen Gleichgewicht. In den frühen Stadien der Erkrankung herrscht häufig eine Überaktivität von Dopamin. Bewegungen entgleiten der Kontrolle, Betroffene wirken unruhig, manchmal auch reizbar und euphorisch. [10]</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/512px-202103_Basal_ganglia.svg_.png"><img alt="" decoding="async" height="512" sizes="(max-width: 512px) 100vw, 512px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/512px-202103_Basal_ganglia.svg_.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/512px-202103_Basal_ganglia.svg_.png 512w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/512px-202103_Basal_ganglia.svg_-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/512px-202103_Basal_ganglia.svg_-150x150.png 150w" width="512"></img></a><figcaption>Die Basalganglien liegen im Inneren des Gehirns. <a href="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/45/202103_Basal_ganglia.svg">Bildquelle</a></figcaption></figure></div> <h3 id="h-zwei-gegenlaufige-krankheitsphasen">Zwei gegenläufige Krankheitsphasen</h3> <p>Mit Fortschreiten der Krankheit kippt das Bild. Das Dopamin ist erschöpft, die Nervenzellen sterben weiter ab und es kommt zum Dopaminmangel. Bewegungen verlangsamen sich, Antrieb und Motivation schwinden, ebenso nehmen kognitive Leistungen wie Aufmerksamkeit oder Gedächtnis ab. Auch Huntington betrifft somit nicht bloß die Motorik. Auch emotionale Regulation und kognitive Flexibilität geraten durch die Beteiligung von Striatum und Kortex aus dem Gleichgewicht. Viele Betroffene erleben starke Stimmungsschwankungen, von Reizbarkeit bis Depression, sowie zunehmende Schwierigkeiten, Handlungen zu planen oder sich auf Neues einzustellen. Geraten diese komplexen Systeme aus dem Takt, verändert sich also nicht nur der Körper, sondern auch die Art, wie Menschen denken und fühlen – was für Kreativität ein entscheidender Faktor ist.</p> <p>Die beiden Erkrankungen sind zwar durchaus ähnlich. Doch während bei Parkinson von Beginn an ein Mangel an Dopamin besteht, der Bewegungen verlangsamt und das Denken zum Stocken bringt, zeigt Huntington einen zweiphasigen Verlauf mit einem anfänglichen Dopaminüberschuss mit überschießenden Bewegungen und Unruhe, gefolgt von einem Mangel durch den fortschreitenden Zelltod dopaminerger Neuronen, der zu Antriebslosigkeit und kognitiven Abbau führt.</p> <h2 id="h-kreativitat-im-wandel"><strong>Kreativität im Wandel</strong></h2> <p>Kreativität ist schwer zu greifen, doch allgemein wird sie beschrieben als die Fähigkeit, etwas Neues zu schaffen [3]. Dieses „Neue“ kann ein Bild oder ein Gedicht sein, aber ebenso gut auch eine Idee im Alltag oder eine Lösung für ein Problem. Es geht also nicht nur um das Schaffen von Kunstwerken, sondern vielmehr um den kreativen Ansatz, die Art und Weise wie an ein Vorhaben herangegangen wird. Kreativität ist eine grundlegende menschliche Fähigkeit, die essentiell mit unserer Wahrnehmung, unserem Denken und unserer Motivation verbunden ist.</p> <p>Eine Schlüsselrolle dabei spielt erneut: der Neurotransmitter Dopamin! Dopaminerge Nervenzellen feuern nicht einfach zufällig, sondern mit einer besonderen Logik: Sie reagieren auf Vorhersagefehler – also auf die Differenz zwischen dem, was wir erwarten, und dem, was tatsächlich eintritt. So signalisiert Dopamin dem Gehirn, wie wichtig eine neue Information ist und ob es sich lohnt, unser Modell der Welt anzupassen. Man könnte sagen: Dopamin entscheidet, ob wir offen für Neues sind oder lieber beim Bekannten bleiben.</p> <p>Ist die dopaminerge Aktivität zu schwach, werden Vorhersagefehler kaum beachtet. Unser Denken verharrt in alten Mustern, Neues dringt nicht durch – Kreativität nimmt ab. Bei einem mittleren, ausgewogenen Maß jedoch werden Vorhersagefehler präzise gewichtet: Das Gehirn ist flexibel, bewertet Überraschungen als bedeutsam, probiert neue Verknüpfungen und bringt so kreative Ideen hervor. Gerät die dopaminerge Aktivität aber ins andere Extrem, werden selbst kleinste Abweichungen als bedeutsam markiert. Alles wirkt plötzlich wichtig, die Gedanken überschießen, Ideen sprudeln unkontrolliert und verlieren leicht ihre innere Kohärenz. [2, 8]</p> <h2 id="h-neurodegeneration-und-kreativitat"><strong>Neurodegeneration und Kreativität</strong></h2> <p>Genau hier setzt die aktuelle Forschung zu Parkinson und Huntington an. Beide Erkrankungen betreffen Hirnregionen, in denen Dopamin eine Schlüsselrolle spielt – vor allem die Basalganglien und das Striatum. Wird dieses Gleichgewicht gestört, geraten nicht nur Bewegungen aus dem Takt, sondern auch die Balance zwischen Stabilität und Flexibilität im Denken – und damit die Grundlagen kreativen Handelns.</p> <p>Studien zeigen: Ein Dopaminmangel, wie er bei unbehandeltem Parkinson typisch ist, führt zu kognitiver Starrheit, verminderter Aufmerksamkeit und einem Verlust kreativer Offenheit. Ein Dopaminüberschuss, etwa durch Medikamente oder in frühen Stadien von Huntington, kann dagegen einen regelrechten kreativen Drang auslösen – oft jedoch begleitet von Zwanghaftigkeit oder Überproduktion. Gross und Schooler beschreiben dies als „atypische Salienz“: Das Gehirn markiert plötzlich auch eigentlich nebensächliche Eindrücke als bedeutsam, was in milder Form neue Verknüpfungen und Ideen begünstigt, in extremer Ausprägung jedoch ins Chaotische kippen kann. [3]</p> <p>Dopaminerge Neuronen arbeiten nach dem Prinzip des predictive firing: Sie feuern, wenn Vorhersagen nicht mit der Realität übereinstimmen, und signalisieren so, ob unser Modell der Welt angepasst werden muss. Bei optimaler Gewichtung werden nur relevante Überraschungen integriert – Kreativität bleibt flexibel und kohärent. Im Zuge einer Untergewichtung (Dopaminmangel) verharrt das Gehirn in starren Mustern; Neues wird kaum integriert. Bei Übergewichtung (Dopaminüberschuss) erscheinen selbst kleinste Abweichungen bedeutsam – es entsteht eine Flut unstrukturierter Ideen.</p> <h3 id="h-kreative-therapie-und-fenster-ins-gehirn">Kreative Therapie und Fenster ins Gehirn</h3> <p>Ein spannender Ansatz kommt aus Wien: Das Artis-Lab unter der Leitung von Matthew Pelowski (Unlocking the Muse, 2024) schlägt vor, Kreativität bei neurodegenerativen Erkrankungen nicht bloß als Nebenprodukt gestörter Neurochemie zu betrachten, sondern als Fenster in die Funktionsweise des Gehirns [5].</p> <p>Noch wichtiger: Forschende wie Pelowski und Spee betonen, dass Kreativität in diesem Kontext nicht nur ein Symptom ist, sondern eine Ressource [5, 7]. Gerade dort, wo Sprache oder Motorik versagen, eröffnen künstlerische Tätigkeiten neue Wege des Ausdrucks. Sie helfen Patient:innen, ihre Identität zu bewahren, Resilienz aufzubauen und Selbstwirksamkeit zu erfahren. Gleichzeitig bietet die Auseinandersetzung mit Kreativität der Wissenschaft ein einzigartiges Modell, um zu verstehen, wie neurobiologische Veränderungen schöpferische Prozesse beeinflussen – und wie man diese vielleicht gezielt therapeutisch fördern kann.</p> <h2 id="h-offene-fragen-und-aktuelle-forschung"><strong>Offene Fragen und aktuelle Forschung</strong></h2> <p>Die bisherigen Befunde sind allerdings uneindeutig. Einige der von Parkinson Betroffenen berichten von einem kreativen Aufschwung – teils durch Medikamente angestoßen –, andere fühlen sich geistig starrer und weniger ideenreich. Auch bei Huntington ist das Bild vielschichtig: Während einige Betroffene in frühen Stadien mehr Ausdruckslust zeigen, verlieren andere im Verlauf die Fähigkeit zu kreativem Denken und Handeln [1, 2]. Diese Spannbreite macht deutlich: Kreativität ist kein einheitliches Symptom, sondern das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels von Neurobiologie, Persönlichkeit, Krankheitsverlauf und sozialem Umfeld.</p> <p>Hinzu kommt, dass die Forschungslage bislang noch dünn ist. Viele Erkenntnisse stammen aus Einzelfallberichten oder kleinen Stichproben. Größere, kontrollierte Studien werden derzeit von Forschenden etwa des Artis-Lab der Universität Wien durchgeführt. Erste Pilotarbeiten – etwa die von Spee und Kolleg:innen, die eine co-designte Kunsttherapie für Parkinson erprobten – deuten zwar auf positive Effekte hin, darunter weniger Angst, gesteigertes Wohlbefinden und leichte Verbesserungen kognitiver Flexibilität [7]. Doch bleibt offen, ob diese Effekte stabil sind, ob sie für alle Patient:innen gelten und welche genauen Effekte im Zuge der medikamentösen Therapie entstehen.</p> <p>Die Wiener Forschung gibt hier noch weitere spannende Ausblicke: Neben der Arbeiten von Pelowski, Spee und Angermair untersuchen andere Forschende neurokognitive Modelle der Kreativität und testen ihre Tragfähigkeit für Krankheitsprozesse und Therapien. Schmid und Crone an der Universität Wien betrachten etwa, wie sich neurobiologische Mechanismen der Kreativität experimentell modellieren lassen – ein Ansatz, der langfristig auch helfen könnte, Kunsttherapien gezielter einzusetzen [6].</p> <p>Entscheidende Fragen bleiben damit vorerst unbeantwortet: Wann, wie und für wen wird Kreativität zur Ressource? Inwiefern spiegelt sie Dysbalancen neurodegenerativer Prozesse wider? Und wie können die Erkenntnisse gezielt in kreativen Therapieansätzen genutzt werden? Es bleibt abzuwarten, was die aktuelle Forschung herausfindet.</p> <h2 id="h-quellen">Quellen</h2> <p>[1] Canesi, M., Rusconi, M. L., Isaias, I. U., &amp; Pezzoli, G. (2012). Artistic productivity and creative thinking in Parkinson’s disease. <em>European Journal of Neurology, 19</em>(3), 468–472. https://doi.org/10.1111/j.1468-1331.2011.03546.x</p> <p>[2] Garcia-Ruiz, P. J. (2018). Impulse Control Disorders and Dopamine-Related Creativity: Pathogenesis and Mechanism, Short Review, and Hypothesis. Frontiers in Neurology, 9. <a href="https://doi.org/10.3389/fneur.2018.01041">https://doi.org/10.3389/fneur.2018.01041</a></p> <p>[3] Gross, M. E. &amp; Schooler, J. W. (2024). Standing out: an atypical salience account of creativity. Trends in Cognitive Sciences, 28(7), 597–599. <a href="https://doi.org/10.1016/j.tics.2024.04.013">https://doi.org/10.1016/j.tics.2024.04.013</a></p> <p>[4] Lhommée, E., Klinger, H., Thobois, S., Schmitt, E., Ardouin, C., Bichon, A., Fraix, V., … Krack, P. (2014). Dopamine and the biology of creativity: Lessons from Parkinson’s disease. <em>Frontiers in Neurology, 5</em>, 55. <a href="https://doi.org/10.3389/fneur.2014.00055">https://doi.org/10.3389/fneur.2014.00055</a></p> <p>[5] Pelowski, M., Angermair, P. A., Schmid, F. R., Crone, J. S., &amp; Spee, B. T. M. (2024). Kunst und Kreativität – Unlocking the Muse: Neue Einblicke zu Kreativität, künstlerischem Ausdruck und Morbus Parkinson. <em>Psychologie in Österreich, 44</em>(2), 120–127. <a href="https://www.researchgate.net/publication/381925743">https://www.researchgate.net/publication/381925743</a></p> <h4 id="h-6-schmid-f-r-amp-crone-j-s-2024-juli-3-franz-roman-schmid-und-julia-sophia-crone-erforschen-kreativitat-und-neurokognition-universitat-wien-institut-fur-psychologie-https-psychologie-univie-ac-at-news-medienbeitraege-news-forschung-details-news-franz-roman-schmid-und-julia-sophia-crone-erforschen"><strong>[6] Schmid, F. R., &amp; Crone, J. S. (2024, Juli 3). Franz-Roman Schmid und Julia Sophia Crone erforschen Kreativität und Neurokognition. <em>Universität Wien – Institut für Psychologie</em>. <a href="https://psychologie.univie.ac.at/news-medienbeitraege/news-forschung/details/news/franz-roman-schmid-und-julia-sophia-crone-erforschen">https://psychologie.univie.ac.at/news-medienbeitraege/news-forschung/details/news/franz-roman-schmid-und-julia-sophia-crone-erforschen</a></strong></h4> <p>[7] Spee, B. T. M., de Vries, N. M., Zeggio, S., Plijnaer, M., Koksma, J. J., Duits, A. A., Stap, T., Pasman, G., Haeyen, S., Darweesh, S., Crone, J., Bloem, B. R., &amp; Pelowski, M. (2025). Unleashing creativity in people with Parkinson’s disease: a pilot study of a co-designed creative arts therapy. <em>Journal of neurology</em>, <em>272</em>(2), 161. <a href="https://doi.org/10.1007/s00415-024-12878-0">https://doi.org/10.1007/s00415-024-12878-0</a></p> <p>[8] Zabelina, D. L., Colzato, L., Beeman, M., &amp; Hommel, B. (2016). Dopamine and the Creative Mind: Individual Differences in Creativity Are Predicted by Interactions between Dopamine Genes DAT and COMT. <em>PloS one</em>, <em>11</em>(1), e0146768. <a href="https://doi.org/10.1371/journal.pone.0146768">https://doi.org/10.1371/journal.pone.0146768</a></p> <p>[9] Zhou, Z. D., Yi, L. X., Wang, D. Q., Lim, T. M. &amp; Tan, E. K. (2023). Role of dopamine in the pathophysiology of Parkinson’s disease. Translational Neurodegeneration, 12(1). <a href="https://doi.org/10.1186/s40035-023-00378-6">https://doi.org/10.1186/s40035-023-00378-6</a></p> <p>[10] Chen, J. Y., Wang, E. A., Cepeda, C. &amp; Levine, M. S. (2013). Dopamine imbalance in Huntington’s disease: a mechanism for the lack of behavioral flexibility. Frontiers in Neuroscience, 7. https://doi.org/10.3389/fnins.2013.00114</p> <p>Quelle Beitragsbild: <a href="https://www.freepik.com/free-photo/paint-composition-with-female-model_3362454.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=c2cb3b50-568e-4cd3-8c0c-c84c8fd796ef&amp;query=art+therapy">freepik</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/parkinson-huntington-ploetzlich-kreativ/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>Neues vom Tasmanischen Tiger https://scilogs.spektrum.de/meertext/neues-vom-tasmanischen-tiger/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/neues-vom-tasmanischen-tiger/#comments Sun, 21 Sep 2025 16:27:10 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1762 https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Thylacinus.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/meertext/neues-vom-tasmanischen-tiger/</link> </image> <description type="html"><h1>Neues vom Tasmanischen Tiger » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Die beiden Tiger-Experten Nagarjun Vijay und Buddhabhushan Girish Salve (Indian Institute of Science Education and Research Bhopal) haben im Rahmen ihrer Forschung am Genom des Bengalischen Tigers auch einen Blick auf die Gene des Tasmanischen Tigers (Beutelwolf) geworfen. Sie denken, dass bei den beiden so unterschiedlichen Top-Prädatoren der Verlust wichtiger Gene über Jahrmillionen hinweg beide anfällige fürs Aussterben macht.</p> <p>Der Beutelwolf oder Tasmanische Tiger (<em>Thylacinus cynocephalus</em>) war der letzte Überlebende einer Familie der Thylacinidae, die einst in ganz Australien und Neuguinea lebten.<br></br>Bislang wurde seine Ausrottung allein mit der Bejagung durch Menschen und den von Menschen eingeführten Dingo erklärt. So war er auf dem australischen Festland bereits vor 2000 Jahren ausgestorben, nach der Ankunft der Europäer in Tasmanien wurden die Tiere von Bauern und durch eine Abschußprämie gnadenlos verfolgt.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Thylacinus.jpg"><img alt="" decoding="async" height="486" sizes="(max-width: 728px) 100vw, 728px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Thylacinus.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Thylacinus.jpg 728w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Thylacinus-300x200.jpg 300w" width="728"></img></a><figcaption>Wikipedia: Beutelwolf (Baker; E.J. Keller. – Report of the Smithsonian Institution. 1904 from the Smithsonian Institution archives. Additional information: Female thylacine (front) with juvenile male offspring (rear). (30 September 2020). “<a href="https://meridian.allenpress.com/australian-zoologist/article-pdf/41/2/143/2807802/i0067-2238-41-2-143.pdf">A Catalogue of the Thylacine captured on film</a>“. <em>Australian Zoologist</em> <strong>41</strong> (2): 143–178. <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Digital_Object_Identifier">DOI</a>:<a href="https://doi.org/10.7882/AZ.2020.032">10.7882/AZ.2020.032</a>).</figcaption></figure> <p>Die genetische Studie fand jetzt heraus: Im Gegensatz zu fast allen anderen Beuteltieren, einschließlich der Tasmanischen Teufel, hatten Beutelwölfe mindestens <a href="https://royalsocietypublishing.org/doi/10.1098/rspb.2025.1339">vier wichtige Gene verloren:  SAMD9L, HSD17B13, CUZD1 und VWA7.</a> Die molekulare Uhr zeigt, dass der Verlust dieser Gene lange vor der Isolierung des tasmanischen Beutelwolf-Bestands vor etwa 10.000 Jahren durch den Anstieg des Meeresspiegels nach der letzten Eiszeit eintrat. Vielmehr verloren die Thylacine SAMD9L, CUZD1 und VWA7 vor mindestens 6 Millionen Jahren, ebenfalls in einer Zeit starker Klimaveränderungen. In dieser Zeit, so <a href="https://www.nhm.ac.uk/discover/news/2024/september/new-species-ancient-thylacines-oldest-ever-found.html">zeigen paläontologische Funde</a>, nahm ihre Größe dramatisch zu und sie wurden <a href="https://www.popsci.com/environment/new-tasmanian-tiger/">zu Hyperkarnivoren wurde, ernährten</a> sich also fast  ausschließlich von Fleisch.</p> <p>Der Verlust dieser Gene könnte aber auch negative Folgen gehabt haben – Vijay und Salve meinen, dass die verlorenen Gene die antivirale Abwehr, Stoffwechselprozesse, Laktation und eine höhere Anfälligkeit für Krebs und Bauchspeicheldrüsen-Entzündungen hervorgerufen haben könnten. Zwischen den Genen und diesen Erkrankungen bestehe ein Zusammenhang</p> <p>Einige <a href="https://www.newscientist.com/article/2493844-thylacines-genome-provides-clues-about-why-it-went-extinct/?fbclid=IwY2xjawM8j1VleHRuA2FlbQIxMABicmlkETBKWkZmR0FQQUFjeWdwOW1mAR4_b_uWk7UBAfJorwpWXYt2DO86iUZ95qYdOi8_y-4uGdsfbP3DVeqSFxCwQg_aem_0kAoJn2W5GM43Az1ru4u0A">andere Forschende wie</a>  Timothy Churchill (University of New South Wales, Sydney) schätzen diese genetischen Aussagen vorsichtiger ein. Bis jetzt stehe nur fest, dass die klimatischen Veränderungen in Australien über Millionen von Jahren vor der Ankunft des Menschen zu einem dramatischen Verlust der genetischen Vielfalt der Beutelwölfe geführt haben. Danach war der Beutelwolf zwar perfekt an seine ökologische Nische angepaßt gewesen. Allerdings sei er dadurch auch in eine evolutive Sackgasse geraten, so dass er die Konkurrenz des Dingos und der Bejagung nicht überleben konnte.<aside></aside></p> <h2 id="h-weder-wolf-noch-tiger-sondern-beuteltier"><strong>Weder Wolf noch Tiger, sondern Beuteltier</strong></h2> <p><em>Thylacinus cynocephalus </em>war ein Beuteltier. Mit bis zu 130 Zentimetern Kopf-Rumpflänge plus bis zu 65 Zentimeter Schwanz und eine Schulterhöhe von rund 60 Zentimetern war er der Top-Prädator Tasmaniens. Wegen seiner Streifen erhielt er den Beinamen „Tasmanischer Tiger“ und wegen seines wolfsartigen Kopfes „Beutelwolf“. Auch sein wissenschaftlicher Artname weist auf diese Ähnlichkeit hin: cyno (griech. Hund) und cephalus (griech. Kopf).</p> <p>Obwohl Beuteltiere und plazentale Säugetiere ihren letzten gemeinsamen Vorfahren vor sehr langer Zeit hatten, ähneln sich Wolf und Beutelwolf stark. Dies ist durch die Besetzung sehr ähnliche ökologischer Nischen zu erklären, so dass sich beide konvergent entwickeln. Allerdings konnten Beutelwölfe ihre Kiefer wohl weiter aufklappen, einige Quellen sprechen von bis zu 90 °. Auch die Ausbildung der Zähne ähnelte sich stark. Allerdings hatte der Beutelwolf, wie alle Beuteltiere pro Kieferquadranten 4 Schneidezähne, im Gegensatz zu den 3 Schneidezähnen der Wölfe.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Beutelwolf_fg01.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 753px) 100vw, 753px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Beutelwolf_fg01-753x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Beutelwolf_fg01-753x1024.jpg 753w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Beutelwolf_fg01-221x300.jpg 221w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Beutelwolf_fg01-768x1044.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Beutelwolf_fg01.jpg 800w" width="753"></img></a></figure> <p>Wikipedia: Beutelwolf (Fritz Geller-Grimm: Copy of a skull of Thylacinus cynocephalus and original skull of Canis lupus, Museum Wiesbaden Naturhistorische Landessammlung, Germany) CC-By-SA-2.5</p> <p>Wie alle Beuteltiere werden auch diese Tiger-Wölfe in einem sehr frühen Stadium geboren und klettern dann in den Beutel der Mutter. Dort durchlaufen sie ihre weitere Entwicklung und werden dann schnell hundeähnlich, <a href="https://www.nytimes.com/2018/02/23/science/tasmanian-tiger-pouch.html">wie eine Forschungsstudie an Embryonen gezeigt hatte.</a> Die Forscher hatten dafür in Museen aufbewahrte Embryonen 3 D-gescannt und die Entwicklung der Körpermerkmale und Proportionen analysiert.</p> <h2 id="h-wann-wurde-der-letzte-beutelwolf-gesichtet"><strong>Wann wurde der letzte Beutelwolf gesichtet?</strong></h2> <p>Das letzte Exemplar starb 1936 im Hobart Zoo. Allerdings gibt es immer Berichte von angeblichen Sichtungen lebender Exemplare. Der quasimythologische Tasmanische Tiger ist also ein fester Bestandteil des Krytobiologie-Zoos.<br></br>Allerdings bezweifelt niemand, dass es diese Art tatsächlich einst gab.<br></br>2023 rekonstruierte eine Studie alle <em>Thylacinus</em>-Sichtungen nicht nur nach Zeit und Ort, sondern auch nach Zuverlässigkeit der Augenzeugen. Alle Meldungen werden in der <em><a href="http://www.naturalworlds.org/thylacine/mrp/itsd/itsd_1.htm">International Thylacine Specimen Database</a></em> erfaßt und mit einem Score versehen. Dabei wurden Meldungen von Personen, die namentlich bekannt und erfahren mit Wildtieren der jeweiligen Gegend waren, höher bewertet, als anonyme Meldungen oder angebliche Sichtungen durch Personen ohne Wissen der einheimischen Fauna.</p> <p>So kommt das Forschungsteam zu dem Schluß, dass das ikonische tasmanische <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0048969723014948">Raubtier noch bis in die 1980-er Jahre hinein</a> überlebt haben könnte. Seitdem hat es allerdings keine zuverlässigen Sichtungen mehr gegeben.<br></br>Ich bin aber trotzdem ganz sicher, dass es weitere Meldungen geben wird – ist doch das Wunschdenken nach der Sichtung eines solchen Tieres manchmal größer als Sehkraft und Sachverstand.</p> <h2 id="h-ein-vergammelter-kopf-und-der-traum-von-de-extiction"><strong>Ein vergammelter Kopf und der Traum von De-Extiction</strong></h2> <p>Der Traum von der De-Extinction geistert seit Jahren durch manche Forscher-Köpfe. Auf der Suche nach verwendbarem Genmaterial durchstöberte in Team um Andrew Pask, den Leiter des Labors für integrierte genetische Wiederherstellungsforschung (mit dem Akronym Tigrr) an der Universität von Melbourne Museumssammlungen. Auch dort, wo lange niemand nachgeschaut hatten<a href="https://www.theguardian.com/science/2024/oct/17/how-a-putrid-find-in-a-museum-cupboard-could-be-the-key-to-bringing-the-tasmanian-tiger-back-to-life">. Dort wurden sie 2024 schließlich fündig:</a> In einem Eimer, ganz hinten in einem Schrank des Melbourne Museums. Dort hatte jemand vor 110 Jahren den gehäuteten und nur grob abgefleischten Kopf eines Tasmanischen Tigers in Ethanol eingelegt. Und dann offenbar vergessen. Seitdem faulte das Stück vor sich.</p> <p>Trotzdem konnten die Forschenden von diesem Exemplar erstmals viele lange RNA-Moleküle finden, die für die Rekonstruktion des Genoms eines ausgestorbenen Tieres entscheidend sind. Bei diesem Projekt ist natürlich auch die texanische Firma Colossal dabei, deren Geschäftsmodell das Zurückklonen ausgestorbener Tierarten ist.</p> <p>Bereits 2017 hatten Pask und seine Kollegen Proben von einem konservierten jungen Beutelwolfwelpen und daraus eine vollständige genetische Karte des Beutelwolfs erstellt. Dabei hatten auch sie bereits die sehr geringe genetische Vielfalt des Beutelwolfs entdeckt und gemutmaßt, dass diese Art lange vor ihrer Ausrottung schon Schwierigkeiten hatte, sich an Umweltveränderungen und Krankheiten anzupassen. Die noch vorhandenen Lücken im Genom soll die mit dem <em>Thylacinus </em>verwandte <a href="https://www.theguardian.com/australia-news/2022/aug/16/de-extinction-scientists-are-planning-the-multimillion-dollar-resurrection-of-the-tasmanian-tiger">Dickschwänzige Schmalfußbeutelmaus (<em>Sminthopsis crassicaudata</em>) liefern.</a> Das modifizierte genetische Material wollen sie in Schmalfußbeutelmaus-Embryonen implantieren und ein Weibchen dieser Art als Leihmutter einsetzen.</p> <p>Dass Colossal bei diesen angeblichen De-Extinction-Projekten auch aus der Wissenschafts-Community viel Gegenwind entgegenbläst und warum die angeblichen Fortschritte beim Zurückbringen ausgestorbener Arten nicht nur ethisch bedenklich, sondern auch sehr aufgeblasen sind, hatte ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/maus-im-mammut-pelz-kommt-nun-das-klon-mammut/">anlässlich des Mammuts schon ausführlicher beschrieben.</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Neues vom Tasmanischen Tiger » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Die beiden Tiger-Experten Nagarjun Vijay und Buddhabhushan Girish Salve (Indian Institute of Science Education and Research Bhopal) haben im Rahmen ihrer Forschung am Genom des Bengalischen Tigers auch einen Blick auf die Gene des Tasmanischen Tigers (Beutelwolf) geworfen. Sie denken, dass bei den beiden so unterschiedlichen Top-Prädatoren der Verlust wichtiger Gene über Jahrmillionen hinweg beide anfällige fürs Aussterben macht.</p> <p>Der Beutelwolf oder Tasmanische Tiger (<em>Thylacinus cynocephalus</em>) war der letzte Überlebende einer Familie der Thylacinidae, die einst in ganz Australien und Neuguinea lebten.<br></br>Bislang wurde seine Ausrottung allein mit der Bejagung durch Menschen und den von Menschen eingeführten Dingo erklärt. So war er auf dem australischen Festland bereits vor 2000 Jahren ausgestorben, nach der Ankunft der Europäer in Tasmanien wurden die Tiere von Bauern und durch eine Abschußprämie gnadenlos verfolgt.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Thylacinus.jpg"><img alt="" decoding="async" height="486" sizes="(max-width: 728px) 100vw, 728px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Thylacinus.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Thylacinus.jpg 728w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Thylacinus-300x200.jpg 300w" width="728"></img></a><figcaption>Wikipedia: Beutelwolf (Baker; E.J. Keller. – Report of the Smithsonian Institution. 1904 from the Smithsonian Institution archives. Additional information: Female thylacine (front) with juvenile male offspring (rear). (30 September 2020). “<a href="https://meridian.allenpress.com/australian-zoologist/article-pdf/41/2/143/2807802/i0067-2238-41-2-143.pdf">A Catalogue of the Thylacine captured on film</a>“. <em>Australian Zoologist</em> <strong>41</strong> (2): 143–178. <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Digital_Object_Identifier">DOI</a>:<a href="https://doi.org/10.7882/AZ.2020.032">10.7882/AZ.2020.032</a>).</figcaption></figure> <p>Die genetische Studie fand jetzt heraus: Im Gegensatz zu fast allen anderen Beuteltieren, einschließlich der Tasmanischen Teufel, hatten Beutelwölfe mindestens <a href="https://royalsocietypublishing.org/doi/10.1098/rspb.2025.1339">vier wichtige Gene verloren:  SAMD9L, HSD17B13, CUZD1 und VWA7.</a> Die molekulare Uhr zeigt, dass der Verlust dieser Gene lange vor der Isolierung des tasmanischen Beutelwolf-Bestands vor etwa 10.000 Jahren durch den Anstieg des Meeresspiegels nach der letzten Eiszeit eintrat. Vielmehr verloren die Thylacine SAMD9L, CUZD1 und VWA7 vor mindestens 6 Millionen Jahren, ebenfalls in einer Zeit starker Klimaveränderungen. In dieser Zeit, so <a href="https://www.nhm.ac.uk/discover/news/2024/september/new-species-ancient-thylacines-oldest-ever-found.html">zeigen paläontologische Funde</a>, nahm ihre Größe dramatisch zu und sie wurden <a href="https://www.popsci.com/environment/new-tasmanian-tiger/">zu Hyperkarnivoren wurde, ernährten</a> sich also fast  ausschließlich von Fleisch.</p> <p>Der Verlust dieser Gene könnte aber auch negative Folgen gehabt haben – Vijay und Salve meinen, dass die verlorenen Gene die antivirale Abwehr, Stoffwechselprozesse, Laktation und eine höhere Anfälligkeit für Krebs und Bauchspeicheldrüsen-Entzündungen hervorgerufen haben könnten. Zwischen den Genen und diesen Erkrankungen bestehe ein Zusammenhang</p> <p>Einige <a href="https://www.newscientist.com/article/2493844-thylacines-genome-provides-clues-about-why-it-went-extinct/?fbclid=IwY2xjawM8j1VleHRuA2FlbQIxMABicmlkETBKWkZmR0FQQUFjeWdwOW1mAR4_b_uWk7UBAfJorwpWXYt2DO86iUZ95qYdOi8_y-4uGdsfbP3DVeqSFxCwQg_aem_0kAoJn2W5GM43Az1ru4u0A">andere Forschende wie</a>  Timothy Churchill (University of New South Wales, Sydney) schätzen diese genetischen Aussagen vorsichtiger ein. Bis jetzt stehe nur fest, dass die klimatischen Veränderungen in Australien über Millionen von Jahren vor der Ankunft des Menschen zu einem dramatischen Verlust der genetischen Vielfalt der Beutelwölfe geführt haben. Danach war der Beutelwolf zwar perfekt an seine ökologische Nische angepaßt gewesen. Allerdings sei er dadurch auch in eine evolutive Sackgasse geraten, so dass er die Konkurrenz des Dingos und der Bejagung nicht überleben konnte.<aside></aside></p> <h2 id="h-weder-wolf-noch-tiger-sondern-beuteltier"><strong>Weder Wolf noch Tiger, sondern Beuteltier</strong></h2> <p><em>Thylacinus cynocephalus </em>war ein Beuteltier. Mit bis zu 130 Zentimetern Kopf-Rumpflänge plus bis zu 65 Zentimeter Schwanz und eine Schulterhöhe von rund 60 Zentimetern war er der Top-Prädator Tasmaniens. Wegen seiner Streifen erhielt er den Beinamen „Tasmanischer Tiger“ und wegen seines wolfsartigen Kopfes „Beutelwolf“. Auch sein wissenschaftlicher Artname weist auf diese Ähnlichkeit hin: cyno (griech. Hund) und cephalus (griech. Kopf).</p> <p>Obwohl Beuteltiere und plazentale Säugetiere ihren letzten gemeinsamen Vorfahren vor sehr langer Zeit hatten, ähneln sich Wolf und Beutelwolf stark. Dies ist durch die Besetzung sehr ähnliche ökologischer Nischen zu erklären, so dass sich beide konvergent entwickeln. Allerdings konnten Beutelwölfe ihre Kiefer wohl weiter aufklappen, einige Quellen sprechen von bis zu 90 °. Auch die Ausbildung der Zähne ähnelte sich stark. Allerdings hatte der Beutelwolf, wie alle Beuteltiere pro Kieferquadranten 4 Schneidezähne, im Gegensatz zu den 3 Schneidezähnen der Wölfe.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Beutelwolf_fg01.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 753px) 100vw, 753px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Beutelwolf_fg01-753x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Beutelwolf_fg01-753x1024.jpg 753w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Beutelwolf_fg01-221x300.jpg 221w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Beutelwolf_fg01-768x1044.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Beutelwolf_fg01.jpg 800w" width="753"></img></a></figure> <p>Wikipedia: Beutelwolf (Fritz Geller-Grimm: Copy of a skull of Thylacinus cynocephalus and original skull of Canis lupus, Museum Wiesbaden Naturhistorische Landessammlung, Germany) CC-By-SA-2.5</p> <p>Wie alle Beuteltiere werden auch diese Tiger-Wölfe in einem sehr frühen Stadium geboren und klettern dann in den Beutel der Mutter. Dort durchlaufen sie ihre weitere Entwicklung und werden dann schnell hundeähnlich, <a href="https://www.nytimes.com/2018/02/23/science/tasmanian-tiger-pouch.html">wie eine Forschungsstudie an Embryonen gezeigt hatte.</a> Die Forscher hatten dafür in Museen aufbewahrte Embryonen 3 D-gescannt und die Entwicklung der Körpermerkmale und Proportionen analysiert.</p> <h2 id="h-wann-wurde-der-letzte-beutelwolf-gesichtet"><strong>Wann wurde der letzte Beutelwolf gesichtet?</strong></h2> <p>Das letzte Exemplar starb 1936 im Hobart Zoo. Allerdings gibt es immer Berichte von angeblichen Sichtungen lebender Exemplare. Der quasimythologische Tasmanische Tiger ist also ein fester Bestandteil des Krytobiologie-Zoos.<br></br>Allerdings bezweifelt niemand, dass es diese Art tatsächlich einst gab.<br></br>2023 rekonstruierte eine Studie alle <em>Thylacinus</em>-Sichtungen nicht nur nach Zeit und Ort, sondern auch nach Zuverlässigkeit der Augenzeugen. Alle Meldungen werden in der <em><a href="http://www.naturalworlds.org/thylacine/mrp/itsd/itsd_1.htm">International Thylacine Specimen Database</a></em> erfaßt und mit einem Score versehen. Dabei wurden Meldungen von Personen, die namentlich bekannt und erfahren mit Wildtieren der jeweiligen Gegend waren, höher bewertet, als anonyme Meldungen oder angebliche Sichtungen durch Personen ohne Wissen der einheimischen Fauna.</p> <p>So kommt das Forschungsteam zu dem Schluß, dass das ikonische tasmanische <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0048969723014948">Raubtier noch bis in die 1980-er Jahre hinein</a> überlebt haben könnte. Seitdem hat es allerdings keine zuverlässigen Sichtungen mehr gegeben.<br></br>Ich bin aber trotzdem ganz sicher, dass es weitere Meldungen geben wird – ist doch das Wunschdenken nach der Sichtung eines solchen Tieres manchmal größer als Sehkraft und Sachverstand.</p> <h2 id="h-ein-vergammelter-kopf-und-der-traum-von-de-extiction"><strong>Ein vergammelter Kopf und der Traum von De-Extiction</strong></h2> <p>Der Traum von der De-Extinction geistert seit Jahren durch manche Forscher-Köpfe. Auf der Suche nach verwendbarem Genmaterial durchstöberte in Team um Andrew Pask, den Leiter des Labors für integrierte genetische Wiederherstellungsforschung (mit dem Akronym Tigrr) an der Universität von Melbourne Museumssammlungen. Auch dort, wo lange niemand nachgeschaut hatten<a href="https://www.theguardian.com/science/2024/oct/17/how-a-putrid-find-in-a-museum-cupboard-could-be-the-key-to-bringing-the-tasmanian-tiger-back-to-life">. Dort wurden sie 2024 schließlich fündig:</a> In einem Eimer, ganz hinten in einem Schrank des Melbourne Museums. Dort hatte jemand vor 110 Jahren den gehäuteten und nur grob abgefleischten Kopf eines Tasmanischen Tigers in Ethanol eingelegt. Und dann offenbar vergessen. Seitdem faulte das Stück vor sich.</p> <p>Trotzdem konnten die Forschenden von diesem Exemplar erstmals viele lange RNA-Moleküle finden, die für die Rekonstruktion des Genoms eines ausgestorbenen Tieres entscheidend sind. Bei diesem Projekt ist natürlich auch die texanische Firma Colossal dabei, deren Geschäftsmodell das Zurückklonen ausgestorbener Tierarten ist.</p> <p>Bereits 2017 hatten Pask und seine Kollegen Proben von einem konservierten jungen Beutelwolfwelpen und daraus eine vollständige genetische Karte des Beutelwolfs erstellt. Dabei hatten auch sie bereits die sehr geringe genetische Vielfalt des Beutelwolfs entdeckt und gemutmaßt, dass diese Art lange vor ihrer Ausrottung schon Schwierigkeiten hatte, sich an Umweltveränderungen und Krankheiten anzupassen. Die noch vorhandenen Lücken im Genom soll die mit dem <em>Thylacinus </em>verwandte <a href="https://www.theguardian.com/australia-news/2022/aug/16/de-extinction-scientists-are-planning-the-multimillion-dollar-resurrection-of-the-tasmanian-tiger">Dickschwänzige Schmalfußbeutelmaus (<em>Sminthopsis crassicaudata</em>) liefern.</a> Das modifizierte genetische Material wollen sie in Schmalfußbeutelmaus-Embryonen implantieren und ein Weibchen dieser Art als Leihmutter einsetzen.</p> <p>Dass Colossal bei diesen angeblichen De-Extinction-Projekten auch aus der Wissenschafts-Community viel Gegenwind entgegenbläst und warum die angeblichen Fortschritte beim Zurückbringen ausgestorbener Arten nicht nur ethisch bedenklich, sondern auch sehr aufgeblasen sind, hatte ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/maus-im-mammut-pelz-kommt-nun-das-klon-mammut/">anlässlich des Mammuts schon ausführlicher beschrieben.</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/meertext/neues-vom-tasmanischen-tiger/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>14</slash:comments> </item> <item> <title>The Doctor Will See Your Digital Twin Now https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-doctor-will-see-your-digital-twin-now/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-doctor-will-see-your-digital-twin-now/#comments Fri, 19 Sep 2025 10:00:00 +0000 Andrei Mihai https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=13768 <h1>The Doctor Will See Your Digital Twin Now - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>At this edition of the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/">Heidelberg Laureate Forum</a>, we welcomed back the first Young Researcher who came back as a Laureate. Amanda Randles attended the very first edition of the Heidelberg Laureate Forum, and in 2024, she was awarded the ACM Prize in Computing for her contributions to computational health.</p> <p>Now, Randles came back to present some of her research on digital twins: models of the human body that promise to reshape how we approach healthcare.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54790858821_509e185a35_b.jpg"><img alt="amanda randles presenting at HLF" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54790858821_509e185a35_b.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54790858821_509e185a35_b.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54790858821_509e185a35_b-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54790858821_509e185a35_b-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Amanda Randles. © HLFF / Kreutzer</figcaption></figure></div> <h3>A Model of You</h3> <p>Digital twins are not a new concept. In fact, they have been used in some fields of engineering for some time. Sensors feed data into a detailed simulation that predicts wear, detects problems early, and guides repairs before disaster strikes. Randles envisions the same setup for humans., noting that this approach to medicine would be transformative.</p> <p>Today, medicine is mostly reactive. We are waiting for problems to happen, then we try to treat them. With digital twins, the Laureate says, the aim is to flip that script and catch trouble early and treat it before it ever turns into a crisis.</p> <p>Conceptually, the approach is similar to engineering. You feed the model as much data as possible about an individual’s body and you detect potential problems before they happen. For instance, you could detect cardiovascular problems before any clear symptoms emerge. Your doctor could test various treatment approaches or various surgery strategies and see which one should work better for your body. You could even do it to customize workouts and get the most out of your physical activity.<aside></aside></p> <p>The problem, however, is that the human body is much more complex and difficult to emulate than a bridge. A digital twin is not just a static 3D model, it is a living computational model, constantly fed real-time data from thousands of sensors. To build it, Randles and her team fused together a dizzying array of data (the word “petabyte” came up a couple of times).</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/199foJeCTsE?feature=oembed&amp;rel=0" title="Lecture: Randles | September 15" width="666"></iframe> </p></figure> <p>They focused on blood flow simulations, starting with medical imaging like MRI or CT scans. With these scans, they captured the unique geometry of people’s arteries. Then, they solve fluid dynamics equations to model blood flow inside this geometry. Randles focused on the circulatory system, building a tool called <a href="https://computing.llnl.gov/projects/harvey">HARVEY, a high-performance blood flow simulator</a>. Named after 17th-century physician <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/William_Harvey">William Harvey</a>, who first described the circulation of blood, HARVEY uses advanced numerical methods to simulate blood at the cellular scale.</p> <p>This is a gargantuan computational task.</p> <p>The cardiovascular system alone contains more than 96,000 kilometers (60,000 miles) of <a href="https://www.texasheart.org/heart-health/heart-information-center/topics/cardiovascular-system/">blood vessels</a>. And blood is not a simple fluid; it is a dynamic mix of cells, plasma, and proteins. Our bodies have 20 to 30 <em>trillion</em> red blood cells. To simulate just 30 seconds of blood flow in a single patient, the team used an entire supercomputer cluster for months.</p> <p>Randles realized there had to be a better way.</p> <h3 id="smarter-algorithms-more-data">Smarter Algorithms, More Data</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-122.png"><img alt="screenshot of 3D vascular models" decoding="async" height="655" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-122-1024x655.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-122-1024x655.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-122-300x192.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-122-768x491.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-122.png 2037w" width="1024"></img></a><figcaption>Slide from Randles’ lecture at the 12th HLF.</figcaption></figure></div> <p>Along with her colleagues, she developed an algorithm that breaks down simulations into smaller, parallel pieces, allowing them to model weeks of blood flow using far less computational power. They take a model and then put these pieces back together. It is important to keep in mind that this is not purely a data-driven algorithm. There are hard, physical constraints regarding blood flow and fluid dynamics in HARVEY.</p> <p>In one of Randles’ studies, they focused on coronary artery disease, a condition where fatty plaques narrow arteries and can trigger heart attacks. Traditionally, cardiologists measure something called fractional flow reserve (FFR), the ratio of blood pressure before and after a blockage to decide if a stent is necessary. But measuring FFR requires threading a wire through a patient’s artery, an invasive procedure.</p> <p>Randles’ team built a digital model of each patient’s arteries and simulated the blood flow. Their calculations matched the invasive measurements within a few percentage points, close enough to guide treatment without sticking wires in anyone’s heart. Already, this shows how useful digital twins can be.</p> <p>“What we’re trying to do is build this digital twin to not only be able to match these devices, but to be able to take it to where you can capture it as you’re moving about your daily life and be able to find other earlier symptoms.”</p> <p>The model went further. It revealed a pattern of swirling blood, called vorticity, that predicted future complications better than FFR alone. With this, they were able to identify patients who looked fine by conventional measures but later developed problems, Randles said.</p> <p>But the power of a twin isn’t just in diagnosing today’s disease. It’s in predicting tomorrow’s. To do that, Randles is drawing data from an increasingly abundant source: wearables. “We can say currently this pivotal shift in health care is driven by wearable sensors.”</p> <p>These sensors, most often in the form of a smartwatch or a ring, offer a huge amount of data about sleep patterns, activity levels, heart rate, and many more. This opens the door for a range of personalized interventions, particularly when coupled with a digital twin. Doctors would no longer rely solely on population-based guidelines like “run 30 minutes a day” or “cut back on salt.” Instead, recommendations could be tuned to your physiology. Maybe a slow jog lowers your risk more than sprints. Maybe a small tweak in medication avoids a hospitalization entirely. The promise of wearable data, especially when coupled with digital twins, is to have these interventions custom-made for every individual.</p> <p>It is an ambitious vision, and Randles’s ambition does not stop at organs and arteries. The ultimate understanding of disease happens at the level of individual cells. Her group is now pushing the boundaries of simulation to model the seemingly chaotic, microscopic world inside our blood vessels, capturing the behavior of single cells.</p> <h3 id="this-needs-more-innovation">This Needs More Innovation</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788936789_d1c8e09979_o.jpg"><img alt="amanda randles presenting at HLF" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788936789_d1c8e09979_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788936789_d1c8e09979_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788936789_d1c8e09979_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788936789_d1c8e09979_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>© HLFF / Flemming</figcaption></figure></div> <p>There is a reason Randles’ group involves includes mathematicians and computer scientists, not just doctors. This field needs breakthroughs in algorithms, hardware, and AI. Simulations must run faster, handle more data, and integrate wearable tech securely and fairly. AI models will need to predict outcomes accurately while explaining their reasoning. This is particularly important in medicine, where decisions cannot be black boxes.</p> <p>She is also realistic about privacy and ethics. A digital twin would ultimately contain some of the most intimate data imaginable: your complete medical history, your genetic profile, your daily behavior. Making that secure and trustworthy is as important as making it accurate. This is all the more challenging as health data tends to be siloed.</p> <p>“Our goal is to break down data silos. The way care is happening [..] you go to your cardiologist and your neurologist, and they don’t always connect as well as you’d want to. It’s not always seen as a whole patient so we’re trying to change this to a whole patient approach and really capture what’s happening in your entire lifespan.”</p> <p>Pieces of this work are already in use. Non-invasive “digital FFR” is FDA approved in some contexts. Her lab’s vascular simulations are being tested in clinical collaborations. However, a reasonably complete digital twin is probably decades of work away. Still, Randles is convinced the payoff is worth it.</p> <blockquote> <p>“In the future we won’t be ask if you have a digital twin but we’ll ask how your digital twin helped keep you healthy.”</p> </blockquote> <p>Randles is also keen to point out the value of interdisciplinary events like the HLF. In a later conference, she noted how people like <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/john-e-hopcroft/">John Hopcroft</a> and <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/vinton-gray-cerf/">Vint Cerf</a> were inspirational to her as a Young Researcher, and the HLF helped her think about machine learning “before we all started doing it.”</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>The Doctor Will See Your Digital Twin Now - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>At this edition of the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/">Heidelberg Laureate Forum</a>, we welcomed back the first Young Researcher who came back as a Laureate. Amanda Randles attended the very first edition of the Heidelberg Laureate Forum, and in 2024, she was awarded the ACM Prize in Computing for her contributions to computational health.</p> <p>Now, Randles came back to present some of her research on digital twins: models of the human body that promise to reshape how we approach healthcare.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54790858821_509e185a35_b.jpg"><img alt="amanda randles presenting at HLF" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54790858821_509e185a35_b.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54790858821_509e185a35_b.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54790858821_509e185a35_b-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54790858821_509e185a35_b-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Amanda Randles. © HLFF / Kreutzer</figcaption></figure></div> <h3>A Model of You</h3> <p>Digital twins are not a new concept. In fact, they have been used in some fields of engineering for some time. Sensors feed data into a detailed simulation that predicts wear, detects problems early, and guides repairs before disaster strikes. Randles envisions the same setup for humans., noting that this approach to medicine would be transformative.</p> <p>Today, medicine is mostly reactive. We are waiting for problems to happen, then we try to treat them. With digital twins, the Laureate says, the aim is to flip that script and catch trouble early and treat it before it ever turns into a crisis.</p> <p>Conceptually, the approach is similar to engineering. You feed the model as much data as possible about an individual’s body and you detect potential problems before they happen. For instance, you could detect cardiovascular problems before any clear symptoms emerge. Your doctor could test various treatment approaches or various surgery strategies and see which one should work better for your body. You could even do it to customize workouts and get the most out of your physical activity.<aside></aside></p> <p>The problem, however, is that the human body is much more complex and difficult to emulate than a bridge. A digital twin is not just a static 3D model, it is a living computational model, constantly fed real-time data from thousands of sensors. To build it, Randles and her team fused together a dizzying array of data (the word “petabyte” came up a couple of times).</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/199foJeCTsE?feature=oembed&amp;rel=0" title="Lecture: Randles | September 15" width="666"></iframe> </p></figure> <p>They focused on blood flow simulations, starting with medical imaging like MRI or CT scans. With these scans, they captured the unique geometry of people’s arteries. Then, they solve fluid dynamics equations to model blood flow inside this geometry. Randles focused on the circulatory system, building a tool called <a href="https://computing.llnl.gov/projects/harvey">HARVEY, a high-performance blood flow simulator</a>. Named after 17th-century physician <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/William_Harvey">William Harvey</a>, who first described the circulation of blood, HARVEY uses advanced numerical methods to simulate blood at the cellular scale.</p> <p>This is a gargantuan computational task.</p> <p>The cardiovascular system alone contains more than 96,000 kilometers (60,000 miles) of <a href="https://www.texasheart.org/heart-health/heart-information-center/topics/cardiovascular-system/">blood vessels</a>. And blood is not a simple fluid; it is a dynamic mix of cells, plasma, and proteins. Our bodies have 20 to 30 <em>trillion</em> red blood cells. To simulate just 30 seconds of blood flow in a single patient, the team used an entire supercomputer cluster for months.</p> <p>Randles realized there had to be a better way.</p> <h3 id="smarter-algorithms-more-data">Smarter Algorithms, More Data</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-122.png"><img alt="screenshot of 3D vascular models" decoding="async" height="655" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-122-1024x655.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-122-1024x655.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-122-300x192.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-122-768x491.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-122.png 2037w" width="1024"></img></a><figcaption>Slide from Randles’ lecture at the 12th HLF.</figcaption></figure></div> <p>Along with her colleagues, she developed an algorithm that breaks down simulations into smaller, parallel pieces, allowing them to model weeks of blood flow using far less computational power. They take a model and then put these pieces back together. It is important to keep in mind that this is not purely a data-driven algorithm. There are hard, physical constraints regarding blood flow and fluid dynamics in HARVEY.</p> <p>In one of Randles’ studies, they focused on coronary artery disease, a condition where fatty plaques narrow arteries and can trigger heart attacks. Traditionally, cardiologists measure something called fractional flow reserve (FFR), the ratio of blood pressure before and after a blockage to decide if a stent is necessary. But measuring FFR requires threading a wire through a patient’s artery, an invasive procedure.</p> <p>Randles’ team built a digital model of each patient’s arteries and simulated the blood flow. Their calculations matched the invasive measurements within a few percentage points, close enough to guide treatment without sticking wires in anyone’s heart. Already, this shows how useful digital twins can be.</p> <p>“What we’re trying to do is build this digital twin to not only be able to match these devices, but to be able to take it to where you can capture it as you’re moving about your daily life and be able to find other earlier symptoms.”</p> <p>The model went further. It revealed a pattern of swirling blood, called vorticity, that predicted future complications better than FFR alone. With this, they were able to identify patients who looked fine by conventional measures but later developed problems, Randles said.</p> <p>But the power of a twin isn’t just in diagnosing today’s disease. It’s in predicting tomorrow’s. To do that, Randles is drawing data from an increasingly abundant source: wearables. “We can say currently this pivotal shift in health care is driven by wearable sensors.”</p> <p>These sensors, most often in the form of a smartwatch or a ring, offer a huge amount of data about sleep patterns, activity levels, heart rate, and many more. This opens the door for a range of personalized interventions, particularly when coupled with a digital twin. Doctors would no longer rely solely on population-based guidelines like “run 30 minutes a day” or “cut back on salt.” Instead, recommendations could be tuned to your physiology. Maybe a slow jog lowers your risk more than sprints. Maybe a small tweak in medication avoids a hospitalization entirely. The promise of wearable data, especially when coupled with digital twins, is to have these interventions custom-made for every individual.</p> <p>It is an ambitious vision, and Randles’s ambition does not stop at organs and arteries. The ultimate understanding of disease happens at the level of individual cells. Her group is now pushing the boundaries of simulation to model the seemingly chaotic, microscopic world inside our blood vessels, capturing the behavior of single cells.</p> <h3 id="this-needs-more-innovation">This Needs More Innovation</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788936789_d1c8e09979_o.jpg"><img alt="amanda randles presenting at HLF" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788936789_d1c8e09979_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788936789_d1c8e09979_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788936789_d1c8e09979_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788936789_d1c8e09979_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>© HLFF / Flemming</figcaption></figure></div> <p>There is a reason Randles’ group involves includes mathematicians and computer scientists, not just doctors. This field needs breakthroughs in algorithms, hardware, and AI. Simulations must run faster, handle more data, and integrate wearable tech securely and fairly. AI models will need to predict outcomes accurately while explaining their reasoning. This is particularly important in medicine, where decisions cannot be black boxes.</p> <p>She is also realistic about privacy and ethics. A digital twin would ultimately contain some of the most intimate data imaginable: your complete medical history, your genetic profile, your daily behavior. Making that secure and trustworthy is as important as making it accurate. This is all the more challenging as health data tends to be siloed.</p> <p>“Our goal is to break down data silos. The way care is happening [..] you go to your cardiologist and your neurologist, and they don’t always connect as well as you’d want to. It’s not always seen as a whole patient so we’re trying to change this to a whole patient approach and really capture what’s happening in your entire lifespan.”</p> <p>Pieces of this work are already in use. Non-invasive “digital FFR” is FDA approved in some contexts. Her lab’s vascular simulations are being tested in clinical collaborations. However, a reasonably complete digital twin is probably decades of work away. Still, Randles is convinced the payoff is worth it.</p> <blockquote> <p>“In the future we won’t be ask if you have a digital twin but we’ll ask how your digital twin helped keep you healthy.”</p> </blockquote> <p>Randles is also keen to point out the value of interdisciplinary events like the HLF. In a later conference, she noted how people like <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/john-e-hopcroft/">John Hopcroft</a> and <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/vinton-gray-cerf/">Vint Cerf</a> were inspirational to her as a Young Researcher, and the HLF helped her think about machine learning “before we all started doing it.”</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-doctor-will-see-your-digital-twin-now/#comments 5 Gibt es menschliche Pheromone? https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/gibt-es-menschliche-pheromone/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/gibt-es-menschliche-pheromone/#respond Thu, 18 Sep 2025 13:00:00 +0000 Gast https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5160 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Bild5-768x588.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/gibt-es-menschliche-pheromone/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Bild5.jpg" /><h1>Gibt es menschliche Pheromone? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Gast</h2><div itemprop="text"> <p>Wir alle kennen die geflügelten Worte rund um unseren Geruchssinn. Intuitives Verhalten ist „immer der Nase nach“. Ein vages Gefühl der Abneigung umschreiben wir oft mit „Den Typ kann ich nicht riechen“ und Menschen, die wir mögen, sind „dufte“. Der menschliche Geruchssinn ist ganz ohne Zweifel eng mit unserem psychischen Zustand verknüpft und beeinflusst unser Verhalten oft sogar ganz unbewusst. Allerdings gehen manche mit ihren Spekulationen noch weiter und sprechen davon, dass wir, neben den zahlreichen Molekülen, die wir über unseren Geruchssinn wahrnehmen können, auch ganz direkt von einer Art der chemischen Kommunikation betroffen sind, die man an vielen Stellen im Tierreich findet. Die Rede ist natürlich von den Pheromonen.</p> <p>Das Konzept von menschlichen Pheromonen ist beliebt. An manchen Stellen im Internet werden sogar Pheromonpräparate angeboten, die den Nutzer attraktiver machen sollen. Eine chemische Geheimwaffe in der Partnersuche. Man sprüht sie auf und schon macht man sich attraktiver.</p> <p>Wissenschaftlich ist dieses Phänomen allerdings hoch umstritten und auch schon länger im öffentlichen Auge. Im Jahr 2005 erklärte das renommierte Wissenschaftsjournal <em>Science</em> die Frage nach der Existenz von menschlichen Pheromonen zu einer der 100 wichtigsten Fragen der Gegenwart. Doch auch 20 Jahre später scheint sie nicht abschließend geklärt. Werfen wir also mal einen Blick in die Datenlage. Lasst uns über Ameisen, schwitzige T-Shirts und sexuelle Anziehung reden und nachsehen, ob die momentane Wissenschaft uns die Frage beantworten kann: Gibt es menschliche Pheromone?</p> <h3 id="h-die-basics"><strong>Die Basics</strong></h3> <p>Wenn es euch so wie mir geht, dann habt ihr den Begriff „Pheromon“ schon oft gehört und habt auch einige Assoziationen, die mit ihm aufkommen. Wenn ihr aber fragt, wie der Begriff genau definiert wird, dann wird es schwieriger. Also lasst uns erst einmal ein paar Grundlagen klären.</p> <p>Die erste wissenschaftliche Beschreibung der Pheromone kam tatsächlich aus Deutschland. Im Jahr 1932 beschrieb der Frankfurter Physiologe Albrecht Bethe in seinem Artikel „Vernachlässigte Hormone“ die Kommunikation von Insekten [1]. Hier unterschied er zwischen endogenen und exogenen Hormonen, also zwischen Botenstoffen innerhalb des Körpers von Insekten (endo) und solchen, die freigesetzt werden (exo). Exogene Hormone, die Insekten freisetzen, um mit ihren Artgenossen zu kommunizieren, nannte er<em> Homiohormone</em>, solche, die zur Kommunikation mit anderen Arten genutzt wurden, nannte er <em>Alliohormone</em>. Eben diese Homiohormone waren es, die später zu den <em>Pheromonen</em> umbenannt wurden. Wir können also festhalten, dass Pheromone chemische Botenstoffe sind, die von einem Tier freigesetzt werden, um Signale an andere Tiere derselben Spezies zu senden. Wahrgenommen werden diese Stoffe mit den chemischen Sinnen. Bei Insekten gibt es dafür spezifische Pheromon-Rezeptoren auf sogenannten Sensillen, also kleinen Härchen, die auf ihren Körpern verteilt sind.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Bild1-6.jpg"><img alt="" decoding="async" height="377" sizes="(max-width: 605px) 100vw, 605px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Bild1-6.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Bild1-6.jpg 605w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Bild1-6-300x187.jpg 300w" width="605"></img></a><figcaption><sup>Bildquelle: Pixabay.com</sup></figcaption></figure> <p>Mittlerweile kennen wir viele Moleküle, die als Pheromone von Insekten freigesetzt werden. Zudem verstehen Insektenforscher (Entomologen) mehr und mehr über die Funktionen dieser Moleküle. Manche dieser Stoffe fungieren als simple chemische Signaturen, damit Artgenossen einander erkennen können, andere dienen als Aphrodisiakum, provozieren also die Paarung. Andere Botenstoffe stellen aber auch Alarmsignale dar. Das macht man sich beispielsweise in der Landwirtschaft zunutze, wenn man Beta-Farnesene auf die Felder sprüht, um Blattläuse abzuschrecken. Eine Art chemische Vogelscheuche [2].</p> <p>So spannend das alles ist, beweist es natürlich noch lange nicht, dass es ebensolche Botenstoffe auch zwischen Säugetieren gibt. Ist ein Pheromonparfüm ein plausibles Konzept, oder kann man höchstens darauf hoffen, ein paar Insekten auf sich aufmerksam zu machen?</p> <h3 id="h-wie-soll-das-genau-funktionieren"><strong>Wie soll das genau funktionieren?</strong></h3> <p>Wirbeltiere nehmen vermutlich Pheromone mit einem kleinen Organ in der Nase wahr. Das <em>vomeronasale Organ</em> (VNO) befindet sich meist auf der Innenseite der Nasenscheidewand und enthält chemische Sensorproteine, die denen des Riech-Epithels zwar ähneln, sich aber dennoch in ihrer Struktur von diesen unterscheiden. Die Signale aus dem VNO werden dann über den accessory olfactory bulb, einem kleinen Bündel von spezialisierten Nervenzellen neben dem Riechhirn, an die emotionalen und hormonellen Schaltzentralen im Gehirn weitergeleitet. So können kleine Mengen von bestimmten Moleküle in der Luft auch bei manchen komplexeren Tieren das Verhalten stark beeinflussen.</p> <p>Bei Mäusen wurde etwas gezeigt, dass das VNO absolut zentral für die sexuelle Anziehung ist. Zu diesem Zweck isolierten Jose Moncho-Bogani und Kollegen weibliche Mäuse von Männchen und deren Gerüchen. Danach setzten sie die Tiere gezielt den Gerüchen von Männchen (in Form von Urin) und dem benutzten Streu aus den Käfigen der männlichen Tiere aus. Interessanterweise führte zunächst nur die Streu zu einem verstärkten Interesse bei den Weibchen. Nachdem die Tiere der Streu aber ausgesetzt waren, entwickelten sie auch ein Interesse an den Gerüchen. Spätere Studien zeigten, dass diese Effekte eng mit Aktivität im AOB korrelieren, also mit den Inputs des VNO und nicht mit denen der Riechschleimhaut [3, 4]. Wir wissen also, dass es chemische Signale bei Säugetieren gibt, die sich direkt auf das Sexualverhalten auswirken und eigene Rezeptoren im VNO finden.</p> <p>Beim Menschen gibt es das VNO auch, allerdings geht man davon aus, dass es sich dabei nur noch um ein evolutionäres Relikt handelt, das keine relevanten Informationen mehr ans Hirn weiterleitet. In einem kürzlichen Artikel in einer Zeitschrift für HNO-Mediziner ist sogar davon die Rede, dass bei chirurgischen Eingriffen keine besonderen Maßnahmen getroffen werden müssen, um das VNO nicht zu beschädigen [5]. Wenn uns also das primäre Sinnesorgan für die Pheromonwahrnehmung fehlt, stellt sich die berechtigte Frage:</p> <h3 id="h-gibt-es-beweise-fur-menschliche-pheromone"><strong>Gibt es Beweise für menschliche Pheromone?</strong></h3> <p>Um diese Frage zu klären, müssen wir erst einmal festhalten, welche Kriterien ein Molekül oder eine Kombination von Molekülen erfüllen müsste, um als Pheromon gelten zu können. Leider scheint es keinen klaren Konsens dafür zu geben, wie ein Pheromon genau zu definieren ist. Dies beklagt auch Prof. Richard Doty, ein führender Geruchsforscher von der University of Pennsylvania. Doty schlägt deshalb vor, dass ein Molekül, um als menschliches Pheromon zu gelten, eine gut definierbare Verhaltens- oder Hormonantwort hervorrufen muss, die nur bei Artgenossen auftritt und am besten nicht erst erlernt werden muss [6]. Ganz generell ist Prof. Doty ein einschlägiger und kritischer Wissenschaftler im Bereich der menschlichen chemischen Wahrnehmung. Sein Buch „The Great Pheromone Myth“ ist ein detaillierter und hochinteressanter Beitrag zu dieser Debatte und war hoch informativ für die folgende Darstellung.</p> <p>Um solche Botenstoffe zu finden, wurden über die letzten 50 Jahre diverse Experimente vorgenommen, und teilweise wurden auch vielversprechende Ergebnisse berichtet. Allerdings weist Prof. Doty darauf hin, dass diese Ergebnisse oft unzulänglich waren, um die oben genannten Kriterien zu erfüllen. Und welcher Ort wäre besser geeignet, um nach einem menschlichen Pheromon zu suchen, als:</p> <h3 id="h-achselschweiss"><strong>Achselschweiß</strong></h3> <p>In den 70er Jahren wurde beispielsweise eine Studie designt, in welcher untersucht wurde, ob Menschen das Geschlecht von anderen, ihnen unbekannten Studienteilnehmern allein am Geruch ihres Achselschweißes erkennen können. Dazu wurden getragene T-Shirts präsentiert, deren Träger gebeten wurden, während des Tragens auf Deodorant oder Parfüm zu verzichten.</p> <p>Tatsächlich konnten die meisten Studienteilnehmer die T-Shirts korrekt in die männliche bzw. die weibliche Kategorie zuordnen, was damals als Hinweis auf ein geschlechterspezifisches chemisches Kommunikationssystem verstanden wurde [7].</p> <p>Prof. Doty hatte allerdings damals Zweifel an dem Konzept und beantwortete die Studie mit einem ähnlichen Experiment, in dem er die Teilnehmenden neben dem Geschlecht auch die Intensität klassifizieren ließ. Es zeigte sich, dass stärkere Schweißgerüche meist zu einer männlichen Einordnung führten und umgekehrt. Präsentierte man einer weiteren Gruppe von Teilnehmenden ausschließlich von Frauen getragene T-Shirts, setzte sich der Trend fort. Stärkere Schweißgerüche wurden als männlich eingeschätzt, leichtere als weiblich. Da Männer im Schnitt größere Schweißdrüsen und seltener rasierte Achseln haben, ist dies eine schlüssige Erklärung für den Erfolg der Teilnehmenden der ersten Studie. Doty war somit nicht von der Existenz eines olfaktorischen Geschlechtersignals überzeugt [6].</p> <h3 id="h-andere-ansatze"><strong>Andere Ansätze</strong></h3> <p>In den folgenden Jahren wurde die Suche nach menschlichen Pheromonen präziser. Man stellte einzelne Kandidatenmoleküle heraus, die man im menschlichen Schweiß oder in anderen Sekreten fand, und testete sie auf verschiedene Effekte. Der größte Fokus lag dabei auf der Steigerung von sexueller Attraktivität.</p> <p>Die Stoffe, die dabei bis heute am häufigsten im Rennen sind, sind die <em>Androstenone</em> (Bildquelle: Wikimedia Commons). Dieser Begriff beschreibt eine kleine Gruppe von Steroiden, die dem Androstenon ähneln. Dieses Molekül wurde als erstes Säugetier-Pheromon in männlichen Schweinen identifiziert. Es ist ein Stoffwechselprodukt des Testosterons und kommt somit in höheren Konzentrationen bei Männchen vor, wo es vor allem im Speichel vorkommt. Bei fruchtbaren Weibchen löst Androstenon Paarungsverhalten aus.</p> <div><figure><img alt="" decoding="async" height="824" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Bild2-3-1024x824.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Bild2-3-1024x824.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Bild2-3-300x241.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Bild2-3-768x618.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Bild2-3.jpg 1369w" width="1024"></img></figure><p>Auch beim Menschen kommt dieses Stoffwechselprodukt vor und kann beispielsweise im Schweiß, im Urin oder im Speichel nachgewiesen werden. Dies verleitet natürlich zu der Annahme, dass sie auch im Menschen ähnliche Funktionen erfüllen. Laut Doty kommt dabei noch hinzu, dass Frauen etwas sensibler für die Gerüche solcher Androstenone zu sein scheinen, was den Fall natürlich noch verdächtiger wirken lässt [6].</p></div> <h3 id="h-auch-hier-gibt-es-probleme"><strong>Auch hier gibt es Probleme</strong></h3> <p>Allerdings hat Prof. Doty auch hier einiges auszusetzen: Zum einen merkt er an, dass Androstenon und seine engen Verwandten oft nur in geringen Mengen bei Menschen gefunden werden können. Gleichzeitig gibt es diverse andere Moleküle, die einen viel größeren Teil des Körpergeruchs ausmachen. Darüber hinaus wurde gezeigt, dass viele Leute den Geruch von Androstenonen überhaupt nicht wahrnehmen können und andere den Geruch abstoßend finden. Zudem weist er an vielen Stellen darauf hin, dass Pheromone artspezifisch sein sollten. Ein Schweinehormon würde also in sich einen widersprüchlichen Kandidaten darstellen.</p> <p>Auch der Biologe Dr. Tristan Wyatt wies zudem im Jahr 2020 darauf hin, dass bisher keine direkte Evidenz für eine reproduzierbare Reaktion auf Androstenone gegeben sei. Viele Artikel würden auf die Androstenone, Androstadienon und Estratetraenol als „mögliche menschliche Pheromone“ verweisen und auf Basis dieser Annahme dann Experimente durchführen, doch eine systematisch erarbeitete Grundlage für diese Möglichkeit wurde nie wirklich gezeigt [8]. Er kommt deshalb zu dem Schluss, dass die Androstenone nicht eher „mögliche menschliche Pheromone“ sind als alle anderen Moleküle, die man in menschlichen Sekreten finden kann [9]. Die resultierenden Studien, die auf dieser Annahme aufbauen, sieht er deshalb höchst kritisch. Er befürchtet, dass es dabei wegen kleiner Stichproben und einiger methodischer Probleme zu häufigen falsch-positiven Ergebnissen kommen könnte, die sich nicht wiederholen lassen werden.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Bild3-5.jpg"><img alt="" decoding="async" height="398" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 483px) 100vw, 483px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Bild3-5.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Bild3-5.jpg 483w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Bild3-5-300x247.jpg 300w" width="483"></img></a><figcaption><sup>Bildquelle: Pixabay.com</sup></figcaption></figure></div> <p>Ein besonders spannender Aspekt dieser Forschung kam in den späten 90er- und frühen 2000er-Jahren zum Vorschein, als eine Reihe von Studien zu synthetischen „Pheromonen“ und deren Einfluss auf menschliches Sexualverhalten erschienen. Hier wurde einem Parfüm ein nicht näher definierter Stoff beigemischt und der sexuelle Erfolg der Träger anhand mehrerer Variablen über die nächsten Wochen dokumentiert und mit einer Placebogruppe verglichen. Doty kritisiert diese Studien scharf, bemängelt problematische Entscheidungen im Design, etwa Unterschiede darin, wie viele Menschen in der Pheromongruppe und der Placebogruppe in festen Partnerschaften waren. Außerdem verweist er auf eine unabhängige Zweitanalyse der Daten, in der die berichteten positiven Effekte auf den sexuellen Erfolg verschwanden [10].</p> <h3 id="h-konnen-wir-die-menschlichen-pheromone-also-vergessen"><strong>Können wir die menschlichen Pheromone also vergessen?</strong></h3> <p>Während die bisherige Suche nach einem menschlichen Pheromon erfolgslos blieb und von zahlreichen methodischen Problemen geplagt war (genug, um ein ganzes Buch zu füllen), betont Wyatt in seiner 2015er Review, dass er das Konzept an sich nicht für völlig unplausibel hält. Nur müsste die Suche in Zukunft rigoroser geführt werden, um starke Behauptungen aufstellen zu können [9].</p> <p>Richard Doty hingegen ist der Meinung, dass das Konzept des Pheromons so weit entfremdet werden müsste, um in der menschlichen chemischen Kommunikation sinnvoll verwendet werden zu können, dass es falsch wäre, weiter an ihm festzuhalten. Er betont dabei, dass selbst bei simpleren Organismen mittlerweile festgestellt wurde, wie raffiniert diese Prozesse doch sind. Oft sind es komplexe Cocktails an Molekülen, die freigesetzt werden und deren Wirkung stark vom motivationalen Zustand der Tiere abhängt [6]. Muss die Komplexität des Konzeptes schon für Ameisen erweitert werden, so Doty, stehe man bei Säugetieren klar auf einem verlorenen Posten. Er glaubt also nicht an ein einzelnes artenspezifisches Molekül, das eine spezifische Reaktion verlässlich und unerlernt in einem menschlichen Nervensystem bewirkt.</p> <p>Klar ist aber dennoch, dass Duftstoffe sich enorm auf unsere Stimmung, Motivation und Emotionen auswirken können. Diese Prozesse können auch in funktionellen Hirnscans nachgewiesen werden. Allerdings sind diese Reaktionen individuellen Variationen unterworfen und basieren nicht auf einem klar isolierbaren endokrinologischen Mechanismus.</p> <p>Die Lage ist also, so wie immer, komplex. Mit Sicherheit kann man aber sagen, dass man mit dem Kauf von angeblichen Pheromon-Parfüms niemanden von sich überzeugen wird. Dafür aber wenigstens hocheffizient sein Geld verschwendet.</p> <p><strong>Autor des Beitrags ist Florian Walter. Er war bis Ende Januar 2025 Mitglied des Redaktionsteams und verfasst zukünftig ab und an Gastbeiträge.</strong></p> <h5 id="h-literatur">Literatur</h5> <div> <p>[1] <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/BF01504737"><em>Bethe</em> <em>A.</em>: Vernachlässigte Hormone. Die Naturwissenschaften 20, 177–181 (1932).</a></p> <p>[2] <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26080085/"><em>Yew</em> <em>J. Y., Chung</em> <em>H.</em>: Insect pheromones: An overview of function, form, and discovery. </a>Progress in lipid research 59, 88–105 (2015).</p> <p>[3] <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0031938402008429?via%3Dihub"><em>Moncho-Bogani</em> <em>J., Lanuza</em> <em>E., Hernández</em> <em>A., Novejarque</em> <em>A., Martínez-García</em> <em>F.</em>: Attractive properties of sexual pheromones in mice: innate or learned?</a> Physiology &amp; behavior 77, 167–176 (2002).</p> <p>[4] <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1460-9568.2005.04036.x"><em>Moncho-Bogani</em> <em>J., Martinez-Garcia</em> <em>F., Novejarque</em> <em>A., Lanuza</em> <em>E.</em>: Attraction to sexual pheromones and associated odorants in female mice involves activation of the reward system and basolateral amygdala.</a> The European journal of neuroscience 21, 2186–2198 (2005).</p> <p>[5] <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s00276-023-03101-2"><em>Bruintjes</em> <em>T. D., Bleys</em> <em>R. L. A. W.</em>: The clinical significance of the human vomeronasal organ. Surgical and radiologic anatomy</a> : SRA 45, 457–460 (2023).</p> <p>[6] <a href="https://psycnet.apa.org/record/2010-04778-000"><em>Doty</em> <em>R. L.</em>: The great pheromone myth. </a>Johns Hopkins Univ. Press, Baltimore 2010.</p> <p>[7] <a href="https://www.nature.com/articles/260520a0"><em>Russell</em> <em>M. J.</em>: Human olfactory communication. </a>Nature 260, 520–522 (1976).</p> <p>[8] <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7209928/"><em>Wyatt</em> <em>T. D.</em>: Reproducible research into human chemical communication by cues and pheromones: learning from psychology’s renaissance. </a>Philosophical transactions of the Royal Society of London. Series B, Biological sciences 375, 20190262 (2020).</p> <p>[9] <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4375873/"><em>Wyatt</em> <em>T. D.</em>: The search for human pheromones: the lost decades and the necessity of returning to first principles.</a> Proceedings. Biological sciences 282, 20142994 (2015).</p> <p>[10] <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0031938404002586?via%3Dihub"><em>Winman</em> <em>A.</em>: Do perfume additives termed human pheromones warrant being termed pheromones?</a> Physiology &amp; behavior 82, 697–701 (2004).</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Bild5.jpg" /><h1>Gibt es menschliche Pheromone? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Gast</h2><div itemprop="text"> <p>Wir alle kennen die geflügelten Worte rund um unseren Geruchssinn. Intuitives Verhalten ist „immer der Nase nach“. Ein vages Gefühl der Abneigung umschreiben wir oft mit „Den Typ kann ich nicht riechen“ und Menschen, die wir mögen, sind „dufte“. Der menschliche Geruchssinn ist ganz ohne Zweifel eng mit unserem psychischen Zustand verknüpft und beeinflusst unser Verhalten oft sogar ganz unbewusst. Allerdings gehen manche mit ihren Spekulationen noch weiter und sprechen davon, dass wir, neben den zahlreichen Molekülen, die wir über unseren Geruchssinn wahrnehmen können, auch ganz direkt von einer Art der chemischen Kommunikation betroffen sind, die man an vielen Stellen im Tierreich findet. Die Rede ist natürlich von den Pheromonen.</p> <p>Das Konzept von menschlichen Pheromonen ist beliebt. An manchen Stellen im Internet werden sogar Pheromonpräparate angeboten, die den Nutzer attraktiver machen sollen. Eine chemische Geheimwaffe in der Partnersuche. Man sprüht sie auf und schon macht man sich attraktiver.</p> <p>Wissenschaftlich ist dieses Phänomen allerdings hoch umstritten und auch schon länger im öffentlichen Auge. Im Jahr 2005 erklärte das renommierte Wissenschaftsjournal <em>Science</em> die Frage nach der Existenz von menschlichen Pheromonen zu einer der 100 wichtigsten Fragen der Gegenwart. Doch auch 20 Jahre später scheint sie nicht abschließend geklärt. Werfen wir also mal einen Blick in die Datenlage. Lasst uns über Ameisen, schwitzige T-Shirts und sexuelle Anziehung reden und nachsehen, ob die momentane Wissenschaft uns die Frage beantworten kann: Gibt es menschliche Pheromone?</p> <h3 id="h-die-basics"><strong>Die Basics</strong></h3> <p>Wenn es euch so wie mir geht, dann habt ihr den Begriff „Pheromon“ schon oft gehört und habt auch einige Assoziationen, die mit ihm aufkommen. Wenn ihr aber fragt, wie der Begriff genau definiert wird, dann wird es schwieriger. Also lasst uns erst einmal ein paar Grundlagen klären.</p> <p>Die erste wissenschaftliche Beschreibung der Pheromone kam tatsächlich aus Deutschland. Im Jahr 1932 beschrieb der Frankfurter Physiologe Albrecht Bethe in seinem Artikel „Vernachlässigte Hormone“ die Kommunikation von Insekten [1]. Hier unterschied er zwischen endogenen und exogenen Hormonen, also zwischen Botenstoffen innerhalb des Körpers von Insekten (endo) und solchen, die freigesetzt werden (exo). Exogene Hormone, die Insekten freisetzen, um mit ihren Artgenossen zu kommunizieren, nannte er<em> Homiohormone</em>, solche, die zur Kommunikation mit anderen Arten genutzt wurden, nannte er <em>Alliohormone</em>. Eben diese Homiohormone waren es, die später zu den <em>Pheromonen</em> umbenannt wurden. Wir können also festhalten, dass Pheromone chemische Botenstoffe sind, die von einem Tier freigesetzt werden, um Signale an andere Tiere derselben Spezies zu senden. Wahrgenommen werden diese Stoffe mit den chemischen Sinnen. Bei Insekten gibt es dafür spezifische Pheromon-Rezeptoren auf sogenannten Sensillen, also kleinen Härchen, die auf ihren Körpern verteilt sind.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Bild1-6.jpg"><img alt="" decoding="async" height="377" sizes="(max-width: 605px) 100vw, 605px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Bild1-6.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Bild1-6.jpg 605w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Bild1-6-300x187.jpg 300w" width="605"></img></a><figcaption><sup>Bildquelle: Pixabay.com</sup></figcaption></figure> <p>Mittlerweile kennen wir viele Moleküle, die als Pheromone von Insekten freigesetzt werden. Zudem verstehen Insektenforscher (Entomologen) mehr und mehr über die Funktionen dieser Moleküle. Manche dieser Stoffe fungieren als simple chemische Signaturen, damit Artgenossen einander erkennen können, andere dienen als Aphrodisiakum, provozieren also die Paarung. Andere Botenstoffe stellen aber auch Alarmsignale dar. Das macht man sich beispielsweise in der Landwirtschaft zunutze, wenn man Beta-Farnesene auf die Felder sprüht, um Blattläuse abzuschrecken. Eine Art chemische Vogelscheuche [2].</p> <p>So spannend das alles ist, beweist es natürlich noch lange nicht, dass es ebensolche Botenstoffe auch zwischen Säugetieren gibt. Ist ein Pheromonparfüm ein plausibles Konzept, oder kann man höchstens darauf hoffen, ein paar Insekten auf sich aufmerksam zu machen?</p> <h3 id="h-wie-soll-das-genau-funktionieren"><strong>Wie soll das genau funktionieren?</strong></h3> <p>Wirbeltiere nehmen vermutlich Pheromone mit einem kleinen Organ in der Nase wahr. Das <em>vomeronasale Organ</em> (VNO) befindet sich meist auf der Innenseite der Nasenscheidewand und enthält chemische Sensorproteine, die denen des Riech-Epithels zwar ähneln, sich aber dennoch in ihrer Struktur von diesen unterscheiden. Die Signale aus dem VNO werden dann über den accessory olfactory bulb, einem kleinen Bündel von spezialisierten Nervenzellen neben dem Riechhirn, an die emotionalen und hormonellen Schaltzentralen im Gehirn weitergeleitet. So können kleine Mengen von bestimmten Moleküle in der Luft auch bei manchen komplexeren Tieren das Verhalten stark beeinflussen.</p> <p>Bei Mäusen wurde etwas gezeigt, dass das VNO absolut zentral für die sexuelle Anziehung ist. Zu diesem Zweck isolierten Jose Moncho-Bogani und Kollegen weibliche Mäuse von Männchen und deren Gerüchen. Danach setzten sie die Tiere gezielt den Gerüchen von Männchen (in Form von Urin) und dem benutzten Streu aus den Käfigen der männlichen Tiere aus. Interessanterweise führte zunächst nur die Streu zu einem verstärkten Interesse bei den Weibchen. Nachdem die Tiere der Streu aber ausgesetzt waren, entwickelten sie auch ein Interesse an den Gerüchen. Spätere Studien zeigten, dass diese Effekte eng mit Aktivität im AOB korrelieren, also mit den Inputs des VNO und nicht mit denen der Riechschleimhaut [3, 4]. Wir wissen also, dass es chemische Signale bei Säugetieren gibt, die sich direkt auf das Sexualverhalten auswirken und eigene Rezeptoren im VNO finden.</p> <p>Beim Menschen gibt es das VNO auch, allerdings geht man davon aus, dass es sich dabei nur noch um ein evolutionäres Relikt handelt, das keine relevanten Informationen mehr ans Hirn weiterleitet. In einem kürzlichen Artikel in einer Zeitschrift für HNO-Mediziner ist sogar davon die Rede, dass bei chirurgischen Eingriffen keine besonderen Maßnahmen getroffen werden müssen, um das VNO nicht zu beschädigen [5]. Wenn uns also das primäre Sinnesorgan für die Pheromonwahrnehmung fehlt, stellt sich die berechtigte Frage:</p> <h3 id="h-gibt-es-beweise-fur-menschliche-pheromone"><strong>Gibt es Beweise für menschliche Pheromone?</strong></h3> <p>Um diese Frage zu klären, müssen wir erst einmal festhalten, welche Kriterien ein Molekül oder eine Kombination von Molekülen erfüllen müsste, um als Pheromon gelten zu können. Leider scheint es keinen klaren Konsens dafür zu geben, wie ein Pheromon genau zu definieren ist. Dies beklagt auch Prof. Richard Doty, ein führender Geruchsforscher von der University of Pennsylvania. Doty schlägt deshalb vor, dass ein Molekül, um als menschliches Pheromon zu gelten, eine gut definierbare Verhaltens- oder Hormonantwort hervorrufen muss, die nur bei Artgenossen auftritt und am besten nicht erst erlernt werden muss [6]. Ganz generell ist Prof. Doty ein einschlägiger und kritischer Wissenschaftler im Bereich der menschlichen chemischen Wahrnehmung. Sein Buch „The Great Pheromone Myth“ ist ein detaillierter und hochinteressanter Beitrag zu dieser Debatte und war hoch informativ für die folgende Darstellung.</p> <p>Um solche Botenstoffe zu finden, wurden über die letzten 50 Jahre diverse Experimente vorgenommen, und teilweise wurden auch vielversprechende Ergebnisse berichtet. Allerdings weist Prof. Doty darauf hin, dass diese Ergebnisse oft unzulänglich waren, um die oben genannten Kriterien zu erfüllen. Und welcher Ort wäre besser geeignet, um nach einem menschlichen Pheromon zu suchen, als:</p> <h3 id="h-achselschweiss"><strong>Achselschweiß</strong></h3> <p>In den 70er Jahren wurde beispielsweise eine Studie designt, in welcher untersucht wurde, ob Menschen das Geschlecht von anderen, ihnen unbekannten Studienteilnehmern allein am Geruch ihres Achselschweißes erkennen können. Dazu wurden getragene T-Shirts präsentiert, deren Träger gebeten wurden, während des Tragens auf Deodorant oder Parfüm zu verzichten.</p> <p>Tatsächlich konnten die meisten Studienteilnehmer die T-Shirts korrekt in die männliche bzw. die weibliche Kategorie zuordnen, was damals als Hinweis auf ein geschlechterspezifisches chemisches Kommunikationssystem verstanden wurde [7].</p> <p>Prof. Doty hatte allerdings damals Zweifel an dem Konzept und beantwortete die Studie mit einem ähnlichen Experiment, in dem er die Teilnehmenden neben dem Geschlecht auch die Intensität klassifizieren ließ. Es zeigte sich, dass stärkere Schweißgerüche meist zu einer männlichen Einordnung führten und umgekehrt. Präsentierte man einer weiteren Gruppe von Teilnehmenden ausschließlich von Frauen getragene T-Shirts, setzte sich der Trend fort. Stärkere Schweißgerüche wurden als männlich eingeschätzt, leichtere als weiblich. Da Männer im Schnitt größere Schweißdrüsen und seltener rasierte Achseln haben, ist dies eine schlüssige Erklärung für den Erfolg der Teilnehmenden der ersten Studie. Doty war somit nicht von der Existenz eines olfaktorischen Geschlechtersignals überzeugt [6].</p> <h3 id="h-andere-ansatze"><strong>Andere Ansätze</strong></h3> <p>In den folgenden Jahren wurde die Suche nach menschlichen Pheromonen präziser. Man stellte einzelne Kandidatenmoleküle heraus, die man im menschlichen Schweiß oder in anderen Sekreten fand, und testete sie auf verschiedene Effekte. Der größte Fokus lag dabei auf der Steigerung von sexueller Attraktivität.</p> <p>Die Stoffe, die dabei bis heute am häufigsten im Rennen sind, sind die <em>Androstenone</em> (Bildquelle: Wikimedia Commons). Dieser Begriff beschreibt eine kleine Gruppe von Steroiden, die dem Androstenon ähneln. Dieses Molekül wurde als erstes Säugetier-Pheromon in männlichen Schweinen identifiziert. Es ist ein Stoffwechselprodukt des Testosterons und kommt somit in höheren Konzentrationen bei Männchen vor, wo es vor allem im Speichel vorkommt. Bei fruchtbaren Weibchen löst Androstenon Paarungsverhalten aus.</p> <div><figure><img alt="" decoding="async" height="824" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Bild2-3-1024x824.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Bild2-3-1024x824.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Bild2-3-300x241.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Bild2-3-768x618.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Bild2-3.jpg 1369w" width="1024"></img></figure><p>Auch beim Menschen kommt dieses Stoffwechselprodukt vor und kann beispielsweise im Schweiß, im Urin oder im Speichel nachgewiesen werden. Dies verleitet natürlich zu der Annahme, dass sie auch im Menschen ähnliche Funktionen erfüllen. Laut Doty kommt dabei noch hinzu, dass Frauen etwas sensibler für die Gerüche solcher Androstenone zu sein scheinen, was den Fall natürlich noch verdächtiger wirken lässt [6].</p></div> <h3 id="h-auch-hier-gibt-es-probleme"><strong>Auch hier gibt es Probleme</strong></h3> <p>Allerdings hat Prof. Doty auch hier einiges auszusetzen: Zum einen merkt er an, dass Androstenon und seine engen Verwandten oft nur in geringen Mengen bei Menschen gefunden werden können. Gleichzeitig gibt es diverse andere Moleküle, die einen viel größeren Teil des Körpergeruchs ausmachen. Darüber hinaus wurde gezeigt, dass viele Leute den Geruch von Androstenonen überhaupt nicht wahrnehmen können und andere den Geruch abstoßend finden. Zudem weist er an vielen Stellen darauf hin, dass Pheromone artspezifisch sein sollten. Ein Schweinehormon würde also in sich einen widersprüchlichen Kandidaten darstellen.</p> <p>Auch der Biologe Dr. Tristan Wyatt wies zudem im Jahr 2020 darauf hin, dass bisher keine direkte Evidenz für eine reproduzierbare Reaktion auf Androstenone gegeben sei. Viele Artikel würden auf die Androstenone, Androstadienon und Estratetraenol als „mögliche menschliche Pheromone“ verweisen und auf Basis dieser Annahme dann Experimente durchführen, doch eine systematisch erarbeitete Grundlage für diese Möglichkeit wurde nie wirklich gezeigt [8]. Er kommt deshalb zu dem Schluss, dass die Androstenone nicht eher „mögliche menschliche Pheromone“ sind als alle anderen Moleküle, die man in menschlichen Sekreten finden kann [9]. Die resultierenden Studien, die auf dieser Annahme aufbauen, sieht er deshalb höchst kritisch. Er befürchtet, dass es dabei wegen kleiner Stichproben und einiger methodischer Probleme zu häufigen falsch-positiven Ergebnissen kommen könnte, die sich nicht wiederholen lassen werden.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Bild3-5.jpg"><img alt="" decoding="async" height="398" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 483px) 100vw, 483px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Bild3-5.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Bild3-5.jpg 483w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Bild3-5-300x247.jpg 300w" width="483"></img></a><figcaption><sup>Bildquelle: Pixabay.com</sup></figcaption></figure></div> <p>Ein besonders spannender Aspekt dieser Forschung kam in den späten 90er- und frühen 2000er-Jahren zum Vorschein, als eine Reihe von Studien zu synthetischen „Pheromonen“ und deren Einfluss auf menschliches Sexualverhalten erschienen. Hier wurde einem Parfüm ein nicht näher definierter Stoff beigemischt und der sexuelle Erfolg der Träger anhand mehrerer Variablen über die nächsten Wochen dokumentiert und mit einer Placebogruppe verglichen. Doty kritisiert diese Studien scharf, bemängelt problematische Entscheidungen im Design, etwa Unterschiede darin, wie viele Menschen in der Pheromongruppe und der Placebogruppe in festen Partnerschaften waren. Außerdem verweist er auf eine unabhängige Zweitanalyse der Daten, in der die berichteten positiven Effekte auf den sexuellen Erfolg verschwanden [10].</p> <h3 id="h-konnen-wir-die-menschlichen-pheromone-also-vergessen"><strong>Können wir die menschlichen Pheromone also vergessen?</strong></h3> <p>Während die bisherige Suche nach einem menschlichen Pheromon erfolgslos blieb und von zahlreichen methodischen Problemen geplagt war (genug, um ein ganzes Buch zu füllen), betont Wyatt in seiner 2015er Review, dass er das Konzept an sich nicht für völlig unplausibel hält. Nur müsste die Suche in Zukunft rigoroser geführt werden, um starke Behauptungen aufstellen zu können [9].</p> <p>Richard Doty hingegen ist der Meinung, dass das Konzept des Pheromons so weit entfremdet werden müsste, um in der menschlichen chemischen Kommunikation sinnvoll verwendet werden zu können, dass es falsch wäre, weiter an ihm festzuhalten. Er betont dabei, dass selbst bei simpleren Organismen mittlerweile festgestellt wurde, wie raffiniert diese Prozesse doch sind. Oft sind es komplexe Cocktails an Molekülen, die freigesetzt werden und deren Wirkung stark vom motivationalen Zustand der Tiere abhängt [6]. Muss die Komplexität des Konzeptes schon für Ameisen erweitert werden, so Doty, stehe man bei Säugetieren klar auf einem verlorenen Posten. Er glaubt also nicht an ein einzelnes artenspezifisches Molekül, das eine spezifische Reaktion verlässlich und unerlernt in einem menschlichen Nervensystem bewirkt.</p> <p>Klar ist aber dennoch, dass Duftstoffe sich enorm auf unsere Stimmung, Motivation und Emotionen auswirken können. Diese Prozesse können auch in funktionellen Hirnscans nachgewiesen werden. Allerdings sind diese Reaktionen individuellen Variationen unterworfen und basieren nicht auf einem klar isolierbaren endokrinologischen Mechanismus.</p> <p>Die Lage ist also, so wie immer, komplex. Mit Sicherheit kann man aber sagen, dass man mit dem Kauf von angeblichen Pheromon-Parfüms niemanden von sich überzeugen wird. Dafür aber wenigstens hocheffizient sein Geld verschwendet.</p> <p><strong>Autor des Beitrags ist Florian Walter. Er war bis Ende Januar 2025 Mitglied des Redaktionsteams und verfasst zukünftig ab und an Gastbeiträge.</strong></p> <h5 id="h-literatur">Literatur</h5> <div> <p>[1] <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/BF01504737"><em>Bethe</em> <em>A.</em>: Vernachlässigte Hormone. Die Naturwissenschaften 20, 177–181 (1932).</a></p> <p>[2] <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26080085/"><em>Yew</em> <em>J. Y., Chung</em> <em>H.</em>: Insect pheromones: An overview of function, form, and discovery. </a>Progress in lipid research 59, 88–105 (2015).</p> <p>[3] <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0031938402008429?via%3Dihub"><em>Moncho-Bogani</em> <em>J., Lanuza</em> <em>E., Hernández</em> <em>A., Novejarque</em> <em>A., Martínez-García</em> <em>F.</em>: Attractive properties of sexual pheromones in mice: innate or learned?</a> Physiology &amp; behavior 77, 167–176 (2002).</p> <p>[4] <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1460-9568.2005.04036.x"><em>Moncho-Bogani</em> <em>J., Martinez-Garcia</em> <em>F., Novejarque</em> <em>A., Lanuza</em> <em>E.</em>: Attraction to sexual pheromones and associated odorants in female mice involves activation of the reward system and basolateral amygdala.</a> The European journal of neuroscience 21, 2186–2198 (2005).</p> <p>[5] <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s00276-023-03101-2"><em>Bruintjes</em> <em>T. D., Bleys</em> <em>R. L. A. W.</em>: The clinical significance of the human vomeronasal organ. Surgical and radiologic anatomy</a> : SRA 45, 457–460 (2023).</p> <p>[6] <a href="https://psycnet.apa.org/record/2010-04778-000"><em>Doty</em> <em>R. L.</em>: The great pheromone myth. </a>Johns Hopkins Univ. Press, Baltimore 2010.</p> <p>[7] <a href="https://www.nature.com/articles/260520a0"><em>Russell</em> <em>M. J.</em>: Human olfactory communication. </a>Nature 260, 520–522 (1976).</p> <p>[8] <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7209928/"><em>Wyatt</em> <em>T. D.</em>: Reproducible research into human chemical communication by cues and pheromones: learning from psychology’s renaissance. </a>Philosophical transactions of the Royal Society of London. Series B, Biological sciences 375, 20190262 (2020).</p> <p>[9] <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4375873/"><em>Wyatt</em> <em>T. D.</em>: The search for human pheromones: the lost decades and the necessity of returning to first principles.</a> Proceedings. Biological sciences 282, 20142994 (2015).</p> <p>[10] <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0031938404002586?via%3Dihub"><em>Winman</em> <em>A.</em>: Do perfume additives termed human pheromones warrant being termed pheromones?</a> Physiology &amp; behavior 82, 697–701 (2004).</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/gibt-es-menschliche-pheromone/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Auf eine friedliche Wiesn? 45 Jahre nach dem rechtsterroristischen Oktoberfestattentat in München – Rückblick auf Kämpfe um Erinnern und gegen Verdrängen https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/auf-eine-friedliche-wiesn-45-jahre-nach-dem-rechtsterroristischen-oktoberfestattentat-in-muenchen-rueckblick-auf-kaempfe-um-erinnern-und-gegen-verdraengen/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/auf-eine-friedliche-wiesn-45-jahre-nach-dem-rechtsterroristischen-oktoberfestattentat-in-muenchen-rueckblick-auf-kaempfe-um-erinnern-und-gegen-verdraengen/#respond Thu, 18 Sep 2025 08:49:24 +0000 Teilprojekt 03a (un)doing memory in Bayern https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=275 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-scaled-e1758184044545-768x370.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/auf-eine-friedliche-wiesn-45-jahre-nach-dem-rechtsterroristischen-oktoberfestattentat-in-muenchen-rueckblick-auf-kaempfe-um-erinnern-und-gegen-verdraengen/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-scaled-e1758184044545.jpeg" /><h1>Auf eine friedliche Wiesn? 45 Jahre nach dem rechtsterroristischen Oktoberfestattentat in München – Rückblick auf Kämpfe um Erinnern und gegen Verdrängen » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Teilprojekt 03a (un)doing memory in Bayern</h2><div itemprop="text"> <p>Am Abend des 26. September 1980 explodierte am Haupteingang des Oktoberfests eine Bombe. <strong>Gabriele Deutsch, Robert Gmeinwieser, Axel Hirsch, Markus Hölzl, Paul Lux, Ignaz und Ilona Platzer, Franz Schiele, Angela Schüttrigkeit, Errol Vere-Hodge, Ernst Vestner und Beate Werner kommen ums Leben.</strong> Auch der Täter stirbt. Mindestens 221 Menschen werden zum Teil schwer verletzt. <strong>Das Ziel des Anschlags war, die anstehende Bundestagswahl zugunsten des „starken Mannes“, des CSU-Kandidaten Franz Josef Strauß, zu beeinflussen.</strong> Im Vorfeld hat der Freistaat Bayern die Gefahr, die von der rechtsextremen „Wehrsportgruppe Hoffmann“ ausging und zu dessen Umfeld der Täter zählte, wiederholt geleugnet. 1982 wurden die Ermittlungen eingestellt und als „Fazit einer persönlichen Katastrophe“ eines Einzeltäters geschlossen.</p> <p>Am 26. September 2025, 45 Jahre nach der Tat, findet erneut eine jährliche Gedenkveranstaltung statt. <strong>Aber was bedeutet es, an Todesopfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt zu erinnern?</strong> Ein Blick in die Vergangenheit? Ja – jedoch nicht ausschließlich. Denn auch wenn explizite Gewalttaten vergangen sein mögen, wirken die Ursprünge für die Taten, wie bspw. Rassismus oder Antisemitismus, in der Gegenwart weiter fort. Die Analyse von Praktiken des (Nicht-)Erinnerns zeigt also auch auf, wie Gesellschaften gegenwärtig mit Ideologien der Ungleichwertigkeit umgehen. <strong>Ob, wie und wann (nicht) an rechte Gewalttaten erinnert wird, ist historisch spezifisch und Gegenstand gesellschaftlicher Aushandlungen.</strong> In vielen Fällen fehlt ein Erinnern an Todesopfer rechter Gewalt, auch weil eine juristische Anerkennung der Taten nicht vorliegt. Nicht selten sind es die Überlebenden und Angehörigen selbst, die sich gemeinsam mit solidarischen Akteur:innen aus der Zivilgesellschaft gegen ein Verdrängen einsetzen. Kämpfe um ein Erinnern adressieren dabei etwa die Errichtung eines Gedenkortes, aber auch die Wiederaufnahme der Ermittlungen oder die Verantwortungsübernahme von staatlichen Institutionen. Im Teilprojekt „(un)doing memory und Rechtsextremismus“ werden Praktiken des (Nicht-)Erinnerns an Todesopfer rechter Gewalt in Bayern untersucht (<a href="https://www.forgerex.de/forschungsthemen/undoing-memory-und-rechtsextremismus-in-bayern/">https://www.forgerex.de/forschungsthemen/undoing-memory-und-rechtsextremismus-in-bayern/</a>).</p> <h3 id="h-kampfe-um-erinnern-an-die-tat-einer-faschistischen-morderbande-interventionen-und-kritik-von-uberlebenden-angehorigen-und-aus-der-zivilgesellschaft"><strong>Kämpfe um Erinnern an die Tat einer „faschistischen Mörderbande“ – Interventionen und Kritik von Überlebenden, Angehörigen und aus der Zivilgesellschaft</strong></h3> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-1-scaled.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 787px) 100vw, 787px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-1-787x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-1-787x1024.jpeg 787w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-1-231x300.jpeg 231w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-1-768x999.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-1-1181x1536.jpeg 1181w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-1-1575x2048.jpeg 1575w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-1-scaled.jpeg 1968w" width="787"></img></a><figcaption>Antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München (a.i.d.a.) / Flugblatt von der Ortsgruppe München des Arbeiterbunds für den Wiederaufbau der KPD zum 7. Jahrestag des Oktoberfestattentats am 26. September 1987</figcaption></figure> <p>Nach dem Oktoberfestattentat wurde wiederholt versucht die Tat zu <strong>entpolitisieren</strong> und Kämpfe um eine Politisierung wurden kriminalisiert. So hat die Landeshauptstadt München 1982 versucht, die Kundgebung anlässlich des Jahrestags zu verbieten, mit der Begründung, dass dort illegitimerweise eine Mitverantwortung des Freistaats für das Attentat thematisiert werde. 1991 wurde im Stadtrat eine Bannmeile für politische Veranstaltungen während des Oktoberfestbetriebs diskutiert, was Gedenkveranstaltungen anlässlich des Attentats eingeschlossen hätte. Im selben Jahr wurde aufgrund eines Flugblatts, auf dem der Freistaat für sein zögerliches Vorgehen gegen rechte Strukturen kritisiert wurde, ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Dies sind nur einige Beispiele für die Kämpfe um eine politische Einordnung der Tat, die Betroffene gemeinsam mit Akteur:innen aus antifaschistischen, zivilgesellschaftlichen und gewerkschaftlichen Kontexten geführt haben.</p> <p>Trotz dieser Widerstände haben Überlebende und Angehörige mit offenen Briefen und auf Pressekonferenzen <strong>an die Politik appelliert </strong>und die <strong>Wiederaufnahme der Ermittlungen </strong>oder die <strong>Schließung des Oktoberfestbetriebs während der Tatzeit gefordert</strong>. Eine Vernetzung mit Betroffenen weiterer rechtsterroristischer Taten, wie dem rassistischen und rechten Attentat in und um die ehemalige Diskothek „Twenty Five“ in Nürnberg vom 24. Juni 1982, fand statt. Jene Überlebende haben auf der Veranstaltung anlässlich des Oktoberfestattentats 1982 in München Redebeiträge gehalten. Die Opfervereinigung, die sich anlässlich des faschistischen Bombenanschlags am 02. August 1980 in Bologna gründete, nimmt für die Überlebenden des Oktoberfestattentats eine Vorbildrolle im Umgang mit der Tat ein. Nicht nur in Bologna, sondern in vielen Städten in Italien gab es anlässlich des Attentats Gedenkveranstaltungen mit großer Beteiligung der Bevölkerung, inklusive ranghöchster Politiker:innen. Es gab wechselseitige Delegationen und die Vernetzung zwischen den Städten hält bis heute an.</p> <p>Im Rahmen von Gedenkveranstaltungen zum Oktoberfestattentat wurden <strong>Verbindungen zu weiteren politischen Themen</strong> hergestellt. So sprachen beispielsweise bei der Kundgebung 1982 Betroffene des türkischen Faschismus der „Grauen Wölfe“ oder Personen, die ihre Arbeit aufgrund von politisch motivierten Berufsverboten verloren haben. Die Gedenkveranstaltungen zum 20. Jahrestag waren wiederum eng verknüpft mit einer Mobilisierung gegen zeitgleich stattfindende NPD-Kundgebungen.<aside></aside></p> <h3 id="h-die-verdichtung-politischer-kampfe-am-gedenk-und-tatort"><strong>Die Verdichtung politischer Kämpfe am Gedenk- und Tatort</strong></h3> <p>Kämpfe um eine politische Einordnung der Tat und ein Erinnern an die Todesopfer lassen sich zudem unmittelbar am Tatort nachzeichnen. Am 17. September 1981, zwei Tage bevor das Oktoberfest eröffnet wurde und neun Tage vor dem eigentlichen Tattag, wurde eine <strong>Gedenkstele mit dem Schriftzug „Zum Gedenken an die Opfer des Bombenanschlags vom 26.9.1980“</strong> am Tatort eingeweiht. Ein Verweis auf den politischen Charakter der Tat fehlte auf dem „Zahnstocher“ – so wurde die Gedenkstele bezeichnet, da diese leicht zu übersehen gewesen sein soll. Eine Intervention und Politisierung am Tatort ereignete sich im August 1981, als illegal kurzzeitig ein acht Tonnen schwerer Gedenkstein mit der Aufschrift „Dem Naziterror Einhalt gebieten!“ aufgestellt wurde.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild1-scaled.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild1-768x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild1-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild1-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild1-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild1-1536x2048.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild1-scaled.jpeg 1920w" width="768"></img></a><figcaption>Antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München (a.i.d.a.) / Flugblatt von der Ortsgruppe München des Arbeiterbunds für den Wiederaufbau der KPD vom 21. August 1981</figcaption></figure> <p>Zu den Jahrestagen hat der <strong>Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD</strong> über Jahrzehnte Mahn- und Schutzwachen organisiert. Die Mitglieder standen den ganzen Tag um die Gedenkstele, da diese während dem Oktoberfestbetrieb nicht abgesperrt war und schützten diese so vor alkoholisierten Besucher:innen und rechten Gruppen. Sie zeigten Fotos und Namen der Ermordeten und forderten Aufklärung. Auf der offiziellen Stele selbst wurden die Namen der Ermordeten erst 1987 nachträglich eingraviert – aber auch dies musste von den Angehörigen erkämpft werden, weil die Stadt eine Veränderung der Gedenkstele „aus künstlerischen Gründen“ anfangs ablehnte.</p> <h3 id="h-juristische-anerkennung-und-politische-einordnung-das-gedenken-heute"><strong>Juristische Anerkennung und politische Einordnung – das Gedenken heute</strong></h3> <p>Der Kampf um die Wiederaufnahme der Ermittlungen war über die Jahrzehnte hinweg die wichtigste Forderung von Überlebenden und Angehörigen. Die Generalbundesanwaltschaft hat aufgrund neuer Zeug:innenaussagen <strong>2014 die Ermittlungen wieder aufgenommen</strong>, was zu einer <strong>Neubewertung der Tat als rechtsextremistisch kurz vor dem 40. Jahrestag 2020</strong> führte. Obwohl keine weiteren Mitwisser:innen oder -täter:innen ausfindig gemacht werden konnten, bedeutet die Einordnung als politische Tat eine juristische Anerkennung für die zahlreichen Überlebenden und Angehörigen und ist damit im Kampf um ein Erinnern als große Errungenschaft einzuordnen.</p> <p>Zum <strong>diesjährigen 45. Jahrestag findet um 09:30 Uhr am Tatort</strong> (<a href="https://bayern-jugend.dgb.de/seminare/gedenken/oktoberfestattentat-muenchen/++co++91d3dc98-8fc6-11f0-91fd-c97237599985">https://bayern-jugend.dgb.de/seminare/gedenken/oktoberfestattentat-muenchen/++co++91d3dc98-8fc6-11f0-91fd-c97237599985</a>) eine von der Münchner DGB-Jugend gemeinsam mit der Landeshauptstadt München organisierte Gedenkveranstaltung statt, bei der neben dem Oberbürgermeister auch Angehörige und Überlebende sprechen. Ebenfalls am Tatort kann seit dem 40. Jahrestag 2020 die Installation „Dokumentation Oktoberfestattentat“ besucht werden, die unter der Mitwirkung von Angehörigen und Überlebenden gestaltet wurde. 234 Figuren erzählen die Geschichten von Todesopfern, Angehörigen und Überlebenden und geben einen Rückblick auf den Umgang mit der Tat, die Ermittlungen und die Erinnerungskämpfe. Gegenwärtige Errungenschaften im Hinblick auf das Erinnern, wie die juristische Anerkennung der Tat oder die Verantwortungsübernahme der Landeshauptstadt München für das Gedenken sind den jahrzehntelangen Kämpfen, Kritik und Interventionen von den Überlebenden, Angehörigen und zivilgesellschaftlichen Gruppen zu verdanken.</p> <h3 id="h-erinnern-als-verantwortung-fur-die-gegenwart-und-zukunft"><strong>Erinnern als Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft</strong></h3> <p>Erinnern ist nicht nur ein Blick in die Vergangenheit. Sich zu erinnern ist mit einem <strong>moralischen Appell </strong>und <strong>Verantwortung für den zukünftigen Verlauf gesellschaftlicher Verhältnisse</strong> verbunden. Der Philosoph und Kulturkritiker Walter Benjamin hat dies in seinen geschichtsphilosophischen Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ <sup data-fn="68f98ca4-ac45-4d5a-88de-433b2e9b2d5a"><a href="#68f98ca4-ac45-4d5a-88de-433b2e9b2d5a" id="68f98ca4-ac45-4d5a-88de-433b2e9b2d5a-link">1</a></sup> eruiert: werden die Ermordeten und das, was sie erleiden mussten, und sie ausgelöscht hat vergessen, dann verschwinden auch ihre Geschichten. Sich zu erinnern wird somit zu einem Akt des Widerstands gegen ein Fortwirken menschenfeindlicher Ideologien.</p> <h4 id="h-quellen"><strong>Quellen</strong></h4> <p>2. Beitragsbild: Antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München (a.i.d.a.) / Flugblatt von der Ortsgruppe München des Arbeiterbunds für den Wiederaufbau der KPD zum 7. Jahrestag des Oktoberfestattentats am 26. September 1987</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-scaled-e1758184044545.jpeg" /><h1>Auf eine friedliche Wiesn? 45 Jahre nach dem rechtsterroristischen Oktoberfestattentat in München – Rückblick auf Kämpfe um Erinnern und gegen Verdrängen » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Teilprojekt 03a (un)doing memory in Bayern</h2><div itemprop="text"> <p>Am Abend des 26. September 1980 explodierte am Haupteingang des Oktoberfests eine Bombe. <strong>Gabriele Deutsch, Robert Gmeinwieser, Axel Hirsch, Markus Hölzl, Paul Lux, Ignaz und Ilona Platzer, Franz Schiele, Angela Schüttrigkeit, Errol Vere-Hodge, Ernst Vestner und Beate Werner kommen ums Leben.</strong> Auch der Täter stirbt. Mindestens 221 Menschen werden zum Teil schwer verletzt. <strong>Das Ziel des Anschlags war, die anstehende Bundestagswahl zugunsten des „starken Mannes“, des CSU-Kandidaten Franz Josef Strauß, zu beeinflussen.</strong> Im Vorfeld hat der Freistaat Bayern die Gefahr, die von der rechtsextremen „Wehrsportgruppe Hoffmann“ ausging und zu dessen Umfeld der Täter zählte, wiederholt geleugnet. 1982 wurden die Ermittlungen eingestellt und als „Fazit einer persönlichen Katastrophe“ eines Einzeltäters geschlossen.</p> <p>Am 26. September 2025, 45 Jahre nach der Tat, findet erneut eine jährliche Gedenkveranstaltung statt. <strong>Aber was bedeutet es, an Todesopfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt zu erinnern?</strong> Ein Blick in die Vergangenheit? Ja – jedoch nicht ausschließlich. Denn auch wenn explizite Gewalttaten vergangen sein mögen, wirken die Ursprünge für die Taten, wie bspw. Rassismus oder Antisemitismus, in der Gegenwart weiter fort. Die Analyse von Praktiken des (Nicht-)Erinnerns zeigt also auch auf, wie Gesellschaften gegenwärtig mit Ideologien der Ungleichwertigkeit umgehen. <strong>Ob, wie und wann (nicht) an rechte Gewalttaten erinnert wird, ist historisch spezifisch und Gegenstand gesellschaftlicher Aushandlungen.</strong> In vielen Fällen fehlt ein Erinnern an Todesopfer rechter Gewalt, auch weil eine juristische Anerkennung der Taten nicht vorliegt. Nicht selten sind es die Überlebenden und Angehörigen selbst, die sich gemeinsam mit solidarischen Akteur:innen aus der Zivilgesellschaft gegen ein Verdrängen einsetzen. Kämpfe um ein Erinnern adressieren dabei etwa die Errichtung eines Gedenkortes, aber auch die Wiederaufnahme der Ermittlungen oder die Verantwortungsübernahme von staatlichen Institutionen. Im Teilprojekt „(un)doing memory und Rechtsextremismus“ werden Praktiken des (Nicht-)Erinnerns an Todesopfer rechter Gewalt in Bayern untersucht (<a href="https://www.forgerex.de/forschungsthemen/undoing-memory-und-rechtsextremismus-in-bayern/">https://www.forgerex.de/forschungsthemen/undoing-memory-und-rechtsextremismus-in-bayern/</a>).</p> <h3 id="h-kampfe-um-erinnern-an-die-tat-einer-faschistischen-morderbande-interventionen-und-kritik-von-uberlebenden-angehorigen-und-aus-der-zivilgesellschaft"><strong>Kämpfe um Erinnern an die Tat einer „faschistischen Mörderbande“ – Interventionen und Kritik von Überlebenden, Angehörigen und aus der Zivilgesellschaft</strong></h3> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-1-scaled.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 787px) 100vw, 787px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-1-787x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-1-787x1024.jpeg 787w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-1-231x300.jpeg 231w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-1-768x999.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-1-1181x1536.jpeg 1181w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-1-1575x2048.jpeg 1575w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild2-1-scaled.jpeg 1968w" width="787"></img></a><figcaption>Antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München (a.i.d.a.) / Flugblatt von der Ortsgruppe München des Arbeiterbunds für den Wiederaufbau der KPD zum 7. Jahrestag des Oktoberfestattentats am 26. September 1987</figcaption></figure> <p>Nach dem Oktoberfestattentat wurde wiederholt versucht die Tat zu <strong>entpolitisieren</strong> und Kämpfe um eine Politisierung wurden kriminalisiert. So hat die Landeshauptstadt München 1982 versucht, die Kundgebung anlässlich des Jahrestags zu verbieten, mit der Begründung, dass dort illegitimerweise eine Mitverantwortung des Freistaats für das Attentat thematisiert werde. 1991 wurde im Stadtrat eine Bannmeile für politische Veranstaltungen während des Oktoberfestbetriebs diskutiert, was Gedenkveranstaltungen anlässlich des Attentats eingeschlossen hätte. Im selben Jahr wurde aufgrund eines Flugblatts, auf dem der Freistaat für sein zögerliches Vorgehen gegen rechte Strukturen kritisiert wurde, ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Dies sind nur einige Beispiele für die Kämpfe um eine politische Einordnung der Tat, die Betroffene gemeinsam mit Akteur:innen aus antifaschistischen, zivilgesellschaftlichen und gewerkschaftlichen Kontexten geführt haben.</p> <p>Trotz dieser Widerstände haben Überlebende und Angehörige mit offenen Briefen und auf Pressekonferenzen <strong>an die Politik appelliert </strong>und die <strong>Wiederaufnahme der Ermittlungen </strong>oder die <strong>Schließung des Oktoberfestbetriebs während der Tatzeit gefordert</strong>. Eine Vernetzung mit Betroffenen weiterer rechtsterroristischer Taten, wie dem rassistischen und rechten Attentat in und um die ehemalige Diskothek „Twenty Five“ in Nürnberg vom 24. Juni 1982, fand statt. Jene Überlebende haben auf der Veranstaltung anlässlich des Oktoberfestattentats 1982 in München Redebeiträge gehalten. Die Opfervereinigung, die sich anlässlich des faschistischen Bombenanschlags am 02. August 1980 in Bologna gründete, nimmt für die Überlebenden des Oktoberfestattentats eine Vorbildrolle im Umgang mit der Tat ein. Nicht nur in Bologna, sondern in vielen Städten in Italien gab es anlässlich des Attentats Gedenkveranstaltungen mit großer Beteiligung der Bevölkerung, inklusive ranghöchster Politiker:innen. Es gab wechselseitige Delegationen und die Vernetzung zwischen den Städten hält bis heute an.</p> <p>Im Rahmen von Gedenkveranstaltungen zum Oktoberfestattentat wurden <strong>Verbindungen zu weiteren politischen Themen</strong> hergestellt. So sprachen beispielsweise bei der Kundgebung 1982 Betroffene des türkischen Faschismus der „Grauen Wölfe“ oder Personen, die ihre Arbeit aufgrund von politisch motivierten Berufsverboten verloren haben. Die Gedenkveranstaltungen zum 20. Jahrestag waren wiederum eng verknüpft mit einer Mobilisierung gegen zeitgleich stattfindende NPD-Kundgebungen.<aside></aside></p> <h3 id="h-die-verdichtung-politischer-kampfe-am-gedenk-und-tatort"><strong>Die Verdichtung politischer Kämpfe am Gedenk- und Tatort</strong></h3> <p>Kämpfe um eine politische Einordnung der Tat und ein Erinnern an die Todesopfer lassen sich zudem unmittelbar am Tatort nachzeichnen. Am 17. September 1981, zwei Tage bevor das Oktoberfest eröffnet wurde und neun Tage vor dem eigentlichen Tattag, wurde eine <strong>Gedenkstele mit dem Schriftzug „Zum Gedenken an die Opfer des Bombenanschlags vom 26.9.1980“</strong> am Tatort eingeweiht. Ein Verweis auf den politischen Charakter der Tat fehlte auf dem „Zahnstocher“ – so wurde die Gedenkstele bezeichnet, da diese leicht zu übersehen gewesen sein soll. Eine Intervention und Politisierung am Tatort ereignete sich im August 1981, als illegal kurzzeitig ein acht Tonnen schwerer Gedenkstein mit der Aufschrift „Dem Naziterror Einhalt gebieten!“ aufgestellt wurde.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild1-scaled.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild1-768x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild1-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild1-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild1-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild1-1536x2048.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bild1-scaled.jpeg 1920w" width="768"></img></a><figcaption>Antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München (a.i.d.a.) / Flugblatt von der Ortsgruppe München des Arbeiterbunds für den Wiederaufbau der KPD vom 21. August 1981</figcaption></figure> <p>Zu den Jahrestagen hat der <strong>Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD</strong> über Jahrzehnte Mahn- und Schutzwachen organisiert. Die Mitglieder standen den ganzen Tag um die Gedenkstele, da diese während dem Oktoberfestbetrieb nicht abgesperrt war und schützten diese so vor alkoholisierten Besucher:innen und rechten Gruppen. Sie zeigten Fotos und Namen der Ermordeten und forderten Aufklärung. Auf der offiziellen Stele selbst wurden die Namen der Ermordeten erst 1987 nachträglich eingraviert – aber auch dies musste von den Angehörigen erkämpft werden, weil die Stadt eine Veränderung der Gedenkstele „aus künstlerischen Gründen“ anfangs ablehnte.</p> <h3 id="h-juristische-anerkennung-und-politische-einordnung-das-gedenken-heute"><strong>Juristische Anerkennung und politische Einordnung – das Gedenken heute</strong></h3> <p>Der Kampf um die Wiederaufnahme der Ermittlungen war über die Jahrzehnte hinweg die wichtigste Forderung von Überlebenden und Angehörigen. Die Generalbundesanwaltschaft hat aufgrund neuer Zeug:innenaussagen <strong>2014 die Ermittlungen wieder aufgenommen</strong>, was zu einer <strong>Neubewertung der Tat als rechtsextremistisch kurz vor dem 40. Jahrestag 2020</strong> führte. Obwohl keine weiteren Mitwisser:innen oder -täter:innen ausfindig gemacht werden konnten, bedeutet die Einordnung als politische Tat eine juristische Anerkennung für die zahlreichen Überlebenden und Angehörigen und ist damit im Kampf um ein Erinnern als große Errungenschaft einzuordnen.</p> <p>Zum <strong>diesjährigen 45. Jahrestag findet um 09:30 Uhr am Tatort</strong> (<a href="https://bayern-jugend.dgb.de/seminare/gedenken/oktoberfestattentat-muenchen/++co++91d3dc98-8fc6-11f0-91fd-c97237599985">https://bayern-jugend.dgb.de/seminare/gedenken/oktoberfestattentat-muenchen/++co++91d3dc98-8fc6-11f0-91fd-c97237599985</a>) eine von der Münchner DGB-Jugend gemeinsam mit der Landeshauptstadt München organisierte Gedenkveranstaltung statt, bei der neben dem Oberbürgermeister auch Angehörige und Überlebende sprechen. Ebenfalls am Tatort kann seit dem 40. Jahrestag 2020 die Installation „Dokumentation Oktoberfestattentat“ besucht werden, die unter der Mitwirkung von Angehörigen und Überlebenden gestaltet wurde. 234 Figuren erzählen die Geschichten von Todesopfern, Angehörigen und Überlebenden und geben einen Rückblick auf den Umgang mit der Tat, die Ermittlungen und die Erinnerungskämpfe. Gegenwärtige Errungenschaften im Hinblick auf das Erinnern, wie die juristische Anerkennung der Tat oder die Verantwortungsübernahme der Landeshauptstadt München für das Gedenken sind den jahrzehntelangen Kämpfen, Kritik und Interventionen von den Überlebenden, Angehörigen und zivilgesellschaftlichen Gruppen zu verdanken.</p> <h3 id="h-erinnern-als-verantwortung-fur-die-gegenwart-und-zukunft"><strong>Erinnern als Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft</strong></h3> <p>Erinnern ist nicht nur ein Blick in die Vergangenheit. Sich zu erinnern ist mit einem <strong>moralischen Appell </strong>und <strong>Verantwortung für den zukünftigen Verlauf gesellschaftlicher Verhältnisse</strong> verbunden. Der Philosoph und Kulturkritiker Walter Benjamin hat dies in seinen geschichtsphilosophischen Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ <sup data-fn="68f98ca4-ac45-4d5a-88de-433b2e9b2d5a"><a href="#68f98ca4-ac45-4d5a-88de-433b2e9b2d5a" id="68f98ca4-ac45-4d5a-88de-433b2e9b2d5a-link">1</a></sup> eruiert: werden die Ermordeten und das, was sie erleiden mussten, und sie ausgelöscht hat vergessen, dann verschwinden auch ihre Geschichten. Sich zu erinnern wird somit zu einem Akt des Widerstands gegen ein Fortwirken menschenfeindlicher Ideologien.</p> <h4 id="h-quellen"><strong>Quellen</strong></h4> <p>2. Beitragsbild: Antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München (a.i.d.a.) / Flugblatt von der Ortsgruppe München des Arbeiterbunds für den Wiederaufbau der KPD zum 7. 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Sceptics argue that LLMs are simply ‘stochastic parrots’ – a term coined in a <a href="https://dl.acm.org/doi/10.1145/3442188.3445922" rel="noreferrer noopener" target="_blank">2021 article</a> by Emily Bender, <a href="https://www.newsroom.hlf-foundation.org/blog/article/slow-ai-a-quiet-revolution/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Timnit Gebru</a> and co-workers. Stochastic parrots completely lack understanding of the meaning encoded in their outputs; they are simply memorising and regurgitating the contents of the vast datasets on which they have been trained.</p> <h3 id="h-parrots-no-more">Parrots No More</h3> <p>During his all-too-brief Spark Talk at the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">12th Heidelberg Laureate Forum</a>, <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/sanjeev-arora/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Sanjeev Arora</a> (ACM Prize in Computing – 2011), a researcher who has played a pivotal role in some of the deepest and most influential results in theoretical computer science, made a compelling case that contemporary LLMs are much more than stochastic parrots, demonstrating capabilities that take them far beyond their human-created training data.</p> <p>Arora believes the stochastic parrot school of thought should have died when ChatGPT-3 was replaced with GPT-4 and its modern contemporaries. Since 2023 – the same year Arora founded Princeton Language and Intelligence, a unit at Princeton University devoted to the study of large AI models and their applications – he argues that AI models have exhibited much more complicated and interesting behaviour. “They are trained on general-purpose skills… not just text,” he explained. “They undergo complicated multi-stage training, a large part of the training data is believed to be generated by AI, and finally there is this idea of self-improvement.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/when-the-stochastic-parrot-spoke-for-itself-and-flew-away/12th-hlf-foto-christian-flemmingmonday-15092025/" rel="attachment wp-att-13758"><img alt="Sanjeev Arora" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788936914_6a9ceb0a10_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788936914_6a9ceb0a10_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788936914_6a9ceb0a10_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788936914_6a9ceb0a10_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Sanjeev Arora (© HLFF / Christian Flemming)</figcaption></figure></div> <p>For the specific application of mathematics, these advanced behaviours may have important implications. Those who believe AI can never reach the mathematical capabilities of humans often cite mathematical logician Kurt Gödel’s incompleteness theorems published in 1931 as proof that humans will always remain critical to mathematical progress.<aside></aside></p> <p>Gödel essentially showed that no consistent system (in this case an AI) can discover a complete and consistent set of axioms for all mathematics. Soon after, between 1935 and 1937, Alonzo Church and Alan Turing conceived the idea of a computer and showed that, no matter how advanced, a computer cannot always decide the correctness of mathematical statements. Then in 1971, Steve Cook introduced the P versus NP problem, presenting an intractability barrier to AI solving all mathematical problems, in the sense that some proofs may take superpolynomial time to be realised.</p> <p>Yet these ideas only show that a machine cannot solve the entirety of mathematics. The set of theorems that humans have proven at any given time is a small subset of all possible mathematical theorems, leaving plenty of room for AI to add to the corpus of knowledge. “A superhuman AI mathematician, this AI model, is able to prove theorems over time that are strictly more than the set of theorems humans have proven,” Arora said. “We don’t expect this to be perfect, it just has to be better than humans.”</p> <h3 id="h-humans-out-of-the-loop">Humans Out of the Loop</h3> <p>To get there requires humans to be taken out of the loop completely, argued Arora, which is something already starting to be seen in mathematics. Proof-checking is now routinely conducted automatically by proof-assistants such as Lean, and translation from English proofs to Lean proofs is becoming more and more automated. Are humans still needed in other parts of the process?</p> <p>Google DeepMind’s AlphaProof was first trained using a large question bank, much of which was human-written, and with questions varying in difficulty. The model had multiple attempts to solve each question, and answers were graded without human intervention using a smaller LLM. Correct answers were used to train the model further, resulting in what may be construed as reasoning that could then be applied to improve performance on questions and topics not seen in training. The model improved its own performance without relying on human solutions. “There’s even increasing evidence that actually the AI itself can generate very good questions,” adds Arora. “And Lean … prevents it from going off track.”</p> <p>The results of all of this progress have been stunning. Last year, DeepMind researchers harnessed AlphaProof and AlphaGeometry 2 together to solve four out of six problems from that year’s International Mathematical Olympiad (the most prestigious mathematics competition for pre-university students), a level equivalent to a silver medal. Building on this success, this year, models from Google and OpenAI went a step further, achieving gold medal status by solving five out of six problems under official contest conditions.</p> <p>Beyond potentially transforming the job description of a human mathematician, why is this important? “Superhuman AI is really likely to happen, and math is the likely first domain because of verified answers.” When a superhuman AI mathematician is finally realised, perhaps even in the next five to 10 years, it will be the bellwether for other superhuman AI capabilities.</p> <h3 id="h-a-superhuman-ai">A Superhuman AI?</h3> <p>These more transformative capabilities were the focus of two other Spark Talks shortly after Arora’s. <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/david-silver/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">David Silver</a> (ACM Prize in Computing – 2019) and his former PhD advisor <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/richard-sutton/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Richard S. Sutton</a> (ACM A.M. Turing Award – 2024) outlined how they see AI breaking the shackles of its human roots to become not just superhuman, but beyond and separate from humans entirely, experiencing the world in its own unique way.</p> <p>In their joint chapter, “<a href="https://storage.googleapis.com/deepmind-media/Era-of-Experience%20/The%20Era%20of%20Experience%20Paper.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The Era of Experience</a>“, in the upcoming book <em>Designing an Intelligence</em>, Silver and Sutton call for AI to be developed to learn from its own experience, continually generating data by interacting with its environment. This, they argue, combined with powerful self-improvement methods descended from those exhibited by AlphaProof, will allow AI to transcend human knowledge and capabilities.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/when-the-stochastic-parrot-spoke-for-itself-and-flew-away/12th-hlf-foto-christian-flemmingmonday-15092025-2/" rel="attachment wp-att-13759"><img alt="David Silver" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788956493_965244a82a_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788956493_965244a82a_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788956493_965244a82a_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788956493_965244a82a_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>David Silver (© HLFF / Christian Flemming).</figcaption></figure></div> <p>“Agents [different AI] will inhabit streams of experience,… these actions and observations will be richly grounded in the environment,… their rewards will also be grounded in experience,… and finally agents will plan and/or reason about experience,” says Silver, principal research scientist at Google DeepMind and a professor at University College London, UK. “I think the scales in which this will happen will eventually vastly exceed the scale of the internet. At some point in the future, the knowledge of all the things that humans have discovered over time will seem small, and the knowledge that agents have learned will be far larger than that.”</p> <p>But to get to that point will require the help of an army of computer scientists: “OK, call to arms for young researchers in the room, the challenge is how to solve the deep problem of AI: how to learn from experience,” he said. “If we solve this, it will be a profound moment for science and will transform the future of AI, and thereby humanity.”</p> <h3 id="h-succession-to-ai-is-inevitable">“Succession to AI is inevitable”</h3> <p>Sutton, a professor at the University of Alberta, Fellow &amp; Chief Scientific Advisor at the Alberta Machine Intelligence Institute, and a research scientist at Keen Technologies, agreed that superintelligence will require AI to be able to learn from experience, but he looked a little farther into the future in is Spark Session.</p> <p>“Within your lifetime, AI researchers will understand the principles of intelligence well enough to create (or become) beings of far greater intelligence,” he opened. “It will be the greatest intellectual achievement of all time, with significance beyond humanity, beyond life, beyond good or bad – it’s a big deal.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/when-the-stochastic-parrot-spoke-for-itself-and-flew-away/12th-hlf-foto-christian-flemmingmonday-15092025-3/" rel="attachment wp-att-13760"><img alt="Richard S. Sutton" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788956458_fc7dfbeb8a_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788956458_fc7dfbeb8a_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788956458_fc7dfbeb8a_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788956458_fc7dfbeb8a_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Richard S. Sutton (<span>© </span>HLFF / Christian Flemming)</figcaption></figure></div> <p>To help accelerate science and society towards this new era, Sutton and colleagues have drawn up <a href="https://arxiv.org/abs/2208.11173" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The Alberta Plan for AI Research,</a> a vision and path towards deeply understanding computational intelligence over the next five to 10 years. Realising this plan calls for researchers to keep their eyes on the prize, argues Sutton, focusing on designing better learning and planning algorithms.</p> <p>Similarly, he calls for focus and calm from politicians and the public alike: “AI in politics today is politically charged,” says Sutton. “It’s the focus of geopolitical competition between nation states and the public are fearful that AI will lead to bad things.”</p> <p>Using the many negative consequences of authoritarian centralised control of human societies as a blueprint, Sutton argued that calls from politicians and the public for centralised control of AI (setting goals, slowing/stopping research, limiting compute power, requiring safety, etc) should be strongly resisted. This is because those calls are based on what he feels are unwarranted fears, and an unfounded perception that anyone has the power to stop AI in its tracks before it surpasses all human capabilities.</p> <p>“In the ascent of humanity, succession to AI is inevitable,” he concluded. “But this view is still human-centric … AI is the inevitable next step in the development of the universe, and we should embrace it with courage, pride and a sense of adventure.”</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>When the Stochastic Parrot Spoke for Itself… and Flew Away - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>We all know how convincing modern chatbots based on large language models (LLMs) can be at appearing to understand what they are asked, how creative their responses can look, and how they even seem to be able to learn and reason on the fly.  </p> <p>According to a one school of thought, this is all an illusion. Sceptics argue that LLMs are simply ‘stochastic parrots’ – a term coined in a <a href="https://dl.acm.org/doi/10.1145/3442188.3445922" rel="noreferrer noopener" target="_blank">2021 article</a> by Emily Bender, <a href="https://www.newsroom.hlf-foundation.org/blog/article/slow-ai-a-quiet-revolution/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Timnit Gebru</a> and co-workers. Stochastic parrots completely lack understanding of the meaning encoded in their outputs; they are simply memorising and regurgitating the contents of the vast datasets on which they have been trained.</p> <h3 id="h-parrots-no-more">Parrots No More</h3> <p>During his all-too-brief Spark Talk at the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">12th Heidelberg Laureate Forum</a>, <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/sanjeev-arora/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Sanjeev Arora</a> (ACM Prize in Computing – 2011), a researcher who has played a pivotal role in some of the deepest and most influential results in theoretical computer science, made a compelling case that contemporary LLMs are much more than stochastic parrots, demonstrating capabilities that take them far beyond their human-created training data.</p> <p>Arora believes the stochastic parrot school of thought should have died when ChatGPT-3 was replaced with GPT-4 and its modern contemporaries. Since 2023 – the same year Arora founded Princeton Language and Intelligence, a unit at Princeton University devoted to the study of large AI models and their applications – he argues that AI models have exhibited much more complicated and interesting behaviour. “They are trained on general-purpose skills… not just text,” he explained. “They undergo complicated multi-stage training, a large part of the training data is believed to be generated by AI, and finally there is this idea of self-improvement.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/when-the-stochastic-parrot-spoke-for-itself-and-flew-away/12th-hlf-foto-christian-flemmingmonday-15092025/" rel="attachment wp-att-13758"><img alt="Sanjeev Arora" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788936914_6a9ceb0a10_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788936914_6a9ceb0a10_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788936914_6a9ceb0a10_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788936914_6a9ceb0a10_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Sanjeev Arora (© HLFF / Christian Flemming)</figcaption></figure></div> <p>For the specific application of mathematics, these advanced behaviours may have important implications. Those who believe AI can never reach the mathematical capabilities of humans often cite mathematical logician Kurt Gödel’s incompleteness theorems published in 1931 as proof that humans will always remain critical to mathematical progress.<aside></aside></p> <p>Gödel essentially showed that no consistent system (in this case an AI) can discover a complete and consistent set of axioms for all mathematics. Soon after, between 1935 and 1937, Alonzo Church and Alan Turing conceived the idea of a computer and showed that, no matter how advanced, a computer cannot always decide the correctness of mathematical statements. Then in 1971, Steve Cook introduced the P versus NP problem, presenting an intractability barrier to AI solving all mathematical problems, in the sense that some proofs may take superpolynomial time to be realised.</p> <p>Yet these ideas only show that a machine cannot solve the entirety of mathematics. The set of theorems that humans have proven at any given time is a small subset of all possible mathematical theorems, leaving plenty of room for AI to add to the corpus of knowledge. “A superhuman AI mathematician, this AI model, is able to prove theorems over time that are strictly more than the set of theorems humans have proven,” Arora said. “We don’t expect this to be perfect, it just has to be better than humans.”</p> <h3 id="h-humans-out-of-the-loop">Humans Out of the Loop</h3> <p>To get there requires humans to be taken out of the loop completely, argued Arora, which is something already starting to be seen in mathematics. Proof-checking is now routinely conducted automatically by proof-assistants such as Lean, and translation from English proofs to Lean proofs is becoming more and more automated. Are humans still needed in other parts of the process?</p> <p>Google DeepMind’s AlphaProof was first trained using a large question bank, much of which was human-written, and with questions varying in difficulty. The model had multiple attempts to solve each question, and answers were graded without human intervention using a smaller LLM. Correct answers were used to train the model further, resulting in what may be construed as reasoning that could then be applied to improve performance on questions and topics not seen in training. The model improved its own performance without relying on human solutions. “There’s even increasing evidence that actually the AI itself can generate very good questions,” adds Arora. “And Lean … prevents it from going off track.”</p> <p>The results of all of this progress have been stunning. Last year, DeepMind researchers harnessed AlphaProof and AlphaGeometry 2 together to solve four out of six problems from that year’s International Mathematical Olympiad (the most prestigious mathematics competition for pre-university students), a level equivalent to a silver medal. Building on this success, this year, models from Google and OpenAI went a step further, achieving gold medal status by solving five out of six problems under official contest conditions.</p> <p>Beyond potentially transforming the job description of a human mathematician, why is this important? “Superhuman AI is really likely to happen, and math is the likely first domain because of verified answers.” When a superhuman AI mathematician is finally realised, perhaps even in the next five to 10 years, it will be the bellwether for other superhuman AI capabilities.</p> <h3 id="h-a-superhuman-ai">A Superhuman AI?</h3> <p>These more transformative capabilities were the focus of two other Spark Talks shortly after Arora’s. <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/david-silver/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">David Silver</a> (ACM Prize in Computing – 2019) and his former PhD advisor <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/richard-sutton/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Richard S. Sutton</a> (ACM A.M. Turing Award – 2024) outlined how they see AI breaking the shackles of its human roots to become not just superhuman, but beyond and separate from humans entirely, experiencing the world in its own unique way.</p> <p>In their joint chapter, “<a href="https://storage.googleapis.com/deepmind-media/Era-of-Experience%20/The%20Era%20of%20Experience%20Paper.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The Era of Experience</a>“, in the upcoming book <em>Designing an Intelligence</em>, Silver and Sutton call for AI to be developed to learn from its own experience, continually generating data by interacting with its environment. This, they argue, combined with powerful self-improvement methods descended from those exhibited by AlphaProof, will allow AI to transcend human knowledge and capabilities.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/when-the-stochastic-parrot-spoke-for-itself-and-flew-away/12th-hlf-foto-christian-flemmingmonday-15092025-2/" rel="attachment wp-att-13759"><img alt="David Silver" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788956493_965244a82a_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788956493_965244a82a_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788956493_965244a82a_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788956493_965244a82a_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>David Silver (© HLFF / Christian Flemming).</figcaption></figure></div> <p>“Agents [different AI] will inhabit streams of experience,… these actions and observations will be richly grounded in the environment,… their rewards will also be grounded in experience,… and finally agents will plan and/or reason about experience,” says Silver, principal research scientist at Google DeepMind and a professor at University College London, UK. “I think the scales in which this will happen will eventually vastly exceed the scale of the internet. At some point in the future, the knowledge of all the things that humans have discovered over time will seem small, and the knowledge that agents have learned will be far larger than that.”</p> <p>But to get to that point will require the help of an army of computer scientists: “OK, call to arms for young researchers in the room, the challenge is how to solve the deep problem of AI: how to learn from experience,” he said. “If we solve this, it will be a profound moment for science and will transform the future of AI, and thereby humanity.”</p> <h3 id="h-succession-to-ai-is-inevitable">“Succession to AI is inevitable”</h3> <p>Sutton, a professor at the University of Alberta, Fellow &amp; Chief Scientific Advisor at the Alberta Machine Intelligence Institute, and a research scientist at Keen Technologies, agreed that superintelligence will require AI to be able to learn from experience, but he looked a little farther into the future in is Spark Session.</p> <p>“Within your lifetime, AI researchers will understand the principles of intelligence well enough to create (or become) beings of far greater intelligence,” he opened. “It will be the greatest intellectual achievement of all time, with significance beyond humanity, beyond life, beyond good or bad – it’s a big deal.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/when-the-stochastic-parrot-spoke-for-itself-and-flew-away/12th-hlf-foto-christian-flemmingmonday-15092025-3/" rel="attachment wp-att-13760"><img alt="Richard S. Sutton" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788956458_fc7dfbeb8a_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788956458_fc7dfbeb8a_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788956458_fc7dfbeb8a_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54788956458_fc7dfbeb8a_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Richard S. Sutton (<span>© </span>HLFF / Christian Flemming)</figcaption></figure></div> <p>To help accelerate science and society towards this new era, Sutton and colleagues have drawn up <a href="https://arxiv.org/abs/2208.11173" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The Alberta Plan for AI Research,</a> a vision and path towards deeply understanding computational intelligence over the next five to 10 years. Realising this plan calls for researchers to keep their eyes on the prize, argues Sutton, focusing on designing better learning and planning algorithms.</p> <p>Similarly, he calls for focus and calm from politicians and the public alike: “AI in politics today is politically charged,” says Sutton. “It’s the focus of geopolitical competition between nation states and the public are fearful that AI will lead to bad things.”</p> <p>Using the many negative consequences of authoritarian centralised control of human societies as a blueprint, Sutton argued that calls from politicians and the public for centralised control of AI (setting goals, slowing/stopping research, limiting compute power, requiring safety, etc) should be strongly resisted. This is because those calls are based on what he feels are unwarranted fears, and an unfounded perception that anyone has the power to stop AI in its tracks before it surpasses all human capabilities.</p> <p>“In the ascent of humanity, succession to AI is inevitable,” he concluded. “But this view is still human-centric … AI is the inevitable next step in the development of the universe, and we should embrace it with courage, pride and a sense of adventure.”</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/when-the-stochastic-parrot-spoke-for-itself-and-flew-away/#comments 6 Fakten-Check: Depressionen, Antidepressiva und Suizidalität https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/fakten-check-depressionen-antidepressiva-und-suizidalitaet/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/fakten-check-depressionen-antidepressiva-und-suizidalitaet/#comments Mon, 15 Sep 2025 11:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3435 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/medicines-1756239_1920-768x498.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/fakten-check-depressionen-antidepressiva-und-suizidalitaet/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/medicines-1756239_1920.jpg" /><h1>Fakten-Check: Depressionen, Antidepressiva und Suizidalität » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Stimmt die verbreitete Ansicht, dass mit steigenden Medikamentenverschreibungen die Suizidrate sinkt?</strong></p> <span id="more-3435"></span> <p>Am 10. September jährte sich wieder der Jahrestag zur Prävention von Suizid. Gedanken an den Tod und Suizidversuche sind ein mögliches Symptom der <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/depressionen-kommen-die-fakten-endlich-ans-licht/">depressiven Störung</a>, die in den letzten Jahren immer häufiger diagnostiziert wird. Auch die Medikamentenverschreibungen sind stark angestiegen. Übrigens sollte man daraus nicht schlussfolgern, dass jeder Suizid in Zusammenhang mit einer psychischen Störung steht.</p> <p>Bevor wir uns aktuelle Zahlen ansehen, ist noch eine Bemerkung zu den sogenannten “Antidepressiva” wichtig. Gemäß der neuen Konvention setze ich die Bezeichnung in Anführungszeichen: Denn einerseits ist die Wirksamkeit der Medikamente bei Depressionen <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/bei-rund-90-wirken-antidepressiva-nicht-besser-als-placebo/">nach wie vor Gegenstand wissenschaftlicher Debatten</a>; andererseits werden sie seit Jahren auch oft bei Angst-, Ess-, posttraumatischen Belastungs- und Zwangsstörungen verschrieben.</p> <p>Trotzdem liegt der Gedanke nicht fern, dass die gegen Depressionen verschriebenen Medikamente das Suizidrisiko senken. In den frühen 2000ern kamen aber Studien auf, die tatsächlich – gerade bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen – ein <em>erhöhtes</em> Risiko durch “Antidepressiva” <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC193979/">für Gedanken an den Tod und Suizidversuche belegten</a>.</p> <p>Bis heute streitet man sich darüber, was die richtige Datenbasis und Auswertungsmethode ist. Dabei ist ein Problem, dass Suizide – zum Glück! – eher selten sind. Darum bedeuten einige Fälle mehr oder weniger aus statistischer Sicht einen großen Unterschied. Klar ist allerdings, dass die wissenschaftliche Sucht nach Erfolgsgeschichten (“publication bias”) und die Finanzierung vieler Studien durch die Pharmafirmen das Problem <a href="https://jech.bmj.com/content/75/6/523.abstract">wahrscheinlich unterschätzen</a>.<aside></aside></p> <h2 id="h-aktuelle-daten">Aktuelle Daten</h2> <p>Die in Internetforen immer noch gerne kolportierte Meinung, die stark zugenommene Verschreibung der “Antidepressiva” hätte die Suizidrate gesenkt, lässt sich nach heutigem Kenntnisstand aber nicht mehr halten. Zur Veranschaulichung habe ich Daten aus den USA und Deutschland zusammengetragen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-USA-DE.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-USA-DE-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-USA-DE-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-USA-DE-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-USA-DE-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-USA-DE-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-USA-DE.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em><strong>Beschreibung:</strong> In den USA stieg in den zehn Jahren von 2009 bis 2018 die Suizidrate von rund 12 auf 14 pro 100.000 (rote Linie, rechte Skala). Im selben Zeitraum stieg tendenziell auch der Konsum der “Antidepressiva” von rund 11 auf 14 Prozent, hier dargestellt als 30-Tage-Prävalenz der Erwachsenen (blaue Linie, linke Skala). Datenquelle: cdc.</em></p> <p>In Deutschland sieht das Muster anders aus.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em><strong>Beschreibung:</strong> Im hier dargestellten Zeitraum von 2005 bis 2023 fluktuierte die Anzahl der Suizide in Deutschland grob zwischen 9000 und 10000 Fällen pro Jahr (rote Balken, linke Skala). Währenddessen stieg die Verschreibung der “Antidepressiva” in etwa um das Zweieinhalbfache auf über 1,8 Milliarden Tagesdosen (blaue Linie, rechte Skala). Das sind genug Medikamente für die tägliche Behandlung von fünf Millionen Deutschen. Datenquelle: Statistisches Bundesamt; Arzneiverordnungs-Report; Perspektiven aus der Depressions-Epidemie</em></p> <p>Eine systematische wissenschaftliche Analyse für Italien, Österreich und die Schweiz für die 1950er- bis 2010er-Jahre fand ebenfalls <a href="https://academic.oup.com/eurpub/article/31/2/291/6000721">keinen systematischen Zusammenhang</a> auf gesellschaftlicher Ebene. Im neuesten Arzneiverordnungs-Report heißt es dazu jetzt aber: “Die neuste Meta-Analyse zu diesem Thema kommt zu dem Ergebnis, dass die neueren Antidepressiva (Noradrenalin/Serotonin-Verstärker) … grundsätzlich das Suizidrisiko bei Erwachsenen signifikant erhöhen. … Diese Ergebnisse stimmen nachdenklich und fordern zur Vorsicht auf.”</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Dass mehr Verschreibungen von “Antidepressiva” die Suizidrate senken, lässt sich nicht belegen. In Einzelfällen könnte sogar das Gegenteil der Fall sein. Darum wird empfohlen, Patientinnen und Patienten am Anfang oder bei einer Umstellung der psychopharmakologischen Behandlungen aufmerksam auf Suizidalität zu untersuchen. Ein klares Fazit zieht auch der klinische Psychologe und Suizidforscher Martin Plöderl, der sich sehr <a href="https://www.psychiatrymargins.com/p/antidepressants-and-the-tangle-of">intensiv mit der Datenlage beschäftigt</a> hat:</p> <blockquote> <p>“Mit ziemlicher Sicherheit kann man jedoch sagen, dass Antidepressiva das suizidale Verhalten insgesamt nicht verringern. Anders gesagt: Die Behauptung, ‘Antidepressiva seien lebensrettend’, wird durch die Studienlage nicht gestützt, zumindest nicht für den durchschnittlichen Patienten. Dies ist bemerkenswert, wenn man an die verbreitete Annahme denkt, Antidepressiva würden Depressionen, einen der wichtigsten Risikofaktoren für Suizid, wirksam behandeln. Eine Verringerung des suizidalen Verhaltens wäre natürlich zu erwarten, aber in den Studien lässt sich dies nicht beobachten.”</p> </blockquote> <p>Wer die Medikamente schon länger nimmt, sollte aber nicht einfach so aufhören, sondern das mit seinem Arzt besprechen. Das Absetzen kann nämlich zu Entzugserscheinungen führen. Das nennt man aber nicht – wer hätte das gedacht? – “Abhängigkeit” oder gar “Sucht”, sondern: “SSRI-Absetzsyndrom”. Es gibt ja so schon laut offiziellen Zahlen <a href="https://www.bundesdrogenbeauftragter.de/themen/suchtstoffe-und-suchtformen/medikamente/">1,8 Millionen medikamentenabhängige Erwachsene</a> in Deutschland.</p> <p>Haben Sie Suizidgedanken? Zum Beispiel die Telefonseelsorge (0800 111 0 111) oder Nummer gegen Kummer (116 111) können helfen. Im Notfall können Sie auch den Notruf wählen.</p> <figure><a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die “Depressions-Epidemie” im neuen Buch von Stephan Schleim: Was sind Depressionen überhaupt? Wie werden sie diagnostiziert? Wie veränderte sich das Störungsbild im Laufe der Zeit? Warum wird es in den letzten Jahrzehnten so viel häufiger diagnostiziert und haben sich die Medikamentenverschreibungen verfielfacht? Das Buch kombiniert 27 alte und neue Perspektiven aus Psychologie, Neurowissenschaft und Soziologie mit viel Orientierungswissen zum Verstehen, Vorbeugen und Heilen. Das eBook gibt es für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="http://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play</a><a href="https://play.google.com/store/books/details?id=pbRPEQAAQBAJ"> Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/illustrations/medicines-disease-doctor-woman-1756239/">Thanks for your Likes</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/796e7e1868e1447bb29937ac9208c490" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/medicines-1756239_1920.jpg" /><h1>Fakten-Check: Depressionen, Antidepressiva und Suizidalität » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Stimmt die verbreitete Ansicht, dass mit steigenden Medikamentenverschreibungen die Suizidrate sinkt?</strong></p> <span id="more-3435"></span> <p>Am 10. September jährte sich wieder der Jahrestag zur Prävention von Suizid. Gedanken an den Tod und Suizidversuche sind ein mögliches Symptom der <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/depressionen-kommen-die-fakten-endlich-ans-licht/">depressiven Störung</a>, die in den letzten Jahren immer häufiger diagnostiziert wird. Auch die Medikamentenverschreibungen sind stark angestiegen. Übrigens sollte man daraus nicht schlussfolgern, dass jeder Suizid in Zusammenhang mit einer psychischen Störung steht.</p> <p>Bevor wir uns aktuelle Zahlen ansehen, ist noch eine Bemerkung zu den sogenannten “Antidepressiva” wichtig. Gemäß der neuen Konvention setze ich die Bezeichnung in Anführungszeichen: Denn einerseits ist die Wirksamkeit der Medikamente bei Depressionen <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/bei-rund-90-wirken-antidepressiva-nicht-besser-als-placebo/">nach wie vor Gegenstand wissenschaftlicher Debatten</a>; andererseits werden sie seit Jahren auch oft bei Angst-, Ess-, posttraumatischen Belastungs- und Zwangsstörungen verschrieben.</p> <p>Trotzdem liegt der Gedanke nicht fern, dass die gegen Depressionen verschriebenen Medikamente das Suizidrisiko senken. In den frühen 2000ern kamen aber Studien auf, die tatsächlich – gerade bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen – ein <em>erhöhtes</em> Risiko durch “Antidepressiva” <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC193979/">für Gedanken an den Tod und Suizidversuche belegten</a>.</p> <p>Bis heute streitet man sich darüber, was die richtige Datenbasis und Auswertungsmethode ist. Dabei ist ein Problem, dass Suizide – zum Glück! – eher selten sind. Darum bedeuten einige Fälle mehr oder weniger aus statistischer Sicht einen großen Unterschied. Klar ist allerdings, dass die wissenschaftliche Sucht nach Erfolgsgeschichten (“publication bias”) und die Finanzierung vieler Studien durch die Pharmafirmen das Problem <a href="https://jech.bmj.com/content/75/6/523.abstract">wahrscheinlich unterschätzen</a>.<aside></aside></p> <h2 id="h-aktuelle-daten">Aktuelle Daten</h2> <p>Die in Internetforen immer noch gerne kolportierte Meinung, die stark zugenommene Verschreibung der “Antidepressiva” hätte die Suizidrate gesenkt, lässt sich nach heutigem Kenntnisstand aber nicht mehr halten. Zur Veranschaulichung habe ich Daten aus den USA und Deutschland zusammengetragen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-USA-DE.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-USA-DE-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-USA-DE-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-USA-DE-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-USA-DE-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-USA-DE-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-USA-DE.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em><strong>Beschreibung:</strong> In den USA stieg in den zehn Jahren von 2009 bis 2018 die Suizidrate von rund 12 auf 14 pro 100.000 (rote Linie, rechte Skala). Im selben Zeitraum stieg tendenziell auch der Konsum der “Antidepressiva” von rund 11 auf 14 Prozent, hier dargestellt als 30-Tage-Prävalenz der Erwachsenen (blaue Linie, linke Skala). Datenquelle: cdc.</em></p> <p>In Deutschland sieht das Muster anders aus.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em><strong>Beschreibung:</strong> Im hier dargestellten Zeitraum von 2005 bis 2023 fluktuierte die Anzahl der Suizide in Deutschland grob zwischen 9000 und 10000 Fällen pro Jahr (rote Balken, linke Skala). Währenddessen stieg die Verschreibung der “Antidepressiva” in etwa um das Zweieinhalbfache auf über 1,8 Milliarden Tagesdosen (blaue Linie, rechte Skala). Das sind genug Medikamente für die tägliche Behandlung von fünf Millionen Deutschen. Datenquelle: Statistisches Bundesamt; Arzneiverordnungs-Report; Perspektiven aus der Depressions-Epidemie</em></p> <p>Eine systematische wissenschaftliche Analyse für Italien, Österreich und die Schweiz für die 1950er- bis 2010er-Jahre fand ebenfalls <a href="https://academic.oup.com/eurpub/article/31/2/291/6000721">keinen systematischen Zusammenhang</a> auf gesellschaftlicher Ebene. Im neuesten Arzneiverordnungs-Report heißt es dazu jetzt aber: “Die neuste Meta-Analyse zu diesem Thema kommt zu dem Ergebnis, dass die neueren Antidepressiva (Noradrenalin/Serotonin-Verstärker) … grundsätzlich das Suizidrisiko bei Erwachsenen signifikant erhöhen. … Diese Ergebnisse stimmen nachdenklich und fordern zur Vorsicht auf.”</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Dass mehr Verschreibungen von “Antidepressiva” die Suizidrate senken, lässt sich nicht belegen. In Einzelfällen könnte sogar das Gegenteil der Fall sein. Darum wird empfohlen, Patientinnen und Patienten am Anfang oder bei einer Umstellung der psychopharmakologischen Behandlungen aufmerksam auf Suizidalität zu untersuchen. Ein klares Fazit zieht auch der klinische Psychologe und Suizidforscher Martin Plöderl, der sich sehr <a href="https://www.psychiatrymargins.com/p/antidepressants-and-the-tangle-of">intensiv mit der Datenlage beschäftigt</a> hat:</p> <blockquote> <p>“Mit ziemlicher Sicherheit kann man jedoch sagen, dass Antidepressiva das suizidale Verhalten insgesamt nicht verringern. Anders gesagt: Die Behauptung, ‘Antidepressiva seien lebensrettend’, wird durch die Studienlage nicht gestützt, zumindest nicht für den durchschnittlichen Patienten. Dies ist bemerkenswert, wenn man an die verbreitete Annahme denkt, Antidepressiva würden Depressionen, einen der wichtigsten Risikofaktoren für Suizid, wirksam behandeln. Eine Verringerung des suizidalen Verhaltens wäre natürlich zu erwarten, aber in den Studien lässt sich dies nicht beobachten.”</p> </blockquote> <p>Wer die Medikamente schon länger nimmt, sollte aber nicht einfach so aufhören, sondern das mit seinem Arzt besprechen. Das Absetzen kann nämlich zu Entzugserscheinungen führen. Das nennt man aber nicht – wer hätte das gedacht? – “Abhängigkeit” oder gar “Sucht”, sondern: “SSRI-Absetzsyndrom”. Es gibt ja so schon laut offiziellen Zahlen <a href="https://www.bundesdrogenbeauftragter.de/themen/suchtstoffe-und-suchtformen/medikamente/">1,8 Millionen medikamentenabhängige Erwachsene</a> in Deutschland.</p> <p>Haben Sie Suizidgedanken? Zum Beispiel die Telefonseelsorge (0800 111 0 111) oder Nummer gegen Kummer (116 111) können helfen. Im Notfall können Sie auch den Notruf wählen.</p> <figure><a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die “Depressions-Epidemie” im neuen Buch von Stephan Schleim: Was sind Depressionen überhaupt? Wie werden sie diagnostiziert? Wie veränderte sich das Störungsbild im Laufe der Zeit? Warum wird es in den letzten Jahrzehnten so viel häufiger diagnostiziert und haben sich die Medikamentenverschreibungen verfielfacht? Das Buch kombiniert 27 alte und neue Perspektiven aus Psychologie, Neurowissenschaft und Soziologie mit viel Orientierungswissen zum Verstehen, Vorbeugen und Heilen. Das eBook gibt es für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="http://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play</a><a href="https://play.google.com/store/books/details?id=pbRPEQAAQBAJ"> Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/illustrations/medicines-disease-doctor-woman-1756239/">Thanks for your Likes</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/796e7e1868e1447bb29937ac9208c490" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/fakten-check-depressionen-antidepressiva-und-suizidalitaet/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>11</slash:comments> </item> <item> <title>Glauben https://scilogs.spektrum.de/3g/glauben/ https://scilogs.spektrum.de/3g/glauben/#comments Mon, 15 Sep 2025 09:44:24 +0000 Christian Hoppe https://scilogs.spektrum.de/3g/?p=307 <h1>Glauben » 3G » SciLogs</h1><h2>By Christian Hoppe</h2><div itemprop="text"> <p>Wenn man mit einer Gruppe von Personen eine hypnotisch-suggestive Handkataplexie-Übung durchführt – „Deine Hand klebt am Tisch, Du kannst sie nicht mehr bewegen“ –, gibt es drei mögliche Ausgänge auf Seiten der Teilnehmer: Bei einigen, vielleicht sind es 10-30%, klebt die Hand fest am Tisch, es ist völlig unmöglich, dass sie sie noch bewegen; bei einem weiteren Drittel gibt es durchaus einige ungewöhnliche Empfindungen, aber wenn diese Probanden ehrlich wären, müssten sie zugeben, dass der Test nicht funktioniert hat; und beim Rest tut sich genau gar nichts, obwohl sie sich bemüht haben, wenngleich vielleicht teilweise etwas lustlos oder unbeteiligt.</p> <p>Die Suggestion ist ein performativer Sprechakt, der bewirken soll, was er beschreibt, der die Wirklichkeit wahrnehmbar erschafft und hervorruft, indem er sie vorwegnehmend beschreibt. Dass der Hypnotiseur die Hand einer Person allein mit der Kraft seiner Intention und seiner Worte am Tisch festkleben kann, erscheint nahezu als paranormaler Akt von Telepathie und Psychokinese. Bemerkenswert ist, dass Suggestionen grundsätzlich im Präsens formuliert werden, der Hypnotiseur sagt nicht: „Die Hand wird am Tisch kleben etc.“, sondern „Die Hand klebt am Tisch fest etc.“ – während sie zu Beginn ja ganz offensichtlich noch nicht am Tisch klebt. Der Hypnotiseur redet die intendierte Wirklichkeit herbei, als liege sie verborgen unter der alltäglichen Wirklichkeit und müsse dort durch aufmerksame Beobachtung entdeckt werden. Er weckt nach und nach eine Überzeugung bei den Probanden, indem diese ihre Aufmerksamkeit mehr und mehr auf vorstellungskonforme Empfindungen richten und diese dadurch immer weiter verstärken, bis es sich um klare Wahrnehmungen einer Realität handelt (ideomotorisches bzw. ideodynamisches Prinzip, Carpenter-Effekt). Dies setzt voraus, dass sie eine präzise Vorstellung von der seitens des Hypnotiseurs gewollten Wirklichkeit entwickeln und diese im Bereich ihrer Empfindungen wirksam werden lassen, indem sie sich intensiv vorstellen, wie es tatsächlich wäre, wenn ihre Hand am Tisch festklebte. Knapper könnte man auch formulieren: <em>Sie tun so als ob – und vergessen dabei, dass sie nur so tun als ob</em> (die Aufmerksamkeit wird ja auf anderes gerichtet!). Das Geschehen im Probanden selbst spielt dabei eine wesentlich größere Rolle als das Handeln und Sprechen des Hypnotiseurs.</p> <p>Aus der jahrzehntelangen Forschung zur Suggestibilität als Persönlichkeitsmerkmal ist bekannt, dass Personen sich sehr stark hinsichtlich ihrer Hypnotisierbarkeit unterscheiden; die ideo-dynamische oder auch psycho-somatische „Durchlässigkeit“ ist sehr unterschiedlich ausgeprägt, will sagen: Für einige von uns gehen bestimmte Vorstellungen sehr unmittelbar mit bestätigenden Empfindungen und Wahrnehmungen einher, sodass die Vorstellung absolut überzeugend und real erscheint, während andere immer auf kritisch-diskursive Distanz zu ihren Gedanken und Vorstellungen bleiben.</p> <p>Meine These lautet: Der psychologische Vorgang bei einer unverdächtigen Hypnoseübung illustriert die gesamte Psychologie des religiösen Glaubens und alle Typen religiös Gläubiger und Ungläubiger; er veranschaulicht die Natur des Glaubens. Auch in anderen, nichtreligiösen Bereichen unterscheiden sich Menschen sehr stark darin, wie sehr sie sich identifizieren mit dem jeweiligen „Spiel“ und der Rolle, die sie Tag für Tag darin spielen, z.B. bei der Arbeit, sodass dies ihre wirkliche Realität und Identität wird. Aber im Weiteren soll es vor allem um das Thema religiöser Glaube gehen.</p> <p>Ein rationaler Umgang mit heiligen Texten und religiösen Traditionen bestände darin, sich über deren propositionalen Gehalt zu verständigen: Was sagt der Text genau, was sind die Thesen – z.B. Thesen weltanschaulicher Art oder ethische Thesen? Welche Gründe und Argumente werden für diese Thesen vorgebracht? Gibt es überzeugende Alternativen und Gegenargumente, mit denen man die These bestreiten könnte? Auf welche ästhetische Wirkung zielt der Text, welche ethischen Empfehlungen enthält er? Aber diese Form der Lektüre ist denkbar weit entfernt von einem religiösen Umgang mit diesem Material. Bei der religiösen Lektüre eines heiligen Textes „vertieft“ man sich in den Text, bringt sich vielleicht sogar durch Gebet zunächst „in die Gegenwart des Heiligen Geistes“, um den Text wirklich in seinem übernatürlichen Sinn begreifen und aufnehmen zu können, man meditiert den Text, „lässt ihn auf sich wirken“, „lässt ihn zu sich sprechen“ – kurz: Man begibt sich autosuggestiv in den Zustand einer Dissoziation, in eine religiöse Trance. Einige wenige von uns (die besagten 10-30%, siehe oben) werden dann tatsächlich starke religiöse Empfindungen haben, die sie von der Wahrheit und Realität des gelesenen heiligen Textes zutiefst und spürbar überzeugen; viele von ihnen werden Mönche, Nonnen, Priester, Missionare usw. Sie sind bereit, für ihren Glauben auf die Ehe, auf Kinder zu verzichten, vielleicht sind sie sogar bereit, für ihren Glauben zu sterben oder zu töten. Ein weiteres Drittel wird „irgendwie“ „irgendwas“ spüren nach dem Motto: da könnte schon was dran sein, aber … Wären diese Personen ehrlich, müssten sie zugeben, dass sie nichts Besonderes gespürt haben; diese werden Theologen/-innen oder Kirchenbeamte. Und der Rest wird mit diesem trance-induzierenden „Lektüreritual“ gar nichts anfangen können. Sie hätten lieber einfach nur den Text als Literatur gelesen und kritisch-diskursiv besprochen im Lichte anderer Texte und Traditionen. Diese Personen stehen befremdet bis amüsiert außerhalb der Religion, obwohl sie vielleicht viel mehr darüber wissen als Gläubige; sie gelten als religiös „unmusikalisch“, vielleicht fehlt ihnen aber auch nur der notwendige Ernst und Ehrgeiz.<aside></aside></p> <p>Man entscheidet sich keinesfalls selbst, zu welcher Gruppe von Personen man gehört. Es gibt Menschen, die schwören Stein und Bein, dass niemand sie hypnotisieren kann – manche von ihnen sind jedoch die einfachsten „Opfer“ guter Hypnotiseure. Andere sind „total begeistert“ von Hypnose – aber tatsächlich tut sich bei ihnen gar nichts, kein einziger Suggestibilitätstest wird bestanden, von hypnotischer Trance keine Spur. Es ist die <em>unterbewusste Ausrichtung von Aufmerksamkeit</em>, die über Erfolg und Misserfolg der Suggestion entscheidet. Wenn es dem Hypnotiseur (und dann dem Probanden) gelingt, die Aufmerksamkeit komplett zu bündeln und im Erleben „aufgehen“ zu lassen, ist er am Ziel – wenn die Aufmerksamkeit jedoch irgendwie geteilt bleibt und nur aus sicherer Distanz auf die Sache gerichtet wird, wenn also Zwei-fel bleiben, sodass diskursiv-kritisches Denken jederzeit möglich bleibt, geschieht wahrscheinlich gar nichts. Man kann nicht frei wählen, ob man glaubt oder nicht, man ist vielmehr dazu erwählt oder nicht; man verfügt über die Gnade, glauben zu können, oder eben nicht.</p> <p>Glaube macht in verschiedenen Zusammenhängen sehr viel Sinn: Wann immer Sie etwas intensiv und leidenschaftliche erleben und genießen wollen, benötigen Sie ausschließliche und gebündelte Aufmerksamkeit für diese eine Sache, auf die sie sich zu 100% und ohne Zweifel einlassen; jedes „Aber“ bleibt außen vor. Das fängt beim Essen gehen in einem feinen Restaurant an; geht über den Fußballfan, der beim entscheidenden Spiel seiner Mannschaft völlig aus dem Häuschen ist; und endet beim Sex, bei dem Sie sich in einer ekstatischen Explosion der Sinne selbst verlieren (hihi). Wir meinen diese tiefgehende, auf das Unterbewusste zielende Psychologie, wenn wir sagen, dass ein Forscher, Sportler oder Geschäftsmann an seinen Erfolg „glauben“ muss (dabei wissen wir, dass das nicht einfach gefordert und per Knopfdruck angeschaltet werden kann). Glaube werden Sie auch benötigen, wenn Sie in eine ernsthafte Praxis der Meditation einsteigen oder wenn Sie Yoga, Qigong und Taijiquan mit Hingebung praktizieren wollen. Und jede Kunst – Schauspiel (eine besonders offensichtliche Form des „so tun als ob“), Musik, bildende Kunst – lebt vom Glauben an die Bedeutung und Einzigartigkeit künstlerischen Seins und Handelns, also von einer psychologisch tief wurzelnden Identifikation mit diesen Tätigkeiten und Rollen. (Am besten ist, man wählt diese Berufe nicht selbst, sondern fühlt sich zu ihnen von höherer Stelle berufen.) Glaube ermöglicht nicht nur sehr intensive subjektive Erlebnisse. Durch die tiefgehende und umfassende Bündelung von Aufmerksamkeit sowie die gesteigerte Motivation kommt es auch zu objektiven Höchstleistungen, deren Zustandekommen ohne diesen Glauben (an sich selbst, an den Erfolg, an Gott, usw.) undenkbar erscheint. Leider beseelt ein solcher Glaube auch die Gräueltaten und Tabubrüche politischer und religiöser Extremisten. Jede Technik kann missbraucht werden, auch jede Psychotechnik.</p> <p>Glaube ist eine Psychotechnik, aber keine, die man einfach bei sich anknipsen kann. Der Glaube ergreift einen und bestimmt dann die Identität, Sprechen und Handeln, die Lebensrealität dieser Person. Letztlich ist dies alles <em>self-made</em>; es gibt keine Fremdsuggestion ohne Autosuggestion. Die Person entdeckt keine verborgene vorhandene Realität, sondern kreiert sie vollständig mittels ihres Glaubens, sie redet es sich fortlaufend ein (bzw. etwas in ihr redet es ihr fortlaufend ein). So lässt sie eine Vorstellung Wirklichkeit werden. Diese Tätigkeit läuft aber nicht wie sonst aktiv-intentional-diskursiv, sondern autosuggestiv-dissoziativ ab – und wirkt dadurch hinsichtlich der erlebbaren Effekte umso überzeugender für den Glaubenden. Nur wenige sind zu dieser speziellen Psychologie in der Lage (10-30%) – und dieses Glaubenstalent befähigt viele von ihnen zu außergewöhnlichen Spitzenleistungen in ganz verschiedenen Gebieten, auch im Bereich der Religion (Heilige). Dazu kommen noch mal ca. 30% wohlwollende, aber mediokre Epigonen und Mitläufer, die sich wünschen, dass ein bestimmter Glaube wahr sei, obwohl sie selbst nichts davon spüren; sie glauben quasi, ohne „zu sehen“ (Joh 20,29), sie glauben den Zeugen.</p> <p>Die Inhalte eines Glaubens sind grundsätzlich Artefakte – an Tatsachen muss man nicht glauben, die nimmt man einfach zur Kenntnis. Man kann der Physik vieles zutrauen, man kann ihren Einsichten auch vertrauen – aber man glaubt nicht an Physik; das wäre schlicht die falsche epistemische Einstellung zur Wissenschaft. Die durch Glauben erzeugten Artefakte können (und sollten) einem ästhetischen und ggf. einem ethischen Urteil unterworfen werden, auch von außen her (z.B. staatlicherseits). Aber es macht bezüglich diverser Glaubensinhalte meist wenig Sinn, epistemisch die Wahrheitsfrage zu stellen: Können Hände per Gedankenkraft wirklich an Tischen festgeklebt werden? Nein, natürlich nicht; aber man kann fest daran glauben und so tun, als ob es so wäre, und dann haben manche das Gefühl, dass die Hand tatsächlich am Tisch klebt (aber objektiv gesehen klebt sie nicht am Tisch fest). Der religiöse Glaube bringt für den Gläubigen eine erlebbare religiöse Wirklichkeit hervor, die ihm womöglich realer als die Alltagsrealität erscheint.</p> <p>Als problematisch für die Diskussion erweisen sich meist methodisch unzulässige Vermischungen von religiösen und wissenschaftlichen Weltbildern, z.B. im Bereich Schöpfung versus Kosmologie und Evolution. Schwierig ist auch das Vordringen religiöser Vorstellungen in den politischen Raum eines sich als weltanschaulich neutral verstehenden Staates.</p> <p>Es ist dem Gläubigen infolge der in ihm ablaufenden Psychodynamik tatsächlich nicht zugänglich, dass ihm von anderen eingeredet wurde, was er glaubt, und dass er es sich selbst immer weiter einredet, obwohl objektive Evidenz fehlt; er befindet sich in einem Zustand fortlaufender Autosuggestion und kann sich nicht selbst aus der hypnotischen Trance befreien. Der starke Wunsch, an etwas zu glauben, und auch der Wunsch nach außergewöhnlichen Einsichten, Offenbarungen und Weltwahrnehmungen ist bei manchen sehr stark ausgeprägt. Für Gläubige ist die Vorstellung eines Glaubensverlusts bedrohlich. Wenn jemand sich für begnadet hält, ist eine narzisstische Komponente kaum zu übersehen. (Ebenso ist bei vielen Ungläubigen eine Portion Neid unübersehbar.)</p> <p>Wenn Glauben nur Meinen oder unsicheres Wissen bedeutet („Ich glaube, der heißt Karl. Ich glaube, dass es Gott gibt.“), ist der Begriff uninteressant. Interessant ist Glaube als eine sehr genau bestimmte innere psychologische Praxis, als bewusstes und unterbewusstes sich Einlassen, als ernstes Spiel mit Vorstellungen, Aufmerksamkeit und den erst dadurch möglichen subjektiven Empfindungen. Wir dürfen das Thema Glauben keinesfalls den Religionen überlassen. Glaube ist nicht immer religiös, er spielt als allgemeinpsychologisches Prinzip auch in anderen Lebensbereichen eine wichtige Rolle. Wir sollten die Macht der Suggestion und die schöpferische Kraft unserer Vorstellungen, d.h. die wünschenswerten und die gefährlichen Seiten des Glaubens, besser verstehen lernen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Glauben » 3G » SciLogs</h1><h2>By Christian Hoppe</h2><div itemprop="text"> <p>Wenn man mit einer Gruppe von Personen eine hypnotisch-suggestive Handkataplexie-Übung durchführt – „Deine Hand klebt am Tisch, Du kannst sie nicht mehr bewegen“ –, gibt es drei mögliche Ausgänge auf Seiten der Teilnehmer: Bei einigen, vielleicht sind es 10-30%, klebt die Hand fest am Tisch, es ist völlig unmöglich, dass sie sie noch bewegen; bei einem weiteren Drittel gibt es durchaus einige ungewöhnliche Empfindungen, aber wenn diese Probanden ehrlich wären, müssten sie zugeben, dass der Test nicht funktioniert hat; und beim Rest tut sich genau gar nichts, obwohl sie sich bemüht haben, wenngleich vielleicht teilweise etwas lustlos oder unbeteiligt.</p> <p>Die Suggestion ist ein performativer Sprechakt, der bewirken soll, was er beschreibt, der die Wirklichkeit wahrnehmbar erschafft und hervorruft, indem er sie vorwegnehmend beschreibt. Dass der Hypnotiseur die Hand einer Person allein mit der Kraft seiner Intention und seiner Worte am Tisch festkleben kann, erscheint nahezu als paranormaler Akt von Telepathie und Psychokinese. Bemerkenswert ist, dass Suggestionen grundsätzlich im Präsens formuliert werden, der Hypnotiseur sagt nicht: „Die Hand wird am Tisch kleben etc.“, sondern „Die Hand klebt am Tisch fest etc.“ – während sie zu Beginn ja ganz offensichtlich noch nicht am Tisch klebt. Der Hypnotiseur redet die intendierte Wirklichkeit herbei, als liege sie verborgen unter der alltäglichen Wirklichkeit und müsse dort durch aufmerksame Beobachtung entdeckt werden. Er weckt nach und nach eine Überzeugung bei den Probanden, indem diese ihre Aufmerksamkeit mehr und mehr auf vorstellungskonforme Empfindungen richten und diese dadurch immer weiter verstärken, bis es sich um klare Wahrnehmungen einer Realität handelt (ideomotorisches bzw. ideodynamisches Prinzip, Carpenter-Effekt). Dies setzt voraus, dass sie eine präzise Vorstellung von der seitens des Hypnotiseurs gewollten Wirklichkeit entwickeln und diese im Bereich ihrer Empfindungen wirksam werden lassen, indem sie sich intensiv vorstellen, wie es tatsächlich wäre, wenn ihre Hand am Tisch festklebte. Knapper könnte man auch formulieren: <em>Sie tun so als ob – und vergessen dabei, dass sie nur so tun als ob</em> (die Aufmerksamkeit wird ja auf anderes gerichtet!). Das Geschehen im Probanden selbst spielt dabei eine wesentlich größere Rolle als das Handeln und Sprechen des Hypnotiseurs.</p> <p>Aus der jahrzehntelangen Forschung zur Suggestibilität als Persönlichkeitsmerkmal ist bekannt, dass Personen sich sehr stark hinsichtlich ihrer Hypnotisierbarkeit unterscheiden; die ideo-dynamische oder auch psycho-somatische „Durchlässigkeit“ ist sehr unterschiedlich ausgeprägt, will sagen: Für einige von uns gehen bestimmte Vorstellungen sehr unmittelbar mit bestätigenden Empfindungen und Wahrnehmungen einher, sodass die Vorstellung absolut überzeugend und real erscheint, während andere immer auf kritisch-diskursive Distanz zu ihren Gedanken und Vorstellungen bleiben.</p> <p>Meine These lautet: Der psychologische Vorgang bei einer unverdächtigen Hypnoseübung illustriert die gesamte Psychologie des religiösen Glaubens und alle Typen religiös Gläubiger und Ungläubiger; er veranschaulicht die Natur des Glaubens. Auch in anderen, nichtreligiösen Bereichen unterscheiden sich Menschen sehr stark darin, wie sehr sie sich identifizieren mit dem jeweiligen „Spiel“ und der Rolle, die sie Tag für Tag darin spielen, z.B. bei der Arbeit, sodass dies ihre wirkliche Realität und Identität wird. Aber im Weiteren soll es vor allem um das Thema religiöser Glaube gehen.</p> <p>Ein rationaler Umgang mit heiligen Texten und religiösen Traditionen bestände darin, sich über deren propositionalen Gehalt zu verständigen: Was sagt der Text genau, was sind die Thesen – z.B. Thesen weltanschaulicher Art oder ethische Thesen? Welche Gründe und Argumente werden für diese Thesen vorgebracht? Gibt es überzeugende Alternativen und Gegenargumente, mit denen man die These bestreiten könnte? Auf welche ästhetische Wirkung zielt der Text, welche ethischen Empfehlungen enthält er? Aber diese Form der Lektüre ist denkbar weit entfernt von einem religiösen Umgang mit diesem Material. Bei der religiösen Lektüre eines heiligen Textes „vertieft“ man sich in den Text, bringt sich vielleicht sogar durch Gebet zunächst „in die Gegenwart des Heiligen Geistes“, um den Text wirklich in seinem übernatürlichen Sinn begreifen und aufnehmen zu können, man meditiert den Text, „lässt ihn auf sich wirken“, „lässt ihn zu sich sprechen“ – kurz: Man begibt sich autosuggestiv in den Zustand einer Dissoziation, in eine religiöse Trance. Einige wenige von uns (die besagten 10-30%, siehe oben) werden dann tatsächlich starke religiöse Empfindungen haben, die sie von der Wahrheit und Realität des gelesenen heiligen Textes zutiefst und spürbar überzeugen; viele von ihnen werden Mönche, Nonnen, Priester, Missionare usw. Sie sind bereit, für ihren Glauben auf die Ehe, auf Kinder zu verzichten, vielleicht sind sie sogar bereit, für ihren Glauben zu sterben oder zu töten. Ein weiteres Drittel wird „irgendwie“ „irgendwas“ spüren nach dem Motto: da könnte schon was dran sein, aber … Wären diese Personen ehrlich, müssten sie zugeben, dass sie nichts Besonderes gespürt haben; diese werden Theologen/-innen oder Kirchenbeamte. Und der Rest wird mit diesem trance-induzierenden „Lektüreritual“ gar nichts anfangen können. Sie hätten lieber einfach nur den Text als Literatur gelesen und kritisch-diskursiv besprochen im Lichte anderer Texte und Traditionen. Diese Personen stehen befremdet bis amüsiert außerhalb der Religion, obwohl sie vielleicht viel mehr darüber wissen als Gläubige; sie gelten als religiös „unmusikalisch“, vielleicht fehlt ihnen aber auch nur der notwendige Ernst und Ehrgeiz.<aside></aside></p> <p>Man entscheidet sich keinesfalls selbst, zu welcher Gruppe von Personen man gehört. Es gibt Menschen, die schwören Stein und Bein, dass niemand sie hypnotisieren kann – manche von ihnen sind jedoch die einfachsten „Opfer“ guter Hypnotiseure. Andere sind „total begeistert“ von Hypnose – aber tatsächlich tut sich bei ihnen gar nichts, kein einziger Suggestibilitätstest wird bestanden, von hypnotischer Trance keine Spur. Es ist die <em>unterbewusste Ausrichtung von Aufmerksamkeit</em>, die über Erfolg und Misserfolg der Suggestion entscheidet. Wenn es dem Hypnotiseur (und dann dem Probanden) gelingt, die Aufmerksamkeit komplett zu bündeln und im Erleben „aufgehen“ zu lassen, ist er am Ziel – wenn die Aufmerksamkeit jedoch irgendwie geteilt bleibt und nur aus sicherer Distanz auf die Sache gerichtet wird, wenn also Zwei-fel bleiben, sodass diskursiv-kritisches Denken jederzeit möglich bleibt, geschieht wahrscheinlich gar nichts. Man kann nicht frei wählen, ob man glaubt oder nicht, man ist vielmehr dazu erwählt oder nicht; man verfügt über die Gnade, glauben zu können, oder eben nicht.</p> <p>Glaube macht in verschiedenen Zusammenhängen sehr viel Sinn: Wann immer Sie etwas intensiv und leidenschaftliche erleben und genießen wollen, benötigen Sie ausschließliche und gebündelte Aufmerksamkeit für diese eine Sache, auf die sie sich zu 100% und ohne Zweifel einlassen; jedes „Aber“ bleibt außen vor. Das fängt beim Essen gehen in einem feinen Restaurant an; geht über den Fußballfan, der beim entscheidenden Spiel seiner Mannschaft völlig aus dem Häuschen ist; und endet beim Sex, bei dem Sie sich in einer ekstatischen Explosion der Sinne selbst verlieren (hihi). Wir meinen diese tiefgehende, auf das Unterbewusste zielende Psychologie, wenn wir sagen, dass ein Forscher, Sportler oder Geschäftsmann an seinen Erfolg „glauben“ muss (dabei wissen wir, dass das nicht einfach gefordert und per Knopfdruck angeschaltet werden kann). Glaube werden Sie auch benötigen, wenn Sie in eine ernsthafte Praxis der Meditation einsteigen oder wenn Sie Yoga, Qigong und Taijiquan mit Hingebung praktizieren wollen. Und jede Kunst – Schauspiel (eine besonders offensichtliche Form des „so tun als ob“), Musik, bildende Kunst – lebt vom Glauben an die Bedeutung und Einzigartigkeit künstlerischen Seins und Handelns, also von einer psychologisch tief wurzelnden Identifikation mit diesen Tätigkeiten und Rollen. (Am besten ist, man wählt diese Berufe nicht selbst, sondern fühlt sich zu ihnen von höherer Stelle berufen.) Glaube ermöglicht nicht nur sehr intensive subjektive Erlebnisse. Durch die tiefgehende und umfassende Bündelung von Aufmerksamkeit sowie die gesteigerte Motivation kommt es auch zu objektiven Höchstleistungen, deren Zustandekommen ohne diesen Glauben (an sich selbst, an den Erfolg, an Gott, usw.) undenkbar erscheint. Leider beseelt ein solcher Glaube auch die Gräueltaten und Tabubrüche politischer und religiöser Extremisten. Jede Technik kann missbraucht werden, auch jede Psychotechnik.</p> <p>Glaube ist eine Psychotechnik, aber keine, die man einfach bei sich anknipsen kann. Der Glaube ergreift einen und bestimmt dann die Identität, Sprechen und Handeln, die Lebensrealität dieser Person. Letztlich ist dies alles <em>self-made</em>; es gibt keine Fremdsuggestion ohne Autosuggestion. Die Person entdeckt keine verborgene vorhandene Realität, sondern kreiert sie vollständig mittels ihres Glaubens, sie redet es sich fortlaufend ein (bzw. etwas in ihr redet es ihr fortlaufend ein). So lässt sie eine Vorstellung Wirklichkeit werden. Diese Tätigkeit läuft aber nicht wie sonst aktiv-intentional-diskursiv, sondern autosuggestiv-dissoziativ ab – und wirkt dadurch hinsichtlich der erlebbaren Effekte umso überzeugender für den Glaubenden. Nur wenige sind zu dieser speziellen Psychologie in der Lage (10-30%) – und dieses Glaubenstalent befähigt viele von ihnen zu außergewöhnlichen Spitzenleistungen in ganz verschiedenen Gebieten, auch im Bereich der Religion (Heilige). Dazu kommen noch mal ca. 30% wohlwollende, aber mediokre Epigonen und Mitläufer, die sich wünschen, dass ein bestimmter Glaube wahr sei, obwohl sie selbst nichts davon spüren; sie glauben quasi, ohne „zu sehen“ (Joh 20,29), sie glauben den Zeugen.</p> <p>Die Inhalte eines Glaubens sind grundsätzlich Artefakte – an Tatsachen muss man nicht glauben, die nimmt man einfach zur Kenntnis. Man kann der Physik vieles zutrauen, man kann ihren Einsichten auch vertrauen – aber man glaubt nicht an Physik; das wäre schlicht die falsche epistemische Einstellung zur Wissenschaft. Die durch Glauben erzeugten Artefakte können (und sollten) einem ästhetischen und ggf. einem ethischen Urteil unterworfen werden, auch von außen her (z.B. staatlicherseits). Aber es macht bezüglich diverser Glaubensinhalte meist wenig Sinn, epistemisch die Wahrheitsfrage zu stellen: Können Hände per Gedankenkraft wirklich an Tischen festgeklebt werden? Nein, natürlich nicht; aber man kann fest daran glauben und so tun, als ob es so wäre, und dann haben manche das Gefühl, dass die Hand tatsächlich am Tisch klebt (aber objektiv gesehen klebt sie nicht am Tisch fest). Der religiöse Glaube bringt für den Gläubigen eine erlebbare religiöse Wirklichkeit hervor, die ihm womöglich realer als die Alltagsrealität erscheint.</p> <p>Als problematisch für die Diskussion erweisen sich meist methodisch unzulässige Vermischungen von religiösen und wissenschaftlichen Weltbildern, z.B. im Bereich Schöpfung versus Kosmologie und Evolution. Schwierig ist auch das Vordringen religiöser Vorstellungen in den politischen Raum eines sich als weltanschaulich neutral verstehenden Staates.</p> <p>Es ist dem Gläubigen infolge der in ihm ablaufenden Psychodynamik tatsächlich nicht zugänglich, dass ihm von anderen eingeredet wurde, was er glaubt, und dass er es sich selbst immer weiter einredet, obwohl objektive Evidenz fehlt; er befindet sich in einem Zustand fortlaufender Autosuggestion und kann sich nicht selbst aus der hypnotischen Trance befreien. Der starke Wunsch, an etwas zu glauben, und auch der Wunsch nach außergewöhnlichen Einsichten, Offenbarungen und Weltwahrnehmungen ist bei manchen sehr stark ausgeprägt. Für Gläubige ist die Vorstellung eines Glaubensverlusts bedrohlich. Wenn jemand sich für begnadet hält, ist eine narzisstische Komponente kaum zu übersehen. (Ebenso ist bei vielen Ungläubigen eine Portion Neid unübersehbar.)</p> <p>Wenn Glauben nur Meinen oder unsicheres Wissen bedeutet („Ich glaube, der heißt Karl. Ich glaube, dass es Gott gibt.“), ist der Begriff uninteressant. Interessant ist Glaube als eine sehr genau bestimmte innere psychologische Praxis, als bewusstes und unterbewusstes sich Einlassen, als ernstes Spiel mit Vorstellungen, Aufmerksamkeit und den erst dadurch möglichen subjektiven Empfindungen. Wir dürfen das Thema Glauben keinesfalls den Religionen überlassen. Glaube ist nicht immer religiös, er spielt als allgemeinpsychologisches Prinzip auch in anderen Lebensbereichen eine wichtige Rolle. Wir sollten die Macht der Suggestion und die schöpferische Kraft unserer Vorstellungen, d.h. die wünschenswerten und die gefährlichen Seiten des Glaubens, besser verstehen lernen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/3g/glauben/#comments 20 Die wilde Dynamik des Pierre Berger https://scilogs.spektrum.de/hlf/die-wilde-dynamik-des-pierre-berger/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/die-wilde-dynamik-des-pierre-berger/#comments Mon, 15 Sep 2025 08:56:23 +0000 Christoph Pöppe https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=13740 <h1>Die wilde Dynamik des Pierre Berger - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Christoph Pöppe</h2><div itemprop="text"> <p>Der Mathematiker Pierre Berger, der an der Sorbonne in Paris arbeitet, lässt uns in einer Ausstellung an seinen neuesten Ergebnissen zu kontinuierlichen dynamischen Systemen teilhaben. Diese ist Teil der <a href="https://www.heidelberg-mains.org/ausstellungen/mains-on-tour-1/">MAINS on Tour Ausstellung</a> in Heidelberg (14. bis 19. September in Heidlberg), zeitgleich zum diesjährigen <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Heidelberg Laureate Forum</a>.</p> <p>Worum geht es? Fassen Sie sich bitte einen Moment in Geduld. Die Theorie der dynamischen Systeme (früher auch als „Chaostheorie“ bezeichnet) ist etwas gewöhnungsbedürftig.</p> <p>Wer sich an meine früheren Beiträge zum Chaos (<a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/der-blatterteig-und-das-chaos/">hier</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/laplace-die-karnickel-und-das-chaos/">da</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/warum-ist-die-welt-so-unchaotisch/">dort</a>) erinnert: Das war eine geringfügig andere Baustelle. Diesmal geht es nicht um hüpfende, sondern um gleichmäßig fließende Zeit. Ein späterer Zustand wird nicht dadurch bestimmt, dass eine Funktion auf den gegenwärtigen Zustand angewendet wird. Vielmehr besteht das „Naturgesetz“ aus Differentialgleichungen. Die sagen grob gesprochen nur an, wie der Zustand des Systems sich in einem „unendlich kleinen“ Zeitraum ändern wird. Daraus den Zustand zu einer endlichen späteren Zeit zu berechnen ist mühsam und häufig nur näherungsweise möglich. Da will man aus den Differentialgleichungen zumindest allgemeine Aussagen über das Verhalten des Systems herleiten können.</p> <p>Solange der Systemzustand mit zwei oder drei reellen Zahlen beschreibbar ist, bietet sich eine geometrische Darstellung an. Die Menge aller überhaupt möglichen Systemzustände (der „Phasenraum“) ist ein Teil der Ebene bzw. des Raums. Das System selbst ist nichts weiter als ein einzelner Punkt, der sich durch den Phasenraum bewegt. An jedem Punkt des Phasenraums sitzt ein kleiner Pfeil, der dem beweglichen Punkt ansagt, wo es an dieser Stelle langgeht. Die Gesamtheit dieser Pfeile wird auch als „Vektorfeld“ bezeichnet.</p> <p>Im Allgemeinen interessiert man sich nur für Vektorfelder mit „Wohlverhalten“. Man könnte die Pfeile irgendwie widersprüchlich setzen, etwa so, dass an einer Stelle ein Pfeil nach links weist und unmittelbar links davon einer nach rechts. Aber dann wüsste ein Punkt, der dorthin gerät, beim besten Willen nicht, was er machen soll, und die Differentialgleichung hätte ab da keine Lösung mehr, auch keine chaotische. Das ist ein eher uninteressanter Fall. Also fordert man, dass das Vektorfeld selbst „glatt“ ist, das heißt, sich von einem Punkt zum nächsten nur allmählich und nicht sprunghaft ändert.<aside></aside></p> <p>Ein Punkt, den man an irgendeiner Stelle (dem „Anfangswert“) in dieser Primitivwelt aussetzt, folgt den Pfeilen und beschreibt dadurch eine Bahn (seine „Trajektorie“) – vollkommen deterministisch. Abgesehen von der Wahl des Anfangswerts gibt es keine Freiheiten in dieser Situation. Was passiert auf lange Sicht?</p> <p>Zum Beispiel könnte an einem Punkt des Phasenraums ein Nullvektor sitzen. Ein Punkt, der dorthin gerät, würde dann auf alle Zeiten dort hängenbleiben. Vielleicht weisen die Pfeile in der Umgebung dieses „Fixpunkts“ alle auf diesen Punkt hin. Wenn dann der Systemzustand in die Nähe des Fixpunkts gerät, kommt er ihm immer näher und nie wieder weg, als würde der Fixpunkt eine Anziehungskraft ausüben. Das nennt man einen attraktiven Fixpunkt.</p> <p>Oder alle Pfeile weisen vom Fixpunkt weg. Dann ist er abstoßend, und wenn der Systemzustand nicht am Beginn seines Lebens dorthin gesetzt wird (und dort alt wird), sieht er ihn nie – nicht einmal von weitem.</p> <p>Oder der Fixpunkt ist in einer Richtung anziehend und in einer dazu senkrechten Richtung abstoßend. Dann wird die Bewegung dramatisch. Ein Punkt hält aus einer attraktiven Richtung kommend auf den Fixpunkt zu; aber wenn er nicht genau auf dem richtigen Weg ist, dann schlagen kurz vor dem Ziel die abstoßenden Kräfte zu und schleudern ihn weit nach draußen, mit ungewissem Schicksal.</p> <p>Pierre Berger betreibt nicht nur seine Forschung, sondern ist auch bestrebt, ihre Ergebnisse in Form sicht- und greifbarer Objekte zu vermitteln. So hat er diese interessantesten aller Fixpunkte („homokline Punkte“) in einer Metallskulptur verewigt.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HomoklineBlech-scaled.jpg"><img alt="Metallskulptur die wilde dynamische Systeme darstellt." decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 982px) 100vw, 982px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HomoklineBlech-982x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HomoklineBlech-982x1024.jpg 982w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HomoklineBlech-288x300.jpg 288w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HomoklineBlech-768x800.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HomoklineBlech-1474x1536.jpg 1474w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HomoklineBlech-1965x2048.jpg 1965w" width="982"></img></a><figcaption>Der obere Fixpunkt ist in zwei Richtungen (Blechebene) anziehend, in der dazu senkrechten Richtung abstoßend. Unter der gebogenen Stange darf man sich eine Trajektorie vorstellen, die vor Urzeiten aus dem Fixpunkt entkommen ist. Bei dem unteren Fixpunkt ist die Situation genau umgekehrt.</figcaption></figure></div> <p>Es kann auch vorkommen, dass alle Trajektorien auf die Dauer nicht einem bestimmten Punkt zustreben, sondern einer Teilmenge, einem „Attraktor“. Aus dessen näherer Umgebung kommt ein Systemzustand zwar nie wieder heraus, kann aber gleichwohl die unglaublichsten Dinge anstellen. Eine gewisse Berühmtheit hat der Lorenz-Attraktor erlangt, den der Meteorologe Edward Lorenz fand, als er sein brutal vereinfachtes Modell des Wetters näher untersuchte.<br></br></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Attraktor.jpg"><img alt="Metallskulptur" decoding="async" height="593" sizes="(max-width: 564px) 100vw, 564px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Attraktor.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Attraktor.jpg 564w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Attraktor-285x300.jpg 285w" width="564"></img></a><figcaption>Diese Blechskulptur von Pierre Berger stellt den Attraktor eines dreidimensionalen dynamischen Systems dar. Von einer Anfangsphase abgesehen verlaufen alle Trajektorien in unmittelbarer Nähe dieser Teilmenge, und zwar in Richtung der (ins Blech eingravierten) Pfeile. Eine Trajektorie kann eine beliebige Anzahl von Runden auf einer der beiden Scheiben drehen, dann auf die andere Scheibe wechseln, und so weiter.</figcaption></figure></div> <p>Der hier in Blech wiedergegebene Attraktor gehört zu einem speziellen dynamischen System. Ein Punkt kann unter dem Einfluss der Systemgleichungen wieder zu seinem Anfangswert zurückkehren (und muss dann immer wieder bis in alle Ewigkeit denselben Weg durchlaufen) – so weit noch nichts Besonderes. Aber jede dieser periodischen Bahnen kann sich beliebig oft um sich selbst schlingen und damit das realisieren, was die Mathematiker einen Knoten nennen: eine in sich geschlossene Kurve im dreidimensionalen Raum. Die darf man sich als Bindfaden vorstellen, und für den Knotentheoretiker kommt es nicht darauf an, wie dieser Faden im Raum herumhängt, solange er nicht zerschnitten und hinterher wieder verschlossen wird. Dieses spezielle dynamische System, das <a href="https://www2.math.upenn.edu/~ghrist/preprints/solitons.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Robert Ghrist</a> sich ausgedacht hat, realisiert jeden überhaupt denkbaren Knoten durch eine periodische Trajektorie. Das heißt: Jeder Knoten ist gewissermaßen in dem System enthalten, und um ihn auszuwählen, muss man nur einen einzigen Punkt im dreidimensionalen Raum bestimmen: einen Anfangswert, der ein beliebiger Punkt auf der periodischen Bahn sein darf. Das ist echte Reichhaltigkeit!</p> <p>Auf einem der beiden Bildschirme in der Ausstellung präsentiert uns Berger eines seiner Ergebnisse noch absolut backfrisch: Die zugehörige <a href="https://arxiv.org/pdf/2210.03438" rel="noreferrer noopener" target="_blank">wissenschaftliche Arbeit</a> hat er erst diesen Sommer auf den Preprintserver arxiv.org hochgeladen.</p> <p>Es geht um Vektorfelder, die nicht nur glatt sind, sondern sich auch einer weiteren Eigenschaft erfreuen: Sie sind flächenerhaltend (in zwei Dimensionen) bzw. volumenerhaltend (in drei Dimensionen). Schauen Sie sich eine Teilmenge des Phasenraums an und beobachten Sie, wie sich diese unter dem Einfluss der Dynamik verformt. (Das heißt: Sie lassen auf jeden Punkt der Teilmenge die Systemgleichungen wirken. Dadurch ergibt sich eine deformierte Version dieser Teilmenge, im Allgemeinen umso deformierter, je mehr Zeit vergeht.) Die Teilmengen, die Berger zur Illustration verwendet, sind bunte Ellipsen. Eine flächenerhaltende Dynamik darf eine solche Ellipse verschieben, drehen, zusammendrücken, strecken, krummbiegen und etliches mehr, aber nur solange sie jedes Zusammendrücken durch ein entsprechendes Strecken kompensiert.</p> <p>Gemessen an dem, was Dynamiken sonst mit den Punkten eines Systems anstellen können, sind die flächenerhaltenden als äußerst brav einzustufen. George Birkhoff, einer der Altmeister der Theorie dynamischer Systeme, ging 1941 sogar so weit, zu vermuten, es handele sich „im Wesentlichen“ um Rotationen.</p> <p>Nehmen wir an, auf der ganzen Erde weht nichts als ein beständiger Westwind. (Natürlich muss an Nord- und Südpol Windstille herrschen. Diese Punkte sind also Fixpunkte, aber weder anziehend noch abstoßend.) Dann wird jedes Luftvolumen permanent ostwärts gedrückt, manche Teile schneller als andere – wir haben ja nicht gesagt, dass der Wind überall gleich schnell weht –, sodass unser Volumen zwar deformiert wird, aber insbesondere gleichbleibt. So etwas würde man immer noch eine verallgemeinerte Rotation (Fachausdruck: konjugiert zu einer Rotation) nennen. Denn man kann das Koordinatensystem der Erdoberfläche – zeitabhängig – so verändern, dass die Bewegung in dem veränderten Koordinatensystem wie eine Rotation aussieht. Das, so Birkhoff, sollte für jedes flächenerhaltende dynamische System auf der Kugeloberfläche gelten.</p> <p>Pierre Berger hat Birkhoffs Vermutung widerlegt. Auch unter den braven Dynamiken gibt es wilde, die sich beim besten Willen nicht in das Schema mit der Rotation zwängen lassen. So ganz einfach kann er nicht gewesen sein, ein Gegenbeispiel zu finden; immerhin hat die Suche mehr als 80 Jahre in Anspruch genommen.</p> <p>Auf dem Bildschirm können Sie die Aktion dieses speziellen dynamischen Systems beobachten und sogar erforschen, indem Sie einen der zahlreichen Knöpfe betätigen. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/areapreserving.jpg"><img alt="Mehrfarbige Darstellung eines wilden dynamischen Systems." decoding="async" height="469" sizes="(max-width: 494px) 100vw, 494px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/areapreserving.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/areapreserving.jpg 494w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/areapreserving-300x285.jpg 300w" width="494"></img></a><figcaption>In dieser Momentaufnahme eines wilden dynamischen Systems auf der Kreisscheibe sind die ursprünglichen Ellipsen am Rand noch wiederzuerkennen, im Inneren jedoch bis zur Unkenntlichkeit verzerrt – unter Wahrung des Flächeninhalts.</figcaption></figure></div> <p>Erwarten Sie keine rasche Erleuchtung! Berger selbst sagt: „Wenn ein Zehnjähriger sich das anschaut und von den psychedelischen Bildern fasziniert ist, dann ist das auch gut.“<br></br>Das gilt in noch höherem Maß für den linken der beiden Bildschirme. Der ist ein Forschungsmittel für Wissenschaftler. Auf Knopfdruck kann man sich gewisse interessante Eigenschaften eines dynamischen Systems darstellen lassen. Das sieht auch sehr psychedelisch aus. Aber es wäre schon hilfreich, vorher zu wissen, was – zum Beispiel – ein Ljapunow-Exponent ist.</p> <p>Sie können diese Ausstellung und andere spannende Ausstellungstücke vom 14. bis 19. September 2025 im Senatssaal der Alten Universität in Heidelberg sehen. Mehr Informationen gibt es auf der <a href="https://www.heidelberg-mains.org/ausstellungen/mains-on-tour-1/">MAINS Webseite</a>.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Die wilde Dynamik des Pierre Berger - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Christoph Pöppe</h2><div itemprop="text"> <p>Der Mathematiker Pierre Berger, der an der Sorbonne in Paris arbeitet, lässt uns in einer Ausstellung an seinen neuesten Ergebnissen zu kontinuierlichen dynamischen Systemen teilhaben. Diese ist Teil der <a href="https://www.heidelberg-mains.org/ausstellungen/mains-on-tour-1/">MAINS on Tour Ausstellung</a> in Heidelberg (14. bis 19. September in Heidlberg), zeitgleich zum diesjährigen <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Heidelberg Laureate Forum</a>.</p> <p>Worum geht es? Fassen Sie sich bitte einen Moment in Geduld. Die Theorie der dynamischen Systeme (früher auch als „Chaostheorie“ bezeichnet) ist etwas gewöhnungsbedürftig.</p> <p>Wer sich an meine früheren Beiträge zum Chaos (<a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/der-blatterteig-und-das-chaos/">hier</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/laplace-die-karnickel-und-das-chaos/">da</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/warum-ist-die-welt-so-unchaotisch/">dort</a>) erinnert: Das war eine geringfügig andere Baustelle. Diesmal geht es nicht um hüpfende, sondern um gleichmäßig fließende Zeit. Ein späterer Zustand wird nicht dadurch bestimmt, dass eine Funktion auf den gegenwärtigen Zustand angewendet wird. Vielmehr besteht das „Naturgesetz“ aus Differentialgleichungen. Die sagen grob gesprochen nur an, wie der Zustand des Systems sich in einem „unendlich kleinen“ Zeitraum ändern wird. Daraus den Zustand zu einer endlichen späteren Zeit zu berechnen ist mühsam und häufig nur näherungsweise möglich. Da will man aus den Differentialgleichungen zumindest allgemeine Aussagen über das Verhalten des Systems herleiten können.</p> <p>Solange der Systemzustand mit zwei oder drei reellen Zahlen beschreibbar ist, bietet sich eine geometrische Darstellung an. Die Menge aller überhaupt möglichen Systemzustände (der „Phasenraum“) ist ein Teil der Ebene bzw. des Raums. Das System selbst ist nichts weiter als ein einzelner Punkt, der sich durch den Phasenraum bewegt. An jedem Punkt des Phasenraums sitzt ein kleiner Pfeil, der dem beweglichen Punkt ansagt, wo es an dieser Stelle langgeht. Die Gesamtheit dieser Pfeile wird auch als „Vektorfeld“ bezeichnet.</p> <p>Im Allgemeinen interessiert man sich nur für Vektorfelder mit „Wohlverhalten“. Man könnte die Pfeile irgendwie widersprüchlich setzen, etwa so, dass an einer Stelle ein Pfeil nach links weist und unmittelbar links davon einer nach rechts. Aber dann wüsste ein Punkt, der dorthin gerät, beim besten Willen nicht, was er machen soll, und die Differentialgleichung hätte ab da keine Lösung mehr, auch keine chaotische. Das ist ein eher uninteressanter Fall. Also fordert man, dass das Vektorfeld selbst „glatt“ ist, das heißt, sich von einem Punkt zum nächsten nur allmählich und nicht sprunghaft ändert.<aside></aside></p> <p>Ein Punkt, den man an irgendeiner Stelle (dem „Anfangswert“) in dieser Primitivwelt aussetzt, folgt den Pfeilen und beschreibt dadurch eine Bahn (seine „Trajektorie“) – vollkommen deterministisch. Abgesehen von der Wahl des Anfangswerts gibt es keine Freiheiten in dieser Situation. Was passiert auf lange Sicht?</p> <p>Zum Beispiel könnte an einem Punkt des Phasenraums ein Nullvektor sitzen. Ein Punkt, der dorthin gerät, würde dann auf alle Zeiten dort hängenbleiben. Vielleicht weisen die Pfeile in der Umgebung dieses „Fixpunkts“ alle auf diesen Punkt hin. Wenn dann der Systemzustand in die Nähe des Fixpunkts gerät, kommt er ihm immer näher und nie wieder weg, als würde der Fixpunkt eine Anziehungskraft ausüben. Das nennt man einen attraktiven Fixpunkt.</p> <p>Oder alle Pfeile weisen vom Fixpunkt weg. Dann ist er abstoßend, und wenn der Systemzustand nicht am Beginn seines Lebens dorthin gesetzt wird (und dort alt wird), sieht er ihn nie – nicht einmal von weitem.</p> <p>Oder der Fixpunkt ist in einer Richtung anziehend und in einer dazu senkrechten Richtung abstoßend. Dann wird die Bewegung dramatisch. Ein Punkt hält aus einer attraktiven Richtung kommend auf den Fixpunkt zu; aber wenn er nicht genau auf dem richtigen Weg ist, dann schlagen kurz vor dem Ziel die abstoßenden Kräfte zu und schleudern ihn weit nach draußen, mit ungewissem Schicksal.</p> <p>Pierre Berger betreibt nicht nur seine Forschung, sondern ist auch bestrebt, ihre Ergebnisse in Form sicht- und greifbarer Objekte zu vermitteln. So hat er diese interessantesten aller Fixpunkte („homokline Punkte“) in einer Metallskulptur verewigt.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HomoklineBlech-scaled.jpg"><img alt="Metallskulptur die wilde dynamische Systeme darstellt." decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 982px) 100vw, 982px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HomoklineBlech-982x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HomoklineBlech-982x1024.jpg 982w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HomoklineBlech-288x300.jpg 288w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HomoklineBlech-768x800.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HomoklineBlech-1474x1536.jpg 1474w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HomoklineBlech-1965x2048.jpg 1965w" width="982"></img></a><figcaption>Der obere Fixpunkt ist in zwei Richtungen (Blechebene) anziehend, in der dazu senkrechten Richtung abstoßend. Unter der gebogenen Stange darf man sich eine Trajektorie vorstellen, die vor Urzeiten aus dem Fixpunkt entkommen ist. Bei dem unteren Fixpunkt ist die Situation genau umgekehrt.</figcaption></figure></div> <p>Es kann auch vorkommen, dass alle Trajektorien auf die Dauer nicht einem bestimmten Punkt zustreben, sondern einer Teilmenge, einem „Attraktor“. Aus dessen näherer Umgebung kommt ein Systemzustand zwar nie wieder heraus, kann aber gleichwohl die unglaublichsten Dinge anstellen. Eine gewisse Berühmtheit hat der Lorenz-Attraktor erlangt, den der Meteorologe Edward Lorenz fand, als er sein brutal vereinfachtes Modell des Wetters näher untersuchte.<br></br></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Attraktor.jpg"><img alt="Metallskulptur" decoding="async" height="593" sizes="(max-width: 564px) 100vw, 564px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Attraktor.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Attraktor.jpg 564w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Attraktor-285x300.jpg 285w" width="564"></img></a><figcaption>Diese Blechskulptur von Pierre Berger stellt den Attraktor eines dreidimensionalen dynamischen Systems dar. Von einer Anfangsphase abgesehen verlaufen alle Trajektorien in unmittelbarer Nähe dieser Teilmenge, und zwar in Richtung der (ins Blech eingravierten) Pfeile. Eine Trajektorie kann eine beliebige Anzahl von Runden auf einer der beiden Scheiben drehen, dann auf die andere Scheibe wechseln, und so weiter.</figcaption></figure></div> <p>Der hier in Blech wiedergegebene Attraktor gehört zu einem speziellen dynamischen System. Ein Punkt kann unter dem Einfluss der Systemgleichungen wieder zu seinem Anfangswert zurückkehren (und muss dann immer wieder bis in alle Ewigkeit denselben Weg durchlaufen) – so weit noch nichts Besonderes. Aber jede dieser periodischen Bahnen kann sich beliebig oft um sich selbst schlingen und damit das realisieren, was die Mathematiker einen Knoten nennen: eine in sich geschlossene Kurve im dreidimensionalen Raum. Die darf man sich als Bindfaden vorstellen, und für den Knotentheoretiker kommt es nicht darauf an, wie dieser Faden im Raum herumhängt, solange er nicht zerschnitten und hinterher wieder verschlossen wird. Dieses spezielle dynamische System, das <a href="https://www2.math.upenn.edu/~ghrist/preprints/solitons.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Robert Ghrist</a> sich ausgedacht hat, realisiert jeden überhaupt denkbaren Knoten durch eine periodische Trajektorie. Das heißt: Jeder Knoten ist gewissermaßen in dem System enthalten, und um ihn auszuwählen, muss man nur einen einzigen Punkt im dreidimensionalen Raum bestimmen: einen Anfangswert, der ein beliebiger Punkt auf der periodischen Bahn sein darf. Das ist echte Reichhaltigkeit!</p> <p>Auf einem der beiden Bildschirme in der Ausstellung präsentiert uns Berger eines seiner Ergebnisse noch absolut backfrisch: Die zugehörige <a href="https://arxiv.org/pdf/2210.03438" rel="noreferrer noopener" target="_blank">wissenschaftliche Arbeit</a> hat er erst diesen Sommer auf den Preprintserver arxiv.org hochgeladen.</p> <p>Es geht um Vektorfelder, die nicht nur glatt sind, sondern sich auch einer weiteren Eigenschaft erfreuen: Sie sind flächenerhaltend (in zwei Dimensionen) bzw. volumenerhaltend (in drei Dimensionen). Schauen Sie sich eine Teilmenge des Phasenraums an und beobachten Sie, wie sich diese unter dem Einfluss der Dynamik verformt. (Das heißt: Sie lassen auf jeden Punkt der Teilmenge die Systemgleichungen wirken. Dadurch ergibt sich eine deformierte Version dieser Teilmenge, im Allgemeinen umso deformierter, je mehr Zeit vergeht.) Die Teilmengen, die Berger zur Illustration verwendet, sind bunte Ellipsen. Eine flächenerhaltende Dynamik darf eine solche Ellipse verschieben, drehen, zusammendrücken, strecken, krummbiegen und etliches mehr, aber nur solange sie jedes Zusammendrücken durch ein entsprechendes Strecken kompensiert.</p> <p>Gemessen an dem, was Dynamiken sonst mit den Punkten eines Systems anstellen können, sind die flächenerhaltenden als äußerst brav einzustufen. George Birkhoff, einer der Altmeister der Theorie dynamischer Systeme, ging 1941 sogar so weit, zu vermuten, es handele sich „im Wesentlichen“ um Rotationen.</p> <p>Nehmen wir an, auf der ganzen Erde weht nichts als ein beständiger Westwind. (Natürlich muss an Nord- und Südpol Windstille herrschen. Diese Punkte sind also Fixpunkte, aber weder anziehend noch abstoßend.) Dann wird jedes Luftvolumen permanent ostwärts gedrückt, manche Teile schneller als andere – wir haben ja nicht gesagt, dass der Wind überall gleich schnell weht –, sodass unser Volumen zwar deformiert wird, aber insbesondere gleichbleibt. So etwas würde man immer noch eine verallgemeinerte Rotation (Fachausdruck: konjugiert zu einer Rotation) nennen. Denn man kann das Koordinatensystem der Erdoberfläche – zeitabhängig – so verändern, dass die Bewegung in dem veränderten Koordinatensystem wie eine Rotation aussieht. Das, so Birkhoff, sollte für jedes flächenerhaltende dynamische System auf der Kugeloberfläche gelten.</p> <p>Pierre Berger hat Birkhoffs Vermutung widerlegt. Auch unter den braven Dynamiken gibt es wilde, die sich beim besten Willen nicht in das Schema mit der Rotation zwängen lassen. So ganz einfach kann er nicht gewesen sein, ein Gegenbeispiel zu finden; immerhin hat die Suche mehr als 80 Jahre in Anspruch genommen.</p> <p>Auf dem Bildschirm können Sie die Aktion dieses speziellen dynamischen Systems beobachten und sogar erforschen, indem Sie einen der zahlreichen Knöpfe betätigen. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/areapreserving.jpg"><img alt="Mehrfarbige Darstellung eines wilden dynamischen Systems." decoding="async" height="469" sizes="(max-width: 494px) 100vw, 494px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/areapreserving.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/areapreserving.jpg 494w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/areapreserving-300x285.jpg 300w" width="494"></img></a><figcaption>In dieser Momentaufnahme eines wilden dynamischen Systems auf der Kreisscheibe sind die ursprünglichen Ellipsen am Rand noch wiederzuerkennen, im Inneren jedoch bis zur Unkenntlichkeit verzerrt – unter Wahrung des Flächeninhalts.</figcaption></figure></div> <p>Erwarten Sie keine rasche Erleuchtung! Berger selbst sagt: „Wenn ein Zehnjähriger sich das anschaut und von den psychedelischen Bildern fasziniert ist, dann ist das auch gut.“<br></br>Das gilt in noch höherem Maß für den linken der beiden Bildschirme. Der ist ein Forschungsmittel für Wissenschaftler. Auf Knopfdruck kann man sich gewisse interessante Eigenschaften eines dynamischen Systems darstellen lassen. Das sieht auch sehr psychedelisch aus. Aber es wäre schon hilfreich, vorher zu wissen, was – zum Beispiel – ein Ljapunow-Exponent ist.</p> <p>Sie können diese Ausstellung und andere spannende Ausstellungstücke vom 14. bis 19. September 2025 im Senatssaal der Alten Universität in Heidelberg sehen. Mehr Informationen gibt es auf der <a href="https://www.heidelberg-mains.org/ausstellungen/mains-on-tour-1/">MAINS Webseite</a>.