SciLogs https://scilogs.spektrum.de/multifeed Tagebücher der Wissenschaft Fri, 12 Jun 2026 21:58:08 +0200 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://scilogs.spektrum.de/wp-content/themes/scilogs-theme/assets/images/favicon/scilogs-icon-32.png Tagebücher der Wissenschaft https://scilogs.spektrum.de 32 32 Attention, Attention: Aufmerksamkeit und Neglect https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/attention-attention-aufmerksamkeit-und-neglect/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/attention-attention-aufmerksamkeit-und-neglect/#respond Wed, 10 Jun 2026 13:43:20 +0000 Ruzica Sedic https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=6049 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-17.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/attention-attention-aufmerksamkeit-und-neglect/</link> </image> <description type="html"><h1>Attention, Attention: Aufmerksamkeit und Neglect » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Ruzica Sedic</h2><div itemprop="text"> <p>Aufmerksamkeit ist das unsichtbare Steuerpult unseres Alltags: Sie entscheidet, worauf wir reagieren, was wir ignorieren und wie wir unsere Umwelt erleben. Oft merken wir erst, wie zentral sie ist, wenn sie ins Wanken gerät, wenn Gedanken abschweifen, Reize überfluten oder scheinbar Selbstverständliches plötzlich schwerfällt. Von fokussiertem Arbeiten bis zum gleichzeitigen Verarbeiten mehrerer Reize leistet unser Gehirn hier Erstaunliches. Doch was passiert, wenn diese Systeme gestört sind und wie lässt sich Aufmerksamkeit gezielt stärken?</p> <h3>Aufmerksamkeitsformen und Neuroanatomie</h3> <p>Aufmerksamkeit lässt sich grob in vier Formen [1] unterteilen.</p> <ul> <li><strong>Anhaltende Aufmerksamkeit</strong>: Die Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten</li> <li><strong>Selektive Aufmerksamkeit</strong>: Sich auf relevante Reize konzentrieren und dabei irrelevante Reize ausblenden</li> <li><strong>Wechselnde Aufmerksamkeit</strong>: Zwischen zwei Aufgaben wechseln</li> <li><strong>Geteilte Aufmerksamkeit</strong>: Mehrere Elemente gleichzeitig wahrnehmen und verarbeiten</li> </ul> <p>Diese Formen sind nicht scharf getrennt, sondern überlappen sich im Alltag kontinuierlich. </p> <p>Aus neuroanatomischer Sicht sitzt eine große Portion exekutiver Aufmerksamkeit im präfrontalen Kortex: jener Bereich direkt hinter der Stirn, der für Planung, Impulskontrolle und Zielgerichtetheit verantwortlich ist [2]. Parallel dazu arbeiten Netzwerke im Parietal‑ und Frontalhirn zusammen, die für die Filterung von Sinneseindrücken zuständig sind [3]. </p> <p>Mehr zu Aufmerksamkeit im Alltag im <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/aufmerksamkeit-und-adhs/">ersten Teil</a>.<aside></aside></p> <h3>Konzentrationsprobleme bei Depression und Angststörungen</h3> <p>Neben <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/attention-attention-adhs/">ADHS</a> ist die Aufmerksamkeit auch bei anderen psychischen Störungen, vor allem bei Depressionen und Angststörungen, deutlich beeinträchtigt.</p> <p>Bei Depressionen sind insbesondere die <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/aufmerksamkeit-und-adhs/">präfrontalen Kontrollprozesse</a> und die Verarbeitungsgeschwindigkeit im Gehirn runtergefahren [4]. Das hat zur Folge, dass längere Aufmerksamkeitsphasen extrem erschöpfend werden. Man kann sich zwar noch konzentrieren, aber nur für sehr kurze Zeiträume. Ähnlich wie ein Smartphone, dessen Akku dauerhaft bei 10 Prozent hängt.</p> <p>Parallel dazu spielt das Stress‑ und Belohnungssystem eine Rolle: Bei Depressionen ist die Sensitivität für Belohnung häufig herabgesetzt, während die Reaktion auf Stress und negative Reize erhöht ist [5, 6]. Das Gehirn bleibt länger an negativen Gedanken „hängen“, was die Aufmerksamkeit verbrauchen kann: Betroffenen fällt es schwer, sich auf positive oder neutrale Aufgaben zu richten, weil der interne Fokus ständig auf negativen Themen kreist.</p> <p>Ähnlich funktioniert es bei Angststörungen und Überforderung. Hier ist das Gehirn ständig in einer Art Hypervigilanz‑Modus: Es sucht automatisch nach Bedrohungen, Bewertet alles, was passiert, aus der Sicht „ist das gefährlich?“ und ist damit viel weniger frei für konkrete, zielgerichtete Aufgaben [7].</p> <h3>Neglect: Wenn das Gehirn eine Hälfte „vergisst“</h3> <p>Stellen Sie sich vor, Sie schauen auf einen gefüllten Teller mit Nudeln, aber Sie nehmen nur die rechte Seite des Tellers wahr. Oder Sie stehen vor dem Spiegel und rasieren nur die rechte Seite Ihres Gesichtes. So geht es vielen Betroffenen von Neglect.</p> <p>Der Begriff Neglect (englisch für „Vernachlässigung“) bezeichnet eine Wahrnehmungsstörung, die häufig infolge einer Schädigung einer Gehirnhälfte auftritt, meist der rechten. Beeinträchtigt sind dabei insbesondere die räumliche Aufmerksamkeit, das räumliche Arbeitsgedächtnis, die Raumrepräsentation in verschiedenen Bezugssystemen sowie die Initiierung von Bewegungen auf der kontralateralen, also der der Verletzung gegenüberliegenden, Seite [8].</p> <p>Betroffene „übersehen“ dadurch alles, was sich auf der gegenüberliegenden Seite ihres Körpers oder des Raumes befindet. Bei Schädigung der rechten Gehirnhälfte, zum Beispiel nach einem Schlaganfall, kommt es zu einem einem sogenannten linksseitigen Neglect: Sie ignorieren Objekte, Personen oder sogar ihre linke Körperhälfte, obwohl sie sehen können.</p> <p>Die Ursache liegt nicht in den Augen, sondern im Gehirn. Therapieversuche beinhalten zum Beispiel aktives Explorieren und Orientieren oder langsame Bewegungen der fehlenden Seite [9].</p> <div> <figure><img alt="" decoding="async" height="250" sizes="(max-width: 451px) 100vw, 451px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-17.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-17.jpeg 451w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-17-300x166.jpeg 300w" width="451"></img><figcaption>Abbildung 1: Zeichnungen von Patienten mit linksseitigem Neglect. Die linke Raumseite kann durch eine Schädigung der rechten Gehirnhälfte nicht mehr wahrgenommen werden [10].</figcaption></figure> </div> <h3>Traumatische Hirnverletzungen</h3> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/schaedel-hirn-trauma-und-gehirnerschuetterungen-von-sportverletzung-bis-lebensgefahr/">Schädel-Hirn-Traumata</a> (SHT) sind Verletzungen des Schädels und Gehirns durch äußere Gewalteinwirkung, wie Unfälle, Stürze oder Schläge. Primäre Schäden entstehen direkt durch die mechanische Kraft, sekundäre durch Schwellungen, Blutungen oder Druckanstieg im Schädel.</p> <p>Eine Gehirnerschütterung (Commotio cerebri) ist ein leichtes SHT 1. Grades. Sie verursacht typischerweise Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit und eine kurze Bewusstlosigkeit [11].</p> <p>Betroffene zeigen posttraumatische Leistungsschwäche mit Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen: Die Fähigkeit, zwei Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen, schwindet; die Aufmerksamkeit erlischt rasch, Denkprozesse verlangsamen sich. Ermüdbarkeit steigt außerdem extrem, Ruhepausen werden notwendig [12].</p> <h3>Aufmerksamkeits-Boost</h3> <p>Aufmerksamkeit ist ein trainierbarer Zustand und sie lässt sich mit <a href="https://www.mdr.de/wissen/psychologie-sozialwissenschaften/konzentration-verbessern-ablenkung-vermeiden-100.html" rel="noopener">gezielten Strategien</a> erstaunlich gut kultivieren. Ein bewährter Ansatz ist das Pomodoro-Prinzip: 25 Minuten konzentriertes Arbeiten, gefolgt von einer fünfminütigen Pause. Diese „Aufmerksamkeitsintervalle“ nutzen die natürliche Schwankung der mentalen Energie, verhindern Überforderung und helfen, fokussiert zu bleiben. Entscheidend ist dabei, die Arbeitsphase wirklich störungsfrei zu halten.</p> <p>Push-Benachrichtigungen oder das ständige Wechseln zwischen Apps kann zu „Aufmerksamkeitsbrüchen“ führen. Daher lohnt es sich, Mitteilungen zu bündeln, das Smartphone außer Reichweite zu legen oder sogar „Focus Mode“-Einstellungen zu nutzen.</p> <p>Auch Bewegung spielt eine zentrale Rolle: sie kann die Ausschüttung von Neurotransmittern wie Dopamin und Noradrenalin fördern, die mit Wachheit und Motivation verbunden sind. Besonders effektiv ist regelmäßige Aktivität. Bewegung in der <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/fruehlingsgefuehle/">Natur</a> kann uns besonders gut tun.</p> <p>Ein weiterer Schlüssel liegt in gezielten Achtsamkeitsübungen, etwa kurzen Meditationen oder Atempausen im Alltag. Solche „Mini-Reset“-Momente trainieren das Gehirn, Ablenkung zu bemerken, ohne ihr zu folgen.</p> <p>Schließlich können auch Schlaf, Ernährung und Umfeldgestaltung die Konzentration beeinflussen.</p> <h3>Quellen</h3> <ol> <li>Chung-Fat-Yim, A., Calvo, N., &amp; Grundy, J. G. (2022). The multifaceted nature of bilingualism and attention. Frontiers in Psychology, 13, Article 910382. <a href="https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.910382" rel="noopener">https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.910382</a></li> <li>Kane, M. J., &amp; Engle, R. W. (2002). The role of prefrontal cortex in working-memory capacity, executive attention, and general fluid intelligence: An individual-differences perspective. Psychonomic Bulletin &amp; Review, 9(4), 637–671. <a href="https://doi.org/10.3758/BF03196323" rel="noopener">https://doi.org/10.3758/BF03196323</a></li> <li>Ptak, R. (2012). The frontoparietal attention network of the human brain: Action, saliency, and a priority map of the environment. The Neuroscientist, 18(5), 502–515. <a href="https://doi.org/10.1177/1073858411409051" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1177/1073858411409051</a></li> <li>Semkovska, M., Nikolic, J., Dølven, S., &amp; Roth, H. N. (2026). Systematic review and meta-analysis of executive function following remission from major depression. Biological Psychiatry: Cognitive Neuroscience and Neuroimaging, 11(2), 171–179. <a href="https://doi.org/10.1016/j.bpsc.2025.09.006" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.bpsc.2025.09.006</a></li> <li>Liu, Z., Wang, M., Zhou, X., Li, Y., Zhang, T., &amp; Chen, H. (2022). Reduced neural responses to reward reflect anhedonia and inattention: An ERP study. Scientific Reports, 12, 17432. <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-022-21591-9" rel="noopener">https://doi.org/10.1038/s41598-022-21591-9</a></li> <li>Lee, J. S., Mathews, A., Shergill, S., &amp; Yiend, J. (2016). Magnitude of negative interpretation bias depends on severity of depression. Behaviour Research and Therapy, 83, 26–34. <a href="https://doi.org/10.1016/j.brat.2016.05.007" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.brat.2016.05.007</a></li> <li>Wermes, R., Lincoln, T. M., &amp; Helbig-Lang, S. (2018). Anxious and alert? Hypervigilance in social anxiety disorder. Psychiatry Research, 269, 740–745. <a href="https://doi.org/10.1016/j.psychres.2018.08.086" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.psychres.2018.08.086</a></li> <li>Vossel, S., Kukolja, J., &amp; Fink, G. R. (2010). Neurobiologische Grundlagen des Neglects: Implikationen für neue Therapieansätze. Fortschr Neurol Psychiatr, 78(12), 733–745. <a href="https://doi.org/10.1055/s-0029-1245862" rel="noopener">https://doi.org/10.1055/s-0029-1245862</a></li> <li>Deutsche Gesellschaft für Neurologie. (2023). Diagnostik und Therapie von Neglect und anderen Störungen der Raumkognition (S2k-Leitlinie) (Registernummer 030-126l, Langversion 1.0). Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften. <a href="https://register.awmf.org/assets/guidelines/030-126l_S2k_Diagnostik-Therapie-Neglect-andere-Stoerungen-der-Raumkognition_2023-03.pdf" rel="noopener">https://register.awmf.org/assets/guidelines/030-126l_S2k_Diagnostik-Therapie-Neglect-andere-Stoerungen-der-Raumkognition_2023-03.pdf</a></li> <li>Neurolutions. (o. D.). Navigating left neglect. <a href="https://www.neurolutions.com/after-stroke/navigating-left-neglect/" rel="noopener">https://www.neurolutions.com/after-stroke/navigating-left-neglect/</a> (Abbildung)</li> <li>DocCheck Flexikon. (o. J.). Commotio cerebri. DocCheck Flexikon. Abgerufen am 20. April 2026, von <a href="https://flexikon.doccheck.com/de/Commotio_cerebri" rel="noopener">https://flexikon.doccheck.com/de/Commotio_cerebri</a></li> <li>Deutsche Gesellschaft für Neurologie &amp; Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde. (o. J.). Schädel-Hirn-Trauma – Auswirkungen und Folgeschäden. Neurologen-und-Psychiater-im-Netz. <a href="https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/neurologie/erkrankungen/schaedel-hirn-trauma/auswirkungen-und-folgeschaeden/" rel="noopener">https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/neurologie/erkrankungen/schaedel-hirn-trauma/auswirkungen-und-folgeschaeden/</a></li> </ol> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Attention, Attention: Aufmerksamkeit und Neglect » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Ruzica Sedic</h2><div itemprop="text"> <p>Aufmerksamkeit ist das unsichtbare Steuerpult unseres Alltags: Sie entscheidet, worauf wir reagieren, was wir ignorieren und wie wir unsere Umwelt erleben. Oft merken wir erst, wie zentral sie ist, wenn sie ins Wanken gerät, wenn Gedanken abschweifen, Reize überfluten oder scheinbar Selbstverständliches plötzlich schwerfällt. Von fokussiertem Arbeiten bis zum gleichzeitigen Verarbeiten mehrerer Reize leistet unser Gehirn hier Erstaunliches. Doch was passiert, wenn diese Systeme gestört sind und wie lässt sich Aufmerksamkeit gezielt stärken?</p> <h3>Aufmerksamkeitsformen und Neuroanatomie</h3> <p>Aufmerksamkeit lässt sich grob in vier Formen [1] unterteilen.</p> <ul> <li><strong>Anhaltende Aufmerksamkeit</strong>: Die Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten</li> <li><strong>Selektive Aufmerksamkeit</strong>: Sich auf relevante Reize konzentrieren und dabei irrelevante Reize ausblenden</li> <li><strong>Wechselnde Aufmerksamkeit</strong>: Zwischen zwei Aufgaben wechseln</li> <li><strong>Geteilte Aufmerksamkeit</strong>: Mehrere Elemente gleichzeitig wahrnehmen und verarbeiten</li> </ul> <p>Diese Formen sind nicht scharf getrennt, sondern überlappen sich im Alltag kontinuierlich. </p> <p>Aus neuroanatomischer Sicht sitzt eine große Portion exekutiver Aufmerksamkeit im präfrontalen Kortex: jener Bereich direkt hinter der Stirn, der für Planung, Impulskontrolle und Zielgerichtetheit verantwortlich ist [2]. Parallel dazu arbeiten Netzwerke im Parietal‑ und Frontalhirn zusammen, die für die Filterung von Sinneseindrücken zuständig sind [3]. </p> <p>Mehr zu Aufmerksamkeit im Alltag im <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/aufmerksamkeit-und-adhs/">ersten Teil</a>.<aside></aside></p> <h3>Konzentrationsprobleme bei Depression und Angststörungen</h3> <p>Neben <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/attention-attention-adhs/">ADHS</a> ist die Aufmerksamkeit auch bei anderen psychischen Störungen, vor allem bei Depressionen und Angststörungen, deutlich beeinträchtigt.</p> <p>Bei Depressionen sind insbesondere die <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/aufmerksamkeit-und-adhs/">präfrontalen Kontrollprozesse</a> und die Verarbeitungsgeschwindigkeit im Gehirn runtergefahren [4]. Das hat zur Folge, dass längere Aufmerksamkeitsphasen extrem erschöpfend werden. Man kann sich zwar noch konzentrieren, aber nur für sehr kurze Zeiträume. Ähnlich wie ein Smartphone, dessen Akku dauerhaft bei 10 Prozent hängt.</p> <p>Parallel dazu spielt das Stress‑ und Belohnungssystem eine Rolle: Bei Depressionen ist die Sensitivität für Belohnung häufig herabgesetzt, während die Reaktion auf Stress und negative Reize erhöht ist [5, 6]. Das Gehirn bleibt länger an negativen Gedanken „hängen“, was die Aufmerksamkeit verbrauchen kann: Betroffenen fällt es schwer, sich auf positive oder neutrale Aufgaben zu richten, weil der interne Fokus ständig auf negativen Themen kreist.</p> <p>Ähnlich funktioniert es bei Angststörungen und Überforderung. Hier ist das Gehirn ständig in einer Art Hypervigilanz‑Modus: Es sucht automatisch nach Bedrohungen, Bewertet alles, was passiert, aus der Sicht „ist das gefährlich?“ und ist damit viel weniger frei für konkrete, zielgerichtete Aufgaben [7].</p> <h3>Neglect: Wenn das Gehirn eine Hälfte „vergisst“</h3> <p>Stellen Sie sich vor, Sie schauen auf einen gefüllten Teller mit Nudeln, aber Sie nehmen nur die rechte Seite des Tellers wahr. Oder Sie stehen vor dem Spiegel und rasieren nur die rechte Seite Ihres Gesichtes. So geht es vielen Betroffenen von Neglect.</p> <p>Der Begriff Neglect (englisch für „Vernachlässigung“) bezeichnet eine Wahrnehmungsstörung, die häufig infolge einer Schädigung einer Gehirnhälfte auftritt, meist der rechten. Beeinträchtigt sind dabei insbesondere die räumliche Aufmerksamkeit, das räumliche Arbeitsgedächtnis, die Raumrepräsentation in verschiedenen Bezugssystemen sowie die Initiierung von Bewegungen auf der kontralateralen, also der der Verletzung gegenüberliegenden, Seite [8].</p> <p>Betroffene „übersehen“ dadurch alles, was sich auf der gegenüberliegenden Seite ihres Körpers oder des Raumes befindet. Bei Schädigung der rechten Gehirnhälfte, zum Beispiel nach einem Schlaganfall, kommt es zu einem einem sogenannten linksseitigen Neglect: Sie ignorieren Objekte, Personen oder sogar ihre linke Körperhälfte, obwohl sie sehen können.</p> <p>Die Ursache liegt nicht in den Augen, sondern im Gehirn. Therapieversuche beinhalten zum Beispiel aktives Explorieren und Orientieren oder langsame Bewegungen der fehlenden Seite [9].</p> <div> <figure><img alt="" decoding="async" height="250" sizes="(max-width: 451px) 100vw, 451px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-17.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-17.jpeg 451w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-17-300x166.jpeg 300w" width="451"></img><figcaption>Abbildung 1: Zeichnungen von Patienten mit linksseitigem Neglect. Die linke Raumseite kann durch eine Schädigung der rechten Gehirnhälfte nicht mehr wahrgenommen werden [10].</figcaption></figure> </div> <h3>Traumatische Hirnverletzungen</h3> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/schaedel-hirn-trauma-und-gehirnerschuetterungen-von-sportverletzung-bis-lebensgefahr/">Schädel-Hirn-Traumata</a> (SHT) sind Verletzungen des Schädels und Gehirns durch äußere Gewalteinwirkung, wie Unfälle, Stürze oder Schläge. Primäre Schäden entstehen direkt durch die mechanische Kraft, sekundäre durch Schwellungen, Blutungen oder Druckanstieg im Schädel.</p> <p>Eine Gehirnerschütterung (Commotio cerebri) ist ein leichtes SHT 1. Grades. Sie verursacht typischerweise Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit und eine kurze Bewusstlosigkeit [11].</p> <p>Betroffene zeigen posttraumatische Leistungsschwäche mit Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen: Die Fähigkeit, zwei Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen, schwindet; die Aufmerksamkeit erlischt rasch, Denkprozesse verlangsamen sich. Ermüdbarkeit steigt außerdem extrem, Ruhepausen werden notwendig [12].</p> <h3>Aufmerksamkeits-Boost</h3> <p>Aufmerksamkeit ist ein trainierbarer Zustand und sie lässt sich mit <a href="https://www.mdr.de/wissen/psychologie-sozialwissenschaften/konzentration-verbessern-ablenkung-vermeiden-100.html" rel="noopener">gezielten Strategien</a> erstaunlich gut kultivieren. Ein bewährter Ansatz ist das Pomodoro-Prinzip: 25 Minuten konzentriertes Arbeiten, gefolgt von einer fünfminütigen Pause. Diese „Aufmerksamkeitsintervalle“ nutzen die natürliche Schwankung der mentalen Energie, verhindern Überforderung und helfen, fokussiert zu bleiben. Entscheidend ist dabei, die Arbeitsphase wirklich störungsfrei zu halten.</p> <p>Push-Benachrichtigungen oder das ständige Wechseln zwischen Apps kann zu „Aufmerksamkeitsbrüchen“ führen. Daher lohnt es sich, Mitteilungen zu bündeln, das Smartphone außer Reichweite zu legen oder sogar „Focus Mode“-Einstellungen zu nutzen.</p> <p>Auch Bewegung spielt eine zentrale Rolle: sie kann die Ausschüttung von Neurotransmittern wie Dopamin und Noradrenalin fördern, die mit Wachheit und Motivation verbunden sind. Besonders effektiv ist regelmäßige Aktivität. Bewegung in der <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/fruehlingsgefuehle/">Natur</a> kann uns besonders gut tun.</p> <p>Ein weiterer Schlüssel liegt in gezielten Achtsamkeitsübungen, etwa kurzen Meditationen oder Atempausen im Alltag. Solche „Mini-Reset“-Momente trainieren das Gehirn, Ablenkung zu bemerken, ohne ihr zu folgen.</p> <p>Schließlich können auch Schlaf, Ernährung und Umfeldgestaltung die Konzentration beeinflussen.</p> <h3>Quellen</h3> <ol> <li>Chung-Fat-Yim, A., Calvo, N., &amp; Grundy, J. G. (2022). The multifaceted nature of bilingualism and attention. Frontiers in Psychology, 13, Article 910382. <a href="https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.910382" rel="noopener">https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.910382</a></li> <li>Kane, M. J., &amp; Engle, R. W. (2002). The role of prefrontal cortex in working-memory capacity, executive attention, and general fluid intelligence: An individual-differences perspective. Psychonomic Bulletin &amp; Review, 9(4), 637–671. <a href="https://doi.org/10.3758/BF03196323" rel="noopener">https://doi.org/10.3758/BF03196323</a></li> <li>Ptak, R. (2012). The frontoparietal attention network of the human brain: Action, saliency, and a priority map of the environment. The Neuroscientist, 18(5), 502–515. <a href="https://doi.org/10.1177/1073858411409051" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1177/1073858411409051</a></li> <li>Semkovska, M., Nikolic, J., Dølven, S., &amp; Roth, H. N. (2026). Systematic review and meta-analysis of executive function following remission from major depression. Biological Psychiatry: Cognitive Neuroscience and Neuroimaging, 11(2), 171–179. <a href="https://doi.org/10.1016/j.bpsc.2025.09.006" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.bpsc.2025.09.006</a></li> <li>Liu, Z., Wang, M., Zhou, X., Li, Y., Zhang, T., &amp; Chen, H. (2022). Reduced neural responses to reward reflect anhedonia and inattention: An ERP study. Scientific Reports, 12, 17432. <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-022-21591-9" rel="noopener">https://doi.org/10.1038/s41598-022-21591-9</a></li> <li>Lee, J. S., Mathews, A., Shergill, S., &amp; Yiend, J. (2016). Magnitude of negative interpretation bias depends on severity of depression. Behaviour Research and Therapy, 83, 26–34. <a href="https://doi.org/10.1016/j.brat.2016.05.007" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.brat.2016.05.007</a></li> <li>Wermes, R., Lincoln, T. M., &amp; Helbig-Lang, S. (2018). Anxious and alert? Hypervigilance in social anxiety disorder. Psychiatry Research, 269, 740–745. <a href="https://doi.org/10.1016/j.psychres.2018.08.086" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.psychres.2018.08.086</a></li> <li>Vossel, S., Kukolja, J., &amp; Fink, G. R. (2010). Neurobiologische Grundlagen des Neglects: Implikationen für neue Therapieansätze. Fortschr Neurol Psychiatr, 78(12), 733–745. <a href="https://doi.org/10.1055/s-0029-1245862" rel="noopener">https://doi.org/10.1055/s-0029-1245862</a></li> <li>Deutsche Gesellschaft für Neurologie. (2023). Diagnostik und Therapie von Neglect und anderen Störungen der Raumkognition (S2k-Leitlinie) (Registernummer 030-126l, Langversion 1.0). Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften. <a href="https://register.awmf.org/assets/guidelines/030-126l_S2k_Diagnostik-Therapie-Neglect-andere-Stoerungen-der-Raumkognition_2023-03.pdf" rel="noopener">https://register.awmf.org/assets/guidelines/030-126l_S2k_Diagnostik-Therapie-Neglect-andere-Stoerungen-der-Raumkognition_2023-03.pdf</a></li> <li>Neurolutions. (o. D.). Navigating left neglect. <a href="https://www.neurolutions.com/after-stroke/navigating-left-neglect/" rel="noopener">https://www.neurolutions.com/after-stroke/navigating-left-neglect/</a> (Abbildung)</li> <li>DocCheck Flexikon. (o. J.). Commotio cerebri. DocCheck Flexikon. Abgerufen am 20. April 2026, von <a href="https://flexikon.doccheck.com/de/Commotio_cerebri" rel="noopener">https://flexikon.doccheck.com/de/Commotio_cerebri</a></li> <li>Deutsche Gesellschaft für Neurologie &amp; Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde. (o. J.). Schädel-Hirn-Trauma – Auswirkungen und Folgeschäden. Neurologen-und-Psychiater-im-Netz. <a href="https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/neurologie/erkrankungen/schaedel-hirn-trauma/auswirkungen-und-folgeschaeden/" rel="noopener">https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/neurologie/erkrankungen/schaedel-hirn-trauma/auswirkungen-und-folgeschaeden/</a></li> </ol> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/attention-attention-aufmerksamkeit-und-neglect/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Football Finance, Part 1 https://scilogs.spektrum.de/hlf/football-finance-part-1/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/football-finance-part-1/#respond Wed, 10 Jun 2026 12:00:00 +0000 Sophie Maclean https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14462 <img src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/FIFA_World_Cup.png" /><h1>Football Finance, Part 1 - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Sophie Maclean</h2><div itemprop="text"> <p>On 11 June, 2026, 22 men from Mexico and South Africa will take to the pitch for the opening game of the 2026 Men’s Football FIFA World Cup, in Mexico City Stadium. By all accounts, neither of these teams will win the tournament. <a href="https://www.oddschecker.com/football/world-cup" rel="noreferrer noopener" target="_blank">At time of writing</a>, Mexico are being given odds of 80/1 of winning the cup (i.e. 80/81 chance of losing, 1/81 chance of winning), and South Africa are thought to be even less likely to win, at 1000/1 (in case you are interested, the current favourites are Spain at 11/2).</p> <p>That does not mean that this match is without excitement though. One of the best things about sports, is that the excitement of a match depends much more on how comparable the teams are, than on the ability of any one individual team. So it is still an interesting question to predict which team will win this match. What’s more, there are far more statistics than simply which is the winning team. Can you predict how many goals the match will be won by? What is your expectation for the number of players sent off? How much would you bet on the goalkeeper eating a pie on camera (believe it or not, this is a real bet that took place, and <a href="https://www.bbc.co.uk/sport/football/41181979" rel="noreferrer noopener" target="_blank">was quite the scandal in the end</a>!)?</p> <p>Now, as a disclaimer, I am not endorsing betting and none of this blog post should be interpreted as advice (financial, betting, or otherwise!). But I do enjoy dealing in hypotheticals and probabilities, and World Cup can give us an interesting window into how some aspects of financial mathematics may work.</p> <p>A quick aside: If you are totally new to football, you can read <a href="https://www.bbc.co.uk/bitesize/guides/zxrbcwx/revision/3" rel="noreferrer noopener" target="_blank">this brief summary</a> of the rules. Officially, football only has <a href="https://downloads.theifab.com/downloads/laws-of-the-game-2025-26-double-pages?l=en" rel="noopener">17 laws</a>, though this is slightly misleading as each has many sub-points.</p> <h3>Let’s Play a Game</h3> <p>The statistic I want to focus on is a bit of an uncommon one, but I promise there is method to my madness. I want a statistic than can vary continuously and go both up and down over time. I therefore will look specifically on the number of goals scored per minute over the course of this first Mexico vs South Africa match. Let’s suppose I offer you the following (hypothetical) deal:<aside></aside></p> <p>You will pay me €25 now. In return, I will then pay you, in Euros (€), 1000 multiplied by the number of goals scored per minute, once the match is over.</p> <p>Do you take this deal? How little would I have to ask you to pay me for you to take this deal? What information might you want to know before agreeing to this deal?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_game_of_the_2010_FIFA_World_Cup_South_Africa_vs_Mexico.jpg"><img alt="A football stadium packed with fans." decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_game_of_the_2010_FIFA_World_Cup_South_Africa_vs_Mexico-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_game_of_the_2010_FIFA_World_Cup_South_Africa_vs_Mexico-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_game_of_the_2010_FIFA_World_Cup_South_Africa_vs_Mexico-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_game_of_the_2010_FIFA_World_Cup_South_Africa_vs_Mexico-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_game_of_the_2010_FIFA_World_Cup_South_Africa_vs_Mexico-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_game_of_the_2010_FIFA_World_Cup_South_Africa_vs_Mexico.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption><strong> </strong>Football (Soccer) World Cup 2010 opening match between South Africa and Mexico on 11 June, 2010, at Soccer City Stadium, Johannesburg. <a href="https://flickr.com/photos/28125001@N04/4691164158" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Source</a>: www.shine2010.co.za (CC BY 2.0)</figcaption></figure> </div> <p>To decide how much you would pay me you need to work out an idea of how much I will end up paying you. This is akin to knowing how many goals will be scored, and then dividing it by the number of minutes. As a basic starting point, we could look at the average number of goals per game. </p> <p>According to <a href="https://www.nytimes.com/athletic/3192246/2022/03/20/whats-the-most-common-scoreline-in-football-%EF%BB%BF/?source=user_shared_article" rel="noreferrer noopener" target="_blank">this article</a>, which looked at all 39750 football games in the top 5 European leagues between 2000 and 2022, whilst the most common score line is 1-0, the most common number of goals scored is 2 as this can be achieved both by a 1-1 score and a 2-0 score. A game is 90 minutes so you might expect to earn</p> <p>\( \frac{2}{90} \times 1000 = 22.222\dots .\)</p> <p>This would mean that paying me €25 is a bad deal! In fact, this would suggest that you should not take the deal. I am paying you €22.22 on average so you should definitely not pay more than €22.22. If you want a greater level of certainty that you will earn money, you may even refuse to play if I ask for more than €20 (or even less if you are particularly risk averse!). </p> <p>But wait! If you are even a penny off, then you could risk losing money. And I expect you will lose money, because our above calculation has made an assumption. Those who know football well will know that at the end of each 45 minutes of play is what is known as “injury time” – a number of minutes added on to compensate for the time spent managing injured players and infringements of the rules. <a href="https://www.theguardian.com/football/2025/oct/15/longer-games-less-football-ball-play-premier-league" rel="noopener">It was reported</a> in 2025, that the average length of a Premier league match is actually 100 minutes and 36 seconds! Using this fact, you might then expect to earn</p> <p>\( \frac{2}{101} \times 1000 = 19.80198\dots ,\)</p> <p>which is, notably, less than €22.22.</p> <p>Your appetite for risk is an important factor when playing this game, not just if you want a buffer for there being a small error in your calculations. Though the above suggests the time can range from 90 minutes to around perhaps, 110 minutes, that does not make a vast difference to the amount of money you’ll be paid. 2 goals scored in 90 mins earns you as we saw, around €22.22, whereas 2 goals scored in 110 minutes earns around €18.18 – only about €4 difference.</p> <p>On the other hand, what if the total goals is wrong? Though 2 is the most common number of goals scored, recall that the most common score is 1-0. A score of 1-0 in 100 minutes only earns you €10, which is a big difference and a risk you have to decide if you’re willing to take.</p> <h3>Two Teams, Both Alike in Dignity</h3> <p>There is other information you may also want to know, such as the history of matches between Mexico and South Africa. Unfortunately, we only have four international matches to go off, which is not a huge sample size:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hlss.png"><img alt="A table showing the results of all 4 matches of Mexico vs South Africa (scores were 4-0, 4-2, 2-1, 1-1 in chronological order)." decoding="async" height="194" sizes="(max-width: 906px) 100vw, 906px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hlss.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hlss.png 906w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hlss-300x64.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hlss-768x164.png 768w" width="906"></img></a><figcaption>Source: Screenshot via <a href="https://www.11v11.com/teams/mexico/tab/opposingTeams/opposition/South%20Africa/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">11v11</a></figcaption></figure> </div> <p>Further, the last time these two countries played each other was 16 years ago, which is too long ago to draw useful conclusions from. So what about the individual country’s track records? From data on <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/FIFA_World_Cup_records_and_statistics#Goalscoring" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Wikipedia</a>, we can see that, as of the 2022 World Cup, Mexico have played 60 games, scored 62 goals, and conceded 101 goals. On the other hand, South Africa have played 9 games, scored 11 goals, and conceded 19 goals.</p> <p>There are multiple ways of using this data. Mexico have scored roughly 1.03 goals per game, and conceded roughly 1.68 goals per game, whereas South Africa have scored roughly 1.22 goals per game, and conceded roughly 2.11 goals per game. So you may use that to say the total score of Mexico’s games averaged 2.72 (to 3sf), or that the total score of South Africa’s games averaged 3.33 (to 3sf). Or you may say that you expect roughly \(1.03 + 1.22 ≈ 2.3\) goals to be scored, or \(1.68 + 2.11 ≈ 3.8\) goals to be conceded.</p> <p>There is no right or wrong option here! Possibly worth noting, though, is that all of these lie between 2.3 and 3.8 (as, indeed, do the scores of the last two matches these teams played). So you can expect me to pay you somewhere between \(\frac{2.3}{101} = 22.77\dots\) and \(\frac{3.8}{101} = 37.62\dots\).</p> <p>There is one more pair of variables that I have as of yet not mentioned, but which are often the two most important pieces of data when playing this game: what the score currently is, and how long it is until the end of the game. If the score is 0-0 and it’s the 5<sup>th</sup> minute of extra time, you would be unwise to play this game at all. The likelihood is, the whistle will blow at a score of 0-0 and you will earn nothing. If, however, it’s 2 minutes into the first half and the score is already 1-0, I would be unwise to allow you to play this game for only €25.</p> <h3>Moving Forward</h3> <p>Why is this relevant to the world of finance, then? Well, imagine instead of me paying you a statistic based on the outcome of a football match, I pay you the price of a stock at some fixed point in the future? This is now a commonly traded financial product called, fittingly, a “future.” You may have also heard of a “forward,” which operates in much the same way except these are non-standard and not traded on exchanges. </p> <p>Years of mathematical modelling and financial maths have led to mathematicians and traders accepting a basic formula for the price of a future (i.e. the amount of money you should expect back, and therefore the maximum you should pay to “play the game”):</p> <p>\(F = S_0 \times e^{rt}\).</p> <p>In this formula, \(F\) is the price of the future, \(S\) is the current price of the stock, \(r\) is the risk-free interest rate and \(t\) is the time, in years, until I pay you (known as the “time to maturity”). </p> <p>This includes most of the same variables we were considering when looking at our football match! It doesn’t actually include the historical prices of the stock, but many traders may well adapt this formula slightly to take that into account. The inclusion of the interest rate here is to consider whether you would be better investing the money elsewhere – yet another aspect to my game that you could consider.</p> <h3>Looking to the Future</h3> <p>Through looking at our humble football game, we have uncovered some key factors to think about when trading financial products. But we’ve barely scraped the surface! Thankfully the tournament is on until mid-July though, so I will be back next month with another of the most traded financial products. Enjoy the first match!</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/FIFA_World_Cup.png" /><h1>Football Finance, Part 1 - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Sophie Maclean</h2><div itemprop="text"> <p>On 11 June, 2026, 22 men from Mexico and South Africa will take to the pitch for the opening game of the 2026 Men’s Football FIFA World Cup, in Mexico City Stadium. By all accounts, neither of these teams will win the tournament. <a href="https://www.oddschecker.com/football/world-cup" rel="noreferrer noopener" target="_blank">At time of writing</a>, Mexico are being given odds of 80/1 of winning the cup (i.e. 80/81 chance of losing, 1/81 chance of winning), and South Africa are thought to be even less likely to win, at 1000/1 (in case you are interested, the current favourites are Spain at 11/2).</p> <p>That does not mean that this match is without excitement though. One of the best things about sports, is that the excitement of a match depends much more on how comparable the teams are, than on the ability of any one individual team. So it is still an interesting question to predict which team will win this match. What’s more, there are far more statistics than simply which is the winning team. Can you predict how many goals the match will be won by? What is your expectation for the number of players sent off? How much would you bet on the goalkeeper eating a pie on camera (believe it or not, this is a real bet that took place, and <a href="https://www.bbc.co.uk/sport/football/41181979" rel="noreferrer noopener" target="_blank">was quite the scandal in the end</a>!)?</p> <p>Now, as a disclaimer, I am not endorsing betting and none of this blog post should be interpreted as advice (financial, betting, or otherwise!). But I do enjoy dealing in hypotheticals and probabilities, and World Cup can give us an interesting window into how some aspects of financial mathematics may work.</p> <p>A quick aside: If you are totally new to football, you can read <a href="https://www.bbc.co.uk/bitesize/guides/zxrbcwx/revision/3" rel="noreferrer noopener" target="_blank">this brief summary</a> of the rules. Officially, football only has <a href="https://downloads.theifab.com/downloads/laws-of-the-game-2025-26-double-pages?l=en" rel="noopener">17 laws</a>, though this is slightly misleading as each has many sub-points.</p> <h3>Let’s Play a Game</h3> <p>The statistic I want to focus on is a bit of an uncommon one, but I promise there is method to my madness. I want a statistic than can vary continuously and go both up and down over time. I therefore will look specifically on the number of goals scored per minute over the course of this first Mexico vs South Africa match. Let’s suppose I offer you the following (hypothetical) deal:<aside></aside></p> <p>You will pay me €25 now. In return, I will then pay you, in Euros (€), 1000 multiplied by the number of goals scored per minute, once the match is over.</p> <p>Do you take this deal? How little would I have to ask you to pay me for you to take this deal? What information might you want to know before agreeing to this deal?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_game_of_the_2010_FIFA_World_Cup_South_Africa_vs_Mexico.jpg"><img alt="A football stadium packed with fans." decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_game_of_the_2010_FIFA_World_Cup_South_Africa_vs_Mexico-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_game_of_the_2010_FIFA_World_Cup_South_Africa_vs_Mexico-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_game_of_the_2010_FIFA_World_Cup_South_Africa_vs_Mexico-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_game_of_the_2010_FIFA_World_Cup_South_Africa_vs_Mexico-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_game_of_the_2010_FIFA_World_Cup_South_Africa_vs_Mexico-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_game_of_the_2010_FIFA_World_Cup_South_Africa_vs_Mexico.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption><strong> </strong>Football (Soccer) World Cup 2010 opening match between South Africa and Mexico on 11 June, 2010, at Soccer City Stadium, Johannesburg. <a href="https://flickr.com/photos/28125001@N04/4691164158" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Source</a>: www.shine2010.co.za (CC BY 2.0)</figcaption></figure> </div> <p>To decide how much you would pay me you need to work out an idea of how much I will end up paying you. This is akin to knowing how many goals will be scored, and then dividing it by the number of minutes. As a basic starting point, we could look at the average number of goals per game. </p> <p>According to <a href="https://www.nytimes.com/athletic/3192246/2022/03/20/whats-the-most-common-scoreline-in-football-%EF%BB%BF/?source=user_shared_article" rel="noreferrer noopener" target="_blank">this article</a>, which looked at all 39750 football games in the top 5 European leagues between 2000 and 2022, whilst the most common score line is 1-0, the most common number of goals scored is 2 as this can be achieved both by a 1-1 score and a 2-0 score. A game is 90 minutes so you might expect to earn</p> <p>\( \frac{2}{90} \times 1000 = 22.222\dots .\)</p> <p>This would mean that paying me €25 is a bad deal! In fact, this would suggest that you should not take the deal. I am paying you €22.22 on average so you should definitely not pay more than €22.22. If you want a greater level of certainty that you will earn money, you may even refuse to play if I ask for more than €20 (or even less if you are particularly risk averse!). </p> <p>But wait! If you are even a penny off, then you could risk losing money. And I expect you will lose money, because our above calculation has made an assumption. Those who know football well will know that at the end of each 45 minutes of play is what is known as “injury time” – a number of minutes added on to compensate for the time spent managing injured players and infringements of the rules. <a href="https://www.theguardian.com/football/2025/oct/15/longer-games-less-football-ball-play-premier-league" rel="noopener">It was reported</a> in 2025, that the average length of a Premier league match is actually 100 minutes and 36 seconds! Using this fact, you might then expect to earn</p> <p>\( \frac{2}{101} \times 1000 = 19.80198\dots ,\)</p> <p>which is, notably, less than €22.22.</p> <p>Your appetite for risk is an important factor when playing this game, not just if you want a buffer for there being a small error in your calculations. Though the above suggests the time can range from 90 minutes to around perhaps, 110 minutes, that does not make a vast difference to the amount of money you’ll be paid. 2 goals scored in 90 mins earns you as we saw, around €22.22, whereas 2 goals scored in 110 minutes earns around €18.18 – only about €4 difference.</p> <p>On the other hand, what if the total goals is wrong? Though 2 is the most common number of goals scored, recall that the most common score is 1-0. A score of 1-0 in 100 minutes only earns you €10, which is a big difference and a risk you have to decide if you’re willing to take.</p> <h3>Two Teams, Both Alike in Dignity</h3> <p>There is other information you may also want to know, such as the history of matches between Mexico and South Africa. Unfortunately, we only have four international matches to go off, which is not a huge sample size:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hlss.png"><img alt="A table showing the results of all 4 matches of Mexico vs South Africa (scores were 4-0, 4-2, 2-1, 1-1 in chronological order)." decoding="async" height="194" sizes="(max-width: 906px) 100vw, 906px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hlss.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hlss.png 906w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hlss-300x64.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hlss-768x164.png 768w" width="906"></img></a><figcaption>Source: Screenshot via <a href="https://www.11v11.com/teams/mexico/tab/opposingTeams/opposition/South%20Africa/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">11v11</a></figcaption></figure> </div> <p>Further, the last time these two countries played each other was 16 years ago, which is too long ago to draw useful conclusions from. So what about the individual country’s track records? From data on <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/FIFA_World_Cup_records_and_statistics#Goalscoring" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Wikipedia</a>, we can see that, as of the 2022 World Cup, Mexico have played 60 games, scored 62 goals, and conceded 101 goals. On the other hand, South Africa have played 9 games, scored 11 goals, and conceded 19 goals.</p> <p>There are multiple ways of using this data. Mexico have scored roughly 1.03 goals per game, and conceded roughly 1.68 goals per game, whereas South Africa have scored roughly 1.22 goals per game, and conceded roughly 2.11 goals per game. So you may use that to say the total score of Mexico’s games averaged 2.72 (to 3sf), or that the total score of South Africa’s games averaged 3.33 (to 3sf). Or you may say that you expect roughly \(1.03 + 1.22 ≈ 2.3\) goals to be scored, or \(1.68 + 2.11 ≈ 3.8\) goals to be conceded.</p> <p>There is no right or wrong option here! Possibly worth noting, though, is that all of these lie between 2.3 and 3.8 (as, indeed, do the scores of the last two matches these teams played). So you can expect me to pay you somewhere between \(\frac{2.3}{101} = 22.77\dots\) and \(\frac{3.8}{101} = 37.62\dots\).</p> <p>There is one more pair of variables that I have as of yet not mentioned, but which are often the two most important pieces of data when playing this game: what the score currently is, and how long it is until the end of the game. If the score is 0-0 and it’s the 5<sup>th</sup> minute of extra time, you would be unwise to play this game at all. The likelihood is, the whistle will blow at a score of 0-0 and you will earn nothing. If, however, it’s 2 minutes into the first half and the score is already 1-0, I would be unwise to allow you to play this game for only €25.</p> <h3>Moving Forward</h3> <p>Why is this relevant to the world of finance, then? Well, imagine instead of me paying you a statistic based on the outcome of a football match, I pay you the price of a stock at some fixed point in the future? This is now a commonly traded financial product called, fittingly, a “future.” You may have also heard of a “forward,” which operates in much the same way except these are non-standard and not traded on exchanges. </p> <p>Years of mathematical modelling and financial maths have led to mathematicians and traders accepting a basic formula for the price of a future (i.e. the amount of money you should expect back, and therefore the maximum you should pay to “play the game”):</p> <p>\(F = S_0 \times e^{rt}\).</p> <p>In this formula, \(F\) is the price of the future, \(S\) is the current price of the stock, \(r\) is the risk-free interest rate and \(t\) is the time, in years, until I pay you (known as the “time to maturity”). </p> <p>This includes most of the same variables we were considering when looking at our football match! It doesn’t actually include the historical prices of the stock, but many traders may well adapt this formula slightly to take that into account. The inclusion of the interest rate here is to consider whether you would be better investing the money elsewhere – yet another aspect to my game that you could consider.</p> <h3>Looking to the Future</h3> <p>Through looking at our humble football game, we have uncovered some key factors to think about when trading financial products. But we’ve barely scraped the surface! Thankfully the tournament is on until mid-July though, so I will be back next month with another of the most traded financial products. Enjoy the first match!</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/football-finance-part-1/#respond 0 Urteil gegen 12- und 13-jährige Mörderinnen. Eine wissenschaftliche und ethische Sicht https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/urteil-gegen-12-und-13-jaehrige-moerderinnen-eine-wissenschaftliche-und-ethische-sicht/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/urteil-gegen-12-und-13-jaehrige-moerderinnen-eine-wissenschaftliche-und-ethische-sicht/#comments Wed, 10 Jun 2026 11:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3618 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/williamcho-justice-2060093-768x512.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/urteil-gegen-12-und-13-jaehrige-moerderinnen-eine-wissenschaftliche-und-ethische-sicht/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/williamcho-justice-2060093-1024x683.jpg" /><h1>Urteil gegen 12- und 13-jährige Mörderinnen. Eine wissenschaftliche und ethische Sicht » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Was das deutsche Recht neben 145.000 Euro Schadensersatz für ein totes Kind besser machen könnte</strong></p> <span id="more-3618"></span> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/die-strafmuendigkeit-und-toetungsdelikte-von-kindern/">ersten Teil</a> ging es um den rechtlichen Rahmen und die Statistiken zu den Tötungsdelikten von Kindern. Zum Glück sind diese in Deutschland mit 25 pro Jahr (für 2025) äußerst selten. Dabei sind Verdachtsfälle mitgezählt, die sich später als Unfälle herausstellen. Die echten Tötungen erhalten mitunter sehr viel mediale Aufmerksamkeit, doch werden vom Strafrecht nicht weiter behandelt: Unter dem Alter von 14 Jahren gilt hier ausnahmslos die Schuldunfähigkeit (§ 19 StGB).</p> <p>Die immer intensiver diskutierte Absenkung dieser Altersgrenze wird von manchen kritisiert, weil Kinder nicht vor Gericht gestellt werden sollen. Das verkennt aber die heutige Rechtslage: Das Zivilrecht geht nämlich davon aus, dass Menschen schon ab dem Alter von sieben Jahren für ihr Verhalten verantwortlich gemacht werden können – <em>wenn</em> sie dabei einsichtsfähig waren, also die Falschheit ihres Verhaltens verstehen konnten (§ 828 Abs. 3 BGB).</p> <p>Anders als im Strafrecht sind aber im Zivilrecht die Geschädigten selbst für die Durchsetzung ihrer Ansprüche verantwortlich, nicht der Staat. Bei den hier thematisierten (versuchten) Tötungsdelikten sind das also die Opfer und ihre Angehörigen.</p> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/die-strafmuendigkeit-und-toetungsdelikte-von-kindern/">ersten Teil</a> zeigte ein Vergleich, dass schon mehrere Nachbarländer Deutschlands – Frankreich, die Niederlande, die Schweiz – für die Strafmündigkeit niedrigere Altersgrenzen haben. Außerdem gibt es in der Rechtsgeschichte von Deutschland unterschiedliche Festlegungen. Dabei weisen die Entwicklungswissenschaften vom Menschen auf keine bestimmte Altersgrenze, sondern gehen sie heute von einer fließenden Phase der Adoleszenz im Alter von neun oder zehn bis 24 oder 25 Jahre aus. An dieser Stelle überlegen wir jetzt weiter, was in Deutschland besser gemacht werden könnte, insbesondere mit Blick auf den Opferschutz.<aside></aside></p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Fließende Übergänge</h2> <p>Der <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/die-strafmuendigkeit-und-toetungsdelikte-von-kindern/">erste Teil</a> war zugegebenermaßen etwas komplex. Das hat aber mit der Komplexität der Materie zu tun, eben den vielen Facetten der Menschheitsentwicklung. Doch gerade aus Sicht der Entwicklungswissenschaften widerspricht die feste Untergrenze des Strafrechts der Sichtweise von der Adoleszenz als breiter Phase mit in sich fließenden Übergängen. Insofern ergibt es doppelten Unsinn, sich wissenschaftlich auf eine bestimmte Altersgrenze festzulegen, ob das nun zehn, zwölf, 14, 16 oder 18 Jahre sind.</p> <p>Die Wissenschaft schreibt weder der Gesellschaft noch dem Recht eine bestimmte Antwort vor. Im demokratischen Rechtsstaat ist die gesetzgebende Kraft das Volk (gr. <em>demos</em>) beziehungsweise seine gewählte Vertretung. Das schließt übrigens nicht aus, dass bestimmte vernünftige und bewährte Prinzipien sowohl für die Wissenschaft als auch für die Rechtspflege von Bedeutung sind. So könnte für die Praxis des Rechts eine feste Altersgrenze trotzdem wichtig sein, auch wenn es dafür keine eindeutige wissenschaftliche Grundlage gibt.</p> <p>Speziell im Jugendstrafrecht werden individuelle Unterschiede in der Entwicklung schon berücksichtigt: Denn damit, dass das allgemeine deutsche Strafrecht 14 Jahre als Untergrenze für die Strafmündigkeit festlegt, ist das Thema noch nicht abgehakt. Das zuständige Jugendstrafgericht muss nämlich <em>zusätzlich</em> feststellen, ob die Täterin oder der Täter zum Zeitpunkt der Tat das Unrecht einsehen und gemäß dieser Einsicht handeln konnte: „Ein Jugendlicher ist strafrechtlich verantwortlich, wenn er zur Zeit der Tat nach seiner sittlichen und geistigen Entwicklung reif genug ist, das Unrecht der Tat einzusehen und nach dieser Einsicht zu handeln“ (§ 3 Jugendgerichtsgesetz, JGG).</p> <p>Jemand kann daher 14 Jahre oder älter aber <em>trotzdem</em> schuldunfähig sein. Dann ist das allerdings im Einzelfall festgestellt – und kann das Gericht familienrechtliche Erziehungsmaßnahmen anordnen. Insofern hat das Jugendstrafrecht jetzt schon einen Mechanismus eingebaut, um die fließenden Übergänge in der Entwicklung zu berücksichtigen. Allerdings geht das nur in eine Richtung, nämlich nach oben. Für Unter-14-Jährige sieht das deutsche Strafrecht unter keinen Umständen eine Ausnahme vor.</p> <h2>Täter- oder Opferschutz?</h2> <p>Aus dieser Sicht gibt es weder wissenschaftlich noch im Vergleich zu anderen Ländern oder der Rechtsgeschichte Deutschlands einen prinzipiellen Einwand gegen eine niedrigere Altersgrenze. Die genannten Nachbarländer mit niedrigeren Schwellen – international gibt es noch sehr viel mehr Beispiele – sind nicht als Unrechtsstaaten bekannt. Und wenn man die Entwicklungswissenschaften hier einbeziehen will, dann spricht vor allem viel für eine Abwägung im Einzelfall.</p> <p>Welche Argumente bleiben dann noch dafür und dagegen, wenn man die heute in Deutschland geltende strafrechtliche Altersgrenze von 14 Jahren ändern will?</p> <p>Dass eine schuldunfähige Person vor einem Jugendgericht strafrechtlich verurteilt wird, ist, wie gesagt, vom Gesetz ausgeschlossen. Diese Frage muss das Gericht prüfen und im Urteil beantworten. Für eine bestmögliche Durchführung in der Praxis muss natürlich die nötige pädagogische und wissenschaftliche Ausbildung der zuständigen Richterinnen und Richter gewährleistet werden. Ein prinzipielles Problem ist das aber nicht.</p> <p>Demgegenüber wird in der Diskussion oft der Opferschutz übersehen. Bei meinem Hinweis darauf wurde ich zuletzt <a href="https://overton-magazin.de/top-story/wie-koennte-das-strafrecht-regieren-wenn-taeterinnen-oder-taeter-in-deutschland-juenger-als-14-jahre-sind/" rel="noopener">als „rechts“ diffamiert</a>. Wenn es heute rechts sein soll, sich für die Interessen von Opfern und deren Angehörigen einzusetzen, beweist das meiner Meinung nach vor allem die Sinnlosigkeit solcher Zuschreibungen.</p> <p>Aber wieso verweise ich auf den Opferschutz?</p> <p>Wenn es kein Strafverfahren gibt, werden die Umstände der Tat von staatlicher Seite nicht ausermittelt. Fragen zum Beispiel zur Dauer und Intensität des Leidens des Opfers werden dann vom Staat nicht beantwortet – und es gibt insbesondere keinen Schuldspruch, der die Betroffenen und die Gesellschaft für den Gesetzesbruch kompensiert. Dabei sollte man auch bedenken, dass Polizei und Staatsanwaltschaft in Deutschland zur Wahrheitsfindung verpflichtet sind, also sowohl be- als auch entlastende Umstände berücksichtigen müssen.</p> <h2>Umweg übers Zivilrecht: Fall Luise</h2> <p>Wie der Umweg übers Zivilrecht funktioniert, lässt sich am Fall der am 11. März 2023 in einem Waldstück bei Friesenhagen in der Nähe von Siegen ermordeten zwölfjährigen Luise nachvollziehen. Da die Täterinnen zum Zeitpunkt der Tat erst zwölf und 13 Jahre alt waren, fielen sie unter die starre Altersgrenze des heutigen deutschen Strafrechts. Den Angehörigen – Eltern und Schwester – blieb darum nur der eigene Klageweg.</p> <p>Der Hauptunterschied besteht darin, dass die fordernde Partei im Zivilrecht selbst für die Beweisführung verantwortlich ist. Auch das Kostenrisiko trägt sie selbst, im ungünstigsten Fall sogar für die Gegenseite. Im Strafrecht übernimmt der Staat diese Aufgabe. Das Zivilgericht wacht vor allem über die Einhaltung der „Spielregeln“ für beide Seiten.</p> <p>Am 29. Mai dieses Jahres, also über zwei Jahre nach der Tat, fällte das Landgericht Koblenz das Urteil. Der vorsitzende Richter sprach von einer „heimtückischen Mordtat aus niederen Beweggründen, welche die Kammer fassungslos macht“ und verurteilte die Täterinnen zu rund 145.000 Euro Schadensersatz. Gefordert hatte die klagende Partei 180.000 Euro.</p> <p>Das Ergebnis ist für deutsche Verhältnisse trotzdem eine außergewöhnlich hohe Summe. Darin enthalten sind 40.000 Euro für das Leid der getöteten Luise, die an die Eltern vererbt werden. Dazu kommen 85.000 Euro für das Leid der Eltern und der Schwester. Die restlichen rund 20.000 Euro sind eine Erstattung der Anwalts- und Bestattungskosten. Jedem dürfte klar sein, dass Geld so einen Verlust nicht aufwiegen kann. Aber zumindest ist den Angehörigen damit ein bisschen Recht widerfahren, was sie laut Auskunft ihres Anwalts auch als bedeutungsvoll erfuhren. Das Urteil ist aber noch nicht rechtskräftig.</p> <p>Man sieht also, dass auch nach heutiger Rechtslage Kinder vor Gericht gestellt werden können. Wer sich in der Diskussion mit diesem (falschen) Argument als vermeintlich „links“ darstellt, bürdet tatsächlich den Opfern beziehungsweisen ihren Angehörigen die Verantwortung dafür auf, selbst zum Recht zu kommen. Das fängt beim Finden eines guten Rechtsbeistands an und geht bis zum Tragen eines schnell fünfstelligen Kostenrisikos weiter. Was an einer Schlechterstellung von Opfern schwerster Straftaten „links“ sein soll, erschließt sich mir nicht.</p> <h2>Im schlimmsten Fall</h2> <p>Für ein Mindestmaß an Zivilität sorgte in diesem Fall, dass die Täterinnen wenigstens ihre Tat gestanden haben – sowohl gegenüber der Polizei als auch vor Gericht. Das hätte aber auch anders ausgehen können, wenn zum Beispiel die Eltern der beiden Mädchen Anwälte eingeschaltet und die Kooperation nach Möglichkeit unterbunden hätten. Dann wäre es für die Klageseite schwerer gewesen, den zivilrechtlich nötigen Beweis zu erbringen.</p> <p>Dabei sollte man bedenken, dass Mord die vorsätzliche Tötung eines Menschen aus niederen Beweggründen ist. Die beiden Mädchen hatten sich laut Medienberichten dazu verabredet, die nichts ahnende Luise mit einer Plastiktüte zu ersticken. Als das nicht gelang, stachen sie Dutzende Male auf das unschuldige Opfer ein. Danach ließen sie ihre „Freundin“ einsam im Wald sterben. Abends meldeten Luises Eltern ihre Tochter für vermisst. Am Folgetag fand man die Leiche.</p> <p>Wenn das Urteil rechtskräftig wird, müssen die beiden Täterinnen das Geld zuzüglich Zinsen an die Angehörigen bezahlen. Neben dem schlechten Gewissen werden sie also auch für viele Jahre eine finanzielle Schuld mit sich tragen. Eine Privatinsolvenz hilft hier übrigens nicht und die Ansprüche werden auch erst 30 Jahre nach der Tat verjähren. Bei einer Flucht ins außereuropäische Ausland könnte die Vollstreckung aber schwierig werden.</p> <p>Es sind nicht zwingende, sondern rein rechtsdogmatische Gründe, warum der Staat in so einer Konstellation die schon schwer traumatisierten Opfer alleine lässt. Meiner Meinung nach sollte daher der Gesetzgeber aus <em>ethischen</em> Gründen – wenigstens für die schweren Straftaten gegen das Leben – die Tür für eine individuellere Abwägung der Strafmündigkeit öffnen, auch unter dem Alter von 14 Jahren.</p> <p>Zum Glück sind Tötungsdelikte allgemein und insbesondere von Kindern in Deutschland eher selten. Aber in tief einschneidenden Einzelfällen gibt es sie eben doch. Das Argument, Straftaten idealerweise vorzubeugen, hat natürlich auch seine Berechtigung. Wenn sie aber doch passieren, sollte das Recht die Opfer nicht alleine lassen.</p> <h2>Das könnte Sie auch interessieren</h2> <ul> <li><a href="https://menschen-bilder.blog/2026/02/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts/" rel="noopener">Und wieder tötet ein Kind. Und wieder tut das Strafrecht nichts</a></li> <li><a href="https://menschen-bilder.blog/2026/02/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts-teil-2/" rel="noopener">Teil 2: Und wieder tötet ein Kind. Und wieder tut das Strafrecht nichts</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/echtes-neuro-strafrecht-ab-welchem-alter-ist-man-voll-verantwortlich/">Echtes Neuro-Strafrecht: Ab welchem Alter ist man voll verantwortlich?</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/vom-streit-um-die-willensfreiheit-zum-buergerkrieg-gruesse-aus-dem-17-jahrhundert/">Vom Streit um die Willensfreiheit zum Bürgerkrieg? Grüße aus dem 17. 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(2026). <em><a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener">Zwischen Norm und Neuron. Altersgrenzen, Verantwortlichkeit und das Gehirn in rechtlichen Kontexten</a></em>. Göttingen: Hogrefe.</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/justice-statue-lady-justice-2060093/" rel="noopener">WilliamCho</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/0e82ddd867ff4d0ab899debefafd8a05" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/williamcho-justice-2060093-1024x683.jpg" /><h1>Urteil gegen 12- und 13-jährige Mörderinnen. Eine wissenschaftliche und ethische Sicht » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Was das deutsche Recht neben 145.000 Euro Schadensersatz für ein totes Kind besser machen könnte</strong></p> <span id="more-3618"></span> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/die-strafmuendigkeit-und-toetungsdelikte-von-kindern/">ersten Teil</a> ging es um den rechtlichen Rahmen und die Statistiken zu den Tötungsdelikten von Kindern. Zum Glück sind diese in Deutschland mit 25 pro Jahr (für 2025) äußerst selten. Dabei sind Verdachtsfälle mitgezählt, die sich später als Unfälle herausstellen. Die echten Tötungen erhalten mitunter sehr viel mediale Aufmerksamkeit, doch werden vom Strafrecht nicht weiter behandelt: Unter dem Alter von 14 Jahren gilt hier ausnahmslos die Schuldunfähigkeit (§ 19 StGB).</p> <p>Die immer intensiver diskutierte Absenkung dieser Altersgrenze wird von manchen kritisiert, weil Kinder nicht vor Gericht gestellt werden sollen. Das verkennt aber die heutige Rechtslage: Das Zivilrecht geht nämlich davon aus, dass Menschen schon ab dem Alter von sieben Jahren für ihr Verhalten verantwortlich gemacht werden können – <em>wenn</em> sie dabei einsichtsfähig waren, also die Falschheit ihres Verhaltens verstehen konnten (§ 828 Abs. 3 BGB).</p> <p>Anders als im Strafrecht sind aber im Zivilrecht die Geschädigten selbst für die Durchsetzung ihrer Ansprüche verantwortlich, nicht der Staat. Bei den hier thematisierten (versuchten) Tötungsdelikten sind das also die Opfer und ihre Angehörigen.</p> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/die-strafmuendigkeit-und-toetungsdelikte-von-kindern/">ersten Teil</a> zeigte ein Vergleich, dass schon mehrere Nachbarländer Deutschlands – Frankreich, die Niederlande, die Schweiz – für die Strafmündigkeit niedrigere Altersgrenzen haben. Außerdem gibt es in der Rechtsgeschichte von Deutschland unterschiedliche Festlegungen. Dabei weisen die Entwicklungswissenschaften vom Menschen auf keine bestimmte Altersgrenze, sondern gehen sie heute von einer fließenden Phase der Adoleszenz im Alter von neun oder zehn bis 24 oder 25 Jahre aus. An dieser Stelle überlegen wir jetzt weiter, was in Deutschland besser gemacht werden könnte, insbesondere mit Blick auf den Opferschutz.<aside></aside></p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Fließende Übergänge</h2> <p>Der <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/die-strafmuendigkeit-und-toetungsdelikte-von-kindern/">erste Teil</a> war zugegebenermaßen etwas komplex. Das hat aber mit der Komplexität der Materie zu tun, eben den vielen Facetten der Menschheitsentwicklung. Doch gerade aus Sicht der Entwicklungswissenschaften widerspricht die feste Untergrenze des Strafrechts der Sichtweise von der Adoleszenz als breiter Phase mit in sich fließenden Übergängen. Insofern ergibt es doppelten Unsinn, sich wissenschaftlich auf eine bestimmte Altersgrenze festzulegen, ob das nun zehn, zwölf, 14, 16 oder 18 Jahre sind.</p> <p>Die Wissenschaft schreibt weder der Gesellschaft noch dem Recht eine bestimmte Antwort vor. Im demokratischen Rechtsstaat ist die gesetzgebende Kraft das Volk (gr. <em>demos</em>) beziehungsweise seine gewählte Vertretung. Das schließt übrigens nicht aus, dass bestimmte vernünftige und bewährte Prinzipien sowohl für die Wissenschaft als auch für die Rechtspflege von Bedeutung sind. So könnte für die Praxis des Rechts eine feste Altersgrenze trotzdem wichtig sein, auch wenn es dafür keine eindeutige wissenschaftliche Grundlage gibt.</p> <p>Speziell im Jugendstrafrecht werden individuelle Unterschiede in der Entwicklung schon berücksichtigt: Denn damit, dass das allgemeine deutsche Strafrecht 14 Jahre als Untergrenze für die Strafmündigkeit festlegt, ist das Thema noch nicht abgehakt. Das zuständige Jugendstrafgericht muss nämlich <em>zusätzlich</em> feststellen, ob die Täterin oder der Täter zum Zeitpunkt der Tat das Unrecht einsehen und gemäß dieser Einsicht handeln konnte: „Ein Jugendlicher ist strafrechtlich verantwortlich, wenn er zur Zeit der Tat nach seiner sittlichen und geistigen Entwicklung reif genug ist, das Unrecht der Tat einzusehen und nach dieser Einsicht zu handeln“ (§ 3 Jugendgerichtsgesetz, JGG).</p> <p>Jemand kann daher 14 Jahre oder älter aber <em>trotzdem</em> schuldunfähig sein. Dann ist das allerdings im Einzelfall festgestellt – und kann das Gericht familienrechtliche Erziehungsmaßnahmen anordnen. Insofern hat das Jugendstrafrecht jetzt schon einen Mechanismus eingebaut, um die fließenden Übergänge in der Entwicklung zu berücksichtigen. Allerdings geht das nur in eine Richtung, nämlich nach oben. Für Unter-14-Jährige sieht das deutsche Strafrecht unter keinen Umständen eine Ausnahme vor.</p> <h2>Täter- oder Opferschutz?</h2> <p>Aus dieser Sicht gibt es weder wissenschaftlich noch im Vergleich zu anderen Ländern oder der Rechtsgeschichte Deutschlands einen prinzipiellen Einwand gegen eine niedrigere Altersgrenze. Die genannten Nachbarländer mit niedrigeren Schwellen – international gibt es noch sehr viel mehr Beispiele – sind nicht als Unrechtsstaaten bekannt. Und wenn man die Entwicklungswissenschaften hier einbeziehen will, dann spricht vor allem viel für eine Abwägung im Einzelfall.</p> <p>Welche Argumente bleiben dann noch dafür und dagegen, wenn man die heute in Deutschland geltende strafrechtliche Altersgrenze von 14 Jahren ändern will?</p> <p>Dass eine schuldunfähige Person vor einem Jugendgericht strafrechtlich verurteilt wird, ist, wie gesagt, vom Gesetz ausgeschlossen. Diese Frage muss das Gericht prüfen und im Urteil beantworten. Für eine bestmögliche Durchführung in der Praxis muss natürlich die nötige pädagogische und wissenschaftliche Ausbildung der zuständigen Richterinnen und Richter gewährleistet werden. Ein prinzipielles Problem ist das aber nicht.</p> <p>Demgegenüber wird in der Diskussion oft der Opferschutz übersehen. Bei meinem Hinweis darauf wurde ich zuletzt <a href="https://overton-magazin.de/top-story/wie-koennte-das-strafrecht-regieren-wenn-taeterinnen-oder-taeter-in-deutschland-juenger-als-14-jahre-sind/" rel="noopener">als „rechts“ diffamiert</a>. Wenn es heute rechts sein soll, sich für die Interessen von Opfern und deren Angehörigen einzusetzen, beweist das meiner Meinung nach vor allem die Sinnlosigkeit solcher Zuschreibungen.</p> <p>Aber wieso verweise ich auf den Opferschutz?</p> <p>Wenn es kein Strafverfahren gibt, werden die Umstände der Tat von staatlicher Seite nicht ausermittelt. Fragen zum Beispiel zur Dauer und Intensität des Leidens des Opfers werden dann vom Staat nicht beantwortet – und es gibt insbesondere keinen Schuldspruch, der die Betroffenen und die Gesellschaft für den Gesetzesbruch kompensiert. Dabei sollte man auch bedenken, dass Polizei und Staatsanwaltschaft in Deutschland zur Wahrheitsfindung verpflichtet sind, also sowohl be- als auch entlastende Umstände berücksichtigen müssen.</p> <h2>Umweg übers Zivilrecht: Fall Luise</h2> <p>Wie der Umweg übers Zivilrecht funktioniert, lässt sich am Fall der am 11. März 2023 in einem Waldstück bei Friesenhagen in der Nähe von Siegen ermordeten zwölfjährigen Luise nachvollziehen. Da die Täterinnen zum Zeitpunkt der Tat erst zwölf und 13 Jahre alt waren, fielen sie unter die starre Altersgrenze des heutigen deutschen Strafrechts. Den Angehörigen – Eltern und Schwester – blieb darum nur der eigene Klageweg.</p> <p>Der Hauptunterschied besteht darin, dass die fordernde Partei im Zivilrecht selbst für die Beweisführung verantwortlich ist. Auch das Kostenrisiko trägt sie selbst, im ungünstigsten Fall sogar für die Gegenseite. Im Strafrecht übernimmt der Staat diese Aufgabe. Das Zivilgericht wacht vor allem über die Einhaltung der „Spielregeln“ für beide Seiten.</p> <p>Am 29. Mai dieses Jahres, also über zwei Jahre nach der Tat, fällte das Landgericht Koblenz das Urteil. Der vorsitzende Richter sprach von einer „heimtückischen Mordtat aus niederen Beweggründen, welche die Kammer fassungslos macht“ und verurteilte die Täterinnen zu rund 145.000 Euro Schadensersatz. Gefordert hatte die klagende Partei 180.000 Euro.</p> <p>Das Ergebnis ist für deutsche Verhältnisse trotzdem eine außergewöhnlich hohe Summe. Darin enthalten sind 40.000 Euro für das Leid der getöteten Luise, die an die Eltern vererbt werden. Dazu kommen 85.000 Euro für das Leid der Eltern und der Schwester. Die restlichen rund 20.000 Euro sind eine Erstattung der Anwalts- und Bestattungskosten. Jedem dürfte klar sein, dass Geld so einen Verlust nicht aufwiegen kann. Aber zumindest ist den Angehörigen damit ein bisschen Recht widerfahren, was sie laut Auskunft ihres Anwalts auch als bedeutungsvoll erfuhren. Das Urteil ist aber noch nicht rechtskräftig.</p> <p>Man sieht also, dass auch nach heutiger Rechtslage Kinder vor Gericht gestellt werden können. Wer sich in der Diskussion mit diesem (falschen) Argument als vermeintlich „links“ darstellt, bürdet tatsächlich den Opfern beziehungsweisen ihren Angehörigen die Verantwortung dafür auf, selbst zum Recht zu kommen. Das fängt beim Finden eines guten Rechtsbeistands an und geht bis zum Tragen eines schnell fünfstelligen Kostenrisikos weiter. Was an einer Schlechterstellung von Opfern schwerster Straftaten „links“ sein soll, erschließt sich mir nicht.</p> <h2>Im schlimmsten Fall</h2> <p>Für ein Mindestmaß an Zivilität sorgte in diesem Fall, dass die Täterinnen wenigstens ihre Tat gestanden haben – sowohl gegenüber der Polizei als auch vor Gericht. Das hätte aber auch anders ausgehen können, wenn zum Beispiel die Eltern der beiden Mädchen Anwälte eingeschaltet und die Kooperation nach Möglichkeit unterbunden hätten. Dann wäre es für die Klageseite schwerer gewesen, den zivilrechtlich nötigen Beweis zu erbringen.</p> <p>Dabei sollte man bedenken, dass Mord die vorsätzliche Tötung eines Menschen aus niederen Beweggründen ist. Die beiden Mädchen hatten sich laut Medienberichten dazu verabredet, die nichts ahnende Luise mit einer Plastiktüte zu ersticken. Als das nicht gelang, stachen sie Dutzende Male auf das unschuldige Opfer ein. Danach ließen sie ihre „Freundin“ einsam im Wald sterben. Abends meldeten Luises Eltern ihre Tochter für vermisst. Am Folgetag fand man die Leiche.</p> <p>Wenn das Urteil rechtskräftig wird, müssen die beiden Täterinnen das Geld zuzüglich Zinsen an die Angehörigen bezahlen. Neben dem schlechten Gewissen werden sie also auch für viele Jahre eine finanzielle Schuld mit sich tragen. Eine Privatinsolvenz hilft hier übrigens nicht und die Ansprüche werden auch erst 30 Jahre nach der Tat verjähren. Bei einer Flucht ins außereuropäische Ausland könnte die Vollstreckung aber schwierig werden.</p> <p>Es sind nicht zwingende, sondern rein rechtsdogmatische Gründe, warum der Staat in so einer Konstellation die schon schwer traumatisierten Opfer alleine lässt. Meiner Meinung nach sollte daher der Gesetzgeber aus <em>ethischen</em> Gründen – wenigstens für die schweren Straftaten gegen das Leben – die Tür für eine individuellere Abwägung der Strafmündigkeit öffnen, auch unter dem Alter von 14 Jahren.</p> <p>Zum Glück sind Tötungsdelikte allgemein und insbesondere von Kindern in Deutschland eher selten. Aber in tief einschneidenden Einzelfällen gibt es sie eben doch. Das Argument, Straftaten idealerweise vorzubeugen, hat natürlich auch seine Berechtigung. Wenn sie aber doch passieren, sollte das Recht die Opfer nicht alleine lassen.</p> <h2>Das könnte Sie auch interessieren</h2> <ul> <li><a href="https://menschen-bilder.blog/2026/02/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts/" rel="noopener">Und wieder tötet ein Kind. 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Jahrhundert</a></li> </ul> <h2>Neuerscheinung</h2> <figure><a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 719px) 100vw, 719px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-719x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-719x1024.jpg 719w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-211x300.jpg 211w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-768x1094.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-1078x1536.jpg 1078w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-1437x2048.jpg 1437w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-scaled.jpg 1797w" width="719"></img></a></figure> <p>Schleim, S. (2026). <em><a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener">Zwischen Norm und Neuron. Altersgrenzen, Verantwortlichkeit und das Gehirn in rechtlichen Kontexten</a></em>. Göttingen: Hogrefe.</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/justice-statue-lady-justice-2060093/" rel="noopener">WilliamCho</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/0e82ddd867ff4d0ab899debefafd8a05" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/urteil-gegen-12-und-13-jaehrige-moerderinnen-eine-wissenschaftliche-und-ethische-sicht/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>2</slash:comments> </item> <item> <title>18 Jahre Wissenschaftsbloggen, 1500 Blogposts auf „Natur des Glaubens“ – Ein Ehrenamt für den dialogischen Monismus https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/18-jahre-wissenschaftsbloggen-1500-blogposts-auf-natur-des-glaubens-ein-ehrenamt-fuer-den-dialogischen-monismus/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/18-jahre-wissenschaftsbloggen-1500-blogposts-auf-natur-des-glaubens-ein-ehrenamt-fuer-den-dialogischen-monismus/#comments Tue, 09 Jun 2026 22:21:01 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11343 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0882-1-768x999.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/18-jahre-wissenschaftsbloggen-1500-blogposts-auf-natur-des-glaubens-ein-ehrenamt-fuer-den-dialogischen-monismus/</link> </image> <description type="html"><h1>18 Jahre Wissenschaftsbloggen, 1500 Blogposts auf "Natur des Glaubens" - Ein Ehrenamt für den dialogischen Monismus » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Seit April, huch, nein – sogar schon <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/evolution-der-religiosit-t-wenn-denkmauern-fallen/">seit dem 12. März 2008 gibt es meinen Wissenschaftsblog „Natur des Glaubens“</a> hier auf Spektrum der Wissenschaft. In dieser Zeit habe ich hier 1.500 Blogposts (mit wenigen Gastblogposts und Interviews) eingestellt, über 43.200 Drukos (Drunter-Kommentare) gelesen und freigeschaltet sowie über 16.000 Kommentare, meist Antworten, selbst verfasst.</p> <p>Rechnen wir für einen Blogpost inklusive Idee, Recherche, Eingabe, Grafiken und Einstellen um die fünf Stunden, für jedes Freischalten zwei und für jedes Antworten fünf Minuten, dann habe ich über ein Jahr dieser letzten 18 Jahre mit Bloggen verbracht! Meistens, wie jetzt auch, in den späten Abend- oder gar Nachtstunden.</p> <p>Und aus dem Hobby wurde ein Ehrenamt und dann eine neue Art von verschriftetem Werk.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wiedersehen-mit-freundschaft-hoffnung-mit-lars-fischer-vom-fischblog-wwas/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Lars Fischer &amp; Michael Blume am 7. August 2025 gemeinsam in Stuttgart." decoding="async" height="1464" sizes="(max-width: 1125px) 100vw, 1125px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0882-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0882-1.jpeg 1125w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0882-1-231x300.jpeg 231w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0882-1-787x1024.jpeg 787w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0882-1-768x999.jpeg 768w" width="1125"></img></a></p> <p><em>Bin <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wiedersehen-mit-freundschaft-hoffnung-mit-lars-fischer-vom-fischblog-wwas/" rel="noopener" target="_blank">Lars Fischer aka „Fischblog“ sehr dankbar</a>, dass er mich 2008 als ehrenamtlichen Blogger für die „Tagebücher der Wissenschaft“ gewann. Aus der Spielerei ist über die Jahre mein Hauptwerk in Dialog und Wissenschaftskommunikation geworden. Hier <a href="https://chaos.social/@Fischblog/114987903245365260" rel="noopener" target="_blank">ein Mastodon-Post von ihm nach einem glücklichen Wiedersehen im August 2025</a>. Selfie: Michael Blume</em><aside></aside></p> <p>Heute freue ich mich über tägliche, direkte Zugriffe, aber zunehmend auch über das Einfließen in KI-Antworten. Für mich wäre es schwer, Inhalte nur exklusiv für ein Konzernsilo (etwa von Meta oder gar X) herzustellen – aber in der Blogosphäre, im Fediversum und auf Mastodon sind die Inhalte auch kleinsten, europäischen FOSS-StartUps frei zugänglich. Und bilden damit, so hoffe ich, einen kleinen Beitrag zum öffentlichen Wissensschatz.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-11306" id="attachment_11306"><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/7-vorteile-erneuerbarer-friedensenergien-7-nachteile-fossiler-gewaltenergien/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das Schaubild zeigt links die Auswirkungen fossiler Gewaltenergien wie Öl und Gas aus Russland, Iran und Katar. Die begünstigen autoritäre Regime, Kriege und Terror sowie den Ressourcenfluch, also finanzielle Abhängigkeit und Instabilität. Rechts werden die erneuerbaren Friedensenergien Solar, Wind und Wasser dargestellt, die zu dezentralen Energiedemokratien, zu Wohlstand und Klimaschutz sowie zu Solarpunk und Frieden beitragen. Dabei wird auch gezeigt, dass und wie sie den fossilen Gewaltregimen &quot;Einnahmen entziehen&quot;." decoding="async" height="977" sizes="(max-width: 1170px) 100vw, 1170px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2953.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2953.jpeg 1170w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2953-300x251.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2953-1024x855.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2953-768x641.jpeg 768w" width="1170"></img></a><figcaption id="caption-attachment-11306"><em><span>Die Friedensenergie-These von Dr. Michael Blume, g</span>rafische Interpretation durch Claude.ai, 25.05.2026</em></figcaption></figure> <p>Deswegen ist es für mich auch klar, dass ich KI nie für Blogposts verwende, die nach meiner Auffassung aus originär menschlicher Kreativität erstehen sollten. Transparent und selten in Grafiken sowie in den Drukos darf und soll dann gerne mit verschiedenen KI-Anwendungen (außer Grok) experimentiert werden. Aber nicht beim Bloggen selbst.</p> <p><strong>Sinn und Freude durch dialogischen Monismus: Zeit emergiert, aber wiederholt sich nicht</strong></p> <p>In meiner Grund-Weltanschauung gibt es <strong>eine unglaublich komplexe Wahrheit und Wirklichkeit, der wir Menschen uns durch die Vielfalt der wissenschaftlichen und existentiellen Perspektiven gemeinsam annähern können – also durch Dialog</strong>. Denn diese Eine Realität übersteigt das Fassungsvermögen jedes Säugetiergehirnes und kann also niemals von einem Menschen oder auch nur einer Gruppe von Menschen ganz erfasst werden. Wenn wir uns ihr nähern wollen, dann stets durch sorgfältiges und also dialogisches Miteinander.</p> <p>Auch <strong>stehen wir alle in einem Zeitstrahl, der Milliarden Jahre vor uns emergiert ist und uns alle überdauern</strong> wird. Wir sind also zugleich unendlich klein – was bedeuten wenige Jahre, ein saeculum-Jahrhundert vor Jahrmilliarden? – und unendlich groß: Jede Person ist einzigartig und unwiederholbar und kann auf ganz eigene Weise in das Geschehen und damit auch die Zukunft eingreifen. Wir können ja gar nicht absehen, ob und wie eine kleine Tat – auch ein Blogpost oder ein Druko dazu – auf andere Menschen und die Zeit wirken wird!</p> <p>Noch in seinem letzten Konzert <a href="https://youtu.be/w2183RAw968" rel="noopener" target="_blank">besang dies <strong>Udo Jürgens (1934 – 2014)</strong> in <strong><em>„Tausend Jahre sind ein Tag“</em></strong></a><em>.</em></p> <p>Und das schreibe ich als jemand, der <a href="https://youtu.be/IuBD2FzXG2g" rel="noopener" target="_blank">auch schon humanitär in Kriegs- und Krisengebieten des <strong>Irak</strong> im Einsatz war</a>, ebenso vor Gerichten und in der Politik. <em><strong>Niemand kann alles, aber wir alle können etwas zum Besseren verändern.</strong></em></p> <p>Obgleich evangelisch, freue ich mich darüber, <a href="https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html" rel="noopener" target="_blank">dass <strong>Papst Leo XIV.</strong> in seiner historischen KI-Enzyklika (Abschnitt 213) dazu <strong>Gandalf</strong> aus dem <em>„Herrn der Ringe“</em> von <strong>J.R.R. Tolkien (1892 – 1973)</strong> zitiert</a> hat:</p> <p><em><strong>»Doch unsere Sache ist es nicht, die Welt durch alle Zeiten zu steuern, sondern in den Jahren, auf die wir beschränkt sind, zu tun, was wir können, um das Übel auf den uns bekannten Feldern auszujäten, damit jene, die nach uns kommen, einen guten Boden vorfinden.«</strong></em></p> <p>Dazu schrieb er – und ich stimme ihm da auch, aber keineswegs nur zum Bloggen gänzlich zu:</p> <p><em><strong>Die Zivilisation der Liebe entsteht nicht aus einer einzigen, spektakulären Geste, sondern aus der Summe kleiner und beharrlicher Akte der Treue, die als Bollwerk gegen die Entmenschlichung dienen. Deshalb lohnt es sich, innezuhalten und einige Aspekte zu betrachten, wie wir, ein jeder in seinem eigenen Bereich, an ihrem Aufbau mitwirken können. Ohne den Anspruch zu erheben, das Thema erschöpfend zu behandeln, schlage ich fünf Ansätze für die Verantwortung im Alltag und im öffentlichen Leben vor: Worte entwaffnen, Frieden in Gerechtigkeit aufbauen, die Perspektive der Opfer einnehmen, einen gesunden Realismus pflegen, den Dialog und den Multilateralismus wiederbeleben.</strong></em></p> <p>Das Medium des Blogs gestattet mir nicht nur, über Jahre hinweg Themen immer wieder neu zu beleuchten und mit anderen zu diskutieren, sondern auch weitere Medien zu verlinken, einzubinden, zu vernetzen.</p> <p>So konnte ich…</p> <ul> <li>auch <a href="https://www.salonkolumnisten.com/oel_antisemitismus/" rel="noopener" target="_blank">über „Natur des Glaubens“ hinaus schon 2019 vor den Gefahren fossiler Gewaltenergien etwa aus <strong>Russland</strong> &amp; <strong>Iran</strong> warnen</a></li> <li>während <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-folge-3-die-macht-der-sprache-und-verschwoerungsmythen-vs-verschwoerungstheorien/" rel="noopener" target="_blank">der Covid19-Pandemie den Aufklärungspodcast „Verschwörungsfragen“ find-, sicht- und hörbar</a> machen</li> <li>über <em><strong>Traditionen der Menschenverachtung wie Antisemitismus, Sozialdarwinismus, Malthusianismus</strong></em> aufklären</li> <li>in <a href="https://youtu.be/Iy9J9ddelVw" rel="noopener" target="_blank">Fernsehsendungen wie <strong><em>„Quarks &amp; Co.“</em></strong></a> sowie <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-christliche-mythentheorie-von-j-r-r-tolkien-als-radiobeitrag-evangelium-fantasy/" rel="noopener" target="_blank">auch in Radiosendungen (u.a. zu <strong>Tolkien!</strong>) mitwirken</a></li> <li>nn die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/antoinette-brown-blackwell-als-starke-frau-entdeckt/" rel="noopener" target="_blank">zu Unrecht vergessene <strong>Antoinette Brown Blackwell (1825 – 1921)</strong></a> erinnern</li> <li>in <a href="https://youtu.be/btpczTQ-wP0" rel="noopener" target="_blank">einem humanistischen Evolution-Religion-Rapsong von <strong>Baba Brinkman</strong> auftauchen</a></li> <li>die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/im-landtag-bw-gegen-antisemitismus-meine-rede-zum-9-11-2023/" rel="noopener" target="_blank">bisher wichtigste Rede meines Lebens am 9.11.2023 im Landtag von Baden-Württemberg zu <strong><em>„erneuerbaren Friedensenergien“</em></strong> gegen die fossile Finanzierung von Hass und Gewalt</a> auch hier diskutieren</li> <li>eine <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/b-wie-berlin-babylon-preussen-und-der-fossile-faschismus/" rel="noopener" target="_blank">für Sie kostenfreie eBooklet-Reihe zur erfolgreichen Reform der deutschen Buchstabiertafel</a> starten</li> <li>eine Reihe von sciebooks wie <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Religion-und-Demografie-Michael-Blume-scieBook.pdf" rel="noopener" target="_blank"><strong><em>„Religion und Demografie“</em></strong></a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/ein-zweites-buch-leben-oel-und-glaubenskriege-neu-im-jmb-verlag/" rel="noopener" target="_blank"><strong><em>„Öl- und Glaubenskriege“</em></strong> kostenfrei</a> einstellen</li> <li>mit <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-55-die-selbstzerstoerung-des-fossilismus-die-abzocke-in-der-fossilen-miet-und-armutsfalle/" rel="noopener" target="_blank">dem Freund und BWL-Prof. Dr. <strong>Inan Ince</strong> den Pod- und dann auch Videocast <em>„Blume &amp; Ince“</em></a> starten</li> <li>zur <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-waermepumpe-memes-und-lob-dem-spd-oekosozialen-hermann-scheer-1944-2010/" rel="noopener" target="_blank"><strong>Solarpunk</strong>-Bewegung in der deutschen Blogosphäre und auf Mastodon</a> beitragen</li> </ul> <p>Dabei ist mir völlig klar, dass ein Wissenschaftsblog vom Interesse und auch der Dialogbereitschaft vieler lebt. Deswegen möchte ich diese Zwischenbilanz mit einem Dank an alle schließen, die <em>„Natur des Glaubens“</em> ein wenig Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt haben – und sich weiterhin einbringen. Ihr seid Mitbloggende und motiviert mich, so mir die Zeit gestattet wird, in den kommenden Jahren &amp; Jahrzehnten noch ein paar Hundert Blogposts mehr auf die digitale Reise zu schicken.</p> <p>So kommentierte just in diesen Minuten, als der Blogpost schon fast fertig war, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-56-dialog-ueber-trump-als-corpus-christi-religionsdemografie-und-die-malthus-macht/#comment-206814" rel="noopener" target="_blank">der dialogische @Ralf H.</a>:</p> <p><em>Für das von Dir dargestellte lohnt es sich einzustehen.</em><br></br><em>„… für eine Gesellschaft und auch biokulturelle Evolution mit Liebe und Freiheit.“</em></p> <p><em>So möge sie sich entwickeln.</em><p><em>Letzte Woche sprach ich mit einem Bekannten.</em><em>Im Dialog haben wir unsere Wahrnehmungen diskutiert.</em><em>So kamen wir auch auf die Demografie zu sprechen.</em><em>Hier leisteten Texte von Dir Unterstützung.</em><em>Es ist Unterjüngung auf Grund mehrerer Ursachen, die ländliche Räume in eine Entwicklung drückt, die nichts Gutes erwarten läßt.</em><em>Wir brauchen die Erkenntnis, das unser gesellschaftliches Wohlergehen nur mit Kindern gewährt wird. Und Jedes Kind soll seinen Baum haben. Sowohl Kind, als auch Baum sollen miteinander alt werden, der Baum älter, um die Kinder und Kindeskinder zu beschirmen.</em></p></p> <p>Vielen Dank &amp; <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-12-die-guten-mythen-von-star-wars-dank-an-george-lucas-joseph-campbell/" rel="noopener" target="_blank">Möge die Macht mit Euch sein</a>!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/x_78KHk4iVs?feature=oembed&amp;rel=0" title="1500 Blogposts auf „Natur des Glaubens“ bei Spektrum der Wissenschaft - Eine Zwischenbilanz" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>18 Jahre Wissenschaftsbloggen, 1500 Blogposts auf "Natur des Glaubens" - Ein Ehrenamt für den dialogischen Monismus » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Seit April, huch, nein – sogar schon <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/evolution-der-religiosit-t-wenn-denkmauern-fallen/">seit dem 12. März 2008 gibt es meinen Wissenschaftsblog „Natur des Glaubens“</a> hier auf Spektrum der Wissenschaft. In dieser Zeit habe ich hier 1.500 Blogposts (mit wenigen Gastblogposts und Interviews) eingestellt, über 43.200 Drukos (Drunter-Kommentare) gelesen und freigeschaltet sowie über 16.000 Kommentare, meist Antworten, selbst verfasst.</p> <p>Rechnen wir für einen Blogpost inklusive Idee, Recherche, Eingabe, Grafiken und Einstellen um die fünf Stunden, für jedes Freischalten zwei und für jedes Antworten fünf Minuten, dann habe ich über ein Jahr dieser letzten 18 Jahre mit Bloggen verbracht! Meistens, wie jetzt auch, in den späten Abend- oder gar Nachtstunden.</p> <p>Und aus dem Hobby wurde ein Ehrenamt und dann eine neue Art von verschriftetem Werk.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wiedersehen-mit-freundschaft-hoffnung-mit-lars-fischer-vom-fischblog-wwas/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Lars Fischer &amp; Michael Blume am 7. August 2025 gemeinsam in Stuttgart." decoding="async" height="1464" sizes="(max-width: 1125px) 100vw, 1125px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0882-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0882-1.jpeg 1125w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0882-1-231x300.jpeg 231w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0882-1-787x1024.jpeg 787w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0882-1-768x999.jpeg 768w" width="1125"></img></a></p> <p><em>Bin <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wiedersehen-mit-freundschaft-hoffnung-mit-lars-fischer-vom-fischblog-wwas/" rel="noopener" target="_blank">Lars Fischer aka „Fischblog“ sehr dankbar</a>, dass er mich 2008 als ehrenamtlichen Blogger für die „Tagebücher der Wissenschaft“ gewann. Aus der Spielerei ist über die Jahre mein Hauptwerk in Dialog und Wissenschaftskommunikation geworden. Hier <a href="https://chaos.social/@Fischblog/114987903245365260" rel="noopener" target="_blank">ein Mastodon-Post von ihm nach einem glücklichen Wiedersehen im August 2025</a>. Selfie: Michael Blume</em><aside></aside></p> <p>Heute freue ich mich über tägliche, direkte Zugriffe, aber zunehmend auch über das Einfließen in KI-Antworten. Für mich wäre es schwer, Inhalte nur exklusiv für ein Konzernsilo (etwa von Meta oder gar X) herzustellen – aber in der Blogosphäre, im Fediversum und auf Mastodon sind die Inhalte auch kleinsten, europäischen FOSS-StartUps frei zugänglich. Und bilden damit, so hoffe ich, einen kleinen Beitrag zum öffentlichen Wissensschatz.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-11306" id="attachment_11306"><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/7-vorteile-erneuerbarer-friedensenergien-7-nachteile-fossiler-gewaltenergien/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das Schaubild zeigt links die Auswirkungen fossiler Gewaltenergien wie Öl und Gas aus Russland, Iran und Katar. Die begünstigen autoritäre Regime, Kriege und Terror sowie den Ressourcenfluch, also finanzielle Abhängigkeit und Instabilität. Rechts werden die erneuerbaren Friedensenergien Solar, Wind und Wasser dargestellt, die zu dezentralen Energiedemokratien, zu Wohlstand und Klimaschutz sowie zu Solarpunk und Frieden beitragen. Dabei wird auch gezeigt, dass und wie sie den fossilen Gewaltregimen &quot;Einnahmen entziehen&quot;." decoding="async" height="977" sizes="(max-width: 1170px) 100vw, 1170px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2953.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2953.jpeg 1170w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2953-300x251.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2953-1024x855.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2953-768x641.jpeg 768w" width="1170"></img></a><figcaption id="caption-attachment-11306"><em><span>Die Friedensenergie-These von Dr. Michael Blume, g</span>rafische Interpretation durch Claude.ai, 25.05.2026</em></figcaption></figure> <p>Deswegen ist es für mich auch klar, dass ich KI nie für Blogposts verwende, die nach meiner Auffassung aus originär menschlicher Kreativität erstehen sollten. Transparent und selten in Grafiken sowie in den Drukos darf und soll dann gerne mit verschiedenen KI-Anwendungen (außer Grok) experimentiert werden. Aber nicht beim Bloggen selbst.</p> <p><strong>Sinn und Freude durch dialogischen Monismus: Zeit emergiert, aber wiederholt sich nicht</strong></p> <p>In meiner Grund-Weltanschauung gibt es <strong>eine unglaublich komplexe Wahrheit und Wirklichkeit, der wir Menschen uns durch die Vielfalt der wissenschaftlichen und existentiellen Perspektiven gemeinsam annähern können – also durch Dialog</strong>. Denn diese Eine Realität übersteigt das Fassungsvermögen jedes Säugetiergehirnes und kann also niemals von einem Menschen oder auch nur einer Gruppe von Menschen ganz erfasst werden. Wenn wir uns ihr nähern wollen, dann stets durch sorgfältiges und also dialogisches Miteinander.</p> <p>Auch <strong>stehen wir alle in einem Zeitstrahl, der Milliarden Jahre vor uns emergiert ist und uns alle überdauern</strong> wird. Wir sind also zugleich unendlich klein – was bedeuten wenige Jahre, ein saeculum-Jahrhundert vor Jahrmilliarden? – und unendlich groß: Jede Person ist einzigartig und unwiederholbar und kann auf ganz eigene Weise in das Geschehen und damit auch die Zukunft eingreifen. Wir können ja gar nicht absehen, ob und wie eine kleine Tat – auch ein Blogpost oder ein Druko dazu – auf andere Menschen und die Zeit wirken wird!</p> <p>Noch in seinem letzten Konzert <a href="https://youtu.be/w2183RAw968" rel="noopener" target="_blank">besang dies <strong>Udo Jürgens (1934 – 2014)</strong> in <strong><em>„Tausend Jahre sind ein Tag“</em></strong></a><em>.</em></p> <p>Und das schreibe ich als jemand, der <a href="https://youtu.be/IuBD2FzXG2g" rel="noopener" target="_blank">auch schon humanitär in Kriegs- und Krisengebieten des <strong>Irak</strong> im Einsatz war</a>, ebenso vor Gerichten und in der Politik. <em><strong>Niemand kann alles, aber wir alle können etwas zum Besseren verändern.</strong></em></p> <p>Obgleich evangelisch, freue ich mich darüber, <a href="https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html" rel="noopener" target="_blank">dass <strong>Papst Leo XIV.</strong> in seiner historischen KI-Enzyklika (Abschnitt 213) dazu <strong>Gandalf</strong> aus dem <em>„Herrn der Ringe“</em> von <strong>J.R.R. Tolkien (1892 – 1973)</strong> zitiert</a> hat:</p> <p><em><strong>»Doch unsere Sache ist es nicht, die Welt durch alle Zeiten zu steuern, sondern in den Jahren, auf die wir beschränkt sind, zu tun, was wir können, um das Übel auf den uns bekannten Feldern auszujäten, damit jene, die nach uns kommen, einen guten Boden vorfinden.«</strong></em></p> <p>Dazu schrieb er – und ich stimme ihm da auch, aber keineswegs nur zum Bloggen gänzlich zu:</p> <p><em><strong>Die Zivilisation der Liebe entsteht nicht aus einer einzigen, spektakulären Geste, sondern aus der Summe kleiner und beharrlicher Akte der Treue, die als Bollwerk gegen die Entmenschlichung dienen. Deshalb lohnt es sich, innezuhalten und einige Aspekte zu betrachten, wie wir, ein jeder in seinem eigenen Bereich, an ihrem Aufbau mitwirken können. Ohne den Anspruch zu erheben, das Thema erschöpfend zu behandeln, schlage ich fünf Ansätze für die Verantwortung im Alltag und im öffentlichen Leben vor: Worte entwaffnen, Frieden in Gerechtigkeit aufbauen, die Perspektive der Opfer einnehmen, einen gesunden Realismus pflegen, den Dialog und den Multilateralismus wiederbeleben.</strong></em></p> <p>Das Medium des Blogs gestattet mir nicht nur, über Jahre hinweg Themen immer wieder neu zu beleuchten und mit anderen zu diskutieren, sondern auch weitere Medien zu verlinken, einzubinden, zu vernetzen.</p> <p>So konnte ich…</p> <ul> <li>auch <a href="https://www.salonkolumnisten.com/oel_antisemitismus/" rel="noopener" target="_blank">über „Natur des Glaubens“ hinaus schon 2019 vor den Gefahren fossiler Gewaltenergien etwa aus <strong>Russland</strong> &amp; <strong>Iran</strong> warnen</a></li> <li>während <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-folge-3-die-macht-der-sprache-und-verschwoerungsmythen-vs-verschwoerungstheorien/" rel="noopener" target="_blank">der Covid19-Pandemie den Aufklärungspodcast „Verschwörungsfragen“ find-, sicht- und hörbar</a> machen</li> <li>über <em><strong>Traditionen der Menschenverachtung wie Antisemitismus, Sozialdarwinismus, Malthusianismus</strong></em> aufklären</li> <li>in <a href="https://youtu.be/Iy9J9ddelVw" rel="noopener" target="_blank">Fernsehsendungen wie <strong><em>„Quarks &amp; Co.“</em></strong></a> sowie <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-christliche-mythentheorie-von-j-r-r-tolkien-als-radiobeitrag-evangelium-fantasy/" rel="noopener" target="_blank">auch in Radiosendungen (u.a. zu <strong>Tolkien!</strong>) mitwirken</a></li> <li>nn die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/antoinette-brown-blackwell-als-starke-frau-entdeckt/" rel="noopener" target="_blank">zu Unrecht vergessene <strong>Antoinette Brown Blackwell (1825 – 1921)</strong></a> erinnern</li> <li>in <a href="https://youtu.be/btpczTQ-wP0" rel="noopener" target="_blank">einem humanistischen Evolution-Religion-Rapsong von <strong>Baba Brinkman</strong> auftauchen</a></li> <li>die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/im-landtag-bw-gegen-antisemitismus-meine-rede-zum-9-11-2023/" rel="noopener" target="_blank">bisher wichtigste Rede meines Lebens am 9.11.2023 im Landtag von Baden-Württemberg zu <strong><em>„erneuerbaren Friedensenergien“</em></strong> gegen die fossile Finanzierung von Hass und Gewalt</a> auch hier diskutieren</li> <li>eine <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/b-wie-berlin-babylon-preussen-und-der-fossile-faschismus/" rel="noopener" target="_blank">für Sie kostenfreie eBooklet-Reihe zur erfolgreichen Reform der deutschen Buchstabiertafel</a> starten</li> <li>eine Reihe von sciebooks wie <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Religion-und-Demografie-Michael-Blume-scieBook.pdf" rel="noopener" target="_blank"><strong><em>„Religion und Demografie“</em></strong></a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/ein-zweites-buch-leben-oel-und-glaubenskriege-neu-im-jmb-verlag/" rel="noopener" target="_blank"><strong><em>„Öl- und Glaubenskriege“</em></strong> kostenfrei</a> einstellen</li> <li>mit <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-55-die-selbstzerstoerung-des-fossilismus-die-abzocke-in-der-fossilen-miet-und-armutsfalle/" rel="noopener" target="_blank">dem Freund und BWL-Prof. Dr. <strong>Inan Ince</strong> den Pod- und dann auch Videocast <em>„Blume &amp; Ince“</em></a> starten</li> <li>zur <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-waermepumpe-memes-und-lob-dem-spd-oekosozialen-hermann-scheer-1944-2010/" rel="noopener" target="_blank"><strong>Solarpunk</strong>-Bewegung in der deutschen Blogosphäre und auf Mastodon</a> beitragen</li> </ul> <p>Dabei ist mir völlig klar, dass ein Wissenschaftsblog vom Interesse und auch der Dialogbereitschaft vieler lebt. Deswegen möchte ich diese Zwischenbilanz mit einem Dank an alle schließen, die <em>„Natur des Glaubens“</em> ein wenig Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt haben – und sich weiterhin einbringen. Ihr seid Mitbloggende und motiviert mich, so mir die Zeit gestattet wird, in den kommenden Jahren &amp; Jahrzehnten noch ein paar Hundert Blogposts mehr auf die digitale Reise zu schicken.</p> <p>So kommentierte just in diesen Minuten, als der Blogpost schon fast fertig war, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-56-dialog-ueber-trump-als-corpus-christi-religionsdemografie-und-die-malthus-macht/#comment-206814" rel="noopener" target="_blank">der dialogische @Ralf H.</a>:</p> <p><em>Für das von Dir dargestellte lohnt es sich einzustehen.</em><br></br><em>„… für eine Gesellschaft und auch biokulturelle Evolution mit Liebe und Freiheit.“</em></p> <p><em>So möge sie sich entwickeln.</em><p><em>Letzte Woche sprach ich mit einem Bekannten.</em><em>Im Dialog haben wir unsere Wahrnehmungen diskutiert.</em><em>So kamen wir auch auf die Demografie zu sprechen.</em><em>Hier leisteten Texte von Dir Unterstützung.</em><em>Es ist Unterjüngung auf Grund mehrerer Ursachen, die ländliche Räume in eine Entwicklung drückt, die nichts Gutes erwarten läßt.</em><em>Wir brauchen die Erkenntnis, das unser gesellschaftliches Wohlergehen nur mit Kindern gewährt wird. Und Jedes Kind soll seinen Baum haben. Sowohl Kind, als auch Baum sollen miteinander alt werden, der Baum älter, um die Kinder und Kindeskinder zu beschirmen.</em></p></p> <p>Vielen Dank &amp; <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-12-die-guten-mythen-von-star-wars-dank-an-george-lucas-joseph-campbell/" rel="noopener" target="_blank">Möge die Macht mit Euch sein</a>!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/x_78KHk4iVs?feature=oembed&amp;rel=0" title="1500 Blogposts auf „Natur des Glaubens“ bei Spektrum der Wissenschaft - Eine Zwischenbilanz" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/18-jahre-wissenschaftsbloggen-1500-blogposts-auf-natur-des-glaubens-ein-ehrenamt-fuer-den-dialogischen-monismus/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>34</slash:comments> </item> <item> <title>Orcas im Nordatlantik – wählerische Esser und hautnahes Erlebnis https://scilogs.spektrum.de/meertext/orcas-im-nordatlantik-waehlerische-esser-und-hautnahes-erlebnis/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/orcas-im-nordatlantik-waehlerische-esser-und-hautnahes-erlebnis/#comments Tue, 09 Jun 2026 07:38:50 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=2019 <h1>Orcas im Nordatlantik - wählerische Esser und hautnahes Erlebnis » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Mein Nachtrag zum #WorldOceanDay 2026 ist dieser Orca-Beitrag – ein Update zu den Schwertwalen des östlichen Nordatlantiks mit meinen eigenen Erlebnissen auf den Shetland-Inseln im vergangenen Jahr.</p> <p>Die Orca-Forschung im europäischen Nordatlantik zeigt, dass sie ganz anders leben, als ihre nordpazifischen Verwandten: Auch die europäischen Schwertwale leben meist in stabilen Familien. Aber ihre Bestände und Aufenthaltsorte um Grönland, Island, die Britischen Inseln und Schottland sowie vor Norwegen und in der Barentssee sind weniger fest: Sie schwimmen je nach Beute in größeren oder kleineren Gruppen und je nach Jahreszeit zwischen den Küsten und Inseln umher.</p> <p>Wie die nordpazifischen <em>Orcinus orca</em>-Gruppen haben auch die nordatlantischen Gruppen <a href="https://besjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1365-2656.13920" rel="noopener">Nahrungsvorlieben,</a> sie scheinen <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/sind-orcas-waehlerisch-beim-essen/">allerdings etwas weniger </a>wählerisch zu sein: Vor Grönland fressen sie gern Makrelen und Robben, vor Island und vor Norwegen Robben und Heringe und vor den Färöer-Inseln Makrelen, Heringe sowie Robben. Dabei bilden die Schwertwale für die Fisch-Jagd größere Gruppen und sind laut, zur Meeressäuger-Jagd sind sie in kleinen Gruppen und lautlos unterwegs. Manchmal fressen sie auch andere Fische oder Meeressäuger, fette Robben oder Schweinswale werden meist geteilt.<br></br>Manche Individuen und ganze Gruppen scheinen den Heringen auf ihren Wanderungen zu folgen, ob küstennah oder auf dem offenen Meer. <a href="https://besjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1365-2656.13920" rel="noopener">Damit unterscheiden sich die Nordatlantik- Kulturen erheblich von denen des Nordpazifiks</a>. Und die noch vor einigen Jahren übliche Einteilung der <a href="https://www.eldingresearch.com/post/orca-ecotypes-of-the-north" rel="noopener">Nordatlantik-Schwertwale in zwei Ökotypen</a> – einen Fisch und einen Meeressäuger <a href="https://whalescientists.com/north-atlantic-killer-whales/" rel="noopener">fressenden – ist überholt.</a></p> <p><a href="https://besjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1365-2656.13920" rel="noopener">Blubberanalysen von mehr als 200 Orcas und die Zuordnung der in den Fettsäuren enthaltenen Isotopen,</a> die eher auf Fisch- oder eher auf Fleischernährung hinwiesen, hatten erst 2023 diese Ernährungsgewohnheiten nachgewiesen. Dabei kam auch heraus, dass sogar die Individuen innerhalb einer Gruppe noch unterschiedliche Vorlieben haben.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-55.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="403" sizes="(max-width: 700px) 100vw, 700px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-55.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-55.png 700w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-55-300x173.png 300w" width="700"></img></a><figcaption>https://www.eurekalert.org/multimedia/981858</figcaption></figure> <h2><strong>Heringskarussel </strong></h2> <p>Vor der norwegischen Küste halten sich oft große Heringsschwärme zur Fortpflanzung, zum Fressen und zum Überwintern auf, bis etwa 2000 waren sie im Tysfjord. Die Orcas haben für die Jagd auf die kleinen Schwarmfische das „Heringskarussell“ entwickelt: Dabei umringen sie in einer koordinierten Aktion einen Heringsschwarm und erschrecken mit ihren hell aufleuchtenden Bauchseiten die Fische, die sich ängstlich immer enger zusammendrängen – dann schlagen die Wale mit kraftvollen, knallenden Schwanzschlägen in den „Fisch-Ball“ und schnappen sich einzelne, halb betäubte Fische. Die Heringe bilden zum Fressen, Überwintern oder zur Paarung unterschiedlich große Ansammlungen in unterschiedlichen Meerestiefen, die Orcas passen ihre Jagd daran jeweils an – etwa, wenn sie im Winter bei besserer Sicht im Ozean nur wenige Echoklicks abgeben. <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s00227-015-2626-8" rel="noopener">„Verhaltensplastizität“ nennt die Orca-Expertin Filipa Samarra diese Anpassung</a>. „Plastizität“ beim Verhalten bezeichnet schnelle Anpassungen an veränderte äußere Umstände.<p>Seit die Heringe im Zuge der Meereserwärmung nach Norden wandern, <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34938508/" rel="noopener">folgen ihnen die Schwertwale, seit etwa 2010 sind beide – </a>Jäger und Beute – auch vor der nordnorwegischen Vesteralen-Insel Andenes zu beobachten. Dort snacken sie bei Gelegenheit auch Schweinswale oder Robben, was aber kaum der Sättigung, sondern wohl eher dem Socializing, der Stärkung ihrer sozialen Familienbande, gilt: Sie reichen den kleinen Meeressäuger in der Gruppe herum und jeder bekommt ein Häppchen.</p><br></br>Beim Heringskarussell hingegen fressen sie sich an den fetten Fischen satt: Jeder Schwertwal erbeutet durchschnittlich 1,08 Fische pro Minute, beim Aufsammeln von Resten hinter Fischerbooten sind es dagegen nur 0,43. Die Jagd lohnt sich also! Zum Sattwerden <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/mms.12931" rel="noopener">braucht ein Orca zwischen 285–578 Heringe</a> täglich und muss dafür 37–65 % jedes Tages fressen. Ihren hohen Energiebedarf können sie also nur mit effektiven Jagdmethoden und Teamwork stillen.<aside></aside></p> <p>Ein Team um Ellen L. Hayward und Filipa I. P. Samarra hat gerade eine neue Publikation zur <a href="https://doi.org/10.1098/rsos.26006" rel="noopener">Bioakustik Schwertwale beim Heringsfressen in isländischen Gewässern veröffentlicht</a>: Bei der Heringsjagd gehen die Orcas hochgradig koordiniert vor. In dieser Studie nutzten die BiologInnen von den Walen aufgezeichnete Audio- und Videodaten (die Aufnahmegeräte werden mit Saugnäpfen am Wal befestigt, lösen sich dann und schwimmen auf), um kooperative Interaktionen und Fressraten zu bewerten. Aus den Videoaufnahmen ging hervor, dass die Wale nach einem Schwanzschlag das Treiben der Heringe einzustellen schienen und sich dicht beieinander von einzelnen betäubten Heringen ernährten. Die Orcas verzehrten Heringe, unabhängig davon, ob sie den Schwanzschlag selbst ausgeführt hatten oder nicht – einige jagen also für andere mit. Bei 26 % der durch Videoaufnahmen bestätigten Fressereignisse wurde ein „schlürfendes“ Geräusch aufgezeichnet, was den BiologInnen ermöglichte, einen Mittelwert von 25,3 bis 29,7 verzehrte Heringe pro Schwanzschlag zu schätzen. Da drei markierte Schwertwale die Rolle des „Schwanzschlägers“ überdurchschnittlich oft einnahmen, scheint es eine Rollenspezialisierung zu geben.  <p>Die Geräuschkulisse der Schwertwale beim Heringskarussell aus speziellen <a href="https://www.researchgate.net/publication/315750998_Humpback_whale_Megaptera_novaeangliae_and_killer_whale_Orcinus_orca_feeding_aggregations_for_foraging_on_herring_Clupea_harengus_in_Northern_Norway" rel="noopener">Rufen, Schwanzschlägen und den Echoklicks</a> der Schwertwale lockt manchmal Buckelwale an, die dort auf ihrer jährlichen Wanderung vorbeikommen. Dachten Forschende vor einigen Jahren noch, dass beide Walarten kooperieren würden, um mehr Fische fressen zu können, sieht es mittlerweile so aus, als ob die großen Bartenwale den kleineren Zahnwalen dann einen Teil der fetten Schwarmfische wegschnappen.</p><br></br>Dass Heringe ihre Aufenthaltsorte und Wanderwege ändern, ist seit Jahrhunderten bekannt, vermutlich liegt es an veränderten Meeresströmen und damit einer Verlagerung ihres Nahrungsangebots. Mit der immer schnelleren Meereserwärmung gerade im östlichen Nordatlantik werden diese Änderungen sicherlich noch stärker und schneller – eine Herausforderung auch für die Orcas.</p> <h2><strong>Die Orcas der Shetland-Inseln</strong></h2> <p>2025 war ich mit zwei Freundinnen auf den Shetlands – auf Orca-Pirsch. Und wir haben sie gesehen! Diese Beobachtung ist mein Bonusmaterial für den Tag des Meeres.<p>Orcas lassen sich anhand ihrer Muster wie Augenfleck und Sattelfleck sowie dem Finnen-Umriss, Narben und anderen Merkmalen individuell identifizieren. 2021 veröffentlichten <a href="https://www.researchgate.net/profile/Andrew-Scullion-5?_tp=eyJjb250ZXh0Ijp7ImZpcnN0UGFnZSI6InB1YmxpY2F0aW9uIiwicGFnZSI6InB1YmxpY2F0aW9uIn19" rel="noopener">Andrew Scullion</a> (Orca Survey Scotland), <a href="https://www.researchgate.net/scientific-contributions/Hugh-Harrop-2200769194?_tp=eyJjb250ZXh0Ijp7ImZpcnN0UGFnZSI6InB1YmxpY2F0aW9uIiwicGFnZSI6InB1YmxpY2F0aW9uIn19" rel="noopener">Hugh Harrop</a>, <a href="https://www.researchgate.net/scientific-contributions/Karen-Munro-2200771989" rel="noopener">Karen Munro</a>, <a href="https://www.researchgate.net/scientific-contributions/Steve-Truluck-2200777367" rel="noopener">Steve Truluck</a> sowie <a href="https://www.researchgate.net/scientific-contributions/Andrew-Foote-2200766320" rel="noopener">Andrew Foote</a> den <a href="https://www.researchgate.net/publication/354418921_Scottish_Killer_Whale_Photo_Identification_Catalogue_2021" rel="noopener">Scottish Killer Whale Photo Identification Catalogue 2021</a>.</p><br></br>2008 und 2009 bestanden die 64s &amp; 65s genannten Familiengruppen (die bekannten Familien und Individuen sind durchnummeriert) aus dem erwachsenen Männchen 032, den erwachsenen Weibchen 064, 065 und 066 sowie dem Jungtier 067. 066 war vermutlich die Matriarchin, also die Mutter der jüngeren erwachsenen Kühe 064 und 065. Nach der Geburt einiger Kälber waren es schließlich neun Orcas. Sie gehörten zu den häufigsten beobachteten Pods vor den Shetlands.<br></br>2017 verschwanden 066 und 067, 2018 zerfiel die restliche Gruppe in zwei Pods: die 64s und 65s Gruppen. Die 64s haben nun vermutlich 064 als neue Matriarchin und die 65s 065, sie hat den Beinamen Razor. Die Aufsplittung einer Gruppe hängt oft mit dem Tod der Matriarchin zusammen, wie von den Bigg´s Orcas des Nordpazifiks bekannt ist. 2020 wurde vor Brough of Deerness, Orkney eine Zusammenkunft von Mitgliedern beider Gruppen beobachtet, die auf sehr enge Familienbande hinweist – wie unter Schwestern.<p>Beide Pods gehören gemeinsam mit den 27s zur Northern Isles Community und werden <a href="https://www.researchgate.net/publication/354418921_Scottish_Killer_Whale_Photo_Identification_Catalogue_2021" rel="noopener">als semi-resident in Schottischen Gewässern eingeordnet</a>. Zumindest bis 2021 war keine Sichtung der 64s und 65s aus Islands Gewässern bekannt, auch nicht aus norwegischen Gewässern, dafür allerdings eine mögliche Sichtung vor den Färöer-Inseln. Auch wenn die Schwertwale des östlichen Nord-Atlantiks offenbar hoch mobil zwischen Island, Norwegen, Schottland und den Färöern unterwegs sind, haben die einzelnen Pods bevorzugte Areale.</p></p> <p>Andere Pods und Individuen sind sowohl vor Island als auch vor Schottland gesichtet worden. Im Gegensatz zu den Familienverbänden im Nordpazifik sind die Gruppen im Nordatlantik offenbar weniger stabil: Einzelne Individuen wandern zwischen Island, Norwegen, Schottland und den Färöern umher.<br></br>Die Nordatlantik-Orcas fressen meist sowohl Fische (Heringe und Makrelen) als auch Meeressäuger (Robben, Schweinswale und andere), sie sind also auch bei der Ernährung weniger festgelegt als die des Nordpazifiks.</p> <p>Für die <a href="http://www.scilogs.de/kosmo//Users/Admin/Downloads/ScullionAJetal.2021ScottishKillerWhalePhotoIdentificationCatalogue2021.pdf">Orcas in schottischen Gewässern gibt es mittlerweile mehr</a> Daten: Bei den Sichtungen gibt es einen sommerlichen Höhepunkt bei den Sichtungen, der mit der Fortpflanzungszeit der Seehunde zusammenfällt – Jungtiere sind unerfahren und darum leichte Beute. Um satt zu werden, müssten die Schwertwale pro Saison bis zu achthundert Seehunde fressen.<br></br>Einige Gruppen wandern jährlich zwischen Island und Schottland – offenbar gehen sie nach der Heringssaison vor Island zur Robbensaison an schottischen Küsten über. Dabei sind sie bei der Heringsjagd recht laut, während sie auf der Robbenpirsch ganz leise bleiben – die Meeressäuger hören die Orcarufe und würden schleunigst aus dem Wasser verschwinden.</p> <h2><strong>Orca-Hatz auf Robben</strong></h2> <p>Die schwarz-weißen größten Delphinartigen standen im Fokus unserer Shetland-Reise: Wir jagten ihnen mit Bus, Auto, per Anhalter und zu Fuß hinterher. Einmal verpassten wir sie um 10 Minuten, einige andere Male war es auch knapp. Aber dann war es soweit: Wir bekamen beim Frühstück in Brae die Meldung: Orcas südlich von Lerwick (der Hauptstadt):<br></br>Pod 65 war auf Robbenhatz! Dabei tauchen sie überraschend auf und wandern dann Bucht für Bucht weiter nach Süden. Aus den Meldungen extrapolierten wir die Route der Wale – richtig gerechnet!<br></br>Die Gruppe ist auch für Laien und aus der Entfernung schnell erkennbar: die hoch aufragende Finne des erwachsenen Bullen Busta – 032- ist auffallend geformt. Außerdem gehören noch 198 – möglicherweise eine Tochter von 065, 168 sowie 199 dazu sowie ein Jungtier.</p> <p>Außer uns folgten auch andere Menschen den Orcas, die Kavalkade fuhr mit den Walen nach Süden. Bei Fladdabister haben wir sie dann „erwischt“. Wir blieben wegen des besseren Überblicks an der hoch gelegenen Küstenstraße stehen und verfolgten mit anderen Orca-Schaulustigen das Geschehen in der Bucht von oben. Bereit, beim Weiterziehen der Wale wieder ins Auto zu springen. Andere standen auf den Felsen ganz nah am Wasser – nur wenige Meter entfernt von den Zahnwalen. Beneidenswert auch die Menschen, die per Boot den Walen folgten. <br></br>Dann schwammen die Schwertwale von Norden kommend in die Bucht hinein: Sie hatten sich angeschlichen, um die Robben zu überraschen. Ich habe zunächst nur die großen weißen Flecken unter Wasser gesehen. Dann durchschnitten beim ersten Angriff die Rückenflossen die Wasseroberfläche. Ein noch kleines Jungtier hielt sich eng an der Mutter und wurde offenbar im Jagen unterrichtet, immer wieder durfte es vorschwimmen. Dabei kam es noch sehr weit aus dem Wasser – offenbar muss es das Anschleichen unter Wasser erst noch lernen, die erwachsenen Orcas waren weitaus weniger sichtbar.<p>Und dann sahen wir zu, wie der Bulle Busta sich ganz nah an den Klippen auf die Seite legte, seine große paddelförmige Brustflosse hoch aus dem Wasser ragte und er sich dort eine Robbe schnappte. Dabei wurde ein großer Teil des massiven Körpers scheinbar schwerelos aus dem Wasser gehoben.</p><br></br>Ich muss zugeben, dass ich den Atem anhielt.</p> <figure><img alt="" decoding="async" src="https://cdn.bsky.app/img/feed_fullsize/plain/did:plc:grmzpvnd2ylxcvxkyy5ez6iq/bafkreihw6jlnxosrtuomxcqjqpshvzhasy6w6lqn6r3yd5quryikvqjbci"></img><figcaption>Blick auf Busta bei der Robbenjagd vom erhöhten Ausguck an der Küstenstraße ((C) Bettina Wurche)</figcaption></figure> <p>Die Shetland-Orcas sind längst ein touristisch bedeutender Faktor. Darum haben die Wissenschaftler im Photo-ID-Katalog den Code of Conduct für die Begegnung mit ihnen auf dem Wasser aufgenommen, mit der Ermahnung, nicht zu nahe an die Tiere heranzufahren und die Geschwindigkeit zu reduzieren (<em>Scottish Killer Whale Photo Identification Catalogue 2021)</em>.<br></br>Der versierte Ornithologe und Kenner der Shetlands-Naturkunde <a href="https://www.shetlandwildlife.co.uk/team.htm" rel="noopener">Hugh Harrop hatte 1992 Shetland Wildlife</a> gegründet. Er ist immer auf dem Laufenden und schreibt für verschiedene Fachzeitschriften. Die geführten Exkursionen von Shetland Wildlife sind meist Monate im Voraus ausgebucht. Wir haben ihn einmal getroffen, als wir die Orcas haarscharf verpaßten. Er und andere teilen ihr Wissen u a auf <a href="https://www.facebook.com/groups/shetlandorcasightings/" rel="noopener">der Facebook-Seite Shetland Orca  Cetacean Sightings</a>.</p> <p>Während unseres Aufenthalts wurde im <a href="https://www.shetlandtimes.co.uk/2025/06/27/orca-washes-up-in-yell-sound" rel="noopener">Yell Sound ein toter Schwertwal angespült.</a> Das Männchen war einige Tage zuvor schon bei Sullom Voe gesichtet worden und von örtlichen Walbeobachtern als „161“ aus einer als „Scottish/Icelandic 12s“ bekannten Gruppe identifiziert. Die Todesursache ist derzeit unbekannt, aber der Wal wurde nicht verheddert aufgefunden, ist also kein Beifang. Probenahmen und eine mögliche Autopsie wurden mit dem Scottish Marine Animal Strandings Scheme (Smass) vereinbart. Die lokale Walbeobachterin Vivian Clark fotografierte den Bullen 161 diesen Dienstag am südöstlichen Ende des Yell Sound, wie er mit Seetang spielte und dabei „unterernährt und dünn“ wirkte. Als wir die Hillswick Seehundsstation besuchten, erhielten wir dort aus gut informierten Kreisen die Info, dass sein Magen leer war. <br></br>In diesem Fall blieb die Todesursache ungeklärt.</p> <p>Aber im Nordatlantik lauern viele Gefahren: Dass der östliche Nordatlantik besonders schwer mit Toxinen belastet ist, führt schon dazu, dass manche Orca-Gruppen gar keinen Nachwuchs mehr bekommen. So war der 2016 auf den Hebriden gestrandete Orca Lulu das am stärksten mit PCBs belastete Lebewesen, was die Veterinäre je analysiert hatten. Es ist sicherlich kein Zufall, dass Lulu niemals ein Kalb zur Welt gebracht hatte und in ihrer Gruppe seit Mitte der 80-er Jahren, seit sie erforscht werden, überhaupt kein Nachwuchs beobachtet wurde, Biologen und Veterinärmediziner schreiben dies der hohen Schadstoffbelastung zu. <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2016/01/07/farewell-lulu-orca-auf-den-hebriden-tot-gestrandet/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Gestorben ist Lulu allerdings nicht an einer Vergiftung, sondern durch das Verheddern in Fischereileinen </a>(“entanglement”) – eine der häufigsten Todesursachen der schwarz-weißen Topprädatoren der Meere.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Orcas im Nordatlantik - wählerische Esser und hautnahes Erlebnis » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Mein Nachtrag zum #WorldOceanDay 2026 ist dieser Orca-Beitrag – ein Update zu den Schwertwalen des östlichen Nordatlantiks mit meinen eigenen Erlebnissen auf den Shetland-Inseln im vergangenen Jahr.</p> <p>Die Orca-Forschung im europäischen Nordatlantik zeigt, dass sie ganz anders leben, als ihre nordpazifischen Verwandten: Auch die europäischen Schwertwale leben meist in stabilen Familien. Aber ihre Bestände und Aufenthaltsorte um Grönland, Island, die Britischen Inseln und Schottland sowie vor Norwegen und in der Barentssee sind weniger fest: Sie schwimmen je nach Beute in größeren oder kleineren Gruppen und je nach Jahreszeit zwischen den Küsten und Inseln umher.</p> <p>Wie die nordpazifischen <em>Orcinus orca</em>-Gruppen haben auch die nordatlantischen Gruppen <a href="https://besjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1365-2656.13920" rel="noopener">Nahrungsvorlieben,</a> sie scheinen <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/sind-orcas-waehlerisch-beim-essen/">allerdings etwas weniger </a>wählerisch zu sein: Vor Grönland fressen sie gern Makrelen und Robben, vor Island und vor Norwegen Robben und Heringe und vor den Färöer-Inseln Makrelen, Heringe sowie Robben. Dabei bilden die Schwertwale für die Fisch-Jagd größere Gruppen und sind laut, zur Meeressäuger-Jagd sind sie in kleinen Gruppen und lautlos unterwegs. Manchmal fressen sie auch andere Fische oder Meeressäuger, fette Robben oder Schweinswale werden meist geteilt.<br></br>Manche Individuen und ganze Gruppen scheinen den Heringen auf ihren Wanderungen zu folgen, ob küstennah oder auf dem offenen Meer. <a href="https://besjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1365-2656.13920" rel="noopener">Damit unterscheiden sich die Nordatlantik- Kulturen erheblich von denen des Nordpazifiks</a>. Und die noch vor einigen Jahren übliche Einteilung der <a href="https://www.eldingresearch.com/post/orca-ecotypes-of-the-north" rel="noopener">Nordatlantik-Schwertwale in zwei Ökotypen</a> – einen Fisch und einen Meeressäuger <a href="https://whalescientists.com/north-atlantic-killer-whales/" rel="noopener">fressenden – ist überholt.</a></p> <p><a href="https://besjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1365-2656.13920" rel="noopener">Blubberanalysen von mehr als 200 Orcas und die Zuordnung der in den Fettsäuren enthaltenen Isotopen,</a> die eher auf Fisch- oder eher auf Fleischernährung hinwiesen, hatten erst 2023 diese Ernährungsgewohnheiten nachgewiesen. Dabei kam auch heraus, dass sogar die Individuen innerhalb einer Gruppe noch unterschiedliche Vorlieben haben.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-55.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="403" sizes="(max-width: 700px) 100vw, 700px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-55.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-55.png 700w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-55-300x173.png 300w" width="700"></img></a><figcaption>https://www.eurekalert.org/multimedia/981858</figcaption></figure> <h2><strong>Heringskarussel </strong></h2> <p>Vor der norwegischen Küste halten sich oft große Heringsschwärme zur Fortpflanzung, zum Fressen und zum Überwintern auf, bis etwa 2000 waren sie im Tysfjord. Die Orcas haben für die Jagd auf die kleinen Schwarmfische das „Heringskarussell“ entwickelt: Dabei umringen sie in einer koordinierten Aktion einen Heringsschwarm und erschrecken mit ihren hell aufleuchtenden Bauchseiten die Fische, die sich ängstlich immer enger zusammendrängen – dann schlagen die Wale mit kraftvollen, knallenden Schwanzschlägen in den „Fisch-Ball“ und schnappen sich einzelne, halb betäubte Fische. Die Heringe bilden zum Fressen, Überwintern oder zur Paarung unterschiedlich große Ansammlungen in unterschiedlichen Meerestiefen, die Orcas passen ihre Jagd daran jeweils an – etwa, wenn sie im Winter bei besserer Sicht im Ozean nur wenige Echoklicks abgeben. <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s00227-015-2626-8" rel="noopener">„Verhaltensplastizität“ nennt die Orca-Expertin Filipa Samarra diese Anpassung</a>. „Plastizität“ beim Verhalten bezeichnet schnelle Anpassungen an veränderte äußere Umstände.<p>Seit die Heringe im Zuge der Meereserwärmung nach Norden wandern, <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34938508/" rel="noopener">folgen ihnen die Schwertwale, seit etwa 2010 sind beide – </a>Jäger und Beute – auch vor der nordnorwegischen Vesteralen-Insel Andenes zu beobachten. Dort snacken sie bei Gelegenheit auch Schweinswale oder Robben, was aber kaum der Sättigung, sondern wohl eher dem Socializing, der Stärkung ihrer sozialen Familienbande, gilt: Sie reichen den kleinen Meeressäuger in der Gruppe herum und jeder bekommt ein Häppchen.</p><br></br>Beim Heringskarussell hingegen fressen sie sich an den fetten Fischen satt: Jeder Schwertwal erbeutet durchschnittlich 1,08 Fische pro Minute, beim Aufsammeln von Resten hinter Fischerbooten sind es dagegen nur 0,43. Die Jagd lohnt sich also! Zum Sattwerden <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/mms.12931" rel="noopener">braucht ein Orca zwischen 285–578 Heringe</a> täglich und muss dafür 37–65 % jedes Tages fressen. Ihren hohen Energiebedarf können sie also nur mit effektiven Jagdmethoden und Teamwork stillen.<aside></aside></p> <p>Ein Team um Ellen L. Hayward und Filipa I. P. Samarra hat gerade eine neue Publikation zur <a href="https://doi.org/10.1098/rsos.26006" rel="noopener">Bioakustik Schwertwale beim Heringsfressen in isländischen Gewässern veröffentlicht</a>: Bei der Heringsjagd gehen die Orcas hochgradig koordiniert vor. In dieser Studie nutzten die BiologInnen von den Walen aufgezeichnete Audio- und Videodaten (die Aufnahmegeräte werden mit Saugnäpfen am Wal befestigt, lösen sich dann und schwimmen auf), um kooperative Interaktionen und Fressraten zu bewerten. Aus den Videoaufnahmen ging hervor, dass die Wale nach einem Schwanzschlag das Treiben der Heringe einzustellen schienen und sich dicht beieinander von einzelnen betäubten Heringen ernährten. Die Orcas verzehrten Heringe, unabhängig davon, ob sie den Schwanzschlag selbst ausgeführt hatten oder nicht – einige jagen also für andere mit. Bei 26 % der durch Videoaufnahmen bestätigten Fressereignisse wurde ein „schlürfendes“ Geräusch aufgezeichnet, was den BiologInnen ermöglichte, einen Mittelwert von 25,3 bis 29,7 verzehrte Heringe pro Schwanzschlag zu schätzen. Da drei markierte Schwertwale die Rolle des „Schwanzschlägers“ überdurchschnittlich oft einnahmen, scheint es eine Rollenspezialisierung zu geben.  <p>Die Geräuschkulisse der Schwertwale beim Heringskarussell aus speziellen <a href="https://www.researchgate.net/publication/315750998_Humpback_whale_Megaptera_novaeangliae_and_killer_whale_Orcinus_orca_feeding_aggregations_for_foraging_on_herring_Clupea_harengus_in_Northern_Norway" rel="noopener">Rufen, Schwanzschlägen und den Echoklicks</a> der Schwertwale lockt manchmal Buckelwale an, die dort auf ihrer jährlichen Wanderung vorbeikommen. Dachten Forschende vor einigen Jahren noch, dass beide Walarten kooperieren würden, um mehr Fische fressen zu können, sieht es mittlerweile so aus, als ob die großen Bartenwale den kleineren Zahnwalen dann einen Teil der fetten Schwarmfische wegschnappen.</p><br></br>Dass Heringe ihre Aufenthaltsorte und Wanderwege ändern, ist seit Jahrhunderten bekannt, vermutlich liegt es an veränderten Meeresströmen und damit einer Verlagerung ihres Nahrungsangebots. Mit der immer schnelleren Meereserwärmung gerade im östlichen Nordatlantik werden diese Änderungen sicherlich noch stärker und schneller – eine Herausforderung auch für die Orcas.</p> <h2><strong>Die Orcas der Shetland-Inseln</strong></h2> <p>2025 war ich mit zwei Freundinnen auf den Shetlands – auf Orca-Pirsch. Und wir haben sie gesehen! Diese Beobachtung ist mein Bonusmaterial für den Tag des Meeres.<p>Orcas lassen sich anhand ihrer Muster wie Augenfleck und Sattelfleck sowie dem Finnen-Umriss, Narben und anderen Merkmalen individuell identifizieren. 2021 veröffentlichten <a href="https://www.researchgate.net/profile/Andrew-Scullion-5?_tp=eyJjb250ZXh0Ijp7ImZpcnN0UGFnZSI6InB1YmxpY2F0aW9uIiwicGFnZSI6InB1YmxpY2F0aW9uIn19" rel="noopener">Andrew Scullion</a> (Orca Survey Scotland), <a href="https://www.researchgate.net/scientific-contributions/Hugh-Harrop-2200769194?_tp=eyJjb250ZXh0Ijp7ImZpcnN0UGFnZSI6InB1YmxpY2F0aW9uIiwicGFnZSI6InB1YmxpY2F0aW9uIn19" rel="noopener">Hugh Harrop</a>, <a href="https://www.researchgate.net/scientific-contributions/Karen-Munro-2200771989" rel="noopener">Karen Munro</a>, <a href="https://www.researchgate.net/scientific-contributions/Steve-Truluck-2200777367" rel="noopener">Steve Truluck</a> sowie <a href="https://www.researchgate.net/scientific-contributions/Andrew-Foote-2200766320" rel="noopener">Andrew Foote</a> den <a href="https://www.researchgate.net/publication/354418921_Scottish_Killer_Whale_Photo_Identification_Catalogue_2021" rel="noopener">Scottish Killer Whale Photo Identification Catalogue 2021</a>.</p><br></br>2008 und 2009 bestanden die 64s &amp; 65s genannten Familiengruppen (die bekannten Familien und Individuen sind durchnummeriert) aus dem erwachsenen Männchen 032, den erwachsenen Weibchen 064, 065 und 066 sowie dem Jungtier 067. 066 war vermutlich die Matriarchin, also die Mutter der jüngeren erwachsenen Kühe 064 und 065. Nach der Geburt einiger Kälber waren es schließlich neun Orcas. Sie gehörten zu den häufigsten beobachteten Pods vor den Shetlands.<br></br>2017 verschwanden 066 und 067, 2018 zerfiel die restliche Gruppe in zwei Pods: die 64s und 65s Gruppen. Die 64s haben nun vermutlich 064 als neue Matriarchin und die 65s 065, sie hat den Beinamen Razor. Die Aufsplittung einer Gruppe hängt oft mit dem Tod der Matriarchin zusammen, wie von den Bigg´s Orcas des Nordpazifiks bekannt ist. 2020 wurde vor Brough of Deerness, Orkney eine Zusammenkunft von Mitgliedern beider Gruppen beobachtet, die auf sehr enge Familienbande hinweist – wie unter Schwestern.<p>Beide Pods gehören gemeinsam mit den 27s zur Northern Isles Community und werden <a href="https://www.researchgate.net/publication/354418921_Scottish_Killer_Whale_Photo_Identification_Catalogue_2021" rel="noopener">als semi-resident in Schottischen Gewässern eingeordnet</a>. Zumindest bis 2021 war keine Sichtung der 64s und 65s aus Islands Gewässern bekannt, auch nicht aus norwegischen Gewässern, dafür allerdings eine mögliche Sichtung vor den Färöer-Inseln. Auch wenn die Schwertwale des östlichen Nord-Atlantiks offenbar hoch mobil zwischen Island, Norwegen, Schottland und den Färöern unterwegs sind, haben die einzelnen Pods bevorzugte Areale.</p></p> <p>Andere Pods und Individuen sind sowohl vor Island als auch vor Schottland gesichtet worden. Im Gegensatz zu den Familienverbänden im Nordpazifik sind die Gruppen im Nordatlantik offenbar weniger stabil: Einzelne Individuen wandern zwischen Island, Norwegen, Schottland und den Färöern umher.<br></br>Die Nordatlantik-Orcas fressen meist sowohl Fische (Heringe und Makrelen) als auch Meeressäuger (Robben, Schweinswale und andere), sie sind also auch bei der Ernährung weniger festgelegt als die des Nordpazifiks.</p> <p>Für die <a href="http://www.scilogs.de/kosmo//Users/Admin/Downloads/ScullionAJetal.2021ScottishKillerWhalePhotoIdentificationCatalogue2021.pdf">Orcas in schottischen Gewässern gibt es mittlerweile mehr</a> Daten: Bei den Sichtungen gibt es einen sommerlichen Höhepunkt bei den Sichtungen, der mit der Fortpflanzungszeit der Seehunde zusammenfällt – Jungtiere sind unerfahren und darum leichte Beute. Um satt zu werden, müssten die Schwertwale pro Saison bis zu achthundert Seehunde fressen.<br></br>Einige Gruppen wandern jährlich zwischen Island und Schottland – offenbar gehen sie nach der Heringssaison vor Island zur Robbensaison an schottischen Küsten über. Dabei sind sie bei der Heringsjagd recht laut, während sie auf der Robbenpirsch ganz leise bleiben – die Meeressäuger hören die Orcarufe und würden schleunigst aus dem Wasser verschwinden.</p> <h2><strong>Orca-Hatz auf Robben</strong></h2> <p>Die schwarz-weißen größten Delphinartigen standen im Fokus unserer Shetland-Reise: Wir jagten ihnen mit Bus, Auto, per Anhalter und zu Fuß hinterher. Einmal verpassten wir sie um 10 Minuten, einige andere Male war es auch knapp. Aber dann war es soweit: Wir bekamen beim Frühstück in Brae die Meldung: Orcas südlich von Lerwick (der Hauptstadt):<br></br>Pod 65 war auf Robbenhatz! Dabei tauchen sie überraschend auf und wandern dann Bucht für Bucht weiter nach Süden. Aus den Meldungen extrapolierten wir die Route der Wale – richtig gerechnet!<br></br>Die Gruppe ist auch für Laien und aus der Entfernung schnell erkennbar: die hoch aufragende Finne des erwachsenen Bullen Busta – 032- ist auffallend geformt. Außerdem gehören noch 198 – möglicherweise eine Tochter von 065, 168 sowie 199 dazu sowie ein Jungtier.</p> <p>Außer uns folgten auch andere Menschen den Orcas, die Kavalkade fuhr mit den Walen nach Süden. Bei Fladdabister haben wir sie dann „erwischt“. Wir blieben wegen des besseren Überblicks an der hoch gelegenen Küstenstraße stehen und verfolgten mit anderen Orca-Schaulustigen das Geschehen in der Bucht von oben. Bereit, beim Weiterziehen der Wale wieder ins Auto zu springen. Andere standen auf den Felsen ganz nah am Wasser – nur wenige Meter entfernt von den Zahnwalen. Beneidenswert auch die Menschen, die per Boot den Walen folgten. <br></br>Dann schwammen die Schwertwale von Norden kommend in die Bucht hinein: Sie hatten sich angeschlichen, um die Robben zu überraschen. Ich habe zunächst nur die großen weißen Flecken unter Wasser gesehen. Dann durchschnitten beim ersten Angriff die Rückenflossen die Wasseroberfläche. Ein noch kleines Jungtier hielt sich eng an der Mutter und wurde offenbar im Jagen unterrichtet, immer wieder durfte es vorschwimmen. Dabei kam es noch sehr weit aus dem Wasser – offenbar muss es das Anschleichen unter Wasser erst noch lernen, die erwachsenen Orcas waren weitaus weniger sichtbar.<p>Und dann sahen wir zu, wie der Bulle Busta sich ganz nah an den Klippen auf die Seite legte, seine große paddelförmige Brustflosse hoch aus dem Wasser ragte und er sich dort eine Robbe schnappte. Dabei wurde ein großer Teil des massiven Körpers scheinbar schwerelos aus dem Wasser gehoben.</p><br></br>Ich muss zugeben, dass ich den Atem anhielt.</p> <figure><img alt="" decoding="async" src="https://cdn.bsky.app/img/feed_fullsize/plain/did:plc:grmzpvnd2ylxcvxkyy5ez6iq/bafkreihw6jlnxosrtuomxcqjqpshvzhasy6w6lqn6r3yd5quryikvqjbci"></img><figcaption>Blick auf Busta bei der Robbenjagd vom erhöhten Ausguck an der Küstenstraße ((C) Bettina Wurche)</figcaption></figure> <p>Die Shetland-Orcas sind längst ein touristisch bedeutender Faktor. Darum haben die Wissenschaftler im Photo-ID-Katalog den Code of Conduct für die Begegnung mit ihnen auf dem Wasser aufgenommen, mit der Ermahnung, nicht zu nahe an die Tiere heranzufahren und die Geschwindigkeit zu reduzieren (<em>Scottish Killer Whale Photo Identification Catalogue 2021)</em>.<br></br>Der versierte Ornithologe und Kenner der Shetlands-Naturkunde <a href="https://www.shetlandwildlife.co.uk/team.htm" rel="noopener">Hugh Harrop hatte 1992 Shetland Wildlife</a> gegründet. Er ist immer auf dem Laufenden und schreibt für verschiedene Fachzeitschriften. Die geführten Exkursionen von Shetland Wildlife sind meist Monate im Voraus ausgebucht. Wir haben ihn einmal getroffen, als wir die Orcas haarscharf verpaßten. Er und andere teilen ihr Wissen u a auf <a href="https://www.facebook.com/groups/shetlandorcasightings/" rel="noopener">der Facebook-Seite Shetland Orca  Cetacean Sightings</a>.</p> <p>Während unseres Aufenthalts wurde im <a href="https://www.shetlandtimes.co.uk/2025/06/27/orca-washes-up-in-yell-sound" rel="noopener">Yell Sound ein toter Schwertwal angespült.</a> Das Männchen war einige Tage zuvor schon bei Sullom Voe gesichtet worden und von örtlichen Walbeobachtern als „161“ aus einer als „Scottish/Icelandic 12s“ bekannten Gruppe identifiziert. Die Todesursache ist derzeit unbekannt, aber der Wal wurde nicht verheddert aufgefunden, ist also kein Beifang. Probenahmen und eine mögliche Autopsie wurden mit dem Scottish Marine Animal Strandings Scheme (Smass) vereinbart. Die lokale Walbeobachterin Vivian Clark fotografierte den Bullen 161 diesen Dienstag am südöstlichen Ende des Yell Sound, wie er mit Seetang spielte und dabei „unterernährt und dünn“ wirkte. Als wir die Hillswick Seehundsstation besuchten, erhielten wir dort aus gut informierten Kreisen die Info, dass sein Magen leer war. <br></br>In diesem Fall blieb die Todesursache ungeklärt.</p> <p>Aber im Nordatlantik lauern viele Gefahren: Dass der östliche Nordatlantik besonders schwer mit Toxinen belastet ist, führt schon dazu, dass manche Orca-Gruppen gar keinen Nachwuchs mehr bekommen. So war der 2016 auf den Hebriden gestrandete Orca Lulu das am stärksten mit PCBs belastete Lebewesen, was die Veterinäre je analysiert hatten. Es ist sicherlich kein Zufall, dass Lulu niemals ein Kalb zur Welt gebracht hatte und in ihrer Gruppe seit Mitte der 80-er Jahren, seit sie erforscht werden, überhaupt kein Nachwuchs beobachtet wurde, Biologen und Veterinärmediziner schreiben dies der hohen Schadstoffbelastung zu. <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2016/01/07/farewell-lulu-orca-auf-den-hebriden-tot-gestrandet/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Gestorben ist Lulu allerdings nicht an einer Vergiftung, sondern durch das Verheddern in Fischereileinen </a>(“entanglement”) – eine der häufigsten Todesursachen der schwarz-weißen Topprädatoren der Meere.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/orcas-im-nordatlantik-waehlerische-esser-und-hautnahes-erlebnis/#comments 9 KI-Revolution: Steuern wir auf den energetischen Kollaps zu oder wird KI-Effizienz den Verbrauch absinken lassen? https://scilogs.spektrum.de/datentyp/ki-revolution-steuern-wir-auf-den-energetischen-kollaps-zu-oder-wird-ki-effizienz-den-verbrauch-absinken-lassen/ https://scilogs.spektrum.de/datentyp/ki-revolution-steuern-wir-auf-den-energetischen-kollaps-zu-oder-wird-ki-effizienz-den-verbrauch-absinken-lassen/#comments Sun, 07 Jun 2026 18:42:29 +0000 Ulrich Greveler https://scilogs.spektrum.de/datentyp/?p=657 <h1>KI-Revolution: Steuern wir auf den energetischen Kollaps zu oder wird KI-Effizienz den Verbrauch absinken lassen? » Datentyp » SciLogs</h1><h2>By Von Ulrich Greveler</h2><div itemprop="text"> <p>Eine einzige ChatGPT-Anfrage verbraucht bis zu <a href="https://www.bdew.de/online-magazin-zweitausend50/groesse/ki-und-kryptowaehrungen-energiehunger/" rel="noopener">zehn Mal so viel elektrische Energie</a> wie eine herkömmlichen Google-Suche. Das Training eines modernen, großen Sprachmodells verschlingt punktuell so viel Strom wie eine mittlere Großstadt. Wenn digitale Assistenten bald unseren Alltag steuern, droht uns dann der energetische Kollaps? Oder bricht die technologische Effizienz den Trend, bevor die Netze glühen?</p> <p>In der Berichterstattung dominieren Panikszenarien. Daten hingegen zeichnen ein deutlich differenzierteres Bild. Es lohnt sich, einen Blick auf die Zahlen zu werfen und zwischen Hype und Realität zu trennen.</p> <h2>1. Die Prognosen: Zwischen fundierter Wissenschaft und Kaffeesatzleserei</h2> <p>Wie viel Strom brauchen KI-Rechenzentren wirklich? Die International Energy Agency prognostiziert in ihrem Bericht „Energy and AI“, dass sich der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren von ca. 415 Terawattstunden im Jahr 2024 auf rund 945 Terawattstunden <a href="https://presenc.ai/research/ai-data-center-energy-consumption-2026" rel="noopener">bis zum Jahr 2030 verdoppeln</a> wird. KI-Workloads sind dabei der unbestrittene Treiber: Ihr Anteil am Kuchen klettert von 20 Prozent auf fast 46 Prozent.</p> <p>Wer der Debatte folgen will, sollte jedoch kritisch auf einige Zahlen schauen. Anerkannte Institutionen wie das Lawrence Berkeley National Lab nutzen Bottom-up-Modelle, die historische Effizienzdaten und Auslastungen hochrechnen. Demgegenüber stehen Schätzungen von US-Unternehmensberatungen wie BCG oder Goldman Sachs. Ihre Vorhersagen für den US-Markt klaffen weit auseinander: zwischen 206 und 970 TWh – fast so als ob die Berater nach ihrem Bauchgefühl gefragt worden wären.</p> <p>Warum diese Unsicherheit? Die Tech-Giganten machen aus ihrem <a href="https://www.tuev-verband.de/pressemitteilungen/energiebedarf-kuenstlicher-intelligenz-waechst-rasant" rel="noopener">tatsächlichen Verbrauch</a> fast ein Staatsgeheimnis. Viele kommerzielle Prognosen basieren schlicht auf Schätzungen verkaufter Grafikprozessoren – eine methodisch äußerst wackelige Basis.<aside></aside></p> <hr></hr> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="499" sizes="(max-width: 967px) 100vw, 967px" src="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image.png 967w, https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-300x155.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-768x396.png 768w" width="967"></img></a></figure> <p>Besonders brisant ist die Lage in Europa. Der „AI Continent Action Plan“ der EU sieht eine <a href="https://www.kielinstitut.de/de/publikationen/aktuelles/ki-ambitionen-vs-energie-ausbau-in-europa-klafft-eine-strategische-luecke/" rel="noopener">Verdopplung</a> der Rechenzentrumskapazitäten bis 2030 vor. Das <em>Kiel Institut für Weltwirtschaft</em> warnt in einem aktuellen Policy Brief jedoch vor einer massiven strategischen Lücke: Der zusätzliche Strombedarf von bis zu 168 TWh lässt sich im europäischen Netz nur decken, wenn alle anderen Sektoren ihren Verbrauch einfrieren. Aber wie soll das gelingen, während wir zeitgleich Heizungen und Verkehr elektrifizieren? Die Netzanschlüsse sind schon heute der Flaschenhals.</p> <h2>2. Das Effizienz-Dilemma: Warum klügere Systeme uns nicht retten</h2> <p>Optimisten verweisen gern auf den technologischen Fortschritt und die Geschichte gibt ihnen recht. Chips werden effizienter, Algorithmen durch Verfahren wie Quantisierung oder mathematisches Pruning (Abschneiden ungenutzter Datenpfade) schlanker. Ökonomische Zusammenhänge lassen sich dabei oft in verblüffend simplen Gleichungen ausdrücken. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-1.png"><img alt="" decoding="async" height="80" sizes="(max-width: 719px) 100vw, 719px" src="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-1.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-1.png 719w, https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-1-300x33.png 300w" width="719"></img></a></figure> <p>Hinter dem PUE-Wert (<em>Power Usage Effectiveness</em>) verbirgt sich das Verhältnis des Gesamtenergieverbrauchs eines Rechenzentrums zur reinen Leistungsaufnahme der IT-Infrastruktur. Ein Wert von 1 wäre das physikalische Ideal – null Energieverlust durch Kühlung oder Transformatoren.</p> <p>Die Gleichung glänzt durch jene Einfachheit, die in der Praxis an der menschlichen Natur scheitert. Denn genau <a href="https://www.sigarch.org/the-jevons-paradox-why-efficiency-alone-wont-solve-our-data-center-carbon-challenge/" rel="noopener">hier schnappt das <strong>Jevons-Paradoxon</strong> zu</a>. Sobald die Verarbeitung eines KI-Tokens billiger und effizienter wird, sinken die Preise. Was passiert? Die Nachfrage steigt! Die Hardware-Effizienz verbessert sich zwar um rund 15 Prozent pro Jahr, doch der KI-Gesamtverbrauch wächst zeitgleich um 25 bis 50 Prozent. Effizienz senkt eben nicht den absoluten Verbrauch, sie befeuert die Nutzung.</p> <p>Verschärft wird diese Dynamik durch <a href="https://www.heise.de/news/KI-wird-klueger-aber-teurer-Warum-kleine-App-Anbieter-unter-hohen-Kosten-leiden-10627835.html" rel="noopener">moderne Reasoning-Modelle</a> wie DeepSeek-R1 oder die o-Serie von OpenAI. Diese Systeme arbeiten zwar hocheffizient pro Rechenschritt, führen aber vor jeder Antwort gigantische interne „Denkketten“ (<em>Chain-of-Thought</em>) aus. Die Anzahl der Rechenoperationen pro Nutzeranfrage wird dadurch nicht kleiner, sondern vervielfacht sich.</p> <hr></hr> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-2.png"><img alt="" decoding="async" height="439" sizes="(max-width: 964px) 100vw, 964px" src="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-2.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-2.png 964w, https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-2-300x137.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-2-768x350.png 768w" width="964"></img></a></figure> <pre><sup>Bild: Jevons-Paradoxon-Simulation mit Werten <em>Kostensenkung</em> von 0,5 und <em>Nachfrage-Elastizität</em> von 1,5</sup></pre> <h2>3. Geografische Fluidität: Strom fließt nicht, Rechenleistung schon</h2> <p>Ein entscheidender Faktor wird in der Debatte oft übersehen: Daten kennen keine Landesgrenzen. Token müssen nicht dort erzeugt werden, wo der Nutzer auf den Bildschirm starrt. Rechenzentren besitzen eine enorme geografische Flexibilität. Sie entstehen zunehmend dort, wo elektrische Energie im Überschuss vorhanden und billig ist – weit abseits der überlasteten Ballungsräume.</p> <p>Große Tech-Konzerne <a href="https://www.energy.gov/oe/clean-energy-resources-meet-data-center-electricity-demand" rel="noopener">investieren massiv in Regionen mit sogenannten <em>Stranded Assets</em></a>. Das sind in diesem Kontext ungenutzte Energieüberschüsse: Geothermie in Island, permanente Windkraft im mittleren Westen der USA oder <a href="https://www.br.de/nachrichten/netzwelt/tech-riesen-bauen-atomkraftwerke-so-viel-energie-braucht-ki,UUaWOSG" rel="noopener">der direkte Anschluss an dedizierte Kernkraftwerke</a>. KI wird das lokale Stromnetz in Mitteleuropa deshalb nicht zwangsläufig in die Knie zwingen – sie sucht sich schlicht den Weg des geringsten energetischen Widerstands auf dem Globus.</p> <h2>4. Der Enterprise-Backlash: Die ökonomische Notbremse</h2> <p>Gibt es Indikatoren dafür, dass sich das Wachstum verlangsamt? Ja, und zwar auch abseits von Branchen-Anekdoten gescheiterter KI-Projekte. Daten des <em>US Census Bureau</em> zeigen ein statistisch klares Signal: Die KI-Nutzungsrate in US-Großunternehmen ging im Spätsommer 2025 von 14 Prozent auf unter 12 Prozent zurück, eine <a href="https://www.ki-im-personalwesen.de/ki-adoption-in-grossunternehmen-geht-zurueck-trendwende-bei-enterprise-ai/" rel="noopener">Trendwende</a> zeichnet sich damit ab. Eine begleitende MIT-Analyse legte offen, dass schätzungsweise 95 Prozent aller KI-Pilotprojekte den geforderten Return on Investment (ROI) verfehlen und abgebrochen werden. Aber halt! Das sind Daten aus 2025, nun haben wir schon Mitte 2026. Hat sich die Trendwende gehalten? Jein! Während der Mittelstand und traditionelle Großkonzerne auf die Bremse treten, bauen die finanzkräftigen Hyperscaler (Microsoft, Google, Meta, Amazon) ihre Kapazitäten auf Rekordniveau aus. Sie wetten auf die langfristige Durchdringung und können es sich leisten, die Durststrecke der Anwender auszusitzen.