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/die-wilde-dynamik-des-pierre-berger/#comments 16 Phönix aus der Asche https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/phoenix-aus-der-asche/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/phoenix-aus-der-asche/#comments Sun, 14 Sep 2025 00:34:00 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12126 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250719_121946.jpg_compressed-768x1024.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/phoenix-aus-der-asche/</link> </image> <description type="html"><h1>Phönix aus der Asche » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Der 18. Januar 2003 war ein grässlicher Tag für die Astronomie. Furchtbare Buschbrände tobten um Australiens Hauptstadt Canberra. Nicht nur für Lebewesen war die Feuerbrunst ein Problem: auch der wissenschaftliche Datenschatz eines Observatoriums fiel ihm zum Opfer. </p> <p>Unter Astronomen war damals der Schock groß, denn natürlich hatte man ein Backup von den Beobachtungsdaten der Fernrohre. Das Backup lag in einem separaten Gebäude, quasi in einem Datenarchiv. Das ist eine Strategie, die gegen Unfälle am Instrument selbst absichert. Falls z.B. ein Wasserschaden oder Kurzschluss am Teleskop die aktuelle Beobachtung dahinrafft, sind zumindest die früheren Daten sicher. Bei solch einer Naturkatastrophe, bei der nicht nur eine bestimmte Sternwartenkuppel zerstört, sondern das gesamte Sternwarten-Gelände (den “Campus”) mitsamt Kuppeln und Nebengebäuden, half das nicht: Das Datenarchiv (und mit ihm ein Langzeit-Datenschatz) im Nachbargebäude gingen in den Flammen ebenso ein wie die Sternwarte selbst. </p> <h2 id="h-immer-ein-backup-woanders">Immer ein Backup <em>woanders</em>! </h2> <p>Das wichtigste, was die Astrophysik <strong>daraus lernte</strong>, war, dass eine<strong> gute Datenmanagement-Strategie</strong> nicht nur ein Backup einschließt, sondern, dass man ein Backup idealerweise auch an einem anderen Ort als das Original aufbewahrt – idealerweise in einem anderen Land, vllt sogar auf einem anderen Kontinent.</p> <p>Ein Computerhändler erzählte mir kürzlich, dass tatsächlich viele Leute glauben, sie hätten ein Backup, wenn sie ihr Word-Dokument neben dem Ordner unter Windows:C/Dokumente auch auf C/Desktop kopiert haben.<em> Liebe Leute, das ist kein Backup, sondern eine Kopie.</em> Wenn der Computer kaputt geht, sind im Zweifelsfall beide weg und das Geschrei groß. 🙁 </p> <p>Ein Backup ist, wenn man die Daten auf einen <em>anderen</em> Computer (oder eine externe Festplatte oder in eine Cloud) kopiert. Wenn Sie z.B. Ihre Urlaubsfotos während des Urlaubs auf Ihren Heim-Server hochladen, haben Sie schon mal gewonnen – und falls Sie sowas nicht haben, können Sie auch “Google Photo” (erfordert einen Account: es macht natürlich nicht Ihre persönlichen Fotos für die Google-Suchmaschine auffindbar!) oder den Cloud-Server Ihres Mobilfunk-Anbieters; die meisten bieten dies für ca. 5 Euro mtl an: eine sehr lohnende Investition mit Blick auf Datensicherheit!<aside></aside></p> <h2 id="h-mount-stromlo">Mount Stromlo</h2> <p>Heute ist die Sternwarte auf dem Berg über Canberra wieder in Betrieb. Wo früher Werkstätten standen, ist heute eine grüne Wiese, aber das Hauptgebäude ist wieder aufgebaut und man kann – natürlich – diverse Touri-Attraktionen entlang eines “Heritage Trails” (Erbe-Pfad) erkunden. Die Geschichte vom Brand und Wiederaufbau wird dabei natürlich auch thematisiert. </p> <p>Das Schöne ist, dass diese Sternwarte es (im Gegensatz zu vielen anderen: <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/ende-bodengebundener-astronomie/">siehe letzter post</a>) schafft, Forschung auf modernem Spitzenniveau und Besucherbetrieb zu verbinden. Die Forschung gehört einerseits zur Australischen National-Universität (ANU) – ich frage mich immer, ob die australischen Astronomen wissen, dass “Anu” der babylonische Himmelsgott ist, also dies aus babylonischer Sicht ein wunderschönes Wortspiel ergibt. Andererseits gibt es auf dem Campus auch ein Besucherzentrum:</p> <p>Es ist immer wieder beeindruckend, dass man es in Australien wunderbar schafft, traditionelle Astronomie mit moderner zu verbinden. In Europa ist man sich oft zu fein dafür und Deutschland hat ja, aus sehr guten Gründen, durchaus ein Problem mit der eigenen Geschichte. Wie in <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/matariki/">Neuseeland das astronomische Neujahrsfest</a> der Ureinwohner auch im öffentlichen Raum sichtbar ist, hat auch die HighTech-Astrophysik auf Mt. Stromlo kein Problem damit, die außerordentlichen Kenntnisse der Ureinwohner zu loben.</p> <p>Das Schöne wäre, dass man mit dem Hinweis auf deren beobachtungsbasiertem Wissen nicht nur schulmeisterlich klarmachen kann “was die alles schon wussten”, sondern auch, was wir heutzutage alles nicht mehr sehen, weil wir uns erstens den Himmel mit Luft- und Lichtverschmutzung trübten und zweitens das Augenlicht durch die viele Bildschirmarbeit. </p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250719_123955.jpg_compressed.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250719_123955.jpg_compressed-1024x768.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250719_123955.jpg_compressed-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250719_123955.jpg_compressed-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250719_123955.jpg_compressed-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250719_123955.jpg_compressed-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250719_123955.jpg_compressed.jpeg 1707w" width="1024"></img></a></figure> </div> </div> <p>Während meiner Streifzüge durch den Outback habe ich übrigens auch Emus in natura gesehen. Das beeindruckendste war, als ich einmal eine Straße fuhr – hatte gerade eine Wüstenpiste verlassen und war nicht mehr im Safari-Modus – und diese ca. 100 m vor mir von einem Emu-Papa mit seinen Küken überquert wurde. Bei den Emus brüten die Männchen und ziehen die Jungen groß.</p> <h2 id="h-rise-like-a-phoenix-historie-und-zukunft">“Rise like a Phoenix”: Historie und Zukunft</h2> <h2>Australien – Land der Astronomie</h2> <div> <div> <p>Die Zukunft dieser Sternwarte sieht man vor Ort jedenfalls ausgesprochen positiv. Voller Energie wird auf dem Gelände der Sternwarte beschrieben, wo man überall Teleskope bauen möchte: neue Instrumente nicht nur hier vor Ort, sondern auch an anderen Standorten auf der Erde sollen die Forschung voran bringen. Satellitenteleskope werden selbstredend auch genutzt.</p> <p>Am Science Center in der Innenstadt von Canberra, quasi “neben” dem Parlamentsgebäude, steht diese Skulptur eines Astronomen (natürlich wieder romantisch verklärt und männlich), der aus dem Schrott der Sternwarte nach dem Brand 2003 geformt wurde. </p> <p>Man sieht also durchaus optimistisch in die astronomische Zukunft des Landes und der Region. Auch die Tatsache, dass der <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/stern-im-parlament/">australische</a> <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/stern-im-parlament/">MP bei der Eröffnungsrede</a> der neue Legislaturperiode im August erwähnte, dass Astronomie nicht nur eine traditionsreiche Wissenschaftskultur im Land ist, sondern auch die moderne IAU einen australischen Namen in den Katalog der Astrophysik schrieb, zeigt die Natur(wissenschafts)verbundenheit der Kultur auf dem südlichen Kontinent. &lt;3</p> </div> </div> <p>Wir in “good old Europe” sollten uns davon unbedingt inspirieren lassen! </p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Phönix aus der Asche » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Der 18. Januar 2003 war ein grässlicher Tag für die Astronomie. Furchtbare Buschbrände tobten um Australiens Hauptstadt Canberra. Nicht nur für Lebewesen war die Feuerbrunst ein Problem: auch der wissenschaftliche Datenschatz eines Observatoriums fiel ihm zum Opfer. </p> <p>Unter Astronomen war damals der Schock groß, denn natürlich hatte man ein Backup von den Beobachtungsdaten der Fernrohre. Das Backup lag in einem separaten Gebäude, quasi in einem Datenarchiv. Das ist eine Strategie, die gegen Unfälle am Instrument selbst absichert. Falls z.B. ein Wasserschaden oder Kurzschluss am Teleskop die aktuelle Beobachtung dahinrafft, sind zumindest die früheren Daten sicher. Bei solch einer Naturkatastrophe, bei der nicht nur eine bestimmte Sternwartenkuppel zerstört, sondern das gesamte Sternwarten-Gelände (den “Campus”) mitsamt Kuppeln und Nebengebäuden, half das nicht: Das Datenarchiv (und mit ihm ein Langzeit-Datenschatz) im Nachbargebäude gingen in den Flammen ebenso ein wie die Sternwarte selbst. </p> <h2 id="h-immer-ein-backup-woanders">Immer ein Backup <em>woanders</em>! </h2> <p>Das wichtigste, was die Astrophysik <strong>daraus lernte</strong>, war, dass eine<strong> gute Datenmanagement-Strategie</strong> nicht nur ein Backup einschließt, sondern, dass man ein Backup idealerweise auch an einem anderen Ort als das Original aufbewahrt – idealerweise in einem anderen Land, vllt sogar auf einem anderen Kontinent.</p> <p>Ein Computerhändler erzählte mir kürzlich, dass tatsächlich viele Leute glauben, sie hätten ein Backup, wenn sie ihr Word-Dokument neben dem Ordner unter Windows:C/Dokumente auch auf C/Desktop kopiert haben.<em> Liebe Leute, das ist kein Backup, sondern eine Kopie.</em> Wenn der Computer kaputt geht, sind im Zweifelsfall beide weg und das Geschrei groß. 🙁 </p> <p>Ein Backup ist, wenn man die Daten auf einen <em>anderen</em> Computer (oder eine externe Festplatte oder in eine Cloud) kopiert. Wenn Sie z.B. Ihre Urlaubsfotos während des Urlaubs auf Ihren Heim-Server hochladen, haben Sie schon mal gewonnen – und falls Sie sowas nicht haben, können Sie auch “Google Photo” (erfordert einen Account: es macht natürlich nicht Ihre persönlichen Fotos für die Google-Suchmaschine auffindbar!) oder den Cloud-Server Ihres Mobilfunk-Anbieters; die meisten bieten dies für ca. 5 Euro mtl an: eine sehr lohnende Investition mit Blick auf Datensicherheit!<aside></aside></p> <h2 id="h-mount-stromlo">Mount Stromlo</h2> <p>Heute ist die Sternwarte auf dem Berg über Canberra wieder in Betrieb. Wo früher Werkstätten standen, ist heute eine grüne Wiese, aber das Hauptgebäude ist wieder aufgebaut und man kann – natürlich – diverse Touri-Attraktionen entlang eines “Heritage Trails” (Erbe-Pfad) erkunden. Die Geschichte vom Brand und Wiederaufbau wird dabei natürlich auch thematisiert. </p> <p>Das Schöne ist, dass diese Sternwarte es (im Gegensatz zu vielen anderen: <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/ende-bodengebundener-astronomie/">siehe letzter post</a>) schafft, Forschung auf modernem Spitzenniveau und Besucherbetrieb zu verbinden. Die Forschung gehört einerseits zur Australischen National-Universität (ANU) – ich frage mich immer, ob die australischen Astronomen wissen, dass “Anu” der babylonische Himmelsgott ist, also dies aus babylonischer Sicht ein wunderschönes Wortspiel ergibt. Andererseits gibt es auf dem Campus auch ein Besucherzentrum:</p> <p>Es ist immer wieder beeindruckend, dass man es in Australien wunderbar schafft, traditionelle Astronomie mit moderner zu verbinden. In Europa ist man sich oft zu fein dafür und Deutschland hat ja, aus sehr guten Gründen, durchaus ein Problem mit der eigenen Geschichte. Wie in <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/matariki/">Neuseeland das astronomische Neujahrsfest</a> der Ureinwohner auch im öffentlichen Raum sichtbar ist, hat auch die HighTech-Astrophysik auf Mt. Stromlo kein Problem damit, die außerordentlichen Kenntnisse der Ureinwohner zu loben.</p> <p>Das Schöne wäre, dass man mit dem Hinweis auf deren beobachtungsbasiertem Wissen nicht nur schulmeisterlich klarmachen kann “was die alles schon wussten”, sondern auch, was wir heutzutage alles nicht mehr sehen, weil wir uns erstens den Himmel mit Luft- und Lichtverschmutzung trübten und zweitens das Augenlicht durch die viele Bildschirmarbeit. </p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250719_123955.jpg_compressed.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250719_123955.jpg_compressed-1024x768.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250719_123955.jpg_compressed-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250719_123955.jpg_compressed-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250719_123955.jpg_compressed-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250719_123955.jpg_compressed-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250719_123955.jpg_compressed.jpeg 1707w" width="1024"></img></a></figure> </div> </div> <p>Während meiner Streifzüge durch den Outback habe ich übrigens auch Emus in natura gesehen. Das beeindruckendste war, als ich einmal eine Straße fuhr – hatte gerade eine Wüstenpiste verlassen und war nicht mehr im Safari-Modus – und diese ca. 100 m vor mir von einem Emu-Papa mit seinen Küken überquert wurde. Bei den Emus brüten die Männchen und ziehen die Jungen groß.</p> <h2 id="h-rise-like-a-phoenix-historie-und-zukunft">“Rise like a Phoenix”: Historie und Zukunft</h2> <h2>Australien – Land der Astronomie</h2> <div> <div> <p>Die Zukunft dieser Sternwarte sieht man vor Ort jedenfalls ausgesprochen positiv. Voller Energie wird auf dem Gelände der Sternwarte beschrieben, wo man überall Teleskope bauen möchte: neue Instrumente nicht nur hier vor Ort, sondern auch an anderen Standorten auf der Erde sollen die Forschung voran bringen. Satellitenteleskope werden selbstredend auch genutzt.</p> <p>Am Science Center in der Innenstadt von Canberra, quasi “neben” dem Parlamentsgebäude, steht diese Skulptur eines Astronomen (natürlich wieder romantisch verklärt und männlich), der aus dem Schrott der Sternwarte nach dem Brand 2003 geformt wurde. </p> <p>Man sieht also durchaus optimistisch in die astronomische Zukunft des Landes und der Region. Auch die Tatsache, dass der <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/stern-im-parlament/">australische</a> <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/stern-im-parlament/">MP bei der Eröffnungsrede</a> der neue Legislaturperiode im August erwähnte, dass Astronomie nicht nur eine traditionsreiche Wissenschaftskultur im Land ist, sondern auch die moderne IAU einen australischen Namen in den Katalog der Astrophysik schrieb, zeigt die Natur(wissenschafts)verbundenheit der Kultur auf dem südlichen Kontinent. &lt;3</p> </div> </div> <p>Wir in “good old Europe” sollten uns davon unbedingt inspirieren lassen! </p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/phoenix-aus-der-asche/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>Ende bodengebundener Astronomie(?) https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/ende-bodengebundener-astronomie/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/ende-bodengebundener-astronomie/#comments Sat, 13 Sep 2025 19:58:56 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12072 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_074-768x576.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/ende-bodengebundener-astronomie/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_074.jpg" /><h1>Ende bodengebundener Astronomie(?) » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Überall das Gleiche: Wo einst Forschung betrieben wurde, tummeln sich heute Touris und Amateure. Während des gesamten 20. Jahrhunderts wurde die Astronomie zur Astrophysik umgekrempelt, die Technisierung der Haushalte führte zur Veränderung des urbanen Alltags und zahlreiche historische Sternwarten wurden von Forschungseinrichtungen zu öffentlichen Bildungseinrichtungen umgewandelt. </p> <p>Die älteren Astronomen, die einst in den Sternwarten arbeiteten, mögen dies bedauern und Sie können alle verschiedene Meinungen dazu haben. Ich stelle nur fest, dass es so ist: zuerst wurde die bodengebundene Astronomie von Licht- und Luftverschmutzung von den Städten vertrieben. Manchmal (z.B. in Berlin und Nanjing) führte das zum Bau von neuen Observatorien außerhalb der Städte – in den USA hat man das gleich gemacht (da fing Forschung ja gleich auf dem Niveau der Astrophysik an und übersprang die klassische Astrometrie. In Europa und Asien wurde / wird vielfach der Beobachtungsbetrieb in städtischen Sternwarten ganz eingestellt. Als ich <strong>vor 25 Jahren</strong> studierte – das ist jetzt auch schon ein Viertel Jahrhundert her(!), <strong>fingen Astro-Profs an, bevorzugt das Arbeiten mit Datenbanken zu lehren statt der <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/romantische-berufsbilder/">Arbeit am Teleskop</a></strong>. </p> <p>Die Daten in den Datenbanken der Astrophysik können natürlich prinzipiell überall herkommen: auch von bodengebundenen Teleskopen. De facto liefern aber Satellitenteleskope im Erdorbit oder einem Lagrangepunkt im All viel bessere Daten und mit der z<a href="https://whatsin.space/">unehmenden Anzahl von künstlichen Objekten im Erdorbit</a> huschen durch Astro-Aufnahmen am Boden auch ständig irgendwelche menschengemachten Strichspuren, die das Bild zerstören. Es lohnt sich also immer weniger, in Sternwarten am Erdboden zu beobachten. Das einzige, das man hier noch immer recht gut machen kann, ist <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/giant-leap-for-cultural-astronomy/">Kulturastronomie</a> / Wissenschaftsgeschichte.</p> <h2 id="h-sternwarte-melbourne">Sternwarte Melbourne</h2> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_134526.jpg_compressed.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_134526.jpg_compressed-1024x768.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_134526.jpg_compressed-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_134526.jpg_compressed-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_134526.jpg_compressed-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_134526.jpg_compressed-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_134526.jpg_compressed.jpeg 1707w" width="1024"></img></a></figure> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_152828.jpg_compressed.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_152828.jpg_compressed-1024x768.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_152828.jpg_compressed-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_152828.jpg_compressed-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_152828.jpg_compressed-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_152828.jpg_compressed-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_152828.jpg_compressed.jpeg 1707w" width="1024"></img></a><figcaption>Venustransit im 19. Jh. </figcaption></figure> <p>zur Bestimmung der Entfernung der Erde von der Sonne (“astronomische Einheit”).</p> </div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/IMG-20250710-WA0006.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/IMG-20250710-WA0006-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/IMG-20250710-WA0006-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/IMG-20250710-WA0006-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/IMG-20250710-WA0006-1152x1536.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/IMG-20250710-WA0006.jpg 1200w" width="768"></img></a></figure> </div> </div> <p>Mitten in der Stadt gelegen, auf einem Hügel neben den <i>Royal Botanic Gardens Victoria</i>, wurde diese <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Melbourne_Observatory">Sternwarte</a> 1862 gegründet. Damals war Melbourne noch relativ klein. Die Sternwarte beteiligte sich an Venustransit-Beobachtungen 1874, mit denen die Entfernung der Erde von der Sonne akkurat vermessen wurde (in einem großen Projekt hatte ich solche <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/jugend-expedition-nach-sibirien/">Beobachtungen 2012</a> wiederholt und <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/bilder-vom-venustransit/">für Schuldidaktik</a> aufbereitet) und ab den 1880er Jahren an der Himmelsvermessung des Mega-Projekts “Carte du Ciel”. Ab 1901 erhielt diese Sternwarte den Auftrag zur Zeitmessung, was ein Schritt Eigenständigkeit Australiens statt Abhängigkeit von der brit. Krone bedeutete. <aside></aside></p> <p>Die Astronomen Barry Clark und Wayne Orchiston in ihrem “natürlichen Lebensraum”. </p> <div> <p>Auch die rechnende Astronomie war hier vertreten: In dem Gebäude saßen früher die weiblichen Mitarbeiterinnen, die – natürlich unterbezahlt – die Daten auswerteten, die nachts am Teleskop aufgenommen worden sind. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_135001.jpg_compressed.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_135001.jpg_compressed-1024x768.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_135001.jpg_compressed-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_135001.jpg_compressed-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_135001.jpg_compressed-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_135001.jpg_compressed-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_135001.jpg_compressed.jpeg 1707w" width="1024"></img></a></figure> </div> </div> <p>Ähnlich zu den berühmteren “Harvard Computers”, den rechnenden Damen der amerikanischen Universitätssternwarte, waren auch hier zahlreiche Frauen beschäftigt: zusammengefercht in einem Raum mit Außentoilette taten diese Astronominnen tags ihre Arbeit.</p> <p>Der Beobachtungsbetrieb in Melbourne wurde bereits eingestellt, nachdem 1933 nebenan im Park der “<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Shrine_of_Remembrance">Shrine of Remembrance</a>” eröffnet wurde – ein mit Flutscheinwerfern ausgestattetes Kriegerdenkmal zur Erinnerung an gefallene Soldaten. </p> <p>Melbourne Observatory ist heute auf der Nationalen Heritage Liste Australiens und hätte es aus guten Gründen auch verdient, von der UNESCO anerkannt zu werden, ist aber eben schon seit langem eine Museumssternwarte. </p> <h2 id="h-sternwarte-sydney">Sternwarte Sydney</h2> <p>Diese <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Sydney_Observatory">Sternwarte</a> hat eine lange Vorgeschichte von Beobachtungsstationen. Bereits in den späten 1780er Jahren wurde hier, nahe dem Hafen von Sydney, eine Beobachtungsstation errichtet. Zuerst wollte man “nur” einen von Halley vorhergesagten Kometen 1790 beobachten, aber im 19. Jahrhundert wurde der Platz auf dem Hügel, wo lange eine Windmühle gestanden hatte, als Signalstation (Fernmeldung) und Zeitball auf einer Festungsanlage relevant. 1855 wurde beschlossen, dort eine astronomische Sternwarte zu errichten, die dann auch 1858 eingeweiht wurde.   </p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_151537.jpg_compressed.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_151537.jpg_compressed-768x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_151537.jpg_compressed-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_151537.jpg_compressed-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_151537.jpg_compressed-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_151537.jpg_compressed.jpeg 1280w" width="768"></img></a></figure> </div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_151532.jpg_compressed_b.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_151532.jpg_compressed_b-768x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_151532.jpg_compressed_b-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_151532.jpg_compressed_b-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_151532.jpg_compressed_b-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_151532.jpg_compressed_b.jpeg 1280w" width="768"></img></a></figure> </div> <p>1859 fand das berühmte <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Carrington-Ereignis">Carrington-Event,</a> ein starker Ausbruch auf der Sonne, statt: ein gewaltiger Sonnensturm.</p> </div> <p>Er hat das Magnetfeld der Erde stark beeinflusst und zu Störungen in der Funk-Kommunikation geführt (erinnert ein bisschen an eine Szene aus dem <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Graf_von_Monte_Christo">Graf von Monte Christo</a>). Ob das dort beobachtet wurde, konnten mir die studentischen Hobby-Astronomen dort aber nicht sagen.</p> <p>Der Sternwarte wichtigste Funktion war die Zeitbestimmung: der Zeitball als Signal für den Hafen. Ab 1901 (eigene Hoheiten der Föderation, wie in Melbourne die Zeitbestimmung) kam hier die meteorologische Verantwortung dazu. Eine Wetterstation wurde und wird bis heute betrieben. </p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_150822.jpg_compressed.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_150822.jpg_compressed-768x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_150822.jpg_compressed-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_150822.jpg_compressed-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_150822.jpg_compressed-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_150822.jpg_compressed.jpeg 1280w" width="768"></img></a></figure> </div> <div> <p>Astronomische Forschungen um 1900 umfassten auch die Beteiligung an einem der Himmelssurvey, dem “Astrographic Catalogue”, der mit der Carte du Ciel (an der Melbourne beteiligt war), zwar verbunden war, aber letztlich doch ein eigenes Projekt. So hatte jede der beiden australischen Sternwarten quasi ihre eigenen Hoheitsgebiete. </p> </div> </div> <p>Die frühe astronomische Forschung in Sydney wurde übrigens stark von der deutschen Astronomie der Zeit beeinflusst: das Teleskop stammte aus der Werkstatt “Merz und Söhne” und einer der ersten Astronomen war Carl Rümker aus Meck.Pom. </p> <p>Heute steht das historische Instrument in einem gläsernen Gebäude vor der Kuppel und im Hauptgebäude sind wechselnde Kunstausstellungen.</p> <p>Die Einstellung des Beobachtungsbetriebs konnte in den 1920ern einmal knapp abgewendet werden, aber durch die zunehmende Licht- und Luftverschmutzung in den 1970ern wurde auch dieses Sternwartenschicksal besiegelt: 1982 wurde sie zu einer Museumssternwarte für die Öffentlichkeit und wird heute von Hobbyastronomen betrieben. </p> <h2 id="h-carter-observatory-wellington">Carter Observatory Wellington</h2> <p>Auch in Neuseelands Hauptstadt ergibt sich ein ähnliches Bild: Die Stadt liegt quasi direkt auf Meeresspiegelniveau mit einem beeindruckenden Hafen, der die Nord- und Südinsel Neuseelands verbindet. Über meine Faszination der <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/matariki/">Astronomie in der Kultur der Ureinwohner</a>, die man auch heute im Stadtbild sieht, hatte ich bereits berichtet. </p> <p>1934 wurde von der Regierung die Errichtung einer Sternwarte für die moderne Forschung beschlossen. Weil der Zweite Weltkrieg deren Bau verzögerte, wurde diese dann erst 1941 eröffnet. Der Arbeitsschwerpunkt war zunächst – zeitgemäß – Sonnenforschung. Vor allem mit Blick auf die Fernkommunikation war ein besseres Verständnis der elektromagnetischen Strahlung bzw. ihrer Variabilität und Störungen (heute “Weltraumwetter” genannt) nach dem Carrington-Event als hochgradig gesellschaftsrelevant erachtet worden und die Astrophysik der 1930er und ’40er Jahre war ja dabei zu verstehen, wie Sterne funktionieren, woher sie Energie bekommen und wieso sie unterschiedliche Farben haben: man wusste bereits, dass den Sternen und der Sonne das gleiche Prinzip zugrunde liegt und hoffte, durch Sonnenforschung auch Sterne besser zu verstehen. </p> <p>In den 1970er Jahren wurde diese Sternwarte sogar nochmals ausgebaut. Neu eingestellte Astronomen der nächsten Generation (Wayne Orchiston, siehe oben, war einer davon) sorgten für frischen Wind am Puls moderner Forschung. Es wurden aktuellste Themen wie Galaxien und Veränderliche Sterne behandelt, aber auch klassische Themen wie Kometen und Planetoide (Kleinplaneten) weiterverfolgt; es wurde optisch und im Radiobereich beobachtet. </p> <p>Aber ach, auch hier war wurde die Innenstadtlage der Forschung zum Verhängnis: 1991 wurde das Planetarium von der Unterstadt in die Parkanlage der Oberstadt und neben die Sternwarte verlegt. So erhielt die Sternwarte (noch forschend) ein Besucherzentrum und Souvenirshop (wie es auch in amerikanischen Sternwarten üblich ist). Seit neuen politischen Entscheidungen nach 2010 wurde allerdings das Besucherzentrum die einzige Aktivität der Sternwarte: seit 2018 wird sie vom Museum Wellington verwaltet.</p> <h2 id="h-dunedin">Dunedin</h2> <p>Außer der Nationalsternwarte in der Hauptstadt Wellington hat Neuseeland auch weitere Sternwarten und möchte ja selbst auch “Dark Sky Nation” werden, weil der superdunkle Himmel und der auf Erhalt des indigenen Biosphärenreservats ausgelegte Naturschutz (man muss sich die Schuhe putzen, bevor man das Land betritt!) dazu besonders einlädt. </p> <p>Dunedin ist eine Stadt an der südwestlichen Spitze Neuseelands, die auf schottischen Siedlungen beruht. Einer der schottischen Einwanderer, ein begnadeter, selten talentierter <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Beverly_Clock">Uhrmacher Arthur Beverly</a>, wird auch als Grundsteinleger der lokalen Astronomie gefeiert. In der Technikgeschichte ist er eher für seine Uhr berühmt, die ihre Energie daraus bezieht, dass es über den Tag hinweg Temperatur- und damit auch Luftdruckschwankungen gibt.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250629_151856.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250629_151856-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250629_151856-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250629_151856-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250629_151856-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250629_151856.jpg 1280w" width="1024"></img></a><figcaption>University of Otago (in Dunedin, NZ) </figcaption></figure> <p>Die nach Beverly und einem anderen Hobby-Astronomen benannte <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Beverly-Begg_Observatory">Beverly-Begg-Sternwarte</a> in Dunedin wurde allerdings 1922 nicht zu Forschungszwecken gegründet, sondern wird vom Amateurclub “Dunedin Astronomical Society” (DAS) betrieben. Mit großer Begeisterung hat der Club vor nicht allzu langer Zeit tüchtig nachgerüstet, betreibt ein Celestron-Teleskop mit Computern und bietet für alle astronomischen Ereignisse (Mondfinsternisse, Sonnenfinsternisse, Kometen, Aurorae 😉 …) der Öffentlichkeit Informationen und Beobachtungführungen an.</p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250703_150637.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250703_150637-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250703_150637-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250703_150637-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250703_150637-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250703_150637.jpg 1280w" width="1024"></img></a></figure> <p>Beverly-Begg-Sternwarte im Robin-Hood-Park in Dunedin, Neuseeland.</p> <p>Wenn man Hobbyisten spricht, die sich in Sternwarten und Planetarien engagieren und astronomische Bildung (mal besser, mal schlechter) in die Öffentlichkeit zu tragen, hört man gelegentlich die Frage:</p> </div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250703_151636.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250703_151636-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250703_151636-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250703_151636-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250703_151636.jpg 960w" width="768"></img></a></figure> </div> </div> <h2 id="h-davon-kann-man-leben">Davon kann man leben?</h2> <p>Kürzlich wurde ich bei einer Konferenz gefragt, was ich beruflich mache. Meine Antwort, dass ich Astronomin bin, wurde daraufhin mit einem hochgradig erstaunten Blick quittiert und der nächsten Frage “Davon kann man leben?”. </p> <p><strong>Nun, als Astronom(in) schon. </strong></p> <p>Wenn man einen Beruf erlernt hat, hart dafür arbeitete (erstens ihn zu erlernen, zweitens ihn auszuüben), einige <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/beruf-wissenschaftlerin-warum-ich-seit-2005-im-zoelibat-lebe/">Opfer</a> bringt (z.B. dass man phasenweise<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/voyage-bizarre-im-land-der-b-cher/"> im Ausland arbeiten</a> muss, familiäre Abstriche machen muss etc.) und sich dabei stetig verbessert &amp; weiterlernt, dann wird man dafür bezahlt und kann idealerweise auch davon leben. <br></br>Wie überall: Es gibt übrigens auch Leute, die werden fürs Musizieren bezahlt und können davon leben – das sind dann eben Musiker. Jeder Depp kann unter der Dusche trällern, manche besser &amp; manche schlechter, aber nur wenige können es so gut, dass sie davon leben können. (Erstaunlicherweise sogar, wenn 80% des Publikums gar nicht genug Sachverstand haben, um gute von schlechten Singenden zu unterscheiden.) Das gleiche gilt fürs Weintrinken (ist ja gerade Saison): kann jeder Depp, aber nur wenige Sommeliers können davon leben. Sogar mit dem Brot- und Kuchenbacken ist es ähnlich: kann im Prinzip fast jede/r, aber nur manche üben es als Beruf aus (und die können es dann besonders professionell). Am letzteren Beispiel sehen Sie auch noch einen anderen Aspekt (neben dem “gut können”): Profis machen das den ganzen Tag, systematisch und nicht nur selten zum Spaß. Man darf auch Spaß bei der Arbeit haben und selbstgemachtes Brot/ Kuchen kann extrem köstlich, gesund und gut sein, aber nicht alle Menschen mögen täglich um 4 in der Backstube stehen oder vertragen den Mehlstaub. Genauso kann es ein Hochgenuss sein, die Kunst anderer (oder die Astronomie von Profis) zu konsumieren. Ein bisschen Respekt der Hobbyisten gegenüber den Profis wäre hier aber genauso angemessen wie bei gefeierten Opernsängern.  </p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250829_125945.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250829_125945-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250829_125945-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250829_125945-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250829_125945-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250829_125945.jpg 1280w" width="1024"></img></a></figure> </div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250829_093909_b.jpg"><img alt="" decoding="async" height="634" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 950px) 100vw, 950px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250829_093909_b.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250829_093909_b.jpg 950w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250829_093909_b-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250829_093909_b-768x513.jpg 768w" width="950"></img></a></figure> </div> <p>Die Frage zeigt das Niveau der Veranstaltung: </p> </div> <p>Wenn von Teilnehmenden einer (sog.) “Astronomie”-Konferenz angezweifelt wird, dass Astronomie ein Beruf ist, ist es eben eine Amateurkonferenz. Ist legitim, ordnet man entsprechend ein.   </p> <h2 id="h-sternwarten-furs-volk-astronomie-fur-astronom-inn-en">Sternwarten fürs Volk – <br></br>Astronomie für Astronom(inn)en(?)</h2> <p>Bei den Sternwarte, die ich letztes Jahr besuchte, war es ja auch nicht anders: </p> <ul> <li>Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/saao-south-african-astronomical-observatory/">Sternwarte in Kapstadt</a> (Südafrika) hatte auch mit einer Beobachtungsstation zur Kolonialzeit begonnen, wo der Astronom unter widrigsten Bedingungen einer Sumpflandschaft (mit entsprechender Feuchtigkeit) Geräte zur Zeitmessung betrieb und einen astronomischen Beobachtungsbetrieb gewährleistete. Heute ist “Observatory” (Sternwarte) ein Ortsteil von Kapstadt und in der Metropole keine wissenschaftlichen Beobachtungen mehr möglich. Das SAAO hat daher moderne Instrumente für Astrophysik vier Autostunden entfernt von der Hauptstadt errichtet (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/South_African_Astronomical_Observatory">wikipedia</a>). </li> <li>Dass Zeitbälle für Häfen, Zeitsignale für Städte noch um 1900 (bei aufblühender AstroPHYSIK) ein wichtiger Grund für Sternwartengründungen waren, hatten wir auch bei der <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/ladd-observatory/">Ladd-Sternwarte</a> in Providence (USA) gesehen: Auch sie ist heute eine Volkssternwarte.   </li> <li>Das <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/purple-mountain-observatory-nanjing/">Purple Mountain-Observatorium</a> in Nanjing (China) wurde 1934 als Sternwarte für die moderne astrophysikalische Forschung gegründet (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Purple_Mountain_Observatory">wikipedia</a>). Allerdings war der größte Beobachtungserfolg das Programm für Kleinplaneten, das 1955 bis 1985 die Entdeckung von 149 Kleinplaneten verzeichnen konnte. Auch als der Forschungsbetrieb in den 1980er Jahren eingestellt wurde, ging dieses Programm weiter und die Suche nach Near Earth Objects (NEOs) war in den frühen 2000er Jahren nochmal ein großer Erfolg. Die Metropole Nanjing am Fuß des Bergs und die damit verbundene Licht- und Luftverschmutzung führten allerdings zur Auslagerung der Forschung in andere Beobachtungsstationen. Das Purple Mountain Observatorium ist eine reine Museumssternwarte.</li> <li>Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/die-mitte-der-mitte/">historische Sternwarte in Dengfeng</a> ist selbstredend ein Museum</li> <li>… und Peking … </li> </ul> <h2 id="h-sternwarte-peking">Sternwarte Peking</h2> <p>Natürlich sah auch die Sternwarte Peking ein ähnliches Schicksal – nur, dass diese Sternwarte bereits vorteleskopisch gegründet wurde. Nach Vorläufern im 13. Jahrhundert, wo (ca. 1280!) sogar eine <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/planetarium-von-1280/">Vorstufe des Kuppelplanetariums</a> gebaut wurde, wurde diese Sternwarte in der Ming Dynastie 1442 gegründet und mit Instrumente der Jesuiten 1644 stark aufgerüstet. </p> <div> <p>Der berühmte Astro-Physiker-und-Historiker Prof. Sun Xiaochun von der Universität der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking, berühmt für sein Buch über die chinesischen Uranographie in der Han-Dynastie und vor allem der Entwicklung eines mathematischen Verfahrens dafür, das Wissenschaftshistoriker bis heute nutzen.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/mmexport1714924411860.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/mmexport1714924411860-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/mmexport1714924411860-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/mmexport1714924411860-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/mmexport1714924411860.jpg 960w" width="768"></img></a></figure> </div> </div> <p>Diese Sternwarte hatte zu keiner Zeit Forschung in Astrophysik. Anfang des 20sten Jahrhunderts war politisch eine bewegte Zeit in China: Kriege, Ende des Kaiserreichs, Beginn der Volksrepublik, Modernisierungen … Sternwarten und astrophysikalische Forschungen wurden da anfangs eher aus Peking heraus (z.B. nach Nanjing) verlegt. </p> <p>Nicht nur das Wetter, sondern auch der Smog führten bis in die frühen 2000er in China zu Problemen bei Beobachtungen. Wie alle Länder hat aber auch China viele helle Köpfe, die sich auf anderen Spezialgebieten hervortatet (siehe oben). Fourier-Transformationen einzusetzen, um historische Sternkarten zu rekonstruieren, ist sicher eine Idee, auf die europäische und amerikanische Historiker nicht unbedingt hätten… Dass man chinesische Chroniken und andere historische Dokumente auch für Forschungen in der Physik der Sterne urbar zu machen gedachte, ist eine Eigenheit der Forschungszweige (global) zur Identifikation historischer Novae und Supernovae. </p> <p>Die historischen Sternwarten in China sind und bleiben folglich eher eine Dekoration, während die moderne Forschung sich mit geistigen Arbeiten statt mit bodengebundenen Beobachtungen beschäftigt.</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Für die junge Generation möchte ich festhalten: </p> <p>Es gab eine Zeit, als Sternwarten echte Forschungseinrichtungen waren. Man hat dort wirklich nichts anderes gemacht als Forschung – rechnende (“theoretische” oder “mathematisch”) Astronomie sowie Beobachtungen, freiäugig und/oder mit Instrumenten.</p> <p>Im 19. Jahrhundert wurde allerdings das öffentliche Interesse größer: erstens durch zunehmende flächendeckende Bildung immer breiterer Bevölkerungsmengen, zweitens durch das aufstrebende Bürgertum, das nach Feierabend für Freizeitprogramm/ Unterhaltung Zeit hatte, drittens speziell in Berlin angetriggert durch die Entdeckung eines neuen Planeten “hinterm Uranus” (ja, 1846 noch in der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Berliner_Sternwarte">Innenstadt von Berlin</a> – in einer Sternwarte, die es heute nicht mehr gibt, weil Licht- und Luftverschmutzung den Beobachtungsbetrieb um 1900 unmöglich machten und man lieber neue Einrichtungen für die junge AstroPHYSIK in Babelsberg, außerhalb Berlins, errichtete: das erste AstroPHYSIKalische Observatorium, wo also “Physik” im Namen stand). Die wachsende Nachfrage der Öffentlichkeit, die irgendwann auch anfing, den Beobachtungsbetrieb zu stören, führte zur Forderung der Forscher nach Volkssternwarten: in Berlin 1888 durch den Chef-Astronomen Wilhelm Foerster in Gestalt der “Urania” umgesetzt und dann schnell vielerorts in Form ähnlicher Einrichtungen kopiert. </p> <p>Binnen des 20. Jahrhunderts schlug das Pendel allmählich um: statt Forschungseinrichtungen, die nebenbei ein wenig die Öffentlichkeit unterhalten/ weiterbilden, wurde in immer mehr Sternwarten die Forschung eingestellt und nur noch Öffentlichkeitsarbeit gemacht. </p> <p>Heute kennt man Sternwarten hauptsächlich als Einrichtungen, wo man “mal durchgucken” und am Himmel irgendwas vergrößert sehen kann. Das ist immer noch ein angenehmer Zeitvertreib, bedient die menschliche Schau-Lust und wird mit ein paar Infos durch Hobby-Astronomen gewürzt, die meist sehr passioniert über ihr Hobby reden. </p> <p><strong>Forschung findet heute meist nicht mit dem Auge am Teleskop statt! </strong></p> <p>In der Astrophysik werden Daten ausgewertet, die in irgendwelchen Datenarchiven liegen (z.B: von Satellitenteleskopen) und in der Kulturastronomie/ Wissenschaftsgeschichte wird – wenn überhaupt – am ehesten freiäugig beobachtet. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_074.jpg" /><h1>Ende bodengebundener Astronomie(?) » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Überall das Gleiche: Wo einst Forschung betrieben wurde, tummeln sich heute Touris und Amateure. Während des gesamten 20. Jahrhunderts wurde die Astronomie zur Astrophysik umgekrempelt, die Technisierung der Haushalte führte zur Veränderung des urbanen Alltags und zahlreiche historische Sternwarten wurden von Forschungseinrichtungen zu öffentlichen Bildungseinrichtungen umgewandelt. </p> <p>Die älteren Astronomen, die einst in den Sternwarten arbeiteten, mögen dies bedauern und Sie können alle verschiedene Meinungen dazu haben. Ich stelle nur fest, dass es so ist: zuerst wurde die bodengebundene Astronomie von Licht- und Luftverschmutzung von den Städten vertrieben. Manchmal (z.B. in Berlin und Nanjing) führte das zum Bau von neuen Observatorien außerhalb der Städte – in den USA hat man das gleich gemacht (da fing Forschung ja gleich auf dem Niveau der Astrophysik an und übersprang die klassische Astrometrie. In Europa und Asien wurde / wird vielfach der Beobachtungsbetrieb in städtischen Sternwarten ganz eingestellt. Als ich <strong>vor 25 Jahren</strong> studierte – das ist jetzt auch schon ein Viertel Jahrhundert her(!), <strong>fingen Astro-Profs an, bevorzugt das Arbeiten mit Datenbanken zu lehren statt der <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/romantische-berufsbilder/">Arbeit am Teleskop</a></strong>. </p> <p>Die Daten in den Datenbanken der Astrophysik können natürlich prinzipiell überall herkommen: auch von bodengebundenen Teleskopen. De facto liefern aber Satellitenteleskope im Erdorbit oder einem Lagrangepunkt im All viel bessere Daten und mit der z<a href="https://whatsin.space/">unehmenden Anzahl von künstlichen Objekten im Erdorbit</a> huschen durch Astro-Aufnahmen am Boden auch ständig irgendwelche menschengemachten Strichspuren, die das Bild zerstören. Es lohnt sich also immer weniger, in Sternwarten am Erdboden zu beobachten. Das einzige, das man hier noch immer recht gut machen kann, ist <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/giant-leap-for-cultural-astronomy/">Kulturastronomie</a> / Wissenschaftsgeschichte.</p> <h2 id="h-sternwarte-melbourne">Sternwarte Melbourne</h2> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_134526.jpg_compressed.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_134526.jpg_compressed-1024x768.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_134526.jpg_compressed-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_134526.jpg_compressed-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_134526.jpg_compressed-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_134526.jpg_compressed-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_134526.jpg_compressed.jpeg 1707w" width="1024"></img></a></figure> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_152828.jpg_compressed.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_152828.jpg_compressed-1024x768.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_152828.jpg_compressed-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_152828.jpg_compressed-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_152828.jpg_compressed-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_152828.jpg_compressed-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_152828.jpg_compressed.jpeg 1707w" width="1024"></img></a><figcaption>Venustransit im 19. Jh. </figcaption></figure> <p>zur Bestimmung der Entfernung der Erde von der Sonne (“astronomische Einheit”).</p> </div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/IMG-20250710-WA0006.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/IMG-20250710-WA0006-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/IMG-20250710-WA0006-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/IMG-20250710-WA0006-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/IMG-20250710-WA0006-1152x1536.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/IMG-20250710-WA0006.jpg 1200w" width="768"></img></a></figure> </div> </div> <p>Mitten in der Stadt gelegen, auf einem Hügel neben den <i>Royal Botanic Gardens Victoria</i>, wurde diese <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Melbourne_Observatory">Sternwarte</a> 1862 gegründet. Damals war Melbourne noch relativ klein. Die Sternwarte beteiligte sich an Venustransit-Beobachtungen 1874, mit denen die Entfernung der Erde von der Sonne akkurat vermessen wurde (in einem großen Projekt hatte ich solche <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/jugend-expedition-nach-sibirien/">Beobachtungen 2012</a> wiederholt und <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/bilder-vom-venustransit/">für Schuldidaktik</a> aufbereitet) und ab den 1880er Jahren an der Himmelsvermessung des Mega-Projekts “Carte du Ciel”. Ab 1901 erhielt diese Sternwarte den Auftrag zur Zeitmessung, was ein Schritt Eigenständigkeit Australiens statt Abhängigkeit von der brit. Krone bedeutete. <aside></aside></p> <p>Die Astronomen Barry Clark und Wayne Orchiston in ihrem “natürlichen Lebensraum”. </p> <div> <p>Auch die rechnende Astronomie war hier vertreten: In dem Gebäude saßen früher die weiblichen Mitarbeiterinnen, die – natürlich unterbezahlt – die Daten auswerteten, die nachts am Teleskop aufgenommen worden sind. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_135001.jpg_compressed.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_135001.jpg_compressed-1024x768.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_135001.jpg_compressed-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_135001.jpg_compressed-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_135001.jpg_compressed-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_135001.jpg_compressed-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250709_135001.jpg_compressed.jpeg 1707w" width="1024"></img></a></figure> </div> </div> <p>Ähnlich zu den berühmteren “Harvard Computers”, den rechnenden Damen der amerikanischen Universitätssternwarte, waren auch hier zahlreiche Frauen beschäftigt: zusammengefercht in einem Raum mit Außentoilette taten diese Astronominnen tags ihre Arbeit.</p> <p>Der Beobachtungsbetrieb in Melbourne wurde bereits eingestellt, nachdem 1933 nebenan im Park der “<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Shrine_of_Remembrance">Shrine of Remembrance</a>” eröffnet wurde – ein mit Flutscheinwerfern ausgestattetes Kriegerdenkmal zur Erinnerung an gefallene Soldaten. </p> <p>Melbourne Observatory ist heute auf der Nationalen Heritage Liste Australiens und hätte es aus guten Gründen auch verdient, von der UNESCO anerkannt zu werden, ist aber eben schon seit langem eine Museumssternwarte. </p> <h2 id="h-sternwarte-sydney">Sternwarte Sydney</h2> <p>Diese <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Sydney_Observatory">Sternwarte</a> hat eine lange Vorgeschichte von Beobachtungsstationen. Bereits in den späten 1780er Jahren wurde hier, nahe dem Hafen von Sydney, eine Beobachtungsstation errichtet. Zuerst wollte man “nur” einen von Halley vorhergesagten Kometen 1790 beobachten, aber im 19. Jahrhundert wurde der Platz auf dem Hügel, wo lange eine Windmühle gestanden hatte, als Signalstation (Fernmeldung) und Zeitball auf einer Festungsanlage relevant. 1855 wurde beschlossen, dort eine astronomische Sternwarte zu errichten, die dann auch 1858 eingeweiht wurde.   </p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_151537.jpg_compressed.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_151537.jpg_compressed-768x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_151537.jpg_compressed-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_151537.jpg_compressed-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_151537.jpg_compressed-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_151537.jpg_compressed.jpeg 1280w" width="768"></img></a></figure> </div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_151532.jpg_compressed_b.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_151532.jpg_compressed_b-768x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_151532.jpg_compressed_b-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_151532.jpg_compressed_b-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_151532.jpg_compressed_b-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_151532.jpg_compressed_b.jpeg 1280w" width="768"></img></a></figure> </div> <p>1859 fand das berühmte <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Carrington-Ereignis">Carrington-Event,</a> ein starker Ausbruch auf der Sonne, statt: ein gewaltiger Sonnensturm.</p> </div> <p>Er hat das Magnetfeld der Erde stark beeinflusst und zu Störungen in der Funk-Kommunikation geführt (erinnert ein bisschen an eine Szene aus dem <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Graf_von_Monte_Christo">Graf von Monte Christo</a>). Ob das dort beobachtet wurde, konnten mir die studentischen Hobby-Astronomen dort aber nicht sagen.</p> <p>Der Sternwarte wichtigste Funktion war die Zeitbestimmung: der Zeitball als Signal für den Hafen. Ab 1901 (eigene Hoheiten der Föderation, wie in Melbourne die Zeitbestimmung) kam hier die meteorologische Verantwortung dazu. Eine Wetterstation wurde und wird bis heute betrieben. </p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_150822.jpg_compressed.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_150822.jpg_compressed-768x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_150822.jpg_compressed-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_150822.jpg_compressed-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_150822.jpg_compressed-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250717_150822.jpg_compressed.jpeg 1280w" width="768"></img></a></figure> </div> <div> <p>Astronomische Forschungen um 1900 umfassten auch die Beteiligung an einem der Himmelssurvey, dem “Astrographic Catalogue”, der mit der Carte du Ciel (an der Melbourne beteiligt war), zwar verbunden war, aber letztlich doch ein eigenes Projekt. So hatte jede der beiden australischen Sternwarten quasi ihre eigenen Hoheitsgebiete. </p> </div> </div> <p>Die frühe astronomische Forschung in Sydney wurde übrigens stark von der deutschen Astronomie der Zeit beeinflusst: das Teleskop stammte aus der Werkstatt “Merz und Söhne” und einer der ersten Astronomen war Carl Rümker aus Meck.Pom. </p> <p>Heute steht das historische Instrument in einem gläsernen Gebäude vor der Kuppel und im Hauptgebäude sind wechselnde Kunstausstellungen.</p> <p>Die Einstellung des Beobachtungsbetriebs konnte in den 1920ern einmal knapp abgewendet werden, aber durch die zunehmende Licht- und Luftverschmutzung in den 1970ern wurde auch dieses Sternwartenschicksal besiegelt: 1982 wurde sie zu einer Museumssternwarte für die Öffentlichkeit und wird heute von Hobbyastronomen betrieben. </p> <h2 id="h-carter-observatory-wellington">Carter Observatory Wellington</h2> <p>Auch in Neuseelands Hauptstadt ergibt sich ein ähnliches Bild: Die Stadt liegt quasi direkt auf Meeresspiegelniveau mit einem beeindruckenden Hafen, der die Nord- und Südinsel Neuseelands verbindet. Über meine Faszination der <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/matariki/">Astronomie in der Kultur der Ureinwohner</a>, die man auch heute im Stadtbild sieht, hatte ich bereits berichtet. </p> <p>1934 wurde von der Regierung die Errichtung einer Sternwarte für die moderne Forschung beschlossen. Weil der Zweite Weltkrieg deren Bau verzögerte, wurde diese dann erst 1941 eröffnet. Der Arbeitsschwerpunkt war zunächst – zeitgemäß – Sonnenforschung. Vor allem mit Blick auf die Fernkommunikation war ein besseres Verständnis der elektromagnetischen Strahlung bzw. ihrer Variabilität und Störungen (heute “Weltraumwetter” genannt) nach dem Carrington-Event als hochgradig gesellschaftsrelevant erachtet worden und die Astrophysik der 1930er und ’40er Jahre war ja dabei zu verstehen, wie Sterne funktionieren, woher sie Energie bekommen und wieso sie unterschiedliche Farben haben: man wusste bereits, dass den Sternen und der Sonne das gleiche Prinzip zugrunde liegt und hoffte, durch Sonnenforschung auch Sterne besser zu verstehen. </p> <p>In den 1970er Jahren wurde diese Sternwarte sogar nochmals ausgebaut. Neu eingestellte Astronomen der nächsten Generation (Wayne Orchiston, siehe oben, war einer davon) sorgten für frischen Wind am Puls moderner Forschung. Es wurden aktuellste Themen wie Galaxien und Veränderliche Sterne behandelt, aber auch klassische Themen wie Kometen und Planetoide (Kleinplaneten) weiterverfolgt; es wurde optisch und im Radiobereich beobachtet. </p> <p>Aber ach, auch hier war wurde die Innenstadtlage der Forschung zum Verhängnis: 1991 wurde das Planetarium von der Unterstadt in die Parkanlage der Oberstadt und neben die Sternwarte verlegt. So erhielt die Sternwarte (noch forschend) ein Besucherzentrum und Souvenirshop (wie es auch in amerikanischen Sternwarten üblich ist). Seit neuen politischen Entscheidungen nach 2010 wurde allerdings das Besucherzentrum die einzige Aktivität der Sternwarte: seit 2018 wird sie vom Museum Wellington verwaltet.</p> <h2 id="h-dunedin">Dunedin</h2> <p>Außer der Nationalsternwarte in der Hauptstadt Wellington hat Neuseeland auch weitere Sternwarten und möchte ja selbst auch “Dark Sky Nation” werden, weil der superdunkle Himmel und der auf Erhalt des indigenen Biosphärenreservats ausgelegte Naturschutz (man muss sich die Schuhe putzen, bevor man das Land betritt!) dazu besonders einlädt. </p> <p>Dunedin ist eine Stadt an der südwestlichen Spitze Neuseelands, die auf schottischen Siedlungen beruht. Einer der schottischen Einwanderer, ein begnadeter, selten talentierter <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Beverly_Clock">Uhrmacher Arthur Beverly</a>, wird auch als Grundsteinleger der lokalen Astronomie gefeiert. In der Technikgeschichte ist er eher für seine Uhr berühmt, die ihre Energie daraus bezieht, dass es über den Tag hinweg Temperatur- und damit auch Luftdruckschwankungen gibt.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250629_151856.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250629_151856-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250629_151856-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250629_151856-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250629_151856-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250629_151856.jpg 1280w" width="1024"></img></a><figcaption>University of Otago (in Dunedin, NZ) </figcaption></figure> <p>Die nach Beverly und einem anderen Hobby-Astronomen benannte <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Beverly-Begg_Observatory">Beverly-Begg-Sternwarte</a> in Dunedin wurde allerdings 1922 nicht zu Forschungszwecken gegründet, sondern wird vom Amateurclub “Dunedin Astronomical Society” (DAS) betrieben. Mit großer Begeisterung hat der Club vor nicht allzu langer Zeit tüchtig nachgerüstet, betreibt ein Celestron-Teleskop mit Computern und bietet für alle astronomischen Ereignisse (Mondfinsternisse, Sonnenfinsternisse, Kometen, Aurorae 😉 …) der Öffentlichkeit Informationen und Beobachtungführungen an.</p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250703_150637.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250703_150637-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250703_150637-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250703_150637-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250703_150637-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250703_150637.jpg 1280w" width="1024"></img></a></figure> <p>Beverly-Begg-Sternwarte im Robin-Hood-Park in Dunedin, Neuseeland.</p> <p>Wenn man Hobbyisten spricht, die sich in Sternwarten und Planetarien engagieren und astronomische Bildung (mal besser, mal schlechter) in die Öffentlichkeit zu tragen, hört man gelegentlich die Frage:</p> </div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250703_151636.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250703_151636-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250703_151636-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250703_151636-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250703_151636.jpg 960w" width="768"></img></a></figure> </div> </div> <h2 id="h-davon-kann-man-leben">Davon kann man leben?</h2> <p>Kürzlich wurde ich bei einer Konferenz gefragt, was ich beruflich mache. Meine Antwort, dass ich Astronomin bin, wurde daraufhin mit einem hochgradig erstaunten Blick quittiert und der nächsten Frage “Davon kann man leben?”. </p> <p><strong>Nun, als Astronom(in) schon. </strong></p> <p>Wenn man einen Beruf erlernt hat, hart dafür arbeitete (erstens ihn zu erlernen, zweitens ihn auszuüben), einige <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/beruf-wissenschaftlerin-warum-ich-seit-2005-im-zoelibat-lebe/">Opfer</a> bringt (z.B. dass man phasenweise<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/voyage-bizarre-im-land-der-b-cher/"> im Ausland arbeiten</a> muss, familiäre Abstriche machen muss etc.) und sich dabei stetig verbessert &amp; weiterlernt, dann wird man dafür bezahlt und kann idealerweise auch davon leben. <br></br>Wie überall: Es gibt übrigens auch Leute, die werden fürs Musizieren bezahlt und können davon leben – das sind dann eben Musiker. Jeder Depp kann unter der Dusche trällern, manche besser &amp; manche schlechter, aber nur wenige können es so gut, dass sie davon leben können. (Erstaunlicherweise sogar, wenn 80% des Publikums gar nicht genug Sachverstand haben, um gute von schlechten Singenden zu unterscheiden.) Das gleiche gilt fürs Weintrinken (ist ja gerade Saison): kann jeder Depp, aber nur wenige Sommeliers können davon leben. Sogar mit dem Brot- und Kuchenbacken ist es ähnlich: kann im Prinzip fast jede/r, aber nur manche üben es als Beruf aus (und die können es dann besonders professionell). Am letzteren Beispiel sehen Sie auch noch einen anderen Aspekt (neben dem “gut können”): Profis machen das den ganzen Tag, systematisch und nicht nur selten zum Spaß. Man darf auch Spaß bei der Arbeit haben und selbstgemachtes Brot/ Kuchen kann extrem köstlich, gesund und gut sein, aber nicht alle Menschen mögen täglich um 4 in der Backstube stehen oder vertragen den Mehlstaub. Genauso kann es ein Hochgenuss sein, die Kunst anderer (oder die Astronomie von Profis) zu konsumieren. Ein bisschen Respekt der Hobbyisten gegenüber den Profis wäre hier aber genauso angemessen wie bei gefeierten Opernsängern.  </p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250829_125945.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250829_125945-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250829_125945-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250829_125945-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250829_125945-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250829_125945.jpg 1280w" width="1024"></img></a></figure> </div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250829_093909_b.jpg"><img alt="" decoding="async" height="634" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 950px) 100vw, 950px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250829_093909_b.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250829_093909_b.jpg 950w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250829_093909_b-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250829_093909_b-768x513.jpg 768w" width="950"></img></a></figure> </div> <p>Die Frage zeigt das Niveau der Veranstaltung: </p> </div> <p>Wenn von Teilnehmenden einer (sog.) “Astronomie”-Konferenz angezweifelt wird, dass Astronomie ein Beruf ist, ist es eben eine Amateurkonferenz. Ist legitim, ordnet man entsprechend ein.   </p> <h2 id="h-sternwarten-furs-volk-astronomie-fur-astronom-inn-en">Sternwarten fürs Volk – <br></br>Astronomie für Astronom(inn)en(?)</h2> <p>Bei den Sternwarte, die ich letztes Jahr besuchte, war es ja auch nicht anders: </p> <ul> <li>Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/saao-south-african-astronomical-observatory/">Sternwarte in Kapstadt</a> (Südafrika) hatte auch mit einer Beobachtungsstation zur Kolonialzeit begonnen, wo der Astronom unter widrigsten Bedingungen einer Sumpflandschaft (mit entsprechender Feuchtigkeit) Geräte zur Zeitmessung betrieb und einen astronomischen Beobachtungsbetrieb gewährleistete. Heute ist “Observatory” (Sternwarte) ein Ortsteil von Kapstadt und in der Metropole keine wissenschaftlichen Beobachtungen mehr möglich. Das SAAO hat daher moderne Instrumente für Astrophysik vier Autostunden entfernt von der Hauptstadt errichtet (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/South_African_Astronomical_Observatory">wikipedia</a>). </li> <li>Dass Zeitbälle für Häfen, Zeitsignale für Städte noch um 1900 (bei aufblühender AstroPHYSIK) ein wichtiger Grund für Sternwartengründungen waren, hatten wir auch bei der <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/ladd-observatory/">Ladd-Sternwarte</a> in Providence (USA) gesehen: Auch sie ist heute eine Volkssternwarte.   </li> <li>Das <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/purple-mountain-observatory-nanjing/">Purple Mountain-Observatorium</a> in Nanjing (China) wurde 1934 als Sternwarte für die moderne astrophysikalische Forschung gegründet (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Purple_Mountain_Observatory">wikipedia</a>). Allerdings war der größte Beobachtungserfolg das Programm für Kleinplaneten, das 1955 bis 1985 die Entdeckung von 149 Kleinplaneten verzeichnen konnte. Auch als der Forschungsbetrieb in den 1980er Jahren eingestellt wurde, ging dieses Programm weiter und die Suche nach Near Earth Objects (NEOs) war in den frühen 2000er Jahren nochmal ein großer Erfolg. Die Metropole Nanjing am Fuß des Bergs und die damit verbundene Licht- und Luftverschmutzung führten allerdings zur Auslagerung der Forschung in andere Beobachtungsstationen. Das Purple Mountain Observatorium ist eine reine Museumssternwarte.</li> <li>Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/die-mitte-der-mitte/">historische Sternwarte in Dengfeng</a> ist selbstredend ein Museum</li> <li>… und Peking … </li> </ul> <h2 id="h-sternwarte-peking">Sternwarte Peking</h2> <p>Natürlich sah auch die Sternwarte Peking ein ähnliches Schicksal – nur, dass diese Sternwarte bereits vorteleskopisch gegründet wurde. Nach Vorläufern im 13. Jahrhundert, wo (ca. 1280!) sogar eine <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/planetarium-von-1280/">Vorstufe des Kuppelplanetariums</a> gebaut wurde, wurde diese Sternwarte in der Ming Dynastie 1442 gegründet und mit Instrumente der Jesuiten 1644 stark aufgerüstet. </p> <div> <p>Der berühmte Astro-Physiker-und-Historiker Prof. Sun Xiaochun von der Universität der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking, berühmt für sein Buch über die chinesischen Uranographie in der Han-Dynastie und vor allem der Entwicklung eines mathematischen Verfahrens dafür, das Wissenschaftshistoriker bis heute nutzen.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/mmexport1714924411860.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/mmexport1714924411860-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/mmexport1714924411860-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/mmexport1714924411860-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/mmexport1714924411860.jpg 960w" width="768"></img></a></figure> </div> </div> <p>Diese Sternwarte hatte zu keiner Zeit Forschung in Astrophysik. Anfang des 20sten Jahrhunderts war politisch eine bewegte Zeit in China: Kriege, Ende des Kaiserreichs, Beginn der Volksrepublik, Modernisierungen … Sternwarten und astrophysikalische Forschungen wurden da anfangs eher aus Peking heraus (z.B. nach Nanjing) verlegt. </p> <p>Nicht nur das Wetter, sondern auch der Smog führten bis in die frühen 2000er in China zu Problemen bei Beobachtungen. Wie alle Länder hat aber auch China viele helle Köpfe, die sich auf anderen Spezialgebieten hervortatet (siehe oben). Fourier-Transformationen einzusetzen, um historische Sternkarten zu rekonstruieren, ist sicher eine Idee, auf die europäische und amerikanische Historiker nicht unbedingt hätten… Dass man chinesische Chroniken und andere historische Dokumente auch für Forschungen in der Physik der Sterne urbar zu machen gedachte, ist eine Eigenheit der Forschungszweige (global) zur Identifikation historischer Novae und Supernovae. </p> <p>Die historischen Sternwarten in China sind und bleiben folglich eher eine Dekoration, während die moderne Forschung sich mit geistigen Arbeiten statt mit bodengebundenen Beobachtungen beschäftigt.</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Für die junge Generation möchte ich festhalten: </p> <p>Es gab eine Zeit, als Sternwarten echte Forschungseinrichtungen waren. Man hat dort wirklich nichts anderes gemacht als Forschung – rechnende (“theoretische” oder “mathematisch”) Astronomie sowie Beobachtungen, freiäugig und/oder mit Instrumenten.</p> <p>Im 19. Jahrhundert wurde allerdings das öffentliche Interesse größer: erstens durch zunehmende flächendeckende Bildung immer breiterer Bevölkerungsmengen, zweitens durch das aufstrebende Bürgertum, das nach Feierabend für Freizeitprogramm/ Unterhaltung Zeit hatte, drittens speziell in Berlin angetriggert durch die Entdeckung eines neuen Planeten “hinterm Uranus” (ja, 1846 noch in der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Berliner_Sternwarte">Innenstadt von Berlin</a> – in einer Sternwarte, die es heute nicht mehr gibt, weil Licht- und Luftverschmutzung den Beobachtungsbetrieb um 1900 unmöglich machten und man lieber neue Einrichtungen für die junge AstroPHYSIK in Babelsberg, außerhalb Berlins, errichtete: das erste AstroPHYSIKalische Observatorium, wo also “Physik” im Namen stand). Die wachsende Nachfrage der Öffentlichkeit, die irgendwann auch anfing, den Beobachtungsbetrieb zu stören, führte zur Forderung der Forscher nach Volkssternwarten: in Berlin 1888 durch den Chef-Astronomen Wilhelm Foerster in Gestalt der “Urania” umgesetzt und dann schnell vielerorts in Form ähnlicher Einrichtungen kopiert. </p> <p>Binnen des 20. Jahrhunderts schlug das Pendel allmählich um: statt Forschungseinrichtungen, die nebenbei ein wenig die Öffentlichkeit unterhalten/ weiterbilden, wurde in immer mehr Sternwarten die Forschung eingestellt und nur noch Öffentlichkeitsarbeit gemacht. </p> <p>Heute kennt man Sternwarten hauptsächlich als Einrichtungen, wo man “mal durchgucken” und am Himmel irgendwas vergrößert sehen kann. Das ist immer noch ein angenehmer Zeitvertreib, bedient die menschliche Schau-Lust und wird mit ein paar Infos durch Hobby-Astronomen gewürzt, die meist sehr passioniert über ihr Hobby reden. </p> <p><strong>Forschung findet heute meist nicht mit dem Auge am Teleskop statt! </strong></p> <p>In der Astrophysik werden Daten ausgewertet, die in irgendwelchen Datenarchiven liegen (z.B: von Satellitenteleskopen) und in der Kulturastronomie/ Wissenschaftsgeschichte wird – wenn überhaupt – am ehesten freiäugig beobachtet. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/ende-bodengebundener-astronomie/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>4</slash:comments> </item> <item> <title>The Problem with AI Discrimination https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-problem-with-ai-discrimination/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-problem-with-ai-discrimination/#comments Wed, 10 Sep 2025 12:00:00 +0000 Andrei Mihai https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=13722 <h1>The Problem with AI Discrimination - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>In 2018, MIT computer scientist Joy Buolamwini discovered something disturbing: Leading facial recognition systems often failed to identify darker-skinned women, with error rates as high as 34%, while <a href="https://news.mit.edu/2018/study-finds-gender-skin-type-bias-artificial-intelligence-systems-0212">barely missing</a> lighter-skinned men (~0.8%). It was relatively early days in the AI race, but it was a concerning find nonetheless. Fast forward to today, and AI models have been repeatedly shown to discriminate <a href="https://www.washington.edu/news/2024/10/31/ai-bias-resume-screening-race-gender/">based on gender and race</a> in everything from job selection to healthcare. </p> <p>The advent of artificial intelligence (AI) has taken the world by storm. It seems to have captured our entire psyche, spilling into every aspect of life we can imagine. Yet, despite all the progress it brings (and some exaggerated hype), AI also brings several challenges. For one, it consumes a lot of water and energy (as much as <a href="https://www.theguardian.com/environment/2025/may/22/ai-data-centre-power-consumption">a sizeable country</a>); secondly, there is a lack of transparency and ethics around the technology; and last but not least, it is often marked by bias and discrimination.</p> <p>For decades, many hoped that by replacing human discretion with the impartial logic of computers, society could mitigate or maybe even eliminate the unfair discrimination that has long plagued our society. This optimism, however, is challenged by reality. AI systems are not inherently neutral; quite the opposite. They can easily become powerful instruments for perpetuating and even amplifying existing societal, institutional, and human biases.</p> <h3 id="h-the-good-the-bad-and-the-data">The Good, the Bad, and the Data</h3> <p>The common maxim “garbage in, garbage out” sounds rough, but it is a useful starting point. The most frequently cited source of algorithmic bias resides in the data used to train machine learning models. If the data is a flawed or skewed representation of reality, <a href="https://www.aclu.org/news/womens-rights/why-amazons-automated-hiring-tool-discriminated-against" rel="noreferrer noopener" target="_blank">the model will learn</a> and systematize those flaws.</p> <p>This manifests itself in several ways.<aside></aside></p> <p><a href="https://humanrights.gov.au/about/news/media-releases/historical-bias-ai-systems" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Historical bias</a> arises when AI models are trained on data reflecting past prejudices and societal norms that may no longer be considered acceptable or accurate. If you feed an AI data on how a particular race or gender or religion is superior, it will incorporate that idea and perpetuate the bias. Because datasets are often historical collections influenced by society itself, discrimination is effectively encoded before the data is even collected. A hypothetical AI system for loan approvals trained on historical income data would look at past data and see that more men have taken loans in the past and repaid them, and feel more inclined to believe that men are more reliable. Similarly, a woman programmer would be more likely to get rejected for a job application because fewer women have historically held such positions.</p> <p>Other insidious problems, like <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0267364924000876">proxy bias</a> (where an algorithm uses seemingly neutral variables as proxies for attributes like race, gender, or socioeconomic status), can also cause problems, as highlighted by <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/science.aax2342">a 2019 study</a>. In the study, systemic inequalities in healthcare access flagged Black patients as having lower health needs, systematically disadvantaging them. But AI does not just repeat the past; it can magnify it. Models can latch onto group identity as a “shortcut” in making predictions, strengthening stereotypes beyond what the data shows. Once deployed, their decisions can create feedback loops.</p> <p>Eliminating all of these biases from the data is difficult enough. But “garbage in, garbage out<em>“</em> doesn’t capture the entire scope of the problem. Bias is not solely a product of flawed data; it can also be introduced and amplified by the design and inner workings of the AI model itself.</p> <h3 id="h-beyond-the-data"><strong>Beyond the Data</strong></h3> <p>Even if you somehow feed an AI model the cleanest, most representative data possible, bias can still creep in. This is because algorithms are not neutral vessels. The choices made during their design, the mathematical structures they use, and the way they are tuned can all introduce their own distortions. These are the biases that emerge beyond the data.</p> <p>One of the most common sources is algorithmic design bias. Every AI system begins with a series of human decisions: what features to include, how to weight them, and how to define “success.” These choices can embed the values and assumptions of the development team, often without their conscious awareness. For example, early speech recognition systems consistently underperformed for women’s voices but not because of the data or because the developers intended it. Rather, it was because the models were trained and optimized mostly on recordings of male voices.</p> <p>Another challenge is the <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2667102623000578">“black box” problem</a>, or understanding how AI makes decisions. Modern AI, especially deep learning, operates with millions or billions of parameters arranged in ways that defy straightforward interpretation. Developers can tell you that the system produces an answer, but not exactly why. This opacity means the model can discover hidden correlations that no one planned for. Those correlations could sometimes be linked to race, gender, or socioeconomic status, and yet remain invisible to anyone reviewing the system.</p> <p>A newer frontier of concern is architectural bias. This is a type of bias baked into the mathematical structure of a model, independent of the data it sees. Large language models (LLMs), for instance, use a design called a transformer architecture, which researchers <a href="https://arxiv.org/abs/2502.01951" rel="noreferrer noopener" target="_blank">have found can cause</a> “position bias”: a tendency to give more weight to information at the beginning and end of a text, while neglecting the middle. Other studies have found “first-position bias” in AI hiring tools, where the model disproportionately selects the first résumé it’s shown, regardless of content. These are quirks of the machine’s inner workings that are very difficult to even out.</p> <p>Then, the real-world interaction can also have an effect.</p> <div> <figure><img alt="black and white surveillance cameras on a brick wall" decoding="async" src="https://lh7-rt.googleusercontent.com/docsz/AD_4nXeOikCCAcX4o2Bs2W1hJTEQnop3hlKEeUHBLJB-yU0WofwcTfpr_KG7h7fbWAFWQOLenCUbKORCR6c8n1ybjWRn_r0_Rc4n_W7rvKVe8ecClG1oaIwleyl-h2dIbJdX8JUy8t_n5nbKBuhZER-lU5E?key=1HNOuxc_8_tqXJot-K_eRA"></img><figcaption>Algorithmic bias and mass surveillance can interact in nefarious ways. Image credits: Lianhao Qu (<a href="https://unsplash.com/photos/assorted-color-security-cameras-LfaN1gswV5c">CC BY 3.0)</a>.</figcaption></figure></div> <p>Once an AI system is deployed, its decisions don’t just sit in isolation. The system interacts with its users and/or its environment, which creates feedback loops that strengthen the original bias. Over time, these loops can make discrimination more entrenched, harder to spot, and far more damaging.</p> <p>Another problem with AI data is measurement bias, a type of bias introduced when the data we collect differs from what we actually want to measure. In predictive policing, for instance, arrest counts are proxies for police activity, <a href="https://naacp.org/resources/artificial-intelligence-predictive-policing-issue-brief">not crime itself</a>. If patrols have historically concentrated in certain communities, algorithms trained on those arrests will flag those areas as high-crime, creating a feedback loop of biased enforcement. This dynamic is clearest in “Minority Report”-style prediction.</p> <p>Suppose an algorithm is trained on historical arrest data. If those records reflect decades of over-policing in certain neighborhoods, the AI will “learn” that these areas are high-crime zones. When police follow the algorithm’s guidance and patrol those areas more heavily, they inevitably make more arrests, often for minor offenses that might go unnoticed elsewhere. Those new arrests feed back into the dataset, “proving” to the AI that its initial prediction was correct. The cycle repeats, each turn deepening the association between certain neighborhoods and criminality, regardless of the true crime rate.</p> <p>Feedback loops are particularly insidious because they launder bias through the language of objectivity. When a human makes a prejudiced decision, we can call it out. When an algorithm does it, it brings “data” and “predictions” that make the result appear neutral, even scientific, even though it carries a hefty amount of bias.</p> <h3 id="h-what-can-be-done">What Can Be Done?</h3> <p>Eliminating AI bias is so difficult because it’s not just a matter of cleaning bad data, it’s a problem woven into every layer of the system. AI bias is a “<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Wicked_problem" rel="noreferrer noopener" target="_blank">wicked problem</a>.” It doesn’t have a single fix or a switch that can make everything better. The bias is so deeply and systemically embedded you need a multiple-pronged approach to even have a chance.</p> <p>Technical fixes, starting from cleaning and rebalancing of datasets even before training, are an important starting point. Modifying the learning algorithm to optimize for fairness and accuracy is also important. Surprising approaches like <a href="https://www.businessinsider.com/anthropic-ai-vaccine-evil-training-claude-steering-persona-vector-2025-8" rel="noreferrer noopener" target="_blank">“vaccinating” an AI</a> with bad data can also work, as highlighted by recent research.</p> <p>Yet, ultimately, technical fixes alone will not be sufficient.</p> <p><a href="https://haas.berkeley.edu/wp-content/uploads/What-is-fairness_-EGAL2.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Fairness itself</a>, particularly in regards to machine learning, has no universal definition. A model might be “fair” according to one metric, yet blatantly unfair by another. Imagine an algorithm used to decide who should get extra screening for a disease. One definition of fairness might say that, for any given risk score, people from different groups should have the same likelihood of actually having the disease. Another definition might say the system should make the same kinds of mistakes (false alarms and missed cases) at the same rate for every group. If the underlying rates of the disease differ between groups, mathematics makes it impossible to satisfy both definitions at once. Deciding which one to prioritize isn’t something the algorithm can do for us, it is a societal and moral issue.</p> <p>As it so often happens, technology has evolved faster than our moral code. This is not at all particular to AI, but given how quickly this technology has advanced, it is a striking example.</p> <p>Governance and oversight have also fallen behind. In the race for AI supremacy, ethics and bias are sometimes considered an afterthought. Inside companies, AI ethics boards and “human-in-the-loop” decision-making are often touted as safeguards. But these mechanisms work only if the humans involved are trained, empowered, and diverse enough to spot potential harms. Without genuine independence and enforcement power, ethics boards can become little more than PR exercises.</p> <p>In the end, “debiasing” AI is bound to be a process more than a goal. It relies on constant scrutiny, correction, and open debate about the values we want our machines to reflect. Without that vigilance, AI will inherit the problems already present in our society and amplify them for the future.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>The Problem with AI Discrimination - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>In 2018, MIT computer scientist Joy Buolamwini discovered something disturbing: Leading facial recognition systems often failed to identify darker-skinned women, with error rates as high as 34%, while <a href="https://news.mit.edu/2018/study-finds-gender-skin-type-bias-artificial-intelligence-systems-0212">barely missing</a> lighter-skinned men (~0.8%). It was relatively early days in the AI race, but it was a concerning find nonetheless. Fast forward to today, and AI models have been repeatedly shown to discriminate <a href="https://www.washington.edu/news/2024/10/31/ai-bias-resume-screening-race-gender/">based on gender and race</a> in everything from job selection to healthcare. </p> <p>The advent of artificial intelligence (AI) has taken the world by storm. It seems to have captured our entire psyche, spilling into every aspect of life we can imagine. Yet, despite all the progress it brings (and some exaggerated hype), AI also brings several challenges. For one, it consumes a lot of water and energy (as much as <a href="https://www.theguardian.com/environment/2025/may/22/ai-data-centre-power-consumption">a sizeable country</a>); secondly, there is a lack of transparency and ethics around the technology; and last but not least, it is often marked by bias and discrimination.</p> <p>For decades, many hoped that by replacing human discretion with the impartial logic of computers, society could mitigate or maybe even eliminate the unfair discrimination that has long plagued our society. This optimism, however, is challenged by reality. AI systems are not inherently neutral; quite the opposite. They can easily become powerful instruments for perpetuating and even amplifying existing societal, institutional, and human biases.</p> <h3 id="h-the-good-the-bad-and-the-data">The Good, the Bad, and the Data</h3> <p>The common maxim “garbage in, garbage out” sounds rough, but it is a useful starting point. The most frequently cited source of algorithmic bias resides in the data used to train machine learning models. If the data is a flawed or skewed representation of reality, <a href="https://www.aclu.org/news/womens-rights/why-amazons-automated-hiring-tool-discriminated-against" rel="noreferrer noopener" target="_blank">the model will learn</a> and systematize those flaws.</p> <p>This manifests itself in several ways.<aside></aside></p> <p><a href="https://humanrights.gov.au/about/news/media-releases/historical-bias-ai-systems" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Historical bias</a> arises when AI models are trained on data reflecting past prejudices and societal norms that may no longer be considered acceptable or accurate. If you feed an AI data on how a particular race or gender or religion is superior, it will incorporate that idea and perpetuate the bias. Because datasets are often historical collections influenced by society itself, discrimination is effectively encoded before the data is even collected. A hypothetical AI system for loan approvals trained on historical income data would look at past data and see that more men have taken loans in the past and repaid them, and feel more inclined to believe that men are more reliable. Similarly, a woman programmer would be more likely to get rejected for a job application because fewer women have historically held such positions.</p> <p>Other insidious problems, like <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0267364924000876">proxy bias</a> (where an algorithm uses seemingly neutral variables as proxies for attributes like race, gender, or socioeconomic status), can also cause problems, as highlighted by <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/science.aax2342">a 2019 study</a>. In the study, systemic inequalities in healthcare access flagged Black patients as having lower health needs, systematically disadvantaging them. But AI does not just repeat the past; it can magnify it. Models can latch onto group identity as a “shortcut” in making predictions, strengthening stereotypes beyond what the data shows. Once deployed, their decisions can create feedback loops.</p> <p>Eliminating all of these biases from the data is difficult enough. But “garbage in, garbage out<em>“</em> doesn’t capture the entire scope of the problem. Bias is not solely a product of flawed data; it can also be introduced and amplified by the design and inner workings of the AI model itself.</p> <h3 id="h-beyond-the-data"><strong>Beyond the Data</strong></h3> <p>Even if you somehow feed an AI model the cleanest, most representative data possible, bias can still creep in. This is because algorithms are not neutral vessels. The choices made during their design, the mathematical structures they use, and the way they are tuned can all introduce their own distortions. These are the biases that emerge beyond the data.</p> <p>One of the most common sources is algorithmic design bias. Every AI system begins with a series of human decisions: what features to include, how to weight them, and how to define “success.” These choices can embed the values and assumptions of the development team, often without their conscious awareness. For example, early speech recognition systems consistently underperformed for women’s voices but not because of the data or because the developers intended it. Rather, it was because the models were trained and optimized mostly on recordings of male voices.</p> <p>Another challenge is the <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2667102623000578">“black box” problem</a>, or understanding how AI makes decisions. Modern AI, especially deep learning, operates with millions or billions of parameters arranged in ways that defy straightforward interpretation. Developers can tell you that the system produces an answer, but not exactly why. This opacity means the model can discover hidden correlations that no one planned for. Those correlations could sometimes be linked to race, gender, or socioeconomic status, and yet remain invisible to anyone reviewing the system.</p> <p>A newer frontier of concern is architectural bias. This is a type of bias baked into the mathematical structure of a model, independent of the data it sees. Large language models (LLMs), for instance, use a design called a transformer architecture, which researchers <a href="https://arxiv.org/abs/2502.01951" rel="noreferrer noopener" target="_blank">have found can cause</a> “position bias”: a tendency to give more weight to information at the beginning and end of a text, while neglecting the middle. Other studies have found “first-position bias” in AI hiring tools, where the model disproportionately selects the first résumé it’s shown, regardless of content. These are quirks of the machine’s inner workings that are very difficult to even out.</p> <p>Then, the real-world interaction can also have an effect.</p> <div> <figure><img alt="black and white surveillance cameras on a brick wall" decoding="async" src="https://lh7-rt.googleusercontent.com/docsz/AD_4nXeOikCCAcX4o2Bs2W1hJTEQnop3hlKEeUHBLJB-yU0WofwcTfpr_KG7h7fbWAFWQOLenCUbKORCR6c8n1ybjWRn_r0_Rc4n_W7rvKVe8ecClG1oaIwleyl-h2dIbJdX8JUy8t_n5nbKBuhZER-lU5E?key=1HNOuxc_8_tqXJot-K_eRA"></img><figcaption>Algorithmic bias and mass surveillance can interact in nefarious ways. Image credits: Lianhao Qu (<a href="https://unsplash.com/photos/assorted-color-security-cameras-LfaN1gswV5c">CC BY 3.0)</a>.</figcaption></figure></div> <p>Once an AI system is deployed, its decisions don’t just sit in isolation. The system interacts with its users and/or its environment, which creates feedback loops that strengthen the original bias. Over time, these loops can make discrimination more entrenched, harder to spot, and far more damaging.</p> <p>Another problem with AI data is measurement bias, a type of bias introduced when the data we collect differs from what we actually want to measure. In predictive policing, for instance, arrest counts are proxies for police activity, <a href="https://naacp.org/resources/artificial-intelligence-predictive-policing-issue-brief">not crime itself</a>. If patrols have historically concentrated in certain communities, algorithms trained on those arrests will flag those areas as high-crime, creating a feedback loop of biased enforcement. This dynamic is clearest in “Minority Report”-style prediction.</p> <p>Suppose an algorithm is trained on historical arrest data. If those records reflect decades of over-policing in certain neighborhoods, the AI will “learn” that these areas are high-crime zones. When police follow the algorithm’s guidance and patrol those areas more heavily, they inevitably make more arrests, often for minor offenses that might go unnoticed elsewhere. Those new arrests feed back into the dataset, “proving” to the AI that its initial prediction was correct. The cycle repeats, each turn deepening the association between certain neighborhoods and criminality, regardless of the true crime rate.</p> <p>Feedback loops are particularly insidious because they launder bias through the language of objectivity. When a human makes a prejudiced decision, we can call it out. When an algorithm does it, it brings “data” and “predictions” that make the result appear neutral, even scientific, even though it carries a hefty amount of bias.</p> <h3 id="h-what-can-be-done">What Can Be Done?</h3> <p>Eliminating AI bias is so difficult because it’s not just a matter of cleaning bad data, it’s a problem woven into every layer of the system. AI bias is a “<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Wicked_problem" rel="noreferrer noopener" target="_blank">wicked problem</a>.” It doesn’t have a single fix or a switch that can make everything better. The bias is so deeply and systemically embedded you need a multiple-pronged approach to even have a chance.</p> <p>Technical fixes, starting from cleaning and rebalancing of datasets even before training, are an important starting point. Modifying the learning algorithm to optimize for fairness and accuracy is also important. Surprising approaches like <a href="https://www.businessinsider.com/anthropic-ai-vaccine-evil-training-claude-steering-persona-vector-2025-8" rel="noreferrer noopener" target="_blank">“vaccinating” an AI</a> with bad data can also work, as highlighted by recent research.</p> <p>Yet, ultimately, technical fixes alone will not be sufficient.</p> <p><a href="https://haas.berkeley.edu/wp-content/uploads/What-is-fairness_-EGAL2.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Fairness itself</a>, particularly in regards to machine learning, has no universal definition. A model might be “fair” according to one metric, yet blatantly unfair by another. Imagine an algorithm used to decide who should get extra screening for a disease. One definition of fairness might say that, for any given risk score, people from different groups should have the same likelihood of actually having the disease. Another definition might say the system should make the same kinds of mistakes (false alarms and missed cases) at the same rate for every group. If the underlying rates of the disease differ between groups, mathematics makes it impossible to satisfy both definitions at once. Deciding which one to prioritize isn’t something the algorithm can do for us, it is a societal and moral issue.</p> <p>As it so often happens, technology has evolved faster than our moral code. This is not at all particular to AI, but given how quickly this technology has advanced, it is a striking example.</p> <p>Governance and oversight have also fallen behind. In the race for AI supremacy, ethics and bias are sometimes considered an afterthought. Inside companies, AI ethics boards and “human-in-the-loop” decision-making are often touted as safeguards. But these mechanisms work only if the humans involved are trained, empowered, and diverse enough to spot potential harms. Without genuine independence and enforcement power, ethics boards can become little more than PR exercises.</p> <p>In the end, “debiasing” AI is bound to be a process more than a goal. It relies on constant scrutiny, correction, and open debate about the values we want our machines to reflect. Without that vigilance, AI will inherit the problems already present in our society and amplify them for the future.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-problem-with-ai-discrimination/#comments 2 Aragonit – Österreichs Mineral des Jahres 2025 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/aragonit-oesterreichs-mineral-des-jahres-2025/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/aragonit-oesterreichs-mineral-des-jahres-2025/#respond Tue, 09 Sep 2025 19:38:07 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3702 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/1024px-Aragonite_rose-768x576.jpg Aragonitrose https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/aragonit-oesterreichs-mineral-des-jahres-2025/ <h1>Aragonit – Österreichs Mineral des Jahres 2025 » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Auch in diesem Jahr hat Österreich mit dem Aragonit sein eigenes „Mineral des Jahres“. Aragonit ist ein interessantes Mineral, das mit seinen oft filigranen Formen Menschen fasziniert. Es spielt auch in der Umwelttechnik und der Biologie eine Rolle.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/1024px-Aragonite_rose.jpg"><img alt="Aragonitrose" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/1024px-Aragonite_rose.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/1024px-Aragonite_rose.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/1024px-Aragonite_rose-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/1024px-Aragonite_rose-768x576.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Aragonitrose, vermutlich Spanien, Provinz Aragon. Brocken Inaglory (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Aragonite_rose.jpg">https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Aragonite_rose.jpg</a>), „Aragonite rose“, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode">https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode</a></em></figcaption></figure> <h2 id="h-was-ist-aragonit">Was ist Aragonit?</h2> <p>Aragonit (CaCO₃) ist eine der drei natürlich vorkommenden Formen von Calciumcarbonat. Es kommt allerdings sehr viel seltener vor als <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/c-steht-fuer-calcit-mineral-des-jahres-2021/">Calcit</a> und ist nur sehr selten gesteinsbildend. Aragonit ist schon etwas länger bekannt. Das Mineral wurde 1796 von Abraham Gottlob Werner nach seinem ersten Fundort, der spanischen Provinz Aragon, benannt und beschrieben.</p> <h3 id="h-eigenschaften">Eigenschaften</h3> <p>Aragonit kristallisiert im orthorhombischen Kristallsystem. Es kann sowohl prismatische Kristalle bilden als auch in dendritischer Form oder kugelig, oolithisch, nadelig oder faserig vorkommen. Die Kristallflächen zeigen einen Glasglanz, die Spalt- und Bruchflächen hingegen können auch einen Fettglanz aufweisen.</p> <p>Die Mohshärte liegt zwischen 3,5 und 4, die Dichte beträgt 2,95.</p> <p>Reines Aragonit ist farblos und durchsichtig. Beimengungen können jedoch zu einer breiten Vielfalt an Farben von Grau über Gelb, Rot, Grün bis Blau führen. Dabei nimmt meist die Transparenz ab.<aside></aside></p> <p>Das Mineral unterscheidet sich von dem häufigeren Calcit und dem selteneren <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Vaterit">Vaterit</a> durch seine Kristallstruktur. Es kristallisiert im orthorhombischen Kristallsystem. Seine Dichte ist mit 2,95 etwas höher als die von Calcit. Aufgrund seiner dichteren Struktur ist Aragonit bei gegebener Temperatur die druckbegünstigte Variante des Calciumcarbonats und kommt entsprechend auch in der Hochdruckmetamorphose vor.</p> <p>Damit könnte die Geschichte eigentlich zu Ende sein. Doch so einfach ist die Sache mit dem Aragonit nicht. Denn unter den auf der Erdoberfläche üblichen Bedingungen und Temperaturen ist Aragonit nur metastabil. Das bedeutet, dass schon geringfügige Einflüsse ausreichen, damit sich Aragonit in Calcit umwandelt. Auslöser können zum Beispiel Lösungsmittel sein, aber auch eine längere Bearbeitung in einem Mörser. Diese Umwandlung ist irreversibel. Unter Umständen können Fremdionen wie Strontium hilfreich sein, da sie die Aragonitstruktur stabilisieren.</p> <h2 id="h-wo-kommt-aragonit-vor">Wo kommt Aragonit vor?</h2> <p>Man würde jetzt sicherlich vermuten, dass Aragonit nur selten in hochdruckmetamorphen Gesteinen unter besonderen Umständen vorkommt. Denn eigentlich ist das Mineral nur bei einer Hochdruck-Niedrigtemperaturmetamorphose richtig stabil.</p> <h3 id="h-perlmutt">Perlmutt</h3> <p>Wie bereits angedeutet, können andere Elemente das Gleichgewicht von Calcit hin zu Aragonit verschieben. Neben Strontium ist dies auch bei Magnesium der Fall. Das führt uns auch gleich zu einem der Hauptbereiche, in denen Aragonit zu finden ist. Viele Mollusken und Steinkorallen bilden ihre Hartschalen aus Aragonit. Aragonit ist auch Bestandteil von Perlmutt.</p> <p>Im marinen Milieu kommt Aragonit vergleichsweise häufig vor. Das hängt mit dem erhöhten Magnesiumgehalt im Meerwasser zusammen. Da viele Lebewesen dem Meerwasser Calcium entziehen, um es in ihre Skelette einzubauen, hat sich das Verhältnis von Calcium zu Magnesium immer mehr zugunsten des Magnesiums verschoben. Aragonit ist somit durchaus charakteristisch für marine Bedingungen.</p> <h3 id="h-hydrothermale-bildung">Hydrothermale Bildung</h3> <p>Auch bei Temperaturen über 50 °C kommt Aragonit vor. Daher kommt das Mineral häufig in hydrothermalen Sintern und heißen Quellen vor. Der Kesselstein in unseren Wasserkesseln besteht hauptsächlich aus Aragonit.</p> <h3 id="h-entstehung-von-aragonit-z-b-im-sinter">Entstehung von Aragonit, z. B. im Sinter</h3> <p>Auch bei der Verwitterung Ca-haltiger Gesteine und bei der Sinterbildung in wärmeren Klimaten oder unter Beteiligung von Dolomit können aragonitische Sinter entstehen, wie etwa in den Höhlen Frankens.</p> <p>Aber wie kann das sein? Hatte ich nicht eben gesagt, dass unter den Bedingungen der Erdoberfläche die Bildung von Calcit gegenüber Aragonit bevorzugt ist? Wir erinnern uns: Auch die Anwesenheit von Magnesium und anderen Elementen kann die Entstehung von Aragonit begünstigen. Doch wie genau läuft dieser Prozess ab?</p> <p>Normalerweise ist die Bildung von Calcit in Höhlensintern begünstigt. Da Calcit jedoch das gleiche Kristallgitter wie <a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">Magnesit</a> (das übrigens Österreichs Mineral des Jahres 2024 ist) hat, kann Magnesium relativ einfach eingebaut werden. Jede Calcium-Position kann also zumindest theoretisch auch von Magnesium eingenommen werden. Das sollte bei einer Lösung, in der sowohl Calcium- als auch Magnesiumionen unterwegs sind, doch ganz gut passen, möchte man meinen. Da gibt es jedoch ein Problem. Die Ionen, also auch die Calcium- und Magnesiumionen, sind nicht allein unterwegs, sondern von einer Hydrathülle aus Wassermolekülen umgeben. Um unser Ion in das Kristallgitter eines entstehenden, wasserfreien Kristalls einzubauen, muss diese Hülle erst entfernt werden.</p> <p>Dabei erfordert die Entfernung der Hydrathülle um ein Magnesiumion erheblich mehr Energie als um ein Calciumion. Daher steigt bei zunehmendem Gehalt an Mg²⁺ der Energieaufwand schnell an. Bei geringer Konzentration wird zunächst nur die Kristallisation von Calcit verzögert. Wenn die Konzentration aber steigt, wird irgendwann ein Punkt erreicht, an dem es energetisch günstiger wird, in Form von Aragonit zu kristallisieren. In dessen Gitter passt Magnesium nicht mehr hinein, da das Mg²⁺ deutlich kleiner ist als das Ca²⁺.</p> <p>Dabei spielen die Bildungstemperaturen dann keine größere Rolle mehr. So wurde die Aragonitbildung beispielsweise in den fränkischen Höhlen selbst bei Temperaturen zwischen 6 und 10 °C nachgewiesen. Erst bei deutlich niedrigeren Temperaturen entsteht statt Aragonit ein wasserhaltiges Monohydrocalzit. Hier ist der Energieaufwand für das Entfernen der Hydrathülle so hoch, dass diese gleich mit eingebaut wird.</p> <h2 id="h-wofur-wird-aragonit-verwendet">Wofür wird Aragonit verwendet?</h2> <p>Die Verwendung von Aragonit ist relativ begrenzt. Seine Verwendung als Schmuckstein ist aufgrund seiner geringen Härte und Empfindlichkeit gegenüber Säuren eingeschränkt. Dagegen kann Aragonit im Bereich des Umweltschutzes durchaus verwendet werden, beispielsweise bei der Renaturierung von Riffen. Es kann auch dabei helfen, die Versauerung der Meere zu verringern [1].</p> <p>Darüber hinaus kann Aragonit dazu dienen, schädliche Schwermetalle wie Blei, Cobalt oder Zink aus Abwässern zu entfernen.</p> <p>Insgesamt ist Aragonit ein sehr interessantes Mineral. Seine weite Verbreitung in der belebten Natur macht es zu einem würdigen „Mineral des Jahres“.</p> <h2 id="h-references"><br></br>References</h2> <ul> <li>[1] <strong>Orr, J. C.; Fabry, V. J.; Aumont, O.; Bopp, L.; Doney, S. C.; Feely, R. A.; Gnanadesikan, A.; Gruber, N.; Ishida, A.; Joos, F.; Key, R. M.; Lindsay, K.; Maier-Reimer, E.; Matear, R.; Monfray, P.; Mouchet, A.; Najjar, R. G.; Plattner, G.-K.; Rodgers, K. B.; Sabine, C. L.; Sarmiento, J. L.; Schlitzer, R.; Slater, R. D.; Totterdell, I. J.; Weirig, M.-F.; Yamanaka, Y. and Yool, A.</strong> (<strong>2005</strong>). <em>Anthropogenic ocean acidification over the twenty-first century and its impact on calcifying organisms</em>, Nature 437 : 681-686.</li> <li>[2] <strong>Köhler, S. J.; Cubillas, P.; Rodríguez-Blanco, J. D.; Bauer, C. and Prieto, M.</strong> (<strong>2007</strong>). <em>Removal of Cadmium from Wastewaters by Aragonite Shells and the Influence of Other Divalent Cations</em>, Environmental Science &amp; Technology 41 : 112-118.</li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Aragonit – Österreichs Mineral des Jahres 2025 » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Auch in diesem Jahr hat Österreich mit dem Aragonit sein eigenes „Mineral des Jahres“. Aragonit ist ein interessantes Mineral, das mit seinen oft filigranen Formen Menschen fasziniert. Es spielt auch in der Umwelttechnik und der Biologie eine Rolle.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/1024px-Aragonite_rose.jpg"><img alt="Aragonitrose" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/1024px-Aragonite_rose.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/1024px-Aragonite_rose.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/1024px-Aragonite_rose-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/1024px-Aragonite_rose-768x576.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Aragonitrose, vermutlich Spanien, Provinz Aragon. Brocken Inaglory (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Aragonite_rose.jpg">https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Aragonite_rose.jpg</a>), „Aragonite rose“, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode">https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode</a></em></figcaption></figure> <h2 id="h-was-ist-aragonit">Was ist Aragonit?</h2> <p>Aragonit (CaCO₃) ist eine der drei natürlich vorkommenden Formen von Calciumcarbonat. Es kommt allerdings sehr viel seltener vor als <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/c-steht-fuer-calcit-mineral-des-jahres-2021/">Calcit</a> und ist nur sehr selten gesteinsbildend. Aragonit ist schon etwas länger bekannt. Das Mineral wurde 1796 von Abraham Gottlob Werner nach seinem ersten Fundort, der spanischen Provinz Aragon, benannt und beschrieben.</p> <h3 id="h-eigenschaften">Eigenschaften</h3> <p>Aragonit kristallisiert im orthorhombischen Kristallsystem. Es kann sowohl prismatische Kristalle bilden als auch in dendritischer Form oder kugelig, oolithisch, nadelig oder faserig vorkommen. Die Kristallflächen zeigen einen Glasglanz, die Spalt- und Bruchflächen hingegen können auch einen Fettglanz aufweisen.</p> <p>Die Mohshärte liegt zwischen 3,5 und 4, die Dichte beträgt 2,95.</p> <p>Reines Aragonit ist farblos und durchsichtig. Beimengungen können jedoch zu einer breiten Vielfalt an Farben von Grau über Gelb, Rot, Grün bis Blau führen. Dabei nimmt meist die Transparenz ab.<aside></aside></p> <p>Das Mineral unterscheidet sich von dem häufigeren Calcit und dem selteneren <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Vaterit">Vaterit</a> durch seine Kristallstruktur. Es kristallisiert im orthorhombischen Kristallsystem. Seine Dichte ist mit 2,95 etwas höher als die von Calcit. Aufgrund seiner dichteren Struktur ist Aragonit bei gegebener Temperatur die druckbegünstigte Variante des Calciumcarbonats und kommt entsprechend auch in der Hochdruckmetamorphose vor.</p> <p>Damit könnte die Geschichte eigentlich zu Ende sein. Doch so einfach ist die Sache mit dem Aragonit nicht. Denn unter den auf der Erdoberfläche üblichen Bedingungen und Temperaturen ist Aragonit nur metastabil. Das bedeutet, dass schon geringfügige Einflüsse ausreichen, damit sich Aragonit in Calcit umwandelt. Auslöser können zum Beispiel Lösungsmittel sein, aber auch eine längere Bearbeitung in einem Mörser. Diese Umwandlung ist irreversibel. Unter Umständen können Fremdionen wie Strontium hilfreich sein, da sie die Aragonitstruktur stabilisieren.</p> <h2 id="h-wo-kommt-aragonit-vor">Wo kommt Aragonit vor?</h2> <p>Man würde jetzt sicherlich vermuten, dass Aragonit nur selten in hochdruckmetamorphen Gesteinen unter besonderen Umständen vorkommt. Denn eigentlich ist das Mineral nur bei einer Hochdruck-Niedrigtemperaturmetamorphose richtig stabil.</p> <h3 id="h-perlmutt">Perlmutt</h3> <p>Wie bereits angedeutet, können andere Elemente das Gleichgewicht von Calcit hin zu Aragonit verschieben. Neben Strontium ist dies auch bei Magnesium der Fall. Das führt uns auch gleich zu einem der Hauptbereiche, in denen Aragonit zu finden ist. Viele Mollusken und Steinkorallen bilden ihre Hartschalen aus Aragonit. Aragonit ist auch Bestandteil von Perlmutt.</p> <p>Im marinen Milieu kommt Aragonit vergleichsweise häufig vor. Das hängt mit dem erhöhten Magnesiumgehalt im Meerwasser zusammen. Da viele Lebewesen dem Meerwasser Calcium entziehen, um es in ihre Skelette einzubauen, hat sich das Verhältnis von Calcium zu Magnesium immer mehr zugunsten des Magnesiums verschoben. Aragonit ist somit durchaus charakteristisch für marine Bedingungen.</p> <h3 id="h-hydrothermale-bildung">Hydrothermale Bildung</h3> <p>Auch bei Temperaturen über 50 °C kommt Aragonit vor. Daher kommt das Mineral häufig in hydrothermalen Sintern und heißen Quellen vor. Der Kesselstein in unseren Wasserkesseln besteht hauptsächlich aus Aragonit.</p> <h3 id="h-entstehung-von-aragonit-z-b-im-sinter">Entstehung von Aragonit, z. B. im Sinter</h3> <p>Auch bei der Verwitterung Ca-haltiger Gesteine und bei der Sinterbildung in wärmeren Klimaten oder unter Beteiligung von Dolomit können aragonitische Sinter entstehen, wie etwa in den Höhlen Frankens.</p> <p>Aber wie kann das sein? Hatte ich nicht eben gesagt, dass unter den Bedingungen der Erdoberfläche die Bildung von Calcit gegenüber Aragonit bevorzugt ist? Wir erinnern uns: Auch die Anwesenheit von Magnesium und anderen Elementen kann die Entstehung von Aragonit begünstigen. Doch wie genau läuft dieser Prozess ab?</p> <p>Normalerweise ist die Bildung von Calcit in Höhlensintern begünstigt. Da Calcit jedoch das gleiche Kristallgitter wie <a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">Magnesit</a> (das übrigens Österreichs Mineral des Jahres 2024 ist) hat, kann Magnesium relativ einfach eingebaut werden. Jede Calcium-Position kann also zumindest theoretisch auch von Magnesium eingenommen werden. Das sollte bei einer Lösung, in der sowohl Calcium- als auch Magnesiumionen unterwegs sind, doch ganz gut passen, möchte man meinen. Da gibt es jedoch ein Problem. Die Ionen, also auch die Calcium- und Magnesiumionen, sind nicht allein unterwegs, sondern von einer Hydrathülle aus Wassermolekülen umgeben. Um unser Ion in das Kristallgitter eines entstehenden, wasserfreien Kristalls einzubauen, muss diese Hülle erst entfernt werden.</p> <p>Dabei erfordert die Entfernung der Hydrathülle um ein Magnesiumion erheblich mehr Energie als um ein Calciumion. Daher steigt bei zunehmendem Gehalt an Mg²⁺ der Energieaufwand schnell an. Bei geringer Konzentration wird zunächst nur die Kristallisation von Calcit verzögert. Wenn die Konzentration aber steigt, wird irgendwann ein Punkt erreicht, an dem es energetisch günstiger wird, in Form von Aragonit zu kristallisieren. In dessen Gitter passt Magnesium nicht mehr hinein, da das Mg²⁺ deutlich kleiner ist als das Ca²⁺.</p> <p>Dabei spielen die Bildungstemperaturen dann keine größere Rolle mehr. So wurde die Aragonitbildung beispielsweise in den fränkischen Höhlen selbst bei Temperaturen zwischen 6 und 10 °C nachgewiesen. Erst bei deutlich niedrigeren Temperaturen entsteht statt Aragonit ein wasserhaltiges Monohydrocalzit. Hier ist der Energieaufwand für das Entfernen der Hydrathülle so hoch, dass diese gleich mit eingebaut wird.</p> <h2 id="h-wofur-wird-aragonit-verwendet">Wofür wird Aragonit verwendet?</h2> <p>Die Verwendung von Aragonit ist relativ begrenzt. Seine Verwendung als Schmuckstein ist aufgrund seiner geringen Härte und Empfindlichkeit gegenüber Säuren eingeschränkt. Dagegen kann Aragonit im Bereich des Umweltschutzes durchaus verwendet werden, beispielsweise bei der Renaturierung von Riffen. Es kann auch dabei helfen, die Versauerung der Meere zu verringern [1].</p> <p>Darüber hinaus kann Aragonit dazu dienen, schädliche Schwermetalle wie Blei, Cobalt oder Zink aus Abwässern zu entfernen.</p> <p>Insgesamt ist Aragonit ein sehr interessantes Mineral. Seine weite Verbreitung in der belebten Natur macht es zu einem würdigen „Mineral des Jahres“.</p> <h2 id="h-references"><br></br>References</h2> <ul> <li>[1] <strong>Orr, J. C.; Fabry, V. J.; Aumont, O.; Bopp, L.; Doney, S. C.; Feely, R. A.; Gnanadesikan, A.; Gruber, N.; Ishida, A.; Joos, F.; Key, R. M.; Lindsay, K.; Maier-Reimer, E.; Matear, R.; Monfray, P.; Mouchet, A.; Najjar, R. G.; Plattner, G.-K.; Rodgers, K. B.; Sabine, C. L.; Sarmiento, J. L.; Schlitzer, R.; Slater, R. D.; Totterdell, I. J.; Weirig, M.-F.; Yamanaka, Y. and Yool, A.</strong> (<strong>2005</strong>). <em>Anthropogenic ocean acidification over the twenty-first century and its impact on calcifying organisms</em>, Nature 437 : 681-686.</li> <li>[2] <strong>Köhler, S. J.; Cubillas, P.; Rodríguez-Blanco, J. D.; Bauer, C. and Prieto, M.</strong> (<strong>2007</strong>). <em>Removal of Cadmium from Wastewaters by Aragonite Shells and the Influence of Other Divalent Cations</em>, Environmental Science &amp; Technology 41 : 112-118.</li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/aragonit-oesterreichs-mineral-des-jahres-2025/#respond 0 Depression: Does psychotherapy make new nerve cells grow? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/depression-does-psychotherapy-make-new-nerve-cells-grow/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/depression-does-psychotherapy-make-new-nerve-cells-grow/#comments Mon, 08 Sep 2025 11:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3430 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Depression-Cover-768x570.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/depression-does-psychotherapy-make-new-nerve-cells-grow/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Depression-Cover.jpg" /><h1>Depression: Does psychotherapy make new nerve cells grow? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <h3 id="ember850">According to a study at the University of Halle-Wittenberg, the effect of psychotherapy has now been “medically and scientifically” proven</h3> <span id="more-3430"></span> <p id="ember851">Depression is increasingly becoming a widespread disorder. Despite ongoing criticism of the effectiveness of so-called antidepressants, enough of them are now prescribed in Germany to treat five million people every day. Many people seek psychotherapeutic help. For those with statutory health insurance, waiting times are painfully long, while psychology associations are calling for more treatment places and funding has remained unclear since the reform of training to become a psychotherapist. (Incidentally, Germany also has a private healthcare system with better services for those who can afford it and for civil servants.) That alone could make you depressed.</p> <p id="ember852">A research group led by Ronny Redlich, Professor of Biological and Clinical Psychology at the University of Halle-Wittenberg, has now investigated the possible effects of psychotherapy on the brain in more detail. “More gray matter through psychotherapy,” commented <a data-test-app-aware-link="" href="https://pressemitteilungen.pr.uni-halle.de/index.php?modus=pmanzeige&amp;pm_id=5947" target="_self">the university’s press release</a> on August 27. It sounds like a breakthrough: “Now, for the first time, we have a valid biomarker for the effect of psychotherapy on brain structure,” explains the professor. “To put it simply: psychotherapy changes the brain.”</p> <p id="ember853">Well. Reading this article changes your brain (hopefully in a positive way). Walks in nature change the brain. Throughout our lives, everything we do and perceive changes the brain. It is a plastic organ with around 86 billion nerve cells that still hides many secrets of its functioning from us. Let’s take a closer look at the new study.</p> <h2 id="h-the-study">The study</h2> <p id="ember855">For the study now published in the journal <em>Translational Psychiatry</em> 30 people with an average age of 28 and a diagnosis of depression <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.nature.com/articles/s41398-025-03545-7" target="_self">were examined</a> (Zwiky et al., 2025). Their brain structure was recorded twice using magnetic resonance imaging (MRI): once shortly before the start of cognitive behavioral therapy and then after around 22 therapy sessions or 40 weeks later. According to the researchers, the focus of the brain examinations was on structures of the limbic system such as the amygdalae or hippocampi. These are often associated with emotion processing.</p> <p id="ember856">By the way: What exactly belongs to the “limbic system” is not so clear, Latin <em>limbus</em> simply means “hem”. In addition, the explanatory power of the brain model, which assigns mental processes to specific brain regions, has <a data-test-app-aware-link="" href="https://direct.mit.edu/imag/article/doi/10.1162/imag_a_00138/120390" target="_self">faced increasing opposition</a> in recent years (Noble et al., 2024). However, the alternative view that the brain is a holistic network does not explain much—and above all does not justify the use of scanners costing millions. As is so often the case in science: “It’s complex!”<aside></aside></p> <p id="ember857">First of all, the study showed that psychotherapy helped: various questionnaires measuring depressive symptoms showed a decrease. These effects were strong and statistically very significant. In 19 of the 30 people, depression was partially or completely improved after the 40 weeks. And what did the brain show?</p> <p id="ember858">The volume of gray matter had increased in both amygdalae as well as in the right hippocampus. However, this was only evident in a targeted search in these regions and not when looking at the whole brain. The so-called “region of interest” analyses can circumvent the problem of having to control more for random hits.</p> <p id="ember859">If you examine the entire brain, you calculate tens of thousands of statistical tests, all of which have a certain probability of error. As a rule, however, the alternative procedure indicates smaller effects. And in fact, the brain result was weaker than the evaluation of the questionnaires.</p> <h3 id="ember860">Brain findings</h3> <p id="ember861">So let’s take a look at the brain findings:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-1-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="459" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-1-1-1024x459.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-1-1-1024x459.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-1-1-300x135.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-1-1-768x345.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-1-1-1536x689.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-1-1.jpg 1975w" width="1024"></img></a></figure> <p id="ember863"><strong>Figure 1:</strong> The figure on the right shows a positive statistical finding for the two amygdalae. On the left is a correlation of the change in the right amygdala (y-axis) and a measure of emotion identification (x-axis). This correlation was just so significant at the p &lt; 0.05 level. Source: <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.nature.com/articles/s41398-025-03545-7" target="_self">Zwiky et al, 2025</a>; License: <a data-test-app-aware-link="" href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/" target="_self">CC BY 4.0</a></p> <p id="ember864">However, there was no direct correlation between the measured values for the depressive symptoms and the brain changes. Only when evaluating a questionnaire for alexithymia—a technical term for problems perceiving and describing feelings—was there a hit. And then only for the sub-item “Difficulty describing feelings”.</p> <p id="ember865">The publication was built around this theme, as the researchers put it in their second hypothesis: “We further hypothesize regional volumetric changes to be related to improvements in alexithymia rather than declines in overall depressive symptom severity” (Zwiky et al., 2025, p. 2).</p> <p id="ember866">It is a pity that the researchers did not register their study in advance. This is common practice in drug research, with which they compared their results in the press release. And in the course of the crisis in psychology over the last ten to 15 years, the importance of this procedure has been emphasized time and again: without registration, researchers can knit a story around a chance finding afterwards as if that was exactly what they were looking for.</p> <p id="ember867">I don’t want to accuse this research group of anything. I can only say that this doesn’t make sense to me: If you know about the positive effect of cognitive behavioral therapy on depressive symptoms and want to pin this down in the brain, why do you narrow your focus to alexithymia? And why then only on the aspect of describing feelings?</p> <p id="ember868">At the end of the article, I will discuss another reason why I think the correlation in Figure 1 is problematic. But that will be a bit more complex. At this point, I would like to address two important points of criticism that should be understandable to laypeople.</p> <h3 id="ember869">Lack of controls</h3> <p id="ember870">We remember the core message: psychotherapy changes the brain structure. However, I fear that the study cannot support this result—due to fundamental flaws in the study design:</p> <p id="ember871">According to the study, the gray matter—on average of the 30 people—was slightly more pronounced in some brain regions after 40 weeks or 22 therapy sessions. This is initially only a correlation. How do we know that there really is a <em>causal</em> connection, that it was really the psychotherapy that brought about the brain changes?</p> <p id="ember872">To make this conclusion at least plausible, the researchers would have had to compare these 30 people with a control group that did not differ from the target group in any way—except for therapy. Ideally, there would have been two additional groups with a diagnosis of depression: one that went for regular walks in nature, for example, and one that did nothing at all while waiting for a place in therapy. There are (unfortunately) more than enough of these. That would have been important because, firstly, going for walks also changes the brain and, secondly, a depressive episode often passes on its own after four to nine months, even without treatment.</p> <p id="ember873">Admittedly, making people in the control group wait for a place in therapy is not without its problems. Nevertheless, there are <a data-test-app-aware-link="" href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/wps.21069" target="_self">always control groups in good psychotherapy research</a> (e.g. Cuijpers et al., 2023). Without these, it is impossible to interpret a result causally. For comparison: you may have good reasons for not having any money with you when you come back from sport and want to buy some apple juice, but it is still not right to take it with you without paying. Similarly, you cannot do without the control group if you specifically want to investigate the effect of psychotherapy, even if you have good reasons for doing so.</p> <p id="ember874">But even that would not be the biggest problem. We’ll come to that now.</p> <h3 id="ember875">Medication</h3> <p id="ember876">However, a second problem is even more serious: Of the 30 people, nine—almost a third—were taking so-called antidepressants; seven of these nine were even taking high doses. However, it has long been known that in people with depression but without medication <em>smaller</em> amygdalae and in those with medication <em>larger</em> ones were measured. This was shown, for example, in a <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.nature.com/articles/mp200857" target="_self">much-cited meta-analysis</a> from 2008 (Hamilton et al., 2008). With this in mind, let’s take a closer look at the correlation in Figure 1:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-2-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="618" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-2-1-1024x618.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-2-1-1024x618.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-2-1-300x181.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-2-1-768x463.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-2-1.jpg 1182w" width="1024"></img></a></figure> <p id="ember878"><strong>Figure 2:</strong> The figure again shows the change in the volume of the right amygdala (y-axis) in relation to the measured value for the identification of feelings (x-axis). The blue circle in the middle shows nine people for whom, roughly, nothing has changed and the orange rectangle in the top right shows six people who, as it were, “pull up” the result—the dashed straight line below. Source: adapted from <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.nature.com/articles/s41398-025-03545-7" target="_self">Zwiky et al., 2025</a>; License: <a data-test-app-aware-link="" href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/" target="_self">CC BY 4.0</a></p> <p id="ember879">We can see from the figure that for some people in the study—those in the blue circle—neither the volume in the right amygdala nor the identification of feelings changed significantly. The already small effect is mainly pulled upwards by the six people in the orange rectangle.</p> <p id="ember880">If some of them took medication, this could better explain the change in brain volume, while the researchers attribute the result to psychotherapy. That would be a gross mistake. Therefore, in my opinion, they should definitely repeat the analysis again without the antidepressant group.</p> <h3 id="ember881">Old wine</h3> <p id="ember882">We remember that <a data-test-app-aware-link="" href="https://pressemitteilungen.pr.uni-halle.de/index.php?modus=pmanzeige&amp;pm_id=5947" target="_self">the press release</a> presented the result as new: “For the first time, the researchers have also documented concrete anatomical changes.” And study leader Redlich added: “Now, for the first time, we have a valid biomarker for the effect of psychotherapy on brain structure. To put it simply: psychotherapy changes the brain.”</p> <p id="ember883">This presentation is very strange for two reasons: Firstly, no one seriously doubts that psychotherapy changes the brain. Just learning anything, say the melody of “All My Ducklings” on the piano, changes something in the body and especially in the brain. Secondly, brain changes have often been reported in connection with psychotherapy.</p> <p id="ember884">For example, back in 2012, the Bremen “<a data-test-app-aware-link="" href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0033745" target="_self">Hanse-Neuropsychoanalysis Study</a>” by Anna Buchheim and with the participation of the now deceased German “brain guru” Gerhard Roth (1942-2023) traced brain changes over the course of 15 months of psychoanalytic psychotherapy. At that time, too, the main focus was on the limbic system and differences in the right amygdala. This study is not even mentioned by the researchers from Halle-Wittenberg.</p> <p id="ember885">Anna Buchheim, Gerhard Roth and two colleagues published a commentary on this in 2012 in the German <em>Gehirn&amp;Geist</em> with the title “<a data-test-app-aware-link="" href="https://www.spektrum.de/magazin/das-hirn-heilt-mit/1165513" target="_self">The brain also heals</a>“. In it, they wrote that there had been around 15 neuroscientific studies on the effectiveness of psychotherapy in 2005 and 40 in 2012. How can such results still be considered new in 2025?</p> <h3 id="ember886">Caution</h3> <p id="ember887">These and a number of other problems should make us cautious when interpreting the results. In the new publication, the researchers themselves referred to the small group size. The fact that there was no control group without treatment was also acknowledged as a limiting factor. And in particular: “As correlations between gray matter volume increases and enhancements in specific psychological functions … were only small, they need to be interpreted with caution” (Zwiky et al., 2025, p. 5).</p> <p id="ember888">How does this fit in with presenting the study to the media as a major breakthrough? Incidentally, the claim that psychotherapy has proven the development of new “gray cells” is nonsense: You can’t even determine this with such a crude MRI measurement in the living brain.</p> <p id="ember889">Whether new neurons are created in the brain at all after the age of around 14 is a matter of debate among experts. This would actually require a biopsy and even then it is not trivial to distinguish new from old neurons among billions of cells. For ethical reasons, this is of course forbidden in living people and the interpretation of the results from dead bodies is still being debated. Recently, a research group concluded that the <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.nature.com/articles/s41380-021-01314-8" target="_self">significance of this phenomenon should not be overestimated</a>, <em>even if</em> it occurs in adults (Duque et al., 2022).</p> <p id="ember890">I find this <a data-test-app-aware-link="" href="https://pressemitteilungen.pr.uni-halle.de/index.php?modus=pmanzeige&amp;pm_id=5946" target="_self">conclusion</a> by study leader Redlich particularly problematic: “It is therefore all the more encouraging that we were able to show in our study that psychotherapy is an equally effective alternative from a medical and scientific standpoint.” This expresses the old trauma of psychology and psychiatry: Something can only be true if it is <em>neurologically</em> proven. Is that what you do when someone says, “I am your friend” or “I love you”, that you then ask for a brain scan as proof instead of looking at the person’s behavior?</p> <p id="ember891">But of course, exaggerations—where all criticism, restrictions and restraint are forgotten—are a feast for the media. So it rustled through the press at the speed of light: “Depression: More grey cells through psychotherapy” (Deutschlandfunk), “Depression: Psychotherapy builds up grey cells” (Scinexx), “Psychotherapy changes the brain” (wissenschaft.de), “More grey cells through psychotherapy” (Ärztenachrichtendienst) or “Depression: How psychotherapy strengthens the brain” (MDR)—to name just the first few online hits.</p> <h3 id="ember892">Biological Psychiatry</h3> <p id="ember893">I’ll take it a little further. Let’s remember what the statistically strongest finding of the study was: Of the 30 people, 19 had experienced a moderate or strong improvement after 22 psychotherapy sessions. But what the media are jumping on is the brain finding, which is neither new nor surprising, but very speculative in this study.</p> <p id="ember894">The head of the study, Ronny Redlich, was also involved in a more recent study that allows us to look deep into the soul of biological psychiatry. In it, dozens of authors, including many big names in psychiatric research in Germany today, searched <a data-test-app-aware-link="" href="https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2813979" target="_self">for a biomarker for depression</a> (Winter et al., 2024). Despite all the brain talk, many laypeople are unaware that neither depression nor any of the other hundreds of psychological and psychiatric disorders can be diagnosed neuroscientifically. In the new study, the experts tried artificial intelligence.</p> <p id="ember895">The sobering result surprised them: “Despite the improved predictive capability … no informative individual-level major depressive disorder biomarker—even under extensive machine learning optimization in a large sample of diagnosed patients—could be identified” (Winter et al., 2024, E1). Since at least the early 1800s, biological psychiatrists have tried every trick in the book to find the organic cause of depression and other disorders. With rare exceptions, all of which have long since migrated to neurology—think neurosyphilis, epilepsy, multiple sclerosis, Parkinson’s disease, Alzheimer’s dementia is still a borderline case—, these attempts have been unsuccessful for over 200 years.</p> <h3 id="ember896">Give us more money!</h3> <p id="ember897">But instead of finally abandoning the brain ideology with its molecules, genes, neuronal circuits and laboratory animals after so many falsifications and instead working mainly on and with <em>people</em>, these researchers concluded: “It is imperative for researchers, journals and funding agencies to reflect on the next steps in advancing biological psychiatry”(ibid., p. E8).</p> <p id="ember898">You have to let this logical short-circuit melt in your mouth: Our approach fails time and time again, and just failed again; you need to give us more money! In the interests of patients and society, however, this research project should not be developed further, but finally abandoned.</p> <p id="ember899">Psychiatry should be 80 percent psychosocial and a maximum of 20 percent biological. Incidentally, this new study with artificial intelligence has also shown what has been repeatedly confirmed for decades: The greatest influence on depression is the environment, expressed here as social support and experienced child abuse. Nobody was interested in this because they were doing real “medical and scientific” research. The social aspect then disappears from the radar, although it is much more important.</p> <p id="ember900">Below, I provide a brief historical overview of how psychiatry became so obsessed with the brain since the early 1800s, the era of phrenology. Based on this and some remarkable quotations from leading psychiatrists of our time, which they made only after their retirement, it should become clearer why I feel entitled to call this “brain ideology.” I should note that I myself worked in that field of research for my PhD, but left it in 2009 because I didn’t find it promising.</p> <h2 id="ember901">The dogma of biological psychiatry in historical perspective</h2> <h3 id="ember902">The disorders simply cannot be detected in the brain. What conclusions can be drawn from this?</h3> <p id="ember903">Biological psychiatry’s attempts to prove the existence of hundreds of disorders such as depression or anxiety and attention disorders in the brain fail time and again. Nevertheless, these researchers have been demanding more and more money for decades. And they usually get it. This has devastating consequences for other areas of research, clinical practice and therefore the well-being of patients.</p> <p id="ember904">In economic terms, this is called “opportunity costs”. What else do you lose if one branch of research dominates like that?</p> <h3 id="ember905">Opportunity costs</h3> <p id="ember906">The distribution of funds is not as innocent as it may seem at first glance. And it is by no means a purely scientific dispute. As a number of American and British psychiatrists pointed out a few years ago, every euro, pound or dollar can only be spent once. Due to the strong dominance of neuro-research, there is a lack of projects to prevent <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.cambridge.org/core/journals/the-british-journal-of-psychiatry/article/rethinking-funding-priorities-in-mental-health-research/3D8B174D491BFADD07071F7611B2638F" target="_self">psychological and psychiatric problems</a>, to support families who are having a hard time and to prevent suicides (Lewis-Fernández et al., 2016).</p> <p id="ember907">However, the situation in 2025 is that billions of research dollars worldwide—<a data-test-app-aware-link="" href="https://openurl.ebsco.com/EPDB:gcd:12:29381628/detailv2?sid=ebsco:plink:scholar&amp;id=ebsco:gcd:184675168&amp;crl=c&amp;link_origin=scholar.google.de" target="_self">shown here</a> using the example of the largest psychiatric research institution, the National Institute of Mental Health (NIMH) in the USA (Zilberstein et al., 2025)—are still being spent primarily on the search for neuronal causes. According to the most common official criteria, there are 227 valid symptom combinations for depression, <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.frontiersin.org/journals/psychiatry/articles/10.3389/fpsyt.2022.943049/full" target="_self">and as many as 116,220 for attention deficit disorder</a> (ADHD; Schleim, 2022). This complexity and vagueness, as determined by leading experts around the conference table, cannot be overcome with neuroscientific research.</p> <p id="ember908">In my German book <em>The Neurosociety</em> from 2011, I debunked some neuromyths. Ironically, it was reviewed by <em>the</em> leading European neuropsychologist in the <em>Journal of Neuropsychology</em> very favorably. Another institute director wrote to me that he largely agreed with me, but that he would not recommend the book to his staff. Otherwise he would have to fear that they would stop working. But that would have been the best conclusion.</p> <p id="ember909">In 2021, I called for the medical model in psychiatry to <a data-test-app-aware-link="" href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychiatrie-gebt-das-medizinische-modell-endlich-auf/" target="_self">finally be abandoned</a> and to return to people and their psychosocial needs. This would have saved many billions in research and could have been invested not only in prevention, but also in better training for clinical psychologists and psychiatrists. Anyone who thinks my criticism is exaggerated can take a look at a quote from Thomas Insel. He was director of the NIMH from 2002 to 2015 and decided on a budget worth billions every year. Amazingly, he, the “star neuroscientist”, <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.wired.com/2017/05/star-neuroscientist-tom-insel-leaves-google-spawned-verily-startup/" target="_self">told</a> <em>Wired</em>:</p> <blockquote> <p>“I spent 13 years at NIMH really pushing on the neuroscience and genetics of mental disorders, and when I look back on that I realize that while I think I succeeded at getting lots of really cool papers published by cool scientists at fairly large costs—I think $20 billion—I don’t think we moved the needle in reducing suicide, reducing hospitalizations, improving recovery for the tens of millions of people who have mental illness.” (Thomas Insel in <em>Wired</em>, 2017)</p> </blockquote> <h3 id="ember911">History</h3> <p id="ember912">A brief historical overview illustrates how this “cool research by cool scientists” has become the dominant trend in psychiatry.</p> <p id="ember913">The 19th century saw major upheavals in medicine. Inspired by scientific advances—associated with names that are still well-known today, such as Rudolf Virchow (1821-1902), Robert Koch (1843-1910) and Paul Ehrlich (1854-1915)—more and more bacteria, viruses and organic abnormalities were discovered as sources of disease. Psychiatry and psychotherapy in the modern sense were not yet known. There was pastoral care and prisons for the poor. The wealthy were sent to sanatoriums. Those who could really afford it hired a personal physician as a traveling companion to get a breath of fresh air and change their thoughts.</p> <p id="ember914">In the big cities, the misery of the poor was also great. Eventually, they—especially the elderly, beggars, people with dementia, epileptics and prostitutes who had nowhere else to go—were admitted to hospitals. Examples include the Salpêtrière in Paris, which was taken over by the psychiatric reformer Philippe Pinel (1745-1826) in 1795; the young Sigmund Freud (1856-1939) would later study here and be initiated into hypnosis. Or the Bethlem Hospital in London, which still exists today, where the doctor and pharmacist John Haslam (1764-1844) searched for the seat of depression in the brains of deceased patients around 1800—and even believed he had found it!</p> <p id="ember915">Psychiatry needed an organic cause for the “mental illnesses” in order to be perceived not just as pastors or “lunatic doctors”, but as real physicians. Fittingly, the doctor and anatomist Franz Joseph Gall (1758-1828) developed phrenology at the time. The medical profession was critical of the later popularization by Gall’s assistant, Johann Gaspar Spurzheim (1776-1832), and others. However, the view that “mental illnesses” had to be brain diseases fitted in with the spirit of the times. It solved the embarrassing dilemma of having no organ to point to.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-5_DE.png"><img alt="" decoding="async" height="499" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-5_DE-1024x499.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-5_DE-1024x499.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-5_DE-300x146.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-5_DE-768x374.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-5_DE-1536x748.png 1536w" width="1024"></img></a></figure> <p id="ember917"><strong>Figure 3:</strong> The idea of the functional specialization of the brain, indicated on the left by the phrenologists Gall and Spurzheim in an anatomical drawing from 1810, has inspired psychiatry and psychology to this day. However, the later popularization of the idea that personality traits can be recognized by the shape of the head, shown here in a book from 1859, brought phrenology into lasting disrepute.</p> <p id="ember918">The <em>hypothesis</em> of brain disorders finally became dogma in the course of the 19th century. Ronny Redlich’s <a data-test-app-aware-link="" href="https://pressemitteilungen.pr.uni-halle.de/index.php?modus=pmanzeige&amp;pm_id=5947" target="_self">statement above</a> that his—on closer inspection rather modest—study had shown the equivalence of psychotherapy <a data-test-app-aware-link="" href="https://pressemitteilungen.pr.uni-halle.de/index.php?modus=pmanzeige&amp;pm_id=5946" target="_self">“from a scientific-medical point of view</a>” illustrates the effect this still has today. Equivalent to what, actually? He meant psychopharmacological drugs.</p> <p id="ember919">This is an interesting example because, according to new epidemiological studies, they <a data-test-app-aware-link="" href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/bei-rund-90-wirken-antidepressiva-nicht-besser-als-placebo/" target="_self">hardly work better than placebo</a> for depression. The perhaps still somewhat optimistic finding that they <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.bmj.com/content/378/bmj-2021-067606.abstract" target="_self">help about 15 percent of those affected</a>, but then intensively (Stone et al., 2022), has just been further relativized by a brand new study: If you don’t just research this, funded by the pharmaceutical industry, in carefully selected patient groups, but in representative groups like those actually found in clinics, <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0895435625002768" target="_self">then the effectiveness is even lower</a> (Xu et al., 2025).</p> <h3 id="ember920">Broken brains?</h3> <p id="ember921">It is well known that people with psychological and psychiatric problems fear that they will not be taken seriously. However, it is astonishing that so many experts in the field still cling to the 200-year-old dogma, even <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.madinamerica.com/2025/05/heritability-explains-less-about-mental-disorders-than-you-think/" target="_self">persistently ignoring the genetic consensus since the 1970s</a>. As they fail to reduce their disorder categories to gene variations time and again, they are now chasing “hidden heritability” instead.</p> <p id="ember922">This is the “dark energy” of psychiatry, whereby physics is perhaps even more forgiven for assuming unobserved entities in order to maintain the otherwise very well-functioning standard model. But what could a “well-functioning standard model” of biological psychiatry be? That they can control some symptoms with psychoactive drugs or electrical current? This is also already known since the 19th century. And it leaves too many patients helpless and, in the worst case, with new problems because of severe side effects and drug dependence.</p> <p id="ember923">The wave of biological psychiatry that continues today emerged in the 1980s. At that time, the era of “neuro” and “gene” began. Thomas Insel’s pre-pre-pre-pre-predecessor as director at the NIMH, Alan Leshner, explained after his retirement how this worked: “Mental health advocates started referring to schizophrenia as a ‘brain disease’ and showing brain scans to members of congress to get them to increase funding for research. It really worked” (cited in <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.frontiersin.org/journals/psychiatry/articles/10.3389/fpsyt.2013.00141/full" target="_self">Satel &amp; Lilienfeld, 2014</a>, p. 4).</p> <p id="ember924">Leshner was in office from 1990 to 1992, just at the beginning of the “Decade of the Brain”—exceptionally as a neuropsychologist, not as a biological psychiatrist. Today, 30 years later, psychiatrists want to <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/a-2517-2641" target="_self">replace the concept of “schizophrenia”</a> (Böge et al., 2025), partly because it can cause more suffering in patients than it helps.</p> <p id="ember925">Leshner was rewarded for his commitment to psychiatry by being appointed the first director of the newly founded National Institute on Drug Abuse (NIDA). One of his major achievements was to <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.science.org/doi/abs/10.1126/science.278.5335.45" target="_self">present addiction as a brain disease</a> (Leshner, 1997). If it worked in the time of the phrenologists, why not in the late 1990s? A good 25 years later, the USA has <a data-test-app-aware-link="" href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/opioide-wennnicht-drogen-sondern-medikamente-und-die-falsche-politik-toeten/" target="_self">an unprecedented addiction problem</a> with many deaths and even more misery.</p> <p id="ember926">But for the researchers, the math worked out: In the words of Thomas Insel, they had great opportunities for “cool careers with cool papers”. There was no shortage of research billions. A neuropsychiatrist I hold in high esteem <a data-test-app-aware-link="" href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/es-geht-nicht-ganz-ohne-soziale-normen/" target="_self">once said in an interview</a>: “At scientific congresses, you don’t go down so well with social psychiatric presentations in this day and age. And people also want to make a career.” I agree.</p> <h3 id="ember927">Present</h3> <p id="ember928">What matters most to human beings is hardly respected in research, which obsessively wants to be “medical and scientific” but is in reality primarily ideology. One could smile about the coup if there wasn’t so much at stake: The anti-addiction drugs promised by Leshner and many others, for example, have largely remained a dream, while today many millions of people are living an addictive nightmare.</p> <p id="ember929">The better therapies promised in the German 2004 “<a data-test-app-aware-link="" href="https://www.spektrum.de/thema/das-manifest/852357" target="_self">Manifesto of Leading Brain Researchers</a>” still do not exist. And <em>all </em>of <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.jstor.org/stable/26001977" target="_self">the advances in biological psychiatry promised by Thomas Insel</a> in 2010 for the year 2020—including diagnostic biomarkers, better therapies and even vaccinations against mental disorders—are still missing today (Insel, 2010). A decade after he vacated his billion-dollar director’s chair at the NIMH, Insel explained the issue of “faulty brain circuits” as a metaphor. We still don’t know enough about the brain. Ah, I see.</p> <p id="ember930">With Leshner, you could say: “It really worked.” In his new book <em>Healing: Our Path from Mental Illness to Mental Health</em> Insel explained that solving the mental health crisis might require solving social-institutional problems after all (Insel, 2022). Ah, I see. Biological psychiatry, which mainly wants to push molecules around, has no answer to that.</p> <h3 id="ember931">Hypes</h3> <p id="ember932">When I was doing my doctorate in this field, “personalized medicine” was in vogue. In the biomedical paradigm, however, this was just a cipher for even more biotechnological medicine. Because that didn’t help many patients, the next thing they came up with was “translational medicine”: As if medical research didn’t always have to be practical, application-oriented and in the interests of those affected. They now call the latest hype “precision medicine”.</p> <p id="ember933">I didn’t like the idea of always having to sell something preliminary and hypothetical as a major breakthrough. That’s why I stopped doing this research in 2010. Since then, I’ve been surprised more than once by researchers with great careers who acknowledge criticism in personal conversations—only to tell the something completely different in research proposals, public lectures or media interviews. Is this just functional optimism or is it already a psychological-psychiatric disorder, keyword “loss of reality”?</p> <p id="ember934">For the publication criticized above under the leadership of Ronny Redlich in the journal <em>Translational Psychiatry</em> the publisher paid 4000 euros in publication costs according to the price list. I would have to pay 1300 euros to publish my criticism. So it will just be a LinkedIn article. However, it should have become clear that those seeking help are not served by tracing the neuronal imprints of psychosocial therapy.</p> <h3 id="ember935">The future</h3> <p id="ember936">Swiss psychiatry professor Matthias Jäger <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/html/10.1055/a-2565-6993" target="_self">recently criticized the flood of patients</a> following the many destigmatization campaigns in society: “[The social aspect of psychiatry] does not mean that psychiatry is responsible for remedying social problems and socially undesirable behavior of any kind” (Jäger, 2025; transl.). This brings us back to the early 19th century, to a certain extent before the medical professionalization of the discipline, to the time of poorhouses and asylums.</p> <p id="ember937">Thanks to tight budgets, a lack of prevention and the prospect of further welfare cuts for national defense, we cannot assume a decrease in psychological and psychiatric disorders. In the UK, however, where social cuts are already one or two steps further and people’s need is correspondingly great, new solutions are also emerging:</p> <p id="ember938">There is a ministry against loneliness. A network of critical psychiatrists including Joanna Moncrieff, a professor of psychiatry in London, helps people to stop taking antidepressants. The fact that patients can become dependent on them has long been denied. And local community help should be available to people where they live and navigate the challenges of their everyday lives.</p> <p id="ember939">Here in my article, a possibility was identified where a few billion could be saved immediately (globally) and still hundreds of millions in Europe. And if psychology (literally: the study of the soul) and psychiatry (literally: the healing of the soul) overcome their lack of soul and once again appreciate people as the biopsychosocial beings that they are, perhaps problems will be solved again and not just symptoms treated. Decades of psychotherapy research have also come to the conclusion that relationships and the environment are the key factors.</p> <p id="ember940">Nevertheless, I would like to express my sincere respect for all psychiatrists who, despite the difficult conditions, face the challenges of their work, often day and night. My criticism is not directed at them, but at the biological dogma that restricts research and practice.</p> <p id="ember941">This shows us alternatives. Whether we pursue them depends on our decisions, both individually and collectively.</p> <h3 id="ember942">P.S. Deeper statistical criticism</h3> <p id="ember943">For those who are inclined to read on, I have three statistical points here that further relativize the results of the study discussed: The first has to do with the localization of the brain structures; the second with a necessary correction for the already weak correlation; and the third with a correction for medication use.</p> <p id="ember944">For the study, structural brain images were taken with a spatial resolution of 1 x 1 x 1 mm³ (Zwiky et al., 2025). Such a cube is called a “voxel”, similar to the pixels on a computer screen. The amygdalae are <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0925492709002716" target="_self">just 1.5 cm, or 15 mm, in size</a> (Brabec et al., 2010). In the study led by Ronny Redlich, the image data was smoothed with a size of 8 mm. In principle, this is done to improve the signal-to-noise ratio, but in this case it is already half the length of amygdala. This can blur the boundaries between the areas.</p> <p id="ember945">In general, I was surprised that the question of anatomical identification was not discussed in detail in the study. It has long been known that small structures such as the amygdalae and the hippocampi <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0165027009001447" target="_self">can be confused with each other</a> (Ball et al., 2009). This initially referred to measurements of brain function with a poorer spatial resolution. But neuroscientists working at the microscope are regularly amazed at the ease with which anatomical regions are determined in such studies. In the present case, it appears that they relied entirely on the software to do this at the touch of a button.</p> <p id="ember946">But what I’m really trying to get at is how variable such measures of brain volume can be. This is shown in the following figure:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-3_DE.jpg"><img alt="" decoding="async" height="700" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 641px) 100vw, 641px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-3_DE.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-3_DE.jpg 641w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-3_DE-275x300.jpg 275w" width="641"></img></a></figure> <p id="ember948"><strong>Figure 4:</strong> In this comparative study with 110 control subjects each without a psychological-psychiatric diagnosis (HC), with depression (MDD), bipolar disorder (BD) and a schizophrenia spectrum disorder (SSD), large overlaps can be seen between the groups and minimal differences in the mean value. The measure of volume change is plotted on the y-axis, here for the left hippocampus, a structure close to the amygdala. Source: adapted from <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.nature.com/articles/s41380-022-01687-4" target="_self">Brosch et al., 2022</a>; License: <a data-test-app-aware-link="" href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/" target="_self">CC BY 4.0</a></p> <p id="ember949">Even the untrained eye should immediately notice the overlap between the four groups: The individual points, which represent the brain data of individual people, almost all fall within the range of -0.05 to 0.05. It goes without saying that no diagnosis is possible with such data using a brain scanner. This also illustrates how important the comparison with control groups is. Incidentally, the groups here were almost four times as large as in the psychotherapy study.</p> <p id="ember950">Finally, we question the correlation once again: We remember that the researchers used different questionnaires to determine depressive symptoms and alexithymia (emotional disturbance). Since they were looking at two points in time, before and after therapy, they calculated the difference (Δ, delta). They did the same for four brain regions: the two amygdalae and two parts of the right hippocampus. Correlating all questionnaires with all brain regions, we get 6 x 4 = 24 results.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-4_DE.png"><img alt="" decoding="async" height="1688" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2488px) 100vw, 2488px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-4_DE.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-4_DE.png 2488w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-4_DE-300x204.png 300w" width="2488"></img></a></figure> <p id="ember952"><strong>Figure 5:</strong> The correlation matrix of the study. The result in bold in the eighth row, for the right amygdala, is decisive for us. The value of 0.321 is also the slope of the straight line in Figures 1 and 2. The statistical test was just significant at the usual p &lt; 0.05 level with p = 0.042. Source: <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.nature.com/articles/s41398-025-03545-7" target="_self">Zwiky et al., 2025</a>; License: <a data-test-app-aware-link="" href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/" target="_self">CC BY 4.0</a></p> <p id="ember953">Every statistical test has a certain probability of error. With the relevant calculations on the matrix, the researchers basically attempted to test the null hypothesis that there is <em>no</em> correlation between two variables 6 x 4, i.e. 24 times. In my opinion, the casual significance threshold of p &lt; 0.05 is then no longer sufficient to rule out random hits.</p> <p id="ember954">This would eliminate the main finding of the already speculative study. Incidentally, the correlation value of 0.321 means that just 15 percent of the differences at the psychological level can be explained by differences in the right amygdala. How does this relate to the far-reaching statements in the press release?</p> <p id="ember955">Finally, we also remember the possibility that the result could have been pulled up by people from the patient group with the medication (Figure 2). I therefore suggested calculating the correlation without the data from these nine participants. Then it might no longer be statistically significant. But the authors would have to investigate this themselves.</p> <p id="ember956">In the very last sentence of the supplementary material of the study, there is a reference to the fact that the status of the medication was compared with the difference in brain volume. Apart from the fact that this effect just missed the significance threshold with p = 0.068, this is not a clean procedure in my opinion: The fact that such a test is not positive should not lead to the conclusion that there is no effect. The study could also simply have too little statistical power, for example because the group size was too small.</p> <p id="ember957">Compared to the far-reaching conclusions drawn from the study, the data and its interpretation seem very speculative to me.</p> <h2 id="ember958">References</h2> <ul> <li>Ball, T., Derix, J., Wentlandt, J., Wieckhorst, B., Speck, O., Schulze-Bonhage, A., &amp; Mutschler, I. 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Despite ongoing criticism of the effectiveness of so-called antidepressants, enough of them are now prescribed in Germany to treat five million people every day. Many people seek psychotherapeutic help. For those with statutory health insurance, waiting times are painfully long, while psychology associations are calling for more treatment places and funding has remained unclear since the reform of training to become a psychotherapist. (Incidentally, Germany also has a private healthcare system with better services for those who can afford it and for civil servants.) That alone could make you depressed.</p> <p id="ember852">A research group led by Ronny Redlich, Professor of Biological and Clinical Psychology at the University of Halle-Wittenberg, has now investigated the possible effects of psychotherapy on the brain in more detail. “More gray matter through psychotherapy,” commented <a data-test-app-aware-link="" href="https://pressemitteilungen.pr.uni-halle.de/index.php?modus=pmanzeige&amp;pm_id=5947" target="_self">the university’s press release</a> on August 27. It sounds like a breakthrough: “Now, for the first time, we have a valid biomarker for the effect of psychotherapy on brain structure,” explains the professor. “To put it simply: psychotherapy changes the brain.”</p> <p id="ember853">Well. Reading this article changes your brain (hopefully in a positive way). Walks in nature change the brain. Throughout our lives, everything we do and perceive changes the brain. It is a plastic organ with around 86 billion nerve cells that still hides many secrets of its functioning from us. Let’s take a closer look at the new study.</p> <h2 id="h-the-study">The study</h2> <p id="ember855">For the study now published in the journal <em>Translational Psychiatry</em> 30 people with an average age of 28 and a diagnosis of depression <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.nature.com/articles/s41398-025-03545-7" target="_self">were examined</a> (Zwiky et al., 2025). Their brain structure was recorded twice using magnetic resonance imaging (MRI): once shortly before the start of cognitive behavioral therapy and then after around 22 therapy sessions or 40 weeks later. According to the researchers, the focus of the brain examinations was on structures of the limbic system such as the amygdalae or hippocampi. These are often associated with emotion processing.</p> <p id="ember856">By the way: What exactly belongs to the “limbic system” is not so clear, Latin <em>limbus</em> simply means “hem”. In addition, the explanatory power of the brain model, which assigns mental processes to specific brain regions, has <a data-test-app-aware-link="" href="https://direct.mit.edu/imag/article/doi/10.1162/imag_a_00138/120390" target="_self">faced increasing opposition</a> in recent years (Noble et al., 2024). However, the alternative view that the brain is a holistic network does not explain much—and above all does not justify the use of scanners costing millions. As is so often the case in science: “It’s complex!”<aside></aside></p> <p id="ember857">First of all, the study showed that psychotherapy helped: various questionnaires measuring depressive symptoms showed a decrease. These effects were strong and statistically very significant. In 19 of the 30 people, depression was partially or completely improved after the 40 weeks. And what did the brain show?</p> <p id="ember858">The volume of gray matter had increased in both amygdalae as well as in the right hippocampus. However, this was only evident in a targeted search in these regions and not when looking at the whole brain. The so-called “region of interest” analyses can circumvent the problem of having to control more for random hits.</p> <p id="ember859">If you examine the entire brain, you calculate tens of thousands of statistical tests, all of which have a certain probability of error. As a rule, however, the alternative procedure indicates smaller effects. And in fact, the brain result was weaker than the evaluation of the questionnaires.</p> <h3 id="ember860">Brain findings</h3> <p id="ember861">So let’s take a look at the brain findings:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-1-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="459" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-1-1-1024x459.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-1-1-1024x459.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-1-1-300x135.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-1-1-768x345.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-1-1-1536x689.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-1-1.jpg 1975w" width="1024"></img></a></figure> <p id="ember863"><strong>Figure 1:</strong> The figure on the right shows a positive statistical finding for the two amygdalae. On the left is a correlation of the change in the right amygdala (y-axis) and a measure of emotion identification (x-axis). This correlation was just so significant at the p &lt; 0.05 level. Source: <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.nature.com/articles/s41398-025-03545-7" target="_self">Zwiky et al, 2025</a>; License: <a data-test-app-aware-link="" href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/" target="_self">CC BY 4.0</a></p> <p id="ember864">However, there was no direct correlation between the measured values for the depressive symptoms and the brain changes. Only when evaluating a questionnaire for alexithymia—a technical term for problems perceiving and describing feelings—was there a hit. And then only for the sub-item “Difficulty describing feelings”.</p> <p id="ember865">The publication was built around this theme, as the researchers put it in their second hypothesis: “We further hypothesize regional volumetric changes to be related to improvements in alexithymia rather than declines in overall depressive symptom severity” (Zwiky et al., 2025, p. 2).</p> <p id="ember866">It is a pity that the researchers did not register their study in advance. This is common practice in drug research, with which they compared their results in the press release. And in the course of the crisis in psychology over the last ten to 15 years, the importance of this procedure has been emphasized time and again: without registration, researchers can knit a story around a chance finding afterwards as if that was exactly what they were looking for.</p> <p id="ember867">I don’t want to accuse this research group of anything. I can only say that this doesn’t make sense to me: If you know about the positive effect of cognitive behavioral therapy on depressive symptoms and want to pin this down in the brain, why do you narrow your focus to alexithymia? And why then only on the aspect of describing feelings?</p> <p id="ember868">At the end of the article, I will discuss another reason why I think the correlation in Figure 1 is problematic. But that will be a bit more complex. At this point, I would like to address two important points of criticism that should be understandable to laypeople.</p> <h3 id="ember869">Lack of controls</h3> <p id="ember870">We remember the core message: psychotherapy changes the brain structure. However, I fear that the study cannot support this result—due to fundamental flaws in the study design:</p> <p id="ember871">According to the study, the gray matter—on average of the 30 people—was slightly more pronounced in some brain regions after 40 weeks or 22 therapy sessions. This is initially only a correlation. How do we know that there really is a <em>causal</em> connection, that it was really the psychotherapy that brought about the brain changes?</p> <p id="ember872">To make this conclusion at least plausible, the researchers would have had to compare these 30 people with a control group that did not differ from the target group in any way—except for therapy. Ideally, there would have been two additional groups with a diagnosis of depression: one that went for regular walks in nature, for example, and one that did nothing at all while waiting for a place in therapy. There are (unfortunately) more than enough of these. That would have been important because, firstly, going for walks also changes the brain and, secondly, a depressive episode often passes on its own after four to nine months, even without treatment.</p> <p id="ember873">Admittedly, making people in the control group wait for a place in therapy is not without its problems. Nevertheless, there are <a data-test-app-aware-link="" href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/wps.21069" target="_self">always control groups in good psychotherapy research</a> (e.g. Cuijpers et al., 2023). Without these, it is impossible to interpret a result causally. For comparison: you may have good reasons for not having any money with you when you come back from sport and want to buy some apple juice, but it is still not right to take it with you without paying. Similarly, you cannot do without the control group if you specifically want to investigate the effect of psychotherapy, even if you have good reasons for doing so.</p> <p id="ember874">But even that would not be the biggest problem. We’ll come to that now.</p> <h3 id="ember875">Medication</h3> <p id="ember876">However, a second problem is even more serious: Of the 30 people, nine—almost a third—were taking so-called antidepressants; seven of these nine were even taking high doses. However, it has long been known that in people with depression but without medication <em>smaller</em> amygdalae and in those with medication <em>larger</em> ones were measured. This was shown, for example, in a <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.nature.com/articles/mp200857" target="_self">much-cited meta-analysis</a> from 2008 (Hamilton et al., 2008). With this in mind, let’s take a closer look at the correlation in Figure 1:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-2-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="618" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-2-1-1024x618.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-2-1-1024x618.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-2-1-300x181.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-2-1-768x463.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-2-1.jpg 1182w" width="1024"></img></a></figure> <p id="ember878"><strong>Figure 2:</strong> The figure again shows the change in the volume of the right amygdala (y-axis) in relation to the measured value for the identification of feelings (x-axis). The blue circle in the middle shows nine people for whom, roughly, nothing has changed and the orange rectangle in the top right shows six people who, as it were, “pull up” the result—the dashed straight line below. Source: adapted from <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.nature.com/articles/s41398-025-03545-7" target="_self">Zwiky et al., 2025</a>; License: <a data-test-app-aware-link="" href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/" target="_self">CC BY 4.0</a></p> <p id="ember879">We can see from the figure that for some people in the study—those in the blue circle—neither the volume in the right amygdala nor the identification of feelings changed significantly. The already small effect is mainly pulled upwards by the six people in the orange rectangle.</p> <p id="ember880">If some of them took medication, this could better explain the change in brain volume, while the researchers attribute the result to psychotherapy. That would be a gross mistake. Therefore, in my opinion, they should definitely repeat the analysis again without the antidepressant group.</p> <h3 id="ember881">Old wine</h3> <p id="ember882">We remember that <a data-test-app-aware-link="" href="https://pressemitteilungen.pr.uni-halle.de/index.php?modus=pmanzeige&amp;pm_id=5947" target="_self">the press release</a> presented the result as new: “For the first time, the researchers have also documented concrete anatomical changes.” And study leader Redlich added: “Now, for the first time, we have a valid biomarker for the effect of psychotherapy on brain structure. To put it simply: psychotherapy changes the brain.”</p> <p id="ember883">This presentation is very strange for two reasons: Firstly, no one seriously doubts that psychotherapy changes the brain. Just learning anything, say the melody of “All My Ducklings” on the piano, changes something in the body and especially in the brain. Secondly, brain changes have often been reported in connection with psychotherapy.</p> <p id="ember884">For example, back in 2012, the Bremen “<a data-test-app-aware-link="" href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0033745" target="_self">Hanse-Neuropsychoanalysis Study</a>” by Anna Buchheim and with the participation of the now deceased German “brain guru” Gerhard Roth (1942-2023) traced brain changes over the course of 15 months of psychoanalytic psychotherapy. At that time, too, the main focus was on the limbic system and differences in the right amygdala. This study is not even mentioned by the researchers from Halle-Wittenberg.</p> <p id="ember885">Anna Buchheim, Gerhard Roth and two colleagues published a commentary on this in 2012 in the German <em>Gehirn&amp;Geist</em> with the title “<a data-test-app-aware-link="" href="https://www.spektrum.de/magazin/das-hirn-heilt-mit/1165513" target="_self">The brain also heals</a>“. In it, they wrote that there had been around 15 neuroscientific studies on the effectiveness of psychotherapy in 2005 and 40 in 2012. How can such results still be considered new in 2025?</p> <h3 id="ember886">Caution</h3> <p id="ember887">These and a number of other problems should make us cautious when interpreting the results. In the new publication, the researchers themselves referred to the small group size. The fact that there was no control group without treatment was also acknowledged as a limiting factor. And in particular: “As correlations between gray matter volume increases and enhancements in specific psychological functions … were only small, they need to be interpreted with caution” (Zwiky et al., 2025, p. 5).</p> <p id="ember888">How does this fit in with presenting the study to the media as a major breakthrough? Incidentally, the claim that psychotherapy has proven the development of new “gray cells” is nonsense: You can’t even determine this with such a crude MRI measurement in the living brain.</p> <p id="ember889">Whether new neurons are created in the brain at all after the age of around 14 is a matter of debate among experts. This would actually require a biopsy and even then it is not trivial to distinguish new from old neurons among billions of cells. For ethical reasons, this is of course forbidden in living people and the interpretation of the results from dead bodies is still being debated. Recently, a research group concluded that the <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.nature.com/articles/s41380-021-01314-8" target="_self">significance of this phenomenon should not be overestimated</a>, <em>even if</em> it occurs in adults (Duque et al., 2022).</p> <p id="ember890">I find this <a data-test-app-aware-link="" href="https://pressemitteilungen.pr.uni-halle.de/index.php?modus=pmanzeige&amp;pm_id=5946" target="_self">conclusion</a> by study leader Redlich particularly problematic: “It is therefore all the more encouraging that we were able to show in our study that psychotherapy is an equally effective alternative from a medical and scientific standpoint.” This expresses the old trauma of psychology and psychiatry: Something can only be true if it is <em>neurologically</em> proven. Is that what you do when someone says, “I am your friend” or “I love you”, that you then ask for a brain scan as proof instead of looking at the person’s behavior?</p> <p id="ember891">But of course, exaggerations—where all criticism, restrictions and restraint are forgotten—are a feast for the media. So it rustled through the press at the speed of light: “Depression: More grey cells through psychotherapy” (Deutschlandfunk), “Depression: Psychotherapy builds up grey cells” (Scinexx), “Psychotherapy changes the brain” (wissenschaft.de), “More grey cells through psychotherapy” (Ärztenachrichtendienst) or “Depression: How psychotherapy strengthens the brain” (MDR)—to name just the first few online hits.</p> <h3 id="ember892">Biological Psychiatry</h3> <p id="ember893">I’ll take it a little further. Let’s remember what the statistically strongest finding of the study was: Of the 30 people, 19 had experienced a moderate or strong improvement after 22 psychotherapy sessions. But what the media are jumping on is the brain finding, which is neither new nor surprising, but very speculative in this study.</p> <p id="ember894">The head of the study, Ronny Redlich, was also involved in a more recent study that allows us to look deep into the soul of biological psychiatry. In it, dozens of authors, including many big names in psychiatric research in Germany today, searched <a data-test-app-aware-link="" href="https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2813979" target="_self">for a biomarker for depression</a> (Winter et al., 2024). Despite all the brain talk, many laypeople are unaware that neither depression nor any of the other hundreds of psychological and psychiatric disorders can be diagnosed neuroscientifically. In the new study, the experts tried artificial intelligence.</p> <p id="ember895">The sobering result surprised them: “Despite the improved predictive capability … no informative individual-level major depressive disorder biomarker—even under extensive machine learning optimization in a large sample of diagnosed patients—could be identified” (Winter et al., 2024, E1). Since at least the early 1800s, biological psychiatrists have tried every trick in the book to find the organic cause of depression and other disorders. With rare exceptions, all of which have long since migrated to neurology—think neurosyphilis, epilepsy, multiple sclerosis, Parkinson’s disease, Alzheimer’s dementia is still a borderline case—, these attempts have been unsuccessful for over 200 years.</p> <h3 id="ember896">Give us more money!</h3> <p id="ember897">But instead of finally abandoning the brain ideology with its molecules, genes, neuronal circuits and laboratory animals after so many falsifications and instead working mainly on and with <em>people</em>, these researchers concluded: “It is imperative for researchers, journals and funding agencies to reflect on the next steps in advancing biological psychiatry”(ibid., p. E8).</p> <p id="ember898">You have to let this logical short-circuit melt in your mouth: Our approach fails time and time again, and just failed again; you need to give us more money! In the interests of patients and society, however, this research project should not be developed further, but finally abandoned.</p> <p id="ember899">Psychiatry should be 80 percent psychosocial and a maximum of 20 percent biological. Incidentally, this new study with artificial intelligence has also shown what has been repeatedly confirmed for decades: The greatest influence on depression is the environment, expressed here as social support and experienced child abuse. Nobody was interested in this because they were doing real “medical and scientific” research. The social aspect then disappears from the radar, although it is much more important.</p> <p id="ember900">Below, I provide a brief historical overview of how psychiatry became so obsessed with the brain since the early 1800s, the era of phrenology. Based on this and some remarkable quotations from leading psychiatrists of our time, which they made only after their retirement, it should become clearer why I feel entitled to call this “brain ideology.” I should note that I myself worked in that field of research for my PhD, but left it in 2009 because I didn’t find it promising.</p> <h2 id="ember901">The dogma of biological psychiatry in historical perspective</h2> <h3 id="ember902">The disorders simply cannot be detected in the brain. What conclusions can be drawn from this?</h3> <p id="ember903">Biological psychiatry’s attempts to prove the existence of hundreds of disorders such as depression or anxiety and attention disorders in the brain fail time and again. Nevertheless, these researchers have been demanding more and more money for decades. And they usually get it. This has devastating consequences for other areas of research, clinical practice and therefore the well-being of patients.</p> <p id="ember904">In economic terms, this is called “opportunity costs”. What else do you lose if one branch of research dominates like that?</p> <h3 id="ember905">Opportunity costs</h3> <p id="ember906">The distribution of funds is not as innocent as it may seem at first glance. And it is by no means a purely scientific dispute. As a number of American and British psychiatrists pointed out a few years ago, every euro, pound or dollar can only be spent once. Due to the strong dominance of neuro-research, there is a lack of projects to prevent <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.cambridge.org/core/journals/the-british-journal-of-psychiatry/article/rethinking-funding-priorities-in-mental-health-research/3D8B174D491BFADD07071F7611B2638F" target="_self">psychological and psychiatric problems</a>, to support families who are having a hard time and to prevent suicides (Lewis-Fernández et al., 2016).</p> <p id="ember907">However, the situation in 2025 is that billions of research dollars worldwide—<a data-test-app-aware-link="" href="https://openurl.ebsco.com/EPDB:gcd:12:29381628/detailv2?sid=ebsco:plink:scholar&amp;id=ebsco:gcd:184675168&amp;crl=c&amp;link_origin=scholar.google.de" target="_self">shown here</a> using the example of the largest psychiatric research institution, the National Institute of Mental Health (NIMH) in the USA (Zilberstein et al., 2025)—are still being spent primarily on the search for neuronal causes. According to the most common official criteria, there are 227 valid symptom combinations for depression, <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.frontiersin.org/journals/psychiatry/articles/10.3389/fpsyt.2022.943049/full" target="_self">and as many as 116,220 for attention deficit disorder</a> (ADHD; Schleim, 2022). This complexity and vagueness, as determined by leading experts around the conference table, cannot be overcome with neuroscientific research.</p> <p id="ember908">In my German book <em>The Neurosociety</em> from 2011, I debunked some neuromyths. Ironically, it was reviewed by <em>the</em> leading European neuropsychologist in the <em>Journal of Neuropsychology</em> very favorably. Another institute director wrote to me that he largely agreed with me, but that he would not recommend the book to his staff. Otherwise he would have to fear that they would stop working. But that would have been the best conclusion.</p> <p id="ember909">In 2021, I called for the medical model in psychiatry to <a data-test-app-aware-link="" href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychiatrie-gebt-das-medizinische-modell-endlich-auf/" target="_self">finally be abandoned</a> and to return to people and their psychosocial needs. This would have saved many billions in research and could have been invested not only in prevention, but also in better training for clinical psychologists and psychiatrists. Anyone who thinks my criticism is exaggerated can take a look at a quote from Thomas Insel. He was director of the NIMH from 2002 to 2015 and decided on a budget worth billions every year. Amazingly, he, the “star neuroscientist”, <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.wired.com/2017/05/star-neuroscientist-tom-insel-leaves-google-spawned-verily-startup/" target="_self">told</a> <em>Wired</em>:</p> <blockquote> <p>“I spent 13 years at NIMH really pushing on the neuroscience and genetics of mental disorders, and when I look back on that I realize that while I think I succeeded at getting lots of really cool papers published by cool scientists at fairly large costs—I think $20 billion—I don’t think we moved the needle in reducing suicide, reducing hospitalizations, improving recovery for the tens of millions of people who have mental illness.” (Thomas Insel in <em>Wired</em>, 2017)</p> </blockquote> <h3 id="ember911">History</h3> <p id="ember912">A brief historical overview illustrates how this “cool research by cool scientists” has become the dominant trend in psychiatry.</p> <p id="ember913">The 19th century saw major upheavals in medicine. Inspired by scientific advances—associated with names that are still well-known today, such as Rudolf Virchow (1821-1902), Robert Koch (1843-1910) and Paul Ehrlich (1854-1915)—more and more bacteria, viruses and organic abnormalities were discovered as sources of disease. Psychiatry and psychotherapy in the modern sense were not yet known. There was pastoral care and prisons for the poor. The wealthy were sent to sanatoriums. Those who could really afford it hired a personal physician as a traveling companion to get a breath of fresh air and change their thoughts.</p> <p id="ember914">In the big cities, the misery of the poor was also great. Eventually, they—especially the elderly, beggars, people with dementia, epileptics and prostitutes who had nowhere else to go—were admitted to hospitals. Examples include the Salpêtrière in Paris, which was taken over by the psychiatric reformer Philippe Pinel (1745-1826) in 1795; the young Sigmund Freud (1856-1939) would later study here and be initiated into hypnosis. Or the Bethlem Hospital in London, which still exists today, where the doctor and pharmacist John Haslam (1764-1844) searched for the seat of depression in the brains of deceased patients around 1800—and even believed he had found it!</p> <p id="ember915">Psychiatry needed an organic cause for the “mental illnesses” in order to be perceived not just as pastors or “lunatic doctors”, but as real physicians. Fittingly, the doctor and anatomist Franz Joseph Gall (1758-1828) developed phrenology at the time. The medical profession was critical of the later popularization by Gall’s assistant, Johann Gaspar Spurzheim (1776-1832), and others. However, the view that “mental illnesses” had to be brain diseases fitted in with the spirit of the times. It solved the embarrassing dilemma of having no organ to point to.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-5_DE.png"><img alt="" decoding="async" height="499" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-5_DE-1024x499.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-5_DE-1024x499.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-5_DE-300x146.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-5_DE-768x374.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-5_DE-1536x748.png 1536w" width="1024"></img></a></figure> <p id="ember917"><strong>Figure 3:</strong> The idea of the functional specialization of the brain, indicated on the left by the phrenologists Gall and Spurzheim in an anatomical drawing from 1810, has inspired psychiatry and psychology to this day. However, the later popularization of the idea that personality traits can be recognized by the shape of the head, shown here in a book from 1859, brought phrenology into lasting disrepute.</p> <p id="ember918">The <em>hypothesis</em> of brain disorders finally became dogma in the course of the 19th century. Ronny Redlich’s <a data-test-app-aware-link="" href="https://pressemitteilungen.pr.uni-halle.de/index.php?modus=pmanzeige&amp;pm_id=5947" target="_self">statement above</a> that his—on closer inspection rather modest—study had shown the equivalence of psychotherapy <a data-test-app-aware-link="" href="https://pressemitteilungen.pr.uni-halle.de/index.php?modus=pmanzeige&amp;pm_id=5946" target="_self">“from a scientific-medical point of view</a>” illustrates the effect this still has today. Equivalent to what, actually? He meant psychopharmacological drugs.</p> <p id="ember919">This is an interesting example because, according to new epidemiological studies, they <a data-test-app-aware-link="" href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/bei-rund-90-wirken-antidepressiva-nicht-besser-als-placebo/" target="_self">hardly work better than placebo</a> for depression. The perhaps still somewhat optimistic finding that they <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.bmj.com/content/378/bmj-2021-067606.abstract" target="_self">help about 15 percent of those affected</a>, but then intensively (Stone et al., 2022), has just been further relativized by a brand new study: If you don’t just research this, funded by the pharmaceutical industry, in carefully selected patient groups, but in representative groups like those actually found in clinics, <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0895435625002768" target="_self">then the effectiveness is even lower</a> (Xu et al., 2025).</p> <h3 id="ember920">Broken brains?</h3> <p id="ember921">It is well known that people with psychological and psychiatric problems fear that they will not be taken seriously. However, it is astonishing that so many experts in the field still cling to the 200-year-old dogma, even <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.madinamerica.com/2025/05/heritability-explains-less-about-mental-disorders-than-you-think/" target="_self">persistently ignoring the genetic consensus since the 1970s</a>. As they fail to reduce their disorder categories to gene variations time and again, they are now chasing “hidden heritability” instead.</p> <p id="ember922">This is the “dark energy” of psychiatry, whereby physics is perhaps even more forgiven for assuming unobserved entities in order to maintain the otherwise very well-functioning standard model. But what could a “well-functioning standard model” of biological psychiatry be? That they can control some symptoms with psychoactive drugs or electrical current? This is also already known since the 19th century. And it leaves too many patients helpless and, in the worst case, with new problems because of severe side effects and drug dependence.</p> <p id="ember923">The wave of biological psychiatry that continues today emerged in the 1980s. At that time, the era of “neuro” and “gene” began. Thomas Insel’s pre-pre-pre-pre-predecessor as director at the NIMH, Alan Leshner, explained after his retirement how this worked: “Mental health advocates started referring to schizophrenia as a ‘brain disease’ and showing brain scans to members of congress to get them to increase funding for research. It really worked” (cited in <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.frontiersin.org/journals/psychiatry/articles/10.3389/fpsyt.2013.00141/full" target="_self">Satel &amp; Lilienfeld, 2014</a>, p. 4).</p> <p id="ember924">Leshner was in office from 1990 to 1992, just at the beginning of the “Decade of the Brain”—exceptionally as a neuropsychologist, not as a biological psychiatrist. Today, 30 years later, psychiatrists want to <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/a-2517-2641" target="_self">replace the concept of “schizophrenia”</a> (Böge et al., 2025), partly because it can cause more suffering in patients than it helps.</p> <p id="ember925">Leshner was rewarded for his commitment to psychiatry by being appointed the first director of the newly founded National Institute on Drug Abuse (NIDA). One of his major achievements was to <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.science.org/doi/abs/10.1126/science.278.5335.45" target="_self">present addiction as a brain disease</a> (Leshner, 1997). If it worked in the time of the phrenologists, why not in the late 1990s? A good 25 years later, the USA has <a data-test-app-aware-link="" href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/opioide-wennnicht-drogen-sondern-medikamente-und-die-falsche-politik-toeten/" target="_self">an unprecedented addiction problem</a> with many deaths and even more misery.</p> <p id="ember926">But for the researchers, the math worked out: In the words of Thomas Insel, they had great opportunities for “cool careers with cool papers”. There was no shortage of research billions. A neuropsychiatrist I hold in high esteem <a data-test-app-aware-link="" href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/es-geht-nicht-ganz-ohne-soziale-normen/" target="_self">once said in an interview</a>: “At scientific congresses, you don’t go down so well with social psychiatric presentations in this day and age. And people also want to make a career.” I agree.</p> <h3 id="ember927">Present</h3> <p id="ember928">What matters most to human beings is hardly respected in research, which obsessively wants to be “medical and scientific” but is in reality primarily ideology. One could smile about the coup if there wasn’t so much at stake: The anti-addiction drugs promised by Leshner and many others, for example, have largely remained a dream, while today many millions of people are living an addictive nightmare.</p> <p id="ember929">The better therapies promised in the German 2004 “<a data-test-app-aware-link="" href="https://www.spektrum.de/thema/das-manifest/852357" target="_self">Manifesto of Leading Brain Researchers</a>” still do not exist. And <em>all </em>of <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.jstor.org/stable/26001977" target="_self">the advances in biological psychiatry promised by Thomas Insel</a> in 2010 for the year 2020—including diagnostic biomarkers, better therapies and even vaccinations against mental disorders—are still missing today (Insel, 2010). A decade after he vacated his billion-dollar director’s chair at the NIMH, Insel explained the issue of “faulty brain circuits” as a metaphor. We still don’t know enough about the brain. Ah, I see.</p> <p id="ember930">With Leshner, you could say: “It really worked.” In his new book <em>Healing: Our Path from Mental Illness to Mental Health</em> Insel explained that solving the mental health crisis might require solving social-institutional problems after all (Insel, 2022). Ah, I see. Biological psychiatry, which mainly wants to push molecules around, has no answer to that.</p> <h3 id="ember931">Hypes</h3> <p id="ember932">When I was doing my doctorate in this field, “personalized medicine” was in vogue. In the biomedical paradigm, however, this was just a cipher for even more biotechnological medicine. Because that didn’t help many patients, the next thing they came up with was “translational medicine”: As if medical research didn’t always have to be practical, application-oriented and in the interests of those affected. They now call the latest hype “precision medicine”.</p> <p id="ember933">I didn’t like the idea of always having to sell something preliminary and hypothetical as a major breakthrough. That’s why I stopped doing this research in 2010. Since then, I’ve been surprised more than once by researchers with great careers who acknowledge criticism in personal conversations—only to tell the something completely different in research proposals, public lectures or media interviews. Is this just functional optimism or is it already a psychological-psychiatric disorder, keyword “loss of reality”?</p> <p id="ember934">For the publication criticized above under the leadership of Ronny Redlich in the journal <em>Translational Psychiatry</em> the publisher paid 4000 euros in publication costs according to the price list. I would have to pay 1300 euros to publish my criticism. So it will just be a LinkedIn article. However, it should have become clear that those seeking help are not served by tracing the neuronal imprints of psychosocial therapy.</p> <h3 id="ember935">The future</h3> <p id="ember936">Swiss psychiatry professor Matthias Jäger <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/html/10.1055/a-2565-6993" target="_self">recently criticized the flood of patients</a> following the many destigmatization campaigns in society: “[The social aspect of psychiatry] does not mean that psychiatry is responsible for remedying social problems and socially undesirable behavior of any kind” (Jäger, 2025; transl.). This brings us back to the early 19th century, to a certain extent before the medical professionalization of the discipline, to the time of poorhouses and asylums.</p> <p id="ember937">Thanks to tight budgets, a lack of prevention and the prospect of further welfare cuts for national defense, we cannot assume a decrease in psychological and psychiatric disorders. In the UK, however, where social cuts are already one or two steps further and people’s need is correspondingly great, new solutions are also emerging:</p> <p id="ember938">There is a ministry against loneliness. A network of critical psychiatrists including Joanna Moncrieff, a professor of psychiatry in London, helps people to stop taking antidepressants. The fact that patients can become dependent on them has long been denied. And local community help should be available to people where they live and navigate the challenges of their everyday lives.</p> <p id="ember939">Here in my article, a possibility was identified where a few billion could be saved immediately (globally) and still hundreds of millions in Europe. And if psychology (literally: the study of the soul) and psychiatry (literally: the healing of the soul) overcome their lack of soul and once again appreciate people as the biopsychosocial beings that they are, perhaps problems will be solved again and not just symptoms treated. Decades of psychotherapy research have also come to the conclusion that relationships and the environment are the key factors.</p> <p id="ember940">Nevertheless, I would like to express my sincere respect for all psychiatrists who, despite the difficult conditions, face the challenges of their work, often day and night. My criticism is not directed at them, but at the biological dogma that restricts research and practice.</p> <p id="ember941">This shows us alternatives. Whether we pursue them depends on our decisions, both individually and collectively.</p> <h3 id="ember942">P.S. Deeper statistical criticism</h3> <p id="ember943">For those who are inclined to read on, I have three statistical points here that further relativize the results of the study discussed: The first has to do with the localization of the brain structures; the second with a necessary correction for the already weak correlation; and the third with a correction for medication use.</p> <p id="ember944">For the study, structural brain images were taken with a spatial resolution of 1 x 1 x 1 mm³ (Zwiky et al., 2025). Such a cube is called a “voxel”, similar to the pixels on a computer screen. The amygdalae are <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0925492709002716" target="_self">just 1.5 cm, or 15 mm, in size</a> (Brabec et al., 2010). In the study led by Ronny Redlich, the image data was smoothed with a size of 8 mm. In principle, this is done to improve the signal-to-noise ratio, but in this case it is already half the length of amygdala. This can blur the boundaries between the areas.</p> <p id="ember945">In general, I was surprised that the question of anatomical identification was not discussed in detail in the study. It has long been known that small structures such as the amygdalae and the hippocampi <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0165027009001447" target="_self">can be confused with each other</a> (Ball et al., 2009). This initially referred to measurements of brain function with a poorer spatial resolution. But neuroscientists working at the microscope are regularly amazed at the ease with which anatomical regions are determined in such studies. In the present case, it appears that they relied entirely on the software to do this at the touch of a button.</p> <p id="ember946">But what I’m really trying to get at is how variable such measures of brain volume can be. This is shown in the following figure:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-3_DE.jpg"><img alt="" decoding="async" height="700" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 641px) 100vw, 641px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-3_DE.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-3_DE.jpg 641w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-3_DE-275x300.jpg 275w" width="641"></img></a></figure> <p id="ember948"><strong>Figure 4:</strong> In this comparative study with 110 control subjects each without a psychological-psychiatric diagnosis (HC), with depression (MDD), bipolar disorder (BD) and a schizophrenia spectrum disorder (SSD), large overlaps can be seen between the groups and minimal differences in the mean value. The measure of volume change is plotted on the y-axis, here for the left hippocampus, a structure close to the amygdala. Source: adapted from <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.nature.com/articles/s41380-022-01687-4" target="_self">Brosch et al., 2022</a>; License: <a data-test-app-aware-link="" href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/" target="_self">CC BY 4.0</a></p> <p id="ember949">Even the untrained eye should immediately notice the overlap between the four groups: The individual points, which represent the brain data of individual people, almost all fall within the range of -0.05 to 0.05. It goes without saying that no diagnosis is possible with such data using a brain scanner. This also illustrates how important the comparison with control groups is. Incidentally, the groups here were almost four times as large as in the psychotherapy study.</p> <p id="ember950">Finally, we question the correlation once again: We remember that the researchers used different questionnaires to determine depressive symptoms and alexithymia (emotional disturbance). Since they were looking at two points in time, before and after therapy, they calculated the difference (Δ, delta). They did the same for four brain regions: the two amygdalae and two parts of the right hippocampus. Correlating all questionnaires with all brain regions, we get 6 x 4 = 24 results.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-4_DE.png"><img alt="" decoding="async" height="1688" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2488px) 100vw, 2488px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-4_DE.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-4_DE.png 2488w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-4_DE-300x204.png 300w" width="2488"></img></a></figure> <p id="ember952"><strong>Figure 5:</strong> The correlation matrix of the study. The result in bold in the eighth row, for the right amygdala, is decisive for us. The value of 0.321 is also the slope of the straight line in Figures 1 and 2. The statistical test was just significant at the usual p &lt; 0.05 level with p = 0.042. Source: <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.nature.com/articles/s41398-025-03545-7" target="_self">Zwiky et al., 2025</a>; License: <a data-test-app-aware-link="" href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/" target="_self">CC BY 4.0</a></p> <p id="ember953">Every statistical test has a certain probability of error. With the relevant calculations on the matrix, the researchers basically attempted to test the null hypothesis that there is <em>no</em> correlation between two variables 6 x 4, i.e. 24 times. In my opinion, the casual significance threshold of p &lt; 0.05 is then no longer sufficient to rule out random hits.</p> <p id="ember954">This would eliminate the main finding of the already speculative study. Incidentally, the correlation value of 0.321 means that just 15 percent of the differences at the psychological level can be explained by differences in the right amygdala. How does this relate to the far-reaching statements in the press release?</p> <p id="ember955">Finally, we also remember the possibility that the result could have been pulled up by people from the patient group with the medication (Figure 2). I therefore suggested calculating the correlation without the data from these nine participants. Then it might no longer be statistically significant. But the authors would have to investigate this themselves.</p> <p id="ember956">In the very last sentence of the supplementary material of the study, there is a reference to the fact that the status of the medication was compared with the difference in brain volume. Apart from the fact that this effect just missed the significance threshold with p = 0.068, this is not a clean procedure in my opinion: The fact that such a test is not positive should not lead to the conclusion that there is no effect. The study could also simply have too little statistical power, for example because the group size was too small.</p> <p id="ember957">Compared to the far-reaching conclusions drawn from the study, the data and its interpretation seem very speculative to me.</p> <h2 id="ember958">References</h2> <ul> <li>Ball, T., Derix, J., Wentlandt, J., Wieckhorst, B., Speck, O., Schulze-Bonhage, A., &amp; Mutschler, I. 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Stellt euch mal vor, wie viele Eindrücke an einem der belebtesten Plätze der Welt auf uns einprasseln: der Times Square in New York City. Werbeschilder, Gerüche der Essensläden, hupende Taxis, Leute am Telefonieren – eine absolute Reizüberflutung! Doch trotz all dieser Informationen, die wir aufnehmen, sind wir in der Lage, uns entspannt auf unseren Weg zur U-Bahn-Station zu machen und den Rest um uns herum mehr oder weniger zu ignorieren. Aber wie machen wir das eigentlich?</p> <h3 id="h-aufmerksamkeit-im-alltag">Aufmerksamkeit im Alltag</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13182302_5152101-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13182302_5152101-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13182302_5152101-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13182302_5152101-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13182302_5152101-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13182302_5152101-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13182302_5152101-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Die Definitionen von Aufmerksamkeit unterscheiden sich stärker, als man annehmen könnte. Manche Forschende behaupten, dass wir überhaupt nicht wissen, was Aufmerksamkeit eigentlich ist, weil es ein so komplexes kognitives Konstrukt ist [1]. Doch wenn man versucht, es zu definieren, dann landet man oft hier: Aufmerksam zu sein bedeutet, bestimmte Informationen in seiner Umgebung  zu ignorieren und seinen Fokus auf eine spezielle Sache zu richten [2]. Wenn sich beispielsweise während eines Vortrags die knarzende Tür öffnet und jemand zu spät hereinkommt, oder in der ersten Reihe irgendwo ein Handy klingelt, dann nehmen wir es zwar wahr, vergessen es jedoch nach wenigen Millisekunden wieder, weil unsere Aufmerksamkeit auf dem Vortrag lag und wir konzentriert zuhörten [3]. Diese Hintergrundinformationen, die nicht relevant sind, erreichen oft unser Bewusstsein gar nicht. Denn unser Gehirn nimmt zwar alle Reize auf, aber bewusst nehmen wir nur einen Bruchteil davon wahr, damit wir den Fokus auf die wichtigen Dinge nicht verlieren.</p> <p>Und das ist gut so, denn man muss sich nur vorstellen, wie der Spaziergang über den Times Square aussehen würde, wenn wir alles, was wir mit unseren Sinnen aufnehmen, auch im Gehirn verarbeiten würden! Diese spezielle Form der Aufmerksamkeit nennt man <strong>selektive Aufmerksamkeit</strong>. Alle Sinneseindrücke werden wie durch einen Flaschenhals geleitet und nur ausgewählte Eindrücke durch höhere kognitive Verarbeitungsprozesse weitergeleitet. Ein schönes Video zur selektiven Aufmerksamkeit findet ihr hier:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/NI_1tCdwbms?feature=oembed" title="Wer war der Täter? Eine Übung für Detektive. Selektive Wahrnehmung. Selektive Attention Test" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Keine Sorge! Ihr seid bestimmt nicht die einzigen, die das Video jetzt direkt nochmal anschauen! Gar nicht so einfach, alles im Blick zu behalten, nicht wahr?<aside></aside></p> <p>Die selektive Aufmerksamkeit lässt sich in zwei Formen unterteilen: automatische und kontrollierte Prozesse.                                                                                                             </p> <p><strong>Automatische Aufmerksamkeit</strong> erfolgt unbewusst, schnell und ohne mentale Anstrengung. Ein typisches Beispiel ist, wenn man auf einer lauten Party plötzlich den eigenen Namen hört – obwohl man gerade in ein Gespräch vertieft ist und der Fokus auf den Gesprächspartner gerichtet ist, richtet sich die Aufmerksamkeit auf einmal automatisch auf den Ruf. Dieses Phänomen ist auch bekannt als <strong>Cocktail-Party-Effekt</strong>, also wenn der eigene Name sich den Weg ins Bewusstsein bahnt, obwohl man seine Aufmerksamkeit nicht bewusst auf diese Reize gerichtet hatte [4].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/14246183_Na_April_05-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="505" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/14246183_Na_April_05-1024x505.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/14246183_Na_April_05-1024x505.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/14246183_Na_April_05-300x148.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/14246183_Na_April_05-768x379.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/14246183_Na_April_05-1536x758.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/14246183_Na_April_05-2048x1010.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Die zweite Form ist die <strong>kontrollierte Aufmerksamkeit</strong>. Sie ist eine bewusste Steuerung und verbraucht geistige Ressourcen, weil wir uns etwas Neuem hinwenden. So konzentriert man sich etwa gezielt auf ein Gespräch und blendet dabei störende Hintergrundgeräusche aktiv aus [5].</p> <h3 id="h-aufraumen-mit-mythen">Aufräumen mit Mythen</h3> <p>Entgegen der allgemeinen Annahme, dass Menschen fähig zu <strong>Multitasking</strong> sind (Frauen nach Gerüchten sogar noch besser als Männer), sagt die Forschung jedoch dazu, dass dies so nicht stimmt. Wir können unsere Aufmerksamkeit gut auf eine einzige Sache und nicht mehrere zeitgleich richten, es ist also eher ein Wechsel der Aufmerksamkeit, anstatt dass man vieles wirklich zeitgleich tut. Forschende sind außerdem der Meinung, dass das Bearbeiten von mehreren Aufgaben eher kontraproduktiv sei, zu mehr Stress, Fehlern und Müdigkeit führe und man doch lieber eine Aufgabe nach der nächsten abarbeiten sollte [6].</p> <p>Eine weitere häufige Verwechslung ist, dass Aufmerksamkeit das gleiche wie <strong>Konzentration</strong> sei, dabei handelt es sich um zwei verschiedene kognitive Prozesse. Aufmerksamkeit ist die Fähigkeit, Reize aus der Umwelt wahrzunehmen und auszuwählen, während Konzentration die Fähigkeit ist, die Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum auf eine Aufgabe oder einen Gegenstand zu fokussieren. Es beschreibt also die Intensität der Aufmerksamkeit.</p> <p>Der letzte Mythos dreht sich um das Gerücht, dass unsere Aufmerksamkeitsspanne kürzer als die eines Goldfisches sei [7]! Nach dem 2015 erschienen Artikel habe der Mensch eine Aufmerksamkeitsspanne von ca. 8 Sekunden, was eine Sekunde kürzer wäre als die des Goldfisches. Für diese Behauptung gibt es allerdings keine belastbaren wissenschaftlichen Belege. Unsere Aufmerksamkeit ist hochgradig vom Kontext abhängig, also wie interessiert und motiviert man sich einer Sache zuwendet. Und ich bin mir sicher, dass jeder schonmal länger als acht Sekunden lang ein spannendes Buch gelesen hat. Also keine Sorge: Die Idee einer starren Acht-Sekunden-Grenze ist ein Mythos [8].</p> <h3 id="h-jetzt-seid-ihr-an-der-reihe">Jetzt seid ihr an der Reihe!</h3> <p>Was meint ihr eigentlich – seid ihr wohl gut im Aufmerksam-Sein? Dann testet euch mal und macht den folgenden Test: Die Aufgabe ist, zu zählen, wie oft sich die Spieler des weißen Teams den Basketball zuwerfen:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="500" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/vJG698U2Mvo?feature=oembed" title="selective attention test" width="666"></iframe> </p></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/27572822_Human-hand-holding-magnifying-glass-to-search-and-find-data-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/27572822_Human-hand-holding-magnifying-glass-to-search-and-find-data-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/27572822_Human-hand-holding-magnifying-glass-to-search-and-find-data-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/27572822_Human-hand-holding-magnifying-glass-to-search-and-find-data-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/27572822_Human-hand-holding-magnifying-glass-to-search-and-find-data-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/27572822_Human-hand-holding-magnifying-glass-to-search-and-find-data-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/27572822_Human-hand-holding-magnifying-glass-to-search-and-find-data-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <h3 id="h-der-unsichtbare-gorilla">Der unsichtbare Gorilla</h3> <p>Und? Wie aufmerksam seid ihr gewesen? Ich bin sicher, dass nicht jeder von euch den Gorilla gesehen hat, richtig? Aber wie kann es sein, dass so offensichtliche Dinge wie ein Gorilla in dem Video, unsere Aufmerksamkeit einfach nicht erreichen können? </p> <p>Der Gorilla war deutlich für ca. neun Sekunden in der Mitte der Szenerie zu sehen, schlug sich auf die Brust, und lief dann unverrichteter Dinge wieder aus dem Video heraus, doch die wenigsten von euch haben ihn vermutlich wahrgenommen. Im Experiment von 1999 nahmen 192 Beobachter teil, wovon 46 Prozent den Gorilla ebenfalls nicht sahen! Dieses ist eines der bekanntesten Experimente überhaupt und zeigt, wie begrenzt unsere Aufmerksamkeit ist, wenn wir uns einer spezifischen Aufgabe widmen [9]. Alles, was gerade nicht wichtig für die Aufgabe ist, blendet unser Gehirn aus und verarbeitet die Informationen nicht. Es liegt also nicht daran, dass wir den Gorilla nicht sehen (die Eindrücke werden von unseren Augen ganz normal aufgenommen und ins Gehirn geleitet), es hat etwas mit sehr komplexen Wahrnehmungsdynamiken im Gehirn zu tun!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2149601721.jpg"><img alt="" decoding="async" height="681" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2149601721-1024x681.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2149601721-1024x681.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2149601721-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2149601721-768x511.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2149601721.jpg 1500w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Auch eine spätere Studie mit dem charmanten Titel „Der unsichtbare Gorilla schlägt wieder zu“ („The invisible gorilla strikes again“) von 2013 hatte wieder etwas mit einem Gorilla zu tun, aber der Kontext war nun etwas anders: Forschende haben einen Gorilla in einem CT-Bild der Lunge versteckt (relativ offensichtlich für sogar Laien möchte man wagen zu sagen) und zeigten die CT-Bilder 24 erfahrenen Radiologen, die routinemäßig auf der Suche nach Lungenknoten waren. Die Radiologen untersuchten die Bilder nach Lungenknoten, die aber nicht vorzufinden waren. Der eingefügte Gorilla hingegen war 48-mal größer als ein durchschnittlicher Lungenknoten, und erstaunlicherweise haben 20 von 24 Ärzten den Gorilla nicht gesehen. Interessanterweise zeigten die Eye-Tracking- Ergebnisse, welche die Augenbewegungen der Ärzte auf dem CT-Bild genau verfolgten, dass die meisten der Ärzte sogar direkt auf den Gorilla geschaut, ihn jedoch anscheinend nicht wahrgenommen haben. Hättet ihr den Gorilla wohl gefunden? Dann schaut euch gerne das Video dazu an (Untertitel für die deutsche Übersetzung am besten aktivieren):</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/wdVXco6YDgg?feature=oembed" title="The Invisible Gorilla Strikes Again: Inattentional Blindness in Expert Observers" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Das Experiment erweitert die erste Gorilla-Studie, indem es zeigt, dass nicht nur Laien wie wir, sondern auch erfahrene Suchende von der sogenannten <strong>Unaufmerksamkeitsblindheit</strong> („inattentional blindness”) betroffen sein können [10]. Es scheint, dass gerade dann, wenn man sehr aufmerksam auf eine bestimmte Sache fokussiert ist, andere Dinge leicht in den Hintergrund treten. Die Radiologen waren nicht unaufmerksam, sondern einfach besonders aufmerksam auf die wohlbekannten Lungenknoten fokussiert, sodass der heimlich platzierte Gorilla vom Gehirn einfach nicht weiterverarbeitet wurde.</p> <h3 id="h-unaufmerksam-im-grossen-kontext">Unaufmerksam im großen Kontext</h3> <p>Okay – jetzt aber genug von Gorillas. Was ist, wenn wir nicht durch eine andere Aufgabe abgelenkt werden – dann würden wir große Veränderungen doch bestimmt erkennen… oder? Hier geht es zum nächsten Video:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="500" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/JybkcWeZTQE?feature=oembed" title="Surprising Studies - Selektive Wahrnehmung 1 - Markus Hofmann" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Diese Studie von 1998 zeigt die sogenannte <strong>Veränderungsblindheit</strong> (Change Blindness), ein Phänomen, bei dem wir große Veränderungen in unserer visuellen Umgebung nicht bemerken, obwohl sie absolut auffällig sind [11]. In dem Video wurde die erste Person durch das Ablenkmanöver mit der Tür heimlich durch eine andere Person ersetzt! Man könnte annehmen, dass dem Passanten sowas doch direkt auffallen sollte, doch die Ergebnisse zeigten, dass nur die Hälfte der Passanten die Veränderung bemerkten [12]!</p> <p>Nun könnte man jedoch erwidern, dass die Passanten ihre Aufmerksamkeit auf die Stadtkarte gerichtet hatten, und es deshalb so schwer war, die neue Person zu identifizieren! Doch was ist dann mit diesem Video, testet euch hier gerne auch wieder selbst: </p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/FzJXTdDfpuQ?feature=oembed" title="The new ŠKODA Fabia Attention Test 1" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Wie habt ihr euch geschlagen? Bestimmt habt ihr nicht alle Veränderungen gesehen, obwohl ihr euch auf nichts anderes als genau das Video konzentriert habt, richtig? Hier und da habt ihr bestimmt gesehen, wie ein Auto zu einem Moped gemacht wurde, und dafür war eure Aufmerksamkeit verantwortlich, die genau im richtigen Moment sich das Auto gemerkt hat, und es im nächsten Bild mit dem Moped verglich [13]. Doch viele andere Veränderungen blieben unsichtbar. Die kleinen Schnitte, die immer wieder im Video eingebaut sind, ließen uns für einen kurzen Moment ohne visuelle Informationen, sodass Vergleiche zwischen den jeweiligen Bildern schwerer fallen. Obwohl wir uns die ganze Zeit auf die Szene konzentrieren, gehen die Unterschiede leicht verloren und wir bemerken nicht einmal, wie sich Stück für Stück die ganze Straße verändert hat! Man könnte sagen, dass man sprichwörtlich “den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht”.</p> <h3 id="h-aufmerksamkeit-ganz-aktuell">Aufmerksamkeit ganz aktuell</h3> <p>Man kann sagen, dass unsere Aufmerksamkeit besonders einfach auf interessante, neue und überraschende Dinge geleitet wird. Und wie immer ist das alles evolutionär erklärbar. Plötzlich laute Geräusche oder Bewegungen signalisierten eine potenzielle Gefahr, und um sich in Sicherheit zu bringen wurde die Aufmerksamkeit nur noch darauf gerichtet. Wir sind absolut anfällig für solche Arten von Reizen, denn sie sind tief in uns verankert. Heutzutage haben wir natürlich nicht mehr das Problem von einem lauernden Raubtier angegriffen zu werden, sondern eher die Reizüberflutung durch den schnelllebigen Alltag und die sozialen Medien. Falls euch beispielsweise interessiert, was TikTok mit unseren Gehirnen macht, schaut gerne bei diesem Blogeintrag vorbei:</p> <figure></figure> <p>Ein weiterer, sehr interessanter Blogeintrag beschäftigte sich damit, wie das Leben mit ADHS, also dem Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, aussieht: </p> <figure></figure> <h3 id="h-fazit">Fazit</h3> <p>Man könnte annehmen, dass unser Gehirn die Umwelt genauso abbildet, wie sie ist. Doch das scheint nicht der Fall zu sein und Forschende weltweit sind Stück für Stück dabei, die komplexe menschliche Wahrnehmung besser zu verstehen. Unser Gehirn scheint die Welt nicht 1:1 abzubilden, sondern so, dass es für uns nützlich ist! Aufmerksamkeit ist eine Methode des Gehirns, Aufgaben für uns umsetzbar angehen zu können, damit wir uns konzentrieren und Irrelevantes ausblenden können. Und obwohl man oft der Meinung ist, die absolute Kontrolle über sein Gehirn und seine Wahrnehmung zu haben und die Welt in ihrer Vollständigkeit wahrzunehmen, ist es bei dem Thema Aufmerksamkeit wohl eher so, dass unser Gehirn die Zügel in der Hand hält. Und vielleicht ist das auch gut so, denn dann können wir uns auf das fokussieren, was auch wirklich wichtig ist!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7967687_3815965.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7967687_3815965-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7967687_3815965-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7967687_3815965-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7967687_3815965-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7967687_3815965-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7967687_3815965-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7967687_3815965.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <p>[1]          B. Hommel, C. S. Chapman, P. Cisek, H. F. Neyedli, J.-H. Song, and T. N. Welsh, ‘No one knows what attention is’, <em>Atten. </em><em>Percept. Psychophys.</em>, vol. 81, no. 7, pp. 2288–2303, Oct. 2019, doi: 10.3758/s13414-019-01846-w.</p> <p>[2]          J. Krummenacher, ‘Aufmerksamkeit im Dorsch Lexikon der Psychologie’, 2021, Accessed: Aug. 27, 2025. [Online]. Available: https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/aufmerksamkeit</p> <p>[3]          S. Landua, ‘Im Fokus bleiben: Was ist der Unterschied zwischen Aufmerksamkeit und Konzentration?’, Sabine Landua. Accessed: Aug. 27, 2025. [Online]. Available: https://sabine-landua.de/was-ist-der-unterschied-zwischen-aufmerksamkeit-und-konzentration/</p> <p>[4]          ‘Cocktail-Party-Effekt’. Accessed: Aug. 27, 2025. [Online]. Available: https://www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/cocktail-party-effekt/2294</p> <p>[5]          ‘Die selektive Aufmerksamkeit | NeuroNation’. Accessed: Aug. 27, 2025. [Online]. Available: https://www.neuronation.com/science/de/die-selektive-aufmerksamkeit/</p> <p>[6]          ‘Average Human Attention Span Statistics &amp; Facts [2024] | Samba Recovery’. Accessed: Aug. 27, 2025. [Online]. Available: https://www.sambarecovery.com/rehab-blog/average-human-attention-span-statistics</p> <p>[7]          K. McSpadden, ‘You Now Have a Shorter Attention Span Than a Goldfish’, TIME. Accessed: Aug. 30, 2025. [Online]. Available: https://time.com/3858309/attention-spans-goldfish/</p> <p>[8]          D. K. R. Subramanian, ‘Myth and Mystery of Shrinking Attention Span’, vol. 5, 2018.</p> <p>[9]          D. J. Simons and C. F. Chabris, ‘Gorillas in Our Midst: Sustained Inattentional Blindness for Dynamic Events’, <em>Perception</em>, Sep. 1999, doi: 10.1068/p281059.</p> <p>[10]       T. Drew, M. L. H. Vo, and J. M. Wolfe, ‘“The invisible gorilla strikes again: Sustained inattentional blindness in expert observers”’, <em>Psychol. Sci.</em>, vol. 24, no. 9, pp. 1848–1853, Sep. 2013, doi: 10.1177/0956797613479386.</p> <p>[11]       ‘Change Blindness – an overview | ScienceDirect Topics’. Accessed: Aug. 28, 2025. [Online]. Available: https://www.sciencedirect.com/topics/social-sciences/change-blindness</p> <p>[12]       D. J. Simons and D. T. Levin, ‘Failure to detect changes to people during a real-world interaction’, <em>Psychon. Bull. Rev.</em>, vol. 5, no. 4, pp. 644–649, Dec. 1998, doi: 10.3758/BF03208840.</p> <p>[13]       R. A. Rensink, J. K. O’Regan, and J. J. Clark, ‘To See or not to See: The Need for Attention to Perceive Changes in Scenes’, <em>Psychol. </em><em>Sci.</em>, vol. 8, no. 5, pp. 368–373, Sep. 1997, doi: 10.1111/j.1467-9280.1997.tb00427.x.</p> <h3 id="h-bildquellen">Bildquellen</h3> <ul> <li>Titelbild: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/handgezeichnete-illustration-zur-neuroedukation_84406347.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=11&amp;uuid=ca7a912b-a381-4924-b192-3ff95345d33b&amp;query=konzentrieren">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 1: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/flache-illustrierte-medizinische-konferenz_13182302.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=13&amp;uuid=4245f2e2-61fa-48d7-b5f9-44da402eddd4&amp;query=Vortrag">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 2: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/ein-junger-mann-eroeffnet-eine-liquor-bar-und-verkauft-alkoholische-getraenke-wie-craft-beer-bier-wein-alkohol_14246183.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=c7830aa0-52f8-41ef-ae74-e5863260aaed&amp;query=Bar">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 3: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/menschliche-hand-die-eine-lupe-haelt-um-daten-zu-suchen-und-zu-finden-arbeit-der-person-die-durch-die-lupe-schaut-informationen-und-ideen-inspiziert-flache-vektorillustration-wissenschaftliche-forschung-entdeckungskonzept_27572822.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=4&amp;uuid=579016f2-cc26-4cf7-9ae6-c9751ba2bfa2&amp;query=suchen">Bildquelle </a></li> <li>Abbildung 4: <a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/arzt-mit-seitenansicht-der-die-radiographie-ueberprueft_30555265.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=2&amp;uuid=af654096-2b78-4954-9cfa-222a8299c10d&amp;query=CT+Bild">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 5: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/rette-das-planetenkonzept-mit-erde-und-baeumen_7967687.htm#fromView=search&amp;page=2&amp;position=7&amp;uuid=e90ed621-971c-4657-9311-e4ce889411fc&amp;query=world">Bildquelle</a></li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406347_9947661.jpg" /><h1>Blind für das Offensichtliche: Wie aufmerksam sind wir wirklich? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Luisa Sophie Engelke</h2><div itemprop="text"> <p>Wir sind den ganzen Tag von Sinnesreizen umgeben: Es gibt eigentlich keinen Moment, in dem wir nicht etwas riechen, hören oder sehen, und auch der Geschmackssinn und der Tastsinn sind den ganzen Tag aktiv, damit wir als Organismus funktionieren können. </p> <p>Doch wenn all diese Sinne gleichermaßen stark von uns wahrgenommen würden, dann hätten wir ein Problem: Denn unser Gehirn kann mit einer derart immensen Menge an Informationen nicht umgehen! Stellt euch mal vor, wie viele Eindrücke an einem der belebtesten Plätze der Welt auf uns einprasseln: der Times Square in New York City. Werbeschilder, Gerüche der Essensläden, hupende Taxis, Leute am Telefonieren – eine absolute Reizüberflutung! Doch trotz all dieser Informationen, die wir aufnehmen, sind wir in der Lage, uns entspannt auf unseren Weg zur U-Bahn-Station zu machen und den Rest um uns herum mehr oder weniger zu ignorieren. Aber wie machen wir das eigentlich?</p> <h3 id="h-aufmerksamkeit-im-alltag">Aufmerksamkeit im Alltag</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13182302_5152101-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13182302_5152101-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13182302_5152101-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13182302_5152101-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13182302_5152101-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13182302_5152101-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13182302_5152101-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Die Definitionen von Aufmerksamkeit unterscheiden sich stärker, als man annehmen könnte. Manche Forschende behaupten, dass wir überhaupt nicht wissen, was Aufmerksamkeit eigentlich ist, weil es ein so komplexes kognitives Konstrukt ist [1]. Doch wenn man versucht, es zu definieren, dann landet man oft hier: Aufmerksam zu sein bedeutet, bestimmte Informationen in seiner Umgebung  zu ignorieren und seinen Fokus auf eine spezielle Sache zu richten [2]. Wenn sich beispielsweise während eines Vortrags die knarzende Tür öffnet und jemand zu spät hereinkommt, oder in der ersten Reihe irgendwo ein Handy klingelt, dann nehmen wir es zwar wahr, vergessen es jedoch nach wenigen Millisekunden wieder, weil unsere Aufmerksamkeit auf dem Vortrag lag und wir konzentriert zuhörten [3]. Diese Hintergrundinformationen, die nicht relevant sind, erreichen oft unser Bewusstsein gar nicht. Denn unser Gehirn nimmt zwar alle Reize auf, aber bewusst nehmen wir nur einen Bruchteil davon wahr, damit wir den Fokus auf die wichtigen Dinge nicht verlieren.</p> <p>Und das ist gut so, denn man muss sich nur vorstellen, wie der Spaziergang über den Times Square aussehen würde, wenn wir alles, was wir mit unseren Sinnen aufnehmen, auch im Gehirn verarbeiten würden! Diese spezielle Form der Aufmerksamkeit nennt man <strong>selektive Aufmerksamkeit</strong>. Alle Sinneseindrücke werden wie durch einen Flaschenhals geleitet und nur ausgewählte Eindrücke durch höhere kognitive Verarbeitungsprozesse weitergeleitet. Ein schönes Video zur selektiven Aufmerksamkeit findet ihr hier:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/NI_1tCdwbms?feature=oembed" title="Wer war der Täter? Eine Übung für Detektive. Selektive Wahrnehmung. Selektive Attention Test" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Keine Sorge! Ihr seid bestimmt nicht die einzigen, die das Video jetzt direkt nochmal anschauen! Gar nicht so einfach, alles im Blick zu behalten, nicht wahr?<aside></aside></p> <p>Die selektive Aufmerksamkeit lässt sich in zwei Formen unterteilen: automatische und kontrollierte Prozesse.                                                                                                             </p> <p><strong>Automatische Aufmerksamkeit</strong> erfolgt unbewusst, schnell und ohne mentale Anstrengung. Ein typisches Beispiel ist, wenn man auf einer lauten Party plötzlich den eigenen Namen hört – obwohl man gerade in ein Gespräch vertieft ist und der Fokus auf den Gesprächspartner gerichtet ist, richtet sich die Aufmerksamkeit auf einmal automatisch auf den Ruf. Dieses Phänomen ist auch bekannt als <strong>Cocktail-Party-Effekt</strong>, also wenn der eigene Name sich den Weg ins Bewusstsein bahnt, obwohl man seine Aufmerksamkeit nicht bewusst auf diese Reize gerichtet hatte [4].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/14246183_Na_April_05-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="505" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/14246183_Na_April_05-1024x505.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/14246183_Na_April_05-1024x505.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/14246183_Na_April_05-300x148.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/14246183_Na_April_05-768x379.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/14246183_Na_April_05-1536x758.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/14246183_Na_April_05-2048x1010.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Die zweite Form ist die <strong>kontrollierte Aufmerksamkeit</strong>. Sie ist eine bewusste Steuerung und verbraucht geistige Ressourcen, weil wir uns etwas Neuem hinwenden. So konzentriert man sich etwa gezielt auf ein Gespräch und blendet dabei störende Hintergrundgeräusche aktiv aus [5].</p> <h3 id="h-aufraumen-mit-mythen">Aufräumen mit Mythen</h3> <p>Entgegen der allgemeinen Annahme, dass Menschen fähig zu <strong>Multitasking</strong> sind (Frauen nach Gerüchten sogar noch besser als Männer), sagt die Forschung jedoch dazu, dass dies so nicht stimmt. Wir können unsere Aufmerksamkeit gut auf eine einzige Sache und nicht mehrere zeitgleich richten, es ist also eher ein Wechsel der Aufmerksamkeit, anstatt dass man vieles wirklich zeitgleich tut. Forschende sind außerdem der Meinung, dass das Bearbeiten von mehreren Aufgaben eher kontraproduktiv sei, zu mehr Stress, Fehlern und Müdigkeit führe und man doch lieber eine Aufgabe nach der nächsten abarbeiten sollte [6].</p> <p>Eine weitere häufige Verwechslung ist, dass Aufmerksamkeit das gleiche wie <strong>Konzentration</strong> sei, dabei handelt es sich um zwei verschiedene kognitive Prozesse. Aufmerksamkeit ist die Fähigkeit, Reize aus der Umwelt wahrzunehmen und auszuwählen, während Konzentration die Fähigkeit ist, die Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum auf eine Aufgabe oder einen Gegenstand zu fokussieren. Es beschreibt also die Intensität der Aufmerksamkeit.</p> <p>Der letzte Mythos dreht sich um das Gerücht, dass unsere Aufmerksamkeitsspanne kürzer als die eines Goldfisches sei [7]! Nach dem 2015 erschienen Artikel habe der Mensch eine Aufmerksamkeitsspanne von ca. 8 Sekunden, was eine Sekunde kürzer wäre als die des Goldfisches. Für diese Behauptung gibt es allerdings keine belastbaren wissenschaftlichen Belege. Unsere Aufmerksamkeit ist hochgradig vom Kontext abhängig, also wie interessiert und motiviert man sich einer Sache zuwendet. Und ich bin mir sicher, dass jeder schonmal länger als acht Sekunden lang ein spannendes Buch gelesen hat. Also keine Sorge: Die Idee einer starren Acht-Sekunden-Grenze ist ein Mythos [8].</p> <h3 id="h-jetzt-seid-ihr-an-der-reihe">Jetzt seid ihr an der Reihe!</h3> <p>Was meint ihr eigentlich – seid ihr wohl gut im Aufmerksam-Sein? Dann testet euch mal und macht den folgenden Test: Die Aufgabe ist, zu zählen, wie oft sich die Spieler des weißen Teams den Basketball zuwerfen:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="500" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/vJG698U2Mvo?feature=oembed" title="selective attention test" width="666"></iframe> </p></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/27572822_Human-hand-holding-magnifying-glass-to-search-and-find-data-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/27572822_Human-hand-holding-magnifying-glass-to-search-and-find-data-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/27572822_Human-hand-holding-magnifying-glass-to-search-and-find-data-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/27572822_Human-hand-holding-magnifying-glass-to-search-and-find-data-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/27572822_Human-hand-holding-magnifying-glass-to-search-and-find-data-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/27572822_Human-hand-holding-magnifying-glass-to-search-and-find-data-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/27572822_Human-hand-holding-magnifying-glass-to-search-and-find-data-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <h3 id="h-der-unsichtbare-gorilla">Der unsichtbare Gorilla</h3> <p>Und? Wie aufmerksam seid ihr gewesen? Ich bin sicher, dass nicht jeder von euch den Gorilla gesehen hat, richtig? Aber wie kann es sein, dass so offensichtliche Dinge wie ein Gorilla in dem Video, unsere Aufmerksamkeit einfach nicht erreichen können? </p> <p>Der Gorilla war deutlich für ca. neun Sekunden in der Mitte der Szenerie zu sehen, schlug sich auf die Brust, und lief dann unverrichteter Dinge wieder aus dem Video heraus, doch die wenigsten von euch haben ihn vermutlich wahrgenommen. Im Experiment von 1999 nahmen 192 Beobachter teil, wovon 46 Prozent den Gorilla ebenfalls nicht sahen! Dieses ist eines der bekanntesten Experimente überhaupt und zeigt, wie begrenzt unsere Aufmerksamkeit ist, wenn wir uns einer spezifischen Aufgabe widmen [9]. Alles, was gerade nicht wichtig für die Aufgabe ist, blendet unser Gehirn aus und verarbeitet die Informationen nicht. Es liegt also nicht daran, dass wir den Gorilla nicht sehen (die Eindrücke werden von unseren Augen ganz normal aufgenommen und ins Gehirn geleitet), es hat etwas mit sehr komplexen Wahrnehmungsdynamiken im Gehirn zu tun!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2149601721.jpg"><img alt="" decoding="async" height="681" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2149601721-1024x681.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2149601721-1024x681.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2149601721-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2149601721-768x511.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2149601721.jpg 1500w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Auch eine spätere Studie mit dem charmanten Titel „Der unsichtbare Gorilla schlägt wieder zu“ („The invisible gorilla strikes again“) von 2013 hatte wieder etwas mit einem Gorilla zu tun, aber der Kontext war nun etwas anders: Forschende haben einen Gorilla in einem CT-Bild der Lunge versteckt (relativ offensichtlich für sogar Laien möchte man wagen zu sagen) und zeigten die CT-Bilder 24 erfahrenen Radiologen, die routinemäßig auf der Suche nach Lungenknoten waren. Die Radiologen untersuchten die Bilder nach Lungenknoten, die aber nicht vorzufinden waren. Der eingefügte Gorilla hingegen war 48-mal größer als ein durchschnittlicher Lungenknoten, und erstaunlicherweise haben 20 von 24 Ärzten den Gorilla nicht gesehen. Interessanterweise zeigten die Eye-Tracking- Ergebnisse, welche die Augenbewegungen der Ärzte auf dem CT-Bild genau verfolgten, dass die meisten der Ärzte sogar direkt auf den Gorilla geschaut, ihn jedoch anscheinend nicht wahrgenommen haben. Hättet ihr den Gorilla wohl gefunden? Dann schaut euch gerne das Video dazu an (Untertitel für die deutsche Übersetzung am besten aktivieren):</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/wdVXco6YDgg?feature=oembed" title="The Invisible Gorilla Strikes Again: Inattentional Blindness in Expert Observers" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Das Experiment erweitert die erste Gorilla-Studie, indem es zeigt, dass nicht nur Laien wie wir, sondern auch erfahrene Suchende von der sogenannten <strong>Unaufmerksamkeitsblindheit</strong> („inattentional blindness”) betroffen sein können [10]. Es scheint, dass gerade dann, wenn man sehr aufmerksam auf eine bestimmte Sache fokussiert ist, andere Dinge leicht in den Hintergrund treten. Die Radiologen waren nicht unaufmerksam, sondern einfach besonders aufmerksam auf die wohlbekannten Lungenknoten fokussiert, sodass der heimlich platzierte Gorilla vom Gehirn einfach nicht weiterverarbeitet wurde.</p> <h3 id="h-unaufmerksam-im-grossen-kontext">Unaufmerksam im großen Kontext</h3> <p>Okay – jetzt aber genug von Gorillas. Was ist, wenn wir nicht durch eine andere Aufgabe abgelenkt werden – dann würden wir große Veränderungen doch bestimmt erkennen… oder? Hier geht es zum nächsten Video:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="500" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/JybkcWeZTQE?feature=oembed" title="Surprising Studies - Selektive Wahrnehmung 1 - Markus Hofmann" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Diese Studie von 1998 zeigt die sogenannte <strong>Veränderungsblindheit</strong> (Change Blindness), ein Phänomen, bei dem wir große Veränderungen in unserer visuellen Umgebung nicht bemerken, obwohl sie absolut auffällig sind [11]. In dem Video wurde die erste Person durch das Ablenkmanöver mit der Tür heimlich durch eine andere Person ersetzt! Man könnte annehmen, dass dem Passanten sowas doch direkt auffallen sollte, doch die Ergebnisse zeigten, dass nur die Hälfte der Passanten die Veränderung bemerkten [12]!</p> <p>Nun könnte man jedoch erwidern, dass die Passanten ihre Aufmerksamkeit auf die Stadtkarte gerichtet hatten, und es deshalb so schwer war, die neue Person zu identifizieren! Doch was ist dann mit diesem Video, testet euch hier gerne auch wieder selbst: </p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/FzJXTdDfpuQ?feature=oembed" title="The new ŠKODA Fabia Attention Test 1" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Wie habt ihr euch geschlagen? Bestimmt habt ihr nicht alle Veränderungen gesehen, obwohl ihr euch auf nichts anderes als genau das Video konzentriert habt, richtig? Hier und da habt ihr bestimmt gesehen, wie ein Auto zu einem Moped gemacht wurde, und dafür war eure Aufmerksamkeit verantwortlich, die genau im richtigen Moment sich das Auto gemerkt hat, und es im nächsten Bild mit dem Moped verglich [13]. Doch viele andere Veränderungen blieben unsichtbar. Die kleinen Schnitte, die immer wieder im Video eingebaut sind, ließen uns für einen kurzen Moment ohne visuelle Informationen, sodass Vergleiche zwischen den jeweiligen Bildern schwerer fallen. Obwohl wir uns die ganze Zeit auf die Szene konzentrieren, gehen die Unterschiede leicht verloren und wir bemerken nicht einmal, wie sich Stück für Stück die ganze Straße verändert hat! Man könnte sagen, dass man sprichwörtlich “den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht”.</p> <h3 id="h-aufmerksamkeit-ganz-aktuell">Aufmerksamkeit ganz aktuell</h3> <p>Man kann sagen, dass unsere Aufmerksamkeit besonders einfach auf interessante, neue und überraschende Dinge geleitet wird. Und wie immer ist das alles evolutionär erklärbar. Plötzlich laute Geräusche oder Bewegungen signalisierten eine potenzielle Gefahr, und um sich in Sicherheit zu bringen wurde die Aufmerksamkeit nur noch darauf gerichtet. Wir sind absolut anfällig für solche Arten von Reizen, denn sie sind tief in uns verankert. Heutzutage haben wir natürlich nicht mehr das Problem von einem lauernden Raubtier angegriffen zu werden, sondern eher die Reizüberflutung durch den schnelllebigen Alltag und die sozialen Medien. Falls euch beispielsweise interessiert, was TikTok mit unseren Gehirnen macht, schaut gerne bei diesem Blogeintrag vorbei:</p> <figure></figure> <p>Ein weiterer, sehr interessanter Blogeintrag beschäftigte sich damit, wie das Leben mit ADHS, also dem Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, aussieht: </p> <figure></figure> <h3 id="h-fazit">Fazit</h3> <p>Man könnte annehmen, dass unser Gehirn die Umwelt genauso abbildet, wie sie ist. Doch das scheint nicht der Fall zu sein und Forschende weltweit sind Stück für Stück dabei, die komplexe menschliche Wahrnehmung besser zu verstehen. Unser Gehirn scheint die Welt nicht 1:1 abzubilden, sondern so, dass es für uns nützlich ist! Aufmerksamkeit ist eine Methode des Gehirns, Aufgaben für uns umsetzbar angehen zu können, damit wir uns konzentrieren und Irrelevantes ausblenden können. Und obwohl man oft der Meinung ist, die absolute Kontrolle über sein Gehirn und seine Wahrnehmung zu haben und die Welt in ihrer Vollständigkeit wahrzunehmen, ist es bei dem Thema Aufmerksamkeit wohl eher so, dass unser Gehirn die Zügel in der Hand hält. Und vielleicht ist das auch gut so, denn dann können wir uns auf das fokussieren, was auch wirklich wichtig ist!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7967687_3815965.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7967687_3815965-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7967687_3815965-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7967687_3815965-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7967687_3815965-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7967687_3815965-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7967687_3815965-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7967687_3815965.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <p>[1]          B. Hommel, C. S. Chapman, P. Cisek, H. F. Neyedli, J.-H. Song, and T. N. Welsh, ‘No one knows what attention is’, <em>Atten. </em><em>Percept. Psychophys.</em>, vol. 81, no. 7, pp. 2288–2303, Oct. 2019, doi: 10.3758/s13414-019-01846-w.</p> <p>[2]          J. Krummenacher, ‘Aufmerksamkeit im Dorsch Lexikon der Psychologie’, 2021, Accessed: Aug. 27, 2025. [Online]. Available: https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/aufmerksamkeit</p> <p>[3]          S. Landua, ‘Im Fokus bleiben: Was ist der Unterschied zwischen Aufmerksamkeit und Konzentration?’, Sabine Landua. Accessed: Aug. 27, 2025. [Online]. Available: https://sabine-landua.de/was-ist-der-unterschied-zwischen-aufmerksamkeit-und-konzentration/</p> <p>[4]          ‘Cocktail-Party-Effekt’. Accessed: Aug. 27, 2025. [Online]. Available: https://www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/cocktail-party-effekt/2294</p> <p>[5]          ‘Die selektive Aufmerksamkeit | NeuroNation’. Accessed: Aug. 27, 2025. [Online]. Available: https://www.neuronation.com/science/de/die-selektive-aufmerksamkeit/</p> <p>[6]          ‘Average Human Attention Span Statistics &amp; Facts [2024] | Samba Recovery’. Accessed: Aug. 27, 2025. [Online]. Available: https://www.sambarecovery.com/rehab-blog/average-human-attention-span-statistics</p> <p>[7]          K. McSpadden, ‘You Now Have a Shorter Attention Span Than a Goldfish’, TIME. Accessed: Aug. 30, 2025. [Online]. Available: https://time.com/3858309/attention-spans-goldfish/</p> <p>[8]          D. K. R. Subramanian, ‘Myth and Mystery of Shrinking Attention Span’, vol. 5, 2018.</p> <p>[9]          D. J. Simons and C. F. Chabris, ‘Gorillas in Our Midst: Sustained Inattentional Blindness for Dynamic Events’, <em>Perception</em>, Sep. 1999, doi: 10.1068/p281059.</p> <p>[10]       T. Drew, M. L. H. Vo, and J. M. Wolfe, ‘“The invisible gorilla strikes again: Sustained inattentional blindness in expert observers”’, <em>Psychol. Sci.</em>, vol. 24, no. 9, pp. 1848–1853, Sep. 2013, doi: 10.1177/0956797613479386.</p> <p>[11]       ‘Change Blindness – an overview | ScienceDirect Topics’. Accessed: Aug. 28, 2025. [Online]. Available: https://www.sciencedirect.com/topics/social-sciences/change-blindness</p> <p>[12]       D. J. Simons and D. T. Levin, ‘Failure to detect changes to people during a real-world interaction’, <em>Psychon. Bull. Rev.</em>, vol. 5, no. 4, pp. 644–649, Dec. 1998, doi: 10.3758/BF03208840.</p> <p>[13]       R. A. Rensink, J. K. O’Regan, and J. J. Clark, ‘To See or not to See: The Need for Attention to Perceive Changes in Scenes’, <em>Psychol. </em><em>Sci.</em>, vol. 8, no. 5, pp. 368–373, Sep. 1997, doi: 10.1111/j.1467-9280.1997.tb00427.x.</p> <h3 id="h-bildquellen">Bildquellen</h3> <ul> <li>Titelbild: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/handgezeichnete-illustration-zur-neuroedukation_84406347.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=11&amp;uuid=ca7a912b-a381-4924-b192-3ff95345d33b&amp;query=konzentrieren">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 1: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/flache-illustrierte-medizinische-konferenz_13182302.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=13&amp;uuid=4245f2e2-61fa-48d7-b5f9-44da402eddd4&amp;query=Vortrag">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 2: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/ein-junger-mann-eroeffnet-eine-liquor-bar-und-verkauft-alkoholische-getraenke-wie-craft-beer-bier-wein-alkohol_14246183.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=c7830aa0-52f8-41ef-ae74-e5863260aaed&amp;query=Bar">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 3: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/menschliche-hand-die-eine-lupe-haelt-um-daten-zu-suchen-und-zu-finden-arbeit-der-person-die-durch-die-lupe-schaut-informationen-und-ideen-inspiziert-flache-vektorillustration-wissenschaftliche-forschung-entdeckungskonzept_27572822.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=4&amp;uuid=579016f2-cc26-4cf7-9ae6-c9751ba2bfa2&amp;query=suchen">Bildquelle </a></li> <li>Abbildung 4: <a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/arzt-mit-seitenansicht-der-die-radiographie-ueberprueft_30555265.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=2&amp;uuid=af654096-2b78-4954-9cfa-222a8299c10d&amp;query=CT+Bild">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 5: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/rette-das-planetenkonzept-mit-erde-und-baeumen_7967687.htm#fromView=search&amp;page=2&amp;position=7&amp;uuid=e90ed621-971c-4657-9311-e4ce889411fc&amp;query=world">Bildquelle</a></li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/blind-fuer-das-offensichtliche-wie-aufmerksam-sind-wir-wirklich/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>11</slash:comments> </item> <item> <title>MoFi https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/mofi/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/mofi/#comments Sun, 07 Sep 2025 20:41:18 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12060 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250907_202251.jpg_compressed-768x576.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/mofi/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250907_202251.jpg_compressed.jpeg" /><h1>MoFi » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>der doppelt gerötete Mond steigt übern Berg – welch schöner Anblick. Manche mögen diesen Vollmond als “einen Schatten seiner selbst” betrachten, aber ich genoss das Spektakel. </p> <h2 id="h-partielle-phase">Partielle Phase</h2> <p>und dann zog er wieder ab, der Erdschatten vom Mond: unten links begann es hell zu werden und eine Stunde später sah man rechts oben nur noch ein Stück vom Halbschatten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/IMG_2755_s.jpg"><img alt="" decoding="async" height="667" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1001px) 100vw, 1001px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/IMG_2755_s.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/IMG_2755_s.jpg 1001w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/IMG_2755_s-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/IMG_2755_s-768x512.jpg 768w" width="1001"></img></a></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250907_202251.jpg_compressed.jpeg" /><h1>MoFi » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>der doppelt gerötete Mond steigt übern Berg – welch schöner Anblick. Manche mögen diesen Vollmond als “einen Schatten seiner selbst” betrachten, aber ich genoss das Spektakel. </p> <h2 id="h-partielle-phase">Partielle Phase</h2> <p>und dann zog er wieder ab, der Erdschatten vom Mond: unten links begann es hell zu werden und eine Stunde später sah man rechts oben nur noch ein Stück vom Halbschatten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/IMG_2755_s.jpg"><img alt="" decoding="async" height="667" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1001px) 100vw, 1001px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/IMG_2755_s.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/IMG_2755_s.jpg 1001w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/IMG_2755_s-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/IMG_2755_s-768x512.jpg 768w" width="1001"></img></a></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/mofi/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>3</slash:comments> </item> <item> <title>MoFi am Sonntag – Beobachtungsaufruf https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/mofi-am-sonntag/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/mofi-am-sonntag/#comments Thu, 04 Sep 2025 17:32:24 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12016 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/lunarEclipse-Sept2025_Capture.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/mofi-am-sonntag/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/lunarEclipse-Sept2025_Capture.jpg" /><h1>MoFi am Sonntag - Beobachtungsaufruf » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Am Sonntag Abend, 7. September, veranstalten die Astronomen wieder mal eine Mondfinsternis (MoFi). Für uns in Mitteleuropa geht der Mond dann verfinstert auf – als “Blutmond”, d.h. in rötlicher Farbe. Der Mond ist dann also doppelt gerötet: einerseits, weil er am Horizont steht und andererseits, weil er im Erdschatten ist. </p> <p>Die genauen Daten der Mondfinsternis können Sie – wie immer – für Ihren Standort von <a href="https://www.timeanddate.com/eclipse/lunar/2025-september-7">TimeAndDate.com</a> erfragen. </p> <p>Was heute in der Presse als “Blutmond” gern blumig umschrieben wird, rührt physikalisch ganz schnöde daher, dass das helle Sonnenlicht bei einer Mondfinsternis den Mond nicht direkt erreicht: Es wird von der Erde blockiert und beleuchtet ihn nicht, obwohl er eigentlich ein Vollmond wäre. Warum ist der Mond dann nicht einfach am Himmel “weg” (also dunkel, unsichtbar)? Nun, weil die Erde eine Atmosphäre hat: in der Erdatmosphäre wird das Licht gebrochen (wie ein <a href="https://www.ardalpha.de/lernen/alpha-lernen/faecher/physik/brechung-lichtstrahlen-100.html">Lichtstrahl im Wasserglas</a>) und Brechung erfolgt wellenlängenabhängig (also<a href="https://www.planet-schule.de/warum/himmelblau/themenseiten/t4/s3.html"> farb-abhängig</a>). </p> <p>In der Erdatmosphäre passiert das gleiche, wie im Band-Logo von Pink Floyd: blaues Licht wird stärker gebrochen und daher wird es quasi aus dem Erdschatten herausgelenkt. Das rote Licht (große Wellenlängen) wird weniger stark gebrochen und daher gelangt ein kleiner Anteil von ihm innerhalb des Erdschattens zum Mond. Wenn der Mond noch teilweise von der Sonne beschienen wird, also in der partiellen Phase der Finsternis, sehen wir nicht, dass auf der dunklen Seite im Erdschatten noch immer ein bisschen Licht ist: zu groß der Unterschied – unser Auge nimmt den Schatten nur “dunkel” wahr. </p> <p>Wenn der Mond aber vollständig im Schatten der Erde steht und kein Sonnenlicht mehr direkt erhält, erscheint er für uns rot am Himmel, weil nur das bisschen Rotanteil auf der grillkohlefarbenen Oberfläche ankommt und zu uns reflektiert wird. <aside></aside></p> <h2 id="h-mofi-im-alten-babylon">MoFi im Alten Babylon</h2> <div> <div> <p>So weit so physikalisch. </p> <p>Historisch wurde aber die rote Farbe tatsächlich oft und in zahlreichen Kulturen als Blut (mythologisch/ religiös) gedeutet. </p> <p>Die rote Farbe könnte z.B. dadurch erklärt werden, dass ein Gott auf dem Mond ein Tier schlachtet (Jeremias 1913, May 2023, Fincke 2023): So ist es z.B. auf der <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/plejaden-tontafel-vat-7851/">Tontafel VAT 7851</a> des <a href="https://www.smb.museum/museen-einrichtungen/vorderasiatisches-museum/home/">Vorderasiatischen Museums Berlin</a> dargestellte, die ich Ihnen kürzlich hier zeigte. </p> <p>Der Gott kann Nabû, Marduk, Nergal oder Tishpak sein und das Tier ein Löwe oder die Bashmu-Schlange. Jedenfalls wird mit einer Zeremoniensichel geschlachtet.</p> </div> </div> <p>Auf dieser Tafel ist der Mond in der Mitte der Ritzzeichnung in seinem astrologisch wirkmächtigsten Punkt (griechisch: Hyposoma) gezeichnet. Allerdings findet auf ihm eben auch gerade eine Schlachtung statt und auf der Rückseite der Tafel steht in Keilschrift ein Omen zu einer Mondfinsternis. Anhand der angegebenen angegebenen Planetenpositionen in diesem Omen könnte man deuten, dass diese Tontafel anlässlich der Totalen Mondfinsternis am 15. Nov. 157 v.Chr.  geschrieben wurde. Das passt zumindest zu der Datierung von einigen Assyriologen ins “frühe zweite Jahrhundert”; nicht aber zu der im Museum angegebenen ins dritte Jahrhundert.  </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MoFi-109_stellarium-005.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MoFi-109_stellarium-005-1024x576.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MoFi-109_stellarium-005-1024x576.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MoFi-109_stellarium-005-300x169.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MoFi-109_stellarium-005-768x432.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MoFi-109_stellarium-005-1536x864.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MoFi-109_stellarium-005.jpeg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>eine ähnliche MoFi im Jahr 110 BCE, wo aber die Planetenstellung nicht ganz passt, simuliert mit <a href="https://stellarium.org/">Stellarium</a>.</figcaption></figure> <h2 id="h-kontaktzeiten-bitte">Kontaktzeiten bitte!</h2> <p>Wenn Sie mir einen Gefallen tun möchten, stoppen Sie bitte die visuell beobachtete Kontaktzeit, d.h. den Moment (auf die Minute genau oder wie man es eben sieht), wenn der Erdschatten den Mond verlässt.</p> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/beobachtungsaufruf-mofi-heute/">Sommer 2017 hatte ich schon einmal um so etwas gebeten</a> und tatsächlich <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/partielle-mondfinsternis/">Rückmeldung</a> von einer Leserin erhalten. Mein Student in Indonesien hatte damals sehr erfolgreich in seiner Bachelor-Arbeit den Unterschied in geografischer Länge bestimmt. Die Methode, wie das geht, steht schon bei Ptolemäus, wurde aber vermutlich erst im 10. Jahrhundert von arabischen Gelehrten durchgeführt. Es könnte aber auch sein, dass babylonische und griechische Gelehrte das bereits probierten. </p> <p>Das möchte ich jetzt mit meiner indonesischen Pre-Doc Studentin nochmals probieren. </p> <p><em><strong>Bitte teilen Sie uns ggf. Ihre visuell beobachtete Kontaktzeit und den Ort (bzw. geografischen Koordinaten) mit! </strong></em></p> <h2>Literatur</h2> <ul> <li>Akyas, M., Izzuddin, H. A. and Hoffmann, S.M. (2022). Al-Biruni’s Observation Repeated, in Hoffmann and Wolfschmidt (eds.). Astronomy in Culture – Cultures of Astronomy, tredition Hamburg/ OpenScienceTechnology Berlin: 268-275</li> <li>Fincke, J. C. (2023): The Man in the Moon Revisited: The bašmu in the Sun, the Lion in the Moon and the lumašu, Kaskal 20, pp. 183-214.</li> <li>Hoffmann (2025). Image Analysis of VAT 7851, <a href="https://orientalistik.univie.ac.at/publikationen/afo/">Archiv für Orientforschung (AfO) </a>56, 45-53</li> <li>Jeremias A. (1913): Handbuch der altorientalischen Geisteskultur. J. C. Hinrichs’sche Buchhandlung, Leipzig.</li> <li>Natalie N. May (2023). Towards the History of Representation of the Zodiacal Constellations in Mesopotamia: The Babylonian Man in the Moon and other Matters. (<a href="https://www.ub.edu/ipoa/wp-content/uploads/2023/05/20231AuOrMay.pdf">PDF at Univ. Barcelona</a>)</li> </ul> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/lunarEclipse-Sept2025_Capture.jpg" /><h1>MoFi am Sonntag - Beobachtungsaufruf » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Am Sonntag Abend, 7. September, veranstalten die Astronomen wieder mal eine Mondfinsternis (MoFi). Für uns in Mitteleuropa geht der Mond dann verfinstert auf – als “Blutmond”, d.h. in rötlicher Farbe. Der Mond ist dann also doppelt gerötet: einerseits, weil er am Horizont steht und andererseits, weil er im Erdschatten ist. </p> <p>Die genauen Daten der Mondfinsternis können Sie – wie immer – für Ihren Standort von <a href="https://www.timeanddate.com/eclipse/lunar/2025-september-7">TimeAndDate.com</a> erfragen. </p> <p>Was heute in der Presse als “Blutmond” gern blumig umschrieben wird, rührt physikalisch ganz schnöde daher, dass das helle Sonnenlicht bei einer Mondfinsternis den Mond nicht direkt erreicht: Es wird von der Erde blockiert und beleuchtet ihn nicht, obwohl er eigentlich ein Vollmond wäre. 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Wenn der Mond noch teilweise von der Sonne beschienen wird, also in der partiellen Phase der Finsternis, sehen wir nicht, dass auf der dunklen Seite im Erdschatten noch immer ein bisschen Licht ist: zu groß der Unterschied – unser Auge nimmt den Schatten nur “dunkel” wahr. </p> <p>Wenn der Mond aber vollständig im Schatten der Erde steht und kein Sonnenlicht mehr direkt erhält, erscheint er für uns rot am Himmel, weil nur das bisschen Rotanteil auf der grillkohlefarbenen Oberfläche ankommt und zu uns reflektiert wird. <aside></aside></p> <h2 id="h-mofi-im-alten-babylon">MoFi im Alten Babylon</h2> <div> <div> <p>So weit so physikalisch. </p> <p>Historisch wurde aber die rote Farbe tatsächlich oft und in zahlreichen Kulturen als Blut (mythologisch/ religiös) gedeutet. </p> <p>Die rote Farbe könnte z.B. dadurch erklärt werden, dass ein Gott auf dem Mond ein Tier schlachtet (Jeremias 1913, May 2023, Fincke 2023): So ist es z.B. auf der <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/plejaden-tontafel-vat-7851/">Tontafel VAT 7851</a> des <a href="https://www.smb.museum/museen-einrichtungen/vorderasiatisches-museum/home/">Vorderasiatischen Museums Berlin</a> dargestellte, die ich Ihnen kürzlich hier zeigte. </p> <p>Der Gott kann Nabû, Marduk, Nergal oder Tishpak sein und das Tier ein Löwe oder die Bashmu-Schlange. Jedenfalls wird mit einer Zeremoniensichel geschlachtet.</p> </div> </div> <p>Auf dieser Tafel ist der Mond in der Mitte der Ritzzeichnung in seinem astrologisch wirkmächtigsten Punkt (griechisch: Hyposoma) gezeichnet. Allerdings findet auf ihm eben auch gerade eine Schlachtung statt und auf der Rückseite der Tafel steht in Keilschrift ein Omen zu einer Mondfinsternis. Anhand der angegebenen angegebenen Planetenpositionen in diesem Omen könnte man deuten, dass diese Tontafel anlässlich der Totalen Mondfinsternis am 15. Nov. 157 v.Chr.  geschrieben wurde. Das passt zumindest zu der Datierung von einigen Assyriologen ins “frühe zweite Jahrhundert”; nicht aber zu der im Museum angegebenen ins dritte Jahrhundert.  </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MoFi-109_stellarium-005.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MoFi-109_stellarium-005-1024x576.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MoFi-109_stellarium-005-1024x576.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MoFi-109_stellarium-005-300x169.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MoFi-109_stellarium-005-768x432.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MoFi-109_stellarium-005-1536x864.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MoFi-109_stellarium-005.jpeg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>eine ähnliche MoFi im Jahr 110 BCE, wo aber die Planetenstellung nicht ganz passt, simuliert mit <a href="https://stellarium.org/">Stellarium</a>.</figcaption></figure> <h2 id="h-kontaktzeiten-bitte">Kontaktzeiten bitte!</h2> <p>Wenn Sie mir einen Gefallen tun möchten, stoppen Sie bitte die visuell beobachtete Kontaktzeit, d.h. den Moment (auf die Minute genau oder wie man es eben sieht), wenn der Erdschatten den Mond verlässt.</p> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/beobachtungsaufruf-mofi-heute/">Sommer 2017 hatte ich schon einmal um so etwas gebeten</a> und tatsächlich <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/partielle-mondfinsternis/">Rückmeldung</a> von einer Leserin erhalten. Mein Student in Indonesien hatte damals sehr erfolgreich in seiner Bachelor-Arbeit den Unterschied in geografischer Länge bestimmt. Die Methode, wie das geht, steht schon bei Ptolemäus, wurde aber vermutlich erst im 10. Jahrhundert von arabischen Gelehrten durchgeführt. Es könnte aber auch sein, dass babylonische und griechische Gelehrte das bereits probierten. </p> <p>Das möchte ich jetzt mit meiner indonesischen Pre-Doc Studentin nochmals probieren. </p> <p><em><strong>Bitte teilen Sie uns ggf. Ihre visuell beobachtete Kontaktzeit und den Ort (bzw. geografischen Koordinaten) mit! </strong></em></p> <h2>Literatur</h2> <ul> <li>Akyas, M., Izzuddin, H. A. and Hoffmann, S.M. (2022). Al-Biruni’s Observation Repeated, in Hoffmann and Wolfschmidt (eds.). Astronomy in Culture – Cultures of Astronomy, tredition Hamburg/ OpenScienceTechnology Berlin: 268-275</li> <li>Fincke, J. C. (2023): The Man in the Moon Revisited: The bašmu in the Sun, the Lion in the Moon and the lumašu, Kaskal 20, pp. 183-214.</li> <li>Hoffmann (2025). Image Analysis of VAT 7851, <a href="https://orientalistik.univie.ac.at/publikationen/afo/">Archiv für Orientforschung (AfO) </a>56, 45-53</li> <li>Jeremias A. (1913): Handbuch der altorientalischen Geisteskultur. J. C. Hinrichs’sche Buchhandlung, Leipzig.</li> <li>Natalie N. May (2023). Towards the History of Representation of the Zodiacal Constellations in Mesopotamia: The Babylonian Man in the Moon and other Matters. (<a href="https://www.ub.edu/ipoa/wp-content/uploads/2023/05/20231AuOrMay.pdf">PDF at Univ. 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Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/mofi-am-sonntag/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>6</slash:comments> </item> <item> <title>Plejaden-Tontafel VAT 7851 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/plejaden-tontafel-vat-7851/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/plejaden-tontafel-vat-7851/#comments Thu, 04 Sep 2025 16:03:33 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=11990 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Fig1_taurus_tablet_150dpi_sciLogs-768x449.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/plejaden-tontafel-vat-7851/</link> </image> <description type="html"><h1>Plejaden-Tontafel VAT 7851 » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/plejhyad_smh2025_4gif-1.gif"><img alt="" decoding="async" height="751" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/plejhyad_smh2025_4gif-1.gif" width="1001"></img></a></figure> <p>So sieht man die Plejaden und Hyaden derzeit gegen 00:30 Uhr in Mitteleuropa: die fünf hellsten Hyadensterne bilden eine V-förmige Formation, die – im Osten aufgehend – wie ein horizontparalleles Pfeilchen nach Süden zeigt. </p> <p>Genau so ist auch eine Gruppe von Sternen auf der Tontafel mit der Museumsbezeichnung VAT 7851 der Vorderasiatischen Abteilung des <a href="https://www.museumsportal-berlin.de/en/museums/pergamonmuseum/">Pergamon-Museums Berlin</a> abgebildet (hier die <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:VAT.7851.Umzeichnung.png">Zeichnung eines Berliner Hobby-Archäoastronomen in WikiCommons</a>): eine V-förmige Formation, allerdings aus sieben und nicht fünf Sternen. Daher wurde sie bisher von Assyriologen folgerichtig als “Plejaden” interpretiert, was auch durch die Aufschrift “MUL.MUL” in dem Sternchenmuster auf der Tontafel verstärkt wird. MUL.MUL ist sumerisch, ist ein Plural des Worts für “Stern” und bedeutet folglich “Sternhaufen” (<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/wie-viele-sterne-haben-die-plejaden/">siehe früherer post</a>) – der “Name” der Plejaden in Mesopotamien vor ~4000 Jahren. Daher erscheint es auf den ersten Blick klar und ohne Zweifel, dass auf der Tontafel die Plejaden abgebildet sind. </p> <h2 id="h-aber-ist-es-wirklich-so-einfach">Aber ist es wirklich so einfach?</h2> <p>In der neuesten Ausgabe des <a href="https://orientalistik.univie.ac.at/publikationen/afo/">Archivs für Orientforschung (AfO)</a> erschien diese Woche ein Artikel, der dies in Frage stellt: Es könnten auch die HyadenPlus in dieser Gruppe abgebildet sein bzw. es könnte sein, dass der Zeichner und der Beschrifter der Ritzzeichnung verschiedene Sternhäuflein meinten. </p> <p>Hier ist erstmal eine neue Umzeichnung der beschädigten Tontafel VAT 7851: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Fig1_taurus_tablet_150dpi_sciLogs.jpg"><img alt="" decoding="async" height="585" sizes="(max-width: 1001px) 100vw, 1001px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Fig1_taurus_tablet_150dpi_sciLogs.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Fig1_taurus_tablet_150dpi_sciLogs.jpg 1001w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Fig1_taurus_tablet_150dpi_sciLogs-300x175.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Fig1_taurus_tablet_150dpi_sciLogs-768x449.jpg 768w" width="1001"></img></a><figcaption>Umzeichnung von VAT 7851 publiziert in Hoffmann (2025). Image Analysis of VAT 7851, <a href="https://orientalistik.univie.ac.at/publikationen/afo/">Archivs für Orientforschung (AfO)</a> 56, 45-53</figcaption></figure> <p>Es geht um die Gruppe von Asterisken links. Bei genauerer Betrachtung sieht man, dass der mittlere Stern unten ein paar zusätzliche Strahlen hat. Dieser Stern ist also heller als die anderen. Wäre hier der rötliche Aldebaran gemeint, ergäbe es astronomisch mehr Sinn als die Plejaden-Deutung, da unter diesen weder eine V-förmige Formation zu sehen ist noch die zwei Sterne links neben den fünf V-formenden erklärbar sind. Liest man die Gruppe aber als Hyaden mit Aldebaran, wären die beiden Sterne ganz links beta und zeta Tauri, die Sterne, die man heute als Hornspitzen eines Stiers (mit Gazellenhörnern) darstellt und die in der mathematischen Astronomie Mesopotamiens der nördliche und südliche “Zügel” eines Himmelswagens genannt werden. <aside></aside></p> <p>Kurzum, die Deutung als Hyaden plus beta und zeta Tauri für diese Gruppe ergibt ebenso Sinn. Philologen werden jetzt einwenden, dass doch aber die Beschriftung “MUL.MUL” auf die Plejaden hindeutet. Ich würde das mit dem Gegenargument kontern, dass die “MUL.MUL” zwar ursprünglich die Plejaden bezeichnete, aber das war einige Jahrtausende früher. Als diese Tontafel erstellt wurde, konnte “MUL.MUL” genauso gut eine Bezeichnung für das Sternzeichen (oder vllt auch Sternbild) Taurus sein. Zudem ist es wörtlich eben nur ein Plural von Stern und dass hier mehr als ein Stern abgebildet ist, wird wohl niemand anzweifeln. Eine Hypothese könnte sein, dass bei der Beschriftung des Bildes etwas schief gelaufen ist. </p> <p>Der Stier ist aber mesopotamisch – zumindest für den/ diejenigen, die diese Tafel erstellten – keineswegs so groß wie wir ihn heute zeichnen. Er nimmt nur die Hälfte oder ein Drittel des Sternzeichens (aka des Abschnitts von 30° längs der Ekliptik) ein. Dass dies für das babylonische Sternbild wohl gegolten hat, hatte der große John Steele bereits 2018 publiziert und ist keine neue Erkenntnis: die Tontafel VAT 7851 zeigt es nur abermals sehr deutlich. </p> <h2 id="h-neugierig">Neugierig?</h2> <p>Wer mehr zu dieser gewagten Hypothese der Neu-Interpretation des Bildes auf dieser Tontafel erfahren möchte, darf sich gern das <a href="https://orientalistik.univie.ac.at/publikationen/afo/">neueste AfO</a> käuflich <a href="https://orientalistik.univie.ac.at/publikationen/afo/bezug/">erwerben</a>. Ich danke den lieben Kolleg:innen in Wien ganz herzlich für die inspirierenden Hinweise und schließlich die Publikation dieses Beitrags! </p> <p>Es ist einerseits relativ mutig, eine scheinbar so klare, hundert Jahre alte und von allen Größen im Fach geteilten Deutung in Frage zu stellen. Andererseits erschien es mir angemessen, meine Zweifel aufgrund der verwirrenden Doppeldarstellung der Plejaden im selben Bild einmal zu verschriftlichen: ich bin ja nur Astronomin (mit einem der Arbeitsschwerpunkte in babylonischer Astronomie) und so komplizierte Fragen erfordern interdisziplinäre Kollaboration (hier z.B. von Astronomie, Wissenschaftsgeschichte mit Philologie). Nur so kann vllt. irgendwer, der schlauer ist, als wir alle, einst die Wahrheit zur Lesung dieser Tafel finden. Ich tippe mal, dass die Kollegen im <a href="https://www.geschkult.fu-berlin.de/e/zodiac/index.html">Berliner Zodiac-Projekt der FU</a> das interessieren könnte.</p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Plejaden-Tontafel VAT 7851 » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/plejhyad_smh2025_4gif-1.gif"><img alt="" decoding="async" height="751" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/plejhyad_smh2025_4gif-1.gif" width="1001"></img></a></figure> <p>So sieht man die Plejaden und Hyaden derzeit gegen 00:30 Uhr in Mitteleuropa: die fünf hellsten Hyadensterne bilden eine V-förmige Formation, die – im Osten aufgehend – wie ein horizontparalleles Pfeilchen nach Süden zeigt. </p> <p>Genau so ist auch eine Gruppe von Sternen auf der Tontafel mit der Museumsbezeichnung VAT 7851 der Vorderasiatischen Abteilung des <a href="https://www.museumsportal-berlin.de/en/museums/pergamonmuseum/">Pergamon-Museums Berlin</a> abgebildet (hier die <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:VAT.7851.Umzeichnung.png">Zeichnung eines Berliner Hobby-Archäoastronomen in WikiCommons</a>): eine V-förmige Formation, allerdings aus sieben und nicht fünf Sternen. Daher wurde sie bisher von Assyriologen folgerichtig als “Plejaden” interpretiert, was auch durch die Aufschrift “MUL.MUL” in dem Sternchenmuster auf der Tontafel verstärkt wird. MUL.MUL ist sumerisch, ist ein Plural des Worts für “Stern” und bedeutet folglich “Sternhaufen” (<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/wie-viele-sterne-haben-die-plejaden/">siehe früherer post</a>) – der “Name” der Plejaden in Mesopotamien vor ~4000 Jahren. Daher erscheint es auf den ersten Blick klar und ohne Zweifel, dass auf der Tontafel die Plejaden abgebildet sind. </p> <h2 id="h-aber-ist-es-wirklich-so-einfach">Aber ist es wirklich so einfach?</h2> <p>In der neuesten Ausgabe des <a href="https://orientalistik.univie.ac.at/publikationen/afo/">Archivs für Orientforschung (AfO)</a> erschien diese Woche ein Artikel, der dies in Frage stellt: Es könnten auch die HyadenPlus in dieser Gruppe abgebildet sein bzw. es könnte sein, dass der Zeichner und der Beschrifter der Ritzzeichnung verschiedene Sternhäuflein meinten. </p> <p>Hier ist erstmal eine neue Umzeichnung der beschädigten Tontafel VAT 7851: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Fig1_taurus_tablet_150dpi_sciLogs.jpg"><img alt="" decoding="async" height="585" sizes="(max-width: 1001px) 100vw, 1001px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Fig1_taurus_tablet_150dpi_sciLogs.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Fig1_taurus_tablet_150dpi_sciLogs.jpg 1001w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Fig1_taurus_tablet_150dpi_sciLogs-300x175.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Fig1_taurus_tablet_150dpi_sciLogs-768x449.jpg 768w" width="1001"></img></a><figcaption>Umzeichnung von VAT 7851 publiziert in Hoffmann (2025). Image Analysis of VAT 7851, <a href="https://orientalistik.univie.ac.at/publikationen/afo/">Archivs für Orientforschung (AfO)</a> 56, 45-53</figcaption></figure> <p>Es geht um die Gruppe von Asterisken links. Bei genauerer Betrachtung sieht man, dass der mittlere Stern unten ein paar zusätzliche Strahlen hat. Dieser Stern ist also heller als die anderen. Wäre hier der rötliche Aldebaran gemeint, ergäbe es astronomisch mehr Sinn als die Plejaden-Deutung, da unter diesen weder eine V-förmige Formation zu sehen ist noch die zwei Sterne links neben den fünf V-formenden erklärbar sind. Liest man die Gruppe aber als Hyaden mit Aldebaran, wären die beiden Sterne ganz links beta und zeta Tauri, die Sterne, die man heute als Hornspitzen eines Stiers (mit Gazellenhörnern) darstellt und die in der mathematischen Astronomie Mesopotamiens der nördliche und südliche “Zügel” eines Himmelswagens genannt werden. <aside></aside></p> <p>Kurzum, die Deutung als Hyaden plus beta und zeta Tauri für diese Gruppe ergibt ebenso Sinn. Philologen werden jetzt einwenden, dass doch aber die Beschriftung “MUL.MUL” auf die Plejaden hindeutet. Ich würde das mit dem Gegenargument kontern, dass die “MUL.MUL” zwar ursprünglich die Plejaden bezeichnete, aber das war einige Jahrtausende früher. Als diese Tontafel erstellt wurde, konnte “MUL.MUL” genauso gut eine Bezeichnung für das Sternzeichen (oder vllt auch Sternbild) Taurus sein. Zudem ist es wörtlich eben nur ein Plural von Stern und dass hier mehr als ein Stern abgebildet ist, wird wohl niemand anzweifeln. Eine Hypothese könnte sein, dass bei der Beschriftung des Bildes etwas schief gelaufen ist. </p> <p>Der Stier ist aber mesopotamisch – zumindest für den/ diejenigen, die diese Tafel erstellten – keineswegs so groß wie wir ihn heute zeichnen. Er nimmt nur die Hälfte oder ein Drittel des Sternzeichens (aka des Abschnitts von 30° längs der Ekliptik) ein. Dass dies für das babylonische Sternbild wohl gegolten hat, hatte der große John Steele bereits 2018 publiziert und ist keine neue Erkenntnis: die Tontafel VAT 7851 zeigt es nur abermals sehr deutlich. </p> <h2 id="h-neugierig">Neugierig?</h2> <p>Wer mehr zu dieser gewagten Hypothese der Neu-Interpretation des Bildes auf dieser Tontafel erfahren möchte, darf sich gern das <a href="https://orientalistik.univie.ac.at/publikationen/afo/">neueste AfO</a> käuflich <a href="https://orientalistik.univie.ac.at/publikationen/afo/bezug/">erwerben</a>. Ich danke den lieben Kolleg:innen in Wien ganz herzlich für die inspirierenden Hinweise und schließlich die Publikation dieses Beitrags! </p> <p>Es ist einerseits relativ mutig, eine scheinbar so klare, hundert Jahre alte und von allen Größen im Fach geteilten Deutung in Frage zu stellen. Andererseits erschien es mir angemessen, meine Zweifel aufgrund der verwirrenden Doppeldarstellung der Plejaden im selben Bild einmal zu verschriftlichen: ich bin ja nur Astronomin (mit einem der Arbeitsschwerpunkte in babylonischer Astronomie) und so komplizierte Fragen erfordern interdisziplinäre Kollaboration (hier z.B. von Astronomie, Wissenschaftsgeschichte mit Philologie). Nur so kann vllt. irgendwer, der schlauer ist, als wir alle, einst die Wahrheit zur Lesung dieser Tafel finden. Ich tippe mal, dass die Kollegen im <a href="https://www.geschkult.fu-berlin.de/e/zodiac/index.html">Berliner Zodiac-Projekt der FU</a> das interessieren könnte.</p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/plejaden-tontafel-vat-7851/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>Schnabelwal-Strandungen im Juli/August 2025 https://scilogs.spektrum.de/meertext/schnabelwal-strandungen-im-juli-august-2025/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/schnabelwal-strandungen-im-juli-august-2025/#respond Thu, 04 Sep 2025 07:54:07 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1754 <h1>Schnabelwal-Strandungen im Juli/August 2025 » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Ende Juli und Anfang August 2025 häuften sich untypische Strandungen toter oder sterbender Schnabelwale, außerdem kam es zu einer Grindwal-Massenstrandung an den Atlantik-Küsten Irlands, Englands, Schottlands sowie den Nordseeküsten der Niederlande und Deutschlands. Da diese Vorkommnisse ungewöhnlich waren, und seltene Arten sowie viele Individuen beteiligt waren, wurden die nationalen bzw. regionalen Stranding-Networks alarmiert, um Daten und Proben zu sichern.</p> <h2 id="h-entenwal-auf-sylt">Entenwal auf Sylt</h2> <p>Der am 29.08 auf Sylt gestrandete Nördliche Entenwal (<em>Hyperoodon ampullatus)</em>war ein <a href="https://www.deutschlandfunk.de/gestrandeter-schnabelwal-vor-sylt-abgeschossen-seehundjaeger-tier-war-stark-abgemagert-100.html">Jungtier und stark abgemagert</a>. Er war schon einige Tage davor dort im Kreis geschwommen und wurde schließlich wegen des offensichtlich schlechten Gesundheitszustands vom zuständigen Seehundsjäger mit einer Genehmigung erschossen. Er hatte, krank, hungrig, desorientiert und allein, keine Überlebenschance, der Kadaver soll nun von Tierärzten untersucht werden.<br></br>Mit nur 3,80 Metern Länge war er noch lange nicht ausgewachsen – sie erreichen bis zu 9,8 Meter Länge, Weibchen blieben etwas kleiner.  Entenwale ziehen in Familiengruppen umher, darum war der kleine Wal garantiert nicht allein im Ozean unterwegs. Mütter säugen ihren <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4632540/">Nachwuchs bis zu 3 oder 4 Jahre lang</a>, wie Isotopenuntersuchungen der Zähne ergaben.</p> <p>Nördliche Entenwale gehören zu den Schnabelwalen (Ziphiidae). Sie sind extreme Tieftaucher, leben darum meist fern der Küsten und sind scheu, so werden sie nur selten beobachtet und sind nicht sehr gut erforscht. Aber ein Bestand von ihnen wandert jenseits des europäischen Kontinentalschelfs, vor den irischen, englischen, schottischen und norwegischen Küsten. Dort jagen die Zahnwale in <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4632540/">bis zu 2339 Metern</a> Tiefe Tintenfische, sie können bis zu 130 Minuten tauchen. Ihr Vorkommen ist vor allem aus gelegentlichen Strandungen bekannt. Mehr über sie <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/geheimnisvolle-schnabelwale-von-entenwalen-1/">gibt´s hier</a> und hier.<br></br>An deutschen Küsten stranden sie äußerst selten, die Nordsee ist viel zu flach für sie und der schlammige Sedimentboden macht durch sein verwischtes Sonarecho ihre Navigation dort sehr schwierig. Als mir eine Freundin, die auch Seehundsjägerin ist, diese Nachricht schickte, machte mich das sehr traurig. Gleichzeitig schreckte es mich auf: Als ich in der 2. Julihälfte auf den Shetland-Inseln war, gab es auf den nahe gelegenen <a href="https://www.bbc.com/news/articles/c2d09lelyr3o">Orkney-Inseln ebenfalls eine Entenwal-Strandung</a>: Auf einer der nördlichen Inseln, Papa Westray, starben gleich drei Exemplare. Die Meeressäuger wurden vom Scottish Marine Animal Stranding Scheme (SMASS) untersucht, zu dem u a spezialisierte Tierärzte gehören. Diese Wale waren in gutem Gesundheitszustand, hatten allerdings leere Mägen.<br></br>Ob die zur gleichen Familiengruppe wie das Jungtier vor Sylt gehörten?</p> <h2 id="h-schnabelwal-strandungen-im-juli-2025-grindwal-strandungen-im-august-2025"><strong>Schnabelwal-Strandungen im Juli 2025, Grindwal-Strandungen im August 2025</strong></h2> <p>Eine schnelle Recherche ergab noch mehr Schnabelwal-Strandungen und eine Grindwal-Massenstrandung:</p> <p><a href="https://www.theguardian.com/environment/2025/jul/30/beaked-whales-strandings-july-western-ireland-orkney-netherlands">26.07.2025: Strandung zweier sichtlich gestresster Sowerby-Schnabelwale (<em>Mesoplodon bidens</em>) zwischen dem</a> niederländischen Heemskerk und Wijk aan Zee, nördlich von Den Haag, wo an den abfallenden Küsten der südlichen Nordsee häufig Wale verenden – allerdings sehr selten Schnabelwale<a href="https://www.sosdolfijn.nl/nieuws/archief/hoog-aantal-strandingen-spitssnuitdolfijnen">. Das Männchen starb bald nach der Strandung, das Weibchen</a> musste von den Veterinären eingeschläfert werden.<aside></aside></p> <p>27. 07.2025: <a href="https://www.theguardian.com/environment/2025/jul/30/beaked-whales-strandings-july-western-ireland-orkney-netherlands">Strandung einer Schnabelwal-Mutter und ihres Kalbs in North Mayo</a>, Irland. Die Mutter starb schnell, während das Kalb davonschwamm. Allerdings, so Simon Berrow von der Irish Whale and Dolphin Group, wird das Kalb wahrscheinlich nicht überleben.  </p> <p>29.07.2025: Strandung des kleinen Nördlichen Entenwals auf Sylt.</p> <p>02.08.2025<br></br>Ein <a href="https://bdmlr.org.uk/spate-of-cetacean-strandings-in-scotland">Sowerby-Schnabelwal strandet bei Ardersier nahe</a> Inverness. Wegen seines schlechten Zustands wurde er euthanasiert.</p> <p>09.08.2025: 4 Nördliche Entenwale nähern sich in einem Fjord Islands, was ein sehr <a href="https://whale-tales.org/northern-bottlenose-whales-9-8-25/#comment-14805">ungewöhnliches Verhalten ist (Judith)</a>. In diesem Sommer hatte es bereits mehrere ungewöhliche Entenwal-Sichtungen in isländischen Fjorden gegeben.</p> <p>07.08.2025: <a href="https://iwdg.ie/deep-diving-sowerbys-beaked-whales-dies-after-live-stranding-at-helvic/">Lebendstrandung on 2 Sowerby-Schnabelwale</a>n, Mutter und junges Männchen in Waterford. Beide verstarben.</p> <p>13.08 (<a href="https://orca.org.uk/news-blog/update-beaked-whale-strandings-continue">Zeitpunkt d Meldung, nicht der Strandung</a>): Auf den Orkneys wurde ein 4. Nördlicher Entenwal gefunden, wie die dortige Wal-Expertin und Strandungs-Koordinatorin <a href="https://orca.org.uk/news-blog/update-beaked-whale-strandings-continue">Emma Neave-Webb</a> berichtete.</p> <p>10.08.2025: Ida Korp Eriksson berichtet, dass zwei Sowerby-Schnabelwale am Strand von Åsa in Halland (Schweden) gefunden wurden. Sie konnten von der Küstenwache und anderen Helfern zunächst wieder in tieferes Wasser geleitet werden. Aber dann wurde einer von ihnen tot an der schwedischen Küste Frillesås bei Kungsbacka gefunden udnd er andere auf Läsö in Dänemark.</p> <p>Auch hier hatten Biologen und Veterinäre des Natural History Museum and the National Veterinary Institute den Wal von Frillesås untersucht: “<em>Our initial examination shows that the beaked whale was in good condition, with a good body and no pathological changes. The injuries that can be seen are superficial and come from injuries in connection with the stranding, or after death,</em>” – sagte Moa Naalisvaara Engman, marine biologist at SVA in der Pressemitteilung.</p> <p>10.08.2025: 23 tote Grindwale werden am Strand der Orkney-Insel Sanday gefunden, die wohl schon einige Tage zuvor gestrandet waren. Einige noch lebende Tiere wurden euthanasiert.<br></br>Erst letztes Jahr waren am <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/orkney-massenstrandung-grosse-grindwal-gruppe-ausgeloescht/">11.07. sogar 77 der großen Delphinartigen ebenfalls auf den Orkney-Inseln gestrandet</a> und gestorben.</p> <p><a href="https://www.shetlandtimes.co.uk/2025/06/27/orca-washes-up-in-yell-sound">25.07.2025: Fund des toten Orca-Bullen 161 auf der Shetland-Insel Yell</a>. Er gehörte zum schottisch-isländischen Pod 12s. Er war zuvor dort in der Nähe gesichtet worden und erschien abgemagert und unterernährt. Die Nekropsie-Ergebnisse stehen noch aus.</p> <p>Nach Angaben der British Divers and Marine Life Rescue, <a href="https://bdmlr.org.uk/spate-of-cetacean-strandings-in-scotland">die ehrenamtlich bei Strandungen helfen,</a> strandeten im August an den schottischen Küsten noch 3 Weißschnabeldelphine, 12 Gemeine Delphine, 1 Grindwal, 1 Zwergwal, 2 Rissos Delphine, 1 unbekannter Wal und im September noch 1 Finnwal. Viele dieser Wale konnten wieder zurück ins Meer gebracht werden der schwammen allein wieder davon.</p> <p>31.08.2025: Fund eines toten Zwergpottwals (<em>Kogia breviceps</em>) <a href="https://www.bbc.com/news/articles/cy5p50eld1ro">an der Küste Devons</a>. Ein sehr seltener Fund auf den Britischen Inseln, sie leben eigentlich in wärmeren Gewässern.<p>Tieftaucher wie Schnabelwale können nach einer Strandung nicht wieder ins Meer geleitet werden, wie Delphine oder andere küstennah lebende Arten. Sie stranden nicht zufällig, sondern nur in Fällen von schwerer Erkrankung oder Unfällen. Dann sind sie bereits so angeschlagen und <a href="https://www.theguardian.com/environment/2025/jul/30/beaked-whales-strandings-july-western-ireland-orkney-netherlands">zusätzlich durch die Strandung gestresst, dass sie keine</a> Überlebenschancen haben. Darum werden sie, selbst, falls sie lebend auf den Strand gespült werden, meist bald von den verantwortlichen Tierärzten euthanasiert.</p></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-15.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="795" sizes="(max-width: 513px) 100vw, 513px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-15.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-15.png 513w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-15-194x300.png 194w" width="513"></img></a></figure> <h2 id="h-warum-sind-die-wale-gestrandet"><strong>Warum sind die Wale gestrandet?</strong></h2> <p>Wale stranden aus sehr unterschiedlichen Gründen, abhängig von Art, Individuen und Region. Einzelne Todesfälle liegen meist an der Krankheit oder Verwirrung eines Individuums. Manche Massensterben wie <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/massenstrandungen-von-grindwalen/">bei Grindwalen</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/pottwal-massenstrandung-im-humber-aestuar-england/">Pottwalen</a> wiederholen sich seit Jahrhunderten an den gleichen Strandabschnitten und sind dann wohl eher natürlich. Bei Multi-Spezies-Strandungen ist meist ein äußerer Anlaß die Todesursache, wie etwa <a href="http://blog.meertext.eu/2012/07/30/%E2%80%9Eder-perfekte-sturm%E2%80%9C-fur-die-delphine-des-golf-von-mexiko-kommentar/">eine Ölpest </a> oder eine <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6055221/">Giftalgenblüte</a>.<br></br>Solche natürlichen Todesursachen können durch menschliche Aktivitäten verstärkt werden – Giftalgenblüten nehmen mit der Ozeanerwärmung zu, Wale fressen Plastik oder verheddern sich in Fischereigerät oder sterben durch Schiffskollisionen.<p>Strandungen großer und kleiner Wale kommen den Britischen Inseln und Irland mit ihren sehr langen Küstenstrichen vor, auch zum offenen Atlantik hin sind sie nicht selten. Allerdings sind sie zumindest an den schottischen Küsten in einem Untersuchungszeitraum von <a href="https://www.bbc.com/news/articles/cgkr84d02ego">1992 and 2022 dramatisch gestiegen, von 100</a> Meeressäugern pro Jahr auf mittlerweile 300. Forschende der University Glasgow und des Scottish Marine Animal Stranding Scheme (SMASS) hatten <a href="https://www.nature.com/articles/s41598-025-12928-1#Tab1">dazu im August eine Übersichtsstudie in Nature</a> publiziert:</p><br></br><strong>Lennon, et al: „</strong><a href="https://www.nature.com/articles/s41598-025-12928-1"><strong>An approach to using stranding data to monitor</strong></a><strong> cetacean population trends and guide conservation strategies“ (2025).<br></br></strong>Hier ist ein <a href="https://www.bbc.com/news/articles/cgkr84d02ego">guter BBC-Artikel zu dieser Publikation</a>.<br></br>SMASS war 1995 anlässlich einer Grindwal-Massenstrandung gegründet worden. Die jetzigen Vorfälle sind aber noch einmal eine auffallende Häufung.</p> <p>Andrew Brownlow, der leitende Tierarzt und Wal-Experte des SMASS, sagte bereits 2024 anläßlich der Grindwal-Strandung, dass Wal-Massenstrandungen solchen Ausmaßes in Schottland zunehmen. Gegenüber <a href="https://www.bbc.com/news/articles/c3g6xzrxy35o">den BBC-News sagte er: </a>“It used to be quite unusual to have a mass stranding event, certainly of this size.” […] “But over the last ten years or so we have seen an increase both in the number of mass stranding events around Scotland and also the size of the mass and the number of animals that it involves.” […] “So that is slightly concerning and that might be because there are just more animals out there, or it could be that there are more hazards that these animals are exposed to.”</p> <h2 id="h-schnabelwal-tod-durch-lfas-marine-sonar"><strong>Schnabelwal-Tod durch LFAS-Marine-Sonar</strong></h2> <p>Der zeitliche und räumliche Zusammenhang der Meeressäuger-Strandungen in Juli, August und September 2025 spricht gegen eine zufällige Strandungsserie. Vor Allem die Schnabelwalstrandungen von <em>Hyperoodon ampullatus</em> und <em>Mesoplodon bidens</em> sind alarmierend.In welchem Kontext die Grindwal-, Delphin- und Bartenwal-Strandungen dazu stehen, ist nicht geklärt – <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/massenstrandungen-von-grindwalen/">Grindwalgruppen sterben leider häufiger bei solchen Massenstrandungen</a> (in UK-Gewässern, Australien und anderswo gibt es regelrechte Hot Spots)  und die kleineren Delphine sowie die Bartenwale haben überwiegend überlebt, sie könnten auch einfach wegen der <a href="https://www.kipper.co.uk/news/the-life-cycle-of-north-sea-herring-a-fishy-tale-of-sea-to-smokehouse">Heringe dort gewesen sein, die dort in der Nordsee im August/September dort ablaichen</a>. In dieser Zeit sollen dort besonders viele heringsliebende Wale unterwegs sein, wie mir Leute auf den Shetland-Inseln erzählten (über den Shetland-Aufenthalt schreibe ich noch etwas, es war denkwürdig).</p> <p>Die Schnabelwal-Strandungen sind hingegen selten. Sowohl Nördliche Entenwale als auch Sowerby-Schnabelwale sind mittelgroßen Zahnwale, die eigentlich fern der Küsten leben. Sie sind extreme Tieftaucher und jagen in den dunklen Meerestiefen meist Tintenfische. Seit den 1990-er Jahren nehmen Schnabelwal-Strandungen global zu – der Grund dafür ist das LFAS-Marine-Sonar.</p> <p>Seit 1996 gibt es immer wieder weltweit Massenstrandungen von Schnabelwalen (Ziphiidae) und anderen Walarten zeitgleich mit NATO-Manövern. Der griechische Wal-Experte Alexandros Frantzis hatte 1996 erstmals die fundierte Vermutung publiziert, dass die moderne Sonartechnik der NATO gerade für auffallende Schnabelwal-Strandungen verantwortlich ist. Das Low Frequency Active Sonar (LFAS) soll über große Entfernungen und bis in große Tiefen U-Boote orten. Da bis zu diesem Zeitpunkt keine Schnabelwal-Massenstrandungen bekannt waren (es gab nur einzelne Totfunde) und diese neuen Massentode regional und zeitlich auffallend mit NATO-Marine-Manövern übereinstimmten, hatte Frantzis den Massentod von Cuvier-Walen im Mittelmeer genauer analysiert. Seine Hypothese: Das LFAS-Sonar treibt die Schnabelwale in den Tod.<br></br>Als 1996 die erste Massenstrandung dieser Zahnwale an den Stränden der griechischen Inseln stattfand und 12 Tiere tot oder sterbend anstrandeten, untersuchte Frantzis sie:<br></br>Diese Wale waren an massiven Blutungen im Gehör, Gehirn und der Lunge gestorben. Derartige Verletzungen waren bis dahin bei Walen unbekannt. Sie sind durch panikartiges, extrem schnelles Auftauchen verursacht worden und haben zu schweren, Taucherkrankheits-ähnlichen Symptomen geführt. Die Tiere mussten durch einen äußeren Einfluß in Panik geraten sein. Im Mittelmeer gab es keine natürliche Ursache (Meeresbeben, Orca-Angriff,…), die eine ganze Herde Cuvier-Schnabelwale panisch aus dem Ozean fliehen lassen konnte. Frantzis kam nach sorgfältiger Datenanalyse zu dem Ergebnis, dass diese atypische Massenstrandung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in direktem Zusammenhang mit einem NATO-Manöver im gleichen Seegebiet stehen musste, bei dem ein LFAS-Sonar eingesetzt wurde.</p> <p>Frantzis Forschungsergebnisse wurden in dem angesehenen Wissenschaftsmagazin in Nature veröffentlicht ( <em>Nature</em><strong> 392</strong>, 29 (5 March 1998) | doi:10.1038/3206; <a href="http://www.ncbi.nlm.nih.gov/entrez/query.fcgi?cmd=search&amp;term=Frantzis+A">A. Frantzis: “Does acoustic testing strand whales?” Scientific Correspondence); http://en.wikipedia.org/wiki/Marine_mammals_and_sonar). </a>Er verlor nach dieser Veröffentlichung seinen Job an der Universität und arbeitet seitdem in einer Walschutz-Organisation. Seine Arbeit wurde von vielen anderen internationalen Fachkollegen als seriös und korrekt in den Schlussfolgerungen bewertet.</p> <p>Mittlerweile sind weltweit von verschiedenen unabhängigen Wissenschaftlern – Biologen und Tierärzten – weitere Massenstrandungen von Schnabelwalen und anderen Spezies untersucht worden. Sie haben Frantzis`Hypothese immer wieder bestätigt: Das LFA-Sonar treibt die Wale durch extrem laute Ortungs-Geräusche zu einem panischen “Notaufstieg“: Die Tiere leiden dabei so stark, dass sie versuchen, aus dem Wasser zu fliehen. Sie verenden grausam mit zerstörten Innenohren und inneren Blutungen. Nachdem <a href="https://www.aquaticmammalsjournal.org/article/vol-35-iss-4-filadelfo-et-al/">2000 ein US Navy-Manöver vor den Bahamas</a> zu Schnabelwal-Massensterben führte und 2000 sowie 2004 weitere vor den Kanarischen Inseln gibt es <a href="https://dosits.org/animals/effects-of-sound/potential-effects-of-sound-on-marine-mammals/strandings/">keine Zweifel mehr an diesem Zusammenhang.</a><br></br>2018 waren im August und September an den schottischen und irischen Westküsten<a href="https://www.bbc.com/news/uk-scotland-45643374"> 75 tieftauchende Schnabelwale tot angespült worden, die meisten von ihnen Cuvier-Wale</a>. Da die Kadaver meist stark verwest waren, ließen sich keine Spuren mehr sichern, um die Taucherkrankheit nachzuweisen – aber der Verdacht, dass ein Marine-Manöver zum Waltod geführt hatte, drängte sich auf.</p> <p>Der auf Wale spezialisierte englische Tierarzt Dr. Paul Jepson hat in viele Sektionen die schweren Verletzungen bei verschiedenen Arten durch <a href="https://www.researchgate.net/publication/9058029_Gas-bubble_lesions_in_stranded_cetaceans">Gasblasen in den Blutgefäßen analysiert und dokumentiert</a>, auch <a href="https://ieeexplore.ieee.org/document/1405608">andere Wissenschaftler</a> haben dies immer wieder bestätigt.  <br></br>Der Grund für die Panik-Reaktionen der Schnabelwale auf LFAS-Signale ist wohl deren Ähnlichkeit mit den Ortungslauten von Orcas. Schwertwale sind die Todfeinde der tieftauchende Ziphiiden. <a href="https://www.nature.com/articles/s41598-019-55911-3">Sowie sie die Laute hören, versuchen sie</a>, den schwarz-weißen Jägern zu entkommen. Da die Schnabelwal-Gruppen meist synchron tauchen und in der Tiefe jagen, <a href="https://www.nature.com/articles/s41598-019-55911-3">läuft auch ihre Flucht synchron</a>: so tauchen ganze Gruppen von ihnen panisch und viel zu schnell auf. Da <a href="https://news.mongabay.com/2020/02/beaked-whales-stealth-behavior-gives-clues-to-mystery-of-mass-stranding/">diese Wale normalerweise</a> <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17050839/">sehr langsam in flachem Winkel sinken und steigen</a>, bekommen sie bei solchen „Notaufstiegen“ die Taucherkrankheit: Das ausperlende Gas bringt Blutgefäße vor allem in den Ohren und um das Gehirn zum Platzen. Die toten und sterbenden Schnabelwale stranden dann innerhalb von Stunden und Tagen an nahe gelegenen Küsten. Auf offener See versinken die Kadaver im Meer.</p> <p>Die zeitliche und räumliche Korrelation der vielen Schnabelwal-Strandungen an der irischen, schottischen und englischen Atlantikküste könnte in einem solchen Marinemanöver seinen Grund haben. Oder in einer anderen menschlichen Quelle – der Erdöl- und Gas-Suche im Meer per Airgun-Schallkanone. Beide<a href="https://www.theguardian.com/environment/2025/jul/30/beaked-whales-strandings-july-western-ireland-orkney-netherlands"> Geräuschquellen werden zurzeit von Wal-ExpertInnen diskutiert.</a><br></br>Hoffentlich bringen die Nekropsien mehr Aufschluß.</p> <p>Ich habe zwar Hinweise auf Marine-Manöver in diesem zeitlichen und räumlichen Kontext gefunden, habe aber noch keine belastbaren Informationen. Darum werde ich hier keine Behauptungen aufstelle, sondern warte die offizielle Untersuchung des SMASS und anderer Stellen ab. <br></br>Ich habe diese Informationen nach bestem Wissen aus vielen Quellen zusammengetragen. Wenn jemand Ergänzungen hat, füge ich die gern hinzu.</p> <p>(Alle Quellen sind verlinkt. Es gibt viele weitere Quellen, die diese Erkenntnisse unterstützen. Der Zusammenhang der Schnabelwal-Massenstrandungen mit LFAS Sonar und Geo-Exploration ist keine Außenseiter-Meinung, sondern Common Sense. )</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Schnabelwal-Strandungen im Juli/August 2025 » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Ende Juli und Anfang August 2025 häuften sich untypische Strandungen toter oder sterbender Schnabelwale, außerdem kam es zu einer Grindwal-Massenstrandung an den Atlantik-Küsten Irlands, Englands, Schottlands sowie den Nordseeküsten der Niederlande und Deutschlands. Da diese Vorkommnisse ungewöhnlich waren, und seltene Arten sowie viele Individuen beteiligt waren, wurden die nationalen bzw. regionalen Stranding-Networks alarmiert, um Daten und Proben zu sichern.</p> <h2 id="h-entenwal-auf-sylt">Entenwal auf Sylt</h2> <p>Der am 29.08 auf Sylt gestrandete Nördliche Entenwal (<em>Hyperoodon ampullatus)</em>war ein <a href="https://www.deutschlandfunk.de/gestrandeter-schnabelwal-vor-sylt-abgeschossen-seehundjaeger-tier-war-stark-abgemagert-100.html">Jungtier und stark abgemagert</a>. Er war schon einige Tage davor dort im Kreis geschwommen und wurde schließlich wegen des offensichtlich schlechten Gesundheitszustands vom zuständigen Seehundsjäger mit einer Genehmigung erschossen. Er hatte, krank, hungrig, desorientiert und allein, keine Überlebenschance, der Kadaver soll nun von Tierärzten untersucht werden.<br></br>Mit nur 3,80 Metern Länge war er noch lange nicht ausgewachsen – sie erreichen bis zu 9,8 Meter Länge, Weibchen blieben etwas kleiner.  Entenwale ziehen in Familiengruppen umher, darum war der kleine Wal garantiert nicht allein im Ozean unterwegs. Mütter säugen ihren <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4632540/">Nachwuchs bis zu 3 oder 4 Jahre lang</a>, wie Isotopenuntersuchungen der Zähne ergaben.</p> <p>Nördliche Entenwale gehören zu den Schnabelwalen (Ziphiidae). Sie sind extreme Tieftaucher, leben darum meist fern der Küsten und sind scheu, so werden sie nur selten beobachtet und sind nicht sehr gut erforscht. Aber ein Bestand von ihnen wandert jenseits des europäischen Kontinentalschelfs, vor den irischen, englischen, schottischen und norwegischen Küsten. Dort jagen die Zahnwale in <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4632540/">bis zu 2339 Metern</a> Tiefe Tintenfische, sie können bis zu 130 Minuten tauchen. Ihr Vorkommen ist vor allem aus gelegentlichen Strandungen bekannt. Mehr über sie <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/geheimnisvolle-schnabelwale-von-entenwalen-1/">gibt´s hier</a> und hier.<br></br>An deutschen Küsten stranden sie äußerst selten, die Nordsee ist viel zu flach für sie und der schlammige Sedimentboden macht durch sein verwischtes Sonarecho ihre Navigation dort sehr schwierig. Als mir eine Freundin, die auch Seehundsjägerin ist, diese Nachricht schickte, machte mich das sehr traurig. Gleichzeitig schreckte es mich auf: Als ich in der 2. Julihälfte auf den Shetland-Inseln war, gab es auf den nahe gelegenen <a href="https://www.bbc.com/news/articles/c2d09lelyr3o">Orkney-Inseln ebenfalls eine Entenwal-Strandung</a>: Auf einer der nördlichen Inseln, Papa Westray, starben gleich drei Exemplare. Die Meeressäuger wurden vom Scottish Marine Animal Stranding Scheme (SMASS) untersucht, zu dem u a spezialisierte Tierärzte gehören. Diese Wale waren in gutem Gesundheitszustand, hatten allerdings leere Mägen.<br></br>Ob die zur gleichen Familiengruppe wie das Jungtier vor Sylt gehörten?</p> <h2 id="h-schnabelwal-strandungen-im-juli-2025-grindwal-strandungen-im-august-2025"><strong>Schnabelwal-Strandungen im Juli 2025, Grindwal-Strandungen im August 2025</strong></h2> <p>Eine schnelle Recherche ergab noch mehr Schnabelwal-Strandungen und eine Grindwal-Massenstrandung:</p> <p><a href="https://www.theguardian.com/environment/2025/jul/30/beaked-whales-strandings-july-western-ireland-orkney-netherlands">26.07.2025: Strandung zweier sichtlich gestresster Sowerby-Schnabelwale (<em>Mesoplodon bidens</em>) zwischen dem</a> niederländischen Heemskerk und Wijk aan Zee, nördlich von Den Haag, wo an den abfallenden Küsten der südlichen Nordsee häufig Wale verenden – allerdings sehr selten Schnabelwale<a href="https://www.sosdolfijn.nl/nieuws/archief/hoog-aantal-strandingen-spitssnuitdolfijnen">. Das Männchen starb bald nach der Strandung, das Weibchen</a> musste von den Veterinären eingeschläfert werden.<aside></aside></p> <p>27. 07.2025: <a href="https://www.theguardian.com/environment/2025/jul/30/beaked-whales-strandings-july-western-ireland-orkney-netherlands">Strandung einer Schnabelwal-Mutter und ihres Kalbs in North Mayo</a>, Irland. Die Mutter starb schnell, während das Kalb davonschwamm. Allerdings, so Simon Berrow von der Irish Whale and Dolphin Group, wird das Kalb wahrscheinlich nicht überleben.  </p> <p>29.07.2025: Strandung des kleinen Nördlichen Entenwals auf Sylt.</p> <p>02.08.2025<br></br>Ein <a href="https://bdmlr.org.uk/spate-of-cetacean-strandings-in-scotland">Sowerby-Schnabelwal strandet bei Ardersier nahe</a> Inverness. Wegen seines schlechten Zustands wurde er euthanasiert.</p> <p>09.08.2025: 4 Nördliche Entenwale nähern sich in einem Fjord Islands, was ein sehr <a href="https://whale-tales.org/northern-bottlenose-whales-9-8-25/#comment-14805">ungewöhnliches Verhalten ist (Judith)</a>. In diesem Sommer hatte es bereits mehrere ungewöhliche Entenwal-Sichtungen in isländischen Fjorden gegeben.</p> <p>07.08.2025: <a href="https://iwdg.ie/deep-diving-sowerbys-beaked-whales-dies-after-live-stranding-at-helvic/">Lebendstrandung on 2 Sowerby-Schnabelwale</a>n, Mutter und junges Männchen in Waterford. Beide verstarben.</p> <p>13.08 (<a href="https://orca.org.uk/news-blog/update-beaked-whale-strandings-continue">Zeitpunkt d Meldung, nicht der Strandung</a>): Auf den Orkneys wurde ein 4. Nördlicher Entenwal gefunden, wie die dortige Wal-Expertin und Strandungs-Koordinatorin <a href="https://orca.org.uk/news-blog/update-beaked-whale-strandings-continue">Emma Neave-Webb</a> berichtete.</p> <p>10.08.2025: Ida Korp Eriksson berichtet, dass zwei Sowerby-Schnabelwale am Strand von Åsa in Halland (Schweden) gefunden wurden. Sie konnten von der Küstenwache und anderen Helfern zunächst wieder in tieferes Wasser geleitet werden. Aber dann wurde einer von ihnen tot an der schwedischen Küste Frillesås bei Kungsbacka gefunden udnd er andere auf Läsö in Dänemark.</p> <p>Auch hier hatten Biologen und Veterinäre des Natural History Museum and the National Veterinary Institute den Wal von Frillesås untersucht: “<em>Our initial examination shows that the beaked whale was in good condition, with a good body and no pathological changes. The injuries that can be seen are superficial and come from injuries in connection with the stranding, or after death,</em>” – sagte Moa Naalisvaara Engman, marine biologist at SVA in der Pressemitteilung.</p> <p>10.08.2025: 23 tote Grindwale werden am Strand der Orkney-Insel Sanday gefunden, die wohl schon einige Tage zuvor gestrandet waren. Einige noch lebende Tiere wurden euthanasiert.<br></br>Erst letztes Jahr waren am <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/orkney-massenstrandung-grosse-grindwal-gruppe-ausgeloescht/">11.07. sogar 77 der großen Delphinartigen ebenfalls auf den Orkney-Inseln gestrandet</a> und gestorben.</p> <p><a href="https://www.shetlandtimes.co.uk/2025/06/27/orca-washes-up-in-yell-sound">25.07.2025: Fund des toten Orca-Bullen 161 auf der Shetland-Insel Yell</a>. Er gehörte zum schottisch-isländischen Pod 12s. Er war zuvor dort in der Nähe gesichtet worden und erschien abgemagert und unterernährt. Die Nekropsie-Ergebnisse stehen noch aus.</p> <p>Nach Angaben der British Divers and Marine Life Rescue, <a href="https://bdmlr.org.uk/spate-of-cetacean-strandings-in-scotland">die ehrenamtlich bei Strandungen helfen,</a> strandeten im August an den schottischen Küsten noch 3 Weißschnabeldelphine, 12 Gemeine Delphine, 1 Grindwal, 1 Zwergwal, 2 Rissos Delphine, 1 unbekannter Wal und im September noch 1 Finnwal. Viele dieser Wale konnten wieder zurück ins Meer gebracht werden der schwammen allein wieder davon.</p> <p>31.08.2025: Fund eines toten Zwergpottwals (<em>Kogia breviceps</em>) <a href="https://www.bbc.com/news/articles/cy5p50eld1ro">an der Küste Devons</a>. Ein sehr seltener Fund auf den Britischen Inseln, sie leben eigentlich in wärmeren Gewässern.<p>Tieftaucher wie Schnabelwale können nach einer Strandung nicht wieder ins Meer geleitet werden, wie Delphine oder andere küstennah lebende Arten. Sie stranden nicht zufällig, sondern nur in Fällen von schwerer Erkrankung oder Unfällen. Dann sind sie bereits so angeschlagen und <a href="https://www.theguardian.com/environment/2025/jul/30/beaked-whales-strandings-july-western-ireland-orkney-netherlands">zusätzlich durch die Strandung gestresst, dass sie keine</a> Überlebenschancen haben. Darum werden sie, selbst, falls sie lebend auf den Strand gespült werden, meist bald von den verantwortlichen Tierärzten euthanasiert.</p></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-15.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="795" sizes="(max-width: 513px) 100vw, 513px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-15.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-15.png 513w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-15-194x300.png 194w" width="513"></img></a></figure> <h2 id="h-warum-sind-die-wale-gestrandet"><strong>Warum sind die Wale gestrandet?</strong></h2> <p>Wale stranden aus sehr unterschiedlichen Gründen, abhängig von Art, Individuen und Region. Einzelne Todesfälle liegen meist an der Krankheit oder Verwirrung eines Individuums. Manche Massensterben wie <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/massenstrandungen-von-grindwalen/">bei Grindwalen</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/pottwal-massenstrandung-im-humber-aestuar-england/">Pottwalen</a> wiederholen sich seit Jahrhunderten an den gleichen Strandabschnitten und sind dann wohl eher natürlich. Bei Multi-Spezies-Strandungen ist meist ein äußerer Anlaß die Todesursache, wie etwa <a href="http://blog.meertext.eu/2012/07/30/%E2%80%9Eder-perfekte-sturm%E2%80%9C-fur-die-delphine-des-golf-von-mexiko-kommentar/">eine Ölpest </a> oder eine <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6055221/">Giftalgenblüte</a>.<br></br>Solche natürlichen Todesursachen können durch menschliche Aktivitäten verstärkt werden – Giftalgenblüten nehmen mit der Ozeanerwärmung zu, Wale fressen Plastik oder verheddern sich in Fischereigerät oder sterben durch Schiffskollisionen.<p>Strandungen großer und kleiner Wale kommen den Britischen Inseln und Irland mit ihren sehr langen Küstenstrichen vor, auch zum offenen Atlantik hin sind sie nicht selten. Allerdings sind sie zumindest an den schottischen Küsten in einem Untersuchungszeitraum von <a href="https://www.bbc.com/news/articles/cgkr84d02ego">1992 and 2022 dramatisch gestiegen, von 100</a> Meeressäugern pro Jahr auf mittlerweile 300. Forschende der University Glasgow und des Scottish Marine Animal Stranding Scheme (SMASS) hatten <a href="https://www.nature.com/articles/s41598-025-12928-1#Tab1">dazu im August eine Übersichtsstudie in Nature</a> publiziert:</p><br></br><strong>Lennon, et al: „</strong><a href="https://www.nature.com/articles/s41598-025-12928-1"><strong>An approach to using stranding data to monitor</strong></a><strong> cetacean population trends and guide conservation strategies“ (2025).<br></br></strong>Hier ist ein <a href="https://www.bbc.com/news/articles/cgkr84d02ego">guter BBC-Artikel zu dieser Publikation</a>.<br></br>SMASS war 1995 anlässlich einer Grindwal-Massenstrandung gegründet worden. Die jetzigen Vorfälle sind aber noch einmal eine auffallende Häufung.</p> <p>Andrew Brownlow, der leitende Tierarzt und Wal-Experte des SMASS, sagte bereits 2024 anläßlich der Grindwal-Strandung, dass Wal-Massenstrandungen solchen Ausmaßes in Schottland zunehmen. Gegenüber <a href="https://www.bbc.com/news/articles/c3g6xzrxy35o">den BBC-News sagte er: </a>“It used to be quite unusual to have a mass stranding event, certainly of this size.” […] “But over the last ten years or so we have seen an increase both in the number of mass stranding events around Scotland and also the size of the mass and the number of animals that it involves.” […] “So that is slightly concerning and that might be because there are just more animals out there, or it could be that there are more hazards that these animals are exposed to.”</p> <h2 id="h-schnabelwal-tod-durch-lfas-marine-sonar"><strong>Schnabelwal-Tod durch LFAS-Marine-Sonar</strong></h2> <p>Der zeitliche und räumliche Zusammenhang der Meeressäuger-Strandungen in Juli, August und September 2025 spricht gegen eine zufällige Strandungsserie. Vor Allem die Schnabelwalstrandungen von <em>Hyperoodon ampullatus</em> und <em>Mesoplodon bidens</em> sind alarmierend.In welchem Kontext die Grindwal-, Delphin- und Bartenwal-Strandungen dazu stehen, ist nicht geklärt – <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/massenstrandungen-von-grindwalen/">Grindwalgruppen sterben leider häufiger bei solchen Massenstrandungen</a> (in UK-Gewässern, Australien und anderswo gibt es regelrechte Hot Spots)  und die kleineren Delphine sowie die Bartenwale haben überwiegend überlebt, sie könnten auch einfach wegen der <a href="https://www.kipper.co.uk/news/the-life-cycle-of-north-sea-herring-a-fishy-tale-of-sea-to-smokehouse">Heringe dort gewesen sein, die dort in der Nordsee im August/September dort ablaichen</a>. In dieser Zeit sollen dort besonders viele heringsliebende Wale unterwegs sein, wie mir Leute auf den Shetland-Inseln erzählten (über den Shetland-Aufenthalt schreibe ich noch etwas, es war denkwürdig).</p> <p>Die Schnabelwal-Strandungen sind hingegen selten. Sowohl Nördliche Entenwale als auch Sowerby-Schnabelwale sind mittelgroßen Zahnwale, die eigentlich fern der Küsten leben. Sie sind extreme Tieftaucher und jagen in den dunklen Meerestiefen meist Tintenfische. Seit den 1990-er Jahren nehmen Schnabelwal-Strandungen global zu – der Grund dafür ist das LFAS-Marine-Sonar.</p> <p>Seit 1996 gibt es immer wieder weltweit Massenstrandungen von Schnabelwalen (Ziphiidae) und anderen Walarten zeitgleich mit NATO-Manövern. Der griechische Wal-Experte Alexandros Frantzis hatte 1996 erstmals die fundierte Vermutung publiziert, dass die moderne Sonartechnik der NATO gerade für auffallende Schnabelwal-Strandungen verantwortlich ist. Das Low Frequency Active Sonar (LFAS) soll über große Entfernungen und bis in große Tiefen U-Boote orten. Da bis zu diesem Zeitpunkt keine Schnabelwal-Massenstrandungen bekannt waren (es gab nur einzelne Totfunde) und diese neuen Massentode regional und zeitlich auffallend mit NATO-Marine-Manövern übereinstimmten, hatte Frantzis den Massentod von Cuvier-Walen im Mittelmeer genauer analysiert. Seine Hypothese: Das LFAS-Sonar treibt die Schnabelwale in den Tod.<br></br>Als 1996 die erste Massenstrandung dieser Zahnwale an den Stränden der griechischen Inseln stattfand und 12 Tiere tot oder sterbend anstrandeten, untersuchte Frantzis sie:<br></br>Diese Wale waren an massiven Blutungen im Gehör, Gehirn und der Lunge gestorben. Derartige Verletzungen waren bis dahin bei Walen unbekannt. Sie sind durch panikartiges, extrem schnelles Auftauchen verursacht worden und haben zu schweren, Taucherkrankheits-ähnlichen Symptomen geführt. Die Tiere mussten durch einen äußeren Einfluß in Panik geraten sein. Im Mittelmeer gab es keine natürliche Ursache (Meeresbeben, Orca-Angriff,…), die eine ganze Herde Cuvier-Schnabelwale panisch aus dem Ozean fliehen lassen konnte. Frantzis kam nach sorgfältiger Datenanalyse zu dem Ergebnis, dass diese atypische Massenstrandung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in direktem Zusammenhang mit einem NATO-Manöver im gleichen Seegebiet stehen musste, bei dem ein LFAS-Sonar eingesetzt wurde.</p> <p>Frantzis Forschungsergebnisse wurden in dem angesehenen Wissenschaftsmagazin in Nature veröffentlicht ( <em>Nature</em><strong> 392</strong>, 29 (5 March 1998) | doi:10.1038/3206; <a href="http://www.ncbi.nlm.nih.gov/entrez/query.fcgi?cmd=search&amp;term=Frantzis+A">A. Frantzis: “Does acoustic testing strand whales?” Scientific Correspondence); http://en.wikipedia.org/wiki/Marine_mammals_and_sonar). </a>Er verlor nach dieser Veröffentlichung seinen Job an der Universität und arbeitet seitdem in einer Walschutz-Organisation. Seine Arbeit wurde von vielen anderen internationalen Fachkollegen als seriös und korrekt in den Schlussfolgerungen bewertet.</p> <p>Mittlerweile sind weltweit von verschiedenen unabhängigen Wissenschaftlern – Biologen und Tierärzten – weitere Massenstrandungen von Schnabelwalen und anderen Spezies untersucht worden. Sie haben Frantzis`Hypothese immer wieder bestätigt: Das LFA-Sonar treibt die Wale durch extrem laute Ortungs-Geräusche zu einem panischen “Notaufstieg“: Die Tiere leiden dabei so stark, dass sie versuchen, aus dem Wasser zu fliehen. Sie verenden grausam mit zerstörten Innenohren und inneren Blutungen. Nachdem <a href="https://www.aquaticmammalsjournal.org/article/vol-35-iss-4-filadelfo-et-al/">2000 ein US Navy-Manöver vor den Bahamas</a> zu Schnabelwal-Massensterben führte und 2000 sowie 2004 weitere vor den Kanarischen Inseln gibt es <a href="https://dosits.org/animals/effects-of-sound/potential-effects-of-sound-on-marine-mammals/strandings/">keine Zweifel mehr an diesem Zusammenhang.</a><br></br>2018 waren im August und September an den schottischen und irischen Westküsten<a href="https://www.bbc.com/news/uk-scotland-45643374"> 75 tieftauchende Schnabelwale tot angespült worden, die meisten von ihnen Cuvier-Wale</a>. Da die Kadaver meist stark verwest waren, ließen sich keine Spuren mehr sichern, um die Taucherkrankheit nachzuweisen – aber der Verdacht, dass ein Marine-Manöver zum Waltod geführt hatte, drängte sich auf.</p> <p>Der auf Wale spezialisierte englische Tierarzt Dr. Paul Jepson hat in viele Sektionen die schweren Verletzungen bei verschiedenen Arten durch <a href="https://www.researchgate.net/publication/9058029_Gas-bubble_lesions_in_stranded_cetaceans">Gasblasen in den Blutgefäßen analysiert und dokumentiert</a>, auch <a href="https://ieeexplore.ieee.org/document/1405608">andere Wissenschaftler</a> haben dies immer wieder bestätigt.  <br></br>Der Grund für die Panik-Reaktionen der Schnabelwale auf LFAS-Signale ist wohl deren Ähnlichkeit mit den Ortungslauten von Orcas. Schwertwale sind die Todfeinde der tieftauchende Ziphiiden. <a href="https://www.nature.com/articles/s41598-019-55911-3">Sowie sie die Laute hören, versuchen sie</a>, den schwarz-weißen Jägern zu entkommen. Da die Schnabelwal-Gruppen meist synchron tauchen und in der Tiefe jagen, <a href="https://www.nature.com/articles/s41598-019-55911-3">läuft auch ihre Flucht synchron</a>: so tauchen ganze Gruppen von ihnen panisch und viel zu schnell auf. Da <a href="https://news.mongabay.com/2020/02/beaked-whales-stealth-behavior-gives-clues-to-mystery-of-mass-stranding/">diese Wale normalerweise</a> <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17050839/">sehr langsam in flachem Winkel sinken und steigen</a>, bekommen sie bei solchen „Notaufstiegen“ die Taucherkrankheit: Das ausperlende Gas bringt Blutgefäße vor allem in den Ohren und um das Gehirn zum Platzen. Die toten und sterbenden Schnabelwale stranden dann innerhalb von Stunden und Tagen an nahe gelegenen Küsten. Auf offener See versinken die Kadaver im Meer.</p> <p>Die zeitliche und räumliche Korrelation der vielen Schnabelwal-Strandungen an der irischen, schottischen und englischen Atlantikküste könnte in einem solchen Marinemanöver seinen Grund haben. Oder in einer anderen menschlichen Quelle – der Erdöl- und Gas-Suche im Meer per Airgun-Schallkanone. Beide<a href="https://www.theguardian.com/environment/2025/jul/30/beaked-whales-strandings-july-western-ireland-orkney-netherlands"> Geräuschquellen werden zurzeit von Wal-ExpertInnen diskutiert.</a><br></br>Hoffentlich bringen die Nekropsien mehr Aufschluß.</p> <p>Ich habe zwar Hinweise auf Marine-Manöver in diesem zeitlichen und räumlichen Kontext gefunden, habe aber noch keine belastbaren Informationen. Darum werde ich hier keine Behauptungen aufstelle, sondern warte die offizielle Untersuchung des SMASS und anderer Stellen ab. <br></br>Ich habe diese Informationen nach bestem Wissen aus vielen Quellen zusammengetragen. Wenn jemand Ergänzungen hat, füge ich die gern hinzu.</p> <p>(Alle Quellen sind verlinkt. Es gibt viele weitere Quellen, die diese Erkenntnisse unterstützen. Der Zusammenhang der Schnabelwal-Massenstrandungen mit LFAS Sonar und Geo-Exploration ist keine Außenseiter-Meinung, sondern Common Sense. )</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/schnabelwal-strandungen-im-juli-august-2025/#respond 0 Nachruf auf Peter D. Lax https://scilogs.spektrum.de/hlf/nachruf-auf-peter-d-lax/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/nachruf-auf-peter-d-lax/#respond Wed, 03 Sep 2025 12:00:00 +0000 Christoph Pöppe https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=13705 <h1>Nachruf auf Peter D. Lax - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Christoph Pöppe</h2><div itemprop="text"> <p>Ein eher unscheinbarer Mann mit sehr lockigem, grauem Haarschopf tritt ohne ein Stück Papier an die Tafel und stellt ein mathematisches Problem vor. Dann kratzt er sich gedankenvoll an der Nase und lässt sein Publikum an den Ideen teilhaben, die ihm soeben zur Lösung des Problems einzufallen scheinen. Es ist nicht schwer, ihm zu folgen, während er, immer noch herumprobierend, eine Gleichung nach der anderen anschreibt. Eine Stunde später hat er seinen Zuhörenden unauffällig das Gefühl vermittelt, es ergebe sich doch eins ganz natürlich aus dem anderen. Nur ist auf die bahnbrechende Theorie, die er da präsentiert hat, außer ihm niemand gekommen.</p> <p>So habe ich Peter D. Lax selbst erlebt – so genial, dass man gar nicht merkt, wie schwer Mathematik eigentlich ist. Was er damals in Heidelberg vortrug, ist den Fachleuten inzwischen unter der Bezeichnung „Lax pairs“ geläufig. Und die Gleichung für so ein Paar sieht auf den ersten Blick wirklich einfach aus: \[ {\partial L \over \partial t} = [M,L] \] Das merkwürdige <em>d</em> mit dem krummen Hals bezeichnet in der Tat nichts weiter als eine Ableitung, in diesem Fall nach der Zeit; aber in den unschuldigen Buchstaben <em>M</em> und <em>L</em> hat der große Meister die ganze Komplexität des Problems vor den Augen des Betrachters versteckt, der Klarheit der Darstellung zuliebe. Insbesondere steckt in dem <em>L</em> eine unbekannte Funktion namens <em>u</em> und in dem <em>M</em> eine Aussage über deren räumliche Ableitungen, mit der Folge, dass obige Gleichung eine (partielle) Differentialgleichung für <em>u</em> formuliert.</p> <div> <figure><img alt="Peter D. Lax, Profilbild." decoding="async" fetchpriority="high" height="770" sizes="(max-width: 513px) 100vw, 513px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Lax.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Lax.jpg 513w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Lax-200x300.jpg 200w" width="513"></img><figcaption>Mathematiker Peter D. Lax (1926-2025; Abel Prize, 2005). Foto: Peter Badge / HLFF</figcaption></figure></div> <p><em>L</em> und <em>M</em> sind lineare Operatoren; das sind gewissermaßen Maschinen, in die steckt man eine Funktion hinein, und heraus kommt wieder eine Funktion, die möglicherweise völlig anders aussieht. Und wenn man zwei solcher Maschinen hintereinander auf eine Funktion anwendet, kommt es auf die Reihenfolge an. Der Ausdruck [<em>M</em>, <em>L</em>] (der „Kommutator von <em>M</em> und <em>L</em>“) ist eine Kurzschreibweise für <em>ML</em> – <em>LM</em>, und das ist eben im Allgemeinen nicht gleich Null.</p> <p>Der Operator <em>L</em> spielt eine prominente Rolle in der Physik, und dort ist man es gewohnt, sich um dessen Eigenwerte zu kümmern; das sind reelle oder komplexe Zahlen, die man \(\lambda\) zu nennen pflegt, mit der Eigenschaft \(Lq=\lambda q\) für eine gewisse Funktion <em>q</em>, die dann Eigenfunktion heißt. Lax hat seine Gleichung nun so gebaut, dass die Eigenwerte des (zeitlich veränderlichen) Operators <em>L</em> in der Zeit unverändert bleiben. Und das sagt so viel über die ursprüngliche Differentialgleichung aus, dass sie die Grundlage für eine Lösungstheorie liefert.</p> <p>Mit seinem Geniestreich hat Lax 1968 den Grundstein für ein Gebiet der angewandten Mathematik gelegt, das mittlerweile zu beachtlicher Größe herangewachsen ist: die Lösungstheorie der Soliton-Gleichungen. Diese Differentialgleichungen beschreiben Systeme, in denen merkwürdige Phänomene („Solitonen“) auftreten: lokalisierte Abweichungen vom Ruhezustand, die über die Zeit hinweg stabil sind und miteinander wechselwirken wie massive Teilchen. Das Gebiet ist inzwischen weit verzweigt; ich selbst habe zu einem dieser Zweige beigetragen und <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/nichtlineare-wellen-und-solitonen/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">hier</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/soliton-gleichungen-und-die-uberraschende-rolle-der-fredholm-determinanten/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">da</a> ausführlich darüber berichtet. Aber noch heute pflegt man in Zeitschriftenartikeln zum Thema die 1968er Arbeit des Altmeisters Lax zu zitieren.<aside></aside></p> <p>Natürlich war für mich die Begegnung mit Lax – und eine frühere, bei der er mir kleinem Anfänger geduldig ein paar richtige Wege wies – von großer Bedeutung. Für ihn selbst war die ganze Soliton-Theorie nur ein Abstecher: Nach seinem grundlegenden Werk wandte er sich wieder anderen Themen zu und hat sich, soweit ich weiß, nie wieder mit Solitonen beschäftigt.</p> <p>Die Fachwelt kennt ihn vielmehr als Pionier der Strömungsmechanik. Nachdem seine jüdische Familie 1941 aus ihrer Heimatstadt Budapest in die USA emigrieren musste, studierte der junge Einwanderer Mathematik und promovierte bei Richard Courant, dem prominentesten unter den Wissenschaftlern, die die Nazis bereits 1933 aus Göttingen verjagt hatten. Courant hatte an der New York University das nach ihm benannte Institut für Mathematik gegründet und unter maßgeblicher Beteiligung zahlreicher Emigranten aus Europa zu einer der weltweit bedeutendsten mathematischen Forschungsstätten gemacht. Lax avancierte rasch zu einer der führenden Persönlichkeiten des Instituts und blieb ihm bis zu seiner Emeritierung treu.</p> <p>In seine frühen Jahre fiel der Aufstieg der Computer. In Zusammenarbeit mit seinen Institutskollegen entwickelte er Rechenschemata, welche die notorisch schwierige Simulation von Strömungsvorgängen korrekt bewältigen. Heute stehen diese Verfahren unter den Namen Lax-Wendroff und Lax-Friedrichs in den Lehrbüchern.</p> <p>Für die klassische Differentialgleichung der Strömungsmechanik, die Navier-Stokes-Gleichung, gibt es bis heute <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/die-widerspenstige-navier-stokes-gleichung/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">keine befriedigende Lösungstheorie</a>. Insbesondere kann es – zumindest theoretisch – passieren, dass eine Lösung der Gleichung im Verlauf der Zeit plötzlich ihre Differenzierbarkeit verliert. Das gilt in verstärktem Maß für die „kompromisslosere“ Schwester der Navier-Stokes-Gleichung, die Euler-Gleichung; denn ihr fehlt ein Term, der für den Ausgleich von Gegensätzen sorgt. Auf jeden Fall geht an einem solchen Zeitpunkt die Eindeutigkeit der Lösung verloren; rein mathematisch stehen dann viele verschiedene Zukünfte zur Auswahl, was natürlich nicht sein darf (und in der Natur auch nicht vorkommt).</p> <p>Es gelang Lax, nach Vorarbeiten durch zahlreiche andere Forscher, diesem Problem abzuhelfen. Das aus der Thermodynamik stammende Konzept der Entropie – ein Maß für die „Unordnung“ eines Systems – hilft die Mehrdeutigkeit aufzuheben. Die physikalische Lösung ist diejenige, bei der die Entropie des Gesamtsystems maximal wird.</p> <p>Im Jahr 2005 wurde ihm „für seine bahnbrechenden Beiträge zur Theorie und Anwendung von partiellen Differentialgleichungen sowie zu deren numerischer Lösung“ der <a href="https://abelprize.no/abel-prize-laureates/2005" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Abelpreis verliehen</a>. Es war erst der dritte in der Reihe der erst wenige Jahre zuvor gestifteten Abelpreise.</p> <p>Nachdem Lax in seiner Jugend von der Weltpolitik gebeutelt worden war, kam sie ihm später noch einmal buchstäblich ins Haus. Als 1970 amerikanische Truppen im Verlauf des Vietnamkriegs in Kambodscha einmarschierten, nahm er selbst an einem der zahlreichen Protestzüge dagegen teil. Tags darauf legten Anarchisten, ebenfalls zu Protestzwecken, eine Bombe im Computerraum des Courant-Instituts ab und machten sich aus dem Staub. Wäre der Sprengsatz explodiert, hätte er nicht nur den Computer zerstört, sondern auch die großen Glaszwischenwände bersten lassen und so weitere schwere Schäden angerichtet. Es war Lax, der gemeinsam mit einigen Kollegen beherzt die noch brennende Lunte austrat.</p> <p>Am 26. Mai 2025 ist Peter D. Lax im Alter von 99 Jahren gestorben.</p> <p>Der <a href="https://www.nytimes.com/2025/05/16/science/peter-lax-dead.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Nachruf auf ihn in der New York Times</a> (kostenpflichtig) betitelt ihn als „Mathematiker des Kalten Krieges“ und hebt seine Beteiligung am „Manhattan Project“ zum Bau der Atombombe als zentralen Ausgangspunkt seiner Karriere hervor. Das finde ich einigermaßen befremdlich. Ja, er hat 1945 und 1946 am Manhattan Project mitgearbeitet. Wer die Wirkung einer Bombenexplosion – atomar oder auch nicht – vorausberechnen will, muss sehr komplizierte Strömungsmechanik beherrschen. Zweifellos hat Lax, damals Anfang 20, an den damals noch neuen und sehr primitiven Computern die ersten Fingerübungen für sein späteres Hauptforschungsgebiet gemacht. Aber dass die Herstellung von Kriegsgerät eine wesentliche Rolle in seinem Leben gespielt hätte, halte ich für eine grobe Verzerrung.</p> <p>In meinen Augen ist er – von seiner überragenden Genialität abgesehen – vor allem ein leuchtendes Beispiel für die Kultur des Courant-Instituts, mit seiner Bereitwilligkeit, sein Wissen mit anderen zu teilen, und dem fürsorglichen Interesse für die kleinen Nachwuchswissenschaftler – so wie ich selbst sie von anderen Mitgliedern des Instituts erfahren habe, namentlich Jürgen Moser, und von meinem Doktorvater Willi Jäger, der auch ein Jahr am Courant-Institut Gastwissenschaftler war.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Nachruf auf Peter D. Lax - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Christoph Pöppe</h2><div itemprop="text"> <p>Ein eher unscheinbarer Mann mit sehr lockigem, grauem Haarschopf tritt ohne ein Stück Papier an die Tafel und stellt ein mathematisches Problem vor. Dann kratzt er sich gedankenvoll an der Nase und lässt sein Publikum an den Ideen teilhaben, die ihm soeben zur Lösung des Problems einzufallen scheinen. Es ist nicht schwer, ihm zu folgen, während er, immer noch herumprobierend, eine Gleichung nach der anderen anschreibt. Eine Stunde später hat er seinen Zuhörenden unauffällig das Gefühl vermittelt, es ergebe sich doch eins ganz natürlich aus dem anderen. Nur ist auf die bahnbrechende Theorie, die er da präsentiert hat, außer ihm niemand gekommen.</p> <p>So habe ich Peter D. Lax selbst erlebt – so genial, dass man gar nicht merkt, wie schwer Mathematik eigentlich ist. Was er damals in Heidelberg vortrug, ist den Fachleuten inzwischen unter der Bezeichnung „Lax pairs“ geläufig. Und die Gleichung für so ein Paar sieht auf den ersten Blick wirklich einfach aus: \[ {\partial L \over \partial t} = [M,L] \] Das merkwürdige <em>d</em> mit dem krummen Hals bezeichnet in der Tat nichts weiter als eine Ableitung, in diesem Fall nach der Zeit; aber in den unschuldigen Buchstaben <em>M</em> und <em>L</em> hat der große Meister die ganze Komplexität des Problems vor den Augen des Betrachters versteckt, der Klarheit der Darstellung zuliebe. Insbesondere steckt in dem <em>L</em> eine unbekannte Funktion namens <em>u</em> und in dem <em>M</em> eine Aussage über deren räumliche Ableitungen, mit der Folge, dass obige Gleichung eine (partielle) Differentialgleichung für <em>u</em> formuliert.</p> <div> <figure><img alt="Peter D. Lax, Profilbild." decoding="async" fetchpriority="high" height="770" sizes="(max-width: 513px) 100vw, 513px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Lax.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Lax.jpg 513w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Lax-200x300.jpg 200w" width="513"></img><figcaption>Mathematiker Peter D. Lax (1926-2025; Abel Prize, 2005). Foto: Peter Badge / HLFF</figcaption></figure></div> <p><em>L</em> und <em>M</em> sind lineare Operatoren; das sind gewissermaßen Maschinen, in die steckt man eine Funktion hinein, und heraus kommt wieder eine Funktion, die möglicherweise völlig anders aussieht. Und wenn man zwei solcher Maschinen hintereinander auf eine Funktion anwendet, kommt es auf die Reihenfolge an. Der Ausdruck [<em>M</em>, <em>L</em>] (der „Kommutator von <em>M</em> und <em>L</em>“) ist eine Kurzschreibweise für <em>ML</em> – <em>LM</em>, und das ist eben im Allgemeinen nicht gleich Null.</p> <p>Der Operator <em>L</em> spielt eine prominente Rolle in der Physik, und dort ist man es gewohnt, sich um dessen Eigenwerte zu kümmern; das sind reelle oder komplexe Zahlen, die man \(\lambda\) zu nennen pflegt, mit der Eigenschaft \(Lq=\lambda q\) für eine gewisse Funktion <em>q</em>, die dann Eigenfunktion heißt. Lax hat seine Gleichung nun so gebaut, dass die Eigenwerte des (zeitlich veränderlichen) Operators <em>L</em> in der Zeit unverändert bleiben. Und das sagt so viel über die ursprüngliche Differentialgleichung aus, dass sie die Grundlage für eine Lösungstheorie liefert.</p> <p>Mit seinem Geniestreich hat Lax 1968 den Grundstein für ein Gebiet der angewandten Mathematik gelegt, das mittlerweile zu beachtlicher Größe herangewachsen ist: die Lösungstheorie der Soliton-Gleichungen. Diese Differentialgleichungen beschreiben Systeme, in denen merkwürdige Phänomene („Solitonen“) auftreten: lokalisierte Abweichungen vom Ruhezustand, die über die Zeit hinweg stabil sind und miteinander wechselwirken wie massive Teilchen. Das Gebiet ist inzwischen weit verzweigt; ich selbst habe zu einem dieser Zweige beigetragen und <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/nichtlineare-wellen-und-solitonen/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">hier</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/soliton-gleichungen-und-die-uberraschende-rolle-der-fredholm-determinanten/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">da</a> ausführlich darüber berichtet. Aber noch heute pflegt man in Zeitschriftenartikeln zum Thema die 1968er Arbeit des Altmeisters Lax zu zitieren.<aside></aside></p> <p>Natürlich war für mich die Begegnung mit Lax – und eine frühere, bei der er mir kleinem Anfänger geduldig ein paar richtige Wege wies – von großer Bedeutung. Für ihn selbst war die ganze Soliton-Theorie nur ein Abstecher: Nach seinem grundlegenden Werk wandte er sich wieder anderen Themen zu und hat sich, soweit ich weiß, nie wieder mit Solitonen beschäftigt.</p> <p>Die Fachwelt kennt ihn vielmehr als Pionier der Strömungsmechanik. Nachdem seine jüdische Familie 1941 aus ihrer Heimatstadt Budapest in die USA emigrieren musste, studierte der junge Einwanderer Mathematik und promovierte bei Richard Courant, dem prominentesten unter den Wissenschaftlern, die die Nazis bereits 1933 aus Göttingen verjagt hatten. Courant hatte an der New York University das nach ihm benannte Institut für Mathematik gegründet und unter maßgeblicher Beteiligung zahlreicher Emigranten aus Europa zu einer der weltweit bedeutendsten mathematischen Forschungsstätten gemacht. Lax avancierte rasch zu einer der führenden Persönlichkeiten des Instituts und blieb ihm bis zu seiner Emeritierung treu.</p> <p>In seine frühen Jahre fiel der Aufstieg der Computer. In Zusammenarbeit mit seinen Institutskollegen entwickelte er Rechenschemata, welche die notorisch schwierige Simulation von Strömungsvorgängen korrekt bewältigen. Heute stehen diese Verfahren unter den Namen Lax-Wendroff und Lax-Friedrichs in den Lehrbüchern.</p> <p>Für die klassische Differentialgleichung der Strömungsmechanik, die Navier-Stokes-Gleichung, gibt es bis heute <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/die-widerspenstige-navier-stokes-gleichung/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">keine befriedigende Lösungstheorie</a>. Insbesondere kann es – zumindest theoretisch – passieren, dass eine Lösung der Gleichung im Verlauf der Zeit plötzlich ihre Differenzierbarkeit verliert. Das gilt in verstärktem Maß für die „kompromisslosere“ Schwester der Navier-Stokes-Gleichung, die Euler-Gleichung; denn ihr fehlt ein Term, der für den Ausgleich von Gegensätzen sorgt. Auf jeden Fall geht an einem solchen Zeitpunkt die Eindeutigkeit der Lösung verloren; rein mathematisch stehen dann viele verschiedene Zukünfte zur Auswahl, was natürlich nicht sein darf (und in der Natur auch nicht vorkommt).</p> <p>Es gelang Lax, nach Vorarbeiten durch zahlreiche andere Forscher, diesem Problem abzuhelfen. Das aus der Thermodynamik stammende Konzept der Entropie – ein Maß für die „Unordnung“ eines Systems – hilft die Mehrdeutigkeit aufzuheben. Die physikalische Lösung ist diejenige, bei der die Entropie des Gesamtsystems maximal wird.</p> <p>Im Jahr 2005 wurde ihm „für seine bahnbrechenden Beiträge zur Theorie und Anwendung von partiellen Differentialgleichungen sowie zu deren numerischer Lösung“ der <a href="https://abelprize.no/abel-prize-laureates/2005" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Abelpreis verliehen</a>. Es war erst der dritte in der Reihe der erst wenige Jahre zuvor gestifteten Abelpreise.</p> <p>Nachdem Lax in seiner Jugend von der Weltpolitik gebeutelt worden war, kam sie ihm später noch einmal buchstäblich ins Haus. Als 1970 amerikanische Truppen im Verlauf des Vietnamkriegs in Kambodscha einmarschierten, nahm er selbst an einem der zahlreichen Protestzüge dagegen teil. Tags darauf legten Anarchisten, ebenfalls zu Protestzwecken, eine Bombe im Computerraum des Courant-Instituts ab und machten sich aus dem Staub. Wäre der Sprengsatz explodiert, hätte er nicht nur den Computer zerstört, sondern auch die großen Glaszwischenwände bersten lassen und so weitere schwere Schäden angerichtet. Es war Lax, der gemeinsam mit einigen Kollegen beherzt die noch brennende Lunte austrat.</p> <p>Am 26. Mai 2025 ist Peter D. Lax im Alter von 99 Jahren gestorben.</p> <p>Der <a href="https://www.nytimes.com/2025/05/16/science/peter-lax-dead.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Nachruf auf ihn in der New York Times</a> (kostenpflichtig) betitelt ihn als „Mathematiker des Kalten Krieges“ und hebt seine Beteiligung am „Manhattan Project“ zum Bau der Atombombe als zentralen Ausgangspunkt seiner Karriere hervor. Das finde ich einigermaßen befremdlich. Ja, er hat 1945 und 1946 am Manhattan Project mitgearbeitet. Wer die Wirkung einer Bombenexplosion – atomar oder auch nicht – vorausberechnen will, muss sehr komplizierte Strömungsmechanik beherrschen. Zweifellos hat Lax, damals Anfang 20, an den damals noch neuen und sehr primitiven Computern die ersten Fingerübungen für sein späteres Hauptforschungsgebiet gemacht. Aber dass die Herstellung von Kriegsgerät eine wesentliche Rolle in seinem Leben gespielt hätte, halte ich für eine grobe Verzerrung.</p> <p>In meinen Augen ist er – von seiner überragenden Genialität abgesehen – vor allem ein leuchtendes Beispiel für die Kultur des Courant-Instituts, mit seiner Bereitwilligkeit, sein Wissen mit anderen zu teilen, und dem fürsorglichen Interesse für die kleinen Nachwuchswissenschaftler – so wie ich selbst sie von anderen Mitgliedern des Instituts erfahren habe, namentlich Jürgen Moser, und von meinem Doktorvater Willi Jäger, der auch ein Jahr am Courant-Institut Gastwissenschaftler war.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/nachruf-auf-peter-d-lax/#respond 0 Der Magier im Kreml https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/buchrezension-der-magier-im-kreml/ https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/buchrezension-der-magier-im-kreml/#comments Tue, 02 Sep 2025 12:35:45 +0000 Martina Grüter https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/?p=339 https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/Kremlin-768x432.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/buchrezension-der-magier-im-kreml/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/Kremlin.jpg" /><h1>Der Magier im Kreml » Babylonische Türme » SciLogs</h1><h2>By Martina Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Bücher über Geschichte, Politik und Philosophie finde ich meistens langweilig. Und doch gibt es Ausnahmen, und hier möchte ich eine davon vorstellen. Der Roman „Der Magier im Kreml“ von Guiliano da Empoli hat mir die aktuelle Entwicklung in Russland zum ersten Mal verständlich gemacht. Nicht, dass das Buch keine Schwächen hätte – aber dazu später.</b></p> <p>Der Autor Guiliano da Empoli ist, wie der Name schon vermuten lässt, kein Russe, er ist Italiener. Aber nicht nur: Er ist auch Schweizer. Und er hat unter anderem in Paris an der Science Po studiert, wo er jetzt auch eine Professur für vergleichende Politikwissenschaften hat. Seine Bücher und Essays schreibt er auf Italienisch und Französisch. Er ist, könnte man sagen, ein echter Europäer. Und nicht zu vergessen: Er kennt auch die Politik durchaus von innen. Er war stellvertretender Bürgermeister für Kultur in Florenz und Berater des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi.</p> <p>Für diesen Roman hat er einen schattenhaften Strippenzieher erfunden, der Putins Weg nicht nur mitgegangen, sondern maßgeblich gebahnt haben soll. Wadim Baranow, den „Magier im Kreml“. Irgendwann tritt er aber zurück und verschwindet. Und hier beginnt die Rahmenhandlung des Buchs. Der Erzähler spürt Baranow auf, eher zufällig, und erfährt so die bemerkenswerte Lebensgeschichte des Mannes, dem Putin vielleicht seinen Erfolg, in jedem Fall aber die Orchestrierung seines Aufstiegs verdankte.</p> <p>Der Autor entführt uns in das chaotische Moskau der späten Neunzigerjahre, als der Sozialismus unter der Last seiner unerfüllten Versprechen zusammengefallen war. Eine Zeit des ungeregelten Kapitalismus, in der sich alte Kader mit neuen Oligarchen offene Kämpfe um die wertvollsten Stücke aus dem Erbe der zerbrochenen Sowjetunion lieferten. Die Vasallenstaaten in Osteuropa hatten sich abgewandt und Schutz in der NATO gesucht. Russland selbst hatte nur die Hälfte der Einwohner aus der Konkursmasse der Sowjetunion mitnehmen können.</p> <p>Baranow macht im Privatsender ORT des Oligarchen Boris Beresowski schnell Karriere. Im Jahr 1999 förderte Beresowski Putins Aufstieg zum Präsidenten, und Baranow liefert die mediale Begleitmusik. Putin wird gewählt und lässt von Beresowski nichts mehr sagen. Als die beiden sich deshalb unrettbar zerstreiten, muss Baranow sich entscheiden. Er folgt seinem Instinkt und bleibt bei dem wahrscheinlichen Sieger Putin. Beresowski geht ein Jahr später nach England ins Exil. Baranow dagegen erhält sich die Gunst des neuen Zaren und inszeniert die mediale Darstellung der olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi. Aber irgendwann tritt er zurück und verschwindet. Aber warum nur?<aside></aside></p> <p>„Er langweilte sich. Er war von sich selbst gelangweilt. Und vom Zaren auch. Der wiederum langweilte sich nie. Und dessen war er sich auch bewusst. Und er begann, Baranow zu hassen. … Die Gefühle, die in politischen Beziehungen mitschwingen, sollte man nie unterschätzen.“</p> <p>Es macht den besonderen Reiz dieses Buchs aus, dass es die persönlichen und politischen Schilderungen gekonnt verbindet und zwischendurch philosophische Betrachtungen einflicht. Das könnte auf die Dauer ermüdend wirken, aber Empoli schreibt elegant und lebendig, mit vielen Metaphern und genauen Beobachtungen. „Ein Bauträger … der die Manschettenknöpfe offen trug, um zu zeigen, dass sein Sakko maßgeschneidert war“.</p> <p>Oder zur Politik von Putin: „Unser Meisterstück war der Aufbau einer neuen Elite, die maximale Macht und maximalen Reichtum auf sich vereint.“</p> <h3>Eine Tour durch das Moskau der Jahrtausendwende</h3> <p>Da Empoli lässt seinen fiktiven Magier alle wichtigen Figuren der Putin-Ära treffen, angefangen von dem Oligarchen Michael Chodorkowski über Jewgeni Prigoschin bis zu <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Sergejewitsch_Saldostanow">Alexander Sergejewitsch Saldostanow</a>, dem Chef der Putin-treuen Rockertruppe „Nachtwölfe“, der übrigens studierter Mediziner ist. </p> <p>Alle tun ihre jeweilige Lebensphilosophie kund, und sie tun das in kraftvollen Sätzen und mit unterhaltsamen Anekdoten. Nur Putin bleibt seltsam blass. Empoli zeichnet ihn als höflichen, aber entschlossenen Menschen, der von frostkalter Wut durchdrungen ist, einer Wut, die sein ganzes Handeln bestimmt. Er will die alte Vormachtposition Russlands wieder herstellen, den Platz am Kapitänstisch der Weltmächte wieder einnehmen, von dem Russland durch seine Feinde und durch eigene Versäumnisse vertrieben worden war. Wer sich ihm in den Weg stellt, wird beseitigt. Und die Ukraine gehört zu Russland, die Ukrainer haben da kein Mitspracherecht. Der Zar entscheidet und sein Wort ist Gesetz. So war es immer in Russland, ausgenommen in den kurzen Zeiten, wo ein anarchistisches Interregnum herrschte.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-341" id="attachment_341"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/wizard_kremlin.jpg"><img alt="MAgier im Kreml" decoding="async" height="400" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/wizard_kremlin-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/wizard_kremlin-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/wizard_kremlin-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/wizard_kremlin-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/wizard_kremlin.jpg 1024w" width="400"></img></a><figcaption id="caption-attachment-341">Magier im Kreml. KI-generiertes Symbolbild</figcaption></figure> <p>Der Roman liest sich ausgesprochen unterhaltsam, er ist von Menschen bevölkert, die belesen, klug, rücksichtslos und grausam sind, oder doch wenigsten drei dieser vier Eigenschaften besitzen. Russland, so sinniert Baranow, habe sich immer auf diese Weise erschaffen, mit der Axt. Und so habe Putins Regime seine Wurzeln in der russischen Geschichte. Ebenso seine Kriege. Und seine Propaganda.</p> <p>Und nicht zu vergessen: seine Interpretation der Demokratie. Im Buch heißt sie „souveräne Demokratie“. Nur ist das im Deutschen etwas missverständlich. „Souverän“ steht eher für „selbstbewusst“, „sicher“, „locker“. Gemeint ist aber eine Abnick-Demokratie von der Gnade des Herrschers, des „Souverän“, also quasi das Negativbild der parlamentarischen Monarchie. Da Empoli lässt seinen Protagonisten sagen: „Seien wir ehrlich: Es gibt keinen blutrünstigeren Diktator als das Volk; nur die strenge und gerechte Hand des Herrschers kann seinen Zorn mäßigen.“</p> <h3>Die Philosophie der Tyrannei</h3> <p>Und an dieser Stelle habe ich dann doch ernste Bedenken. Ist die von Putin errichtete „Vertikale der Macht“ wirklich die einzige Alternative? Ist nicht die autokratische Zarenherrschaft, bei der alle Macht von einer Person ausgeht, und im Gegenzug alle materiellen Güter zu ihr hinfließen, nicht überholt?</p> <p>Aber vielleicht liege ich falsch, und wir beobachten gerade, wie die ehrwürdige amerikanische Demokratie sich in eine Zarenherrschaft verwandelt.</p> <p>Aber um es ganz klar zu sagen: Den philosophischen und staatstheoretischen Unterbau der Diktatur, den Da Empoli in dem Buch entwickelt, kann ich nicht unterstützen. Vielleicht ist das Leben einfacher, wenn jedem vorgeschrieben wird, was er sagen und denken soll, wenn Gegner aus dem Fenster fallen oder an Gift sterben. Ja, dann ist Ruhe im Land. Und auch die Philosophen werden schweigen müssen. Aber letztlich beerdigt das die Ideen der Aufklärung, auf denen alle modernen europäischen Staaten aufbauen.</p> <p>Anderseits ist es natürlich gut, sich damit auseinanderzusetzen, und sich klarzumachen, dass auch die Diktatur, die Autokratie und sogar die Tyrannei eine philosophische Grundlage haben. Deshalb bleibe ich dabei: Das Buch ist lesenswert und gibt die aktuelle Diskussion sehr gut wieder – nicht nur in Russland.</p> <p><strong>Das vorgestellte Buch:</strong></p> <p>Giuliano da Empoli: Der Magier im Kreml</p> <p>C.H.Beck Verlag München 2023, 265 Seiten 25,00 € (Taschenbuch 13,00 €)</p> <p><strong>P.S.:</strong> Die Walt Disney Company hat gerade den Film zum Buch vorgestellt („The Wizard of the Kremlin“), mit Paul Dano in der Rolle des Wadim Baranow und Alicia Vikander in der Rolle seiner Freundin und späteren Frau Xenia (im Film Ksenia).</p> <p>Der Film war bei den internationalen Filmfestspielen in Venedig für den goldenen Löwen nominiert. Ich kann mir ehrlich gesagt aber nicht vorstellen, wie die ganzen philosophischen Hintergründe in einen Kinofilm passen sollen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/Kremlin.jpg" /><h1>Der Magier im Kreml » Babylonische Türme » SciLogs</h1><h2>By Martina Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Bücher über Geschichte, Politik und Philosophie finde ich meistens langweilig. Und doch gibt es Ausnahmen, und hier möchte ich eine davon vorstellen. Der Roman „Der Magier im Kreml“ von Guiliano da Empoli hat mir die aktuelle Entwicklung in Russland zum ersten Mal verständlich gemacht. Nicht, dass das Buch keine Schwächen hätte – aber dazu später.</b></p> <p>Der Autor Guiliano da Empoli ist, wie der Name schon vermuten lässt, kein Russe, er ist Italiener. Aber nicht nur: Er ist auch Schweizer. Und er hat unter anderem in Paris an der Science Po studiert, wo er jetzt auch eine Professur für vergleichende Politikwissenschaften hat. Seine Bücher und Essays schreibt er auf Italienisch und Französisch. Er ist, könnte man sagen, ein echter Europäer. Und nicht zu vergessen: Er kennt auch die Politik durchaus von innen. Er war stellvertretender Bürgermeister für Kultur in Florenz und Berater des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi.</p> <p>Für diesen Roman hat er einen schattenhaften Strippenzieher erfunden, der Putins Weg nicht nur mitgegangen, sondern maßgeblich gebahnt haben soll. Wadim Baranow, den „Magier im Kreml“. Irgendwann tritt er aber zurück und verschwindet. Und hier beginnt die Rahmenhandlung des Buchs. Der Erzähler spürt Baranow auf, eher zufällig, und erfährt so die bemerkenswerte Lebensgeschichte des Mannes, dem Putin vielleicht seinen Erfolg, in jedem Fall aber die Orchestrierung seines Aufstiegs verdankte.</p> <p>Der Autor entführt uns in das chaotische Moskau der späten Neunzigerjahre, als der Sozialismus unter der Last seiner unerfüllten Versprechen zusammengefallen war. Eine Zeit des ungeregelten Kapitalismus, in der sich alte Kader mit neuen Oligarchen offene Kämpfe um die wertvollsten Stücke aus dem Erbe der zerbrochenen Sowjetunion lieferten. Die Vasallenstaaten in Osteuropa hatten sich abgewandt und Schutz in der NATO gesucht. Russland selbst hatte nur die Hälfte der Einwohner aus der Konkursmasse der Sowjetunion mitnehmen können.</p> <p>Baranow macht im Privatsender ORT des Oligarchen Boris Beresowski schnell Karriere. Im Jahr 1999 förderte Beresowski Putins Aufstieg zum Präsidenten, und Baranow liefert die mediale Begleitmusik. Putin wird gewählt und lässt von Beresowski nichts mehr sagen. Als die beiden sich deshalb unrettbar zerstreiten, muss Baranow sich entscheiden. Er folgt seinem Instinkt und bleibt bei dem wahrscheinlichen Sieger Putin. Beresowski geht ein Jahr später nach England ins Exil. Baranow dagegen erhält sich die Gunst des neuen Zaren und inszeniert die mediale Darstellung der olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi. Aber irgendwann tritt er zurück und verschwindet. Aber warum nur?<aside></aside></p> <p>„Er langweilte sich. Er war von sich selbst gelangweilt. Und vom Zaren auch. Der wiederum langweilte sich nie. Und dessen war er sich auch bewusst. Und er begann, Baranow zu hassen. … Die Gefühle, die in politischen Beziehungen mitschwingen, sollte man nie unterschätzen.“</p> <p>Es macht den besonderen Reiz dieses Buchs aus, dass es die persönlichen und politischen Schilderungen gekonnt verbindet und zwischendurch philosophische Betrachtungen einflicht. Das könnte auf die Dauer ermüdend wirken, aber Empoli schreibt elegant und lebendig, mit vielen Metaphern und genauen Beobachtungen. „Ein Bauträger … der die Manschettenknöpfe offen trug, um zu zeigen, dass sein Sakko maßgeschneidert war“.</p> <p>Oder zur Politik von Putin: „Unser Meisterstück war der Aufbau einer neuen Elite, die maximale Macht und maximalen Reichtum auf sich vereint.“</p> <h3>Eine Tour durch das Moskau der Jahrtausendwende</h3> <p>Da Empoli lässt seinen fiktiven Magier alle wichtigen Figuren der Putin-Ära treffen, angefangen von dem Oligarchen Michael Chodorkowski über Jewgeni Prigoschin bis zu <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Sergejewitsch_Saldostanow">Alexander Sergejewitsch Saldostanow</a>, dem Chef der Putin-treuen Rockertruppe „Nachtwölfe“, der übrigens studierter Mediziner ist. </p> <p>Alle tun ihre jeweilige Lebensphilosophie kund, und sie tun das in kraftvollen Sätzen und mit unterhaltsamen Anekdoten. Nur Putin bleibt seltsam blass. Empoli zeichnet ihn als höflichen, aber entschlossenen Menschen, der von frostkalter Wut durchdrungen ist, einer Wut, die sein ganzes Handeln bestimmt. Er will die alte Vormachtposition Russlands wieder herstellen, den Platz am Kapitänstisch der Weltmächte wieder einnehmen, von dem Russland durch seine Feinde und durch eigene Versäumnisse vertrieben worden war. Wer sich ihm in den Weg stellt, wird beseitigt. Und die Ukraine gehört zu Russland, die Ukrainer haben da kein Mitspracherecht. Der Zar entscheidet und sein Wort ist Gesetz. So war es immer in Russland, ausgenommen in den kurzen Zeiten, wo ein anarchistisches Interregnum herrschte.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-341" id="attachment_341"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/wizard_kremlin.jpg"><img alt="MAgier im Kreml" decoding="async" height="400" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/wizard_kremlin-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/wizard_kremlin-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/wizard_kremlin-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/wizard_kremlin-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/wizard_kremlin.jpg 1024w" width="400"></img></a><figcaption id="caption-attachment-341">Magier im Kreml. KI-generiertes Symbolbild</figcaption></figure> <p>Der Roman liest sich ausgesprochen unterhaltsam, er ist von Menschen bevölkert, die belesen, klug, rücksichtslos und grausam sind, oder doch wenigsten drei dieser vier Eigenschaften besitzen. Russland, so sinniert Baranow, habe sich immer auf diese Weise erschaffen, mit der Axt. Und so habe Putins Regime seine Wurzeln in der russischen Geschichte. Ebenso seine Kriege. Und seine Propaganda.</p> <p>Und nicht zu vergessen: seine Interpretation der Demokratie. Im Buch heißt sie „souveräne Demokratie“. Nur ist das im Deutschen etwas missverständlich. „Souverän“ steht eher für „selbstbewusst“, „sicher“, „locker“. Gemeint ist aber eine Abnick-Demokratie von der Gnade des Herrschers, des „Souverän“, also quasi das Negativbild der parlamentarischen Monarchie. Da Empoli lässt seinen Protagonisten sagen: „Seien wir ehrlich: Es gibt keinen blutrünstigeren Diktator als das Volk; nur die strenge und gerechte Hand des Herrschers kann seinen Zorn mäßigen.“</p> <h3>Die Philosophie der Tyrannei</h3> <p>Und an dieser Stelle habe ich dann doch ernste Bedenken. Ist die von Putin errichtete „Vertikale der Macht“ wirklich die einzige Alternative? Ist nicht die autokratische Zarenherrschaft, bei der alle Macht von einer Person ausgeht, und im Gegenzug alle materiellen Güter zu ihr hinfließen, nicht überholt?</p> <p>Aber vielleicht liege ich falsch, und wir beobachten gerade, wie die ehrwürdige amerikanische Demokratie sich in eine Zarenherrschaft verwandelt.</p> <p>Aber um es ganz klar zu sagen: Den philosophischen und staatstheoretischen Unterbau der Diktatur, den Da Empoli in dem Buch entwickelt, kann ich nicht unterstützen. Vielleicht ist das Leben einfacher, wenn jedem vorgeschrieben wird, was er sagen und denken soll, wenn Gegner aus dem Fenster fallen oder an Gift sterben. Ja, dann ist Ruhe im Land. Und auch die Philosophen werden schweigen müssen. Aber letztlich beerdigt das die Ideen der Aufklärung, auf denen alle modernen europäischen Staaten aufbauen.</p> <p>Anderseits ist es natürlich gut, sich damit auseinanderzusetzen, und sich klarzumachen, dass auch die Diktatur, die Autokratie und sogar die Tyrannei eine philosophische Grundlage haben. Deshalb bleibe ich dabei: Das Buch ist lesenswert und gibt die aktuelle Diskussion sehr gut wieder – nicht nur in Russland.</p> <p><strong>Das vorgestellte Buch:</strong></p> <p>Giuliano da Empoli: Der Magier im Kreml</p> <p>C.H.Beck Verlag München 2023, 265 Seiten 25,00 € (Taschenbuch 13,00 €)</p> <p><strong>P.S.:</strong> Die Walt Disney Company hat gerade den Film zum Buch vorgestellt („The Wizard of the Kremlin“), mit Paul Dano in der Rolle des Wadim Baranow und Alicia Vikander in der Rolle seiner Freundin und späteren Frau Xenia (im Film Ksenia).</p> <p>Der Film war bei den internationalen Filmfestspielen in Venedig für den goldenen Löwen nominiert. Ich kann mir ehrlich gesagt aber nicht vorstellen, wie die ganzen philosophischen Hintergründe in einen Kinofilm passen sollen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/buchrezension-der-magier-im-kreml/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>10</slash:comments> </item> <item> <title>Depressionen: Lässt Psychotherapie neue Nervenzellen wachsen? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/depressionen-laesst-psychotherapie-neue-nervenzellen-wachsen/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/depressionen-laesst-psychotherapie-neue-nervenzellen-wachsen/#comments Mon, 01 Sep 2025 11:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3408 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Depression-Cover-768x570.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/depressionen-laesst-psychotherapie-neue-nervenzellen-wachsen/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Depression-Cover.jpg" /><h1>Depressionen: Lässt Psychotherapie neue Nervenzellen wachsen? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Laut einer Studie an der Universität Halle-Wittenberg ist die Wirkung von Psychotherapie nun “medizinisch-naturwissenschaftlich” belegt</strong></p> <span id="more-3408"></span> <p>Depressionen entwickeln sich mehr und mehr zur Volkskrankheit. Trotz anhaltender Kritik an der Wirksamkeit sogenannter Antidepressiva werden davon inzwischen in Deutschland genug verschrieben, um täglich fünf Millionen Menschen zu behandeln. Viele Personen suchen psychotherapeutische Hilfe. Für gesetzlich Krankenversicherte sind die Wartezeiten schmerzhaft lang, während Psychologieverbände mehr Behandlungsplätze fordern und seit der Reform der Ausbildung zum*zur Psychotherapeut*in die Finanzierung weiterhin unklar ist. Allein davon könnte man schon depressiv werden.</p> <p>Jetzt hat eine Forschungsgruppe unter der Leitung von Ronny Redlich, Professor für biologische und klinische Psychologie an der Universität Halle-Wittenberg, die möglichen Auswirkungen von Psychotherapie auf das Gehirn näher untersucht. “Mehr graue Zellen durch Psychotherapie”, kommentierte das <a href="https://pressemitteilungen.pr.uni-halle.de/index.php?modus=pmanzeige&amp;pm_id=5946">die Pressemitteilung der Uni</a> vom 27. August. Es klingt wie ein Durchbruch: “Jetzt haben wir erstmals einen validen Biomarker für den Effekt von Psychotherapie auf die Hirnstruktur”, erklärt der Professor. “Einfacher ausgedrückt: Psychotherapie verändert das Gehirn.”</p> <p>Na ja. Das Lesen dieses Artikels verändert Ihr Gehirn (hoffentlich auf positive Weise). Spaziergänge in der Natur verändern das Gehirn. Unser ganzes Leben lang verändert alles, was wir tun und wahrnehmen, das Gehirn. Es ist ein plastisches Organ, das mit seinen rund 86 Milliarden Nervenzellen noch viele Geheimnisse seiner Funktionsweise vor uns verbirgt. Schauen wir uns die neue Studie einmal näher an.</p> <h2 id="h-die-studie">Die Studie</h2> <p>Für die jetzt in der Fachzeitschrift <em>Translational Psychiatry</em> <a href="https://www.nature.com/articles/s41398-025-03545-7">publizierte Studie</a> wurden 30 Personen im Alter von durchschnittlich 28 Jahren mit der Diagnose Depressionen untersucht. Ihre Hirnstruktur wurde zweimal mit dem Magnetresonanztomografen (MRT) untersucht: einmal kurz vor dem Beginn einer kognitiven Verhaltenstherapie und dann nach rund 22 Therapiesitzungen beziehungsweise 40 Wochen später. Laut den Forschenden lag der Schwerpunkt bei den Gehirnuntersuchungen auf Strukturen des limbischen Systems wie den Mandelkernen (Amygdalae) oder Hippocampi. Diese werden oft mit Emotionsverarbeitung in Verbindung gebracht.<aside></aside></p> <p>Am Rande: Was genau zum “limbischen System” gehört ist gar nicht so klar, lateinisch <em>limbus</em> bedeutet einfach “Saum”. Außerdem hat die Erklärungskraft des Gehirnmodells, das psychische Vorgänge bestimmten Gehirnregionen zuordnet, in den letzten Jahren <a href="https://direct.mit.edu/imag/article/doi/10.1162/imag_a_00138/120390">verstärkt Gegenwind bekommen</a>. Doch mit der alternativen Sichtweise, dass das Gehirn ein holistisches Netzwerk ist, kann man nun auch nicht gerade viel erklären – und vor allem nicht den Einsatz der millionenteuren Scanner rechtfertigen. Wie so oft in der Wissenschaft: “Es ist komplex!”</p> <p>Zunächst einmal ergab die Studie, dass die Psychotherapie half: Verschiedene Fragebögen zur Messung depressiver Symptome zeigten eine Abnahme. Diese Effekte waren stark und statistisch sehr signifikant. Bei 19 der 30 Personen waren die Depressionen nach den 40 Wochen teils oder vollständig gebessert. Und was zeigte nun das Gehirn?</p> <p>Sowohl in beiden Mandelkernen als auch im rechten Hippocampus hatte das Volumen der grauen Substanz zugenommen. Das zeigte sich aber nur bei einer gezielten Suche in diesen Regionen und nicht, wenn man das ganze Gehirn betrachtete. Mit den sogenannten “region of interest”-Analysen kann man das Problem umschiffen, stärker für Zufallstreffer kontrollieren zu müssen.</p> <p>Wenn man das gesamte Gehirn untersucht, berechnet man nämlich Zehntausende statistische Tests, die alle eine gewisse Fehlerwahrscheinlichkeit haben. In der Regel deutet das alternative Vorgehen aber auf kleinere Effekte hin. Und tatsächlich war das Gehirn-Ergebnis auch schwächer als die Auswertung der Fragebögen.</p> <h2 id="h-gehirnbefund">Gehirnbefund</h2> <p>Werfen wir den Blick daher auf den Hirn-Befund:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-1-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="459" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-1-1-1024x459.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-1-1-1024x459.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-1-1-300x135.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-1-1-768x345.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-1-1-1536x689.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-1-1.jpg 1975w" width="1024"></img></a></figure> <p><span>Abbildung 1:</span> Die Abbildung zeigt rechts einen positiven statistischen Fund für die beiden Amygdalae. Links sieht man eine Korrelation der Veränderung der rechten Amygdala (y-Achse) und eines Messwerts für die Identifikation von Gefühlen (x-Achse). Diese Korrelation war auf dem p &lt; 0,05-Niveau gerade so signifikant. Quelle: <a href="https://www.nature.com/articles/s41398-025-03545-7">Zwiky et al., 2025</a>; Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">CC BY 4.0</a></p> <p>Ein direkter Zusammenhang zwischen den Messwerten für die depressiven Symptome und der Gehirnveränderung zeigte sich allerdings nicht. Nur bei der Auswertung eines Fragebogens für Alexithymie – ein Fachbegriff für Probleme beim Wahrnehmen und Beschreiben von Gefühlen – gab es den Treffer. Und dann auch nur für den Unterpunkt “Schwierigkeiten, Gefühle zu beschreiben”.</p> <p>Die Publikation wurde um dieses Thema herum aufgebaut, wie die Forschenden es in ihrer zweiten Hypothese formulierten: “Wir gehen außerdem davon aus, dass regionale volumetrische Veränderungen eher mit einer Verbesserung der Alexithymie als mit einer Abnahme der Schwere der depressiven Symptome insgesamt zusammenhängen” (S. 2, dt. Übers.).</p> <p>Hier ist es schade, dass die Forschenden ihre Studie nicht im Voraus registrieren ließen. Bei der Medikamentenforschung, mit der sie ihre Ergebnisse in der Pressemitteilung verglichen, ist das üblich. Und auch im Zuge der Krise der Psychologie der letzten zehn bis 15 Jahre wurde die Bedeutung dieses Vorgehens immer wieder hervorgehoben: Ohne eine Registrierung können Forschende hinterher zu einem zufälligen Fund eine Geschichte stricken, als ob sie genau das gesucht hätten.</p> <p>Ich will dieser Forschungsgruppe nichts unterstellen. Ich kann nur sagen, dass mir das nicht einleuchtet: Wenn man den positiven Effekt von kognitiver Verhaltenstherapie auf depressive Symptome kennt und diesem im Gehirn festmachen will, warum verengt man dann den Blick auf Alexithymie? Und warum dann nur auf den Teilaspekt, Gefühle zu beschreiben?</p> <p>Am Ende des Artikels werde ich einen anderen Grund dafür diskutieren, warum ich die Korrelation auf Abbildung 1 für problematisch halte. Das wird aber etwas komplexer. An dieser Stelle möchte ich auf zwei wichtige Kritikpunkte eingehen, die auch für Laien verständlich sein sollten.</p> <h2 id="h-fehlende-kontrollen">Fehlende Kontrollen</h2> <p>Wir erinnern uns an die Kernbotschaft: Psychotherapie verändert die Gehirnstruktur. Ich fürchte aber, dass die Studie dieses Ergebnis gar nicht tragen kann – und zwar aufgrund prinzipieller Fehler im Studiendesign:</p> <p>Laut der Studie war die graue Substanz – im Durchschnitt der 30 Personen – nach 40 Wochen beziehungsweise 22 Therapiesitzungen in einigen Gehirnregionen etwas stärker ausgeprägt. Das ist erst einmal nur eine Korrelation. Woher wissen wir, dass hier auch wirklich ein <em>ursächlicher</em> Zusammenhang besteht, dass es also wirklich die Psychotherapie war, die die Gehirnveränderung bewirkte?</p> <p>Um diesen Schluss zumindest plausibel zu machen, hätten die Forschenden diese 30 Personen unbedingt mit einer Kontrollgruppe vergleichen müssen, die sich in nichts von der Zielgruppe unterscheidet – außer in der Therapie. Idealerweise hätte man zwei zusätzliche Gruppen mit der Diagnose Depression gehabt: Eine, die zum Beispiel regelmäßig Spaziergänge in der Natur machte; und eine, die gar nichts tat, während sie auf einen Therapieplatz wartete. Davon gibt es (leider) mehr als genug. Das wäre wichtig gewesen, denn erstens verändern zum Beispiel auch Spaziergänge das Gehirn und zweitens geht eine depressive Episode sogar ohne Behandlung oft nach vier bis neun Monaten von selbst wieder vorbei.</p> <p>Zugegeben, Leute in der Kontrollgruppe auf einen Therapieplatz warten zu lassen, ist auch keine gute Lösung. Trotzdem gibt es <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/wps.21069">in der guten Psychotherapieforschung immer Kontrollgruppen</a>. Ohne diese kann man ein Ergebnis unmöglich kausal interpretieren. Zum Vergleich: Man kann gute Gründe dafür haben, kein Geld dabei zu haben, wenn man vom Sport kommt und noch eine Apfelschorle kaufen will; darum ist es aber trotzdem nicht richtig, diese ohne Bezahlung mitzunehmen. Ebenso kann man auf die Kontrollgruppe nicht verzichten, wenn man spezifisch den Effekt von Psychotherapie untersuchen will, selbst wenn man dafür gute Gründe haben mag.</p> <p>Doch selbst das wäre noch nicht einmal das größte Problem. Auf dieses kommen wir jetzt zu sprechen.</p> <h2 id="h-medikamente">Medikamente</h2> <p>Ein zweites Problem ist aber noch gravierender: Von den 30 Personen nahmen nämlich neun, also fast ein Drittel, sogenannte Antidepressiva; sieben dieser neun sogar eine hohe Dosis. Nun ist aber schon lange bekannt, dass bei Personen mit Depressionen aber ohne Medikamente <em>kleinere</em> und bei denjenigen mit Medikamenten <em>größere</em> Amygdalae gemessen wurden. Das zeigte zum Beispiel schon eine <a href="https://www.nature.com/articles/mp200857">viel zitierte Meta-Analyse</a> aus dem Jahr 2008. Schauen wir uns unter diesem Gesichtspunkt noch einmal die Korrelation aus Abbildung 1 genauer an:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-2-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="618" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-2-1-1024x618.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-2-1-1024x618.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-2-1-300x181.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-2-1-768x463.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-2-1.jpg 1182w" width="1024"></img></a></figure> <p><span>Abbildung 2:</span> Die Abbildung zeigt wieder die Veränderung des Volumens der rechten Amygdala (y-Achse) im Zusammenhang mit dem Messwert für die Identifikation von Gefühlen (x-Achse). Im blauen Kreis in der Mitte sieht man neun Personen, für die sich im Prinzip nichts geändert hat und im orangefarbenen Rechteck rechts oben sechs Personen, die das Ergebnis – die gestrichelte Gerade darunter – gewissermaßen “nach oben ziehen”. Quelle: Angepasst nach <a href="https://www.nature.com/articles/s41398-025-03545-7">Zwiky et al., 2025</a>; Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">CC BY 4.0</a></p> <p>Wir sehen auf der Abbildung, dass sich für einige Personen in der Studie – die im blauen Kreis – weder das Volumen in der rechten Amygdala noch die Identifikation von Gefühlen nennenswert geändert hat. Der ohnehin schon kleine Effekt wird vor allem von den sechs Personen im orangefarbenen Rechteck nach oben gezogen.</p> <p>Wenn von diesen einige Medikamente genommen haben, könnte das die Veränderung des Gehirnvolumens besser erklären, während die Forscherinnen und Forscher das Ergebnis der Psychotherapie zuschreiben. Das wäre ein grober Fehler. Darum sollten sie meiner Meinung nach die Analyse unbedingt noch einmal ohne die Antidepressiva-Gruppe wiederholen.</p> <h2 id="h-alter-wein">Alter Wein</h2> <p>Wir erinnern uns, dass <a href="https://pressemitteilungen.pr.uni-halle.de/index.php?modus=pmanzeige&amp;pm_id=5946">die Pressemitteilung</a> das Ergebnis als neu darstellte: “Erstmals haben die Forschenden auch konkrete anatomische Veränderungen dokumentiert.” Und der Studienleiter Redlich ergänzte: “Jetzt haben wir erstmals einen validen Biomarker für den Effekt von Psychotherapie auf die Hirnstruktur. Einfacher ausgedrückt: Psychotherapie verändert das Gehirn.”</p> <p>Diese Darstellung ist aus zwei Gründen sehr merkwürdig: Erstens bezweifelte niemand ernsthaft, dass Psychotherapie das Gehirn verändert. Schon wenn man irgendetwas lernt, sagen wir die Melodie von “Alle meine Entchen” auf dem Klavier, ändert sich etwas im Körper und insbesondere im Gehirn. Zweitens wurden im Zusammenhang mit Psychotherapie schon oft Gehirnveränderungen berichtet.</p> <p>Zum Beispiel hat schon 2012 die Bremer “<a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0033745">Hanse-Neuropsychoanalysestudie</a>” von Anna Buchheim und unter Beteiligung des inzwischen verstorbenen deutschen “Gehirn-Gurus” Gerhard Roth (1942-2023) Gehirnveränderungen im Verlauf von 15 Monaten psychoanalytischer Psychotherapie nachvollzogen. Auch damals ging es vor allem um das limbische System und Unterschiede in der rechten Amygdala. Diese Studie wird von den Forscher*innen aus Halle-Wittenberg noch nicht einmal erwähnt.</p> <p>Anna Buchheim, Gerhard Roth und zwei Kolleg*innen veröffentlichten darüber 2012 einen Kommentar in <em>Gehirn&amp;Geist</em> mit dem Titel “<a href="https://www.spektrum.de/magazin/das-hirn-heilt-mit/1165513">Das Hirn heilt mit</a>“. Darin schrieben sie, es habe 2005 rund 15 und 2012 schon 40 neurowissenschaftliche Studien zur Wirksamkeit von Psychotherapie gegeben. Wie kann man solche Ergebnisse dann im Jahr 2025 noch als neu bezeichnen?</p> <h2 id="h-zuruckhaltung">Zurückhaltung</h2> <p>Die genannten und einige weitere Probleme sollten einen bei der Interpretation der Ergebnisse zur Zurückhaltung anhalten. In der Fachpublikation verwiesen die Forscher*innen selbst auf die nur kleine Gruppengröße. Dass es keine Kontrollgruppe ohne Behandlung gab, wurde dort ebenfalls als limitierender Faktoren eingeräumt. Und insbesondere: “Da die Korrelationen zwischen den Erhöhungen des Volumens der grauen Substanz und Verbesserungen bestimmter psychologischer Funktionen … nur gering waren, müssen sie mit Vorsicht interpretiert werden” (S. 5; dt. Übers.).</p> <p>Wie passt das dazu, die Studie gegenüber den Medien als großen Durchbruch darzustellen? Die Behauptung, die Entstehung neuer “grauer Zellen” durch Psychotherapie nachgewiesen zu haben, ist übrigens Unsinn: Das kann man mit so einer groben MRT-Messung im lebenden Gehirn gar nicht feststellen.</p> <p>Ob nach dem Alter von ca. 14 Jahren überhaupt noch neue Neuronen im Gehirn entstehen, ist in der Fachwelt umstritten. Hierfür müsste man eigentlich eine Biopsie vornehmen und auch dann ist es nicht trivial, unter Milliarden von Zellen neue von alten Neuronen zu unterscheiden. Aus ethischen Gründen verbietet sich das natürlich bei lebenden Personen und über die Interpretation der Ergebnisse an Toten streitet man sich noch. Vor Kurzem schlussfolgerte eine Forschungsgruppe, dass man die <a href="https://www.nature.com/articles/s41380-021-01314-8">Bedeutung dieses Phänomens nicht überbewerten sollte</a>, selbst wenn es bei Erwachsenen vorkommt.</p> <p>Für besonders problematisch halte ich diese <a href="https://pressemitteilungen.pr.uni-halle.de/index.php?modus=pmanzeige&amp;pm_id=5946">Schlussfolgerung</a> des Studienleiters Redlich: “Umso erfreulicher ist, dass wir durch unsere Studie zeigen konnten, dass Psychotherapie auch aus medizinisch-naturwissenschaftlicher Sicht eine gleichwertige Alternative ist.” Damit kommt das alte Trauma von Psychologie und Psychiatrie zum Ausdruck: Etwas kann nur wahr sein, wenn es <em>neurologisch</em> nachgewiesen ist. Machen Sie das auch so, wenn jemand sagt, “Ich bin dein Freund” oder “Ich liebe dich”, dass Sie dann einen Hirnscan als Beweis verlangen, anstatt sich das Verhalten der Person anzusehen?</p> <p>Aber natürlich sind Übertreibungen, bei denen jede Kritik, Einschränkungen und Zurückhaltungen vergessen sind, ein gefundenes Fressen für die Medien. So raschelte es in Lichtgeschwindigkeit durch den Blätterwald: “Depressionen – Mehr graue Zellen durch Psychotherapie” (Deutschlandfunk), “Depression: Psychotherapie baut graue Zellen auf” (Scinexx), “Psychotherapie verändert das Gehirn” (wissenschaft.de), “Mehr graue Zellen durch Psychotherapie” (Ärztenachrichtendienst) oder “Depressionen: Wie Psychotherapie das Gehirn stärkt” (MDR) – um hier nur die ersten paar Online-Treffer zu nennen.</p> <h2 id="h-biologische-psychiatrie">Biologische Psychiatrie</h2> <p>Ich spanne den Bogen noch etwas weiter auf. Erinnern wir uns, was der statistische stärkste Fund der Studie war: Von den 30 Personen hatten nach 22 Psychotherapiesitzungen 19 eine mäßige oder starke Besserung erfahren. Worauf die Medien aber anspringen, das ist der weder neue noch überraschende, doch in dieser Studie sehr spekulative Gehirnbefund.</p> <p>Der Studienleiter, Ronny Redlich, wirkte auch an einer neueren Studie mit, die tief in die Seele der biologischen Psychiatrie blicken lässt. Darin suchten Dutzende Autor*innen, darunter viele große Namen der heutigen psychiatrischen Forschung in Deutschland, <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2813979">nach einem Biomarker für Depressionen</a>. Dass man allem Gehirn-Gerede zum Trotz weder Depressionen noch irgendeine der anderen Hunderten psychologisch-psychiatrischen Störungen neurowissenschaftlich diagnostizieren kann, wissen viele Laien gar nicht. In der neuen Untersuchung probierten die Fachleute es mit künstlicher Intelligenz.</p> <p>Das ernüchternde Ergebnis überraschte sie: “Trotz der verbesserten Vorhersagefähigkeit … konnte kein informativer Biomarker für Depressionen auf individueller Ebene identifiziert werden – selbst bei umfassender Optimierung mit Maschinenlernen in einer großen Stichprobe diagnostizierter Patienten” (<a href="https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2813979">Winter et al., 2024</a>, E1; dt. Übers.). Schon mindestens seit den frühen 1800er-Jahren – ich habe es gerade in meinem <a href="https://www.schleim.info/wordpress/de/2024/08/28/stephan-schleims-buecher/">Buch über die Depressions-Epidemie</a> wieder dargestellt – haben biologische Psychiater mit allen Tricks versucht, die organische Ursache von Depressionen und anderen Störungen zu finden. Mit seltenen Ausnahmen, die alle längst in die Neurologie abgewandert sind – man denke an Neurosyphilis, Epilepsie, Multiple Sklerose, Parkinson, Alzheimer-Demenz ist noch ein Grenzfall –, waren diese Versuche seit über 200 Jahren erfolglos.</p> <h2 id="h-gebt-uns-mehr-geld">Gebt uns mehr Geld!</h2> <p>Doch anstatt nach so vielen Falsifikationen endlich die Gehirn-Ideologie mit ihren Molekülen, Genen, neuronalen Schaltkreisen und Versuchstieren aufzugeben und wieder hauptsächlich am und mit <em>Menschen</em> zu arbeiten, wählt man die Flucht nach vorne: “Für Forscher, Fachzeitschriften und Fördereinrichtungen ist es unerlässlich, über die nächsten Schritte zur Weiterentwicklung der biologischen Psychiatrie nachzudenken” (<a href="https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2813979">ebenda</a>, S. E8, dt. Übers.).</p> <p>Diesen logischen Kurzschluss muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Unser Ansatz ist wieder gescheitert, ihr müsst uns noch mehr Geld geben! Im Interesse der Patient*innen und der Gesellschaft sollte man dieses Forschungsprojekt aber nicht weiterentwickeln, sondern es endlich aufgeben.</p> <p>Psychiatrie sollte zu 80 Prozent psychosozial und zu maximal 20 Prozent biologisch sein. Übrigens hat auch diese neue Studie mit künstlicher Intelligenz gezeigt, was man seit Jahrzehnten immer wieder bestätigt hat: Den größten Einfluss auf Depressionen hat die Umwelt, hier ausgedrückt als soziale Unterstützung und erfahrene Kindesmisshandlung. Interessiert hat das keinen, denn man will ja echte “medizinisch-naturwissenschaftliche” Forschung machen. Das Soziale verschwindet dann vom Radar, obwohl es viel wichtiger ist.</p> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/das-dogma-der-biologischen-psychiatrie-in-historischer-perspektive/">zweiten Teil</a> geht es ausführlicher um die Geschichte der Psychiatrie und das Dogma seiner biologischen Seite. Am Ende des Artikels findet sich auch eine Quellenübersicht. Für die Feinschmecker folgt hier noch eine kurze Ergänzung zu Problemen der statistischen Auswertung.</p> <h2 id="h-p-s-wissenschaftliche-kritik">P.S. Wissenschaftliche Kritik</h2> <p>Ich habe hier noch drei Punkte, die die Ergebnisse der besprochenen Studie weiter relativieren: Der erste hat mit der Lokalisierung der Gehirnstrukturen zu tun; der zweite mit einer nötigen Korrektur der ohnehin schon schwachen Korrelation und der dritte mit einer Korrektur für die Medikamenteneinnahme.</p> <p>Für die Studie wurden strukturelle Gehirnaufnahmen mit einer räumlichen Auflösung von 1 x 1 x 1 mm³ gemacht. So einen Kubus nennt man ein “Voxel”, in Anlehnung an die Pixel auf dem Computerbildschirm. Nun sind die Mandelkerne <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0925492709002716">gerade einmal 1,5 cm, also 15 mm groß</a>. In der Studie unter Leitung von Ronny Redlich wurden die Bilddaten mit einem Weichzeichner mit einer Größe von 8 mm geglättet. Das macht man im Prinzip zur Verbesserung des Signal-Rausch-Verhältnisses, ist hier aber schon eine halbe Amgydala-Länge. Da können die Grenzen zwischen den Gebieten schon einmal verschwimmen.</p> <p>Überhaupt wunderte ich mich in der Studie darüber, dass die Frage der anatomischen Identifikation nicht ausführlich diskutiert wurde. Dabei ist länger bekannt, dass kleine Strukturen wie die Amygdalae und die Hippocampi <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0165027009001447">miteinander verwechselt werden können</a>. Das bezog sich zwar erst einmal auf Messungen der Gehirnfunktion mit einer schlechteren räumlichen Auflösung. Aber am Mikroskop arbeitende Neurowissenschaftler wundern sich regelmäßig über die Leichtigkeit, mit der in solchen Studien anatomische Regionen bestimmt werden. In der hier vorliegenden Untersuchung verließ man sich dem Anschein nach voll und ganz auf die Software, die das auf Knopfdruck macht.</p> <p>Ich will aber eigentlich darauf hinaus, wie variabel solche Maße des Gehirnvolumens sein können. Das zeigt die folgende Abbildung:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-3_DE.jpg"><img alt="" decoding="async" height="700" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 641px) 100vw, 641px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-3_DE.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-3_DE.jpg 641w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-3_DE-275x300.jpg 275w" width="641"></img></a></figure> <p><span>Abbildung 3:</span> In dieser Vergleichsstudie mit jeweils 110 Kontrollpersonen ohne psychologisch-psychiatrische Diagnose (HC), mit Depressionen (MDD), bipolarer Störung (BD) und einer Störung im Schizophrenie-Spektrum (SSD) sieht man große Überlappungen zwischen den Gruppen und minimale Unterschiede im Mittelwert. Auf der y-Achse ist das Maß für die Volumenänderung aufgetragen, hier für den linken Hippocampus, einer Struktur nahe der Amygdala. Quelle: Ausschnitt aus <a href="https://www.nature.com/articles/s41380-022-01687-4">Brosch et al., 2022</a>; Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">CC BY 4.0</a></p> <p>Auch dem ungeübten Auge sollte die Überlappung der vier Gruppen sofort auffallen: Die einzelnen Punkte, die für die Gehirndaten jeweils einer Person stehen, fallen so gut wie alle in den Bereich von -0,05 bis 0,05. Dass mit solchen Daten keine Diagnose mit dem Hirnscanner möglich ist, versteht sich von selbst. Das veranschaulicht auch, wie wichtig der Vergleich mit Kontrollgruppen ist. Übrigens waren die Gruppen hier jeweils fast viermal so groß wie in der Studie zur Psychotherapie.</p> <h2 id="h-fragliche-korrelationen">Fragliche Korrelationen</h2> <p>Zum Schluss hinterfragen wir noch einmal die Korrelation: Wir erinnern uns, dass die Forscher*innen verschiedene Fragebögen zur Bestimmung der depressiven Symptomatik und der Alexithymie (Gefühlsstörung) verwendeten. Da es um zwei Zeitpunkte ging, vor und nach der Therapie, errechneten sie die Differenz (Δ, Delta). Dasselbe taten sie für vier Gehirnregionen: die beiden Amygdalae und zwei Teile des rechten Hippocampus. Wenn man alle Fragebögen mit allen Gehirnregionen korrelierte, ergaben sich 6 x 4 = 24 Ergebnisse.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-4_DE.png"><img alt="" decoding="async" height="1688" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2488px) 100vw, 2488px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-4_DE.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-4_DE.png 2488w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-4_DE-300x204.png 300w" width="2488"></img></a></figure> <p><span>Abbildung 4:</span> Die Korrelationsmatrix der Studie. Entscheidend ist für uns das fett gedruckte Ergebnis in der achten Zeile, für die rechte Amygdala. Der Wert von 0,321 ist auch die Steigung der Geraden in den Abbildungen 1 und 2. Der statistische Test war mit p = 0,042 gerade so auf dem üblichen p &lt; 0,05-Niveau signifikant. Quelle: <a href="https://www.nature.com/articles/s41398-025-03545-7">Zwiky et al., 2025</a>; Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">CC BY 4.0</a></p> <p>Jeder statistische Test hat eine bestimmte Fehlerwahrscheinlichkeit. Mit den relevanten Berechnungen auf der Matrix versuchten die Forscher*innen im Prinzip, die Nullhypothese, dass es zwischen zwei Variablen <em>keine</em> Korrelation gibt, 6 x 4, also 24-mal zurückzuweisen. Meiner Meinung nach reicht die lässige Signifikanzschwelle von p &lt; 0,05 dann nicht mehr, um Zufallstreffer auszuschließen.</p> <p>Damit würde der Hauptfund der ohnehin schon spekulativen Studie wegfallen. Übrigens bedeutet der Korrelationswert von 0,321, dass man gerade einmal 15 Prozent der Unterschiede auf der psychologischen Ebene durch Unterschiede in der rechten Amygdala erklären kann. Wie verhält sich das zu den weitreichenden Aussagen in der Pressemitteilung?</p> <h2 id="h-die-medikamentengruppe">Die Medikamentengruppe</h2> <p>Wir erinnern uns zum Schluss auch an die Möglichkeit, dass das Ergebnis durch Personen aus der Patientengruppe mit den Medikamenten nach oben gezogen sein könnte (Abbildung 2). Darum schlug ich vor, die Korrelation ohne die Daten dieser neun Teilnehmer*innen zu berechnen. Dann wäre sie vielleicht nicht mehr statistisch signifikant. Doch das müssten die Autor*innen selbst untersuchen.</p> <p>Im allerletzten Satz des Zusatzmaterials der Studie findet sich der Hinweis, man habe den Status der Medikation mit dem Unterschied der Gehirnvolumen verglichen. Mal davon abgesehen, dass dieser Effekt mit p = 0,068 gerade so die Signifikanzschwelle verfehlte, ist das nach meinem Verständnis kein sauberes Vorgehen: Denn daraus, dass so ein Test nicht positiv ausfällt, darf man nicht auf die Abwesenheit eines Effekts schließen. Die Studie könnte auch schlicht – zum Beispiel wegen einer zu kleinen Gruppengröße – zu wenig statistische Kraft haben.</p> <p>Verglichen mit den weitreichenden Schlussfolgerungen, die man aus der Studie zieht, erscheinen mir die Daten und ihre Interpretation doch sehr spekulativ. Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/das-dogma-der-biologischen-psychiatrie-in-historischer-perspektive/">zweiten Teil</a> weiten wir den Blick auf die Geschichte und Gegenwart der biologischen Psychiatrie.</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Titelgrafik nach <a href="https://www.nature.com/articles/s41398-025-03545-7">Zwiky et al., 2025</a>, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">CC BY 4.0</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/0742fbcb95d7437ba0c929a28c464d3a" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Depression-Cover.jpg" /><h1>Depressionen: Lässt Psychotherapie neue Nervenzellen wachsen? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Laut einer Studie an der Universität Halle-Wittenberg ist die Wirkung von Psychotherapie nun “medizinisch-naturwissenschaftlich” belegt</strong></p> <span id="more-3408"></span> <p>Depressionen entwickeln sich mehr und mehr zur Volkskrankheit. Trotz anhaltender Kritik an der Wirksamkeit sogenannter Antidepressiva werden davon inzwischen in Deutschland genug verschrieben, um täglich fünf Millionen Menschen zu behandeln. Viele Personen suchen psychotherapeutische Hilfe. Für gesetzlich Krankenversicherte sind die Wartezeiten schmerzhaft lang, während Psychologieverbände mehr Behandlungsplätze fordern und seit der Reform der Ausbildung zum*zur Psychotherapeut*in die Finanzierung weiterhin unklar ist. Allein davon könnte man schon depressiv werden.</p> <p>Jetzt hat eine Forschungsgruppe unter der Leitung von Ronny Redlich, Professor für biologische und klinische Psychologie an der Universität Halle-Wittenberg, die möglichen Auswirkungen von Psychotherapie auf das Gehirn näher untersucht. “Mehr graue Zellen durch Psychotherapie”, kommentierte das <a href="https://pressemitteilungen.pr.uni-halle.de/index.php?modus=pmanzeige&amp;pm_id=5946">die Pressemitteilung der Uni</a> vom 27. August. Es klingt wie ein Durchbruch: “Jetzt haben wir erstmals einen validen Biomarker für den Effekt von Psychotherapie auf die Hirnstruktur”, erklärt der Professor. “Einfacher ausgedrückt: Psychotherapie verändert das Gehirn.”</p> <p>Na ja. Das Lesen dieses Artikels verändert Ihr Gehirn (hoffentlich auf positive Weise). Spaziergänge in der Natur verändern das Gehirn. Unser ganzes Leben lang verändert alles, was wir tun und wahrnehmen, das Gehirn. Es ist ein plastisches Organ, das mit seinen rund 86 Milliarden Nervenzellen noch viele Geheimnisse seiner Funktionsweise vor uns verbirgt. Schauen wir uns die neue Studie einmal näher an.</p> <h2 id="h-die-studie">Die Studie</h2> <p>Für die jetzt in der Fachzeitschrift <em>Translational Psychiatry</em> <a href="https://www.nature.com/articles/s41398-025-03545-7">publizierte Studie</a> wurden 30 Personen im Alter von durchschnittlich 28 Jahren mit der Diagnose Depressionen untersucht. Ihre Hirnstruktur wurde zweimal mit dem Magnetresonanztomografen (MRT) untersucht: einmal kurz vor dem Beginn einer kognitiven Verhaltenstherapie und dann nach rund 22 Therapiesitzungen beziehungsweise 40 Wochen später. Laut den Forschenden lag der Schwerpunkt bei den Gehirnuntersuchungen auf Strukturen des limbischen Systems wie den Mandelkernen (Amygdalae) oder Hippocampi. Diese werden oft mit Emotionsverarbeitung in Verbindung gebracht.<aside></aside></p> <p>Am Rande: Was genau zum “limbischen System” gehört ist gar nicht so klar, lateinisch <em>limbus</em> bedeutet einfach “Saum”. Außerdem hat die Erklärungskraft des Gehirnmodells, das psychische Vorgänge bestimmten Gehirnregionen zuordnet, in den letzten Jahren <a href="https://direct.mit.edu/imag/article/doi/10.1162/imag_a_00138/120390">verstärkt Gegenwind bekommen</a>. Doch mit der alternativen Sichtweise, dass das Gehirn ein holistisches Netzwerk ist, kann man nun auch nicht gerade viel erklären – und vor allem nicht den Einsatz der millionenteuren Scanner rechtfertigen. Wie so oft in der Wissenschaft: “Es ist komplex!”</p> <p>Zunächst einmal ergab die Studie, dass die Psychotherapie half: Verschiedene Fragebögen zur Messung depressiver Symptome zeigten eine Abnahme. Diese Effekte waren stark und statistisch sehr signifikant. Bei 19 der 30 Personen waren die Depressionen nach den 40 Wochen teils oder vollständig gebessert. Und was zeigte nun das Gehirn?</p> <p>Sowohl in beiden Mandelkernen als auch im rechten Hippocampus hatte das Volumen der grauen Substanz zugenommen. Das zeigte sich aber nur bei einer gezielten Suche in diesen Regionen und nicht, wenn man das ganze Gehirn betrachtete. Mit den sogenannten “region of interest”-Analysen kann man das Problem umschiffen, stärker für Zufallstreffer kontrollieren zu müssen.</p> <p>Wenn man das gesamte Gehirn untersucht, berechnet man nämlich Zehntausende statistische Tests, die alle eine gewisse Fehlerwahrscheinlichkeit haben. In der Regel deutet das alternative Vorgehen aber auf kleinere Effekte hin. Und tatsächlich war das Gehirn-Ergebnis auch schwächer als die Auswertung der Fragebögen.</p> <h2 id="h-gehirnbefund">Gehirnbefund</h2> <p>Werfen wir den Blick daher auf den Hirn-Befund:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-1-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="459" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-1-1-1024x459.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-1-1-1024x459.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-1-1-300x135.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-1-1-768x345.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-1-1-1536x689.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-1-1.jpg 1975w" width="1024"></img></a></figure> <p><span>Abbildung 1:</span> Die Abbildung zeigt rechts einen positiven statistischen Fund für die beiden Amygdalae. Links sieht man eine Korrelation der Veränderung der rechten Amygdala (y-Achse) und eines Messwerts für die Identifikation von Gefühlen (x-Achse). Diese Korrelation war auf dem p &lt; 0,05-Niveau gerade so signifikant. Quelle: <a href="https://www.nature.com/articles/s41398-025-03545-7">Zwiky et al., 2025</a>; Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">CC BY 4.0</a></p> <p>Ein direkter Zusammenhang zwischen den Messwerten für die depressiven Symptome und der Gehirnveränderung zeigte sich allerdings nicht. Nur bei der Auswertung eines Fragebogens für Alexithymie – ein Fachbegriff für Probleme beim Wahrnehmen und Beschreiben von Gefühlen – gab es den Treffer. Und dann auch nur für den Unterpunkt “Schwierigkeiten, Gefühle zu beschreiben”.</p> <p>Die Publikation wurde um dieses Thema herum aufgebaut, wie die Forschenden es in ihrer zweiten Hypothese formulierten: “Wir gehen außerdem davon aus, dass regionale volumetrische Veränderungen eher mit einer Verbesserung der Alexithymie als mit einer Abnahme der Schwere der depressiven Symptome insgesamt zusammenhängen” (S. 2, dt. Übers.).</p> <p>Hier ist es schade, dass die Forschenden ihre Studie nicht im Voraus registrieren ließen. Bei der Medikamentenforschung, mit der sie ihre Ergebnisse in der Pressemitteilung verglichen, ist das üblich. Und auch im Zuge der Krise der Psychologie der letzten zehn bis 15 Jahre wurde die Bedeutung dieses Vorgehens immer wieder hervorgehoben: Ohne eine Registrierung können Forschende hinterher zu einem zufälligen Fund eine Geschichte stricken, als ob sie genau das gesucht hätten.</p> <p>Ich will dieser Forschungsgruppe nichts unterstellen. Ich kann nur sagen, dass mir das nicht einleuchtet: Wenn man den positiven Effekt von kognitiver Verhaltenstherapie auf depressive Symptome kennt und diesem im Gehirn festmachen will, warum verengt man dann den Blick auf Alexithymie? Und warum dann nur auf den Teilaspekt, Gefühle zu beschreiben?</p> <p>Am Ende des Artikels werde ich einen anderen Grund dafür diskutieren, warum ich die Korrelation auf Abbildung 1 für problematisch halte. Das wird aber etwas komplexer. An dieser Stelle möchte ich auf zwei wichtige Kritikpunkte eingehen, die auch für Laien verständlich sein sollten.</p> <h2 id="h-fehlende-kontrollen">Fehlende Kontrollen</h2> <p>Wir erinnern uns an die Kernbotschaft: Psychotherapie verändert die Gehirnstruktur. Ich fürchte aber, dass die Studie dieses Ergebnis gar nicht tragen kann – und zwar aufgrund prinzipieller Fehler im Studiendesign:</p> <p>Laut der Studie war die graue Substanz – im Durchschnitt der 30 Personen – nach 40 Wochen beziehungsweise 22 Therapiesitzungen in einigen Gehirnregionen etwas stärker ausgeprägt. Das ist erst einmal nur eine Korrelation. Woher wissen wir, dass hier auch wirklich ein <em>ursächlicher</em> Zusammenhang besteht, dass es also wirklich die Psychotherapie war, die die Gehirnveränderung bewirkte?</p> <p>Um diesen Schluss zumindest plausibel zu machen, hätten die Forschenden diese 30 Personen unbedingt mit einer Kontrollgruppe vergleichen müssen, die sich in nichts von der Zielgruppe unterscheidet – außer in der Therapie. Idealerweise hätte man zwei zusätzliche Gruppen mit der Diagnose Depression gehabt: Eine, die zum Beispiel regelmäßig Spaziergänge in der Natur machte; und eine, die gar nichts tat, während sie auf einen Therapieplatz wartete. Davon gibt es (leider) mehr als genug. Das wäre wichtig gewesen, denn erstens verändern zum Beispiel auch Spaziergänge das Gehirn und zweitens geht eine depressive Episode sogar ohne Behandlung oft nach vier bis neun Monaten von selbst wieder vorbei.</p> <p>Zugegeben, Leute in der Kontrollgruppe auf einen Therapieplatz warten zu lassen, ist auch keine gute Lösung. Trotzdem gibt es <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/wps.21069">in der guten Psychotherapieforschung immer Kontrollgruppen</a>. Ohne diese kann man ein Ergebnis unmöglich kausal interpretieren. Zum Vergleich: Man kann gute Gründe dafür haben, kein Geld dabei zu haben, wenn man vom Sport kommt und noch eine Apfelschorle kaufen will; darum ist es aber trotzdem nicht richtig, diese ohne Bezahlung mitzunehmen. Ebenso kann man auf die Kontrollgruppe nicht verzichten, wenn man spezifisch den Effekt von Psychotherapie untersuchen will, selbst wenn man dafür gute Gründe haben mag.</p> <p>Doch selbst das wäre noch nicht einmal das größte Problem. Auf dieses kommen wir jetzt zu sprechen.</p> <h2 id="h-medikamente">Medikamente</h2> <p>Ein zweites Problem ist aber noch gravierender: Von den 30 Personen nahmen nämlich neun, also fast ein Drittel, sogenannte Antidepressiva; sieben dieser neun sogar eine hohe Dosis. Nun ist aber schon lange bekannt, dass bei Personen mit Depressionen aber ohne Medikamente <em>kleinere</em> und bei denjenigen mit Medikamenten <em>größere</em> Amygdalae gemessen wurden. Das zeigte zum Beispiel schon eine <a href="https://www.nature.com/articles/mp200857">viel zitierte Meta-Analyse</a> aus dem Jahr 2008. Schauen wir uns unter diesem Gesichtspunkt noch einmal die Korrelation aus Abbildung 1 genauer an:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-2-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="618" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-2-1-1024x618.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-2-1-1024x618.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-2-1-300x181.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-2-1-768x463.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-2-1.jpg 1182w" width="1024"></img></a></figure> <p><span>Abbildung 2:</span> Die Abbildung zeigt wieder die Veränderung des Volumens der rechten Amygdala (y-Achse) im Zusammenhang mit dem Messwert für die Identifikation von Gefühlen (x-Achse). Im blauen Kreis in der Mitte sieht man neun Personen, für die sich im Prinzip nichts geändert hat und im orangefarbenen Rechteck rechts oben sechs Personen, die das Ergebnis – die gestrichelte Gerade darunter – gewissermaßen “nach oben ziehen”. Quelle: Angepasst nach <a href="https://www.nature.com/articles/s41398-025-03545-7">Zwiky et al., 2025</a>; Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">CC BY 4.0</a></p> <p>Wir sehen auf der Abbildung, dass sich für einige Personen in der Studie – die im blauen Kreis – weder das Volumen in der rechten Amygdala noch die Identifikation von Gefühlen nennenswert geändert hat. Der ohnehin schon kleine Effekt wird vor allem von den sechs Personen im orangefarbenen Rechteck nach oben gezogen.</p> <p>Wenn von diesen einige Medikamente genommen haben, könnte das die Veränderung des Gehirnvolumens besser erklären, während die Forscherinnen und Forscher das Ergebnis der Psychotherapie zuschreiben. Das wäre ein grober Fehler. Darum sollten sie meiner Meinung nach die Analyse unbedingt noch einmal ohne die Antidepressiva-Gruppe wiederholen.</p> <h2 id="h-alter-wein">Alter Wein</h2> <p>Wir erinnern uns, dass <a href="https://pressemitteilungen.pr.uni-halle.de/index.php?modus=pmanzeige&amp;pm_id=5946">die Pressemitteilung</a> das Ergebnis als neu darstellte: “Erstmals haben die Forschenden auch konkrete anatomische Veränderungen dokumentiert.” Und der Studienleiter Redlich ergänzte: “Jetzt haben wir erstmals einen validen Biomarker für den Effekt von Psychotherapie auf die Hirnstruktur. Einfacher ausgedrückt: Psychotherapie verändert das Gehirn.”</p> <p>Diese Darstellung ist aus zwei Gründen sehr merkwürdig: Erstens bezweifelte niemand ernsthaft, dass Psychotherapie das Gehirn verändert. Schon wenn man irgendetwas lernt, sagen wir die Melodie von “Alle meine Entchen” auf dem Klavier, ändert sich etwas im Körper und insbesondere im Gehirn. Zweitens wurden im Zusammenhang mit Psychotherapie schon oft Gehirnveränderungen berichtet.</p> <p>Zum Beispiel hat schon 2012 die Bremer “<a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0033745">Hanse-Neuropsychoanalysestudie</a>” von Anna Buchheim und unter Beteiligung des inzwischen verstorbenen deutschen “Gehirn-Gurus” Gerhard Roth (1942-2023) Gehirnveränderungen im Verlauf von 15 Monaten psychoanalytischer Psychotherapie nachvollzogen. Auch damals ging es vor allem um das limbische System und Unterschiede in der rechten Amygdala. Diese Studie wird von den Forscher*innen aus Halle-Wittenberg noch nicht einmal erwähnt.</p> <p>Anna Buchheim, Gerhard Roth und zwei Kolleg*innen veröffentlichten darüber 2012 einen Kommentar in <em>Gehirn&amp;Geist</em> mit dem Titel “<a href="https://www.spektrum.de/magazin/das-hirn-heilt-mit/1165513">Das Hirn heilt mit</a>“. Darin schrieben sie, es habe 2005 rund 15 und 2012 schon 40 neurowissenschaftliche Studien zur Wirksamkeit von Psychotherapie gegeben. Wie kann man solche Ergebnisse dann im Jahr 2025 noch als neu bezeichnen?</p> <h2 id="h-zuruckhaltung">Zurückhaltung</h2> <p>Die genannten und einige weitere Probleme sollten einen bei der Interpretation der Ergebnisse zur Zurückhaltung anhalten. In der Fachpublikation verwiesen die Forscher*innen selbst auf die nur kleine Gruppengröße. Dass es keine Kontrollgruppe ohne Behandlung gab, wurde dort ebenfalls als limitierender Faktoren eingeräumt. Und insbesondere: “Da die Korrelationen zwischen den Erhöhungen des Volumens der grauen Substanz und Verbesserungen bestimmter psychologischer Funktionen … nur gering waren, müssen sie mit Vorsicht interpretiert werden” (S. 5; dt. Übers.).</p> <p>Wie passt das dazu, die Studie gegenüber den Medien als großen Durchbruch darzustellen? Die Behauptung, die Entstehung neuer “grauer Zellen” durch Psychotherapie nachgewiesen zu haben, ist übrigens Unsinn: Das kann man mit so einer groben MRT-Messung im lebenden Gehirn gar nicht feststellen.</p> <p>Ob nach dem Alter von ca. 14 Jahren überhaupt noch neue Neuronen im Gehirn entstehen, ist in der Fachwelt umstritten. Hierfür müsste man eigentlich eine Biopsie vornehmen und auch dann ist es nicht trivial, unter Milliarden von Zellen neue von alten Neuronen zu unterscheiden. Aus ethischen Gründen verbietet sich das natürlich bei lebenden Personen und über die Interpretation der Ergebnisse an Toten streitet man sich noch. Vor Kurzem schlussfolgerte eine Forschungsgruppe, dass man die <a href="https://www.nature.com/articles/s41380-021-01314-8">Bedeutung dieses Phänomens nicht überbewerten sollte</a>, selbst wenn es bei Erwachsenen vorkommt.</p> <p>Für besonders problematisch halte ich diese <a href="https://pressemitteilungen.pr.uni-halle.de/index.php?modus=pmanzeige&amp;pm_id=5946">Schlussfolgerung</a> des Studienleiters Redlich: “Umso erfreulicher ist, dass wir durch unsere Studie zeigen konnten, dass Psychotherapie auch aus medizinisch-naturwissenschaftlicher Sicht eine gleichwertige Alternative ist.” Damit kommt das alte Trauma von Psychologie und Psychiatrie zum Ausdruck: Etwas kann nur wahr sein, wenn es <em>neurologisch</em> nachgewiesen ist. Machen Sie das auch so, wenn jemand sagt, “Ich bin dein Freund” oder “Ich liebe dich”, dass Sie dann einen Hirnscan als Beweis verlangen, anstatt sich das Verhalten der Person anzusehen?</p> <p>Aber natürlich sind Übertreibungen, bei denen jede Kritik, Einschränkungen und Zurückhaltungen vergessen sind, ein gefundenes Fressen für die Medien. So raschelte es in Lichtgeschwindigkeit durch den Blätterwald: “Depressionen – Mehr graue Zellen durch Psychotherapie” (Deutschlandfunk), “Depression: Psychotherapie baut graue Zellen auf” (Scinexx), “Psychotherapie verändert das Gehirn” (wissenschaft.de), “Mehr graue Zellen durch Psychotherapie” (Ärztenachrichtendienst) oder “Depressionen: Wie Psychotherapie das Gehirn stärkt” (MDR) – um hier nur die ersten paar Online-Treffer zu nennen.</p> <h2 id="h-biologische-psychiatrie">Biologische Psychiatrie</h2> <p>Ich spanne den Bogen noch etwas weiter auf. Erinnern wir uns, was der statistische stärkste Fund der Studie war: Von den 30 Personen hatten nach 22 Psychotherapiesitzungen 19 eine mäßige oder starke Besserung erfahren. Worauf die Medien aber anspringen, das ist der weder neue noch überraschende, doch in dieser Studie sehr spekulative Gehirnbefund.</p> <p>Der Studienleiter, Ronny Redlich, wirkte auch an einer neueren Studie mit, die tief in die Seele der biologischen Psychiatrie blicken lässt. Darin suchten Dutzende Autor*innen, darunter viele große Namen der heutigen psychiatrischen Forschung in Deutschland, <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2813979">nach einem Biomarker für Depressionen</a>. Dass man allem Gehirn-Gerede zum Trotz weder Depressionen noch irgendeine der anderen Hunderten psychologisch-psychiatrischen Störungen neurowissenschaftlich diagnostizieren kann, wissen viele Laien gar nicht. In der neuen Untersuchung probierten die Fachleute es mit künstlicher Intelligenz.</p> <p>Das ernüchternde Ergebnis überraschte sie: “Trotz der verbesserten Vorhersagefähigkeit … konnte kein informativer Biomarker für Depressionen auf individueller Ebene identifiziert werden – selbst bei umfassender Optimierung mit Maschinenlernen in einer großen Stichprobe diagnostizierter Patienten” (<a href="https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2813979">Winter et al., 2024</a>, E1; dt. Übers.). Schon mindestens seit den frühen 1800er-Jahren – ich habe es gerade in meinem <a href="https://www.schleim.info/wordpress/de/2024/08/28/stephan-schleims-buecher/">Buch über die Depressions-Epidemie</a> wieder dargestellt – haben biologische Psychiater mit allen Tricks versucht, die organische Ursache von Depressionen und anderen Störungen zu finden. Mit seltenen Ausnahmen, die alle längst in die Neurologie abgewandert sind – man denke an Neurosyphilis, Epilepsie, Multiple Sklerose, Parkinson, Alzheimer-Demenz ist noch ein Grenzfall –, waren diese Versuche seit über 200 Jahren erfolglos.</p> <h2 id="h-gebt-uns-mehr-geld">Gebt uns mehr Geld!</h2> <p>Doch anstatt nach so vielen Falsifikationen endlich die Gehirn-Ideologie mit ihren Molekülen, Genen, neuronalen Schaltkreisen und Versuchstieren aufzugeben und wieder hauptsächlich am und mit <em>Menschen</em> zu arbeiten, wählt man die Flucht nach vorne: “Für Forscher, Fachzeitschriften und Fördereinrichtungen ist es unerlässlich, über die nächsten Schritte zur Weiterentwicklung der biologischen Psychiatrie nachzudenken” (<a href="https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2813979">ebenda</a>, S. E8, dt. Übers.).</p> <p>Diesen logischen Kurzschluss muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Unser Ansatz ist wieder gescheitert, ihr müsst uns noch mehr Geld geben! Im Interesse der Patient*innen und der Gesellschaft sollte man dieses Forschungsprojekt aber nicht weiterentwickeln, sondern es endlich aufgeben.</p> <p>Psychiatrie sollte zu 80 Prozent psychosozial und zu maximal 20 Prozent biologisch sein. Übrigens hat auch diese neue Studie mit künstlicher Intelligenz gezeigt, was man seit Jahrzehnten immer wieder bestätigt hat: Den größten Einfluss auf Depressionen hat die Umwelt, hier ausgedrückt als soziale Unterstützung und erfahrene Kindesmisshandlung. Interessiert hat das keinen, denn man will ja echte “medizinisch-naturwissenschaftliche” Forschung machen. Das Soziale verschwindet dann vom Radar, obwohl es viel wichtiger ist.</p> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/das-dogma-der-biologischen-psychiatrie-in-historischer-perspektive/">zweiten Teil</a> geht es ausführlicher um die Geschichte der Psychiatrie und das Dogma seiner biologischen Seite. Am Ende des Artikels findet sich auch eine Quellenübersicht. Für die Feinschmecker folgt hier noch eine kurze Ergänzung zu Problemen der statistischen Auswertung.</p> <h2 id="h-p-s-wissenschaftliche-kritik">P.S. Wissenschaftliche Kritik</h2> <p>Ich habe hier noch drei Punkte, die die Ergebnisse der besprochenen Studie weiter relativieren: Der erste hat mit der Lokalisierung der Gehirnstrukturen zu tun; der zweite mit einer nötigen Korrektur der ohnehin schon schwachen Korrelation und der dritte mit einer Korrektur für die Medikamenteneinnahme.</p> <p>Für die Studie wurden strukturelle Gehirnaufnahmen mit einer räumlichen Auflösung von 1 x 1 x 1 mm³ gemacht. So einen Kubus nennt man ein “Voxel”, in Anlehnung an die Pixel auf dem Computerbildschirm. Nun sind die Mandelkerne <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0925492709002716">gerade einmal 1,5 cm, also 15 mm groß</a>. In der Studie unter Leitung von Ronny Redlich wurden die Bilddaten mit einem Weichzeichner mit einer Größe von 8 mm geglättet. Das macht man im Prinzip zur Verbesserung des Signal-Rausch-Verhältnisses, ist hier aber schon eine halbe Amgydala-Länge. Da können die Grenzen zwischen den Gebieten schon einmal verschwimmen.</p> <p>Überhaupt wunderte ich mich in der Studie darüber, dass die Frage der anatomischen Identifikation nicht ausführlich diskutiert wurde. Dabei ist länger bekannt, dass kleine Strukturen wie die Amygdalae und die Hippocampi <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0165027009001447">miteinander verwechselt werden können</a>. Das bezog sich zwar erst einmal auf Messungen der Gehirnfunktion mit einer schlechteren räumlichen Auflösung. Aber am Mikroskop arbeitende Neurowissenschaftler wundern sich regelmäßig über die Leichtigkeit, mit der in solchen Studien anatomische Regionen bestimmt werden. In der hier vorliegenden Untersuchung verließ man sich dem Anschein nach voll und ganz auf die Software, die das auf Knopfdruck macht.</p> <p>Ich will aber eigentlich darauf hinaus, wie variabel solche Maße des Gehirnvolumens sein können. Das zeigt die folgende Abbildung:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-3_DE.jpg"><img alt="" decoding="async" height="700" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 641px) 100vw, 641px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-3_DE.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-3_DE.jpg 641w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-3_DE-275x300.jpg 275w" width="641"></img></a></figure> <p><span>Abbildung 3:</span> In dieser Vergleichsstudie mit jeweils 110 Kontrollpersonen ohne psychologisch-psychiatrische Diagnose (HC), mit Depressionen (MDD), bipolarer Störung (BD) und einer Störung im Schizophrenie-Spektrum (SSD) sieht man große Überlappungen zwischen den Gruppen und minimale Unterschiede im Mittelwert. Auf der y-Achse ist das Maß für die Volumenänderung aufgetragen, hier für den linken Hippocampus, einer Struktur nahe der Amygdala. Quelle: Ausschnitt aus <a href="https://www.nature.com/articles/s41380-022-01687-4">Brosch et al., 2022</a>; Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">CC BY 4.0</a></p> <p>Auch dem ungeübten Auge sollte die Überlappung der vier Gruppen sofort auffallen: Die einzelnen Punkte, die für die Gehirndaten jeweils einer Person stehen, fallen so gut wie alle in den Bereich von -0,05 bis 0,05. Dass mit solchen Daten keine Diagnose mit dem Hirnscanner möglich ist, versteht sich von selbst. Das veranschaulicht auch, wie wichtig der Vergleich mit Kontrollgruppen ist. Übrigens waren die Gruppen hier jeweils fast viermal so groß wie in der Studie zur Psychotherapie.</p> <h2 id="h-fragliche-korrelationen">Fragliche Korrelationen</h2> <p>Zum Schluss hinterfragen wir noch einmal die Korrelation: Wir erinnern uns, dass die Forscher*innen verschiedene Fragebögen zur Bestimmung der depressiven Symptomatik und der Alexithymie (Gefühlsstörung) verwendeten. Da es um zwei Zeitpunkte ging, vor und nach der Therapie, errechneten sie die Differenz (Δ, Delta). Dasselbe taten sie für vier Gehirnregionen: die beiden Amygdalae und zwei Teile des rechten Hippocampus. Wenn man alle Fragebögen mit allen Gehirnregionen korrelierte, ergaben sich 6 x 4 = 24 Ergebnisse.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-4_DE.png"><img alt="" decoding="async" height="1688" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2488px) 100vw, 2488px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-4_DE.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-4_DE.png 2488w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-4_DE-300x204.png 300w" width="2488"></img></a></figure> <p><span>Abbildung 4:</span> Die Korrelationsmatrix der Studie. Entscheidend ist für uns das fett gedruckte Ergebnis in der achten Zeile, für die rechte Amygdala. Der Wert von 0,321 ist auch die Steigung der Geraden in den Abbildungen 1 und 2. Der statistische Test war mit p = 0,042 gerade so auf dem üblichen p &lt; 0,05-Niveau signifikant. Quelle: <a href="https://www.nature.com/articles/s41398-025-03545-7">Zwiky et al., 2025</a>; Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">CC BY 4.0</a></p> <p>Jeder statistische Test hat eine bestimmte Fehlerwahrscheinlichkeit. Mit den relevanten Berechnungen auf der Matrix versuchten die Forscher*innen im Prinzip, die Nullhypothese, dass es zwischen zwei Variablen <em>keine</em> Korrelation gibt, 6 x 4, also 24-mal zurückzuweisen. Meiner Meinung nach reicht die lässige Signifikanzschwelle von p &lt; 0,05 dann nicht mehr, um Zufallstreffer auszuschließen.</p> <p>Damit würde der Hauptfund der ohnehin schon spekulativen Studie wegfallen. Übrigens bedeutet der Korrelationswert von 0,321, dass man gerade einmal 15 Prozent der Unterschiede auf der psychologischen Ebene durch Unterschiede in der rechten Amygdala erklären kann. Wie verhält sich das zu den weitreichenden Aussagen in der Pressemitteilung?</p> <h2 id="h-die-medikamentengruppe">Die Medikamentengruppe</h2> <p>Wir erinnern uns zum Schluss auch an die Möglichkeit, dass das Ergebnis durch Personen aus der Patientengruppe mit den Medikamenten nach oben gezogen sein könnte (Abbildung 2). Darum schlug ich vor, die Korrelation ohne die Daten dieser neun Teilnehmer*innen zu berechnen. Dann wäre sie vielleicht nicht mehr statistisch signifikant. Doch das müssten die Autor*innen selbst untersuchen.</p> <p>Im allerletzten Satz des Zusatzmaterials der Studie findet sich der Hinweis, man habe den Status der Medikation mit dem Unterschied der Gehirnvolumen verglichen. Mal davon abgesehen, dass dieser Effekt mit p = 0,068 gerade so die Signifikanzschwelle verfehlte, ist das nach meinem Verständnis kein sauberes Vorgehen: Denn daraus, dass so ein Test nicht positiv ausfällt, darf man nicht auf die Abwesenheit eines Effekts schließen. Die Studie könnte auch schlicht – zum Beispiel wegen einer zu kleinen Gruppengröße – zu wenig statistische Kraft haben.</p> <p>Verglichen mit den weitreichenden Schlussfolgerungen, die man aus der Studie zieht, erscheinen mir die Daten und ihre Interpretation doch sehr spekulativ. Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/das-dogma-der-biologischen-psychiatrie-in-historischer-perspektive/">zweiten Teil</a> weiten wir den Blick auf die Geschichte und Gegenwart der biologischen Psychiatrie.</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Titelgrafik nach <a href="https://www.nature.com/articles/s41398-025-03545-7">Zwiky et al., 2025</a>, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">CC BY 4.0</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/0742fbcb95d7437ba0c929a28c464d3a" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/depressionen-laesst-psychotherapie-neue-nervenzellen-wachsen/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>11</slash:comments> </item> <item> <title>Das Dogma der biologischen Psychiatrie in historischer Perspektive https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/das-dogma-der-biologischen-psychiatrie-in-historischer-perspektive/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/das-dogma-der-biologischen-psychiatrie-in-historischer-perspektive/#comments Mon, 01 Sep 2025 10:59:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3400 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/woman-2609115-Depressed-768x488.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/das-dogma-der-biologischen-psychiatrie-in-historischer-perspektive/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/woman-2609115-Depressed.jpg" /><h1>Das Dogma der biologischen Psychiatrie in historischer Perspektive » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p><strong>Man kann die Störungsbilder einfach nicht im Gehirn nachweisen. Welche Schlüsse zieht man daraus?</strong></p> <span id="more-3400"></span> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/depressionen-laesst-psychotherapie-neue-nervenzellen-wachsen/">ersten Teil</a> ging es um eine neue Studie, die die Auswirkungen von Psychotherapie im Gehirn nachgewiesen haben will. Wie ich ausführte, ist das weder neu noch überraschend. Die Darstellung der Studienergebnisse erwies sich außerdem als problematisch, vor allem wegen der fehlenden Kontrollgruppe.</p> <p>Die Versuche der biologischen Psychiatrie, ihre Hunderten Störungsbilder wie Depressionen oder Angst- und Aufmerksamkeitsstörungen im Gehirn nachzuweisen, scheitern immer wieder. Trotzdem fordern diese Forscher*innen seit Jahrzehnten immer mehr Geld. Und sie kriegen es in der Regel auch. Für andere Forschungsbereiche, die klinische Praxis und damit das Wohl der Patient*innen hat das verheerende Auswirkungen.</p> <p>Ökonomisch nennt man das “Opportunitätskosten”. Was verliert man dadurch, dass ein Forschungszweig so dominiert?</p> <h2 id="h-opportunitatskosten">Opportunitätskosten</h2> <p>Die Mittelverteilung ist nicht so unschuldig, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Und es ist mitnichten ein rein wissenschaftlicher Streit. Wie eine Reihe amerikanischer und britischer Psychiater vor ein paar Jahren schon einmal anmerkte, kann man jeden Euro beziehungsweise jedes Pfund oder jeden Dollar ja nur einmal ausgeben. Durch die starke Dominanz der Neuro-Forschung fehle es an Projekten zur Prävention <a href="https://www.cambridge.org/core/journals/the-british-journal-of-psychiatry/article/rethinking-funding-priorities-in-mental-health-research/3D8B174D491BFADD07071F7611B2638F">psychologisch-psychiatrischer Probleme</a>, zur Unterstützung von Familien, die es schwer haben, und zur Verhinderung von Suiziden.<aside></aside></p> <p>Doch die Situation im Jahr 2025 ist, dass die Forschungsmilliarden weltweit – hier am Beispiel der größten psychiatrischen Forschungseinrichtung <a href="https://openurl.ebsco.com/EPDB:gcd:12:29381628/detailv2?sid=ebsco:plink:scholar&amp;id=ebsco:gcd:184675168&amp;crl=c&amp;link_origin=scholar.google.de">aufgezeigt</a>, dem National Institute of Mental Health (NIMH) in den USA – immer noch vor allem in die Suche nach den neuronalen Ursachen fließen. Laut den gängigsten offiziellen Kriterien gibt es 227 gültige Symptomkombinationen für Depressionen, bei der Aufmerksamkeitsstörung ADHS <a href="https://www.frontiersin.org/journals/psychiatry/articles/10.3389/fpsyt.2022.943049/full">sind es sogar 116.220</a>. Dieser von führenden Fachleuten am Konferenztisch festgelegten Komplexität und Vagheit kann man mit neurowissenschaftlicher Forschung nicht Herr werden.</p> <p>In meinem Buch <em>Die Neurogesellschaft</em> von 2011 entlarvte ich einige Neuromythen. Ironischerweise rezensierte es <em>der</em> führende europäische Neuropsychologe in der <em>Zeitschrift für Neuropsychologie</em> sehr wohlwollend. Ein anderer Institutsdirektor schrieb mir, er stimme mir zwar weitgehend zu, doch er würde das Buch seinen Mitarbeiter*innen nicht empfehlen. Sonst müsste er nämlich fürchten, dass sie mit der Arbeit aufhören. Dabei wäre genau das die beste Schlussfolgerung gewesen.</p> <p>2021 formulierte ich den Aufruf, das medizinische Modell in der Psychiatrie <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychiatrie-gebt-das-medizinische-modell-endlich-auf/">endlich aufzugeben</a> und sich wieder mit den psychosozialen Bedürfnissen der Menschen zu beschäftigen. Damit hätte man viele Forschungsmilliarden sparen und nicht nur in Prävention, sondern auch die bessere Ausbildung klinischer Psychologen und Psychiater investieren können. Wer meine Kritik für übertrieben hält, dem sei mit einem Zitat von Thomas Insel geantwortet. Er war von 2002 bis 2015 Direktor des NIMH und entschied jedes Jahr über ein Milliardenbudget. Gegenüber <em>Wired</em> <a href="https://www.wired.com/2017/05/star-neuroscientist-tom-insel-leaves-google-spawned-verily-startup/?mbid=social_twitter_onsiteshare">erklärte er</a>, der “Star-Neurowissenschaftler”, erstaunlicherweise:</p> <blockquote> <p>“Ich habe 13 Jahre am NIMH verbracht und mich dort intensiv mit der Erforschung der Neurowissenschaften und Genetik psychischer Störungen beschäftigt. Wenn ich zurückblicke, wird mir klar, dass es mir zwar gelungen ist, eine Menge wirklich toller Artikel von tollen Wissenschaftlern [im Original: <em>lots of really cool papers published by cool scientists</em>] zu veröffentlichen, und das zu einem ziemlich hohen Preis – ich glaube, 20 Milliarden Dollar. Aber ich glaube nicht, dass wir etwas dazu beigetragen haben, die Suizidrate zu senken, die Krankenhausaufenthalte zu reduzieren und die Genesung von zig Millionen Menschen mit psychischen Erkrankungen zu verbessern.” (Thomas Insel in <em>Wired</em>, 2017; dt. Übers.)</p> </blockquote> <h2 id="h-historisch">Historisch</h2> <p>Wie “coole Forschung cooler Leute” zur dominanten Strömung in der Psychiatrie werden konnte, verdeutlicht ein kurzer historischer Überblick. Wer es genauer lesen will, kann in <em>Perspektiven aus der Depressions-Epidemie</em> <a href="https://www.schleim.info/wordpress/de/2024/08/28/stephan-schleims-buecher/">weiterlesen</a>.</p> <p>Im 19. Jahrhundert kam es zu großen Umbrüchen in der Medizin. Inspiriert durch naturwissenschaftliche Fortschritte – verbunden mit heute noch bekannten Namen wie Rudolf Virchow (1821-1902), Robert Koch (1843-1910) und Paul Ehrlich (1854-1915) – entdeckte man immer mehr Bakterien, Viren und organische Abweichungen als Krankheitsherde. Psychiatrie und Psychotherapie im heutigen Sinne kannte man noch nicht. Für die Armen gab es Seelsorge oder Gefängnisse. Die Wohlhabenden kamen in Sanatorien. Wer es sich wirklich leisten konnte, mietete sich einen Leibarzt als Reisebegleitung, um einmal andere Luft zu schnuppern und auf andere Gedanken zu kommen.</p> <p>In den Großstädten war auch das Elend der Armen groß. Schließlich nahm man sie – vor allem Alte, Bettler, Demente, Epileptiker und Prostituierte, die keinen anderen Ort hatten – in Krankenhäusern auf. Beispiele sind die Salpêtrière in Paris, die 1795 vom Psychiatrie-Reformer Philippe Pinel (1745-1826) übernommen wurde; später sollte der junge Sigmund Freud (1856-1939) hier studieren und in die Hypnose eingeweiht werden. Oder das heute noch existierende Bethlem-Krankenhaus in London, wo der Arzt und Apotheker John Haslam (1764-1844) um 1800 schon in den Gehirnen verstorbener Patient*innen nach dem Sitz von Depressionen suchte – und sogar glaubte, sie gefunden zu haben!</p> <p>Um nicht nur als Seelsorger oder “Irrenärzte”, sondern als echte Mediziner wahrgenommen zu werden, brauchte die Psychiatrie eine organische Ursache der “Geisteskrankheiten”. Passenderweise entwickelte der Arzt und Anatom Franz Joseph Gall (1758-1828) damals die Phrenologie. Zwar sah man in der Ärzteschaft die spätere Popularisierung durch Galls Assistenten, Johann Gaspar Spurzheim (1776-1832), und andere kritisch. Doch die Ansicht, dass “Geisteskrankheiten” Gehirnkrankheiten sein mussten, passte in den Zeitgeist. Sie löste das peinliche Dilemma, kein Organ zu haben, auf das man zeigen konnte.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-5_DE.png"><img alt="" decoding="async" height="499" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-5_DE-1024x499.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-5_DE-1024x499.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-5_DE-300x146.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-5_DE-768x374.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-5_DE-1536x748.png 1536w" width="1024"></img></a></figure> <p><span>Abbildung 5:</span> Der Gedanke der funktionellen Spezialisierung des Gehirns, links von den Phrenologen Gall und Spurzheim auf einer anatomischen Zeichnung von 1810 angedeutet, inspirierte Psychiatrie und Psychologie bis heute. Die spätere Popularisierung, Persönlichkeitseigenschaften an der Kopfform erkennen zu können, hier aus einem Buch aus dem Jahr 1859, brachte die Phrenologie aber nachhaltig in Verruf.</p> <p>Die <em>Hypothese</em> der Gehirnstörungen wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts schließlich zum Dogma. Wie dieses bis heute wirkt, sah man auch an der Aussage Ronny Redlichs im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/depressionen-laesst-psychotherapie-neue-nervenzellen-wachsen/">ersten Teil</a>, mit seiner – bei näherer Betrachtung doch eher bescheidenen – Studie die Gleichwertigkeit von Psychotherapie “<a href="https://pressemitteilungen.pr.uni-halle.de/index.php?modus=pmanzeige&amp;pm_id=5946">naturwissenschaftlich-medizinisch</a>” gezeigt zu haben. Gleichwertig womit eigentlich? Er meinte Psychopharmaka.</p> <p>Das ist ein interessantes Beispiel, da diese laut neuer epidemiologischer Studien bei Depressionen <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/bei-rund-90-wirken-antidepressiva-nicht-besser-als-placebo/">kaum besser als Placebo wirken</a>. Der vielleicht irgendwie noch optimistische Fund, dass sie <a href="https://www.bmj.com/content/378/bmj-2021-067606.abstract">wenigstens 15 Prozent der Betroffenen helfen</a>, doch dann intensiv, wurde gerade mit einer brandneuen Studie weiter relativiert: Wenn man das nicht nur, finanziert durch die Pharmaindustrie, in sorgfältig ausgewählten Patientengruppen erforscht, sondern in repräsentativen Gruppen, wie sie wirklich in den Praxen und Kliniken zu finden sind, <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0895435625002768">dann ist die Wirksamkeit noch geringer</a>.</p> <h2 id="h-kaputte-gehirne">Kaputte Gehirne?</h2> <p>Dass Menschen mit psychologisch-psychiatrischen Problemen fürchten, nicht ernst genommen zu werden, ist bekannt. Doch dass auch die Fachleute immer noch am gut 200 Jahre alten Dogma festhalten und sogar den genetischen Konsens seit den 1970er-Jahren <a href="https://www.madinamerica.com/2025/05/heritability-explains-less-about-mental-disorders-than-you-think/">beharrlich ignorieren</a>, ist erstaunlich. Während ihre Versuche, die Störungsbilder auf genetische Varianten zu reduzieren, immer wieder scheitern, jagen sie jetzt eine “verborgene Erblichkeit”.</p> <p>Das ist die “dunkle Energie” der Psychiatrie, wobei man der Physik vielleicht noch eher nachsieht, zur Aufrechterhaltung des sonst sehr gut funktionierenden Standardmodells unbeobachtete Entitäten anzunehmen. Doch was könnte ein “gut funktionierendes Standardmodell” der biologischen Psychiatrie sein? Dass sich manche Symptome mit psychoaktiven Substanzen oder elektrischem Strom kontrollieren lassen? Auch das ist bereits seit dem 19. Jahrhundert bekannt. Und es hinterlässt zu viele Patienten hilflos und im schlimmsten Fall mit neuen Problemen aufgrund schwerer Nebenwirkungen und Medikamentenabhängigkeit.</p> <p>Die heute anhaltende Welle der biologischen Psychiatrie kam in den 1980ern auf. Damals begann die Zeit von “Neuro” und “Gen”. Thomas Insels Vor-vor-vor-vor-Vorgänger als Direktor am NIMH, Alan Leshner, erklärte vielleicht im Altersleichtsinn, wie das funktionierte: “Experten für psychische Gesundheit begannen, Schizophrenie als ‘Gehirnkrankheit’ zu bezeichnen und Kongressabgeordneten Gehirnscans zu zeigen, um sie zu mehr Forschungsgeldern zu bewegen. Es funktionierte wirklich” (zit. n. <a href="https://www.frontiersin.org/journals/psychiatry/articles/10.3389/fpsyt.2013.00141/full">Satel &amp; Lilienfeld, 2014</a>, S. 4; dt. Übers.).</p> <p>Leshner war von 1990 bis 1992, also gerade am Anfang der “Dekade des Gehirns”, kommissarisch im Amt – ausnahmsweise als Neuropsychologe, nicht als biologischer Psychiater. Heute, 30 Jahre später, wollen Psychiater die Diagnose “Schizophrenie” <a href="https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/a-2517-2641">übrigens aufgeben</a>, unter anderem weil sie bei Patienten <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/es-gibt-keine-schizophrenie/">mehr Leid verursachen kann als dass sie hilft</a>.</p> <p>Leshner wurde für seinen Einsatz für die Psychiatrie dadurch belohnt, dass er zum ersten Direktor des neu gegründeten National Institute on Drug Abuse (NIDA) ernannt wurde. Eine seiner wesentlichen Leistungen bestand darin, <a href="https://www.science.org/doi/abs/10.1126/science.278.5335.45">Sucht als Gehirnkrankheit darzustellen</a>. Wenn es schon zur Zeit der Phrenologen funktionierte, warum dann nicht auch Ende der 1990er? Gut 25 Jahre später haben die USA <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/opioide-wennnicht-drogen-sondern-medikamente-und-die-falsche-politik-toeten/">ein ungekanntes Suchtproblem</a> mit vielen Toten und noch mehr Elend.</p> <p>Aber für die Forscher*innen ging die Rechnung auf: Sie hatten, mit Thomas Insel gesprochen, satte Chancen für “coole Karrieren mit coolen Papers”. An Forschungsmilliarden bestand kein Mangel. Ein von mir sehr geschätzter Neuropsychiater <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/es-geht-nicht-ganz-ohne-soziale-normen/">sagte es einmal im Interview</a>: “Auf wissenschaftlichen Kongressen kommen Sie mit sozialpsychiatrischen Vorträgen in unserer Zeit nicht so gut an. Und die Leute wollen eben auch Karriere machen.” Ja, so ist das.</p> <h2 id="h-gegenwart">Gegenwart</h2> <p>Was nahe am Menschen wäre, ist in der Forschung, die zwanghaft “medizinisch-naturwissenschaftlich” sein will, doch in Wirklichkeit vor allem Ideologie ist, kaum angesehen. Man könnte über den Coup lächeln, wenn nicht so viel auf dem Spiel stünde: Die zum Beispiel von Leshner und vielen anderen versprochenen Medikamente gegen Sucht sind größtenteils ein Traum geblieben, während heute viele Millionen Menschen einen süchtigen Albtraum erleben.