</p> <p>Ein wesentlicher Grund dafür, weiter auf steigende Nachfragen zu setzen, ist das Token-Kosten-Problem bei komplexen Anwendungen. Während ein schlichter Chatbot kaum Ressourcen verbraucht, jagen autonome Agentensysteme für eine einzige komplexe Business-Aufgabe rasch 100.000 bis zu eine Million Token durch die Server.</p> <p>Unternehmen merken, dass die Systeme im laufenden Betrieb astronomische Kosten verursachen, während der Output wegen Halluzinationen oder schlecht aufbereiteter Firmendaten enttäuscht. Deloitte <a href="https://brutkasten.com/artikel/oesterreichs-unternehmen-haben-keine-grossen-ki-budgets" rel="noopener">schätzt</a>, dass die saubere Datenstrukturierung für funktionierende KI-Systeme das Fünf- bis Zwanzigfache des eigentlichen KI-Budgets verschlingt. Auf der Anwenderseite schrumpfen die Projektbudgets bereits – wir befinden uns im <em>Tal der Enttäuschung</em>, jedenfalls dann, wenn wir uns das Modell des <em>Hype Cycle</em> zu eigen machen, was wir nicht blindlings tun sollten, denn ein wissenschaftlich fundiertes Prognosemodell war es noch nie – es macht sich aber stets gut auf Berater-Powerpoint-Slides.</p> <h2>5. Politische Handlungsoptionen: Was die Politik tun könnte – und was lassen</h2> <p>Wie könnten Berlin und Brüssel auf diese Entwicklung reagieren? Bisherige politische Ansätze kranken vor allem an einem strukturellen Versäumnis: Energieinfrastruktur und Digitalisierung wurden völlig isoliert voneinander geplant, um nicht zu sagen: nur die Energieinfrastruktur wurde geplant, Digitalisierung fand irgendwie statt. Man träumte vom digitalen Innovationsstandort, vergaß aber schlicht das Fundament – die Netzkapazitäten.</p> <p><strong>Was jetzt sofort getan werden könnte:</strong></p> <ul> <li><strong>Transparenzpflicht einführen:</strong> Betreiber von KI-Modellen könnten gesetzlich verpflichtet werden, standardisierte Daten zu ihrem tatsächlichen Energieverbrauch offenzulegen. Nur so wandert die Forschung aus dem Nebel der Schätzungen hin zu validen Fakten.</li> <li><strong>Kopplung an Abwärmenutzung:</strong> Neue Rechenzentren, die aus welchen Gründen auch immer weiterhin in Ballungsräumen errichtet werden, könnten so genehmigt werden, dass sie ihre Server-Abwärme in kommunale Fernwärmenetze einspeisen.</li> <li><strong>Besteuerung von Energie:</strong> Derzeit so populär wie alte Kupferkabel mit Grünspan. Würde jedoch die Effizienzsteigerung bei KI-Algorithmen bzw. Hardware eher belohnen als eine Besteuerung pro Token.</li> <li><strong>Europäische Daten auf europäische Server:</strong> Was aus Gründen der digitalen Souveränität und des Datenschutzes Sinn ergibt, könnte energiepolitisch herausfordernd sein. Man sollte früh damit beginnen, Standorte für Data Center in Europa dort vorzusehen, wo lokale Energieüberschüsse erwartet werden.</li> </ul> <p><strong>Frische Impulse für die Infrastruktur:</strong><br></br>Anstatt Rechenzentren mühsam in überlastete städtische Netze zu pressen, könnte die Politik Anreize für „energieadaptive Ansätze“ schaffen. Warum nicht Data Center direkt an den Anlandepunkten von Offshore-Windkraft in Norddeutschland etablieren? Wenn Server exakt dann rechenintensive Trainingsprozesse hochfahren, wenn der Wind weht und der Strompreis negativ ist, wird die KI-Infrastruktur vom Systemrisiko zum nützlichen Puffer für die Energiewende.</p> <h2>Fazit</h2> <p>Wird KI unsere Netze lahmlegen? Nein, so schnell nicht. Der Energiebedarf wird absehbar steigen – keiner weiß wie stark genau -, aber der Markt kennt ohnehin Regulierungsmechanismen. Wenn astronomische Token-Kosten auf enttäuschte Chefetagen treffen, kühlt die überhitzte Nachfrage ganz von allein ab. Gepaart mit der Fähigkeit der Rechenzentren-Betreiber, dorthin abzuwandern, wo grüner oder subventionierter Strom ungenutzt zur Verfügung steht, kollabiert das System nicht – aber vielleicht wird KI dann etwas teurer werden. Die Politik wird beginnen, Digitalisierung, KI und Energie gemeinsam zu denken. Smarte Standortpolitik ist auch Klimaschutz: Laptop und Lederhose in Bayern, Data Center und Friesennerz an der Küste.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>KI-Revolution: Steuern wir auf den energetischen Kollaps zu oder wird KI-Effizienz den Verbrauch absinken lassen? » Datentyp » SciLogs</h1><h2>By Von Ulrich Greveler</h2><div itemprop="text"> <p>Eine einzige ChatGPT-Anfrage verbraucht bis zu <a href="https://www.bdew.de/online-magazin-zweitausend50/groesse/ki-und-kryptowaehrungen-energiehunger/" rel="noopener">zehn Mal so viel elektrische Energie</a> wie eine herkömmlichen Google-Suche. Das Training eines modernen, großen Sprachmodells verschlingt punktuell so viel Strom wie eine mittlere Großstadt. Wenn digitale Assistenten bald unseren Alltag steuern, droht uns dann der energetische Kollaps? Oder bricht die technologische Effizienz den Trend, bevor die Netze glühen?</p> <p>In der Berichterstattung dominieren Panikszenarien. Daten hingegen zeichnen ein deutlich differenzierteres Bild. Es lohnt sich, einen Blick auf die Zahlen zu werfen und zwischen Hype und Realität zu trennen.</p> <h2>1. Die Prognosen: Zwischen fundierter Wissenschaft und Kaffeesatzleserei</h2> <p>Wie viel Strom brauchen KI-Rechenzentren wirklich? Die International Energy Agency prognostiziert in ihrem Bericht „Energy and AI“, dass sich der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren von ca. 415 Terawattstunden im Jahr 2024 auf rund 945 Terawattstunden <a href="https://presenc.ai/research/ai-data-center-energy-consumption-2026" rel="noopener">bis zum Jahr 2030 verdoppeln</a> wird. KI-Workloads sind dabei der unbestrittene Treiber: Ihr Anteil am Kuchen klettert von 20 Prozent auf fast 46 Prozent.</p> <p>Wer der Debatte folgen will, sollte jedoch kritisch auf einige Zahlen schauen. Anerkannte Institutionen wie das Lawrence Berkeley National Lab nutzen Bottom-up-Modelle, die historische Effizienzdaten und Auslastungen hochrechnen. Demgegenüber stehen Schätzungen von US-Unternehmensberatungen wie BCG oder Goldman Sachs. Ihre Vorhersagen für den US-Markt klaffen weit auseinander: zwischen 206 und 970 TWh – fast so als ob die Berater nach ihrem Bauchgefühl gefragt worden wären.</p> <p>Warum diese Unsicherheit? Die Tech-Giganten machen aus ihrem <a href="https://www.tuev-verband.de/pressemitteilungen/energiebedarf-kuenstlicher-intelligenz-waechst-rasant" rel="noopener">tatsächlichen Verbrauch</a> fast ein Staatsgeheimnis. Viele kommerzielle Prognosen basieren schlicht auf Schätzungen verkaufter Grafikprozessoren – eine methodisch äußerst wackelige Basis.<aside></aside></p> <hr></hr> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="499" sizes="(max-width: 967px) 100vw, 967px" src="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image.png 967w, https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-300x155.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-768x396.png 768w" width="967"></img></a></figure> <p>Besonders brisant ist die Lage in Europa. Der „AI Continent Action Plan“ der EU sieht eine <a href="https://www.kielinstitut.de/de/publikationen/aktuelles/ki-ambitionen-vs-energie-ausbau-in-europa-klafft-eine-strategische-luecke/" rel="noopener">Verdopplung</a> der Rechenzentrumskapazitäten bis 2030 vor. Das <em>Kiel Institut für Weltwirtschaft</em> warnt in einem aktuellen Policy Brief jedoch vor einer massiven strategischen Lücke: Der zusätzliche Strombedarf von bis zu 168 TWh lässt sich im europäischen Netz nur decken, wenn alle anderen Sektoren ihren Verbrauch einfrieren. Aber wie soll das gelingen, während wir zeitgleich Heizungen und Verkehr elektrifizieren? Die Netzanschlüsse sind schon heute der Flaschenhals.</p> <h2>2. Das Effizienz-Dilemma: Warum klügere Systeme uns nicht retten</h2> <p>Optimisten verweisen gern auf den technologischen Fortschritt und die Geschichte gibt ihnen recht. Chips werden effizienter, Algorithmen durch Verfahren wie Quantisierung oder mathematisches Pruning (Abschneiden ungenutzter Datenpfade) schlanker. Ökonomische Zusammenhänge lassen sich dabei oft in verblüffend simplen Gleichungen ausdrücken. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-1.png"><img alt="" decoding="async" height="80" sizes="(max-width: 719px) 100vw, 719px" src="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-1.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-1.png 719w, https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-1-300x33.png 300w" width="719"></img></a></figure> <p>Hinter dem PUE-Wert (<em>Power Usage Effectiveness</em>) verbirgt sich das Verhältnis des Gesamtenergieverbrauchs eines Rechenzentrums zur reinen Leistungsaufnahme der IT-Infrastruktur. Ein Wert von 1 wäre das physikalische Ideal – null Energieverlust durch Kühlung oder Transformatoren.</p> <p>Die Gleichung glänzt durch jene Einfachheit, die in der Praxis an der menschlichen Natur scheitert. Denn genau <a href="https://www.sigarch.org/the-jevons-paradox-why-efficiency-alone-wont-solve-our-data-center-carbon-challenge/" rel="noopener">hier schnappt das <strong>Jevons-Paradoxon</strong> zu</a>. Sobald die Verarbeitung eines KI-Tokens billiger und effizienter wird, sinken die Preise. Was passiert? Die Nachfrage steigt! Die Hardware-Effizienz verbessert sich zwar um rund 15 Prozent pro Jahr, doch der KI-Gesamtverbrauch wächst zeitgleich um 25 bis 50 Prozent. Effizienz senkt eben nicht den absoluten Verbrauch, sie befeuert die Nutzung.</p> <p>Verschärft wird diese Dynamik durch <a href="https://www.heise.de/news/KI-wird-klueger-aber-teurer-Warum-kleine-App-Anbieter-unter-hohen-Kosten-leiden-10627835.html" rel="noopener">moderne Reasoning-Modelle</a> wie DeepSeek-R1 oder die o-Serie von OpenAI. Diese Systeme arbeiten zwar hocheffizient pro Rechenschritt, führen aber vor jeder Antwort gigantische interne „Denkketten“ (<em>Chain-of-Thought</em>) aus. Die Anzahl der Rechenoperationen pro Nutzeranfrage wird dadurch nicht kleiner, sondern vervielfacht sich.</p> <hr></hr> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-2.png"><img alt="" decoding="async" height="439" sizes="(max-width: 964px) 100vw, 964px" src="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-2.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-2.png 964w, https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-2-300x137.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-2-768x350.png 768w" width="964"></img></a></figure> <pre><sup>Bild: Jevons-Paradoxon-Simulation mit Werten <em>Kostensenkung</em> von 0,5 und <em>Nachfrage-Elastizität</em> von 1,5</sup></pre> <h2>3. Geografische Fluidität: Strom fließt nicht, Rechenleistung schon</h2> <p>Ein entscheidender Faktor wird in der Debatte oft übersehen: Daten kennen keine Landesgrenzen. Token müssen nicht dort erzeugt werden, wo der Nutzer auf den Bildschirm starrt. Rechenzentren besitzen eine enorme geografische Flexibilität. Sie entstehen zunehmend dort, wo elektrische Energie im Überschuss vorhanden und billig ist – weit abseits der überlasteten Ballungsräume.</p> <p>Große Tech-Konzerne <a href="https://www.energy.gov/oe/clean-energy-resources-meet-data-center-electricity-demand" rel="noopener">investieren massiv in Regionen mit sogenannten <em>Stranded Assets</em></a>. Das sind in diesem Kontext ungenutzte Energieüberschüsse: Geothermie in Island, permanente Windkraft im mittleren Westen der USA oder <a href="https://www.br.de/nachrichten/netzwelt/tech-riesen-bauen-atomkraftwerke-so-viel-energie-braucht-ki,UUaWOSG" rel="noopener">der direkte Anschluss an dedizierte Kernkraftwerke</a>. KI wird das lokale Stromnetz in Mitteleuropa deshalb nicht zwangsläufig in die Knie zwingen – sie sucht sich schlicht den Weg des geringsten energetischen Widerstands auf dem Globus.</p> <h2>4. Der Enterprise-Backlash: Die ökonomische Notbremse</h2> <p>Gibt es Indikatoren dafür, dass sich das Wachstum verlangsamt? Ja, und zwar auch abseits von Branchen-Anekdoten gescheiterter KI-Projekte. Daten des <em>US Census Bureau</em> zeigen ein statistisch klares Signal: Die KI-Nutzungsrate in US-Großunternehmen ging im Spätsommer 2025 von 14 Prozent auf unter 12 Prozent zurück, eine <a href="https://www.ki-im-personalwesen.de/ki-adoption-in-grossunternehmen-geht-zurueck-trendwende-bei-enterprise-ai/" rel="noopener">Trendwende</a> zeichnet sich damit ab. Eine begleitende MIT-Analyse legte offen, dass schätzungsweise 95 Prozent aller KI-Pilotprojekte den geforderten Return on Investment (ROI) verfehlen und abgebrochen werden. Aber halt! Das sind Daten aus 2025, nun haben wir schon Mitte 2026. Hat sich die Trendwende gehalten? Jein! Während der Mittelstand und traditionelle Großkonzerne auf die Bremse treten, bauen die finanzkräftigen Hyperscaler (Microsoft, Google, Meta, Amazon) ihre Kapazitäten auf Rekordniveau aus. Sie wetten auf die langfristige Durchdringung und können es sich leisten, die Durststrecke der Anwender auszusitzen.</p> <p>Ein wesentlicher Grund dafür, weiter auf steigende Nachfragen zu setzen, ist das Token-Kosten-Problem bei komplexen Anwendungen. Während ein schlichter Chatbot kaum Ressourcen verbraucht, jagen autonome Agentensysteme für eine einzige komplexe Business-Aufgabe rasch 100.000 bis zu eine Million Token durch die Server.</p> <p>Unternehmen merken, dass die Systeme im laufenden Betrieb astronomische Kosten verursachen, während der Output wegen Halluzinationen oder schlecht aufbereiteter Firmendaten enttäuscht. Deloitte <a href="https://brutkasten.com/artikel/oesterreichs-unternehmen-haben-keine-grossen-ki-budgets" rel="noopener">schätzt</a>, dass die saubere Datenstrukturierung für funktionierende KI-Systeme das Fünf- bis Zwanzigfache des eigentlichen KI-Budgets verschlingt. Auf der Anwenderseite schrumpfen die Projektbudgets bereits – wir befinden uns im <em>Tal der Enttäuschung</em>, jedenfalls dann, wenn wir uns das Modell des <em>Hype Cycle</em> zu eigen machen, was wir nicht blindlings tun sollten, denn ein wissenschaftlich fundiertes Prognosemodell war es noch nie – es macht sich aber stets gut auf Berater-Powerpoint-Slides.</p> <h2>5. Politische Handlungsoptionen: Was die Politik tun könnte – und was lassen</h2> <p>Wie könnten Berlin und Brüssel auf diese Entwicklung reagieren? Bisherige politische Ansätze kranken vor allem an einem strukturellen Versäumnis: Energieinfrastruktur und Digitalisierung wurden völlig isoliert voneinander geplant, um nicht zu sagen: nur die Energieinfrastruktur wurde geplant, Digitalisierung fand irgendwie statt. Man träumte vom digitalen Innovationsstandort, vergaß aber schlicht das Fundament – die Netzkapazitäten.</p> <p><strong>Was jetzt sofort getan werden könnte:</strong></p> <ul> <li><strong>Transparenzpflicht einführen:</strong> Betreiber von KI-Modellen könnten gesetzlich verpflichtet werden, standardisierte Daten zu ihrem tatsächlichen Energieverbrauch offenzulegen. Nur so wandert die Forschung aus dem Nebel der Schätzungen hin zu validen Fakten.</li> <li><strong>Kopplung an Abwärmenutzung:</strong> Neue Rechenzentren, die aus welchen Gründen auch immer weiterhin in Ballungsräumen errichtet werden, könnten so genehmigt werden, dass sie ihre Server-Abwärme in kommunale Fernwärmenetze einspeisen.</li> <li><strong>Besteuerung von Energie:</strong> Derzeit so populär wie alte Kupferkabel mit Grünspan. Würde jedoch die Effizienzsteigerung bei KI-Algorithmen bzw. Hardware eher belohnen als eine Besteuerung pro Token.</li> <li><strong>Europäische Daten auf europäische Server:</strong> Was aus Gründen der digitalen Souveränität und des Datenschutzes Sinn ergibt, könnte energiepolitisch herausfordernd sein. Man sollte früh damit beginnen, Standorte für Data Center in Europa dort vorzusehen, wo lokale Energieüberschüsse erwartet werden.</li> </ul> <p><strong>Frische Impulse für die Infrastruktur:</strong><br></br>Anstatt Rechenzentren mühsam in überlastete städtische Netze zu pressen, könnte die Politik Anreize für „energieadaptive Ansätze“ schaffen. Warum nicht Data Center direkt an den Anlandepunkten von Offshore-Windkraft in Norddeutschland etablieren? Wenn Server exakt dann rechenintensive Trainingsprozesse hochfahren, wenn der Wind weht und der Strompreis negativ ist, wird die KI-Infrastruktur vom Systemrisiko zum nützlichen Puffer für die Energiewende.</p> <h2>Fazit</h2> <p>Wird KI unsere Netze lahmlegen? Nein, so schnell nicht. Der Energiebedarf wird absehbar steigen – keiner weiß wie stark genau -, aber der Markt kennt ohnehin Regulierungsmechanismen. Wenn astronomische Token-Kosten auf enttäuschte Chefetagen treffen, kühlt die überhitzte Nachfrage ganz von allein ab. Gepaart mit der Fähigkeit der Rechenzentren-Betreiber, dorthin abzuwandern, wo grüner oder subventionierter Strom ungenutzt zur Verfügung steht, kollabiert das System nicht – aber vielleicht wird KI dann etwas teurer werden. Die Politik wird beginnen, Digitalisierung, KI und Energie gemeinsam zu denken. Smarte Standortpolitik ist auch Klimaschutz: Laptop und Lederhose in Bayern, Data Center und Friesennerz an der Küste.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/datentyp/ki-revolution-steuern-wir-auf-den-energetischen-kollaps-zu-oder-wird-ki-effizienz-den-verbrauch-absinken-lassen/#comments 8 AstroGeoPlänkel: Alien-Erde und Alpen-Aufzug https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-alien-erde-und-alpen-aufzug/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-alien-erde-und-alpen-aufzug/#respond Sun, 07 Jun 2026 12:22:11 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1901 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag139-geplaenkel-768x768.jpg Zweigeteiltes Bild mit rundem Motiv: Oben links bunte Flächen der Minerale in einem Gestein, unten rechts die Erde. Darüber steht: AstroGeo Plänkel https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-alien-erde-und-alpen-aufzug/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag139-geplaenkel-1024x1024.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Alien-Erde und Alpen-Aufzug » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag139-geplaenkel.html" rel="noopener">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p><strong>AstroGeo ist Teil der RiffReporter eG – einer Genossenschaft freier Journalistïnnen. Das Riff braucht dringend eure Hilfe, um überleben zu können. <a href="https://www.startnext.com/riffreporter" rel="noopener">Mach bitte mit beim Crowdfunding.</a> Franzi und Karl sagen Danke!</strong></p> <p>In dieser Folge geht es zunächst um den Begriff SETI, die Suche nach außerirdischem Leben (Search for Extraterrestrial Intelligence): Können wir die Menschheit wirklich als intelligent bezeichnen gegenüber Lebewesen der Erde, die nicht ihre Lebensgrundlage selbst zerstören? Wir sprechen darüber, dass der Begriff der Intelligenz nicht einfach und vielleicht im Kontext von SETI nicht mehr zeitgemäß ist.<aside></aside></p> <p>Mal wieder geht es um die Chemie: Was ist eine Oxidation, was eine Reduktion und welche Eselsbrücken tragen weit genug, das korrekt im Kopf zu behalten? Außerdem sprechen Franzi und Karl darüber, warum Wasserdampf in einer planetaren Atmosphäre zumindest ein guter Anhaltspunkt für ein angenehm warmes Klima ist und was dieses Gas mit Kohlendioxid oder Methan zu tun hat.</p> <p>Besonders widmen wir uns nochmal dem Sauerstoff und woher dieser stammt: Karl hält ein Loblied auf die Cyanobakterien, die einzige Art, die jemals in der Erdgeschichte die Fotosynthese entwickelt hat. Wir sollten speziell der Art Prochlorococcus sehr dankbar sein – und zwar mit jedem Atemzug.</p> <p>Es geht erneut um die Hebung der Alpen und den Plattenabriss: Bei archimedischen Verwirrungen um den Aufstieg der Alpen sprechen wir über die zerrissene und doch untergehende Titanic und wie weit diese Analogie trägt. Die in der Tiefe in einer Metamorphose verwandelten Gesteine geben Anlass, über die Farben in der Geologie zu sprechen. Leider sind sie häufig nicht hilfreich bei der Bestimmung eines Minerals – zumindest sollte man vorsichtig sein.</p> <p>Zuletzt kommt es zur Ziehung der Lottozahlen: Franzi hilft als Glücksfee, einen Gewinner des Gewinnspiels zu ziehen. Wir sprechen darüber, was für euch die schönsten Gesteine der Welt sind und warum Schönheit subjektiv ist.</p> <h3>Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 137: <a href="https://astrogeo.de/ein-blick-ins-alien-teleskop-gibt-es-leben-auf-der-erde/" rel="noopener">Ein Blick ins Alien-Teleskop: Gibt es Leben auf der Erde?</a></li> <li>Folge 138: <a href="https://astrogeo.de/das-schoenste-gestein-der-welt-verraet-wie-die-alpen-enstanden/" rel="noopener">Das schönste Gestein der Welt verrät, wie die Alpen entstanden</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.3390/oxygen3030019" rel="noopener">K. Hocke: Oxygen in the Earth System, Oxygen (2023)</a></li> <li>NOAA: <a href="https://oceanservice.noaa.gov/facts/ocean-oxygen.html" rel="noopener">How much oxygen comes from the ocean?</a></li> <li>National Geographic: <a href="https://www.nationalgeographic.com/environment/article/why-amazon-doesnt-produce-20-percent-worlds-oxygen" rel="noopener">Why the Amazon doesn’t really produce 20% of the world’s oxygen</a></li> <li>Fachartikel: S. Gebauer: <a href="http://arxiv.org/abs/1807.06844v1" rel="noopener">Evolution of Earth-like extrasolar planetary atmospheres: Assessing the atmospheres and biospheres of early Earth analog planets with a coupled atmosphere biogeochemical model</a>, 2017</li> </ul> <p><em>Episodenbild: Shutterstock / Teguh Wage P / NASA</em></p> <h3>Hinweis für die Diskussion</h3> <p>Es werden nur Beiträge freigeschaltet, die sich mit dem Inhalt dieser Folge beschäftigen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag139-geplaenkel-1024x1024.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Alien-Erde und Alpen-Aufzug » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag139-geplaenkel.html" rel="noopener">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p><strong>AstroGeo ist Teil der RiffReporter eG – einer Genossenschaft freier Journalistïnnen. Das Riff braucht dringend eure Hilfe, um überleben zu können. <a href="https://www.startnext.com/riffreporter" rel="noopener">Mach bitte mit beim Crowdfunding.</a> Franzi und Karl sagen Danke!</strong></p> <p>In dieser Folge geht es zunächst um den Begriff SETI, die Suche nach außerirdischem Leben (Search for Extraterrestrial Intelligence): Können wir die Menschheit wirklich als intelligent bezeichnen gegenüber Lebewesen der Erde, die nicht ihre Lebensgrundlage selbst zerstören? Wir sprechen darüber, dass der Begriff der Intelligenz nicht einfach und vielleicht im Kontext von SETI nicht mehr zeitgemäß ist.<aside></aside></p> <p>Mal wieder geht es um die Chemie: Was ist eine Oxidation, was eine Reduktion und welche Eselsbrücken tragen weit genug, das korrekt im Kopf zu behalten? Außerdem sprechen Franzi und Karl darüber, warum Wasserdampf in einer planetaren Atmosphäre zumindest ein guter Anhaltspunkt für ein angenehm warmes Klima ist und was dieses Gas mit Kohlendioxid oder Methan zu tun hat.</p> <p>Besonders widmen wir uns nochmal dem Sauerstoff und woher dieser stammt: Karl hält ein Loblied auf die Cyanobakterien, die einzige Art, die jemals in der Erdgeschichte die Fotosynthese entwickelt hat. Wir sollten speziell der Art Prochlorococcus sehr dankbar sein – und zwar mit jedem Atemzug.</p> <p>Es geht erneut um die Hebung der Alpen und den Plattenabriss: Bei archimedischen Verwirrungen um den Aufstieg der Alpen sprechen wir über die zerrissene und doch untergehende Titanic und wie weit diese Analogie trägt. Die in der Tiefe in einer Metamorphose verwandelten Gesteine geben Anlass, über die Farben in der Geologie zu sprechen. Leider sind sie häufig nicht hilfreich bei der Bestimmung eines Minerals – zumindest sollte man vorsichtig sein.</p> <p>Zuletzt kommt es zur Ziehung der Lottozahlen: Franzi hilft als Glücksfee, einen Gewinner des Gewinnspiels zu ziehen. Wir sprechen darüber, was für euch die schönsten Gesteine der Welt sind und warum Schönheit subjektiv ist.</p> <h3>Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 137: <a href="https://astrogeo.de/ein-blick-ins-alien-teleskop-gibt-es-leben-auf-der-erde/" rel="noopener">Ein Blick ins Alien-Teleskop: Gibt es Leben auf der Erde?</a></li> <li>Folge 138: <a href="https://astrogeo.de/das-schoenste-gestein-der-welt-verraet-wie-die-alpen-enstanden/" rel="noopener">Das schönste Gestein der Welt verrät, wie die Alpen entstanden</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.3390/oxygen3030019" rel="noopener">K. Hocke: Oxygen in the Earth System, Oxygen (2023)</a></li> <li>NOAA: <a href="https://oceanservice.noaa.gov/facts/ocean-oxygen.html" rel="noopener">How much oxygen comes from the ocean?</a></li> <li>National Geographic: <a href="https://www.nationalgeographic.com/environment/article/why-amazon-doesnt-produce-20-percent-worlds-oxygen" rel="noopener">Why the Amazon doesn’t really produce 20% of the world’s oxygen</a></li> <li>Fachartikel: S. Gebauer: <a href="http://arxiv.org/abs/1807.06844v1" rel="noopener">Evolution of Earth-like extrasolar planetary atmospheres: Assessing the atmospheres and biospheres of early Earth analog planets with a coupled atmosphere biogeochemical model</a>, 2017</li> </ul> <p><em>Episodenbild: Shutterstock / Teguh Wage P / NASA</em></p> <h3>Hinweis für die Diskussion</h3> <p>Es werden nur Beiträge freigeschaltet, die sich mit dem Inhalt dieser Folge beschäftigen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-alien-erde-und-alpen-aufzug/#respond 0 Die Hölle der Gebildeten https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/die-hoelle-der-gebildeten/ https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/die-hoelle-der-gebildeten/#comments Sat, 06 Jun 2026 07:13:37 +0000 Martina Grüter https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/?p=382 https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/katabasis_titel-768x280.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/die-hoelle-der-gebildeten/</link> </image> <description type="html"><h1>Die Hölle der Gebildeten » Babylonische Türme » SciLogs</h1><h2>By Von Martina Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Wenn man dem Buch „Katabasis“ der Autorin R.F. Kuang glauben darf, ähnelt die Hölle für Akademiker sehr den irdischen Universitäten. Und, kaum zu glauben, die dort versammelten Seelen haben tatsächlich noch Angst vor dem Tod, obwohl sie eigentlich schon tot sind. Die beiden Hauptpersonen sind allerdings noch sehr lebendig, und jede von ihnen hat einen guten Grund, die trostlose Unterwelt zu durchstreifen. Lohnt es sich, sie dabei zu begleiten?</strong></p> <p><a></a>Die Autorin, eine amerikanische Autorin chinesischer Herkunft, ist schon in jungen Jahren bekannt geworden. Ihre Bücher „Yellowface“ und „Babel“ verkauften sich glänzend. „Babel“ gewann 2023 den Nebula und Locus Award. Die Autorin studierte während dieser Zeit und hat ihre Erfahrungen an den Universitäten in ihrem Buch „Katabasis“ verarbeitet. Um es gleich zu sagen: Das Buch ist ungefähr so gelehrt wie sein Titel. „Katabasis“ stammt aus dem Griechischen und bezeichnet in der Literaturwissenschaft und Rhetorik den Abstieg in die Unterwelt, auch symbolisch oder im übertragenen Sinne.</p> <p>Der Titel passt genau: Zu Beginn steigt die Doktorandin Alice Law im wörtlichen Sinne in die Unterwelt ab. Leider sieht sie sich gezwungen, ihren größten Rivalen Peter Murdoch mitzunehmen. Beide sind Doktoranden bei dem angesehenen Professor Jakob Grimes, der in einer alternativen Welt den Lehrstuhl für analytische Magie der Universität Oxford innehat.</p> <p>Und eben dieser Professor ist bei einem fehlgeschlagenen Zauber in kleine Stücke zerrissen worden, was seine Seele direkt in die Unterwelt katapultiert hat. Jetzt fehlen Alice und Peter eine immens wichtige Unterschrift, ohne die sie nicht zur Verteidigung ihrer Doktorarbeiten zugelassen werden können.</p> <p>Mithilfe all ihrer Zauberkräfte versetzen sie sich deshalb lebendig in die Unterwelt. Der Preis ist gewaltig: Sie müssen auf die Hälfte ihrer verbleibenden Lebenszeit verzichten, und haben damit keine Chance, das Rentenalter zu erreichen.<aside></aside></p> <p>Als ernsthafte Akademiker haben sich die beiden ausführlich belesen, was sie erwarten könnte, aber Hinweise über Reisen in die Hölle sind nun mal spärlich, und so werden sie durchaus überrascht von dem, was sie vorfinden: Eine graue trostlose Gegend, die vom Fluss Lethe durchzogen wird, ganz wie es sich die alten Griechen schon vorgestellt haben. Von dem Fluss halten die Seelen der Toten lieber Abstand, denn wer hineingerät, verliert mindestens sein Gedächtnis, oder er vergeht vollkommen. Und davor haben die meisten Angst, obwohl sie eigentlich schon tot sind.</p> <h3>Unterwelt von außen nach innen</h3> <p>Die Unterwelt hat diverse Kreise, ähnlich wie Dantes Hölle. Sie symbolisieren – von außen nach innen – die Sünden Stolz, Begierde, Geiz, Zorn, Gewalt, Grausamkeit und Tyrannei. Das ähnelt den christlichen Todsünden. Völlerei, Neid und Faulheit sind allerdings durch Gewalt, Grausamkeit und Tyrannei ersetzt. Im Zentrum ragt die Zitadelle des Unterweltgottes auf, der im Buch König Yama oder Yanluo Wang genannt wird. Yama ist der hinduistische Gott der Unterwelt, Yanluo Wang seine chinesische Entsprechung.</p> <p>Kuang hat eine eklektische Unterwelt geschaffen, die sie aus allerlei antiken, mittelalterlichen und chinesischen Fragmenten zusammensetzt. Die christliche Hölle bleibt dabei weitgehend außen vor. Die beiden lebenden Protagonisten sind davon überzeugt, dass ihr so plötzlich verstorbener Professor gemäß seines Sündenregisters in einer der inneren Höllen stecken muss. Also machen sie sich auf den Weg.</p> <h3>Dark Fantasy</h3> <p>Damit beginnt ein finsteres Fantasy-Abenteuer, denn die Unterwelt ist erstens nicht leicht zu durchqueren und zweitens ein ausgesprochen gefährliches Gelände. Wer sich lebend hineinwagt, muss damit rechnen, unvermittelt als tote Seele zu enden. Eine Rückkehr wäre dann natürlich unmöglich.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-384" id="attachment_384"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/katabasis_img.jpg"><img alt="Katabasis: In der Unterwelt" decoding="async" height="400" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/katabasis_img-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/katabasis_img-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/katabasis_img-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/katabasis_img-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/katabasis_img.jpg 1024w" width="400"></img></a><figcaption id="caption-attachment-384">Lebendig in der Unterwelt. KI-generiertes Symbolbild</figcaption></figure> <p>Die beiden Protagonisten begegnen allerlei Monstern, einer freundlichen Seele aus Oxford, sowie diversen guten und schlechten Ratgebern. Zwischendurch müssen sie Fallen entkommen, von denen einige aus Paradoxien bestehen, also logischen Widersprüchen oder Trugbildern. Aber sie sind hoch gebildet, und so gelingt es ihnen immer wieder, die Widersprüche aufzulösen und den Fallen zu entkommen. Bevor sie aber zum innersten Kreis der Unterwelt gelangen, wartet der Endgegner. Das ist nicht etwa der Professor, sondern ein böses Magier-Ehepaar, das die Macht in der Unterwelt an sich reißen will.</p> <p>In jedem Kreis warten außerdem die Manifestationen der jeweiligen Sünden. Die Sünde der Begierde ist – na, was wohl? Ein Studentenwohnheim, natürlich. Tiefer in der Unterwelt steht eine ganze Universität. Die Seelen dort sind dazu verdammt, an akademischen Arbeiten zu schreiben, die niemals fertig werden.</p> <h3>In der Hölle vor der Hölle</h3> <p>Während der Reise wird in Rückblenden die Vergangenheit von Alice Law und ihrer Forschungsarbeit bei Professor Grimes aufgerollt. Die Protagonistin stammt aus den USA, will aber unbedingt zu höchsten akademischen Ehren aufsteigen. Also bewarb sie sich in Oxford bei dem weltweit berühmtesten akademischen Magier. Sie wusste, Professor Grimes galt als als rücksichtsloser Antreiber und Ausbeuter seiner Mitarbeiter, als menschlich schwierig, als ungerecht und nachtragend. Das alles hielt sie nicht ab. Auch sein streckenweise übergriffiges Verhalten nahm sie hin. Aber irgendwann rächt sie sich: Am explosiven Ende ihres Mentors ist sie nicht ganz unschuldig, wie sich im Laufe der Geschichte herausstellt. Und sie sucht ihn keineswegs nur wegen einer Unterschrift. Selbst mit seiner toten Seele hat sie noch ein Hühnchen zu rupfen. Trotzdem: Ein #MeToo-Gefühl kommt eigentlich nie auf, Alice Law ist auf ihre Art genauso unsympathisch wie ihr tyrannischer Chef.</p> <p>Peter, ihr rätselhafter und charmanter Konkurrent und aktueller Begleiter durch die grauen Gefilde des Hades ist ihr ein ständiger Stachel im Fleisch. Aber, so viel sei verraten, am Ende kommen die beiden sich näher.</p> <h3>Das Mehrbuch</h3> <p>Klingt das jetzt verwirrend? Ist es auch. Die Autorin konnte sich nicht recht entscheiden, ob sie eine Satire über das akademische Leben, eine dark Romance oder ein Lehrstück über Paradoxien unter besonderer Berücksichtigung der Vorstellungen von der Unterwelt in verschiedenen Weltkulturen schreiben wollte.</p> <p>Nahezu alle Figuren führen so gelehrte Dialoge, dass man sich im Speisesaal eines ehrwürdigen Colleges in Oxford glaubt. Und die Autorin lässt uns keinen Moment im Zweifel, dass sie für das Buch alle wichtigen Quellen über Unterwelten jeder Art gelesen hat. Und über Paradoxien. Und über Magie. Und …</p> <p>Für wen kann ich das Buch empfehlen? Genau genommen schreibt die Autorin an allen Zielgruppen knapp vorbei. Wobei man fairerweise sagen muss, dass sie ihr Handwerk exzellent beherrscht. Die graue und düstere Unterwelt wird vor unseren inneren Augen lebendig. Die Anstrengungen der Helden lassen uns mitfiebern. Die Orte in den jeweiligen Ebenen beschreibt die Autorin mit erkennbar satirischer Wut. Dennoch: Man muss Geduld mitbringen. Wer kann, liest die Passagen quer, die ihn nicht interessieren. Die dark Romance, die Satire, die Lebensgeschichte der ehrgeizigen Jungakademikerin und die gelehrten Diskurse über Paradoxien leben weitgehend nebeneinander her.</p> <p>Wie sagt es doch im „Faust“ der Direktor im Vorspiel auf dem Theater:</p> <p>„<em>Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen, und jeder geht zufrieden aus dem Haus.“</em></p> <p><strong>Besprochenes Buch:</strong></p> <p>R.F. Kuang: Katabasis, Eichborn Verlag, 656 Seiten, Gebundene Ausgabe (mit Goldschnitt), 28,00 €.</p> <p>Billiger ist die amerikanische Ausgabe:</p> <p>R.F. Kuang: Katabasis, HarperVoyager, 576 Seiten, Taschenbuch 10,77 €, Gebundene Ausgabe 17,79 €.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Die Hölle der Gebildeten » Babylonische Türme » SciLogs</h1><h2>By Von Martina Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Wenn man dem Buch „Katabasis“ der Autorin R.F. Kuang glauben darf, ähnelt die Hölle für Akademiker sehr den irdischen Universitäten. Und, kaum zu glauben, die dort versammelten Seelen haben tatsächlich noch Angst vor dem Tod, obwohl sie eigentlich schon tot sind. Die beiden Hauptpersonen sind allerdings noch sehr lebendig, und jede von ihnen hat einen guten Grund, die trostlose Unterwelt zu durchstreifen. Lohnt es sich, sie dabei zu begleiten?</strong></p> <p><a></a>Die Autorin, eine amerikanische Autorin chinesischer Herkunft, ist schon in jungen Jahren bekannt geworden. Ihre Bücher „Yellowface“ und „Babel“ verkauften sich glänzend. „Babel“ gewann 2023 den Nebula und Locus Award. Die Autorin studierte während dieser Zeit und hat ihre Erfahrungen an den Universitäten in ihrem Buch „Katabasis“ verarbeitet. Um es gleich zu sagen: Das Buch ist ungefähr so gelehrt wie sein Titel. „Katabasis“ stammt aus dem Griechischen und bezeichnet in der Literaturwissenschaft und Rhetorik den Abstieg in die Unterwelt, auch symbolisch oder im übertragenen Sinne.</p> <p>Der Titel passt genau: Zu Beginn steigt die Doktorandin Alice Law im wörtlichen Sinne in die Unterwelt ab. Leider sieht sie sich gezwungen, ihren größten Rivalen Peter Murdoch mitzunehmen. Beide sind Doktoranden bei dem angesehenen Professor Jakob Grimes, der in einer alternativen Welt den Lehrstuhl für analytische Magie der Universität Oxford innehat.</p> <p>Und eben dieser Professor ist bei einem fehlgeschlagenen Zauber in kleine Stücke zerrissen worden, was seine Seele direkt in die Unterwelt katapultiert hat. Jetzt fehlen Alice und Peter eine immens wichtige Unterschrift, ohne die sie nicht zur Verteidigung ihrer Doktorarbeiten zugelassen werden können.</p> <p>Mithilfe all ihrer Zauberkräfte versetzen sie sich deshalb lebendig in die Unterwelt. Der Preis ist gewaltig: Sie müssen auf die Hälfte ihrer verbleibenden Lebenszeit verzichten, und haben damit keine Chance, das Rentenalter zu erreichen.<aside></aside></p> <p>Als ernsthafte Akademiker haben sich die beiden ausführlich belesen, was sie erwarten könnte, aber Hinweise über Reisen in die Hölle sind nun mal spärlich, und so werden sie durchaus überrascht von dem, was sie vorfinden: Eine graue trostlose Gegend, die vom Fluss Lethe durchzogen wird, ganz wie es sich die alten Griechen schon vorgestellt haben. Von dem Fluss halten die Seelen der Toten lieber Abstand, denn wer hineingerät, verliert mindestens sein Gedächtnis, oder er vergeht vollkommen. Und davor haben die meisten Angst, obwohl sie eigentlich schon tot sind.</p> <h3>Unterwelt von außen nach innen</h3> <p>Die Unterwelt hat diverse Kreise, ähnlich wie Dantes Hölle. Sie symbolisieren – von außen nach innen – die Sünden Stolz, Begierde, Geiz, Zorn, Gewalt, Grausamkeit und Tyrannei. Das ähnelt den christlichen Todsünden. Völlerei, Neid und Faulheit sind allerdings durch Gewalt, Grausamkeit und Tyrannei ersetzt. Im Zentrum ragt die Zitadelle des Unterweltgottes auf, der im Buch König Yama oder Yanluo Wang genannt wird. Yama ist der hinduistische Gott der Unterwelt, Yanluo Wang seine chinesische Entsprechung.</p> <p>Kuang hat eine eklektische Unterwelt geschaffen, die sie aus allerlei antiken, mittelalterlichen und chinesischen Fragmenten zusammensetzt. Die christliche Hölle bleibt dabei weitgehend außen vor. Die beiden lebenden Protagonisten sind davon überzeugt, dass ihr so plötzlich verstorbener Professor gemäß seines Sündenregisters in einer der inneren Höllen stecken muss. Also machen sie sich auf den Weg.</p> <h3>Dark Fantasy</h3> <p>Damit beginnt ein finsteres Fantasy-Abenteuer, denn die Unterwelt ist erstens nicht leicht zu durchqueren und zweitens ein ausgesprochen gefährliches Gelände. 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KI-generiertes Symbolbild</figcaption></figure> <p>Die beiden Protagonisten begegnen allerlei Monstern, einer freundlichen Seele aus Oxford, sowie diversen guten und schlechten Ratgebern. Zwischendurch müssen sie Fallen entkommen, von denen einige aus Paradoxien bestehen, also logischen Widersprüchen oder Trugbildern. Aber sie sind hoch gebildet, und so gelingt es ihnen immer wieder, die Widersprüche aufzulösen und den Fallen zu entkommen. Bevor sie aber zum innersten Kreis der Unterwelt gelangen, wartet der Endgegner. Das ist nicht etwa der Professor, sondern ein böses Magier-Ehepaar, das die Macht in der Unterwelt an sich reißen will.</p> <p>In jedem Kreis warten außerdem die Manifestationen der jeweiligen Sünden. Die Sünde der Begierde ist – na, was wohl? Ein Studentenwohnheim, natürlich. Tiefer in der Unterwelt steht eine ganze Universität. Die Seelen dort sind dazu verdammt, an akademischen Arbeiten zu schreiben, die niemals fertig werden.</p> <h3>In der Hölle vor der Hölle</h3> <p>Während der Reise wird in Rückblenden die Vergangenheit von Alice Law und ihrer Forschungsarbeit bei Professor Grimes aufgerollt. Die Protagonistin stammt aus den USA, will aber unbedingt zu höchsten akademischen Ehren aufsteigen. Also bewarb sie sich in Oxford bei dem weltweit berühmtesten akademischen Magier. Sie wusste, Professor Grimes galt als als rücksichtsloser Antreiber und Ausbeuter seiner Mitarbeiter, als menschlich schwierig, als ungerecht und nachtragend. Das alles hielt sie nicht ab. Auch sein streckenweise übergriffiges Verhalten nahm sie hin. Aber irgendwann rächt sie sich: Am explosiven Ende ihres Mentors ist sie nicht ganz unschuldig, wie sich im Laufe der Geschichte herausstellt. Und sie sucht ihn keineswegs nur wegen einer Unterschrift. Selbst mit seiner toten Seele hat sie noch ein Hühnchen zu rupfen. Trotzdem: Ein #MeToo-Gefühl kommt eigentlich nie auf, Alice Law ist auf ihre Art genauso unsympathisch wie ihr tyrannischer Chef.</p> <p>Peter, ihr rätselhafter und charmanter Konkurrent und aktueller Begleiter durch die grauen Gefilde des Hades ist ihr ein ständiger Stachel im Fleisch. Aber, so viel sei verraten, am Ende kommen die beiden sich näher.</p> <h3>Das Mehrbuch</h3> <p>Klingt das jetzt verwirrend? Ist es auch. Die Autorin konnte sich nicht recht entscheiden, ob sie eine Satire über das akademische Leben, eine dark Romance oder ein Lehrstück über Paradoxien unter besonderer Berücksichtigung der Vorstellungen von der Unterwelt in verschiedenen Weltkulturen schreiben wollte.</p> <p>Nahezu alle Figuren führen so gelehrte Dialoge, dass man sich im Speisesaal eines ehrwürdigen Colleges in Oxford glaubt. Und die Autorin lässt uns keinen Moment im Zweifel, dass sie für das Buch alle wichtigen Quellen über Unterwelten jeder Art gelesen hat. Und über Paradoxien. Und über Magie. Und …</p> <p>Für wen kann ich das Buch empfehlen? Genau genommen schreibt die Autorin an allen Zielgruppen knapp vorbei. Wobei man fairerweise sagen muss, dass sie ihr Handwerk exzellent beherrscht. Die graue und düstere Unterwelt wird vor unseren inneren Augen lebendig. Die Anstrengungen der Helden lassen uns mitfiebern. Die Orte in den jeweiligen Ebenen beschreibt die Autorin mit erkennbar satirischer Wut. Dennoch: Man muss Geduld mitbringen. Wer kann, liest die Passagen quer, die ihn nicht interessieren. Die dark Romance, die Satire, die Lebensgeschichte der ehrgeizigen Jungakademikerin und die gelehrten Diskurse über Paradoxien leben weitgehend nebeneinander her.</p> <p>Wie sagt es doch im „Faust“ der Direktor im Vorspiel auf dem Theater:</p> <p>„<em>Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen, und jeder geht zufrieden aus dem Haus.“</em></p> <p><strong>Besprochenes Buch:</strong></p> <p>R.F. Kuang: Katabasis, Eichborn Verlag, 656 Seiten, Gebundene Ausgabe (mit Goldschnitt), 28,00 €.</p> <p>Billiger ist die amerikanische Ausgabe:</p> <p>R.F. Kuang: Katabasis, HarperVoyager, 576 Seiten, Taschenbuch 10,77 €, Gebundene Ausgabe 17,79 €.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/die-hoelle-der-gebildeten/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>Life’s not a movie: Warum leben wir in der Ich-Perspektive https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/lifes-not-a-movie-warum-leben-wir-in-der-ich-perspektive/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/lifes-not-a-movie-warum-leben-wir-in-der-ich-perspektive/#comments Fri, 05 Jun 2026 15:08:48 +0000 Antonia Ceric https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=6041 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/3d-rendering-human-brain-concept-768x432.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/lifes-not-a-movie-warum-leben-wir-in-der-ich-perspektive/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/3d-rendering-human-brain-concept-1024x576.jpg" /><h1>Life’s not a movie: Warum leben wir in der Ich-Perspektive » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>Letztens habe ich mal wieder was gemacht, das ich schon lange nicht mehr gemacht habe: Zocken. Ich habe mal wieder alte Videospiele ausgepackt. Mittlerweile fehlt die Zeit oft, um so richtig zu gammeln und wenn dann Freizeit ist, verbringe ich sie meist mit Freunden. Aber an einem langen Wochenende dachte ich, jetzt ist der Moment mal wieder gekommen. Und da ist mir etwas aufgefallen: Fast alle Spiele waren in der 3rd-person-Perspektive. Ich habe also den Charakter auf dem Bildschirm gesehen, den ich im Spiel gesteuert habe. Manchmal konnte man auch in die Ich-Perspektive umschalten und natürlich gibt es auch einige Spiele, die generell in der 1st-person-Perspektive angelegt sind. </p> <p>Aus irgendeinem Grund habe ich mich allerdings intuitiv immer für die dritte Person entschieden, dabei ist das unserem tatsächlichen Erleben am wenigsten ähnlich. Unser Leben sehen wir nicht wie einen Film. Die Hauptfigur im eigenen Leben, das sind wir selbst. Aber diese sehen wir meist nur, wenn wir in den Spiegel schauen. Alles, was wir erleben und aufnehmen, wird letztlich in unserer persönlichen Wahrnehmung zusammengeführt. Das Ergebnis, die Ich-Perspektive, nehmen wir in der Regel als selbstverständlich hin. </p> <p>Natürlich ist es logisch, dass nicht zwei Augen hinter uns schweben, sodass wir unseren Körper aus der Außenperspektive beobachten können. Doch aus neurowissenschaftlicher Sicht, ist es gar keine so selbstverständliche Leistung, all unsere Sinneseindrücke zu einer universellen Wahrnehmung zu kombinieren. Wie also schafft es unser Hirn ein einziges, stabiles Bild der Welt zu erschaffen, in dessen Zentrum wir selbst stehen? Die Antwort liegt nicht nur im Kopf, sondern überall in unserem Körper versteckt.</p> <h2><strong>Was ist Interozeption?</strong></h2> <p>Eine Sinneswahrnehmung ist für diese Fragestellung besonders wichtig: die Interozeption. Während das Sehen, Hören oder Riechen uns über unsere Außenwelt informiert, beschreibt die Interozeption die Wahrnehmung unseres Inneren, auch unbewusst. Sie leitet Signale von unseren Organen direkt an das Gehirn weiter. Lange dachte man, dieser Sinn sei nur eine Art „Wartungsanzeige“. Er sagt uns, wenn wir Hunger haben, der Blutdruck sinkt oder das Herz rast. Das ist der sogenannte Informations-Modus. Er ist überlebenswichtig, damit wir die Bedürfnisse unseres Körpers erkennen können, aber er erklärt noch nicht, warum wir uns als ein einheitliches „Ich“ fühlen.</p> <h3><strong>Embodied Cognition und das Bindungsproblem</strong></h3> <p>Genau an dieser Stelle kommen Hirnforschung und Neurophilosophie zusammen in der Frage um das sogenannte <em>Bindungsproblem</em>. Da unser Gehirn sensorische Reize wie Formen, Farben und Töne in völlig getrennten Arealen verarbeitet, bleibt die Frage, wie daraus ein einziges, stabiles Gesamterlebnis entsteht. Wie also schafft es das Gehirn, aus diesen verstreuten Datenströmen ein einziges, kohärentes Gesamterlebnis zu formen? Die Interozeption könnte ein Teil der Antwort auf dieses klassische Problem sein. Die Signale aus dem Körperinneren sind dann das Bindeglied. Da sie permanent und ausnahmslos an das Gehirn gesendet werden, dienen sie als eine Art übergeordnetes Koordinatensystem. Sie verankern die dezentralen Reize der Außenwelt an einem festen Ort, nämlich unserem eigenen Körper.<aside></aside></p> <h2><strong>Der Körper als Taktgeber</strong></h2> <p>Forscherinnen sind nun der Ansicht, dass unser interozeptives System noch einen zweiten, viel spannenderen Job hat: den Koordinations-Modus. Unsere Organe senden nämlich nicht nur Daten, sie senden Rhythmen. Das Herz schlägt in einem regelmäßigen Takt, die Lunge hebt und senkt sich, und sogar der Magen sendet eine ganz langsame, stetige elektrische Welle aus. Diese Rhythmen sind so stark, dass sie weite Teile des Gehirns „mitreißen“. Sie fungieren wie ein Metronom, das verschiedenen Gehirnarealen einen gemeinsamen Takt vorgibt. Dieser Takt ist fast immer da, egal ob wir gerade gestresst sind oder entspannt auf dem Sofa liegen. </p> <h3><strong>Das „Ich-Framework“: Wie alles zusammenkommt</strong></h3> <p>Hier liegt der Schlüssel zur Ich-Perspektive. Unser Gehirn steht vor einem Problem: Informationen von außen kommen in völlig unterschiedlichen „Sprachen“ an. Die Augen messen in Blickwinkeln, die Haut in Körperberührungen. Um daraus ein stabiles Bild zu machen, braucht das Gehirn ein gemeinsames Koordinatensystem. Weil die Rhythmen von Herz und Magen immer aus der Mitte unseres eigenen Körpers kommen, bieten sie dem Gehirn einen wunderbaren Bezugspunkt. </p> <p>Das Gehirn könnte diesen inneren Takt für sich nutzen, um etwa die Informationen aus den Bildern der Augen und den Geräusche der Ohren in diesem körpereigenen Rhythmus in Einklang zu bringen. Durch diese Kopplung entsteht der Eindruck, dass alle Erfahrungen an einem einzigen Ort zusammenlaufen. Es ist der Mechanismus, der aus einem neutralen Datenstrom ein Erlebnis macht, das sich für uns „echt“ und „eigen“ anfühlt. </p> <p>Ohne diese ständige Synchronisation zwischen dem Pochen in unserer Brust und dem Denken in unserem Kopf würde unsere Wahrnehmung buchstäblich auseinanderfallen. Wir leben also in der Ich-Perspektive, weil unser Körper unserem Geist ununterbrochen zuflüstert, wo die Mitte der Welt ist: genau dort, wo dein Herz schlägt. </p> <h3><strong>Warum das wichtig ist</strong></h3> <p>Diese Erkenntnis verändert alles. Geist und Körper sind nicht zwei getrennte Dinge. Sie sind unzertrennlich miteinander verwoben. Unser „Ich“ ist nicht einfach nur ein Gedanke. Es ist eben auch ein biologischer Prozess, der bei jedem Herzschlag und jedem Atemzug neu erschaffen wird. </p> <p>Wenn dieser Takt aus dem Gleichgewicht gerät, kann sich das seltsam anfühlen. Bei manchen psychischen Erkrankungen kommt es zu Depersonalisierung und Dissoziation. Betroffene fühlen sich von sich selbst entfremdet. In diesen Momenten wirkt alles dumpf, wie hinter einem Schleier, und viele berichten, sich wie ein Zuschauer im eigenen Leben zu fühlen. Genau hier könnte diese Synchronisation zwischen Körperrhythmus und Gehirn gestört sein.</p> <p>Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, dann lies hier weiter:</p> <figure></figure> <p>Das nächste Mal, wenn du tief durchatmest oder dein Herz nach dem Sport klopfen spürst, denk daran: Das ist mehr als nur eine Körperreaktion. Es ist das Fundament deines Erlebens. Dein Herz schlägt nicht nur für dein Überleben. Es schlägt auch, damit du die Welt als „Ich“ erfahren kannst.</p> <h2>Quellen</h2> <p>Engelen, T., Solcà, M. &amp; Tallon-Baudry, C. Interoceptive rhythms in the brain. <em>Nat Neurosci</em> <strong>26</strong>, 1670–1684 (2023). https://doi.org/10.1038/s41593-023-01425-1</p> <p>Hardcastle, V.G. (2017). The Binding Problem. In A Companion to Cognitive Science (eds W. Bechtel and G. Graham). <a href="https://doi.org/10.1002/9781405164535.ch43" rel="noopener">https://doi.org/10.1002/9781405164535.ch43</a></p> <p>Tallon-Baudry, C., Loescher, M. &amp; Clément, A. (2026). A dual-function framework of interoception: the information and coordination modes of interoceptive signaling. <em>Trends in Neurosciences</em>, <em>49</em>(3), 161–172. https://doi.org/10.1016/j.tins.2026.01.005</p> <p>Beitragsbild: <a href="https://www.magnific.com/free-photo/3d-rendering-human-brain-concept_45125538.htm" rel="noopener">Image by freepik</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/3d-rendering-human-brain-concept-1024x576.jpg" /><h1>Life’s not a movie: Warum leben wir in der Ich-Perspektive » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>Letztens habe ich mal wieder was gemacht, das ich schon lange nicht mehr gemacht habe: Zocken. Ich habe mal wieder alte Videospiele ausgepackt. Mittlerweile fehlt die Zeit oft, um so richtig zu gammeln und wenn dann Freizeit ist, verbringe ich sie meist mit Freunden. Aber an einem langen Wochenende dachte ich, jetzt ist der Moment mal wieder gekommen. Und da ist mir etwas aufgefallen: Fast alle Spiele waren in der 3rd-person-Perspektive. Ich habe also den Charakter auf dem Bildschirm gesehen, den ich im Spiel gesteuert habe. Manchmal konnte man auch in die Ich-Perspektive umschalten und natürlich gibt es auch einige Spiele, die generell in der 1st-person-Perspektive angelegt sind. </p> <p>Aus irgendeinem Grund habe ich mich allerdings intuitiv immer für die dritte Person entschieden, dabei ist das unserem tatsächlichen Erleben am wenigsten ähnlich. Unser Leben sehen wir nicht wie einen Film. Die Hauptfigur im eigenen Leben, das sind wir selbst. Aber diese sehen wir meist nur, wenn wir in den Spiegel schauen. Alles, was wir erleben und aufnehmen, wird letztlich in unserer persönlichen Wahrnehmung zusammengeführt. Das Ergebnis, die Ich-Perspektive, nehmen wir in der Regel als selbstverständlich hin. </p> <p>Natürlich ist es logisch, dass nicht zwei Augen hinter uns schweben, sodass wir unseren Körper aus der Außenperspektive beobachten können. Doch aus neurowissenschaftlicher Sicht, ist es gar keine so selbstverständliche Leistung, all unsere Sinneseindrücke zu einer universellen Wahrnehmung zu kombinieren. Wie also schafft es unser Hirn ein einziges, stabiles Bild der Welt zu erschaffen, in dessen Zentrum wir selbst stehen? Die Antwort liegt nicht nur im Kopf, sondern überall in unserem Körper versteckt.</p> <h2><strong>Was ist Interozeption?</strong></h2> <p>Eine Sinneswahrnehmung ist für diese Fragestellung besonders wichtig: die Interozeption. Während das Sehen, Hören oder Riechen uns über unsere Außenwelt informiert, beschreibt die Interozeption die Wahrnehmung unseres Inneren, auch unbewusst. Sie leitet Signale von unseren Organen direkt an das Gehirn weiter. Lange dachte man, dieser Sinn sei nur eine Art „Wartungsanzeige“. Er sagt uns, wenn wir Hunger haben, der Blutdruck sinkt oder das Herz rast. Das ist der sogenannte Informations-Modus. Er ist überlebenswichtig, damit wir die Bedürfnisse unseres Körpers erkennen können, aber er erklärt noch nicht, warum wir uns als ein einheitliches „Ich“ fühlen.</p> <h3><strong>Embodied Cognition und das Bindungsproblem</strong></h3> <p>Genau an dieser Stelle kommen Hirnforschung und Neurophilosophie zusammen in der Frage um das sogenannte <em>Bindungsproblem</em>. Da unser Gehirn sensorische Reize wie Formen, Farben und Töne in völlig getrennten Arealen verarbeitet, bleibt die Frage, wie daraus ein einziges, stabiles Gesamterlebnis entsteht. Wie also schafft es das Gehirn, aus diesen verstreuten Datenströmen ein einziges, kohärentes Gesamterlebnis zu formen? Die Interozeption könnte ein Teil der Antwort auf dieses klassische Problem sein. Die Signale aus dem Körperinneren sind dann das Bindeglied. Da sie permanent und ausnahmslos an das Gehirn gesendet werden, dienen sie als eine Art übergeordnetes Koordinatensystem. Sie verankern die dezentralen Reize der Außenwelt an einem festen Ort, nämlich unserem eigenen Körper.<aside></aside></p> <h2><strong>Der Körper als Taktgeber</strong></h2> <p>Forscherinnen sind nun der Ansicht, dass unser interozeptives System noch einen zweiten, viel spannenderen Job hat: den Koordinations-Modus. Unsere Organe senden nämlich nicht nur Daten, sie senden Rhythmen. Das Herz schlägt in einem regelmäßigen Takt, die Lunge hebt und senkt sich, und sogar der Magen sendet eine ganz langsame, stetige elektrische Welle aus. Diese Rhythmen sind so stark, dass sie weite Teile des Gehirns „mitreißen“. Sie fungieren wie ein Metronom, das verschiedenen Gehirnarealen einen gemeinsamen Takt vorgibt. Dieser Takt ist fast immer da, egal ob wir gerade gestresst sind oder entspannt auf dem Sofa liegen. </p> <h3><strong>Das „Ich-Framework“: Wie alles zusammenkommt</strong></h3> <p>Hier liegt der Schlüssel zur Ich-Perspektive. Unser Gehirn steht vor einem Problem: Informationen von außen kommen in völlig unterschiedlichen „Sprachen“ an. Die Augen messen in Blickwinkeln, die Haut in Körperberührungen. Um daraus ein stabiles Bild zu machen, braucht das Gehirn ein gemeinsames Koordinatensystem. Weil die Rhythmen von Herz und Magen immer aus der Mitte unseres eigenen Körpers kommen, bieten sie dem Gehirn einen wunderbaren Bezugspunkt. </p> <p>Das Gehirn könnte diesen inneren Takt für sich nutzen, um etwa die Informationen aus den Bildern der Augen und den Geräusche der Ohren in diesem körpereigenen Rhythmus in Einklang zu bringen. Durch diese Kopplung entsteht der Eindruck, dass alle Erfahrungen an einem einzigen Ort zusammenlaufen. Es ist der Mechanismus, der aus einem neutralen Datenstrom ein Erlebnis macht, das sich für uns „echt“ und „eigen“ anfühlt. </p> <p>Ohne diese ständige Synchronisation zwischen dem Pochen in unserer Brust und dem Denken in unserem Kopf würde unsere Wahrnehmung buchstäblich auseinanderfallen. Wir leben also in der Ich-Perspektive, weil unser Körper unserem Geist ununterbrochen zuflüstert, wo die Mitte der Welt ist: genau dort, wo dein Herz schlägt. </p> <h3><strong>Warum das wichtig ist</strong></h3> <p>Diese Erkenntnis verändert alles. Geist und Körper sind nicht zwei getrennte Dinge. Sie sind unzertrennlich miteinander verwoben. Unser „Ich“ ist nicht einfach nur ein Gedanke. Es ist eben auch ein biologischer Prozess, der bei jedem Herzschlag und jedem Atemzug neu erschaffen wird. </p> <p>Wenn dieser Takt aus dem Gleichgewicht gerät, kann sich das seltsam anfühlen. Bei manchen psychischen Erkrankungen kommt es zu Depersonalisierung und Dissoziation. Betroffene fühlen sich von sich selbst entfremdet. In diesen Momenten wirkt alles dumpf, wie hinter einem Schleier, und viele berichten, sich wie ein Zuschauer im eigenen Leben zu fühlen. Genau hier könnte diese Synchronisation zwischen Körperrhythmus und Gehirn gestört sein.</p> <p>Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, dann lies hier weiter:</p> <figure></figure> <p>Das nächste Mal, wenn du tief durchatmest oder dein Herz nach dem Sport klopfen spürst, denk daran: Das ist mehr als nur eine Körperreaktion. Es ist das Fundament deines Erlebens. Dein Herz schlägt nicht nur für dein Überleben. Es schlägt auch, damit du die Welt als „Ich“ erfahren kannst.</p> <h2>Quellen</h2> <p>Engelen, T., Solcà, M. &amp; Tallon-Baudry, C. Interoceptive rhythms in the brain. <em>Nat Neurosci</em> <strong>26</strong>, 1670–1684 (2023). https://doi.org/10.1038/s41593-023-01425-1</p> <p>Hardcastle, V.G. (2017). The Binding Problem. In A Companion to Cognitive Science (eds W. Bechtel and G. Graham). <a href="https://doi.org/10.1002/9781405164535.ch43" rel="noopener">https://doi.org/10.1002/9781405164535.ch43</a></p> <p>Tallon-Baudry, C., Loescher, M. &amp; Clément, A. (2026). A dual-function framework of interoception: the information and coordination modes of interoceptive signaling. <em>Trends in Neurosciences</em>, <em>49</em>(3), 161–172. https://doi.org/10.1016/j.tins.2026.01.005</p> <p>Beitragsbild: <a href="https://www.magnific.com/free-photo/3d-rendering-human-brain-concept_45125538.htm" rel="noopener">Image by freepik</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/lifes-not-a-movie-warum-leben-wir-in-der-ich-perspektive/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>3</slash:comments> </item> <item> <title>Blume & Ince 56: Dialog über Trump als Corpus Christi, Religionsdemografie und die Malthus-Macht https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-56-dialog-ueber-trump-als-corpus-christi-religionsdemografie-und-die-malthus-macht/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-56-dialog-ueber-trump-als-corpus-christi-religionsdemografie-und-die-malthus-macht/#comments Fri, 05 Jun 2026 13:49:39 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11341 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3184-768x1662.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-56-dialog-ueber-trump-als-corpus-christi-religionsdemografie-und-die-malthus-macht/</link> </image> <description type="html"><h1>Blume & Ince 56: Dialog über Trump als Corpus Christi, Religionsdemografie und die Malthus-Macht » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-06-05T15:49:39+02:00">05. Juni 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 3 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Dies, liebe Leserinnen und Leser, ist nun also der 1499te Blogpost auf „Natur des Glaubens“! Wir stehen damit einen Schritt vor der Schwelle von 1500 – und auch die gemeinsamen Drukos (Drunter-Kommentare) gehen direkt auf die 60.000 zu!</p> <p>Ich habe gerne und viele Bücher geschrieben, <a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/islam-in-der-krise-010956.html" rel="noopener">mit <strong><em>„Islam in der Krise“</em></strong> (Patmos 2017)</a> sogar einen SPIEGEL-Bestseller gelandet. Doch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dialog-oder-dualismus-die-wahrheitsfrage-als-charaktertest-und-schicksalsfrage/">noch wichtiger als das Reden und Schreiben sind mir Eure Reaktionen, ist der Dialog</a>. Wenn mir Menschen zurückmelden, ich wüsste „so viel“, so antworte ich stets aus Überzeugung, weil Erfahrung: <em>„Ich lerne jeden Tag durch Menschen, die nachfragen, ergänzen, auch weiterdenken. Ich lerne durch Dialog.“ </em></p> <p>Da ich nun auf die 50 zugehe, darf ich freimütig sagen: Wer keine Gelegenheit hat, mit wirklich Interessierten über die eigenen Texte zu sprechen, vergisst diese wieder. Ich habe wirklich Hoffnung für jede Demokratie, in der nicht nur wenige senden und viele empfangen (die sog. „Massenmedien“) – sondern in der immer mehr Bürgerinnen und Bürger selbstbewusst prosumieren (Medien bewusst produzieren &amp; konsumieren). Deswegen versuche ich auch nicht auf Reichweite (Empörungszirkus, Thymos) zu optimieren, sondern auf Inhalte und Dialog. Lieber 30 ernsthaft interessierte Menschen als 3.000 NPCs &amp; Bots.</p> <p>Und entsprechend riesig freute ich mich, als der liebe Freund und BWL-Prof <strong>Inan Ince</strong> mir eine Nachricht zum Blogpost über Religionsdemografie schickte und fragte, ob wir dazu nicht spontan eine Dialog-Sendung machen könnten?</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/religionen-wirken-demografisch-geburtenraten-aus-den-usa-turkiye-israel-thailand/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die Datengrafik zeigt die &quot;Geburtenraten (Kinder pro Frau) von 1965 bis 2025. Demnach sank die TFR-Geburtenrate von Türkiye von 6,1 in 1965 auf nur noch 1,4 in 2025. In den USA ging die gleiche Rate von 2,7 um 1965 auf nur noch 1,6 in 2025 zurück. Noch massiver fiel Thailand von 5,7 auf nur noch 1,0. Vergleichsweise stabil blieb dagegen Israel mit 3,2 in 1965 und 2,9 in 2025." decoding="async" height="930" sizes="(max-width: 1692px) 100vw, 1692px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/315F0146-35D0-40B2-9A39-22403C43DF00.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/315F0146-35D0-40B2-9A39-22403C43DF00.png 1692w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/315F0146-35D0-40B2-9A39-22403C43DF00-300x165.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/315F0146-35D0-40B2-9A39-22403C43DF00-1024x563.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/315F0146-35D0-40B2-9A39-22403C43DF00-768x422.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/315F0146-35D0-40B2-9A39-22403C43DF00-1536x844.png 1536w" width="1692"></img></a><aside></aside></p> <p><em>Dass wir inzwischen <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/religionen-wirken-demografisch-geburtenraten-aus-den-usa-turkiye-israel-thailand/" rel="noopener" target="_blank">auch Unterschiede zwischen der TFR-Geburtenrate von Staaten je nach Religionszugehörigkeiten erkennen können</a>, bewegte auch Inan. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/religionen-wirken-demografisch-geburtenraten-aus-den-usa-turkiye-israel-thailand/" rel="noopener" target="_blank">Datengrafik zur Demografie von 1965 bis 2025 von den USA (christlich geprät) und Turkiye (islamisch), Israel (jüdisch) und Thailand (buddhistisch)</a>: Michael Blume</em> </p> <p>Weil ich <a href="https://youtu.be/KYTJTAKZDDA" rel="noopener">an Fronleichnam (engl. Corpus Christi) ohnehin eine Einladung zu einem Zeltcamp der NABU-Jugend „Naju“ angenommen hatte</a>, konnte ich es einrichten. Und so sprachen wir über Religion &amp; Zivilreligion gerade auch in den Trump-USA, über die o.g. Datengrafik und ein Thema, das mir besonders wichtig ist: <strong><em>Die sprachliche Menschenverachtung durch den bis heute nicht nur bei Rechten, sondern auch bei Linken und Mittigen nachwirkenden Malthusianismus.</em></strong></p> <p>Dabei gilt eigentlich nicht der auch in seinem <em>„Bevölkerungsgesetz“</em> (1798) mathematisch grob argumentierende <strong>Thomas Robert Malthus (1766 – 1834)</strong>, sondern dessen sorgfältig arbeitender Vorgänger <strong>Johann Peter Süßmilch (1707 – 1767)</strong>. Und dessen Hauptwerk von 1741 hieß: „<i id="mwNw">Die Göttliche Ordnung in den Veränderungen des menschlichen Geschlechts, aus der Geburt, dem Tode und der Fortpflanzung desselben erwiesen“</i>!</p> <p>In seiner sich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-ki-menschenwuerde-enzyklika-von-papst-leo-xiv-und-anthropic-im-dialog/">am Besten dialogisch zu erschließenden KI-Enyklika hatte auch <strong>Papst Leo XIV.</strong> zur <em>„<strong>Entwaffnung der Worte</strong>„</em> aufgerufen</a> – und ich möchte alle bitten, über demografisch-negative und also in ihrer Wirkung menschenverachtende und spaltende Begriffe wie <em>„Überalterung, Überfremdung, Überbevölkerung, Bevölkerungsexplosion“</em> nachzudenken. Treffen nicht längst <strong><em>Unterjüngung</em></strong>, <em><strong>Zuwanderung</strong></em>, <strong><em>Kindermangel</em> </strong>und <strong><em>Bevölkerungsimplosion</em> </strong>die demografische, post-malthusianische und auch wirtschaftliche Realität sehr viel besser? Es mangelt uns Menschen nicht mehr an Gütern, sondern an Nachfrage und Gerechtigkeit.</p> <p>Mehr noch: Wer verlernt hat, sich über steigende Lebenserwartungen oder die Geburt von Kindern zu freuen, ist selbst auf dem Weg in <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/demografie-und-die-knappheitsluege-wie-wissenschaft-fuer-rechtsmimesis-missbraucht-wird/">die dunkle Welt von Rechtsmimesis &amp; Knappheitslüge</a>.</p> <p>Hier <a href="https://blumeundince.podigee.io/59-folge-56-trump-als-christus-religionsdemografie-die-gefahr-des-malthusianismus" rel="noopener">also Folge 56 von <em>„Blume &amp; Ince“</em> als Podcast auf podigee</a> und als YouTube-Video. Ich freue mich auf weitere Dialoge dazu, gerade auch hier auf dem Blog!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/xPTVT9Yjnyo?feature=oembed&amp;rel=0" title="Folge 56: Trump als Christus, Religionsdemografie &amp; die Gefahr des Malthusianismus" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Und zur nächsten Folge wollen Inan und ich wieder mit dem Solarpunk-Elektroauto unterwegs sein und eine Friedensforscherin besuchen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3184.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 473px) 100vw, 473px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3184-473x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3184-473x1024.jpeg 473w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3184-139x300.jpeg 139w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3184-768x1662.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3184-710x1536.jpeg 710w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3184-946x2048.jpeg 946w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3184.jpeg 1170w" width="473"></img></a><figcaption><em>Dieses T-Shirt aus der Türkei sprach mich direkt an. „Zaman en iyi ögretmendir“ heißt auf Deutsch: „Zeit ist die beste Lehrmeisterin.“ Foto: Michael Blume</em> </figcaption></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Blume & Ince 56: Dialog über Trump als Corpus Christi, Religionsdemografie und die Malthus-Macht » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-06-05T15:49:39+02:00">05. 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Wenn mir Menschen zurückmelden, ich wüsste „so viel“, so antworte ich stets aus Überzeugung, weil Erfahrung: <em>„Ich lerne jeden Tag durch Menschen, die nachfragen, ergänzen, auch weiterdenken. Ich lerne durch Dialog.“ </em></p> <p>Da ich nun auf die 50 zugehe, darf ich freimütig sagen: Wer keine Gelegenheit hat, mit wirklich Interessierten über die eigenen Texte zu sprechen, vergisst diese wieder. Ich habe wirklich Hoffnung für jede Demokratie, in der nicht nur wenige senden und viele empfangen (die sog. „Massenmedien“) – sondern in der immer mehr Bürgerinnen und Bürger selbstbewusst prosumieren (Medien bewusst produzieren &amp; konsumieren). Deswegen versuche ich auch nicht auf Reichweite (Empörungszirkus, Thymos) zu optimieren, sondern auf Inhalte und Dialog. Lieber 30 ernsthaft interessierte Menschen als 3.000 NPCs &amp; Bots.</p> <p>Und entsprechend riesig freute ich mich, als der liebe Freund und BWL-Prof <strong>Inan Ince</strong> mir eine Nachricht zum Blogpost über Religionsdemografie schickte und fragte, ob wir dazu nicht spontan eine Dialog-Sendung machen könnten?</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/religionen-wirken-demografisch-geburtenraten-aus-den-usa-turkiye-israel-thailand/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die Datengrafik zeigt die &quot;Geburtenraten (Kinder pro Frau) von 1965 bis 2025. Demnach sank die TFR-Geburtenrate von Türkiye von 6,1 in 1965 auf nur noch 1,4 in 2025. In den USA ging die gleiche Rate von 2,7 um 1965 auf nur noch 1,6 in 2025 zurück. Noch massiver fiel Thailand von 5,7 auf nur noch 1,0. Vergleichsweise stabil blieb dagegen Israel mit 3,2 in 1965 und 2,9 in 2025." decoding="async" height="930" sizes="(max-width: 1692px) 100vw, 1692px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/315F0146-35D0-40B2-9A39-22403C43DF00.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/315F0146-35D0-40B2-9A39-22403C43DF00.png 1692w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/315F0146-35D0-40B2-9A39-22403C43DF00-300x165.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/315F0146-35D0-40B2-9A39-22403C43DF00-1024x563.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/315F0146-35D0-40B2-9A39-22403C43DF00-768x422.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/315F0146-35D0-40B2-9A39-22403C43DF00-1536x844.png 1536w" width="1692"></img></a><aside></aside></p> <p><em>Dass wir inzwischen <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/religionen-wirken-demografisch-geburtenraten-aus-den-usa-turkiye-israel-thailand/" rel="noopener" target="_blank">auch Unterschiede zwischen der TFR-Geburtenrate von Staaten je nach Religionszugehörigkeiten erkennen können</a>, bewegte auch Inan. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/religionen-wirken-demografisch-geburtenraten-aus-den-usa-turkiye-israel-thailand/" rel="noopener" target="_blank">Datengrafik zur Demografie von 1965 bis 2025 von den USA (christlich geprät) und Turkiye (islamisch), Israel (jüdisch) und Thailand (buddhistisch)</a>: Michael Blume</em> </p> <p>Weil ich <a href="https://youtu.be/KYTJTAKZDDA" rel="noopener">an Fronleichnam (engl. Corpus Christi) ohnehin eine Einladung zu einem Zeltcamp der NABU-Jugend „Naju“ angenommen hatte</a>, konnte ich es einrichten. Und so sprachen wir über Religion &amp; Zivilreligion gerade auch in den Trump-USA, über die o.g. Datengrafik und ein Thema, das mir besonders wichtig ist: <strong><em>Die sprachliche Menschenverachtung durch den bis heute nicht nur bei Rechten, sondern auch bei Linken und Mittigen nachwirkenden Malthusianismus.</em></strong></p> <p>Dabei gilt eigentlich nicht der auch in seinem <em>„Bevölkerungsgesetz“</em> (1798) mathematisch grob argumentierende <strong>Thomas Robert Malthus (1766 – 1834)</strong>, sondern dessen sorgfältig arbeitender Vorgänger <strong>Johann Peter Süßmilch (1707 – 1767)</strong>. Und dessen Hauptwerk von 1741 hieß: „<i id="mwNw">Die Göttliche Ordnung in den Veränderungen des menschlichen Geschlechts, aus der Geburt, dem Tode und der Fortpflanzung desselben erwiesen“</i>!</p> <p>In seiner sich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-ki-menschenwuerde-enzyklika-von-papst-leo-xiv-und-anthropic-im-dialog/">am Besten dialogisch zu erschließenden KI-Enyklika hatte auch <strong>Papst Leo XIV.</strong> zur <em>„<strong>Entwaffnung der Worte</strong>„</em> aufgerufen</a> – und ich möchte alle bitten, über demografisch-negative und also in ihrer Wirkung menschenverachtende und spaltende Begriffe wie <em>„Überalterung, Überfremdung, Überbevölkerung, Bevölkerungsexplosion“</em> nachzudenken. Treffen nicht längst <strong><em>Unterjüngung</em></strong>, <em><strong>Zuwanderung</strong></em>, <strong><em>Kindermangel</em> </strong>und <strong><em>Bevölkerungsimplosion</em> </strong>die demografische, post-malthusianische und auch wirtschaftliche Realität sehr viel besser? Es mangelt uns Menschen nicht mehr an Gütern, sondern an Nachfrage und Gerechtigkeit.</p> <p>Mehr noch: Wer verlernt hat, sich über steigende Lebenserwartungen oder die Geburt von Kindern zu freuen, ist selbst auf dem Weg in <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/demografie-und-die-knappheitsluege-wie-wissenschaft-fuer-rechtsmimesis-missbraucht-wird/">die dunkle Welt von Rechtsmimesis &amp; Knappheitslüge</a>.</p> <p>Hier <a href="https://blumeundince.podigee.io/59-folge-56-trump-als-christus-religionsdemografie-die-gefahr-des-malthusianismus" rel="noopener">also Folge 56 von <em>„Blume &amp; Ince“</em> als Podcast auf podigee</a> und als YouTube-Video. Ich freue mich auf weitere Dialoge dazu, gerade auch hier auf dem Blog!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/xPTVT9Yjnyo?feature=oembed&amp;rel=0" title="Folge 56: Trump als Christus, Religionsdemografie &amp; die Gefahr des Malthusianismus" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Und zur nächsten Folge wollen Inan und ich wieder mit dem Solarpunk-Elektroauto unterwegs sein und eine Friedensforscherin besuchen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3184.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 473px) 100vw, 473px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3184-473x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3184-473x1024.jpeg 473w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3184-139x300.jpeg 139w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3184-768x1662.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3184-710x1536.jpeg 710w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3184-946x2048.jpeg 946w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3184.jpeg 1170w" width="473"></img></a><figcaption><em>Dieses T-Shirt aus der Türkei sprach mich direkt an. „Zaman en iyi ögretmendir“ heißt auf Deutsch: „Zeit ist die beste Lehrmeisterin.“ Foto: Michael Blume</em> </figcaption></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-56-dialog-ueber-trump-als-corpus-christi-religionsdemografie-und-die-malthus-macht/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>43</slash:comments> </item> <item> <title>Venus-Jupiter-Konjunktion naht https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/venus-jupiter-konjunktion-naht/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/venus-jupiter-konjunktion-naht/#respond Thu, 04 Jun 2026 20:26:31 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12918 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/stellarium-JupiVenus2026_jun9-768x466.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/venus-jupiter-konjunktion-naht/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/stellarium-JupiVenus2026_jun9.jpg" /><h1>Venus-Jupiter-Konjunktion naht » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-06-04T22:26:31+02:00">04. Juni 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 1 Minute</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Jupiter befindet sich fast am Ende seiner Sichtbarkeitsperiode; er war im Winter die Nacht hindurch zu sehen und jetzt kann man lediglich in der Abenddämmerung einen Blick auf ihn erhaschen. Seit ca. einem Monat allerdings bewegt sich Venus rasch auf ihn zu: sie leuchtet uns nun ein Weilchen als Abendstern und leistet daher Jupiter bald Gesellschaft: </p> <p>Nächste Woche Montag/ Dienstag wird Venus während ihrer Promenade an Jupiter vorbei im kleinsten Abstand nur ca. ein Winkelgrad von ihm entfernt stehen. Hoffen wir mal, dass wir das Spektakel dann auch sehen und nicht irdische Wolken die Sicht versperren. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/stellarium-JupiVenus2026_jun9.jpg" /><h1>Venus-Jupiter-Konjunktion naht » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-06-04T22:26:31+02:00">04. Juni 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 1 Minute</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Jupiter befindet sich fast am Ende seiner Sichtbarkeitsperiode; er war im Winter die Nacht hindurch zu sehen und jetzt kann man lediglich in der Abenddämmerung einen Blick auf ihn erhaschen. Seit ca. einem Monat allerdings bewegt sich Venus rasch auf ihn zu: sie leuchtet uns nun ein Weilchen als Abendstern und leistet daher Jupiter bald Gesellschaft: </p> <p>Nächste Woche Montag/ Dienstag wird Venus während ihrer Promenade an Jupiter vorbei im kleinsten Abstand nur ca. ein Winkelgrad von ihm entfernt stehen. Hoffen wir mal, dass wir das Spektakel dann auch sehen und nicht irdische Wolken die Sicht versperren. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/venus-jupiter-konjunktion-naht/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Gigantische Warmwasserwelle im Pazifik kündigt El Nino 2026 an https://scilogs.spektrum.de/meertext/gigantische-warmwasserwelle-im-pazifik-kuendigt-el-nino-2026-an/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/gigantische-warmwasserwelle-im-pazifik-kuendigt-el-nino-2026-an/#comments Wed, 03 Jun 2026 15:33:57 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=2015 <h1>Gigantische Warmwasserwelle im Pazifik kündigt El Nino 2026 an » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Dass 2026 ein gewaltiges El Niño-Jahr in einer bereits erwärmten Welt und zu warmen Meeren werden dürfte, wird seit Monaten von verschiedenen Meeres- und Klimaforschenden angekündigt. Satellitendaten und Meßsysteme in den Ozeanen messen Temperaturanstiege und Änderungen und liefern umfassende und Besorgnis erregende Daten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-54.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="626" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-54-1024x626.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-54-1024x626.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-54-300x183.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-54-768x469.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-54.png 1033w" width="1024"></img></a><figcaption>Pressemitteilung der WMO: „Prepare for El Niño“<br></br>https://wmo.int/news/media-centre/wmo-prepare-el-nino</figcaption></figure> <p>Am 27. Mai 2026 hat die <a href="http://www.nasa.gov/home/index.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">NASA</a> auf Basis des weltweiten Satellitennetzwerks ein kurzes Update gebracht: „<strong><a href="https://phys.org/news/2026-05-giant-pacific-el-nio-weather.html" rel="noopener">A giant warm wave is crossing the Pacific, signaling an El Niño that could alter weather worldwide this year</a>“ </strong>(edited by <a href="https://sciencex.com/help/editorial-team/" rel="noopener">Gaby Clark</a>, reviewed by <a href="https://sciencex.com/help/editorial-team/" rel="noopener">Andrew Zinin</a>).</p> <figure><video controls="" src="https://d2pn8kiwq2w21t.cloudfront.net/media/1-PIA26710_EL_NI%C3%91O_ENSO_20260302_20260518-web.mp4"></video><figcaption>The international Sentinel-6 Michael Freilich sea level satellite observed a swell of warm water, called a Kelvin wave, moving eastward in the equatorial Pacific Ocean, arriving off the South American coast in May. Warm Kelvin waves often precede El Niño events.<br></br> Credit: NASA/JPL-Caltech<br></br>https://www.jpl.nasa.gov/news/nasa-european-sea-level-mission-homes-in-on-el-nino/?utm_source=TWITTER&amp;utm_medium=NASAJPL&amp;utm_campaign=NASASocial&amp;linkId=951221077</figcaption></figure> <p>Einige Monate vor dem Auftreten eines El Niño bewegen sich Wellen aus höherem, wärmerem Wasser über den Pazifik nach Osten – die Satellitendaten von 2026 zeigen gleich mehrere davon.<br></br>Die Daten stammen aus der NASA/ESA Kooperation des Sentinel-6 Michael Freilich sea level satellite, der sehr exakt die Meereshöhe misst: Eine mehrere hundert Meilen breite Warmwasserfront ist im Pazifik vor der Küste Südamerikas angekommen ist – ein Anzeichen dafür, dass El Niño voraussichtlich im Laufe des Jahres auftreten wird. Da sich Wasser bei Erwärmung ausdehnt, deutet ein Anstieg des Meeresspiegels in einem bestimmten Meeresgebiet auf steigende Meerestemperaturen hin. Und El-Niño-Ereignisse können mit der Erhöhung der Meerestemperaturen in einigen Regionen zu starken Niederschlägen und in anderen zu Niederschlagsdefiziten führen und so das tägliche Leben und den Handel weltweit beeinflussen. <a href="https://www.wwf.de/themen-projekte/projektregionen/amazonien/el-nino-wetter-in-der-heissen-phase" rel="noopener">Vergangene El Niño-Ereignisse haben immer das Wettergefüge durcheinandergewirbelt und für teilweise schwere Fluten und Dürren gesorgt und für Hungersnöte unter Tieren und Menschen gesorgt.</a></p> <h2>Kelvin-Welle</h2> <p>Der 2020 von der NASA gestartete und von der ESA (Europäische Weltraumorganisation) für das EU-Programm Copernicus geleitete Satellit Sentinel-6 Michael Freilich misst und kartiert alle 10 Tage die Wasserhöhe des gesamten Ozeans auf den Millimeter genau. Im Falle von El Niño verfolgt der Satellit sogenannte warme <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kelvinwelle" rel="noopener">Kelvin-Wellen</a>.</p> <p>Die beobachtete Kelvin-Welle bewegte sich im äquatorialen Pazifik nach Osten und kam im Mai vor der südamerikanischen Küste an. Solche warmen Kelvin-Wellen gehen oft El-Niño-Ereignissen voraus. Diese Wellen bilden sich typischerweise nach kurzen Phasen, in denen sich die Winde über dem äußersten westlichen äquatorialen Pazifik von vorherrschenden Ostwinden – die also von Ost nach West wehen – zu Westwinden verlagern. Dieser Effekt führt in Verbindung mit einer allgemeinen Abschwächung der Ostwinde entlang des Äquators dazu, dass sich das Wasser in den Tropen des westlichen Pazifiks erwärmt und der Meeresspiegel ansteigt. Die entstehende Welle breitet sich dann über mehrere Wochen nach Osten aus, erreicht schließlich Südamerika und führt dazu, dass sich das Wasser vor der Küste erwärmt und ansteigt. Ein El Niño entsteht, wenn sich im Laufe mehrerer Monate mehrere Kelvin-Wellen bilden und sich das warme Wasser vor den Küsten Kolumbiens, Ecuadors und Perus ansammelt. „<a href="https://phys.org/news/2026-05-giant-pacific-el-nio-weather.html" rel="noopener">Zwar hat das diesjährige Phänomen etwas später eingesetzt als die großen</a> El-Niño-Ereignisse von 2015 und 1997, doch es holt langsam auf“, sagte Josh Willis, Meeresforscher am Jet Propulsion Laboratory der NASA in Südkalifornien und Projektwissenschaftler für Sentinel-6 Michael Freilich. „Wir werden sehen, wie stark es noch wird.“<br></br>Bereits der schwächer ausgefallene El Niño 2023 hatte verheerende Folgen auf die Meere, wie <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12595027/" rel="noopener">eine großflächige Korallenbleiche, also ein Riffsterben</a> sowie Giftalgenblüten die <a href="https://www.frontiersin.org/journals/marine-science/articles/10.3389/fmars.2024.1454656/full" rel="noopener">unter anderem Großwale töteten</a>. 2023 wurde durch Dürre und Hitze im Amazonas-Gebiet der Amazonas-Wasserspiegel so niedrig, <a href="https://www.wwf.de/themen-projekte/projektregionen/amazonien/el-nino-wetter-in-der-heissen-phase" rel="noopener">dass viele Dörfer, deren einzige Infrastruktur der Fluß ist, abgeschnitten wurden, es entstanden Trinkwasser- und Nahrungsknappheit</a>. Außerdem starben Flußdelphine massenhaft an Überhitzung.<br></br>Beim besonders starken El Niño <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6055221/" rel="noopener">2015/2016 starben im Südpazifik mindestens 343 Seiwale an Giftalgen</a> und würden an der chilenischen Küste angespült.<aside></aside></p> <p>Messungen von Sentinel-6 Michael Freilich zeigen also, dass sich Ende Januar 2026 zunächst eine kleine Kelvin-Welle um Mikronesien bildete, die sich bis Mitte Februar auflöste. Anfang März entstand eine neue Welle, die sich im Laufe der Zeit nach Osten bewegte. Bis Mitte Mai lag der Meeresspiegel vor der Küste Perus um mehr als 15 Zentimeter über dem langjährigen Durchschnitt.</p> <p><a href="https://phys.org/news/2026-05-giant-pacific-el-nio-weather.html" rel="noopener">„Die Beobachtung von El Niño durch die NASA</a> nutzt Meeresspiegelsatelliten wie Sentinel-6 Michael Freilich, um massive Kelvin-Wellen auf ihrem Weg über den Pazifik zu verfolgen, Veränderungen in der Thermodynamik der Ozeane zu erfassen, Vorhersagen zu Wetterextremen zu verbessern und Gemeinden dabei zu helfen, sich auf potenzielle Gefahren an der Küste vorzubereiten“, sagte Nadya Vinogradova Shiffer, leitende Programmwissenschaftlerin am NASA-Hauptquartier in Washington.<br></br>In diesem Fall gab es bereits früh im Jahr Anzeichen dafür, die sich im März und April verdichteten, wie die <a href="https://library.wmo.int/records/item/69878-may-2026" rel="noopener">WMO (World Meteorological Organization) immer wieder in aktualisierten Reports schrieb.</a></p> <h2><strong>Tracking El Niño</strong></h2> <p>Der Begriff „El Niño“ – Spanisch: Der Junge –  geht auf Fischer des  17. Jahrhundert zurück – eine Anspielung auf die Geburt des Jesuskindes. Um diese Jahreszeit trat das Phänomen verstärkt auf und <a href="https://phys.org/news/2026-05-giant-pacific-el-nio-weather.html" rel="noopener">im wärmeren Wasser fingen die Fischer weniger Fisch.</a></p> <p>Auch wenn das „Christkind“ zunächst ein eher regionales Wettergeschehen ist, kann er überregionale, manchmal sogar globale Auswirkungen haben: Höhere Meeresoberflächentemperaturen im zentralen und östlichen Pazifik beeinflussen die globalen atmosphärischen Zirkulationsmuster, indem sie den Jetstream verlagern, der beeinflußt, welchen Kurs Stürme nehmen. Dies kann in einigen Gebieten zu starken Regen- und Schneefällen führen, während in anderen ungewöhnliche Hitze und Trockenheit herrschen. Wie weit sich diese Auswirkungen ausbreiten, hängt von der Stärke des El Niño ab.</p> <p>Bei schwächeren Ereignissen, wie denen, die 2018 und 2023 begannen, waren Auswirkungen wie Dürren und Überschwemmungen vor allem im tropischen Pazifik und dessen Umgebung zu beobachten. Starke El-Niño-Ereignisse, wie das von 2015–2016, reichen viel weiter und verursachen Dürren in Afrika und Überschwemmungen in Kalifornien. El Niños erreichen ihren Höhepunkt normalerweise zwischen November und Januar, daher wird es noch einige Monate dauern, bis die größten Auswirkungen deutlich werden – dieser ist später.<br></br>„Jedes El-Niño-Ereignis ist anders“, sagte die JPL-Meeresforscherin Severine Fournier, stellvertretende Projektwissenschaftlerin für Sentinel-6 Michael Freilich. „Aber sie sorgen fast immer für ein heißes Jahr und große Veränderungen bei den Niederschlägen in Teilen der Welt.“ Dazu liegen mittlerweile reichlich und detaillierte Wetter- und Klimaaufzeichnungen vor.</p> <p>Der 2020 gestartete <a href="https://phys.org/news/2026-05-giant-pacific-el-nio-weather.html" rel="noopener">Sentinel-6 Michael Freilich ist der derzeitige offizielle Referenzsatellit für globale Meeresspiegelmessungen.</a> Er setzt auch die Tradition der US-Ozeanforschung fort, die 1992 mit dem Satelliten TOPEX/Poseidon begann. Seitdem haben eine Reihe von Nachfolgern den Staffelstab übernommen, und der neueste, Sentinel-6B, der im November 2025 gestartet wurde, wird bis Ende 2026 die Nachfolge seines Vorgängers antreten. <br></br>Soweit die Pressemitteilung der NASA.<br></br>Die Sentinel-Stelliten sind machtvolle Wächter über die Weltozeane – inwieweit die USA sie in Zukunft nutzen werden, steht zurzeit in den Sternen.</p> <h2><strong>Trump-Regierung schreddert Ozean- und Klimaforschung</strong></h2> <p>Die junge Nation der USA zwischen zwei Ozeanen begriffen noch im 19. Jahrhundert die Bedeutung der Ozeane für Wirtschaft, Geopolitik, Versorgung u a. Darum bauten sie systematisch eines der ersten und aktuell sicherlich das größte <a href="https://bsky.app/hashtag/Ozeanographie" rel="noopener">Ozeanographie</a>-Netzwerk auf, das stetig modernisiert und erweitert wurde. Längst sind die Datenströme von Schiffen, unbemannten Glidern, Bojen-Netzwerken, Satelliten und andere Meßreihen von elementarer Bedeutung für <a href="https://bsky.app/hashtag/Meteorologie" rel="noopener">Meteorologie</a> und <a href="https://bsky.app/hashtag/Klimaforschung" rel="noopener">Klimaforschung</a>. Ihre Warnungen sind Grundlagen des <a href="https://bsky.app/hashtag/Katastrophenschutz" rel="noopener">Katastrophenschutz</a>es, <a href="https://bsky.app/hashtag/Bev%C3%B6kerungsschutz" rel="noopener">Bevölkerungsschutz</a>es, der Wirtschaft, Ernährungssicherheit und militärischer Operationen sowie vieler anderer Services eines modernen Staats. Und auch für kleinskalige Entscheidungen in Landwirtschaft und Fischerei, für Reisen und 1001 anderen Nutzen.</p> <p>Aber die Klimakrisenleugner und Fossillobbyisten der Trump-Regierung reißen diese Meß-Netzwerke gerade ab: Neben der <a href="https://www.scientificamerican.com/article/three-nasa-climate-satellites-are-dying-theres-no-plan-to-replace-them/" rel="noopener">Streichung der Finanzierung mehrerer NASA-Klimasatelliten in 2025</a> zerstören sie <a href="https://www.washingtonpost.com/national/2026/06/02/climate-oceans-data-trump-science/6d7385ca-5edc-11f1-9c46-d6211372eede_story.html" rel="noopener">jetzt ein 368 Millionen Dollar teures Messnetz, das sowohl im Atlantik als auch im Pazifik Daten</a> erfasst und von entscheidender Bedeutung für die Klima- und Meeresforschung ist, wie etwa die Washington Post schreibt. Diese Bojen-Sensoren-Netzwerk liefert Daten zum Schutz der Küsten, die durch immer höhere Flutwellen und stärkere Stürme zunehmend gefährdet werden. So können Küstenwohner gewarnt und evakuiert werden (auch wenn der <a href="https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/20-jahre-hurrikan-katrina-louisiana-100.html" rel="noopener">Küsten- und Zivilschutz in den USA inkl. Hurrikanwarnungen</a> ohnehin nicht stark ausgeprägt ist und nun weiter zurückfällt). Der Abriß der Wetter- und Klimadatenerhebung und -analyse <a href="https://www.washingtonpost.com/opinions/2025/07/21/oceanography-national-security-noaa/" rel="noopener">schadet auch den USA selbst, wie bereits 2025 die Washington Post </a>feststellte: Schließlich hängen US-AkteurInnen weltweit ob für Wirtschaft, Militär, Flugverkehr oder andere Aktivitäten von Daten in Echtzeit ab.</p> <p>Längst versuchen US-Forschende, i<a href="https://www.bbc.com/future/article/20250422-usa-scientists-race-to-save-climate-data-before-its-deleted-by-the-trump-administration" rel="noopener">hre Wetter- und Klimadaten vor der Wut der MAGA-Öl-Unterstützer und Milliardäre zu retten</a>, die in der <a href="https://www.npr.org/2025/08/08/nx-s1-5495338/climate-change-environment-websites-trump" rel="noopener">2. Amtszeit des wahnwitzigen US-Führers wesentlich schneller und weitreichender gelöscht werden</a>.</p> <p>Für die Bevölkerung der USA und weltweit sind dies in Zeiten der Klimakrise keine guten Nachrichten.</p> <h2><strong>Historie und Instrumente der Ozeanographie</strong></h2> <p>Zum Lesen und Anschauen:</p> <p><a href="https://www.zvab.com/buch-suchen/autor/kunzig-robert/" rel="noopener">Kunzig, Robert</a>: „Der unsichtbare Kontinent: Die Entdeckung der Meerestiefe“<br></br>(Schon älter, es gibt sicherlich neuere)</p> <p><a href="https://oceansciencehistory.com/" rel="noopener">Official Website of the International Commission of the History of Oceanography</a></p> <p><a href="https://www.zoologisches-museum.uni-kiel.de/de/dauerausstellungen" rel="noopener">Zoologisches Museum der Uni Kiel</a>: neben vielen Walen u a Meeresgeschöpfen eine exzellente Ausstellung zur Ozeanographie in Kooperation mit GEOMAR. Ich war selbst etwas überrascht, wie großflächig, autonom und tief diese ozeanographische Infrastruktur mittlerweile reicht. Lohnt sich sehr!</p> <p><a href="https://www.noc.ac.uk/who-we-are/our-history" rel="noopener">National Oceanography Centre</a></p> <p><a href="Sentinel">EUMETSAT: Sentinel</a></p> <p><a href="https://www.shop-hirnkost.de/produkt/jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung/" rel="noopener">„Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung“</a>: In meinem Sachbuch beschreibe ich auch, wie die Kolonialstaaten u a mit Wissenschaft Macht erlangten und festigten </p> <p>Diese Liste bitte gern ergänzen!<br></br>Ich füge Titel und Tipps aus Kommentaren hier ein</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Gigantische Warmwasserwelle im Pazifik kündigt El Nino 2026 an » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Dass 2026 ein gewaltiges El Niño-Jahr in einer bereits erwärmten Welt und zu warmen Meeren werden dürfte, wird seit Monaten von verschiedenen Meeres- und Klimaforschenden angekündigt. Satellitendaten und Meßsysteme in den Ozeanen messen Temperaturanstiege und Änderungen und liefern umfassende und Besorgnis erregende Daten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-54.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="626" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-54-1024x626.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-54-1024x626.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-54-300x183.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-54-768x469.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-54.png 1033w" width="1024"></img></a><figcaption>Pressemitteilung der WMO: „Prepare for El Niño“<br></br>https://wmo.int/news/media-centre/wmo-prepare-el-nino</figcaption></figure> <p>Am 27. Mai 2026 hat die <a href="http://www.nasa.gov/home/index.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">NASA</a> auf Basis des weltweiten Satellitennetzwerks ein kurzes Update gebracht: „<strong><a href="https://phys.org/news/2026-05-giant-pacific-el-nio-weather.html" rel="noopener">A giant warm wave is crossing the Pacific, signaling an El Niño that could alter weather worldwide this year</a>“ </strong>(edited by <a href="https://sciencex.com/help/editorial-team/" rel="noopener">Gaby Clark</a>, reviewed by <a href="https://sciencex.com/help/editorial-team/" rel="noopener">Andrew Zinin</a>).</p> <figure><video controls="" src="https://d2pn8kiwq2w21t.cloudfront.net/media/1-PIA26710_EL_NI%C3%91O_ENSO_20260302_20260518-web.mp4"></video><figcaption>The international Sentinel-6 Michael Freilich sea level satellite observed a swell of warm water, called a Kelvin wave, moving eastward in the equatorial Pacific Ocean, arriving off the South American coast in May. Warm Kelvin waves often precede El Niño events.<br></br> Credit: NASA/JPL-Caltech<br></br>https://www.jpl.nasa.gov/news/nasa-european-sea-level-mission-homes-in-on-el-nino/?utm_source=TWITTER&amp;utm_medium=NASAJPL&amp;utm_campaign=NASASocial&amp;linkId=951221077</figcaption></figure> <p>Einige Monate vor dem Auftreten eines El Niño bewegen sich Wellen aus höherem, wärmerem Wasser über den Pazifik nach Osten – die Satellitendaten von 2026 zeigen gleich mehrere davon.<br></br>Die Daten stammen aus der NASA/ESA Kooperation des Sentinel-6 Michael Freilich sea level satellite, der sehr exakt die Meereshöhe misst: Eine mehrere hundert Meilen breite Warmwasserfront ist im Pazifik vor der Küste Südamerikas angekommen ist – ein Anzeichen dafür, dass El Niño voraussichtlich im Laufe des Jahres auftreten wird. Da sich Wasser bei Erwärmung ausdehnt, deutet ein Anstieg des Meeresspiegels in einem bestimmten Meeresgebiet auf steigende Meerestemperaturen hin. Und El-Niño-Ereignisse können mit der Erhöhung der Meerestemperaturen in einigen Regionen zu starken Niederschlägen und in anderen zu Niederschlagsdefiziten führen und so das tägliche Leben und den Handel weltweit beeinflussen. <a href="https://www.wwf.de/themen-projekte/projektregionen/amazonien/el-nino-wetter-in-der-heissen-phase" rel="noopener">Vergangene El Niño-Ereignisse haben immer das Wettergefüge durcheinandergewirbelt und für teilweise schwere Fluten und Dürren gesorgt und für Hungersnöte unter Tieren und Menschen gesorgt.</a></p> <h2>Kelvin-Welle</h2> <p>Der 2020 von der NASA gestartete und von der ESA (Europäische Weltraumorganisation) für das EU-Programm Copernicus geleitete Satellit Sentinel-6 Michael Freilich misst und kartiert alle 10 Tage die Wasserhöhe des gesamten Ozeans auf den Millimeter genau. Im Falle von El Niño verfolgt der Satellit sogenannte warme <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kelvinwelle" rel="noopener">Kelvin-Wellen</a>.</p> <p>Die beobachtete Kelvin-Welle bewegte sich im äquatorialen Pazifik nach Osten und kam im Mai vor der südamerikanischen Küste an. Solche warmen Kelvin-Wellen gehen oft El-Niño-Ereignissen voraus. Diese Wellen bilden sich typischerweise nach kurzen Phasen, in denen sich die Winde über dem äußersten westlichen äquatorialen Pazifik von vorherrschenden Ostwinden – die also von Ost nach West wehen – zu Westwinden verlagern. Dieser Effekt führt in Verbindung mit einer allgemeinen Abschwächung der Ostwinde entlang des Äquators dazu, dass sich das Wasser in den Tropen des westlichen Pazifiks erwärmt und der Meeresspiegel ansteigt. Die entstehende Welle breitet sich dann über mehrere Wochen nach Osten aus, erreicht schließlich Südamerika und führt dazu, dass sich das Wasser vor der Küste erwärmt und ansteigt. Ein El Niño entsteht, wenn sich im Laufe mehrerer Monate mehrere Kelvin-Wellen bilden und sich das warme Wasser vor den Küsten Kolumbiens, Ecuadors und Perus ansammelt. „<a href="https://phys.org/news/2026-05-giant-pacific-el-nio-weather.html" rel="noopener">Zwar hat das diesjährige Phänomen etwas später eingesetzt als die großen</a> El-Niño-Ereignisse von 2015 und 1997, doch es holt langsam auf“, sagte Josh Willis, Meeresforscher am Jet Propulsion Laboratory der NASA in Südkalifornien und Projektwissenschaftler für Sentinel-6 Michael Freilich. „Wir werden sehen, wie stark es noch wird.“<br></br>Bereits der schwächer ausgefallene El Niño 2023 hatte verheerende Folgen auf die Meere, wie <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12595027/" rel="noopener">eine großflächige Korallenbleiche, also ein Riffsterben</a> sowie Giftalgenblüten die <a href="https://www.frontiersin.org/journals/marine-science/articles/10.3389/fmars.2024.1454656/full" rel="noopener">unter anderem Großwale töteten</a>. 2023 wurde durch Dürre und Hitze im Amazonas-Gebiet der Amazonas-Wasserspiegel so niedrig, <a href="https://www.wwf.de/themen-projekte/projektregionen/amazonien/el-nino-wetter-in-der-heissen-phase" rel="noopener">dass viele Dörfer, deren einzige Infrastruktur der Fluß ist, abgeschnitten wurden, es entstanden Trinkwasser- und Nahrungsknappheit</a>. Außerdem starben Flußdelphine massenhaft an Überhitzung.<br></br>Beim besonders starken El Niño <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6055221/" rel="noopener">2015/2016 starben im Südpazifik mindestens 343 Seiwale an Giftalgen</a> und würden an der chilenischen Küste angespült.<aside></aside></p> <p>Messungen von Sentinel-6 Michael Freilich zeigen also, dass sich Ende Januar 2026 zunächst eine kleine Kelvin-Welle um Mikronesien bildete, die sich bis Mitte Februar auflöste. Anfang März entstand eine neue Welle, die sich im Laufe der Zeit nach Osten bewegte. Bis Mitte Mai lag der Meeresspiegel vor der Küste Perus um mehr als 15 Zentimeter über dem langjährigen Durchschnitt.</p> <p><a href="https://phys.org/news/2026-05-giant-pacific-el-nio-weather.html" rel="noopener">„Die Beobachtung von El Niño durch die NASA</a> nutzt Meeresspiegelsatelliten wie Sentinel-6 Michael Freilich, um massive Kelvin-Wellen auf ihrem Weg über den Pazifik zu verfolgen, Veränderungen in der Thermodynamik der Ozeane zu erfassen, Vorhersagen zu Wetterextremen zu verbessern und Gemeinden dabei zu helfen, sich auf potenzielle Gefahren an der Küste vorzubereiten“, sagte Nadya Vinogradova Shiffer, leitende Programmwissenschaftlerin am NASA-Hauptquartier in Washington.<br></br>In diesem Fall gab es bereits früh im Jahr Anzeichen dafür, die sich im März und April verdichteten, wie die <a href="https://library.wmo.int/records/item/69878-may-2026" rel="noopener">WMO (World Meteorological Organization) immer wieder in aktualisierten Reports schrieb.</a></p> <h2><strong>Tracking El Niño</strong></h2> <p>Der Begriff „El Niño“ – Spanisch: Der Junge –  geht auf Fischer des  17. Jahrhundert zurück – eine Anspielung auf die Geburt des Jesuskindes. Um diese Jahreszeit trat das Phänomen verstärkt auf und <a href="https://phys.org/news/2026-05-giant-pacific-el-nio-weather.html" rel="noopener">im wärmeren Wasser fingen die Fischer weniger Fisch.</a></p> <p>Auch wenn das „Christkind“ zunächst ein eher regionales Wettergeschehen ist, kann er überregionale, manchmal sogar globale Auswirkungen haben: Höhere Meeresoberflächentemperaturen im zentralen und östlichen Pazifik beeinflussen die globalen atmosphärischen Zirkulationsmuster, indem sie den Jetstream verlagern, der beeinflußt, welchen Kurs Stürme nehmen. Dies kann in einigen Gebieten zu starken Regen- und Schneefällen führen, während in anderen ungewöhnliche Hitze und Trockenheit herrschen. Wie weit sich diese Auswirkungen ausbreiten, hängt von der Stärke des El Niño ab.</p> <p>Bei schwächeren Ereignissen, wie denen, die 2018 und 2023 begannen, waren Auswirkungen wie Dürren und Überschwemmungen vor allem im tropischen Pazifik und dessen Umgebung zu beobachten. Starke El-Niño-Ereignisse, wie das von 2015–2016, reichen viel weiter und verursachen Dürren in Afrika und Überschwemmungen in Kalifornien. El Niños erreichen ihren Höhepunkt normalerweise zwischen November und Januar, daher wird es noch einige Monate dauern, bis die größten Auswirkungen deutlich werden – dieser ist später.<br></br>„Jedes El-Niño-Ereignis ist anders“, sagte die JPL-Meeresforscherin Severine Fournier, stellvertretende Projektwissenschaftlerin für Sentinel-6 Michael Freilich. „Aber sie sorgen fast immer für ein heißes Jahr und große Veränderungen bei den Niederschlägen in Teilen der Welt.“ Dazu liegen mittlerweile reichlich und detaillierte Wetter- und Klimaaufzeichnungen vor.</p> <p>Der 2020 gestartete <a href="https://phys.org/news/2026-05-giant-pacific-el-nio-weather.html" rel="noopener">Sentinel-6 Michael Freilich ist der derzeitige offizielle Referenzsatellit für globale Meeresspiegelmessungen.</a> Er setzt auch die Tradition der US-Ozeanforschung fort, die 1992 mit dem Satelliten TOPEX/Poseidon begann. Seitdem haben eine Reihe von Nachfolgern den Staffelstab übernommen, und der neueste, Sentinel-6B, der im November 2025 gestartet wurde, wird bis Ende 2026 die Nachfolge seines Vorgängers antreten. <br></br>Soweit die Pressemitteilung der NASA.<br></br>Die Sentinel-Stelliten sind machtvolle Wächter über die Weltozeane – inwieweit die USA sie in Zukunft nutzen werden, steht zurzeit in den Sternen.</p> <h2><strong>Trump-Regierung schreddert Ozean- und Klimaforschung</strong></h2> <p>Die junge Nation der USA zwischen zwei Ozeanen begriffen noch im 19. Jahrhundert die Bedeutung der Ozeane für Wirtschaft, Geopolitik, Versorgung u a. Darum bauten sie systematisch eines der ersten und aktuell sicherlich das größte <a href="https://bsky.app/hashtag/Ozeanographie" rel="noopener">Ozeanographie</a>-Netzwerk auf, das stetig modernisiert und erweitert wurde. Längst sind die Datenströme von Schiffen, unbemannten Glidern, Bojen-Netzwerken, Satelliten und andere Meßreihen von elementarer Bedeutung für <a href="https://bsky.app/hashtag/Meteorologie" rel="noopener">Meteorologie</a> und <a href="https://bsky.app/hashtag/Klimaforschung" rel="noopener">Klimaforschung</a>. Ihre Warnungen sind Grundlagen des <a href="https://bsky.app/hashtag/Katastrophenschutz" rel="noopener">Katastrophenschutz</a>es, <a href="https://bsky.app/hashtag/Bev%C3%B6kerungsschutz" rel="noopener">Bevölkerungsschutz</a>es, der Wirtschaft, Ernährungssicherheit und militärischer Operationen sowie vieler anderer Services eines modernen Staats. Und auch für kleinskalige Entscheidungen in Landwirtschaft und Fischerei, für Reisen und 1001 anderen Nutzen.</p> <p>Aber die Klimakrisenleugner und Fossillobbyisten der Trump-Regierung reißen diese Meß-Netzwerke gerade ab: Neben der <a href="https://www.scientificamerican.com/article/three-nasa-climate-satellites-are-dying-theres-no-plan-to-replace-them/" rel="noopener">Streichung der Finanzierung mehrerer NASA-Klimasatelliten in 2025</a> zerstören sie <a href="https://www.washingtonpost.com/national/2026/06/02/climate-oceans-data-trump-science/6d7385ca-5edc-11f1-9c46-d6211372eede_story.html" rel="noopener">jetzt ein 368 Millionen Dollar teures Messnetz, das sowohl im Atlantik als auch im Pazifik Daten</a> erfasst und von entscheidender Bedeutung für die Klima- und Meeresforschung ist, wie etwa die Washington Post schreibt. Diese Bojen-Sensoren-Netzwerk liefert Daten zum Schutz der Küsten, die durch immer höhere Flutwellen und stärkere Stürme zunehmend gefährdet werden. So können Küstenwohner gewarnt und evakuiert werden (auch wenn der <a href="https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/20-jahre-hurrikan-katrina-louisiana-100.html" rel="noopener">Küsten- und Zivilschutz in den USA inkl. Hurrikanwarnungen</a> ohnehin nicht stark ausgeprägt ist und nun weiter zurückfällt). Der Abriß der Wetter- und Klimadatenerhebung und -analyse <a href="https://www.washingtonpost.com/opinions/2025/07/21/oceanography-national-security-noaa/" rel="noopener">schadet auch den USA selbst, wie bereits 2025 die Washington Post </a>feststellte: Schließlich hängen US-AkteurInnen weltweit ob für Wirtschaft, Militär, Flugverkehr oder andere Aktivitäten von Daten in Echtzeit ab.</p> <p>Längst versuchen US-Forschende, i<a href="https://www.bbc.com/future/article/20250422-usa-scientists-race-to-save-climate-data-before-its-deleted-by-the-trump-administration" rel="noopener">hre Wetter- und Klimadaten vor der Wut der MAGA-Öl-Unterstützer und Milliardäre zu retten</a>, die in der <a href="https://www.npr.org/2025/08/08/nx-s1-5495338/climate-change-environment-websites-trump" rel="noopener">2. Amtszeit des wahnwitzigen US-Führers wesentlich schneller und weitreichender gelöscht werden</a>.</p> <p>Für die Bevölkerung der USA und weltweit sind dies in Zeiten der Klimakrise keine guten Nachrichten.</p> <h2><strong>Historie und Instrumente der Ozeanographie</strong></h2> <p>Zum Lesen und Anschauen:</p> <p><a href="https://www.zvab.com/buch-suchen/autor/kunzig-robert/" rel="noopener">Kunzig, Robert</a>: „Der unsichtbare Kontinent: Die Entdeckung der Meerestiefe“<br></br>(Schon älter, es gibt sicherlich neuere)</p> <p><a href="https://oceansciencehistory.com/" rel="noopener">Official Website of the International Commission of the History of Oceanography</a></p> <p><a href="https://www.zoologisches-museum.uni-kiel.de/de/dauerausstellungen" rel="noopener">Zoologisches Museum der Uni Kiel</a>: neben vielen Walen u a Meeresgeschöpfen eine exzellente Ausstellung zur Ozeanographie in Kooperation mit GEOMAR. Ich war selbst etwas überrascht, wie großflächig, autonom und tief diese ozeanographische Infrastruktur mittlerweile reicht. Lohnt sich sehr!</p> <p><a href="https://www.noc.ac.uk/who-we-are/our-history" rel="noopener">National Oceanography Centre</a></p> <p><a href="Sentinel">EUMETSAT: Sentinel</a></p> <p><a href="https://www.shop-hirnkost.de/produkt/jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung/" rel="noopener">„Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung“</a>: In meinem Sachbuch beschreibe ich auch, wie die Kolonialstaaten u a mit Wissenschaft Macht erlangten und festigten </p> <p>Diese Liste bitte gern ergänzen!<br></br>Ich füge Titel und Tipps aus Kommentaren hier ein</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/gigantische-warmwasserwelle-im-pazifik-kuendigt-el-nino-2026-an/#comments 2 Mersenne Primes, GPUs, and a Number With 41 Million Digits https://scilogs.spektrum.de/hlf/mersenne-primes-gpus-and-a-number-with-41-million-digits/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/mersenne-primes-gpus-and-a-number-with-41-million-digits/#respond Wed, 03 Jun 2026 12:00:00 +0000 Andrei Mihai https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14420 <h1>Mersenne Primes, GPUs, and a Number With 41 Million Digits - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>In October 2024, mankind found a new prime number. It was also the largest prime number, featuring a gargantuan 41,024,320 digits. The number (defined as 2<sup>136,279,841</sup> – 1) was special for another reason: It did not come as a result of a new equation or algorithm, nor did it come as a result of CPU calculation. No, this number was discovered through a GPU-driven workflow.</p> <p>Orchestrated by researcher Luke Durant, the effort utilized a global cloud supercomputer spanning 17 countries and 24 data center regions, leveraging the parallel processing power of thousands of high-performing GPUs. But why does finding this number matter?</p> <h3><strong>Mersenne Primes</strong></h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-149.png"><img alt="Arrangements of prime and composite numbers." decoding="async" fetchpriority="high" height="955" sizes="(max-width: 681px) 100vw, 681px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-149.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-149.png 681w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-149-214x300.png 214w" width="681"></img></a><figcaption>Composite numbers can be arranged into rectangles of this form. Prime numbers cannot. Image via Wiki Commons (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Primes-vs-composites.svg" rel="noopener">public domain</a>).</figcaption></figure> </div> <p>Mersenne numbers take the form M<sub>p</sub> = 2<sup>p</sup> – 1, where <em>p</em> is an integer. A fundamental theorem of number theory dictates that if M<sub>p</sub> is prime, then <em>p</em> <a href="https://mathworld.wolfram.com/MersennePrime.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">must itself be</a> a prime number. However, the relationship is not reciprocal, and the primality of <em>p</em> does not guarantee the primality of M<sub>p</sub>.</p> <p>Primes of this specific form are known as Mersenne primes, named after the 17th-century French monk Marin Mersenne, who studied them extensively. Mersenne the monk was a polymath and his seminal work on music theory, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Harmonie_universelle" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><em>Harmonie universelle</em></a>, is widely regarded as the first major study of acoustics. He also developed Mersenne’s laws, which describe the harmonics on a vibrating string. Yet for mathematicians, his most enduring work is in primes.</p> <p>Mersenne primes have fascinated mathematicians for centuries due to their direct connection to perfect numbers, integers equal to the sum of their proper divisors. According to the Euclid-Euler theorem, every even perfect number <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Euclid%E2%80%93Euler_theorem" rel="noreferrer noopener" target="_blank">can be expressed</a> in the form 2<sup>p-1</sup>(2<sup>p</sup> – 1), where 2<sup>p – 1</sup> is a Mersenne prime.<aside></aside></p> <p>There is another reason why Mersenne primes get special treatment: They are easy to test for.</p> <p>There are infinitely many prime numbers, a fact mathematicians have known since antiquity. So while we cannot find the “last” prime number, we can keep finding bigger and bigger ones. But when the numbers get very large, it is not easy to see whether they are in fact primes.</p> <p>In practice, researchers keep pushing that boundary outward by testing numbers that are especially well suited to modern computation. That is why so many record-holders are Mersenne primes, even though they are relatively rare: They can be tested through efficient methods like the Lucas-Lehmer test. We have most likely missed out on a number of smaller prime numbers because testing them is inefficient.</p> <p>For Mersennes, the standard test (called the <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Lucas%E2%80%93Lehmer_primality_test" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Lucas-Lehmer test</a>) is elegant. You start with a fixed value, repeat a specific squaring and reduction process, and after enough rounds, you see whether the number passes or fails. It is a deterministic test, and a narrow one, and it is substantially faster than the algorithms that can be used for other types of primes.</p> <p>When you work with binary hardware, reduction modulo 2<sup>p</sup> – 1 can be done with shifts and additions instead of division, which is more computationally intensive. Reduction modulo just means taking a very large number and replacing it with its remainder after division by another one. In the Lucas-Lehmer test, the computer keeps producing enormous intermediate values, far too large to handle efficiently if it carried every digit forever. So after each step it trims them back into a manageable range by computing that remainder.</p> <p>The real breakthrough here, however, was not just finding a bigger prime. It was proving that the structure of the problem finally matches the structure of modern GPU hardware.</p> <h3><strong>GPUs Are Taking Over</strong></h3> <p>For years, CPUs were at the core of this prime-searching quest. It is not necessarily because they were ideally suited for the task, but rather because they were everywhere. This made it easier for remote people to work together in initiatives like <a href="https://www.mersenne.org" rel="noreferrer noopener" target="_blank">GIMPS</a>.</p> <p>GIMPS (the Great Internet Mersenne Prime Search) was founded in 1996 by computer scientist <a href="https://www.wikiwand.com/en/George_Woltman" rel="noreferrer noopener" target="_blank">George Woltman</a>. It was one of the first global collaborative computing initiatives and it has found 18 Mersenne primes, 16 of which were the largest when they were discovered.</p> <p>However, all things being equal, GPUs are far better suited for the task, because they contain thousands of specialized cores. Whereas a consumer GPU might have 16 or 32 cores, a data center GPU like the NVIDIA A100 has 6,912 CUDA cores. This enables it to process massive arrays of data simultaneously. Yet GPUs were missing an important puzzle piece: a GPU-specific algorithm.</p> <p>That started taking shape in 2017, when software engineer Mihai Preda developed <a href="https://www.rieselprime.de/ziki/GpuOwL" rel="noreferrer noopener" target="_blank">gpuOwl</a>. This was before the GPU/data center hype, but Preda recognized that increasing floating-point performance and memory bandwidth of modern GPUs made them ideal for the heavy lifting required by GIMPS.</p> <p>Using this algorithm, a data center in Dublin first flagged a new potential Mersenne prime (M<sub>136279841</sub>) in October 2024 using a method called the Fermat probable prime (PRP) test. The very next day, another data center in San Antonia confirmed it with the Lucas-Lehmer test.</p> <p>These data centers were orchestrated by Luke Durant, a researcher and former NVIDIA engineer, whose “cloud supercomputer” spanned 24 regions across 17 countries, essentially creating a global virtual laboratory. This marks the first GIMPS prime discovered through a probabilistic test (the PRP is probabilistic, not deterministic) rather than a direct Lucas-Lehmer test.</p> <p>This is all very impressive, but it all begs the question: Why go through all this trouble?</p> <h3>What This Does Not Mean for Cryptography</h3> <p>We often link large prime numbers to encryption. But the discovery of M<sub>136279841</sub> does nothing to immediately strengthen digital encryption.</p> <p>Modern cryptographic systems do use large primes, but these primes are still far smaller, usually ranging from 300 to 600 decimal digits. Using a number with 41 <em>million</em> digits would be wildly impractical due to the massive computational requirements. Furthermore, because the prime is publicly known, it would be an insecure choice for a secret key; the security of RSA relies on the difficulty of factoring a large number into two <em>secret</em> prime factors.</p> <p>However, the search for increasingly large primes is essential for the future of cryptography for several theoretical and technical reasons.</p> <p>The techniques used to find Mersenne primes (such as <a href="https://www.aimath.org/news/congruentnumbers/howtomultiply.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">FFT-based multiplication</a>) are the same techniques used in prime factorization. By pushing the boundaries of what is computationally possible with these algorithms, mathematicians gain a better understanding of the security margins of current encryption. The search pushes algorithms, benchmarks computational limits, and sharpens our sense of what large-number arithmetic can do.</p> <p>This new Mersenne Prime also highlights a shift in the economic structure of prime hunting. Historically, GIMPS was a grassroots project where individual users donated their personal hardware and electricity. However, Luke Durant’s discovery was the result of a deliberate capital investment. Durant <a href="https://www.washingtonpost.com/science/2024/10/23/nvidia-prime-mersenne-gpu-cloud/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">reportedly spent</a> approximately $2 million of his personal wealth to rent cloud GPU capacity for the search, which lasted nearly exactly one year. GIMPS provides a $3,000 Research Discovery Award for new Mersenne primes, which Durant has indicated he will donate to the Alabama School of Math and Science. Larger prizes exist for major milestones, yet they remain small compared to the infrastructure costs of a large-scale search.</p> <p>The hunt for ever-larger prime numbers serves as the high-stress test for the tools of our era. While the number itself will not be used to secure bank accounts today, the process of finding it may validate a new paradigm of GPU-driven discovery. Historically, it also represents a bridge between the 17th-century musings of a polymath monk and a 21st-century reality where the limits of mathematical knowledge are starting to be defined by silicon tools. Ultimately, though, perhaps we hunt these giant numbers because we are curious; not to add a line to a ledger, but to learn something new about the world. The number of primes is infinite, but so is our curiosity.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Mersenne Primes, GPUs, and a Number With 41 Million Digits - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>In October 2024, mankind found a new prime number. It was also the largest prime number, featuring a gargantuan 41,024,320 digits. The number (defined as 2<sup>136,279,841</sup> – 1) was special for another reason: It did not come as a result of a new equation or algorithm, nor did it come as a result of CPU calculation. No, this number was discovered through a GPU-driven workflow.</p> <p>Orchestrated by researcher Luke Durant, the effort utilized a global cloud supercomputer spanning 17 countries and 24 data center regions, leveraging the parallel processing power of thousands of high-performing GPUs. But why does finding this number matter?</p> <h3><strong>Mersenne Primes</strong></h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-149.png"><img alt="Arrangements of prime and composite numbers." decoding="async" fetchpriority="high" height="955" sizes="(max-width: 681px) 100vw, 681px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-149.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-149.png 681w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-149-214x300.png 214w" width="681"></img></a><figcaption>Composite numbers can be arranged into rectangles of this form. Prime numbers cannot. Image via Wiki Commons (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Primes-vs-composites.svg" rel="noopener">public domain</a>).</figcaption></figure> </div> <p>Mersenne numbers take the form M<sub>p</sub> = 2<sup>p</sup> – 1, where <em>p</em> is an integer. A fundamental theorem of number theory dictates that if M<sub>p</sub> is prime, then <em>p</em> <a href="https://mathworld.wolfram.com/MersennePrime.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">must itself be</a> a prime number. However, the relationship is not reciprocal, and the primality of <em>p</em> does not guarantee the primality of M<sub>p</sub>.</p> <p>Primes of this specific form are known as Mersenne primes, named after the 17th-century French monk Marin Mersenne, who studied them extensively. Mersenne the monk was a polymath and his seminal work on music theory, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Harmonie_universelle" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><em>Harmonie universelle</em></a>, is widely regarded as the first major study of acoustics. He also developed Mersenne’s laws, which describe the harmonics on a vibrating string. Yet for mathematicians, his most enduring work is in primes.</p> <p>Mersenne primes have fascinated mathematicians for centuries due to their direct connection to perfect numbers, integers equal to the sum of their proper divisors. According to the Euclid-Euler theorem, every even perfect number <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Euclid%E2%80%93Euler_theorem" rel="noreferrer noopener" target="_blank">can be expressed</a> in the form 2<sup>p-1</sup>(2<sup>p</sup> – 1), where 2<sup>p – 1</sup> is a Mersenne prime.<aside></aside></p> <p>There is another reason why Mersenne primes get special treatment: They are easy to test for.</p> <p>There are infinitely many prime numbers, a fact mathematicians have known since antiquity. So while we cannot find the “last” prime number, we can keep finding bigger and bigger ones. But when the numbers get very large, it is not easy to see whether they are in fact primes.</p> <p>In practice, researchers keep pushing that boundary outward by testing numbers that are especially well suited to modern computation. That is why so many record-holders are Mersenne primes, even though they are relatively rare: They can be tested through efficient methods like the Lucas-Lehmer test. We have most likely missed out on a number of smaller prime numbers because testing them is inefficient.</p> <p>For Mersennes, the standard test (called the <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Lucas%E2%80%93Lehmer_primality_test" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Lucas-Lehmer test</a>) is elegant. You start with a fixed value, repeat a specific squaring and reduction process, and after enough rounds, you see whether the number passes or fails. It is a deterministic test, and a narrow one, and it is substantially faster than the algorithms that can be used for other types of primes.</p> <p>When you work with binary hardware, reduction modulo 2<sup>p</sup> – 1 can be done with shifts and additions instead of division, which is more computationally intensive. Reduction modulo just means taking a very large number and replacing it with its remainder after division by another one. In the Lucas-Lehmer test, the computer keeps producing enormous intermediate values, far too large to handle efficiently if it carried every digit forever. So after each step it trims them back into a manageable range by computing that remainder.</p> <p>The real breakthrough here, however, was not just finding a bigger prime. It was proving that the structure of the problem finally matches the structure of modern GPU hardware.</p> <h3><strong>GPUs Are Taking Over</strong></h3> <p>For years, CPUs were at the core of this prime-searching quest. It is not necessarily because they were ideally suited for the task, but rather because they were everywhere. This made it easier for remote people to work together in initiatives like <a href="https://www.mersenne.org" rel="noreferrer noopener" target="_blank">GIMPS</a>.</p> <p>GIMPS (the Great Internet Mersenne Prime Search) was founded in 1996 by computer scientist <a href="https://www.wikiwand.com/en/George_Woltman" rel="noreferrer noopener" target="_blank">George Woltman</a>. It was one of the first global collaborative computing initiatives and it has found 18 Mersenne primes, 16 of which were the largest when they were discovered.</p> <p>However, all things being equal, GPUs are far better suited for the task, because they contain thousands of specialized cores. Whereas a consumer GPU might have 16 or 32 cores, a data center GPU like the NVIDIA A100 has 6,912 CUDA cores. This enables it to process massive arrays of data simultaneously. Yet GPUs were missing an important puzzle piece: a GPU-specific algorithm.</p> <p>That started taking shape in 2017, when software engineer Mihai Preda developed <a href="https://www.rieselprime.de/ziki/GpuOwL" rel="noreferrer noopener" target="_blank">gpuOwl</a>. This was before the GPU/data center hype, but Preda recognized that increasing floating-point performance and memory bandwidth of modern GPUs made them ideal for the heavy lifting required by GIMPS.</p> <p>Using this algorithm, a data center in Dublin first flagged a new potential Mersenne prime (M<sub>136279841</sub>) in October 2024 using a method called the Fermat probable prime (PRP) test. The very next day, another data center in San Antonia confirmed it with the Lucas-Lehmer test.</p> <p>These data centers were orchestrated by Luke Durant, a researcher and former NVIDIA engineer, whose “cloud supercomputer” spanned 24 regions across 17 countries, essentially creating a global virtual laboratory. This marks the first GIMPS prime discovered through a probabilistic test (the PRP is probabilistic, not deterministic) rather than a direct Lucas-Lehmer test.</p> <p>This is all very impressive, but it all begs the question: Why go through all this trouble?</p> <h3>What This Does Not Mean for Cryptography</h3> <p>We often link large prime numbers to encryption. But the discovery of M<sub>136279841</sub> does nothing to immediately strengthen digital encryption.</p> <p>Modern cryptographic systems do use large primes, but these primes are still far smaller, usually ranging from 300 to 600 decimal digits. Using a number with 41 <em>million</em> digits would be wildly impractical due to the massive computational requirements. Furthermore, because the prime is publicly known, it would be an insecure choice for a secret key; the security of RSA relies on the difficulty of factoring a large number into two <em>secret</em> prime factors.</p> <p>However, the search for increasingly large primes is essential for the future of cryptography for several theoretical and technical reasons.</p> <p>The techniques used to find Mersenne primes (such as <a href="https://www.aimath.org/news/congruentnumbers/howtomultiply.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">FFT-based multiplication</a>) are the same techniques used in prime factorization. By pushing the boundaries of what is computationally possible with these algorithms, mathematicians gain a better understanding of the security margins of current encryption. The search pushes algorithms, benchmarks computational limits, and sharpens our sense of what large-number arithmetic can do.</p> <p>This new Mersenne Prime also highlights a shift in the economic structure of prime hunting. Historically, GIMPS was a grassroots project where individual users donated their personal hardware and electricity. However, Luke Durant’s discovery was the result of a deliberate capital investment. Durant <a href="https://www.washingtonpost.com/science/2024/10/23/nvidia-prime-mersenne-gpu-cloud/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">reportedly spent</a> approximately $2 million of his personal wealth to rent cloud GPU capacity for the search, which lasted nearly exactly one year. GIMPS provides a $3,000 Research Discovery Award for new Mersenne primes, which Durant has indicated he will donate to the Alabama School of Math and Science. Larger prizes exist for major milestones, yet they remain small compared to the infrastructure costs of a large-scale search.</p> <p>The hunt for ever-larger prime numbers serves as the high-stress test for the tools of our era. While the number itself will not be used to secure bank accounts today, the process of finding it may validate a new paradigm of GPU-driven discovery. Historically, it also represents a bridge between the 17th-century musings of a polymath monk and a 21st-century reality where the limits of mathematical knowledge are starting to be defined by silicon tools. Ultimately, though, perhaps we hunt these giant numbers because we are curious; not to add a line to a ledger, but to learn something new about the world. The number of primes is infinite, but so is our curiosity.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/mersenne-primes-gpus-and-a-number-with-41-million-digits/#respond 0 Die Strafmündigkeit und Tötungsdelikte von Kindern https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/die-strafmuendigkeit-und-toetungsdelikte-von-kindern/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/die-strafmuendigkeit-und-toetungsdelikte-von-kindern/#comments Wed, 03 Jun 2026 11:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3610 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/williamcho-justice-2060093-768x512.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/die-strafmuendigkeit-und-toetungsdelikte-von-kindern/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/williamcho-justice-2060093-1024x683.jpg" /><h1>Die Strafmündigkeit und Tötungsdelikte von Kindern » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Wie oft kommen sie vor und was sagen die Entwicklungswissenschaften zu den Altersgrenzen des Rechts?</strong></p> <span id="more-3610"></span> <p>Zum Glück sind Tötungsdelikte – Mord und Totschlag – eher seltene Ausnahmen in einem Land wie Deutschland. Sie machten laut der <a href="https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/PolizeilicheKriminalstatistik/PKS2025/pks2025_node.html" rel="noopener">Polizeilichen Kriminalstatistik</a> (PKS) des BKA für das Jahr 2025 weniger als 1 Prozent der erfassten Fälle von Gewaltkriminalität (n = 212.335) aus. Man könnte es aber umdrehen und sagen, dass 3.456 Fälle fast zehn am Tag sind. Das klingt auf einmal nach viel.</p> <p>Die richteten sich übrigens 2.291-mal gegen ein männliches, 1.165-mal gegen ein weibliches Opfer. Die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Tötungsdelikts zu werden, ist für einen Mann also ziemlich genau doppelt so hoch wie für eine Frau.</p> <p>Tötungsdelikte sind aber ein Beispiel für gute Polizeiarbeit: Die Aufklärungsquote liegt bei ihnen bei fast 100 Prozent. Ähnlich positiv ist die Bilanz zum Beispiel bei den sogenannten Rauschgiftdelikten. Über alle Delikte hinweg liegt sie aber bei nur rund 58 Prozent. (Am Rande zu den Rauschgiftdelikten: Selbst die Polizei erkannt an, dass dies „Straftaten ohne Opfer“ sind. Seit der Teillegalisierung von Cannabis zum 1. April 2024 hat sich deren Anzahl fast halbiert.)</p> <p>Und es gibt Tötungsdelikte in Deutschland, bei denen dem Strafrecht ein harter Riegel vorgeschoben ist: nämlich dann, wenn Täterinnen oder Täter jünger als 14 Jahre alt sind. In solchen Fällen geht das deutsche Strafrecht von einer allgemeinen Schuldunfähigkeit aus: „Schuldunfähig ist, wer bei Begehung der Tat noch nicht vierzehn Jahre alt ist“, steht in § 19 des Strafgesetzbuchs (StGB). Eine Ausnahme von der Schuldfähigkeit gibt es sonst nur, wenn jemand, kurz gesagt, beim Begehen einer Tat wegen einer psychischen Störung „unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln“ (§ 20 StGB). Letzteres wird meist als Einsichts- und Steuerungsfähigkeit zusammengefasst.<aside></aside></p> <p>Zum Glück sind solche schweren Taten von Kindern äußerst selten. Die PKS erfasste für das Jahr 2025 hiervon 25, also etwa eine alle zwei Wochen. Obwohl – oder vielleicht eher: <em>weil</em> – sie damit nur 4 von 1.000 Tötungsdelikten ausmachen, erhalten sie mitunter eine außergewöhnliche mediale Aufmerksamkeit.</p> <h2>Altersgrenzen</h2> <p>Altersgrenzen sind für rechtliche Zwecke äußerst praktisch, denn am Geburtsdatum einer Person besteht in unserer durchbürokratisierten Welt in der Regel kein Zweifel. So kennt das deutsche Recht heute <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Altersstufen_im_deutschen_Recht" rel="noopener">über 200 Altersgrenzen</a>, schon von vor der Geburt (zum Beispiel im Erbrecht, § 2101 BGB) bis zum 80. Lebensjahr, nämlich bei Verschollenen (§§ 3 und 9 VerschG).</p> <p>Dass solche Grenzen eher willkürlich gezogen sind, sieht man sowohl im historischen als auch im internationalen Vergleich. So galten in Deutschland bis 1923 zwölf Jahre als Untergrenze für die Strafmündigkeit. In der Weimarer Republik hob man sie auf 14 Jahre an. In der NS-Diktatur ließ man bei Straftaten zum „Schutz des Volkes“ wieder Ausnahmen ab zwölf Jahren zu. Natürlich legten damals die Diktatoren fest, wovor das Volk am meisten geschützt werden sollte – nämlich dem Ende ihrer Terrorherrschaft. In der Bundesrepublik legte man die Untergrenze dann wieder auf 14 Jahre fest.</p> <p>Betrachten wir für den internationalen Vergleich einmal die Nachbarländer von Deutschland. Ohne hier auf alle Feinheiten eingehen zu können, gilt Folgendes: In den Niederlanden, wo ich dieser Zeilen schreibe, liegt die Untergrenze bei zwölf Jahren; in Belgien und Luxemburg erst bei 18(!) Jahren; in Frankreich gibt es <em>gar keine</em> Untergrenze, die Möglichkeit für Freiheitsstrafen aber erst ab 13; in der Schweiz sind es wieder zwölf Jahre; in Österreich und Tschechien 14; in Polen sind es allgemein 17 Jahre, bei schweren Straftaten aber 15; und in Dänemark schließlich 15 Jahre. Zum Nachlesen gibt es hier <a href="https://www.bundestag.de/resource/blob/657526/c653898dc32a439fcef295ab9ad3475f/WD-7-120-19-pdf-data.pdf" rel="noopener">eine Übersicht</a> der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestags.</p> <p>Dieses – nennen wir es einmal: Durcheinander – ist der Status quo. Kann die Wissenschaft von der Entwicklung des Menschen hier vielleicht ein deutlicheres Bild liefern?</p> <h2>Wissenschaft von den Altersgrenzen</h2> <p>Vor fast zehn Jahren habe ich mir für meine Forschung zum ersten Mal so ein Beispiel angeschaut. Dabei ging es darum, in den Niederlanden die Altersgrenze für die mögliche Anwendung des Jugendstrafrechts <em>anzuheben</em>. Seit 2014 kann ein Strafgericht hier tatsächlich bis zum Alter von einschließlich 22 Jahren (in Deutschland: 20 Jahren) die milderen und pädagogischeren Regeln anwenden.</p> <p>In der Praxis ist das aber kaum von Bedeutung, weil fast alle Straftäterinnen und -täter in dieser Altersgruppe nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden (NL: &gt; 90 Prozent, DE: &gt; 33 Prozent). Die deutschen Strafgerichte gehen in dieser Hinsicht also eher milde mit jungen Erwachsenen um, die niederländischen ziemlich hart. Vor der genannten Anhebung der Altersgrenze wurden sogar über 99 Prozent nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt.</p> <p>In der Debatte hagelte es damals Argumente, die Hirnforschung zeige, dass sich die Gehirnentwicklung des Menschen noch bis in die 20er-Jahre fortsetze. Das ist einerseits trivial, weil sich das Gehirn ein Leben lang verändert. In Diskussionen etwa zum lebenslangen Lernen oder zur Rehabilitation nach Krankheiten oder Verletzungen nennt man das „Neuroplastizität“. Andererseits fand ich bei der näheren Untersuchung der für das Gesetz angeführten wissenschaftlichen Studien heraus, dass deren Ergebnisse die Altersgrenze von 22 Jahren gar nicht stützten und ihr im Teil sogar widersprachen (siehe <a href="https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2020.01762/full" rel="noopener">Schleim, 2020</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/echtes-neuro-strafrecht-ab-welchem-alter-ist-man-voll-verantwortlich/">Ab welchem Alter ist man voll verantwortlich?</a>). Saubere wissenschaftliche Arbeit geht anders.</p> <h2>Beispiel „Cannabisgehirn“</h2> <p>Mein zweites Fallbeispiel war das von mir so genannte „Cannabisgehirn“. Dass wichtige Stimmen in der deutschen Ärzteschaft gegen die Teillegalisierung von 2024 waren, ist bekannt; offiziell wollen sie das Gesetz jetzt sogar <a href="https://menschen-bilder.blog/2026/05/aerzteschaft-will-cannabis-wieder-verbieten-lassen/" rel="noopener">wieder rückabwickeln</a>, so wie es auch von den Unionsparteien und der AfD gefordert wird. Dass es endlich legale und sichere Wege für die rund 10 Prozent Cannabiskonsumierenden in Deutschland gibt, deren Anteil schon vor der Teillegalisierung seit vielen Jahren stieg, interessiert sie nicht.</p> <p>In der Diskussion um die Entkriminalisierung riefen sie, man müsse wegen der fortschreitenden Gehirnentwicklung eine Untergrenze von 25 Jahren beachten. Vom Bundestag in der Zeit der Ampelkoalition mit Bundesgesundheitsminister Prof. Dr. Dr. med. Karl Lauterbach (SPD) wurde als Untergrenze aber 18 Jahre festgelegt. Dazu kommen einige Einschränkungen, unter anderem im Straßenverkehr, bis zum Alter von einschließlich 20 Jahren.</p> <p>25, 22, 21, 18 Jahre – das sind viele Altersgrenzen, die alle, wie ihre Verteidiger gerne rufen, „wissenschaftlich“ gestützt sein sollen. Wieder ist trivial, dass die Gehirnentwicklung auch nach dem Alter von 25 Jahren voranschreitet. Zum Glück! Aber als ich mir die Studien zum „Cannabisgehirn“ anschaute, war das Ergebnis dasselbe, wie beim Fallbeispiel aus den Niederlanden: Die neurowissenschaftlichen Ergebnisse konnten eine Altersgrenze von 25 Jahren oft schon aus prinzipiellen Gründen gar nicht stützen und widersprachen ihr zum Teil sogar.</p> <p>Die fachlichen Details dazu kann man übrigens in Kürze erstmals auf Deutsch nachlesen, in meinem neuen Fachbuch <em><u><a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener">Zwischen Norm und Neuron. Altersgrenzen, Verantwortlichkeit und das Gehirn in rechtlichen Kontexten</a></u></em>. Alles ist nachvollziehbar und sollte jemand einen Fehler finden, wird der natürlich umgehend korrigiert.</p> <h2>Und die Untergrenze?</h2> <p>Wie wir oben sahen, gehen die Untergrenzen für die Strafmündigkeit schon bei Deutschlands Nachbarländern weit auseinander, vom Fehlen einer scharfen Grenze in Frankreich bis zu 18 Jahren in Belgien und Luxemburg. Wie schon angedeutet, sind dabei bestimmte Feinheiten zu bedenken, die aber eher für eine rechtswissenschaftlich-kriminologische Diskussion von Bedeutung sind.</p> <p>Hier geht es um die Frage, ob die Wissenschaft vielleicht eine bessere Unterscheidung stützen kann, als es die derzeitige Rechtslage hergibt. Wenn Tötungsdelikte von Kindern in die Medien kommen, spricht sich derzeit die Mehrheit der Forschenden in Deutschland <em>gegen</em> eine Absenkung der Altersgrenze von 14 Jahren aus. Manche berufen sich dabei auf den Stand der Wissenschaft.</p> <p>Übrigens wurde das Thema sogar in den „Wahl-O-Mat“ für die Bundestagswahl vom 27. Februar 2025 aufgenommen. Diese wird von der Bundeszentrale für politische Bildung angeboten. Frage 33 von 38 lautete: „Unter 14-Jährige sollen strafrechtlich belangt werden können.“ Wie hätten Sie entscheiden? Ja, nein, oder weiß nicht?</p> <p>Die fachliche Diskussion ist aber schon in dem Sinne fehlplatziert, dass sich das Gehirn, ja der ganze Körper sich kontinuierlich in einem Entwicklungs- und Veränderungsprozess befindet. Man kann allenfalls verschiedene Entwicklungsphasen voneinander unterscheiden. Und das ist, wie wir gleich sehen werden, schon schwierig genug und im Endeffekt auch eine pragmatische Entscheidung.</p> <p>Im Wesentlichen läuft es darauf hinaus, vor allem Phasen <em>unterschiedlicher Entwicklung</em> voneinander zu unterscheiden. Aber selbst das sind übrigens nicht rein biologische Tatsachen, sondern auch kulturelle: So verschiebt sich zurzeit in vielen westlichen Ländern <em>das Ende</em> der Jugend beziehungsweise Adoleszenz und damit <em>der Anfang</em> des selbstständigen Erwachsenenlebens nach hinten. Das hat damit zu tun, dass typische Kennzeichen des Erwachsenseins – wie die Aufnahme der ersten Arbeit, das Leben unabhängig von den Eltern, die feste Partnerschaft oder Hochzeit (wenn überhaupt) – immer später auftreten. Und hierfür gibt es sozio-kulturelle Gründe, die hier zu weit führen, aber zum Beispiel in meinem Buch nachgelesen werden können.</p> <h2>Kinder und Jugendliche</h2> <p>Das Ziehen einer Untergrenze für das Strafrecht ist so schwer, weil die Entwicklung bei Kindern viel schneller voranschreitet als bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Anders gesagt: Die Unterschiede zwischen einem zehn- und zwölfjährigen Menschen sind in der Regel größer als zwischen einem 17- und 19-Jährigen. Das wissen im Übrigen die meisten Eltern, auch ganz ohne wissenschaftliche Forschung.</p> <p>Aus alldem zeichnet sich schon ab, dass sich keine genaue Altersgrenze rein wissenschaftlich festlegen lässt. Es gibt weder im Gehirn noch sonst wo im Körper eine Art Schalter, der am 14., 18. oder 21. Geburtstag umgelegt und erklären würde, dass ein Mensch allenfalls eingeschränkt (ab 14), möglicherweise eingeschränkt (ab 18) oder gar nicht mehr eingeschränkt strafmündig (ab 21) wäre.</p> <p>Trotzdem gibt es so etwas wie einen wissenschaftlichen Konsens, wie ihn die folgende Abbildung darstellt. So legte schon in den 1980er-Jahren die Weltgesundheitsorganisation die Adoleszenz als die Phase von zehn bis einschließlich 19 Jahren fest. Dem schlossen sich später einschlägige wissenschaftliche Werke an oder dehnten das Ende dieser Lebensphase sogar bis zu einschließlich 24 oder 25 Jahren aus.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-scaled.png"><img alt="" decoding="async" height="311" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-1024x311.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-1024x311.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-300x91.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-768x234.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-1536x467.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-2048x623.png 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>In den Entwicklungswissenschaften wird die Adoleszenz, die Phase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter, heute auf den Altersbereich von neun oder zehn bis 24 oder 25 Jahren festgelegt. In diesem gibt es fließende Übergänge der Entwicklung eines Menschen. (Abbildung aus <a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener">Schleim, 2026</a>)</em></p> <p>Es ist also ein breiter wissenschaftlicher Konsens, von der Adoleszenz als einer Lebensphase von etwa neun oder zehn bis einschließlich 24 oder 25 Jahren zu sprechen. Ein bedeutender nordamerikanischer Entwicklungspsychologe setzte sich noch dafür ein, das Ende der Adoleszenz als abgetrennte Phase des „aufkommenden Erwachsenenalters“ zu unterscheiden, doch das müssen wir hier nicht weiter diskutieren.</p> <p>Was das alles für die Frage der Strafmündigkeit heißt und für Tötungsdelikte von Kindern bedeutet, behandeln wir im zweiten Teil genauer.</p> <h2>Das könnte Sie auch interessieren</h2> <ul> <li><a href="https://menschen-bilder.blog/2026/02/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts/" rel="noopener">Und wieder tötet ein Kind. Und wieder tut das Strafrecht nichts</a></li> <li><a href="https://menschen-bilder.blog/2026/02/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts-teil-2/" rel="noopener">Und wieder tötet ein Kind. Und wieder tut das Strafrecht nichts. Teil 2</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/echtes-neuro-strafrecht-ab-welchem-alter-ist-man-voll-verantwortlich/">Echtes Neuro-Strafrecht: Ab welchem Alter ist man voll verantwortlich?</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/vom-streit-um-die-willensfreiheit-zum-buergerkrieg-gruesse-aus-dem-17-jahrhundert/">Vom Streit um die Willensfreiheit zum Bürgerkrieg? Grüße aus dem 17. Jahrhundert</a></li> </ul> <h2>Quellen</h2> <ul> <li>Schleim, S. (2020). <a href="https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2020.01762/full" rel="noopener">Real neurolaw in the Netherlands: the role of the developing brain in the new adolescent criminal law</a>. <em>Frontiers in Psychology</em>, <em>11</em>, 1762.<br></br>Schleim, S. (2025). <a href="https://www.kriminalistik.de/99212.htm#Beitrag1" rel="noopener">Zur Rolle der Gehirnentwicklung für rechtliche Altersgrenzen: Ein psychologisch-neurowissenschaftlicher Blick auf die Ober- und Untergrenze des Jugendstrafrechts</a>. <em>Kriminalistik</em>, 79, 586-594.</li> <li>Schleim, S. (2026). <em><a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener">Zwischen Norm und Neuron. Altersgrenzen, Verantwortlichkeit und das Gehirn in rechtlichen Kontexten</a></em>. Göttingen: Hogrefe.</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/justice-statue-lady-justice-2060093/" rel="noopener">WilliamCho</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/e5c548ca0bca416795de6743ca931ef9" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/williamcho-justice-2060093-1024x683.jpg" /><h1>Die Strafmündigkeit und Tötungsdelikte von Kindern » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Wie oft kommen sie vor und was sagen die Entwicklungswissenschaften zu den Altersgrenzen des Rechts?</strong></p> <span id="more-3610"></span> <p>Zum Glück sind Tötungsdelikte – Mord und Totschlag – eher seltene Ausnahmen in einem Land wie Deutschland. Sie machten laut der <a href="https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/PolizeilicheKriminalstatistik/PKS2025/pks2025_node.html" rel="noopener">Polizeilichen Kriminalstatistik</a> (PKS) des BKA für das Jahr 2025 weniger als 1 Prozent der erfassten Fälle von Gewaltkriminalität (n = 212.335) aus. Man könnte es aber umdrehen und sagen, dass 3.456 Fälle fast zehn am Tag sind. Das klingt auf einmal nach viel.</p> <p>Die richteten sich übrigens 2.291-mal gegen ein männliches, 1.165-mal gegen ein weibliches Opfer. Die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Tötungsdelikts zu werden, ist für einen Mann also ziemlich genau doppelt so hoch wie für eine Frau.</p> <p>Tötungsdelikte sind aber ein Beispiel für gute Polizeiarbeit: Die Aufklärungsquote liegt bei ihnen bei fast 100 Prozent. Ähnlich positiv ist die Bilanz zum Beispiel bei den sogenannten Rauschgiftdelikten. Über alle Delikte hinweg liegt sie aber bei nur rund 58 Prozent. (Am Rande zu den Rauschgiftdelikten: Selbst die Polizei erkannt an, dass dies „Straftaten ohne Opfer“ sind. Seit der Teillegalisierung von Cannabis zum 1. April 2024 hat sich deren Anzahl fast halbiert.)</p> <p>Und es gibt Tötungsdelikte in Deutschland, bei denen dem Strafrecht ein harter Riegel vorgeschoben ist: nämlich dann, wenn Täterinnen oder Täter jünger als 14 Jahre alt sind. In solchen Fällen geht das deutsche Strafrecht von einer allgemeinen Schuldunfähigkeit aus: „Schuldunfähig ist, wer bei Begehung der Tat noch nicht vierzehn Jahre alt ist“, steht in § 19 des Strafgesetzbuchs (StGB). Eine Ausnahme von der Schuldfähigkeit gibt es sonst nur, wenn jemand, kurz gesagt, beim Begehen einer Tat wegen einer psychischen Störung „unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln“ (§ 20 StGB). Letzteres wird meist als Einsichts- und Steuerungsfähigkeit zusammengefasst.<aside></aside></p> <p>Zum Glück sind solche schweren Taten von Kindern äußerst selten. Die PKS erfasste für das Jahr 2025 hiervon 25, also etwa eine alle zwei Wochen. Obwohl – oder vielleicht eher: <em>weil</em> – sie damit nur 4 von 1.000 Tötungsdelikten ausmachen, erhalten sie mitunter eine außergewöhnliche mediale Aufmerksamkeit.</p> <h2>Altersgrenzen</h2> <p>Altersgrenzen sind für rechtliche Zwecke äußerst praktisch, denn am Geburtsdatum einer Person besteht in unserer durchbürokratisierten Welt in der Regel kein Zweifel. So kennt das deutsche Recht heute <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Altersstufen_im_deutschen_Recht" rel="noopener">über 200 Altersgrenzen</a>, schon von vor der Geburt (zum Beispiel im Erbrecht, § 2101 BGB) bis zum 80. Lebensjahr, nämlich bei Verschollenen (§§ 3 und 9 VerschG).</p> <p>Dass solche Grenzen eher willkürlich gezogen sind, sieht man sowohl im historischen als auch im internationalen Vergleich. So galten in Deutschland bis 1923 zwölf Jahre als Untergrenze für die Strafmündigkeit. In der Weimarer Republik hob man sie auf 14 Jahre an. In der NS-Diktatur ließ man bei Straftaten zum „Schutz des Volkes“ wieder Ausnahmen ab zwölf Jahren zu. Natürlich legten damals die Diktatoren fest, wovor das Volk am meisten geschützt werden sollte – nämlich dem Ende ihrer Terrorherrschaft. In der Bundesrepublik legte man die Untergrenze dann wieder auf 14 Jahre fest.</p> <p>Betrachten wir für den internationalen Vergleich einmal die Nachbarländer von Deutschland. Ohne hier auf alle Feinheiten eingehen zu können, gilt Folgendes: In den Niederlanden, wo ich dieser Zeilen schreibe, liegt die Untergrenze bei zwölf Jahren; in Belgien und Luxemburg erst bei 18(!) Jahren; in Frankreich gibt es <em>gar keine</em> Untergrenze, die Möglichkeit für Freiheitsstrafen aber erst ab 13; in der Schweiz sind es wieder zwölf Jahre; in Österreich und Tschechien 14; in Polen sind es allgemein 17 Jahre, bei schweren Straftaten aber 15; und in Dänemark schließlich 15 Jahre. Zum Nachlesen gibt es hier <a href="https://www.bundestag.de/resource/blob/657526/c653898dc32a439fcef295ab9ad3475f/WD-7-120-19-pdf-data.pdf" rel="noopener">eine Übersicht</a> der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestags.</p> <p>Dieses – nennen wir es einmal: Durcheinander – ist der Status quo. Kann die Wissenschaft von der Entwicklung des Menschen hier vielleicht ein deutlicheres Bild liefern?</p> <h2>Wissenschaft von den Altersgrenzen</h2> <p>Vor fast zehn Jahren habe ich mir für meine Forschung zum ersten Mal so ein Beispiel angeschaut. Dabei ging es darum, in den Niederlanden die Altersgrenze für die mögliche Anwendung des Jugendstrafrechts <em>anzuheben</em>. Seit 2014 kann ein Strafgericht hier tatsächlich bis zum Alter von einschließlich 22 Jahren (in Deutschland: 20 Jahren) die milderen und pädagogischeren Regeln anwenden.</p> <p>In der Praxis ist das aber kaum von Bedeutung, weil fast alle Straftäterinnen und -täter in dieser Altersgruppe nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden (NL: &gt; 90 Prozent, DE: &gt; 33 Prozent). Die deutschen Strafgerichte gehen in dieser Hinsicht also eher milde mit jungen Erwachsenen um, die niederländischen ziemlich hart. Vor der genannten Anhebung der Altersgrenze wurden sogar über 99 Prozent nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt.</p> <p>In der Debatte hagelte es damals Argumente, die Hirnforschung zeige, dass sich die Gehirnentwicklung des Menschen noch bis in die 20er-Jahre fortsetze. Das ist einerseits trivial, weil sich das Gehirn ein Leben lang verändert. In Diskussionen etwa zum lebenslangen Lernen oder zur Rehabilitation nach Krankheiten oder Verletzungen nennt man das „Neuroplastizität“. Andererseits fand ich bei der näheren Untersuchung der für das Gesetz angeführten wissenschaftlichen Studien heraus, dass deren Ergebnisse die Altersgrenze von 22 Jahren gar nicht stützten und ihr im Teil sogar widersprachen (siehe <a href="https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2020.01762/full" rel="noopener">Schleim, 2020</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/echtes-neuro-strafrecht-ab-welchem-alter-ist-man-voll-verantwortlich/">Ab welchem Alter ist man voll verantwortlich?</a>). Saubere wissenschaftliche Arbeit geht anders.</p> <h2>Beispiel „Cannabisgehirn“</h2> <p>Mein zweites Fallbeispiel war das von mir so genannte „Cannabisgehirn“. Dass wichtige Stimmen in der deutschen Ärzteschaft gegen die Teillegalisierung von 2024 waren, ist bekannt; offiziell wollen sie das Gesetz jetzt sogar <a href="https://menschen-bilder.blog/2026/05/aerzteschaft-will-cannabis-wieder-verbieten-lassen/" rel="noopener">wieder rückabwickeln</a>, so wie es auch von den Unionsparteien und der AfD gefordert wird. Dass es endlich legale und sichere Wege für die rund 10 Prozent Cannabiskonsumierenden in Deutschland gibt, deren Anteil schon vor der Teillegalisierung seit vielen Jahren stieg, interessiert sie nicht.</p> <p>In der Diskussion um die Entkriminalisierung riefen sie, man müsse wegen der fortschreitenden Gehirnentwicklung eine Untergrenze von 25 Jahren beachten. Vom Bundestag in der Zeit der Ampelkoalition mit Bundesgesundheitsminister Prof. Dr. Dr. med. Karl Lauterbach (SPD) wurde als Untergrenze aber 18 Jahre festgelegt. Dazu kommen einige Einschränkungen, unter anderem im Straßenverkehr, bis zum Alter von einschließlich 20 Jahren.</p> <p>25, 22, 21, 18 Jahre – das sind viele Altersgrenzen, die alle, wie ihre Verteidiger gerne rufen, „wissenschaftlich“ gestützt sein sollen. Wieder ist trivial, dass die Gehirnentwicklung auch nach dem Alter von 25 Jahren voranschreitet. Zum Glück! Aber als ich mir die Studien zum „Cannabisgehirn“ anschaute, war das Ergebnis dasselbe, wie beim Fallbeispiel aus den Niederlanden: Die neurowissenschaftlichen Ergebnisse konnten eine Altersgrenze von 25 Jahren oft schon aus prinzipiellen Gründen gar nicht stützen und widersprachen ihr zum Teil sogar.</p> <p>Die fachlichen Details dazu kann man übrigens in Kürze erstmals auf Deutsch nachlesen, in meinem neuen Fachbuch <em><u><a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener">Zwischen Norm und Neuron. Altersgrenzen, Verantwortlichkeit und das Gehirn in rechtlichen Kontexten</a></u></em>. Alles ist nachvollziehbar und sollte jemand einen Fehler finden, wird der natürlich umgehend korrigiert.</p> <h2>Und die Untergrenze?</h2> <p>Wie wir oben sahen, gehen die Untergrenzen für die Strafmündigkeit schon bei Deutschlands Nachbarländern weit auseinander, vom Fehlen einer scharfen Grenze in Frankreich bis zu 18 Jahren in Belgien und Luxemburg. Wie schon angedeutet, sind dabei bestimmte Feinheiten zu bedenken, die aber eher für eine rechtswissenschaftlich-kriminologische Diskussion von Bedeutung sind.</p> <p>Hier geht es um die Frage, ob die Wissenschaft vielleicht eine bessere Unterscheidung stützen kann, als es die derzeitige Rechtslage hergibt. Wenn Tötungsdelikte von Kindern in die Medien kommen, spricht sich derzeit die Mehrheit der Forschenden in Deutschland <em>gegen</em> eine Absenkung der Altersgrenze von 14 Jahren aus. Manche berufen sich dabei auf den Stand der Wissenschaft.</p> <p>Übrigens wurde das Thema sogar in den „Wahl-O-Mat“ für die Bundestagswahl vom 27. Februar 2025 aufgenommen. Diese wird von der Bundeszentrale für politische Bildung angeboten. Frage 33 von 38 lautete: „Unter 14-Jährige sollen strafrechtlich belangt werden können.“ Wie hätten Sie entscheiden? Ja, nein, oder weiß nicht?</p> <p>Die fachliche Diskussion ist aber schon in dem Sinne fehlplatziert, dass sich das Gehirn, ja der ganze Körper sich kontinuierlich in einem Entwicklungs- und Veränderungsprozess befindet. Man kann allenfalls verschiedene Entwicklungsphasen voneinander unterscheiden. Und das ist, wie wir gleich sehen werden, schon schwierig genug und im Endeffekt auch eine pragmatische Entscheidung.</p> <p>Im Wesentlichen läuft es darauf hinaus, vor allem Phasen <em>unterschiedlicher Entwicklung</em> voneinander zu unterscheiden. Aber selbst das sind übrigens nicht rein biologische Tatsachen, sondern auch kulturelle: So verschiebt sich zurzeit in vielen westlichen Ländern <em>das Ende</em> der Jugend beziehungsweise Adoleszenz und damit <em>der Anfang</em> des selbstständigen Erwachsenenlebens nach hinten. Das hat damit zu tun, dass typische Kennzeichen des Erwachsenseins – wie die Aufnahme der ersten Arbeit, das Leben unabhängig von den Eltern, die feste Partnerschaft oder Hochzeit (wenn überhaupt) – immer später auftreten. Und hierfür gibt es sozio-kulturelle Gründe, die hier zu weit führen, aber zum Beispiel in meinem Buch nachgelesen werden können.</p> <h2>Kinder und Jugendliche</h2> <p>Das Ziehen einer Untergrenze für das Strafrecht ist so schwer, weil die Entwicklung bei Kindern viel schneller voranschreitet als bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Anders gesagt: Die Unterschiede zwischen einem zehn- und zwölfjährigen Menschen sind in der Regel größer als zwischen einem 17- und 19-Jährigen. Das wissen im Übrigen die meisten Eltern, auch ganz ohne wissenschaftliche Forschung.</p> <p>Aus alldem zeichnet sich schon ab, dass sich keine genaue Altersgrenze rein wissenschaftlich festlegen lässt. Es gibt weder im Gehirn noch sonst wo im Körper eine Art Schalter, der am 14., 18. oder 21. Geburtstag umgelegt und erklären würde, dass ein Mensch allenfalls eingeschränkt (ab 14), möglicherweise eingeschränkt (ab 18) oder gar nicht mehr eingeschränkt strafmündig (ab 21) wäre.</p> <p>Trotzdem gibt es so etwas wie einen wissenschaftlichen Konsens, wie ihn die folgende Abbildung darstellt. So legte schon in den 1980er-Jahren die Weltgesundheitsorganisation die Adoleszenz als die Phase von zehn bis einschließlich 19 Jahren fest. Dem schlossen sich später einschlägige wissenschaftliche Werke an oder dehnten das Ende dieser Lebensphase sogar bis zu einschließlich 24 oder 25 Jahren aus.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-scaled.png"><img alt="" decoding="async" height="311" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-1024x311.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-1024x311.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-300x91.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-768x234.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-1536x467.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-2048x623.png 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>In den Entwicklungswissenschaften wird die Adoleszenz, die Phase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter, heute auf den Altersbereich von neun oder zehn bis 24 oder 25 Jahren festgelegt. In diesem gibt es fließende Übergänge der Entwicklung eines Menschen. (Abbildung aus <a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener">Schleim, 2026</a>)</em></p> <p>Es ist also ein breiter wissenschaftlicher Konsens, von der Adoleszenz als einer Lebensphase von etwa neun oder zehn bis einschließlich 24 oder 25 Jahren zu sprechen. Ein bedeutender nordamerikanischer Entwicklungspsychologe setzte sich noch dafür ein, das Ende der Adoleszenz als abgetrennte Phase des „aufkommenden Erwachsenenalters“ zu unterscheiden, doch das müssen wir hier nicht weiter diskutieren.</p> <p>Was das alles für die Frage der Strafmündigkeit heißt und für Tötungsdelikte von Kindern bedeutet, behandeln wir im zweiten Teil genauer.</p> <h2>Das könnte Sie auch interessieren</h2> <ul> <li><a href="https://menschen-bilder.blog/2026/02/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts/" rel="noopener">Und wieder tötet ein Kind. Und wieder tut das Strafrecht nichts</a></li> <li><a href="https://menschen-bilder.blog/2026/02/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts-teil-2/" rel="noopener">Und wieder tötet ein Kind. Und wieder tut das Strafrecht nichts. Teil 2</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/echtes-neuro-strafrecht-ab-welchem-alter-ist-man-voll-verantwortlich/">Echtes Neuro-Strafrecht: Ab welchem Alter ist man voll verantwortlich?</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/vom-streit-um-die-willensfreiheit-zum-buergerkrieg-gruesse-aus-dem-17-jahrhundert/">Vom Streit um die Willensfreiheit zum Bürgerkrieg? Grüße aus dem 17. Jahrhundert</a></li> </ul> <h2>Quellen</h2> <ul> <li>Schleim, S. (2020). <a href="https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2020.01762/full" rel="noopener">Real neurolaw in the Netherlands: the role of the developing brain in the new adolescent criminal law</a>. <em>Frontiers in Psychology</em>, <em>11</em>, 1762.<br></br>Schleim, S. (2025). <a href="https://www.kriminalistik.de/99212.htm#Beitrag1" rel="noopener">Zur Rolle der Gehirnentwicklung für rechtliche Altersgrenzen: Ein psychologisch-neurowissenschaftlicher Blick auf die Ober- und Untergrenze des Jugendstrafrechts</a>. <em>Kriminalistik</em>, 79, 586-594.</li> <li>Schleim, S. (2026). <em><a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener">Zwischen Norm und Neuron. Altersgrenzen, Verantwortlichkeit und das Gehirn in rechtlichen Kontexten</a></em>. Göttingen: Hogrefe.</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/justice-statue-lady-justice-2060093/" rel="noopener">WilliamCho</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/e5c548ca0bca416795de6743ca931ef9" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/die-strafmuendigkeit-und-toetungsdelikte-von-kindern/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>8</slash:comments> </item> <item> <title>Asbestbelastung der Luft in Stadt und Land https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/asbestbelastung-der-luft-in-stadt-und-land/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/asbestbelastung-der-luft-in-stadt-und-land/#comments Tue, 02 Jun 2026 19:49:20 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3801 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c.jpg Warnschild "Achtung Asbest" und Person im Schutzanzug https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/asbestbelastung-der-luft-in-stadt-und-land/ <h1>Asbestbelastung der Luft in Stadt und Land » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-06-02T21:49:20+02:00">02. Juni 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 14 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Ich arbeite in einem Asbestlabor. Eine Frage, die uns von unseren Kunden häufig gestellt wird, ist, wie hoch die geogene Hintergrundbelastung, also die Belastung unserer Atemluft mit Asbestfasern, ist. Dazu muss man aber anmerken, dass die Umwelt, in der wir uns aufhalten, auch in sehr starkem Maße von uns Menschen geprägt ist. Die Belastung dürfte daher weit weniger geogen und vielmehr vom Menschen und seinen Werken beeinflusst sein. Die mit Abstand wichtigste Quelle der Hintergrundbelastung sind die asbesthaltigen Materialien in und an unseren Gebäuden und Fahrzeugen.</p> <p>Dazu ist im letzten Jahr glücklicherweise ein Paper erschienen, in dem rund 22 Studien zu dem Thema zusammengefasst wurden [1]. Dabei wurden Untersuchungen von Gebieten mit asbestbezogenen Industrien oder in der Nähe von erhöhten natürlichen Asbestvorkommen herausgenommen. Es zeigte sich, dass niedrige, aber nicht zu vernachlässigende Belastungen der Außenluft auftreten können.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c.jpg"><img alt="Warnschild &quot;Achtung Asbest&quot; und Person im Schutzanzug" decoding="async" height="800" sizes="(max-width: 534px) 100vw, 534px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c.jpg 534w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c-200x300.jpg 200w" width="534"></img></a></figure> <h2><br></br>Die sechs Asbestminerale</h2> <p>Teil nicht miteinander verwandt sind. Da wäre zunächst das Serpentinmineral Chrysotil, das mit einem Anteil von 90 bis 95 % der weltweit am häufigsten verwendete Asbest ist [2]. Die übrigen fünf Asbestminerale sind die Amphibole Krokydolith (das Mineral Riebeckit), Amosit (mineralogisch eigentlich das Mineral Grunerit) sowie die wirtschaftlich deutlich untergeordneten Minerale Anthophyllit, Aktinolith und Tremolit. Die<a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/reden-wir-ueber-asbestanalytik-dconex-2026-teil-2/"> Mineralogie der Amphibolasbeste</a> hatte ich hier ja auch schon behandelt.</p> <p>All diesen Mineralien ist eines gemein. Sie neigen dazu, lange, dünne und faserförmige Kristalle zu bilden, deren Verhältnis von Länge zu Dicke meist deutlich besser als 5 zu 1 ist. Diese Eigenschaft sowie ihre außergewöhnliche Zugfestigkeit, Haltbarkeit und Hitzebeständigkeit machten die mineralischen Fasern zu einem begehrten Rohstoff [3]. Eine der Hauptanwendungen von Asbest lag im Bereich der Baumaterialien, beispielsweise bei der Wärmedämmung, in der Zementproduktion oder als Brandschutz. Auch heute noch kann man Asbest oft als Dach- oder Wandverkleidung oder in Form von Asbestzementrohren antreffen. Ebenso verbreitet sind Bodenbeläge, die Asbest enthalten, sowie Leichtbauplatten. Dabei kann der Asbestgehalt je nach Hersteller oder Land deutlich variieren ​[4] ​[5] .</p> <p>Und nicht nur dort: Auch als Bremsbeläge oder in Kupplungen wurde lange Zeit Asbest verwendet. [3]. Die globale Nutzung von Asbest erreichte 1970 mit rund 4,5 Millionen Tonnen pro Jahr ihren Höhepunkt [6]. Aufgrund der großen Langlebigkeit der Faser und der damit hergestellten Produkte ist Asbest auch heute noch weltweit in großer Zahl verbreitet.<aside></aside></p> <h3><br></br>Lange Latenzzeit</h3> <p>Das wäre sicher auch kein großes Problem, wenn die faserförmigen Minerale nicht erwiesenermaßen krebserzeugend wären [7]. Es gilt als erwiesen, dass die Exposition gegenüber Asbest verschiedene Erkrankungen verursacht, darunter bösartige Mesotheliome, Lungenkrebs, Kehlkopfkrebs oder Eierstockkrebs. Darüber hinaus kann eine Exposition auch zu Lungenfibrose, auch als Asbestose bekannt, sowie zu anderen pleuralen Erkrankungen führen.</p> <p>Laut WHO ist Asbest weltweit für jährlich rund 200 000 Todesfälle verantwortlich [8]. Problematisch ist die lange Latenzzeit zwischen einer Asbestexposition und dem Beginn der Erkrankung. Diese kann durchaus Jahrzehnte betragen, weshalb auch noch sehr lange Zeit nach einem Asbestverbot asbestbedingte Krankheiten auftreten. So nahm die globale Inzidenz neuer Mesotheliomfälle im Zeitraum von 1990 bis 2017 zu. Für das Jahr 2017 wurden 34 615 neue Fälle in der Global Burden of Disease Datenbank verzeichnet [9].</p> <h3><br></br>Berufliche vs. nicht-berufliche Exposition</h3> <p>Laut der WHO wird bei Asbest zwischen beruflicher und nichtberuflicher Exposition unterschieden. Als berufliche Exposition werden alle Situationen bezeichnet, in denen Menschen direkt oder indirekt mit der Handhabung von Asbest oder asbesthaltigen Produkten in Kontakt kommen. Die nichtberufliche Exposition ist dagegen ein Oberbegriff für verschiedene Arten der Exposition, die unabhängig von der jeweiligen Arbeit auftreten. Dazu gehört auch die normale Hintergrundbelastung der Umwelt.</p> <h3><br></br>geogene Asbeste und andere Quellen</h3> <p>Dabei wird bei der Hintergrundbelastung zwischen verschiedenen Quellen unterschieden. Einerseits gibt es die sogenannten „natürlichen Asbeste“, die ich eigentlich lieber als „akzessorische Asbeste“ bezeichnen würde. Das Thema hatte ich an anderer Stelle ja schon diskutiert. Andererseits gibt es die Freisetzung aus technischen Asbestprodukten, sei es durch Verwitterung, Abnutzung oder unsachgemäße Verwendung oder Handhabung.</p> <p>Zu den Quellen des geogenen, akzessorischen oder „natürlichen“ Asbests zählen Vorkommen in lokalen Gesteinen und Böden. Auch aus asbesthaltigen Baumaterialien können durch Verwitterung oder menschliche Aktivitäten Asbestfasern freigesetzt werden [10]. Dabei spielt die weltweite Verbreitung asbesthaltiger Produkte sicher eine dominierende Rolle bei der Hintergrundbelastung in unseren Städten und industriellen Regionen. Dies dürfte insbesondere für Länder gelten, in denen die Verwendung von Asbest und asbesthaltigen Produkten bereits seit Längerem verboten ist [11].</p> <p>Insbesondere die der Umwelt ausgesetzten Asbestprodukte im Außenbereich zeigen über längere Zeiträume deutliche Spuren von Verwitterung. Bestimmte Umstände wie Klima, saurer Regen oder atmosphärische Belastung können diese Verwitterung beschleunigen [12] [13]. Dabei können die Bindungen der Asbestfasern entsprechend gelöst werden, sodass diese Fasern in die Luft gelangen. Von dort aus können sie schließlich entweder direkt zum Menschen oder zum Boden gelangen [13].</p> <p>Selbst der Abbau von asbestbelasteten Faserzementdächern kann zu einer geringen Emission von Asbestfasern führen [12]. Langfristige Expositionen gegenüber auch niedrigen Asbestkonzentrationen können deutliche negative Auswirkungen haben [14]. So zeigt sich beispielsweise eine erhöhte Inzidenz von Mesotheliomen bei einer erhöhten Umweltbelastung durch Asbest, insbesondere bei Kindern, deren Schulen in der Nähe von Asbestzementwerken lagen [15]. Es gibt anscheinend keinen sicheren Schwellenwert für die krebserregende Wirkung der Asbestfasern [16].</p> <h2>Asbest in Außenluft am Beispiel Asbestzementdächer</h2> <p>In Polen wurden einige Untersuchungen zu Asbest in der Außenluft durchgeführt. Die Menge der in Polen verbauten asbesthaltigen Bauprodukte wird auf rund 15 Mio. Tonnen geschätzt, wovon 96 % als Faserzement vorliegen [17]. In der untersuchten Stadt Sosnowiec mit rund 190.000 Einwohnern haben vermutlich 98 % aller Einfamilienhäuser, Wohngebäude und gewerblichen Immobilien asbesthaltige Baumaterialien, meist in Form von Fassaden- oder Dachplatten, verbaut. In 51 von 100 Luftproben lag die Faserkonzentration unterhalb der Nachweisgrenze von 1.000 f/m³, in den übrigen Proben lag sie zwischen 1.000 und 9.000 f/m³. Dabei wurden die höheren Werte meist in direkter Nähe der asbesthaltigen Gebäude gemessen, während die Konzentration mit zunehmender Entfernung (100 bis 500 Meter) rasch unter die Nachweisgrenze sank [17].</p> <p>Eine andere Studie aus Polen deutet in eine ähnliche Richtung. Dabei wurden Faserkonzentrationen an drei verschiedenen Bauernhöfen in der Region Lublin untersucht. Zwei der Höfe besaßen Asbestzementdächer in unterschiedlichem Zustand, der dritte ein asbestfreies Dach. Es wurden jeweils 72 Proben in direkter Nähe der betreffenden Gebäude gesammelt.</p> <p>Bei dem asbestfreien Dach (Hof A) lagen die beobachteten Faserkonzentrationen im Bereich von 30 f/m³. Bei dem Hof mit dem Asbestzementdach in gutem Zustand (Hof B) stieg die durchschnittliche Faserkonzentration bereits auf 328 f/m³. In der Nähe des Hofes mit dem Asbestzementdach in schlechtem Zustand (Hof C) lag die durchschnittliche Faserkonzentration schließlich bei 529 f/m³. Dabei ist jedoch zu beachten, dass nicht alle Proben auffällig waren: 71 % der Proben von Hof A, 24 % der Proben von Hof B und 10 % der Proben von Hof C wiesen keine Fasern auf [18].</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/chrysotil-klein.jpg"><img alt="" decoding="async" height="375" sizes="(max-width: 500px) 100vw, 500px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/chrysotil-klein.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/chrysotil-klein.jpg 500w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/chrysotil-klein-300x225.jpg 300w" width="500"></img></a><figcaption><em>Chrysotilfasern auf einem goldbedampften Kernporenfilter</em></figcaption></figure> <h3>Asbestzement und natürliche Quellen</h3> <p><br></br>Auch in der norditalienischen Stadt Turin gibt es viele Gebäude, die mit asbesthaltigen Baumaterialien errichtet wurden. Zusätzlich enthält die Geologie in der Umgebung der Stadt viele Gesteine, die natürlicherweise Asbest enthalten und ebenfalls zur Hintergrundbelastung beitragen. Im Rahmen einer Studie wurden 48 Luftproben in einer Höhe von 1,5 Metern gesammelt und untersucht. Es wurden zwischen 500 und 2.700 Fasern pro Kubikmeter Chrysotil gefunden, während andere Amphibolasbeste, insbesondere Amosit und Krokydolith, nicht nachzuweisen waren. Inwieweit asbesthaltige Baumaterialien oder die natürlichen Quellen als Quellen in Frage kommen, wurde im Rahmen der Studie nicht weiter geklärt. Andererseits wurden aber auch durchschnittlich 600 f/m³ der Amphibolasbeste Tremolit und Aktinolith gefunden. Diese beiden Asbestarten wurden, wenn überhaupt, nur in sehr untergeordnetem Maße technisch verwendet und sind überwiegend auf akzessorischen Asbest aus natürlichen Quellen zurückzuführen. Dies dürfte auch hier die Hauptquelle sein, da ihr Auftreten deutlich mit der Windrichtung aus den diese Minerale enthaltenden Gesteinen korreliert [19].</p> <h2>Asbestbelastung durch Verkehr</h2> <p>Bevor Asbest in Europa absolut verboten wurde, kam es auch in verschiedenen Bereichen des Transportwesens und des Verkehrs zum Einsatz. Insbesondere asbesthaltige Bremsbeläge und Kupplungen in Fahrzeugen sind zu nennen. Untersuchungen in Regionen, in denen diese Materialien im Verkehr noch immer eine Rolle spielen, deuten darauf hin, dass auch hier eine Quelle für die Luftbelastung durch Asbestfasern zu finden ist.</p> <p>Eine Studie mit 60 Luftproben von belebten Kreuzungen in 20 Städten im Südwesten Polens zeigt, dass die Faserkonzentrationen im Tagesverlauf mit dem Verkehrsaufkommen schwanken. Dabei reichten die Faserkonzentrationen von 141 f/m³ bis hin zu 1 700 f/m³. Generell war die Belastung in kleineren Städten niedriger als in größeren Städten [20].</p> <p>Vergleichbare Untersuchungen stammen auch aus dem Iran und dem Irak. Hier werden asbestbelastete Kupplungen und Bremsbeläge als Hauptquelle vermutet, wobei die Beteiligung anderer Quellen, wie etwa asbestbelastete Baustoffe, nicht ausgeschlossen werden kann.</p> <p>Hinzu kommt, dass es im Iran zwar seit 2011 ein Verbot von Asbest in industriellen Anwendungen gibt, dieses jedoch offenbar nicht konsequent durchgesetzt wurde. So sind asbesthaltige Bremsbeläge beispielsweise immer noch weit verbreitet im Einsatz [21] [22]. Dennoch soll die Belastung der Luft in Teheran nach 2011 drastisch abgenommen haben [22]. Vor dem Verbot lag die Belastung der Luft in Teheran bei bis zu 200.000 f/m³ [23]. Nach dem Verbot lag die durchschnittliche Luftbelastung in städtischen Gebieten des Irans zwischen weniger als 100 und rund 18.000 f/m³ [24][25][21][22].</p> <p>Die Ergebnisse aus dem Irak sind mit Belastungen zwischen 78.000 und 121.000 f/m³ vergleichbar [26][27].</p> <h2>Zusammenfassung</h2> <p>Zusammengefasst kann man festhalten, dass sowohl asbestbelastete Baustoffe als auch asbesthaltige Bremsbeläge und Kupplungen einen Beitrag zur allgemeinen Asbestbelastung der Luft leisten. Für Deutschland und Europa dürften die Baustoffe maßgeblicher sein, da die Zahl der mit asbesthaltigen Belägen ausgestatteten Fahrzeuge aufgrund der langen Zeiträume seit dem Asbestverbot (Deutschland seit 1993 und die EU seit 2005) sowie der weitgehend konsequenten Durchsetzung vermutlich nur noch gering sein dürfte. Einen Überblick über die Pro-Kopf-Verbräuche von Asbest und die einzelnen Asbestverbote für verschiedene europäische Länder findet man hier [28].</p> <p>Allerdings dürfte sich das Bild in der Vergangenheit durchaus anders präsentiert haben, besonders an belebten Verkehrsknotenpunkten.</p> <p>Im Vergleich zum Verkehr scheinen Baustoffe deutlich weniger Asbestemissionen zu verursachen. Zwar waren die Belastungen messbar, jedoch meist relativ niedrig – auch im Vergleich zu den Belastungen des Verkehrs. Dennoch sind auch hier teilweise Faserkonzentrationen aufgetreten, die fast an den Bereich der Akzeptanzkonzentration (10 000 f/m³) heranreichen, wobei man jedoch beachten sollte, dass Arbeitsplatzwerte sicher nicht mit Langzeitbelastungen vergleichbar sind.</p> <p>Zudem sind viele der Messergebnisse nur schwer auf andere Gebiete zu übertragen. Oft spielen die Dichte der Bebauung sowie der Zustand und die Dichte der asbestbelasteten Baustoffe eine Rolle. Wie das Beispiel der drei Höfe in Polen zeigt, hat die Verwitterung einen direkten Einfluss auf das Freisetzungsverhalten der Materialien. Dies ist durchaus ein Anlass zur Sorge, denn viele der Asbestzementdächer sind in die Jahre gekommen und ständig der Verwitterung ausgesetzt. Ihr Zustand wird sich mit Sicherheit nicht verbessern. Aus diesem Grund dürfte es an der Zeit sein, diese Altlasten auf unseren Dächern und Fassaden loszuwerden (ein weiterer Grund sollte die<a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/asbest-als-zusaetzliche-gefahr-im-falle-von-naturkatastrophen/"> Gefahr bei Naturkatastrophen</a> sein).</p> <h2>Welche Auswirkungen hat die Belastung für die Gesundheit?</h2> <p>Es gibt verschiedene Untersuchungen zur Erhöhung der Mesotheliom-Inzidenz durch Hintergrundbelastung mit Asbestfasern [29], [15], [30]. Dabei korrelierten die Faserkonzentrationen durchaus mit der Menge der Asbestzementdächer in der direkten Umgebung. Ein Zusammenhang mit den beobachteten Inzidenzen an malignen Mesotheliomen ließ sich jedoch nicht nachweisen [29]. Dies kann unter anderem der sehr langen Latenzzeit dieser Erkrankung geschuldet sein.</p> <p>Das Problem besteht darin, die Folgen einer längeren Exposition gegenüber sehr niedrigen Faserkonzentrationen einzuschätzen. Zwar gibt es eine sehr große Zahl epidemiologischer Studien über den Zusammenhang zwischen Asbest-Exposition und verschiedenen asbestbedingten Erkrankungen, doch die überwiegende Anzahl dieser Untersuchungen geht von einer beruflichen Exposition mit hohen Faserzahlen aus. Die dabei ermittelten Risiken auf die beobachteten niedrigen Faserzahlen der Umweltbelastung herunterzubrechen, ist nicht ganz trivial. Laut der WHO könnte das Risiko, an einem Mesotheliom zu erkranken, bei einer lebenslangen Exposition von rund 1000 f/m³ in der Größenordnung von 1 : 10 000 bis 1 : 100 000 liegen [31]. Wie man gut sehen kann, ist diese Abschätzung mit einer erheblichen Unsicherheit behaftet. Zudem basiert diese Abschätzung auf Kohortenstudien, deren Expositionsdaten nicht immer die notwendige Qualität hatten und bei denen auch nicht immer deutlich wird, ob es frühere, höhere Expositionen gab. Außerdem kann der lange Latenzzeitraum zwischen der Exposition und dem Auftreten der Erkrankung zu einer Unterschätzung der Fallzahlen führen. Unklar ist auch, ob sich die bei höheren beruflichen Expositionen ermittelten Risiken ohne Weiteres auf Bereiche mit niedriggradigen Expositionen übertragen lassen.</p> <p>Letztlich läuft alles auf eine Debatte über die Definition eines akzeptablen Risikos hinaus. So hält die amerikanische Umweltschutzbehörde das lebenslange Krebsrisiko beispielsweise für vernachlässigbar, wenn es unter 1:1.000.000 liegt, während sie Risiken von 1:10.000 in der Regel für inakzeptabel hält.</p> <p>Insofern kann für die Belastung durch alte Asbestzementdächer vermutlich weitgehend Entwarnung gegeben werden. Die beobachteten Werte liegen weit unter den nicht mehr tolerierbaren Risiken und scheinen, wenn überhaupt, nur sehr lokal erhöht zu sein.</p> <p>Messungen an Verkehrsknotenpunkten haben jedoch gezeigt, dass diese Art der Asbestanwendung ein erhebliches Potenzial zur Freisetzung von Fasern hat. Damit verbunden besteht auch ein erhebliches Risiko für Menschen, die dieser Belastung dauerhaft oder zumindest über längere Zeiträume ausgesetzt sind. In Europa hat das Verbot dieser Produkte zumindest zu einer deutlichen Verringerung der Exposition geführt.</p> <h2>References</h2> <ul> <li>[1] <strong>Sørensen, M. K.; Deen, L.; Khoury, G.; Petersen, J. A.; Thomsen, J. 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Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen.&#xD; &#xD; Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Asbestbelastung der Luft in Stadt und Land » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-06-02T21:49:20+02:00">02. Juni 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 14 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Ich arbeite in einem Asbestlabor. Eine Frage, die uns von unseren Kunden häufig gestellt wird, ist, wie hoch die geogene Hintergrundbelastung, also die Belastung unserer Atemluft mit Asbestfasern, ist. Dazu muss man aber anmerken, dass die Umwelt, in der wir uns aufhalten, auch in sehr starkem Maße von uns Menschen geprägt ist. Die Belastung dürfte daher weit weniger geogen und vielmehr vom Menschen und seinen Werken beeinflusst sein. Die mit Abstand wichtigste Quelle der Hintergrundbelastung sind die asbesthaltigen Materialien in und an unseren Gebäuden und Fahrzeugen.</p> <p>Dazu ist im letzten Jahr glücklicherweise ein Paper erschienen, in dem rund 22 Studien zu dem Thema zusammengefasst wurden [1]. Dabei wurden Untersuchungen von Gebieten mit asbestbezogenen Industrien oder in der Nähe von erhöhten natürlichen Asbestvorkommen herausgenommen. Es zeigte sich, dass niedrige, aber nicht zu vernachlässigende Belastungen der Außenluft auftreten können.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c.jpg"><img alt="Warnschild &quot;Achtung Asbest&quot; und Person im Schutzanzug" decoding="async" height="800" sizes="(max-width: 534px) 100vw, 534px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c.jpg 534w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c-200x300.jpg 200w" width="534"></img></a></figure> <h2><br></br>Die sechs Asbestminerale</h2> <p>Teil nicht miteinander verwandt sind. Da wäre zunächst das Serpentinmineral Chrysotil, das mit einem Anteil von 90 bis 95 % der weltweit am häufigsten verwendete Asbest ist [2]. Die übrigen fünf Asbestminerale sind die Amphibole Krokydolith (das Mineral Riebeckit), Amosit (mineralogisch eigentlich das Mineral Grunerit) sowie die wirtschaftlich deutlich untergeordneten Minerale Anthophyllit, Aktinolith und Tremolit. Die<a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/reden-wir-ueber-asbestanalytik-dconex-2026-teil-2/"> Mineralogie der Amphibolasbeste</a> hatte ich hier ja auch schon behandelt.</p> <p>All diesen Mineralien ist eines gemein. Sie neigen dazu, lange, dünne und faserförmige Kristalle zu bilden, deren Verhältnis von Länge zu Dicke meist deutlich besser als 5 zu 1 ist. Diese Eigenschaft sowie ihre außergewöhnliche Zugfestigkeit, Haltbarkeit und Hitzebeständigkeit machten die mineralischen Fasern zu einem begehrten Rohstoff [3]. Eine der Hauptanwendungen von Asbest lag im Bereich der Baumaterialien, beispielsweise bei der Wärmedämmung, in der Zementproduktion oder als Brandschutz. Auch heute noch kann man Asbest oft als Dach- oder Wandverkleidung oder in Form von Asbestzementrohren antreffen. Ebenso verbreitet sind Bodenbeläge, die Asbest enthalten, sowie Leichtbauplatten. Dabei kann der Asbestgehalt je nach Hersteller oder Land deutlich variieren ​[4] ​[5] .</p> <p>Und nicht nur dort: Auch als Bremsbeläge oder in Kupplungen wurde lange Zeit Asbest verwendet. [3]. Die globale Nutzung von Asbest erreichte 1970 mit rund 4,5 Millionen Tonnen pro Jahr ihren Höhepunkt [6]. Aufgrund der großen Langlebigkeit der Faser und der damit hergestellten Produkte ist Asbest auch heute noch weltweit in großer Zahl verbreitet.<aside></aside></p> <h3><br></br>Lange Latenzzeit</h3> <p>Das wäre sicher auch kein großes Problem, wenn die faserförmigen Minerale nicht erwiesenermaßen krebserzeugend wären [7]. Es gilt als erwiesen, dass die Exposition gegenüber Asbest verschiedene Erkrankungen verursacht, darunter bösartige Mesotheliome, Lungenkrebs, Kehlkopfkrebs oder Eierstockkrebs. Darüber hinaus kann eine Exposition auch zu Lungenfibrose, auch als Asbestose bekannt, sowie zu anderen pleuralen Erkrankungen führen.</p> <p>Laut WHO ist Asbest weltweit für jährlich rund 200 000 Todesfälle verantwortlich [8]. Problematisch ist die lange Latenzzeit zwischen einer Asbestexposition und dem Beginn der Erkrankung. Diese kann durchaus Jahrzehnte betragen, weshalb auch noch sehr lange Zeit nach einem Asbestverbot asbestbedingte Krankheiten auftreten. So nahm die globale Inzidenz neuer Mesotheliomfälle im Zeitraum von 1990 bis 2017 zu. Für das Jahr 2017 wurden 34 615 neue Fälle in der Global Burden of Disease Datenbank verzeichnet [9].</p> <h3><br></br>Berufliche vs. nicht-berufliche Exposition</h3> <p>Laut der WHO wird bei Asbest zwischen beruflicher und nichtberuflicher Exposition unterschieden. Als berufliche Exposition werden alle Situationen bezeichnet, in denen Menschen direkt oder indirekt mit der Handhabung von Asbest oder asbesthaltigen Produkten in Kontakt kommen. Die nichtberufliche Exposition ist dagegen ein Oberbegriff für verschiedene Arten der Exposition, die unabhängig von der jeweiligen Arbeit auftreten. Dazu gehört auch die normale Hintergrundbelastung der Umwelt.</p> <h3><br></br>geogene Asbeste und andere Quellen</h3> <p>Dabei wird bei der Hintergrundbelastung zwischen verschiedenen Quellen unterschieden. Einerseits gibt es die sogenannten „natürlichen Asbeste“, die ich eigentlich lieber als „akzessorische Asbeste“ bezeichnen würde. Das Thema hatte ich an anderer Stelle ja schon diskutiert. Andererseits gibt es die Freisetzung aus technischen Asbestprodukten, sei es durch Verwitterung, Abnutzung oder unsachgemäße Verwendung oder Handhabung.</p> <p>Zu den Quellen des geogenen, akzessorischen oder „natürlichen“ Asbests zählen Vorkommen in lokalen Gesteinen und Böden. Auch aus asbesthaltigen Baumaterialien können durch Verwitterung oder menschliche Aktivitäten Asbestfasern freigesetzt werden [10]. Dabei spielt die weltweite Verbreitung asbesthaltiger Produkte sicher eine dominierende Rolle bei der Hintergrundbelastung in unseren Städten und industriellen Regionen. Dies dürfte insbesondere für Länder gelten, in denen die Verwendung von Asbest und asbesthaltigen Produkten bereits seit Längerem verboten ist [11].</p> <p>Insbesondere die der Umwelt ausgesetzten Asbestprodukte im Außenbereich zeigen über längere Zeiträume deutliche Spuren von Verwitterung. Bestimmte Umstände wie Klima, saurer Regen oder atmosphärische Belastung können diese Verwitterung beschleunigen [12] [13]. Dabei können die Bindungen der Asbestfasern entsprechend gelöst werden, sodass diese Fasern in die Luft gelangen. Von dort aus können sie schließlich entweder direkt zum Menschen oder zum Boden gelangen [13].</p> <p>Selbst der Abbau von asbestbelasteten Faserzementdächern kann zu einer geringen Emission von Asbestfasern führen [12]. Langfristige Expositionen gegenüber auch niedrigen Asbestkonzentrationen können deutliche negative Auswirkungen haben [14]. So zeigt sich beispielsweise eine erhöhte Inzidenz von Mesotheliomen bei einer erhöhten Umweltbelastung durch Asbest, insbesondere bei Kindern, deren Schulen in der Nähe von Asbestzementwerken lagen [15]. Es gibt anscheinend keinen sicheren Schwellenwert für die krebserregende Wirkung der Asbestfasern [16].</p> <h2>Asbest in Außenluft am Beispiel Asbestzementdächer</h2> <p>In Polen wurden einige Untersuchungen zu Asbest in der Außenluft durchgeführt. Die Menge der in Polen verbauten asbesthaltigen Bauprodukte wird auf rund 15 Mio. Tonnen geschätzt, wovon 96 % als Faserzement vorliegen [17]. In der untersuchten Stadt Sosnowiec mit rund 190.000 Einwohnern haben vermutlich 98 % aller Einfamilienhäuser, Wohngebäude und gewerblichen Immobilien asbesthaltige Baumaterialien, meist in Form von Fassaden- oder Dachplatten, verbaut. In 51 von 100 Luftproben lag die Faserkonzentration unterhalb der Nachweisgrenze von 1.000 f/m³, in den übrigen Proben lag sie zwischen 1.000 und 9.000 f/m³. Dabei wurden die höheren Werte meist in direkter Nähe der asbesthaltigen Gebäude gemessen, während die Konzentration mit zunehmender Entfernung (100 bis 500 Meter) rasch unter die Nachweisgrenze sank [17].</p> <p>Eine andere Studie aus Polen deutet in eine ähnliche Richtung. Dabei wurden Faserkonzentrationen an drei verschiedenen Bauernhöfen in der Region Lublin untersucht. Zwei der Höfe besaßen Asbestzementdächer in unterschiedlichem Zustand, der dritte ein asbestfreies Dach. Es wurden jeweils 72 Proben in direkter Nähe der betreffenden Gebäude gesammelt.</p> <p>Bei dem asbestfreien Dach (Hof A) lagen die beobachteten Faserkonzentrationen im Bereich von 30 f/m³. Bei dem Hof mit dem Asbestzementdach in gutem Zustand (Hof B) stieg die durchschnittliche Faserkonzentration bereits auf 328 f/m³. In der Nähe des Hofes mit dem Asbestzementdach in schlechtem Zustand (Hof C) lag die durchschnittliche Faserkonzentration schließlich bei 529 f/m³. Dabei ist jedoch zu beachten, dass nicht alle Proben auffällig waren: 71 % der Proben von Hof A, 24 % der Proben von Hof B und 10 % der Proben von Hof C wiesen keine Fasern auf [18].</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/chrysotil-klein.jpg"><img alt="" decoding="async" height="375" sizes="(max-width: 500px) 100vw, 500px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/chrysotil-klein.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/chrysotil-klein.jpg 500w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/chrysotil-klein-300x225.jpg 300w" width="500"></img></a><figcaption><em>Chrysotilfasern auf einem goldbedampften Kernporenfilter</em></figcaption></figure> <h3>Asbestzement und natürliche Quellen</h3> <p><br></br>Auch in der norditalienischen Stadt Turin gibt es viele Gebäude, die mit asbesthaltigen Baumaterialien errichtet wurden. Zusätzlich enthält die Geologie in der Umgebung der Stadt viele Gesteine, die natürlicherweise Asbest enthalten und ebenfalls zur Hintergrundbelastung beitragen. Im Rahmen einer Studie wurden 48 Luftproben in einer Höhe von 1,5 Metern gesammelt und untersucht. Es wurden zwischen 500 und 2.700 Fasern pro Kubikmeter Chrysotil gefunden, während andere Amphibolasbeste, insbesondere Amosit und Krokydolith, nicht nachzuweisen waren. Inwieweit asbesthaltige Baumaterialien oder die natürlichen Quellen als Quellen in Frage kommen, wurde im Rahmen der Studie nicht weiter geklärt. Andererseits wurden aber auch durchschnittlich 600 f/m³ der Amphibolasbeste Tremolit und Aktinolith gefunden. Diese beiden Asbestarten wurden, wenn überhaupt, nur in sehr untergeordnetem Maße technisch verwendet und sind überwiegend auf akzessorischen Asbest aus natürlichen Quellen zurückzuführen. Dies dürfte auch hier die Hauptquelle sein, da ihr Auftreten deutlich mit der Windrichtung aus den diese Minerale enthaltenden Gesteinen korreliert [19].</p> <h2>Asbestbelastung durch Verkehr</h2> <p>Bevor Asbest in Europa absolut verboten wurde, kam es auch in verschiedenen Bereichen des Transportwesens und des Verkehrs zum Einsatz. Insbesondere asbesthaltige Bremsbeläge und Kupplungen in Fahrzeugen sind zu nennen. Untersuchungen in Regionen, in denen diese Materialien im Verkehr noch immer eine Rolle spielen, deuten darauf hin, dass auch hier eine Quelle für die Luftbelastung durch Asbestfasern zu finden ist.</p> <p>Eine Studie mit 60 Luftproben von belebten Kreuzungen in 20 Städten im Südwesten Polens zeigt, dass die Faserkonzentrationen im Tagesverlauf mit dem Verkehrsaufkommen schwanken. Dabei reichten die Faserkonzentrationen von 141 f/m³ bis hin zu 1 700 f/m³. Generell war die Belastung in kleineren Städten niedriger als in größeren Städten [20].</p> <p>Vergleichbare Untersuchungen stammen auch aus dem Iran und dem Irak. Hier werden asbestbelastete Kupplungen und Bremsbeläge als Hauptquelle vermutet, wobei die Beteiligung anderer Quellen, wie etwa asbestbelastete Baustoffe, nicht ausgeschlossen werden kann.</p> <p>Hinzu kommt, dass es im Iran zwar seit 2011 ein Verbot von Asbest in industriellen Anwendungen gibt, dieses jedoch offenbar nicht konsequent durchgesetzt wurde. So sind asbesthaltige Bremsbeläge beispielsweise immer noch weit verbreitet im Einsatz [21] [22]. Dennoch soll die Belastung der Luft in Teheran nach 2011 drastisch abgenommen haben [22]. Vor dem Verbot lag die Belastung der Luft in Teheran bei bis zu 200.000 f/m³ [23]. Nach dem Verbot lag die durchschnittliche Luftbelastung in städtischen Gebieten des Irans zwischen weniger als 100 und rund 18.000 f/m³ [24][25][21][22].</p> <p>Die Ergebnisse aus dem Irak sind mit Belastungen zwischen 78.000 und 121.000 f/m³ vergleichbar [26][27].</p> <h2>Zusammenfassung</h2> <p>Zusammengefasst kann man festhalten, dass sowohl asbestbelastete Baustoffe als auch asbesthaltige Bremsbeläge und Kupplungen einen Beitrag zur allgemeinen Asbestbelastung der Luft leisten. Für Deutschland und Europa dürften die Baustoffe maßgeblicher sein, da die Zahl der mit asbesthaltigen Belägen ausgestatteten Fahrzeuge aufgrund der langen Zeiträume seit dem Asbestverbot (Deutschland seit 1993 und die EU seit 2005) sowie der weitgehend konsequenten Durchsetzung vermutlich nur noch gering sein dürfte. Einen Überblick über die Pro-Kopf-Verbräuche von Asbest und die einzelnen Asbestverbote für verschiedene europäische Länder findet man hier [28].</p> <p>Allerdings dürfte sich das Bild in der Vergangenheit durchaus anders präsentiert haben, besonders an belebten Verkehrsknotenpunkten.</p> <p>Im Vergleich zum Verkehr scheinen Baustoffe deutlich weniger Asbestemissionen zu verursachen. Zwar waren die Belastungen messbar, jedoch meist relativ niedrig – auch im Vergleich zu den Belastungen des Verkehrs. Dennoch sind auch hier teilweise Faserkonzentrationen aufgetreten, die fast an den Bereich der Akzeptanzkonzentration (10 000 f/m³) heranreichen, wobei man jedoch beachten sollte, dass Arbeitsplatzwerte sicher nicht mit Langzeitbelastungen vergleichbar sind.</p> <p>Zudem sind viele der Messergebnisse nur schwer auf andere Gebiete zu übertragen. Oft spielen die Dichte der Bebauung sowie der Zustand und die Dichte der asbestbelasteten Baustoffe eine Rolle. Wie das Beispiel der drei Höfe in Polen zeigt, hat die Verwitterung einen direkten Einfluss auf das Freisetzungsverhalten der Materialien. Dies ist durchaus ein Anlass zur Sorge, denn viele der Asbestzementdächer sind in die Jahre gekommen und ständig der Verwitterung ausgesetzt. Ihr Zustand wird sich mit Sicherheit nicht verbessern. Aus diesem Grund dürfte es an der Zeit sein, diese Altlasten auf unseren Dächern und Fassaden loszuwerden (ein weiterer Grund sollte die<a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/asbest-als-zusaetzliche-gefahr-im-falle-von-naturkatastrophen/"> Gefahr bei Naturkatastrophen</a> sein).</p> <h2>Welche Auswirkungen hat die Belastung für die Gesundheit?</h2> <p>Es gibt verschiedene Untersuchungen zur Erhöhung der Mesotheliom-Inzidenz durch Hintergrundbelastung mit Asbestfasern [29], [15], [30]. Dabei korrelierten die Faserkonzentrationen durchaus mit der Menge der Asbestzementdächer in der direkten Umgebung. Ein Zusammenhang mit den beobachteten Inzidenzen an malignen Mesotheliomen ließ sich jedoch nicht nachweisen [29]. Dies kann unter anderem der sehr langen Latenzzeit dieser Erkrankung geschuldet sein.</p> <p>Das Problem besteht darin, die Folgen einer längeren Exposition gegenüber sehr niedrigen Faserkonzentrationen einzuschätzen. Zwar gibt es eine sehr große Zahl epidemiologischer Studien über den Zusammenhang zwischen Asbest-Exposition und verschiedenen asbestbedingten Erkrankungen, doch die überwiegende Anzahl dieser Untersuchungen geht von einer beruflichen Exposition mit hohen Faserzahlen aus. Die dabei ermittelten Risiken auf die beobachteten niedrigen Faserzahlen der Umweltbelastung herunterzubrechen, ist nicht ganz trivial. Laut der WHO könnte das Risiko, an einem Mesotheliom zu erkranken, bei einer lebenslangen Exposition von rund 1000 f/m³ in der Größenordnung von 1 : 10 000 bis 1 : 100 000 liegen [31]. Wie man gut sehen kann, ist diese Abschätzung mit einer erheblichen Unsicherheit behaftet. Zudem basiert diese Abschätzung auf Kohortenstudien, deren Expositionsdaten nicht immer die notwendige Qualität hatten und bei denen auch nicht immer deutlich wird, ob es frühere, höhere Expositionen gab. Außerdem kann der lange Latenzzeitraum zwischen der Exposition und dem Auftreten der Erkrankung zu einer Unterschätzung der Fallzahlen führen. Unklar ist auch, ob sich die bei höheren beruflichen Expositionen ermittelten Risiken ohne Weiteres auf Bereiche mit niedriggradigen Expositionen übertragen lassen.</p> <p>Letztlich läuft alles auf eine Debatte über die Definition eines akzeptablen Risikos hinaus. So hält die amerikanische Umweltschutzbehörde das lebenslange Krebsrisiko beispielsweise für vernachlässigbar, wenn es unter 1:1.000.000 liegt, während sie Risiken von 1:10.000 in der Regel für inakzeptabel hält.</p> <p>Insofern kann für die Belastung durch alte Asbestzementdächer vermutlich weitgehend Entwarnung gegeben werden. Die beobachteten Werte liegen weit unter den nicht mehr tolerierbaren Risiken und scheinen, wenn überhaupt, nur sehr lokal erhöht zu sein.</p> <p>Messungen an Verkehrsknotenpunkten haben jedoch gezeigt, dass diese Art der Asbestanwendung ein erhebliches Potenzial zur Freisetzung von Fasern hat. Damit verbunden besteht auch ein erhebliches Risiko für Menschen, die dieser Belastung dauerhaft oder zumindest über längere Zeiträume ausgesetzt sind. In Europa hat das Verbot dieser Produkte zumindest zu einer deutlichen Verringerung der Exposition geführt.</p> <h2>References</h2> <ul> <li>[1] <strong>Sørensen, M. K.; Deen, L.; Khoury, G.; Petersen, J. A.; Thomsen, J. 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Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen.&#xD; &#xD; Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/asbestbelastung-der-luft-in-stadt-und-land/#comments 2 Das „Windenergierätsel“ der WELT https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/das-windenergieraetsel-der-welt/ https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/das-windenergieraetsel-der-welt/#comments Tue, 02 Jun 2026 16:12:51 +0000 Markus Pössel https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/?p=11431 https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Power_County_Wind_Farm_002-768x540.jpg Bild von Windrädern unter blauem Himmel in einer kargen Landschaft. https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/das-windenergieraetsel-der-welt/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Power_County_Wind_Farm_002.jpg" /><h1>Das "Windenergierätsel" der WELT » RELATIV EINFACH » SciLogs</h1><h2>By Von Markus Pössel</h2><div itemprop="text"> <p>Ich hatte letzte Woche am Ende meines Beitrags <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/energiewende-mit-handfesten-zahlen/">Energiewende mit handfesten Zahlen</a> in die Runde gefragt: „Welcher Frage oder Behauptung aus jenem Bereich sollte ich denn eurer Einschätzung nach einmal auf den Grund gehen, zumindest soweit, wie das mit Überschlagsrechnungen und quantitativen Abschätzungen möglich ist?“ </p> <p>Ein <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/energiewende-mit-handfesten-zahlen/#comment-45684">Kommentar dazu</a> verwies mich auf <a href="https://www.welt.de/wirtschaft/plus6a197b15672896fe8f165ba9/das-grosse-windstrom-raetsel-der-deutschen-energiewende.html" rel="noopener">einen aktuellen Beitrag in der WELT</a>: „Da liest man, dass von 2020 bis 2025 die Windkraft um 16 GW installierte Leistung zugebaut wurde, aber die tatsächliche Windstromerzeugung sowohl 2020 als auch 2025 106 TWh betrug, es also keinen Zuwachs an gelieferter Energie gab. […] Einfach immer mehr von Demselben hat hier nicht funktioniert trotz immer größerer und effektiverer Turbinen, doch warum? Deshalb der Titel mit dem Wort ‚Rätsel‘.“</p> <p>Nun denn. Schauen wir uns das mal näher an.</p> <h2>„Wissenschaftler rätseln über den abnehmenden Nutzen neuer Windräder“</h2> <p>So beginnt der Teasertext am Anfang des Beitrags „Das große Windstrom-Rätsel der deutschen Energiewende“ des WELT-Wirtschaftsredakteurs Daniel Wetzel, dessen Schwerpunkt laut WELT-Autorenbiografie die Energiewirtschaft ist. Wie es weitergeht entnehme ich der Artikelversion, auf die ich in der wiso-Datenbank Zugriff habe (dort datiert auf 29.05.2026, 13:40:00). Der dort zugängliche Text konstatiert in der Tat im wesentlichen so, wie der Kommentator beschreibt: von 2020 bis 2025 sei die installierte Leistung um 14 GW gestiegen, aber die Energieproduktion hätte 2025 mit 106 TWh „praktisch auf demselben Niveau“ gelegen wie 2020.</p> <p>Ein zum Thema befragter Forscher, nämlich „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Manuel_Frondel" rel="noopener">Manuel Frondel</a>, Leiter des Kompetenzbereiches ‚Umwelt und Ressourcen‘ am RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung“, nennt für jene Entkopplung drei mögliche Gründe: „Es könne sich seit 20[2]0 um eine bemerkenswerte, aber rein zufällige Häufung von Schwachwind-Jahren handeln. Wäre dem so, könnten nur Gebete zum Wettergott das Manko lindern.“ Oder aber Windräder würden immer häufiger abgeregelt, weil insgesamt mehr Stom produziert würde, als gebraucht wird. Oder aber die guten Standorte seien weitgehend aufgebraucht, neue Windräder würden entsprechend an schlechteren Standorten erbaut und seien daher weniger effektiv.<aside></aside></p> <p>Der Artikel enthält noch einiges an weiterem Text – einen Seitenhieb, der die Energiewende-Planung mit kommunistischer Planwirtschaft vergleicht, eine Aussage, der Effizienzverlust würde auch andere Arten erneuerbarer Energien betreffen, Spekulationen über die gegenseitige Verschattung von Anlagen („Windklau“). Ich bleibe hier mal beim Kern des angeblichen Rätsels: Was ist da los mit Leistungs-Zubau vs. Energieproduktion bei den Windenergieanlagen (auf Land)?</p> <h2>Windkraft-Zubau: Check</h2> <p>Es hilft ja nichts: Wenn wir vernünftig politisch diskutieren wollen, müssen alle, die an der Diskussion teilnehmen, grundlegende Kentnisse haben, wie man Datenreihen liest und zumindest auch zu den einfacheren Weisen, Daten zu interpretieren. Nie war das wichtiger als in einer Zeit, wo generative künstliche Intelligenz einem so bequem wie nie zuvor Aussagen und „Analysen“ generiert – aber dabei in schwer kontrollierbarer Weise regelmäßig halluziniert bzw. schlicht Unsinn erzählt. Wer nicht die Kompetenzen hat, KI-Ergebnisse kritisch einzuordnen, hat schon verloren.</p> <p>Auf der positiven Seite der Bilanz leben wir in einer Zeit, in der viele Daten, und insbesondere viele verlässliche Daten,  einfacher verfügbar sind wie nie zuvor. Einmal Googeln bringt mich auf <a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">diese Seite des Bundesumweltamts</a>, wo aktuelle Kennzahlen zu erneuerbaren Energien in kompakter Form dargestellt sind. Ganz unten auf der Seite gibt es die entsprechenden Zeitreihen zum Herunterladen, ob als PDF oder direkt als Excel-Datei.</p> <p>Ein universeller Tipp für den Umgang mit Daten lautet: Bevor man sich in aufwändige Analysen versteigt, sollte man erstmal die Daten so direkt wie möglich anschauen. Für Zeitreihen heißt das: die Daten zu plotten, also ein Diagramm zu erstellen, in dem die Zeit auf der x-Achse, die weitere interessierende Größe auf der y-Achse abgetragen wird, und die Daten als Kurve oder Abfolge von Punkten eingetragen sind. Hier ist das Ergebnis für die verfügbaren Kapazitäten für die Windenergieerzeugung an Land (im Dokument „Zeitreihen zur Entwicklung der erneuerbaren Energien in Deutschland“ ist das Tabelle 4, ‚Installierte elektrische Leistung erneuerbarer Energien‘):</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandLeistung.png"><img alt="Eine Kurve für die Leistung, die von 2005 bis 2025 einigermaßen gerade ansteigt von etwas weniger als 20 Gigawatt auf etwas unter 70 Gigawatt" decoding="async" height="746" sizes="(max-width: 1374px) 100vw, 1374px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandLeistung.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandLeistung.png 1374w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandLeistung-300x163.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandLeistung-1024x556.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandLeistung-768x417.png 768w" width="1374"></img></a></figure> </div> <p>Den Stand für 2020 (54.3 GW) und den für 2025 (68.1 GW) habe ich jeweils mit orangenen Punkten gekennzeichnet. Ein Zuwachs von knapp 14 GW. Soweit, so gut.</p> <h2>Die Energieerzeugungs-Kurve für Windenergie an Land</h2> <p>Machen wir dasselbe mit der Netto-Energieproduktion von Windkraft an Land in denselben Jahren. Gleiches Dokument, gleicher Zeitraum, Tabelle 3.1. Hier ist das entsprechende Diagramm:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandEnergiebeitrag.png"><img alt="Eine ansteigende Kuve, die aber über ihre gesamte Länge hinweg einen Zickzack-Verlauf nach oben und unten aufweist. " decoding="async" height="742" sizes="(max-width: 1391px) 100vw, 1391px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandEnergiebeitrag.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandEnergiebeitrag.png 1391w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandEnergiebeitrag-300x160.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandEnergiebeitrag-1024x546.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandEnergiebeitrag-768x410.png 768w" width="1391"></img></a></figure> </div> <p>Für 2025 sind das 105.1 TWh, für 2020 102.7 TWh. Ein Anstieg um lediglich 2.4% in einem Zeitraum, in dem die installierte Leistung um 25.4% stieg, und am Ende kommt man bei 105 TWh heraus Soweit nachvollziehbar. Aber jenseits der beiden Zahlen wird es umso problematischer, je genauer man hinschaut. Die obige Kurve ist eine Kombination aus einem generellen Anstieg und Auf-und-Ab-Schwankungen – nicht erst im Zeitraum 2020 bis 2025, sodern über den gesamten erfassten Zeitraum ab 2005 hinweg. </p> <p>Ich finde beeindruckend, wie missverständlich die Prosa-Zusammenfassung in dem WELT-Artikel wiedergibt, was die Kurve zeigt: „In den Jahren dazwischen gab es auch mal leichte Ausschläge nach oben, doch fiel die Windstromerzeugung trotz zahlreicher neuer Turbinen während zweier Jahre sogar noch deutlich unter die 100-Terawatt-Marke.“ – „leichte Ausschläge nach oben“? Ernsthaft? Der (einzige) Anstieg von 2021 auf 2023 ist größer als jede der (beiden) Absink-Phasen in jenem Zeitraum! Und wer das Absinken zweier Jahre „unter die 100-Terawatt-Marke“ herausstellt (2021 und 2022) aber über das Ansteigen zweier weiterer Werte über die 110-Terawatt-Marke Stillschweigen bewahrt, bringt eine Tendenz in seine „Beschreibung“, die in den Daten schlicht nicht vorhanden ist. </p> <p>Das zweite Problem ist die Wahl des Bezugsjahres 2020. Pickt man bei einer auf-und-ab-schwankenden Kurve lediglich zwei Jahre heraus und vergleicht sie, kann man je nach Auswahl beliebige „Trends“ erhalten – die aber komplett willkürlich sind, da sie nicht von den Daten selbst, sondern wesentlich von der Wahl der Bezugsjahre abhängen. Hätte ein Energiewende-Enthusiast 2021 und 2025 verglichen, hätte er oder sie herausbekommen, dass der Zuwachs an Energie ungefähr dem Zuwachs an installierter Leistung proportional ist, Überschrift: „Energiewende läuft nach Plan!“ Beim Vergleich von 2021 und 2023 hätte man sogar einen deutlich überproportionalen Anstieg vermelden können, „Erneuerbare Energien überraschend stark!“ Beim Vergleich von 2023 und 2025 wäre man dagegen bei einem drastischen Absinken gelandet: „Das Windenergierätsel 2: Entziehen Windräder unserem Stromsystem jetzt sogar noch Energie?“</p> <p>Wie gesagt, all das sind völlig willkürliche Auswahleffekte. Ein einzelnen davon als aussagekräftigen Trend verkaufen zu wollen, ist entweder erschreckend inkompetent oder zutiefst unehrlich. In der Wissenschaft heißt das entsprechende Fehlverhalten, durch Auswahleffekte ein erwünschtes Ergebnis erst herbeizuzaubern, „cherry picking“ (zu deutsch „Kirschenpflücken“) und ist, wo es auffliegt, Anlass für beachtlichen Rufverlust und in schweren und/oder wiederholten Fällen gegebenenfalls für Sanktionen. </p> <p>Und doch ist die Grundlage des WELT-Rätsel-Artikels ein Auswahleffekt dieser Art. Wer ein bisschen verfolgt, wie die WELT über Klimawandel und Energiewende berichtet, wird nicht überrascht sein, dass es ein für Freunde erneuerbarer Energien <em>nachteiliger</em> Auswahleffekt ist. „Please schwäche die Windenergie.“ Aus einem Auf-und-ab mit gehöriger Aufwärtsphase zwischendurch wird Stagnation. Der beträchtliche Anstieg von 2021 bis 2023 wird zum leichten Ausschlag nach oben kleingeredet. Das Diagramm, an dem Leser*innen mit rudimentärer Kurven-Lese-Kompetenz das Problem selbst erkennen könnten, fehlt gleich ganz. </p> <p>Ein letztes Detail: Wundert Sie, dass die Ausschläge in jenem Diagramm in den späteren Jahren stärker sind als links im Diagramm? So einen Effekt würden wir erwarten, wenn die Variation, die dahintersteht, die Netto-Stromerzeugung als <em>Faktor</em> beeinflusst. Dann würden die absoluten Schwankungen nämlich proportional immer größer, je mehr Windkraft-Leistung installiert ist. 5% von 60 GW sind über ein Jahr integriert mehr als 5% von 30 GW über ein Jahr. Gäbe es doch nur einen gemeinsamen Faktor, der bestimmt, wie viel Elektrizität eine gegebene Anzahl von Windrädern mit bestimmter Nennleistung letztlich erzeugen! Aber was für ein Faktor könnte das sein? Rätselhaft, sehr rätselhaft. Wir werden wahrscheinlich nie genaueres wissen.</p> <h2>Das Wie-kann-man-nur-so-einen-Unsinn-über-Wind-verzapfen-Rätsel</h2> <p>Nein, es ist natürlich nicht rätselhaft. Selbstverständlich gibt es da einen gemeinsamen Faktor, und zwar einen ganz offensichtlichen: wie viel Wind in jenem Jahr geweht hat. OK, zugegeben, ganz so einfach ist es nicht, weil sich Windräder an unterschiedlichen Standorten befinden, am Ende also so etwas wie die über alle Standorte geeignet gewichtet aufsummierte und über dass Jahr gemittelte Windstärke gesucht ist. Die hätte dann genau die Faktoreigenschaft, auf die die obige Kurve hindeutet.</p> <p>Nehmen wir als erstes denjenigen Schritt vor, den wir direkt anhand unserer Daten gehen können. Wir können wir jedes Jahr die von Windkraft-an-Land erzeugte Energiemenge durch die installierte Leistung teilen. Das Ergebnis hat die Einheit einer Zeit, ich habe hier „Stunden“ gewählt. Es handelt sich natürlich nicht einfach um die Zeit, in der die Windräder gelaufen sind – je nach Windstärke erzeugen Windräder ja einen deutlich von der Nennleistung abweichenden Wert. Die Nennleistung ist lediglich die <a href="https://home.uni-leipzig.de/energy/energie-grundlagen/15.html" rel="noopener">elektrische Leistung unter optimalen Bedingungen</a>, und meist sind Bedingungen nicht optimal. Auch der Umstand, dass nicht alle am Jahresende mit erfassten neuen Anlagen zum 1. Januar gleich mitproduzieren, dürfte für ein paar Schwankungen sorgen. Um Missverständnisse zu vermeiden, nenne ich die resultierende Stundenzahl „Äquivalentstunden“. Hier ist das Diagramm für die Äquivalentstunden-Zeitreihe:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden.png"><img alt="Eine wild auf und ab schwankende Kurve, zwischen etwa 1400 und 1900 Äquivalentstunden. Die Kurve zeigt einen leichten Aufwärtstrend." decoding="async" height="742" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1413px) 100vw, 1413px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden.png 1413w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-300x158.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-1024x538.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-768x403.png 768w" width="1413"></img></a></figure> </div> <p>Man kann dem Diagramm direkt ansehen, dass die Äquivalentstunden-Schwankungsbreite nicht merklich zugenommen hat. Von 2008 bis 2010 ist der drastische Abfall mit einer Differenz von 378 Stunden sogar noch größer als der Abfall von 2023 bis 2025 (nur 352 Stunden), der uns den Windenergie-Rätsel-Tiefpunkt beschert hat. Der Gesamttrend in jenem Diagramm ist sogar leicht positiv. Das sind genau die falschen Dateneigenschaften, wenn man argumentieren möchte, dass es eine Stagnation gebe, also ein systematisches Absinken-und-Niedrigbleiben, das erst kürzlich aufgetreten sei. Die Daten sagen stattdessen: Schwankungen wie jene, die den 2025er-Wert nach unten gezogen hat, sind normal. Die gibt es im gesamten Datensatz. Und der Gesamt-Trend geht in die Gegenrichtung von dem, was der WELT-Artikel behauptet: An den Äquivalentstunden gemessen wird das Windrad-Ensemble, das Deutschland betreibt, mit der Zeit zunehmend effektiver. (Ob das an insgesamt mehr Wind liegt oder an verbesserter Technik – etwa höher gebauten Windrädern, die insgesamt bessere Chancen haben, guten Wind zu erwischen, kann man alleine aus jener Darstellung nicht entscheiden.) Auch der Wettergott muss sein Verhalten nicht ändern. Geht es in der Zukunft so weiter wie in dieser Zeitreihe, dann müssen wir uns keine Sorgen mache, dass sich weiterer Windkraft-Zubau nicht lohnt. Aber wir müssen natürlich beim Design unseres Energiesystems mit einberechnen, dass es diese Art von Schwankungen gibt.</p> <div title="Page 1"> <div> <div> <p> <h2>Diagramme-Lesen ist keine Zauberei</h2> </p> </div> </div> </div> <p>Kommen wir vor diesem Hintergrund noch einmal zu dem lapidaren Satz zurück, mit dem der WELT-Artikel die Möglichkeit abfertigt, dass es bei jenem angeblichen Rätsel um so etwas Schnödes wie mehr-Wind-oder-weniger-Wind gehen könnte. Ja, das sei eine mögliche Erklärung, wird der interviewte Wirtschaftsforscher Manuel Frondel zitiert. Wie viel er, der Artikelautor oder ggf. beide von jener Möglichkeit halten (indirektes Zitat!), wird in der Ausformulierung klar: „Es könne sich seit 20[2]0 um eine bemerkenswerte, aber rein zufällige Häufung von Schwachwind-Jahren handeln.“ Eine bemerkenswerte, zufällige Häufung von Schwachwind-Jahren! Hah! Wer’s glaubt, wird selig!</p> <p>Dass es sich dabei stattdessen um eine bemerkenswerte, angesichts der sonstigen Probleme des Artikels aber wohl gerade nicht zufällig schwache Argumentation handelt, zeigt der Blick auf das obige Äquivalentstunden-Diagramm. Nach den Äquivalentstunden beurteilt, handelt es sich beim Zeitraum 2021 bis 2025 ja im Gegensatz um keine so schlechte Ernte. Das Jahr 2023 übertrifft den 2020er Wert sogar ein kleines bisschen. Systematischer dargestellt: In dem folgenden Diagramm sind die Durchschnittswerte sowie als Balken nach oben und unten die Standardabweichungen (letztere ein Maß für die Schwankungen innerhalb der Stichprobe) einmal für den gesamten erfassten Zeitraum, daneben für die fünf Jahre 2016 bis 2020 und dann für die angesprochenen Jahre 2021 bis 2025 dargestellt:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/durchschnitte-vergleich.png"><img alt="Drei Datenpunkte mit Fehlerbalken, nämlich der Durchschnitt des Gesamt-Datensets, leicht höher der Durchschnitt 2016 bis 2020, und dazwischen der Durchschnitt für 2021 bis 2025. Die Fehlerbalken (Standardabweichung) überlappen sich deutlichst." decoding="async" height="348" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/durchschnitte-vergleich.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/durchschnitte-vergleich.png 750w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/durchschnitte-vergleich-300x139.png 300w" width="750"></img></a></figure> </div> <p>Dafür, wie man feststellt, ob zwischen zwei jeweils mit Schwankungen überlagerten Größen ein tatsächlicher Unterschied besteht, liefert die Statistik geeignete Tests. Wo sich die Schwankungsbreiten rund um die Durchschnittswerte so weitgehend entsprechen wie hier, ist aber auch ohne Tests klar: es gibt keinen echten Unterschied. Solche Werte sind innerhalb der Schwankungsbreite nicht unterscheidbar. Anders gesagt: Das Cherry-Picking reicht als Verfälschung alleine nicht aus, um das angebliche Rätsel herbei zu konstruieren. Man muss zusätzlich noch alles vergessen, was man jemals über statistische Vergleiche gelernt hat, um auf die Idee zu kommen, hier gäbe eseinen echten, nach 2020 beginnenden, erklärungsbedürftigen Trend.</p> <p>OK, das mit der Standardabweichung gehört natürlich schon eher in Richtung Insiderwissen. (Wenn auch Insiderwissen, das in den Sozialwissenschaften in den ersten Semestern gelehrt wird. Es gibt deutlich insideriges Wissen.) Aber es ist ja noch abstruser. Wir müssen uns nur den Verlauf der Äquivalentstunden-Kurve anschauen:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-2020to2025.png"><img alt="Kurve Aequivalentstunden gegen Zeit: ein Maximum bei 2020, dann eine Senke, dann ein fast gleich großes Maximum bei 2023, dann ein Abfall bis 2025" decoding="async" height="742" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1431px) 100vw, 1431px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-2020to2025.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-2020to2025.png 1431w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-2020to2025-300x156.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-2020to2025-1024x531.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-2020to2025-768x398.png 768w" width="1431"></img></a></figure> </div> <p>Eine Person, die jene Kurve ansehen und ohne rot zu werden behaupten kann, dort käme als Wind-Erklärung nach dem starken Jahr 2020 überraschenderweise nur noch eine Häufung von Schwachwind-Jahren infrage, ist keine Person, der eine seriöse Zeitung eine Plattform liefern sollte, solch ein Diagramm zu kommentieren. Und die WELT sollte das eigentlich auch nicht tun.</p> <h2>Recherche ist, zugegeben, ein Fremdwort </h2> <p>Wie schon erwähnt, sagen die Äquivalenzstunden erst einmal nichts darüber aus, worauf ihre Variation zurückgeht. Von Jahr zu Jahr unterschiedlicher Wind liegt natürlich erst einmal nahe. Immer effektivere Windräder einerseits bzw. vielleicht ja wirklich, wie im WELT-Artikel vorgebracht, immer schlechtere Standorte andererseits können aber selbstverständlich auch einen Einfluss haben, und den Äquivalenzstunden-Daten selbst sieht man nicht an, welcher Faktor eine wie große Rolle spielt.</p> <p>Und ich muss ehrlicherweise zugeben: Wetterdaten sind in Deutschland nicht so einfach zu bekommen. Das gilt erst recht für jene esoterischen Daten, die einem sagen, wie der Wind die hiesigen Windräder beeinflussen würde. Um Zugang zu jenem Geheimwissen zu erlangen, muss man eine entbehrungsreiche Reise auf sich nehmen und ein belastendes Aufnahmeritual durchlaufen, bevor man (vielleicht!) in die Gegenwart der Meisterin gelassen wird und dann in langer, anstrengender und zum Teil lebensgefährlicher Fleissarbeit Zugang zum eigentlichen Geheimwissen bekommt. Manch einer ist von der entsprechenden <del>Erleuchtungs</del>Recherchereise nie zurückgekehrt – oder war komplett verändert. Da muss man einfach realistisch bleiben. So etwas kann man von Journalisten nicht verlangen. </p> <p>Halt, Moment, ich höre gerade aus der Regie, dass mir da der Plot des Marvel-Films „Dr. Strange“ dazwischengerutscht ist. Sorry! Also noch einmal, und diesmal richtig: Ich habe rund zehn Minuten gebraucht, um via Google herauszubekommen, dass es so etwas wie den „Windindex“ und den „Ertragsindex“ gibt, mit dem geeignet spezialisierte Meterolog*innen zusammenfassend beschreiben, wie viel windradrelevanter Wind in Deutschland in einem bestimmten Jahr oder einem bestimmten Monat gepustet hat, ortsgenau, je nach Bundesland oder für Deutschland insgesamt. Und wenngleich sich die betreffende Firma die besonders geldwerten Daten wohl in der Tat bezahlen lässt – etwa wenn Investor*innen wissen wollen, wie viel Ertrag von einer Windkraftanlage an einem bestimmten Standort zu erwarten ist, oder die Betreiber, welches die aktuellen Bedingungen an ihrem Standort sind – ist die Übersicht samt der deutschlandweiten Daten frei im Internet abrufbar. Auf dieser Seite hier sind <a href="https://www.anemos.de/de/informationen.php#downloads" rel="noopener">die PDFs für die Jahre 2017 bis 2025</a> direkt herunterladbar. Dank an die Firma Anemos für diese frei zugänglichen Daten! Das folgende Diagramm zeigt unten die bereits geplotteten Äquivalenzstunden, die ich ausgerechnet hatte, und oben den Ertragsindex (in Prozent) aus den Wind-Daten der Firma Anemos:</p> <div> <figure><img alt="Oben die Äquivalentstunden, unten der Ertragsindex in Prozent für die Jahre 2017. Die Kurven sind zwar nicht identisch, aber sehr ähnlich, verkürzt gesagt: wo die eine nach oben geht, tut es auch die andere, wo die eine nach unten geht tut es auch die andere." decoding="async" height="865" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1168px) 100vw, 1168px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/vergleich-aequivalentstunden-ertragsindex.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/vergleich-aequivalentstunden-ertragsindex.png 1168w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/vergleich-aequivalentstunden-ertragsindex-300x222.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/vergleich-aequivalentstunden-ertragsindex-1024x758.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/vergleich-aequivalentstunden-ertragsindex-768x569.png 768w" width="1168"></img></figure> </div> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/vergleich-aequivalentstunden-ertragsindex.png">I</a>m perfekten Gleichschritt bewegen sich jene Daten zwar nicht – insbesondere das Wind-Maximum im Jahre 2023 wird nicht eins zu eins in Äquivalentstunden umgesetzt. Aber die Ähnlichkeiten zwischen den Kurven fallen direkt ins Auge. Speziell für die Vergleichsjahre 2020 und 2025 gilt: Die Ertragsindizes stehen im Verhältnis von 1.21 zu 1, und die Äquivalenzstunden im Verhältnis von 1.23 zu eins. Da muss man sich noch ein weiteres Mal arg verbiegen, um daran festzuhalten, dass hier ein großes Windkraft-Rätsel vorliegt, welches mit den natürlichen Variationen des Windeinflusses von Jahr zu Jahr nun wirklich nicht zu erklären ist. </p> <h2>Fazit</h2> <p>Klimawandel und Energiewende sind für viele Menschen aufwühlende, emotionale Themen – ob man nun das Zögern der Bundesregierung angesichts einer ernsthaften Bedrohung kritisch beäugt oder sich Sorgen macht, was uns die Energiewende ggf. an wirtschaftlichen Nachteilen bringen könnte. Gerade in den sozialen Medien kann die Diskussion bei diesem Thema recht heftig werden. Umso wichtiger sind verlässliche Informationen. Und dafür ist seriöser, solider, guter Journalismus gefragt. Bei einem Aufhänger wie dem vom Windkraft-Rätsel kann ich förmlich hören, wie die Dozentin in der Journalistenschule ihre Studierenden unterstützen würde, ginge es um eine Übung in den Anfangssemestern: „Erst einmal die Daten plotten. Guck, da fällt euch doch vielleicht schon etwas auf!“ Oder allgemeiner: „Als nächstes müsst ihr euch überlegen: Wen befragt man dafür als Expert*in? Wenn eine von drei möglichen Lösungen die Windverhältnisse sind, braucht ihr auf alle Fälle jemanden aus der Meteorologie!“ Wer dann als Lösung so etwas einreichen würde wie diesen WELT-Artikel, fiele durch.</p> <p>Woran liegt’s? Ich könnte ehrlich gesagt nicht sagen, welche der beiden grundsätzlichen Möglichkeiten, die mir direkt einfallen, ich gruseliger fände: das Szenario, in dem die Beteiligten es eigentlich besser wissen, aber hej, die Anweisung von oben war halt mal wieder der Windenergie eins aufs Haupt zu geben, oder das Szenario, in dem die ja mindestens drei Beteiligten (Interviewpartner und dem Vieraugenprinzip nach zwei Journalist*innen) sämtlich an den hier skizzierten grundlegenden Wie-lese-ich-ein-Diagramm-mit-Daten-Kompetenzen scheitern.</p> <p>Ich fühlte mich bei meiner Auswertung sehr an meine Blogbeiträge zur angeblichen Klimawandel-Pause erinnert (<a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/globale-temperaturkurve/">hier</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimaerwaermungspause-einige-diagramme-vs-deutlich-weniger-als-tausend-worte/">hier</a>). Um da zu einem erklärungsbedürftigen Rätsel zu gelangen, musste man ebenfalls eifriges Cherrypicken betreiben, die Augen fest zukneifen wenn die Kurve zwischen den gewählten zwei Bezugspunkten nicht zum eigenen Narrativ passt, sowie alles vergessen, was man ggf. mal über die Überlagerung von langfristigen Trends und kurzfristigen Schwankungen gelernt hatte. Dass solch fragwürdige Argumentationen es damals bis in den SPIEGEL geschafft hatten, hatte mich damals einigermaßen erschüttert und verwundert. Wo der Autor jenes SPIEGEL-Beitrags heute ist? Chefreporter Wissenschaft bei der WELT.</p> <h2>Nachbemerkung</h2> <p>Wie immer bei kontroversen oder potenziell kontroversen Themen moderiere ich die Kommentare. Ich bitte die Kommentator*innen, beim Thema zu bleiben, sich kurzzufassen, und Beschimpfungen/Beleidigungen, egal in welche Richtung, zu unterlassen. Kommentare, die sich nicht an diese einfachen Regeln halten, schalte ich gar nicht erst frei.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Power_County_Wind_Farm_002.jpg" /><h1>Das "Windenergierätsel" der WELT » RELATIV EINFACH » SciLogs</h1><h2>By Von Markus Pössel</h2><div itemprop="text"> <p>Ich hatte letzte Woche am Ende meines Beitrags <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/energiewende-mit-handfesten-zahlen/">Energiewende mit handfesten Zahlen</a> in die Runde gefragt: „Welcher Frage oder Behauptung aus jenem Bereich sollte ich denn eurer Einschätzung nach einmal auf den Grund gehen, zumindest soweit, wie das mit Überschlagsrechnungen und quantitativen Abschätzungen möglich ist?“ </p> <p>Ein <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/energiewende-mit-handfesten-zahlen/#comment-45684">Kommentar dazu</a> verwies mich auf <a href="https://www.welt.de/wirtschaft/plus6a197b15672896fe8f165ba9/das-grosse-windstrom-raetsel-der-deutschen-energiewende.html" rel="noopener">einen aktuellen Beitrag in der WELT</a>: „Da liest man, dass von 2020 bis 2025 die Windkraft um 16 GW installierte Leistung zugebaut wurde, aber die tatsächliche Windstromerzeugung sowohl 2020 als auch 2025 106 TWh betrug, es also keinen Zuwachs an gelieferter Energie gab. […] Einfach immer mehr von Demselben hat hier nicht funktioniert trotz immer größerer und effektiverer Turbinen, doch warum? Deshalb der Titel mit dem Wort ‚Rätsel‘.“</p> <p>Nun denn. Schauen wir uns das mal näher an.</p> <h2>„Wissenschaftler rätseln über den abnehmenden Nutzen neuer Windräder“</h2> <p>So beginnt der Teasertext am Anfang des Beitrags „Das große Windstrom-Rätsel der deutschen Energiewende“ des WELT-Wirtschaftsredakteurs Daniel Wetzel, dessen Schwerpunkt laut WELT-Autorenbiografie die Energiewirtschaft ist. Wie es weitergeht entnehme ich der Artikelversion, auf die ich in der wiso-Datenbank Zugriff habe (dort datiert auf 29.05.2026, 13:40:00). Der dort zugängliche Text konstatiert in der Tat im wesentlichen so, wie der Kommentator beschreibt: von 2020 bis 2025 sei die installierte Leistung um 14 GW gestiegen, aber die Energieproduktion hätte 2025 mit 106 TWh „praktisch auf demselben Niveau“ gelegen wie 2020.</p> <p>Ein zum Thema befragter Forscher, nämlich „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Manuel_Frondel" rel="noopener">Manuel Frondel</a>, Leiter des Kompetenzbereiches ‚Umwelt und Ressourcen‘ am RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung“, nennt für jene Entkopplung drei mögliche Gründe: „Es könne sich seit 20[2]0 um eine bemerkenswerte, aber rein zufällige Häufung von Schwachwind-Jahren handeln. Wäre dem so, könnten nur Gebete zum Wettergott das Manko lindern.“ Oder aber Windräder würden immer häufiger abgeregelt, weil insgesamt mehr Stom produziert würde, als gebraucht wird. Oder aber die guten Standorte seien weitgehend aufgebraucht, neue Windräder würden entsprechend an schlechteren Standorten erbaut und seien daher weniger effektiv.<aside></aside></p> <p>Der Artikel enthält noch einiges an weiterem Text – einen Seitenhieb, der die Energiewende-Planung mit kommunistischer Planwirtschaft vergleicht, eine Aussage, der Effizienzverlust würde auch andere Arten erneuerbarer Energien betreffen, Spekulationen über die gegenseitige Verschattung von Anlagen („Windklau“). Ich bleibe hier mal beim Kern des angeblichen Rätsels: Was ist da los mit Leistungs-Zubau vs. Energieproduktion bei den Windenergieanlagen (auf Land)?</p> <h2>Windkraft-Zubau: Check</h2> <p>Es hilft ja nichts: Wenn wir vernünftig politisch diskutieren wollen, müssen alle, die an der Diskussion teilnehmen, grundlegende Kentnisse haben, wie man Datenreihen liest und zumindest auch zu den einfacheren Weisen, Daten zu interpretieren. Nie war das wichtiger als in einer Zeit, wo generative künstliche Intelligenz einem so bequem wie nie zuvor Aussagen und „Analysen“ generiert – aber dabei in schwer kontrollierbarer Weise regelmäßig halluziniert bzw. schlicht Unsinn erzählt. Wer nicht die Kompetenzen hat, KI-Ergebnisse kritisch einzuordnen, hat schon verloren.</p> <p>Auf der positiven Seite der Bilanz leben wir in einer Zeit, in der viele Daten, und insbesondere viele verlässliche Daten,  einfacher verfügbar sind wie nie zuvor. Einmal Googeln bringt mich auf <a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">diese Seite des Bundesumweltamts</a>, wo aktuelle Kennzahlen zu erneuerbaren Energien in kompakter Form dargestellt sind. Ganz unten auf der Seite gibt es die entsprechenden Zeitreihen zum Herunterladen, ob als PDF oder direkt als Excel-Datei.</p> <p>Ein universeller Tipp für den Umgang mit Daten lautet: Bevor man sich in aufwändige Analysen versteigt, sollte man erstmal die Daten so direkt wie möglich anschauen. Für Zeitreihen heißt das: die Daten zu plotten, also ein Diagramm zu erstellen, in dem die Zeit auf der x-Achse, die weitere interessierende Größe auf der y-Achse abgetragen wird, und die Daten als Kurve oder Abfolge von Punkten eingetragen sind. Hier ist das Ergebnis für die verfügbaren Kapazitäten für die Windenergieerzeugung an Land (im Dokument „Zeitreihen zur Entwicklung der erneuerbaren Energien in Deutschland“ ist das Tabelle 4, ‚Installierte elektrische Leistung erneuerbarer Energien‘):</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandLeistung.png"><img alt="Eine Kurve für die Leistung, die von 2005 bis 2025 einigermaßen gerade ansteigt von etwas weniger als 20 Gigawatt auf etwas unter 70 Gigawatt" decoding="async" height="746" sizes="(max-width: 1374px) 100vw, 1374px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandLeistung.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandLeistung.png 1374w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandLeistung-300x163.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandLeistung-1024x556.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandLeistung-768x417.png 768w" width="1374"></img></a></figure> </div> <p>Den Stand für 2020 (54.3 GW) und den für 2025 (68.1 GW) habe ich jeweils mit orangenen Punkten gekennzeichnet. Ein Zuwachs von knapp 14 GW. Soweit, so gut.</p> <h2>Die Energieerzeugungs-Kurve für Windenergie an Land</h2> <p>Machen wir dasselbe mit der Netto-Energieproduktion von Windkraft an Land in denselben Jahren. Gleiches Dokument, gleicher Zeitraum, Tabelle 3.1. Hier ist das entsprechende Diagramm:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandEnergiebeitrag.png"><img alt="Eine ansteigende Kuve, die aber über ihre gesamte Länge hinweg einen Zickzack-Verlauf nach oben und unten aufweist. " decoding="async" height="742" sizes="(max-width: 1391px) 100vw, 1391px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandEnergiebeitrag.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandEnergiebeitrag.png 1391w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandEnergiebeitrag-300x160.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandEnergiebeitrag-1024x546.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandEnergiebeitrag-768x410.png 768w" width="1391"></img></a></figure> </div> <p>Für 2025 sind das 105.1 TWh, für 2020 102.7 TWh. Ein Anstieg um lediglich 2.4% in einem Zeitraum, in dem die installierte Leistung um 25.4% stieg, und am Ende kommt man bei 105 TWh heraus Soweit nachvollziehbar. Aber jenseits der beiden Zahlen wird es umso problematischer, je genauer man hinschaut. Die obige Kurve ist eine Kombination aus einem generellen Anstieg und Auf-und-Ab-Schwankungen – nicht erst im Zeitraum 2020 bis 2025, sodern über den gesamten erfassten Zeitraum ab 2005 hinweg. </p> <p>Ich finde beeindruckend, wie missverständlich die Prosa-Zusammenfassung in dem WELT-Artikel wiedergibt, was die Kurve zeigt: „In den Jahren dazwischen gab es auch mal leichte Ausschläge nach oben, doch fiel die Windstromerzeugung trotz zahlreicher neuer Turbinen während zweier Jahre sogar noch deutlich unter die 100-Terawatt-Marke.“ – „leichte Ausschläge nach oben“? Ernsthaft? Der (einzige) Anstieg von 2021 auf 2023 ist größer als jede der (beiden) Absink-Phasen in jenem Zeitraum! Und wer das Absinken zweier Jahre „unter die 100-Terawatt-Marke“ herausstellt (2021 und 2022) aber über das Ansteigen zweier weiterer Werte über die 110-Terawatt-Marke Stillschweigen bewahrt, bringt eine Tendenz in seine „Beschreibung“, die in den Daten schlicht nicht vorhanden ist. </p> <p>Das zweite Problem ist die Wahl des Bezugsjahres 2020. Pickt man bei einer auf-und-ab-schwankenden Kurve lediglich zwei Jahre heraus und vergleicht sie, kann man je nach Auswahl beliebige „Trends“ erhalten – die aber komplett willkürlich sind, da sie nicht von den Daten selbst, sondern wesentlich von der Wahl der Bezugsjahre abhängen. Hätte ein Energiewende-Enthusiast 2021 und 2025 verglichen, hätte er oder sie herausbekommen, dass der Zuwachs an Energie ungefähr dem Zuwachs an installierter Leistung proportional ist, Überschrift: „Energiewende läuft nach Plan!“ Beim Vergleich von 2021 und 2023 hätte man sogar einen deutlich überproportionalen Anstieg vermelden können, „Erneuerbare Energien überraschend stark!“ Beim Vergleich von 2023 und 2025 wäre man dagegen bei einem drastischen Absinken gelandet: „Das Windenergierätsel 2: Entziehen Windräder unserem Stromsystem jetzt sogar noch Energie?“</p> <p>Wie gesagt, all das sind völlig willkürliche Auswahleffekte. Ein einzelnen davon als aussagekräftigen Trend verkaufen zu wollen, ist entweder erschreckend inkompetent oder zutiefst unehrlich. In der Wissenschaft heißt das entsprechende Fehlverhalten, durch Auswahleffekte ein erwünschtes Ergebnis erst herbeizuzaubern, „cherry picking“ (zu deutsch „Kirschenpflücken“) und ist, wo es auffliegt, Anlass für beachtlichen Rufverlust und in schweren und/oder wiederholten Fällen gegebenenfalls für Sanktionen. </p> <p>Und doch ist die Grundlage des WELT-Rätsel-Artikels ein Auswahleffekt dieser Art. Wer ein bisschen verfolgt, wie die WELT über Klimawandel und Energiewende berichtet, wird nicht überrascht sein, dass es ein für Freunde erneuerbarer Energien <em>nachteiliger</em> Auswahleffekt ist. „Please schwäche die Windenergie.“ Aus einem Auf-und-ab mit gehöriger Aufwärtsphase zwischendurch wird Stagnation. Der beträchtliche Anstieg von 2021 bis 2023 wird zum leichten Ausschlag nach oben kleingeredet. Das Diagramm, an dem Leser*innen mit rudimentärer Kurven-Lese-Kompetenz das Problem selbst erkennen könnten, fehlt gleich ganz. </p> <p>Ein letztes Detail: Wundert Sie, dass die Ausschläge in jenem Diagramm in den späteren Jahren stärker sind als links im Diagramm? So einen Effekt würden wir erwarten, wenn die Variation, die dahintersteht, die Netto-Stromerzeugung als <em>Faktor</em> beeinflusst. Dann würden die absoluten Schwankungen nämlich proportional immer größer, je mehr Windkraft-Leistung installiert ist. 5% von 60 GW sind über ein Jahr integriert mehr als 5% von 30 GW über ein Jahr. Gäbe es doch nur einen gemeinsamen Faktor, der bestimmt, wie viel Elektrizität eine gegebene Anzahl von Windrädern mit bestimmter Nennleistung letztlich erzeugen! Aber was für ein Faktor könnte das sein? Rätselhaft, sehr rätselhaft. Wir werden wahrscheinlich nie genaueres wissen.</p> <h2>Das Wie-kann-man-nur-so-einen-Unsinn-über-Wind-verzapfen-Rätsel</h2> <p>Nein, es ist natürlich nicht rätselhaft. Selbstverständlich gibt es da einen gemeinsamen Faktor, und zwar einen ganz offensichtlichen: wie viel Wind in jenem Jahr geweht hat. OK, zugegeben, ganz so einfach ist es nicht, weil sich Windräder an unterschiedlichen Standorten befinden, am Ende also so etwas wie die über alle Standorte geeignet gewichtet aufsummierte und über dass Jahr gemittelte Windstärke gesucht ist. Die hätte dann genau die Faktoreigenschaft, auf die die obige Kurve hindeutet.</p> <p>Nehmen wir als erstes denjenigen Schritt vor, den wir direkt anhand unserer Daten gehen können. Wir können wir jedes Jahr die von Windkraft-an-Land erzeugte Energiemenge durch die installierte Leistung teilen. Das Ergebnis hat die Einheit einer Zeit, ich habe hier „Stunden“ gewählt. Es handelt sich natürlich nicht einfach um die Zeit, in der die Windräder gelaufen sind – je nach Windstärke erzeugen Windräder ja einen deutlich von der Nennleistung abweichenden Wert. Die Nennleistung ist lediglich die <a href="https://home.uni-leipzig.de/energy/energie-grundlagen/15.html" rel="noopener">elektrische Leistung unter optimalen Bedingungen</a>, und meist sind Bedingungen nicht optimal. Auch der Umstand, dass nicht alle am Jahresende mit erfassten neuen Anlagen zum 1. Januar gleich mitproduzieren, dürfte für ein paar Schwankungen sorgen. Um Missverständnisse zu vermeiden, nenne ich die resultierende Stundenzahl „Äquivalentstunden“. Hier ist das Diagramm für die Äquivalentstunden-Zeitreihe:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden.png"><img alt="Eine wild auf und ab schwankende Kurve, zwischen etwa 1400 und 1900 Äquivalentstunden. Die Kurve zeigt einen leichten Aufwärtstrend." decoding="async" height="742" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1413px) 100vw, 1413px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden.png 1413w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-300x158.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-1024x538.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-768x403.png 768w" width="1413"></img></a></figure> </div> <p>Man kann dem Diagramm direkt ansehen, dass die Äquivalentstunden-Schwankungsbreite nicht merklich zugenommen hat. Von 2008 bis 2010 ist der drastische Abfall mit einer Differenz von 378 Stunden sogar noch größer als der Abfall von 2023 bis 2025 (nur 352 Stunden), der uns den Windenergie-Rätsel-Tiefpunkt beschert hat. Der Gesamttrend in jenem Diagramm ist sogar leicht positiv. Das sind genau die falschen Dateneigenschaften, wenn man argumentieren möchte, dass es eine Stagnation gebe, also ein systematisches Absinken-und-Niedrigbleiben, das erst kürzlich aufgetreten sei. Die Daten sagen stattdessen: Schwankungen wie jene, die den 2025er-Wert nach unten gezogen hat, sind normal. Die gibt es im gesamten Datensatz. Und der Gesamt-Trend geht in die Gegenrichtung von dem, was der WELT-Artikel behauptet: An den Äquivalentstunden gemessen wird das Windrad-Ensemble, das Deutschland betreibt, mit der Zeit zunehmend effektiver. (Ob das an insgesamt mehr Wind liegt oder an verbesserter Technik – etwa höher gebauten Windrädern, die insgesamt bessere Chancen haben, guten Wind zu erwischen, kann man alleine aus jener Darstellung nicht entscheiden.) Auch der Wettergott muss sein Verhalten nicht ändern. Geht es in der Zukunft so weiter wie in dieser Zeitreihe, dann müssen wir uns keine Sorgen mache, dass sich weiterer Windkraft-Zubau nicht lohnt. Aber wir müssen natürlich beim Design unseres Energiesystems mit einberechnen, dass es diese Art von Schwankungen gibt.</p> <div title="Page 1"> <div> <div> <p> <h2>Diagramme-Lesen ist keine Zauberei</h2> </p> </div> </div> </div> <p>Kommen wir vor diesem Hintergrund noch einmal zu dem lapidaren Satz zurück, mit dem der WELT-Artikel die Möglichkeit abfertigt, dass es bei jenem angeblichen Rätsel um so etwas Schnödes wie mehr-Wind-oder-weniger-Wind gehen könnte. Ja, das sei eine mögliche Erklärung, wird der interviewte Wirtschaftsforscher Manuel Frondel zitiert. Wie viel er, der Artikelautor oder ggf. beide von jener Möglichkeit halten (indirektes Zitat!), wird in der Ausformulierung klar: „Es könne sich seit 20[2]0 um eine bemerkenswerte, aber rein zufällige Häufung von Schwachwind-Jahren handeln.“ Eine bemerkenswerte, zufällige Häufung von Schwachwind-Jahren! Hah! Wer’s glaubt, wird selig!</p> <p>Dass es sich dabei stattdessen um eine bemerkenswerte, angesichts der sonstigen Probleme des Artikels aber wohl gerade nicht zufällig schwache Argumentation handelt, zeigt der Blick auf das obige Äquivalentstunden-Diagramm. Nach den Äquivalentstunden beurteilt, handelt es sich beim Zeitraum 2021 bis 2025 ja im Gegensatz um keine so schlechte Ernte. Das Jahr 2023 übertrifft den 2020er Wert sogar ein kleines bisschen. Systematischer dargestellt: In dem folgenden Diagramm sind die Durchschnittswerte sowie als Balken nach oben und unten die Standardabweichungen (letztere ein Maß für die Schwankungen innerhalb der Stichprobe) einmal für den gesamten erfassten Zeitraum, daneben für die fünf Jahre 2016 bis 2020 und dann für die angesprochenen Jahre 2021 bis 2025 dargestellt:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/durchschnitte-vergleich.png"><img alt="Drei Datenpunkte mit Fehlerbalken, nämlich der Durchschnitt des Gesamt-Datensets, leicht höher der Durchschnitt 2016 bis 2020, und dazwischen der Durchschnitt für 2021 bis 2025. Die Fehlerbalken (Standardabweichung) überlappen sich deutlichst." decoding="async" height="348" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/durchschnitte-vergleich.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/durchschnitte-vergleich.png 750w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/durchschnitte-vergleich-300x139.png 300w" width="750"></img></a></figure> </div> <p>Dafür, wie man feststellt, ob zwischen zwei jeweils mit Schwankungen überlagerten Größen ein tatsächlicher Unterschied besteht, liefert die Statistik geeignete Tests. Wo sich die Schwankungsbreiten rund um die Durchschnittswerte so weitgehend entsprechen wie hier, ist aber auch ohne Tests klar: es gibt keinen echten Unterschied. Solche Werte sind innerhalb der Schwankungsbreite nicht unterscheidbar. Anders gesagt: Das Cherry-Picking reicht als Verfälschung alleine nicht aus, um das angebliche Rätsel herbei zu konstruieren. Man muss zusätzlich noch alles vergessen, was man jemals über statistische Vergleiche gelernt hat, um auf die Idee zu kommen, hier gäbe eseinen echten, nach 2020 beginnenden, erklärungsbedürftigen Trend.</p> <p>OK, das mit der Standardabweichung gehört natürlich schon eher in Richtung Insiderwissen. (Wenn auch Insiderwissen, das in den Sozialwissenschaften in den ersten Semestern gelehrt wird. Es gibt deutlich insideriges Wissen.) Aber es ist ja noch abstruser. Wir müssen uns nur den Verlauf der Äquivalentstunden-Kurve anschauen:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-2020to2025.png"><img alt="Kurve Aequivalentstunden gegen Zeit: ein Maximum bei 2020, dann eine Senke, dann ein fast gleich großes Maximum bei 2023, dann ein Abfall bis 2025" decoding="async" height="742" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1431px) 100vw, 1431px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-2020to2025.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-2020to2025.png 1431w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-2020to2025-300x156.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-2020to2025-1024x531.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-2020to2025-768x398.png 768w" width="1431"></img></a></figure> </div> <p>Eine Person, die jene Kurve ansehen und ohne rot zu werden behaupten kann, dort käme als Wind-Erklärung nach dem starken Jahr 2020 überraschenderweise nur noch eine Häufung von Schwachwind-Jahren infrage, ist keine Person, der eine seriöse Zeitung eine Plattform liefern sollte, solch ein Diagramm zu kommentieren. Und die WELT sollte das eigentlich auch nicht tun.</p> <h2>Recherche ist, zugegeben, ein Fremdwort </h2> <p>Wie schon erwähnt, sagen die Äquivalenzstunden erst einmal nichts darüber aus, worauf ihre Variation zurückgeht. Von Jahr zu Jahr unterschiedlicher Wind liegt natürlich erst einmal nahe. Immer effektivere Windräder einerseits bzw. vielleicht ja wirklich, wie im WELT-Artikel vorgebracht, immer schlechtere Standorte andererseits können aber selbstverständlich auch einen Einfluss haben, und den Äquivalenzstunden-Daten selbst sieht man nicht an, welcher Faktor eine wie große Rolle spielt.</p> <p>Und ich muss ehrlicherweise zugeben: Wetterdaten sind in Deutschland nicht so einfach zu bekommen. Das gilt erst recht für jene esoterischen Daten, die einem sagen, wie der Wind die hiesigen Windräder beeinflussen würde. Um Zugang zu jenem Geheimwissen zu erlangen, muss man eine entbehrungsreiche Reise auf sich nehmen und ein belastendes Aufnahmeritual durchlaufen, bevor man (vielleicht!) in die Gegenwart der Meisterin gelassen wird und dann in langer, anstrengender und zum Teil lebensgefährlicher Fleissarbeit Zugang zum eigentlichen Geheimwissen bekommt. Manch einer ist von der entsprechenden <del>Erleuchtungs</del>Recherchereise nie zurückgekehrt – oder war komplett verändert. Da muss man einfach realistisch bleiben. So etwas kann man von Journalisten nicht verlangen. </p> <p>Halt, Moment, ich höre gerade aus der Regie, dass mir da der Plot des Marvel-Films „Dr. Strange“ dazwischengerutscht ist. Sorry! Also noch einmal, und diesmal richtig: Ich habe rund zehn Minuten gebraucht, um via Google herauszubekommen, dass es so etwas wie den „Windindex“ und den „Ertragsindex“ gibt, mit dem geeignet spezialisierte Meterolog*innen zusammenfassend beschreiben, wie viel windradrelevanter Wind in Deutschland in einem bestimmten Jahr oder einem bestimmten Monat gepustet hat, ortsgenau, je nach Bundesland oder für Deutschland insgesamt. Und wenngleich sich die betreffende Firma die besonders geldwerten Daten wohl in der Tat bezahlen lässt – etwa wenn Investor*innen wissen wollen, wie viel Ertrag von einer Windkraftanlage an einem bestimmten Standort zu erwarten ist, oder die Betreiber, welches die aktuellen Bedingungen an ihrem Standort sind – ist die Übersicht samt der deutschlandweiten Daten frei im Internet abrufbar. Auf dieser Seite hier sind <a href="https://www.anemos.de/de/informationen.php#downloads" rel="noopener">die PDFs für die Jahre 2017 bis 2025</a> direkt herunterladbar. Dank an die Firma Anemos für diese frei zugänglichen Daten! Das folgende Diagramm zeigt unten die bereits geplotteten Äquivalenzstunden, die ich ausgerechnet hatte, und oben den Ertragsindex (in Prozent) aus den Wind-Daten der Firma Anemos:</p> <div> <figure><img alt="Oben die Äquivalentstunden, unten der Ertragsindex in Prozent für die Jahre 2017. Die Kurven sind zwar nicht identisch, aber sehr ähnlich, verkürzt gesagt: wo die eine nach oben geht, tut es auch die andere, wo die eine nach unten geht tut es auch die andere." decoding="async" height="865" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1168px) 100vw, 1168px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/vergleich-aequivalentstunden-ertragsindex.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/vergleich-aequivalentstunden-ertragsindex.png 1168w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/vergleich-aequivalentstunden-ertragsindex-300x222.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/vergleich-aequivalentstunden-ertragsindex-1024x758.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/vergleich-aequivalentstunden-ertragsindex-768x569.png 768w" width="1168"></img></figure> </div> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/vergleich-aequivalentstunden-ertragsindex.png">I</a>m perfekten Gleichschritt bewegen sich jene Daten zwar nicht – insbesondere das Wind-Maximum im Jahre 2023 wird nicht eins zu eins in Äquivalentstunden umgesetzt. Aber die Ähnlichkeiten zwischen den Kurven fallen direkt ins Auge. Speziell für die Vergleichsjahre 2020 und 2025 gilt: Die Ertragsindizes stehen im Verhältnis von 1.21 zu 1, und die Äquivalenzstunden im Verhältnis von 1.23 zu eins. Da muss man sich noch ein weiteres Mal arg verbiegen, um daran festzuhalten, dass hier ein großes Windkraft-Rätsel vorliegt, welches mit den natürlichen Variationen des Windeinflusses von Jahr zu Jahr nun wirklich nicht zu erklären ist. </p> <h2>Fazit</h2> <p>Klimawandel und Energiewende sind für viele Menschen aufwühlende, emotionale Themen – ob man nun das Zögern der Bundesregierung angesichts einer ernsthaften Bedrohung kritisch beäugt oder sich Sorgen macht, was uns die Energiewende ggf. an wirtschaftlichen Nachteilen bringen könnte. Gerade in den sozialen Medien kann die Diskussion bei diesem Thema recht heftig werden. Umso wichtiger sind verlässliche Informationen. Und dafür ist seriöser, solider, guter Journalismus gefragt. Bei einem Aufhänger wie dem vom Windkraft-Rätsel kann ich förmlich hören, wie die Dozentin in der Journalistenschule ihre Studierenden unterstützen würde, ginge es um eine Übung in den Anfangssemestern: „Erst einmal die Daten plotten. Guck, da fällt euch doch vielleicht schon etwas auf!“ Oder allgemeiner: „Als nächstes müsst ihr euch überlegen: Wen befragt man dafür als Expert*in? Wenn eine von drei möglichen Lösungen die Windverhältnisse sind, braucht ihr auf alle Fälle jemanden aus der Meteorologie!“ Wer dann als Lösung so etwas einreichen würde wie diesen WELT-Artikel, fiele durch.</p> <p>Woran liegt’s? Ich könnte ehrlich gesagt nicht sagen, welche der beiden grundsätzlichen Möglichkeiten, die mir direkt einfallen, ich gruseliger fände: das Szenario, in dem die Beteiligten es eigentlich besser wissen, aber hej, die Anweisung von oben war halt mal wieder der Windenergie eins aufs Haupt zu geben, oder das Szenario, in dem die ja mindestens drei Beteiligten (Interviewpartner und dem Vieraugenprinzip nach zwei Journalist*innen) sämtlich an den hier skizzierten grundlegenden Wie-lese-ich-ein-Diagramm-mit-Daten-Kompetenzen scheitern.</p> <p>Ich fühlte mich bei meiner Auswertung sehr an meine Blogbeiträge zur angeblichen Klimawandel-Pause erinnert (<a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/globale-temperaturkurve/">hier</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimaerwaermungspause-einige-diagramme-vs-deutlich-weniger-als-tausend-worte/">hier</a>). Um da zu einem erklärungsbedürftigen Rätsel zu gelangen, musste man ebenfalls eifriges Cherrypicken betreiben, die Augen fest zukneifen wenn die Kurve zwischen den gewählten zwei Bezugspunkten nicht zum eigenen Narrativ passt, sowie alles vergessen, was man ggf. mal über die Überlagerung von langfristigen Trends und kurzfristigen Schwankungen gelernt hatte. Dass solch fragwürdige Argumentationen es damals bis in den SPIEGEL geschafft hatten, hatte mich damals einigermaßen erschüttert und verwundert. Wo der Autor jenes SPIEGEL-Beitrags heute ist? Chefreporter Wissenschaft bei der WELT.</p> <h2>Nachbemerkung</h2> <p>Wie immer bei kontroversen oder potenziell kontroversen Themen moderiere ich die Kommentare. Ich bitte die Kommentator*innen, beim Thema zu bleiben, sich kurzzufassen, und Beschimpfungen/Beleidigungen, egal in welche Richtung, zu unterlassen. Kommentare, die sich nicht an diese einfachen Regeln halten, schalte ich gar nicht erst frei.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/das-windenergieraetsel-der-welt/#comments 35 Hantavirus & Ebola – Die Rückkehr der Verschwörungsmythen https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/hantavirus-ebola-die-rueckkehr-der-verschwoerungsmythen/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/hantavirus-ebola-die-rueckkehr-der-verschwoerungsmythen/#comments Mon, 01 Jun 2026 22:59:06 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11336 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeVerschwoerungsmythenMuskKI2025.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/hantavirus-ebola-die-rueckkehr-der-verschwoerungsmythen/</link> </image> <description type="html"><h1>Hantavirus & Ebola - Die Rückkehr der Verschwörungsmythen » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Da die menschliche Psychologie zu Reaktanz, Externalisierung und Verschwörungsmythen neigt, sollte es uns nicht überraschen, dass viele Menschen angesichts von bedrohlichen Krankheiten nicht <strong><em>„etwas“</em></strong> (wie einen Virus), sondern <strong><em>„jemanden“</em></strong> (meist eine Menschengruppe) verantwortlich machen wollen. Und wenn sie sich einmal auf vermeintlich Schuldige festgelegt haben (meist Juden, Fremde, Ärztinnen), steigern sie sich in den Confirmation Bias / Bestätigungsfehler und radikalisieren sich in Blasen.</p> <p>Wir haben das bereits <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-25-von-wegen-covidioten-verschwoerungsmythen-verstehen-mit-heidegger-und-platon/">während der <strong>Covid19-Pandemie</strong> gesehen – übrigens auch unter autoritären oder einfach gierigen Menschen mit durchaus höherer, formaler Bildung</a>.</p> <p>Und entsprechend schnell bildeten sich auch antisemitische Verschwörungsmythen um den Ausbruch einer tödlichen <strong>Hantavirus</strong>-Variante auf dem Kreuzfahrtschiff <em>MV Hontius</em> im April und Mai 2026: Schnell wurde darauf verwiesen, dass der Begriff „<em>Hanta</em>“ im Hebräischen – der Sprache im Judentum und Staat Israel – soviel wie „Lüge, Betrug, Nonsens“ bedeutet. Wie üblich im Antisemitismus wurde und wird dabei vergessen und verdrängt, dass <strong>das Virus im Koreakrieg (1950 – 1953)</strong> von Tieren auf Menschen übersprang und nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hantan" rel="noopener" target="_blank">dem <strong>Hantanfluss in Südkorea</strong></a> benannt wurde: Mit einer angeblichen, jüdischen Weltverschwörung hat es genau gar nichts zu tun!</p> <p>Noch krasser entladen sich Angst, Verschwörungsglauben und Gewalt rund um <a href="https://www.zdfheute.de/panorama/ebola-kongo-angst-gewalt-falschinformation-100.html" rel="noopener" target="_blank">die <strong>Ebola-Epidemie in Ost-Kongo</strong>. <strong>Verena Garrett</strong> berichtete unlängst im ZDF</a>:</p> <p><em><span>Viele Menschen hier haben über Jahre erlebt, dass staatliche Hilfe ausblieb. Das Misstrauen gegenüber Behörden und internationalen Organisationen ist enorm. <strong>„Der Widerstand ist groß“</strong>, sagt <strong>Vanny Buringi</strong>, eine Mitarbeiterin des Roten Kreuzes. Und weiter: <strong>„</strong></span><strong><span>Manche werfen Steine auf uns. Trotzdem geben wir nicht auf. Wir erklären den Menschen immer wieder, dass die Krankheit real ist.“</span></strong></em><aside></aside></p> <p><em>Die Angst vieler Menschen entlädt sich zunehmend in Wut und Aggression. <strong>Immer wieder werden Helfer bedroht, Behandlungszentren angegriffen oder geplante Notfallstationen zerstört</strong> – bevor sie überhaupt genutzt werden können.</em></p> <p>Und wer sich selbst noch nicht mit dem psychologischen Reiz von Verschwörungsmythen auseinandergesetzt hat, mag sich selbst für immun halten. Doch aufgrund unserer menschlichen Psychologie neigen fast alle Menschen unter Streß zur Überwahrnehmung von Wesenhaftigkeit (Hyper-Agency Detection, HAD) und auch zum Confirmation Bias, deutsch: Bestätigungsfehler.</p> <p><a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/verschwoerungsmythen-011573.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das Buchcover von &quot;Verschwörungsmythen. Woher sie kommen, was sie anrichten, wie wir ihnen begegnen können&quot; ist in Weiß und Grün gehalten. Oben steht der Autorenname Michael Blume neben einem SPIEGEL Bestseller-Autor-Siegel. Zwei grüne Schieber mit weißen Knöpfen erscheinen fast wie Augen und unten links sind Logo und Schriftzug des Patmos-Verlages zu finden." decoding="async" height="1000" sizes="(max-width: 635px) 100vw, 635px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeVerschwoerungsmythenMuskKI2025.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeVerschwoerungsmythenMuskKI2025.jpg 635w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeVerschwoerungsmythenMuskKI2025-191x300.jpg 191w" width="635"></img></a></p> <p><em>Cover der <a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/verschwoerungsmythen-011573.html" rel="noopener" target="_blank">Neuauflage von <strong>„Verschwörungsmythen. Woher sie kommen, was sie anrichten, wie wir ihnen begegnen können“</strong>, Patmos 2025: Michael Blume</a></em></p> <p>Im Deutschen haben wir den Begriff des <strong><em>„Nicht-Wahrhaben-Wollen“</em></strong> für das Abblocken unangenehmer Wahrheiten im egozentrischen Relativismus oder gar feindseligen Dualismus, der dann meist schnell in Verschwörungsglauben übergeht. Auf <a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/verschwoerungsmythen-011573.html" rel="noopener" target="_blank">Seite 23 von <em>„Verschwörungsmythen“</em></a> schrieb ich dazu:</p> <p><em>Schon in den Gesprächen des chinesischen Weisen <strong>Konfuzius</strong> (551 – 479 v.Chr.) finden wir angesichts von Ablehnung, Verschwörungsvorwürfen und Verfolgungen das seufzende Wort: ‚<strong>Die Wahrheit hat keinen Erfolg.</strong> Ich muß wohl ein Floß besteigen und über die See fahren.‘</em></p> <p><em>Ein <strong>armenisches Sprichwort</strong> besagt: <strong>‚Wer die Wahrheit spricht, braucht ein schnelles Pferd.‘</strong></em></p> <p><em>Und der bereits zitierte Holocaust-Überlebende <strong>Hans Blumenberg</strong> zweifelte nach einem Leben als zunehmend erfolgreicher Philosoph daran, dass die Philo-Sophie als ‚Liebe zur Weisheit‘ bis zum menschlichen Herzen durchdringen könne: ‚<strong>Es gibt keine Liebe zur Wahrheit.</strong> Vielleicht, weil es sie nicht geben kann.‘</em></p> <p>Ist also alles hoffnungslos?</p> <p>Nein, für Sie nicht. Es gibt…</p> <p><strong>Eine gute Nachricht: Die Akzeptanz von schmerzhafter Wahrheit lässt sich in Friedenszeiten trainieren</strong></p> <p>Sie können sich dazu mit dem Thema „Verschwörungsmythen und Verschwörungsglauben“ direkt befassen, um die gar nicht so komplizierten, psychologischen Mechanismen dahinter zu verstehen.</p> <p>Sie können aber auch den Mut zu anderen, wissenschaftlichen Themen fassen, die Ihrem jeweiligen Confirmation Bias / Bestätigungsfehler widersprechen!</p> <p>Wenn Sie politisch eher nach Rechts tendieren, könnten <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/nicht-zu-viel-solarstrom-zu-wenig-batteriespeicher-fossile-desinformation-auch-zu-pfingsten-2026/">Sie sich dem <em><strong>Solarpunk</strong> </em>aussetzen</a>.</p> <p>Wenn Sie politisch eher nach Links streben, könnten <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/religionen-wirken-demografisch-geburtenraten-aus-den-usa-turkiye-israel-thailand/">Sie sich mit <strong><em>Religionsdemografie</em> </strong>befassen</a>. </p> <p>Das geht mit Büchern, mit Blogs – oder inzwischen auch einfach mit seriösen KI-Chatprogrammen. Verlassen Sie einfach Ihre Komfortzone und wagen Sie sich in Wissensgebiete, die Ihnen bisher „nicht gelegen“ waren!</p> <p>Ich verspreche Ihnen: Es wird am Anfang heftige Emotionen, Ablehung und sogar Schmerz (kognitive Dissonanz) auslösen. Doch wie auch beim Sport der Körper stärker wird, so trainiert sich im dialogischen Monismus der Geist.</p> <p>Und wenn dann wieder eine Epidemie oder gar Pandemie ansteht und Menschen aus Angst den Verstand abgeben, dann werden Sie der Rückkehr der Verschwörungsmythen nicht nur widerstehen – sondern auch klar verstehen, was in den Köpfen weniger trainierter und also panischer, dualistischer, verschwörungsgläubiger Mitmenschen vor sich geht…</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/MvpEY9XblHQ?feature=oembed&amp;rel=0" title="Neues aus der Religionsdemografie: Daten aus den USA, Turkiye, Thailand &amp; Israel" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Hantavirus & Ebola - Die Rückkehr der Verschwörungsmythen » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Da die menschliche Psychologie zu Reaktanz, Externalisierung und Verschwörungsmythen neigt, sollte es uns nicht überraschen, dass viele Menschen angesichts von bedrohlichen Krankheiten nicht <strong><em>„etwas“</em></strong> (wie einen Virus), sondern <strong><em>„jemanden“</em></strong> (meist eine Menschengruppe) verantwortlich machen wollen. Und wenn sie sich einmal auf vermeintlich Schuldige festgelegt haben (meist Juden, Fremde, Ärztinnen), steigern sie sich in den Confirmation Bias / Bestätigungsfehler und radikalisieren sich in Blasen.</p> <p>Wir haben das bereits <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-25-von-wegen-covidioten-verschwoerungsmythen-verstehen-mit-heidegger-und-platon/">während der <strong>Covid19-Pandemie</strong> gesehen – übrigens auch unter autoritären oder einfach gierigen Menschen mit durchaus höherer, formaler Bildung</a>.</p> <p>Und entsprechend schnell bildeten sich auch antisemitische Verschwörungsmythen um den Ausbruch einer tödlichen <strong>Hantavirus</strong>-Variante auf dem Kreuzfahrtschiff <em>MV Hontius</em> im April und Mai 2026: Schnell wurde darauf verwiesen, dass der Begriff „<em>Hanta</em>“ im Hebräischen – der Sprache im Judentum und Staat Israel – soviel wie „Lüge, Betrug, Nonsens“ bedeutet. Wie üblich im Antisemitismus wurde und wird dabei vergessen und verdrängt, dass <strong>das Virus im Koreakrieg (1950 – 1953)</strong> von Tieren auf Menschen übersprang und nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hantan" rel="noopener" target="_blank">dem <strong>Hantanfluss in Südkorea</strong></a> benannt wurde: Mit einer angeblichen, jüdischen Weltverschwörung hat es genau gar nichts zu tun!</p> <p>Noch krasser entladen sich Angst, Verschwörungsglauben und Gewalt rund um <a href="https://www.zdfheute.de/panorama/ebola-kongo-angst-gewalt-falschinformation-100.html" rel="noopener" target="_blank">die <strong>Ebola-Epidemie in Ost-Kongo</strong>. <strong>Verena Garrett</strong> berichtete unlängst im ZDF</a>:</p> <p><em><span>Viele Menschen hier haben über Jahre erlebt, dass staatliche Hilfe ausblieb. Das Misstrauen gegenüber Behörden und internationalen Organisationen ist enorm. <strong>„Der Widerstand ist groß“</strong>, sagt <strong>Vanny Buringi</strong>, eine Mitarbeiterin des Roten Kreuzes. Und weiter: <strong>„</strong></span><strong><span>Manche werfen Steine auf uns. Trotzdem geben wir nicht auf. Wir erklären den Menschen immer wieder, dass die Krankheit real ist.“</span></strong></em><aside></aside></p> <p><em>Die Angst vieler Menschen entlädt sich zunehmend in Wut und Aggression. <strong>Immer wieder werden Helfer bedroht, Behandlungszentren angegriffen oder geplante Notfallstationen zerstört</strong> – bevor sie überhaupt genutzt werden können.</em></p> <p>Und wer sich selbst noch nicht mit dem psychologischen Reiz von Verschwörungsmythen auseinandergesetzt hat, mag sich selbst für immun halten. Doch aufgrund unserer menschlichen Psychologie neigen fast alle Menschen unter Streß zur Überwahrnehmung von Wesenhaftigkeit (Hyper-Agency Detection, HAD) und auch zum Confirmation Bias, deutsch: Bestätigungsfehler.</p> <p><a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/verschwoerungsmythen-011573.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das Buchcover von &quot;Verschwörungsmythen. Woher sie kommen, was sie anrichten, wie wir ihnen begegnen können&quot; ist in Weiß und Grün gehalten. Oben steht der Autorenname Michael Blume neben einem SPIEGEL Bestseller-Autor-Siegel. Zwei grüne Schieber mit weißen Knöpfen erscheinen fast wie Augen und unten links sind Logo und Schriftzug des Patmos-Verlages zu finden." decoding="async" height="1000" sizes="(max-width: 635px) 100vw, 635px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeVerschwoerungsmythenMuskKI2025.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeVerschwoerungsmythenMuskKI2025.jpg 635w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeVerschwoerungsmythenMuskKI2025-191x300.jpg 191w" width="635"></img></a></p> <p><em>Cover der <a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/verschwoerungsmythen-011573.html" rel="noopener" target="_blank">Neuauflage von <strong>„Verschwörungsmythen. Woher sie kommen, was sie anrichten, wie wir ihnen begegnen können“</strong>, Patmos 2025: Michael Blume</a></em></p> <p>Im Deutschen haben wir den Begriff des <strong><em>„Nicht-Wahrhaben-Wollen“</em></strong> für das Abblocken unangenehmer Wahrheiten im egozentrischen Relativismus oder gar feindseligen Dualismus, der dann meist schnell in Verschwörungsglauben übergeht. Auf <a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/verschwoerungsmythen-011573.html" rel="noopener" target="_blank">Seite 23 von <em>„Verschwörungsmythen“</em></a> schrieb ich dazu:</p> <p><em>Schon in den Gesprächen des chinesischen Weisen <strong>Konfuzius</strong> (551 – 479 v.Chr.) finden wir angesichts von Ablehnung, Verschwörungsvorwürfen und Verfolgungen das seufzende Wort: ‚<strong>Die Wahrheit hat keinen Erfolg.</strong> Ich muß wohl ein Floß besteigen und über die See fahren.‘</em></p> <p><em>Ein <strong>armenisches Sprichwort</strong> besagt: <strong>‚Wer die Wahrheit spricht, braucht ein schnelles Pferd.‘</strong></em></p> <p><em>Und der bereits zitierte Holocaust-Überlebende <strong>Hans Blumenberg</strong> zweifelte nach einem Leben als zunehmend erfolgreicher Philosoph daran, dass die Philo-Sophie als ‚Liebe zur Weisheit‘ bis zum menschlichen Herzen durchdringen könne: ‚<strong>Es gibt keine Liebe zur Wahrheit.</strong> Vielleicht, weil es sie nicht geben kann.‘</em></p> <p>Ist also alles hoffnungslos?</p> <p>Nein, für Sie nicht. Es gibt…</p> <p><strong>Eine gute Nachricht: Die Akzeptanz von schmerzhafter Wahrheit lässt sich in Friedenszeiten trainieren</strong></p> <p>Sie können sich dazu mit dem Thema „Verschwörungsmythen und Verschwörungsglauben“ direkt befassen, um die gar nicht so komplizierten, psychologischen Mechanismen dahinter zu verstehen.</p> <p>Sie können aber auch den Mut zu anderen, wissenschaftlichen Themen fassen, die Ihrem jeweiligen Confirmation Bias / Bestätigungsfehler widersprechen!</p> <p>Wenn Sie politisch eher nach Rechts tendieren, könnten <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/nicht-zu-viel-solarstrom-zu-wenig-batteriespeicher-fossile-desinformation-auch-zu-pfingsten-2026/">Sie sich dem <em><strong>Solarpunk</strong> </em>aussetzen</a>.</p> <p>Wenn Sie politisch eher nach Links streben, könnten <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/religionen-wirken-demografisch-geburtenraten-aus-den-usa-turkiye-israel-thailand/">Sie sich mit <strong><em>Religionsdemografie</em> </strong>befassen</a>. </p> <p>Das geht mit Büchern, mit Blogs – oder inzwischen auch einfach mit seriösen KI-Chatprogrammen. Verlassen Sie einfach Ihre Komfortzone und wagen Sie sich in Wissensgebiete, die Ihnen bisher „nicht gelegen“ waren!</p> <p>Ich verspreche Ihnen: Es wird am Anfang heftige Emotionen, Ablehung und sogar Schmerz (kognitive Dissonanz) auslösen. Doch wie auch beim Sport der Körper stärker wird, so trainiert sich im dialogischen Monismus der Geist.</p> <p>Und wenn dann wieder eine Epidemie oder gar Pandemie ansteht und Menschen aus Angst den Verstand abgeben, dann werden Sie der Rückkehr der Verschwörungsmythen nicht nur widerstehen – sondern auch klar verstehen, was in den Köpfen weniger trainierter und also panischer, dualistischer, verschwörungsgläubiger Mitmenschen vor sich geht…</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/MvpEY9XblHQ?feature=oembed&amp;rel=0" title="Neues aus der Religionsdemografie: Daten aus den USA, Turkiye, Thailand &amp; Israel" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/hantavirus-ebola-die-rueckkehr-der-verschwoerungsmythen/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>26</slash:comments> </item> <item> <title>Völlig schwerelos: Unser Gehirn im Weltraum https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/voellig-schwerelos-unser-gehirn-im-weltraum/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/voellig-schwerelos-unser-gehirn-im-weltraum/#respond Sun, 31 May 2026 09:28:44 +0000 Corinna Kuhn https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=6015 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-13-768x510.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/voellig-schwerelos-unser-gehirn-im-weltraum/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-13-1024x680.jpeg" /><h1>Völlig schwerelos: Unser Gehirn im Weltraum » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Corinna Kuhn</h2><div itemprop="text"> <p>“Völlig losgelöst, von der Erde, schwebt das Raumschiff, völlig schwerelos”</p> <p>Wie Major Tom und die zahlreichen beliebten Lieder, Filme, Dokumentationen, Bücher und Planetariumsvorführungen zeigen: Wir Menschen sind vom Weltraum grenzenlos fasziniert! Nicht grundlos ist Astronautin und Astronaut unter den beliebtesten Traumberufen von Kindern. </p> <p>Gut bekannt ist schon den Jüngsten, dass wer sich auf eine Weltraummission begeben will, ein hartes Training auf der Erde bestreiten und auch im Weltall täglich intensiv Sport treiben muss. Nur so können die Schwerelosigkeit und die lebensfeindlichen Bedingungen im Weltall körperlich verkraftet werden. Weniger bekannt sind die Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf das Gehirn. Nun, da Weltraumtourismus auf dem Vormarsch ist, sollten wir die Risiken und Nebenwirkungen einer Reise aus unserer Atmosphäre betrachten, bevor wir wie Major Tom scherzend abheben.</p> <h3>“Die Erdanziehungskraft ist überwunden”</h3> <p>Stelle dir vor, du wärst im Weltraum, würdest aus dem Fenster der Weltraumstation auf die kleine blaue Erde sehen. Vielleicht spürst du in diesem Moment, wie sich dein Körper bei der Vorstellung leichter anfühlt, wie deine Arme und Beine widerstandslos schweben würden? Nicht nur deine Körperteile, auch die gesamte Körperflüssigkeit wäre der Schwerelosigkeit (beziehungsweise Mikrogravitation) ausgesetzt. Und das stellt unser komplettes Nervensystem vor einige Herausforderungen.</p> <h4>Wenig Platz und mehr Flüssigkeit</h4> <p>Konkret für das Gehirn bedeutet das eine Flüssigkeitsverschiebung des Liquors (Hirnwassers) und Bluts in den Schädel, einer Umverteilung der freien extrazellulären Flüssigkeit im Gehirn und eine Aufwärtsbewegung des Gehirns in Richtung des Scheitels bei längeren Weltraummissionen. So werden der Subarachnoidalraum zwischen Gehirn und Schädelwand am Scheitel verringert und die mit Liquor gefüllten Ventrikel im Gehirn in der Schwerelosigkeit deutlich erweitert. Diese Ventrikelerweiterung bleibt auch nach der Rückkehr zur Erde über Monate bis Jahre bestehen (tatsächlich ist nicht sicher, ob überhaupt eine Rückbildung zu einer altersgemäßen Norm möglich ist) <sup>1,2</sup>. Auch der sogenannte perivaskuläre Raum, der extrazelluläre Raum um die Blutgefäße des Gehirns, erweitert sich. <aside></aside></p> <p>All diese Veränderungen führen zu einer Flüssigkeitszunahme im begrenzten Raum der knöchernen Schädelkalotte. Das könnte das glymphatische System  (das Reinigungssystem unseres Gehirns – genauer eine extrazelluläre Flüssigkeitsbewegung, die ähnlich des Lymphsystems im restlichen Körper dazu dient, Abfall- und Stoffwechselprodukte aus dem Gewebe abzutransportieren) stören, den mittleren Druck im Gehirn über den Tag erhöhen und sich dadurch negativ auf die kognitive Funktion auswirken <sup>1</sup>.</p> <h4>Nicht den Durchblick verlieren</h4> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-14.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 672px) 100vw, 672px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-14-672x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-14-672x1024.jpeg 672w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-14-197x300.jpeg 197w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-14-768x1170.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-14-1008x1536.jpeg 1008w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-14.jpeg 1344w" width="672"></img></a></figure> </div> <p>Die größte Herausforderung in der Weltraummedizin ist eine Sehverschlechterung, diese gilt als das bedeutendste Hindernis für zukünftige langandauernde Marsmissionen. Mit dem komplizierten Namen spaceflight associated neuro-ocular syndrome, kurz SANS genannt, werden mehrere strukturelle Veränderungen der Augen beschrieben, die zu Sehstörung in der Nähe und Ausfällen im Gesichtsfeld führen können und bei deutlich längeren Weltraummissionen sogar zu einem irreversiblen Sehverlust führen könnten <sup>3</sup>. Nach Langzeitmissionen (&gt;1 Monat) werden bei 70% aller Weltraumreisenden SANS-Zeichen festgestellt. </p> <p>Wie genau es dazu kommt, bleibt bislang ungeklärt. Es wird von einer Kombination mehrerer Faktoren ausgegangen. Als wichtige Ursachen werden die kopfwärts gerichtete Flüssigkeitsverschiebung, der erhöhte mittlere Druck im Gehirn, der dadurch gestörter Blutfluss über die Venen und das gestörte glymphatische System und die Aufwärtsverschiebung des gesamten Gehirns diskutiert <sup>4</sup>.</p> <h3>Weltraumkrankheit – Reiseübelkeit in der Rakete</h3> <p>Sollte dir beim Autofahren leicht übel werden, würde dir die Weltraumkrankheit ordentlich zu schaffen machen. Denn durch die Schwerelosigkeit werden die Orientierungssysteme des Körpers ordentlich verwirrt. </p> <p>Konkret handelt es sich um einen Konflikt zwischen den Signalen des Gleichgewichtsorgans (des Vestibularorgans) und dem im Gehirn gespeicherten Erwartungsmodell, basierend auf lebenslangen Erfahrungen unter der Erdschwerkraft. Bis zu 80% der Weltraumfahrerinnen und -fahrer sind in den ersten Tagen von den äußerst unangenehmen Symptomen betroffen. <br></br>Sie leiden an Übelkeit, Erbrechen und Schwindel, Blässe sowie Kaltschweißigkeit, Müdigkeit und Kopfschmerzen. Zum Glück kann das Gehirn die störenden Signale des Gleichgewichtsorgans in der Regel nach 3 bis 5 Tagen zunehmend als weniger wichtig werten und verstärkt auf die Augen zur räumlichen Orientierung setzen. Es lernt also die über das bisherige Leben unter der Erdschwerkraft erstellten Modelle zu Orientierung und Körperposition auf Basis der Signale des Gleichgewichtsorgans zu ignorieren <sup>5</sup>. </p> <p>Helfen kann also ein intensives Schwerelosigkeitstraining vor der Weltraummission und übelkeitshemmende Medikamente. Wieder umstellen muss sich das Gehirn dann aber nach der Rückkehr auf die Erde zur Schwerkraft, dann können nochmals ähnliche Symptome auftreten <sup>6</sup>. </p> <div><div> <p><strong>Historischer Exkurs: Wie Gehörlose die Forschung voran brachten</strong><p>Wusstest du, dass elf gehörlose Männer einen entscheidenden Beitrag zum Verständnis der Weltraumkrankheit und der sensorischen Verarbeitung unter veränderter Schwerkraft leisteten?</p><p>Die elf Männer aus Washington hatten wegen Hirnhautentzündungen in der Kindheit kein funktionierendes Innenohr, welches für das Gehör und den Gleichgewichtssinn zuständig ist. Sie machten in den 1950er und 60er Jahren viele anstrengende Experimente der NASA mit, unter anderem Parabelflüge (bei denen durch Auf- und Abbewegungen des Flugzeugs kurzfristig Schwerelosigkeit erzielt wird), tagelanger Aufenthalt in einem sich langsam drehendem Raum und Experimente auf Schiffen. Erstaunlicherweise waren diese gehörlosen Männer komplett immun gegenüber der Simulation der Weltraumkrankheit, ihnen wurde weder übel, noch litten sie an Desorientierung oder erlebten räumliche Illusionen wie die gesunden Kontrollprobanden <sup>7</sup>. </p></p> <p>Die Ergebnisse bewiesen die zentrale Rolle des Innenohrs (exakt des Vestibularorgans) für die Weltraumkrankheit. Sie zeigten, dass nicht die Schwerelosigkeit allein, sondern der Konflikt zwischen verschiedenen sensorischen Wahrnehmungen, also das, was durch Gleichgewichts-, Seh- und Tast- sowie Lagesinn wahrgenommen wird, verursachend ist <sup>6</sup>.</p> </div></div> <h3>Kosmische Strahlung</h3> <p>Nicht nur die Schwerelosigkeit macht dem menschlichen Körper zu schaffen, auch die hohe kosmische Strahlung ist extrem gefährlich. Die Astronautinnen und Astronauten könnten bei einer Marsmission bis zu 2000 Millisievert im Weltall ausgesetzt sein, ohne den Schutz durch die Atmosphäre und das Magnetfeld der Erde, das entspricht der Strahlendosis von mehr als 20.000-mal den Oberkörper zu röntgen. Diese enorme Strahlenexposition birgt ein hohes Risiko für Krebserkrankungen, Schädigung des Nervensystems, degenerative Erkrankungen und Strahlenkrankheit <sup>8</sup>. </p> <p>Fast alle Ergebnisse stammen aus Experimenten mit Versuchstieren und sind deshalb nicht zuverlässig auf den Menschen übertragbar, liefern aber wichtige Erkenntnisse. Bei den bestrahlten Mäusen wurden kognitive Beeinträchtigungen in Form von Aufmerksamkeitsstörungen, verlangsamter Reaktionszeit, aggressives Verhalten, Defizite im Gedächtnis und räumlichem Lernen festgestellt <sup>9</sup>. Zudem verursachte die Bestrahlung Entzündungsreaktionen im Gehirn der Tiere, welche die Blut-Hirn-Schranke (schützende Abgrenzung des Gehirns vom Blut) stören. Durch die Bestrahlung wurden auch Nervenzellen (konkret die Synapsen, Dendriten und isolierenden Myelinscheiden um die Nervenfasern) und das Neurotransmittersystem geschädigt <sup>10</sup>. </p> <p>Sehr spannend ist, dass ein großer Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Mäusen bei den Experimenten festgestellt wurde: Die Männchen zeigten stärkere kognitive Defizite, erhöhte Angst, verminderte soziale Interaktion und eine chronische Immunreaktion im Gehirn, wohingegen die Weibchen weitgehend unbeeinträchtigt blieben und nur Hinweise auf leichte Gedächtnisstörungen lieferten. Das Gehirn von weiblichen Mäusen scheint also widerstandsfähiger gegenüber der Strahlung zu sein <sup>11</sup>.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-15.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="735" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-15-1024x735.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-15-1024x735.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-15-300x215.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-15-768x551.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-15-1536x1103.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-15.jpeg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <h3>Frauen besser geeignet fürs Weltall?</h3> <p>Wenn es bei Mäusen einen Geschlechterunterschied gibt, dann vielleicht auch bei Menschen? Tatsächlich ja! Allerdings ergibt sich ein komplexes Bild, und es kann nicht pauschal gesagt werden, dass Frauen geeigneter fürs Weltall wären. Zwar gibt es nur eine begrenzte Datenlage (nur ca. 11,5% der Astronauten sind Frauen!), jedoch weisen bisherige Daten darauf hin, dass Frauen seltener an der Sehstörung SANS und an Hörverlust leiden. Im Gegensatz dazu berichten die Astronautinnen aber häufiger von der Weltraumkrankheit und haben ein deutlich höheres, strahleninduziertes Krebsrisiko <sup>1,12</sup>.</p> <h3>“Die Erde schimmert blau” – der Überblick-Effekt</h3> <p>Nach all den Schwierigkeiten fürs Gehirn zurück zu der kindlichen Faszination für den Weltraum, die nicht von ungefähr kommt. Astronautinnen und Astronauten erleben oft beim Anblick unseres blauen Heimatplaneten aus dem All eine unglaubliche emotionale Ergriffenheit. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-16.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-16-1024x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-16-1024x1024.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-16-300x300.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-16-150x150.jpeg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-16-768x768.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-16-1536x1536.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-16.jpeg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Frank White beschrieb 1987 als Überblick-Effekt diese enorme Ehrfurcht und das Gefühl der Verbundenheit mit der gesamten Menschheit. Die Weltraummannschaften beschrieben, sich im Angesicht der Weite des Universums selbst ganz klein zu fühlen, ein Phänomen, das als Selbsttranszendenz bezeichnet wird. Nicht wenige von ihnen erlebten einen dauerhaften Perspektivwechsel und andauernde Änderung ihrer Identität mit dem besonderen Wunsch, die Erde und Menschheit zu schützen. Einige ehemalige Astronauten und Astronautinnen sind im Anschluss bedeutende spirituelle Lehrer, Autoren und Umweltaktivisten geworden <sup>13</sup>.</p> <h3>“Die Crew hat dann noch ein paar Fragen”</h3> <p>Zu Risiken und Nebenwirkungen einer Weltraumexkursion fragen Sie Ihre Ärztin oder … äh? Leider ist Weltraummedizin bislang noch nicht Inhalt des Medizinstudiums in Deutschland. Weitere Informationen lassen sich deshalb beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln finden, bei der Europäischen Weltraumorganisation ESA oder bei der NASA.<br></br>Ganz klar aus dem „Beipackzettel“ wird jedoch, es handelt sich um ein unfassbar spannendes Thema der Medizin und Neurowissenschaft mit noch vielen offenen Fragen. Durch mehr Missionen aus der Atmosphäre heraus werden wir viel zu unserem Gehirn und über die menschlichen Grenzen lernen.</p> <p>Major Tom denkt sich: „Wenn die wüssten, mich führt hier ein Licht durch das All, das kennt ihr noch nicht, ich komme bald.“ </p> <h4>Bildquellen</h4> <p><a href="https://www.pexels.com/photo/person-in-white-astronaut-suit-39651" rel="noopener">Titelbild</a><p><a href="https://www.pexels.com/photo/nasa-space-shuttle-taking-off-355906" rel="noopener">Bild 1</a><a href="https://www.pexels.com/photo/gray-and-black-galaxy-wallpaper-2150" rel="noopener">Bild 2</a><a href="https://www.pexels.com/photo/earth-illustration-355935" rel="noopener">Bild 3</a></p></p> <h4>Quellen</h4> <p>Sehr viele wortwörtliche Zitate aus “Major Tom (Völlig losgelöst)” von Peter Schilling<br></br>Schilling, P. (1982). Major Tom (Völlig losgelöst) [Lied]. Auf <em>Error in the System</em>. Elektra Records. </p> <p>1. Seidler, R. D., Mao, X. W., Tays, G. D., Wang, T. &amp; Eulenburg, P. zu. Effects of spaceflight on the brain. <em>The Lancet Neurology </em><strong>23</strong>, 826–835 (2024). </p> <p>2. Barisano, G. <em>et al.</em> The effect of prolonged spaceflight on cerebrospinal fluid and perivascular spaces of astronauts and cosmonauts. <em>Proceedings of the National Academy of Sciences </em><strong>119</strong>, e2120439119 (2022). </p> <p>3. Macias, B. R. <em>et al.</em> Association of Long-Duration Spaceflight With Anterior and Posterior Ocular Structure Changes in Astronauts and Their Recovery. <em>JAMA Ophthalmol </em><strong>138</strong>, 553–559 (2020). </p> <p>4. Brunstetter, T. J. <em>et al.</em> Predicting Spaceflight-Associated Neuro-Ocular Syndrome in International Space Station Astronauts. <em>JAMA Ophthalmol </em><strong>143</strong>, 933–937 (2025). </p> <p>5. Cohen, B., Dai, M., Yakushin, S. B. &amp; Cho, C. The neural basis of motion sickness. <em>J Neurophysiol </em><strong>121</strong>, 973–982 (2019). </p> <p>6. Heer, M. &amp; Paloski, W. H. Space motion sickness: incidence, etiology, and countermeasures. <em>Auton Neurosci </em><strong>129</strong>, 77–79 (2006). </p> <p>7. How 11 Deaf Men Helped Shape NASA’s Human Spaceflight Program – NASA. https://www.nasa.gov/missions/project-mercury/how-11-deaf-men-helped-shape-nasas-human-spaceflight-program/ (2017). </p> <p>8. Why Space Radiation Matters – NASA. https://www.nasa.gov/missions/analog-field-testing/why-space-radiation-matters/ (2017). </p> <p>9. Alaghband, Y. <em>et al.</em> Galactic cosmic radiation exposure causes multifaceted neurocognitive impairments. <em>Cell Mol Life Sci </em><strong>80</strong>, 29 (2023). </p> <p>10. Wuyts, F. L., Deblieck, C., Vandevoorde, C. &amp; Durante, M. Brains in space: impact of microgravity and cosmic radiation on the CNS during space exploration. <em>Nat. Rev. Neurosci. </em><strong>26</strong>, 354–371 (2025). </p> <p>11. Krukowski, K. <em>et al.</em> The impact of deep space radiation on cognitive performance: From biological sex to biomarkers to countermeasures. <em>Sci Adv </em><strong>7</strong>, eabg6702 (2021). </p> <p>12. Hughes-Fulford, M., Carroll, D. J., Allaway, H. C. M., Dunbar, B. J. &amp; Sawyer, A. J. Women in space: A review of known physiological adaptations and health perspectives. <em>Experimental Physiology </em><strong>n/a</strong>,. </p> <p>13. published, L. D. Space philosopher Frank White on ‘The Overview Effect’ and humanity’s connection with Earth. <em>Space</em> https://www.space.com/frank-white-overview-effect (2022).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-13-1024x680.jpeg" /><h1>Völlig schwerelos: Unser Gehirn im Weltraum » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Corinna Kuhn</h2><div itemprop="text"> <p>“Völlig losgelöst, von der Erde, schwebt das Raumschiff, völlig schwerelos”</p> <p>Wie Major Tom und die zahlreichen beliebten Lieder, Filme, Dokumentationen, Bücher und Planetariumsvorführungen zeigen: Wir Menschen sind vom Weltraum grenzenlos fasziniert! Nicht grundlos ist Astronautin und Astronaut unter den beliebtesten Traumberufen von Kindern. </p> <p>Gut bekannt ist schon den Jüngsten, dass wer sich auf eine Weltraummission begeben will, ein hartes Training auf der Erde bestreiten und auch im Weltall täglich intensiv Sport treiben muss. Nur so können die Schwerelosigkeit und die lebensfeindlichen Bedingungen im Weltall körperlich verkraftet werden. Weniger bekannt sind die Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf das Gehirn. Nun, da Weltraumtourismus auf dem Vormarsch ist, sollten wir die Risiken und Nebenwirkungen einer Reise aus unserer Atmosphäre betrachten, bevor wir wie Major Tom scherzend abheben.</p> <h3>“Die Erdanziehungskraft ist überwunden”</h3> <p>Stelle dir vor, du wärst im Weltraum, würdest aus dem Fenster der Weltraumstation auf die kleine blaue Erde sehen. Vielleicht spürst du in diesem Moment, wie sich dein Körper bei der Vorstellung leichter anfühlt, wie deine Arme und Beine widerstandslos schweben würden? Nicht nur deine Körperteile, auch die gesamte Körperflüssigkeit wäre der Schwerelosigkeit (beziehungsweise Mikrogravitation) ausgesetzt. Und das stellt unser komplettes Nervensystem vor einige Herausforderungen.</p> <h4>Wenig Platz und mehr Flüssigkeit</h4> <p>Konkret für das Gehirn bedeutet das eine Flüssigkeitsverschiebung des Liquors (Hirnwassers) und Bluts in den Schädel, einer Umverteilung der freien extrazellulären Flüssigkeit im Gehirn und eine Aufwärtsbewegung des Gehirns in Richtung des Scheitels bei längeren Weltraummissionen. So werden der Subarachnoidalraum zwischen Gehirn und Schädelwand am Scheitel verringert und die mit Liquor gefüllten Ventrikel im Gehirn in der Schwerelosigkeit deutlich erweitert. Diese Ventrikelerweiterung bleibt auch nach der Rückkehr zur Erde über Monate bis Jahre bestehen (tatsächlich ist nicht sicher, ob überhaupt eine Rückbildung zu einer altersgemäßen Norm möglich ist) <sup>1,2</sup>. Auch der sogenannte perivaskuläre Raum, der extrazelluläre Raum um die Blutgefäße des Gehirns, erweitert sich. <aside></aside></p> <p>All diese Veränderungen führen zu einer Flüssigkeitszunahme im begrenzten Raum der knöchernen Schädelkalotte. Das könnte das glymphatische System  (das Reinigungssystem unseres Gehirns – genauer eine extrazelluläre Flüssigkeitsbewegung, die ähnlich des Lymphsystems im restlichen Körper dazu dient, Abfall- und Stoffwechselprodukte aus dem Gewebe abzutransportieren) stören, den mittleren Druck im Gehirn über den Tag erhöhen und sich dadurch negativ auf die kognitive Funktion auswirken <sup>1</sup>.</p> <h4>Nicht den Durchblick verlieren</h4> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-14.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 672px) 100vw, 672px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-14-672x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-14-672x1024.jpeg 672w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-14-197x300.jpeg 197w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-14-768x1170.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-14-1008x1536.jpeg 1008w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-14.jpeg 1344w" width="672"></img></a></figure> </div> <p>Die größte Herausforderung in der Weltraummedizin ist eine Sehverschlechterung, diese gilt als das bedeutendste Hindernis für zukünftige langandauernde Marsmissionen. Mit dem komplizierten Namen spaceflight associated neuro-ocular syndrome, kurz SANS genannt, werden mehrere strukturelle Veränderungen der Augen beschrieben, die zu Sehstörung in der Nähe und Ausfällen im Gesichtsfeld führen können und bei deutlich längeren Weltraummissionen sogar zu einem irreversiblen Sehverlust führen könnten <sup>3</sup>. Nach Langzeitmissionen (&gt;1 Monat) werden bei 70% aller Weltraumreisenden SANS-Zeichen festgestellt. </p> <p>Wie genau es dazu kommt, bleibt bislang ungeklärt. Es wird von einer Kombination mehrerer Faktoren ausgegangen. Als wichtige Ursachen werden die kopfwärts gerichtete Flüssigkeitsverschiebung, der erhöhte mittlere Druck im Gehirn, der dadurch gestörter Blutfluss über die Venen und das gestörte glymphatische System und die Aufwärtsverschiebung des gesamten Gehirns diskutiert <sup>4</sup>.</p> <h3>Weltraumkrankheit – Reiseübelkeit in der Rakete</h3> <p>Sollte dir beim Autofahren leicht übel werden, würde dir die Weltraumkrankheit ordentlich zu schaffen machen. Denn durch die Schwerelosigkeit werden die Orientierungssysteme des Körpers ordentlich verwirrt. </p> <p>Konkret handelt es sich um einen Konflikt zwischen den Signalen des Gleichgewichtsorgans (des Vestibularorgans) und dem im Gehirn gespeicherten Erwartungsmodell, basierend auf lebenslangen Erfahrungen unter der Erdschwerkraft. Bis zu 80% der Weltraumfahrerinnen und -fahrer sind in den ersten Tagen von den äußerst unangenehmen Symptomen betroffen. <br></br>Sie leiden an Übelkeit, Erbrechen und Schwindel, Blässe sowie Kaltschweißigkeit, Müdigkeit und Kopfschmerzen. Zum Glück kann das Gehirn die störenden Signale des Gleichgewichtsorgans in der Regel nach 3 bis 5 Tagen zunehmend als weniger wichtig werten und verstärkt auf die Augen zur räumlichen Orientierung setzen. Es lernt also die über das bisherige Leben unter der Erdschwerkraft erstellten Modelle zu Orientierung und Körperposition auf Basis der Signale des Gleichgewichtsorgans zu ignorieren <sup>5</sup>. </p> <p>Helfen kann also ein intensives Schwerelosigkeitstraining vor der Weltraummission und übelkeitshemmende Medikamente. Wieder umstellen muss sich das Gehirn dann aber nach der Rückkehr auf die Erde zur Schwerkraft, dann können nochmals ähnliche Symptome auftreten <sup>6</sup>. </p> <div><div> <p><strong>Historischer Exkurs: Wie Gehörlose die Forschung voran brachten</strong><p>Wusstest du, dass elf gehörlose Männer einen entscheidenden Beitrag zum Verständnis der Weltraumkrankheit und der sensorischen Verarbeitung unter veränderter Schwerkraft leisteten?</p><p>Die elf Männer aus Washington hatten wegen Hirnhautentzündungen in der Kindheit kein funktionierendes Innenohr, welches für das Gehör und den Gleichgewichtssinn zuständig ist. Sie machten in den 1950er und 60er Jahren viele anstrengende Experimente der NASA mit, unter anderem Parabelflüge (bei denen durch Auf- und Abbewegungen des Flugzeugs kurzfristig Schwerelosigkeit erzielt wird), tagelanger Aufenthalt in einem sich langsam drehendem Raum und Experimente auf Schiffen. Erstaunlicherweise waren diese gehörlosen Männer komplett immun gegenüber der Simulation der Weltraumkrankheit, ihnen wurde weder übel, noch litten sie an Desorientierung oder erlebten räumliche Illusionen wie die gesunden Kontrollprobanden <sup>7</sup>. </p></p> <p>Die Ergebnisse bewiesen die zentrale Rolle des Innenohrs (exakt des Vestibularorgans) für die Weltraumkrankheit. Sie zeigten, dass nicht die Schwerelosigkeit allein, sondern der Konflikt zwischen verschiedenen sensorischen Wahrnehmungen, also das, was durch Gleichgewichts-, Seh- und Tast- sowie Lagesinn wahrgenommen wird, verursachend ist <sup>6</sup>.</p> </div></div> <h3>Kosmische Strahlung</h3> <p>Nicht nur die Schwerelosigkeit macht dem menschlichen Körper zu schaffen, auch die hohe kosmische Strahlung ist extrem gefährlich. Die Astronautinnen und Astronauten könnten bei einer Marsmission bis zu 2000 Millisievert im Weltall ausgesetzt sein, ohne den Schutz durch die Atmosphäre und das Magnetfeld der Erde, das entspricht der Strahlendosis von mehr als 20.000-mal den Oberkörper zu röntgen. Diese enorme Strahlenexposition birgt ein hohes Risiko für Krebserkrankungen, Schädigung des Nervensystems, degenerative Erkrankungen und Strahlenkrankheit <sup>8</sup>. </p> <p>Fast alle Ergebnisse stammen aus Experimenten mit Versuchstieren und sind deshalb nicht zuverlässig auf den Menschen übertragbar, liefern aber wichtige Erkenntnisse. Bei den bestrahlten Mäusen wurden kognitive Beeinträchtigungen in Form von Aufmerksamkeitsstörungen, verlangsamter Reaktionszeit, aggressives Verhalten, Defizite im Gedächtnis und räumlichem Lernen festgestellt <sup>9</sup>. Zudem verursachte die Bestrahlung Entzündungsreaktionen im Gehirn der Tiere, welche die Blut-Hirn-Schranke (schützende Abgrenzung des Gehirns vom Blut) stören. Durch die Bestrahlung wurden auch Nervenzellen (konkret die Synapsen, Dendriten und isolierenden Myelinscheiden um die Nervenfasern) und das Neurotransmittersystem geschädigt <sup>10</sup>. </p> <p>Sehr spannend ist, dass ein großer Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Mäusen bei den Experimenten festgestellt wurde: Die Männchen zeigten stärkere kognitive Defizite, erhöhte Angst, verminderte soziale Interaktion und eine chronische Immunreaktion im Gehirn, wohingegen die Weibchen weitgehend unbeeinträchtigt blieben und nur Hinweise auf leichte Gedächtnisstörungen lieferten. Das Gehirn von weiblichen Mäusen scheint also widerstandsfähiger gegenüber der Strahlung zu sein <sup>11</sup>.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-15.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="735" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-15-1024x735.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-15-1024x735.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-15-300x215.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-15-768x551.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-15-1536x1103.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-15.jpeg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <h3>Frauen besser geeignet fürs Weltall?</h3> <p>Wenn es bei Mäusen einen Geschlechterunterschied gibt, dann vielleicht auch bei Menschen? Tatsächlich ja! Allerdings ergibt sich ein komplexes Bild, und es kann nicht pauschal gesagt werden, dass Frauen geeigneter fürs Weltall wären. Zwar gibt es nur eine begrenzte Datenlage (nur ca. 11,5% der Astronauten sind Frauen!), jedoch weisen bisherige Daten darauf hin, dass Frauen seltener an der Sehstörung SANS und an Hörverlust leiden. Im Gegensatz dazu berichten die Astronautinnen aber häufiger von der Weltraumkrankheit und haben ein deutlich höheres, strahleninduziertes Krebsrisiko <sup>1,12</sup>.</p> <h3>“Die Erde schimmert blau” – der Überblick-Effekt</h3> <p>Nach all den Schwierigkeiten fürs Gehirn zurück zu der kindlichen Faszination für den Weltraum, die nicht von ungefähr kommt. Astronautinnen und Astronauten erleben oft beim Anblick unseres blauen Heimatplaneten aus dem All eine unglaubliche emotionale Ergriffenheit. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-16.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-16-1024x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-16-1024x1024.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-16-300x300.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-16-150x150.jpeg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-16-768x768.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-16-1536x1536.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-16.jpeg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Frank White beschrieb 1987 als Überblick-Effekt diese enorme Ehrfurcht und das Gefühl der Verbundenheit mit der gesamten Menschheit. Die Weltraummannschaften beschrieben, sich im Angesicht der Weite des Universums selbst ganz klein zu fühlen, ein Phänomen, das als Selbsttranszendenz bezeichnet wird. Nicht wenige von ihnen erlebten einen dauerhaften Perspektivwechsel und andauernde Änderung ihrer Identität mit dem besonderen Wunsch, die Erde und Menschheit zu schützen. Einige ehemalige Astronauten und Astronautinnen sind im Anschluss bedeutende spirituelle Lehrer, Autoren und Umweltaktivisten geworden <sup>13</sup>.</p> <h3>“Die Crew hat dann noch ein paar Fragen”</h3> <p>Zu Risiken und Nebenwirkungen einer Weltraumexkursion fragen Sie Ihre Ärztin oder … äh? Leider ist Weltraummedizin bislang noch nicht Inhalt des Medizinstudiums in Deutschland. Weitere Informationen lassen sich deshalb beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln finden, bei der Europäischen Weltraumorganisation ESA oder bei der NASA.<br></br>Ganz klar aus dem „Beipackzettel“ wird jedoch, es handelt sich um ein unfassbar spannendes Thema der Medizin und Neurowissenschaft mit noch vielen offenen Fragen. Durch mehr Missionen aus der Atmosphäre heraus werden wir viel zu unserem Gehirn und über die menschlichen Grenzen lernen.</p> <p>Major Tom denkt sich: „Wenn die wüssten, mich führt hier ein Licht durch das All, das kennt ihr noch nicht, ich komme bald.“ </p> <h4>Bildquellen</h4> <p><a href="https://www.pexels.com/photo/person-in-white-astronaut-suit-39651" rel="noopener">Titelbild</a><p><a href="https://www.pexels.com/photo/nasa-space-shuttle-taking-off-355906" rel="noopener">Bild 1</a><a href="https://www.pexels.com/photo/gray-and-black-galaxy-wallpaper-2150" rel="noopener">Bild 2</a><a href="https://www.pexels.com/photo/earth-illustration-355935" rel="noopener">Bild 3</a></p></p> <h4>Quellen</h4> <p>Sehr viele wortwörtliche Zitate aus “Major Tom (Völlig losgelöst)” von Peter Schilling<br></br>Schilling, P. (1982). Major Tom (Völlig losgelöst) [Lied]. Auf <em>Error in the System</em>. Elektra Records. </p> <p>1. Seidler, R. D., Mao, X. W., Tays, G. D., Wang, T. &amp; Eulenburg, P. zu. Effects of spaceflight on the brain. <em>The Lancet Neurology </em><strong>23</strong>, 826–835 (2024). </p> <p>2. Barisano, G. <em>et al.</em> The effect of prolonged spaceflight on cerebrospinal fluid and perivascular spaces of astronauts and cosmonauts. <em>Proceedings of the National Academy of Sciences </em><strong>119</strong>, e2120439119 (2022). </p> <p>3. Macias, B. R. <em>et al.</em> Association of Long-Duration Spaceflight With Anterior and Posterior Ocular Structure Changes in Astronauts and Their Recovery. <em>JAMA Ophthalmol </em><strong>138</strong>, 553–559 (2020). </p> <p>4. Brunstetter, T. J. <em>et al.