</p> <p>Die 2004 im “<a href="https://www.spektrum.de/thema/das-manifest/852357">Manifest führender Hirnforscher</a>” versprochenen besseren Therapien gibt es immer noch nicht. Auch <em>alle</em> von Thomas Insel 2010 für das Jahr 2020 <a href="https://www.jstor.org/stable/26001977">versprochenen Fortschritte der biologischen Psychiatrie</a> – darunter diagnostische Biomarker, bessere Therapien und sogar Impfungen gegen psychologisch-psychiatrische Störungen – fehlen bis heute. Eine Dekade, nachdem er seinen milliardenschweren Direktorenstuhl am NIMH räumte, erklärte Insel die Sache mit den “kaputten Gehirnschaltkreisen” als Metapher. Man wisse noch gar nicht genug übers Gehirn. Ach so.</p> <p>Mit Leshner könnte man sagen: “Es funktionierte wirklich.” In seinem neuen Buch <em>Healing: Our Path from Mental Illness to Mental Health</em> erklärte Insel, zur Lösung der Krise der psychischen Gesundheit müsse man vielleicht doch sozial-institutionelle Probleme lösen. Ach so. Darauf hat die biologische Psychiatrie, die vor allem Moleküle herumschubsen will, keine Antwort.</p> <h2 id="h-hypes">Hypes</h2> <p>Als ich in dem Fachgebiet promovierte, war gerade die “<a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/das-gesicht-der-personalisierten-medizin/">Personalisierte Medizin</a>” in. Im biomedizinischen Paradigma war das aber nur eine Chiffre für noch mehr Gerätemedizin. Weil das vielen Patient*innen nicht half, dachte man sich als nächstes die “Translationale Medizin” aus: Als ob medizinische Forschung nicht immer praktisch, anwendungsnah und im Interesse der Betroffenen sein müsste. Den neuesten Hype nennen sie jetzt “Präzisionsmedizin”.</p> <p>Dem Anspruch, Vorläufiges immer als großen Durchbruch verkaufen zu müssen, mochte ich nicht gerecht werden. Darum hörte ich 2010 mit dieser Forschung auf. Seitdem wunderte ich mich mehr als einmal über Forscherpersönlichkeiten mit tollen Karrieren, die im persönlichen Gespräch alle Kritik einräumten – um dann in Forschungsanträgen, öffentlichen Vorträgen oder im Interview den Medien etwas ganz anderes zu erzählen. Ist das nur Zweckoptimismus oder schon eine psychologisch-psychiatrische Störung, Stichwort “Realitätsverlust”?</p> <p>Für die im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/depressionen-laesst-psychotherapie-neue-nervenzellen-wachsen/">ersten Teil</a> kritisierte Publikation unter Leitung von Ronny Redlich in der Fachzeitschrift <em>Translational Psychiatry</em> flossen laut der Preisordnung 4000 Euro an Publikationskosten an den Verlag. Für eine Veröffentlichung meiner Kritik müsste ich 1300 Euro bezahlen. Dann wird es halt wieder nur ein Blogbeitrag. Dass den Hilfesuchenden mit dem Aufspüren neuronaler Abdrücke psychosozialer Therapie nicht gedient ist, sollte aber auch so klar geworden sein.</p> <h2 id="h-zukunft">Zukunft</h2> <p>Der Schweizer Psychiatrieprofessor Matthias Jäger <a href="https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/html/10.1055/a-2565-6993">klagte kürzlich über die Patientenflut</a> nach der sovielten Destigmatisierungskampagne in der Gesellschaft: “[Das soziale in der Psychiatrie] bedeutet aber nicht, dass die Psychiatrie für die Behebung von sozialen Problemlagen und sozial unerwünschten Verhaltens jeglicher Art zuständig ist.” Damit wäre man wieder zurück im frühen 19. Jahrhundert, gewissermaßen vor der medizinischen Professionalisierung des Fachs, in der Zeit der Armen- und Irrenhäuser.</p> <p>Dank knapper Kassen, Mangel an Prävention und mit Ausblick auf <a href="https://overton-magazin.de/hintergrund/politik/mehr-verteidigung-weniger-soziales-in-den-niederlanden-vorbild-fuer-deutschland/">weitere Sozialkürzungen für die Verteidigung</a> ist nicht von einer Abnahme psychologisch-psychiatrischer Störungen auszugehen. In Großbritannien, wo die sozialen Einschnitte schon ein, zwei Stufen weiter sind und die Not der Menschen entsprechend groß, entstehen allerdings auch neue Lösungen:</p> <p>Es gibt dort ein Ministerium gegen Einsamkeit. Ein Netzwerk kritischer Psychiater*innen um Joanna Moncrieff, Psychiatrieprofessorin in London, hilft Menschen beim Abbauen der sogenannten Antidepressiva. Denn dass man davon abhängig werden kann, wurde lange geleugnet. Und gemeinschaftliche Hilfe vor Ort soll dort für die Menschen verfügbar sein, wo sie leben und sich durch die Herausforderungen ihres Alltags lavieren.</p> <p>Hier in meinem Artikel wurde eine Möglichkeit identifiziert, wo man (global) sofort ein paar Milliarden und in Europa immer noch Hunderte Millionen einsparen könnte. Und wenn Psychologie (wörtlich: Seelenlehre) und Psychiatrie (wörtlich: Seelenheilung) ihr seelenleere überwinden und den Menschen wieder als das biopsychosoziale Wesen würdigen, das er ist, werden auch hier vielleicht wieder Probleme gelöst und nicht nur Symptome behandelt. Auch Jahrzehnte der Psychotherapieforschung kamen zum Fazit, dass Beziehungen und das Umfeld die wesentlichen Faktoren sind:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-6_DE.png"><img alt="" decoding="async" height="450" sizes="(max-width: 800px) 100vw, 800px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-6_DE.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-6_DE.png 800w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-6_DE-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-6_DE-768x432.png 768w" width="800"></img></a></figure> <p><span>Abbildung 6:</span> Laut dieser Übersicht sind für den Therapieerfolg allgemeine Faktoren, darunter vor allem die Beziehung zum*zur Psychotherapeut*in, Veränderungen außerhalb der Therapie und die Erwartung der Klient*innen von Bedeutung. Auf die psychotherapeutischen Techniken im eigentlichen Sinn entfallen nur 15 Prozent. Nach: <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-662-58712-6">Helle, 2019</a>, S. 179</p> <p>Dennoch will ich meinen ausdrücklichen Respekt für alle Psychiater*innen ausdrücken, die sich trotz der schwierigen Bedingungen den Herausforderungen ihres Berufs stellen, nicht selten Tag und Nacht. Meine Kritik richtet sich nicht gegen sie, sondern das die Forschung und Praxis einengende Dogma.</p> <p>Damit sind Alternativen aufgezeigt. Ob wir sie beschreiten, hängt von unseren Entscheidungen ab, sowohl individuell als auch gemeinschaftlich.</p> <figure><a href="https://www.amazon.de/dp/B0F1ZHZ8XR"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die “Depressions-Epidemie” im neuen Buch von Stephan Schleim: Was sind Depressionen überhaupt? Wie werden sie diagnostiziert? Wie veränderte sich das Störungsbild im Laufe der Zeit? Warum wird es in den letzten Jahrzehnten so viel häufiger diagnostiziert und haben sich die Medikamentenverschreibungen verfielfacht? Das Buch kombiniert 27 alte und neue Perspektiven aus Psychologie, Neurowissenschaft und Soziologie mit viel Orientierungswissen zum Verstehen, Vorbeugen und Heilen. Das eBook gibt es für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0F1ZHZ8XR">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/nl/book/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie/id6743502096">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=pbRPEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></p> <h2 id="h-referenzen">Referenzen</h2> <ul> <li>Ball, T., Derix, J., Wentlandt, J., Wieckhorst, B., Speck, O., Schulze-Bonhage, A., &amp; Mutschler, I. 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Gehen Sie respektvoll miteinander um, orientieren Sie sich am Thema der Blogbeiträge und vermeiden Sie Wiederholungen oder Monologe. Bei Zuwiderhandlung können Kommentare gekürzt, gelöscht und/oder die Diskussion gesperrt werden. Nähere Details finden Sie in "Über das Blog".&#xD; &#xD; Stephan Schleim ist studierter Philosoph und promovierter Kognitionswissenschaftler. Seit 2009 ist er an der Universität Groningen in den Niederlanden tätig, zurzeit als Assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/woman-2609115-Depressed.jpg" /><h1>Das Dogma der biologischen Psychiatrie in historischer Perspektive » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p><strong>Man kann die Störungsbilder einfach nicht im Gehirn nachweisen. Welche Schlüsse zieht man daraus?</strong></p> <span id="more-3400"></span> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/depressionen-laesst-psychotherapie-neue-nervenzellen-wachsen/">ersten Teil</a> ging es um eine neue Studie, die die Auswirkungen von Psychotherapie im Gehirn nachgewiesen haben will. Wie ich ausführte, ist das weder neu noch überraschend. Die Darstellung der Studienergebnisse erwies sich außerdem als problematisch, vor allem wegen der fehlenden Kontrollgruppe.</p> <p>Die Versuche der biologischen Psychiatrie, ihre Hunderten Störungsbilder wie Depressionen oder Angst- und Aufmerksamkeitsstörungen im Gehirn nachzuweisen, scheitern immer wieder. Trotzdem fordern diese Forscher*innen seit Jahrzehnten immer mehr Geld. Und sie kriegen es in der Regel auch. Für andere Forschungsbereiche, die klinische Praxis und damit das Wohl der Patient*innen hat das verheerende Auswirkungen.</p> <p>Ökonomisch nennt man das “Opportunitätskosten”. Was verliert man dadurch, dass ein Forschungszweig so dominiert?</p> <h2 id="h-opportunitatskosten">Opportunitätskosten</h2> <p>Die Mittelverteilung ist nicht so unschuldig, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Und es ist mitnichten ein rein wissenschaftlicher Streit. Wie eine Reihe amerikanischer und britischer Psychiater vor ein paar Jahren schon einmal anmerkte, kann man jeden Euro beziehungsweise jedes Pfund oder jeden Dollar ja nur einmal ausgeben. Durch die starke Dominanz der Neuro-Forschung fehle es an Projekten zur Prävention <a href="https://www.cambridge.org/core/journals/the-british-journal-of-psychiatry/article/rethinking-funding-priorities-in-mental-health-research/3D8B174D491BFADD07071F7611B2638F">psychologisch-psychiatrischer Probleme</a>, zur Unterstützung von Familien, die es schwer haben, und zur Verhinderung von Suiziden.<aside></aside></p> <p>Doch die Situation im Jahr 2025 ist, dass die Forschungsmilliarden weltweit – hier am Beispiel der größten psychiatrischen Forschungseinrichtung <a href="https://openurl.ebsco.com/EPDB:gcd:12:29381628/detailv2?sid=ebsco:plink:scholar&amp;id=ebsco:gcd:184675168&amp;crl=c&amp;link_origin=scholar.google.de">aufgezeigt</a>, dem National Institute of Mental Health (NIMH) in den USA – immer noch vor allem in die Suche nach den neuronalen Ursachen fließen. Laut den gängigsten offiziellen Kriterien gibt es 227 gültige Symptomkombinationen für Depressionen, bei der Aufmerksamkeitsstörung ADHS <a href="https://www.frontiersin.org/journals/psychiatry/articles/10.3389/fpsyt.2022.943049/full">sind es sogar 116.220</a>. Dieser von führenden Fachleuten am Konferenztisch festgelegten Komplexität und Vagheit kann man mit neurowissenschaftlicher Forschung nicht Herr werden.</p> <p>In meinem Buch <em>Die Neurogesellschaft</em> von 2011 entlarvte ich einige Neuromythen. Ironischerweise rezensierte es <em>der</em> führende europäische Neuropsychologe in der <em>Zeitschrift für Neuropsychologie</em> sehr wohlwollend. Ein anderer Institutsdirektor schrieb mir, er stimme mir zwar weitgehend zu, doch er würde das Buch seinen Mitarbeiter*innen nicht empfehlen. Sonst müsste er nämlich fürchten, dass sie mit der Arbeit aufhören. Dabei wäre genau das die beste Schlussfolgerung gewesen.</p> <p>2021 formulierte ich den Aufruf, das medizinische Modell in der Psychiatrie <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychiatrie-gebt-das-medizinische-modell-endlich-auf/">endlich aufzugeben</a> und sich wieder mit den psychosozialen Bedürfnissen der Menschen zu beschäftigen. Damit hätte man viele Forschungsmilliarden sparen und nicht nur in Prävention, sondern auch die bessere Ausbildung klinischer Psychologen und Psychiater investieren können. Wer meine Kritik für übertrieben hält, dem sei mit einem Zitat von Thomas Insel geantwortet. Er war von 2002 bis 2015 Direktor des NIMH und entschied jedes Jahr über ein Milliardenbudget. Gegenüber <em>Wired</em> <a href="https://www.wired.com/2017/05/star-neuroscientist-tom-insel-leaves-google-spawned-verily-startup/?mbid=social_twitter_onsiteshare">erklärte er</a>, der “Star-Neurowissenschaftler”, erstaunlicherweise:</p> <blockquote> <p>“Ich habe 13 Jahre am NIMH verbracht und mich dort intensiv mit der Erforschung der Neurowissenschaften und Genetik psychischer Störungen beschäftigt. Wenn ich zurückblicke, wird mir klar, dass es mir zwar gelungen ist, eine Menge wirklich toller Artikel von tollen Wissenschaftlern [im Original: <em>lots of really cool papers published by cool scientists</em>] zu veröffentlichen, und das zu einem ziemlich hohen Preis – ich glaube, 20 Milliarden Dollar. Aber ich glaube nicht, dass wir etwas dazu beigetragen haben, die Suizidrate zu senken, die Krankenhausaufenthalte zu reduzieren und die Genesung von zig Millionen Menschen mit psychischen Erkrankungen zu verbessern.” (Thomas Insel in <em>Wired</em>, 2017; dt. Übers.)</p> </blockquote> <h2 id="h-historisch">Historisch</h2> <p>Wie “coole Forschung cooler Leute” zur dominanten Strömung in der Psychiatrie werden konnte, verdeutlicht ein kurzer historischer Überblick. Wer es genauer lesen will, kann in <em>Perspektiven aus der Depressions-Epidemie</em> <a href="https://www.schleim.info/wordpress/de/2024/08/28/stephan-schleims-buecher/">weiterlesen</a>.</p> <p>Im 19. Jahrhundert kam es zu großen Umbrüchen in der Medizin. Inspiriert durch naturwissenschaftliche Fortschritte – verbunden mit heute noch bekannten Namen wie Rudolf Virchow (1821-1902), Robert Koch (1843-1910) und Paul Ehrlich (1854-1915) – entdeckte man immer mehr Bakterien, Viren und organische Abweichungen als Krankheitsherde. Psychiatrie und Psychotherapie im heutigen Sinne kannte man noch nicht. Für die Armen gab es Seelsorge oder Gefängnisse. Die Wohlhabenden kamen in Sanatorien. Wer es sich wirklich leisten konnte, mietete sich einen Leibarzt als Reisebegleitung, um einmal andere Luft zu schnuppern und auf andere Gedanken zu kommen.</p> <p>In den Großstädten war auch das Elend der Armen groß. Schließlich nahm man sie – vor allem Alte, Bettler, Demente, Epileptiker und Prostituierte, die keinen anderen Ort hatten – in Krankenhäusern auf. Beispiele sind die Salpêtrière in Paris, die 1795 vom Psychiatrie-Reformer Philippe Pinel (1745-1826) übernommen wurde; später sollte der junge Sigmund Freud (1856-1939) hier studieren und in die Hypnose eingeweiht werden. Oder das heute noch existierende Bethlem-Krankenhaus in London, wo der Arzt und Apotheker John Haslam (1764-1844) um 1800 schon in den Gehirnen verstorbener Patient*innen nach dem Sitz von Depressionen suchte – und sogar glaubte, sie gefunden zu haben!</p> <p>Um nicht nur als Seelsorger oder “Irrenärzte”, sondern als echte Mediziner wahrgenommen zu werden, brauchte die Psychiatrie eine organische Ursache der “Geisteskrankheiten”. Passenderweise entwickelte der Arzt und Anatom Franz Joseph Gall (1758-1828) damals die Phrenologie. Zwar sah man in der Ärzteschaft die spätere Popularisierung durch Galls Assistenten, Johann Gaspar Spurzheim (1776-1832), und andere kritisch. Doch die Ansicht, dass “Geisteskrankheiten” Gehirnkrankheiten sein mussten, passte in den Zeitgeist. Sie löste das peinliche Dilemma, kein Organ zu haben, auf das man zeigen konnte.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-5_DE.png"><img alt="" decoding="async" height="499" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-5_DE-1024x499.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-5_DE-1024x499.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-5_DE-300x146.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-5_DE-768x374.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-5_DE-1536x748.png 1536w" width="1024"></img></a></figure> <p><span>Abbildung 5:</span> Der Gedanke der funktionellen Spezialisierung des Gehirns, links von den Phrenologen Gall und Spurzheim auf einer anatomischen Zeichnung von 1810 angedeutet, inspirierte Psychiatrie und Psychologie bis heute. Die spätere Popularisierung, Persönlichkeitseigenschaften an der Kopfform erkennen zu können, hier aus einem Buch aus dem Jahr 1859, brachte die Phrenologie aber nachhaltig in Verruf.</p> <p>Die <em>Hypothese</em> der Gehirnstörungen wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts schließlich zum Dogma. Wie dieses bis heute wirkt, sah man auch an der Aussage Ronny Redlichs im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/depressionen-laesst-psychotherapie-neue-nervenzellen-wachsen/">ersten Teil</a>, mit seiner – bei näherer Betrachtung doch eher bescheidenen – Studie die Gleichwertigkeit von Psychotherapie “<a href="https://pressemitteilungen.pr.uni-halle.de/index.php?modus=pmanzeige&amp;pm_id=5946">naturwissenschaftlich-medizinisch</a>” gezeigt zu haben. Gleichwertig womit eigentlich? Er meinte Psychopharmaka.</p> <p>Das ist ein interessantes Beispiel, da diese laut neuer epidemiologischer Studien bei Depressionen <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/bei-rund-90-wirken-antidepressiva-nicht-besser-als-placebo/">kaum besser als Placebo wirken</a>. Der vielleicht irgendwie noch optimistische Fund, dass sie <a href="https://www.bmj.com/content/378/bmj-2021-067606.abstract">wenigstens 15 Prozent der Betroffenen helfen</a>, doch dann intensiv, wurde gerade mit einer brandneuen Studie weiter relativiert: Wenn man das nicht nur, finanziert durch die Pharmaindustrie, in sorgfältig ausgewählten Patientengruppen erforscht, sondern in repräsentativen Gruppen, wie sie wirklich in den Praxen und Kliniken zu finden sind, <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0895435625002768">dann ist die Wirksamkeit noch geringer</a>.</p> <h2 id="h-kaputte-gehirne">Kaputte Gehirne?</h2> <p>Dass Menschen mit psychologisch-psychiatrischen Problemen fürchten, nicht ernst genommen zu werden, ist bekannt. Doch dass auch die Fachleute immer noch am gut 200 Jahre alten Dogma festhalten und sogar den genetischen Konsens seit den 1970er-Jahren <a href="https://www.madinamerica.com/2025/05/heritability-explains-less-about-mental-disorders-than-you-think/">beharrlich ignorieren</a>, ist erstaunlich. Während ihre Versuche, die Störungsbilder auf genetische Varianten zu reduzieren, immer wieder scheitern, jagen sie jetzt eine “verborgene Erblichkeit”.</p> <p>Das ist die “dunkle Energie” der Psychiatrie, wobei man der Physik vielleicht noch eher nachsieht, zur Aufrechterhaltung des sonst sehr gut funktionierenden Standardmodells unbeobachtete Entitäten anzunehmen. Doch was könnte ein “gut funktionierendes Standardmodell” der biologischen Psychiatrie sein? Dass sich manche Symptome mit psychoaktiven Substanzen oder elektrischem Strom kontrollieren lassen? Auch das ist bereits seit dem 19. Jahrhundert bekannt. Und es hinterlässt zu viele Patienten hilflos und im schlimmsten Fall mit neuen Problemen aufgrund schwerer Nebenwirkungen und Medikamentenabhängigkeit.</p> <p>Die heute anhaltende Welle der biologischen Psychiatrie kam in den 1980ern auf. Damals begann die Zeit von “Neuro” und “Gen”. Thomas Insels Vor-vor-vor-vor-Vorgänger als Direktor am NIMH, Alan Leshner, erklärte vielleicht im Altersleichtsinn, wie das funktionierte: “Experten für psychische Gesundheit begannen, Schizophrenie als ‘Gehirnkrankheit’ zu bezeichnen und Kongressabgeordneten Gehirnscans zu zeigen, um sie zu mehr Forschungsgeldern zu bewegen. Es funktionierte wirklich” (zit. n. <a href="https://www.frontiersin.org/journals/psychiatry/articles/10.3389/fpsyt.2013.00141/full">Satel &amp; Lilienfeld, 2014</a>, S. 4; dt. Übers.).</p> <p>Leshner war von 1990 bis 1992, also gerade am Anfang der “Dekade des Gehirns”, kommissarisch im Amt – ausnahmsweise als Neuropsychologe, nicht als biologischer Psychiater. Heute, 30 Jahre später, wollen Psychiater die Diagnose “Schizophrenie” <a href="https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/a-2517-2641">übrigens aufgeben</a>, unter anderem weil sie bei Patienten <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/es-gibt-keine-schizophrenie/">mehr Leid verursachen kann als dass sie hilft</a>.</p> <p>Leshner wurde für seinen Einsatz für die Psychiatrie dadurch belohnt, dass er zum ersten Direktor des neu gegründeten National Institute on Drug Abuse (NIDA) ernannt wurde. Eine seiner wesentlichen Leistungen bestand darin, <a href="https://www.science.org/doi/abs/10.1126/science.278.5335.45">Sucht als Gehirnkrankheit darzustellen</a>. Wenn es schon zur Zeit der Phrenologen funktionierte, warum dann nicht auch Ende der 1990er? Gut 25 Jahre später haben die USA <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/opioide-wennnicht-drogen-sondern-medikamente-und-die-falsche-politik-toeten/">ein ungekanntes Suchtproblem</a> mit vielen Toten und noch mehr Elend.</p> <p>Aber für die Forscher*innen ging die Rechnung auf: Sie hatten, mit Thomas Insel gesprochen, satte Chancen für “coole Karrieren mit coolen Papers”. An Forschungsmilliarden bestand kein Mangel. Ein von mir sehr geschätzter Neuropsychiater <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/es-geht-nicht-ganz-ohne-soziale-normen/">sagte es einmal im Interview</a>: “Auf wissenschaftlichen Kongressen kommen Sie mit sozialpsychiatrischen Vorträgen in unserer Zeit nicht so gut an. Und die Leute wollen eben auch Karriere machen.” Ja, so ist das.</p> <h2 id="h-gegenwart">Gegenwart</h2> <p>Was nahe am Menschen wäre, ist in der Forschung, die zwanghaft “medizinisch-naturwissenschaftlich” sein will, doch in Wirklichkeit vor allem Ideologie ist, kaum angesehen. Man könnte über den Coup lächeln, wenn nicht so viel auf dem Spiel stünde: Die zum Beispiel von Leshner und vielen anderen versprochenen Medikamente gegen Sucht sind größtenteils ein Traum geblieben, während heute viele Millionen Menschen einen süchtigen Albtraum erleben.</p> <p>Die 2004 im “<a href="https://www.spektrum.de/thema/das-manifest/852357">Manifest führender Hirnforscher</a>” versprochenen besseren Therapien gibt es immer noch nicht. Auch <em>alle</em> von Thomas Insel 2010 für das Jahr 2020 <a href="https://www.jstor.org/stable/26001977">versprochenen Fortschritte der biologischen Psychiatrie</a> – darunter diagnostische Biomarker, bessere Therapien und sogar Impfungen gegen psychologisch-psychiatrische Störungen – fehlen bis heute. Eine Dekade, nachdem er seinen milliardenschweren Direktorenstuhl am NIMH räumte, erklärte Insel die Sache mit den “kaputten Gehirnschaltkreisen” als Metapher. Man wisse noch gar nicht genug übers Gehirn. Ach so.</p> <p>Mit Leshner könnte man sagen: “Es funktionierte wirklich.” In seinem neuen Buch <em>Healing: Our Path from Mental Illness to Mental Health</em> erklärte Insel, zur Lösung der Krise der psychischen Gesundheit müsse man vielleicht doch sozial-institutionelle Probleme lösen. Ach so. Darauf hat die biologische Psychiatrie, die vor allem Moleküle herumschubsen will, keine Antwort.</p> <h2 id="h-hypes">Hypes</h2> <p>Als ich in dem Fachgebiet promovierte, war gerade die “<a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/das-gesicht-der-personalisierten-medizin/">Personalisierte Medizin</a>” in. Im biomedizinischen Paradigma war das aber nur eine Chiffre für noch mehr Gerätemedizin. Weil das vielen Patient*innen nicht half, dachte man sich als nächstes die “Translationale Medizin” aus: Als ob medizinische Forschung nicht immer praktisch, anwendungsnah und im Interesse der Betroffenen sein müsste. Den neuesten Hype nennen sie jetzt “Präzisionsmedizin”.</p> <p>Dem Anspruch, Vorläufiges immer als großen Durchbruch verkaufen zu müssen, mochte ich nicht gerecht werden. Darum hörte ich 2010 mit dieser Forschung auf. Seitdem wunderte ich mich mehr als einmal über Forscherpersönlichkeiten mit tollen Karrieren, die im persönlichen Gespräch alle Kritik einräumten – um dann in Forschungsanträgen, öffentlichen Vorträgen oder im Interview den Medien etwas ganz anderes zu erzählen. Ist das nur Zweckoptimismus oder schon eine psychologisch-psychiatrische Störung, Stichwort “Realitätsverlust”?</p> <p>Für die im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/depressionen-laesst-psychotherapie-neue-nervenzellen-wachsen/">ersten Teil</a> kritisierte Publikation unter Leitung von Ronny Redlich in der Fachzeitschrift <em>Translational Psychiatry</em> flossen laut der Preisordnung 4000 Euro an Publikationskosten an den Verlag. Für eine Veröffentlichung meiner Kritik müsste ich 1300 Euro bezahlen. Dann wird es halt wieder nur ein Blogbeitrag. Dass den Hilfesuchenden mit dem Aufspüren neuronaler Abdrücke psychosozialer Therapie nicht gedient ist, sollte aber auch so klar geworden sein.</p> <h2 id="h-zukunft">Zukunft</h2> <p>Der Schweizer Psychiatrieprofessor Matthias Jäger <a href="https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/html/10.1055/a-2565-6993">klagte kürzlich über die Patientenflut</a> nach der sovielten Destigmatisierungskampagne in der Gesellschaft: “[Das soziale in der Psychiatrie] bedeutet aber nicht, dass die Psychiatrie für die Behebung von sozialen Problemlagen und sozial unerwünschten Verhaltens jeglicher Art zuständig ist.” Damit wäre man wieder zurück im frühen 19. Jahrhundert, gewissermaßen vor der medizinischen Professionalisierung des Fachs, in der Zeit der Armen- und Irrenhäuser.</p> <p>Dank knapper Kassen, Mangel an Prävention und mit Ausblick auf <a href="https://overton-magazin.de/hintergrund/politik/mehr-verteidigung-weniger-soziales-in-den-niederlanden-vorbild-fuer-deutschland/">weitere Sozialkürzungen für die Verteidigung</a> ist nicht von einer Abnahme psychologisch-psychiatrischer Störungen auszugehen. In Großbritannien, wo die sozialen Einschnitte schon ein, zwei Stufen weiter sind und die Not der Menschen entsprechend groß, entstehen allerdings auch neue Lösungen:</p> <p>Es gibt dort ein Ministerium gegen Einsamkeit. Ein Netzwerk kritischer Psychiater*innen um Joanna Moncrieff, Psychiatrieprofessorin in London, hilft Menschen beim Abbauen der sogenannten Antidepressiva. Denn dass man davon abhängig werden kann, wurde lange geleugnet. Und gemeinschaftliche Hilfe vor Ort soll dort für die Menschen verfügbar sein, wo sie leben und sich durch die Herausforderungen ihres Alltags lavieren.</p> <p>Hier in meinem Artikel wurde eine Möglichkeit identifiziert, wo man (global) sofort ein paar Milliarden und in Europa immer noch Hunderte Millionen einsparen könnte. Und wenn Psychologie (wörtlich: Seelenlehre) und Psychiatrie (wörtlich: Seelenheilung) ihr seelenleere überwinden und den Menschen wieder als das biopsychosoziale Wesen würdigen, das er ist, werden auch hier vielleicht wieder Probleme gelöst und nicht nur Symptome behandelt. Auch Jahrzehnte der Psychotherapieforschung kamen zum Fazit, dass Beziehungen und das Umfeld die wesentlichen Faktoren sind:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-6_DE.png"><img alt="" decoding="async" height="450" sizes="(max-width: 800px) 100vw, 800px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-6_DE.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-6_DE.png 800w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-6_DE-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Abbildung-6_DE-768x432.png 768w" width="800"></img></a></figure> <p><span>Abbildung 6:</span> Laut dieser Übersicht sind für den Therapieerfolg allgemeine Faktoren, darunter vor allem die Beziehung zum*zur Psychotherapeut*in, Veränderungen außerhalb der Therapie und die Erwartung der Klient*innen von Bedeutung. Auf die psychotherapeutischen Techniken im eigentlichen Sinn entfallen nur 15 Prozent. Nach: <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-662-58712-6">Helle, 2019</a>, S. 179</p> <p>Dennoch will ich meinen ausdrücklichen Respekt für alle Psychiater*innen ausdrücken, die sich trotz der schwierigen Bedingungen den Herausforderungen ihres Berufs stellen, nicht selten Tag und Nacht. Meine Kritik richtet sich nicht gegen sie, sondern das die Forschung und Praxis einengende Dogma.</p> <p>Damit sind Alternativen aufgezeigt. Ob wir sie beschreiten, hängt von unseren Entscheidungen ab, sowohl individuell als auch gemeinschaftlich.</p> <figure><a href="https://www.amazon.de/dp/B0F1ZHZ8XR"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die “Depressions-Epidemie” im neuen Buch von Stephan Schleim: Was sind Depressionen überhaupt? Wie werden sie diagnostiziert? Wie veränderte sich das Störungsbild im Laufe der Zeit? Warum wird es in den letzten Jahrzehnten so viel häufiger diagnostiziert und haben sich die Medikamentenverschreibungen verfielfacht? Das Buch kombiniert 27 alte und neue Perspektiven aus Psychologie, Neurowissenschaft und Soziologie mit viel Orientierungswissen zum Verstehen, Vorbeugen und Heilen. Das eBook gibt es für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0F1ZHZ8XR">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/nl/book/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie/id6743502096">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=pbRPEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></p> <h2 id="h-referenzen">Referenzen</h2> <ul> <li>Ball, T., Derix, J., Wentlandt, J., Wieckhorst, B., Speck, O., Schulze-Bonhage, A., &amp; Mutschler, I. (2009). <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0165027009001447">Anatomical specificity of functional amygdala imaging of responses to stimuli with positive and negative emotional valence</a>. <em>Journal of Neuroscience Methods</em>, 180(1), 57-70.</li> <li>Böge, K., Jüttner, J., Stratmann, D., Leucht, S., Moritz, S., Schomerus, G., … &amp; Hahn, E. (2025). <a href="https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/a-2517-2641">Psychiatrische Begriffe im Wandel–Warum eine Umbenennung der Schizophrenie im 21. Jahrhundert nötig ist</a>. <em>Psychiatrische Praxis</em>, 52(03), 125-128.</li> <li>Brabec, J., Rulseh, A., Hoyt, B., Vizek, M., Horinek, D., Hort, J., &amp; Petrovicky, P. (2010). <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0925492709002716">Volumetry of the human amygdala—an anatomical study</a>. <em>Psychiatry Research: Neuroimaging</em>, 182(1), 67-72.</li> <li>Brosch, K., Stein, F., Schmitt, S., Pfarr, J. K., Ringwald, K. G., Thomas-Odenthal, F., … &amp; Kircher, T. (2022). <a href="https://www.nature.com/articles/s41380-022-01687-4">Reduced hippocampal gray matter volume is a common feature of patients with major depression, bipolar disorder, and schizophrenia spectrum disorders</a>. <em>Molecular Psychiatry</em>, 27(10), 4234-4243.</li> <li>Buchheim, A., Viviani, R., Kessler, H., Kächele, H., Cierpka, M., Roth, G., … &amp; Taubner, S. (2012). <a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0033745">Changes in prefrontal-limbic function in major depression after 15 months of long-term psychotherapy</a>. <em>PloS One</em>, 7(3), e33745.</li> <li>Cuijpers, P., Miguel, C., Harrer, M., Plessen, C. Y., Ciharova, M., Ebert, D., &amp; Karyotaki, E. (2023). <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/wps.21069">Cognitive behavior therapy vs. control conditions, other psychotherapies, pharmacotherapies and combined treatment for depression: A comprehensive meta‐analysis including 409 trials with 52,702 patients</a>. <em>World Psychiatry</em>, 22(1), 105-115.</li> <li>Duque, A., Arellano, J. I., &amp; Rakic, P. (2022). <a href="https://www.nature.com/articles/s41380-021-01314-8">An assessment of the existence of adult neurogenesis in humans and value of its rodent models for neuropsychiatric diseases</a>. <em>Molecular Psychiatry</em>, 27(1), 377-382.</li> <li>Hamilton, J. P., Siemer, M., &amp; Gotlib, I. H. (2008). <a href="https://www.nature.com/articles/mp200857">Amygdala volume in major depressive disorder: a meta-analysis of magnetic resonance imaging studies</a>. <em>Molecular Psychiatry</em>, 13(11), 993-1000.</li> <li>Helle, M. 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(2024). <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2813979">A systematic evaluation of machine learning–based biomarkers for major depressive disorder</a>. <em>JAMA Psychiatry</em>, 81(4), 386-395.</li> <li>Xu, C., Naudet, F., Kim, T. T., Hengartner, M. P., Horowitz, M. A., Kirsch, I., … &amp; Plöderl, M. (2025). <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0895435625002768">Large responses to antidepressants or methodological artifacts? A secondary analysis of STAR* D, a single-arm, open-label, non-industry antidepressant trial</a>. <em>Journal of Clinical Epidemiology</em>, 111943.</li> <li>Zilberstein, K., Galves, A., Cole, M., Foreman, W., Hahn, P., &amp; Michaels, L. (2025). <a href="https://openurl.ebsco.com/EPDB:gcd:12:29381628/detailv2?sid=ebsco:plink:scholar&amp;id=ebsco:gcd:184675168&amp;crl=c&amp;link_origin=scholar.google.de">Off Balance: National Institute of Mental Health Funding Priorities in 2012 and 2020</a>. <em>Ethical Human Psychology &amp; Psychiatry</em>, 27(1).</li> <li>Zwiky, E., Borgers, T., Klug, M., König, P., Schöniger, K., Selle, J., … &amp; Redlich, R. 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Gehen Sie respektvoll miteinander um, orientieren Sie sich am Thema der Blogbeiträge und vermeiden Sie Wiederholungen oder Monologe. Bei Zuwiderhandlung können Kommentare gekürzt, gelöscht und/oder die Diskussion gesperrt werden. Nähere Details finden Sie in "Über das Blog".&#xD; &#xD; Stephan Schleim ist studierter Philosoph und promovierter Kognitionswissenschaftler. Seit 2009 ist er an der Universität Groningen in den Niederlanden tätig, zurzeit als Assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/das-dogma-der-biologischen-psychiatrie-in-historischer-perspektive/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>22</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeo Podcast: Unsichtbare Wasserwelten: Was schlummert unter den Eisschilden? https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-unsichtbare-wasserwelten-was-schlummert-unter-den-eisschilden/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-unsichtbare-wasserwelten-was-schlummert-unter-den-eisschilden/#respond Sun, 31 Aug 2025 05:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1749 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-3-768x768.jpg Satellitenbild einer arktischen Landschaft: braune Felsen in einer weißen eisigen Landschaft, links ein länglicher Wasserkörper mit zerbrochenen Eisbergen in dunkelblauem Wasser. Das Foto wirkt künstlerisch. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-unsichtbare-wasserwelten-was-schlummert-unter-den-eisschilden/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel_sl.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Unsichtbare Wasserwelten: Was schlummert unter den Eisschilden? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Am 22. Juli 2014 überfliegt der europäische Satellit Cryosat den Norden Grönlands einmal, und zehn Tage später ein zweites Mal. Er vermisst dabei die Eisoberfläche – und in diesen Daten finden Forschende später etwas Erstaunliches: Der Gletscher ist in nur zehn Tagen um 85 Meter abgesunken – und das auf einer Fläche von zwei Quadratkilometern. Mitten im grönländischen Eis hat sich ein Krater gebildet. Was da genau passiert ist, bleibt für über ein Jahrzehnt ein Rätsel.</p> <p>Karl erzählt in dieser Folge von der feuchten Unterlage der größten Eismassen der Erde: Gletscher bedecken knapp drei Prozent aller Kontinente. Sie beherbergen auch das größte Reservoir an Süßwasser in gefrorener Form. Immer mehr erkennen Glaziologinnen und Glaziologen, dass es tief unter dem Eis noch eine andere Welt gibt – und die ist feucht, eine Welt aus flüssigem Wasser. Dort liegen riesige Seen, Flüsse und Bäche, von denen viele miteinander verbunden sind. Dieses Wasser kann auch unter kilometerdickem Eis fließen, manchmal gemächlich und manchmal in rasantem Tempo.</p> <p>Lange waren solche subglazialen Gewässer nur schwer zu untersuchen. Nach ersten Indizien auf Basis seismischer Messversuche gelang es seit den 1990er Jahren, immer mehr Seen zu entdecken, die größtenteils unter dem antarktischen Eisschild, aber auch unter den Gletschern Grönlands oder Islands zu finden sind. Der Wostoksee unter über drei Kilometern Eis der Ostantarktis gilt heute sogar als sechstgrößter See der Erde.</p> <p>Welche Rolle die feuchte Unterlage der Gletscher spielt, ist bis heute eine offene Frage. Es scheint so, dass dieses subglaziale, flüssige Wasser selbst riesige Gletscher in Bewegung hält. Künftig könnte ein immer feuchterer Schmierfilm das Abschmelzen der grönländischen und antarktischen Gletscher beschleunigen – und damit beim Anstieg des Meeresspiegels kräftig nachhelfen.</p> <p>Die Gefahr ist real, denn vor Kipppunkten im gar nicht so ewigen Eis warnen Klimaforscher schon lange. Vielleicht ließe sich die Gefahr aber abmildern: Denn mit immer besserem Verständnis subglazialer Wassermassen gibt es neuerdings Ideen, diese zu manipulieren.<aside></aside></p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <h3 id="h-mehr-bei-astrogeo-und-riffreporter">Mehr bei AstroGeo und RiffReporter</h3> <ul> <li>RiffReporter: <a href="https://www.riffreporter.de/de/wissen/antarktis-klimawandel-glaziologie-angelika-humbert-eisschmelze-forschung-interview">Zwischen Schneesturm und Toiletten-Zelt: Angelika Humbert erforscht den Klimawandel in der Antarktis</a></li> <li>Folge 58: <a href="https://astrogeo.de/ueberwintern-am-suedpol/">Überwintern am Südpol – ein Gespräch mit Robert Schwarz</a></li> <li>Folge 8: <a href="https://astrogeo.de/ag008-shutdown/">Shutdown – der eingefrorene Haushalt und die Folgen für die US-Polarforschung</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wostok-Station">Wostok-Station</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wostoksee">W</a><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wostoksee">ostoksee</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Subglazialer_See">Subglaziale</a><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Subglazialer_See">r</a><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Subglazialer_See"> See</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gletscherlauf">Jökulhlaup</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kim_Stanley_Robinson">Kim Stanley Robinson</a></li> <li>Roman: <a href="https://www.perlentaucher.de/buch/kim-stanley-robinson/das-ministerium-fuer-die-zukunft.html">Das Ministerium für die Zukunft</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Thwaites-Gletscher">T</a><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Thwaites-Gletscher">h</a><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Thwaites-Gletscher">waites-Gletscher</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Geoengineering">Geoengineering</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hurrikan_Katrina">Hurrikan Katrina</a></li> <li>The Great Simplification: <a href="http://www.thegreatsimplification.com/episode/66-kim-stanley-robinson">Kim Stanley Robinson: “Climate, Fiction, and The Future”</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="http://dx.doi.org/10.1098/rsta.2014.0466">Siegert et al.: Antarctic subglacial lake exploration: first results and future plans</a>, Philosophical Transactions A (2015)</li> <li>Fachartikel: <a href="http://dx.doi.org/10.1098/rsta.2014.0302">Leitchenkov et al.: Geology and environments of subglacial Lake Vostok</a>, Philosophical Transactions A (2015)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1016/j.accre.2020.11.008">Lockley et al.: Glacier geoengineering to address sea-level rise: A geotechnical approach</a>, Advances in Climate Change Research (2020)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://eprints.whiterose.ac.uk/id/eprint/180688/">Livingston et al.: Subglacial lakes and their changing role in a warming climate</a>, Preprint (2022)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1038/s41561-025-01746-9">Bowling et al.: Outburst of a subglacial flood from the surface of the Greenland Ice Sheet</a>, Nature Geoscience (2025)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1038/s41467-025-57417-1">Gourmelen et al.: The influence of subglacial lake discharge on Thwaites Glacier ice-shelf melting and grounding-line retreat</a>, Nature Communications (2025)</li> <li>Fachvortrag: Wilson et al.: Antarctic Subglacial Lakes: New Active Lakes and Their Behaviour, With CryoSat-2 (2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/igo/">CC BY-SA 3.0 IGO</a>, <a href="https://www.esa.int/ESA_Multimedia/Images/2025/07/Harder_Glacier_northern_Greenland">contains modified Copernicus Sentinel data (2024), processed by ESA</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel_sl.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Unsichtbare Wasserwelten: Was schlummert unter den Eisschilden? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Am 22. Juli 2014 überfliegt der europäische Satellit Cryosat den Norden Grönlands einmal, und zehn Tage später ein zweites Mal. Er vermisst dabei die Eisoberfläche – und in diesen Daten finden Forschende später etwas Erstaunliches: Der Gletscher ist in nur zehn Tagen um 85 Meter abgesunken – und das auf einer Fläche von zwei Quadratkilometern. Mitten im grönländischen Eis hat sich ein Krater gebildet. Was da genau passiert ist, bleibt für über ein Jahrzehnt ein Rätsel.</p> <p>Karl erzählt in dieser Folge von der feuchten Unterlage der größten Eismassen der Erde: Gletscher bedecken knapp drei Prozent aller Kontinente. Sie beherbergen auch das größte Reservoir an Süßwasser in gefrorener Form. Immer mehr erkennen Glaziologinnen und Glaziologen, dass es tief unter dem Eis noch eine andere Welt gibt – und die ist feucht, eine Welt aus flüssigem Wasser. Dort liegen riesige Seen, Flüsse und Bäche, von denen viele miteinander verbunden sind. Dieses Wasser kann auch unter kilometerdickem Eis fließen, manchmal gemächlich und manchmal in rasantem Tempo.</p> <p>Lange waren solche subglazialen Gewässer nur schwer zu untersuchen. Nach ersten Indizien auf Basis seismischer Messversuche gelang es seit den 1990er Jahren, immer mehr Seen zu entdecken, die größtenteils unter dem antarktischen Eisschild, aber auch unter den Gletschern Grönlands oder Islands zu finden sind. Der Wostoksee unter über drei Kilometern Eis der Ostantarktis gilt heute sogar als sechstgrößter See der Erde.</p> <p>Welche Rolle die feuchte Unterlage der Gletscher spielt, ist bis heute eine offene Frage. Es scheint so, dass dieses subglaziale, flüssige Wasser selbst riesige Gletscher in Bewegung hält. Künftig könnte ein immer feuchterer Schmierfilm das Abschmelzen der grönländischen und antarktischen Gletscher beschleunigen – und damit beim Anstieg des Meeresspiegels kräftig nachhelfen.</p> <p>Die Gefahr ist real, denn vor Kipppunkten im gar nicht so ewigen Eis warnen Klimaforscher schon lange. Vielleicht ließe sich die Gefahr aber abmildern: Denn mit immer besserem Verständnis subglazialer Wassermassen gibt es neuerdings Ideen, diese zu manipulieren.<aside></aside></p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <h3 id="h-mehr-bei-astrogeo-und-riffreporter">Mehr bei AstroGeo und RiffReporter</h3> <ul> <li>RiffReporter: <a href="https://www.riffreporter.de/de/wissen/antarktis-klimawandel-glaziologie-angelika-humbert-eisschmelze-forschung-interview">Zwischen Schneesturm und Toiletten-Zelt: Angelika Humbert erforscht den Klimawandel in der Antarktis</a></li> <li>Folge 58: <a href="https://astrogeo.de/ueberwintern-am-suedpol/">Überwintern am Südpol – ein Gespräch mit Robert Schwarz</a></li> <li>Folge 8: <a href="https://astrogeo.de/ag008-shutdown/">Shutdown – der eingefrorene Haushalt und die Folgen für die US-Polarforschung</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wostok-Station">Wostok-Station</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wostoksee">W</a><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wostoksee">ostoksee</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Subglazialer_See">Subglaziale</a><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Subglazialer_See">r</a><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Subglazialer_See"> See</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gletscherlauf">Jökulhlaup</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kim_Stanley_Robinson">Kim Stanley Robinson</a></li> <li>Roman: <a href="https://www.perlentaucher.de/buch/kim-stanley-robinson/das-ministerium-fuer-die-zukunft.html">Das Ministerium für die Zukunft</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Thwaites-Gletscher">T</a><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Thwaites-Gletscher">h</a><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Thwaites-Gletscher">waites-Gletscher</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Geoengineering">Geoengineering</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hurrikan_Katrina">Hurrikan Katrina</a></li> <li>The Great Simplification: <a href="http://www.thegreatsimplification.com/episode/66-kim-stanley-robinson">Kim Stanley Robinson: “Climate, Fiction, and The Future”</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="http://dx.doi.org/10.1098/rsta.2014.0466">Siegert et al.: Antarctic subglacial lake exploration: first results and future plans</a>, Philosophical Transactions A (2015)</li> <li>Fachartikel: <a href="http://dx.doi.org/10.1098/rsta.2014.0302">Leitchenkov et al.: Geology and environments of subglacial Lake Vostok</a>, Philosophical Transactions A (2015)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1016/j.accre.2020.11.008">Lockley et al.: Glacier geoengineering to address sea-level rise: A geotechnical approach</a>, Advances in Climate Change Research (2020)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://eprints.whiterose.ac.uk/id/eprint/180688/">Livingston et al.: Subglacial lakes and their changing role in a warming climate</a>, Preprint (2022)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1038/s41561-025-01746-9">Bowling et al.: Outburst of a subglacial flood from the surface of the Greenland Ice Sheet</a>, Nature Geoscience (2025)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1038/s41467-025-57417-1">Gourmelen et al.: The influence of subglacial lake discharge on Thwaites Glacier ice-shelf melting and grounding-line retreat</a>, Nature Communications (2025)</li> <li>Fachvortrag: Wilson et al.: Antarctic Subglacial Lakes: New Active Lakes and Their Behaviour, With CryoSat-2 (2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/igo/">CC BY-SA 3.0 IGO</a>, <a href="https://www.esa.int/ESA_Multimedia/Images/2025/07/Harder_Glacier_northern_Greenland">contains modified Copernicus Sentinel data (2024), processed by ESA</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-unsichtbare-wasserwelten-was-schlummert-unter-den-eisschilden/#respond 0 Die geskriptete Wahrheit – Erzählungen zum Ukrainekrieg https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/die-geskriptete-wahrheit-erzaehlungen-zum-ukrainekrieg/ https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/die-geskriptete-wahrheit-erzaehlungen-zum-ukrainekrieg/#comments Tue, 26 Aug 2025 10:52:34 +0000 Thomas Grüter https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/?p=1728 https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Ukraine_panzer-1-768x350.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/die-geskriptete-wahrheit-erzaehlungen-zum-ukrainekrieg/</link> </image> <description type="html"><h1>Die geskriptete Wahrheit – Erzählungen zum Ukrainekrieg » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Der Frieden in der Ukraine ist weit entfernt, viel weiter, als es den Anschein hat. Aber sowohl Donald Trump als auch Wladimir Putin sind an der Lösung des Problems kaum interessiert. Sie arbeiten lieber an Zerrspiegeln der Realität, in denen sie als Helden erscheinen. Willkommen im Zeitalter der geskripteten Wirklichkeit.</b></p> <p>Donald Trump ist alt. Er hat Mühe, eine Gangway hinunterzusteigen, und seine Aufmerksamkeit schwindet nach wenigen Minuten, aber er weiß sich zu inszenieren. Vielleicht ist er ein Naturtalent, vielleicht hat er diese Fähigkeit in den 14 Staffeln seiner Reality-Show „The Apprentice“ gelernt und verinnerlicht. Auf jeden Fall kennt er das erste Gesetz des Showbusiness: Das Publikum muss unterhalten werden. Dafür gibt es unverbrüchliche Regeln, zum Beispiel:</p> <ul> <li>Der Showmaster (im amerikanischen „Host“ genannt) muss ein festes Profil haben.</li> <li>Die Themen liegen fest, aber sie werden auf immer neue und unvorhersehbare Art variiert, damit das Publikum nicht das Interesse verliert. In Trumps Fall sind die Themen seine Wahlversprechen, und seine Wähler sind das Publikum.</li> <li>Bevor sich ein Thema abnutzt, muss ein neues in den Vordergrund geschoben werden, während im Hintergrund die neue Variante eines der anderen Themen vorbereitet wird.</li> <li>Die Diskussion über die Themen muss gelenkt werden, sie darf nicht dem Zufall überlassen bleiben. Beispielsweise unterfüttert Trump seine Thesen und seine Forderungen oft mit haarsträubenden Argumenten und offensichtlich falschen Behauptungen. Er weiß inzwischen, dass sich die Presse dann auf die Widerlegung seiner Falschaussagen konzentriert, aber die Forderungen selbst kaum angreift.</li> <li>Und die Show muss die einzige bleiben („the only show in town“). Das Aufkommen anderer Shows und anderer Hosts muss mit allen Mitteln verhindert werden.</li> </ul> <p>Während sich das Publikum prächtig unterhält, setzt Trump im Hintergrund die Interessen seiner Familie und die der herrschenden republikanischen Partei knallhart durch. Loyalität ist wichtiger als Leistung, und selbst für die Wirtschaft gilt: Wer Zuschüsse, Genehmigung oder Aufträge haben will, <a href="https://www.independent.co.uk/news/world/americas/us-politics/trump-white-house-list-companies-loyal-b2808451.html">muss sich loyal verhalten</a>.</p> <p>Trump geht konsequent gegen alle vor, die er als Feinde ansieht – und das ist eine lange Liste. In seiner ersten Amtszeit sind ihm seine Minister dabei immer wieder in den Arm gefallen, aber diesmal hat er in allen wichtigen Behörden fanatische Gefolgsleute installiert. Auch sein Versprechen massenhafter Abschiebungen verfolgt er mit brutaler Konsequenz. Er lässt <a href="https://www.washingtonpost.com/immigration/2025/08/15/ice-documents-reveal-plan-double-immigrant-detention-space-this-year/">riesige Abschiebegefängnisse </a>bauen. Die Einwanderungsbehörde soll von 20 000 auf 40 000 Mitarbeiter aufgestockt werden, um eine Million Menschen im Jahr abschieben zu können. <a href="https://www.spiegel.de/ausland/usa-55-millionen-visainhaber-sollen-ueberprueft-werden-a-d29960c3-612c-44e2-9010-d5e218ab1e2f">55 Millionen erteilte Visa sollen überprüft werden</a>, wobei schon Äußerungen der Visa-Inhaber in sozialen Netzen zum Entzug des Aufenthaltsrechts führen können.</p> <p>Zugleich setzt die amerikanische Bundesregierung <a href="https://abcnews.go.com/Politics/defense-secretary-hegseth-authorizes-2k-national-guard-troops/story?id=124876085">bewaffnete Nationalgardisten als Polizeitruppen</a> ein und <a href="https://edition.cnn.com/2025/08/22/politics/chicago-national-guard-trump-crackdown">treibt den Einsatz der regulären Armee im Inneren voran</a>.<aside></aside></p> <h3>Warum Trump plötzlich Putin trifft</h3> <p>Für Trumps Entscheidung, sich mit dem russischen Präsidenten ausgerechnet in Alaska zu treffen, dem Bundesstaat also, den die USA im Jahr 1867 dem damaligen russischen Zarenreich abkaufte, waren wohl zwei Gründe maßgeblich:</p> <p>Der erste und wichtigste war die neuerlich hochgekochte Epstein-Affäre. Der steinreiche Investmentbanker Jeffrey Epstein unterhielt einen Ring zur sexuellen Ausbeutung minderjähriger Mädchen. Gleichzeitig war er in der New Yorker Gesellschaft bestens vernetzt und zählte auch Donald Trump zu seinen Freunden. Am 6. Juli 2019 wurde er wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger und des Menschenhandels verhaftet. Nur einen Monat später, am 10. August 2019, starb er in seiner Zelle. Als Todesursache wurde offiziell Selbstmord festgestellt, was bis heute angezweifelt wird.</p> <p>Diverse Verschwörungstheorien rankten um diese Affäre, unter anderem soll Epstein Prominente beim Verkehr mit minderjährigen Mädchen gefilmt haben, um sie anschließend zu erpressen. Er soll auch mit Geheimdiensten zusammengearbeitet haben, die immer an kompromittierendem Material interessiert sind. Und er soll eine Kundenliste geführt haben, wohl zur Absicherung gegen Strafverfolgung.</p> <p>Trump befeuerte in diversen Tweets solche Verschwörungstheorien. Im Februar 2025 behauptete dann die von Trump eingesetzte Justizministerin Pam Bondi, die Kundenliste läge auf ihrem Schreibtisch und werde veröffentlicht. Aber es geschah erst einmal nichts. Im Juni streute Elon Musk die Behauptung, Trump stehe selbst auf der ominösen Liste. Im Juli erklärte Frau Bondi, sie habe keine Kundenliste und habe sie auch nie gehabt. Es gebe auch keine Beweise, dass eine solche je existiert habe. Und Epstein habe sich ganz sicher selbst umgebracht. Zur Bestätigung dieser Behauptung veröffentlichte das FBI ein Überwachungsvideo von Epsteins Zelle in seiner Todesnacht. Damit sollte bewiesen werden, dass niemand in seiner Zelle war, weshalb ihn niemand ermordet haben konnte. Nur: Der Timer des Videos sprang irgendwann um eine Minute und zwei Sekunden nach vorne. Eine genaue Untersuchung ergab, dass in dem Video sogar drei Minuten fehlten. Es war offenbar nachbearbeitet worden, obwohl das FBI schwor, es habe die Originalaufnahme veröffentlicht.</p> <p>Ebenfalls im Juli brachte das Wall Street Journal einen Artikel, der behauptete, Donald Trump habe zu Epsteins 50. Geburtstag <a href="https://www.nytimes.com/2025/07/18/business/media/trump-sues-wall-street-journal-epstein.html">eine anzügliche Grußkarte geschickt</a>, die das Journal einsehen durfte. Schon im Vorfeld setzte Trump alle Hebel in Bewegung, um die Veröffentlichung zu verhindern. Die Redaktion ließ sich aber nicht einschüchtern. Trump verklagte dann die Zeitschrift und den Herausgeber auf Schadenersatz in Höhe von „mindestens 10 Milliarden US$“.</p> <p>Jetzt <a href="https://taz.de/Lang-schuerte-Trump-Verschwoerungen-ueber-Jeffrey-Epstein-nun-wird-er-selbst-Opfer-davon/!6098330/">fielen mehrere prominente Verschwörungstheoretiker</a>, darunter Steve Bannon, Tucker Carlson, Alex Jones und Marjorie Taylor Greene, über den Präsidenten her und warfen ihm Vertuschungsversuche vor.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1733" id="attachment_1733"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/scripting_reality1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="400" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/scripting_reality1-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/scripting_reality1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/scripting_reality1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/scripting_reality1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/scripting_reality1.jpg 1024w" width="400"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1733">Die Realität aus dem Laptop. Selbst erstelltes KI-Bild.</figcaption></figure> <p>Damit hatte die Geschichte ein Eigenleben entwickelt, das Trump und seine Berater weder lenken noch kontrollieren konnten. Trump hatte selbst immer wieder die Gerüchte angeheizt hatte, dass Epstein ein zentraler Teil des geheimnisvollen „Deep State“<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a> sei und diverse gegnerische Prominente auf Epsteins Kundenliste standen. Von hier aus betrachtet, hat die Sache durchaus ihre witzigen Aspekte, weil sich Trump in seinen eigenen Verschwörungstheorien verfing. Aus der Sicht von Trumps Teams war die Affäre aber brandgefährlich, weil ein beträchtlicher Teil seiner Anhänger an ihm zu zweifeln begann. Also musste eine mächtige Ablenkung her. Eine <i>sehr</i> mächtige Ablenkung. Und schnell. So gab Trump am 8.8. bekannt, dass er Putin bereits für den 15.8. zu einem Gipfeltreffen nach Alaska eingeladen habe.</p> <p>Der zweite Grund für die Einladung von Putin ist zweifellos Trumps Verlangen nach dem Friedensnobelpreis. Der stehe ihm zu, hat er mehrfach geäußert. Andererseits weiß er schon, dass er sich den Preis verdienen muss, wenn er das Nobelpreiskomitee überzeugen will. Hilft es dabei wirklich, wenn er sich mit Putin auf einem abgelegenen Luftwaffenstützpunkt in Alaska trifft? Es war ja nicht so, als hätte zwischen Trump und Putin in diesem Jahr Funkstille geherrscht. Seit Trumps Amtseinführung haben sie mindestens sechs lange Telefonate geführt. Trumps Vermittler Steve Witkoff flog regelmäßig nach Moskau, um dort Regierungsvertreter zu treffen, auch Putin selbst, zuletzt zwei Tage vor Trumps Ankündigung. Warum also jetzt das hastig anberaumte Treffen?</p> <h3>Ist das wirklich der Gipfel?</h3> <p>Ein Gipfeltreffen (nicht ein Arbeitstreffen) ist normalerweise ein sorgfältig vorbereitetes Event, dessen Protokoll zwischen beiden Seiten genau abgestimmt wird. Und die jeweiligen Regierungen haben Vereinbarungen ausgearbeitet, die nur noch unterzeichnet werden müssen.</p> <p>Missverständnisse waren also vorprogrammiert. Weil der ukrainische Staatschef nicht eingeladen war, musste Russland annehmen, dass Trump mit Putin einen Waffenstillstand in der Ukraine verhandeln wollte und dann die Ukraine zwingen würde, das Ergebnis anzuerkennen, zumal bekannt war, dass Trump schon seit langer Zeit Putin für einen guten Freund hielt. Außerdem sah es so aus, als wolle Trump den westlichen Bann des russischen Präsidenten aufheben, und zwar mit allem Pomp. Eventuell sollte auch eine wirtschaftliche Zusammenarbeit dabei verabredet werden. Russische Kommentatoren reagierten entzückt.</p> <p>Ganz anders die Ukraine und die Europäer: Sie befürchteten das Schlimmste. Trumps Team hatte jetzt mit einem großen Stock im Ameisenhaufen der internationalen Diplomatie herumgerührt, und die Epstein-Affäre verschwand erst einmal aus den Schlagzeilen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1732" id="attachment_1732"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ukraine_panzer.jpg"><img alt="" decoding="async" height="400" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ukraine_panzer-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ukraine_panzer-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ukraine_panzer-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ukraine_panzer-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ukraine_panzer.jpg 1024w" width="400"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1732">Krieg in der Ukraine. KI-erstelltes Symbolbild.</figcaption></figure> <p>Ursprünglich war wohl geplant, dass Trump fünf Stunden lang mit Putin unter vier Augen sprechen sollte. Einem solchen Marathon wäre Trump allerdings körperlich nicht gewachsen, schon gar nicht unmittelbar nach dem 5500 Kilometer langen Flug von Washington nach Anchorage. Letztlich dauerte das Gespräch am 15.8. dann keine drei Stunden, und mit Trump waren der Außenminister Marco Rubio und der Vermittler Steve Witkoff im Raum. In der anschließenden Pressekonferenz ließ ein erschöpfter Trump seinen Gast zuerst reden (was unüblich ist). Putin wiederholte seine bekannten Forderungen für einen Frieden in der Ukraine und Trump hatte sich offenbar überreden lassen, eine Friedensregelung ohne vorherigen Waffenstillstand zu akzeptieren. Möglicherweise war ihm auch der Unterschied nicht so recht klar.<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a></p> <h3>Wer hat gewonnen?</h3> <p>Das Treffen endete danach abrupt, ohne das geplante Essen und ohne Wirtschaftsgespräche. Es sah für viele so aus, als hätte Putin gewonnen.</p> <p>Das halte ich aber für grundfalsch. Trump hat sich nie um die Einzelheiten des Angriffskriegs gegen die Ukraine gekümmert. Seine Statements dazu sind erratisch und voller Fehler. Ihn interessiert seine Rolle als Friedensengel. Außerdem brauchte er gerade eine Ablenkung von der leidigen Epstein-Affäre. Und die hat er bekommen. Nicht zuletzt deshalb sah die Welt drei Tage später einen prächtig gelaunten Trump bei seinem Treffen mit den europäischen Staatschefs und mit Selenskyj.</p> <p>Mit Abstand von mehr als einer Woche lässt sich sagen, dass die US-Regierung in keiner Richtung verbindliche Zusagen gemacht und Trump lediglich erklärt hat, in zwei Wochen etwas zu entscheiden. Das ist <a href="https://www.nytimes.com/2025/06/19/world/middleeast/trump-iran-two-weeks.html">trumpesisch für „irgendwann oder nie“</a>.</p> <p>Möglicherweise dämmert es auch den Russen inzwischen, dass sie lediglich als unbezahlte Statisten für eine neue spannende Wendung in Donald Trumps Realityshow eingeladen worden waren.</p> <h3>Russische Märchen</h3> <p>Aber will Putin den Krieg überhaupt sofort beenden? Nach dem realitätsfernen Narrativ der russischen Regierung gehört die komplette Ukraine zu Russland. Putin selbst hatte im Juli 2021 ein Manifest unter dem Titel „Über die historische Einheit der Russen und der Ukrainer“ veröffentlicht. Danach habe Russland das Recht, die Ukraine mit Russland zu vereinen, auch gewaltsam. Den Westen beschuldigte Putin, die „Brudernationen“ Russland und die Ukraine künstlich entfremdet zu haben.</p> <p>Bereits in den Monaten vor dem Angriff auf die Ukraine ließ Russland eine eindrucksvolle Armee an der ukrainischen Grenze aufmarschieren, schloss aber einen Angriff auf den Nachbarstaat ausdrücklich aus. <a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/kaum-wahrgenommen-russlands-langzeitstrategie/#sdendnote2anc">Im Dezember 2021</a> übermittelte die russische Regierung der NATO und den USA zwei ultimative Vertragsentwürfe, die ohne Änderungen sofort anzunehmen seien. Unter anderem sollte die NATO ihre militärischen Infrastrukturen auf den Stand vor dem 27.5.1997 zurückführen. Außerdem sollte die NATO auf sämtliche militärische Operationen auf dem Gebiet der früheren Warschauer-Pakt-Staaten verzichten, auch solchen, die NATO-Mitglieder geworden waren. Die USA solle alle Atomwaffen, die sie außerhalb ihres Staatsgebiets aufgestellt hatte, zurückführen und alle Infrastrukturen vernichten, die es erlauben würden, sie wieder zu stationieren. Eine Gegenleistung der russischen Seite war nicht vorgesehen.</p> <p>Solche unannehmbaren Ultimaten gelten schon seit dem Altertum als Kriegssignal, und hier war es nicht anders. Am 24. Februar 2022 begann der russische Angriff auf die Ukraine. Bis heute besteht Russland allerdings darauf, dass es gegen die Ukraine gar keinen Krieg führt, sondern lediglich eine „spezielle Militäroperation“ in dem Land durchführt. Und als Kriegsziel hat Putin einen dauerhafter Verzicht der Ukraine auf die NATO-Mitgliedschaft, eine Entwaffnung der Ukraine und eine russlandfreundliche Regierung („Entnazifizierung“) ausgegeben. Bei dem Gipfeltreffen in Alaska <a href="https://www.cbsnews.com/news/transcript-of-what-putin-trump-said-in-alaska/">sagte Putin</a>:</p> <p>„Wie ich bereits gesagt habe, hat die Situation in der Ukraine mit grundlegenden Bedrohungen für unsere Sicherheit zu tun. Darüber hinaus haben wir die ukrainische Nation immer als brüderliche Nation betrachtet, und ich habe dies mehrfach betont. <i>Wie seltsam das unter diesen Umständen auch klingen mag </i>[echt jetzt? TG]<i> </i>… Gleichzeitig sind wir überzeugt, dass wir, um eine dauerhafte und langfristige Lösung zu erreichen, alle primären Ursachen dieses Konflikts beseitigen müssen, und wir haben mehrfach gesagt, dass alle legitimen Anliegen Russlands berücksichtigt werden müssen, um ein gerechtes Sicherheitsgleichgewicht in Europa und in der Welt insgesamt wiederherzustellen, und wir stimmen mit Präsident Trump überein, der heute gesagt hat, dass natürlich auch die Sicherheit der Ukraine gewährleistet werden muss.“</p> <p>Mit den „legitimen Anliegen“ meint Putin vermutlich die Forderungen aus den erwähnten Vertragsentwürfen, die allerdings für die NATO und die USA vollkommen indiskutabel sind.</p> <p>Putin muss wohl angenommen haben, dass Trumps Einladung und die feierliche Begrüßung ein Ende der amerikanischen Unterstützung für die Ukraine einleiten werde. Damit hätte Russland eine exzellente Verhandlungsposition gewonnen, und Putin sah keinen Grund mehr, seine Positionen aufzuweichen. Trump muss die Rede aber so interpretiert haben, dass Putin trotz rotem Teppich und feierlichem Empfang an einem Kompromiss nicht interessiert war. Damit war Trump blamiert, was auch ein beträchtlicher Teil der internationalen Kommentatoren so gesehen hat.</p> <h3>Putin, der Illusionist</h3> <p>Putin hat in den letzten Jahren tatsächlich kein Interesse an einem Waffenstillstand gezeigt. Vielmehr hat er den Eindruck zu erwecken versucht, dass Russland unendliche personelle und materielle Ressourcen aufbieten kann. Ein steter Strom neuer Waffensysteme soll den Endsieg sichern. Die Bevölkerung lebt weiterhin im Frieden, die „spezielle Militäroperation“ ist nichts weiter als ein größeres Manöver, wie sie ständig stattfinden. Normalität aller Orten, das Leben geht weiter, Verluste erleidet nur der Feind.</p> <p>Das ist natürlich eine Illusion, und selbst in Russland glaubt sie kaum noch jemand. In Wahrheit gehen Putin immer mehr die Ressourcen aus, und das Volk ächzt unter den Folgen. Einige Beispiele:</p> <ul> <li>Grundnahrungsmittel werden knapp und teuer, darunter <a href="https://www.agrarheute.com/politik/russland-hat-keine-kartoffeln-mehr-zwingt-krise-putin-knie-634703">Kartoffeln</a>, <a href="https://www.agrarheute.com/markt/marktfruechte/naechste-krise-russland-brot-knapp-baecker-warnt-635383">Brot</a> und <a href="https://www.agrarheute.com/markt/tiere/russische-verbraucher-zahlen-viele-rubelchen-fuer-rindfleisch-636181">Rindfleisch</a>.</li> <li>Russland dürfte durch den Krieg bisher einen wirtschaftlichen Verlust von ca. 1 Billion (1000 Milliarden) US$ eingefahren haben. 350 Milliarden US$ haben alleine die westlichen Länder bei Kriegsbeginn arretiert. Und wegen der westlichen Sanktionen muss Russland sein Erdöl weit unter dem Weltmarktpreis verkaufen, während der Einkauf verschiedener Güter nur über teure Umwege möglich ist. Gleichzeitig zerstört die Ukraine immer mehr Raffinerien und kriegswichtige Infrastrukturen. Benzin ist teuer geworden.</li> <li>Die russische Zentralbank hat die Leitzinsen schon vor geraumer Zeit auf rund 20 Prozent erhöht, und unterbindet damit wirksam die Kreditaufnahme von privaten Unternehmen. Das wird vermutlich schon in den nächsten Monaten zu massiven Pleiten führen.</li> <li>Russland hat offensichtliche Probleme, genügend Freiwillige in den Krieg zu schicken. Das wäre auch kein Wunder: <a href="https://www.nytimes.com/2025/06/03/us/politics/russia-ukraine-troop-casualties.html?searchResultPosition=1">Mehr als eine Million Soldaten</a> sind tot, vermisst oder verwundet. <a href="https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/internationale-politik/id_100541100/ukraine-krieg-so-schnell-sterben-russische-rekruten.html">Die mediane Überlebenszeit</a> eines neuen Rekruten (also die Zeit, bis die Hälfte tot sind) beträgt etwa einen Monat. Nicht zu vergessen: Russland muss für diesen einen Monat Einsatzzeit die Anwerbeprämie (mehr als 20000 US$), das Gehalt und die <a href="https://www.fr.de/wirtschaft/makabrer-profit-mit-putin-gliedertaxe-gefallene-soldaten-bringen-teils-mehr-geld-als-ueberlebende-zr-93886652.html">Lebensversicherung (mehr als 50000 US$) auszahlen</a>. Man könnte meinen, Russlands Soldaten seien unterbezahlt und könnten an der Front billig verheizt werden. Tatsächlich muss aber der russische Staat pro Soldat und Monat deutlich mehr als 70000 US$ aufwenden.</li> <li>Donald Trump trägt zu den Kopfschmerzen der russischen Regierung mehr bei, als er vielleicht ahnt. Er hatte versprochen, dass die amerikanischen Verbraucher weiterhin billiges Öl und Benzin bekommen und eine Ausweitung der Produktion in Aussicht gestellt („Drill, Baby, drill!“). Der Ölpreis verharrt deshalb seit Monaten bei Werten um 70 US$/Barrel. Russland muss sein Öl bei Produktionskosten von ca. 40 US$ mit hohem Abschlag verkaufen, bekommt also kaum mehr als 55 US$ – viel zu wenig für die hohen Kriegskosten. Besserung ist nicht in Sicht.</li> </ul> <p>Auch sicherheitspolitisch hat sich die Lage seit Kriegsbeginn verschlechtert. Eigentlich wollte Putin mit dem Angriff auf die Ukraine die unüberwindliche Stärke der russischen Armee vorführen. Aber schon nach wenigen Wochen mussten sich die Streitkräfte hastig zurückziehen, um der völligen Vernichtung zu entgehen. Inzwischen hat die russische Armee so viele Offiziere und so viel Material verloren, dass sie einer größeren Auseinandersetzung nicht mehr gewachsen wäre.</p> <p>Und wenn Putin die NATO schwächen wollte, so ist ihm das nicht gelungen. Im Gegenteil: Die bisher neutralen Staaten Finnland und Schweden sind der Allianz beigetreten. Durch seine brutale Kriegführung, die viele kleine Sabotageakte und nicht zuletzt durch die eigene Propaganda hat Russland auch entscheidend dazu beigetragen, das alle NATO-Staaten massiv aufrüsten. Westliche Experten nehmen die Drohungen gegen die NATO übrigens <a href="https://www.deutschlandfunk.de/russland-nato-kriegsgefahr-100.html">durchaus ernst</a>. Nur haben sie die NATO-Staaten eben nicht eingeschüchtert, sondern im Gegenteil, wachgerüttelt.</p> <p>Eigentlich müsste Putin den Angriffskrieg gegen die Ukraine so schnell wie möglich beenden. Jeder weitere Tag kostet Ansehen, schwächt die Armee und lässt das Land verarmen.</p> <p>Aber sobald ein sicherer Waffenstillstand in Kraft tritt, würde abgerechnet. Dann müsste Putin erklären, warum er geglaubt hat, die Ukraine mit viel zu schwachen Kräften in einer Woche überrennen zu können. Vielleicht würden sich die Russen auch fragen, warum sie für einen minimalen Gewinn an Landesfläche eine Billion US$ und eine Million Soldaten geopfert haben. Und sie werden überlegen, ob Russland jetzt sicherer, mächtiger und angesehener ist als vorher – oder nicht.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> „Deep State“ ist ein unter Trump-Anhängern und rechten Verschwörungstheoretikern beliebtes Schlagwort für unsichtbare Machtzirkel innerhalb der politischen und administrativen Strukturen des Staates. Dem „Deep State“ kann man alles anhängen, weil er eben unsichtbar ist. Trump hat davon in seinen Wahlkämpfen ausgiebig Gebrauch gemacht.</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Es ist fast unmöglich, einen Frieden zu verhandeln, wenn weiter gekämpft wird. Die Regelungen für den Friedensvertrag spiegeln nicht zuletzt die Stärke der Positionen auf den Schlachtfeld wieder. Solange sich die Frontlinien verschieben, ändert sich die Ausgangslage für den Frieden. Damit besteht die Gefahr, dass beide Seiten versuchen werden, eine zeitweilige Überlegung auszunutzen, um bereits ausgehandelte Regelungen wieder in Frage zu stellen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Die geskriptete Wahrheit – Erzählungen zum Ukrainekrieg » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Der Frieden in der Ukraine ist weit entfernt, viel weiter, als es den Anschein hat. Aber sowohl Donald Trump als auch Wladimir Putin sind an der Lösung des Problems kaum interessiert. Sie arbeiten lieber an Zerrspiegeln der Realität, in denen sie als Helden erscheinen. Willkommen im Zeitalter der geskripteten Wirklichkeit.</b></p> <p>Donald Trump ist alt. Er hat Mühe, eine Gangway hinunterzusteigen, und seine Aufmerksamkeit schwindet nach wenigen Minuten, aber er weiß sich zu inszenieren. Vielleicht ist er ein Naturtalent, vielleicht hat er diese Fähigkeit in den 14 Staffeln seiner Reality-Show „The Apprentice“ gelernt und verinnerlicht. Auf jeden Fall kennt er das erste Gesetz des Showbusiness: Das Publikum muss unterhalten werden. Dafür gibt es unverbrüchliche Regeln, zum Beispiel:</p> <ul> <li>Der Showmaster (im amerikanischen „Host“ genannt) muss ein festes Profil haben.</li> <li>Die Themen liegen fest, aber sie werden auf immer neue und unvorhersehbare Art variiert, damit das Publikum nicht das Interesse verliert. In Trumps Fall sind die Themen seine Wahlversprechen, und seine Wähler sind das Publikum.</li> <li>Bevor sich ein Thema abnutzt, muss ein neues in den Vordergrund geschoben werden, während im Hintergrund die neue Variante eines der anderen Themen vorbereitet wird.</li> <li>Die Diskussion über die Themen muss gelenkt werden, sie darf nicht dem Zufall überlassen bleiben. Beispielsweise unterfüttert Trump seine Thesen und seine Forderungen oft mit haarsträubenden Argumenten und offensichtlich falschen Behauptungen. Er weiß inzwischen, dass sich die Presse dann auf die Widerlegung seiner Falschaussagen konzentriert, aber die Forderungen selbst kaum angreift.</li> <li>Und die Show muss die einzige bleiben („the only show in town“). Das Aufkommen anderer Shows und anderer Hosts muss mit allen Mitteln verhindert werden.</li> </ul> <p>Während sich das Publikum prächtig unterhält, setzt Trump im Hintergrund die Interessen seiner Familie und die der herrschenden republikanischen Partei knallhart durch. Loyalität ist wichtiger als Leistung, und selbst für die Wirtschaft gilt: Wer Zuschüsse, Genehmigung oder Aufträge haben will, <a href="https://www.independent.co.uk/news/world/americas/us-politics/trump-white-house-list-companies-loyal-b2808451.html">muss sich loyal verhalten</a>.</p> <p>Trump geht konsequent gegen alle vor, die er als Feinde ansieht – und das ist eine lange Liste. In seiner ersten Amtszeit sind ihm seine Minister dabei immer wieder in den Arm gefallen, aber diesmal hat er in allen wichtigen Behörden fanatische Gefolgsleute installiert. Auch sein Versprechen massenhafter Abschiebungen verfolgt er mit brutaler Konsequenz. Er lässt <a href="https://www.washingtonpost.com/immigration/2025/08/15/ice-documents-reveal-plan-double-immigrant-detention-space-this-year/">riesige Abschiebegefängnisse </a>bauen. Die Einwanderungsbehörde soll von 20 000 auf 40 000 Mitarbeiter aufgestockt werden, um eine Million Menschen im Jahr abschieben zu können. <a href="https://www.spiegel.de/ausland/usa-55-millionen-visainhaber-sollen-ueberprueft-werden-a-d29960c3-612c-44e2-9010-d5e218ab1e2f">55 Millionen erteilte Visa sollen überprüft werden</a>, wobei schon Äußerungen der Visa-Inhaber in sozialen Netzen zum Entzug des Aufenthaltsrechts führen können.</p> <p>Zugleich setzt die amerikanische Bundesregierung <a href="https://abcnews.go.com/Politics/defense-secretary-hegseth-authorizes-2k-national-guard-troops/story?id=124876085">bewaffnete Nationalgardisten als Polizeitruppen</a> ein und <a href="https://edition.cnn.com/2025/08/22/politics/chicago-national-guard-trump-crackdown">treibt den Einsatz der regulären Armee im Inneren voran</a>.<aside></aside></p> <h3>Warum Trump plötzlich Putin trifft</h3> <p>Für Trumps Entscheidung, sich mit dem russischen Präsidenten ausgerechnet in Alaska zu treffen, dem Bundesstaat also, den die USA im Jahr 1867 dem damaligen russischen Zarenreich abkaufte, waren wohl zwei Gründe maßgeblich:</p> <p>Der erste und wichtigste war die neuerlich hochgekochte Epstein-Affäre. Der steinreiche Investmentbanker Jeffrey Epstein unterhielt einen Ring zur sexuellen Ausbeutung minderjähriger Mädchen. Gleichzeitig war er in der New Yorker Gesellschaft bestens vernetzt und zählte auch Donald Trump zu seinen Freunden. Am 6. Juli 2019 wurde er wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger und des Menschenhandels verhaftet. Nur einen Monat später, am 10. August 2019, starb er in seiner Zelle. Als Todesursache wurde offiziell Selbstmord festgestellt, was bis heute angezweifelt wird.</p> <p>Diverse Verschwörungstheorien rankten um diese Affäre, unter anderem soll Epstein Prominente beim Verkehr mit minderjährigen Mädchen gefilmt haben, um sie anschließend zu erpressen. Er soll auch mit Geheimdiensten zusammengearbeitet haben, die immer an kompromittierendem Material interessiert sind. Und er soll eine Kundenliste geführt haben, wohl zur Absicherung gegen Strafverfolgung.</p> <p>Trump befeuerte in diversen Tweets solche Verschwörungstheorien. Im Februar 2025 behauptete dann die von Trump eingesetzte Justizministerin Pam Bondi, die Kundenliste läge auf ihrem Schreibtisch und werde veröffentlicht. Aber es geschah erst einmal nichts. Im Juni streute Elon Musk die Behauptung, Trump stehe selbst auf der ominösen Liste. Im Juli erklärte Frau Bondi, sie habe keine Kundenliste und habe sie auch nie gehabt. Es gebe auch keine Beweise, dass eine solche je existiert habe. Und Epstein habe sich ganz sicher selbst umgebracht. Zur Bestätigung dieser Behauptung veröffentlichte das FBI ein Überwachungsvideo von Epsteins Zelle in seiner Todesnacht. Damit sollte bewiesen werden, dass niemand in seiner Zelle war, weshalb ihn niemand ermordet haben konnte. Nur: Der Timer des Videos sprang irgendwann um eine Minute und zwei Sekunden nach vorne. Eine genaue Untersuchung ergab, dass in dem Video sogar drei Minuten fehlten. Es war offenbar nachbearbeitet worden, obwohl das FBI schwor, es habe die Originalaufnahme veröffentlicht.</p> <p>Ebenfalls im Juli brachte das Wall Street Journal einen Artikel, der behauptete, Donald Trump habe zu Epsteins 50. Geburtstag <a href="https://www.nytimes.com/2025/07/18/business/media/trump-sues-wall-street-journal-epstein.html">eine anzügliche Grußkarte geschickt</a>, die das Journal einsehen durfte. Schon im Vorfeld setzte Trump alle Hebel in Bewegung, um die Veröffentlichung zu verhindern. Die Redaktion ließ sich aber nicht einschüchtern. Trump verklagte dann die Zeitschrift und den Herausgeber auf Schadenersatz in Höhe von „mindestens 10 Milliarden US$“.</p> <p>Jetzt <a href="https://taz.de/Lang-schuerte-Trump-Verschwoerungen-ueber-Jeffrey-Epstein-nun-wird-er-selbst-Opfer-davon/!6098330/">fielen mehrere prominente Verschwörungstheoretiker</a>, darunter Steve Bannon, Tucker Carlson, Alex Jones und Marjorie Taylor Greene, über den Präsidenten her und warfen ihm Vertuschungsversuche vor.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1733" id="attachment_1733"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/scripting_reality1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="400" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/scripting_reality1-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/scripting_reality1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/scripting_reality1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/scripting_reality1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/scripting_reality1.jpg 1024w" width="400"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1733">Die Realität aus dem Laptop. Selbst erstelltes KI-Bild.</figcaption></figure> <p>Damit hatte die Geschichte ein Eigenleben entwickelt, das Trump und seine Berater weder lenken noch kontrollieren konnten. Trump hatte selbst immer wieder die Gerüchte angeheizt hatte, dass Epstein ein zentraler Teil des geheimnisvollen „Deep State“<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a> sei und diverse gegnerische Prominente auf Epsteins Kundenliste standen. Von hier aus betrachtet, hat die Sache durchaus ihre witzigen Aspekte, weil sich Trump in seinen eigenen Verschwörungstheorien verfing. Aus der Sicht von Trumps Teams war die Affäre aber brandgefährlich, weil ein beträchtlicher Teil seiner Anhänger an ihm zu zweifeln begann. Also musste eine mächtige Ablenkung her. Eine <i>sehr</i> mächtige Ablenkung. Und schnell. So gab Trump am 8.8. bekannt, dass er Putin bereits für den 15.8. zu einem Gipfeltreffen nach Alaska eingeladen habe.</p> <p>Der zweite Grund für die Einladung von Putin ist zweifellos Trumps Verlangen nach dem Friedensnobelpreis. Der stehe ihm zu, hat er mehrfach geäußert. Andererseits weiß er schon, dass er sich den Preis verdienen muss, wenn er das Nobelpreiskomitee überzeugen will. Hilft es dabei wirklich, wenn er sich mit Putin auf einem abgelegenen Luftwaffenstützpunkt in Alaska trifft? Es war ja nicht so, als hätte zwischen Trump und Putin in diesem Jahr Funkstille geherrscht. Seit Trumps Amtseinführung haben sie mindestens sechs lange Telefonate geführt. Trumps Vermittler Steve Witkoff flog regelmäßig nach Moskau, um dort Regierungsvertreter zu treffen, auch Putin selbst, zuletzt zwei Tage vor Trumps Ankündigung. Warum also jetzt das hastig anberaumte Treffen?</p> <h3>Ist das wirklich der Gipfel?</h3> <p>Ein Gipfeltreffen (nicht ein Arbeitstreffen) ist normalerweise ein sorgfältig vorbereitetes Event, dessen Protokoll zwischen beiden Seiten genau abgestimmt wird. Und die jeweiligen Regierungen haben Vereinbarungen ausgearbeitet, die nur noch unterzeichnet werden müssen.</p> <p>Missverständnisse waren also vorprogrammiert. Weil der ukrainische Staatschef nicht eingeladen war, musste Russland annehmen, dass Trump mit Putin einen Waffenstillstand in der Ukraine verhandeln wollte und dann die Ukraine zwingen würde, das Ergebnis anzuerkennen, zumal bekannt war, dass Trump schon seit langer Zeit Putin für einen guten Freund hielt. Außerdem sah es so aus, als wolle Trump den westlichen Bann des russischen Präsidenten aufheben, und zwar mit allem Pomp. Eventuell sollte auch eine wirtschaftliche Zusammenarbeit dabei verabredet werden. Russische Kommentatoren reagierten entzückt.</p> <p>Ganz anders die Ukraine und die Europäer: Sie befürchteten das Schlimmste. Trumps Team hatte jetzt mit einem großen Stock im Ameisenhaufen der internationalen Diplomatie herumgerührt, und die Epstein-Affäre verschwand erst einmal aus den Schlagzeilen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1732" id="attachment_1732"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ukraine_panzer.jpg"><img alt="" decoding="async" height="400" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ukraine_panzer-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ukraine_panzer-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ukraine_panzer-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ukraine_panzer-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ukraine_panzer.jpg 1024w" width="400"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1732">Krieg in der Ukraine. KI-erstelltes Symbolbild.</figcaption></figure> <p>Ursprünglich war wohl geplant, dass Trump fünf Stunden lang mit Putin unter vier Augen sprechen sollte. Einem solchen Marathon wäre Trump allerdings körperlich nicht gewachsen, schon gar nicht unmittelbar nach dem 5500 Kilometer langen Flug von Washington nach Anchorage. Letztlich dauerte das Gespräch am 15.8. dann keine drei Stunden, und mit Trump waren der Außenminister Marco Rubio und der Vermittler Steve Witkoff im Raum. In der anschließenden Pressekonferenz ließ ein erschöpfter Trump seinen Gast zuerst reden (was unüblich ist). Putin wiederholte seine bekannten Forderungen für einen Frieden in der Ukraine und Trump hatte sich offenbar überreden lassen, eine Friedensregelung ohne vorherigen Waffenstillstand zu akzeptieren. Möglicherweise war ihm auch der Unterschied nicht so recht klar.<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a></p> <h3>Wer hat gewonnen?</h3> <p>Das Treffen endete danach abrupt, ohne das geplante Essen und ohne Wirtschaftsgespräche. Es sah für viele so aus, als hätte Putin gewonnen.</p> <p>Das halte ich aber für grundfalsch. Trump hat sich nie um die Einzelheiten des Angriffskriegs gegen die Ukraine gekümmert. Seine Statements dazu sind erratisch und voller Fehler. Ihn interessiert seine Rolle als Friedensengel. Außerdem brauchte er gerade eine Ablenkung von der leidigen Epstein-Affäre. Und die hat er bekommen. Nicht zuletzt deshalb sah die Welt drei Tage später einen prächtig gelaunten Trump bei seinem Treffen mit den europäischen Staatschefs und mit Selenskyj.</p> <p>Mit Abstand von mehr als einer Woche lässt sich sagen, dass die US-Regierung in keiner Richtung verbindliche Zusagen gemacht und Trump lediglich erklärt hat, in zwei Wochen etwas zu entscheiden. Das ist <a href="https://www.nytimes.com/2025/06/19/world/middleeast/trump-iran-two-weeks.html">trumpesisch für „irgendwann oder nie“</a>.</p> <p>Möglicherweise dämmert es auch den Russen inzwischen, dass sie lediglich als unbezahlte Statisten für eine neue spannende Wendung in Donald Trumps Realityshow eingeladen worden waren.</p> <h3>Russische Märchen</h3> <p>Aber will Putin den Krieg überhaupt sofort beenden? Nach dem realitätsfernen Narrativ der russischen Regierung gehört die komplette Ukraine zu Russland. Putin selbst hatte im Juli 2021 ein Manifest unter dem Titel „Über die historische Einheit der Russen und der Ukrainer“ veröffentlicht. Danach habe Russland das Recht, die Ukraine mit Russland zu vereinen, auch gewaltsam. Den Westen beschuldigte Putin, die „Brudernationen“ Russland und die Ukraine künstlich entfremdet zu haben.</p> <p>Bereits in den Monaten vor dem Angriff auf die Ukraine ließ Russland eine eindrucksvolle Armee an der ukrainischen Grenze aufmarschieren, schloss aber einen Angriff auf den Nachbarstaat ausdrücklich aus. <a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/kaum-wahrgenommen-russlands-langzeitstrategie/#sdendnote2anc">Im Dezember 2021</a> übermittelte die russische Regierung der NATO und den USA zwei ultimative Vertragsentwürfe, die ohne Änderungen sofort anzunehmen seien. Unter anderem sollte die NATO ihre militärischen Infrastrukturen auf den Stand vor dem 27.5.1997 zurückführen. Außerdem sollte die NATO auf sämtliche militärische Operationen auf dem Gebiet der früheren Warschauer-Pakt-Staaten verzichten, auch solchen, die NATO-Mitglieder geworden waren. Die USA solle alle Atomwaffen, die sie außerhalb ihres Staatsgebiets aufgestellt hatte, zurückführen und alle Infrastrukturen vernichten, die es erlauben würden, sie wieder zu stationieren. Eine Gegenleistung der russischen Seite war nicht vorgesehen.</p> <p>Solche unannehmbaren Ultimaten gelten schon seit dem Altertum als Kriegssignal, und hier war es nicht anders. Am 24. Februar 2022 begann der russische Angriff auf die Ukraine. Bis heute besteht Russland allerdings darauf, dass es gegen die Ukraine gar keinen Krieg führt, sondern lediglich eine „spezielle Militäroperation“ in dem Land durchführt. Und als Kriegsziel hat Putin einen dauerhafter Verzicht der Ukraine auf die NATO-Mitgliedschaft, eine Entwaffnung der Ukraine und eine russlandfreundliche Regierung („Entnazifizierung“) ausgegeben. Bei dem Gipfeltreffen in Alaska <a href="https://www.cbsnews.com/news/transcript-of-what-putin-trump-said-in-alaska/">sagte Putin</a>:</p> <p>„Wie ich bereits gesagt habe, hat die Situation in der Ukraine mit grundlegenden Bedrohungen für unsere Sicherheit zu tun. Darüber hinaus haben wir die ukrainische Nation immer als brüderliche Nation betrachtet, und ich habe dies mehrfach betont. <i>Wie seltsam das unter diesen Umständen auch klingen mag </i>[echt jetzt? TG]<i> </i>… Gleichzeitig sind wir überzeugt, dass wir, um eine dauerhafte und langfristige Lösung zu erreichen, alle primären Ursachen dieses Konflikts beseitigen müssen, und wir haben mehrfach gesagt, dass alle legitimen Anliegen Russlands berücksichtigt werden müssen, um ein gerechtes Sicherheitsgleichgewicht in Europa und in der Welt insgesamt wiederherzustellen, und wir stimmen mit Präsident Trump überein, der heute gesagt hat, dass natürlich auch die Sicherheit der Ukraine gewährleistet werden muss.“</p> <p>Mit den „legitimen Anliegen“ meint Putin vermutlich die Forderungen aus den erwähnten Vertragsentwürfen, die allerdings für die NATO und die USA vollkommen indiskutabel sind.</p> <p>Putin muss wohl angenommen haben, dass Trumps Einladung und die feierliche Begrüßung ein Ende der amerikanischen Unterstützung für die Ukraine einleiten werde. Damit hätte Russland eine exzellente Verhandlungsposition gewonnen, und Putin sah keinen Grund mehr, seine Positionen aufzuweichen. Trump muss die Rede aber so interpretiert haben, dass Putin trotz rotem Teppich und feierlichem Empfang an einem Kompromiss nicht interessiert war. Damit war Trump blamiert, was auch ein beträchtlicher Teil der internationalen Kommentatoren so gesehen hat.</p> <h3>Putin, der Illusionist</h3> <p>Putin hat in den letzten Jahren tatsächlich kein Interesse an einem Waffenstillstand gezeigt. Vielmehr hat er den Eindruck zu erwecken versucht, dass Russland unendliche personelle und materielle Ressourcen aufbieten kann. Ein steter Strom neuer Waffensysteme soll den Endsieg sichern. Die Bevölkerung lebt weiterhin im Frieden, die „spezielle Militäroperation“ ist nichts weiter als ein größeres Manöver, wie sie ständig stattfinden. Normalität aller Orten, das Leben geht weiter, Verluste erleidet nur der Feind.</p> <p>Das ist natürlich eine Illusion, und selbst in Russland glaubt sie kaum noch jemand. In Wahrheit gehen Putin immer mehr die Ressourcen aus, und das Volk ächzt unter den Folgen. Einige Beispiele:</p> <ul> <li>Grundnahrungsmittel werden knapp und teuer, darunter <a href="https://www.agrarheute.com/politik/russland-hat-keine-kartoffeln-mehr-zwingt-krise-putin-knie-634703">Kartoffeln</a>, <a href="https://www.agrarheute.com/markt/marktfruechte/naechste-krise-russland-brot-knapp-baecker-warnt-635383">Brot</a> und <a href="https://www.agrarheute.com/markt/tiere/russische-verbraucher-zahlen-viele-rubelchen-fuer-rindfleisch-636181">Rindfleisch</a>.</li> <li>Russland dürfte durch den Krieg bisher einen wirtschaftlichen Verlust von ca. 1 Billion (1000 Milliarden) US$ eingefahren haben. 350 Milliarden US$ haben alleine die westlichen Länder bei Kriegsbeginn arretiert. Und wegen der westlichen Sanktionen muss Russland sein Erdöl weit unter dem Weltmarktpreis verkaufen, während der Einkauf verschiedener Güter nur über teure Umwege möglich ist. Gleichzeitig zerstört die Ukraine immer mehr Raffinerien und kriegswichtige Infrastrukturen. Benzin ist teuer geworden.</li> <li>Die russische Zentralbank hat die Leitzinsen schon vor geraumer Zeit auf rund 20 Prozent erhöht, und unterbindet damit wirksam die Kreditaufnahme von privaten Unternehmen. Das wird vermutlich schon in den nächsten Monaten zu massiven Pleiten führen.</li> <li>Russland hat offensichtliche Probleme, genügend Freiwillige in den Krieg zu schicken. Das wäre auch kein Wunder: <a href="https://www.nytimes.com/2025/06/03/us/politics/russia-ukraine-troop-casualties.html?searchResultPosition=1">Mehr als eine Million Soldaten</a> sind tot, vermisst oder verwundet. <a href="https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/internationale-politik/id_100541100/ukraine-krieg-so-schnell-sterben-russische-rekruten.html">Die mediane Überlebenszeit</a> eines neuen Rekruten (also die Zeit, bis die Hälfte tot sind) beträgt etwa einen Monat. Nicht zu vergessen: Russland muss für diesen einen Monat Einsatzzeit die Anwerbeprämie (mehr als 20000 US$), das Gehalt und die <a href="https://www.fr.de/wirtschaft/makabrer-profit-mit-putin-gliedertaxe-gefallene-soldaten-bringen-teils-mehr-geld-als-ueberlebende-zr-93886652.html">Lebensversicherung (mehr als 50000 US$) auszahlen</a>. Man könnte meinen, Russlands Soldaten seien unterbezahlt und könnten an der Front billig verheizt werden. Tatsächlich muss aber der russische Staat pro Soldat und Monat deutlich mehr als 70000 US$ aufwenden.</li> <li>Donald Trump trägt zu den Kopfschmerzen der russischen Regierung mehr bei, als er vielleicht ahnt. Er hatte versprochen, dass die amerikanischen Verbraucher weiterhin billiges Öl und Benzin bekommen und eine Ausweitung der Produktion in Aussicht gestellt („Drill, Baby, drill!“). Der Ölpreis verharrt deshalb seit Monaten bei Werten um 70 US$/Barrel. Russland muss sein Öl bei Produktionskosten von ca. 40 US$ mit hohem Abschlag verkaufen, bekommt also kaum mehr als 55 US$ – viel zu wenig für die hohen Kriegskosten. Besserung ist nicht in Sicht.</li> </ul> <p>Auch sicherheitspolitisch hat sich die Lage seit Kriegsbeginn verschlechtert. Eigentlich wollte Putin mit dem Angriff auf die Ukraine die unüberwindliche Stärke der russischen Armee vorführen. Aber schon nach wenigen Wochen mussten sich die Streitkräfte hastig zurückziehen, um der völligen Vernichtung zu entgehen. Inzwischen hat die russische Armee so viele Offiziere und so viel Material verloren, dass sie einer größeren Auseinandersetzung nicht mehr gewachsen wäre.</p> <p>Und wenn Putin die NATO schwächen wollte, so ist ihm das nicht gelungen. Im Gegenteil: Die bisher neutralen Staaten Finnland und Schweden sind der Allianz beigetreten. Durch seine brutale Kriegführung, die viele kleine Sabotageakte und nicht zuletzt durch die eigene Propaganda hat Russland auch entscheidend dazu beigetragen, das alle NATO-Staaten massiv aufrüsten. Westliche Experten nehmen die Drohungen gegen die NATO übrigens <a href="https://www.deutschlandfunk.de/russland-nato-kriegsgefahr-100.html">durchaus ernst</a>. Nur haben sie die NATO-Staaten eben nicht eingeschüchtert, sondern im Gegenteil, wachgerüttelt.</p> <p>Eigentlich müsste Putin den Angriffskrieg gegen die Ukraine so schnell wie möglich beenden. Jeder weitere Tag kostet Ansehen, schwächt die Armee und lässt das Land verarmen.</p> <p>Aber sobald ein sicherer Waffenstillstand in Kraft tritt, würde abgerechnet. Dann müsste Putin erklären, warum er geglaubt hat, die Ukraine mit viel zu schwachen Kräften in einer Woche überrennen zu können. Vielleicht würden sich die Russen auch fragen, warum sie für einen minimalen Gewinn an Landesfläche eine Billion US$ und eine Million Soldaten geopfert haben. Und sie werden überlegen, ob Russland jetzt sicherer, mächtiger und angesehener ist als vorher – oder nicht.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> „Deep State“ ist ein unter Trump-Anhängern und rechten Verschwörungstheoretikern beliebtes Schlagwort für unsichtbare Machtzirkel innerhalb der politischen und administrativen Strukturen des Staates. Dem „Deep State“ kann man alles anhängen, weil er eben unsichtbar ist. Trump hat davon in seinen Wahlkämpfen ausgiebig Gebrauch gemacht.</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Es ist fast unmöglich, einen Frieden zu verhandeln, wenn weiter gekämpft wird. Die Regelungen für den Friedensvertrag spiegeln nicht zuletzt die Stärke der Positionen auf den Schlachtfeld wieder. Solange sich die Frontlinien verschieben, ändert sich die Ausgangslage für den Frieden. Damit besteht die Gefahr, dass beide Seiten versuchen werden, eine zeitweilige Überlegung auszunutzen, um bereits ausgehandelte Regelungen wieder in Frage zu stellen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/die-geskriptete-wahrheit-erzaehlungen-zum-ukrainekrieg/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>116</slash:comments> </item> <item> <title>Bubblenet-Feeding: Die Blasennetze der Buckelwale https://scilogs.spektrum.de/meertext/bubblenet-feeding-die-blasennetze-der-buckelwale/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/bubblenet-feeding-die-blasennetze-der-buckelwale/#comments Fri, 22 Aug 2025 08:00:51 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1746 <h1>Bubblenet-Feeding: Die Blasennetze der Buckelwale » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Buckelwale (<em>Megaptera novaeangliae</em>) setzen „Netze“ aus Luftblasen ins Meer, um darin ihre Lieblingsmahlzeit – kleine Schwarmfische wie Heringe oder Sardinen – zu fangen. Damit gehören sie zu den Walen, die aus Luftblasen regelrechte Fischfallen konstruieren.<br></br>Jetzt hat ein Forschungsteam um Cameron Nemeth (University of Hawai’i, Mānoa) gezeigt, dass unter sieben analysierten Bartenwalen (Grau-, Zwerg-,Bryde-, Sei-, Finn- und Blauwale sowie Buckelwale) nur <a href="https://journals.biologists.com/jeb/article-abstract/228/16/jeb249607/368911/The-key-to-bubble-net-feeding-how-humpback-whale?redirectedFrom=fulltext"><em>Megaptera</em> –  was „lange Schwinge“ bedeutet – dank ihrer langen Brustflossen solche virtuosen Pirouetten </a>– Nemeth schreibt „Hochleistungsdrehungen“ – durchführen können. <p>Die 14 bis 17 Meter langen und bis zu 40 Tonnen schweren Meeressäuger haben einzigartig und ungewöhnlich geformte weiße Brustflossen, die bis zu 3,5 Meter lang werden können. Gleiten sie damit schlagend durchs Wasser, erwecken sie den Anschein, zu fliegen. Die Manövrierfähigkeit von Walen wird durch Brustflossen, Fluken und die Flexibilität der Wirbelsäule erleichtert.</p><br></br>Für solche Kolosse sind Buckelwale geradezu gelenkig, ihre Wirbelsäule ist besonders flexibel und sie setzen die großen Fluken und Flipper zum Manövrieren ein. Ich habe selbst mehrfach beobachtet, wie wendig sie sich bewegen und gerade mit Hilfe der Brustflossen ungewöhnlich enge Drehungen vollführen – sie sind die Artisten unter den Bartenwalen.</p> <h2 id="h-luftblasen-werden-zur-fischfalle">Luftblasen werden zur Fischfalle</h2> <p>Für ein Blasennetz schwimmt meist ein einzelner Wal in einem engen Kreis und stößt dabei in exakt bemessenen Abständen Luftblasen aus. Die Blasen bilden dann einen Ring und steigen an die Oberfläche, wo sie platzen. Da Fische durch solche Blasenvorhänge nicht hindurchschwimmen, können die Wale den Fischschwarm damit enger zusammendrängen. Die Fische bleiben dann dicht gedrängt stehen, wie in einem Fischereinetz. Dann tauchen die Wale unter den eingekreisten Schwarm und stoßen mit weit geöffnetem Maul nach oben. So bekommen sie eine üppige Maulvoll Fisch.</p> <p>Die Arbeitsgruppe um Lars Bejder (Hawaiʻi Institute of Marine Biology (HIMB), principle investigator des MMRP und natürlich Ko-Autor dieser Arbeit) hatte schon 2019 mit zwei Kameradrohnen Luftaufnahmen von vor Alaska und Hawaii fressenden Buckelwalen aufgenommen:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/JNhldKgPRg0?feature=oembed" title="Whale bubble-net feeding documented by UH researchers through groundbreaking video" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Durch die Kombination von Daten aus Drohnen und nicht-invasiven Saugnapf-Markierungen konnten Nemeth und ein Team von Forschern des Marine Mammal Research Programme des Hawai’i Institute of Marine Biology der Universität von Hawaii in Mānoa die für dieses Manöver erforderliche Drehleistung genau quantifizieren:<br></br>Ein Buckelwal erreicht beim Legen seines Blasennetzes Zentripetalbeschleunigungen von bis zu 0,46 m s−2. Die Zentripetal- oder Radialkraft beschreibt die äußere Kraft, die auf einen Körper einwirken muss, damit er sich in einer Kreisbahn bewegt – sie ist also zum Mittelpunkt des Krümmungskreises gerichtet. Damit schwimmen Buckelwale ein wesentlich engeres Wendemanöver als alle anderen Bartenwale. Diese außergewöhnliche Leistung bei Drehbewegungen ist durch die von den Brustflossen erzeugte große Auftriebskraft möglich. Diese trägt zur Zentripetalbeschleunigung erheblich bei und ermöglicht die schnellere Kreisbewegung. Dadurch kann der Wal schneller nach innen kippen und mit seiner ebenfalls sehr hohen Wirbelsäulenflexibilität den Drehradius zu verringern. Die großen Flipper erzeugen nach neuen Berechnungen fast die Hälfte der für die Drehung erforderlichen Kraft. Dadurch dreht sich der Wal mit überraschend geringem Kraftaufwand fast auf der Stelle. Die anderen Bartenwalarten müssten, selbst wenn sie physisch zu ähnlichen Drehungen fähig wären, deutlich mehr Energie aufwenden.</p> <p>Die besondere Körperform der Buckelwale ermöglicht es ihnen also, besonders erfolgreich kleinere oder verstreute Gruppen von Beutetieren zu jagen – <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11336686/">mit dem Zusammentreiben können sie die Fischdichte kompaktieren</a> und so zu einer gehaltvollen Mahlzeit kommen.<aside></aside></p> <p>Eine weitere Herausforderung dieser Studie war, so erklärt der Arbeitsgruppenleiter Lars Bejder, weil sie auf der Kooperation von 28 verschiedenen Forschungsinstitutionen in sechs Ländern beruht.” sagte Lars Bejder. Schließlich könne man nur mit solchen Kooperationen solche umfassenden Fragestellungen erforschen.</p> <p>Manchmal blasen auch mehrere Wale gemeinsam ein Blasennetz:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/JZlqNCPWld8?feature=oembed" title="🐋 Humpback Whales Bubble Net Feeding | WWF-Australia" width="666"></iframe> </p><figcaption>Video: Humpback Whales Bubble Net Feeding | WWF-Australia</figcaption></figure> <h2 id="h-brydewale-blubbern-blasenvorhange"><strong>Brydewale blubbern Blasenvorhänge</strong></h2> <p>Übrigens: Auch die <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/mms.13009">Brydewale (<em>Balaenoptera edeni</em>) setzen </a>Luftblasen ein<br></br><a href="https://theconversation.com/a-recently-discovered-whale-feeding-strategy-has-turned-up-in-2-000-year-old-texts-about-fearsome-sea-monsters-200724">aber deutlich</a> weniger virtuos. Cameron hat mir erklärt, dass sie eher Blasenvorhänge produzieren. Das ist also weit entfernt von der komplexen Drehbewegung für das Buckelwal-Blasennetz. Außerdem, so erzählte er weiter, hätten andere Walforscher ähnliche Blasenvorhänge auch schon bei Südkapern beobachtet. Das ist aber noch nicht publiziert.</p> <p>Die Beobachtung von Walen und anderen Meerestieren mit Kamera-Drohnen hat bereits jetzt die Forschung revolutioniert. Neben immer weiteren spektakulären Verhaltens-Beobachtungen können Forschende per biometrischen Verfahren auch d<a href="https://www.spektrum.de/news/massensterben-grauwale-im-klimawandel/1847374">en Ernährungszustand analysieren</a>, Bestände zählen, Individuen erkennen und viele andere Methoden für Forschung und Artenschutz anwenden. </p> <h2 id="h-quelle"><strong>Quelle:</strong></h2> <p>Cameron Nemeth et al: „<a href="https://journals.biologists.com/jeb/article-abstract/228/16/jeb249607/368911/The-key-to-bubble-net-feeding-how-humpback-whale?redirectedFrom=PDF">The key to bubble-net feeding: how humpback whale morphology functionally differs from other baleen whales</a>“ <em>J Exp Biol</em> (2025) 228 (16): jeb249607.</p> <p>E-Mail-Interview mit Cameron Nemeth</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Bubblenet-Feeding: Die Blasennetze der Buckelwale » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Buckelwale (<em>Megaptera novaeangliae</em>) setzen „Netze“ aus Luftblasen ins Meer, um darin ihre Lieblingsmahlzeit – kleine Schwarmfische wie Heringe oder Sardinen – zu fangen. Damit gehören sie zu den Walen, die aus Luftblasen regelrechte Fischfallen konstruieren.<br></br>Jetzt hat ein Forschungsteam um Cameron Nemeth (University of Hawai’i, Mānoa) gezeigt, dass unter sieben analysierten Bartenwalen (Grau-, Zwerg-,Bryde-, Sei-, Finn- und Blauwale sowie Buckelwale) nur <a href="https://journals.biologists.com/jeb/article-abstract/228/16/jeb249607/368911/The-key-to-bubble-net-feeding-how-humpback-whale?redirectedFrom=fulltext"><em>Megaptera</em> –  was „lange Schwinge“ bedeutet – dank ihrer langen Brustflossen solche virtuosen Pirouetten </a>– Nemeth schreibt „Hochleistungsdrehungen“ – durchführen können. <p>Die 14 bis 17 Meter langen und bis zu 40 Tonnen schweren Meeressäuger haben einzigartig und ungewöhnlich geformte weiße Brustflossen, die bis zu 3,5 Meter lang werden können. Gleiten sie damit schlagend durchs Wasser, erwecken sie den Anschein, zu fliegen. Die Manövrierfähigkeit von Walen wird durch Brustflossen, Fluken und die Flexibilität der Wirbelsäule erleichtert.</p><br></br>Für solche Kolosse sind Buckelwale geradezu gelenkig, ihre Wirbelsäule ist besonders flexibel und sie setzen die großen Fluken und Flipper zum Manövrieren ein. Ich habe selbst mehrfach beobachtet, wie wendig sie sich bewegen und gerade mit Hilfe der Brustflossen ungewöhnlich enge Drehungen vollführen – sie sind die Artisten unter den Bartenwalen.</p> <h2 id="h-luftblasen-werden-zur-fischfalle">Luftblasen werden zur Fischfalle</h2> <p>Für ein Blasennetz schwimmt meist ein einzelner Wal in einem engen Kreis und stößt dabei in exakt bemessenen Abständen Luftblasen aus. Die Blasen bilden dann einen Ring und steigen an die Oberfläche, wo sie platzen. Da Fische durch solche Blasenvorhänge nicht hindurchschwimmen, können die Wale den Fischschwarm damit enger zusammendrängen. Die Fische bleiben dann dicht gedrängt stehen, wie in einem Fischereinetz. Dann tauchen die Wale unter den eingekreisten Schwarm und stoßen mit weit geöffnetem Maul nach oben. So bekommen sie eine üppige Maulvoll Fisch.</p> <p>Die Arbeitsgruppe um Lars Bejder (Hawaiʻi Institute of Marine Biology (HIMB), principle investigator des MMRP und natürlich Ko-Autor dieser Arbeit) hatte schon 2019 mit zwei Kameradrohnen Luftaufnahmen von vor Alaska und Hawaii fressenden Buckelwalen aufgenommen:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/JNhldKgPRg0?feature=oembed" title="Whale bubble-net feeding documented by UH researchers through groundbreaking video" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Durch die Kombination von Daten aus Drohnen und nicht-invasiven Saugnapf-Markierungen konnten Nemeth und ein Team von Forschern des Marine Mammal Research Programme des Hawai’i Institute of Marine Biology der Universität von Hawaii in Mānoa die für dieses Manöver erforderliche Drehleistung genau quantifizieren:<br></br>Ein Buckelwal erreicht beim Legen seines Blasennetzes Zentripetalbeschleunigungen von bis zu 0,46 m s−2. Die Zentripetal- oder Radialkraft beschreibt die äußere Kraft, die auf einen Körper einwirken muss, damit er sich in einer Kreisbahn bewegt – sie ist also zum Mittelpunkt des Krümmungskreises gerichtet. Damit schwimmen Buckelwale ein wesentlich engeres Wendemanöver als alle anderen Bartenwale. Diese außergewöhnliche Leistung bei Drehbewegungen ist durch die von den Brustflossen erzeugte große Auftriebskraft möglich. Diese trägt zur Zentripetalbeschleunigung erheblich bei und ermöglicht die schnellere Kreisbewegung. Dadurch kann der Wal schneller nach innen kippen und mit seiner ebenfalls sehr hohen Wirbelsäulenflexibilität den Drehradius zu verringern. Die großen Flipper erzeugen nach neuen Berechnungen fast die Hälfte der für die Drehung erforderlichen Kraft. Dadurch dreht sich der Wal mit überraschend geringem Kraftaufwand fast auf der Stelle. Die anderen Bartenwalarten müssten, selbst wenn sie physisch zu ähnlichen Drehungen fähig wären, deutlich mehr Energie aufwenden.</p> <p>Die besondere Körperform der Buckelwale ermöglicht es ihnen also, besonders erfolgreich kleinere oder verstreute Gruppen von Beutetieren zu jagen – <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11336686/">mit dem Zusammentreiben können sie die Fischdichte kompaktieren</a> und so zu einer gehaltvollen Mahlzeit kommen.<aside></aside></p> <p>Eine weitere Herausforderung dieser Studie war, so erklärt der Arbeitsgruppenleiter Lars Bejder, weil sie auf der Kooperation von 28 verschiedenen Forschungsinstitutionen in sechs Ländern beruht.” sagte Lars Bejder. Schließlich könne man nur mit solchen Kooperationen solche umfassenden Fragestellungen erforschen.</p> <p>Manchmal blasen auch mehrere Wale gemeinsam ein Blasennetz:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/JZlqNCPWld8?feature=oembed" title="🐋 Humpback Whales Bubble Net Feeding | WWF-Australia" width="666"></iframe> </p><figcaption>Video: Humpback Whales Bubble Net Feeding | WWF-Australia</figcaption></figure> <h2 id="h-brydewale-blubbern-blasenvorhange"><strong>Brydewale blubbern Blasenvorhänge</strong></h2> <p>Übrigens: Auch die <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/mms.13009">Brydewale (<em>Balaenoptera edeni</em>) setzen </a>Luftblasen ein<br></br><a href="https://theconversation.com/a-recently-discovered-whale-feeding-strategy-has-turned-up-in-2-000-year-old-texts-about-fearsome-sea-monsters-200724">aber deutlich</a> weniger virtuos. Cameron hat mir erklärt, dass sie eher Blasenvorhänge produzieren. Das ist also weit entfernt von der komplexen Drehbewegung für das Buckelwal-Blasennetz. Außerdem, so erzählte er weiter, hätten andere Walforscher ähnliche Blasenvorhänge auch schon bei Südkapern beobachtet. Das ist aber noch nicht publiziert.</p> <p>Die Beobachtung von Walen und anderen Meerestieren mit Kamera-Drohnen hat bereits jetzt die Forschung revolutioniert. Neben immer weiteren spektakulären Verhaltens-Beobachtungen können Forschende per biometrischen Verfahren auch d<a href="https://www.spektrum.de/news/massensterben-grauwale-im-klimawandel/1847374">en Ernährungszustand analysieren</a>, Bestände zählen, Individuen erkennen und viele andere Methoden für Forschung und Artenschutz anwenden. </p> <h2 id="h-quelle"><strong>Quelle:</strong></h2> <p>Cameron Nemeth et al: „<a href="https://journals.biologists.com/jeb/article-abstract/228/16/jeb249607/368911/The-key-to-bubble-net-feeding-how-humpback-whale?redirectedFrom=PDF">The key to bubble-net feeding: how humpback whale morphology functionally differs from other baleen whales</a>“ <em>J Exp Biol</em> (2025) 228 (16): jeb249607.</p> <p>E-Mail-Interview mit Cameron Nemeth</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/bubblenet-feeding-die-blasennetze-der-buckelwale/#comments 2 Macht Cannabiskonsum Menschen sozialer oder nicht? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/macht-cannabiskonsum-menschen-sozialer-oder-nicht/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/macht-cannabiskonsum-menschen-sozialer-oder-nicht/#comments Thu, 21 Aug 2025 11:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3393 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/marijuana-leaf-5315561_1920-768x512.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/macht-cannabiskonsum-menschen-sozialer-oder-nicht/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/marijuana-leaf-5315561_1920.jpg" /><h1>Macht Cannabiskonsum Menschen sozialer oder nicht? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Ein kurzer Überblick über drei Arten psychologischer Forschung</strong></p> <span id="more-3393"></span> <p>Die Gesetzeslockerungen in immer mehr Ländern zeigen, dass Cannabiskonsum wieder als normaler wahrgenommen wird. Aus wissenschaftlicher Sicht müssen wir jetzt aber feststellen: Was Cannabis mit den Konsumierenden macht, wissen wir gar nicht so genau.</p> <p>Die Forschung hierzu war wegen der ausgeweiteten Verbote seit den 1960ern bis 1970ern kaum noch möglich. Und wenn, dann behandelten vor allem Mediziner das Thema und berichteten fast nur über negative Effekte. Wen wundert’s, wo doch nur diejenigen in den Kliniken landen, bei denen der Konsum zu Problemen führte.</p> <p>Dass Cannabis vor rund 100 Jahren überhaupt auf der Verbotsliste landete, lag aber an einem <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zweite-opiumkonferenz-100-jahre-boeses-cannabis/">diplomatischen Kuhhandel auf der Zweiten Opiumkonferenz</a>. Man sieht, was für weitreichende Konsequenzen so eine politische Entscheidung haben kann, mit unzähligen durch die Drogenkriege vernichteten Existenzen.</p> <h2 id="h-vertraglichkeit-und-aggressivitat">Verträglichkeit und Aggressivität</h2> <p>Um die Auswirkungen von Cannabiskonsum besser zu verstehen, befragten Psycholog*innen an der University of New Mexico 146 Psychologiestudierende (im Mittel 19 Jahre alt). Die Angaben wurden mit Urintests überprüft und bei drei Abweichlern wurde dadurch die Gruppenzugehörigkeit angepasst. Bei der Auswertung wurden insbesondere Unterschiede zwischen den jungen Frauen und Männern berücksichtigt.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Vigil-Chanel-2022-scirep-Cannabis-consumption-and-prosociality-Fig-1.png"><img alt="" decoding="async" height="729" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Vigil-Chanel-2022-scirep-Cannabis-consumption-and-prosociality-Fig-1-1024x729.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Vigil-Chanel-2022-scirep-Cannabis-consumption-and-prosociality-Fig-1-1024x729.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Vigil-Chanel-2022-scirep-Cannabis-consumption-and-prosociality-Fig-1-300x214.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Vigil-Chanel-2022-scirep-Cannabis-consumption-and-prosociality-Fig-1-768x547.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Vigil-Chanel-2022-scirep-Cannabis-consumption-and-prosociality-Fig-1-1536x1094.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Vigil-Chanel-2022-scirep-Cannabis-consumption-and-prosociality-Fig-1.png 2001w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Links sind die Ergebnisse für zwei Maße von Aggression dargestellt, rechts von Verträglichkeit (engl. agreeableness). Verträglichere Personen sind im Umgang mit anderen allgemein angenehmer. Schwarz sind die Nicht-Konsumierenden, weiß die Cannabiskonsumierenden. Quelle: <a href="https://www.nature.com/articles/s41598-022-12202-8">Vigil et al.;</a> Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">CC BY 4.0</a></em></p> <p>Laut den Ergebnissen auf der Abbildung gab es mittelgroße bis große Unterschiede bei der Aggressivität und Verträglichkeit, mit unterschiedlicher Richtung: So waren die Werte für Aggressivität bei den cannabiskonsumierenden Frauen höher; bei den jungen Männern mit Cannabiskonsum war vor allem die Verträglichkeit deutlich höher. (Man sieht aber auch, dass – unabhängig vom Cannabiskonsum – die Aggressionswerte für die Männer insgesamt höher waren.)</p> <p>Die Forscher*innen schreiben selbst, dass es hier wahrscheinlich eher um einen Selektionseffekt geht: Dass also Cannabis nicht die Frauen aggressiver und die Männer verträglicher machte, sondern umgekehrt Personen mit diesen Eigenschaften eher zu dieser Substanz griffen. Das begrenzt allerdings auch die Aussagekraft solcher Befragungen.</p> <h2 id="h-kaum-experimente">Kaum Experimente</h2> <p>Gerade mit Blick auf Ursache-Wirkungs-Beziehungen führt darum aus wissenschaftlicher Sicht kaum ein Weg am Experimentieren vorbei: Idealerweise werden die Versuchspersonen dabei zufällig in die Ziel- oder Kontrollgruppe eingeteilt und wissen weder sie noch die Versuchsleiter, ob sie den Wirkstoff oder ein Placebo bekommen.</p> <p>Jedenfalls in diese Richtung ging eine Studie von Forscher*innen an der Universität Maastricht in den Niederlanden. In dem Versuch verglich man Personen, die a) viel Alkohol tranken, b) regelmäßig Cannabis konsumierten oder c) als Kontrolle dienten.</p> <p>Die Aggressivität wurde mit einem Computerprogramm erzeugt und gemessen. Bei diesem ging es darum, in Konkurrenz mit jemand anderem den eigenen Gewinn zu erhöhen – aber durch das Verhalten des Gegenspielers konnte man auch finanzielle Verluste erfahren. Wie so oft in dieser Art von Forschung, wurde der Konkurrent vom Computer aber nur simuliert; den Versuchspersonen wurde trotzdem mitgeteilt, es handle sich um jemanden in einem anderen Raum im selben Gebäude.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perna-Ramaekers-2016-Psychopharm-Subjective-aggression-during-alcohol-and-cannabis-intoxication-before-and-after-aggression-exposure-Figure-3.jpg"><img alt="" decoding="async" height="524" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perna-Ramaekers-2016-Psychopharm-Subjective-aggression-during-alcohol-and-cannabis-intoxication-before-and-after-aggression-exposure-Figure-3-1024x524.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perna-Ramaekers-2016-Psychopharm-Subjective-aggression-during-alcohol-and-cannabis-intoxication-before-and-after-aggression-exposure-Figure-3-1024x524.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perna-Ramaekers-2016-Psychopharm-Subjective-aggression-during-alcohol-and-cannabis-intoxication-before-and-after-aggression-exposure-Figure-3-300x153.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perna-Ramaekers-2016-Psychopharm-Subjective-aggression-during-alcohol-and-cannabis-intoxication-before-and-after-aggression-exposure-Figure-3-768x393.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perna-Ramaekers-2016-Psychopharm-Subjective-aggression-during-alcohol-and-cannabis-intoxication-before-and-after-aggression-exposure-Figure-3.jpg 1040w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Bei dem Versuch nahm die Anzahl der aggressiven Entscheidungen in der Alkoholgruppe zu, in der Cannabisgruppe aber ab. Man sollte hierbei bedenken, dass Erstere insgesamt weniger aggressiv auftrat. Quelle: <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s00213-016-4371-1">Perna et al.</a>; Lizenz: CC BY 4.0</em></p> <p>So ein Laborversuch hat den Vorteil, dass man Störvariablen weitestgehend ausschließen kann. Die Auswirkungen der experimentellen Manipulation – hier die Gabe von Alkohol oder Cannabis gegenüber Plazebo – ist dann mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Nachweis einer Ursache-Wirkungs-Beziehung.</p> <p>Doch natürlich ist nichts ganz perfekt. Da die Versuchspersonen in der Forschung mit psychoaktiven Substanzen oft spüren, in welcher Gruppe sie sind, treten hier Erwartungseffekte auf. Kurz: Schon wenn Menschen nur <em>denken</em>, unter Drogeneinfluss zu stehen, verhalten sie sich mitunter anders. Wie so oft ist Wissenschaft komplex. Und man muss genau wissen, welche Bedingung man mit was vergleicht, um keine falschen Schlüsse zu ziehen.</p> <h2 id="h-selbstbefragung">Selbstbefragung</h2> <p>Angesichts der spärlichen Datenbasis ist eine schon etwas ältere Übersichtsarbeit von australischen Forschern aus dem Jahr 2003 mit dem auffälligen Titel “<a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1080/09595230310001613976">Being stoned: A review of self-reported cannabis effects</a>” immer noch aussagekräftig: Sie fassten darin mehrere Studien zusammen, wie Personen die Auswirkungen ihres Cannabiskonsums selbst beschrieben hatten.</p> <p>Demnach standen einerseits das Erleben positiver Gefühle – dazu zählte auch das Vermeiden von depressiven Stimmungen – und andererseits die Entspannung im Vordergrund. Man könne spekulieren, dass Menschen, die sich besser und entspannter fühlen, auch besser gegenüber anderen Verhalten. Doch das müsste durch weitere Forschung geklärt werden.</p> <p>Aus heutiger Sicht ist fällt auf, dass in der öffentlichen Diskussion um die Entkriminalisierung von Cannabis so gut wie nur übers Psychoserisiko gesprochen wurde. Die positiven Auswirkungen des Cannabiskonsums wurden fast gar nicht thematisiert. Dabei treten laut neueren Daten <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/verursacht-cannabiskonsum-psychosen-und-schizophrenie/">zum Beispiel Schizophrenien eher selten auf</a> und spiegeln diese Ergebnisse gerade den Zustand der Verbotspolitik wider, unter dem es häufiger zu Fehldosierungen und den Konsum verunreinigter Substanzen kommt.</p> <p><em>Achtung! Cannabiskonsum kann zu unerwünschten Nebenwirkungen führen. Dieser Artikel dient nur zu Informationszwecken.</em></p> <figure><a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die Cannabis-Gesetzgebung sowie wichtige Grundlagen: Was ist eine Droge? Was ist Abhängigkeit? Seit wann gibt es Cannabiskonsum in der Menschheitsgeschichte? Und was sind sein Nutzen und seine Risiken? Das neue Buch von Stephan Schleim gibt es als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/nl/book/die-cannabis-protokolle/id6745148090">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=f5pZEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/marijuana-leaf-cannabis-leaf-5315561/">Erin Stone</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg07.met.vgwort.de/na/dd9c0da5134a46cebea592dbf794eac7" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/marijuana-leaf-5315561_1920.jpg" /><h1>Macht Cannabiskonsum Menschen sozialer oder nicht? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Ein kurzer Überblick über drei Arten psychologischer Forschung</strong></p> <span id="more-3393"></span> <p>Die Gesetzeslockerungen in immer mehr Ländern zeigen, dass Cannabiskonsum wieder als normaler wahrgenommen wird. Aus wissenschaftlicher Sicht müssen wir jetzt aber feststellen: Was Cannabis mit den Konsumierenden macht, wissen wir gar nicht so genau.</p> <p>Die Forschung hierzu war wegen der ausgeweiteten Verbote seit den 1960ern bis 1970ern kaum noch möglich. Und wenn, dann behandelten vor allem Mediziner das Thema und berichteten fast nur über negative Effekte. Wen wundert’s, wo doch nur diejenigen in den Kliniken landen, bei denen der Konsum zu Problemen führte.</p> <p>Dass Cannabis vor rund 100 Jahren überhaupt auf der Verbotsliste landete, lag aber an einem <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zweite-opiumkonferenz-100-jahre-boeses-cannabis/">diplomatischen Kuhhandel auf der Zweiten Opiumkonferenz</a>. Man sieht, was für weitreichende Konsequenzen so eine politische Entscheidung haben kann, mit unzähligen durch die Drogenkriege vernichteten Existenzen.</p> <h2 id="h-vertraglichkeit-und-aggressivitat">Verträglichkeit und Aggressivität</h2> <p>Um die Auswirkungen von Cannabiskonsum besser zu verstehen, befragten Psycholog*innen an der University of New Mexico 146 Psychologiestudierende (im Mittel 19 Jahre alt). Die Angaben wurden mit Urintests überprüft und bei drei Abweichlern wurde dadurch die Gruppenzugehörigkeit angepasst. Bei der Auswertung wurden insbesondere Unterschiede zwischen den jungen Frauen und Männern berücksichtigt.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Vigil-Chanel-2022-scirep-Cannabis-consumption-and-prosociality-Fig-1.png"><img alt="" decoding="async" height="729" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Vigil-Chanel-2022-scirep-Cannabis-consumption-and-prosociality-Fig-1-1024x729.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Vigil-Chanel-2022-scirep-Cannabis-consumption-and-prosociality-Fig-1-1024x729.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Vigil-Chanel-2022-scirep-Cannabis-consumption-and-prosociality-Fig-1-300x214.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Vigil-Chanel-2022-scirep-Cannabis-consumption-and-prosociality-Fig-1-768x547.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Vigil-Chanel-2022-scirep-Cannabis-consumption-and-prosociality-Fig-1-1536x1094.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Vigil-Chanel-2022-scirep-Cannabis-consumption-and-prosociality-Fig-1.png 2001w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Links sind die Ergebnisse für zwei Maße von Aggression dargestellt, rechts von Verträglichkeit (engl. agreeableness). Verträglichere Personen sind im Umgang mit anderen allgemein angenehmer. Schwarz sind die Nicht-Konsumierenden, weiß die Cannabiskonsumierenden. Quelle: <a href="https://www.nature.com/articles/s41598-022-12202-8">Vigil et al.;</a> Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">CC BY 4.0</a></em></p> <p>Laut den Ergebnissen auf der Abbildung gab es mittelgroße bis große Unterschiede bei der Aggressivität und Verträglichkeit, mit unterschiedlicher Richtung: So waren die Werte für Aggressivität bei den cannabiskonsumierenden Frauen höher; bei den jungen Männern mit Cannabiskonsum war vor allem die Verträglichkeit deutlich höher. (Man sieht aber auch, dass – unabhängig vom Cannabiskonsum – die Aggressionswerte für die Männer insgesamt höher waren.)</p> <p>Die Forscher*innen schreiben selbst, dass es hier wahrscheinlich eher um einen Selektionseffekt geht: Dass also Cannabis nicht die Frauen aggressiver und die Männer verträglicher machte, sondern umgekehrt Personen mit diesen Eigenschaften eher zu dieser Substanz griffen. Das begrenzt allerdings auch die Aussagekraft solcher Befragungen.</p> <h2 id="h-kaum-experimente">Kaum Experimente</h2> <p>Gerade mit Blick auf Ursache-Wirkungs-Beziehungen führt darum aus wissenschaftlicher Sicht kaum ein Weg am Experimentieren vorbei: Idealerweise werden die Versuchspersonen dabei zufällig in die Ziel- oder Kontrollgruppe eingeteilt und wissen weder sie noch die Versuchsleiter, ob sie den Wirkstoff oder ein Placebo bekommen.</p> <p>Jedenfalls in diese Richtung ging eine Studie von Forscher*innen an der Universität Maastricht in den Niederlanden. In dem Versuch verglich man Personen, die a) viel Alkohol tranken, b) regelmäßig Cannabis konsumierten oder c) als Kontrolle dienten.</p> <p>Die Aggressivität wurde mit einem Computerprogramm erzeugt und gemessen. Bei diesem ging es darum, in Konkurrenz mit jemand anderem den eigenen Gewinn zu erhöhen – aber durch das Verhalten des Gegenspielers konnte man auch finanzielle Verluste erfahren. Wie so oft in dieser Art von Forschung, wurde der Konkurrent vom Computer aber nur simuliert; den Versuchspersonen wurde trotzdem mitgeteilt, es handle sich um jemanden in einem anderen Raum im selben Gebäude.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perna-Ramaekers-2016-Psychopharm-Subjective-aggression-during-alcohol-and-cannabis-intoxication-before-and-after-aggression-exposure-Figure-3.jpg"><img alt="" decoding="async" height="524" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perna-Ramaekers-2016-Psychopharm-Subjective-aggression-during-alcohol-and-cannabis-intoxication-before-and-after-aggression-exposure-Figure-3-1024x524.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perna-Ramaekers-2016-Psychopharm-Subjective-aggression-during-alcohol-and-cannabis-intoxication-before-and-after-aggression-exposure-Figure-3-1024x524.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perna-Ramaekers-2016-Psychopharm-Subjective-aggression-during-alcohol-and-cannabis-intoxication-before-and-after-aggression-exposure-Figure-3-300x153.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perna-Ramaekers-2016-Psychopharm-Subjective-aggression-during-alcohol-and-cannabis-intoxication-before-and-after-aggression-exposure-Figure-3-768x393.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perna-Ramaekers-2016-Psychopharm-Subjective-aggression-during-alcohol-and-cannabis-intoxication-before-and-after-aggression-exposure-Figure-3.jpg 1040w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Bei dem Versuch nahm die Anzahl der aggressiven Entscheidungen in der Alkoholgruppe zu, in der Cannabisgruppe aber ab. Man sollte hierbei bedenken, dass Erstere insgesamt weniger aggressiv auftrat. Quelle: <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s00213-016-4371-1">Perna et al.</a>; Lizenz: CC BY 4.0</em></p> <p>So ein Laborversuch hat den Vorteil, dass man Störvariablen weitestgehend ausschließen kann. Die Auswirkungen der experimentellen Manipulation – hier die Gabe von Alkohol oder Cannabis gegenüber Plazebo – ist dann mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Nachweis einer Ursache-Wirkungs-Beziehung.</p> <p>Doch natürlich ist nichts ganz perfekt. Da die Versuchspersonen in der Forschung mit psychoaktiven Substanzen oft spüren, in welcher Gruppe sie sind, treten hier Erwartungseffekte auf. Kurz: Schon wenn Menschen nur <em>denken</em>, unter Drogeneinfluss zu stehen, verhalten sie sich mitunter anders. Wie so oft ist Wissenschaft komplex. Und man muss genau wissen, welche Bedingung man mit was vergleicht, um keine falschen Schlüsse zu ziehen.</p> <h2 id="h-selbstbefragung">Selbstbefragung</h2> <p>Angesichts der spärlichen Datenbasis ist eine schon etwas ältere Übersichtsarbeit von australischen Forschern aus dem Jahr 2003 mit dem auffälligen Titel “<a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1080/09595230310001613976">Being stoned: A review of self-reported cannabis effects</a>” immer noch aussagekräftig: Sie fassten darin mehrere Studien zusammen, wie Personen die Auswirkungen ihres Cannabiskonsums selbst beschrieben hatten.</p> <p>Demnach standen einerseits das Erleben positiver Gefühle – dazu zählte auch das Vermeiden von depressiven Stimmungen – und andererseits die Entspannung im Vordergrund. Man könne spekulieren, dass Menschen, die sich besser und entspannter fühlen, auch besser gegenüber anderen Verhalten. Doch das müsste durch weitere Forschung geklärt werden.</p> <p>Aus heutiger Sicht ist fällt auf, dass in der öffentlichen Diskussion um die Entkriminalisierung von Cannabis so gut wie nur übers Psychoserisiko gesprochen wurde. Die positiven Auswirkungen des Cannabiskonsums wurden fast gar nicht thematisiert. Dabei treten laut neueren Daten <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/verursacht-cannabiskonsum-psychosen-und-schizophrenie/">zum Beispiel Schizophrenien eher selten auf</a> und spiegeln diese Ergebnisse gerade den Zustand der Verbotspolitik wider, unter dem es häufiger zu Fehldosierungen und den Konsum verunreinigter Substanzen kommt.</p> <p><em>Achtung! Cannabiskonsum kann zu unerwünschten Nebenwirkungen führen. Dieser Artikel dient nur zu Informationszwecken.</em></p> <figure><a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die Cannabis-Gesetzgebung sowie wichtige Grundlagen: Was ist eine Droge? Was ist Abhängigkeit? Seit wann gibt es Cannabiskonsum in der Menschheitsgeschichte? Und was sind sein Nutzen und seine Risiken? 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Unser Gehirn entwickelt sich lernend plastisch weiter, wenn es optimale Bedingungen findet: Wir sind aufmerksam für etwas, weil es uns wichtig ist und wir annehmen, die Aufgabe bewältigen können.</strong></p> <p><strong>In diesem Blog möchte ich zunächst über die Neuroplastizität sprechen, anschließend Überlegungen zur Aufmerksamkeit anstellen, dann beide Perspektiven verbinden und schließlich darauf eingehen, was wir tun können um unsere eigene Aufmerksamkeit und diejenige unserer Lernenden im Unterricht, Training, Seminar oder Vortrag zu steigern.</strong><aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie.jpeg"><img alt="Gehirn_Neuroplastizität_Brohm-Badry" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-1024x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-1024x1024.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-300x300.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-150x150.jpeg 150w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-768x768.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-1536x1536.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie.jpeg 2000w" width="1024"></img></a></figure> <p><strong>Was ist Neuroplastizität?</strong></p> <p>Unser Gehirn passt sich ein Leben lang an unsere gemachten Erfahrungen an. Es reagiert damit auf Herausforderungen und bereitet uns auf ähnliche, folgende Herausforderungen vor. Diese Anpassungen werden in der Gehirnforschung „Neuroplastizität“ genannt. In der frühen Kindheit ist diese Plastizität am höchsten, sie hält aber bis zum letzten Atemzug an.</p> <p>Die genetische Veranlagung bildet zwar die Ausgangsbasis, doch wie stark und umfangreich die Gene aktiviert werden, hängt von weiteren Faktoren ab, wie insbesondere den Erfahrungen und dem Leben in einem langweiligen, reizarmen, oder, – viel besser fürs Gehirn – spannenden Umfeld mit neuen Impulsen.</p> <p>Die Neurowissenschaften unterscheiden zwei Formen der Neuroplastizität: die funktionell und die strukturelle Plastizität.</p> <p>Die <em>funktionelle Plastizität</em> ändert die Effizienz der synaptischen Übertragung zwischen den Neuronen durch den Umbau oder Aufbau von Rezeptoren (wie kleine Steckverbindungen zwischen den Neuronen). Die Schnelligkeit der synaptischen Übertragung von Informationen wird demnach modifiziert.</p> <p>Die <em>strukturelle Plastizität</em> hingegen verändert das Gehirn anatomisch, also wirklich in seiner Struktur – die Dichte und oder das Volumen ganzer Gehirnareale verändert sich, z. B. der grauen und weißen Substanz (im äußeren Teil des Gehirns), die Dicke der Hirnrinde oder die Form der Windungen (Gyri) (Jäncke 2021, S. 529ff) – und das nicht nur nachweisbar bei Musikern oder Sportlern, sondern bei jedem Menschen, denn das Lernen initiiert solche plastischen Prozesse ein Leben lang.</p> <p><strong>Was ist Aufmerksamkeit?</strong></p> <p>Aufmerksamkeit, so Bear, Connors, Paradis (2018) wird im Gegensatz zu einem allgemeinen Erregungszustand, der unspezifisch ist, oft als selektive Aufmerksamkeit bezeichnet (ebda S. 782). Selektive Aufmerksamkeit ist die „Fähigkeit, sich auf einen bestimmten Aspekt des sensorischen Inputs zu konzentrieren“ (ebda S. 778). Durch die selektive Aufmerksamkeit können wir einen Teil der auf uns einströmenden Informationen bevorzugt verarbeiten und den Rest ignorieren (ebda S. 778).</p> <p>Richten wir unseren Fokus beispielsweise jetzt auf das, was schön ist in unserem Leben oder unserer Umgebung (ein schönes Bild, der schlafender Husky neben dem Schreibtisch oder die Pflanze weiter rechts), ignorieren wir tendenziell das, was uns nicht gefällt (unaufgeräumte Aktenberge oder Staub auf der Lampe). Je nachdem, wohin wir den Fokus richten, nehmen wir wahr. Und je zentrierter der Fokus, desto tiefer die Wahrnehmung.</p> <p>Im Ruhezustand sind im Gehirn Areale aktiv, die als „Default-Mode-Netzwerk“ (Ruhezustandsnetzwerk) bezeichnet werden. Es sind unter anderem der mediale präfrontale Cortex (Stirnbereich) und der Hippocampus (eine kleine Struktur in den Schläfen, die aussieht wie ein Seepferdchen). Dieses Netzwerk ist im Ruhezustand aktiver als bei herausfordernden Aufgaben. Wechselt der Aufmerksamkeitsmodus vom Ruhezustand in den Aufmerksamkeitszustand, vermindert sich die Aktivität im Default-Mode-Netzwerk und erhöht sich in denjenigen Netzwerken, die für die spezifische Aktivität gebraucht werden (z.B. visuell oder auditiv). Diese Aktivität bezieht sich entweder auf die Wahrnehmung betreffend (perzeptorische) oder das Körperempfindungen verarbeitend (sensorische) Aufgaben.</p> <p>Zwei Formen der Aufmerksamkeit werden unterschieden: die exogene und die endogene Aufmerksamkeit. Exogene Aufmerksamkeit ist die durch äußere Reize erregte Aufmerksamkeit, die z. B. durch auffällige Färbung, Lichtreflexe oder Bewegungen unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. Endogene Aufmerksamkeit lenkt die Aufmerksamkeit vom Gehirn „bewusst auf ein Objekt oder einen Ort“, um gezielt „einem Verhalten zu dienen“ (Bear, Conners, Paradise 2018, S. 783). Und diese können wir bewusst steuern, indem wir uns fokussiert einlassen auf jemanden oder etwas.</p> <p><strong>Wie hängen Aufmerksamkeit und Neuroplastizität zusammen?</strong></p> <p>Durch erhöhte Aufmerksamkeit, werden andere Wahrnehmungen beschränkt, <em>wodurch die Geschwindigkeit und Präzision der Verarbeitung zunehmen</em> (ebda S. 782). <em>Wir können also die Dinge schneller und Präziser erledigen, wenn wir aufmerksam sind. </em>Aufmerksamkeit erhöht das Arousal und stärkt die Merkfähigkeit wodurch sie ein wichtiger Schlüssel zur Neuroplastizität ist. Judy Willis legt in ihrem Band Researched based strategies to ignite students learning (2020) dar, dass Aufmerksamkeit eine Grundbedingung des Lernens ist. Es ist wichtig, das Interesse der Zuhörenden, Studierenden oder Schüler/innen zu wecken, damit der Torwächter des Retikulären Aktivierungssystems (RAS) – ein Nervenstrang vom Hirnstamm bis zum Mittelhirn, der wie ein Filtersystem für das Gehirn ist – geöffnet bleibt und Lernen über das Limbische System im präfrontalen Cortex reflektiert werden kann.</p> <p>Der Neurotransmitter Acetylcholin spielt bei diesem Prozess eine zentrale Rolle. „Acetylcholin wird freigesetzt, wenn man ein bestimmtes Verhalten ausführt (Aufmerksamkeit) oder wenn das Gehirn einen neuen Reiz erhält“. Mit der Freisetzung von Acetylcholin ist „der Filter offen“, und zwar bis zu mehreren Minuten lang. (Merzenich 2014).</p> <p>Das Gehirn wird somit aktiviert und die plastischen Prozesse für die nächsten Minuten ermöglicht. Darüber hinaus aktivieren neuartige Reize die Produktion von Noradrenalin (ebenfalls ein Neurotransmitter), was das positive Erregungsniveau erhöht. Merzenich stellte in eigenen Untersuchungen fest, dass wenn etwas den Versuchstieren <em>wirklich wichtig war</em>, <em>große Veränderungen in deren Gehirnen auftraten, während</em> <em>wenn etwas irrelevant war</em>, <em>keine Veränderungen auftraten</em>. (Merzenich 2014). Auch war die Stärke der Anstrengung für die Neuroplastizität entscheidend: Je härter und konzentrierter die Tiere an einer Aufgabe arbeiten mussten, desto stärker war der neuronale Effekt.</p> <p><strong>Was wir tun können, um Aufmerksamkeit /Interesse zu wecken</strong></p> <p>Aus dem gesagten ergeben sich vorrangig drei Konsequenzen:</p> <ul> <li>Die (Lern)inhalte sollten Aufmerksamkeit erregen,</li> <li>Die Aufmerksamkeit sollte im Lernprozess erhalten bleiben, indem <ul> <li>die Relevanz des Inhalts hoch ist (wichtig!) und</li> <li>die Aufgabe nicht zu leicht zu bewältigen ist.</li> </ul> </li> <li>Die Aufmerksamkeit kann durch äußere Impulse erregt werden (exogene Aufmerksamkeit), oder durch bewusste innere Fixierung auf eine Aufgabe (endogene Aufmerksamkeit). Beides kann durch die Lehrperson unterstützt werden.</li> </ul> <p>Bezüglich der exogenen Aufmerksamkeit nennt Judy Willis zahlreiche Möglichkeiten, die Aufmerksamkeit im Unterricht zu gewinnen und aufrecht zu erhalten, so z. B. durch Videoclips, Musik, Bewegungen, Änderungen im Tonfall und Lautstärke, Nutzung von Spannungspausen, unübliche Kleidung, unübliche Fakten zu Beginn der Stunde, persönliche Geschichten und vieles mehr. Sie sagt, dass das RAS durch „Neuheit, Neugier, Überraschung, Unerwartetes und Veränderung” beeinflusst werden können.</p> <p>Ich habe mich gefragt, wie in anderen Bereichen Spannung erzeugt wird und habe einige Methoden gefunden, die Autor/innen anwenden, um den Leser/die Leserin auf den ersten Seiten für das Buch zu fesseln und im Laufe des Texts „bei der Stange“ zu halten. Meines Erachtens sind einige dieser Methoden sehr gut auf die Lehrsituation übertragbar:</p> <ol> <li>Gute Autoren fesseln ihre Leser/innen, indem sie die Aufmerksamkeit auf die Zukunft lenken und durch das angedeutete zukünftige Ereignis Spannung erzeugen: Zukünftig wird etwas Spannendes geschehen (Mehler 2013):. Sätze wie: „Hätte ich gewusst, was auf mich zukommt, wäre mir das Blut in den Adern gefroren“ versetzen die Leser/innen in Spannung, bis sie wissen, was auf die Erzählerin zugekommen ist. So könnte die Lehrperson zu Beginn der Stunde sagen, dass die Schüler/innen sich am Ende der Stunde wundern werden, wie die Lösung ist oder ähnliches. Ich beginne meine Seminare manchmal mit dem Satz: „Heute habe ich Ihnen etwas Spannendes mitgebracht“ Bis kürzlich eine Studierende erwiderte: „Oh, das sagen Sie jedes Mal!“ ;-).</li> <li><span>Spannende Texte arbeiten häufig mit einem Geheimnis: Das mysteriöse Nicht-Wissen zieht magisch an (Mehler 2013). Ein ungelesener Brief, ein unbekannter Feind, ein Kästchen, Satz oder Wort: Vielleicht kennen Sie den Film Citizen Kane, in dem ein Reporter nach der Bedeutung des letzten Wortes eines Medienmoguls sucht: Rosebud – ein spannender Film. Bevor in einem Buch oder Film das Geheimnis gelüftet wird, wird häufig ein zweites Geheimnis eingeführt, um den Spannungsbogen hoch zu halten und die Leser/innen zu fesseln. So könnten wir uns z. B. einen Vortrag vorstellen, der mit einem Tagebucheintrag eines Menschen beginnt und die Zuhörer/innen nach und nach herausfinden, was aus dem Schreiber im Laufe der Zeit geworden ist.</span></li> <li>Action erzeugt Spannung: Das bedeutet in Büchern und Filmen oft, viel Handlung gegen die Zeit (Mehler 2013). So kann ebenso im Seminar Action durch Zeitdruck erzeugt werden, z.B. Heute versuchen wir, das ganze Buch fertig zu lesen, wir füllen jetzt ganz schnell diese Tabelle, bis 9:30 Uhr sind wir fertig. Oder auch im Wechsel mit ruhigeren Phasen kann die Spannungskurve austariert werden. Immer wenn es droht langweilig zu werden, braucht Lehre einen Spannungswechsel: Als Methodenwechsel, Wechsel im Tempo oder als Spannung zwischen unterschiedlichen Positionen: z. B. Held gegen Bösewicht.</li> </ol> <p>Spannung erzeugt demnach Aufmerksamkeit. Und Spannung bedeutet, Fragen aufzuwerfen, die die Gesprächspartner/innen, Seminarteilnehmer/innen, die Studierenden oder Schülerinnen und Schüler beantwortet haben wollen. Darüber hinaus können wir die endogene Aufmerksamkeit der Lernenden unterstützen, indem wir ihnen beibringen, alle störenden Außenreize auszuschalten (Mobile, Soc Media usw), sich auf eine Sache zunächst über kurze Zeiträume und dann über immer längere Phasen ganz einzulassen und sich somit aufmerksam zu fokussieren.</p> <p>Und noch ein Tipp zum Schluss: Das Außergewöhnliche erregt immer Aufmerksamkeit, während das Durchschnittliche meist Langeweile hervorruft. Schräge Ideen, etwas ausprobieren, kühne Visionen, Superkräfte, große Tragik oder Freude… Lehrende, die mutig sind und keine Angst haben, sich lächerlich zu machen, sind hier sicherlich im Vorteil.</p> <p>Ein Workbook zum Thema sowie einen Selbsttest finden Sie auf der <a href="https://www.brohm-badry.de/blog-motivation-neurowissenschaften-zukunftsmanagement/">Website</a> der Autorin.</p> <p><strong>Literatur</strong></p> <p>Bear, Maik; Connors, Barry; Paradiso, Michael (2018): Neurowissenschaften.</p> <p>Jänicke, Lutz, (2021): Lehrbuch Kognitive Neurowissenschaften, 3. Aufl. 2021, S. 529).</p> <p>Kampfhammer, Josef P., (2000) Lexikon der Neurowissenschaft, Plastizität im Nervensystem</p> <p>Essay. Spektrum <a href="https://www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/plastizitaet-im-nervensystem/9979">https://www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/plastizitaet-im-nervensystem/9979</a>.</p> <p>Mehler, HA. A. (2013): Wie schreibt man einen Bestseller?</p> <p>Merzenich, Michael (2014): How DOES an Older Brain Remodel Itself?!</p> <p>Ten fundamental principles of brain plasticity</p> <p><a href="https://www.soft-wired.com/ch10/">https://www.soft-wired.com/ch10/</a></p> <p>Willis, Judy und Malana Willis (2020). <em>Research-Based Strategies to Ignite Student Learning: Insights from Neuroscience and the Classroom, Revised and Expanded Edition</em>. ASCD.</p> <p>Foto: (C) Shutterstock.com</p> <p>Website <a href="https://www.brohm-badry.de/">Brohm-Badry</a></p> <p>Website <a href="https://www.uni-trier.de/universitaet/fachbereiche-faecher/fachbereich-i/faecher-und-institute/erziehungs-und-bildungswissenschaften/bildungswissenschaften/abteilungen/bildungswissenschaften-ii/professur-1">Brohm-Badry</a> Universität Trier</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Wach, präsent, veränderbar: Die Rolle der Aufmerksamkeit fürs Gehirn » Positive Psychologie und Motivation » SciLogs</h1><h2>By Michaela Brohm-Badry</h2><div itemprop="text"> <p>Hinweise für Lehrende, Trainer, Coaches und Berater</p> <p>Michaela Brohm-Badry</p> <p><strong>Aufmerksamkeit, Lernen und Neuroplastizität hängen sehr eng zusammen. Unser Gehirn entwickelt sich lernend plastisch weiter, wenn es optimale Bedingungen findet: Wir sind aufmerksam für etwas, weil es uns wichtig ist und wir annehmen, die Aufgabe bewältigen können.</strong></p> <p><strong>In diesem Blog möchte ich zunächst über die Neuroplastizität sprechen, anschließend Überlegungen zur Aufmerksamkeit anstellen, dann beide Perspektiven verbinden und schließlich darauf eingehen, was wir tun können um unsere eigene Aufmerksamkeit und diejenige unserer Lernenden im Unterricht, Training, Seminar oder Vortrag zu steigern.</strong><aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie.jpeg"><img alt="Gehirn_Neuroplastizität_Brohm-Badry" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-1024x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-1024x1024.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-300x300.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-150x150.jpeg 150w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-768x768.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie-1536x1536.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/files/gehirn02_rot_shutterstock_1644015649-Kopie.jpeg 2000w" width="1024"></img></a></figure> <p><strong>Was ist Neuroplastizität?</strong></p> <p>Unser Gehirn passt sich ein Leben lang an unsere gemachten Erfahrungen an. Es reagiert damit auf Herausforderungen und bereitet uns auf ähnliche, folgende Herausforderungen vor. Diese Anpassungen werden in der Gehirnforschung „Neuroplastizität“ genannt. In der frühen Kindheit ist diese Plastizität am höchsten, sie hält aber bis zum letzten Atemzug an.</p> <p>Die genetische Veranlagung bildet zwar die Ausgangsbasis, doch wie stark und umfangreich die Gene aktiviert werden, hängt von weiteren Faktoren ab, wie insbesondere den Erfahrungen und dem Leben in einem langweiligen, reizarmen, oder, – viel besser fürs Gehirn – spannenden Umfeld mit neuen Impulsen.</p> <p>Die Neurowissenschaften unterscheiden zwei Formen der Neuroplastizität: die funktionell und die strukturelle Plastizität.</p> <p>Die <em>funktionelle Plastizität</em> ändert die Effizienz der synaptischen Übertragung zwischen den Neuronen durch den Umbau oder Aufbau von Rezeptoren (wie kleine Steckverbindungen zwischen den Neuronen). Die Schnelligkeit der synaptischen Übertragung von Informationen wird demnach modifiziert.</p> <p>Die <em>strukturelle Plastizität</em> hingegen verändert das Gehirn anatomisch, also wirklich in seiner Struktur – die Dichte und oder das Volumen ganzer Gehirnareale verändert sich, z. B. der grauen und weißen Substanz (im äußeren Teil des Gehirns), die Dicke der Hirnrinde oder die Form der Windungen (Gyri) (Jäncke 2021, S. 529ff) – und das nicht nur nachweisbar bei Musikern oder Sportlern, sondern bei jedem Menschen, denn das Lernen initiiert solche plastischen Prozesse ein Leben lang.</p> <p><strong>Was ist Aufmerksamkeit?</strong></p> <p>Aufmerksamkeit, so Bear, Connors, Paradis (2018) wird im Gegensatz zu einem allgemeinen Erregungszustand, der unspezifisch ist, oft als selektive Aufmerksamkeit bezeichnet (ebda S. 782). Selektive Aufmerksamkeit ist die „Fähigkeit, sich auf einen bestimmten Aspekt des sensorischen Inputs zu konzentrieren“ (ebda S. 778). Durch die selektive Aufmerksamkeit können wir einen Teil der auf uns einströmenden Informationen bevorzugt verarbeiten und den Rest ignorieren (ebda S. 778).</p> <p>Richten wir unseren Fokus beispielsweise jetzt auf das, was schön ist in unserem Leben oder unserer Umgebung (ein schönes Bild, der schlafender Husky neben dem Schreibtisch oder die Pflanze weiter rechts), ignorieren wir tendenziell das, was uns nicht gefällt (unaufgeräumte Aktenberge oder Staub auf der Lampe). Je nachdem, wohin wir den Fokus richten, nehmen wir wahr. Und je zentrierter der Fokus, desto tiefer die Wahrnehmung.</p> <p>Im Ruhezustand sind im Gehirn Areale aktiv, die als „Default-Mode-Netzwerk“ (Ruhezustandsnetzwerk) bezeichnet werden. Es sind unter anderem der mediale präfrontale Cortex (Stirnbereich) und der Hippocampus (eine kleine Struktur in den Schläfen, die aussieht wie ein Seepferdchen). Dieses Netzwerk ist im Ruhezustand aktiver als bei herausfordernden Aufgaben. Wechselt der Aufmerksamkeitsmodus vom Ruhezustand in den Aufmerksamkeitszustand, vermindert sich die Aktivität im Default-Mode-Netzwerk und erhöht sich in denjenigen Netzwerken, die für die spezifische Aktivität gebraucht werden (z.B. visuell oder auditiv). Diese Aktivität bezieht sich entweder auf die Wahrnehmung betreffend (perzeptorische) oder das Körperempfindungen verarbeitend (sensorische) Aufgaben.</p> <p>Zwei Formen der Aufmerksamkeit werden unterschieden: die exogene und die endogene Aufmerksamkeit. Exogene Aufmerksamkeit ist die durch äußere Reize erregte Aufmerksamkeit, die z. B. durch auffällige Färbung, Lichtreflexe oder Bewegungen unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. Endogene Aufmerksamkeit lenkt die Aufmerksamkeit vom Gehirn „bewusst auf ein Objekt oder einen Ort“, um gezielt „einem Verhalten zu dienen“ (Bear, Conners, Paradise 2018, S. 783). Und diese können wir bewusst steuern, indem wir uns fokussiert einlassen auf jemanden oder etwas.</p> <p><strong>Wie hängen Aufmerksamkeit und Neuroplastizität zusammen?</strong></p> <p>Durch erhöhte Aufmerksamkeit, werden andere Wahrnehmungen beschränkt, <em>wodurch die Geschwindigkeit und Präzision der Verarbeitung zunehmen</em> (ebda S. 782). <em>Wir können also die Dinge schneller und Präziser erledigen, wenn wir aufmerksam sind. </em>Aufmerksamkeit erhöht das Arousal und stärkt die Merkfähigkeit wodurch sie ein wichtiger Schlüssel zur Neuroplastizität ist. Judy Willis legt in ihrem Band Researched based strategies to ignite students learning (2020) dar, dass Aufmerksamkeit eine Grundbedingung des Lernens ist. Es ist wichtig, das Interesse der Zuhörenden, Studierenden oder Schüler/innen zu wecken, damit der Torwächter des Retikulären Aktivierungssystems (RAS) – ein Nervenstrang vom Hirnstamm bis zum Mittelhirn, der wie ein Filtersystem für das Gehirn ist – geöffnet bleibt und Lernen über das Limbische System im präfrontalen Cortex reflektiert werden kann.</p> <p>Der Neurotransmitter Acetylcholin spielt bei diesem Prozess eine zentrale Rolle. „Acetylcholin wird freigesetzt, wenn man ein bestimmtes Verhalten ausführt (Aufmerksamkeit) oder wenn das Gehirn einen neuen Reiz erhält“. Mit der Freisetzung von Acetylcholin ist „der Filter offen“, und zwar bis zu mehreren Minuten lang. (Merzenich 2014).</p> <p>Das Gehirn wird somit aktiviert und die plastischen Prozesse für die nächsten Minuten ermöglicht. Darüber hinaus aktivieren neuartige Reize die Produktion von Noradrenalin (ebenfalls ein Neurotransmitter), was das positive Erregungsniveau erhöht. Merzenich stellte in eigenen Untersuchungen fest, dass wenn etwas den Versuchstieren <em>wirklich wichtig war</em>, <em>große Veränderungen in deren Gehirnen auftraten, während</em> <em>wenn etwas irrelevant war</em>, <em>keine Veränderungen auftraten</em>. (Merzenich 2014). Auch war die Stärke der Anstrengung für die Neuroplastizität entscheidend: Je härter und konzentrierter die Tiere an einer Aufgabe arbeiten mussten, desto stärker war der neuronale Effekt.</p> <p><strong>Was wir tun können, um Aufmerksamkeit /Interesse zu wecken</strong></p> <p>Aus dem gesagten ergeben sich vorrangig drei Konsequenzen:</p> <ul> <li>Die (Lern)inhalte sollten Aufmerksamkeit erregen,</li> <li>Die Aufmerksamkeit sollte im Lernprozess erhalten bleiben, indem <ul> <li>die Relevanz des Inhalts hoch ist (wichtig!) und</li> <li>die Aufgabe nicht zu leicht zu bewältigen ist.</li> </ul> </li> <li>Die Aufmerksamkeit kann durch äußere Impulse erregt werden (exogene Aufmerksamkeit), oder durch bewusste innere Fixierung auf eine Aufgabe (endogene Aufmerksamkeit). Beides kann durch die Lehrperson unterstützt werden.</li> </ul> <p>Bezüglich der exogenen Aufmerksamkeit nennt Judy Willis zahlreiche Möglichkeiten, die Aufmerksamkeit im Unterricht zu gewinnen und aufrecht zu erhalten, so z. B. durch Videoclips, Musik, Bewegungen, Änderungen im Tonfall und Lautstärke, Nutzung von Spannungspausen, unübliche Kleidung, unübliche Fakten zu Beginn der Stunde, persönliche Geschichten und vieles mehr. Sie sagt, dass das RAS durch „Neuheit, Neugier, Überraschung, Unerwartetes und Veränderung” beeinflusst werden können.</p> <p>Ich habe mich gefragt, wie in anderen Bereichen Spannung erzeugt wird und habe einige Methoden gefunden, die Autor/innen anwenden, um den Leser/die Leserin auf den ersten Seiten für das Buch zu fesseln und im Laufe des Texts „bei der Stange“ zu halten. Meines Erachtens sind einige dieser Methoden sehr gut auf die Lehrsituation übertragbar:</p> <ol> <li>Gute Autoren fesseln ihre Leser/innen, indem sie die Aufmerksamkeit auf die Zukunft lenken und durch das angedeutete zukünftige Ereignis Spannung erzeugen: Zukünftig wird etwas Spannendes geschehen (Mehler 2013):. Sätze wie: „Hätte ich gewusst, was auf mich zukommt, wäre mir das Blut in den Adern gefroren“ versetzen die Leser/innen in Spannung, bis sie wissen, was auf die Erzählerin zugekommen ist. So könnte die Lehrperson zu Beginn der Stunde sagen, dass die Schüler/innen sich am Ende der Stunde wundern werden, wie die Lösung ist oder ähnliches. Ich beginne meine Seminare manchmal mit dem Satz: „Heute habe ich Ihnen etwas Spannendes mitgebracht“ Bis kürzlich eine Studierende erwiderte: „Oh, das sagen Sie jedes Mal!“ ;-).</li> <li><span>Spannende Texte arbeiten häufig mit einem Geheimnis: Das mysteriöse Nicht-Wissen zieht magisch an (Mehler 2013). Ein ungelesener Brief, ein unbekannter Feind, ein Kästchen, Satz oder Wort: Vielleicht kennen Sie den Film Citizen Kane, in dem ein Reporter nach der Bedeutung des letzten Wortes eines Medienmoguls sucht: Rosebud – ein spannender Film. Bevor in einem Buch oder Film das Geheimnis gelüftet wird, wird häufig ein zweites Geheimnis eingeführt, um den Spannungsbogen hoch zu halten und die Leser/innen zu fesseln. So könnten wir uns z. B. einen Vortrag vorstellen, der mit einem Tagebucheintrag eines Menschen beginnt und die Zuhörer/innen nach und nach herausfinden, was aus dem Schreiber im Laufe der Zeit geworden ist.</span></li> <li>Action erzeugt Spannung: Das bedeutet in Büchern und Filmen oft, viel Handlung gegen die Zeit (Mehler 2013). So kann ebenso im Seminar Action durch Zeitdruck erzeugt werden, z.B. Heute versuchen wir, das ganze Buch fertig zu lesen, wir füllen jetzt ganz schnell diese Tabelle, bis 9:30 Uhr sind wir fertig. Oder auch im Wechsel mit ruhigeren Phasen kann die Spannungskurve austariert werden. Immer wenn es droht langweilig zu werden, braucht Lehre einen Spannungswechsel: Als Methodenwechsel, Wechsel im Tempo oder als Spannung zwischen unterschiedlichen Positionen: z. B. Held gegen Bösewicht.</li> </ol> <p>Spannung erzeugt demnach Aufmerksamkeit. Und Spannung bedeutet, Fragen aufzuwerfen, die die Gesprächspartner/innen, Seminarteilnehmer/innen, die Studierenden oder Schülerinnen und Schüler beantwortet haben wollen. Darüber hinaus können wir die endogene Aufmerksamkeit der Lernenden unterstützen, indem wir ihnen beibringen, alle störenden Außenreize auszuschalten (Mobile, Soc Media usw), sich auf eine Sache zunächst über kurze Zeiträume und dann über immer längere Phasen ganz einzulassen und sich somit aufmerksam zu fokussieren.</p> <p>Und noch ein Tipp zum Schluss: Das Außergewöhnliche erregt immer Aufmerksamkeit, während das Durchschnittliche meist Langeweile hervorruft. Schräge Ideen, etwas ausprobieren, kühne Visionen, Superkräfte, große Tragik oder Freude… Lehrende, die mutig sind und keine Angst haben, sich lächerlich zu machen, sind hier sicherlich im Vorteil.</p> <p>Ein Workbook zum Thema sowie einen Selbsttest finden Sie auf der <a href="https://www.brohm-badry.de/blog-motivation-neurowissenschaften-zukunftsmanagement/">Website</a> der Autorin.</p> <p><strong>Literatur</strong></p> <p>Bear, Maik; Connors, Barry; Paradiso, Michael (2018): Neurowissenschaften.</p> <p>Jänicke, Lutz, (2021): Lehrbuch Kognitive Neurowissenschaften, 3. Aufl. 2021, S. 529).</p> <p>Kampfhammer, Josef P., (2000) Lexikon der Neurowissenschaft, Plastizität im Nervensystem</p> <p>Essay. Spektrum <a href="https://www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/plastizitaet-im-nervensystem/9979">https://www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/plastizitaet-im-nervensystem/9979</a>.</p> <p>Mehler, HA. A. (2013): Wie schreibt man einen Bestseller?</p> <p>Merzenich, Michael (2014): How DOES an Older Brain Remodel Itself?!</p> <p>Ten fundamental principles of brain plasticity</p> <p><a href="https://www.soft-wired.com/ch10/">https://www.soft-wired.com/ch10/</a></p> <p>Willis, Judy und Malana Willis (2020). <em>Research-Based Strategies to Ignite Student Learning: Insights from Neuroscience and the Classroom, Revised and Expanded Edition</em>. ASCD.</p> <p>Foto: (C) Shutterstock.com</p> <p>Website <a href="https://www.brohm-badry.de/">Brohm-Badry</a></p> <p>Website <a href="https://www.uni-trier.de/universitaet/fachbereiche-faecher/fachbereich-i/faecher-und-institute/erziehungs-und-bildungswissenschaften/bildungswissenschaften/abteilungen/bildungswissenschaften-ii/professur-1">Brohm-Badry</a> Universität Trier</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/wach-praesent-veraenderbar-die-rolle-der-aufmerksamkeit-fuers-gehirn/#comments 6 Feuerstein der Schreibkreide – das Sedimentärgeschiebe des Jahres 2025 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/feuerstein-der-schreibkreide-das-sedimentaergeschiebe-des-jahres-2025/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/feuerstein-der-schreibkreide-das-sedimentaergeschiebe-des-jahres-2025/#respond Wed, 20 Aug 2025 20:03:26 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3698 <h1>Feuerstein der Schreibkreide – das Sedimentärgeschiebe des Jahres 2025 » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p><br></br>Das Sedimentärgeschiebe des Jahrs 2025 kennt vermutlich jeder. Der schwarze Feuerstein ist eines der häufigsten und am weitesten verbreiteten Geschiebe. Er kommt überall dort vor, wo Schreibkreide ansteht, und diese kommt im Norden relativ weitflächig vor. Das Gestein ist ziemlich zäh und deutlich besser gerüstet, einen Transport durch Gletschereis zu überstehen, als die Schreibkreide. So kommt der schwarze Feuerstein auch überall dort vor, wo ihn die eiszeitlichen Gletscher wieder abgelagert haben. Bei dem Sedimentärgeschiebe des Jahres handelt es sich um die Feuersteine der Schreibkreide. Vieles, was für diese gilt, lässt sich jedoch auch auf andere Feuersteinvorkommen übertragen.</p> <p>Feuerstein ist nicht nur ein sehr hartes, sondern auch ein hervorragend spaltbares Gestein. Dabei entstehen teilweise sehr scharfe Schlagkanten. Das hat der Mensch sehr schnell bemerkt und das Gestein als Rohmaterial genutzt, um daraus Werkzeuge und Waffen zu fertigen. Damit hat das Gestein wohl auch eine bedeutende Rolle in unserer Geschichte gespielt. Auch in der Erforschung der Eiszeiten spielt der Feuerstein eine Rolle. Als sogenannte Feuersteinlinie zeichnet er die maximale Ausdehnung der skandinavischen Gletscher nach.</p> <h2 id="h-was-ist-feuerstein">Was ist Feuerstein?</h2> <p>Feuerstein besteht fast ausschließlich aus Siliciumdioxid in Form von sehr feinkörnigem, dichtem Quarz (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Chalcedon_(Mineral)">Chalcedon</a>) oder wasserhaltigem (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mog%C3%A1nit">Mogánit</a>) bzw. amorphen (Opal) SiO₂-Variationen. Seine Farbe erhält der Feuerstein durch Beimengungen verschiedener anderer Bestandteile, wie etwa Hämatit bei rötlichen Variationen. Der hier als Geschiebe des Jahres behandelte Feuerstein der Schreibkreide ist meist schwarz, mit helleren, ins Graue spielenden Bereichen. Bänderungen sind selten zu beobachten.</p> <p>Frisch aus dem Anstehenden oder bei vom Gletschertransport nicht zu stark beanspruchten Geschieben zeigt sich oft eine bis zu 3 mm dicke, weißliche Rinde. Diese auch als Cortex bezeichnete Schicht besteht nicht aus dem umgebenden Kalk der Schreibkreide, sondern aus Opal-CT [1]. Bei den Feuersteinen der Schreibkreide ist dieser Cortex in der Regel relativ glatt.</p> <h2 id="h-wie-ist-der-feuerstein-entstanden"><br></br>Wie ist der Feuerstein entstanden?</h2> <p>Die Entstehung von Feuerstein und ähnlichen Strukturen in anderen, älteren kalkigen Sedimenten (Hornstein) ist noch nicht abschließend geklärt. Der Grundtenor der verschiedenen Hypothesen ist jedoch, dass während der Diagenese kieselsäurehaltige Lösungen in den Sedimenten ausfallen und die Karbonatminerale verdrängen. Relikte von Organismen wie Kieselschwämme und Diatomeen in den Feuersteinen deuten auf einen organischen Ursprung der Lösungen hin [2][3][4][5].<br></br>Die Diagenese dieser kieselsäurehaltigen Lösungen zu Feuerstein verläuft über amorphen Opal-A und Opal-CT, der als wasserhaltige Vorstufe des Feuersteins betrachtet wird.<aside></aside></p> <p>Mit zunehmender Dehydrierung wird aus dem Opal-CT (SiO₂·nH₂O) der heutige Feuerstein. Dieser Prozess läuft von innen nach außen ab und nimmt vermutlich einige Jahrmillionen in Anspruch.</p> <figure><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1164" sizes="(max-width: 1708px) 100vw, 1708px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Fintstonep.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Fintstonep.jpg 1708w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Fintstonep-300x204.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Fintstonep-1024x698.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Fintstonep-768x523.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Fintstonep-1536x1047.jpg 1536w" width="1708"></img><figcaption><em>Anschnitt einer Feuersteinknolle. Auffällig ist die hier sehr ausgeprägte weiße Rinde. No machine-readable author provided. Anton~commonswiki assumed (based on copyright claims). (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fintstonep.jpg">https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fintstonep.jpg</a>), „Fintstonep“, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode">https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode</a></em></figcaption></figure> <h2 id="h-wo-kommt-feuerstein-vor">Wo kommt Feuerstein vor?</h2> <p>Feuerstein findet sich in zahlreichen Ablagerungen des Jura und der Kreide. Ein bekanntes Beispiel für anstehenden Feuerstein in Deutschland sind die Kreidefelsen von Rügen. Aber auch an anderen Kreidevorkommen kann man Feuerstein finden, beispielsweise in Hemmoor, auf Helgoland (Düne) oder in Lägerdorf.</p> <p>Da Feuerstein gegenüber Verwitterung und Transport durch Gletscher deutlich resistenter ist als sein Muttergestein, die Schreibkreide, kann er sehr weit transportiert werden. Berücksichtigt man zudem die recht weite Verbreitung der Kreide in Deutschland und Skandinavien, wird die weite Verbreitung und die Häufigkeit, mit der Feuerstein in den eiszeitlichen Ablagerungen zu finden ist, verständlich. Hinzu kommt sein charakteristisches Aussehen, das eine Wiedererkennung selbst für wenig geübte Menschen einfach macht.</p> <figure><div> <a href="https://flic.kr/p/fmhNGd"><img alt="Rügen - Kreideklippen" decoding="async" height="800" src="https://live.staticflickr.com/5533/9418603540_7f6bcb0c88_c.jpg" width="600"></img></a> </div><figcaption><em>Feuersteinlagen in den Kreideklippen auf Rügen. Eigenes Foto</em></figcaption></figure> <p>Aufgrund seiner Verwitterungsbeständigkeit und der Tatsache, dass Feuerstein in weiten Teilen Deutschlands nicht vorkommt, ist er auch ein idealer Indikator für die maximale Ausdehnung der eiszeitlichen Gletscher. Selbst wenn die ursprünglichen Moränen der Elster-Vereisung der Erosion zum Opfer gefallen sind, lässt sich mithilfe des Feuersteins die maximale Ausdehnung der Gletscher ermitteln. Diese Linie wird <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Feuersteinlinie">Feuersteinlinie</a> genannt und verläuft grob über die Städte Wernigerode, Nordhausen, Zwickau, Chemnitz, Freital und Bad Schandau von der Nordsee über die nördlichen Ausläufer des Teutoburger Waldes und den Harz.</p> <h2 id="h-feuerstein-als-geschiebe">Feuerstein als Geschiebe</h2> <p>Feuerstein ist, wie bereits oben gesagt, als Geschiebe nicht selten. Als solcher ist er auch relativ gut und einfach erkennbar. Die einzelnen Feuersteintypen lassen sich jedoch nicht so einfach voneinander unterscheiden [6]. Neben dem hier behandelten Feuerstein aus der Schreibkreide kommen im Bereich der nordischen Geschiebe auch andere Feuersteine vor, zum Beispiel der Dan-Feuerstein aus dem Paläozän, der Kristianstad-Feuerstein, auch Hanaskog-Flint genannt, aus dem Campan/Maastricht in Schweden, der Kinnekulle-Flint aus dem Oberkambrium oder die ordovizische Flinte aus Südschweden.</p> <p>Unser Feuerstein der Schreibkreide stammt aus dem Anstehenden der Schreibkreide, die größere Gebiete Nordjütlands, aber auch Südwestschweden, Mön, Ostseeland oder Rügen aufbaut.</p> <p>Was Feuerstein für Sammler besonders interessant macht, ist neben seiner vergleichsweise leichten Erkennbarkeit sein Fossilgehalt. Diese können dabei sehr vielfältig sein.</p> <p>Nicht unerwähnt bleiben sollen hier natürlich auch die sogenannten Hühnergötter. Dabei handelt es sich um Feuersteine mit natürlichen Löchern, die im Volksglauben bei der Gartengestaltung eine Rolle spielen. Ihre etwas größeren Gegenstücke sind die Sassnitzer Blumentöpfe. Diese großen Feuersteine mit ihrem zentralen Hohlraum werden vor allem auf Rügen dekorativ bepflanzt in der Gartengestaltung verwendet.</p> <h2 id="h-references">References</h2> <ul> <li>[1] <strong>Fröhlich, F.</strong> (<strong>2020</strong>). <em>The opal-CT nanostructure</em>, Journal of Non-Crystalline Solids 533 : 119938.</li> <li>[2] <strong>Rutten, M. G.</strong> (<strong>1957</strong>). <em>Remarks on the genesis of flints</em>, American Journal of Science 255 : 432-439.</li> <li>[3] <strong>Voigt, E.</strong> (<strong>1981</strong>). <em>Über die Zeit der Bildung der Feuersteine in der oberen Kreide</em>, Staringia 6 : 11-16.</li> <li>[4] <strong>Zijlstra, H.</strong> (<strong>1995</strong>). <em>Origin and growth of flint nodules</em>, Lecture Notes in Earth Sciences, Berlin Springer Verlag 54 : 51-66.</li> <li>[5] <strong>Lindgreen, H.; Drits, V.; Salyn, A.; Jakobsen, F. and Springer, N.</strong> (<strong>2011</strong>). <em>Formation of flint horizons in North Sea chalk through marine sedimentation of nano-quartz</em>, Clay Minerals 46 : 525-537.</li> <li>[6] <strong>Högberg, A.; Olausson, D. and Hughes, R.</strong> (<strong>2012</strong>). <em>Many different types of Scandinavian flint–visual classification and energy dispersive X-ray fluorescence</em>, Fornvännen 107 : 225-240.</li> <li>[7] <strong>KLAFACK, R.</strong> (). <em>Über” Hühnergötter” und” Saßnitzer Blumentöpfe</em>, Geschiebekunde aktuell 10 : 117.</li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Feuerstein der Schreibkreide – das Sedimentärgeschiebe des Jahres 2025 » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p><br></br>Das Sedimentärgeschiebe des Jahrs 2025 kennt vermutlich jeder. Der schwarze Feuerstein ist eines der häufigsten und am weitesten verbreiteten Geschiebe. Er kommt überall dort vor, wo Schreibkreide ansteht, und diese kommt im Norden relativ weitflächig vor. Das Gestein ist ziemlich zäh und deutlich besser gerüstet, einen Transport durch Gletschereis zu überstehen, als die Schreibkreide. So kommt der schwarze Feuerstein auch überall dort vor, wo ihn die eiszeitlichen Gletscher wieder abgelagert haben. Bei dem Sedimentärgeschiebe des Jahres handelt es sich um die Feuersteine der Schreibkreide. Vieles, was für diese gilt, lässt sich jedoch auch auf andere Feuersteinvorkommen übertragen.</p> <p>Feuerstein ist nicht nur ein sehr hartes, sondern auch ein hervorragend spaltbares Gestein. Dabei entstehen teilweise sehr scharfe Schlagkanten. Das hat der Mensch sehr schnell bemerkt und das Gestein als Rohmaterial genutzt, um daraus Werkzeuge und Waffen zu fertigen. Damit hat das Gestein wohl auch eine bedeutende Rolle in unserer Geschichte gespielt. Auch in der Erforschung der Eiszeiten spielt der Feuerstein eine Rolle. Als sogenannte Feuersteinlinie zeichnet er die maximale Ausdehnung der skandinavischen Gletscher nach.</p> <h2 id="h-was-ist-feuerstein">Was ist Feuerstein?</h2> <p>Feuerstein besteht fast ausschließlich aus Siliciumdioxid in Form von sehr feinkörnigem, dichtem Quarz (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Chalcedon_(Mineral)">Chalcedon</a>) oder wasserhaltigem (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mog%C3%A1nit">Mogánit</a>) bzw. amorphen (Opal) SiO₂-Variationen. Seine Farbe erhält der Feuerstein durch Beimengungen verschiedener anderer Bestandteile, wie etwa Hämatit bei rötlichen Variationen. Der hier als Geschiebe des Jahres behandelte Feuerstein der Schreibkreide ist meist schwarz, mit helleren, ins Graue spielenden Bereichen. Bänderungen sind selten zu beobachten.</p> <p>Frisch aus dem Anstehenden oder bei vom Gletschertransport nicht zu stark beanspruchten Geschieben zeigt sich oft eine bis zu 3 mm dicke, weißliche Rinde. Diese auch als Cortex bezeichnete Schicht besteht nicht aus dem umgebenden Kalk der Schreibkreide, sondern aus Opal-CT [1]. Bei den Feuersteinen der Schreibkreide ist dieser Cortex in der Regel relativ glatt.</p> <h2 id="h-wie-ist-der-feuerstein-entstanden"><br></br>Wie ist der Feuerstein entstanden?</h2> <p>Die Entstehung von Feuerstein und ähnlichen Strukturen in anderen, älteren kalkigen Sedimenten (Hornstein) ist noch nicht abschließend geklärt. Der Grundtenor der verschiedenen Hypothesen ist jedoch, dass während der Diagenese kieselsäurehaltige Lösungen in den Sedimenten ausfallen und die Karbonatminerale verdrängen. Relikte von Organismen wie Kieselschwämme und Diatomeen in den Feuersteinen deuten auf einen organischen Ursprung der Lösungen hin [2][3][4][5].<br></br>Die Diagenese dieser kieselsäurehaltigen Lösungen zu Feuerstein verläuft über amorphen Opal-A und Opal-CT, der als wasserhaltige Vorstufe des Feuersteins betrachtet wird.<aside></aside></p> <p>Mit zunehmender Dehydrierung wird aus dem Opal-CT (SiO₂·nH₂O) der heutige Feuerstein. Dieser Prozess läuft von innen nach außen ab und nimmt vermutlich einige Jahrmillionen in Anspruch.</p> <figure><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1164" sizes="(max-width: 1708px) 100vw, 1708px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Fintstonep.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Fintstonep.jpg 1708w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Fintstonep-300x204.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Fintstonep-1024x698.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Fintstonep-768x523.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Fintstonep-1536x1047.jpg 1536w" width="1708"></img><figcaption><em>Anschnitt einer Feuersteinknolle. Auffällig ist die hier sehr ausgeprägte weiße Rinde. No machine-readable author provided. Anton~commonswiki assumed (based on copyright claims). (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fintstonep.jpg">https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fintstonep.jpg</a>), „Fintstonep“, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode">https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode</a></em></figcaption></figure> <h2 id="h-wo-kommt-feuerstein-vor">Wo kommt Feuerstein vor?</h2> <p>Feuerstein findet sich in zahlreichen Ablagerungen des Jura und der Kreide. Ein bekanntes Beispiel für anstehenden Feuerstein in Deutschland sind die Kreidefelsen von Rügen. Aber auch an anderen Kreidevorkommen kann man Feuerstein finden, beispielsweise in Hemmoor, auf Helgoland (Düne) oder in Lägerdorf.</p> <p>Da Feuerstein gegenüber Verwitterung und Transport durch Gletscher deutlich resistenter ist als sein Muttergestein, die Schreibkreide, kann er sehr weit transportiert werden. Berücksichtigt man zudem die recht weite Verbreitung der Kreide in Deutschland und Skandinavien, wird die weite Verbreitung und die Häufigkeit, mit der Feuerstein in den eiszeitlichen Ablagerungen zu finden ist, verständlich. Hinzu kommt sein charakteristisches Aussehen, das eine Wiedererkennung selbst für wenig geübte Menschen einfach macht.</p> <figure><div> <a href="https://flic.kr/p/fmhNGd"><img alt="Rügen - Kreideklippen" decoding="async" height="800" src="https://live.staticflickr.com/5533/9418603540_7f6bcb0c88_c.jpg" width="600"></img></a> </div><figcaption><em>Feuersteinlagen in den Kreideklippen auf Rügen. Eigenes Foto</em></figcaption></figure> <p>Aufgrund seiner Verwitterungsbeständigkeit und der Tatsache, dass Feuerstein in weiten Teilen Deutschlands nicht vorkommt, ist er auch ein idealer Indikator für die maximale Ausdehnung der eiszeitlichen Gletscher. Selbst wenn die ursprünglichen Moränen der Elster-Vereisung der Erosion zum Opfer gefallen sind, lässt sich mithilfe des Feuersteins die maximale Ausdehnung der Gletscher ermitteln. Diese Linie wird <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Feuersteinlinie">Feuersteinlinie</a> genannt und verläuft grob über die Städte Wernigerode, Nordhausen, Zwickau, Chemnitz, Freital und Bad Schandau von der Nordsee über die nördlichen Ausläufer des Teutoburger Waldes und den Harz.</p> <h2 id="h-feuerstein-als-geschiebe">Feuerstein als Geschiebe</h2> <p>Feuerstein ist, wie bereits oben gesagt, als Geschiebe nicht selten. Als solcher ist er auch relativ gut und einfach erkennbar. Die einzelnen Feuersteintypen lassen sich jedoch nicht so einfach voneinander unterscheiden [6]. Neben dem hier behandelten Feuerstein aus der Schreibkreide kommen im Bereich der nordischen Geschiebe auch andere Feuersteine vor, zum Beispiel der Dan-Feuerstein aus dem Paläozän, der Kristianstad-Feuerstein, auch Hanaskog-Flint genannt, aus dem Campan/Maastricht in Schweden, der Kinnekulle-Flint aus dem Oberkambrium oder die ordovizische Flinte aus Südschweden.</p> <p>Unser Feuerstein der Schreibkreide stammt aus dem Anstehenden der Schreibkreide, die größere Gebiete Nordjütlands, aber auch Südwestschweden, Mön, Ostseeland oder Rügen aufbaut.</p> <p>Was Feuerstein für Sammler besonders interessant macht, ist neben seiner vergleichsweise leichten Erkennbarkeit sein Fossilgehalt. Diese können dabei sehr vielfältig sein.</p> <p>Nicht unerwähnt bleiben sollen hier natürlich auch die sogenannten Hühnergötter. Dabei handelt es sich um Feuersteine mit natürlichen Löchern, die im Volksglauben bei der Gartengestaltung eine Rolle spielen. Ihre etwas größeren Gegenstücke sind die Sassnitzer Blumentöpfe. Diese großen Feuersteine mit ihrem zentralen Hohlraum werden vor allem auf Rügen dekorativ bepflanzt in der Gartengestaltung verwendet.</p> <h2 id="h-references">References</h2> <ul> <li>[1] <strong>Fröhlich, F.</strong> (<strong>2020</strong>). <em>The opal-CT nanostructure</em>, Journal of Non-Crystalline Solids 533 : 119938.</li> <li>[2] <strong>Rutten, M. G.</strong> (<strong>1957</strong>). <em>Remarks on the genesis of flints</em>, American Journal of Science 255 : 432-439.</li> <li>[3] <strong>Voigt, E.</strong> (<strong>1981</strong>). <em>Über die Zeit der Bildung der Feuersteine in der oberen Kreide</em>, Staringia 6 : 11-16.</li> <li>[4] <strong>Zijlstra, H.</strong> (<strong>1995</strong>). <em>Origin and growth of flint nodules</em>, Lecture Notes in Earth Sciences, Berlin Springer Verlag 54 : 51-66.</li> <li>[5] <strong>Lindgreen, H.; Drits, V.; Salyn, A.; Jakobsen, F. and Springer, N.</strong> (<strong>2011</strong>). <em>Formation of flint horizons in North Sea chalk through marine sedimentation of nano-quartz</em>, Clay Minerals 46 : 525-537.</li> <li>[6] <strong>Högberg, A.; Olausson, D. and Hughes, R.</strong> (<strong>2012</strong>). <em>Many different types of Scandinavian flint–visual classification and energy dispersive X-ray fluorescence</em>, Fornvännen 107 : 225-240.</li> <li>[7] <strong>KLAFACK, R.</strong> (). <em>Über” Hühnergötter” und” Saßnitzer Blumentöpfe</em>, Geschiebekunde aktuell 10 : 117.</li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/feuerstein-der-schreibkreide-das-sedimentaergeschiebe-des-jahres-2025/#respond 0 AstroGeoPlänkel: Echsen, Einstein und Ereignishorizont https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-echsen-einstein-und-ereignishorizont/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-echsen-einstein-und-ereignishorizont/#comments Mon, 18 Aug 2025 16:13:04 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1742 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag121-geplaenkel-768x768.jpg Das AstroGeo-Logo mit dem Zusatz „Geplänkel“, dahinter diagonal geteilt die Nahaufnahme eines im Foto nur angeschnittenen fischartigen Fossils und die andere Diagonale zeigt ein Schwarzes Loch mit blauem Rand https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-echsen-einstein-und-ereignishorizont/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag121-geplaenkel-scaled.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Echsen, Einstein und Ereignishorizont » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Euer Feedback zu den Geschichten im AstroGeo Podcast: Franzi und Karl sprechen im AstroGeoPlänkel über eure Reaktionen zu den vergangenen beiden Episoden – und führen erstmals das <em>Lob des Monats</em> ein: Ralf freut sich an der Mischung aus Astro- und Geo-Themen, den hohen Informationsgehalt und die unterhaltsame Aufbereitung.</p> <p>In Folge 119 ging es um außergewöhnliche Fossilien, deren Lebensweise in der Zeit eingefroren ist. Dabei erwähnte Karl den Sauropoden – einen Langhals-Dinosaurier – im Berliner Naturkundemuseum und nennt diesen Brachiosaurus. Ein Hörer weist darauf hin, dass der eigentlich zur Gattung Giraffatitan gehört. Das stimmt – allerdings heißt diese Gattung noch gar nicht lange so, weshalb auch nicht jedes Schild stimmt.</p> <p>Litten Dinosaurier unter Gelenkkrankheiten? Karl erzählt von einer neuen Studie und noch mehr: Er ergänzt den Fund eines kranken Tyrannosaurs rex, dem eine Infektionskrankheit schwer zugesetzt hatte. Ein Hörer schickt Fotos einer Eidechse, die offenbar einen Bau benutzt. Karl taucht deshalb nochmal tiefer in die Welt grabender Echsen ein, die äußerst selten sind und heutzutage lediglich in Nordamerika vorkommen.</p> <p>Franzi geht auf Rückmeldungen zur Folge 120 ein, in der sie vom Physiker Karl Schwarzschild erzählt hatte. Der hatte erstmals Einsteins Feldgleichungen der Allgemeinen Relativitätstheorie gelöst – und war dabei auf Schwarze Löcher gestoßen. Sie erzählt auch, warum sich Schwarzschild mit der zugrunde liegenden Mathematik auskannte, bevor er im Zuge des Ersten Weltkriegs verstarb. Ein Hörer berichtet von einem ähnlichen Schicksal des Chemikers Henry Moseley.</p> <p>Mehrere Hörerinnen und Hörer stellen Fragen zu Ereignishorizont, Singularität und zur bekannten Gummituch-Analogie. Es geht darum, dass der Ereignishorizont keine physikalische Singularität darstellt – und warum diese im Gravitationsgesetz von Isaac Newton faktisch noch nicht vorkam.<aside></aside></p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 119: <a href="https://astrogeo.de/erstarrte-augenblicke-toedliche-fussspuren-wassergeburt-und-dino-pipi/">Erstarrte Momente: Tödliche Spuren, Wassergeburt und Dinopipi</a></li> <li>Folge 120: <a href="https://astrogeo.de/riss-in-der-raumzeit-wie-karl-schwarzschild-auf-schwarze-loecher-stiess/">Raumzeit-Riss: Wie Karl Schwarzschild auf Schwarze Löcher stieß</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links">Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Bipedidae">Maulwurfechsen / Bipediae</a> (englisch)</li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/F%C3%BCnffingerige_Handw%C3%BChle">Fünffingerige Handwühle</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Henry_Moseley_(Physiker)">Henry Moseley</a></li> <li>BR2 radioWissen: <a href="https://www.br.de/radio/bayern2/service/manuskripte/radiowissen/radiowissen-manuskripte-warum-ist-dasuniversum-so-physikalische-sinnsuche-physik-kosmos-100.html">Warum ist das Universum so? Eine physikalische Sinnsuche</a> (von Franzi)</li> <li>BR2 radioWissen: <a href="https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/index.html">Alle Folgen</a></li> <li>BR2 IQ: <a href="https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/iq-wissenschaft-und-forschung/podcast-das-ende-des-universums-fuenf-endzeitszenarien-die-ihr-kennen-solltet-100.html">Fünf Endzeitszenarien, die ihr kennen solltet</a> (von Franzi)</li> <li>BR 2 IQ: <a href="https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/iq-wissenschaft-und-forschung/index.html">Alle Folgen</a></li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>SWR: <a href="https://www.swr.de/leben/gesundheit/dinos-krankheiten-arthrose-100.html">Schon Dinosaurier hatten Krankheiten wie Arthritis</a></li> <li>Fachartikel: Baiano et al.: <a href="https://bmcecolevol.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12862-023-02187-x">New information on paleopathologies in non-avian theropod dinosaurs: a case study on South American abelisaurids</a>, BMC Ecology and Evolution (2024)</li> <li>Buch: <a href="https://cup.columbia.edu/book/locked-in-time/9780231197281/">Dean Lomax &amp; Bob Nicholls: Locked in Time, Animal Behavior Unearthed in 50 Extraordinary Fossils</a>, Columbia University Press (2021)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: ESA, NASA and Felix Mirabel / CC-BY 4.0 Motani R, Jiang D-y, Tintori A, Rieppel O, Chen G-b (2014)</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag121-geplaenkel-scaled.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Echsen, Einstein und Ereignishorizont » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Euer Feedback zu den Geschichten im AstroGeo Podcast: Franzi und Karl sprechen im AstroGeoPlänkel über eure Reaktionen zu den vergangenen beiden Episoden – und führen erstmals das <em>Lob des Monats</em> ein: Ralf freut sich an der Mischung aus Astro- und Geo-Themen, den hohen Informationsgehalt und die unterhaltsame Aufbereitung.</p> <p>In Folge 119 ging es um außergewöhnliche Fossilien, deren Lebensweise in der Zeit eingefroren ist. Dabei erwähnte Karl den Sauropoden – einen Langhals-Dinosaurier – im Berliner Naturkundemuseum und nennt diesen Brachiosaurus. Ein Hörer weist darauf hin, dass der eigentlich zur Gattung Giraffatitan gehört. Das stimmt – allerdings heißt diese Gattung noch gar nicht lange so, weshalb auch nicht jedes Schild stimmt.</p> <p>Litten Dinosaurier unter Gelenkkrankheiten? Karl erzählt von einer neuen Studie und noch mehr: Er ergänzt den Fund eines kranken Tyrannosaurs rex, dem eine Infektionskrankheit schwer zugesetzt hatte. Ein Hörer schickt Fotos einer Eidechse, die offenbar einen Bau benutzt. Karl taucht deshalb nochmal tiefer in die Welt grabender Echsen ein, die äußerst selten sind und heutzutage lediglich in Nordamerika vorkommen.</p> <p>Franzi geht auf Rückmeldungen zur Folge 120 ein, in der sie vom Physiker Karl Schwarzschild erzählt hatte. Der hatte erstmals Einsteins Feldgleichungen der Allgemeinen Relativitätstheorie gelöst – und war dabei auf Schwarze Löcher gestoßen. Sie erzählt auch, warum sich Schwarzschild mit der zugrunde liegenden Mathematik auskannte, bevor er im Zuge des Ersten Weltkriegs verstarb. Ein Hörer berichtet von einem ähnlichen Schicksal des Chemikers Henry Moseley.</p> <p>Mehrere Hörerinnen und Hörer stellen Fragen zu Ereignishorizont, Singularität und zur bekannten Gummituch-Analogie. Es geht darum, dass der Ereignishorizont keine physikalische Singularität darstellt – und warum diese im Gravitationsgesetz von Isaac Newton faktisch noch nicht vorkam.<aside></aside></p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 119: <a href="https://astrogeo.de/erstarrte-augenblicke-toedliche-fussspuren-wassergeburt-und-dino-pipi/">Erstarrte Momente: Tödliche Spuren, Wassergeburt und Dinopipi</a></li> <li>Folge 120: <a href="https://astrogeo.de/riss-in-der-raumzeit-wie-karl-schwarzschild-auf-schwarze-loecher-stiess/">Raumzeit-Riss: Wie Karl Schwarzschild auf Schwarze Löcher stieß</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links">Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Bipedidae">Maulwurfechsen / Bipediae</a> (englisch)</li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/F%C3%BCnffingerige_Handw%C3%BChle">Fünffingerige Handwühle</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Henry_Moseley_(Physiker)">Henry Moseley</a></li> <li>BR2 radioWissen: <a href="https://www.br.de/radio/bayern2/service/manuskripte/radiowissen/radiowissen-manuskripte-warum-ist-dasuniversum-so-physikalische-sinnsuche-physik-kosmos-100.html">Warum ist das Universum so? Eine physikalische Sinnsuche</a> (von Franzi)</li> <li>BR2 radioWissen: <a href="https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/index.html">Alle Folgen</a></li> <li>BR2 IQ: <a href="https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/iq-wissenschaft-und-forschung/podcast-das-ende-des-universums-fuenf-endzeitszenarien-die-ihr-kennen-solltet-100.html">Fünf Endzeitszenarien, die ihr kennen solltet</a> (von Franzi)</li> <li>BR 2 IQ: <a href="https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/iq-wissenschaft-und-forschung/index.html">Alle Folgen</a></li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>SWR: <a href="https://www.swr.de/leben/gesundheit/dinos-krankheiten-arthrose-100.html">Schon Dinosaurier hatten Krankheiten wie Arthritis</a></li> <li>Fachartikel: Baiano et al.: <a href="https://bmcecolevol.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12862-023-02187-x">New information on paleopathologies in non-avian theropod dinosaurs: a case study on South American abelisaurids</a>, BMC Ecology and Evolution (2024)</li> <li>Buch: <a href="https://cup.columbia.edu/book/locked-in-time/9780231197281/">Dean Lomax &amp; Bob Nicholls: Locked in Time, Animal Behavior Unearthed in 50 Extraordinary Fossils</a>, Columbia University Press (2021)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: ESA, NASA and Felix Mirabel / CC-BY 4.0 Motani R, Jiang D-y, Tintori A, Rieppel O, Chen G-b (2014)</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-echsen-einstein-und-ereignishorizont/#comments 5 Sanspareil – ohne Gleichen im Umgang mit der Schönheit der Natur https://scilogs.spektrum.de/denkmale/sanspareil-ohne-gleichen-im-umgang-mit-der-schoenheit-der-natur/ https://scilogs.spektrum.de/denkmale/sanspareil-ohne-gleichen-im-umgang-mit-der-schoenheit-der-natur/#respond Mon, 18 Aug 2025 08:39:34 +0000 Eva Bambach https://scilogs.spektrum.de/denkmale/?p=2082 https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4098-scaled-e1754994170672-768x226.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/denkmale/sanspareil-ohne-gleichen-im-umgang-mit-der-schoenheit-der-natur/</link> </image> <description type="html"><h1>Sanspareil – ohne Gleichen im Umgang mit der Schönheit der Natur » Denkmale » SciLogs</h1><h2>By Eva Bambach</h2><div itemprop="text"> <p>Er ist ein doppelter Glücksfall: der Felsengarten Sanspareil am Rande der Fränkischen Schweiz. Er besticht zum Einen durch seine Schönheit, die eine zurückhaltende Gestaltung der Natur mit der rokokohaften Freude am Spiel und am Unerwarteten vereint. Das Zweite ist, dass die heutige touristische Aufbereitung ebenso zurückhaltend geschah und anstelle von großen Tafeln und ausführlichen Texten im Park selbst nur kleine ovale Schilder mit Reproduktionen von Kupferstichen aus dem 18. Jahrhundert stehen, jeweils genau so ausgerichtet, dass man die Ansicht von damals mit der heutigen exakt vergleichen kann und selbst auf Zeitreise gehen kann. Der heutige Besucher folgt fast wie damals den verschlungenen Wegen und stößt mitunter recht überraschend auf Orte wie die “Dianengrotte” oder das “Hühnerloch”, durch das man heute wie damals rittlings hindurchklettern kann.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4095-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4095-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4095-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4095-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4095-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4095-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4095-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p>Das Ensemble wurde vor fast 300 Jahren angelegt – in einer Zeit, in der man zum Vergnügen feudaler Jagdgesellschaften den Wald mit brachial geschlagenen Schneisen versah. Dort wurde das Wild gehetzt, bis es total erschöpft erschossen werden konnte. Gemalte Landschaften ersetzten dabei häufig kulissenhaft, was in der Realität zunichte gemacht worden war.</p> <p>Den unter Markgraf Friedrich von Brandeburg-Bayreuth und vor allem unter der Regie seiner Ehefrau Markgräfin Wilhelmine ab 1745 angelegten Park in der Nähe der Gemeinde Wonsees prägte ein vor diesem Hintergrund beeindruckend sensibler Umgang mit der Natur. Die Landschaft dort war offenbar für ihre Schönheit bekannt – es lobte sie jedenfalls schon rund anderthalb Jahrhunderte zuvor der (allerdings selbst in Wonsees geborene) Humanist Friedrich Taubmann (1565-1613). </p> <p>Der Markgraf Friedrich sei bei einem Jagdausflug auf diesen besonderen Ort aufmerksam gemacht worden und habe beschlossen, dort rund um die interessanten Felsenformationen einen Park anzulegen, heißt es. In der Nähe ließ er eine kleine Lustschlossanlage errrichten, von der heute nur noch ein als “Morgenländischer Bau” bekannter Teil erhalten bzw. rekonstruiert ist.</p> <p>Dennoch ist es vor allem der Name seiner Frau, der preußischen Prinzessin  Wilhelmine, der mit der Anlage verbunden wird. Mit dem Landschaftsgarten „Sanspareil“ (analog zu Schloss „Sanssouci“, das zeitgleich von ihrem Bruder Friedrich dem Großen in Potsdam gebaut wurde) spielte sie ganz vorne mit in der Liga der Englischen Landschaftsparks als damals neuem Trend im künstlerischen Umgang mit der Natur.<aside></aside></p> <figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4108-scaled.jpg"><img alt="" data-id="2088" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4108-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4108-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4108-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4108-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4108-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4108-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Der Äolusfelsen war von einem kleinen Tempel bekrönt</figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4110-scaled.jpg"><img alt="" data-id="2089" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4110-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4110-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4110-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4110-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4110-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4110-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Zum Äolusfelsen führten steile Stufen und zwei Felsenbrücken</figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4112-scaled.jpg"><img alt="" data-id="2085" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4112-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4112-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4112-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4112-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4112-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4112-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Inzwischen nachgepflanzt: Die mächtige Buche, um die herum der der Morgenländische Bau errichtet wurde </figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4092-scaled.jpg"><img alt="" data-id="2084" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4092-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4092-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4092-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4092-1152x1536.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4092-1536x2048.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4092-scaled.jpg 1920w" width="768"></img></a><figcaption>Spielen die Hauptrolle: Die faszinierenden Formen der Natur</figcaption></figure> </figure> <p>Schon in der römischen Antike hatte es Parks und Lustgärten gegeben, wo man zum Beispiel Wasserspiele oder Tiere beobachten konnte. Die europäischen Parks der Neuzeit waren dann zunächst durch die starke Überformung der organischen Elemente durch Symmetrie und Geometrie geprägt – eine Art “gezähmte Natur“, wie man sie noch heute in den vielen erhaltenen barocken Gartenanlagen sehen kann.</p> <p>Erst ab Anfang des 18. Jahrhunderts entstand mit dem Englischen Landschaftspark der Trend zu einer naturähnlichen Bepflanzung mit geschwungenen Wegen und der Integration in die umgebende Landschaft. Idealerweise entstand ein dreidimensionales und sogar begehbares Landschaftsgemälde – mit gebauten Ergänzungen. Staffagen wie Pavillons, künstlichen Ruinen oder künstlichen Grotten sollten die emotionale Wirkung der Gartenlandschaft steigern.</p> <p>Um diese emotionale Wirkung ging es auch der Markgräfin Wilhelmine. Auch in Sanspareil gab es viele kleine Gebäude, die auf den bizarren Felsen thronten und für die man den Baumbestand lichtete, um die Staffagen auf den Felsen weithin sichtbar zu machen.</p> <p>Aber diese Eingriffe sind wesentlich zurückhaltender als in den Englischen Landschaftsparks, wo man auch scheinbar natürliche Elemente nachbaute. “Die Natur selbst war die Baumeisterin”, schrieb Wilhelmine über ihren Park, der sich anstelle der Überformung auf Fragen der literarischen Interpretation beschränkte und Felsen und Wälder weitgehend nur so stark bearbeitete, wie es nötig war, um die Zugänglichkeit und die Sichtbarkeit zu gewährleisten.</p> <p>Wesentlich für die Gestaltung war die Zuordnung eines literarischen Programms: Es folgt dem Ende des 17. Jahrhunderts verfassten Abenteuer- und Bildungsroman „Les Aventures de Télémaque“ des Abbé de Fénelon , der von der Suche Telemachs nach seinem Vater Odysseus erzählt. Auf der Insel Ogygia trifft Telemach die eifersüchtige Nymphe Kalypso, die sich in ihn verliebt. Schließlich wirft sich Telemach ins Meer, um ihr zu entkommen. Die Szenen auf Ogygia werden in Sanspareil nacherzählt, indem natürliche Formationen mit Namen belegt werden, aber auch durch die Staffagen, von denen heute nur noch das „Ruinen- und Grottentheater“ übrig ist.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4101-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4101-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4101-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4101-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4101-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4101-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4101-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Das Ruinen- und Grottentheater</em></figcaption></figure> <p>Auf den Kupferstichen des 18. Jahrhunderts sind die Staffagen aber noch zu bewundern. Für uns heute befremdlich wirkt die Vermischung der griechischen Mythologie mit den dort zu sehenden, zeittypischen Chinoiserien als Sinnbild für große Schönheit ebenso wie für unerreichbare Ferne. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/Die_Eremitage_zu_Sanspareil_008_Die_Aeolusgrotte_zu_Sanspareil.jpg"><img alt="" decoding="async" height="835" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/Die_Eremitage_zu_Sanspareil_008_Die_Aeolusgrotte_zu_Sanspareil-1024x835.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/Die_Eremitage_zu_Sanspareil_008_Die_Aeolusgrotte_zu_Sanspareil-1024x835.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/Die_Eremitage_zu_Sanspareil_008_Die_Aeolusgrotte_zu_Sanspareil-300x245.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/Die_Eremitage_zu_Sanspareil_008_Die_Aeolusgrotte_zu_Sanspareil-768x626.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/Die_Eremitage_zu_Sanspareil_008_Die_Aeolusgrotte_zu_Sanspareil.jpg 1324w" width="1024"></img></a><figcaption><br></br><em>Aeolusgrotte mit Tempel, Kupferstich von Johann Gottfried Köppel, 1793</em></figcaption></figure> <p>Zweifellos war das angeschlagene Liebesthema von großer Romantik und begeisterte zahlreiche Reisende ebenso wie das Naturerlebnis selbst. Doch war es manchem schon zu viel Natur. Der Dichter Ludwig Tieck schrieb im Sommer 1793: „Die großen Felspartien im Walde, das Große und Wilde, das dadurch in der Phantasie hervorgebracht wird, sind äußerst schön. Aber dadurch hat der Garten auch viel Einseitiges, es ist kalt drin, man findet nichts als Wald und Felsen.“</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Sanspareil – ohne Gleichen im Umgang mit der Schönheit der Natur » Denkmale » SciLogs</h1><h2>By Eva Bambach</h2><div itemprop="text"> <p>Er ist ein doppelter Glücksfall: der Felsengarten Sanspareil am Rande der Fränkischen Schweiz. Er besticht zum Einen durch seine Schönheit, die eine zurückhaltende Gestaltung der Natur mit der rokokohaften Freude am Spiel und am Unerwarteten vereint. Das Zweite ist, dass die heutige touristische Aufbereitung ebenso zurückhaltend geschah und anstelle von großen Tafeln und ausführlichen Texten im Park selbst nur kleine ovale Schilder mit Reproduktionen von Kupferstichen aus dem 18. Jahrhundert stehen, jeweils genau so ausgerichtet, dass man die Ansicht von damals mit der heutigen exakt vergleichen kann und selbst auf Zeitreise gehen kann. Der heutige Besucher folgt fast wie damals den verschlungenen Wegen und stößt mitunter recht überraschend auf Orte wie die “Dianengrotte” oder das “Hühnerloch”, durch das man heute wie damals rittlings hindurchklettern kann.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4095-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4095-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4095-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4095-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4095-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4095-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4095-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p>Das Ensemble wurde vor fast 300 Jahren angelegt – in einer Zeit, in der man zum Vergnügen feudaler Jagdgesellschaften den Wald mit brachial geschlagenen Schneisen versah. Dort wurde das Wild gehetzt, bis es total erschöpft erschossen werden konnte. Gemalte Landschaften ersetzten dabei häufig kulissenhaft, was in der Realität zunichte gemacht worden war.</p> <p>Den unter Markgraf Friedrich von Brandeburg-Bayreuth und vor allem unter der Regie seiner Ehefrau Markgräfin Wilhelmine ab 1745 angelegten Park in der Nähe der Gemeinde Wonsees prägte ein vor diesem Hintergrund beeindruckend sensibler Umgang mit der Natur. Die Landschaft dort war offenbar für ihre Schönheit bekannt – es lobte sie jedenfalls schon rund anderthalb Jahrhunderte zuvor der (allerdings selbst in Wonsees geborene) Humanist Friedrich Taubmann (1565-1613). </p> <p>Der Markgraf Friedrich sei bei einem Jagdausflug auf diesen besonderen Ort aufmerksam gemacht worden und habe beschlossen, dort rund um die interessanten Felsenformationen einen Park anzulegen, heißt es. In der Nähe ließ er eine kleine Lustschlossanlage errrichten, von der heute nur noch ein als “Morgenländischer Bau” bekannter Teil erhalten bzw. rekonstruiert ist.</p> <p>Dennoch ist es vor allem der Name seiner Frau, der preußischen Prinzessin  Wilhelmine, der mit der Anlage verbunden wird. Mit dem Landschaftsgarten „Sanspareil“ (analog zu Schloss „Sanssouci“, das zeitgleich von ihrem Bruder Friedrich dem Großen in Potsdam gebaut wurde) spielte sie ganz vorne mit in der Liga der Englischen Landschaftsparks als damals neuem Trend im künstlerischen Umgang mit der Natur.<aside></aside></p> <figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4108-scaled.jpg"><img alt="" data-id="2088" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4108-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4108-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4108-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4108-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4108-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4108-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Der Äolusfelsen war von einem kleinen Tempel bekrönt</figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4110-scaled.jpg"><img alt="" data-id="2089" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4110-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4110-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4110-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4110-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4110-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4110-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Zum Äolusfelsen führten steile Stufen und zwei Felsenbrücken</figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4112-scaled.jpg"><img alt="" data-id="2085" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4112-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4112-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4112-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4112-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4112-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4112-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Inzwischen nachgepflanzt: Die mächtige Buche, um die herum der der Morgenländische Bau errichtet wurde </figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4092-scaled.jpg"><img alt="" data-id="2084" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4092-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4092-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4092-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4092-1152x1536.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4092-1536x2048.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4092-scaled.jpg 1920w" width="768"></img></a><figcaption>Spielen die Hauptrolle: Die faszinierenden Formen der Natur</figcaption></figure> </figure> <p>Schon in der römischen Antike hatte es Parks und Lustgärten gegeben, wo man zum Beispiel Wasserspiele oder Tiere beobachten konnte. Die europäischen Parks der Neuzeit waren dann zunächst durch die starke Überformung der organischen Elemente durch Symmetrie und Geometrie geprägt – eine Art “gezähmte Natur“, wie man sie noch heute in den vielen erhaltenen barocken Gartenanlagen sehen kann.</p> <p>Erst ab Anfang des 18. Jahrhunderts entstand mit dem Englischen Landschaftspark der Trend zu einer naturähnlichen Bepflanzung mit geschwungenen Wegen und der Integration in die umgebende Landschaft. Idealerweise entstand ein dreidimensionales und sogar begehbares Landschaftsgemälde – mit gebauten Ergänzungen. Staffagen wie Pavillons, künstlichen Ruinen oder künstlichen Grotten sollten die emotionale Wirkung der Gartenlandschaft steigern.</p> <p>Um diese emotionale Wirkung ging es auch der Markgräfin Wilhelmine. Auch in Sanspareil gab es viele kleine Gebäude, die auf den bizarren Felsen thronten und für die man den Baumbestand lichtete, um die Staffagen auf den Felsen weithin sichtbar zu machen.</p> <p>Aber diese Eingriffe sind wesentlich zurückhaltender als in den Englischen Landschaftsparks, wo man auch scheinbar natürliche Elemente nachbaute. “Die Natur selbst war die Baumeisterin”, schrieb Wilhelmine über ihren Park, der sich anstelle der Überformung auf Fragen der literarischen Interpretation beschränkte und Felsen und Wälder weitgehend nur so stark bearbeitete, wie es nötig war, um die Zugänglichkeit und die Sichtbarkeit zu gewährleisten.</p> <p>Wesentlich für die Gestaltung war die Zuordnung eines literarischen Programms: Es folgt dem Ende des 17. Jahrhunderts verfassten Abenteuer- und Bildungsroman „Les Aventures de Télémaque“ des Abbé de Fénelon , der von der Suche Telemachs nach seinem Vater Odysseus erzählt. Auf der Insel Ogygia trifft Telemach die eifersüchtige Nymphe Kalypso, die sich in ihn verliebt. Schließlich wirft sich Telemach ins Meer, um ihr zu entkommen. Die Szenen auf Ogygia werden in Sanspareil nacherzählt, indem natürliche Formationen mit Namen belegt werden, aber auch durch die Staffagen, von denen heute nur noch das „Ruinen- und Grottentheater“ übrig ist.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4101-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4101-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4101-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4101-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4101-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4101-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/IMG_4101-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Das Ruinen- und Grottentheater</em></figcaption></figure> <p>Auf den Kupferstichen des 18. Jahrhunderts sind die Staffagen aber noch zu bewundern. Für uns heute befremdlich wirkt die Vermischung der griechischen Mythologie mit den dort zu sehenden, zeittypischen Chinoiserien als Sinnbild für große Schönheit ebenso wie für unerreichbare Ferne. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/Die_Eremitage_zu_Sanspareil_008_Die_Aeolusgrotte_zu_Sanspareil.jpg"><img alt="" decoding="async" height="835" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/Die_Eremitage_zu_Sanspareil_008_Die_Aeolusgrotte_zu_Sanspareil-1024x835.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/Die_Eremitage_zu_Sanspareil_008_Die_Aeolusgrotte_zu_Sanspareil-1024x835.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/Die_Eremitage_zu_Sanspareil_008_Die_Aeolusgrotte_zu_Sanspareil-300x245.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/Die_Eremitage_zu_Sanspareil_008_Die_Aeolusgrotte_zu_Sanspareil-768x626.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/Die_Eremitage_zu_Sanspareil_008_Die_Aeolusgrotte_zu_Sanspareil.jpg 1324w" width="1024"></img></a><figcaption><br></br><em>Aeolusgrotte mit Tempel, Kupferstich von Johann Gottfried Köppel, 1793</em></figcaption></figure> <p>Zweifellos war das angeschlagene Liebesthema von großer Romantik und begeisterte zahlreiche Reisende ebenso wie das Naturerlebnis selbst. Doch war es manchem schon zu viel Natur. Der Dichter Ludwig Tieck schrieb im Sommer 1793: „Die großen Felspartien im Walde, das Große und Wilde, das dadurch in der Phantasie hervorgebracht wird, sind äußerst schön. Aber dadurch hat der Garten auch viel Einseitiges, es ist kalt drin, man findet nichts als Wald und Felsen.“</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/denkmale/sanspareil-ohne-gleichen-im-umgang-mit-der-schoenheit-der-natur/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Vor 40 Jahren: Der Crash von JAL 123 https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/jal-123-crash/ https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/jal-123-crash/#comments Thu, 14 Aug 2025 13:00:00 +0000 Michael Khan https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/?p=11066 https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/52040647119_27db2d0872_k-768x521.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/jal-123-crash/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/52040647119_27db2d0872_k.jpg" /><h1>Vor 40 Jahren: Der Crash von JAL 123 » Go for Launch » SciLogs</h1><h2>By Michael Khan</h2><div itemprop="text"> <p>Am 12 August 1985 ereignete sich das schwerste Flugunglück der Geschichte ohne Beteiligung eines zweiten Flugzeugs. Eine vollbesetzte Boeing 747 stürzte auf dem Weg von Tokio nach Osaka aufgrund des Versagens des hinteren Druckschotts ab. Von den 524 Menschen an Bord überlebten nur 4. </p> <span id="more-11066"></span> <p>Die Ursache des Unglücks lag – unglaublicherweise – bereits 7 Jahre zurück. Das Flugzeug, war eine Boeing 747 SR, die speziell auf Wunsch der japanischen Fluggesellschaft JAL (Japan Airlines) entwickelte Kurzstreckenversion der 747. Das 1974 gebaute Flugzeug wurde durch einen  “Tailstrike” beschädigt. Ein Tailstrike ist das Aufsetzen des Hecks durch einen zu steilen Anstellwinkel beim Start oder bei der Landung. Im gegebenen Fall war es eine Landung am 2. Juni 1978 in Osaka. Danach musste neben dem Austausch von Teilen der Außenhaut am unteren Heck auch das hintere Druckschott repariert werden. </p> <h2 id="h-das-druckschott"><em>Das Druckschott</em></h2> <p>Das Druckschott ähnelt in seiner Form einem aufgespannten Regenschirm. Es schließt die Druckkabine eines Verkehrsflugzeugs nach hinten ab und ist aufgrund des zyklischen Druckunterschieds enormen  Belastungen ausgesetzt. Bei einem großflächigen Versagen der Druckkabine kommt es zu einer explosiven Dekompression, dem schlagartigen Entweichen der unter Druck stehenden Luft im Inneren des Rumpfs.</p> <figure><div> <a href="https://flic.kr/p/2nhDVjx"><img alt="Pressure bulkhead" decoding="async" height="434" src="https://live.staticflickr.com/65535/52040647119_e054ec4ab4_z.jpg" width="640"></img></a> </div><figcaption><em>Hinteres Druckschott einer Boeing 747-200, Aufnahme: Michael Khan</em></figcaption></figure> <p>Die Reparatur des Druckschott war fehlerhaft, was über kurz oder lang zum Versagen führen musste – bei einem derart kritischen Bauteil auch zur Gefährdung des gesamten Flugzeugs und seiner Insassen. Ich habe noch mit keinem Japaner gesprochen, der diese Fehlleistung nicht der “natürlich” im Vergleich zu japanischer Technik und japanischem Arbeitsethos minderwertigen westlichen Kultur anlastete. Ich kann das alles schon mitsingen. Diese Interpretation ist allerdings etwas unterkomplex: </p> <ul> <li>Die Reparatur wurde in der Flugzeugwerft von JAL durchgeführt, allerdings durch und unter Aufsicht amerikanischer Boeing-Techniker.</li> <li>Die japanische Flugaufsichtsbehörde nahm die durchgeführte Reparatur ohne Beanstandung ab</li> <li>Danach war die Maschine bis zum Absturz noch besagte 7 Jahre lang im Betrieb, der infolge des Kurzstreckeneinsatz mit vielen täglichen Starts, Landungen und Druckzyklen besonders verschließintensiv war. Während dieser Zeit wurden sechs C-Checks (und zwar in Japan) durchgeführt, ohne dass der Fehler und die daraus resultierenden Haarrisse entdeckt wurden. Das Flugzeug hatte zum Zeitpunkt des Absturzes <a href="https://asn.flightsafety.org/wikibase/327151">18835 Flüge und 25030 Flugstunden absolviert.</a></li> </ul> <p>1985 sah die japanische Öffentlichkeit die Schuld übrigens eher bei JAL. Mitarbeiter des Unternehmens wurden beschimpft und öffentlich gemobbt. Offenbar ist es eine menschliche Schwäche, für alles einen Schuldigen zu suchen. Der Generaldirektor des Unternehmens trat zwei Tage nach dem Absturz zurück. Der <a href="https://www.nytimes.com/1985/09/22/world/jal-official-dies-apparently-a-suicide.html">Leiter der Flugzeugwartung beim JAL-Standort am Flughafen Haneda</a> bei Tokio ebenso wie der für die Abnahme der 1978 durchgeführten Reparatur zuständige Techniker begingen Selbstmord. <aside></aside></p> <h2 id="h-die-verpatzte-reparatur-und-ihre-folgen"><em>Die verpatzte Reparatur und ihre Folgen</em></h2> <p>Bei der fehlerhaften Reparatur wurde an einem Teilstück zwei statt wie vorgesehen einem Spleißblech eingesetzt, was dazu führte, dass die Spleißstelle von einer statt zweier Reihen Niete gehalten wurde. Das erhöhte erheblich die Anfälligkeit für Materialermüdung an der betreffenden Stelle. Es müssen sich dort feine Risse gebildet haben, die sich langsam und unentdeckt weiter ausbreiteten und schließlich beim Flug JAL 123 am 12. August 1985, 15 Minuten nach dem Abheben und kurz nach dem Erreichen der Reiseflughöhe von 25000 Fuß zu einem Versagen des Druckschotts führten. </p> <p>Das allein hätte nicht zwingend zum Absturz geführt, sondern vielleicht nur zum Druckverlust, dem Piloten durch sofortigen Abstieg auf eine niedrige Flughöhe und eine schnellstmögliche Landung begegnen. Bei JAL 123 pflanzte sich das Druckschottversagen allerdings fort:</p> <p>Der gewaltige Schwall an Druckluft aus dem Rumpf trat in das Heck ein. Der einzige Weg für die Luft war durch eine ungeschützte Wartungsluke, die in das Seitenleitwerk hinein führte. Dieses zerplatzte durch den plötzlichen Druckanstieg von innen. Das Flugzeug hatte auf einen Schlag kein Seitenleitwerk und keine Seitenruder mehr. Durch die zerrissenen Leitungen strömte die Hydraulikflüssigkeit ins Freie, sodass die hydraulische Anlage bald komplett trocken war. </p> <h2 id="h-der-qualend-lange-absturz-von-jal-123"><em>Der quälend lange Absturz von JAL 123</em></h2> <p>Ohne Seitenleitwerk und -ruder und ohne Hydrauliksystem war das Flugzeug kaum noch steuerbar. Allerdings liefen noch die Triebwerke, sodass die Piloten wenigstens eine begrenzte Möglichkeit zum Steuern hatten. Sie schafften es offenbar immerhin, die tödlich getroffene Maschine noch in der Luft zu halten, und offenbar gelang auch die Umkehr Richtung Haneda. </p> <p>Aber das Unausweichliche konnten sie nicht abwenden. Im Internet sind die Aufnahmen des Cockpit Voice Recorders zu finden. Ich habe die aber hier nicht verlinkt. Das würde hier gar nichts beitragen, und die Schreie von Menschen in Todesangst möchte auch niemand hören. </p> <p>Im Nachhinein wurde der Vorwurf laut, die Piloten hätten durch die anfängliche Nichtverwendung der Sauerstoffmasken zum Unglück beigetragen. Ich kann dazu nur wiederholen, was mir ein 747-Pilot der Lufthansa sagte: “Dass die die Kiste in dem Zustand noch eine halbe Stunde am Fliegen gehalten haben, grenzt schon an ein Wunder.” Weiter möchte ich dazu nichts sagen. </p> <p>Die kaum noch steuerbare Maschine führte eine Phygoidbewegung durch, eine typische Schwingung eines inhärent stabilen Systems. Sinkt das Flugzeug, wird es schneller, der Auftrieb nimmt zu und anstatt weiter zu sinken, fängt sie an zu steigen, wird dabei aber langsamer, und der Auftrieb nimmt ab. Ein solcher Zyklus dauerte bei JAL 123 etwa 90 Sekunden und wurde 22 Mal durchlaufen. Hinzu kamen ausgeprägte Gier- und Rollbewegungen. Später wurde versucht, durch Ausfahren des Fahrgestells die Schwingungen zu dämpfen … mit Erfolg, aber auf Kosten verringerter Steuerbarkeit und abnehmender Höhe. Zwischen Versagen des Druckschotts und Absturz vergingen so über 30 Minuten.</p> <p>Die mehr als 500 Passagiere waren sich in dieser halben Stunde der Situation bewusst. Im Wrack wurden später Abschiedsbriefe gefunden, die Passagiere an ihre Angehörigen geschrieben hatten: in der Hoffnung, wenigstens die Briefe würden den Absturz überleben. </p> <p>Japan ist als vulkanischer Inselbogen sehr gebirgig. Die nach und nach abnehmende Flughöhe musste über kurz oder lang unter der Gipfelhöhe der umgebenden Berge liegen. Am Ende war es der knapp 2000 m hohe <a href="https://maps.app.goo.gl/14crP5kvWRCSvGLt6" rel="noopener" target="_blank">Takamagahara in der Präfektur Gunma</a><em>.</em> Um kurz vor 19:00 Ortszeit, 44 Minuten nach dem Start, streifte die Boeing 747 in  1565 m Höhe den Bergrücken, wobei ein Triebwerk und der hintere Teil des Flugzeugs abgerissen wurden. Der Rest des Wracks raste den Berghang hinunter und explodierte beim Aufschlag. Alle schließlich Geretteten hatten im hinteren Teil gesessen. </p> <h2 id="h-rettung-erst-am-nachsten-tag"><em>Rettung erst am nächsten Tag</em></h2> <p>Amerikanische Flugzeuge und Hubschrauber überflogen die Absturzstelle schon kurze Zeit nach dem Absturz. Die ersten japanischen Hubschrauber erreichten den Absturzort dagegen erst nach Sonnenuntergang, konnten aber in dem unwegsamen Gelände, nur einige Brände, aber keine Anzeichen für Überlebende ausmachen. Polizei und Soldaten erreichten den Fuß des Bergs auf dem Straßenweg, versuchten aber nicht den Aufstieg, weil nicht von Überlebenden ausgegangen wurde. Am nächsten Morgen stiegen bei Tagesanbruch Hubschrauber auf und überflogen die Wrackstelle.