</em> Predicting Spaceflight-Associated Neuro-Ocular Syndrome in International Space Station Astronauts. <em>JAMA Ophthalmol </em><strong>143</strong>, 933–937 (2025). </p> <p>5. Cohen, B., Dai, M., Yakushin, S. B. &amp; Cho, C. The neural basis of motion sickness. <em>J Neurophysiol </em><strong>121</strong>, 973–982 (2019). </p> <p>6. Heer, M. &amp; Paloski, W. H. Space motion sickness: incidence, etiology, and countermeasures. <em>Auton Neurosci </em><strong>129</strong>, 77–79 (2006). </p> <p>7. How 11 Deaf Men Helped Shape NASA’s Human Spaceflight Program – NASA. https://www.nasa.gov/missions/project-mercury/how-11-deaf-men-helped-shape-nasas-human-spaceflight-program/ (2017). </p> <p>8. Why Space Radiation Matters – NASA. https://www.nasa.gov/missions/analog-field-testing/why-space-radiation-matters/ (2017). </p> <p>9. Alaghband, Y. <em>et al.</em> Galactic cosmic radiation exposure causes multifaceted neurocognitive impairments. <em>Cell Mol Life Sci </em><strong>80</strong>, 29 (2023). </p> <p>10. Wuyts, F. L., Deblieck, C., Vandevoorde, C. &amp; Durante, M. Brains in space: impact of microgravity and cosmic radiation on the CNS during space exploration. <em>Nat. Rev. Neurosci. </em><strong>26</strong>, 354–371 (2025). </p> <p>11. Krukowski, K. <em>et al.</em> The impact of deep space radiation on cognitive performance: From biological sex to biomarkers to countermeasures. <em>Sci Adv </em><strong>7</strong>, eabg6702 (2021). </p> <p>12. Hughes-Fulford, M., Carroll, D. J., Allaway, H. C. M., Dunbar, B. J. &amp; Sawyer, A. J. Women in space: A review of known physiological adaptations and health perspectives. <em>Experimental Physiology </em><strong>n/a</strong>,. </p> <p>13. published, L. D. Space philosopher Frank White on ‘The Overview Effect’ and humanity’s connection with Earth. <em>Space</em> https://www.space.com/frank-white-overview-effect (2022).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/voellig-schwerelos-unser-gehirn-im-weltraum/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Ohne Helm, aber mit Anwalt? Sturz ein Jahr nach dem Pedelec-Crash https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/ohne-helm-aber-mit-anwalt-sturz-ein-jahr-nach-dem-pedelec-crash/ https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/ohne-helm-aber-mit-anwalt-sturz-ein-jahr-nach-dem-pedelec-crash/#comments Sun, 31 May 2026 03:26:00 +0000 Karin Schumacher https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/?p=4635 https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/pedelec-unfall-helm-einschreiben-@Dr.-Karin-Schumacher-768x576.jpeg Fahrradhelm mit Einschreiben - Symbolbild für Pedelec‑Unfall und rechtliche Folgen https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/ohne-helm-aber-mit-anwalt-sturz-ein-jahr-nach-dem-pedelec-crash/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/pedelec-unfall-helm-einschreiben-@Dr.-Karin-Schumacher.jpeg" /><h1>Ohne Helm, aber mit Anwalt? Sturz ein Jahr nach dem Pedelec-Crash » Medicine & More » SciLogs</h1><h2>By Von Karin Schumacher</h2><div itemprop="text"> <p><strong><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/faf0261a09c24e39ba45140787a58187" width="1"></img>Ein humorvoller-analytischer Blick auf zwei Fahrradunfälle – und darauf, warum manche Menschen sich lieber mit Anwälten schützen als mit Helmen. Über besondere „anniversary reactions“ und überraschende Unfallstatistiken. Über neues Vertrauen und letztlich Samivels Erinnerung daran, was „Freiheit“ wirklich bedeutet.</strong><span id="more-4635"></span></p> <h2>Wenn das Leben Geschichte(n) schreibt</h2> <p>Es gibt Momente, die passieren nur im echten Leben. Zum Beispiel, wenn ein Pedelec‑Fahrer mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit einen steilen Feldweg hinunterrast, dabei eine Ärztin touchiert, die in letzter Sekunde intuitiv ausgewichen ist – und damit vermutlich sowohl ihr eigenes Leben als auch das des Rasenden rettet, als sie ein Sausen im Rücken vernimmt.</p> <p>Der Fahrer stürzt ohne Helm und bleibt stumm liegen. Die selbst verletzte Ärztin versorgt ihn, bis ein Rettungshubschrauber den Schwerverletzten beatmet ins Krankenhaus fliegt. <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-pedelec-unfall-und-was-wirklich-zaehlt-intuition-verantwortung-und-dankbarkeit/" rel="noopener" target="_blank">Ein Jahr später</a> erhebt dieser juristische Ansprüche gegen das „Opfer“.</p> <p>Das ist eine dieser Geschichten, die man nicht erfinden kann. Aber Menschen wie <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/zwei-pferde-%d0%b4%d0%b2%d0%b5-%d0%bb%d0%be%d1%88%d0%b0%d0%b4%d0%b8-tolstois-fabel-ueber-fleiss-und-faulheit/" rel="noopener" target="_blank">Lew Tolstoi</a> (1828-1910) hätten sie sicher <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-wesir-abdul-%d0%b2%d0%b8%d0%b7%d0%b8%d1%80%d1%8c-%d0%b0%d0%b1%d0%b4%d1%83%d0%bb-maerchen-von-leo-tolstoi/" rel="noopener" target="_blank">gerne aufgeschrieben</a>.</p> <h2>Begegnung mit dem rasenden Pedelec: Ein kurzer, aber lehrreicher Moment</h2> <p>Ein damals 77‑jähriger Pedelec‑Fahrer kam gerade von einem Erste‑Hilfe‑Kurs, als er auf einem steilen Feldweg die Kontrolle verlor. Er versuchte, an meinem linken Arm vorbeizukommen – einem Hindernis, das zu diesem Zeitpunkt lediglich eine halbe Brezel hielt -, brachte mich zu Fall und sich selbst ins Trudeln. Er stürzte auf sein unbehelmtes Hirn und blieb stumm liegen. Meine Brezel blieb intakt. Seine rotgerahmte Brille landete unbeschadet auf der Wiese. Ich sammelte sie später ein und gab sie dem Rettungsdienst mit.<aside></aside></p> <p>Als ich plötzlich ein Sausen im Rücken gespürt hatte, war ich intuitiv einen Schritt zur Seite gegangen. In der nächsten Sekunde wurde ich von einer mir bis dahin unbekannten Wucht auf den mit Rasengittersteinen gepflasterten Boden gerissen, verspürte höllische Schmerzen und begann laut zu schreien. Als ich merkte, dass ich offenbar noch lebte und es jemanden gab, dem es deutlich schlechter ging, rappelte ich mich auf und begab mich zu dem stummen Radfahrer. Ich sprach ihn an, brachte ihn in die stabile Seitenlage und beruhigte ihn, während meine Begleitung den Rettungsdienst alarmierte. Dieser traf rasch ein und informierte auch die Polizei.</p> <h3>Vorahnungen und Schutzmechanismen</h3> <p>Doch als der Pedelec‑Fahrer etwas mehr als eine Woche nach dem Unfall fast „in alter Frische“ vor mir stand (er wohnt in der Nachbarschaft), spürte ich zum ersten Mal, dass diese Geschichte nicht zu Ende war. Dass sie eine tiefere Dimension entwickeln könnte – medizinisch, psychologisch und gesellschaftlich. Seine Brille saß wieder korrekt auf der Nase, am Kopf trug er einen Verband.</p> <p>Er erklärte mir, er habe doch geklingelt – und ich sei ja deswegen ausgewichen. Das sei nun sein erster Krankenhausaufenthalt seit seiner Geburt gewesen, und seine Frau sei ganz geschockt gewesen, als die Polizisten ihr das kaputte Fahrrad einfach so vor die Tür gestellt hätten. Aber er sei dankbar, dass man ihm geholfen habe. Und übrigens habe hier doch früher mal ein Arzt gewohnt… Aha.</p> <p>Ich selbst erlitt eine Radiuskopffraktur, großflächige Hämatome und entwickelte eine anhaltende Scheu – insbesondere vor zweirädrigen Verkehrsteilnehmenden. Die Polizei nahm den Fall auf und gab ihn an die Staatsanwaltschaft weiter. Auf eine Strafanzeige verzichtete ich. Der Mann war schon gestraft genug – so sah es offenbar auch der Staatsanwalt, der das Verfahren später einstellte.</p> <p>Als ich den Pedelec-Fahrer später nach seiner Haftpflichtversicherung fragte, erhielt ich keine Antwort. Nach erneuter Rückfrage teilte er mir mit, dass er sich anwaltliche Hilfe geholt habe – die Staatsanwaltschaft habe sich inzwischen bei ihm gemeldet. Ich sagte ihm, dass ich auf eine strafrechtliche Verfolgung verzichtet hätte.</p> <p>Eine Entschuldigung blieb aus. Stattdessen betonte er immer wieder das Klingeln, das seiner Meinung nach bisher zuverlässig alle Hindernisse aus seinem Weg geräumt habe. Nur dass es diesmal außer ihm niemand hörte.</p> <p>Ich meldete alles, vorsorglich auch meiner Haftpflichtversicherung. Meine Rechtsschutzversicherung stellte mir einen Anwalt für meine zivilen Ansprüche. Fall erledigt – dachte ich.</p> <h2>Sturz vom Rad als „anniversary reaction“?!</h2> <p>Fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem Unfall – und der Gedanke an eine mögliche Jahrestagsreaktion liegt im Nachhinein erschreckend nah – war ich auf dem Rückweg von einer Frühjahrs‑Mountainbike‑Tour. Wir waren gerade wieder in die Zivilisation eingebogen, als ich ein Fahrzeug hinter mir wahrnahm und – wie ich es mir seit dem Touchieren durch den Pedelec-Fahrer angewöhnt hatte – reflexartig auswich.</p> <p>Als ich wieder zu mir kam, lag ich im Krankenwagen. Was war da passiert?</p> <p>Ob Zufall oder eine Art „Geburtstagsreaktion“ – also eine <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/vier-kleine-freuden-pro-tag-und-eine-spritze-zufall/" rel="noopener" target="_blank">unbewusste Reaktivierung</a> rund um den Jahrestag eines belastenden Ereignisses – möchte ich hier nicht festlegen. In der Psychotraumatologie ist dieses Phänomen jedoch gut beschrieben [vgl. z. B. 1, 2]. </p> <h3>Die erste Patienten-Nacht im Krankenhaus</h3> <p>Klar ist jedenfalls, dass ich dadurch meine erste bewusste Nacht als Patientin im Krankenhaus verbrachte – und zwar gleich auf der Intensivstation. Zum Glück trug ich einen guten Helm. Denn auf diesem war ich offenbar gelandet. Ich sei etwa zwei Minuten bewusstlos gewesen, aber der Autofahrer, der tatsächlich hinter mir fuhr, hatte sofort Erste Hilfe geleistet und den Rettungsdienst informiert.</p> <p>Mein Schädel zeigte eine kleine Fissur und es gab einige punktförmige Blutungen, weshalb ich die ersten 24 Stunden überwacht werden sollte. Da der Sturz an einem Sonnabend passiert war, musste ich noch eine weitere Nacht auf Normalstation verbringen, bis der Stationsarzt am Montagnachmittag den Entlassungsbrief vollenden konnte.</p> <p>Somit musste ich genau sechs Mahlzeiten mit Krankenhauskost überstehen. Auch wenn diese eigentlich gegen die Gesetze der Heilkunst verstößt – <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-lange-weg-zu-einem-wahren-gesundheitswesen/" rel="noopener" target="_blank"><em>primum nil nocere</em></a> -, ist es faszinierend, dass Menschen trotzdem gesund werden.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4657" id="attachment_4657"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Krankenhausessen-@med_and_more-Dr.-Karin-Schumacher.jpeg"><img alt="Erste Krankenhausmahlzeit auf der Intensivstation: Brot, Tomaten, Käse, Kompott, Butter, Quark und Tee." decoding="async" height="444" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Krankenhausessen-@med_and_more-Dr.-Karin-Schumacher-1024x683.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Krankenhausessen-@med_and_more-Dr.-Karin-Schumacher-1024x683.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Krankenhausessen-@med_and_more-Dr.-Karin-Schumacher-300x200.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Krankenhausessen-@med_and_more-Dr.-Karin-Schumacher-768x512.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Krankenhausessen-@med_and_more-Dr.-Karin-Schumacher-1536x1024.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Krankenhausessen-@med_and_more-Dr.-Karin-Schumacher.jpeg 1701w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4657"><em><span>Erste Mahlzeit nach der Aufnahme: Menü à la Intensivstation. „Bon“ Appetit für Menschen, die nicht künstlich ernährt werden müssen. Credit: Dr. Karin Schumacher</span></em></figcaption></figure> <h2>Reset durch paradoxe Entlastung?</h2> <p>Inzwischen habe ich einen neuen Helm und war auch bei den empfohlenen Kontrolluntersuchungen. Der Neurologe war zufrieden mit mir, meinen Bildern und meinen Hirnströmen. Längere Bildschirmarbeit muss ich aber noch meiden, das mag mein Kopf noch nicht so sehr.</p> <p>Ich bin erleichtert, dass nichts Schlimmeres passiert ist und ich nicht länger im Krankenhaus bleiben musste. Und erstaunt: Der Spuk der Scheu vor respektlosen Mitmenschen scheint sich seitdem verflüchtigt zu haben. Der zweite Unfall wirkte wie ein Reset. Nicht im Sinne eines „Schadens“, sondern als eine Art paradoxe Entlastung – vielleicht sogar als Auflösung des früheren „Schocks“ oder „Traumas“. Eine eigentlich belastende oder krisenhafte Situation führte paradoxerweise zu einer inneren Erleichterung.</p> <p>Solche Effekte fielen auch während der <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/covid-19-who-studie-zeigt-wirkung-von-sozialer-distanz-und-mund-nasen-schutz/" rel="noopener" target="_blank">COVID‑19‑Pandemie</a> auf: Durch die sozialen und beruflichen Einschränkungen reduzierten sich für manche Menschen alltägliche Stressoren, was als persönliche Entlastung erlebt wurde [3].</p> <h2>Wie Vertrauen den Platz der Angst wiedererobert</h2> <p>Aber es spielte noch etwas anderes eine wichtige Rolle: Diesmal verhielt sich der Mensch hinter mir respektvoll, aufmerksam und verantwortungsvoll. Er tat genau das, was Menschen in einem solchen Fall tun sollten. Das schafft neues Vertrauen – Vertrauen, das die unnötige Übervorsicht ersetzt.</p> <p>Denn Angst löst sich nicht durch Vermeidung, sondern durch eine neue, sichere Erfahrung. Der Autofahrer hat genau diese Erfahrung ermöglicht. Damit wurde der zweite Unfall zu einer Art „Gegenbild“ zum ersten – eine korrigierende Erfahrung, welche die Auflösung des alten Schocks möglich machte. Heilung entsteht hier nicht durch Abstand, sondern durch die Wiederherstellung des Vertrauens in sichere Beziehungserfahrungen.<br></br>(Vor dem Pedelec‑Fahrer werde ich dennoch auch in Zukunft den größtmöglichen Abstand wahren – zumindest solange er bleibt, wie er ist.)</p> <h2>Und dann kam Post: vom Anwalt des Pedelec-Fahrers</h2> <p>Um nun auch mein gesundendes Hirn wieder vollständig zu mobilisieren, bekam ich vor kurzem Post von meinem Anwalt. Ein (neuer) Anwalt des Pedelec-Fahrers hat sich bei ihm gemeldet, um für seinen Mandanten nun Ansprüche gegen mich geltend zu machen.</p> <h3>What? Kognitive Dissonanz lässt grüßen</h3> <p>Verdutzt reibe ich mir mein noch etwas irritiertes linkes Auge und blinzle zur Sicherheit zweimal. Nein, das ist kein Scherz. Vielleicht ist das seine Version der „Anniversary Reaction“? Oder seine Art der „paradoxen Entlastung“? Am ehesten ist es ein gutes Beispiel für kognitive Dissonanz.</p> <p>Wenn Gedanken, Überzeugungen und Werte nicht zum tatsächlichen Handeln passen, können und sollten Menschen ihr Verhalten ändern. So weiß ein Raucher meist, dass er seine <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/auf-dem-weg-zur-weltspitze-zivilisationskrankheiten-in-deutschland/" rel="noopener" target="_blank">Gesundheit schädigt</a> und dass das Aufgeben des Rauchens ihn wieder in Einklang mit sich und seinem Körper bringen würde. Diese Verhaltensänderung mögen Gehirn und <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/weltkrebstag-mit-alkohol-glas-f-r-glas-zum-tumor/" rel="noopener" target="_blank">Droge</a> aber nicht so sehr, weil es viel Energie kostet und Gewohnheiten zerstört. Energetisch und hirntechnisch einfacher ist es, die <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/die-wahrheit-ist-das-erste-opfer/" rel="noopener" target="_blank">Wahrheit zu verbiegen</a>, zu verdrängen oder <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/bullshit-kleines-kompendium-und-therapeutikum/" rel="noopener" target="_blank">umzudeuten</a>. Unsere Gehirne sind Prädiktionsmaschinen, doch dazu ein anderes Mal mehr. </p> <p>Diesbezüglich funktionieren wir alle ähnlich, nur dass wir nicht alle rauchen und nicht alle die gleichen Gewohnheiten pflegen. Der Pedelec-Fahrer meint es jedenfalls ernst. Über menschliche Fähigkeiten der <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-pedelec-unfall-und-was-wirklich-zaehlt-intuition-verantwortung-und-dankbarkeit/" rel="noopener" target="_blank">Verdrängung und Projektion</a> hatte ich ja schon letztes Jahr berichtet. Solche Mechanismen schützen uns und unser Gehirn, helfen uns beim Weiterleben nach traumatischen Ereignissen, können aber auch schaden.</p> <p>Nun habe ich also erneut Haftpflichtversicherung und Anwalt informiert, die sich mit dem Fall beschäftigen werden. Das schafft Arbeit – und zumindest die Anwälte gewinnen dabei auf jeden Fall.</p> <h2>Verschiedene Verkehrsteilnehmende und Unfallschwere</h2> <p>In diesem Zusammenhang kam mir auch die Idee für ein aktuelles Update an dieser Stelle – damit sich eben nicht nur die Anwälte freuen. Auch wenn ich eigentlich noch nicht so lange wieder am Rechner sitzen wollte.</p> <p>Außerdem fiel mir ein interessanter Artikel ein, der 2025 über E-Scooter-Unfälle im <em>Deutschen Ärzteblatt</em> erschien. Darüber wollte ich ohnehin einmal etwas ausführlicher schreiben, denn auch hier wurde ich schon einmal fast Zeugin eines sehr tragischen Unfalls.</p> <p>Hartz et al. [4] vergleichen in ihrer Arbeit den Anteil der verunfallten E Scooter Fahrenden mit anderen Verkehrsteilnehmenden (Fahrrad, Motorrad, Auto, Fußgänger). Die Zahlen stammen aus dem <a href="https://www.dgu-online.de/versorgung-wissenschaft/qualitaet-und-sicherheit/schwerverletzte/traumaregister-dgur" rel="noopener" target="_blank">TraumaRegister DGU®</a> und zeigen ein bemerkenswertes Muster:</p> <h3>Vergleich schwerer Verkehrsunfälle (2020–2023)</h3> <p><em>(Ausgewählte Parameter, sortiert nach Sterblichkeit)</em></p> <table> <tbody> <tr> <td><strong>Verkehrs-mittel</strong></td> <td><strong>Anzahl Fälle (%) </strong></td> <td><strong>Alters-durchschnitt (Jahre)</strong></td> <td><strong>Anteil Männer (%)</strong></td> <td><strong>Kopver-letzungen* (%)</strong></td> <td><strong>Sterb-lichkeit** (%)</strong></td> </tr> <tr> <td> </td> <td> </td> <td> </td> <td> </td> <td> </td> <td> </td> </tr> <tr> <td><strong>Fußgänger</strong></td> <td>4.102 (9,1)</td> <td>52,7</td> <td>53</td> <td>50</td> <td>15,3</td> </tr> <tr> <td><strong>Auto</strong></td> <td>16.147 (35,7)</td> <td>47,6</td> <td>63</td> <td>29</td> <td>7,3</td> </tr> <tr> <td><strong>Fahrrad</strong></td> <td>11.430 (25,3)</td> <td>54,5</td> <td>72</td> <td>56</td> <td>6,4</td> </tr> <tr> <td><strong>E‑Scooter</strong></td> <td>538 (1,2)</td> <td>44,3</td> <td>78</td> <td>60</td> <td>5,1</td> </tr> <tr> <td><strong>Motorrad</strong></td> <td>11.286 (24,9)</td> <td>42,9</td> <td>88</td> <td>26</td> <td>4,6</td> </tr> </tbody> </table> <p><em>* Kopfverletzungen mit AIS ≥ 2 (Abbreviated Injury Score, d.h. klinisch relevante Verletzungen).</em><br></br><em>** Sterblichkeit ohne früh weiterverlegte Patientinnen und Patienten (laut Originalpublikation). </em><em>Quelle modifiziert nach Hartz et al. 2025 [4].</em></p> <p>Diese Unfallzahlen zeigen, wie verletzlich bestimmte Gruppen sind – und wie leicht mehr Sicherheit zu mehr Gesundheit und damit zu einer spürbaren Entlastung unserer Gesellschaft führen würde.</p> <h3>Fußgänger sind am verletzlichsten</h3> <ul> <li>Motorrad- und Autofahrende sind am besten geschützt – trotz hoher Geschwindigkeiten und hoher Unfallzahlen.</li> <li>E Scooter Fahrende haben hohe Kopfverletzungsraten (60 %) – sie sind selten mit Helm unterwegs.</li> <li>Fahrradfahrende haben ähnlich hohe Kopfverletzungsraten (56 %) – allerdings bei deutlich höheren Unfallzahlen.</li> <li>Motorradfahrende haben deutlich weniger Kopfverletzungen (26%) – und Helmpflicht.</li> <li>Fußgänger sind die verletzlichste Gruppe überhaupt – mit Kopfverletzungen von 50% und einer Sterblichkeit von 15,3 %.</li> </ul> <p>Das hat mich tatsächlich betroffen gemacht. Ich möchte nun nicht gleich jedem empfehlen, nur noch mit Helm und Schutzkleidung auf die Straße zu gehen, aber:</p> <p>Ein wenig gegenseitige Achtsamkeit, Vorsicht, Rücksicht und Respekt können nicht nur das Leben für alle verbessern, sondern auch das Gesundheitssystem entlasten – und Leben retten.</p> <p>In diesem Sinne: eine schöne und sichere Zeit im Freien, mit Freude und Rücksicht. Und auf zwei Rädern immer nur mit Helm!</p> <h2>Samivels Freiheit als Reha-Motto</h2> <p>Ich verabschiede mich für einige Tage zu meinem individuellen Reha-Programm – dorthin, wo der französische Naturliebhaber und Künstler <em><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/stadtfruehling/" rel="noopener" target="_blank">Samivel</a></em> (1907-1992) gewirkt hat. Bei den Lacs Jovet, einer etwa 2000 m hoch gelegenen, malerischen Seengruppe in den französischen Alpen, sind mir bislang noch keine unbehelmten Pedelec-Fahrer begegnet. Dort steht ein Gedenkstein mit einem Zitat von <a href="https://www.samivel.fr" rel="noopener" target="_blank"><em>Samivel</em></a>, das uns täglich inspirieren sollte: </p> <blockquote> <p><em><strong>Freie Gewässer, freie Menschen.</strong></em><br></br><em><strong><span>Hier beginnt das Land der Freiheit.<br></br></span><span>Der Freiheit, sich gut zu verhalten. </span></strong></em></p> <p><em><span>(Eigene Übersetzung)</span></em></p> </blockquote> <figure aria-describedby="caption-attachment-1692" id="attachment_1692"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Lacs-Jovet-@med_and_more.jpg"><img alt="Blick auf die Lacs Jovet in den französischen Alpen: klare Bergseen, Felsen und alpine Landschaft als ruhige Reha‑Kulisse." decoding="async" height="513" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Lacs-Jovet-@med_and_more-1024x789.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Lacs-Jovet-@med_and_more-1024x789.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Lacs-Jovet-@med_and_more-300x231.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Lacs-Jovet-@med_and_more-768x592.jpg 768w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1692"><em>Die „Lacs Jovet“: Samivels Paradies und Lehrer in den Alpen als Reha‑Kulisse statt Krankenhaus‑Büffet und Gruppengymnastik. <span>Credit: Dr. Karin Schumacher</span> </em></figcaption></figure> <h2>Quellen / weiterführende Literatur</h2> <p>1. Portwich, P., &amp; Demling, J. H. (2002). Das Konzept der anniversary reaction. Fortschr Neurol Psychiatr, 70(9), 495–500. <a href="https://doi.org/10.1055/s-2002-33762" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1055/s-2002-33762</a><br></br>2. Csef, H. (2015). „Anniversary reactions“ und der Tod. Psychotherapeut, 60, 232–235. <a href="https://doi.org/10.1007/s00278-015-0011-1" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1007/s00278-015-0011-1</a><br></br>3. Bischof, H., Dietrich, G., Przyborski, A., &amp; Poncioni‑Rusnov, V. (2021). Wie kommen psychisch erkrankte Personen durch die COVID‑19‑Krise? Eine empirische multimethodische Studie mit Daten von PatientInnen in gruppentherapeutischer Behandlung. ÖAGG Feedback, 1–2, 55–74. <a href="https://oeagg.at/wp-content/uploads/2021/12/FB1_2_21_lay08_final_screen.pdf" rel="noopener" target="_blank">https://oeagg.at/wp-content/uploads/2021/12/FB1_2_21_lay08_final_screen.pdf</a><br></br>4. Hartz, F., Zehnder, P., Resch, T., Römmermann, G., Schwarz, et al. (2025). Severe Injuries in E Scooter Accidents: An Evaluation of Data From the TraumaRegister DGU. Deutsches Ärzteblatt International, 122, 265–270. <a href="https://doi.org/10.3238/arztebl.m2025.0041" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.3238/arztebl.m2025.0041</a><br></br>5. Hartung, B., Schäuble, A., Peldschus, S., Schüßler, M., Meyer, H. L. (2024). The documentation of injuries caused by traffic accidents. Deutsches Ärzteblatt International, 121, 27–36. <a href="https://doi.org/10.3238/arztebl.m2023.0145" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.3238/arztebl.m2023.0145</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/pedelec-unfall-helm-einschreiben-@Dr.-Karin-Schumacher.jpeg" /><h1>Ohne Helm, aber mit Anwalt? Sturz ein Jahr nach dem Pedelec-Crash » Medicine & More » SciLogs</h1><h2>By Von Karin Schumacher</h2><div itemprop="text"> <p><strong><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/faf0261a09c24e39ba45140787a58187" width="1"></img>Ein humorvoller-analytischer Blick auf zwei Fahrradunfälle – und darauf, warum manche Menschen sich lieber mit Anwälten schützen als mit Helmen. Über besondere „anniversary reactions“ und überraschende Unfallstatistiken. Über neues Vertrauen und letztlich Samivels Erinnerung daran, was „Freiheit“ wirklich bedeutet.</strong><span id="more-4635"></span></p> <h2>Wenn das Leben Geschichte(n) schreibt</h2> <p>Es gibt Momente, die passieren nur im echten Leben. Zum Beispiel, wenn ein Pedelec‑Fahrer mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit einen steilen Feldweg hinunterrast, dabei eine Ärztin touchiert, die in letzter Sekunde intuitiv ausgewichen ist – und damit vermutlich sowohl ihr eigenes Leben als auch das des Rasenden rettet, als sie ein Sausen im Rücken vernimmt.</p> <p>Der Fahrer stürzt ohne Helm und bleibt stumm liegen. Die selbst verletzte Ärztin versorgt ihn, bis ein Rettungshubschrauber den Schwerverletzten beatmet ins Krankenhaus fliegt. <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-pedelec-unfall-und-was-wirklich-zaehlt-intuition-verantwortung-und-dankbarkeit/" rel="noopener" target="_blank">Ein Jahr später</a> erhebt dieser juristische Ansprüche gegen das „Opfer“.</p> <p>Das ist eine dieser Geschichten, die man nicht erfinden kann. Aber Menschen wie <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/zwei-pferde-%d0%b4%d0%b2%d0%b5-%d0%bb%d0%be%d1%88%d0%b0%d0%b4%d0%b8-tolstois-fabel-ueber-fleiss-und-faulheit/" rel="noopener" target="_blank">Lew Tolstoi</a> (1828-1910) hätten sie sicher <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-wesir-abdul-%d0%b2%d0%b8%d0%b7%d0%b8%d1%80%d1%8c-%d0%b0%d0%b1%d0%b4%d1%83%d0%bb-maerchen-von-leo-tolstoi/" rel="noopener" target="_blank">gerne aufgeschrieben</a>.</p> <h2>Begegnung mit dem rasenden Pedelec: Ein kurzer, aber lehrreicher Moment</h2> <p>Ein damals 77‑jähriger Pedelec‑Fahrer kam gerade von einem Erste‑Hilfe‑Kurs, als er auf einem steilen Feldweg die Kontrolle verlor. Er versuchte, an meinem linken Arm vorbeizukommen – einem Hindernis, das zu diesem Zeitpunkt lediglich eine halbe Brezel hielt -, brachte mich zu Fall und sich selbst ins Trudeln. Er stürzte auf sein unbehelmtes Hirn und blieb stumm liegen. Meine Brezel blieb intakt. Seine rotgerahmte Brille landete unbeschadet auf der Wiese. Ich sammelte sie später ein und gab sie dem Rettungsdienst mit.<aside></aside></p> <p>Als ich plötzlich ein Sausen im Rücken gespürt hatte, war ich intuitiv einen Schritt zur Seite gegangen. In der nächsten Sekunde wurde ich von einer mir bis dahin unbekannten Wucht auf den mit Rasengittersteinen gepflasterten Boden gerissen, verspürte höllische Schmerzen und begann laut zu schreien. Als ich merkte, dass ich offenbar noch lebte und es jemanden gab, dem es deutlich schlechter ging, rappelte ich mich auf und begab mich zu dem stummen Radfahrer. Ich sprach ihn an, brachte ihn in die stabile Seitenlage und beruhigte ihn, während meine Begleitung den Rettungsdienst alarmierte. Dieser traf rasch ein und informierte auch die Polizei.</p> <h3>Vorahnungen und Schutzmechanismen</h3> <p>Doch als der Pedelec‑Fahrer etwas mehr als eine Woche nach dem Unfall fast „in alter Frische“ vor mir stand (er wohnt in der Nachbarschaft), spürte ich zum ersten Mal, dass diese Geschichte nicht zu Ende war. Dass sie eine tiefere Dimension entwickeln könnte – medizinisch, psychologisch und gesellschaftlich. Seine Brille saß wieder korrekt auf der Nase, am Kopf trug er einen Verband.</p> <p>Er erklärte mir, er habe doch geklingelt – und ich sei ja deswegen ausgewichen. Das sei nun sein erster Krankenhausaufenthalt seit seiner Geburt gewesen, und seine Frau sei ganz geschockt gewesen, als die Polizisten ihr das kaputte Fahrrad einfach so vor die Tür gestellt hätten. Aber er sei dankbar, dass man ihm geholfen habe. Und übrigens habe hier doch früher mal ein Arzt gewohnt… Aha.</p> <p>Ich selbst erlitt eine Radiuskopffraktur, großflächige Hämatome und entwickelte eine anhaltende Scheu – insbesondere vor zweirädrigen Verkehrsteilnehmenden. Die Polizei nahm den Fall auf und gab ihn an die Staatsanwaltschaft weiter. Auf eine Strafanzeige verzichtete ich. Der Mann war schon gestraft genug – so sah es offenbar auch der Staatsanwalt, der das Verfahren später einstellte.</p> <p>Als ich den Pedelec-Fahrer später nach seiner Haftpflichtversicherung fragte, erhielt ich keine Antwort. Nach erneuter Rückfrage teilte er mir mit, dass er sich anwaltliche Hilfe geholt habe – die Staatsanwaltschaft habe sich inzwischen bei ihm gemeldet. Ich sagte ihm, dass ich auf eine strafrechtliche Verfolgung verzichtet hätte.</p> <p>Eine Entschuldigung blieb aus. Stattdessen betonte er immer wieder das Klingeln, das seiner Meinung nach bisher zuverlässig alle Hindernisse aus seinem Weg geräumt habe. Nur dass es diesmal außer ihm niemand hörte.</p> <p>Ich meldete alles, vorsorglich auch meiner Haftpflichtversicherung. Meine Rechtsschutzversicherung stellte mir einen Anwalt für meine zivilen Ansprüche. Fall erledigt – dachte ich.</p> <h2>Sturz vom Rad als „anniversary reaction“?!</h2> <p>Fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem Unfall – und der Gedanke an eine mögliche Jahrestagsreaktion liegt im Nachhinein erschreckend nah – war ich auf dem Rückweg von einer Frühjahrs‑Mountainbike‑Tour. Wir waren gerade wieder in die Zivilisation eingebogen, als ich ein Fahrzeug hinter mir wahrnahm und – wie ich es mir seit dem Touchieren durch den Pedelec-Fahrer angewöhnt hatte – reflexartig auswich.</p> <p>Als ich wieder zu mir kam, lag ich im Krankenwagen. Was war da passiert?</p> <p>Ob Zufall oder eine Art „Geburtstagsreaktion“ – also eine <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/vier-kleine-freuden-pro-tag-und-eine-spritze-zufall/" rel="noopener" target="_blank">unbewusste Reaktivierung</a> rund um den Jahrestag eines belastenden Ereignisses – möchte ich hier nicht festlegen. In der Psychotraumatologie ist dieses Phänomen jedoch gut beschrieben [vgl. z. B. 1, 2]. </p> <h3>Die erste Patienten-Nacht im Krankenhaus</h3> <p>Klar ist jedenfalls, dass ich dadurch meine erste bewusste Nacht als Patientin im Krankenhaus verbrachte – und zwar gleich auf der Intensivstation. Zum Glück trug ich einen guten Helm. Denn auf diesem war ich offenbar gelandet. Ich sei etwa zwei Minuten bewusstlos gewesen, aber der Autofahrer, der tatsächlich hinter mir fuhr, hatte sofort Erste Hilfe geleistet und den Rettungsdienst informiert.</p> <p>Mein Schädel zeigte eine kleine Fissur und es gab einige punktförmige Blutungen, weshalb ich die ersten 24 Stunden überwacht werden sollte. Da der Sturz an einem Sonnabend passiert war, musste ich noch eine weitere Nacht auf Normalstation verbringen, bis der Stationsarzt am Montagnachmittag den Entlassungsbrief vollenden konnte.</p> <p>Somit musste ich genau sechs Mahlzeiten mit Krankenhauskost überstehen. Auch wenn diese eigentlich gegen die Gesetze der Heilkunst verstößt – <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-lange-weg-zu-einem-wahren-gesundheitswesen/" rel="noopener" target="_blank"><em>primum nil nocere</em></a> -, ist es faszinierend, dass Menschen trotzdem gesund werden.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4657" id="attachment_4657"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Krankenhausessen-@med_and_more-Dr.-Karin-Schumacher.jpeg"><img alt="Erste Krankenhausmahlzeit auf der Intensivstation: Brot, Tomaten, Käse, Kompott, Butter, Quark und Tee." decoding="async" height="444" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Krankenhausessen-@med_and_more-Dr.-Karin-Schumacher-1024x683.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Krankenhausessen-@med_and_more-Dr.-Karin-Schumacher-1024x683.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Krankenhausessen-@med_and_more-Dr.-Karin-Schumacher-300x200.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Krankenhausessen-@med_and_more-Dr.-Karin-Schumacher-768x512.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Krankenhausessen-@med_and_more-Dr.-Karin-Schumacher-1536x1024.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Krankenhausessen-@med_and_more-Dr.-Karin-Schumacher.jpeg 1701w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4657"><em><span>Erste Mahlzeit nach der Aufnahme: Menü à la Intensivstation. „Bon“ Appetit für Menschen, die nicht künstlich ernährt werden müssen. Credit: Dr. Karin Schumacher</span></em></figcaption></figure> <h2>Reset durch paradoxe Entlastung?</h2> <p>Inzwischen habe ich einen neuen Helm und war auch bei den empfohlenen Kontrolluntersuchungen. Der Neurologe war zufrieden mit mir, meinen Bildern und meinen Hirnströmen. Längere Bildschirmarbeit muss ich aber noch meiden, das mag mein Kopf noch nicht so sehr.</p> <p>Ich bin erleichtert, dass nichts Schlimmeres passiert ist und ich nicht länger im Krankenhaus bleiben musste. Und erstaunt: Der Spuk der Scheu vor respektlosen Mitmenschen scheint sich seitdem verflüchtigt zu haben. Der zweite Unfall wirkte wie ein Reset. Nicht im Sinne eines „Schadens“, sondern als eine Art paradoxe Entlastung – vielleicht sogar als Auflösung des früheren „Schocks“ oder „Traumas“. Eine eigentlich belastende oder krisenhafte Situation führte paradoxerweise zu einer inneren Erleichterung.</p> <p>Solche Effekte fielen auch während der <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/covid-19-who-studie-zeigt-wirkung-von-sozialer-distanz-und-mund-nasen-schutz/" rel="noopener" target="_blank">COVID‑19‑Pandemie</a> auf: Durch die sozialen und beruflichen Einschränkungen reduzierten sich für manche Menschen alltägliche Stressoren, was als persönliche Entlastung erlebt wurde [3].</p> <h2>Wie Vertrauen den Platz der Angst wiedererobert</h2> <p>Aber es spielte noch etwas anderes eine wichtige Rolle: Diesmal verhielt sich der Mensch hinter mir respektvoll, aufmerksam und verantwortungsvoll. Er tat genau das, was Menschen in einem solchen Fall tun sollten. Das schafft neues Vertrauen – Vertrauen, das die unnötige Übervorsicht ersetzt.</p> <p>Denn Angst löst sich nicht durch Vermeidung, sondern durch eine neue, sichere Erfahrung. Der Autofahrer hat genau diese Erfahrung ermöglicht. Damit wurde der zweite Unfall zu einer Art „Gegenbild“ zum ersten – eine korrigierende Erfahrung, welche die Auflösung des alten Schocks möglich machte. Heilung entsteht hier nicht durch Abstand, sondern durch die Wiederherstellung des Vertrauens in sichere Beziehungserfahrungen.<br></br>(Vor dem Pedelec‑Fahrer werde ich dennoch auch in Zukunft den größtmöglichen Abstand wahren – zumindest solange er bleibt, wie er ist.)</p> <h2>Und dann kam Post: vom Anwalt des Pedelec-Fahrers</h2> <p>Um nun auch mein gesundendes Hirn wieder vollständig zu mobilisieren, bekam ich vor kurzem Post von meinem Anwalt. Ein (neuer) Anwalt des Pedelec-Fahrers hat sich bei ihm gemeldet, um für seinen Mandanten nun Ansprüche gegen mich geltend zu machen.</p> <h3>What? Kognitive Dissonanz lässt grüßen</h3> <p>Verdutzt reibe ich mir mein noch etwas irritiertes linkes Auge und blinzle zur Sicherheit zweimal. Nein, das ist kein Scherz. Vielleicht ist das seine Version der „Anniversary Reaction“? Oder seine Art der „paradoxen Entlastung“? Am ehesten ist es ein gutes Beispiel für kognitive Dissonanz.</p> <p>Wenn Gedanken, Überzeugungen und Werte nicht zum tatsächlichen Handeln passen, können und sollten Menschen ihr Verhalten ändern. So weiß ein Raucher meist, dass er seine <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/auf-dem-weg-zur-weltspitze-zivilisationskrankheiten-in-deutschland/" rel="noopener" target="_blank">Gesundheit schädigt</a> und dass das Aufgeben des Rauchens ihn wieder in Einklang mit sich und seinem Körper bringen würde. Diese Verhaltensänderung mögen Gehirn und <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/weltkrebstag-mit-alkohol-glas-f-r-glas-zum-tumor/" rel="noopener" target="_blank">Droge</a> aber nicht so sehr, weil es viel Energie kostet und Gewohnheiten zerstört. Energetisch und hirntechnisch einfacher ist es, die <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/die-wahrheit-ist-das-erste-opfer/" rel="noopener" target="_blank">Wahrheit zu verbiegen</a>, zu verdrängen oder <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/bullshit-kleines-kompendium-und-therapeutikum/" rel="noopener" target="_blank">umzudeuten</a>. Unsere Gehirne sind Prädiktionsmaschinen, doch dazu ein anderes Mal mehr. </p> <p>Diesbezüglich funktionieren wir alle ähnlich, nur dass wir nicht alle rauchen und nicht alle die gleichen Gewohnheiten pflegen. Der Pedelec-Fahrer meint es jedenfalls ernst. Über menschliche Fähigkeiten der <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-pedelec-unfall-und-was-wirklich-zaehlt-intuition-verantwortung-und-dankbarkeit/" rel="noopener" target="_blank">Verdrängung und Projektion</a> hatte ich ja schon letztes Jahr berichtet. Solche Mechanismen schützen uns und unser Gehirn, helfen uns beim Weiterleben nach traumatischen Ereignissen, können aber auch schaden.</p> <p>Nun habe ich also erneut Haftpflichtversicherung und Anwalt informiert, die sich mit dem Fall beschäftigen werden. Das schafft Arbeit – und zumindest die Anwälte gewinnen dabei auf jeden Fall.</p> <h2>Verschiedene Verkehrsteilnehmende und Unfallschwere</h2> <p>In diesem Zusammenhang kam mir auch die Idee für ein aktuelles Update an dieser Stelle – damit sich eben nicht nur die Anwälte freuen. Auch wenn ich eigentlich noch nicht so lange wieder am Rechner sitzen wollte.</p> <p>Außerdem fiel mir ein interessanter Artikel ein, der 2025 über E-Scooter-Unfälle im <em>Deutschen Ärzteblatt</em> erschien. Darüber wollte ich ohnehin einmal etwas ausführlicher schreiben, denn auch hier wurde ich schon einmal fast Zeugin eines sehr tragischen Unfalls.</p> <p>Hartz et al. [4] vergleichen in ihrer Arbeit den Anteil der verunfallten E Scooter Fahrenden mit anderen Verkehrsteilnehmenden (Fahrrad, Motorrad, Auto, Fußgänger). Die Zahlen stammen aus dem <a href="https://www.dgu-online.de/versorgung-wissenschaft/qualitaet-und-sicherheit/schwerverletzte/traumaregister-dgur" rel="noopener" target="_blank">TraumaRegister DGU®</a> und zeigen ein bemerkenswertes Muster:</p> <h3>Vergleich schwerer Verkehrsunfälle (2020–2023)</h3> <p><em>(Ausgewählte Parameter, sortiert nach Sterblichkeit)</em></p> <table> <tbody> <tr> <td><strong>Verkehrs-mittel</strong></td> <td><strong>Anzahl Fälle (%) </strong></td> <td><strong>Alters-durchschnitt (Jahre)</strong></td> <td><strong>Anteil Männer (%)</strong></td> <td><strong>Kopver-letzungen* (%)</strong></td> <td><strong>Sterb-lichkeit** (%)</strong></td> </tr> <tr> <td> </td> <td> </td> <td> </td> <td> </td> <td> </td> <td> </td> </tr> <tr> <td><strong>Fußgänger</strong></td> <td>4.102 (9,1)</td> <td>52,7</td> <td>53</td> <td>50</td> <td>15,3</td> </tr> <tr> <td><strong>Auto</strong></td> <td>16.147 (35,7)</td> <td>47,6</td> <td>63</td> <td>29</td> <td>7,3</td> </tr> <tr> <td><strong>Fahrrad</strong></td> <td>11.430 (25,3)</td> <td>54,5</td> <td>72</td> <td>56</td> <td>6,4</td> </tr> <tr> <td><strong>E‑Scooter</strong></td> <td>538 (1,2)</td> <td>44,3</td> <td>78</td> <td>60</td> <td>5,1</td> </tr> <tr> <td><strong>Motorrad</strong></td> <td>11.286 (24,9)</td> <td>42,9</td> <td>88</td> <td>26</td> <td>4,6</td> </tr> </tbody> </table> <p><em>* Kopfverletzungen mit AIS ≥ 2 (Abbreviated Injury Score, d.h. klinisch relevante Verletzungen).</em><br></br><em>** Sterblichkeit ohne früh weiterverlegte Patientinnen und Patienten (laut Originalpublikation). </em><em>Quelle modifiziert nach Hartz et al. 2025 [4].</em></p> <p>Diese Unfallzahlen zeigen, wie verletzlich bestimmte Gruppen sind – und wie leicht mehr Sicherheit zu mehr Gesundheit und damit zu einer spürbaren Entlastung unserer Gesellschaft führen würde.</p> <h3>Fußgänger sind am verletzlichsten</h3> <ul> <li>Motorrad- und Autofahrende sind am besten geschützt – trotz hoher Geschwindigkeiten und hoher Unfallzahlen.</li> <li>E Scooter Fahrende haben hohe Kopfverletzungsraten (60 %) – sie sind selten mit Helm unterwegs.</li> <li>Fahrradfahrende haben ähnlich hohe Kopfverletzungsraten (56 %) – allerdings bei deutlich höheren Unfallzahlen.</li> <li>Motorradfahrende haben deutlich weniger Kopfverletzungen (26%) – und Helmpflicht.</li> <li>Fußgänger sind die verletzlichste Gruppe überhaupt – mit Kopfverletzungen von 50% und einer Sterblichkeit von 15,3 %.</li> </ul> <p>Das hat mich tatsächlich betroffen gemacht. Ich möchte nun nicht gleich jedem empfehlen, nur noch mit Helm und Schutzkleidung auf die Straße zu gehen, aber:</p> <p>Ein wenig gegenseitige Achtsamkeit, Vorsicht, Rücksicht und Respekt können nicht nur das Leben für alle verbessern, sondern auch das Gesundheitssystem entlasten – und Leben retten.</p> <p>In diesem Sinne: eine schöne und sichere Zeit im Freien, mit Freude und Rücksicht. Und auf zwei Rädern immer nur mit Helm!</p> <h2>Samivels Freiheit als Reha-Motto</h2> <p>Ich verabschiede mich für einige Tage zu meinem individuellen Reha-Programm – dorthin, wo der französische Naturliebhaber und Künstler <em><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/stadtfruehling/" rel="noopener" target="_blank">Samivel</a></em> (1907-1992) gewirkt hat. Bei den Lacs Jovet, einer etwa 2000 m hoch gelegenen, malerischen Seengruppe in den französischen Alpen, sind mir bislang noch keine unbehelmten Pedelec-Fahrer begegnet. Dort steht ein Gedenkstein mit einem Zitat von <a href="https://www.samivel.fr" rel="noopener" target="_blank"><em>Samivel</em></a>, das uns täglich inspirieren sollte: </p> <blockquote> <p><em><strong>Freie Gewässer, freie Menschen.</strong></em><br></br><em><strong><span>Hier beginnt das Land der Freiheit.<br></br></span><span>Der Freiheit, sich gut zu verhalten. </span></strong></em></p> <p><em><span>(Eigene Übersetzung)</span></em></p> </blockquote> <figure aria-describedby="caption-attachment-1692" id="attachment_1692"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Lacs-Jovet-@med_and_more.jpg"><img alt="Blick auf die Lacs Jovet in den französischen Alpen: klare Bergseen, Felsen und alpine Landschaft als ruhige Reha‑Kulisse." decoding="async" height="513" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Lacs-Jovet-@med_and_more-1024x789.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Lacs-Jovet-@med_and_more-1024x789.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Lacs-Jovet-@med_and_more-300x231.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Lacs-Jovet-@med_and_more-768x592.jpg 768w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1692"><em>Die „Lacs Jovet“: Samivels Paradies und Lehrer in den Alpen als Reha‑Kulisse statt Krankenhaus‑Büffet und Gruppengymnastik. <span>Credit: Dr. Karin Schumacher</span> </em></figcaption></figure> <h2>Quellen / weiterführende Literatur</h2> <p>1. Portwich, P., &amp; Demling, J. H. (2002). Das Konzept der anniversary reaction. Fortschr Neurol Psychiatr, 70(9), 495–500. <a href="https://doi.org/10.1055/s-2002-33762" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1055/s-2002-33762</a><br></br>2. Csef, H. (2015). „Anniversary reactions“ und der Tod. Psychotherapeut, 60, 232–235. <a href="https://doi.org/10.1007/s00278-015-0011-1" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1007/s00278-015-0011-1</a><br></br>3. Bischof, H., Dietrich, G., Przyborski, A., &amp; Poncioni‑Rusnov, V. (2021). Wie kommen psychisch erkrankte Personen durch die COVID‑19‑Krise? Eine empirische multimethodische Studie mit Daten von PatientInnen in gruppentherapeutischer Behandlung. ÖAGG Feedback, 1–2, 55–74. <a href="https://oeagg.at/wp-content/uploads/2021/12/FB1_2_21_lay08_final_screen.pdf" rel="noopener" target="_blank">https://oeagg.at/wp-content/uploads/2021/12/FB1_2_21_lay08_final_screen.pdf</a><br></br>4. Hartz, F., Zehnder, P., Resch, T., Römmermann, G., Schwarz, et al. (2025). Severe Injuries in E Scooter Accidents: An Evaluation of Data From the TraumaRegister DGU. Deutsches Ärzteblatt International, 122, 265–270. <a href="https://doi.org/10.3238/arztebl.m2025.0041" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.3238/arztebl.m2025.0041</a><br></br>5. Hartung, B., Schäuble, A., Peldschus, S., Schüßler, M., Meyer, H. L. (2024). The documentation of injuries caused by traffic accidents. Deutsches Ärzteblatt International, 121, 27–36. <a href="https://doi.org/10.3238/arztebl.m2023.0145" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.3238/arztebl.m2023.0145</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/ohne-helm-aber-mit-anwalt-sturz-ein-jahr-nach-dem-pedelec-crash/#comments 3 Religionen wirken demografisch: Geburtenraten aus den USA, Turkiye, Israel & Thailand https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/religionen-wirken-demografisch-geburtenraten-aus-den-usa-turkiye-israel-thailand/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/religionen-wirken-demografisch-geburtenraten-aus-den-usa-turkiye-israel-thailand/#comments Fri, 29 May 2026 22:47:00 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11320 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/315F0146-35D0-40B2-9A39-22403C43DF00-768x422.png <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/religionen-wirken-demografisch-geburtenraten-aus-den-usa-turkiye-israel-thailand/</link> </image> <description type="html"><h1>Religionen wirken demografisch: Geburtenraten aus den USA, Turkiye, Israel & Thailand » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Während des Dialoges über <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-ki-menschenwuerde-enzyklika-von-papst-leo-xiv-und-anthropic-im-dialog/" rel="noopener" target="_blank">die bedeutende KI-Enzyklika <em>„Magnifica humanitas“</em> von <strong>Papst Leo XIV.</strong></a> insistierte @Tobias Jeckenburger per Kommentaren zu Recht auf die Bedeutung von Kindern für Staaten, Volkswirtschaften, Renten, Religionen.</p> <p>Also recherchierte ich einige neue Daten – und stellte verblüfft fest, daß eine Hypothese des geschätzten Kollegen <strong>Hans Rosling (1948 – 2017) </strong>nicht mehr zutrifft.</p> <p>Dieser hatte in <a href="https://m.youtube.com/watch?v=ezVk1ahRF78&amp;ra=m" rel="noopener" target="_blank">seinem legendären TED-Talk „Religion &amp; Babies“ (2012)</a> anerkannt, daß religionsdemografische Unterschiede „innerhalb“ von Staaten (wie <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/buddhismus-und-religionsdemografie-an-den-beispielen-schweiz-suedkorea-und-thailand/" rel="noopener" target="_blank">der <em><strong>Schweiz</strong></em></a>) aufträten, aber „zwischen“ ihnen demografische Effekte verschiedener, religiöser Prägung nicht nachweisbar seien.</p> <p>Ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/hans-rosling-ber-religion-und-babys-richtig-verstehen/" rel="noopener" target="_blank">hatte <strong>Rosling</strong> damals auch hier auf dem Blog zugestimmt</a>.</p> <p><img alt="" decoding="async" height="516" sizes="(max-width: 550px) 100vw, 550px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionDemografieHomoreligiosus.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionDemografieHomoreligiosus.jpg 550w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionDemografieHomoreligiosus-300x281.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionDemografieHomoreligiosus-150x140.jpg 150w" width="550"></img><em><span>Lange war der durchschnittlich erhöhte Reproduktionserfolg religiös Praktizierender nur innerhalb von Staaten sichtbar. Datengrafik aus: <a href="https://www.spektrum.de/magazin/homo-religiosus/982255" rel="noopener" target="_blank">Michael Blume, „Homo religiosus“, Gehirn &amp; Geist 04/2009</a></span></em><aside></aside></p> <p>Doch zwölf Jahre später, 2026, muss ich hiermit feststellen: <em><strong>Die demografischen Unterschiede der Geburtenraten (TFR = Total Fertility Rates) pro Frau sind auch zwischen den Staaten verschiedener, religiöser Prägung auf ein unübersehbar unterschiedliches Niveau angewachsen!</strong></em></p> <p>So ist das vom <a href="https://youtube.com/shorts/NDEqwljfKlY?si=8pFf6cBEdrS4kDMq" rel="noopener" target="_blank">gemäßigt antinatalen <strong>Buddhismus</strong> geprägte <strong><em>Thailand</em></strong><em> </em>inzwischen (neben dem deutlich reicheren <strong>Südkorea</strong>) auf eine TFR von unter 1,0 abgestürzt</a>!</p> <p>Es hat damit die Geburtenraten pro Frau sowohl der <strong>christlich</strong> geprägten <strong><em>USA</em> </strong>(1,6) wie auch der <strong>islamisch</strong> geprägten <strong><em>Türkei</em> </strong>(1,4) deutlich unterschritten. Beide Weltreligionen sind meist gemäßigt pronatal orientiert – sie befürworten Kinderreichtum, schreiben ihn jedoch nicht vor. Sogar <strong><em>Indonesien </em></strong>fällt damit derzeit unter die sog. Bestandserhaltungsgrenze von 2,1 Kindern pro Frau (TFR).</p> <p>Als derzeit einzige Weltreligion schreibt das <strong>Judentum</strong> eine höhere Kinderzahl religiös vor. <strong>Stadt- und Militärrabbiner Avraham Radbil</strong>, den ich erst letzte Woche zu <strong>Schawuot in Konstanz</strong> besucht hatte, <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/glossar/pru-urwu/" rel="noopener" target="_blank">erläuterte dazu schon 2015 in der „Jüdische Allgemeine“</a>:</p> <p><em>Die Mizwa Pru Urwu – »Seid fruchtbar und mehret euch!« (1. Buch Mose 1,22) – ist das allererste Gebot der Tora. Es wurde der ganzen Menschheit am Anfang gegeben, um die Erde zu füllen. Doch nach den meisten Meinungen hat sich der Kern dieser Mizwa nach der Annahme der Tora und der Gebote am Berg Sinai verändert: Seitdem sind dieser Mizwa nur Juden, genauer genommen jüdische Männer, verpflichtet. Demnach muss also jeder männliche Jude seinen Beitrag zur Vergrößerung des jüdischen Volkes leisten.</em></p> <p><em><span>MIZWA </span>Im Talmud (Jewamot 61b) wird darüber diskutiert, wann, also nach wie vielen Kindern, diese Mizwa als erfüllt gilt. Nach der Meinung von Beit Schamai, so wie die Gemara ihn erklärt, ist die Mizwa erfüllt, wenn man vier Kinder – zwei Jungen und zwei Mädchen – in die Welt gesetzt hat. Nach Beit Hillel genügen ein Mädchen und ein Junge. </em></p> <p><img alt="" decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></p> <p><em>Gemeinde- und Militärrabbiner <strong>Avraham Radbil</strong> (links), <strong>Dr. Michael Blume </strong>(mittig) und <strong>Dr. Astrid Schilling </strong>(rechts) am 10. März 2026 vor Offizierinnen und Offizieren der Bundeswehr in München. Foto: Katholische Akademie in Bayern</em></p> <p>Entsprechend dazu <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/daten-aus-israel-zu-religion-demografie-anthropodizee-und-saekularisierung/" rel="noopener" target="_blank">bildet <strong>Israel </strong>heute die einzige Demokratie außerhalb Afrikas mit einer Geburtenrate von nahezu drei Kindern pro Frau</a>, vor allem wegen des Wachstums haredischer, nationalreligiöser und teilweise auch noch israelisch-arabischer Milieus.</p> <p>Hier habe ich nun also vergleichend die Geburtenraten der vier je christlich, islamisch, jüdisch und buddhistisch geprägten Nationen von 1965 bis 2025 dargestellt.</p> <p><img alt="" decoding="async" height="930" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1692px) 100vw, 1692px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/315F0146-35D0-40B2-9A39-22403C43DF00.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/315F0146-35D0-40B2-9A39-22403C43DF00.png 1692w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/315F0146-35D0-40B2-9A39-22403C43DF00-300x165.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/315F0146-35D0-40B2-9A39-22403C43DF00-1024x563.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/315F0146-35D0-40B2-9A39-22403C43DF00-768x422.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/315F0146-35D0-40B2-9A39-22403C43DF00-1536x844.png 1536w" width="1692"></img></p> <p><em>Die Entwicklung der Geburtenraten (TFR) in Türkiye &amp; Israel, den USA und Thailand von 1965 bis 2025. Dr. Michael Blume mit ChatGPT Pro</em></p> <p><strong>Drei Faktoren-These: Religiöse Lehren, Institutionen &amp; Mimesis</strong></p> <p>Nach meiner Auffassung bestätigen die Daten nun auch zwischenstaatlich, was sich bereits in den 2000er Jahren innerhalb von Nationalstaaten abzeichnete: Religionsgemeinschaften wirken durch 1. ihre mehr oder weniger pronatalen Lehren und 2. ihre Familien fördernden Institutionen nachweisbar auch auf menschliches Sozial-, Familien- und Fortpflanzungsverhalten.</p> <p>Als dritten Faktor benenne ich jedoch inzwischen auch <strong>die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/" rel="noopener" target="_blank">Psychologie der Mimesis </a></strong><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/bedrohen-demografie-rechtsmimesis-inzwischen-die-republik-auch-ueber-sachsen-anhalt-aus/" rel="noopener" target="_blank">– die Nachahmung von Zielen</a>. Wo andere Menschen im Alltag und in den Medien je kinderarm oder kinderreich erscheinen, hat dies auch erhebliche Auswirkungen auf das je eigene Empfinden und Verhalten: Die Vorstellung einer „normalen“ Kinderzahl ist uns Menschen nicht angeboren, sondern wird im gesellschaftlichen und medialen Alltag mimetisch geprägt.</p> <p><strong>Kein Wirtschaftswachstum ohne Kinderreichtum</strong></p> <p>Die Berücksichtigung der Religionsdemografie schützt zudem vor ökonomistischen (= auf Wirtschaft beschränkten) Fehlschlüssen. Kinder sind und bleiben ein Wert für sich und bestimmen wiederum den wirtschaftlichen Erfolg jeder Gesellschaft.</p> <p><a href="https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/merz-buhrufe-100.html" rel="noopener" target="_blank">Als <strong>Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU)</strong> vor dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) von <em>„Demografie und Mathematik“</em> sprach, um weiteren Sozialabbau</a> als <em>„Einsparungen“</em> zu rechtfertigen, konnte ich sowohl als Wissenschaftler wie <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-37-monica-wuellner-von-cda-cdu-und-die-konkordanzregierung/" rel="noopener" target="_blank">auch als Christ, Demokrat, CDU- und CDA-Mitglied</a> nur noch den Kopf schütteln.</p> <p>Denn gerade auch technologisch weit entwickelte Volkswirtschaften wie <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-51-arbeit-demografie-und-deindustrialisierung-am-beispiel-japan/" rel="noopener" target="_blank"><em><strong>Japan</strong></em></a> und <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/14544/umfrage/wachstum-des-bruttoinlandsprodukts-in-suedkorea/" rel="noopener" target="_blank"><strong><em>Südkorea</em></strong></a> belegen, dass es <strong>bei Unterjüngung aufgrund nachlassender Binnen-Nachfrage und regionalem Investitionsschwund kein nachhaltiges Wirtschaftswachstum mehr </strong>geben kann. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/china-zwischen-demografischer-geburtenimplosion-und-ki-robotik-zukunft/" rel="noopener" target="_blank">Auch <em><strong>China</strong></em><strong> </strong>subventioniert seine Exportwirtschaft auch aufgrund demografischer Verzweiflung</a> und forciert damit die <strong>Deindustrialisierung</strong> auch der <em><strong>Europäischen Union (EU)</strong></em>.</p> <p>Die eigentlichen <em>„Leistungsträger“ </em>menschlicher Gesellschaften sind keine rechtslibertären Abzocker, sondern engagierte Eltern, Ehrenamtliche, Wissenschaftlerinnen, Vorbilder, Spender und Demokratinnen. Ohne ihren Einsatz für die gemeinsame Zukunft erkaltet, vereinsamt und, ja, verarmt jede Gesellschaft.<br></br><span>Und wer – wie ich – noch einen wirklichen Frieden anstrebt, sollte realistisch anerkennen: Die </span><a href="https://www.salonkolumnisten.com/oel_antisemitismus/" rel="noopener" target="_blank">Fossilregime in <em><strong>Iran &amp; Katar</strong> </em>sowie die von ihnen fossil finanzierten Terrororganisationen Hamas, Hisbollah &amp; Huthi haben unzählige Tode und fatales Leid verursacht</a><span>, wogegen </span><strong>Israel</strong><span> aufgrund seines Kinderreichtums auch wirtschaftlich und militärisch expandiert. Auf buchstäblich alt-kluge Ratschläge aus dem vielfach verebbenden </span><em><strong>Europa</strong></em><span> wird da wenig gegeben. Immerhin: Auch das EU-Mitglied </span><strong>Spanien </strong><span>wächst derzeit demografisch und wirtschaftlich, weil es </span><strong>gezielt auf die Akzeptanz und Integration von arbeitswilligen Zuwandernden</strong><span> setzt.</span></p> <p><img alt="" decoding="async" height="960" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 669px) 100vw, 669px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionundDemografie2014.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionundDemografie2014.jpg 669w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionundDemografie2014-209x300.jpg 209w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionundDemografie2014-104x150.jpg 104w" width="669"></img></p> <p><em>Mein <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Religion-und-Demografie-Michael-Blume-scieBook.pdf" rel="noopener" target="_blank">Zwischenfazit-eBooklet „Religion &amp; Demografie“ von 2014 befindet sich hier zum kostenfreien Download</a>. Alle Rechte: Dr. Michael Blume</em></p> <p><strong>Demografische Prognose: Säkulare Geburtenimplosion vor religiösem Rebounce</strong></p> <p>Für die kommenden Jahre und Jahrzehnte erwarte ich eine weitere, globale Eskalation der säkularen Geburtenimplosion, zumal <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/peak-child-zeitenumbruch-auch-durch-die-saekulare-geburtenimplosion/" rel="noopener" target="_blank">die Zahl der jungen Menschen bereits weltweit absackt („Peak Child“ ab etwa 2012)</a>. Für unsere Mitwelt kann das durchaus ein Segen sein, zumal immer mehr Gebiete unseres Planeten überhitzen und in Wasserkrisen stürzen. Erst danach werden die kinderreichen Religionsgemeinschaften (wie etwa <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/juedische-charedim-christliche-amish-zwei-sciebooks-kostenfrei-als-pdf/" rel="noopener" target="_blank">die christlichen Old Order Amish und die jüdischen Haredim</a>) groß und vielfältig genug gewachsen sein, um den säkularen Schwung auszubalancieren.</p> <p>Selbstverständlich könnte <em><strong>eine wissenschaftlich informierte und also kluge Solarpunk- und also Sozial-, Wirtschafts-, Friedens-, Familien-, Bildungs- und Dialogpolitik schon heute die Entwicklungen konstruktiv auffangen und damit extreme Erschütterungen vermeiden</strong></em>. Allerdings ist noch unklar, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/konkurrenz-konkordanz-oder-konsensdemokratie-meine-heutige-duale-rede-bei-der-stiftung-weltethos-uni-tuebingen/" rel="noopener" target="_blank">ob unterjüngende Parteien-Konkurrrenzdemokratien mit schwachen Parlamenten dazu in der Lage sind</a>, oder <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/b-wie-berlin-babylon-preussen-und-der-fossile-faschismus/" rel="noopener" target="_blank">ob sie erst nach Systemabstürzen wieder zur Vernunft kommen</a>. Behaupte dann aber bitte niemand, man(n) habe ja nicht wissen können…</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/HpZJVGsBkb8?feature=oembed&amp;rel=0" title="Demografie: Warum Unterjüngung der bessere Begriff als das gefährliche Überalterung ist" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Religionen wirken demografisch: Geburtenraten aus den USA, Turkiye, Israel & Thailand » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Während des Dialoges über <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-ki-menschenwuerde-enzyklika-von-papst-leo-xiv-und-anthropic-im-dialog/" rel="noopener" target="_blank">die bedeutende KI-Enzyklika <em>„Magnifica humanitas“</em> von <strong>Papst Leo XIV.</strong></a> insistierte @Tobias Jeckenburger per Kommentaren zu Recht auf die Bedeutung von Kindern für Staaten, Volkswirtschaften, Renten, Religionen.</p> <p>Also recherchierte ich einige neue Daten – und stellte verblüfft fest, daß eine Hypothese des geschätzten Kollegen <strong>Hans Rosling (1948 – 2017) </strong>nicht mehr zutrifft.</p> <p>Dieser hatte in <a href="https://m.youtube.com/watch?v=ezVk1ahRF78&amp;ra=m" rel="noopener" target="_blank">seinem legendären TED-Talk „Religion &amp; Babies“ (2012)</a> anerkannt, daß religionsdemografische Unterschiede „innerhalb“ von Staaten (wie <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/buddhismus-und-religionsdemografie-an-den-beispielen-schweiz-suedkorea-und-thailand/" rel="noopener" target="_blank">der <em><strong>Schweiz</strong></em></a>) aufträten, aber „zwischen“ ihnen demografische Effekte verschiedener, religiöser Prägung nicht nachweisbar seien.</p> <p>Ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/hans-rosling-ber-religion-und-babys-richtig-verstehen/" rel="noopener" target="_blank">hatte <strong>Rosling</strong> damals auch hier auf dem Blog zugestimmt</a>.</p> <p><img alt="" decoding="async" height="516" sizes="(max-width: 550px) 100vw, 550px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionDemografieHomoreligiosus.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionDemografieHomoreligiosus.jpg 550w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionDemografieHomoreligiosus-300x281.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionDemografieHomoreligiosus-150x140.jpg 150w" width="550"></img><em><span>Lange war der durchschnittlich erhöhte Reproduktionserfolg religiös Praktizierender nur innerhalb von Staaten sichtbar. Datengrafik aus: <a href="https://www.spektrum.de/magazin/homo-religiosus/982255" rel="noopener" target="_blank">Michael Blume, „Homo religiosus“, Gehirn &amp; Geist 04/2009</a></span></em><aside></aside></p> <p>Doch zwölf Jahre später, 2026, muss ich hiermit feststellen: <em><strong>Die demografischen Unterschiede der Geburtenraten (TFR = Total Fertility Rates) pro Frau sind auch zwischen den Staaten verschiedener, religiöser Prägung auf ein unübersehbar unterschiedliches Niveau angewachsen!</strong></em></p> <p>So ist das vom <a href="https://youtube.com/shorts/NDEqwljfKlY?si=8pFf6cBEdrS4kDMq" rel="noopener" target="_blank">gemäßigt antinatalen <strong>Buddhismus</strong> geprägte <strong><em>Thailand</em></strong><em> </em>inzwischen (neben dem deutlich reicheren <strong>Südkorea</strong>) auf eine TFR von unter 1,0 abgestürzt</a>!</p> <p>Es hat damit die Geburtenraten pro Frau sowohl der <strong>christlich</strong> geprägten <strong><em>USA</em> </strong>(1,6) wie auch der <strong>islamisch</strong> geprägten <strong><em>Türkei</em> </strong>(1,4) deutlich unterschritten. Beide Weltreligionen sind meist gemäßigt pronatal orientiert – sie befürworten Kinderreichtum, schreiben ihn jedoch nicht vor. Sogar <strong><em>Indonesien </em></strong>fällt damit derzeit unter die sog. Bestandserhaltungsgrenze von 2,1 Kindern pro Frau (TFR).</p> <p>Als derzeit einzige Weltreligion schreibt das <strong>Judentum</strong> eine höhere Kinderzahl religiös vor. <strong>Stadt- und Militärrabbiner Avraham Radbil</strong>, den ich erst letzte Woche zu <strong>Schawuot in Konstanz</strong> besucht hatte, <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/glossar/pru-urwu/" rel="noopener" target="_blank">erläuterte dazu schon 2015 in der „Jüdische Allgemeine“</a>:</p> <p><em>Die Mizwa Pru Urwu – »Seid fruchtbar und mehret euch!« (1. Buch Mose 1,22) – ist das allererste Gebot der Tora. Es wurde der ganzen Menschheit am Anfang gegeben, um die Erde zu füllen. Doch nach den meisten Meinungen hat sich der Kern dieser Mizwa nach der Annahme der Tora und der Gebote am Berg Sinai verändert: Seitdem sind dieser Mizwa nur Juden, genauer genommen jüdische Männer, verpflichtet. Demnach muss also jeder männliche Jude seinen Beitrag zur Vergrößerung des jüdischen Volkes leisten.</em></p> <p><em><span>MIZWA </span>Im Talmud (Jewamot 61b) wird darüber diskutiert, wann, also nach wie vielen Kindern, diese Mizwa als erfüllt gilt. Nach der Meinung von Beit Schamai, so wie die Gemara ihn erklärt, ist die Mizwa erfüllt, wenn man vier Kinder – zwei Jungen und zwei Mädchen – in die Welt gesetzt hat. Nach Beit Hillel genügen ein Mädchen und ein Junge. </em></p> <p><img alt="" decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></p> <p><em>Gemeinde- und Militärrabbiner <strong>Avraham Radbil</strong> (links), <strong>Dr. Michael Blume </strong>(mittig) und <strong>Dr. Astrid Schilling </strong>(rechts) am 10. März 2026 vor Offizierinnen und Offizieren der Bundeswehr in München. Foto: Katholische Akademie in Bayern</em></p> <p>Entsprechend dazu <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/daten-aus-israel-zu-religion-demografie-anthropodizee-und-saekularisierung/" rel="noopener" target="_blank">bildet <strong>Israel </strong>heute die einzige Demokratie außerhalb Afrikas mit einer Geburtenrate von nahezu drei Kindern pro Frau</a>, vor allem wegen des Wachstums haredischer, nationalreligiöser und teilweise auch noch israelisch-arabischer Milieus.</p> <p>Hier habe ich nun also vergleichend die Geburtenraten der vier je christlich, islamisch, jüdisch und buddhistisch geprägten Nationen von 1965 bis 2025 dargestellt.</p> <p><img alt="" decoding="async" height="930" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1692px) 100vw, 1692px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/315F0146-35D0-40B2-9A39-22403C43DF00.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/315F0146-35D0-40B2-9A39-22403C43DF00.png 1692w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/315F0146-35D0-40B2-9A39-22403C43DF00-300x165.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/315F0146-35D0-40B2-9A39-22403C43DF00-1024x563.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/315F0146-35D0-40B2-9A39-22403C43DF00-768x422.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/315F0146-35D0-40B2-9A39-22403C43DF00-1536x844.png 1536w" width="1692"></img></p> <p><em>Die Entwicklung der Geburtenraten (TFR) in Türkiye &amp; Israel, den USA und Thailand von 1965 bis 2025. Dr. Michael Blume mit ChatGPT Pro</em></p> <p><strong>Drei Faktoren-These: Religiöse Lehren, Institutionen &amp; Mimesis</strong></p> <p>Nach meiner Auffassung bestätigen die Daten nun auch zwischenstaatlich, was sich bereits in den 2000er Jahren innerhalb von Nationalstaaten abzeichnete: Religionsgemeinschaften wirken durch 1. ihre mehr oder weniger pronatalen Lehren und 2. ihre Familien fördernden Institutionen nachweisbar auch auf menschliches Sozial-, Familien- und Fortpflanzungsverhalten.</p> <p>Als dritten Faktor benenne ich jedoch inzwischen auch <strong>die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/" rel="noopener" target="_blank">Psychologie der Mimesis </a></strong><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/bedrohen-demografie-rechtsmimesis-inzwischen-die-republik-auch-ueber-sachsen-anhalt-aus/" rel="noopener" target="_blank">– die Nachahmung von Zielen</a>. Wo andere Menschen im Alltag und in den Medien je kinderarm oder kinderreich erscheinen, hat dies auch erhebliche Auswirkungen auf das je eigene Empfinden und Verhalten: Die Vorstellung einer „normalen“ Kinderzahl ist uns Menschen nicht angeboren, sondern wird im gesellschaftlichen und medialen Alltag mimetisch geprägt.</p> <p><strong>Kein Wirtschaftswachstum ohne Kinderreichtum</strong></p> <p>Die Berücksichtigung der Religionsdemografie schützt zudem vor ökonomistischen (= auf Wirtschaft beschränkten) Fehlschlüssen. Kinder sind und bleiben ein Wert für sich und bestimmen wiederum den wirtschaftlichen Erfolg jeder Gesellschaft.</p> <p><a href="https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/merz-buhrufe-100.html" rel="noopener" target="_blank">Als <strong>Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU)</strong> vor dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) von <em>„Demografie und Mathematik“</em> sprach, um weiteren Sozialabbau</a> als <em>„Einsparungen“</em> zu rechtfertigen, konnte ich sowohl als Wissenschaftler wie <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-37-monica-wuellner-von-cda-cdu-und-die-konkordanzregierung/" rel="noopener" target="_blank">auch als Christ, Demokrat, CDU- und CDA-Mitglied</a> nur noch den Kopf schütteln.</p> <p>Denn gerade auch technologisch weit entwickelte Volkswirtschaften wie <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-51-arbeit-demografie-und-deindustrialisierung-am-beispiel-japan/" rel="noopener" target="_blank"><em><strong>Japan</strong></em></a> und <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/14544/umfrage/wachstum-des-bruttoinlandsprodukts-in-suedkorea/" rel="noopener" target="_blank"><strong><em>Südkorea</em></strong></a> belegen, dass es <strong>bei Unterjüngung aufgrund nachlassender Binnen-Nachfrage und regionalem Investitionsschwund kein nachhaltiges Wirtschaftswachstum mehr </strong>geben kann. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/china-zwischen-demografischer-geburtenimplosion-und-ki-robotik-zukunft/" rel="noopener" target="_blank">Auch <em><strong>China</strong></em><strong> </strong>subventioniert seine Exportwirtschaft auch aufgrund demografischer Verzweiflung</a> und forciert damit die <strong>Deindustrialisierung</strong> auch der <em><strong>Europäischen Union (EU)</strong></em>.</p> <p>Die eigentlichen <em>„Leistungsträger“ </em>menschlicher Gesellschaften sind keine rechtslibertären Abzocker, sondern engagierte Eltern, Ehrenamtliche, Wissenschaftlerinnen, Vorbilder, Spender und Demokratinnen. Ohne ihren Einsatz für die gemeinsame Zukunft erkaltet, vereinsamt und, ja, verarmt jede Gesellschaft.<br></br><span>Und wer – wie ich – noch einen wirklichen Frieden anstrebt, sollte realistisch anerkennen: Die </span><a href="https://www.salonkolumnisten.com/oel_antisemitismus/" rel="noopener" target="_blank">Fossilregime in <em><strong>Iran &amp; Katar</strong> </em>sowie die von ihnen fossil finanzierten Terrororganisationen Hamas, Hisbollah &amp; Huthi haben unzählige Tode und fatales Leid verursacht</a><span>, wogegen </span><strong>Israel</strong><span> aufgrund seines Kinderreichtums auch wirtschaftlich und militärisch expandiert. Auf buchstäblich alt-kluge Ratschläge aus dem vielfach verebbenden </span><em><strong>Europa</strong></em><span> wird da wenig gegeben. Immerhin: Auch das EU-Mitglied </span><strong>Spanien </strong><span>wächst derzeit demografisch und wirtschaftlich, weil es </span><strong>gezielt auf die Akzeptanz und Integration von arbeitswilligen Zuwandernden</strong><span> setzt.</span></p> <p><img alt="" decoding="async" height="960" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 669px) 100vw, 669px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionundDemografie2014.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionundDemografie2014.jpg 669w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionundDemografie2014-209x300.jpg 209w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionundDemografie2014-104x150.jpg 104w" width="669"></img></p> <p><em>Mein <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Religion-und-Demografie-Michael-Blume-scieBook.pdf" rel="noopener" target="_blank">Zwischenfazit-eBooklet „Religion &amp; Demografie“ von 2014 befindet sich hier zum kostenfreien Download</a>. Alle Rechte: Dr. Michael Blume</em></p> <p><strong>Demografische Prognose: Säkulare Geburtenimplosion vor religiösem Rebounce</strong></p> <p>Für die kommenden Jahre und Jahrzehnte erwarte ich eine weitere, globale Eskalation der säkularen Geburtenimplosion, zumal <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/peak-child-zeitenumbruch-auch-durch-die-saekulare-geburtenimplosion/" rel="noopener" target="_blank">die Zahl der jungen Menschen bereits weltweit absackt („Peak Child“ ab etwa 2012)</a>. Für unsere Mitwelt kann das durchaus ein Segen sein, zumal immer mehr Gebiete unseres Planeten überhitzen und in Wasserkrisen stürzen. Erst danach werden die kinderreichen Religionsgemeinschaften (wie etwa <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/juedische-charedim-christliche-amish-zwei-sciebooks-kostenfrei-als-pdf/" rel="noopener" target="_blank">die christlichen Old Order Amish und die jüdischen Haredim</a>) groß und vielfältig genug gewachsen sein, um den säkularen Schwung auszubalancieren.</p> <p>Selbstverständlich könnte <em><strong>eine wissenschaftlich informierte und also kluge Solarpunk- und also Sozial-, Wirtschafts-, Friedens-, Familien-, Bildungs- und Dialogpolitik schon heute die Entwicklungen konstruktiv auffangen und damit extreme Erschütterungen vermeiden</strong></em>. Allerdings ist noch unklar, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/konkurrenz-konkordanz-oder-konsensdemokratie-meine-heutige-duale-rede-bei-der-stiftung-weltethos-uni-tuebingen/" rel="noopener" target="_blank">ob unterjüngende Parteien-Konkurrrenzdemokratien mit schwachen Parlamenten dazu in der Lage sind</a>, oder <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/b-wie-berlin-babylon-preussen-und-der-fossile-faschismus/" rel="noopener" target="_blank">ob sie erst nach Systemabstürzen wieder zur Vernunft kommen</a>. Behaupte dann aber bitte niemand, man(n) habe ja nicht wissen können…</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/HpZJVGsBkb8?feature=oembed&amp;rel=0" title="Demografie: Warum Unterjüngung der bessere Begriff als das gefährliche Überalterung ist" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/religionen-wirken-demografisch-geburtenraten-aus-den-usa-turkiye-israel-thailand/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>56</slash:comments> </item> <item> <title>Save the Date: Vorträge und Lesungen 2026, Juni – Dezember https://scilogs.spektrum.de/meertext/save-the-date-vortraege-und-lesungen-2026-juni-dezember/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/save-the-date-vortraege-und-lesungen-2026-juni-dezember/#respond Fri, 29 May 2026 07:32:46 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=2009 <h1>Save the Date: Vorträge und Lesungen 2026, Juni - Dezember » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <h2>07.06.2026: Talkien (Online) zum Thema „Jules Verne lebt!“</h2> <p>Sonntag, 7.Juni ab 20 Uhr unter: <a href="http://www.youtube.de/kueperpunk?fbclid=IwZXh0bgNhZW0CMTAAYnJpZBEwWjBMVzA1Y1dBcE1NT25KT3NydGMGYXBwX2lkEDIyMjAzOTE3ODgyMDA4OTIAAR7qYuiGAUZ2uVQWE3D13Jsnpevw8TsbAd9Uy33qEiTUksCrj-7WDIDsh-qRMg_aem_UZaduXw8Vhmt92MXS2sDgQ" rel="noreferrer noopener" target="_blank">www.youtube.de/kueperpunk</a><p>Jules Verne gilt bis heute als ein Pionier der Literatur. Er war definitiv kein Steampunk, es lässt sich auch darüber diskutieren, ob er tatsächlich ein früher Science Fiction Autor war, oder ob er wissenschaftliche Abenteuerromane verfasst hat. Sein Einfluss auf die heutige Fantastik ist nicht zu leugnen. Aber ist Jules Verne heute noch lesbar? Können Schriftsteller heute von ihm noch etwas lernen? Kann er für die nächste Generation von Schriftstellern immer noch eine Inspiration sein? Und wie hat Jules Verne mit seinen Geschichten die reale Wissenschaft verändert?</p></p> <p>Darüber sprechen wir mit dem Steampunk Erfinder Jochen Enderlein, dem Veranstaltungsorganisator Torsten Hachtel, dem Schriftsteller Martin Kay, dem Literaturwissenschaftler Markus Tillmann und der Meeresbiologin und Wissenschaftsjournalistin Bettina Wurche.<br></br>(Text und Bild sind von Thorsten Küper – danke!)</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-52.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="697" sizes="(max-width: 526px) 100vw, 526px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-52.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-52.png 526w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-52-226x300.png 226w" width="526"></img></a></figure> <h2 id="h-03-03-2026-darmstadt-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">13.06.2026, Eppertshausen (bei Darmstadt): „Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung“</h2> <p><a href="https://sftreffda.weebly.com/special-event.html" rel="noopener">SFCD e.V.-Stammtisch &amp; Partner laden gelegentlich zu Special Events</a> ein – ich komme mit einer Jules Verne-Lesung!<br></br>Beginn des Treffens ist um 18 Uhr im Saalbau der Gaststätte „Adebar“, Jahnstraße 2, 64859 Eppertshausen (TAV-Halle). <p><strong>Beginn der Lesung im Nebenraum ist um 20 Uhr. </strong>Guckt gern mal auf der <a href="https://sftreffda.weebly.com/special-event.html" rel="noopener">Seite vorbei, da sind auch andere interessante Events</a>.</p><br></br>Da es kein enger Vortragsslot auf einer Con ist, können wir in aller Ruhe plaudern. </p> <p>Jules Verne (1828–1905) ist der Erfinder des wissenschaftlichen Romans mit Science-Fiction-Elementen. Er lebte und schrieb in einer Zeit der bahnbrechenden Erfindungen und Entdeckungen, die er begeistert aufnahm und den Faden weiter bis ins Fiktive spann. Seine Helden stießen in die Ozeane, den Luft- und Weltraum und unter die Erde vor. Vernes zahlreiche Romane enthalten viel Fachwissen, eingebettet in aufregende Abenteuer. Sein Roman „Zwanzigtausend Meilen unter den Meeren” ist eines seiner wichtigsten Werke und ein einzigartiges Zeugnis der Entstehung der Meeresforschung dieser Zeit. Darin schickt der französische Autor seinen Prof. Aronnax, einen berühmten französischen Meeresbiologen, auf ein unglaubliches Abenteuer durch die Ozeane, von exotischen Inseln bis in die Tiefsee und zum Südpol. Dafür erdachte Verne das erste literarische Tauchboot und erschuf den rätselhaften, düsteren Kapitän Nemo als Aronnax` Antagonisten. Wieviel Wissenschaft und Technik steckt in Vernes Meeresepos? Wie war der Stand des Wissens und der Wissenschaft und was hat sich der Autor ausgedacht? Wie recherchierte Verne diese Fakten und was war der gesellschaftspolitische Hintergrund für die Buchreihe “Phantastische Reisen”?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-34.png"><img alt="" decoding="async" height="505" sizes="(max-width: 406px) 100vw, 406px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-34.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-34.png 406w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-34-241x300.png 241w" width="406"></img></a><figcaption>Danke an Herrn Strehl, der dieses schöne Portrait von mir in Henrichenburg aufnahm ((C) Strehl)</figcaption></figure> <h2 id="h-13-06-2026-eppertshausen-bei-darmstadt-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">19.06.2026, Hamburg: „Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung“</h2> <p>Mit allergrößtem Vergnügen lese ich in meinem Heimathafen Hamburg, gleich um die Ecke des Zoologischen Instituts und Museums!<br></br><a href="https://senseofwonder.online/" rel="noopener">Sense of Wonder</a>, Grindelallee 73, im Hamburger Univiertel, 20146 Hamburg<br></br>Beginn 19:00 Uhr<br></br>Endlich hat <a href="https://senseofwonder.online/" rel="noopener">Hamburg wieder </a>einen Laden für „all things science fiction and fantasy“, an traditionsreicher Stelle im Grindelviertel, im Herzen Hamburgs: Grindelallee 73 (Öffnungszeiten: Di bis Fr: 11 – 18 Uhr &amp; Sa.: 11 – 16 Uhr. Montags geschlossen.)<aside></aside></p> <p>Das ausgewählte Sortiment umfasst Bücher, Comics, Brett- und Rollenspiele sowie Merch-Artikeln, außerdem gibt es einen Online-Shop mit allen lieferbaren Büchern und Comics.<br></br>Weiterhin haben sie regelmäßige Veranstaltungen wie Lesungen – u a mit der wunderbaren Aiki Mira.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg"><img alt="" decoding="async" height="350" sizes="(max-width: 228px) 100vw, 228px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg 228w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_-195x300.jpg 195w" width="228"></img></a><figcaption>Signiert oder unsigniert, erhältlich im <a href="https://www.shop-hirnkost.de/produkt/signiert-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung/" rel="noopener">hirnkost-Shop</a> oder direkt bei mir</figcaption></figure> <h2 id="h-02-07-05-07-berlin-metropol-con-pilze-amp-jules-verne">02.07/05.07,<strong> </strong>Berlin, Metropol-Con: Pilze &amp; Jules Verne</h2> <p>Im <a href="https://www.silent-green.net/" rel="noopener">Kulturzentrum <em>Silent Green</em></a> (Gerichtstraße 35 13347 Berlin) findet wieder die Metropol-Con statt, eine multimediale futuristische und fantastische Convention. Die letzte fand ich schon großartig, die Entscheidung, welche Lesung und welchen Vortrag ich hören wollte, war echt schwierig. Diesmal ist die Metropol-Con sogar Euro-Con. D. h., der Austragungsort für das jährliche europaweite SF-Spektakel. Darum sind diesmal Vorträge und Lesungen aus ganz Europa dabei, die meisten auf Englisch. Als Ehrengäste stehen jetzt schon Becky Chambers und Aiki Mira fest – ich bin von den Büchern beider begeistert und freue mich schon sehr darauf.</p> <p>Das <a href="https://www.metropolcon.eu/2026-ger/programm-2026/" rel="noopener">ganze Programm ist hier</a> – eine ganz schön beeindruckende Veranstaltung!<p>Ich bin dabei mit:</p><br></br><strong>Vortrag/Lesung: Jules Verne and the Discovery of Marine Research</strong></p> <p><strong>Vortrag:</strong> <strong>Mycel und Mythos: Pilze in SF-Plots</strong><p>Das Reich der Pilze lebt in schätzungsweise über 1,5 Millionen Arten global in allen Lebensräumen, ist aber in Science Fiction-Büchern und -Filmen stark unterrepräsentiert. Aliens sind stattdessen meist nach Menschen, Tiere oder seltener auch Pflanzen und deren Eigenschaften konzipiert.</p><br></br>Mit ihrem Leben im Feuchten und Dunklen, dem geheimnisvollen Myzelnetzwerk als extreme Kolonieform und Symbiosepartner, ihrem extrem schnellen Wachstum und ihrer Vorliebe für tote organischer Materie erscheinen sie Menschen oft unheimlich. Und pathogene Eigenschaften bedrohen auch die menschliche Gesundheit. Manche parasitären Pilzgruppen befallen lebende Tiere und versklaven sie – das pilzgesteuerte Tier vollführt absurde Verhaltensweisen und stirbt schließlich. Zuletzt platzt der Kadaver auf und setzt Pilzsporen frei, der Triumph der vermeintlich niederen Lebensform lässt Menschen schaudern.<br></br>Dass vor allem solche Parasiten als Horror-Gegner in SF-Szenarien auftreten, ist wenig überraschend. Dabei haben die Myzelnetzwerke und Kolonien wesentlich mehr Skills: Einige Schleimpilze können wie digitale Netzwerke Probleme lösen: So bildete eine Schleimpilzkolonie den Tokioter U-Bahn-Plan nach. Außerdem bietet das Reich der Fungi Weltrettungskompetenzen – es ist Essen, Medizin, Material-Rohstoff und Schadstofffilter gleichermaßen. Und die halluzinogenen Eigenschaften lassen Menschen seit Jahrtausenden zumindest mental abheben.<br></br>Der Vortrag gibt einen Überblick über das Reich der Fungi und ihr World Wood Web und analysiert verschiedene SF-Stories mit Pilz-Protagonisten vor auf ihren Realitätsbezug.</p> <p>Jede/r kann dorthin kommen. Ganz besonders willkommen in SupporterInnen, die jetzt schon ihr Ticket bestellen. Das ist erstens günstiger und gibt zweitens dem Orga-Team die teils im Voraus nötige finanzielle Unterstützung. Die Location ist ziemlich schräg: ein altes Krematorium, das nun zum modernen Kulturzentrum wurde. In den Keller, zu den Buch- und anderen Verkaufsständen geht es über eine Betonrampe…</p> <p><a href="https://www.metropolcon.eu/2026-ger" rel="noopener">https://www.metropolcon.eu/2026-ger</a></p> <h2 id="h-03-03-2026-darmstadt-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">05./06.09.2026, Bremen: „Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung“</h2> <p>Bei der <a href="https://www.botanika-bremen.de/programm/botanika-goes-space-1.html" rel="noopener">botanika goes space, der Entdecker-Dschungelwelt </a>im wunderschönen Rhododendron-Garten in Bremen, lese ich aus meinem Jules Verne-Buch.<br></br>Voraussichtlich an beiden Tagen.<br></br>Da die Veranstaltung sich vor allem an Familien mit Kindern richtet, werde ich dabei gezielt jüngere BesucherInnen ansprechen. </p> <h2 id="h-18-20-09-26-leipzig-18-elstercon-science-fiction-literatur-trifft-wissenschaft-jules-verne">18.-20.09.2026, Leipzig, 18. ELSTERCON – „SCIENCE? FICTION! – Literatur trifft Wissenschaft“: „Jules Verne“</h2> <p>Der <a href="https://www.elstercon.de/page154/index.html" rel="noopener">ElsterCon in Leipzig</a> ist ein hochkarätiger Event zur Literatur der Phantastik im Haus des Buches Leipzig, Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig.<br></br>Nicht nur die ReferentInnen sind sehr gut, sondern auch die Diskussionen und Zwischendurch-Gespräche bewegen sich auf einem hohen Level. Neben Lesungen und Vorträgen gibt es auch Buchstände zur Phantastik-Literatur, man kann mit VerlegerInnen und AutorInnen plaudern.<br></br>Ich finde den Event besonders gut und liebevoll organisiert und habe mich über die erneute Einladung total gefreut.</p> <h2>03.11.2026, Darmstadt: „Kraken und Kalmare – vom Meeresmonster zum Sympathieträger mit drei Herzen“ </h2> <p>Beginn: 18:30 Uhr<br></br><a href="https://www.bund-hessen.de/stadtnaturzentrum/" rel="noopener">BUND Zentrum für Stadtnatur</a>, Klappacher Straße 27 64285 Darmstadt<br></br>Zufahrt zur Orangerie von der Klappacher Straße aus, 1. Tor links (hinter dem Gebäude des Grünflächenamtes)</p> <p><strong>„Kraken und Kalmare – vom Meeresmonster zum Sympathieträger mit drei Herzen“ </strong></p> <p>Kopffüßer haben eine lange und erfolgreiche Evolution hinter sich. Kraken und Kalmare besiedeln alle Bereiche der Ozeane, von den Küsten bis in die Tiefsee – dafür haben sie eine Reihe von Spezialanpassungen entwickelt. Einige von ihnen werden heute als ähnlich sozial und intelligent wie Wirbeltiere eingeschätzt. <br></br>Vom roten Tiefseevampir, über den Riesenkalmar bis zum Dumbo-Kraken bieten die scharfsinnigen Meeresbewohner mit den acht bis zehn Tentakeln immer neue Überraschungen.<br></br>Der Vortrag präsentiert die neuesten Forschungsergebnisse aus der Tiefsee und Aquarien – von Blinklicht- und Farb-Kommunikation, perfekten Tarnungen bis zu mütterlicher Opferbereitschaft. </p> <p>Der Vortrag ist auch <a href="https://www.bund-darmstadt.de/webkonferenz/" rel="noopener">Online zugänglich </a>und Teil des VHS-Programms.</p> <p><p>Vermutlich kommen noch so einige weitere Termine für die 2. Jahreshälfte dazu.</p></p> <h2 id="h-mich-kann-man-buchen">Mich kann man buchen</h2> <p>Neben wissenschaftsjournalistischen Texten zu Biologie, Paläontologie, Klimakrise und anderen naturwissenschaftlichen Themen erzähle ich meine Themen auch gern in populärwissenschaftlichen Vorträgen und Science Performances für Menschen aller Altersgruppen.<br></br>Eine Übersicht über meine Vortrags-Themen gibt es <a href="https://meertext.eu/vortraege/" rel="noopener">hier</a>.<br></br>An dieser Stelle sollte ich anmerken, dass ich nicht nur leidenschaftliche Meeresbiologin, sondern auch eine Liebhaberin der wissenschaftsbasierten Science Fiction bin. In Vorträgen hinterfrage ich die wissenschaftlichen Fakten in SF-Szenarien und erzähle noch mehr Wissenswertes dazu.</p> <p>Alle Vorträge und Präsentationen sind allgemein verständlich ausgearbeitet, laufen schnörkellos auf Powerpoint und dauern nach Absprache – meist 45 Minuten.<br></br>Sie können bei <a href="https://meertext.eu/kontakt/" rel="noopener">mir</a> von jeder/m und für jede/n gebucht werden, live oder online – für Verein, Schule, Museum, Event oder private Veranstaltungen. Honorar und Reisekosten nach Absprache.</p> <p>Weiterhin biete ich Lesungen zum Jules Verne-Buch sowie Vorlesungen und Workshops für Studierende und Jugendliche an – zu Meeresbiologie, Klima, Astrobiologie, u a.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Save the Date: Vorträge und Lesungen 2026, Juni - Dezember » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <h2>07.06.2026: Talkien (Online) zum Thema „Jules Verne lebt!“</h2> <p>Sonntag, 7.Juni ab 20 Uhr unter: <a href="http://www.youtube.de/kueperpunk?fbclid=IwZXh0bgNhZW0CMTAAYnJpZBEwWjBMVzA1Y1dBcE1NT25KT3NydGMGYXBwX2lkEDIyMjAzOTE3ODgyMDA4OTIAAR7qYuiGAUZ2uVQWE3D13Jsnpevw8TsbAd9Uy33qEiTUksCrj-7WDIDsh-qRMg_aem_UZaduXw8Vhmt92MXS2sDgQ" rel="noreferrer noopener" target="_blank">www.youtube.de/kueperpunk</a><p>Jules Verne gilt bis heute als ein Pionier der Literatur. Er war definitiv kein Steampunk, es lässt sich auch darüber diskutieren, ob er tatsächlich ein früher Science Fiction Autor war, oder ob er wissenschaftliche Abenteuerromane verfasst hat. Sein Einfluss auf die heutige Fantastik ist nicht zu leugnen. Aber ist Jules Verne heute noch lesbar? Können Schriftsteller heute von ihm noch etwas lernen? Kann er für die nächste Generation von Schriftstellern immer noch eine Inspiration sein? Und wie hat Jules Verne mit seinen Geschichten die reale Wissenschaft verändert?</p></p> <p>Darüber sprechen wir mit dem Steampunk Erfinder Jochen Enderlein, dem Veranstaltungsorganisator Torsten Hachtel, dem Schriftsteller Martin Kay, dem Literaturwissenschaftler Markus Tillmann und der Meeresbiologin und Wissenschaftsjournalistin Bettina Wurche.<br></br>(Text und Bild sind von Thorsten Küper – danke!)</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-52.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="697" sizes="(max-width: 526px) 100vw, 526px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-52.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-52.png 526w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-52-226x300.png 226w" width="526"></img></a></figure> <h2 id="h-03-03-2026-darmstadt-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">13.06.2026, Eppertshausen (bei Darmstadt): „Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung“</h2> <p><a href="https://sftreffda.weebly.com/special-event.html" rel="noopener">SFCD e.V.-Stammtisch &amp; Partner laden gelegentlich zu Special Events</a> ein – ich komme mit einer Jules Verne-Lesung!<br></br>Beginn des Treffens ist um 18 Uhr im Saalbau der Gaststätte „Adebar“, Jahnstraße 2, 64859 Eppertshausen (TAV-Halle). <p><strong>Beginn der Lesung im Nebenraum ist um 20 Uhr. </strong>Guckt gern mal auf der <a href="https://sftreffda.weebly.com/special-event.html" rel="noopener">Seite vorbei, da sind auch andere interessante Events</a>.</p><br></br>Da es kein enger Vortragsslot auf einer Con ist, können wir in aller Ruhe plaudern. </p> <p>Jules Verne (1828–1905) ist der Erfinder des wissenschaftlichen Romans mit Science-Fiction-Elementen. Er lebte und schrieb in einer Zeit der bahnbrechenden Erfindungen und Entdeckungen, die er begeistert aufnahm und den Faden weiter bis ins Fiktive spann. Seine Helden stießen in die Ozeane, den Luft- und Weltraum und unter die Erde vor. Vernes zahlreiche Romane enthalten viel Fachwissen, eingebettet in aufregende Abenteuer. Sein Roman „Zwanzigtausend Meilen unter den Meeren” ist eines seiner wichtigsten Werke und ein einzigartiges Zeugnis der Entstehung der Meeresforschung dieser Zeit. Darin schickt der französische Autor seinen Prof. Aronnax, einen berühmten französischen Meeresbiologen, auf ein unglaubliches Abenteuer durch die Ozeane, von exotischen Inseln bis in die Tiefsee und zum Südpol. Dafür erdachte Verne das erste literarische Tauchboot und erschuf den rätselhaften, düsteren Kapitän Nemo als Aronnax` Antagonisten. Wieviel Wissenschaft und Technik steckt in Vernes Meeresepos? Wie war der Stand des Wissens und der Wissenschaft und was hat sich der Autor ausgedacht? Wie recherchierte Verne diese Fakten und was war der gesellschaftspolitische Hintergrund für die Buchreihe “Phantastische Reisen”?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-34.png"><img alt="" decoding="async" height="505" sizes="(max-width: 406px) 100vw, 406px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-34.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-34.png 406w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-34-241x300.png 241w" width="406"></img></a><figcaption>Danke an Herrn Strehl, der dieses schöne Portrait von mir in Henrichenburg aufnahm ((C) Strehl)</figcaption></figure> <h2 id="h-13-06-2026-eppertshausen-bei-darmstadt-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">19.06.2026, Hamburg: „Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung“</h2> <p>Mit allergrößtem Vergnügen lese ich in meinem Heimathafen Hamburg, gleich um die Ecke des Zoologischen Instituts und Museums!<br></br><a href="https://senseofwonder.online/" rel="noopener">Sense of Wonder</a>, Grindelallee 73, im Hamburger Univiertel, 20146 Hamburg<br></br>Beginn 19:00 Uhr<br></br>Endlich hat <a href="https://senseofwonder.online/" rel="noopener">Hamburg wieder </a>einen Laden für „all things science fiction and fantasy“, an traditionsreicher Stelle im Grindelviertel, im Herzen Hamburgs: Grindelallee 73 (Öffnungszeiten: Di bis Fr: 11 – 18 Uhr &amp; Sa.: 11 – 16 Uhr. Montags geschlossen.)<aside></aside></p> <p>Das ausgewählte Sortiment umfasst Bücher, Comics, Brett- und Rollenspiele sowie Merch-Artikeln, außerdem gibt es einen Online-Shop mit allen lieferbaren Büchern und Comics.<br></br>Weiterhin haben sie regelmäßige Veranstaltungen wie Lesungen – u a mit der wunderbaren Aiki Mira.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg"><img alt="" decoding="async" height="350" sizes="(max-width: 228px) 100vw, 228px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg 228w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_-195x300.jpg 195w" width="228"></img></a><figcaption>Signiert oder unsigniert, erhältlich im <a href="https://www.shop-hirnkost.de/produkt/signiert-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung/" rel="noopener">hirnkost-Shop</a> oder direkt bei mir</figcaption></figure> <h2 id="h-02-07-05-07-berlin-metropol-con-pilze-amp-jules-verne">02.07/05.07,<strong> </strong>Berlin, Metropol-Con: Pilze &amp; Jules Verne</h2> <p>Im <a href="https://www.silent-green.net/" rel="noopener">Kulturzentrum <em>Silent Green</em></a> (Gerichtstraße 35 13347 Berlin) findet wieder die Metropol-Con statt, eine multimediale futuristische und fantastische Convention. Die letzte fand ich schon großartig, die Entscheidung, welche Lesung und welchen Vortrag ich hören wollte, war echt schwierig. Diesmal ist die Metropol-Con sogar Euro-Con. D. h., der Austragungsort für das jährliche europaweite SF-Spektakel. Darum sind diesmal Vorträge und Lesungen aus ganz Europa dabei, die meisten auf Englisch. Als Ehrengäste stehen jetzt schon Becky Chambers und Aiki Mira fest – ich bin von den Büchern beider begeistert und freue mich schon sehr darauf.</p> <p>Das <a href="https://www.metropolcon.eu/2026-ger/programm-2026/" rel="noopener">ganze Programm ist hier</a> – eine ganz schön beeindruckende Veranstaltung!<p>Ich bin dabei mit:</p><br></br><strong>Vortrag/Lesung: Jules Verne and the Discovery of Marine Research</strong></p> <p><strong>Vortrag:</strong> <strong>Mycel und Mythos: Pilze in SF-Plots</strong><p>Das Reich der Pilze lebt in schätzungsweise über 1,5 Millionen Arten global in allen Lebensräumen, ist aber in Science Fiction-Büchern und -Filmen stark unterrepräsentiert. Aliens sind stattdessen meist nach Menschen, Tiere oder seltener auch Pflanzen und deren Eigenschaften konzipiert.</p><br></br>Mit ihrem Leben im Feuchten und Dunklen, dem geheimnisvollen Myzelnetzwerk als extreme Kolonieform und Symbiosepartner, ihrem extrem schnellen Wachstum und ihrer Vorliebe für tote organischer Materie erscheinen sie Menschen oft unheimlich. Und pathogene Eigenschaften bedrohen auch die menschliche Gesundheit. Manche parasitären Pilzgruppen befallen lebende Tiere und versklaven sie – das pilzgesteuerte Tier vollführt absurde Verhaltensweisen und stirbt schließlich. Zuletzt platzt der Kadaver auf und setzt Pilzsporen frei, der Triumph der vermeintlich niederen Lebensform lässt Menschen schaudern.<br></br>Dass vor allem solche Parasiten als Horror-Gegner in SF-Szenarien auftreten, ist wenig überraschend. Dabei haben die Myzelnetzwerke und Kolonien wesentlich mehr Skills: Einige Schleimpilze können wie digitale Netzwerke Probleme lösen: So bildete eine Schleimpilzkolonie den Tokioter U-Bahn-Plan nach. Außerdem bietet das Reich der Fungi Weltrettungskompetenzen – es ist Essen, Medizin, Material-Rohstoff und Schadstofffilter gleichermaßen. Und die halluzinogenen Eigenschaften lassen Menschen seit Jahrtausenden zumindest mental abheben.<br></br>Der Vortrag gibt einen Überblick über das Reich der Fungi und ihr World Wood Web und analysiert verschiedene SF-Stories mit Pilz-Protagonisten vor auf ihren Realitätsbezug.</p> <p>Jede/r kann dorthin kommen. Ganz besonders willkommen in SupporterInnen, die jetzt schon ihr Ticket bestellen. Das ist erstens günstiger und gibt zweitens dem Orga-Team die teils im Voraus nötige finanzielle Unterstützung. Die Location ist ziemlich schräg: ein altes Krematorium, das nun zum modernen Kulturzentrum wurde. In den Keller, zu den Buch- und anderen Verkaufsständen geht es über eine Betonrampe…</p> <p><a href="https://www.metropolcon.eu/2026-ger" rel="noopener">https://www.metropolcon.eu/2026-ger</a></p> <h2 id="h-03-03-2026-darmstadt-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">05./06.09.2026, Bremen: „Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung“</h2> <p>Bei der <a href="https://www.botanika-bremen.de/programm/botanika-goes-space-1.html" rel="noopener">botanika goes space, der Entdecker-Dschungelwelt </a>im wunderschönen Rhododendron-Garten in Bremen, lese ich aus meinem Jules Verne-Buch.<br></br>Voraussichtlich an beiden Tagen.<br></br>Da die Veranstaltung sich vor allem an Familien mit Kindern richtet, werde ich dabei gezielt jüngere BesucherInnen ansprechen. </p> <h2 id="h-18-20-09-26-leipzig-18-elstercon-science-fiction-literatur-trifft-wissenschaft-jules-verne">18.-20.09.2026, Leipzig, 18. ELSTERCON – „SCIENCE? FICTION! – Literatur trifft Wissenschaft“: „Jules Verne“</h2> <p>Der <a href="https://www.elstercon.de/page154/index.html" rel="noopener">ElsterCon in Leipzig</a> ist ein hochkarätiger Event zur Literatur der Phantastik im Haus des Buches Leipzig, Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig.<br></br>Nicht nur die ReferentInnen sind sehr gut, sondern auch die Diskussionen und Zwischendurch-Gespräche bewegen sich auf einem hohen Level. Neben Lesungen und Vorträgen gibt es auch Buchstände zur Phantastik-Literatur, man kann mit VerlegerInnen und AutorInnen plaudern.<br></br>Ich finde den Event besonders gut und liebevoll organisiert und habe mich über die erneute Einladung total gefreut.</p> <h2>03.11.2026, Darmstadt: „Kraken und Kalmare – vom Meeresmonster zum Sympathieträger mit drei Herzen“ </h2> <p>Beginn: 18:30 Uhr<br></br><a href="https://www.bund-hessen.de/stadtnaturzentrum/" rel="noopener">BUND Zentrum für Stadtnatur</a>, Klappacher Straße 27 64285 Darmstadt<br></br>Zufahrt zur Orangerie von der Klappacher Straße aus, 1. Tor links (hinter dem Gebäude des Grünflächenamtes)</p> <p><strong>„Kraken und Kalmare – vom Meeresmonster zum Sympathieträger mit drei Herzen“ </strong></p> <p>Kopffüßer haben eine lange und erfolgreiche Evolution hinter sich. Kraken und Kalmare besiedeln alle Bereiche der Ozeane, von den Küsten bis in die Tiefsee – dafür haben sie eine Reihe von Spezialanpassungen entwickelt. Einige von ihnen werden heute als ähnlich sozial und intelligent wie Wirbeltiere eingeschätzt. <br></br>Vom roten Tiefseevampir, über den Riesenkalmar bis zum Dumbo-Kraken bieten die scharfsinnigen Meeresbewohner mit den acht bis zehn Tentakeln immer neue Überraschungen.<br></br>Der Vortrag präsentiert die neuesten Forschungsergebnisse aus der Tiefsee und Aquarien – von Blinklicht- und Farb-Kommunikation, perfekten Tarnungen bis zu mütterlicher Opferbereitschaft. </p> <p>Der Vortrag ist auch <a href="https://www.bund-darmstadt.de/webkonferenz/" rel="noopener">Online zugänglich </a>und Teil des VHS-Programms.</p> <p><p>Vermutlich kommen noch so einige weitere Termine für die 2. Jahreshälfte dazu.</p></p> <h2 id="h-mich-kann-man-buchen">Mich kann man buchen</h2> <p>Neben wissenschaftsjournalistischen Texten zu Biologie, Paläontologie, Klimakrise und anderen naturwissenschaftlichen Themen erzähle ich meine Themen auch gern in populärwissenschaftlichen Vorträgen und Science Performances für Menschen aller Altersgruppen.<br></br>Eine Übersicht über meine Vortrags-Themen gibt es <a href="https://meertext.eu/vortraege/" rel="noopener">hier</a>.<br></br>An dieser Stelle sollte ich anmerken, dass ich nicht nur leidenschaftliche Meeresbiologin, sondern auch eine Liebhaberin der wissenschaftsbasierten Science Fiction bin. In Vorträgen hinterfrage ich die wissenschaftlichen Fakten in SF-Szenarien und erzähle noch mehr Wissenswertes dazu.</p> <p>Alle Vorträge und Präsentationen sind allgemein verständlich ausgearbeitet, laufen schnörkellos auf Powerpoint und dauern nach Absprache – meist 45 Minuten.<br></br>Sie können bei <a href="https://meertext.eu/kontakt/" rel="noopener">mir</a> von jeder/m und für jede/n gebucht werden, live oder online – für Verein, Schule, Museum, Event oder private Veranstaltungen. Honorar und Reisekosten nach Absprache.</p> <p>Weiterhin biete ich Lesungen zum Jules Verne-Buch sowie Vorlesungen und Workshops für Studierende und Jugendliche an – zu Meeresbiologie, Klima, Astrobiologie, u a.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/save-the-date-vortraege-und-lesungen-2026-juni-dezember/#respond 0 Energiewende mit handfesten Zahlen https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/energiewende-mit-handfesten-zahlen/ https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/energiewende-mit-handfesten-zahlen/#comments Wed, 27 May 2026 14:23:35 +0000 Markus Pössel https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/?p=11426 <h1>Energiewende mit handfesten Zahlen » RELATIV EINFACH » SciLogs</h1><h2>By Von Markus Pössel</h2><div itemprop="text"> <p>Dazu, wie meine Ansichten zur Klimakrise zustandekommen, hatte ich ja anfang letzten Jahres ausführlicher geschrieben, nämlich in meiner Serie „Klimakrisen-Wahlempfehlung“ (<a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrisen-wahlempfehlung-teil-1-weil-wir-nicht-das-mass-aller-dinge-sind/">Physikalische Intuition</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrisen-wahlempfehlung-2-weil-die-riesigen-energiemengen-nicht-direkt-kontrollierbar-sind/">Energie-Größenordnungen</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrisen-wahlempfehlung-3-weil-es-fuer-temperaturen-bei-denen-menschen-ueberleben-koennen-eine-nicht-allzu-ferne-obergrenze-gibt/">die Obergrenze menschlicher Temperaturen</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrisen-wahlempfehlung-4-weil-wir-mit-hebelwirkungen-vorsichtig-umgehen-sollten/">Vorsicht mit Hebelwirkungen</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrisen-wahlempfehlung-5-weil-auch-simulations-skeptische-menschen-den-klimawandel-ernstnehmen-sollten/">physikalische Grundlagen diesseits von Simulationen</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimawandel-wahlempfehlung-6-weil-es-um-eine-aenderungsrate-geht/">Änderungsraten vs. Status-Quo-Größen</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrisen-wahlempfehlung-7-weil-wir-mit-klima-kipp-punkten-kein-roulette-spielen-sollten/">das Problem der Kipp-Punkte</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrisen-wahlempfehlung-8-weil-verantwortliches-handeln-selbstverstaendlich-sein-sollte/">Risiko und verantwortliches Handeln</a>). Wo ich bislang noch nicht so tief eingestiegen war, wie ich gerne möchte, war das Thema Energiewende, sprich, wie wir zu einer klimaneutralen Wirtschaft kommen. Allerdings ist natürlich gerade die Frage der praktischen Umsetzung der Energiewende ein immens wichtiges Thema. </p> <p>Das haben wir bei unserem <a href="https://www.youtube.com/playlist?list=PL6v1Ej3QgEXVh0EtfxLJXsGa96n_LVTmj" rel="noopener">wöchentlichen Livestream Astro &amp; Co</a> (jeden Montag um 19 Uhr) vor ein paar Wochen sehr deutlich gemerkt: da war unser Thema, gewesen, <a href="https://www.youtube.com/watch?v=rg0-j6VP3J8" rel="noopener">wieweit die Astronomie als Wissenschaft selbst zur Klimakrise beiträgt</a>. Und das Live-Publikum im Chat diskutierte recht schnell und lebhaft über das Thema Energiewende: Doch Kernkraft? Können wir uns die Energiewende überhaupt leisten? Wie war das mit den Dunkelflauten? Das war dann zu weit vom Thema des Abends entfernt, als dass wir jene Fragen im Rahmen der betreffenden Sendung hätten behandeln können. Aber das Interesse und die Fragen waren ganz offenbar da, und weil es sich um ein wichtiges Thema handelt, sagten meine Kollegin Carolin Liefke und ich uns: Dazu sollten wir uns unbedingt jemanden heranholen, der oder die sich auskennt, und dann machen wir ein Astro&amp;Co-Spezial, auch wenn wir damit dann deutlich jenseits der eigentlichen Astronomie sind. Am Pfingstmontag war es dann so weit, und ihr könnt bei Interesse hier hineingucken:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/BEtdy2Pv68Q?feature=oembed&amp;rel=0" title="Spezial: Energiewende" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Unser Gast, Christian Holler von der Hochschule München, ist übrigens zumindest von Hause aus Astrophysiker, und jetzt eben Innovationsprofessor für Lehre mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit an der HM. Er hat zwei Sachbücher zu dem Thema geschrieben, nämlich mit Joachim Gaukel, Harald Lesch und Axel Kleidon <a href="https://www.penguin.de/buecher/christian-holler-unser-energieverbrauch-zum-verstehen-und-mitred/paperback/9783570106174" rel="noopener">Unser Energieverbrauch zum Verstehen und Mitreden</a> und mit Joachim Gaukel, Harald Lesch und Florian Lesch <a href="https://www.penguin.de/buecher/christian-holler-erneuerbare-energien-zum-verstehen-und-mitreden/paperback/9783570104583" rel="noopener">Erneuerbare Energien zum Verstehen und Mitreden</a>. Beide Bücher unterscheiden sich vom üblichen populärwissenschaftlichen Stil dadurch, dass sie tatsächlich quantitativ argumentieren, eben mit Zahlen und entsprechenden Diagrammen.</p> <p>Was ich erst kurz vor unserer Sendung mitbekommen habe: Er hat außerdem mit Joachim Gaukel eine deutsche Version von David Mackays <a href="https://www.withouthotair.com/" rel="noopener">Sustainable Energy – without the hot air</a> verfasst, nämlich <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/buchtipp-regenerative-energien-quantitativ/">Erneuerbare Energien ohne heiße Luft</a>. Das Buch von Mackay hatte ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/buchtipp-regenerative-energien-quantitativ/">hier auf den SciLogs vor ziemlich exakt 15 Jahren sehr positiv besprochen</a> – es ist ein schönes Beispiel dafür, was alles über einfache quantitative Abschätzungen möglich ist. </p> <p>Ich habe mir jedenfalls fest vorgenommen, in nächster Zeit mal etwas tiefer quantitativ in das Thema Energiewende und erneuerbare Energien einzusteigen. Insofern die Frage an die hier Mitlesenden: Welcher Frage oder Behauptung aus jenem Bereich sollte ich denn eurer Einschätzung nach einmal auf den Grund gehen, zumindest soweit, wie das mit Überschlagsrechnungen und quantitativen Abschätzungen möglich ist?<aside></aside></p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/dbe838ecd69fdf5b1fb30652f25e8edb_avatar.jpg-200x200.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/dbe838ecd69fdf5b1fb30652f25e8edb_avatar.jpg.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Markus Pössel&#xD; &#xD; hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal <a href="http://www.einstein-online.info">Einstein Online</a>. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum <a href="http://www.worldsciencefestival.com">World Science Festival</a> in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das <a href="http://www.haus-der-astronomie.de">Haus der Astronomie</a> leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit, seit 2010 zudem Leiter der Öffentlichkeitsarbeit am Max-Planck-Institut für Astronomie und seit 2019 Direktor des am Haus der Astronomie ansässigen Office of Astronomy for Education der Internationalen Astronomischen Union.&#xD; &#xD; Jenseits seines "Day jobs" ist Pössel als Wissenschaftsautor sowie wissenschaftsjournalistisch unterwegs: hier auf den SciLogs, als Autor/Koautor mehrerer Bücher und vereinzelter Zeitungsartikel (zuletzt FAZ, Tagesspiegel) sowie mit Beiträgen für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Energiewende mit handfesten Zahlen » RELATIV EINFACH » SciLogs</h1><h2>By Von Markus Pössel</h2><div itemprop="text"> <p>Dazu, wie meine Ansichten zur Klimakrise zustandekommen, hatte ich ja anfang letzten Jahres ausführlicher geschrieben, nämlich in meiner Serie „Klimakrisen-Wahlempfehlung“ (<a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrisen-wahlempfehlung-teil-1-weil-wir-nicht-das-mass-aller-dinge-sind/">Physikalische Intuition</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrisen-wahlempfehlung-2-weil-die-riesigen-energiemengen-nicht-direkt-kontrollierbar-sind/">Energie-Größenordnungen</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrisen-wahlempfehlung-3-weil-es-fuer-temperaturen-bei-denen-menschen-ueberleben-koennen-eine-nicht-allzu-ferne-obergrenze-gibt/">die Obergrenze menschlicher Temperaturen</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrisen-wahlempfehlung-4-weil-wir-mit-hebelwirkungen-vorsichtig-umgehen-sollten/">Vorsicht mit Hebelwirkungen</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrisen-wahlempfehlung-5-weil-auch-simulations-skeptische-menschen-den-klimawandel-ernstnehmen-sollten/">physikalische Grundlagen diesseits von Simulationen</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimawandel-wahlempfehlung-6-weil-es-um-eine-aenderungsrate-geht/">Änderungsraten vs. Status-Quo-Größen</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrisen-wahlempfehlung-7-weil-wir-mit-klima-kipp-punkten-kein-roulette-spielen-sollten/">das Problem der Kipp-Punkte</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrisen-wahlempfehlung-8-weil-verantwortliches-handeln-selbstverstaendlich-sein-sollte/">Risiko und verantwortliches Handeln</a>). Wo ich bislang noch nicht so tief eingestiegen war, wie ich gerne möchte, war das Thema Energiewende, sprich, wie wir zu einer klimaneutralen Wirtschaft kommen. Allerdings ist natürlich gerade die Frage der praktischen Umsetzung der Energiewende ein immens wichtiges Thema. </p> <p>Das haben wir bei unserem <a href="https://www.youtube.com/playlist?list=PL6v1Ej3QgEXVh0EtfxLJXsGa96n_LVTmj" rel="noopener">wöchentlichen Livestream Astro &amp; Co</a> (jeden Montag um 19 Uhr) vor ein paar Wochen sehr deutlich gemerkt: da war unser Thema, gewesen, <a href="https://www.youtube.com/watch?v=rg0-j6VP3J8" rel="noopener">wieweit die Astronomie als Wissenschaft selbst zur Klimakrise beiträgt</a>. Und das Live-Publikum im Chat diskutierte recht schnell und lebhaft über das Thema Energiewende: Doch Kernkraft? Können wir uns die Energiewende überhaupt leisten? Wie war das mit den Dunkelflauten? Das war dann zu weit vom Thema des Abends entfernt, als dass wir jene Fragen im Rahmen der betreffenden Sendung hätten behandeln können. Aber das Interesse und die Fragen waren ganz offenbar da, und weil es sich um ein wichtiges Thema handelt, sagten meine Kollegin Carolin Liefke und ich uns: Dazu sollten wir uns unbedingt jemanden heranholen, der oder die sich auskennt, und dann machen wir ein Astro&amp;Co-Spezial, auch wenn wir damit dann deutlich jenseits der eigentlichen Astronomie sind. Am Pfingstmontag war es dann so weit, und ihr könnt bei Interesse hier hineingucken:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/BEtdy2Pv68Q?feature=oembed&amp;rel=0" title="Spezial: Energiewende" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Unser Gast, Christian Holler von der Hochschule München, ist übrigens zumindest von Hause aus Astrophysiker, und jetzt eben Innovationsprofessor für Lehre mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit an der HM. Er hat zwei Sachbücher zu dem Thema geschrieben, nämlich mit Joachim Gaukel, Harald Lesch und Axel Kleidon <a href="https://www.penguin.de/buecher/christian-holler-unser-energieverbrauch-zum-verstehen-und-mitred/paperback/9783570106174" rel="noopener">Unser Energieverbrauch zum Verstehen und Mitreden</a> und mit Joachim Gaukel, Harald Lesch und Florian Lesch <a href="https://www.penguin.de/buecher/christian-holler-erneuerbare-energien-zum-verstehen-und-mitreden/paperback/9783570104583" rel="noopener">Erneuerbare Energien zum Verstehen und Mitreden</a>. Beide Bücher unterscheiden sich vom üblichen populärwissenschaftlichen Stil dadurch, dass sie tatsächlich quantitativ argumentieren, eben mit Zahlen und entsprechenden Diagrammen.</p> <p>Was ich erst kurz vor unserer Sendung mitbekommen habe: Er hat außerdem mit Joachim Gaukel eine deutsche Version von David Mackays <a href="https://www.withouthotair.com/" rel="noopener">Sustainable Energy – without the hot air</a> verfasst, nämlich <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/buchtipp-regenerative-energien-quantitativ/">Erneuerbare Energien ohne heiße Luft</a>. Das Buch von Mackay hatte ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/buchtipp-regenerative-energien-quantitativ/">hier auf den SciLogs vor ziemlich exakt 15 Jahren sehr positiv besprochen</a> – es ist ein schönes Beispiel dafür, was alles über einfache quantitative Abschätzungen möglich ist. </p> <p>Ich habe mir jedenfalls fest vorgenommen, in nächster Zeit mal etwas tiefer quantitativ in das Thema Energiewende und erneuerbare Energien einzusteigen. Insofern die Frage an die hier Mitlesenden: Welcher Frage oder Behauptung aus jenem Bereich sollte ich denn eurer Einschätzung nach einmal auf den Grund gehen, zumindest soweit, wie das mit Überschlagsrechnungen und quantitativen Abschätzungen möglich ist?<aside></aside></p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/dbe838ecd69fdf5b1fb30652f25e8edb_avatar.jpg-200x200.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/dbe838ecd69fdf5b1fb30652f25e8edb_avatar.jpg.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Markus Pössel&#xD; &#xD; hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal <a href="http://www.einstein-online.info">Einstein Online</a>. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum <a href="http://www.worldsciencefestival.com">World Science Festival</a> in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das <a href="http://www.haus-der-astronomie.de">Haus der Astronomie</a> leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit, seit 2010 zudem Leiter der Öffentlichkeitsarbeit am Max-Planck-Institut für Astronomie und seit 2019 Direktor des am Haus der Astronomie ansässigen Office of Astronomy for Education der Internationalen Astronomischen Union.&#xD; &#xD; Jenseits seines "Day jobs" ist Pössel als Wissenschaftsautor sowie wissenschaftsjournalistisch unterwegs: hier auf den SciLogs, als Autor/Koautor mehrerer Bücher und vereinzelter Zeitungsartikel (zuletzt FAZ, Tagesspiegel) sowie mit Beiträgen für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/energiewende-mit-handfesten-zahlen/#comments 40 Die KI-Menschenwürde-Enzyklika von Papst Leo XIV. und Anthropic im Dialog https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-ki-menschenwuerde-enzyklika-von-papst-leo-xiv-und-anthropic-im-dialog/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-ki-menschenwuerde-enzyklika-von-papst-leo-xiv-und-anthropic-im-dialog/#comments Tue, 26 May 2026 22:32:00 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11308 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3068-768x569.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-ki-menschenwuerde-enzyklika-von-papst-leo-xiv-und-anthropic-im-dialog/</link> </image> <description type="html"><h1>Die KI-Menschenwürde-Enzyklika von Papst Leo XIV. und Anthropic im Dialog » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-05-27T00:32:00+02:00">27. Mai 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 3 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Ein Grund, warum ich <a href="https://youtube.com/shorts/HpZJVGsBkb8?si=2ztWrzYr7YdHlkD8" rel="noopener" target="_blank">die demografischen Folgen der säkularen Geburtenimplosionen lieber mit dem Begriff „Unterjüngung“ als mit dem falschen und gefährlichen „Überalterung“ bezeichne</a>, liegt in der eigenen Erfahrung: Gerade auch in Zeiten schneller Veränderungen bauen Kinder dialogische Brücken in die Zukunft. So integrieren oft junge Generationen bereits Technologien in ihren Alltag, während manche Ältere noch in empörten Verbotsfantasien schwelgen.</p> <p>Entsprechend zeigte mir K1, warum immer mehr Studierende an deutschen Hochschulen derzeit von ChatGPT zu Claude von Anthropic gewechselt sind. Ich war erstaunt und überzeugt, nachdem mir die KI-Anwendung mit einem einfachen Prompt ein Schaubild zu erneuerbaren Friedensenergien präsentierte, an dem ich inhaltlich nichts auszusetzen fand.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-11306" id="attachment_11306"><img alt="" decoding="async" height="977" sizes="(max-width: 1170px) 100vw, 1170px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2953.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2953.jpeg 1170w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2953-300x251.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2953-1024x855.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2953-768x641.jpeg 768w" width="1170"></img><figcaption id="caption-attachment-11306"><span>In Sekunden KI-erstelltes Schaubild zur These der erneuerbaren Friedensenergien: Dr. Michael Blume mit Claude.ai, 25.05.2026</span></figcaption></figure> <p>Da der Heilige Geist bekanntermaßen über Pfingsten besonders aktiv ist, erfuhren wir am gleichen Abend, dass <strong>Papst Leo XIV.</strong> gemeinsam mit dem Anthropic-Mitgründer <strong>Chris Olah </strong>sein <a href="https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html" rel="noopener" target="_blank">neues Lehrschreiben <strong>„Magnifica Humanis – Enzyklika über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“</strong></a> <a href="https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html" rel="noopener" target="_blank">im Vatikan in Rom</a> präsentierte.<aside></aside></p> <figure aria-describedby="caption-attachment-11307" id="attachment_11307"><img alt="" decoding="async" height="859" sizes="(max-width: 1160px) 100vw, 1160px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3068.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3068.jpeg 1160w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3068-300x222.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3068-1024x758.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3068-768x569.jpeg 768w" width="1160"></img><figcaption id="caption-attachment-11307">Der (laut Berichten atheistische) <a href="https://youtu.be/ORFrdYSvzuw?si=KMbD03l4BvlysUhN" rel="noopener" target="_blank">Anthropic-Mitgründer Chris Olah spricht bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit Papst Leo XIV. zu dessen KI-Enzyklika im Vatikan in Rom</a>, 25.05.2026. Screenshot: Michael Blume</figcaption></figure> <p>Dass die römisch-katholische Kirche ein dialogisches und theologisches Interesse an neuen Medien verfügt, hatte ich auch selbst bereits 2011 erlebt, als ich zum <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/erster-r-ckblick-aus-dem-bloggertreffen-beim-vatikan/" rel="noopener" target="_blank">ersten Bloggertreffen in den Vatikan</a> eingeladen worden war.</p> <p>Dennoch und deswegen beeindruckten mich schon <a href="https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html" rel="noopener" target="_blank">die ersten, donnernden Sätze des Schreibens, die deutlich machten, dass es aus der Sicht der Papstkirche um nicht weniger als um die Würde und das Schicksal des Mensche</a>n ging:</p> <p><em>„1. Die von Gott geschaffene grossartige Menschheit steht heute vor einer entscheidenden Wahl: Entweder sie errichtet einen neuen Turm zu Babel oder sie erbaut die Stadt, in der Gott und die Menschheit gemeinsam wohnen. Jede Generation erbt die Aufgabe, die eigene Zeit zu gestalten, damit die Geschichte zu einem Ort reifen kann, an dem die Würde jedes Menschen gewahrt, Gerechtigkeit gefördert und Geschwisterlichkeit ermöglicht wird. Doch jeder Epoche droht die Gefahr, dass die Welt unmenschlich und ungerechter wird. Wo die Menschheit riskiert, ihr wahres Gesicht zu verlieren, da erheben wir Christen unseren Blick zu dem Gott, der Mensch geworden ist, in dem Wissen, dass sich »nur im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes das Geheimnis des Menschen wahrhaft« aufklärt. Diese großartige Menschheit wird in Jesus Christus zum Weg, zur Wahrheit und zum Leben und eröffnet jedem von uns den Weg zur Erfüllung.</em></p> <p><em>2. Auf Christus, den lebendigen Stein, gegründet, erfahren wir das mächtige und geheimnisvolle Wirken des Heiligen Geistes, und wir glauben, dass jedes echte menschliche Bemühen, mit ihm zum Guten zusammenzuarbeiten, von unserem himmlischen Vater, auf den wir unsere Hoffnung setzen, gesegnet ist. Deshalb können wir uns engagiert an all den Initiativen beteiligen, die eine gerechtere Welt aufbauen, und können wir auch andere dazu aufrufen, bei der Förderung der ganzheitlichen Entwicklung jedes Menschen mit uns zusammenzuarbeiten. Wir möchten in Dialog mit allen Männern und Frauen unserer Zeit treten, mit denen wir die Ereignisse, Fragen und Wünsche der Menschheit teilen. <a href="https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html#_ftn2" name="_ftnref2" rel="noopener">[2]</a> Wir wollen gemeinsam mit ihnen neue Wege zur Verwirklichung des Gemeinwohls und zur Förderung eines würdigen Lebens für alle finden. Diese Haltung des Dialogs ist ein wesentlicher Bestandteil der Berufung der Kirche…“</em></p> <p>Via Mastodon erreichte mich zudem <a href="https://religionnews.com/2026/05/22/why-anthropic-is-helping-unveil-the-popes-new-encyclical-on-ai/" rel="noopener" target="_blank">ein ReligionNews-Bericht über den bereits langjährigen Dialog der katholischen Kirche mit KI-Medienkonzernen wie Anthropic oder auch Google</a>.</p> <p>Und schließlich zielte auch das Datum der Unterzeichnung auf die historische Bedeutung des Textes: Am 15. Mai 1891 hatte <strong>Papst Leo XIII. </strong><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rerum_Novarum" rel="noopener" target="_blank">die Sozialenzyklika „Rerum Novarum“ gezeichnet, die als das wirkmächtigste Sendschreiben der katholischen Soziallehre</a>(1810 – 1903) als direkter Namensvorgänger gilt. Mehr bedeutungsvolle Anknüpfung ist kaum denkbar.</p> <p>Bis ich den Enzyklika-Text wirklich durchdrungen habe, wird es noch ein paar Tage dauern – und ich erkenne am Liebsten dialogisch. Daher möchte ich auch Sie herzlich zum Dialog rund um die KI-Enzyklika einladen. Das Thema ist wichtig. Und gemeinsam verstehen wir alle mehr.</p> <p>Hier dazu – auch das ein interessantes Medienereignis – das ebenfalls zur Pressekonferenz gezeigte, „offizielle Präsentationsvideo des Vatikans zur Enzyklika Magnifica Humanitas“:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/O244WhIpdLg?feature=oembed" title="Magnifica Humanitas: Official Vatican Presentation Video | EWTN News" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Schließlich möchte ich allen, die es feiern, ein gesegnetes Opferfest (türkisch Kurban Bayram) wünschen! Auch ich begehe diesen Festtag mit dem muslimischen Teil meiner Familie in Erinnerung an den gemeinsamen Stammvater Abraham und die symbolische Abschaffung des Menschenopfers durch G‘tt.</p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Die KI-Menschenwürde-Enzyklika von Papst Leo XIV. und Anthropic im Dialog » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-05-27T00:32:00+02:00">27. Mai 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 3 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Ein Grund, warum ich <a href="https://youtube.com/shorts/HpZJVGsBkb8?si=2ztWrzYr7YdHlkD8" rel="noopener" target="_blank">die demografischen Folgen der säkularen Geburtenimplosionen lieber mit dem Begriff „Unterjüngung“ als mit dem falschen und gefährlichen „Überalterung“ bezeichne</a>, liegt in der eigenen Erfahrung: Gerade auch in Zeiten schneller Veränderungen bauen Kinder dialogische Brücken in die Zukunft. So integrieren oft junge Generationen bereits Technologien in ihren Alltag, während manche Ältere noch in empörten Verbotsfantasien schwelgen.</p> <p>Entsprechend zeigte mir K1, warum immer mehr Studierende an deutschen Hochschulen derzeit von ChatGPT zu Claude von Anthropic gewechselt sind. Ich war erstaunt und überzeugt, nachdem mir die KI-Anwendung mit einem einfachen Prompt ein Schaubild zu erneuerbaren Friedensenergien präsentierte, an dem ich inhaltlich nichts auszusetzen fand.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-11306" id="attachment_11306"><img alt="" decoding="async" height="977" sizes="(max-width: 1170px) 100vw, 1170px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2953.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2953.jpeg 1170w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2953-300x251.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2953-1024x855.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2953-768x641.jpeg 768w" width="1170"></img><figcaption id="caption-attachment-11306"><span>In Sekunden KI-erstelltes Schaubild zur These der erneuerbaren Friedensenergien: Dr. Michael Blume mit Claude.ai, 25.05.2026</span></figcaption></figure> <p>Da der Heilige Geist bekanntermaßen über Pfingsten besonders aktiv ist, erfuhren wir am gleichen Abend, dass <strong>Papst Leo XIV.</strong> gemeinsam mit dem Anthropic-Mitgründer <strong>Chris Olah </strong>sein <a href="https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html" rel="noopener" target="_blank">neues Lehrschreiben <strong>„Magnifica Humanis – Enzyklika über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“</strong></a> <a href="https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html" rel="noopener" target="_blank">im Vatikan in Rom</a> präsentierte.<aside></aside></p> <figure aria-describedby="caption-attachment-11307" id="attachment_11307"><img alt="" decoding="async" height="859" sizes="(max-width: 1160px) 100vw, 1160px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3068.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3068.jpeg 1160w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3068-300x222.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3068-1024x758.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3068-768x569.jpeg 768w" width="1160"></img><figcaption id="caption-attachment-11307">Der (laut Berichten atheistische) <a href="https://youtu.be/ORFrdYSvzuw?si=KMbD03l4BvlysUhN" rel="noopener" target="_blank">Anthropic-Mitgründer Chris Olah spricht bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit Papst Leo XIV. zu dessen KI-Enzyklika im Vatikan in Rom</a>, 25.05.2026. Screenshot: Michael Blume</figcaption></figure> <p>Dass die römisch-katholische Kirche ein dialogisches und theologisches Interesse an neuen Medien verfügt, hatte ich auch selbst bereits 2011 erlebt, als ich zum <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/erster-r-ckblick-aus-dem-bloggertreffen-beim-vatikan/" rel="noopener" target="_blank">ersten Bloggertreffen in den Vatikan</a> eingeladen worden war.</p> <p>Dennoch und deswegen beeindruckten mich schon <a href="https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html" rel="noopener" target="_blank">die ersten, donnernden Sätze des Schreibens, die deutlich machten, dass es aus der Sicht der Papstkirche um nicht weniger als um die Würde und das Schicksal des Mensche</a>n ging:</p> <p><em>„1. Die von Gott geschaffene grossartige Menschheit steht heute vor einer entscheidenden Wahl: Entweder sie errichtet einen neuen Turm zu Babel oder sie erbaut die Stadt, in der Gott und die Menschheit gemeinsam wohnen. Jede Generation erbt die Aufgabe, die eigene Zeit zu gestalten, damit die Geschichte zu einem Ort reifen kann, an dem die Würde jedes Menschen gewahrt, Gerechtigkeit gefördert und Geschwisterlichkeit ermöglicht wird. Doch jeder Epoche droht die Gefahr, dass die Welt unmenschlich und ungerechter wird. Wo die Menschheit riskiert, ihr wahres Gesicht zu verlieren, da erheben wir Christen unseren Blick zu dem Gott, der Mensch geworden ist, in dem Wissen, dass sich »nur im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes das Geheimnis des Menschen wahrhaft« aufklärt. Diese großartige Menschheit wird in Jesus Christus zum Weg, zur Wahrheit und zum Leben und eröffnet jedem von uns den Weg zur Erfüllung.</em></p> <p><em>2. Auf Christus, den lebendigen Stein, gegründet, erfahren wir das mächtige und geheimnisvolle Wirken des Heiligen Geistes, und wir glauben, dass jedes echte menschliche Bemühen, mit ihm zum Guten zusammenzuarbeiten, von unserem himmlischen Vater, auf den wir unsere Hoffnung setzen, gesegnet ist. Deshalb können wir uns engagiert an all den Initiativen beteiligen, die eine gerechtere Welt aufbauen, und können wir auch andere dazu aufrufen, bei der Förderung der ganzheitlichen Entwicklung jedes Menschen mit uns zusammenzuarbeiten. Wir möchten in Dialog mit allen Männern und Frauen unserer Zeit treten, mit denen wir die Ereignisse, Fragen und Wünsche der Menschheit teilen. <a href="https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html#_ftn2" name="_ftnref2" rel="noopener">[2]</a> Wir wollen gemeinsam mit ihnen neue Wege zur Verwirklichung des Gemeinwohls und zur Förderung eines würdigen Lebens für alle finden. Diese Haltung des Dialogs ist ein wesentlicher Bestandteil der Berufung der Kirche…“</em></p> <p>Via Mastodon erreichte mich zudem <a href="https://religionnews.com/2026/05/22/why-anthropic-is-helping-unveil-the-popes-new-encyclical-on-ai/" rel="noopener" target="_blank">ein ReligionNews-Bericht über den bereits langjährigen Dialog der katholischen Kirche mit KI-Medienkonzernen wie Anthropic oder auch Google</a>.</p> <p>Und schließlich zielte auch das Datum der Unterzeichnung auf die historische Bedeutung des Textes: Am 15. Mai 1891 hatte <strong>Papst Leo XIII. </strong><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rerum_Novarum" rel="noopener" target="_blank">die Sozialenzyklika „Rerum Novarum“ gezeichnet, die als das wirkmächtigste Sendschreiben der katholischen Soziallehre</a>(1810 – 1903) als direkter Namensvorgänger gilt. Mehr bedeutungsvolle Anknüpfung ist kaum denkbar.</p> <p>Bis ich den Enzyklika-Text wirklich durchdrungen habe, wird es noch ein paar Tage dauern – und ich erkenne am Liebsten dialogisch. Daher möchte ich auch Sie herzlich zum Dialog rund um die KI-Enzyklika einladen. Das Thema ist wichtig. Und gemeinsam verstehen wir alle mehr.</p> <p>Hier dazu – auch das ein interessantes Medienereignis – das ebenfalls zur Pressekonferenz gezeigte, „offizielle Präsentationsvideo des Vatikans zur Enzyklika Magnifica Humanitas“:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/O244WhIpdLg?feature=oembed" title="Magnifica Humanitas: Official Vatican Presentation Video | EWTN News" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Schließlich möchte ich allen, die es feiern, ein gesegnetes Opferfest (türkisch Kurban Bayram) wünschen! Auch ich begehe diesen Festtag mit dem muslimischen Teil meiner Familie in Erinnerung an den gemeinsamen Stammvater Abraham und die symbolische Abschaffung des Menschenopfers durch G‘tt.</p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-ki-menschenwuerde-enzyklika-von-papst-leo-xiv-und-anthropic-im-dialog/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>62</slash:comments> </item> <item> <title>Buckelwale im Nordatlantik: ein Requiem und lange Reisen https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwale-im-nordatlantik-ein-requiem-und-lange-reisen/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwale-im-nordatlantik-ein-requiem-und-lange-reisen/#comments Tue, 26 May 2026 16:11:42 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1994 <h1>Buckelwale im Nordatlantik: ein Requiem und lange Reisen » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Der in der Ostsee gestrandete und in die Nordsee transportierte Buckelwal überlebte seine Freilassung nicht, nachdem er zunächst verschwand, wurde er an der dänischen Insel Anholt angespült. Da der Meeressäuger nun auf dem Rücken liegt, konnten Wal-Experten ihn als weiblich bestimmen – neben dem Genitalschlitz waren jetzt die Falten für die Milchdrüsen erkennbar. Nach der Identifikation des verstorbenen Meeressäugers als den zuvor „Timmy“ genannten und in deutschen Gewässern mehrfach gestrandeten jungen Wal wollten dänische Behörden und WissenschaftlerInnen eine Nekropsie durchführen. Dafür wollten sie ihn abschleppen. Dieser <a href="https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/nordmagazin/toter-buckelwal-soll-nun-doch-geborgen-und-untersucht-werden,nordmagazin-10594.html" rel="noopener">NDR-Beitrag gibt ein Update dazu</a>.</p> <p>Bei einem frischtoten Wal lässt sich manchmal die Todesursache feststellen, etwa Verletzungen durch Fischereinetze oder Schiffskollisionen am Körper. Eine Nekropsie kann zumindest noch einige Informationen erbringen, etwa ob er krank war, Netzteile oder Plastik im Magen hatte und anderes. Die toxikologische Untersuchung erlaubt Rückschlüsse, ob der Wal durch eine Ölpest, eine rote Flut von Giftalgen (Red Tide) oder Infektionen umgekommen ist (das dürfte in diesem Fall alles nicht zutreffen).</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-51.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1003" sizes="(max-width: 939px) 100vw, 939px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-51.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-51.png 939w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-51-281x300.png 281w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-51-768x820.png 768w" width="939"></img></a><figcaption>Abbildung und Artikel von <a href="https://www.europesays.com/dk/86432/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">www.europesays.com/dk/ auf dem Kurznachrichtendienst </a>Blue Sky</figcaption></figure> <h2><strong>Warum Wale aufgasen</strong></h2> <p>Allerdings hatten sie den schnell einsetzenden Verwesungsprozess unterschätzt: Nach dem Tod arbeiten vor allem die Darm-Bakterien weiter. Wale sind von einer dicken Blubber-Schicht umgeben, die sie gegen die Kälte der Ozeane schützt, um ihre hohe Säugetier-Körpertemperatur halten zu können. Bei einer Strandung sind sie der Luft ausgesetzt, die eine viel geringere Leitfähigkeit hat und somit weniger Wärme abführt. Dazu kommen in diesem Fall sommerliche Temperaturen. Im warmen Wal wird es dann sehr schnell noch wärmer und die Eingeweide gären und gasen vor sich hin. Sie blähen den Kadaver auf und er steht unter immer höherem Druck. Wird er nun bewegt, kann er platzen. Dann ergießt sich der faulende Schwall der zunehmend verflüssigten Eingeweide explosionsartig nach außen, unter dem Druck werden auch schwere Teile der Blubberschicht fortgeschleudert. Um dies zu verhindern, hätte man frühzeitig, also vor dem Aufblähen, unmittelbar nach der Strandung, Löcher in den Kadaver bohren oder stechen können. Dann wären die Gase zumindest teilweise abgeführt worden – so gingen Behörden auf Anraten der Amtsveterinäre bei einer Pottwal-Strandung 1997 vor, bei der ich geholfen habe.</p> <p>Das haben die Dänen leider versäumt. Würden sie den Kadaver jetzt mit einer Trosse oder einer Kette um den Schwanz vom Strand zu schleppen versuchen, würde er aufplatzen. Allein schon durch das Versickern der Körperflüssigkeiten dürfte dieser Strand dann im Sommer wenig attraktiv für die vielen Badegäste werden. Da Anholt eine beliebte Urlaubsinsel ist und der Sommer allmählich beginnt, dürften die dänischen Behörden jetzt mit Hochdruck (!) an einer anderen Lösung arbeiten.</p> <h2><strong>Meeres- und Klimaschutz ist Walschutz – in Ostsee und Weltmeeren</strong></h2> <p>Es kam genauso wie sämtliche Wissenschaftler aufgrund der bisherigen Erfahrungen mit Strandungen leider richtig vermutet haben – dieser junge Buckelwal hatte keine Chance (Mehr dazu hatte ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwal-in-der-ostsee-status-bericht/">hier</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/update-buckelwal-strandung-in-der-wismar-bucht/">hier</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/der-buckelwal-in-der-ostsee-der-naechste-akt-des-wal-dramas/">hier</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/science-chaotische-walrettung-schockiert-meeresbiologen/">hier</a> geschrieben sowie im <a href="https://www.stern.de/panorama/weltgeschehen/buckelwal--kann-er-noch-ueberleben--das-sagt-eine-meeresbiologin-37326634.html" rel="noopener">Stern-Interview</a> gesagt. Wal-BiologInnen stufen <a href="https://www.spiegel.de/wissenschaft/buckelwal-vor-anholt-moegliche-obduktion-der-gestank-ist-ueberwaeltigend-a-41a3857f-33e2-4a90-9270-f2912f943f6c" rel="noopener">diese „Rettungsaktion“ als Tierquälerei ein – wie Peter Madsen im SPON-Interview erklärt</a> (leider Paywall). Ich teile seine Einschätzung, wie auch der größte Teil der Wal-ExpertInnen, die mit Strandungen zu tun haben.)<br></br>Stattdessen ist nun innerhalb kürzester Zeit aus dem quasi-religiös verehrten Publikumsliebling „Timmy“ ein Problemwal geworden.<br></br>Es wäre schön, wenn manche Personen, die die TierärztInnen und BiologInnen von ITAW, dem Meeresmuseum und anderen Institutionen beschimpft und sogar bedroht haben, mal in sich gehen und vielleicht künftig etwas mehr nachdenken, bevor sie ihre übersteigerte Empörung online absondern. Ich habe selbst auch ein paar grenzwertiger Beschimpfungs- und Verleumdungs-Nachrichten bekommen – Entschuldigungen nehme ich gern an. Ich gehe aber davon aus, dass keine kommen.<aside></aside></p> <p>Ich kann nur noch einmal meine Hoffnung ausdrücken, dass das Leiden dieses großen Meeressäuger mit den langen weißen Flossen viele Menschen auf den dringend notwendigen besseren Schutz von Walen sowie ihrer Lebensräume aufmerksam gemacht hat, von den stark bedrohten Schweinswale in der Ostsee bis zu den riesigen Bartenwalen, die durch die Weltmeere ziehen. Angesichts der nächsten anrollenden Hitzewelle in den Meeren fordere ich noch einmal zu mehr Engagement im Meeresschutz auf! Jede/r kann persönlich (durch individuelles Handeln) und auf höherer Ebene (durch Wählen und politischen Druck) dazu beitragen!</p> <p>Der Fund eines weiteren Buckelwals vor Anholt unterstreicht noch einmal die Notwendigkeit dafür: „<a href="https://www.merkur.de/welt/zerrissen-nahe-timmy-toter-wal-aus-der-ostsee-in-der-mitte-zr-94321141.html" rel="noopener">Während Dänemark noch erfolglos versucht, den Kadaver </a>von Buckelwal „Timmy“ ins Meer zu schaffen, zogen Fischer vor der Insel Anholt ein Netz ein: Darin steckte der Kadaver eines zweiten toten Wals – zerrissen, riesig und ein weiteres düsteres Zeichen für den Zustand unserer Meere. Der Leichnam war in der Mitte zerrissen, wie Morten Abildstrøm von der Dänischen Naturbehörde dem Sender <em>TV2 Østjylland</em> bestätigte. […] Wann genau der Wal starb, ist noch unklar – Experten gehen davon aus, dass er möglicherweise schon vor Monaten verendet ist.“ Die nicht so schnell verwesenden Barten zeigen, dass es sich dabei ebenfalls um einen Buckelwal handelt, die Verletzungen deuten darauf hin, dass er vermutlich durch ein Schleppnetz zu Tode gekommen ist.  </p> <p>Die Fischerei (Beifang) ist neben der Schifffahrt (Kollisionen) eine der häufigsten Todesursachen für Wale. Auch Kunststoffe gefährden Wale. Gerade <a href="https://www.heise.de/hintergrund/Bis-zu-43-Kilogramm-an-Mikroplastik-schluckt-ein-Blauwal-7467831.html" rel="noopener">Bartenwale sind durch die Aufnahme von Mikroplastik gefährdet</a>, der aus Abrieb von Autoreifen, zerfallenden Zigarettenfiltern und den Zerfall von Müll sowie Fasern aus Leinen und Textilien sowie Nanopartikeln (z B aus Kosmetika) ins Meer gelangt.<br></br>Die Klimakrise <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/giftalgenbluete-an-der-kalifornischen-kueste-red-tide/">verursacht zunehmende Giftalgenblüten</a> und führt zu Verschiebungen von Fisch- und Planktonbeständen nach Norden, beides führt zu Massensterben von Meeressäugern im Pazifik aber auch anderswo. Das dadurch<a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/die-grauwale-sterben-weiter-auch-2025/"> verursachte Grauwalsterben an den nordamerikanischen Küsten</a> geht <a href="https://www.youtube.com/watch?v=e_ZxTrOOpB0" rel="noopener">auch in diesem Jahr weiter</a>, vor British Columbia, <a href="https://www.fox13seattle.com/news/why-wa-gray-whales-stranding-grays-harbor" rel="noopener">Washington</a>, Oregon und <a href="https://www.nytimes.com/2026/04/13/climate/gray-whales-san-francisco-bay.html" rel="noopener">Kalifornien</a> – die meisten Tiere sind stark abgemagert, viele verhungert.</p> <h2><strong>Buckelwal-Reiserouten im Nordatlantik</strong></h2> <p>Buckelwale (<em>Megaptera novaeangliae</em>) kommen in allen Weltmeeren vor, auch im Nordatlantik. Sie leben meist auf dem offenen Meer, schwimmen aber oft auch in Küstengewässer, so dass man sie vom Strand aus beobachten kann. Gerade nahe der Küsten verheddern sie sich besonders oft in Fischereinetzen oder geraten in Schifffahrtsrouten. Ihre Erforschung begann mit den Balz-Gesängen vor Haiwaii im Pazifik, aber mittlerweile gibt es auch zu den Nordatlantik-Bewohnern vor den europäischen Küsten immer mehr Daten. Die nordwesteuropäischen Bestände werden neben nationalen <a href="https://nammco.no/humpback-whale/" rel="noopener">Managementplänen von NAMMCO übergeordnet gemanagt</a> (North Atlantic Marine Mamal Commission – zu der gehören auch Norwegen und Island), was für eine wandernde Spezies sehr wichtig ist. Die der amerikanischen Gewässer werden von NOAA gemanagt (die gerade unter Trump katastrophal zurechtgestutzt wird).</p> <p>Buckelwale fressen je nach Nahrungsangebot <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/species/humpback-whale" rel="noopener">kleine Schwarmfische wie Heringe oder Sandaale und Krill</a>, die kleinen Krebse machen im Norden deutlich weniger Biomasse aus als im Südpolarmeer. Westlich von Grönland, südlich Islands und nördlich der nordnorwegischen Küste hat die nordatlantische Population ihre sommerlichen Fressgründe. Dort finden sie in den langen Sommertagen hohe Konzentrationen von Nahrung, mit denen sie sich schnell viel Speck anfressen können. Den brauchen sie für Ihre Wanderung in die Kinderstuben in der Karibik und vor den Kapverden/Westafrika.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="415" sizes="(max-width: 602px) 100vw, 602px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-2.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-2.jpg 602w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-2-300x207.jpg 300w" width="602"></img></a></figure> <p>IWDG Publication: Ocean-basin-wide movement patterns of North Atlantic humpback whales, Megaptera novaeangliae<br></br>Quelle: https://www.facebook.com/IrishWhaleandDolphinGroup/posts/joint-iwdg-publication-ocean-basin-wide-movement-patterns-of-north-atlantic-hump/1137039381790193/<p>Dabei nutzen die Bartenwale mit den langen weißen Flippern verschiedene Wanderrouten, eine davon führt westlich der norwegischen Küstenlinie entlang des Kontinentalschelf-Abhangs nach Süden. Da direkt vor der norwegischen Küste am Eingang zur Nordsee eine tiefe Wasserrinne – die Norwegische Rinne – liegt, geraten sie so manchmal auch in flachere Bereiche der Nordsee und sogar in die Ostsee hinein. In den flachen nahrungsarmen Schelfmeeren sind sie regelmäßige Irrgäste, gerade aus der Ostsee finden sie oft nicht wieder hinaus.</p></p> <h2>Zwischen Fressen und Kalben, mit Stippvisiten in Nord- und Ostsee</h2> <p>Ihre <a href="https://journal.iwc.int/index.php/jcrm/article/view/951/771" rel="noopener">normalen Wanderrouten führen quer über den Nordatlantik in die Karibik</a> und vor Westafrika, <a href="https://journal.iwc.int/index.php/jcrm/article/view/951/771" rel="noopener">eine neue Publikation zeigte neue Details:</a> Dafür hatten Forschende unter anderem die Informationen über den Weg von Individuen nachverfolgt. Da Buckelwale vor dem Abtauchen meist ihre Fluke zeigen, deren Unterseite ein einzigartiges Muster und unverwechselbaren Umriß zeigt, sind sie wie per Fingerabdruck identifizierbar.<br></br>Sie ziehen nicht in größeren Gruppen oder Familien, sondern allein oder als Mutter-Kind-Paare durch die Ozeane. Anders als Zahnwale wie Pottwale oder Orcas haben sie keine festen Familienverbände oder großen Gruppen, die nach 11 Monaten entwöhnten Jungtiere sind auf sich gestellt. Allerdings folgen sie recht festen Routen.<br></br>In der Karibik angekommen, gebären die trächtigen Walmütter ihren Nachwuchs, das warme Wasser schützt das Neugeborene, das noch keine Blubber-Schicht hat, vor Unterkühlung. Mit der fetten Muttermilch legt es schnell Gewicht, Länge und Kraft zu, denn im nächsten Frühjahr muss es mit auf die lange Reise zurück nach Norden gehen – in die Freßgründe des nordpolaren Sommers.</p> <p>In den letzten Jahren scheinen sich die Wanderrouten und Aufenthaltsareale der nordatlantischen Buckelwale zu verändern, wie die irischen Walforscher Simon Berrow und Pádraig Whooley für die Südliche Nordsee 2022 in „<a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1385110122000247" rel="noopener">Managing a Dynamic North Sea in the light of its ecological dynamics: Increasing occurrence of large baleen whales in the southern North Sea</a>“ publizierten: „Zwischen 1999 und 2014 stieg die Zahl der in Irland registrierten einzelnen Buckelwale langsam an. Ein dramatischer Anstieg erfolgte im Jahr 2015, als die Zahl der individuell identifizierten Wale von 30 auf 66 stieg, sowie in geringerem Maße in den Jahren 2017 und 2020, als die Zahl um 10 bzw. 12 zunahm. Bis Ende 2020 waren 109 einzelne Buckelwale im irischen Buckelwal-Foto-ID-Katalog erfasst.“ (Übersetzt mit Deepl).</p> <p>Eine Zusammenfassung, wieviele Buckelwale in der Ostsee gesichtet bzw. angespült wurden, habe ich bislang nicht gefunden. Ich erinnere mich aber aus meiner Zeit im Meeresmuseum an einzelne regionale, auch historische Berichte, dass dies immer wieder vorkam und vorkommt.</p> <p>Zum Whale Watching von Buckelwalen und anderen Meeresriesen in nordwesteuropäischen Gewässern lohnt es sich, an die norwegischen, UK- und irischen Küsten zu fahren – es muss nicht immer Hawaii sein. Bei lokalen Whale Watching-Unternehmen gibt es dazu Infos, ansonsten gern bei mir nachfragen.<br></br>Unsere kleinen Schweinswale kann man im Frühling in den Flüssen wie Elbe oder Weser beobachten, z B bei den <a href="https://www.schweinswaltage.de/" rel="noopener">Wilhelmshavener Schweinswaltagen</a>, beim Segeln in der Kieler Förde und an anderen Stellen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Buckelwale im Nordatlantik: ein Requiem und lange Reisen » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Der in der Ostsee gestrandete und in die Nordsee transportierte Buckelwal überlebte seine Freilassung nicht, nachdem er zunächst verschwand, wurde er an der dänischen Insel Anholt angespült. Da der Meeressäuger nun auf dem Rücken liegt, konnten Wal-Experten ihn als weiblich bestimmen – neben dem Genitalschlitz waren jetzt die Falten für die Milchdrüsen erkennbar. Nach der Identifikation des verstorbenen Meeressäugers als den zuvor „Timmy“ genannten und in deutschen Gewässern mehrfach gestrandeten jungen Wal wollten dänische Behörden und WissenschaftlerInnen eine Nekropsie durchführen. Dafür wollten sie ihn abschleppen. Dieser <a href="https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/nordmagazin/toter-buckelwal-soll-nun-doch-geborgen-und-untersucht-werden,nordmagazin-10594.html" rel="noopener">NDR-Beitrag gibt ein Update dazu</a>.</p> <p>Bei einem frischtoten Wal lässt sich manchmal die Todesursache feststellen, etwa Verletzungen durch Fischereinetze oder Schiffskollisionen am Körper. Eine Nekropsie kann zumindest noch einige Informationen erbringen, etwa ob er krank war, Netzteile oder Plastik im Magen hatte und anderes. Die toxikologische Untersuchung erlaubt Rückschlüsse, ob der Wal durch eine Ölpest, eine rote Flut von Giftalgen (Red Tide) oder Infektionen umgekommen ist (das dürfte in diesem Fall alles nicht zutreffen).</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-51.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1003" sizes="(max-width: 939px) 100vw, 939px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-51.