</p> <p>Erst später am Morgen, 14 Stunden nach dem Absturz, erreichten Retter die Unglücksstelle. Es wurden zwei Frauen und zwei Kinder lebend geborgen. Es gibt Berichte, nach denen die Überlebenden ausgesagt hätten, sie hätten Hilferufe und Schreie von mehr Menschen gehört, die aber nach und nach verstummten. Im <a href="https://jtsb.mlit.go.jp/eng-air_report/JA8119.pdf" rel="noopener" target="_blank">Untersuchungsbericht der japanischen Behörden</a> steht nichts davon. Dort wird niemanden außer denen, die ganz hinten saßen, eine Überlebenschance eingeräumt. Auch diese hatten laut Bericht nur eine geringe Überlebenschance, zum einen wegen der direkt einwirkenden Beschleunigung von bis zu 100 g  beim Aufschlag, zum anderen wegen der Gefährdung durch Trümmerteile der stark zerstörten Einrichtung. Die wenigen Überlebenden hatten großes Glück und waren wahrscheinlich durch besondere Umstände vor herumfliegenden Trümmern geschützt, Dennoch verbrachte eine von ihnen, die 12jährige <a href="https://www.latimes.com/archives/la-xpm-1985-11-24-me-1730-story.html" rel="noopener" target="_blank">Keiko Kawakami</a>, 100 Tage im Krankenhaus.</p> <h2 id="h-einmal-ist-schon-schlimm-genug"><em>Einmal ist schon schlimm genug …</em></h2> <p>Ich muss allerdings sagen, angesichts der Schwere des Unglücks und der Anzahl der Todesopfer finde ich den geringen Raum, der den Opfern im Bericht eingeräumt wird, bestürzend. Noch bestürzender ist allerdings, dass es im Jahr 2002 ein ganz ähnliches Unglück gab, und zwar beim <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/materialermuedung_flugzeug_boeing_737/" rel="noopener" target="_blank">China Airlines-Flug 611</a>.  Auch dort  brach das Druckschott; das Flugzeug stürzte danach ins Meer. Auch dort war das Heck samt Druckschott durch einen Tailstrike beschädigt und fehlerhaft repariert worden, und zwar schon 1980. Der Fehler blieb sogar noch 22 Jahre lang unbemerkt. Selbst das JAL 123-Unglück 1985 nahm niemand zum Anlass, sich die Reparaturstelle nochmals anzuschauen. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/52040647119_27db2d0872_k.jpg" /><h1>Vor 40 Jahren: Der Crash von JAL 123 » Go for Launch » SciLogs</h1><h2>By Michael Khan</h2><div itemprop="text"> <p>Am 12 August 1985 ereignete sich das schwerste Flugunglück der Geschichte ohne Beteiligung eines zweiten Flugzeugs. Eine vollbesetzte Boeing 747 stürzte auf dem Weg von Tokio nach Osaka aufgrund des Versagens des hinteren Druckschotts ab. Von den 524 Menschen an Bord überlebten nur 4. </p> <span id="more-11066"></span> <p>Die Ursache des Unglücks lag – unglaublicherweise – bereits 7 Jahre zurück. Das Flugzeug, war eine Boeing 747 SR, die speziell auf Wunsch der japanischen Fluggesellschaft JAL (Japan Airlines) entwickelte Kurzstreckenversion der 747. Das 1974 gebaute Flugzeug wurde durch einen  “Tailstrike” beschädigt. Ein Tailstrike ist das Aufsetzen des Hecks durch einen zu steilen Anstellwinkel beim Start oder bei der Landung. Im gegebenen Fall war es eine Landung am 2. Juni 1978 in Osaka. Danach musste neben dem Austausch von Teilen der Außenhaut am unteren Heck auch das hintere Druckschott repariert werden. </p> <h2 id="h-das-druckschott"><em>Das Druckschott</em></h2> <p>Das Druckschott ähnelt in seiner Form einem aufgespannten Regenschirm. Es schließt die Druckkabine eines Verkehrsflugzeugs nach hinten ab und ist aufgrund des zyklischen Druckunterschieds enormen  Belastungen ausgesetzt. Bei einem großflächigen Versagen der Druckkabine kommt es zu einer explosiven Dekompression, dem schlagartigen Entweichen der unter Druck stehenden Luft im Inneren des Rumpfs.</p> <figure><div> <a href="https://flic.kr/p/2nhDVjx"><img alt="Pressure bulkhead" decoding="async" height="434" src="https://live.staticflickr.com/65535/52040647119_e054ec4ab4_z.jpg" width="640"></img></a> </div><figcaption><em>Hinteres Druckschott einer Boeing 747-200, Aufnahme: Michael Khan</em></figcaption></figure> <p>Die Reparatur des Druckschott war fehlerhaft, was über kurz oder lang zum Versagen führen musste – bei einem derart kritischen Bauteil auch zur Gefährdung des gesamten Flugzeugs und seiner Insassen. Ich habe noch mit keinem Japaner gesprochen, der diese Fehlleistung nicht der “natürlich” im Vergleich zu japanischer Technik und japanischem Arbeitsethos minderwertigen westlichen Kultur anlastete. Ich kann das alles schon mitsingen. Diese Interpretation ist allerdings etwas unterkomplex: </p> <ul> <li>Die Reparatur wurde in der Flugzeugwerft von JAL durchgeführt, allerdings durch und unter Aufsicht amerikanischer Boeing-Techniker.</li> <li>Die japanische Flugaufsichtsbehörde nahm die durchgeführte Reparatur ohne Beanstandung ab</li> <li>Danach war die Maschine bis zum Absturz noch besagte 7 Jahre lang im Betrieb, der infolge des Kurzstreckeneinsatz mit vielen täglichen Starts, Landungen und Druckzyklen besonders verschließintensiv war. Während dieser Zeit wurden sechs C-Checks (und zwar in Japan) durchgeführt, ohne dass der Fehler und die daraus resultierenden Haarrisse entdeckt wurden. Das Flugzeug hatte zum Zeitpunkt des Absturzes <a href="https://asn.flightsafety.org/wikibase/327151">18835 Flüge und 25030 Flugstunden absolviert.</a></li> </ul> <p>1985 sah die japanische Öffentlichkeit die Schuld übrigens eher bei JAL. Mitarbeiter des Unternehmens wurden beschimpft und öffentlich gemobbt. Offenbar ist es eine menschliche Schwäche, für alles einen Schuldigen zu suchen. Der Generaldirektor des Unternehmens trat zwei Tage nach dem Absturz zurück. Der <a href="https://www.nytimes.com/1985/09/22/world/jal-official-dies-apparently-a-suicide.html">Leiter der Flugzeugwartung beim JAL-Standort am Flughafen Haneda</a> bei Tokio ebenso wie der für die Abnahme der 1978 durchgeführten Reparatur zuständige Techniker begingen Selbstmord. <aside></aside></p> <h2 id="h-die-verpatzte-reparatur-und-ihre-folgen"><em>Die verpatzte Reparatur und ihre Folgen</em></h2> <p>Bei der fehlerhaften Reparatur wurde an einem Teilstück zwei statt wie vorgesehen einem Spleißblech eingesetzt, was dazu führte, dass die Spleißstelle von einer statt zweier Reihen Niete gehalten wurde. Das erhöhte erheblich die Anfälligkeit für Materialermüdung an der betreffenden Stelle. Es müssen sich dort feine Risse gebildet haben, die sich langsam und unentdeckt weiter ausbreiteten und schließlich beim Flug JAL 123 am 12. August 1985, 15 Minuten nach dem Abheben und kurz nach dem Erreichen der Reiseflughöhe von 25000 Fuß zu einem Versagen des Druckschotts führten. </p> <p>Das allein hätte nicht zwingend zum Absturz geführt, sondern vielleicht nur zum Druckverlust, dem Piloten durch sofortigen Abstieg auf eine niedrige Flughöhe und eine schnellstmögliche Landung begegnen. Bei JAL 123 pflanzte sich das Druckschottversagen allerdings fort:</p> <p>Der gewaltige Schwall an Druckluft aus dem Rumpf trat in das Heck ein. Der einzige Weg für die Luft war durch eine ungeschützte Wartungsluke, die in das Seitenleitwerk hinein führte. Dieses zerplatzte durch den plötzlichen Druckanstieg von innen. Das Flugzeug hatte auf einen Schlag kein Seitenleitwerk und keine Seitenruder mehr. Durch die zerrissenen Leitungen strömte die Hydraulikflüssigkeit ins Freie, sodass die hydraulische Anlage bald komplett trocken war. </p> <h2 id="h-der-qualend-lange-absturz-von-jal-123"><em>Der quälend lange Absturz von JAL 123</em></h2> <p>Ohne Seitenleitwerk und -ruder und ohne Hydrauliksystem war das Flugzeug kaum noch steuerbar. Allerdings liefen noch die Triebwerke, sodass die Piloten wenigstens eine begrenzte Möglichkeit zum Steuern hatten. Sie schafften es offenbar immerhin, die tödlich getroffene Maschine noch in der Luft zu halten, und offenbar gelang auch die Umkehr Richtung Haneda. </p> <p>Aber das Unausweichliche konnten sie nicht abwenden. Im Internet sind die Aufnahmen des Cockpit Voice Recorders zu finden. Ich habe die aber hier nicht verlinkt. Das würde hier gar nichts beitragen, und die Schreie von Menschen in Todesangst möchte auch niemand hören. </p> <p>Im Nachhinein wurde der Vorwurf laut, die Piloten hätten durch die anfängliche Nichtverwendung der Sauerstoffmasken zum Unglück beigetragen. Ich kann dazu nur wiederholen, was mir ein 747-Pilot der Lufthansa sagte: “Dass die die Kiste in dem Zustand noch eine halbe Stunde am Fliegen gehalten haben, grenzt schon an ein Wunder.” Weiter möchte ich dazu nichts sagen. </p> <p>Die kaum noch steuerbare Maschine führte eine Phygoidbewegung durch, eine typische Schwingung eines inhärent stabilen Systems. Sinkt das Flugzeug, wird es schneller, der Auftrieb nimmt zu und anstatt weiter zu sinken, fängt sie an zu steigen, wird dabei aber langsamer, und der Auftrieb nimmt ab. Ein solcher Zyklus dauerte bei JAL 123 etwa 90 Sekunden und wurde 22 Mal durchlaufen. Hinzu kamen ausgeprägte Gier- und Rollbewegungen. Später wurde versucht, durch Ausfahren des Fahrgestells die Schwingungen zu dämpfen … mit Erfolg, aber auf Kosten verringerter Steuerbarkeit und abnehmender Höhe. Zwischen Versagen des Druckschotts und Absturz vergingen so über 30 Minuten.</p> <p>Die mehr als 500 Passagiere waren sich in dieser halben Stunde der Situation bewusst. Im Wrack wurden später Abschiedsbriefe gefunden, die Passagiere an ihre Angehörigen geschrieben hatten: in der Hoffnung, wenigstens die Briefe würden den Absturz überleben. </p> <p>Japan ist als vulkanischer Inselbogen sehr gebirgig. Die nach und nach abnehmende Flughöhe musste über kurz oder lang unter der Gipfelhöhe der umgebenden Berge liegen. Am Ende war es der knapp 2000 m hohe <a href="https://maps.app.goo.gl/14crP5kvWRCSvGLt6" rel="noopener" target="_blank">Takamagahara in der Präfektur Gunma</a><em>.</em> Um kurz vor 19:00 Ortszeit, 44 Minuten nach dem Start, streifte die Boeing 747 in  1565 m Höhe den Bergrücken, wobei ein Triebwerk und der hintere Teil des Flugzeugs abgerissen wurden. Der Rest des Wracks raste den Berghang hinunter und explodierte beim Aufschlag. Alle schließlich Geretteten hatten im hinteren Teil gesessen. </p> <h2 id="h-rettung-erst-am-nachsten-tag"><em>Rettung erst am nächsten Tag</em></h2> <p>Amerikanische Flugzeuge und Hubschrauber überflogen die Absturzstelle schon kurze Zeit nach dem Absturz. Die ersten japanischen Hubschrauber erreichten den Absturzort dagegen erst nach Sonnenuntergang, konnten aber in dem unwegsamen Gelände, nur einige Brände, aber keine Anzeichen für Überlebende ausmachen. Polizei und Soldaten erreichten den Fuß des Bergs auf dem Straßenweg, versuchten aber nicht den Aufstieg, weil nicht von Überlebenden ausgegangen wurde. Am nächsten Morgen stiegen bei Tagesanbruch Hubschrauber auf und überflogen die Wrackstelle.</p> <p>Erst später am Morgen, 14 Stunden nach dem Absturz, erreichten Retter die Unglücksstelle. Es wurden zwei Frauen und zwei Kinder lebend geborgen. Es gibt Berichte, nach denen die Überlebenden ausgesagt hätten, sie hätten Hilferufe und Schreie von mehr Menschen gehört, die aber nach und nach verstummten. Im <a href="https://jtsb.mlit.go.jp/eng-air_report/JA8119.pdf" rel="noopener" target="_blank">Untersuchungsbericht der japanischen Behörden</a> steht nichts davon. Dort wird niemanden außer denen, die ganz hinten saßen, eine Überlebenschance eingeräumt. Auch diese hatten laut Bericht nur eine geringe Überlebenschance, zum einen wegen der direkt einwirkenden Beschleunigung von bis zu 100 g  beim Aufschlag, zum anderen wegen der Gefährdung durch Trümmerteile der stark zerstörten Einrichtung. Die wenigen Überlebenden hatten großes Glück und waren wahrscheinlich durch besondere Umstände vor herumfliegenden Trümmern geschützt, Dennoch verbrachte eine von ihnen, die 12jährige <a href="https://www.latimes.com/archives/la-xpm-1985-11-24-me-1730-story.html" rel="noopener" target="_blank">Keiko Kawakami</a>, 100 Tage im Krankenhaus.</p> <h2 id="h-einmal-ist-schon-schlimm-genug"><em>Einmal ist schon schlimm genug …</em></h2> <p>Ich muss allerdings sagen, angesichts der Schwere des Unglücks und der Anzahl der Todesopfer finde ich den geringen Raum, der den Opfern im Bericht eingeräumt wird, bestürzend. Noch bestürzender ist allerdings, dass es im Jahr 2002 ein ganz ähnliches Unglück gab, und zwar beim <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/materialermuedung_flugzeug_boeing_737/" rel="noopener" target="_blank">China Airlines-Flug 611</a>.  Auch dort  brach das Druckschott; das Flugzeug stürzte danach ins Meer. Auch dort war das Heck samt Druckschott durch einen Tailstrike beschädigt und fehlerhaft repariert worden, und zwar schon 1980. Der Fehler blieb sogar noch 22 Jahre lang unbemerkt. Selbst das JAL 123-Unglück 1985 nahm niemand zum Anlass, sich die Reparaturstelle nochmals anzuschauen. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/jal-123-crash/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>Hungrige Blauwale singen anders https://scilogs.spektrum.de/meertext/hungrige-blauwale-singen-anders/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/hungrige-blauwale-singen-anders/#respond Thu, 14 Aug 2025 07:56:37 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1740 <h1>Hungrige Blauwale singen anders » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Eine <a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0318624#references">6-Jahres-Studie vor der Küste Kaliforniens</a> zeigt, wie Meeres-Hitzewellen (Marine heat waves) und Meereslärm Blauwale verstummen lassen.<br></br>Vor den schroffen Küsten Kaliforniens ziehen viele große Walarten vorbei, darunter auch Blauwale, die gewaltigsten Wale aller Zeiten. Trotz ihrer Körpergrößen von bis zu 30 Metern ernähren sie sich von den winzigen Krill-Krebschen. Davon schöpfen die bis zu <a href="https://www.arcgis.com/home/item.html?id=4a12c6b609de482eb05895c51df7613f">150 Tonnen schweren Bartenwale bis zu 6 Tonnen</a> täglich aus dem Meer.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Anim1754_-_Flickr_-_NOAA_Photo_Library-1.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="709" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Anim1754_-_Flickr_-_NOAA_Photo_Library-1-1024x709.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Anim1754_-_Flickr_-_NOAA_Photo_Library-1-1024x709.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Anim1754_-_Flickr_-_NOAA_Photo_Library-1-300x208.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Anim1754_-_Flickr_-_NOAA_Photo_Library-1-768x532.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Anim1754_-_Flickr_-_NOAA_Photo_Library-1.jpg 1280w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Balaenoptera musculus</em> (Anim1754 – Flickr – NOAA Photo Library.jpg)</figcaption></figure> <p>Mit Sendern versehene Wale haben gezeigt: Die Blauwale (<em>Balaenoptera musculus)</em> des Nordpazifiks verbringen den Sommer (Juni, Juli und August) in der Nähe des Golfs von Alaska und den Winter (Dezember, Januar und Februar) vor der Küste Mexikos und Mittelamerikas. Dabei nutzen sie die Meeresoberflächentemperaturen des Vorjahres (Krill bevorzugt kühleres Wasser), um zu bestimmen, wann sie wandern müssen, und merken sich Orte, an denen es in der Vergangenheit reichlich Krill gab.</p> <p>Die mit bis zu 25 Metern nur wenig kleineren Finnwale (<em>Balaenoptera physalus</em>) nutzen ebenfalls diese Gewässer und haben die gleiche Beute. Beide Arten sind nahe verwandt, verhalten sich ähnlich und haben eine sehr ähnliche Ökologie. Die bis zu 15 Meter großen, deutlich <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwale-von-recovery-zu-climate-response/">gedrungeneren Buckelwale</a> (<em>Megaptera novaeangliae</em>) hingegen unterscheiden sich von den <em>Balaenoptera</em>-Bartenwalen, etwa durch <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/seti-forscher-unterhalten-sich-20-minuten-lang-mit-buckelwal-twain/">ihre sehr komplexen Gesänge.</a> Ihre <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/die-sprachen-der-wale-meeresarien-und-morsecode/">einzigartigen Lautäußerungen</a> werden <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/wal-furze-loesen-u-boot-alarm-aus/">von Forschenden als Sprache eingestuft</a>.<br></br>Während Blauwale vor allem Krill fressen, <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/species/humpback-whale">fischen Finnwale</a> auch Copepoden und <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/species/humpback-whale">Buckelwale </a>Krill oder kleine Schwarmfische.</p> <p>Bei ihren Wanderungen vor der amerikanischen Küste werden sie von vielen Menschen beobachtet. Außerdem haben Forschende des Monterey Bay Aquarium and Research Institutes (MBARI) ein Hydrophon-Netzwerk auf ihren Routen im California Current Ecosystem (CCE) installiert. Mit solch einem passiven akustischen Monitoring werden die Meeressäuger auch getaucht „sichtbar“.<br></br>Im Februar 2025 hatte ein Forscherteam um John P. Ryan die Aufnahmen von Blau-, Finn- und Buckelwalen auf saisonale und zwischenjährliche (interanuelle) Schwankungen analysiert.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/Uy-8M21H1ZM?feature=oembed" title="Blue whales going silent off California coast" width="666"></iframe> </p><figcaption>Blue whales going silent off California coast</figcaption></figure> <h2 id="h-california-current-ecosystem-krill-soviel-wal-will"><strong>California Current Ecosystem – Krill, soviel wal will</strong></h2> <p>Das California Current Ecosystem ist ein von Tiefseegräben durchzogenes Meeresbodenrelief direkt vor der Küste, in dem Upwelling (Auftrieb) für ein besonders reichhaltiges Nahrungsangebot sorgt – <a href="https://www.enso.info/enso-lexikon/lemma/upwelling">Upwelling bezeichnet das Aufströmen</a> von kaltem sauerstoffreichem Tiefenwasser, das sich mit dem Nährstoffeintrag von Land mischt. Sauerstoffreichtum und Nährstoffe sorgen in solchen Küstenregionen <a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0318624#references">dann für hohe Phytoplanktonproduktion</a>, die wiederum das Zooplanktonwachstum triggert, was kleine Schwarmfische und dann den Rest der marinen Nahrungspyramide anzieht. Solche Upwelling-Areale sind also reiche Fischgründe und ziehen damit auch Großwale an. Vor der kalifornischen Küste kommen dort etwa große Sardinenschwärme vor, die über Jahrzehnte die Basis für die <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/monterey-meeressaeuger-medusen-und-dosenfisch/">Sardinenfischerei von Monterey waren – die John Steinbeck</a> in seinem Werk“ Die Straße der Ölsardinen“ verewigte.<aside></aside></p> <p>Solche Freßgründe sind dynamisch und abhängig von den Temperaturen, Windverhältnissen und anderen ozeanographischen und meteorologischen Parametern. Wale merken sich die Stellen, an denen sie in den Vorjahren reichlich Nahrung fanden und steuern diese dann im Folgejahr wieder an. Blau-, Finn- und Buckelwale haben unterschiedliche Nahrungsstrategien und darum unterschiedliche saisonale Präsenz.</p> <h2 id="h-die-fressvorlieben-der-blauwale-finnwale-und-buckelwale"><strong>Die Freßvorlieben der Blauwale, Finnwale und Buckelwale</strong></h2> <p><a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0318624#references"><strong>Blauwale </strong>im östlichen Nordpazifik sind obligate</a> Euphausiiden- (Krill-) Fresser. Sie suchen im Sommer und Herbst entlang des Schelfabbruchs vor der Westküste Nordamerikas nach Nahrung, bevor sie nach Süden zu ihren Brutgebieten in niedrigeren Breitengraden wandern. Der Zeitpunkt der Ankunft und Abreise der Blauwale aus dem Nahrungshabitat CCE kann je nach Jahr um mehrere Monate variieren, abhängig von den ozeanographischen Parametern, die die Krillhäufigkeit, -dichte und -verteilung beeinflussen.<br></br><strong>Finnwale</strong> im östlichen Nordpazifik ernähren sich ebenfalls hauptsächlich von Euphausiiden, aber auch Copepoden (Ruderfußkrebse) können in manchen Jahren einen wesentlichen Teil ihrer Nahrung ausmachen. Telemetrische Studien deuten darauf hin, dass diese zweitgrößten aller Bartenwale das ganze Jahr über im CCE leben. <a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0318624#references">Die Markierung von Finnwalen in der südkalifornischen Bucht ergab zwei saisonale Muster</a>: (1) die Wanderung eines Teils der Population in niedrigere Breitengrade im Winter und (2) die bevorzugte Besiedlung von Lebensräumen in Küstennähe im Herbst und Winter sowie vor der Küste im Frühjahr und Sommer. <br></br><strong>Buckelwale</strong>, die im zentralen CCE nach Nahrung suchen, gehören fast ausschließlich zu zwei unterschiedlichen Populationen im nordöstlichen Pazifik, die zwischen den Nahrungsgründen vor der Westküste der Vereinigten Staaten und ihren Brutgebieten Brutgebieten vor Mexiko und Mittelamerika wandern. Auch bei ihnen gibt es Hinweise durch Sichtungen und andere Daten, dass sie ganzjährig im zentralen CCE anzutreffen sind. Sie fischen vor der Westküste Nordamerikas sowohl Krill als auch kleine Schwarmfische wie Sardellen und Sardinen – je nach Nahrungsangebot.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Humpback_Whale_underwater_shot-2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="588" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Humpback_Whale_underwater_shot-2-1024x588.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Humpback_Whale_underwater_shot-2-1024x588.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Humpback_Whale_underwater_shot-2-300x172.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Humpback_Whale_underwater_shot-2-768x441.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Humpback_Whale_underwater_shot-2.jpg 1034w" width="1024"></img></a><figcaption>Humpback whale (Humpback Whale underwater shot.jpg)</figcaption></figure> <h2 id="h-warum-walbullen-singen"><strong>Warum Walbullen singen</strong></h2> <p>Wale produzieren artspezifisch rhythmische und strukturierte Tonfolgen. Rufe von <a href="https://www.researchgate.net/publication/240809446_Behavioral_context_of_Northeast_Pacific_blue_whale_call_production">Blauwalen wie AB-Calls</a> stehen im Kontext mit dem Fortpflanzungsverhalten, andere Rufe wie D-Calls geben räumliche und zeitliche Informationen zur Nahrungssuche.<br></br>Je nach Walart geben Rufe und komplexe Gesänge also Informationen zum Zeitpunkt der Wanderung, Fortpflanzung und Nahrungssuche, die kulturelle Übertragung von Verhalten (vor allem bei Buckelwalen) sowie Trends in der relativen Häufigkeit und Muster der räumlichen Verteilung.</p> <p>Da Blauwale, Finnwale und Buckelwale sehr laute akustische Äußerungen abgeben, kann mit einem einzigen Hydrophon eine Fläche von Tausenden von km² erfasst werden. Ihre Tonfolgen dominieren die ozeanischen Klanglandschaften, so dass ihre akustische Überwachung ein wirksames Fernerkundungsinstrument für große Meeresökosysteme und für ökologische Aussagen zu den Walen dieses Meeresgebiets sind. Frühere Studien in dieser Region haben <a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0318624#references">Gesänge von Blauwalen während 7 Monaten und von Buckelwalen</a> während 9 Monaten im Jahr nachgewiesen.<p>Hier sind Calls:</p><br></br><a href="https://dosits.org/galleries/audio-gallery/marine-mammals/baleen-whales/blue-whale/?vimeography_gallery=9&amp;vimeography_video=395098208">Blauwal-Calls </a>(North Pacific)<br></br><a href="https://dosits.org/galleries/audio-gallery/marine-mammals/baleen-whales/fin-whale/">Finnwal-Calls</a> (Central-Pacific)<br></br><a href="https://dosits.org/galleries/audio-gallery/marine-mammals/baleen-whales/humpback-whale/">Buckelwal-Gesang</a> (California)</p> <h2 id="h-hitzewelle-im-meer-und-wal-nahrungssuche"><strong>Hitzewelle im Meer und Wal-Nahrungssuche</strong></h2> <p>Bei der Analyse der umfassenden Datensätze aus akustischen Aufnahmen, Sichtungen, Photo-ID, Nahrungs-Isotopen, Krill- und Fisch-Abundanz sowie weiteren Informationen wurden extreme Unterschiede zwischen den einzelnen Jahren sichtbar.<br></br>In einigen Jahren wurde deutlich, dass die Buckelwale von Krill zu kleinen Fischen als Beute switchten. Die Blau- und Finnwale hingegen haben aufgrund ihrer Bartenstruktur und Kultur diese Ausweichmöglichkeit auf andere Beute nicht. Sie mussten stattdessen in krillarmen Jahren mehr Aufwand und Energie in die Nahrungssuche stecken.</p> <p>Der Beginn der 6-jährigen Studie war 2015. In diesem Jahr herrschte eine extreme Hitzewelle im Nordpazifik, die Warmwasserblase wurde „The Blob“ genannt. „The Blob“ hatte starke Auswirkungen <a href="https://www.nature.com/articles/nature.2015.18218">auf alle Stufen der marinen Nahrungspyramide</a> (Ich hatte auf Meertext <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/4-b-wenn-die-fische-weiterwandern-heilbutt-co-im-nordpazifik/">hier</a> über diesen Blob sowie die Folgen <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2015/09/09/mysterioeses-wal-sterben-vor-alaska-durch-giftalgenbluete/2/">vor Alaska</a> <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2016/01/15/337-tote-seiwale-vor-chile-sind-giftalgen-und-el-nino-schuld/">und Chile</a> berichtet).<br></br>Zwischen den Jahren gab es große Schwankungen in der Häufigkeit und Zusammensetzung der Futterfischarten: In den ersten drei Jahren gab es durchweg wenige Sardellen und Sardinen, während die Krillbestände in diesem Zeitrahmen stetig stiegen (Allerdings hat der <a href="https://www.nature.com/articles/s42003-021-02159-1">Krillbestand über die letzten 60 Jahre fortlaufend abgenommen,</a> so dass ihre Bestände heute bereits insgesamt kleiner sind – Shifting Baselines. Auch die <a href="https://www.researchgate.net/publication/285782939_Recent_collapse_of_northern_anchovy_biomass_off_California">Anchovis-Bestände hatten insgesamt stark abgenommen</a>, trotz Fischereirestriktionen). Dieser Krill-Trend verlief parallel zu einem Anstieg des Upwellings und der Primärproduktion – die Meeresregion erholte sich offenbar von der mehrjährigen Meereswärmewelle. Die Song-Detektion für alle drei Walarten nahm in diesen Jahren zu. In den letzten drei Jahren des Untersuchungszeitraums fiel der Krill-Bestand stark ab, während mindestens eine Futterfischart starke zunahm.<br></br>Während dieses Zeitraums nahmen nur die Buckelwal-Gesänge zu, die der Blau- und Finnwale hingegen nahmen ab.</p> <p>Die Hitzewelle im Meer und die daraus resultierende Abnahme <a href="https://www.nationalgeographic.com/animals/article/ocean-heat-wave-blob-whale-songs">führte also bei Blau- und Finnwalen zur Änderung der Lautäußerungen.</a> Offenbar brauchten sie nun mehr Energie für Rufe, um ihre Beute zu orten und „riefen“ sich Krillansammlungen auch gegenseitig zu. Die Buckelwale, die bei Krillknappheit einfach kleine Fische fraßen, veränderten ihre Akustik hingegen nicht und sangen munter weiter.<br></br>Der Titel dieser umfassenden Arbeit – „<a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0318624#references">Hörbare Veränderungen in der marinen trophischen Ökologie: Der Gesang von Bartenwalen gibt Aufschluss über die Nahrungssituation im östlichen Nordpazifik</a>“ – trifft also voll zu. (Warum diese ausgezeichnete umfassende Arbeit jetzt erst in der Presse gebracht wurde, weiß ich nicht. Möglicherweise war sie zu komplex für viele Medien)</p> <h2 id="h-fazit-klimakrise-setzt-auch-grosse-wale-unter-stress"><strong>Fazit: Klimakrise setzt (auch) große Wale unter Stress</strong></h2> <p>Ryans Publikation endet mit der Feststellung der veränderten Kommunikation durch Hitzewellen. Ich möchte sie noch etwas weiter einordnen.<br></br>Die zunehmenden Hitzewellen in den Meeren bedrohen vor Allem Arten, die ein kleines Nahrungsspektrum haben – wie Finn- und noch stärker Blauwale. Diese Meerestiere müssen dann mehr Zeit und Energie für ihre Nahrungssuche aufwenden – auf Kosten anderer Verhaltensweisen. Darunter leidet etwa ihre Fortpflanzungsfähigkeit – ohne Gesänge können Bartenwal-Bullen nicht um Weibchen werben. Bei schlechtem Nahrungsangebot können die Wale sich nicht genug Fett als Treibstoff für ihre langen Wanderungen anfressen. Weibchen, die neben ausreichend Fett als Energie für die Wanderung auch noch ihr Kalb ernähren müssen, leiden besonders stark darunter – sie werden entweder nicht trächtig oder können sich und ihr Kalb nicht bis zur nächsten Ankunft in den Nahrungsgründen ernähren.</p> <p>Bei den Grauwalen vor der nordamerikanischen Pazifikküste sind diese Zusammenhänge im Kontext mit der Erwärmung ihrer arktischen Freßgründe bereits besser <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/die-grauwale-sterben-weiter-auch-2025/">untersucht, dazu gibt es exakte Zahlen</a>. Auch bei <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwale-von-recovery-zu-climate-response/">Buckelwalen waren auch andere Studien bereits zu dem Ergebnis</a> gekommen, dass sie unter Marine Heat Waves leiden. Was es konkret für die Finn- und Blauwale bedeutet, muss die Zukunft zeigen. Bedenklich ist, dass der Blauwalbestand sich bis heute nicht von den Wal-Massakern des kommerziellen Walfangs erholt hat.</p> <p>Die <a href="https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2413505122">zunehmenden Hitzewellen in den Meeren werden seit 2000</a> dokumentiert, die Temperaturen gerade der Meeresoberflächen erreichen immer neue Rekorde. Gerade dort, wo die Primärpoduktion stattfindet. Auch wenn sie von eher regionalen Wettergeschehnissen wie El Nino und La Nina überlagert werden, besteht kein Zweifel mehr daran, dass sie die Folgen der anthropogen gemachten Klimakrise sind.<br></br>Wale sind ökologische Zeiger und Frühwarnsysteme – sie zeigen, wie Meerestiere unter der Klimakrise leiden.</p> <h2 id="h-hinweis-zu-diskussion-von-klimakrise-themen-auf-meertext"><strong>Hinweis zu Diskussion von Klimakrise-Themen auf Meertext</strong></h2> <p>Wie bei allen Beiträgen zur Klimakrise möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass auch diese Aussagen und Schätzungen auf Resultaten Hunderter Datensätze vor allem von US-Forschungsgruppen basieren – sie sind im Text verlinkt. Die Arbeit von dem Wissenschaftsteam um John P. Ryan ist mit einer Vielzahl detaillierter Daten belegt und ergibt ein absolut plausibles Bild.<p>Ich bitte um eine faktenzentrierte Diskussion.</p><br></br>Trollereien hingegen werden nicht akzeptiert. Genauso wie das Unvermögen, zwischen Fakten und Meinung zu differenzieren.<br></br></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Hungrige Blauwale singen anders » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Eine <a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0318624#references">6-Jahres-Studie vor der Küste Kaliforniens</a> zeigt, wie Meeres-Hitzewellen (Marine heat waves) und Meereslärm Blauwale verstummen lassen.<br></br>Vor den schroffen Küsten Kaliforniens ziehen viele große Walarten vorbei, darunter auch Blauwale, die gewaltigsten Wale aller Zeiten. Trotz ihrer Körpergrößen von bis zu 30 Metern ernähren sie sich von den winzigen Krill-Krebschen. Davon schöpfen die bis zu <a href="https://www.arcgis.com/home/item.html?id=4a12c6b609de482eb05895c51df7613f">150 Tonnen schweren Bartenwale bis zu 6 Tonnen</a> täglich aus dem Meer.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Anim1754_-_Flickr_-_NOAA_Photo_Library-1.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="709" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Anim1754_-_Flickr_-_NOAA_Photo_Library-1-1024x709.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Anim1754_-_Flickr_-_NOAA_Photo_Library-1-1024x709.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Anim1754_-_Flickr_-_NOAA_Photo_Library-1-300x208.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Anim1754_-_Flickr_-_NOAA_Photo_Library-1-768x532.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Anim1754_-_Flickr_-_NOAA_Photo_Library-1.jpg 1280w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Balaenoptera musculus</em> (Anim1754 – Flickr – NOAA Photo Library.jpg)</figcaption></figure> <p>Mit Sendern versehene Wale haben gezeigt: Die Blauwale (<em>Balaenoptera musculus)</em> des Nordpazifiks verbringen den Sommer (Juni, Juli und August) in der Nähe des Golfs von Alaska und den Winter (Dezember, Januar und Februar) vor der Küste Mexikos und Mittelamerikas. Dabei nutzen sie die Meeresoberflächentemperaturen des Vorjahres (Krill bevorzugt kühleres Wasser), um zu bestimmen, wann sie wandern müssen, und merken sich Orte, an denen es in der Vergangenheit reichlich Krill gab.</p> <p>Die mit bis zu 25 Metern nur wenig kleineren Finnwale (<em>Balaenoptera physalus</em>) nutzen ebenfalls diese Gewässer und haben die gleiche Beute. Beide Arten sind nahe verwandt, verhalten sich ähnlich und haben eine sehr ähnliche Ökologie. Die bis zu 15 Meter großen, deutlich <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwale-von-recovery-zu-climate-response/">gedrungeneren Buckelwale</a> (<em>Megaptera novaeangliae</em>) hingegen unterscheiden sich von den <em>Balaenoptera</em>-Bartenwalen, etwa durch <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/seti-forscher-unterhalten-sich-20-minuten-lang-mit-buckelwal-twain/">ihre sehr komplexen Gesänge.</a> Ihre <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/die-sprachen-der-wale-meeresarien-und-morsecode/">einzigartigen Lautäußerungen</a> werden <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/wal-furze-loesen-u-boot-alarm-aus/">von Forschenden als Sprache eingestuft</a>.<br></br>Während Blauwale vor allem Krill fressen, <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/species/humpback-whale">fischen Finnwale</a> auch Copepoden und <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/species/humpback-whale">Buckelwale </a>Krill oder kleine Schwarmfische.</p> <p>Bei ihren Wanderungen vor der amerikanischen Küste werden sie von vielen Menschen beobachtet. Außerdem haben Forschende des Monterey Bay Aquarium and Research Institutes (MBARI) ein Hydrophon-Netzwerk auf ihren Routen im California Current Ecosystem (CCE) installiert. Mit solch einem passiven akustischen Monitoring werden die Meeressäuger auch getaucht „sichtbar“.<br></br>Im Februar 2025 hatte ein Forscherteam um John P. Ryan die Aufnahmen von Blau-, Finn- und Buckelwalen auf saisonale und zwischenjährliche (interanuelle) Schwankungen analysiert.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/Uy-8M21H1ZM?feature=oembed" title="Blue whales going silent off California coast" width="666"></iframe> </p><figcaption>Blue whales going silent off California coast</figcaption></figure> <h2 id="h-california-current-ecosystem-krill-soviel-wal-will"><strong>California Current Ecosystem – Krill, soviel wal will</strong></h2> <p>Das California Current Ecosystem ist ein von Tiefseegräben durchzogenes Meeresbodenrelief direkt vor der Küste, in dem Upwelling (Auftrieb) für ein besonders reichhaltiges Nahrungsangebot sorgt – <a href="https://www.enso.info/enso-lexikon/lemma/upwelling">Upwelling bezeichnet das Aufströmen</a> von kaltem sauerstoffreichem Tiefenwasser, das sich mit dem Nährstoffeintrag von Land mischt. Sauerstoffreichtum und Nährstoffe sorgen in solchen Küstenregionen <a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0318624#references">dann für hohe Phytoplanktonproduktion</a>, die wiederum das Zooplanktonwachstum triggert, was kleine Schwarmfische und dann den Rest der marinen Nahrungspyramide anzieht. Solche Upwelling-Areale sind also reiche Fischgründe und ziehen damit auch Großwale an. Vor der kalifornischen Küste kommen dort etwa große Sardinenschwärme vor, die über Jahrzehnte die Basis für die <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/monterey-meeressaeuger-medusen-und-dosenfisch/">Sardinenfischerei von Monterey waren – die John Steinbeck</a> in seinem Werk“ Die Straße der Ölsardinen“ verewigte.<aside></aside></p> <p>Solche Freßgründe sind dynamisch und abhängig von den Temperaturen, Windverhältnissen und anderen ozeanographischen und meteorologischen Parametern. Wale merken sich die Stellen, an denen sie in den Vorjahren reichlich Nahrung fanden und steuern diese dann im Folgejahr wieder an. Blau-, Finn- und Buckelwale haben unterschiedliche Nahrungsstrategien und darum unterschiedliche saisonale Präsenz.</p> <h2 id="h-die-fressvorlieben-der-blauwale-finnwale-und-buckelwale"><strong>Die Freßvorlieben der Blauwale, Finnwale und Buckelwale</strong></h2> <p><a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0318624#references"><strong>Blauwale </strong>im östlichen Nordpazifik sind obligate</a> Euphausiiden- (Krill-) Fresser. Sie suchen im Sommer und Herbst entlang des Schelfabbruchs vor der Westküste Nordamerikas nach Nahrung, bevor sie nach Süden zu ihren Brutgebieten in niedrigeren Breitengraden wandern. Der Zeitpunkt der Ankunft und Abreise der Blauwale aus dem Nahrungshabitat CCE kann je nach Jahr um mehrere Monate variieren, abhängig von den ozeanographischen Parametern, die die Krillhäufigkeit, -dichte und -verteilung beeinflussen.<br></br><strong>Finnwale</strong> im östlichen Nordpazifik ernähren sich ebenfalls hauptsächlich von Euphausiiden, aber auch Copepoden (Ruderfußkrebse) können in manchen Jahren einen wesentlichen Teil ihrer Nahrung ausmachen. Telemetrische Studien deuten darauf hin, dass diese zweitgrößten aller Bartenwale das ganze Jahr über im CCE leben. <a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0318624#references">Die Markierung von Finnwalen in der südkalifornischen Bucht ergab zwei saisonale Muster</a>: (1) die Wanderung eines Teils der Population in niedrigere Breitengrade im Winter und (2) die bevorzugte Besiedlung von Lebensräumen in Küstennähe im Herbst und Winter sowie vor der Küste im Frühjahr und Sommer. <br></br><strong>Buckelwale</strong>, die im zentralen CCE nach Nahrung suchen, gehören fast ausschließlich zu zwei unterschiedlichen Populationen im nordöstlichen Pazifik, die zwischen den Nahrungsgründen vor der Westküste der Vereinigten Staaten und ihren Brutgebieten Brutgebieten vor Mexiko und Mittelamerika wandern. Auch bei ihnen gibt es Hinweise durch Sichtungen und andere Daten, dass sie ganzjährig im zentralen CCE anzutreffen sind. Sie fischen vor der Westküste Nordamerikas sowohl Krill als auch kleine Schwarmfische wie Sardellen und Sardinen – je nach Nahrungsangebot.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Humpback_Whale_underwater_shot-2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="588" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Humpback_Whale_underwater_shot-2-1024x588.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Humpback_Whale_underwater_shot-2-1024x588.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Humpback_Whale_underwater_shot-2-300x172.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Humpback_Whale_underwater_shot-2-768x441.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Humpback_Whale_underwater_shot-2.jpg 1034w" width="1024"></img></a><figcaption>Humpback whale (Humpback Whale underwater shot.jpg)</figcaption></figure> <h2 id="h-warum-walbullen-singen"><strong>Warum Walbullen singen</strong></h2> <p>Wale produzieren artspezifisch rhythmische und strukturierte Tonfolgen. Rufe von <a href="https://www.researchgate.net/publication/240809446_Behavioral_context_of_Northeast_Pacific_blue_whale_call_production">Blauwalen wie AB-Calls</a> stehen im Kontext mit dem Fortpflanzungsverhalten, andere Rufe wie D-Calls geben räumliche und zeitliche Informationen zur Nahrungssuche.<br></br>Je nach Walart geben Rufe und komplexe Gesänge also Informationen zum Zeitpunkt der Wanderung, Fortpflanzung und Nahrungssuche, die kulturelle Übertragung von Verhalten (vor allem bei Buckelwalen) sowie Trends in der relativen Häufigkeit und Muster der räumlichen Verteilung.</p> <p>Da Blauwale, Finnwale und Buckelwale sehr laute akustische Äußerungen abgeben, kann mit einem einzigen Hydrophon eine Fläche von Tausenden von km² erfasst werden. Ihre Tonfolgen dominieren die ozeanischen Klanglandschaften, so dass ihre akustische Überwachung ein wirksames Fernerkundungsinstrument für große Meeresökosysteme und für ökologische Aussagen zu den Walen dieses Meeresgebiets sind. Frühere Studien in dieser Region haben <a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0318624#references">Gesänge von Blauwalen während 7 Monaten und von Buckelwalen</a> während 9 Monaten im Jahr nachgewiesen.<p>Hier sind Calls:</p><br></br><a href="https://dosits.org/galleries/audio-gallery/marine-mammals/baleen-whales/blue-whale/?vimeography_gallery=9&amp;vimeography_video=395098208">Blauwal-Calls </a>(North Pacific)<br></br><a href="https://dosits.org/galleries/audio-gallery/marine-mammals/baleen-whales/fin-whale/">Finnwal-Calls</a> (Central-Pacific)<br></br><a href="https://dosits.org/galleries/audio-gallery/marine-mammals/baleen-whales/humpback-whale/">Buckelwal-Gesang</a> (California)</p> <h2 id="h-hitzewelle-im-meer-und-wal-nahrungssuche"><strong>Hitzewelle im Meer und Wal-Nahrungssuche</strong></h2> <p>Bei der Analyse der umfassenden Datensätze aus akustischen Aufnahmen, Sichtungen, Photo-ID, Nahrungs-Isotopen, Krill- und Fisch-Abundanz sowie weiteren Informationen wurden extreme Unterschiede zwischen den einzelnen Jahren sichtbar.<br></br>In einigen Jahren wurde deutlich, dass die Buckelwale von Krill zu kleinen Fischen als Beute switchten. Die Blau- und Finnwale hingegen haben aufgrund ihrer Bartenstruktur und Kultur diese Ausweichmöglichkeit auf andere Beute nicht. Sie mussten stattdessen in krillarmen Jahren mehr Aufwand und Energie in die Nahrungssuche stecken.</p> <p>Der Beginn der 6-jährigen Studie war 2015. In diesem Jahr herrschte eine extreme Hitzewelle im Nordpazifik, die Warmwasserblase wurde „The Blob“ genannt. „The Blob“ hatte starke Auswirkungen <a href="https://www.nature.com/articles/nature.2015.18218">auf alle Stufen der marinen Nahrungspyramide</a> (Ich hatte auf Meertext <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/4-b-wenn-die-fische-weiterwandern-heilbutt-co-im-nordpazifik/">hier</a> über diesen Blob sowie die Folgen <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2015/09/09/mysterioeses-wal-sterben-vor-alaska-durch-giftalgenbluete/2/">vor Alaska</a> <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2016/01/15/337-tote-seiwale-vor-chile-sind-giftalgen-und-el-nino-schuld/">und Chile</a> berichtet).<br></br>Zwischen den Jahren gab es große Schwankungen in der Häufigkeit und Zusammensetzung der Futterfischarten: In den ersten drei Jahren gab es durchweg wenige Sardellen und Sardinen, während die Krillbestände in diesem Zeitrahmen stetig stiegen (Allerdings hat der <a href="https://www.nature.com/articles/s42003-021-02159-1">Krillbestand über die letzten 60 Jahre fortlaufend abgenommen,</a> so dass ihre Bestände heute bereits insgesamt kleiner sind – Shifting Baselines. Auch die <a href="https://www.researchgate.net/publication/285782939_Recent_collapse_of_northern_anchovy_biomass_off_California">Anchovis-Bestände hatten insgesamt stark abgenommen</a>, trotz Fischereirestriktionen). Dieser Krill-Trend verlief parallel zu einem Anstieg des Upwellings und der Primärproduktion – die Meeresregion erholte sich offenbar von der mehrjährigen Meereswärmewelle. Die Song-Detektion für alle drei Walarten nahm in diesen Jahren zu. In den letzten drei Jahren des Untersuchungszeitraums fiel der Krill-Bestand stark ab, während mindestens eine Futterfischart starke zunahm.<br></br>Während dieses Zeitraums nahmen nur die Buckelwal-Gesänge zu, die der Blau- und Finnwale hingegen nahmen ab.</p> <p>Die Hitzewelle im Meer und die daraus resultierende Abnahme <a href="https://www.nationalgeographic.com/animals/article/ocean-heat-wave-blob-whale-songs">führte also bei Blau- und Finnwalen zur Änderung der Lautäußerungen.</a> Offenbar brauchten sie nun mehr Energie für Rufe, um ihre Beute zu orten und „riefen“ sich Krillansammlungen auch gegenseitig zu. Die Buckelwale, die bei Krillknappheit einfach kleine Fische fraßen, veränderten ihre Akustik hingegen nicht und sangen munter weiter.<br></br>Der Titel dieser umfassenden Arbeit – „<a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0318624#references">Hörbare Veränderungen in der marinen trophischen Ökologie: Der Gesang von Bartenwalen gibt Aufschluss über die Nahrungssituation im östlichen Nordpazifik</a>“ – trifft also voll zu. (Warum diese ausgezeichnete umfassende Arbeit jetzt erst in der Presse gebracht wurde, weiß ich nicht. Möglicherweise war sie zu komplex für viele Medien)</p> <h2 id="h-fazit-klimakrise-setzt-auch-grosse-wale-unter-stress"><strong>Fazit: Klimakrise setzt (auch) große Wale unter Stress</strong></h2> <p>Ryans Publikation endet mit der Feststellung der veränderten Kommunikation durch Hitzewellen. Ich möchte sie noch etwas weiter einordnen.<br></br>Die zunehmenden Hitzewellen in den Meeren bedrohen vor Allem Arten, die ein kleines Nahrungsspektrum haben – wie Finn- und noch stärker Blauwale. Diese Meerestiere müssen dann mehr Zeit und Energie für ihre Nahrungssuche aufwenden – auf Kosten anderer Verhaltensweisen. Darunter leidet etwa ihre Fortpflanzungsfähigkeit – ohne Gesänge können Bartenwal-Bullen nicht um Weibchen werben. Bei schlechtem Nahrungsangebot können die Wale sich nicht genug Fett als Treibstoff für ihre langen Wanderungen anfressen. Weibchen, die neben ausreichend Fett als Energie für die Wanderung auch noch ihr Kalb ernähren müssen, leiden besonders stark darunter – sie werden entweder nicht trächtig oder können sich und ihr Kalb nicht bis zur nächsten Ankunft in den Nahrungsgründen ernähren.</p> <p>Bei den Grauwalen vor der nordamerikanischen Pazifikküste sind diese Zusammenhänge im Kontext mit der Erwärmung ihrer arktischen Freßgründe bereits besser <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/die-grauwale-sterben-weiter-auch-2025/">untersucht, dazu gibt es exakte Zahlen</a>. Auch bei <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwale-von-recovery-zu-climate-response/">Buckelwalen waren auch andere Studien bereits zu dem Ergebnis</a> gekommen, dass sie unter Marine Heat Waves leiden. Was es konkret für die Finn- und Blauwale bedeutet, muss die Zukunft zeigen. Bedenklich ist, dass der Blauwalbestand sich bis heute nicht von den Wal-Massakern des kommerziellen Walfangs erholt hat.</p> <p>Die <a href="https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2413505122">zunehmenden Hitzewellen in den Meeren werden seit 2000</a> dokumentiert, die Temperaturen gerade der Meeresoberflächen erreichen immer neue Rekorde. Gerade dort, wo die Primärpoduktion stattfindet. Auch wenn sie von eher regionalen Wettergeschehnissen wie El Nino und La Nina überlagert werden, besteht kein Zweifel mehr daran, dass sie die Folgen der anthropogen gemachten Klimakrise sind.<br></br>Wale sind ökologische Zeiger und Frühwarnsysteme – sie zeigen, wie Meerestiere unter der Klimakrise leiden.</p> <h2 id="h-hinweis-zu-diskussion-von-klimakrise-themen-auf-meertext"><strong>Hinweis zu Diskussion von Klimakrise-Themen auf Meertext</strong></h2> <p>Wie bei allen Beiträgen zur Klimakrise möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass auch diese Aussagen und Schätzungen auf Resultaten Hunderter Datensätze vor allem von US-Forschungsgruppen basieren – sie sind im Text verlinkt. Die Arbeit von dem Wissenschaftsteam um John P. Ryan ist mit einer Vielzahl detaillierter Daten belegt und ergibt ein absolut plausibles Bild.<p>Ich bitte um eine faktenzentrierte Diskussion.</p><br></br>Trollereien hingegen werden nicht akzeptiert. Genauso wie das Unvermögen, zwischen Fakten und Meinung zu differenzieren.<br></br></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/hungrige-blauwale-singen-anders/#respond 0 Wie viele Sterne haben die Plejaden? https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/wie-viele-sterne-haben-die-plejaden/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/wie-viele-sterne-haben-die-plejaden/#comments Wed, 13 Aug 2025 15:47:36 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=11917 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_185_subaru.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/wie-viele-sterne-haben-die-plejaden/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_198.jpg" /><h1>Wie viele Sterne haben die Plejaden? » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Weißt du, wie viel Sternlein stehen? … Am weiten Himmelszelt, sagt man, sind es ca. 6000, die das menschliche Auge erfassen kann. Allerdings hat dies niemand nachgezählt, sondern das ist eine Hochrechnung von Sternfeldzählung. </p> <p>Spannend wird es, wenn wir fragen, wie viele Sterne Menschen in dem markanten Sternhaufen der Plejaden zählen. Das sind weniger als zehn und daher dürfte es doch nicht so schwer sein, eine einhellige Antwort zu erhalten. Denkt man. </p> <p>Allerdings ist die Sache so einfach dann doch nicht. Schauen wir uns nur einmal die kulturellen Repräsentationen an: </p> <ul> <li>Auf Englisch wird das Sternhäuflein oft “Sieben Schwestern” (Seven Sisters) genannt. Das kommt zwar aus der Kolonialzeit durch den Einfluss von Indien, stimmt aber mit der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Plejaden_(Mythologie)">griechischen Mythologie</a> überein. </li> <li>Im Deutschen sagen wir oft “Siebengestirn”. Das ist unverbindlicher, sagt nicht, ob Sterne weiblich oder männlich sind, aber eben auch sieben an deren Zahl. Woher das kommt, ist mir nicht ganz klar: Hinweise bitte in den Kommentaren. </li> <li>Das griechische Wort “Pleias” bedeutet Wörtlich “Fülle” oder “Überhäufigkeit”, wurde im Altertum aber auch mit dem Wort für “segeln” (pleiu) in Verbindung gebracht. Die Plejaden läuteten mit ihrem heliakischen Aufgang die Segelsaison ein und beendeten sie mit ihrem acronischen Aufgang (Opposition). Die sieben Damen in der griechischen Mythologie sind eine Eselsbrücke und ihr Mythos mag auf östlichen Einfluss zurückgehen. Interessant ist, dass wir hier sieben Töchter von zwei Eltern haben, die alle in den Sternen gesehen werden. </li> <li>Die Maori auf Neuseeland sehen eben auch neun Sterne in diesem Häuflein. </li> <li>Eine große japanische Automarke zeigt in ihrem Logo aber das, was wir als Großstadtmenschen auch kennen: sechs Sternlein, die man unter halbdunklem Himmel sieht, wenn man die Großstadt gerade verlassen hat (wozu sonst sollte man ein Auto nutzen: in der Stadt ist es eher nicht so praktisch). </li> <li>Freiäugig sieht man leicht fünf Sterne (wie ich bei der<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/plejadenbedeckung-heute/"> Plejadenbedeckung im Mai</a> dokumentierte), bei gutem Himmel sechs und mit sehr viel Glück auch den siebten und achten, die gleich hell sind. </li> </ul> <p>Wir lernen: elementares Zählen ist schwer!</p> <p>Eigentlich … werden jetzt alle Astrophysiker dagegen halten … eigentlich haben die Plejaden als Sternhaufen einige hundert Mitglieder. Das ist zwar wahr und richtig, sagte aber nichts über die Sichtbarkeit fürs bloße Auge. Die Frage der meisten Menschen in der Öffentlichkeit und der Hobbyastronomie ist ja eher: Warum heißt es “Siebengestirn”, wenn man doch niemals sieben Sterne sieht (wie schon der griechische Dichter Aratos schreibt, der dann die Namen von sieben Mädchen aufzählt, die hier angeblich verstirnt seien)? <aside></aside></p> <p>Ich vermute, dass dies nicht mit einem Zählfehler zusammenhängt, sondern mit der religiösen/ kultischen Bedeutung der Zahl Sieben in manchen Kulturen. Das griechische Wort sagt ja nur, dass es hier “viele” Sterne gibt und das babylonische/ sumerische Worte ist auch nur ein Plural von “Stern” ohne Zahlwort. Man hat also eine unbestimmte Vielzahl von Sternen mit einer Siebengottheit verknüpft – und zwar sowohl in Indien als auch in Mesopotamien. Zwar waren die indischen Göttinnen weiblich und die babylonischen männlich, aber grundsätzlich könnte sieben einfach symbolisch für “mehr als drei” stehen – eine unbestimmte Vielzahl. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_198.jpg" /><h1>Wie viele Sterne haben die Plejaden? » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Weißt du, wie viel Sternlein stehen? … Am weiten Himmelszelt, sagt man, sind es ca. 6000, die das menschliche Auge erfassen kann. Allerdings hat dies niemand nachgezählt, sondern das ist eine Hochrechnung von Sternfeldzählung. </p> <p>Spannend wird es, wenn wir fragen, wie viele Sterne Menschen in dem markanten Sternhaufen der Plejaden zählen. Das sind weniger als zehn und daher dürfte es doch nicht so schwer sein, eine einhellige Antwort zu erhalten. Denkt man. </p> <p>Allerdings ist die Sache so einfach dann doch nicht. Schauen wir uns nur einmal die kulturellen Repräsentationen an: </p> <ul> <li>Auf Englisch wird das Sternhäuflein oft “Sieben Schwestern” (Seven Sisters) genannt. Das kommt zwar aus der Kolonialzeit durch den Einfluss von Indien, stimmt aber mit der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Plejaden_(Mythologie)">griechischen Mythologie</a> überein. </li> <li>Im Deutschen sagen wir oft “Siebengestirn”. Das ist unverbindlicher, sagt nicht, ob Sterne weiblich oder männlich sind, aber eben auch sieben an deren Zahl. Woher das kommt, ist mir nicht ganz klar: Hinweise bitte in den Kommentaren. </li> <li>Das griechische Wort “Pleias” bedeutet Wörtlich “Fülle” oder “Überhäufigkeit”, wurde im Altertum aber auch mit dem Wort für “segeln” (pleiu) in Verbindung gebracht. Die Plejaden läuteten mit ihrem heliakischen Aufgang die Segelsaison ein und beendeten sie mit ihrem acronischen Aufgang (Opposition). Die sieben Damen in der griechischen Mythologie sind eine Eselsbrücke und ihr Mythos mag auf östlichen Einfluss zurückgehen. Interessant ist, dass wir hier sieben Töchter von zwei Eltern haben, die alle in den Sternen gesehen werden. </li> <li>Die Maori auf Neuseeland sehen eben auch neun Sterne in diesem Häuflein. </li> <li>Eine große japanische Automarke zeigt in ihrem Logo aber das, was wir als Großstadtmenschen auch kennen: sechs Sternlein, die man unter halbdunklem Himmel sieht, wenn man die Großstadt gerade verlassen hat (wozu sonst sollte man ein Auto nutzen: in der Stadt ist es eher nicht so praktisch). </li> <li>Freiäugig sieht man leicht fünf Sterne (wie ich bei der<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/plejadenbedeckung-heute/"> Plejadenbedeckung im Mai</a> dokumentierte), bei gutem Himmel sechs und mit sehr viel Glück auch den siebten und achten, die gleich hell sind. </li> </ul> <p>Wir lernen: elementares Zählen ist schwer!</p> <p>Eigentlich … werden jetzt alle Astrophysiker dagegen halten … eigentlich haben die Plejaden als Sternhaufen einige hundert Mitglieder. Das ist zwar wahr und richtig, sagte aber nichts über die Sichtbarkeit fürs bloße Auge. Die Frage der meisten Menschen in der Öffentlichkeit und der Hobbyastronomie ist ja eher: Warum heißt es “Siebengestirn”, wenn man doch niemals sieben Sterne sieht (wie schon der griechische Dichter Aratos schreibt, der dann die Namen von sieben Mädchen aufzählt, die hier angeblich verstirnt seien)? <aside></aside></p> <p>Ich vermute, dass dies nicht mit einem Zählfehler zusammenhängt, sondern mit der religiösen/ kultischen Bedeutung der Zahl Sieben in manchen Kulturen. Das griechische Wort sagt ja nur, dass es hier “viele” Sterne gibt und das babylonische/ sumerische Worte ist auch nur ein Plural von “Stern” ohne Zahlwort. Man hat also eine unbestimmte Vielzahl von Sternen mit einer Siebengottheit verknüpft – und zwar sowohl in Indien als auch in Mesopotamien. Zwar waren die indischen Göttinnen weiblich und die babylonischen männlich, aber grundsätzlich könnte sieben einfach symbolisch für “mehr als drei” stehen – eine unbestimmte Vielzahl. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/wie-viele-sterne-haben-die-plejaden/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>2</slash:comments> </item> <item> <title>Venus und Jupiter https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/venus-und-jupiter/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/venus-und-jupiter/#comments Wed, 13 Aug 2025 03:10:09 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=11941 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250813_044651.jpg_compressed-768x576.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/venus-und-jupiter/</link> </image> <description type="html"><h1>Venus und Jupiter » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Wie auch schon <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/jupiter-mars-konjunktion/">letztes Jahr um dieses Jahreszeit</a>, die Mitte zwischen der Junisonnenwende und der Septembertag- und -nachtgleiche, steht ein <strong>besonderes Gestirn</strong> am Morgenhimmel. Wie ein großer Doppelpunkt strahlen Venus und Jupiter in der Dämmerung. Wer gegen 4:50 schon wach ist, sieht diese hübsche Szenerie.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/IMG_2723_lbl_1001.jpg"><img alt="" decoding="async" height="667" sizes="(max-width: 1001px) 100vw, 1001px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/IMG_2723_lbl_1001.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/IMG_2723_lbl_1001.jpg 1001w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/IMG_2723_lbl_1001-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/IMG_2723_lbl_1001-768x512.jpg 768w" width="1001"></img></a></figure> <p>Wer genau hinsieht, erspäht links neben dem “kategorischen Doppelpunkt” die Zwillingssterne Pollux und Castor.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/IMG_2727_smh.jpg"><img alt="" decoding="async" height="667" sizes="(max-width: 1001px) 100vw, 1001px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/IMG_2727_smh.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/IMG_2727_smh.jpg 1001w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/IMG_2727_smh-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/IMG_2727_smh-768x512.jpg 768w" width="1001"></img></a></figure> <h2 id="h-handy-bilder">Handy Bilder</h2> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250813_044651.jpg_compressed.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250813_044651.jpg_compressed-1024x768.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250813_044651.jpg_compressed-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250813_044651.jpg_compressed-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250813_044651.jpg_compressed-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250813_044651.jpg_compressed-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250813_044651.jpg_compressed.jpeg 1707w" width="1024"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250813_051246.jpg_compressed.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250813_051246.jpg_compressed-1024x768.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250813_051246.jpg_compressed-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250813_051246.jpg_compressed-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250813_051246.jpg_compressed-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250813_051246.jpg_compressed-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20250813_051246.jpg_compressed.jpeg 1707w" width="1024"></img></a></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Venus und Jupiter » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Wie auch schon <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/jupiter-mars-konjunktion/">letztes Jahr um dieses Jahreszeit</a>, die Mitte zwischen der Junisonnenwende und der Septembertag- und -nachtgleiche, steht ein <strong>besonderes Gestirn</strong> am Morgenhimmel. Wie ein großer Doppelpunkt strahlen Venus und Jupiter in der Dämmerung. 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Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/venus-und-jupiter/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>2</slash:comments> </item> <item> <title>Matariki – Kulte, Navigation & Sonnenwende https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/matariki/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/matariki/#comments Mon, 11 Aug 2025 14:14:56 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=11880 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_198-768x576.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/matariki/</link> </image> <description type="html"><h1>Matariki - Kulte, Navigation & Sonnenwende » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Wintersonnenwende im Juni: ja, ich war auf der anderen Seite der Erde, in Neuseeland: Das erste Mal, dass ich meine Schuhe gründlich sauber putzte, bevor ich auf Reisen ging, um ein anderes Land zu betreten. Es begab sich zu jener Zeit, dass zwei große Konferenzen direkt hintereinander stattfanden, eine in Neuseeland (der größte Kongress für Wissenschaftsgeschichte weltweit, der alle vier Jahre an wechselnden Orten stattfindet) und ein IAU-Symposium in Australien. Ich sah das als “göttliches Zeichen”, dass ich auf die andere Seite des Erdballs soll und düste ab. 🙂 So ward dieses Jahr das Juni-Solstitium für mich eine Wintersonnenwende.</p> <p>Die Maori, die Ureinwohnenden Neuseelands, feiern dieses Fest mit den Sternen – manche mit dem Stern Rigel (beta Orionis), manche mit dem Sternhaufen der Plejaden, aber für alle ist es ein Neujahrsfest. Es geht mit ähnlichem Brauchtum daher wie das pagane (vorchristliche) Weihnachtsfest: man kommt in den Familien zusammen, Sternen-Deko überall, man gedenkt der Ahnen (wie in den europäischen Raunächten), sieht zurück auf das alte Jahr und plant / begrüßt das neue. </p> <p>Die Sternwarte von Wellington liegt über der Stadt auf einem der Berge: man kommt mit dem “Cable Car” dort hin, zu der Kuppe mit dem Botanischen Garten. Ich kenne einen emeritierten Professor, der dort als junger Mann gearbeitet hat – in der Zeit, als in Sternwarten noch geforscht wurde. Heute ist diese Sternwarte eine Publikumsattraktion, heißt “Space Place” und das einzige, das sie zur Forschung beiträgt, sind die Daten der Wetterstation nebenan. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_060.jpg"><img alt="" decoding="async" height="751" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1001px) 100vw, 1001px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_060.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_060.jpg 1001w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_060-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_060-768x576.jpg 768w" width="1001"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_062.jpg"><img alt="" decoding="async" height="751" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1001px) 100vw, 1001px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_062.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_062.jpg 1001w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_062-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_062-768x576.jpg 768w" width="1001"></img></a><figcaption>Tafel in der Sternwarte Wellington</figcaption></figure> <p>Die oben gezeigte Tafel mit der handschriftlichen Erklärung ist allerdings interessant. Sie berichtet, dass jeder der neun Plejadensterne eine kulturelle Bedeutung zum Neujahrsfest hat:</p> <ol> <li> Ururangi steht für Wind </li> <li>Tupu-a Rangi für Nahrung vom Himmel </li> <li>Tupu-a-Nuku für Nahrung von der Erde </li> <li>Waiti für das Süßwasser-Nahrung </li> <li>Waita für Salzwasser-Nahrung</li> <li>Waipuna a-Rangi für Regen </li> <li>Hiwai-i-te-Rangi für Zukunftshoffnungen </li> <li>Pohutakawa für die Lieben (Menschen), die bereits verstorben sind </li> <li>Matariki (der Mittelstern, eta Tau) für Besinnlichkeit, Menschen und Umwelt </li> </ol> <p>… also all das, was bei uns ebenfalls mit den Raunächten assoziiert wird. <aside></aside></p> <p>Für mich als Astronomin ist es besonders beeindruckend, dass aber in Neuseeland – anders als bei uns – nicht nur symbolische Sterne (zackige Gebilde) aufgehängt werden, sondern die echten Sterne am Himmel beobachtet und gefeiert werden. Natürlich gibt es auch die gezackte Dekoration, Wünsche (wie unsere Neujahrswünsche) und Rituale wie das Bemalen der Kinns von Frauen, so dass sie wie bärtig aussehen… aber das Beobachten echter Sterne (in der Morgendämmerung) ist Bestandteil der Festlichkeiten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_089.jpg"><img alt="" decoding="async" height="563" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1001px) 100vw, 1001px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_089-edited.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_089-edited.jpg 1001w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_089-edited-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_089-edited-768x432.jpg 768w" width="1001"></img></a></figure> <p>Die Maori sind ein Volk von Seefahrern. Sie gehören zu dem polynesischen Kulturkreis, der bis nach Hawaii reicht, weil schlaue NavigatorInnen die Sterne besonders gut kannten. </p> <h2 id="h-polynesischer-sternkompass">Polynesischer Sternkompass</h2> <p>Der polynesische Sternkompass funktionierte aber viel raffinierter, mit Winden und Sternen. Es gibt (auch heute noch) Navigatoren, die die Kunst des indigenen Navigierens erlernen (u. <a href="https://www.youtube.com/watch?v=TWm52IPPZjI">Weltreisen unternehmen</a>). Solche Leute können Land (Inseln) dann riechen bevor sie in Sichtweite kommen – sie navigieren mit den Sternen und nutzen geschickt die jahreszeitlich vorhersehbaren Windschemata (“Passate”/ “trade winds”) zwischen den Wendekreisen. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Matariki - Kulte, Navigation & Sonnenwende » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Wintersonnenwende im Juni: ja, ich war auf der anderen Seite der Erde, in Neuseeland: Das erste Mal, dass ich meine Schuhe gründlich sauber putzte, bevor ich auf Reisen ging, um ein anderes Land zu betreten. Es begab sich zu jener Zeit, dass zwei große Konferenzen direkt hintereinander stattfanden, eine in Neuseeland (der größte Kongress für Wissenschaftsgeschichte weltweit, der alle vier Jahre an wechselnden Orten stattfindet) und ein IAU-Symposium in Australien. Ich sah das als “göttliches Zeichen”, dass ich auf die andere Seite des Erdballs soll und düste ab. 🙂 So ward dieses Jahr das Juni-Solstitium für mich eine Wintersonnenwende.</p> <p>Die Maori, die Ureinwohnenden Neuseelands, feiern dieses Fest mit den Sternen – manche mit dem Stern Rigel (beta Orionis), manche mit dem Sternhaufen der Plejaden, aber für alle ist es ein Neujahrsfest. Es geht mit ähnlichem Brauchtum daher wie das pagane (vorchristliche) Weihnachtsfest: man kommt in den Familien zusammen, Sternen-Deko überall, man gedenkt der Ahnen (wie in den europäischen Raunächten), sieht zurück auf das alte Jahr und plant / begrüßt das neue. </p> <p>Die Sternwarte von Wellington liegt über der Stadt auf einem der Berge: man kommt mit dem “Cable Car” dort hin, zu der Kuppe mit dem Botanischen Garten. Ich kenne einen emeritierten Professor, der dort als junger Mann gearbeitet hat – in der Zeit, als in Sternwarten noch geforscht wurde. Heute ist diese Sternwarte eine Publikumsattraktion, heißt “Space Place” und das einzige, das sie zur Forschung beiträgt, sind die Daten der Wetterstation nebenan. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_060.jpg"><img alt="" decoding="async" height="751" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1001px) 100vw, 1001px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_060.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_060.jpg 1001w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_060-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_060-768x576.jpg 768w" width="1001"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_062.jpg"><img alt="" decoding="async" height="751" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1001px) 100vw, 1001px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_062.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_062.jpg 1001w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_062-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_062-768x576.jpg 768w" width="1001"></img></a><figcaption>Tafel in der Sternwarte Wellington</figcaption></figure> <p>Die oben gezeigte Tafel mit der handschriftlichen Erklärung ist allerdings interessant. Sie berichtet, dass jeder der neun Plejadensterne eine kulturelle Bedeutung zum Neujahrsfest hat:</p> <ol> <li> Ururangi steht für Wind </li> <li>Tupu-a Rangi für Nahrung vom Himmel </li> <li>Tupu-a-Nuku für Nahrung von der Erde </li> <li>Waiti für das Süßwasser-Nahrung </li> <li>Waita für Salzwasser-Nahrung</li> <li>Waipuna a-Rangi für Regen </li> <li>Hiwai-i-te-Rangi für Zukunftshoffnungen </li> <li>Pohutakawa für die Lieben (Menschen), die bereits verstorben sind </li> <li>Matariki (der Mittelstern, eta Tau) für Besinnlichkeit, Menschen und Umwelt </li> </ol> <p>… also all das, was bei uns ebenfalls mit den Raunächten assoziiert wird. <aside></aside></p> <p>Für mich als Astronomin ist es besonders beeindruckend, dass aber in Neuseeland – anders als bei uns – nicht nur symbolische Sterne (zackige Gebilde) aufgehängt werden, sondern die echten Sterne am Himmel beobachtet und gefeiert werden. Natürlich gibt es auch die gezackte Dekoration, Wünsche (wie unsere Neujahrswünsche) und Rituale wie das Bemalen der Kinns von Frauen, so dass sie wie bärtig aussehen… aber das Beobachten echter Sterne (in der Morgendämmerung) ist Bestandteil der Festlichkeiten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_089.jpg"><img alt="" decoding="async" height="563" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1001px) 100vw, 1001px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_089-edited.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_089-edited.jpg 1001w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_089-edited-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/nz2025_web_089-edited-768x432.jpg 768w" width="1001"></img></a></figure> <p>Die Maori sind ein Volk von Seefahrern. Sie gehören zu dem polynesischen Kulturkreis, der bis nach Hawaii reicht, weil schlaue NavigatorInnen die Sterne besonders gut kannten. </p> <h2 id="h-polynesischer-sternkompass">Polynesischer Sternkompass</h2> <p>Der polynesische Sternkompass funktionierte aber viel raffinierter, mit Winden und Sternen. Es gibt (auch heute noch) Navigatoren, die die Kunst des indigenen Navigierens erlernen (u. <a href="https://www.youtube.com/watch?v=TWm52IPPZjI">Weltreisen unternehmen</a>). Solche Leute können Land (Inseln) dann riechen bevor sie in Sichtweite kommen – sie navigieren mit den Sternen und nutzen geschickt die jahreszeitlich vorhersehbaren Windschemata (“Passate”/ “trade winds”) zwischen den Wendekreisen. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/matariki/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>3</slash:comments> </item> <item> <title>Kein Fortschritt ohne Öl und Gas? https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/oel-und-gas-als-preis-des-fortschritts/ https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/oel-und-gas-als-preis-des-fortschritts/#comments Sat, 09 Aug 2025 10:17:58 +0000 Thomas Grüter https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/?p=1710 https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ausgetrockneter_see-768x354.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/oel-und-gas-als-preis-des-fortschritts/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ausgetrockneter_see.jpg" /><h1>Kein Fortschritt ohne Öl und Gas? » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Donald Trump erlässt nicht nur willkürliche Zölle, er will auch fossile Energien wieder stärker fördern. Klimaschutz hält er für überflüssig. Sein Energieminister Chris Wright hat Ende Juli <a href="https://www.focus.de/politik/ausland/klimakrise-quatsch-nur-ein-nebenprodukt-des-fortschritts-meint-trump-minister_57b65d7e-676d-46b3-9620-1967761dbba8.html">in einem Gastbeitrag</a> für das britische Nachrichtenmagazin <i>The </i><i>Economist</i> eine skurrile Begründung dafür geschrieben.</b></p> <p>Eigentlich müsste er es besser wissen, denn im Gegensatz zu vielen anderen engen Mitarbeitern von Trump hat Chris Wright keine Karriere im Showbusiness hinter sich. Vielmehr hat er am renommierten Massachusetts Institute of Technology Ingenieurwissenschaften studiert und seinen Master gemacht. Später hat mehrere Firmen gegründet, die im sogenannten Fracking-Geschäft tätig sind. Fracking ist die die gängige Abkürzung für „Hydraulic Frakturing“. Dabei wird mit hohem Druck eine spezielle Flüssigkeit durch eine Bohrung in die Erde gedrückt, um bei Öl- und Gas-Lagerstätten die Förderung zu erleichtern. In den USA wird das Verfahren in großem Maßstab angewandt.</p> <p>Bis zu seiner Ernennung zum Energieminister war er CEO der Firma „<a href="https://libertyenergy.com/completion-services/frac/">Liberty Energy</a>“. Sie verdient ihr Geld unter anderem mit Ausrüstungen für Fracking-Bohrungen. Und das ist in den USA ein Riesengeschäft. 2024 setzte Liberty Energy mehr als fünf Milliarden US$ um.</p> <p>Wenn man in Deutschland Menschen bittet, die größten Erdölproduzenten zu nennen, wird den meisten wohl Saudi-Arabien und Russland einfallen. Tatsächlich sind aber die USA das größte Förderland für <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Erd%C3%B6l/Tabellen_und_Grafiken">Erdöl</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Erdgas/Tabellen_und_Grafiken">Erdgas</a>, weit vor Saudi-Arabien (zweiter) und Russland (dritter). Es ist also nachvollziehbar, dass der Chef einer florierenden Firma für Öl- und Gasgewinnung von alternativer Energie nicht viel hält. Und Chris Wright hat schon vor seiner Ernennung zum Energieminister aus seiner Abneigung gegen den Klimaschutz keinen Hehl gemacht.<aside></aside></p> <p>„Es gibt keine Klimakrise und wir sind auch nicht mitten in einem Wandel der Energieerzeugung“, erklärte er 2023 in <a href="https://eu.usatoday.com/story/news/politics/elections/2024/11/16/trump-cabinet-chris-wright-energy-secretary/76366278007/">einem Video auf LinkedIn.</a> Einen Mangel an verfügbarer Energie sieht er als den schlimmsten Armutfaktor an. Ausschließlich eine verstärkte Förderung und Verbrennung von Kohlenwasserstoffen (Öl und Gas) könne diese Armut lindern, sagte er bei mehreren Gelegenheiten. Seine Firma hat im Jahr 2024 sogar <a href="https://libertyenergy.com/wp-content/uploads/2024/02/Bettering-Human-Lives-2024-Web-Liberty-Energy.pdf">eine bunte Broschüre herausgebracht</a>, in der diese These vorgestellt und erläutert wird.</p> <p>Trump ist auf diesen Zug gerne aufgesprungen, nicht zuletzt, weil die Öl- und Gasindustrie über viel Geld verfügt. Wenn sie <a href="https://www.n-tv.de/wirtschaft/Trump-verspricht-Olindustrie-Ende-von-Umwelt-Restriktionen-article24932263.html">eine Milliarde US$ an Spenden</a> für seinen Wahlkampf springen lassen, erklärte Trump, damals noch Präsidentschaftskandidat, vor Vertretern von Ölfirmen, werde er Umweltrestriktionen aufheben und weitere Ölbohrlizenzen vergeben. Diese Summe war aber selbst den Ölmagnaten zu viel. Nach einer <a href="https://climatepower.us/research-polling/big-oil-spent-450-million-to-influence-trump-the-119th-congress/">Rechnung der Gruppe „Climate Power“</a> gaben sie aber in den Jahren 2023 und 2024 immerhin rund 445 Millionen US$ für Lobby-Arbeit aus. Rund 96 Millionen davon kamen allein für Trumps Wahlkampf zusammen.</p> <p>Schon in den ersten Tagen seiner Amtszeit rief Trump einen „Energienotstand“ aus und <a href="https://www.whitehouse.gov/presidential-actions/2025/01/unleashing-american-energy/">wies seine Minister an,</a> mehr bundeseigenes Land zur Exploration freizugeben. Außerdem widerrief er eine Reihe von Umweltschutzvorschriften und bestellte mit Chris Wright einen Lobbyisten der Ölindustrie zum Energieminister. Der nutzte auch gleich seine Einführungsrede für die Mitarbeiter des Ministeriums, um Deutschland als <a href="https://insideclimatenews.org/news/13022025/inside-clean-energy-chris-wright-calls-germany-energy-transition-unreliable/">warnendes Beispiel</a> hinzustellen:</p> <p>Das Land habe auf erneuerbare Energien gesetzt und leide jetzt unter den Folgen. „Wenn Energie teuer und unzuverlässig ist, werden alle ein bisschen ärmer und es ist schwieriger, Waren im Land herzustellen. Was passiert dann? Die Industrieproduktion wird einfach woanders hin verlagert. Sie verschwindet nicht, sie findet nur nicht mehr in Deutschland statt. Dinge werden in Asien oder den Vereinigten Staaten hergestellt, auf ein Schiff verladen und nach Deutschland zurückgeschickt.“<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a></p> <p>Tatsächlich nimmt die Industrieproduktion in Deutschland seit Jahren ab, aber das liegt nicht an unzuverlässiger Stromversorgung. Vielmehr ist die Stromversorgung in <a href="https://www.heise.de/news/Stromversorgung-in-Deutschland-eine-der-zuverlaessigsten-der-Welt-7305219.html">Deutschland so sicher wie fast nirgendwo anders</a> – und deutlich sicherer als in den USA. Maßgeblich ist eher die <a href="https://de.statista.com/infografik/28510/produktionsindex-des-produzierenden-gewerbes-in-deutschland/">Krise der deutschen Automobilindustrie</a>. Und die Energiepreise in Deutschland sind in den letzten Jahr hauptsächlich deshalb so schnell gestiegen, weil Russland ohne Vorwarnung die Belieferung mit Erdgas eingestellt hat (inzwischen sind die Preise wieder deutlich gefallen).</p> <p>Die Argumentation, die Wright übrigens auch in seinem aktuellen Artikel für den „Economist“ wiederholt, nimmt wenig Rücksicht auf komplexe Zusammenhänge und kommt immer wieder auf einen einzigen Punkt zurück:</p> <p>„Fortschritt und Reichtum der Welt hängen vom steigenden Energieverbrauch ab. Deshalb muss Energie billig sein und in immer größeren Mengen zur Verfügung stehen.“</p> <p>Und das, so folgert er, geht nur mit Öl und Gas, wobei eine Beimischung von Kernenergie durchaus sinnvoll sein kann.</p> <p>Das alles propagiert Wright schon lange. Neuerdings argumentiert er auch, dass Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz Unmengen elektrischer Energie verschlingt. Wer hier mithalten will, muss billigen Strom im Überfluss bereitstellen, aus Öl und Gas natürlich.</p> <h3>Wright und der Klimawandel</h3> <p>Und der Klimawandel? Doch, sagt er, den gibt es. <a href="https://www.focus.de/politik/ausland/klimakrise-quatsch-nur-ein-nebenprodukt-des-fortschritts-meint-trump-minister_57b65d7e-676d-46b3-9620-1967761dbba8.html">Aber</a>:</p> <p>„Wir werden den Klimakrise [falsch im Original] als das betrachten, was er ist: keine existenzielle Krise, sondern ein reales, physisches Phänomen, ein Nebenprodukt des Fortschritts … Milliarden Menschen konnten der Armut entkommen … Ich bin bereit, für dieses Erbe des menschlichen Fortschritts bescheidene Nachteile in Kauf zu nehmen.“</p> <p>Und er meint, es habe keinen Sinn, die Stromerzeugung auf erneuerbare Energien umzustellen. Schließlich ist Elektrizität nur für etwa 20 % des weltweiten <a href="https://www.iea.org/reports/key-world-energy-statistics-2021/final-consumption">Energieverbrauchs verantwortlich</a>. Und der Rest? Betrachtet man den <a href="https://ourworldindata.org/grapher/global-primary-energy">gesamten Energieverbrauch der Welt,</a> dann machen Kohle, Gas und Öl tatsächlich mehr als 80 Prozent aus<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>. Und deshalb sind sie auf absehbare Zeit unersetzlich. Das meiste wird zur Wärmeerzeugung verbrannt. Autos, Flugzeuge, Schiffe und Eisenbahnen brauchen deutlich weniger, aber immer vergleichsweise viel. Darauf baut Wright sein Argument auf, dass die Welt eben nicht mitten in einem Wandel der Energieerzeugung steckt. Hat er damit eventuell recht? Spoiler: Hat er nicht.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1712" id="attachment_1712"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/drought2.jpg"><img alt="Dürre. Ausgetrockneter Bach in vertrockneter Wiese." decoding="async" height="341" sizes="(max-width: 341px) 100vw, 341px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/drought2-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/drought2-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/drought2-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/drought2-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/drought2.jpg 1024w" width="341"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1712">Dürre. KI-generiertes Symbolbild</figcaption></figure> <p>Wrights Argumente sind eine geschickte Mischung aus Tatsachen, Interpretationen, Auslassungen, Falschbehauptungen und unzulässigen Schlussfolgerungen.</p> <p>Richtig ist, dass fossile Brennstoffe nach wie vor die Energieversorgung der Welt – und auch Deutschlands – dominieren (mit je 80 Prozent). Es ist eine Lebenslüge der deutschen „Energiewende“, dass unser Land der Welt ein Vorbild ist, oder auch nur einen Großteil der Dekarbonisierung bereits geschafft haben. Tatsächlich liegt der schwierigste und steilste Teil noch vor uns, und ob die fehlenden 80 Prozent wirklich in zwanzig Jahren zu schaffen sind, bleibt offen. Trotzdem ist dies der richtige Weg, auch wenn wir eventuell mit Verspätung am Ziel anlangen.</p> <p>Chris Wright hat deshalb unrecht, wenn er sagt, dass kein Wandel stattfindet.</p> <p>Würde er sich ohne Scheuklappen umsehen, könnte ihm auffallen, dass viele Länder angefangen haben, die Stromerzeugung auf erneuerbare Energien umzustellen, und die Abhängigkeit des Verkehrs und der Wärmeerzeugung von fossilen Energien zu reduzieren. Eigentlich sollte das bis zur Mitte des Jahrhunderts geschafft sein, aber der Weg ist wie üblich anstrengender als das Ziel.</p> <h3>Braucht Fortschritt mehr Energie?</h3> <p>Treibt nur ein stetig ansteigender Energieverbrauch den technischen Fortschritt an, wie Wright behauptet? Diese Idee ist mindestens umstritten. <a href="https://www.destatis.de/Europa/DE/Thema/GreenDeal/_Grafik/05-endenergieverbrauch.html">Der Energieverbrauch der EU</a> hat von 2005 bis 2023 um ca. 12 Prozent <i>abgenommen </i>(Deutschland -13 Prozent, Niederlande – 22 Prozent), während <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/222901/umfrage/bruttoinlandsprodukt-bip-in-der-europaeischen-union-eu/">das Bruttoinlandsprodukt um mehr als 50 Prozent</a> gestiegen ist. Die EU-Staaten verbessern also die <i>Energieeffizienz. </i>Die EU steht auf dem Standpunkt, dass eine Verringerung des Energieverbrauchs keineswegs dem Fortschritt und dem Wirtschaftswachstum im Weg steht. Und das Potential ist bisher nicht einmal ausgeschöpft. Ein Kurzgutachten des Instituts für Energietechnik und Energiemanagement der Hochschule Niederrhein kam 2023 zu dem Ergebnis, dass die deutsche Industrie ohne große negative Auswirkungen noch weitere 44 Prozent des Energiebedarfs einsparen könnte.<a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a> Die billigste Energie ist immer diejenige, die gar nicht erst verbraucht wird. Aber gibt es überhaupt einen linearen Zusammenhang zwischen Reichtum und Energie?</p> <p><a href="https://ourworldindata.org/grapher/energy-use-per-person-vs-gdp-per-capita?tab=table&amp;tableFilter=countries">Die folgende Vergleichstabelle</a> zeigt den Energieverbrauch und das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf für wichtige Industriestaaten:</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1711" id="attachment_1711"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/US-Reg-tab1.jpg"><img alt="Bruttoinlandsprodukt und Energieverbrauch" decoding="async" height="226" sizes="(max-width: 394px) 100vw, 394px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/US-Reg-tab1-300x172.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/US-Reg-tab1-300x172.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/US-Reg-tab1.jpg 652w" width="394"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1711">Bruttoinlandsprodukt und Energieverbrauch pro Kopf in ausgewählten Staaten im Jahr 2024 (Quelle: Ourworldindata.org)</figcaption></figure> <p>Halten wir fest: Fortschritt und Reichtum hängen ganz offenbar nicht am Energieverbrauch. Hier liegt Wright also falsch. Und das müsste er eigentlich wissen, schließlich war er lange genug in der Branche tätig.</p> <h3>Billige Energie durch Öl und Gas?</h3> <p>Donald Trump hatte in seinem Wahlkampf versprochen, die Preise für Energie und Strom zu halbieren, und zwar durch eine Förderung des Verbrauchs von Kohle („I love Coal!“), Öl und Gas. Geht das, oder ist das eines seiner vielen leeren Versprechen? Sehen wir mal:</p> <p>Die Kosten der Erdölproduktion liegen in den meisten Ländern weit unter dem gegenwärtigen Durchschnittspreis von ca. 70 US$ pro Barrel. Die Produktionskosten in Saudi-Arabien liegen wohl unter 10 US$. <a href="https://www.focus.de/finanzen/news/oelpreis-rueckgang-bringt-russlands-wirtschaft-in-gefahr-ab-diesem-preis-zittert-putin_f0876599-1a9a-4f6d-b51c-f9b268d88ed6.html">Russland produziert für ca. 40 – 45 US$</a><a href="#sdendnote4sym" name="sdendnote4anc"><sup>4</sup></a>, die Ölförderung durch Fracking in den USA<a href="https://www.eia.gov/todayinenergy/detail.php?id=65024"> kostet teilweise mehr als 60 US$</a>. Die gegenwärtigen Öl- und Gaspreise werden deshalb ausschließlich von Angebot und Nachfrage bestimmt. Jede Ausweitung der Nachfrage führt beinahe sofort zu steigenden Preisen, jeder Rückgang zu einem Einbruch. Wenn Trump sein Wahlkampfversprechen halten will, muss seine Regierung die Ölpreise drücken – aber nicht zu sehr, weil einige einheimische Produzenten dann aufgeben würden. Idealerweise würden sich die Ölpreise also in dem schmalen Korridor zwischen 70 und 80 US$ bewegen, um sowohl die Ölindustrie als auch die Verbraucher bei Laune zu halten. Für die angekündigten Preissenkungen bei Benzin und Diesel bleibt da nicht viel Spielraum.</p> <p>Beim Strom sieht es nicht besser aus. Sicher, Trumps Regierung tut einiges um Kohle- und Gaskraftwerke zu fördern. Die Umweltagentur hat unter seiner Ägide <a href="https://www.nbcnews.com/science/environment/trump-epa-power-plant-emissions-repeal-rcna212193">vorgeschlagen</a>, die CO<sub>2</sub>-Grenzwerte für Kraftwerke aufzuheben und die Grenzwerte für Quecksilber hochzusetzen. Das hilft den Kohlekraftwerken enorm.</p> <p>Nur: Die Stromerzeugung aus Kohle ist seit 2000 um zwei Drittel zurückgegangen und ein großer Teil der Kohlekraftwerke ist <a href="https://www.reuters.com/markets/commodities/trumps-push-comeback-coal-may-turn-ashes-2025-07-18/">älter als vierzig Jahre</a>. Die Erneuerung und Erweiterung kostet erst einmal viel Geld, und das werden die Betreiber auf den Preis des Stroms aufschlagen – wenn sie das überhaupt angehen wollen. Niemand weiß schließlich, ob auch künftige Regierungen kohlefreundlich bleiben werden.</p> <p>Bei Gaskraftwerken sieht es etwas anders aus. Sie erzeugen ohne Frage günstigen Strom, solange die Umweltauflagen großzügig sind und eine CO<sub>2</sub>-Abgabe nicht erhoben wird. Aber wer jetzt ein neues Gaskraftwerk bauen will, muss sich darauf verlassen, dass sich das in den nächsten zwanzig Jahren nicht ändert. Und dieses Risiko werden wohl die wenigsten eingehen wollen. Schließlich dauert allein der Bau eines großen Kohle- oder Gaskraftwerks mindestens drei bis sieben Jahre.</p> <p>Auch Trump kann also nicht einfach die Zeit zurückdrehen. Und anders als vor 40 Jahren müssen sich die fossilen Kraftwerke heutzutage der erneuerbaren Konkurrenz stellen. Zwar stehen erneuerbare Energien nicht durchgehend zur Verfügung, aber sie sind billig und außerdem schneller am Netz. Für eine große Windfarm oder einen Solarpark reichen ein Jahr Vorlaufzeit – und große Stromspeicher werden auch immer günstiger.</p> <h3>Fazit</h3> <p>Die Argumente, die Wright vorbringt, sind dünn, teilweise falsch und voller Auslassungen. So liegt der Verdacht nahe, dass es ihm mehr um sein eigenes Geschäft als um die Sicherheit der amerikanischen Energieversorgung geht. Aber warum macht er sich überhaupt die Mühe, sein Geschäft als Beitrag für den Fortschritt der Menschheit zu verkaufen? Vielleicht möchte er – auch vor sich selbst – nicht als amoralischer Neureicher dastehen, der sein Geld damit verdient, Boden und Luft zu verschmutzen. Vielleicht möchte er auch, dass seine Kunden ein besseres Gewissen haben. So genau weiß das das niemand.</p> <p>Und Donald Trump sieht es sicherlich nicht ungern, wenn die Öl- und Gasindustrie weiterhin hohe Summen für seine politischen Freunde spendet. Dafür ernennt er auch gerne einen Ölmagnaten zum Energieminister.</p> <p>Ein Deal, eben.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> “If your energy is expensive and it’s unreliable, everyone lives a little bit of a poorer life and it’s harder to manufacture things in your country,” he said. “So guess what happens? That manufacturing, it just moves somewhere else. Doesn’t go away, it’s just not built in Germany anymore. It’s built in Asia, United States, and loaded on a ship and shipped back to Germany.”</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Das ist in Deutschland nicht anders. Im Jahr 2024 hat unser Land <a href="https://ag-energiebilanzen.de/energieverbrauch-faellt-2024-auf-neuen-tiefststand/">80 Prozent seines Energiebedarfs</a> mit fossilen Energien gedeckt. Wenn wir wirklich bis 2045 komplett auf erneuerbare Energien umstellen wollen, haben wir die Umstellung noch zum größten Teil vor uns.</p> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3]</a> Meyer, J., Madsen, M., &amp; Saars, L. Kurzstudie Energieeffizienzmaßnahmen in der Industrie. Krefeld 2023. <a href="https://deneff.org/wp-content/uploads/2023/04/HSNR-Kurzstudie-EnEffPotentiale-Industrie-2023-03-31.pdf">Link</a></p> <div id="sdendnote4"> <p><a href="#sdendnote4anc" name="sdendnote4sym">[4]</a> Angegeben sind hier die sogenannten „Breakeven costs“, also die Kosten für Förderung und Transport.</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ausgetrockneter_see.jpg" /><h1>Kein Fortschritt ohne Öl und Gas? » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Donald Trump erlässt nicht nur willkürliche Zölle, er will auch fossile Energien wieder stärker fördern. Klimaschutz hält er für überflüssig. Sein Energieminister Chris Wright hat Ende Juli <a href="https://www.focus.de/politik/ausland/klimakrise-quatsch-nur-ein-nebenprodukt-des-fortschritts-meint-trump-minister_57b65d7e-676d-46b3-9620-1967761dbba8.html">in einem Gastbeitrag</a> für das britische Nachrichtenmagazin <i>The </i><i>Economist</i> eine skurrile Begründung dafür geschrieben.</b></p> <p>Eigentlich müsste er es besser wissen, denn im Gegensatz zu vielen anderen engen Mitarbeitern von Trump hat Chris Wright keine Karriere im Showbusiness hinter sich. Vielmehr hat er am renommierten Massachusetts Institute of Technology Ingenieurwissenschaften studiert und seinen Master gemacht. Später hat mehrere Firmen gegründet, die im sogenannten Fracking-Geschäft tätig sind. Fracking ist die die gängige Abkürzung für „Hydraulic Frakturing“. Dabei wird mit hohem Druck eine spezielle Flüssigkeit durch eine Bohrung in die Erde gedrückt, um bei Öl- und Gas-Lagerstätten die Förderung zu erleichtern. In den USA wird das Verfahren in großem Maßstab angewandt.</p> <p>Bis zu seiner Ernennung zum Energieminister war er CEO der Firma „<a href="https://libertyenergy.com/completion-services/frac/">Liberty Energy</a>“. Sie verdient ihr Geld unter anderem mit Ausrüstungen für Fracking-Bohrungen. Und das ist in den USA ein Riesengeschäft. 2024 setzte Liberty Energy mehr als fünf Milliarden US$ um.</p> <p>Wenn man in Deutschland Menschen bittet, die größten Erdölproduzenten zu nennen, wird den meisten wohl Saudi-Arabien und Russland einfallen. Tatsächlich sind aber die USA das größte Förderland für <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Erd%C3%B6l/Tabellen_und_Grafiken">Erdöl</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Erdgas/Tabellen_und_Grafiken">Erdgas</a>, weit vor Saudi-Arabien (zweiter) und Russland (dritter). Es ist also nachvollziehbar, dass der Chef einer florierenden Firma für Öl- und Gasgewinnung von alternativer Energie nicht viel hält. Und Chris Wright hat schon vor seiner Ernennung zum Energieminister aus seiner Abneigung gegen den Klimaschutz keinen Hehl gemacht.<aside></aside></p> <p>„Es gibt keine Klimakrise und wir sind auch nicht mitten in einem Wandel der Energieerzeugung“, erklärte er 2023 in <a href="https://eu.usatoday.com/story/news/politics/elections/2024/11/16/trump-cabinet-chris-wright-energy-secretary/76366278007/">einem Video auf LinkedIn.</a> Einen Mangel an verfügbarer Energie sieht er als den schlimmsten Armutfaktor an. Ausschließlich eine verstärkte Förderung und Verbrennung von Kohlenwasserstoffen (Öl und Gas) könne diese Armut lindern, sagte er bei mehreren Gelegenheiten. Seine Firma hat im Jahr 2024 sogar <a href="https://libertyenergy.com/wp-content/uploads/2024/02/Bettering-Human-Lives-2024-Web-Liberty-Energy.pdf">eine bunte Broschüre herausgebracht</a>, in der diese These vorgestellt und erläutert wird.</p> <p>Trump ist auf diesen Zug gerne aufgesprungen, nicht zuletzt, weil die Öl- und Gasindustrie über viel Geld verfügt. Wenn sie <a href="https://www.n-tv.de/wirtschaft/Trump-verspricht-Olindustrie-Ende-von-Umwelt-Restriktionen-article24932263.html">eine Milliarde US$ an Spenden</a> für seinen Wahlkampf springen lassen, erklärte Trump, damals noch Präsidentschaftskandidat, vor Vertretern von Ölfirmen, werde er Umweltrestriktionen aufheben und weitere Ölbohrlizenzen vergeben. Diese Summe war aber selbst den Ölmagnaten zu viel. Nach einer <a href="https://climatepower.us/research-polling/big-oil-spent-450-million-to-influence-trump-the-119th-congress/">Rechnung der Gruppe „Climate Power“</a> gaben sie aber in den Jahren 2023 und 2024 immerhin rund 445 Millionen US$ für Lobby-Arbeit aus. Rund 96 Millionen davon kamen allein für Trumps Wahlkampf zusammen.</p> <p>Schon in den ersten Tagen seiner Amtszeit rief Trump einen „Energienotstand“ aus und <a href="https://www.whitehouse.gov/presidential-actions/2025/01/unleashing-american-energy/">wies seine Minister an,</a> mehr bundeseigenes Land zur Exploration freizugeben. Außerdem widerrief er eine Reihe von Umweltschutzvorschriften und bestellte mit Chris Wright einen Lobbyisten der Ölindustrie zum Energieminister. Der nutzte auch gleich seine Einführungsrede für die Mitarbeiter des Ministeriums, um Deutschland als <a href="https://insideclimatenews.org/news/13022025/inside-clean-energy-chris-wright-calls-germany-energy-transition-unreliable/">warnendes Beispiel</a> hinzustellen:</p> <p>Das Land habe auf erneuerbare Energien gesetzt und leide jetzt unter den Folgen. „Wenn Energie teuer und unzuverlässig ist, werden alle ein bisschen ärmer und es ist schwieriger, Waren im Land herzustellen. Was passiert dann? Die Industrieproduktion wird einfach woanders hin verlagert. Sie verschwindet nicht, sie findet nur nicht mehr in Deutschland statt. Dinge werden in Asien oder den Vereinigten Staaten hergestellt, auf ein Schiff verladen und nach Deutschland zurückgeschickt.“<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a></p> <p>Tatsächlich nimmt die Industrieproduktion in Deutschland seit Jahren ab, aber das liegt nicht an unzuverlässiger Stromversorgung. Vielmehr ist die Stromversorgung in <a href="https://www.heise.de/news/Stromversorgung-in-Deutschland-eine-der-zuverlaessigsten-der-Welt-7305219.html">Deutschland so sicher wie fast nirgendwo anders</a> – und deutlich sicherer als in den USA. Maßgeblich ist eher die <a href="https://de.statista.com/infografik/28510/produktionsindex-des-produzierenden-gewerbes-in-deutschland/">Krise der deutschen Automobilindustrie</a>. Und die Energiepreise in Deutschland sind in den letzten Jahr hauptsächlich deshalb so schnell gestiegen, weil Russland ohne Vorwarnung die Belieferung mit Erdgas eingestellt hat (inzwischen sind die Preise wieder deutlich gefallen).</p> <p>Die Argumentation, die Wright übrigens auch in seinem aktuellen Artikel für den „Economist“ wiederholt, nimmt wenig Rücksicht auf komplexe Zusammenhänge und kommt immer wieder auf einen einzigen Punkt zurück:</p> <p>„Fortschritt und Reichtum der Welt hängen vom steigenden Energieverbrauch ab. Deshalb muss Energie billig sein und in immer größeren Mengen zur Verfügung stehen.“</p> <p>Und das, so folgert er, geht nur mit Öl und Gas, wobei eine Beimischung von Kernenergie durchaus sinnvoll sein kann.</p> <p>Das alles propagiert Wright schon lange. Neuerdings argumentiert er auch, dass Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz Unmengen elektrischer Energie verschlingt. Wer hier mithalten will, muss billigen Strom im Überfluss bereitstellen, aus Öl und Gas natürlich.</p> <h3>Wright und der Klimawandel</h3> <p>Und der Klimawandel? Doch, sagt er, den gibt es. <a href="https://www.focus.de/politik/ausland/klimakrise-quatsch-nur-ein-nebenprodukt-des-fortschritts-meint-trump-minister_57b65d7e-676d-46b3-9620-1967761dbba8.html">Aber</a>:</p> <p>„Wir werden den Klimakrise [falsch im Original] als das betrachten, was er ist: keine existenzielle Krise, sondern ein reales, physisches Phänomen, ein Nebenprodukt des Fortschritts … Milliarden Menschen konnten der Armut entkommen … Ich bin bereit, für dieses Erbe des menschlichen Fortschritts bescheidene Nachteile in Kauf zu nehmen.“</p> <p>Und er meint, es habe keinen Sinn, die Stromerzeugung auf erneuerbare Energien umzustellen. Schließlich ist Elektrizität nur für etwa 20 % des weltweiten <a href="https://www.iea.org/reports/key-world-energy-statistics-2021/final-consumption">Energieverbrauchs verantwortlich</a>. Und der Rest? Betrachtet man den <a href="https://ourworldindata.org/grapher/global-primary-energy">gesamten Energieverbrauch der Welt,</a> dann machen Kohle, Gas und Öl tatsächlich mehr als 80 Prozent aus<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>. Und deshalb sind sie auf absehbare Zeit unersetzlich. Das meiste wird zur Wärmeerzeugung verbrannt. Autos, Flugzeuge, Schiffe und Eisenbahnen brauchen deutlich weniger, aber immer vergleichsweise viel. Darauf baut Wright sein Argument auf, dass die Welt eben nicht mitten in einem Wandel der Energieerzeugung steckt. Hat er damit eventuell recht? Spoiler: Hat er nicht.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1712" id="attachment_1712"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/drought2.jpg"><img alt="Dürre. Ausgetrockneter Bach in vertrockneter Wiese." decoding="async" height="341" sizes="(max-width: 341px) 100vw, 341px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/drought2-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/drought2-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/drought2-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/drought2-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/drought2.jpg 1024w" width="341"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1712">Dürre. KI-generiertes Symbolbild</figcaption></figure> <p>Wrights Argumente sind eine geschickte Mischung aus Tatsachen, Interpretationen, Auslassungen, Falschbehauptungen und unzulässigen Schlussfolgerungen.</p> <p>Richtig ist, dass fossile Brennstoffe nach wie vor die Energieversorgung der Welt – und auch Deutschlands – dominieren (mit je 80 Prozent). Es ist eine Lebenslüge der deutschen „Energiewende“, dass unser Land der Welt ein Vorbild ist, oder auch nur einen Großteil der Dekarbonisierung bereits geschafft haben. Tatsächlich liegt der schwierigste und steilste Teil noch vor uns, und ob die fehlenden 80 Prozent wirklich in zwanzig Jahren zu schaffen sind, bleibt offen. Trotzdem ist dies der richtige Weg, auch wenn wir eventuell mit Verspätung am Ziel anlangen.</p> <p>Chris Wright hat deshalb unrecht, wenn er sagt, dass kein Wandel stattfindet.</p> <p>Würde er sich ohne Scheuklappen umsehen, könnte ihm auffallen, dass viele Länder angefangen haben, die Stromerzeugung auf erneuerbare Energien umzustellen, und die Abhängigkeit des Verkehrs und der Wärmeerzeugung von fossilen Energien zu reduzieren. Eigentlich sollte das bis zur Mitte des Jahrhunderts geschafft sein, aber der Weg ist wie üblich anstrengender als das Ziel.</p> <h3>Braucht Fortschritt mehr Energie?</h3> <p>Treibt nur ein stetig ansteigender Energieverbrauch den technischen Fortschritt an, wie Wright behauptet? Diese Idee ist mindestens umstritten. <a href="https://www.destatis.de/Europa/DE/Thema/GreenDeal/_Grafik/05-endenergieverbrauch.html">Der Energieverbrauch der EU</a> hat von 2005 bis 2023 um ca. 12 Prozent <i>abgenommen </i>(Deutschland -13 Prozent, Niederlande – 22 Prozent), während <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/222901/umfrage/bruttoinlandsprodukt-bip-in-der-europaeischen-union-eu/">das Bruttoinlandsprodukt um mehr als 50 Prozent</a> gestiegen ist. Die EU-Staaten verbessern also die <i>Energieeffizienz. </i>Die EU steht auf dem Standpunkt, dass eine Verringerung des Energieverbrauchs keineswegs dem Fortschritt und dem Wirtschaftswachstum im Weg steht. Und das Potential ist bisher nicht einmal ausgeschöpft. Ein Kurzgutachten des Instituts für Energietechnik und Energiemanagement der Hochschule Niederrhein kam 2023 zu dem Ergebnis, dass die deutsche Industrie ohne große negative Auswirkungen noch weitere 44 Prozent des Energiebedarfs einsparen könnte.<a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a> Die billigste Energie ist immer diejenige, die gar nicht erst verbraucht wird. Aber gibt es überhaupt einen linearen Zusammenhang zwischen Reichtum und Energie?</p> <p><a href="https://ourworldindata.org/grapher/energy-use-per-person-vs-gdp-per-capita?tab=table&amp;tableFilter=countries">Die folgende Vergleichstabelle</a> zeigt den Energieverbrauch und das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf für wichtige Industriestaaten:</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1711" id="attachment_1711"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/US-Reg-tab1.jpg"><img alt="Bruttoinlandsprodukt und Energieverbrauch" decoding="async" height="226" sizes="(max-width: 394px) 100vw, 394px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/US-Reg-tab1-300x172.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/US-Reg-tab1-300x172.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/US-Reg-tab1.jpg 652w" width="394"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1711">Bruttoinlandsprodukt und Energieverbrauch pro Kopf in ausgewählten Staaten im Jahr 2024 (Quelle: Ourworldindata.org)</figcaption></figure> <p>Halten wir fest: Fortschritt und Reichtum hängen ganz offenbar nicht am Energieverbrauch. Hier liegt Wright also falsch. Und das müsste er eigentlich wissen, schließlich war er lange genug in der Branche tätig.</p> <h3>Billige Energie durch Öl und Gas?</h3> <p>Donald Trump hatte in seinem Wahlkampf versprochen, die Preise für Energie und Strom zu halbieren, und zwar durch eine Förderung des Verbrauchs von Kohle („I love Coal!“), Öl und Gas. Geht das, oder ist das eines seiner vielen leeren Versprechen? Sehen wir mal:</p> <p>Die Kosten der Erdölproduktion liegen in den meisten Ländern weit unter dem gegenwärtigen Durchschnittspreis von ca. 70 US$ pro Barrel. Die Produktionskosten in Saudi-Arabien liegen wohl unter 10 US$. <a href="https://www.focus.de/finanzen/news/oelpreis-rueckgang-bringt-russlands-wirtschaft-in-gefahr-ab-diesem-preis-zittert-putin_f0876599-1a9a-4f6d-b51c-f9b268d88ed6.html">Russland produziert für ca. 40 – 45 US$</a><a href="#sdendnote4sym" name="sdendnote4anc"><sup>4</sup></a>, die Ölförderung durch Fracking in den USA<a href="https://www.eia.gov/todayinenergy/detail.php?id=65024"> kostet teilweise mehr als 60 US$</a>. Die gegenwärtigen Öl- und Gaspreise werden deshalb ausschließlich von Angebot und Nachfrage bestimmt. Jede Ausweitung der Nachfrage führt beinahe sofort zu steigenden Preisen, jeder Rückgang zu einem Einbruch. Wenn Trump sein Wahlkampfversprechen halten will, muss seine Regierung die Ölpreise drücken – aber nicht zu sehr, weil einige einheimische Produzenten dann aufgeben würden. Idealerweise würden sich die Ölpreise also in dem schmalen Korridor zwischen 70 und 80 US$ bewegen, um sowohl die Ölindustrie als auch die Verbraucher bei Laune zu halten. Für die angekündigten Preissenkungen bei Benzin und Diesel bleibt da nicht viel Spielraum.</p> <p>Beim Strom sieht es nicht besser aus. Sicher, Trumps Regierung tut einiges um Kohle- und Gaskraftwerke zu fördern. Die Umweltagentur hat unter seiner Ägide <a href="https://www.nbcnews.com/science/environment/trump-epa-power-plant-emissions-repeal-rcna212193">vorgeschlagen</a>, die CO<sub>2</sub>-Grenzwerte für Kraftwerke aufzuheben und die Grenzwerte für Quecksilber hochzusetzen. Das hilft den Kohlekraftwerken enorm.</p> <p>Nur: Die Stromerzeugung aus Kohle ist seit 2000 um zwei Drittel zurückgegangen und ein großer Teil der Kohlekraftwerke ist <a href="https://www.reuters.com/markets/commodities/trumps-push-comeback-coal-may-turn-ashes-2025-07-18/">älter als vierzig Jahre</a>. Die Erneuerung und Erweiterung kostet erst einmal viel Geld, und das werden die Betreiber auf den Preis des Stroms aufschlagen – wenn sie das überhaupt angehen wollen. Niemand weiß schließlich, ob auch künftige Regierungen kohlefreundlich bleiben werden.</p> <p>Bei Gaskraftwerken sieht es etwas anders aus. Sie erzeugen ohne Frage günstigen Strom, solange die Umweltauflagen großzügig sind und eine CO<sub>2</sub>-Abgabe nicht erhoben wird. Aber wer jetzt ein neues Gaskraftwerk bauen will, muss sich darauf verlassen, dass sich das in den nächsten zwanzig Jahren nicht ändert. Und dieses Risiko werden wohl die wenigsten eingehen wollen. Schließlich dauert allein der Bau eines großen Kohle- oder Gaskraftwerks mindestens drei bis sieben Jahre.</p> <p>Auch Trump kann also nicht einfach die Zeit zurückdrehen. Und anders als vor 40 Jahren müssen sich die fossilen Kraftwerke heutzutage der erneuerbaren Konkurrenz stellen. Zwar stehen erneuerbare Energien nicht durchgehend zur Verfügung, aber sie sind billig und außerdem schneller am Netz. Für eine große Windfarm oder einen Solarpark reichen ein Jahr Vorlaufzeit – und große Stromspeicher werden auch immer günstiger.</p> <h3>Fazit</h3> <p>Die Argumente, die Wright vorbringt, sind dünn, teilweise falsch und voller Auslassungen. So liegt der Verdacht nahe, dass es ihm mehr um sein eigenes Geschäft als um die Sicherheit der amerikanischen Energieversorgung geht. Aber warum macht er sich überhaupt die Mühe, sein Geschäft als Beitrag für den Fortschritt der Menschheit zu verkaufen? Vielleicht möchte er – auch vor sich selbst – nicht als amoralischer Neureicher dastehen, der sein Geld damit verdient, Boden und Luft zu verschmutzen. Vielleicht möchte er auch, dass seine Kunden ein besseres Gewissen haben. So genau weiß das das niemand.</p> <p>Und Donald Trump sieht es sicherlich nicht ungern, wenn die Öl- und Gasindustrie weiterhin hohe Summen für seine politischen Freunde spendet. Dafür ernennt er auch gerne einen Ölmagnaten zum Energieminister.</p> <p>Ein Deal, eben.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> “If your energy is expensive and it’s unreliable, everyone lives a little bit of a poorer life and it’s harder to manufacture things in your country,” he said. “So guess what happens? That manufacturing, it just moves somewhere else. Doesn’t go away, it’s just not built in Germany anymore. It’s built in Asia, United States, and loaded on a ship and shipped back to Germany.”</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Das ist in Deutschland nicht anders. Im Jahr 2024 hat unser Land <a href="https://ag-energiebilanzen.de/energieverbrauch-faellt-2024-auf-neuen-tiefststand/">80 Prozent seines Energiebedarfs</a> mit fossilen Energien gedeckt. Wenn wir wirklich bis 2045 komplett auf erneuerbare Energien umstellen wollen, haben wir die Umstellung noch zum größten Teil vor uns.</p> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3]</a> Meyer, J., Madsen, M., &amp; Saars, L. Kurzstudie Energieeffizienzmaßnahmen in der Industrie. Krefeld 2023. <a href="https://deneff.org/wp-content/uploads/2023/04/HSNR-Kurzstudie-EnEffPotentiale-Industrie-2023-03-31.pdf">Link</a></p> <div id="sdendnote4"> <p><a href="#sdendnote4anc" name="sdendnote4sym">[4]</a> Angegeben sind hier die sogenannten „Breakeven costs“, also die Kosten für Förderung und Transport.</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/oel-und-gas-als-preis-des-fortschritts/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>41</slash:comments> </item> <item> <title>Ist das Psychische die Innenseite bestimmter neurophysiologischer Prozesse? https://scilogs.spektrum.de/3g/ist-das-psychische-die-innenseite-bestimmter-neurophysiologischer-prozesse/ https://scilogs.spektrum.de/3g/ist-das-psychische-die-innenseite-bestimmter-neurophysiologischer-prozesse/#comments Thu, 07 Aug 2025 12:31:19 +0000 Christian Hoppe https://scilogs.spektrum.de/3g/?p=301 <h1>Ist das Psychische die Innenseite bestimmter neurophysiologischer Prozesse? » 3G » SciLogs</h1><h2>By Christian Hoppe</h2><div itemprop="text"> <p>Das Psychische, hier im engsten Sinne von Qualia verstanden, also als Moment des subjektiven Erlebens bei Empfindungen, Wahrnehmungen, Denkvorgängen, Erinnerungen, Willensregungen usw., kann als solches immer nur subjektiv berichtet, aber nicht direkt objektiv beobachtet oder gar gemessen werden. Äußerlich beobachtbares, responsives Verhalten mag unter normalen Umständen zwar ein guter Indikator für bewusstes Erleben sein – aber zukünftige technische Systeme könnten perfekt in der Nachahmung entsprechender Koordinationsleistungen im Verhalten sein, ohne über Bewusstsein zu verfügen. Und umgekehrt sind zahlreiche klinische Fälle bekannt, bei denen eine Person bei vollem Bewusstsein, jedoch nicht responsiv ist (z.B. manche fokalen bewusst erlebten epileptischen Anfälle, Locked-in-Syndrom). Der amerikanische Philosoph Thomas Nagel adressierte dieses Phänomen als das Problem des Fremdpsychischen, das uns heute wieder beschäftigt bei der Frage, wie man überprüfen kann, ob beispielsweise eine K.I. oder ein Hirnorganoid über Bewusstsein verfügt.</p> <p>Die einfachste Erklärung für das Problem des Fremdpsychischen ist, dass das Subjektive den mit ihm assoziierten neurophysiologischen Prozessen keinerlei Kausalität im Hinblick auf physische Veränderungen in der Welt hinzufügt. Dies ein Epiphänomen zu nennen, wäre noch untertrieben; der Dampf einer Lokomotive gilt als Paradebeispiel eines Epiphänomens und sicher beeinflusst er ihre Fahrt auch in keiner Weise – aber selbstverständlich ist er ein physisches Phänomen mit kausaler Power in der physischen Welt (z.B. muss ein Passant davon husten). Entsprechend kann man sagen, dass er von Vorgängen in der Lokomotive verursacht wird, dass ihm diese Vorgänge zugrunde liegen usw.</p> <p>Ich fürchte, dies alles können wir vom „Bewusstsein“ nicht sagen. Denn wenn es sich tatsächlich so verhält, dass das Subjektive im strengen Sinne keine (eigene) kausale Power besitzt, dann existiert es im physischen Sinne von Existenz gar nicht, dann kommt es in der physischen Welt gar nicht vor. Mir erscheint dies als überaus plausible Schlussfolgerung; es stört mich sehr, wenn Bewusstsein wie ein weiteres physisches Phänomen behandelt wird, dass es neben all dem anderen, was es gibt, eben auch noch gibt. Mich erinnert die Situation vielmehr an die alte Unterscheidung von Erst- und Zweitursachen aus der mittelalterlichen Scholastik: Für jeden Einzelnen ist das Bewusstsein die Voraussetzung der Existenz einer physischen Welt (Erstursache) – in welcher dann ursächliche Zusammenhänge mit den Methoden der Physik aufgedeckt werden können (Zweitursachen). Innerhalb dieser physischen Welt taucht Bewusstsein also gar nicht auf – weshalb man weder von Epiphänomenen noch von Emergenz sprechen sollte (im Falle einer Emergenz emergieren physische Entitäten oder Eigenschaften aus anderen physischen Entitäten oder Eigenschaften).</p> <p>Wie aber trägt man der unstrittigen Tatsache Rechnung, dass subjektive Erlebnisse durch physische Ereignisse kausal verursacht werden? Und wie ist zu erklären, dass wir unsere bewussten Wahrnehmungen, Gedanken, Phantasien usw. als ursächlich für nachfolgendes Handeln in der physischen Welt erfahren? Ich schlage vor, dass wir das Psychische (im obigen Sinne) als die Innenseite mancher neurophysiologischer Prozesse begreifen, welche ausschließlich dem Besitzer dieses Gehirns in dieser Weise zugänglich sind. (Genau genommen ist der erlebnisfähige Hirnbesitzer als erlebensfähiges Subjekt identisch mit diesem Ausschnitt informationsverarbeitender Prozesse in seinem Gehirn, welche sich aus der Außenperspektive ausschließlich als neurophysiologische Prozesse dekodieren lassen.)</p> <p>Ich finde die Innen-Außen-Dichotomie wirklich sehr ansprechend und aussagekräftig. Aber selbstverständlich müssen wir jetzt weiterfragen, was genau damit gemeint ist und ob uns damit wirklich geholfen ist.<aside></aside></p> <p>Es gibt in der Physik im Grunde kein Innen; ein Beobachter betrachtet grundsätzlich alles von außen, selbst wenn er in irgendein Objekt gleichsam „hineinkriecht“. Das Innere eines Atoms – ist das Außen subatomarer Elementarteilchen. Das Innere der Mühle in Leibnizens berühmtem Gedankenexperiment ist das Äußere ihrer Teile, ihrer Mechanik – deswegen verfehlt das Beispiel ja auch den springenden Punkt der Identität und widerlegt keinesfalls, dass in Gehirnen Gedanken vorhanden sein können. Anders formuliert, ist „Innen“ in der Physik nur eine relative Ortsangabe, sie hat mit der spezifischen Perspektive einer Beobachtung oder Erfahrung gar nichts zu tun. Der Neurophysiologe, der das Gehirn eines anderen untersucht, tut dies immer von außen – ebenso wie ein Neurochirurg von außen interveniert, selbst wenn sich seine Instrumente im Kopf des Patienten befinden. Ausschließlich zu unserem je eigenen Gehirn haben wir den privilegierten Zugriff der Identität, den ich hier unbeholfen als „von innen“ charakterisiert habe.</p> <p>Die Außen-Innen-Metapher erinnert an das Phänomen eines Hochhauses, bei dem sich Außen- und Innenbetrachtung ja ebenfalls drastisch unterscheiden: Das Hochhaus mag von außen hässlich und verwahrlost aussehen, aber der Ausblick aus einem der Fenster in den oberen Etagen könnte atemberaubend sein.</p> <p>Es dämmert uns langsam: die Außen-Innen-Metapher erklärt nichts; denn sie setzt das zu Erklärende bereits voraus. Erleben kommt uns wie ein „von innen nach außen“ gerichteter Vorgang vor; Innen ist bereits ein phänomenaler Begriff. Sehen beispielsweise empfinden wir als etwas, das aus dem Inneren des Kopfes – genauer: aus einem Zentrum, das sich wenige gefühlte Zentimeter hinter dem Punkt zwischen den Augenbrauen befindet – heraus geschieht und sich nach außen auf die Welt richtet, die dann durch das Sehen „in“ uns hineinkommt.</p> <p>EINSCHUB: Mit ein wenig Praxis im Zāzen kann man erkennen, dass dieser Eindruck nicht ursprünglich ist, sondern sich bereits einem multimodalen und konzeptuellen Sinnesabgleich verdankt. Ursprünglich ist Sehen (Erleben überhaupt) wortwörtlich ein Seh-Feld ohne räumliche Tiefenunterschiede und ohne ein sehendes „Gegenüber“ (d.h. keine Subjekt-Objekt-Differenz), ursprünglich [im Ursprung bewussten Sehens] existiert „nur“ dieses Feld. Erst in weiteren Schritten der Wahrnehmungsverarbeitung entsteht der übliche Eindruck der alltäglichen visuellen Welt mit all ihren Objekten, denen ich selbst als Sehender in unterschiedlichen Entfernungen getrennt gegenüberstehe. Dieses ursprüngliche Erlebens-Feld lässt sich möglicherweise sehr gut als das Innen all der wahrnehmungsbezogenen neurophysiologischen Prozesse denken, die unter sensorischen Einflüssen von außerhalb und innerhalb des Organismus ablaufen: der Zustand des eigenen Gehirns wird dann vom Besitzer dieses Gehirns in Form einer phänomenalen Welt erfahren, mit sich selbst mitten darin. (Ja, richtig, es ist wohl angemessener vom Ich des Gehirns als vom Gehirn des Ichs zu sprechen.)</p> <p>Wir haben gute klinische und wissenschaftliche Gründe für die Annahme einer „Identität“ des Psychischen (Innenansicht) mit bestimmten Hirnprozessen (Außenansicht); alle methodischen Probleme und Herausforderungen werden dadurch unmittelbar verständlich. Die engen kausalen Beziehungen zwischen Erleben und physischen Vorgängen in der Welt (und im eigenen Körper) werden begreifbar – und dies unter Wahrung der Gültigkeit der Physik für alles, was an diesen Vorgängen unstrittig physisch ist; d.h. wir müssen keine paranormale Psychokinese annehmen, wir können akzeptieren, dass alle physischen Veränderungen in der Welt durch die bekannten vier Wechselwirkungen und nicht „mental“ bewirkt werden. Wir verstehen auch, warum eine wirkliche Erklärung schwierig ist und evtl. prinzipiell unmöglich sein könnte. Denn wenn es wirklich so ist, dass das Psychische bzw. das Bewusstsein letztlich kein physisches Phänomen ist (sondern eben die Erstursache aller Phänomene für dieses individuelle Subjekt), dann gilt möglicherweise das „Ignorabimus“ von Emil du Bois-Reymond, dann ist eine <em>naturwissenschaftliche</em> Theorie des Bewusstseins selbst vielleicht unmöglich. Wir können aber trotzdem sehr viel über die Außenseite der mit dem bewussten Erleben identischen Vorgänge erfahren – möglicherweise vieles, das klinisch von Interesse ist, etwa Koma-Diagnostik und –Therapie oder Diagnostik und Therapie anderer Bewusstseinsstörungen, z.B. bei Epilepsie.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Ist das Psychische die Innenseite bestimmter neurophysiologischer Prozesse? » 3G » SciLogs</h1><h2>By Christian Hoppe</h2><div itemprop="text"> <p>Das Psychische, hier im engsten Sinne von Qualia verstanden, also als Moment des subjektiven Erlebens bei Empfindungen, Wahrnehmungen, Denkvorgängen, Erinnerungen, Willensregungen usw., kann als solches immer nur subjektiv berichtet, aber nicht direkt objektiv beobachtet oder gar gemessen werden. Äußerlich beobachtbares, responsives Verhalten mag unter normalen Umständen zwar ein guter Indikator für bewusstes Erleben sein – aber zukünftige technische Systeme könnten perfekt in der Nachahmung entsprechender Koordinationsleistungen im Verhalten sein, ohne über Bewusstsein zu verfügen. Und umgekehrt sind zahlreiche klinische Fälle bekannt, bei denen eine Person bei vollem Bewusstsein, jedoch nicht responsiv ist (z.B. manche fokalen bewusst erlebten epileptischen Anfälle, Locked-in-Syndrom). Der amerikanische Philosoph Thomas Nagel adressierte dieses Phänomen als das Problem des Fremdpsychischen, das uns heute wieder beschäftigt bei der Frage, wie man überprüfen kann, ob beispielsweise eine K.I. oder ein Hirnorganoid über Bewusstsein verfügt.</p> <p>Die einfachste Erklärung für das Problem des Fremdpsychischen ist, dass das Subjektive den mit ihm assoziierten neurophysiologischen Prozessen keinerlei Kausalität im Hinblick auf physische Veränderungen in der Welt hinzufügt. Dies ein Epiphänomen zu nennen, wäre noch untertrieben; der Dampf einer Lokomotive gilt als Paradebeispiel eines Epiphänomens und sicher beeinflusst er ihre Fahrt auch in keiner Weise – aber selbstverständlich ist er ein physisches Phänomen mit kausaler Power in der physischen Welt (z.B. muss ein Passant davon husten). Entsprechend kann man sagen, dass er von Vorgängen in der Lokomotive verursacht wird, dass ihm diese Vorgänge zugrunde liegen usw.</p> <p>Ich fürchte, dies alles können wir vom „Bewusstsein“ nicht sagen. Denn wenn es sich tatsächlich so verhält, dass das Subjektive im strengen Sinne keine (eigene) kausale Power besitzt, dann existiert es im physischen Sinne von Existenz gar nicht, dann kommt es in der physischen Welt gar nicht vor. Mir erscheint dies als überaus plausible Schlussfolgerung; es stört mich sehr, wenn Bewusstsein wie ein weiteres physisches Phänomen behandelt wird, dass es neben all dem anderen, was es gibt, eben auch noch gibt. Mich erinnert die Situation vielmehr an die alte Unterscheidung von Erst- und Zweitursachen aus der mittelalterlichen Scholastik: Für jeden Einzelnen ist das Bewusstsein die Voraussetzung der Existenz einer physischen Welt (Erstursache) – in welcher dann ursächliche Zusammenhänge mit den Methoden der Physik aufgedeckt werden können (Zweitursachen). Innerhalb dieser physischen Welt taucht Bewusstsein also gar nicht auf – weshalb man weder von Epiphänomenen noch von Emergenz sprechen sollte (im Falle einer Emergenz emergieren physische Entitäten oder Eigenschaften aus anderen physischen Entitäten oder Eigenschaften).</p> <p>Wie aber trägt man der unstrittigen Tatsache Rechnung, dass subjektive Erlebnisse durch physische Ereignisse kausal verursacht werden? Und wie ist zu erklären, dass wir unsere bewussten Wahrnehmungen, Gedanken, Phantasien usw. als ursächlich für nachfolgendes Handeln in der physischen Welt erfahren? Ich schlage vor, dass wir das Psychische (im obigen Sinne) als die Innenseite mancher neurophysiologischer Prozesse begreifen, welche ausschließlich dem Besitzer dieses Gehirns in dieser Weise zugänglich sind. (Genau genommen ist der erlebnisfähige Hirnbesitzer als erlebensfähiges Subjekt identisch mit diesem Ausschnitt informationsverarbeitender Prozesse in seinem Gehirn, welche sich aus der Außenperspektive ausschließlich als neurophysiologische Prozesse dekodieren lassen.)</p> <p>Ich finde die Innen-Außen-Dichotomie wirklich sehr ansprechend und aussagekräftig. Aber selbstverständlich müssen wir jetzt weiterfragen, was genau damit gemeint ist und ob uns damit wirklich geholfen ist.<aside></aside></p> <p>Es gibt in der Physik im Grunde kein Innen; ein Beobachter betrachtet grundsätzlich alles von außen, selbst wenn er in irgendein Objekt gleichsam „hineinkriecht“. Das Innere eines Atoms – ist das Außen subatomarer Elementarteilchen. Das Innere der Mühle in Leibnizens berühmtem Gedankenexperiment ist das Äußere ihrer Teile, ihrer Mechanik – deswegen verfehlt das Beispiel ja auch den springenden Punkt der Identität und widerlegt keinesfalls, dass in Gehirnen Gedanken vorhanden sein können. Anders formuliert, ist „Innen“ in der Physik nur eine relative Ortsangabe, sie hat mit der spezifischen Perspektive einer Beobachtung oder Erfahrung gar nichts zu tun. Der Neurophysiologe, der das Gehirn eines anderen untersucht, tut dies immer von außen – ebenso wie ein Neurochirurg von außen interveniert, selbst wenn sich seine Instrumente im Kopf des Patienten befinden. Ausschließlich zu unserem je eigenen Gehirn haben wir den privilegierten Zugriff der Identität, den ich hier unbeholfen als „von innen“ charakterisiert habe.</p> <p>Die Außen-Innen-Metapher erinnert an das Phänomen eines Hochhauses, bei dem sich Außen- und Innenbetrachtung ja ebenfalls drastisch unterscheiden: Das Hochhaus mag von außen hässlich und verwahrlost aussehen, aber der Ausblick aus einem der Fenster in den oberen Etagen könnte atemberaubend sein.</p> <p>Es dämmert uns langsam: die Außen-Innen-Metapher erklärt nichts; denn sie setzt das zu Erklärende bereits voraus. Erleben kommt uns wie ein „von innen nach außen“ gerichteter Vorgang vor; Innen ist bereits ein phänomenaler Begriff. Sehen beispielsweise empfinden wir als etwas, das aus dem Inneren des Kopfes – genauer: aus einem Zentrum, das sich wenige gefühlte Zentimeter hinter dem Punkt zwischen den Augenbrauen befindet – heraus geschieht und sich nach außen auf die Welt richtet, die dann durch das Sehen „in“ uns hineinkommt.</p> <p>EINSCHUB: Mit ein wenig Praxis im Zāzen kann man erkennen, dass dieser Eindruck nicht ursprünglich ist, sondern sich bereits einem multimodalen und konzeptuellen Sinnesabgleich verdankt. Ursprünglich ist Sehen (Erleben überhaupt) wortwörtlich ein Seh-Feld ohne räumliche Tiefenunterschiede und ohne ein sehendes „Gegenüber“ (d.h. keine Subjekt-Objekt-Differenz), ursprünglich [im Ursprung bewussten Sehens] existiert „nur“ dieses Feld. Erst in weiteren Schritten der Wahrnehmungsverarbeitung entsteht der übliche Eindruck der alltäglichen visuellen Welt mit all ihren Objekten, denen ich selbst als Sehender in unterschiedlichen Entfernungen getrennt gegenüberstehe. Dieses ursprüngliche Erlebens-Feld lässt sich möglicherweise sehr gut als das Innen all der wahrnehmungsbezogenen neurophysiologischen Prozesse denken, die unter sensorischen Einflüssen von außerhalb und innerhalb des Organismus ablaufen: der Zustand des eigenen Gehirns wird dann vom Besitzer dieses Gehirns in Form einer phänomenalen Welt erfahren, mit sich selbst mitten darin. (Ja, richtig, es ist wohl angemessener vom Ich des Gehirns als vom Gehirn des Ichs zu sprechen.)</p> <p>Wir haben gute klinische und wissenschaftliche Gründe für die Annahme einer „Identität“ des Psychischen (Innenansicht) mit bestimmten Hirnprozessen (Außenansicht); alle methodischen Probleme und Herausforderungen werden dadurch unmittelbar verständlich. Die engen kausalen Beziehungen zwischen Erleben und physischen Vorgängen in der Welt (und im eigenen Körper) werden begreifbar – und dies unter Wahrung der Gültigkeit der Physik für alles, was an diesen Vorgängen unstrittig physisch ist; d.h. wir müssen keine paranormale Psychokinese annehmen, wir können akzeptieren, dass alle physischen Veränderungen in der Welt durch die bekannten vier Wechselwirkungen und nicht „mental“ bewirkt werden. Wir verstehen auch, warum eine wirkliche Erklärung schwierig ist und evtl. prinzipiell unmöglich sein könnte. Denn wenn es wirklich so ist, dass das Psychische bzw. das Bewusstsein letztlich kein physisches Phänomen ist (sondern eben die Erstursache aller Phänomene für dieses individuelle Subjekt), dann gilt möglicherweise das „Ignorabimus“ von Emil du Bois-Reymond, dann ist eine <em>naturwissenschaftliche</em> Theorie des Bewusstseins selbst vielleicht unmöglich. Wir können aber trotzdem sehr viel über die Außenseite der mit dem bewussten Erleben identischen Vorgänge erfahren – möglicherweise vieles, das klinisch von Interesse ist, etwa Koma-Diagnostik und –Therapie oder Diagnostik und Therapie anderer Bewusstseinsstörungen, z.B. bei Epilepsie.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/3g/ist-das-psychische-die-innenseite-bestimmter-neurophysiologischer-prozesse/#comments 84 Save the Date – meine Vorträge Herbst/Winter 2025, Update https://scilogs.spektrum.de/meertext/save-the-date-meine-vortraege-herbst-winter-2025-update/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/save-the-date-meine-vortraege-herbst-winter-2025-update/#respond Wed, 06 Aug 2025 20:26:10 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1734 <h1>Save the Date – meine Vorträge Herbst/Winter 2025, Update » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <h2 id="h-05-09-2025-klimahaus-bremerhaven-18-00-20-00-uhr-zwischen-fiktion-und-forschung-20-000-rezepte-unter-dem-meer">05.09.2025, <a href="https://www.klimahaus-bremerhaven.de/">Klimahaus Bremerhaven</a>, 18:00 – 20:00 Uhr: “<a href="https://www.klimahaus-bremerhaven.de/veranstaltungen/20-000-rezepte-unter-dem-meer-zwischen-fiktion-und-forschung_/">Zwischen Fiktion und Forschung – 20.000 Rezepte unter dem Meer</a>”</h2> <p>Eine kulinarische Tauchfahrt durch Jules Vernes Visionen und die Zukunft von nachhaltigen Lebensmitteln aus dem Ozean.</p> <p>Zucker aus Ledertang, Seeanemonen-Konfitüre, Walmilch-Dessert – was klingt wie Fantasie aus der Feder von <strong>Jules Verne</strong>, war in dessen Roman <em>20.000 Meilen unter dem Meer</em> die tägliche Nahrung von Käpt’n Nemo und seiner Crew. Alles aus dem Meer, nachhaltig, unabhängig – und manchmal ziemlich überraschend.<br></br>Doch was davon ist heute Realität? Und was können wir wirklich aus dem Ozean essen – für eine nachhaltige Ernährung der Zukunft?<br></br>In einer <strong>Lesung</strong> aus ihrem Buch <strong>„Jules Verne und die Erfindung der Meeresforschung“</strong> nimmt die Autorin <strong>Bettina Wurche</strong> euch mit auf eine Reise durch Meeresvisionen und Forschungsgeschichte. Ergänzt wird das Programm durch <strong>kurze Science-Snacks</strong> von Wissenschaftler*innen aus Bremerhaven und Umgebung, die spannende Einblicke in aktuelle Forschung und echte Meeresschätze für die Ernährung von morgen geben.<br></br>Natürlich darf auch gekostet werden: <strong>Probier-Häppchen</strong> wie aus Kapitän Nemos Meereskombüse warten darauf, entdeckt zu werden!</p> <p>Eine Veranstaltung von Klimahaus Bremerhaven und Hirnkost-Verlag, in Kooperation mit dem AWI und ttz Bremerhaven.<p>Um <a href="https://www.klimahaus-bremerhaven.de/veranstaltungen/20-000-rezepte-unter-dem-meer-zwischen-fiktion-und-forschung_/">Anmeldung bis zum 27.08. wird gebeten. Die Veranstaltung kostet Eintritt.</a></p><br></br>Natürlich gibt es meine Bücher zu kaufen und ich signiere – mit Pottwal.<br></br></p> <h2 id="h-06-07-09-2025-botanika-bremen-der-star-wars-zoo">06./07.09.2025, <a href="https://www.botanika-bremen.de/termine/botanika-goes-space.html">botanika Bremen: </a>“Der Star Wars-Zoo”</h2> <p>Im wunderschönen Rhododendron-Park in Bremen ist die botanika-Gewächshaus-Wunderwelt.<br></br>Da ich im letzten Jahr am <a href="https://www.botanika-bremen.de/termine/botanika-goes-space.html">botanika goes space-Tag</a> schon richtig viel Spaß hatte, mache ich diesmal wieder mit.<br></br>Statt Astrobotanik spreche ich 2025 an beiden Tagen über <strong>“Der Star Wars-Zoo”</strong>.<br></br>Da die botanika neben tropischer Pflanzenpracht auch einige Tiere wie Gibbons und Zwergotter bietet, passt auch eine Viecherei gut ins Programm. Und die kleine aber feine Astrobotanik-Präsentation ist eine großartige Ergänzung.</p> <p><strong>Der Star Wars-Zoo</strong><br></br>Das Star Wars-Universum ist voller seltsamer Lebensformen.<br></br>Neben Menschen, Aliens mit mehr oder weniger Vernunft und Beinen, gibt es eine Vielzahl von „Tieren“, die oft nur viel kurz zu sehen sind.<br></br>Zottige Banthas und zweibeinige Tauntauns dienen guten und bösen Helden als Reittiere. In der Müllkammer des Todessterns wohnt ein Tentakel mit Auge, in den Gewässern von Naboo tummeln sich Fisch-Kröten-Krebse und in Tatooines Sandwüste lauert der Sarlacc.<br></br>Wie sehen diese Tiere im Detail aus? Wo und wie leben sie? Haben sie Verwandte auf der guten alten Erde?<br></br>Dieser Vortrag führt durch den galaktischen Zoo des Star Wars-Universums.<aside></aside></p> <p>Warnhinweis: Für Monsterphobiker und Tierhaarallergiker gilt ein<br></br>Haftungsausschluß!</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/523705349_10238487899717632_1243909490786953143_n.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="701" sizes="(max-width: 526px) 100vw, 526px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/523705349_10238487899717632_1243909490786953143_n.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/523705349_10238487899717632_1243909490786953143_n.jpg 526w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/523705349_10238487899717632_1243909490786953143_n-225x300.jpg 225w" width="526"></img></a><figcaption>Blauer Twi`lek (Bettina Wurche) auf Triceratops-Baby im Naturkundemuseum Münster, 2025 (Bild: Karin Sandmann)</figcaption></figure> <p>Dieses Outfit werde ich auch in Bremen auf der botanika tragen, einen Reitdinosaurier bekomme ich dort allerdings nicht. Darum muss ich wohl zu Fuß gehen, da mein X-Wing innerstädtisch keine Flugerlaubnis bekommt. Aber vielleicht nehme ich auch das Shuttle…</p> <h2 id="h-14-09-2025-henrichenburg-steampunk-ahoi-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">14.09.2025, Henrichenburg, Steampunk Ahoi! : “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung”</h2> <p>Am Sonntag, dem 14.09.2025, ist Internationaler Museumstag – auch im <a href="https://schiffshebewerk-henrichenburg.lwl.org/de/">LWL Museum “Schiffshebewerk Henrichenburg”</a> in Waltrop. Von 10:00 Uhr bis 18:00 Uhr findet dann dort, im Schiffs-Ambiente, der Event <a href="https://allevents.in/waltrop/steampunk-ahoi/200027563858452">“Steampunk Ahoi!” </a>statt.<br></br>Das historische Schiffshebewerk Henrichenburg ist längst museal und damit eine wunderbare Steampunk-Kulisse aus einer technikeuphorischen Zeit – damit ist es der ideale Rahmen für mein Buch “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung”. Ich werde dort eine Mischung aus Vortrag und Lesung vorstellen und auch signieren. Mehr <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung/">zum Inhalt ist hier.</a><br></br>Eintritt kostet es nicht, dafür gibt es einen bunten Rahmen mit Verkaufsständen und Programm.<br></br>Das Programm ist noch nicht “festgezurrt”.</p> <p>Steampunk ist eine retrofuturistische Science Fiction-Bewegung, die eng mit Selbstmachen, Upcycling und der Makerbewegung verknüpft ist. Korsett und Zylinder sind kein Must, gedeckte Farben und altmodischer Stil aber gern gesehen.<a href="https://www.funkelglanz-events.de/was-ist-steampunk/"> Hier ist eine gute Übersicht zum Steampunk</a> – “Funkelglanz” ist die Veranstalterin.</p> <h2 id="h-04-10-2025-leer-hinterm-mond-2025-climate-fiction">04.10.2025, Leer, “Hinterm Mond 2025”: “Climate Fiction”</h2> <p>Der <a href="https://blog.fiks.de/hinterm-mond/">5. Tag der Science-Fiction-Literatur in Leer, Ostfriesland</a> ist am Sonnabend, 4. Oktober 2025 im Kulturspeicher. Die Veranstaltung beginnt anreisefreundlich um 15:00 Uhr.<br></br>Diese Veranstaltung hat einen Schwerpunkt in der “Climate Fiction”, mein Vortrag ist auch zu dem Thema.</p> <p><strong>“Climate Fiction – wie schlimm ist die Klimakrise und wie können wir darüber sprechen?”</strong><br></br>Die Klimakrise ist eines der drängendsten globalen Probleme und allgegenwärtig.<br></br>Der Anstieg des Meeresspiegels, die Versauerung der Ozeane, massenhafte Artensterben sowie Dürren, gewaltige Wirbelstürme und Flutkatastrophen gehören zu unserem Alltag und werden weiter zunehmen.<br></br>Auch in der Science Fiction ist das Thema längst angekommen: Ob auf der Erde oder anderen Planeten, ob Terraforming, post-nuklearer Winter, astronomische Katastrophe oder von Menschen verursachter Klimawandel, die Science Fiction hat all diese Szenarien längst durchgespielt: Welche Auswirkungen könnte die Krise auf die Menschheit haben? Können technische Entwicklungen uns noch retten? Wie können wir damit leben?<br></br>Dazu bietet die Science Fiction eine ganze Reihe von Ideen, von beruhigend bis zu postapokalyptisch, von Frank Herberts “Dune” über anti-dystopischen Solarpunk bis zu Kim Stanley Robinsons “Das Ministerium der Zukunft”. Manche davon können uns helfen, diese gewaltige Aufgabe besser zu meistern: Indem wir uns zusammenschließen und unser Schicksal selbst in die Hand nehmen.</p> <h2 id="h-06-07-08-11-2025-in-herzberg-elster-jules-verne-astrobiologie-und-star-wars-zoo">06./07./08.11.2025 in Herzberg (Elster): Jules Verne, Astrobiologie und Star Wars-Zoo</h2> <p><strong>06.11.2025, Bibliothek: “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung</strong>“<br></br>s. o.</p> <p><strong>07.11.2025: “Ozeane unter Eis</strong> <strong>– Gibt es Leben auf dem Jupitermond Europa und dem<br></br>Saturnmond Enceladus?”</strong><br></br>Der Jupitermond Europa verbirgt unter einer dicken Eisschicht einen flüssigen Salzwasserozean. In seinen Tiefen schwimmen organische Verbindungen mit den Bausteinen für Leben, seine Energie bezieht er vom Jupiter. Könnte sich daraus Leben zumindest Vorstufen davon entwickelt haben?<br></br>Um den zweiten Gasriesen Saturn kreisen ebenfalls vereiste Monde. Dort hatte Titan für eine Überraschung gesorgt – unter seiner vereisten Oberfläche schwappt ebenfalls ein Salzwasserozean, an dessen Boden heiße Quellen brodeln.<br></br>Europa und Titan sind derzeit die verheißungsvollsten Kandidaten für außerirdisches Leben in unserem eigenen Sonnensystem.<br></br>Der Vortrag gibt zunächst einen Einblick in die Astrobiologie und stellt dann die Besonderheiten Europas und Titans als potenzielle Träger von Leben vor. Der Schwerpunkt liegt in der Diskussion, wie Leben in solchen außerirdischen Salzozeanen aussehen könnte. Dafür nutzen Astrobiologen extreme Lebensräume der Erde als Modelle für mögliche außerirdische Ozeane.</p> <p>Außerdem stellt der Vortrag die aktuellen Missionen der im April2023 gestarteten ESA-Sonde <em>JUICE </em>und der im Oktober gestarteten 2024 NASA-Sonde <em>Europa Clipper</em>, die die Eiswelten von Jupiters Monden in den 2030-er Jahren direkt untersuchen werden. Und mit <em>Dragonfly, </em>die 2028 starten soll, ist ein ähnliches Unternehmen für den Saturnmond Titan geplant.</p> <p><strong>08.11.2025: “Der Star Wars-Zoo”</strong><br></br>s. o.</p> <h2 id="h-18-11-2025-starkenburg-sternwarte-heppenheim-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">18.11.2025 Starkenburg-Sternwarte Heppenheim: “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung”</h2> <p>Die <a href="https://www.starkenburg-sternwarte.de/">Starkenburg-Sternwarte</a> auf dem Schloßberg in Heppenheim ist auch für andere naturwissenschaftliche Themen offen.<br></br>Darum passt auch “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung” gut ins Programm.<br></br>Diese Veranstaltung wird ein <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung/">Vortrag mit Lesung aus meinem gleichnamigen Buch </a>und natürlich viel Hintergrund-Info sowie Bildern.</p> <p><strong>Adresse</strong>:<br></br>Starkenburgweg 41 in 64646 Heppenheim/Bergstraße (<a href="https://www.starkenburg-sternwarte.de/anfahrt/">Anfahrt</a>)<br></br>Unterhalb der Sternwarte und der Starkenburg ist ein Wanderparkplatz mit viel Platz. Von dort geht es ein Stückchen den Berg hinauf, dann liegt rechts das Sternwarten-Gelände. Das dieser Wege nicht beleuchtet ist, empfiehlt es sich, eine Taschenlampe mitzunehmen.</p> <h2 id="h-06-12-2025-darmstadt-wuste-n-planeten-in-der-science-fiction">06.12.2025, Darmstadt: “Wüste(n) Planeten in der Science Fiction”</h2> <p><a href="https://vsda.de/veranstaltungen/veranstaltungskalender/cat_ids~8/">Vortrag in der Volkssternwarte Darmstadt</a>, Beginn 20:00 Uhr.<p>Dune, Star Wars, Star Trek – in vielen Science Fiction-Szenarien werden die HeldInnen in die Wüste geschickt.</p><br></br>Wüsten bieten für die Protagonisten neben Schweiß und Durst noch viel mehr Herausforderungen, von der Einsamkeit über Sandstürme bis zu schrecklichen Aliens.<br></br>Welche Wissenschaft steckt hinter diesen Konzepten? Wie glaubwürdig ist es, dass ein ganzer Planet nur aus Wüste bestehen soll? Wo haben sich die Schöpfer außerirdischer Wüsten bei Menschen, Tieren, Pflanzen und Steinen unserer Erde inspirieren lassen? Und welche Überlebensstrategien nutzen die HeldInnen in ihrer wüsten Umgebung?<br></br>Ein kurzer Ausblick zeigt, dass Wüstentrainings bei ESA und NASA auch für Raumsonden und Astronauten üblich sind, um sie auf sandige Einöden außerhalb der Erde vorzubereiten.<br></br>Und was könnten Science Fiction-AutorInnen und FilmemacherInnen von den RaumfahrerInnen lernen?<p>Auch diese<a href="https://vsda.de/anfahrt/"> Sternwarte liegt im Wald und sogar im Landschaftsschutzgebiet,</a> eine Taschenlampe ist für den letzten Teil des weges zu Fuß dorthin sehr nützlich.</p></p> <h2 id="h-mich-kann-man-buchen">Mich kann man buchen</h2> <p>Neben wissenschaftsjournalistischen Texten zu Biologie, Paläontologie, Klimakrise und anderen naturwissenschaftlichen Themen erzähle ich meine Themen auch gern in populärwissenschaftlichen Vorträgen und Science Performances für Menschen aller Altersgruppen.<br></br>Eine Übersicht über meine Vortrags-Themen gibt es <a href="https://meertext.eu/vortraege/">hier</a>.<br></br>An dieser Stelle sollte ich anmerken, dass ich nicht nur leidenschaftliche Meeresbiologin, sondern auch eine Liebhaberin der wissenschaftsbasierten Science Fiction bin. In Vorträgen hinterfrage ich die wissenschaftlichen Fakten in SF-Szenarien und erzähle noch mehr Wissenswertes dazu.</p> <p>Alle Vorträge und Präsentationen sind allgemein verständlich ausgearbeitet, laufen schnörkellos auf Powerpoint und dauern nach Absprache – meist 45 Minuten.<br></br>Sie können bei <a href="https://meertext.eu/kontakt/">mir</a> von jeder/m und für jede/n gebucht werden, live oder online – für Verein, Schule, Museum, Event oder private Veranstaltungen. Honorar und Reisekosten nach Absprache.</p> <p>Weiterhin biete ich Lesungen zum Jules Verne-Buch an sowie Workshops für junge Menschen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Save the Date – meine Vorträge Herbst/Winter 2025, Update » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <h2 id="h-05-09-2025-klimahaus-bremerhaven-18-00-20-00-uhr-zwischen-fiktion-und-forschung-20-000-rezepte-unter-dem-meer">05.09.2025, <a href="https://www.klimahaus-bremerhaven.de/">Klimahaus Bremerhaven</a>, 18:00 – 20:00 Uhr: “<a href="https://www.klimahaus-bremerhaven.de/veranstaltungen/20-000-rezepte-unter-dem-meer-zwischen-fiktion-und-forschung_/">Zwischen Fiktion und Forschung – 20.000 Rezepte unter dem Meer</a>”</h2> <p>Eine kulinarische Tauchfahrt durch Jules Vernes Visionen und die Zukunft von nachhaltigen Lebensmitteln aus dem Ozean.</p> <p>Zucker aus Ledertang, Seeanemonen-Konfitüre, Walmilch-Dessert – was klingt wie Fantasie aus der Feder von <strong>Jules Verne</strong>, war in dessen Roman <em>20.000 Meilen unter dem Meer</em> die tägliche Nahrung von Käpt’n Nemo und seiner Crew. Alles aus dem Meer, nachhaltig, unabhängig – und manchmal ziemlich überraschend.<br></br>Doch was davon ist heute Realität? Und was können wir wirklich aus dem Ozean essen – für eine nachhaltige Ernährung der Zukunft?<br></br>In einer <strong>Lesung</strong> aus ihrem Buch <strong>„Jules Verne und die Erfindung der Meeresforschung“</strong> nimmt die Autorin <strong>Bettina Wurche</strong> euch mit auf eine Reise durch Meeresvisionen und Forschungsgeschichte. Ergänzt wird das Programm durch <strong>kurze Science-Snacks</strong> von Wissenschaftler*innen aus Bremerhaven und Umgebung, die spannende Einblicke in aktuelle Forschung und echte Meeresschätze für die Ernährung von morgen geben.<br></br>Natürlich darf auch gekostet werden: <strong>Probier-Häppchen</strong> wie aus Kapitän Nemos Meereskombüse warten darauf, entdeckt zu werden!</p> <p>Eine Veranstaltung von Klimahaus Bremerhaven und Hirnkost-Verlag, in Kooperation mit dem AWI und ttz Bremerhaven.<p>Um <a href="https://www.klimahaus-bremerhaven.de/veranstaltungen/20-000-rezepte-unter-dem-meer-zwischen-fiktion-und-forschung_/">Anmeldung bis zum 27.08. wird gebeten. Die Veranstaltung kostet Eintritt.</a></p><br></br>Natürlich gibt es meine Bücher zu kaufen und ich signiere – mit Pottwal.<br></br></p> <h2 id="h-06-07-09-2025-botanika-bremen-der-star-wars-zoo">06./07.09.2025, <a href="https://www.botanika-bremen.de/termine/botanika-goes-space.html">botanika Bremen: </a>“Der Star Wars-Zoo”</h2> <p>Im wunderschönen Rhododendron-Park in Bremen ist die botanika-Gewächshaus-Wunderwelt.<br></br>Da ich im letzten Jahr am <a href="https://www.botanika-bremen.de/termine/botanika-goes-space.html">botanika goes space-Tag</a> schon richtig viel Spaß hatte, mache ich diesmal wieder mit.<br></br>Statt Astrobotanik spreche ich 2025 an beiden Tagen über <strong>“Der Star Wars-Zoo”</strong>.<br></br>Da die botanika neben tropischer Pflanzenpracht auch einige Tiere wie Gibbons und Zwergotter bietet, passt auch eine Viecherei gut ins Programm. Und die kleine aber feine Astrobotanik-Präsentation ist eine großartige Ergänzung.</p> <p><strong>Der Star Wars-Zoo</strong><br></br>Das Star Wars-Universum ist voller seltsamer Lebensformen.<br></br>Neben Menschen, Aliens mit mehr oder weniger Vernunft und Beinen, gibt es eine Vielzahl von „Tieren“, die oft nur viel kurz zu sehen sind.<br></br>Zottige Banthas und zweibeinige Tauntauns dienen guten und bösen Helden als Reittiere. In der Müllkammer des Todessterns wohnt ein Tentakel mit Auge, in den Gewässern von Naboo tummeln sich Fisch-Kröten-Krebse und in Tatooines Sandwüste lauert der Sarlacc.<br></br>Wie sehen diese Tiere im Detail aus? Wo und wie leben sie? Haben sie Verwandte auf der guten alten Erde?<br></br>Dieser Vortrag führt durch den galaktischen Zoo des Star Wars-Universums.<aside></aside></p> <p>Warnhinweis: Für Monsterphobiker und Tierhaarallergiker gilt ein<br></br>Haftungsausschluß!</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/523705349_10238487899717632_1243909490786953143_n.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="701" sizes="(max-width: 526px) 100vw, 526px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/523705349_10238487899717632_1243909490786953143_n.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/523705349_10238487899717632_1243909490786953143_n.jpg 526w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/523705349_10238487899717632_1243909490786953143_n-225x300.jpg 225w" width="526"></img></a><figcaption>Blauer Twi`lek (Bettina Wurche) auf Triceratops-Baby im Naturkundemuseum Münster, 2025 (Bild: Karin Sandmann)</figcaption></figure> <p>Dieses Outfit werde ich auch in Bremen auf der botanika tragen, einen Reitdinosaurier bekomme ich dort allerdings nicht. Darum muss ich wohl zu Fuß gehen, da mein X-Wing innerstädtisch keine Flugerlaubnis bekommt. Aber vielleicht nehme ich auch das Shuttle…</p> <h2 id="h-14-09-2025-henrichenburg-steampunk-ahoi-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">14.09.2025, Henrichenburg, Steampunk Ahoi! : “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung”</h2> <p>Am Sonntag, dem 14.09.2025, ist Internationaler Museumstag – auch im <a href="https://schiffshebewerk-henrichenburg.lwl.org/de/">LWL Museum “Schiffshebewerk Henrichenburg”</a> in Waltrop. Von 10:00 Uhr bis 18:00 Uhr findet dann dort, im Schiffs-Ambiente, der Event <a href="https://allevents.in/waltrop/steampunk-ahoi/200027563858452">“Steampunk Ahoi!” </a>statt.<br></br>Das historische Schiffshebewerk Henrichenburg ist längst museal und damit eine wunderbare Steampunk-Kulisse aus einer technikeuphorischen Zeit – damit ist es der ideale Rahmen für mein Buch “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung”. Ich werde dort eine Mischung aus Vortrag und Lesung vorstellen und auch signieren. Mehr <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung/">zum Inhalt ist hier.</a><br></br>Eintritt kostet es nicht, dafür gibt es einen bunten Rahmen mit Verkaufsständen und Programm.<br></br>Das Programm ist noch nicht “festgezurrt”.</p> <p>Steampunk ist eine retrofuturistische Science Fiction-Bewegung, die eng mit Selbstmachen, Upcycling und der Makerbewegung verknüpft ist. Korsett und Zylinder sind kein Must, gedeckte Farben und altmodischer Stil aber gern gesehen.<a href="https://www.funkelglanz-events.de/was-ist-steampunk/"> Hier ist eine gute Übersicht zum Steampunk</a> – “Funkelglanz” ist die Veranstalterin.</p> <h2 id="h-04-10-2025-leer-hinterm-mond-2025-climate-fiction">04.10.2025, Leer, “Hinterm Mond 2025”: “Climate Fiction”</h2> <p>Der <a href="https://blog.fiks.de/hinterm-mond/">5. Tag der Science-Fiction-Literatur in Leer, Ostfriesland</a> ist am Sonnabend, 4. Oktober 2025 im Kulturspeicher. Die Veranstaltung beginnt anreisefreundlich um 15:00 Uhr.<br></br>Diese Veranstaltung hat einen Schwerpunkt in der “Climate Fiction”, mein Vortrag ist auch zu dem Thema.</p> <p><strong>“Climate Fiction – wie schlimm ist die Klimakrise und wie können wir darüber sprechen?”</strong><br></br>Die Klimakrise ist eines der drängendsten globalen Probleme und allgegenwärtig.<br></br>Der Anstieg des Meeresspiegels, die Versauerung der Ozeane, massenhafte Artensterben sowie Dürren, gewaltige Wirbelstürme und Flutkatastrophen gehören zu unserem Alltag und werden weiter zunehmen.<br></br>Auch in der Science Fiction ist das Thema längst angekommen: Ob auf der Erde oder anderen Planeten, ob Terraforming, post-nuklearer Winter, astronomische Katastrophe oder von Menschen verursachter Klimawandel, die Science Fiction hat all diese Szenarien längst durchgespielt: Welche Auswirkungen könnte die Krise auf die Menschheit haben? Können technische Entwicklungen uns noch retten? Wie können wir damit leben?<br></br>Dazu bietet die Science Fiction eine ganze Reihe von Ideen, von beruhigend bis zu postapokalyptisch, von Frank Herberts “Dune” über anti-dystopischen Solarpunk bis zu Kim Stanley Robinsons “Das Ministerium der Zukunft”. Manche davon können uns helfen, diese gewaltige Aufgabe besser zu meistern: Indem wir uns zusammenschließen und unser Schicksal selbst in die Hand nehmen.</p> <h2 id="h-06-07-08-11-2025-in-herzberg-elster-jules-verne-astrobiologie-und-star-wars-zoo">06./07./08.11.2025 in Herzberg (Elster): Jules Verne, Astrobiologie und Star Wars-Zoo</h2> <p><strong>06.11.2025, Bibliothek: “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung</strong>“<br></br>s. o.</p> <p><strong>07.11.2025: “Ozeane unter Eis</strong> <strong>– Gibt es Leben auf dem Jupitermond Europa und dem<br></br>Saturnmond Enceladus?”</strong><br></br>Der Jupitermond Europa verbirgt unter einer dicken Eisschicht einen flüssigen Salzwasserozean. In seinen Tiefen schwimmen organische Verbindungen mit den Bausteinen für Leben, seine Energie bezieht er vom Jupiter. Könnte sich daraus Leben zumindest Vorstufen davon entwickelt haben?<br></br>Um den zweiten Gasriesen Saturn kreisen ebenfalls vereiste Monde. Dort hatte Titan für eine Überraschung gesorgt – unter seiner vereisten Oberfläche schwappt ebenfalls ein Salzwasserozean, an dessen Boden heiße Quellen brodeln.<br></br>Europa und Titan sind derzeit die verheißungsvollsten Kandidaten für außerirdisches Leben in unserem eigenen Sonnensystem.<br></br>Der Vortrag gibt zunächst einen Einblick in die Astrobiologie und stellt dann die Besonderheiten Europas und Titans als potenzielle Träger von Leben vor. Der Schwerpunkt liegt in der Diskussion, wie Leben in solchen außerirdischen Salzozeanen aussehen könnte. Dafür nutzen Astrobiologen extreme Lebensräume der Erde als Modelle für mögliche außerirdische Ozeane.</p> <p>Außerdem stellt der Vortrag die aktuellen Missionen der im April2023 gestarteten ESA-Sonde <em>JUICE </em>und der im Oktober gestarteten 2024 NASA-Sonde <em>Europa Clipper</em>, die die Eiswelten von Jupiters Monden in den 2030-er Jahren direkt untersuchen werden. Und mit <em>Dragonfly, </em>die 2028 starten soll, ist ein ähnliches Unternehmen für den Saturnmond Titan geplant.</p> <p><strong>08.11.2025: “Der Star Wars-Zoo”</strong><br></br>s. o.</p> <h2 id="h-18-11-2025-starkenburg-sternwarte-heppenheim-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">18.11.2025 Starkenburg-Sternwarte Heppenheim: “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung”</h2> <p>Die <a href="https://www.starkenburg-sternwarte.de/">Starkenburg-Sternwarte</a> auf dem Schloßberg in Heppenheim ist auch für andere naturwissenschaftliche Themen offen.<br></br>Darum passt auch “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung” gut ins Programm.<br></br>Diese Veranstaltung wird ein <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung/">Vortrag mit Lesung aus meinem gleichnamigen Buch </a>und natürlich viel Hintergrund-Info sowie Bildern.</p> <p><strong>Adresse</strong>:<br></br>Starkenburgweg 41 in 64646 Heppenheim/Bergstraße (<a href="https://www.starkenburg-sternwarte.de/anfahrt/">Anfahrt</a>)<br></br>Unterhalb der Sternwarte und der Starkenburg ist ein Wanderparkplatz mit viel Platz. Von dort geht es ein Stückchen den Berg hinauf, dann liegt rechts das Sternwarten-Gelände. Das dieser Wege nicht beleuchtet ist, empfiehlt es sich, eine Taschenlampe mitzunehmen.</p> <h2 id="h-06-12-2025-darmstadt-wuste-n-planeten-in-der-science-fiction">06.12.2025, Darmstadt: “Wüste(n) Planeten in der Science Fiction”</h2> <p><a href="https://vsda.de/veranstaltungen/veranstaltungskalender/cat_ids~8/">Vortrag in der Volkssternwarte Darmstadt</a>, Beginn 20:00 Uhr.<p>Dune, Star Wars, Star Trek – in vielen Science Fiction-Szenarien werden die HeldInnen in die Wüste geschickt.</p><br></br>Wüsten bieten für die Protagonisten neben Schweiß und Durst noch viel mehr Herausforderungen, von der Einsamkeit über Sandstürme bis zu schrecklichen Aliens.<br></br>Welche Wissenschaft steckt hinter diesen Konzepten? Wie glaubwürdig ist es, dass ein ganzer Planet nur aus Wüste bestehen soll? Wo haben sich die Schöpfer außerirdischer Wüsten bei Menschen, Tieren, Pflanzen und Steinen unserer Erde inspirieren lassen? Und welche Überlebensstrategien nutzen die HeldInnen in ihrer wüsten Umgebung?<br></br>Ein kurzer Ausblick zeigt, dass Wüstentrainings bei ESA und NASA auch für Raumsonden und Astronauten üblich sind, um sie auf sandige Einöden außerhalb der Erde vorzubereiten.<br></br>Und was könnten Science Fiction-AutorInnen und FilmemacherInnen von den RaumfahrerInnen lernen?<p>Auch diese<a href="https://vsda.de/anfahrt/"> Sternwarte liegt im Wald und sogar im Landschaftsschutzgebiet,</a> eine Taschenlampe ist für den letzten Teil des weges zu Fuß dorthin sehr nützlich.</p></p> <h2 id="h-mich-kann-man-buchen">Mich kann man buchen</h2> <p>Neben wissenschaftsjournalistischen Texten zu Biologie, Paläontologie, Klimakrise und anderen naturwissenschaftlichen Themen erzähle ich meine Themen auch gern in populärwissenschaftlichen Vorträgen und Science Performances für Menschen aller Altersgruppen.<br></br>Eine Übersicht über meine Vortrags-Themen gibt es <a href="https://meertext.eu/vortraege/">hier</a>.<br></br>An dieser Stelle sollte ich anmerken, dass ich nicht nur leidenschaftliche Meeresbiologin, sondern auch eine Liebhaberin der wissenschaftsbasierten Science Fiction bin. In Vorträgen hinterfrage ich die wissenschaftlichen Fakten in SF-Szenarien und erzähle noch mehr Wissenswertes dazu.</p> <p>Alle Vorträge und Präsentationen sind allgemein verständlich ausgearbeitet, laufen schnörkellos auf Powerpoint und dauern nach Absprache – meist 45 Minuten.<br></br>Sie können bei <a href="https://meertext.eu/kontakt/">mir</a> von jeder/m und für jede/n gebucht werden, live oder online – für Verein, Schule, Museum, Event oder private Veranstaltungen. Honorar und Reisekosten nach Absprache.</p> <p>Weiterhin biete ich Lesungen zum Jules Verne-Buch an sowie Workshops für junge Menschen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/save-the-date-meine-vortraege-herbst-winter-2025-update/#respond 0 AstroGeo Podcast: Der Raumzeit-Riss – wie Karl Schwarzschild auf Schwarze Löcher stieß https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-der-raumzeit-riss-wie-karl-schwarzschild-auf-schwarze-loecher-stiess/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-der-raumzeit-riss-wie-karl-schwarzschild-auf-schwarze-loecher-stiess/#comments Sun, 03 Aug 2025 07:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1732 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-2-768x768.jpg Künstlerische Darstellung eines stellaren Schwarzen Lochs: Ein völlig schwarzes Loch befindet sich vor einem Hintergrund aus Sternen im Weltraum. Das Licht der Sterne ist in der scheinbaren Nähe des Schwarzen Lochs verschmiert und in andere Wellenlängen verschoben. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-der-raumzeit-riss-wie-karl-schwarzschild-auf-schwarze-loecher-stiess/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag120_sl.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Der Raumzeit-Riss - wie Karl Schwarzschild auf Schwarze Löcher stieß » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Im November 1915 hält Albert Einstein vier Vorträge an der Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin. In diesen Vorträgen stellt er seinem Publikum die Allgemeine Relativitätstheorie vor, an der er jahrelang getüftelt hatte. Mit dieser Theorie kann Einstein beschreiben, wie Materie, Raum und Zeit wechselwirken. Dabei schafft er kurzerhand eine Kraft unseres Universums ab: die Schwerkraft.</p> <p>Bei Isaac Newton war alles alles noch viel einfacher gewesen: Laut dem Briten ist die Schwerkraft, wie der Name schon sagt, eine Kraft. Diese wirkt zum Beispiel zwischen zwei Massen anziehend. Mit den Newtonschen Gravitationsgesetzen ließ sich zunächst wunderbar erklären, warum ein Apfel vom Baum fällt oder warum die Erde um die Sonne kreist.</p> <p>Doch mit der Allgemeinen Relativitätstheorie bereitet Einstein der Schwerkraft nun ein Ende: Laut ihm handelt es sich dabei lediglich um einen Effekt der gekrümmten Raumzeit. Frei nach dem Physiker John Wheeler übersetzt könnte man die Allgemeine Relativitätstheorie so zusammenfassen: <em>Die Materie sagt der Raumzeit, wie sich zu krümmen hat, und die gekrümmte Raumzeit sagt der Materie, wie sich zu bewegen hat.</em> Ein Apfel fällt also nicht deshalb vom Baum, weil er die Effekte der Schwerkraft verspürt, sondern weil er dem kürzesten Weg in der gekrümmten Raumzeit folgt.</p> <p>Doch war die Allgemeine Relativitätstheorie im Jahr 1915 nicht nur konzeptionell ungeheuerlich, sondern auch mathematisch: Ihre Gleichungen sind so kompliziert, dass Einstein selbst zunächst davon überzeugt ist, dass es unmöglich sei, exakte Lösungen für sie zu finden.</p> <p>Wie praktisch, dass sich bei einem seiner Vorträge ein Mensch befand, dem genau das nur wenig später gelingen sollte – und das, während der als Soldat im Ersten Weltkrieg an der Front stationiert war. Karl Schwarzschild war Physiker und Astronom. Außerdem beherrschte er praktischerweise genau jene mathematischen Fähigkeiten, die benötigt wurden, um eine exakte Lösung für die Einstein’schen Feldgleichungen zu finden. Diese Gleichungen brachten jedoch einen seltsamen Aspekt zu Tage, der zeigte: Es könnte so etwas wie Schwarze Löcher geben.<aside></aside></p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei Astrogeo</h3> <ul> <li>Folge 75: <a href="https://astrogeo.de/ein-schwarzes-loch-im-zentrum-der-etwas-andere-quasi-stern/">Ein Schwarzes Loch im Zentrum: der etwas andere Quasi-Stern</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Schwarzschild">Karl Schwarzschild</a></li> <li>WP:<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Einstein">Albert Einstein</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Newtonsches_Gravitationsgesetz">Newtonsches Gravitationsgesetz</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Allgemeine_Relativit%C3%A4tstheorie">Allgemeine Relativitätstheorie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzes_Loch">Schwarzes Loch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Schwarzen_L%C3%B6cher">Geschichte der Schwarzen Löcher</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ereignishorizont">Ereignishorizont</a></li> <li>Welt der Physik: <a href="https://www.weltderphysik.de/gebiet/universum/schwarze-loecher/ereignishorizont/">Die Grenzen eines Schwarzen Lochs</a> (2016)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Buch: <a href="https://marcuschown.com/book/a-crack-in-everything/">Marcus Chown: A Crack in Everything</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1002/andp.19163540702">Die Grundlage der allgemeinen Relativitätstheorie</a> (1916)</li> <li> Buch: <a href="https://einsteinpapers.press.princeton.edu/vol8a-doc/">The Collected Papers of Al</a><a href="https://einsteinpapers.press.princeton.edu/vol8a-doc/">bert Einstein: Volume 8, Part A: The Berlin Years: Correspondence 1914-1917</a></li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://www.esa.int/Science_Exploration/Space_Science/Black_holes">European Space Agency, NASA and Felix Mirabel (the French Atomic Energy Commission &amp; the Institute for Astronomy and Space Physics/Conicet of Argentina)</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag120_sl.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Der Raumzeit-Riss - wie Karl Schwarzschild auf Schwarze Löcher stieß » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Im November 1915 hält Albert Einstein vier Vorträge an der Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin. In diesen Vorträgen stellt er seinem Publikum die Allgemeine Relativitätstheorie vor, an der er jahrelang getüftelt hatte. Mit dieser Theorie kann Einstein beschreiben, wie Materie, Raum und Zeit wechselwirken. Dabei schafft er kurzerhand eine Kraft unseres Universums ab: die Schwerkraft.</p> <p>Bei Isaac Newton war alles alles noch viel einfacher gewesen: Laut dem Briten ist die Schwerkraft, wie der Name schon sagt, eine Kraft. Diese wirkt zum Beispiel zwischen zwei Massen anziehend. Mit den Newtonschen Gravitationsgesetzen ließ sich zunächst wunderbar erklären, warum ein Apfel vom Baum fällt oder warum die Erde um die Sonne kreist.</p> <p>Doch mit der Allgemeinen Relativitätstheorie bereitet Einstein der Schwerkraft nun ein Ende: Laut ihm handelt es sich dabei lediglich um einen Effekt der gekrümmten Raumzeit. Frei nach dem Physiker John Wheeler übersetzt könnte man die Allgemeine Relativitätstheorie so zusammenfassen: <em>Die Materie sagt der Raumzeit, wie sich zu krümmen hat, und die gekrümmte Raumzeit sagt der Materie, wie sich zu bewegen hat.</em> Ein Apfel fällt also nicht deshalb vom Baum, weil er die Effekte der Schwerkraft verspürt, sondern weil er dem kürzesten Weg in der gekrümmten Raumzeit folgt.</p> <p>Doch war die Allgemeine Relativitätstheorie im Jahr 1915 nicht nur konzeptionell ungeheuerlich, sondern auch mathematisch: Ihre Gleichungen sind so kompliziert, dass Einstein selbst zunächst davon überzeugt ist, dass es unmöglich sei, exakte Lösungen für sie zu finden.</p> <p>Wie praktisch, dass sich bei einem seiner Vorträge ein Mensch befand, dem genau das nur wenig später gelingen sollte – und das, während der als Soldat im Ersten Weltkrieg an der Front stationiert war. Karl Schwarzschild war Physiker und Astronom. Außerdem beherrschte er praktischerweise genau jene mathematischen Fähigkeiten, die benötigt wurden, um eine exakte Lösung für die Einstein’schen Feldgleichungen zu finden. Diese Gleichungen brachten jedoch einen seltsamen Aspekt zu Tage, der zeigte: Es könnte so etwas wie Schwarze Löcher geben.<aside></aside></p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei Astrogeo</h3> <ul> <li>Folge 75: <a href="https://astrogeo.de/ein-schwarzes-loch-im-zentrum-der-etwas-andere-quasi-stern/">Ein Schwarzes Loch im Zentrum: der etwas andere Quasi-Stern</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Schwarzschild">Karl Schwarzschild</a></li> <li>WP:<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Einstein">Albert Einstein</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Newtonsches_Gravitationsgesetz">Newtonsches Gravitationsgesetz</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Allgemeine_Relativit%C3%A4tstheorie">Allgemeine Relativitätstheorie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzes_Loch">Schwarzes Loch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Schwarzen_L%C3%B6cher">Geschichte der Schwarzen Löcher</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ereignishorizont">Ereignishorizont</a></li> <li>Welt der Physik: <a href="https://www.weltderphysik.de/gebiet/universum/schwarze-loecher/ereignishorizont/">Die Grenzen eines Schwarzen Lochs</a> (2016)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Buch: <a href="https://marcuschown.com/book/a-crack-in-everything/">Marcus Chown: A Crack in Everything</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1002/andp.19163540702">Die Grundlage der allgemeinen Relativitätstheorie</a> (1916)</li> <li> Buch: <a href="https://einsteinpapers.press.princeton.edu/vol8a-doc/">The Collected Papers of Al</a><a href="https://einsteinpapers.press.princeton.edu/vol8a-doc/">bert Einstein: Volume 8, Part A: The Berlin Years: Correspondence 1914-1917</a></li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://www.esa.int/Science_Exploration/Space_Science/Black_holes">European Space Agency, NASA and Felix Mirabel (the French Atomic Energy Commission &amp; the Institute for Astronomy and Space Physics/Conicet of Argentina)</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-der-raumzeit-riss-wie-karl-schwarzschild-auf-schwarze-loecher-stiess/#comments 19 Avi Loeb: Schickt Juno zu 3I/ATLAS https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/avi-loeb-juno-3i-atlas/ https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/avi-loeb-juno-3i-atlas/#comments Wed, 30 Jul 2025 06:37:27 +0000 Michael Khan https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/?p=11043 https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/Schwarze-Loch-768x793.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/avi-loeb-juno-3i-atlas/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/Schwarze-Loch.jpg" /><h1>Avi Loeb: Schickt Juno zu 3I/ATLAS » Go for Launch » SciLogs</h1><h2>By Michael Khan</h2><div itemprop="text"> <p>Harvard-Professor Avi Loeb und zwei Ko-Autoren haben gestern ein <a href="https://www.arxiv.org/abs/2507.21402" rel="noopener" target="_blank">Paper auf ArXiv</a> hinterlegt, in dem sie vorschlagen, die <a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">NASA-Jupiter-Sonde Juno</a> auf eine Bahn zum <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/3I/ATLAS" rel="noopener" target="_blank">interstellaren Objekt 3I/ATLAS</a> zu schicken. Das Paper leuchtet mir allerdings nicht ein – da brauche ich Hilfe.</p> <span id="more-11043"></span> <p>3I/ATLAS ist ein unlängst entdecktes interstellares Objekt, das das Sonnensystem kreuzt und Anzeichen kometarer Aktivität zeigt. Es kam schnell auch Spekulation darüber auf, ob es sich dabei um von einer extraterrestrischen Intelligenz gebauten Technologie handeln könnte. Die Autoren des hier zitierten Papers haben sich an <a href="https://arxiv.org/abs/2507.12213">der Spekulation beteiligt</a>, allerdings versehen mit dem Disclaimer, dass sie sich dieser Hypothese nicht unbedingt anschließen. Avi Loeb ist für seine <a href="https://arxiv.org/abs/2507.12213">Aussagen zum interstellaren Objekt 1I/’Oumuamua</a> bekannt. </p> <p>Juno ist seit dem 4. Juli 2016 in einer polaren Bahn um Jupiter und steht eigentlich kurz vor dem Missionsende im September 2025, bei dem die Sonde gezielt im Jupiter versenkt werden soll, um eine Kontamination des Jupitermonds Europa auszuschließen. </p> <p>Der Vorschlag von Loeb et al. zielt nun darauf ab, Juno stattdessen mittels zweier Bahnmanöver am 9. und 14. September 2025 in eine Fluchtbahn vom Jupiter zu überführen. Juno wäre dann, so die Autoren, in einer interplanetaren Bahn, in der sie 3I/ATLAS am 14. März 2026 während seiner größten Annäherung an Jupiter begegnen könnte. </p> <p>3I/Atlas ist auf einer retrograden Bahn und hat als interstellares Objekt ohnehin eine enorme Bahnenergie. Daher würde die Relativgeschwindigkeit der hypothetischen Begegnung bei 66 km/s liegen. DIe Autoren gehen auch nicht von einem Einschuss in eine Bahn um das Objekt und eine damit mögliche Langzeitbeobachtung aus. <aside></aside></p> <p>Das Manöverbudget für die Flucht aus dem Jupitersystem haben Loeb et al. mit 2676 m/s berechnet. Das ist ein sehr hoher Wert, sodass sich natürlich die Frage stellt, ob die alte Raumsonde dafür noch genügend Treibstoff in ihren Tanks hat. Hier widersprechen die Annahmen von Loeb et al. der frei verfügbaren Dokumentation, beispielsweise dem <a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">Press Kit zum Jupiter Orbit Insertion</a>. Dort steht:</p> <blockquote> <p><em>“At the end of a nominal 35 minutes Jupiter Orbit Insertion burn, Juno will have about 447 kilograms of fuel”</em></p> <p>Aber Loeb et al. nehmen die Masse der vollbetankten Sonde beim Start und die Leermasse (3625 bzw. 1593 kg), schätzen den spezifischen Impuls des Triebwerks optimistisch (wie sie selbst zugeben) auf 340 s und wenden die Ziolkovski-Gleichung an, um die Delta-v-Kapazität auf 2.74 km/s zu berechnen. Damit kommen sie zu dem Schluss, ihre vorgeschlagene Strategie sei machbar. </p> <p>Ich dagegen komme mit den Angaben des NASA-Press-Kits auf nur knapp 784 m/s, und zwar nach dem JOI und damit noch vor dem  geplanten großen Manöver zur Reduzierung der Bahnperiode und vor allen anderen Manövern, die danach stattgefunden haben. Außerdem kann man bei einer Raumsonde die Tanks nicht bis auf den letzten Tropfen leersaugen. Bei der Bahnreduzierung kam es 2016 allerdings zu einem Problem mit der Druckbeaufschlagung der Tanks, sodass dieses Manöver nicht mehr durchgeführt werden konnte. Ich gehe davon aus, dass aktuell (vielleicht deutlich) weniger als 700 m/s Delta-v aufgebracht werden kann. Das ist mehr als genug, um das Entsorgungsmanöver sicher durchführen zu können. Es reicht aber lange nicht für die Jupiterflucht. Es kommt wohlgemerkt nicht allein auf die verbleibende Treibstoffmenge an. Wichtig ist auch der Restdruck in den Tanks, wenn diese jetzt im Blowdown-Modus betrieben werden müssen. </p> <p>Bevor ich mir die Berechnung der Manöver genauer anschaue, sollte zumindest einmal geklärt sein, zu wieviel die Tanks von Juno jetzt noch gefüllt sind. Sind sie voll, wie Loeb et al. postulieren? Oder sind sie eher leer, wie ich es auf Basis der verfügbaren Informationen meine? Hinzu kommt, dass eben auch das Haupttriebwerk nicht mehr einsetzbar ist.  </p> <p>Dabei bitte ich jetzt um Ihre Mithilfe. Ist das geklärt und bewiesen, dass Loeb et al. Recht haben, können wir daran gehen, deren Trajektorienberechnung nachzuvollziehen. Dann kann man sich auch überlegen,  ob die die Instrumente an Bord von Juno sich dazu eignen, ein kleines, kaltes Objekt mit einer Relativgeschwindigkeit von 66 km/s zu beobachten. Aber alles zu seiner Zeit. Klären wir doch zunächst einmal die Frage nach Triebwerk und Tanks. </p> <hr></hr> <p><span>R.I.P. Laura Dahlmeier. Eine großartige Sportlerin und ein großartiger Mensch</span></p> </blockquote></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/Schwarze-Loch.jpg" /><h1>Avi Loeb: Schickt Juno zu 3I/ATLAS » Go for Launch » SciLogs</h1><h2>By Michael Khan</h2><div itemprop="text"> <p>Harvard-Professor Avi Loeb und zwei Ko-Autoren haben gestern ein <a href="https://www.arxiv.org/abs/2507.21402" rel="noopener" target="_blank">Paper auf ArXiv</a> hinterlegt, in dem sie vorschlagen, die <a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">NASA-Jupiter-Sonde Juno</a> auf eine Bahn zum <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/3I/ATLAS" rel="noopener" target="_blank">interstellaren Objekt 3I/ATLAS</a> zu schicken. Das Paper leuchtet mir allerdings nicht ein – da brauche ich Hilfe.</p> <span id="more-11043"></span> <p>3I/ATLAS ist ein unlängst entdecktes interstellares Objekt, das das Sonnensystem kreuzt und Anzeichen kometarer Aktivität zeigt. Es kam schnell auch Spekulation darüber auf, ob es sich dabei um von einer extraterrestrischen Intelligenz gebauten Technologie handeln könnte. Die Autoren des hier zitierten Papers haben sich an <a href="https://arxiv.org/abs/2507.12213">der Spekulation beteiligt</a>, allerdings versehen mit dem Disclaimer, dass sie sich dieser Hypothese nicht unbedingt anschließen. Avi Loeb ist für seine <a href="https://arxiv.org/abs/2507.12213">Aussagen zum interstellaren Objekt 1I/’Oumuamua</a> bekannt. </p> <p>Juno ist seit dem 4. Juli 2016 in einer polaren Bahn um Jupiter und steht eigentlich kurz vor dem Missionsende im September 2025, bei dem die Sonde gezielt im Jupiter versenkt werden soll, um eine Kontamination des Jupitermonds Europa auszuschließen. </p> <p>Der Vorschlag von Loeb et al. zielt nun darauf ab, Juno stattdessen mittels zweier Bahnmanöver am 9. und 14. September 2025 in eine Fluchtbahn vom Jupiter zu überführen. Juno wäre dann, so die Autoren, in einer interplanetaren Bahn, in der sie 3I/ATLAS am 14. März 2026 während seiner größten Annäherung an Jupiter begegnen könnte. </p> <p>3I/Atlas ist auf einer retrograden Bahn und hat als interstellares Objekt ohnehin eine enorme Bahnenergie. Daher würde die Relativgeschwindigkeit der hypothetischen Begegnung bei 66 km/s liegen. DIe Autoren gehen auch nicht von einem Einschuss in eine Bahn um das Objekt und eine damit mögliche Langzeitbeobachtung aus. <aside></aside></p> <p>Das Manöverbudget für die Flucht aus dem Jupitersystem haben Loeb et al. mit 2676 m/s berechnet. Das ist ein sehr hoher Wert, sodass sich natürlich die Frage stellt, ob die alte Raumsonde dafür noch genügend Treibstoff in ihren Tanks hat. Hier widersprechen die Annahmen von Loeb et al. der frei verfügbaren Dokumentation, beispielsweise dem <a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">Press Kit zum Jupiter Orbit Insertion</a>. Dort steht:</p> <blockquote> <p><em>“At the end of a nominal 35 minutes Jupiter Orbit Insertion burn, Juno will have about 447 kilograms of fuel”</em></p> <p>Aber Loeb et al. nehmen die Masse der vollbetankten Sonde beim Start und die Leermasse (3625 bzw. 1593 kg), schätzen den spezifischen Impuls des Triebwerks optimistisch (wie sie selbst zugeben) auf 340 s und wenden die Ziolkovski-Gleichung an, um die Delta-v-Kapazität auf 2.74 km/s zu berechnen. Damit kommen sie zu dem Schluss, ihre vorgeschlagene Strategie sei machbar. </p> <p>Ich dagegen komme mit den Angaben des NASA-Press-Kits auf nur knapp 784 m/s, und zwar nach dem JOI und damit noch vor dem  geplanten großen Manöver zur Reduzierung der Bahnperiode und vor allen anderen Manövern, die danach stattgefunden haben. Außerdem kann man bei einer Raumsonde die Tanks nicht bis auf den letzten Tropfen leersaugen. Bei der Bahnreduzierung kam es 2016 allerdings zu einem Problem mit der Druckbeaufschlagung der Tanks, sodass dieses Manöver nicht mehr durchgeführt werden konnte. Ich gehe davon aus, dass aktuell (vielleicht deutlich) weniger als 700 m/s Delta-v aufgebracht werden kann. Das ist mehr als genug, um das Entsorgungsmanöver sicher durchführen zu können. Es reicht aber lange nicht für die Jupiterflucht. Es kommt wohlgemerkt nicht allein auf die verbleibende Treibstoffmenge an. Wichtig ist auch der Restdruck in den Tanks, wenn diese jetzt im Blowdown-Modus betrieben werden müssen. </p> <p>Bevor ich mir die Berechnung der Manöver genauer anschaue, sollte zumindest einmal geklärt sein, zu wieviel die Tanks von Juno jetzt noch gefüllt sind. Sind sie voll, wie Loeb et al. postulieren? Oder sind sie eher leer, wie ich es auf Basis der verfügbaren Informationen meine? Hinzu kommt, dass eben auch das Haupttriebwerk nicht mehr einsetzbar ist.  </p> <p>Dabei bitte ich jetzt um Ihre Mithilfe. Ist das geklärt und bewiesen, dass Loeb et al. Recht haben, können wir daran gehen, deren Trajektorienberechnung nachzuvollziehen. Dann kann man sich auch überlegen,  ob die die Instrumente an Bord von Juno sich dazu eignen, ein kleines, kaltes Objekt mit einer Relativgeschwindigkeit von 66 km/s zu beobachten. Aber alles zu seiner Zeit. Klären wir doch zunächst einmal die Frage nach Triebwerk und Tanks. </p> <hr></hr> <p><span>R.I.P. Laura Dahlmeier. Eine großartige Sportlerin und ein großartiger Mensch</span></p> </blockquote></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/avi-loeb-juno-3i-atlas/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>11</slash:comments> </item> <item> <title>Mein “Jules Verne” ist als Wissensbuch 2025 nominiert! https://scilogs.spektrum.de/meertext/mein-jules-verne-ist-als-wissensbuch-2025-nominiert/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/mein-jules-verne-ist-als-wissensbuch-2025-nominiert/#comments Tue, 29 Jul 2025 14:19:27 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1724 <h1>Mein "Jules Verne" ist als Wissensbuch 2025 nominiert! » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Mein Buch “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung” ist von Bild der Wissenschaft als Wissensbuch 2025 in der Kategorie “Überraschung – das originellste Buch” nominiert worden!<br></br>Welches Sachbuch den Preis nun erhält, entscheiden die LeserInnen.<p><a href="https://www.konradin-service.de/umfrage/index.php/215839">Hier geht es zur <strong>Abstimmung,</strong></a> die Teilnahme ist noch bis <strong>14. August 2025</strong> möglich.</p></p> <h2 id="h-video-meehr-zu-jules-verne-und-mir">Video – meehr zu Jules Verne und mir</h2> <figure><video controls="" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/wurche-julesverne-wissenbuch2025.mp4"></video><figcaption>Bettina Wurche erzählt meehr über ihr Jules Verne-Buch (Puffin-Productions – eine Koproduktion von Bettina, Ulli, Michaela und Melanie)</figcaption></figure> <p>Mehr zum Inhalt meines Buches könnt Ihr<a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung/"> hier</a> nachlesen. Den kurzen Beitrag hatte ich anläßlich meiner Lesung auf der Buchmesse in Leipzig geschrieben – er stellt vor, wie Verne die entstehende moderne Meeresforschung mit der bürgerlichen Seehlust kombinierte.</p> <h2 id="h-wissensbuch-nominierung-als-urlaubsuberraschung">Wissensbuch-Nominierung als Urlaubsüberraschung</h2> <p>Die Nachricht meines Verlags “Hirnkost”, dass “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung” von der Jury Wissensbuch 2025 in der Kategorie “Überraschung – das originellste Buch” nominiert wurde, erwischte mich kalt: Gemeinsam mit zwei Freundinnen – der Biologin Michaela und der Photographin Ulli – war ich zu einer lange geplanten Expedition auf die Shetland-Inseln aufgebrochen.<br></br>Wir waren per Bahn und Fähre angereist und bewegten usn auf den Spuren der Orcas über die Inselgruppe zwischen Nordsee (rechts) und Nordatlantik (links). Als die Mail von Melanie (Hirnkost-Verlag) eintraf, waren hir gerade am nördlichsten Punkt der Reise angekommen, auf der kühlen Insel Unst.<br></br>Die Marketing-Expetin Melanie regte an, doch ein Video dazu zu produzieren. Zu Hause wäre das kein Ding gewesen – aber auf dem abgelegenen Unst? Da wurde ja schon ein sauberes Shirt oder eine ordentliche Frisur zur Herausforderung! Drinnen oder draußen? Wie machen wir die Beleuchtung? Und wie konnten wir das Buch, das ich natürlich nicht dabei hatte, einblenden?<p>Schließlich hatten die Freundinnen die zündende Idee, mich in eine Fensterlaibung des alten Cottages zu setzen, ich suchte ein Kraken-Shirt und ein Puffin-Stirnband heraus, schrieb einen sehr kurzen Text als “Drehbuch” und dann drehten wir das Video. Dank Ullis und Michaelas Hilfe klappte das besser, als befürchtet.</p><br></br>Das draußen an der Mole aufgenomme Video taugte leider wegen der Störgeräusche nichts, aber der Indoor-Dreh funktionierte. Melanie hat es mit ihrer Nachbearbeitung dann noch pefektioniert.</p> <p>Über unsere ziemlich irre Reise werde ich hier natürlich noch ausführlicher berichten, versprochen.<br></br>Spoiler: Wir haben die Orcas bei ihrer wilden Hatz auf Robben wirklich gesehen!</p> <h2 id="h-dankeschon-an-klaus-farin-und-hirnkost">Dankeschön an Klaus Farin und Hirnkost!</h2> <p>Dass aus meinem Herzensthema Jules Verne und die frühe Entwicklung der Meeresforschung, über das ich schon lange Vorträge halte, ein Buch wurde, habe ich Corona und dem Hirnkost-Verlage zu verdanken. <br></br>Ein Corona-Stipendium hatte mir ermöglicht, einige Monate konzentriert an dem Text zu arbeiten und aus Fragmenten und Ideen ein Buch-Manuskript zu schreiben. <p>Den Hirnkost-Gründer und -Chef Klaus Farin lernte ich vor einigen Jahren auf der SF-Literatur-Veranstaltung ElsterCon in Leipzig kennen. <a href="https://www.shop-hirnkost.de/ueber-uns/">Hirnkost gibt engagierte Literatur </a>heraus, darunter auch viele SF-Titel wie das Science Fiction-Jahrbuch oder Climate Fiction-Titel. Jugendkultur und Science Fiction bzw Climate Fiction kommen außerdem in den Projekten <strong>“KLIMAZUKÜNFTE”</strong> und <strong>“Kongreß der Utopien”</strong> zusammen. Andere wichtige Themen sind Flucht und Vertreibung und insgesamt soziokulturelle und autobiographische Sachbücher, Romane, Kurz­ge­schich­ten­, Anthologien, Lyrik und Graphic Novels. </p><br></br>Klaus Farins Arbeit – gerade sein Engagement für Jugend- und Subkulturen wurde mehrfach ausgezeichnet, 2019 erhielt er für seine „Verdienste um die Kinder- und Jugendkultur im deutschsprachigen Raum“ das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Farin">Bundesverdienstkreuz</a>.<aside></aside></p> <p>Auf dem Elster-Con kamen wir durch meinen “Climate Fiction”-Vortrag ins Gespräch. Dann schickte ich ihm abends noch mein mehrfach abgelehntes Jules Verne-Manuskript – und hatte am nächsten Tag seine Zusage!<br></br>Dass ich mein Jules Verne-Buch auf der Leipziger Buchmesse im März vorstellen durfte und es neben Klaus` Winnetou-Buch der Hirnkost-Bestseller wurde, hat mich riesig gefreut.<br></br>Die Cover-Gestaltung durch <a href="https://benswerk.com/">benSwerk</a> lässt das Meerwasser schon aus dem noch nicht geöffeneten Buch tropfen : )</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/523217529_18518060029025537_9210372211010786362_n.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/523217529_18518060029025537_9210372211010786362_n-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/523217529_18518060029025537_9210372211010786362_n-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/523217529_18518060029025537_9210372211010786362_n-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/523217529_18518060029025537_9210372211010786362_n-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/523217529_18518060029025537_9210372211010786362_n-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/523217529_18518060029025537_9210372211010786362_n.jpg 1440w" width="1024"></img></a><figcaption>“Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung” am Hirnkost-Stand auf der Leipziger Buchmesse 2025 (Hirnkost)</figcaption></figure> <p>Die Nominierung ist nun ein weiteres Sahnehäubchen für mich und zeigt mal wieder, dass man bei Literatur einen langen Atem braucht und welche wichtige Rolle auch kleinere Verlage spielen.<br></br>Im Rest des Jahres sind noch einige Lesungen zwischen Bremerhaven und Herzberg geplant, die Termine aktualisiere ich gerade – sie kommen in den nächsten Tagen.</p> <p><a href="https://www.konradin-service.de/umfrage/index.php/215839">Hier geht es <strong>bis zum 14. August 2025 zur Abstimmung</strong></a> zum Wissensbuch des Jahres – mein Buch läuft in der Kategorie “Überraschung”.<br></br>Bestellen könnt Ihr es beim Hirnkost-Verlag oder direkt bei mir, für 24,00 € plus Porto – bei mir gibt es signierte Exemplare. Nach Wunsch auch personalisiert und gern noch mit Pottwal.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Mein "Jules Verne" ist als Wissensbuch 2025 nominiert! » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Mein Buch “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung” ist von Bild der Wissenschaft als Wissensbuch 2025 in der Kategorie “Überraschung – das originellste Buch” nominiert worden!<br></br>Welches Sachbuch den Preis nun erhält, entscheiden die LeserInnen.<p><a href="https://www.konradin-service.de/umfrage/index.php/215839">Hier geht es zur <strong>Abstimmung,</strong></a> die Teilnahme ist noch bis <strong>14. August 2025</strong> möglich.</p></p> <h2 id="h-video-meehr-zu-jules-verne-und-mir">Video – meehr zu Jules Verne und mir</h2> <figure><video controls="" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/wurche-julesverne-wissenbuch2025.mp4"></video><figcaption>Bettina Wurche erzählt meehr über ihr Jules Verne-Buch (Puffin-Productions – eine Koproduktion von Bettina, Ulli, Michaela und Melanie)</figcaption></figure> <p>Mehr zum Inhalt meines Buches könnt Ihr<a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung/"> hier</a> nachlesen. Den kurzen Beitrag hatte ich anläßlich meiner Lesung auf der Buchmesse in Leipzig geschrieben – er stellt vor, wie Verne die entstehende moderne Meeresforschung mit der bürgerlichen Seehlust kombinierte.</p> <h2 id="h-wissensbuch-nominierung-als-urlaubsuberraschung">Wissensbuch-Nominierung als Urlaubsüberraschung</h2> <p>Die Nachricht meines Verlags “Hirnkost”, dass “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung” von der Jury Wissensbuch 2025 in der Kategorie “Überraschung – das originellste Buch” nominiert wurde, erwischte mich kalt: Gemeinsam mit zwei Freundinnen – der Biologin Michaela und der Photographin Ulli – war ich zu einer lange geplanten Expedition auf die Shetland-Inseln aufgebrochen.<br></br>Wir waren per Bahn und Fähre angereist und bewegten usn auf den Spuren der Orcas über die Inselgruppe zwischen Nordsee (rechts) und Nordatlantik (links). Als die Mail von Melanie (Hirnkost-Verlag) eintraf, waren hir gerade am nördlichsten Punkt der Reise angekommen, auf der kühlen Insel Unst.<br></br>Die Marketing-Expetin Melanie regte an, doch ein Video dazu zu produzieren. Zu Hause wäre das kein Ding gewesen – aber auf dem abgelegenen Unst? Da wurde ja schon ein sauberes Shirt oder eine ordentliche Frisur zur Herausforderung! Drinnen oder draußen? Wie machen wir die Beleuchtung? Und wie konnten wir das Buch, das ich natürlich nicht dabei hatte, einblenden?<p>Schließlich hatten die Freundinnen die zündende Idee, mich in eine Fensterlaibung des alten Cottages zu setzen, ich suchte ein Kraken-Shirt und ein Puffin-Stirnband heraus, schrieb einen sehr kurzen Text als “Drehbuch” und dann drehten wir das Video. Dank Ullis und Michaelas Hilfe klappte das besser, als befürchtet.</p><br></br>Das draußen an der Mole aufgenomme Video taugte leider wegen der Störgeräusche nichts, aber der Indoor-Dreh funktionierte. Melanie hat es mit ihrer Nachbearbeitung dann noch pefektioniert.</p> <p>Über unsere ziemlich irre Reise werde ich hier natürlich noch ausführlicher berichten, versprochen.<br></br>Spoiler: Wir haben die Orcas bei ihrer wilden Hatz auf Robben wirklich gesehen!</p> <h2 id="h-dankeschon-an-klaus-farin-und-hirnkost">Dankeschön an Klaus Farin und Hirnkost!</h2> <p>Dass aus meinem Herzensthema Jules Verne und die frühe Entwicklung der Meeresforschung, über das ich schon lange Vorträge halte, ein Buch wurde, habe ich Corona und dem Hirnkost-Verlage zu verdanken. <br></br>Ein Corona-Stipendium hatte mir ermöglicht, einige Monate konzentriert an dem Text zu arbeiten und aus Fragmenten und Ideen ein Buch-Manuskript zu schreiben. <p>Den Hirnkost-Gründer und -Chef Klaus Farin lernte ich vor einigen Jahren auf der SF-Literatur-Veranstaltung ElsterCon in Leipzig kennen. <a href="https://www.shop-hirnkost.de/ueber-uns/">Hirnkost gibt engagierte Literatur </a>heraus, darunter auch viele SF-Titel wie das Science Fiction-Jahrbuch oder Climate Fiction-Titel. Jugendkultur und Science Fiction bzw Climate Fiction kommen außerdem in den Projekten <strong>“KLIMAZUKÜNFTE”</strong> und <strong>“Kongreß der Utopien”</strong> zusammen. Andere wichtige Themen sind Flucht und Vertreibung und insgesamt soziokulturelle und autobiographische Sachbücher, Romane, Kurz­ge­schich­ten­, Anthologien, Lyrik und Graphic Novels. </p><br></br>Klaus Farins Arbeit – gerade sein Engagement für Jugend- und Subkulturen wurde mehrfach ausgezeichnet, 2019 erhielt er für seine „Verdienste um die Kinder- und Jugendkultur im deutschsprachigen Raum“ das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Farin">Bundesverdienstkreuz</a>.<aside></aside></p> <p>Auf dem Elster-Con kamen wir durch meinen “Climate Fiction”-Vortrag ins Gespräch. Dann schickte ich ihm abends noch mein mehrfach abgelehntes Jules Verne-Manuskript – und hatte am nächsten Tag seine Zusage!<br></br>Dass ich mein Jules Verne-Buch auf der Leipziger Buchmesse im März vorstellen durfte und es neben Klaus` Winnetou-Buch der Hirnkost-Bestseller wurde, hat mich riesig gefreut.<br></br>Die Cover-Gestaltung durch <a href="https://benswerk.com/">benSwerk</a> lässt das Meerwasser schon aus dem noch nicht geöffeneten Buch tropfen : )</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/523217529_18518060029025537_9210372211010786362_n.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/523217529_18518060029025537_9210372211010786362_n-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/523217529_18518060029025537_9210372211010786362_n-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/523217529_18518060029025537_9210372211010786362_n-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/523217529_18518060029025537_9210372211010786362_n-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/523217529_18518060029025537_9210372211010786362_n-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/523217529_18518060029025537_9210372211010786362_n.jpg 1440w" width="1024"></img></a><figcaption>“Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung” am Hirnkost-Stand auf der Leipziger Buchmesse 2025 (Hirnkost)</figcaption></figure> <p>Die Nominierung ist nun ein weiteres Sahnehäubchen für mich und zeigt mal wieder, dass man bei Literatur einen langen Atem braucht und welche wichtige Rolle auch kleinere Verlage spielen.<br></br>Im Rest des Jahres sind noch einige Lesungen zwischen Bremerhaven und Herzberg geplant, die Termine aktualisiere ich gerade – sie kommen in den nächsten Tagen.</p> <p><a href="https://www.konradin-service.de/umfrage/index.php/215839">Hier geht es <strong>bis zum 14. August 2025 zur Abstimmung</strong></a> zum Wissensbuch des Jahres – mein Buch läuft in der Kategorie “Überraschung”.<br></br>Bestellen könnt Ihr es beim Hirnkost-Verlag oder direkt bei mir, für 24,00 € plus Porto – bei mir gibt es signierte Exemplare. Nach Wunsch auch personalisiert und gern noch mit Pottwal.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/mein-jules-verne-ist-als-wissensbuch-2025-nominiert/#comments 6 Buchbesprechung: Gesteine – Dokumente der Erdgeschichte: Ihre Entstehung und Bedeutung für das Klima, Leben und Landschaft von Roland Vinx. https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/buchbesprechung-gesteine-dokumente-der-erdgeschichte-ihre-entstehung-und-bedeutung-fuer-das-klima-leben-und-landschaft-von-roland-vinx/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/buchbesprechung-gesteine-dokumente-der-erdgeschichte-ihre-entstehung-und-bedeutung-fuer-das-klima-leben-und-landschaft-von-roland-vinx/#comments Wed, 23 Jul 2025 20:32:48 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3690 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_-768x1023.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/buchbesprechung-gesteine-dokumente-der-erdgeschichte-ihre-entstehung-und-bedeutung-fuer-das-klima-leben-und-landschaft-von-roland-vinx/</link> </image> <description type="html"><h1>Buchbesprechung: Gesteine – Dokumente der Erdgeschichte: Ihre Entstehung und Bedeutung für das Klima, Leben und Landschaft von Roland Vinx. » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Heute möchte ich euch ein Buch vorstellen. Roland Vinx hat ein Buch geschrieben. Es heißt “Gesteine – Dokumente der Erdgeschichte”​. </p> <p>Gesteine können Geschichten erzählen. Aber nur, wenn man ihre Sprache kennt, kann man ihnen auch zuhören. Wenn man es kann, ist die Welt völlig aufgemacht. Du siehst die Welt mit neuen Augen und verstehst, wie sie sich entwickelt. </p> <p>Roland Vinx ist wahrscheinlich der beste Experte, um uns die Welt der Gesteine zu erklären. Er kann das besser als alle anderen. Ich muss aber zugeben, dass ich hier ein wenig befangen bin. Ich kenne ihn noch aus meiner Zeit als junger Student der Mineralogie in Hamburg. Seine Vorlesungen und vor allem seine Exkursionen waren immer echt gut.</p> <p>Dass der Autor in all den Jahren nicht verlernt hat, seine Zuhörer zu fesseln, zeigt auch das vorliegende Buch. Auf 312 Seiten bekommt ihr einen guten Einblick in die geologischen Prozesse und Umweltfaktoren. Die leicht verständliche und prägnante Darstellung schafft es spielend, das Interesse an dem Thema Gesteine zu wecken.</p> <p>Hilfreich sind auch die 438 farbigen und qualitativ hochwertigen Abbildungen, hauptsächlich von Gesteinen. Die ausführlichen Beschreibungen unter den Bildern helfen nicht nur dabei zu verstehen, was auf den Bildern zu sehen ist. Viele Querverweise machen es auch möglich, dass man die Zusammenhänge gut erkennen kann.<aside></aside></p> <p>In 20 Kapiteln erfährst man alles über die Entstehung, Klassifikation und Bedeutung von Gesteinen. Es geht nicht nur um die klassischen Gesteinsgruppen wie Magmatite, Metamorphite und Sedimente, sondern auch um die geologischen Grundlagen und die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen den Gesteinen und Umweltfaktoren wie Wasser, Luft und – nicht zuletzt – dem Leben selbst. Man fängt an, die Erde als Gesteinsplanet zu verstehen, und man merkt, wie begeistert der Autor von dem Thema ist.</p> <p>Das Buch ist kein klassisches Lehrbuch und wer auf ein ausführliches Literaturverzeichnis hofft, könnte enttäuscht sein. Hier liegt der Fokus viel mehr auf Anschaulichkeit und Praxisnähe. Mit dem Stichwortregister kannst du ganz schnell einzelne Themen suchen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 769px) 100vw, 769px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_-769x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_-769x1024.jpg 769w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_-768x1023.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_-1153x1536.jpg 1153w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_-1538x2048.jpg 1538w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_.jpg 1736w" width="769"></img></a></figure> <p>Wir haben hier ein echt faszinierendes und wirklich gut verständliches Buch, das sich sowohl an geologisch interessierte Laien als auch an Fachleute richtet. Der flüssige Schreibstil, die hervorragende Bildqualität und viele überraschende Verbindungen machen das Lesen des Buches zu einem lehrreichen und kurzweiligen Vergnügen.</p> <p> Vinx, R., <strong>2024</strong>. <em>Gesteine-Dokumente der Erdgeschichte: Ihre Entstehung und Bedeutung für Klima, Leben und Landschaft</em>. Quelle &amp; Meyer, Wiebelsheim, 312 S, 438 Abb. ISBN 978-3-494-01957-4 </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Buchbesprechung: Gesteine – Dokumente der Erdgeschichte: Ihre Entstehung und Bedeutung für das Klima, Leben und Landschaft von Roland Vinx. » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Heute möchte ich euch ein Buch vorstellen. Roland Vinx hat ein Buch geschrieben. Es heißt “Gesteine – Dokumente der Erdgeschichte”​. </p> <p>Gesteine können Geschichten erzählen. Aber nur, wenn man ihre Sprache kennt, kann man ihnen auch zuhören. Wenn man es kann, ist die Welt völlig aufgemacht. Du siehst die Welt mit neuen Augen und verstehst, wie sie sich entwickelt. </p> <p>Roland Vinx ist wahrscheinlich der beste Experte, um uns die Welt der Gesteine zu erklären. Er kann das besser als alle anderen. Ich muss aber zugeben, dass ich hier ein wenig befangen bin. Ich kenne ihn noch aus meiner Zeit als junger Student der Mineralogie in Hamburg. Seine Vorlesungen und vor allem seine Exkursionen waren immer echt gut.</p> <p>Dass der Autor in all den Jahren nicht verlernt hat, seine Zuhörer zu fesseln, zeigt auch das vorliegende Buch. Auf 312 Seiten bekommt ihr einen guten Einblick in die geologischen Prozesse und Umweltfaktoren. Die leicht verständliche und prägnante Darstellung schafft es spielend, das Interesse an dem Thema Gesteine zu wecken.</p> <p>Hilfreich sind auch die 438 farbigen und qualitativ hochwertigen Abbildungen, hauptsächlich von Gesteinen. Die ausführlichen Beschreibungen unter den Bildern helfen nicht nur dabei zu verstehen, was auf den Bildern zu sehen ist. Viele Querverweise machen es auch möglich, dass man die Zusammenhänge gut erkennen kann.<aside></aside></p> <p>In 20 Kapiteln erfährst man alles über die Entstehung, Klassifikation und Bedeutung von Gesteinen. Es geht nicht nur um die klassischen Gesteinsgruppen wie Magmatite, Metamorphite und Sedimente, sondern auch um die geologischen Grundlagen und die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen den Gesteinen und Umweltfaktoren wie Wasser, Luft und – nicht zuletzt – dem Leben selbst. Man fängt an, die Erde als Gesteinsplanet zu verstehen, und man merkt, wie begeistert der Autor von dem Thema ist.</p> <p>Das Buch ist kein klassisches Lehrbuch und wer auf ein ausführliches Literaturverzeichnis hofft, könnte enttäuscht sein. Hier liegt der Fokus viel mehr auf Anschaulichkeit und Praxisnähe. Mit dem Stichwortregister kannst du ganz schnell einzelne Themen suchen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 769px) 100vw, 769px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_-769x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_-769x1024.jpg 769w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_-768x1023.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_-1153x1536.jpg 1153w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_-1538x2048.jpg 1538w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20250722_150541784.RAW-01.COVER_.jpg 1736w" width="769"></img></a></figure> <p>Wir haben hier ein echt faszinierendes und wirklich gut verständliches Buch, das sich sowohl an geologisch interessierte Laien als auch an Fachleute richtet. Der flüssige Schreibstil, die hervorragende Bildqualität und viele überraschende Verbindungen machen das Lesen des Buches zu einem lehrreichen und kurzweiligen Vergnügen.</p> <p> Vinx, R., <strong>2024</strong>. <em>Gesteine-Dokumente der Erdgeschichte: Ihre Entstehung und Bedeutung für Klima, Leben und Landschaft</em>. Quelle &amp; Meyer, Wiebelsheim, 312 S, 438 Abb. ISBN 978-3-494-01957-4 </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/buchbesprechung-gesteine-dokumente-der-erdgeschichte-ihre-entstehung-und-bedeutung-fuer-das-klima-leben-und-landschaft-von-roland-vinx/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>3</slash:comments> </item> <item> <title>Auferstehungsberichte in den Evangelien als literarische Erzählform https://scilogs.spektrum.de/3g/auferstehungsberichte-in-den-evangelien-als-literarische-erzaehlform/ https://scilogs.spektrum.de/3g/auferstehungsberichte-in-den-evangelien-als-literarische-erzaehlform/#comments Mon, 21 Jul 2025 07:45:36 +0000 Christian Hoppe https://scilogs.spektrum.de/3g/?p=295 <h1>Auferstehungsberichte in den Evangelien als literarische Erzählform » 3G » SciLogs</h1><h2>By Christian Hoppe</h2><div itemprop="text"> <p>Die Auferstehung Jesu ist das konstitutive Ereignis des christlichen Glaubens schlechthin (Paulus in 1 Kor 15):</p> <p><em>„Ist aber Christus nicht auferweckt worden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich. Wir würden dann auch als falsche Zeugen Gottes befunden, weil wir gegen Gott bezeugt hätten, er habe Christus auferweckt, den er nicht auferweckt hätte, wenn doch die Toten nicht auferstehen. Denn wenn die Toten nicht auferstehen, so ist Christus auch nicht auferstanden.“</em></p> <p>Ich werde im Folgenden nicht darauf eingehen, dass für Paulus die Auferstehung der Toten die Voraussetzung für die Auferstehung Jesu war – nicht umgekehrt, wie es vermutlich sehr viele Christen heute denken. Ich werde auch nicht darauf eingehen, dass Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert in gleicher Weise zunächst das ewige Leben (als beseligende Gottesschau) plausibel zu machen versuchte, bevor er die Auferstehung Christi ins Spiel brachte – letztere sei nämlich gar nicht verständlich, wenn das Konzept eines Lebens nach dem Tode bei Gott unverständlich sei.</p> <p>Mir geht es um folgenden Aspekt: Paulus ist der Erste, von dem wir ein schriftliches Zeugnis seiner Begegnung mit dem Auferstandenen haben (ca. 40 n. Chr.), die Auferstehungsberichte in den Evangelien – also Matthäus, Lukas und Johannes und der später angefügte Markus-Schluss – wurden später geschrieben, vermutlich zwischen 70-100 n.Chr. Paulus spricht nun eindeutig von einer Erscheinung (1 Kor 15, 3-9):</p> <p><em>„Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferweckt worden ist am dritten Tage nach der Schrift; und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen. Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen. Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln. Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden. Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.“</em><aside></aside></p> <p>Dieses Sehen beschreibt der Evangelist Lukas in der Apostelgeschichte als Erscheinung, und zwar als Audition plus Vision eines wunderbaren Lichtes (Damaskus-Erlebnis):</p> <p><em>„Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel; und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich?“ (Apg 9, 3-4)</em></p> <p>Paulus geht in seinem Brief offensichtlich davon aus, dass er dem Auferstandenen in gleicher Weise begegnet ist wie die Apostel und andere Zeugen, dass er keine Begegnung zweiter Klasse hatte – doch die Berichte in den Evangelien über Begegnungen mit dem Auferstandenen sind bekanntlich wesentlich realistischer, „physischer“ angelegt, zum Beispiel bei Johannes:</p> <p><em>„Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See von Tiberias. Er offenbarte sich aber so: Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sprechen zu ihm: Wir kommen mit dir. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts. Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten’s nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische. Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte: »Es ist der Herr«, da gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich in den See. Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen. Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und Fisch darauf und Brot. Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! Simon Petrus stieg herauf und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht. Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten: Es ist der Herr. Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt’s ihnen, desgleichen auch den Fisch. Das ist nun das dritte Mal, dass sich Jesus den Jüngern offenbarte, nachdem er von den Toten auferstanden war.“ (Joh 21, 1-14)</em></p> <p>(Ich gehe hier nicht darauf ein, dass <em>nicht</em> berichtet wird, dass Jesus selbst gegessen hätte. Ebenso wird in der berühmten Erzählung vom ungläubigen Thomas <em>nicht</em> berichtet, dass Thomas den Auferstandenen tatsächlich berührt und seine Finger in dessen Wunden gelegt hätte [Joh 20, 27f].)</p> <p>Diese realistischen Geschichten prägen das Bild der Auferstehung Jesu in den Glaubensüberzeugungen vieler Christen: Jesus ist tatsächlich als Auferstandener in einem eigenartig verwandelten Leib, der übernatürliche Eigenschaften besaß (z.B. kann der Auferstandene durch Wände gehen), den Jüngern erschienen. Da diese Erscheinungen irgendwann endeten, muss man auch an die Himmelfahrt glauben, wenn man realistisch an die Auferstehung glaubt; sonst wäre der Auferstandene ja noch immer als Untoter unter uns. (Es stellen sich viele weitere Fragen, u.a. warum der Auferstandene nicht einfach den religiösen und staatlichen Obrigkeiten seiner Zeit erschienen ist und die strittige Sache, welche später in Religionskriegen Tausende von Todesopfern fordern wird, damit ein für alle Mal geklärt hat.)</p> <p>Paulus scheint diese „realistischen“ Erzählungen jedoch gar nicht gekannt zu haben; denn dann hätte er berichten müssen, dass er „nur“ eine Audition hatte, den Auferstandenen aber nicht leibhaftig gesehen hat wie die elf Apostel und Thomas in Jerusalem. Viel wahrscheinlicher ist, dass um 40 n.Chr. alle Beteiligten von „Erscheinungen“ ausgingen und dass auch noch keine Geschichten von „realen“ Begegnungen mit dem Auferstandenen kursierten.</p> <p>Solche „Erscheinungen“ nennen wir heute Wiederbegegnungen mit Verstorbenen. Diese sind wahrscheinlich sogar häufiger als Nahtoderlebnisse. Sie treten in der Regel in den ersten Wochen nach einem Todesfall auf – und zwar eher nach unerwarteten und plötzlichen sowie konflikthaften und emotional stark belasteten Todesfällen – und enden dann. Die Begegnung kann selten in Form einer Vision der Person erfolgen, häufiger jedoch als Gefühl einer Berührung oder eines Geruchs, oder als Gewissheit der Anwesenheit der verstorbenen Person. Diese Begegnungen werden meistens als sehr tröstlich empfunden; häufig stellen sie eine entscheidende Etappe im Trauerprozess für die Betroffenen dar. Es gibt sogar hypnotherapeutische und psychedelische Therapieansätze für komplizierte Trauer, bei denen man versucht, Wiederbegegnungen mit den Verstorbenen zu induzieren. Diese Phänomene stehen im Einklang mit Paulus und seinem Bericht einer (Erst-)Begegnung mit Jesus, dessen Anhängerschaft er bis dahin brutal verfolgt hatte.</p> <p>Aber woher kommen dann die „realistischen“  Auferstehungsberichte? Dies ist der eigentliche Anlass für meinen Blogpost. Ich stieß gestern im YouTube-Kanal von Bart D. Ehrman (James A. Gray Distinguished Professor of Religious Studies an der Universität von North Carolina, Chapel Hill) auf ein <a href="https://www.youtube.com/watch?v=hP8BHtlbr7Q">Video</a> (https://www.youtube.com/watch?v=hP8BHtlbr7Q), in dem Robyn Faith Walsh (Associate Professor of New Testament and Early Christianity und Gabelli Senior Scholar an der Universität von Miami/Florida) über sogenannte „tomb-found-empty“ Geschichten in der römisch-griechischen Antike spricht. Tatsächlich, so stellt sich heraus, gab es in der Antike einen literarischen Topos („greek novel“), dem die Evangelienberichte folgen und klar zuzuordnen sind. In diesen beliebten Geschichten wurde von zahlreichen fiktiven und historischen Gestalten berichtet, dass man ihr Grab leer aufgefunden habe, u.a. von Romulus, Aristeas, Zalmoxis, and Cleomedes. Wir dürfen davon ausgehen, dass sowohl die (hoch gebildeten) Evangelisten (die also sicher nicht die gleichnamigen Jünger Jesu waren) wie auch ihre Hörerschaft diesen Topos kannten und auf eine bestimmte Weise verstanden, nämlich als Erzählung einer Vergöttlichung oder einer Entführung in die göttliche Sphäre. Ausführlicher zitiert wird im Video eine Passage aus Charitons Chaereas und Callirhoe*:</p> <p><em>„Bald erreichte er das Grab; er sah, dass die Steine beiseite geräumt und der Eingang geöffnet worden waren. Der Anblick versetzte ihn in Erstaunen, und er wurde von einer furchtsamen Verwirrung über das Geschehene überwältigt… [Chaerias] durchsuchte das Grab, doch er fand nichts… Er richtete den Blick gen Himmel, hob die Arme empor und rief: „Welcher der Götter ist es, der mir zum Rivalen in der Liebe wurde, Callirhoe entführt hat und sie nun bei sich hält – gegen ihren Willen, gebannt von einem mächtigeren Schicksal? Es scheint, ich habe unwissentlich eine Göttin zur Frau genommen.“ (3.3.1–5)</em></p> <p>Mir scheint es vernünftig, davon auszugehen, dass die glaubensprägenden Auferstehungsberichte in den Evangelien literarische Bildungen exzellenter Autoren, aber keine historischen Berichte sind und dass sich Begegnungen mit dem Auferstandenen am ehesten in Form von Visionen, Auditionen usw. in den ersten Wochen nach dem gewaltsamen Tod Jesu ereignet haben dürften, so wie Paulus es berichtet hat und wie sie auch heute immer wieder als Wiederbegegnung mit Verstorbenen berichtet werden – wenn man denn einen historischen Kern für die Ereignisse und die dann einsetzende Entwicklung und weltweite Verbreitung des Christentums finden möchte.</p> <p>* Eine digitale ins Deutsche übersetzte Version findet sich <a href="https://digitale-sammlungen.de/de/view/bsb11912628?page=96,97&amp;q=Grab">hier</a>. Zur Datierung des Textes finden sich Hinweise auf <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Chariton_von_Aphrodisias">Wikipedia</a>.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Auferstehungsberichte in den Evangelien als literarische Erzählform » 3G » SciLogs</h1><h2>By Christian Hoppe</h2><div itemprop="text"> <p>Die Auferstehung Jesu ist das konstitutive Ereignis des christlichen Glaubens schlechthin (Paulus in 1 Kor 15):</p> <p><em>„Ist aber Christus nicht auferweckt worden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich. Wir würden dann auch als falsche Zeugen Gottes befunden, weil wir gegen Gott bezeugt hätten, er habe Christus auferweckt, den er nicht auferweckt hätte, wenn doch die Toten nicht auferstehen. Denn wenn die Toten nicht auferstehen, so ist Christus auch nicht auferstanden.“</em></p> <p>Ich werde im Folgenden nicht darauf eingehen, dass für Paulus die Auferstehung der Toten die Voraussetzung für die Auferstehung Jesu war – nicht umgekehrt, wie es vermutlich sehr viele Christen heute denken. Ich werde auch nicht darauf eingehen, dass Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert in gleicher Weise zunächst das ewige Leben (als beseligende Gottesschau) plausibel zu machen versuchte, bevor er die Auferstehung Christi ins Spiel brachte – letztere sei nämlich gar nicht verständlich, wenn das Konzept eines Lebens nach dem Tode bei Gott unverständlich sei.</p> <p>Mir geht es um folgenden Aspekt: Paulus ist der Erste, von dem wir ein schriftliches Zeugnis seiner Begegnung mit dem Auferstandenen haben (ca. 40 n. Chr.), die Auferstehungsberichte in den Evangelien – also Matthäus, Lukas und Johannes und der später angefügte Markus-Schluss – wurden später geschrieben, vermutlich zwischen 70-100 n.Chr. Paulus spricht nun eindeutig von einer Erscheinung (1 Kor 15, 3-9):</p> <p><em>„Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferweckt worden ist am dritten Tage nach der Schrift; und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen. Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen. Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln. Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden. Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.“</em><aside></aside></p> <p>Dieses Sehen beschreibt der Evangelist Lukas in der Apostelgeschichte als Erscheinung, und zwar als Audition plus Vision eines wunderbaren Lichtes (Damaskus-Erlebnis):</p> <p><em>„Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel; und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich?“ (Apg 9, 3-4)</em></p> <p>Paulus geht in seinem Brief offensichtlich davon aus, dass er dem Auferstandenen in gleicher Weise begegnet ist wie die Apostel und andere Zeugen, dass er keine Begegnung zweiter Klasse hatte – doch die Berichte in den Evangelien über Begegnungen mit dem Auferstandenen sind bekanntlich wesentlich realistischer, „physischer“ angelegt, zum Beispiel bei Johannes:</p> <p><em>„Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See von Tiberias. Er offenbarte sich aber so: Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sprechen zu ihm: Wir kommen mit dir. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts. Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten’s nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische. Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte: »Es ist der Herr«, da gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich in den See. Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen. Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und Fisch darauf und Brot. Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! Simon Petrus stieg herauf und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht. Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten: Es ist der Herr. Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt’s ihnen, desgleichen auch den Fisch. Das ist nun das dritte Mal, dass sich Jesus den Jüngern offenbarte, nachdem er von den Toten auferstanden war.“ (Joh 21, 1-14)</em></p> <p>(Ich gehe hier nicht darauf ein, dass <em>nicht</em> berichtet wird, dass Jesus selbst gegessen hätte. Ebenso wird in der berühmten Erzählung vom ungläubigen Thomas <em>nicht</em> berichtet, dass Thomas den Auferstandenen tatsächlich berührt und seine Finger in dessen Wunden gelegt hätte [Joh 20, 27f].)</p> <p>Diese realistischen Geschichten prägen das Bild der Auferstehung Jesu in den Glaubensüberzeugungen vieler Christen: Jesus ist tatsächlich als Auferstandener in einem eigenartig verwandelten Leib, der übernatürliche Eigenschaften besaß (z.B. kann der Auferstandene durch Wände gehen), den Jüngern erschienen. Da diese Erscheinungen irgendwann endeten, muss man auch an die Himmelfahrt glauben, wenn man realistisch an die Auferstehung glaubt; sonst wäre der Auferstandene ja noch immer als Untoter unter uns. (Es stellen sich viele weitere Fragen, u.a. warum der Auferstandene nicht einfach den religiösen und staatlichen Obrigkeiten seiner Zeit erschienen ist und die strittige Sache, welche später in Religionskriegen Tausende von Todesopfern fordern wird, damit ein für alle Mal geklärt hat.)</p> <p>Paulus scheint diese „realistischen“ Erzählungen jedoch gar nicht gekannt zu haben; denn dann hätte er berichten müssen, dass er „nur“ eine Audition hatte, den Auferstandenen aber nicht leibhaftig gesehen hat wie die elf Apostel und Thomas in Jerusalem. Viel wahrscheinlicher ist, dass um 40 n.Chr. alle Beteiligten von „Erscheinungen“ ausgingen und dass auch noch keine Geschichten von „realen“ Begegnungen mit dem Auferstandenen kursierten.</p> <p>Solche „Erscheinungen“ nennen wir heute Wiederbegegnungen mit Verstorbenen. Diese sind wahrscheinlich sogar häufiger als Nahtoderlebnisse. Sie treten in der Regel in den ersten Wochen nach einem Todesfall auf – und zwar eher nach unerwarteten und plötzlichen sowie konflikthaften und emotional stark belasteten Todesfällen – und enden dann. Die Begegnung kann selten in Form einer Vision der Person erfolgen, häufiger jedoch als Gefühl einer Berührung oder eines Geruchs, oder als Gewissheit der Anwesenheit der verstorbenen Person. Diese Begegnungen werden meistens als sehr tröstlich empfunden; häufig stellen sie eine entscheidende Etappe im Trauerprozess für die Betroffenen dar. Es gibt sogar hypnotherapeutische und psychedelische Therapieansätze für komplizierte Trauer, bei denen man versucht, Wiederbegegnungen mit den Verstorbenen zu induzieren. Diese Phänomene stehen im Einklang mit Paulus und seinem Bericht einer (Erst-)Begegnung mit Jesus, dessen Anhängerschaft er bis dahin brutal verfolgt hatte.</p> <p>Aber woher kommen dann die „realistischen“  Auferstehungsberichte? Dies ist der eigentliche Anlass für meinen Blogpost. Ich stieß gestern im YouTube-Kanal von Bart D. Ehrman (James A. Gray Distinguished Professor of Religious Studies an der Universität von North Carolina, Chapel Hill) auf ein <a href="https://www.youtube.com/watch?v=hP8BHtlbr7Q">Video</a> (https://www.youtube.com/watch?v=hP8BHtlbr7Q), in dem Robyn Faith Walsh (Associate Professor of New Testament and Early Christianity und Gabelli Senior Scholar an der Universität von Miami/Florida) über sogenannte „tomb-found-empty“ Geschichten in der römisch-griechischen Antike spricht. Tatsächlich, so stellt sich heraus, gab es in der Antike einen literarischen Topos („greek novel“), dem die Evangelienberichte folgen und klar zuzuordnen sind. In diesen beliebten Geschichten wurde von zahlreichen fiktiven und historischen Gestalten berichtet, dass man ihr Grab leer aufgefunden habe, u.a. von Romulus, Aristeas, Zalmoxis, and Cleomedes. Wir dürfen davon ausgehen, dass sowohl die (hoch gebildeten) Evangelisten (die also sicher nicht die gleichnamigen Jünger Jesu waren) wie auch ihre Hörerschaft diesen Topos kannten und auf eine bestimmte Weise verstanden, nämlich als Erzählung einer Vergöttlichung oder einer Entführung in die göttliche Sphäre. Ausführlicher zitiert wird im Video eine Passage aus Charitons Chaereas und Callirhoe*:</p> <p><em>„Bald erreichte er das Grab; er sah, dass die Steine beiseite geräumt und der Eingang geöffnet worden waren. Der Anblick versetzte ihn in Erstaunen, und er wurde von einer furchtsamen Verwirrung über das Geschehene überwältigt… [Chaerias] durchsuchte das Grab, doch er fand nichts… Er richtete den Blick gen Himmel, hob die Arme empor und rief: „Welcher der Götter ist es, der mir zum Rivalen in der Liebe wurde, Callirhoe entführt hat und sie nun bei sich hält – gegen ihren Willen, gebannt von einem mächtigeren Schicksal? Es scheint, ich habe unwissentlich eine Göttin zur Frau genommen.“ (3.3.1–5)</em></p> <p>Mir scheint es vernünftig, davon auszugehen, dass die glaubensprägenden Auferstehungsberichte in den Evangelien literarische Bildungen exzellenter Autoren, aber keine historischen Berichte sind und dass sich Begegnungen mit dem Auferstandenen am ehesten in Form von Visionen, Auditionen usw. in den ersten Wochen nach dem gewaltsamen Tod Jesu ereignet haben dürften, so wie Paulus es berichtet hat und wie sie auch heute immer wieder als Wiederbegegnung mit Verstorbenen berichtet werden – wenn man denn einen historischen Kern für die Ereignisse und die dann einsetzende Entwicklung und weltweite Verbreitung des Christentums finden möchte.</p> <p>* Eine digitale ins Deutsche übersetzte Version findet sich <a href="https://digitale-sammlungen.de/de/view/bsb11912628?page=96,97&amp;q=Grab">hier</a>. Zur Datierung des Textes finden sich Hinweise auf <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Chariton_von_Aphrodisias">Wikipedia</a>.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/3g/auferstehungsberichte-in-den-evangelien-als-literarische-erzaehlform/#comments 53 AstroGeo Podcast: Erstarrte Augenblicke – Tödliche Fußspuren, Wassergeburt und Dino-Pipi https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-erstarrte-augenblicke-toedliche-fussspuren-wassergeburt-und-dino-pipi/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-erstarrte-augenblicke-toedliche-fussspuren-wassergeburt-und-dino-pipi/#comments Sun, 20 Jul 2025 14:47:22 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1725 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag119_sl-768x772.jpg Nahaufnahme eines im Foto nur angeschnittenen Fossils, schwarze Knochen auf grauem Grund, Teil einer Wirbelsäule, dazwischen schaut ein viel kleinerer länglicher Schäden mit großen Augenhöhlen heraus, ein Jungtier, das noch im Becken seiner Mutter steckt. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-erstarrte-augenblicke-toedliche-fussspuren-wassergeburt-und-dino-pipi/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag119_sl-1019x1024.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Erstarrte Augenblicke - Tödliche Fußspuren, Wassergeburt und Dino-Pipi » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Ein Schienbeinknochen, Zähne eines Pflanzenfressers, später auch ein Schädel: Wer ausgestorbene Tiere untersuchen möchte, muss sich mit Fossilien beschäftigen. Meist ergibt sich erst nach Jahrzehnten der Forschung ein schlüssiges Bild eines Tieres. In diesem Fall war es eines, das während der Kreidezeit auf zwei Beinen durch das heutige England streifte: Der Iguanodon gehörte im 19. Jahrhundert zu den ersten wissenschaftlich beschriebenen Dinosauriern.</p> <p>Seit diesen frühen Tagen hat sich Erforschung von Fossilien weiterentwickelt – und Paläontologen sind längst auf mehr aus, als nur ausgestorbene Arten zu beschreiben. Sie wollen verstehen, wie genau diese Tiere vor vielen Millionen Jahren gelebt haben: Wie haben sie gejagt und gelebt – einsam oder in einer Gruppe? Wie war ihr Sozialverhalten? Haben sie sich um ihre Jungen gekümmert? Und nicht weniger interessant: Wie haben sie ihre Notdurft verrichtet?</p> <p>Karl erzählt in dieser Folge von ganz besonderen Funden: Es sind Fossilien von Tieren, die nicht einfach nur gestorben sind. Sondern sie wurden während einer bestimmten Handlung vom Tod überrascht. Nur ein winziger Bruchteil aller gefundenen Fossilien zeigt ein derartig eingefrorenes Verhalten. Ihr Körper, ihre Haltung und ihre Gesellschaft mit anderen Tiere sind im Gestein und damit auch in der Zeit festgehalten.</p> <p>In vier kurzen Geschichten geht es um solche Funde und was sie bedeuten: Eine handelt von Ichthyosaurus, eine Gruppe von Meeresbewohnern, die zu den Reptilien gehörten und die die Erde fast 160 Millionen Jahre lang bewohnten. Ihr Körperbau ähnelt verblüffend heutigen Delfinen, ihre Körpergröße konnte beinahe die eines Blauwals erreichen. Wie sich diese Giganten fortgepflanzt haben, darüber gab es bis vor kurzem sehr unterschiedliche Vorstellungen.</p> <p>Auch geht es um die Spuren der größten Landlebewesen aller Zeiten: Die Sauropoden – oder Langhals-Dinosaurier – konnten nicht nur ganze Bäume kahlfressen, sondern ungewollt hinterließen sie auch zu ihren Füßen eine Spur der Zerstörung. Eine andere Geschichte handelt von einer Zeit unbeschreiblicher Klimaextreme und wie sich zwei völlig unterschiedliche Tiere in trauter Eintracht eine Behausung teilten. Zuletzt geht es um ein junges, aber nicht minder spannendes Forschungsfeld: Mussten Dinosaurier manchmal Wasser lassen – und hinterließen sie dabei einen bleibenden Eindruck?<aside></aside></p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 64: <a href="https://astrogeo.de/tod-im-treibhaus/">Massensterben im Treibhaus</a></li> <li>Folge 86: <a href="https://astrogeo.de/das-ende-der-dinosaurier-massensterben-im-fruehling/">Das Ende der Dinosaurier: Massensterben im Frühling</a></li> <li>Folge 89: <a href="https://astrogeo.de/winzige-wesen-oder-ninjas-der-nacht-die-entwicklung-der-saeugetiere/">Ninjas der Nacht: Die Entwicklung der Säugetiere</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/William_Smith_(Geologe)">William Smith</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gideon_Mantell">Gideon Mantell</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mary_Anning">Mary </a><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mary_Anning">Anning</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Iguanodon">Iguanodon</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ichthyosaurier">Ichthyosaurus</a></li> <li>WP: <a href="http://Holzmaden/">Holzmaden</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sauropoden">Sauropoden</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Perm-Trias-Grenze">Perm-Trias-Grenze</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Therapsiden">Therapsiden</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Koprolith">Koprolith</a></li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Buch: <a href="https://cup.columbia.edu/book/locked-in-time/9780231197281/">Dean Lomax </a><a href="https://cup.columbia.edu/book/locked-in-time/9780231197281/">&amp; Bob Nicholls</a><a href="https://cup.columbia.edu/book/locked-in-time/9780231197281/">: Locked in Time, Animal Behavior Unearthed in 50 Extraordinary Fossils</a>, Columbia University Press (2021)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">CC-BY 4.0</a> <a href="https://doi.org/10.1371/journal.pone.0088640">Motani R, Jiang D-y, Tintori A, Rieppel O, Chen G-b (2014)</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag119_sl-1019x1024.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Erstarrte Augenblicke - Tödliche Fußspuren, Wassergeburt und Dino-Pipi » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Ein Schienbeinknochen, Zähne eines Pflanzenfressers, später auch ein Schädel: Wer ausgestorbene Tiere untersuchen möchte, muss sich mit Fossilien beschäftigen. Meist ergibt sich erst nach Jahrzehnten der Forschung ein schlüssiges Bild eines Tieres. In diesem Fall war es eines, das während der Kreidezeit auf zwei Beinen durch das heutige England streifte: Der Iguanodon gehörte im 19. Jahrhundert zu den ersten wissenschaftlich beschriebenen Dinosauriern.</p> <p>Seit diesen frühen Tagen hat sich Erforschung von Fossilien weiterentwickelt – und Paläontologen sind längst auf mehr aus, als nur ausgestorbene Arten zu beschreiben. Sie wollen verstehen, wie genau diese Tiere vor vielen Millionen Jahren gelebt haben: Wie haben sie gejagt und gelebt – einsam oder in einer Gruppe? Wie war ihr Sozialverhalten? Haben sie sich um ihre Jungen gekümmert? Und nicht weniger interessant: Wie haben sie ihre Notdurft verrichtet?</p> <p>Karl erzählt in dieser Folge von ganz besonderen Funden: Es sind Fossilien von Tieren, die nicht einfach nur gestorben sind. Sondern sie wurden während einer bestimmten Handlung vom Tod überrascht. Nur ein winziger Bruchteil aller gefundenen Fossilien zeigt ein derartig eingefrorenes Verhalten. Ihr Körper, ihre Haltung und ihre Gesellschaft mit anderen Tiere sind im Gestein und damit auch in der Zeit festgehalten.</p> <p>In vier kurzen Geschichten geht es um solche Funde und was sie bedeuten: Eine handelt von Ichthyosaurus, eine Gruppe von Meeresbewohnern, die zu den Reptilien gehörten und die die Erde fast 160 Millionen Jahre lang bewohnten. Ihr Körperbau ähnelt verblüffend heutigen Delfinen, ihre Körpergröße konnte beinahe die eines Blauwals erreichen. Wie sich diese Giganten fortgepflanzt haben, darüber gab es bis vor kurzem sehr unterschiedliche Vorstellungen.</p> <p>Auch geht es um die Spuren der größten Landlebewesen aller Zeiten: Die Sauropoden – oder Langhals-Dinosaurier – konnten nicht nur ganze Bäume kahlfressen, sondern ungewollt hinterließen sie auch zu ihren Füßen eine Spur der Zerstörung. Eine andere Geschichte handelt von einer Zeit unbeschreiblicher Klimaextreme und wie sich zwei völlig unterschiedliche Tiere in trauter Eintracht eine Behausung teilten. Zuletzt geht es um ein junges, aber nicht minder spannendes Forschungsfeld: Mussten Dinosaurier manchmal Wasser lassen – und hinterließen sie dabei einen bleibenden Eindruck?<aside></aside></p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 64: <a href="https://astrogeo.de/tod-im-treibhaus/">Massensterben im Treibhaus</a></li> <li>Folge 86: <a href="https://astrogeo.de/das-ende-der-dinosaurier-massensterben-im-fruehling/">Das Ende der Dinosaurier: Massensterben im Frühling</a></li> <li>Folge 89: <a href="https://astrogeo.de/winzige-wesen-oder-ninjas-der-nacht-die-entwicklung-der-saeugetiere/">Ninjas der Nacht: Die Entwicklung der Säugetiere</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/William_Smith_(Geologe)">William Smith</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gideon_Mantell">Gideon Mantell</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mary_Anning">Mary </a><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mary_Anning">Anning</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Iguanodon">Iguanodon</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ichthyosaurier">Ichthyosaurus</a></li> <li>WP: <a href="http://Holzmaden/">Holzmaden</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sauropoden">Sauropoden</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Perm-Trias-Grenze">Perm-Trias-Grenze</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Therapsiden">Therapsiden</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Koprolith">Koprolith</a></li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Buch: <a href="https://cup.columbia.edu/book/locked-in-time/9780231197281/">Dean Lomax </a><a href="https://cup.columbia.edu/book/locked-in-time/9780231197281/">&amp; Bob Nicholls</a><a href="https://cup.columbia.edu/book/locked-in-time/9780231197281/">: Locked in Time, Animal Behavior Unearthed in 50 Extraordinary Fossils</a>, Columbia University Press (2021)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">CC-BY 4.0</a> <a href="https://doi.org/10.1371/journal.pone.0088640">Motani R, Jiang D-y, Tintori A, Rieppel O, Chen G-b (2014)</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-erstarrte-augenblicke-toedliche-fussspuren-wassergeburt-und-dino-pipi/#comments 1 Influencerinnen, KI-Bilder und Diskurskoalitionen: Neue Forschungsperspektiven auf rechte Geschlechterdiskurse https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/influencerinnen-ki-bilder-und-diskurskoalitionen-neue-forschungsperspektiven-auf-rechte-geschlechterdiskurse/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/influencerinnen-ki-bilder-und-diskurskoalitionen-neue-forschungsperspektiven-auf-rechte-geschlechterdiskurse/#comments Tue, 15 Jul 2025 06:30:48 +0000 Teilprojekt 05 100 Jahre „Widerstand“ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=239 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-cottonbro-4974347_Schnitt-scaled-e1751958495650-768x278.jpg Eine Frau in einem traditionellem Kleid sitzt an einem Tisch mit einem Blumenstrauß, altmodischem Geschirr und einem Buch. Die Farbgebung ist in sanften Rosé- und Cremetönen gehalten. https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/influencerinnen-ki-bilder-und-diskurskoalitionen-neue-forschungsperspektiven-auf-rechte-geschlechterdiskurse/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-cottonbro-4974347_Schnitt-scaled-e1751958495650.jpg" /><h1>Influencerinnen, KI-Bilder und Diskurskoalitionen: Neue Forschungsperspektiven auf rechte Geschlechterdiskurse » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Teilprojekt 05 100 Jahre „Widerstand“</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Geschlecht ist ein zentrales ideologisches Kampffeld der extremen Rechten und zugleich ein Terrain voller Widersprüche. Einerseits zeigen sich in rechten Milieus eine starke Ablehnung feministischer Errungenschaften sowie eine Rückbesinnung auf traditionelle Geschlechterrollen. Andererseits übernehmen Frauen zunehmend prominente Rollen in rechtspopulistischen Parteien und Organisationen. Geschlecht ist ein Diskussionsfeld, das nicht zuletzt mit dem steigenden Einfluss der sozialen Medien weiter an Relevanz gewinnt. </strong></p> <p>Eine <strong>Vortragsreihe der Universität Augsburg in Kooperation mit der Universität Passau</strong> brachte daher internationale Expertinnen zusammen mit dem Ziel, neue Perspektiven auf die strategische Nutzung von Geschlechterfragen durch die extreme Rechte zu entwickeln. Die zentrale Erkenntnis aus der Reihe: Um den Wandel rechter Geschlechterdebatten adäquat zu erfassen, braucht die kommunikationswissenschaftliche Forschung länderübergreifende Perspektiven, neue methodische Ansätze und ein besonderes Augenmerk auf thematische Vernetzungen sowie dynamische Weiblichkeitsdarstellungen durch neue Technologien. Doch was genau wurde in den Vorträgen diskutiert und woraus entwickelten sich diese neuen Perspektiven?</p> <h2 id="h-rechte-geschlechterdiskurse-sind-global-vernetzt-und-doch-national-gepragt"><strong>Rechte Geschlechterdiskurse sind global vernetzt und doch national geprägt</strong></h2> <p>Rechtsextreme Diskurse überschreiten längst nationale Grenzen. An geschlechterbezogenen Diskursen lässt sich exemplarisch aufzeigen, wie sich <strong>grenzübergreifende Argumentationsmuster</strong> wie der Femonationalismus <strong>mit lokalen Spezifika</strong> verbinden. Femonationalismus<sup data-fn="5f0903c0-fa82-443e-bcd4-dda1b0fd18e0"><a href="#5f0903c0-fa82-443e-bcd4-dda1b0fd18e0" id="5f0903c0-fa82-443e-bcd4-dda1b0fd18e0-link">1</a></sup> beschreibt , wie rechte Akteur:innen feministische Anliegen dazu nutzen, um rassistische oder ausgrenzende Positionen zu legitimieren, etwa wenn sie unter dem Vorwand des Schutzes von Frauenrechten gegen Migration argumentieren. Tina Askanius (Malmö University) und Maria Brock (Södertörn University) zeigten in ihrem Vortrag diese länderspezifischen Unterschiede am Beispiel weiblicher Influencerinnen auf. Während in Russland verstärkt christlich-orthodoxe, religiös geprägte Influencerinnen rechtsextreme Inhalte verbreiten, spielt Religion in den entsprechenden deutschen und schwedischen Kontexten eine deutlich geringere Rolle. Hier überwiegen stattdessen migrationskritische Inhalte und speziell „nordische“ Ästhetiken. Auch Annett Heft (Universität Tübingen) und Susanne Reinhardt (Freie Universität Berlin) wiesen in ihrem Vortrag darauf hin, dass rechtspopulistische Parteien europaweit ähnliche Geschlechterthemen aufgreifen, diese aber jeweils an die gesellschaftlichen Bedingungen vor Ort anpassen. So kritisieren rechte Parteien in Schweden Gleichstellungsmaßnahmen deutlich weniger stark als etwa in Deutschland oder Italien – ein Unterschied, den die Vortragenden auf den unterschiedlichen gesellschaftlichen Stellenwert von Geschlechtergleichstellung zurückführen. Künftige Forschung sollte daher sowohl gemeinsame Muster rechtsextremer Kommunikation als auch ihre nationale Einbettung systematisch analysieren.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-olga-petrova-129200401-18151440-scaled.jpg"><img alt="Eine Frau sitzt in einem Blümchenkleid unter einer Tanne und liest ein Buch." decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 683px) 100vw, 683px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-olga-petrova-129200401-18151440-683x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-olga-petrova-129200401-18151440-683x1024.jpg 683w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-olga-petrova-129200401-18151440-200x300.jpg 200w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-olga-petrova-129200401-18151440-768x1152.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-olga-petrova-129200401-18151440-1024x1536.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-olga-petrova-129200401-18151440-1365x2048.jpg 1365w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-olga-petrova-129200401-18151440-scaled.jpg 1707w" width="683"></img></a><figcaption><em>Foto von Olga Petrova auf Pexels</em></figcaption></figure> <h2 id="h-wie-fluide-allianzen-stabile-deutungsmuster-pragen-und-gesellschaftliche-mitte-neu-verhandeln"><strong>Wie fluide Allianzen stabile Deutungsmuster prägen und gesellschaftliche Mitte neu verhandeln</strong></h2> <p>Geschlechterpolitische Themen bieten rechten Akteur:innen <strong>vielfältige Anschlussmöglichkeiten</strong> an konservative, religiöse oder antifeministische Diskurse und bilden somit <strong>Brücken in die gesellschaftliche Mitte.</strong> Annett Heft und Susanne Reinhardt zeigten, wie fluide und kontextabhängig solche sogenannten Diskurskoalitionen sein können. Besonders deutlich wird dies bei Themen wie Abtreibung, wo sich rechte und konservative Positionen (beispielsweise von Teilen der katholischen Kirche) überschneiden. Dadurch können solche Themen als Brückenbauer in die gesellschaftliche Mitte fungieren und rechtsextremen Deutungsmustern indirekt Legitimität verleihen. Diese Diskurskoalitionen können auch unbeabsichtigt auftreten und sind in ständigem Wandel. Für die Forschung bedeutet das, solche Verbindungen sichtbar zu machen, ohne dabei die Wandelbarkeit und situative Ausprägung dieser Allianzen aus dem Blick zu verlieren.</p> <h2 id="h-digitale-weiblichkeitsbilder-und-rechte-netzwerke-neue-technologien-asthetiken-und-methoden"><strong>Digitale Weiblichkeitsbilder und rechte Netzwerke: Neue Technologien, Ästhetiken und Methoden</strong></h2> <p>Die Reihe thematisierte auch aktuelle Phänomene rechter <strong>Weiblichkeitsinszenierung</strong>. Sandra Kero (Universität Bremen) beleuchtete in ihrem Vortrag die <strong>Rolle neuer Technologien wie generativer KI</strong> bei der Gestaltung rechter Bildwelten. Durch neue technische Entwicklungen werden sowohl tradierte wie auch neuartige Weiblichkeitsdarstellungen produziert. Diese Technologie bietet somit neue und bisher unerforschte Ästhetiken und Bildkompositionen. Aber auch die Vorstellung von Weiblichkeit an sich wird differenzierter. Während Tradwife-Influencerinnen konservative Rollenbilder ästhetisch aufbereiten und popularisieren, zeigen sich auch gänzlich andere Trends. Unter dem Hashtag #Ostmullen finden sich beispielsweise großstädtische Lebenswelten und burschikose Frauenbilder. Dies zeigt, dass sich innerhalb rechter Milieus auch subversive oder widersprüchliche Inszenierungen von Weiblichkeit artikulieren. Diese Brüche und Entwicklungen deuten darauf hin, dass auch rechte Geschlechtervorstellungen im Wandel begriffen sind und die Forschung mit dynamischen Konzepten auf neue technische Möglichkeiten und Darstellungsformen reagieren muss.<aside></aside></p> <p>Um die komplexe Vernetzung und mediale Reichweite rechter Kommunikation zu erfassen, braucht es zuletzt auch <strong>neue methodische Werkzeuge</strong>. Computergestützte Verfahren wie <strong>Netzwerkanalysen </strong>bieten hier wichtige Zugänge. Sie ermöglichen es, digitale Resonanzräume, Interaktionen und Verlinkungen systematisch zu untersuchen. Annett Heft und Susanne Reinhardt nutzten diese Methoden, um aufzuzeigen, wie rechtspopulistische Parteien in Europa unterschiedliche geschlechterbezogene Themen miteinander verknüpfen. Auch Tina Askanius und Maria Brock betonten die Relevanz computergestützter Analysen, um künftig beispielsweise digitale Verbindungen zwischen rechten Influencerinnen in Deutschland, Schweden und Russland zu identifizieren. Gerade weil viele dieser Netzwerke für Außenstehende unsichtbar bleiben, ist eine methodische Weiterentwicklung der Forschung zur rechtsextremer Kommunikation dringend geboten.</p> <p><strong>Die Vortragsreihe zeigt:</strong> Ein zeitgemäßes Verständnis von Rechtsextremismus im digitalen Zeitalter erfordert die Berücksichtigung medialer Strategien und der vielfältigen Darstellung von Geschlechterrollen. Erst durch länderübergreifende Vergleichsperspektiven, die Verbindung klassischer Ansätze mit neuen computergestützten Verfahren, die Untersuchung inhaltlicher Bündnisse bis in die gesellschaftliche Mitte sowie, last but not least, die Analyse, wie die extreme Rechte künstliche Intelligenz einsetzt, lassen sich die komplexen Mechanismen rechter Mobilisierung und ihre politischen Botschaften zu Geschlechterfragen differenziert erfassen.</p> <p><strong>Quellen</strong></p> <p>(1) Farris, Sara R. (2017). <em>In the Name of Women’s Rights: The Rise of Femonationalism</em>. Duke University Press.</p> <p>(2) Beitragsbild: Foto von Jill Wellington auf Pexel</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-cottonbro-4974347_Schnitt-scaled-e1751958495650.jpg" /><h1>Influencerinnen, KI-Bilder und Diskurskoalitionen: Neue Forschungsperspektiven auf rechte Geschlechterdiskurse » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Teilprojekt 05 100 Jahre „Widerstand“</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Geschlecht ist ein zentrales ideologisches Kampffeld der extremen Rechten und zugleich ein Terrain voller Widersprüche. Einerseits zeigen sich in rechten Milieus eine starke Ablehnung feministischer Errungenschaften sowie eine Rückbesinnung auf traditionelle Geschlechterrollen. Andererseits übernehmen Frauen zunehmend prominente Rollen in rechtspopulistischen Parteien und Organisationen. Geschlecht ist ein Diskussionsfeld, das nicht zuletzt mit dem steigenden Einfluss der sozialen Medien weiter an Relevanz gewinnt. </strong></p> <p>Eine <strong>Vortragsreihe der Universität Augsburg in Kooperation mit der Universität Passau</strong> brachte daher internationale Expertinnen zusammen mit dem Ziel, neue Perspektiven auf die strategische Nutzung von Geschlechterfragen durch die extreme Rechte zu entwickeln. Die zentrale Erkenntnis aus der Reihe: Um den Wandel rechter Geschlechterdebatten adäquat zu erfassen, braucht die kommunikationswissenschaftliche Forschung länderübergreifende Perspektiven, neue methodische Ansätze und ein besonderes Augenmerk auf thematische Vernetzungen sowie dynamische Weiblichkeitsdarstellungen durch neue Technologien. Doch was genau wurde in den Vorträgen diskutiert und woraus entwickelten sich diese neuen Perspektiven?</p> <h2 id="h-rechte-geschlechterdiskurse-sind-global-vernetzt-und-doch-national-gepragt"><strong>Rechte Geschlechterdiskurse sind global vernetzt und doch national geprägt</strong></h2> <p>Rechtsextreme Diskurse überschreiten längst nationale Grenzen. An geschlechterbezogenen Diskursen lässt sich exemplarisch aufzeigen, wie sich <strong>grenzübergreifende Argumentationsmuster</strong> wie der Femonationalismus <strong>mit lokalen Spezifika</strong> verbinden. Femonationalismus<sup data-fn="5f0903c0-fa82-443e-bcd4-dda1b0fd18e0"><a href="#5f0903c0-fa82-443e-bcd4-dda1b0fd18e0" id="5f0903c0-fa82-443e-bcd4-dda1b0fd18e0-link">1</a></sup> beschreibt , wie rechte Akteur:innen feministische Anliegen dazu nutzen, um rassistische oder ausgrenzende Positionen zu legitimieren, etwa wenn sie unter dem Vorwand des Schutzes von Frauenrechten gegen Migration argumentieren. Tina Askanius (Malmö University) und Maria Brock (Södertörn University) zeigten in ihrem Vortrag diese länderspezifischen Unterschiede am Beispiel weiblicher Influencerinnen auf. Während in Russland verstärkt christlich-orthodoxe, religiös geprägte Influencerinnen rechtsextreme Inhalte verbreiten, spielt Religion in den entsprechenden deutschen und schwedischen Kontexten eine deutlich geringere Rolle. Hier überwiegen stattdessen migrationskritische Inhalte und speziell „nordische“ Ästhetiken. Auch Annett Heft (Universität Tübingen) und Susanne Reinhardt (Freie Universität Berlin) wiesen in ihrem Vortrag darauf hin, dass rechtspopulistische Parteien europaweit ähnliche Geschlechterthemen aufgreifen, diese aber jeweils an die gesellschaftlichen Bedingungen vor Ort anpassen. So kritisieren rechte Parteien in Schweden Gleichstellungsmaßnahmen deutlich weniger stark als etwa in Deutschland oder Italien – ein Unterschied, den die Vortragenden auf den unterschiedlichen gesellschaftlichen Stellenwert von Geschlechtergleichstellung zurückführen. Künftige Forschung sollte daher sowohl gemeinsame Muster rechtsextremer Kommunikation als auch ihre nationale Einbettung systematisch analysieren.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-olga-petrova-129200401-18151440-scaled.jpg"><img alt="Eine Frau sitzt in einem Blümchenkleid unter einer Tanne und liest ein Buch." decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 683px) 100vw, 683px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-olga-petrova-129200401-18151440-683x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-olga-petrova-129200401-18151440-683x1024.jpg 683w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-olga-petrova-129200401-18151440-200x300.jpg 200w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-olga-petrova-129200401-18151440-768x1152.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-olga-petrova-129200401-18151440-1024x1536.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-olga-petrova-129200401-18151440-1365x2048.jpg 1365w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-olga-petrova-129200401-18151440-scaled.jpg 1707w" width="683"></img></a><figcaption><em>Foto von Olga Petrova auf Pexels</em></figcaption></figure> <h2 id="h-wie-fluide-allianzen-stabile-deutungsmuster-pragen-und-gesellschaftliche-mitte-neu-verhandeln"><strong>Wie fluide Allianzen stabile Deutungsmuster prägen und gesellschaftliche Mitte neu verhandeln</strong></h2> <p>Geschlechterpolitische Themen bieten rechten Akteur:innen <strong>vielfältige Anschlussmöglichkeiten</strong> an konservative, religiöse oder antifeministische Diskurse und bilden somit <strong>Brücken in die gesellschaftliche Mitte.</strong> Annett Heft und Susanne Reinhardt zeigten, wie fluide und kontextabhängig solche sogenannten Diskurskoalitionen sein können. Besonders deutlich wird dies bei Themen wie Abtreibung, wo sich rechte und konservative Positionen (beispielsweise von Teilen der katholischen Kirche) überschneiden. Dadurch können solche Themen als Brückenbauer in die gesellschaftliche Mitte fungieren und rechtsextremen Deutungsmustern indirekt Legitimität verleihen. Diese Diskurskoalitionen können auch unbeabsichtigt auftreten und sind in ständigem Wandel. Für die Forschung bedeutet das, solche Verbindungen sichtbar zu machen, ohne dabei die Wandelbarkeit und situative Ausprägung dieser Allianzen aus dem Blick zu verlieren.</p> <h2 id="h-digitale-weiblichkeitsbilder-und-rechte-netzwerke-neue-technologien-asthetiken-und-methoden"><strong>Digitale Weiblichkeitsbilder und rechte Netzwerke: Neue Technologien, Ästhetiken und Methoden</strong></h2> <p>Die Reihe thematisierte auch aktuelle Phänomene rechter <strong>Weiblichkeitsinszenierung</strong>. Sandra Kero (Universität Bremen) beleuchtete in ihrem Vortrag die <strong>Rolle neuer Technologien wie generativer KI</strong> bei der Gestaltung rechter Bildwelten. Durch neue technische Entwicklungen werden sowohl tradierte wie auch neuartige Weiblichkeitsdarstellungen produziert. Diese Technologie bietet somit neue und bisher unerforschte Ästhetiken und Bildkompositionen. Aber auch die Vorstellung von Weiblichkeit an sich wird differenzierter. Während Tradwife-Influencerinnen konservative Rollenbilder ästhetisch aufbereiten und popularisieren, zeigen sich auch gänzlich andere Trends. Unter dem Hashtag #Ostmullen finden sich beispielsweise großstädtische Lebenswelten und burschikose Frauenbilder. Dies zeigt, dass sich innerhalb rechter Milieus auch subversive oder widersprüchliche Inszenierungen von Weiblichkeit artikulieren. Diese Brüche und Entwicklungen deuten darauf hin, dass auch rechte Geschlechtervorstellungen im Wandel begriffen sind und die Forschung mit dynamischen Konzepten auf neue technische Möglichkeiten und Darstellungsformen reagieren muss.<aside></aside></p> <p>Um die komplexe Vernetzung und mediale Reichweite rechter Kommunikation zu erfassen, braucht es zuletzt auch <strong>neue methodische Werkzeuge</strong>. Computergestützte Verfahren wie <strong>Netzwerkanalysen </strong>bieten hier wichtige Zugänge. Sie ermöglichen es, digitale Resonanzräume, Interaktionen und Verlinkungen systematisch zu untersuchen. Annett Heft und Susanne Reinhardt nutzten diese Methoden, um aufzuzeigen, wie rechtspopulistische Parteien in Europa unterschiedliche geschlechterbezogene Themen miteinander verknüpfen. Auch Tina Askanius und Maria Brock betonten die Relevanz computergestützter Analysen, um künftig beispielsweise digitale Verbindungen zwischen rechten Influencerinnen in Deutschland, Schweden und Russland zu identifizieren. Gerade weil viele dieser Netzwerke für Außenstehende unsichtbar bleiben, ist eine methodische Weiterentwicklung der Forschung zur rechtsextremer Kommunikation dringend geboten.</p> <p><strong>Die Vortragsreihe zeigt:</strong> Ein zeitgemäßes Verständnis von Rechtsextremismus im digitalen Zeitalter erfordert die Berücksichtigung medialer Strategien und der vielfältigen Darstellung von Geschlechterrollen. Erst durch länderübergreifende Vergleichsperspektiven, die Verbindung klassischer Ansätze mit neuen computergestützten Verfahren, die Untersuchung inhaltlicher Bündnisse bis in die gesellschaftliche Mitte sowie, last but not least, die Analyse, wie die extreme Rechte künstliche Intelligenz einsetzt, lassen sich die komplexen Mechanismen rechter Mobilisierung und ihre politischen Botschaften zu Geschlechterfragen differenziert erfassen.</p> <p><strong>Quellen</strong></p> <p>(1) Farris, Sara R. (2017). <em>In the Name of Women’s Rights: The Rise of Femonationalism</em>. Duke University Press.</p> <p>(2) Beitragsbild: Foto von Jill Wellington auf Pexel</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/influencerinnen-ki-bilder-und-diskurskoalitionen-neue-forschungsperspektiven-auf-rechte-geschlechterdiskurse/#comments 2 Last-Minute-Plagiatsvorwürfe gegen Verfassungsrichterin-Kandidatin: Ein strategischer Nothingburger https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/last-minute-plagiatsvorwuerfe-gegen-verfassungsrichterin-kandidatin-ein-strategischer-nothingburger/ https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/last-minute-plagiatsvorwuerfe-gegen-verfassungsrichterin-kandidatin-ein-strategischer-nothingburger/#comments Fri, 11 Jul 2025 09:51:11 +0000 Markus Pössel https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/?p=11260 <h1>Last-Minute-Plagiatsvorwürfe gegen Verfassungsrichterin-Kandidatin: Ein strategischer Nothingburger » RELATIV EINFACH » SciLogs</h1><h2>By Markus Pössel</h2><div itemprop="text"> <p>Ich dachte erst, so dreist kann es nicht sein. Ist es aber. Nicht, dass man das der Berichterstattung z.B. <a href="https://www.tagesschau.de/inland/wahl-richter-bundesverfassungsgericht-102.html">der Tagesschau</a> ansehen würde. Dort wird ganz nüchtern berichtet: Es gebe “nun offenbar auch Plagiatsvorwürfe gegen die Kandidatin der SPD”, sprich: gegen Frau Brosius-Gersdorf, die auf Vorschlag der SPD zur Richterin am Bundesverfassungsgericht gewählt werden soll. Ein “Plagiatsverdacht ziehe ihre fachliche Expertise in Zweifel”. Daher wird jetzt offenbar die Wahl erst einmal verschoben, wie es danach weitergeht ist unklar.</p> <h2 id="h-ein-windelweicher-blogbeitrag">Ein windelweicher Blogbeitrag</h2> <p>Was macht man, wenn man solche Vorwürfe nicht einfach als politischen Vorwand nimmt? Oder wenn man als Journalist*in seiner Sorgfaltspflicht nachkommt und zumindest mal schaut, was es mit den Vorwürfen auf sich hat? Richtig: Man geht zur Quelle, in diesem Falle auf die per Google ja nun wirklich leicht zu findenden Webseiten des “Plagiatejägers” (Eigenbezeichnung) Stefan Weber (“&amp; Team”). Und wer da die journalistischen Ws im Gepäck hat, fragt sich natürlich direkt: Was wird dort denn konkret an Vorwürfen erhoben? Und wann haben welche der behaupteten Handlungen (schreiben des Originals, schreiben des Plagiats) stattgefunden?</p> <p>Wer so an die Webseiten herangeht, wird erst einmal überrascht. In demjenigen Teil des Blogbeitrags, wo tatsächlich argumentiert wird, finden sich nämlich überhaupt keine als Aussagen formulierten Vorwürfe. Was sich dort stattdessen findet? Ein Generalangriff auf die Juristen allgemein. Die „Zitierpraxis der juristischen Wissenschaften“ sei problematisch, der Beitragsaautor (vermutlich Herr Weber) würde das schon seit langem kritisieren. Ein langer Rant gegen die Zitierpraxis in der Juristerei.</p> <p>Einziger Bezug auf den Fall, der jetzt auf Basis der angeblichen Vorwürfe Schlagzeilen macht, ist eine zwischengeschaltete Frage: “Verstoßen die folgenden 23 dokumentierten Parallelen gegen die vor der Jahrtausendwende gültigen juristischen Zitiernormen?”</p> <p>Und dann wird diese Frage noch nicht einmal direkt beantwortet. Stattdessen geht es lediglich weiter mit der Behauptung, die Juristen würden ganz allgemein, „traditionell“ eine Diskussion über die problematische Zitierpraxis in ihrem Fach „scheuen“.<aside></aside></p> <p>Sprich: das ist noch nicht einmal ein ausformulierter Plagiatsvorwurf. So vage und unanklagend formuliert, dass es mit der Aussage, dass sich die beanstandete Dissertation voll und ganz an die in den juristischen Wissenschaften üblichen Standards gehalten ist, voll und ganz kompatibel ist. Im Hinblick auf konkrete Vorwürfe von Fehlverhalten ist der Blogbeitrag das, was im Englischen so schön “Nothingburger” heißt. Konkrete, begründete Vorwürfe werden dort nirgends formuliert.</p> <h2>Die Frage nach dem Wann?</h2> <p>Noch problematischer als das “Was” vermeintlicher konkreter Vorwürfe ist die Frage nach dem “Wann”. Etwaige Plagiatsvorwürfe gegen Brosius-Gersdorf in diesem Kontext beziehen sich auf einen Vergleich ihrer Doktorarbeit, fertiggestellt 1997, mit der Habilitationsschrift ihres Mannes, die aber ihrerseits erst von 1998 stammt (und dann noch etwas später, 2000, veröffentlicht wurde). Über diese zeitliche Unstimmigkeit, die <a href="https://bsky.app/profile/jhillje.bsky.social/post/3ltoc5vdvis2l">Johannes Hilje in einem Bluesky-Post erwähnt,</a> bin ich überhaupt erst darauf gekommen, selbst nachzuschauen.</p> <p>Im Plagiatejäger-Blogbeitrag wird auf die zeitliche Abfolge nirgends direkt eingegangen. Das alleine ist für einen Textvergleich, zumal mit dem Ziel der Plagiatsanalyse, schon ungleich problematischer als alles, was der Blogbeitrag an Beschuldigungen vorbringt. Eine solche gigantische Lücke im Argumentationsgang würde vermutlich schon Studienanfänger*innen in ihrer ersten Seminar- oder Hausarbeit unsanft um die Ohren gehauen werden.</p> <p>Aber es kommt noch schlimmer. Nicht nur, dass der Zeitablauf nicht thematisiert würde. Dort, wo Jahreszahlen genannt werden, geschieht das so unsystematisch und sporadisch, dass man sogar befürchten muss, oberflächliche Leser könnten daraus falsche Schlüsse ziehen.</p> <p>Exhibit A zeigt dieser Screenshot. Das ist bei jenem Blogbeitrag soweit ich sehen kann generell die einzige Fundstelle für Jahreszahlen außerhalb der Annotationen der gekennzeichneten “Verdachtsstellen”:</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Screenshot-2025-07-11-at-11.15.40.png"><img alt="Ausschnitt aus den Plagiatsjäger-Webseiten von Stefan Weber. Text und Bilder sind so angeordnet wie Vortragsfolien. In der obenen Folie wird der Dissertationstitel mit dem Jahr 1997 angegeben, unten bei der Habilitationsveröffentlichung steht oben rechts &quot;verh. seit 1995&quot; darüber." decoding="async" fetchpriority="high" height="1628" sizes="(max-width: 1184px) 100vw, 1184px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Screenshot-2025-07-11-at-11.15.40.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Screenshot-2025-07-11-at-11.15.40.png 1184w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Screenshot-2025-07-11-at-11.15.40-218x300.png 218w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Screenshot-2025-07-11-at-11.15.40-745x1024.png 745w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Screenshot-2025-07-11-at-11.15.40-768x1056.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Screenshot-2025-07-11-at-11.15.40-1117x1536.png 1117w" width="1184"></img></a></p> <p> Bei der Dissertation steht die Jahreszahl 1997, über dem Habilitations-Titelblatt 1995. Würde man erwarten bei Plagiat, richtig? Erst kam die Vorlage, dann das Plagiat? Aber wenn man nur etwas genauer hinschaut, ist die 1995 halt ein. “verh. seit 1995”, sprich: die beiden seien seit 1995 verheiratet. Die viel wichtigere Information, dass es sich nämlich um eine Habilitationsschrift “von 1998” handelt, findet sich nur weiter unten, als Annotation für die erste der 22 “Verdachtsstellen”.</p> <p>Das ist übrigens soweit ich sehe die einzige dort genannte, ok: eher ja implizierte Grundlage für den Vorwurf der “Collusion”, also der unerlaubten Zusammenarbeit, wo offiziell eine Einzelleistung gefordert ist.</p> <p>Also worauf laufen die Vorwürfe hinaus? Es gibt zwischen zwei Arbeiten einige Textparallelen. Ob jene Parallelen in irgendeine Weise von der üblichen Praxis in den juristischen Wissenschaften abweichen, wird in jenem Blogbeitrag weder geprüft noch beschrieben noch beurteilt. Was nahelegt: jene Stellen weichen eben nicht in nachweislicher Weise von den üblichen Standards ab. Denn wenn sie das täten, hätte ein routinierter Plagiatejäger diesen Umstand ja vermutlich ausführlich dargelegt und dokumentiert. In anderen Einträgen auf dem Plagiatejäger-Blog finden sich solche deutlich formulierten Anschulldigungen durchaus (auch wenn man zwischen den ganzen anderen Blogbeiträgen, etwa der Warnung, wer die östereichischen Universitäten nicht zerstören wolle, solle auf keinen Fall SPÖ wählen etwas nach den konkreten Beispielanalysen suchen muss).</p> <p>Klar ist auch: Falls es sich doch um ein Plagiat handelt, ist es der Veröffentlichungslage nach kein Plagiat von Frau Brosius-Gersdorf, sondern von ihrem Mann. Dessen Habilschrift kam später – wenn ich das richtig lese: sowohl vom Einreichdatum (1998; der Blogbeitrag schreibt etwas allgemeiner: “Habil.-Schrift von 1998”) als auch der Veröffentlichung her (2000).</p> <h2>Dünner Verdacht mit Hintertürchen</h2> <p>In Bezug auf eine Collusion, sprich: einen Vorwurf, Brosius-Gersdorf habe sich bei ihrer Dissertation unrechtmäßig von ihrem Mann helfen lassen, gäbe es als Verdachtsmomente nur: beide haben zu ähnlichen Themen Texte geschrieben; es gibt Textähnlichkeiten die aber ebensogut schlicht darauf zurückzuführen sein können dass beide in gleicher Weise den juristischen Zitierweisen folgen. Jene Zitierweisen sind selbst mir als Laie schon aufgefallen. Ich suchte vor einiger Zeit für eine institutsinterne Diskussion nach Informationen zu einer bestimmten Rechtsauffassung, und bestimmte Formulierungen in den Lehrbüchern sind halt genau die Formulierungen in richtungsweisenden Urteilen – mit Verweis auf die Urteile, aber ohne Anführungszeichen.</p> <p>Hinzu kommt: Beide waren zum vermutlichen Zeitpunkt der Textentstehung verheiratet.</p> <p>Das ist so überaus dünn, dass es vermutlich Grund für eine Verleumdungsklage wäre, wenn jene Vorwürfe denn in dieser Weise ausformuliert wären. Aber im Blogeintrag sind sie ja kurioserweise überhaupt nicht ausformuliert. Der Autor (vermutlich Herr Weber) belässt es im Gegenteil bewusst vage. Beide Namen, Brosius-Gersdorf und Gersdorf, sind gleichermaßen mit den Vorwürfen<br></br>verknüpft oder eben nicht verknüpft. Klare Aussagen zu den Vorwürfen fehlen völlig.</p> <p>Gut möglich also, dass der Autor, sollte es juristisch heikel für ihn werden, treuherzig sagen kann: aber das steht bei mir doch gar nicht! Das habe ich nie so behauptet! Mir ist schleierhaft, wie daraus Schlagzeilen mit Plagiatsvorwürfen gegen Frau Brosius-Gersdorf werden konnten, denn bei mir finden Sie jene Vorwürfe ja gar nicht konkret!</p> <p>Tja, wer aber ist dann verantwortlich dafür, jene Vorwürfe dort hineinzulesen? Ganz wird der Autor da vermutlich nicht aus der Verantwortung entlassen. Zumindest hätte er, wenn er sich in der Presse misrepräsentiert sieht, wohl die Pflicht, den “Irrtum” aufzuklären. Ich bin gespannt, ob in diese Richtung etwas kommt.</p> <h2>Und die Medien?</h2> <p>Zweitens sind da noch die Journalisten. Ich behaupte mal: Jeder, der den Blogeintrag einigermaßen aufmerksam liest und für das Journalistenhandwerk nicht vollkommen unterqualifiziert ist, kann direkt sehen, was da läuft bzw. was da steht. Wenn ein angeblicher Plagiatsvorwurf den Großteil des dazu verfassteh Textes nicht auf Plagiatsvorwürfe sondern darauf verwendet, die regulären Zitierweisen des Faches zu attackieren, dann ist das eine Anomalie, ein Warnsignal. Wer als Journalist<em>in oder als sonstige</em>r Leser*in-mit-Verständnisanspruch an den Text herangeht, sieht sofort: Obacht, da ist etwas merkwürdig, ab jetzt besondere kritische Aufmerksamkeit.</p> <p>Dann folgen, siehe oben, die journalistischen Ws, also ja sozusagen das kleine Einmaleins der Berichterstattung. Vor dem Hintergrund sollte direkt auffallen: da werden interessanterweise gar keine Plagiatsvorwürfe als Aussagen formuliert (“was?”). Und für die wichtigste Vorwurfs-Lesart, sprich, jene Lesart die man benötigt, um so etwas zu schreiben wie “Plagiatsvorwürfe gegen Verfassungsrichterin-Kandidatin!” ist die zeitliche Reihenfolge falsch herum. Erst kam die Dissertation der Kandidatin, dann die Habilitation des Ehemanns.</p> <p>Wer all das sieht und am Ende trotzdem nur “Plagiatsvorwürfe gegen Verfassungsgerichts-Kandidatin” schreibt, trägt zur Irreführung der Öffentlichkeit bei. In einer Situation, wo jeder Mensch mit einigermaßen vorhandener Lesefähigkeit es besser wissen sollte. Der oben genannte Tagesschau-Beitrag fällt mit seinen Aussagen genau auf die Weber-Ambiguität herein. Denn die Tagesschau schreibt “Laut Stefan Weber, der regelmäßig Doktorarbeiten von Politikern und Prominenten überprüft, gibt es in der Dissertation von Brosius-Gersdorf ’23 Verdachtsstellen auf Kollusion und Quellenplagiate’.” Falls sich Herr Weber nicht z.B. bei direkter Befragung weiter aus dem Fenster gelehnt hat: Im Blogbeitrag selbst bleibt er im Gegenteil betont symmetrisch. Da ist in der Überschrift, ich denke mal bewusst, von “Textparallelen zwischen der Dissertation von Frauke Brosius-Gersdorf und der Habilitationsschrift von Hubertus Gersdorf” die Rede. Wenn die Tageschau das ihrerseits auf Basis des Blogbeitrags umgeschrieben hätte zu einer Aussage direkt nur über die Dissertation von Brosius-Gersdorf, ginge sie über die Aussagen von Weber hinaus – in einer Weise, die nicht durch irgendwelche Argumente in jenem Blogtext gedeckt ist. </p> <p>Ich habe mich bei früheren Plagiatsfälllen, etwa bei <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/guttenberg-vorurteile-wissenschaft/">Guttenberg</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/buchhaltertest2/">Koch-Mehrin</a>, ja durchaus selbst anhand des verfügbaren Materials kritisch geäußert. Hier sehe ich noch nicht mal eine belastbare Grundlage.</p> <h2>Der eigentliche Skandal</h2> <p>All das ist in diesem Falle natürlich besonders heikel, denn bei so wichtigen Handlungen wie einer Verfassungsrichter-Wahl sollte schon der leiseste Anschein von “Partei X passt die politische Ausrichtung der Kandidatin Y nicht, Mitglieder von Partei X lancieren in letzter Minute Vorwürfe, die sich<br></br>bei auch nur einigermaßen genauem Hinsehen als haltlos erweisen; jene haltlosen Vorwürfe bringen das Verfahren aber immerhin genug durcheinander, um offenbar die für heute vorgesehene Wahl in Frage zu stellen. Sie bilden, entnehme ich aus dem Tagesschau-Text, ganz aktuell Anlass für die Union, die Wahl von Brosius-Gersdorf von der Tagesordnung zu nehmen.</p> <p>Das wäre auf so fragwürdiger und ambivalenter Basis, letztlich ja als Stille-Post-Spiel zwischen dem dünnen Plagiatejäger-Blogbeitrag und denjenigen, die ihn strategisch mit Kusshand aufgreifen, ein dreistes Beispiel für Politik-Manipulation. Ich hoffe sehr, dass die Medien, sollte es in diese Richtung gehen kritisch nachfragen und nicht lockerlassen, bis klar ist, wer da was wann initiiert und in Umlauf gebracht hat. Diese Art von Vorgehen erinnere ich bislang tatsächlich nur aus dem Trump-Umfeld in den USA; es wäre fatal, wenn so etwas auch bei uns Einzug hielte.</p> <h2>Fazit</h2> <p>Rein von der Quellenlage her dürfte die Sache klar sein: die “Vorwürfe” sind so vage, schlecht belegt, schlecht begründet, dass sie nie unkritisch hätten übernommen werden dürfen. Es wird noch nicht einmal der Versuch unternommen, zu zeigen, dass das, was da passierte, von dem in der Juristerei üblichen Umgang mit Quellen abweicht. Die Vorwürfe selbst werden nirgends klar ausgesprochen, allenfalls insinuiert. Selbst bei kritisch-einordnender Berichterstattung wäre daher die Frage, warum so dürftige Ausführungen in irgendeiner Form nachrichtenwürdig sein sollten. Dass die dünne Vorlage stattdessen ein so unkritisches Medienecho bekommt, ist der eigentliche Skandal. Die hier angemessenen Schlagzeilen wären “Partei greift strategisch nach fragwürdigem Strohhalm” oder “Große Zeitung lässt für eigenen Politik-Aktivismus elementare journalistische Sorgfalt vermissen” oder auch “Ist denn bei jenen Medien niemand in der Lage, eine Stunde und elementares Textverständnis zu investieren, um zu sehen, wie wackelg die Grundlage für die Anschuldigungen ist?”</p> <p>Beim jetzigen Stand hat sich in dieser Sache niemand der offiziellen Akteur*innen mit Ruhm bekleckert. Weder der Plagiatejäger, noch die Politiker die seine Vorlage amplifizieren und aufbauschen, noch die Medien, die zumindest bislang nirgends kritisch einordnen. Wie so oft: Schauen wir mal, wie es weitergeht. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Last-Minute-Plagiatsvorwürfe gegen Verfassungsrichterin-Kandidatin: Ein strategischer Nothingburger » RELATIV EINFACH » SciLogs</h1><h2>By Markus Pössel</h2><div itemprop="text"> <p>Ich dachte erst, so dreist kann es nicht sein. Ist es aber. Nicht, dass man das der Berichterstattung z.B. <a href="https://www.tagesschau.de/inland/wahl-richter-bundesverfassungsgericht-102.html">der Tagesschau</a> ansehen würde. Dort wird ganz nüchtern berichtet: Es gebe “nun offenbar auch Plagiatsvorwürfe gegen die Kandidatin der SPD”, sprich: gegen Frau Brosius-Gersdorf, die auf Vorschlag der SPD zur Richterin am Bundesverfassungsgericht gewählt werden soll. Ein “Plagiatsverdacht ziehe ihre fachliche Expertise in Zweifel”. Daher wird jetzt offenbar die Wahl erst einmal verschoben, wie es danach weitergeht ist unklar.</p> <h2 id="h-ein-windelweicher-blogbeitrag">Ein windelweicher Blogbeitrag</h2> <p>Was macht man, wenn man solche Vorwürfe nicht einfach als politischen Vorwand nimmt? Oder wenn man als Journalist*in seiner Sorgfaltspflicht nachkommt und zumindest mal schaut, was es mit den Vorwürfen auf sich hat? Richtig: Man geht zur Quelle, in diesem Falle auf die per Google ja nun wirklich leicht zu findenden Webseiten des “Plagiatejägers” (Eigenbezeichnung) Stefan Weber (“&amp; Team”). Und wer da die journalistischen Ws im Gepäck hat, fragt sich natürlich direkt: Was wird dort denn konkret an Vorwürfen erhoben? Und wann haben welche der behaupteten Handlungen (schreiben des Originals, schreiben des Plagiats) stattgefunden?</p> <p>Wer so an die Webseiten herangeht, wird erst einmal überrascht. In demjenigen Teil des Blogbeitrags, wo tatsächlich argumentiert wird, finden sich nämlich überhaupt keine als Aussagen formulierten Vorwürfe. Was sich dort stattdessen findet? Ein Generalangriff auf die Juristen allgemein. Die „Zitierpraxis der juristischen Wissenschaften“ sei problematisch, der Beitragsaautor (vermutlich Herr Weber) würde das schon seit langem kritisieren. Ein langer Rant gegen die Zitierpraxis in der Juristerei.</p> <p>Einziger Bezug auf den Fall, der jetzt auf Basis der angeblichen Vorwürfe Schlagzeilen macht, ist eine zwischengeschaltete Frage: “Verstoßen die folgenden 23 dokumentierten Parallelen gegen die vor der Jahrtausendwende gültigen juristischen Zitiernormen?”</p> <p>Und dann wird diese Frage noch nicht einmal direkt beantwortet. Stattdessen geht es lediglich weiter mit der Behauptung, die Juristen würden ganz allgemein, „traditionell“ eine Diskussion über die problematische Zitierpraxis in ihrem Fach „scheuen“.<aside></aside></p> <p>Sprich: das ist noch nicht einmal ein ausformulierter Plagiatsvorwurf. So vage und unanklagend formuliert, dass es mit der Aussage, dass sich die beanstandete Dissertation voll und ganz an die in den juristischen Wissenschaften üblichen Standards gehalten ist, voll und ganz kompatibel ist. Im Hinblick auf konkrete Vorwürfe von Fehlverhalten ist der Blogbeitrag das, was im Englischen so schön “Nothingburger” heißt. Konkrete, begründete Vorwürfe werden dort nirgends formuliert.</p> <h2>Die Frage nach dem Wann?</h2> <p>Noch problematischer als das “Was” vermeintlicher konkreter Vorwürfe ist die Frage nach dem “Wann”. Etwaige Plagiatsvorwürfe gegen Brosius-Gersdorf in diesem Kontext beziehen sich auf einen Vergleich ihrer Doktorarbeit, fertiggestellt 1997, mit der Habilitationsschrift ihres Mannes, die aber ihrerseits erst von 1998 stammt (und dann noch etwas später, 2000, veröffentlicht wurde). Über diese zeitliche Unstimmigkeit, die <a href="https://bsky.app/profile/jhillje.bsky.social/post/3ltoc5vdvis2l">Johannes Hilje in einem Bluesky-Post erwähnt,</a> bin ich überhaupt erst darauf gekommen, selbst nachzuschauen.</p> <p>Im Plagiatejäger-Blogbeitrag wird auf die zeitliche Abfolge nirgends direkt eingegangen. Das alleine ist für einen Textvergleich, zumal mit dem Ziel der Plagiatsanalyse, schon ungleich problematischer als alles, was der Blogbeitrag an Beschuldigungen vorbringt. Eine solche gigantische Lücke im Argumentationsgang würde vermutlich schon Studienanfänger*innen in ihrer ersten Seminar- oder Hausarbeit unsanft um die Ohren gehauen werden.</p> <p>Aber es kommt noch schlimmer. Nicht nur, dass der Zeitablauf nicht thematisiert würde. Dort, wo Jahreszahlen genannt werden, geschieht das so unsystematisch und sporadisch, dass man sogar befürchten muss, oberflächliche Leser könnten daraus falsche Schlüsse ziehen.</p> <p>Exhibit A zeigt dieser Screenshot. Das ist bei jenem Blogbeitrag soweit ich sehen kann generell die einzige Fundstelle für Jahreszahlen außerhalb der Annotationen der gekennzeichneten “Verdachtsstellen”:</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Screenshot-2025-07-11-at-11.15.40.png"><img alt="Ausschnitt aus den Plagiatsjäger-Webseiten von Stefan Weber. Text und Bilder sind so angeordnet wie Vortragsfolien. In der obenen Folie wird der Dissertationstitel mit dem Jahr 1997 angegeben, unten bei der Habilitationsveröffentlichung steht oben rechts &quot;verh. seit 1995&quot; darüber." decoding="async" fetchpriority="high" height="1628" sizes="(max-width: 1184px) 100vw, 1184px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Screenshot-2025-07-11-at-11.15.40.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Screenshot-2025-07-11-at-11.15.40.png 1184w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Screenshot-2025-07-11-at-11.15.40-218x300.png 218w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Screenshot-2025-07-11-at-11.15.40-745x1024.png 745w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Screenshot-2025-07-11-at-11.15.40-768x1056.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Screenshot-2025-07-11-at-11.15.40-1117x1536.png 1117w" width="1184"></img></a></p> <p> Bei der Dissertation steht die Jahreszahl 1997, über dem Habilitations-Titelblatt 1995. Würde man erwarten bei Plagiat, richtig? Erst kam die Vorlage, dann das Plagiat? Aber wenn man nur etwas genauer hinschaut, ist die 1995 halt ein. “verh. seit 1995”, sprich: die beiden seien seit 1995 verheiratet. Die viel wichtigere Information, dass es sich nämlich um eine Habilitationsschrift “von 1998” handelt, findet sich nur weiter unten, als Annotation für die erste der 22 “Verdachtsstellen”.</p> <p>Das ist übrigens soweit ich sehe die einzige dort genannte, ok: eher ja implizierte Grundlage für den Vorwurf der “Collusion”, also der unerlaubten Zusammenarbeit, wo offiziell eine Einzelleistung gefordert ist.</p> <p>Also worauf laufen die Vorwürfe hinaus? Es gibt zwischen zwei Arbeiten einige Textparallelen. Ob jene Parallelen in irgendeine Weise von der üblichen Praxis in den juristischen Wissenschaften abweichen, wird in jenem Blogbeitrag weder geprüft noch beschrieben noch beurteilt. Was nahelegt: jene Stellen weichen eben nicht in nachweislicher Weise von den üblichen Standards ab. Denn wenn sie das täten, hätte ein routinierter Plagiatejäger diesen Umstand ja vermutlich ausführlich dargelegt und dokumentiert. In anderen Einträgen auf dem Plagiatejäger-Blog finden sich solche deutlich formulierten Anschulldigungen durchaus (auch wenn man zwischen den ganzen anderen Blogbeiträgen, etwa der Warnung, wer die östereichischen Universitäten nicht zerstören wolle, solle auf keinen Fall SPÖ wählen etwas nach den konkreten Beispielanalysen suchen muss).</p> <p>Klar ist auch: Falls es sich doch um ein Plagiat handelt, ist es der Veröffentlichungslage nach kein Plagiat von Frau Brosius-Gersdorf, sondern von ihrem Mann. Dessen Habilschrift kam später – wenn ich das richtig lese: sowohl vom Einreichdatum (1998; der Blogbeitrag schreibt etwas allgemeiner: “Habil.-Schrift von 1998”) als auch der Veröffentlichung her (2000).</p> <h2>Dünner Verdacht mit Hintertürchen</h2> <p>In Bezug auf eine Collusion, sprich: einen Vorwurf, Brosius-Gersdorf habe sich bei ihrer Dissertation unrechtmäßig von ihrem Mann helfen lassen, gäbe es als Verdachtsmomente nur: beide haben zu ähnlichen Themen Texte geschrieben; es gibt Textähnlichkeiten die aber ebensogut schlicht darauf zurückzuführen sein können dass beide in gleicher Weise den juristischen Zitierweisen folgen. Jene Zitierweisen sind selbst mir als Laie schon aufgefallen. Ich suchte vor einiger Zeit für eine institutsinterne Diskussion nach Informationen zu einer bestimmten Rechtsauffassung, und bestimmte Formulierungen in den Lehrbüchern sind halt genau die Formulierungen in richtungsweisenden Urteilen – mit Verweis auf die Urteile, aber ohne Anführungszeichen.</p> <p>Hinzu kommt: Beide waren zum vermutlichen Zeitpunkt der Textentstehung verheiratet.</p> <p>Das ist so überaus dünn, dass es vermutlich Grund für eine Verleumdungsklage wäre, wenn jene Vorwürfe denn in dieser Weise ausformuliert wären. Aber im Blogeintrag sind sie ja kurioserweise überhaupt nicht ausformuliert. Der Autor (vermutlich Herr Weber) belässt es im Gegenteil bewusst vage. Beide Namen, Brosius-Gersdorf und Gersdorf, sind gleichermaßen mit den Vorwürfen<br></br>verknüpft oder eben nicht verknüpft. Klare Aussagen zu den Vorwürfen fehlen völlig.</p> <p>Gut möglich also, dass der Autor, sollte es juristisch heikel für ihn werden, treuherzig sagen kann: aber das steht bei mir doch gar nicht! Das habe ich nie so behauptet! Mir ist schleierhaft, wie daraus Schlagzeilen mit Plagiatsvorwürfen gegen Frau Brosius-Gersdorf werden konnten, denn bei mir finden Sie jene Vorwürfe ja gar nicht konkret!</p> <p>Tja, wer aber ist dann verantwortlich dafür, jene Vorwürfe dort hineinzulesen? Ganz wird der Autor da vermutlich nicht aus der Verantwortung entlassen. Zumindest hätte er, wenn er sich in der Presse misrepräsentiert sieht, wohl die Pflicht, den “Irrtum” aufzuklären. Ich bin gespannt, ob in diese Richtung etwas kommt.</p> <h2>Und die Medien?</h2> <p>Zweitens sind da noch die Journalisten. Ich behaupte mal: Jeder, der den Blogeintrag einigermaßen aufmerksam liest und für das Journalistenhandwerk nicht vollkommen unterqualifiziert ist, kann direkt sehen, was da läuft bzw. was da steht. Wenn ein angeblicher Plagiatsvorwurf den Großteil des dazu verfassteh Textes nicht auf Plagiatsvorwürfe sondern darauf verwendet, die regulären Zitierweisen des Faches zu attackieren, dann ist das eine Anomalie, ein Warnsignal. Wer als Journalist<em>in oder als sonstige</em>r Leser*in-mit-Verständnisanspruch an den Text herangeht, sieht sofort: Obacht, da ist etwas merkwürdig, ab jetzt besondere kritische Aufmerksamkeit.</p> <p>Dann folgen, siehe oben, die journalistischen Ws, also ja sozusagen das kleine Einmaleins der Berichterstattung. Vor dem Hintergrund sollte direkt auffallen: da werden interessanterweise gar keine Plagiatsvorwürfe als Aussagen formuliert (“was?”). Und für die wichtigste Vorwurfs-Lesart, sprich, jene Lesart die man benötigt, um so etwas zu schreiben wie “Plagiatsvorwürfe gegen Verfassungsrichterin-Kandidatin!” ist die zeitliche Reihenfolge falsch herum. Erst kam die Dissertation der Kandidatin, dann die Habilitation des Ehemanns.</p> <p>Wer all das sieht und am Ende trotzdem nur “Plagiatsvorwürfe gegen Verfassungsgerichts-Kandidatin” schreibt, trägt zur Irreführung der Öffentlichkeit bei. In einer Situation, wo jeder Mensch mit einigermaßen vorhandener Lesefähigkeit es besser wissen sollte. Der oben genannte Tagesschau-Beitrag fällt mit seinen Aussagen genau auf die Weber-Ambiguität herein. Denn die Tagesschau schreibt “Laut Stefan Weber, der regelmäßig Doktorarbeiten von Politikern und Prominenten überprüft, gibt es in der Dissertation von Brosius-Gersdorf ’23 Verdachtsstellen auf Kollusion und Quellenplagiate’.” Falls sich Herr Weber nicht z.B. bei direkter Befragung weiter aus dem Fenster gelehnt hat: Im Blogbeitrag selbst bleibt er im Gegenteil betont symmetrisch. Da ist in der Überschrift, ich denke mal bewusst, von “Textparallelen zwischen der Dissertation von Frauke Brosius-Gersdorf und der Habilitationsschrift von Hubertus Gersdorf” die Rede. Wenn die Tageschau das ihrerseits auf Basis des Blogbeitrags umgeschrieben hätte zu einer Aussage direkt nur über die Dissertation von Brosius-Gersdorf, ginge sie über die Aussagen von Weber hinaus – in einer Weise, die nicht durch irgendwelche Argumente in jenem Blogtext gedeckt ist. </p> <p>Ich habe mich bei früheren Plagiatsfälllen, etwa bei <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/guttenberg-vorurteile-wissenschaft/">Guttenberg</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/buchhaltertest2/">Koch-Mehrin</a>, ja durchaus selbst anhand des verfügbaren Materials kritisch geäußert. Hier sehe ich noch nicht mal eine belastbare Grundlage.</p> <h2>Der eigentliche Skandal</h2> <p>All das ist in diesem Falle natürlich besonders heikel, denn bei so wichtigen Handlungen wie einer Verfassungsrichter-Wahl sollte schon der leiseste Anschein von “Partei X passt die politische Ausrichtung der Kandidatin Y nicht, Mitglieder von Partei X lancieren in letzter Minute Vorwürfe, die sich<br></br>bei auch nur einigermaßen genauem Hinsehen als haltlos erweisen; jene haltlosen Vorwürfe bringen das Verfahren aber immerhin genug durcheinander, um offenbar die für heute vorgesehene Wahl in Frage zu stellen. Sie bilden, entnehme ich aus dem Tagesschau-Text, ganz aktuell Anlass für die Union, die Wahl von Brosius-Gersdorf von der Tagesordnung zu nehmen.</p> <p>Das wäre auf so fragwürdiger und ambivalenter Basis, letztlich ja als Stille-Post-Spiel zwischen dem dünnen Plagiatejäger-Blogbeitrag und denjenigen, die ihn strategisch mit Kusshand aufgreifen, ein dreistes Beispiel für Politik-Manipulation. Ich hoffe sehr, dass die Medien, sollte es in diese Richtung gehen kritisch nachfragen und nicht lockerlassen, bis klar ist, wer da was wann initiiert und in Umlauf gebracht hat. Diese Art von Vorgehen erinnere ich bislang tatsächlich nur aus dem Trump-Umfeld in den USA; es wäre fatal, wenn so etwas auch bei uns Einzug hielte.</p> <h2>Fazit</h2> <p>Rein von der Quellenlage her dürfte die Sache klar sein: die “Vorwürfe” sind so vage, schlecht belegt, schlecht begründet, dass sie nie unkritisch hätten übernommen werden dürfen. Es wird noch nicht einmal der Versuch unternommen, zu zeigen, dass das, was da passierte, von dem in der Juristerei üblichen Umgang mit Quellen abweicht. Die Vorwürfe selbst werden nirgends klar ausgesprochen, allenfalls insinuiert. Selbst bei kritisch-einordnender Berichterstattung wäre daher die Frage, warum so dürftige Ausführungen in irgendeiner Form nachrichtenwürdig sein sollten. Dass die dünne Vorlage stattdessen ein so unkritisches Medienecho bekommt, ist der eigentliche Skandal. Die hier angemessenen Schlagzeilen wären “Partei greift strategisch nach fragwürdigem Strohhalm” oder “Große Zeitung lässt für eigenen Politik-Aktivismus elementare journalistische Sorgfalt vermissen” oder auch “Ist denn bei jenen Medien niemand in der Lage, eine Stunde und elementares Textverständnis zu investieren, um zu sehen, wie wackelg die Grundlage für die Anschuldigungen ist?”</p> <p>Beim jetzigen Stand hat sich in dieser Sache niemand der offiziellen Akteur*innen mit Ruhm bekleckert. Weder der Plagiatejäger, noch die Politiker die seine Vorlage amplifizieren und aufbauschen, noch die Medien, die zumindest bislang nirgends kritisch einordnen. Wie so oft: Schauen wir mal, wie es weitergeht. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/last-minute-plagiatsvorwuerfe-gegen-verfassungsrichterin-kandidatin-ein-strategischer-nothingburger/#comments 15 Objektivität und Wahrheitssuche in Journalismus und Wissenschaft https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/objektivitaet-und-wahrheitssuche-in-journalismus-und-wissenschaft/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/objektivitaet-und-wahrheitssuche-in-journalismus-und-wissenschaft/#comments Tue, 08 Jul 2025 11:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3384 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/street-sign-6676760_1920-768x481.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/objektivitaet-und-wahrheitssuche-in-journalismus-und-wissenschaft/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/street-sign-6676760_1920.jpg" /><h1>Objektivität und Wahrheitssuche in Journalismus und Wissenschaft » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Warum sie für die Gesellschaft so wichtig sind</strong></p> <span id="more-3384"></span> <p>Wissenschaft und Journalismus haben mindestens ein Ziel gemeinsam, nämlich das der Wahrheitssuche. Schon in der <a href="https://www.presserat.de/pressekodex.html">Präambel des Pressekodex</a> des Deutschen Presserats findet sich der Passus, dass Journalisten ihre Arbeit “nach bestem Wissen und Gewissen, unbeeinflusst von persönlichen Interessen und sachfremden Beweggründen” wahrnehmen sollen.</p> <p>Darauf folgt, in Ziffer 1, <em>Wahrhaftigkeit</em>: “Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse. Jede in der Presse tätige Person wahrt auf dieser Grundlage das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Medien.”</p> <p>Demgemäß geht es in Ziffer 2, <em>Sorgfalt</em>, weiter. Die Recherche sei unverzichtbar und ihre Ergebnisse seien “mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben.” Ziffer 3, <em>Richtigstellung</em>, enthält den Auftrag, Fehler “unverzüglich von sich aus in angemessener Weise richtig zu stellen.”</p> <p>Und analog dazu heißt es im ersten Artikel der <a href="https://www.ifj.org/who/rules-and-policy/global-charter-of-ethics-for-journalists">Globalen Ethik-Charta</a> der Internationalen Vereinigung der Journalisten: “Der Respekt vor den Fakten und dem Recht der Öffentlichkeit auf Wahrheit ist die oberste Pflicht des Journalisten.” Von Fakten und der Treue zu ihnen ist in der Charta ganze sechsmal die Rede.<aside></aside></p> <h2 id="h-transparenz">Transparenz</h2> <p>Die folgenden Gedanken will ich am Beispiel des 1995 gegründeten <em>Telepolis</em>-Magazins entwickeln. Da ich dort in der Zeit vom 27. Januar 2005 bis zum 27. Juli 2022 stolze <a href="https://www.telepolis.de/autoren/Stephan-Schleim-3458302.html">283 Artikel</a> veröffentlichte, kann ich in der Sache natürlich nicht ganz unbefangen sein.</p> <p>Indem ich diese Information voranstelle, können die Leserinnen und Leser ihre eigenen Schlüsse ziehen. Wer will, kann diesen Text also besonders kritisch lesen.</p> <h2 id="h-geld">Geld</h2> <p>Am Anfang haben wir von den hehren Werten und Zielen des Journalismus gelesen. Nun wissen wir aber alle, dass diese mit eher weltlichen Werten und Zielen in Konflikt stehen: nämlich dem Gewinnstreben. Der weltlichste aller Werte ist das Geld.</p> <p>Nun hat gerade das Internet mit seinen überall verfügbaren Gratis-Inhalten zu einer Gratis-Mentalität bei Leserinnen und Lesern geführt, die klassische Medien in die Bredouille brachte: Warum soll man schließlich für etwas zahlen, das man überall kostenlos bekommt? Klammern wir im Folgenden die Öffentlich-Rechtlichen aus, auch wenn darüber viel zu sagen wäre; warum zum Beispiel deren Intendanten dafür, dass sie anderen bei der Arbeit zugucken, <a href="https://www.ard.de/die-ard/organisation-der-ard/Gehaelter-und-Verguetungen-102/">zwischen 250.000 und 415.000 Euro im Jahr</a> (Zahlen für 2023) verdienen müssen – exklusive Aufwandsentschädigung und Sachbezüge, versteht sich.</p> <p>Auf dem freien Markt aber muss es zu dem kommen, was man in Marketingsprache “conversion” nennt: Damit ist kein Glaubenswechsel gemeint, sondern der Wechsel vom klickenden und lesenden zum <em>zahlenden</em> Kunden. Kurzum, ein Verlag kann in der Regel kein reines Hobbyprojekt sein, sondern muss Inhalte anbieten, für die genug Leute Geld springen lassen – oder zumindest über Werbung Dienstleistungen oder Produkte kaufen.</p> <h2 id="h-interessenkonflikte">Interessenkonflikte</h2> <p>Die eingangs erwähnten Pressekodizes äußern sich darüber, wie Journalisten <em>arbeiten</em> sollten. Sie verraten aber nicht, wie das <em>profitabel</em> sein kann. Und so sind Journalisten und Redakteure, die Inhalte bereitstellen, oft im arbeitsrechtlichen Sinne an Weisungen des Chefredakteurs und Herausgebers gebunden. Über all dem steht schließlich der Verleger, dem das alles gehört.</p> <p>Wer den Entscheidungen von oben nicht Folge leistet, dem droht die Entlassung; und ein Verlag, der nicht profitabel ist, steht vorm Konkurs. Das sind die Selektionsmechanismen des Marktes, die dafür sorgen, dass sich die jedenfalls bei den Verlagshäusern verfügbaren Inhalte unterm Strich gut genug verkaufen müssen. Je weniger das durch die direkte Vermarktung an die lesenden Kunden passiert, desto wichtiger wird der Werbemarkt. Und das führt dann zu einer Abhängigkeit von den Werbekunden.</p> <p>Noch zwei Gedanken am Rande: Vergessen wir nicht, dass die Multimilliardenunternehmen wie Alphabet (mit u.a. Google) und Meta (mit u.a. Facebook und Instagram; WhatsApp soll bald auch Werbung bekommen) überhaupt erst durch personalisierte Werbung riesengroß wurden. Und auch in der Wissenschaft steht das Ideal der Unabhängigkeit aufgrund von Wettbewerb und Mittelkürzungen unter dem realen <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/dozent-des-jahres/">Druck des Drittemittelzwangs</a>.</p> <p>Aus der Marktlogik ergibt sich der Interessenkonflikt – und zwar sowohl im Journalismus als auch in der Wissenschaft – zwischen unabhängiger Wahrheitssuche und abhängiger Profitfindung. Wer bei Letzterer durchfällt, wird in fast schon Darwin’scher Manier ausselektiert. Wir erinnern uns, dass die Sozialdarwinisten diese Logik auf die gesamte Gesellschaft übertrugen und das für das natürliche Ideal hielten. (Kein Wunder: Mit ihrem Wohlstand standen sie ganz oben – und wollten dort auch bleiben.)</p> <h2 id="h-die-heise-gruppe">Die Heise Gruppe</h2> <p>Die Marktlogik müssen wir also im Hinterkopf behalten. Wenn, wie ich es aus eigener Erfahrung oft genug erlebt habe, vom (Chef-) Redakteur die Antwort kommt, der angebotene Inhalt sei nicht geeignet, nicht zielgruppenkonform oder schlicht nicht gut genug, kann sich dahinter viel verbergen. Vielleicht ist es so, wie man gesagt bekommt. Vielleicht ist das aber auch eine Chiffre, die Geheimsprache dafür, dass der Inhalt nicht profitabel genug ist – oder nicht zu dem Bild passt, das die Führungsebene vor Augen hat.</p> <p>(Der größte Witz meiner publizistischen Tätigkeit war ein Chefredakteur einer großen Wochenzeitung, der meine Replik zur Frage, ob der Kapitalismus die Menschen krank macht, trotz meiner höflichen Nachfragen so lange ignorierte, bis er sie mit der Begründung ablehnte, der Text sei inzwischen zu alt. Auch so erhält man die “Qualität” aufrecht.)</p> <p>Das müssen wir alles mitdenken, wenn wir uns jetzt mit den Vorgängen von <em>Telepolis</em> beschäftigen, einer Tochter der Heise Gruppe GmbH &amp; Co. KG, der – unter anderem – auch die Computerzeitschriften <em>c’t</em> und <em>iX</em> sowie <em>Technology Review</em> und mehrere Buchverlage gehören. Nebenbei: Der <em>c’t</em> bin ich seit August 1996 als zahlender Leser treu.</p> <h2 id="h-qualitatsoffensive">Qualitätsoffensive</h2> <p>Nun startete <em>Telepolis</em> nach dem Wechsel des Chefredakteurs – 2021 folgte Harald Neuber auf den in den Ruhestand gehenden Florian Rötzer – eine “Qualitätsoffensive”. Zunächst erhielten alle Artikel aus der Rötzer-Zeit einen Warnhinweis, dass sie möglicherweise nicht mehr den neuen Qualitätsstandards genügen. Heute lauter der Disclaimer: “Der folgende Beitrag ist vor 2021 erschienen. Unsere Redaktion hat seither ein neues Leitbild und redaktionelle Standards.”</p> <p>Ich selbst beendete nach meinem Artikel vom 27. Juli 2022 die Zusammenarbeit. Man muss hier keine schmutzige Wäsche waschen. Wenn man sagt, dass es menschlich nicht mehr so harmonierte, würden dem vielleicht beide Seiten zustimmen. Auch viele andere Autorinnen und Autoren hörten damals auf. Weil ich die Art des Abschieds nach wohlgemerkt 17 Jahren(!) problemloser Zusammenarbeit schade fand, schrieb ich dem Mutterverlag noch eine E-Mail – und erhielt darauf keine Antwort. Das bestätigte mich in meinem Entschluss.</p> <p>Dieser sollte mir die Verlegenheit ersparen, als aktiver Autor zu der zweiten, noch viel einschneidenderen Stufe der “Qualitätsoffensive” direkt Stellung beziehen zu müssen: Zum 6. Dezember 2024 verschwanden über 70.000 zuvor schon gebrandmarkte <em>Telepolis</em>-Artikel aus 25 Jahren Internetgeschichte mit der Erklärung “<a href="https://www.telepolis.de/features/Qualitaetsoffensive-Telepolis-ueberprueft-historische-Artikel-10190173.html">Qualitätsoffensive: Telepolis überprüft historische Artikel</a>” einfach so vom Netz. So liefen auch unzählige Links anderer Webseiten, darunter Wikipedia, und journalistischer wie wissenschaftlicher Fachliteratur auf einmal ins Leere.</p> <p>Meines Wissens wurde keiner der betroffenen Autoren hierüber im Voraus informiert – nicht einmal der frühere Chefredakteur Florian Rötzer, der in den Jahren 1995-2020 viel Herzblut in das Projekt gesteckt haben muss. Ironischerweise wurden sogar die alten Artikel vom neuen Chefredakteur von diesen Schritten miterfasst: erst deklassiert, dann ganz entfernt.</p> <h2 id="h-wiederauferstehung">Wiederauferstehung</h2> <p>Wir wissen natürlich nicht, welche Vorgaben Verleger und Herausgeber hier gemacht haben, und ich will darüber auch nicht spekulieren. Aber Harald Neuber <em>musste</em> sie als weisungsgebundener Angestellter umsetzen – oder vielleicht gehen. Das bedeutete, sogar seine eigenen Beiträge mit dem Disclaimer zu versehen (z.B. <a href="https://www.telepolis.de/features/Kalter-Krieg-zwischen-ver-di-und-Linken-Spitze-4962716.html">hier</a>) und vom Netz zu nehmen. Wir wissen nur, wie die Redaktion ihre Schritte nach außen rechtfertigte.</p> <p>Die über 70.000 Artikel sind nun, nach einem guten halben Jahr, wieder von den Toten auferstanden. Im <a href="https://www.telepolis.de/features/Zwischen-Mainstream-und-Alternativmedien-Chefredakteur-Neuber-ueber-den-Kurs-von-Telepolis-10463316.html">Interview vom 30. Juni</a> erklärte der neue Chefredakteur: “Es war von Anfang an so geplant – und da muss ich selbstkritisch sagen, das hätten wir deutlicher kommunizieren müssen. Es war aber auch nirgendwo angekündigt, dass wir diese Artikel offline nehmen und sie nie wieder auftauchen. Beides ist Quatsch. Es wurde nur hineininterpretiert.”</p> <p>Wenn man das aber mit der erwähnten Erklärung vom 6. Dezember 2024 vergleicht, kommen Fragen auf. Darin hieß es nämlich: “Viele Archivperlen werden neu erscheinen.” Und: “Wir werden die alten Inhalte systematisch und so schnell wie möglich sichten und – soweit sie noch einen Mehrwert bieten – nach unseren Qualitätskriterien bewerten und überarbeiten. Essays und Fachaufsätze haben dabei Vorrang, tagesaktuelle Texte aus der Vergangenheit nicht. Schrittweise sollen die vielen Perlen aus dem Archiv wieder zugänglich gemacht werden …”</p> <p>Das klingt für mich so, als wollte man nur die Inhalte einiger ausgewählter Autorinnen und Autoren wieder veröffentlichen. In der Folge wird dann auch eine Positivliste “herausragender Autoren” genannt: Stanislaw Lem, Cory Doctorow, Jaron Lanier, Evgeny Morozov, Mark Amerika, Douglas Rushkoff, Michael Goldhaber, Martin Pawley, Christoph Butterwegge sowie Christian Hacke. Und für ganz am Ende der Liste hat man sogar noch zwei Frauen gefunden: Margot Käßmann und Antje Vollmer.</p> <p>Der Artikel schließt mit dem Versprechen: “Freuen Sie sich also darauf, diese Inhalte demnächst überarbeitet und in neuer Aufmachung bei <em>Telepolis</em> wiederzufinden.”</p> <h2 id="h-wunsch-und-realitat">Wunsch und Realität</h2> <p>Ich kann mir einfach keinen Reim darauf machen, wie die Ankündigung vom Ende 2024 und die Schritte vom Sommer 2025 zusammenpassen: Dem Anschein nach wurde nichts überarbeitet oder in neuer Aufmachung neu veröffentlicht, sondern schlicht der Zustand von vorm Dezember 2024 wiederhergestellt. Artikel aus der Zeit der alten Redaktionsleitung sind mit der genannten Distanzierung versehen.</p> <p>Doch eine wichtige Ausnahme gibt es: Die Texte bestimmter Autoren sind jetzt in ein neues “Telepolis Archiv” verschoben. Dort heißt es: “Das Telepolis Archiv enthält Beiträge bis 2021. Diese sind nicht mehr Teil des aktuellen Angebots, bleiben aber über Direktlinks weiterhin erreichbar.” Ein wichtiger Unterschied: Bei der Suche auf der Hauptseite heise.de erscheinen diese nicht mehr als Resultat. Außerdem wurden alle Abbildungen entfernt. Neuber erklärt, dass diese urheberrechtlich problematisch sein und die Gefahr von Abmahnungen mit sich bringen könnten.</p> <p>Formal stört sich der neue Chefredakteur an der seiner Meinung nach unzureichenden Trennung von journalistischen Inhalten und Meinungsartikeln bei den alten Texten. Laut <a href="https://www.telepolis.de/features/Qualitaetsoffensive-Telepolis-macht-historisches-Archiv-wieder-zugaenglich-10475929.html">seinem Artikel vom 5. Juli</a> sind ihm insbesondere Publikationen aus “Krisenzeiten wie nach 9/11, während der sogenannten Flüchtlingskrise oder der Corona-Pandemie” ein Dorn im Auge.</p> <h2 id="h-wie-es-weitergeht">Wie es weitergeht</h2> <p>Er stellt die Frage, “Wie weiter mit tendenziell problematischen Inhalten?”, und antwortet nach meinem Verständnis etwas kryptisch: “Noch nicht entschieden haben wir, ob wir die unserer Meinung nach problematischen Inhalte … nach der Umstellung von <em>Telepolis</em> auf ein neues Contentmanagementsystem in diesem Jahr weiter zur Verfügung stellen. Doch auch wenn wir die Links nicht weiter anbieten, bleiben sie bestehen. Verlinkungen funktionieren wieder und sie sind über gängige Suchmaschinen auffindbar.”</p> <p>Wie können Links bestehen bleiben, wenn man sie nicht weiter anbietet? Da Recherche für gute journalistische Arbeit ebenso unerlässlich ist wie – laut Neuber selbst – das Einholen unterschiedlicher Sichtweisen, habe ich den neuen Chefredakteur selbst gefragt. Seit Montagmorgen, den 7. Juli um 5:30 Uhr konnte er mir darauf (noch) keine Antwort geben.</p> <p>So bleibt ein weiteres Fragezeichen der redaktionellen Arbeit im Raum stehen.</p> <h2 id="h-schuss-nach-hinten">Schuss nach hinten?</h2> <p>Alles in allem wirkt es so auf mich, als sei man von der “Qualitätsoffensive” in eine Kommunikationsdefensive geraten. Die alten Inhalte sind wieder da, offenbar ohne Überarbeitung, doch zum Teil ohne Bilder und ausgeschlossen von der Suchfunktion des Verlags.</p> <p>Was <em>schrittweise</em> geschehen sollte, passierte <em>plötzlich</em>. Übrigens scheint mir die Ankündigung, alte Texte von zum Teil gar nicht mehr lebenden Autoren in neuer Überarbeitung zu veröffentlichen, rechtlich nicht unproblematisch.</p> <p>Kommunikative Defizite hat Neuber selbst eingeräumt. Beim Vergleich der Erklärungen vom Dezember 2024 und Sommer 2025 ergeben sich Widersprüche. Man kann sich schon fragen, wozu das alles, wenn die alten Texte angeblich nur noch drei Prozent des Online-Verkehrs ausmachen? Und wenn man sich unbedingt von deren Inhalten distanzieren will, hätte dann der Disclaimer nicht gereicht?</p> <h2 id="h-leserkontakt">Leserkontakt</h2> <p>Ein Teil der “Qualitätsinitiative” besteht übrigens darin, Diskussionen nur noch bei einem Teil der Artikel zuzulassen. Ich erinnere mich noch an Zeiten, in denen die Diskussionsforen zu manchen Texten mitunter vierstellige Kommentarzahlen erreichten. Verglichen damit geht es heute sehr ruhig zu.</p> <p>Es stimmt zwar, dass in den letzten Jahren immer mehr Verlage ihre Kommentarbereiche einschränkten oder gleich ganz schlossen. Das hat meiner Meinung nach aber die Unzufriedenheit vieler Leserinnen und Leser nur noch vergrößert: Niemand lässt sich gern von seiner Redaktion den Mund verbieten.</p> <p>Wenn, wie laut Neuber, zur Moderation ungenügend Ressourcen zur Verfügung stehen, könnte man auch überlegen, ob man zu viel moderiert. Warum entscheidet man sich nicht im Zweifel <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/meinungsfreiheit-und-das-hausrecht-im-zeitalter-des-internets/">für die Meinungsäußerungsfreiheit</a> und entfernt nur strafrechtlich relevante Inhalte?</p> <p>Jedenfalls ist der Ton im Netz nicht dadurch weniger rau geworden, dass diese User nun auf X oder in Telegram-Kanälen kommunizieren müssen; wahrscheinlich sogar eher im Gegenteil.</p> <h2 id="h-das-letzte-wort">Das letzte Wort</h2> <p>Ich fing mit journalistischen Standards an und uns sollte jetzt klar geworden sein, wer hier das letzte Wort hat: der Chefredakteur, über ihm der Herausgeber und über dem der Verleger – im Rechtsstaat natürlich im Streitfall über allem die Gerichte. Die “Qualitätsoffensive” von Telepolis führt uns vor Augen, dass weite Teile des Internets unter dem Vorbehalt kommerzieller Anbieter und ihrer Interessen stehen.</p> <p>Unabhängigkeit, Neutralität, Faktentreue, Wahrheitsfindung – das sind alles hehre Ziele. Als Orientierung sind sie – sowohl im Journalismus als auch in der Wissenschaft – trotzdem wichtig, weswegen die eingangs zitierten Pressekodizes auch sinnvoll sind. Auf dem Markt einer kapitalistischen Gesellschaft stehen sie aber letztlich unter dem Vorbehalt der Profitabilität.</p> <p>Man muss nicht aktiv lügen, um eine Aussage zu verfälschen. Man kann auch durch die Selektion oder bestimmtes Framing von Fakten die Botschaft verbreiten, die einem gefällt. Das fängt schon bei der Auswahl von Redaktionen an, was sie für berichtenswert halten, welche Quellen sie einbeziehen und welcher Sichtweise sie wie viel Raum geben. Bei den klassischen Medien ist die politische Ausrichtung klar, ist die <em>FAZ</em> etwa eher als rechtskonservativ, die <em>taz</em> eher als linksprogressiv und die <em>Bild</em> vor allem als plakativ bekannt. Wenn das allen bewusst ist, lässt sich das eher einordnen.</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Sogar in der Wissenschaft gibt es keine reine Objektivität: Schon bei der Bewertung von Seminararbeiten gehen die Meinungen auseinander, Teile der Naturwissenschaften vielleicht ausgenommen. Das wichtige Vieraugenprinzip (peer review) kann nur so gut sein, wie die Gutachter, <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/warum-die-wissenschaft-nicht-frei-ist-2/">die man einbezieht</a>. Und auch die Ergebnisse randomisierter kontrollierter Studien (RCTs) lassen sich zum Beispiel durch die Einschlusskriterien und <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/groesstenteils-nutzlos-und-potenziell-schaedlich/">Vorauswahl von Versuchspersonen beeinflussen</a>, in ähnlicher weise die Meta-Analysen.</p> <p>Der berühmte kanadische Wissenschaftstheoretiker Ian Hacking (1936-2023) sagte einmal auf einer Tagung: Nach Objektivität sollte man zwar streben, doch nicht so viel darüber reden. Auch das Streben nach mehr Qualität in den Medien ist redlich. Nach meinem Ergebnis wirkt die “Qualitätsoffensive” von Telepolis bisher jedoch eher übereilt und chaotisch. Aber sie gab uns immerhin den Anlass, über wichtige Prinzipien in Journalismus und Wissenschaft nachzudenken.</p> <p>Was bleibt nun von der “Offensive”? Ein Warnhinweis. Die Kommunikation der Redaktion ließ nach eigenem Bekunden zu wünschen übrig. Über 70.000 Artikel, die ohnehin kaum aufgerufen werden, waren vorübergehend offline. Ein Teil ist jetzt im getrennten Archiv, das wie ein Giftschrank funktioniert.</p> <p><br></br>Die Grenzziehung wirkt dabei willkürlich: Beispielsweise sind die Artikel des früheren Chefredakteurs Florian Rötzer bis zum 31.12.2020 jetzt im Giftschrank verschwunden (z.B. <a href="https://www.telepolis.de/features/Ciao-Telepolis-5000609.html">hier</a>). Nachdem sich der Zeiger über die Grenze zum Neujahr schob, erfüllten Rötzers Artikel dem Anschein nach auf einmal die neuen Qualitätsstandards (z.B. <a href="https://www.telepolis.de/features/Duerfen-Geimpfte-und-Ungeimpfte-unterschiedliche-Rechte-haben-5041240.html">hier</a>). Diese (angeblich) die Qualität sichernde Maßnahme verordnete der neue Chefredakteur seinen eigenen Artikeln allerdings <em>nicht</em> (z.B. <a href="https://www.telepolis.de/features/Weiteres-Drohnenprogramm-der-Bundeswehr-gescheitert-5000637.html">hier</a>). Und das, obwohl sie unter der Aufsicht des jetzt gebrandmarkten Vorgängers veröffentlicht wurden.</p> <p>Das entfernen der Abbildungen im Archiv ist übrigens so unschuldig nicht: Artikel, in denen diese eine argumentative Funktion erfüllten, sind jetzt nicht mehr nachvollziehbar.</p> <p>Ob der Stichtag 1.1.2021 den Beginn eines Qualitätszeitalters markiert, mögen die Leserinnen und Leser selbst entscheiden. Was das mit dem eingangs erwähnten journalistischen Auftrag zur Wahrheitsfindung zu tun hat, erschließt sich mir jedenfalls nicht.</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <h2 id="h-das-konnte-sie-auch-interessieren">Das könnte Sie auch interessieren:</h2> <ul> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/groesstenteils-nutzlos-und-potenziell-schaedlich/">Antidepressiva: “Größtenteils nutzlos und potenziell schädlich”</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/warum-die-wissenschaft-nicht-frei-ist-2/">Warum die Wissenschaft nicht frei ist</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/meinungsfreiheit-und-das-hausrecht-im-zeitalter-des-internets/">Meinungsfreiheit und das “Hausrecht” im Zeitalter des Internets</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/dozent-des-jahres/">Dozent des Jahres?</a></li> </ul> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Titelgrafik: <a href="https://pixabay.com/illustrations/street-sign-truth-lie-direction-6676760/">geralt</a> Lizenz: <a href="https://pixabay.com/de/service/license-summary/">Pixabay</a></em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg07.met.vgwort.de/na/f4830477f70649ae8d32dad93fd202d8" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/street-sign-6676760_1920.jpg" /><h1>Objektivität und Wahrheitssuche in Journalismus und Wissenschaft » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Warum sie für die Gesellschaft so wichtig sind</strong></p> <span id="more-3384"></span> <p>Wissenschaft und Journalismus haben mindestens ein Ziel gemeinsam, nämlich das der Wahrheitssuche. Schon in der <a href="https://www.presserat.de/pressekodex.html">Präambel des Pressekodex</a> des Deutschen Presserats findet sich der Passus, dass Journalisten ihre Arbeit “nach bestem Wissen und Gewissen, unbeeinflusst von persönlichen Interessen und sachfremden Beweggründen” wahrnehmen sollen.</p> <p>Darauf folgt, in Ziffer 1, <em>Wahrhaftigkeit</em>: “Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse. Jede in der Presse tätige Person wahrt auf dieser Grundlage das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Medien.”</p> <p>Demgemäß geht es in Ziffer 2, <em>Sorgfalt</em>, weiter. Die Recherche sei unverzichtbar und ihre Ergebnisse seien “mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben.” Ziffer 3, <em>Richtigstellung</em>, enthält den Auftrag, Fehler “unverzüglich von sich aus in angemessener Weise richtig zu stellen.”</p> <p>Und analog dazu heißt es im ersten Artikel der <a href="https://www.ifj.org/who/rules-and-policy/global-charter-of-ethics-for-journalists">Globalen Ethik-Charta</a> der Internationalen Vereinigung der Journalisten: “Der Respekt vor den Fakten und dem Recht der Öffentlichkeit auf Wahrheit ist die oberste Pflicht des Journalisten.” Von Fakten und der Treue zu ihnen ist in der Charta ganze sechsmal die Rede.<aside></aside></p> <h2 id="h-transparenz">Transparenz</h2> <p>Die folgenden Gedanken will ich am Beispiel des 1995 gegründeten <em>Telepolis</em>-Magazins entwickeln. Da ich dort in der Zeit vom 27. Januar 2005 bis zum 27. Juli 2022 stolze <a href="https://www.telepolis.de/autoren/Stephan-Schleim-3458302.html">283 Artikel</a> veröffentlichte, kann ich in der Sache natürlich nicht ganz unbefangen sein.</p> <p>Indem ich diese Information voranstelle, können die Leserinnen und Leser ihre eigenen Schlüsse ziehen. Wer will, kann diesen Text also besonders kritisch lesen.</p> <h2 id="h-geld">Geld</h2> <p>Am Anfang haben wir von den hehren Werten und Zielen des Journalismus gelesen. Nun wissen wir aber alle, dass diese mit eher weltlichen Werten und Zielen in Konflikt stehen: nämlich dem Gewinnstreben. Der weltlichste aller Werte ist das Geld.</p> <p>Nun hat gerade das Internet mit seinen überall verfügbaren Gratis-Inhalten zu einer Gratis-Mentalität bei Leserinnen und Lesern geführt, die klassische Medien in die Bredouille brachte: Warum soll man schließlich für etwas zahlen, das man überall kostenlos bekommt? Klammern wir im Folgenden die Öffentlich-Rechtlichen aus, auch wenn darüber viel zu sagen wäre; warum zum Beispiel deren Intendanten dafür, dass sie anderen bei der Arbeit zugucken, <a href="https://www.ard.de/die-ard/organisation-der-ard/Gehaelter-und-Verguetungen-102/">zwischen 250.000 und 415.000 Euro im Jahr</a> (Zahlen für 2023) verdienen müssen – exklusive Aufwandsentschädigung und Sachbezüge, versteht sich.</p> <p>Auf dem freien Markt aber muss es zu dem kommen, was man in Marketingsprache “conversion” nennt: Damit ist kein Glaubenswechsel gemeint, sondern der Wechsel vom klickenden und lesenden zum <em>zahlenden</em> Kunden. Kurzum, ein Verlag kann in der Regel kein reines Hobbyprojekt sein, sondern muss Inhalte anbieten, für die genug Leute Geld springen lassen – oder zumindest über Werbung Dienstleistungen oder Produkte kaufen.</p> <h2 id="h-interessenkonflikte">Interessenkonflikte</h2> <p>Die eingangs erwähnten Pressekodizes äußern sich darüber, wie Journalisten <em>arbeiten</em> sollten. Sie verraten aber nicht, wie das <em>profitabel</em> sein kann. Und so sind Journalisten und Redakteure, die Inhalte bereitstellen, oft im arbeitsrechtlichen Sinne an Weisungen des Chefredakteurs und Herausgebers gebunden. Über all dem steht schließlich der Verleger, dem das alles gehört.</p> <p>Wer den Entscheidungen von oben nicht Folge leistet, dem droht die Entlassung; und ein Verlag, der nicht profitabel ist, steht vorm Konkurs. Das sind die Selektionsmechanismen des Marktes, die dafür sorgen, dass sich die jedenfalls bei den Verlagshäusern verfügbaren Inhalte unterm Strich gut genug verkaufen müssen. Je weniger das durch die direkte Vermarktung an die lesenden Kunden passiert, desto wichtiger wird der Werbemarkt. Und das führt dann zu einer Abhängigkeit von den Werbekunden.</p> <p>Noch zwei Gedanken am Rande: Vergessen wir nicht, dass die Multimilliardenunternehmen wie Alphabet (mit u.a. Google) und Meta (mit u.a. Facebook und Instagram; WhatsApp soll bald auch Werbung bekommen) überhaupt erst durch personalisierte Werbung riesengroß wurden. Und auch in der Wissenschaft steht das Ideal der Unabhängigkeit aufgrund von Wettbewerb und Mittelkürzungen unter dem realen <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/dozent-des-jahres/">Druck des Drittemittelzwangs</a>.</p> <p>Aus der Marktlogik ergibt sich der Interessenkonflikt – und zwar sowohl im Journalismus als auch in der Wissenschaft – zwischen unabhängiger Wahrheitssuche und abhängiger Profitfindung. Wer bei Letzterer durchfällt, wird in fast schon Darwin’scher Manier ausselektiert. Wir erinnern uns, dass die Sozialdarwinisten diese Logik auf die gesamte Gesellschaft übertrugen und das für das natürliche Ideal hielten. (Kein Wunder: Mit ihrem Wohlstand standen sie ganz oben – und wollten dort auch bleiben.)</p> <h2 id="h-die-heise-gruppe">Die Heise Gruppe</h2> <p>Die Marktlogik müssen wir also im Hinterkopf behalten. Wenn, wie ich es aus eigener Erfahrung oft genug erlebt habe, vom (Chef-) Redakteur die Antwort kommt, der angebotene Inhalt sei nicht geeignet, nicht zielgruppenkonform oder schlicht nicht gut genug, kann sich dahinter viel verbergen. Vielleicht ist es so, wie man gesagt bekommt. Vielleicht ist das aber auch eine Chiffre, die Geheimsprache dafür, dass der Inhalt nicht profitabel genug ist – oder nicht zu dem Bild passt, das die Führungsebene vor Augen hat.</p> <p>(Der größte Witz meiner publizistischen Tätigkeit war ein Chefredakteur einer großen Wochenzeitung, der meine Replik zur Frage, ob der Kapitalismus die Menschen krank macht, trotz meiner höflichen Nachfragen so lange ignorierte, bis er sie mit der Begründung ablehnte, der Text sei inzwischen zu alt. Auch so erhält man die “Qualität” aufrecht.)</p> <p>Das müssen wir alles mitdenken, wenn wir uns jetzt mit den Vorgängen von <em>Telepolis</em> beschäftigen, einer Tochter der Heise Gruppe GmbH &amp; Co. KG, der – unter anderem – auch die Computerzeitschriften <em>c’t</em> und <em>iX</em> sowie <em>Technology Review</em> und mehrere Buchverlage gehören. Nebenbei: Der <em>c’t</em> bin ich seit August 1996 als zahlender Leser treu.</p> <h2 id="h-qualitatsoffensive">Qualitätsoffensive</h2> <p>Nun startete <em>Telepolis</em> nach dem Wechsel des Chefredakteurs – 2021 folgte Harald Neuber auf den in den Ruhestand gehenden Florian Rötzer – eine “Qualitätsoffensive”. Zunächst erhielten alle Artikel aus der Rötzer-Zeit einen Warnhinweis, dass sie möglicherweise nicht mehr den neuen Qualitätsstandards genügen. Heute lauter der Disclaimer: “Der folgende Beitrag ist vor 2021 erschienen. Unsere Redaktion hat seither ein neues Leitbild und redaktionelle Standards.”</p> <p>Ich selbst beendete nach meinem Artikel vom 27. Juli 2022 die Zusammenarbeit. Man muss hier keine schmutzige Wäsche waschen. Wenn man sagt, dass es menschlich nicht mehr so harmonierte, würden dem vielleicht beide Seiten zustimmen. Auch viele andere Autorinnen und Autoren hörten damals auf. Weil ich die Art des Abschieds nach wohlgemerkt 17 Jahren(!) problemloser Zusammenarbeit schade fand, schrieb ich dem Mutterverlag noch eine E-Mail – und erhielt darauf keine Antwort. Das bestätigte mich in meinem Entschluss.</p> <p>Dieser sollte mir die Verlegenheit ersparen, als aktiver Autor zu der zweiten, noch viel einschneidenderen Stufe der “Qualitätsoffensive” direkt Stellung beziehen zu müssen: Zum 6. Dezember 2024 verschwanden über 70.000 zuvor schon gebrandmarkte <em>Telepolis</em>-Artikel aus 25 Jahren Internetgeschichte mit der Erklärung “<a href="https://www.telepolis.de/features/Qualitaetsoffensive-Telepolis-ueberprueft-historische-Artikel-10190173.html">Qualitätsoffensive: Telepolis überprüft historische Artikel</a>” einfach so vom Netz. So liefen auch unzählige Links anderer Webseiten, darunter Wikipedia, und journalistischer wie wissenschaftlicher Fachliteratur auf einmal ins Leere.</p> <p>Meines Wissens wurde keiner der betroffenen Autoren hierüber im Voraus informiert – nicht einmal der frühere Chefredakteur Florian Rötzer, der in den Jahren 1995-2020 viel Herzblut in das Projekt gesteckt haben muss. Ironischerweise wurden sogar die alten Artikel vom neuen Chefredakteur von diesen Schritten miterfasst: erst deklassiert, dann ganz entfernt.</p> <h2 id="h-wiederauferstehung">Wiederauferstehung</h2> <p>Wir wissen natürlich nicht, welche Vorgaben Verleger und Herausgeber hier gemacht haben, und ich will darüber auch nicht spekulieren. Aber Harald Neuber <em>musste</em> sie als weisungsgebundener Angestellter umsetzen – oder vielleicht gehen. Das bedeutete, sogar seine eigenen Beiträge mit dem Disclaimer zu versehen (z.B. <a href="https://www.telepolis.de/features/Kalter-Krieg-zwischen-ver-di-und-Linken-Spitze-4962716.html">hier</a>) und vom Netz zu nehmen. Wir wissen nur, wie die Redaktion ihre Schritte nach außen rechtfertigte.</p> <p>Die über 70.000 Artikel sind nun, nach einem guten halben Jahr, wieder von den Toten auferstanden. Im <a href="https://www.telepolis.de/features/Zwischen-Mainstream-und-Alternativmedien-Chefredakteur-Neuber-ueber-den-Kurs-von-Telepolis-10463316.html">Interview vom 30. Juni</a> erklärte der neue Chefredakteur: “Es war von Anfang an so geplant – und da muss ich selbstkritisch sagen, das hätten wir deutlicher kommunizieren müssen. Es war aber auch nirgendwo angekündigt, dass wir diese Artikel offline nehmen und sie nie wieder auftauchen. Beides ist Quatsch. Es wurde nur hineininterpretiert.”</p> <p>Wenn man das aber mit der erwähnten Erklärung vom 6. Dezember 2024 vergleicht, kommen Fragen auf. Darin hieß es nämlich: “Viele Archivperlen werden neu erscheinen.” Und: “Wir werden die alten Inhalte systematisch und so schnell wie möglich sichten und – soweit sie noch einen Mehrwert bieten – nach unseren Qualitätskriterien bewerten und überarbeiten. Essays und Fachaufsätze haben dabei Vorrang, tagesaktuelle Texte aus der Vergangenheit nicht. Schrittweise sollen die vielen Perlen aus dem Archiv wieder zugänglich gemacht werden …”</p> <p>Das klingt für mich so, als wollte man nur die Inhalte einiger ausgewählter Autorinnen und Autoren wieder veröffentlichen. In der Folge wird dann auch eine Positivliste “herausragender Autoren” genannt: Stanislaw Lem, Cory Doctorow, Jaron Lanier, Evgeny Morozov, Mark Amerika, Douglas Rushkoff, Michael Goldhaber, Martin Pawley, Christoph Butterwegge sowie Christian Hacke. Und für ganz am Ende der Liste hat man sogar noch zwei Frauen gefunden: Margot Käßmann und Antje Vollmer.</p> <p>Der Artikel schließt mit dem Versprechen: “Freuen Sie sich also darauf, diese Inhalte demnächst überarbeitet und in neuer Aufmachung bei <em>Telepolis</em> wiederzufinden.”</p> <h2 id="h-wunsch-und-realitat">Wunsch und Realität</h2> <p>Ich kann mir einfach keinen Reim darauf machen, wie die Ankündigung vom Ende 2024 und die Schritte vom Sommer 2025 zusammenpassen: Dem Anschein nach wurde nichts überarbeitet oder in neuer Aufmachung neu veröffentlicht, sondern schlicht der Zustand von vorm Dezember 2024 wiederhergestellt. Artikel aus der Zeit der alten Redaktionsleitung sind mit der genannten Distanzierung versehen.</p> <p>Doch eine wichtige Ausnahme gibt es: Die Texte bestimmter Autoren sind jetzt in ein neues “Telepolis Archiv” verschoben. Dort heißt es: “Das Telepolis Archiv enthält Beiträge bis 2021. Diese sind nicht mehr Teil des aktuellen Angebots, bleiben aber über Direktlinks weiterhin erreichbar.” Ein wichtiger Unterschied: Bei der Suche auf der Hauptseite heise.de erscheinen diese nicht mehr als Resultat. Außerdem wurden alle Abbildungen entfernt. Neuber erklärt, dass diese urheberrechtlich problematisch sein und die Gefahr von Abmahnungen mit sich bringen könnten.</p> <p>Formal stört sich der neue Chefredakteur an der seiner Meinung nach unzureichenden Trennung von journalistischen Inhalten und Meinungsartikeln bei den alten Texten. Laut <a href="https://www.telepolis.de/features/Qualitaetsoffensive-Telepolis-macht-historisches-Archiv-wieder-zugaenglich-10475929.html">seinem Artikel vom 5. Juli</a> sind ihm insbesondere Publikationen aus “Krisenzeiten wie nach 9/11, während der sogenannten Flüchtlingskrise oder der Corona-Pandemie” ein Dorn im Auge.</p> <h2 id="h-wie-es-weitergeht">Wie es weitergeht</h2> <p>Er stellt die Frage, “Wie weiter mit tendenziell problematischen Inhalten?”, und antwortet nach meinem Verständnis etwas kryptisch: “Noch nicht entschieden haben wir, ob wir die unserer Meinung nach problematischen Inhalte … nach der Umstellung von <em>Telepolis</em> auf ein neues Contentmanagementsystem in diesem Jahr weiter zur Verfügung stellen. Doch auch wenn wir die Links nicht weiter anbieten, bleiben sie bestehen. Verlinkungen funktionieren wieder und sie sind über gängige Suchmaschinen auffindbar.”</p> <p>Wie können Links bestehen bleiben, wenn man sie nicht weiter anbietet? Da Recherche für gute journalistische Arbeit ebenso unerlässlich ist wie – laut Neuber selbst – das Einholen unterschiedlicher Sichtweisen, habe ich den neuen Chefredakteur selbst gefragt. Seit Montagmorgen, den 7. Juli um 5:30 Uhr konnte er mir darauf (noch) keine Antwort geben.</p> <p>So bleibt ein weiteres Fragezeichen der redaktionellen Arbeit im Raum stehen.</p> <h2 id="h-schuss-nach-hinten">Schuss nach hinten?</h2> <p>Alles in allem wirkt es so auf mich, als sei man von der “Qualitätsoffensive” in eine Kommunikationsdefensive geraten. Die alten Inhalte sind wieder da, offenbar ohne Überarbeitung, doch zum Teil ohne Bilder und ausgeschlossen von der Suchfunktion des Verlags.</p> <p>Was <em>schrittweise</em> geschehen sollte, passierte <em>plötzlich</em>. Übrigens scheint mir die Ankündigung, alte Texte von zum Teil gar nicht mehr lebenden Autoren in neuer Überarbeitung zu veröffentlichen, rechtlich nicht unproblematisch.</p> <p>Kommunikative Defizite hat Neuber selbst eingeräumt. Beim Vergleich der Erklärungen vom Dezember 2024 und Sommer 2025 ergeben sich Widersprüche. Man kann sich schon fragen, wozu das alles, wenn die alten Texte angeblich nur noch drei Prozent des Online-Verkehrs ausmachen? Und wenn man sich unbedingt von deren Inhalten distanzieren will, hätte dann der Disclaimer nicht gereicht?</p> <h2 id="h-leserkontakt">Leserkontakt</h2> <p>Ein Teil der “Qualitätsinitiative” besteht übrigens darin, Diskussionen nur noch bei einem Teil der Artikel zuzulassen. Ich erinnere mich noch an Zeiten, in denen die Diskussionsforen zu manchen Texten mitunter vierstellige Kommentarzahlen erreichten. Verglichen damit geht es heute sehr ruhig zu.</p> <p>Es stimmt zwar, dass in den letzten Jahren immer mehr Verlage ihre Kommentarbereiche einschränkten oder gleich ganz schlossen. Das hat meiner Meinung nach aber die Unzufriedenheit vieler Leserinnen und Leser nur noch vergrößert: Niemand lässt sich gern von seiner Redaktion den Mund verbieten.</p> <p>Wenn, wie laut Neuber, zur Moderation ungenügend Ressourcen zur Verfügung stehen, könnte man auch überlegen, ob man zu viel moderiert. Warum entscheidet man sich nicht im Zweifel <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/meinungsfreiheit-und-das-hausrecht-im-zeitalter-des-internets/">für die Meinungsäußerungsfreiheit</a> und entfernt nur strafrechtlich relevante Inhalte?</p> <p>Jedenfalls ist der Ton im Netz nicht dadurch weniger rau geworden, dass diese User nun auf X oder in Telegram-Kanälen kommunizieren müssen; wahrscheinlich sogar eher im Gegenteil.</p> <h2 id="h-das-letzte-wort">Das letzte Wort</h2> <p>Ich fing mit journalistischen Standards an und uns sollte jetzt klar geworden sein, wer hier das letzte Wort hat: der Chefredakteur, über ihm der Herausgeber und über dem der Verleger – im Rechtsstaat natürlich im Streitfall über allem die Gerichte. Die “Qualitätsoffensive” von Telepolis führt uns vor Augen, dass weite Teile des Internets unter dem Vorbehalt kommerzieller Anbieter und ihrer Interessen stehen.</p> <p>Unabhängigkeit, Neutralität, Faktentreue, Wahrheitsfindung – das sind alles hehre Ziele. Als Orientierung sind sie – sowohl im Journalismus als auch in der Wissenschaft – trotzdem wichtig, weswegen die eingangs zitierten Pressekodizes auch sinnvoll sind. Auf dem Markt einer kapitalistischen Gesellschaft stehen sie aber letztlich unter dem Vorbehalt der Profitabilität.</p> <p>Man muss nicht aktiv lügen, um eine Aussage zu verfälschen. Man kann auch durch die Selektion oder bestimmtes Framing von Fakten die Botschaft verbreiten, die einem gefällt. Das fängt schon bei der Auswahl von Redaktionen an, was sie für berichtenswert halten, welche Quellen sie einbeziehen und welcher Sichtweise sie wie viel Raum geben. Bei den klassischen Medien ist die politische Ausrichtung klar, ist die <em>FAZ</em> etwa eher als rechtskonservativ, die <em>taz</em> eher als linksprogressiv und die <em>Bild</em> vor allem als plakativ bekannt. Wenn das allen bewusst ist, lässt sich das eher einordnen.</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Sogar in der Wissenschaft gibt es keine reine Objektivität: Schon bei der Bewertung von Seminararbeiten gehen die Meinungen auseinander, Teile der Naturwissenschaften vielleicht ausgenommen. Das wichtige Vieraugenprinzip (peer review) kann nur so gut sein, wie die Gutachter, <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/warum-die-wissenschaft-nicht-frei-ist-2/">die man einbezieht</a>. Und auch die Ergebnisse randomisierter kontrollierter Studien (RCTs) lassen sich zum Beispiel durch die Einschlusskriterien und <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/groesstenteils-nutzlos-und-potenziell-schaedlich/">Vorauswahl von Versuchspersonen beeinflussen</a>, in ähnlicher weise die Meta-Analysen.</p> <p>Der berühmte kanadische Wissenschaftstheoretiker Ian Hacking (1936-2023) sagte einmal auf einer Tagung: Nach Objektivität sollte man zwar streben, doch nicht so viel darüber reden. Auch das Streben nach mehr Qualität in den Medien ist redlich. Nach meinem Ergebnis wirkt die “Qualitätsoffensive” von Telepolis bisher jedoch eher übereilt und chaotisch. Aber sie gab uns immerhin den Anlass, über wichtige Prinzipien in Journalismus und Wissenschaft nachzudenken.</p> <p>Was bleibt nun von der “Offensive”? Ein Warnhinweis. Die Kommunikation der Redaktion ließ nach eigenem Bekunden zu wünschen übrig. Über 70.000 Artikel, die ohnehin kaum aufgerufen werden, waren vorübergehend offline. Ein Teil ist jetzt im getrennten Archiv, das wie ein Giftschrank funktioniert.</p> <p><br></br>Die Grenzziehung wirkt dabei willkürlich: Beispielsweise sind die Artikel des früheren Chefredakteurs Florian Rötzer bis zum 31.12.2020 jetzt im Giftschrank verschwunden (z.B. <a href="https://www.telepolis.de/features/Ciao-Telepolis-5000609.html">hier</a>). Nachdem sich der Zeiger über die Grenze zum Neujahr schob, erfüllten Rötzers Artikel dem Anschein nach auf einmal die neuen Qualitätsstandards (z.B. <a href="https://www.telepolis.de/features/Duerfen-Geimpfte-und-Ungeimpfte-unterschiedliche-Rechte-haben-5041240.html">hier</a>). Diese (angeblich) die Qualität sichernde Maßnahme verordnete der neue Chefredakteur seinen eigenen Artikeln allerdings <em>nicht</em> (z.B. <a href="https://www.telepolis.de/features/Weiteres-Drohnenprogramm-der-Bundeswehr-gescheitert-5000637.html">hier</a>). Und das, obwohl sie unter der Aufsicht des jetzt gebrandmarkten Vorgängers veröffentlicht wurden.</p> <p>Das entfernen der Abbildungen im Archiv ist übrigens so unschuldig nicht: Artikel, in denen diese eine argumentative Funktion erfüllten, sind jetzt nicht mehr nachvollziehbar.</p> <p>Ob der Stichtag 1.1.2021 den Beginn eines Qualitätszeitalters markiert, mögen die Leserinnen und Leser selbst entscheiden. Was das mit dem eingangs erwähnten journalistischen Auftrag zur Wahrheitsfindung zu tun hat, erschließt sich mir jedenfalls nicht.</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <h2 id="h-das-konnte-sie-auch-interessieren">Das könnte Sie auch interessieren:</h2> <ul> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/groesstenteils-nutzlos-und-potenziell-schaedlich/">Antidepressiva: “Größtenteils nutzlos und potenziell schädlich”</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/warum-die-wissenschaft-nicht-frei-ist-2/">Warum die Wissenschaft nicht frei ist</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/meinungsfreiheit-und-das-hausrecht-im-zeitalter-des-internets/">Meinungsfreiheit und das “Hausrecht” im Zeitalter des Internets</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/dozent-des-jahres/">Dozent des Jahres?</a></li> </ul> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Titelgrafik: <a href="https://pixabay.com/illustrations/street-sign-truth-lie-direction-6676760/">geralt</a> Lizenz: <a href="https://pixabay.com/de/service/license-summary/">Pixabay</a></em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg07.met.vgwort.de/na/f4830477f70649ae8d32dad93fd202d8" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/objektivitaet-und-wahrheitssuche-in-journalismus-und-wissenschaft/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>35</slash:comments> </item> <item> <title>3I/ATLAS – ein interstellarer Komet https://scilogs.spektrum.de/meertext/3i-atlas-ein-interstellarer-komet/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/3i-atlas-ein-interstellarer-komet/#comments Mon, 07 Jul 2025 06:46:46 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1712 https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-14.png <link>https://scilogs.spektrum.de/meertext/3i-atlas-ein-interstellarer-komet/</link> </image> <description type="html"><h1>3I/ATLAS - ein interstellarer Komet » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Das neu entdeckte interstellare Objekt – der Komet 3I/ATLAS – ist erst das dritte seiner Art, das jemals beobachtet wurde. „3I“ steht für 3. Interstellares Objekt. Die beiden anderen sind 1I/ʻOumuamua im Jahr 2017 und 2I/Borisov im Jahr 2019. </p> <p><strong>Ein Besucher von jenseits der Leere</strong></p> <p><a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/ESA_tracks_rare_interstellar_comet">Astronomen vom ATLAS-Teleskop (Asteroid Terrestrial-impact Last Alert System, NASA)</a> in Río Hurtado, Chile sichteten den Kometen erstmals am 1. Juli 2025. Seine Flugbahn zeigt, so bestätigten AstronomInnen aus verschiedenen Ländern mittlerweile, dass er von außerhalb unseres Sonnensystems stammt. Aus dem interstellaren Raum! </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-14.png"><img alt="" decoding="async" height="607" sizes="(max-width: 587px) 100vw, 587px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-14.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-14.png 587w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-14-290x300.png 290w" width="587"></img></a></figure> <p>3I/ATLAS fliegt auf einer Bahn, auf der er seinen sonnnächsten Punkt im Oktober 2025 erreichen wird. Dann passiert er in einer Entfernung von e<a href="https://science.nasa.gov/blogs/planetary-defense/2025/07/02/nasa-discovers-interstellar-comet-moving-through-solar-system/">twa 130 bis 210 Millionen Kilometern </a>unseren Heimatstern, seine Geschwindigkeit erreicht dann um 60 km/s (Jawohl! 60 KILOMETER pro SEKUNDE. Das ist irrsinnig schnell). Ab dann wird er sich wieder von ihr entfernen.<br></br>Er ist etwa bis zu 20 Kilometer breit.<br></br><a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/ESA_tracks_rare_interstellar_comet">Für die Erde besteht keine Gefahr</a>, da er sich ihr nicht näher als 240 Millionen Kilometer nähern wird.</p> <h2 id="h-esa-verfolgt-den-interstellaren-eindringling"><strong>ESA verfolgt den interstellaren Eindringling</strong></h2> <p><a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence%20">ESA’s Planetary Defence Office</a> hat <a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/ESA_tracks_rare_interstellar_comet">umgehend auf die Entdeckung reagiert. Automatische </a>Erkennungssysteme alarmierten die ESA-Astronomen, die sich an den weltweiten Bemühungen beteiligen, die Bahn des Kometen zu verfolgen und Beweise für seine Existenz in älteren Daten zu finden – ein Prozess, der als „Vorentdeckung“ bekannt ist.<aside></aside></p> <p>Auch die ESA beobachtet den interstellaren Kometen 3I/ATLAS. Dafür nutzen ESA-AstronomInnen Teleskope in Hawaii, Chile und Australien. Einige dieser Teleskope sind Eigentum der ESA, andere dürfen im Rahmen langjähriger Partnerschaften genutzt werden.</p> <p>Dieses Beobachtungsnetz an sehr großen Teleskopen, das den gesamten Himmel abdeckt, gehört zur ESA-Mission der Planetaren Verteidigung (<a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence">Planetary Defence</a>). Dafür wird u a der Himmel nach Kleinplaneten und anderen Objekten abgesucht, die der Erde nahe kommen könnten. Erdnahe Objekte (Near Earth Objects oder NEOs) werden damit entdeckt, verfolgt und charakterisiert.</p> <h2 id="h-besucher-aus-einer-fremden-region"><strong>Besucher aus einer fremden Region</strong></h2> <p><a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/ESA_tracks_rare_interstellar_comet">Interstellare Objekte wie 3I/ATLAS sind absolut fremd</a>. Während alle Planeten, Monde, Asteroiden, Kometen und Lebensformen unseres Sonnensystems einen gemeinsamen Ursprung haben, bringen interstellare Körper Basis-Informationen aus anderen Systemen.<br></br>Da die Menschheit interstellare Raumfahrt (noch) nicht beherrscht, sind interstellare Körper einzigartige Informationsquellen für direkte Beobachtungen und mögliche Beprobungen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/3I-ATLAS_CFHT_2025-Jul-02_Seligman_et_al._2025_crop-invert.png"><img alt="" decoding="async" height="240" sizes="(max-width: 240px) 100vw, 240px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/3I-ATLAS_CFHT_2025-Jul-02_Seligman_et_al._2025_crop-invert.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/3I-ATLAS_CFHT_2025-Jul-02_Seligman_et_al._2025_crop-invert.png 240w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/3I-ATLAS_CFHT_2025-Jul-02_Seligman_et_al._2025_crop-invert-150x150.png 150w" width="240"></img></a></figure> <p>This photo by the <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Canada%E2%80%93France%E2%80%93Hawaii_Telescope">Canada–France–Hawaii Telescope</a> shows 3I/ATLAS (center) appearing fuzzy and elongated on 2 July 2025, indicating it is a <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Comet">comet</a>. (Wikipedia: Seligman, Darryl Z.; Micheli, Marco; Farnocchia, Davide; Denneau, Larry; Noonan, John W.; Santana-Ros, Toni; et al. (3 July 2025))<p>3I/ATLAS ist ein aktiver Komet, der vermutlich wie alle bisher untersuchten Kometen aus Eis, Staub und Gesteinsfragmenten besteht. Seit <a href="https://www.esa.int/Science_Exploration/Space_Science/Rosetta">ESA`s Rosetta-Mission</a> werden Kometen darum auch „Schmutzige Schneebälle“ genannt. Bei der Annäherung an die Sonne beginnt ihre Erwärmung und sie sublimieren. Bei diesem Vorgang wandeln sich gefrorene Gase direkt in Dampf um, der Staub- und Eispartikel ins All trägt – dabei bilden sich die sichtbare Koma und der Schweif.</p></p> <p>Solche „eisigen Wanderer“ sind also in der Tiefe des Alls entstanden und tragen die dort existierenden Materialien und Verbindungen in sich. Darum wollen die Raumfahrtagenturen und die weltweite Forscher-Community so viele Informationen wie möglich sammeln. Leider wird der Komet bald hinter der Sonne verborgen sein. Aber Anfang Dezember soll er wieder sichtbar werden und den AstronomInnen ein weiteres Zeitfenster für Untersuchungen bieten.<br></br>Eine direkte Beprobung wird nicht möglich werden, solch ein Projekt ist in diesem Zeitraum nicht möglich.</p> <h2 id="h-ein-uberbleibsel-aus-einer-fernen-welt"><strong>Ein Überbleibsel aus einer fernen „Welt“</strong></h2> <p>Nach ESAs legendärer Kometen-Mission <a href="https://www.esa.int/Science_Exploration/Space_Science/Rosetta">Rosetta</a> wäre ein Blick auf einen interstellaren Kometen eine noch eine größere Herausforderung und neue Erkenntnisse.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Comet_Interceptor1.png"><img alt="" decoding="async" height="724" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Comet_Interceptor1-1024x724.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Comet_Interceptor1-1024x724.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Comet_Interceptor1-300x212.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Comet_Interceptor1-768x543.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Comet_Interceptor1-1536x1086.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Comet_Interceptor1.png 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>https://www.cosmos.esa.int/web/comet-interceptor</figcaption></figure> <p>Darum bereitet die ESA in Kooperation mit JAXA die <a href="https://www.esa.int/Science_Exploration/Space_Science/Comet_Interceptor%20">Comet Interceptor-Mission</a> vor. Diese Kometen-Sonde wird im Jahr 2029 in eine Parkbahn am Lagrange-Punkt 2 (L2) zwischen Sonne und Erde gebracht und dort auf ein geeignetes Ziel warten – einen unberührten Kometen aus der fernen Oortschen Wolke, die unser Sonnensystem umgibt. In der Hoffnung, ein interstellares Objekt zu „erwischen“.<br></br>Auch wenn ESA selbst die zeitnahe Entdeckung eines interstellaren Objekt, das für Comet Interceptor erreichbar ist, als eher unwahrscheinlich einschätzt, sei Comet Interceptor „eine Demonstration einer Schnellreaktionsmission, die im Weltraum auf ihr Ziel wartet und ein Wegbereiter für mögliche künftige Missionen<a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/ESA_tracks_rare_interstellar_comet"> zum Abfangen dieser mysteriösen Besucher</a>“.</p> <p>Ein wichtiger Gedanke bei solchen Forschungsprojekten ist auch immer wieder die Frage nach der Entstehung des Lebens. In unserem Sonnensystem sind die grundlegenden biochemischen Verbindungen dafür sehr weit verbreitet. Nicht nur auf vielen Planeten und manchen Monden sind solche grundlegenden organischen Verbindungen schon nachgewiesen, sondern auch auf dem Kometen “Tschuri” 67P/Churyumov-Gerasimenko. Die <a href="https://www.esa.int/Space_in_Member_States/Germany/Rosettas_Komet_enthaelt_die_Bausteine_des_Lebens">Astrophysikerin Kathrin Altwegg und ihr Team hatten 2016 </a>zahlreiche größere Moleküle als Bausteine des Lebens nachgewiesen und sogar die Aminosäure Glycin.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>3I/ATLAS - ein interstellarer Komet » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Das neu entdeckte interstellare Objekt – der Komet 3I/ATLAS – ist erst das dritte seiner Art, das jemals beobachtet wurde. „3I“ steht für 3. Interstellares Objekt. Die beiden anderen sind 1I/ʻOumuamua im Jahr 2017 und 2I/Borisov im Jahr 2019. </p> <p><strong>Ein Besucher von jenseits der Leere</strong></p> <p><a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/ESA_tracks_rare_interstellar_comet">Astronomen vom ATLAS-Teleskop (Asteroid Terrestrial-impact Last Alert System, NASA)</a> in Río Hurtado, Chile sichteten den Kometen erstmals am 1. Juli 2025. Seine Flugbahn zeigt, so bestätigten AstronomInnen aus verschiedenen Ländern mittlerweile, dass er von außerhalb unseres Sonnensystems stammt. Aus dem interstellaren Raum! </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-14.png"><img alt="" decoding="async" height="607" sizes="(max-width: 587px) 100vw, 587px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-14.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-14.png 587w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-14-290x300.png 290w" width="587"></img></a></figure> <p>3I/ATLAS fliegt auf einer Bahn, auf der er seinen sonnnächsten Punkt im Oktober 2025 erreichen wird. Dann passiert er in einer Entfernung von e<a href="https://science.nasa.gov/blogs/planetary-defense/2025/07/02/nasa-discovers-interstellar-comet-moving-through-solar-system/">twa 130 bis 210 Millionen Kilometern </a>unseren Heimatstern, seine Geschwindigkeit erreicht dann um 60 km/s (Jawohl! 60 KILOMETER pro SEKUNDE. Das ist irrsinnig schnell). Ab dann wird er sich wieder von ihr entfernen.<br></br>Er ist etwa bis zu 20 Kilometer breit.<br></br><a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/ESA_tracks_rare_interstellar_comet">Für die Erde besteht keine Gefahr</a>, da er sich ihr nicht näher als 240 Millionen Kilometer nähern wird.</p> <h2 id="h-esa-verfolgt-den-interstellaren-eindringling"><strong>ESA verfolgt den interstellaren Eindringling</strong></h2> <p><a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence%20">ESA’s Planetary Defence Office</a> hat <a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/ESA_tracks_rare_interstellar_comet">umgehend auf die Entdeckung reagiert. Automatische </a>Erkennungssysteme alarmierten die ESA-Astronomen, die sich an den weltweiten Bemühungen beteiligen, die Bahn des Kometen zu verfolgen und Beweise für seine Existenz in älteren Daten zu finden – ein Prozess, der als „Vorentdeckung“ bekannt ist.<aside></aside></p> <p>Auch die ESA beobachtet den interstellaren Kometen 3I/ATLAS. Dafür nutzen ESA-AstronomInnen Teleskope in Hawaii, Chile und Australien. Einige dieser Teleskope sind Eigentum der ESA, andere dürfen im Rahmen langjähriger Partnerschaften genutzt werden.</p> <p>Dieses Beobachtungsnetz an sehr großen Teleskopen, das den gesamten Himmel abdeckt, gehört zur ESA-Mission der Planetaren Verteidigung (<a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence">Planetary Defence</a>). Dafür wird u a der Himmel nach Kleinplaneten und anderen Objekten abgesucht, die der Erde nahe kommen könnten. Erdnahe Objekte (Near Earth Objects oder NEOs) werden damit entdeckt, verfolgt und charakterisiert.</p> <h2 id="h-besucher-aus-einer-fremden-region"><strong>Besucher aus einer fremden Region</strong></h2> <p><a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/ESA_tracks_rare_interstellar_comet">Interstellare Objekte wie 3I/ATLAS sind absolut fremd</a>. Während alle Planeten, Monde, Asteroiden, Kometen und Lebensformen unseres Sonnensystems einen gemeinsamen Ursprung haben, bringen interstellare Körper Basis-Informationen aus anderen Systemen.<br></br>Da die Menschheit interstellare Raumfahrt (noch) nicht beherrscht, sind interstellare Körper einzigartige Informationsquellen für direkte Beobachtungen und mögliche Beprobungen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/3I-ATLAS_CFHT_2025-Jul-02_Seligman_et_al._2025_crop-invert.png"><img alt="" decoding="async" height="240" sizes="(max-width: 240px) 100vw, 240px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/3I-ATLAS_CFHT_2025-Jul-02_Seligman_et_al._2025_crop-invert.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/3I-ATLAS_CFHT_2025-Jul-02_Seligman_et_al._2025_crop-invert.png 240w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/3I-ATLAS_CFHT_2025-Jul-02_Seligman_et_al._2025_crop-invert-150x150.png 150w" width="240"></img></a></figure> <p>This photo by the <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Canada%E2%80%93France%E2%80%93Hawaii_Telescope">Canada–France–Hawaii Telescope</a> shows 3I/ATLAS (center) appearing fuzzy and elongated on 2 July 2025, indicating it is a <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Comet">comet</a>. (Wikipedia: Seligman, Darryl Z.; Micheli, Marco; Farnocchia, Davide; Denneau, Larry; Noonan, John W.; Santana-Ros, Toni; et al. (3 July 2025))<p>3I/ATLAS ist ein aktiver Komet, der vermutlich wie alle bisher untersuchten Kometen aus Eis, Staub und Gesteinsfragmenten besteht. Seit <a href="https://www.esa.int/Science_Exploration/Space_Science/Rosetta">ESA`s Rosetta-Mission</a> werden Kometen darum auch „Schmutzige Schneebälle“ genannt. Bei der Annäherung an die Sonne beginnt ihre Erwärmung und sie sublimieren. Bei diesem Vorgang wandeln sich gefrorene Gase direkt in Dampf um, der Staub- und Eispartikel ins All trägt – dabei bilden sich die sichtbare Koma und der Schweif.</p></p> <p>Solche „eisigen Wanderer“ sind also in der Tiefe des Alls entstanden und tragen die dort existierenden Materialien und Verbindungen in sich. Darum wollen die Raumfahrtagenturen und die weltweite Forscher-Community so viele Informationen wie möglich sammeln. Leider wird der Komet bald hinter der Sonne verborgen sein. Aber Anfang Dezember soll er wieder sichtbar werden und den AstronomInnen ein weiteres Zeitfenster für Untersuchungen bieten.<br></br>Eine direkte Beprobung wird nicht möglich werden, solch ein Projekt ist in diesem Zeitraum nicht möglich.</p> <h2 id="h-ein-uberbleibsel-aus-einer-fernen-welt"><strong>Ein Überbleibsel aus einer fernen „Welt“</strong></h2> <p>Nach ESAs legendärer Kometen-Mission <a href="https://www.esa.int/Science_Exploration/Space_Science/Rosetta">Rosetta</a> wäre ein Blick auf einen interstellaren Kometen eine noch eine größere Herausforderung und neue Erkenntnisse.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Comet_Interceptor1.png"><img alt="" decoding="async" height="724" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Comet_Interceptor1-1024x724.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Comet_Interceptor1-1024x724.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Comet_Interceptor1-300x212.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Comet_Interceptor1-768x543.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Comet_Interceptor1-1536x1086.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Comet_Interceptor1.png 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>https://www.cosmos.esa.int/web/comet-interceptor</figcaption></figure> <p>Darum bereitet die ESA in Kooperation mit JAXA die <a href="https://www.esa.int/Science_Exploration/Space_Science/Comet_Interceptor%20">Comet Interceptor-Mission</a> vor. Diese Kometen-Sonde wird im Jahr 2029 in eine Parkbahn am Lagrange-Punkt 2 (L2) zwischen Sonne und Erde gebracht und dort auf ein geeignetes Ziel warten – einen unberührten Kometen aus der fernen Oortschen Wolke, die unser Sonnensystem umgibt. In der Hoffnung, ein interstellares Objekt zu „erwischen“.<br></br>Auch wenn ESA selbst die zeitnahe Entdeckung eines interstellaren Objekt, das für Comet Interceptor erreichbar ist, als eher unwahrscheinlich einschätzt, sei Comet Interceptor „eine Demonstration einer Schnellreaktionsmission, die im Weltraum auf ihr Ziel wartet und ein Wegbereiter für mögliche künftige Missionen<a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/ESA_tracks_rare_interstellar_comet"> zum Abfangen dieser mysteriösen Besucher</a>“.</p> <p>Ein wichtiger Gedanke bei solchen Forschungsprojekten ist auch immer wieder die Frage nach der Entstehung des Lebens. In unserem Sonnensystem sind die grundlegenden biochemischen Verbindungen dafür sehr weit verbreitet. Nicht nur auf vielen Planeten und manchen Monden sind solche grundlegenden organischen Verbindungen schon nachgewiesen, sondern auch auf dem Kometen “Tschuri” 67P/Churyumov-Gerasimenko. Die <a href="https://www.esa.int/Space_in_Member_States/Germany/Rosettas_Komet_enthaelt_die_Bausteine_des_Lebens">Astrophysikerin Kathrin Altwegg und ihr Team hatten 2016 </a>zahlreiche größere Moleküle als Bausteine des Lebens nachgewiesen und sogar die Aminosäure Glycin.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/meertext/3i-atlas-ein-interstellarer-komet/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>13</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeoPlänkel: Rieselnde Vulkanasche und kollidierende Galaxien https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-rieselnde-vulkanasche-und-kollidierende-galaxien/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-rieselnde-vulkanasche-und-kollidierende-galaxien/#respond Sun, 06 Jul 2025 16:40:19 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1716 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag118-geplaenkel-768x768.jpg Ein diagonal geteiltes Bild: Zwei Spiralgalaxien befinden sich nahe beieinander. Ein schwarzer Berg, rote Fontänen schießen in die Höhe. Darüber steht: AstroGeoPlänkel. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-rieselnde-vulkanasche-und-kollidierende-galaxien/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag118-geplaenkel_sl_neu.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Rieselnde Vulkanasche und kollidierende Galaxien » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>In dieser Folge widmen sich Franzi und Karl dem Feedback zu den letzten beiden Geschichten im AstroGeo Podcast. Zunächst geht es um den gewaltigen Laki-Vulkanausbruch von 1783. Gefragt wurde nach der Menge ausgestoßenen Schwefeldioxids und dem Vergleich zu heutigen Kohlekraftwerken. Wir haben das auf Basis einer aktuelleren Quelle konkretisiert: Der Laki-Ausbruch hat fast doppelt so viel Schwefeldioxid ausgestoßen wie alle heutigen anthropogenen Quellen zusammen. Denn (glücklicherweise) sind die Schwefelemissionen des Menschen seit 20 Jahren rückläufig.</p> <p>Daneben ging es um die isländische Mythologie, die mit dem Vulkan Katla verbunden ist, die Videos von Lavaschutzwällen und einem lebendigen Bericht von einem Vulkanausbruch in Ecuador.</p> <p>Und was ist eigentlich mit der Aussage aus Karls Geschichte über die Laki-Feuer,, das Jahr des Ausbruchs 1783 habe in Europa zu einem “Jahr ohne Sommer” geführt? Das stimmte so nicht: Die Umwelthistorikerin Katrin Kleemann hat ihre Doktorarbeit darüber geschrieben und Karl hat mit ihr gesprochen. Sie erläutert, welche Wetterkapriolen es wirklich in Europa aufgrund des Ausbruchs in Island gab. Das ganze Gespräch mit Katrin Kleemann folgt am Ende dieser Folge.</p> <p>Im Feedback zur vielleicht drohenden Kollision der Milchstraße mit der Andromeda-Galaxie erzählt Franzi von ziemlich tiefen Tönen im interstellaren Gas. Auch geht es um die Bewegung der Andromedagalaxie und diverse Relativgeschwindigkeiten. Zuletzt geht es um die Kollision selbst, die kein einzelnes Aufeinandertreffen ist, sondern ein über Milliarden Jahre dauernder Prozess mit komplexen Schwingungen, gegenseitigem Durchdringen der Sternsysteme und dem Verlust der Spiralformen von Andromedagalaxie und unserer Heimatgalaaxie . Auch die beiden supermassreichen Schwarzen Löcher im Zentrum der zwei Galaxien würden erst sehr spät verschmelzen. Nicht dass wir Menschen davon noch irgendetwas mitbekommen werden, denn all das findet erst in ein paar Milliarden Jahren statt – wenn überhaupt.</p> <p>Zuletzt geht es um wie fast immer positives Hörerfeedback und die Geräusche, die ihr im Podcast-Outro hört.<aside></aside></p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 117: <a href="https://astrogeo.de/sterneninseln-auf-kollisionskurs-wann-trifft-uns-die-andromeda-galaxie/">Galaxien auf Kollisionskurs: Wann trifft uns Andromeda?</a></li> <li>Folge 116: <a href="https://astrogeo.de/vulkanjahr-1783-als-die-laki-feuer-auf-island-die-welt-veraenderten/">Vulkanjahr 1783: Als die Laki-Feuer auf Island die Welt veränderten</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links">Weiterführende Links</h3> <ul> <li>DLF: <a href="https://www.deutschlandfunk.de/energie-aus-der-hoelle-island-spielt-mit-magma-100.html">Energie aus der Hölle – Island spielt mit Magma</a> (Feature von Karl, 2017)</li> <li>Reddit: <a href="https://www.reddit.com/r/HistoryPorn/comments/ff5xvm/the_pichincha_volcano_erupts_near_the_ecuadorean/">The Pichincha volcano erupts near Quito</a></li> <li>Buch: Katrin Kleemann: <a href="https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/9783110731927/html">A Mist Connection, An Environmental History of the Laki Eruption of 1783 and Its Legacy</a>, De Gruyter Brill, 2023 (Open Access)</li> <li>Terra X: <a href="https://www.youtube.com/watch?v=-8xuCBQ6g4k">Der tiefste Ton im Universum</a></li> <li>Podcast: <a href="https://wrint.de/category/wirtschaftskunde/">WRINT Wirtschaftskunde mit Holgi</a></li> <li><a href="https://astrogeo.de/was-hoert-man-im-astrogeo-outro/">Was hört man im AstroGeo-Outro?</a></li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel:<a href="https://www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1108569108"> Schmidt et al.: Excess mortality in Europe following a future Laki-style Icelandic eruption</a>, PNAS (2011)</li> <li>Our World in Data: <a href="https://ourworldindata.org/grapher/so-emissions-by-world-region-in-million-tonnes">Sulfur dioxide emissions from all sectors</a></li> </ul> <p><em>Episodenbild: CC-BY-SA 1.0 David Karnå / NASA, ESA, STScI, Till Sawala (University of Helsinki), DSS, J.</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag118-geplaenkel_sl_neu.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Rieselnde Vulkanasche und kollidierende Galaxien » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>In dieser Folge widmen sich Franzi und Karl dem Feedback zu den letzten beiden Geschichten im AstroGeo Podcast. Zunächst geht es um den gewaltigen Laki-Vulkanausbruch von 1783. Gefragt wurde nach der Menge ausgestoßenen Schwefeldioxids und dem Vergleich zu heutigen Kohlekraftwerken. Wir haben das auf Basis einer aktuelleren Quelle konkretisiert: Der Laki-Ausbruch hat fast doppelt so viel Schwefeldioxid ausgestoßen wie alle heutigen anthropogenen Quellen zusammen. Denn (glücklicherweise) sind die Schwefelemissionen des Menschen seit 20 Jahren rückläufig.</p> <p>Daneben ging es um die isländische Mythologie, die mit dem Vulkan Katla verbunden ist, die Videos von Lavaschutzwällen und einem lebendigen Bericht von einem Vulkanausbruch in Ecuador.</p> <p>Und was ist eigentlich mit der Aussage aus Karls Geschichte über die Laki-Feuer,, das Jahr des Ausbruchs 1783 habe in Europa zu einem “Jahr ohne Sommer” geführt? Das stimmte so nicht: Die Umwelthistorikerin Katrin Kleemann hat ihre Doktorarbeit darüber geschrieben und Karl hat mit ihr gesprochen. Sie erläutert, welche Wetterkapriolen es wirklich in Europa aufgrund des Ausbruchs in Island gab. Das ganze Gespräch mit Katrin Kleemann folgt am Ende dieser Folge.</p> <p>Im Feedback zur vielleicht drohenden Kollision der Milchstraße mit der Andromeda-Galaxie erzählt Franzi von ziemlich tiefen Tönen im interstellaren Gas. Auch geht es um die Bewegung der Andromedagalaxie und diverse Relativgeschwindigkeiten. Zuletzt geht es um die Kollision selbst, die kein einzelnes Aufeinandertreffen ist, sondern ein über Milliarden Jahre dauernder Prozess mit komplexen Schwingungen, gegenseitigem Durchdringen der Sternsysteme und dem Verlust der Spiralformen von Andromedagalaxie und unserer Heimatgalaaxie . Auch die beiden supermassreichen Schwarzen Löcher im Zentrum der zwei Galaxien würden erst sehr spät verschmelzen. Nicht dass wir Menschen davon noch irgendetwas mitbekommen werden, denn all das findet erst in ein paar Milliarden Jahren statt – wenn überhaupt.</p> <p>Zuletzt geht es um wie fast immer positives Hörerfeedback und die Geräusche, die ihr im Podcast-Outro hört.<aside></aside></p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 117: <a href="https://astrogeo.de/sterneninseln-auf-kollisionskurs-wann-trifft-uns-die-andromeda-galaxie/">Galaxien auf Kollisionskurs: Wann trifft uns Andromeda?</a></li> <li>Folge 116: <a href="https://astrogeo.de/vulkanjahr-1783-als-die-laki-feuer-auf-island-die-welt-veraenderten/">Vulkanjahr 1783: Als die Laki-Feuer auf Island die Welt veränderten</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links">Weiterführende Links</h3> <ul> <li>DLF: <a href="https://www.deutschlandfunk.de/energie-aus-der-hoelle-island-spielt-mit-magma-100.html">Energie aus der Hölle – Island spielt mit Magma</a> (Feature von Karl, 2017)</li> <li>Reddit: <a href="https://www.reddit.com/r/HistoryPorn/comments/ff5xvm/the_pichincha_volcano_erupts_near_the_ecuadorean/">The Pichincha volcano erupts near Quito</a></li> <li>Buch: Katrin Kleemann: <a href="https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/9783110731927/html">A Mist Connection, An Environmental History of the Laki Eruption of 1783 and Its Legacy</a>, De Gruyter Brill, 2023 (Open Access)</li> <li>Terra X: <a href="https://www.youtube.com/watch?v=-8xuCBQ6g4k">Der tiefste Ton im Universum</a></li> <li>Podcast: <a href="https://wrint.de/category/wirtschaftskunde/">WRINT Wirtschaftskunde mit Holgi</a></li> <li><a href="https://astrogeo.de/was-hoert-man-im-astrogeo-outro/">Was hört man im AstroGeo-Outro?</a></li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel:<a href="https://www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1108569108"> Schmidt et al.: Excess mortality in Europe following a future Laki-style Icelandic eruption</a>, PNAS (2011)</li> <li>Our World in Data: <a href="https://ourworldindata.org/grapher/so-emissions-by-world-region-in-million-tonnes">Sulfur dioxide emissions from all sectors</a></li> </ul> <p><em>Episodenbild: CC-BY-SA 1.0 David Karnå / NASA, ESA, STScI, Till Sawala (University of Helsinki), DSS, J.</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-rieselnde-vulkanasche-und-kollidierende-galaxien/#respond 0 Forschung zu Naturrisiken in der Schweiz – Was können wir daraus lernen? https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/forschung-zu-naturrisiken-in-der-schweiz-was-koennen-wir-daraus-lernen/ https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/forschung-zu-naturrisiken-in-der-schweiz-was-koennen-wir-daraus-lernen/#comments Fri, 04 Jul 2025 16:10:05 +0000 Karin Schumacher https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/?p=4533 https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6692-Portalet-Bergsturz_-768x512.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/forschung-zu-naturrisiken-in-der-schweiz-was-koennen-wir-daraus-lernen/</link> </image> <description type="html"><h1>Forschung zu Naturrisiken in der Schweiz – Was können wir daraus lernen? » Medicine & More » SciLogs</h1><h2>By Karin Schumacher</h2><div itemprop="text"> <p><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/9b5540a44ad4439c9fe8652ba3681fbc" width="1"></img><strong>Die Schweiz ist aufgrund ihrer geografischen Lage regelmäßig von Naturgefahren betroffen – von Murgängen bis zu Felsstürzen, vom Hagel bis zum Hochwasser. Wie das Alpenland mit Risiken umgeht und welche Rolle Forschung, Versicherungen und Behörden dabei spielen, könnte auch für andere Länder ein Modell sein.</strong><span id="more-4533"></span></p> <p>Am 28. Mai 2025 löste sich ein großer Teil des Birch-Gletschers im Wallis und verschüttete das Dorf Blatten fast vollständig. Der Bergsturz wurde durch das Schmelzen des Permafrosts, eine zunehmende Erwärmung und weitere destabilisierende Faktoren für den Gletscher ausgelöst. Dank eines ausgeklügelten Frühwarnsystems und präzisem Risikomanagement konnten rund 300 Einwohner und ihre Tiere bereits am 19. Mai evakuiert werden.</p> <p>Allerdings zeigte sich im Nachhinein, dass die Sperrzone größer hätte sein müssen. Tragischerweise kam es dennoch zu einem <a href="https://www.topagrar.com/panorama/news/bauern-aus-blatten-haben-tiere-und-felder-verloren-zusammenhalt-enorm-c-20015060.html" rel="noopener" target="_blank">Verlust</a>: Ein Schäfer und seine Tiere wurden verschüttet, da sie sich zum Zeitpunkt des Unglücks in einem Stall etwa 300 Meter außerhalb des Sperrgebiets aufhielten. Suchtrupps fanden die sterblichen Überreste rund einen Monat später in den gigantischen Schuttbergen.</p> <p>Etwa 90 % des Dorfes wurde zerstört, und der Wiederaufbau wird Jahre dauern – zudem kann er nicht mehr am ursprünglichen Standort erfolgen. Zukünftige Analysen müssen nun zuverlässig zeigen, wo ein sicheres „Neu-Blatten“ entstehen kann.</p> <p>Kurz zuvor war eine achtköpfige Delegation der Wissenschaftspressekonferenz (<a href="https://wpk.org/was-wir-bieten/recherchereisen/" rel="noopener" target="_blank">WPK</a>) e.V. auf Einladung des Schweizer Klubs für Wissenschaftsjournalismus (<a href="https://science-journalism.ch/de/bulletin" rel="noopener" target="_blank">SKWJ</a>) in Bern zu Gast. Förderpartnerin des Frühjahrstreffens war die Gebert Rüf Stiftung (<a href="https://www.grstiftung.ch/de.html" rel="noopener" target="_blank">GRS</a>).<aside></aside></p> <p>Nach einem Workshop zu Science &amp; Social Media (siehe mein Beitrag zu <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/tiktokst-du-oder-lebst-du-noch/" rel="noopener" target="_blank">TikTok</a>), einer Stadtführung mit Klimaschwerpunkt durch Bern (siehe <a href="https://wpk.org/was-wir-bieten/recherchereisen/" rel="noopener" target="_blank">Reisebericht</a>) und einem Besuch beim IVI (siehe mein <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/pandemie-praevention-zwischen-kuhweiden-besuch-im-schweizer-hochsicherheitslabor-ivi/" rel="noopener" target="_blank">Beitrag</a>) stand zum Abschluss das Mobiliar Lab für Naturrisiken auf dem Programm.</p> <p>Hochwasser, Murgänge, <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/white-risk-dank-lawinenkunde-spitze/" rel="noopener" target="_blank">Lawinen</a> oder Hagel sind in der Schweiz <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/alpen-klimawandel-katastrophen-und-die-konsequenzen/" rel="noopener" target="_blank">keine Ausnahmen</a>, sondern bekannte Herausforderungen. Die Schweiz begegnet diesen Gefahren mit einem starken Zusammenspiel aus <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/tag-der-offenen-tuer-am-slf-in-davos-am-24-juni-2023-save-the-date/" rel="noopener" target="_blank">Forschung</a>, Verwaltung und Versicherungswirtschaft. Ein zentrales Element dieses Netzwerks ist das Mobiliar Lab für Naturrisiken – ein gemeinsames Projekt der Universität Bern und der genossenschaftlich organisierten Mobiliar-Versicherung.</p> <p>99 % der Gebäude in der Schweiz sind gegen Elementarschäden versichert, meist verpflichtend über kantonale Gebäudeversicherungen („graue Kantone“). In „grünen Kantonen“ wie Genf, Tessin oder Wallis besteht Wahlfreiheit. Auch in Blatten ist diese Versicherung also optional. Dennoch sind fast alle Hausbesitzer – auch in den „grünen Kantonen“ – gegen Elementarschäden versichert. Ein einheitliches Versicherungssystem auf nationaler Ebene ermöglicht es Versicherten in besonders gefährdeten Gebieten, sich zu tragbaren Bedingungen abzusichern. Das Risiko wird auf eine große Anzahl von Versicherten verteilt, was die Kosten für Einzelne niedrig hält.</p> <p>Ein weiteres Merkmal des Systems ist die „doppelte Solidarität“ – sowohl unter Versicherten als auch unter den Versicherern selbst. Im Schadensfall greift ein gemeinsamer Pool mit einer Obergrenze von einer Milliarde Franken pro Ereignis. Für Blatten beispielsweise gehen erste Schätzungen von einem Schaden von mindestens 500 Millionen Schweizer Franken aus.</p> <p>Ein Wendepunkt war das Hochwasser im August 2005, das große Schäden verursachte und die Debatte über Prävention entfachte. Seither werden Schutzmaßnahmen ausgebaut, mobile Barrieren angeschafft und die Forschung intensiviert.</p> <p>Heute verfolgt die Schweiz ein integrales Risikomanagement, das alle Naturgefahren und beteiligten Akteure gemeinsam betrachtet. Ein besonders innovativer Ansatz: So lassen sich Schäden an Autos durch Hagel als Datenquelle nutzen. Fahrzeuge dienen also als mobile Sensoren, ergänzt durch Bürgerbeteiligung über Apps wie <a href="https://www.meteoschweiz.admin.ch/service-und-publikationen/service/wetter-und-klimaprodukte/meteoswiss-app.html" rel="noopener" target="_blank">MeteoSchweiz</a>, die jährlich über 100.000 Extremwetter-Meldungen sammelt.</p> <p>Prof. Andreas Zischg, Leiter der Arbeitsgruppe Modellierung von Mensch-Umwelt-Systemen und Co-Leiter des Mobiliar Lab, und Dr. Matthias Röthlisberger, Co-Leiter Geoanalyse &amp; Naturrisiken bei der Mobiliar-Versicherung, präsentierten ein beeindruckendes Bild der aktuellen Forschung. Besonders spannend: Die Versicherung selbst ist aktiv in die Forschung eingebunden. Als genossenschaftlich organisierter Versicherer hat die Mobiliar ein ureigenes Interesse daran – anders als z.B. als Aktiengesellschaften operierende Versicherer – Schäden durch Extremwetterereignisse zu minimieren.</p> <p>Matthias Röthlisberger fungiert dabei als Brücke zwischen Wissenschaft und Versicherungswesen. Er geht davon aus, dass die Zahl extremer Wetterlagen und damit auch die Schäden in Zukunft zunehmen werden. Klar ist, dass die Temperaturen weiter steigen, mehr Bergrutsche auftreten und Hochwasserereignisse zu schwerwiegenden Überflutungen führen werden.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4541" id="attachment_4541"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5328_Mobiliar-Lab-Bern-160525-@DrKarinSchumacher_-scaled.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="444" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5328_Mobiliar-Lab-Bern-160525-@DrKarinSchumacher_-1024x683.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5328_Mobiliar-Lab-Bern-160525-@DrKarinSchumacher_-1024x683.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5328_Mobiliar-Lab-Bern-160525-@DrKarinSchumacher_-300x200.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5328_Mobiliar-Lab-Bern-160525-@DrKarinSchumacher_-768x512.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5328_Mobiliar-Lab-Bern-160525-@DrKarinSchumacher_-1536x1024.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5328_Mobiliar-Lab-Bern-160525-@DrKarinSchumacher_-2048x1365.jpeg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4541"><em>Dr. Matthias Röthlisberger erklärt, wie Versicherer in der Schweiz aktiv in die Risikoforschung investieren und durch präventive Maßnahmen helfen, Naturgefahren besser zu verstehen und Schäden zu minimieren. (Foto <span>Credit: Dr. Karin Schumacher)</span></em></figcaption></figure> <p>Daher setzt das Mobiliar Lab auf Präventionsforschung – Methoden, Risiken nicht nur zu erkennen, sondern auch zu verstehen und rechtzeitig zu kommunizieren. Die Vision: Statt nur zu reagieren, sollen Schutzmaßnahmen vorausschauend geplant werden. Bei drohendem Hochwasser könnten beispielsweise Tiefgaragen rechtzeitig geschlossen werden – was bei der Flutkatastrophe im spanischen Valencia im Herbst 2024 viele Menschenleben hätte retten können.</p> <p>Prof. Zischg untersucht, wie man auf Basis historischer Hochwasserereignisse bessere Präventionsstrategien entwickeln kann. Dabei zeigt sich: Jeder Fluss reagiert anders – abhängig von seiner „Überschwemmungsgeschichte“, aber auch von baulichen Eingriffen und dem Klimawandel. Seine Forschungen belegen: Schon bei leicht steigenden Pegeln erhöht sich der Schaden exponentiell. Während große Flüsse wie die Aare bereits gut modelliert sind, fehlt es noch an zuverlässigen Daten für kleinere Riedbäche.</p> <p>Mit Hilfe sogenannter Modellketten – von globalen bis zu lokalisierten Klimaszenarien – wird sichtbar, wie sich Naturrisiken in bestimmten Regionen konkret entwickeln könnten. Bottom-up-Analysen identifizieren lokale Schwachstellen wie problematisch Flussverläufe, Top-down-Modelle setzen Einzelereignisse in größere Zusammenhänge.</p> <p>Dank dieser Forschung unterstützen digitale Anwendungen wie <a href="https://www.hochwasserrisiko.ch/de" rel="noopener" target="_blank">hochwasserrisiko.ch</a> und <a href="https://hochwasserdynamik.hochwasserrisiko.ch/de/scenarios" rel="noopener" target="_blank">hochwasserdynamik.ch</a> heute schon Einsatzkräfte bei der Priorisierung von Schutzmaßnahmen. Laut Zischg ist die Vorhersage von Hochwassern inzwischen bis zu sechs Tage im Voraus möglich – wertvolle Zeit, um Personen und Sachwerte zu schützen.</p> <p>Während in der Schweiz nahezu alle Gebäude versichert sind, bleibt die Elementarschadenversicherung in Deutschland freiwillig – mit entsprechend niedriger Abdeckung (etwa 50 %). Trotz steigender Extremwetterlagen fehlt dort bislang ein vergleichbar solidarisches, systematisches Modell.</p> <p>In Deutschlang sind Versicherungsgesellschaften keine Genossenschaften, sondern häufig Aktiengesellschaften, die primär auf Gewinnmaximierung ausgerichtet sind. Die Schadensregulierung wird häufig zu einem juristischen Tauziehen – mit ungewissem Ausgang für die eh oft schon genug vom Ereignis traumatisierten Betroffenen.</p> <p>Naturkatastrophen lassen sich nicht verhindern – aber ihre Folgen können gemildert werden. Die Schweiz zeigt, wie Forschung, Praxis und Solidarität effektiv ineinandergreifen können. Könnte das Schweizer Modell auch für Deutschland ein Vorbild sein?</p> <p>Sicher ist: Resilienz beginnt nicht mit der Katastrophe – sondern lange davor. Und genau das fängt hier an.</p> <ul> <li>Uni Bern – Mobiliar Lab für Naturrisiken: <a href="https://www.mobiliarlab.unibe.ch/index_ger.html" rel="noopener" target="_blank">Website</a> (Forschungsprojekte, Veranstaltungen, Veröffentlichungen im Bereich Naturrisiken und Risikomanagement) <ul> <li><a href="https://www.geography.unibe.ch/ueber_uns/personen/prof_dr_zischg_andreas/index_ger.html#pane303521" rel="noopener" target="_blank">Prof. Dr. Andreas Zischg</a> (einschließlich Forschungsprofil und Publikationen)</li> <li><a href="https://www.mobiliarlab.unibe.ch/ueber_uns/team/personen/dr_roethlisberger_matthias/index_ger.html" rel="noopener" target="_blank">Dr. Matthias Röthlisberger</a> (einschließlich Forschungsprofil und Publikationen)</li> </ul> </li> </ul> <p><strong>Titelfoto</strong> (Credit: Dr. Karin Schumacher): Stürzende Felsen am<em> le Portalet</em> (3344m), Wallis, Schweiz (August 2017).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Forschung zu Naturrisiken in der Schweiz – Was können wir daraus lernen? » Medicine & More » SciLogs</h1><h2>By Karin Schumacher</h2><div itemprop="text"> <p><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/9b5540a44ad4439c9fe8652ba3681fbc" width="1"></img><strong>Die Schweiz ist aufgrund ihrer geografischen Lage regelmäßig von Naturgefahren betroffen – von Murgängen bis zu Felsstürzen, vom Hagel bis zum Hochwasser. Wie das Alpenland mit Risiken umgeht und welche Rolle Forschung, Versicherungen und Behörden dabei spielen, könnte auch für andere Länder ein Modell sein.</strong><span id="more-4533"></span></p> <p>Am 28. Mai 2025 löste sich ein großer Teil des Birch-Gletschers im Wallis und verschüttete das Dorf Blatten fast vollständig. Der Bergsturz wurde durch das Schmelzen des Permafrosts, eine zunehmende Erwärmung und weitere destabilisierende Faktoren für den Gletscher ausgelöst. Dank eines ausgeklügelten Frühwarnsystems und präzisem Risikomanagement konnten rund 300 Einwohner und ihre Tiere bereits am 19. Mai evakuiert werden.</p> <p>Allerdings zeigte sich im Nachhinein, dass die Sperrzone größer hätte sein müssen. Tragischerweise kam es dennoch zu einem <a href="https://www.topagrar.com/panorama/news/bauern-aus-blatten-haben-tiere-und-felder-verloren-zusammenhalt-enorm-c-20015060.html" rel="noopener" target="_blank">Verlust</a>: Ein Schäfer und seine Tiere wurden verschüttet, da sie sich zum Zeitpunkt des Unglücks in einem Stall etwa 300 Meter außerhalb des Sperrgebiets aufhielten. Suchtrupps fanden die sterblichen Überreste rund einen Monat später in den gigantischen Schuttbergen.</p> <p>Etwa 90 % des Dorfes wurde zerstört, und der Wiederaufbau wird Jahre dauern – zudem kann er nicht mehr am ursprünglichen Standort erfolgen. Zukünftige Analysen müssen nun zuverlässig zeigen, wo ein sicheres „Neu-Blatten“ entstehen kann.</p> <p>Kurz zuvor war eine achtköpfige Delegation der Wissenschaftspressekonferenz (<a href="https://wpk.org/was-wir-bieten/recherchereisen/" rel="noopener" target="_blank">WPK</a>) e.V. auf Einladung des Schweizer Klubs für Wissenschaftsjournalismus (<a href="https://science-journalism.ch/de/bulletin" rel="noopener" target="_blank">SKWJ</a>) in Bern zu Gast. Förderpartnerin des Frühjahrstreffens war die Gebert Rüf Stiftung (<a href="https://www.grstiftung.ch/de.html" rel="noopener" target="_blank">GRS</a>).<aside></aside></p> <p>Nach einem Workshop zu Science &amp; Social Media (siehe mein Beitrag zu <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/tiktokst-du-oder-lebst-du-noch/" rel="noopener" target="_blank">TikTok</a>), einer Stadtführung mit Klimaschwerpunkt durch Bern (siehe <a href="https://wpk.org/was-wir-bieten/recherchereisen/" rel="noopener" target="_blank">Reisebericht</a>) und einem Besuch beim IVI (siehe mein <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/pandemie-praevention-zwischen-kuhweiden-besuch-im-schweizer-hochsicherheitslabor-ivi/" rel="noopener" target="_blank">Beitrag</a>) stand zum Abschluss das Mobiliar Lab für Naturrisiken auf dem Programm.</p> <p>Hochwasser, Murgänge, <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/white-risk-dank-lawinenkunde-spitze/" rel="noopener" target="_blank">Lawinen</a> oder Hagel sind in der Schweiz <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/alpen-klimawandel-katastrophen-und-die-konsequenzen/" rel="noopener" target="_blank">keine Ausnahmen</a>, sondern bekannte Herausforderungen. Die Schweiz begegnet diesen Gefahren mit einem starken Zusammenspiel aus <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/tag-der-offenen-tuer-am-slf-in-davos-am-24-juni-2023-save-the-date/" rel="noopener" target="_blank">Forschung</a>, Verwaltung und Versicherungswirtschaft. Ein zentrales Element dieses Netzwerks ist das Mobiliar Lab für Naturrisiken – ein gemeinsames Projekt der Universität Bern und der genossenschaftlich organisierten Mobiliar-Versicherung.</p> <p>99 % der Gebäude in der Schweiz sind gegen Elementarschäden versichert, meist verpflichtend über kantonale Gebäudeversicherungen („graue Kantone“). In „grünen Kantonen“ wie Genf, Tessin oder Wallis besteht Wahlfreiheit. Auch in Blatten ist diese Versicherung also optional. Dennoch sind fast alle Hausbesitzer – auch in den „grünen Kantonen“ – gegen Elementarschäden versichert. Ein einheitliches Versicherungssystem auf nationaler Ebene ermöglicht es Versicherten in besonders gefährdeten Gebieten, sich zu tragbaren Bedingungen abzusichern. Das Risiko wird auf eine große Anzahl von Versicherten verteilt, was die Kosten für Einzelne niedrig hält.</p> <p>Ein weiteres Merkmal des Systems ist die „doppelte Solidarität“ – sowohl unter Versicherten als auch unter den Versicherern selbst. Im Schadensfall greift ein gemeinsamer Pool mit einer Obergrenze von einer Milliarde Franken pro Ereignis. Für Blatten beispielsweise gehen erste Schätzungen von einem Schaden von mindestens 500 Millionen Schweizer Franken aus.</p> <p>Ein Wendepunkt war das Hochwasser im August 2005, das große Schäden verursachte und die Debatte über Prävention entfachte. Seither werden Schutzmaßnahmen ausgebaut, mobile Barrieren angeschafft und die Forschung intensiviert.</p> <p>Heute verfolgt die Schweiz ein integrales Risikomanagement, das alle Naturgefahren und beteiligten Akteure gemeinsam betrachtet. Ein besonders innovativer Ansatz: So lassen sich Schäden an Autos durch Hagel als Datenquelle nutzen. Fahrzeuge dienen also als mobile Sensoren, ergänzt durch Bürgerbeteiligung über Apps wie <a href="https://www.meteoschweiz.admin.ch/service-und-publikationen/service/wetter-und-klimaprodukte/meteoswiss-app.html" rel="noopener" target="_blank">MeteoSchweiz</a>, die jährlich über 100.000 Extremwetter-Meldungen sammelt.</p> <p>Prof. Andreas Zischg, Leiter der Arbeitsgruppe Modellierung von Mensch-Umwelt-Systemen und Co-Leiter des Mobiliar Lab, und Dr. Matthias Röthlisberger, Co-Leiter Geoanalyse &amp; Naturrisiken bei der Mobiliar-Versicherung, präsentierten ein beeindruckendes Bild der aktuellen Forschung. Besonders spannend: Die Versicherung selbst ist aktiv in die Forschung eingebunden. Als genossenschaftlich organisierter Versicherer hat die Mobiliar ein ureigenes Interesse daran – anders als z.B. als Aktiengesellschaften operierende Versicherer – Schäden durch Extremwetterereignisse zu minimieren.</p> <p>Matthias Röthlisberger fungiert dabei als Brücke zwischen Wissenschaft und Versicherungswesen. Er geht davon aus, dass die Zahl extremer Wetterlagen und damit auch die Schäden in Zukunft zunehmen werden. Klar ist, dass die Temperaturen weiter steigen, mehr Bergrutsche auftreten und Hochwasserereignisse zu schwerwiegenden Überflutungen führen werden.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4541" id="attachment_4541"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5328_Mobiliar-Lab-Bern-160525-@DrKarinSchumacher_-scaled.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="444" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5328_Mobiliar-Lab-Bern-160525-@DrKarinSchumacher_-1024x683.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5328_Mobiliar-Lab-Bern-160525-@DrKarinSchumacher_-1024x683.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5328_Mobiliar-Lab-Bern-160525-@DrKarinSchumacher_-300x200.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5328_Mobiliar-Lab-Bern-160525-@DrKarinSchumacher_-768x512.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5328_Mobiliar-Lab-Bern-160525-@DrKarinSchumacher_-1536x1024.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5328_Mobiliar-Lab-Bern-160525-@DrKarinSchumacher_-2048x1365.jpeg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4541"><em>Dr. Matthias Röthlisberger erklärt, wie Versicherer in der Schweiz aktiv in die Risikoforschung investieren und durch präventive Maßnahmen helfen, Naturgefahren besser zu verstehen und Schäden zu minimieren. (Foto <span>Credit: Dr. Karin Schumacher)</span></em></figcaption></figure> <p>Daher setzt das Mobiliar Lab auf Präventionsforschung – Methoden, Risiken nicht nur zu erkennen, sondern auch zu verstehen und rechtzeitig zu kommunizieren. Die Vision: Statt nur zu reagieren, sollen Schutzmaßnahmen vorausschauend geplant werden. Bei drohendem Hochwasser könnten beispielsweise Tiefgaragen rechtzeitig geschlossen werden – was bei der Flutkatastrophe im spanischen Valencia im Herbst 2024 viele Menschenleben hätte retten können.</p> <p>Prof. Zischg untersucht, wie man auf Basis historischer Hochwasserereignisse bessere Präventionsstrategien entwickeln kann. Dabei zeigt sich: Jeder Fluss reagiert anders – abhängig von seiner „Überschwemmungsgeschichte“, aber auch von baulichen Eingriffen und dem Klimawandel. Seine Forschungen belegen: Schon bei leicht steigenden Pegeln erhöht sich der Schaden exponentiell. Während große Flüsse wie die Aare bereits gut modelliert sind, fehlt es noch an zuverlässigen Daten für kleinere Riedbäche.</p> <p>Mit Hilfe sogenannter Modellketten – von globalen bis zu lokalisierten Klimaszenarien – wird sichtbar, wie sich Naturrisiken in bestimmten Regionen konkret entwickeln könnten. Bottom-up-Analysen identifizieren lokale Schwachstellen wie problematisch Flussverläufe, Top-down-Modelle setzen Einzelereignisse in größere Zusammenhänge.</p> <p>Dank dieser Forschung unterstützen digitale Anwendungen wie <a href="https://www.hochwasserrisiko.ch/de" rel="noopener" target="_blank">hochwasserrisiko.ch</a> und <a href="https://hochwasserdynamik.hochwasserrisiko.ch/de/scenarios" rel="noopener" target="_blank">hochwasserdynamik.ch</a> heute schon Einsatzkräfte bei der Priorisierung von Schutzmaßnahmen. Laut Zischg ist die Vorhersage von Hochwassern inzwischen bis zu sechs Tage im Voraus möglich – wertvolle Zeit, um Personen und Sachwerte zu schützen.</p> <p>Während in der Schweiz nahezu alle Gebäude versichert sind, bleibt die Elementarschadenversicherung in Deutschland freiwillig – mit entsprechend niedriger Abdeckung (etwa 50 %). Trotz steigender Extremwetterlagen fehlt dort bislang ein vergleichbar solidarisches, systematisches Modell.</p> <p>In Deutschlang sind Versicherungsgesellschaften keine Genossenschaften, sondern häufig Aktiengesellschaften, die primär auf Gewinnmaximierung ausgerichtet sind. Die Schadensregulierung wird häufig zu einem juristischen Tauziehen – mit ungewissem Ausgang für die eh oft schon genug vom Ereignis traumatisierten Betroffenen.</p> <p>Naturkatastrophen lassen sich nicht verhindern – aber ihre Folgen können gemildert werden. Die Schweiz zeigt, wie Forschung, Praxis und Solidarität effektiv ineinandergreifen können. Könnte das Schweizer Modell auch für Deutschland ein Vorbild sein?</p> <p>Sicher ist: Resilienz beginnt nicht mit der Katastrophe – sondern lange davor. Und genau das fängt hier an.</p> <ul> <li>Uni Bern – Mobiliar Lab für Naturrisiken: <a href="https://www.mobiliarlab.unibe.ch/index_ger.html" rel="noopener" target="_blank">Website</a> (Forschungsprojekte, Veranstaltungen, Veröffentlichungen im Bereich Naturrisiken und Risikomanagement) <ul> <li><a href="https://www.geography.unibe.ch/ueber_uns/personen/prof_dr_zischg_andreas/index_ger.html#pane303521" rel="noopener" target="_blank">Prof. Dr. Andreas Zischg</a> (einschließlich Forschungsprofil und Publikationen)</li> <li><a href="https://www.mobiliarlab.unibe.ch/ueber_uns/team/personen/dr_roethlisberger_matthias/index_ger.html" rel="noopener" target="_blank">Dr. Matthias Röthlisberger</a> (einschließlich Forschungsprofil und Publikationen)</li> </ul> </li> </ul> <p><strong>Titelfoto</strong> (Credit: Dr. Karin Schumacher): Stürzende Felsen am<em> le Portalet</em> (3344m), Wallis, Schweiz (August 2017).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/forschung-zu-naturrisiken-in-der-schweiz-was-koennen-wir-daraus-lernen/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>5</slash:comments> </item> <item> <title>Klima: Einige kühle Überlegungen https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/klima-einige-kuehle-ueberlegungen/ https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/klima-einige-kuehle-ueberlegungen/#comments Fri, 04 Jul 2025 14:03:53 +0000 Thomas Grüter https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/?p=1695 https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ausgetrockneter_see-768x354.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/klima-einige-kuehle-ueberlegungen/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ausgetrockneter_see.jpg" /><h1>Klima: Einige kühle Überlegungen » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Der noch junge Sommer 2025 hatte bereits seinen dritten Hitzeanfall. Teile der Presse werfen der Bundesregierung mangelndes Engagement für die Reduktion der Treibhausgase vor. Die US-Regierung lehnt es grundsätzlich ab, sich mit dem Klimawandel überhaupt zu befassen. Was man jetzt dazu wissen sollte, und welche Argumente wirklich sinnvoll sind. </b></p> <p>2024 war in Deutschland und weltweit das heißeste Jahr seit Beginn der Messungen. Die Durchschnittstemperatur lag mehr als 1,5 °C höher als in der vorindustriellen Referenzperiode von 1850 bis 1900. Das Jahr 2025 liegt übrigens bisher <a href="https://www.ncei.noaa.gov/access/monitoring/monthly-report/global/202505/2025-year-to-date-temperatures-versus-previous-years">nur knapp darunter</a> und die WMO (World Meteorological Organisation) hat <a href="https://wmo.int/news/media-centre/global-climate-predictions-show-temperatures-expected-remain-or-near-record-levels-coming-5-years">eine Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent dafür errechnet</a>, dass die weltweite Durchschnittstemperatur für 2025-2029 ähnlich hoch oder höher liegt. Bei erstaunlichen 86 Prozent liegt die Wahrscheinlichkeit, dass bis 2029 wenigstens ein Jahr 1,5 °C wärmer wird. Wenn nicht gerade ein Wunder geschieht, hat die Welt die Latte gerissen, die sie sich Ende 2015 auf der Pariser Klimakonferenz vor zehn Jahren aufgelegt hatte.</p> <p>In der Juli-Ausgabe von „Bild der Wissenschaft“ schreibt der Klimaforscher Mojib Latif, dass die Welt auf eine Erwärmung von circa drei Grad zusteuert, wenn die bisherige Politik beibehalten wird, und ergänzt: „Vor diesem Hintergrund grenzt es schon an Realitätsverlust, wenn Politiker bekräftigen, an dem 1,5 C°-Ziel von Paris festhalten zu wollen.“</p> <p>Das war bereits unmittelbar nach der Pariser Klimakonferenz abzusehen. Am 21.12.2015 habe ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/klimakonferenz-paris-die-grosse-ilusion/">in meinem Blog</a> geschrieben: „Der Pariser Klimavertrag ist wirkungslos. Er propagiert die Illusion, dass der bloße Wille zur Erreichung der Ziele bereits zu einer Wirkung führt.“</p> <p>Es kam also, wie es kommen musste: Der anthropogene (von Menschen verursachte) Ausstoß von Treibhausgasen hat sich von 49 Milliarden Tonnen CO<sub>2</sub>-Äquivalent im Jahr 2015 <a href="https://edgar.jrc.ec.europa.eu/report_2024?vis=ghggdp#emissions_table">auf 53 Milliarden Tonnen</a> (2023) erhöht – trotz aller Klimaschwüre. Und die Auswirkungen spüren nicht nur die Himalaja-Gletscher oder die Staaten in der Sahelzone. Auch Europa ist betroffen – und zwar besonders stark. Nach Angabe der European Environment Agency ist Europa <a href="../../Executive%20summary%20-%20European%20Climate%20Risk%20Assessment.pdf">der Kontinent, der sich am schnellsten erwärmt</a>. Während die weltweite Temperaturerhöhung 2024 bei 1,57 bis 1,60 °C lag<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a>, <a href="https://climate.copernicus.eu/global-climate-highlights-2024#:~:text=2024%20had%20a%20global%20average,exceed%201.5%20above%20that%20level.">waren es in Europa 2,9 °C</a>.<aside></aside></p> <p>Halten wir fest: Der Klimawandel droht nicht in der Zukunft. Er hat längst begonnen.</p> <p>Und Europa ist buchstäblich ein Hotspot.</p> <h3>Die Klimakonferenzen</h3> <p>Klimakonferenzen finden weiterhin jährlich statt, und sie produzieren weiterhin Nebelwände zur Vortäuschung von Aktionen. Als gigantische Medienereignisse bewegen sie regelmäßig mehrere zehntausend Teilnehmer und Journalisten rund um den Globus. Bei der <a href="https://www.tagesschau.de/wissen/klima/klimakonferenz/teilnehmer-100.html">Klimakonferenz im Jahr 2023 </a>in Dubai hatten die teilnehmenden Staaten 54000 Delegationsmitglieder gemeldet (Deutschland ca. 250, Brasilien ca. 1200). Dazu kommen Journalisten und Klimaaktivisten aus aller Welt. Man könnte spaßeshalber die Flugkilometer der Teilnehmer zusammenrechnen und daraus den CO<sub>2</sub>-Verbrauch der Konferenz ermitteln (Fahrdienste vor Ort und Stromverbrauch für Laptops, Beleuchtung und Klimaanlagen kämen noch hinzu).</p> <p>Bei der letzten Klimakonferenz in Baku 2024 ging es kaum noch um den Klimawandel, <a href="https://www.tagesschau.de/wissen/klima/klimakonferenz/beschluesse-baku-100.html">sondern fast ausschließlich um Geld</a>. Die Entwicklungsländer reklamieren, dass sie durch die globale Erwärmung Schäden erleiden und deshalb zu Investitionen gezwungen sind, obwohl sie selbst kaum zur Erderwärmung beitragen. Die diskutierten Summen sind astronomisch: Etwa 1,3 Billionen US$ fordern die Entwicklungsländer – pro Jahr, wohlgemerkt. Den Industrieländern ist das zu viel. 300 Milliarden wollen sie mobilisieren. Allerdings ist die Diskussion aus mehreren Gründen eine Farce. Zum einen betrachten sich die reichen Ölstaaten, die Türkei, Indien und China als Entwicklungsländer – das war vor fast 30 Jahren bei den ersten Klimakonferenzen so festgelegt worden. Folglich sehen sie sich nicht in der Pflicht zu bezahlen. Die USA und Russland fühlen sich nicht zuständig, sodass die Last auf der EU, Japan, Kanada und Australien hängen bleibt. Deutschland müsste beispielsweise von den 1,3 Billionen US$ mehr als 200 Milliarden übernehmen – was sicher nicht geschehen wird. Zum Zweiten möchten viele Entwicklungsländer das Geld zur direkten freien Verfügung haben. Die Industrieländer haben allerdings den Verdacht, dass die Mittel dann keineswegs komplett für den Klimaschutz verwendet würden, um es vorsichtig auszudrücken. Bei der nächsten Konferenz in Brasilien ist deshalb weiterer Streit absehbar.</p> <p>Allzu viel Hilfe bei der Begrenzung der globalen Erwärmung und der unvermeidlichen Anpassung an die Folgen sollten wir also von dieser Seite nicht erwarten.</p> <h3>Der Ausstoß von Treibhausgasen</h3> <p>Ja, der anthropogene Ausstoß von Treibhausgasen ist viel zu hoch und muss zurückgefahren werden. Das ist allen klar. Bisher reduzieren aber nur die europäischen Staaten, die USA und Japan ihre Emissionen in nennenswertem Maße.</p> <p>Die EU (ohne GB) hat ihre <a href="https://edgar.jrc.ec.europa.eu/report_2024">Treibhausgas-Emissionen</a> seit dem Jahr 2000 von 4,5 Milliarden auf 3,2 Milliarden Tonnen (2023) CO<sub>2</sub>-Äquivalente gesenkt. Hier eine Vergleichstabelle<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>:</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1701" id="attachment_1701"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/tabelle_klima2025.jpg"><img alt="" decoding="async" height="288" sizes="(max-width: 438px) 100vw, 438px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/tabelle_klima2025-300x197.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/tabelle_klima2025-300x197.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/tabelle_klima2025.jpg 578w" width="438"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1701">Vergleich der absoluten Treibhausgas-Emissionen in Millionen Tonnen CO2-Äquivalent.</figcaption></figure> <p>Demnach betrug der Anteil der EU im Jahr 2023 nur noch rund 6 Prozent des weltweiten Ausstoßes. Bei der Emission von Treibhausgasen pro Kopf der Bevölkerung liegt die EU mit 7,26 Tonnen auch nicht schlecht. Der weltweite Durchschnitt liegt bei 6,6 Tonnen. China kommt auf 11,1 , die USA auf 17,6 , Russland auf 18,7. Frankreich (5,8), England (5,5) und Italien (6,4) liegen sogar unter dem Weltdurchschnitt.</p> <p>Europa ist also auf dem richtigen Weg, dennoch wäre es ein Fehler, die Dekarbonisierung um jeden Preis zu beschleunigen. Der Umbau der gesamten Wirtschaft kostet sehr viel Geld – und das muss verdient werden.</p> <p>Ob Europa fünf Jahre eher oder fünf Jahre später seine CO<sub>2</sub>-Emissionen auf null bringt, ändert nichts am Weltklima, wirkt sich aber stark auf die Kosten aus. Und wenn das Geld für den Umbau fehlt, verspätet er sich oder findet nicht statt.</p> <p>Ein Beispiel: Das Gebäudeenergiegesetz der letzten Bundesregierung sollte den Umstieg auf CO<sub>2</sub>-arme Heizungen beschleunigen. Das <a href="https://www.manager-magazin.de/unternehmen/energie/robert-habecks-umstrittenes-heizungsgesetz-heizungsindustrie-steuert-auf-rekordjahr-zu-a-9627a24a-d6fb-4cdc-be19-c20eea619bf0">führte im Jahr 2023 aber zu einem Run auf Gas- und Ölheizungen</a>, weil viele Hausbesitzer hohe Kosten durch einen erzwungenen Umstieg auf Wärmepumpen befürchteten. Im Jahr 2024 gab es entsprechend <a href="https://www.focus.de/finanzen/news/heizungswende-in-gefahr-waermepumpen-absatz-bricht-dramatisch-ein_id_260177197.html">einen gewaltigen Einbruch</a> beim Umsatz aller Heizungsarten – nur Ölheizungen verkauften sich weiterhin hervorragend. Das gut gemeinte Gesetz hat also die Dekarbonisierung der Wärmeerzeugung eher aufgehalten als befördert.</p> <p>Der komplette Umbau der Wirtschaft auf CO<sub>2</sub>-freie Energie lässt sich nicht erzwingen. Er ist notwendig, aber sein Tempo ist eine Gratwanderung. Der beinahe religiöse Eifer, mit dem Teile die Presse jede vermeintliche Verlangsamung der Dekarbonisierung verdammen, ist dabei nicht unbedingt hilfreich. Die teils apokalyptischen Formulierungen und Begriffe sind ebenfalls eher kontraproduktiv. Ich möchte das an folgenden Beispielen erläutern: <i>Klimakrise, Erderhitzung </i>und<i> CO</i><sub><i>2</i></sub><i>-Budget.</i></p> <h3>Klimakrise</h3> <p>Nein, wir haben keine Krise. Unter einer Krise versteht man die Zuspitzung eines Konflikts oder die entscheidende Phase einer Erkrankung, also ein punktuelles Ereignis. Wer es erfolgreich bewältigt, hat das Schlimmste überstanden. Der Konflikt löst sich auf oder die Krankheit klingt ab. Fehlt es jedoch am entschlossenen Handeln, gerät der Konflikt außer Kontrolle, oder die Krankheit führt zum Tod.</p> <p>Das Klima verändert sich aber dauerhaft und läuft auf ein neues Gleichgewicht zu. Die Wiederherstellung des alten Zustands ist ausgeschlossen. Nach geologischen Maßstäben verläuft die Veränderung ausgesprochen ruckartig, und die künftigen Temperatur- und Niederschlagsmuster werden sich von den heutigen um so stärker unterscheiden, je mehr Treibhausgase die Menschheit in die Atmosphäre bläst. Mit einem Krisenmanagement ist es also nicht getan, hier ist ein dauerhaftes Umdenken gefragt. Auf der Liste stehen unter anderem die Energieerzeugung, die Landwirtschaft, der Ressourcenverbrauch und die Abfallbehandlung.</p> <p>Und wir müssen uns an das neue Gleichgewicht anpassen. Nicht nur die Temperaturen, auch die Ausprägung der Jahreszeiten, die Windstärken und die Niederschlagsmuster werden sich verändern. Auf welche Weise? Das weiß niemand. Und mehr noch: Wie bei jeder abrupten Zustandsänderung in einem physikalischen System kann es zu Einschwingvorgängen kommen, also zu starken Ausschlägen nach oben oder unten, bevor sich das Gleichgewicht – nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten – endgültig etabliert. Auch die Erwärmung am Ende der letzten Eiszeit wurde immer wieder von <a href="https://www.mpg.de/24469679/klimaveraenderung-eiszeit-holozaen">starken und schnellen Schwankungen</a> unterbrochen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1699" id="attachment_1699"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/einschwing2.png"><img alt="" decoding="async" height="372" sizes="(max-width: 372px) 100vw, 372px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/einschwing2-300x300.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/einschwing2-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/einschwing2-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/einschwing2-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/einschwing2.png 1024w" width="372"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1699">Diagrammskizze eines Einschwingvorgangs</figcaption></figure> <p>Also: Die Bewältigung des Klimawandels ist keine akute Krise, die man mit kurzer Anstrengung bewältigt, sondern eine Daueraufgabe für die nächsten hundert Jahre oder mehr.</p> <h3>Globale Erhitzung, Erderhitzung, Erdüberhitzung etc.</h3> <p>Offenbar glauben viele Journalisten und Politiker, dass „globale Erwärmung“ nicht bedrohlich genug klingt. Aber genau wie der Pfarrer, der seinen unartigen Schäfchen die Höllenqualen immer drastischer ausmalt, müssen sie feststellen, dass die Menschen nach anfänglicher Zerknirschung ungerührt weiter sündigen. Da hilft es auch nicht, immer wieder dramatische Vermögensverluste, millionenfache Klimaflucht oder gar Massensterben zu beschwören. Irgendwann hört einfach niemand mehr zu.</p> <p>Mein Vorschlag: Stattdessen konkrete Auswirkungen nennen. Das macht den Menschen eher den Ernst der Lage klar als die Beschwörung der Apokalypse von der Kanzel aus. Beispielsweise:</p> <ol> <li> <p>Das Abschmelzen der Eismassen auf Grönland und in der Antarktis hat begonnen und wird sich fortsetzen. Also steigt der Wasserspiegel und die Deiche müssen erhöht werden. Jetzt gleich. Und trotzdem: <a href="https://www.riffreporter.de/de/wissen/meeresspiegelanstieg-halligen-wattenmeer-kuestenschutz-klimawandel-nordsee-wattenmeer">Die Halligen</a> werden vielleicht nicht alle überleben.</p> </li> <li> <p>Wärme und Trockenheit schadet den Nadelbäumen, und teilweise auch den einheimischen Laubbäumen. Wir werden <a href="https://www.fva-bw.de/fileadmin/publikationen/sonstiges/180201steckbrief.pdf">andere Baumarten</a> (Spitzahorn, Weißbuche, Atlaszedern etc.) pflanzen müssen. Jetzt. Bäume wachsen bekanntlich eher langsam.</p> </li> <li> <p>Mehr Wärme sorgt für mehr Energie in der Atmosphäre. Hitzewellen, Starkregen, Stürme, schwere Gewitter und Tornados werden häufiger auftreten. <a href="https://www.flussgebiete.nrw.de/starkregen-und-klimawandel">Vorsorge</a> ist hier besser als Schadensbeseitigung.</p> </li> <li> <p>In unseren Breiten tauchen bisher <a href="https://www.eea.europa.eu/de/highlights/hitzewellen-ausbreitung-von-infektionskrankheiten-aufgrund">unbekannte Infektionskrankheiten</a> auf. Teilweise sind sie gefährlich und schwer zu behandeln.</p> </li> </ol> <p>Alle Veränderungen sind jetzt bereits spürbar und werden umso ausgeprägter, je stärker die globalen Temperaturen ansteigen.</p> <h3>CO<sub>2</sub>-Budget</h3> <p>Nein, es gibt kein CO<sub>2</sub>-Budget. Um das zu illustrieren, hier eine (etwas vereinfachte) Analogie aus der Medizin: Wer 30 Jahre lang jeden Tag mehr als 80 Gramm Alkohol trinkt, hat eine Chance von 50 Prozent für eine Leberzirrhose. Habe ich nach 20 Jahren dann noch ein Budget von 10 Jahren ungeminderten Alholkonsums? Nein, das ist offensichtlich Unsinn.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1700" id="attachment_1700"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/flooding.jpg"><img alt="" decoding="async" height="334" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 426px) 100vw, 426px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/flooding-300x235.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/flooding-300x235.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/flooding-768x601.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/flooding.jpg 1024w" width="426"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1700">Überflutung, KI-generiertes Symbolbild</figcaption></figure> <p>Beim Klima ist das nicht anders, und trotzdem geht dieser Unsinn immer wieder durch die Presse (aktuell z. B. <a href="https://www.wissenschaft.de/erde-umwelt/co2-budget-koennte-in-drei-jahren-aufgebraucht-sein/">hier</a> oder <a href="https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klimaschutz-co2-budget-fuer-1-5-grad-ziel-schrumpft-rapide-a-00c12644-e1c2-406c-bbb9-72293655d7dd">hier</a>). Die beiden Artikel beziehen sich auf eine gerade veröffentlichte wissenschaftliche Arbeit („Indicators of global climate change 2024“, Nachweis in den Anmerkungen<a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a>). Darin wird in der Tat ein CO<sub>2</sub>-Budget erwähnt, allerdings nur im Zusammenhang mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten. Und die dafür errechneten Emissionswerte sind extrem niedrig. Die Autoren deuten damit dezent an, dass eine Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 °C nicht mehr erreichbar ist.</p> <p>Wenn man davon ausgeht, dass die wichtigsten Aussagen einer wissenschaftlichen Arbeit im Abstract stehen, dann hat die Arbeit allerdings einen ganz anderen Schwerpunkt. Ich zitiere mal:</p> <blockquote> <p>„The indicators show that human activities are increasing the Earth’s energy imbalance and driving faster sea-level rise compared to the AR6 assessment. For the 2015–2024 decade average, observed warming relative to 1850–1900 was 1.24 [1.11 to 1.35] °C, of which 1.22 [1.0 to 1.5] °C was human-induced. The 2024-observed best estimate of global surface temperature (1.52 °C) is well above the best estimate of human-caused warming (1.36 °C).“</p> <p>„Verglichen mit dem sechsten Assessment Report des IPCC zeigen die Indikatoren, dass menschliche Aktivitäten das Energieungleichgewicht der Erde stärker vergrößern und den Anstieg des Meeresspiegels beschleunigen. Für 2015 bis 2024 betrug die beobachtete Erwärmung im Vergleich zu 1850 bis 1900 1,24 [1,11 bis 1,35] °C, wovon 1,22 [1,0 bis 1,5] °C vom Menschen verursacht wurden. Die 2024 beobachtete beste Schätzung der globalen Oberflächentemperatur (1,52 °C) liegt deutlich über der besten Schätzung der anthropogenen Erwärmung (1,36 °C).“</p> </blockquote> <p>Anders ausgedrückt: Die Erde erwärmte sich 2024 schneller als erwartet. Dass El-Niño-Phänomen kommt als Erklärung nicht infrage, weil es im letzten Jahr nicht auftrat. Auch sonst ist keine unmittelbare Ursache erkennbar. Und das ist schon ein Grund, sich Gedanken zu machen. Diese wichtige Erkenntnis wurde aber leider kaum zitiert (auch nicht von den beiden verlinkten Pressemeldungen).</p> <h3>Was erwartet uns?</h3> <p>Wie wird das Klima in Deutschland in 25 Jahren aussehen? Darauf gibt es eine eindeutige Antwort: Niemand weiß es genau. Sicher ist, dass die Temperaturen in Europa stärker steigen als im Weltdurchschnitt. Gleichzeitig schwächelt der warme Nordatlantikstrom. Es wäre also denkbar, dass in Deutschland solche Sommer wie in diesem Jahr häufiger auftreten. Und sie könnten noch extremer ausfallen. Kühle Phasen mit 15 bis 20 Grad wechseln sich dann mit Hitzewellen ab, die 40 Grad und mehr erreichen. Vielleicht wird es auch im Nordwesten eher wechselhaft, nass und kühl, im Südosten dagegen heiß und trocken. Sollte der Nordatlantikstrom noch schwächer werden, könnten auch die Winter deutlich kälter werden. In Südeuropa und im Mittelmeergebiet wird es aller Voraussicht nach sehr ungemütlich. Für Frankreich <a href="https://meteofrance.com/changement-climatique/quel-climat-futur/le-climat-futur-en-france">erwartet zum Beispiel Meteo-France bis zum Jahr 2100 Hitzewellen bis 50 Grad.</a></p> <h3>Was können wir tun?</h3> <p>Wenn wir von Deutschland aus der Welt helfen wollen, haben wir mehrere Optionen. Die Entwicklungsländer erwarten sehr viel Geld, auf gute Ratschläge verzichten sie dagegen gerne. Als Geldgeber ist Deutschland aber durchaus dafür verantwortlich, dass die Mittel sinnvoll angelegt werden. Darauf sollten wir auch bestehen.</p> <p>Deutschland ist immer noch ein führendes Industrieland. Die aktuelle Bundesregierung hat einigen Ehrgeiz entwickelt, diesen Vorteil auszubauen. So möchte sie in Deutschland <a href="https://www.handelsblatt.com/unternehmen/energie/energie-der-erste-fusionsreaktor-der-welt-soll-in-zukunft-in-deutschland-stehen/100111332.html">das erste Kernfusionskraftwerk</a> bauen lassen. Einheimische Start-ups wie <a href="https://www.proximafusion.com/">Proxima Fusion</a> oder <a href="https://marvelfusion.com/">Marvel Fusion</a> haben jeweils mehr als 180 Millionen Euro Investorengelder eingesammelt, genug, um zumindest den Bau eines Testreaktors zu beginnen. Siemens Energy baut große Elektrolyseanlagen zur Erzeugung von grünem Wasserstoff und testet Gasturbinen mit Wasserstoffeinspritzung. Bei der Akkuherstellung und der Produktion von Solarzellen ist Deutschland dagegen ziemlich abgehängt. Das gilt es in naher Zukunft aufzuholen.</p> <p>Die Aufgaben sind gewaltig. Aber niemand hat gesagt, dass es einfach wird.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> Nach <a href="https://climatechangetracker.org/global-warming">anderen Quellen</a> waren es 1,52 °C</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Crippa, M., Guizzardi, D., Pagani, F., Banja, M., Muntean, M., Schaaf, E., Monforti-Ferrario, F., Becker, W., Quadrelli, R., Risquez Martin, A., Taghavi-Moharamli, P., Köykkä, J., Grassi, G., Rossi, S., Melo, J., Oom, D., Branco, A., San-Miguel, J., Manca, G., Pisoni, E., Vignati, E. and Pekar, F., GHG emissions of all world countries, Publications Office of the European Union, Luxembourg, 2024, <a href="https://publications.jrc.ec.europa.eu/repository/handle/JRC138862" rel="noopener" target="_blank">doi:10.2760/4002897</a>, JRC138862</p> <div id="sdendnote3"> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3]</a> Forster, P. M., Smith, C., Walsh, T., Lamb, W. F., Lamboll, R., Cassou, C., Hauser, M., Hausfather, Z., Lee, J.-Y., Palmer, M. D., von Schuckmann, K., Slangen, A. B. A., Szopa, S., Trewin, B., Yun, J., Gillett, N. P., Jenkins, S., Matthews, H. D., Raghavan, K., Ribes, A., Rogelj, J., Rosen, D., Zhang, X., Allen, M., Aleluia Reis, L., Andrew, R. M., Betts, R. A., Borger, A., Broersma, J. A., Burgess, S. N., Cheng, L., Friedlingstein, P., Domingues, C. M., Gambarini, M., Gasser, T., Gütschow, J., Ishii, M., Kadow, C., Kennedy, J., Killick, R. E., Krummel, P. B., Liné, A., Monselesan, D. P., Morice, C., Mühle, J., Naik, V., Peters, G. P., Pirani, A., Pongratz, J., Minx, J. C., Rigby, M., Rohde, R., Savita, A., Seneviratne, S. I., Thorne, P., Wells, C., Western, L. M., van der Werf, G. R., Wijffels, S. E., Masson-Delmotte, V., and Zhai, P.: Indicators of Global Climate Change 2024: annual update of key indicators of the state of the climate system and human influence, Earth Syst. Sci. Data, 17, 2641–2680, <a href="https://doi.org/10.5194/essd-17-2641-2025">https://doi.org/10.5194/essd-17-2641-2025</a>, 2025.</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ausgetrockneter_see.jpg" /><h1>Klima: Einige kühle Überlegungen » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Der noch junge Sommer 2025 hatte bereits seinen dritten Hitzeanfall. Teile der Presse werfen der Bundesregierung mangelndes Engagement für die Reduktion der Treibhausgase vor. Die US-Regierung lehnt es grundsätzlich ab, sich mit dem Klimawandel überhaupt zu befassen. Was man jetzt dazu wissen sollte, und welche Argumente wirklich sinnvoll sind. </b></p> <p>2024 war in Deutschland und weltweit das heißeste Jahr seit Beginn der Messungen. Die Durchschnittstemperatur lag mehr als 1,5 °C höher als in der vorindustriellen Referenzperiode von 1850 bis 1900. Das Jahr 2025 liegt übrigens bisher <a href="https://www.ncei.noaa.gov/access/monitoring/monthly-report/global/202505/2025-year-to-date-temperatures-versus-previous-years">nur knapp darunter</a> und die WMO (World Meteorological Organisation) hat <a href="https://wmo.int/news/media-centre/global-climate-predictions-show-temperatures-expected-remain-or-near-record-levels-coming-5-years">eine Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent dafür errechnet</a>, dass die weltweite Durchschnittstemperatur für 2025-2029 ähnlich hoch oder höher liegt. Bei erstaunlichen 86 Prozent liegt die Wahrscheinlichkeit, dass bis 2029 wenigstens ein Jahr 1,5 °C wärmer wird. Wenn nicht gerade ein Wunder geschieht, hat die Welt die Latte gerissen, die sie sich Ende 2015 auf der Pariser Klimakonferenz vor zehn Jahren aufgelegt hatte.</p> <p>In der Juli-Ausgabe von „Bild der Wissenschaft“ schreibt der Klimaforscher Mojib Latif, dass die Welt auf eine Erwärmung von circa drei Grad zusteuert, wenn die bisherige Politik beibehalten wird, und ergänzt: „Vor diesem Hintergrund grenzt es schon an Realitätsverlust, wenn Politiker bekräftigen, an dem 1,5 C°-Ziel von Paris festhalten zu wollen.“</p> <p>Das war bereits unmittelbar nach der Pariser Klimakonferenz abzusehen. Am 21.12.2015 habe ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/klimakonferenz-paris-die-grosse-ilusion/">in meinem Blog</a> geschrieben: „Der Pariser Klimavertrag ist wirkungslos. Er propagiert die Illusion, dass der bloße Wille zur Erreichung der Ziele bereits zu einer Wirkung führt.“</p> <p>Es kam also, wie es kommen musste: Der anthropogene (von Menschen verursachte) Ausstoß von Treibhausgasen hat sich von 49 Milliarden Tonnen CO<sub>2</sub>-Äquivalent im Jahr 2015 <a href="https://edgar.jrc.ec.europa.eu/report_2024?vis=ghggdp#emissions_table">auf 53 Milliarden Tonnen</a> (2023) erhöht – trotz aller Klimaschwüre. Und die Auswirkungen spüren nicht nur die Himalaja-Gletscher oder die Staaten in der Sahelzone. Auch Europa ist betroffen – und zwar besonders stark. Nach Angabe der European Environment Agency ist Europa <a href="../../Executive%20summary%20-%20European%20Climate%20Risk%20Assessment.pdf">der Kontinent, der sich am schnellsten erwärmt</a>. Während die weltweite Temperaturerhöhung 2024 bei 1,57 bis 1,60 °C lag<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a>, <a href="https://climate.copernicus.eu/global-climate-highlights-2024#:~:text=2024%20had%20a%20global%20average,exceed%201.5%20above%20that%20level.">waren es in Europa 2,9 °C</a>.<aside></aside></p> <p>Halten wir fest: Der Klimawandel droht nicht in der Zukunft. Er hat längst begonnen.</p> <p>Und Europa ist buchstäblich ein Hotspot.</p> <h3>Die Klimakonferenzen</h3> <p>Klimakonferenzen finden weiterhin jährlich statt, und sie produzieren weiterhin Nebelwände zur Vortäuschung von Aktionen. Als gigantische Medienereignisse bewegen sie regelmäßig mehrere zehntausend Teilnehmer und Journalisten rund um den Globus. Bei der <a href="https://www.tagesschau.de/wissen/klima/klimakonferenz/teilnehmer-100.html">Klimakonferenz im Jahr 2023 </a>in Dubai hatten die teilnehmenden Staaten 54000 Delegationsmitglieder gemeldet (Deutschland ca. 250, Brasilien ca. 1200). Dazu kommen Journalisten und Klimaaktivisten aus aller Welt. Man könnte spaßeshalber die Flugkilometer der Teilnehmer zusammenrechnen und daraus den CO<sub>2</sub>-Verbrauch der Konferenz ermitteln (Fahrdienste vor Ort und Stromverbrauch für Laptops, Beleuchtung und Klimaanlagen kämen noch hinzu).</p> <p>Bei der letzten Klimakonferenz in Baku 2024 ging es kaum noch um den Klimawandel, <a href="https://www.tagesschau.de/wissen/klima/klimakonferenz/beschluesse-baku-100.html">sondern fast ausschließlich um Geld</a>. Die Entwicklungsländer reklamieren, dass sie durch die globale Erwärmung Schäden erleiden und deshalb zu Investitionen gezwungen sind, obwohl sie selbst kaum zur Erderwärmung beitragen. Die diskutierten Summen sind astronomisch: Etwa 1,3 Billionen US$ fordern die Entwicklungsländer – pro Jahr, wohlgemerkt. Den Industrieländern ist das zu viel. 300 Milliarden wollen sie mobilisieren. Allerdings ist die Diskussion aus mehreren Gründen eine Farce. Zum einen betrachten sich die reichen Ölstaaten, die Türkei, Indien und China als Entwicklungsländer – das war vor fast 30 Jahren bei den ersten Klimakonferenzen so festgelegt worden. Folglich sehen sie sich nicht in der Pflicht zu bezahlen. Die USA und Russland fühlen sich nicht zuständig, sodass die Last auf der EU, Japan, Kanada und Australien hängen bleibt. Deutschland müsste beispielsweise von den 1,3 Billionen US$ mehr als 200 Milliarden übernehmen – was sicher nicht geschehen wird. Zum Zweiten möchten viele Entwicklungsländer das Geld zur direkten freien Verfügung haben. Die Industrieländer haben allerdings den Verdacht, dass die Mittel dann keineswegs komplett für den Klimaschutz verwendet würden, um es vorsichtig auszudrücken. Bei der nächsten Konferenz in Brasilien ist deshalb weiterer Streit absehbar.</p> <p>Allzu viel Hilfe bei der Begrenzung der globalen Erwärmung und der unvermeidlichen Anpassung an die Folgen sollten wir also von dieser Seite nicht erwarten.</p> <h3>Der Ausstoß von Treibhausgasen</h3> <p>Ja, der anthropogene Ausstoß von Treibhausgasen ist viel zu hoch und muss zurückgefahren werden. Das ist allen klar. Bisher reduzieren aber nur die europäischen Staaten, die USA und Japan ihre Emissionen in nennenswertem Maße.</p> <p>Die EU (ohne GB) hat ihre <a href="https://edgar.jrc.ec.europa.eu/report_2024">Treibhausgas-Emissionen</a> seit dem Jahr 2000 von 4,5 Milliarden auf 3,2 Milliarden Tonnen (2023) CO<sub>2</sub>-Äquivalente gesenkt. Hier eine Vergleichstabelle<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>:</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1701" id="attachment_1701"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/tabelle_klima2025.jpg"><img alt="" decoding="async" height="288" sizes="(max-width: 438px) 100vw, 438px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/tabelle_klima2025-300x197.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/tabelle_klima2025-300x197.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/tabelle_klima2025.jpg 578w" width="438"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1701">Vergleich der absoluten Treibhausgas-Emissionen in Millionen Tonnen CO2-Äquivalent.</figcaption></figure> <p>Demnach betrug der Anteil der EU im Jahr 2023 nur noch rund 6 Prozent des weltweiten Ausstoßes. Bei der Emission von Treibhausgasen pro Kopf der Bevölkerung liegt die EU mit 7,26 Tonnen auch nicht schlecht. Der weltweite Durchschnitt liegt bei 6,6 Tonnen. China kommt auf 11,1 , die USA auf 17,6 , Russland auf 18,7. Frankreich (5,8), England (5,5) und Italien (6,4) liegen sogar unter dem Weltdurchschnitt.</p> <p>Europa ist also auf dem richtigen Weg, dennoch wäre es ein Fehler, die Dekarbonisierung um jeden Preis zu beschleunigen. Der Umbau der gesamten Wirtschaft kostet sehr viel Geld – und das muss verdient werden.</p> <p>Ob Europa fünf Jahre eher oder fünf Jahre später seine CO<sub>2</sub>-Emissionen auf null bringt, ändert nichts am Weltklima, wirkt sich aber stark auf die Kosten aus. Und wenn das Geld für den Umbau fehlt, verspätet er sich oder findet nicht statt.</p> <p>Ein Beispiel: Das Gebäudeenergiegesetz der letzten Bundesregierung sollte den Umstieg auf CO<sub>2</sub>-arme Heizungen beschleunigen. Das <a href="https://www.manager-magazin.de/unternehmen/energie/robert-habecks-umstrittenes-heizungsgesetz-heizungsindustrie-steuert-auf-rekordjahr-zu-a-9627a24a-d6fb-4cdc-be19-c20eea619bf0">führte im Jahr 2023 aber zu einem Run auf Gas- und Ölheizungen</a>, weil viele Hausbesitzer hohe Kosten durch einen erzwungenen Umstieg auf Wärmepumpen befürchteten. Im Jahr 2024 gab es entsprechend <a href="https://www.focus.de/finanzen/news/heizungswende-in-gefahr-waermepumpen-absatz-bricht-dramatisch-ein_id_260177197.html">einen gewaltigen Einbruch</a> beim Umsatz aller Heizungsarten – nur Ölheizungen verkauften sich weiterhin hervorragend. Das gut gemeinte Gesetz hat also die Dekarbonisierung der Wärmeerzeugung eher aufgehalten als befördert.</p> <p>Der komplette Umbau der Wirtschaft auf CO<sub>2</sub>-freie Energie lässt sich nicht erzwingen. Er ist notwendig, aber sein Tempo ist eine Gratwanderung. Der beinahe religiöse Eifer, mit dem Teile die Presse jede vermeintliche Verlangsamung der Dekarbonisierung verdammen, ist dabei nicht unbedingt hilfreich. Die teils apokalyptischen Formulierungen und Begriffe sind ebenfalls eher kontraproduktiv. Ich möchte das an folgenden Beispielen erläutern: <i>Klimakrise, Erderhitzung </i>und<i> CO</i><sub><i>2</i></sub><i>-Budget.</i></p> <h3>Klimakrise</h3> <p>Nein, wir haben keine Krise. Unter einer Krise versteht man die Zuspitzung eines Konflikts oder die entscheidende Phase einer Erkrankung, also ein punktuelles Ereignis. Wer es erfolgreich bewältigt, hat das Schlimmste überstanden. Der Konflikt löst sich auf oder die Krankheit klingt ab. Fehlt es jedoch am entschlossenen Handeln, gerät der Konflikt außer Kontrolle, oder die Krankheit führt zum Tod.</p> <p>Das Klima verändert sich aber dauerhaft und läuft auf ein neues Gleichgewicht zu. Die Wiederherstellung des alten Zustands ist ausgeschlossen. Nach geologischen Maßstäben verläuft die Veränderung ausgesprochen ruckartig, und die künftigen Temperatur- und Niederschlagsmuster werden sich von den heutigen um so stärker unterscheiden, je mehr Treibhausgase die Menschheit in die Atmosphäre bläst. Mit einem Krisenmanagement ist es also nicht getan, hier ist ein dauerhaftes Umdenken gefragt. Auf der Liste stehen unter anderem die Energieerzeugung, die Landwirtschaft, der Ressourcenverbrauch und die Abfallbehandlung.</p> <p>Und wir müssen uns an das neue Gleichgewicht anpassen. Nicht nur die Temperaturen, auch die Ausprägung der Jahreszeiten, die Windstärken und die Niederschlagsmuster werden sich verändern. Auf welche Weise? Das weiß niemand. Und mehr noch: Wie bei jeder abrupten Zustandsänderung in einem physikalischen System kann es zu Einschwingvorgängen kommen, also zu starken Ausschlägen nach oben oder unten, bevor sich das Gleichgewicht – nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten – endgültig etabliert. Auch die Erwärmung am Ende der letzten Eiszeit wurde immer wieder von <a href="https://www.mpg.de/24469679/klimaveraenderung-eiszeit-holozaen">starken und schnellen Schwankungen</a> unterbrochen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1699" id="attachment_1699"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/einschwing2.png"><img alt="" decoding="async" height="372" sizes="(max-width: 372px) 100vw, 372px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/einschwing2-300x300.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/einschwing2-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/einschwing2-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/einschwing2-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/einschwing2.png 1024w" width="372"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1699">Diagrammskizze eines Einschwingvorgangs</figcaption></figure> <p>Also: Die Bewältigung des Klimawandels ist keine akute Krise, die man mit kurzer Anstrengung bewältigt, sondern eine Daueraufgabe für die nächsten hundert Jahre oder mehr.</p> <h3>Globale Erhitzung, Erderhitzung, Erdüberhitzung etc.</h3> <p>Offenbar glauben viele Journalisten und Politiker, dass „globale Erwärmung“ nicht bedrohlich genug klingt. Aber genau wie der Pfarrer, der seinen unartigen Schäfchen die Höllenqualen immer drastischer ausmalt, müssen sie feststellen, dass die Menschen nach anfänglicher Zerknirschung ungerührt weiter sündigen. Da hilft es auch nicht, immer wieder dramatische Vermögensverluste, millionenfache Klimaflucht oder gar Massensterben zu beschwören. Irgendwann hört einfach niemand mehr zu.</p> <p>Mein Vorschlag: Stattdessen konkrete Auswirkungen nennen. Das macht den Menschen eher den Ernst der Lage klar als die Beschwörung der Apokalypse von der Kanzel aus. Beispielsweise:</p> <ol> <li> <p>Das Abschmelzen der Eismassen auf Grönland und in der Antarktis hat begonnen und wird sich fortsetzen. Also steigt der Wasserspiegel und die Deiche müssen erhöht werden. Jetzt gleich. Und trotzdem: <a href="https://www.riffreporter.de/de/wissen/meeresspiegelanstieg-halligen-wattenmeer-kuestenschutz-klimawandel-nordsee-wattenmeer">Die Halligen</a> werden vielleicht nicht alle überleben.</p> </li> <li> <p>Wärme und Trockenheit schadet den Nadelbäumen, und teilweise auch den einheimischen Laubbäumen. Wir werden <a href="https://www.fva-bw.de/fileadmin/publikationen/sonstiges/180201steckbrief.pdf">andere Baumarten</a> (Spitzahorn, Weißbuche, Atlaszedern etc.) pflanzen müssen. Jetzt. Bäume wachsen bekanntlich eher langsam.</p> </li> <li> <p>Mehr Wärme sorgt für mehr Energie in der Atmosphäre. Hitzewellen, Starkregen, Stürme, schwere Gewitter und Tornados werden häufiger auftreten. <a href="https://www.flussgebiete.nrw.de/starkregen-und-klimawandel">Vorsorge</a> ist hier besser als Schadensbeseitigung.</p> </li> <li> <p>In unseren Breiten tauchen bisher <a href="https://www.eea.europa.eu/de/highlights/hitzewellen-ausbreitung-von-infektionskrankheiten-aufgrund">unbekannte Infektionskrankheiten</a> auf. Teilweise sind sie gefährlich und schwer zu behandeln.</p> </li> </ol> <p>Alle Veränderungen sind jetzt bereits spürbar und werden umso ausgeprägter, je stärker die globalen Temperaturen ansteigen.</p> <h3>CO<sub>2</sub>-Budget</h3> <p>Nein, es gibt kein CO<sub>2</sub>-Budget. Um das zu illustrieren, hier eine (etwas vereinfachte) Analogie aus der Medizin: Wer 30 Jahre lang jeden Tag mehr als 80 Gramm Alkohol trinkt, hat eine Chance von 50 Prozent für eine Leberzirrhose. Habe ich nach 20 Jahren dann noch ein Budget von 10 Jahren ungeminderten Alholkonsums? Nein, das ist offensichtlich Unsinn.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1700" id="attachment_1700"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/flooding.jpg"><img alt="" decoding="async" height="334" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 426px) 100vw, 426px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/flooding-300x235.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/flooding-300x235.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/flooding-768x601.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/flooding.jpg 1024w" width="426"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1700">Überflutung, KI-generiertes Symbolbild</figcaption></figure> <p>Beim Klima ist das nicht anders, und trotzdem geht dieser Unsinn immer wieder durch die Presse (aktuell z. B. <a href="https://www.wissenschaft.de/erde-umwelt/co2-budget-koennte-in-drei-jahren-aufgebraucht-sein/">hier</a> oder <a href="https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klimaschutz-co2-budget-fuer-1-5-grad-ziel-schrumpft-rapide-a-00c12644-e1c2-406c-bbb9-72293655d7dd">hier</a>). Die beiden Artikel beziehen sich auf eine gerade veröffentlichte wissenschaftliche Arbeit („Indicators of global climate change 2024“, Nachweis in den Anmerkungen<a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a>). Darin wird in der Tat ein CO<sub>2</sub>-Budget erwähnt, allerdings nur im Zusammenhang mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten. Und die dafür errechneten Emissionswerte sind extrem niedrig. Die Autoren deuten damit dezent an, dass eine Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 °C nicht mehr erreichbar ist.</p> <p>Wenn man davon ausgeht, dass die wichtigsten Aussagen einer wissenschaftlichen Arbeit im Abstract stehen, dann hat die Arbeit allerdings einen ganz anderen Schwerpunkt. Ich zitiere mal:</p> <blockquote> <p>„The indicators show that human activities are increasing the Earth’s energy imbalance and driving faster sea-level rise compared to the AR6 assessment. For the 2015–2024 decade average, observed warming relative to 1850–1900 was 1.24 [1.11 to 1.35] °C, of which 1.22 [1.0 to 1.5] °C was human-induced. The 2024-observed best estimate of global surface temperature (1.52 °C) is well above the best estimate of human-caused warming (1.36 °C).“</p> <p>„Verglichen mit dem sechsten Assessment Report des IPCC zeigen die Indikatoren, dass menschliche Aktivitäten das Energieungleichgewicht der Erde stärker vergrößern und den Anstieg des Meeresspiegels beschleunigen. Für 2015 bis 2024 betrug die beobachtete Erwärmung im Vergleich zu 1850 bis 1900 1,24 [1,11 bis 1,35] °C, wovon 1,22 [1,0 bis 1,5] °C vom Menschen verursacht wurden. Die 2024 beobachtete beste Schätzung der globalen Oberflächentemperatur (1,52 °C) liegt deutlich über der besten Schätzung der anthropogenen Erwärmung (1,36 °C).“</p> </blockquote> <p>Anders ausgedrückt: Die Erde erwärmte sich 2024 schneller als erwartet. Dass El-Niño-Phänomen kommt als Erklärung nicht infrage, weil es im letzten Jahr nicht auftrat. Auch sonst ist keine unmittelbare Ursache erkennbar. Und das ist schon ein Grund, sich Gedanken zu machen. Diese wichtige Erkenntnis wurde aber leider kaum zitiert (auch nicht von den beiden verlinkten Pressemeldungen).</p> <h3>Was erwartet uns?</h3> <p>Wie wird das Klima in Deutschland in 25 Jahren aussehen? Darauf gibt es eine eindeutige Antwort: Niemand weiß es genau. Sicher ist, dass die Temperaturen in Europa stärker steigen als im Weltdurchschnitt. Gleichzeitig schwächelt der warme Nordatlantikstrom. Es wäre also denkbar, dass in Deutschland solche Sommer wie in diesem Jahr häufiger auftreten. Und sie könnten noch extremer ausfallen. Kühle Phasen mit 15 bis 20 Grad wechseln sich dann mit Hitzewellen ab, die 40 Grad und mehr erreichen. Vielleicht wird es auch im Nordwesten eher wechselhaft, nass und kühl, im Südosten dagegen heiß und trocken. Sollte der Nordatlantikstrom noch schwächer werden, könnten auch die Winter deutlich kälter werden. In Südeuropa und im Mittelmeergebiet wird es aller Voraussicht nach sehr ungemütlich. Für Frankreich <a href="https://meteofrance.com/changement-climatique/quel-climat-futur/le-climat-futur-en-france">erwartet zum Beispiel Meteo-France bis zum Jahr 2100 Hitzewellen bis 50 Grad.</a></p> <h3>Was können wir tun?</h3> <p>Wenn wir von Deutschland aus der Welt helfen wollen, haben wir mehrere Optionen. Die Entwicklungsländer erwarten sehr viel Geld, auf gute Ratschläge verzichten sie dagegen gerne. Als Geldgeber ist Deutschland aber durchaus dafür verantwortlich, dass die Mittel sinnvoll angelegt werden. Darauf sollten wir auch bestehen.</p> <p>Deutschland ist immer noch ein führendes Industrieland. Die aktuelle Bundesregierung hat einigen Ehrgeiz entwickelt, diesen Vorteil auszubauen. So möchte sie in Deutschland <a href="https://www.handelsblatt.com/unternehmen/energie/energie-der-erste-fusionsreaktor-der-welt-soll-in-zukunft-in-deutschland-stehen/100111332.html">das erste Kernfusionskraftwerk</a> bauen lassen. Einheimische Start-ups wie <a href="https://www.proximafusion.com/">Proxima Fusion</a> oder <a href="https://marvelfusion.com/">Marvel Fusion</a> haben jeweils mehr als 180 Millionen Euro Investorengelder eingesammelt, genug, um zumindest den Bau eines Testreaktors zu beginnen. Siemens Energy baut große Elektrolyseanlagen zur Erzeugung von grünem Wasserstoff und testet Gasturbinen mit Wasserstoffeinspritzung. Bei der Akkuherstellung und der Produktion von Solarzellen ist Deutschland dagegen ziemlich abgehängt. Das gilt es in naher Zukunft aufzuholen.</p> <p>Die Aufgaben sind gewaltig. Aber niemand hat gesagt, dass es einfach wird.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> Nach <a href="https://climatechangetracker.org/global-warming">anderen Quellen</a> waren es 1,52 °C</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Crippa, M., Guizzardi, D., Pagani, F., Banja, M., Muntean, M., Schaaf, E., Monforti-Ferrario, F., Becker, W., Quadrelli, R., Risquez Martin, A., Taghavi-Moharamli, P., Köykkä, J., Grassi, G., Rossi, S., Melo, J., Oom, D., Branco, A., San-Miguel, J., Manca, G., Pisoni, E., Vignati, E. and Pekar, F., GHG emissions of all world countries, Publications Office of the European Union, Luxembourg, 2024, <a href="https://publications.jrc.ec.europa.eu/repository/handle/JRC138862" rel="noopener" target="_blank">doi:10.2760/4002897</a>, JRC138862</p> <div id="sdendnote3"> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3]</a> Forster, P. M., Smith, C., Walsh, T., Lamb, W. F., Lamboll, R., Cassou, C., Hauser, M., Hausfather, Z., Lee, J.-Y., Palmer, M. D., von Schuckmann, K., Slangen, A. B. A., Szopa, S., Trewin, B., Yun, J., Gillett, N. P., Jenkins, S., Matthews, H. D., Raghavan, K., Ribes, A., Rogelj, J., Rosen, D., Zhang, X., Allen, M., Aleluia Reis, L., Andrew, R. M., Betts, R. A., Borger, A., Broersma, J. A., Burgess, S. N., Cheng, L., Friedlingstein, P., Domingues, C. M., Gambarini, M., Gasser, T., Gütschow, J., Ishii, M., Kadow, C., Kennedy, J., Killick, R. E., Krummel, P. B., Liné, A., Monselesan, D. P., Morice, C., Mühle, J., Naik, V., Peters, G. P., Pirani, A., Pongratz, J., Minx, J. C., Rigby, M., Rohde, R., Savita, A., Seneviratne, S. I., Thorne, P., Wells, C., Western, L. M., van der Werf, G. R., Wijffels, S. E., Masson-Delmotte, V., and Zhai, P.: Indicators of Global Climate Change 2024: annual update of key indicators of the state of the climate system and human influence, Earth Syst. Sci. Data, 17, 2641–2680, <a href="https://doi.org/10.5194/essd-17-2641-2025">https://doi.org/10.5194/essd-17-2641-2025</a>, 2025.</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/klima-einige-kuehle-ueberlegungen/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>84</slash:comments> </item> <item> <title>Die Legende der Wüste Gobi – Professor Zofia Kielan-Jaworowska https://scilogs.spektrum.de/meertext/die-legende-der-wueste-gobi-professor-zofia-kielan-jaworowska/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/die-legende-der-wueste-gobi-professor-zofia-kielan-jaworowska/#comments Fri, 04 Jul 2025 08:26:05 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1706 <h1>Die Legende der Wüste Gobi - Professor Zofia Kielan-Jaworowska » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Die Erforschung der zentralasiatischen Wüste Gobi ist voller unglaublicher Abenteuergeschichten. Der US-amerikanisch <a href="https://scientificwomen.net/women/kielan_jaworowska-zofia-178">Paläontologe Roy Chapman Andrews</a> hatte ab <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Flaming_Cliffs">1922</a>. die unglaubliche Dinosaurierfundstelle <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bajandsag">Flaming Cliffs</a> entdeckt und war mit seinem aufregenden Leben die Vorlage für den Film Archäologen Indiana Jones.<br></br> Weniger bekannt ist die polnische Paläontologin Zofia Kielan-Jaworowska – sie leitete sechs polnisch-mongolische paläontologischen Expeditionen in die Gobi, u. a. zu den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bajandsag">Flaming Cliffs</a> – oder Bajandsag, wie die gewaltige Sandsteinformation im Mongolischen heisst.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Resized_pan-flaming-cropped2.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="179" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Resized_pan-flaming-cropped2-1024x179.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Resized_pan-flaming-cropped2-1024x179.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Resized_pan-flaming-cropped2-300x53.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Resized_pan-flaming-cropped2-768x134.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Resized_pan-flaming-cropped2-1536x269.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Resized_pan-flaming-cropped2-2048x358.jpg 2048w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Resized_pan-flaming-cropped2-1000x174.jpg 1000w" width="1024"></img></a></figure> <p><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bajandsag#/media/Datei:Resized_pan-flaming-cropped2.jpg">Panorama picture of The Flaming Cliffs, Gobi Desert, Mongolia. Composed from several images taken at sunset</a> (Wikipedia, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/User:Zoharby">Zoharby</a>)<p>Kielan-Jaworowska wurde am 25. April 1925 geboren und studierte in Warschau. Der Krieg hatte vom Geologischen Institut nur noch Ruinen übriggelassen und das Warschau der Nachkriegszeit war für Wissenschaftler auch aus politischen Gründen nicht einfach. Trotzdem führten sie und ihr Doktorvater Roland Kovlowski mehrere wichtige Forschungsprojekte durch und sie schloss 1953 ihre Doktorarbeit über Trilobiten ab. 1959, kurz vor der Geburt ihres Sohnes, legte sie eine umfangreiche <a href="https://www.palass.org/publications/newsletter/legends-rock/legends-rock-zofia-kielan-jaworowska">Arbeit über Trilobiten aus dem Ordovizium vor. </a> Zwischen der Feldarbeit und den Polychaeten-Kieferapparaten machte sie in der Wissenschaft als Dozentin und Forscherin Karriere. Schließlich wurde sie zur Professorin ernannt.</p></p> <p>Dann organisierte Zofia Kielan-Jaworowska zwischen <a href="https://scientificwomen.net/women/kielan_jaworowska-zofia-178">1963 und 1971die insgesamt 6 Polnisch-Mongolische</a>n Expeditionen und entdeckte dabei bei neben dem Dinosaurier <em>Deinocheirus</em> neue Arten von Krokodilen, Eidechsen, Schildkröten sowie ausgestorbenen Säugetieren des Erdmittelalters wie <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Multituberculata">Multituberculata</a>. Außerdem schrieb sie das Buch „<a href="https://mitpress.mit.edu/9780262610070/hunting-for-dinosaurs/">Hunting for Dinosaurs</a>“ – schließlich sind die mongolischen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bajandsag">Flaming Cliffs</a> für ihre Dino-Funde berühmt. In der flammendroten Sandsteinformation sind Dinosaurier-Brutstätten und die ersten Nester entdeckt worden.<br></br>1971 entdeckte Kielan-Jaworowska <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Fighting_Dinosaurs">einen <em>Protoceratops und</em> einen jungen <em>Velociraptor</em>, die in einen Kampf</a> verwickelt waren. Der <em>Protoceratops </em>hatte auf seinem Nest sein Gelege verteidigt und war in regelrechter Umarmung mit dem kleinen Raptor gestorben.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Fighting_dinosaurs_2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="715" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Fighting_dinosaurs_2-1024x715.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Fighting_dinosaurs_2-1024x715.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Fighting_dinosaurs_2-300x210.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Fighting_dinosaurs_2-768x536.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Fighting_dinosaurs_2-1536x1073.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Fighting_dinosaurs_2.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Fighting_Dinosaurs#/media/File:Fighting_dinosaurs_(2).jpg">Fossil cast of the Fighting Dinosaurs</a> at the <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Nagoya_City_Science_Museum">Nagoya City Science Museum</a>, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Japan">Japan</a>, 2014 (Wikipedia: <a href="https://www.flickr.com/people/76758469@N00">Yuya Tamai</a> from Gifu, Japan)</figcaption></figure> <p>Aber ihr Forschungsfokus lag nicht auf den schrecklichen Echsen, sondern ab 1963 auf den mesozoischen Säugetieren, die ebenfalls in den Flaming Cliffs zu finden waren. Gemeinsam mit ihren Mitautoren schrieb sie in „Mammals from the Age of Dinosaurs“ (2004): „<a href="https://www.palass.org/publications/newsletter/legends-rock/legends-rock-zofia-kielan-jaworowska">Die Säugetiere des Mesozoikums bilden den Stamm und ein verwirrendes Gestrüpp basaler Äste für den gesamten Stammbaum der Säugetiere</a>“. Diese Säuger waren oft noch winzig und stehen meist im Schatten der Dinosaurier. Meist höchstens rattengroß, hatten sie Schädel mit großen Augenhöhlen. Die Multituberculata sind die bekannteste Gruppe dieser mesozoischen Säugetiere. Sie haben keine direkten heute noch lebenden Nachkommen, existierten aber für sehr lange Zeit. Gerade die Multituberculata – die ihren Namen von Höckern auf den Zähnen hatten – hinterließen nicht nur vereinzelte Zähne und einige Kieferknochen, sondern auch artikulierte Skelette – also im Verband liegende Knochen. Gerade diese Skelettelemente hinter dem Schädel (postkranial) sind selten und ermöglichten neue Rekonstruktionen. Kielan-Jaworowska setzte eine Vielzahl von Techniken ein und ist vor allem für ihre Verwendung von Serienschnitten durch die winzigen Schädel bekannt.  Der Zugang zu postkranialem Material führte sie auch zum Beckengürtel, und sie schrieb in ihrer Autobiografie, dass „die eigentümliche Struktur des Beckengürtels mich die ganze Zeit über verfolgte“.  In einem Nature-Artikel aus dem Jahr 1979 (Kielan-Jaworowska 1979) vertrat sie die Ansicht, dass das extrem schmale V-förmige Becken nicht mit der Eiablage vereinbar sei, und stellte darum die Hypothese auf, dass diese Ursäuger extrem kleine, lebende Nachkommen zur Welt gebracht haben könnten.   </p> <p><a href="https://www.palass.org/publications/newsletter/legends-rock/legends-rock-zofia-kielan-jaworowska">Polen blieb zwar hinter dem Eisernen Vorhang</a>, aber Kielan-Jaworowska erkannte die Bedeutung der internationalen Zusammenarbeit und baute strategisch ein großes Netzwerk mit Wissenschaftlern auf beiden Seiten auf.  Sie arbeitete in Paris und besuchte mehrmals das Vereinigte Königreich, die Sowjetunion, Skandinavien und die USA.<br></br>Ab 1980 wurde es wegen ihrer Mitgliedschaft in der <a href="https://osteuropa.lpb-bw.de/solidarnosc-polen">Gewerkschaft Solidarnosc</a> kompliziert, in Polen zu bleiben. Als eine Professur in Oslo ausgeschrieben wurde, bewarb sie sich und blieb acht Jahre lang in Norwegen, bis sie und ihr Mann 1995 nach Polen zurückkehrten.  Sie publizierte <a href="https://www.palass.org/publications/newsletter/legends-rock/legends-rock-zofia-kielan-jaworowska">220 Arbeiten</a> in <a href="https://pl.wikipedia.org/wiki/Zofia_Kielan-Jaworowska">vielen internationalen wissenschaftlichen Journals und wurde im In- und Ausland mit zahlreichen Auszeichnungen und Preisen geehrt.</a> Da sie ihre Forschungsergebnisse auch in Englisch publizierte und immer darauf bedacht war, die Forschungsresultate in die Öffentlichkeit zu bringen, hat sie einen besonders großen Beitrag zum Ansehen der Paläontologie geleistet.<br></br>Sie war <a href="https://www.paleo.pan.pl/pl/Kielan-Jaworowska.html">Mitglied der Polnischen Geologischen Gesellschaft</a>, der Academia Europaea, der Paläontologischen Gesellschaft, der Norwegischen Akademie der Wissenschaften und des Schrifttums, der Norwegischen Paläontologischen Gesellschaft, der Polnischen Akademie der Wissenschaften sowie Ehrenmitglied der Linnean Society of London, der Polnischen Kopernikus-Gesellschaft der Naturforscher und der Society of Vertebrate Paleontology. Sie arbeitete an der Harvard University (1973-74), der Paris Diderot University (1982-84), der University of Oslo (1987-95) und der Polnischen Akademie der Wissenschaften.<aside></aside></p> <p>So arbeitete und veröffentlichte sie bis wenige Jahre vor ihrem Tod im Jahr 2015.<br></br>Ihr Mitautor, Zhe-Xi Lou, beschreibt ihren Beitrag zur Paläontologie als unübertroffen von allen lebenden Experten, und dass <a href="Kielan-Jaworowska's%20co-author,%20Zhe-Xi%20Lou,%20describes%20her%20contribution%20to%20paleontology%20as%20unmatched%20by%20any%20living%20experts,%20and%20that%20%22in%20the%20whole%20of%20Mesozoic%20mammalian%20studies%20for%20the%20last%20100%20years,%20only%20the%20late%20American%20paleontologist%20George%20Gaylord%20Simpson%20would%20be%20her%20equal%22.