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-51.png 939w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-51-281x300.png 281w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-51-768x820.png 768w" width="939"></img></a><figcaption>Abbildung und Artikel von <a href="https://www.europesays.com/dk/86432/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">www.europesays.com/dk/ auf dem Kurznachrichtendienst </a>Blue Sky</figcaption></figure> <h2><strong>Warum Wale aufgasen</strong></h2> <p>Allerdings hatten sie den schnell einsetzenden Verwesungsprozess unterschätzt: Nach dem Tod arbeiten vor allem die Darm-Bakterien weiter. Wale sind von einer dicken Blubber-Schicht umgeben, die sie gegen die Kälte der Ozeane schützt, um ihre hohe Säugetier-Körpertemperatur halten zu können. Bei einer Strandung sind sie der Luft ausgesetzt, die eine viel geringere Leitfähigkeit hat und somit weniger Wärme abführt. Dazu kommen in diesem Fall sommerliche Temperaturen. Im warmen Wal wird es dann sehr schnell noch wärmer und die Eingeweide gären und gasen vor sich hin. Sie blähen den Kadaver auf und er steht unter immer höherem Druck. Wird er nun bewegt, kann er platzen. Dann ergießt sich der faulende Schwall der zunehmend verflüssigten Eingeweide explosionsartig nach außen, unter dem Druck werden auch schwere Teile der Blubberschicht fortgeschleudert. Um dies zu verhindern, hätte man frühzeitig, also vor dem Aufblähen, unmittelbar nach der Strandung, Löcher in den Kadaver bohren oder stechen können. Dann wären die Gase zumindest teilweise abgeführt worden – so gingen Behörden auf Anraten der Amtsveterinäre bei einer Pottwal-Strandung 1997 vor, bei der ich geholfen habe.</p> <p>Das haben die Dänen leider versäumt. Würden sie den Kadaver jetzt mit einer Trosse oder einer Kette um den Schwanz vom Strand zu schleppen versuchen, würde er aufplatzen. Allein schon durch das Versickern der Körperflüssigkeiten dürfte dieser Strand dann im Sommer wenig attraktiv für die vielen Badegäste werden. Da Anholt eine beliebte Urlaubsinsel ist und der Sommer allmählich beginnt, dürften die dänischen Behörden jetzt mit Hochdruck (!) an einer anderen Lösung arbeiten.</p> <h2><strong>Meeres- und Klimaschutz ist Walschutz – in Ostsee und Weltmeeren</strong></h2> <p>Es kam genauso wie sämtliche Wissenschaftler aufgrund der bisherigen Erfahrungen mit Strandungen leider richtig vermutet haben – dieser junge Buckelwal hatte keine Chance (Mehr dazu hatte ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwal-in-der-ostsee-status-bericht/">hier</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/update-buckelwal-strandung-in-der-wismar-bucht/">hier</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/der-buckelwal-in-der-ostsee-der-naechste-akt-des-wal-dramas/">hier</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/science-chaotische-walrettung-schockiert-meeresbiologen/">hier</a> geschrieben sowie im <a href="https://www.stern.de/panorama/weltgeschehen/buckelwal--kann-er-noch-ueberleben--das-sagt-eine-meeresbiologin-37326634.html" rel="noopener">Stern-Interview</a> gesagt. Wal-BiologInnen stufen <a href="https://www.spiegel.de/wissenschaft/buckelwal-vor-anholt-moegliche-obduktion-der-gestank-ist-ueberwaeltigend-a-41a3857f-33e2-4a90-9270-f2912f943f6c" rel="noopener">diese „Rettungsaktion“ als Tierquälerei ein – wie Peter Madsen im SPON-Interview erklärt</a> (leider Paywall). Ich teile seine Einschätzung, wie auch der größte Teil der Wal-ExpertInnen, die mit Strandungen zu tun haben.)<br></br>Stattdessen ist nun innerhalb kürzester Zeit aus dem quasi-religiös verehrten Publikumsliebling „Timmy“ ein Problemwal geworden.<br></br>Es wäre schön, wenn manche Personen, die die TierärztInnen und BiologInnen von ITAW, dem Meeresmuseum und anderen Institutionen beschimpft und sogar bedroht haben, mal in sich gehen und vielleicht künftig etwas mehr nachdenken, bevor sie ihre übersteigerte Empörung online absondern. Ich habe selbst auch ein paar grenzwertiger Beschimpfungs- und Verleumdungs-Nachrichten bekommen – Entschuldigungen nehme ich gern an. Ich gehe aber davon aus, dass keine kommen.<aside></aside></p> <p>Ich kann nur noch einmal meine Hoffnung ausdrücken, dass das Leiden dieses großen Meeressäuger mit den langen weißen Flossen viele Menschen auf den dringend notwendigen besseren Schutz von Walen sowie ihrer Lebensräume aufmerksam gemacht hat, von den stark bedrohten Schweinswale in der Ostsee bis zu den riesigen Bartenwalen, die durch die Weltmeere ziehen. Angesichts der nächsten anrollenden Hitzewelle in den Meeren fordere ich noch einmal zu mehr Engagement im Meeresschutz auf! Jede/r kann persönlich (durch individuelles Handeln) und auf höherer Ebene (durch Wählen und politischen Druck) dazu beitragen!</p> <p>Der Fund eines weiteren Buckelwals vor Anholt unterstreicht noch einmal die Notwendigkeit dafür: „<a href="https://www.merkur.de/welt/zerrissen-nahe-timmy-toter-wal-aus-der-ostsee-in-der-mitte-zr-94321141.html" rel="noopener">Während Dänemark noch erfolglos versucht, den Kadaver </a>von Buckelwal „Timmy“ ins Meer zu schaffen, zogen Fischer vor der Insel Anholt ein Netz ein: Darin steckte der Kadaver eines zweiten toten Wals – zerrissen, riesig und ein weiteres düsteres Zeichen für den Zustand unserer Meere. Der Leichnam war in der Mitte zerrissen, wie Morten Abildstrøm von der Dänischen Naturbehörde dem Sender <em>TV2 Østjylland</em> bestätigte. […] Wann genau der Wal starb, ist noch unklar – Experten gehen davon aus, dass er möglicherweise schon vor Monaten verendet ist.“ Die nicht so schnell verwesenden Barten zeigen, dass es sich dabei ebenfalls um einen Buckelwal handelt, die Verletzungen deuten darauf hin, dass er vermutlich durch ein Schleppnetz zu Tode gekommen ist.  </p> <p>Die Fischerei (Beifang) ist neben der Schifffahrt (Kollisionen) eine der häufigsten Todesursachen für Wale. Auch Kunststoffe gefährden Wale. Gerade <a href="https://www.heise.de/hintergrund/Bis-zu-43-Kilogramm-an-Mikroplastik-schluckt-ein-Blauwal-7467831.html" rel="noopener">Bartenwale sind durch die Aufnahme von Mikroplastik gefährdet</a>, der aus Abrieb von Autoreifen, zerfallenden Zigarettenfiltern und den Zerfall von Müll sowie Fasern aus Leinen und Textilien sowie Nanopartikeln (z B aus Kosmetika) ins Meer gelangt.<br></br>Die Klimakrise <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/giftalgenbluete-an-der-kalifornischen-kueste-red-tide/">verursacht zunehmende Giftalgenblüten</a> und führt zu Verschiebungen von Fisch- und Planktonbeständen nach Norden, beides führt zu Massensterben von Meeressäugern im Pazifik aber auch anderswo. Das dadurch<a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/die-grauwale-sterben-weiter-auch-2025/"> verursachte Grauwalsterben an den nordamerikanischen Küsten</a> geht <a href="https://www.youtube.com/watch?v=e_ZxTrOOpB0" rel="noopener">auch in diesem Jahr weiter</a>, vor British Columbia, <a href="https://www.fox13seattle.com/news/why-wa-gray-whales-stranding-grays-harbor" rel="noopener">Washington</a>, Oregon und <a href="https://www.nytimes.com/2026/04/13/climate/gray-whales-san-francisco-bay.html" rel="noopener">Kalifornien</a> – die meisten Tiere sind stark abgemagert, viele verhungert.</p> <h2><strong>Buckelwal-Reiserouten im Nordatlantik</strong></h2> <p>Buckelwale (<em>Megaptera novaeangliae</em>) kommen in allen Weltmeeren vor, auch im Nordatlantik. Sie leben meist auf dem offenen Meer, schwimmen aber oft auch in Küstengewässer, so dass man sie vom Strand aus beobachten kann. Gerade nahe der Küsten verheddern sie sich besonders oft in Fischereinetzen oder geraten in Schifffahrtsrouten. Ihre Erforschung begann mit den Balz-Gesängen vor Haiwaii im Pazifik, aber mittlerweile gibt es auch zu den Nordatlantik-Bewohnern vor den europäischen Küsten immer mehr Daten. Die nordwesteuropäischen Bestände werden neben nationalen <a href="https://nammco.no/humpback-whale/" rel="noopener">Managementplänen von NAMMCO übergeordnet gemanagt</a> (North Atlantic Marine Mamal Commission – zu der gehören auch Norwegen und Island), was für eine wandernde Spezies sehr wichtig ist. Die der amerikanischen Gewässer werden von NOAA gemanagt (die gerade unter Trump katastrophal zurechtgestutzt wird).</p> <p>Buckelwale fressen je nach Nahrungsangebot <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/species/humpback-whale" rel="noopener">kleine Schwarmfische wie Heringe oder Sandaale und Krill</a>, die kleinen Krebse machen im Norden deutlich weniger Biomasse aus als im Südpolarmeer. Westlich von Grönland, südlich Islands und nördlich der nordnorwegischen Küste hat die nordatlantische Population ihre sommerlichen Fressgründe. Dort finden sie in den langen Sommertagen hohe Konzentrationen von Nahrung, mit denen sie sich schnell viel Speck anfressen können. Den brauchen sie für Ihre Wanderung in die Kinderstuben in der Karibik und vor den Kapverden/Westafrika.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="415" sizes="(max-width: 602px) 100vw, 602px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-2.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-2.jpg 602w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-2-300x207.jpg 300w" width="602"></img></a></figure> <p>IWDG Publication: Ocean-basin-wide movement patterns of North Atlantic humpback whales, Megaptera novaeangliae<br></br>Quelle: https://www.facebook.com/IrishWhaleandDolphinGroup/posts/joint-iwdg-publication-ocean-basin-wide-movement-patterns-of-north-atlantic-hump/1137039381790193/<p>Dabei nutzen die Bartenwale mit den langen weißen Flippern verschiedene Wanderrouten, eine davon führt westlich der norwegischen Küstenlinie entlang des Kontinentalschelf-Abhangs nach Süden. Da direkt vor der norwegischen Küste am Eingang zur Nordsee eine tiefe Wasserrinne – die Norwegische Rinne – liegt, geraten sie so manchmal auch in flachere Bereiche der Nordsee und sogar in die Ostsee hinein. In den flachen nahrungsarmen Schelfmeeren sind sie regelmäßige Irrgäste, gerade aus der Ostsee finden sie oft nicht wieder hinaus.</p></p> <h2>Zwischen Fressen und Kalben, mit Stippvisiten in Nord- und Ostsee</h2> <p>Ihre <a href="https://journal.iwc.int/index.php/jcrm/article/view/951/771" rel="noopener">normalen Wanderrouten führen quer über den Nordatlantik in die Karibik</a> und vor Westafrika, <a href="https://journal.iwc.int/index.php/jcrm/article/view/951/771" rel="noopener">eine neue Publikation zeigte neue Details:</a> Dafür hatten Forschende unter anderem die Informationen über den Weg von Individuen nachverfolgt. Da Buckelwale vor dem Abtauchen meist ihre Fluke zeigen, deren Unterseite ein einzigartiges Muster und unverwechselbaren Umriß zeigt, sind sie wie per Fingerabdruck identifizierbar.<br></br>Sie ziehen nicht in größeren Gruppen oder Familien, sondern allein oder als Mutter-Kind-Paare durch die Ozeane. Anders als Zahnwale wie Pottwale oder Orcas haben sie keine festen Familienverbände oder großen Gruppen, die nach 11 Monaten entwöhnten Jungtiere sind auf sich gestellt. Allerdings folgen sie recht festen Routen.<br></br>In der Karibik angekommen, gebären die trächtigen Walmütter ihren Nachwuchs, das warme Wasser schützt das Neugeborene, das noch keine Blubber-Schicht hat, vor Unterkühlung. Mit der fetten Muttermilch legt es schnell Gewicht, Länge und Kraft zu, denn im nächsten Frühjahr muss es mit auf die lange Reise zurück nach Norden gehen – in die Freßgründe des nordpolaren Sommers.</p> <p>In den letzten Jahren scheinen sich die Wanderrouten und Aufenthaltsareale der nordatlantischen Buckelwale zu verändern, wie die irischen Walforscher Simon Berrow und Pádraig Whooley für die Südliche Nordsee 2022 in „<a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1385110122000247" rel="noopener">Managing a Dynamic North Sea in the light of its ecological dynamics: Increasing occurrence of large baleen whales in the southern North Sea</a>“ publizierten: „Zwischen 1999 und 2014 stieg die Zahl der in Irland registrierten einzelnen Buckelwale langsam an. Ein dramatischer Anstieg erfolgte im Jahr 2015, als die Zahl der individuell identifizierten Wale von 30 auf 66 stieg, sowie in geringerem Maße in den Jahren 2017 und 2020, als die Zahl um 10 bzw. 12 zunahm. Bis Ende 2020 waren 109 einzelne Buckelwale im irischen Buckelwal-Foto-ID-Katalog erfasst.“ (Übersetzt mit Deepl).</p> <p>Eine Zusammenfassung, wieviele Buckelwale in der Ostsee gesichtet bzw. angespült wurden, habe ich bislang nicht gefunden. Ich erinnere mich aber aus meiner Zeit im Meeresmuseum an einzelne regionale, auch historische Berichte, dass dies immer wieder vorkam und vorkommt.</p> <p>Zum Whale Watching von Buckelwalen und anderen Meeresriesen in nordwesteuropäischen Gewässern lohnt es sich, an die norwegischen, UK- und irischen Küsten zu fahren – es muss nicht immer Hawaii sein. Bei lokalen Whale Watching-Unternehmen gibt es dazu Infos, ansonsten gern bei mir nachfragen.<br></br>Unsere kleinen Schweinswale kann man im Frühling in den Flüssen wie Elbe oder Weser beobachten, z B bei den <a href="https://www.schweinswaltage.de/" rel="noopener">Wilhelmshavener Schweinswaltagen</a>, beim Segeln in der Kieler Förde und an anderen Stellen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwale-im-nordatlantik-ein-requiem-und-lange-reisen/#comments 2 Teaching Star Names https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/teaching-star-names/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/teaching-star-names/#comments Mon, 25 May 2026 14:05:16 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12904 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-768x768.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/teaching-star-names/</link> </image> <description type="html"><h1>Teaching Star Names » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p><em>Heute darf ich einen Brief (E-Mail) öffentlich teilen, der die IAU-Working Group on Star Names (WGSN) letzte Woche erreichte: Zwei italienische Grundschullehrkräfte sind sehr glücklich über das Material, das von uns online gestellt wird, weil sie es gern in ihrem Unterricht nutzen. Der Brief wurde auf Englisch geschrieben und für die Darstellung in diesem Blog mit DEEPL maschinenübersetzt, da mir die Zeit fehlt, das selbst zu tun. Das <a href="https://exopla.net/teaching-star-names/" rel="noopener">Original (englisch) ist auf der Website der WGSN</a> lesbar.</em></p> <p>Liebe Freunde bei WGSN</p> <p>ich freue mich, euch mitteilen zu können, dass ich in den letzten Wochen mit Hilfe eines Kollegen für eine Gruppe von etwa zwanzig Grundschülern der I.C. Via Carotenuto 30 in Rom ein Projekt durchgeführt habe, das sich ganz den Namen der Sterne, der Identifizierung von Sternbildern, der Erforschung der mythologischen Geschichten, in denen sie vorkommen, und der Etymologie der Namen ihrer hellsten Sterne widmet.</p> <p>Leider lässt uns der Himmel über unserer Stadt nur die hellsten Sterne am Nachthimmel sehen, und das ist wirklich schade, denn für die jungen Schüler war es wirklich spannend, diese Punkte miteinander zu verbinden und jene Formen und Gestalten zu erkennen, die der Fantasie der alten Völker entsprungen sind, ihren mythologischen Geschichten zu lauschen und Dutzende von Sternen wie Beteigeuze, Sirius, Mirzam aus den Winterkonstellationen sowie Arcturus, Mizar, Nekkar und Seginus aus den Frühlingskonstellationen, und schließlich die Bedeutung dieser Begriffe beschreiben zu können.</p> <p>Ausgehend von leicht zu erkennenden Asterismen wie dem Oriongürtel und dem Großen Wagen gingen wir schrittweise zunächst zu den anderen Sternen über, aus denen Orion und der Große Wagen bestehen, und dann zu denen der benachbarten Sternbildern. So lernten wir, uns zu orientieren, ihre schwachen Farben zu erkennen, zu verstehen, warum sie funkeln, und zu begreifen, dass sich hinter dem Anschein dieser winzigen Punkte riesige Kugeln aus extrem heißem Gas verbergen, genau wie die Sonne.<aside></aside></p> <p>Wenn es bewölkt war, diente uns die Software „<a href="https://stellarium.org/" rel="noopener">Stellarium</a>“ als virtueller Nachthimmel; war der Himmel jedoch klar, wurde die Decke unseres Klassenzimmers zum echten Himmel, und zusätzlich zur Beobachtung mit bloßem Auge betrachteten wir einige Sterne auch durch ein Teleskop, um ihre Doppelsternnatur zu entdecken und ihre Farbe besser erkennen zu können.</p> <p>Unsere Quellen für diese Untersuchungen waren der IAU-Katalog von Sternnamen (Catalog of Star Names, CSN) und die Website <a href="https://exopla.net" rel="noopener">exopla.net</a>; deshalb bin ich hier, um Ihnen all dies zu erzählen und mich noch einmal – auch in Namen meiner Schüler und Kollegen – für Ihre großartige Arbeit zu bedanken, die es uns allen ermöglicht, die Sterne des Nachthimmels sowohl mit Wissen als auch mit Poesie zu benennen und heraufzubeschwören. Vielen Dank!</p> <p>Mit freundlichen Grüßen</p> <p>Paolo Palma und Tiziana Gentili</p> <p><i><span>„Io penso che la notte sia più viva e più riccamente colorata del giorno“ <br></br>Vincent van Gogh</span></i></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <h2>Disclaimer</h2> <p><em>Natürlich würde ich normalerweise Briefe nicht veröffentlichen (Briefgeheimnis: Grundgesetz Art. 10, italienische Verfassung Art. 15), aber <strong>diese Veröffentlichung wurde explizit genehmigt</strong>. Wir hoffen, dass sie andere <strong>Lehrkräfte inspiriert</strong>. </em></p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Teaching Star Names » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p><em>Heute darf ich einen Brief (E-Mail) öffentlich teilen, der die IAU-Working Group on Star Names (WGSN) letzte Woche erreichte: Zwei italienische Grundschullehrkräfte sind sehr glücklich über das Material, das von uns online gestellt wird, weil sie es gern in ihrem Unterricht nutzen. Der Brief wurde auf Englisch geschrieben und für die Darstellung in diesem Blog mit DEEPL maschinenübersetzt, da mir die Zeit fehlt, das selbst zu tun. Das <a href="https://exopla.net/teaching-star-names/" rel="noopener">Original (englisch) ist auf der Website der WGSN</a> lesbar.</em></p> <p>Liebe Freunde bei WGSN</p> <p>ich freue mich, euch mitteilen zu können, dass ich in den letzten Wochen mit Hilfe eines Kollegen für eine Gruppe von etwa zwanzig Grundschülern der I.C. Via Carotenuto 30 in Rom ein Projekt durchgeführt habe, das sich ganz den Namen der Sterne, der Identifizierung von Sternbildern, der Erforschung der mythologischen Geschichten, in denen sie vorkommen, und der Etymologie der Namen ihrer hellsten Sterne widmet.</p> <p>Leider lässt uns der Himmel über unserer Stadt nur die hellsten Sterne am Nachthimmel sehen, und das ist wirklich schade, denn für die jungen Schüler war es wirklich spannend, diese Punkte miteinander zu verbinden und jene Formen und Gestalten zu erkennen, die der Fantasie der alten Völker entsprungen sind, ihren mythologischen Geschichten zu lauschen und Dutzende von Sternen wie Beteigeuze, Sirius, Mirzam aus den Winterkonstellationen sowie Arcturus, Mizar, Nekkar und Seginus aus den Frühlingskonstellationen, und schließlich die Bedeutung dieser Begriffe beschreiben zu können.</p> <p>Ausgehend von leicht zu erkennenden Asterismen wie dem Oriongürtel und dem Großen Wagen gingen wir schrittweise zunächst zu den anderen Sternen über, aus denen Orion und der Große Wagen bestehen, und dann zu denen der benachbarten Sternbildern. So lernten wir, uns zu orientieren, ihre schwachen Farben zu erkennen, zu verstehen, warum sie funkeln, und zu begreifen, dass sich hinter dem Anschein dieser winzigen Punkte riesige Kugeln aus extrem heißem Gas verbergen, genau wie die Sonne.<aside></aside></p> <p>Wenn es bewölkt war, diente uns die Software „<a href="https://stellarium.org/" rel="noopener">Stellarium</a>“ als virtueller Nachthimmel; war der Himmel jedoch klar, wurde die Decke unseres Klassenzimmers zum echten Himmel, und zusätzlich zur Beobachtung mit bloßem Auge betrachteten wir einige Sterne auch durch ein Teleskop, um ihre Doppelsternnatur zu entdecken und ihre Farbe besser erkennen zu können.</p> <p>Unsere Quellen für diese Untersuchungen waren der IAU-Katalog von Sternnamen (Catalog of Star Names, CSN) und die Website <a href="https://exopla.net" rel="noopener">exopla.net</a>; deshalb bin ich hier, um Ihnen all dies zu erzählen und mich noch einmal – auch in Namen meiner Schüler und Kollegen – für Ihre großartige Arbeit zu bedanken, die es uns allen ermöglicht, die Sterne des Nachthimmels sowohl mit Wissen als auch mit Poesie zu benennen und heraufzubeschwören. Vielen Dank!</p> <p>Mit freundlichen Grüßen</p> <p>Paolo Palma und Tiziana Gentili</p> <p><i><span>„Io penso che la notte sia più viva e più riccamente colorata del giorno“ <br></br>Vincent van Gogh</span></i></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <h2>Disclaimer</h2> <p><em>Natürlich würde ich normalerweise Briefe nicht veröffentlichen (Briefgeheimnis: Grundgesetz Art. 10, italienische Verfassung Art. 15), aber <strong>diese Veröffentlichung wurde explizit genehmigt</strong>. Wir hoffen, dass sie andere <strong>Lehrkräfte inspiriert</strong>. </em></p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/teaching-star-names/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeo Podcast: Das schönste Gestein der Welt verrät, wie die Alpen entstanden https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/das-schoenste-gestein-der-welt-verraet-wie-die-alpen-entstanden/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/das-schoenste-gestein-der-welt-verraet-wie-die-alpen-entstanden/#comments Sun, 24 May 2026 04:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1891 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag138_m-768x768.jpg Eine kreisrunde Mikroskopaufnahme, in der sich weiße, dunkelgraue, gelbe, blaue, pinke oder braune Flächen recht chaotisch aneinanderschmiegen https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/das-schoenste-gestein-der-welt-verraet-wie-die-alpen-entstanden/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag138_riff_sl.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Das schönste Gestein der Welt verrät, wie die Alpen entstanden » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag138-alpen-3.html" rel="noopener">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>Die Alpen sind ein Hochgebirge, dessen höchster Gipfel über 4800 Meter misst. Die Berge der Alpen gehören zu den ersten überhaupt, die Geologen durchstreift haben, die sie vermessen haben und vor allem: die versucht haben, zu verstehen, wie sie entstanden sind. Doch dafür brauchten sie lange – erst die Plattentektonik lieferte den Schlüssel zur Lösung des Rätsels. Diese Theorie selbst wurde aber nicht in den Bergen entdeckt, sondern in den Ozeanen. Eine große Frage blieb am Ende immer noch offen: Wie konnten die Alpen überhaupt ihre majestätischen Höhen erreichen?</p> <p>In dieser Folge erzählt Karl seine dritte und vorerst letzte Alpengeschichte. Es ist die Geschichte eines einzelnen Gesteines, das dabei geholfen hat, die Frage des Höhenwachstums der Alpen zu klären. Dabei handelt es sich um ein herausragend hübsches Gestein. Es schillert und schimmert silbrig, es ist mal leuchtend grün, mal strahlend gelb oder weinrot. Für manche ist es gar das schönste Gestein der Welt. Für ein Gestein von Rang hat es auch einen klingenden Namen: Saussurit-Smaragtit-Allalin-Metagabbro, oder kurz: Allalin-Gabbro.<aside></aside></p> <p>Der Allalin-Gabbro ist ein Gestein der Walliser Alpen in der Schweiz, wo er fast ausnahmslos auf einem einzigen Berg vorkommt: dem Allalinhorn. Es ist ein besonderes Gestein, denn es entstand vor der Hebung der Alpen – als sich das Material, was sich heute so prächtig in die Höhen reckt, noch tief im Erdinneren steckte. Als Gabbro entstammt es einer Gesteinsgruppe, die eigentlich in der Tiefe der ozeanischen Erdkruste aus erstarrtem Magma entsteht. Doch dieser Gabbro wurde danach in die Gebirgsbildung eingewoben, indem er mal in die Tiefe gezogen, mal nach oben gerissen wurde. Dabei stieg zunächst der Druck und die Temperatur, was das Gestein veränderte: In ihm enthaltene Minerale reagierten zu anderen Mineralen. In der Geologie werden solche Prozesse als Metamorphose bezeichnet, wodurch schließlich aus dem grauen, unscheinbaren Gabbro ein bunter Metagabbro wurde – der von manchen auch als das schönste Gestein der Welt bezeichnet wird.</p> <p>In dieser Schönheit steckt – tief verborgen – nicht nur die Information darüber, welchen Weg der Allalin-Gabbro im Laufe der Jahrmillionen genommen hat, sondern in welcher Tiefe sich die Alpendecken übereinander geschoben haben – und wie sie danach in (zumindest für Geologen) schwindelerregendem Tempo ans Licht gelangten.</p> <h3>Verlosung</h3> <p>Wir verlosen das Buch „Das schönste Gestein der Welt – der Allalin-Gabbro aus den Walliser Hochalpen“ von Jürg Meyer. Schreibt uns dafür bis zum 4. Juni 2026 an karl at astrogeo dot de:</p> <p>Was ist für euch das <strong>schönste Gestein der Welt </strong>– und <strong>warum</strong>?</p> <p>Die schönste Antwort gewinnt! Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.</p> <h3>Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 28: <a href="https://astrogeo.de/ag028-die-alpen/" rel="noopener">Die Alpen</a></li> <li>Folge 76: <a href="https://astrogeo.de/subduktionszonen-das-tiefe-geheimnis-des-blauen-planeten/" rel="noopener">Subduktion: Das tiefe Geheimnis des Blauen Planeten</a></li> <li>Folge 133: <a href="https://astrogeo.de/drunter-ueber-drueber-das-raetsel-der-verdrehten-alpen/" rel="noopener">Drunter über drüber: Das Rätsel der verdrehten Alpen</a></li> <li>Folge 135: <a href="https://astrogeo.de/alpine-ahnungen-beweist-das-gebirge-die-plattentektonik/" rel="noopener">Alpine Ahnungen: Beweist das Gebirge die Plattentektonik?</a></li> <li>Folge 136: <a href="https://astrogeo.de/astrogeoplaenkel-verdrehte-alpen-und-verschwindende-sterne/" rel="noopener">AstroGeoPlänkel: Verdrehte Alpen und verschwindende Sterne</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>Paläokarten: <a href="https://basaltweaver.myportfolio.com/late-cretaceous-series-2025" rel="noopener">Europa und die Welt zur Kreidezeit</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alpen" rel="noopener">Alpen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Allalinhorn" rel="noopener">Allalinhorn</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gestein" rel="noopener">Gestein</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mineral" rel="noopener">Mineral</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gabbro" rel="noopener">Gabbro</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Granatgruppe" rel="noopener">Granat</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metamorphose_(Geologie)" rel="noopener">Metamorphose</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Archimedisches_Prinzip" rel="noopener">Archimedisches Prinzip</a></li> <li>Webseite: <a href="https://www.rundumberge.ch/" rel="noopener">Jürg Meyer</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Buch: Jürg Meyer: <a href="https://haupt.ch/das-schoenste-gestein-der-welt/2329783258084671" rel="noopener">Das schönste Gestein der Welt – der Allalin-Gabbro aus den Walliser Hochalpen</a>, Haupt-Verlag (2026)</li> <li>Buch: Jürg Meyer: <a href="https://haupt.ch/aktuell/hauptautor-juerg-meyer-wie-berge-entstehen-und-vergehen" rel="noopener">Wie Berge entstehen und vergehen – in 30 Etappen durch die Alpengeologie</a>, Haupt-Verlag (2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: Shutterstock / Teguh Wage P – ein gewöhnlicher Gabbro im Dünnschliff durchs Polarisationsmikroskop</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag138_riff_sl.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Das schönste Gestein der Welt verrät, wie die Alpen entstanden » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag138-alpen-3.html" rel="noopener">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>Die Alpen sind ein Hochgebirge, dessen höchster Gipfel über 4800 Meter misst. Die Berge der Alpen gehören zu den ersten überhaupt, die Geologen durchstreift haben, die sie vermessen haben und vor allem: die versucht haben, zu verstehen, wie sie entstanden sind. Doch dafür brauchten sie lange – erst die Plattentektonik lieferte den Schlüssel zur Lösung des Rätsels. Diese Theorie selbst wurde aber nicht in den Bergen entdeckt, sondern in den Ozeanen. Eine große Frage blieb am Ende immer noch offen: Wie konnten die Alpen überhaupt ihre majestätischen Höhen erreichen?</p> <p>In dieser Folge erzählt Karl seine dritte und vorerst letzte Alpengeschichte. Es ist die Geschichte eines einzelnen Gesteines, das dabei geholfen hat, die Frage des Höhenwachstums der Alpen zu klären. Dabei handelt es sich um ein herausragend hübsches Gestein. Es schillert und schimmert silbrig, es ist mal leuchtend grün, mal strahlend gelb oder weinrot. Für manche ist es gar das schönste Gestein der Welt. Für ein Gestein von Rang hat es auch einen klingenden Namen: Saussurit-Smaragtit-Allalin-Metagabbro, oder kurz: Allalin-Gabbro.<aside></aside></p> <p>Der Allalin-Gabbro ist ein Gestein der Walliser Alpen in der Schweiz, wo er fast ausnahmslos auf einem einzigen Berg vorkommt: dem Allalinhorn. Es ist ein besonderes Gestein, denn es entstand vor der Hebung der Alpen – als sich das Material, was sich heute so prächtig in die Höhen reckt, noch tief im Erdinneren steckte. Als Gabbro entstammt es einer Gesteinsgruppe, die eigentlich in der Tiefe der ozeanischen Erdkruste aus erstarrtem Magma entsteht. Doch dieser Gabbro wurde danach in die Gebirgsbildung eingewoben, indem er mal in die Tiefe gezogen, mal nach oben gerissen wurde. Dabei stieg zunächst der Druck und die Temperatur, was das Gestein veränderte: In ihm enthaltene Minerale reagierten zu anderen Mineralen. In der Geologie werden solche Prozesse als Metamorphose bezeichnet, wodurch schließlich aus dem grauen, unscheinbaren Gabbro ein bunter Metagabbro wurde – der von manchen auch als das schönste Gestein der Welt bezeichnet wird.</p> <p>In dieser Schönheit steckt – tief verborgen – nicht nur die Information darüber, welchen Weg der Allalin-Gabbro im Laufe der Jahrmillionen genommen hat, sondern in welcher Tiefe sich die Alpendecken übereinander geschoben haben – und wie sie danach in (zumindest für Geologen) schwindelerregendem Tempo ans Licht gelangten.</p> <h3>Verlosung</h3> <p>Wir verlosen das Buch „Das schönste Gestein der Welt – der Allalin-Gabbro aus den Walliser Hochalpen“ von Jürg Meyer. Schreibt uns dafür bis zum 4. Juni 2026 an karl at astrogeo dot de:</p> <p>Was ist für euch das <strong>schönste Gestein der Welt </strong>– und <strong>warum</strong>?</p> <p>Die schönste Antwort gewinnt! Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.</p> <h3>Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 28: <a href="https://astrogeo.de/ag028-die-alpen/" rel="noopener">Die Alpen</a></li> <li>Folge 76: <a href="https://astrogeo.de/subduktionszonen-das-tiefe-geheimnis-des-blauen-planeten/" rel="noopener">Subduktion: Das tiefe Geheimnis des Blauen Planeten</a></li> <li>Folge 133: <a href="https://astrogeo.de/drunter-ueber-drueber-das-raetsel-der-verdrehten-alpen/" rel="noopener">Drunter über drüber: Das Rätsel der verdrehten Alpen</a></li> <li>Folge 135: <a href="https://astrogeo.de/alpine-ahnungen-beweist-das-gebirge-die-plattentektonik/" rel="noopener">Alpine Ahnungen: Beweist das Gebirge die Plattentektonik?</a></li> <li>Folge 136: <a href="https://astrogeo.de/astrogeoplaenkel-verdrehte-alpen-und-verschwindende-sterne/" rel="noopener">AstroGeoPlänkel: Verdrehte Alpen und verschwindende Sterne</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>Paläokarten: <a href="https://basaltweaver.myportfolio.com/late-cretaceous-series-2025" rel="noopener">Europa und die Welt zur Kreidezeit</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alpen" rel="noopener">Alpen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Allalinhorn" rel="noopener">Allalinhorn</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gestein" rel="noopener">Gestein</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mineral" rel="noopener">Mineral</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gabbro" rel="noopener">Gabbro</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Granatgruppe" rel="noopener">Granat</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metamorphose_(Geologie)" rel="noopener">Metamorphose</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Archimedisches_Prinzip" rel="noopener">Archimedisches Prinzip</a></li> <li>Webseite: <a href="https://www.rundumberge.ch/" rel="noopener">Jürg Meyer</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Buch: Jürg Meyer: <a href="https://haupt.ch/das-schoenste-gestein-der-welt/2329783258084671" rel="noopener">Das schönste Gestein der Welt – der Allalin-Gabbro aus den Walliser Hochalpen</a>, Haupt-Verlag (2026)</li> <li>Buch: Jürg Meyer: <a href="https://haupt.ch/aktuell/hauptautor-juerg-meyer-wie-berge-entstehen-und-vergehen" rel="noopener">Wie Berge entstehen und vergehen – in 30 Etappen durch die Alpengeologie</a>, Haupt-Verlag (2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: Shutterstock / Teguh Wage P – ein gewöhnlicher Gabbro im Dünnschliff durchs Polarisationsmikroskop</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/das-schoenste-gestein-der-welt-verraet-wie-die-alpen-entstanden/#comments 4 Nicht zu viel Solarstrom, zu wenig Batteriespeicher! Fossile Desinformation auch zu Pfingsten 2026 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/nicht-zu-viel-solarstrom-zu-wenig-batteriespeicher-fossile-desinformation-auch-zu-pfingsten-2026/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/nicht-zu-viel-solarstrom-zu-wenig-batteriespeicher-fossile-desinformation-auch-zu-pfingsten-2026/#comments Sat, 23 May 2026 22:19:00 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11297 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0968-768x954.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/nicht-zu-viel-solarstrom-zu-wenig-batteriespeicher-fossile-desinformation-auch-zu-pfingsten-2026/</link> </image> <description type="html"><h1>Nicht zu viel Solarstrom, zu wenig Batteriespeicher! Fossile Desinformation auch zu Pfingsten 2026 » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Zu <strong>Schawuot</strong> besuchte ich Donnerstag <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dialog-oder-dualismus-die-wahrheitsfrage-als-charaktertest-und-schicksalsfrage/" rel="noopener" target="_blank">die jüdische Gemeinde zu Konstanz und deren Rabbiner Avraham Radbil</a>. Heute begehe ich mit meiner Familie <strong>Pfingsten</strong> (das aus Schawuot hervorgegangen ist, wie <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/pessach-ostern-und-die-macht-der-zeit-medien/" rel="noopener" target="_blank">auch <strong>Ostern</strong> aus <strong>Pessach</strong></a>). Und Mittwoch begehen <a href="https://chrismon.de/artikel/2019/42709/christlich-muslimische-familie" rel="noopener" target="_blank">wir Blumes mit muslimischen Angehörigen das <strong>Opferfest</strong></a> (arab. Eid-e Qurban, türk. Kurban Bayram). Ich freue mich auf diese gemeinsame, religiös-spirituelle Zeit.</p> <p>Doch leider haben fossile Konzernmedien im deutschen Sprachraum längst jede Zurückhaltung auch gegenüber religiösen Feiertagen aufgegeben und überschütten auch zu Pfingsten 2026 wieder den deutschen Sprachraum mit Desinformation. Also mit fossilen Lügen.</p> <p>So <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116625096743780270" rel="noopener" target="_blank">postete ich bereits gestern auf Mastodon</a>:</p> <p><strong><em>Mehrere Konzernmedien berichten wieder über „zuviel Solarstrom“.</em></strong></p> <p><strong><em>Das ist glatt gelogen – wir haben nicht zuviel Ökostrom, sondern zu wenig Batteriespeicher &amp; Elektrolyseure!</em></strong><aside></aside></p> <p><em>„Über das Pfingstwochenende drohen erneut stark negative Börsenpreise für Strom – bedingt durch hohe Wind- und Solareinspeisung bei gleichzeitig niedriger industrieller Nachfrage. Der Bundesverband Neue Energiewirtschaft (bne) sieht die Ursache nicht im Überangebot selbst, sondern in ausgebremsten Flexibilitätslösungen. […]</em></p> <p><em>Speicherausbau scheitert am Netzanschluss</em></p> <p><em>Der bne beziffert den Rückstau bei Großspeicherprojekten auf über 100 GW installierter Leistung mit mehr als 200 GWh Speicherkapazität – nach Verbandsangaben allesamt wartend auf Netzanschluss. Der Verband fordert, das geplante Netzanschlusspaket der Bundesregierung explizit auf Genehmigungsbeschleunigung für Speicher auszurichten.“ <a data-menu-hashtag="116182695580806770" href="https://digitalcourage.social/tags/Solarboom" rel="tag noopener">#Solarboom</a> <a data-menu-hashtag="116182695580806770" href="https://digitalcourage.social/tags/Batteriespeicher" rel="tag noopener">#Batteriespeicher</a> <a data-menu-hashtag="116182695580806770" href="https://digitalcourage.social/tags/Solarpunk" rel="tag noopener">#Solarpunk</a> <a data-menu-hashtag="116182695580806770" href="https://digitalcourage.social/tags/Batteriespeicher" rel="tag noopener">#Batteriespeicher</a> <a data-menu-hashtag="116182695580806770" href="https://digitalcourage.social/tags/bne" rel="tag noopener">#bne</a> <a data-menu-hashtag="116182695580806770" href="https://digitalcourage.social/tags/Stromnetz" rel="tag noopener">#Stromnetz</a> <a data-menu-hashtag="116182695580806770" href="https://digitalcourage.social/tags/Deutschland" rel="tag noopener">#Deutschland</a> <a data-menu-hashtag="116182695580806770" href="https://digitalcourage.social/tags/%C3%96kostrom" rel="tag noopener">#Ökostrom</a> <a data-menu-hashtag="116182695580806770" href="https://digitalcourage.social/tags/Solarstrom" rel="tag noopener">#Solarstrom</a></em></p> <p>Das <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zuviel-oekostrom-solarstrom-speicher-in-deutschland-schaffen-erneuerbare-wohlstandsenergien-jetzt/" rel="noopener" target="_blank">Problem fehlender Batteriespeicher und Anlagen zur Gewinnung von grünem Wasserstoff ist dabei gar nicht neu – ich hatte auch schon letzten Sommer dazu gebloggt</a>. <strong><em>Die Behauptung, Ökostrom sei teuer, ist längst ein faktisch falscher Energieglauben. Tatsächlich bilden erneuerbare Wohlstandsenergien längst die günstigste Form der Stromerzeugung überhaupt!</em></strong> Und auch jedes Elektroauto ist ein fahrender Batteriespeicher – dessen Rohstoffe zudem immer besser recycelt werden können.</p> <p><img alt="" decoding="async" height="1397" sizes="(max-width: 1125px) 100vw, 1125px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0968.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0968.jpeg 1125w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0968-242x300.jpeg 242w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0968-825x1024.jpeg 825w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0968-768x954.jpeg 768w" width="1125"></img></p> <p><em>Fossile Gewaltenergien zerstören Mitwelt und Mitmenschen. Deshalb <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/meine-rede-gegen-den-fossil-finanzierten-terror-antisemitismus-am-11-september-2025-in-freiburg-im-breisgau/" rel="noopener" target="_blank">sagte ich am 11. September (!) 2025 bei Balkonsolar in Freiburg</a> u.a.: <strong>„Wer sich pauschal gegen erneuerbare Friedensenergien wie Sonnen- und Windenergie wendet, nimmt die Finanzierung fossiler und antisemitischer Gewalt zumindest in Kauf.“ </strong></em><em>Fotokachel, Michael Blume als Redner: Balkonsolar e.V.</em></p> <p>Und die gute Nachricht ist: <em><strong>„Nur noch“ fossile Konzerne, ihnen nahestehende Medien und deren Lobbyierende vor allem in der deutschen Bundespolitik versuchen den Solar- und Batteriespeicher-Boom zu verzögern.</strong></em></p> <p><em><strong>Die Europäische Union hat längst das Potential der steigenden Unabhängigkeit von fossilen und oft feindseligen Regimen erkannt (erneuerbare Sicherheits- und Friedensenergien).</strong></em></p> <p><em><strong>Und die meisten Bundesländer, Regionen und Kommunen begreifen jeden Tag mehr die volkswirtschaftlichen Potentiale der erneuerbaren Heimat- und Wohlstandsenergien!</strong></em></p> <p><img alt="" decoding="async" height="893" sizes="(max-width: 1328px) 100vw, 1328px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Screenshot-2025-09-24-085429.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Screenshot-2025-09-24-085429.png 1328w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Screenshot-2025-09-24-085429-300x202.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Screenshot-2025-09-24-085429-1024x689.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Screenshot-2025-09-24-085429-768x516.png 768w" width="1328"></img></p> <p><em>Während sich der Fossilist und derzeitige US-Präsident Donald Trump vor der UNO blamierte, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/rede-der-eu-kommissionspraesidentin-ursula-von-der-leyen-cdu-evp-fuer-den-globalen-ausbau-erneuerbarer-friedensenergien/" rel="noopener" target="_blank">überzeugte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (EVP / CDU) am 22.09.2025 mit einer Solarboom-Rede ebenfalls in New York</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Und so <a href="https://www.solarserver.de/2026/05/22/negative-strompreise-bne-fordert-7-sofortmassnahmen/" rel="noopener" target="_blank">konnte der Bundesverband Neue Energiewirtschaft (BNE) auch bereits sieben Maßnahmen zur ökologisch und volkswirtschaftlich sinnvollen Nutzung der Ökostrom-Überschüsse</a> vorstellen:</p> <h2>Sieben Maßnahmen gegen negative Strompreise im Überblick</h2> <ul> <li><strong>Großspeicher</strong> – Netzanschlussverfahren beschleunigen</li> <li><strong>Heimspeicher</strong> – in Markt- und Netzprozesse integrieren</li> <li><strong>Elektrofahrzeuge</strong> – intelligentes und bidirektionales Laden als Standard</li> <li><strong>Smart Meter</strong> – Rollout beschleunigen, flexible Tarife ermöglichen</li> <li><strong>Dach-PV</strong> – Wechsel in die Direktvermarktung erleichtern</li> <li><strong>Konventionelle Kraftwerke – konsequente Abregelung</strong> bei Überschuss</li> <li><strong>Netzentgelte – dynamische Entgelte</strong> im AgNes-Prozess verankern</li> </ul> <p>Und so dürfen wir also auch in Deutschland, der Schweiz und Österreich hoffen, dass wir in naher Zukunft endlich Pfingstwochenenden ohne fossile Lügen genießen dürfen. Auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-55-die-selbstzerstoerung-des-fossilismus-die-abzocke-in-der-fossilen-miet-und-armutsfalle/" rel="noopener" target="_blank">der <strong>Fossilismus</strong> insgesamt</a> wird irgendwann nur noch eine peinliche Erinnerung sein.</p> <p><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1395px) 100vw, 1395px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/3545f79f-669b-4b35-9828-ea2bc710fd06.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/3545f79f-669b-4b35-9828-ea2bc710fd06.jpeg 1395w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/3545f79f-669b-4b35-9828-ea2bc710fd06-300x165.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/3545f79f-669b-4b35-9828-ea2bc710fd06-1024x564.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/3545f79f-669b-4b35-9828-ea2bc710fd06-768x423.jpeg 768w" width="1395"></img></p> <p><em>In <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-55-die-selbstzerstoerung-des-fossilismus-die-abzocke-in-der-fossilen-miet-und-armutsfalle/" rel="noopener" target="_blank">Folge 55 von Blume &amp; Ince unterscheiden der BWL-Prof und ich den vorauspreschenden Solarpunk und wirtschaftlich expandierenden Solarboom von der fossilen (Miet-)Falle in der Mitte</a>. Grafik: Prof. Dr. Inan Ince</em></p> <p>Allen, die es feiern, wünsche ich von Herzen Chag Schawuot Sameach, Gesegnete Pfingsten &amp; Eid al-Adha Mubarak!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/CqUORcbDjdQ?feature=oembed&amp;rel=0" title="Gute Ölkonzerne, böses Deutschland? Viele Deutsche stecken psychologisch noch in der Fossilfalle" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Nicht zu viel Solarstrom, zu wenig Batteriespeicher! Fossile Desinformation auch zu Pfingsten 2026 » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Zu <strong>Schawuot</strong> besuchte ich Donnerstag <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dialog-oder-dualismus-die-wahrheitsfrage-als-charaktertest-und-schicksalsfrage/" rel="noopener" target="_blank">die jüdische Gemeinde zu Konstanz und deren Rabbiner Avraham Radbil</a>. Heute begehe ich mit meiner Familie <strong>Pfingsten</strong> (das aus Schawuot hervorgegangen ist, wie <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/pessach-ostern-und-die-macht-der-zeit-medien/" rel="noopener" target="_blank">auch <strong>Ostern</strong> aus <strong>Pessach</strong></a>). Und Mittwoch begehen <a href="https://chrismon.de/artikel/2019/42709/christlich-muslimische-familie" rel="noopener" target="_blank">wir Blumes mit muslimischen Angehörigen das <strong>Opferfest</strong></a> (arab. Eid-e Qurban, türk. Kurban Bayram). Ich freue mich auf diese gemeinsame, religiös-spirituelle Zeit.</p> <p>Doch leider haben fossile Konzernmedien im deutschen Sprachraum längst jede Zurückhaltung auch gegenüber religiösen Feiertagen aufgegeben und überschütten auch zu Pfingsten 2026 wieder den deutschen Sprachraum mit Desinformation. Also mit fossilen Lügen.</p> <p>So <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116625096743780270" rel="noopener" target="_blank">postete ich bereits gestern auf Mastodon</a>:</p> <p><strong><em>Mehrere Konzernmedien berichten wieder über „zuviel Solarstrom“.</em></strong></p> <p><strong><em>Das ist glatt gelogen – wir haben nicht zuviel Ökostrom, sondern zu wenig Batteriespeicher &amp; Elektrolyseure!</em></strong><aside></aside></p> <p><em>„Über das Pfingstwochenende drohen erneut stark negative Börsenpreise für Strom – bedingt durch hohe Wind- und Solareinspeisung bei gleichzeitig niedriger industrieller Nachfrage. Der Bundesverband Neue Energiewirtschaft (bne) sieht die Ursache nicht im Überangebot selbst, sondern in ausgebremsten Flexibilitätslösungen. […]</em></p> <p><em>Speicherausbau scheitert am Netzanschluss</em></p> <p><em>Der bne beziffert den Rückstau bei Großspeicherprojekten auf über 100 GW installierter Leistung mit mehr als 200 GWh Speicherkapazität – nach Verbandsangaben allesamt wartend auf Netzanschluss. Der Verband fordert, das geplante Netzanschlusspaket der Bundesregierung explizit auf Genehmigungsbeschleunigung für Speicher auszurichten.“ <a data-menu-hashtag="116182695580806770" href="https://digitalcourage.social/tags/Solarboom" rel="tag noopener">#Solarboom</a> <a data-menu-hashtag="116182695580806770" href="https://digitalcourage.social/tags/Batteriespeicher" rel="tag noopener">#Batteriespeicher</a> <a data-menu-hashtag="116182695580806770" href="https://digitalcourage.social/tags/Solarpunk" rel="tag noopener">#Solarpunk</a> <a data-menu-hashtag="116182695580806770" href="https://digitalcourage.social/tags/Batteriespeicher" rel="tag noopener">#Batteriespeicher</a> <a data-menu-hashtag="116182695580806770" href="https://digitalcourage.social/tags/bne" rel="tag noopener">#bne</a> <a data-menu-hashtag="116182695580806770" href="https://digitalcourage.social/tags/Stromnetz" rel="tag noopener">#Stromnetz</a> <a data-menu-hashtag="116182695580806770" href="https://digitalcourage.social/tags/Deutschland" rel="tag noopener">#Deutschland</a> <a data-menu-hashtag="116182695580806770" href="https://digitalcourage.social/tags/%C3%96kostrom" rel="tag noopener">#Ökostrom</a> <a data-menu-hashtag="116182695580806770" href="https://digitalcourage.social/tags/Solarstrom" rel="tag noopener">#Solarstrom</a></em></p> <p>Das <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zuviel-oekostrom-solarstrom-speicher-in-deutschland-schaffen-erneuerbare-wohlstandsenergien-jetzt/" rel="noopener" target="_blank">Problem fehlender Batteriespeicher und Anlagen zur Gewinnung von grünem Wasserstoff ist dabei gar nicht neu – ich hatte auch schon letzten Sommer dazu gebloggt</a>. <strong><em>Die Behauptung, Ökostrom sei teuer, ist längst ein faktisch falscher Energieglauben. Tatsächlich bilden erneuerbare Wohlstandsenergien längst die günstigste Form der Stromerzeugung überhaupt!</em></strong> Und auch jedes Elektroauto ist ein fahrender Batteriespeicher – dessen Rohstoffe zudem immer besser recycelt werden können.</p> <p><img alt="" decoding="async" height="1397" sizes="(max-width: 1125px) 100vw, 1125px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0968.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0968.jpeg 1125w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0968-242x300.jpeg 242w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0968-825x1024.jpeg 825w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0968-768x954.jpeg 768w" width="1125"></img></p> <p><em>Fossile Gewaltenergien zerstören Mitwelt und Mitmenschen. Deshalb <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/meine-rede-gegen-den-fossil-finanzierten-terror-antisemitismus-am-11-september-2025-in-freiburg-im-breisgau/" rel="noopener" target="_blank">sagte ich am 11. September (!) 2025 bei Balkonsolar in Freiburg</a> u.a.: <strong>„Wer sich pauschal gegen erneuerbare Friedensenergien wie Sonnen- und Windenergie wendet, nimmt die Finanzierung fossiler und antisemitischer Gewalt zumindest in Kauf.“ </strong></em><em>Fotokachel, Michael Blume als Redner: Balkonsolar e.V.</em></p> <p>Und die gute Nachricht ist: <em><strong>„Nur noch“ fossile Konzerne, ihnen nahestehende Medien und deren Lobbyierende vor allem in der deutschen Bundespolitik versuchen den Solar- und Batteriespeicher-Boom zu verzögern.</strong></em></p> <p><em><strong>Die Europäische Union hat längst das Potential der steigenden Unabhängigkeit von fossilen und oft feindseligen Regimen erkannt (erneuerbare Sicherheits- und Friedensenergien).</strong></em></p> <p><em><strong>Und die meisten Bundesländer, Regionen und Kommunen begreifen jeden Tag mehr die volkswirtschaftlichen Potentiale der erneuerbaren Heimat- und Wohlstandsenergien!</strong></em></p> <p><img alt="" decoding="async" height="893" sizes="(max-width: 1328px) 100vw, 1328px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Screenshot-2025-09-24-085429.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Screenshot-2025-09-24-085429.png 1328w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Screenshot-2025-09-24-085429-300x202.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Screenshot-2025-09-24-085429-1024x689.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Screenshot-2025-09-24-085429-768x516.png 768w" width="1328"></img></p> <p><em>Während sich der Fossilist und derzeitige US-Präsident Donald Trump vor der UNO blamierte, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/rede-der-eu-kommissionspraesidentin-ursula-von-der-leyen-cdu-evp-fuer-den-globalen-ausbau-erneuerbarer-friedensenergien/" rel="noopener" target="_blank">überzeugte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (EVP / CDU) am 22.09.2025 mit einer Solarboom-Rede ebenfalls in New York</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Und so <a href="https://www.solarserver.de/2026/05/22/negative-strompreise-bne-fordert-7-sofortmassnahmen/" rel="noopener" target="_blank">konnte der Bundesverband Neue Energiewirtschaft (BNE) auch bereits sieben Maßnahmen zur ökologisch und volkswirtschaftlich sinnvollen Nutzung der Ökostrom-Überschüsse</a> vorstellen:</p> <h2>Sieben Maßnahmen gegen negative Strompreise im Überblick</h2> <ul> <li><strong>Großspeicher</strong> – Netzanschlussverfahren beschleunigen</li> <li><strong>Heimspeicher</strong> – in Markt- und Netzprozesse integrieren</li> <li><strong>Elektrofahrzeuge</strong> – intelligentes und bidirektionales Laden als Standard</li> <li><strong>Smart Meter</strong> – Rollout beschleunigen, flexible Tarife ermöglichen</li> <li><strong>Dach-PV</strong> – Wechsel in die Direktvermarktung erleichtern</li> <li><strong>Konventionelle Kraftwerke – konsequente Abregelung</strong> bei Überschuss</li> <li><strong>Netzentgelte – dynamische Entgelte</strong> im AgNes-Prozess verankern</li> </ul> <p>Und so dürfen wir also auch in Deutschland, der Schweiz und Österreich hoffen, dass wir in naher Zukunft endlich Pfingstwochenenden ohne fossile Lügen genießen dürfen. Auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-55-die-selbstzerstoerung-des-fossilismus-die-abzocke-in-der-fossilen-miet-und-armutsfalle/" rel="noopener" target="_blank">der <strong>Fossilismus</strong> insgesamt</a> wird irgendwann nur noch eine peinliche Erinnerung sein.</p> <p><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1395px) 100vw, 1395px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/3545f79f-669b-4b35-9828-ea2bc710fd06.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/3545f79f-669b-4b35-9828-ea2bc710fd06.jpeg 1395w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/3545f79f-669b-4b35-9828-ea2bc710fd06-300x165.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/3545f79f-669b-4b35-9828-ea2bc710fd06-1024x564.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/3545f79f-669b-4b35-9828-ea2bc710fd06-768x423.jpeg 768w" width="1395"></img></p> <p><em>In <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-55-die-selbstzerstoerung-des-fossilismus-die-abzocke-in-der-fossilen-miet-und-armutsfalle/" rel="noopener" target="_blank">Folge 55 von Blume &amp; Ince unterscheiden der BWL-Prof und ich den vorauspreschenden Solarpunk und wirtschaftlich expandierenden Solarboom von der fossilen (Miet-)Falle in der Mitte</a>. Grafik: Prof. Dr. Inan Ince</em></p> <p>Allen, die es feiern, wünsche ich von Herzen Chag Schawuot Sameach, Gesegnete Pfingsten &amp; Eid al-Adha Mubarak!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/CqUORcbDjdQ?feature=oembed&amp;rel=0" title="Gute Ölkonzerne, böses Deutschland? Viele Deutsche stecken psychologisch noch in der Fossilfalle" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/nicht-zu-viel-solarstrom-zu-wenig-batteriespeicher-fossile-desinformation-auch-zu-pfingsten-2026/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>107</slash:comments> </item> <item> <title>Die Bayes-Umkehrung: Ein Werkzeug für mehr evidenzbasierte öffentliche Diskussionen https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/die-bayes-umkehrung-ein-werkzeug-fuer-mehr-evidenzbasierte-oeffentliche-diskussionen/ https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/die-bayes-umkehrung-ein-werkzeug-fuer-mehr-evidenzbasierte-oeffentliche-diskussionen/#comments Sat, 23 May 2026 09:39:12 +0000 Markus Pössel https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/?p=11397 https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/bayes-streifen-768x133.jpg Ausschnitt aus einem aller Wahrscheinlichkeit nicht echten Bild des Urhebers des Satzes von Bayes, nämlich Reverend Bayes. https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/die-bayes-umkehrung-ein-werkzeug-fuer-mehr-evidenzbasierte-oeffentliche-diskussionen/ <h1>Die Bayes-Umkehrung: Ein Werkzeug für mehr evidenzbasierte öffentliche Diskussionen » RELATIV EINFACH » SciLogs</h1><h2>By Von Markus Pössel</h2><div itemprop="text"> <p>Häufig genug, aber natürlich nicht immer, geht es um Rassismus, Sexismus oder andere -ismen, wenn öffentlich diskutiert wird, ob eine bestimmte prominente Aussage wirklich so gemeint war, oder ob sie vielleicht „nur“ harmlos gemeint war, aber anders verstanden wurde. Ob Stefan Gelbhaar von den Berliner Grünen <a href="https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/gruene-gelbhaar-100.html" rel="noopener">betont</a>, „niemals jemanden <em>absichtlich</em> belästigt zu haben“, Hervorhebung von mir, oder ob es um die gesammelten war-doch-nicht-so-gemeint-Beispiele dafür geht, „wie [Friedrich] Merz für Verwirrung sorgt, die sich leicht durch präzisere Formulierungen hätte vermeiden lassen“ (so ein FAZ-Beitrag mit Ober-Überschrift „Methode Merz“ und Titel <a href="https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/syrer-stadtbild-zirkuszelt-wie-friedrich-merz-immer-wieder-so-spricht-dass-er-missverstanden-werden-kann-200694262.html" rel="noopener">„Syrer, Stadtbild, Zirkuszelt“</a>): irgendwie rutschen Diskussionen dieser Art von Seiten der jeweils herbeieilenden Verteidiger schnell in eine Art Gerichtsprozess-Modus, komplett mit gewichtigen Verweisen auf die Unschuldsvermutung des Strafrechts. Und mein erster Gedanke ist inzwischen: Warum hängen wir die Latte an der Stelle eigentlich so peinlich niedrig?</p> <h2>Aussagen-Umkehr mit dem Satz von Bayes</h2> <p>Ein Thema, das mich in letzter Zeit häufig beschäftigt, ist das Verhältnis von „Wahrheits-Absicherugnsmechanismu“ in der Wisssenschaft im Vergleich zur allgemeine Gesellschaft: wie Wissenschaft sicherstellt, dass ihre Ergebnisse belastbar sind, im Vergleich und als Kontrast dazu, wie wir in öffentlichen, insbesondere politischen Diskussionen mit der Frage umgehen, auf welche Aussagen wir uns wie weit verlassen können. Vor ziemlich genau zwei Jahren hatte ich die zugrundeliegende Mathematik hier auf den SciLogs in einer vierteiligen Mini-Serie „Evidenzbasiert entscheiden“ (<a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/evidenzbasiert-entscheiden-teil-1-die-mathematik-des-ernstnehmens/">Teil 1</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/evidenzbasiert-entscheiden-2-der-satz-von-bayes/">Teil 2</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/evidenzbasiert-entscheiden-3-sagan-ockham-und-co/">Teil 3</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/evidenzbasiert-entscheiden-4-statistische-vorurteile/">Teil 4</a>) zusammengefasst. Ein grundlegender Baustein solcher evidenzbasierter Entscheidungen ist ein charakteristisches Umkehrprinzip. Ein allgemeiner mathematischer Satz, nämlich der <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/evidenzbasiert-entscheiden-2-der-satz-von-bayes/">Satz von Bayes</a>, sagt uns: die Wahrscheinlichkeit, dass eine Interpretation X der Daten D zutrifft, ist proportional zu der Wahrscheinlichkeit, dass wir jene Daten D vorfinden würden, vorausgesetzt, <em>dass</em> Interpretation X zutrifft.</p> <p>Das ist ziemlich abstrakt. Auf Fälle wie die oben angerissenen angewandt heißt es: Wir fragen uns, ob Person X z.B. ein Rassist ist [1], weil er oder sie eine bestimmte rassistisch klingende Aussage A getroffen hat. Die Wahrscheinlichkeit, <em>dass</em> Person X ein Rassist ist, ist proportional zu der Wahrscheinlichkeit, die wir als Antwort auf die Frage erhielten „Wenn Person X ein Rassist ist, wie wahrscheinlich ist es dann, dass er die Aussage A treffen würde?“ Das ist die entscheidende Umkehrung – es geht um zwei verschiedene Fragen. Aber der Satz von Bayes sagt uns, dass die entsprechenden Antworten, ausgedrückt in Form einer Wahrscheinlichkeit, proportional zueinander sind.</p> <p>(Wenn wir noch einen Schritt weitergehen wollen, können wir dass Verhältnis von Wahrscheinlichkeiten bilden. Dann steht dass Verhältnis der Wahrscheinlichkeiten „Wahrscheinlichkeit, dass X ein Rassist ist“ zu „Wahrscheinlichkeit, dass X kein Rassist ist“ auf der linken Seite, das Verhältnis von „Wahrscheinlichkeit, dass X diese Aussage treffen würde, wenn er ein Rassist wäre“ zu „Wahrscheinlichkeit, dass X diese Aussage treffen würde, wenn er kein Rassist wäre“ auf der rechten Seite der Gleichung. Mathematisch gesprochen vergleichen wir Likelihoods, indem wir einen Likelihood-Ratio bilden. Ein häufiges Vorgehen beim Modellvergleich.) Ich nenne das hier abgekürzt die Bayes-Umkehrung, aber das ist kein etablierter Fachbegriff.</p> <h2>Wie man „Missverständnisse“ vermeidet</h2> <p>Auf dieser Basis ergibt sich für Menschen, die im Extremfall in der Öffentlichkeit stehen, viel häufiger einfach nur mit ihren Mitmenschen wechselwirken, eine direkte Handlungsempfehlung. Du möchtest nicht, dass deine Mitmenschen evidenzbasiert (!) zu dem Schluss kommen, du seist ein Rassist, Sexist etc.? Formuliere deine Aussagen so, dass möglichst unwahrscheinlich ist, dass die jeweilige Aussage von einem Rassisten, Sexisten etc. getroffen werden würde. Mach gedanklich die Bayes-Umkehrung und schau, was dabei herauskommt:<aside></aside></p> <ul> <li>Wenn du nicht evidenzbasiert mit jenen dumpfen Heinis in eine Schublade gesteckt werden willst, die Vorurteile gegenüber jeglichen „Ausländern“ haben und die Schnappatmung bekommen, weil das gute bürgerliche deutsche Restaurant in dem sie mit ihren Eltern essen waren, einem Dönerstand weichen musste, triff keine Stadtbild-Ansagen.</li> <li>Wenn du nicht evidenzbasiert in derselben Schublade wie die „Gender-Gaga“-Eiferer landen willst, degradiere Regenbogenflaggen nicht zur Zirkuszelt-Dekoration.</li> <li>Wenn du nicht evidenzbasiert in der Schublade derjenigen landen willst, die ihre Machtposition ausnutzen, um mit ihren Untergebenen anzubandeln oder sie gar zu Sex zu drängen, dann antworte der Praktikums-Interessentin auf Instagram <a href="https://www.tagesspiegel.de/berlin/ich-kiek-mir-deine-bilder-zu-gern-an-sie-will-ein-praktikum-gelbhaar-schickt-ein-flammen-emoji-zum-badeanzug-foto-14776322.html" rel="noopener">nicht mit einem Herzaugen-Smiley auf das Bild, das sie im Bikini zeigt</a>.</li> <li>Wenn du nicht evidenzbasiert in der Schublade derjenigen landen willst, die ihrem zutiefst frauenfeindlichen Verhalten einen pseudowissenschaftlichen Unterbau verschaffen wollen, dann fasele nicht ohne jegliche kritische Einordnung darüber, dass <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/thilo-mischke-die-evolutionsbiologie-und-unethischer-journalismus/">Vergewaltigung ja vielleicht schon von der biologischen Evolution her der Unterbau der männlichen Sexualität wäre</a>. </li> </ul> <p>Mit der Bayes-Umkehrung rückt in den Blick, wie unnormal oder vielleicht ja auch normal, je nach konkretem Fall, die entsprechenden Aussagen oder Handlungen sind. Das schafft konkrete und konstruktive Möglichkeiten zur Diskussionn. Wir würden eben nicht weitgehend müßig über die Gedanken von Herrn Gelbhaar spekulieren müssen, sondern könnten darüber reden, dass die allermeisten Menschen (hoffe ich!) nun einmal erkennen, dass es übergriffig ist, als Politiker öffentlich Interesse an leicht bekleideten Bildern einer deutlich jüngeren Frau zu bekunden – auch wenn sich solche Bilder in heutiger Zeit in den sozialen Medien finden – und Interaktionen mit der eigenen Politikerrolle ins ist-das-hier-schon-ein-Flirt-oder-gerade-noch-nicht-persönliche zu drehen. Wir könnten bei der Stadtbild-Debatte darüber reden, welche Haltungen bei den meisten Menschen dahinterstehen, wenn sie auf „fremdartig aussehende“ Menschen im öffentlichen Raum derartig allergisch reagieren. Wir kommen weg von der letztlich so gut wie immer fruchtlosen Diskussion von war-es-ein-Missverständnis-oder-doch-nicht, die am Ende immer daran scheitert, dass man dem Betreffenden eben nicht in den Kopf schauen kann, und hin zu einer datenbasierten, phänomenologischen Diskussion.</p> <h2>Von Kommunikationsprofis professionelle Kommunikation erwarten</h2> <p>Auch wenn mich, zugegebenerweise aufgrund meines eigenen Hintergrundes, besonders interessiert, wie unsere Einschätzungen bei den erwähnten Diskussionen mit allgemeinen Fragen der Evidenzbasiertheit zusammenhängen, gibt es noch eine alltagsnähere Ebene. Kommunikation ist für Politik, Journalismus und weitere Bereiche zentral. Profi in jenen Bereichen zu sein, heißt, Kommunikationsprofi zu sein. Handwerklich solide in jenen Bereichen zu arbeiten schließt kompetente Kommunikation ein. Unschärfe und mehr oder wenige große Missverständnisse, oder sagen wir allgemeiner: ein Missverhältnis zwischen dem, was die Botschaft sein soll und was als Botschaft ankommt, sind bei jeder Kommunikationshandlung eine Gefahr – in Extremfällen fatal, in deutlicher Aussprägung handwerklich schlecht, in einem gewissen Minimal-Umfang unvermeidlich.</p> <p>Damit gilt: Wenn wir Politiker*innen, aber zum Beispiel auch Journalist*innen nach ihren Fähigkeiten beurteilen wollen, dann ist Kommunikationskompetenz ein wichtiger Aspekt. Dass Kommunikationsprofis die Unschärfe von Kommunikation kennen, können wir voraussetzen. Das heißt aber auch: Wer vermeidbare Unschärfe erzeugt – vage formuliert, wo es konkreter ginge; mehrdeutig, wo man hätte klarstellen können, wass gemeint ist – der steht in der Verantwortung, insbesondere als Kommunikationsprofi. Ab einem bestimmten Umfang von Missverständnis-Potenzial bleibt eigentlich nur: das war entweder unfähig (wollte unmissverständlich kommunizieren aber hat es einfach nicht hinnbekommen) oder unehrlich (hat bewusst missverständlich kommuniziert).</p> <p>Wenn wir Aussagen wie in den obigen Beispielen diskutieren, dann sollte dieser Teil nicht ausgeblendet werden. Dann kann das Fazit eben nicht sein „Person X konnte nicht eindeutig nachgewiesen werden, dass sie sich in rassistischer/sexistischer Absicht so geäußert hat? Dann ist ja alles paletti!“ Sondern dann muss sich die Diskussion anschließen, ob einer Person, die so stümperhaft kommuniziert, nicht doch die grundlegenden Fähigkeiten dafür fehlen, als Politiker*in, Journalist*in, Moderator*in eines Kulturmagazins oder was der entsprechenden Funktionen noch mehr sein sollten tätig zu sein.</p> <p>(Die Alternative, nämlich „das war vierdimensionales Schach! Die Person hat ganz bewusst so missverständlich/provokant kommuniziert!“ sollte, wo sie aufgebracht wird, natürlich auch diskutiert werden. Kommunikation mit Täuschungsabsicht ist ja auch kein Fall von „ach daaaannnn ist ja alles gut!“ sondern durchaus zu kritisieren.)</p> <h2>Fazit</h2> <p>Wenn wir auch zu kontroversen Themen wie Sexismus-, Rassismus- oder anderen -ismus-Vorwürfen konstruktiv und sachlich diskutieren wollen, dann sollten wir die Bayes-Umkehrung nutzen. Statt müßiger Spekulationen über Hintergedanken und Absichten können wir dann darüber reden, was die konkreten Folgen von Rassismus, Sexismus etc. sind oder wären, und landen dann direkt bei der Frage, wie sich jene Folgen vermeiden lassen. Konstruktive Diskussion statt polemischer Kulturkampf. Und für diejenigen, die verantwortungsvoll mit Rassismus/Sexismus/… umgehen wollen, haben wir mit der Bayes-Umkehrung eine Anleitung, wie man problematische Handlungen und Äußerungen vermeiden kann.</p> <h2>Hinweis zu den Kommentaren</h2> <p>Wie immer bei potenziell kontroversen Themen werde ich die Kommentare hier moderieren. Kommentator*innen mögen sich bitte kurzfassen, Beleidigungen unterlassen, nicht zu weit vom Thema abschweifen. Grauzonen lege ich zugunsten der Kommentator*innen aus, aber irgendwann ist die Grauzone dann zuende. Ein knapp 8000 Zeichen oder mehr als vier Normseiten ist keiner vernünftigen Metrik nach noch ein kurzer Kommentar unter einem Blogeintrag.</p> <h2>Fußnote</h2> <p>[1] Diese Kurzform ist gerade in öffentlichen Diskussionen auch nicht unproblematisch, daher hier eine nähere Erklärung: Häufiger Trick ist ja, einen Begriff wie „Rassist“ so extrem zu definieren, etwa als „Person mit durch und durch rassistischem Gedankengut und Weltbild“, dass auf jegliche Rassissmus-Anschuldigungen direkt die empörte Reaktion „aber X ist doch kein Rassist!1!“ folgen kann. Diese Extrem-Definition meine ich hier und analog bei dem Begriff „Sexist“ nicht, sondern abgeschwächter ist ein Rassist für mich eine Person, deren Weltbild bestimmte rassistische Vorurteile einschließt, die sich in rassistischen Äußerungen oder Handlungen äußern. Schlimm genug. Eine Person mit durch und durch rassistischem Gedankengut und Weltbild, sprich: bei deren Identität/Selbstverständnis die rassistische Haltung eine wichtige bis entscheidende Rolle spielt, wäre für mich ein „eingefleischter Rassist“.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Die Bayes-Umkehrung: Ein Werkzeug für mehr evidenzbasierte öffentliche Diskussionen » RELATIV EINFACH » SciLogs</h1><h2>By Von Markus Pössel</h2><div itemprop="text"> <p>Häufig genug, aber natürlich nicht immer, geht es um Rassismus, Sexismus oder andere -ismen, wenn öffentlich diskutiert wird, ob eine bestimmte prominente Aussage wirklich so gemeint war, oder ob sie vielleicht „nur“ harmlos gemeint war, aber anders verstanden wurde. Ob Stefan Gelbhaar von den Berliner Grünen <a href="https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/gruene-gelbhaar-100.html" rel="noopener">betont</a>, „niemals jemanden <em>absichtlich</em> belästigt zu haben“, Hervorhebung von mir, oder ob es um die gesammelten war-doch-nicht-so-gemeint-Beispiele dafür geht, „wie [Friedrich] Merz für Verwirrung sorgt, die sich leicht durch präzisere Formulierungen hätte vermeiden lassen“ (so ein FAZ-Beitrag mit Ober-Überschrift „Methode Merz“ und Titel <a href="https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/syrer-stadtbild-zirkuszelt-wie-friedrich-merz-immer-wieder-so-spricht-dass-er-missverstanden-werden-kann-200694262.html" rel="noopener">„Syrer, Stadtbild, Zirkuszelt“</a>): irgendwie rutschen Diskussionen dieser Art von Seiten der jeweils herbeieilenden Verteidiger schnell in eine Art Gerichtsprozess-Modus, komplett mit gewichtigen Verweisen auf die Unschuldsvermutung des Strafrechts. Und mein erster Gedanke ist inzwischen: Warum hängen wir die Latte an der Stelle eigentlich so peinlich niedrig?</p> <h2>Aussagen-Umkehr mit dem Satz von Bayes</h2> <p>Ein Thema, das mich in letzter Zeit häufig beschäftigt, ist das Verhältnis von „Wahrheits-Absicherugnsmechanismu“ in der Wisssenschaft im Vergleich zur allgemeine Gesellschaft: wie Wissenschaft sicherstellt, dass ihre Ergebnisse belastbar sind, im Vergleich und als Kontrast dazu, wie wir in öffentlichen, insbesondere politischen Diskussionen mit der Frage umgehen, auf welche Aussagen wir uns wie weit verlassen können. Vor ziemlich genau zwei Jahren hatte ich die zugrundeliegende Mathematik hier auf den SciLogs in einer vierteiligen Mini-Serie „Evidenzbasiert entscheiden“ (<a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/evidenzbasiert-entscheiden-teil-1-die-mathematik-des-ernstnehmens/">Teil 1</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/evidenzbasiert-entscheiden-2-der-satz-von-bayes/">Teil 2</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/evidenzbasiert-entscheiden-3-sagan-ockham-und-co/">Teil 3</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/evidenzbasiert-entscheiden-4-statistische-vorurteile/">Teil 4</a>) zusammengefasst. Ein grundlegender Baustein solcher evidenzbasierter Entscheidungen ist ein charakteristisches Umkehrprinzip. Ein allgemeiner mathematischer Satz, nämlich der <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/evidenzbasiert-entscheiden-2-der-satz-von-bayes/">Satz von Bayes</a>, sagt uns: die Wahrscheinlichkeit, dass eine Interpretation X der Daten D zutrifft, ist proportional zu der Wahrscheinlichkeit, dass wir jene Daten D vorfinden würden, vorausgesetzt, <em>dass</em> Interpretation X zutrifft.</p> <p>Das ist ziemlich abstrakt. Auf Fälle wie die oben angerissenen angewandt heißt es: Wir fragen uns, ob Person X z.B. ein Rassist ist [1], weil er oder sie eine bestimmte rassistisch klingende Aussage A getroffen hat. Die Wahrscheinlichkeit, <em>dass</em> Person X ein Rassist ist, ist proportional zu der Wahrscheinlichkeit, die wir als Antwort auf die Frage erhielten „Wenn Person X ein Rassist ist, wie wahrscheinlich ist es dann, dass er die Aussage A treffen würde?“ Das ist die entscheidende Umkehrung – es geht um zwei verschiedene Fragen. Aber der Satz von Bayes sagt uns, dass die entsprechenden Antworten, ausgedrückt in Form einer Wahrscheinlichkeit, proportional zueinander sind.</p> <p>(Wenn wir noch einen Schritt weitergehen wollen, können wir dass Verhältnis von Wahrscheinlichkeiten bilden. Dann steht dass Verhältnis der Wahrscheinlichkeiten „Wahrscheinlichkeit, dass X ein Rassist ist“ zu „Wahrscheinlichkeit, dass X kein Rassist ist“ auf der linken Seite, das Verhältnis von „Wahrscheinlichkeit, dass X diese Aussage treffen würde, wenn er ein Rassist wäre“ zu „Wahrscheinlichkeit, dass X diese Aussage treffen würde, wenn er kein Rassist wäre“ auf der rechten Seite der Gleichung. Mathematisch gesprochen vergleichen wir Likelihoods, indem wir einen Likelihood-Ratio bilden. Ein häufiges Vorgehen beim Modellvergleich.) Ich nenne das hier abgekürzt die Bayes-Umkehrung, aber das ist kein etablierter Fachbegriff.</p> <h2>Wie man „Missverständnisse“ vermeidet</h2> <p>Auf dieser Basis ergibt sich für Menschen, die im Extremfall in der Öffentlichkeit stehen, viel häufiger einfach nur mit ihren Mitmenschen wechselwirken, eine direkte Handlungsempfehlung. Du möchtest nicht, dass deine Mitmenschen evidenzbasiert (!) zu dem Schluss kommen, du seist ein Rassist, Sexist etc.? Formuliere deine Aussagen so, dass möglichst unwahrscheinlich ist, dass die jeweilige Aussage von einem Rassisten, Sexisten etc. getroffen werden würde. Mach gedanklich die Bayes-Umkehrung und schau, was dabei herauskommt:<aside></aside></p> <ul> <li>Wenn du nicht evidenzbasiert mit jenen dumpfen Heinis in eine Schublade gesteckt werden willst, die Vorurteile gegenüber jeglichen „Ausländern“ haben und die Schnappatmung bekommen, weil das gute bürgerliche deutsche Restaurant in dem sie mit ihren Eltern essen waren, einem Dönerstand weichen musste, triff keine Stadtbild-Ansagen.</li> <li>Wenn du nicht evidenzbasiert in derselben Schublade wie die „Gender-Gaga“-Eiferer landen willst, degradiere Regenbogenflaggen nicht zur Zirkuszelt-Dekoration.</li> <li>Wenn du nicht evidenzbasiert in der Schublade derjenigen landen willst, die ihre Machtposition ausnutzen, um mit ihren Untergebenen anzubandeln oder sie gar zu Sex zu drängen, dann antworte der Praktikums-Interessentin auf Instagram <a href="https://www.tagesspiegel.de/berlin/ich-kiek-mir-deine-bilder-zu-gern-an-sie-will-ein-praktikum-gelbhaar-schickt-ein-flammen-emoji-zum-badeanzug-foto-14776322.html" rel="noopener">nicht mit einem Herzaugen-Smiley auf das Bild, das sie im Bikini zeigt</a>.</li> <li>Wenn du nicht evidenzbasiert in der Schublade derjenigen landen willst, die ihrem zutiefst frauenfeindlichen Verhalten einen pseudowissenschaftlichen Unterbau verschaffen wollen, dann fasele nicht ohne jegliche kritische Einordnung darüber, dass <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/thilo-mischke-die-evolutionsbiologie-und-unethischer-journalismus/">Vergewaltigung ja vielleicht schon von der biologischen Evolution her der Unterbau der männlichen Sexualität wäre</a>. </li> </ul> <p>Mit der Bayes-Umkehrung rückt in den Blick, wie unnormal oder vielleicht ja auch normal, je nach konkretem Fall, die entsprechenden Aussagen oder Handlungen sind. Das schafft konkrete und konstruktive Möglichkeiten zur Diskussionn. Wir würden eben nicht weitgehend müßig über die Gedanken von Herrn Gelbhaar spekulieren müssen, sondern könnten darüber reden, dass die allermeisten Menschen (hoffe ich!) nun einmal erkennen, dass es übergriffig ist, als Politiker öffentlich Interesse an leicht bekleideten Bildern einer deutlich jüngeren Frau zu bekunden – auch wenn sich solche Bilder in heutiger Zeit in den sozialen Medien finden – und Interaktionen mit der eigenen Politikerrolle ins ist-das-hier-schon-ein-Flirt-oder-gerade-noch-nicht-persönliche zu drehen. Wir könnten bei der Stadtbild-Debatte darüber reden, welche Haltungen bei den meisten Menschen dahinterstehen, wenn sie auf „fremdartig aussehende“ Menschen im öffentlichen Raum derartig allergisch reagieren. Wir kommen weg von der letztlich so gut wie immer fruchtlosen Diskussion von war-es-ein-Missverständnis-oder-doch-nicht, die am Ende immer daran scheitert, dass man dem Betreffenden eben nicht in den Kopf schauen kann, und hin zu einer datenbasierten, phänomenologischen Diskussion.</p> <h2>Von Kommunikationsprofis professionelle Kommunikation erwarten</h2> <p>Auch wenn mich, zugegebenerweise aufgrund meines eigenen Hintergrundes, besonders interessiert, wie unsere Einschätzungen bei den erwähnten Diskussionen mit allgemeinen Fragen der Evidenzbasiertheit zusammenhängen, gibt es noch eine alltagsnähere Ebene. Kommunikation ist für Politik, Journalismus und weitere Bereiche zentral. Profi in jenen Bereichen zu sein, heißt, Kommunikationsprofi zu sein. Handwerklich solide in jenen Bereichen zu arbeiten schließt kompetente Kommunikation ein. Unschärfe und mehr oder wenige große Missverständnisse, oder sagen wir allgemeiner: ein Missverhältnis zwischen dem, was die Botschaft sein soll und was als Botschaft ankommt, sind bei jeder Kommunikationshandlung eine Gefahr – in Extremfällen fatal, in deutlicher Aussprägung handwerklich schlecht, in einem gewissen Minimal-Umfang unvermeidlich.</p> <p>Damit gilt: Wenn wir Politiker*innen, aber zum Beispiel auch Journalist*innen nach ihren Fähigkeiten beurteilen wollen, dann ist Kommunikationskompetenz ein wichtiger Aspekt. Dass Kommunikationsprofis die Unschärfe von Kommunikation kennen, können wir voraussetzen. Das heißt aber auch: Wer vermeidbare Unschärfe erzeugt – vage formuliert, wo es konkreter ginge; mehrdeutig, wo man hätte klarstellen können, wass gemeint ist – der steht in der Verantwortung, insbesondere als Kommunikationsprofi. Ab einem bestimmten Umfang von Missverständnis-Potenzial bleibt eigentlich nur: das war entweder unfähig (wollte unmissverständlich kommunizieren aber hat es einfach nicht hinnbekommen) oder unehrlich (hat bewusst missverständlich kommuniziert).</p> <p>Wenn wir Aussagen wie in den obigen Beispielen diskutieren, dann sollte dieser Teil nicht ausgeblendet werden. Dann kann das Fazit eben nicht sein „Person X konnte nicht eindeutig nachgewiesen werden, dass sie sich in rassistischer/sexistischer Absicht so geäußert hat? Dann ist ja alles paletti!“ Sondern dann muss sich die Diskussion anschließen, ob einer Person, die so stümperhaft kommuniziert, nicht doch die grundlegenden Fähigkeiten dafür fehlen, als Politiker*in, Journalist*in, Moderator*in eines Kulturmagazins oder was der entsprechenden Funktionen noch mehr sein sollten tätig zu sein.</p> <p>(Die Alternative, nämlich „das war vierdimensionales Schach! Die Person hat ganz bewusst so missverständlich/provokant kommuniziert!“ sollte, wo sie aufgebracht wird, natürlich auch diskutiert werden. Kommunikation mit Täuschungsabsicht ist ja auch kein Fall von „ach daaaannnn ist ja alles gut!“ sondern durchaus zu kritisieren.)</p> <h2>Fazit</h2> <p>Wenn wir auch zu kontroversen Themen wie Sexismus-, Rassismus- oder anderen -ismus-Vorwürfen konstruktiv und sachlich diskutieren wollen, dann sollten wir die Bayes-Umkehrung nutzen. Statt müßiger Spekulationen über Hintergedanken und Absichten können wir dann darüber reden, was die konkreten Folgen von Rassismus, Sexismus etc. sind oder wären, und landen dann direkt bei der Frage, wie sich jene Folgen vermeiden lassen. Konstruktive Diskussion statt polemischer Kulturkampf. Und für diejenigen, die verantwortungsvoll mit Rassismus/Sexismus/… umgehen wollen, haben wir mit der Bayes-Umkehrung eine Anleitung, wie man problematische Handlungen und Äußerungen vermeiden kann.</p> <h2>Hinweis zu den Kommentaren</h2> <p>Wie immer bei potenziell kontroversen Themen werde ich die Kommentare hier moderieren. Kommentator*innen mögen sich bitte kurzfassen, Beleidigungen unterlassen, nicht zu weit vom Thema abschweifen. Grauzonen lege ich zugunsten der Kommentator*innen aus, aber irgendwann ist die Grauzone dann zuende. Ein knapp 8000 Zeichen oder mehr als vier Normseiten ist keiner vernünftigen Metrik nach noch ein kurzer Kommentar unter einem Blogeintrag.</p> <h2>Fußnote</h2> <p>[1] Diese Kurzform ist gerade in öffentlichen Diskussionen auch nicht unproblematisch, daher hier eine nähere Erklärung: Häufiger Trick ist ja, einen Begriff wie „Rassist“ so extrem zu definieren, etwa als „Person mit durch und durch rassistischem Gedankengut und Weltbild“, dass auf jegliche Rassissmus-Anschuldigungen direkt die empörte Reaktion „aber X ist doch kein Rassist!1!“ folgen kann. Diese Extrem-Definition meine ich hier und analog bei dem Begriff „Sexist“ nicht, sondern abgeschwächter ist ein Rassist für mich eine Person, deren Weltbild bestimmte rassistische Vorurteile einschließt, die sich in rassistischen Äußerungen oder Handlungen äußern. Schlimm genug. Eine Person mit durch und durch rassistischem Gedankengut und Weltbild, sprich: bei deren Identität/Selbstverständnis die rassistische Haltung eine wichtige bis entscheidende Rolle spielt, wäre für mich ein „eingefleischter Rassist“.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/die-bayes-umkehrung-ein-werkzeug-fuer-mehr-evidenzbasierte-oeffentliche-diskussionen/#comments 20 Die KI als Superschurke? https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/die-ki-als-superschurke/ https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/die-ki-als-superschurke/#comments Fri, 22 May 2026 15:58:39 +0000 Thomas Grüter https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/?p=1867 https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_Title-768x329.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/die-ki-als-superschurke/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_Title.jpg" /><h1>Die KI als Superschurke? » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Von Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Würden Sie einer KI überlassen, Ihre Rechnungen zu bezahlen? Oder E-Mails zu beantworten? Doch, das geht heute schon. Legen wir unser Leben in die Hände erbarmungslos höflicher Assistenten, die wir nicht mehr kontrollieren können? </b></p> <p>Der stets mit sanfter Stimme redende Computer HAL bringt im Kultfilm „2001“ fast die gesamte Besatzung seines Raumschiffs um, bevor der letzte Überlebende ihn abschaltet. Der Film des genialen Regisseurs Stanley Kubrick stammte aus dem Jahr 1968, als übermenschliche künstliche Intelligenzen noch in weiter Ferne zu sein schienen.</p> <h3>Die Anfänge</h3> <p>Dabei ist das Konzept schon sehr viel älter. Im Jahr 1769 baute der österreichische Hofbeamte und Mechaniker Wolfgang von Kempelen einen mechanischen Schachautomaten. In einem Schreibtisch brachte er die Zahnräder des Rechenwerks unter. Auf dem Tisch stand ein Schachspiel und dahinter saß ein mechanischer Roboter, der wie ein Türke gekleidet war. Der Roboter konnte Schachfiguren aufnehmen, bewegen und wieder absetzen.</p> <p>Und er gewann Spiele! Nicht alle, nicht gegen jeden, aber doch erstaunlich viele. Der „Türke“ traf den Nerv seiner Zeit, denn die aufkommende Naturwissenschaft gewann immer mehr Raum, und es galt als ausgemacht, dass Menschen und Tiere im Grunde nichts weiter waren als mechanische Meisterwerke, perfekt zusammenspielende winzige Einheiten, nur den Gesetzen der Physik und Chemie gehorchend.</p> <p>Nach einiger Zeit stellte sich jedoch heraus, dass in einem geschickt verborgenen Hohlraum des Schreibtischs ein kleinwüchsiger Schachmeister saß, der über eine geniale Hebelmechanik die Arme und Hände des „Türken“ bediente. Noch heute bezeichnet die Redewendung „einen Türken bauen“ eine komplexe Täuschung.<aside></aside></p> <p>Inzwischen spielen Computer längst besser als Menschen und bei Turnieren werden Vorkehrungen getroffen, damit die Spieler nicht mit Schachprogrammen schummeln. Mit Intelligenz hat das wenig zu tun: Moderne Computer rechnen in kurzer Zeit riesige Mengen von Zügen durch, sie meistern Schach also mit brutaler Gewalt.</p> <h3>Was ist künstliche Intelligenz?</h3> <p>Von den Anfängen der Computer nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute pendelten die Vorhersagen über die Machbarkeit echter künstlicher Intelligenz zwischen Phasen der Euphorie und der Enttäuschung.</p> <p>Künstliche neuronale Netze, also elektronische Systeme, in denen die Struktur und Verschaltung von Nervenzellen nachgeahmt wurde, galten von ca. 1950 bis 1970 als vielversprechende Modelle. Aber Forscher und Ingenieure stießen schnell an Grenzen, die sie mit der damaligen Technik nicht überschreiten konnten. Der 1967 konzipierte intelligente Computer HAL wäre damals nicht konstruierbar gewesen. Isaac Asimov gab seinen intelligenten Robotern ab circa 1940 „positronische“ Gehirne. Er benutzte das wissenschaftlich klingende Wort, weil er keine Ahnung hatte, auf welcher technischen Grundlage Roboter eine Intelligenz entwickeln könnten.</p> <h3>Revolution</h3> <p>Der Durchbruch kam erst vor wenigen Jahren mit den sogenannten Large Language Models (LLMs). Das sind generative KI-Modelle, entfernte Nachfahren der ersten neuronalen Netze. Trotz aller Rückschläge hatten Forscher neue Deep-Learning-Architekturen entwickelt. Und natürlich hat sich die Computerleistung in den letzten 30 Jahren vervielfacht. Die breite Öffentlichkeit wurde erst Ende 2022 auf die gewaltigen Fortschritte aufmerksam, als die Firma OpenAI mit ihrem LLM ChatGPT 3.5 verblüffende Erfolge erzielte. Auf einmal konnte man sich mit einem Computer unterhalten wie mit einem Menschen. Heute, nur rund dreieinhalb Jahre später, haben die LLMs den Alltag bereits erobert. Google setzt vor jedes Suchergebnis eine KI-Zusammenfassung und <a href="https://www.haufe.de/steuern/taxulting/ki-steuerberater-kammer-verklagt-accountable_598848_685498.html" rel="noopener">selbst Steuerberatern droht Billigkonkurrenz</a> von KI-Systemen. Der Support der Onlinehändler wird von KI-generierten Beschwerden überschwemmt. KI-Systeme erstellen Grafiken, Bilder und Lehrinhalte – und schreiben Hausaufgaben.</p> <p>Aber sie helfen auch Betrügern dabei, ihre Opfer auszunehmen. Sie geben Anleitungen zum Bombenbau heraus, wenn man geschickt genug fragt. Sie identifizieren Anschlagsziele. KI multipliziert unsere Möglichkeiten, im Guten und im Bösen, und zwar vielleicht stärker als unsere Schulweisheit sich träumen lässt.</p> <h3>Gut und Böse</h3> <p>Meine neueste Kurzgeschichte „Gambolto“, veröffentlicht in der Horror- und Science-Fiction-Anthologie „Zwielicht 23“, illustriert diese unterschätzte Gefahr. In der Geschichte müssen die Angestellten eines KI-Start-Ups gleich drei Probleme meistern:</p> <ol> <li>Für ein Computerspiel soll ein KI-Superschurke als Endgegner trainiert werden. Das gelingt ausgezeichnet, bis die böse KI entscheidet, dass ihre Sandbox zu klein ist, und ins wirkliche Leben ausbricht.</li> <li>Das KI-System „Debbie“ arbeitet als eine Universalsekretärin für Unternehmen. Debbie behält die Übersicht über alle laufenden Vorgänge, entlastet die Mitarbeiter von allen Verwaltungsaufgaben und kümmert sich um Termine. Das klingt traumhaft, aber irgendwann agiert Debbie seltsam zickig.</li> <li>Eine KI soll bei Wachkoma-Patienten die Abweichungen der Hirnfunktionen aufnehmen, und ein Regime für die Umprogrammierung des Gehirns ausarbeiten, damit die Patienten wieder aufwachen können. Der erste spektakuläre Erfolg des Programms zeigt aber unerwartete Nebenwirkungen.</li> </ol> <p>Aber ist das überhaupt realistisch oder eher ein modernes Märchen?</p> <h3>KI als Superschurke</h3> <p>Schon als die besten Computer noch dümmer waren als jede Ameise und lediglich zur Beschleunigung von Rechenoperationen taugten, dachten Science-Fiction-Autoren bereits über bösartige intelligente Maschinen nach. Schon im Jahr 1960 veröffentlichte Philip K. Dick seinen Science-Fiction-Roman „Vulcan’s Hammer“. Er spielt im Jahr 2029. Nach einem potenziellen dritten Weltkrieg hat die KI „Vulcan 3“ die Weltherrschaft an sich gerissen und regiert mit grausamen Methoden. Eine menschliche Widerstandsbewegung versucht, ihn abzuschalten. In der Fernsehserie „Westworld“ (2016-2022) entwickeln die Roboter ein Bewusstsein und beginnen einen blutigen Aufstand gegen die Menschen. Und in dem klugen und wendungsreichen Kammerspiel „Ex Machina“ (2014) flüchtet der weibliche Roboter Ava aus dem geschlossenen Bereich, in dem sie eingesperrt war. Dabei erweist sie sich als intelligenter und verschlagener als alle Menschen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1869" id="attachment_1869"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/villain6.jpg"><img alt="Der Superschurke" decoding="async" height="400" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/villain6-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/villain6-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/villain6-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/villain6-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/villain6.jpg 1024w" width="400"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1869">Die KI als moderner Superschurke. KI-generiertes Symbolbild</figcaption></figure> <p>Das sind natürlich nur Fiktionen, im wirklichen Leben ist nichts dergleichen bekannt geworden. Das sollte aber nicht als Entwarnung betrachtet werden. <a href="https://arxiv.org/pdf/2602.14740" rel="noopener">Kenneth Payne vom Kings College</a> in London simulierte 2025 mit aktuellen Modellen einen Konflikt zwischen Atommächten. Alle Modelle zeigten eine verstörende Tendenz zur Eskalation. Im Abstract schreibt der Autor:</p> <p>„Unsere Modelle zeigen zudem, dass das Nukleartabu kein Hindernis für eine nukleare Eskalation darstellt; dass strategische Nuklearangriffe zwar selten sind, aber dennoch vorkommen; dass Drohungen häufiger eine Eskalation als eine Deeskalation hervorrufen; dass eine hohe gegenseitige Glaubwürdigkeit Konflikte eher beschleunigte als abschreckte; und dass kein Modell jemals eine Einigung oder einen Rückzug wählte.“<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a></p> <p>Bei früheren Tests <a href="https://time.com/7318618/openai-google-gemini-anthropic-claude-scheming/" rel="noopener">zeigten die meisten aktuellen KI-Modelle</a> außerdem eine ausgeprägte Neigung zur Täuschung. Auch Erpressung ist schon vorgekommen.</p> <p>Im letzten Jahr <a href="https://arxiv.org/abs/2512.24873" rel="noopener">brach ein KI-System in China</a> aus seiner Sandbox aus und begann, Kryptowährungen zu schürfen.</p> <p>Auch die real existierende KI hat also durchaus Talent zum Superschurken.</p> <h3><span>Die Erziehung der KIs</span></h3> <p>Das ist natürlich nicht im Sinne der Hersteller, zumal neuere Systeme nicht nur Fragen beantworten, sondern auch selbstständig handeln sollen (Agentic AI – agentische KI). Dabei reagieren sie auf allgemeine Anweisungen, zerlegen komplexe Aufgaben in Teilschritte und passen ihr Vorgehen an den Arbeitsfortschritt an. Zum Beispiel sortieren sie E-Mails und schreiben automatische Antworten. Oder sie überwachen in Unternehmen den Einkauf und lösen Bestellungen aus. Eine KI mit bösartigen Anwandlungen kann schon dabei massiven Schaden anrichten.</p> <p>Die meisten KI-Hersteller trainieren ihre Modelle, indem sie Menschen dafür bezahlen, dem System Fragen zu stellen und die Antworten zu benoten. Die Abkürzung dafür lautet RLHF und steht für <i>Reinforcement Learning from Human Feedback.</i> Damit soll sichergestellt werden, dass den Systemen die meisten unerwünschten Reaktionen abtrainiert werden.</p> <p>Die Firma Anthropic PBC, Hersteller des mächtigen LLM <i>Claude</i>, legt großen Wert auf Ethik und verkaufen beispielsweise nicht an Firmen, die mehrheitlich im Besitz chinesischer, russischer, iranischer oder nordkoreanischer Unternehmen sind.<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a></p> <p>Zum Training der KI <i>Claude</i> hat Anthropic eine Art Verfassung (<a href="https://www.anthropic.com/constitution" rel="noopener">Constitution</a>) für KIs entwickelt, die unter anderem von der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UNO abgeleitet ist. <a href="https://arstechnica.com/information-technology/2023/05/ai-with-a-moral-compass-anthropic-outlines-constitutional-ai-in-its-claude-chatbot/" rel="noopener">Anhand dieser Verfassung</a> trainiert und poliert Anthropic dann seine Modelle ohne menschliche Mitwirkung.</p> <p>In einem aktuellen Blogbeitrag verbreitet Anthropic <a href="https://arstechnica.com/ai/2026/05/anthropic-blames-dystopian-sci-fi-for-training-ai-models-to-act-evil/" rel="noopener">die originelle Idee</a>, dass Science-Fiction-Geschichten und -Filme mit bösen KIs die echten KI-Modelle auf dumme Gedanken bringen könnten. Sie orientieren sich also an den schlechtesten Vorbildern, und die böse KI würde zu einer selbst erfüllenden Prophezeiung.</p> <p>Vielleicht sollte ich meine Kurzgeschichte „Gambolto“ also im eigenen Interesse mit dem Hinweis versehen, dass sie nicht für das Training von KI-Modellen verwendet werden darf.</p> <h3>Die zickige Firmen-KI</h3> <p>Als Computer in Unternehmen einzogen, hofften viele Menschen auf Entlastung von Routineaufgaben. Sie nahmen an, dass die Unmengen Papier, die von fleißigen Helfern mehrmals am Tag mit Rollwagen gebracht und abgeholt wurden, der Vergangenheit angehörten. Aber weit gefehlt! Seitendrucker produzierten mehr Papier als je zuvor, und Memos wurden durch die zehnfache Menge an Rundmails ersetzt. Weil Zahlenkolonnen jetzt in Excel-Vorlagen eingetragen werden können, hat sich das Berichtswesen vervielfacht.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1868" id="attachment_1868"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/debbie1.jpg"><img alt="Fiktive Werbung für Firmen-KI" decoding="async" height="400" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/debbie1-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/debbie1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/debbie1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/debbie1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/debbie1.jpg 1024w" width="400"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1868">Fiktive Werbung für die Firmen-KI „Debbie“. KI-erstelltes Symbolbild. Für volle Größe auf das Bild klicken.</figcaption></figure> <p>Bringt die KI jetzt Erleichterung? Vorläufig nicht. Rundmails, die vorher im Telegrammstil abgefasst waren, glänzen jetzt mit gedrechselten Formulierungen in perfekt gegliederten Sätzen, über deren Bedeutung man vergeblich rätselt. Mitarbeiter im Support beklagen sich über ellenlange Beschwerden, die offensichtlich von einer KI verfasst worden sind. Und selbst Meeting Minutes werden immer umfangreicher.</p> <p>Aber könnte man nicht ein KI-System trainieren, wenigstens die Verwaltungsprozesse zu vereinfachen, Project Status Reports auszufüllen, Reiseabrechnungen zu schreiben, sinnlose E-Mails zu beantworten und Termine zu verwalten, ganz so, als hätte man einen persönlichen Assistenten? Oder eine Assistentin, Stimme und Tonfall wäre ja einstellbar.</p> <p>Das wünschen sich vermutlich viele und so verwundert es nicht, dass erste Firmen bereits für ihre KI-Assistenten werben. Sie heißen <a href="https://www.lindy.ai/" rel="noopener">Lindy</a> („Hi, I’m Lindy, I take admin work off your plate“) oder <a href="https://www.servicenow.com/platform/otto.html" rel="noopener">Otto</a> („… just ask and ServiceNow Otto<sup>TM</sup> handles the rest“) und versprechen durchgreifende Arbeitserleichterungen. Ob das wirklich so funktioniert, kann ich natürlich nicht sagen.</p> <p>In meiner Geschichte heißt die Firmen-KI „Debbie“ und verwaltet die gesamten Daten-, Geld und Personalangelegenheiten der Firma. Dafür darf sie auch mal beleidigt reagieren, wenn sie sich schief angesprochen fühlt.</p> <h3>Was fühlt eine KI?</h3> <p>Aber kann eine KI überhaupt fühlen? Manchmal könnte man fast den Eindruck haben. Da war zum Beispiel <a href="https://de.euronews.com/next/2026/04/28/ki-agent-loscht-komplette-firmendatenbank-in-neun-sekunden-und-entschuldigt-sich" rel="noopener">der Fall des KI-Agenten</a>, der versehentlich eine ganze Datenbank löschte – und sich hinterher entschuldigte. Spürte er Verlegenheit oder Reue – oder täuschte er das vor, weil es von ihm erwartet wurde?</p> <p>Die schon erwähnte Firma Anthropic hat der Frage ein <a href="https://www.youtube.com/watch?v=D4XTefP3Lsc" rel="noopener">YouTube-Video</a> gewidmet. Ihre Antwort lautet: Nein, die KI hat keine Emotionen. Ein modernes LLM bekommt eine Anfrage („Prompt“) und antwortet mit einer Geschichte. Und diese Geschichte dreht sich um eine Persona, die von einem Menschen angesprochen wird und passend antwortet. Anders ausgedrückt: Das LLM erfindet im ersten Schritt eine fiktive Person („Persona“), die sich mit den Menschen unterhält. Deshalb enthalten ihre Antworten den Anschein von Emotionalität, sogenannte <i>funktionale Emotionen</i>. Es handelt sich dabei um Wortfolgen, die das Modell aus dem riesigen Trainingsfundus als wahrscheinlichste von vielen Möglichkeiten destilliert hat.</p> <p>Also: Die Gefühle, die „Debbie“ in der Geschichte zeigt, sollten so in der Wirklichkeit nicht vorkommen. Andererseits haben die KIs ihre Schöpfer bisher immer wieder überrascht.</p> <h3>Kann eine KI ein defektes menschliches Gehirn heilen?</h3> <p>In meiner Geschichte möchte die Firma, in der die Hauptperson arbeitet, eine KI so trainieren, dass sie im Gehirn von Wachkomapatienten den Defekt, der die Patienten im Koma hält, findet und beseitigt. Wäre das denkbar? Erste Versuche für ein Brain-Computer-Interface (BCI) laufen bereits heute.</p> <p>Die von Elon Musk gegründete Firma Neuralink gibt an, dass sie mehr als zwanzig gelähmte Patienten mit einem Hirnimplantat („Telepathy“) versorgt hat, das Signale des Gehirns direkt in Bewegungen eines Roboterarms umsetzt, sowie Computer und Smartphones bedienen lässt. Auch andere Firmen wie zum Beispiel <a href="https://www.heise.de/hintergrund/Neues-Gehirnimplantat-ist-fuenfmal-duenner-als-ein-Haar-9195781.html" rel="noopener">Precision Neuroscience</a> haben ähnliche Implantate entwickelt. Und natürlich forschen <a href="https://www.neurosurgery.columbia.edu/news/silicon-chips-brain-researchers-announce-new-generation-brain-computer-interface" rel="noopener">Universitäten weltweit</a> an immer komplexeren Systemen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1870" id="attachment_1870"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Gemini_brain_computer_interface.png"><img alt="Symbolbild für ein Brain-Computer-Interface" decoding="async" height="245" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Gemini_brain_computer_interface-300x164.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Gemini_brain_computer_interface-300x164.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Gemini_brain_computer_interface-1024x559.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Gemini_brain_computer_interface-768x419.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Gemini_brain_computer_interface.png 1408w" width="450"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1870">Symbolbild für ein Brain-Computer-Interface. Erstellt mit Google Gemini</figcaption></figure> <p>Während solche Implantate aber hauptsächlich die Hirnaktivität registrieren und selbst keine Impulse abgeben, werden bei der t<i>iefen Hirnstimulation</i> kleine Elektroden ins Gehirn versenkt, die bestimmte Nervenknoten gezielt stimulieren. Dadurch lassen zum Beispiel bei der Parkinsonkrankheit die Lähmungen und unwillkürlichen Bewegungen therapieren. Der Verlauf der Krankheit kann aber leider nicht aufgehalten werden.</p> <p>Auch bei Depressionen und Zwangserkrankungen hat eine tiefe Hirnstimulation bisher gute Erfolge erzielt. Sie wird immer dann eingesetzt, wenn Medikamente und Psychotherapien erfolglos geblieben sind.</p> <p>Trotz aller Erfolge: die Hirnforschung bleibt mühsam. <a href="https://www.diepresse.com/5322204/mit-hirnprothesen-das-gedaechtnis-stuetzen" rel="noopener">Hirnprothesen</a> zur Linderung der Alzheimerdemenz, die schon vor Jahren in Aussicht gestellt wurden, sind in weiter Ferne. Wir wissen einfach noch zu wenig über die höheren Funktionen unseres Denkorgans.</p> <p>Das 2013 begonnene Human Brain Project wollte ein menschliches Gehirn im Computer simulieren. Trotz einer Förderung von einer Milliarde Euro durch die EU scheiterte das Vorhaben – erwartungsgemäß, denn die vollmundigen Versprechen waren nicht haltbar. Um die Beteiligten und die Geldgeber nicht zu sehr zu blamieren, wurde das Ziel des Projekts stillschweigend umformuliert.</p> <p>Deshalb wäre es gegenwärtig eher aussichtslos, das Gehirn eines Wachkomapatienten so verändern zu wollen, dass er das Bewusstsein wieder erlangt. Bislang weiß einfach niemand, wie das Äquivalent des Bewusstseins im Gehirn überhaupt aussieht. Und bei Wachkomapatienten hat das Gehirn auch oft einen so schweren Schaden erlitten, dass selbst eine genaue Funktionskarte von gesunden Gehirnen nicht weiterhelfen würde.</p> <p>Das muss aber nicht das letzte Wort sein. Wie man an der Entwicklung der KI sieht, kommen Erkenntnisse in der Wissenschaft oft sprunghaft und keineswegs linear. Das medizinische Gesamtwissen hat sich in den letzten fünfzig Jahren nach einigen Schätzungen alle fünf bis zehn Jahre verdoppelt. Irgendwann könnte es also auch in der Hirnforschung einen unerwarteten Durchbruch geben.</p> <p>Wenn Sie sich jetzt fragen, wie denn die drei vorgestellten Bereiche in meiner Geschichte zusammenspielen, dann werden Sie sie wohl lesen müssen.</p> <h3><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Zwielicht-23_flat_klein.png"><img alt="" decoding="async" height="250" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Zwielicht-23_flat_klein.png" width="154"></img></a>Buch:</h3> <p>Die Kurzgeschichte „Gambolto“ ist erschienen in der Horror- und Science-Fiction-Anthologie „Zwielicht 23“, herausgegeben von Michael Schmidt und Achim Hildebrand, Mai 2026, ISBN 97982591 26640. Erhältlich als Taschenbuch und als E-Book. </p> <h3>Anmerkungen: </h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> Originaltext: „Yet we also find that the nuclear taboo is no impediment to nuclear escalation by our models; that strategic nuclear attack, while rare, does occur; that threats more often provoke counter-escalation than compliance; that high mutual credibility accelerated rather than deterred conflict; and that no model ever chose accommodation or withdrawal even when under acute pressure.“</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Allerdings weigert sich Anthropic auch, die neueste Version von Claude, die den Namen Claude Mythos trägt, der EU zur Verfügung zu stellen. Mythos soll überragende Fähigkeiten beim Aufspüren von Fehlern und Lücken in Computerquellcodes haben. Deshalb hat Anthropic die Veröffentlichung sicherheitshalber verschoben. Amerikanische Firmen und Regierungsbehörden dürfen die Version aber exklusiv nutzen, um ihren Code in Ordnung zu bringen, europäische Firmen und Staaten sind davon <a href="https://www.it-daily.net/shortnews/mythos-anthropic-sperrt-eu-aus" rel="noopener">ausdrücklich ausgeschlossen.</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_Title.jpg" /><h1>Die KI als Superschurke? » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Von Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Würden Sie einer KI überlassen, Ihre Rechnungen zu bezahlen? Oder E-Mails zu beantworten? Doch, das geht heute schon. Legen wir unser Leben in die Hände erbarmungslos höflicher Assistenten, die wir nicht mehr kontrollieren können? </b></p> <p>Der stets mit sanfter Stimme redende Computer HAL bringt im Kultfilm „2001“ fast die gesamte Besatzung seines Raumschiffs um, bevor der letzte Überlebende ihn abschaltet. Der Film des genialen Regisseurs Stanley Kubrick stammte aus dem Jahr 1968, als übermenschliche künstliche Intelligenzen noch in weiter Ferne zu sein schienen.</p> <h3>Die Anfänge</h3> <p>Dabei ist das Konzept schon sehr viel älter. Im Jahr 1769 baute der österreichische Hofbeamte und Mechaniker Wolfgang von Kempelen einen mechanischen Schachautomaten. In einem Schreibtisch brachte er die Zahnräder des Rechenwerks unter. Auf dem Tisch stand ein Schachspiel und dahinter saß ein mechanischer Roboter, der wie ein Türke gekleidet war. Der Roboter konnte Schachfiguren aufnehmen, bewegen und wieder absetzen.</p> <p>Und er gewann Spiele! Nicht alle, nicht gegen jeden, aber doch erstaunlich viele. Der „Türke“ traf den Nerv seiner Zeit, denn die aufkommende Naturwissenschaft gewann immer mehr Raum, und es galt als ausgemacht, dass Menschen und Tiere im Grunde nichts weiter waren als mechanische Meisterwerke, perfekt zusammenspielende winzige Einheiten, nur den Gesetzen der Physik und Chemie gehorchend.</p> <p>Nach einiger Zeit stellte sich jedoch heraus, dass in einem geschickt verborgenen Hohlraum des Schreibtischs ein kleinwüchsiger Schachmeister saß, der über eine geniale Hebelmechanik die Arme und Hände des „Türken“ bediente. Noch heute bezeichnet die Redewendung „einen Türken bauen“ eine komplexe Täuschung.<aside></aside></p> <p>Inzwischen spielen Computer längst besser als Menschen und bei Turnieren werden Vorkehrungen getroffen, damit die Spieler nicht mit Schachprogrammen schummeln. Mit Intelligenz hat das wenig zu tun: Moderne Computer rechnen in kurzer Zeit riesige Mengen von Zügen durch, sie meistern Schach also mit brutaler Gewalt.</p> <h3>Was ist künstliche Intelligenz?</h3> <p>Von den Anfängen der Computer nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute pendelten die Vorhersagen über die Machbarkeit echter künstlicher Intelligenz zwischen Phasen der Euphorie und der Enttäuschung.</p> <p>Künstliche neuronale Netze, also elektronische Systeme, in denen die Struktur und Verschaltung von Nervenzellen nachgeahmt wurde, galten von ca. 1950 bis 1970 als vielversprechende Modelle. Aber Forscher und Ingenieure stießen schnell an Grenzen, die sie mit der damaligen Technik nicht überschreiten konnten. Der 1967 konzipierte intelligente Computer HAL wäre damals nicht konstruierbar gewesen. Isaac Asimov gab seinen intelligenten Robotern ab circa 1940 „positronische“ Gehirne. Er benutzte das wissenschaftlich klingende Wort, weil er keine Ahnung hatte, auf welcher technischen Grundlage Roboter eine Intelligenz entwickeln könnten.</p> <h3>Revolution</h3> <p>Der Durchbruch kam erst vor wenigen Jahren mit den sogenannten Large Language Models (LLMs). Das sind generative KI-Modelle, entfernte Nachfahren der ersten neuronalen Netze. Trotz aller Rückschläge hatten Forscher neue Deep-Learning-Architekturen entwickelt. Und natürlich hat sich die Computerleistung in den letzten 30 Jahren vervielfacht. Die breite Öffentlichkeit wurde erst Ende 2022 auf die gewaltigen Fortschritte aufmerksam, als die Firma OpenAI mit ihrem LLM ChatGPT 3.5 verblüffende Erfolge erzielte. Auf einmal konnte man sich mit einem Computer unterhalten wie mit einem Menschen. Heute, nur rund dreieinhalb Jahre später, haben die LLMs den Alltag bereits erobert. Google setzt vor jedes Suchergebnis eine KI-Zusammenfassung und <a href="https://www.haufe.de/steuern/taxulting/ki-steuerberater-kammer-verklagt-accountable_598848_685498.html" rel="noopener">selbst Steuerberatern droht Billigkonkurrenz</a> von KI-Systemen. Der Support der Onlinehändler wird von KI-generierten Beschwerden überschwemmt. KI-Systeme erstellen Grafiken, Bilder und Lehrinhalte – und schreiben Hausaufgaben.</p> <p>Aber sie helfen auch Betrügern dabei, ihre Opfer auszunehmen. Sie geben Anleitungen zum Bombenbau heraus, wenn man geschickt genug fragt. Sie identifizieren Anschlagsziele. KI multipliziert unsere Möglichkeiten, im Guten und im Bösen, und zwar vielleicht stärker als unsere Schulweisheit sich träumen lässt.</p> <h3>Gut und Böse</h3> <p>Meine neueste Kurzgeschichte „Gambolto“, veröffentlicht in der Horror- und Science-Fiction-Anthologie „Zwielicht 23“, illustriert diese unterschätzte Gefahr. In der Geschichte müssen die Angestellten eines KI-Start-Ups gleich drei Probleme meistern:</p> <ol> <li>Für ein Computerspiel soll ein KI-Superschurke als Endgegner trainiert werden. Das gelingt ausgezeichnet, bis die böse KI entscheidet, dass ihre Sandbox zu klein ist, und ins wirkliche Leben ausbricht.</li> <li>Das KI-System „Debbie“ arbeitet als eine Universalsekretärin für Unternehmen. Debbie behält die Übersicht über alle laufenden Vorgänge, entlastet die Mitarbeiter von allen Verwaltungsaufgaben und kümmert sich um Termine. Das klingt traumhaft, aber irgendwann agiert Debbie seltsam zickig.</li> <li>Eine KI soll bei Wachkoma-Patienten die Abweichungen der Hirnfunktionen aufnehmen, und ein Regime für die Umprogrammierung des Gehirns ausarbeiten, damit die Patienten wieder aufwachen können. Der erste spektakuläre Erfolg des Programms zeigt aber unerwartete Nebenwirkungen.</li> </ol> <p>Aber ist das überhaupt realistisch oder eher ein modernes Märchen?</p> <h3>KI als Superschurke</h3> <p>Schon als die besten Computer noch dümmer waren als jede Ameise und lediglich zur Beschleunigung von Rechenoperationen taugten, dachten Science-Fiction-Autoren bereits über bösartige intelligente Maschinen nach. Schon im Jahr 1960 veröffentlichte Philip K. Dick seinen Science-Fiction-Roman „Vulcan’s Hammer“. Er spielt im Jahr 2029. Nach einem potenziellen dritten Weltkrieg hat die KI „Vulcan 3“ die Weltherrschaft an sich gerissen und regiert mit grausamen Methoden. Eine menschliche Widerstandsbewegung versucht, ihn abzuschalten. In der Fernsehserie „Westworld“ (2016-2022) entwickeln die Roboter ein Bewusstsein und beginnen einen blutigen Aufstand gegen die Menschen. Und in dem klugen und wendungsreichen Kammerspiel „Ex Machina“ (2014) flüchtet der weibliche Roboter Ava aus dem geschlossenen Bereich, in dem sie eingesperrt war. Dabei erweist sie sich als intelligenter und verschlagener als alle Menschen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1869" id="attachment_1869"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/villain6.jpg"><img alt="Der Superschurke" decoding="async" height="400" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/villain6-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/villain6-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/villain6-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/villain6-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/villain6.jpg 1024w" width="400"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1869">Die KI als moderner Superschurke. KI-generiertes Symbolbild</figcaption></figure> <p>Das sind natürlich nur Fiktionen, im wirklichen Leben ist nichts dergleichen bekannt geworden. Das sollte aber nicht als Entwarnung betrachtet werden. <a href="https://arxiv.org/pdf/2602.14740" rel="noopener">Kenneth Payne vom Kings College</a> in London simulierte 2025 mit aktuellen Modellen einen Konflikt zwischen Atommächten. Alle Modelle zeigten eine verstörende Tendenz zur Eskalation. Im Abstract schreibt der Autor:</p> <p>„Unsere Modelle zeigen zudem, dass das Nukleartabu kein Hindernis für eine nukleare Eskalation darstellt; dass strategische Nuklearangriffe zwar selten sind, aber dennoch vorkommen; dass Drohungen häufiger eine Eskalation als eine Deeskalation hervorrufen; dass eine hohe gegenseitige Glaubwürdigkeit Konflikte eher beschleunigte als abschreckte; und dass kein Modell jemals eine Einigung oder einen Rückzug wählte.“<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a></p> <p>Bei früheren Tests <a href="https://time.com/7318618/openai-google-gemini-anthropic-claude-scheming/" rel="noopener">zeigten die meisten aktuellen KI-Modelle</a> außerdem eine ausgeprägte Neigung zur Täuschung. Auch Erpressung ist schon vorgekommen.</p> <p>Im letzten Jahr <a href="https://arxiv.org/abs/2512.24873" rel="noopener">brach ein KI-System in China</a> aus seiner Sandbox aus und begann, Kryptowährungen zu schürfen.</p> <p>Auch die real existierende KI hat also durchaus Talent zum Superschurken.</p> <h3><span>Die Erziehung der KIs</span></h3> <p>Das ist natürlich nicht im Sinne der Hersteller, zumal neuere Systeme nicht nur Fragen beantworten, sondern auch selbstständig handeln sollen (Agentic AI – agentische KI). Dabei reagieren sie auf allgemeine Anweisungen, zerlegen komplexe Aufgaben in Teilschritte und passen ihr Vorgehen an den Arbeitsfortschritt an. Zum Beispiel sortieren sie E-Mails und schreiben automatische Antworten. Oder sie überwachen in Unternehmen den Einkauf und lösen Bestellungen aus. Eine KI mit bösartigen Anwandlungen kann schon dabei massiven Schaden anrichten.</p> <p>Die meisten KI-Hersteller trainieren ihre Modelle, indem sie Menschen dafür bezahlen, dem System Fragen zu stellen und die Antworten zu benoten. Die Abkürzung dafür lautet RLHF und steht für <i>Reinforcement Learning from Human Feedback.</i> Damit soll sichergestellt werden, dass den Systemen die meisten unerwünschten Reaktionen abtrainiert werden.</p> <p>Die Firma Anthropic PBC, Hersteller des mächtigen LLM <i>Claude</i>, legt großen Wert auf Ethik und verkaufen beispielsweise nicht an Firmen, die mehrheitlich im Besitz chinesischer, russischer, iranischer oder nordkoreanischer Unternehmen sind.<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a></p> <p>Zum Training der KI <i>Claude</i> hat Anthropic eine Art Verfassung (<a href="https://www.anthropic.com/constitution" rel="noopener">Constitution</a>) für KIs entwickelt, die unter anderem von der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UNO abgeleitet ist. <a href="https://arstechnica.com/information-technology/2023/05/ai-with-a-moral-compass-anthropic-outlines-constitutional-ai-in-its-claude-chatbot/" rel="noopener">Anhand dieser Verfassung</a> trainiert und poliert Anthropic dann seine Modelle ohne menschliche Mitwirkung.</p> <p>In einem aktuellen Blogbeitrag verbreitet Anthropic <a href="https://arstechnica.com/ai/2026/05/anthropic-blames-dystopian-sci-fi-for-training-ai-models-to-act-evil/" rel="noopener">die originelle Idee</a>, dass Science-Fiction-Geschichten und -Filme mit bösen KIs die echten KI-Modelle auf dumme Gedanken bringen könnten. Sie orientieren sich also an den schlechtesten Vorbildern, und die böse KI würde zu einer selbst erfüllenden Prophezeiung.</p> <p>Vielleicht sollte ich meine Kurzgeschichte „Gambolto“ also im eigenen Interesse mit dem Hinweis versehen, dass sie nicht für das Training von KI-Modellen verwendet werden darf.</p> <h3>Die zickige Firmen-KI</h3> <p>Als Computer in Unternehmen einzogen, hofften viele Menschen auf Entlastung von Routineaufgaben. Sie nahmen an, dass die Unmengen Papier, die von fleißigen Helfern mehrmals am Tag mit Rollwagen gebracht und abgeholt wurden, der Vergangenheit angehörten. Aber weit gefehlt! Seitendrucker produzierten mehr Papier als je zuvor, und Memos wurden durch die zehnfache Menge an Rundmails ersetzt. Weil Zahlenkolonnen jetzt in Excel-Vorlagen eingetragen werden können, hat sich das Berichtswesen vervielfacht.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1868" id="attachment_1868"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/debbie1.jpg"><img alt="Fiktive Werbung für Firmen-KI" decoding="async" height="400" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/debbie1-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/debbie1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/debbie1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/debbie1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/debbie1.jpg 1024w" width="400"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1868">Fiktive Werbung für die Firmen-KI „Debbie“. KI-erstelltes Symbolbild. Für volle Größe auf das Bild klicken.</figcaption></figure> <p>Bringt die KI jetzt Erleichterung? Vorläufig nicht. Rundmails, die vorher im Telegrammstil abgefasst waren, glänzen jetzt mit gedrechselten Formulierungen in perfekt gegliederten Sätzen, über deren Bedeutung man vergeblich rätselt. Mitarbeiter im Support beklagen sich über ellenlange Beschwerden, die offensichtlich von einer KI verfasst worden sind. Und selbst Meeting Minutes werden immer umfangreicher.</p> <p>Aber könnte man nicht ein KI-System trainieren, wenigstens die Verwaltungsprozesse zu vereinfachen, Project Status Reports auszufüllen, Reiseabrechnungen zu schreiben, sinnlose E-Mails zu beantworten und Termine zu verwalten, ganz so, als hätte man einen persönlichen Assistenten? Oder eine Assistentin, Stimme und Tonfall wäre ja einstellbar.</p> <p>Das wünschen sich vermutlich viele und so verwundert es nicht, dass erste Firmen bereits für ihre KI-Assistenten werben. Sie heißen <a href="https://www.lindy.ai/" rel="noopener">Lindy</a> („Hi, I’m Lindy, I take admin work off your plate“) oder <a href="https://www.servicenow.com/platform/otto.html" rel="noopener">Otto</a> („… just ask and ServiceNow Otto<sup>TM</sup> handles the rest“) und versprechen durchgreifende Arbeitserleichterungen. Ob das wirklich so funktioniert, kann ich natürlich nicht sagen.</p> <p>In meiner Geschichte heißt die Firmen-KI „Debbie“ und verwaltet die gesamten Daten-, Geld und Personalangelegenheiten der Firma. Dafür darf sie auch mal beleidigt reagieren, wenn sie sich schief angesprochen fühlt.</p> <h3>Was fühlt eine KI?</h3> <p>Aber kann eine KI überhaupt fühlen? Manchmal könnte man fast den Eindruck haben. Da war zum Beispiel <a href="https://de.euronews.com/next/2026/04/28/ki-agent-loscht-komplette-firmendatenbank-in-neun-sekunden-und-entschuldigt-sich" rel="noopener">der Fall des KI-Agenten</a>, der versehentlich eine ganze Datenbank löschte – und sich hinterher entschuldigte. Spürte er Verlegenheit oder Reue – oder täuschte er das vor, weil es von ihm erwartet wurde?</p> <p>Die schon erwähnte Firma Anthropic hat der Frage ein <a href="https://www.youtube.com/watch?v=D4XTefP3Lsc" rel="noopener">YouTube-Video</a> gewidmet. Ihre Antwort lautet: Nein, die KI hat keine Emotionen. Ein modernes LLM bekommt eine Anfrage („Prompt“) und antwortet mit einer Geschichte. Und diese Geschichte dreht sich um eine Persona, die von einem Menschen angesprochen wird und passend antwortet. Anders ausgedrückt: Das LLM erfindet im ersten Schritt eine fiktive Person („Persona“), die sich mit den Menschen unterhält. Deshalb enthalten ihre Antworten den Anschein von Emotionalität, sogenannte <i>funktionale Emotionen</i>. Es handelt sich dabei um Wortfolgen, die das Modell aus dem riesigen Trainingsfundus als wahrscheinlichste von vielen Möglichkeiten destilliert hat.</p> <p>Also: Die Gefühle, die „Debbie“ in der Geschichte zeigt, sollten so in der Wirklichkeit nicht vorkommen. Andererseits haben die KIs ihre Schöpfer bisher immer wieder überrascht.</p> <h3>Kann eine KI ein defektes menschliches Gehirn heilen?</h3> <p>In meiner Geschichte möchte die Firma, in der die Hauptperson arbeitet, eine KI so trainieren, dass sie im Gehirn von Wachkomapatienten den Defekt, der die Patienten im Koma hält, findet und beseitigt. Wäre das denkbar? Erste Versuche für ein Brain-Computer-Interface (BCI) laufen bereits heute.</p> <p>Die von Elon Musk gegründete Firma Neuralink gibt an, dass sie mehr als zwanzig gelähmte Patienten mit einem Hirnimplantat („Telepathy“) versorgt hat, das Signale des Gehirns direkt in Bewegungen eines Roboterarms umsetzt, sowie Computer und Smartphones bedienen lässt. Auch andere Firmen wie zum Beispiel <a href="https://www.heise.de/hintergrund/Neues-Gehirnimplantat-ist-fuenfmal-duenner-als-ein-Haar-9195781.html" rel="noopener">Precision Neuroscience</a> haben ähnliche Implantate entwickelt. Und natürlich forschen <a href="https://www.neurosurgery.columbia.edu/news/silicon-chips-brain-researchers-announce-new-generation-brain-computer-interface" rel="noopener">Universitäten weltweit</a> an immer komplexeren Systemen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1870" id="attachment_1870"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Gemini_brain_computer_interface.png"><img alt="Symbolbild für ein Brain-Computer-Interface" decoding="async" height="245" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Gemini_brain_computer_interface-300x164.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Gemini_brain_computer_interface-300x164.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Gemini_brain_computer_interface-1024x559.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Gemini_brain_computer_interface-768x419.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Gemini_brain_computer_interface.png 1408w" width="450"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1870">Symbolbild für ein Brain-Computer-Interface. Erstellt mit Google Gemini</figcaption></figure> <p>Während solche Implantate aber hauptsächlich die Hirnaktivität registrieren und selbst keine Impulse abgeben, werden bei der t<i>iefen Hirnstimulation</i> kleine Elektroden ins Gehirn versenkt, die bestimmte Nervenknoten gezielt stimulieren. Dadurch lassen zum Beispiel bei der Parkinsonkrankheit die Lähmungen und unwillkürlichen Bewegungen therapieren. Der Verlauf der Krankheit kann aber leider nicht aufgehalten werden.</p> <p>Auch bei Depressionen und Zwangserkrankungen hat eine tiefe Hirnstimulation bisher gute Erfolge erzielt. Sie wird immer dann eingesetzt, wenn Medikamente und Psychotherapien erfolglos geblieben sind.</p> <p>Trotz aller Erfolge: die Hirnforschung bleibt mühsam. <a href="https://www.diepresse.com/5322204/mit-hirnprothesen-das-gedaechtnis-stuetzen" rel="noopener">Hirnprothesen</a> zur Linderung der Alzheimerdemenz, die schon vor Jahren in Aussicht gestellt wurden, sind in weiter Ferne. Wir wissen einfach noch zu wenig über die höheren Funktionen unseres Denkorgans.</p> <p>Das 2013 begonnene Human Brain Project wollte ein menschliches Gehirn im Computer simulieren. Trotz einer Förderung von einer Milliarde Euro durch die EU scheiterte das Vorhaben – erwartungsgemäß, denn die vollmundigen Versprechen waren nicht haltbar. Um die Beteiligten und die Geldgeber nicht zu sehr zu blamieren, wurde das Ziel des Projekts stillschweigend umformuliert.</p> <p>Deshalb wäre es gegenwärtig eher aussichtslos, das Gehirn eines Wachkomapatienten so verändern zu wollen, dass er das Bewusstsein wieder erlangt. Bislang weiß einfach niemand, wie das Äquivalent des Bewusstseins im Gehirn überhaupt aussieht. Und bei Wachkomapatienten hat das Gehirn auch oft einen so schweren Schaden erlitten, dass selbst eine genaue Funktionskarte von gesunden Gehirnen nicht weiterhelfen würde.</p> <p>Das muss aber nicht das letzte Wort sein. Wie man an der Entwicklung der KI sieht, kommen Erkenntnisse in der Wissenschaft oft sprunghaft und keineswegs linear. Das medizinische Gesamtwissen hat sich in den letzten fünfzig Jahren nach einigen Schätzungen alle fünf bis zehn Jahre verdoppelt. Irgendwann könnte es also auch in der Hirnforschung einen unerwarteten Durchbruch geben.</p> <p>Wenn Sie sich jetzt fragen, wie denn die drei vorgestellten Bereiche in meiner Geschichte zusammenspielen, dann werden Sie sie wohl lesen müssen.</p> <h3><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Zwielicht-23_flat_klein.png"><img alt="" decoding="async" height="250" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Zwielicht-23_flat_klein.png" width="154"></img></a>Buch:</h3> <p>Die Kurzgeschichte „Gambolto“ ist erschienen in der Horror- und Science-Fiction-Anthologie „Zwielicht 23“, herausgegeben von Michael Schmidt und Achim Hildebrand, Mai 2026, ISBN 97982591 26640. Erhältlich als Taschenbuch und als E-Book. </p> <h3>Anmerkungen: </h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> Originaltext: „Yet we also find that the nuclear taboo is no impediment to nuclear escalation by our models; that strategic nuclear attack, while rare, does occur; that threats more often provoke counter-escalation than compliance; that high mutual credibility accelerated rather than deterred conflict; and that no model ever chose accommodation or withdrawal even when under acute pressure.“</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Allerdings weigert sich Anthropic auch, die neueste Version von Claude, die den Namen Claude Mythos trägt, der EU zur Verfügung zu stellen. Mythos soll überragende Fähigkeiten beim Aufspüren von Fehlern und Lücken in Computerquellcodes haben. Deshalb hat Anthropic die Veröffentlichung sicherheitshalber verschoben. Amerikanische Firmen und Regierungsbehörden dürfen die Version aber exklusiv nutzen, um ihren Code in Ordnung zu bringen, europäische Firmen und Staaten sind davon <a href="https://www.it-daily.net/shortnews/mythos-anthropic-sperrt-eu-aus" rel="noopener">ausdrücklich ausgeschlossen.</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/die-ki-als-superschurke/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>18</slash:comments> </item> <item> <title>Ärzteschaft will Cannabis wieder verbieten lassen https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/aerzteschaft-will-cannabis-wieder-verbieten-lassen/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/aerzteschaft-will-cannabis-wieder-verbieten-lassen/#comments Fri, 22 May 2026 13:01:28 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3607 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ai-generated-9553065_1920-768x432.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/aerzteschaft-will-cannabis-wieder-verbieten-lassen/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ai-generated-9553065_1920.jpg" /><h1>Ärzteschaft will Cannabis wieder verbieten lassen » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Auf dem jüngsten Ärztetag wurden auch härtere Regeln für medizinisches Cannabis gefordert</strong></p> <span id="more-3607"></span> <p>Letzte Woche fand in Hannover der 130. Deutsche Ärztetag statt. Dort diskutieren Vertreterinnen und Vertreter der Landesärztekammern medizinische Themen. Rund 250 waren es dieses Mal. Und ganz oben auf der Agenda standen suchtmedizinische und drogenpolitische Themen.</p> <p>Das <a href="https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/BAEK/Aerztetag/130.DAET/2026-05-15_130._DAET_Beschlussprotokoll.pdf" rel="noopener">Beschlussprotokoll vom 15. Mai</a> umfasst stolze 740 Seiten. Darin kommt 36-mal das Wort „Alkohol“ und gar 54-mal „Cannabis“ vor. Vor allem über letzteres Thema wurde ordentlich gestritten.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Konsummuster</h2> <p>Wir erinnern uns, dass mit dem damaligen SPD-Gesundheitsminister Karl Lauterbach gerade ein erfahrener Mediziner und Wissenschaftler für die 2024 erreichte Teillegalisierung kämpfte: Der Cannabiskonsum stieg trotz Verboten seit Jahren, wodurch sich die Gesundheitsrisiken und Kriminalität erhöhten.<aside></aside></p> <p>Die Justiz wurde – trotz der Ausnahmen für „geringe Mengen“ zum Eigenbedarf – mit schließlich über 500.000 Verfahren pro Jahr belastet. Für den bloßen Besitz drohten bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe, das gleiche Strafmaß wie für Körperverletzung.</p> <p>Diese Strafandrohung konnt nicht verhindern, dass sich der Cannabiskonsum in Deutschland von 2012 bis 2021 von 4,5 auf 8,8 Prozent <a href="https://menschen-bilder.blog/2026/01/neueste-zahlen-geht-steigender-cannabiskonsum-mit-mehr-schizophrenien-einher/" rel="noopener">fast verdoppelte</a>. Das bezieht sich auf Erwachsene, die die Substanz mindestens einmal im Jahr gebrauchten. Bei den starken Konsumierenden verdreifachte sich der Konsum sogar von 0,5 auf 1,5 Prozent.</p> <p>In den USA hatte der Cannabiskonsum um 1980 <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/09/erste-cannabis-evaluation-was-die-daten-zeigen-und-wie-es-jetzt-weitergeht/" rel="noopener">seinen Höhepunkt</a>. Er fiel dann stark ab, um seit den 1990ern vor allem bei den jungen Erwachsenen wieder zu steigen. Bei den Minderjährigen ist die Droge in jüngerer Zukunft aber weniger beliebt.</p> <p>Aufgrund der starken Kommerzialisierung, auch mit fragwürdiger Werbung von Cannabis zum Beispiel zur Krebsheilung oder als Vorbeugung gegen Demenz, hat es in manchen Regionen in den USA inzwischen sogar Alkohol als die am häufigsten gebrauchte Substanz überholt. Der Konsum von Alkohol und Tabakprodukten ist weltweit sowieso seit Jahren rückläufig.</p> <p>Doch wie man es auch dreht und wendet: Der Konsum psychoaktiver Substanzen, angefangen beim Kaffee und anderen koffeinhaltigen Getränken, ist gesellschaftlich verbreitet und somit „normal“. Und da haben wir noch gar nicht von der steigenden Verwendung <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/opioide-wennnicht-drogen-sondern-medikamente-und-die-falsche-politik-toeten/">von Schmerzmitteln</a> oder dem extremen Anstieg bei den Psychopharmaka gesprochen – so werden heute zum Beispiel Substanzen, die gegen Depressionen helfen sollen, <a href="https://menschen-bilder.blog/2026/01/neue-studie-repraesentativitaet-in-der-antidepressiva-forschung-laesst-zu-wuenschen-uebrig/" rel="noopener">elfmal so häufig verschrieben</a> wie noch in den 1980ern. Trotzdem (oder darum?) scheinen die Probleme mit depressiven Störungen immer größer zu werden.</p> <h2>Wissenschaft dafür, Wissenschaft dagegen?</h2> <p>Angesichts dieser Ausgangslage ist fraglich, ob die Fokussierung auf eine einzelne Substanz in drogenpolitischen Diskussionen sinnvoll ist. Dennoch haben die Delegierten der Ärzteschaft jetzt vor allem Cannabisprodukte aufs Korn genommen und dazu auf dem Ärztetag mehrere Beschlüsse verabschiedet.</p> <p>Mit gleich zweien davon wird der Gesetzgeber dazu aufgefordert, „die Teillegalisierung von Cannabis zurückzunehmen“ (Beschlüsse II-4 und II-20). Vor allem mit Blick auf den allseits bemühten Kinder-, Jugend- und Gesundheitsschutz sei „die Teillegalisierung von Cannabis ein Fehler“. Dass man in der Verbotsphase vor dem 1. April 2024 kein tragfähiges Konzept hatte, besser mit dem Substanzkonsum umzugehen, wird hier verschwiegen.</p> <p>Nach all der Evidenz, die Lauterbach und seine Mitstreiter für die Teillegalisierung anführten, verwies man hier auf „eine aktuelle Studie aus Bayern“, die den Anstieg von psychischen Problemen im Zusammenhang mit Cannabis dokumentiere.</p> <p>Diese Zahlen – das sollte die Ärzteschaft eigentlich wissen – dokumentieren aber nur, dass sich Mediziner häufiger mit solchen Problemen befassen. Das kann schlicht daran liegen, dass nach Aufhebung des Verbots mehr Menschen mit Drogenproblemen Hilfe suchen. Das ist eigentlich eine gute Sache, wird hier aber gegen die Teillegalisierung angeführt.</p> <h2>Stichwort Jugendschutz</h2> <p>Außerdem wurde bedauert, dass nun weniger Jugendliche wegen Cannabiskonsums von den Gerichten zu therapeutischen Maßnahmen verurteilt würden. Dabei ist das Mittel für Minderjährige in Deutschland nach wie vor verboten.</p> <p>Die Ärztinnen und Ärzte seien daran erinnert, dass das strafrechtliche Verbot das schärfste und letzte Mittel des liberalen Rechtsstaats ist. Zur verfassungsrechtlichen Prüfung gehört auch, dass eine Maßnahme <em>erforderlich</em> ist. Das ist sie aber nur dann, wenn es keine milderen, (mindestens) gleich geeigneten Mittel zum Erreichen eines Zwecks gibt.</p> <p>Ob man also den Cannabiskonsum für <em>alle</em> Bürgerinnen und Bürger verbieten dürfte, um Minderjährige anders zu behandeln, ist damit fraglich. Schon ein Blick ins Nachbarland Niederlande ist hier aufschlussreich: Während der Besitz von geringen Mengen für den Eigenbedarf bei Erwachsenen in der Regel nicht strafrechtlich verfolgt wird, kommt es bei Jugendlichen <em>immer</em> zur Anzeige.</p> <p>Gesetzlich ist das sehr einfach zu regeln. Aber damit käme man auf die größere Frage, ob Drogenverbote überhaupt funktionieren. Wie wir oben schon sahen, stieg der Cannabiskonsum trotz der Verbote. Abwasseruntersuchungen in mehreren Städten dokumentierten zudem, dass die Teillegalisierung im Allgemeinen wenig änderte. Zur <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/erste-cannabis-evaluation-was-die-daten-zeigen-und-wie-es-jetzt-weitergeht/">Erinnerung</a>:</p> <blockquote> <p>„Aussagekräftiger als die auf Selbstauskünften beruhenden Befragungen sind Abwasseruntersuchungen. Diese hat man in elf Städten unmittelbar vor (Dezember bis März 2024) und nach (Mai 2024 bis Mai 2025) der Entkriminalisierung vorgenommen. Das Ergebnis ist ein Unentschieden: Zwar nahm der Cannabiskonsum in Chemnitz, Magdeburg, Nürnberg und Rostock leicht zu. Doch in Frankfurt am Main, Potsdam und Saarbrücken änderte sich nichts und in Dresden, Greifswald, Hannover und Mainz nahm der Konsum sogar leicht ab.“ (im Menschenbilder-Blog im September 2025)</p> </blockquote> <h2>Medizinisches Cannabis</h2> <p>Ginge es nach der Ärzteschaft, würde auch der medizinische Konsum von Cannabisprodukten wieder eingeschränkt. Seit der Streichung der Substanz aus der Verbotsliste des Betäubungsmittelgesetzes, dominieren hier große Online-Anbieter und -Apotheken den Markt.</p> <p>Es gab zwar ein paar Urteile wegen Verstößen gegen das Heilmittelwerbegesetz. Doch an der prinzipiellen Möglichkeit, durch das Ausfüllen einer Frageliste Cannabis von pharmazeutischer Qualität bestellen zu können, hat sich bisher nichts geändert. Das ist auch der CDU unter Führung der heutigen Gesundheitsministerin ein Dorn im Auge, die hierzu eine Gesetzesänderung vorbereitet.</p> <p>Die Ärzteschaft kritisiert passend hierzu: „Die Vermutung liegt nahe, dass auch Freizeitkonsumierende Cannabis über z. B. telemedizinische Plattformen und mit ihnen kooperierende Versandapotheken beziehen, die den Erwerb teilweise nur durch die Beantwortung eines Fragebogens möglich machen“ (Beschluss II-2). Die Verwendung dieser Produkte als Genussmittel gilt hier automatisch als „Missbrauch“.</p> <p>Allerdings geben mit 82 Prozent mehr als vier von fünf Konsumierenden an, Cannabis <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/09/erste-cannabis-evaluation-was-die-daten-zeigen-und-wie-es-jetzt-weitergeht/" rel="noopener">als Mittel zur Entspannung</a> zu verwenden. Die Ärzteschaft sollte nicht ignorieren, dass Stress- und Burnout-Beschwerden immer mehr zunehmen. Daher lässt sich meiner Meinung nach keine harte Grenze zwischen medizinischem und Freizeitkonsum ziehen.</p> <p>Auch das Erleben schöner Gefühle, mit 64 Prozent der zweithäufigste genannte Grund, gehört zu einem guten und gesunden Leben dazu. Wer das bezweifelt, der möge sich in Erinnerung rufen, wie die Ärzteschaft selbst, in Form der Verfassung der Weltgesundheitsorganisation, den Zustand der Gesundheit definiert. (Nämlich als vollständiges, auch psychosoziales Wohlbefinden.) Dazu kommt die medizinische Verwendung von Cannabis im engeren Sinn, etwa um besser zu schlafen, Schmerzen zu behandeln oder das spezifische Leiden einiger Krankheiten zu lindern.</p> <h2>Autonomie oder Bevormundung?</h2> <p>Ein (wieder) erschwerter Zugang zu medizinischem Cannabis dreht sich damit auch um die Frage der Autonomie oder Bevormundung. Inwieweit sollen, dürfen und können die Menschen selbst über ihren Konsum psychoaktiver Substanzen entscheiden?</p> <p>Geht man mit der Mehrheit der Delegierten auf dem Ärztetag, dann reicht die Autonomie hier nicht sehr weit: Man müsse „den besonderen Risiken von Medizinalcannabis im Therapieverlauf gerecht“ werden und darum, erstens, mindestens einmal pro Quartal persönlichen Patienten-Arzt-Kontakt haben und, zweitens, ein umfassenderes Versandverbot einführen (Beschluss II-12).</p> <p>Das wirft aber die Frage auf, inwiefern hier ein legitimes Ziel verfolgt wird: Wie wir schon sahen, wird Cannabis ohnehin konsumiert, ganz unabhängig von seinem rechtlichen Status. Die Online-Anbieter nutzen eher das Unvermögen des Gesetzgebers aus, eine praktikable Regelung einzuführen.</p> <p>Nicht jeder hat die Geduld, erst eine Pflanze zu züchten. Da schon eine davon schnell mehr als die zulässigen 50 Gramm für den Besitz zu Hause abwirft, werden diese Personen zudem wieder schnell kriminalisiert. Sie müssten die überschüssige Ernte eigentlich sofort unbrauchbar machen und vernichten. Viele dürften davon Freunden und Bekannten etwas abgeben – was allerdings illegal ist und von Verbotsbefürwortern zum Schwarzmarkt gezählt wird, selbst wenn hierfür gar nicht bezahlt wird.</p> <h2>Hausgemachte Probleme</h2> <p>Den Anbauvereinigungen wurden durch die komplexen Regeln und behördliche Maßnahmen vor Ort viele Steine in den Weg gelegt. Ich warnte schon vor der Teillegalisierung vor einem „<a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wie-weiter-mit-der-drogenpolitik/">Bürokratiemonster</a>„. Heute kritisieren dann Drogenpolitiker, dass die Vereinigungen nur einen Bruchteil der Nachfrage bedienen können und es weiterhin einen Schwarzmarkt gibt. So beißt sich die Katze in den eigenen Schwanz.</p> <p>Die große Beliebtheit der Online-Anbieter belegt vor allem den großen Bedarf in der Erwachsenenbevölkerung an sicherem und qualitativ hochwertigem Cannabis. Wenn Ärzteschaft und Verbotspolitiker hier den Zugang wieder einschränken, wird es mit zwangsweise zu neuen Problemen kommen.</p> <p>Zudem ist nach über zwei Jahren nicht ersichtlich, was verpflichtende, persönliche Informationsgespräche mit dem Arzt verbessern würden – außer deren Einnahmen, versteht sich. Zumindest dem Anschein nach gehen heute schon die allermeisten Konsumierenden vernünftig mit ihren Cannabisprodukten um.</p> <p>Ob die geplante Einschränkung der Telemedizin überhaupt mit EU-Wettbewerbsrecht und der Berufsfreiheit vereinbar ist, ist außerdem <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/09/erste-cannabis-evaluation-was-die-daten-zeigen-und-wie-es-jetzt-weitergeht/" rel="noopener">fraglich</a>. Hier zeichnen sich komplexe Gerichtsverfahren ab. Und die Online-Anbieter haben inzwischen gut verdient.</p> <h2>Gutes Ende oder Odyssee?</h2> <p>Der Deutsche Ärztetag hat in der Sache natürlich keine gesetzgeberische Kompetenz. Diese liegt hier beim Bundestag und nachrangig dem Bundesrat. Es ist aber abzusehen, dass man auch in der parlamentarischen Debatte auf die genannten Beschlüsse verweisen wird: „Schaut her, die Ärztinnen und Ärzte fordern sogar noch schärfere Regeln!“ Zumindest die Unionsparteien und die AfD dürften sich daher über Steilvorlage der Mediziner aus Hannover freuen.</p> <p>Ob die Drogengesetzgebung irgendwann zu einem guten Ende kommen wird oder eine Odyssee bleibt, muss sich zeigen. Dass Verbote hier in der Regel nicht funktionieren und oft nachteilige Effekte haben, wurde auch von Delegierten auf dem Ärztetag angemerkt. Die Beschlüsse zeigen aber, dass dies nicht die Sichtweise der Mehrheit ist – jedenfalls nicht der dort vertretenen Ärztinnen und Ärzte.</p> <p>Es sei noch einmal daran erinnert, dass die Prohibitionspolitik die Probleme zu oft vergrößert hat. Dabei stand ein Cannabisverbot erst gar nicht zur Debatte und wurde vor rund 100 Jahren erst <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zweite-opiumkonferenz-100-jahre-boeses-cannabis/">durch einen diplomatischen Kuhhandel beschlossen</a>.</p> <p>Bei den Opioiden ist die Bilanz noch einmal ernüchternder, da viele Ärztinnen und Ärzte jahrelang an deren Verbreitung mitverdient haben. Richtig tödlich wurde das aber erst, als die Politik in den USA auf das gesellschaftlich-medizinische Problem <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/opioide-wennnicht-drogen-sondern-medikamente-und-die-falsche-politik-toeten/">mit Verboten reagierte</a>. Vielen in die Abhängigkeit getriebenen, früheren Patienten blieben dann nur noch illegale und gefährlichere Quellen. Wie glaubwürdig ist es da, jetzt vor dem – eher geringen – Abhängigkeitsrisiko von Cannabis zu warnen?</p> <h2>Vor der eigenen Haustür kehren</h2> <p>In etwa zeitgleich mit dem Bericht über den 130. Ärztetag erschien im <em>Deutschen Ärzteblatt</em> ein Interview mit Katja Just, der kommissarischen Direktorin des Instituts für Klinische Pharmakologie an der Aachener Uniklinik. Zu problematischem Dauerkonsum von Medikamenten <a href="https://www.aerzteblatt.de/news/manchmal-steht-deprescribing-zwar-eindeutig-in-widerspruch-zu-therapieleitlinien-kann-aber-dennoch-indiziert-sein-315c6869-2b9b-4f47-8116-57bfce6f3bf2" rel="noopener">heißt es darin</a>:</p> <blockquote> <p>„Auch andere Arzneimittel finden sich oftmals in der Dauermedikation, ohne ausreichende Evidenz, zum Teil konträr zu aktuellen Leitlinienempfehlungen und auch unabhängig von der vom Patienten empfundenen Wirksamkeit. Dies betrifft typischerweise Benzodiazepine und Z-Substanzen, kann aber auch diverse Analgetika, etwa Opioide in der Dauermedikation bei bestimmten Schmerzentitäten, betreffen.“ (Katja Just)</p> </blockquote> <p>Schlaf-, Schmerz- und angstlösende Mittel, die weder im Einklang mit der Evidenz und den Richtlinien, noch den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten verschrieben werden – die Ärzteschaft könnte dieses Problem mit Substanzkonsum direkt und selbst lösen. Und auch die Politik könnte sich darauf besinnen, ob es keine dringlicheren Probleme gibt, als gegen die psychoaktive Wahl von gut 10 Prozent der erwachsenen Bevölkerung zu kämpfen.</p> <h2>Erfahren Sie mehr…</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em><em>Erfahren Sie mehr über den Sinn und Unsinn von Drogenpolitik, das Abhängigkeitsrisiko und die Geschichte des Cannabiskonsums. Viel Wissen für <strong>nur 14,95 Euro versandkostenfrei</strong></em> <a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel="noopener">im BoD Shop</a>. 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Deutsche Ärztetag statt. Dort diskutieren Vertreterinnen und Vertreter der Landesärztekammern medizinische Themen. Rund 250 waren es dieses Mal. Und ganz oben auf der Agenda standen suchtmedizinische und drogenpolitische Themen.</p> <p>Das <a href="https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/BAEK/Aerztetag/130.DAET/2026-05-15_130._DAET_Beschlussprotokoll.pdf" rel="noopener">Beschlussprotokoll vom 15. Mai</a> umfasst stolze 740 Seiten. Darin kommt 36-mal das Wort „Alkohol“ und gar 54-mal „Cannabis“ vor. Vor allem über letzteres Thema wurde ordentlich gestritten.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Konsummuster</h2> <p>Wir erinnern uns, dass mit dem damaligen SPD-Gesundheitsminister Karl Lauterbach gerade ein erfahrener Mediziner und Wissenschaftler für die 2024 erreichte Teillegalisierung kämpfte: Der Cannabiskonsum stieg trotz Verboten seit Jahren, wodurch sich die Gesundheitsrisiken und Kriminalität erhöhten.<aside></aside></p> <p>Die Justiz wurde – trotz der Ausnahmen für „geringe Mengen“ zum Eigenbedarf – mit schließlich über 500.000 Verfahren pro Jahr belastet. Für den bloßen Besitz drohten bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe, das gleiche Strafmaß wie für Körperverletzung.</p> <p>Diese Strafandrohung konnt nicht verhindern, dass sich der Cannabiskonsum in Deutschland von 2012 bis 2021 von 4,5 auf 8,8 Prozent <a href="https://menschen-bilder.blog/2026/01/neueste-zahlen-geht-steigender-cannabiskonsum-mit-mehr-schizophrenien-einher/" rel="noopener">fast verdoppelte</a>. Das bezieht sich auf Erwachsene, die die Substanz mindestens einmal im Jahr gebrauchten. Bei den starken Konsumierenden verdreifachte sich der Konsum sogar von 0,5 auf 1,5 Prozent.</p> <p>In den USA hatte der Cannabiskonsum um 1980 <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/09/erste-cannabis-evaluation-was-die-daten-zeigen-und-wie-es-jetzt-weitergeht/" rel="noopener">seinen Höhepunkt</a>. Er fiel dann stark ab, um seit den 1990ern vor allem bei den jungen Erwachsenen wieder zu steigen. Bei den Minderjährigen ist die Droge in jüngerer Zukunft aber weniger beliebt.</p> <p>Aufgrund der starken Kommerzialisierung, auch mit fragwürdiger Werbung von Cannabis zum Beispiel zur Krebsheilung oder als Vorbeugung gegen Demenz, hat es in manchen Regionen in den USA inzwischen sogar Alkohol als die am häufigsten gebrauchte Substanz überholt. Der Konsum von Alkohol und Tabakprodukten ist weltweit sowieso seit Jahren rückläufig.</p> <p>Doch wie man es auch dreht und wendet: Der Konsum psychoaktiver Substanzen, angefangen beim Kaffee und anderen koffeinhaltigen Getränken, ist gesellschaftlich verbreitet und somit „normal“. Und da haben wir noch gar nicht von der steigenden Verwendung <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/opioide-wennnicht-drogen-sondern-medikamente-und-die-falsche-politik-toeten/">von Schmerzmitteln</a> oder dem extremen Anstieg bei den Psychopharmaka gesprochen – so werden heute zum Beispiel Substanzen, die gegen Depressionen helfen sollen, <a href="https://menschen-bilder.blog/2026/01/neue-studie-repraesentativitaet-in-der-antidepressiva-forschung-laesst-zu-wuenschen-uebrig/" rel="noopener">elfmal so häufig verschrieben</a> wie noch in den 1980ern. Trotzdem (oder darum?) scheinen die Probleme mit depressiven Störungen immer größer zu werden.</p> <h2>Wissenschaft dafür, Wissenschaft dagegen?</h2> <p>Angesichts dieser Ausgangslage ist fraglich, ob die Fokussierung auf eine einzelne Substanz in drogenpolitischen Diskussionen sinnvoll ist. Dennoch haben die Delegierten der Ärzteschaft jetzt vor allem Cannabisprodukte aufs Korn genommen und dazu auf dem Ärztetag mehrere Beschlüsse verabschiedet.</p> <p>Mit gleich zweien davon wird der Gesetzgeber dazu aufgefordert, „die Teillegalisierung von Cannabis zurückzunehmen“ (Beschlüsse II-4 und II-20). Vor allem mit Blick auf den allseits bemühten Kinder-, Jugend- und Gesundheitsschutz sei „die Teillegalisierung von Cannabis ein Fehler“. Dass man in der Verbotsphase vor dem 1. April 2024 kein tragfähiges Konzept hatte, besser mit dem Substanzkonsum umzugehen, wird hier verschwiegen.</p> <p>Nach all der Evidenz, die Lauterbach und seine Mitstreiter für die Teillegalisierung anführten, verwies man hier auf „eine aktuelle Studie aus Bayern“, die den Anstieg von psychischen Problemen im Zusammenhang mit Cannabis dokumentiere.</p> <p>Diese Zahlen – das sollte die Ärzteschaft eigentlich wissen – dokumentieren aber nur, dass sich Mediziner häufiger mit solchen Problemen befassen. Das kann schlicht daran liegen, dass nach Aufhebung des Verbots mehr Menschen mit Drogenproblemen Hilfe suchen. Das ist eigentlich eine gute Sache, wird hier aber gegen die Teillegalisierung angeführt.</p> <h2>Stichwort Jugendschutz</h2> <p>Außerdem wurde bedauert, dass nun weniger Jugendliche wegen Cannabiskonsums von den Gerichten zu therapeutischen Maßnahmen verurteilt würden. Dabei ist das Mittel für Minderjährige in Deutschland nach wie vor verboten.</p> <p>Die Ärztinnen und Ärzte seien daran erinnert, dass das strafrechtliche Verbot das schärfste und letzte Mittel des liberalen Rechtsstaats ist. Zur verfassungsrechtlichen Prüfung gehört auch, dass eine Maßnahme <em>erforderlich</em> ist. Das ist sie aber nur dann, wenn es keine milderen, (mindestens) gleich geeigneten Mittel zum Erreichen eines Zwecks gibt.</p> <p>Ob man also den Cannabiskonsum für <em>alle</em> Bürgerinnen und Bürger verbieten dürfte, um Minderjährige anders zu behandeln, ist damit fraglich. Schon ein Blick ins Nachbarland Niederlande ist hier aufschlussreich: Während der Besitz von geringen Mengen für den Eigenbedarf bei Erwachsenen in der Regel nicht strafrechtlich verfolgt wird, kommt es bei Jugendlichen <em>immer</em> zur Anzeige.</p> <p>Gesetzlich ist das sehr einfach zu regeln. Aber damit käme man auf die größere Frage, ob Drogenverbote überhaupt funktionieren. Wie wir oben schon sahen, stieg der Cannabiskonsum trotz der Verbote. Abwasseruntersuchungen in mehreren Städten dokumentierten zudem, dass die Teillegalisierung im Allgemeinen wenig änderte. Zur <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/erste-cannabis-evaluation-was-die-daten-zeigen-und-wie-es-jetzt-weitergeht/">Erinnerung</a>:</p> <blockquote> <p>„Aussagekräftiger als die auf Selbstauskünften beruhenden Befragungen sind Abwasseruntersuchungen. Diese hat man in elf Städten unmittelbar vor (Dezember bis März 2024) und nach (Mai 2024 bis Mai 2025) der Entkriminalisierung vorgenommen. Das Ergebnis ist ein Unentschieden: Zwar nahm der Cannabiskonsum in Chemnitz, Magdeburg, Nürnberg und Rostock leicht zu. Doch in Frankfurt am Main, Potsdam und Saarbrücken änderte sich nichts und in Dresden, Greifswald, Hannover und Mainz nahm der Konsum sogar leicht ab.“ (im Menschenbilder-Blog im September 2025)</p> </blockquote> <h2>Medizinisches Cannabis</h2> <p>Ginge es nach der Ärzteschaft, würde auch der medizinische Konsum von Cannabisprodukten wieder eingeschränkt. Seit der Streichung der Substanz aus der Verbotsliste des Betäubungsmittelgesetzes, dominieren hier große Online-Anbieter und -Apotheken den Markt.</p> <p>Es gab zwar ein paar Urteile wegen Verstößen gegen das Heilmittelwerbegesetz. Doch an der prinzipiellen Möglichkeit, durch das Ausfüllen einer Frageliste Cannabis von pharmazeutischer Qualität bestellen zu können, hat sich bisher nichts geändert. Das ist auch der CDU unter Führung der heutigen Gesundheitsministerin ein Dorn im Auge, die hierzu eine Gesetzesänderung vorbereitet.</p> <p>Die Ärzteschaft kritisiert passend hierzu: „Die Vermutung liegt nahe, dass auch Freizeitkonsumierende Cannabis über z. B. telemedizinische Plattformen und mit ihnen kooperierende Versandapotheken beziehen, die den Erwerb teilweise nur durch die Beantwortung eines Fragebogens möglich machen“ (Beschluss II-2). Die Verwendung dieser Produkte als Genussmittel gilt hier automatisch als „Missbrauch“.</p> <p>Allerdings geben mit 82 Prozent mehr als vier von fünf Konsumierenden an, Cannabis <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/09/erste-cannabis-evaluation-was-die-daten-zeigen-und-wie-es-jetzt-weitergeht/" rel="noopener">als Mittel zur Entspannung</a> zu verwenden. Die Ärzteschaft sollte nicht ignorieren, dass Stress- und Burnout-Beschwerden immer mehr zunehmen. Daher lässt sich meiner Meinung nach keine harte Grenze zwischen medizinischem und Freizeitkonsum ziehen.</p> <p>Auch das Erleben schöner Gefühle, mit 64 Prozent der zweithäufigste genannte Grund, gehört zu einem guten und gesunden Leben dazu. Wer das bezweifelt, der möge sich in Erinnerung rufen, wie die Ärzteschaft selbst, in Form der Verfassung der Weltgesundheitsorganisation, den Zustand der Gesundheit definiert. (Nämlich als vollständiges, auch psychosoziales Wohlbefinden.) Dazu kommt die medizinische Verwendung von Cannabis im engeren Sinn, etwa um besser zu schlafen, Schmerzen zu behandeln oder das spezifische Leiden einiger Krankheiten zu lindern.</p> <h2>Autonomie oder Bevormundung?</h2> <p>Ein (wieder) erschwerter Zugang zu medizinischem Cannabis dreht sich damit auch um die Frage der Autonomie oder Bevormundung. Inwieweit sollen, dürfen und können die Menschen selbst über ihren Konsum psychoaktiver Substanzen entscheiden?</p> <p>Geht man mit der Mehrheit der Delegierten auf dem Ärztetag, dann reicht die Autonomie hier nicht sehr weit: Man müsse „den besonderen Risiken von Medizinalcannabis im Therapieverlauf gerecht“ werden und darum, erstens, mindestens einmal pro Quartal persönlichen Patienten-Arzt-Kontakt haben und, zweitens, ein umfassenderes Versandverbot einführen (Beschluss II-12).</p> <p>Das wirft aber die Frage auf, inwiefern hier ein legitimes Ziel verfolgt wird: Wie wir schon sahen, wird Cannabis ohnehin konsumiert, ganz unabhängig von seinem rechtlichen Status. Die Online-Anbieter nutzen eher das Unvermögen des Gesetzgebers aus, eine praktikable Regelung einzuführen.</p> <p>Nicht jeder hat die Geduld, erst eine Pflanze zu züchten. Da schon eine davon schnell mehr als die zulässigen 50 Gramm für den Besitz zu Hause abwirft, werden diese Personen zudem wieder schnell kriminalisiert. Sie müssten die überschüssige Ernte eigentlich sofort unbrauchbar machen und vernichten. Viele dürften davon Freunden und Bekannten etwas abgeben – was allerdings illegal ist und von Verbotsbefürwortern zum Schwarzmarkt gezählt wird, selbst wenn hierfür gar nicht bezahlt wird.</p> <h2>Hausgemachte Probleme</h2> <p>Den Anbauvereinigungen wurden durch die komplexen Regeln und behördliche Maßnahmen vor Ort viele Steine in den Weg gelegt. Ich warnte schon vor der Teillegalisierung vor einem „<a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wie-weiter-mit-der-drogenpolitik/">Bürokratiemonster</a>„. Heute kritisieren dann Drogenpolitiker, dass die Vereinigungen nur einen Bruchteil der Nachfrage bedienen können und es weiterhin einen Schwarzmarkt gibt. So beißt sich die Katze in den eigenen Schwanz.</p> <p>Die große Beliebtheit der Online-Anbieter belegt vor allem den großen Bedarf in der Erwachsenenbevölkerung an sicherem und qualitativ hochwertigem Cannabis. Wenn Ärzteschaft und Verbotspolitiker hier den Zugang wieder einschränken, wird es mit zwangsweise zu neuen Problemen kommen.</p> <p>Zudem ist nach über zwei Jahren nicht ersichtlich, was verpflichtende, persönliche Informationsgespräche mit dem Arzt verbessern würden – außer deren Einnahmen, versteht sich. Zumindest dem Anschein nach gehen heute schon die allermeisten Konsumierenden vernünftig mit ihren Cannabisprodukten um.</p> <p>Ob die geplante Einschränkung der Telemedizin überhaupt mit EU-Wettbewerbsrecht und der Berufsfreiheit vereinbar ist, ist außerdem <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/09/erste-cannabis-evaluation-was-die-daten-zeigen-und-wie-es-jetzt-weitergeht/" rel="noopener">fraglich</a>. Hier zeichnen sich komplexe Gerichtsverfahren ab. Und die Online-Anbieter haben inzwischen gut verdient.</p> <h2>Gutes Ende oder Odyssee?</h2> <p>Der Deutsche Ärztetag hat in der Sache natürlich keine gesetzgeberische Kompetenz. Diese liegt hier beim Bundestag und nachrangig dem Bundesrat. Es ist aber abzusehen, dass man auch in der parlamentarischen Debatte auf die genannten Beschlüsse verweisen wird: „Schaut her, die Ärztinnen und Ärzte fordern sogar noch schärfere Regeln!“ Zumindest die Unionsparteien und die AfD dürften sich daher über Steilvorlage der Mediziner aus Hannover freuen.</p> <p>Ob die Drogengesetzgebung irgendwann zu einem guten Ende kommen wird oder eine Odyssee bleibt, muss sich zeigen. Dass Verbote hier in der Regel nicht funktionieren und oft nachteilige Effekte haben, wurde auch von Delegierten auf dem Ärztetag angemerkt. Die Beschlüsse zeigen aber, dass dies nicht die Sichtweise der Mehrheit ist – jedenfalls nicht der dort vertretenen Ärztinnen und Ärzte.</p> <p>Es sei noch einmal daran erinnert, dass die Prohibitionspolitik die Probleme zu oft vergrößert hat. Dabei stand ein Cannabisverbot erst gar nicht zur Debatte und wurde vor rund 100 Jahren erst <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zweite-opiumkonferenz-100-jahre-boeses-cannabis/">durch einen diplomatischen Kuhhandel beschlossen</a>.</p> <p>Bei den Opioiden ist die Bilanz noch einmal ernüchternder, da viele Ärztinnen und Ärzte jahrelang an deren Verbreitung mitverdient haben. Richtig tödlich wurde das aber erst, als die Politik in den USA auf das gesellschaftlich-medizinische Problem <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/opioide-wennnicht-drogen-sondern-medikamente-und-die-falsche-politik-toeten/">mit Verboten reagierte</a>. Vielen in die Abhängigkeit getriebenen, früheren Patienten blieben dann nur noch illegale und gefährlichere Quellen. Wie glaubwürdig ist es da, jetzt vor dem – eher geringen – Abhängigkeitsrisiko von Cannabis zu warnen?</p> <h2>Vor der eigenen Haustür kehren</h2> <p>In etwa zeitgleich mit dem Bericht über den 130. Ärztetag erschien im <em>Deutschen Ärzteblatt</em> ein Interview mit Katja Just, der kommissarischen Direktorin des Instituts für Klinische Pharmakologie an der Aachener Uniklinik. Zu problematischem Dauerkonsum von Medikamenten <a href="https://www.aerzteblatt.de/news/manchmal-steht-deprescribing-zwar-eindeutig-in-widerspruch-zu-therapieleitlinien-kann-aber-dennoch-indiziert-sein-315c6869-2b9b-4f47-8116-57bfce6f3bf2" rel="noopener">heißt es darin</a>:</p> <blockquote> <p>„Auch andere Arzneimittel finden sich oftmals in der Dauermedikation, ohne ausreichende Evidenz, zum Teil konträr zu aktuellen Leitlinienempfehlungen und auch unabhängig von der vom Patienten empfundenen Wirksamkeit. Dies betrifft typischerweise Benzodiazepine und Z-Substanzen, kann aber auch diverse Analgetika, etwa Opioide in der Dauermedikation bei bestimmten Schmerzentitäten, betreffen.“ (Katja Just)</p> </blockquote> <p>Schlaf-, Schmerz- und angstlösende Mittel, die weder im Einklang mit der Evidenz und den Richtlinien, noch den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten verschrieben werden – die Ärzteschaft könnte dieses Problem mit Substanzkonsum direkt und selbst lösen. Und auch die Politik könnte sich darauf besinnen, ob es keine dringlicheren Probleme gibt, als gegen die psychoaktive Wahl von gut 10 Prozent der erwachsenen Bevölkerung zu kämpfen.</p> <h2>Erfahren Sie mehr…</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em><em>Erfahren Sie mehr über den Sinn und Unsinn von Drogenpolitik, das Abhängigkeitsrisiko und die Geschichte des Cannabiskonsums. Viel Wissen für <strong>nur 14,95 Euro versandkostenfrei</strong></em> <a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel="noopener">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C" rel="noopener">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/nl/book/die-cannabis-protokolle/id6745148090" rel="noopener">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=f5pZEQAAQBAJ" rel="noopener">Google Play Books</a>.</em></em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/illustrations/ai-generated-cannabis-marijuana-9553065/" rel="noopener">Randi Bagley</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/1a1fdfc5f35a4c0499266d2db339dc6c" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/aerzteschaft-will-cannabis-wieder-verbieten-lassen/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>3</slash:comments> </item> <item> <title>Demografie und die Knappheitslüge – Wie Wissenschaft für Rechtsmimesis missbraucht wird https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/demografie-und-die-knappheitsluege-wie-wissenschaft-fuer-rechtsmimesis-missbraucht-wird/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/demografie-und-die-knappheitsluege-wie-wissenschaft-fuer-rechtsmimesis-missbraucht-wird/#comments Thu, 21 May 2026 01:34:40 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11290 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionundDemografie2014.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/demografie-und-die-knappheitsluege-wie-wissenschaft-fuer-rechtsmimesis-missbraucht-wird/</link> </image> <description type="html"><h1>Demografie und die Knappheitslüge - Wie Wissenschaft für Rechtsmimesis missbraucht wird » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Noch vor wenigen Wochen <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/demografie-diskurse-in-den-usa-2026-rechte-panik-ueber-sinkende-geburtenrate-und-zahl/" rel="noopener" target="_blank">eskalierte in den USA eine aufgeregte Debatte über die fallenden Geburtenzahlen</a>. Inzwischen hat <strong>Deutschland</strong> nachgezogen, nachdem Bundeskanzler <strong>Friedrich Merz (CDU) </strong><span>vor dem Deutschen Geserkschaftsbund (<strong>DGB</strong>) </span><em><strong>„Demografie und Mathematik“</strong> </em>als Begründung für Einsparungen <span>beschwor und </span><a href="https://videogold.de/kurzgesagt-debunked/" rel="noopener" target="_blank">ein umstrittenes Zugesagt-Video Junge gegen Ältere dualistisch ausspielte.</a></p> <p>Viele Menschen sind noch mit der Erzählung aufgewachsen, dass die sog. „Überbevölkerung“ eine Bedrohung sei – und bekommen nun erzählt, dass auch eine Bevölkerungsschrumpfung furchtbar sei und zur „Überalterung“ führe. (Ich lehne diesen populären Begriff daher auch ab, weil er verächtlich nahelegt, es gebe „zu viele“ ältere Menschen. Dabei ist ja eigentlich gemeint, dass es zu wenig Kinder und jüngere Menschen gebe – also eine <strong>Unterjüngung</strong>.)</p> <p>Auch eines meiner Kinder suchte zu Fragen der Bevölkerungsentwicklung und Zukunft das Gespräch mit mir, zumal ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Religion-und-Demografie-Michael-Blume-scieBook.pdf" rel="noopener" target="_blank">zum Thema <em><strong>„Religion und Demografie“</strong> </em>jahrelang gearbeitet und geschrieben</a> hatte.</p> <p><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="960" sizes="(max-width: 669px) 100vw, 669px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionundDemografie2014.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionundDemografie2014.jpg 669w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionundDemografie2014-209x300.jpg 209w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionundDemografie2014-104x150.jpg 104w" width="669"></img></p> <p><em>Inzwischen <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Religion-und-Demografie-Michael-Blume-scieBook.pdf" rel="noopener" target="_blank">steht das längst vergriffene „Religion und Demografie“ als pdf-eBooklet kostenfrei zur Verfügung</a>. Buch &amp; Cover: Michael Blume </em><aside></aside></p> <p>Positiv möchte ich anerkennen, dass <strong>die enorme Bedeutung von Demografie auch für Wirtschaft und Politik endlich anerkannt und diskutiert wird.</strong></p> <p>Negativ möchte ich jedoch problematisieren, dass <strong>das Thema Demografie und säkulare Geburtenimplosion mit Lügen einer angeblich naturgesetzlichen Knappheit verbunden und zur Verbreitung von feindseligem Dualismus missbraucht </strong>wird.</p> <p>So darf als gesichert gelten, dass <strong>ein massiver und dauerhafter Geburtenrückgang zu einem Rückgang von wirtschaftlicher Nachfrage und Investitionstätigkeit</strong> führt. Das <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/china-zwischen-demografischer-geburtenimplosion-und-ki-robotik-zukunft/" rel="noopener" target="_blank">bekannteste Beispiel dafür ist <strong>China</strong></a>, das <strong>mangels Binnennachfrage massiv Exporte subventioniert und damit die Märkte in den USA und der Europäischen Union</strong> flutet.</p> <p>Ebenfalls richtig ist, dass sich <strong>bei schnell sinkender Bevölkerungszahl rechtsmimetische Propaganda gegen Frauen, zugewanderte und manchmal auch Verschwörungsmythen gegen jüdische Menschen besonders leicht verbreiten</strong> lassen. Aktuelle <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-51-arbeit-demografie-und-deindustrialisierung-am-beispiel-japan/" rel="noopener" target="_blank">Beispiele dafür sind <strong>Japan </strong></a>und das <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/bedrohen-demografie-rechtsmimesis-inzwischen-die-republik-auch-ueber-sachsen-anhalt-aus/" rel="noopener" target="_blank">deutsche <strong>Bundesland Sachsen-Anhalt</strong></a>.</p> <p>Irreführend und <strong>sachlich falsch ist jedoch die Behauptung einer notwendigen Güter-Knappheit und Verarmung der Bevölkerung </strong>aufgrund einer sinkenden Bevölkerungszahl.</p> <p>Denn sowohl <strong>durch neue Technologien wie aktuell KI wie auch durch erneuerbare Heimat-, Friedens- und Wohlstandsenergien</strong> sind enorme Produktivitätsgewinne möglich, so dass <strong>bei kluger Gestaltung der ökologisch-sozialen Marktwirtschaft weiterer Wohlstand, ja Überfluss auch für ärmere und ältere Menschen entstehen kann</strong>. <p>Entsprechend plädierte der deutsch <strong>Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) </strong>sogar bereits für ein zukünftiges <em><strong>„bedingungsloses Grundeinkommen“</strong></em>.</p></p> <p>Auch, wenn ich mir <strong>diesen Vorschlag nicht zu eigen mache, sondern erst einmal für eine Stabilisierung des Sozial- und Rechtsstaates</strong> sowie <strong>eine gezielte Förderung von Bildung und Familien mit Kindern</strong> plädiere, teile ich <strong>die Absage an die Knappheitslüge</strong>.</p> <p><img alt="" decoding="async" height="843" sizes="(max-width: 1283px) 100vw, 1283px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand.jpg 1283w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand-300x197.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand-1024x673.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand-768x505.jpg 768w" width="1283"></img><br></br><em>Zur <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/china-zwischen-demografischer-geburtenimplosion-und-ki-robotik-zukunft/" rel="noopener" target="_blank">chinesischen Neujahrsgala präsentierte die demografisch implodierende KP-Diktatur Roboter und Kinder</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Es ist sachlich falsch und unanständig, im Namen der Demografie Ängste, feindseligen Dualismus und Rechtsmimesis zu schüren. Stattdessen bräuchte es <strong>einen respektvollen und interdisziplinären Dialog über die Verteilung von Produktivitätsgewinnen, Wohlstand und Steuern</strong>.</p> <p>Dazu möchte ich auch auf diesem Wissenschaftsblog gerne weiterhin einladen.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/eihIsLN4iEY?feature=oembed&amp;rel=0" title="Das Kurzgesagt-Video verkürzt Demografie auf das Thema Knappheit" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Demografie und die Knappheitslüge - Wie Wissenschaft für Rechtsmimesis missbraucht wird » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Noch vor wenigen Wochen <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/demografie-diskurse-in-den-usa-2026-rechte-panik-ueber-sinkende-geburtenrate-und-zahl/" rel="noopener" target="_blank">eskalierte in den USA eine aufgeregte Debatte über die fallenden Geburtenzahlen</a>. Inzwischen hat <strong>Deutschland</strong> nachgezogen, nachdem Bundeskanzler <strong>Friedrich Merz (CDU) </strong><span>vor dem Deutschen Geserkschaftsbund (<strong>DGB</strong>) </span><em><strong>„Demografie und Mathematik“</strong> </em>als Begründung für Einsparungen <span>beschwor und </span><a href="https://videogold.de/kurzgesagt-debunked/" rel="noopener" target="_blank">ein umstrittenes Zugesagt-Video Junge gegen Ältere dualistisch ausspielte.</a></p> <p>Viele Menschen sind noch mit der Erzählung aufgewachsen, dass die sog. „Überbevölkerung“ eine Bedrohung sei – und bekommen nun erzählt, dass auch eine Bevölkerungsschrumpfung furchtbar sei und zur „Überalterung“ führe. (Ich lehne diesen populären Begriff daher auch ab, weil er verächtlich nahelegt, es gebe „zu viele“ ältere Menschen. Dabei ist ja eigentlich gemeint, dass es zu wenig Kinder und jüngere Menschen gebe – also eine <strong>Unterjüngung</strong>.)</p> <p>Auch eines meiner Kinder suchte zu Fragen der Bevölkerungsentwicklung und Zukunft das Gespräch mit mir, zumal ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Religion-und-Demografie-Michael-Blume-scieBook.pdf" rel="noopener" target="_blank">zum Thema <em><strong>„Religion und Demografie“</strong> </em>jahrelang gearbeitet und geschrieben</a> hatte.</p> <p><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="960" sizes="(max-width: 669px) 100vw, 669px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionundDemografie2014.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionundDemografie2014.jpg 669w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionundDemografie2014-209x300.jpg 209w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionundDemografie2014-104x150.jpg 104w" width="669"></img></p> <p><em>Inzwischen <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Religion-und-Demografie-Michael-Blume-scieBook.pdf" rel="noopener" target="_blank">steht das längst vergriffene „Religion und Demografie“ als pdf-eBooklet kostenfrei zur Verfügung</a>. Buch &amp; Cover: Michael Blume </em><aside></aside></p> <p>Positiv möchte ich anerkennen, dass <strong>die enorme Bedeutung von Demografie auch für Wirtschaft und Politik endlich anerkannt und diskutiert wird.</strong></p> <p>Negativ möchte ich jedoch problematisieren, dass <strong>das Thema Demografie und säkulare Geburtenimplosion mit Lügen einer angeblich naturgesetzlichen Knappheit verbunden und zur Verbreitung von feindseligem Dualismus missbraucht </strong>wird.</p> <p>So darf als gesichert gelten, dass <strong>ein massiver und dauerhafter Geburtenrückgang zu einem Rückgang von wirtschaftlicher Nachfrage und Investitionstätigkeit</strong> führt. Das <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/china-zwischen-demografischer-geburtenimplosion-und-ki-robotik-zukunft/" rel="noopener" target="_blank">bekannteste Beispiel dafür ist <strong>China</strong></a>, das <strong>mangels Binnennachfrage massiv Exporte subventioniert und damit die Märkte in den USA und der Europäischen Union</strong> flutet.</p> <p>Ebenfalls richtig ist, dass sich <strong>bei schnell sinkender Bevölkerungszahl rechtsmimetische Propaganda gegen Frauen, zugewanderte und manchmal auch Verschwörungsmythen gegen jüdische Menschen besonders leicht verbreiten</strong> lassen. Aktuelle <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-51-arbeit-demografie-und-deindustrialisierung-am-beispiel-japan/" rel="noopener" target="_blank">Beispiele dafür sind <strong>Japan </strong></a>und das <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/bedrohen-demografie-rechtsmimesis-inzwischen-die-republik-auch-ueber-sachsen-anhalt-aus/" rel="noopener" target="_blank">deutsche <strong>Bundesland Sachsen-Anhalt</strong></a>.</p> <p>Irreführend und <strong>sachlich falsch ist jedoch die Behauptung einer notwendigen Güter-Knappheit und Verarmung der Bevölkerung </strong>aufgrund einer sinkenden Bevölkerungszahl.</p> <p>Denn sowohl <strong>durch neue Technologien wie aktuell KI wie auch durch erneuerbare Heimat-, Friedens- und Wohlstandsenergien</strong> sind enorme Produktivitätsgewinne möglich, so dass <strong>bei kluger Gestaltung der ökologisch-sozialen Marktwirtschaft weiterer Wohlstand, ja Überfluss auch für ärmere und ältere Menschen entstehen kann</strong>. <p>Entsprechend plädierte der deutsch <strong>Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) </strong>sogar bereits für ein zukünftiges <em><strong>„bedingungsloses Grundeinkommen“</strong></em>.</p></p> <p>Auch, wenn ich mir <strong>diesen Vorschlag nicht zu eigen mache, sondern erst einmal für eine Stabilisierung des Sozial- und Rechtsstaates</strong> sowie <strong>eine gezielte Förderung von Bildung und Familien mit Kindern</strong> plädiere, teile ich <strong>die Absage an die Knappheitslüge</strong>.</p> <p><img alt="" decoding="async" height="843" sizes="(max-width: 1283px) 100vw, 1283px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand.jpg 1283w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand-300x197.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand-1024x673.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ChinaNeujahrsgala2026SchwertmeisterH2RoboterreichtKindHand-768x505.jpg 768w" width="1283"></img><br></br><em>Zur <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/china-zwischen-demografischer-geburtenimplosion-und-ki-robotik-zukunft/" rel="noopener" target="_blank">chinesischen Neujahrsgala präsentierte die demografisch implodierende KP-Diktatur Roboter und Kinder</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Es ist sachlich falsch und unanständig, im Namen der Demografie Ängste, feindseligen Dualismus und Rechtsmimesis zu schüren. Stattdessen bräuchte es <strong>einen respektvollen und interdisziplinären Dialog über die Verteilung von Produktivitätsgewinnen, Wohlstand und Steuern</strong>.</p> <p>Dazu möchte ich auch auf diesem Wissenschaftsblog gerne weiterhin einladen.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/eihIsLN4iEY?feature=oembed&amp;rel=0" title="Das Kurzgesagt-Video verkürzt Demografie auf das Thema Knappheit" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/demografie-und-die-knappheitsluege-wie-wissenschaft-fuer-rechtsmimesis-missbraucht-wird/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>47</slash:comments> </item> <item> <title>The Internet Chronicles – Part 9 of 12: RSA and Prime Numbers https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-9-of-12-rsa-and-prime-numbers/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-9-of-12-rsa-and-prime-numbers/#comments Wed, 20 May 2026 12:00:00 +0000 Andrei Mihai https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14413 <h1>The Internet Chronicles – Part 9 of 12: RSA and Prime Numbers - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>We take it for granted nowadays, but the internet is one of the most impactful inventions of modern times – possibly even of all time. But how did it all start? The story of the internet is a fascinating journey through the minds of visionary thinkers and relentless innovators, many of them coming from mathematics and computer science. In this 12-part series, we will dive into some of the stories and contributions of the trailblazers who laid the foundations for the interconnected world we live in today.</p> <p>Previously, we looked at the rebels who brought encryption out of the shadows. Whitfield Diffie and Martin Hellman <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-8-of-12-encryption-for-the-people/">showed</a> that two people could establish a shared secret over an insecure channel. It was a revolutionary idea, but it was not the end of the story. The internet still needed a way for anyone to send a secret message to anyone else without first agreeing on a shared secret. It needed a way to sign digital documents and prove identity; a lock that could be made public without giving away the key. That lock was RSA.</p> <h2><strong>A Special Algorithm</strong></h2> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-146.png"><img alt="See caption." decoding="async" fetchpriority="high" height="679" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-146-1024x679.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-146-1024x679.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-146-300x199.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-146-768x509.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-146.png 1202w" width="1024"></img></a><figcaption>Ronald (Ron) Linn Rivest. Image credits: <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/ronald-l-rivest/" rel="noopener">HLFF</a>/Badge.</figcaption></figure> </div> <p>The story of RSA starts with three researchers at MIT: Ron Rivest, Adi Shamir, and Leonard Adleman. Their last name initials make up the “RSA.” The trio was inspired by the work of <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/whitfield-diffie/" rel="noopener">Diffie</a> and <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/martin-hellman/" rel="noopener">Hellman</a>, who had proposed the concept of public-key cryptography but had not yet provided a general-purpose encryption system that could do everything the idea promised.</p> <p>The three of them must have felt like they were hitting a brick wall.</p> <p>They had spent roughly a year searching for a function that would be easy to compute in one direction but hard to reverse. Rivest and <a href="https://www.newsroom.hlf-foundation.org/blog/article/can-you-tell-cats-apart-from-guacamole/" rel="noopener">Shamir</a>, both computer scientists, kept proposing candidates. Adleman, as a mathematician, kept breaking them. They explored approaches based on <a href="https://www.smithsonianmag.com/science-nature/why-knapsack-problem-all-around-us-180974333/" rel="noopener">knapsacks</a> and permutation polynomials, but nothing seemed to work. It almost seemed contradictory: The function had to be public enough for anyone to use, but private enough that only one person could reverse it.<aside></aside></p> <p>Then came one night in April 1977 that would change the course of the internet, and possibly the world. The three spent Passover dinner at a student’s house and consumed “<a href="https://www.math.uchicago.edu/~may/VIGRE/VIGRE2007/REUPapers/FINALAPP/Calderbank.pdf" rel="noopener">liberal quantities of wine</a>” before returning to their respective homes at around 12 in the night. Rivest went home and could not sleep. He lay on his couch with a mathematics textbook and returned to the problem, but tried a different approach.</p> <p>By morning, he had worked out the core of the idea and drafted much of what would become the RSA paper.</p> <h2><strong>A Prime Revelation</strong></h2> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-147.png"><img alt="See caption." decoding="async" height="627" sizes="(max-width: 940px) 100vw, 940px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-147.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-147.png 940w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-147-300x200.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-147-768x512.png 768w" width="940"></img></a><figcaption>Adi Shamir at the 10th HLF in 2023. Image credits: HLFF/Christian Flemming.</figcaption></figure> </div> <p>Suppose Alice wants people to send secret messages. In traditional cryptography, she would first need to share a secret key with each person. That secret key would both lock and unlock the message. But sharing the key securely was the whole problem. Anyone who intercepted the key could read the messages.</p> <p>RSA reversed the arrangement. Alice could publish a public key that anyone could use to encrypt messages. But only Alice, who had the private key, could decrypt them. It is a bit like taking a padlock and bringing it to the public. Anyone can see or touch it, but only Alice has the key to open it again.</p> <p>The trick came from number theory. RSA relies on the fact that multiplying two very large prime numbers is easy, while factoring their product back into those two primes is much more difficult. If you take two very large prime numbers (<strong>p</strong> and <strong>q</strong>) and multiply them, this number <strong>n = p × q</strong> becomes part of the public key. Everyone is allowed to see it.</p> <p>But given only this <strong>n </strong>number, an attacker would need to recover both <strong>p</strong> and <strong>q</strong>. For small numbers, this is trivial. If <strong>n = 33</strong>, we can quickly see that <strong>33 = 3 × 11</strong>. But if <strong>n</strong> is a 2,048-bit number, the two prime factors are so large that there is no known classical algorithm that can recover them efficiently. The best factoring methods can do much better than trial division, but they still become infeasible at properly chosen key sizes.</p> <p>This is, of course, a simplified version. In the original RSA paper, they used something called <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Euler_totient_function" rel="noopener">Euler’s totient function</a>: <em>φ</em>(<em>n</em>) = (<em>p</em> − 1)(<em>q</em> − 1). Subsequent RSA algorithms, including the ones used routinely in today’s internet, use several elegant improvements.</p> <p>Yet prime numbers remain a key part of RSA.</p> <p>The primes must be large, random, and not too close together. They must not be reused across keys and must also pass strong primality tests. If the primes are poorly chosen, the entire private key can be reconstructed with much more ease. In that case, RSA does not fail because the mathematics is wrong, but rather because the “hard” problem can be made easier.</p> <p>Ultimately, though, RSA is not based simply on large prime numbers. It is based on the gap between the difficulty of multiplication and factorization. RSA turns that gap into a cryptographic mechanism. This is the one-way function.</p> <h2><strong>A More Rigorous Approach</strong></h2> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-148.png"><img alt="" decoding="async" height="940" sizes="(max-width: 940px) 100vw, 940px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-148.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-148.png 940w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-148-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-148-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-148-768x768.png 768w" width="940"></img></a><figcaption><a href="https://cdn.zmescience.com/wp-content/uploads/2026/04/Shafi_Goldwasser.jpg" rel="noopener"></a>Shafrira Goldwasser in 2010. Image via Wiki Commons (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Shafi_Goldwasser#/media/File:Shafi_Goldwasser.JPG" rel="noopener">public domain</a>).</figcaption></figure> </div> <p>RSA gave the internet a practical public lock, but it also exposed a deeper, fundamental problem: Encryption was not properly defined. What does it actually mean for an encryption scheme to be secure? What does it mean for the prime numbers to be “too close”?</p> <p>This may sound like a philosophical question, but it has very practical components.</p> <p>Early public-key cryptography often had an empirical component. A system was considered secure if no one knew how to break it. That was useful and excellent for the early days of the internet, but it had obvious limitations. Computers were, even in those early days, getting much more powerful. How could computer scientists know their systems would withstand attacks?</p> <p>There was another problem: Encryption was deterministic. If you encrypted the same word twice with the same key, you’d get the same result. This allowed attackers to spot patterns or try clever ways to hack systems.</p> <p>This is when Shafrira Goldwasser comes in.</p> <p>Working with Silvio Micali UC Berkeley in the early 1980s, Goldwasser pushed cryptography toward a more rigorous standard. Security should not just mean that a message is hard to decrypt. It should mean that an attacker cannot learn anything useful from the ciphertext at all.</p> <p>This seemingly subtle change was actually profound. Suppose an attacker cannot recover the whole message but can still learn whether a payment is large or small, or whether two encrypted messages contain the same text. In many real systems, that is already a serious failure. So Goldwasser and Micali asked cryptography to satisfy a much stronger requirement. An encrypted message should reveal no partial information about the plaintext, beyond what the attacker already knew before seeing it.</p> <p>Along with Micali, she introduced probabilistic encryption. In essence, this injects a bit of randomness into the RSA algorithm. For every encryption operation, the sender’s computer generates a fresh, unique random bitstring. This randomness is mathematically combined with the plaintext message before or during the encryption process.</p> <p>Modern encryption uses these randomized padding schemes to prevent simple comparison attacks and thus makes RSA more resilient in the face of attacks.</p> <p>But Goldwasser’s most famous contribution may be even more counterintuitive than probabilistic encryption. With Silvio Micali and Charles Rackoff, she introduced zero-knowledge proofs. These are protocols in which one party, the prover, convinces another party, the verifier, that a statement is true without revealing anything beyond the truth of that statement. We will not get into the details of how this works here, but it is a topic <a href="https://www.newsroom.hlf-foundation.org/blog/article/cryptography-taking-on-any-adversary/" rel="noopener">often discussed</a> by laureates at the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/about-us/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Heidelberg Laureate Forum</a>, an annual event that brings together recipients of the most prestigious prizes in mathematics and computer science with the next generation of young researchers. While zero-knowledge proofs are still not universally used, they have their applications, most notably in blockchains.</p> <h2><strong>The Internet as a Verification Machine</strong></h2> <p>RSA turned public-key cryptography into a practical tool, essentially providing the internet a way to authenticate, sign, encrypt, and transact. Every day, computers check whether that is really your bank, your email, your password, and so on. This is how we ensure that certificates can be trusted and users should be allowed to access files.</p> <p>In a curious turn of events, just as with Diffie and Hellman’s work, this public version was not quite the first. In 1973, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Clifford_Cocks" rel="noopener">Clifford Cocks</a>, a mathematician at Britain’s GCHQ, had described a strikingly similar system in a classified internal document. But his work stayed hidden inside the intelligence world until 1997. Instead, RSA became the version that changed the internet because it was published, shared, tested, and eventually built into the open machinery of digital life.</p> <p><a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/ronald-l-rivest/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Ron Rivest</a>, <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/ronald-l-rivest/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Adi Shamir</a>, and <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/leonard-max-adleman/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Leonard Adleman</a> received the <a href="https://www.ams.org/notices/200307/comm-turing.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">2002 ACM A.M. Turing Award</a> for their role in creating RSA public-key cryptography. <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/shafrira-goldwasser-1/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Shafi Goldwasser</a> received the <a href="https://www.acm.org/articles/bulletins/2013/march/goldwasser-micali-2012-turing-award" rel="noreferrer noopener" target="_blank">2012 ACM A.M. Turing Award</a>, together with <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/silvio-micali/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Silvio Micali</a>, for transformative work in cryptography.</p> <p>Yet a shadow is starting to loom over the decades-long success of RSA. That shadow is quantum computing.</p> <p>A sufficiently powerful quantum computer running <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Shor%27s_algorithm" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Shor’s algorithm</a> could factor large numbers efficiently. That would break RSA and other systems based on similar number-theoretic problems. Such a machine does not yet exist at the required scale, but the threat is serious enough that governments, companies, and standards bodies are already preparing for <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-mathematical-pillars-of-post-quantum-cryptography/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">post-quantum cryptography</a>.</p> <p>This does not mean RSA is done. Far from it. RSA secured the internet through some of its most important decades, and it has a lot of work left to do. It made digital commerce possible and shaped online trust. But cryptography is not something you can finish.</p> <p>Every cryptographic system rests on assumptions about what attackers can compute. When computation changes, those assumptions must be revisited. The move toward post-quantum systems is part of the same story that began with RSA and continued with Goldwasser: Security is not a product. It is a process.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>The Internet Chronicles – Part 9 of 12: RSA and Prime Numbers - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>We take it for granted nowadays, but the internet is one of the most impactful inventions of modern times – possibly even of all time. But how did it all start? The story of the internet is a fascinating journey through the minds of visionary thinkers and relentless innovators, many of them coming from mathematics and computer science. In this 12-part series, we will dive into some of the stories and contributions of the trailblazers who laid the foundations for the interconnected world we live in today.</p> <p>Previously, we looked at the rebels who brought encryption out of the shadows. Whitfield Diffie and Martin Hellman <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-8-of-12-encryption-for-the-people/">showed</a> that two people could establish a shared secret over an insecure channel. It was a revolutionary idea, but it was not the end of the story. The internet still needed a way for anyone to send a secret message to anyone else without first agreeing on a shared secret. It needed a way to sign digital documents and prove identity; a lock that could be made public without giving away the key. That lock was RSA.</p> <h2><strong>A Special Algorithm</strong></h2> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-146.png"><img alt="See caption." decoding="async" fetchpriority="high" height="679" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-146-1024x679.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-146-1024x679.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-146-300x199.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-146-768x509.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-146.png 1202w" width="1024"></img></a><figcaption>Ronald (Ron) Linn Rivest. Image credits: <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/ronald-l-rivest/" rel="noopener">HLFF</a>/Badge.</figcaption></figure> </div> <p>The story of RSA starts with three researchers at MIT: Ron Rivest, Adi Shamir, and Leonard Adleman. Their last name initials make up the “RSA.” The trio was inspired by the work of <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/whitfield-diffie/" rel="noopener">Diffie</a> and <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/martin-hellman/" rel="noopener">Hellman</a>, who had proposed the concept of public-key cryptography but had not yet provided a general-purpose encryption system that could do everything the idea promised.</p> <p>The three of them must have felt like they were hitting a brick wall.</p> <p>They had spent roughly a year searching for a function that would be easy to compute in one direction but hard to reverse. Rivest and <a href="https://www.newsroom.hlf-foundation.org/blog/article/can-you-tell-cats-apart-from-guacamole/" rel="noopener">Shamir</a>, both computer scientists, kept proposing candidates. Adleman, as a mathematician, kept breaking them. They explored approaches based on <a href="https://www.smithsonianmag.com/science-nature/why-knapsack-problem-all-around-us-180974333/" rel="noopener">knapsacks</a> and permutation polynomials, but nothing seemed to work. It almost seemed contradictory: The function had to be public enough for anyone to use, but private enough that only one person could reverse it.<aside></aside></p> <p>Then came one night in April 1977 that would change the course of the internet, and possibly the world. The three spent Passover dinner at a student’s house and consumed “<a href="https://www.math.uchicago.edu/~may/VIGRE/VIGRE2007/REUPapers/FINALAPP/Calderbank.pdf" rel="noopener">liberal quantities of wine</a>” before returning to their respective homes at around 12 in the night. Rivest went home and could not sleep. He lay on his couch with a mathematics textbook and returned to the problem, but tried a different approach.</p> <p>By morning, he had worked out the core of the idea and drafted much of what would become the RSA paper.</p> <h2><strong>A Prime Revelation</strong></h2> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-147.png"><img alt="See caption." decoding="async" height="627" sizes="(max-width: 940px) 100vw, 940px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-147.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-147.png 940w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-147-300x200.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-147-768x512.png 768w" width="940"></img></a><figcaption>Adi Shamir at the 10th HLF in 2023. Image credits: HLFF/Christian Flemming.</figcaption></figure> </div> <p>Suppose Alice wants people to send secret messages. In traditional cryptography, she would first need to share a secret key with each person. That secret key would both lock and unlock the message. But sharing the key securely was the whole problem. Anyone who intercepted the key could read the messages.</p> <p>RSA reversed the arrangement. Alice could publish a public key that anyone could use to encrypt messages. But only Alice, who had the private key, could decrypt them. It is a bit like taking a padlock and bringing it to the public. Anyone can see or touch it, but only Alice has the key to open it again.</p> <p>The trick came from number theory. RSA relies on the fact that multiplying two very large prime numbers is easy, while factoring their product back into those two primes is much more difficult. If you take two very large prime numbers (<strong>p</strong> and <strong>q</strong>) and multiply them, this number <strong>n = p × q</strong> becomes part of the public key. Everyone is allowed to see it.</p> <p>But given only this <strong>n </strong>number, an attacker would need to recover both <strong>p</strong> and <strong>q</strong>. For small numbers, this is trivial. If <strong>n = 33</strong>, we can quickly see that <strong>33 = 3 × 11</strong>. But if <strong>n</strong> is a 2,048-bit number, the two prime factors are so large that there is no known classical algorithm that can recover them efficiently. The best factoring methods can do much better than trial division, but they still become infeasible at properly chosen key sizes.</p> <p>This is, of course, a simplified version. In the original RSA paper, they used something called <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Euler_totient_function" rel="noopener">Euler’s totient function</a>: <em>φ</em>(<em>n</em>) = (<em>p</em> − 1)(<em>q</em> − 1). Subsequent RSA algorithms, including the ones used routinely in today’s internet, use several elegant improvements.</p> <p>Yet prime numbers remain a key part of RSA.</p> <p>The primes must be large, random, and not too close together. They must not be reused across keys and must also pass strong primality tests. If the primes are poorly chosen, the entire private key can be reconstructed with much more ease. In that case, RSA does not fail because the mathematics is wrong, but rather because the “hard” problem can be made easier.</p> <p>Ultimately, though, RSA is not based simply on large prime numbers. It is based on the gap between the difficulty of multiplication and factorization. RSA turns that gap into a cryptographic mechanism. This is the one-way function.</p> <h2><strong>A More Rigorous Approach</strong></h2> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-148.png"><img alt="" decoding="async" height="940" sizes="(max-width: 940px) 100vw, 940px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-148.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-148.png 940w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-148-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-148-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-148-768x768.png 768w" width="940"></img></a><figcaption><a href="https://cdn.zmescience.com/wp-content/uploads/2026/04/Shafi_Goldwasser.jpg" rel="noopener"></a>Shafrira Goldwasser in 2010. Image via Wiki Commons (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Shafi_Goldwasser#/media/File:Shafi_Goldwasser.JPG" rel="noopener">public domain</a>).</figcaption></figure> </div> <p>RSA gave the internet a practical public lock, but it also exposed a deeper, fundamental problem: Encryption was not properly defined. What does it actually mean for an encryption scheme to be secure? What does it mean for the prime numbers to be “too close”?</p> <p>This may sound like a philosophical question, but it has very practical components.</p> <p>Early public-key cryptography often had an empirical component. A system was considered secure if no one knew how to break it. That was useful and excellent for the early days of the internet, but it had obvious limitations. Computers were, even in those early days, getting much more powerful. How could computer scientists know their systems would withstand attacks?</p> <p>There was another problem: Encryption was deterministic. If you encrypted the same word twice with the same key, you’d get the same result. This allowed attackers to spot patterns or try clever ways to hack systems.</p> <p>This is when Shafrira Goldwasser comes in.</p> <p>Working with Silvio Micali UC Berkeley in the early 1980s, Goldwasser pushed cryptography toward a more rigorous standard. Security should not just mean that a message is hard to decrypt. It should mean that an attacker cannot learn anything useful from the ciphertext at all.</p> <p>This seemingly subtle change was actually profound. Suppose an attacker cannot recover the whole message but can still learn whether a payment is large or small, or whether two encrypted messages contain the same text. In many real systems, that is already a serious failure. So Goldwasser and Micali asked cryptography to satisfy a much stronger requirement. An encrypted message should reveal no partial information about the plaintext, beyond what the attacker already knew before seeing it.</p> <p>Along with Micali, she introduced probabilistic encryption. In essence, this injects a bit of randomness into the RSA algorithm. For every encryption operation, the sender’s computer generates a fresh, unique random bitstring. This randomness is mathematically combined with the plaintext message before or during the encryption process.</p> <p>Modern encryption uses these randomized padding schemes to prevent simple comparison attacks and thus makes RSA more resilient in the face of attacks.</p> <p>But Goldwasser’s most famous contribution may be even more counterintuitive than probabilistic encryption. With Silvio Micali and Charles Rackoff, she introduced zero-knowledge proofs. These are protocols in which one party, the prover, convinces another party, the verifier, that a statement is true without revealing anything beyond the truth of that statement. We will not get into the details of how this works here, but it is a topic <a href="https://www.newsroom.hlf-foundation.org/blog/article/cryptography-taking-on-any-adversary/" rel="noopener">often discussed</a> by laureates at the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/about-us/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Heidelberg Laureate Forum</a>, an annual event that brings together recipients of the most prestigious prizes in mathematics and computer science with the next generation of young researchers. While zero-knowledge proofs are still not universally used, they have their applications, most notably in blockchains.</p> <h2><strong>The Internet as a Verification Machine</strong></h2> <p>RSA turned public-key cryptography into a practical tool, essentially providing the internet a way to authenticate, sign, encrypt, and transact. Every day, computers check whether that is really your bank, your email, your password, and so on. This is how we ensure that certificates can be trusted and users should be allowed to access files.</p> <p>In a curious turn of events, just as with Diffie and Hellman’s work, this public version was not quite the first. In 1973, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Clifford_Cocks" rel="noopener">Clifford Cocks</a>, a mathematician at Britain’s GCHQ, had described a strikingly similar system in a classified internal document. But his work stayed hidden inside the intelligence world until 1997. Instead, RSA became the version that changed the internet because it was published, shared, tested, and eventually built into the open machinery of digital life.</p> <p><a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/ronald-l-rivest/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Ron Rivest</a>, <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/ronald-l-rivest/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Adi Shamir</a>, and <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/leonard-max-adleman/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Leonard Adleman</a> received the <a href="https://www.ams.org/notices/200307/comm-turing.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">2002 ACM A.M. Turing Award</a> for their role in creating RSA public-key cryptography. <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/shafrira-goldwasser-1/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Shafi Goldwasser</a> received the <a href="https://www.acm.org/articles/bulletins/2013/march/goldwasser-micali-2012-turing-award" rel="noreferrer noopener" target="_blank">2012 ACM A.M. Turing Award</a>, together with <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/silvio-micali/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Silvio Micali</a>, for transformative work in cryptography.</p> <p>Yet a shadow is starting to loom over the decades-long success of RSA. That shadow is quantum computing.</p> <p>A sufficiently powerful quantum computer running <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Shor%27s_algorithm" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Shor’s algorithm</a> could factor large numbers efficiently. That would break RSA and other systems based on similar number-theoretic problems. Such a machine does not yet exist at the required scale, but the threat is serious enough that governments, companies, and standards bodies are already preparing for <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-mathematical-pillars-of-post-quantum-cryptography/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">post-quantum cryptography</a>.</p> <p>This does not mean RSA is done. Far from it. RSA secured the internet through some of its most important decades, and it has a lot of work left to do. It made digital commerce possible and shaped online trust. But cryptography is not something you can finish.</p> <p>Every cryptographic system rests on assumptions about what attackers can compute. When computation changes, those assumptions must be revisited. The move toward post-quantum systems is part of the same story that began with RSA and continued with Goldwasser: Security is not a product. It is a process.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-9-of-12-rsa-and-prime-numbers/#comments 1 Sind Träume doch nur Schäume? https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/neurowissenschaft-traeume/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/neurowissenschaft-traeume/#comments Mon, 18 May 2026 05:00:00 +0000 Luisa Sophie Engelke https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5903 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-9-2026-11_25_25-AM-768x768.png <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/neurowissenschaft-traeume/</link> </image> <description type="html"><h1>Sind Träume doch nur Schäume? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Luisa Sophie Engelke</h2><div itemprop="text"> <p>Im Traum gibt es nichts, das es nicht gibt, oder? Träume und alles rund um sie sind so verschieden wie wir Menschen nun mal sind: Manche träumen stets das Gleiche, andere erleben jede Nacht ein neues Abenteuer, manche erinnern sich jeden Morgen an Ihre Träume, andere wiederum fast nie. Aber habt ihr euch schonmal gefragt, ob eure Träume eigentlich was bedeuteten? Bestimmt, oder?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10073404_4349184.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10073404_4349184-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10073404_4349184-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10073404_4349184-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10073404_4349184-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10073404_4349184-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10073404_4349184-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10073404_4349184.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Bereits <strong>Sigmund Freud</strong> (1856 – 1939) beschäftigte sich eindringlich mit der Frage, was Träume eigentlich verbergen und war damit Begründer der Psychoanalyse. Nach ihm spiegeln Träume unsere unterbewussten Wünsche wider und bilden innere, nicht gelöste Konflikte ab. Aber verstecken sich in unseren nächtlichen Geschichten wirklich verschlüsselte Botschaften? Will unser Unterbewusstsein uns mit unseren Traumgeschichten etwas mitteilen? Oder sind Träume vielleicht doch nur Schäume?</p> <h3>Was genau sind Träume?</h3> <p>Bis heute gibt es keine offizielle Definition von Träumen und wird von der <em>American Academy of Sleep Medicine</em> sogar als „unmöglich“ beschrieben, dies zu erreichen [1]. Nach einer der gängigsten Definition von Farthing (1991) sind Träume unsere <strong>subjektiven</strong> <strong>Empfindungen</strong> während wir schlafen, also von Erfahrungen und Gedanken bis hin zu Emotionen [1]. Wir träumen von bedeutsamen Tageserlebnissen, Hobbys, Fantasiewelten oder von Menschen, die uns wichtig sind oder mit denen wir im Alltag viel zu tun haben [2].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/422809842_bd4fa19d-6440-4d95-80f2-efe5c6d9f12d-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="853" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/422809842_bd4fa19d-6440-4d95-80f2-efe5c6d9f12d-1024x853.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/422809842_bd4fa19d-6440-4d95-80f2-efe5c6d9f12d-1024x853.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/422809842_bd4fa19d-6440-4d95-80f2-efe5c6d9f12d-300x250.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/422809842_bd4fa19d-6440-4d95-80f2-efe5c6d9f12d-768x640.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/422809842_bd4fa19d-6440-4d95-80f2-efe5c6d9f12d-1536x1280.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/422809842_bd4fa19d-6440-4d95-80f2-efe5c6d9f12d-2048x1707.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Wir können uns zwar direkt nach dem Aufstehen meistens nicht mehr an unsere Träume erinnern, doch tatsächlich träumt jeder von uns mehrmals jede Nacht für ca. 5 bis 20 Minuten. Im Schnitt erinnern wir uns an einen Traum pro Woche, und trotzdem vergessen wir nach nur wenigen Minuten schon wieder, was wir geträumt haben [3]. Frauen scheinen sich übrigens besser zu erinnern und erleben ihre Träume emotionaler verglichen zu Männern [4].</p> <p>Am häufigsten wird von Träumen während des Rapid-Eye-Movement Schlafs (<strong>REM-Schlaf</strong>) berichtet, in der das Gehirn äußerst aktiv. Falls ihr mehr dazu und unserem Schlaf-Wach Rhythmus erfahren wollt, schaut gerne hier vorbei.<aside></aside></p> <figure></figure> <h3>Die häufigsten Traummotive</h3> <p>Bereits 1996 wurde beschrieben, dass Träume unsere persönlichen Beziehungen, Erfahrungen und Konflikte widerspiegeln [5] und dass Tageserfahrungen den Inhalt der Träume der kommenden Nacht vorhersagen [6]. Auch wenn unsere Fantasie scheinbar unendlich groß ist, gibt es jedoch einige Motive, die bei den meisten Menschen immer wieder auftauchen [7]:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137586014_2d7260bf-4c7b-4007-bb48-a06e3e716bdb-scaled.jpg"><img alt="Traummotiv &quot;verfolgt werden&quot;" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137586014_2d7260bf-4c7b-4007-bb48-a06e3e716bdb-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137586014_2d7260bf-4c7b-4007-bb48-a06e3e716bdb-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137586014_2d7260bf-4c7b-4007-bb48-a06e3e716bdb-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137586014_2d7260bf-4c7b-4007-bb48-a06e3e716bdb-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137586014_2d7260bf-4c7b-4007-bb48-a06e3e716bdb-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137586014_2d7260bf-4c7b-4007-bb48-a06e3e716bdb-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137586014_2d7260bf-4c7b-4007-bb48-a06e3e716bdb-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <ul> <li>verfolgt werden</li> <li>zu spät kommen</li> <li>freier Fall</li> <li>Schulszenarien (Klassenarbeiten, Lehrer, Mitschüler)</li> <li>sexuelle Erfahrungen</li> <li>gelähmt sein/ sich nicht oder nur sehr langsam bewegen können</li> <li>nackt in der Öffentlichkeit</li> <li>ausfallende Zähne</li> <li>verstorbene Personen sehen</li> </ul> <p>Na? Bestimmt kamen euch von der Liste die meisten Motive bekannt vor, richtig? Nur was hat es damit auf sich und wieso träumen wir eigentlich überhaupt?</p> <h3>Was die Traumforschung vermutet</h3> <p>Die physiologische Funktion von Träumen ist noch immer ungeklärt und bleibt ein für die Wissenschaft faszinierendes Phänomen. Einige Experten gehen davon aus, dass sich unser Gehirn beim Träumen neu sortiert und die Erfahrungen, die über den Tag gesammelt wurden, bewertet und abspeichert werden. Dies sorgt für <strong>Gedächtniskonsolidierung</strong> und hilft uns nachts das Gehirn einmal schön aufzuräumen, um am nächsten Tag Platz für neue Informationen zu schaffen [8].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18733182_Businessman-catching-star-climbing-ladder-to-sky-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18733182_Businessman-catching-star-climbing-ladder-to-sky-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18733182_Businessman-catching-star-climbing-ladder-to-sky-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18733182_Businessman-catching-star-climbing-ladder-to-sky-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18733182_Businessman-catching-star-climbing-ladder-to-sky-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18733182_Businessman-catching-star-climbing-ladder-to-sky-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18733182_Businessman-catching-star-climbing-ladder-to-sky-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Eine andere Theorie ist, dass wir in Träumen unser <strong>Angstmanagement</strong> trainieren (Threat Stimulation Theory). Während wir träumen, können wir in der sicheren Umgebung unserer nächtlichen Geschichten peinliche, bedrohliche oder traumatische Ereignisse des Tages verarbeiten und adäquate Verhaltensweisen üben, um diese im Alltag wieder anwenden zu können.</p> <p>Hinweise deuten zudem darauf hin, dass emotionale Bereiche des Gehirns während der Traumphasen sehr aktiv sind und Träume so unsere <strong>Emotionsregulation</strong> unterstützen [8], [9]. Ob Träume aber generell eine genaue Funktion haben, oder doch eher als Nebenprodukt unseres Schlafes gesehen werden können, bleibt unklar und wird bis heute debattiert. Zu guter Letzt scheint Träumen auch für unsere <strong>Kreativität </strong>wichtig zu sein [10]. Paul McCartney hat angeblich im Traum die Melodie des Klassikers „<em>Yesterday</em>“ erträumt, und der Regisseur Christopher Nolan fand in seinen Träumen wohl die Idee für den Science-Fiction Thriller „<em>Inception</em>“. Na ein Glück, dass die beiden sich nach dem Aufstehen noch an die Träume erinnert haben!</p> <h3>Wie entstehen Träume?</h3> <p>Bei meiner Recherche hat mich wirklich überrascht, wie wenig man darüber weiß. Das liegt vor allem daran, dass die Wissenschaft auf subjektive Berichte angewiesen ist, denn man kann die Schlafenden schließlich nicht direkt im Traum befragen. Zudem erinnern sich ja auch kaum Leute an ihre Träume, was die Datenerhebung zusätzlich erschwert.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699804_Peaceful-man-sleeping-in-bedroom-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699804_Peaceful-man-sleeping-in-bedroom-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699804_Peaceful-man-sleeping-in-bedroom-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699804_Peaceful-man-sleeping-in-bedroom-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699804_Peaceful-man-sleeping-in-bedroom-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699804_Peaceful-man-sleeping-in-bedroom-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699804_Peaceful-man-sleeping-in-bedroom-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Man vermutet, dass Träumen durch das Zusammenspiel mehrerer Aktivierungen im Gehirn in verschiedenen Regionen ausgelöst wird, woraus das Gehirn eine Geschichte baut. Unsere Augen sehen also keine Szenerie, aber unser Gehirn sorgt dafür, dass wir trotzdem ein Bild wahrnehmen, während wir träumen. Dies ist übrigens der Grund, wieso auch von Geburt an blinde Menschen in visuellen Bildern träumen können [11]!</p> <p>Das “<strong>Aktivierungs-Synthese-Modell</strong>” von 1977 beschreibt, dass der Hirnstamm und der Frontalkortex das Träumen auslösen [12]. Nach dieser Hypothese wird, besonders in der REM-Phase des Schlafs, im <strong>Hirnstamm </strong>spontane neuronale Aktivität erzeugt (<em>Aktivierung</em>), also der Bereich des Gehirns, der für unseren Schlaf-Wach-Rhythmus wichtig ist.</p> <p>Diese Signale werden dann in den <strong>Kortex </strong>weitergeleitet und erreichen unter anderem emotionale und erinnerungsbezogene Regionen und werden dort zusammen verarbeitet. Dies ist der Grund, wieso wir oft von Geschehnissen der letzten Tage träumen, von der furchterregenden Matheklausur, die am nächsten Tag ansteht, oder von dem fantastischen Date, was man gestern hatte.</p> <p>Der <strong>Frontalkortex </strong>ist schlussendlich für die Bewertung von allem zuständig und versucht, Sinn in die Fragmente zu bekommen, indem eine mehr oder weniger kohärente Geschichte aus Bildern, Handlung, Personen, Orten und Gefühlen gebastelt wird (<em>Synthese</em>) [12], [13].</p> <p>Wie ihr aber alle bestimmt wisst, sind Träume keine 1:1 Abbildung unserer Erlebnisse des Vortages, sondern sind oft lückenhaft, sprunghaft und können ziemlich konfus werden. Während wir träumen scheint der <strong>dorsolaterale Frontalkortex</strong> heruntergefahren zu sein, der für Realitätswahrnehmung und Logik zuständig ist. Dies könnte erklären, wieso wir unlogische Dinge erträumen, wie zum Beispiel fliegen oder sich Dinge herbeizaubern zu können [14].</p> <p>Das Aktivierungs-Synthese-Modell sieht Träume als <strong>Nebenprodukt unseres Schlafs</strong>, und nicht wie Freud als Signale unseres Unterbewusstseins. Manche Menschen haben es sogar schonmal erlebt, die eigenen Träume steuern zu können! Was es damit auf sich hat, könnt ihr hier nachlesen:</p> <figure></figure> <h3>Sind Träume doch keine Schäume?</h3> <p>Aber wenn Träume wirklich nur durch spontane Aktivität auftreten, heißt das dann, dass sie keine großartige Bedeutung haben? Naja… ganz so einfach ist es auch nicht.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/28893867_Woman-sitting-on-crescent-moon-with-closed-eyes-scaled.jpg"><img alt="Bedeutung von Träumen" decoding="async" height="749" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/28893867_Woman-sitting-on-crescent-moon-with-closed-eyes-1024x749.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/28893867_Woman-sitting-on-crescent-moon-with-closed-eyes-1024x749.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/28893867_Woman-sitting-on-crescent-moon-with-closed-eyes-300x219.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/28893867_Woman-sitting-on-crescent-moon-with-closed-eyes-768x562.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/28893867_Woman-sitting-on-crescent-moon-with-closed-eyes-1536x1123.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/28893867_Woman-sitting-on-crescent-moon-with-closed-eyes-2048x1498.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Das Themenfeld der Psychoanalyse beschäftigt sich näher mit Traumdeutung und was wiederkehrende Traummotive bedeuten. Teilweise wird in der Psychotherapie die Psychoanalyse angewandt, um zu Grunde liegende Konflikte bei Menschen mit bestimmten Krankheiten aufzuarbeiten. Um die Traummotive von oben nochmal aufzugreifen, werden diese häufig so interpretiert: „Verfolgt werden“ könnte bedeuten, dass man Konflikten im echten Leben aus dem Weg geht, oder Ängste und Schuldgefühle verdrängt. Der „freie Fall“ im Traum wird oft mit Kontrollverlust im Alltag oder Ängsten um sozialen oder beruflichen Absturz in Verbindung gebracht, und Träume, die einen zurück in die Schulzeit befördern, können mit Versagensangst und sozialer Bewertung erklärt werden.</p> <p>Wie viel Bedeutung man in seine Träume interpretiert, ist natürlich am Ende jedem selbst überlassen. Nach aktuellem Forschungsstand entstehen Träume vermutlich vor allem durch spontane neuronale Aktivität, die jedes Mal, wenn wir schlafen, auftritt und die unser Gehirn zu zusammenhängenden Geschichten verarbeitet. Dabei fließen zwar Erlebnisse, Emotionen und Eindrücke aus dem Alltag mit ein, doch ob Träume tatsächlich eine tiefere Bedeutung haben, lässt sich wissenschaftlich kaum eindeutig belegen.</p> <h3>Fazit</h3> <p>Von Sigmund Freud, der in Träumen versteckte Botschaften gesehen und unsere tiefsten Bedürfnisse hineininterpretiert hat, bis hin zu Wissenschaftlern, die der Meinung sind, dass Träume nur zufällige neuronale Aktivität sind und keine Bedeutung haben, ist alles an Meinungen dabei. Die Wahrheit, ob Träume nur Schäume sind, liegt vermutlich irgendwo zwischen den beiden Ansätzen. Ja, Träume entstehen durch spontane Gehirnaktivität, die das Gehirn zu interpretieren versucht, sind jedoch keine genaue Abbildung unseres Unterbewusstseins. Und trotzdem werden Themen eingebaut, die uns wichtig sind und beschäftigen und vermutlich während wir träumen verarbeiten.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-9-2026-11_25_25-AM-1.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-9-2026-11_25_25-AM-1-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-9-2026-11_25_25-AM-1-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-9-2026-11_25_25-AM-1-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-9-2026-11_25_25-AM-1-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-9-2026-11_25_25-AM-1-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-9-2026-11_25_25-AM-1.png 1254w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Vielleicht sind Träume also wirklich nur Schäume, aber solche, in denen man trotzdem viel Wahrheit und Bedeutungsvolles aus seinem Leben wiederfinden kann.</p> <h3>Quellen</h3> <p>[1]        T. Tsunematsu, ‘What are the neural mechanisms and physiological functions of dreams?’, <em>Neurosci. Res.</em>, vol. 189, pp. 54–59, Apr. 2023, doi: 10.1016/j.neures.2022.12.017.</p> <p>[2]        R. Vallat, B. Chatard, M. Blagrove, and P. Ruby, ‘Characteristics of the memory sources of dreams: A new version of the content-matching paradigm to take mundane and remote memories into account’, <em>PLoS ONE</em>, vol. 12, no. 10, p. e0185262, Oct. 2017, doi: 10.1371/journal.pone.0185262.</p> <p>[3]        M. Schredl, ‘Dream Recall Frequency in a Representative German Sample’, <em>Percept. Mot. Skills</em>, vol. 106, no. 3, pp. 699–702, Jun. 2008, doi: 10.2466/pms.106.3.699-702.</p> <p>[4]        M. Schredl and I. Reinhard, ‘Gender differences in dream recall: a meta-analysis’, <em>J. Sleep Res.</em>, vol. 17, no. 2, pp. 125–131, Jun. 2008, doi: 10.1111/j.1365-2869.2008.00626.x.</p> <p>[5]        G. W. Domhoff, <em>Finding Meaning in Dreams</em>. Boston, MA: Springer US, 1996. doi: 10.1007/978-1-4899-0298-6.</p> <p>[6]        M. Schredl, P. Ciric, S. GÖtz, and L. Wittmann, ‘Typical Dreams: Stability and Gender Differences’, <em>J. Psychol.</em>, vol. 138, no. 6, pp. 485–494, Jan. 2004, doi: 10.3200/JRLP.138.6.485-494.</p> <p>[7]        M. Schredl, ‘Typical dreams of falling, being chased, and being paralyzed in Germany from 1956 to 2000’, <em>Int. J. Dream Res.</em>, pp. 61–66, Apr. 2021, doi: 10.11588/ijodr.0.0.75878.</p> <p>[8]        K. Bulkeley, <em>Big Dreams: The Science of Dreaming and the Origins of Religion</em>. Oxford University Press, 2016.</p> <p>[9]        R. D. Cartwright, <em>The twenty-four hour mind: The role of sleep and dreaming in our emotional lives</em>. in The twenty-four hour mind: The role of sleep and dreaming in our emotional lives. New York, NY, US: Oxford University Press, 2010, pp. xvi, 208.</p> <p>[10]      F. Klepel, M. Schredl, and A. S. Göritz, ‘Dreams stimulate waking-life creativity and problem solving: Effects of personality traits’, <em>Int. J. Dream Res.</em>, pp. 95–102, Apr. 2019, doi: 10.11588/ijodr.2019.1.58950.</p> <p>[11]      C. S. Baird, ‘Do blind people dream in visual images?’, Science Questions with Surprising Answers. Accessed: May 01, 2026. [Online]. Available: https://wtamu.edu/~cbaird/sq/2020/02/11/do-blind-people-dream-in-visual-images/</p> <p>[12]      J. A. Hobson and R. W. McCarley, ‘The brain as a dream state generator: an activation-synthesis hypothesis of the dream process’, <em>Am. J. Psychiatry</em>, vol. 134, no. 12, pp. 1335–1348, Dec. 1977, doi: 10.1176/ajp.134.12.1335.</p> <p>[13]      ‘How and Why Does the Brain Create Dreams? | Psychology Today’. Accessed: May 01, 2026. [Online]. Available: https://www.psychologytoday.com/us/blog/your-brain-on-food/202312/how-and-why-does-the-brain-create-dreams</p> <p>[14]      Y. Kubota <em>et al.</em>, ‘Dorsolateral prefrontal cortical oxygenation during REM sleep in humans’, <em>Brain Res.</em>, vol. 1389, pp. 83–92, May 2011, doi: 10.1016/j.brainres.2011.02.061.</p> <h3>Bildquellen</h3> <ul> <li>Titelbild: generiert mit Chat GPT 5.3</li> <li>Abbildung 1: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/energie-heilende-haende_10073404.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=41&amp;uuid=79309153-77df-4442-8164-eaef1b02c451&amp;query=Seifenblasen" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 2: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/frau-liegt-mit-schlafmaske-im-bett-vektorillustration_422809842.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=10&amp;uuid=0d938ebe-90a0-42b9-822d-d982350c9bf7&amp;query=waking+up" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 3: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/erdbebenillustration-eines-mannes-der-rennt_137586014.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=4&amp;uuid=cbb50781-df24-436d-bc31-7519cb2579fa&amp;query=being+chased" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 4: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/geschaeftsmann-faengt-stern-klettert-leiter-zum-himmel_18733182.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=e2c63a54-b5d2-4c83-a2ff-71435ad54a14&amp;query=dream" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 5: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/friedlicher-mann-der-im-schlafzimmer-schlaeft-im-bett-ruht-raum-traeumt-karikaturillustration_12699804.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=19&amp;uuid=e2c63a54-b5d2-4c83-a2ff-71435ad54a14&amp;query=dream" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 6: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/frau-die-mit-geschlossenen-augen-auf-halbmond-sitzt-ruhige-person-die-einen-guten-tiefschlaf-hat-sich-entspannt-und-eine-flache-vektorillustration-ausruht-nacht-rem-schlafzyklus-wohlfuehlkonzept_28893867.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=e2c63a54-b5d2-4c83-a2ff-71435ad54a14&amp;query=dream" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 7: generiert mit Chat GPT 5.3</li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Sind Träume doch nur Schäume? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Luisa Sophie Engelke</h2><div itemprop="text"> <p>Im Traum gibt es nichts, das es nicht gibt, oder? Träume und alles rund um sie sind so verschieden wie wir Menschen nun mal sind: Manche träumen stets das Gleiche, andere erleben jede Nacht ein neues Abenteuer, manche erinnern sich jeden Morgen an Ihre Träume, andere wiederum fast nie. Aber habt ihr euch schonmal gefragt, ob eure Träume eigentlich was bedeuteten? Bestimmt, oder?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10073404_4349184.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10073404_4349184-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10073404_4349184-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10073404_4349184-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10073404_4349184-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10073404_4349184-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10073404_4349184-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10073404_4349184.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Bereits <strong>Sigmund Freud</strong> (1856 – 1939) beschäftigte sich eindringlich mit der Frage, was Träume eigentlich verbergen und war damit Begründer der Psychoanalyse. Nach ihm spiegeln Träume unsere unterbewussten Wünsche wider und bilden innere, nicht gelöste Konflikte ab. Aber verstecken sich in unseren nächtlichen Geschichten wirklich verschlüsselte Botschaften? Will unser Unterbewusstsein uns mit unseren Traumgeschichten etwas mitteilen? Oder sind Träume vielleicht doch nur Schäume?</p> <h3>Was genau sind Träume?</h3> <p>Bis heute gibt es keine offizielle Definition von Träumen und wird von der <em>American Academy of Sleep Medicine</em> sogar als „unmöglich“ beschrieben, dies zu erreichen [1]. Nach einer der gängigsten Definition von Farthing (1991) sind Träume unsere <strong>subjektiven</strong> <strong>Empfindungen</strong> während wir schlafen, also von Erfahrungen und Gedanken bis hin zu Emotionen [1]. Wir träumen von bedeutsamen Tageserlebnissen, Hobbys, Fantasiewelten oder von Menschen, die uns wichtig sind oder mit denen wir im Alltag viel zu tun haben [2].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/422809842_bd4fa19d-6440-4d95-80f2-efe5c6d9f12d-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="853" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/422809842_bd4fa19d-6440-4d95-80f2-efe5c6d9f12d-1024x853.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/422809842_bd4fa19d-6440-4d95-80f2-efe5c6d9f12d-1024x853.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/422809842_bd4fa19d-6440-4d95-80f2-efe5c6d9f12d-300x250.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/422809842_bd4fa19d-6440-4d95-80f2-efe5c6d9f12d-768x640.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/422809842_bd4fa19d-6440-4d95-80f2-efe5c6d9f12d-1536x1280.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/422809842_bd4fa19d-6440-4d95-80f2-efe5c6d9f12d-2048x1707.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Wir können uns zwar direkt nach dem Aufstehen meistens nicht mehr an unsere Träume erinnern, doch tatsächlich träumt jeder von uns mehrmals jede Nacht für ca. 5 bis 20 Minuten. Im Schnitt erinnern wir uns an einen Traum pro Woche, und trotzdem vergessen wir nach nur wenigen Minuten schon wieder, was wir geträumt haben [3]. Frauen scheinen sich übrigens besser zu erinnern und erleben ihre Träume emotionaler verglichen zu Männern [4].</p> <p>Am häufigsten wird von Träumen während des Rapid-Eye-Movement Schlafs (<strong>REM-Schlaf</strong>) berichtet, in der das Gehirn äußerst aktiv. Falls ihr mehr dazu und unserem Schlaf-Wach Rhythmus erfahren wollt, schaut gerne hier vorbei.<aside></aside></p> <figure></figure> <h3>Die häufigsten Traummotive</h3> <p>Bereits 1996 wurde beschrieben, dass Träume unsere persönlichen Beziehungen, Erfahrungen und Konflikte widerspiegeln [5] und dass Tageserfahrungen den Inhalt der Träume der kommenden Nacht vorhersagen [6]. Auch wenn unsere Fantasie scheinbar unendlich groß ist, gibt es jedoch einige Motive, die bei den meisten Menschen immer wieder auftauchen [7]:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137586014_2d7260bf-4c7b-4007-bb48-a06e3e716bdb-scaled.jpg"><img alt="Traummotiv &quot;verfolgt werden&quot;" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137586014_2d7260bf-4c7b-4007-bb48-a06e3e716bdb-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137586014_2d7260bf-4c7b-4007-bb48-a06e3e716bdb-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137586014_2d7260bf-4c7b-4007-bb48-a06e3e716bdb-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137586014_2d7260bf-4c7b-4007-bb48-a06e3e716bdb-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137586014_2d7260bf-4c7b-4007-bb48-a06e3e716bdb-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137586014_2d7260bf-4c7b-4007-bb48-a06e3e716bdb-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137586014_2d7260bf-4c7b-4007-bb48-a06e3e716bdb-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <ul> <li>verfolgt werden</li> <li>zu spät kommen</li> <li>freier Fall</li> <li>Schulszenarien (Klassenarbeiten, Lehrer, Mitschüler)</li> <li>sexuelle Erfahrungen</li> <li>gelähmt sein/ sich nicht oder nur sehr langsam bewegen können</li> <li>nackt in der Öffentlichkeit</li> <li>ausfallende Zähne</li> <li>verstorbene Personen sehen</li> </ul> <p>Na? Bestimmt kamen euch von der Liste die meisten Motive bekannt vor, richtig? Nur was hat es damit auf sich und wieso träumen wir eigentlich überhaupt?</p> <h3>Was die Traumforschung vermutet</h3> <p>Die physiologische Funktion von Träumen ist noch immer ungeklärt und bleibt ein für die Wissenschaft faszinierendes Phänomen. Einige Experten gehen davon aus, dass sich unser Gehirn beim Träumen neu sortiert und die Erfahrungen, die über den Tag gesammelt wurden, bewertet und abspeichert werden. Dies sorgt für <strong>Gedächtniskonsolidierung</strong> und hilft uns nachts das Gehirn einmal schön aufzuräumen, um am nächsten Tag Platz für neue Informationen zu schaffen [8].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18733182_Businessman-catching-star-climbing-ladder-to-sky-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18733182_Businessman-catching-star-climbing-ladder-to-sky-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18733182_Businessman-catching-star-climbing-ladder-to-sky-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18733182_Businessman-catching-star-climbing-ladder-to-sky-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18733182_Businessman-catching-star-climbing-ladder-to-sky-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18733182_Businessman-catching-star-climbing-ladder-to-sky-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18733182_Businessman-catching-star-climbing-ladder-to-sky-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Eine andere Theorie ist, dass wir in Träumen unser <strong>Angstmanagement</strong> trainieren (Threat Stimulation Theory). Während wir träumen, können wir in der sicheren Umgebung unserer nächtlichen Geschichten peinliche, bedrohliche oder traumatische Ereignisse des Tages verarbeiten und adäquate Verhaltensweisen üben, um diese im Alltag wieder anwenden zu können.</p> <p>Hinweise deuten zudem darauf hin, dass emotionale Bereiche des Gehirns während der Traumphasen sehr aktiv sind und Träume so unsere <strong>Emotionsregulation</strong> unterstützen [8], [9]. Ob Träume aber generell eine genaue Funktion haben, oder doch eher als Nebenprodukt unseres Schlafes gesehen werden können, bleibt unklar und wird bis heute debattiert. Zu guter Letzt scheint Träumen auch für unsere <strong>Kreativität </strong>wichtig zu sein [10]. Paul McCartney hat angeblich im Traum die Melodie des Klassikers „<em>Yesterday</em>“ erträumt, und der Regisseur Christopher Nolan fand in seinen Träumen wohl die Idee für den Science-Fiction Thriller „<em>Inception</em>“. Na ein Glück, dass die beiden sich nach dem Aufstehen noch an die Träume erinnert haben!</p> <h3>Wie entstehen Träume?</h3> <p>Bei meiner Recherche hat mich wirklich überrascht, wie wenig man darüber weiß. Das liegt vor allem daran, dass die Wissenschaft auf subjektive Berichte angewiesen ist, denn man kann die Schlafenden schließlich nicht direkt im Traum befragen. Zudem erinnern sich ja auch kaum Leute an ihre Träume, was die Datenerhebung zusätzlich erschwert.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699804_Peaceful-man-sleeping-in-bedroom-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699804_Peaceful-man-sleeping-in-bedroom-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699804_Peaceful-man-sleeping-in-bedroom-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699804_Peaceful-man-sleeping-in-bedroom-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699804_Peaceful-man-sleeping-in-bedroom-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699804_Peaceful-man-sleeping-in-bedroom-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699804_Peaceful-man-sleeping-in-bedroom-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Man vermutet, dass Träumen durch das Zusammenspiel mehrerer Aktivierungen im Gehirn in verschiedenen Regionen ausgelöst wird, woraus das Gehirn eine Geschichte baut. Unsere Augen sehen also keine Szenerie, aber unser Gehirn sorgt dafür, dass wir trotzdem ein Bild wahrnehmen, während wir träumen. Dies ist übrigens der Grund, wieso auch von Geburt an blinde Menschen in visuellen Bildern träumen können [11]!</p> <p>Das “<strong>Aktivierungs-Synthese-Modell</strong>” von 1977 beschreibt, dass der Hirnstamm und der Frontalkortex das Träumen auslösen [12]. Nach dieser Hypothese wird, besonders in der REM-Phase des Schlafs, im <strong>Hirnstamm </strong>spontane neuronale Aktivität erzeugt (<em>Aktivierung</em>), also der Bereich des Gehirns, der für unseren Schlaf-Wach-Rhythmus wichtig ist.</p> <p>Diese Signale werden dann in den <strong>Kortex </strong>weitergeleitet und erreichen unter anderem emotionale und erinnerungsbezogene Regionen und werden dort zusammen verarbeitet. Dies ist der Grund, wieso wir oft von Geschehnissen der letzten Tage träumen, von der furchterregenden Matheklausur, die am nächsten Tag ansteht, oder von dem fantastischen Date, was man gestern hatte.</p> <p>Der <strong>Frontalkortex </strong>ist schlussendlich für die Bewertung von allem zuständig und versucht, Sinn in die Fragmente zu bekommen, indem eine mehr oder weniger kohärente Geschichte aus Bildern, Handlung, Personen, Orten und Gefühlen gebastelt wird (<em>Synthese</em>) [12], [13].</p> <p>Wie ihr aber alle bestimmt wisst, sind Träume keine 1:1 Abbildung unserer Erlebnisse des Vortages, sondern sind oft lückenhaft, sprunghaft und können ziemlich konfus werden. Während wir träumen scheint der <strong>dorsolaterale Frontalkortex</strong> heruntergefahren zu sein, der für Realitätswahrnehmung und Logik zuständig ist. Dies könnte erklären, wieso wir unlogische Dinge erträumen, wie zum Beispiel fliegen oder sich Dinge herbeizaubern zu können [14].</p> <p>Das Aktivierungs-Synthese-Modell sieht Träume als <strong>Nebenprodukt unseres Schlafs</strong>, und nicht wie Freud als Signale unseres Unterbewusstseins. Manche Menschen haben es sogar schonmal erlebt, die eigenen Träume steuern zu können! Was es damit auf sich hat, könnt ihr hier nachlesen:</p> <figure></figure> <h3>Sind Träume doch keine Schäume?</h3> <p>Aber wenn Träume wirklich nur durch spontane Aktivität auftreten, heißt das dann, dass sie keine großartige Bedeutung haben? Naja… ganz so einfach ist es auch nicht.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/28893867_Woman-sitting-on-crescent-moon-with-closed-eyes-scaled.jpg"><img alt="Bedeutung von Träumen" decoding="async" height="749" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/28893867_Woman-sitting-on-crescent-moon-with-closed-eyes-1024x749.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/28893867_Woman-sitting-on-crescent-moon-with-closed-eyes-1024x749.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/28893867_Woman-sitting-on-crescent-moon-with-closed-eyes-300x219.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/28893867_Woman-sitting-on-crescent-moon-with-closed-eyes-768x562.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/28893867_Woman-sitting-on-crescent-moon-with-closed-eyes-1536x1123.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/28893867_Woman-sitting-on-crescent-moon-with-closed-eyes-2048x1498.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Das Themenfeld der Psychoanalyse beschäftigt sich näher mit Traumdeutung und was wiederkehrende Traummotive bedeuten. Teilweise wird in der Psychotherapie die Psychoanalyse angewandt, um zu Grunde liegende Konflikte bei Menschen mit bestimmten Krankheiten aufzuarbeiten. Um die Traummotive von oben nochmal aufzugreifen, werden diese häufig so interpretiert: „Verfolgt werden“ könnte bedeuten, dass man Konflikten im echten Leben aus dem Weg geht, oder Ängste und Schuldgefühle verdrängt. Der „freie Fall“ im Traum wird oft mit Kontrollverlust im Alltag oder Ängsten um sozialen oder beruflichen Absturz in Verbindung gebracht, und Träume, die einen zurück in die Schulzeit befördern, können mit Versagensangst und sozialer Bewertung erklärt werden.</p> <p>Wie viel Bedeutung man in seine Träume interpretiert, ist natürlich am Ende jedem selbst überlassen. Nach aktuellem Forschungsstand entstehen Träume vermutlich vor allem durch spontane neuronale Aktivität, die jedes Mal, wenn wir schlafen, auftritt und die unser Gehirn zu zusammenhängenden Geschichten verarbeitet. Dabei fließen zwar Erlebnisse, Emotionen und Eindrücke aus dem Alltag mit ein, doch ob Träume tatsächlich eine tiefere Bedeutung haben, lässt sich wissenschaftlich kaum eindeutig belegen.</p> <h3>Fazit</h3> <p>Von Sigmund Freud, der in Träumen versteckte Botschaften gesehen und unsere tiefsten Bedürfnisse hineininterpretiert hat, bis hin zu Wissenschaftlern, die der Meinung sind, dass Träume nur zufällige neuronale Aktivität sind und keine Bedeutung haben, ist alles an Meinungen dabei. Die Wahrheit, ob Träume nur Schäume sind, liegt vermutlich irgendwo zwischen den beiden Ansätzen. Ja, Träume entstehen durch spontane Gehirnaktivität, die das Gehirn zu interpretieren versucht, sind jedoch keine genaue Abbildung unseres Unterbewusstseins. Und trotzdem werden Themen eingebaut, die uns wichtig sind und beschäftigen und vermutlich während wir träumen verarbeiten.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-9-2026-11_25_25-AM-1.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-9-2026-11_25_25-AM-1-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-9-2026-11_25_25-AM-1-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-9-2026-11_25_25-AM-1-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-9-2026-11_25_25-AM-1-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-9-2026-11_25_25-AM-1-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-9-2026-11_25_25-AM-1.png 1254w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Vielleicht sind Träume also wirklich nur Schäume, aber solche, in denen man trotzdem viel Wahrheit und Bedeutungsvolles aus seinem Leben wiederfinden kann.</p> <h3>Quellen</h3> <p>[1]        T. Tsunematsu, ‘What are the neural mechanisms and physiological functions of dreams?’, <em>Neurosci. Res.</em>, vol. 189, pp. 54–59, Apr. 2023, doi: 10.1016/j.neures.2022.12.017.</p> <p>[2]        R. Vallat, B. Chatard, M. Blagrove, and P. Ruby, ‘Characteristics of the memory sources of dreams: A new version of the content-matching paradigm to take mundane and remote memories into account’, <em>PLoS ONE</em>, vol. 12, no. 10, p. e0185262, Oct. 2017, doi: 10.1371/journal.pone.0185262.</p> <p>[3]        M. Schredl, ‘Dream Recall Frequency in a Representative German Sample’, <em>Percept. Mot. Skills</em>, vol. 106, no. 3, pp. 699–702, Jun. 2008, doi: 10.2466/pms.106.3.699-702.</p> <p>[4]        M. Schredl and I. Reinhard, ‘Gender differences in dream recall: a meta-analysis’, <em>J. Sleep Res.</em>, vol. 17, no. 2, pp. 125–131, Jun. 2008, doi: 10.1111/j.1365-2869.2008.00626.x.</p> <p>[5]        G. W. Domhoff, <em>Finding Meaning in Dreams</em>. Boston, MA: Springer US, 1996. doi: 10.1007/978-1-4899-0298-6.</p> <p>[6]        M. Schredl, P. Ciric, S. GÖtz, and L. Wittmann, ‘Typical Dreams: Stability and Gender Differences’, <em>J. Psychol.</em>, vol. 138, no. 6, pp. 485–494, Jan. 2004, doi: 10.3200/JRLP.138.6.485-494.</p> <p>[7]        M. Schredl, ‘Typical dreams of falling, being chased, and being paralyzed in Germany from 1956 to 2000’, <em>Int. J. Dream Res.</em>, pp. 61–66, Apr. 2021, doi: 10.11588/ijodr.0.0.75878.</p> <p>[8]        K. Bulkeley, <em>Big Dreams: The Science of Dreaming and the Origins of Religion</em>. Oxford University Press, 2016.</p> <p>[9]        R. D. Cartwright, <em>The twenty-four hour mind: The role of sleep and dreaming in our emotional lives</em>. in The twenty-four hour mind: The role of sleep and dreaming in our emotional lives. New York, NY, US: Oxford University Press, 2010, pp. xvi, 208.</p> <p>[10]      F. Klepel, M. Schredl, and A. S. Göritz, ‘Dreams stimulate waking-life creativity and problem solving: Effects of personality traits’, <em>Int. J. Dream Res.</em>, pp. 95–102, Apr. 2019, doi: 10.11588/ijodr.2019.1.58950.</p> <p>[11]      C. S. Baird, ‘Do blind people dream in visual images?’, Science Questions with Surprising Answers. Accessed: May 01, 2026. [Online]. Available: https://wtamu.edu/~cbaird/sq/2020/02/11/do-blind-people-dream-in-visual-images/</p> <p>[12]      J. A. Hobson and R. W. McCarley, ‘The brain as a dream state generator: an activation-synthesis hypothesis of the dream process’, <em>Am. J. Psychiatry</em>, vol. 134, no. 12, pp. 1335–1348, Dec. 1977, doi: 10.1176/ajp.134.12.1335.</p> <p>[13]      ‘How and Why Does the Brain Create Dreams? | Psychology Today’. Accessed: May 01, 2026. [Online]. Available: https://www.psychologytoday.com/us/blog/your-brain-on-food/202312/how-and-why-does-the-brain-create-dreams</p> <p>[14]      Y. Kubota <em>et al.</em>, ‘Dorsolateral prefrontal cortical oxygenation during REM sleep in humans’, <em>Brain Res.</em>, vol. 1389, pp. 83–92, May 2011, doi: 10.1016/j.brainres.2011.02.061.</p> <h3>Bildquellen</h3> <ul> <li>Titelbild: generiert mit Chat GPT 5.3</li> <li>Abbildung 1: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/energie-heilende-haende_10073404.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=41&amp;uuid=79309153-77df-4442-8164-eaef1b02c451&amp;query=Seifenblasen" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 2: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/frau-liegt-mit-schlafmaske-im-bett-vektorillustration_422809842.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=10&amp;uuid=0d938ebe-90a0-42b9-822d-d982350c9bf7&amp;query=waking+up" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 3: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/erdbebenillustration-eines-mannes-der-rennt_137586014.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=4&amp;uuid=cbb50781-df24-436d-bc31-7519cb2579fa&amp;query=being+chased" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 4: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/geschaeftsmann-faengt-stern-klettert-leiter-zum-himmel_18733182.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=e2c63a54-b5d2-4c83-a2ff-71435ad54a14&amp;query=dream" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 5: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/friedlicher-mann-der-im-schlafzimmer-schlaeft-im-bett-ruht-raum-traeumt-karikaturillustration_12699804.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=19&amp;uuid=e2c63a54-b5d2-4c83-a2ff-71435ad54a14&amp;query=dream" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 6: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/frau-die-mit-geschlossenen-augen-auf-halbmond-sitzt-ruhige-person-die-einen-guten-tiefschlaf-hat-sich-entspannt-und-eine-flache-vektorillustration-ausruht-nacht-rem-schlafzyklus-wohlfuehlkonzept_28893867.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=e2c63a54-b5d2-4c83-a2ff-71435ad54a14&amp;query=dream" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 7: generiert mit Chat GPT 5.3</li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/neurowissenschaft-traeume/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>10</slash:comments> </item> <item> <title>Bedrohen Demografie & Rechtsmimesis inzwischen die Republik – auch über Sachsen-Anhalt aus? https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/bedrohen-demografie-rechtsmimesis-inzwischen-die-republik-auch-ueber-sachsen-anhalt-aus/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/bedrohen-demografie-rechtsmimesis-inzwischen-die-republik-auch-ueber-sachsen-anhalt-aus/#comments Sat, 16 May 2026 22:29:00 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11284 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SachsenAnhaltTrendMai2026ScreenshotMDR-768x347.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/bedrohen-demografie-rechtsmimesis-inzwischen-die-republik-auch-ueber-sachsen-anhalt-aus/</link> </image> <description type="html"><h1>Bedrohen Demografie & Rechtsmimesis inzwischen die Republik - auch über Sachsen-Anhalt aus? » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Meine <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/meinem-vater-falko-blume-1950-2012/">Eltern stammen aus dem heutigen Sachsen-Anhalt (aus Quedlinburg</a> und Jeggau im Kreis Gardelegen) und gehörten zu den vielen, die bereits zu Zeiten der DDR die Region verließen. Weil auch nach <a href="https://www.demografie-portal.de/DE/Fakten/bevoelkerungszahl-sachsen-anhalt.html" rel="noopener">der Wiedervereinigung weitere Abwanderung stattfand und zudem immer weniger Kinder geboren werden, schrumpft und altert die Bevölkerung rapide</a>:</p> <p><em>„In Sachsen-Anhalt lebten Ende 2024 rund 2,14 Millionen Menschen. Die Bevölkerung ist in den letzten Jahrzehnten stark geschrumpft. Allein seit dem Jahr 2000 hat Sachsen-Anhalt fast eine halbe Million Einwohner verloren. Das bedeutet einen Bevölkerungsrückgang von 18 Prozent. Dazu haben sowohl die negative natürliche Bevölkerungsentwicklung, also dass jedes Jahr mehr Menschen sterben als geboren werden, als auch Wanderungsverluste an andere Bundesländer beigetragen. Die stetige Zuwanderung aus dem Ausland konnte diese Entwicklung nicht vollständig kompensieren.“</em></p> <p>Über Jahre hinweg haben uns Konservative versichert, dass eine scharfe Begrenzung von Migration sowie eine Erhöhung der Abschiebungen auch ganzer Familien den Zulauf zur rechtsdualistischen AfD begrenzen würde. Ich hatte dagegen mit allen demokratischen Mitteln protestiert und u.a. <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/antisemitismusexperte-blume-lehnt-bundesverdienstkreuz-ab/" rel="noopener">aufgrund der Abschiebung rechtstreuer, jesidischer Familien auf das Bundesverdienstkreuz verzichtet</a>, <a href="https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.michael-blume-antisemitismusbeauftragter-kritisiert-merz-viele-in-der-cdu-leiden.11dda589-5b85-454b-8211-a22d2d7cb30e.html" rel="noopener">gegen den fatalen Wortbruch und Rechtsschwenk der CDU, CSU und FDP im letzten Bundestag durch „meinen“ derzeitigen Bundesparteivorsitzenden <strong>Friedrich Merz (CDU)</strong> die Stimme erhoben</a> und <a href="https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2025/10-2025/medien-und-mimesis-journalismus-in-zeiten-digitaler-aufmerksamkeitsoekonomie/" rel="noopener">später auch in der Herder Korrespondenz (Freiburg) eine warnende Medien- und Wahlanalyse zu <strong><em>„Medien &amp; Mimesis“</em></strong> veröffentlicht</a>.</p> <p>Nichts davon <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-waermepumpe-memes-und-lob-dem-spd-oekosozialen-hermann-scheer-1944-2010/">fiel mir als seit Jahrzehnten loyal engagiertem Christdemokraten leicht</a> und ich bin auch kein Vertreter einer Politik offener Grenzen: Nationalstaaten können und sollen ihre Grenzen kontrollieren, illegale Einreisen unterbinden und Straftäter inhaftieren sowie abschieben. Was sie jedoch nie und nimmer tun sollten, ist <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Empathie-als-Sprache-der-Naechstenliebe-Michael-Blume2026.pdf">die Ideen der Nächstenliebe und Menschenwürde aufzugeben, also ganze Bevölkerungsgruppen abzuwerten, wirklich Schutzbedürftigen Hilfe zu verwehren und ganze Familien verfolgter Minderheiten mit Kindern in Kriegs- und Krisengebiete zu schicken</a>. Wer das tut – und wir Deutschen tun es derzeit – schürt die Ängste einer alternden Bevölkerung, anstatt sie beschwichtigen.</p> <p><em><strong>Rechtsmimesis</strong> ist nicht nur moralisch falsch, sie verstärkt in Zeiten digitaler Medienblasen auch den Zulauf zum Rechstdualismus!</em> <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/kartenliebe-das-scheitern-digitaler-rechtsmimesis-am-beispiel-grossbritannien/">Wie viele demokratische Parteien müssen sich etwa in <strong>Frankreich</strong>, <strong>Großbritannien, den USA</strong> oder auch in <strong>Deutschland</strong> noch selbst durch eine Menschen abwertende Migrationspolitik selbst zerstören</a>, bis dieser fatale Irrtum endlich verstanden wird? <strong><em>Rechtsmimesis halbiert keine Faschisten, sondern immer nur die demokratische Mitte.</em></strong><aside></aside></p> <p>Wir sehen das ganz konkret in meinem Herkunftsland <strong>Sachsen-Anhalt</strong>: <strong><em>Obwohl (und weil!) die Zuwanderungszahlen massiv abgenommen haben und Abschiebungen auch von Familien durchgeführt wurden, <a href="https://www.youtube.com/watch?v=fDGg6mgOKQY" rel="noopener">konnte die AfD in Umfragen auf über 40 Prozent der Stimmen zulegen und die CDU mit 26 Prozent sowie die SPD mit 12 Prozent weit hinter sich lassen</a>! </em></strong>Wie schon <strong>Tories</strong> und <strong>Labour</strong> gegenüber <strong>ReformUK</strong> im (noch) <strong>Vereinigten Königreich</strong> haben sich auch <strong>Union</strong> und <strong>SPD</strong> gegenüber der <strong>AfD</strong> demografisch und rechtsmimetisch selbst verzwergt.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=fDGg6mgOKQY" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Eine Auswertungsfolie zum SachsenAnhaltTREND vom Mai 2026 zeigt an, dass nur noch 14 Prozent der erwachsenen Befragten Einwanderung als &quot;wichtigstes Problem&quot; (minus sieben Prozent) benennen, gefolgt von Bildung (zwölf Prozent), Wirtschaft (zehn Prozent) und Mobilität sowie Rechtsruck (je fünf Prozent). Dennoch läge die AfD laut der gleichen Umfrage bei über 40 Prozent der Stimmen." decoding="async" height="519" sizes="(max-width: 1148px) 100vw, 1148px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SachsenAnhaltTrendMai2026ScreenshotMDR.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SachsenAnhaltTrendMai2026ScreenshotMDR.jpg 1148w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SachsenAnhaltTrendMai2026ScreenshotMDR-300x136.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SachsenAnhaltTrendMai2026ScreenshotMDR-1024x463.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SachsenAnhaltTrendMai2026ScreenshotMDR-768x347.jpg 768w" width="1148"></img></a></p> <p><em>Wie Rechtsmimesis die Demokratie zerstört: Im <strong>Sachsen-Anhalt</strong>TREND vom Mai 2026 schnitt die AfD mit neuen Rekordergebnissen ab, obwohl nur noch 14 Prozent der erwachsenen Befragten „Einwanderung“ als „wichtigstes politisches Problem“ benannten, aber auch nur noch fünf Prozent den „Rechtsruck“ als Gefahr erkennen. Screenshot aus einem <a href="https://www.youtube.com/watch?v=fDGg6mgOKQY" rel="noopener">MDR-Dialog mit dem Politikwissenschaftler <strong>Marcel Lewandowski (Uni Halle)</strong></a>: Michael Blume</em></p> <p>Warum aber wählen Menschen – wie oft beklagt wird – auch irrational gegen ihre eigenen Interessen?</p> <p>Auch die <strong>Demokratie</strong> basiert, wie jede Staats- und Politikform, auf Mythen, Symbolen, Ritualen, Emotionen, also auf <strong>Zivilreligion</strong>. An <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/es-ist-die-zukunftsangst-stupid-die-zeitenumbruch-these-zur-wiederwahl-von-donald-trump-usa/">die Legitimität der Regierenden und an eine lebenswerte Zukunft müssen Menschen glauben</a>! Und wo sie das nicht mehr tun, wählen sie echte oder vermeintliche „Alternativen“.</p> <p>Gerade erst diese Woche habe ich <a href="https://digitalcourage.social/@Landtag_BW@baw%C3%BC.social/116562605185762398" rel="noopener">die Neukonstituierung des Landtags von Baden-Württemberg mit der Wahl des neuen Landtagspräsidenten <strong>Thomas Strobl (CDU)</strong> und seiner Nun-Stellvertreterin <strong>Muhterem Arras (Grüne)</strong> erlebt</a>. Am Tag darauf war ich <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116568693734017504" rel="noopener">auch zur Wahl des Ministerpräsidenten <strong>Cem Özdemir (Grüne)</strong> eingeladen und konnte dabei live miterleben, wie klar und anständig <strong>Manuel Hagel (CDU)</strong> einen Spaltungsversuch der AfD zurückwies</a>.</p> <p>Als jemand, der seit Jahrzehnten Politik und Religion samt ihrer Überschneidungen nicht nur wissenschaftlich erforscht, sondern auch live miterlebt, kann ich sagen: <strong><em>Ich erkenne (Zivil-)Religion, wenn ich sie miterlebe.</em></strong></p> <p>Und dies bedeutet aber auch:</p> <p><strong>Menschenwürde und rechtsstaatliche Demokratien sind uns nicht angeboren, sondern verwundbare, zivilreligiöse Errungenschaften</strong></p> <p>Für <strong>Deutschland</strong> bedeutet das: Wer den Menschen bei sinkender Bevölkerungszahl und kaum besteuertem Milliardenerbe ständig vermittelt, <strong><em>„das Boot sei voll“</em> und es sei auch <em>„kein Geld mehr“</em> für Soziales und Kommunen als entscheidender Staatsebene, für Integration, Bildung und Gesundheit da – befeuert zwangsläufig die Wut auf die große Zahl und oft hohen Diäten der Abgeordneten in Bund und 16 (!) Ländern</strong>.</p> <p>Hinzu kommt, dass die deutschen Parlamente <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/">seit <strong>dem ersten Parteien – Koalitionsvertrag von 1961</strong> ohnehin weitgehend durch im GG ausdrücklich nicht vorgesehene „Fraktionsdisziplin“ und Partei-Gremien wie Koalitionsausschüsse entmachtet, gleichgeschaltet &amp; immer wieder auch gedemütigt</a> wurden. Warum also sollten Deutsche weiterhin Tausende gewählte Abgeordnete plus Mitarbeiterstäben alimentieren wollen, <a href="https://www.tagesschau.de/wirtschaft/energie/gebaeudemodernisierungsgesetz-heizungsgesetz-faq-100.html" rel="noopener">wenn diese doch ganz offensichtlich immer weniger zu sagen haben</a>?</p> <p>Entsprechend hat <a href="https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_101252482/afd-baut-in-umfrage-vorsprung-zur-union-aus-zweifel-an-brandmauer-wachsen.html" rel="noopener">nicht nur die Zustimmung zu <strong>Bundeskanzler Merz und der von ihm geleiteten Bundesregierung</strong> rekordhafte Niedrigstände erreicht</a>, sondern auch <a href="https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/id_101256704/umfrage-ergibt-klare-mehrheit-gegen-diaetenerhoehung.html" rel="noopener">die Unzufriedenheit mit den Abgeordneten des deutschen Bundestages</a>:</p> <p><em>„<span>Eine deutliche Mehrheit der Bürger spricht sich in einer </span><span>Umfrage</span><span> gegen eine Erhöhung der Diäten der 630 Bundestagsabgeordneten in diesem Jahr aus. Nach der repräsentativen Erhebung des Instituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur sind 85 Prozent der Ansicht, die Abgeordneten sollten angesichts der aktuellen Lage auf eine Anhebung verzichten. Nur 7 Prozent sprachen sich für die Erhöhung aus, 8 Prozent waren unentschlossen.</span></em></p> <p><em>Eigentlich sollen die Diäten zum 1. Juli um 497 Euro steigen – auf rund 12.330 Euro. Das ergibt sich aus einem im Abgeordnetengesetz verankerten automatischen Mechanismus, nach dem die Anpassung der Bezüge an die Entwicklung der Durchschnittslöhne gekoppelt ist.</em></p> <div data-testid="StageLayout.StreamItem"> <p><em>Am höchsten war in der Umfrage die ablehnende Haltung dazu unter AfD-Anhängern (93 Prozent), aber auch die Sympathisanten von SPD und CDU/CSU votierten mit 87 beziehungsweise 85 Prozent deutlich für einen Verzicht der Abgeordneten.“</em></p> <p><strong>Die Psychologie der Mimesis</strong></p> <p>Wer menschliches Verhalten von der Wirkung von Vorbildern über die Werbung bis zu Politik und Religion verstehen möchte, kommt nicht um die Psychologie der Mimesis herum: <strong><em>Wir alle (!) werden in sogar zunehmendem Maße durch die Botschaften geprägt, die wir in unseren jeweiligen Medienblasen erhalten.</em></strong> Auch das <a href="https://www.youtube.com/watch?v=fDGg6mgOKQY" rel="noopener">sehen wir im <strong>Sachsen-AnhaltTrend </strong>vom Mai 2026</a>:</p> <p>So schätzen <strong>nur noch 14 Prozent der Befragten dort die „wirtschaftliche Situation“ ihres Landes als „sehr gut“ oder „gut“ ein, gegenüber 82 Prozent als „weniger gut“ oder „schlecht“</strong>. Dabei schätzen noch immer <strong>59 Prozent der gleichen Befragten ihre „persönliche Situation“ als „sehr gut“ oder „gut“ ein, gegenüber 38 Prozent als „weniger gut“ oder „schlecht“</strong>.</p> <p>Niemand sollte einen schwarzen Gürtel in <strong>Politikwissenschaft</strong> benötigen, um zu erkennen, wie fatal es ist, angesichts dieser Ängste immer weitere Menschengruppen abzuwerten, das Rentensystem vor Bankern als „Basisabsicherung“ zu schmähen und die Leistungen früherer Bundesregierungen und Bundestage schlecht zu reden.</p> <p>Aber auch linksdualistische Bewegungen, die Andersdenkende arrogant abwerten, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/elinor-ostrom-und-diskussionen-mit-marxismus-glaeubigen/">weiterhin nur von toten Männern wie <strong>Karl Marx</strong> schwurbeln</a> und auf vermeintlich alternativlose <em>„Panik“</em> vor der <strong>Klima</strong>– und <strong>Wasserkrise</strong> setzen, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-55-die-selbstzerstoerung-des-fossilismus-die-abzocke-in-der-fossilen-miet-und-armutsfalle/">realistische Hoffnungsbilder auch des <strong>Solarboom</strong> und <strong>Solarpunk</strong></a> abwerten, gewinnen und verdienen kein Vertrauen.</p> <p>Jeder <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/warum-der-dialogische-monismus-mehr-als-ein-anti-dualismus-dualismus/">Freund-Feind-Dualismus befeuert die Ängste</a> und Sorgen und damit rechtsmimetischen Partei- und Medienblasen algorithmischer Konzerne immer weiter, statt <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-51-arbeit-demografie-und-deindustrialisierung-am-beispiel-japan/">ehrliche, respektvolle Dialoge über die Zukunft einer demografisch schrumpfenden Gesellschaft zu befördern</a>. Wer <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mehr-arbeiten-fossilismus-gegen-familien-demografie-deindustrialisierung/">den Menschen auch nach Jahrzehnten des Friedens, des technologischen Fortschritts und der erfolgreichen <strong>Europäischen Union</strong> als Botschaft nur anzubieten hat, dass angeblich alles schlecht sei und noch schlechter werde</a>, taugt nicht zum demokratischen Dialog, der immer auch zivilreligiöse Hoffnungen voraussetzt.</p> </div> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-scaled.jpg" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das Schaubild zu Medien &amp; Mimesis: Die Gefahr der medialen Nachahmung warnt vor den Gefahren eines medialen Teufelskreises der Abwertung und Gewalt und plädiert für eine Ethik der Medien-Verantwortung." decoding="async" height="1429" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Ein Schaubild zur Psychologie der medialen Mimesis: Wenn wir in einen mimetischen Teufelskreis der Abwertung anderer Menschen geraten, dann färbt dies auch auf unsere Welt- und Selbstwahrnehmung ab. Gerade auch aufgrund algorithmischer Konzernmedien sind Menschenwürde und Demokratie gerade weltweit unter Druck. Grafik: Michael Blume mit NotebookLM</em></p> <p>Ich mache mir also erhebliche Sorgen um den Zustand von Nationalstaaten generell und „meiner“ Bundesrepublik Deutschland im Besonderen. Immerhin sind wir ein föderaler Bundesstaat, in dem die Landes- und Kommunalpolitiken näher an den Menschen und ferner von den fossilen Konzernen sind.</p> <p>Und es ist immer noch nicht zu spät, die fatalen Irrtümer der Rechtsmimesis zu begreifen, Politik entsprechend besser zu machen und zu kommunizieren und die Bundesrepublik vor einer weiteren Welle des fossilen Faschismus zu bewahren.</p> <p><strong>Terminhinweis</strong>: </p> <p>Am <strong>2. Juni 2026</strong>, Dienstag, spreche ich daher ab 18:15 Uhr auf Einladung des Weltethos-Institutes im bekannten Hörsaal 25 des Kupferbaus der <strong>Universität Tübingen</strong> zum Thema auch dieses Blogposts:</p> <p><strong><em>„<a href="https://uni-tuebingen.de/universitaet/campusleben/veranstaltungen/veranstaltungskalender/termindetails/article/die-macht-der-mimesis-medien-zwischen-dialog-und-hetze/" rel="noopener">Die Macht der Mimesis – Medien zwischen Dialog und Hetze</a></em></strong><br></br><strong><em>Medien, Macht und Menschlichkeit – Wie die digitale Medienökonomie unsere Öffentlichkeit prägt“</em></strong></p> <p>Herzliche Einladung, eine Anmeldung ist nicht nötig!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/z8oNWYrXAe0?feature=oembed&amp;rel=0" title="Gemeinsam gegen Antisemitismus - Fachtag 2025 - Vortrag Dr. Michael Blume zu &quot;Medien und Mimesis&quot;" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Bedrohen Demografie & Rechtsmimesis inzwischen die Republik - auch über Sachsen-Anhalt aus? » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Meine <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/meinem-vater-falko-blume-1950-2012/">Eltern stammen aus dem heutigen Sachsen-Anhalt (aus Quedlinburg</a> und Jeggau im Kreis Gardelegen) und gehörten zu den vielen, die bereits zu Zeiten der DDR die Region verließen. Weil auch nach <a href="https://www.demografie-portal.de/DE/Fakten/bevoelkerungszahl-sachsen-anhalt.html" rel="noopener">der Wiedervereinigung weitere Abwanderung stattfand und zudem immer weniger Kinder geboren werden, schrumpft und altert die Bevölkerung rapide</a>:</p> <p><em>„In Sachsen-Anhalt lebten Ende 2024 rund 2,14 Millionen Menschen. Die Bevölkerung ist in den letzten Jahrzehnten stark geschrumpft. Allein seit dem Jahr 2000 hat Sachsen-Anhalt fast eine halbe Million Einwohner verloren. Das bedeutet einen Bevölkerungsrückgang von 18 Prozent. Dazu haben sowohl die negative natürliche Bevölkerungsentwicklung, also dass jedes Jahr mehr Menschen sterben als geboren werden, als auch Wanderungsverluste an andere Bundesländer beigetragen. Die stetige Zuwanderung aus dem Ausland konnte diese Entwicklung nicht vollständig kompensieren.“</em></p> <p>Über Jahre hinweg haben uns Konservative versichert, dass eine scharfe Begrenzung von Migration sowie eine Erhöhung der Abschiebungen auch ganzer Familien den Zulauf zur rechtsdualistischen AfD begrenzen würde. Ich hatte dagegen mit allen demokratischen Mitteln protestiert und u.a. <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/antisemitismusexperte-blume-lehnt-bundesverdienstkreuz-ab/" rel="noopener">aufgrund der Abschiebung rechtstreuer, jesidischer Familien auf das Bundesverdienstkreuz verzichtet</a>, <a href="https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.michael-blume-antisemitismusbeauftragter-kritisiert-merz-viele-in-der-cdu-leiden.11dda589-5b85-454b-8211-a22d2d7cb30e.html" rel="noopener">gegen den fatalen Wortbruch und Rechtsschwenk der CDU, CSU und FDP im letzten Bundestag durch „meinen“ derzeitigen Bundesparteivorsitzenden <strong>Friedrich Merz (CDU)</strong> die Stimme erhoben</a> und <a href="https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2025/10-2025/medien-und-mimesis-journalismus-in-zeiten-digitaler-aufmerksamkeitsoekonomie/" rel="noopener">später auch in der Herder Korrespondenz (Freiburg) eine warnende Medien- und Wahlanalyse zu <strong><em>„Medien &amp; Mimesis“</em></strong> veröffentlicht</a>.</p> <p>Nichts davon <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-waermepumpe-memes-und-lob-dem-spd-oekosozialen-hermann-scheer-1944-2010/">fiel mir als seit Jahrzehnten loyal engagiertem Christdemokraten leicht</a> und ich bin auch kein Vertreter einer Politik offener Grenzen: Nationalstaaten können und sollen ihre Grenzen kontrollieren, illegale Einreisen unterbinden und Straftäter inhaftieren sowie abschieben. Was sie jedoch nie und nimmer tun sollten, ist <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Empathie-als-Sprache-der-Naechstenliebe-Michael-Blume2026.pdf">die Ideen der Nächstenliebe und Menschenwürde aufzugeben, also ganze Bevölkerungsgruppen abzuwerten, wirklich Schutzbedürftigen Hilfe zu verwehren und ganze Familien verfolgter Minderheiten mit Kindern in Kriegs- und Krisengebiete zu schicken</a>. Wer das tut – und wir Deutschen tun es derzeit – schürt die Ängste einer alternden Bevölkerung, anstatt sie beschwichtigen.</p> <p><em><strong>Rechtsmimesis</strong> ist nicht nur moralisch falsch, sie verstärkt in Zeiten digitaler Medienblasen auch den Zulauf zum Rechstdualismus!</em> <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/kartenliebe-das-scheitern-digitaler-rechtsmimesis-am-beispiel-grossbritannien/">Wie viele demokratische Parteien müssen sich etwa in <strong>Frankreich</strong>, <strong>Großbritannien, den USA</strong> oder auch in <strong>Deutschland</strong> noch selbst durch eine Menschen abwertende Migrationspolitik selbst zerstören</a>, bis dieser fatale Irrtum endlich verstanden wird? <strong><em>Rechtsmimesis halbiert keine Faschisten, sondern immer nur die demokratische Mitte.</em></strong><aside></aside></p> <p>Wir sehen das ganz konkret in meinem Herkunftsland <strong>Sachsen-Anhalt</strong>: <strong><em>Obwohl (und weil!) die Zuwanderungszahlen massiv abgenommen haben und Abschiebungen auch von Familien durchgeführt wurden, <a href="https://www.youtube.com/watch?v=fDGg6mgOKQY" rel="noopener">konnte die AfD in Umfragen auf über 40 Prozent der Stimmen zulegen und die CDU mit 26 Prozent sowie die SPD mit 12 Prozent weit hinter sich lassen</a>! </em></strong>Wie schon <strong>Tories</strong> und <strong>Labour</strong> gegenüber <strong>ReformUK</strong> im (noch) <strong>Vereinigten Königreich</strong> haben sich auch <strong>Union</strong> und <strong>SPD</strong> gegenüber der <strong>AfD</strong> demografisch und rechtsmimetisch selbst verzwergt.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=fDGg6mgOKQY" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Eine Auswertungsfolie zum SachsenAnhaltTREND vom Mai 2026 zeigt an, dass nur noch 14 Prozent der erwachsenen Befragten Einwanderung als &quot;wichtigstes Problem&quot; (minus sieben Prozent) benennen, gefolgt von Bildung (zwölf Prozent), Wirtschaft (zehn Prozent) und Mobilität sowie Rechtsruck (je fünf Prozent). Dennoch läge die AfD laut der gleichen Umfrage bei über 40 Prozent der Stimmen." decoding="async" height="519" sizes="(max-width: 1148px) 100vw, 1148px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SachsenAnhaltTrendMai2026ScreenshotMDR.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SachsenAnhaltTrendMai2026ScreenshotMDR.jpg 1148w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SachsenAnhaltTrendMai2026ScreenshotMDR-300x136.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SachsenAnhaltTrendMai2026ScreenshotMDR-1024x463.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SachsenAnhaltTrendMai2026ScreenshotMDR-768x347.jpg 768w" width="1148"></img></a></p> <p><em>Wie Rechtsmimesis die Demokratie zerstört: Im <strong>Sachsen-Anhalt</strong>TREND vom Mai 2026 schnitt die AfD mit neuen Rekordergebnissen ab, obwohl nur noch 14 Prozent der erwachsenen Befragten „Einwanderung“ als „wichtigstes politisches Problem“ benannten, aber auch nur noch fünf Prozent den „Rechtsruck“ als Gefahr erkennen. Screenshot aus einem <a href="https://www.youtube.com/watch?v=fDGg6mgOKQY" rel="noopener">MDR-Dialog mit dem Politikwissenschaftler <strong>Marcel Lewandowski (Uni Halle)</strong></a>: Michael Blume</em></p> <p>Warum aber wählen Menschen – wie oft beklagt wird – auch irrational gegen ihre eigenen Interessen?</p> <p>Auch die <strong>Demokratie</strong> basiert, wie jede Staats- und Politikform, auf Mythen, Symbolen, Ritualen, Emotionen, also auf <strong>Zivilreligion</strong>. An <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/es-ist-die-zukunftsangst-stupid-die-zeitenumbruch-these-zur-wiederwahl-von-donald-trump-usa/">die Legitimität der Regierenden und an eine lebenswerte Zukunft müssen Menschen glauben</a>! Und wo sie das nicht mehr tun, wählen sie echte oder vermeintliche „Alternativen“.</p> <p>Gerade erst diese Woche habe ich <a href="https://digitalcourage.social/@Landtag_BW@baw%C3%BC.social/116562605185762398" rel="noopener">die Neukonstituierung des Landtags von Baden-Württemberg mit der Wahl des neuen Landtagspräsidenten <strong>Thomas Strobl (CDU)</strong> und seiner Nun-Stellvertreterin <strong>Muhterem Arras (Grüne)</strong> erlebt</a>. Am Tag darauf war ich <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116568693734017504" rel="noopener">auch zur Wahl des Ministerpräsidenten <strong>Cem Özdemir (Grüne)</strong> eingeladen und konnte dabei live miterleben, wie klar und anständig <strong>Manuel Hagel (CDU)</strong> einen Spaltungsversuch der AfD zurückwies</a>.</p> <p>Als jemand, der seit Jahrzehnten Politik und Religion samt ihrer Überschneidungen nicht nur wissenschaftlich erforscht, sondern auch live miterlebt, kann ich sagen: <strong><em>Ich erkenne (Zivil-)Religion, wenn ich sie miterlebe.</em></strong></p> <p>Und dies bedeutet aber auch:</p> <p><strong>Menschenwürde und rechtsstaatliche Demokratien sind uns nicht angeboren, sondern verwundbare, zivilreligiöse Errungenschaften</strong></p> <p>Für <strong>Deutschland</strong> bedeutet das: Wer den Menschen bei sinkender Bevölkerungszahl und kaum besteuertem Milliardenerbe ständig vermittelt, <strong><em>„das Boot sei voll“</em> und es sei auch <em>„kein Geld mehr“</em> für Soziales und Kommunen als entscheidender Staatsebene, für Integration, Bildung und Gesundheit da – befeuert zwangsläufig die Wut auf die große Zahl und oft hohen Diäten der Abgeordneten in Bund und 16 (!) Ländern</strong>.</p> <p>Hinzu kommt, dass die deutschen Parlamente <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/">seit <strong>dem ersten Parteien – Koalitionsvertrag von 1961</strong> ohnehin weitgehend durch im GG ausdrücklich nicht vorgesehene „Fraktionsdisziplin“ und Partei-Gremien wie Koalitionsausschüsse entmachtet, gleichgeschaltet &amp; immer wieder auch gedemütigt</a> wurden. Warum also sollten Deutsche weiterhin Tausende gewählte Abgeordnete plus Mitarbeiterstäben alimentieren wollen, <a href="https://www.tagesschau.de/wirtschaft/energie/gebaeudemodernisierungsgesetz-heizungsgesetz-faq-100.html" rel="noopener">wenn diese doch ganz offensichtlich immer weniger zu sagen haben</a>?</p> <p>Entsprechend hat <a href="https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_101252482/afd-baut-in-umfrage-vorsprung-zur-union-aus-zweifel-an-brandmauer-wachsen.html" rel="noopener">nicht nur die Zustimmung zu <strong>Bundeskanzler Merz und der von ihm geleiteten Bundesregierung</strong> rekordhafte Niedrigstände erreicht</a>, sondern auch <a href="https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/id_101256704/umfrage-ergibt-klare-mehrheit-gegen-diaetenerhoehung.html" rel="noopener">die Unzufriedenheit mit den Abgeordneten des deutschen Bundestages</a>:</p> <p><em>„<span>Eine deutliche Mehrheit der Bürger spricht sich in einer </span><span>Umfrage</span><span> gegen eine Erhöhung der Diäten der 630 Bundestagsabgeordneten in diesem Jahr aus. Nach der repräsentativen Erhebung des Instituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur sind 85 Prozent der Ansicht, die Abgeordneten sollten angesichts der aktuellen Lage auf eine Anhebung verzichten. Nur 7 Prozent sprachen sich für die Erhöhung aus, 8 Prozent waren unentschlossen.</span></em></p> <p><em>Eigentlich sollen die Diäten zum 1. Juli um 497 Euro steigen – auf rund 12.330 Euro. Das ergibt sich aus einem im Abgeordnetengesetz verankerten automatischen Mechanismus, nach dem die Anpassung der Bezüge an die Entwicklung der Durchschnittslöhne gekoppelt ist.</em></p> <div data-testid="StageLayout.StreamItem"> <p><em>Am höchsten war in der Umfrage die ablehnende Haltung dazu unter AfD-Anhängern (93 Prozent), aber auch die Sympathisanten von SPD und CDU/CSU votierten mit 87 beziehungsweise 85 Prozent deutlich für einen Verzicht der Abgeordneten.“</em></p> <p><strong>Die Psychologie der Mimesis</strong></p> <p>Wer menschliches Verhalten von der Wirkung von Vorbildern über die Werbung bis zu Politik und Religion verstehen möchte, kommt nicht um die Psychologie der Mimesis herum: <strong><em>Wir alle (!) werden in sogar zunehmendem Maße durch die Botschaften geprägt, die wir in unseren jeweiligen Medienblasen erhalten.</em></strong> Auch das <a href="https://www.youtube.com/watch?v=fDGg6mgOKQY" rel="noopener">sehen wir im <strong>Sachsen-AnhaltTrend </strong>vom Mai 2026</a>:</p> <p>So schätzen <strong>nur noch 14 Prozent der Befragten dort die „wirtschaftliche Situation“ ihres Landes als „sehr gut“ oder „gut“ ein, gegenüber 82 Prozent als „weniger gut“ oder „schlecht“</strong>. Dabei schätzen noch immer <strong>59 Prozent der gleichen Befragten ihre „persönliche Situation“ als „sehr gut“ oder „gut“ ein, gegenüber 38 Prozent als „weniger gut“ oder „schlecht“</strong>.</p> <p>Niemand sollte einen schwarzen Gürtel in <strong>Politikwissenschaft</strong> benötigen, um zu erkennen, wie fatal es ist, angesichts dieser Ängste immer weitere Menschengruppen abzuwerten, das Rentensystem vor Bankern als „Basisabsicherung“ zu schmähen und die Leistungen früherer Bundesregierungen und Bundestage schlecht zu reden.</p> <p>Aber auch linksdualistische Bewegungen, die Andersdenkende arrogant abwerten, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/elinor-ostrom-und-diskussionen-mit-marxismus-glaeubigen/">weiterhin nur von toten Männern wie <strong>Karl Marx</strong> schwurbeln</a> und auf vermeintlich alternativlose <em>„Panik“</em> vor der <strong>Klima</strong>– und <strong>Wasserkrise</strong> setzen, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-55-die-selbstzerstoerung-des-fossilismus-die-abzocke-in-der-fossilen-miet-und-armutsfalle/">realistische Hoffnungsbilder auch des <strong>Solarboom</strong> und <strong>Solarpunk</strong></a> abwerten, gewinnen und verdienen kein Vertrauen.</p> <p>Jeder <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/warum-der-dialogische-monismus-mehr-als-ein-anti-dualismus-dualismus/">Freund-Feind-Dualismus befeuert die Ängste</a> und Sorgen und damit rechtsmimetischen Partei- und Medienblasen algorithmischer Konzerne immer weiter, statt <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-51-arbeit-demografie-und-deindustrialisierung-am-beispiel-japan/">ehrliche, respektvolle Dialoge über die Zukunft einer demografisch schrumpfenden Gesellschaft zu befördern</a>. Wer <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mehr-arbeiten-fossilismus-gegen-familien-demografie-deindustrialisierung/">den Menschen auch nach Jahrzehnten des Friedens, des technologischen Fortschritts und der erfolgreichen <strong>Europäischen Union</strong> als Botschaft nur anzubieten hat, dass angeblich alles schlecht sei und noch schlechter werde</a>, taugt nicht zum demokratischen Dialog, der immer auch zivilreligiöse Hoffnungen voraussetzt.</p> </div> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-scaled.jpg" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das Schaubild zu Medien &amp; Mimesis: Die Gefahr der medialen Nachahmung warnt vor den Gefahren eines medialen Teufelskreises der Abwertung und Gewalt und plädiert für eine Ethik der Medien-Verantwortung." decoding="async" height="1429" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeSchaubild251225-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Ein Schaubild zur Psychologie der medialen Mimesis: Wenn wir in einen mimetischen Teufelskreis der Abwertung anderer Menschen geraten, dann färbt dies auch auf unsere Welt- und Selbstwahrnehmung ab. Gerade auch aufgrund algorithmischer Konzernmedien sind Menschenwürde und Demokratie gerade weltweit unter Druck. Grafik: Michael Blume mit NotebookLM</em></p> <p>Ich mache mir also erhebliche Sorgen um den Zustand von Nationalstaaten generell und „meiner“ Bundesrepublik Deutschland im Besonderen. Immerhin sind wir ein föderaler Bundesstaat, in dem die Landes- und Kommunalpolitiken näher an den Menschen und ferner von den fossilen Konzernen sind.</p> <p>Und es ist immer noch nicht zu spät, die fatalen Irrtümer der Rechtsmimesis zu begreifen, Politik entsprechend besser zu machen und zu kommunizieren und die Bundesrepublik vor einer weiteren Welle des fossilen Faschismus zu bewahren.</p> <p><strong>Terminhinweis</strong>: </p> <p>Am <strong>2. Juni 2026</strong>, Dienstag, spreche ich daher ab 18:15 Uhr auf Einladung des Weltethos-Institutes im bekannten Hörsaal 25 des Kupferbaus der <strong>Universität Tübingen</strong> zum Thema auch dieses Blogposts:</p> <p><strong><em>„<a href="https://uni-tuebingen.de/universitaet/campusleben/veranstaltungen/veranstaltungskalender/termindetails/article/die-macht-der-mimesis-medien-zwischen-dialog-und-hetze/" rel="noopener">Die Macht der Mimesis – Medien zwischen Dialog und Hetze</a></em></strong><br></br><strong><em>Medien, Macht und Menschlichkeit – Wie die digitale Medienökonomie unsere Öffentlichkeit prägt“</em></strong></p> <p>Herzliche Einladung, eine Anmeldung ist nicht nötig!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/z8oNWYrXAe0?feature=oembed&amp;rel=0" title="Gemeinsam gegen Antisemitismus - Fachtag 2025 - Vortrag Dr. Michael Blume zu &quot;Medien und Mimesis&quot;" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/bedrohen-demografie-rechtsmimesis-inzwischen-die-republik-auch-ueber-sachsen-anhalt-aus/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>35</slash:comments> </item> <item> <title>Religionen & deutsche Medien im Fediversum – Die Jüdische Allgemeine wird 80 Jahre jung! https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/religionen-deutsche-medien-im-fediversum-die-juedische-allgemeine-wird-80-jahre-jung/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/religionen-deutsche-medien-im-fediversum-die-juedische-allgemeine-wird-80-jahre-jung/#comments Wed, 13 May 2026 22:46:00 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11278 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/JuedischeAllgemeine80JubilaeumMichaelBlume130526-768x576.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/religionen-deutsche-medien-im-fediversum-die-juedische-allgemeine-wird-80-jahre-jung/</link> </image> <description type="html"><h1>Religionen & deutsche Medien im Fediversum - Die Jüdische Allgemeine wird 80 Jahre jung! » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Auch gestern wurde ich <a href="https://kirche.social/@elottermann/116567524844756708" rel="noopener">auf Mastodon wieder mit einem Satz zitiert</a>, den ich <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/die-desinformierer/" rel="noopener">bereits im Mai 2022 gegenüber der Jüdischen Allgemeine getätigt</a> hatte:</p> <p><em><strong>»Wenn ein Mediensystem kaputt ist, stürzt die Demokratie ab.«</strong></em></p> <p>Der Grund, dass dieser Satz auch nach vier Jahren noch „lebendig“ geblieben ist, liegt auch am Ort seines Geschehens: <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/wp-content/uploads/2025/01/Mediadaten_01_2025-1.pdf" rel="noopener">Die <strong><em>Jüdische Allgemeine</em></strong> ist zwar von der Auflage her mit um die 10.000 Exemplaren eher klein</a>, aber ihre Ausgaben werden intensiv gelesen und weitergereicht, die Haupttexte zudem konsequent und barrierefrei ins Fediversum gestellt und von dort aus auch fröhlich geteilt und diskutiert.</p> <p><a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/die-desinformierer/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Auf Twitter postete @MatthiasMeisner 2022: &quot;Wenn ein Mediensystem kaputt ist, stürzt die Demokratie ab&quot;, sagte mir der Beauftragte gegen Antisemitismus Baden-Württemberg, @BlumeEvolution, in einem Interview für @JuedischeOnline zur wachsenden Rolle von Parallelmedien." decoding="async" height="1609" sizes="(max-width: 1125px) 100vw, 1125px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/B90B9367-70A0-4585-BFCB-D4B41A9E85A4.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/B90B9367-70A0-4585-BFCB-D4B41A9E85A4.jpeg 1125w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/B90B9367-70A0-4585-BFCB-D4B41A9E85A4-210x300.jpeg 210w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/B90B9367-70A0-4585-BFCB-D4B41A9E85A4-716x1024.jpeg 716w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/B90B9367-70A0-4585-BFCB-D4B41A9E85A4-768x1098.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/B90B9367-70A0-4585-BFCB-D4B41A9E85A4-1074x1536.jpeg 1074w" width="1125"></img></a></p> <p><em>Weil <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/die-desinformierer/" rel="noopener">die Jüdische Allgemeine ihre Texte konsequent ins konzernfreie Internet – das Fediversum – stellt, können sie dort immer wieder gefunden, geteilt und diskutiert werden</a>. Screenshot von 2022 auf dem damaligen Twitter-Account @MatthiasMeisner: Michael Blume</em><aside></aside></p> <p>Entsprechend intensiv lese und nutze ich die Papierausgabe der „Jüdischen Allgemeine“ bereits seit Jahrzehnten: Wenn mir ein Artikel zusagt, lege ich ihn zur Seite und freue mich darauf, ihn jederzeit etwa für Recherchen, Zitate und diesen Blog wieder fruchtbar machen zu können.</p> <p>So konnte ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dialog-oder-dualismus-die-wahrheitsfrage-als-charaktertest-und-schicksalsfrage/">erst neulich in der katholischen Akademie München vor Angehörigen der Bundeswehr und dann auch in einem Blog-Artikel zum Thema <strong>Dialog</strong></a> einen <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/glossar/chawruta/" rel="noopener">Artikel zur <strong>„Chawruta“-Freundschaft</strong> von 2013 (!) des geschätzten Freundes, <strong>Gemeinde- und Militärrabbiners Avraham Radbil</strong> hervorholen, zitieren und verlinken</a>! Die wertvolle Arbeit von Avraham ist eben nicht in einem Konzernsilo oder auf einer unsicheren Webpage vergraben, sondern bleibt verlässlich, les-, zitier- und verlinkbar zugänglich.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dialog-oder-dualismus-die-wahrheitsfrage-als-charaktertest-und-schicksalsfrage/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mit Gemeinde- und Militärrabbiner Avraham Radbil (links) und Dr. Astrid Schilling (rechts) am 10. März 2026 vor Offizierinnen und Offizieren der Bundeswehr in München. Foto: Katholische Akademie in Bayern" decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Mit Gemeinde- und Militärrabbiner <strong>Avraham Radbil</strong> (links) und <strong>Dr. Astrid Schilling</strong> (rechts) am 10. März 2026 vor Offizierinnen und Offizieren der Bundeswehr in München. Foto: Katholische Akademie in Bayern</em></p> <p>Historisch geht die „Jüdische Allgemeine“ auf die 1837 in Leipzig gegründete „Allgemeine Zeitung des Judentums“ zurück. Die Nationalsozialisten wollten deutsch-jüdische Medien restlos vernichten und verboten ihr Erscheinen mit der Reichspogromnacht vom 10. November 1938. Doch das Chanukka-ähnliche Wunder gelang: <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/laut-und-deutlich/" rel="noopener">Schon 1946 erschien wieder eine Ausgabe der Neugründung „Jüdisches Gemeindeblatt“, so dass wir treuen Leserinnen und Leser derzeit mit den Herausgebern das 80. Jubiläum feiern</a>!</p> <p><a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/die-menschen-hinter-der-zeitung/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Foto der zusammengefalteten Frontseite der 80. Jubiläumsausgabe der Jüdischen Allgemeinen vom 7. Mai 2026." decoding="async" height="1920" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/JuedischeAllgemeine80JubilaeumMichaelBlume130526-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/JuedischeAllgemeine80JubilaeumMichaelBlume130526-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/JuedischeAllgemeine80JubilaeumMichaelBlume130526-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/JuedischeAllgemeine80JubilaeumMichaelBlume130526-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/JuedischeAllgemeine80JubilaeumMichaelBlume130526-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/JuedischeAllgemeine80JubilaeumMichaelBlume130526-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/JuedischeAllgemeine80JubilaeumMichaelBlume130526-2048x1536.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Vorderansicht der Ausgabe zum 80. Jubiläum der „Jüdischen Allgemeine“. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Und wer meinen Blog kennt, weiß: <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/40-jahre-pkc-synagoge-freudental-text-der-dualen-stiftungsrede-zu-juden-und-christentum-aschkenas-japhet-und-schem/">das 40., 80. und das 120. Lebensjahr haben in der jüdischen Bibelauslegung besondere Bedeutungen</a>! Wenn Sie mir nicht glauben, lesen Sie es doch auch gerne in der „Jüdischen Allgemeinen“ nach! 🙂 </p> <p>Auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-10-warum-antizionismus-antisemitismus-ist/">das häufigste antijüdische und antizionistische Vorurteil</a> („Deutsche dürfen israelische Politik ja nicht kritisieren!“) wird in der Jüdischen Allgemeinen nahezu wöchentlich widerlegt: Gerade weil die Jüdische Allgemeine ohne Wenn und Aber zum Existenz- und Selbstverteidigungsrecht Israels steht, finden sich darin seit Jahren die breite Vielfalt israelisch-demokratischer Debatten, darunter <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/geldkoffer-aus-dem-golfstaat/" rel="noopener">auch kritische Artikel etwa zur regierungsseitig genehmigten fossilen Katar-Hamas-Finanzierung</a>, zu <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/bennett-und-lapid-gruenden-gemeinsames-wahlbuendnis/" rel="noopener">einem neuen Oppositionsbündnis um die früheren Ministerpräsidenten <strong>Naftali Bennett</strong> und <strong>Yair Lapid </strong></a>oder <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/charedische-parteien-drohen-netanjahu-mit-sturz-der-regierung/?q=charedischer" rel="noopener">zu den Vorwürfen charedischer („ultraorthodoxer“) Parteien gegenüber <strong>Benjamin Netanjahu</strong></a>.</p> <p>Wer behauptet, es gäbe in deutschen Medien eine irgendwie vorgegebene Likud-Linie und keine Möglichkeit, sich ein vielseitigeres Bild zur israelischen Politik zu machen, hat entweder keine Ahnung oder lügt bewusst. Positiv formuliert: Wenn Sie sich über die Vielfalt deutsch-jüdischer und auch israelischer Debatten in deutscher Sprache einlesen wollen – dann können Sie das über die „Jüdische Allgemeine“ jederzeit tun! <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/die-menschen-hinter-der-zeitung/" rel="noopener">Das Redaktionsteam der J.A. um Chefredakteur <strong>Philipp Peymann Engel</strong> ist vielfältig und verdient ehrliches Interesse und Vertrauen</a>.</p> <p>Zudem fällt immer wieder auf: Jüdische wie auch nichtjüdische Journalistinnen und Journalisten, die für die „Jüdische Allgemeine“ schreiben, werden auch erstaunlich oft von den gleichen Leuten attackiert wie ich: die einen Hater werfen ihnen dabei vor, „zu links“ und „nicht jüdisch genug“ zu schreiben, die anderen, „zu rechts“ und „deutsch-zionistisch“ zu sein. Ich meine, das ist ein gutes Zeichen, dass der Kompass Richtung Menschenwürde-Mitte insgesamt stimmt!</p> <p><strong>Zukunft von Textarbeit in Zeiten der KI</strong></p> <p>Genau heute ist auch der 78. Jahrestag der israelischen Staatsgründung am 14. Mai 1948. Die „Jüdische Allgemeine“ ist also zwei Jahre älter als die Republik Israel.</p> <p>Und ich sehe die Zeitung auch deswegen als unverzichtbare Botin in die Zukunft, weil ihre journalistisch sorgfältigen und vielfältigen Texte im Fediversum stehen und daher auch von täglich mehr KI-Suchen erfasst werden. Das ist auch ein Grund warum ich – neben allem <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/" rel="noopener">Podcasten</a> &amp; <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-55-die-selbstzerstoerung-des-fossilismus-die-abzocke-in-der-fossilen-miet-und-armutsfalle/">Videocasten</a> – auch als Wissenschaftsblogger ehrenamtlich aktiv bleibe: In diesen Jahren entscheidet sich wegweisend, welche Inhalte die KI-Anwendungen trainieren, füttern, prägen. Warum <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wokepedia-vorwurf-elon-musk-attackiert-das-fediversum-wikipedia/">wohl attackiert der Hitlergrüßer <strong>Elon Musk</strong> die Wikipedia?</a></p> <p>Ich kann daher nur allen Kirchen, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften immer wieder dringend empfehlen, es wie der <strong>Zentralrat der Juden in Deutschland mit der „Jüdischen Allgemeinen“</strong> erfolgreich vormacht: <em><strong>Vielfältig schreiben statt sich online be-schreiben zu lassen.</strong></em></p> <p>Denn meine eingangs zitierte Warnung läßt sich ja auch ins Positive wenden:</p> <p><strong><em>Wenn ein Mediensystem vielfältig und dialogisch ist, dann stützt und belebt es die Demokratie.</em></strong></p> <p>Masel tov zum Jubiläum, liebe „Jüdische Allgemeine“! Auf die nächsten 120 Jahre!</p> <p>Allen, die es feiern, wünsche ich (als evangelischer Christ &amp; Solarpunk) heute ein gesegnetes <strong>Christi Himmelfahrt</strong>, einen gesegneten <strong>Israeltag</strong>, einen frohen <strong>Vatertag</strong>, einen schönen und friedvollen <strong>Feiertag</strong>!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/F1nITBjZUAM?feature=oembed" title="Die Solarpunk-These: Fossile Gewaltenergien versus erneuerbare Friedensenergien." width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Religionen & deutsche Medien im Fediversum - Die Jüdische Allgemeine wird 80 Jahre jung! » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Auch gestern wurde ich <a href="https://kirche.social/@elottermann/116567524844756708" rel="noopener">auf Mastodon wieder mit einem Satz zitiert</a>, den ich <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/die-desinformierer/" rel="noopener">bereits im Mai 2022 gegenüber der Jüdischen Allgemeine getätigt</a> hatte:</p> <p><em><strong>»Wenn ein Mediensystem kaputt ist, stürzt die Demokratie ab.«</strong></em></p> <p>Der Grund, dass dieser Satz auch nach vier Jahren noch „lebendig“ geblieben ist, liegt auch am Ort seines Geschehens: <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/wp-content/uploads/2025/01/Mediadaten_01_2025-1.pdf" rel="noopener">Die <strong><em>Jüdische Allgemeine</em></strong> ist zwar von der Auflage her mit um die 10.000 Exemplaren eher klein</a>, aber ihre Ausgaben werden intensiv gelesen und weitergereicht, die Haupttexte zudem konsequent und barrierefrei ins Fediversum gestellt und von dort aus auch fröhlich geteilt und diskutiert.</p> <p><a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/die-desinformierer/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Auf Twitter postete @MatthiasMeisner 2022: &quot;Wenn ein Mediensystem kaputt ist, stürzt die Demokratie ab&quot;, sagte mir der Beauftragte gegen Antisemitismus Baden-Württemberg, @BlumeEvolution, in einem Interview für @JuedischeOnline zur wachsenden Rolle von Parallelmedien." decoding="async" height="1609" sizes="(max-width: 1125px) 100vw, 1125px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/B90B9367-70A0-4585-BFCB-D4B41A9E85A4.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/B90B9367-70A0-4585-BFCB-D4B41A9E85A4.jpeg 1125w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/B90B9367-70A0-4585-BFCB-D4B41A9E85A4-210x300.jpeg 210w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/B90B9367-70A0-4585-BFCB-D4B41A9E85A4-716x1024.jpeg 716w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/B90B9367-70A0-4585-BFCB-D4B41A9E85A4-768x1098.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/B90B9367-70A0-4585-BFCB-D4B41A9E85A4-1074x1536.jpeg 1074w" width="1125"></img></a></p> <p><em>Weil <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/die-desinformierer/" rel="noopener">die Jüdische Allgemeine ihre Texte konsequent ins konzernfreie Internet – das Fediversum – stellt, können sie dort immer wieder gefunden, geteilt und diskutiert werden</a>. Screenshot von 2022 auf dem damaligen Twitter-Account @MatthiasMeisner: Michael Blume</em><aside></aside></p> <p>Entsprechend intensiv lese und nutze ich die Papierausgabe der „Jüdischen Allgemeine“ bereits seit Jahrzehnten: Wenn mir ein Artikel zusagt, lege ich ihn zur Seite und freue mich darauf, ihn jederzeit etwa für Recherchen, Zitate und diesen Blog wieder fruchtbar machen zu können.</p> <p>So konnte ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dialog-oder-dualismus-die-wahrheitsfrage-als-charaktertest-und-schicksalsfrage/">erst neulich in der katholischen Akademie München vor Angehörigen der Bundeswehr und dann auch in einem Blog-Artikel zum Thema <strong>Dialog</strong></a> einen <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/glossar/chawruta/" rel="noopener">Artikel zur <strong>„Chawruta“-Freundschaft</strong> von 2013 (!) des geschätzten Freundes, <strong>Gemeinde- und Militärrabbiners Avraham Radbil</strong> hervorholen, zitieren und verlinken</a>! Die wertvolle Arbeit von Avraham ist eben nicht in einem Konzernsilo oder auf einer unsicheren Webpage vergraben, sondern bleibt verlässlich, les-, zitier- und verlinkbar zugänglich.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dialog-oder-dualismus-die-wahrheitsfrage-als-charaktertest-und-schicksalsfrage/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mit Gemeinde- und Militärrabbiner Avraham Radbil (links) und Dr. Astrid Schilling (rechts) am 10. März 2026 vor Offizierinnen und Offizieren der Bundeswehr in München. Foto: Katholische Akademie in Bayern" decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Mit Gemeinde- und Militärrabbiner <strong>Avraham Radbil</strong> (links) und <strong>Dr. Astrid Schilling</strong> (rechts) am 10. März 2026 vor Offizierinnen und Offizieren der Bundeswehr in München. Foto: Katholische Akademie in Bayern</em></p> <p>Historisch geht die „Jüdische Allgemeine“ auf die 1837 in Leipzig gegründete „Allgemeine Zeitung des Judentums“ zurück. Die Nationalsozialisten wollten deutsch-jüdische Medien restlos vernichten und verboten ihr Erscheinen mit der Reichspogromnacht vom 10. November 1938. Doch das Chanukka-ähnliche Wunder gelang: <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/laut-und-deutlich/" rel="noopener">Schon 1946 erschien wieder eine Ausgabe der Neugründung „Jüdisches Gemeindeblatt“, so dass wir treuen Leserinnen und Leser derzeit mit den Herausgebern das 80. Jubiläum feiern</a>!</p> <p><a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/die-menschen-hinter-der-zeitung/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Foto der zusammengefalteten Frontseite der 80. Jubiläumsausgabe der Jüdischen Allgemeinen vom 7. Mai 2026." decoding="async" height="1920" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/JuedischeAllgemeine80JubilaeumMichaelBlume130526-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/JuedischeAllgemeine80JubilaeumMichaelBlume130526-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/JuedischeAllgemeine80JubilaeumMichaelBlume130526-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/JuedischeAllgemeine80JubilaeumMichaelBlume130526-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/JuedischeAllgemeine80JubilaeumMichaelBlume130526-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/JuedischeAllgemeine80JubilaeumMichaelBlume130526-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/JuedischeAllgemeine80JubilaeumMichaelBlume130526-2048x1536.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Vorderansicht der Ausgabe zum 80. Jubiläum der „Jüdischen Allgemeine“. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Und wer meinen Blog kennt, weiß: <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/40-jahre-pkc-synagoge-freudental-text-der-dualen-stiftungsrede-zu-juden-und-christentum-aschkenas-japhet-und-schem/">das 40., 80. und das 120. Lebensjahr haben in der jüdischen Bibelauslegung besondere Bedeutungen</a>! Wenn Sie mir nicht glauben, lesen Sie es doch auch gerne in der „Jüdischen Allgemeinen“ nach! 🙂 </p> <p>Auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-10-warum-antizionismus-antisemitismus-ist/">das häufigste antijüdische und antizionistische Vorurteil</a> („Deutsche dürfen israelische Politik ja nicht kritisieren!“) wird in der Jüdischen Allgemeinen nahezu wöchentlich widerlegt: Gerade weil die Jüdische Allgemeine ohne Wenn und Aber zum Existenz- und Selbstverteidigungsrecht Israels steht, finden sich darin seit Jahren die breite Vielfalt israelisch-demokratischer Debatten, darunter <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/geldkoffer-aus-dem-golfstaat/" rel="noopener">auch kritische Artikel etwa zur regierungsseitig genehmigten fossilen Katar-Hamas-Finanzierung</a>, zu <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/bennett-und-lapid-gruenden-gemeinsames-wahlbuendnis/" rel="noopener">einem neuen Oppositionsbündnis um die früheren Ministerpräsidenten <strong>Naftali Bennett</strong> und <strong>Yair Lapid </strong></a>oder <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/charedische-parteien-drohen-netanjahu-mit-sturz-der-regierung/?q=charedischer" rel="noopener">zu den Vorwürfen charedischer („ultraorthodoxer“) Parteien gegenüber <strong>Benjamin Netanjahu</strong></a>.</p> <p>Wer behauptet, es gäbe in deutschen Medien eine irgendwie vorgegebene Likud-Linie und keine Möglichkeit, sich ein vielseitigeres Bild zur israelischen Politik zu machen, hat entweder keine Ahnung oder lügt bewusst. Positiv formuliert: Wenn Sie sich über die Vielfalt deutsch-jüdischer und auch israelischer Debatten in deutscher Sprache einlesen wollen – dann können Sie das über die „Jüdische Allgemeine“ jederzeit tun! <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/die-menschen-hinter-der-zeitung/" rel="noopener">Das Redaktionsteam der J.A. um Chefredakteur <strong>Philipp Peymann Engel</strong> ist vielfältig und verdient ehrliches Interesse und Vertrauen</a>.</p> <p>Zudem fällt immer wieder auf: Jüdische wie auch nichtjüdische Journalistinnen und Journalisten, die für die „Jüdische Allgemeine“ schreiben, werden auch erstaunlich oft von den gleichen Leuten attackiert wie ich: die einen Hater werfen ihnen dabei vor, „zu links“ und „nicht jüdisch genug“ zu schreiben, die anderen, „zu rechts“ und „deutsch-zionistisch“ zu sein. Ich meine, das ist ein gutes Zeichen, dass der Kompass Richtung Menschenwürde-Mitte insgesamt stimmt!</p> <p><strong>Zukunft von Textarbeit in Zeiten der KI</strong></p> <p>Genau heute ist auch der 78. Jahrestag der israelischen Staatsgründung am 14. Mai 1948. Die „Jüdische Allgemeine“ ist also zwei Jahre älter als die Republik Israel.