%20%22She%20is%20the%20rarest%20among%20the%20rare%20–%20she%20has%20been%20a%20leader%20in%20making%20important%20scientific%20contributions,%20and%20also%20a%20gregarious%20and%20charismatic%20figure,%20both%20of%20which%20have%20made%20paleontology%20a%20better%20science,%20and%20paleontologists%20worldwide%20a%20better%20community.%22">„in der gesamten mesozoischen Säugetierforschung der letzten 100</a> Jahre nur der verstorbene amerikanische Paläontologe George Gaylord Simpson ihr ebenbürtig ist“. Weiterhin: „Sie ist die Seltenste unter den Seltenen – sie war führend bei der Erarbeitung wichtiger wissenschaftlicher Beiträge und gleichzeitig eine gesellige und charismatische Persönlichkeit, die die Paläontologie zu einer besseren Wissenschaft und die Paläontologen weltweit zu einer besseren Gemeinschaft gemacht hat“.</p> <p>Ihr zu Ehren wurde eine Reihe von ausgestorbenen Tieren benannt, darunter die Ursäuger <em><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Kielanodon">Kielanodon</a></em>, <em><a href="https://www.researchgate.net/publication/236638554_The_first_multituberculate_mammal_from_India">Indobaatar zofiae</a>, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Zofiabaatar">Zofiabaatar</a></em>, <em><a href="https://www.app.pan.pl/article/item/app52-441.html">Kielantherium</a></em> und <em><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30224674/">Zofiagale</a></em>.<br></br>In diesem Jahr wäre sie 100 Jahre alt geworden.<br></br>Ich hoffe, dass 2025 viele spannende Artikel über ihr arbeitsreiches und abenteuerliches Leben erscheinen!<p>Ihre Geburtstagsgrüße aus Polen beschreiben sie jedenfalls als “Die Legende der Gobi”:</p><br></br></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-13.png"><img alt="" decoding="async" height="883" sizes="(max-width: 983px) 100vw, 983px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-13.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-13.png 983w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-13-300x269.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-13-768x690.png 768w" width="983"></img></a><figcaption>https://researchinpoland.org/news/the-legend-of-the-gobi-desert-professor-zofia-kielan-jaworowska/</figcaption></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Die Legende der Wüste Gobi - Professor Zofia Kielan-Jaworowska » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Die Erforschung der zentralasiatischen Wüste Gobi ist voller unglaublicher Abenteuergeschichten. Der US-amerikanisch <a href="https://scientificwomen.net/women/kielan_jaworowska-zofia-178">Paläontologe Roy Chapman Andrews</a> hatte ab <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Flaming_Cliffs">1922</a>. die unglaubliche Dinosaurierfundstelle <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bajandsag">Flaming Cliffs</a> entdeckt und war mit seinem aufregenden Leben die Vorlage für den Film Archäologen Indiana Jones.<br></br> Weniger bekannt ist die polnische Paläontologin Zofia Kielan-Jaworowska – sie leitete sechs polnisch-mongolische paläontologischen Expeditionen in die Gobi, u. a. zu den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bajandsag">Flaming Cliffs</a> – oder Bajandsag, wie die gewaltige Sandsteinformation im Mongolischen heisst.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Resized_pan-flaming-cropped2.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="179" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Resized_pan-flaming-cropped2-1024x179.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Resized_pan-flaming-cropped2-1024x179.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Resized_pan-flaming-cropped2-300x53.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Resized_pan-flaming-cropped2-768x134.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Resized_pan-flaming-cropped2-1536x269.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Resized_pan-flaming-cropped2-2048x358.jpg 2048w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Resized_pan-flaming-cropped2-1000x174.jpg 1000w" width="1024"></img></a></figure> <p><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bajandsag#/media/Datei:Resized_pan-flaming-cropped2.jpg">Panorama picture of The Flaming Cliffs, Gobi Desert, Mongolia. Composed from several images taken at sunset</a> (Wikipedia, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/User:Zoharby">Zoharby</a>)<p>Kielan-Jaworowska wurde am 25. April 1925 geboren und studierte in Warschau. Der Krieg hatte vom Geologischen Institut nur noch Ruinen übriggelassen und das Warschau der Nachkriegszeit war für Wissenschaftler auch aus politischen Gründen nicht einfach. Trotzdem führten sie und ihr Doktorvater Roland Kovlowski mehrere wichtige Forschungsprojekte durch und sie schloss 1953 ihre Doktorarbeit über Trilobiten ab. 1959, kurz vor der Geburt ihres Sohnes, legte sie eine umfangreiche <a href="https://www.palass.org/publications/newsletter/legends-rock/legends-rock-zofia-kielan-jaworowska">Arbeit über Trilobiten aus dem Ordovizium vor. </a> Zwischen der Feldarbeit und den Polychaeten-Kieferapparaten machte sie in der Wissenschaft als Dozentin und Forscherin Karriere. Schließlich wurde sie zur Professorin ernannt.</p></p> <p>Dann organisierte Zofia Kielan-Jaworowska zwischen <a href="https://scientificwomen.net/women/kielan_jaworowska-zofia-178">1963 und 1971die insgesamt 6 Polnisch-Mongolische</a>n Expeditionen und entdeckte dabei bei neben dem Dinosaurier <em>Deinocheirus</em> neue Arten von Krokodilen, Eidechsen, Schildkröten sowie ausgestorbenen Säugetieren des Erdmittelalters wie <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Multituberculata">Multituberculata</a>. Außerdem schrieb sie das Buch „<a href="https://mitpress.mit.edu/9780262610070/hunting-for-dinosaurs/">Hunting for Dinosaurs</a>“ – schließlich sind die mongolischen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bajandsag">Flaming Cliffs</a> für ihre Dino-Funde berühmt. In der flammendroten Sandsteinformation sind Dinosaurier-Brutstätten und die ersten Nester entdeckt worden.<br></br>1971 entdeckte Kielan-Jaworowska <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Fighting_Dinosaurs">einen <em>Protoceratops und</em> einen jungen <em>Velociraptor</em>, die in einen Kampf</a> verwickelt waren. Der <em>Protoceratops </em>hatte auf seinem Nest sein Gelege verteidigt und war in regelrechter Umarmung mit dem kleinen Raptor gestorben.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Fighting_dinosaurs_2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="715" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Fighting_dinosaurs_2-1024x715.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Fighting_dinosaurs_2-1024x715.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Fighting_dinosaurs_2-300x210.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Fighting_dinosaurs_2-768x536.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Fighting_dinosaurs_2-1536x1073.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Fighting_dinosaurs_2.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Fighting_Dinosaurs#/media/File:Fighting_dinosaurs_(2).jpg">Fossil cast of the Fighting Dinosaurs</a> at the <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Nagoya_City_Science_Museum">Nagoya City Science Museum</a>, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Japan">Japan</a>, 2014 (Wikipedia: <a href="https://www.flickr.com/people/76758469@N00">Yuya Tamai</a> from Gifu, Japan)</figcaption></figure> <p>Aber ihr Forschungsfokus lag nicht auf den schrecklichen Echsen, sondern ab 1963 auf den mesozoischen Säugetieren, die ebenfalls in den Flaming Cliffs zu finden waren. Gemeinsam mit ihren Mitautoren schrieb sie in „Mammals from the Age of Dinosaurs“ (2004): „<a href="https://www.palass.org/publications/newsletter/legends-rock/legends-rock-zofia-kielan-jaworowska">Die Säugetiere des Mesozoikums bilden den Stamm und ein verwirrendes Gestrüpp basaler Äste für den gesamten Stammbaum der Säugetiere</a>“. Diese Säuger waren oft noch winzig und stehen meist im Schatten der Dinosaurier. Meist höchstens rattengroß, hatten sie Schädel mit großen Augenhöhlen. Die Multituberculata sind die bekannteste Gruppe dieser mesozoischen Säugetiere. Sie haben keine direkten heute noch lebenden Nachkommen, existierten aber für sehr lange Zeit. Gerade die Multituberculata – die ihren Namen von Höckern auf den Zähnen hatten – hinterließen nicht nur vereinzelte Zähne und einige Kieferknochen, sondern auch artikulierte Skelette – also im Verband liegende Knochen. Gerade diese Skelettelemente hinter dem Schädel (postkranial) sind selten und ermöglichten neue Rekonstruktionen. Kielan-Jaworowska setzte eine Vielzahl von Techniken ein und ist vor allem für ihre Verwendung von Serienschnitten durch die winzigen Schädel bekannt.  Der Zugang zu postkranialem Material führte sie auch zum Beckengürtel, und sie schrieb in ihrer Autobiografie, dass „die eigentümliche Struktur des Beckengürtels mich die ganze Zeit über verfolgte“.  In einem Nature-Artikel aus dem Jahr 1979 (Kielan-Jaworowska 1979) vertrat sie die Ansicht, dass das extrem schmale V-förmige Becken nicht mit der Eiablage vereinbar sei, und stellte darum die Hypothese auf, dass diese Ursäuger extrem kleine, lebende Nachkommen zur Welt gebracht haben könnten.   </p> <p><a href="https://www.palass.org/publications/newsletter/legends-rock/legends-rock-zofia-kielan-jaworowska">Polen blieb zwar hinter dem Eisernen Vorhang</a>, aber Kielan-Jaworowska erkannte die Bedeutung der internationalen Zusammenarbeit und baute strategisch ein großes Netzwerk mit Wissenschaftlern auf beiden Seiten auf.  Sie arbeitete in Paris und besuchte mehrmals das Vereinigte Königreich, die Sowjetunion, Skandinavien und die USA.<br></br>Ab 1980 wurde es wegen ihrer Mitgliedschaft in der <a href="https://osteuropa.lpb-bw.de/solidarnosc-polen">Gewerkschaft Solidarnosc</a> kompliziert, in Polen zu bleiben. Als eine Professur in Oslo ausgeschrieben wurde, bewarb sie sich und blieb acht Jahre lang in Norwegen, bis sie und ihr Mann 1995 nach Polen zurückkehrten.  Sie publizierte <a href="https://www.palass.org/publications/newsletter/legends-rock/legends-rock-zofia-kielan-jaworowska">220 Arbeiten</a> in <a href="https://pl.wikipedia.org/wiki/Zofia_Kielan-Jaworowska">vielen internationalen wissenschaftlichen Journals und wurde im In- und Ausland mit zahlreichen Auszeichnungen und Preisen geehrt.</a> Da sie ihre Forschungsergebnisse auch in Englisch publizierte und immer darauf bedacht war, die Forschungsresultate in die Öffentlichkeit zu bringen, hat sie einen besonders großen Beitrag zum Ansehen der Paläontologie geleistet.<br></br>Sie war <a href="https://www.paleo.pan.pl/pl/Kielan-Jaworowska.html">Mitglied der Polnischen Geologischen Gesellschaft</a>, der Academia Europaea, der Paläontologischen Gesellschaft, der Norwegischen Akademie der Wissenschaften und des Schrifttums, der Norwegischen Paläontologischen Gesellschaft, der Polnischen Akademie der Wissenschaften sowie Ehrenmitglied der Linnean Society of London, der Polnischen Kopernikus-Gesellschaft der Naturforscher und der Society of Vertebrate Paleontology. Sie arbeitete an der Harvard University (1973-74), der Paris Diderot University (1982-84), der University of Oslo (1987-95) und der Polnischen Akademie der Wissenschaften.<aside></aside></p> <p>So arbeitete und veröffentlichte sie bis wenige Jahre vor ihrem Tod im Jahr 2015.<br></br>Ihr Mitautor, Zhe-Xi Lou, beschreibt ihren Beitrag zur Paläontologie als unübertroffen von allen lebenden Experten, und dass <a href="Kielan-Jaworowska's%20co-author,%20Zhe-Xi%20Lou,%20describes%20her%20contribution%20to%20paleontology%20as%20unmatched%20by%20any%20living%20experts,%20and%20that%20%22in%20the%20whole%20of%20Mesozoic%20mammalian%20studies%20for%20the%20last%20100%20years,%20only%20the%20late%20American%20paleontologist%20George%20Gaylord%20Simpson%20would%20be%20her%20equal%22.%20%22She%20is%20the%20rarest%20among%20the%20rare%20–%20she%20has%20been%20a%20leader%20in%20making%20important%20scientific%20contributions,%20and%20also%20a%20gregarious%20and%20charismatic%20figure,%20both%20of%20which%20have%20made%20paleontology%20a%20better%20science,%20and%20paleontologists%20worldwide%20a%20better%20community.%22">„in der gesamten mesozoischen Säugetierforschung der letzten 100</a> Jahre nur der verstorbene amerikanische Paläontologe George Gaylord Simpson ihr ebenbürtig ist“. Weiterhin: „Sie ist die Seltenste unter den Seltenen – sie war führend bei der Erarbeitung wichtiger wissenschaftlicher Beiträge und gleichzeitig eine gesellige und charismatische Persönlichkeit, die die Paläontologie zu einer besseren Wissenschaft und die Paläontologen weltweit zu einer besseren Gemeinschaft gemacht hat“.</p> <p>Ihr zu Ehren wurde eine Reihe von ausgestorbenen Tieren benannt, darunter die Ursäuger <em><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Kielanodon">Kielanodon</a></em>, <em><a href="https://www.researchgate.net/publication/236638554_The_first_multituberculate_mammal_from_India">Indobaatar zofiae</a>, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Zofiabaatar">Zofiabaatar</a></em>, <em><a href="https://www.app.pan.pl/article/item/app52-441.html">Kielantherium</a></em> und <em><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30224674/">Zofiagale</a></em>.<br></br>In diesem Jahr wäre sie 100 Jahre alt geworden.<br></br>Ich hoffe, dass 2025 viele spannende Artikel über ihr arbeitsreiches und abenteuerliches Leben erscheinen!<p>Ihre Geburtstagsgrüße aus Polen beschreiben sie jedenfalls als “Die Legende der Gobi”:</p><br></br></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-13.png"><img alt="" decoding="async" height="883" sizes="(max-width: 983px) 100vw, 983px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-13.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-13.png 983w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-13-300x269.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-13-768x690.png 768w" width="983"></img></a><figcaption>https://researchinpoland.org/news/the-legend-of-the-gobi-desert-professor-zofia-kielan-jaworowska/</figcaption></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/die-legende-der-wueste-gobi-professor-zofia-kielan-jaworowska/#comments 3 Warum geht es in der Drogenpolitik selten um Freiheit? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/warum-geht-es-in-der-drogenpolitik-selten-um-freiheit/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/warum-geht-es-in-der-drogenpolitik-selten-um-freiheit/#comments Thu, 03 Jul 2025 11:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3375 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/pills-8422701_1920-768x430.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/warum-geht-es-in-der-drogenpolitik-selten-um-freiheit/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/pills-8422701_1920.jpg" /><h1>Warum geht es in der Drogenpolitik selten um Freiheit? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Dass die Verbotspolitik gescheitert ist, sollte klar sein. Wie könnte ein besserer Umgang mit Drogen aussehen?</strong></p> <span id="more-3375"></span> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/weltdrogentag-immer-mehr-menschen-konsumieren-drogen/">ersten Teil</a> behandelten wir den zum Weltdrogentag (26. Juni) von den Vereinten Nationen veröffentlichten neuen Jahresbericht. Demnach konsumieren mehr Menschen denn je psychoaktive Substanzen, wobei man – wohl durch eine westliche Brille – Alkohol und Tabak ausklammert. Außerdem sahen wir, dass schon der Begriff “Droge” nicht neutral definiert, sondern von Interessen und Werten geprägt ist.</p> <p>Der Diskurs wird vor allem gesundheitspolitisch und mit Blick auf die Risiken geführt. Dass die Verbote offenbar kaum funktionieren, die Probleme vielleicht sogar vergrößern und sich Menschen aus <em>bestimmten Gründen</em> für den Substanzkonsum entscheiden, wird seltener thematisiert.</p> <h2 id="h-freiheit">Freiheit…</h2> <p>So geht ein wichtiges Grundprinzip des liberalen Rechtsstaats in der drogenpolitischen Diskussion regelmäßig unter: nämlich das Prinzip der freien Entscheidung zumindest von erwachsenen Menschen über sich selbst, das Prinzip der Selbstbestimmung. Und damit auch über Mittel und Wege zum Erreichen der <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/einfuehrung-zur-serie-ueber-drogenpolitik/">von ihnen gewünschten psychischen Zustände</a>.</p> <p>Es war nicht zufällig, dass Sucht im Zuge des im ersten Teil genannten politischen-religiösen Fanatismus erstmals offiziell als medizinisches Problem klassifiziert wurde, nämlich in den 1930ern in den USA. Doch auch (fast) 100 Jahre später haben sich Mediziner nicht auf eine einheitliche Definition des Suchtbegriffs einigen können. Er ist fast so (un)logisch wie die Drogenverbote selbst.<aside></aside></p> <p>Die medizinischen Standardwerke gingen dann seit den 1970ern einen anderen Weg: Man legte Kriterien dafür fest, wann Substanzkonsum als problematisch gilt. Dafür gibt es jetzt das im Deutschen unschöne Wort der Substanzkonsumstörung (englisch <em>substance use disorder</em>, SUD). Kennzeichnend hierfür sind einerseits der Kontrollverlust des Konsumierenden; und andererseits das Leiden, die Krankheit und Dysfunktion durch den Substanzkonsum.</p> <p>Wenn man dann die empirischen Tatsachen anerkennt, dass, erstens, selbst bei den als sehr gefährlich dargestellten Mitteln in aller Regel nur eine Minderheit der Konsumierenden die Kriterien dieser Störung erfüllt und, zweitens, die Verbote den Konsum nicht verhindern, bleibt doch ein sehr großes, fett gedrucktes <strong>Prinzip Freiheit</strong> übrig.</p> <h2 id="h-und-ihre-schranken">…und ihre Schranken</h2> <p>Leider wird das bis heute maßgebliche Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Cannabisverbot aus dem Jahr 1994 hier regelmäßig falsch gelesen: Damit war nicht das “Recht auf Rausch” vom Tisch, sondern nur so ein <em>uneingeschränktes</em> Recht (<a href="https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/1994/03/ls19940309_2bvl004392.html">Beschluss vom 9. März 1994</a>; Rn 119).</p> <p>Das heißt, auch der Konsum von psychoaktiven Stoffen ist vom Grundrecht auf die Persönlichkeitsentfaltung nach Art. 2 Abs. 1 Grundgesetz gedeckt. Er darf, wenn überhaupt, nur auf Grundlage eines Gesetzes beschränkt werden. Und im liberalen Rechtsstaat gilt: Erlaubt ist, was nicht verboten ist; das <em>Verbot</em> – wohlgemerkt, das schärfste Mittel des Rechtsstaats – muss hinreichend begründet werden, nicht die Freiheit; es muss zudem verhältnismäßig sein, also zielführend und angemessen; und die Freiheit des Einzelnen endet an der Grenze zur Freiheit anderer.</p> <p>Dann ist Drogenkonsum vom Prinzip her eher damit zu vergleichen, dass man in seiner eigenen Wohnung nicht beliebig laut und lange Musik hören darf. Denn ab einer bestimmten Lautstärke und Dauer schränkt das die Freiheit der Nachbarn ein, diese Musik <em>nicht</em> hören zu müssen.</p> <h2 id="h-die-doppel-moral-von-der-geschicht">Die (Doppel-) Moral von der Geschicht</h2> <p>Damit kommen wir zur Moral zurück: Man muss Drogenkonsum ja nicht gutheißen. (Dann bitte aber auch beim nächsten Bier oder der nächsten Zigarette, vielleicht sogar beim nächsten Tee oder Kaffee daran denken.) Man darf insbesondere niemanden zum Konsum verbotener Substanzen <em>auffordern</em>, denn das kann genauso hart wie der Drogenbesitz oder Körperverletzung bestraft werden (§ 29 Abs. 1 Nr. 12 BtMG).</p> <p>Man kommt aber auch nicht einfach so aus dem Dilemma heraus, dass einerseits Drogenkonsum zwar mit Risiken einhergeht, auch wenn diese in der Regel beherrschbar sind und von vielen Nebenfaktoren abhängen, einschließlich der Verbotspolitik; und dass andererseits Menschen (und sogar manche Tiere) immer schon psychoaktive Substanzen konsumiert haben – und das auch weiterhin tun werden.</p> <p>Wie lange man sich den sinnlosen Kampf gegen die Vorlieben großer Bevölkerungsteile in Zeiten knapper Ressourcen noch leisten will, wird in den nächsten Jahrzehnten auch aufgrund des demografischen Wandelns und dem zunehmenden Mangel an Arbeitskraft zur immer drängenderen Frage werden. Man kann sich darauf besinnen, dass Drogenverbote von Anfang an auf Lügen basierten: Opium zum Beispiel galt lange Zeit als <em>wichtigstes</em> Heilmittel der Ärzte schlechthin. Mit politisch-religiösen Fanatismus <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/drogen-warum-wurden-psychoaktive-substanzen-ueberhaupt-verboten/">dämonisierte man es</a> und wollte man gleichzeitig die chinesischen Einwanderer, die es gerne rauchten, <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/mit-drogenpolitik-wird-sozial-und-migrationspolitik-gemacht/">loswerden</a>.</p> <p>Beides ging nach hinten los: Die Einwanderer blieben und kosteten auf dem Weg ins Gefängnis und während des Aufenthalts darin gesellschaftliche Ressourcen; und anstatt unruhigen Kindern ein paar Tropfen der natürlichen Opiummilch zu geben, verabreicht man heute massenweise sogenannte Antidepressiva, Angstlöser und ADHS-Medikamente. Übrigens verschwand Opium trotz der Dämonisierung nie ganz aus der Apotheke, denn seinen angeblich höllischen Wurzeln zum Trotz enthalten auch heute noch manche Erkältungsmittel seinen Bestandteil Codein – gegen Hustenreiz und für ein besseres Gefühl.</p> <p>Cannabis landete vor hundert Jahren aufgrund eines politischen Kuhhandels unter Federführung der Ägypter und ebenfalls mit Lügen <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zweite-opiumkonferenz-100-jahre-boeses-cannabis/">auf der Verbotsliste</a>. Das Fremdwort “Marihuana” wurde bewusst gewählt, weil das gefährlicher klang. Um sich davon einen Eindruck zu verschaffen, kann man sich den offiziellen amerikanischen Propagandafilm “<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Reefer_Madness#Cast">Reefer Madness</a>” aus dem Jahr 1936 ansehen. (“Reefer” ist Slang für Joint oder Cannabiszigarette.)</p> <h2 id="h-elend">Elend</h2> <p>Wie gesagt, man muss Drogenkonsum ja nicht gut finden. Aber gerade als ehrlicher Bürger sollte man die politischen Lügen mit ihren dramatischen gesellschaftlichen Folgen nicht immer weiter an der Wahlurne stützen. Die Verbotspolitiker spielen mit der Angst, die sie selbst schüren. Und die meisten Medien spielen das Spiel aufgrund ihrer Aufmerksamkeitsinteressen mit. Wie die Drogenangst und -Panik schon in der Weimarer Republik politisch-medial konstruiert wurde, hat zum Beispiel die Sozialwissenschaftlerin Annika Hoffmann <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-531-94045-8">in ihrer Doktorarbeit nachgewiesen</a>.</p> <p>“Aber sind nicht gerade <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/cannabis-pseudo-wissenschaft-ueber-seine-risiken/">die ‘harten’ Drogen gefährlich?</a>“, fragen viele. Das <em>können</em> sie sein, ja, ebenso wie das Schlucken von zu viel Alkohol oder Paracetamol. An einer Überdosis dieser beiden Substanzen wird man aber eher zugrundegehen als an zu viel Cannabis oder Psilocybin – trotzdem kann man sie überall mehr oder weniger frei kaufen. Warum? Weil die allermeisten Menschen gelernt haben, damit verantwortungsvoll umzugehen.</p> <p>Vergessen wir dabei nicht, dass die Unterscheidung in “weiche” und “harte” Drogen schon ein Eingeständnis der Verbotspolitiker war: dass nämlich die Drogenpropaganda im 20. Jahrhundert mit ihrer Dramatisierung der Nebenwirkungen weit überzogen war. Anstatt vom eingeschlagenen Irrweg abzuweichen, hielt man die Verbote insgesamt instand, indem man Delikte wegen (angeblich) weniger gefährlichen Substanzen weniger hart bestrafte.</p> <p>Es gibt Leute, die aus Neugier psychoaktive Substanzen konsumieren – dann problematischen Konsum entwickeln und nicht mehr davon loskommen. Das höchste Risiko dafür haben aber <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/weg-mit-den-mythen-die-entkriminalisierung-von-cannabis-hilft-auch-der-wissenschaft/">Menschen mit traumatischen Erfahrungen</a> oder in schweren psychosozialen Verhältnissen. Erinnern wir uns, dass im Vietnamkrieg viele US-Soldaten ihr Elend dieser Hölle auf Erden mit Heroin erträglicher gestalteten.</p> <p>Sie konnten die aus der Veredlung natürlichen Opiums gewonnene Droge rauchen anstatt spritzen, weil sie in Vietnam günstig, in großen Mengen und in hoher Qualität verfügbar war. Damit fielen auch die Gesundheitsrisiken des Spritzens weg. Aus heutiger Sicht frappierend ließen die allermeisten von ihnen nach der Rückkehr in die Heimat <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/weg-mit-den-mythen-die-entkriminalisierung-von-cannabis-hilft-auch-der-wissenschaft/">davon wieder die Finger</a>. Und diejenigen, die auch zurück in den USA weiter Heroin nahmen, hatten meist schon vor dem Kriegseinsatz psychosoziale Schwierigkeiten, die sie für problematischen Substanzkonsum anfällig machten.</p> <h2 id="h-opioide">Opioide</h2> <p>Heute sind viele Opiate – das sind Opioide natürlichen Ursprungs wie Opium, Morphium oder Heroin – und synthetische Opioide verboten. Trotzdem sind wahrscheinlich mehr Menschen denn je von den Opioiden Oxycodon und Fentanyl <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/opioide-wennnicht-drogen-sondern-medikamente-und-die-falsche-politik-toeten/">abhängig</a>, die beide auch als wichtige Medikamente gelten.</p> <p>Das Problem besteht fort, ganz gleich ob man es drogenpolitisch leichter oder härter anpackt. Das ist ein starker Hinweis darauf, dass es hier <em>im Kern</em> gar nicht um die richtige Drogenpolitik geht. Vielmehr verschwindet soziale Not hinter der Chiffre der “gefährlichen” Substanz: Die Menschen gelten dann nicht als Betroffene von Traumata, ungleichen Chancen, Arbeitslosigkeit, Ausgrenzung, verwahrlosten Familien oder Strukturen. Nein, stattdessen haben sie nach dieser Lesart <em>individuell</em> die falschen Entscheidungen getroffen.</p> <p>So kann man eine Politik der sozialen Härte mit fehlender Partizipation bestimmter Schichten und wachsenden Unterschieden zwischen Reicheren und Ärmeren ganz im Sinne des Neoliberalismus verklären: Es ist doch <em>deren</em> Schuld, wenn sie Drogen nehmen und die Kontrolle darüber verlieren. Wohlgemerkt, schon in der Antike hatte das griechische Wort <em>pharmakon</em> neben “Arznei” und “Gift” auch die Bedeutung “Sündenbock”.</p> <h2 id="h-verstetigung-der-probleme">Verstetigung der Probleme</h2> <p>Die so individualisierten Probleme von Menschen werden dann, sofern verfügbar, suchtmedizinisch zwar entschuldigt. Indem man das Phänomen in den Bereich der Krankheit aufnimmt, verschwindet – zumindest theoretisch – die Schuld. Aber in der Praxis ist dem natürlich nicht so und sucht man die soziale Distanz zu den “Alkoholikern”, “Drogensüchtigen” oder “Junkies”. Jedenfalls dann, wenn man nicht gerade in der Sozialarbeit tätig ist.</p> <p>Diese Suchthilfe kommt aber eigentlich immer zu spät. Und auch sie verstetigt durch die Behandlung der Symptome die eigentlichen Ursachen des Problems. Wenn man heute die Massen der Drogenabhängigen in amerikanischen Großstädten in ihren Zombie-mäßigen Zuständen – die meisten sind schwarz, viele kommen aus schwierigen Verhältnissen, viele beides – sieht, kann man verzweifeln:</p> <p>Welche Perspektive haben diejenigen, die nur noch für den nächsten Rausch leben und sich dafür, wenn es geht, prostituieren, ansonsten betteln und stehlen oder gar rauben? Gezeichnet vom harten Leben auf der Straße, mangelnder medizinischer Versorgung, vielleicht schon mit ein paar Nahtoderfahrungen aufgrund von Überdosierungen. Ein Schuss, eine Pille, lässt das alles für ein paar Momente vergessen, so als hätte man ein normales Leben.</p> <p>Doch, aufgepasst! Die bei kleiner Dosierung gewünschte Unterdrückung des Hustenreizes führt bei zu hoher Dosierung zum Bewusstseinsverlust mit Atemlähmung. Um das Schlimmste zu verhindern, führen in den USA viele Polizisten und Sanitäter die Gegenmittel mit. Doch mit den neuesten, immer stärkeren Opioiden sind mitunter mehrere Dosen nötig – und irgendwann ist die Grenze des Machbaren einfach über schritten.</p> <h2 id="h-die-lage-jetzt-und-bald">Die Lage jetzt und bald</h2> <p>Dass das Problem in den USA so viel größer ist als in anderen Ländern, dass die Verbote alter und neuer Opiate und synthetischer Opioide es nicht verhindern konnten, liegt auf der Hand. Ärzte, Apotheker und Pharmafirmen haben jahrzehntelang an dem Versprechen einer medizinisch möglichen schmerzfreien Welt <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/opioide-wennnicht-drogen-sondern-medikamente-und-die-falsche-politik-toeten/">sehr gut verdient</a>.</p> <p>Als diese Quellen gesetzlich zum Versiegen gebracht wurden, überließ man die Abhängigen dem gefährlicheren Stoff auf dem Schwarzmarkt. Der seitdem dramatische Anstieg der Drogentoten ist bekannt.</p> <p>Eine Lösung dieser Tragödie ist nicht in Sicht. In Europa lässt sie sich vielleicht noch verhindern, jedenfalls in diesem Ausmaß. Dabei sollte man die Situation der Betroffenen wenigstens nicht verschlimmern, wenn man sie schon nicht verbessern kann. Eine evidenz- statt ideologiebasierte Drogenpolitik wäre hierfür das Minimum.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die Cannabis-Gesetzgebung sowie wichtige Grundlagen: Was ist eine Droge? Was ist Abhängigkeit? Seit wann gibt es Cannabiskonsum in der Menschheitsgeschichte? Und was sind sein Nutzen und seine Risiken? Das neue Buch von Stephan Schleim gibt es als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/nl/book/die-cannabis-protokolle/id6745148090">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=f5pZEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Titelgrafik: <a href="https://pixabay.com/illustrations/pills-prescription-8422701/">Dee</a> Lizenz: <a href="https://pixabay.com/de/service/license-summary/">Pixabay</a></em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg07.met.vgwort.de/na/08842fb2efba4bf3ba992a5ee0373055" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/pills-8422701_1920.jpg" /><h1>Warum geht es in der Drogenpolitik selten um Freiheit? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Dass die Verbotspolitik gescheitert ist, sollte klar sein. Wie könnte ein besserer Umgang mit Drogen aussehen?</strong></p> <span id="more-3375"></span> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/weltdrogentag-immer-mehr-menschen-konsumieren-drogen/">ersten Teil</a> behandelten wir den zum Weltdrogentag (26. Juni) von den Vereinten Nationen veröffentlichten neuen Jahresbericht. Demnach konsumieren mehr Menschen denn je psychoaktive Substanzen, wobei man – wohl durch eine westliche Brille – Alkohol und Tabak ausklammert. Außerdem sahen wir, dass schon der Begriff “Droge” nicht neutral definiert, sondern von Interessen und Werten geprägt ist.</p> <p>Der Diskurs wird vor allem gesundheitspolitisch und mit Blick auf die Risiken geführt. Dass die Verbote offenbar kaum funktionieren, die Probleme vielleicht sogar vergrößern und sich Menschen aus <em>bestimmten Gründen</em> für den Substanzkonsum entscheiden, wird seltener thematisiert.</p> <h2 id="h-freiheit">Freiheit…</h2> <p>So geht ein wichtiges Grundprinzip des liberalen Rechtsstaats in der drogenpolitischen Diskussion regelmäßig unter: nämlich das Prinzip der freien Entscheidung zumindest von erwachsenen Menschen über sich selbst, das Prinzip der Selbstbestimmung. Und damit auch über Mittel und Wege zum Erreichen der <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/einfuehrung-zur-serie-ueber-drogenpolitik/">von ihnen gewünschten psychischen Zustände</a>.</p> <p>Es war nicht zufällig, dass Sucht im Zuge des im ersten Teil genannten politischen-religiösen Fanatismus erstmals offiziell als medizinisches Problem klassifiziert wurde, nämlich in den 1930ern in den USA. Doch auch (fast) 100 Jahre später haben sich Mediziner nicht auf eine einheitliche Definition des Suchtbegriffs einigen können. Er ist fast so (un)logisch wie die Drogenverbote selbst.<aside></aside></p> <p>Die medizinischen Standardwerke gingen dann seit den 1970ern einen anderen Weg: Man legte Kriterien dafür fest, wann Substanzkonsum als problematisch gilt. Dafür gibt es jetzt das im Deutschen unschöne Wort der Substanzkonsumstörung (englisch <em>substance use disorder</em>, SUD). Kennzeichnend hierfür sind einerseits der Kontrollverlust des Konsumierenden; und andererseits das Leiden, die Krankheit und Dysfunktion durch den Substanzkonsum.</p> <p>Wenn man dann die empirischen Tatsachen anerkennt, dass, erstens, selbst bei den als sehr gefährlich dargestellten Mitteln in aller Regel nur eine Minderheit der Konsumierenden die Kriterien dieser Störung erfüllt und, zweitens, die Verbote den Konsum nicht verhindern, bleibt doch ein sehr großes, fett gedrucktes <strong>Prinzip Freiheit</strong> übrig.</p> <h2 id="h-und-ihre-schranken">…und ihre Schranken</h2> <p>Leider wird das bis heute maßgebliche Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Cannabisverbot aus dem Jahr 1994 hier regelmäßig falsch gelesen: Damit war nicht das “Recht auf Rausch” vom Tisch, sondern nur so ein <em>uneingeschränktes</em> Recht (<a href="https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/1994/03/ls19940309_2bvl004392.html">Beschluss vom 9. März 1994</a>; Rn 119).</p> <p>Das heißt, auch der Konsum von psychoaktiven Stoffen ist vom Grundrecht auf die Persönlichkeitsentfaltung nach Art. 2 Abs. 1 Grundgesetz gedeckt. Er darf, wenn überhaupt, nur auf Grundlage eines Gesetzes beschränkt werden. Und im liberalen Rechtsstaat gilt: Erlaubt ist, was nicht verboten ist; das <em>Verbot</em> – wohlgemerkt, das schärfste Mittel des Rechtsstaats – muss hinreichend begründet werden, nicht die Freiheit; es muss zudem verhältnismäßig sein, also zielführend und angemessen; und die Freiheit des Einzelnen endet an der Grenze zur Freiheit anderer.</p> <p>Dann ist Drogenkonsum vom Prinzip her eher damit zu vergleichen, dass man in seiner eigenen Wohnung nicht beliebig laut und lange Musik hören darf. Denn ab einer bestimmten Lautstärke und Dauer schränkt das die Freiheit der Nachbarn ein, diese Musik <em>nicht</em> hören zu müssen.</p> <h2 id="h-die-doppel-moral-von-der-geschicht">Die (Doppel-) Moral von der Geschicht</h2> <p>Damit kommen wir zur Moral zurück: Man muss Drogenkonsum ja nicht gutheißen. (Dann bitte aber auch beim nächsten Bier oder der nächsten Zigarette, vielleicht sogar beim nächsten Tee oder Kaffee daran denken.) Man darf insbesondere niemanden zum Konsum verbotener Substanzen <em>auffordern</em>, denn das kann genauso hart wie der Drogenbesitz oder Körperverletzung bestraft werden (§ 29 Abs. 1 Nr. 12 BtMG).</p> <p>Man kommt aber auch nicht einfach so aus dem Dilemma heraus, dass einerseits Drogenkonsum zwar mit Risiken einhergeht, auch wenn diese in der Regel beherrschbar sind und von vielen Nebenfaktoren abhängen, einschließlich der Verbotspolitik; und dass andererseits Menschen (und sogar manche Tiere) immer schon psychoaktive Substanzen konsumiert haben – und das auch weiterhin tun werden.</p> <p>Wie lange man sich den sinnlosen Kampf gegen die Vorlieben großer Bevölkerungsteile in Zeiten knapper Ressourcen noch leisten will, wird in den nächsten Jahrzehnten auch aufgrund des demografischen Wandelns und dem zunehmenden Mangel an Arbeitskraft zur immer drängenderen Frage werden. Man kann sich darauf besinnen, dass Drogenverbote von Anfang an auf Lügen basierten: Opium zum Beispiel galt lange Zeit als <em>wichtigstes</em> Heilmittel der Ärzte schlechthin. Mit politisch-religiösen Fanatismus <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/drogen-warum-wurden-psychoaktive-substanzen-ueberhaupt-verboten/">dämonisierte man es</a> und wollte man gleichzeitig die chinesischen Einwanderer, die es gerne rauchten, <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/mit-drogenpolitik-wird-sozial-und-migrationspolitik-gemacht/">loswerden</a>.</p> <p>Beides ging nach hinten los: Die Einwanderer blieben und kosteten auf dem Weg ins Gefängnis und während des Aufenthalts darin gesellschaftliche Ressourcen; und anstatt unruhigen Kindern ein paar Tropfen der natürlichen Opiummilch zu geben, verabreicht man heute massenweise sogenannte Antidepressiva, Angstlöser und ADHS-Medikamente. Übrigens verschwand Opium trotz der Dämonisierung nie ganz aus der Apotheke, denn seinen angeblich höllischen Wurzeln zum Trotz enthalten auch heute noch manche Erkältungsmittel seinen Bestandteil Codein – gegen Hustenreiz und für ein besseres Gefühl.</p> <p>Cannabis landete vor hundert Jahren aufgrund eines politischen Kuhhandels unter Federführung der Ägypter und ebenfalls mit Lügen <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zweite-opiumkonferenz-100-jahre-boeses-cannabis/">auf der Verbotsliste</a>. Das Fremdwort “Marihuana” wurde bewusst gewählt, weil das gefährlicher klang. Um sich davon einen Eindruck zu verschaffen, kann man sich den offiziellen amerikanischen Propagandafilm “<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Reefer_Madness#Cast">Reefer Madness</a>” aus dem Jahr 1936 ansehen. (“Reefer” ist Slang für Joint oder Cannabiszigarette.)</p> <h2 id="h-elend">Elend</h2> <p>Wie gesagt, man muss Drogenkonsum ja nicht gut finden. Aber gerade als ehrlicher Bürger sollte man die politischen Lügen mit ihren dramatischen gesellschaftlichen Folgen nicht immer weiter an der Wahlurne stützen. Die Verbotspolitiker spielen mit der Angst, die sie selbst schüren. Und die meisten Medien spielen das Spiel aufgrund ihrer Aufmerksamkeitsinteressen mit. Wie die Drogenangst und -Panik schon in der Weimarer Republik politisch-medial konstruiert wurde, hat zum Beispiel die Sozialwissenschaftlerin Annika Hoffmann <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-531-94045-8">in ihrer Doktorarbeit nachgewiesen</a>.</p> <p>“Aber sind nicht gerade <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/cannabis-pseudo-wissenschaft-ueber-seine-risiken/">die ‘harten’ Drogen gefährlich?</a>“, fragen viele. Das <em>können</em> sie sein, ja, ebenso wie das Schlucken von zu viel Alkohol oder Paracetamol. An einer Überdosis dieser beiden Substanzen wird man aber eher zugrundegehen als an zu viel Cannabis oder Psilocybin – trotzdem kann man sie überall mehr oder weniger frei kaufen. Warum? Weil die allermeisten Menschen gelernt haben, damit verantwortungsvoll umzugehen.</p> <p>Vergessen wir dabei nicht, dass die Unterscheidung in “weiche” und “harte” Drogen schon ein Eingeständnis der Verbotspolitiker war: dass nämlich die Drogenpropaganda im 20. Jahrhundert mit ihrer Dramatisierung der Nebenwirkungen weit überzogen war. Anstatt vom eingeschlagenen Irrweg abzuweichen, hielt man die Verbote insgesamt instand, indem man Delikte wegen (angeblich) weniger gefährlichen Substanzen weniger hart bestrafte.</p> <p>Es gibt Leute, die aus Neugier psychoaktive Substanzen konsumieren – dann problematischen Konsum entwickeln und nicht mehr davon loskommen. Das höchste Risiko dafür haben aber <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/weg-mit-den-mythen-die-entkriminalisierung-von-cannabis-hilft-auch-der-wissenschaft/">Menschen mit traumatischen Erfahrungen</a> oder in schweren psychosozialen Verhältnissen. Erinnern wir uns, dass im Vietnamkrieg viele US-Soldaten ihr Elend dieser Hölle auf Erden mit Heroin erträglicher gestalteten.</p> <p>Sie konnten die aus der Veredlung natürlichen Opiums gewonnene Droge rauchen anstatt spritzen, weil sie in Vietnam günstig, in großen Mengen und in hoher Qualität verfügbar war. Damit fielen auch die Gesundheitsrisiken des Spritzens weg. Aus heutiger Sicht frappierend ließen die allermeisten von ihnen nach der Rückkehr in die Heimat <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/weg-mit-den-mythen-die-entkriminalisierung-von-cannabis-hilft-auch-der-wissenschaft/">davon wieder die Finger</a>. Und diejenigen, die auch zurück in den USA weiter Heroin nahmen, hatten meist schon vor dem Kriegseinsatz psychosoziale Schwierigkeiten, die sie für problematischen Substanzkonsum anfällig machten.</p> <h2 id="h-opioide">Opioide</h2> <p>Heute sind viele Opiate – das sind Opioide natürlichen Ursprungs wie Opium, Morphium oder Heroin – und synthetische Opioide verboten. Trotzdem sind wahrscheinlich mehr Menschen denn je von den Opioiden Oxycodon und Fentanyl <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/opioide-wennnicht-drogen-sondern-medikamente-und-die-falsche-politik-toeten/">abhängig</a>, die beide auch als wichtige Medikamente gelten.</p> <p>Das Problem besteht fort, ganz gleich ob man es drogenpolitisch leichter oder härter anpackt. Das ist ein starker Hinweis darauf, dass es hier <em>im Kern</em> gar nicht um die richtige Drogenpolitik geht. Vielmehr verschwindet soziale Not hinter der Chiffre der “gefährlichen” Substanz: Die Menschen gelten dann nicht als Betroffene von Traumata, ungleichen Chancen, Arbeitslosigkeit, Ausgrenzung, verwahrlosten Familien oder Strukturen. Nein, stattdessen haben sie nach dieser Lesart <em>individuell</em> die falschen Entscheidungen getroffen.</p> <p>So kann man eine Politik der sozialen Härte mit fehlender Partizipation bestimmter Schichten und wachsenden Unterschieden zwischen Reicheren und Ärmeren ganz im Sinne des Neoliberalismus verklären: Es ist doch <em>deren</em> Schuld, wenn sie Drogen nehmen und die Kontrolle darüber verlieren. Wohlgemerkt, schon in der Antike hatte das griechische Wort <em>pharmakon</em> neben “Arznei” und “Gift” auch die Bedeutung “Sündenbock”.</p> <h2 id="h-verstetigung-der-probleme">Verstetigung der Probleme</h2> <p>Die so individualisierten Probleme von Menschen werden dann, sofern verfügbar, suchtmedizinisch zwar entschuldigt. Indem man das Phänomen in den Bereich der Krankheit aufnimmt, verschwindet – zumindest theoretisch – die Schuld. Aber in der Praxis ist dem natürlich nicht so und sucht man die soziale Distanz zu den “Alkoholikern”, “Drogensüchtigen” oder “Junkies”. Jedenfalls dann, wenn man nicht gerade in der Sozialarbeit tätig ist.</p> <p>Diese Suchthilfe kommt aber eigentlich immer zu spät. Und auch sie verstetigt durch die Behandlung der Symptome die eigentlichen Ursachen des Problems. Wenn man heute die Massen der Drogenabhängigen in amerikanischen Großstädten in ihren Zombie-mäßigen Zuständen – die meisten sind schwarz, viele kommen aus schwierigen Verhältnissen, viele beides – sieht, kann man verzweifeln:</p> <p>Welche Perspektive haben diejenigen, die nur noch für den nächsten Rausch leben und sich dafür, wenn es geht, prostituieren, ansonsten betteln und stehlen oder gar rauben? Gezeichnet vom harten Leben auf der Straße, mangelnder medizinischer Versorgung, vielleicht schon mit ein paar Nahtoderfahrungen aufgrund von Überdosierungen. Ein Schuss, eine Pille, lässt das alles für ein paar Momente vergessen, so als hätte man ein normales Leben.</p> <p>Doch, aufgepasst! Die bei kleiner Dosierung gewünschte Unterdrückung des Hustenreizes führt bei zu hoher Dosierung zum Bewusstseinsverlust mit Atemlähmung. Um das Schlimmste zu verhindern, führen in den USA viele Polizisten und Sanitäter die Gegenmittel mit. Doch mit den neuesten, immer stärkeren Opioiden sind mitunter mehrere Dosen nötig – und irgendwann ist die Grenze des Machbaren einfach über schritten.</p> <h2 id="h-die-lage-jetzt-und-bald">Die Lage jetzt und bald</h2> <p>Dass das Problem in den USA so viel größer ist als in anderen Ländern, dass die Verbote alter und neuer Opiate und synthetischer Opioide es nicht verhindern konnten, liegt auf der Hand. Ärzte, Apotheker und Pharmafirmen haben jahrzehntelang an dem Versprechen einer medizinisch möglichen schmerzfreien Welt <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/opioide-wennnicht-drogen-sondern-medikamente-und-die-falsche-politik-toeten/">sehr gut verdient</a>.</p> <p>Als diese Quellen gesetzlich zum Versiegen gebracht wurden, überließ man die Abhängigen dem gefährlicheren Stoff auf dem Schwarzmarkt. Der seitdem dramatische Anstieg der Drogentoten ist bekannt.</p> <p>Eine Lösung dieser Tragödie ist nicht in Sicht. In Europa lässt sie sich vielleicht noch verhindern, jedenfalls in diesem Ausmaß. Dabei sollte man die Situation der Betroffenen wenigstens nicht verschlimmern, wenn man sie schon nicht verbessern kann. Eine evidenz- statt ideologiebasierte Drogenpolitik wäre hierfür das Minimum.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die Cannabis-Gesetzgebung sowie wichtige Grundlagen: Was ist eine Droge? Was ist Abhängigkeit? Seit wann gibt es Cannabiskonsum in der Menschheitsgeschichte? Und was sind sein Nutzen und seine Risiken? Das neue Buch von Stephan Schleim gibt es als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/nl/book/die-cannabis-protokolle/id6745148090">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=f5pZEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Titelgrafik: <a href="https://pixabay.com/illustrations/pills-prescription-8422701/">Dee</a> Lizenz: <a href="https://pixabay.com/de/service/license-summary/">Pixabay</a></em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg07.met.vgwort.de/na/08842fb2efba4bf3ba992a5ee0373055" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/warum-geht-es-in-der-drogenpolitik-selten-um-freiheit/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>44</slash:comments> </item> <item> <title>Weltdrogentag: Immer mehr Menschen konsumieren Drogen https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/weltdrogentag-immer-mehr-menschen-konsumieren-drogen/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/weltdrogentag-immer-mehr-menschen-konsumieren-drogen/#comments Mon, 30 Jun 2025 11:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3370 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/pills-8422701_1920-768x430.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/weltdrogentag-immer-mehr-menschen-konsumieren-drogen/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/pills-8422701_1920.jpg" /><h1>Weltdrogentag: Immer mehr Menschen konsumieren Drogen » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Über die <em>Gründe</em> für den Konsum spricht kaum jemand</strong>. <strong>Cannabis auf Platz 1.</strong></p> <span id="more-3370"></span> <p>Am “Weltdrogentag”, dem 26. Juni, veröffentlichte das Büro für Drogen und Kriminalität der Vereinten Nationen seinen <a href="https://www.unodc.org/unodc/frontpage/2025/June/wdr25.html">neuesten Drogenreport</a>. Demnach haben im Jahr 2023 – ohne Alkohol und Tabak – mit 316 Millionen Menschen mehr denn je Drogen konsumiert. Das sagt schon sehr viel über die fragliche Effektivität der nach wie vor von konservativen Parteien befürworteten Verbotspolitik aus.</p> <p>Nähme man die beiden bei uns traditionell eher als Genussmittel bekannten Substanzen Alkohol und Tabak dazu, käme man auf mehrere Milliarden. Darüber schweigt der Drogenreport aber. Darin äußert sich eine westliche Sichtweise auf das Problem, denn in islamisch geprägten Kulturen sieht man Alkohol wegen des im Koran erwähnten Verbots des Konsums vergorener Trauben kritischer. Doch auch hier gab es zu unterschiedlichen Zeiten und an verschiedenen Orten mehr oder weniger strenge Interpretationen.</p> <h2 id="h-willkurliche-grenzziehung">Willkürliche Grenzziehung</h2> <p>Aus biochemischer Sicht ist diese Grenzziehung aber willkürlich. Als “Droge” könnte man hier am ehesten diejenigen Substanzen auffassen, die durch die Blut-Gehirn-Schranke gelangen, die Aktivität der Hirn-Botenstoffe verändern und so zu bestimmten Veränderungen im Erleben und Verhalten der Konsumierenden führen.</p> <p>In der gesellschaftlichen Praxis sieht man es pragmatisch: Für die Medizin sind diejenigen psychoaktiven Substanzen Drogen, die die Menschen ohne Rezept beziehungsweise nicht über die etablierten pharmakologischen Wege beziehen. Und für Juristen und die Behörden ist die Aufnahme der Substanzen auf eine Drogenliste, in Deutschland im Wesentlichen die Anlage zum Betäubungsmittelgesetz (BtMG), entscheidend.<aside></aside></p> <p>Das führt zu der merkwürdigen Konsequenz, dass ein und dasselbe Molekül mal Lifestyle- oder Genussmittel, mal Medikament und mal verbotene Droge sein kann. Wenn zum Beispiel jemand Amphetamin (“Speed”) auf Rezept zur Behandlung von ADHS-Symptomen erhält, ist das rechtlich ein Medikament; besorgt sich dieselbe Person aber vielleicht sogar aus denselben Gründen <em>genau dieselbe</em> Substanz, dann ist es rechtlich eine Droge und kann der Besitz bestraft werden.</p> <h2 id="h-straftat-ohne-opfer">Straftat ohne Opfer</h2> <p>Nach § 29 Abs. 1 Nr. 3 BtMG ist das eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe. Das ist dasselbe Strafmaß wie für eine Körperverletzung (§ 223 StGB). Doch während man bei Letzterer tatsächlich jemandem schadet, bezeichnen Kritiker zumindest die einfachen Drogendelikte mitunter als “Straftat ohne Opfer”.</p> <p>Darauf erwidert man, dass vielleicht nicht jeder Drogenkonsum unmittelbar zu einem körperlichen, psychischen oder gesellschaftlichen Schaden führt, doch wenigstens <em>das Risiko</em> hierfür erhöhe. Dass das aber auch für die nicht verbotenen Substanzen gilt und sogar für viele “normale” Freizeitaktivitäten wie Autofahren, Sonnenbaden oder Sport, darüber sieht man hinweg.</p> <p>Was ich damit sagen will: Wenn wir über Drogenpolitik reden, schauen wir immer durch eine bestimmte gesellschaftlich geprägte Brille auf das Problem. Das fängt schon beim <em>Begriff</em> der Droge selbst an. Im Endeffekt läuft es auf die Logik hinaus, dass bestimmte Substanzen verboten sind, eben weil sie auf einer Verbotsliste stehen; und dass sie auf der Verbotsliste stehen, eben weil bestimmte, einflussreiche Gruppierungen sie daraufgesetzt haben.</p> <p>Man könnte es auch so sagen: Drogen sind genau dann verboten, wenn und weil sie verboten sind.</p> <p>Die Durchsetzung dieser “Logik” lassen sich moderne Rechtsstaaten, deren Vorläufer noch bis ins frühe 20. Jahrhundert als Kolonialmächte selbst die größten Drogendealer waren, heute Milliarden kosten. Und wie erfolgreich das ist, darüber gibt zum Beispiel der Weltdrogenreport der Vereinten Nationen jährlich Aufschluss.</p> <h2 id="h-rangliste-der-drogen">Rangliste der Drogen</h2> <p>Die vorangegangenen Ausführungen sollen uns daran erinnern, dass bei diesem Thema traditionelle, machtpolitische und moralische Fragen durcheinandergehen. Zu anderen Zeiten und an anderen Orten dachte man anders über Drogen – oder hatte man vielleicht noch nicht einmal einen besonderen Begriff davon. Ob das bessere oder schlechtere Zeiten und Orte waren, ist ein interessantes Forschungsgebiet.</p> <p>Doch der Drogenreport handelt von der Realität, in der wir heute leben. Und demnach stand Cannabis in dem erhobenen Jahr 2023 mit 244 Millionen Konsumierenden auf Platz 1. Danach folgten Opioide (61 Millionen), Amphetamine (31 Millionen), Kokain (25 Millionen) und Ecstasy (21 Millionen).</p> <p>Das wird mit der Meldung flankiert, dass im selben Jahr auch von den Polizeibehörden mehr Amphetamin und Methamphetamin denn je beschlagnahmt wurde. Ob das auf bessere Polizeiarbeit, mehr Schmuggel oder beides zurückgeht, lässt sich nicht genau sagen. Denn aufgrund der Verbote findet der Handel ja im Dunkelfeld statt.</p> <h2 id="h-teure-konsequenzen">Teure Konsequenzen</h2> <p>Das Büro für Drogen und Kriminalität der Vereinten Nationen weist auch auf die teuren Folgen des Problems hin: So habe 2023 nur eine von zwölf Personen mit problematischem Substanzkonsum dafür eine Behandlung erhalten. Und sowohl bei der Herstellung als auch der Bekämpfung von Drogen könne es zur Verschmutzung oder gar Zerstörung der Natur kommen.</p> <p>Wenn man schon Drogenkrimineller ist, braucht man den Umweltschutz auch nicht mehr ernst zu nehmen. Und bei Razzien werden die Plantagen in der Regel zerstört, mit Kollateralschäden für Flora und Fauna. Das gilt natürlich nur für Drogen wie Kokain oder Opiate (z.B. Diamorphin/Heroin, Dihydrohydroxycodeinon/Oxycodon), die nicht vollständig synthetisch im Labor hergestellt werden. Bei Letzteren fallen aber chemische Abfälle an, die man dann oft illegal irgendwo verbuddelt oder einfach liegenlässt.</p> <p>Dabei sind, wohlgemerkt, die Kosten für die Aufrechterhaltung der Verbotspolitik noch nicht einmal eingerechnet: Man denke an die Finanzierung der Polizeiarbeit und Justiz, die für die Gesellschaft und Individuen verlorene Produktivität durch Gefängnisstrafen, die Kosten für die Gefängnisse und so weiter.</p> <p>Dieser ganze Apparat war, jedenfalls im heutigen Ausmaß, in der Menschheitsgeschichte lange Zeit unbekannt. Es handelt sich um eine gesellschaftliche “Innovation” vor allem auf Betreiben religiös-fanatischer Politiker der USA. Erst im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde die Verbotspolitik über den Völkerbund und dann die Vereinten Nationen international durchgesetzt.</p> <h2 id="h-vervielfaltigung-von-problemen">Vervielfältigung von Problemen</h2> <p>Wenn man meint, nicht schon genug gesellschaftliche Probleme zu haben, dann kann man sie politisch vervielfältigen. Mit der geschürten Angst – sowohl vor den Konsumierenden als auch den kriminellen Organisationen – kann man im Wahlkampf auf Stimmenfang gehen.</p> <p>Dass das bis heute gilt, sah man zuletzt bei der Entkriminalisierung von Cannabis im letzten Jahr. Dafür scheuten manche Unionspolitiker nicht einmal vorm Rechtsbruch zurück: Man erinnere sich zum Beispiel an die historische Abstimmung im Bundesrat vom 22. März 2024, bei der Ministerpräsident Michael Kretschmers Verhalten zur Disqualifikation seines Bundeslands führte.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die Cannabis-Gesetzgebung sowie wichtige Grundlagen: Was ist eine Droge? Was ist Abhängigkeit? Seit wann gibt es Cannabiskonsum in der Menschheitsgeschichte? Und was sind sein Nutzen und seine Risiken? Das neue Buch von Stephan Schleim gibt es als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/nl/book/die-cannabis-protokolle/id6745148090">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=f5pZEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></p> <p>Man wollte die Welt oder jedenfalls Deutschland retten. Der Versuch scheiterte, insbesondere dank der Standhaftigkeit von Ex-Gesundheitsminister Karl Lauterbach von der SPD. Und trotzdem ist das Land nicht untergegangen. Jedenfalls nicht wegen des Cannabiskonsums.</p> <p>Dabei finden die Jugendlichen, deren Schutz einem (angeblich) am meisten am Herzen liegt, Cannabis zunehmend langweilig. Auch das zeigt der neue Drogenbericht der Vereinten Nationen, wonach von den späten 1990ern bis zur Coronapandemie konstant um die 15 bis 17 Prozent der 15- und 16-Jährigen Cannabis zumindest schon einmal probiert hatten. Das fiel in den letzten Jahren auf 12 bis 13 Prozent.</p> <p>Und laut der Frankfurter Drogentrendstudie hatten 2015 noch 34 Prozent der 15- bis 18-Jährigen immerhin im letzten Monat Cannabis konsumiert. 2024 waren es nur noch die Hälfte, nämlich genau 17 Prozent. Auch Drogenkonsum kennt seine Moden, die sich nicht zwingend an die Logik der Drogenpolitiker hält.</p> <h2 id="h-paradoxien">Paradoxien</h2> <p>Die ist sowieso äußerst flexibel. Wo man vor der letzten Bundestagswahl noch vollmundig ankündigte, Cannabis sofort wieder verbieten zu wollen, weil Gesundheitsschutz und so, steht das Vorhaben nun nicht einmal im Koalitionsvertrag. Man will nun erst einmal die Evaluationen abwarten.</p> <p>Und was die Verbote nutzen sollen, wenn die Leute im Endeffekt doch das konsumieren, was sie wollen, darauf gibt man nie eine Antwort. Wie gesagt: <em>Drogen sind genau dann verboten, wenn und weil sie verboten sind.</em> Noch Fragen?</p> <p>Paradoxerweise lassen sich nicht einmal Justizvollzugsanstalten drogenfrei halten. Im Gegenteil werden die Mittel dann zu einer Ersatzwährung. In US-Gefängnissen, in denen sogar Zigaretten verboten sind, fängt das mit einem Häufchen in Toilettenpapier gewickelten Tabak an. Und manch ein Wärter verdient mit dem Schmuggel ein paar Hundert Dollar pro Woche nebenbei. Steuerfrei, versteht sich.</p> <p>Paradoxerweise waren – daran soll hier noch einmal erinnert werden – die im Laufe des 20. Jahrhunderts zunehmend dämonisierten und als Geißel der Menschheit dargestellten Substanzen wie Opium, Morphium, Kokain und sogar das angeblich Übelste aller Üblen, Heroin, medizinisch für lange Zeit <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/drogen-warum-wurden-psychoaktive-substanzen-ueberhaupt-verboten/">so angesehene wie wichtige Stoffe</a>.</p> <p>Und obwohl Diamorphin/Heroin so übel sein soll, hat man mir nach meiner Gallenblasenoperation 2018 das vielfach stärkere Oxycodon, das auf demselben Mechanismus beruht, einfach so gespritzt. Einfach so, ohne mich zu fragen. Ihnen vielleicht auch schon einmal. Und Sie haben sich wahrscheinlich nichts weiter dabei gedacht, weil man es ein “Schmerzmittel” nannte und Sie sich damit gut fühlten.</p> <p>Ja, Wörter haben eine besondere Macht: Besonders ärztliche Worte machen aus bösen Drogen gute Medikamente.</p> <h2 id="h-motive-nutzen-zwang">Motive, Nutzen, Zwang</h2> <p>Trotz alledem überbietet man sich in Diskussionen zum Thema üblicherweise mit Angaben über mögliche Risiken und Schäden. Über die Motive und den Nutzen des Substanzkonsums verliert man aber kein Wort. Das sah man jüngst wieder beim Tagesschau-Bericht “Zahl der Drogenkonsumenten auf Rekordhoch” zum neuen Drogenreport am 26. Juni.</p> <p>Man muss kein Einstein sein, um die Antwort auf die Frage nach dem Warum zu beantworten: Menschen nehmen psychoaktive Substanzen in der Regel, weil ihnen die Auswirkungen auf ihr Erleben und Verhalten gefallen; weil, mit anderen Worten, psychoaktive Substanzen <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/einfuehrung-zur-serie-ueber-drogenpolitik/">Instrumente zum Erreichen bestimmter Zustände sind</a>.</p> <p>Das kippt natürlich an dem Punkt um, wo die freiwillige Entscheidung zum Zwang wird. Dann wird aus der Suche nach einem psychischen Zustand, der einem besser gefällt, die Flucht vor einem, den man nicht ertragen kann. Anders als oft angenommen steckt in der “Sucht” nicht nur das Siechen, also Krankheit, sondern durchaus auch das zwanghafte, das die eigene Kontrolle übersteigende Suchen nach etwas. (Sprachliebhaber mögen sich die zahlreichen im Wörterbuch auf “-sucht” endenden Substantive anschauen – und staunen.)</p> <p>Nach dieser Darstellung des Status quo beschäftigen wir uns <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/warum-geht-es-in-der-drogenpolitik-selten-um-freiheit/">im zweiten Teil des Artikels</a> mit den gesellschaftlichen und drogenpolitischen Konsequenzen.</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Titelgrafik: <a href="https://pixabay.com/illustrations/pills-prescription-8422701/">Dee</a> Lizenz: <a href="https://pixabay.com/de/service/license-summary/">Pixabay</a></em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg07.met.vgwort.de/na/7704ddddef264a758ea59fc268266ce6" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/pills-8422701_1920.jpg" /><h1>Weltdrogentag: Immer mehr Menschen konsumieren Drogen » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Über die <em>Gründe</em> für den Konsum spricht kaum jemand</strong>. <strong>Cannabis auf Platz 1.</strong></p> <span id="more-3370"></span> <p>Am “Weltdrogentag”, dem 26. Juni, veröffentlichte das Büro für Drogen und Kriminalität der Vereinten Nationen seinen <a href="https://www.unodc.org/unodc/frontpage/2025/June/wdr25.html">neuesten Drogenreport</a>. Demnach haben im Jahr 2023 – ohne Alkohol und Tabak – mit 316 Millionen Menschen mehr denn je Drogen konsumiert. Das sagt schon sehr viel über die fragliche Effektivität der nach wie vor von konservativen Parteien befürworteten Verbotspolitik aus.</p> <p>Nähme man die beiden bei uns traditionell eher als Genussmittel bekannten Substanzen Alkohol und Tabak dazu, käme man auf mehrere Milliarden. Darüber schweigt der Drogenreport aber. Darin äußert sich eine westliche Sichtweise auf das Problem, denn in islamisch geprägten Kulturen sieht man Alkohol wegen des im Koran erwähnten Verbots des Konsums vergorener Trauben kritischer. Doch auch hier gab es zu unterschiedlichen Zeiten und an verschiedenen Orten mehr oder weniger strenge Interpretationen.</p> <h2 id="h-willkurliche-grenzziehung">Willkürliche Grenzziehung</h2> <p>Aus biochemischer Sicht ist diese Grenzziehung aber willkürlich. Als “Droge” könnte man hier am ehesten diejenigen Substanzen auffassen, die durch die Blut-Gehirn-Schranke gelangen, die Aktivität der Hirn-Botenstoffe verändern und so zu bestimmten Veränderungen im Erleben und Verhalten der Konsumierenden führen.</p> <p>In der gesellschaftlichen Praxis sieht man es pragmatisch: Für die Medizin sind diejenigen psychoaktiven Substanzen Drogen, die die Menschen ohne Rezept beziehungsweise nicht über die etablierten pharmakologischen Wege beziehen. Und für Juristen und die Behörden ist die Aufnahme der Substanzen auf eine Drogenliste, in Deutschland im Wesentlichen die Anlage zum Betäubungsmittelgesetz (BtMG), entscheidend.<aside></aside></p> <p>Das führt zu der merkwürdigen Konsequenz, dass ein und dasselbe Molekül mal Lifestyle- oder Genussmittel, mal Medikament und mal verbotene Droge sein kann. Wenn zum Beispiel jemand Amphetamin (“Speed”) auf Rezept zur Behandlung von ADHS-Symptomen erhält, ist das rechtlich ein Medikament; besorgt sich dieselbe Person aber vielleicht sogar aus denselben Gründen <em>genau dieselbe</em> Substanz, dann ist es rechtlich eine Droge und kann der Besitz bestraft werden.</p> <h2 id="h-straftat-ohne-opfer">Straftat ohne Opfer</h2> <p>Nach § 29 Abs. 1 Nr. 3 BtMG ist das eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe. Das ist dasselbe Strafmaß wie für eine Körperverletzung (§ 223 StGB). Doch während man bei Letzterer tatsächlich jemandem schadet, bezeichnen Kritiker zumindest die einfachen Drogendelikte mitunter als “Straftat ohne Opfer”.</p> <p>Darauf erwidert man, dass vielleicht nicht jeder Drogenkonsum unmittelbar zu einem körperlichen, psychischen oder gesellschaftlichen Schaden führt, doch wenigstens <em>das Risiko</em> hierfür erhöhe. Dass das aber auch für die nicht verbotenen Substanzen gilt und sogar für viele “normale” Freizeitaktivitäten wie Autofahren, Sonnenbaden oder Sport, darüber sieht man hinweg.</p> <p>Was ich damit sagen will: Wenn wir über Drogenpolitik reden, schauen wir immer durch eine bestimmte gesellschaftlich geprägte Brille auf das Problem. Das fängt schon beim <em>Begriff</em> der Droge selbst an. Im Endeffekt läuft es auf die Logik hinaus, dass bestimmte Substanzen verboten sind, eben weil sie auf einer Verbotsliste stehen; und dass sie auf der Verbotsliste stehen, eben weil bestimmte, einflussreiche Gruppierungen sie daraufgesetzt haben.</p> <p>Man könnte es auch so sagen: Drogen sind genau dann verboten, wenn und weil sie verboten sind.</p> <p>Die Durchsetzung dieser “Logik” lassen sich moderne Rechtsstaaten, deren Vorläufer noch bis ins frühe 20. Jahrhundert als Kolonialmächte selbst die größten Drogendealer waren, heute Milliarden kosten. Und wie erfolgreich das ist, darüber gibt zum Beispiel der Weltdrogenreport der Vereinten Nationen jährlich Aufschluss.</p> <h2 id="h-rangliste-der-drogen">Rangliste der Drogen</h2> <p>Die vorangegangenen Ausführungen sollen uns daran erinnern, dass bei diesem Thema traditionelle, machtpolitische und moralische Fragen durcheinandergehen. Zu anderen Zeiten und an anderen Orten dachte man anders über Drogen – oder hatte man vielleicht noch nicht einmal einen besonderen Begriff davon. Ob das bessere oder schlechtere Zeiten und Orte waren, ist ein interessantes Forschungsgebiet.</p> <p>Doch der Drogenreport handelt von der Realität, in der wir heute leben. Und demnach stand Cannabis in dem erhobenen Jahr 2023 mit 244 Millionen Konsumierenden auf Platz 1. Danach folgten Opioide (61 Millionen), Amphetamine (31 Millionen), Kokain (25 Millionen) und Ecstasy (21 Millionen).</p> <p>Das wird mit der Meldung flankiert, dass im selben Jahr auch von den Polizeibehörden mehr Amphetamin und Methamphetamin denn je beschlagnahmt wurde. Ob das auf bessere Polizeiarbeit, mehr Schmuggel oder beides zurückgeht, lässt sich nicht genau sagen. Denn aufgrund der Verbote findet der Handel ja im Dunkelfeld statt.</p> <h2 id="h-teure-konsequenzen">Teure Konsequenzen</h2> <p>Das Büro für Drogen und Kriminalität der Vereinten Nationen weist auch auf die teuren Folgen des Problems hin: So habe 2023 nur eine von zwölf Personen mit problematischem Substanzkonsum dafür eine Behandlung erhalten. Und sowohl bei der Herstellung als auch der Bekämpfung von Drogen könne es zur Verschmutzung oder gar Zerstörung der Natur kommen.</p> <p>Wenn man schon Drogenkrimineller ist, braucht man den Umweltschutz auch nicht mehr ernst zu nehmen. Und bei Razzien werden die Plantagen in der Regel zerstört, mit Kollateralschäden für Flora und Fauna. Das gilt natürlich nur für Drogen wie Kokain oder Opiate (z.B. Diamorphin/Heroin, Dihydrohydroxycodeinon/Oxycodon), die nicht vollständig synthetisch im Labor hergestellt werden. Bei Letzteren fallen aber chemische Abfälle an, die man dann oft illegal irgendwo verbuddelt oder einfach liegenlässt.</p> <p>Dabei sind, wohlgemerkt, die Kosten für die Aufrechterhaltung der Verbotspolitik noch nicht einmal eingerechnet: Man denke an die Finanzierung der Polizeiarbeit und Justiz, die für die Gesellschaft und Individuen verlorene Produktivität durch Gefängnisstrafen, die Kosten für die Gefängnisse und so weiter.</p> <p>Dieser ganze Apparat war, jedenfalls im heutigen Ausmaß, in der Menschheitsgeschichte lange Zeit unbekannt. Es handelt sich um eine gesellschaftliche “Innovation” vor allem auf Betreiben religiös-fanatischer Politiker der USA. Erst im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde die Verbotspolitik über den Völkerbund und dann die Vereinten Nationen international durchgesetzt.</p> <h2 id="h-vervielfaltigung-von-problemen">Vervielfältigung von Problemen</h2> <p>Wenn man meint, nicht schon genug gesellschaftliche Probleme zu haben, dann kann man sie politisch vervielfältigen. Mit der geschürten Angst – sowohl vor den Konsumierenden als auch den kriminellen Organisationen – kann man im Wahlkampf auf Stimmenfang gehen.</p> <p>Dass das bis heute gilt, sah man zuletzt bei der Entkriminalisierung von Cannabis im letzten Jahr. Dafür scheuten manche Unionspolitiker nicht einmal vorm Rechtsbruch zurück: Man erinnere sich zum Beispiel an die historische Abstimmung im Bundesrat vom 22. März 2024, bei der Ministerpräsident Michael Kretschmers Verhalten zur Disqualifikation seines Bundeslands führte.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die Cannabis-Gesetzgebung sowie wichtige Grundlagen: Was ist eine Droge? Was ist Abhängigkeit? Seit wann gibt es Cannabiskonsum in der Menschheitsgeschichte? Und was sind sein Nutzen und seine Risiken? Das neue Buch von Stephan Schleim gibt es als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/nl/book/die-cannabis-protokolle/id6745148090">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=f5pZEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></p> <p>Man wollte die Welt oder jedenfalls Deutschland retten. Der Versuch scheiterte, insbesondere dank der Standhaftigkeit von Ex-Gesundheitsminister Karl Lauterbach von der SPD. Und trotzdem ist das Land nicht untergegangen. Jedenfalls nicht wegen des Cannabiskonsums.</p> <p>Dabei finden die Jugendlichen, deren Schutz einem (angeblich) am meisten am Herzen liegt, Cannabis zunehmend langweilig. Auch das zeigt der neue Drogenbericht der Vereinten Nationen, wonach von den späten 1990ern bis zur Coronapandemie konstant um die 15 bis 17 Prozent der 15- und 16-Jährigen Cannabis zumindest schon einmal probiert hatten. Das fiel in den letzten Jahren auf 12 bis 13 Prozent.</p> <p>Und laut der Frankfurter Drogentrendstudie hatten 2015 noch 34 Prozent der 15- bis 18-Jährigen immerhin im letzten Monat Cannabis konsumiert. 2024 waren es nur noch die Hälfte, nämlich genau 17 Prozent. Auch Drogenkonsum kennt seine Moden, die sich nicht zwingend an die Logik der Drogenpolitiker hält.</p> <h2 id="h-paradoxien">Paradoxien</h2> <p>Die ist sowieso äußerst flexibel. Wo man vor der letzten Bundestagswahl noch vollmundig ankündigte, Cannabis sofort wieder verbieten zu wollen, weil Gesundheitsschutz und so, steht das Vorhaben nun nicht einmal im Koalitionsvertrag. Man will nun erst einmal die Evaluationen abwarten.</p> <p>Und was die Verbote nutzen sollen, wenn die Leute im Endeffekt doch das konsumieren, was sie wollen, darauf gibt man nie eine Antwort. Wie gesagt: <em>Drogen sind genau dann verboten, wenn und weil sie verboten sind.</em> Noch Fragen?</p> <p>Paradoxerweise lassen sich nicht einmal Justizvollzugsanstalten drogenfrei halten. Im Gegenteil werden die Mittel dann zu einer Ersatzwährung. In US-Gefängnissen, in denen sogar Zigaretten verboten sind, fängt das mit einem Häufchen in Toilettenpapier gewickelten Tabak an. Und manch ein Wärter verdient mit dem Schmuggel ein paar Hundert Dollar pro Woche nebenbei. Steuerfrei, versteht sich.</p> <p>Paradoxerweise waren – daran soll hier noch einmal erinnert werden – die im Laufe des 20. Jahrhunderts zunehmend dämonisierten und als Geißel der Menschheit dargestellten Substanzen wie Opium, Morphium, Kokain und sogar das angeblich Übelste aller Üblen, Heroin, medizinisch für lange Zeit <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/drogen-warum-wurden-psychoaktive-substanzen-ueberhaupt-verboten/">so angesehene wie wichtige Stoffe</a>.</p> <p>Und obwohl Diamorphin/Heroin so übel sein soll, hat man mir nach meiner Gallenblasenoperation 2018 das vielfach stärkere Oxycodon, das auf demselben Mechanismus beruht, einfach so gespritzt. Einfach so, ohne mich zu fragen. Ihnen vielleicht auch schon einmal. Und Sie haben sich wahrscheinlich nichts weiter dabei gedacht, weil man es ein “Schmerzmittel” nannte und Sie sich damit gut fühlten.</p> <p>Ja, Wörter haben eine besondere Macht: Besonders ärztliche Worte machen aus bösen Drogen gute Medikamente.</p> <h2 id="h-motive-nutzen-zwang">Motive, Nutzen, Zwang</h2> <p>Trotz alledem überbietet man sich in Diskussionen zum Thema üblicherweise mit Angaben über mögliche Risiken und Schäden. Über die Motive und den Nutzen des Substanzkonsums verliert man aber kein Wort. Das sah man jüngst wieder beim Tagesschau-Bericht “Zahl der Drogenkonsumenten auf Rekordhoch” zum neuen Drogenreport am 26. Juni.</p> <p>Man muss kein Einstein sein, um die Antwort auf die Frage nach dem Warum zu beantworten: Menschen nehmen psychoaktive Substanzen in der Regel, weil ihnen die Auswirkungen auf ihr Erleben und Verhalten gefallen; weil, mit anderen Worten, psychoaktive Substanzen <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/einfuehrung-zur-serie-ueber-drogenpolitik/">Instrumente zum Erreichen bestimmter Zustände sind</a>.</p> <p>Das kippt natürlich an dem Punkt um, wo die freiwillige Entscheidung zum Zwang wird. Dann wird aus der Suche nach einem psychischen Zustand, der einem besser gefällt, die Flucht vor einem, den man nicht ertragen kann. Anders als oft angenommen steckt in der “Sucht” nicht nur das Siechen, also Krankheit, sondern durchaus auch das zwanghafte, das die eigene Kontrolle übersteigende Suchen nach etwas. (Sprachliebhaber mögen sich die zahlreichen im Wörterbuch auf “-sucht” endenden Substantive anschauen – und staunen.)</p> <p>Nach dieser Darstellung des Status quo beschäftigen wir uns <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/warum-geht-es-in-der-drogenpolitik-selten-um-freiheit/">im zweiten Teil des Artikels</a> mit den gesellschaftlichen und drogenpolitischen Konsequenzen.</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Titelgrafik: <a href="https://pixabay.com/illustrations/pills-prescription-8422701/">Dee</a> Lizenz: <a href="https://pixabay.com/de/service/license-summary/">Pixabay</a></em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg07.met.vgwort.de/na/7704ddddef264a758ea59fc268266ce6" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/weltdrogentag-immer-mehr-menschen-konsumieren-drogen/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>28</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeo Podcast: Galaxien auf Kollisionskurs – Wann trifft uns Andromeda? https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-galaxien-auf-kollisionskurs-wann-trifft-uns-andromeda/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-galaxien-auf-kollisionskurs-wann-trifft-uns-andromeda/#respond Sun, 29 Jun 2025 06:04:25 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1708 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel_ag117-768x768.jpg Zwei Spiralgalaxien befinden sich nahe beieinander. Ihre Spiralarme scheinen sich jeweils schon nach der anderen Galaxie auszustrecken. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-galaxien-auf-kollisionskurs-wann-trifft-uns-andromeda/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel_ag117.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Galaxien auf Kollisionskurs - Wann trifft uns Andromeda? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Als der fränkische Astronom Simon Marius im Jahr 1612 erstmals sein Fernrohr auf einen nebligen Fleck im Sternbild Andromeda richtet, kann er noch nicht ahnen, was er da eigentlich sieht: Marius beschreibt „schimmernde Strahlen, die um so heller werden, je näher sie dem Zentrum sind.“ Den Lichtglanz im Zentrum erscheint dem Astronomen wie „wenn man aus großer Entfernung eine brennende Kerze durch ein durchscheinendes Stück Horn betrachtet“. Damit ist wohl Simon Marius der erste Astronom, der den Andromedanebel durch ein Fernrohr beobachtete.</p> <p>Spätere Beobachtungen mit besseren Fernrohren und Teleskopen ergeben, dass dieser Andromedanebel spiralförmig ist. Und im Jahr 1912, fast genau dreihundert Jahre nach Simon Marius, richtet der Astronom Vesto Slipher sein Teleskop gen Andromedanebel und findet dabei heraus: Dieser recht hübsche Spiralnebel kommt mit Karacho auf uns zugeflogen: Slipher ermittelte für den Nebel eine sogenannte Radialgeschwindigkeit von 300 Kilometern pro Sekunde.</p> <p>Heutzutage wissen wir, dass der Andromedanebel überhaupt kein Nebel ist – sondern eine eigenständige Sterneninsel. Sie ist also eine Galaxie genau wie unsere Milchstraßeund wie sie ein Teil der Lokalen Gruppe, gehört somit zu unserer unmittelbaren kosmischen Nachbarschaft. Die Andromedagalaxie ist derzeit rund 2,5 Millionen Lichtjahre von der Milchstraße entfernt. Allerdings: Diese Entfernung wird immer geringer, denn wegen ihrer hohen Radialgeschwindigkeit scheint es so, als würde die Andromedagalaxie direkt auf die Milchstraße zufliegen.</p> <p>Deshalb gilt es seit fast einem Jahrhundert eigentlich als ausgemachte Sache, dass die Andromedagalaxie und die Milchstraße irgendwann zusammenstoßen und miteinander verschmelzen werden: Aus den zwei Spiralgalaxien würde so eine einzige, größere elliptische Galaxie werden.</p> <p>Und doch war und ist noch vieles unklar bei dieser potenziellen kosmischen Kollision: Wird es einen frontalen Zusammenstoß geben? Oder eher eine Art Streifschuss? Oder fliegt die Andromedagalaxie auch einfach an der Milchstraße vorbei?<aside></aside></p> <p>In dieser Folge erzählt Franzi von der lange erwarteten Verschmelzung der Milchstraße mit der Andromedagalaxie – und was diese mit galaktischer Eschatologie, Tangentialgeschwindigkeiten und Messunsicherheiten zu tun hat.</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 13: <a href="https://astrogeo.de/ag013-islaendische-vulkane/">Isländische Vulkane</a></li> <li>Folge 64: <a href="https://astrogeo.de/tod-im-treibhaus/">Massensterben im Treibhaus</a></li> <li>Folge 86: <a href="https://astrogeo.de/das-ende-der-dinosaurier-massensterben-im-fruehling/">Das Ende der Dinosaurier: Massensterben im Frühling</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%B3n_Steingr%C3%ADmsson">Jón Steingrímsson</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Laki-Krater">Laki-Krater</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kirkjub%C3%A6jarklaustur">Kirkjubæjarklaustur</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pele-Haar">Haar der Pele</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lava#Flutbasalte">Flutbasalt</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mount_St._Helens">Mount St. Helens</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Saurer_Regen">Saurer Regen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Vulkanausbr%C3%BCche_beim_Fagradalsfjall_seit_2021">Vulkanausbrüche beim Fagradalsfjall seit 2021</a></li> <li>DLF: <a href="https://www.deutschlandfunk.de/lavaflut-islands-vulkane-erwachen-100.html">Lavaflut – wie gefährlich sind Islands Vulkane?</a> (Feature von Karl)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Buch: Jón Steingrimsson (Autor), Keneva Kunz (Übersetzer): Fires of the Earth – The Laki Eruption 1783–1784, Nordic Volcanological Institute and the University of Iceland Press, Reykjavík (1998)</li> <li>Fachartikel: Thodarson &amp; Self: <a href="https://dx.doi.org/10.1029/2001JD002042">Atmospheric and environmental effects of the 1783–1784 Laki eruption: A review and reassessment</a>, Journal of Geophysical Research (2003)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1108569108">Schmidt et al.: Excess mortality in Europe following a future Laki-style Icelandic eruption</a>, PNAS (2011)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1029/2018JD029553">Zabri et al.: Modeling the 1783–1784 Laki Eruption in Iceland: 2. Climate Impacts</a>, JGR Atmospheres (2019)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: NASA, ESA, STScI, Till Sawala (University of Helsinki), DSS, J. DePasquale (STScI)</em></p> <p><strong>Korrektur:</strong> Im Podcast heißt es, 1783 sei in Europa ein Jahr ohne Sommer gewesen. Das ist nicht korrekt: Der Sommer war ungewöhnlich heiß und trocken, der folgende Winter dagegen ungewöhnlich kalt.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel_ag117.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Galaxien auf Kollisionskurs - Wann trifft uns Andromeda? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Als der fränkische Astronom Simon Marius im Jahr 1612 erstmals sein Fernrohr auf einen nebligen Fleck im Sternbild Andromeda richtet, kann er noch nicht ahnen, was er da eigentlich sieht: Marius beschreibt „schimmernde Strahlen, die um so heller werden, je näher sie dem Zentrum sind.“ Den Lichtglanz im Zentrum erscheint dem Astronomen wie „wenn man aus großer Entfernung eine brennende Kerze durch ein durchscheinendes Stück Horn betrachtet“. Damit ist wohl Simon Marius der erste Astronom, der den Andromedanebel durch ein Fernrohr beobachtete.</p> <p>Spätere Beobachtungen mit besseren Fernrohren und Teleskopen ergeben, dass dieser Andromedanebel spiralförmig ist. Und im Jahr 1912, fast genau dreihundert Jahre nach Simon Marius, richtet der Astronom Vesto Slipher sein Teleskop gen Andromedanebel und findet dabei heraus: Dieser recht hübsche Spiralnebel kommt mit Karacho auf uns zugeflogen: Slipher ermittelte für den Nebel eine sogenannte Radialgeschwindigkeit von 300 Kilometern pro Sekunde.</p> <p>Heutzutage wissen wir, dass der Andromedanebel überhaupt kein Nebel ist – sondern eine eigenständige Sterneninsel. Sie ist also eine Galaxie genau wie unsere Milchstraßeund wie sie ein Teil der Lokalen Gruppe, gehört somit zu unserer unmittelbaren kosmischen Nachbarschaft. Die Andromedagalaxie ist derzeit rund 2,5 Millionen Lichtjahre von der Milchstraße entfernt. Allerdings: Diese Entfernung wird immer geringer, denn wegen ihrer hohen Radialgeschwindigkeit scheint es so, als würde die Andromedagalaxie direkt auf die Milchstraße zufliegen.</p> <p>Deshalb gilt es seit fast einem Jahrhundert eigentlich als ausgemachte Sache, dass die Andromedagalaxie und die Milchstraße irgendwann zusammenstoßen und miteinander verschmelzen werden: Aus den zwei Spiralgalaxien würde so eine einzige, größere elliptische Galaxie werden.</p> <p>Und doch war und ist noch vieles unklar bei dieser potenziellen kosmischen Kollision: Wird es einen frontalen Zusammenstoß geben? Oder eher eine Art Streifschuss? Oder fliegt die Andromedagalaxie auch einfach an der Milchstraße vorbei?<aside></aside></p> <p>In dieser Folge erzählt Franzi von der lange erwarteten Verschmelzung der Milchstraße mit der Andromedagalaxie – und was diese mit galaktischer Eschatologie, Tangentialgeschwindigkeiten und Messunsicherheiten zu tun hat.</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 13: <a href="https://astrogeo.de/ag013-islaendische-vulkane/">Isländische Vulkane</a></li> <li>Folge 64: <a href="https://astrogeo.de/tod-im-treibhaus/">Massensterben im Treibhaus</a></li> <li>Folge 86: <a href="https://astrogeo.de/das-ende-der-dinosaurier-massensterben-im-fruehling/">Das Ende der Dinosaurier: Massensterben im Frühling</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%B3n_Steingr%C3%ADmsson">Jón Steingrímsson</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Laki-Krater">Laki-Krater</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kirkjub%C3%A6jarklaustur">Kirkjubæjarklaustur</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pele-Haar">Haar der Pele</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lava#Flutbasalte">Flutbasalt</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mount_St._Helens">Mount St. Helens</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Saurer_Regen">Saurer Regen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Vulkanausbr%C3%BCche_beim_Fagradalsfjall_seit_2021">Vulkanausbrüche beim Fagradalsfjall seit 2021</a></li> <li>DLF: <a href="https://www.deutschlandfunk.de/lavaflut-islands-vulkane-erwachen-100.html">Lavaflut – wie gefährlich sind Islands Vulkane?</a> (Feature von Karl)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Buch: Jón Steingrimsson (Autor), Keneva Kunz (Übersetzer): Fires of the Earth – The Laki Eruption 1783–1784, Nordic Volcanological Institute and the University of Iceland Press, Reykjavík (1998)</li> <li>Fachartikel: Thodarson &amp; Self: <a href="https://dx.doi.org/10.1029/2001JD002042">Atmospheric and environmental effects of the 1783–1784 Laki eruption: A review and reassessment</a>, Journal of Geophysical Research (2003)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1108569108">Schmidt et al.: Excess mortality in Europe following a future Laki-style Icelandic eruption</a>, PNAS (2011)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1029/2018JD029553">Zabri et al.: Modeling the 1783–1784 Laki Eruption in Iceland: 2. Climate Impacts</a>, JGR Atmospheres (2019)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: NASA, ESA, STScI, Till Sawala (University of Helsinki), DSS, J. DePasquale (STScI)</em></p> <p><strong>Korrektur:</strong> Im Podcast heißt es, 1783 sei in Europa ein Jahr ohne Sommer gewesen. Das ist nicht korrekt: Der Sommer war ungewöhnlich heiß und trocken, der folgende Winter dagegen ungewöhnlich kalt.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-galaxien-auf-kollisionskurs-wann-trifft-uns-andromeda/#respond 0 Karrieremodelle und Professionalisierung des Hochschulnachwuchses https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/karrieremodelle-und-professionalisierung/ https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/karrieremodelle-und-professionalisierung/#comments Wed, 25 Jun 2025 07:47:43 +0000 René Krempkow https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/?p=1890 <h1>Karrieremodelle und Professionalisierung des Hochschulnachwuchses » Über das Wissenschaftssystem » SciLogs</h1><h2>By René Krempkow</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p><span><span dir="ltr">Die Wissenschaft lebt davon, dass immer wieder neue Generationen in den Wissenschaftsbetrieb eintreten, und doch sind es gerade die Jüngeren, deren Karrierepfade von Unsicherheit, Komplexität und Ambivalenz geprägt sind. Die Transformationen der Hochschullandschaft – vorangetrieben durch technologischen Fortschritt, Globalisierung, demografischen Wandel und ökonomischen Druck – verändern nicht nur Forschung und Lehre, sondern auch die Rahmenbedingungen der Arbeit selbst. Karrieren in der Akademia entstehen heute in einem Spannungsfeld aus Metrifizierung, Mobilitätsanforderungen und sich wandelnden Rollenbildern. Dabei kommt es zu einer paradoxen Verdichtung von Anforderungen: Junge Forschende sollen disziplinär exzellent und zugleich interdisziplinär anschlussfähig sein, international mobil und gleichzeitig lok</span></span></p> <p><span><span dir="ltr">al-regional verankert, forschungsstark, drittmittel fähig, didaktisch versiert und kommunikationsgewandt – und das zumeist auf befristeten Stellen, bei steigender Arbeitsverdichtung und in wachsender Konkrrenz. Ähnlich vielfältige – wenngleich andersgeartete – Anforderungen zeigen sich im Wissenschaftsmanagement.<br></br></span></span></p> <p><span><span dir="ltr">Das gerade erschienene Themenheft der Zeitschrift für Hochschulentwicklung (ZFHE) “Karrieremodelle und Professionalisierung des Hochschulnachwuchses”, herausgegeben von Corinna Geppert, Elena Wilhelm und mir, nimmt sich dessen aus drei komplementären Perspektiven an: Es beleuchtet den strukturellen Wandel im akademischen Beschäftigungssystem, rekonstruiert subjektive Karriere-Erfahrungen und stellt institutionelle Strategien zur Förderung, Gestaltung und Professionalisierung von Hochschulkarrieren und Karrieremodelle vor. Die forschungsbasierten und praxisnahen Beiträge zeigen, wie wissenschaftliche Laufbahnen im 21. Jahrhundert vielfältiger, aber auch prekärer geworden sind. Sie analysieren, wie neue Rollenprofile entstehen, alte Pfade ihre Selbstverständlichkeit verlieren und Hochschulen gezielt an ihrer Attraktivität als Arbeitgeber:innen arbeiten. Hierbei wurde im Unterschied zur sonst oft anzutreffenden Fokussierung auf Karrierepfade zur Professur bzw. in die Wissenschaft hier bewusst eine Erweiterung auch auf das Wissenschaftsmanagement vorgenommen.<p>Das Themenheft ist als Open Access Publikation frei verfügbar auf der Webseite der ZFHE: <a href="https://www.zfhe.at/index.php/zfhe/issue/view/92">https://www.zfhe.at/index.php/zfhe/issue/view/92</a></p></span></span></p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/krempkow_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/krempkow_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>Dr. René Krempkow bloggte zunächst seit 2010 bei den academics-blogs, nach deren Einstellung zog er zu Scilogs um. Er studierte Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Psychologie an der Technischen Universität Dresden und der Universidad de Salamanca. Nach dem Studium baute er zunächst am Institut für Soziologie, dann im Kompetenzzentrum Bildungs- und Hochschulplanung an der TU Dresden u.a. eine der ersten hochschulweiten Absolventenstudien in Deutschland auf und erarbeitete den ersten Landes-Hochschulbericht. Nach seiner Promotion 2005 zum Themenbereich Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen arbeitete er am Institut für Hochschulforschung Wittenberg am ersten Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN) mit. Danach war er im Rektorat der Universität Freiburg in der Abteilung Qualitätssicherung tätig, wo er die Absolventen- und Studierendenbefragungen leitete und eines der ersten Quality Audits an einer deutschen Hochschule mit konzipierte. Von 2009 bis 2013 leitete er am iFQ Bonn/Berlin (jetzt Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung - DZHW) ein bundesweites Projekt zur Analyse der Wirkungen von Governance-Instrumenten (v.a. Leistungsorientierte Mittelvergabe an Hochschulen) und arbeitete im Themenbereich wiss. Nachwuchs und Karrieren mit. Anschließend koordinierte er im Hauptstadtbüro des Stifterverbandes u.a. das Projekt zur Personalentwicklung für den wissenschaftlichen Nachwuchs und den Gründungsradar; an der HU Berlin u.a. ein hochschulweites Projekt zur Kompetenzerfassung, sowie an der HTW Berlin die Wirkungsanalyse und Evaluation des Curriculum Innovation Hub. Derzeit ist er als Senior Scientist und Senior Manager an der an der Brandenburgischen Technischen Universität, sowie IU - Internationale Hochschule tätig. Er berät seit etlichen Jahren Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Ministerien und lehrt im Studiengang Bildungs- und Wissenschaftsmanagement der Universität Oldenburg. &#xD; Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen; Akademische Karrieren und Nachwuchsförderung; Indikatorenentwicklung, Evaluationsforschung; Hochschul-, Wissenschafts- und Bildungsforschung.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Karrieremodelle und Professionalisierung des Hochschulnachwuchses » Über das Wissenschaftssystem » SciLogs</h1><h2>By René Krempkow</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p><span><span dir="ltr">Die Wissenschaft lebt davon, dass immer wieder neue Generationen in den Wissenschaftsbetrieb eintreten, und doch sind es gerade die Jüngeren, deren Karrierepfade von Unsicherheit, Komplexität und Ambivalenz geprägt sind. Die Transformationen der Hochschullandschaft – vorangetrieben durch technologischen Fortschritt, Globalisierung, demografischen Wandel und ökonomischen Druck – verändern nicht nur Forschung und Lehre, sondern auch die Rahmenbedingungen der Arbeit selbst. Karrieren in der Akademia entstehen heute in einem Spannungsfeld aus Metrifizierung, Mobilitätsanforderungen und sich wandelnden Rollenbildern. Dabei kommt es zu einer paradoxen Verdichtung von Anforderungen: Junge Forschende sollen disziplinär exzellent und zugleich interdisziplinär anschlussfähig sein, international mobil und gleichzeitig lok</span></span></p> <p><span><span dir="ltr">al-regional verankert, forschungsstark, drittmittel fähig, didaktisch versiert und kommunikationsgewandt – und das zumeist auf befristeten Stellen, bei steigender Arbeitsverdichtung und in wachsender Konkrrenz. Ähnlich vielfältige – wenngleich andersgeartete – Anforderungen zeigen sich im Wissenschaftsmanagement.<br></br></span></span></p> <p><span><span dir="ltr">Das gerade erschienene Themenheft der Zeitschrift für Hochschulentwicklung (ZFHE) “Karrieremodelle und Professionalisierung des Hochschulnachwuchses”, herausgegeben von Corinna Geppert, Elena Wilhelm und mir, nimmt sich dessen aus drei komplementären Perspektiven an: Es beleuchtet den strukturellen Wandel im akademischen Beschäftigungssystem, rekonstruiert subjektive Karriere-Erfahrungen und stellt institutionelle Strategien zur Förderung, Gestaltung und Professionalisierung von Hochschulkarrieren und Karrieremodelle vor. Die forschungsbasierten und praxisnahen Beiträge zeigen, wie wissenschaftliche Laufbahnen im 21. Jahrhundert vielfältiger, aber auch prekärer geworden sind. Sie analysieren, wie neue Rollenprofile entstehen, alte Pfade ihre Selbstverständlichkeit verlieren und Hochschulen gezielt an ihrer Attraktivität als Arbeitgeber:innen arbeiten. Hierbei wurde im Unterschied zur sonst oft anzutreffenden Fokussierung auf Karrierepfade zur Professur bzw. in die Wissenschaft hier bewusst eine Erweiterung auch auf das Wissenschaftsmanagement vorgenommen.<p>Das Themenheft ist als Open Access Publikation frei verfügbar auf der Webseite der ZFHE: <a href="https://www.zfhe.at/index.php/zfhe/issue/view/92">https://www.zfhe.at/index.php/zfhe/issue/view/92</a></p></span></span></p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/krempkow_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/krempkow_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>Dr. René Krempkow bloggte zunächst seit 2010 bei den academics-blogs, nach deren Einstellung zog er zu Scilogs um. Er studierte Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Psychologie an der Technischen Universität Dresden und der Universidad de Salamanca. Nach dem Studium baute er zunächst am Institut für Soziologie, dann im Kompetenzzentrum Bildungs- und Hochschulplanung an der TU Dresden u.a. eine der ersten hochschulweiten Absolventenstudien in Deutschland auf und erarbeitete den ersten Landes-Hochschulbericht. Nach seiner Promotion 2005 zum Themenbereich Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen arbeitete er am Institut für Hochschulforschung Wittenberg am ersten Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN) mit. Danach war er im Rektorat der Universität Freiburg in der Abteilung Qualitätssicherung tätig, wo er die Absolventen- und Studierendenbefragungen leitete und eines der ersten Quality Audits an einer deutschen Hochschule mit konzipierte. Von 2009 bis 2013 leitete er am iFQ Bonn/Berlin (jetzt Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung - DZHW) ein bundesweites Projekt zur Analyse der Wirkungen von Governance-Instrumenten (v.a. Leistungsorientierte Mittelvergabe an Hochschulen) und arbeitete im Themenbereich wiss. Nachwuchs und Karrieren mit. Anschließend koordinierte er im Hauptstadtbüro des Stifterverbandes u.a. das Projekt zur Personalentwicklung für den wissenschaftlichen Nachwuchs und den Gründungsradar; an der HU Berlin u.a. ein hochschulweites Projekt zur Kompetenzerfassung, sowie an der HTW Berlin die Wirkungsanalyse und Evaluation des Curriculum Innovation Hub. Derzeit ist er als Senior Scientist und Senior Manager an der an der Brandenburgischen Technischen Universität, sowie IU - Internationale Hochschule tätig. Er berät seit etlichen Jahren Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Ministerien und lehrt im Studiengang Bildungs- und Wissenschaftsmanagement der Universität Oldenburg. &#xD; Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen; Akademische Karrieren und Nachwuchsförderung; Indikatorenentwicklung, Evaluationsforschung; Hochschul-, Wissenschafts- und Bildungsforschung.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/karrieremodelle-und-professionalisierung/#comments 3 Pandemie-Prävention zwischen Kuhweiden: Besuch im Schweizer Hochsicherheitslabor IVI https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/pandemie-praevention-zwischen-kuhweiden-besuch-im-schweizer-hochsicherheitslabor-ivi/ https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/pandemie-praevention-zwischen-kuhweiden-besuch-im-schweizer-hochsicherheitslabor-ivi/#comments Wed, 18 Jun 2025 12:34:10 +0000 Karin Schumacher https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/?p=4515 https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8116-WPK-@IVI-Zutritt-streng-verboten-160525-@DrKarinSchumacher_-768x576.jpg Unbefugten ist der Zutritt streng verboten. Exponat im IVI in Mittelhäusern. https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/pandemie-praevention-zwischen-kuhweiden-besuch-im-schweizer-hochsicherheitslabor-ivi/ <h1>Pandemie-Prävention zwischen Kuhweiden: Besuch im Schweizer Hochsicherheitslabor IVI » Medicine & More » SciLogs</h1><h2>By Karin Schumacher</h2><div itemprop="text"> <p><strong><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/a0f94d4e81844ce6bdda3d9bfe113311" width="1"></img>Grüne Hügel, grasende Kühe – Idylle wie aus dem Bilderbuch. Doch was wie ein Bauernhof wirkt, ist in Wahrheit ein Hochsicherheitslabor der Stufe 4. Das Institut für Virologie und Immunologie (IVI) in Mittelhäusern erforscht die gefährlichsten Erreger der Welt – in enger Zusammenarbeit mit dem Multidisciplinary Center for Infectious Diseases (MCID) der Universität Bern, das 2021 als Reaktion auf die Corona-Pandemie gegründet wurde. Ein Blick hinter die Kulissen.</strong><span id="more-4515"></span></p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4517" id="attachment_4517"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5198-IVI-with-sheep-@DrKarinSchumacher_-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="444" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5198-IVI-with-sheep-@DrKarinSchumacher_-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5198-IVI-with-sheep-@DrKarinSchumacher_-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5198-IVI-with-sheep-@DrKarinSchumacher_-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5198-IVI-with-sheep-@DrKarinSchumacher_-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5198-IVI-with-sheep-@DrKarinSchumacher_-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5198-IVI-with-sheep-@DrKarinSchumacher_-2048x1365.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4517"><em>Das IVI in Mittelhäusern: Institutsschafe grasen friedlich neben dem Seminargebäude (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</em></figcaption></figure> <p>Im Mai reiste eine achtköpfige Delegation der Wissenschaftspressekonferenz (<a href="https://wpk.org/was-wir-bieten/recherchereisen/" rel="noopener" target="_blank">WPK</a>) e.V. nach Bern auf Einladung des Schweizer Klubs für Wissenschaftsjournalismus (<a href="https://www.science-journalism.ch/de/" rel="noopener" target="_blank">SKWJ</a>). Förderpartnerin des Frühjahrstreffens: die Gebert Rüf Stiftung (<a href="https://www.grstiftung.ch/de.html" rel="noopener" target="_blank">GRS</a>).</p> <p>Nach einem Workshop zu “Science &amp; Social Media” (siehe mein Beitrag zu <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/tiktokst-du-oder-lebst-du-noch/" rel="noopener" target="_blank">TikTok</a>) folgte der Besuch beim IVI. [1] Zum Abschluss ging es noch ins Mobiliar Lab für Naturrisiken in Bern – doch dazu mehr bald in Teil drei…</p> <blockquote><p>“Nach der Pandemie ist vor der Pandemie”,</p></blockquote> <p>bringt es Volker Thiel, Leiter der Virologie am IVI, auf den Punkt. Das Institut will künftige Pandemien frühzeitig erkennen – mit interdisziplinärer Forschung, internationalen Kooperationen und dem One-Health-Ansatz, der die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt als untrennbar miteinander verbunden versteht. [2]<aside></aside></p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4527" id="attachment_4527"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5214-IVI-160525-@DrKarinSchumacher_-scaled.jpg"><img alt="Sonnig und grün - so präsentierte sich das IVI im bernischen Mittelhäusern." decoding="async" height="444" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5214-IVI-160525-@DrKarinSchumacher_-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5214-IVI-160525-@DrKarinSchumacher_-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5214-IVI-160525-@DrKarinSchumacher_-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5214-IVI-160525-@DrKarinSchumacher_-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5214-IVI-160525-@DrKarinSchumacher_-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5214-IVI-160525-@DrKarinSchumacher_-2048x1365.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4527"><em>Sonnig und grün – so präsentierte sich das IVI im bernischen Mittelhäusern. (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</em></figcaption></figure> <p>Tierseuchen verursachen immense wirtschaftliche Schäden. Trotzdem lohnen sich neue Impfstoffe für Tiere finanziell kaum, denn die Gewinnmargen sind in der Humanmedizin deutlich höher. Diese Herausforderung wird laut Institutsleiterin Barbara Wieland in der Pandemieprävention häufig übersehen.</p> <blockquote><p>“Viele Tiere werden mit veralteten, inaktivierten Impfstoffen behandelt. Das wirft auch ethische Fragen auf”,</p></blockquote> <p>sagt Wieland. Denn schlechter Schutz für Tiere kann auch den Menschen gefährden – etwa wenn sich ein Virus verändert und auf den Menschen überspringt. Dies kann zur nächsten Pandemie führen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4521" id="attachment_4521"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5256-IVI-exhibits-160525-@DrKarinSchumacher_-scaled.jpg"><img alt="Impfstoffentwicklung - auch für Tiere wichtig." decoding="async" height="444" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5256-IVI-exhibits-160525-@DrKarinSchumacher_-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5256-IVI-exhibits-160525-@DrKarinSchumacher_-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5256-IVI-exhibits-160525-@DrKarinSchumacher_-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5256-IVI-exhibits-160525-@DrKarinSchumacher_-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5256-IVI-exhibits-160525-@DrKarinSchumacher_-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5256-IVI-exhibits-160525-@DrKarinSchumacher_-2048x1365.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4521"><em>Historische Exponate im IVI. Impfstoffentwicklung – aktuell auch für Tiere wichtig. (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</em></figcaption></figure> <p>BEready ist ein Frühwarnsystem für die nächste Pandemie. Seit 2021 baut ein Team um Studienleiterin Nicola Low (Epidemiologie) und Projektleiterin Eva-Maria Hodel (Sozialwissenschaften) eine Langzeitkohorte auf: Bis zu 1.500 Haushalte im Kanton Bern sollen über Jahre begleitet werden. Die Teilnahme ist freiwillig. [3]</p> <p>Stand Mai 2025: Über 800 Menschen und mehr als 110 Haustiere sind bereits dabei – gern dürfen es noch mehr werden.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4518" id="attachment_4518"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8239-Schweizer-Katze-vor-dem-Niesen-@Dr.-Karin-Schumacher__-scaled.jpg"><img alt="Berner Hauskatze auf dem Fensterbrett, im Hintergrund der Niesen" decoding="async" height="555" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8239-Schweizer-Katze-vor-dem-Niesen-@Dr.-Karin-Schumacher__-1024x854.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8239-Schweizer-Katze-vor-dem-Niesen-@Dr.-Karin-Schumacher__-1024x854.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8239-Schweizer-Katze-vor-dem-Niesen-@Dr.-Karin-Schumacher__-300x250.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8239-Schweizer-Katze-vor-dem-Niesen-@Dr.-Karin-Schumacher__-768x640.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8239-Schweizer-Katze-vor-dem-Niesen-@Dr.-Karin-Schumacher__-1536x1281.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8239-Schweizer-Katze-vor-dem-Niesen-@Dr.-Karin-Schumacher__-2048x1707.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4518"><em>Berner Hauskatze auf dem Fensterbrett, im Hintergrund der Niesen (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</em></figcaption></figure> <h2>Mensch, Tier – und Virus X?</h2> <p>Das Ziel: Proben und Daten so systematisch sammeln, dass im Ernstfall – etwa bei Grippe, Corona oder einem neuen Virus “X” – schnell reagiert werden kann. Selbstproben, digitale Meldesysteme, Haustierdaten: alles läuft sicher, datengestützt und koordiniert.</p> <p>Dabei bleibt die One-Health-Perspektive zentral: Auch Tiere im Haushalt werden erfasst. Denn eine Katze, die mit uns auf dem Sofa schläft, könnte zuvor einen kranken Wildvogel oder eine kranke (Fleder)-Maus gefressen haben. Wildtiere dienen Viren als natürliche Reservoirs und können so auch auf Haustiere und den Menschen übergehen. Diese Übertragungswege, bekannt als <em>Spillover</em>, sind potenziell gefährlich – und bislang zu wenig erforscht. [4]</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4519" id="attachment_4519"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8216-Schweizer-Katze-beim-Abendessen-@Dr.-Karin-Schumacher_-scaled.jpg"><img alt="Dieselbe Berner Hauskatze beim Abendbrot" decoding="async" height="888" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8216-Schweizer-Katze-beim-Abendessen-@Dr.-Karin-Schumacher_-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8216-Schweizer-Katze-beim-Abendessen-@Dr.-Karin-Schumacher_-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8216-Schweizer-Katze-beim-Abendessen-@Dr.-Karin-Schumacher_-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8216-Schweizer-Katze-beim-Abendessen-@Dr.-Karin-Schumacher_-1152x1536.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8216-Schweizer-Katze-beim-Abendessen-@Dr.-Karin-Schumacher_-1536x2048.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8216-Schweizer-Katze-beim-Abendessen-@Dr.-Karin-Schumacher_-scaled.jpg 1920w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4519"><em>Dieselbe Berner Hauskatze beim Abendbrot (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</em></figcaption></figure> <h2>Beispiel H5N1: Früherkennung rettet Leben</h2> <p>Warum das wichtig ist, zeigt ein Beispiel: 2024 infizierte das Vogelgrippevirus H5N1 erstmals Milchkühe in den USA. [5] Das Risiko eines Überspringens (Spillover) auf den Menschen und damit auch die Gefahr einer Pandemie steigen. BEready will und kann genau solche Entwicklungen früher erkennen.</p> <p>“Wir können die Bevölkerung nicht schützen, wenn wir nichts über Haustiere wissen”,</p> <p>sagt Projektleiterin Eva-Maria Hodel.</p> <p>Weitere Infos und Teilnahmemöglichkeit (nur für Bewohner:innen des Kantons Bern) gibt es auf der Webseite der Studie: <a href="https://www.beready.unibe.ch" rel="noopener" target="_blank">www.beready.unibe.ch </a></p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4520" id="attachment_4520"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5203-IVI-cow-@DrKarinSchumacher_-scaled.jpg"><img alt="Schweizer Braunvieh für Forschungszwecke auf dem Gelände des IVI" decoding="async" height="444" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5203-IVI-cow-@DrKarinSchumacher_-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5203-IVI-cow-@DrKarinSchumacher_-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5203-IVI-cow-@DrKarinSchumacher_-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5203-IVI-cow-@DrKarinSchumacher_-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5203-IVI-cow-@DrKarinSchumacher_-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5203-IVI-cow-@DrKarinSchumacher_-2048x1365.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4520"><em>Schweizer Braunvieh für Forschungszwecke auf dem Gelände des IVI (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</em></figcaption></figure> <p>Claudia Bachofen, Leiterin der Abteilung Diagnostik und Entwicklung, führt uns über das Gelände. Die Frühlingssonne wärmt die Wiesen, Schafe grasen hinter dem Seminargebäude, eine junge Kuh beobachtet neugierig die Besuchergruppe. Schweine dösen in ihren Boxen, ein Mitarbeiter reinigt den Stall. Szenen wie von einem Bauernhof – wären da nicht die Sicherheitsschleusen, die Labore und die strengen Protokolle.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4524" id="attachment_4524"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8073-IVI-lab-visit-@DrKarinSchumacher_-scaled.jpg"><img alt="Die Tierzucht des IVI." decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8073-IVI-lab-visit-@DrKarinSchumacher_-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8073-IVI-lab-visit-@DrKarinSchumacher_-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8073-IVI-lab-visit-@DrKarinSchumacher_-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8073-IVI-lab-visit-@DrKarinSchumacher_-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8073-IVI-lab-visit-@DrKarinSchumacher_-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8073-IVI-lab-visit-@DrKarinSchumacher_-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4524"><em>Die Tierzucht des IVI. (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</em></figcaption></figure> <p>Kurz darauf stehen wir vor der Eingangsschleuse zum Hochsicherheitslabor der Stufe 4. Hier begann am 6. Februar 2020 die Schweizer <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/covid-19-who-studie-zeigt-wirkung-von-sozialer-distanz-und-mund-nasen-schutz/" rel="noopener" target="_blank">Corona</a>-Forschung: Ein Paket mit Virusisolaten aus München – aus den Speichelproben der ersten COVID-19-Patienten – passierte diese Schleuse. Zutritt nur unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4523" id="attachment_4523"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5237-air-locks-@-the-BSL-4-lab-160525-@DrKarinSchumacher_-scaled.jpg"><img alt="Durch diese Schleuse gelangte das erste Viruspaket aus Deutschland ins Labor. Zutritt nur unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen." decoding="async" height="999" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5237-air-locks-@-the-BSL-4-lab-160525-@DrKarinSchumacher_-683x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5237-air-locks-@-the-BSL-4-lab-160525-@DrKarinSchumacher_-683x1024.jpg 683w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5237-air-locks-@-the-BSL-4-lab-160525-@DrKarinSchumacher_-200x300.jpg 200w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5237-air-locks-@-the-BSL-4-lab-160525-@DrKarinSchumacher_-768x1152.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5237-air-locks-@-the-BSL-4-lab-160525-@DrKarinSchumacher_-1024x1536.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5237-air-locks-@-the-BSL-4-lab-160525-@DrKarinSchumacher_-1365x2048.jpg 1365w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5237-air-locks-@-the-BSL-4-lab-160525-@DrKarinSchumacher_-scaled.jpg 1707w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4523"><em>Durch diese Schleuse gelangte das erste <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/kids-in-deutschland-recht-auf-bildung-und-long-covid/" rel="noopener" target="_blank">Sars-CoV-2</a>– Viruspaket aus Deutschland ins Labor. (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</em></figcaption></figure> <p>Im Inneren entwickelte das Team um Volker Thiel eine Methode zur schnelleren Herstellung synthetischer Virusklone – ein entscheidender Beitrag zur Impfstoffentwicklung. Warum ausgerechnet hier? Das IVI war schneller einsatzbereit als vergleichbare Institute – und konnte sofort loslegen.[6]</p> <p>Der Besuch endet mit einem Blick ins abgeschirmte Laborgebäude – inklusive Schleusen, und Notstromversorgung. Stromausfall? Undenkbar.</p> <p>Im IVI zeigt sich eindrucksvoll, wie wichtig es ist, bereits heute die Grundlagen für den Schutz vor künftigen Pandemien zu legen. Ein starkes Frühwarnsystem, kontinuierliche Forschung und der interdisziplinäre Ansatz des One-Health-Modells sind der Schlüssel, um auf neue Gefahren schnell reagieren zu können.</p> <p>Eins ist jedenfalls sicher: <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-lange-weg-zu-einem-wahren-gesundheitswesen/" rel="noopener" target="_blank">Vorsorge</a> ist günstiger als <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/herz-kreislauf-erkrankungen-dicke-kinder-kranke-erwachsene/" rel="noopener" target="_blank">Nachsehen</a> und zahlt sich aus. Doch auch abseits des Hochsicherheitslabors kann jeder einzelne dazu beitragen – durch <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/vier-kleine-freuden-pro-tag-und-eine-spritze-zufall/" rel="noopener" target="_blank">Achtsamkeit</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-pedelec-unfall-und-was-wirklich-zaehlt-intuition-verantwortung-und-dankbarkeit/" rel="noopener" target="_blank">Verständnis</a>.</p> <p>Was in Mittelhäusern erforscht wird, könnte morgen Leben retten – vielleicht auch deins.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4525" id="attachment_4525"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8104-WPK-@IVI-160525-@DrKarinSchumacher_-scaled.jpg"><img alt="Auf dem Gelände des IVI. Auf der anderen Seite des Zauns grast nichtsahnend das Braunvieh des Nachbarbauern." decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8104-WPK-@IVI-160525-@DrKarinSchumacher_-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8104-WPK-@IVI-160525-@DrKarinSchumacher_-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8104-WPK-@IVI-160525-@DrKarinSchumacher_-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8104-WPK-@IVI-160525-@DrKarinSchumacher_-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8104-WPK-@IVI-160525-@DrKarinSchumacher_-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8104-WPK-@IVI-160525-@DrKarinSchumacher_-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4525"><em>Auf dem Gelände des IVI. Direkt hinter dem Zaun grast nichtsahnend das Braunvieh des Nachbarbauern. (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</em></figcaption></figure> <p>[1] Institut für Virologie und Immunologie (IVI). Webseite, abgerufen am 18.06.2025, von <a href="https://www.ivi.ch" rel="noopener" target="_blank">https://www.ivi.ch</a></p> <p>[2] Atlas, R. M., &amp; Maloy, S. (Eds.). (2014). One Health: People, Animals, and the Environment (1. Aufl.). ASM Press. <a href="https://doi.org/10.1128/9781555818425" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1128/9781555818425</a></p> <p>[3] BEready – Bern, get ready. Webseite, abgerufen am 18.06.2025, von <a href="https://www.beready.unibe.ch" rel="noopener" target="_blank">https://www.beready.unibe.ch</a></p> <p>[4] Rojas, P. O., Mena, I., Ochoa, M. L., et al. (2022). Spillover risk of zoonotic diseases from wildlife to humans. Nature, 603, 321-330.<a href="https://doi.org/10.1038/s41586-022-05506-2" rel="noopener" target="_blank"> https://doi.org/10.1038/s41586-022-05506-2</a></p> <p>[5] Deng, X., Chen, M., Li, Z., et al. (2024). The spread of H5N1 avian influenza to mammals and its implications for future pandemic risks. The Lancet Regional Health – Americas, 5, 100112. <a href="https://doi.org/10.1016/j.lana.2024.100112" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.lana.2024.100112</a></p> <p>[6] Krammer, F., Saitoh, S., &amp; Thiel, V. (2020). Rapid generation of synthetic clones of SARS-CoV-2 for the development of diagnostic tools and vaccine candidates. Nature, 586, 125-128. <a href="https://doi.org/10.1038/s41586-020-2294-9" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1038/s41586-020-2294-9</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Pandemie-Prävention zwischen Kuhweiden: Besuch im Schweizer Hochsicherheitslabor IVI » Medicine & More » SciLogs</h1><h2>By Karin Schumacher</h2><div itemprop="text"> <p><strong><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/a0f94d4e81844ce6bdda3d9bfe113311" width="1"></img>Grüne Hügel, grasende Kühe – Idylle wie aus dem Bilderbuch. Doch was wie ein Bauernhof wirkt, ist in Wahrheit ein Hochsicherheitslabor der Stufe 4. Das Institut für Virologie und Immunologie (IVI) in Mittelhäusern erforscht die gefährlichsten Erreger der Welt – in enger Zusammenarbeit mit dem Multidisciplinary Center for Infectious Diseases (MCID) der Universität Bern, das 2021 als Reaktion auf die Corona-Pandemie gegründet wurde. Ein Blick hinter die Kulissen.</strong><span id="more-4515"></span></p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4517" id="attachment_4517"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5198-IVI-with-sheep-@DrKarinSchumacher_-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="444" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5198-IVI-with-sheep-@DrKarinSchumacher_-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5198-IVI-with-sheep-@DrKarinSchumacher_-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5198-IVI-with-sheep-@DrKarinSchumacher_-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5198-IVI-with-sheep-@DrKarinSchumacher_-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5198-IVI-with-sheep-@DrKarinSchumacher_-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5198-IVI-with-sheep-@DrKarinSchumacher_-2048x1365.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4517"><em>Das IVI in Mittelhäusern: Institutsschafe grasen friedlich neben dem Seminargebäude (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</em></figcaption></figure> <p>Im Mai reiste eine achtköpfige Delegation der Wissenschaftspressekonferenz (<a href="https://wpk.org/was-wir-bieten/recherchereisen/" rel="noopener" target="_blank">WPK</a>) e.V. nach Bern auf Einladung des Schweizer Klubs für Wissenschaftsjournalismus (<a href="https://www.science-journalism.ch/de/" rel="noopener" target="_blank">SKWJ</a>). Förderpartnerin des Frühjahrstreffens: die Gebert Rüf Stiftung (<a href="https://www.grstiftung.ch/de.html" rel="noopener" target="_blank">GRS</a>).</p> <p>Nach einem Workshop zu “Science &amp; Social Media” (siehe mein Beitrag zu <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/tiktokst-du-oder-lebst-du-noch/" rel="noopener" target="_blank">TikTok</a>) folgte der Besuch beim IVI. [1] Zum Abschluss ging es noch ins Mobiliar Lab für Naturrisiken in Bern – doch dazu mehr bald in Teil drei…</p> <blockquote><p>“Nach der Pandemie ist vor der Pandemie”,</p></blockquote> <p>bringt es Volker Thiel, Leiter der Virologie am IVI, auf den Punkt. Das Institut will künftige Pandemien frühzeitig erkennen – mit interdisziplinärer Forschung, internationalen Kooperationen und dem One-Health-Ansatz, der die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt als untrennbar miteinander verbunden versteht. [2]<aside></aside></p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4527" id="attachment_4527"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5214-IVI-160525-@DrKarinSchumacher_-scaled.jpg"><img alt="Sonnig und grün - so präsentierte sich das IVI im bernischen Mittelhäusern." decoding="async" height="444" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5214-IVI-160525-@DrKarinSchumacher_-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5214-IVI-160525-@DrKarinSchumacher_-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5214-IVI-160525-@DrKarinSchumacher_-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5214-IVI-160525-@DrKarinSchumacher_-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5214-IVI-160525-@DrKarinSchumacher_-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5214-IVI-160525-@DrKarinSchumacher_-2048x1365.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4527"><em>Sonnig und grün – so präsentierte sich das IVI im bernischen Mittelhäusern. (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</em></figcaption></figure> <p>Tierseuchen verursachen immense wirtschaftliche Schäden. Trotzdem lohnen sich neue Impfstoffe für Tiere finanziell kaum, denn die Gewinnmargen sind in der Humanmedizin deutlich höher. Diese Herausforderung wird laut Institutsleiterin Barbara Wieland in der Pandemieprävention häufig übersehen.</p> <blockquote><p>“Viele Tiere werden mit veralteten, inaktivierten Impfstoffen behandelt. Das wirft auch ethische Fragen auf”,</p></blockquote> <p>sagt Wieland. Denn schlechter Schutz für Tiere kann auch den Menschen gefährden – etwa wenn sich ein Virus verändert und auf den Menschen überspringt. Dies kann zur nächsten Pandemie führen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4521" id="attachment_4521"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5256-IVI-exhibits-160525-@DrKarinSchumacher_-scaled.jpg"><img alt="Impfstoffentwicklung - auch für Tiere wichtig." decoding="async" height="444" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5256-IVI-exhibits-160525-@DrKarinSchumacher_-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5256-IVI-exhibits-160525-@DrKarinSchumacher_-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5256-IVI-exhibits-160525-@DrKarinSchumacher_-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5256-IVI-exhibits-160525-@DrKarinSchumacher_-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5256-IVI-exhibits-160525-@DrKarinSchumacher_-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5256-IVI-exhibits-160525-@DrKarinSchumacher_-2048x1365.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4521"><em>Historische Exponate im IVI. Impfstoffentwicklung – aktuell auch für Tiere wichtig. (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</em></figcaption></figure> <p>BEready ist ein Frühwarnsystem für die nächste Pandemie. Seit 2021 baut ein Team um Studienleiterin Nicola Low (Epidemiologie) und Projektleiterin Eva-Maria Hodel (Sozialwissenschaften) eine Langzeitkohorte auf: Bis zu 1.500 Haushalte im Kanton Bern sollen über Jahre begleitet werden. Die Teilnahme ist freiwillig. [3]</p> <p>Stand Mai 2025: Über 800 Menschen und mehr als 110 Haustiere sind bereits dabei – gern dürfen es noch mehr werden.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4518" id="attachment_4518"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8239-Schweizer-Katze-vor-dem-Niesen-@Dr.-Karin-Schumacher__-scaled.jpg"><img alt="Berner Hauskatze auf dem Fensterbrett, im Hintergrund der Niesen" decoding="async" height="555" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8239-Schweizer-Katze-vor-dem-Niesen-@Dr.-Karin-Schumacher__-1024x854.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8239-Schweizer-Katze-vor-dem-Niesen-@Dr.-Karin-Schumacher__-1024x854.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8239-Schweizer-Katze-vor-dem-Niesen-@Dr.-Karin-Schumacher__-300x250.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8239-Schweizer-Katze-vor-dem-Niesen-@Dr.-Karin-Schumacher__-768x640.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8239-Schweizer-Katze-vor-dem-Niesen-@Dr.-Karin-Schumacher__-1536x1281.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8239-Schweizer-Katze-vor-dem-Niesen-@Dr.-Karin-Schumacher__-2048x1707.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4518"><em>Berner Hauskatze auf dem Fensterbrett, im Hintergrund der Niesen (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</em></figcaption></figure> <h2>Mensch, Tier – und Virus X?</h2> <p>Das Ziel: Proben und Daten so systematisch sammeln, dass im Ernstfall – etwa bei Grippe, Corona oder einem neuen Virus “X” – schnell reagiert werden kann. Selbstproben, digitale Meldesysteme, Haustierdaten: alles läuft sicher, datengestützt und koordiniert.</p> <p>Dabei bleibt die One-Health-Perspektive zentral: Auch Tiere im Haushalt werden erfasst. Denn eine Katze, die mit uns auf dem Sofa schläft, könnte zuvor einen kranken Wildvogel oder eine kranke (Fleder)-Maus gefressen haben. Wildtiere dienen Viren als natürliche Reservoirs und können so auch auf Haustiere und den Menschen übergehen. Diese Übertragungswege, bekannt als <em>Spillover</em>, sind potenziell gefährlich – und bislang zu wenig erforscht. [4]</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4519" id="attachment_4519"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8216-Schweizer-Katze-beim-Abendessen-@Dr.-Karin-Schumacher_-scaled.jpg"><img alt="Dieselbe Berner Hauskatze beim Abendbrot" decoding="async" height="888" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8216-Schweizer-Katze-beim-Abendessen-@Dr.-Karin-Schumacher_-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8216-Schweizer-Katze-beim-Abendessen-@Dr.-Karin-Schumacher_-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8216-Schweizer-Katze-beim-Abendessen-@Dr.-Karin-Schumacher_-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8216-Schweizer-Katze-beim-Abendessen-@Dr.-Karin-Schumacher_-1152x1536.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8216-Schweizer-Katze-beim-Abendessen-@Dr.-Karin-Schumacher_-1536x2048.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8216-Schweizer-Katze-beim-Abendessen-@Dr.-Karin-Schumacher_-scaled.jpg 1920w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4519"><em>Dieselbe Berner Hauskatze beim Abendbrot (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</em></figcaption></figure> <h2>Beispiel H5N1: Früherkennung rettet Leben</h2> <p>Warum das wichtig ist, zeigt ein Beispiel: 2024 infizierte das Vogelgrippevirus H5N1 erstmals Milchkühe in den USA. [5] Das Risiko eines Überspringens (Spillover) auf den Menschen und damit auch die Gefahr einer Pandemie steigen. BEready will und kann genau solche Entwicklungen früher erkennen.</p> <p>“Wir können die Bevölkerung nicht schützen, wenn wir nichts über Haustiere wissen”,</p> <p>sagt Projektleiterin Eva-Maria Hodel.</p> <p>Weitere Infos und Teilnahmemöglichkeit (nur für Bewohner:innen des Kantons Bern) gibt es auf der Webseite der Studie: <a href="https://www.beready.unibe.ch" rel="noopener" target="_blank">www.beready.unibe.ch </a></p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4520" id="attachment_4520"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5203-IVI-cow-@DrKarinSchumacher_-scaled.jpg"><img alt="Schweizer Braunvieh für Forschungszwecke auf dem Gelände des IVI" decoding="async" height="444" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5203-IVI-cow-@DrKarinSchumacher_-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5203-IVI-cow-@DrKarinSchumacher_-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5203-IVI-cow-@DrKarinSchumacher_-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5203-IVI-cow-@DrKarinSchumacher_-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5203-IVI-cow-@DrKarinSchumacher_-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5203-IVI-cow-@DrKarinSchumacher_-2048x1365.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4520"><em>Schweizer Braunvieh für Forschungszwecke auf dem Gelände des IVI (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</em></figcaption></figure> <p>Claudia Bachofen, Leiterin der Abteilung Diagnostik und Entwicklung, führt uns über das Gelände. Die Frühlingssonne wärmt die Wiesen, Schafe grasen hinter dem Seminargebäude, eine junge Kuh beobachtet neugierig die Besuchergruppe. Schweine dösen in ihren Boxen, ein Mitarbeiter reinigt den Stall. Szenen wie von einem Bauernhof – wären da nicht die Sicherheitsschleusen, die Labore und die strengen Protokolle.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4524" id="attachment_4524"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8073-IVI-lab-visit-@DrKarinSchumacher_-scaled.jpg"><img alt="Die Tierzucht des IVI." decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8073-IVI-lab-visit-@DrKarinSchumacher_-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8073-IVI-lab-visit-@DrKarinSchumacher_-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8073-IVI-lab-visit-@DrKarinSchumacher_-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8073-IVI-lab-visit-@DrKarinSchumacher_-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8073-IVI-lab-visit-@DrKarinSchumacher_-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8073-IVI-lab-visit-@DrKarinSchumacher_-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4524"><em>Die Tierzucht des IVI. (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</em></figcaption></figure> <p>Kurz darauf stehen wir vor der Eingangsschleuse zum Hochsicherheitslabor der Stufe 4. Hier begann am 6. Februar 2020 die Schweizer <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/covid-19-who-studie-zeigt-wirkung-von-sozialer-distanz-und-mund-nasen-schutz/" rel="noopener" target="_blank">Corona</a>-Forschung: Ein Paket mit Virusisolaten aus München – aus den Speichelproben der ersten COVID-19-Patienten – passierte diese Schleuse. Zutritt nur unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4523" id="attachment_4523"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5237-air-locks-@-the-BSL-4-lab-160525-@DrKarinSchumacher_-scaled.jpg"><img alt="Durch diese Schleuse gelangte das erste Viruspaket aus Deutschland ins Labor. Zutritt nur unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen." decoding="async" height="999" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5237-air-locks-@-the-BSL-4-lab-160525-@DrKarinSchumacher_-683x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5237-air-locks-@-the-BSL-4-lab-160525-@DrKarinSchumacher_-683x1024.jpg 683w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5237-air-locks-@-the-BSL-4-lab-160525-@DrKarinSchumacher_-200x300.jpg 200w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5237-air-locks-@-the-BSL-4-lab-160525-@DrKarinSchumacher_-768x1152.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5237-air-locks-@-the-BSL-4-lab-160525-@DrKarinSchumacher_-1024x1536.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5237-air-locks-@-the-BSL-4-lab-160525-@DrKarinSchumacher_-1365x2048.jpg 1365w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5237-air-locks-@-the-BSL-4-lab-160525-@DrKarinSchumacher_-scaled.jpg 1707w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4523"><em>Durch diese Schleuse gelangte das erste <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/kids-in-deutschland-recht-auf-bildung-und-long-covid/" rel="noopener" target="_blank">Sars-CoV-2</a>– Viruspaket aus Deutschland ins Labor. (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</em></figcaption></figure> <p>Im Inneren entwickelte das Team um Volker Thiel eine Methode zur schnelleren Herstellung synthetischer Virusklone – ein entscheidender Beitrag zur Impfstoffentwicklung. Warum ausgerechnet hier? Das IVI war schneller einsatzbereit als vergleichbare Institute – und konnte sofort loslegen.[6]</p> <p>Der Besuch endet mit einem Blick ins abgeschirmte Laborgebäude – inklusive Schleusen, und Notstromversorgung. Stromausfall? Undenkbar.</p> <p>Im IVI zeigt sich eindrucksvoll, wie wichtig es ist, bereits heute die Grundlagen für den Schutz vor künftigen Pandemien zu legen. Ein starkes Frühwarnsystem, kontinuierliche Forschung und der interdisziplinäre Ansatz des One-Health-Modells sind der Schlüssel, um auf neue Gefahren schnell reagieren zu können.</p> <p>Eins ist jedenfalls sicher: <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-lange-weg-zu-einem-wahren-gesundheitswesen/" rel="noopener" target="_blank">Vorsorge</a> ist günstiger als <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/herz-kreislauf-erkrankungen-dicke-kinder-kranke-erwachsene/" rel="noopener" target="_blank">Nachsehen</a> und zahlt sich aus. Doch auch abseits des Hochsicherheitslabors kann jeder einzelne dazu beitragen – durch <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/vier-kleine-freuden-pro-tag-und-eine-spritze-zufall/" rel="noopener" target="_blank">Achtsamkeit</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-pedelec-unfall-und-was-wirklich-zaehlt-intuition-verantwortung-und-dankbarkeit/" rel="noopener" target="_blank">Verständnis</a>.</p> <p>Was in Mittelhäusern erforscht wird, könnte morgen Leben retten – vielleicht auch deins.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4525" id="attachment_4525"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8104-WPK-@IVI-160525-@DrKarinSchumacher_-scaled.jpg"><img alt="Auf dem Gelände des IVI. Auf der anderen Seite des Zauns grast nichtsahnend das Braunvieh des Nachbarbauern." decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8104-WPK-@IVI-160525-@DrKarinSchumacher_-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8104-WPK-@IVI-160525-@DrKarinSchumacher_-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8104-WPK-@IVI-160525-@DrKarinSchumacher_-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8104-WPK-@IVI-160525-@DrKarinSchumacher_-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8104-WPK-@IVI-160525-@DrKarinSchumacher_-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_8104-WPK-@IVI-160525-@DrKarinSchumacher_-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4525"><em>Auf dem Gelände des IVI. Direkt hinter dem Zaun grast nichtsahnend das Braunvieh des Nachbarbauern. (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</em></figcaption></figure> <p>[1] Institut für Virologie und Immunologie (IVI). Webseite, abgerufen am 18.06.2025, von <a href="https://www.ivi.ch" rel="noopener" target="_blank">https://www.ivi.ch</a></p> <p>[2] Atlas, R. M., &amp; Maloy, S. (Eds.). (2014). One Health: People, Animals, and the Environment (1. Aufl.). ASM Press. <a href="https://doi.org/10.1128/9781555818425" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1128/9781555818425</a></p> <p>[3] BEready – Bern, get ready. Webseite, abgerufen am 18.06.2025, von <a href="https://www.beready.unibe.ch" rel="noopener" target="_blank">https://www.beready.unibe.ch</a></p> <p>[4] Rojas, P. O., Mena, I., Ochoa, M. L., et al. (2022). Spillover risk of zoonotic diseases from wildlife to humans. Nature, 603, 321-330.<a href="https://doi.org/10.1038/s41586-022-05506-2" rel="noopener" target="_blank"> https://doi.org/10.1038/s41586-022-05506-2</a></p> <p>[5] Deng, X., Chen, M., Li, Z., et al. (2024). The spread of H5N1 avian influenza to mammals and its implications for future pandemic risks. The Lancet Regional Health – Americas, 5, 100112. <a href="https://doi.org/10.1016/j.lana.2024.100112" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.lana.2024.100112</a></p> <p>[6] Krammer, F., Saitoh, S., &amp; Thiel, V. (2020). Rapid generation of synthetic clones of SARS-CoV-2 for the development of diagnostic tools and vaccine candidates. Nature, 586, 125-128. <a href="https://doi.org/10.1038/s41586-020-2294-9" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1038/s41586-020-2294-9</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/pandemie-praevention-zwischen-kuhweiden-besuch-im-schweizer-hochsicherheitslabor-ivi/#comments 1 Herzlich willkommen beim Blog von ForGeRex! https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/herzlich-willkommen-beim-blog-von-forgerex/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/herzlich-willkommen-beim-blog-von-forgerex/#respond Fri, 13 Jun 2025 07:13:59 +0000 Forschungsverbund ForGeRex https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=201 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Opener-Post_Headerbild_Blog_ForGeRex_2-768x134.png <link>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/herzlich-willkommen-beim-blog-von-forgerex/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Opener-Post_Headerbild_Blog_ForGeRex_2-scaled.png" /><h1>Herzlich willkommen beim Blog von ForGeRex! » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Forschungsverbund ForGeRex</h2><div itemprop="text"> <h3 id="h-wer-sind-wir"><strong>Wer sind wir?</strong></h3> <p>Derzeit wachsen extrem rechte Strukturen in Deutschland und Rechtsextremismus wird auf gesellschaftlicher, politischer und sicherheitsbehördlicher Ebene verstärkt wahrgenommen. Viele betrachten ihn als eine der großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Doch wie genau tritt er heute auf? Welche Ideologien und Strategien verfolgen extrem rechte Akteur:innen in Bayern? Wie können wirksame Gegenstrategien aussehen? Und wie kann diesen Herausforderungen wissenschaftlich nachgegangen werden?<br></br></p> <p>Mit genau diesen Fragen beschäftigten wir uns im Forschungsverbund für Gegenwartsanalysen, Erinnerungspraxis und Gegenstrategien zum Rechtsextremismus (kurz: ForGeRex). Von Bewegungen wie die der „Reichsbürger“ und „Grauen Wölfe“ über rechtsextreme Bilder, Narrative und Internet-Memes bis hin zu rechtsextremen Einflussnahmen auf die Soziale Arbeit und Geschlechtergleichstellung sowie Fragen der Strafverfolgung rechter Gewalt – um nur einen Ausschnitt der vielen spannenden Forschungsthemen zu nennen –, erforschen wir die vielschichtigen Facetten des Rechtsextremismus in Bayern.<br></br></p> <p>Der Verbund wird gefördert durch das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst und arbeitet interdisziplinär. Das heißt: Wissenschaftler:innen in neun Teilprojekten an neun Hochschulen und zwei Forschungseinrichtungen aus unterschiedlichsten Disziplinen bringen ihre Perspektiven zusammen. Unser Ziel: Die kritische Rechtsextremismusforschung in Bayern auf eine breitere Grundlage zu stellen und bisherige tote Winkel auszuleuchten, um ein tiefgehendes, wissenschaftliches Verständnis von Rechtsextremismus in Bayern zu schaffen und wirksame Gegenmaßnahmen zu entwickeln.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/ForGeRex-Bayern-Karte.png"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/ForGeRex-Bayern-Karte-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/ForGeRex-Bayern-Karte-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/ForGeRex-Bayern-Karte-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/ForGeRex-Bayern-Karte-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/ForGeRex-Bayern-Karte-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/ForGeRex-Bayern-Karte.png 1920w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Abbildung: Landkarte von Bayern mit den 11 Forschungseinrichtungen von ForGeRex (eigene Darstellung)</em></figcaption></figure> <h3 id="h-wo-stehen-wir-aktuell"><strong><strong>Wo stehen wir aktuell?</strong></strong></h3> <p>ForGeRex ist ein vierjähriges Forschungsprojekt (2024–2027) und befindet sich derzeit im zweiten Jahr seiner Laufzeit. Nach einer langen Vorbereitungsphase konnten sich alle Mitglieder im Frühling 2024 erstmals an unserer Sprecherinnenhochschule, der OTH Regensburg, treffen und die anstehende Zusammenarbeit im Verbund gemeinsam diskutieren. Nach diesem ersten internen Treffen folgte im Oktober 2024 ein weiterer wichtiger Meilenstein: unsere <a href="https://www.forgerex.de/veranstaltung/forgerex-mit-oeffentlicher-auftaktveranstaltung-gestartet/">öffentliche Auftaktveranstaltung</a>, auf der wir uns offiziell der Öffentlichkeit vorstellten. Seitdem wird sowohl innerhalb der einzelnen Teilprojekte als auch verbundweit an den verschiedenen Forschungsfragen intensiv gearbeitet. Die ersten Zwischenergebnisse stehen dabei noch aus, sind aber langsam schon in Sicht.</p> <h3 id="h-was-haben-wir-mit-diesem-blog-vor"><strong>Was haben wir mit diesem Blog vor?</strong></h3> <p>Mit diesem Blog möchten wir Sie auf unsere wissenschaftliche Reise mitnehmen und Ihnen Einblicke in unsere Arbeit über den ganzen Forschungsprozess hinweg geben – von den ersten Fragestellungen über methodische Ansätze bis hin zu zentralen Ergebnissen aus unseren Teilprojekten. Somit können Sie hinter die Kulissen eines interdisziplinären Forschungsverbundes schauen und aktuelle wissenschaftliche Befunde aus der Rechtsextremismusforschung direkt an der Quelle verfolgen. Wir laden Sie hiermit herzlich ein, unsere Forschung in den kommenden Jahren zu begleiten und gemeinsam mit uns die diversen Ausprägungen der extremen Rechten in Bayern kritisch zu analysieren und reflektieren. Der Kontakt mit an diesem Thema interessierten Akteur:innen ist uns als Verbund wichtig – sowohl innerhalb als auch außerhalb der Wissenschaft. Eine Möglichkeit dafür ist unser Verteiler: Wenn Sie Interesse an ForGeRex haben, können sie sich dort mit einer E-Mail an <a href="mailto:forgerex@mrm.uni-augsburg.de">forgerex@mrm.uni-augsburg.de</a> eintragen lassen.</p> <p><strong>Mehr Informationen zum Forschungsverbund ForGeRex finden Sie auf unserer Webseite:</strong> <a href="https://www.forgerex.de/">https://www.forgerex.de/</a></p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/cropped-ForGeRex_Logo.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/cropped-ForGeRex_Logo.png 2x" width="200"></img> <p>Der Bayerische Forschungsverbund für Gegenwartsanalysen, Erinnerungspraxis und Gegenstrategien zum Rechtsextremismus (kurz: ForGeRex) erforscht Erscheinungsformen, Ideologien und Strategien extrem rechter Akteur:innen in Bayern auf der einen und wirksame Gegenstrategien auf der anderen Seite. In unserem Verbund arbeiten wir dabei interdisziplinär. Das heißt: Wissenschaftler:innen in neun Teilprojekten an neun Hochschulen und zwei Forschungseinrichtungen aus unterschiedlichsten Disziplinen bringen ihre Perspektiven zusammen. Unser Ziel: Die kritische Rechtsextremismusforschung in Bayern auf eine breitere Grundlage zu stellen und bisherige tote Winkel auszuleuchten, um ein tiefgehendes, wissenschaftliches Verständnis von Rechtsextremismus in Bayern zu schaffen und wirksame Gegenmaßnahmen zu entwickeln.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Opener-Post_Headerbild_Blog_ForGeRex_2-scaled.png" /><h1>Herzlich willkommen beim Blog von ForGeRex! » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Forschungsverbund ForGeRex</h2><div itemprop="text"> <h3 id="h-wer-sind-wir"><strong>Wer sind wir?</strong></h3> <p>Derzeit wachsen extrem rechte Strukturen in Deutschland und Rechtsextremismus wird auf gesellschaftlicher, politischer und sicherheitsbehördlicher Ebene verstärkt wahrgenommen. Viele betrachten ihn als eine der großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Doch wie genau tritt er heute auf? Welche Ideologien und Strategien verfolgen extrem rechte Akteur:innen in Bayern? Wie können wirksame Gegenstrategien aussehen? Und wie kann diesen Herausforderungen wissenschaftlich nachgegangen werden?<br></br></p> <p>Mit genau diesen Fragen beschäftigten wir uns im Forschungsverbund für Gegenwartsanalysen, Erinnerungspraxis und Gegenstrategien zum Rechtsextremismus (kurz: ForGeRex). Von Bewegungen wie die der „Reichsbürger“ und „Grauen Wölfe“ über rechtsextreme Bilder, Narrative und Internet-Memes bis hin zu rechtsextremen Einflussnahmen auf die Soziale Arbeit und Geschlechtergleichstellung sowie Fragen der Strafverfolgung rechter Gewalt – um nur einen Ausschnitt der vielen spannenden Forschungsthemen zu nennen –, erforschen wir die vielschichtigen Facetten des Rechtsextremismus in Bayern.<br></br></p> <p>Der Verbund wird gefördert durch das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst und arbeitet interdisziplinär. Das heißt: Wissenschaftler:innen in neun Teilprojekten an neun Hochschulen und zwei Forschungseinrichtungen aus unterschiedlichsten Disziplinen bringen ihre Perspektiven zusammen. Unser Ziel: Die kritische Rechtsextremismusforschung in Bayern auf eine breitere Grundlage zu stellen und bisherige tote Winkel auszuleuchten, um ein tiefgehendes, wissenschaftliches Verständnis von Rechtsextremismus in Bayern zu schaffen und wirksame Gegenmaßnahmen zu entwickeln.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/ForGeRex-Bayern-Karte.png"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/ForGeRex-Bayern-Karte-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/ForGeRex-Bayern-Karte-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/ForGeRex-Bayern-Karte-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/ForGeRex-Bayern-Karte-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/ForGeRex-Bayern-Karte-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/ForGeRex-Bayern-Karte.png 1920w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Abbildung: Landkarte von Bayern mit den 11 Forschungseinrichtungen von ForGeRex (eigene Darstellung)</em></figcaption></figure> <h3 id="h-wo-stehen-wir-aktuell"><strong><strong>Wo stehen wir aktuell?</strong></strong></h3> <p>ForGeRex ist ein vierjähriges Forschungsprojekt (2024–2027) und befindet sich derzeit im zweiten Jahr seiner Laufzeit. Nach einer langen Vorbereitungsphase konnten sich alle Mitglieder im Frühling 2024 erstmals an unserer Sprecherinnenhochschule, der OTH Regensburg, treffen und die anstehende Zusammenarbeit im Verbund gemeinsam diskutieren. Nach diesem ersten internen Treffen folgte im Oktober 2024 ein weiterer wichtiger Meilenstein: unsere <a href="https://www.forgerex.de/veranstaltung/forgerex-mit-oeffentlicher-auftaktveranstaltung-gestartet/">öffentliche Auftaktveranstaltung</a>, auf der wir uns offiziell der Öffentlichkeit vorstellten. Seitdem wird sowohl innerhalb der einzelnen Teilprojekte als auch verbundweit an den verschiedenen Forschungsfragen intensiv gearbeitet. Die ersten Zwischenergebnisse stehen dabei noch aus, sind aber langsam schon in Sicht.</p> <h3 id="h-was-haben-wir-mit-diesem-blog-vor"><strong>Was haben wir mit diesem Blog vor?</strong></h3> <p>Mit diesem Blog möchten wir Sie auf unsere wissenschaftliche Reise mitnehmen und Ihnen Einblicke in unsere Arbeit über den ganzen Forschungsprozess hinweg geben – von den ersten Fragestellungen über methodische Ansätze bis hin zu zentralen Ergebnissen aus unseren Teilprojekten. Somit können Sie hinter die Kulissen eines interdisziplinären Forschungsverbundes schauen und aktuelle wissenschaftliche Befunde aus der Rechtsextremismusforschung direkt an der Quelle verfolgen. Wir laden Sie hiermit herzlich ein, unsere Forschung in den kommenden Jahren zu begleiten und gemeinsam mit uns die diversen Ausprägungen der extremen Rechten in Bayern kritisch zu analysieren und reflektieren. Der Kontakt mit an diesem Thema interessierten Akteur:innen ist uns als Verbund wichtig – sowohl innerhalb als auch außerhalb der Wissenschaft. Eine Möglichkeit dafür ist unser Verteiler: Wenn Sie Interesse an ForGeRex haben, können sie sich dort mit einer E-Mail an <a href="mailto:forgerex@mrm.uni-augsburg.de">forgerex@mrm.uni-augsburg.de</a> eintragen lassen.</p> <p><strong>Mehr Informationen zum Forschungsverbund ForGeRex finden Sie auf unserer Webseite:</strong> <a href="https://www.forgerex.de/">https://www.forgerex.de/</a></p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/cropped-ForGeRex_Logo.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/cropped-ForGeRex_Logo.png 2x" width="200"></img> <p>Der Bayerische Forschungsverbund für Gegenwartsanalysen, Erinnerungspraxis und Gegenstrategien zum Rechtsextremismus (kurz: ForGeRex) erforscht Erscheinungsformen, Ideologien und Strategien extrem rechter Akteur:innen in Bayern auf der einen und wirksame Gegenstrategien auf der anderen Seite. In unserem Verbund arbeiten wir dabei interdisziplinär. Das heißt: Wissenschaftler:innen in neun Teilprojekten an neun Hochschulen und zwei Forschungseinrichtungen aus unterschiedlichsten Disziplinen bringen ihre Perspektiven zusammen. Unser Ziel: Die kritische Rechtsextremismusforschung in Bayern auf eine breitere Grundlage zu stellen und bisherige tote Winkel auszuleuchten, um ein tiefgehendes, wissenschaftliches Verständnis von Rechtsextremismus in Bayern zu schaffen und wirksame Gegenmaßnahmen zu entwickeln.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/herzlich-willkommen-beim-blog-von-forgerex/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Wenn Gesteine eine Geschichte erzählen – Steinbruch in Albersweiler – Pfalz https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/wenn-gesteine-eine-geschichte-erzaehlen-steinbruch-in-albersweiler-pfalz/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/wenn-gesteine-eine-geschichte-erzaehlen-steinbruch-in-albersweiler-pfalz/#comments Thu, 12 Jun 2025 21:45:11 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3687 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Albersweiler-768x543.jpg farbliche Überlagerung der Gesteinseinheiten des Steinbruchs Albersweiler. Unten der Orthogneis, darüber ein ehemaliges Flussbett, jetzt von Old Red Sandstein verfüllt. Darüber ein andesitischer Lavastrom und ganz oben Buntsandstein https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/wenn-gesteine-eine-geschichte-erzaehlen-steinbruch-in-albersweiler-pfalz/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Albersweiler.jpg" /><h1>Wenn Gesteine eine Geschichte erzählen – Steinbruch in Albersweiler – Pfalz » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Gesteine sind Dokumente der Erdgeschichte. Wer sie zu lesen versteht, kann aus ihnen vieles über unsere Erde und die Prozesse auf ihr erfahren. Manchmal muss man genau hinschauen, ein anderes Mal breitet sich die Erdgeschichte hingegen quasi auf großer Leinwand vor einem Aus.</p> <p>Ein Ort, an dem sich die Geschichte der Wanderung der Kontinente, des Entstehens und Vergehens von Ozeanen, Inseln, Vulkanen und Gebirgen nachvollziehen lässt, liegt in der Pfalz, genauer gesagt im Ort Albersweiler.</p> <h2 id="h-der-ort-albersweiler">Der Ort Albersweiler</h2> <p>Albersweiler liegt im Landkreis Südliche Weinstraße in der Pfalz in einer Senke zwischen den Mittelgebirgszügen Haardt und Wasgau, dem südlichen Teil des Pfälzer Walds. Einer der Hauptarbeitgeber ist die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Basalt-Actien-Gesellschaft">Basalt-Actien-Gesellschaft (BAG)</a>. Das Unternehmen betreibt direkt am Ort einen Steinbruch, in dem allerdings kein Basalt, sondern <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gneis">Gneis</a> abgebaut wird. Durch diesen Steinbruch erlebte der Ort im 19. Jahrhundert einen wirtschaftlichen Aufschwung.</p> <h2 id="h-der-steinbruch">Der Steinbruch</h2> <p>Der Steinbruch von Albersweiler liegt direkt am Ortsausgang, ist vom Ort aus jedoch nicht gut einsehbar. Den besten Blick hat man von einem erhöhten Punkt auf dem gegenüberliegenden Hang aus. Ohne Erlaubnis darf der Steinbruch nicht betreten werden. Ich hatte das Glück, mit der Arbeitsgruppe Umweltgeologie des Berufsverbandes Deutscher Geologen eine Führung durch den Steinbruch zu erleben.</p> <p>Zunächst fällt die enorme Weite des Steinbruchs auf. Die gegenüberliegende Wand erhebt sich massiv im Hintergrund. Bei näherer Betrachtung kann man schnell verschiedene Einheiten unter den dort angeschnittenen Gesteinen erkennen.</p> <p>Der untere, leicht rosafarbene Bereich wird von einem Gneis beherrscht. Dieser Gneis ist ein sogenannter Orthogneis, das heißt, er wurde direkt aus einem Granit gebildet. Damit kommen wir auch schon zum Anfang unserer Geschichte.</p> <figure><div> <a href="https://flic.kr/p/2ravWTn"><img alt="Steinbruch Albersweiler" decoding="async" height="481" src="https://live.staticflickr.com/65535/54585303091_01d8a7d7e7_z.jpg" width="640"></img></a> </div><figcaption><em>Der Steinbruch von Albersweiler. Man kann den Gneis als rosafarbenes Gestein erkennen. Darüber liegt der klräftiger gefärbte rötliche Sandstein. Dunkle Gänge durchziehen den Gneis. Eigenes Foto</em></figcaption></figure> <h3 id="h-eine-fremde-welt">Eine fremde Welt</h3> <p>Denn die Gesteine des Steinbruchs erzählen von längst vergangenen Zeiten, vom Entstehen und Vergehen von Ozeanen und Gebirgen sowie von der Wanderung der Kontinente. Fangen wir mit dem Gneis an. Er war nämlich nicht immer ein Gneis, sondern ist vor rund 365 Millionen Jahren als Granit entstanden. Genauer gesagt ist er als Magma mit granitischer Zusammensetzung in einem Inselbogen entstanden. Begeben wir uns also auf eine kleine Zeitreise.</p> <p>Damals, also vor rund 365 Millionen Jahren, sah die Welt noch ganz anders aus als heute. Damit meine ich nicht nur die Welt der Lebewesen, sondern die Welt an sich. Wir befinden uns im ausgehenden <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Devon_(Geologie)">Devon</a>, genauer gesagt in der Stufe, die später als <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Famennium">Famennium</a> bezeichnet werden wird.</p> <p>Bereits im <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Silur">Silur</a> waren die beiden Urkontinente <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Laurentia_(Kontinent)">Laurentia</a> (das spätere Nordamerika) und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Baltica_(Kontinent)">Baltica</a> (das spätere Nordeuropa) zusammengestoßen, wobei sich das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kaledonische_Orogenese">kaledonische Gebirge</a> bildete. Der dabei entstandene Kontinent <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Laurussia">Laurussia</a> lag am Äquator. Südlich davon, durch einen Ozean getrennt, befand sich der südliche Superkontinent Gondwana, der sich teilweise über den Südpol erstreckte.</p> <figure><img alt="" decoding="async" src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f0/380_Ma_plate_tectonic_reconstruction.png"></img><figcaption><em>Paläotektonische Lage im Mittleren Devon vor ca. 380 Mio. Jahren. Nach Stampfli &amp; Borel 2000</em></figcaption></figure> <p>Zwischen diesen beiden Kontinentalblöcken befand sich eine große, langgestreckte Insel: Armorica oder, je nach Quelle, das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hun-Superterran">Hun-Superterran</a>. Dieser Kontinentalblock hatte sich im Obersilur von Gondwana getrennt und driftete stetig Richtung Laurussia im Norden.</p> <h3>Alte Ozeane und Vulkane</h3> <p>Der zwischen Armorica und Laurussia gelegene Rhenohercynische Ozean wurde dabei unter Armorica subduziert, ganz ähnlich wie es heute am Pazifischen Feuergürtel passiert. Ebenso wie heute wurde auch damals die subduzierte Ozeankruste im Erdinneren aufgeschmolzen. Dabei entstanden Schmelzen mit granitischer Zusammensetzung. Einige davon erreichten die Erdoberfläche und ließen Vulkane entstehen, wie wir sie heute rund um den Pazifik beobachten können. Da Schmelze mit granitischer Zusammensetzung jedoch sehr zähflüssig sind, blieben weitere tief in der Erdkruste stecken. Wenn diese erkalteten, entstanden große granitische Plutone. Unser Granit gehört zu dem Bereich, der als Mitteldeutsche Kristallinschwelle bekannt ist. Er wird heute in der Regel als ehemaliger Inselbogen interpretiert, der dem Saxothuringikum vorgelagert war.</p> <figure><div> <a href="https://flic.kr/p/2ravWVg"><img alt="Steinbruch Albersweiler" decoding="async" height="481" src="https://live.staticflickr.com/65535/54585303201_a35e6370f4_z.jpg" width="640"></img></a> </div><figcaption><em>Der uns interessierende Bereich. Im Zentrum das ehemalige Flussbett. Eigenes Foto</em></figcaption></figure> <p>Wenn wir unsere Zeitmaschine benutzen, um an den Ort zu gelangen, an dem der Granit erkaltet, können wir natürlich nicht direkt dabei zusehen. Aber wir können zumindest an der Oberfläche darüber stehen.</p> <p>Wir finden uns am Ufer eines Ozeans wieder. Hinter uns ragen große Vulkankegel auf, von denen einige Zeichen von Aktivität zeigen. Bis auf den Wind, die Wellen und das ferne Grollen der Vulkane dürfte es vergleichsweise still sein. Zwar hatten sich Insekten schon im Unterdevon entwickelt, aber ob sie bereits die Fähigkeit zum Fliegen entwickelt hatten, ist umstritten. Direkt nachweisbare geflügelte Insekten gibt es erst ab der Grenze Unterkarbon–Oberkarbon.</p> <p>Eventuell haben wir auch Glück und können einige der ersten Landwirbeltiere beobachten. Das hauptsächliche Leben spielte sich jedoch in den Ozeanen ab.</p> <h3 id="h-alte-gebirge-und-superkontinente">Alte Gebirge und Superkontinente</h3> <p>Nun ist unser Granit nicht mehr so, wie er damals erstarrt ist. Heute ist er ein Gneis, das heißt, er wurde im Laufe der Geschichte metamorph überprägt. Das war vermutlich nicht sehr lange nach seiner Erstarrung, zumindest geologisch gesehen. Schauen wir uns das einmal aus der Nähe an und gehen mithilfe unserer Zeitmaschine ein paar Millionen Jahre weiter in Richtung unserer Zeit, an die Grenze von Unter- zu Oberkarbon, die sich vor rund 325 Millionen Jahren befand. Wenn wir unsere Zeitmaschine verlassen, finden wir eine komplett veränderte Situation vor. An der Stelle, an der einst ein warmer Ozean an einen Inselbogen reichte, befindet sich jetzt ein Hochgebirge, das dem tibetanischen Hochplateau ähnelt, das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Variszische_Orogenese">varizische Gebirge</a>.</p> <p>Gondwana hatte sich nämlich weiter nach Norden auf Laurussia zubewegt. Zuerst waren die Terrane wie Armorica mit Laurussia kollidiert, schließlich stießen die beiden großen Kontinentalblöcke zusammen und bildeten Pangäa, den Superkontinent. Während wir hier also im Schnee des Hochgebirges herumstehen, der durch die Kollision entstandene Gebirgszug war rund 600 Kilometer lang und hatte vermutlich eine durchschnittliche Höhe von 5000 m, liegt unser ehemaliger Granit tief unter uns im Rumpf des Gebirges. Der gerichtete Druck der kontinentalen Kollision hat ihn von einem Granit in einen Gneis umgeformt.</p> <p>Übrigens liegen nicht weit von unserem Standort entfernt ausgedehnte Sumpfwälder, aus denen sich später die Steinkohle bilden soll, und aus der das Ruhrgebiet lange Zeit seine Daseinsberechtigung bezog.</p> <h3 id="h-alte-gebirge-vergehen">Alte Gebirge vergehen</h3> <p>Doch so majestätisch uns diese Berge hier auch vorkommen mögen. Sie sind nicht ewig. Das gilt natürlich auch für unsere heutigen Berge, aber unsere menschliche Spanne ist viel zu kurz, um das überhaupt zu bemerken. Aber wir haben hier ja immer noch unsere Zeitmaschine. Und unser Bild in der Steinwand ist ja auch noch nicht fertig. Die Geschichte endet nämlich nicht mit der Umwandlung zum Gneis. Benutzen wir also noch einmal unsere Zeitmaschine. Halten wir kurz an der Grenze vom <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Karbon">Karbon</a> ins <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Perm_(Geologie)">Perm</a>. Hier im Unteren Perm, im Rotliegenden, zeigt sich das einst so mächtig und ewig erscheinende Gebirge nur noch als Schatten seiner selbst. In dem Gebiet, das heute zwischen der heutigen Mosel und der Saar liegt, hat sich aber noch ein gewisses Relief erhalten, mit Höhenunterschieden von rund 300 m. Flüsse haben tiefe Täler in das Gestein gegraben. Unser Gneis liegt mittlerweile an der Oberfläche und wir können ihn mit eigenen Augen sehen. Irgendwann in der Zwischenzeit muss es hier auch wieder zu magmatischer Aktivität gekommen sein. Zahlreiche Gänge aus Lamprophyr durchziehen das Gestein.</p> <p>Vor allem aber durchzieht ein Fluss die hügelige Landschaft. Er hat sich tief in den Gneis eingeschnitten. In weiten Mäandern durchzieht er die Landschaft. Hier im Steinbruch kann man den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Prallhang">Prallhang</a> und den Gleithang noch gut erkennen.</p> <figure><div> <a href="https://flic.kr/p/2rawUaN"><img alt="Steinbruch Albersweiler" decoding="async" height="481" loading="lazy" src="https://live.staticflickr.com/65535/54585489064_7c1ef793ef_z.jpg" width="640"></img></a> </div><figcaption><em>Hier der zentrale Bereich mit dem ehemaligen Fliussbett. Links der Gleithang und rechts der Prallhang. Heute befinden sich rötliche Sandsteine des Rotliegend darin. Rechts oben in der Ekcke dfeutet sich der andesitische Lavastrom an. Eigenes Foto.</em></figcaption></figure> <h3 id="h-rotliegendes">Rotliegendes</h3> <p>Wenn wir noch ein kurzes Stück vorwärts in der Zeit gehen, in das Rotliegende hinein, so begann eine stärkere Sedimentation klastischer Sedimente einzusetzen, meist von Arkosen und unreifen Sandsteinen. Das Flussbett verfüllte sich langsam mit den typischen roten Sanden des Rotliegenden. Das Klima war vermutlich immer noch tropisch und wüstenhaft, wir befinden uns nahe dem damaligen Äquator. Im Perm setzte sich immer mehr eine Absenkung des Gebietes durch. Dabei konnten klastische Sedimente aus den Hochlagen eingetragen werden.</p> <p>Irgendwann während des Perm muss es auch zu vulkanischer Aktivität gekommen sein. Jedenfalls zieht sich in unserer Steinbruchwand ein deutlicher Lavastrom aus andesitischen Laven über die Sandsteine des Rotliegenden.</p> <p>Die Absenkung nahm zum Oberperm hin immer mehr zu, sodass von Norden das Zechstein-Meer in einige Niederungen vordringen konnte. Davon ist hier aber nichts überliefert.</p> <figure><div> <a href="https://flic.kr/p/2raxxHp"><img alt="Steinbruch Albersweiler" decoding="async" height="453" loading="lazy" src="https://live.staticflickr.com/65535/54585615365_a262f27a2f_z.jpg" width="640"></img></a> </div><figcaption><em>Der selbe Bereich wie im obigen Foto, hier aber farblich aufgeschlüsselt. </em></figcaption></figure> <h3 id="h-buntsandstein">Buntsandstein</h3> <p>Direkt über den Sedimenten des Rotliegenden finden wir hier im Bild die rötlichen Sandsteine des Buntsandstein. In der Trias hatte sich das Germanische Becken weiter eingetieft. In den Bereichen der Hessischen Senke und der Pfälzer Mulde wurden Sedimente des Buntstandstein abgelagert. Wenn wir jetzt in der Mittleren Trias unsere Zeitmaschine verlassen, begegnet uns ein wüstenhaftes Klima. Aus den Hochlagen rund um das Germanische Becken werden rötliche klastische Sandsteine in unseren Bereich eingetragen. Die intensive rötliche Färbung stammt von Hämatit, Eisenoxid, welches selbst in Spuren ein sehr starkes Pigment darstellt.</p> <p>Der Buntsandstein ist hier die letzte erkennbare Ablagerung. Alles jüngere, wie zum Beispiel der Muschelkalk, Keuper und die Ablagerungen des Jura und der Kreidezeit, die sich auch in anderen Bereichen des Germanischen Beckens finden lassen, kamen hier entweder nicht vor oder wurden bereits zu Beginn des Paläogens wieder abgetragen. Denn bereits im Paläogen, vor ca. 48 Mio. Jahren begann die Bildung des heutigen Oberrheingrabens. Hier senkte sich die Kruste im Bereich des Inneren Grabens über 3000 Meter, während sich die Grabenschultern noch einmal um ca. 1000 m anhoben. Das führte zu einem weitgehenden Verlust der Schichten des Jura und der Kreide in den gehobenen Bereichen und zur Freilegung der Schichten des Buntsandsteins.</p> <p>Schließlich führten die Aktivitäten des Menschen und sein bedarf an Hartsteinschotter dazu, dass wir ein erstaunliches Bild der Erdgeschichte in Stein vor uns sehen können.</p> <figure><div> <a href="https://flic.kr/p/2raxxGY"><img alt="Steinbruch Albersweiler" decoding="async" height="481" loading="lazy" src="https://live.staticflickr.com/65535/54585615340_b5d15e2d55_z.jpg" width="640"></img></a> </div><figcaption><em>Der rechte Bereich des Steinbruches. Der andesitische Lavastrom ist hier gut als dunkles Band über dem GRanit erkennbar. Eigenes Foto.</em></figcaption></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Albersweiler.jpg" /><h1>Wenn Gesteine eine Geschichte erzählen – Steinbruch in Albersweiler – Pfalz » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Gesteine sind Dokumente der Erdgeschichte. Wer sie zu lesen versteht, kann aus ihnen vieles über unsere Erde und die Prozesse auf ihr erfahren. Manchmal muss man genau hinschauen, ein anderes Mal breitet sich die Erdgeschichte hingegen quasi auf großer Leinwand vor einem Aus.</p> <p>Ein Ort, an dem sich die Geschichte der Wanderung der Kontinente, des Entstehens und Vergehens von Ozeanen, Inseln, Vulkanen und Gebirgen nachvollziehen lässt, liegt in der Pfalz, genauer gesagt im Ort Albersweiler.</p> <h2 id="h-der-ort-albersweiler">Der Ort Albersweiler</h2> <p>Albersweiler liegt im Landkreis Südliche Weinstraße in der Pfalz in einer Senke zwischen den Mittelgebirgszügen Haardt und Wasgau, dem südlichen Teil des Pfälzer Walds. Einer der Hauptarbeitgeber ist die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Basalt-Actien-Gesellschaft">Basalt-Actien-Gesellschaft (BAG)</a>. Das Unternehmen betreibt direkt am Ort einen Steinbruch, in dem allerdings kein Basalt, sondern <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gneis">Gneis</a> abgebaut wird. Durch diesen Steinbruch erlebte der Ort im 19. Jahrhundert einen wirtschaftlichen Aufschwung.</p> <h2 id="h-der-steinbruch">Der Steinbruch</h2> <p>Der Steinbruch von Albersweiler liegt direkt am Ortsausgang, ist vom Ort aus jedoch nicht gut einsehbar. Den besten Blick hat man von einem erhöhten Punkt auf dem gegenüberliegenden Hang aus. Ohne Erlaubnis darf der Steinbruch nicht betreten werden. Ich hatte das Glück, mit der Arbeitsgruppe Umweltgeologie des Berufsverbandes Deutscher Geologen eine Führung durch den Steinbruch zu erleben.</p> <p>Zunächst fällt die enorme Weite des Steinbruchs auf. Die gegenüberliegende Wand erhebt sich massiv im Hintergrund. Bei näherer Betrachtung kann man schnell verschiedene Einheiten unter den dort angeschnittenen Gesteinen erkennen.</p> <p>Der untere, leicht rosafarbene Bereich wird von einem Gneis beherrscht. Dieser Gneis ist ein sogenannter Orthogneis, das heißt, er wurde direkt aus einem Granit gebildet. Damit kommen wir auch schon zum Anfang unserer Geschichte.</p> <figure><div> <a href="https://flic.kr/p/2ravWTn"><img alt="Steinbruch Albersweiler" decoding="async" height="481" src="https://live.staticflickr.com/65535/54585303091_01d8a7d7e7_z.jpg" width="640"></img></a> </div><figcaption><em>Der Steinbruch von Albersweiler. Man kann den Gneis als rosafarbenes Gestein erkennen. Darüber liegt der klräftiger gefärbte rötliche Sandstein. Dunkle Gänge durchziehen den Gneis. Eigenes Foto</em></figcaption></figure> <h3 id="h-eine-fremde-welt">Eine fremde Welt</h3> <p>Denn die Gesteine des Steinbruchs erzählen von längst vergangenen Zeiten, vom Entstehen und Vergehen von Ozeanen und Gebirgen sowie von der Wanderung der Kontinente. Fangen wir mit dem Gneis an. Er war nämlich nicht immer ein Gneis, sondern ist vor rund 365 Millionen Jahren als Granit entstanden. Genauer gesagt ist er als Magma mit granitischer Zusammensetzung in einem Inselbogen entstanden. Begeben wir uns also auf eine kleine Zeitreise.</p> <p>Damals, also vor rund 365 Millionen Jahren, sah die Welt noch ganz anders aus als heute. Damit meine ich nicht nur die Welt der Lebewesen, sondern die Welt an sich. Wir befinden uns im ausgehenden <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Devon_(Geologie)">Devon</a>, genauer gesagt in der Stufe, die später als <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Famennium">Famennium</a> bezeichnet werden wird.</p> <p>Bereits im <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Silur">Silur</a> waren die beiden Urkontinente <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Laurentia_(Kontinent)">Laurentia</a> (das spätere Nordamerika) und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Baltica_(Kontinent)">Baltica</a> (das spätere Nordeuropa) zusammengestoßen, wobei sich das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kaledonische_Orogenese">kaledonische Gebirge</a> bildete. Der dabei entstandene Kontinent <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Laurussia">Laurussia</a> lag am Äquator. Südlich davon, durch einen Ozean getrennt, befand sich der südliche Superkontinent Gondwana, der sich teilweise über den Südpol erstreckte.</p> <figure><img alt="" decoding="async" src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f0/380_Ma_plate_tectonic_reconstruction.png"></img><figcaption><em>Paläotektonische Lage im Mittleren Devon vor ca. 380 Mio. Jahren. Nach Stampfli &amp; Borel 2000</em></figcaption></figure> <p>Zwischen diesen beiden Kontinentalblöcken befand sich eine große, langgestreckte Insel: Armorica oder, je nach Quelle, das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hun-Superterran">Hun-Superterran</a>. Dieser Kontinentalblock hatte sich im Obersilur von Gondwana getrennt und driftete stetig Richtung Laurussia im Norden.</p> <h3>Alte Ozeane und Vulkane</h3> <p>Der zwischen Armorica und Laurussia gelegene Rhenohercynische Ozean wurde dabei unter Armorica subduziert, ganz ähnlich wie es heute am Pazifischen Feuergürtel passiert. Ebenso wie heute wurde auch damals die subduzierte Ozeankruste im Erdinneren aufgeschmolzen. Dabei entstanden Schmelzen mit granitischer Zusammensetzung. Einige davon erreichten die Erdoberfläche und ließen Vulkane entstehen, wie wir sie heute rund um den Pazifik beobachten können. Da Schmelze mit granitischer Zusammensetzung jedoch sehr zähflüssig sind, blieben weitere tief in der Erdkruste stecken. Wenn diese erkalteten, entstanden große granitische Plutone. Unser Granit gehört zu dem Bereich, der als Mitteldeutsche Kristallinschwelle bekannt ist. Er wird heute in der Regel als ehemaliger Inselbogen interpretiert, der dem Saxothuringikum vorgelagert war.</p> <figure><div> <a href="https://flic.kr/p/2ravWVg"><img alt="Steinbruch Albersweiler" decoding="async" height="481" src="https://live.staticflickr.com/65535/54585303201_a35e6370f4_z.jpg" width="640"></img></a> </div><figcaption><em>Der uns interessierende Bereich. Im Zentrum das ehemalige Flussbett. Eigenes Foto</em></figcaption></figure> <p>Wenn wir unsere Zeitmaschine benutzen, um an den Ort zu gelangen, an dem der Granit erkaltet, können wir natürlich nicht direkt dabei zusehen. Aber wir können zumindest an der Oberfläche darüber stehen.</p> <p>Wir finden uns am Ufer eines Ozeans wieder. Hinter uns ragen große Vulkankegel auf, von denen einige Zeichen von Aktivität zeigen. Bis auf den Wind, die Wellen und das ferne Grollen der Vulkane dürfte es vergleichsweise still sein. Zwar hatten sich Insekten schon im Unterdevon entwickelt, aber ob sie bereits die Fähigkeit zum Fliegen entwickelt hatten, ist umstritten. Direkt nachweisbare geflügelte Insekten gibt es erst ab der Grenze Unterkarbon–Oberkarbon.</p> <p>Eventuell haben wir auch Glück und können einige der ersten Landwirbeltiere beobachten. Das hauptsächliche Leben spielte sich jedoch in den Ozeanen ab.</p> <h3 id="h-alte-gebirge-und-superkontinente">Alte Gebirge und Superkontinente</h3> <p>Nun ist unser Granit nicht mehr so, wie er damals erstarrt ist. Heute ist er ein Gneis, das heißt, er wurde im Laufe der Geschichte metamorph überprägt. Das war vermutlich nicht sehr lange nach seiner Erstarrung, zumindest geologisch gesehen. Schauen wir uns das einmal aus der Nähe an und gehen mithilfe unserer Zeitmaschine ein paar Millionen Jahre weiter in Richtung unserer Zeit, an die Grenze von Unter- zu Oberkarbon, die sich vor rund 325 Millionen Jahren befand. Wenn wir unsere Zeitmaschine verlassen, finden wir eine komplett veränderte Situation vor. An der Stelle, an der einst ein warmer Ozean an einen Inselbogen reichte, befindet sich jetzt ein Hochgebirge, das dem tibetanischen Hochplateau ähnelt, das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Variszische_Orogenese">varizische Gebirge</a>.</p> <p>Gondwana hatte sich nämlich weiter nach Norden auf Laurussia zubewegt. Zuerst waren die Terrane wie Armorica mit Laurussia kollidiert, schließlich stießen die beiden großen Kontinentalblöcke zusammen und bildeten Pangäa, den Superkontinent. Während wir hier also im Schnee des Hochgebirges herumstehen, der durch die Kollision entstandene Gebirgszug war rund 600 Kilometer lang und hatte vermutlich eine durchschnittliche Höhe von 5000 m, liegt unser ehemaliger Granit tief unter uns im Rumpf des Gebirges. Der gerichtete Druck der kontinentalen Kollision hat ihn von einem Granit in einen Gneis umgeformt.</p> <p>Übrigens liegen nicht weit von unserem Standort entfernt ausgedehnte Sumpfwälder, aus denen sich später die Steinkohle bilden soll, und aus der das Ruhrgebiet lange Zeit seine Daseinsberechtigung bezog.</p> <h3 id="h-alte-gebirge-vergehen">Alte Gebirge vergehen</h3> <p>Doch so majestätisch uns diese Berge hier auch vorkommen mögen. Sie sind nicht ewig. Das gilt natürlich auch für unsere heutigen Berge, aber unsere menschliche Spanne ist viel zu kurz, um das überhaupt zu bemerken. Aber wir haben hier ja immer noch unsere Zeitmaschine. Und unser Bild in der Steinwand ist ja auch noch nicht fertig. Die Geschichte endet nämlich nicht mit der Umwandlung zum Gneis. Benutzen wir also noch einmal unsere Zeitmaschine. Halten wir kurz an der Grenze vom <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Karbon">Karbon</a> ins <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Perm_(Geologie)">Perm</a>. Hier im Unteren Perm, im Rotliegenden, zeigt sich das einst so mächtig und ewig erscheinende Gebirge nur noch als Schatten seiner selbst. In dem Gebiet, das heute zwischen der heutigen Mosel und der Saar liegt, hat sich aber noch ein gewisses Relief erhalten, mit Höhenunterschieden von rund 300 m. Flüsse haben tiefe Täler in das Gestein gegraben. Unser Gneis liegt mittlerweile an der Oberfläche und wir können ihn mit eigenen Augen sehen. Irgendwann in der Zwischenzeit muss es hier auch wieder zu magmatischer Aktivität gekommen sein. Zahlreiche Gänge aus Lamprophyr durchziehen das Gestein.</p> <p>Vor allem aber durchzieht ein Fluss die hügelige Landschaft. Er hat sich tief in den Gneis eingeschnitten. In weiten Mäandern durchzieht er die Landschaft. Hier im Steinbruch kann man den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Prallhang">Prallhang</a> und den Gleithang noch gut erkennen.</p> <figure><div> <a href="https://flic.kr/p/2rawUaN"><img alt="Steinbruch Albersweiler" decoding="async" height="481" loading="lazy" src="https://live.staticflickr.com/65535/54585489064_7c1ef793ef_z.jpg" width="640"></img></a> </div><figcaption><em>Hier der zentrale Bereich mit dem ehemaligen Fliussbett. Links der Gleithang und rechts der Prallhang. Heute befinden sich rötliche Sandsteine des Rotliegend darin. Rechts oben in der Ekcke dfeutet sich der andesitische Lavastrom an. Eigenes Foto.</em></figcaption></figure> <h3 id="h-rotliegendes">Rotliegendes</h3> <p>Wenn wir noch ein kurzes Stück vorwärts in der Zeit gehen, in das Rotliegende hinein, so begann eine stärkere Sedimentation klastischer Sedimente einzusetzen, meist von Arkosen und unreifen Sandsteinen. Das Flussbett verfüllte sich langsam mit den typischen roten Sanden des Rotliegenden. Das Klima war vermutlich immer noch tropisch und wüstenhaft, wir befinden uns nahe dem damaligen Äquator. Im Perm setzte sich immer mehr eine Absenkung des Gebietes durch. Dabei konnten klastische Sedimente aus den Hochlagen eingetragen werden.</p> <p>Irgendwann während des Perm muss es auch zu vulkanischer Aktivität gekommen sein. Jedenfalls zieht sich in unserer Steinbruchwand ein deutlicher Lavastrom aus andesitischen Laven über die Sandsteine des Rotliegenden.</p> <p>Die Absenkung nahm zum Oberperm hin immer mehr zu, sodass von Norden das Zechstein-Meer in einige Niederungen vordringen konnte. Davon ist hier aber nichts überliefert.</p> <figure><div> <a href="https://flic.kr/p/2raxxHp"><img alt="Steinbruch Albersweiler" decoding="async" height="453" loading="lazy" src="https://live.staticflickr.com/65535/54585615365_a262f27a2f_z.jpg" width="640"></img></a> </div><figcaption><em>Der selbe Bereich wie im obigen Foto, hier aber farblich aufgeschlüsselt. </em></figcaption></figure> <h3 id="h-buntsandstein">Buntsandstein</h3> <p>Direkt über den Sedimenten des Rotliegenden finden wir hier im Bild die rötlichen Sandsteine des Buntsandstein. In der Trias hatte sich das Germanische Becken weiter eingetieft. In den Bereichen der Hessischen Senke und der Pfälzer Mulde wurden Sedimente des Buntstandstein abgelagert. Wenn wir jetzt in der Mittleren Trias unsere Zeitmaschine verlassen, begegnet uns ein wüstenhaftes Klima. Aus den Hochlagen rund um das Germanische Becken werden rötliche klastische Sandsteine in unseren Bereich eingetragen. Die intensive rötliche Färbung stammt von Hämatit, Eisenoxid, welches selbst in Spuren ein sehr starkes Pigment darstellt.</p> <p>Der Buntsandstein ist hier die letzte erkennbare Ablagerung. Alles jüngere, wie zum Beispiel der Muschelkalk, Keuper und die Ablagerungen des Jura und der Kreidezeit, die sich auch in anderen Bereichen des Germanischen Beckens finden lassen, kamen hier entweder nicht vor oder wurden bereits zu Beginn des Paläogens wieder abgetragen. Denn bereits im Paläogen, vor ca. 48 Mio. Jahren begann die Bildung des heutigen Oberrheingrabens. Hier senkte sich die Kruste im Bereich des Inneren Grabens über 3000 Meter, während sich die Grabenschultern noch einmal um ca. 1000 m anhoben. Das führte zu einem weitgehenden Verlust der Schichten des Jura und der Kreide in den gehobenen Bereichen und zur Freilegung der Schichten des Buntsandsteins.</p> <p>Schließlich führten die Aktivitäten des Menschen und sein bedarf an Hartsteinschotter dazu, dass wir ein erstaunliches Bild der Erdgeschichte in Stein vor uns sehen können.</p> <figure><div> <a href="https://flic.kr/p/2raxxGY"><img alt="Steinbruch Albersweiler" decoding="async" height="481" loading="lazy" src="https://live.staticflickr.com/65535/54585615340_b5d15e2d55_z.jpg" width="640"></img></a> </div><figcaption><em>Der rechte Bereich des Steinbruches. Der andesitische Lavastrom ist hier gut als dunkles Band über dem GRanit erkennbar. Eigenes Foto.</em></figcaption></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/wenn-gesteine-eine-geschichte-erzaehlen-steinbruch-in-albersweiler-pfalz/#comments 1 Of HiPSters and Spherinators: Providing Answers to Unknown Unknowns https://scilogs.spektrum.de/via-data/of-hipsters-and-spherinators-providing-answers-to-unknown-unknowns/ https://scilogs.spektrum.de/via-data/of-hipsters-and-spherinators-providing-answers-to-unknown-unknowns/#respond Thu, 12 Jun 2025 16:01:47 +0000 Angela Michel https://scilogs.spektrum.de/via-data/?p=595 https://scilogs.spektrum.de/via-data/files/millionD_space-768x768.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/via-data/of-hipsters-and-spherinators-providing-answers-to-unknown-unknowns/</link> </image> <description type="html"><h1>Of HiPSters and Spherinators: Providing Answers to Unknown Unknowns » Via Data » SciLogs</h1><h2>By Angela Michel</h2><div itemprop="text"> <p>Machine learning is one of the fastest growing areas of computer science, used to build Artificial Intelligence system models. At the Heidelberg Institute for Theoretical Studies (<a href="https://www.h-its.org/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">HITS</a>), we are in the lucky position to witness the development and usage of machine learning tools at close quarters and in various fields, sometimes even across completely different disciplines.</p> <p>So while in our last blog post on “<a href="https://scilogs.spektrum.de/via-data/doppel-leben-digital-baby-twins/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Digital Baby Twins</a>”, we zoomed in at cell level to simulate the first crucial months in a newborn’s life with the help of AI, this time we talk about machine-learning based tools to zoom out – and here we mean really far out – to galaxy level: Come and meet the “Spherinator”, from the known unknowns to the unknown unknowns! Or, in other words: Getting answers to questions you had no idea they existed.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/via-data/files/millionD_im_Post.jpg"><img alt="" decoding="async" height="653" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/via-data/files/millionD_im_Post.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/via-data/files/millionD_im_Post.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/via-data/files/millionD_im_Post-300x191.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/via-data/files/millionD_im_Post-768x490.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Image created with ChatGPT/DALL-E</figcaption></figure> <p><strong>Breaking new ground: using machine learning for simulations</strong></p> <p>Meaningful questions can change the way we think about a concept and challenge the way an existing model is used. But if asking the right questions is the essence of good science, how do we find them?</p> <p>Part of the inspiration often comes from realizing that old tools have become inadequate, outlived their usefulness, or that their full potential is not being used. An excellent starting point for HITS astrophysicist and postdoc Sebastian Trujillo Gomez and his colleagues in the Astroinformatics group: Together with team leader Kai Polsterer and HITS IT specialist Bernd Doser they asked themselves why machine learning tools were extensively used in Astronomy but not for simulations:</p> <p>“When reviewing the literature we found by far the majority of applications of AI in astronomy are aimed at automating tasks that humans are good at, allowing things like classification and detection of anomalies in extremely large surveys of the sky. There was a clear lack of applications for the other half of the scientific method: the process of coming up with hypotheses and testing them against data”, says Sebastian Trujillo Gomez.</p> <p>But before we dive in deeper, let’s take one step back. What do we mean when we talk about simulations in astronomy? Well, one of the most popular examples of a still ongoing series of astrophysical simulations was also developed at HITS by Volker Springel and his team in the “<a href="https://www.h-its.org/research/theoretical-astrophysics-tap-group/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Theoretical Astrophysics</a>” group: The “<a href="https://www.illustris-project.org/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Illustris</a>” project – a set of large-scale cosmological simulations, including the largest  simulation of galaxy formation to date – was the first one to simulate a big chunk of the universe and all its galaxies. The calculation tracks the expansion of the universe, the gravitational pull of matter onto itself, the motion or “hydrodynamics” of cosmic gas, as well as the formation of stars and black holes.</p> <p>So how can machine learning advance the field?</p> <p><strong>Breaking the bias: finding the “unknown unknowns”</strong></p> <p>“Generally, machines are excellent at learning to perform tedious tasks very quickly. For this, they need only a large number of examples. This makes machine learning ideal for automating many tasks where we know the question that we aim to answer with the data. However, this approach is not so useful for finding new and unexpected patterns in the data as it is limited by our own intuitions and expectations and provides at most only answers to the ‘known unknowns’–  thus missing what Donald Rumsfeld, the former United States Secretary of Defense, famously termed the ‘unknown unknowns’.”</p> <p>To tackle this problem, Sebastian and his colleagues have developed new software tools to enable explorative access to the largest exascale cosmological simulations, like Illustris. These tools learn compressed representations of large samples of simulated (or real) galaxies from only the data and without human biases. They provide explorative access to the compressed representation using an interactive graphical interface, letting the user explore simulated and real galaxies in the same intuitive similarity space.</p> <p>Thereby, they help astronomers maximize scientific breakthroughs by letting the machine learn unbiased interpretable representations of complex data, ranging from observational surveys to simulations. The tools automatically learn low-dimensional representations of complex objects such as galaxies in multimodal data (e.g. images, spectra, datacubes, simulated point clouds, etc.), and provide interactive explorative access to arbitrarily large datasets using a simple graphical interface. The framework is designed to be interpretable, work seamlessly across datasets regardless of their origin, and provide a path towards discovering the ‘unknown unknowns’.</p> <p><strong>Breaking the mold: squeezing the most out of datasets</strong></p> <p>“Spherinator and its colleague HiPSter, another related tool, work together seamlessly to take a catalog containing millions of simulated galaxies, and automatically arrange them on a spherical ‘map’ where galaxies with similar structural features like spiral arms, bulges, or bars are grouped together and very different ones are far apart. This lets researchers get a quick and intuitive visualization of the entire dataset that can lead to finding new interesting predictions of the simulation, as well as shortcomings of the models.”</p> <p>By addressing these technical challenges, the researchers aim to empower scientists to more effectively extract valuable insights from their simulation data, without being hindered by biases or computational limitations.</p> <p>So what are the next important questions to ask in this field and where will the inspiration come from? “We are inevitably entering the big data era in astrophysics in terms of both observations and simulations. We hope our tools help scientists squeeze the most information out of these new datasets, driving groundbreaking discoveries on the origin and evolution of galaxies and the nature of the mysterious dark matter and dark energy.“</p> <p>More about the work of the Astroinformatics group at <a href="https://www.h-its.org/research/ain/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://www.h-its.org/research/ain/</a>, the paper by Kai Polsterer, Bernd Doser, Andreas Fehlner, and Sebastian Trujillo Gomez is available here: <a href="https://www.aimodels.fyi/papers/arxiv/spherinator-hipster-representation-learning-unbiased-knowledge-discovery" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://www.aimodels.fyi/papers/arxiv/spherinator-hipster-representation-learning-unbiased-knowledge-discovery</a>.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Of HiPSters and Spherinators: Providing Answers to Unknown Unknowns » Via Data » SciLogs</h1><h2>By Angela Michel</h2><div itemprop="text"> <p>Machine learning is one of the fastest growing areas of computer science, used to build Artificial Intelligence system models. At the Heidelberg Institute for Theoretical Studies (<a href="https://www.h-its.org/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">HITS</a>), we are in the lucky position to witness the development and usage of machine learning tools at close quarters and in various fields, sometimes even across completely different disciplines.</p> <p>So while in our last blog post on “<a href="https://scilogs.spektrum.de/via-data/doppel-leben-digital-baby-twins/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Digital Baby Twins</a>”, we zoomed in at cell level to simulate the first crucial months in a newborn’s life with the help of AI, this time we talk about machine-learning based tools to zoom out – and here we mean really far out – to galaxy level: Come and meet the “Spherinator”, from the known unknowns to the unknown unknowns! Or, in other words: Getting answers to questions you had no idea they existed.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/via-data/files/millionD_im_Post.jpg"><img alt="" decoding="async" height="653" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/via-data/files/millionD_im_Post.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/via-data/files/millionD_im_Post.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/via-data/files/millionD_im_Post-300x191.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/via-data/files/millionD_im_Post-768x490.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Image created with ChatGPT/DALL-E</figcaption></figure> <p><strong>Breaking new ground: using machine learning for simulations</strong></p> <p>Meaningful questions can change the way we think about a concept and challenge the way an existing model is used. But if asking the right questions is the essence of good science, how do we find them?</p> <p>Part of the inspiration often comes from realizing that old tools have become inadequate, outlived their usefulness, or that their full potential is not being used. An excellent starting point for HITS astrophysicist and postdoc Sebastian Trujillo Gomez and his colleagues in the Astroinformatics group: Together with team leader Kai Polsterer and HITS IT specialist Bernd Doser they asked themselves why machine learning tools were extensively used in Astronomy but not for simulations:</p> <p>“When reviewing the literature we found by far the majority of applications of AI in astronomy are aimed at automating tasks that humans are good at, allowing things like classification and detection of anomalies in extremely large surveys of the sky. There was a clear lack of applications for the other half of the scientific method: the process of coming up with hypotheses and testing them against data”, says Sebastian Trujillo Gomez.</p> <p>But before we dive in deeper, let’s take one step back. What do we mean when we talk about simulations in astronomy? Well, one of the most popular examples of a still ongoing series of astrophysical simulations was also developed at HITS by Volker Springel and his team in the “<a href="https://www.h-its.org/research/theoretical-astrophysics-tap-group/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Theoretical Astrophysics</a>” group: The “<a href="https://www.illustris-project.org/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Illustris</a>” project – a set of large-scale cosmological simulations, including the largest  simulation of galaxy formation to date – was the first one to simulate a big chunk of the universe and all its galaxies. The calculation tracks the expansion of the universe, the gravitational pull of matter onto itself, the motion or “hydrodynamics” of cosmic gas, as well as the formation of stars and black holes.</p> <p>So how can machine learning advance the field?</p> <p><strong>Breaking the bias: finding the “unknown unknowns”</strong></p> <p>“Generally, machines are excellent at learning to perform tedious tasks very quickly. For this, they need only a large number of examples. This makes machine learning ideal for automating many tasks where we know the question that we aim to answer with the data. However, this approach is not so useful for finding new and unexpected patterns in the data as it is limited by our own intuitions and expectations and provides at most only answers to the ‘known unknowns’–  thus missing what Donald Rumsfeld, the former United States Secretary of Defense, famously termed the ‘unknown unknowns’.”</p> <p>To tackle this problem, Sebastian and his colleagues have developed new software tools to enable explorative access to the largest exascale cosmological simulations, like Illustris. These tools learn compressed representations of large samples of simulated (or real) galaxies from only the data and without human biases. They provide explorative access to the compressed representation using an interactive graphical interface, letting the user explore simulated and real galaxies in the same intuitive similarity space.</p> <p>Thereby, they help astronomers maximize scientific breakthroughs by letting the machine learn unbiased interpretable representations of complex data, ranging from observational surveys to simulations. The tools automatically learn low-dimensional representations of complex objects such as galaxies in multimodal data (e.g. images, spectra, datacubes, simulated point clouds, etc.), and provide interactive explorative access to arbitrarily large datasets using a simple graphical interface. The framework is designed to be interpretable, work seamlessly across datasets regardless of their origin, and provide a path towards discovering the ‘unknown unknowns’.</p> <p><strong>Breaking the mold: squeezing the most out of datasets</strong></p> <p>“Spherinator and its colleague HiPSter, another related tool, work together seamlessly to take a catalog containing millions of simulated galaxies, and automatically arrange them on a spherical ‘map’ where galaxies with similar structural features like spiral arms, bulges, or bars are grouped together and very different ones are far apart. This lets researchers get a quick and intuitive visualization of the entire dataset that can lead to finding new interesting predictions of the simulation, as well as shortcomings of the models.”</p> <p>By addressing these technical challenges, the researchers aim to empower scientists to more effectively extract valuable insights from their simulation data, without being hindered by biases or computational limitations.</p> <p>So what are the next important questions to ask in this field and where will the inspiration come from? “We are inevitably entering the big data era in astrophysics in terms of both observations and simulations. We hope our tools help scientists squeeze the most information out of these new datasets, driving groundbreaking discoveries on the origin and evolution of galaxies and the nature of the mysterious dark matter and dark energy.“</p> <p>More about the work of the Astroinformatics group at <a href="https://www.h-its.org/research/ain/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://www.h-its.org/research/ain/</a>, the paper by Kai Polsterer, Bernd Doser, Andreas Fehlner, and Sebastian Trujillo Gomez is available here: <a href="https://www.aimodels.fyi/papers/arxiv/spherinator-hipster-representation-learning-unbiased-knowledge-discovery" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://www.aimodels.fyi/papers/arxiv/spherinator-hipster-representation-learning-unbiased-knowledge-discovery</a>.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/via-data/of-hipsters-and-spherinators-providing-answers-to-unknown-unknowns/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Menschen gesundlieben – ein Plädoyer https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/menschen-gesundlieben-ein-plaedoyer/ https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/menschen-gesundlieben-ein-plaedoyer/#comments Wed, 11 Jun 2025 20:49:11 +0000 Michaela Brohm-Badry https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/?p=1248 <h1>Menschen gesundlieben - ein Plädoyer » Positive Psychologie und Motivation » SciLogs</h1><h2>By Michaela Brohm-Badry</h2><div itemprop="text"> <p>Michaela Brohm-Badry </p> <p><strong>Eine wütende Partnerin, eine kranke Tochter, ein einsamer Vater im Pflegeheim, ein verletzter Partner oder ein aggressiver Schüler: Wie können wir umgehen mit Menschen, die aus der Bahn geraten sind; die im Ausnahmezustand leben?</strong></p> <p><strong>Die üblichen Antworten liegen hier zwischen Einladung zum Essen und klare Grenzen setzen – Regeln, Strafen, Gesetze einführen und durchsetzen. Könnten wir es nicht einfach auf eine andere Weise versuchen? Eine vielleicht bessere?</strong></p> <p>Vor vielen Jahren habe ich in einer Jugendhaftanstalt in Norddeutschland für schwerstkriminelle Jugendliche ein Motivationstraining durchgeführt. Sie sollten zeitnah aus der Haft entlassen werden und neue Perspektiven finden. Und so stand ich in unserem ersten Treffen unsicher vor zehn harten Knackis zwischen 16 und 21 Jahren. Begleitschutz im Raum anwesend. Kritische Blicke auf allen drei Seiten.</p> <p>Zehn Wochen lang traf ich mich regelmäßig mit ihnen und wir widmeten uns eindringlich ihren Träumen, Wünschen, Visionen, Versagensängsten, Zielen, Aktions- und Etappenplänen. Ihre Ziele fand ich keineswegs neben der Spur, etwas ambitioniert vielleicht, aber nicht größenwahnsinnig oder sonst wie schräg. Es waren oft ganz geerdete Visionen für ihr bis dahin verunglücktes Glück – eine Frau, ein kleines Haus und eine Familie gründen, oder drogenfrei werden, am Meer leben und anderes.</p> <p>Zunächst waren ihre und meine Haltungen (mindset) zu oder weit entfernt voneinander, doch nach und nach öffneten wir uns gegenseitig und ich vermute, es hatte auch damit zu tun, dass ich ihnen die Art Zuwendung geben konnte, die sie vermutlich selten in ihren Leben erfahren hatten. Ich versuchte, mich tief auf ihre Bedürfnisse einzulassen, ihnen nichts aufzuzwängen, sondern zu schauen, was sie in ihrer jeweils einzigartigen Lebenssituation brauchen.</p> <p>Dass mich ein Gefangenenbetreuer zwischendurch fragte, „wie können Sie den Knackis einreden, dass sie ein gutes Leben schaffen können?“ hat mich wochenlang beschäftigt. War ich wirklich auf der falschen Spur gelandet? Nein. Ich kenne die Rückfallquoten, Integrationswiderstände und all das, aber dennoch sehe es vollkommen anders. Nämlich einerseits humanistisch: Menschen sind im Grunde gut und wollen wachsen und andererseits biophil – in der Liebe zu allem was lebt.</p> <p>Diese Jugendlichen hatten aggressives Verhalten gezeigt, jemanden mit dem Messer verletzt, einer jemanden getötet, andere betrogen, mit Drogen vor der Schule gedealt, geraubt, erpresst und anderes. Und doch ist all das meines Erachtens, insbesondere wenn es mit Aggression einhergeht, doch ein deutliches Zeichen, dass diese jungen Menschen nie das bekommen haben, was unsere Seele so sehr braucht: tiefe Wärme und Zuwendung – Liebe.</p> <p>Ich sehe aggressives Verhalten als kompensatorischen Akt – als Schrei der Seele nach menschlicher Wärme.</p> <p>Und die Forschung scheint mir recht zu geben. So fand beispielsweise der Kinderarzt Theodor Hellbrüggen in seinen tiefenpsychologischen Untersuchungen an rund 4700 Kindern der 5. bis 8. Jahrgangsstufe bereits vor rund 30 Jahren, dass sich Kinder aus bildungsfernen Familien massiv selbstüberschätzen und gleichzeitig starke soziale Ängste haben. Ihr Bedürfnis alleine zu sein liegt statistisch weit über dem Durchschnitt (Sozialministerium Baden-Württemberg 1996). Ein kleines Mädchen sagte in einer anderen Studie als sie nach ihrer schlimmsten Angst gefragt wurde: „Dass keiner meine Freundin ist“ – das keiner meine Freundin ist …</p> <p>Fragen wir nun folglich nach den Ursachen von Kontaktfähigkeit bzw. Kontakthemmung, so ist zum einen die Untersuchung Laireiters/Lagers (2006), zum anderen der Ansatz Petermann/Petermann zu sozialer Angst weiterführend: Laireiter/Lager (2006) stellen fest, dass die <em>Kontaktfähigkeit</em> besonders hoch positiv mit vertrauten emotionalen Beziehungen (r = .24), guten Freunden (r = .29), Anerkennung (r = .31), besonders gemocht werden (r =.35), sich verlassen können (r = .33) und dem Austauschen von Ratschlägen (r = .31) korreliert ist. Negativ hängt sie zusammen mit Abwertungen (r = -.38) und belastenden Beziehungen (r = -19).</p> <p>Wir können Plausibilitätsannahmen folgend annehmen, dass die soziale Angst mit einem <em>Defizit an eben jenen positiven Dimensionen – und der Sehnsucht danach</em> – einher geht: vertraute emotionalen Beziehungen, guten Freunden, Anerkennung, wirklich gemocht werden. Sich auf jemanden verlassen können fehlt hingegen und Abwertung und belastende Beziehungen sind im Übermaß vorhanden. Und genau das führt zur gesteigerten Offensivität bildungsferner Kinder und Jugendlichen, die wir auch in einer eigenen Studie fanden (Brohm 2009). Besonders die Abwertung anderer war stark ausgeprägt – eine <em>Reproduktion früherer familiärer Erfahrungen</em>. Selbstüberschätzung und Kontaktangst können so als kompensatorische Leistung verstanden werden – als Umwandlung in Aggression. Biophilie hilft.</p> <p>Die Idee der Biophilie bezieht sich auf die Liebe zu allem Lebendigen. Es ist ein Leitmotiv in den Arbeiten des Philosophen und Psychoanalytikers Erich Fromm. Fromm meint eine umfassende, bedingungslose Liebe zu allem, was lebt im Menschen und der Natur. „Was anzieht, ist immer das Lebendige.“ (Funk 2020). Rainer Funk, Fromms Nachlassverwalter, erinnert hier an den Frühling, die Begeisterung, Freude, Zärtliches und Erotisches. „Das Leben lieben zu können und lebendig zu sein ist für uns von ganz entscheidender Bedeutung.“(ebd).</p> <p>Liebe beinhaltet immer das wache Interesse am anderen, an dessen Wachstum und Wohlergehen. Leben wird als Prozess verstanden, in dem wir eins mit uns selbst und ganz mit allem, was lebt, werden. <em>Und die Liebe zu allem, was lebendig ist, findet seinen Ausdruck in dem leidenschaftlichen Wunsch, Wachstum zu fördern</em> (ebd., Hervorhebung MBB). Und diese Liebe zum Leben ist der Kern jeder Form von Liebe, so Fromm, die sich in der Liebe zu Menschen, zu einem Tier oder einer Pflanze wiederfindet.</p> <p>In einer schönen Metapher erklärt Fromm, was die Liebe in sich trägt, egal ob in der Liebe zum Leben, zu Pflanzen, Tieren oder Menschen: Die Liebe müsse angemessen sein und <em>den Bedürfnissen und der Natur des Geliebten entsprechen</em>. „Benötigt eine Pflanze nur wenig Wasser, dann drückt sich meine Liebe zur Pflanze darin aus, dass ich ihr nur so viel Wasser gebe, wie sie braucht. Habe ich aber vorgefasste Meinungen darüber, ›was für eine Pflanze gut ist‹, etwa die, dass möglichst viel Wasser für alles gut ist, dann werde ich der Pflanze schaden und sie umbringen, weil ich nicht fähig bin, sie in der Weise zu lieben, wie sie geliebt werden muss“ (Fromm 2020).</p> <p>Deshalb sollten liebende Menschen mit wachem Interesse herausfinden wollen, was das andere Lebewesen wirklich braucht. Also fragen, zuhören, lesen, beobachten – wache Neugier am anderen.</p> <p>Kürzlich erzählte mir ein Studierender, er würde in einer Schulklasse unterrichten und hätte einen aggressiven Schüler dort. Der würde toben und wolle ständig Aufmerksamkeit. Kollegen hätten ihm geraten, Regeln aufzustellen und durchzusetzen; er müsse halt zu dem Schüler ganz klar und streng sein.</p> <p>Er fragte mich, wie ich das sehe. Und ich sehe es ganz anders. Ich sagte ihm, wahrscheinlich hätte dieser Junge nie wirkliche Wärme und Zuwendung erhalten und sein Verhalten sei wohl ein Schrei. Ein Schrei nach menschlicher Wärme, nach Anerkennung, nach gesehen werden. Ich sagte dem Studierenden spontan und ungefiltert, “ich würde diesen Schüler gesundlieben“.</p> <p><em>Gesundlieben meint, dass wir den Schrei dieser Menschen, und all der Einsamen, Traurigen, Verletzten hören, und ihnen geben, wonach sie in ihrem Schmerz rufen</em>: Es meint Zuhören mit voller Aufmerksamkeit, jemanden in den Arm nehmen, eine mutmachende Nachricht schreiben, echt loben, Zeit schenken ohne aufs Handy zu schauen, jemandem etwas schenken, geduldig bleiben, auch wenn es schwerfällt, verletzlich bleiben, sich emotional wehrlos öffnen, Gefühle ausdrücken, Hände halten oder auch in schwierigen Momenten liebevoll verbunden bleiben.</p> <p>Eben Nähe geben, durch verstehen und da sein. Beim Anderen sein.</p> <p>Und warum lieben? Aus Zuwendung zum Leben und weil es auf den geliebten Menschen tiefgreifende Wirkung hat: Liebe vermittelt Sicherheit und Geborgenheit, sie stärkt das Selbstwertgefühl. Darüber hinaus regt sie das Persönlichkeitswachstum an. Körperlich wirkt sie beruhigend durch den Abbau von Cortisol und Adrenalin – und so blühen geliebte Menschen auf. Alles in allem fördert Liebe die emotionale Beruhigung und kann frühere Verletzungen mildern – Liebe ist also heilsam.</p> <p>Natürlich ist mir klar, dass es Verhaltensweisen gibt, die dringend durch professionelle Hilfe bearbeitet werden müssen. Und auch, dass all das Grenzen hat, die in der Kraft, der Situation, der Sehnsucht oder der Psyche der Beteiligten liegen.</p> <p>Aber wir können tun, was jeder von uns tun kann: Seine Wärme einfach an diejenigen geben, die nie hinreichend Nähe erhalten haben oder sie jetzt, in diesem Moment so dringend brauchen. Vielleicht können wir so einige Menschen ein ganzes Stück weit gesundlieben.</p> <p>Meist sind liebevolle Handlungen leise und unspektakulär – aber eben voll der Liebe.</p> <p>Website <a href="http://www.brohm-badry.de/">Brohm-Badry</a></p> <p>Website <a href="https://www.uni-trier.de/universitaet/fachbereiche-faecher/fachbereich-i/faecher-und-institute/erziehungs-und-bildungswissenschaften/bildungswissenschaften/abteilungen/bildungswissenschaften-ii/professur">Brohm-Badry Universität Trier</a></p> <p>Website <a href="https://www.dim.sc/">Deutsches Institut für Motivation (DIM)</a></p> <p><strong>Literatur</strong></p> <p>Brohm-Badry (2019): Das gute Glück. Wie wir es finden und behalten. Salzburg. Ecowing</p> <p>Brohm, Michaela (2009): Sozialkompetenz und Schule. Theoretische Grundlagen und empirische Befunde zu Gelingensbedingungen sozialbezogener Interventionen. Weinheim.</p> <p>Fromm (2020): Lieben wir das Leben noch? dtv</p> <p>Funk (2020). Wir werden vom Lebendigen angezogen. In: Fromm: Lieben wir das Leben noch? dtv</p> <p>Laireiter, Anton Rupert/Lager, Caroline (2006): Soziales Netzwerk, soziale Untstützung und soziale Kompetenz bei Kindern. In: Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, Nr. 38 (2), S. 69-78.</p> <p>Petermann, Ulrike/Petermann, Franz (1992): Training mit sozial unsicheren Kindern. Einzeltraining, Kindergruppen, Elternberatung. Weinheim.</p> <p>Sozialministerium Baden Württemberg (1996): Persönlichkeitsmerkmale bei Kindern. http://www.landesgesundheitsamt.de/servlet/PB/show/1154733/persoenlichkeit_kinder.pdf.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Menschen gesundlieben - ein Plädoyer » Positive Psychologie und Motivation » SciLogs</h1><h2>By Michaela Brohm-Badry</h2><div itemprop="text"> <p>Michaela Brohm-Badry </p> <p><strong>Eine wütende Partnerin, eine kranke Tochter, ein einsamer Vater im Pflegeheim, ein verletzter Partner oder ein aggressiver Schüler: Wie können wir umgehen mit Menschen, die aus der Bahn geraten sind; die im Ausnahmezustand leben?</strong></p> <p><strong>Die üblichen Antworten liegen hier zwischen Einladung zum Essen und klare Grenzen setzen – Regeln, Strafen, Gesetze einführen und durchsetzen. Könnten wir es nicht einfach auf eine andere Weise versuchen? Eine vielleicht bessere?</strong></p> <p>Vor vielen Jahren habe ich in einer Jugendhaftanstalt in Norddeutschland für schwerstkriminelle Jugendliche ein Motivationstraining durchgeführt. Sie sollten zeitnah aus der Haft entlassen werden und neue Perspektiven finden. Und so stand ich in unserem ersten Treffen unsicher vor zehn harten Knackis zwischen 16 und 21 Jahren. Begleitschutz im Raum anwesend. Kritische Blicke auf allen drei Seiten.</p> <p>Zehn Wochen lang traf ich mich regelmäßig mit ihnen und wir widmeten uns eindringlich ihren Träumen, Wünschen, Visionen, Versagensängsten, Zielen, Aktions- und Etappenplänen. Ihre Ziele fand ich keineswegs neben der Spur, etwas ambitioniert vielleicht, aber nicht größenwahnsinnig oder sonst wie schräg. Es waren oft ganz geerdete Visionen für ihr bis dahin verunglücktes Glück – eine Frau, ein kleines Haus und eine Familie gründen, oder drogenfrei werden, am Meer leben und anderes.</p> <p>Zunächst waren ihre und meine Haltungen (mindset) zu oder weit entfernt voneinander, doch nach und nach öffneten wir uns gegenseitig und ich vermute, es hatte auch damit zu tun, dass ich ihnen die Art Zuwendung geben konnte, die sie vermutlich selten in ihren Leben erfahren hatten. Ich versuchte, mich tief auf ihre Bedürfnisse einzulassen, ihnen nichts aufzuzwängen, sondern zu schauen, was sie in ihrer jeweils einzigartigen Lebenssituation brauchen.</p> <p>Dass mich ein Gefangenenbetreuer zwischendurch fragte, „wie können Sie den Knackis einreden, dass sie ein gutes Leben schaffen können?“ hat mich wochenlang beschäftigt. War ich wirklich auf der falschen Spur gelandet? Nein. Ich kenne die Rückfallquoten, Integrationswiderstände und all das, aber dennoch sehe es vollkommen anders. Nämlich einerseits humanistisch: Menschen sind im Grunde gut und wollen wachsen und andererseits biophil – in der Liebe zu allem was lebt.</p> <p>Diese Jugendlichen hatten aggressives Verhalten gezeigt, jemanden mit dem Messer verletzt, einer jemanden getötet, andere betrogen, mit Drogen vor der Schule gedealt, geraubt, erpresst und anderes. Und doch ist all das meines Erachtens, insbesondere wenn es mit Aggression einhergeht, doch ein deutliches Zeichen, dass diese jungen Menschen nie das bekommen haben, was unsere Seele so sehr braucht: tiefe Wärme und Zuwendung – Liebe.</p> <p>Ich sehe aggressives Verhalten als kompensatorischen Akt – als Schrei der Seele nach menschlicher Wärme.</p> <p>Und die Forschung scheint mir recht zu geben. So fand beispielsweise der Kinderarzt Theodor Hellbrüggen in seinen tiefenpsychologischen Untersuchungen an rund 4700 Kindern der 5. bis 8. Jahrgangsstufe bereits vor rund 30 Jahren, dass sich Kinder aus bildungsfernen Familien massiv selbstüberschätzen und gleichzeitig starke soziale Ängste haben. Ihr Bedürfnis alleine zu sein liegt statistisch weit über dem Durchschnitt (Sozialministerium Baden-Württemberg 1996). Ein kleines Mädchen sagte in einer anderen Studie als sie nach ihrer schlimmsten Angst gefragt wurde: „Dass keiner meine Freundin ist“ – das keiner meine Freundin ist …</p> <p>Fragen wir nun folglich nach den Ursachen von Kontaktfähigkeit bzw. Kontakthemmung, so ist zum einen die Untersuchung Laireiters/Lagers (2006), zum anderen der Ansatz Petermann/Petermann zu sozialer Angst weiterführend: Laireiter/Lager (2006) stellen fest, dass die <em>Kontaktfähigkeit</em> besonders hoch positiv mit vertrauten emotionalen Beziehungen (r = .24), guten Freunden (r = .29), Anerkennung (r = .31), besonders gemocht werden (r =.35), sich verlassen können (r = .33) und dem Austauschen von Ratschlägen (r = .31) korreliert ist. Negativ hängt sie zusammen mit Abwertungen (r = -.38) und belastenden Beziehungen (r = -19).</p> <p>Wir können Plausibilitätsannahmen folgend annehmen, dass die soziale Angst mit einem <em>Defizit an eben jenen positiven Dimensionen – und der Sehnsucht danach</em> – einher geht: vertraute emotionalen Beziehungen, guten Freunden, Anerkennung, wirklich gemocht werden. Sich auf jemanden verlassen können fehlt hingegen und Abwertung und belastende Beziehungen sind im Übermaß vorhanden. Und genau das führt zur gesteigerten Offensivität bildungsferner Kinder und Jugendlichen, die wir auch in einer eigenen Studie fanden (Brohm 2009). Besonders die Abwertung anderer war stark ausgeprägt – eine <em>Reproduktion früherer familiärer Erfahrungen</em>. Selbstüberschätzung und Kontaktangst können so als kompensatorische Leistung verstanden werden – als Umwandlung in Aggression. Biophilie hilft.</p> <p>Die Idee der Biophilie bezieht sich auf die Liebe zu allem Lebendigen. Es ist ein Leitmotiv in den Arbeiten des Philosophen und Psychoanalytikers Erich Fromm. Fromm meint eine umfassende, bedingungslose Liebe zu allem, was lebt im Menschen und der Natur. „Was anzieht, ist immer das Lebendige.“ (Funk 2020). Rainer Funk, Fromms Nachlassverwalter, erinnert hier an den Frühling, die Begeisterung, Freude, Zärtliches und Erotisches. „Das Leben lieben zu können und lebendig zu sein ist für uns von ganz entscheidender Bedeutung.“(ebd).</p> <p>Liebe beinhaltet immer das wache Interesse am anderen, an dessen Wachstum und Wohlergehen. Leben wird als Prozess verstanden, in dem wir eins mit uns selbst und ganz mit allem, was lebt, werden. <em>Und die Liebe zu allem, was lebendig ist, findet seinen Ausdruck in dem leidenschaftlichen Wunsch, Wachstum zu fördern</em> (ebd., Hervorhebung MBB). Und diese Liebe zum Leben ist der Kern jeder Form von Liebe, so Fromm, die sich in der Liebe zu Menschen, zu einem Tier oder einer Pflanze wiederfindet.</p> <p>In einer schönen Metapher erklärt Fromm, was die Liebe in sich trägt, egal ob in der Liebe zum Leben, zu Pflanzen, Tieren oder Menschen: Die Liebe müsse angemessen sein und <em>den Bedürfnissen und der Natur des Geliebten entsprechen</em>. „Benötigt eine Pflanze nur wenig Wasser, dann drückt sich meine Liebe zur Pflanze darin aus, dass ich ihr nur so viel Wasser gebe, wie sie braucht. Habe ich aber vorgefasste Meinungen darüber, ›was für eine Pflanze gut ist‹, etwa die, dass möglichst viel Wasser für alles gut ist, dann werde ich der Pflanze schaden und sie umbringen, weil ich nicht fähig bin, sie in der Weise zu lieben, wie sie geliebt werden muss“ (Fromm 2020).</p> <p>Deshalb sollten liebende Menschen mit wachem Interesse herausfinden wollen, was das andere Lebewesen wirklich braucht. Also fragen, zuhören, lesen, beobachten – wache Neugier am anderen.</p> <p>Kürzlich erzählte mir ein Studierender, er würde in einer Schulklasse unterrichten und hätte einen aggressiven Schüler dort. Der würde toben und wolle ständig Aufmerksamkeit. Kollegen hätten ihm geraten, Regeln aufzustellen und durchzusetzen; er müsse halt zu dem Schüler ganz klar und streng sein.</p> <p>Er fragte mich, wie ich das sehe. Und ich sehe es ganz anders. Ich sagte ihm, wahrscheinlich hätte dieser Junge nie wirkliche Wärme und Zuwendung erhalten und sein Verhalten sei wohl ein Schrei. Ein Schrei nach menschlicher Wärme, nach Anerkennung, nach gesehen werden. Ich sagte dem Studierenden spontan und ungefiltert, “ich würde diesen Schüler gesundlieben“.</p> <p><em>Gesundlieben meint, dass wir den Schrei dieser Menschen, und all der Einsamen, Traurigen, Verletzten hören, und ihnen geben, wonach sie in ihrem Schmerz rufen</em>: Es meint Zuhören mit voller Aufmerksamkeit, jemanden in den Arm nehmen, eine mutmachende Nachricht schreiben, echt loben, Zeit schenken ohne aufs Handy zu schauen, jemandem etwas schenken, geduldig bleiben, auch wenn es schwerfällt, verletzlich bleiben, sich emotional wehrlos öffnen, Gefühle ausdrücken, Hände halten oder auch in schwierigen Momenten liebevoll verbunden bleiben.</p> <p>Eben Nähe geben, durch verstehen und da sein. Beim Anderen sein.</p> <p>Und warum lieben? Aus Zuwendung zum Leben und weil es auf den geliebten Menschen tiefgreifende Wirkung hat: Liebe vermittelt Sicherheit und Geborgenheit, sie stärkt das Selbstwertgefühl. Darüber hinaus regt sie das Persönlichkeitswachstum an. Körperlich wirkt sie beruhigend durch den Abbau von Cortisol und Adrenalin – und so blühen geliebte Menschen auf. Alles in allem fördert Liebe die emotionale Beruhigung und kann frühere Verletzungen mildern – Liebe ist also heilsam.</p> <p>Natürlich ist mir klar, dass es Verhaltensweisen gibt, die dringend durch professionelle Hilfe bearbeitet werden müssen. Und auch, dass all das Grenzen hat, die in der Kraft, der Situation, der Sehnsucht oder der Psyche der Beteiligten liegen.</p> <p>Aber wir können tun, was jeder von uns tun kann: Seine Wärme einfach an diejenigen geben, die nie hinreichend Nähe erhalten haben oder sie jetzt, in diesem Moment so dringend brauchen. Vielleicht können wir so einige Menschen ein ganzes Stück weit gesundlieben.</p> <p>Meist sind liebevolle Handlungen leise und unspektakulär – aber eben voll der Liebe.</p> <p>Website <a href="http://www.brohm-badry.de/">Brohm-Badry</a></p> <p>Website <a href="https://www.uni-trier.de/universitaet/fachbereiche-faecher/fachbereich-i/faecher-und-institute/erziehungs-und-bildungswissenschaften/bildungswissenschaften/abteilungen/bildungswissenschaften-ii/professur">Brohm-Badry Universität Trier</a></p> <p>Website <a href="https://www.dim.sc/">Deutsches Institut für Motivation (DIM)</a></p> <p><strong>Literatur</strong></p> <p>Brohm-Badry (2019): Das gute Glück. Wie wir es finden und behalten. Salzburg. Ecowing</p> <p>Brohm, Michaela (2009): Sozialkompetenz und Schule. Theoretische Grundlagen und empirische Befunde zu Gelingensbedingungen sozialbezogener Interventionen. Weinheim.</p> <p>Fromm (2020): Lieben wir das Leben noch? dtv</p> <p>Funk (2020). Wir werden vom Lebendigen angezogen. In: Fromm: Lieben wir das Leben noch? dtv</p> <p>Laireiter, Anton Rupert/Lager, Caroline (2006): Soziales Netzwerk, soziale Untstützung und soziale Kompetenz bei Kindern. In: Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, Nr. 38 (2), S. 69-78.</p> <p>Petermann, Ulrike/Petermann, Franz (1992): Training mit sozial unsicheren Kindern. Einzeltraining, Kindergruppen, Elternberatung. Weinheim.</p> <p>Sozialministerium Baden Württemberg (1996): Persönlichkeitsmerkmale bei Kindern. http://www.landesgesundheitsamt.de/servlet/PB/show/1154733/persoenlichkeit_kinder.pdf.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/menschen-gesundlieben-ein-plaedoyer/#comments 23 Cap Rouge Day – Bon anniversaire, Jacques-Yves Cousteau! https://scilogs.spektrum.de/meertext/cap-rouge-day-bon-anniversaire-jacques-yves-cousteau/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/cap-rouge-day-bon-anniversaire-jacques-yves-cousteau/#comments Wed, 11 Jun 2025 15:13:09 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1693 <h1>Cap Rouge Day – Bon anniversaire, Jacques-Yves Cousteau! » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Der berühmte Meeresaktivist mit der unverwechselbaren roten Mütze hat heute Geburtstag!