</p> <p>Und ich sehe die Zeitung auch deswegen als unverzichtbare Botin in die Zukunft, weil ihre journalistisch sorgfältigen und vielfältigen Texte im Fediversum stehen und daher auch von täglich mehr KI-Suchen erfasst werden. Das ist auch ein Grund warum ich – neben allem <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/" rel="noopener">Podcasten</a> &amp; <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-55-die-selbstzerstoerung-des-fossilismus-die-abzocke-in-der-fossilen-miet-und-armutsfalle/">Videocasten</a> – auch als Wissenschaftsblogger ehrenamtlich aktiv bleibe: In diesen Jahren entscheidet sich wegweisend, welche Inhalte die KI-Anwendungen trainieren, füttern, prägen. Warum <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wokepedia-vorwurf-elon-musk-attackiert-das-fediversum-wikipedia/">wohl attackiert der Hitlergrüßer <strong>Elon Musk</strong> die Wikipedia?</a></p> <p>Ich kann daher nur allen Kirchen, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften immer wieder dringend empfehlen, es wie der <strong>Zentralrat der Juden in Deutschland mit der „Jüdischen Allgemeinen“</strong> erfolgreich vormacht: <em><strong>Vielfältig schreiben statt sich online be-schreiben zu lassen.</strong></em></p> <p>Denn meine eingangs zitierte Warnung läßt sich ja auch ins Positive wenden:</p> <p><strong><em>Wenn ein Mediensystem vielfältig und dialogisch ist, dann stützt und belebt es die Demokratie.</em></strong></p> <p>Masel tov zum Jubiläum, liebe „Jüdische Allgemeine“! Auf die nächsten 120 Jahre!</p> <p>Allen, die es feiern, wünsche ich (als evangelischer Christ &amp; Solarpunk) heute ein gesegnetes <strong>Christi Himmelfahrt</strong>, einen gesegneten <strong>Israeltag</strong>, einen frohen <strong>Vatertag</strong>, einen schönen und friedvollen <strong>Feiertag</strong>!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/F1nITBjZUAM?feature=oembed" title="Die Solarpunk-These: Fossile Gewaltenergien versus erneuerbare Friedensenergien." width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/religionen-deutsche-medien-im-fediversum-die-juedische-allgemeine-wird-80-jahre-jung/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>18</slash:comments> </item> <item> <title>Schiffshalter im Manta-Mors https://scilogs.spektrum.de/meertext/schiffshalter-im-manta-mors/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/schiffshalter-im-manta-mors/#comments Wed, 13 May 2026 16:38:21 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1984 <h1>Schiffshalter im Manta-Mors » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Remoras (Echeneidae) heißen im Deutschen Schiffshalter – <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schiffshalter" rel="noopener">es gibt drei Gattungen und mehrere Arten</a>. Allerdings heften sie sich nur selten mit ihrer Saugplatte am Kopf – einer Umbildung der ersten Rückenflosse an Schiffe oder Taucher. Stattdessen saugen sie sich an große Wale, Fische, Haie und Rochen oder Meeresschildkröten. Dann reisen die schlanken Fische per Anhalter durch die warmen Meere. Ihr Haftorgan hält sie zuverlässig an ihrer Position meist auf der Unterseite ihrer Mitschwimmgelegenheit. So erwischen sie Reste der Beute, sie picken aber auch Parasiten von der Haut. Mit ihrer Stromlinienform und der großen Saugkraft ihrer lamellenförmigen Saugscheibe sind sie auch bei stärkeren Strömungen sicher „verankert“ und lösen sich erst, wenn sie es wollen. Liegt der Wirt auf dem Bauch, heften die mitreisenden Fische sich aber auch an der Oberseite oder gar kopfüber an.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-49.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="553" sizes="(max-width: 800px) 100vw, 800px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-49.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-49.png 800w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-49-300x207.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-49-768x531.png 768w" width="800"></img></a><figcaption>Duncan Wright (User:Sabine’s Sunbird) – en: Image:Nurse shark with remoras.jpg<br></br>Nurse shark <em><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/Ginglymostoma_cirratum" rel="noopener">Ginglymostoma cirratum</a></em> with remoras <em><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Remora" rel="noopener">Remora sp.</a></em> Bimini, The Bahamas. (Wikipedia: Remora)</figcaption></figure> <p>Einige Remoras suchen sich aber einen ungewöhnlichen Platz am Transportfisch aus: In der Kloake von Mantarochen.<br></br>Ein Team um die Meeresbiologin Emily Yeager hat gerade sieben solcher Beobachtungen publiziert, unter ihrem Skeet auf Bluesky bei der Vorstellung der Studie ergänzten weitere Biologen ähnliche Beobachtungen. Dazu kommen noch Beobachtungen, dass die Remoras offenbar auch in andere Körperöffnungen einzudringen versuchten: In die Kiemenspalten der riesigen Rochen.</p> <h2><strong>Cloacal Diving – Kloaken-Tauchgang</strong></h2> <p>Beobachtungen der letzten 15 Jahre an allen drei derzeit beschriebenen Mantarochen-Arten (<em>Mobula yarae, Mobula birostris </em>und <em>Mobula alfredi</em>), zeigten Kloaken-Tauchverhalten von Schiffshaltern sowohl bei jugendlichen als auch bei erwachsenen Mantarochen, in mehreren Ozeanbecken. Es ist also ein weit verbreitetes, wenn auch noch nicht so oft beschriebenes Phänomen.</p> <p>Außerdem haben die Biologen noch eine Beobachtung, bei der sich Echeneidae unterhalb der Kiemenschlitze eines Wirts festgesaugt haben, sowie mehrere Fälle von Kiemenverletzungen, die auf ein Eindringen von Echeneidae hindeuten.<br></br>Diese Beobachtungen tragen zur wachsenden Datenbank über Verhaltensinteraktionen zwischen Echeneidae und Wirten bei und bilden eine wichtige Grundlage für das Verständnis des Ausmaßes, der Vielfalt und der Dynamik dieser viel diskutierten, schwer fassbaren Wechselwirkungen zwischen Megafauna und Symbionten in marinen Lebensräumen.</p> <p>Dazu gehört auch, dass es bei ökologischen Beziehungen einen breiten Graubereich zwischen Mutualismus und Parasitismus gibt.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="614" sizes="(max-width: 563px) 100vw, 563px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-1.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-1.jpg 563w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-1-275x300.jpg 275w" width="563"></img></a></figure> <p>Auch wenn das Verhalten der Remoras des Andockens an großen Meeresbewohnern seit Langem bekannt ist, ist die Deutung schwierig – über die Wechselwirkungen der Mantarochen-Wirte und der saugnapfbewehrten Fischsymbionten auf ihren Wegen durch die offenen Ozeane ist noch wenig bekannt.</p> <p>Inwieweit die Mantas darunter leiden, ist also zurzeit nicht abzuschätzen. Wenn ein halber Fisch aus der Kloakenöffnung heraushängt, dürfte der Manta auf jeden Fall inkontinent sein. Ob und wie die Remora in der Kloake die Fortpflanzung stören könnte, vermag ebenfalls niemand einzuschätzen: Bei Haien und Rochen findet eine innere Befruchtung statt – das Männchen führt zur Spermienübergabe seine Klasper in die Kloake des Weibchens.</p> <p>Ein fremder Fisch in den Kiemen bzw. Verletzungen der Kiemenspalten könnten sich jedenfalls negativ auf die Atmung auswirken. Gerade diese Verletzungen werfen viele Fragen auf, von denen die meisten vermutlich nicht zu beantworten sind.</p> <p>Emilys Schlußfolgerung unter ihrem Skeet zur Publikation trifft ins Schwarze: „Most importantly though, the ocean is cool, fish are weird, and there’s so much more for us to learn about how (and why) organisms interact with one another!“.<br></br>Ein Fisch, der sich im After oder der Atemöffnung eines größeren Meerestieres festsaugt, ist definitiv weird!</p> <h2>Remoras auf Buckelwal – aus der Fischperspektive</h2> <p>Dieses Video stammt von einer Kamera auf einem Buckelwal in australischen Gewässern und zeigt, welchen Strömungen die Fische ausgesetzt sind.</p> <p>Ihre Saugnäpfe sind also extrem stark! Darum wird dieser <a href="https://advanced.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/aisy.202500557" rel="noopener">Spezialsaugnapf als Vorbild für technische Anwendungen genutzt.</a></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/a_OQqUTymHw?feature=oembed&amp;rel=0" title="Rare video shows sucker fish hitching rides on humpback whales" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Schiffshalter im Manta-Mors » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Remoras (Echeneidae) heißen im Deutschen Schiffshalter – <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schiffshalter" rel="noopener">es gibt drei Gattungen und mehrere Arten</a>. Allerdings heften sie sich nur selten mit ihrer Saugplatte am Kopf – einer Umbildung der ersten Rückenflosse an Schiffe oder Taucher. Stattdessen saugen sie sich an große Wale, Fische, Haie und Rochen oder Meeresschildkröten. Dann reisen die schlanken Fische per Anhalter durch die warmen Meere. Ihr Haftorgan hält sie zuverlässig an ihrer Position meist auf der Unterseite ihrer Mitschwimmgelegenheit. So erwischen sie Reste der Beute, sie picken aber auch Parasiten von der Haut. Mit ihrer Stromlinienform und der großen Saugkraft ihrer lamellenförmigen Saugscheibe sind sie auch bei stärkeren Strömungen sicher „verankert“ und lösen sich erst, wenn sie es wollen. Liegt der Wirt auf dem Bauch, heften die mitreisenden Fische sich aber auch an der Oberseite oder gar kopfüber an.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-49.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="553" sizes="(max-width: 800px) 100vw, 800px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-49.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-49.png 800w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-49-300x207.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-49-768x531.png 768w" width="800"></img></a><figcaption>Duncan Wright (User:Sabine’s Sunbird) – en: Image:Nurse shark with remoras.jpg<br></br>Nurse shark <em><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/Ginglymostoma_cirratum" rel="noopener">Ginglymostoma cirratum</a></em> with remoras <em><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Remora" rel="noopener">Remora sp.</a></em> Bimini, The Bahamas. (Wikipedia: Remora)</figcaption></figure> <p>Einige Remoras suchen sich aber einen ungewöhnlichen Platz am Transportfisch aus: In der Kloake von Mantarochen.<br></br>Ein Team um die Meeresbiologin Emily Yeager hat gerade sieben solcher Beobachtungen publiziert, unter ihrem Skeet auf Bluesky bei der Vorstellung der Studie ergänzten weitere Biologen ähnliche Beobachtungen. Dazu kommen noch Beobachtungen, dass die Remoras offenbar auch in andere Körperöffnungen einzudringen versuchten: In die Kiemenspalten der riesigen Rochen.</p> <h2><strong>Cloacal Diving – Kloaken-Tauchgang</strong></h2> <p>Beobachtungen der letzten 15 Jahre an allen drei derzeit beschriebenen Mantarochen-Arten (<em>Mobula yarae, Mobula birostris </em>und <em>Mobula alfredi</em>), zeigten Kloaken-Tauchverhalten von Schiffshaltern sowohl bei jugendlichen als auch bei erwachsenen Mantarochen, in mehreren Ozeanbecken. Es ist also ein weit verbreitetes, wenn auch noch nicht so oft beschriebenes Phänomen.</p> <p>Außerdem haben die Biologen noch eine Beobachtung, bei der sich Echeneidae unterhalb der Kiemenschlitze eines Wirts festgesaugt haben, sowie mehrere Fälle von Kiemenverletzungen, die auf ein Eindringen von Echeneidae hindeuten.<br></br>Diese Beobachtungen tragen zur wachsenden Datenbank über Verhaltensinteraktionen zwischen Echeneidae und Wirten bei und bilden eine wichtige Grundlage für das Verständnis des Ausmaßes, der Vielfalt und der Dynamik dieser viel diskutierten, schwer fassbaren Wechselwirkungen zwischen Megafauna und Symbionten in marinen Lebensräumen.</p> <p>Dazu gehört auch, dass es bei ökologischen Beziehungen einen breiten Graubereich zwischen Mutualismus und Parasitismus gibt.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="614" sizes="(max-width: 563px) 100vw, 563px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-1.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-1.jpg 563w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-1-275x300.jpg 275w" width="563"></img></a></figure> <p>Auch wenn das Verhalten der Remoras des Andockens an großen Meeresbewohnern seit Langem bekannt ist, ist die Deutung schwierig – über die Wechselwirkungen der Mantarochen-Wirte und der saugnapfbewehrten Fischsymbionten auf ihren Wegen durch die offenen Ozeane ist noch wenig bekannt.</p> <p>Inwieweit die Mantas darunter leiden, ist also zurzeit nicht abzuschätzen. Wenn ein halber Fisch aus der Kloakenöffnung heraushängt, dürfte der Manta auf jeden Fall inkontinent sein. Ob und wie die Remora in der Kloake die Fortpflanzung stören könnte, vermag ebenfalls niemand einzuschätzen: Bei Haien und Rochen findet eine innere Befruchtung statt – das Männchen führt zur Spermienübergabe seine Klasper in die Kloake des Weibchens.</p> <p>Ein fremder Fisch in den Kiemen bzw. Verletzungen der Kiemenspalten könnten sich jedenfalls negativ auf die Atmung auswirken. Gerade diese Verletzungen werfen viele Fragen auf, von denen die meisten vermutlich nicht zu beantworten sind.</p> <p>Emilys Schlußfolgerung unter ihrem Skeet zur Publikation trifft ins Schwarze: „Most importantly though, the ocean is cool, fish are weird, and there’s so much more for us to learn about how (and why) organisms interact with one another!“.<br></br>Ein Fisch, der sich im After oder der Atemöffnung eines größeren Meerestieres festsaugt, ist definitiv weird!</p> <h2>Remoras auf Buckelwal – aus der Fischperspektive</h2> <p>Dieses Video stammt von einer Kamera auf einem Buckelwal in australischen Gewässern und zeigt, welchen Strömungen die Fische ausgesetzt sind.</p> <p>Ihre Saugnäpfe sind also extrem stark! Darum wird dieser <a href="https://advanced.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/aisy.202500557" rel="noopener">Spezialsaugnapf als Vorbild für technische Anwendungen genutzt.</a></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/a_OQqUTymHw?feature=oembed&amp;rel=0" title="Rare video shows sucker fish hitching rides on humpback whales" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/schiffshalter-im-manta-mors/#comments 8 Why We Are Running Out of Mathematics-Based AI Reasoning Benchmarks https://scilogs.spektrum.de/hlf/why-we-are-running-out-of-mathematics-based-ai-reasoning-benchmarks/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/why-we-are-running-out-of-mathematics-based-ai-reasoning-benchmarks/#comments Wed, 13 May 2026 12:00:00 +0000 Benjamin Skuse https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14389 <h1>Why We Are Running Out of Mathematics-Based AI Reasoning Benchmarks - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>Recently, the idea that Claude – a popular general-purpose large language model (LLM) from Anthropic – is conscious was mooted by the company’s CEO. For its part, Claude modestly gave itself a 15 to 20 percent probability of being conscious. Meanwhile, other popular LLMs and related AI have successfully completed complicated tasks once thought solely the preserve of humans – including composing and recording <a href="https://www.telegraph.co.uk/news/2026/04/11/chart-topping-singer-turns-out-to-be-ai/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">chart-topping hits</a>, penning <a href="https://automaton-media.com/en/news/ai-generated-isekai-novel-that-won-a-literary-contest-grand-prize-and-readers-choice-award-has-its-book-publication-and-manga-adaptation-cancelled/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">award-winning novels</a> and even creating <a href="https://www.nytimes.com/2022/09/02/technology/ai-artificial-intelligence-artists.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">top prize-worthy art. </a></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14392" rel="attachment wp-att-14392"><img alt="Anthropic CEO Dario Amodei" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Dario-Amodei-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Dario-Amodei-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Dario-Amodei-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Dario-Amodei-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Dario-Amodei-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Dario-Amodei-2048x1366.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Anthropic CEO Dario Amodei. Image credit: <a data-id="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dario_Amodei_at_TechCrunch_Disrupt_2023_01.jpg" data-type="link" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dario_Amodei_at_TechCrunch_Disrupt_2023_01.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">TechCrunch</a> (CC-BY-2.0)</figcaption></figure> </div> <p>Do these achievements mean that AI has reached or exceeded human capabilities in terms of creativity and reasoning? And how would we know? For the latter, we can turn to mathematics, at least for now. </p> <h3>Foundational Years</h3> <p>Mathematics is one of AI researchers’ favourite testing grounds because it requires precise step-by-step reasoning built on the firm foundations of logic, and it can be verified rigorously and automatically, avoiding subjective judgment or expensive tests.</p> <p>Since 2017 and the advent of the neural network transformer architecture, which uses attention mechanisms to process sequential data, AI language model capabilities have increased at a staggering pace. To keep up, AI benchmarks have become more and more sophisticated.</p> <p>One of the first mathematical AI benchmarks was Google DeepMind’s <a href="https://github.com/google-deepmind/mathematics_dataset" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Mathematics Dataset</a>. Introduced in 2019, it contained well over 100 million question &amp; answer pairs that a bright schoolchild could answer, with questions limited to 160 characters in length, and answers to 30 characters. As the data were generated automatically, questions were varied but procedural, and therefore straightforward to solve for anyone who remembers a little bit from their school mathematics lessons. For example:<aside></aside></p> <p><strong>Question</strong>: Calculate \(-841880142.544 + 411127\).</p> <p><strong>Answer</strong>: \(-841469015.544\).</p> <p><strong>Question</strong>: Three letters picked without replacement from \(\mathrm{qqqkkklkqkkk}\). Give prob of sequence \(\mathrm{qql}\).</p> <p><strong>Answer</strong>: \(1/110\).</p> <p>Though some state-of-the-art AI models scored roughly 35% as soon as the benchmark was released, many others including OpenAI’s GPT-3, released in 2020, struggled because they lacked chain-of-thought reasoning, failing to conduct multi-step algebraic manipulations and instead predicting an answer immediately.</p> <p>Mathematics Dataset was finally consigned to the dustbin of history in 2023 with the release of GPT-4 and Google Gemini, whose advanced reasoning skills led to scores of 90%+; a stage in a benchmark’s lifecycle known as saturation or – more harshly – obsolescence.</p> <h3>High School Mathematics</h3> <p>Well before Mathematics Dataset had reached saturation, AI researchers were devising more challenging mathematics-based benchmarks. In 2021, <a href="https://github.com/openai/grade-school-math" rel="noreferrer noopener" target="_blank">GSM8K</a> and the imaginatively titled <a href="https://huggingface.co/datasets/qwedsacf/competition_math" rel="noreferrer noopener" target="_blank">MATH</a> benchmarks were both released with the intention of testing AI’s mettle in multistep mathematical reasoning.</p> <p>Created by human problem writers, OpenAI’s GSM8K contained 8500 mathematical problems that a bright middle-school student should be able to solve in just two to eight steps. Below is an example question and answer:</p> <p><strong>Question</strong>: Ali is a dean of a private school where he teaches one class. John is also a dean of a public school. John has two classes in his school. Each class has \(1/8\) the capacity of Ali’s class which has the capacity of \(120\) students. What is the combined capacity of both schools?</p> <p><strong>Answer</strong>: \(150\).</p> <p>Just over two years after its release, GPT-4 scored 92% on GSM8K, effectively saturating the benchmark.</p> <p>MATH fared somewhat better. This benchmark, devised by researchers from the University of California, Berkeley, contained 12,500 challenging problems from high-school mathematics competitions. MATH was shown to be difficult even for an average computer science PhD student, scoring around 40%. In comparison, upon its release, state-of-the-art models were scoring just 5%. Below is an example question and answer:</p> <p><strong>Question</strong>: What are all values of \(p\) such that for every \(q&gt;0\), we have \(\frac{3(pq^2+p^2q+3q^2+3pq)}{p+q}&gt;2p^2q\)? Express your answer in interval notation in decimal form.</p> <p><strong>Answer</strong>: \([0,3)\)</p> <p>But by 2024, MATH was heading the way of GSM8K into oblivion, with frontier models achieving 90%+ scores, including 94.8% from OpenAI’s o1.</p> <p>AI researchers needed a new focus, and some already had their sights set on the ultimate high-school mathematics competition – the International Mathematical Olympiad (IMO).</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14393" rel="attachment wp-att-14393"><img alt="People onstage holding various countries' flags." decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMO_2015_closing_ceremony-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMO_2015_closing_ceremony-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMO_2015_closing_ceremony-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMO_2015_closing_ceremony-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMO_2015_closing_ceremony-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMO_2015_closing_ceremony-2048x1152.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>2015 IMO closing ceremony. Image credit: <a data-id="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:IMO_2015_closing_ceremony.jpg" data-type="link" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:IMO_2015_closing_ceremony.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Z3144228</a> (CC-BY-4.0)</figcaption></figure> </div> <h3>The Ultimate Mathematics Competition</h3> <p>Held annually, the IMO attracts participants from over 100 countries and is widely regarded as the most prestigious mathematical competition in the world. Though there are only six problems that need to be solved over the course of two 4.5 hour sessions, each IMO question is fiendishly difficult.</p> <p>Unsurprisingly, IMO prize winners are disproportionately more likely than others to go on to produce important mathematical breakthroughs in their careers. For example, the first woman to win the Fields Medal, <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/maryam-mirzakhani/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Maryam Mirzakhani</a>, was an IMO gold medallist. And <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/terence-tao/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Terence Tao</a>, one of the most recognised mathematicians on the planet and another Fields Medallist, received bronze, silver and gold IMO medals at the ages of 10, 11 and 12, respectively.</p> <p>In 2024, a combined system comprising Google’s AlphaProof and AlphaGeometry 2 was the first AI to solve 4 of the 6 problems on the IMO. Though this is equivalent to a silver medal performance, the test was not conducted under competition rules.</p> <p>Crucially, each of the questions had to be manually translated into formal mathematical language for the systems to make sense of them, a long and labour-intensive task. However, once this was done, AlphaGeometry 2 – an AI system combining a Gemini-like LLM with a formal engine based on the laws of geometry – solved one problem within 19 seconds. Meanwhile, AlphaProof – which couples an LLM with a reinforcement learning algorithm – solved two algebra problems and one number theory problem in a total of three days.</p> <p>Just a year later, the IMO was no longer a challenging test for the most advanced AI models. Experimental systems from Google DeepMind and OpenAI achieved gold-level performance on the 2025 IMO, both answering 5 of the 6 questions correctly. Importantly, they did so within the competition time limits and in natural language, no longer needing manual translation of the questions into formal mathematics to work on the problems, and implementing large-scale tree search to allow the AIs to explore thousands of logical branches before committing to a line of reasoning.</p> <h3>Real Open Mathematical Problems</h3> <p>These landmark results leave mathematics-based AI benchmarking in a tricky situation. The technology is so advanced that coming up with challenging questions that have clean, simple answers is proving ever more difficult. In addition, the pace of development is so fast that the likelihood a benchmark will last more than a year before reaching saturation point is shrinking fast.</p> <p>This is why new benchmarks coming through are raising the game significantly; in fact, asking AI to solve problems at the bleeding edge of human knowledge and beyond.</p> <p>For example, non-profit research organisation Epoch AI has a benchmark called FrontierMath. This contains over 350 challenging problems, from undergraduate through to early postdoc level, that have known answers humans have derived. Up to now, the best performance has come from GPT-5.4 Pro (xhigh), with a score of 50%, but this is increasing all the time, and the team behind FrontierMath see it saturating in the next year or two.</p> <p>This is why they devised <a href="https://epoch.ai/frontiermath/open-problems" rel="noreferrer noopener" target="_blank">FrontierMath: Open Problems</a>. Open Problems contains 15 open questions from research mathematics that professional mathematicians have tried and failed to answer. Answers to these questions range from, at the very least, being moderately interesting for some human mathematicians to, at best, representing a major breakthrough. Since its release, only one of the moderately interesting problems has been solved by AI (first with GPT-5.4 Pro, and later Claude Opus 4.6 (max) and Gemini 3.1 Pro).</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14394" rel="attachment wp-att-14394"><img alt="Martin Hairer onstage." decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54018689498_291181be52_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54018689498_291181be52_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54018689498_291181be52_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54018689498_291181be52_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Martin Hairer at the 11th Heidelberg Laureate Forum, 2024, in Heidelberg, Germany. Image credit: Kreutzer/HLFF</figcaption></figure> </div> <p>Just a month after Open Problems’ release, a group of 11 highly distinguished mathematicians (including 2014 Fields Medallist <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/martin-hairer/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Martin Hairer</a>, and 2010 Nevanlinna Prize winner <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/daniel-spielman/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Daniel Spielman</a>) <a href="https://doi.org/10.48550/arXiv.2602.05192" rel="noreferrer noopener" target="_blank">proposed the First Proof challenge</a>, a set of 10 mathematical questions equivalent to lemmas in terms of difficulty which arose naturally in the authors’ research processes, and whose proofs are roughly five pages or less and had not been shared with anyone.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14395" rel="attachment wp-att-14395"><img alt="Daniel Spielman sitting at a table speaking into a microphone." decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/53260912142_8195179193_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/53260912142_8195179193_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/53260912142_8195179193_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/53260912142_8195179193_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Daniel Spielman at the 10th Heidelberg Laureate Forum, 2023, in Heidelberg, Germany. Image credit: Flemming/HLFF</figcaption></figure> </div> <p><a href="https://1stproof.org/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The First Proof challenge</a> was a preliminary effort to assess the capabilities of AI systems in solving research-level mathematics questions on their own. Experimental systems from OpenAI and Google DeepMind were the most successful, solving around half of the problems.</p> <p>From these results, the researchers behind First Proof are now in the process of concocting a second batch of even more fiendish problems, which are being created, tested and graded between March and June 2026, and will form a formal benchmark.</p> <h3>Is It the End for Mathematical Benchmarking?</h3> <p>But will this benchmark, or indeed FrontierMath: Open Problems, last? If progress remains on its current trajectory, the answer is no. Recently, Google DeepMind’s experimental AI system Aletheia <a href="https://doi.org/10.48550/arXiv.2601.23245" rel="noreferrer noopener" target="_blank">autonomously produced PhD level research</a> results. Though obscure mathematically – calculating certain structure constants in arithmetic geometry called eigenweights – the result is new, moderately interesting and publishable.</p> <p>Elsewhere, mathematicians have been applying AI company Harmonic’s reasoning agent Aristotle and other competitor offerings, as well as state-of-the-art LLMs to some of <a href="https://www.erdosproblems.com/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">the Erdős problems</a>. These are 1217 and counting problems (of which 692 remain open) of varying difficulty that, at some time in his career, prolific Hungarian mathematician Paul Erdős posed but did not solve. <a href="https://www.erdosproblems.com/forum/thread/blog:2" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Several solutions</a> to Erdős problems have been found and formally verified by AI in rapid succession recently. Again, these results are new and moderately interesting.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14396" rel="attachment wp-att-14396"><img alt="Paul Erdős teaching 10 year old Terence Tao in 1985." decoding="async" height="348" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 515px) 100vw, 515px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Paul_Erdos_with_Terence_Tao.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Paul_Erdos_with_Terence_Tao.jpg 515w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Paul_Erdos_with_Terence_Tao-300x203.jpg 300w" width="515"></img></a><figcaption>Paul Erdős teaching 10 year old Terence Tao in 1985. Image credit: <a data-id="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Paul_Erdos_with_Terence_Tao.jpg" data-type="link" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Paul_Erdos_with_Terence_Tao.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Billy or Grace Tao</a> (CC-BY-2.0)</figcaption></figure> </div> <p>Given these announcements and the pace of development up to this point, looking forward, it doesn’t seem unrealistic to imagine that GPT-10 or Gemini 8 will be producing results that could be described as much more than ‘moderately interesting’, perhaps even significant breakthroughs.</p> <p>If AI reaches this level of sophistication, humans will no longer be benchmarking AI with mathematics, but treating AI as an active participant in the mathematical process.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Why We Are Running Out of Mathematics-Based AI Reasoning Benchmarks - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>Recently, the idea that Claude – a popular general-purpose large language model (LLM) from Anthropic – is conscious was mooted by the company’s CEO. For its part, Claude modestly gave itself a 15 to 20 percent probability of being conscious. Meanwhile, other popular LLMs and related AI have successfully completed complicated tasks once thought solely the preserve of humans – including composing and recording <a href="https://www.telegraph.co.uk/news/2026/04/11/chart-topping-singer-turns-out-to-be-ai/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">chart-topping hits</a>, penning <a href="https://automaton-media.com/en/news/ai-generated-isekai-novel-that-won-a-literary-contest-grand-prize-and-readers-choice-award-has-its-book-publication-and-manga-adaptation-cancelled/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">award-winning novels</a> and even creating <a href="https://www.nytimes.com/2022/09/02/technology/ai-artificial-intelligence-artists.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">top prize-worthy art. </a></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14392" rel="attachment wp-att-14392"><img alt="Anthropic CEO Dario Amodei" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Dario-Amodei-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Dario-Amodei-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Dario-Amodei-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Dario-Amodei-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Dario-Amodei-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Dario-Amodei-2048x1366.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Anthropic CEO Dario Amodei. Image credit: <a data-id="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dario_Amodei_at_TechCrunch_Disrupt_2023_01.jpg" data-type="link" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dario_Amodei_at_TechCrunch_Disrupt_2023_01.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">TechCrunch</a> (CC-BY-2.0)</figcaption></figure> </div> <p>Do these achievements mean that AI has reached or exceeded human capabilities in terms of creativity and reasoning? And how would we know? For the latter, we can turn to mathematics, at least for now. </p> <h3>Foundational Years</h3> <p>Mathematics is one of AI researchers’ favourite testing grounds because it requires precise step-by-step reasoning built on the firm foundations of logic, and it can be verified rigorously and automatically, avoiding subjective judgment or expensive tests.</p> <p>Since 2017 and the advent of the neural network transformer architecture, which uses attention mechanisms to process sequential data, AI language model capabilities have increased at a staggering pace. To keep up, AI benchmarks have become more and more sophisticated.</p> <p>One of the first mathematical AI benchmarks was Google DeepMind’s <a href="https://github.com/google-deepmind/mathematics_dataset" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Mathematics Dataset</a>. Introduced in 2019, it contained well over 100 million question &amp; answer pairs that a bright schoolchild could answer, with questions limited to 160 characters in length, and answers to 30 characters. As the data were generated automatically, questions were varied but procedural, and therefore straightforward to solve for anyone who remembers a little bit from their school mathematics lessons. For example:<aside></aside></p> <p><strong>Question</strong>: Calculate \(-841880142.544 + 411127\).</p> <p><strong>Answer</strong>: \(-841469015.544\).</p> <p><strong>Question</strong>: Three letters picked without replacement from \(\mathrm{qqqkkklkqkkk}\). Give prob of sequence \(\mathrm{qql}\).</p> <p><strong>Answer</strong>: \(1/110\).</p> <p>Though some state-of-the-art AI models scored roughly 35% as soon as the benchmark was released, many others including OpenAI’s GPT-3, released in 2020, struggled because they lacked chain-of-thought reasoning, failing to conduct multi-step algebraic manipulations and instead predicting an answer immediately.</p> <p>Mathematics Dataset was finally consigned to the dustbin of history in 2023 with the release of GPT-4 and Google Gemini, whose advanced reasoning skills led to scores of 90%+; a stage in a benchmark’s lifecycle known as saturation or – more harshly – obsolescence.</p> <h3>High School Mathematics</h3> <p>Well before Mathematics Dataset had reached saturation, AI researchers were devising more challenging mathematics-based benchmarks. In 2021, <a href="https://github.com/openai/grade-school-math" rel="noreferrer noopener" target="_blank">GSM8K</a> and the imaginatively titled <a href="https://huggingface.co/datasets/qwedsacf/competition_math" rel="noreferrer noopener" target="_blank">MATH</a> benchmarks were both released with the intention of testing AI’s mettle in multistep mathematical reasoning.</p> <p>Created by human problem writers, OpenAI’s GSM8K contained 8500 mathematical problems that a bright middle-school student should be able to solve in just two to eight steps. Below is an example question and answer:</p> <p><strong>Question</strong>: Ali is a dean of a private school where he teaches one class. John is also a dean of a public school. John has two classes in his school. Each class has \(1/8\) the capacity of Ali’s class which has the capacity of \(120\) students. What is the combined capacity of both schools?</p> <p><strong>Answer</strong>: \(150\).</p> <p>Just over two years after its release, GPT-4 scored 92% on GSM8K, effectively saturating the benchmark.</p> <p>MATH fared somewhat better. This benchmark, devised by researchers from the University of California, Berkeley, contained 12,500 challenging problems from high-school mathematics competitions. MATH was shown to be difficult even for an average computer science PhD student, scoring around 40%. In comparison, upon its release, state-of-the-art models were scoring just 5%. Below is an example question and answer:</p> <p><strong>Question</strong>: What are all values of \(p\) such that for every \(q&gt;0\), we have \(\frac{3(pq^2+p^2q+3q^2+3pq)}{p+q}&gt;2p^2q\)? Express your answer in interval notation in decimal form.</p> <p><strong>Answer</strong>: \([0,3)\)</p> <p>But by 2024, MATH was heading the way of GSM8K into oblivion, with frontier models achieving 90%+ scores, including 94.8% from OpenAI’s o1.</p> <p>AI researchers needed a new focus, and some already had their sights set on the ultimate high-school mathematics competition – the International Mathematical Olympiad (IMO).</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14393" rel="attachment wp-att-14393"><img alt="People onstage holding various countries' flags." decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMO_2015_closing_ceremony-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMO_2015_closing_ceremony-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMO_2015_closing_ceremony-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMO_2015_closing_ceremony-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMO_2015_closing_ceremony-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMO_2015_closing_ceremony-2048x1152.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>2015 IMO closing ceremony. Image credit: <a data-id="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:IMO_2015_closing_ceremony.jpg" data-type="link" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:IMO_2015_closing_ceremony.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Z3144228</a> (CC-BY-4.0)</figcaption></figure> </div> <h3>The Ultimate Mathematics Competition</h3> <p>Held annually, the IMO attracts participants from over 100 countries and is widely regarded as the most prestigious mathematical competition in the world. Though there are only six problems that need to be solved over the course of two 4.5 hour sessions, each IMO question is fiendishly difficult.</p> <p>Unsurprisingly, IMO prize winners are disproportionately more likely than others to go on to produce important mathematical breakthroughs in their careers. For example, the first woman to win the Fields Medal, <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/maryam-mirzakhani/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Maryam Mirzakhani</a>, was an IMO gold medallist. And <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/terence-tao/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Terence Tao</a>, one of the most recognised mathematicians on the planet and another Fields Medallist, received bronze, silver and gold IMO medals at the ages of 10, 11 and 12, respectively.</p> <p>In 2024, a combined system comprising Google’s AlphaProof and AlphaGeometry 2 was the first AI to solve 4 of the 6 problems on the IMO. Though this is equivalent to a silver medal performance, the test was not conducted under competition rules.</p> <p>Crucially, each of the questions had to be manually translated into formal mathematical language for the systems to make sense of them, a long and labour-intensive task. However, once this was done, AlphaGeometry 2 – an AI system combining a Gemini-like LLM with a formal engine based on the laws of geometry – solved one problem within 19 seconds. Meanwhile, AlphaProof – which couples an LLM with a reinforcement learning algorithm – solved two algebra problems and one number theory problem in a total of three days.</p> <p>Just a year later, the IMO was no longer a challenging test for the most advanced AI models. Experimental systems from Google DeepMind and OpenAI achieved gold-level performance on the 2025 IMO, both answering 5 of the 6 questions correctly. Importantly, they did so within the competition time limits and in natural language, no longer needing manual translation of the questions into formal mathematics to work on the problems, and implementing large-scale tree search to allow the AIs to explore thousands of logical branches before committing to a line of reasoning.</p> <h3>Real Open Mathematical Problems</h3> <p>These landmark results leave mathematics-based AI benchmarking in a tricky situation. The technology is so advanced that coming up with challenging questions that have clean, simple answers is proving ever more difficult. In addition, the pace of development is so fast that the likelihood a benchmark will last more than a year before reaching saturation point is shrinking fast.</p> <p>This is why new benchmarks coming through are raising the game significantly; in fact, asking AI to solve problems at the bleeding edge of human knowledge and beyond.</p> <p>For example, non-profit research organisation Epoch AI has a benchmark called FrontierMath. This contains over 350 challenging problems, from undergraduate through to early postdoc level, that have known answers humans have derived. Up to now, the best performance has come from GPT-5.4 Pro (xhigh), with a score of 50%, but this is increasing all the time, and the team behind FrontierMath see it saturating in the next year or two.</p> <p>This is why they devised <a href="https://epoch.ai/frontiermath/open-problems" rel="noreferrer noopener" target="_blank">FrontierMath: Open Problems</a>. Open Problems contains 15 open questions from research mathematics that professional mathematicians have tried and failed to answer. Answers to these questions range from, at the very least, being moderately interesting for some human mathematicians to, at best, representing a major breakthrough. Since its release, only one of the moderately interesting problems has been solved by AI (first with GPT-5.4 Pro, and later Claude Opus 4.6 (max) and Gemini 3.1 Pro).</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14394" rel="attachment wp-att-14394"><img alt="Martin Hairer onstage." decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54018689498_291181be52_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54018689498_291181be52_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54018689498_291181be52_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54018689498_291181be52_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Martin Hairer at the 11th Heidelberg Laureate Forum, 2024, in Heidelberg, Germany. Image credit: Kreutzer/HLFF</figcaption></figure> </div> <p>Just a month after Open Problems’ release, a group of 11 highly distinguished mathematicians (including 2014 Fields Medallist <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/martin-hairer/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Martin Hairer</a>, and 2010 Nevanlinna Prize winner <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/daniel-spielman/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Daniel Spielman</a>) <a href="https://doi.org/10.48550/arXiv.2602.05192" rel="noreferrer noopener" target="_blank">proposed the First Proof challenge</a>, a set of 10 mathematical questions equivalent to lemmas in terms of difficulty which arose naturally in the authors’ research processes, and whose proofs are roughly five pages or less and had not been shared with anyone.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14395" rel="attachment wp-att-14395"><img alt="Daniel Spielman sitting at a table speaking into a microphone." decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/53260912142_8195179193_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/53260912142_8195179193_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/53260912142_8195179193_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/53260912142_8195179193_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Daniel Spielman at the 10th Heidelberg Laureate Forum, 2023, in Heidelberg, Germany. Image credit: Flemming/HLFF</figcaption></figure> </div> <p><a href="https://1stproof.org/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The First Proof challenge</a> was a preliminary effort to assess the capabilities of AI systems in solving research-level mathematics questions on their own. Experimental systems from OpenAI and Google DeepMind were the most successful, solving around half of the problems.</p> <p>From these results, the researchers behind First Proof are now in the process of concocting a second batch of even more fiendish problems, which are being created, tested and graded between March and June 2026, and will form a formal benchmark.</p> <h3>Is It the End for Mathematical Benchmarking?</h3> <p>But will this benchmark, or indeed FrontierMath: Open Problems, last? If progress remains on its current trajectory, the answer is no. Recently, Google DeepMind’s experimental AI system Aletheia <a href="https://doi.org/10.48550/arXiv.2601.23245" rel="noreferrer noopener" target="_blank">autonomously produced PhD level research</a> results. Though obscure mathematically – calculating certain structure constants in arithmetic geometry called eigenweights – the result is new, moderately interesting and publishable.</p> <p>Elsewhere, mathematicians have been applying AI company Harmonic’s reasoning agent Aristotle and other competitor offerings, as well as state-of-the-art LLMs to some of <a href="https://www.erdosproblems.com/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">the Erdős problems</a>. These are 1217 and counting problems (of which 692 remain open) of varying difficulty that, at some time in his career, prolific Hungarian mathematician Paul Erdős posed but did not solve. <a href="https://www.erdosproblems.com/forum/thread/blog:2" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Several solutions</a> to Erdős problems have been found and formally verified by AI in rapid succession recently. Again, these results are new and moderately interesting.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14396" rel="attachment wp-att-14396"><img alt="Paul Erdős teaching 10 year old Terence Tao in 1985." decoding="async" height="348" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 515px) 100vw, 515px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Paul_Erdos_with_Terence_Tao.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Paul_Erdos_with_Terence_Tao.jpg 515w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Paul_Erdos_with_Terence_Tao-300x203.jpg 300w" width="515"></img></a><figcaption>Paul Erdős teaching 10 year old Terence Tao in 1985. Image credit: <a data-id="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Paul_Erdos_with_Terence_Tao.jpg" data-type="link" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Paul_Erdos_with_Terence_Tao.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Billy or Grace Tao</a> (CC-BY-2.0)</figcaption></figure> </div> <p>Given these announcements and the pace of development up to this point, looking forward, it doesn’t seem unrealistic to imagine that GPT-10 or Gemini 8 will be producing results that could be described as much more than ‘moderately interesting’, perhaps even significant breakthroughs.</p> <p>If AI reaches this level of sophistication, humans will no longer be benchmarking AI with mathematics, but treating AI as an active participant in the mathematical process.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/why-we-are-running-out-of-mathematics-based-ai-reasoning-benchmarks/#comments 3 Attention, Attention: ADHS https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/attention-attention-adhs/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/attention-attention-adhs/#respond Wed, 13 May 2026 09:30:55 +0000 Ruzica Sedic https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5944 <img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/adhs200-1.jpg" /><h1>Attention, Attention: ADHS » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Ruzica Sedic</h2><div itemprop="text"> <p>Aufmerksamkeit lenkt, worauf wir reagieren, was wir ausblenden und wie wir unsere Umwelt wahrnehmen. Besonders deutlich wird ihre Bedeutung, wenn sie schwer zu regulieren ist: wenn Gedanken abschweifen, Reize gleichzeitig um Priorität konkurrieren oder selbst einfache Aufgaben unerwartet viel Energie kosten. Für Menschen mit ADHS ist Aufmerksamkeit ein dynamischer Prozess, der zwischen Hyperfokus und Ablenkbarkeit schwankt.</p> <h3>Aufmerksamkeitsformen und Neuroanatomie</h3> <p>Aufmerksamkeit lässt sich grob in vier Formen [1] unterteilen.</p> <ul> <li><strong>Anhaltende Aufmerksamkeit</strong>: Die Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten</li> <li><strong>Selektive Aufmerksamkeit</strong>: Sich auf relevante Reize konzentrieren und dabei irrelevante Reize ausblenden</li> <li><strong>Wechselnde Aufmerksamkeit</strong>: Zwischen zwei Aufgaben wechseln</li> <li><strong>Geteilte Aufmerksamkeit</strong>: Mehrere Elemente gleichzeitig wahrnehmen und verarbeiten</li> </ul> <p>Diese Formen sind nicht scharf getrennt, sondern überlappen sich im Alltag kontinuierlich. </p> <p>Aus neuroanatomischer Sicht sitzt eine große Portion exekutiver Aufmerksamkeit im präfrontalen Kortex: jener Bereich direkt hinter der Stirn, der für Planung, Impulskontrolle und Zielgerichtetheit verantwortlich ist [2]. Parallel dazu arbeiten Netzwerke im Parietal‑ und Frontalhirn zusammen, die für die Filterung von Sinneseindrücken zuständig sind [3]. </p> <p>Mehr zu Aufmerksamkeit im Alltag im <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/aufmerksamkeit-und-adhs/">ersten Teil</a>.<aside></aside></p> <h3>Was ist ADHS?</h3> <p>Wenn von Aufmerksamkeitsstörungen die Rede ist, denken viele zunächst an hyperaktive Kinder. Tatsächlich ist ADHS jedoch eine komplexe neurobiologische Entwicklungsstörung, die Menschen jeden Alters betrifft, auch solche, die äußerlich ruhig und organisiert wirken. Im Kern liegt eine veränderte Regulation von Aufmerksamkeit zugrunde, die auf ein Ungleichgewicht in dopaminergen und noradrenergen Systemen zurückgeführt wird. Diese Neurotransmitter sind entscheidend für Motivation, Belohnungsverarbeitung und kognitive Kontrolle [4].</p> <p>Typische Symptome sind Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität, die sich im Erwachsenenalter oft anders äußern: etwa durch Vergesslichkeit, häufiges Unterbrechen von Aufgaben oder Schwierigkeiten, Aufgaben konsequent zu Ende zu führen. Viele Betroffene haben zudem Probleme, irrelevante Reize auszublenden, was Alltagsanforderungen zusätzlich erschwert [5, 6].</p> <p>Paradoxerweise berichten viele auch von sogenanntem Hyperfokus: Phasen intensiver, kaum kontrollierbarer Konzentration auf stark belohnende Tätigkeiten, in denen die Umwelt ausgeblendet wird. ADHS ist daher kein Mangel an Disziplin, sondern Ausdruck einer veränderten Reizverarbeitung.</p> <h3>ADHS: Ein Interview</h3> <h4>Wann un<strong>d wie wurde bei dir ADHS diagnostiziert? </strong></h4> <p>Als ich neun Jahre alt war, wurde meinen Eltern empfohlen, mit mir einen Psychiater aufzusuchen, da ich ein sehr verhaltensauffälliges Kind war. Dort wurden dann alle möglichen Tests gemacht, unter anderem wurde ich auf ADHS getestet. Ich hatte das “Glück”, dass sich mein ADHS als Kind häufig so äußerte, wie man es sich bei stereotypen hyperaktiven Jungs vorstellt, sodass die Diagnose quasi auf der Hand lag.</p> <h4><strong>Weshalb wurdest du getestet? Wie äußerte sich dein ADHS als Kind?</strong></h4> <p>Ich war schon immer schlecht in der Schule. Gerade als Kind konnte ich mich kaum konzentrieren und habe sowohl mich selbst als auch die anderen Kinder abgelenkt. Ich hatte nur schlechte Noten und meine Hausaufgaben konnte ich erst nach mehreren Stunden beenden. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich so viele Gedanken im Kopf hatte, dass ich selbst keinen klaren fassen konnte. Oft war ich wahnsinnig sauer, weil ich das Gefühl hatte, nicht richtig denken zu können. Mein Kopf fühlte sich an, als wäre er in dichten Nebel gehüllt. In der Grundschule haben wir häufig Laufdiktate gemacht. Irgendwo im Raum hing ein Text, den man sich merken musste, um ihn dann am Platz auf Papier wiederzugeben. Bis ich am Platz war, hatte ich jegliche Information über den Text wieder vergessen.</p> <h4><strong>Wie hast du die Diagnose im ersten Moment erlebt?</strong></h4> <p>Ich weiß noch, dass ich mich sehr dafür geschämt hatte. Mittlerweile ist die Diagnose sehr wertvoll für mich, weil ich verschiedene Verhaltensweisen und Gefühle besser zuordnen kann, aber als Kind sah ich die Diagnose als den großen limitierenden Faktor, der mich davon abhalten wird “etwas zu erreichen”. </p> <h4><strong>Wie sah die Therapie nach der Diagnose aus?</strong></h4> <p>Nach der Diagnose bekam ich ein Medikament, das meine Aufmerksamkeit verbessern sollte. Dieses habe ich dann auch knapp fünf Jahre eingenommen. Ich habe mich dabei aber immer unwohl gefühlt, als wäre ich nicht mehr ich selbst. Leider hatte es mehr Nebenwirkungen als positive Effekte. Außerdem wurde mir Ergotherapie verschrieben, da ich im Alltag Probleme mit der Motorik hatte.</p> <h4><strong>Wie schaffst du es deinen Alltag zu bewältigen?</strong></h4> <p>Da ich keine Medikamente nehme, um meine Aufmerksamkeit zu verbessern, bin ich darauf angewiesen, mich nach ihr zu richten. Es gibt Tage, an denen ich mich auf nichts konzentrieren kann. Dann versuche ich, nur das Wichtigste zu erledigen. An anderen Tagen habe ich hingegen sehr viel Tatendrang und Fokus und kann alle anfallenden Aufgaben bewältigen. Am wichtigsten sind Akzeptanz und Vertrauen, dass ein besserer Tag kommen wird. Das fällt mir häufig noch schwer. Ansonsten strukturiere ich meine Tage sehr gut, stelle mir Erinnerungen auf dem Handy, plane eine grobe Wochenstruktur immer eine Woche im Voraus und versuche, Dinge wie Putzen, Wäsche waschen oder Einkaufen immer am selben Wochentag zu erledigen. </p> <h4><strong>Wie erlebst du Umgebungsreize (Geräusche, visuelle Eindrücke, Gespräche)?</strong></h4> <p>Ich bin sehr leicht von Umgebungsreizen überfordert. Wenn ich beispielsweise ein Gespräch führe und im Hintergrund ein Vogel zwitschert, kann ich mich nur schwer darauf konzentrieren und muss pausieren, bis das Geräusch leiser wird. Auch beim Autofahren habe ich große Probleme, all die Reize zu verarbeiten. Deshalb fahre ich mittlerweile nur noch Bahn. Einen Großteil meines Alltags verbringe ich außerdem mit Kopfhörern, weil laute oder viele Geräusche mich überfordern.</p> <h4><strong>Hast du Phasen von Hyperfokus? Welche Vor- und Nachteile hat das für dich?</strong></h4> <p>Meine große Leidenschaft ist die Naturwissenschaft, etwas, das ich mittlerweile auch studiere. Ich könnte stundenlang lernen und lesen, ohne meine Konzentration zu verlieren, und vergesse dabei alles um mich herum. Der Vorteil ist, dass ich dadurch in der Uni sehr gut bin. Der Nachteil ist jedoch, dass ich meine eigenen physischen und mentalen Bedürfnisse nicht mehr wahrnehme. Ich vergesse zu trinken, zu essen, zur Toilette zu gehen und Pausen zu machen. Manchmal bin ich sechs Stunden lang konzentriert und bin danach völlig erschöpft.</p> <h4><strong>Wie beeinflusst ADHS deine Stimmung oder Motivation</strong>?</h4> <p>Quasi alles, was ich tue, wird durch meine Motivation bestimmt. Ich erinnere mich noch daran, dass ich mich in der Schule nur auf die Fächer konzentrieren konnte, für die ich mich interessierte. Mich durch Erdkunde, Geschichte oder Französisch durchzuschlagen, war eine Qual. Ich bin sehr glücklich, das Privileg zu haben, etwas zu studieren, das mich begeistert. In einer kaufmännischen Ausbildung wäre ich wahrscheinlich untergegangen. Wenn ich allerdings Tage habe, an denen ich Dinge tun muss, die mir keinen Spaß machen, komme ich wahnsinnig schwer aus dem Bett. Schon im frühen Kindesalter habe ich eine Depression entwickelt. So geht es vielen Menschen mit ADHS: Wenn die Lust fehlt, fällt man schnell in eine Sinnkrise. </p> <h4><strong>Gehst du heute in Therapie?</strong></h4> <p>Therapie ist seit vielen Jahren Teil meines Alltags. Ich bespreche dort viele Dinge und arbeite vor allem an den Komorbiditäten, die das ADHS mit sich bringt, wie beispielsweise Angststörungen oder Depressionen. Durch die Therapie habe ich gelernt, besser mit meinem Gehirn umzugehen, und ich habe Strategien entwickelt, die mir das Leben leichter machen.</p> <h4><strong>Was würdest du anderen Betroffenen raten?</strong></h4> <p>Versucht euch selbst zu akzeptieren und darauf zu vertrauen, dass ihr euren Weg gehen werdet. Löst euch von Erwartungen und von Vorurteilen, die euch auferlegt wurden. Ihr seid nicht faul oder dumm, ihr erlebt die Realität nur anders. Seit sanft zu euch, nehmt Hilfe an und wählt einen Alltag, der für euch funktioniert! </p> <h3>Quellen</h3> <ol> <li>Chung-Fat-Yim, A., Calvo, N., &amp; Grundy, J. G. (2022). The multifaceted nature of bilingualism and attention. Frontiers in Psychology, 13, Article 910382. <a href="https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.910382" rel="noopener">https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.910382</a></li> <li>Kane, M. J., &amp; Engle, R. W. (2002). The role of prefrontal cortex in working-memory capacity, executive attention, and general fluid intelligence: An individual-differences perspective. Psychonomic Bulletin &amp; Review, 9(4), 637–671. <a href="https://doi.org/10.3758/BF03196323" rel="noopener">https://doi.org/10.3758/BF03196323</a></li> <li>Ptak, R. (2012). The frontoparietal attention network of the human brain: Action, saliency, and a priority map of the environment. The Neuroscientist, 18(5), 502–515. <a href="https://doi.org/10.1177/1073858411409051" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1177/1073858411409051</a></li> <li>Skowronek, J., Seifert, A., &amp; Lindberg, S. (2023). The mere presence of a smartphone reduces basal attentional performance. Scientific Reports, 13(1), Article 9363. <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-023-36256-4" rel="noopener">https://doi.org/10.1038/s41598-023-36256-4</a></li> <li>Del Campo, N., Chamberlain, S. R., Sahakian, B. J., &amp; Robbins, T. W. (2011). The roles of dopamine and noradrenaline in the pathophysiology and treatment of attention‑deficit/hyperactivity disorder. Biological Psychiatry, 69(12), e145–e157. <a href="https://doi.org/10.1016/j.biopsych.2011.02.036" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.biopsych.2011.02.036</a></li> <li>American Psychiatric Association. (2013). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5th ed.)</li> <li>Heine, S., &amp; Exner, C. (2021). Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Erwachsenenalter. Zeitschrift für Neuropsychologie, 32(3), 141-157. <a href="https://doi.org/10.1024/1016-264x/a000329" rel="noopener">https://doi.org/10.1024/1016-264x/a000329</a></li> </ol> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/adhs200-1.jpg" /><h1>Attention, Attention: ADHS » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Ruzica Sedic</h2><div itemprop="text"> <p>Aufmerksamkeit lenkt, worauf wir reagieren, was wir ausblenden und wie wir unsere Umwelt wahrnehmen. Besonders deutlich wird ihre Bedeutung, wenn sie schwer zu regulieren ist: wenn Gedanken abschweifen, Reize gleichzeitig um Priorität konkurrieren oder selbst einfache Aufgaben unerwartet viel Energie kosten. Für Menschen mit ADHS ist Aufmerksamkeit ein dynamischer Prozess, der zwischen Hyperfokus und Ablenkbarkeit schwankt.</p> <h3>Aufmerksamkeitsformen und Neuroanatomie</h3> <p>Aufmerksamkeit lässt sich grob in vier Formen [1] unterteilen.</p> <ul> <li><strong>Anhaltende Aufmerksamkeit</strong>: Die Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten</li> <li><strong>Selektive Aufmerksamkeit</strong>: Sich auf relevante Reize konzentrieren und dabei irrelevante Reize ausblenden</li> <li><strong>Wechselnde Aufmerksamkeit</strong>: Zwischen zwei Aufgaben wechseln</li> <li><strong>Geteilte Aufmerksamkeit</strong>: Mehrere Elemente gleichzeitig wahrnehmen und verarbeiten</li> </ul> <p>Diese Formen sind nicht scharf getrennt, sondern überlappen sich im Alltag kontinuierlich. </p> <p>Aus neuroanatomischer Sicht sitzt eine große Portion exekutiver Aufmerksamkeit im präfrontalen Kortex: jener Bereich direkt hinter der Stirn, der für Planung, Impulskontrolle und Zielgerichtetheit verantwortlich ist [2]. Parallel dazu arbeiten Netzwerke im Parietal‑ und Frontalhirn zusammen, die für die Filterung von Sinneseindrücken zuständig sind [3]. </p> <p>Mehr zu Aufmerksamkeit im Alltag im <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/aufmerksamkeit-und-adhs/">ersten Teil</a>.<aside></aside></p> <h3>Was ist ADHS?</h3> <p>Wenn von Aufmerksamkeitsstörungen die Rede ist, denken viele zunächst an hyperaktive Kinder. Tatsächlich ist ADHS jedoch eine komplexe neurobiologische Entwicklungsstörung, die Menschen jeden Alters betrifft, auch solche, die äußerlich ruhig und organisiert wirken. Im Kern liegt eine veränderte Regulation von Aufmerksamkeit zugrunde, die auf ein Ungleichgewicht in dopaminergen und noradrenergen Systemen zurückgeführt wird. Diese Neurotransmitter sind entscheidend für Motivation, Belohnungsverarbeitung und kognitive Kontrolle [4].</p> <p>Typische Symptome sind Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität, die sich im Erwachsenenalter oft anders äußern: etwa durch Vergesslichkeit, häufiges Unterbrechen von Aufgaben oder Schwierigkeiten, Aufgaben konsequent zu Ende zu führen. Viele Betroffene haben zudem Probleme, irrelevante Reize auszublenden, was Alltagsanforderungen zusätzlich erschwert [5, 6].</p> <p>Paradoxerweise berichten viele auch von sogenanntem Hyperfokus: Phasen intensiver, kaum kontrollierbarer Konzentration auf stark belohnende Tätigkeiten, in denen die Umwelt ausgeblendet wird. ADHS ist daher kein Mangel an Disziplin, sondern Ausdruck einer veränderten Reizverarbeitung.</p> <h3>ADHS: Ein Interview</h3> <h4>Wann un<strong>d wie wurde bei dir ADHS diagnostiziert? </strong></h4> <p>Als ich neun Jahre alt war, wurde meinen Eltern empfohlen, mit mir einen Psychiater aufzusuchen, da ich ein sehr verhaltensauffälliges Kind war. Dort wurden dann alle möglichen Tests gemacht, unter anderem wurde ich auf ADHS getestet. Ich hatte das “Glück”, dass sich mein ADHS als Kind häufig so äußerte, wie man es sich bei stereotypen hyperaktiven Jungs vorstellt, sodass die Diagnose quasi auf der Hand lag.</p> <h4><strong>Weshalb wurdest du getestet? Wie äußerte sich dein ADHS als Kind?</strong></h4> <p>Ich war schon immer schlecht in der Schule. Gerade als Kind konnte ich mich kaum konzentrieren und habe sowohl mich selbst als auch die anderen Kinder abgelenkt. Ich hatte nur schlechte Noten und meine Hausaufgaben konnte ich erst nach mehreren Stunden beenden. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich so viele Gedanken im Kopf hatte, dass ich selbst keinen klaren fassen konnte. Oft war ich wahnsinnig sauer, weil ich das Gefühl hatte, nicht richtig denken zu können. Mein Kopf fühlte sich an, als wäre er in dichten Nebel gehüllt. In der Grundschule haben wir häufig Laufdiktate gemacht. Irgendwo im Raum hing ein Text, den man sich merken musste, um ihn dann am Platz auf Papier wiederzugeben. Bis ich am Platz war, hatte ich jegliche Information über den Text wieder vergessen.</p> <h4><strong>Wie hast du die Diagnose im ersten Moment erlebt?</strong></h4> <p>Ich weiß noch, dass ich mich sehr dafür geschämt hatte. Mittlerweile ist die Diagnose sehr wertvoll für mich, weil ich verschiedene Verhaltensweisen und Gefühle besser zuordnen kann, aber als Kind sah ich die Diagnose als den großen limitierenden Faktor, der mich davon abhalten wird “etwas zu erreichen”. </p> <h4><strong>Wie sah die Therapie nach der Diagnose aus?</strong></h4> <p>Nach der Diagnose bekam ich ein Medikament, das meine Aufmerksamkeit verbessern sollte. Dieses habe ich dann auch knapp fünf Jahre eingenommen. Ich habe mich dabei aber immer unwohl gefühlt, als wäre ich nicht mehr ich selbst. Leider hatte es mehr Nebenwirkungen als positive Effekte. Außerdem wurde mir Ergotherapie verschrieben, da ich im Alltag Probleme mit der Motorik hatte.</p> <h4><strong>Wie schaffst du es deinen Alltag zu bewältigen?</strong></h4> <p>Da ich keine Medikamente nehme, um meine Aufmerksamkeit zu verbessern, bin ich darauf angewiesen, mich nach ihr zu richten. Es gibt Tage, an denen ich mich auf nichts konzentrieren kann. Dann versuche ich, nur das Wichtigste zu erledigen. An anderen Tagen habe ich hingegen sehr viel Tatendrang und Fokus und kann alle anfallenden Aufgaben bewältigen. Am wichtigsten sind Akzeptanz und Vertrauen, dass ein besserer Tag kommen wird. Das fällt mir häufig noch schwer. Ansonsten strukturiere ich meine Tage sehr gut, stelle mir Erinnerungen auf dem Handy, plane eine grobe Wochenstruktur immer eine Woche im Voraus und versuche, Dinge wie Putzen, Wäsche waschen oder Einkaufen immer am selben Wochentag zu erledigen. </p> <h4><strong>Wie erlebst du Umgebungsreize (Geräusche, visuelle Eindrücke, Gespräche)?</strong></h4> <p>Ich bin sehr leicht von Umgebungsreizen überfordert. Wenn ich beispielsweise ein Gespräch führe und im Hintergrund ein Vogel zwitschert, kann ich mich nur schwer darauf konzentrieren und muss pausieren, bis das Geräusch leiser wird. Auch beim Autofahren habe ich große Probleme, all die Reize zu verarbeiten. Deshalb fahre ich mittlerweile nur noch Bahn. Einen Großteil meines Alltags verbringe ich außerdem mit Kopfhörern, weil laute oder viele Geräusche mich überfordern.</p> <h4><strong>Hast du Phasen von Hyperfokus? Welche Vor- und Nachteile hat das für dich?</strong></h4> <p>Meine große Leidenschaft ist die Naturwissenschaft, etwas, das ich mittlerweile auch studiere. Ich könnte stundenlang lernen und lesen, ohne meine Konzentration zu verlieren, und vergesse dabei alles um mich herum. Der Vorteil ist, dass ich dadurch in der Uni sehr gut bin. Der Nachteil ist jedoch, dass ich meine eigenen physischen und mentalen Bedürfnisse nicht mehr wahrnehme. Ich vergesse zu trinken, zu essen, zur Toilette zu gehen und Pausen zu machen. Manchmal bin ich sechs Stunden lang konzentriert und bin danach völlig erschöpft.</p> <h4><strong>Wie beeinflusst ADHS deine Stimmung oder Motivation</strong>?</h4> <p>Quasi alles, was ich tue, wird durch meine Motivation bestimmt. Ich erinnere mich noch daran, dass ich mich in der Schule nur auf die Fächer konzentrieren konnte, für die ich mich interessierte. Mich durch Erdkunde, Geschichte oder Französisch durchzuschlagen, war eine Qual. Ich bin sehr glücklich, das Privileg zu haben, etwas zu studieren, das mich begeistert. In einer kaufmännischen Ausbildung wäre ich wahrscheinlich untergegangen. Wenn ich allerdings Tage habe, an denen ich Dinge tun muss, die mir keinen Spaß machen, komme ich wahnsinnig schwer aus dem Bett. Schon im frühen Kindesalter habe ich eine Depression entwickelt. So geht es vielen Menschen mit ADHS: Wenn die Lust fehlt, fällt man schnell in eine Sinnkrise. </p> <h4><strong>Gehst du heute in Therapie?</strong></h4> <p>Therapie ist seit vielen Jahren Teil meines Alltags. Ich bespreche dort viele Dinge und arbeite vor allem an den Komorbiditäten, die das ADHS mit sich bringt, wie beispielsweise Angststörungen oder Depressionen. Durch die Therapie habe ich gelernt, besser mit meinem Gehirn umzugehen, und ich habe Strategien entwickelt, die mir das Leben leichter machen.</p> <h4><strong>Was würdest du anderen Betroffenen raten?</strong></h4> <p>Versucht euch selbst zu akzeptieren und darauf zu vertrauen, dass ihr euren Weg gehen werdet. Löst euch von Erwartungen und von Vorurteilen, die euch auferlegt wurden. Ihr seid nicht faul oder dumm, ihr erlebt die Realität nur anders. Seit sanft zu euch, nehmt Hilfe an und wählt einen Alltag, der für euch funktioniert! </p> <h3>Quellen</h3> <ol> <li>Chung-Fat-Yim, A., Calvo, N., &amp; Grundy, J. G. (2022). The multifaceted nature of bilingualism and attention. Frontiers in Psychology, 13, Article 910382. <a href="https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.910382" rel="noopener">https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.910382</a></li> <li>Kane, M. J., &amp; Engle, R. W. (2002). The role of prefrontal cortex in working-memory capacity, executive attention, and general fluid intelligence: An individual-differences perspective. Psychonomic Bulletin &amp; Review, 9(4), 637–671. <a href="https://doi.org/10.3758/BF03196323" rel="noopener">https://doi.org/10.3758/BF03196323</a></li> <li>Ptak, R. (2012). The frontoparietal attention network of the human brain: Action, saliency, and a priority map of the environment. The Neuroscientist, 18(5), 502–515. <a href="https://doi.org/10.1177/1073858411409051" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1177/1073858411409051</a></li> <li>Skowronek, J., Seifert, A., &amp; Lindberg, S. (2023). The mere presence of a smartphone reduces basal attentional performance. Scientific Reports, 13(1), Article 9363. <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-023-36256-4" rel="noopener">https://doi.org/10.1038/s41598-023-36256-4</a></li> <li>Del Campo, N., Chamberlain, S. R., Sahakian, B. J., &amp; Robbins, T. W. (2011). The roles of dopamine and noradrenaline in the pathophysiology and treatment of attention‑deficit/hyperactivity disorder. Biological Psychiatry, 69(12), e145–e157. <a href="https://doi.org/10.1016/j.biopsych.2011.02.036" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.biopsych.2011.02.036</a></li> <li>American Psychiatric Association. (2013). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5th ed.)</li> <li>Heine, S., &amp; Exner, C. (2021). Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Erwachsenenalter. 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Mai 2026</time></li><li> <span> Von <a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/author/blitz/"> Dominic Blitz </a> </span> </li><li>Lesedauer ca. 1 Minute</li><li><a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/netzsysteme-modulierender-musterraeume/#respond">Keine Kommentare</a> </li></ul></div></div> <section id="header__image"> <section id="site-title"> <p>Das Gehirn und der Computer – Mensch und Maschine</p> </section> <img alt="Tensornetz" src="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/cropped-header2.jpg"></img> </section> <div itemprop="text"> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/III-N-rechner-ki-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/III-N-rechner-ki-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/III-N-rechner-ki-1-1024x768.jpg 1024w, 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role="button" title="Per E-Mail versenden"><span><svg height="20px" viewbox="0 0 32 32" width="32px" xmlns="http://www.w3.org/2000/svg"><path d="M32 12.7v14.2q0 1.2-0.8 2t-2 0.9h-26.3q-1.2 0-2-0.9t-0.8-2v-14.2q0.8 0.9 1.8 1.6 6.5 4.4 8.9 6.1 1 0.8 1.6 1.2t1.7 0.9 2 0.4h0.1q0.9 0 2-0.4t1.7-0.9 1.6-1.2q3-2.2 8.9-6.1 1-0.7 1.8-1.6zM32 7.4q0 1.4-0.9 2.7t-2.2 2.2q-6.7 4.7-8.4 5.8-0.2 0.1-0.7 0.5t-1 0.7-0.9 0.6-1.1 0.5-0.9 0.2h-0.1q-0.4 0-0.9-0.2t-1.1-0.5-0.9-0.6-1-0.7-0.7-0.5q-1.6-1.1-4.7-3.2t-3.6-2.6q-1.1-0.7-2.1-2t-1-2.5q0-1.4 0.7-2.3t2.1-0.9h26.3q1.2 0 2 0.8t0.9 2z" fill="#999"></path></svg></span></a></li><li><a aria-label="Weitere Informationen" href="https://www.spektrumverlag.de/datenschutzerklaerung-scilogs/" rel="noopener " role="button" target="_blank" title="Weitere Informationen"><span><svg height="20px" viewbox="0 0 11 32" width="32px" xmlns="http://www.w3.org/2000/svg"><path d="M11.4 24v2.3q0 0.5-0.3 0.8t-0.8 0.4h-9.1q-0.5 0-0.8-0.4t-0.4-0.8v-2.3q0-0.5 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<section> </section> <div id="comments"> <div id="respond"> <h3 id="reply-title">Schreibe einen Kommentar <small><a href="http://www.scilogs.de/kosmo//tensornetz/netzsysteme-modulierender-musterraeume/#respond" id="cancel-comment-reply-link" rel="nofollow">Antwort abbrechen</a></small></h3><form action="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/wp-comments-post.php" id="commentform" method="post"><p><label for="comment">Ihr Beitrag <span>(erforderlich)</span></label><br></br></p><p><label for="author">Ihr Name (erforderlich)</label> </p> <p><label for="email">Ihre E-Mail-Adresse (erforderlich, wird nicht veröffentlicht)</label> </p> <p><label for="url">Ihre Webseite</label></p> <p>E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.<br></br>-- Auch möglich: <a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/comment-subscriptions/?srp=4431&amp;srk=f288b4bae9196f11268188e0c8b7a2e4&amp;sra=s&amp;srsrc=f">Abo ohne Kommentar</a>. + </p><div id="preview__wrapper"> <a 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Mai 2026</time></li><li> <span> Von <a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/author/blitz/"> Dominic Blitz </a> </span> </li><li>Lesedauer ca. 1 Minute</li><li><a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/netzsysteme-modulierender-musterraeume/#respond">Keine Kommentare</a> </li></ul></div></div> <section id="header__image"> <section id="site-title"> <p>Das Gehirn und der Computer – Mensch und Maschine</p> </section> <img alt="Tensornetz" src="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/cropped-header2.jpg"></img> </section> <div itemprop="text"> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/III-N-rechner-ki-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/III-N-rechner-ki-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/III-N-rechner-ki-1-1024x768.jpg 1024w, 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role="button" title="Per E-Mail versenden"><span><svg height="20px" viewbox="0 0 32 32" width="32px" xmlns="http://www.w3.org/2000/svg"><path d="M32 12.7v14.2q0 1.2-0.8 2t-2 0.9h-26.3q-1.2 0-2-0.9t-0.8-2v-14.2q0.8 0.9 1.8 1.6 6.5 4.4 8.9 6.1 1 0.8 1.6 1.2t1.7 0.9 2 0.4h0.1q0.9 0 2-0.4t1.7-0.9 1.6-1.2q3-2.2 8.9-6.1 1-0.7 1.8-1.6zM32 7.4q0 1.4-0.9 2.7t-2.2 2.2q-6.7 4.7-8.4 5.8-0.2 0.1-0.7 0.5t-1 0.7-0.9 0.6-1.1 0.5-0.9 0.2h-0.1q-0.4 0-0.9-0.2t-1.1-0.5-0.9-0.6-1-0.7-0.7-0.5q-1.6-1.1-4.7-3.2t-3.6-2.6q-1.1-0.7-2.1-2t-1-2.5q0-1.4 0.7-2.3t2.1-0.9h26.3q1.2 0 2 0.8t0.9 2z" fill="#999"></path></svg></span></a></li><li><a aria-label="Weitere Informationen" href="https://www.spektrumverlag.de/datenschutzerklaerung-scilogs/" rel="noopener " role="button" target="_blank" title="Weitere Informationen"><span><svg height="20px" viewbox="0 0 11 32" width="32px" xmlns="http://www.w3.org/2000/svg"><path d="M11.4 24v2.3q0 0.5-0.3 0.8t-0.8 0.4h-9.1q-0.5 0-0.8-0.4t-0.4-0.8v-2.3q0-0.5 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<section> </section> <div id="comments"> <div id="respond"> <h3 id="reply-title">Schreibe einen Kommentar <small><a href="http://www.scilogs.de/kosmo//tensornetz/netzsysteme-modulierender-musterraeume/#respond" id="cancel-comment-reply-link" rel="nofollow">Antwort abbrechen</a></small></h3><form action="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/wp-comments-post.php" id="commentform" method="post"><p><label for="comment">Ihr Beitrag <span>(erforderlich)</span></label><br></br></p><p><label for="author">Ihr Name (erforderlich)</label> </p> <p><label for="email">Ihre E-Mail-Adresse (erforderlich, wird nicht veröffentlicht)</label> </p> <p><label for="url">Ihre Webseite</label></p> <p>E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.<br></br>-- Auch möglich: <a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/comment-subscriptions/?srp=4431&amp;srk=f288b4bae9196f11268188e0c8b7a2e4&amp;sra=s&amp;srsrc=f">Abo ohne Kommentar</a>. + </p><div id="preview__wrapper"> <a aria-controls="preview__container" data-action="inpsyde_extended_comments_preview" data-nonce="2a9d1e110f" href="#" id="preview__button" role="button">Vorschau</a> </div></form> </div> </div> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-5"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! <form action="https://www.spektrum.de/newsletter/" method="get"> </form></p></aside> </div> </section> </section><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/netzsysteme-modulierender-musterraeume/#respond 0 Was ist der Beitrag der Hochschulen für eine offene, inklusive und demokratische Gesellschaft? https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/was-ist-der-beitrag-der-hochschulen-fuer-eine-offene-inklusive-und-demokratische-gesellschaft/ https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/was-ist-der-beitrag-der-hochschulen-fuer-eine-offene-inklusive-und-demokratische-gesellschaft/#respond Mon, 11 May 2026 08:04:40 +0000 René Krempkow https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/?p=1951 <h1>Was ist der Beitrag der Hochschulen für eine offene, inklusive und demokratische Gesellschaft? » Über das Wissenschaftssystem » SciLogs</h1><h2>By Von René Krempkow</h2><div itemprop="text"> <p>Angesichts komplexer, drängender gesellschaftlicher Problemlagen wird von Hochschulen erwartet, nicht nur als Wissensvermittler, sondern auch als aktive Gestalter gesellschaftlicher Entwicklungen zu agieren. Hochschulen spielen eine zentrale Rolle dabei, transdisziplinäre Forschung zu fördern und praxisnahe Lösungen für wicked problems, wie Klimawandel, Umweltbelastung, Armut, gesellschaftspolitische Polarisierung und soziale Ungleichheit zu entwickeln. Gemeinsam mit Akteur:innen aus der Praxis sollen sie Lösungsansätze erarbeiten und ihre Umsetzung fördern, die sowohl akademische als auch gesellschaftliche Bedürfnisse adressieren und integrieren. Hinsichtlich aktueller gesellschaftspolitischer Entwicklungen werden zudem Stimmen laut, die Hochschulen daran erinnern, dass sie dem Hochschulrahmengesetz gemäß, Studierende zu „verantwortlichem Handeln in einem freiheitlichen, demokratischen und sozialen Rechtsstaat“ befähigen sollen (§ 7 HRG).</p> <h3>Vielzahl der Anforderungen</h3> <p>Daneben obliegen Hochschulen weitere normativ ausgerichtete Aufgaben, z.B. Nachhaltigkeitsorientierung verankern, besondere Verantwortung für die Entwicklung von Lösungsansätzen für gesellschaftliche Fragestellungen wahrnehmen, sich mit den möglichen Folgen der Nutzung ihrer Forschungsergebnisse auseinandersetzen, zum Erhalt und zur Verbesserung der Lebens- und Umweltbedingungen beitragen, strukturellen Benachteiligungen entgegenwirken usw. Angesichts dessen wird auch davor gewarnt, dass sich Hochschulen in der Vielzahl der Anforderungen verlieren.</p> <h3>Hochschullandschaft stark ausdifferenziert</h3> <p>In den letzten Jahrzehnten hat sich die Hochschullandschaft zudem stark ausdifferenziert. Neben den klassischen – staatlichen – Universitäten und den etablierten Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW) spielen auch duale und nicht-staatliche Hochschulen eine immer bedeutsamere Rolle und erfüllen jeweils spezifische gesellschaftliche Aufgaben (HRK, 2023; Wissenschaftsrat, 2022). Während zu öffentlichen Hochschulen umfangreiche Forschung vorliegt, ist systematisiertes Wissen auch über den gesellschaftlichen Beitrag nicht-öffentlicher Hochschulen im deutschsprachigen Raum bislang begrenzt. Damit bleibt auch unklar, welchen Beitrag sie zur Gestaltung zentraler gesellschaftlicher Aufgaben – etwa in den Bereichen Bildungsgerechtigkeit, Internationalisierung oder Geschlechtergerechtigkeit – leisten. Darüber hinaus bestehen weiterhin erkennbare Desiderata zur Frage, in welchem Umfang Hochschulen tatsächlich dazu beitragen, ihre Studierenden „zu verantwortlichem Handeln in einem freiheitlichen, demokratischen und sozialen Rechtsstaat zu befähigen“ – was angesichts aktueller Entwicklungen neue Relevanz gewinnt.</p> <h3>CfP ruft zur Einreichung von Beiträgen auf</h3> <p>Diesem Themenkreis widmet sich der heute veröffentlichte CfP der Zeitschrift für Hochschulentwicklung (ZFHE). Beiträge für das Themenheft können eingereicht werden bis <strong>15.02.2027</strong>, weitere Info in:</p> <p><a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder"><strong>https://www.zfhe.at/index.php/zfhe/announcement/view/153</strong></a><aside></aside></p> <p>Die ZFHE ist ein referiertes Open-Access-Journal für wissenschaftliche Beiträge mit praktischer Relevanz zu aktuellen Fragen der Hochschulentwicklung. Der Verfasser ist Mitglied des Herausgeberkreises. Weiteres zur Ausrichtung der Zeitschrift in: https://www.zfhe.at/index.php/zfhe/zur_zfhe.</p> <p>P.S.: Es gingen noch zwei weitere Calls online, die ggf. von Interesse sind: </p> <article> <div> <h3><a href="https://www.zfhe.at/index.php/zfhe/announcement/view/152" rel="noopener"> Call for Papers: ZFHE 22/1 </a></h3> <p><strong>Bildungsprozesse in Studium und Lehre: Erziehungswissenschaftliche Beiträge zur Hochschulforschung</strong></p> <p>Die aktuellen Debatten zu Studium und Lehre sind von Fragen der Steuerbarkeit von Hochschulen, der Qualitätsentwicklung, der Karrierestrukturen im Wissenschaftssystem , der Verbesserung von Lehr-Lern-Prozessen und insbesondere auch zu erwünschter bzw. nicht erwünschter sozialer Zusammensetzung der Studierendenpopulation dominiert. Hochschulen werden wesentlich unter dem Gesichtspunkt von beeinflussbaren Input-Output-Beziehungen, dabei angelegten Maßstäben der Effizienz, der Nachhaltigkeit, der Diversität, sowie der erfolgreichen Vermittlung von systematisierten Kompetenzen betrachtet. Zur Erreichung dieser Forschungsziele ist ein interdisziplinärer Zugang innerhalb der Hochschulforschung unerlässlich.</p> </div> </article> <article> <div> <h3><a href="https://www.zfhe.at/index.php/zfhe/announcement/view/151" rel="noopener">Call for Papers: ZFHE 21/4 </a></h3> <p><strong>Kooperative Doktoratsprogramme als innovative und hybride Qualifizierungsräume: Governance, Karrierewege und Betreuung an Schnittstellen und in Spannungsfeldern</strong></p> <p>Kooperative Doktoratsprogramme – also Promotionsmodelle, in denen Hochschulen mit anderen Hochschulen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen, Unternehmen oder öffentlichen Organisationen zusammenarbeiten – sind aus mehreren Gründen ein aktuelles und relevantes Thema für die Hochschulforschung. Sie stehen exemplarisch für die Veränderungen im wissenschaftlichen Qualifizierungssystem, in dem klassische Universitätspromotionen längst nicht mehr die einzige Option zur Entwicklung des wissenschaftlichen Nachwuchses darstellen. Mit der steigenden Bedeutung von Inter- und Transdisziplinarität, von anwendungsorientierter Forschung und dem Bestreben vieler Institutionen, Wissenstransfer systematisch zu organisieren, entstehen neue Formen geteilter Verantwortung und gemeinsamer Betreuung.</p> </div> </article> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/krempkow_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/krempkow_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>Dr. René Krempkow bloggte zunächst seit 2010 bei den academics-blogs, nach deren Einstellung zog er zu Scilogs um. Er studierte Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Psychologie an der Technischen Universität Dresden und der Universidad de Salamanca. Nach dem Studium baute er zunächst am Institut für Soziologie, dann im Kompetenzzentrum Bildungs- und Hochschulplanung an der TU Dresden u.a. eine der ersten hochschulweiten Absolventenstudien in Deutschland auf und erarbeitete den ersten Landes-Hochschulbericht. Nach seiner Promotion 2005 zum Themenbereich Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen arbeitete er am Institut für Hochschulforschung Wittenberg am ersten Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN) mit. Danach war er im Rektorat der Universität Freiburg in der Abteilung Qualitätssicherung tätig, wo er die Absolventen- und Studierendenbefragungen leitete und eines der ersten Quality Audits an einer deutschen Hochschule mit konzipierte. Von 2009 bis 2013 leitete er am iFQ Bonn/Berlin (jetzt Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung - DZHW) ein bundesweites Projekt zur Analyse der Wirkungen von Governance-Instrumenten (v.a. Leistungsorientierte Mittelvergabe an Hochschulen) und arbeitete im Themenbereich wiss. Nachwuchs und Karrieren mit. Anschließend koordinierte er im Hauptstadtbüro des Stifterverbandes u.a. das Projekt zur Personalentwicklung für den wissenschaftlichen Nachwuchs und den Gründungsradar; an der HU Berlin u.a. ein hochschulweites Projekt zur Kompetenzerfassung, sowie an der HTW Berlin die Wirkungsanalyse und Evaluation des Curriculum Innovation Hub. Derzeit ist er als Senior Manager und Senior Scientist an der Brandenburgischen Technischen Universität tätig, sowie als Dozent im Studiengang Bildungs- und Wissenschaftsmanagement der Universität Oldenburg. Er berät seit etlichen Jahren Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Ministerien und lehrt im Studiengang Bildungs- und Wissenschaftsmanagement der Universität Oldenburg. &#xD; Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen; Akademische Karrieren und Nachwuchsförderung; Indikatorenentwicklung, Evaluationsforschung; Hochschul-, Wissenschafts- und Bildungsforschung.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Was ist der Beitrag der Hochschulen für eine offene, inklusive und demokratische Gesellschaft? » Über das Wissenschaftssystem » SciLogs</h1><h2>By Von René Krempkow</h2><div itemprop="text"> <p>Angesichts komplexer, drängender gesellschaftlicher Problemlagen wird von Hochschulen erwartet, nicht nur als Wissensvermittler, sondern auch als aktive Gestalter gesellschaftlicher Entwicklungen zu agieren. Hochschulen spielen eine zentrale Rolle dabei, transdisziplinäre Forschung zu fördern und praxisnahe Lösungen für wicked problems, wie Klimawandel, Umweltbelastung, Armut, gesellschaftspolitische Polarisierung und soziale Ungleichheit zu entwickeln. Gemeinsam mit Akteur:innen aus der Praxis sollen sie Lösungsansätze erarbeiten und ihre Umsetzung fördern, die sowohl akademische als auch gesellschaftliche Bedürfnisse adressieren und integrieren. Hinsichtlich aktueller gesellschaftspolitischer Entwicklungen werden zudem Stimmen laut, die Hochschulen daran erinnern, dass sie dem Hochschulrahmengesetz gemäß, Studierende zu „verantwortlichem Handeln in einem freiheitlichen, demokratischen und sozialen Rechtsstaat“ befähigen sollen (§ 7 HRG).</p> <h3>Vielzahl der Anforderungen</h3> <p>Daneben obliegen Hochschulen weitere normativ ausgerichtete Aufgaben, z.B. Nachhaltigkeitsorientierung verankern, besondere Verantwortung für die Entwicklung von Lösungsansätzen für gesellschaftliche Fragestellungen wahrnehmen, sich mit den möglichen Folgen der Nutzung ihrer Forschungsergebnisse auseinandersetzen, zum Erhalt und zur Verbesserung der Lebens- und Umweltbedingungen beitragen, strukturellen Benachteiligungen entgegenwirken usw. Angesichts dessen wird auch davor gewarnt, dass sich Hochschulen in der Vielzahl der Anforderungen verlieren.</p> <h3>Hochschullandschaft stark ausdifferenziert</h3> <p>In den letzten Jahrzehnten hat sich die Hochschullandschaft zudem stark ausdifferenziert. Neben den klassischen – staatlichen – Universitäten und den etablierten Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW) spielen auch duale und nicht-staatliche Hochschulen eine immer bedeutsamere Rolle und erfüllen jeweils spezifische gesellschaftliche Aufgaben (HRK, 2023; Wissenschaftsrat, 2022). Während zu öffentlichen Hochschulen umfangreiche Forschung vorliegt, ist systematisiertes Wissen auch über den gesellschaftlichen Beitrag nicht-öffentlicher Hochschulen im deutschsprachigen Raum bislang begrenzt. Damit bleibt auch unklar, welchen Beitrag sie zur Gestaltung zentraler gesellschaftlicher Aufgaben – etwa in den Bereichen Bildungsgerechtigkeit, Internationalisierung oder Geschlechtergerechtigkeit – leisten. Darüber hinaus bestehen weiterhin erkennbare Desiderata zur Frage, in welchem Umfang Hochschulen tatsächlich dazu beitragen, ihre Studierenden „zu verantwortlichem Handeln in einem freiheitlichen, demokratischen und sozialen Rechtsstaat zu befähigen“ – was angesichts aktueller Entwicklungen neue Relevanz gewinnt.</p> <h3>CfP ruft zur Einreichung von Beiträgen auf</h3> <p>Diesem Themenkreis widmet sich der heute veröffentlichte CfP der Zeitschrift für Hochschulentwicklung (ZFHE). Beiträge für das Themenheft können eingereicht werden bis <strong>15.02.2027</strong>, weitere Info in:</p> <p><a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder"><strong>https://www.zfhe.at/index.php/zfhe/announcement/view/153</strong></a><aside></aside></p> <p>Die ZFHE ist ein referiertes Open-Access-Journal für wissenschaftliche Beiträge mit praktischer Relevanz zu aktuellen Fragen der Hochschulentwicklung. Der Verfasser ist Mitglied des Herausgeberkreises. Weiteres zur Ausrichtung der Zeitschrift in: https://www.zfhe.at/index.php/zfhe/zur_zfhe.</p> <p>P.S.: Es gingen noch zwei weitere Calls online, die ggf. von Interesse sind: </p> <article> <div> <h3><a href="https://www.zfhe.at/index.php/zfhe/announcement/view/152" rel="noopener"> Call for Papers: ZFHE 22/1 </a></h3> <p><strong>Bildungsprozesse in Studium und Lehre: Erziehungswissenschaftliche Beiträge zur Hochschulforschung</strong></p> <p>Die aktuellen Debatten zu Studium und Lehre sind von Fragen der Steuerbarkeit von Hochschulen, der Qualitätsentwicklung, der Karrierestrukturen im Wissenschaftssystem , der Verbesserung von Lehr-Lern-Prozessen und insbesondere auch zu erwünschter bzw. nicht erwünschter sozialer Zusammensetzung der Studierendenpopulation dominiert. Hochschulen werden wesentlich unter dem Gesichtspunkt von beeinflussbaren Input-Output-Beziehungen, dabei angelegten Maßstäben der Effizienz, der Nachhaltigkeit, der Diversität, sowie der erfolgreichen Vermittlung von systematisierten Kompetenzen betrachtet. Zur Erreichung dieser Forschungsziele ist ein interdisziplinärer Zugang innerhalb der Hochschulforschung unerlässlich.</p> </div> </article> <article> <div> <h3><a href="https://www.zfhe.at/index.php/zfhe/announcement/view/151" rel="noopener">Call for Papers: ZFHE 21/4 </a></h3> <p><strong>Kooperative Doktoratsprogramme als innovative und hybride Qualifizierungsräume: Governance, Karrierewege und Betreuung an Schnittstellen und in Spannungsfeldern</strong></p> <p>Kooperative Doktoratsprogramme – also Promotionsmodelle, in denen Hochschulen mit anderen Hochschulen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen, Unternehmen oder öffentlichen Organisationen zusammenarbeiten – sind aus mehreren Gründen ein aktuelles und relevantes Thema für die Hochschulforschung. Sie stehen exemplarisch für die Veränderungen im wissenschaftlichen Qualifizierungssystem, in dem klassische Universitätspromotionen längst nicht mehr die einzige Option zur Entwicklung des wissenschaftlichen Nachwuchses darstellen. Mit der steigenden Bedeutung von Inter- und Transdisziplinarität, von anwendungsorientierter Forschung und dem Bestreben vieler Institutionen, Wissenstransfer systematisch zu organisieren, entstehen neue Formen geteilter Verantwortung und gemeinsamer Betreuung.</p> </div> </article> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/krempkow_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/krempkow_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>Dr. René Krempkow bloggte zunächst seit 2010 bei den academics-blogs, nach deren Einstellung zog er zu Scilogs um. Er studierte Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Psychologie an der Technischen Universität Dresden und der Universidad de Salamanca. Nach dem Studium baute er zunächst am Institut für Soziologie, dann im Kompetenzzentrum Bildungs- und Hochschulplanung an der TU Dresden u.a. eine der ersten hochschulweiten Absolventenstudien in Deutschland auf und erarbeitete den ersten Landes-Hochschulbericht. Nach seiner Promotion 2005 zum Themenbereich Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen arbeitete er am Institut für Hochschulforschung Wittenberg am ersten Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN) mit. Danach war er im Rektorat der Universität Freiburg in der Abteilung Qualitätssicherung tätig, wo er die Absolventen- und Studierendenbefragungen leitete und eines der ersten Quality Audits an einer deutschen Hochschule mit konzipierte. Von 2009 bis 2013 leitete er am iFQ Bonn/Berlin (jetzt Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung - DZHW) ein bundesweites Projekt zur Analyse der Wirkungen von Governance-Instrumenten (v.a. Leistungsorientierte Mittelvergabe an Hochschulen) und arbeitete im Themenbereich wiss. Nachwuchs und Karrieren mit. Anschließend koordinierte er im Hauptstadtbüro des Stifterverbandes u.a. das Projekt zur Personalentwicklung für den wissenschaftlichen Nachwuchs und den Gründungsradar; an der HU Berlin u.a. ein hochschulweites Projekt zur Kompetenzerfassung, sowie an der HTW Berlin die Wirkungsanalyse und Evaluation des Curriculum Innovation Hub. Derzeit ist er als Senior Manager und Senior Scientist an der Brandenburgischen Technischen Universität tätig, sowie als Dozent im Studiengang Bildungs- und Wissenschaftsmanagement der Universität Oldenburg. Er berät seit etlichen Jahren Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Ministerien und lehrt im Studiengang Bildungs- und Wissenschaftsmanagement der Universität Oldenburg. &#xD; Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen; Akademische Karrieren und Nachwuchsförderung; Indikatorenentwicklung, Evaluationsforschung; Hochschul-, Wissenschafts- und Bildungsforschung.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/was-ist-der-beitrag-der-hochschulen-fuer-eine-offene-inklusive-und-demokratische-gesellschaft/#respond 0 Zwei Themen, ein Zentrum: Anti-Asyl-Agitation und Queerfeindlichkeit als Mobilisierungsfelder der AfD https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/zwei-themen-ein-zentrum-anti-asyl-agitation-und-queerfeindlichkeit-als-mobilisierungsfelder-der-afd/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/zwei-themen-ein-zentrum-anti-asyl-agitation-und-queerfeindlichkeit-als-mobilisierungsfelder-der-afd/#respond Mon, 11 May 2026 06:43:35 +0000 Elke Rajal, Nikolai Schreiter, Robert Andreasch, Katharina Fuchs, Tobias Holl, Jan Nowak, Dominik Sauerer https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=459 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/T2A0831-Kopie-768x134.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/zwei-themen-ein-zentrum-anti-asyl-agitation-und-queerfeindlichkeit-als-mobilisierungsfelder-der-afd/</link> </image> <description type="html"><h1>Zwei Themen, ein Zentrum: Anti-Asyl-Agitation und Queerfeindlichkeit als Mobilisierungsfelder der AfD » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Elke Rajal, Nikolai Schreiter, Robert Andreasch, Katharina Fuchs, Tobias Holl, Jan Nowak, Dominik Sauerer</h2><div itemprop="text"> <h2>Teil 3 einer Serie zur Zentralität der AfD in der bayerischen extremen Rechten</h2> <p><em>Im diesem letzten Teil unserer Artikel-Serie zur Zentralität der AfD in der bayerischen extremen Rechten möchten wir die Rolle der Partei anhand zweier zentraler, krisenhaft verhandelter Themen veranschaulichen: Migration/Flucht und Geschlecht/Geschlechterverhältnisse sowie Sexualität.</em></p> <p>Milieuübergreifend und mit starker Anschlussfähigkeit an große Teile der Gesellschaft stellen diese beiden Diskursfelder stark mobilisierende Themen dar. Dass die AfD das Thema Migration zur ihrem Kernthema erhoben hat, ist allgemeinbekannt. Weniger bekannt ist die Zentralität und verschiedene Milieus der extremen Rechten verbindende Funktion etwa von Queerfeindlichkeit. Beide Themen werden dabei immer wieder auch mit antisemitischen Andeutungen verknüpft, wie im Folgenden gezeigt wird.</p> <p><strong>Lokale Anti-Asyl-Proteste und die Rolle der AfD</strong></p> <p>Ein Anlass, zu dem sich – mit der AfD als oft verdecktem Knotenpunkt – verschiedene Teile der extremen Rechten zusammenfinden, sind Mobilisierungen gegen die Unterbringung von Geflüchteten. So verbreitete sich etwa Anfang des Jahres 2025 in Geiselhöring in Niederbayern das Gerücht, dass vor Ort eine neue Asylunterkunft entstehen solle. Eine Online-Petition rief bald dazu auf, eine weitere solche Unterkunft in Geiselhöring zu verhindern. Im Petitionstext wurde auf die „Auswirkungen der gescheiterten Asylpolitik“ verwiesen, welche die „Sicherheit und das Wohlergehen unserer Kinder“ massiv bedrohen würden. Erstellt wurde die Petition von dem seit Jahrzehnten in Geiselhöring lebenden und tätigen Siegfried Birl. Birl gilt als Neonazi-Szenegröße, war lange Betreiber eines der größten Neonazi-Versandhäuser in Deutschland (Wikinger Versand) und zudem stellvertretender Landesvorsitzender der Jungen Nationaldemokraten, der Jugendorganisation der Neonazi-Partei NPD.</p> <p>Trotz kritischer Medienberichte rundum die Personalie Birl als Urheber der Anti-Asyl-Initiative sammelte die Petition in kurzer Zeit knapp 1200 Unterschriften (bei circa 7000 Einwohner*innen) und um ihren Initiator formierte sich die Bürgerinitiative Friedliches Geiselhöring (FG). Diese verteilte im Ort nach eigenen Angaben rund 5000 Flyer zur Bewerbung von Birls Onlinepetition gegen die Asylunterkunft. Auffällig war dabei, dass der Flyer der unabhängigen Initiative Friedliches Geiselhöring farblich am Corporate Design der Partei Die Heimat (ehemals NPD) orientiert war und auch den Schriftzug aus deren Parteilogo abbildete. Im Text war von „soziokulturellen Verwerfungen für die einheimische Bevölkerung“ die Rede, welche die Aufnahme von Geflüchteten mit sich bringe und „sicherheitsrelevanten kulturellen Konflikten“. Gefordert wurde ein Ende der „Willkommenskultur“, da die „leitkulturelle Identität gefährdet“ sei sowie ein „Remigrationskonzept“. „Remigration“ ist einer der zentralen Begriffe in der gegenwärtigen deutschen extremen Rechten, er ist eine Mobilisierungsparole und fungiert als Brücke zwischen offizieller Parteisprache der AfD und radikaleren rechten Milieus. Mit dem nüchtern klingenden Begriff wird versucht, die Forderung einer massenhaften Entfernung von Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte salonfähig zu machen. Aktiviert werden dabei auch die alten Vorstellungen eines Untergangs des „deutschen Volkes“ aufgrund einer angeblichen „Überfremdung“, wie beispielsweise in diesem Beitrag des AfD-Bundesverbands auf X deutlich wird: „Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Remigration mit der #AfD oder Untergang!“<a href="#_ftn1" id="_ftnref1">[1]</a> Der angeblich drohende Untergang wird dabei immer wieder verknüpft mit der <a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/verschwoerungsdenken-und-antisemitismus-in-der-extremen-rechten-und-darueber-hinaus/">Verschwörungserzählung</a> vom „Großen Austausch“, die mit ihrem Bezug auf angebliche „Geldeliten“ oder reiche Juden wie George Soros als Strippenzieher hinter einem angeblichen „Bevölkerungsaustausch“ eindeutig antisemitisch konnotiert ist.  <aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/T2A0831-Kopie.jpg"><img alt="" decoding="async" height="178" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/T2A0831-Kopie-1024x178.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/T2A0831-Kopie-1024x178.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/T2A0831-Kopie-300x52.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/T2A0831-Kopie-768x134.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/T2A0831-Kopie-1000x174.jpg 1000w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/T2A0831-Kopie.jpg 1241w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Gemeinsam marschieren Rechte verschiedener Gruppierungen, um gegen Asylunterkünfte und Geschlechterdiversität zu mobilisieren. Foto: Dominik Sauerer</em></figcaption></figure> <p>Zurück nach Geiselhöring: Relativ früh, wohl durch den Whatsapp-Status eines der FG-Engagierten, wurde der lokale AfD-Kreisvorsitzende Armin Weidinger auf die Initiative aufmerksam. Bei deren erster Protestkundgebung und der anschließenden Versammlung im März 2025 beteiligte er sich rege und versuchte an die Anti-Asyl-Thematik anzuknüpfen. Die Bürgerinitiative bekräftigte zunächst weiterhin, als unabhängige Gruppierung keiner Partei oder Organisation nahe zu stehen. Im April und nach einigen Treffen und Gesprächen mit dem Geiselhöringer Bürgermeister startete die Initiative eine Unterschriftensammlung für einen Bürgerantrag gemäß der Bayerischen Gemeindeordnung, um ihrem Anti-Asyl-Anliegen formell Ausdruck zu verleihen. Das Vorhaben scheiterte aber im Stadtrat an formalen Voraussetzungen. Die Initiative, die sich deshalb vom Stadtrat betrogen fühlte, beschloss schließlich, mit einer eigenen Liste bei der Kommunalwahl 2026 zu kandidieren. Im Vorstand des Friedlichen Geiselhöring und auf ihrer Kandidat*innenliste fand sich auch der Initiator der lokalen Anti-Asyl-Bewegung, der Neonazi Siegfried Birl. In den Folgemonaten zeigte sich das FG mit Stammtischen, einer eigenen Website, Banneraktionen, Merchandise (Tassen, T-Shirts, etc.) und dem Besuch von Stadtratssitzungen hoch aktiv. Kaum acht Monate nach ihrer Gründung verkündete die Initiative schließlich zur Kommunalwahl als gemeinsame Liste mit der AfD anzutreten. Für den Stadtrat kandidierten die Mitglieder als Friedliches Geiselhöring, für den Kreistag als KandidatInnen Kandidat*innen der AfD. Auch der ehemalige NPDler Siegfried Birl fand sich auf der gemeinsamen Liste, die Wahlplakate zierten das Logo der AfD sowie das des Friedlichen Geiselhöring.<a href="#_ftn2" id="_ftnref2">[2]</a></p> <p>Die Pläne zur Einrichtung einer neuen Asylunterkunft in Geiselhöring hatten sich zwischenzeitlich aus anderen Gründen zerschlagen. Im Wahlkampf setzt das Friedliche Geiselhöring, ebenso wie die lokale AfD, deshalb auf den Kampf gegen erneuerbare Energien, insbesondere Windkraft. Bei der Kommunalwahl am 8. März 2026 holte die gemeinsame Liste aus FG und AfD für den Stadtrat aus dem Stand über 15%. Damit zieht die Allianz AfD/Friedliches Geiselhöring mit drei Personen in den Geiselhöringer Stadtrat ein.<a href="#_ftn3" id="_ftnref3">[3]</a></p> <p><strong>Queerfeindlichkeit als verbindendes Mobilisierungsfeld</strong></p> <p>Ebenso wie die Agitation gegen Migration gehören <a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/antifeministische-mobilisierung-als-katalysator-der-extremen-rechten/">Antifeminismus</a> und Queerfeindlichkeit zu den Schwerpunkten der politischen Arbeit der AfD, mit guter Anschlussfähigkeit in andere Milieus der extremen Rechten, aber auch weit ins konservative Lager hinein. Das Spektrum reicht dabei von diffamierenden und aufhetzenden Beiträgen in sozialen Medien über parlamentarische Anfragen und Reden bis zur Durchführung queerfeindlicher Versammlungen. Auch in diesem Themenfeld werden – ähnlich wie bei der Agitation gegen geplante Geflüchtetenunterkünfte – gerne konkrete Anlässe gewählt, um ein Bild von Bedrohlichkeit zu popularisieren und gemeinsam mit anderen Akteuren zu mobilisieren. Im Themenfeld Geschlecht sind solche Anlässe beispielsweise der Christopher Street Day als Fest- und Protesttag der LGBTQIA+-Community, an dem jährlich für Gleichberechtigung, Sichtbarkeit und gegen Diskriminierung demonstriert wird, oder das Format der Drag-Kinderbuchlesungen, bei dem es neben der Förderung von Lesen und Kreativität um eine Sichtbarkeit von Vielfalt und einen entspannten Umgang mit Geschlechterrollen geht.</p> <p>Seit Jahren beteiligen sich AfD-Funktionär*innen etwa an der aus neofaschistischen „Vorfeld“-Kreisen um die Partei stammenden Kampagne, dem bunten Pride-Month in der CSD-Saison ihre queerfeindliche und nationalistische „Stolzmonat“-Propaganda entgegenzuhalten. So posteten zum Beispiel AfD-MdB Bastian Treuheit und AfD-MdL Johannes Maier die „Stolzmonatsflagge“ der extrem rechten Kampagne mit dem Zusatz „Stolz statt Regenbogen – Wir zeigen Flagge“.<a href="#_ftn4" id="_ftnref4">[4]</a> Und AfD-MdL Gerd Mannes präsentierte sich anlässlich des Pride Months mit einer Deutschlandflagge und der Bildunterschrift: „Keine Ahnung, was die LGTBQ-Bewegung da ausgerufen hat. Für mich ist ganz klar: die Deutschlandfahne und schwarz rot gold ist bunt genug.“ Auch der Starnberger AfD-Bundestagsabgeordnete Rainer Groß postete im vergangenen Jahr: „ich wünsche allen Freunden einen schönen Stolzmonat 2025“ und verwendete in der Abbildung dazu eine „Stolzmonatsflagge“, die in Reichsbürgermanier noch mit einem Preußenadler versehen war. Die AfD Aschaffenburg postete in einer Instagramstory eine Illustration, in der ein „Stolzmonat“-Schirm die herunterlaufenden Pride-Month-Regenbogenfarben schützend von einer Familie abhält.<p>Längst hetzen die AfDler aber nicht nur, sondern sie versuchen auch eine konkrete queerfeindliche Politik durchzusetzen: AfD-MdL Rene Dierkes teilte auf Telegram etwa ein Sharepic der damaligen AfD-Jugendorganisation Junge Alternative Deutschland mit der Aufschrift „Perversionen und öffentliche Kopulation nicht mit uns“ und dem eigenen Zusatz: „CSD verbieten!“ In Würzburg schritt die AfD um MdL Daniel Halemba 2025 gegen den örtlichen Christopher-Street-Day zur Tat und organisierte am Vorabend eine dezidierte Gegenkundgebung unter dem Titel „Stolz statt Pride“. Nicht die erste antifeministisch-queerfeindliche Versammlung der Bayern-AfD: Am 13. Juni 2023 hatten die Münchner AfD-Funktionäre Rene Dierkes, Christoph Rätscher und andere etwa eine große Kundgebung gegen eine Drag-Kinderbuchlesung der Stadtbibliothek München-Bogenhausen organisiert: „Hände weg von unseren Kindern! Genderpropaganda verbieten!“<a href="#_ftn5" id="_ftnref5">[5]</a> Im folgenden Jahr gab es in Ingolstadt eine hauptsächlich von der AfD bespielte Kundgebung gegen eine Drag-Kinderbuchlesung im Jugendzentrum Fronte. Das Publikum strömte aus der Neonaziszene und der ehemaligen Pandemieleugner*innenbewegung herbei. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Lukas Rehm hielt zeitweise ein Pappschild mit dem aus dem Alten Testament grob entlehnten Satz hoch: „Gott schuf den Menschen Ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn. Und schuf sie [als] einen Mann XY und eine Frau XX“.</p></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-2.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="639" sizes="(max-width: 959px) 100vw, 959px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-2.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-2.jpeg 959w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-2-300x200.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-2-768x512.jpeg 768w" width="959"></img></a><figcaption><em>AfD-Funktionär Christoph Rätscher mit dem Plakat zur Kundgebung gegen die Drag-Lesung in der Stadtbibliothek München 2023. Die Darstellung der bedrohlich aus dem Hintergrund agierenden Person auf dem Plakat trägt antisemitische Züge und zeigt damit idealtypisch die Verschränkung von antisemitischen und queerfeindlichen Krisenverarbeitungen. Foto: Robert Andreasch.</em></figcaption></figure> <p>Ähnlich wie in der extrem rechten Verhandlung der Migrationsthematik läuft auch die queerfeindliche Agitation der AfD und anderer extrem rechter Akteure auf Verschwörungserzählungen zu. Hier ist es die Vorstellung, Geschlechter- und sexuelle Vielfalt seien Teil eines absichtsvoll betriebenen Angriffs auf Familie, Nation und „Volk“ bzw. eine „natürliche“ – oder wie im obigen Beispiel „göttliche“ – Ordnung. Auch diese Vorstellung erweist sich als mindestens anschlussfähig für antisemitische Deutungsmuster, die, wie gezeigt wurde, die gesamte extreme Rechte vereinen. Die AfD spielt hier inhaltlich und organisatorisch eine zentrale Rolle.</p> <hr></hr> <p><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Zit. n. Bundesministerium für Inneres, Verfassungsschutzbericht 2024, S. 104.</p> <p><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Siehe auch: <a href="https://www.br.de/nachrichten/bayern/afd-im-wahlkampf-radikales-programm-radikale-kandidaten,VBg8FF6" rel="noopener">https://www.br.de/nachrichten/bayern/afd-im-wahlkampf-radikales-programm-radikale-kandidaten,VBg8FF6</a>.</p> <p><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> <a href="https://wahlen.osrz-akdb.de/nb-p/278123/2/20260308/gemeinderatswahl_gemeinde/index.html" rel="noopener">https://wahlen.osrz-akdb.de/nb-p/278123/2/20260308/gemeinderatswahl_gemeinde/index.html</a>.</p> <p><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> Screenshots/Fotos für dieses wie auch für alle nachfolgenden Beispiele liegen den Autor*innen vor.</p> <p><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> Diese Mobilisierung und ihre Anschlussfähigkeit werden ausführlich behandelt im Beitrag von Sabine Volk: „Rallying ‘round the Drag: Anti-Gender Mobilization and the Mainstreaming of the Far Right“. European Societies 27, Nr. 1 (2025): 59–82. https://doi.org/10.1162/euso_a_00009.</p> <hr></hr> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Zwei Themen, ein Zentrum: Anti-Asyl-Agitation und Queerfeindlichkeit als Mobilisierungsfelder der AfD » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Elke Rajal, Nikolai Schreiter, Robert Andreasch, Katharina Fuchs, Tobias Holl, Jan Nowak, Dominik Sauerer</h2><div itemprop="text"> <h2>Teil 3 einer Serie zur Zentralität der AfD in der bayerischen extremen Rechten</h2> <p><em>Im diesem letzten Teil unserer Artikel-Serie zur Zentralität der AfD in der bayerischen extremen Rechten möchten wir die Rolle der Partei anhand zweier zentraler, krisenhaft verhandelter Themen veranschaulichen: Migration/Flucht und Geschlecht/Geschlechterverhältnisse sowie Sexualität.</em></p> <p>Milieuübergreifend und mit starker Anschlussfähigkeit an große Teile der Gesellschaft stellen diese beiden Diskursfelder stark mobilisierende Themen dar. Dass die AfD das Thema Migration zur ihrem Kernthema erhoben hat, ist allgemeinbekannt. Weniger bekannt ist die Zentralität und verschiedene Milieus der extremen Rechten verbindende Funktion etwa von Queerfeindlichkeit. Beide Themen werden dabei immer wieder auch mit antisemitischen Andeutungen verknüpft, wie im Folgenden gezeigt wird.</p> <p><strong>Lokale Anti-Asyl-Proteste und die Rolle der AfD</strong></p> <p>Ein Anlass, zu dem sich – mit der AfD als oft verdecktem Knotenpunkt – verschiedene Teile der extremen Rechten zusammenfinden, sind Mobilisierungen gegen die Unterbringung von Geflüchteten. So verbreitete sich etwa Anfang des Jahres 2025 in Geiselhöring in Niederbayern das Gerücht, dass vor Ort eine neue Asylunterkunft entstehen solle. Eine Online-Petition rief bald dazu auf, eine weitere solche Unterkunft in Geiselhöring zu verhindern. Im Petitionstext wurde auf die „Auswirkungen der gescheiterten Asylpolitik“ verwiesen, welche die „Sicherheit und das Wohlergehen unserer Kinder“ massiv bedrohen würden. Erstellt wurde die Petition von dem seit Jahrzehnten in Geiselhöring lebenden und tätigen Siegfried Birl. Birl gilt als Neonazi-Szenegröße, war lange Betreiber eines der größten Neonazi-Versandhäuser in Deutschland (Wikinger Versand) und zudem stellvertretender Landesvorsitzender der Jungen Nationaldemokraten, der Jugendorganisation der Neonazi-Partei NPD.</p> <p>Trotz kritischer Medienberichte rundum die Personalie Birl als Urheber der Anti-Asyl-Initiative sammelte die Petition in kurzer Zeit knapp 1200 Unterschriften (bei circa 7000 Einwohner*innen) und um ihren Initiator formierte sich die Bürgerinitiative Friedliches Geiselhöring (FG). Diese verteilte im Ort nach eigenen Angaben rund 5000 Flyer zur Bewerbung von Birls Onlinepetition gegen die Asylunterkunft. Auffällig war dabei, dass der Flyer der unabhängigen Initiative Friedliches Geiselhöring farblich am Corporate Design der Partei Die Heimat (ehemals NPD) orientiert war und auch den Schriftzug aus deren Parteilogo abbildete. Im Text war von „soziokulturellen Verwerfungen für die einheimische Bevölkerung“ die Rede, welche die Aufnahme von Geflüchteten mit sich bringe und „sicherheitsrelevanten kulturellen Konflikten“. Gefordert wurde ein Ende der „Willkommenskultur“, da die „leitkulturelle Identität gefährdet“ sei sowie ein „Remigrationskonzept“. „Remigration“ ist einer der zentralen Begriffe in der gegenwärtigen deutschen extremen Rechten, er ist eine Mobilisierungsparole und fungiert als Brücke zwischen offizieller Parteisprache der AfD und radikaleren rechten Milieus. Mit dem nüchtern klingenden Begriff wird versucht, die Forderung einer massenhaften Entfernung von Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte salonfähig zu machen. Aktiviert werden dabei auch die alten Vorstellungen eines Untergangs des „deutschen Volkes“ aufgrund einer angeblichen „Überfremdung“, wie beispielsweise in diesem Beitrag des AfD-Bundesverbands auf X deutlich wird: „Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Remigration mit der #AfD oder Untergang!“<a href="#_ftn1" id="_ftnref1">[1]</a> Der angeblich drohende Untergang wird dabei immer wieder verknüpft mit der <a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/verschwoerungsdenken-und-antisemitismus-in-der-extremen-rechten-und-darueber-hinaus/">Verschwörungserzählung</a> vom „Großen Austausch“, die mit ihrem Bezug auf angebliche „Geldeliten“ oder reiche Juden wie George Soros als Strippenzieher hinter einem angeblichen „Bevölkerungsaustausch“ eindeutig antisemitisch konnotiert ist.  <aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/T2A0831-Kopie.jpg"><img alt="" decoding="async" height="178" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/T2A0831-Kopie-1024x178.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/T2A0831-Kopie-1024x178.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/T2A0831-Kopie-300x52.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/T2A0831-Kopie-768x134.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/T2A0831-Kopie-1000x174.jpg 1000w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/T2A0831-Kopie.jpg 1241w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Gemeinsam marschieren Rechte verschiedener Gruppierungen, um gegen Asylunterkünfte und Geschlechterdiversität zu mobilisieren. Foto: Dominik Sauerer</em></figcaption></figure> <p>Zurück nach Geiselhöring: Relativ früh, wohl durch den Whatsapp-Status eines der FG-Engagierten, wurde der lokale AfD-Kreisvorsitzende Armin Weidinger auf die Initiative aufmerksam. Bei deren erster Protestkundgebung und der anschließenden Versammlung im März 2025 beteiligte er sich rege und versuchte an die Anti-Asyl-Thematik anzuknüpfen. Die Bürgerinitiative bekräftigte zunächst weiterhin, als unabhängige Gruppierung keiner Partei oder Organisation nahe zu stehen. Im April und nach einigen Treffen und Gesprächen mit dem Geiselhöringer Bürgermeister startete die Initiative eine Unterschriftensammlung für einen Bürgerantrag gemäß der Bayerischen Gemeindeordnung, um ihrem Anti-Asyl-Anliegen formell Ausdruck zu verleihen. Das Vorhaben scheiterte aber im Stadtrat an formalen Voraussetzungen. Die Initiative, die sich deshalb vom Stadtrat betrogen fühlte, beschloss schließlich, mit einer eigenen Liste bei der Kommunalwahl 2026 zu kandidieren. Im Vorstand des Friedlichen Geiselhöring und auf ihrer Kandidat*innenliste fand sich auch der Initiator der lokalen Anti-Asyl-Bewegung, der Neonazi Siegfried Birl. In den Folgemonaten zeigte sich das FG mit Stammtischen, einer eigenen Website, Banneraktionen, Merchandise (Tassen, T-Shirts, etc.) und dem Besuch von Stadtratssitzungen hoch aktiv. Kaum acht Monate nach ihrer Gründung verkündete die Initiative schließlich zur Kommunalwahl als gemeinsame Liste mit der AfD anzutreten. Für den Stadtrat kandidierten die Mitglieder als Friedliches Geiselhöring, für den Kreistag als KandidatInnen Kandidat*innen der AfD. Auch der ehemalige NPDler Siegfried Birl fand sich auf der gemeinsamen Liste, die Wahlplakate zierten das Logo der AfD sowie das des Friedlichen Geiselhöring.<a href="#_ftn2" id="_ftnref2">[2]</a></p> <p>Die Pläne zur Einrichtung einer neuen Asylunterkunft in Geiselhöring hatten sich zwischenzeitlich aus anderen Gründen zerschlagen. Im Wahlkampf setzt das Friedliche Geiselhöring, ebenso wie die lokale AfD, deshalb auf den Kampf gegen erneuerbare Energien, insbesondere Windkraft. Bei der Kommunalwahl am 8. März 2026 holte die gemeinsame Liste aus FG und AfD für den Stadtrat aus dem Stand über 15%. Damit zieht die Allianz AfD/Friedliches Geiselhöring mit drei Personen in den Geiselhöringer Stadtrat ein.<a href="#_ftn3" id="_ftnref3">[3]</a></p> <p><strong>Queerfeindlichkeit als verbindendes Mobilisierungsfeld</strong></p> <p>Ebenso wie die Agitation gegen Migration gehören <a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/antifeministische-mobilisierung-als-katalysator-der-extremen-rechten/">Antifeminismus</a> und Queerfeindlichkeit zu den Schwerpunkten der politischen Arbeit der AfD, mit guter Anschlussfähigkeit in andere Milieus der extremen Rechten, aber auch weit ins konservative Lager hinein. Das Spektrum reicht dabei von diffamierenden und aufhetzenden Beiträgen in sozialen Medien über parlamentarische Anfragen und Reden bis zur Durchführung queerfeindlicher Versammlungen. Auch in diesem Themenfeld werden – ähnlich wie bei der Agitation gegen geplante Geflüchtetenunterkünfte – gerne konkrete Anlässe gewählt, um ein Bild von Bedrohlichkeit zu popularisieren und gemeinsam mit anderen Akteuren zu mobilisieren. Im Themenfeld Geschlecht sind solche Anlässe beispielsweise der Christopher Street Day als Fest- und Protesttag der LGBTQIA+-Community, an dem jährlich für Gleichberechtigung, Sichtbarkeit und gegen Diskriminierung demonstriert wird, oder das Format der Drag-Kinderbuchlesungen, bei dem es neben der Förderung von Lesen und Kreativität um eine Sichtbarkeit von Vielfalt und einen entspannten Umgang mit Geschlechterrollen geht.</p> <p>Seit Jahren beteiligen sich AfD-Funktionär*innen etwa an der aus neofaschistischen „Vorfeld“-Kreisen um die Partei stammenden Kampagne, dem bunten Pride-Month in der CSD-Saison ihre queerfeindliche und nationalistische „Stolzmonat“-Propaganda entgegenzuhalten. So posteten zum Beispiel AfD-MdB Bastian Treuheit und AfD-MdL Johannes Maier die „Stolzmonatsflagge“ der extrem rechten Kampagne mit dem Zusatz „Stolz statt Regenbogen – Wir zeigen Flagge“.<a href="#_ftn4" id="_ftnref4">[4]</a> Und AfD-MdL Gerd Mannes präsentierte sich anlässlich des Pride Months mit einer Deutschlandflagge und der Bildunterschrift: „Keine Ahnung, was die LGTBQ-Bewegung da ausgerufen hat. Für mich ist ganz klar: die Deutschlandfahne und schwarz rot gold ist bunt genug.“ Auch der Starnberger AfD-Bundestagsabgeordnete Rainer Groß postete im vergangenen Jahr: „ich wünsche allen Freunden einen schönen Stolzmonat 2025“ und verwendete in der Abbildung dazu eine „Stolzmonatsflagge“, die in Reichsbürgermanier noch mit einem Preußenadler versehen war. Die AfD Aschaffenburg postete in einer Instagramstory eine Illustration, in der ein „Stolzmonat“-Schirm die herunterlaufenden Pride-Month-Regenbogenfarben schützend von einer Familie abhält.<p>Längst hetzen die AfDler aber nicht nur, sondern sie versuchen auch eine konkrete queerfeindliche Politik durchzusetzen: AfD-MdL Rene Dierkes teilte auf Telegram etwa ein Sharepic der damaligen AfD-Jugendorganisation Junge Alternative Deutschland mit der Aufschrift „Perversionen und öffentliche Kopulation nicht mit uns“ und dem eigenen Zusatz: „CSD verbieten!“ In Würzburg schritt die AfD um MdL Daniel Halemba 2025 gegen den örtlichen Christopher-Street-Day zur Tat und organisierte am Vorabend eine dezidierte Gegenkundgebung unter dem Titel „Stolz statt Pride“. Nicht die erste antifeministisch-queerfeindliche Versammlung der Bayern-AfD: Am 13. Juni 2023 hatten die Münchner AfD-Funktionäre Rene Dierkes, Christoph Rätscher und andere etwa eine große Kundgebung gegen eine Drag-Kinderbuchlesung der Stadtbibliothek München-Bogenhausen organisiert: „Hände weg von unseren Kindern! Genderpropaganda verbieten!“<a href="#_ftn5" id="_ftnref5">[5]</a> Im folgenden Jahr gab es in Ingolstadt eine hauptsächlich von der AfD bespielte Kundgebung gegen eine Drag-Kinderbuchlesung im Jugendzentrum Fronte. Das Publikum strömte aus der Neonaziszene und der ehemaligen Pandemieleugner*innenbewegung herbei. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Lukas Rehm hielt zeitweise ein Pappschild mit dem aus dem Alten Testament grob entlehnten Satz hoch: „Gott schuf den Menschen Ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn. Und schuf sie [als] einen Mann XY und eine Frau XX“.</p></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-2.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="639" sizes="(max-width: 959px) 100vw, 959px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-2.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-2.jpeg 959w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-2-300x200.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-2-768x512.jpeg 768w" width="959"></img></a><figcaption><em>AfD-Funktionär Christoph Rätscher mit dem Plakat zur Kundgebung gegen die Drag-Lesung in der Stadtbibliothek München 2023. Die Darstellung der bedrohlich aus dem Hintergrund agierenden Person auf dem Plakat trägt antisemitische Züge und zeigt damit idealtypisch die Verschränkung von antisemitischen und queerfeindlichen Krisenverarbeitungen. Foto: Robert Andreasch.</em></figcaption></figure> <p>Ähnlich wie in der extrem rechten Verhandlung der Migrationsthematik läuft auch die queerfeindliche Agitation der AfD und anderer extrem rechter Akteure auf Verschwörungserzählungen zu. Hier ist es die Vorstellung, Geschlechter- und sexuelle Vielfalt seien Teil eines absichtsvoll betriebenen Angriffs auf Familie, Nation und „Volk“ bzw. eine „natürliche“ – oder wie im obigen Beispiel „göttliche“ – Ordnung. Auch diese Vorstellung erweist sich als mindestens anschlussfähig für antisemitische Deutungsmuster, die, wie gezeigt wurde, die gesamte extreme Rechte vereinen. Die AfD spielt hier inhaltlich und organisatorisch eine zentrale Rolle.</p> <hr></hr> <p><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Zit. n. Bundesministerium für Inneres, Verfassungsschutzbericht 2024, S. 104.</p> <p><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Siehe auch: <a href="https://www.br.de/nachrichten/bayern/afd-im-wahlkampf-radikales-programm-radikale-kandidaten,VBg8FF6" rel="noopener">https://www.br.de/nachrichten/bayern/afd-im-wahlkampf-radikales-programm-radikale-kandidaten,VBg8FF6</a>.</p> <p><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> <a href="https://wahlen.osrz-akdb.de/nb-p/278123/2/20260308/gemeinderatswahl_gemeinde/index.html" rel="noopener">https://wahlen.osrz-akdb.de/nb-p/278123/2/20260308/gemeinderatswahl_gemeinde/index.html</a>.</p> <p><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> Screenshots/Fotos für dieses wie auch für alle nachfolgenden Beispiele liegen den Autor*innen vor.</p> <p><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> Diese Mobilisierung und ihre Anschlussfähigkeit werden ausführlich behandelt im Beitrag von Sabine Volk: „Rallying ‘round the Drag: Anti-Gender Mobilization and the Mainstreaming of the Far Right“. European Societies 27, Nr. 1 (2025): 59–82. https://doi.org/10.1162/euso_a_00009.</p> <hr></hr> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/zwei-themen-ein-zentrum-anti-asyl-agitation-und-queerfeindlichkeit-als-mobilisierungsfelder-der-afd/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Das Wahlrecht als Menschenwürde. Warum ich Zensus- und Losdemokratien ablehne https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-wahlrecht-als-menschenwuerde-warum-ich-zensus-und-losdemokratien-ablehne/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-wahlrecht-als-menschenwuerde-warum-ich-zensus-und-losdemokratien-ablehne/#comments Sun, 10 May 2026 22:06:10 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11273 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2778-768x576.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-wahlrecht-als-menschenwuerde-warum-ich-zensus-und-losdemokratien-ablehne/</link> </image> <description type="html"><h1>Das Wahlrecht als Menschenwürde. Warum ich Zensus- und Losdemokratien ablehne » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Es war mir eine große Ehre, <a href="https://youtu.be/SYawmv4C4LQ" rel="noopener" target="_blank">2025 auf Einladung der akademischen Damenverbindung (ADV) <strong>Olympea</strong> in Tübingen über das Thema </a><strong><a href="https://youtu.be/SYawmv4C4LQ" rel="noopener" target="_blank">Antisemitismus &amp; Antifeminismus</a> </strong>zu sprechen. Darin thematisierte ich vor einem breiten Publikum, das von Vertretern der Antifa bis zu konservativen Verbindungen reichte, unter anderem die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/adrenochrom-satanskultue-die-dualistischen-verschwoerungsmythen-von-xavier-naidoo/">bis heute verbreiteten <strong>Verschwörungsmythen vom Hexensabbat und der Hexensalbe</strong> (heute sog. <strong>Adrenochrom</strong>)</a>. Die Resonanz auf den Abend war so stark, dass <strong>Olympea</strong> am gleichen Abend weitere Bewerberinnen bekam – und ich sodann von einer Mitgründerin eingeladen wurde, am 2. Mai 2026 die Festrede zum 14. Jubiläum und rituellen Kommers der ADV zu halten!</p> <p><a href="https://www.adv-olympea.de/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Der Beauftragte der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben, Dr. Michael Blume, inmitten strahlender Verbindungsstudierender in Tübingen nach einem Vortrag gegen Juden- und Frauenfeindlichkeit bei der ADV Olympea." decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2778-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2778-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2778-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2778-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2778-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2778-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2778-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Anläßlich des Jubiläumskommers 2026 erhielt ich von den farbentragenden Damen der Olympea Tübingen ein Erinnerungsfoto in den Couleur der ADV an meinen Vortrag gegen Antisemitismus &amp; Antifeminismus. Foto: ADV Olympea &amp; wiederum selbst</em></p> <p>Das Motto der beeindruckenden Damenschaft, die sich nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Olympe_de_Gouges" rel="noopener">der todesmutigen Frauenrechtlerin <strong>Olympe de Gouges (1748 – 1793)</strong></a> benannte, lautet <em><strong>Freiheit – Würde – Wissenschaft</strong></em>.</p> <p>Und so sprach ich u.a. auch über <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/antoinette-brown-blackwell-als-starke-frau-entdeckt/">die große Theologin und Evolutionsforscherin <strong>Antoinette Brown Blackwell (1825 – 1921)</strong></a>, die über Jahrzehnte und schließlich erfolgreich für das <strong>Frauenwahlrecht in den USA</strong> gekämpft hatte.<aside></aside></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/antoinette-brown-blackwell-als-starke-frau-entdeckt/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das Bild zeigt Antoinette Brown Blackwell als Amerikas weitgehend vergessene Pionierin in Theologie, Politik und Evolutionsforschung." decoding="async" height="1429" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Antoinette Brown Blackwell: Amerikas vergessene Pionierin. Grafik: Michael Blume mit NotebookLM</em></p> <p>Ich glaube zivilreligiös an die religionsgeschichtlich aus der Bibel stammende, aber für alle Weltreligionen und Weltanschauungen zugängliche Idee der <strong>Menschenwürde</strong>, wie sie <a href="https://www.bpb.de/themen/politisches-system/politik-einfach-fuer-alle/236747/grundgesetz-fuer-die-bundesrepublik-deutschland-artikel-1-19/#node-content-title-0" rel="noopener"><strong>in Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes (GG)</strong></a> und <a href="https://dejure.org/gesetze/EUV/2.html" rel="noopener"><strong>Artikel 2 des Vertrages über die Europäische Union (EUV)</strong></a> kodifiziert ist.</p> <p>Dass <a href="https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=EuGH&amp;Datum=21.04.2026&amp;Aktenzeichen=C-769%2F22" rel="noopener">der <strong>Europäische Gerichtshof (EuGH)</strong> am 21.04.2026 in einem Urteil gegen <strong>Ungarn</strong> erstmals Artikel 2 anführte</a>, stärkt nicht nur die Bedeutung dieses Zentralwertes, sondern auch auch <a href="https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2025/10-2025/medien-und-mimesis-journalismus-in-zeiten-digitaler-aufmerksamkeitsoekonomie/" rel="noopener">die zunehmende Bedeutung des EuGH anhand <strong>fossil zerkriselnder Nationalstaaten und auch medialer Rechtsmimesis</strong></a>.</p> <p><a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Überlebt der bundesdeutsche Rechtsstaat das mediale und politische Dauerfeuer der fossilen Faschisten? Links eine Vase für meine Teilnahme an den Karlsruher Verfassungsgesprächen 2022, rechts eine Solarpunk-Tasse aus dem Mastodon-Fediversum. Der Link führt zum Fediverse-Account von Dr. Michael Blume auf Digitalcourage." decoding="async" height="1920" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2770-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2770-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2770-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2770-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2770-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2770-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2770-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Überlebt der bundesdeutsche Rechtsstaat das mediale und politische Dauerfeuer der fossilen Faschisten? Links eine Vase für <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/alternative-fakten-leben-wir-noch-im-selben-universum-podiumsdiskussion-beim-bundesverfassungsgericht/">meine Teilnahme an den Karlsruher Verfassungsgesprächen 2022</a>, rechts <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-deutschsprachige-solarpunk-bewegung-im-mastodon-fediversum/">eine Solarpunk-Tasse aus dem Mastodon-Fediversum</a>. Foto: Michael Blume </em></p> <p>Ich schließe mich dabei der Auslegung <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/freund-feind-dualismus-statt-rinks-lechts-hufeisen-theorie-eine-wuerdigung-von-rabbi-sacks-sel-ang/">des großen Gelehrten <strong>Lord Rabbi Jonathan Sacks (1948 – 2020)</strong> an</a>, der bereits 2011 in <strong><em>„The Great Partnership“</em></strong> auf S. 124 geschrieben hatte:</p> <p><em>„Science cannot, in and of itself, give an account of human dignity, because dignity is based on human freedom.</em></p> <p><em>From the outset, the Hebrew Bible speaks of a free God, not constrained by nature, who creating man in his own image, grants him that same freedom, commanding him, not programming him, to do good.</em></p> <p><em>The entire biblical project, from beginning to end, is about how to honour that freedom in personal relationships, families, communities and nations.</em></p> <p><em>Biblical morality is the morality of freedom, its politics are the politics of freedom, and its theology is the theology of freedom.</em></p> <p><em>Freedom is a concept that lies outside the scope of science.</em></p> <p><em>Science cannot locate freedom, because its world is one of causal relationships.“</em></p> <p>In <strong>deutscher Übersetzung</strong> von mir (ohne KI):</p> <p><em>„Wissenschaft kann nicht aus sich heraus eine Begründung für Menschenwürde geben, da Menschenwürde auf menschlicher Freiheit basiert.</em></p> <p><em>Von Anfang an spricht die Bibel von einem freien Gott, unbeschränkt durch Natur, der den Menschen nach Seinem Bilde erschafft, ihm dieselbe Freiheit gewährt, ihm gebietet, ihn nicht programmiert, Gutes zu tun.</em></p> <p><em>Das gesamte biblische Projekt, von Anfang bis Ende, zielt darauf, wie diese Freiheit in persönlichen Beziehungen, Familien, Gemeinschaften und Nationen geehrt werden kann.</em></p> <p><em>Biblische Moralität ist die Moralität der Freiheit, seine Politiken sind die Politiken der Freiheit und seine Theologie ist die Theologie der Freiheit.</em></p> <p><em>Freiheit ist ein Konzept außerhalb des Erkenntnisbereiches von Wissenschaft.</em></p> <p><em>Wissenschaft kann Freiheit nicht lokalisieren, weil ihre Welt eine der Kausalbeziehungen ist.“</em></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/freund-feind-dualismus-statt-rinks-lechts-hufeisen-theorie-eine-wuerdigung-von-rabbi-sacks-sel-ang/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Dr. Michael Blume in einer Rede in der Jüdischen Gemeinde Pforzheim zu Ehren von Chief Rabbi Jonathan Sacks (1948 - 2020)." decoding="async" height="719" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1179px) 100vw, 1179px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumewuerdigtRabbiSacksinPforzheim2022.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumewuerdigtRabbiSacksinPforzheim2022.jpg 1179w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumewuerdigtRabbiSacksinPforzheim2022-300x183.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumewuerdigtRabbiSacksinPforzheim2022-1024x624.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumewuerdigtRabbiSacksinPforzheim2022-768x468.jpg 768w" width="1179"></img></a></p> <p><em>2022 würdigte ich Rabbi Sacks in einer Rede zur Woche der Brüderlichkeit in der jüdischen Gemeinde zu Pforzheim. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Wer also – so glaube ich fest – <em><strong>die Freiheit von Frauen und Männern zu den Wahlen ihrer Parlamente und Regierenden aufheben will, greift damit auch ihre Menschenwürde an</strong></em>.</p> <p><strong>Beispiel: Libertäres Zensuswahlrecht</strong></p> <p>Schon <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-gift-terrors-mein-artikel/">in der Hayek-Gesellschaft – die ich dann 2015 verließ</a> – wurde ich mit zwei Argumenten dazu konfrontiert, von denen ich das liberale anerkannte, das libertäre aber verwarf.</p> <p>Das <strong>liberale Argument, das mich bis heute überzeugt</strong>, lautet: </p> <p><strong>Auch wenn etwa eine Planwirtschaft oder ein KI-Computersystem bessere Ergebnisse für Menschen erzeugen würde als deren freie Wahl, so müssten wir doch deren Freiheit und also Menschenwürde verteidigen.</strong></p> <p>Ein Beispiel dafür wäre, ein <strong>heute schon denkbares KI-Programm, das die optimale Ernährung eines Menschen bestimmt</strong>. Nach meiner Auffassung <strong>dürfte ein solches Programm nur beraten, nicht entscheiden</strong>. Selbst, wenn er sich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/sind-digitale-news-der-neue-industriezucker-zum-kit-seminar-medienethik/">mit falschen Entscheidungen zum Beispiel für <strong>Zucker</strong> schadet</a>, so steht jedem erwachsenen und mündigen Menschen nach meiner Auffassung <strong>die Freiheit zu, über sein Essen und Trinken selbst zu entscheiden</strong>.</p> <p>(Und, ja, ich halte es für einen der ganzen Menschheit gegenüber unwürdigen Skandal, dass <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/langzeitismus-der-kommende-faschismus-feiert-die-klimakrise-fossiler-wahnsinn-3/">trotz Milliarden-Reichtümer von Langzeitisten wie <strong>Elon Musk</strong> immer noch Menschen hungern</a> müssen.)</p> <p>Das <strong>libertäre Argument, das <em>mich nicht überzeugte</em></strong>, lautete: </p> <p><strong>In einer Demokratie werden sich Parteien Mehrheiten durch Wahlgeschenke erkaufen, weswegen immer größere Teile der Bevölkerung in Abhängigkeit von staatlichen Zuwendungen geraten werden. Deswegen sollte das Wahlrecht etwa nach Steuerklassen differenzieren (Zensuswahlrecht) oder alle Menschen, die staatliche Leistungen beziehen, von Wahlen ausschließen. </strong></p> <p>Hier entschied ich mich für <strong>ein klares Nein</strong> – aus meiner Sicht widerspricht es der <strong>Menschenwürde</strong>, wenn <strong>das allgemeine, gleiche und freie Wahlrecht</strong> nach Einkommen eingeschränkt wird.</p> <p>Sogar die bereits 1845 in den USA eingeführte Praxis, an einem Dienstag zu wählen, halte ich für problematisch: An einem Werktag könnten viele abhängig Beschäftigte von den Wahlen ausgeschlossen sein. Ebenso lehne ich das <strong>Gerrymandering</strong> (parteipolitisch motivierte Zuschneiden von Wahlkreisen) ab. </p> <p>Dass wegen eines verpfuschten Bundestags-Wahlrechts zuletzt auch der <strong>im Wahlkreis Tübingen direkt gewählte Christoph Naser (CDU) </strong>dennoch nicht in den Bundestag einziehen konnte, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025-12-03-BlumeTuebingenWeltethosDemokratieformen.pdf">prangerte ich in einer <strong>Rede beim Weltethos-Institut</strong> an</a>.</p> <p><em><strong>Das allgemeine, freie und gleiche Wahlrecht ist mir als inniger Ausdruck der menschlichen Würde, Freiheit und Verantwortung im zivilreligiösen Sinne heilig.</strong></em></p> <p>Daraus folgt <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116504689107357672" rel="noopener">meinerseits auch <strong>die klare Ablehnung von Los- und Lottoverfahren</strong>, wie sie etwa auch auf Mastodon immer wieder von Einzelnen gefordert</a> werden.</p> <p>Zwar befürworte ich auch hier <em><strong>beratende </strong></em><strong>Bürgerräte und Bürgerforen, </strong>die <a href="https://beteiligungsportal.baden-wuerttemberg.de/de/mitmachen/lp-17/buergerforum-g8-g9/buergergutachten" rel="noopener">konkret hier in <strong>Baden-Württemberg</strong> auch einen parlamentarischen Durchbruch in festgefahrene G8-G9-Diskussionen</a> brachten. Ich stimme sogar der Kritik zu, dass viele Wählende gar nicht wählen, sich andere schlecht informieren, manipulieren lassen und die gewählten Parlamente oft wenig repräsentativ sind. Dass sie immer wieder auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-26-von-elon-musk-und-alfred-hugenberg/">inkompetente Fossilisten, gefährliche Faschisten und sogar massenmörderische Nationalsozialisten wähl(t)en</a>, erkenne ich ebenfalls an.</p> <p>Doch das ändert nichts daran, dass <strong>Menschen nach meiner Auffassung die Würde, Freiheit und also auch Verantwortung zur Wahl ihrer Parlamente und Regierenden haben</strong>. Zur menschlichen Würde gehört eben auch, sich ungesund ernähren oder gar insgesamt scheitern zu können!</p> <p>Auch wenn eine Politik-KI die Regierungsgeschäfte optimieren könnte, würde ich ihr allenfalls eine beratende Funktion zugestehen. Freie und also verantwortliche und menschenwürdige Entscheidungen können nur von Menschen getroffen werden – sowohl als Wählende wie als Gewählte. Ich würde Parlamente und Regierungen, die nicht gewählt, sondern durch Losentscheidungen besetzt würden, als Verstoß gegen Menschenwürde und Verfassungen ablehnen.</p> <p>Entsprechend achte ich auch in meiner eigenen Beauftragung darauf, neben der Unterstützung der jüdischen Gemeinden und der Landesregierung auch jene der demokratischen Fraktionen des Landtages zu erhalten. Nach meinem Verständnis geht die Macht vom Volke aus – vertreten durch seine gewählten Abgeordneten.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/im-landtag-bw-gegen-antisemitismus-meine-rede-zum-9-11-2023/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="SWR-Aufnahme von Dr. Michael Blume bei seiner Rede im Landtag von Baden-Württemberg am 9. November 2023 gegen jeden Antisemitismus." decoding="async" height="1400" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1106px) 100vw, 1106px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8513.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8513.jpeg 1106w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8513-237x300.jpeg 237w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8513-809x1024.jpeg 809w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8513-768x972.jpeg 768w" width="1106"></img></a></p> <p><em>Der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/im-landtag-bw-gegen-antisemitismus-meine-rede-zum-9-11-2023/">einzige Anlass, zu dem ich in den letzten Jahren eine Krawatte trug, war meine Rede vor dem Landtag von Baden-Württemberg am 9. November 2023</a>. Auch zur Konstituierung des Hohen Hauses und der Neuwahl des Ministerpräsidenten in dieser Woche werde ich eine solche anziehen. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p><strong>Nach meinem zivilreligiösen Glauben bildet die Menschenwürde die mimetische Mitte der parlamentarischen Konsensdemokratie.</strong> Nicht weniger.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/BeGhV302gR4?feature=oembed&amp;rel=0" title="&quot;Mehr Grundgesetz wagen!&quot; - Demokratie als Bauplan von Dr. Michael Blume" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Das Wahlrecht als Menschenwürde. Warum ich Zensus- und Losdemokratien ablehne » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Es war mir eine große Ehre, <a href="https://youtu.be/SYawmv4C4LQ" rel="noopener" target="_blank">2025 auf Einladung der akademischen Damenverbindung (ADV) <strong>Olympea</strong> in Tübingen über das Thema </a><strong><a href="https://youtu.be/SYawmv4C4LQ" rel="noopener" target="_blank">Antisemitismus &amp; Antifeminismus</a> </strong>zu sprechen. Darin thematisierte ich vor einem breiten Publikum, das von Vertretern der Antifa bis zu konservativen Verbindungen reichte, unter anderem die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/adrenochrom-satanskultue-die-dualistischen-verschwoerungsmythen-von-xavier-naidoo/">bis heute verbreiteten <strong>Verschwörungsmythen vom Hexensabbat und der Hexensalbe</strong> (heute sog. <strong>Adrenochrom</strong>)</a>. Die Resonanz auf den Abend war so stark, dass <strong>Olympea</strong> am gleichen Abend weitere Bewerberinnen bekam – und ich sodann von einer Mitgründerin eingeladen wurde, am 2. Mai 2026 die Festrede zum 14. Jubiläum und rituellen Kommers der ADV zu halten!</p> <p><a href="https://www.adv-olympea.de/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Der Beauftragte der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben, Dr. Michael Blume, inmitten strahlender Verbindungsstudierender in Tübingen nach einem Vortrag gegen Juden- und Frauenfeindlichkeit bei der ADV Olympea." decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2778-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2778-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2778-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2778-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2778-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2778-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2778-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Anläßlich des Jubiläumskommers 2026 erhielt ich von den farbentragenden Damen der Olympea Tübingen ein Erinnerungsfoto in den Couleur der ADV an meinen Vortrag gegen Antisemitismus &amp; Antifeminismus. Foto: ADV Olympea &amp; wiederum selbst</em></p> <p>Das Motto der beeindruckenden Damenschaft, die sich nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Olympe_de_Gouges" rel="noopener">der todesmutigen Frauenrechtlerin <strong>Olympe de Gouges (1748 – 1793)</strong></a> benannte, lautet <em><strong>Freiheit – Würde – Wissenschaft</strong></em>.</p> <p>Und so sprach ich u.a. auch über <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/antoinette-brown-blackwell-als-starke-frau-entdeckt/">die große Theologin und Evolutionsforscherin <strong>Antoinette Brown Blackwell (1825 – 1921)</strong></a>, die über Jahrzehnte und schließlich erfolgreich für das <strong>Frauenwahlrecht in den USA</strong> gekämpft hatte.<aside></aside></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/antoinette-brown-blackwell-als-starke-frau-entdeckt/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das Bild zeigt Antoinette Brown Blackwell als Amerikas weitgehend vergessene Pionierin in Theologie, Politik und Evolutionsforschung." decoding="async" height="1429" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AntoinetteBrownBlackwellMichaelBlumemitNotebookLM-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Antoinette Brown Blackwell: Amerikas vergessene Pionierin. Grafik: Michael Blume mit NotebookLM</em></p> <p>Ich glaube zivilreligiös an die religionsgeschichtlich aus der Bibel stammende, aber für alle Weltreligionen und Weltanschauungen zugängliche Idee der <strong>Menschenwürde</strong>, wie sie <a href="https://www.bpb.de/themen/politisches-system/politik-einfach-fuer-alle/236747/grundgesetz-fuer-die-bundesrepublik-deutschland-artikel-1-19/#node-content-title-0" rel="noopener"><strong>in Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes (GG)</strong></a> und <a href="https://dejure.org/gesetze/EUV/2.html" rel="noopener"><strong>Artikel 2 des Vertrages über die Europäische Union (EUV)</strong></a> kodifiziert ist.</p> <p>Dass <a href="https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=EuGH&amp;Datum=21.04.2026&amp;Aktenzeichen=C-769%2F22" rel="noopener">der <strong>Europäische Gerichtshof (EuGH)</strong> am 21.04.2026 in einem Urteil gegen <strong>Ungarn</strong> erstmals Artikel 2 anführte</a>, stärkt nicht nur die Bedeutung dieses Zentralwertes, sondern auch auch <a href="https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2025/10-2025/medien-und-mimesis-journalismus-in-zeiten-digitaler-aufmerksamkeitsoekonomie/" rel="noopener">die zunehmende Bedeutung des EuGH anhand <strong>fossil zerkriselnder Nationalstaaten und auch medialer Rechtsmimesis</strong></a>.</p> <p><a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Überlebt der bundesdeutsche Rechtsstaat das mediale und politische Dauerfeuer der fossilen Faschisten? Links eine Vase für meine Teilnahme an den Karlsruher Verfassungsgesprächen 2022, rechts eine Solarpunk-Tasse aus dem Mastodon-Fediversum. Der Link führt zum Fediverse-Account von Dr. Michael Blume auf Digitalcourage." decoding="async" height="1920" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2770-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2770-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2770-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2770-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2770-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2770-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2770-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Überlebt der bundesdeutsche Rechtsstaat das mediale und politische Dauerfeuer der fossilen Faschisten? Links eine Vase für <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/alternative-fakten-leben-wir-noch-im-selben-universum-podiumsdiskussion-beim-bundesverfassungsgericht/">meine Teilnahme an den Karlsruher Verfassungsgesprächen 2022</a>, rechts <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-deutschsprachige-solarpunk-bewegung-im-mastodon-fediversum/">eine Solarpunk-Tasse aus dem Mastodon-Fediversum</a>. Foto: Michael Blume </em></p> <p>Ich schließe mich dabei der Auslegung <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/freund-feind-dualismus-statt-rinks-lechts-hufeisen-theorie-eine-wuerdigung-von-rabbi-sacks-sel-ang/">des großen Gelehrten <strong>Lord Rabbi Jonathan Sacks (1948 – 2020)</strong> an</a>, der bereits 2011 in <strong><em>„The Great Partnership“</em></strong> auf S. 124 geschrieben hatte:</p> <p><em>„Science cannot, in and of itself, give an account of human dignity, because dignity is based on human freedom.</em></p> <p><em>From the outset, the Hebrew Bible speaks of a free God, not constrained by nature, who creating man in his own image, grants him that same freedom, commanding him, not programming him, to do good.