<br></br>Er wurde 1910 geboren und wäre heute 115 Jahre alt geworden. <br></br>Cousteau war der Held meiner Kindheit, seine Filme und Bücher haben mich mit der Liebe zur Meeresbiologe infiziert, diese frühkindliche Prägung wirkt bis heute nach.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/cousteau.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="268" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/cousteau.jpg" width="200"></img></a></figure> <p>Seine Vorgehensweise war denkbar einfach und schlagkräftig:<br></br>Auf dem tapferen kleinen Schiff „Calypso“ versammelte  “Commandant Cousteau” bärtige, rot bemützte Männer und dann ging es los, wie einst Odysseus mit seinen treuen Gefährten. Ran an den Wal/den Hai/die Korallen, oder was auch immer und ab in Gegenden wie das Rote Meer oder andere exotische Orte, von denen ich als Kind noch nicht einmal wusste, wo sie auf dem Atlas zu finden waren. <br></br>Für mich war er DER Forscher schlechthin: ein tollkühner Seefahrer, der im Neopren auch dem fiesesten Hai entgegentrat und für Orcas auf der Gitarre spielte.<br></br>Außerhalb des Wassers trug <a href="https://belowthebeanie.com/beanies-and-style/jaques-cousteau/">er die rote Matrosenmütze der französischen Marine,</a> die sein Markenzeichen wurde.</p> <p>Viel, viel später, in meinem eigenen Studium, dämmerte mir allmählich, dass Forschung eigentlich gaaaaanz anders geht.<br></br>Aber da war ich schon mit der Liebe zum Meer und seinen Getümen und Ungetümen unrettbar angesteckt…</p> <p>Zur Erinnerung an Cousteau, den Meereshelden mit der Roten Mütze, ist seit 2010 sein Geburtstag, der 11.06. der „Cap Rouge Day“.<br></br>Seine Anhänger tragen an diesem Tag eine rote Seemannnsmütze: eine unübersehbare Aktion zum Schutz der Ozeane!<br></br>Jacques-Yves Cousteau war der der erste Vermarktungsexperte für den Meeresschutz, seine Farb-Filme waren echte kleine Abenteuerfilme mit geschickter Dramaturgie.</p> <p><strong>Also: <a href="https://belowthebeanie.com/beanies-and-style/jaques-cousteau/">Heute Rote Mütze zeigen!</a><br></br>Macht Euch Mützlich!</strong></p> <h2 id="h-commandant-cousteau-tauch-pionier-und-erfinder">Commandant Cousteau – Tauch-Pionier und Erfinder</h2> <p>Das Meer hatte Cousteau immer fasziniert. So besuchte er 1930 die Marineschule in Brest und trat 1933 in die französische Kriegsmarine ein. [Dann war er, wie alle Franzosen, in der Résistance]. Bis 1956 diente er dann weiter in der Marine und erreichte den Rang eines Korvettenkapitäns. Er trug wesentlich zum Aufbau der französischen Waffentaucher bei.<br></br>Parallel drehte er 1942 seinen ersten Unterwasserfilm. <br></br>Nach dem Krieg kaufte er d beschäftigte sich mit der Neu- und Weiterentwicklung von technischen Geräten. 1946 entwickelte er mit Georges Commeinhes und dem Ingenieur Émile Gagnan den Atemregler <em>Aqualunge</em> weiter und baute auf den Vorüberlegungen von Hans Hass auf. Für die französischen Marine-Taucher entwickelte er den ersten Scooter, ein motorisiertes Fortbewegungsmittel unter Wasser. Später kamen noch die Forschungs-U-Boote wie die berühmte tauchende Untertasse dazu, sowie weitere Geräte zur Unterwasserfotografie wie eine tiefseetaugliche Kamera.</p> <p>1950 erwarb Cousteau durch finanzielle Zuwendung von <a href="https://www.cousteau.org/know/vessels/calypso/">Loël Guinness</a> (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Loel_Guinness">dem Banker</a>, nicht dem Brauer) das ausgemusterte Minensuchboot <em>Calypso</em> und baute es zu einem Expeditionsschiff aus.</p> <h2 id="h-die-tiefseetaucher-the-life-aquatic-with-steve-zissou-2004">Die Tiefseetaucher (<em>The Life Aquatic with Steve Zissou</em>, 2004)</h2> <p>2004 brachte der für schräge Filme bekannte Wes Anderson mit “<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Tiefseetaucher">Life in the Aquatic with Steve Zissou</a>” eine liebenswürdige Hommage an Cousteau in die Kinos. Das für Anderson übliche Star-Aufgebot führt der in die Jahre gekommene Bill Murray als ein in die Jahre gekommener Cousteau an. Seine Mannschaft trägt rote Mützen, genauso wie die Steve Zissou-Actionpuppe. Gemeinsam stürzen sie sich in ein nasses Abenteuer.<br></br>Neben den Film-Stars ist auch der Soundtrack prominent besetzt: Dabei sind Songs von David Bowie, die im Film vom Sicherheitsexperten Pelé dos Santos (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Seu_Jorge">Seu Jorge</a>) auf einer Akustikgitarre gespielt und auf Portugiesisch gesungen werden. </p> <p>Die Story wird ab der Mitte ein wenig lahm. Aber wer Cousteau-Filme und -Biographie kennt, kommt auf seine Kosten. Außerdem hat der Film eine ungewöhnliche Ästhetik: Er verbindet das Bunte der Anderson-Filme mit einem Retro-Ambiente von Unterwasser-Filmen der 1960er und 1970er Jahre. Außerdem hat Anderson mit seinem Team liebevoll phantasievolle Meerestiere dazuerfunden. Sie sind besonders bunt, mit Stop-Motion-Technik unwirklich animiert und absolut hinreißend.<p>Der Film war finanziell ein Flop, erlangte aber bald Kult-Status.</p><br></br>Besonders amüsant finde ich, daß viele US-Kinobesucherinnen den Film angeblich für einen Dokumentarfilm gehalten haben sollen. Aber das ist Hörensagen…</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Lifeaquaticposter.jpg"><img alt="" decoding="async" height="350" sizes="(max-width: 236px) 100vw, 236px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Lifeaquaticposter.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Lifeaquaticposter.jpg 236w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Lifeaquaticposter-202x300.jpg 202w" width="236"></img></a></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Cap Rouge Day – Bon anniversaire, Jacques-Yves Cousteau! » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Der berühmte Meeresaktivist mit der unverwechselbaren roten Mütze hat heute Geburtstag!<br></br>Er wurde 1910 geboren und wäre heute 115 Jahre alt geworden. <br></br>Cousteau war der Held meiner Kindheit, seine Filme und Bücher haben mich mit der Liebe zur Meeresbiologe infiziert, diese frühkindliche Prägung wirkt bis heute nach.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/cousteau.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="268" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/cousteau.jpg" width="200"></img></a></figure> <p>Seine Vorgehensweise war denkbar einfach und schlagkräftig:<br></br>Auf dem tapferen kleinen Schiff „Calypso“ versammelte  “Commandant Cousteau” bärtige, rot bemützte Männer und dann ging es los, wie einst Odysseus mit seinen treuen Gefährten. Ran an den Wal/den Hai/die Korallen, oder was auch immer und ab in Gegenden wie das Rote Meer oder andere exotische Orte, von denen ich als Kind noch nicht einmal wusste, wo sie auf dem Atlas zu finden waren. <br></br>Für mich war er DER Forscher schlechthin: ein tollkühner Seefahrer, der im Neopren auch dem fiesesten Hai entgegentrat und für Orcas auf der Gitarre spielte.<br></br>Außerhalb des Wassers trug <a href="https://belowthebeanie.com/beanies-and-style/jaques-cousteau/">er die rote Matrosenmütze der französischen Marine,</a> die sein Markenzeichen wurde.</p> <p>Viel, viel später, in meinem eigenen Studium, dämmerte mir allmählich, dass Forschung eigentlich gaaaaanz anders geht.<br></br>Aber da war ich schon mit der Liebe zum Meer und seinen Getümen und Ungetümen unrettbar angesteckt…</p> <p>Zur Erinnerung an Cousteau, den Meereshelden mit der Roten Mütze, ist seit 2010 sein Geburtstag, der 11.06. der „Cap Rouge Day“.<br></br>Seine Anhänger tragen an diesem Tag eine rote Seemannnsmütze: eine unübersehbare Aktion zum Schutz der Ozeane!<br></br>Jacques-Yves Cousteau war der der erste Vermarktungsexperte für den Meeresschutz, seine Farb-Filme waren echte kleine Abenteuerfilme mit geschickter Dramaturgie.</p> <p><strong>Also: <a href="https://belowthebeanie.com/beanies-and-style/jaques-cousteau/">Heute Rote Mütze zeigen!</a><br></br>Macht Euch Mützlich!</strong></p> <h2 id="h-commandant-cousteau-tauch-pionier-und-erfinder">Commandant Cousteau – Tauch-Pionier und Erfinder</h2> <p>Das Meer hatte Cousteau immer fasziniert. So besuchte er 1930 die Marineschule in Brest und trat 1933 in die französische Kriegsmarine ein. [Dann war er, wie alle Franzosen, in der Résistance]. Bis 1956 diente er dann weiter in der Marine und erreichte den Rang eines Korvettenkapitäns. Er trug wesentlich zum Aufbau der französischen Waffentaucher bei.<br></br>Parallel drehte er 1942 seinen ersten Unterwasserfilm. <br></br>Nach dem Krieg kaufte er d beschäftigte sich mit der Neu- und Weiterentwicklung von technischen Geräten. 1946 entwickelte er mit Georges Commeinhes und dem Ingenieur Émile Gagnan den Atemregler <em>Aqualunge</em> weiter und baute auf den Vorüberlegungen von Hans Hass auf. Für die französischen Marine-Taucher entwickelte er den ersten Scooter, ein motorisiertes Fortbewegungsmittel unter Wasser. Später kamen noch die Forschungs-U-Boote wie die berühmte tauchende Untertasse dazu, sowie weitere Geräte zur Unterwasserfotografie wie eine tiefseetaugliche Kamera.</p> <p>1950 erwarb Cousteau durch finanzielle Zuwendung von <a href="https://www.cousteau.org/know/vessels/calypso/">Loël Guinness</a> (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Loel_Guinness">dem Banker</a>, nicht dem Brauer) das ausgemusterte Minensuchboot <em>Calypso</em> und baute es zu einem Expeditionsschiff aus.</p> <h2 id="h-die-tiefseetaucher-the-life-aquatic-with-steve-zissou-2004">Die Tiefseetaucher (<em>The Life Aquatic with Steve Zissou</em>, 2004)</h2> <p>2004 brachte der für schräge Filme bekannte Wes Anderson mit “<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Tiefseetaucher">Life in the Aquatic with Steve Zissou</a>” eine liebenswürdige Hommage an Cousteau in die Kinos. Das für Anderson übliche Star-Aufgebot führt der in die Jahre gekommene Bill Murray als ein in die Jahre gekommener Cousteau an. Seine Mannschaft trägt rote Mützen, genauso wie die Steve Zissou-Actionpuppe. Gemeinsam stürzen sie sich in ein nasses Abenteuer.<br></br>Neben den Film-Stars ist auch der Soundtrack prominent besetzt: Dabei sind Songs von David Bowie, die im Film vom Sicherheitsexperten Pelé dos Santos (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Seu_Jorge">Seu Jorge</a>) auf einer Akustikgitarre gespielt und auf Portugiesisch gesungen werden. </p> <p>Die Story wird ab der Mitte ein wenig lahm. Aber wer Cousteau-Filme und -Biographie kennt, kommt auf seine Kosten. Außerdem hat der Film eine ungewöhnliche Ästhetik: Er verbindet das Bunte der Anderson-Filme mit einem Retro-Ambiente von Unterwasser-Filmen der 1960er und 1970er Jahre. Außerdem hat Anderson mit seinem Team liebevoll phantasievolle Meerestiere dazuerfunden. Sie sind besonders bunt, mit Stop-Motion-Technik unwirklich animiert und absolut hinreißend.<p>Der Film war finanziell ein Flop, erlangte aber bald Kult-Status.</p><br></br>Besonders amüsant finde ich, daß viele US-Kinobesucherinnen den Film angeblich für einen Dokumentarfilm gehalten haben sollen. Aber das ist Hörensagen…</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Lifeaquaticposter.jpg"><img alt="" decoding="async" height="350" sizes="(max-width: 236px) 100vw, 236px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Lifeaquaticposter.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Lifeaquaticposter.jpg 236w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Lifeaquaticposter-202x300.jpg 202w" width="236"></img></a></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/cap-rouge-day-bon-anniversaire-jacques-yves-cousteau/#comments 9 Melibe – die duftende, jagende Häubchenschnecke https://scilogs.spektrum.de/meertext/melibe-die-duftende-jagende-haeubchenschnecke/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/melibe-die-duftende-jagende-haeubchenschnecke/#comments Wed, 11 Jun 2025 09:36:20 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1688 <h1>Melibe - die duftende, jagende Häubchenschnecke » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Die Häubchenschnecke <em>Melibe</em> gehört zu den Nacktkier-Schnecken (<em>Nudibranchi</em>a). Nudibranchen sind ungewöhnliche Schnecken: Ohne schützende Schale leben und lieben sie im Meer. Durch diese Gewichtsersparnis sind sie nicht zum Kriechen verdammt, wie ihre Schalen tragenden Verwandten, sondern oft frei schwimmend in den Ozeane unterwegs. Viele haben Fortsätze oder Sohlensäume, die sie wie Flossen zum Schwimmen und Schweben einsetzen. Gewellte Sohlensäume wie der Rocksaum einer Flamencotänzerin machen eine Schnecke zur <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2014/07/24/wie-schnell-rennt-eine-schnecke/">Spanischen Tänzerin</a>, flappende Fortsätze eine andere zum <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2014/07/24/wie-schnell-rennt-eine-schnecke/">See-Schmetterling</a>. Ihre Farben und Körperanhänge sind psychedelisch bunt und auffallend geformt wie Kostüme beim Karneval von Rio. Dieses Farben-Feuerwerk können sie sich leisten – sie stehlen Nesselzellen von Polypen und werden so selbst ungenießbar.</p> <p>Manche von ihnen sind auf den ersten Blick als Schnecken erkennbar, andere geben zunächst Rätsel auf. <em>Melibe</em>, die Häubchenschnecke, ist eine besonders rätselhafte Gattung.</p> <p><img alt="https://s-media-cache-ak0.pinimg.com/originals/64/b9/8a/64b98a3ecef12a7dc07dc4d61303b935.jpg" decoding="async" fetchpriority="high" height="236" src="https://s-media-cache-ak0.pinimg.com/originals/64/b9/8a/64b98a3ecef12a7dc07dc4d61303b935.jpg" width="351"></img></p> <p><em>Melibe</em>, die Häubchenschnecke (Wikipedia)</p> <p>Als ich das erste Video von ihr sah, musste ich erst mal genau hingucken, welche Tiergruppe sich hinter diesen flatternden transparenten Strukturen verbarg. Überwiegend durchsichtig, ohne sichtbaren Kopf und Augen, mit einem Fangrichter mit gezähntem Rand, amorphen Körperanhängen ohne Hand, Fuß und Flosse, einer genoppte Oberfläche und garantiert weder Innen- noch Außenskelett.<br></br>Eine außergewöhnliche Schnecke!</p> <p>Der gelatinöse große Schirm dominiert die Gestalt, er ist die Haube. <em>Melibe</em> nutzt diese bewegliche Haube als einfache und effektive Fangvorrichtung. Die Fanghaube ist eine Weiterentwicklung des Velums, das diese Gruppe Schnecken vor der Mundöffnung tragen: eine sackartige Erweiterung der Mundhöhle, die vorn eine geschlitzte Öffnung hat. Die Schnecke stülpt die Fanghaube wie eine gewaltige bewegliche Schüssel über die Beute. Nach dem Überstülpen kann diese Haube von der Schnecke wie eine <a href="https://worldoceanreview.com/wp-content/uploads/2013/02/wor2_k5b-s116_5-13_fischereimethoden_ringwadennetz.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Ringwade</a> um den Fang zusammengezogen werden.<br></br>Zum Verschlingen ihrer Beute – kleinen Krebsen und Larven – verankern sie sich meist zunächst mit dem Fuß fest auf dem Untergrund. Erwachsene Exemplare ziehen ihre Mundhaube zurück, bis sie fast senkrecht zum Körper steht, und stoßen sie dann nach vorne, bis sie mit einem Beutetier in Kontakt kommen. Nach dem Kontakt mit der Beute schließt sich die Haube und die Zirren greifen ineinander, um ein Entkommen zu verhindern. Die Haube wird weiter zusammengedrückt, überschüssiges Wasser hinausgedrückt und die Beute dadurch zur Mundöffnung gebracht. Das Schließen der Mundöffnung dauert etwa 4 Sekunden. In Aquarien wurden bei <em>M. leonina</em> verschiedene Fütterungsstrategien beobachtet, darunter auch das Schwimmen an der Oberfläche und das Grasen am Boden.</p> <p>Jungtiere beginnen die Jagd mit ihrer Haube fast parallel zum Substrat ausgerichtet. Wenn sie ihren Körper vorwärts bewegen, senken sie die Haube um die Beute ab, bis sie mit dem Untergrund in Kontakt kommt. Dann drücken sie das Wasser aus der Haube und bringen so die Beute zum Maul. Außerdem fressen Jungtiere tagsüber oder nachts, während die erwachsenen <a href="https://www.wikiwand.com/en/articles/Melibe_leonina">Tiere ausschließlich nachts fressen.</a></p> <p>Häubchenschnecken sind  mittelgroße bis große<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tethydidae" rel="noreferrer noopener" target="_blank"> Bäumchenschnecken  (mit ihren Körperanhängen erinnern sie an Tannenbäume) </a>und leben im Meer, meistens in der Nähe des Meeresgrundes. <a href="https://www.wikiwand.com/en/Melibe_leonina" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><em>Melibe leonina</em> </a>etwa jagt in den Kelpwäldern vor der kalifornischen Küste und wird bis zu 100 Millimeter groß. Zurzeit sind 16 Arten bekannt. <em>Melibes</em> jagen nicht nur langsame Beute, wie die meisten anderen Schnecken, sondern überwältigt Garnelen und Medusen. Häubchenschnecken haben weder Kiefer noch eine Radula, die für die meisten Schnecken so charakteristische Raspelzunge. Sie verdauen ihre Beute im Ganzen.</p> <p><a href="https://www.deepseanews.com/2014/04/this-sea-slugs-is-like-a-cross-between-a-dinosaur-a-jellyfish-and-a-watermelon/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Rebecca Helm beschreibt <em>Melibe leonina</em> als eine Chimäre aus Meduse (der Kopf), Stegosaurier (die „Rückenplatten“) </a>und einer Wassermelone (der Duft).<br></br>Im Video sieht es aus, als ob die Schnecke grünlich mit Algen überwachsen sei. Der Schein trügt nicht, allerdings stecken die Algen nicht AUF sondern IN der Schnecke. Das durchscheinende Weichtier deckt nämlich einen Teil seines Energiebedarfs durch Sonnenlicht. Und zwar, indem es  Zooxanthellen im Körpergewebe einlagert. Zooxanthellen sind symbiontische Einzeller, die in einem Tier leben und dieses mit aus Sonnenlicht gewonnener Energie versorgen. In diesem Fall sind die Einzeller Dinoflagellaten der Gattung <em><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Symbiodinium" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Symbiodinium</a> </em>und sitzen in Zellen der Speicheldrüsen. <em>Melibe</em> nimmt die Dinoflagellaten als „Beifang“ auf, im Gegensatz zu anderen Schnecken, die über den gezielten Verzehr von bestimmten Korallen zu ihren Symbionten kommen.<br></br>Die kleinen Sonnenfresser scheinen für den Energiehaushalt der Schnecke wichtiger zu sein, als die tierische Beute: Burghardt und Wägele habe im Experiment gezeigt, dass Melibe zwar vom Sonnenlicht allein leben kann und sich dann sogar fortpflanzt. Wenn sie Sonnenlicht bekommt und zusätzliche tierische Nahrung wächst sie aber größer und schneller. Ohne Sonnenlicht, nur mit tierischer Nahrung kann sie allerdings nicht überleben (Burghardt, I., Wägele, H.: „<a href="https://frogwatch.museum.wa.gov.au/sites/default/files/1.%20Burghardt,%20Wagele.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Investigations on the symbiosis between the ‘solar-powered’ nudibranch species Melibe engeli Risbec, 1937 (Gastropoda, Nudibranchia, Dendronotoidea) and Symbiodinium sp. (Dinophyceae)</a>“ (2014) Journal of Molluscan Studies, doi:10.1093/mollus/eyu043.<a href="https://scienceblogs.de/meertext/"></a></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/fyRIrSiiyX8?feature=oembed&amp;rel=0" title="It's a Melibe nudibranch sea slug kinda morning! | Live From Monterey Bay!" width="666"></iframe> </p><figcaption><a href="https://www.youtube.com/watch?v=fyRIrSiiyX8">It’s a Melibe nudibranch sea slug kinda morning! | Live From Monterey Bay!</a></figcaption></figure> <p>Außerdem verbreiten diese <a href="https://www.wikiwand.com/en/Melibe_leonina" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Schnecken süßliche Düfte</a>. Sie sondern Terpenoide ab, deren Duft irgendwo zwischen Erdbeere, Ananas und Wassermelonen liegen soll. Wozu diese Gerüche dienen, weiß bisher niemand. Aufgrund ihres Duft wird so eine Community von Häubchenschnecken, die ihre Häubchen wie Blütenstände in die Strömung halten, dann auch als “Bouquet” bezeichnet. <br></br>Wie diese Melibe-Ansammlung an einem Kelpstängel:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Melibe_leonina_Big_Sur_2.jpg" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Melibe_leonina_Big_Sur_2-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Melibe_leonina_Big_Sur_2-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Melibe_leonina_Big_Sur_2-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Melibe_leonina_Big_Sur_2-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Melibe_leonina_Big_Sur_2-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Melibe_leonina_Big_Sur_2.jpg 1600w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Melibe leonina</em> in Kelp Forest (Wikiwand)</figcaption></figure> <p>Melibe kann sowohl frei schwimmen, als auch übers Substrat kriechen. Oder irgendwo angeheftet mit dem Häubchen im Trüben fischen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Melibe - die duftende, jagende Häubchenschnecke » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Die Häubchenschnecke <em>Melibe</em> gehört zu den Nacktkier-Schnecken (<em>Nudibranchi</em>a). Nudibranchen sind ungewöhnliche Schnecken: Ohne schützende Schale leben und lieben sie im Meer. Durch diese Gewichtsersparnis sind sie nicht zum Kriechen verdammt, wie ihre Schalen tragenden Verwandten, sondern oft frei schwimmend in den Ozeane unterwegs. Viele haben Fortsätze oder Sohlensäume, die sie wie Flossen zum Schwimmen und Schweben einsetzen. Gewellte Sohlensäume wie der Rocksaum einer Flamencotänzerin machen eine Schnecke zur <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2014/07/24/wie-schnell-rennt-eine-schnecke/">Spanischen Tänzerin</a>, flappende Fortsätze eine andere zum <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2014/07/24/wie-schnell-rennt-eine-schnecke/">See-Schmetterling</a>. Ihre Farben und Körperanhänge sind psychedelisch bunt und auffallend geformt wie Kostüme beim Karneval von Rio. Dieses Farben-Feuerwerk können sie sich leisten – sie stehlen Nesselzellen von Polypen und werden so selbst ungenießbar.</p> <p>Manche von ihnen sind auf den ersten Blick als Schnecken erkennbar, andere geben zunächst Rätsel auf. <em>Melibe</em>, die Häubchenschnecke, ist eine besonders rätselhafte Gattung.</p> <p><img alt="https://s-media-cache-ak0.pinimg.com/originals/64/b9/8a/64b98a3ecef12a7dc07dc4d61303b935.jpg" decoding="async" fetchpriority="high" height="236" src="https://s-media-cache-ak0.pinimg.com/originals/64/b9/8a/64b98a3ecef12a7dc07dc4d61303b935.jpg" width="351"></img></p> <p><em>Melibe</em>, die Häubchenschnecke (Wikipedia)</p> <p>Als ich das erste Video von ihr sah, musste ich erst mal genau hingucken, welche Tiergruppe sich hinter diesen flatternden transparenten Strukturen verbarg. Überwiegend durchsichtig, ohne sichtbaren Kopf und Augen, mit einem Fangrichter mit gezähntem Rand, amorphen Körperanhängen ohne Hand, Fuß und Flosse, einer genoppte Oberfläche und garantiert weder Innen- noch Außenskelett.<br></br>Eine außergewöhnliche Schnecke!</p> <p>Der gelatinöse große Schirm dominiert die Gestalt, er ist die Haube. <em>Melibe</em> nutzt diese bewegliche Haube als einfache und effektive Fangvorrichtung. Die Fanghaube ist eine Weiterentwicklung des Velums, das diese Gruppe Schnecken vor der Mundöffnung tragen: eine sackartige Erweiterung der Mundhöhle, die vorn eine geschlitzte Öffnung hat. Die Schnecke stülpt die Fanghaube wie eine gewaltige bewegliche Schüssel über die Beute. Nach dem Überstülpen kann diese Haube von der Schnecke wie eine <a href="https://worldoceanreview.com/wp-content/uploads/2013/02/wor2_k5b-s116_5-13_fischereimethoden_ringwadennetz.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Ringwade</a> um den Fang zusammengezogen werden.<br></br>Zum Verschlingen ihrer Beute – kleinen Krebsen und Larven – verankern sie sich meist zunächst mit dem Fuß fest auf dem Untergrund. Erwachsene Exemplare ziehen ihre Mundhaube zurück, bis sie fast senkrecht zum Körper steht, und stoßen sie dann nach vorne, bis sie mit einem Beutetier in Kontakt kommen. Nach dem Kontakt mit der Beute schließt sich die Haube und die Zirren greifen ineinander, um ein Entkommen zu verhindern. Die Haube wird weiter zusammengedrückt, überschüssiges Wasser hinausgedrückt und die Beute dadurch zur Mundöffnung gebracht. Das Schließen der Mundöffnung dauert etwa 4 Sekunden. In Aquarien wurden bei <em>M. leonina</em> verschiedene Fütterungsstrategien beobachtet, darunter auch das Schwimmen an der Oberfläche und das Grasen am Boden.</p> <p>Jungtiere beginnen die Jagd mit ihrer Haube fast parallel zum Substrat ausgerichtet. Wenn sie ihren Körper vorwärts bewegen, senken sie die Haube um die Beute ab, bis sie mit dem Untergrund in Kontakt kommt. Dann drücken sie das Wasser aus der Haube und bringen so die Beute zum Maul. Außerdem fressen Jungtiere tagsüber oder nachts, während die erwachsenen <a href="https://www.wikiwand.com/en/articles/Melibe_leonina">Tiere ausschließlich nachts fressen.</a></p> <p>Häubchenschnecken sind  mittelgroße bis große<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tethydidae" rel="noreferrer noopener" target="_blank"> Bäumchenschnecken  (mit ihren Körperanhängen erinnern sie an Tannenbäume) </a>und leben im Meer, meistens in der Nähe des Meeresgrundes. <a href="https://www.wikiwand.com/en/Melibe_leonina" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><em>Melibe leonina</em> </a>etwa jagt in den Kelpwäldern vor der kalifornischen Küste und wird bis zu 100 Millimeter groß. Zurzeit sind 16 Arten bekannt. <em>Melibes</em> jagen nicht nur langsame Beute, wie die meisten anderen Schnecken, sondern überwältigt Garnelen und Medusen. Häubchenschnecken haben weder Kiefer noch eine Radula, die für die meisten Schnecken so charakteristische Raspelzunge. Sie verdauen ihre Beute im Ganzen.</p> <p><a href="https://www.deepseanews.com/2014/04/this-sea-slugs-is-like-a-cross-between-a-dinosaur-a-jellyfish-and-a-watermelon/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Rebecca Helm beschreibt <em>Melibe leonina</em> als eine Chimäre aus Meduse (der Kopf), Stegosaurier (die „Rückenplatten“) </a>und einer Wassermelone (der Duft).<br></br>Im Video sieht es aus, als ob die Schnecke grünlich mit Algen überwachsen sei. Der Schein trügt nicht, allerdings stecken die Algen nicht AUF sondern IN der Schnecke. Das durchscheinende Weichtier deckt nämlich einen Teil seines Energiebedarfs durch Sonnenlicht. Und zwar, indem es  Zooxanthellen im Körpergewebe einlagert. Zooxanthellen sind symbiontische Einzeller, die in einem Tier leben und dieses mit aus Sonnenlicht gewonnener Energie versorgen. In diesem Fall sind die Einzeller Dinoflagellaten der Gattung <em><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Symbiodinium" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Symbiodinium</a> </em>und sitzen in Zellen der Speicheldrüsen. <em>Melibe</em> nimmt die Dinoflagellaten als „Beifang“ auf, im Gegensatz zu anderen Schnecken, die über den gezielten Verzehr von bestimmten Korallen zu ihren Symbionten kommen.<br></br>Die kleinen Sonnenfresser scheinen für den Energiehaushalt der Schnecke wichtiger zu sein, als die tierische Beute: Burghardt und Wägele habe im Experiment gezeigt, dass Melibe zwar vom Sonnenlicht allein leben kann und sich dann sogar fortpflanzt. Wenn sie Sonnenlicht bekommt und zusätzliche tierische Nahrung wächst sie aber größer und schneller. Ohne Sonnenlicht, nur mit tierischer Nahrung kann sie allerdings nicht überleben (Burghardt, I., Wägele, H.: „<a href="https://frogwatch.museum.wa.gov.au/sites/default/files/1.%20Burghardt,%20Wagele.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Investigations on the symbiosis between the ‘solar-powered’ nudibranch species Melibe engeli Risbec, 1937 (Gastropoda, Nudibranchia, Dendronotoidea) and Symbiodinium sp. (Dinophyceae)</a>“ (2014) Journal of Molluscan Studies, doi:10.1093/mollus/eyu043.<a href="https://scienceblogs.de/meertext/"></a></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/fyRIrSiiyX8?feature=oembed&amp;rel=0" title="It's a Melibe nudibranch sea slug kinda morning! | Live From Monterey Bay!" width="666"></iframe> </p><figcaption><a href="https://www.youtube.com/watch?v=fyRIrSiiyX8">It’s a Melibe nudibranch sea slug kinda morning! | Live From Monterey Bay!</a></figcaption></figure> <p>Außerdem verbreiten diese <a href="https://www.wikiwand.com/en/Melibe_leonina" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Schnecken süßliche Düfte</a>. Sie sondern Terpenoide ab, deren Duft irgendwo zwischen Erdbeere, Ananas und Wassermelonen liegen soll. Wozu diese Gerüche dienen, weiß bisher niemand. Aufgrund ihres Duft wird so eine Community von Häubchenschnecken, die ihre Häubchen wie Blütenstände in die Strömung halten, dann auch als “Bouquet” bezeichnet. <br></br>Wie diese Melibe-Ansammlung an einem Kelpstängel:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Melibe_leonina_Big_Sur_2.jpg" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Melibe_leonina_Big_Sur_2-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Melibe_leonina_Big_Sur_2-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Melibe_leonina_Big_Sur_2-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Melibe_leonina_Big_Sur_2-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Melibe_leonina_Big_Sur_2-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Melibe_leonina_Big_Sur_2.jpg 1600w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Melibe leonina</em> in Kelp Forest (Wikiwand)</figcaption></figure> <p>Melibe kann sowohl frei schwimmen, als auch übers Substrat kriechen. Oder irgendwo angeheftet mit dem Häubchen im Trüben fischen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/melibe-die-duftende-jagende-haeubchenschnecke/#comments 3 Können wir mit Wissen über unser Gehirn Gesetze verbessern? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/koennen-wir-mit-wissen-ueber-unser-gehirn-gesetze-verbessern/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/koennen-wir-mit-wissen-ueber-unser-gehirn-gesetze-verbessern/#comments Tue, 10 Jun 2025 12:55:57 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3350 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/20250611-Koennen-wir-mit-Wissen-ueber_de_sq-768x768.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/koennen-wir-mit-wissen-ueber-unser-gehirn-gesetze-verbessern/</link> </image> <description type="html"><h1>Können wir mit Wissen über unser Gehirn Gesetze verbessern? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Das Beispiel des Strafrechts</strong></p> <span id="more-3350"></span> <p><em>Legal Tribune Online</em> <a href="https://www.lto.de/recht/hintergruende/h/neurorecht-altersgrenze-jugendliche-schuld-strafe-cannabis-lobbyismus">interviewte</a> mich über mein neues Buch. Eine der Hauptfragen war, ob sich die Altersgrenze für die strafrechtliche Verantwortlichkeit mit Wissen über unsere Gehirnentwicklung besser ziehen lässt.</p> <p>In meiner Forschung beschäftigte ich mich schon früher mit der Tatsache, dass der niederländische Gesetzgeber die Altersgrenze für die volle strafrechtliche Verantwortlichkeit auf 23 Jahre anhob – und das in zuvor ungekannter Weise mit neurowissenschaftlichen Quellen begründete (z.B. <a href="https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2020.01762/full">Schleim, 2020</a>).</p> <p>Nebenbei: Auch wenn das Jugendstrafrecht damit prinzipiell bis zum Alter von 22 Jahren angewendet werden kann, geschieht das in den Niederlanden kaum, in nur ca. 6 Prozent der Fälle; in Deutschland ist das zwar nur bis zum Alter von 20 Jahren möglich, werden dafür aber ca. 66 Prozent der Fälle junger Erwachsener so behandelt. Im Jugendstrafrecht werden das pädagogische Ziel und die Reintegration in die Gesellschaft höher gewichtet. Ein Grund dafür ist die Annahme, dass die Persönlichkeit dann noch beeinflussbarer ist.</p> <p>Wir sehen international immer mehr Beispiele – viele davon in den USA – dafür, dass in Gesetzesinitiativen eine Anhebung von Altersgrenzen mit der “noch nicht abgeschlossenen Gehirnentwicklung” begründet wird (<a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-72362-9">Schleim, 2025</a>, Kap. 4). Oft, etwa in der Drogengesetzgebung, ist dann von 25 Jahren die Rede. Deutschen Lesern dürfte das aus der Diskussion um die neue <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?s=cannabis&amp;submit=Suche">Cannabisgesetzgebung</a> noch gut in Erinnerung sein.</p> <h2 id="h-komplexes-gehirn">Komplexes Gehirn</h2> <p>Dabei ist allerdings ein Problem, dass es keinen einfachen Marker für die Gehirnentwicklung gibt. Und wenn man aufgrund neuester Forschung verschiedene miteinander vergleicht, zeigt sich dieses Ergebnis:</p> <blockquote> <p>“Das Volumen der grauen Substanz erreicht seinen Höhepunkt im Durchschnittsalter von 5,9 Jahren, das der subkortikalen Regionen mit 14,4 Jahren und das der weißen Substanz mit 28,7 Jahren. Die mittlere Dicke der Hirnrinde erreicht ihren Höhepunkt sogar bereits mit 1,7 Jahren, die gesamte Gehirnoberfläche mit 11,0 Jahren und das gesamte Gehirnvolumen mit 12,5 Jahren.” (<a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-72362-9">Schleim, 2025</a>, S. 42)</p> </blockquote> <p>Dem oft genannten Alter von 25 Jahren kommt das Volumen der weißen Substanz am nächsten, das im Mittel mit 28,7 Jahren sein Maximum erreicht (<a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-72362-9">Schleim, 2025</a>, Abb. 2.4). Diese verbindet verschiedene Gehirnregionen über weite Strecken miteinander. Aber selbst wenn wir das noch nicht angesprochene Problem der individuellen Variabilität beiseitelassen, bedeutet das auch: Ab 29 Jahren nimmt die weiße Substanz allmählich wieder ab. Müssten “Neuro-Gesetze” das nicht auch berücksichtigen?</p> <p>Wer für gesetzliche Altersgrenzen die Gehirnentwicklung heranziehen will, steht also vor großen Problemen. Und während die Grenze für die volle strafrechtliche Verantwortlichkeit in den Niederlanden <em>angehoben</em> wurde, wird in Deutschland zurzeit eine <em>Absenkung</em> der Strafmündigkeit von 14 auf z.B. 12 Jahre diskutiert; das Thema spielte sogar im letzten Wahlkampf eine Rolle.</p> <h2 id="h-prioritat-von-verhalten-und-gesellschaft">Priorität von Verhalten und Gesellschaft</h2> <p>Laut meiner Forschung – und auch einige Neurowissenschaftler räumen das ausdrücklich ein – kann in dieser Frage in der Biologie keine eindeutige Grenze bestimmen, wie sie für die Anwendung von Gesetzen praktisch sind. Ich empfehle daher, sich nach wie vor in erster Linie am Verhalten und sozialen Umfeld der Betroffenen zu orientieren (<a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-72362-9">Schleim, 2025</a>, Kap. 5). Auch heute schon müssen Jugendstrafrichter in Deutschland beurteilen, ob der Täter (ab 14 Jahren) zum Zeitpunkt der Tat das Unrecht seiner Tat einsehen – und danach handeln konnte (<a href="https://www.gesetze-im-internet.de/jgg/__3.html">§3 JGG</a>). Eher in Ausnahmefällen könnte hier in der Zukunft ein neurowissenschaftliches Gutachten von Bedeutung sein.</p> <p>Die Entscheidung, ob man schon unter 14 Jahren strafrechtlich verantwortlich sein kann, ist nach meinem Dafürhalten aber eine politische und keine wissenschaftliche. Schon in Europa gibt es hierzu große Unterschiede und bejaht man dies beispielsweise in Frankreich und Großbritannien.</p> <p>Aber wenn Kinder unter 14 Jahren häufiger an Straftaten und sogar schweren Gewaltverbrechen beteiligt sind, kann man den Ruf nach einer Herabsenkung der Altersgrenze für die Strafmündigkeit zumindest gesellschaftlich nachvollziehen. Dabei sollte man aber auch bedenken, dass mit dem Wegschließen von Menschen Probleme allenfalls vorübergehend gelöst werden, damit auch gesellschaftliche Kosten verbunden sind – und längerfristige kriminelle Karrieren mitunter erst im Gefängnis anfangen.</p> <p>Doch auch wenn laut kriminologischen Daten in junge Menschen in vielen Ländern häufiger Straftaten begehen als andere Altersgruppen, ist die gute Nachricht: Diese kriminelle Tendenz verschwindet bei den meisten von ihnen mit der Eingliederung im Erwachsenenleben wieder.</p> <h2 id="h-interdisziplinare-forschung">Interdisziplinäre Forschung</h2> <p>Welche Rolle kann ein theoretischer Psychologe oder “Neurophilosoph” hier eigentlich spielen? Meiner Erfahrung nach ziehen empirische Wissenschaftler mitunter vorschnelle Schlüsse der Art: “Wir haben einen statistisch signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen A und B gefunden, darum sollte man sie normativ unterschiedlich behandeln.” Als Philosoph weiß man, dass der Schluss von Daten auf Werte, von Wissenschaft auf Moral und Gesetz schwierig ist.</p> <p>Umgekehrt haben Vertreter der Geistes-, Sozial-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften oft nur ein oberflächliches Verständnis der Datengewinnung und -Auswertung in Psychologie und Neurowissenschaften. Dadurch können Einschränkungen des wissenschaftlichen Wissens, die insbesondere für seine praktische Anwendung von Bedeutung sind (<a href="https://www.frontiersin.org/journals/human-neuroscience/articles/10.3389/neuro.09.063.2009/full">Schleim &amp; Roiser, 2009</a>), übersehen werden. Und im Bereich von “Gehirn &amp; Recht” kann sehr viel auf dem Spiel stehen.</p> <p>Anders als andere Forscher, die zum Einwerben von Drittmitteln “das nächste große Ding” versprechen, habe ich hier auch keinen finanziellen Interessenkonflikt.</p> <p>Nebenbei: Mit den normativen Implikationen der Hirnforschung beschäftigte ich mich schon während meiner Doktorarbeit (2005-2009). Der Titel meiner Dissertation lautet dann auch: “Norms and the Brain”. Damals standen aber die Moral im Vordergrund, nicht das Recht. Die für diesen Artikel zugrunde liegende Forschung wurde zum Teil auch vom Niederländischen Forschungsrat (NWO) im Rahmen meines Projekts “The History of Neuroethics” gefördert (siehe auch <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-32618-9">Schleim, 2023</a>) und die Veröffentlichung des neuen Buchs als open access von der Bibliothek der Universität Groningen.</p> <h2 id="h-neues-buch-gratis">Neues Buch gratis</h2> <figure><a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-72362-9"><img alt="" decoding="async" height="937" sizes="(max-width: 827px) 100vw, 827px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/20250611-Koennen-wir-mit-Wissen-ueber_de.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/20250611-Koennen-wir-mit-Wissen-ueber_de.jpg 827w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/20250611-Koennen-wir-mit-Wissen-ueber_de-265x300.jpg 265w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/20250611-Koennen-wir-mit-Wissen-ueber_de-768x870.jpg 768w" width="827"></img></a></figure> <p><em>Stephan Schleims neues Buch (open access &amp; peer reviewed) können Sie <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-72362-9">hier</a> gratis als PDF-, EPUB- und HTML-Version lesen.</em></p> <h2 id="h-quellen-alles-open-access">Quellen (alles open access):</h2> <ul> <li>Interview (2025): “<a href="https://www.lto.de/recht/hintergruende/h/neurorecht-altersgrenze-jugendliche-schuld-strafe-cannabis-lobbyismus">Strafrecht für Heranwachsende zu milde?</a>” <em>Legal Tribune Online</em>.</li> <li>Schleim, S. (2020). <a href="https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2020.01762/full">Real Neurolaw in the Netherlands: The Role of the Developing Brain in the New Adolescent Criminal Law</a>. <em>Frontiers in Psychology</em>, 11, 1762, 1-5.</li> <li>Schleim, S. (2023). <em><a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-32618-9">Mental Health and Enhancement: Substance Use and Its Social Implications</a></em>. Palgrave Macmillan, Cham.</li> <li>Schleim, S. (2025). <em><a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-72362-9">Brain Development and the Law: Neurolaw in Theory and Practice</a></em>. Palgrave Macmillan, Cham.</li> <li>Schleim, S. &amp; Roiser, J. P. (2009). <a href="https://www.frontiersin.org/journals/human-neuroscience/articles/10.3389/neuro.09.063.2009/full">fMRI in translation: the challenges facing real-world applications</a>. <em>Frontiers in Human Neuroscience</em>, 3, 63.</li> </ul> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg07.met.vgwort.de/na/82fa22294a4649868855a2f3c33e3dd0" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Können wir mit Wissen über unser Gehirn Gesetze verbessern? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Das Beispiel des Strafrechts</strong></p> <span id="more-3350"></span> <p><em>Legal Tribune Online</em> <a href="https://www.lto.de/recht/hintergruende/h/neurorecht-altersgrenze-jugendliche-schuld-strafe-cannabis-lobbyismus">interviewte</a> mich über mein neues Buch. Eine der Hauptfragen war, ob sich die Altersgrenze für die strafrechtliche Verantwortlichkeit mit Wissen über unsere Gehirnentwicklung besser ziehen lässt.</p> <p>In meiner Forschung beschäftigte ich mich schon früher mit der Tatsache, dass der niederländische Gesetzgeber die Altersgrenze für die volle strafrechtliche Verantwortlichkeit auf 23 Jahre anhob – und das in zuvor ungekannter Weise mit neurowissenschaftlichen Quellen begründete (z.B. <a href="https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2020.01762/full">Schleim, 2020</a>).</p> <p>Nebenbei: Auch wenn das Jugendstrafrecht damit prinzipiell bis zum Alter von 22 Jahren angewendet werden kann, geschieht das in den Niederlanden kaum, in nur ca. 6 Prozent der Fälle; in Deutschland ist das zwar nur bis zum Alter von 20 Jahren möglich, werden dafür aber ca. 66 Prozent der Fälle junger Erwachsener so behandelt. Im Jugendstrafrecht werden das pädagogische Ziel und die Reintegration in die Gesellschaft höher gewichtet. Ein Grund dafür ist die Annahme, dass die Persönlichkeit dann noch beeinflussbarer ist.</p> <p>Wir sehen international immer mehr Beispiele – viele davon in den USA – dafür, dass in Gesetzesinitiativen eine Anhebung von Altersgrenzen mit der “noch nicht abgeschlossenen Gehirnentwicklung” begründet wird (<a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-72362-9">Schleim, 2025</a>, Kap. 4). Oft, etwa in der Drogengesetzgebung, ist dann von 25 Jahren die Rede. Deutschen Lesern dürfte das aus der Diskussion um die neue <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?s=cannabis&amp;submit=Suche">Cannabisgesetzgebung</a> noch gut in Erinnerung sein.</p> <h2 id="h-komplexes-gehirn">Komplexes Gehirn</h2> <p>Dabei ist allerdings ein Problem, dass es keinen einfachen Marker für die Gehirnentwicklung gibt. Und wenn man aufgrund neuester Forschung verschiedene miteinander vergleicht, zeigt sich dieses Ergebnis:</p> <blockquote> <p>“Das Volumen der grauen Substanz erreicht seinen Höhepunkt im Durchschnittsalter von 5,9 Jahren, das der subkortikalen Regionen mit 14,4 Jahren und das der weißen Substanz mit 28,7 Jahren. Die mittlere Dicke der Hirnrinde erreicht ihren Höhepunkt sogar bereits mit 1,7 Jahren, die gesamte Gehirnoberfläche mit 11,0 Jahren und das gesamte Gehirnvolumen mit 12,5 Jahren.” (<a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-72362-9">Schleim, 2025</a>, S. 42)</p> </blockquote> <p>Dem oft genannten Alter von 25 Jahren kommt das Volumen der weißen Substanz am nächsten, das im Mittel mit 28,7 Jahren sein Maximum erreicht (<a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-72362-9">Schleim, 2025</a>, Abb. 2.4). Diese verbindet verschiedene Gehirnregionen über weite Strecken miteinander. Aber selbst wenn wir das noch nicht angesprochene Problem der individuellen Variabilität beiseitelassen, bedeutet das auch: Ab 29 Jahren nimmt die weiße Substanz allmählich wieder ab. Müssten “Neuro-Gesetze” das nicht auch berücksichtigen?</p> <p>Wer für gesetzliche Altersgrenzen die Gehirnentwicklung heranziehen will, steht also vor großen Problemen. Und während die Grenze für die volle strafrechtliche Verantwortlichkeit in den Niederlanden <em>angehoben</em> wurde, wird in Deutschland zurzeit eine <em>Absenkung</em> der Strafmündigkeit von 14 auf z.B. 12 Jahre diskutiert; das Thema spielte sogar im letzten Wahlkampf eine Rolle.</p> <h2 id="h-prioritat-von-verhalten-und-gesellschaft">Priorität von Verhalten und Gesellschaft</h2> <p>Laut meiner Forschung – und auch einige Neurowissenschaftler räumen das ausdrücklich ein – kann in dieser Frage in der Biologie keine eindeutige Grenze bestimmen, wie sie für die Anwendung von Gesetzen praktisch sind. Ich empfehle daher, sich nach wie vor in erster Linie am Verhalten und sozialen Umfeld der Betroffenen zu orientieren (<a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-72362-9">Schleim, 2025</a>, Kap. 5). Auch heute schon müssen Jugendstrafrichter in Deutschland beurteilen, ob der Täter (ab 14 Jahren) zum Zeitpunkt der Tat das Unrecht seiner Tat einsehen – und danach handeln konnte (<a href="https://www.gesetze-im-internet.de/jgg/__3.html">§3 JGG</a>). Eher in Ausnahmefällen könnte hier in der Zukunft ein neurowissenschaftliches Gutachten von Bedeutung sein.</p> <p>Die Entscheidung, ob man schon unter 14 Jahren strafrechtlich verantwortlich sein kann, ist nach meinem Dafürhalten aber eine politische und keine wissenschaftliche. Schon in Europa gibt es hierzu große Unterschiede und bejaht man dies beispielsweise in Frankreich und Großbritannien.</p> <p>Aber wenn Kinder unter 14 Jahren häufiger an Straftaten und sogar schweren Gewaltverbrechen beteiligt sind, kann man den Ruf nach einer Herabsenkung der Altersgrenze für die Strafmündigkeit zumindest gesellschaftlich nachvollziehen. Dabei sollte man aber auch bedenken, dass mit dem Wegschließen von Menschen Probleme allenfalls vorübergehend gelöst werden, damit auch gesellschaftliche Kosten verbunden sind – und längerfristige kriminelle Karrieren mitunter erst im Gefängnis anfangen.</p> <p>Doch auch wenn laut kriminologischen Daten in junge Menschen in vielen Ländern häufiger Straftaten begehen als andere Altersgruppen, ist die gute Nachricht: Diese kriminelle Tendenz verschwindet bei den meisten von ihnen mit der Eingliederung im Erwachsenenleben wieder.</p> <h2 id="h-interdisziplinare-forschung">Interdisziplinäre Forschung</h2> <p>Welche Rolle kann ein theoretischer Psychologe oder “Neurophilosoph” hier eigentlich spielen? Meiner Erfahrung nach ziehen empirische Wissenschaftler mitunter vorschnelle Schlüsse der Art: “Wir haben einen statistisch signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen A und B gefunden, darum sollte man sie normativ unterschiedlich behandeln.” Als Philosoph weiß man, dass der Schluss von Daten auf Werte, von Wissenschaft auf Moral und Gesetz schwierig ist.</p> <p>Umgekehrt haben Vertreter der Geistes-, Sozial-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften oft nur ein oberflächliches Verständnis der Datengewinnung und -Auswertung in Psychologie und Neurowissenschaften. Dadurch können Einschränkungen des wissenschaftlichen Wissens, die insbesondere für seine praktische Anwendung von Bedeutung sind (<a href="https://www.frontiersin.org/journals/human-neuroscience/articles/10.3389/neuro.09.063.2009/full">Schleim &amp; Roiser, 2009</a>), übersehen werden. Und im Bereich von “Gehirn &amp; Recht” kann sehr viel auf dem Spiel stehen.</p> <p>Anders als andere Forscher, die zum Einwerben von Drittmitteln “das nächste große Ding” versprechen, habe ich hier auch keinen finanziellen Interessenkonflikt.</p> <p>Nebenbei: Mit den normativen Implikationen der Hirnforschung beschäftigte ich mich schon während meiner Doktorarbeit (2005-2009). Der Titel meiner Dissertation lautet dann auch: “Norms and the Brain”. Damals standen aber die Moral im Vordergrund, nicht das Recht. Die für diesen Artikel zugrunde liegende Forschung wurde zum Teil auch vom Niederländischen Forschungsrat (NWO) im Rahmen meines Projekts “The History of Neuroethics” gefördert (siehe auch <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-32618-9">Schleim, 2023</a>) und die Veröffentlichung des neuen Buchs als open access von der Bibliothek der Universität Groningen.</p> <h2 id="h-neues-buch-gratis">Neues Buch gratis</h2> <figure><a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-72362-9"><img alt="" decoding="async" height="937" sizes="(max-width: 827px) 100vw, 827px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/20250611-Koennen-wir-mit-Wissen-ueber_de.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/20250611-Koennen-wir-mit-Wissen-ueber_de.jpg 827w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/20250611-Koennen-wir-mit-Wissen-ueber_de-265x300.jpg 265w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/20250611-Koennen-wir-mit-Wissen-ueber_de-768x870.jpg 768w" width="827"></img></a></figure> <p><em>Stephan Schleims neues Buch (open access &amp; peer reviewed) können Sie <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-72362-9">hier</a> gratis als PDF-, EPUB- und HTML-Version lesen.</em></p> <h2 id="h-quellen-alles-open-access">Quellen (alles open access):</h2> <ul> <li>Interview (2025): “<a href="https://www.lto.de/recht/hintergruende/h/neurorecht-altersgrenze-jugendliche-schuld-strafe-cannabis-lobbyismus">Strafrecht für Heranwachsende zu milde?</a>” <em>Legal Tribune Online</em>.</li> <li>Schleim, S. (2020). <a href="https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2020.01762/full">Real Neurolaw in the Netherlands: The Role of the Developing Brain in the New Adolescent Criminal Law</a>. <em>Frontiers in Psychology</em>, 11, 1762, 1-5.</li> <li>Schleim, S. (2023). <em><a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-32618-9">Mental Health and Enhancement: Substance Use and Its Social Implications</a></em>. Palgrave Macmillan, Cham.</li> <li>Schleim, S. (2025). <em><a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-72362-9">Brain Development and the Law: Neurolaw in Theory and Practice</a></em>. Palgrave Macmillan, Cham.</li> <li>Schleim, S. &amp; Roiser, J. P. (2009). <a href="https://www.frontiersin.org/journals/human-neuroscience/articles/10.3389/neuro.09.063.2009/full">fMRI in translation: the challenges facing real-world applications</a>. <em>Frontiers in Human Neuroscience</em>, 3, 63.</li> </ul> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg07.met.vgwort.de/na/82fa22294a4649868855a2f3c33e3dd0" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/koennen-wir-mit-wissen-ueber-unser-gehirn-gesetze-verbessern/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>43</slash:comments> </item> <item> <title>TikTok‘st du oder lebst du noch? https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/tiktokst-du-oder-lebst-du-noch/ https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/tiktokst-du-oder-lebst-du-noch/#comments Thu, 05 Jun 2025 21:21:33 +0000 Karin Schumacher https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/?p=4478 https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_4103-Zytglogge-Bern-@Dr.-Karin-Schumacher__-768x1029.jpeg Zytglogge in Bern- TikTok-Wissenschaftskommunikation in Bern https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/tiktokst-du-oder-lebst-du-noch/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_4103-Zytglogge-Bern-@Dr.-Karin-Schumacher__-scaled.jpeg" /><h1>TikTok‘st du oder lebst du noch? » Medicine & More » SciLogs</h1><h2>By Karin Schumacher</h2><div itemprop="text"> <p><strong><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/e8a1fca0329948afb66fb2d273bc0512" width="1"></img>Wissenschaftskommunikation auf TikTok und Co. – Plattformen der kurzen Clips. Beim Frühlingsseminar des Schweizer Klubs für Wissenschaftsjournalisten (SKWJ) in Bern lernten wir, wie das geht. Mein Bericht über Chancen, Risiken und was das mit unserem Gehirn macht.</strong><span id="more-4478"></span></p> <p>TikTok ist heute nicht mehr nur die App für lustige Clips und Challenges. Die Plattform mit über 1.5 Milliarden monatlichen Nutzer:innen (Stand 2024) [1] kann ein mächtiges Kommunikations- und Beeinflussungsmittel sein – besonders für junge Zielgruppen. Beim Frühlingsevent des Schweizer Klubs für Wissenschaftsjournalisten (SKWJ) wurde deutlich: Wissenschaft auf TikTok funktioniert – aber die Plattform bringt auch ernste Bedenken mit sich.</p> <p>Im Mai reiste eine Delegation von Wissenschaftsjournalist:innen der Wissenschaftspressekonferenz (WPK) aus Deutschland nach Bern, eingeladen von den Schweizer Kolleg:innen und unterstützt von der Gebert Rüf Stiftung. Dort lernten wir:</p> <h2>Wer auf TikTok erfolgreich sein will, braucht:</h2> <ul> <li><strong>One story – one clip</strong>: Fass die Geschichte in einem Satz zusammen!</li> <li><strong>Hook</strong>: Ein starker Einstieg ist zwingend – die erste bis dritte Sekunde entscheidet, ob die Nutzer:innen “anbeißen” oder weiterwischen.</li> <li><strong>Authentische Inhalte </strong>– bleib ehrlich.</li> <li><strong>Call-to-Action</strong>: Beende den Clip mit einem klaren Handlungsaufruf.</li> <li><strong>Das Format muss passen</strong>: vertikal, mit Loops – der Clip wiederholt, bis man es begriffen hat (oder keine Lust mehr hat)…</li> </ul> <p>Chloé Carrière, Ingenieurin für Luft- und Raumfahrttechnik und professionelle Influencerin, bekannt als Galactic Chloé, * empfiehlt, mit der “eigenen Stimme” zu erzählen – echt und nahbar. Eine Übung zeigte, wie herausfordernd das ist: In einer Stunde mussten wir im Team von fünf Leuten ein einminütiges Video über die Rückkehr der Masern erstellen.</p> <p>Zum Vergleich: In der gleichen Zeit hätten wir locker 60 TikTok-Videos konsumieren können. Was und wieviel davon wäre da wohl bei uns hängen geblieben? Was meint ihr?</p> <p>In Spanien gibt es die Tradition, zu Silvester in den letzen zwölf Sekunden des alten Jahres eine Weintraube pro Sekunde zu essen. Auf TikTok übertragen würde der “Spaß” eine Minute dauern – man müsste also 60 Weintrauben verspeisen. Das wäre schon weniger witzig.</p> <h2>Medizinisches TikTok – wie nützlich ist das?</h2> <p>Wissenschaft auf das Wesentliche herunterbrechen und dabei einfach und humorvoll erklären, klingt spannend. Aber auf TikTok, dieser chinesischen Datenkralle und Propagandamaschine?</p> <p>Auch die Qualität der wissenschaftlichen Inhalte scheint eher begrenzt. Medizinische Videos, beispielsweise zum <a href="https://scilogs.spektrum.de/marlenes-medizinkiste/das-karpaltunnelsyndrom/" rel="noopener" target="_blank">Karpaltunnelsyndrom</a>, haben eher eine geringe Qualität, selbst wenn sie von Fachleuten gepostet wurden. [2]</p> <h2>Eigene Tests und Befragungen: Nutzt du TikTok?</h2> <p>Aber was ist mit der Zielgruppe – den Kids und jungen Menschen, die laut Statistik auf lieber auf TikTok ihre Mittagspausen verbringen als im realen Leben? Ich höre mich um und staune.</p> <blockquote><p>“Ich nutze TikTok nicht, weil ich lieber meine Zeit mit echten Menschen verbringe”,</p></blockquote> <p>sagt ein junger Nutzer aus TikToks Lieblings-Zielgruppe.</p> <blockquote><p>“Und die Inhalte unterscheiden sich je nach Land. In China wird viel besserer Content gezeigt als in Europa. Das gefällt mir gar nicht. Ganz zu schweigen von dem fehlenden Datenschutz. Ich habe die meisten Social Media Apps jedenfalls mittlerweile deinstalliert und treffe mich lieber mit echten Leuten im echten Leben.”</p></blockquote> <p>Einige andere, die ihre Pausen am liebsten mit TikTok verbringen:</p> <blockquote><p>“Ich schaue, weil es lustig ist. Aber worum es ging? Keine Ahnung.”</p></blockquote> <p>Ich bin neugierig:</p> <blockquote><p>“Wann habt ihr das letzte Buch gelesen und worum ging es darin?”</p> <p>“Für die Schule, weiß nicht.”  Schulterzucken.</p></blockquote> <p>Die Kluft scheint groß – und nicht kleiner zu werden.</p> <p>Als Ärztin, die in der Neuropathologie promoviert und dort auch als Tutorin gearbeitet hat, bin ich einerseits vorsichtig erleichtert. Andererseits stellen sich mir die Nackenhaare auf.</p> <p>TikTok und Co. sind eine Versuchung und es ist klasse, wenn (junge) Menschen sich bewusst und differenziert ihre eigene Meinung darüber bilden. Doch ab wann können sie das? Und bis wann muss die Gesellschaft sie schützen?</p> <p>Für alle, die dem Suchtpotential unterliegen, sind solche Plattformen medizinisch hochproblematisch. Denn der Gebrauch von TikTok verändert das Gehirn.</p> <p>Kurzvideos erzeugen flüchtige Glücksgefühle, aktivieren Dopamin, aber fördern kaum das Langzeitgedächtnis. Die kognitive Relevanz fehlt, weil Inhalte oft ohne Kontext und Wiederholung konsumiert werden. Das führt zu Überforderung, verkürzter Aufmerksamkeit und schwächt die Fähigkeit, sich an Inhalte zu erinnern.</p> <p>Wissenschaftler warnen, dass die ständige Reizüberflutung durch TikTok die kognitive Belastung erhöht und die Fokussierung auf komplexe Inhalte erschwert. Zwar bietet TikTok kreative Möglichkeiten zur Selbstdarstellung und zum Austausch mit Gleichaltrigen, die Wissenschaft äußert jedoch Bedenken hinsichtlich potenzieller negativer Auswirkungen auf Jugendliche, wie z. B. geringere Lebenszufriedenheit, ein erhöhtes Risiko für bestimmte psychiatrische Symptome und problematische Nutzungsmuster. [3]</p> <h2>TikTok ist einfach – und gefährlich komplex</h2> <p>Millionen Menschen scrollen täglich durch TikTok, konsumieren im Sekundentakt visuelle Inhalte, um Spaß zu haben oder sich zu “entspannen”.</p> <p>Die Realität: TikTok wirkt wie eine Dopamin-Maschine. Kurze, schnelle Clips aktivieren kurzfristig Glückshormone, fördern aber kaum tiefere Verarbeitung oder Erinnerung.</p> <p>Der permanente Reizstrom und das “Infinite Scroll” reduzieren die Aufmerksamkeitsspanne und schwächen die Impulskontrolle. Das zeigte unter anderem eine Studie von Jiang &amp; Ma [4], die belegte, dass TikTok-Nutzung die Prospective Memory, also die Fähigkeit, geplante Handlungen auszuführen, signifikant verschlechtert.</p> <h2>Algorithmen, Manipulation, Propaganda?</h2> <p>Die Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit (BfDI) warnt vor TikTok, da die Plattform neben Datenschutzmängeln vor allem durch undurchsichtige Algorithmen auffällt, die Nutzer:innen in verschiedenen Ländern unterschiedlich steuern – mit klaren politischen und wirtschaftlichen Interessen.<br></br> Martin Degeling von AI Forensics erklärte gegenüber Swissinfo.ch [5]:</p> <blockquote><p>“TikTok interpretiert auch implizite Signale, etwa welche Inhalte nur wenige Millisekunden Aufmerksamkeit bekommen. So entstehen hochgradig personalisierte Feeds.“</p></blockquote> <p>Das erinnert an dunkle Zeiten der Informationsmanipulation, die glücklicherweise 1945 endeten. TikTok hätte einem gewissen historischen Meister der Massenbeeinflussung vermutlich gefallen – die App schafft es, Millionen in Echtzeit zu lenken, ganz modern, ohne Megafon und Marschmusik. Ein paar Wischs, einige Clips – und das Denken verändert sich nach Plan.</p> <h2>Todesfall durch “Suicide Challenge” – die Schattenseite von TikTok</h2> <p>Die Risiken sind real. Im Januar 2021 starb ein 10-jähriges Mädchen in Italien bei einer sogenannten “Suicide Challenge” – einem gefährlichen Trend, bei dem Teilnehmende sich vor laufender Kamera selbst verletzten oder gar töteten, um Likes zu bekommen. Die italienische Datenschutzbehörde reagierte schnell und verhängte strenge Maßnahmen gegen TikTok, die aber nur zum Teil umgesetzt wurden. [1]</p> <p>Solche Fälle sind kein Einzelfall: Immer wieder berichten Medien von tödlichen TikTok-Challenges, die gerade Jugendliche in lebensgefährliche Situationen bringen. Für mich persönlich ein klares No-Go.</p> <h2>Politische Reaktionen – von Verboten bis Misstrauen</h2> <p>Auch auf der politischen Ebene gibt es klare Warnungen: In den USA wurde TikTok wegen Spionageverdachts beinahe verboten. In der EU hat die Europäische Kommission TikTok auf offiziellen Geräten vieler Behörden untersagt. Die BfDI rät generell von der TikTok-Nutzung auf dienstlich genutzten Geräten ab. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bezeichnete TikTok als “täuschend harmlos” und sprach öffentlich über die Notwendigkeit einer Regulierung. [5]</p> <p>Gleichzeitig ist er aber mit einem offiziellen Kanal auf TikTok präsent. Damit schafft er eine direkte Verbindung zur Öffentlichkeit bei gleichzeitiger Kontrolle über Thema und Präsentation. [6]</p> <p>TikTok kann ein kraftvolles Werkzeug sein, um junge Menschen zu begeistern, die sonst keinen oder <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/herz-kreislauf-erkrankungen-dicke-kinder-kranke-erwachsene/" rel="noopener" target="_blank">wenig Zugang</a> zu Wissenschaft haben. Durch das Erstellen von Inhalten für die chinesische Plattform können wir einen Beitrag zur Kontrolle über die Themen dort leisten.</p> <p>Aber wir müssen ehrlich sein: Die Plattform birgt Risiken – für Datenschutz, für die mentale Gesundheit und für die Art, wie wir lernen und erinnern.</p> <h2>Deshalb meine Tipps:</h2> <ol> <li>Überlegt, mit wem ihr <strong>eure Daten</strong> teilen wollt (und was dann damit potentiell geschehen kann).</li> <li><span>Nutzt TikTok (höchstens) als Einstieg, <strong>als “Appetizer”</strong> für Interesse.</span></li> <li><span>Für vertiefte Inhalte braucht es <strong>andere Formate</strong> – Podcasts, Blogs, Videos mit mehr Tiefe.</span></li> <li><span>Und vor allem: <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/gesundheit-und-heilung-durch-sinn-ja-zu-viktor-frankl-sagen/" rel="noopener" target="_blank"><strong>Bleibt kritisch und bewusst</strong></a> im Umgang mit der Plattform Denn wir sind keine Cyborgs, sondern Menschen.</span></li> <li><span><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/alpen-klimawandel-katastrophen-und-die-konsequenzen/" rel="noopener" target="_blank"><strong>Echte Begegnungen</strong></a>, echte Gespräche und Naturerlebnisse können durch keine App ersetzt werden.</span></li> </ol> <p><strong>Und jetzt du:</strong> Was machst du mit deinem Leben? Nutzt du TikTok? Oder bist du Team “<a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/die-schule-der-einfachheit/" rel="noopener" target="_blank">Ich leb’ noch</a>!” ? Teilt gern eure Erfahrungen in den Kommentaren.</p> <h2>Bonus-Clip: Selbstpräsentation in 60 Sekunden</h2> <p>* Galactic Chloé hat ihre TikTok-Tipps gleich selbst umgesetzt – live bei ihrem Auftritt beim SKWJ-Frühjahrsevent in der Swiss National Science Foundation in Bern. Eine Minute – ein Tag – eine Botschaft, gepostet nicht nur auf TikTok, sonder auch auf YouTube.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/l-ar-te-des-cosmiques-eine-besondere-gratwanderung/" rel="noopener" target="_blank"><strong>So geht Personal Branding</strong></a> – mit starkem Hook, authentischem Vibe und unendlichem Loop.</p> <ul> <li>Wie kommt das bei dir an? Bleibst du bis zum Loop?</li> <li><span>Und was bleibt hängen – nach einer Minute? Einer Stunde? Oder einem Jahr?</span></li> </ul> <figure aria-describedby="caption-attachment-4494" id="attachment_4494"><a href="https://www.youtube.com/shorts/1EvfgNdbHgE" rel="noopener" target="_blank"><img alt="https://www.youtube.com/shorts/1EvfgNdbHgE" decoding="async" height="789" sizes="(max-width: 441px) 100vw, 441px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Galactic-Chloe-bei-SKWJ-Event-22Un-jour-dans-ma-vie22.jpg.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Galactic-Chloe-bei-SKWJ-Event-22Un-jour-dans-ma-vie22.jpg.jpeg 441w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Galactic-Chloe-bei-SKWJ-Event-22Un-jour-dans-ma-vie22.jpg-168x300.jpeg 168w" width="441"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4494"><em>“Un jour dans ma vie” (Ein Tag in meinem Leben) – Galactic Chloé beim SKWJ-Event in Bern</em></figcaption></figure> <h4><strong>Titelbild</strong>:</h4> <p>Die <em>Zytglogge</em> in Bern – sie tickt seit Jahrhunderten. Ob TikTok das auch schaffen wird?<br></br> (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</p> <ol> <li> Die Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit (BfDI). (2024). TikTok – Informationen zum Datenschutz. <a href="https://www.bfdi.bund.de/DE/Buerger/Inhalte/Telemedien/TikTok.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.bfdi.bund.de/DE/Buerger/Inhalte/Telemedien/TikTok.html</a></li> <li>Briggs, D. V., Anastasio, A. T., Bethell, M. A., Taylor, J. R., Richard, M. J., &amp; Klifto, C. S. (2024). How useful is TikTok for patients searching for carpal tunnel syndrome-related treatment exercises? Healthcare, 12(17), 1697. <a href="https://doi.org/10.3390/healthcare12171697" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.3390/healthcare12171697</a></li> <li>Conte, G., Iorio, G. D., Esposito, D., Romano, S., Panvino, F., Maggi, S., Altomonte, B., Casini, M. P., Ferrara, M., &amp; Terrinoni, A. (2025). Scrolling through adolescence: A systematic review of the impact of TikTok on adolescent mental health. European Child &amp; Adolescent Psychiatry, 34(5), 1511–1527. <a href="https://doi.org/10.1007/s00787-024-02581-w" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1007/s00787-024-02581-w</a></li> <li>Jiang, Q., &amp; Ma, L. (2024). Swiping more, thinking less: Using TikTok hinders analytic thinking. Cyberpsychology: Journal of Psychosocial Research on Cyberspace, 18(3), Article 1. <a href="https://doi.org/10.5817/CP2024-3-1" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.5817/CP2024-3-1</a></li> <li><span> Degeling, M. (2025, March 5). Why TikTok’s influence worries Europe—and why Switzerland is not immune. SWI swissinfo.ch. <a href="https://www.swissinfo.ch/eng/climate-solutions/why-tiktoks-influence-worries-europe-and-why-switzerland-is-not-immune/88943489" rel="noopener" target="_blank">https://www.swissinfo.ch/eng/climate-solutions/why-tiktoks-influence-worries-europe-and-why-switzerland-is-not-immune/88943489</a> [Abgerufen am 05. Juni 2025].</span></li> <li><span>Le Monde. (2022, December 8). Macron slams TikTok over ‘addiction’ and censorship. <a href="https://www.lemonde.fr/en/pixels/article/2022/12/08/macron-slams-tiktok-over-addiction-and-censorship_6007053_13.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.lemonde.fr/en/pixels/article/2022/12/08/macron-slams-tiktok-over-addiction-and-censorship_6007053_13.html</a> [Abgerufen am 05. Juni 2025].</span></li> <li><span>Le Monde. (2023, February 12). For Macron’s Jupiterian ambition, TikTok offers direct access to the public. <a href="https://www.lemonde.fr/en/politics/article/2023/02/12/for-macron-s-jupiterian-ambition-tiktok-offers-direct-access-to-the-public_6015463_5.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.lemonde.fr/en/politics/article/2023/02/12/for-macron-s-jupiterian-ambition-tiktok-offers-direct-access-to-the-public_6015463_5.html</a> [Abgerufen am 05. Juni 2025].</span></li> </ol> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_4103-Zytglogge-Bern-@Dr.-Karin-Schumacher__-scaled.jpeg" /><h1>TikTok‘st du oder lebst du noch? » Medicine & More » SciLogs</h1><h2>By Karin Schumacher</h2><div itemprop="text"> <p><strong><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/e8a1fca0329948afb66fb2d273bc0512" width="1"></img>Wissenschaftskommunikation auf TikTok und Co. – Plattformen der kurzen Clips. Beim Frühlingsseminar des Schweizer Klubs für Wissenschaftsjournalisten (SKWJ) in Bern lernten wir, wie das geht. Mein Bericht über Chancen, Risiken und was das mit unserem Gehirn macht.</strong><span id="more-4478"></span></p> <p>TikTok ist heute nicht mehr nur die App für lustige Clips und Challenges. Die Plattform mit über 1.5 Milliarden monatlichen Nutzer:innen (Stand 2024) [1] kann ein mächtiges Kommunikations- und Beeinflussungsmittel sein – besonders für junge Zielgruppen. Beim Frühlingsevent des Schweizer Klubs für Wissenschaftsjournalisten (SKWJ) wurde deutlich: Wissenschaft auf TikTok funktioniert – aber die Plattform bringt auch ernste Bedenken mit sich.</p> <p>Im Mai reiste eine Delegation von Wissenschaftsjournalist:innen der Wissenschaftspressekonferenz (WPK) aus Deutschland nach Bern, eingeladen von den Schweizer Kolleg:innen und unterstützt von der Gebert Rüf Stiftung. Dort lernten wir:</p> <h2>Wer auf TikTok erfolgreich sein will, braucht:</h2> <ul> <li><strong>One story – one clip</strong>: Fass die Geschichte in einem Satz zusammen!</li> <li><strong>Hook</strong>: Ein starker Einstieg ist zwingend – die erste bis dritte Sekunde entscheidet, ob die Nutzer:innen “anbeißen” oder weiterwischen.</li> <li><strong>Authentische Inhalte </strong>– bleib ehrlich.</li> <li><strong>Call-to-Action</strong>: Beende den Clip mit einem klaren Handlungsaufruf.</li> <li><strong>Das Format muss passen</strong>: vertikal, mit Loops – der Clip wiederholt, bis man es begriffen hat (oder keine Lust mehr hat)…</li> </ul> <p>Chloé Carrière, Ingenieurin für Luft- und Raumfahrttechnik und professionelle Influencerin, bekannt als Galactic Chloé, * empfiehlt, mit der “eigenen Stimme” zu erzählen – echt und nahbar. Eine Übung zeigte, wie herausfordernd das ist: In einer Stunde mussten wir im Team von fünf Leuten ein einminütiges Video über die Rückkehr der Masern erstellen.</p> <p>Zum Vergleich: In der gleichen Zeit hätten wir locker 60 TikTok-Videos konsumieren können. Was und wieviel davon wäre da wohl bei uns hängen geblieben? Was meint ihr?</p> <p>In Spanien gibt es die Tradition, zu Silvester in den letzen zwölf Sekunden des alten Jahres eine Weintraube pro Sekunde zu essen. Auf TikTok übertragen würde der “Spaß” eine Minute dauern – man müsste also 60 Weintrauben verspeisen. Das wäre schon weniger witzig.</p> <h2>Medizinisches TikTok – wie nützlich ist das?</h2> <p>Wissenschaft auf das Wesentliche herunterbrechen und dabei einfach und humorvoll erklären, klingt spannend. Aber auf TikTok, dieser chinesischen Datenkralle und Propagandamaschine?</p> <p>Auch die Qualität der wissenschaftlichen Inhalte scheint eher begrenzt. Medizinische Videos, beispielsweise zum <a href="https://scilogs.spektrum.de/marlenes-medizinkiste/das-karpaltunnelsyndrom/" rel="noopener" target="_blank">Karpaltunnelsyndrom</a>, haben eher eine geringe Qualität, selbst wenn sie von Fachleuten gepostet wurden. [2]</p> <h2>Eigene Tests und Befragungen: Nutzt du TikTok?</h2> <p>Aber was ist mit der Zielgruppe – den Kids und jungen Menschen, die laut Statistik auf lieber auf TikTok ihre Mittagspausen verbringen als im realen Leben? Ich höre mich um und staune.</p> <blockquote><p>“Ich nutze TikTok nicht, weil ich lieber meine Zeit mit echten Menschen verbringe”,</p></blockquote> <p>sagt ein junger Nutzer aus TikToks Lieblings-Zielgruppe.</p> <blockquote><p>“Und die Inhalte unterscheiden sich je nach Land. In China wird viel besserer Content gezeigt als in Europa. Das gefällt mir gar nicht. Ganz zu schweigen von dem fehlenden Datenschutz. Ich habe die meisten Social Media Apps jedenfalls mittlerweile deinstalliert und treffe mich lieber mit echten Leuten im echten Leben.”</p></blockquote> <p>Einige andere, die ihre Pausen am liebsten mit TikTok verbringen:</p> <blockquote><p>“Ich schaue, weil es lustig ist. Aber worum es ging? Keine Ahnung.”</p></blockquote> <p>Ich bin neugierig:</p> <blockquote><p>“Wann habt ihr das letzte Buch gelesen und worum ging es darin?”</p> <p>“Für die Schule, weiß nicht.”  Schulterzucken.</p></blockquote> <p>Die Kluft scheint groß – und nicht kleiner zu werden.</p> <p>Als Ärztin, die in der Neuropathologie promoviert und dort auch als Tutorin gearbeitet hat, bin ich einerseits vorsichtig erleichtert. Andererseits stellen sich mir die Nackenhaare auf.</p> <p>TikTok und Co. sind eine Versuchung und es ist klasse, wenn (junge) Menschen sich bewusst und differenziert ihre eigene Meinung darüber bilden. Doch ab wann können sie das? Und bis wann muss die Gesellschaft sie schützen?</p> <p>Für alle, die dem Suchtpotential unterliegen, sind solche Plattformen medizinisch hochproblematisch. Denn der Gebrauch von TikTok verändert das Gehirn.</p> <p>Kurzvideos erzeugen flüchtige Glücksgefühle, aktivieren Dopamin, aber fördern kaum das Langzeitgedächtnis. Die kognitive Relevanz fehlt, weil Inhalte oft ohne Kontext und Wiederholung konsumiert werden. Das führt zu Überforderung, verkürzter Aufmerksamkeit und schwächt die Fähigkeit, sich an Inhalte zu erinnern.</p> <p>Wissenschaftler warnen, dass die ständige Reizüberflutung durch TikTok die kognitive Belastung erhöht und die Fokussierung auf komplexe Inhalte erschwert. Zwar bietet TikTok kreative Möglichkeiten zur Selbstdarstellung und zum Austausch mit Gleichaltrigen, die Wissenschaft äußert jedoch Bedenken hinsichtlich potenzieller negativer Auswirkungen auf Jugendliche, wie z. B. geringere Lebenszufriedenheit, ein erhöhtes Risiko für bestimmte psychiatrische Symptome und problematische Nutzungsmuster. [3]</p> <h2>TikTok ist einfach – und gefährlich komplex</h2> <p>Millionen Menschen scrollen täglich durch TikTok, konsumieren im Sekundentakt visuelle Inhalte, um Spaß zu haben oder sich zu “entspannen”.</p> <p>Die Realität: TikTok wirkt wie eine Dopamin-Maschine. Kurze, schnelle Clips aktivieren kurzfristig Glückshormone, fördern aber kaum tiefere Verarbeitung oder Erinnerung.</p> <p>Der permanente Reizstrom und das “Infinite Scroll” reduzieren die Aufmerksamkeitsspanne und schwächen die Impulskontrolle. Das zeigte unter anderem eine Studie von Jiang &amp; Ma [4], die belegte, dass TikTok-Nutzung die Prospective Memory, also die Fähigkeit, geplante Handlungen auszuführen, signifikant verschlechtert.</p> <h2>Algorithmen, Manipulation, Propaganda?</h2> <p>Die Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit (BfDI) warnt vor TikTok, da die Plattform neben Datenschutzmängeln vor allem durch undurchsichtige Algorithmen auffällt, die Nutzer:innen in verschiedenen Ländern unterschiedlich steuern – mit klaren politischen und wirtschaftlichen Interessen.<br></br> Martin Degeling von AI Forensics erklärte gegenüber Swissinfo.ch [5]:</p> <blockquote><p>“TikTok interpretiert auch implizite Signale, etwa welche Inhalte nur wenige Millisekunden Aufmerksamkeit bekommen. So entstehen hochgradig personalisierte Feeds.“</p></blockquote> <p>Das erinnert an dunkle Zeiten der Informationsmanipulation, die glücklicherweise 1945 endeten. TikTok hätte einem gewissen historischen Meister der Massenbeeinflussung vermutlich gefallen – die App schafft es, Millionen in Echtzeit zu lenken, ganz modern, ohne Megafon und Marschmusik. Ein paar Wischs, einige Clips – und das Denken verändert sich nach Plan.</p> <h2>Todesfall durch “Suicide Challenge” – die Schattenseite von TikTok</h2> <p>Die Risiken sind real. Im Januar 2021 starb ein 10-jähriges Mädchen in Italien bei einer sogenannten “Suicide Challenge” – einem gefährlichen Trend, bei dem Teilnehmende sich vor laufender Kamera selbst verletzten oder gar töteten, um Likes zu bekommen. Die italienische Datenschutzbehörde reagierte schnell und verhängte strenge Maßnahmen gegen TikTok, die aber nur zum Teil umgesetzt wurden. [1]</p> <p>Solche Fälle sind kein Einzelfall: Immer wieder berichten Medien von tödlichen TikTok-Challenges, die gerade Jugendliche in lebensgefährliche Situationen bringen. Für mich persönlich ein klares No-Go.</p> <h2>Politische Reaktionen – von Verboten bis Misstrauen</h2> <p>Auch auf der politischen Ebene gibt es klare Warnungen: In den USA wurde TikTok wegen Spionageverdachts beinahe verboten. In der EU hat die Europäische Kommission TikTok auf offiziellen Geräten vieler Behörden untersagt. Die BfDI rät generell von der TikTok-Nutzung auf dienstlich genutzten Geräten ab. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bezeichnete TikTok als “täuschend harmlos” und sprach öffentlich über die Notwendigkeit einer Regulierung. [5]</p> <p>Gleichzeitig ist er aber mit einem offiziellen Kanal auf TikTok präsent. Damit schafft er eine direkte Verbindung zur Öffentlichkeit bei gleichzeitiger Kontrolle über Thema und Präsentation. [6]</p> <p>TikTok kann ein kraftvolles Werkzeug sein, um junge Menschen zu begeistern, die sonst keinen oder <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/herz-kreislauf-erkrankungen-dicke-kinder-kranke-erwachsene/" rel="noopener" target="_blank">wenig Zugang</a> zu Wissenschaft haben. Durch das Erstellen von Inhalten für die chinesische Plattform können wir einen Beitrag zur Kontrolle über die Themen dort leisten.</p> <p>Aber wir müssen ehrlich sein: Die Plattform birgt Risiken – für Datenschutz, für die mentale Gesundheit und für die Art, wie wir lernen und erinnern.</p> <h2>Deshalb meine Tipps:</h2> <ol> <li>Überlegt, mit wem ihr <strong>eure Daten</strong> teilen wollt (und was dann damit potentiell geschehen kann).</li> <li><span>Nutzt TikTok (höchstens) als Einstieg, <strong>als “Appetizer”</strong> für Interesse.</span></li> <li><span>Für vertiefte Inhalte braucht es <strong>andere Formate</strong> – Podcasts, Blogs, Videos mit mehr Tiefe.</span></li> <li><span>Und vor allem: <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/gesundheit-und-heilung-durch-sinn-ja-zu-viktor-frankl-sagen/" rel="noopener" target="_blank"><strong>Bleibt kritisch und bewusst</strong></a> im Umgang mit der Plattform Denn wir sind keine Cyborgs, sondern Menschen.</span></li> <li><span><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/alpen-klimawandel-katastrophen-und-die-konsequenzen/" rel="noopener" target="_blank"><strong>Echte Begegnungen</strong></a>, echte Gespräche und Naturerlebnisse können durch keine App ersetzt werden.</span></li> </ol> <p><strong>Und jetzt du:</strong> Was machst du mit deinem Leben? Nutzt du TikTok? Oder bist du Team “<a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/die-schule-der-einfachheit/" rel="noopener" target="_blank">Ich leb’ noch</a>!” ? Teilt gern eure Erfahrungen in den Kommentaren.</p> <h2>Bonus-Clip: Selbstpräsentation in 60 Sekunden</h2> <p>* Galactic Chloé hat ihre TikTok-Tipps gleich selbst umgesetzt – live bei ihrem Auftritt beim SKWJ-Frühjahrsevent in der Swiss National Science Foundation in Bern. Eine Minute – ein Tag – eine Botschaft, gepostet nicht nur auf TikTok, sonder auch auf YouTube.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/l-ar-te-des-cosmiques-eine-besondere-gratwanderung/" rel="noopener" target="_blank"><strong>So geht Personal Branding</strong></a> – mit starkem Hook, authentischem Vibe und unendlichem Loop.</p> <ul> <li>Wie kommt das bei dir an? Bleibst du bis zum Loop?</li> <li><span>Und was bleibt hängen – nach einer Minute? Einer Stunde? Oder einem Jahr?</span></li> </ul> <figure aria-describedby="caption-attachment-4494" id="attachment_4494"><a href="https://www.youtube.com/shorts/1EvfgNdbHgE" rel="noopener" target="_blank"><img alt="https://www.youtube.com/shorts/1EvfgNdbHgE" decoding="async" height="789" sizes="(max-width: 441px) 100vw, 441px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Galactic-Chloe-bei-SKWJ-Event-22Un-jour-dans-ma-vie22.jpg.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Galactic-Chloe-bei-SKWJ-Event-22Un-jour-dans-ma-vie22.jpg.jpeg 441w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Galactic-Chloe-bei-SKWJ-Event-22Un-jour-dans-ma-vie22.jpg-168x300.jpeg 168w" width="441"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4494"><em>“Un jour dans ma vie” (Ein Tag in meinem Leben) – Galactic Chloé beim SKWJ-Event in Bern</em></figcaption></figure> <h4><strong>Titelbild</strong>:</h4> <p>Die <em>Zytglogge</em> in Bern – sie tickt seit Jahrhunderten. Ob TikTok das auch schaffen wird?<br></br> (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</p> <ol> <li> Die Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit (BfDI). (2024). TikTok – Informationen zum Datenschutz. <a href="https://www.bfdi.bund.de/DE/Buerger/Inhalte/Telemedien/TikTok.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.bfdi.bund.de/DE/Buerger/Inhalte/Telemedien/TikTok.html</a></li> <li>Briggs, D. V., Anastasio, A. T., Bethell, M. A., Taylor, J. R., Richard, M. J., &amp; Klifto, C. S. (2024). How useful is TikTok for patients searching for carpal tunnel syndrome-related treatment exercises? Healthcare, 12(17), 1697. <a href="https://doi.org/10.3390/healthcare12171697" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.3390/healthcare12171697</a></li> <li>Conte, G., Iorio, G. D., Esposito, D., Romano, S., Panvino, F., Maggi, S., Altomonte, B., Casini, M. P., Ferrara, M., &amp; Terrinoni, A. (2025). Scrolling through adolescence: A systematic review of the impact of TikTok on adolescent mental health. European Child &amp; Adolescent Psychiatry, 34(5), 1511–1527. <a href="https://doi.org/10.1007/s00787-024-02581-w" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1007/s00787-024-02581-w</a></li> <li>Jiang, Q., &amp; Ma, L. (2024). Swiping more, thinking less: Using TikTok hinders analytic thinking. Cyberpsychology: Journal of Psychosocial Research on Cyberspace, 18(3), Article 1. <a href="https://doi.org/10.5817/CP2024-3-1" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.5817/CP2024-3-1</a></li> <li><span> Degeling, M. (2025, March 5). Why TikTok’s influence worries Europe—and why Switzerland is not immune. SWI swissinfo.ch. <a href="https://www.swissinfo.ch/eng/climate-solutions/why-tiktoks-influence-worries-europe-and-why-switzerland-is-not-immune/88943489" rel="noopener" target="_blank">https://www.swissinfo.ch/eng/climate-solutions/why-tiktoks-influence-worries-europe-and-why-switzerland-is-not-immune/88943489</a> [Abgerufen am 05. Juni 2025].</span></li> <li><span>Le Monde. (2022, December 8). Macron slams TikTok over ‘addiction’ and censorship. <a href="https://www.lemonde.fr/en/pixels/article/2022/12/08/macron-slams-tiktok-over-addiction-and-censorship_6007053_13.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.lemonde.fr/en/pixels/article/2022/12/08/macron-slams-tiktok-over-addiction-and-censorship_6007053_13.html</a> [Abgerufen am 05. Juni 2025].</span></li> <li><span>Le Monde. (2023, February 12). For Macron’s Jupiterian ambition, TikTok offers direct access to the public. <a href="https://www.lemonde.fr/en/politics/article/2023/02/12/for-macron-s-jupiterian-ambition-tiktok-offers-direct-access-to-the-public_6015463_5.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.lemonde.fr/en/politics/article/2023/02/12/for-macron-s-jupiterian-ambition-tiktok-offers-direct-access-to-the-public_6015463_5.html</a> [Abgerufen am 05. Juni 2025].</span></li> </ol> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/tiktokst-du-oder-lebst-du-noch/#comments 33 AstroGeo Podcast: Vulkanjahr 1783 – als die Laki-Feuer auf Island die Welt veränderten https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-vulkanjahr-1783-als-die-laki-feuer-auf-island-die-welt-veraenderten/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-vulkanjahr-1783-als-die-laki-feuer-auf-island-die-welt-veraenderten/#respond Mon, 02 Jun 2025 11:30:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1695 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag116-1-768x768.jpg Ein schwarzer oder schwarz berußter Berg, aus dessen Spitze glühend rote Fontänen in die Höhe schießen, durch die Bewegungsunschärfe in weiten Bögen. Links darunter ist ein sehr schmutzig grauer Gletscher zu sehen. Der Himmel ist abgesehen von dunkelgrauem Rauch blau. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-vulkanjahr-1783-als-die-laki-feuer-auf-island-die-welt-veraenderten/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag116-1-scaled.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Vulkanjahr 1783 - als die Laki-Feuer auf Island die Welt veränderten » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Am 8. Juni 1783 sieht der Pfarrer Jón Steingrímsson im Süden Islands eine schwarze Wolke über seiner Gemeinde und hört ein fernes Grollen. Es ist der Beginn eines Vulkanausbruchs, der nicht weit von dem Dorf Prestbakki begonnen hat. Dieser Ausbruch wird längst nicht nur die bäuerliche Gesellschaft Islands schwer treffen. Es ist eine Katastrophe, die schon bald globale Ausmaße annimmt und die in weiten Teilen Europas und sogar in Asien zu Missernten führt.</p> <p>Karl erzählt in dieser Folge, wie der naturinteressierte und sprachlich gewandte Pfarrer als Augenzeuge von den Laki-Feuern berichtet, die acht Monate lang wüten und die zu den schwersten Vulkanausbrüchen der Menschheitsgeschichte gehören. Allein in den ersten Wochen bringt die neu entstandene Vulkanspalte sechs Kubikkilometer Lava und Asche an die Oberfläche. Die Lava ergießt sich über Flusstäler in jene Ebene, in der das Dorf Prestbakki liegt. Das glutflüssige Gestein zerstört etliche Höfe. Niedergehende Asche lässt die kargen Weiden verdorren, Tiere durch toxisches Regenwasser zugrunde gehen und führt zu einer mehrjährigen Hungersnot, bei der ein Fünftel der Isländer ums Leben kommt.</p> <p>Aber die Ausmaße der Katastrophe reichen viel weiter: Asche und schwefelhaltige Gase gelangen durch Dampfexplosionen in große Höhen bis in die Stratosphäre, wo sie durch Westwinde binnen weniger Stunden nach Europa gelangt. Hier leiten sie ein Jahr mit schweren Wetterkapriolen ein: Trockener vulkanischer Dampf blockt die Sonnenstrahlung ab, führt zu einer Dürre oder saurem Regen und zu Atembeschwerden bei vielen Menschen.</p> <p>Bei allem Elend von 1783 geht es auch um das Island von heute, wo Vulkanausbrüche zum Alltag gehören. Karl erzählt von seiner Recherchereise in den Südwesten der Insel, wo sich in den letzten vier Jahren ebenfalls große Lavamengen ergossen – allerdings ohne große Rauch- oder Ascheemissionen. Es geht um die modernen Schutzwälle gegen die Lava, um Touristen-Erruptionen – und darum, welche Auswirkungen ein Laki-Feuer in heutiger Zeit hätte.</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 13: <a href="https://astrogeo.de/ag013-islaendische-vulkane/">Isländische Vulkane</a></li> <li>Folge 64: <a href="https://astrogeo.de/tod-im-treibhaus/">Massensterben im Treibhaus</a></li> <li>Folge 86: <a href="https://astrogeo.de/das-ende-der-dinosaurier-massensterben-im-fruehling/">Das Ende der Dinosaurier: Massensterben im Frühling</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%B3n_Steingr%C3%ADmsson">Jón Steingrímsson</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Laki-Krater">Laki-Krater</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kirkjub%C3%A6jarklaustur">Kirkjubæjarklaustur</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pele-Haar">Haar der Pele</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lava#Flutbasalte">Flutbasalt</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mount_St._Helens">Mount St. Helens</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Saurer_Regen">Saurer Regen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Vulkanausbr%C3%BCche_beim_Fagradalsfjall_seit_2021">Vulkanausbrüche beim Fagradalsfjall seit 2021</a></li> <li>DLF: <a href="https://www.deutschlandfunk.de/lavaflut-islands-vulkane-erwachen-100.html">Lavaflut – wie gefährlich sind Islands Vulkane?</a> (Feature von Karl)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Buch: Jón Steingrimsson (Autor), Keneva Kunz (Übersetzer): Fires of the Earth – The Laki Eruption 1783–1784, Nordic Volcanological Institute and the University of Iceland Press, Reykjavík (1998)</li> <li>Fachartikel: Thodarson &amp; Self: <a href="https://dx.doi.org/10.1029/2001JD002042">Atmospheric and environmental effects of the 1783–1784 Laki eruption: A review and reassessment</a>, Journal of Geophysical Research (2003)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1108569108">Schmidt et al.: Excess mortality in Europe following a future Laki-style Icelandic eruption</a>, PNAS (2011)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1029/2018JD029553">Zabri et al.: Modeling the 1783–1784 Laki Eruption in Iceland: 2. Climate Impacts</a>, JGR Atmospheres (2019)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull im Jahr 2010; Quelle <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/1.0/deed.en">CC-BY-SA 1.0</a> David Karnå</em></p> <p><strong>Korrektur:</strong> Im Podcast heißt es, 1783 sei in Europa ein Jahr ohne Sommer gewesen. Das ist nicht korrekt: Der Sommer war ungewöhnlich heiß und trocken, der folgende Winter dagegen ungewöhnlich kalt.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag116-1-scaled.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Vulkanjahr 1783 - als die Laki-Feuer auf Island die Welt veränderten » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Am 8. Juni 1783 sieht der Pfarrer Jón Steingrímsson im Süden Islands eine schwarze Wolke über seiner Gemeinde und hört ein fernes Grollen. Es ist der Beginn eines Vulkanausbruchs, der nicht weit von dem Dorf Prestbakki begonnen hat. Dieser Ausbruch wird längst nicht nur die bäuerliche Gesellschaft Islands schwer treffen. Es ist eine Katastrophe, die schon bald globale Ausmaße annimmt und die in weiten Teilen Europas und sogar in Asien zu Missernten führt.</p> <p>Karl erzählt in dieser Folge, wie der naturinteressierte und sprachlich gewandte Pfarrer als Augenzeuge von den Laki-Feuern berichtet, die acht Monate lang wüten und die zu den schwersten Vulkanausbrüchen der Menschheitsgeschichte gehören. Allein in den ersten Wochen bringt die neu entstandene Vulkanspalte sechs Kubikkilometer Lava und Asche an die Oberfläche. Die Lava ergießt sich über Flusstäler in jene Ebene, in der das Dorf Prestbakki liegt. Das glutflüssige Gestein zerstört etliche Höfe. Niedergehende Asche lässt die kargen Weiden verdorren, Tiere durch toxisches Regenwasser zugrunde gehen und führt zu einer mehrjährigen Hungersnot, bei der ein Fünftel der Isländer ums Leben kommt.</p> <p>Aber die Ausmaße der Katastrophe reichen viel weiter: Asche und schwefelhaltige Gase gelangen durch Dampfexplosionen in große Höhen bis in die Stratosphäre, wo sie durch Westwinde binnen weniger Stunden nach Europa gelangt. Hier leiten sie ein Jahr mit schweren Wetterkapriolen ein: Trockener vulkanischer Dampf blockt die Sonnenstrahlung ab, führt zu einer Dürre oder saurem Regen und zu Atembeschwerden bei vielen Menschen.</p> <p>Bei allem Elend von 1783 geht es auch um das Island von heute, wo Vulkanausbrüche zum Alltag gehören. Karl erzählt von seiner Recherchereise in den Südwesten der Insel, wo sich in den letzten vier Jahren ebenfalls große Lavamengen ergossen – allerdings ohne große Rauch- oder Ascheemissionen. Es geht um die modernen Schutzwälle gegen die Lava, um Touristen-Erruptionen – und darum, welche Auswirkungen ein Laki-Feuer in heutiger Zeit hätte.</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 13: <a href="https://astrogeo.de/ag013-islaendische-vulkane/">Isländische Vulkane</a></li> <li>Folge 64: <a href="https://astrogeo.de/tod-im-treibhaus/">Massensterben im Treibhaus</a></li> <li>Folge 86: <a href="https://astrogeo.de/das-ende-der-dinosaurier-massensterben-im-fruehling/">Das Ende der Dinosaurier: Massensterben im Frühling</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%B3n_Steingr%C3%ADmsson">Jón Steingrímsson</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Laki-Krater">Laki-Krater</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kirkjub%C3%A6jarklaustur">Kirkjubæjarklaustur</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pele-Haar">Haar der Pele</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lava#Flutbasalte">Flutbasalt</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mount_St._Helens">Mount St. Helens</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Saurer_Regen">Saurer Regen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Vulkanausbr%C3%BCche_beim_Fagradalsfjall_seit_2021">Vulkanausbrüche beim Fagradalsfjall seit 2021</a></li> <li>DLF: <a href="https://www.deutschlandfunk.de/lavaflut-islands-vulkane-erwachen-100.html">Lavaflut – wie gefährlich sind Islands Vulkane?</a> (Feature von Karl)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Buch: Jón Steingrimsson (Autor), Keneva Kunz (Übersetzer): Fires of the Earth – The Laki Eruption 1783–1784, Nordic Volcanological Institute and the University of Iceland Press, Reykjavík (1998)</li> <li>Fachartikel: Thodarson &amp; Self: <a href="https://dx.doi.org/10.1029/2001JD002042">Atmospheric and environmental effects of the 1783–1784 Laki eruption: A review and reassessment</a>, Journal of Geophysical Research (2003)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1108569108">Schmidt et al.: Excess mortality in Europe following a future Laki-style Icelandic eruption</a>, PNAS (2011)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1029/2018JD029553">Zabri et al.: Modeling the 1783–1784 Laki Eruption in Iceland: 2. Climate Impacts</a>, JGR Atmospheres (2019)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull im Jahr 2010; Quelle <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/1.0/deed.en">CC-BY-SA 1.0</a> David Karnå</em></p> <p><strong>Korrektur:</strong> Im Podcast heißt es, 1783 sei in Europa ein Jahr ohne Sommer gewesen. Das ist nicht korrekt: Der Sommer war ungewöhnlich heiß und trocken, der folgende Winter dagegen ungewöhnlich kalt.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-vulkanjahr-1783-als-die-laki-feuer-auf-island-die-welt-veraenderten/#respond 0 Der Pedelec-Unfall und was wirklich zählt: Intuition, Verantwortung und Dankbarkeit https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-pedelec-unfall-und-was-wirklich-zaehlt-intuition-verantwortung-und-dankbarkeit/ https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-pedelec-unfall-und-was-wirklich-zaehlt-intuition-verantwortung-und-dankbarkeit/#comments Wed, 28 May 2025 04:48:36 +0000 Karin Schumacher https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/?p=4433 https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_3856-768x512.jpg Der Pedelec-Crash https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-pedelec-unfall-und-was-wirklich-zaehlt-intuition-verantwortung-und-dankbarkeit/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_3856-scaled.jpg" /><h1>Der Pedelec-Unfall und was wirklich zählt: Intuition, Verantwortung und Dankbarkeit » Medicine & More » SciLogs</h1><h2>By Karin Schumacher</h2><div itemprop="text"> <p><strong><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/e8a1fca0329948afb66fb2d273bc0512" width="1"></img>Ein harmloser Frühlingsspaziergang, ein steiler Feldweg – und plötzlich ein Crash. Ein Pedelec-Fahrer verliert die Kontrolle und wird von meinem Arm (und einer halben Brezel) gebremst. Knochenbrüche, Schock, Hubschraubereinsatz. Ein Bericht über Verantwortung im Straßenverkehr, lebensrettende Intuition – und was Psychologie über Schuld, Schutzmechanismen und Dankbarkeit verrät.</strong><span id="more-4433"></span></p> <p>Frühlingszeit – Fahrradzeit. Zeit für Bewegung in der Natur. Frische Luft atmen, CO<sub>2</sub> sparen. Ich gehe einen steilen Feldweg hinab mit einer halben Brezel in der Hand. Plötzlich spüre ich ein Sausen im Rücken: <em>bsss</em>. Intuitiv gehe ich einen Schritt zur Seite. Doch da ist es schon zu spät.</p> <p>Etwas Hartes und Schweres trifft mich. Ich werde zu Boden geschleudert, mein Körper landet mit voller Wucht auf Rasengittersteinen. Der Aufprall ist brutal. Mein Brustkorb wird zusammengepresst wie ein Akkordeon, aus dem jemand gewaltsam die Luft presst.</p> <p>Was war denn das? Unter höllischen Schmerzen denke ich: Lebe ich noch? Zumindest schreie ich laut und kann mich bewegen.</p> <h2>Sekunden, die alles verändern</h2> <p>Zwanzig Meter weiter unten liegt ein Fahrrad. Dahinter ein Mann. Stumm, reglos und ohne Helm. Seine Brille liegt heil im Gras. Meine halbe Brezel ebenfalls. Nur unsere Knochen nicht.</p> <p>Der Pedelec-Unfall ereignete sich auf dem steilen Feldweg. Der Fahrer verlor die Kontrolle, streifte mich und verletzte sich selbst schwer. Anfangs ist er noch ansprechbar, muss dann aber von den glücklicherweise rasch eintreffenden Rettungskräften beatmet und mit dem Helikopter in die Uniklinik gebracht werden.</p> <h2>Schutzengel im Gehirn: Wenn das limbische System übernimmt</h2> <p>Wenn es Schutzengel gibt, waren einige davon an diesem Ort zu dieser Zeit im Einsatz. Meine Jacke ist am Rücken zerfetzt, mein linker Arm ist gebrochen. Nun muss ich vieles mit rechts machen. Die rekordverdächtigen Hämatome verabschieden sich nur äußerst langsam. Doch ich hatte Glück und eine lebensrettende Intuition. Sonst wäre es schlimmer ausgegangen.</p> <p>Ist das nicht faszinierend? Mein Körper reagierte, noch bevor ich verstand, was los war. Ein Sausen und meine früheren Erfahrungen als Mountainbikerin und Ärztin waren sofort präsent. Mein limbisches System übernahm blitzschnell – jener uralte Teil des Gehirns, der für Intuition, Instinkte und emotionale Reaktionen zuständig ist.</p> <p>Neurobiologen nennen das “bottom-up”-Verarbeitung. Die Wahrnehmung erfolgt nicht über rationales Nachdenken, sondern über unser körperlich verankertes,  archaisches Frühwarnsystem. [1] Es funktioniert wie bei einem Hasen, der dem hungrigen Fuchs gerade noch rechtzeitig entwischt und dabei einige Schwanzhaare einbüßt. Nur dass in meinem Fall der Fuchs ein Pedelec-Fahrer war.</p> <p>Weiterführende Einblicke in Intuition, Denksysteme und kognitive Verzerrungen gibt es in diesem aktuellen Artikel von Luisa Sophie Engelke auf dem Nachbarblog “Hirn und Weg”: <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/kognitive-verzerrungen-die-denkfallen-unseres-gehirns/" rel="noopener" target="_blank">Kognitive Verzerrungen – Denkfallen unseres Gehirns.</a></p> <h2>Der Radfahrer war unterwegs “wie immer”</h2> <p>Einige Tage später steht der Mann wieder vor mir. Ein Verband ziert seine linke Schädelhälfte. Eine Woche wurde er in der Klinik behandelt: Felsenbein- und Schlüsselbeinfraktur, leichtere Hirnblutungen und größere Hämatome an verschiedenen Körperteilen. Auf dem linken Ohr ist er nun taub, vielleicht wird das noch besser. Vielleicht auch nicht. Schließlich ist er ungedämpft auf seinen Gehörknöchelchen gelandet.<br></br> Es geht ihm erstaunlich gut, ich bin sichtlich erleichtert. Und staune.<br></br> Über den Pedelec-Unfall sagt er nur:</p> <blockquote><p>“Ich klingle immer vorher. Die Leute weichen dann immer aus. Sie sind doch auch zur Seite gegangen. Der Weg ist halt steil, da wird man eben schnell.”</p></blockquote> <p>Ich schaue ihn an. Seine rote Brille sitzt wieder korrekt auf der Nase. Falls er tatsächlich “wie immer” geklingelt hat, haben es nur er und der Wind gehört. Denn dieser wehte an diesem Tag in die andere Richtung. Gebremst hat er jedenfalls nicht.</p> <p>Vielleicht denkt er wirklich, alles richtig gemacht zu haben?  Wahrscheinlich glaubt er tatsächlich, dass es so war. Warum?</p> <p>Was passiert in uns, wenn wir mit Schuld und Versagen konfrontiert werden? Wir verfügen über einige bewusste und unbewusste Mittel, um unangenehme Wahrheiten zu entschärfen. Psychologen nennen diese Strategien <strong>psychosozialen Abwehrmechanismen.</strong> Manchmal schützen sie uns, doch manchmal hindern sie uns auch daran, aus Fehlern zu lernen oder ein Kapitel unseres Lebens abzuschließen.[2]</p> <h2>Funktionale Abwehrmechanismen</h2> <h3>😂 Humor</h3> <p>Ich muss lachen, wenn ich daran denke: Der Radfahrer kommt vom Erste-Hilfe-Kurs, rast ohne Helm los und wird von meinem Arm und einer halben Brezel gestoppt. Brezel und Brille bleiben heil. Einige Knochen sind kaputt.<br></br> Humor reduziert Stress, fördert Heilung und aktiviert sogar das Immunsystem.</p> <h3>🛟 Altruismus</h3> <p>Ich sprach beruhigend mit ihm, bis die Rettung kam. Erst danach merkte ich, wie verletzt ich war. Anderen helfen hilft auch einem selbst – weil es Sinn stiftet und Schmerzen in den Hintergrund treten lässt. Aber man darf sich dabei nicht selbst vergessen.</p> <h3>💬 Sublimierung</h3> <p>Wut, Trauer, Scham in eine akzeptable Form bringen – z. B. durch Sport, <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-strassenchor-e-v-singen-ist-die-einzige-gesunde-droge/" rel="noopener" target="_blank">Musik</a>, Kunst oder durch Schreiben. Ich schreibe. Nicht nur für mich. Sondern für alle, die daraus lernen können.</p> <h2>Dysfunktionale Abwehrmechanismen</h2> <h3>🫵Projektion</h3> <blockquote><p>“Ich habe doch wie immer geklingelt. Sie sind doch zur Seite gegangen.”</p></blockquote> <p>Er schiebt die Verantwortung für den Pedelec-Unfall auf meine Ohren und Beine – statt sich mit seinem eigenen Verhalten auseinanderzusetzen. Wenn ich ähnlich reagiere, kann der Konflikt eskalieren.</p> <h3>🙊Vermeidung</h3> <p>Nicht darüber sprechen, um Konflikten aus dem Weg zu gehen. Doch der Elefant im Raum wird mit der Zeit größer – bis er alles blockiert.</p> <h3>🤔Rationalisierung</h3> <blockquote><p>“War doch nicht so schlimm. Wir hatten Glück.”</p></blockquote> <p>Aber war es wirklich Glück? Oder war es vermeidbar? Verharmlosung hilft oft nur kurzfristig dem Ego und nicht einer dauerhaften Heilung</p> <h2>Überwindung von Abwehrmechanismen</h2> <p>Regelmäßige Selbstreflexion hilft, eigene Abwehrstrategien zu erkennen und zu hinterfragen. Doch wir alle haben blinde Flecken.<br></br> Dabei helfen:</p> <ul> <li><strong>Freunde</strong> und <strong>Vertraute</strong>, die ehrlich sind</li> <li><strong>Mentoren</strong> oder <strong>Mentorinnen</strong>, <strong>Mediatorinnen</strong> oder <strong>Mediatoren</strong>, die neutral sind</li> <li>Und manchmal sogar <strong>Richterinnen</strong> oder <strong>Richter</strong>, wenn es sein muss<br></br> Doch nicht alles, was legal ist, ist auch gerecht. Nicht jedes Urteil bringt Frieden oder gar Heilung.</li> </ul> <p>Warum fällt es uns so schwer, einen Fehler zuzugeben? Als Erwachsene haben wir es verlernt, Schwäche zu zeigen. Wir haben Angst davor. Doch das Gegenteil ist der Fall: Wer sich entschuldigt, übernimmt Verantwortung. Und das ist stark.</p> <h2>Willy Brandts Kniefall – Entschuldigung auf höchstem Niveau</h2> <p>Wenn ich an eine wirksame Entschuldigung denke, fällt mir sofort Willy Brandt (1913-1992) ein. Am 07. Dezember 1970 sank der damalige Bundeskanzler in Warschau vor dem Denkmal für die jüdischen Helden des Warschauer Ghettoaufstands von 1943 auf die Knie.</p> <p>Es war eine spontane, tief bewegende Geste. Ein Zeichen der Demut und Verantwortung. Auch wer persönlich nicht schuldig ist, kann und muss manchmal sogar Verantwortung übernehmen. Echte Versöhnung beginnt mit Verständnis – nicht mit Rechthaberei.</p> <h2>Demut und Verantwortung</h2> <p>Willy Brands Geste ist von zeitlosem Wert. Wenn viele Individuen Verantwortung systematisch verweigern, entsteht ein kollektives Klima der Verdrängung. Die Nachkriegsgesellschaft war geprägt vom Schweigen und anderen Abwehrstrategien.</p> <p>Doch auch heute gibt es <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-lange-weg-zu-einem-wahren-gesundheitswesen/" rel="noopener" target="_blank">genug Themen</a>, bei denen wir <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/alpen-klimawandel-katastrophen-und-die-konsequenzen/" rel="noopener" target="_blank">lieber weg-</a> als hinschauen. Dadurch geht das <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/zwei-pferde-%d0%b4%d0%b2%d0%b5-%d0%bb%d0%be%d1%88%d0%b0%d0%b4%d0%b8-tolstois-fabel-ueber-fleiss-und-faulheit/" rel="noopener" target="_blank">Unrecht</a> aber nicht weg. <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/herz-kreislauf-erkrankungen-dicke-kinder-kranke-erwachsene/" rel="noopener" target="_blank">Es verlagert sich nur</a> und treibt dann unbewusst sein Unwesen weiter.<br></br> Wie viel Verantwortung kann man selbst übernehmen? Wie kann man sich <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/gesundheit-und-heilung-durch-sinn-ja-zu-viktor-frankl-sagen/" rel="noopener" target="_blank">verhalten</a> – in kleinerem Maßstab, aber mit ähnlicher Wirkung?</p> <p>Vergebung ermöglicht es den Betroffenen abzuschließen. Gerade für Opfer ist es wichtig, dass sie auch ohne Entschuldigung vergeben – denn oft müssen sie das.<br></br> Der innere Frieden ist wichtiger als die Reue des anderen. Vergebung ist Selbstermächtigung: Ich lasse los, weil ich leben will – nicht, weil du es verdient hast.<br></br> Es ist eine enorme seelische Kraftanstrengung, die ein gutes soziales Netzwerk und oft auch professionelle Hilfe braucht. Doch es lohnt sich.</p> <p>Der Abschluss unvollständiger Geschichten ist wichtig zum Weiterleben. Dabei bedeutet Vergeben nicht Vergessen.</p> <p>Die russische Psychologin Bluma Zeigarnik (1901-1988) entdeckte 1927 ein Phänomen, das später nach ihr als Zaigarnik-Effekt benannt wurde. [3] Nicht abgeschlossene Aufgaben spuken in unserem Kopf herum wie das unverdaute Gras in den Mägen einer wiederkäuenden Kuh. Erst wenn wir abschließen können, werden wir frei für Neues.</p> <p>Die Werbung nutzt diesen Effekt als “Cliffhanger”, um Kunden zum Kauf anzureizen. Jedes unbefriedigte Verlangen wirkt im Kopf, wie an einer 30 Meter hohen Felswand zu hängen. Wir können erst loslassen, wenn wir die Lösung haben – sei es ein Fahrradhelm oder funktionierende Bremsen.</p> <p>Trotz allem bin ich dankbar. Für mein Leben. Für meine Schutzengel. Für die Menschen die geholfen haben und helfen. Und für das, was ich daraus gelernt habe und lerne.</p> <blockquote><p>“Die gesündeste aller menschlichen Emotionen ist Dankbarkeit”,</p></blockquote> <p>schrieb Hans Selye (1907-1982). Der österreich-ungarisch/ kanadische Mediziner gilt als der Vater der Stressforschung. Dankbarkeit kann als Spiegelbild für die psychische Gesundheit angesehen werden. Sie macht nicht nur glücklich, sondern auch gesund. Zahlreiche Studien konnten dies in den letzten Jahren immer wieder auch wissenschaftlich belegen. Aufrichtige Dankbarkeit ist eine wunderbare Anerkennung und Wertschätzung. [4]</p> <p>Für die russisch-französische Psychologin Anne Ancelin Schützenberger (1919 – 2018) galt Achtsamkeit und die aktive Wahrnehmung der kleinen Freuden des Lebens als wirksames Glücksrezept.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/vier-kleine-freuden-pro-tag-und-eine-spritze-zufall/" rel="noopener" target="_blank"><strong><span>Ihre Empfehlung: Vier kleine Freuden pro Tag – bewusst wahrnehmen und aufschreiben.</span></strong></a></p> <p>Trotz einiger Stürme und Herausforderungen in ihrem Leben wurde sie damit glücklich fast 100 Jahre alt.</p> <p>Was hat mir heute Freude bereitet? Was kann mir morgen Freude bereiten? Das Führen von Dankbarkeitstagebüchern und die dadurch gelebte Achtsamkeit und Dankbarkeit fördern gesunde Copingstrategien und ein erfolgreiches Stressmanagement.</p> <p>Mir fällt es leicht, vier Freuden pro Tag zu finden. Eine lustige Spatzenfamilie, ein Lächeln, Zeit zum Schreiben, wenn auch mit Pausen (der Musikantenknochen macht sich noch immer bemerkbar).<br></br> Eine Packung Kekse von einem Freund, der sich für das Ausleihen eines Führers über das <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/l-ar-te-des-cosmiques-eine-besondere-gratwanderung/" rel="noopener" target="_blank">Mont-Blanc-Massiv</a> bedankt. Ich brauche ihn ja momentan nicht. Ein süßer Trost, trotz allem.</p> <h2>Und der Pedelec-Fahrer?</h2> <p>Er hat sich für die rasche Hilfe bedankt. Für den Pedelec-Unfall hat er sich dagegen nicht entschuldigt. Einen Helm will er weiterhin nicht tragen. Schließlich kenne er jemanden, der sich trotz Helm schwer verletzt hätte.<br></br> Ich bin jedenfalls froh, dass ich nicht in seiner Haut stecke.<br></br> Vielleicht schenkt ihm seine Frau einen Helm. Rot und stylisch. Passend zur Brille. Vielleicht auch nicht.</p> <p>Moderne Pedelecs, E-Bikes und E-Scooter sind schnell, leise und schwer. Sie bringen Freiheit, aber auch Verantwortung. Besonders auf Wegen, auf denen auch Fußgänger unterwegs sind.<br></br> Daher:</p> <ul> <li>Tragt <strong>Helme</strong>. Sie senken das Risiko schwerer Kopfverletzungen um über 60% [5]</li> <li>Seid <strong>achtsam</strong>: Haltet Blickkontakt, bevor ihr überholt.</li> <li><strong>Bremst</strong> rechtzeitig.</li> <li>Nehmt <strong>Rücksicht</strong> – sie rettet Leben.</li> <li>Und wenn mal etwas schiefläuft: <strong>Verzeiht</strong> und <strong>vergebt</strong>, aber vergesst nicht, sondern <strong>lernt</strong> daraus!</li> </ul> <h2>FAQ: Was viele zum Thema Pedelec-Unfälle wissen wollen</h2> <h3>🚲Was ist der Unterschied zwischen E-Bike und Pedelec?</h3> <p>Ein Pedelec (Pedal Electric Cycle) unterstützt nur beim Treten bis maximal 25 km/h. Ein E-Bike kann auch ohne Treten fahren, ist oft schneller und benötigt Zulassung sowie ein Kennzeichen. Ein S-Pedelec (Schnell-Pedelec) unterstützt bis zu 45 km/h, gilt als Kleinkraftrad und erfordert Führerschein, Versicherung, Helmpflicht und Zulassung.</p> <h3>⛑️Sind Fahrradhelme bei Pedelecs Pflicht?</h3> <p>Für Erwachsene besteht in Deutschland keine Helmpflicht bei normalen Fahrrädern und Pedelecs. Für E-Bikes und S-Pedelecs hingegen gilt Helmpflicht. Doch wer seinen Körper liebt, sollte den Kopf mit einem Helm schützen. Helme senken das Risiko schwerer Kopfverletzungen erheblich. [5]</p> <h3>👩‍⚖️Wer haftet bei einem Pedelec-Unfall?</h3> <p>In der Regel haftet die private Haftpflichtversicherung des Unfallverursachenden – sofern vorhanden. Pedelec-Fahrende tragen eine besondere Verantwortung im Straßenverkehr, vor allem gegenüber Fußgängern und Fußgängerinnen auf gemischten Wegen.</p> <h3>👮‍♀️Was sagt die Polizei zu unserem Fall?</h3> <p>Die Polizei stellte fest, dass der Fahrer die alleinige Schuld trägt. Der Pedelec-Unfall wurde aufgenommen und der Vorgang weitergegeben.<br></br> Als betroffene Fußgängerin könnte ich innerhalb von drei Monaten einen Strafantrag stellen. Das habe ich bislang nicht getan. Denn ich habe mich fürs <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-wesir-abdul-%d0%b2%d0%b8%d0%b7%d0%b8%d1%80%d1%8c-%d0%b0%d0%b1%d0%b4%d1%83%d0%bb-maerchen-von-leo-tolstoi/" rel="noopener" target="_blank">Vergeben</a> statt fürs Verklagen entschieden.</p> <ol> <li>LeDoux, J. E. (1996). The emotional brain: The mysterious underpinnings of emotional life. New York, NY: Simon &amp; Schuster.</li> <li>Freud, S. (1911). Die Verdrängung. In S. Freud, Gesammelte Werke (Bd. 12). Frankfurt am Main: S. Fischer.</li> <li><span>Zeigarnik, B. (1927). Über das Behalten erledigter und unerledigter Handlungen. Psychologische Forschung, 9(1), 1–85. <a href="https://doi.org/10.1007/BF00410401" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1007/BF00410401</a></span></li> <li><span>Lubik, N., &amp; Gräf, M. (2023). Die Kraft der Dankbarkeit: Eine experimentelle Längsschnittstudie zum Einfluss von Dankbarkeitstagebüchern auf Achtsamkeit, Coping und Stress (Arbeitspapier Nr. 87). FOM Hochschule für Oekonomie &amp; Management. <a href="https://forschung.fom.de/fileadmin/fom/forschung/arbeitspapiere/Arbeitspapiere-der-FOM/FOM-Forschung-Arbeitspapiere-87-Lubik-Graef-Kraft-der-Dankbarkeit-2023.pdf" rel="noopener" target="_blank">https://forschung.fom.de/fileadmin/fom/forschung/arbeitspapiere/Arbeitspapiere-der-FOM/FOM-Forschung-Arbeitspapiere-87-Lubik-Graef-Kraft-der-Dankbarkeit-2023.pdf</a></span></li> <li><span>Thompson, D. C., Rivara, F. P., &amp; Thompson, R. S. (1989). A case-control study of the effectiveness of bicycle safety helmets. New England Journal of Medicine, 320(21), 1361–1367. <a href="https://doi.org/10.1056/NEJM198905253202101" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1056/NEJM198905253202101</a></span></li> </ol> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_3856-scaled.jpg" /><h1>Der Pedelec-Unfall und was wirklich zählt: Intuition, Verantwortung und Dankbarkeit » Medicine & More » SciLogs</h1><h2>By Karin Schumacher</h2><div itemprop="text"> <p><strong><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/e8a1fca0329948afb66fb2d273bc0512" width="1"></img>Ein harmloser Frühlingsspaziergang, ein steiler Feldweg – und plötzlich ein Crash. Ein Pedelec-Fahrer verliert die Kontrolle und wird von meinem Arm (und einer halben Brezel) gebremst. Knochenbrüche, Schock, Hubschraubereinsatz. Ein Bericht über Verantwortung im Straßenverkehr, lebensrettende Intuition – und was Psychologie über Schuld, Schutzmechanismen und Dankbarkeit verrät.</strong><span id="more-4433"></span></p> <p>Frühlingszeit – Fahrradzeit. Zeit für Bewegung in der Natur. Frische Luft atmen, CO<sub>2</sub> sparen. Ich gehe einen steilen Feldweg hinab mit einer halben Brezel in der Hand. Plötzlich spüre ich ein Sausen im Rücken: <em>bsss</em>. Intuitiv gehe ich einen Schritt zur Seite. Doch da ist es schon zu spät.</p> <p>Etwas Hartes und Schweres trifft mich. Ich werde zu Boden geschleudert, mein Körper landet mit voller Wucht auf Rasengittersteinen. Der Aufprall ist brutal. Mein Brustkorb wird zusammengepresst wie ein Akkordeon, aus dem jemand gewaltsam die Luft presst.</p> <p>Was war denn das? Unter höllischen Schmerzen denke ich: Lebe ich noch? Zumindest schreie ich laut und kann mich bewegen.</p> <h2>Sekunden, die alles verändern</h2> <p>Zwanzig Meter weiter unten liegt ein Fahrrad. Dahinter ein Mann. Stumm, reglos und ohne Helm. Seine Brille liegt heil im Gras. Meine halbe Brezel ebenfalls. Nur unsere Knochen nicht.</p> <p>Der Pedelec-Unfall ereignete sich auf dem steilen Feldweg. Der Fahrer verlor die Kontrolle, streifte mich und verletzte sich selbst schwer. Anfangs ist er noch ansprechbar, muss dann aber von den glücklicherweise rasch eintreffenden Rettungskräften beatmet und mit dem Helikopter in die Uniklinik gebracht werden.</p> <h2>Schutzengel im Gehirn: Wenn das limbische System übernimmt</h2> <p>Wenn es Schutzengel gibt, waren einige davon an diesem Ort zu dieser Zeit im Einsatz. Meine Jacke ist am Rücken zerfetzt, mein linker Arm ist gebrochen. Nun muss ich vieles mit rechts machen. Die rekordverdächtigen Hämatome verabschieden sich nur äußerst langsam. Doch ich hatte Glück und eine lebensrettende Intuition. Sonst wäre es schlimmer ausgegangen.</p> <p>Ist das nicht faszinierend? Mein Körper reagierte, noch bevor ich verstand, was los war. Ein Sausen und meine früheren Erfahrungen als Mountainbikerin und Ärztin waren sofort präsent. Mein limbisches System übernahm blitzschnell – jener uralte Teil des Gehirns, der für Intuition, Instinkte und emotionale Reaktionen zuständig ist.</p> <p>Neurobiologen nennen das “bottom-up”-Verarbeitung. Die Wahrnehmung erfolgt nicht über rationales Nachdenken, sondern über unser körperlich verankertes,  archaisches Frühwarnsystem. [1] Es funktioniert wie bei einem Hasen, der dem hungrigen Fuchs gerade noch rechtzeitig entwischt und dabei einige Schwanzhaare einbüßt. Nur dass in meinem Fall der Fuchs ein Pedelec-Fahrer war.</p> <p>Weiterführende Einblicke in Intuition, Denksysteme und kognitive Verzerrungen gibt es in diesem aktuellen Artikel von Luisa Sophie Engelke auf dem Nachbarblog “Hirn und Weg”: <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/kognitive-verzerrungen-die-denkfallen-unseres-gehirns/" rel="noopener" target="_blank">Kognitive Verzerrungen – Denkfallen unseres Gehirns.</a></p> <h2>Der Radfahrer war unterwegs “wie immer”</h2> <p>Einige Tage später steht der Mann wieder vor mir. Ein Verband ziert seine linke Schädelhälfte. Eine Woche wurde er in der Klinik behandelt: Felsenbein- und Schlüsselbeinfraktur, leichtere Hirnblutungen und größere Hämatome an verschiedenen Körperteilen. Auf dem linken Ohr ist er nun taub, vielleicht wird das noch besser. Vielleicht auch nicht. Schließlich ist er ungedämpft auf seinen Gehörknöchelchen gelandet.<br></br> Es geht ihm erstaunlich gut, ich bin sichtlich erleichtert. Und staune.<br></br> Über den Pedelec-Unfall sagt er nur:</p> <blockquote><p>“Ich klingle immer vorher. Die Leute weichen dann immer aus. Sie sind doch auch zur Seite gegangen. Der Weg ist halt steil, da wird man eben schnell.”</p></blockquote> <p>Ich schaue ihn an. Seine rote Brille sitzt wieder korrekt auf der Nase. Falls er tatsächlich “wie immer” geklingelt hat, haben es nur er und der Wind gehört. Denn dieser wehte an diesem Tag in die andere Richtung. Gebremst hat er jedenfalls nicht.</p> <p>Vielleicht denkt er wirklich, alles richtig gemacht zu haben?  Wahrscheinlich glaubt er tatsächlich, dass es so war. Warum?</p> <p>Was passiert in uns, wenn wir mit Schuld und Versagen konfrontiert werden? Wir verfügen über einige bewusste und unbewusste Mittel, um unangenehme Wahrheiten zu entschärfen. Psychologen nennen diese Strategien <strong>psychosozialen Abwehrmechanismen.</strong> Manchmal schützen sie uns, doch manchmal hindern sie uns auch daran, aus Fehlern zu lernen oder ein Kapitel unseres Lebens abzuschließen.[2]</p> <h2>Funktionale Abwehrmechanismen</h2> <h3>😂 Humor</h3> <p>Ich muss lachen, wenn ich daran denke: Der Radfahrer kommt vom Erste-Hilfe-Kurs, rast ohne Helm los und wird von meinem Arm und einer halben Brezel gestoppt. Brezel und Brille bleiben heil. Einige Knochen sind kaputt.<br></br> Humor reduziert Stress, fördert Heilung und aktiviert sogar das Immunsystem.</p> <h3>🛟 Altruismus</h3> <p>Ich sprach beruhigend mit ihm, bis die Rettung kam. Erst danach merkte ich, wie verletzt ich war. Anderen helfen hilft auch einem selbst – weil es Sinn stiftet und Schmerzen in den Hintergrund treten lässt. Aber man darf sich dabei nicht selbst vergessen.</p> <h3>💬 Sublimierung</h3> <p>Wut, Trauer, Scham in eine akzeptable Form bringen – z. B. durch Sport, <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-strassenchor-e-v-singen-ist-die-einzige-gesunde-droge/" rel="noopener" target="_blank">Musik</a>, Kunst oder durch Schreiben. Ich schreibe. Nicht nur für mich. Sondern für alle, die daraus lernen können.</p> <h2>Dysfunktionale Abwehrmechanismen</h2> <h3>🫵Projektion</h3> <blockquote><p>“Ich habe doch wie immer geklingelt. Sie sind doch zur Seite gegangen.”</p></blockquote> <p>Er schiebt die Verantwortung für den Pedelec-Unfall auf meine Ohren und Beine – statt sich mit seinem eigenen Verhalten auseinanderzusetzen. Wenn ich ähnlich reagiere, kann der Konflikt eskalieren.</p> <h3>🙊Vermeidung</h3> <p>Nicht darüber sprechen, um Konflikten aus dem Weg zu gehen. Doch der Elefant im Raum wird mit der Zeit größer – bis er alles blockiert.</p> <h3>🤔Rationalisierung</h3> <blockquote><p>“War doch nicht so schlimm. Wir hatten Glück.”</p></blockquote> <p>Aber war es wirklich Glück? Oder war es vermeidbar? Verharmlosung hilft oft nur kurzfristig dem Ego und nicht einer dauerhaften Heilung</p> <h2>Überwindung von Abwehrmechanismen</h2> <p>Regelmäßige Selbstreflexion hilft, eigene Abwehrstrategien zu erkennen und zu hinterfragen. Doch wir alle haben blinde Flecken.<br></br> Dabei helfen:</p> <ul> <li><strong>Freunde</strong> und <strong>Vertraute</strong>, die ehrlich sind</li> <li><strong>Mentoren</strong> oder <strong>Mentorinnen</strong>, <strong>Mediatorinnen</strong> oder <strong>Mediatoren</strong>, die neutral sind</li> <li>Und manchmal sogar <strong>Richterinnen</strong> oder <strong>Richter</strong>, wenn es sein muss<br></br> Doch nicht alles, was legal ist, ist auch gerecht. Nicht jedes Urteil bringt Frieden oder gar Heilung.</li> </ul> <p>Warum fällt es uns so schwer, einen Fehler zuzugeben? Als Erwachsene haben wir es verlernt, Schwäche zu zeigen. Wir haben Angst davor. Doch das Gegenteil ist der Fall: Wer sich entschuldigt, übernimmt Verantwortung. Und das ist stark.</p> <h2>Willy Brandts Kniefall – Entschuldigung auf höchstem Niveau</h2> <p>Wenn ich an eine wirksame Entschuldigung denke, fällt mir sofort Willy Brandt (1913-1992) ein. Am 07. Dezember 1970 sank der damalige Bundeskanzler in Warschau vor dem Denkmal für die jüdischen Helden des Warschauer Ghettoaufstands von 1943 auf die Knie.</p> <p>Es war eine spontane, tief bewegende Geste. Ein Zeichen der Demut und Verantwortung. Auch wer persönlich nicht schuldig ist, kann und muss manchmal sogar Verantwortung übernehmen. Echte Versöhnung beginnt mit Verständnis – nicht mit Rechthaberei.</p> <h2>Demut und Verantwortung</h2> <p>Willy Brands Geste ist von zeitlosem Wert. Wenn viele Individuen Verantwortung systematisch verweigern, entsteht ein kollektives Klima der Verdrängung. Die Nachkriegsgesellschaft war geprägt vom Schweigen und anderen Abwehrstrategien.</p> <p>Doch auch heute gibt es <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-lange-weg-zu-einem-wahren-gesundheitswesen/" rel="noopener" target="_blank">genug Themen</a>, bei denen wir <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/alpen-klimawandel-katastrophen-und-die-konsequenzen/" rel="noopener" target="_blank">lieber weg-</a> als hinschauen. Dadurch geht das <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/zwei-pferde-%d0%b4%d0%b2%d0%b5-%d0%bb%d0%be%d1%88%d0%b0%d0%b4%d0%b8-tolstois-fabel-ueber-fleiss-und-faulheit/" rel="noopener" target="_blank">Unrecht</a> aber nicht weg. <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/herz-kreislauf-erkrankungen-dicke-kinder-kranke-erwachsene/" rel="noopener" target="_blank">Es verlagert sich nur</a> und treibt dann unbewusst sein Unwesen weiter.<br></br> Wie viel Verantwortung kann man selbst übernehmen? Wie kann man sich <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/gesundheit-und-heilung-durch-sinn-ja-zu-viktor-frankl-sagen/" rel="noopener" target="_blank">verhalten</a> – in kleinerem Maßstab, aber mit ähnlicher Wirkung?</p> <p>Vergebung ermöglicht es den Betroffenen abzuschließen. Gerade für Opfer ist es wichtig, dass sie auch ohne Entschuldigung vergeben – denn oft müssen sie das.<br></br> Der innere Frieden ist wichtiger als die Reue des anderen. Vergebung ist Selbstermächtigung: Ich lasse los, weil ich leben will – nicht, weil du es verdient hast.<br></br> Es ist eine enorme seelische Kraftanstrengung, die ein gutes soziales Netzwerk und oft auch professionelle Hilfe braucht. Doch es lohnt sich.</p> <p>Der Abschluss unvollständiger Geschichten ist wichtig zum Weiterleben. Dabei bedeutet Vergeben nicht Vergessen.</p> <p>Die russische Psychologin Bluma Zeigarnik (1901-1988) entdeckte 1927 ein Phänomen, das später nach ihr als Zaigarnik-Effekt benannt wurde. [3] Nicht abgeschlossene Aufgaben spuken in unserem Kopf herum wie das unverdaute Gras in den Mägen einer wiederkäuenden Kuh. Erst wenn wir abschließen können, werden wir frei für Neues.</p> <p>Die Werbung nutzt diesen Effekt als “Cliffhanger”, um Kunden zum Kauf anzureizen. Jedes unbefriedigte Verlangen wirkt im Kopf, wie an einer 30 Meter hohen Felswand zu hängen. Wir können erst loslassen, wenn wir die Lösung haben – sei es ein Fahrradhelm oder funktionierende Bremsen.</p> <p>Trotz allem bin ich dankbar. Für mein Leben. Für meine Schutzengel. Für die Menschen die geholfen haben und helfen. Und für das, was ich daraus gelernt habe und lerne.</p> <blockquote><p>“Die gesündeste aller menschlichen Emotionen ist Dankbarkeit”,</p></blockquote> <p>schrieb Hans Selye (1907-1982). Der österreich-ungarisch/ kanadische Mediziner gilt als der Vater der Stressforschung. Dankbarkeit kann als Spiegelbild für die psychische Gesundheit angesehen werden. Sie macht nicht nur glücklich, sondern auch gesund. Zahlreiche Studien konnten dies in den letzten Jahren immer wieder auch wissenschaftlich belegen. Aufrichtige Dankbarkeit ist eine wunderbare Anerkennung und Wertschätzung. [4]</p> <p>Für die russisch-französische Psychologin Anne Ancelin Schützenberger (1919 – 2018) galt Achtsamkeit und die aktive Wahrnehmung der kleinen Freuden des Lebens als wirksames Glücksrezept.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/vier-kleine-freuden-pro-tag-und-eine-spritze-zufall/" rel="noopener" target="_blank"><strong><span>Ihre Empfehlung: Vier kleine Freuden pro Tag – bewusst wahrnehmen und aufschreiben.</span></strong></a></p> <p>Trotz einiger Stürme und Herausforderungen in ihrem Leben wurde sie damit glücklich fast 100 Jahre alt.</p> <p>Was hat mir heute Freude bereitet? Was kann mir morgen Freude bereiten? Das Führen von Dankbarkeitstagebüchern und die dadurch gelebte Achtsamkeit und Dankbarkeit fördern gesunde Copingstrategien und ein erfolgreiches Stressmanagement.</p> <p>Mir fällt es leicht, vier Freuden pro Tag zu finden. Eine lustige Spatzenfamilie, ein Lächeln, Zeit zum Schreiben, wenn auch mit Pausen (der Musikantenknochen macht sich noch immer bemerkbar).<br></br> Eine Packung Kekse von einem Freund, der sich für das Ausleihen eines Führers über das <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/l-ar-te-des-cosmiques-eine-besondere-gratwanderung/" rel="noopener" target="_blank">Mont-Blanc-Massiv</a> bedankt. Ich brauche ihn ja momentan nicht. Ein süßer Trost, trotz allem.</p> <h2>Und der Pedelec-Fahrer?</h2> <p>Er hat sich für die rasche Hilfe bedankt. Für den Pedelec-Unfall hat er sich dagegen nicht entschuldigt. Einen Helm will er weiterhin nicht tragen. Schließlich kenne er jemanden, der sich trotz Helm schwer verletzt hätte.<br></br> Ich bin jedenfalls froh, dass ich nicht in seiner Haut stecke.<br></br> Vielleicht schenkt ihm seine Frau einen Helm. Rot und stylisch. Passend zur Brille. Vielleicht auch nicht.</p> <p>Moderne Pedelecs, E-Bikes und E-Scooter sind schnell, leise und schwer. Sie bringen Freiheit, aber auch Verantwortung. Besonders auf Wegen, auf denen auch Fußgänger unterwegs sind.<br></br> Daher:</p> <ul> <li>Tragt <strong>Helme</strong>. Sie senken das Risiko schwerer Kopfverletzungen um über 60% [5]</li> <li>Seid <strong>achtsam</strong>: Haltet Blickkontakt, bevor ihr überholt.</li> <li><strong>Bremst</strong> rechtzeitig.</li> <li>Nehmt <strong>Rücksicht</strong> – sie rettet Leben.</li> <li>Und wenn mal etwas schiefläuft: <strong>Verzeiht</strong> und <strong>vergebt</strong>, aber vergesst nicht, sondern <strong>lernt</strong> daraus!</li> </ul> <h2>FAQ: Was viele zum Thema Pedelec-Unfälle wissen wollen</h2> <h3>🚲Was ist der Unterschied zwischen E-Bike und Pedelec?</h3> <p>Ein Pedelec (Pedal Electric Cycle) unterstützt nur beim Treten bis maximal 25 km/h. Ein E-Bike kann auch ohne Treten fahren, ist oft schneller und benötigt Zulassung sowie ein Kennzeichen. Ein S-Pedelec (Schnell-Pedelec) unterstützt bis zu 45 km/h, gilt als Kleinkraftrad und erfordert Führerschein, Versicherung, Helmpflicht und Zulassung.</p> <h3>⛑️Sind Fahrradhelme bei Pedelecs Pflicht?</h3> <p>Für Erwachsene besteht in Deutschland keine Helmpflicht bei normalen Fahrrädern und Pedelecs. Für E-Bikes und S-Pedelecs hingegen gilt Helmpflicht. Doch wer seinen Körper liebt, sollte den Kopf mit einem Helm schützen. Helme senken das Risiko schwerer Kopfverletzungen erheblich. [5]</p> <h3>👩‍⚖️Wer haftet bei einem Pedelec-Unfall?</h3> <p>In der Regel haftet die private Haftpflichtversicherung des Unfallverursachenden – sofern vorhanden. Pedelec-Fahrende tragen eine besondere Verantwortung im Straßenverkehr, vor allem gegenüber Fußgängern und Fußgängerinnen auf gemischten Wegen.</p> <h3>👮‍♀️Was sagt die Polizei zu unserem Fall?</h3> <p>Die Polizei stellte fest, dass der Fahrer die alleinige Schuld trägt. Der Pedelec-Unfall wurde aufgenommen und der Vorgang weitergegeben.<br></br> Als betroffene Fußgängerin könnte ich innerhalb von drei Monaten einen Strafantrag stellen. Das habe ich bislang nicht getan. Denn ich habe mich fürs <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-wesir-abdul-%d0%b2%d0%b8%d0%b7%d0%b8%d1%80%d1%8c-%d0%b0%d0%b1%d0%b4%d1%83%d0%bb-maerchen-von-leo-tolstoi/" rel="noopener" target="_blank">Vergeben</a> statt fürs Verklagen entschieden.</p> <ol> <li>LeDoux, J. E. (1996). The emotional brain: The mysterious underpinnings of emotional life. New York, NY: Simon &amp; Schuster.</li> <li>Freud, S. (1911). Die Verdrängung. In S. Freud, Gesammelte Werke (Bd. 12). Frankfurt am Main: S. Fischer.</li> <li><span>Zeigarnik, B. (1927). Über das Behalten erledigter und unerledigter Handlungen. Psychologische Forschung, 9(1), 1–85. <a href="https://doi.org/10.1007/BF00410401" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1007/BF00410401</a></span></li> <li><span>Lubik, N., &amp; Gräf, M. (2023). Die Kraft der Dankbarkeit: Eine experimentelle Längsschnittstudie zum Einfluss von Dankbarkeitstagebüchern auf Achtsamkeit, Coping und Stress (Arbeitspapier Nr. 87). FOM Hochschule für Oekonomie &amp; Management. <a href="https://forschung.fom.de/fileadmin/fom/forschung/arbeitspapiere/Arbeitspapiere-der-FOM/FOM-Forschung-Arbeitspapiere-87-Lubik-Graef-Kraft-der-Dankbarkeit-2023.pdf" rel="noopener" target="_blank">https://forschung.fom.de/fileadmin/fom/forschung/arbeitspapiere/Arbeitspapiere-der-FOM/FOM-Forschung-Arbeitspapiere-87-Lubik-Graef-Kraft-der-Dankbarkeit-2023.pdf</a></span></li> <li><span>Thompson, D. C., Rivara, F. P., &amp; Thompson, R. S. (1989). A case-control study of the effectiveness of bicycle safety helmets. New England Journal of Medicine, 320(21), 1361–1367. <a href="https://doi.org/10.1056/NEJM198905253202101" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1056/NEJM198905253202101</a></span></li> </ol> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-pedelec-unfall-und-was-wirklich-zaehlt-intuition-verantwortung-und-dankbarkeit/#comments 26 Zwischen Algorithmus und Empathie: Wie KI die Psychotherapie verändert – und wo sie scheitert https://scilogs.spektrum.de/marlenes-medizinkiste/zwischen-algorithmus-und-empathie/ https://scilogs.spektrum.de/marlenes-medizinkiste/zwischen-algorithmus-und-empathie/#comments Sun, 18 May 2025 10:31:43 +0000 Marlene Heckl https://scilogs.spektrum.de/marlenes-medizinkiste/?p=1673 https://scilogs.spektrum.de/marlenes-medizinkiste/files/ki-psychotherapie-768x432.png <link>https://scilogs.spektrum.de/marlenes-medizinkiste/zwischen-algorithmus-und-empathie/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/marlenes-medizinkiste/files/ki-psychotherapie.png" /><h1>Was heute schon möglich ist</h1><h2>By Marlene Heckl</h2><div itemprop="text"> <p><em>Digitale Avatare, Chatbots und präventive KI-Systeme sollen die Psychotherapie entlasten und verbessern. Doch was leisten sie wirklich – und wo bleibt der Mensch in der digitalen Behandlung?</em></p> <p>Es beginnt mit einer simplen Textnachricht. „Wie fühlst du dich gerade?“ – am Bildschirm erscheint die Frage in nüchternem Grau. Am anderen Ende: keine menschliche Stimme, keine warme Hand, kein Raum mit Sofa. Nur ein Chatbot. Doch die Antwort ist überraschend empathisch, fast zugewandt. Worte, wie man sie auch von einem echten Therapeuten erwarten würde.</p> <p>Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction klang, ist heute Realität: Künstliche Intelligenz (KI) dringt immer weiter in Bereiche vor, die bislang als zutiefst menschlich galten – darunter auch die Psychotherapie. In einer Welt, in der Wartezeiten auf Therapieplätze Monate dauern und psychische Erkrankungen rasant zunehmen, scheint die Idee verlockend: digitale Helfer, verfügbar rund um die Uhr, standardisiert, lernfähig – und niemals erschöpft.</p> <p>Doch kann eine Maschine wirklich helfen, wenn es um Verletzlichkeit, Angst oder tief verwurzelte Traumata geht? Kann KI zuhören, verstehen, Halt geben? Und vor allem: Welche Rolle kann – und sollte – sie in der Therapie der Zukunft überhaupt spielen?</p> <p>Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der psychischen Gesundheitsversorgung wirft große Fragen auf. Fragen, die weit über Technik hinausgehen. Sie berühren ethische, gesellschaftliche und zutiefst persönliche Dimensionen. Und sie verlangen nach einer Antwort, bevor sich der Fortschritt verselbständigt.</p> <p><strong>Status quo: KI in der Psychotherapie – ein zögerlicher Anfang</strong></p> <p>In Deutschland steckt der Einsatz Künstlicher Intelligenz in der Psychotherapie noch in den Kinderschuhen. Zwar ist „KI“ längst zu einem Schlagwort im Gesundheitswesen geworden, doch hinter dem Begriff verbirgt sich ein weites Spektrum – von einfachen regelbasierten Algorithmen bis hin zu komplexen lernenden Systemen. Letztere, etwa sogenannte Large Language Models (LLMs), verfügen über beeindruckende sprachliche Fähigkeiten und eröffnen neue Möglichkeiten der Mensch-Maschine-Kommunikation. In der therapeutischen Praxis sind sie bisher jedoch kaum anzutreffen.</p> <p>Stattdessen dominieren bislang einfache digitale Gesundheitsanwendungen, die etwa auf Basis fester Entscheidungsregeln therapeutische Inhalte personalisieren. Diese Programme helfen dabei, Übungen aus der Verhaltenstherapie strukturiert zu vermitteln oder administrative Abläufe zu begleiten. Doch mit „echter“ Künstlicher Intelligenz, wie sie aus dem Bereich des maschinellen Lernens oder der generativen Sprachmodelle bekannt ist, haben diese Systeme oft wenig gemein.</p> <p>Gleichwohl gibt es erste Pilotprojekte, die das Potenzial echter KI nutzen – etwa in der sogenannten <em>Ambient documentation and speech recognition</em>. Dabei kommen Mikrofone oder Smartphones zum Einsatz, um Gespräche während der Therapie unterstützend zu begleiten, zu analysieren oder zu dokumentieren. Solche Systeme könnten langfristig helfen, therapeutische Prozesse besser zu verstehen oder standardisierte Auswertungen zu ermöglichen. Doch noch befinden sich diese Entwicklungen in einem frühen Stadium.</p> <p>„Die Entwicklungen in diesem Bereich sind vielversprechend, aber die flächendeckende Anwendung wird noch einige Zeit benötigen“, betont Dr. Filippo Martino, Gründer der Deutschen Gesellschaft für Digitale Medizin (DGDM) und Chief Medical Officer der digitalen Therapieplattform Caspar Health. Der therapeutische Alltag, so viel ist sicher, lässt sich nicht von heute auf morgen digitalisieren – schon gar nicht in einem so sensiblen Feld wie der psychischen Gesundheit.</p> <p><strong>Erste Anwendungen: Was heute schon möglich ist</strong></p> <p>Trotz aller Zurückhaltung lassen sich bereits heute konkrete Anwendungsbeispiele finden, wie KI-gestützte Systeme psychotherapeutische Prozesse unterstützen können – wenn auch vorerst meist außerhalb der regulären Versorgung. Vor allem in der digitalen Selbsthilfe zeigen sich erste Erfolge. Chatbots wie ChatGPT, digitale Avatare oder sprachbasierte Assistenzsysteme begleiten Nutzerinnen und Nutzer im Alltag, erinnern an therapeutische Übungen oder bieten Unterstützung bei der Emotionsregulation.</p> <p>„KI kann in Form von Chatbots oder Sprachassistenten helfen durch alltägliche Herausforderungen zu navigieren – sei es durch das Einüben verhaltenstherapeutischer Techniken oder durch Erinnerungen an konkrete Therapieaufgaben“, erklärt Dr. Filippo Martino. Diese digitalen Begleiter seien besonders dann hilfreich, wenn Patienten auf einen Therapieplatz warten oder ihre Übungen zwischen den Sitzungen vertiefen wollen. Die KI fungiere dabei nicht als Ersatz, sondern als strukturierende Ergänzung.</p> <p>Ein besonders eindrückliches Beispiel stammt aus der Behandlung von Menschen mit akustischen Halluzinationen. In einer britischen <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29175276/">Pilotstudie</a> zeigte sich, dass der regelmäßige Dialog mit einem eigens entwickelten digitalen Avatar Betroffenen helfen kann, den Umgang mit dem „Stimmenhören“ zu verbessern. Solche Systeme bieten das Potenzial, die therapeutische Beziehung zu erweitern – insbesondere dort, wo es um niederschwellige, kontinuierliche Begleitung geht, das betont auch Martino. Gerade bei chronischen Verläufen könne eine digital gestützte Selbsthilfe zur Stabilisierung beitragen.</p> <p>Der Einsatz von KI beschränkt sich dabei nicht nur auf administrative Unterstützung. Vielmehr entwickeln sich zunehmend Systeme, die Inhalte aus psychotherapeutischen Schulen – insbesondere aus der kognitiven Verhaltenstherapie – in digitale Interaktionen übersetzen. Patientinnen und Patienten werden beispielsweise dazu angeregt, Gedankenprotokolle zu führen, Emotionen zu reflektieren oder Lösungsstrategien zu entwickeln. Der Dialog mit dem Chatbot soll dabei Struktur und Orientierung bieten.</p> <p>Noch sind die meisten dieser Anwendungen in der Testphase. Sie müssen ihre Sicherheit und Wirksamkeit erst in klinischen Studien unter Beweis stellen. Doch sie verdeutlichen bereits heute, welches Potenzial in KI-gestützten Hilfesystemen steckt – besonders in einer Zeit, in der klassische Versorgungsangebote an ihre Grenzen stoßen.</p> <p><strong>Potenziale für Patienten und Therapeuten</strong></p> <p>Die Integration von Künstlicher Intelligenz in die psychotherapeutische Versorgung verspricht nicht nur technologische Innovation, sondern auch konkrete Entlastung – sowohl auf Seiten der Patienten als auch der Therapeuten.</p> <p>Für Betroffene liegt einer der größten Vorteile im niedrigschwelligen Zugang. Digitale KI-Systeme sind rund um die Uhr verfügbar, unabhängig von Ort, Uhrzeit oder Wartezeiten. „Gerade in Phasen hoher Belastung, in denen schnelle Hilfe gebraucht wird, können solche Systeme eine erste Orientierung und emotionale Entlastung bieten“, sagt Dr. Filippo Martino. Sie ersetzen keine Therapie, aber sie können den Einstieg erleichtern – und das oft dann, wenn konventionelle Angebote noch nicht oder nicht mehr greifen. Besonders für Menschen mit starken Hemmungen oder Schamgefühlen kann der anonyme Kontakt zu einem Chatbot ein entscheidender erster Schritt sein. „Manche Patienten trauen sich durch diesen niederschwelligen Einstieg überhaupt erst, Hilfe zu suchen“, so Martino.</p> <p>Ein weiterer Vorteil: digitale Systeme können Sprachbarrieren überwinden. KI-gestützte Tools mit Simultanübersetzung ermöglichen es, therapeutische Inhalte mehrsprachig anzubieten – eine Entwicklung mit enormem Potenzial für eine multilinguale Gesellschaft.</p> <p>Doch auch auf der Seite der Behandelnden eröffnet KI neue Möglichkeiten. Vor allem in der administrativen und diagnostischen Unterstützung zeigt sich ihr Nutzen. So könnten KI-Systeme künftig dazu eingesetzt werden, Sitzungsverläufe zu dokumentieren, diagnostische Hypothesen zu generieren oder auf Abweichungen von therapeutischen Leitlinien hinzuweisen. Laut Experten kann der Einsatz von KI bürokratische Aufgaben reduzieren – und so mehr Raum für die persönliche Interaktion in der Therapie zu schaffen.</p> <p>In einer Zeit, in der psychische Erkrankungen zunehmen, Therapeutinnen und Therapeuten überlastet sind und Wartezeiten vielerorts unzumutbar lang werden, kommt der gesellschaftlichen Bedeutung digitaler Unterstützung eine zentrale Rolle zu. KI kann dabei helfen, Versorgungslücken zu überbrücken – nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung in einem System, das zunehmend unter Druck gerät.</p> <p><strong>Grenzen und Risiken: Wenn Algorithmen nicht weiterwissen</strong></p> <p>So vielversprechend der Einsatz von KI in der Psychotherapie erscheint – ihre Möglichkeiten enden dort, wo menschliche Feinfühligkeit, Intuition und Beziehung gefragt sind. Gerade in der Psychotherapie, einem Feld, das von Vertrauen, persönlicher Nähe und nonverbalem Austausch lebt, stößt künstliche Intelligenz an natürliche Grenzen.</p> <p>„Eine wesentliche Herausforderung beim Einsatz von KI ist es, das vollständige Bild eines Patienten zu erfassen – so, wie es ein erfahrener Therapeut kann“, erklärt Dr. Filippo Martino. In der Psychotherapie zählt nicht nur das gesprochene Wort. Auch Körpersprache, Mimik, Tonfall – selbst subtile Signale wie häufiges Schweigen oder das wiederholte Zuspätkommen zu Sitzungen – liefern wertvolle Informationen, die für die Diagnostik und Therapie entscheidend sein können. Solche komplexen, oft intuitiven Prozesse menschlicher Wahrnehmung lassen sich mit aktuellen KI-Systemen nur unzureichend abbilden. Was auf der Oberfläche als Fortschritt erscheint, droht in der Tiefe an Qualität zu verlieren.</p> <p>Hinzu kommt ein weiteres, nicht zu unterschätzendes Problem: der Datenschutz. In der Psychotherapie geht es um hochsensible, intime Informationen. Wenn diese in digitale Systeme eingespeist und gespeichert werden, stellt sich die Frage, wie sicher sie dort tatsächlich sind. „Ein Mangel an Transparenz oder technische Sicherheitslücken könnten zu einem erheblichen Vertrauensverlust führen“, warnt Martino. Die Schweigepflicht, seit jeher ein Grundpfeiler therapeutischer Beziehungen, muss auch im digitalen Raum absolut gewährleistet sein.</p> <p>Zudem besteht die Gefahr einer schleichenden Entpersonalisierung therapeutischer Prozesse. Gerade jene Patienten, die auf den emotionalen Kontakt zu einem Menschen angewiesen sind, könnten sich durch automatisierte Systeme unverstanden oder allein gelassen fühlen. Während einige vom anonymen Setting profitieren, brauchen andere genau das Gegenteil: Wärme, Präsenz, ein echtes Gegenüber. „Wir dürfen nicht vergessen, dass der Mensch das Herzstück der Therapie bleibt. KI ist nur dann sinnvoll, wenn sie unterstützt, nicht ersetzt“, betont Martino.</p> <p>Diese Grenzen sind nicht nur technischer Natur, sondern berühren auch ethische und gesellschaftliche Fragen. Was bedeutet es, wenn emotionale Not digitalisiert wird? Wo verlaufen die Grenzen zwischen Effizienz und Empathie? Und wie schützen wir die Verletzlichsten, wenn Algorithmen entscheiden?</p> <p><strong>Blick in die Praxis: Wo LLMs heute schon helfen</strong></p> <p>Während der direkte Einsatz von KI in der Psychotherapie noch in den Anfängen steckt, zeigt sich in anderen Bereichen der klinischen Praxis bereits deutlich, welches Potenzial Large Language Models (LLMs) entfalten können – insbesondere in der medizinischen Dokumentation.</p> <p>Ein <a href="https://www.uke.de/allgemein/presse/pressemitteilungen/detailseite_154368.html">Beispiel </a>dafür liefert das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Dort werden LLM-basierte Systeme eingesetzt, um die Erstellung von Arztbriefen zu unterstützen. Anhand der vorhandenen Patientendaten generieren die Programme strukturierte Entwürfe medizinischer Berichte. Das spart nicht nur Zeit, sondern sorgt auch für eine einheitliche Qualität der Dokumentation. Gerade in einem überlasteten System ist das ein spürbarer Zugewinn.</p> <p>Auch in ambulanten Praxen etablieren sich diese Technologien zunehmend. Ärztinnen und Ärzte, die täglich mit wachsendem bürokratischen Aufwand konfrontiert sind, nutzen KI-basierte Systeme, um Routineaufgaben effizienter zu gestalten. Die gewonnenen Ressourcen können dann stärker in die direkte Patientenkommunikation investiert werden – ein Ziel, das auch in der Psychotherapie relevant ist.</p> <p>Ein weiterer, zukunftsweisender Anwendungsbereich ist die Prävention psychischer Erkrankungen. An der Ludwig-Maximilians-Universität München arbeitet das Team um Professor Nikolaos Koutsouleris im Rahmen des europäischen <a href="https://www.pronia.eu/">Forschungsprojekts <em>PRONIA</em></a> daran, mithilfe von KI frühzeitig Psychose-Risikopatienten zu identifizieren. Junge Menschen mit ersten psychischen Beschwerden – etwa Konzentrationsstörungen, Depressionen oder Denkbeeinträchtigungen – werden in der Früherkennungsambulanz des Projekts umfassend untersucht: per Interview, Magnetresonanztomografie, Gen- und Blutanalysen. Eine lernfähige KI analysiert diese Daten, erkennt Muster und erstellt Vorhersagen über die individuelle Krankheitsentwicklung.</p> <p>Die Vision: psychische Erkrankungen gar nicht erst chronisch werden zu lassen. „Mittel- bis langfristig wird sich der Fokus der psychiatrischen Versorgung hin zu einem präventiven Ansatz verschieben“, <a href="https://www.lmu.de/de/newsroom/newsuebersicht/news/kuenstliche-intelligenz-in-der-medizin-kurzlebiger-hype-oder-beginn-einer-neuen-aera.html">sagt</a> Koutsouleris. Die so gewonnenen Modelle würden auch Hausärztinnen und Hausärzten dabei helfen, Risiken frühzeitig zu erkennen – bevor schwerwiegende Verläufe entstehen. Eine personalisierte, vorausschauende Psychiatrie auf KI-Basis könnte nicht nur individuelles Leid mindern, sondern zudem die Kosten im Gesundheitssystem senken und Ressourcen neu verteilen.</p> <p>Noch sind diese Systeme nicht flächendeckend im Einsatz, doch sie geben eine Richtung vor, in die sich das Zusammenspiel von KI und psychischer Gesundheitsversorgung künftig entwickeln könnte: weg von reaktiver Behandlung – hin zu gezielter Prävention.</p> <p>Was sich hier abzeichnet, ist eine neue Rolle für KI in der psychischen Gesundheitsversorgung: nicht als Dialogpartner mit therapeutischem Anspruch, sondern als <em>Kopilot</em> im Hintergrund. Eine Instanz, die ordnet, filtert, unterstützt – ohne selbst zu therapieren. Das ist kein Ersatz für menschliche Urteilskraft, wohl aber eine Ergänzung, die vor allem dort wirkt, wo der klinische Alltag komplex und zeitlich angespannt ist.</p> <p><strong>Was in der Debatte fehlt – und warum es jetzt darauf ankommt</strong></p> <p>So rasant sich die technologische Entwicklung auch vollzieht – die gesellschaftliche und ethische Debatte über den Einsatz von KI in der Psychotherapie hinkt ihr vielerorts noch hinterher. Während Entwickler an immer präziseren Modellen arbeiten, fehlt es vielerorts an öffentlichen Diskussionsräumen, klaren Regulierungen und konkreten Standards für den klinischen Alltag.</p> <p>Dabei steht viel auf dem Spiel. Künstliche Intelligenz ist längst nicht mehr nur ein technisches Tool, sondern eine gesellschaftliche Macht – mit unmittelbarem Einfluss auf Fragen der Gerechtigkeit, Zugänglichkeit und Teilhabe im Gesundheitssystem. Wer entscheidet, wann und wie KI zum Einsatz kommt? Welche Daten dürfen genutzt werden – und unter welchen Bedingungen? Und was geschieht, wenn ein Algorithmus falsch liegt?</p> <p>„Wir befinden uns an einem Wendepunkt“, sagt Dr. Filippo Martino. Die Digitalisierung könne das Gesundheitssystem nachhaltig verbessern – aber nur, wenn sie verantwortungsvoll gestaltet werde. Dafür brauche es robuste ethische Leitplanken, interdisziplinäre Forschung und eine aktive Mitgestaltung durch medizinische Fachgesellschaften. Auch deshalb wurde die Deutsche Gesellschaft für Digitale Medizin (DGDM) ins Leben gerufen – um Innovation nicht nur technisch, sondern auch ethisch und medizinisch fundiert zu begleiten.</p> <p>Die Zeit zum Handeln ist jetzt. Denn während in Forschungslaboren neue KI-Modelle entstehen, wächst draußen der Druck auf die psychische Gesundheitsversorgung. Immer mehr Menschen suchen Hilfe, und immer weniger Therapeutinnen und Therapeuten stehen zur Verfügung. Der demografische Wandel, die Zunahme chronischer Erkrankungen und die steigenden Kosten belasten das System. KI allein wird diese Herausforderungen nicht lösen – aber sie kann ein Teil der Lösung sein.</p> <p>Psychotherapie wird auch in Zukunft ein zutiefst menschlicher Prozess bleiben. Nähe, Empathie, Vertrauen – all das lässt sich nicht digitalisieren. Doch vielleicht liegt die Stärke der KI gerade darin, dass sie nicht ersetzt, sondern ergänzt. Dass sie dort unterstützt, wo Strukturen überlastet sind. Und dass sie – klug eingesetzt – dazu beitragen kann, ein gerechteres, zugänglicheres und moderneres Versorgungssystem zu schaffen.</p> <p>Die Zukunft der Psychotherapie wird also nicht nur davon geprägt sein, was KI kann – sondern vor allem davon, was sie nicht kann. Und genau darin liegt ihre gesellschaftliche Relevanz.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/marlenes-medizinkiste/files/ki-psychotherapie.png" /><h1>Was heute schon möglich ist</h1><h2>By Marlene Heckl</h2><div itemprop="text"> <p><em>Digitale Avatare, Chatbots und präventive KI-Systeme sollen die Psychotherapie entlasten und verbessern. Doch was leisten sie wirklich – und wo bleibt der Mensch in der digitalen Behandlung?</em></p> <p>Es beginnt mit einer simplen Textnachricht. „Wie fühlst du dich gerade?“ – am Bildschirm erscheint die Frage in nüchternem Grau. Am anderen Ende: keine menschliche Stimme, keine warme Hand, kein Raum mit Sofa. Nur ein Chatbot. Doch die Antwort ist überraschend empathisch, fast zugewandt. Worte, wie man sie auch von einem echten Therapeuten erwarten würde.</p> <p>Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction klang, ist heute Realität: Künstliche Intelligenz (KI) dringt immer weiter in Bereiche vor, die bislang als zutiefst menschlich galten – darunter auch die Psychotherapie. In einer Welt, in der Wartezeiten auf Therapieplätze Monate dauern und psychische Erkrankungen rasant zunehmen, scheint die Idee verlockend: digitale Helfer, verfügbar rund um die Uhr, standardisiert, lernfähig – und niemals erschöpft.</p> <p>Doch kann eine Maschine wirklich helfen, wenn es um Verletzlichkeit, Angst oder tief verwurzelte Traumata geht? Kann KI zuhören, verstehen, Halt geben? Und vor allem: Welche Rolle kann – und sollte – sie in der Therapie der Zukunft überhaupt spielen?</p> <p>Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der psychischen Gesundheitsversorgung wirft große Fragen auf. Fragen, die weit über Technik hinausgehen. Sie berühren ethische, gesellschaftliche und zutiefst persönliche Dimensionen. Und sie verlangen nach einer Antwort, bevor sich der Fortschritt verselbständigt.</p> <p><strong>Status quo: KI in der Psychotherapie – ein zögerlicher Anfang</strong></p> <p>In Deutschland steckt der Einsatz Künstlicher Intelligenz in der Psychotherapie noch in den Kinderschuhen. Zwar ist „KI“ längst zu einem Schlagwort im Gesundheitswesen geworden, doch hinter dem Begriff verbirgt sich ein weites Spektrum – von einfachen regelbasierten Algorithmen bis hin zu komplexen lernenden Systemen. Letztere, etwa sogenannte Large Language Models (LLMs), verfügen über beeindruckende sprachliche Fähigkeiten und eröffnen neue Möglichkeiten der Mensch-Maschine-Kommunikation. In der therapeutischen Praxis sind sie bisher jedoch kaum anzutreffen.</p> <p>Stattdessen dominieren bislang einfache digitale Gesundheitsanwendungen, die etwa auf Basis fester Entscheidungsregeln therapeutische Inhalte personalisieren. Diese Programme helfen dabei, Übungen aus der Verhaltenstherapie strukturiert zu vermitteln oder administrative Abläufe zu begleiten. Doch mit „echter“ Künstlicher Intelligenz, wie sie aus dem Bereich des maschinellen Lernens oder der generativen Sprachmodelle bekannt ist, haben diese Systeme oft wenig gemein.</p> <p>Gleichwohl gibt es erste Pilotprojekte, die das Potenzial echter KI nutzen – etwa in der sogenannten <em>Ambient documentation and speech recognition</em>. Dabei kommen Mikrofone oder Smartphones zum Einsatz, um Gespräche während der Therapie unterstützend zu begleiten, zu analysieren oder zu dokumentieren. Solche Systeme könnten langfristig helfen, therapeutische Prozesse besser zu verstehen oder standardisierte Auswertungen zu ermöglichen. Doch noch befinden sich diese Entwicklungen in einem frühen Stadium.</p> <p>„Die Entwicklungen in diesem Bereich sind vielversprechend, aber die flächendeckende Anwendung wird noch einige Zeit benötigen“, betont Dr. Filippo Martino, Gründer der Deutschen Gesellschaft für Digitale Medizin (DGDM) und Chief Medical Officer der digitalen Therapieplattform Caspar Health. Der therapeutische Alltag, so viel ist sicher, lässt sich nicht von heute auf morgen digitalisieren – schon gar nicht in einem so sensiblen Feld wie der psychischen Gesundheit.</p> <p><strong>Erste Anwendungen: Was heute schon möglich ist</strong></p> <p>Trotz aller Zurückhaltung lassen sich bereits heute konkrete Anwendungsbeispiele finden, wie KI-gestützte Systeme psychotherapeutische Prozesse unterstützen können – wenn auch vorerst meist außerhalb der regulären Versorgung. Vor allem in der digitalen Selbsthilfe zeigen sich erste Erfolge. Chatbots wie ChatGPT, digitale Avatare oder sprachbasierte Assistenzsysteme begleiten Nutzerinnen und Nutzer im Alltag, erinnern an therapeutische Übungen oder bieten Unterstützung bei der Emotionsregulation.</p> <p>„KI kann in Form von Chatbots oder Sprachassistenten helfen durch alltägliche Herausforderungen zu navigieren – sei es durch das Einüben verhaltenstherapeutischer Techniken oder durch Erinnerungen an konkrete Therapieaufgaben“, erklärt Dr. Filippo Martino. Diese digitalen Begleiter seien besonders dann hilfreich, wenn Patienten auf einen Therapieplatz warten oder ihre Übungen zwischen den Sitzungen vertiefen wollen. Die KI fungiere dabei nicht als Ersatz, sondern als strukturierende Ergänzung.</p> <p>Ein besonders eindrückliches Beispiel stammt aus der Behandlung von Menschen mit akustischen Halluzinationen. In einer britischen <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29175276/">Pilotstudie</a> zeigte sich, dass der regelmäßige Dialog mit einem eigens entwickelten digitalen Avatar Betroffenen helfen kann, den Umgang mit dem „Stimmenhören“ zu verbessern. Solche Systeme bieten das Potenzial, die therapeutische Beziehung zu erweitern – insbesondere dort, wo es um niederschwellige, kontinuierliche Begleitung geht, das betont auch Martino. Gerade bei chronischen Verläufen könne eine digital gestützte Selbsthilfe zur Stabilisierung beitragen.</p> <p>Der Einsatz von KI beschränkt sich dabei nicht nur auf administrative Unterstützung. Vielmehr entwickeln sich zunehmend Systeme, die Inhalte aus psychotherapeutischen Schulen – insbesondere aus der kognitiven Verhaltenstherapie – in digitale Interaktionen übersetzen. Patientinnen und Patienten werden beispielsweise dazu angeregt, Gedankenprotokolle zu führen, Emotionen zu reflektieren oder Lösungsstrategien zu entwickeln. Der Dialog mit dem Chatbot soll dabei Struktur und Orientierung bieten.</p> <p>Noch sind die meisten dieser Anwendungen in der Testphase. Sie müssen ihre Sicherheit und Wirksamkeit erst in klinischen Studien unter Beweis stellen. Doch sie verdeutlichen bereits heute, welches Potenzial in KI-gestützten Hilfesystemen steckt – besonders in einer Zeit, in der klassische Versorgungsangebote an ihre Grenzen stoßen.</p> <p><strong>Potenziale für Patienten und Therapeuten</strong></p> <p>Die Integration von Künstlicher Intelligenz in die psychotherapeutische Versorgung verspricht nicht nur technologische Innovation, sondern auch konkrete Entlastung – sowohl auf Seiten der Patienten als auch der Therapeuten.</p> <p>Für Betroffene liegt einer der größten Vorteile im niedrigschwelligen Zugang. Digitale KI-Systeme sind rund um die Uhr verfügbar, unabhängig von Ort, Uhrzeit oder Wartezeiten. „Gerade in Phasen hoher Belastung, in denen schnelle Hilfe gebraucht wird, können solche Systeme eine erste Orientierung und emotionale Entlastung bieten“, sagt Dr. Filippo Martino. Sie ersetzen keine Therapie, aber sie können den Einstieg erleichtern – und das oft dann, wenn konventionelle Angebote noch nicht oder nicht mehr greifen. Besonders für Menschen mit starken Hemmungen oder Schamgefühlen kann der anonyme Kontakt zu einem Chatbot ein entscheidender erster Schritt sein. „Manche Patienten trauen sich durch diesen niederschwelligen Einstieg überhaupt erst, Hilfe zu suchen“, so Martino.</p> <p>Ein weiterer Vorteil: digitale Systeme können Sprachbarrieren überwinden. KI-gestützte Tools mit Simultanübersetzung ermöglichen es, therapeutische Inhalte mehrsprachig anzubieten – eine Entwicklung mit enormem Potenzial für eine multilinguale Gesellschaft.</p> <p>Doch auch auf der Seite der Behandelnden eröffnet KI neue Möglichkeiten. Vor allem in der administrativen und diagnostischen Unterstützung zeigt sich ihr Nutzen. So könnten KI-Systeme künftig dazu eingesetzt werden, Sitzungsverläufe zu dokumentieren, diagnostische Hypothesen zu generieren oder auf Abweichungen von therapeutischen Leitlinien hinzuweisen. Laut Experten kann der Einsatz von KI bürokratische Aufgaben reduzieren – und so mehr Raum für die persönliche Interaktion in der Therapie zu schaffen.</p> <p>In einer Zeit, in der psychische Erkrankungen zunehmen, Therapeutinnen und Therapeuten überlastet sind und Wartezeiten vielerorts unzumutbar lang werden, kommt der gesellschaftlichen Bedeutung digitaler Unterstützung eine zentrale Rolle zu. KI kann dabei helfen, Versorgungslücken zu überbrücken – nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung in einem System, das zunehmend unter Druck gerät.</p> <p><strong>Grenzen und Risiken: Wenn Algorithmen nicht weiterwissen</strong></p> <p>So vielversprechend der Einsatz von KI in der Psychotherapie erscheint – ihre Möglichkeiten enden dort, wo menschliche Feinfühligkeit, Intuition und Beziehung gefragt sind. Gerade in der Psychotherapie, einem Feld, das von Vertrauen, persönlicher Nähe und nonverbalem Austausch lebt, stößt künstliche Intelligenz an natürliche Grenzen.</p> <p>„Eine wesentliche Herausforderung beim Einsatz von KI ist es, das vollständige Bild eines Patienten zu erfassen – so, wie es ein erfahrener Therapeut kann“, erklärt Dr. Filippo Martino. In der Psychotherapie zählt nicht nur das gesprochene Wort. Auch Körpersprache, Mimik, Tonfall – selbst subtile Signale wie häufiges Schweigen oder das wiederholte Zuspätkommen zu Sitzungen – liefern wertvolle Informationen, die für die Diagnostik und Therapie entscheidend sein können. Solche komplexen, oft intuitiven Prozesse menschlicher Wahrnehmung lassen sich mit aktuellen KI-Systemen nur unzureichend abbilden. Was auf der Oberfläche als Fortschritt erscheint, droht in der Tiefe an Qualität zu verlieren.</p> <p>Hinzu kommt ein weiteres, nicht zu unterschätzendes Problem: der Datenschutz. In der Psychotherapie geht es um hochsensible, intime Informationen. Wenn diese in digitale Systeme eingespeist und gespeichert werden, stellt sich die Frage, wie sicher sie dort tatsächlich sind. „Ein Mangel an Transparenz oder technische Sicherheitslücken könnten zu einem erheblichen Vertrauensverlust führen“, warnt Martino. Die Schweigepflicht, seit jeher ein Grundpfeiler therapeutischer Beziehungen, muss auch im digitalen Raum absolut gewährleistet sein.</p> <p>Zudem besteht die Gefahr einer schleichenden Entpersonalisierung therapeutischer Prozesse. Gerade jene Patienten, die auf den emotionalen Kontakt zu einem Menschen angewiesen sind, könnten sich durch automatisierte Systeme unverstanden oder allein gelassen fühlen. Während einige vom anonymen Setting profitieren, brauchen andere genau das Gegenteil: Wärme, Präsenz, ein echtes Gegenüber. „Wir dürfen nicht vergessen, dass der Mensch das Herzstück der Therapie bleibt. KI ist nur dann sinnvoll, wenn sie unterstützt, nicht ersetzt“, betont Martino.</p> <p>Diese Grenzen sind nicht nur technischer Natur, sondern berühren auch ethische und gesellschaftliche Fragen. Was bedeutet es, wenn emotionale Not digitalisiert wird? Wo verlaufen die Grenzen zwischen Effizienz und Empathie? Und wie schützen wir die Verletzlichsten, wenn Algorithmen entscheiden?</p> <p><strong>Blick in die Praxis: Wo LLMs heute schon helfen</strong></p> <p>Während der direkte Einsatz von KI in der Psychotherapie noch in den Anfängen steckt, zeigt sich in anderen Bereichen der klinischen Praxis bereits deutlich, welches Potenzial Large Language Models (LLMs) entfalten können – insbesondere in der medizinischen Dokumentation.</p> <p>Ein <a href="https://www.uke.de/allgemein/presse/pressemitteilungen/detailseite_154368.html">Beispiel </a>dafür liefert das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Dort werden LLM-basierte Systeme eingesetzt, um die Erstellung von Arztbriefen zu unterstützen. Anhand der vorhandenen Patientendaten generieren die Programme strukturierte Entwürfe medizinischer Berichte. Das spart nicht nur Zeit, sondern sorgt auch für eine einheitliche Qualität der Dokumentation. Gerade in einem überlasteten System ist das ein spürbarer Zugewinn.</p> <p>Auch in ambulanten Praxen etablieren sich diese Technologien zunehmend. Ärztinnen und Ärzte, die täglich mit wachsendem bürokratischen Aufwand konfrontiert sind, nutzen KI-basierte Systeme, um Routineaufgaben effizienter zu gestalten. Die gewonnenen Ressourcen können dann stärker in die direkte Patientenkommunikation investiert werden – ein Ziel, das auch in der Psychotherapie relevant ist.</p> <p>Ein weiterer, zukunftsweisender Anwendungsbereich ist die Prävention psychischer Erkrankungen. An der Ludwig-Maximilians-Universität München arbeitet das Team um Professor Nikolaos Koutsouleris im Rahmen des europäischen <a href="https://www.pronia.eu/">Forschungsprojekts <em>PRONIA</em></a> daran, mithilfe von KI frühzeitig Psychose-Risikopatienten zu identifizieren. Junge Menschen mit ersten psychischen Beschwerden – etwa Konzentrationsstörungen, Depressionen oder Denkbeeinträchtigungen – werden in der Früherkennungsambulanz des Projekts umfassend untersucht: per Interview, Magnetresonanztomografie, Gen- und Blutanalysen. Eine lernfähige KI analysiert diese Daten, erkennt Muster und erstellt Vorhersagen über die individuelle Krankheitsentwicklung.</p> <p>Die Vision: psychische Erkrankungen gar nicht erst chronisch werden zu lassen. „Mittel- bis langfristig wird sich der Fokus der psychiatrischen Versorgung hin zu einem präventiven Ansatz verschieben“, <a href="https://www.lmu.de/de/newsroom/newsuebersicht/news/kuenstliche-intelligenz-in-der-medizin-kurzlebiger-hype-oder-beginn-einer-neuen-aera.html">sagt</a> Koutsouleris. Die so gewonnenen Modelle würden auch Hausärztinnen und Hausärzten dabei helfen, Risiken frühzeitig zu erkennen – bevor schwerwiegende Verläufe entstehen. Eine personalisierte, vorausschauende Psychiatrie auf KI-Basis könnte nicht nur individuelles Leid mindern, sondern zudem die Kosten im Gesundheitssystem senken und Ressourcen neu verteilen.</p> <p>Noch sind diese Systeme nicht flächendeckend im Einsatz, doch sie geben eine Richtung vor, in die sich das Zusammenspiel von KI und psychischer Gesundheitsversorgung künftig entwickeln könnte: weg von reaktiver Behandlung – hin zu gezielter Prävention.</p> <p>Was sich hier abzeichnet, ist eine neue Rolle für KI in der psychischen Gesundheitsversorgung: nicht als Dialogpartner mit therapeutischem Anspruch, sondern als <em>Kopilot</em> im Hintergrund. Eine Instanz, die ordnet, filtert, unterstützt – ohne selbst zu therapieren. Das ist kein Ersatz für menschliche Urteilskraft, wohl aber eine Ergänzung, die vor allem dort wirkt, wo der klinische Alltag komplex und zeitlich angespannt ist.</p> <p><strong>Was in der Debatte fehlt – und warum es jetzt darauf ankommt</strong></p> <p>So rasant sich die technologische Entwicklung auch vollzieht – die gesellschaftliche und ethische Debatte über den Einsatz von KI in der Psychotherapie hinkt ihr vielerorts noch hinterher. Während Entwickler an immer präziseren Modellen arbeiten, fehlt es vielerorts an öffentlichen Diskussionsräumen, klaren Regulierungen und konkreten Standards für den klinischen Alltag.</p> <p>Dabei steht viel auf dem Spiel. Künstliche Intelligenz ist längst nicht mehr nur ein technisches Tool, sondern eine gesellschaftliche Macht – mit unmittelbarem Einfluss auf Fragen der Gerechtigkeit, Zugänglichkeit und Teilhabe im Gesundheitssystem. Wer entscheidet, wann und wie KI zum Einsatz kommt? Welche Daten dürfen genutzt werden – und unter welchen Bedingungen? Und was geschieht, wenn ein Algorithmus falsch liegt?</p> <p>„Wir befinden uns an einem Wendepunkt“, sagt Dr. Filippo Martino. Die Digitalisierung könne das Gesundheitssystem nachhaltig verbessern – aber nur, wenn sie verantwortungsvoll gestaltet werde. Dafür brauche es robuste ethische Leitplanken, interdisziplinäre Forschung und eine aktive Mitgestaltung durch medizinische Fachgesellschaften. Auch deshalb wurde die Deutsche Gesellschaft für Digitale Medizin (DGDM) ins Leben gerufen – um Innovation nicht nur technisch, sondern auch ethisch und medizinisch fundiert zu begleiten.</p> <p>Die Zeit zum Handeln ist jetzt. Denn während in Forschungslaboren neue KI-Modelle entstehen, wächst draußen der Druck auf die psychische Gesundheitsversorgung. Immer mehr Menschen suchen Hilfe, und immer weniger Therapeutinnen und Therapeuten stehen zur Verfügung. Der demografische Wandel, die Zunahme chronischer Erkrankungen und die steigenden Kosten belasten das System. KI allein wird diese Herausforderungen nicht lösen – aber sie kann ein Teil der Lösung sein.</p> <p>Psychotherapie wird auch in Zukunft ein zutiefst menschlicher Prozess bleiben. Nähe, Empathie, Vertrauen – all das lässt sich nicht digitalisieren. Doch vielleicht liegt die Stärke der KI gerade darin, dass sie nicht ersetzt, sondern ergänzt. Dass sie dort unterstützt, wo Strukturen überlastet sind. Und dass sie – klug eingesetzt – dazu beitragen kann, ein gerechteres, zugänglicheres und moderneres Versorgungssystem zu schaffen.</p> <p>Die Zukunft der Psychotherapie wird also nicht nur davon geprägt sein, was KI kann – sondern vor allem davon, was sie nicht kann. Und genau darin liegt ihre gesellschaftliche Relevanz.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/marlenes-medizinkiste/zwischen-algorithmus-und-empathie/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>4</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeo Podcast: Expandierende Erde – große Zahlen und kleine Schwerkraft https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-expandierende-erde-grosse-zahlen-und-kleine-schwerkraft/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-expandierende-erde-grosse-zahlen-und-kleine-schwerkraft/#comments Tue, 13 May 2025 04:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1673 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ChatGPT-Image-Apr-18-2025-12_24_16-PM-768x768.png Die Erde im als Heiĺuftballon am blauen Himmel, unten hängt ein Korb https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-expandierende-erde-grosse-zahlen-und-kleine-schwerkraft/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/erde-ballon-himmel-wolken-angerissen-scaled.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Expandierende Erde - große Zahlen und kleine Schwerkraft » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Im Jahr 1937 hatte Paul Dirac eigentlich so alles erreicht, was man als theoretischer Physiker erreichen konnte: Der Brite hatte die Quantenphysik mit begründet und sie mit Einsteins Spezieller Relativitätstheorie vereint. Fast aus Versehen hatte er erstmals eine neue Form von Materie beschrieben, die wir heute als Antimaterie kennen. Paul Dirac hatte nicht nur eine Professur an der angesehen Universität von Cambridge bekommen, sondern bekam auch im Alter von nur 31 Jahren den Nobelpreis für Physik zugesprochen. Doch nun wandte sich Dirac größeren Dingen zu: der Kosmologie.</p> <p>Paul Dirac entwarf die „Large Numbers Hypothesis“, die Hypothese der großen Zahlen. Seine Vermutung besagte, dass das Verhältnis der Zahlenwerte von Naturkonstanten sich merkwürdigerweise immer wieder eine ziemlich große Zahl ergibt, nämlich zehn hoch 39. Was für die Meisten ein nicht besonders seltsamer Zufall sein mag, hatte für Dirac tiefere Bedeutung: Er schloss daraus, dass die Naturgesetze im Universum nicht immer und überall gleich waren – und dass die Naturkonstanten entgegen ihrem Namen nicht konstant, sondern variabel seien.</p> <p>Dabei hatte es Dirac vor allem auf eine Naturkonstante abgesehen: die Gravitationskonstante. Diese sei vor Jahrmilliarden viel größer gewesen. Und das würde bedeuten: Was wir als Schwerkraft kennen, nimmt mit zunehmendem Alter des Universums ab.</p> <p>Während Paul Diracs Ausflug in die Kosmologie – oder in die Zahlenmystik – von seinen Kolleginnen und Kollegen größtenteils ignoriert wurde, gab es einen deutschen Physiker, der die Hypothese der Großen Zahlen ernst nahm: Pascual Jordan beschäftigte sich vor allem damit, welche messbaren Auswirkungen so eine geringer werdende Schwerkraft auf unsere Erde haben könnte. Demnach sollte mit einer abnehmenden Gravitationskonstante unsere Erde selbst expandieren.</p> <p>In dieser Folge des AstroGeo-Podcasts erzählt Franzi die Geschichte hinter der sogenannten Expansionstheorie – und damit ist nicht das Universum selbst gemeint!</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 51: <a href="https://astrogeo.de/die-verlorenen-mondspiegel/">Die verlorenen Mondspiegel</a></li> <li>Folge 68: <a href="https://astrogeo.de/marie-tharp-und-die-entdeckung-der-plattentektonik/">Wie Marie Tharp die Geologie revolutionierte</a></li> <li>Folge 76: <a href="https://astrogeo.de/subduktionszonen-das-tiefe-geheimnis-des-blauen-planeten/">Subduktion: Das tiefe Geheimnis des Blauen Planeten</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Expansionstheorie">Expansionstheorie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Dirac">Paul Dirac</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Positron">Positron</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Niels_Bohr">Niels Bohr</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Herbert_Dingle">Herbert Dingle</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Large_Number_Hypothesis">Large numbers hypothesis</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Antimaterie">Antimaterie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pascual_Jordan">Pascual Jordan</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gravitationskonstante">Gravitationskonstante</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gravitationswaage">Gravitationswaage</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Plattentektonik">Plattentektonik</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Wegener">Alfred Wegener</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kontinentaldrift">Kontinentalverschiebung</a></li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://www.nature.com/articles/139323a0">The Cosmological Constants (1937)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1007/s00016-015-0157-9">Pascual Jordan, Varying Gravity, and the Expanding Earth (2015)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1029/2011GL047450">Accuracy of the International Terrestrial Reference Frame origin and Earth expansion (2011)</a></li> <li>Buch: <a href="https://global.oup.com/academic/product/higher-speculations-9780198726371?cc=de&amp;lang=en&amp;">Helge Kragh – Higher Speculations (2015)</a></li> <li>Buch: <a href="https://www.cambridge.org/de/universitypress/subjects/physics/history-philosophy-and-foundations-physics/dirac-scientific-biography?format=HB&amp;isbn=9780521380898">Helge Kragh – Dirac: A Scientific Biography (1990)</a></li> <li>Buch: Graham Farmelo – The Strangest Man: The Hidden Life of Paul Dirac, Quantum Genius (2009)</li> <li>Vortrag von Paul Dirac: <a href="https://www.mediatheque.lindau-nobel.org/recordings/31420/does-the-gravitational-constant-vary-1979">Does the Gravitational Constant Vary? (1979)</a></li> </ul> <p><em>Episodenbild: ChatGPT / F. </em>Konitzer</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/erde-ballon-himmel-wolken-angerissen-scaled.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Expandierende Erde - große Zahlen und kleine Schwerkraft » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Im Jahr 1937 hatte Paul Dirac eigentlich so alles erreicht, was man als theoretischer Physiker erreichen konnte: Der Brite hatte die Quantenphysik mit begründet und sie mit Einsteins Spezieller Relativitätstheorie vereint. Fast aus Versehen hatte er erstmals eine neue Form von Materie beschrieben, die wir heute als Antimaterie kennen. Paul Dirac hatte nicht nur eine Professur an der angesehen Universität von Cambridge bekommen, sondern bekam auch im Alter von nur 31 Jahren den Nobelpreis für Physik zugesprochen. Doch nun wandte sich Dirac größeren Dingen zu: der Kosmologie.</p> <p>Paul Dirac entwarf die „Large Numbers Hypothesis“, die Hypothese der großen Zahlen. Seine Vermutung besagte, dass das Verhältnis der Zahlenwerte von Naturkonstanten sich merkwürdigerweise immer wieder eine ziemlich große Zahl ergibt, nämlich zehn hoch 39. Was für die Meisten ein nicht besonders seltsamer Zufall sein mag, hatte für Dirac tiefere Bedeutung: Er schloss daraus, dass die Naturgesetze im Universum nicht immer und überall gleich waren – und dass die Naturkonstanten entgegen ihrem Namen nicht konstant, sondern variabel seien.</p> <p>Dabei hatte es Dirac vor allem auf eine Naturkonstante abgesehen: die Gravitationskonstante. Diese sei vor Jahrmilliarden viel größer gewesen. Und das würde bedeuten: Was wir als Schwerkraft kennen, nimmt mit zunehmendem Alter des Universums ab.</p> <p>Während Paul Diracs Ausflug in die Kosmologie – oder in die Zahlenmystik – von seinen Kolleginnen und Kollegen größtenteils ignoriert wurde, gab es einen deutschen Physiker, der die Hypothese der Großen Zahlen ernst nahm: Pascual Jordan beschäftigte sich vor allem damit, welche messbaren Auswirkungen so eine geringer werdende Schwerkraft auf unsere Erde haben könnte. Demnach sollte mit einer abnehmenden Gravitationskonstante unsere Erde selbst expandieren.</p> <p>In dieser Folge des AstroGeo-Podcasts erzählt Franzi die Geschichte hinter der sogenannten Expansionstheorie – und damit ist nicht das Universum selbst gemeint!</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 51: <a href="https://astrogeo.de/die-verlorenen-mondspiegel/">Die verlorenen Mondspiegel</a></li> <li>Folge 68: <a href="https://astrogeo.de/marie-tharp-und-die-entdeckung-der-plattentektonik/">Wie Marie Tharp die Geologie revolutionierte</a></li> <li>Folge 76: <a href="https://astrogeo.de/subduktionszonen-das-tiefe-geheimnis-des-blauen-planeten/">Subduktion: Das tiefe Geheimnis des Blauen Planeten</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Expansionstheorie">Expansionstheorie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Dirac">Paul Dirac</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Positron">Positron</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Niels_Bohr">Niels Bohr</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Herbert_Dingle">Herbert Dingle</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Large_Number_Hypothesis">Large numbers hypothesis</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Antimaterie">Antimaterie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pascual_Jordan">Pascual Jordan</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gravitationskonstante">Gravitationskonstante</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gravitationswaage">Gravitationswaage</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Plattentektonik">Plattentektonik</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Wegener">Alfred Wegener</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kontinentaldrift">Kontinentalverschiebung</a></li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://www.nature.com/articles/139323a0">The Cosmological Constants (1937)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1007/s00016-015-0157-9">Pascual Jordan, Varying Gravity, and the Expanding Earth (2015)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1029/2011GL047450">Accuracy of the International Terrestrial Reference Frame origin and Earth expansion (2011)</a></li> <li>Buch: <a href="https://global.oup.com/academic/product/higher-speculations-9780198726371?cc=de&amp;lang=en&amp;">Helge Kragh – Higher Speculations (2015)</a></li> <li>Buch: <a href="https://www.cambridge.org/de/universitypress/subjects/physics/history-philosophy-and-foundations-physics/dirac-scientific-biography?format=HB&amp;isbn=9780521380898">Helge Kragh – Dirac: A Scientific Biography (1990)</a></li> <li>Buch: Graham Farmelo – The Strangest Man: The Hidden Life of Paul Dirac, Quantum Genius (2009)</li> <li>Vortrag von Paul Dirac: <a href="https://www.mediatheque.lindau-nobel.org/recordings/31420/does-the-gravitational-constant-vary-1979">Does the Gravitational Constant Vary? (1979)</a></li> </ul> <p><em>Episodenbild: ChatGPT / F. </em>Konitzer</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-expandierende-erde-grosse-zahlen-und-kleine-schwerkraft/#comments 3 AstroGeo Podcast: Ändert die Erdbahn das Klima? Milanković auf dem Prüfstand https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-aendert-die-erdbahn-das-klima-milankovic-auf-dem-pruefstand/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-aendert-die-erdbahn-das-klima-milankovic-auf-dem-pruefstand/#comments Fri, 09 May 2025 10:11:13 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1668 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-1-768x768.jpg Auf schwarzem Grund ist eine weiße sternförmiges und sehr feine komplexe Struktur. Der Eindruck ist verblüffend künstlerisch. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-aendert-die-erdbahn-das-klima-milankovic-auf-dem-pruefstand/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-1-scaled.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Ändert die Erdbahn das Klima? Milanković auf dem Prüfstand » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Warum gab es in der Erdgeschichte immer wieder Eiszeiten? Mit dieser Frage hatte sich der serbische Mathematiker, Ingenieur und Geowissenschaftler Milutin Milankovíc intensiv beschäftigt und ab 1920 seine Theorie veröffentlicht. Demnach beeinflussen Schwankungen der Erdbahn und ihrer Rotationsachse im Laufe von mehreren zehntausend Jahren, wie viel Sonnenstrahlung die Erdoberfläche erreicht.</p> <p>Milankovićs Theorie hatte zunächst aber eine Achillesferse – denn sie war eine theoretische Arbeit, die auf astronomische Daten in Verbindung mit physikalischen Gleichungen setzte. Ob die Milanković-Zyklen sich auch in geologischen Daten, in Gesteinen, Sedimenten oder Fossilien nachweisen lassen, war unklar. Selbst 1958, im Todesjahr des Forschers, war seine Theorie umstritten. Im darauffolgenden Jahrzehnt sollten die Milanković-Zyklen dann fast alle ihre Unterstützer verlieren.</p> <p>Karl erzählt in seiner zweiten Folge (<a href="https://astrogeo.de/von-gletschern-und-gestirnen-die-entdeckung-der-milankovic-zyklen/">hier geht es zu Teil 1</a>), wie es weiterging mit den Milanković-Zyklen. Die Theorie geriet in eine Krise, weil dank des Manhattan-Projektes und daraus erwachsener Kernphysik mehrere neue Methoden entwickelt worden waren, um das Alter von Gesteinen und Sedimenten genau zu messen. Vor allem war das die Radiokarbonmethode des Chemikers Willard Libby, die trotz einiger Einschränkungen bis heute zu den wichtigsten wissenschaftlichen Werkzeugen überhaupt gehört.</p> <p>Bei der Datierung von immer mehr Gesteinen oder Sedimenten wurde bald auch das Alter der letzten Eiszeit immer genauer bestimmt. Zwar schien der Zeitpunkt des sogenannten letzten glazialen Maximums von rund 18.000 Jahren mit Milankovićs Vorhersagen übereinzustimmen. Bald zeigten sich aber immer neue Abweichungen in der Klimageschichte des letzten 150.000 Jahre, die nicht zu allen Vorhersagen der Milanković-Zyklen zu passen schienen.</p> <p>Was folgte, war eine weltweite Spurensuche, die auf tropischen Inseln und zuletzt in die Tiefsee der Ozeane führte, wo Sediment ein weit zurückreichendes Klimaarchiv bildet. Erst 1976 schien die Debatte um die Milanković-Zyklen beigelegt worden zu sein. Die Forschung zu diesem Phänomen dauert aber bis heute an.</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 110: <a href="https://astrogeo.de/von-gletschern-und-gestirnen-die-entdeckung-der-milankovic-zyklen/">Von Gletschern und Gestirnen: Die Entdeckung der Milanković-Zyklen</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Milankovi%C4%87-Zyklen">Milanković-Zyklen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Milutin_Milankovi%C4%87">Milutin Milanković</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Willard_Frank_Libby">Willard Libby</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Radiokarbonmethode">Radiokarbonmethode</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Manhattan-Projekt">Manhattan-Projekt</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Uran-Thorium-Datierung">Uran-Thorium-Datierung</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Barbados">Barbados</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Strahlentierchen">Radiolarien</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kieselalgen">Diatomeen</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Climate%3A_Long_range_Investigation%2C_Mapping%2C_and_Prediction">CLIMAP Project</a> (englisch)</li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/John_Imbrie">John Imbrie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/%CE%9418O">Delta 18O</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Andr%C3%A9_Berger">André Berger</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/100%2C000-year_problem">100.000-year problem</a> (englisch)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Tagungsband: <a href="https://archive.org/details/milankovitchclim0000nato/page/n7/mode/2up">Berger et al.: Milankovich and the Climate – Understanding the Mystery</a>, NATO ASI Series (1984)</li> <li>Buch: <a href="https://www.hup.harvard.edu/books/9780674440753">John Imbrie &amp; Katherine Palmer Imbrie: Ice Ages – Solving the Mystery</a>, Harvard University Press (1982)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://www.science.org/doi/abs/10.1126/science.194.4270.1121">Hays, Imbrie &amp; Shackelton: Variations in Earth‘s Orbit: Pacemaker of the Ice Ages</a>, Science (1976)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1126/science.adp3491">Barker et al.: Glacial Cycles: Distinct roles for precession, obliquity, and eccentricity in Pleistocene 100-kyr glacial cycles</a>, Science (2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: Kieselskelett des einzelligen Strahlentierchens (Radiolaria) Stylodicta clavata, Fundort: Barbados; Quelle: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.en">CC-BY-SA 2.0</a> <a href="https://www.flickr.com/people/59923990@N05">Picturepest</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-1-scaled.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Ändert die Erdbahn das Klima? Milanković auf dem Prüfstand » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Warum gab es in der Erdgeschichte immer wieder Eiszeiten? Mit dieser Frage hatte sich der serbische Mathematiker, Ingenieur und Geowissenschaftler Milutin Milankovíc intensiv beschäftigt und ab 1920 seine Theorie veröffentlicht. Demnach beeinflussen Schwankungen der Erdbahn und ihrer Rotationsachse im Laufe von mehreren zehntausend Jahren, wie viel Sonnenstrahlung die Erdoberfläche erreicht.</p> <p>Milankovićs Theorie hatte zunächst aber eine Achillesferse – denn sie war eine theoretische Arbeit, die auf astronomische Daten in Verbindung mit physikalischen Gleichungen setzte. Ob die Milanković-Zyklen sich auch in geologischen Daten, in Gesteinen, Sedimenten oder Fossilien nachweisen lassen, war unklar. Selbst 1958, im Todesjahr des Forschers, war seine Theorie umstritten. Im darauffolgenden Jahrzehnt sollten die Milanković-Zyklen dann fast alle ihre Unterstützer verlieren.</p> <p>Karl erzählt in seiner zweiten Folge (<a href="https://astrogeo.de/von-gletschern-und-gestirnen-die-entdeckung-der-milankovic-zyklen/">hier geht es zu Teil 1</a>), wie es weiterging mit den Milanković-Zyklen. Die Theorie geriet in eine Krise, weil dank des Manhattan-Projektes und daraus erwachsener Kernphysik mehrere neue Methoden entwickelt worden waren, um das Alter von Gesteinen und Sedimenten genau zu messen. Vor allem war das die Radiokarbonmethode des Chemikers Willard Libby, die trotz einiger Einschränkungen bis heute zu den wichtigsten wissenschaftlichen Werkzeugen überhaupt gehört.</p> <p>Bei der Datierung von immer mehr Gesteinen oder Sedimenten wurde bald auch das Alter der letzten Eiszeit immer genauer bestimmt. Zwar schien der Zeitpunkt des sogenannten letzten glazialen Maximums von rund 18.000 Jahren mit Milankovićs Vorhersagen übereinzustimmen. Bald zeigten sich aber immer neue Abweichungen in der Klimageschichte des letzten 150.000 Jahre, die nicht zu allen Vorhersagen der Milanković-Zyklen zu passen schienen.</p> <p>Was folgte, war eine weltweite Spurensuche, die auf tropischen Inseln und zuletzt in die Tiefsee der Ozeane führte, wo Sediment ein weit zurückreichendes Klimaarchiv bildet. Erst 1976 schien die Debatte um die Milanković-Zyklen beigelegt worden zu sein. Die Forschung zu diesem Phänomen dauert aber bis heute an.</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 110: <a href="https://astrogeo.de/von-gletschern-und-gestirnen-die-entdeckung-der-milankovic-zyklen/">Von Gletschern und Gestirnen: Die Entdeckung der Milanković-Zyklen</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Milankovi%C4%87-Zyklen">Milanković-Zyklen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Milutin_Milankovi%C4%87">Milutin Milanković</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Willard_Frank_Libby">Willard Libby</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Radiokarbonmethode">Radiokarbonmethode</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Manhattan-Projekt">Manhattan-Projekt</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Uran-Thorium-Datierung">Uran-Thorium-Datierung</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Barbados">Barbados</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Strahlentierchen">Radiolarien</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kieselalgen">Diatomeen</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Climate%3A_Long_range_Investigation%2C_Mapping%2C_and_Prediction">CLIMAP Project</a> (englisch)</li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/John_Imbrie">John Imbrie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/%CE%9418O">Delta 18O</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Andr%C3%A9_Berger">André Berger</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/100%2C000-year_problem">100.000-year problem</a> (englisch)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Tagungsband: <a href="https://archive.org/details/milankovitchclim0000nato/page/n7/mode/2up">Berger et al.: Milankovich and the Climate – Understanding the Mystery</a>, NATO ASI Series (1984)</li> <li>Buch: <a href="https://www.hup.harvard.edu/books/9780674440753">John Imbrie &amp; Katherine Palmer Imbrie: Ice Ages – Solving the Mystery</a>, Harvard University Press (1982)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://www.science.org/doi/abs/10.1126/science.194.4270.1121">Hays, Imbrie &amp; Shackelton: Variations in Earth‘s Orbit: Pacemaker of the Ice Ages</a>, Science (1976)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1126/science.adp3491">Barker et al.: Glacial Cycles: Distinct roles for precession, obliquity, and eccentricity in Pleistocene 100-kyr glacial cycles</a>, Science (2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: Kieselskelett des einzelligen Strahlentierchens (Radiolaria) Stylodicta clavata, Fundort: Barbados; Quelle: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.en">CC-BY-SA 2.0</a> <a href="https://www.flickr.com/people/59923990@N05">Picturepest</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-aendert-die-erdbahn-das-klima-milankovic-auf-dem-pruefstand/#comments 1 Kahlschlag beim NASA-Budget 2026 https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/kahlschlag-beim-nasa-budget-2026/ https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/kahlschlag-beim-nasa-budget-2026/#comments Mon, 05 May 2025 14:40:23 +0000 Michael Khan https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/?p=11027 https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/Bangabandhu_Satellite-1_Mission_42025498972-768x512.jpg Start einer Falcon 9 Block 5, Quelle: Wikipedia https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/kahlschlag-beim-nasa-budget-2026/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/Bangabandhu_Satellite-1_Mission_42025498972-scaled.jpg" /><h1>Kahlschlag beim NASA-Budget 2026 » Go for Launch » SciLogs</h1><h2>By Michael Khan</h2><div itemprop="text"> <p>Man kann Donald Trump sicher nicht vorwerfen, dass er radikale Schnitte scheut. Die Pläne seiner Administration für das <a href="https://www.nasa.gov/news-release/president-trumps-fy26-budget-revitalizes-human-space-exploration/" rel="noopener" target="_blank">NASA-Budget 2026</a> dürften also keine große Überraschung sein. Das Budget soll massiv gekürzt werden, um bis zu 25%. Besonders betroffen sind dabei:</p> <span id="more-11027"></span> <ul> <li>MSR, die robotische Probenrückführung vom Mars wird beendet. Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/nasa-zieht-bei-msr-die-reissleine/">Kosten dieses Programms sind völlig aus dem Ruder</a> gelaufen; bereits unter Biden war eine tiefgreifende Umstruktrierung begonnen worden.</li> </ul> <ul> <li>Die Entwicklung der bemannten Station “Gateway” in einer hochexzentrischen Bahn mit zumindest zweifelhafter Eignung für einen bemannten orbitalen Außenposten in Mondnähe wird beendet.</li> </ul> <ul> <li>Das Programm der Schwerlastrakete SLS , die wegen ihrer geringen Startfrequenz und der exorbitanten Kosten in der Kritik stand, wird beendet. Die Einstellung wird allerdings erst nach der Mission <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Artemis_3" rel="noopener" target="_blank">ARTEMIS III</a> geschehen, bei der erstmals nach der Apollo-Ära wieder Menschen auf dem Mond stehen werden. Kommerzielle Trägersysteme sollen dann die Rolle der SLS übernehmen.</li> </ul> <ul> <li>Das Programm der Internationalen Raumstation ISS soll beendet werden. Dazu soll zuerst die Besatzung reduziert und der Umfang der durchgeführten Wissenschaft heruntergefahren werden. Die Aufgabe des weiteren Betriebs soll Forschung sein, die gezielt den zukünftigen astronautischen Missionen zum Mond und Mars dient, sowie die Vorbereitung der sicheren Dekommissionierung (gemeint ist wohl der gezielte Wiedeintritt im Südpazifik). Die Aufgaben der ISS sollen ab 2030 von kommerziellen Unternehmen erfüllt werden. </li> </ul> <ul> <li>Die Forschung der NASA an Technologien, die die Luftfahrt umweltschonender machen (wie grüne Treibstoffe) soll beendet werden. </li> </ul> <p>Der Fokus liegt eindeutig bei der Exploration von Mond und Mars, wobei 2026 für die Vorbereitung astronautischen Mondmissionen 7 Milliarden Dollar zur Verfügung stehen, für die Entwicklung von Technologien für Mars-Missionen eine Milliarde. Letzteres erscheint mir nicht wie eine massive Investition, die die Vision von Menschen auf dem Mars in greifbare Nähe rücken lässt. </p> <p>Es ist mir auch nicht klar, ob die Trump-Administration ernsthaft die menschliche Präsenz auf dem Mond vorantreiben will, oder ob es nur darum geht, den Chinesen zu zeigen, wo der Hammer hängt. Wer so massive Änderungen vornimmt wie den Komplettumbau der US-Raumfahrtaktivitäten, wird hoffentlich einen klaren Fahrplan aufgestellt haben. Allein die Hoffnung, dass kommerzielle Unternehmen es schon richten werden, wird nicht reichen.</p> <p>Es wird sich erst noch zeigen müssen, ob die radikalen Schnitte im NASA-Budget 2026 und danach wirklich dem US-Steuerzahler zugutekommen, wie von der Trump-Administration behauptet, oder ob davon nur die Industrie profitiert, insbesondere ein ganz bestimmtes Unternehmen und dessen Gründer, </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/Bangabandhu_Satellite-1_Mission_42025498972-scaled.jpg" /><h1>Kahlschlag beim NASA-Budget 2026 » Go for Launch » SciLogs</h1><h2>By Michael Khan</h2><div itemprop="text"> <p>Man kann Donald Trump sicher nicht vorwerfen, dass er radikale Schnitte scheut. Die Pläne seiner Administration für das <a href="https://www.nasa.gov/news-release/president-trumps-fy26-budget-revitalizes-human-space-exploration/" rel="noopener" target="_blank">NASA-Budget 2026</a> dürften also keine große Überraschung sein. Das Budget soll massiv gekürzt werden, um bis zu 25%. Besonders betroffen sind dabei:</p> <span id="more-11027"></span> <ul> <li>MSR, die robotische Probenrückführung vom Mars wird beendet. Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/nasa-zieht-bei-msr-die-reissleine/">Kosten dieses Programms sind völlig aus dem Ruder</a> gelaufen; bereits unter Biden war eine tiefgreifende Umstruktrierung begonnen worden.</li> </ul> <ul> <li>Die Entwicklung der bemannten Station “Gateway” in einer hochexzentrischen Bahn mit zumindest zweifelhafter Eignung für einen bemannten orbitalen Außenposten in Mondnähe wird beendet.</li> </ul> <ul> <li>Das Programm der Schwerlastrakete SLS , die wegen ihrer geringen Startfrequenz und der exorbitanten Kosten in der Kritik stand, wird beendet. Die Einstellung wird allerdings erst nach der Mission <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Artemis_3" rel="noopener" target="_blank">ARTEMIS III</a> geschehen, bei der erstmals nach der Apollo-Ära wieder Menschen auf dem Mond stehen werden. Kommerzielle Trägersysteme sollen dann die Rolle der SLS übernehmen.</li> </ul> <ul> <li>Das Programm der Internationalen Raumstation ISS soll beendet werden. Dazu soll zuerst die Besatzung reduziert und der Umfang der durchgeführten Wissenschaft heruntergefahren werden. Die Aufgabe des weiteren Betriebs soll Forschung sein, die gezielt den zukünftigen astronautischen Missionen zum Mond und Mars dient, sowie die Vorbereitung der sicheren Dekommissionierung (gemeint ist wohl der gezielte Wiedeintritt im Südpazifik). Die Aufgaben der ISS sollen ab 2030 von kommerziellen Unternehmen erfüllt werden. </li> </ul> <ul> <li>Die Forschung der NASA an Technologien, die die Luftfahrt umweltschonender machen (wie grüne Treibstoffe) soll beendet werden. </li> </ul> <p>Der Fokus liegt eindeutig bei der Exploration von Mond und Mars, wobei 2026 für die Vorbereitung astronautischen Mondmissionen 7 Milliarden Dollar zur Verfügung stehen, für die Entwicklung von Technologien für Mars-Missionen eine Milliarde. Letzteres erscheint mir nicht wie eine massive Investition, die die Vision von Menschen auf dem Mars in greifbare Nähe rücken lässt. </p> <p>Es ist mir auch nicht klar, ob die Trump-Administration ernsthaft die menschliche Präsenz auf dem Mond vorantreiben will, oder ob es nur darum geht, den Chinesen zu zeigen, wo der Hammer hängt. Wer so massive Änderungen vornimmt wie den Komplettumbau der US-Raumfahrtaktivitäten, wird hoffentlich einen klaren Fahrplan aufgestellt haben. Allein die Hoffnung, dass kommerzielle Unternehmen es schon richten werden, wird nicht reichen.</p> <p>Es wird sich erst noch zeigen müssen, ob die radikalen Schnitte im NASA-Budget 2026 und danach wirklich dem US-Steuerzahler zugutekommen, wie von der Trump-Administration behauptet, oder ob davon nur die Industrie profitiert, insbesondere ein ganz bestimmtes Unternehmen und dessen Gründer, </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/kahlschlag-beim-nasa-budget-2026/#comments 4 Alle Dinge fallen gleich schnell – muss das so sein? https://scilogs.spektrum.de/hier-wohnen-drachen/alle-dinge-fallen-gleich-schnell-muss-das-so-sein/ https://scilogs.spektrum.de/hier-wohnen-drachen/alle-dinge-fallen-gleich-schnell-muss-das-so-sein/#comments Fri, 02 May 2025 11:11:08 +0000 Martin Bäker https://scilogs.spektrum.de/hier-wohnen-drachen/?p=392 <h1>Alle Dinge fallen gleich schnell - muss das so sein? » Hier wohnen Drachen » SciLogs</h1><h2>By Martin Bäker</h2><p>Auch wenn es vielleicht so klingt: In diesem Artikel geht es mal nicht um die Relativitätstheorie, sondern um sehr grundlegende Physik und Logik.</p><p><em>Disclaimer:</em> Ich bin absolut kein Experte für Wissenschaftsgeschichte und geben die Dinge so wieder, wie ich sie mal gelesen habe; falls hier irgendwas falsch ist, merkt das gern in den Kommentaren an. </p><p>Wenn ihr euch mit Physikgeschichte ein wenig auskennt, dann wisst ihr, dass es Galilei war, der als erster klar gesagt hat, dass alle Dinge gleich schnell fallen. Angeblich hat er Kugeln unterschiedlicher Masse vom Schiefen Turm von Pisa heruntergeworfen, um das zu testen (das ist aber sehr umstritten), aber er hat auch folgendes Gedankenexperiment angestellt (zitiert <a href="https://www.leifiphysik.de/mechanik/freier-fall-senkrechter-wurf/geschichte/galileis-untersuchung-des-freien-falls">nach dieser Seite</a>):</p><p><em>Nehmen wir an es gibt zwei Körper des gleichen Materials, der größere ist A, der kleinere ist B.</em></p><div> <p><em>Nehmen wir – falls möglich – wie von unserem Gegner behauptet, an, dass A schneller fällt als B. Wir haben dann also zwei Körper, von denen sich einer schneller bewegt.</em></p> <p><em>Dann würde sich eine Vereinigung beider Teile, unserer Annahme entsprechend, langsamer bewegen als derjenige Teil, der sich allein schneller bewegt als der andere (Anmerkung: Körper B hemmt A). Wenn also A und B vereint werden, würde die Vereinigung sich langsamer als A allein bewegen. . . .</em></p> <p><em>Da aber andererseits die Vereinigung von A und B schwerer ist als A alleine müsste dieser “Kombikörper” nach Aristoteles noch schneller als A fallen. Somit tritt ein Widerspruch auf, der die Theorie des Aristoteles in Frage stellt.</em></p> </div><div> <p>Ich erinnere mich, dass ich das irgendwann im Physikstudium zum ersten mal gehört habe und damals sehr überzeugend fand. Aber irgendwie war mir trotzdem immer unbehaglich bei diesem Gedankenexperiment, irgendetwas stimmt an dem Argument nicht (vielleicht seid ihr schlauer als ich und seht es sofort). Aktuell lese ich gerade D. Dennetts neues Buch “Intuition Pumps” (bisher ist mein Eindruck ziemlich durchwachsen, das Buch hat gute Stellen, aber auch einige extrem schwache und schlampige Argumente), wo er das Argument ebenfalls als Beispiel für ein gutes Gedankenexperiment bringt, und so habe ich nochmal drüber nachgedacht und mir fiel auf, wo das Problem liegt. (Dachte ich. Beim längeren Nachdenken habe ich dann gemerkt, dass es noch komplizierter ist als ich ursprünglich annahm, dazu komme ich am Ende…)</p> <p>Zunächst mal: Waren den alle Leute vor Galilei zu dumm, um sich dieses Argument zu überlegen? Aristoteles zum Beispiel war ja auch nicht gerade auf den Kopf gefallen (und auch wenn er heute immer gern als Beispiel für eine zu simple, quasi naive Weltanschauung herhalten muss, hat er sich mit den Mitteln, die er hatte, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Aristotelian_physics">ziemlich schlaue Gedanken gemacht und sinnvolle Erklärungsmodelle gefunden</a>), hat der denn nie darüber nachgedacht? Und wieso haben dann Leute wie Eötvös Ende des 19. Jahrhunderts Experimente gemacht, um das zu überprüfen, wenn es doch logisch zwingend ist?</p> <p>Tatsächlich kann man kinderleicht zeigen, dass in dem Argument, so wie es oben zitiert ist, eine Menge unausgesprochener Annahmen drinstecken: Nehmt einfach eine Feder und einen Hammer (und zwar nicht auf dem Mond, wo sie tatsächlich gleich schnell fallen [oder auch nicht, siehe unten], sondern auf der guten alten Erde) und lasst sie fallen. Fallen sie gleich schnell? Natürlich nicht.</p> <p>“Ja, aber das liegt doch am Luftwiderstand” werdet ihr jetzt sagen. Sicher. Aber offensichtlich zeigt dieses sehr simple Argument, dass es eben nicht logisch zwingend ist, dass alle Dinge gleich schnell fallen, denn wenn es das wäre, dann würde der Hammer nicht zuerst aufprallen. </p> <p>Und was passiert, wenn wir die Feder mit dem Hammer zusammenbinden? Dann fallen beide, obwohl sie schwerer sind als jeder einzelne, vermutlich etwas langsamer als der Hammer allein (weil die Feder für mehr Luftwiderstand sorgt). </p> <p>Wenn der Luftwiderstand (oder der Auftrieb im Wasser) ins Spiel kommen, dann spielen also auch noch die Form und das Volumen der Masse eine Rolle, und sobald das so ist, müssen auch nicht mehr alle Dinge gleich schnell fallen. </p> <p>Wenn der Luftwiderstand die Bewegung sogar dominiert (und das ist letztlich in Aristoteles Sicht der Dinge relevant), dann fallen schwere Objekte sogar tatsächlich schneller als leichte, wie man beispielsweise bei Regentropfen beobachten kann . Ich spekuliere mal, dass Aristoteles (der ja beobachtet hat, aber keine Experimente gemacht hat) das durchaus beobachtet haben könnte. Jedenfalls hat er angenommen, dass schwerere Körper schneller fallen als leichtere, wenn sie aus demselben Material sind. Genau diese Annahme war es ja auch, um die es Galilei ging: Eine größere Masse allein kann nicht dafür sorgen, dass ein Objekt schneller fällt. </p> <p>Betrachten wir, um das Ganze klarer zu machen, folgende Situation: Nehmen wir an, es gäbe keine Schwerkraft, aber alle Materie wäre sehr schwach elektrisch (z.B. negativ) geladen und die Erde entgegengesetzt (also positiv). Dann würden alle Körper entsprechend ihre Ladung von der Erde angezogen werden, wie schnell ein Körper fällt, würde dann von dem Verhältnis seiner Ladung (die die Anziehungskraft regelt) und seiner Masse (die die Trägheit bestimmt) festgelegt werden. Wäre das Verhältnis von Ladung und Masse für alle Körper gleich, dann würden auch alle gleich schnell fallen, aber das muss ja nicht so sein. Wäre das Verhältnis ganz leicht unterschiedlich, dann gäbe es eben leichte Abweichungen in der Fallgeschwindigkeit.</p> <p>Letztlich ist das auch das, was wir in der Physik als Situation betrachten müssen: Die Trägheit des Körpers ist durch die träge Masse geregelt, die Anziehungskraft durch die schwere Masse. Dass beide gleich sind, ist eine experimentelle Erfahrung (und ein <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-662-57293-1">Kernpunkt der Allgemeinen Relativitätstheorie</a>), und das ist letztlich auch die Essenz von Galileis logischem Argument: Es nimmt an, dass die Eigenschaften des Körpers durch einen einzigen Parameter bestimmt werden (die Masse) und dass Effekte wie der Luftwiderstand keine Rolle spielen. Bei Aristoteles’ Physik war die Situation eine andere, weil er das Konzept der Trägheit so nicht kannte – er nahm ja an, dass ein Ruhezustand für alle Körper der “Normalzustand” ist und dass man, um etwas mit konstanter Geschwindigkeit zu bewegen, permanent eine Kraft ausüben muss. (In einer Welt, in der die Reibung stark ist, ist das auch ziemlich plausibel, auch wenn Aristoteles ein paar argumentative Klimmzüge machen musste um zu erklären, warum beispielsweise ein geschossener Pfeil nicht sofort zur Ruhe kommt – er hat das auf Luftwirbel zurückgeführt, die den Pfeil vorwärts treiben.) </p> <p>Ist das Argument von Galilei unter dieser Annahme (die einzigen bestimmenden Parameter sind träge und schwere Masse und diese beiden sind gleich) zwingend richtig? Das habe ich beim Schreiben dieses Artikels für eine Weile geglaubt, aber es ist nicht wirklich korrekt, sondern funktioniert nur, wenn wir die Situation idealisieren. Betrachten wir die Situation noch einmal ganz genau: Wir halten einen Hammer und ein paar Meter entfernt eine Feder fest und lassen sie dann los, und wir machen das ganze im Vakuum. Fallen beide wirklich gleich schnell? </p> <p>Hammer und Feder haben selbst eine Masse und ziehen damit auch die Materie der Erde an. Die Teilchen der Erde direkt unter dem Hammer werden also ihrerseits eine Winzigkeit zum Hammer hingezogen, unter der Feder ist der Effekt, weil die Feder deutlich leichter ist, schwächer.</p> <p>Damit ist jetzt der Abstand zwischen Hammer und Erde im Mittel eine Winzigkeit kleiner geworden, so dass die Anziehungskraft der Erde entsprechend größer wird. Und damit fällt dann der Hammer doch ein wenig schneller als die Feder, einfach, weil die Materie, die ihn anzieht, etwas dichter an ihm dran ist. </p> <p>Binden wir Feder und Hammer zusammen, addiert sich ihre Masse, die Verformung der Erde wird noch ein wenig größer und sie fallen tatsächlich noch ein wenig schneller. Die Annahme in Galileis Argument (<em>Körper B hemmt Körper A</em>) erscheint zwar logisch und plausibel, ist es aber nicht, der Effekt beider Massen auf die Erde addiert sich und deshalb fallen sie gemeinsam etwas schneller als getrennt.</p> <p>Ein Effekt wie dieser ist in Galileis Argument nicht enthalten, weil er implizit annimmt, dass man den Fall eines Objekts genauso betrachten kann wie den Fall einzelner Teile des Objekts. Das ist zwar plausibel, aber in gewisser Weise nimmt es die Schlussfolgerung schon vorweg. </p> <p>Was soll euch diese ziemlich extensive Betrachtung eines simplen (und letztlich wissenschaftlich auch nicht zu bedeutenden) Arguments sagen? Sie ist mal wieder ein Beispiel dafür, dass wir in der Physik scheinbar logischen Argumenten misstrauen sollten, weil es immer sein kann, dass man subtile Effekte übersieht. (Mein Lieblingsbeispiel dafür findet ihr in <a href="https://scienceblogs.de/hier-wohnen-drachen/2012/02/20/dinozahne-toilettenpapier-und-warum-weniger-manchmal-mehr-ist/">meinem alten Blog</a>.) Logische Argumente sind nützlich und haben ihren Platz, aber am Ende sollten wir experimentell überprüfen, ob sie wirklich richtig sind oder nicht.</p> <p><em>PS: </em>Ich werde ab jetzt auf diesem Blog die Kommentare rigoros moderieren. Falls ihr diesen Artikel zum Anlass nehmen wollt, mir zu sagen, dass die Relativitätstheorie natürlich falsch ist oder sonstigen Blödsinn oder esoterisches Blabla hinterlassen wollt – spart euch die Mühe des Tippens, ich schalte solche Kommentare nicht mehr frei.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Alle Dinge fallen gleich schnell - muss das so sein? » Hier wohnen Drachen » SciLogs</h1><h2>By Martin Bäker</h2><p>Auch wenn es vielleicht so klingt: In diesem Artikel geht es mal nicht um die Relativitätstheorie, sondern um sehr grundlegende Physik und Logik.</p><p><em>Disclaimer:</em> Ich bin absolut kein Experte für Wissenschaftsgeschichte und geben die Dinge so wieder, wie ich sie mal gelesen habe; falls hier irgendwas falsch ist, merkt das gern in den Kommentaren an. </p><p>Wenn ihr euch mit Physikgeschichte ein wenig auskennt, dann wisst ihr, dass es Galilei war, der als erster klar gesagt hat, dass alle Dinge gleich schnell fallen. Angeblich hat er Kugeln unterschiedlicher Masse vom Schiefen Turm von Pisa heruntergeworfen, um das zu testen (das ist aber sehr umstritten), aber er hat auch folgendes Gedankenexperiment angestellt (zitiert <a href="https://www.leifiphysik.de/mechanik/freier-fall-senkrechter-wurf/geschichte/galileis-untersuchung-des-freien-falls">nach dieser Seite</a>):</p><p><em>Nehmen wir an es gibt zwei Körper des gleichen Materials, der größere ist A, der kleinere ist B.</em></p><div> <p><em>Nehmen wir – falls möglich – wie von unserem Gegner behauptet, an, dass A schneller fällt als B. Wir haben dann also zwei Körper, von denen sich einer schneller bewegt.</em></p> <p><em>Dann würde sich eine Vereinigung beider Teile, unserer Annahme entsprechend, langsamer bewegen als derjenige Teil, der sich allein schneller bewegt als der andere (Anmerkung: Körper B hemmt A). Wenn also A und B vereint werden, würde die Vereinigung sich langsamer als A allein bewegen. . . .</em></p> <p><em>Da aber andererseits die Vereinigung von A und B schwerer ist als A alleine müsste dieser “Kombikörper” nach Aristoteles noch schneller als A fallen. Somit tritt ein Widerspruch auf, der die Theorie des Aristoteles in Frage stellt.</em></p> </div><div> <p>Ich erinnere mich, dass ich das irgendwann im Physikstudium zum ersten mal gehört habe und damals sehr überzeugend fand. Aber irgendwie war mir trotzdem immer unbehaglich bei diesem Gedankenexperiment, irgendetwas stimmt an dem Argument nicht (vielleicht seid ihr schlauer als ich und seht es sofort). Aktuell lese ich gerade D. Dennetts neues Buch “Intuition Pumps” (bisher ist mein Eindruck ziemlich durchwachsen, das Buch hat gute Stellen, aber auch einige extrem schwache und schlampige Argumente), wo er das Argument ebenfalls als Beispiel für ein gutes Gedankenexperiment bringt, und so habe ich nochmal drüber nachgedacht und mir fiel auf, wo das Problem liegt. (Dachte ich. Beim längeren Nachdenken habe ich dann gemerkt, dass es noch komplizierter ist als ich ursprünglich annahm, dazu komme ich am Ende…)</p> <p>Zunächst mal: Waren den alle Leute vor Galilei zu dumm, um sich dieses Argument zu überlegen? Aristoteles zum Beispiel war ja auch nicht gerade auf den Kopf gefallen (und auch wenn er heute immer gern als Beispiel für eine zu simple, quasi naive Weltanschauung herhalten muss, hat er sich mit den Mitteln, die er hatte, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Aristotelian_physics">ziemlich schlaue Gedanken gemacht und sinnvolle Erklärungsmodelle gefunden</a>), hat der denn nie darüber nachgedacht? Und wieso haben dann Leute wie Eötvös Ende des 19. Jahrhunderts Experimente gemacht, um das zu überprüfen, wenn es doch logisch zwingend ist?</p> <p>Tatsächlich kann man kinderleicht zeigen, dass in dem Argument, so wie es oben zitiert ist, eine Menge unausgesprochener Annahmen drinstecken: Nehmt einfach eine Feder und einen Hammer (und zwar nicht auf dem Mond, wo sie tatsächlich gleich schnell fallen [oder auch nicht, siehe unten], sondern auf der guten alten Erde) und lasst sie fallen. Fallen sie gleich schnell? Natürlich nicht.</p> <p>“Ja, aber das liegt doch am Luftwiderstand” werdet ihr jetzt sagen. Sicher. Aber offensichtlich zeigt dieses sehr simple Argument, dass es eben nicht logisch zwingend ist, dass alle Dinge gleich schnell fallen, denn wenn es das wäre, dann würde der Hammer nicht zuerst aufprallen. </p> <p>Und was passiert, wenn wir die Feder mit dem Hammer zusammenbinden? Dann fallen beide, obwohl sie schwerer sind als jeder einzelne, vermutlich etwas langsamer als der Hammer allein (weil die Feder für mehr Luftwiderstand sorgt). </p> <p>Wenn der Luftwiderstand (oder der Auftrieb im Wasser) ins Spiel kommen, dann spielen also auch noch die Form und das Volumen der Masse eine Rolle, und sobald das so ist, müssen auch nicht mehr alle Dinge gleich schnell fallen. </p> <p>Wenn der Luftwiderstand die Bewegung sogar dominiert (und das ist letztlich in Aristoteles Sicht der Dinge relevant), dann fallen schwere Objekte sogar tatsächlich schneller als leichte, wie man beispielsweise bei Regentropfen beobachten kann . Ich spekuliere mal, dass Aristoteles (der ja beobachtet hat, aber keine Experimente gemacht hat) das durchaus beobachtet haben könnte. Jedenfalls hat er angenommen, dass schwerere Körper schneller fallen als leichtere, wenn sie aus demselben Material sind. Genau diese Annahme war es ja auch, um die es Galilei ging: Eine größere Masse allein kann nicht dafür sorgen, dass ein Objekt schneller fällt. </p> <p>Betrachten wir, um das Ganze klarer zu machen, folgende Situation: Nehmen wir an, es gäbe keine Schwerkraft, aber alle Materie wäre sehr schwach elektrisch (z.B. negativ) geladen und die Erde entgegengesetzt (also positiv). Dann würden alle Körper entsprechend ihre Ladung von der Erde angezogen werden, wie schnell ein Körper fällt, würde dann von dem Verhältnis seiner Ladung (die die Anziehungskraft regelt) und seiner Masse (die die Trägheit bestimmt) festgelegt werden. Wäre das Verhältnis von Ladung und Masse für alle Körper gleich, dann würden auch alle gleich schnell fallen, aber das muss ja nicht so sein. Wäre das Verhältnis ganz leicht unterschiedlich, dann gäbe es eben leichte Abweichungen in der Fallgeschwindigkeit.</p> <p>Letztlich ist das auch das, was wir in der Physik als Situation betrachten müssen: Die Trägheit des Körpers ist durch die träge Masse geregelt, die Anziehungskraft durch die schwere Masse. Dass beide gleich sind, ist eine experimentelle Erfahrung (und ein <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-662-57293-1">Kernpunkt der Allgemeinen Relativitätstheorie</a>), und das ist letztlich auch die Essenz von Galileis logischem Argument: Es nimmt an, dass die Eigenschaften des Körpers durch einen einzigen Parameter bestimmt werden (die Masse) und dass Effekte wie der Luftwiderstand keine Rolle spielen. Bei Aristoteles’ Physik war die Situation eine andere, weil er das Konzept der Trägheit so nicht kannte – er nahm ja an, dass ein Ruhezustand für alle Körper der “Normalzustand” ist und dass man, um etwas mit konstanter Geschwindigkeit zu bewegen, permanent eine Kraft ausüben muss. (In einer Welt, in der die Reibung stark ist, ist das auch ziemlich plausibel, auch wenn Aristoteles ein paar argumentative Klimmzüge machen musste um zu erklären, warum beispielsweise ein geschossener Pfeil nicht sofort zur Ruhe kommt – er hat das auf Luftwirbel zurückgeführt, die den Pfeil vorwärts treiben.) </p> <p>Ist das Argument von Galilei unter dieser Annahme (die einzigen bestimmenden Parameter sind träge und schwere Masse und diese beiden sind gleich) zwingend richtig? Das habe ich beim Schreiben dieses Artikels für eine Weile geglaubt, aber es ist nicht wirklich korrekt, sondern funktioniert nur, wenn wir die Situation idealisieren. Betrachten wir die Situation noch einmal ganz genau: Wir halten einen Hammer und ein paar Meter entfernt eine Feder fest und lassen sie dann los, und wir machen das ganze im Vakuum. Fallen beide wirklich gleich schnell? </p> <p>Hammer und Feder haben selbst eine Masse und ziehen damit auch die Materie der Erde an. Die Teilchen der Erde direkt unter dem Hammer werden also ihrerseits eine Winzigkeit zum Hammer hingezogen, unter der Feder ist der Effekt, weil die Feder deutlich leichter ist, schwächer.</p> <p>Damit ist jetzt der Abstand zwischen Hammer und Erde im Mittel eine Winzigkeit kleiner geworden, so dass die Anziehungskraft der Erde entsprechend größer wird. Und damit fällt dann der Hammer doch ein wenig schneller als die Feder, einfach, weil die Materie, die ihn anzieht, etwas dichter an ihm dran ist. </p> <p>Binden wir Feder und Hammer zusammen, addiert sich ihre Masse, die Verformung der Erde wird noch ein wenig größer und sie fallen tatsächlich noch ein wenig schneller. Die Annahme in Galileis Argument (<em>Körper B hemmt Körper A</em>) erscheint zwar logisch und plausibel, ist es aber nicht, der Effekt beider Massen auf die Erde addiert sich und deshalb fallen sie gemeinsam etwas schneller als getrennt.</p> <p>Ein Effekt wie dieser ist in Galileis Argument nicht enthalten, weil er implizit annimmt, dass man den Fall eines Objekts genauso betrachten kann wie den Fall einzelner Teile des Objekts. Das ist zwar plausibel, aber in gewisser Weise nimmt es die Schlussfolgerung schon vorweg. </p> <p>Was soll euch diese ziemlich extensive Betrachtung eines simplen (und letztlich wissenschaftlich auch nicht zu bedeutenden) Arguments sagen? Sie ist mal wieder ein Beispiel dafür, dass wir in der Physik scheinbar logischen Argumenten misstrauen sollten, weil es immer sein kann, dass man subtile Effekte übersieht. (Mein Lieblingsbeispiel dafür findet ihr in <a href="https://scienceblogs.de/hier-wohnen-drachen/2012/02/20/dinozahne-toilettenpapier-und-warum-weniger-manchmal-mehr-ist/">meinem alten Blog</a>.) Logische Argumente sind nützlich und haben ihren Platz, aber am Ende sollten wir experimentell überprüfen, ob sie wirklich richtig sind oder nicht.</p> <p><em>PS: </em>Ich werde ab jetzt auf diesem Blog die Kommentare rigoros moderieren. Falls ihr diesen Artikel zum Anlass nehmen wollt, mir zu sagen, dass die Relativitätstheorie natürlich falsch ist oder sonstigen Blödsinn oder esoterisches Blabla hinterlassen wollt – spart euch die Mühe des Tippens, ich schalte solche Kommentare nicht mehr frei.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hier-wohnen-drachen/alle-dinge-fallen-gleich-schnell-muss-das-so-sein/#comments 79