</em></p> <p><em>The entire biblical project, from beginning to end, is about how to honour that freedom in personal relationships, families, communities and nations.</em></p> <p><em>Biblical morality is the morality of freedom, its politics are the politics of freedom, and its theology is the theology of freedom.</em></p> <p><em>Freedom is a concept that lies outside the scope of science.</em></p> <p><em>Science cannot locate freedom, because its world is one of causal relationships.“</em></p> <p>In <strong>deutscher Übersetzung</strong> von mir (ohne KI):</p> <p><em>„Wissenschaft kann nicht aus sich heraus eine Begründung für Menschenwürde geben, da Menschenwürde auf menschlicher Freiheit basiert.</em></p> <p><em>Von Anfang an spricht die Bibel von einem freien Gott, unbeschränkt durch Natur, der den Menschen nach Seinem Bilde erschafft, ihm dieselbe Freiheit gewährt, ihm gebietet, ihn nicht programmiert, Gutes zu tun.</em></p> <p><em>Das gesamte biblische Projekt, von Anfang bis Ende, zielt darauf, wie diese Freiheit in persönlichen Beziehungen, Familien, Gemeinschaften und Nationen geehrt werden kann.</em></p> <p><em>Biblische Moralität ist die Moralität der Freiheit, seine Politiken sind die Politiken der Freiheit und seine Theologie ist die Theologie der Freiheit.</em></p> <p><em>Freiheit ist ein Konzept außerhalb des Erkenntnisbereiches von Wissenschaft.</em></p> <p><em>Wissenschaft kann Freiheit nicht lokalisieren, weil ihre Welt eine der Kausalbeziehungen ist.“</em></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/freund-feind-dualismus-statt-rinks-lechts-hufeisen-theorie-eine-wuerdigung-von-rabbi-sacks-sel-ang/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Dr. Michael Blume in einer Rede in der Jüdischen Gemeinde Pforzheim zu Ehren von Chief Rabbi Jonathan Sacks (1948 - 2020)." decoding="async" height="719" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1179px) 100vw, 1179px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumewuerdigtRabbiSacksinPforzheim2022.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumewuerdigtRabbiSacksinPforzheim2022.jpg 1179w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumewuerdigtRabbiSacksinPforzheim2022-300x183.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumewuerdigtRabbiSacksinPforzheim2022-1024x624.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumewuerdigtRabbiSacksinPforzheim2022-768x468.jpg 768w" width="1179"></img></a></p> <p><em>2022 würdigte ich Rabbi Sacks in einer Rede zur Woche der Brüderlichkeit in der jüdischen Gemeinde zu Pforzheim. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Wer also – so glaube ich fest – <em><strong>die Freiheit von Frauen und Männern zu den Wahlen ihrer Parlamente und Regierenden aufheben will, greift damit auch ihre Menschenwürde an</strong></em>.</p> <p><strong>Beispiel: Libertäres Zensuswahlrecht</strong></p> <p>Schon <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-gift-terrors-mein-artikel/">in der Hayek-Gesellschaft – die ich dann 2015 verließ</a> – wurde ich mit zwei Argumenten dazu konfrontiert, von denen ich das liberale anerkannte, das libertäre aber verwarf.</p> <p>Das <strong>liberale Argument, das mich bis heute überzeugt</strong>, lautet: </p> <p><strong>Auch wenn etwa eine Planwirtschaft oder ein KI-Computersystem bessere Ergebnisse für Menschen erzeugen würde als deren freie Wahl, so müssten wir doch deren Freiheit und also Menschenwürde verteidigen.</strong></p> <p>Ein Beispiel dafür wäre, ein <strong>heute schon denkbares KI-Programm, das die optimale Ernährung eines Menschen bestimmt</strong>. Nach meiner Auffassung <strong>dürfte ein solches Programm nur beraten, nicht entscheiden</strong>. Selbst, wenn er sich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/sind-digitale-news-der-neue-industriezucker-zum-kit-seminar-medienethik/">mit falschen Entscheidungen zum Beispiel für <strong>Zucker</strong> schadet</a>, so steht jedem erwachsenen und mündigen Menschen nach meiner Auffassung <strong>die Freiheit zu, über sein Essen und Trinken selbst zu entscheiden</strong>.</p> <p>(Und, ja, ich halte es für einen der ganzen Menschheit gegenüber unwürdigen Skandal, dass <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/langzeitismus-der-kommende-faschismus-feiert-die-klimakrise-fossiler-wahnsinn-3/">trotz Milliarden-Reichtümer von Langzeitisten wie <strong>Elon Musk</strong> immer noch Menschen hungern</a> müssen.)</p> <p>Das <strong>libertäre Argument, das <em>mich nicht überzeugte</em></strong>, lautete: </p> <p><strong>In einer Demokratie werden sich Parteien Mehrheiten durch Wahlgeschenke erkaufen, weswegen immer größere Teile der Bevölkerung in Abhängigkeit von staatlichen Zuwendungen geraten werden. Deswegen sollte das Wahlrecht etwa nach Steuerklassen differenzieren (Zensuswahlrecht) oder alle Menschen, die staatliche Leistungen beziehen, von Wahlen ausschließen. </strong></p> <p>Hier entschied ich mich für <strong>ein klares Nein</strong> – aus meiner Sicht widerspricht es der <strong>Menschenwürde</strong>, wenn <strong>das allgemeine, gleiche und freie Wahlrecht</strong> nach Einkommen eingeschränkt wird.</p> <p>Sogar die bereits 1845 in den USA eingeführte Praxis, an einem Dienstag zu wählen, halte ich für problematisch: An einem Werktag könnten viele abhängig Beschäftigte von den Wahlen ausgeschlossen sein. Ebenso lehne ich das <strong>Gerrymandering</strong> (parteipolitisch motivierte Zuschneiden von Wahlkreisen) ab. </p> <p>Dass wegen eines verpfuschten Bundestags-Wahlrechts zuletzt auch der <strong>im Wahlkreis Tübingen direkt gewählte Christoph Naser (CDU) </strong>dennoch nicht in den Bundestag einziehen konnte, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025-12-03-BlumeTuebingenWeltethosDemokratieformen.pdf">prangerte ich in einer <strong>Rede beim Weltethos-Institut</strong> an</a>.</p> <p><em><strong>Das allgemeine, freie und gleiche Wahlrecht ist mir als inniger Ausdruck der menschlichen Würde, Freiheit und Verantwortung im zivilreligiösen Sinne heilig.</strong></em></p> <p>Daraus folgt <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116504689107357672" rel="noopener">meinerseits auch <strong>die klare Ablehnung von Los- und Lottoverfahren</strong>, wie sie etwa auch auf Mastodon immer wieder von Einzelnen gefordert</a> werden.</p> <p>Zwar befürworte ich auch hier <em><strong>beratende </strong></em><strong>Bürgerräte und Bürgerforen, </strong>die <a href="https://beteiligungsportal.baden-wuerttemberg.de/de/mitmachen/lp-17/buergerforum-g8-g9/buergergutachten" rel="noopener">konkret hier in <strong>Baden-Württemberg</strong> auch einen parlamentarischen Durchbruch in festgefahrene G8-G9-Diskussionen</a> brachten. Ich stimme sogar der Kritik zu, dass viele Wählende gar nicht wählen, sich andere schlecht informieren, manipulieren lassen und die gewählten Parlamente oft wenig repräsentativ sind. Dass sie immer wieder auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-26-von-elon-musk-und-alfred-hugenberg/">inkompetente Fossilisten, gefährliche Faschisten und sogar massenmörderische Nationalsozialisten wähl(t)en</a>, erkenne ich ebenfalls an.</p> <p>Doch das ändert nichts daran, dass <strong>Menschen nach meiner Auffassung die Würde, Freiheit und also auch Verantwortung zur Wahl ihrer Parlamente und Regierenden haben</strong>. Zur menschlichen Würde gehört eben auch, sich ungesund ernähren oder gar insgesamt scheitern zu können!</p> <p>Auch wenn eine Politik-KI die Regierungsgeschäfte optimieren könnte, würde ich ihr allenfalls eine beratende Funktion zugestehen. Freie und also verantwortliche und menschenwürdige Entscheidungen können nur von Menschen getroffen werden – sowohl als Wählende wie als Gewählte. Ich würde Parlamente und Regierungen, die nicht gewählt, sondern durch Losentscheidungen besetzt würden, als Verstoß gegen Menschenwürde und Verfassungen ablehnen.</p> <p>Entsprechend achte ich auch in meiner eigenen Beauftragung darauf, neben der Unterstützung der jüdischen Gemeinden und der Landesregierung auch jene der demokratischen Fraktionen des Landtages zu erhalten. Nach meinem Verständnis geht die Macht vom Volke aus – vertreten durch seine gewählten Abgeordneten.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/im-landtag-bw-gegen-antisemitismus-meine-rede-zum-9-11-2023/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="SWR-Aufnahme von Dr. Michael Blume bei seiner Rede im Landtag von Baden-Württemberg am 9. November 2023 gegen jeden Antisemitismus." decoding="async" height="1400" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1106px) 100vw, 1106px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8513.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8513.jpeg 1106w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8513-237x300.jpeg 237w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8513-809x1024.jpeg 809w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_8513-768x972.jpeg 768w" width="1106"></img></a></p> <p><em>Der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/im-landtag-bw-gegen-antisemitismus-meine-rede-zum-9-11-2023/">einzige Anlass, zu dem ich in den letzten Jahren eine Krawatte trug, war meine Rede vor dem Landtag von Baden-Württemberg am 9. November 2023</a>. Auch zur Konstituierung des Hohen Hauses und der Neuwahl des Ministerpräsidenten in dieser Woche werde ich eine solche anziehen. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p><strong>Nach meinem zivilreligiösen Glauben bildet die Menschenwürde die mimetische Mitte der parlamentarischen Konsensdemokratie.</strong> Nicht weniger.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/BeGhV302gR4?feature=oembed&amp;rel=0" title="&quot;Mehr Grundgesetz wagen!&quot; - Demokratie als Bauplan von Dr. Michael Blume" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-wahlrecht-als-menschenwuerde-warum-ich-zensus-und-losdemokratien-ablehne/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>64</slash:comments> </item> <item> <title>Schwanger nach Schlaganfall: Worauf sollte man achten?   https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/schwanger-nach-schlaganfall-worauf-sollte-man-achten/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/schwanger-nach-schlaganfall-worauf-sollte-man-achten/#respond Sun, 10 May 2026 07:30:00 +0000 Gast https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5899 <h1>Schwanger nach Schlaganfall: Worauf sollte man achten?   » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Gast</h2><div itemprop="text"> <div><figure><img alt="Prof. Dr. Annerose Mengel forscht zum Thema Schlaganfall." decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 683px) 100vw, 683px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Uni-Tuebingen_28.04.2025_467_Mengel_final-683x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Uni-Tuebingen_28.04.2025_467_Mengel_final-683x1024.jpg 683w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Uni-Tuebingen_28.04.2025_467_Mengel_final-200x300.jpg 200w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Uni-Tuebingen_28.04.2025_467_Mengel_final-768x1152.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Uni-Tuebingen_28.04.2025_467_Mengel_final-1024x1536.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Uni-Tuebingen_28.04.2025_467_Mengel_final-1365x2048.jpg 1365w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Uni-Tuebingen_28.04.2025_467_Mengel_final-scaled.jpg 1707w" width="683"></img></figure><p>3 Fragen an Prof. Dr. Annerose Mengel, Leiterin der Forschungsgruppe „Schlaganfallerholung und Outcome“ in der Abteilung „Neurologie mit Schwerpunkt neurovaskuläre Erkrankungen“ am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung in Tübingen, welches gemeinsam mit der Neurologischen Universitätsklinik das Hertie-Zentrum für Neurologie bildet.</p></div> <h3><strong>1. Wann ist eine Schwangerschaft nach einem Schlaganfall medizinisch vertretbar?</strong></h3> <p>Grundsätzlich sollte man nach einem Schlaganfall die Genesungsphase abwarten. Klassisch spricht man von etwa drei Monaten, aber wir wissen aus Studien, dass es eher 12 Monate dauert, bis man wirklich sagen kann: Das ist jetzt der stabile Zustand, mit dem die Patientin lebt. Deshalb empfehlen wir in der Regel, frühestens nach einem Jahr über eine Schwangerschaft nachzudenken. Körperlich bedeutet das: Die Rehabilitation sollte weitgehend abgeschlossen sein. Also motorische und sensible Defizite sollten sich bestmöglich gebessert haben, idealerweise durch konsequente Therapie wie Physio-, Ergo- und Logopädie. Auch die Psyche sollte man im Blick haben: Nach einem Schlaganfall treten bei bis zu 40 Prozent der Patientinnen und Patienten im ersten Jahr neuropsychiatrische Veränderungen auf – zum Beispiel Depressionen, Ängste oder Antriebsminderung. Das wird häufig übersehen. Gerade bei Kinderwunsch sollte man gezielt darauf achten und gegebenenfalls auch behandeln. Ein zentraler Punkt ist zudem, dass die Ursache des Schlaganfalls möglichst genau geklärt und – wenn möglich – behoben sein sollte. In dem Fall von Frau Schenk war es eine Hirnblutung, bei der vor einer Schwangerschaft wichtige Fragen zu klären sind: Ist das Risiko für eine erneute Blutung minimiert? Gab es zum Beispiel Gefäßveränderungen wie arteriovenöse Malformationen, also angeborene seltene Gefäßfehlbildungen? Bei ischämischen Schlaganfällen fragen wir uns: Liegt eine Gerinnungsstörung vor, die in der Schwangerschaft besonders relevant wäre und behandelt werden muss? Gibt es ein sogenanntes persistierendes Foramen ovale – ein kleines Loch in der Herzscheidewand, das sich eigentlich nach der Geburt schließen sollte? Solche Ursachen versuchen wir konsequent zu identifizieren und zu behandeln. Erst wenn die Patientin körperlich und psychisch stabil ist und die Ursache des Schlaganfalls bestmöglich geklärt und adressiert wurde, kann man verantwortungsvoll über eine Schwangerschaft nachdenken. Trotzdem bleibt es eine Risikoschwangerschaft, die eng begleitet werden sollte.</p> <h3><strong>2. Welche Risiken bestehen, und wie lassen sie sich minimieren? </strong></h3> <p>Eine Schwangerschaft bringt an sich ein erhöhtes Risiko für thrombembolische Ereignisse wie zum Beispiel Schlaganfälle mit sich. Das liegt vor allem an den hormonellen Veränderungen, die die Gerinnung beeinflussen. Schwangere haben dadurch ein erhöhtes Thromboserisiko. Das kann zum Beispiel dazu führen, dass sich venöse Thrombosen bilden, die – etwa bei einem persistierenden Foramen ovale – vom venösen in den arteriellen Kreislauf gelangen und einen Schlaganfall auslösen. Auch seltenere Ursachen wie eine Sinusvenenthrombose, also eine Thrombose in den hirneigenen Venen, treten in der Schwangerschaft häufiger auf.  Bei einer vorangegangenen Hirnblutung (hämorrhagischer Schlaganfall) – wie in dem Fall von Frau Schenk – spielt vor allem der Blutdruck eine entscheidende Rolle. In der Schwangerschaft kann es zu einem Schwangerschaftshypertonus kommen. Deshalb ist ein wichtiger Punkt zur Risikominimierung ein engmaschiges Monitoring mit konsequenter Kontrolle des Blutdrucks. Aber auch andere Faktoren wie der Blutzucker sollten regelmäßig überprüft werden, zum Beispiel im Hinblick auf einen Schwangerschaftsdiabetes. Kurz gesagt: Das Risiko lässt sich nicht komplett vermeiden, aber durch eine gute Vorbereitung und eine enge medizinische Begleitung während der Schwangerschaft deutlich reduzieren.</p> <h3><strong>3. Welche Faktoren beeinflussen die Genesung nach Schlaganfall? Was können Betroffene dazu beitragen – und welche Fortschritte gibt es in Therapie und Rehabilitation?  </strong></h3> <p>Die Genesung nach einem Schlaganfall hängt von mehreren Faktoren ab. Entscheidend sind vor allem die Lokalisation und die Schwere des Schlaganfalls sowie der Zustand der Patientin oder des Patienten vor dem Ereignis. Wer vorher körperlich fit war, hat in der Regel ein besseres Rehabilitationspotenzial. Auch spielt es eine Rolle, ob es bereits frühere Schlaganfälle oder Einschränkungen gab – dann ist die Erholung oft schwieriger. Was Betroffene selbst tun können, ist nicht zu unterschätzen. Eine möglichst positive Grundhaltung hilft, aktiv an der Rehabilitation teilzunehmen. Denn wir wissen: Konsequentes, multimodales Training ist zentral. Dazu gehören Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie – ergänzt durch eigenes Üben im Alltag. Das Ziel ist, das neuronale Netzwerke zu stärken, so dass Funktionen erneut übernommen werden können. In der Therapie gibt es zudem Fortschritte: Ein Beispiel ist die transkranielle Magnetstimulation (TMS). Dabei wird die elektrische Hirnaktivitäten gemessen und gezielt von außen mittels transkraniellem Magnetstimulus aktiviert, um neuronale Netzwerke zu unterstützen. Hier setzt auch die neue Studie BOSS STROKE des Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung unter der Leitung von Prof. Dr. Ulf Ziemann an. Ziel ist es, mithilfe der closed loop TMS eine neue Therapie für Schlaganfallpatientinnen und -patienten zu entwickeln, die sowohl die motorischen Funktionen verbessert als auch durch Spastik bedingte Einschränkungen reduziert. Gleichzeitig legt das HIH und unsere Arbeitsgruppe einen besonderen Schwerpunkt auf die Erforschung von genetischen Faktoren von Schlaganfällen sowie auf die Primärprävention, insbesondere bei jungen Patientinnen und Patienten.</p> <p>Die Fragen stellte Rena Beeg für die <a data-id="https://www.ghst.de/" data-type="link" href="https://www.ghst.de/" rel="noopener">Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>.<aside></aside></p> <p>Neugierig auf mehr? Dann lese die Interviews mit <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-durchschnittsfrau-gibt-es-nicht/">Prof. Birgit Derntl</a> zum weiblichen Gehirn oder <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/reizflut-kann-hirnstrukturen-veraendern/">Prof. Dr. Malek Bajbouj</a> zum Thema Reizflut.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Schwanger nach Schlaganfall: Worauf sollte man achten?   » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Gast</h2><div itemprop="text"> <div><figure><img alt="Prof. Dr. Annerose Mengel forscht zum Thema Schlaganfall." decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 683px) 100vw, 683px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Uni-Tuebingen_28.04.2025_467_Mengel_final-683x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Uni-Tuebingen_28.04.2025_467_Mengel_final-683x1024.jpg 683w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Uni-Tuebingen_28.04.2025_467_Mengel_final-200x300.jpg 200w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Uni-Tuebingen_28.04.2025_467_Mengel_final-768x1152.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Uni-Tuebingen_28.04.2025_467_Mengel_final-1024x1536.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Uni-Tuebingen_28.04.2025_467_Mengel_final-1365x2048.jpg 1365w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Uni-Tuebingen_28.04.2025_467_Mengel_final-scaled.jpg 1707w" width="683"></img></figure><p>3 Fragen an Prof. Dr. Annerose Mengel, Leiterin der Forschungsgruppe „Schlaganfallerholung und Outcome“ in der Abteilung „Neurologie mit Schwerpunkt neurovaskuläre Erkrankungen“ am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung in Tübingen, welches gemeinsam mit der Neurologischen Universitätsklinik das Hertie-Zentrum für Neurologie bildet.</p></div> <h3><strong>1. Wann ist eine Schwangerschaft nach einem Schlaganfall medizinisch vertretbar?</strong></h3> <p>Grundsätzlich sollte man nach einem Schlaganfall die Genesungsphase abwarten. Klassisch spricht man von etwa drei Monaten, aber wir wissen aus Studien, dass es eher 12 Monate dauert, bis man wirklich sagen kann: Das ist jetzt der stabile Zustand, mit dem die Patientin lebt. Deshalb empfehlen wir in der Regel, frühestens nach einem Jahr über eine Schwangerschaft nachzudenken. Körperlich bedeutet das: Die Rehabilitation sollte weitgehend abgeschlossen sein. Also motorische und sensible Defizite sollten sich bestmöglich gebessert haben, idealerweise durch konsequente Therapie wie Physio-, Ergo- und Logopädie. Auch die Psyche sollte man im Blick haben: Nach einem Schlaganfall treten bei bis zu 40 Prozent der Patientinnen und Patienten im ersten Jahr neuropsychiatrische Veränderungen auf – zum Beispiel Depressionen, Ängste oder Antriebsminderung. Das wird häufig übersehen. Gerade bei Kinderwunsch sollte man gezielt darauf achten und gegebenenfalls auch behandeln. Ein zentraler Punkt ist zudem, dass die Ursache des Schlaganfalls möglichst genau geklärt und – wenn möglich – behoben sein sollte. In dem Fall von Frau Schenk war es eine Hirnblutung, bei der vor einer Schwangerschaft wichtige Fragen zu klären sind: Ist das Risiko für eine erneute Blutung minimiert? Gab es zum Beispiel Gefäßveränderungen wie arteriovenöse Malformationen, also angeborene seltene Gefäßfehlbildungen? Bei ischämischen Schlaganfällen fragen wir uns: Liegt eine Gerinnungsstörung vor, die in der Schwangerschaft besonders relevant wäre und behandelt werden muss? Gibt es ein sogenanntes persistierendes Foramen ovale – ein kleines Loch in der Herzscheidewand, das sich eigentlich nach der Geburt schließen sollte? Solche Ursachen versuchen wir konsequent zu identifizieren und zu behandeln. Erst wenn die Patientin körperlich und psychisch stabil ist und die Ursache des Schlaganfalls bestmöglich geklärt und adressiert wurde, kann man verantwortungsvoll über eine Schwangerschaft nachdenken. Trotzdem bleibt es eine Risikoschwangerschaft, die eng begleitet werden sollte.</p> <h3><strong>2. Welche Risiken bestehen, und wie lassen sie sich minimieren? </strong></h3> <p>Eine Schwangerschaft bringt an sich ein erhöhtes Risiko für thrombembolische Ereignisse wie zum Beispiel Schlaganfälle mit sich. Das liegt vor allem an den hormonellen Veränderungen, die die Gerinnung beeinflussen. Schwangere haben dadurch ein erhöhtes Thromboserisiko. Das kann zum Beispiel dazu führen, dass sich venöse Thrombosen bilden, die – etwa bei einem persistierenden Foramen ovale – vom venösen in den arteriellen Kreislauf gelangen und einen Schlaganfall auslösen. Auch seltenere Ursachen wie eine Sinusvenenthrombose, also eine Thrombose in den hirneigenen Venen, treten in der Schwangerschaft häufiger auf.  Bei einer vorangegangenen Hirnblutung (hämorrhagischer Schlaganfall) – wie in dem Fall von Frau Schenk – spielt vor allem der Blutdruck eine entscheidende Rolle. In der Schwangerschaft kann es zu einem Schwangerschaftshypertonus kommen. Deshalb ist ein wichtiger Punkt zur Risikominimierung ein engmaschiges Monitoring mit konsequenter Kontrolle des Blutdrucks. Aber auch andere Faktoren wie der Blutzucker sollten regelmäßig überprüft werden, zum Beispiel im Hinblick auf einen Schwangerschaftsdiabetes. Kurz gesagt: Das Risiko lässt sich nicht komplett vermeiden, aber durch eine gute Vorbereitung und eine enge medizinische Begleitung während der Schwangerschaft deutlich reduzieren.</p> <h3><strong>3. Welche Faktoren beeinflussen die Genesung nach Schlaganfall? Was können Betroffene dazu beitragen – und welche Fortschritte gibt es in Therapie und Rehabilitation?  </strong></h3> <p>Die Genesung nach einem Schlaganfall hängt von mehreren Faktoren ab. Entscheidend sind vor allem die Lokalisation und die Schwere des Schlaganfalls sowie der Zustand der Patientin oder des Patienten vor dem Ereignis. Wer vorher körperlich fit war, hat in der Regel ein besseres Rehabilitationspotenzial. Auch spielt es eine Rolle, ob es bereits frühere Schlaganfälle oder Einschränkungen gab – dann ist die Erholung oft schwieriger. Was Betroffene selbst tun können, ist nicht zu unterschätzen. Eine möglichst positive Grundhaltung hilft, aktiv an der Rehabilitation teilzunehmen. Denn wir wissen: Konsequentes, multimodales Training ist zentral. Dazu gehören Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie – ergänzt durch eigenes Üben im Alltag. Das Ziel ist, das neuronale Netzwerke zu stärken, so dass Funktionen erneut übernommen werden können. In der Therapie gibt es zudem Fortschritte: Ein Beispiel ist die transkranielle Magnetstimulation (TMS). Dabei wird die elektrische Hirnaktivitäten gemessen und gezielt von außen mittels transkraniellem Magnetstimulus aktiviert, um neuronale Netzwerke zu unterstützen. Hier setzt auch die neue Studie BOSS STROKE des Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung unter der Leitung von Prof. Dr. Ulf Ziemann an. Ziel ist es, mithilfe der closed loop TMS eine neue Therapie für Schlaganfallpatientinnen und -patienten zu entwickeln, die sowohl die motorischen Funktionen verbessert als auch durch Spastik bedingte Einschränkungen reduziert. Gleichzeitig legt das HIH und unsere Arbeitsgruppe einen besonderen Schwerpunkt auf die Erforschung von genetischen Faktoren von Schlaganfällen sowie auf die Primärprävention, insbesondere bei jungen Patientinnen und Patienten.</p> <p>Die Fragen stellte Rena Beeg für die <a data-id="https://www.ghst.de/" data-type="link" href="https://www.ghst.de/" rel="noopener">Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>.<aside></aside></p> <p>Neugierig auf mehr? Dann lese die Interviews mit <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-durchschnittsfrau-gibt-es-nicht/">Prof. Birgit Derntl</a> zum weiblichen Gehirn oder <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/reizflut-kann-hirnstrukturen-veraendern/">Prof. Dr. Malek Bajbouj</a> zum Thema Reizflut.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/schwanger-nach-schlaganfall-worauf-sollte-man-achten/#respond 0 AstroGeo Podcast: Ein Blick ins Alien-Teleskop – gibt es Leben auf der Erde? https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-ein-blick-ins-alien-teleskop-gibt-es-leben-auf-der-erde/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-ein-blick-ins-alien-teleskop-gibt-es-leben-auf-der-erde/#comments Sun, 10 May 2026 04:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1885 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag137_q-768x768.jpg Das Foto zeigt die Erde, aufgenommen aus dem Weltraum. Erkennbar sind Kontinente, Wolken und der Ozean. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-ein-blick-ins-alien-teleskop-gibt-es-leben-auf-der-erde/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag137_q.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Ein Blick ins Alien-Teleskop - gibt es Leben auf der Erde? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag137-alien-teleskop.html" rel="noopener">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>Bislang wissen wir nur von einem Planeten in unserer Galaxie sicher, dass es dort Leben gibt: unsere eigene Erde, die seit Milliarden von Jahren von den unterschiedlichsten Lebewesen bewohnt wird. Von Einzellern, die Kohlenstoff statt Sauerstoff atmen, über Pflanzen die sich nicht vom Fleck rühren können bis hin zu neugierigen Menschen ist so Einiges dabei. Auf unserem Leben wimmelt es geradezu vor Leben.</p> <p>Ob das auf anderen Planeten außerhalb unseres Sonnensystems auch so ist, wissen wir nicht. Was wir auch nicht wissen: Wie könnte Leben dort überhaupt aussehen? Ähnlich wie auf der Erde, mit Einzellern, Pflanzen und Zweibeinern? Dann ist die grundlegende Frage, wie irdische Forscherinnen und Forscher nach etwas suchen können, von dem sie noch nicht einmal wissen, wie es aussieht und welche Spuren es hinterlässt.<aside></aside></p> <p>Was wäre, wenn sich genau diese Frage in diesem Moment ein solches außerirdisches Lebewesen auch stellen sollte? Mal angenommen, es gäbe sie, die Aliens – nicht unendlich weit weg, sondern irgendwo ums kosmische Eck in unserer Milchstraße. Vielleicht sind sie genauso neugierig wie wir. Vielleicht blicken auch sie in ihren Nachthimmel, stellen astronomische Beobachtungen an und finden tatsächlich einen Gesteinsplaneten, der als dritter Planet einen nicht besonders großen Stern umkreist – unsere Erde.</p> <p>In dieser Folge des AstroGeo-Podcasts dreht Franzi den Spieß bei der Suche nach außerirdischem Leben um: Wie könnten außerirdische Lebensformen herausfinden, dass die Erde ein bewohnter Planet ist? Zunächst müssten sie den Planeten überhaupt finden. Das irdische Leben hat seine Spuren hinterlassen, es gibt Biosignaturen und sogar Technosignaturen, die auf intelligentes Leben und einen gewissen technologischen Entwicklungsstand schließen lassen. Was also könnten Aliens überhaupt beobachten, um die folgende Frage zu beantworten: Gibt es Leben auf der Erde?</p> <h3>Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 43: <a href="https://astrogeo.de/es-sind-nie-aliens-oder/" rel="noopener">Es sind nie Aliens – oder?</a></li> <li>Folge 88: <a href="https://astrogeo.de/hyzean-planet-k2-18b-zwischen-leben-und-leere/" rel="noopener">Biosignatur auf Ozeanwelt K2-18 – lebt da was?</a></li> <li>Folge 96: <a href="https://astrogeo.de/spaeher-von-fernen-sternen-was-verbirgt-oumuamua/" rel="noopener">Späher von fernen Sternen: Was verbirgt Oumuamua?</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Exoplanet" rel="noopener">Exoplanet</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Transitmethode" rel="noopener">Transitmethode</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Biosignatur" rel="noopener">Biosignatur</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Search_for_Extraterrestrial_Intelligence" rel="noopener">SETI</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Technosignatur" rel="noopener">Technosignatur</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Arecibo-Botschaft" rel="noopener">Arecibo-Botschaft</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.3847/1538-3881/ada3c7" rel="noopener">Earth Detecting Earth: At What Distance Could Earth’s Constellation of Technosignatures Be Detected with Present-day Technology?</a> (2025)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://www.nature.com/articles/s41586-021-03596-y" rel="noopener">Past, present and future stars that can see Earth as a transiting exoplanet</a> (2021)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://arxiv.org/abs/1802.09367" rel="noopener">The Detectability of Earth’s Biosignatures Across Time</a> (2018)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: NASA</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag137_q.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Ein Blick ins Alien-Teleskop - gibt es Leben auf der Erde? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag137-alien-teleskop.html" rel="noopener">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>Bislang wissen wir nur von einem Planeten in unserer Galaxie sicher, dass es dort Leben gibt: unsere eigene Erde, die seit Milliarden von Jahren von den unterschiedlichsten Lebewesen bewohnt wird. Von Einzellern, die Kohlenstoff statt Sauerstoff atmen, über Pflanzen die sich nicht vom Fleck rühren können bis hin zu neugierigen Menschen ist so Einiges dabei. Auf unserem Leben wimmelt es geradezu vor Leben.</p> <p>Ob das auf anderen Planeten außerhalb unseres Sonnensystems auch so ist, wissen wir nicht. Was wir auch nicht wissen: Wie könnte Leben dort überhaupt aussehen? Ähnlich wie auf der Erde, mit Einzellern, Pflanzen und Zweibeinern? Dann ist die grundlegende Frage, wie irdische Forscherinnen und Forscher nach etwas suchen können, von dem sie noch nicht einmal wissen, wie es aussieht und welche Spuren es hinterlässt.<aside></aside></p> <p>Was wäre, wenn sich genau diese Frage in diesem Moment ein solches außerirdisches Lebewesen auch stellen sollte? Mal angenommen, es gäbe sie, die Aliens – nicht unendlich weit weg, sondern irgendwo ums kosmische Eck in unserer Milchstraße. Vielleicht sind sie genauso neugierig wie wir. Vielleicht blicken auch sie in ihren Nachthimmel, stellen astronomische Beobachtungen an und finden tatsächlich einen Gesteinsplaneten, der als dritter Planet einen nicht besonders großen Stern umkreist – unsere Erde.</p> <p>In dieser Folge des AstroGeo-Podcasts dreht Franzi den Spieß bei der Suche nach außerirdischem Leben um: Wie könnten außerirdische Lebensformen herausfinden, dass die Erde ein bewohnter Planet ist? Zunächst müssten sie den Planeten überhaupt finden. Das irdische Leben hat seine Spuren hinterlassen, es gibt Biosignaturen und sogar Technosignaturen, die auf intelligentes Leben und einen gewissen technologischen Entwicklungsstand schließen lassen. Was also könnten Aliens überhaupt beobachten, um die folgende Frage zu beantworten: Gibt es Leben auf der Erde?</p> <h3>Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 43: <a href="https://astrogeo.de/es-sind-nie-aliens-oder/" rel="noopener">Es sind nie Aliens – oder?</a></li> <li>Folge 88: <a href="https://astrogeo.de/hyzean-planet-k2-18b-zwischen-leben-und-leere/" rel="noopener">Biosignatur auf Ozeanwelt K2-18 – lebt da was?</a></li> <li>Folge 96: <a href="https://astrogeo.de/spaeher-von-fernen-sternen-was-verbirgt-oumuamua/" rel="noopener">Späher von fernen Sternen: Was verbirgt Oumuamua?</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Exoplanet" rel="noopener">Exoplanet</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Transitmethode" rel="noopener">Transitmethode</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Biosignatur" rel="noopener">Biosignatur</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Search_for_Extraterrestrial_Intelligence" rel="noopener">SETI</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Technosignatur" rel="noopener">Technosignatur</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Arecibo-Botschaft" rel="noopener">Arecibo-Botschaft</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.3847/1538-3881/ada3c7" rel="noopener">Earth Detecting Earth: At What Distance Could Earth’s Constellation of Technosignatures Be Detected with Present-day Technology?</a> (2025)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://www.nature.com/articles/s41586-021-03596-y" rel="noopener">Past, present and future stars that can see Earth as a transiting exoplanet</a> (2021)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://arxiv.org/abs/1802.09367" rel="noopener">The Detectability of Earth’s Biosignatures Across Time</a> (2018)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: NASA</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-ein-blick-ins-alien-teleskop-gibt-es-leben-auf-der-erde/#comments 1 Science: „Chaotische Walrettung schockiert Meeresbiologen“ https://scilogs.spektrum.de/meertext/science-chaotische-walrettung-schockiert-meeresbiologen/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/science-chaotische-walrettung-schockiert-meeresbiologen/#comments Fri, 08 May 2026 14:04:31 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1982 <h1>Science: „Chaotische Walrettung schockiert Meeresbiologen“ » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Der „Timmy“ genannte junge Buckelwal hatte sich vor 6 Wochen in die Ostsee verirrt und war dann bald ein auf Sandbänken gestrandet. Er kam mehrfach wieder drei, strandete erneut und die Rettungsversuche blieben ohne Erfolg. Darum wollten BiologInnen und Tierärzt:innen ihn in Ruhe sterben lassen, in Rücksprache mit internationalen Wal-Fachgesellschaften und Stranding Networks..<br></br>Aber dann kochte der Volkszorn, verstärkt von Social Media hoch und andere Personen übernahmen eine Rettungsmission.</p> <p>Gerade habe ich diesen <em>Science</em>-Beitrag „<strong><a href="https://www.science.org/content/article/chaotic-whale-rescue-shocks-marine-biologists?utm_campaign=Science&amp;utm_source=facebook&amp;utm_medium=ownedSocial&amp;fbclid=IwY2xjawRqsIRleHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHt752A7r48yZVl1-Moe7KpAve6iRSJqGhR8nISU3ENEvNuMyC-tlItpgHBLf_aem_zETJET-S3X3tkROynYVjQA" rel="noopener">Chaotic whale rescue shocks marine biologists</a></strong>“ vom 04.05.26 zum letzten Kapitel der Ostsee-Reise des jungen Buckelwals von Martin Enserink gefunden. Er ist gleichzeitig Zusammenfassung und Außensicht, was an Fakten bekannt ist und wer dabei welche Rolle spielte.</p> <p>Darum habe ich ihn mal übersetzt, mit Anmerkungen:<p>„Es wurde als Triumph präsentiert. Am Samstagmorgen wurde Timmy, der 12 Meter lange Buckelwal, der mehr als einen Monat lang vor der deutschen Ostseeküste gestrandet war, von einem mit Wasser gefüllten Lastkahn freigelassen, der ihn in die Freiheit im Skagerrak, der Meerenge zwischen Dänemark und Norwegen, transportiert hatte. Damit fand eine Rettungsaktion ihren Abschluss, die die Öffentlichkeit in Deutschland und auf der ganzen Welt in ihren Bann gezogen hatte. Ein Video zeigte Timmy, wie er Wasser aus seinem Blasloch spritzte (<em>Anmerkung Meertext: Nein, aus dem Blasloch kommt warme Atemluft, die in kalter Umgebung kondensiert. Mit Wasser in der Lunge wäre der Wal tot</em>), was eine deutsche Boulevardzeitung als spielerischen Abschied von seinen Rettern interpretierte (<em>Anmerkung Meertext: Klar. Wale atmen nur, wenn sie spielerisch gelaunt sind. Sonst halten sie die Luft an (genervtes Aufstöhnen)).</em></p></p> <p>Doch zwei Tage später ist unklar, ob Timmy – von manchen „Hope“ genannt – noch am Leben ist. Das privat finanzierte Rettungsteam ist inmitten erbitterter Schuldzuweisungen auseinandergebrochen, Versuche, den Wal aufzuspüren, scheinen gescheitert zu sein, und einige Wissenschaftler sagen, die Rettung habe das Tier traumatisiert. Ein Drohnenvideo <a href="https://www.youtube.com/watch?v=Gmj8YkgnIkY&amp;t=16s" rel="noopener">des Wals am Tag vor seiner Freilassung,</a> auf dem er sich windet und gegen die Seiten des Lastkahns schlägt, während die Crew offenbar versuchte, ihn herauszuziehen, hat Forscher schockiert (<em>Anmerkung Meertext: Wie der Wal sich möglichst weit weg vom Motorboot im hinteren Teil der Barge aufhält und immer wieder gegen die Metallwände knallt, sieht für mich nicht gut aus. Die Aktion mit den Seilen habe ich nicht scharf sehen können. Aber der Wal will aus eigenem Antrieb offenbar nicht die Barge verlassen.)</em> „Es ist sehr schwer anzusehen“, sagt der Ozeanograph Burkard Baschek, Direktor des Ozeanmuseums Deutschland. „Das Tier muss sehr gelitten haben.“ (<em>Anmerkung Meertext<a href="https://www.stern.de/panorama/weltgeschehen/freilassung-von--timmy---insider-nennt-details-zur-buckelwal-aktion-37381068.html" rel="noopener">: Jetzt ist ein angeblicher Augenzeuge aufgetaucht, der die Vorwürfe bestreitet:</a> Die Crew habe den Wal nicht mit Seilen rausgezogen, sondern den Boden der Barge abgesenkt und sie dann beschleunigt – also unter dem Wal weggezogen.)</em></p> <p>Deutsche Wissenschaftler hatten bereits vor über einem Monat gewarnt, dass Timmy (dessen Geschlecht nicht bekannt ist in schlechter Verfassung sei und die Rettungsaktion wahrscheinlich nicht überleben würde – und dass es wahrscheinlich erneut stranden würde, sollte es doch überleben (<em>Anmerkung Meertext: <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/der-buckelwal-in-der-ostsee-der-naechste-akt-des-wal-dramas/">Mehr dazu hier</a></em>). Das Expertengremium für Strandungen der Internationalen <a href="https://iwc.int/resources/news/iwc-strandings-expert-panel-statement-on-humpback-whale-baltic-sea-germany" rel="noopener">Walfangkommission (IWC) erklärte am 7. April,</a> dass „palliative Pflege“ – das Tier am Strand zu lassen, es aber nass zu halten und eine ruhige und friedliche Umgebung zu schaffen – „die einzig verantwortungsvolle, humane und pragmatische Reaktion“ sei. (<a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/update-buckelwal-strandung-in-der-wismar-bucht/"><em>Anmerkung Meertext: Weitere Statements mit dem gleichen Inhalt hatte ich hier vorgestellt</em>)</a>.<aside></aside></p> <p>Doch die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern, wo Timmy den größten Teil der letzten sechs Wochen verbrachte, genehmigte die Rettung, nachdem das Tier zu einer Mediensensation geworden war. „Man würde hoffen, dass deutsche Behörden den Rat der Wissenschaftler befolgen, aber sie haben ihn ignoriert“, sagt ein Meeresbiologe, der anonym bleiben möchte, weil er Konsequenzen befürchtet.<br></br>Nun fordern einige eine umfassende Untersuchung. „So etwas habe ich noch nie gesehen“, sagt Fabian Ritter, Meeresbiologe und Walforscher bei der Nichtregierungsorganisation M.E.E.R.</p> <p>Wal-Strandungen sind häufig und rätselhaft (<em>Anmerkung Meertext: Jein. Mittlerweile sind manche dieser Rätsel gelöst</em>). Ungewöhnliches Wetter oder schlechter Gesundheitszustand können dazu führen, dass Wale stranden (<em><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/der-buckelwal-in-der-ostsee-der-naechste-akt-des-wal-dramas/">Anmerkung Meertext: Wie es hier vermutlich zutrifft</a></em>), aber Wissenschaftler haben auch vermutet, dass Sonar (<em>Anmerkung Meertext: Für Bartenwale irrelevant, da sie kein Sonar haben</em>) oder magnetische Störungen durch Sonnenstürme (<em>Anmerkung Meertext: Blödsinn, da die Zeiten der Sonnenstürme nicht mit den Daten für z B Massenstrandungen von Pottwalen in der Nordsee zusammenpassen) </em>eine Rolle spielen könnten. Ob ein Rettungsversuch sinnvoll ist, hängt von Faktoren wie der Größe, dem Alter und dem Zustand des Wals ab, seinem Standort, der Dauer der Strandung, den logistischen Anforderungen und den Erfolgsaussichten.</p> <p>Timmy strandete erstmals am 23. März am Timmendorfer Strand – von dem sich auch sein Name ableitet – in der Nähe der Stadt Lübeck an der deutschen Ostseeküste. Trotz mehrerer Versuche, ihn bei Flut in tiefere Gewässer zu treiben, strandete Timmy jedes Mal erneut, so Baschek. Schließlich landete er auf einer Sandbank weiter östlich, in der Nähe der Insel Poel.</p> <p>Gestrandete Wale überleben selten länger als ein paar Tage; ihr schieres Gewicht zerquetscht ihre Organe. Timmy überlebte viel länger, zum Teil, weil er teilweise im Wasser lag (<em>Anmerkung Meertext: Ich frage mich, ob auch sein jugendliches geringes Gewicht dabei eine Rolle spielte. Er hatte ja bei weitem noch nicht das Gewicht eines erwachsenen Buckelwals.)</em>. Aber er war schwach und reagierte nicht, sagt Baschek, und entwickelte Hautläsionen, ein Anzeichen für eine „Süßwasser-Hautkrankheit“. (Die Ostsee ist nicht nur tückisch flach, sondern auch weniger salzig als das offene Meer.) Der Wal hatte zudem Seilstücke und Netzteile im Maul, die möglicherweise bis in seine Speiseröhre und seinen Magen reichten. Am 1. April kamen Wissenschaftler zu dem Schluss, dass es das Beste sei, das Tier friedlich sterben zu lassen – eine Empfehlung, der die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern zunächst zustimmte (<em>Der Direktor des Meeresmuseums ist selbst kein Wal-Experte, zitiert hier aber die Wal-Wissenschaftler des Meeresmuseums und von ITAW</em> <em>und spricht für sie</em>).</p> <p>Doch nach einem öffentlichen Aufschrei habe die Regierung „eine Kehrtwende um 180 Grad vollzogen“, so Ritter, und einer privaten Gruppe, die von zwei wohlhabenden Unternehmern finanziert wurde, erlaubt, eine Rettungsaktion durchzuführen. Till Backhaus, Landesminister für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Fischerei, sagte, er habe nach einem Besuch am Rettungsort <a href="https://iwc.int/resources/news/iwc-strandings-expert-panel-statement-on-humpback-whale-baltic-sea-germany" rel="noopener">eine „Verbindung“ zu Timmy gespürt,</a> und erklärte letzte Woche, er sei „kurz davor gewesen, ins Wasser zu springen, um dem Wal zu helfen, die letzten Meter zu überwinden“. Backhaus’ Partei, die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, liegt in Umfragen für die bevorstehenden Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern hinter der rechtsextremen Alternative für Deutschland zurück, bemerkt Ritter: „Ich glaube, er ist in den Wahlkampfmodus gewechselt.“ (<em>Anmerkung Meertext:</em> <em>Till Backhaus hatte übrigens für seinen Timmy-Besuch u a eine <a href="https://www.ostsee-zeitung.de/politik/regional/wal-minister-fehlt-bei-debatte-um-meeresschutz-chaos-bei-glasfaser-ausbau-in-rostock-stralsunds-ob-T2QS6CML4NCFRAN24F4JUMO27U.html" rel="noopener">Sitzung geschwänzt, bei der um den Schutz der Ostsee</a> und auch um die vom Aussterben bedrohten Ostsee-Scheinwale ging. Das zeigt deutlich, wieviel ihm am Walschutz gelegen ist),</em></p> <p>Etablierte Walforscher weigerten sich, an der Rettung teilzunehmen, sagt Baschek, der die Aktion als „Tierquälerei“ bezeichnet. Zu den zentralen Figuren der Aktion gehörten stattdessen <a href="https://www.focus.de/panorama/welt/von-millionaer-bis-afd-sympathisant-das-sind-die-walretter_da5c0beb-e6df-4319-9abd-39d322b8acaa.html" rel="noopener">Danny.Firstclass, ein deutscher Influencer und rechtsextremer Aktivist</a>, dessen richtiger Name Danny Hilse ist, sowie Sergio Bambarén Roggero, ein peruanischer Autor spiritueller Geschichten über den Ozean, der häufig als „Walflüsterer“ bezeichnet wird.</p> <p>Bald kam es zu Konflikten. Jenna Wallace, eine ehemalige Tierärztin im Miami Seaquarium, die sich Mitte April dem Team angeschlossen hatte, verließ es nach vier Tagen. In einem <a href="https://www.youtube.com/watch?v=2D22hv_bQH8" rel="noopener">deutschen Fernsehinterview behauptete sie, Hilse und Bambarén</a> hätten Timmys Leben gefährdet und dazu geführt, dass das Team eine wichtige Gelegenheit verpasst habe, mit dem Transport zu beginnen. Sie sagte, das Duo sei nur wegen „der Klicks, Likes und um dumme Bücher zu verkaufen“ dabei gewesen. (Hilse und Bambarén Roggero reagierten nicht auf Anfragen für einen Kommentar).</p> <p>Nachdem das Team einen speziellen Kanal gegraben hatte, durch den Timmy schwimmen konnte, gelang es ihm schließlich, das Tier auf das Lastschiff zu bringen, das letzte Woche in die tieferen Gewässer der Nordsee geschleppt wurde.</p> <p>Die letzten Tage der Aktion verliefen chaotisch. Drohnenaufnahmen vom Freitagabend zeigten Besatzungsmitglieder, die offenbar versuchten, Timmy mit einem an seiner Schwanzflosse befestigten Seil aus dem Lastschiff zu ziehen. Die Bilder entsetzten Experten; da die Schwanzflosse größtenteils aus Bindegewebe und Muskeln besteht und keine Knochen aufweist, könnte das Ziehen daran schwere Schäden verursachen. „Regel Nr. 1 bei einer Walrettung: Man zieht niemals, niemals, niemals einen Wal an seiner Schwanzflosse“, sagt Ritter. „Das zeigt wirklich, dass diese Leute nicht wussten, was sie taten.“</p> <p>Der Versuch am Freitag, Timmy aus dem Lastkahn zu befreien, scheint gescheitert zu sein, und Aufnahmen von der Freilassung am nächsten Morgen wurden nicht veröffentlicht. Eine der an der Mission beteiligten <a href="https://www.youtube.com/watch?v=1HxX-LxiPno" rel="noopener">Tierärztinnen, Kirsten Tönnies, sagte,</a> sie habe sich dem Tier während der Freilassung nicht nähern dürfen; in einem Interview kritisierte sie die Schiffsbesatzung scharf, die sie ihrer Aussage nach belogen und diejenigen an Bord „verraten“ habe, die versuchten, das Tier zu schützen.</p> <p>Auch die beiden wohlhabenden Geldgeber der Aktion haben sich von den Ereignissen distanziert und erklären, die Eigentümer und Betreiber der beiden an der Mission beteiligten Schiffe seien verantwortlich. „<a href="https://whalesanctuaryproject.org/wp-content/uploads/Statement-May-2-from-Karin-Walter-Mommert-DEU.pdf" rel="noopener">An Bord des Lastkahns wurde keine der zuvor</a> besprochenen, geplanten und uns mitgeteilten Maßnahmen … ergriffen, um den Wal vom Schiff zu befreien; auch die erforderliche Untersuchung durch unsere Tierärzte … wurde nicht zugelassen“, schrieben sie am Samstag in einem offenen Brief.</p> <p>Das IWC-Gremium hatte die Retter aufgefordert, Timmy einen Satellitensender anzubringen, um sein Schicksal zu verfolgen und aus der Aktion zu lernen. Das Team scheint dies getan zu haben, und Nachrichtenberichten zufolge sendete der Sender zunächst ein Signal aus. Doch offenbar ist er inzwischen verstummt. „Bedauerlicherweise haben wir nur sehr wenige Informationen“, sagt Ritter.</p> <p>Baschek sagt, es bestehe eine „große Wahrscheinlichkeit“, dass Timmy bereits gestorben ist und in 700 Metern Tiefe im Skagerrak liegt.“</p> <p><em>Eine Version dieses Artikels erschien in Science, Band 392, Ausgabe 6798.</em></p> <p>Online erschien der Beitrag <strong><a href="https://www.science.org/content/article/chaotic-whale-rescue-shocks-marine-biologists?utm_campaign=Science&amp;utm_source=facebook&amp;utm_medium=ownedSocial&amp;fbclid=IwY2xjawRqsIRleHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHt752A7r48yZVl1-Moe7KpAve6iRSJqGhR8nISU3ENEvNuMyC-tlItpgHBLf_aem_zETJET-S3X3tkROynYVjQA" rel="noopener">Chaotic whale rescue shocks marine biologists</a> </strong>am 04.05.2026</p> <p>Dieser Science-Beitrag zeigt das Chaos bei der versuchten Rückführung des Buckelwals gut auf. Das unprofessionelle Vorgehen ohne Dokumentation, ohne Zuständigkeiten, in dem offenbar jede/r machte, was er/ihr am ehesten passte, ist wirklich unglaublich. Ohne Dokumentation und Bildaufnahmen lässt sich das Ende des Meeressäugers nicht rekonstruieren, es bleibt bei wütenden gegenseitigen Schuldzuweisungen. Zur Diskussion um angebliche Daten des ominösen Senders empfehle ich diesen <a href="https://www.merkur.de/deutschland/sagt-nicht-die-wahrheit-wal-drama-geht-in-die-naechste-runde-peilsender-im-fokus-94292320.html" rel="noopener">Artikel, in dem sich BiologInnen und TierärztInnen</a>, die solche Sender nutzen dazu äußern.<br></br>Ihr Fazit:<br></br>– heute wird dafür kein Walfinne mehr angebohrt, sondern die Technik per Saugnapf befestigt<br></br>– ein GPS-Tracker kann keine Vitaldaten übermitteln<br></br>– der Sender ist ausgefallen – offenbar haben die „Walretter“ ihn nicht vorher auf Funktionsfähigkeit überprüft<br></br>– das bestätigt erneut die Unprofessionalität des Rettungsteams<p>Die hier zu Wort gekommen Wal-Experten wie Fabian Ritter und Peer Madsen schätze ich sehr, beide sind sehr erfahren mit Walen.</p></p> <p>Ich hatte ja auch bereits in Antworten auf Kommentare geschrieben, warum der Tod des Wals nach seinem Verschwinden in der Nordsee wahrscheinlich sehr wahrscheinlich war. Angebliche Sendersignale bewerte ich skeptisch, solange sie nicht ordentlich dokumentiert werden, z B durch einen Screenshot o ä.<br></br>Es tut mir von ganzem Herzen leid für diesen jungen Wal, der noch so viele Jahrzehnte vor sich gehabt hätte.<br></br>Und ich hoffe ebenfalls von ganzem Herzen, dass möglichst viele Menschen seinen tragischen Tod nun zum Anlaß nehmen, sich wirklich für Walschutz zu engagieren. Dieser Artenschutz gelingt nur durch den Schutz der Lebensräume der Wale: Also Meeresschutz und Klimaschutz!</p> <p>Dafür könnte man sein eigenes Verhalten hinterfragen und ändern und natürlich entsprechend wählen – schließlich stehen gerade Landtagswahlen vor der Tür.</p> <p>@RPGNo1 hatte mehrere gute Beiträge dazu verlinkt, <a href="https://www.geo.de/natur/tierwelt/drama-in-serie–timmy–ein-rettungsmaerchen—was-bleibt-vom-wal-trubel–37372280.html" rel="noopener">den GEO-Artikel finde ich</a> ausgezeichnet (<em>Danke dafür, @RPGNo1</em>). Darin ist auch noch einmal die politische Dimension zwischen dieser Tierrettung eines Individuums und den extremistischen Auswüchsen rund um den Wal beschrieben: <a href="https://www.focus.de/panorama/welt/von-millionaer-bis-afd-sympathisant-das-sind-die-walretter_da5c0beb-e6df-4319-9abd-39d322b8acaa.html" rel="noopener">Zumindest eine der Personen des Rettungsteams haben offenbar Nähe zur AfD</a>. <a href="https://www.geo.de/natur/tierwelt/drama-in-serie–timmy–ein-rettungsmaerchen—was-bleibt-vom-wal-trubel–37372280.html" rel="noopener">Dazu GEO: „<em>Ausgerechnet die AfD und Naturschutz?</em></a><em> Die Partei lehnt Klimaschutzmaßnahmen ab, hält an fossilen Brennstoffen fest, will Düngereinschränkungen lockern und auch Einschränkungen der Fischerei abschaffen. Wie passt das zusammen?“</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Science: „Chaotische Walrettung schockiert Meeresbiologen“ » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Der „Timmy“ genannte junge Buckelwal hatte sich vor 6 Wochen in die Ostsee verirrt und war dann bald ein auf Sandbänken gestrandet. Er kam mehrfach wieder drei, strandete erneut und die Rettungsversuche blieben ohne Erfolg. Darum wollten BiologInnen und Tierärzt:innen ihn in Ruhe sterben lassen, in Rücksprache mit internationalen Wal-Fachgesellschaften und Stranding Networks..<br></br>Aber dann kochte der Volkszorn, verstärkt von Social Media hoch und andere Personen übernahmen eine Rettungsmission.</p> <p>Gerade habe ich diesen <em>Science</em>-Beitrag „<strong><a href="https://www.science.org/content/article/chaotic-whale-rescue-shocks-marine-biologists?utm_campaign=Science&amp;utm_source=facebook&amp;utm_medium=ownedSocial&amp;fbclid=IwY2xjawRqsIRleHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHt752A7r48yZVl1-Moe7KpAve6iRSJqGhR8nISU3ENEvNuMyC-tlItpgHBLf_aem_zETJET-S3X3tkROynYVjQA" rel="noopener">Chaotic whale rescue shocks marine biologists</a></strong>“ vom 04.05.26 zum letzten Kapitel der Ostsee-Reise des jungen Buckelwals von Martin Enserink gefunden. Er ist gleichzeitig Zusammenfassung und Außensicht, was an Fakten bekannt ist und wer dabei welche Rolle spielte.</p> <p>Darum habe ich ihn mal übersetzt, mit Anmerkungen:<p>„Es wurde als Triumph präsentiert. Am Samstagmorgen wurde Timmy, der 12 Meter lange Buckelwal, der mehr als einen Monat lang vor der deutschen Ostseeküste gestrandet war, von einem mit Wasser gefüllten Lastkahn freigelassen, der ihn in die Freiheit im Skagerrak, der Meerenge zwischen Dänemark und Norwegen, transportiert hatte. Damit fand eine Rettungsaktion ihren Abschluss, die die Öffentlichkeit in Deutschland und auf der ganzen Welt in ihren Bann gezogen hatte. Ein Video zeigte Timmy, wie er Wasser aus seinem Blasloch spritzte (<em>Anmerkung Meertext: Nein, aus dem Blasloch kommt warme Atemluft, die in kalter Umgebung kondensiert. Mit Wasser in der Lunge wäre der Wal tot</em>), was eine deutsche Boulevardzeitung als spielerischen Abschied von seinen Rettern interpretierte (<em>Anmerkung Meertext: Klar. Wale atmen nur, wenn sie spielerisch gelaunt sind. Sonst halten sie die Luft an (genervtes Aufstöhnen)).</em></p></p> <p>Doch zwei Tage später ist unklar, ob Timmy – von manchen „Hope“ genannt – noch am Leben ist. Das privat finanzierte Rettungsteam ist inmitten erbitterter Schuldzuweisungen auseinandergebrochen, Versuche, den Wal aufzuspüren, scheinen gescheitert zu sein, und einige Wissenschaftler sagen, die Rettung habe das Tier traumatisiert. Ein Drohnenvideo <a href="https://www.youtube.com/watch?v=Gmj8YkgnIkY&amp;t=16s" rel="noopener">des Wals am Tag vor seiner Freilassung,</a> auf dem er sich windet und gegen die Seiten des Lastkahns schlägt, während die Crew offenbar versuchte, ihn herauszuziehen, hat Forscher schockiert (<em>Anmerkung Meertext: Wie der Wal sich möglichst weit weg vom Motorboot im hinteren Teil der Barge aufhält und immer wieder gegen die Metallwände knallt, sieht für mich nicht gut aus. Die Aktion mit den Seilen habe ich nicht scharf sehen können. Aber der Wal will aus eigenem Antrieb offenbar nicht die Barge verlassen.)</em> „Es ist sehr schwer anzusehen“, sagt der Ozeanograph Burkard Baschek, Direktor des Ozeanmuseums Deutschland. „Das Tier muss sehr gelitten haben.“ (<em>Anmerkung Meertext<a href="https://www.stern.de/panorama/weltgeschehen/freilassung-von--timmy---insider-nennt-details-zur-buckelwal-aktion-37381068.html" rel="noopener">: Jetzt ist ein angeblicher Augenzeuge aufgetaucht, der die Vorwürfe bestreitet:</a> Die Crew habe den Wal nicht mit Seilen rausgezogen, sondern den Boden der Barge abgesenkt und sie dann beschleunigt – also unter dem Wal weggezogen.)</em></p> <p>Deutsche Wissenschaftler hatten bereits vor über einem Monat gewarnt, dass Timmy (dessen Geschlecht nicht bekannt ist in schlechter Verfassung sei und die Rettungsaktion wahrscheinlich nicht überleben würde – und dass es wahrscheinlich erneut stranden würde, sollte es doch überleben (<em>Anmerkung Meertext: <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/der-buckelwal-in-der-ostsee-der-naechste-akt-des-wal-dramas/">Mehr dazu hier</a></em>). Das Expertengremium für Strandungen der Internationalen <a href="https://iwc.int/resources/news/iwc-strandings-expert-panel-statement-on-humpback-whale-baltic-sea-germany" rel="noopener">Walfangkommission (IWC) erklärte am 7. April,</a> dass „palliative Pflege“ – das Tier am Strand zu lassen, es aber nass zu halten und eine ruhige und friedliche Umgebung zu schaffen – „die einzig verantwortungsvolle, humane und pragmatische Reaktion“ sei. (<a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/update-buckelwal-strandung-in-der-wismar-bucht/"><em>Anmerkung Meertext: Weitere Statements mit dem gleichen Inhalt hatte ich hier vorgestellt</em>)</a>.<aside></aside></p> <p>Doch die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern, wo Timmy den größten Teil der letzten sechs Wochen verbrachte, genehmigte die Rettung, nachdem das Tier zu einer Mediensensation geworden war. „Man würde hoffen, dass deutsche Behörden den Rat der Wissenschaftler befolgen, aber sie haben ihn ignoriert“, sagt ein Meeresbiologe, der anonym bleiben möchte, weil er Konsequenzen befürchtet.<br></br>Nun fordern einige eine umfassende Untersuchung. „So etwas habe ich noch nie gesehen“, sagt Fabian Ritter, Meeresbiologe und Walforscher bei der Nichtregierungsorganisation M.E.E.R.</p> <p>Wal-Strandungen sind häufig und rätselhaft (<em>Anmerkung Meertext: Jein. Mittlerweile sind manche dieser Rätsel gelöst</em>). Ungewöhnliches Wetter oder schlechter Gesundheitszustand können dazu führen, dass Wale stranden (<em><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/der-buckelwal-in-der-ostsee-der-naechste-akt-des-wal-dramas/">Anmerkung Meertext: Wie es hier vermutlich zutrifft</a></em>), aber Wissenschaftler haben auch vermutet, dass Sonar (<em>Anmerkung Meertext: Für Bartenwale irrelevant, da sie kein Sonar haben</em>) oder magnetische Störungen durch Sonnenstürme (<em>Anmerkung Meertext: Blödsinn, da die Zeiten der Sonnenstürme nicht mit den Daten für z B Massenstrandungen von Pottwalen in der Nordsee zusammenpassen) </em>eine Rolle spielen könnten. Ob ein Rettungsversuch sinnvoll ist, hängt von Faktoren wie der Größe, dem Alter und dem Zustand des Wals ab, seinem Standort, der Dauer der Strandung, den logistischen Anforderungen und den Erfolgsaussichten.</p> <p>Timmy strandete erstmals am 23. März am Timmendorfer Strand – von dem sich auch sein Name ableitet – in der Nähe der Stadt Lübeck an der deutschen Ostseeküste. Trotz mehrerer Versuche, ihn bei Flut in tiefere Gewässer zu treiben, strandete Timmy jedes Mal erneut, so Baschek. Schließlich landete er auf einer Sandbank weiter östlich, in der Nähe der Insel Poel.</p> <p>Gestrandete Wale überleben selten länger als ein paar Tage; ihr schieres Gewicht zerquetscht ihre Organe. Timmy überlebte viel länger, zum Teil, weil er teilweise im Wasser lag (<em>Anmerkung Meertext: Ich frage mich, ob auch sein jugendliches geringes Gewicht dabei eine Rolle spielte. Er hatte ja bei weitem noch nicht das Gewicht eines erwachsenen Buckelwals.)</em>. Aber er war schwach und reagierte nicht, sagt Baschek, und entwickelte Hautläsionen, ein Anzeichen für eine „Süßwasser-Hautkrankheit“. (Die Ostsee ist nicht nur tückisch flach, sondern auch weniger salzig als das offene Meer.) Der Wal hatte zudem Seilstücke und Netzteile im Maul, die möglicherweise bis in seine Speiseröhre und seinen Magen reichten. Am 1. April kamen Wissenschaftler zu dem Schluss, dass es das Beste sei, das Tier friedlich sterben zu lassen – eine Empfehlung, der die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern zunächst zustimmte (<em>Der Direktor des Meeresmuseums ist selbst kein Wal-Experte, zitiert hier aber die Wal-Wissenschaftler des Meeresmuseums und von ITAW</em> <em>und spricht für sie</em>).</p> <p>Doch nach einem öffentlichen Aufschrei habe die Regierung „eine Kehrtwende um 180 Grad vollzogen“, so Ritter, und einer privaten Gruppe, die von zwei wohlhabenden Unternehmern finanziert wurde, erlaubt, eine Rettungsaktion durchzuführen. Till Backhaus, Landesminister für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Fischerei, sagte, er habe nach einem Besuch am Rettungsort <a href="https://iwc.int/resources/news/iwc-strandings-expert-panel-statement-on-humpback-whale-baltic-sea-germany" rel="noopener">eine „Verbindung“ zu Timmy gespürt,</a> und erklärte letzte Woche, er sei „kurz davor gewesen, ins Wasser zu springen, um dem Wal zu helfen, die letzten Meter zu überwinden“. Backhaus’ Partei, die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, liegt in Umfragen für die bevorstehenden Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern hinter der rechtsextremen Alternative für Deutschland zurück, bemerkt Ritter: „Ich glaube, er ist in den Wahlkampfmodus gewechselt.“ (<em>Anmerkung Meertext:</em> <em>Till Backhaus hatte übrigens für seinen Timmy-Besuch u a eine <a href="https://www.ostsee-zeitung.de/politik/regional/wal-minister-fehlt-bei-debatte-um-meeresschutz-chaos-bei-glasfaser-ausbau-in-rostock-stralsunds-ob-T2QS6CML4NCFRAN24F4JUMO27U.html" rel="noopener">Sitzung geschwänzt, bei der um den Schutz der Ostsee</a> und auch um die vom Aussterben bedrohten Ostsee-Scheinwale ging. Das zeigt deutlich, wieviel ihm am Walschutz gelegen ist),</em></p> <p>Etablierte Walforscher weigerten sich, an der Rettung teilzunehmen, sagt Baschek, der die Aktion als „Tierquälerei“ bezeichnet. Zu den zentralen Figuren der Aktion gehörten stattdessen <a href="https://www.focus.de/panorama/welt/von-millionaer-bis-afd-sympathisant-das-sind-die-walretter_da5c0beb-e6df-4319-9abd-39d322b8acaa.html" rel="noopener">Danny.Firstclass, ein deutscher Influencer und rechtsextremer Aktivist</a>, dessen richtiger Name Danny Hilse ist, sowie Sergio Bambarén Roggero, ein peruanischer Autor spiritueller Geschichten über den Ozean, der häufig als „Walflüsterer“ bezeichnet wird.</p> <p>Bald kam es zu Konflikten. Jenna Wallace, eine ehemalige Tierärztin im Miami Seaquarium, die sich Mitte April dem Team angeschlossen hatte, verließ es nach vier Tagen. In einem <a href="https://www.youtube.com/watch?v=2D22hv_bQH8" rel="noopener">deutschen Fernsehinterview behauptete sie, Hilse und Bambarén</a> hätten Timmys Leben gefährdet und dazu geführt, dass das Team eine wichtige Gelegenheit verpasst habe, mit dem Transport zu beginnen. Sie sagte, das Duo sei nur wegen „der Klicks, Likes und um dumme Bücher zu verkaufen“ dabei gewesen. (Hilse und Bambarén Roggero reagierten nicht auf Anfragen für einen Kommentar).</p> <p>Nachdem das Team einen speziellen Kanal gegraben hatte, durch den Timmy schwimmen konnte, gelang es ihm schließlich, das Tier auf das Lastschiff zu bringen, das letzte Woche in die tieferen Gewässer der Nordsee geschleppt wurde.</p> <p>Die letzten Tage der Aktion verliefen chaotisch. Drohnenaufnahmen vom Freitagabend zeigten Besatzungsmitglieder, die offenbar versuchten, Timmy mit einem an seiner Schwanzflosse befestigten Seil aus dem Lastschiff zu ziehen. Die Bilder entsetzten Experten; da die Schwanzflosse größtenteils aus Bindegewebe und Muskeln besteht und keine Knochen aufweist, könnte das Ziehen daran schwere Schäden verursachen. „Regel Nr. 1 bei einer Walrettung: Man zieht niemals, niemals, niemals einen Wal an seiner Schwanzflosse“, sagt Ritter. „Das zeigt wirklich, dass diese Leute nicht wussten, was sie taten.“</p> <p>Der Versuch am Freitag, Timmy aus dem Lastkahn zu befreien, scheint gescheitert zu sein, und Aufnahmen von der Freilassung am nächsten Morgen wurden nicht veröffentlicht. Eine der an der Mission beteiligten <a href="https://www.youtube.com/watch?v=1HxX-LxiPno" rel="noopener">Tierärztinnen, Kirsten Tönnies, sagte,</a> sie habe sich dem Tier während der Freilassung nicht nähern dürfen; in einem Interview kritisierte sie die Schiffsbesatzung scharf, die sie ihrer Aussage nach belogen und diejenigen an Bord „verraten“ habe, die versuchten, das Tier zu schützen.</p> <p>Auch die beiden wohlhabenden Geldgeber der Aktion haben sich von den Ereignissen distanziert und erklären, die Eigentümer und Betreiber der beiden an der Mission beteiligten Schiffe seien verantwortlich. „<a href="https://whalesanctuaryproject.org/wp-content/uploads/Statement-May-2-from-Karin-Walter-Mommert-DEU.pdf" rel="noopener">An Bord des Lastkahns wurde keine der zuvor</a> besprochenen, geplanten und uns mitgeteilten Maßnahmen … ergriffen, um den Wal vom Schiff zu befreien; auch die erforderliche Untersuchung durch unsere Tierärzte … wurde nicht zugelassen“, schrieben sie am Samstag in einem offenen Brief.</p> <p>Das IWC-Gremium hatte die Retter aufgefordert, Timmy einen Satellitensender anzubringen, um sein Schicksal zu verfolgen und aus der Aktion zu lernen. Das Team scheint dies getan zu haben, und Nachrichtenberichten zufolge sendete der Sender zunächst ein Signal aus. Doch offenbar ist er inzwischen verstummt. „Bedauerlicherweise haben wir nur sehr wenige Informationen“, sagt Ritter.</p> <p>Baschek sagt, es bestehe eine „große Wahrscheinlichkeit“, dass Timmy bereits gestorben ist und in 700 Metern Tiefe im Skagerrak liegt.“</p> <p><em>Eine Version dieses Artikels erschien in Science, Band 392, Ausgabe 6798.</em></p> <p>Online erschien der Beitrag <strong><a href="https://www.science.org/content/article/chaotic-whale-rescue-shocks-marine-biologists?utm_campaign=Science&amp;utm_source=facebook&amp;utm_medium=ownedSocial&amp;fbclid=IwY2xjawRqsIRleHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHt752A7r48yZVl1-Moe7KpAve6iRSJqGhR8nISU3ENEvNuMyC-tlItpgHBLf_aem_zETJET-S3X3tkROynYVjQA" rel="noopener">Chaotic whale rescue shocks marine biologists</a> </strong>am 04.05.2026</p> <p>Dieser Science-Beitrag zeigt das Chaos bei der versuchten Rückführung des Buckelwals gut auf. Das unprofessionelle Vorgehen ohne Dokumentation, ohne Zuständigkeiten, in dem offenbar jede/r machte, was er/ihr am ehesten passte, ist wirklich unglaublich. Ohne Dokumentation und Bildaufnahmen lässt sich das Ende des Meeressäugers nicht rekonstruieren, es bleibt bei wütenden gegenseitigen Schuldzuweisungen. Zur Diskussion um angebliche Daten des ominösen Senders empfehle ich diesen <a href="https://www.merkur.de/deutschland/sagt-nicht-die-wahrheit-wal-drama-geht-in-die-naechste-runde-peilsender-im-fokus-94292320.html" rel="noopener">Artikel, in dem sich BiologInnen und TierärztInnen</a>, die solche Sender nutzen dazu äußern.<br></br>Ihr Fazit:<br></br>– heute wird dafür kein Walfinne mehr angebohrt, sondern die Technik per Saugnapf befestigt<br></br>– ein GPS-Tracker kann keine Vitaldaten übermitteln<br></br>– der Sender ist ausgefallen – offenbar haben die „Walretter“ ihn nicht vorher auf Funktionsfähigkeit überprüft<br></br>– das bestätigt erneut die Unprofessionalität des Rettungsteams<p>Die hier zu Wort gekommen Wal-Experten wie Fabian Ritter und Peer Madsen schätze ich sehr, beide sind sehr erfahren mit Walen.</p></p> <p>Ich hatte ja auch bereits in Antworten auf Kommentare geschrieben, warum der Tod des Wals nach seinem Verschwinden in der Nordsee wahrscheinlich sehr wahrscheinlich war. Angebliche Sendersignale bewerte ich skeptisch, solange sie nicht ordentlich dokumentiert werden, z B durch einen Screenshot o ä.<br></br>Es tut mir von ganzem Herzen leid für diesen jungen Wal, der noch so viele Jahrzehnte vor sich gehabt hätte.<br></br>Und ich hoffe ebenfalls von ganzem Herzen, dass möglichst viele Menschen seinen tragischen Tod nun zum Anlaß nehmen, sich wirklich für Walschutz zu engagieren. Dieser Artenschutz gelingt nur durch den Schutz der Lebensräume der Wale: Also Meeresschutz und Klimaschutz!</p> <p>Dafür könnte man sein eigenes Verhalten hinterfragen und ändern und natürlich entsprechend wählen – schließlich stehen gerade Landtagswahlen vor der Tür.</p> <p>@RPGNo1 hatte mehrere gute Beiträge dazu verlinkt, <a href="https://www.geo.de/natur/tierwelt/drama-in-serie–timmy–ein-rettungsmaerchen—was-bleibt-vom-wal-trubel–37372280.html" rel="noopener">den GEO-Artikel finde ich</a> ausgezeichnet (<em>Danke dafür, @RPGNo1</em>). Darin ist auch noch einmal die politische Dimension zwischen dieser Tierrettung eines Individuums und den extremistischen Auswüchsen rund um den Wal beschrieben: <a href="https://www.focus.de/panorama/welt/von-millionaer-bis-afd-sympathisant-das-sind-die-walretter_da5c0beb-e6df-4319-9abd-39d322b8acaa.html" rel="noopener">Zumindest eine der Personen des Rettungsteams haben offenbar Nähe zur AfD</a>. <a href="https://www.geo.de/natur/tierwelt/drama-in-serie–timmy–ein-rettungsmaerchen—was-bleibt-vom-wal-trubel–37372280.html" rel="noopener">Dazu GEO: „<em>Ausgerechnet die AfD und Naturschutz?</em></a><em> Die Partei lehnt Klimaschutzmaßnahmen ab, hält an fossilen Brennstoffen fest, will Düngereinschränkungen lockern und auch Einschränkungen der Fischerei abschaffen. Wie passt das zusammen?“</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/science-chaotische-walrettung-schockiert-meeresbiologen/#comments 33 Dialog statt Lautstärke, Vielfalt statt Blase – Gedanken zum Abschied von MP Winfried Kretschmann https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dialog-statt-lautstaerke-vielfalt-statt-blase-gedanken-zum-abschied-von-mp-winfried-kretschmann/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dialog-statt-lautstaerke-vielfalt-statt-blase-gedanken-zum-abschied-von-mp-winfried-kretschmann/#comments Thu, 07 May 2026 16:48:34 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11262 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KretschmannIRGWuerttembergBadenBlume0226-768x414.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dialog-statt-lautstaerke-vielfalt-statt-blase-gedanken-zum-abschied-von-mp-winfried-kretschmann/</link> </image> <description type="html"><h1>Dialog statt Lautstärke, Vielfalt statt Blase - Gedanken zum Abschied von MP Winfried Kretschmann » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Wenn Sie diese Zeilen lesen, werden <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/kartenliebe-das-scheitern-digitaler-rechtsmimesis-am-beispiel-grossbritannien/" rel="noopener" target="_blank">die Wahlergebnisse aus Großbritannien wahrscheinlich bereits vorliegen – und auch nach meiner Erwartung ein weiteres Desaster sowohl für die einst konservative Tory-Partei wie auch für die einst progressive Labour</a> anzeigen.</p> <p>Die beiden Gründe für meine skeptische Erwartung kennen Lesende von „Natur des Glaubens“ längst: <strong>Rechtsmimesis</strong> und <strong>Parteiblasen</strong>.</p> <p><strong>Mimesis</strong> bedeutet, dass wir Menschen durch Medienwelten bis in unsere Gefühle hinein geprägt werden – <em>„Wer wirbt, wirkt!“</em> heißt es daher auch in der Werbung. Der Versuch, den medialen Rechtsruck in Demokratien aufzuhalten, indem dieser kopiert wird – also die <strong>Rechtsmimesis</strong> – ist daher nach meiner Einschätzung immer und ausnahmslos zum Scheitern verurteilt. Ich gehe so weit zu behaupten, dass nur jene demokratischen Parteien quer durch ganz Europa die digitale KI-Umwälzung überleben werden, die zeitnah ihre inhaltliche und personelle Mitte wiederfinden.</p> <p><a href="https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2025/10-2025/medien-und-mimesis-journalismus-in-zeiten-digitaler-aufmerksamkeitsoekonomie/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Schaubild zu &quot;Medien &amp; Mimesis: Die Macht der medialen Nachahmung&quot; von Dr. Michael Blume. Es zeigt, dass Menschen nicht nur äußerliche Verhaltensweise, sondern auch Ziele nachahmen und also durch immer mehr Medien beeinflusst werden können. Als Lösung werden Menschenwürde, ein bewusst &quot;wertschätzende Mimesis der Mitte&quot; und medienethische Verantwortung vorgeschlagen." decoding="async" height="1429" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>In <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/ki-bildung-science-fiction-bildungsneid-rede-zur-psychologie-der-mimesis/">diesem Schaubild für ein KIT-Seminar in Medienethik versuchte ich darzustellen, dass <strong>jedes neue Medium</strong> von der Schrift über das Radio bis zur KI <strong>die Medialisierung und also Mimesis</strong> verstärkt</a>: Wir Menschen verbringen durchschnittlich immer mehr Zeit in medialen Räumen und werden dadurch psychologisch und auch emotional geprägt. Grafik: Michael Blume mit NotebookLM</em><aside></aside></p> <p><strong>Parteiblasen</strong> beschreibt wiederum die politische Ausprägung der medialen <strong>Zerblasung</strong>: Umso stärker sich Menschen (wie auch ich es seit Jahrzehnten tue) in demokratischen Parteien engagieren, umso mehr bestärken sie sich medial und vor allem digital gegenseitig. Hinzu kommen <a href="https://tube.funfacts.de/w/76Pi4WVxmMdaw1gZoBmANR" rel="noopener">gezielte, von Reichen finanzierte Medien und Spaltungskampagnen wie sie <strong>Oliver Kalkofe</strong> bei <strong><em>Fun Facts</em></strong> thematisierte</a>.</p> <p>Das Ergebnis ist eine oft verstärkte Blasenbildung, eine wachsende Distanz zu anderen Lebenswelten (auch der Wählerinnen und Wähler) und eine sinkende Kompromissbereitschaft zu Demokratinnen und Demokraten anderer Parteien. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/parteien-die-keine-regierungen-mehr-bilden-hat-das-demokratieversagen-durch-neue-medien-nun-auch-deutschland-erreicht/">Erstmals warnte ich als Politikwissenschaftler davor 2017 und sehe inzwischen europa- und weltweit auf Ebene der Nationalstaaten immer weniger stabile Koalitionsregierungen</a>.</p> <p>Beide <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-51-arbeit-demografie-und-deindustrialisierung-am-beispiel-japan/">Effekte werden übrigens durch <strong>die Demografie</strong> verstärkt</a>: In Gesellschaften mit immer weniger jungen Menschen werden sich die meisten Medien und Parteien immer stärker auf die Ängste und Sorgen der älteren Generationen (etwa gegenüber Migration oder Altersarmut) einlassen und dagegen die Themen der jüngeren Generationen (wie die Klimakrise oder die Überforderungen junger Familien) zurückstellen. Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-deep-state-verschwoerungsmythos-fossilismus-und-verfassungskrise-in-suedkorea/">demografische Traditionalismusfalle und Verfassungskrise in <strong>Südkorea</strong></a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-51-arbeit-demografie-und-deindustrialisierung-am-beispiel-japan/">die Fremdenangst bei einem Ausländeranteil von etwa drei Prozent in <strong>Japan</strong></a> wurden hier bereits vorgestellt und auch mit Kommentierenden diskutiert.</p> <p><strong>Erfahrungen in und Hoffnungen für Baden-Württemberg</strong></p> <p>In dieser Woche hatte ich die große Ehre, mich beim vierten Ministerpräsidenten persönlich verabschieden zu dürfen, für den ich arbeiten durfte: Nach <strong>Erwin Teufel</strong>, <strong>Günther Oettinger</strong> und <strong>Stefan Mappus (alle CDU)</strong> war dies <strong>Winfried Kretschmann (Grüne)</strong>, der fünfzehn Jahre lang in Koalitionen je mit der SPD und CDU regierte. Auch seine Ehefrau <strong>Gerlinde Kretschmann</strong> und viele seiner engen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter habe ich über die Jahre auch menschlich kennen und schätzen gelernt. Nach meiner Lebens- und Berufserfahrung gibt es engagierte und vertrauenswürdige Menschen quer durch alle Milieus und demokratischen Parteien – und wer alle Andersdenkenden für dumm und böse hält oder Parteipolitik über die Verfassungen von Bund und Ländern stellt, hat weder die Menschen noch die Demokratie verstanden.</p> <p>Und wenn ich auch nicht zu denen gehörte, die ihre (CDU-)Parteimitgliedschaft oder ihre thematischen Einschätzungen der Karriere wegen verleugnen, so darf ich doch sagen, dass die Zusammenarbeit auch mit <strong>MP Kretschmann</strong> von gegenseitigem Vertrauen, Loyalität und Respekt geprägt war. Dazu trug auch das gute Verhältnis zum Vize-MP und Innenminister <strong>Thomas Strobl (CDU)</strong> bei, der ebenfalls großen Wert darauf legte, Landespolitik vor Parteipolitik zu stellen und dessen Abschiedsrede zugunsten des MP auch weithin gewürdigt wurde.</p> <p><a href="https://www.baden-wuerttemberg.de/de/service/alle-meldungen/meldung/pid/kretschmann-trifft-vorstaende-der-juedischen-gemeinschaften" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die Vorstände der Israelitischen Religionsgemeinschaften Baden und Württemberg beim Abschiedstreffen mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann und dem Beauftragten Dr. Michael Blume im Staatsministerium Baden-Württemberg, Februar 2026" decoding="async" height="544" sizes="(max-width: 1010px) 100vw, 1010px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KretschmannIRGWuerttembergBadenBlume0226.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KretschmannIRGWuerttembergBadenBlume0226.jpg 1010w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KretschmannIRGWuerttembergBadenBlume0226-300x162.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KretschmannIRGWuerttembergBadenBlume0226-768x414.jpg 768w" width="1010"></img></a></p> <p><em>Durchaus <a href="https://www.baden-wuerttemberg.de/de/service/alle-meldungen/meldung/pid/kretschmann-trifft-vorstaende-der-juedischen-gemeinschaften" rel="noopener">wehmütiger Abschied nach fünfzehn Jahren mit Ministerpräsident Kretschmann und den Israelitischen Religionsgemeinschaften Baden und Württemberg, Februar 2026. Foto: Staatsministerium BW</a></em></p> <p>Demokratisch wurde ich daher auch gebeten, für <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Empathie-als-Sprache-der-Naechstenliebe-Michael-Blume2026.pdf">einen Sammelband zu Ehren des MP einen Rückblick auf den bisher anspruchsvollsten Auftrag meines Lebens zu verfassen</a>: auf <strong>die Leitung des Sonderkontingentes für 1.100 besonders schutzbedürftige Frauen und Kinder aus Kurdistan-Irak</strong>.</p> <p>Darin beschrieb ich auch die beiden einzigen Mittel, die ich gegen den Zerfall von Demokratien durch Rechtsmimesis und Parteiblasen sehe: Die <strong>Menschenwürde-Mimesis</strong> und <strong>den Dialog in echter Vielfalt</strong>.</p> <p>Mit <strong>Menschenwürde-Mimesis</strong> ist gemeint, dass wir alle – und gerade auch unsere gewählten Spitzen – empathisch darauf achten, die Würde auch ärmerer, zugewanderter, weiblicher, queerer, anders- und nichtglaubender Menschen zu wahren. Worte und Gesten sind politische Taten und wer Menschengruppen durch unsensible oder gar feindselige Sprache ausgrenzt, beschimpft oder gar abwertet, befeuert nach meiner Einschätzung die demokratische Zerblasung.</p> <p>Das Menschenbild bestimmt die Wahrnehmung vom Stadtbild.</p> <p>Und wer heute vor Bankern spricht, spricht nicht mehr nur vor Bankern und was vor Schülerinnen und Schülern außenpolitisch gesagt wird, kann weltweite Auswirkungen haben. Auch werden ganze Interviews zunehmend auf einzelne, zur Empörung einladende Sätze reduziert.</p> <p>(Wer hier Entsprechungen zur bundesdeutschen Gegenwart findet – ja, genau.)</p> <p>Den <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dialog-oder-dualismus-die-wahrheitsfrage-als-charaktertest-und-schicksalsfrage/"><strong>Dialog in echter Vielfalt</strong> – an den ich sowohl demokratisch-zivilreligiös wie auch biblisch-religiös und philosophisch glaube</a> – <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Empathie-als-Sprache-der-Naechstenliebe-Michael-Blume2026.pdf">beschrieb ich als existentielle Erfahrung so</a>:</p> <p><em>„Es ist die zentrale Lehre, die sich mir aus diesen Monaten ergab: In Zeiten der Beschleunigung und Krise brauchst Du besonders vielfältige Teams, weil niemand mehr das ganze Bild sehen kann.</em></p> <p><em>Du brauchst Leute, die ganz anders sind als Du selbst und Dir so vertrauen, dass sie Dir loyal und deutlich widersprechen. Nur so sind Entscheidungen möglich, die jeden Einzelnen überfordern würden.</em></p> <p><em>Vielleicht erleben Sie es ja auch so: Die entscheidenden Gespräche in jedem Leben sind leise. Denn es kommt auf das gegenseitige Zuhören an.“</em></p> <p>Hier sehe ich auch die Stärke vielfältiger Parlamente – zumindest in Zeiten von Zeitung und Radio. Schon <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/">die Fernsehdemokratie stärkte Parteivorsitzende gegenüber dem Grundgesetz</a> und <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/die-desinformierer/" rel="noopener">die Konzern-betriebene Digitalisierung stellt unser Demokratiemodell durch massive Desinformation grundsätzlich in Frage</a>.</p> <p><em><strong>Und genau das ist auch der Grund, warum ich bereits vor Jahren Facebook, Instagram und X verlassen habe und mich stattdessen im Fediversum wohl fühle, hier dialogisch blogge, auf Mastodon das morgendliche „Tässle Kaffee“ reiche.</strong></em> <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/warum-ich-facebook-und-instagram-verlasse-gedanken-zur-medienethik/">Algorithmische Konzernmedien gefährden aufgrund der Mimesis nicht nur unsere Gesellschaften, sondern auch unsere je individuelle Psyche.</a> Wer täglich Hass und Hetze in die Timelines gespült bekommt, wird dadurch mimetisch verändert. Wir sind dort keine Kundschaft, wir sind das Produkt!</p> <p>Und so freue ich mich darüber, dass der durch Teams um <strong>Cem Özdemir (Grüne)</strong> und <strong>Manuel Hagel (CDU)</strong> erfolgreich verhandelte Koalitionsvertrag von 2026 mit den ebenso drastischen wie leider wahren Sätzen eröffnet:</p> <p><em>„Unser Land steht vor der größten Herausforderung seit seiner Gründung. Die Welt herum verändert sich schneller und tiefgreifender, als viele es vor wenigen Jahren für möglich gehalten hätten.“</em></p> <p>Ich meine, dass die Einschätzung stimmt. Deswegen habe ich mich bewusst dafür entschieden, die Einladungen sowohl zur Konstituierung des neuen Landtags am 12. Mai 2026 wie auch zur Wahl des neuen Ministerpräsidenten am 13. Mai 2026 in das Hohe Haus unseres Landes anzunehmen. Die parlamentarischen Demokratien sind weltweit unter Druck, die Verantwortung von gewählten Abgeordneten ist größer denn je. Wer sie annimmt, verdient unser aller ehrliche Unterstützung. Meine, glaube und hoffe ich.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/_wLqJrU3uow?feature=oembed&amp;rel=0" title="Die wichtigste Rede meines Lebens - Michael Blume am 9 November 2023 im Landtag Baden-Württemberg" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Dialog statt Lautstärke, Vielfalt statt Blase - Gedanken zum Abschied von MP Winfried Kretschmann » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Wenn Sie diese Zeilen lesen, werden <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/kartenliebe-das-scheitern-digitaler-rechtsmimesis-am-beispiel-grossbritannien/" rel="noopener" target="_blank">die Wahlergebnisse aus Großbritannien wahrscheinlich bereits vorliegen – und auch nach meiner Erwartung ein weiteres Desaster sowohl für die einst konservative Tory-Partei wie auch für die einst progressive Labour</a> anzeigen.</p> <p>Die beiden Gründe für meine skeptische Erwartung kennen Lesende von „Natur des Glaubens“ längst: <strong>Rechtsmimesis</strong> und <strong>Parteiblasen</strong>.</p> <p><strong>Mimesis</strong> bedeutet, dass wir Menschen durch Medienwelten bis in unsere Gefühle hinein geprägt werden – <em>„Wer wirbt, wirkt!“</em> heißt es daher auch in der Werbung. Der Versuch, den medialen Rechtsruck in Demokratien aufzuhalten, indem dieser kopiert wird – also die <strong>Rechtsmimesis</strong> – ist daher nach meiner Einschätzung immer und ausnahmslos zum Scheitern verurteilt. Ich gehe so weit zu behaupten, dass nur jene demokratischen Parteien quer durch ganz Europa die digitale KI-Umwälzung überleben werden, die zeitnah ihre inhaltliche und personelle Mitte wiederfinden.</p> <p><a href="https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2025/10-2025/medien-und-mimesis-journalismus-in-zeiten-digitaler-aufmerksamkeitsoekonomie/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Schaubild zu &quot;Medien &amp; Mimesis: Die Macht der medialen Nachahmung&quot; von Dr. Michael Blume. Es zeigt, dass Menschen nicht nur äußerliche Verhaltensweise, sondern auch Ziele nachahmen und also durch immer mehr Medien beeinflusst werden können. Als Lösung werden Menschenwürde, ein bewusst &quot;wertschätzende Mimesis der Mitte&quot; und medienethische Verantwortung vorgeschlagen." decoding="async" height="1429" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-300x167.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-1024x572.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-768x429.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-1536x857.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MedienMimesisMichaelBlumeKITMedienethik2026-2048x1143.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>In <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/ki-bildung-science-fiction-bildungsneid-rede-zur-psychologie-der-mimesis/">diesem Schaubild für ein KIT-Seminar in Medienethik versuchte ich darzustellen, dass <strong>jedes neue Medium</strong> von der Schrift über das Radio bis zur KI <strong>die Medialisierung und also Mimesis</strong> verstärkt</a>: Wir Menschen verbringen durchschnittlich immer mehr Zeit in medialen Räumen und werden dadurch psychologisch und auch emotional geprägt. Grafik: Michael Blume mit NotebookLM</em><aside></aside></p> <p><strong>Parteiblasen</strong> beschreibt wiederum die politische Ausprägung der medialen <strong>Zerblasung</strong>: Umso stärker sich Menschen (wie auch ich es seit Jahrzehnten tue) in demokratischen Parteien engagieren, umso mehr bestärken sie sich medial und vor allem digital gegenseitig. Hinzu kommen <a href="https://tube.funfacts.de/w/76Pi4WVxmMdaw1gZoBmANR" rel="noopener">gezielte, von Reichen finanzierte Medien und Spaltungskampagnen wie sie <strong>Oliver Kalkofe</strong> bei <strong><em>Fun Facts</em></strong> thematisierte</a>.</p> <p>Das Ergebnis ist eine oft verstärkte Blasenbildung, eine wachsende Distanz zu anderen Lebenswelten (auch der Wählerinnen und Wähler) und eine sinkende Kompromissbereitschaft zu Demokratinnen und Demokraten anderer Parteien. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/parteien-die-keine-regierungen-mehr-bilden-hat-das-demokratieversagen-durch-neue-medien-nun-auch-deutschland-erreicht/">Erstmals warnte ich als Politikwissenschaftler davor 2017 und sehe inzwischen europa- und weltweit auf Ebene der Nationalstaaten immer weniger stabile Koalitionsregierungen</a>.</p> <p>Beide <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-51-arbeit-demografie-und-deindustrialisierung-am-beispiel-japan/">Effekte werden übrigens durch <strong>die Demografie</strong> verstärkt</a>: In Gesellschaften mit immer weniger jungen Menschen werden sich die meisten Medien und Parteien immer stärker auf die Ängste und Sorgen der älteren Generationen (etwa gegenüber Migration oder Altersarmut) einlassen und dagegen die Themen der jüngeren Generationen (wie die Klimakrise oder die Überforderungen junger Familien) zurückstellen. Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-deep-state-verschwoerungsmythos-fossilismus-und-verfassungskrise-in-suedkorea/">demografische Traditionalismusfalle und Verfassungskrise in <strong>Südkorea</strong></a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-51-arbeit-demografie-und-deindustrialisierung-am-beispiel-japan/">die Fremdenangst bei einem Ausländeranteil von etwa drei Prozent in <strong>Japan</strong></a> wurden hier bereits vorgestellt und auch mit Kommentierenden diskutiert.</p> <p><strong>Erfahrungen in und Hoffnungen für Baden-Württemberg</strong></p> <p>In dieser Woche hatte ich die große Ehre, mich beim vierten Ministerpräsidenten persönlich verabschieden zu dürfen, für den ich arbeiten durfte: Nach <strong>Erwin Teufel</strong>, <strong>Günther Oettinger</strong> und <strong>Stefan Mappus (alle CDU)</strong> war dies <strong>Winfried Kretschmann (Grüne)</strong>, der fünfzehn Jahre lang in Koalitionen je mit der SPD und CDU regierte. Auch seine Ehefrau <strong>Gerlinde Kretschmann</strong> und viele seiner engen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter habe ich über die Jahre auch menschlich kennen und schätzen gelernt. Nach meiner Lebens- und Berufserfahrung gibt es engagierte und vertrauenswürdige Menschen quer durch alle Milieus und demokratischen Parteien – und wer alle Andersdenkenden für dumm und böse hält oder Parteipolitik über die Verfassungen von Bund und Ländern stellt, hat weder die Menschen noch die Demokratie verstanden.</p> <p>Und wenn ich auch nicht zu denen gehörte, die ihre (CDU-)Parteimitgliedschaft oder ihre thematischen Einschätzungen der Karriere wegen verleugnen, so darf ich doch sagen, dass die Zusammenarbeit auch mit <strong>MP Kretschmann</strong> von gegenseitigem Vertrauen, Loyalität und Respekt geprägt war. Dazu trug auch das gute Verhältnis zum Vize-MP und Innenminister <strong>Thomas Strobl (CDU)</strong> bei, der ebenfalls großen Wert darauf legte, Landespolitik vor Parteipolitik zu stellen und dessen Abschiedsrede zugunsten des MP auch weithin gewürdigt wurde.</p> <p><a href="https://www.baden-wuerttemberg.de/de/service/alle-meldungen/meldung/pid/kretschmann-trifft-vorstaende-der-juedischen-gemeinschaften" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die Vorstände der Israelitischen Religionsgemeinschaften Baden und Württemberg beim Abschiedstreffen mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann und dem Beauftragten Dr. Michael Blume im Staatsministerium Baden-Württemberg, Februar 2026" decoding="async" height="544" sizes="(max-width: 1010px) 100vw, 1010px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KretschmannIRGWuerttembergBadenBlume0226.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KretschmannIRGWuerttembergBadenBlume0226.jpg 1010w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KretschmannIRGWuerttembergBadenBlume0226-300x162.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KretschmannIRGWuerttembergBadenBlume0226-768x414.jpg 768w" width="1010"></img></a></p> <p><em>Durchaus <a href="https://www.baden-wuerttemberg.de/de/service/alle-meldungen/meldung/pid/kretschmann-trifft-vorstaende-der-juedischen-gemeinschaften" rel="noopener">wehmütiger Abschied nach fünfzehn Jahren mit Ministerpräsident Kretschmann und den Israelitischen Religionsgemeinschaften Baden und Württemberg, Februar 2026. Foto: Staatsministerium BW</a></em></p> <p>Demokratisch wurde ich daher auch gebeten, für <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Empathie-als-Sprache-der-Naechstenliebe-Michael-Blume2026.pdf">einen Sammelband zu Ehren des MP einen Rückblick auf den bisher anspruchsvollsten Auftrag meines Lebens zu verfassen</a>: auf <strong>die Leitung des Sonderkontingentes für 1.100 besonders schutzbedürftige Frauen und Kinder aus Kurdistan-Irak</strong>.</p> <p>Darin beschrieb ich auch die beiden einzigen Mittel, die ich gegen den Zerfall von Demokratien durch Rechtsmimesis und Parteiblasen sehe: Die <strong>Menschenwürde-Mimesis</strong> und <strong>den Dialog in echter Vielfalt</strong>.</p> <p>Mit <strong>Menschenwürde-Mimesis</strong> ist gemeint, dass wir alle – und gerade auch unsere gewählten Spitzen – empathisch darauf achten, die Würde auch ärmerer, zugewanderter, weiblicher, queerer, anders- und nichtglaubender Menschen zu wahren. Worte und Gesten sind politische Taten und wer Menschengruppen durch unsensible oder gar feindselige Sprache ausgrenzt, beschimpft oder gar abwertet, befeuert nach meiner Einschätzung die demokratische Zerblasung.</p> <p>Das Menschenbild bestimmt die Wahrnehmung vom Stadtbild.</p> <p>Und wer heute vor Bankern spricht, spricht nicht mehr nur vor Bankern und was vor Schülerinnen und Schülern außenpolitisch gesagt wird, kann weltweite Auswirkungen haben. Auch werden ganze Interviews zunehmend auf einzelne, zur Empörung einladende Sätze reduziert.</p> <p>(Wer hier Entsprechungen zur bundesdeutschen Gegenwart findet – ja, genau.)</p> <p>Den <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dialog-oder-dualismus-die-wahrheitsfrage-als-charaktertest-und-schicksalsfrage/"><strong>Dialog in echter Vielfalt</strong> – an den ich sowohl demokratisch-zivilreligiös wie auch biblisch-religiös und philosophisch glaube</a> – <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Empathie-als-Sprache-der-Naechstenliebe-Michael-Blume2026.pdf">beschrieb ich als existentielle Erfahrung so</a>:</p> <p><em>„Es ist die zentrale Lehre, die sich mir aus diesen Monaten ergab: In Zeiten der Beschleunigung und Krise brauchst Du besonders vielfältige Teams, weil niemand mehr das ganze Bild sehen kann.</em></p> <p><em>Du brauchst Leute, die ganz anders sind als Du selbst und Dir so vertrauen, dass sie Dir loyal und deutlich widersprechen. Nur so sind Entscheidungen möglich, die jeden Einzelnen überfordern würden.</em></p> <p><em>Vielleicht erleben Sie es ja auch so: Die entscheidenden Gespräche in jedem Leben sind leise. Denn es kommt auf das gegenseitige Zuhören an.“</em></p> <p>Hier sehe ich auch die Stärke vielfältiger Parlamente – zumindest in Zeiten von Zeitung und Radio. Schon <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/">die Fernsehdemokratie stärkte Parteivorsitzende gegenüber dem Grundgesetz</a> und <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/die-desinformierer/" rel="noopener">die Konzern-betriebene Digitalisierung stellt unser Demokratiemodell durch massive Desinformation grundsätzlich in Frage</a>.</p> <p><em><strong>Und genau das ist auch der Grund, warum ich bereits vor Jahren Facebook, Instagram und X verlassen habe und mich stattdessen im Fediversum wohl fühle, hier dialogisch blogge, auf Mastodon das morgendliche „Tässle Kaffee“ reiche.</strong></em> <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/warum-ich-facebook-und-instagram-verlasse-gedanken-zur-medienethik/">Algorithmische Konzernmedien gefährden aufgrund der Mimesis nicht nur unsere Gesellschaften, sondern auch unsere je individuelle Psyche.</a> Wer täglich Hass und Hetze in die Timelines gespült bekommt, wird dadurch mimetisch verändert. Wir sind dort keine Kundschaft, wir sind das Produkt!</p> <p>Und so freue ich mich darüber, dass der durch Teams um <strong>Cem Özdemir (Grüne)</strong> und <strong>Manuel Hagel (CDU)</strong> erfolgreich verhandelte Koalitionsvertrag von 2026 mit den ebenso drastischen wie leider wahren Sätzen eröffnet:</p> <p><em>„Unser Land steht vor der größten Herausforderung seit seiner Gründung. Die Welt herum verändert sich schneller und tiefgreifender, als viele es vor wenigen Jahren für möglich gehalten hätten.“</em></p> <p>Ich meine, dass die Einschätzung stimmt. Deswegen habe ich mich bewusst dafür entschieden, die Einladungen sowohl zur Konstituierung des neuen Landtags am 12. Mai 2026 wie auch zur Wahl des neuen Ministerpräsidenten am 13. Mai 2026 in das Hohe Haus unseres Landes anzunehmen. Die parlamentarischen Demokratien sind weltweit unter Druck, die Verantwortung von gewählten Abgeordneten ist größer denn je. Wer sie annimmt, verdient unser aller ehrliche Unterstützung. Meine, glaube und hoffe ich.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/_wLqJrU3uow?feature=oembed&amp;rel=0" title="Die wichtigste Rede meines Lebens - Michael Blume am 9 November 2023 im Landtag Baden-Württemberg" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dialog-statt-lautstaerke-vielfalt-statt-blase-gedanken-zum-abschied-von-mp-winfried-kretschmann/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>22</slash:comments> </item> <item> <title>Genie und kein Wahnsinn https://scilogs.spektrum.de/hlf/genie-und-kein-wahnsinn/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/genie-und-kein-wahnsinn/#comments Wed, 06 May 2026 12:00:00 +0000 Christoph Pöppe https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14357 <h1>Genie und kein Wahnsinn - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Christoph Pöppe</h2><div itemprop="text"> <p>Wie ist das, wenn man einem absoluten Ausnahmetalent begegnet? Vielleicht fällt es im alltäglichen Umgang überhaupt nicht auf. So ging es mir mit dem neuesten Träger das <a href="https://abelprize.no/abel-prize-laureates/2026" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Abelpreises</a>, Gerd Faltings. Ein Anlass, alte Erinnerungen hervorzukramen.</p> <p>„Sie waren bestimmt in Ihrer Schulklasse die Besten, und die Mathematik ist Ihnen immer leichtgefallen. Rechnen Sie nicht damit, dass das hier so bleibt.“ Mit solchen Worten begrüßten die Professoren uns Erstsemester. Und sie hatten ja so recht.</p> <p>Im Hörsaalgebäude in Münster gab es für jede angekündigte Vorlesung einen Aushang mit den notwendigen Angaben: Ort, Uhrzeit, stichwortartige Beschreibung des Stoffs und notwendige Vorkenntnisse. Bei den Anfängervorlesungen stand in der Vorkenntnisse-Spalte standardmäßig „Lesen und Schreiben“. Und so fingen sie auch an: ohne irgendetwas vorauszusetzen. Das war die ersten zwei Wochen richtig gemütlich; aber ab da ging die Vorlesung über den Schulstoff hinaus, und wir hatten sehr plötzlich richtig zu kämpfen. Ich selbst fand mich nicht, wie ich es bis dahin gewohnt war, in der Spitzengruppe wieder; vielmehr war da noch mächtig Luft nach oben.</p> <p>Der Abstand zu den höheren Semestern war ohnehin himmelweit. Die Hiwis, die uns in den Übungen betreuten, waren höchstens ein paar Jahre älter als wir und schienen doch in einer völlig anderen Liga zu spielen. Aber auch in meinem eigenen Jahrgang gab es etliche Leute, zu denen man nur bewundernd hochgucken konnte. Stephan zum Beispiel. Wir alle bemühten uns, jedes Wort des Dozenten sorgfältig mitzuschreiben, und hofften dann, dass uns später beim Nacharbeiten doch noch die Erleuchtung käme. Stephan hatte einen einzigen Zettel in der Tasche seines schwarzen Jacketts, auf dem er genau dann etwas notierte, wenn er es nicht auf der Stelle verstand. Am Ende des Semesters war der Zettel noch nicht voll.</p> <p>Stephan hatte dementsprechend wenig Bedarf an Kommunikation mit uns gewöhnlichen Menschen – und deswegen auch wenig Übung. Ihm fiel nicht unbedingt auf, wenn er, ein fernes Ziel bereits vor Augen, zwei oder drei gedankliche Schritte auf einmal machte. Anschreiben an die Tafel war ihm lästig, weil es seine Denkgeschwindigkeit zu sehr herabsetzte, und geriet deswegen auch ziemlich krakelig und wortkarg. Insgesamt gewann ich den Eindruck: Wer genial ist, der ist zwangsläufig auch ein bisschen komisch.<aside></aside></p> <p>Im vierten Semester, in der Funktionalanalysis-Vorlesung, setzte sich dann ein Mensch zu uns, der erst im zweiten Semester war. Zur allgemeinen Faszination war er nicht nur uns alsbald weit voraus, sondern auch dem Stephan deutlich überlegen. In ruhigen, klaren Worten machte er uns Dinge begreiflich, an denen wir mächtig zu knabbern hatten, und ließ zugleich erkennen, dass er geistig weit über diesen Dingen schwebte. Dabei wirkte er kein bisschen komisch. Unauffällige äußere Erscheinung, saubere Handschrift, wie sie in der Schule geübt wird. Das war Gerd Faltings.</p> <p>Viel habe ich von ihm und seinem rasanten Aufstieg zum Professor nicht mitbekommen – nicht weil er sich verschlossen hätte, sondern weil ich keine Chance hatte, mit seinen Ideen mitzuhalten. Und das wäre wahrscheinlich selbst dann so gewesen, wenn ich mich in sein Spezialgebiet Algebraische Geometrie ernsthaft vertieft hätte.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796000259_29bb739c6d_o.jpg"><img alt="Siehe Bildunterschrift." decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796000259_29bb739c6d_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796000259_29bb739c6d_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796000259_29bb739c6d_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796000259_29bb739c6d_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Gerd Faltings im Gespräch mit jungen Forschenden auf dem 12. Heidelberg Laureate Forum, 2025. Bild: HLFF / Flemming</figcaption></figure> </div> <p>Auf einem Studienstiftlertreffen stellte unser Gastgeber, der Medizinprofessor Klaus-Ditmar Bachmann, uns Scharade-Aufgaben der übel-abstrakten Art: Versuche, deinen Mit-Gästen einen Begriff wie „Ödipuskomplex“ zu vermitteln, nur durch Gesten, ohne ein Wort zu sagen und ohne irgendwelche Gegenstände zu verwenden. Das mit dem Ödipuskomplex hat sogar funktioniert, auf einem ausgeklügelten begrifflichen Umweg. Gerd Faltings ist es nicht gelungen, uns die „Ölpest“ begreiflich zu machen. Und ich bin am „Sittenstrolch“ kläglich gescheitert. Sagt das etwas über irgendwelche kommunikativen Defizite? Nicht wirklich.</p> <p>Als 1983 die Nachricht die Runde machte, dass Gerd Faltings die Mordell-Vermutung bewiesen hatte, war die Aufregung groß, und die Jahrestagung der Deutschen Mathematiker-Vereinigung wurde flugs um einen Sondervortrag des Meisters zum Thema erweitert. Da kam Stephan extra angereist! Das leuchtet ein: So viele Leute gab es nicht, die ihm überlegen waren; da lohnte es schon, sich den einen aus der Nähe anzusehen.</p> <p>Unter meinen journalistischen Kollegen trifft man gelegentlich die Unsitte an, die Mathematiker nach den Methoden der Völkerkunde als eine exotische Spezies zu beschreiben: abgeschieden vom Rest der Welt in einem virtuellen Urwald lebend, mit unverständlicher Sprache, befremdlichen Sitten und Gebräuchen und problematischer psychischer Konstitution. Kein Wunder, dass Georg Cantor in schwere Depressionen verfiel, nachdem er sich mit den wahrlich kopfzerbrechenden Paradoxien der Mengenlehre herumgeschlagen hatte; oder dass Kurt Gödel, nachdem er seine überragende geistige Kraft auf die Unvollständigkeitsresultate verwendet hatte, die in der Tat die Grundlagen der Mathematik erschütterten, paranoide Wahnvorstellungen entwickelte, in deren Folge er sich zu Tode hungerte.</p> <p>Für diese Kollegen war die Person Grigori Perelman ein gefundenes Fressen. Der Mensch hatte die Poincaré-Vermutung bewiesen, eines der schwersten Probleme der Gegenwart. Aber statt den dafür gebührenden Ruhm in Empfang zu nehmen, zog er sich in die Wälder in der Nähe von St. Petersburg zurück, verschloss sich bis auf wenige Ausnahmen jeglichem Kontakt mit der mathematischen Welt und weigerte sich sogar, den <a data-id="https://www.claymath.org/millennium-problems/" data-type="link" href="https://www.claymath.org/millennium-problems/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Millionenpreis</a> abzuholen, den das Clay Institute auf diese Leistung ausgesetzt hatte. Der muss doch verrückt sein, oder?</p> <p>Eben nicht. Perelmans Motive mögen für uns nicht nachvollziehbar sein; aber die Leute, die mit ihm gesprochen haben, sehen keinen Anlass zu vermuten, er habe ernsthafte psychische Probleme. Den Ausnahmetalenten Cantor und Gödel steht eine große Mehrheit von ebenso fähigen Mathematikern gegenüber, die bei klarem Verstand alt geworden sind.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795880244_e1fa4cf66e_o.jpg"><img alt="Siehe Bildunterschrift." decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795880244_e1fa4cf66e_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795880244_e1fa4cf66e_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795880244_e1fa4cf66e_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795880244_e1fa4cf66e_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Faltings im Gespräch beim 12. HLF, 2025. Bild: HLFF / Flemming</figcaption></figure> </div> <p>Man muss nicht verrückt sein, um sich für eine Fields-Medaille (Faltings 1986) oder einen Abelpreis (Faltings 2026) zu qualifizieren. Genialität reicht völlig aus.</p> <p>Übrigens: Der Eindruck, Stephan sei seltsam, verschwand bis zur Unkenntlichkeit, als wir uns besser kennenlernten. Ein eigenwilliger Typ ist er immer noch; aber das ist nicht wirklich ungewöhnlich.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Genie und kein Wahnsinn - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Christoph Pöppe</h2><div itemprop="text"> <p>Wie ist das, wenn man einem absoluten Ausnahmetalent begegnet? Vielleicht fällt es im alltäglichen Umgang überhaupt nicht auf. So ging es mir mit dem neuesten Träger das <a href="https://abelprize.no/abel-prize-laureates/2026" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Abelpreises</a>, Gerd Faltings. Ein Anlass, alte Erinnerungen hervorzukramen.</p> <p>„Sie waren bestimmt in Ihrer Schulklasse die Besten, und die Mathematik ist Ihnen immer leichtgefallen. Rechnen Sie nicht damit, dass das hier so bleibt.“ Mit solchen Worten begrüßten die Professoren uns Erstsemester. Und sie hatten ja so recht.</p> <p>Im Hörsaalgebäude in Münster gab es für jede angekündigte Vorlesung einen Aushang mit den notwendigen Angaben: Ort, Uhrzeit, stichwortartige Beschreibung des Stoffs und notwendige Vorkenntnisse. Bei den Anfängervorlesungen stand in der Vorkenntnisse-Spalte standardmäßig „Lesen und Schreiben“. Und so fingen sie auch an: ohne irgendetwas vorauszusetzen. Das war die ersten zwei Wochen richtig gemütlich; aber ab da ging die Vorlesung über den Schulstoff hinaus, und wir hatten sehr plötzlich richtig zu kämpfen. Ich selbst fand mich nicht, wie ich es bis dahin gewohnt war, in der Spitzengruppe wieder; vielmehr war da noch mächtig Luft nach oben.</p> <p>Der Abstand zu den höheren Semestern war ohnehin himmelweit. Die Hiwis, die uns in den Übungen betreuten, waren höchstens ein paar Jahre älter als wir und schienen doch in einer völlig anderen Liga zu spielen. Aber auch in meinem eigenen Jahrgang gab es etliche Leute, zu denen man nur bewundernd hochgucken konnte. Stephan zum Beispiel. Wir alle bemühten uns, jedes Wort des Dozenten sorgfältig mitzuschreiben, und hofften dann, dass uns später beim Nacharbeiten doch noch die Erleuchtung käme. Stephan hatte einen einzigen Zettel in der Tasche seines schwarzen Jacketts, auf dem er genau dann etwas notierte, wenn er es nicht auf der Stelle verstand. Am Ende des Semesters war der Zettel noch nicht voll.</p> <p>Stephan hatte dementsprechend wenig Bedarf an Kommunikation mit uns gewöhnlichen Menschen – und deswegen auch wenig Übung. Ihm fiel nicht unbedingt auf, wenn er, ein fernes Ziel bereits vor Augen, zwei oder drei gedankliche Schritte auf einmal machte. Anschreiben an die Tafel war ihm lästig, weil es seine Denkgeschwindigkeit zu sehr herabsetzte, und geriet deswegen auch ziemlich krakelig und wortkarg. Insgesamt gewann ich den Eindruck: Wer genial ist, der ist zwangsläufig auch ein bisschen komisch.<aside></aside></p> <p>Im vierten Semester, in der Funktionalanalysis-Vorlesung, setzte sich dann ein Mensch zu uns, der erst im zweiten Semester war. Zur allgemeinen Faszination war er nicht nur uns alsbald weit voraus, sondern auch dem Stephan deutlich überlegen. In ruhigen, klaren Worten machte er uns Dinge begreiflich, an denen wir mächtig zu knabbern hatten, und ließ zugleich erkennen, dass er geistig weit über diesen Dingen schwebte. Dabei wirkte er kein bisschen komisch. Unauffällige äußere Erscheinung, saubere Handschrift, wie sie in der Schule geübt wird. Das war Gerd Faltings.</p> <p>Viel habe ich von ihm und seinem rasanten Aufstieg zum Professor nicht mitbekommen – nicht weil er sich verschlossen hätte, sondern weil ich keine Chance hatte, mit seinen Ideen mitzuhalten. Und das wäre wahrscheinlich selbst dann so gewesen, wenn ich mich in sein Spezialgebiet Algebraische Geometrie ernsthaft vertieft hätte.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796000259_29bb739c6d_o.jpg"><img alt="Siehe Bildunterschrift." decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796000259_29bb739c6d_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796000259_29bb739c6d_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796000259_29bb739c6d_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796000259_29bb739c6d_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Gerd Faltings im Gespräch mit jungen Forschenden auf dem 12. Heidelberg Laureate Forum, 2025. Bild: HLFF / Flemming</figcaption></figure> </div> <p>Auf einem Studienstiftlertreffen stellte unser Gastgeber, der Medizinprofessor Klaus-Ditmar Bachmann, uns Scharade-Aufgaben der übel-abstrakten Art: Versuche, deinen Mit-Gästen einen Begriff wie „Ödipuskomplex“ zu vermitteln, nur durch Gesten, ohne ein Wort zu sagen und ohne irgendwelche Gegenstände zu verwenden. Das mit dem Ödipuskomplex hat sogar funktioniert, auf einem ausgeklügelten begrifflichen Umweg. Gerd Faltings ist es nicht gelungen, uns die „Ölpest“ begreiflich zu machen. Und ich bin am „Sittenstrolch“ kläglich gescheitert. Sagt das etwas über irgendwelche kommunikativen Defizite? Nicht wirklich.</p> <p>Als 1983 die Nachricht die Runde machte, dass Gerd Faltings die Mordell-Vermutung bewiesen hatte, war die Aufregung groß, und die Jahrestagung der Deutschen Mathematiker-Vereinigung wurde flugs um einen Sondervortrag des Meisters zum Thema erweitert. Da kam Stephan extra angereist! Das leuchtet ein: So viele Leute gab es nicht, die ihm überlegen waren; da lohnte es schon, sich den einen aus der Nähe anzusehen.</p> <p>Unter meinen journalistischen Kollegen trifft man gelegentlich die Unsitte an, die Mathematiker nach den Methoden der Völkerkunde als eine exotische Spezies zu beschreiben: abgeschieden vom Rest der Welt in einem virtuellen Urwald lebend, mit unverständlicher Sprache, befremdlichen Sitten und Gebräuchen und problematischer psychischer Konstitution. Kein Wunder, dass Georg Cantor in schwere Depressionen verfiel, nachdem er sich mit den wahrlich kopfzerbrechenden Paradoxien der Mengenlehre herumgeschlagen hatte; oder dass Kurt Gödel, nachdem er seine überragende geistige Kraft auf die Unvollständigkeitsresultate verwendet hatte, die in der Tat die Grundlagen der Mathematik erschütterten, paranoide Wahnvorstellungen entwickelte, in deren Folge er sich zu Tode hungerte.</p> <p>Für diese Kollegen war die Person Grigori Perelman ein gefundenes Fressen. Der Mensch hatte die Poincaré-Vermutung bewiesen, eines der schwersten Probleme der Gegenwart. Aber statt den dafür gebührenden Ruhm in Empfang zu nehmen, zog er sich in die Wälder in der Nähe von St. Petersburg zurück, verschloss sich bis auf wenige Ausnahmen jeglichem Kontakt mit der mathematischen Welt und weigerte sich sogar, den <a data-id="https://www.claymath.org/millennium-problems/" data-type="link" href="https://www.claymath.org/millennium-problems/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Millionenpreis</a> abzuholen, den das Clay Institute auf diese Leistung ausgesetzt hatte. Der muss doch verrückt sein, oder?</p> <p>Eben nicht. Perelmans Motive mögen für uns nicht nachvollziehbar sein; aber die Leute, die mit ihm gesprochen haben, sehen keinen Anlass zu vermuten, er habe ernsthafte psychische Probleme. Den Ausnahmetalenten Cantor und Gödel steht eine große Mehrheit von ebenso fähigen Mathematikern gegenüber, die bei klarem Verstand alt geworden sind.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795880244_e1fa4cf66e_o.jpg"><img alt="Siehe Bildunterschrift." decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795880244_e1fa4cf66e_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795880244_e1fa4cf66e_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795880244_e1fa4cf66e_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795880244_e1fa4cf66e_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Faltings im Gespräch beim 12. HLF, 2025. Bild: HLFF / Flemming</figcaption></figure> </div> <p>Man muss nicht verrückt sein, um sich für eine Fields-Medaille (Faltings 1986) oder einen Abelpreis (Faltings 2026) zu qualifizieren. Genialität reicht völlig aus.</p> <p>Übrigens: Der Eindruck, Stephan sei seltsam, verschwand bis zur Unkenntlichkeit, als wir uns besser kennenlernten. Ein eigenwilliger Typ ist er immer noch; aber das ist nicht wirklich ungewöhnlich.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/genie-und-kein-wahnsinn/#comments 1 Zwischen AfD, IB und Neonazi-Milieu: Rechte Vernetzungen in Bayern https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/zwischen-afd-ib-und-neonazi-milieu-rechte-vernetzungen-in-bayern/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/zwischen-afd-ib-und-neonazi-milieu-rechte-vernetzungen-in-bayern/#comments Mon, 04 May 2026 13:17:39 +0000 Elke Rajal, Nikolai Schreiter, Robert Andreasch, Katharina Fuchs, Tobias Holl, Jan Nowak, Dominik Sauerer https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=449 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/header-2-afd-perlach-768x295.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/zwischen-afd-ib-und-neonazi-milieu-rechte-vernetzungen-in-bayern/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/header-2-afd-perlach-1024x393.jpg" /><h1>Zwischen AfD, IB und Neonazi-Milieu: Rechte Vernetzungen in Bayern » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Elke Rajal, Nikolai Schreiter, Robert Andreasch, Katharina Fuchs, Tobias Holl, Jan Nowak, Dominik Sauerer</h2><div itemprop="text"> <h2>Teil 2 einer <a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/author/tp09a/">Serie</a> zur Zentralität der AfD in der bayerischen extremen Rechten</h2> <p><em>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/die-afd-als-gravitationszentrum-rechter-krisendiskurse/">1. Teil dieser Serie </a>haben wir am Beispiel des Strafprozesses um AfD-MdL Daniel Halemba Verbindungen und Verstrickungen der AfD mit radikaleren Teilen der extremen Rechten und dem neonazistischen Milieu aufgezeigt, die zunächst nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren. Es gibt aber solche Verbindungen, Kooperationen und gegenseitige Unterstützung auch auf offener Straße, auf Social Media, bei Demonstrationen und im Wahlkreisbüro. Anhand zweier Beispiele aus München und der Oberpfalz illustrieren wir, wie die AfD ganz offen auch mit Rechtsextremen aus dem „Vorfeld“ zusammenarbeitet und sie unterstützt.</em></p> <p>Zum Ende des bayerischen Landtagswahlkampfes organisierte die AfD am 5. Oktober 2023 eine Kundgebung in Amberg. Unter den rund 50 überwiegend älteren Teilnehmer:innen war auch der AfD-Politiker Reinhard Mixl aus Schwandorf, der seit 2025 für die Partei im Bundestag sitzt.<a href="#_ftn1" id="_ftnref1">[1]</a> Direkt neben ihm standen Dominik S., Aktivist der Identitären Bewegung (IB)<a href="#_ftn2" id="_ftnref2">[2]</a> aus dem Landkreis Amberg, der bei der Kundgebung durch das Zeigen der „White Power“-Geste auffiel, und Lukas Suttner aus dem Landkreis Neustadt an der Waldnaab. Mixl und Suttner unterhielten sich lebhaft. Ob sie sich näher kennen, wissen wir nicht, sie hatten aber bereits früher zusammen demonstriert: Bei einer extrem rechten Demonstration am 21. Dezember 2021 in Schwandorf trug Suttner das Fronttransparent mit der Aufschrift „Nur Widerstand ist Pflicht“ in IB-Ästhetik, das auf Masken- und Testpflicht in der Coronapandemie anspielt. Mixl lief auf der Demonstration, die sich an eine vorangegangene Kundgebung Mixls selbst anschloss, und war wie Suttner hinter dem Fronttransparent zu sehen. </p> <p><strong>Multifunktionär Lukas Suttner</strong></p> <p>Dieser ist mindestens seit 2019 in der extremen Rechten aktiv: Er beteiligte sich im Oktober 2019 und Juni 2020 an Kundgebungen der Identitären Bewegung in München, ist auf Bildern einer IB-internen Feier zum Jahreswechsel 2019/20 zu sehen und tritt seit 2021 regelmäßig mit dem Weidener Neonazi und stellvertretenden Vorsitzenden des bayerischen Landesverbands von Die Heimat (früher NPD) Patrick Schröder in Erscheinung. Beim gemeinsamen Besuch einer Großkundgebung der AfD in Nürnberg im Dezember 2021 wurde sichtbar, wie eng das Verhältnis der Akteure der verschiedenen Organisationen und Strömungen der extremen Rechten in der Region ist: Suttner und Schröder posierten zunächst zu zweit für ein Foto und zeigten dabei die „White Power“-Geste, die Suttner später mit einem weiteren IB- und einem Junge Alternative-Aktivisten und Burschenschafter wiederholte. Nicht nur politisch, auch geschäftlich waren Schröder und Suttner eng verbunden: Suttner löste Schröder im Mai 2023 als Geschäftsführer der Nemesis Production GmbH ab. Die Firma steht hinter dem Kleidungslabel Ansgar Aryan, einer der wichtigsten neonazistischen Szenemarken in Deutschland. Viele der vertriebenen Kleidungsstücke sind selbst für extrem rechte Kontexte sehr explizit und verherrlichen etwa den historischen Nationalsozialismus oder Rechtsterroristen wie den Attentäter von Christchurch. Auch verschwörungsideologische Motive werden vertrieben, etwa der Aufdruck „Volksgemeinschaft statt New World Order“. NWO ist eine klassische antisemitische Chiffre dafür, dass eine geheime, jüdisch konnotierte Elite insbesondere die ‚deutsche Volksgemeinschaft‘, aber Völker im Allgemeinen unterdrücken, beherrschen und zersetzen wolle. Zwei Jahre lang, bis zu seinem Ausscheiden als Geschäftsführer im Mai 2025, war Suttner dafür maßgeblich mitverantwortlich, also auch, während er sich mit Mixl in Amberg unterhielt.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1.png"><img alt="" decoding="async" height="359" sizes="(max-width: 542px) 100vw, 542px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1.png 542w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1-300x199.png 300w" width="542"></img></a><figcaption><em>Stricken in Blau: Die AfD führt Fäden in der extremen Rechten zusammen. Bildquelle: Adobe Stock, penfoto.de (Educational License)<br></br></em></figcaption></figure> <p>Nur ein halbes Jahr nach seiner Abberufung als Geschäftsführer, im Dezember 2025, beteiligte sich Suttner schließlich an der Gründungsveranstaltung des bayerischen Landesverbandes der neuen AfD-Jugend. Bei der Gründung der Generation Deutschland in Greding war er augenscheinlich nicht nur Gast: Fotos zeigen ihn mit einem Armband, wie es an Mitglieder ausgegeben wurde und bei einer Abstimmung. IB, Neonaziversandhandel, „White Power“-Zeichen mit dem neonazistischen Multifunktionär Patrick Schröder auf einer Demonstration der AfD und schließlich Gründungsmitglied der neuen Jugendorganisation der AfD: Der Fall Lukas Suttner ist ein weiterer, der zeigt, wie wenig ernsthaft die Unvereinbarkeitslisten und die halbherzigen Abgrenzungsversuche von Teilen der Parteispitze gegen die noch extremere Rechte sind. Es wird auch deutlich, wie fließend die Grenzen zwischen den verschiedenen Organisationen und Strömungen der extremen Rechten in der Oberpfalz sind – und wie klein mitunter der Abstand, den AfD-Spitzenpolitiker wie Mixl einnehmen.<aside></aside></p> <p><strong>Asyl für Martin Sellner</strong></p> <p>Die Münchner AfD ging über solche Tuchfühlung noch hinaus und hat dem „Remigrations“-Vordenker Martin Sellner im Sommer 2025 aktiv Asyl in ihrem Räumen gewährt. Sellner hatte für 1. Juli 2025 eine Lesung aus seinem Buch „Remigration“ im Raum Augsburg angekündigt, die Stadt Augsburg verhängte daraufhin ein Aufenthalts- und Betretungsverbot für diesen Tag gegen Sellner. Der behauptete in der Folge, dass die Lesung an einem „geheimen Ort“ stattfinden werde und inszenierte sich in Videos, als sei er auf der Flucht vor der Polizei. In diesen vermeintlichen „Live“-Aufnahmen trat er mit IB-Bundessprecher Maximilian Märkl auf, der bis vor kurzem – auch während des Auftritts mit Sellner – auch AfD-Mitglied in Bayern war und nach Medienberichten Anfang 2026 seinen Austritt ankündigte.<a href="#_ftn3" id="_ftnref3">[3]</a> Märkls Rolle in den Videos war die des lokalen Gastgebers und Veranstalters – doch die tatsächlichen Gastgeber des Vortrags waren andere. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass die gesamte Inszenierung auf Augsburgs Straßen am Tag zuvor stattgefunden hatte und Sellner den Vortrag bei der Münchner AfD im Stadtteil Perlach hielt. Dort haben MdL René Dierkes und MdB Tobias Teich – beide gehören zum völkischen Lager der Partei – ihre Wahlkreisbüros, sie sprechen ganz offen vom „Blauen Haus“. Die Parteizentrale der NSDAP in München hieß „Braunes Haus“.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="880" sizes="(max-width: 660px) 100vw, 660px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1.jpeg 660w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1-225x300.jpeg 225w" width="660"></img></a><figcaption><em>Räume der AfD in München-Perlach. Foto: Nikolai Schreiter.</em></figcaption></figure> <p>Christoph Rätscher, Ortsvorsitzender und im März 2026 Bürgermeisterkandidat der AfD für die Gemeinde Haar im Münchner Osten, postete am 2. Juli 2025 ein Foto von sich, Sellner, und zwei späteren Mitgliedern der Generation Deutschland. Einer davon – er trägt Seitenscheitel und Undercut im Stile Heinrich Himmlers – ist Tim Schulz, der im März 2026 kurz nach seiner Wahl zum stellvertretenden Vorsitzenden der neuen bayerischen Parteijugend schon wieder zurücktreten musste. Der ehemalige Social-Media-Spindoctor der AfD, Erik Ahrens, hatte der Münchner Abendzeitung Videos zugänglich gemacht, auf denen Schulz mit Lois Wagner in Budapest zu sehen ist, der Juden antisemitisch beschimpft. Wagner ist das Gesicht der Jungen Nationalisten, der Jugendorganisation von Die Heimat (früher: NPD), und bezeichnet sich selbst als Nationalsozialist. MdL und Burschenschaftler Benjamin Nolte verbreitete Schulz‘ darauffolgende Rücktrittserklärung, in der er die Vorwürfe vor allem bestreitet, auf Telegram. Berichte, nach denen Schulz im bayerischen Landtag für Nolte arbeite, wollte dieser unter Berufung auf „Datenschutz“ dem BR gegenüber nicht dementieren. Schon vor den Recherchen der Abendzeitung ist Schulz wiederholt auf Fotos der sogenannten Lederhosen Revolte, dem bayerischen Ableger der IB, zu sehen: Auf Wanderungen der Gruppierung setzte er sich er mit dem „White Power“ Zeichen vor heimatlicher Kulisse in Szene oder trat mit anderen Mitgliedern der Lederhosen Revolte in einheitlichen IB-Bayern T-Shirts auf der „Remigrationsdemo“ in Wien auf.</p> <p>Diese Beispielkomplexe, und es sind nur zwei von vielen, illustrieren die zentrale Rolle, die die AfD in der bayerischen extremen Rechten spielt. Nicht nur taucht sie an allen Ecken auf, nicht nur hat ihr Personal oft keine Berührungsängste mit neonazistischen Geschäftsleuten und Aktivisten, von denen Teile der Parteispitze die Partei lieber fernhalten würde. Manchmal, wie im Falle der Sellner-Lesung in den Perlacher AfD-Räumlichkeiten, greift man ihnen auch aktiv unter die Arme.</p> <p><em>Im 3. und abschließenden Teil dieser Serie beschäftigen wir uns mit zwei zentralen Agitationsfeldern der extremen Rechten und der Rolle der AfD darin: Anti-Asyl-Agitation und Queerfeindlichkeit.</em></p> <hr></hr> <p><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Screenshots/Fotos für dieses wie auch für alle nachfolgenden Beispiele liegen den Autor*innen vor.</p> <p><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Zur selbsternannt Identitären „Bewegung“ siehe u.a.: Goetz, Judith/Sedlacek, Joseph Maria/Winkler, Alexander (Hg.) (2017): <em>„Untergangster des Abendlandes“. Ideologie und Rezeption der neofaschistischen ‚Identitären‘</em>. Hamburg: marta press.</p> <p><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/afd-im-wahlkampf-wie-die-naehe-zu-rechtsextremen-zum-risiko-wird,VAMqdFh</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/header-2-afd-perlach-1024x393.jpg" /><h1>Zwischen AfD, IB und Neonazi-Milieu: Rechte Vernetzungen in Bayern » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Elke Rajal, Nikolai Schreiter, Robert Andreasch, Katharina Fuchs, Tobias Holl, Jan Nowak, Dominik Sauerer</h2><div itemprop="text"> <h2>Teil 2 einer <a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/author/tp09a/">Serie</a> zur Zentralität der AfD in der bayerischen extremen Rechten</h2> <p><em>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/die-afd-als-gravitationszentrum-rechter-krisendiskurse/">1. Teil dieser Serie </a>haben wir am Beispiel des Strafprozesses um AfD-MdL Daniel Halemba Verbindungen und Verstrickungen der AfD mit radikaleren Teilen der extremen Rechten und dem neonazistischen Milieu aufgezeigt, die zunächst nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren. Es gibt aber solche Verbindungen, Kooperationen und gegenseitige Unterstützung auch auf offener Straße, auf Social Media, bei Demonstrationen und im Wahlkreisbüro. Anhand zweier Beispiele aus München und der Oberpfalz illustrieren wir, wie die AfD ganz offen auch mit Rechtsextremen aus dem „Vorfeld“ zusammenarbeitet und sie unterstützt.</em></p> <p>Zum Ende des bayerischen Landtagswahlkampfes organisierte die AfD am 5. Oktober 2023 eine Kundgebung in Amberg. Unter den rund 50 überwiegend älteren Teilnehmer:innen war auch der AfD-Politiker Reinhard Mixl aus Schwandorf, der seit 2025 für die Partei im Bundestag sitzt.<a href="#_ftn1" id="_ftnref1">[1]</a> Direkt neben ihm standen Dominik S., Aktivist der Identitären Bewegung (IB)<a href="#_ftn2" id="_ftnref2">[2]</a> aus dem Landkreis Amberg, der bei der Kundgebung durch das Zeigen der „White Power“-Geste auffiel, und Lukas Suttner aus dem Landkreis Neustadt an der Waldnaab. Mixl und Suttner unterhielten sich lebhaft. Ob sie sich näher kennen, wissen wir nicht, sie hatten aber bereits früher zusammen demonstriert: Bei einer extrem rechten Demonstration am 21. Dezember 2021 in Schwandorf trug Suttner das Fronttransparent mit der Aufschrift „Nur Widerstand ist Pflicht“ in IB-Ästhetik, das auf Masken- und Testpflicht in der Coronapandemie anspielt. Mixl lief auf der Demonstration, die sich an eine vorangegangene Kundgebung Mixls selbst anschloss, und war wie Suttner hinter dem Fronttransparent zu sehen. </p> <p><strong>Multifunktionär Lukas Suttner</strong></p> <p>Dieser ist mindestens seit 2019 in der extremen Rechten aktiv: Er beteiligte sich im Oktober 2019 und Juni 2020 an Kundgebungen der Identitären Bewegung in München, ist auf Bildern einer IB-internen Feier zum Jahreswechsel 2019/20 zu sehen und tritt seit 2021 regelmäßig mit dem Weidener Neonazi und stellvertretenden Vorsitzenden des bayerischen Landesverbands von Die Heimat (früher NPD) Patrick Schröder in Erscheinung. Beim gemeinsamen Besuch einer Großkundgebung der AfD in Nürnberg im Dezember 2021 wurde sichtbar, wie eng das Verhältnis der Akteure der verschiedenen Organisationen und Strömungen der extremen Rechten in der Region ist: Suttner und Schröder posierten zunächst zu zweit für ein Foto und zeigten dabei die „White Power“-Geste, die Suttner später mit einem weiteren IB- und einem Junge Alternative-Aktivisten und Burschenschafter wiederholte. Nicht nur politisch, auch geschäftlich waren Schröder und Suttner eng verbunden: Suttner löste Schröder im Mai 2023 als Geschäftsführer der Nemesis Production GmbH ab. Die Firma steht hinter dem Kleidungslabel Ansgar Aryan, einer der wichtigsten neonazistischen Szenemarken in Deutschland. Viele der vertriebenen Kleidungsstücke sind selbst für extrem rechte Kontexte sehr explizit und verherrlichen etwa den historischen Nationalsozialismus oder Rechtsterroristen wie den Attentäter von Christchurch. Auch verschwörungsideologische Motive werden vertrieben, etwa der Aufdruck „Volksgemeinschaft statt New World Order“. NWO ist eine klassische antisemitische Chiffre dafür, dass eine geheime, jüdisch konnotierte Elite insbesondere die ‚deutsche Volksgemeinschaft‘, aber Völker im Allgemeinen unterdrücken, beherrschen und zersetzen wolle. Zwei Jahre lang, bis zu seinem Ausscheiden als Geschäftsführer im Mai 2025, war Suttner dafür maßgeblich mitverantwortlich, also auch, während er sich mit Mixl in Amberg unterhielt.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1.png"><img alt="" decoding="async" height="359" sizes="(max-width: 542px) 100vw, 542px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1.png 542w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1-300x199.png 300w" width="542"></img></a><figcaption><em>Stricken in Blau: Die AfD führt Fäden in der extremen Rechten zusammen. Bildquelle: Adobe Stock, penfoto.de (Educational License)<br></br></em></figcaption></figure> <p>Nur ein halbes Jahr nach seiner Abberufung als Geschäftsführer, im Dezember 2025, beteiligte sich Suttner schließlich an der Gründungsveranstaltung des bayerischen Landesverbandes der neuen AfD-Jugend. Bei der Gründung der Generation Deutschland in Greding war er augenscheinlich nicht nur Gast: Fotos zeigen ihn mit einem Armband, wie es an Mitglieder ausgegeben wurde und bei einer Abstimmung. IB, Neonaziversandhandel, „White Power“-Zeichen mit dem neonazistischen Multifunktionär Patrick Schröder auf einer Demonstration der AfD und schließlich Gründungsmitglied der neuen Jugendorganisation der AfD: Der Fall Lukas Suttner ist ein weiterer, der zeigt, wie wenig ernsthaft die Unvereinbarkeitslisten und die halbherzigen Abgrenzungsversuche von Teilen der Parteispitze gegen die noch extremere Rechte sind. Es wird auch deutlich, wie fließend die Grenzen zwischen den verschiedenen Organisationen und Strömungen der extremen Rechten in der Oberpfalz sind – und wie klein mitunter der Abstand, den AfD-Spitzenpolitiker wie Mixl einnehmen.<aside></aside></p> <p><strong>Asyl für Martin Sellner</strong></p> <p>Die Münchner AfD ging über solche Tuchfühlung noch hinaus und hat dem „Remigrations“-Vordenker Martin Sellner im Sommer 2025 aktiv Asyl in ihrem Räumen gewährt. Sellner hatte für 1. Juli 2025 eine Lesung aus seinem Buch „Remigration“ im Raum Augsburg angekündigt, die Stadt Augsburg verhängte daraufhin ein Aufenthalts- und Betretungsverbot für diesen Tag gegen Sellner. Der behauptete in der Folge, dass die Lesung an einem „geheimen Ort“ stattfinden werde und inszenierte sich in Videos, als sei er auf der Flucht vor der Polizei. In diesen vermeintlichen „Live“-Aufnahmen trat er mit IB-Bundessprecher Maximilian Märkl auf, der bis vor kurzem – auch während des Auftritts mit Sellner – auch AfD-Mitglied in Bayern war und nach Medienberichten Anfang 2026 seinen Austritt ankündigte.<a href="#_ftn3" id="_ftnref3">[3]</a> Märkls Rolle in den Videos war die des lokalen Gastgebers und Veranstalters – doch die tatsächlichen Gastgeber des Vortrags waren andere. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass die gesamte Inszenierung auf Augsburgs Straßen am Tag zuvor stattgefunden hatte und Sellner den Vortrag bei der Münchner AfD im Stadtteil Perlach hielt. Dort haben MdL René Dierkes und MdB Tobias Teich – beide gehören zum völkischen Lager der Partei – ihre Wahlkreisbüros, sie sprechen ganz offen vom „Blauen Haus“. Die Parteizentrale der NSDAP in München hieß „Braunes Haus“.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="880" sizes="(max-width: 660px) 100vw, 660px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1.jpeg 660w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1-225x300.jpeg 225w" width="660"></img></a><figcaption><em>Räume der AfD in München-Perlach. Foto: Nikolai Schreiter.</em></figcaption></figure> <p>Christoph Rätscher, Ortsvorsitzender und im März 2026 Bürgermeisterkandidat der AfD für die Gemeinde Haar im Münchner Osten, postete am 2. Juli 2025 ein Foto von sich, Sellner, und zwei späteren Mitgliedern der Generation Deutschland. Einer davon – er trägt Seitenscheitel und Undercut im Stile Heinrich Himmlers – ist Tim Schulz, der im März 2026 kurz nach seiner Wahl zum stellvertretenden Vorsitzenden der neuen bayerischen Parteijugend schon wieder zurücktreten musste. Der ehemalige Social-Media-Spindoctor der AfD, Erik Ahrens, hatte der Münchner Abendzeitung Videos zugänglich gemacht, auf denen Schulz mit Lois Wagner in Budapest zu sehen ist, der Juden antisemitisch beschimpft. Wagner ist das Gesicht der Jungen Nationalisten, der Jugendorganisation von Die Heimat (früher: NPD), und bezeichnet sich selbst als Nationalsozialist. MdL und Burschenschaftler Benjamin Nolte verbreitete Schulz‘ darauffolgende Rücktrittserklärung, in der er die Vorwürfe vor allem bestreitet, auf Telegram. Berichte, nach denen Schulz im bayerischen Landtag für Nolte arbeite, wollte dieser unter Berufung auf „Datenschutz“ dem BR gegenüber nicht dementieren. Schon vor den Recherchen der Abendzeitung ist Schulz wiederholt auf Fotos der sogenannten Lederhosen Revolte, dem bayerischen Ableger der IB, zu sehen: Auf Wanderungen der Gruppierung setzte er sich er mit dem „White Power“ Zeichen vor heimatlicher Kulisse in Szene oder trat mit anderen Mitgliedern der Lederhosen Revolte in einheitlichen IB-Bayern T-Shirts auf der „Remigrationsdemo“ in Wien auf.</p> <p>Diese Beispielkomplexe, und es sind nur zwei von vielen, illustrieren die zentrale Rolle, die die AfD in der bayerischen extremen Rechten spielt. Nicht nur taucht sie an allen Ecken auf, nicht nur hat ihr Personal oft keine Berührungsängste mit neonazistischen Geschäftsleuten und Aktivisten, von denen Teile der Parteispitze die Partei lieber fernhalten würde. Manchmal, wie im Falle der Sellner-Lesung in den Perlacher AfD-Räumlichkeiten, greift man ihnen auch aktiv unter die Arme.</p> <p><em>Im 3. und abschließenden Teil dieser Serie beschäftigen wir uns mit zwei zentralen Agitationsfeldern der extremen Rechten und der Rolle der AfD darin: Anti-Asyl-Agitation und Queerfeindlichkeit.</em></p> <hr></hr> <p><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Screenshots/Fotos für dieses wie auch für alle nachfolgenden Beispiele liegen den Autor*innen vor.</p> <p><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Zur selbsternannt Identitären „Bewegung“ siehe u.a.: Goetz, Judith/Sedlacek, Joseph Maria/Winkler, Alexander (Hg.) (2017): <em>„Untergangster des Abendlandes“. Ideologie und Rezeption der neofaschistischen ‚Identitären‘</em>. Hamburg: marta press.</p> <p><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/afd-im-wahlkampf-wie-die-naehe-zu-rechtsextremen-zum-risiko-wird,VAMqdFh</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/zwischen-afd-ib-und-neonazi-milieu-rechte-vernetzungen-in-bayern/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>2</slash:comments> </item> <item> <title>Möge die Macht mit uns sein! Putin, Palpatine und die fossile Sturmtruppen-Strategie https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/moege-die-macht-mit-uns-sein-putin-palpatine-und-die-fossile-sturmtruppen-strategie/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/moege-die-macht-mit-uns-sein-putin-palpatine-und-die-fossile-sturmtruppen-strategie/#comments Sun, 03 May 2026 22:33:00 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11251 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/StarWarsMythenBlumeBaugeruest1116.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/moege-die-macht-mit-uns-sein-putin-palpatine-und-die-fossile-sturmtruppen-strategie/</link> </image> <description type="html"><h1>Möge die Macht mit uns sein! Putin, Palpatine und die fossile Sturmtruppen-Strategie » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-05-04T00:33:00+02:00">04. Mai 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 2 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Es war lange Zeit eine nerdige Fan-Frage, doch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-21-star-wars-day-identitaeten-fossile-sturmtruppen-theorie/">seit <strong>der <em>„Blume &amp; Ince“</em>-Folge 21 vom 4. Mai 2024</strong> werde ich immer wieder</a> – und immer öfter – darauf angesprochen: <strong><em>Warum schaffte der Star Wars-Imperator Palpatine seine erfolgreichen Klontruppen ab und ersetzte sie durch menschlich rekrutierte Sturmtruppen?</em></strong></p> <p>Die überzeugendste Antwort gab der mehrfache Kriegsverbrecher und fossile Altherren-Diktator <strong>Wladimir Putin</strong>, der sich längst auch in einer Reihe mit <strong>Stalin</strong> (1878 – 1953) feiern lässt: <strong>Wer junge Menschen in die Armee rekrutiert und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-48-weihnachtsfolge-mit-dem-petrodollar-rentier-dem-weihnachtsmann/">diese rentierstaatlich finanziert</a> &amp; fern von der Heimat einsetzt, erzeugt Konformität, Furcht und Herr-schaft im schlechtesten Sinne.</strong></p> <p><a href="https://www.salonkolumnisten.com/oel_antisemitismus/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Über dem Header der Salonkolumne &quot;Vom Ölfluch und Antisemitismus&quot; sehen wir Wladimir Putin und Ali Chamenei. Darüber postete Dr. Michael Blume @BlumeEvolution den Hinweis: Die wissenschaftliche These dazu wäre die Rentierstaatstheorie. " decoding="async" height="1237" sizes="(max-width: 1178px) 100vw, 1178px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SalonkolumnistenRentierstaatstheorieTweetBlume.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SalonkolumnistenRentierstaatstheorieTweetBlume.jpg 1178w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SalonkolumnistenRentierstaatstheorieTweetBlume-286x300.jpg 286w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SalonkolumnistenRentierstaatstheorieTweetBlume-975x1024.jpg 975w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SalonkolumnistenRentierstaatstheorieTweetBlume-768x806.jpg 768w" width="1178"></img></a></p> <p><em>Seit 2015 warnte ich vor „Öl- und Glaubenskriegen“ oder hier konkret vor der fossilen Finanzierung von autoritären Regimen wie Russland &amp; Iran („Ölfluch &amp; Antisemitismus“, 2019). Die meisten dieser fossilen Altherren-Regime verbrennen auch junge Männer als „Sturmtruppen“ und sichern damit ihre Herrschaft zusätzlich ab. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Passend dazu erklärte die ukrainisch-belarussische Literaturnobelpreisträgerin <strong>Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch </strong>im Interview mit der ZEIT vom 23. April 2026 auf Seite 43:<aside></aside></p> <p><em>„Die russischen Soldaten, die jetzt im Krieg gegen die Ukraine sterben, sterben für Geld. Ich habe einen Russen gefragt, wie er im Krieg gelandet sei: ‚Hassen Sie die Ukrainer?‘</em></p> <p><em>Er sagte: ‚Nein, ich hasse niemanden, aber wir hatten einfach kein Geld.‘</em></p> <p><em>Putin hat Russland erst in die Armut getrieben und die Menschen dann gekauft. Jetzt fahren sie töten, um zu überleben.“</em></p> <p>inzwischen hat auch der nordkoreanische Diktator <strong>Kim Jong-Un </strong>Tausende Soldaten gegen die <strong>Ukraine </strong>verbluten &amp; sein Regime dafür durch <strong>Russland </strong>bezuschussen &amp; beliefern lassen.</p> <p>Und das Geld für diesen fossil finanzierten Wahnsinn – stammt auch aus Europa…</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeHeldenmythenStarWarsBaugeruest2016.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Frontansicht des Star Wars-Artikels &quot;Möge die Macht mit Euch sein. Die Heldenmythen in Star Wars&quot; von Dr. Michael Blume, baugerüst, November 2016." decoding="async" height="925" sizes="(max-width: 705px) 100vw, 705px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/StarWarsMythenBlumeBaugeruest1116.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/StarWarsMythenBlumeBaugeruest1116.jpg 705w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/StarWarsMythenBlumeBaugeruest1116-229x300.jpg 229w" width="705"></img></a></p> <p><em>Die Auseinandersetzung mit populären Erzählstoffen lohnt sich auch religions- und politikwissenschaftlich! Bereits <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeHeldenmythenStarWarsBaugeruest2016.pdf">2016 durfte ich einen wertschätzenden Artikel über die mythologische Tiefe der antifaschistischen Star Wars-Saga nach George Lucas schreiben</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Vielen Dank allen, die sich hier auf dem Blog oder auf Mastodon in den Dialog einbringen!</p> <p><strong><em><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-12-die-guten-mythen-von-star-wars-dank-an-george-lucas-joseph-campbell/">May the Fourth be with you</a> – Möge die Macht mit Euch sein!</em></strong></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/hCfYnOJjPXU?feature=oembed&amp;rel=0" title="Folge 21: Star Wars, May the Fourth &amp; Sturmtruppen-Theorie | Blume &amp; Ince - 2 Stimmen, 4 Kulturen" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Möge die Macht mit uns sein! Putin, Palpatine und die fossile Sturmtruppen-Strategie » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-05-04T00:33:00+02:00">04. Mai 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 2 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Es war lange Zeit eine nerdige Fan-Frage, doch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-21-star-wars-day-identitaeten-fossile-sturmtruppen-theorie/">seit <strong>der <em>„Blume &amp; Ince“</em>-Folge 21 vom 4. Mai 2024</strong> werde ich immer wieder</a> – und immer öfter – darauf angesprochen: <strong><em>Warum schaffte der Star Wars-Imperator Palpatine seine erfolgreichen Klontruppen ab und ersetzte sie durch menschlich rekrutierte Sturmtruppen?</em></strong></p> <p>Die überzeugendste Antwort gab der mehrfache Kriegsverbrecher und fossile Altherren-Diktator <strong>Wladimir Putin</strong>, der sich längst auch in einer Reihe mit <strong>Stalin</strong> (1878 – 1953) feiern lässt: <strong>Wer junge Menschen in die Armee rekrutiert und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-48-weihnachtsfolge-mit-dem-petrodollar-rentier-dem-weihnachtsmann/">diese rentierstaatlich finanziert</a> &amp; fern von der Heimat einsetzt, erzeugt Konformität, Furcht und Herr-schaft im schlechtesten Sinne.</strong></p> <p><a href="https://www.salonkolumnisten.com/oel_antisemitismus/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Über dem Header der Salonkolumne &quot;Vom Ölfluch und Antisemitismus&quot; sehen wir Wladimir Putin und Ali Chamenei. Darüber postete Dr. Michael Blume @BlumeEvolution den Hinweis: Die wissenschaftliche These dazu wäre die Rentierstaatstheorie. " decoding="async" height="1237" sizes="(max-width: 1178px) 100vw, 1178px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SalonkolumnistenRentierstaatstheorieTweetBlume.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SalonkolumnistenRentierstaatstheorieTweetBlume.jpg 1178w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SalonkolumnistenRentierstaatstheorieTweetBlume-286x300.jpg 286w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SalonkolumnistenRentierstaatstheorieTweetBlume-975x1024.jpg 975w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SalonkolumnistenRentierstaatstheorieTweetBlume-768x806.jpg 768w" width="1178"></img></a></p> <p><em>Seit 2015 warnte ich vor „Öl- und Glaubenskriegen“ oder hier konkret vor der fossilen Finanzierung von autoritären Regimen wie Russland &amp; Iran („Ölfluch &amp; Antisemitismus“, 2019). Die meisten dieser fossilen Altherren-Regime verbrennen auch junge Männer als „Sturmtruppen“ und sichern damit ihre Herrschaft zusätzlich ab. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Passend dazu erklärte die ukrainisch-belarussische Literaturnobelpreisträgerin <strong>Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch </strong>im Interview mit der ZEIT vom 23. April 2026 auf Seite 43:<aside></aside></p> <p><em>„Die russischen Soldaten, die jetzt im Krieg gegen die Ukraine sterben, sterben für Geld. Ich habe einen Russen gefragt, wie er im Krieg gelandet sei: ‚Hassen Sie die Ukrainer?‘</em></p> <p><em>Er sagte: ‚Nein, ich hasse niemanden, aber wir hatten einfach kein Geld.‘</em></p> <p><em>Putin hat Russland erst in die Armut getrieben und die Menschen dann gekauft. Jetzt fahren sie töten, um zu überleben.“</em></p> <p>inzwischen hat auch der nordkoreanische Diktator <strong>Kim Jong-Un </strong>Tausende Soldaten gegen die <strong>Ukraine </strong>verbluten &amp; sein Regime dafür durch <strong>Russland </strong>bezuschussen &amp; beliefern lassen.</p> <p>Und das Geld für diesen fossil finanzierten Wahnsinn – stammt auch aus Europa…</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeHeldenmythenStarWarsBaugeruest2016.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Frontansicht des Star Wars-Artikels &quot;Möge die Macht mit Euch sein. Die Heldenmythen in Star Wars&quot; von Dr. Michael Blume, baugerüst, November 2016." decoding="async" height="925" sizes="(max-width: 705px) 100vw, 705px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/StarWarsMythenBlumeBaugeruest1116.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/StarWarsMythenBlumeBaugeruest1116.jpg 705w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/StarWarsMythenBlumeBaugeruest1116-229x300.jpg 229w" width="705"></img></a></p> <p><em>Die Auseinandersetzung mit populären Erzählstoffen lohnt sich auch religions- und politikwissenschaftlich! Bereits <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeHeldenmythenStarWarsBaugeruest2016.pdf">2016 durfte ich einen wertschätzenden Artikel über die mythologische Tiefe der antifaschistischen Star Wars-Saga nach George Lucas schreiben</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Vielen Dank allen, die sich hier auf dem Blog oder auf Mastodon in den Dialog einbringen!</p> <p><strong><em><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-12-die-guten-mythen-von-star-wars-dank-an-george-lucas-joseph-campbell/">May the Fourth be with you</a> – Möge die Macht mit Euch sein!</em></strong></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/hCfYnOJjPXU?feature=oembed&amp;rel=0" title="Folge 21: Star Wars, May the Fourth &amp; Sturmtruppen-Theorie | Blume &amp; Ince - 2 Stimmen, 4 Kulturen" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/moege-die-macht-mit-uns-sein-putin-palpatine-und-die-fossile-sturmtruppen-strategie/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>21</slash:comments> </item> <item> <title>Die Neurowissenschaft des Entscheidens – Diskussion in der Küche https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-neurowissenschaft-des-entscheidens/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-neurowissenschaft-des-entscheidens/#comments Sun, 03 May 2026 18:06:49 +0000 Corinna Kuhn https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5862 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-3-2026-03_57_37-PM-768x768.png <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-neurowissenschaft-des-entscheidens/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-3-2026-03_57_37-PM.png" /><h1>Die Neurowissenschaft des Entscheidens – Diskussion in der Küche » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Corinna Kuhn</h2><div itemprop="text"> <p>Ich muss gerade wichtige Entscheidungen treffen, so richtig große und das ist echt schwer. Ich habe schon alle Ratschläge ausprobiert: Habe Pro-Contra Listen geschrieben, mir überlegt, welche Konsequenzen meine Entscheidungen in 10 Jahren haben würden, habe mehr als nur eine Nacht darüber geschlafen und alle Münzen aus meinem Geldbeutel geworfen. Aber dem Zufall eine so wichtige Entscheidung lassen? Nein, da höre ich lieber auf mein Bauchgefühl, das sagt jedoch was ganz anderes als mein Kopf…</p> <p>Was nun? Kennst du dieses Gefühl, sich nicht entscheiden zu können? Lass uns die Entscheidungsfindung erstmal zur Seite legen und einen Blick ins Gehirn werfen – hoffentlich wissen wir danach, wie wir besser Entscheidungen treffen. Jetzt musst du dich erstmal entscheiden: Liest du diesen Artikel von Anfang an durch oder springst du direkt zu den finalen Erkenntnissen am Ende?</p> <h3>Schnelle und langsame Entscheidungen? Was Neurowissenschaftler denken</h3> <p>Unsere Entscheidungen bestimmen unser Leben, die Wirtschaft, Politik und Gesellschaft – kein Wunder also, dass sich verschiedene Geistes- und Naturwissenschaftler dem Thema mit Beobachtungen und Experimenten nähern. So existieren verschiedene Modelle und Theorien, die die tatsächlichen Vorgänge im Gehirn nur teilweise abbilden.</p> <p>Das wohl bekannteste Modell unterstützte der Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman: die Dual-Process-Theorie. Ist dir aufgefallen, dass sich Entscheidungen sehr unterschiedlich anfühlen können? Ja? Kahneman auch. So treffen wir einige Entscheidungen sehr schnell, intuitiv, wohingegen andere Entscheidungen richtig anstrengend sind und lange Zeit benötigen, das beschrieb er als System 1 und System 2 <sup>1</sup>. Dieses Denkmodell hilft Denkfehler, Entscheidungsfallen und Wahrnehmungsverzerrungen zu verstehen.</p> <p>Obwohl es zwar unterscheidbare neuronale Signaturen für intuitive und analytische Denkprozesse gibt, halten Neurowissenschaftler die Dual-Process-Theorie für ein deutlich vereinfachendes Schema der tatsächlichen Neurophysiologie <sup>2,3</sup>. Vielmehr konnten sie zeigen, dass fast immer eine Mischung aus System 1 und System 2 Eigenschaften vorliegt und keinesfalls zwei getrennte Vorgänge im Gehirn stattfinden, sondern stark überlappende neuronale Netzwerke unter Beteiligung zahlreicher Gehirnareale eine Entscheidungsfindung ermöglichen <sup>4</sup>.<aside></aside></p> <h3>Die neurophysiologische Grundlage: Eine Diskussion in der Küche</h3> <p>Nun stelle dir eine Entscheidungsfrage vor, beispielsweise, was du heute Abend essen möchtest – keine furchtbar schwere oder weitreichende Entscheidung, trotzdem läuft gerade ein hochkomplexes Stimmengewirr in deinem Gehirn ab. Stell dir vor, deine Hirnareale stehen gemeinsam mit dir in der Küche und schauen in den fast leeren Kühlschrank. Jedes hat eine Meinung. Und alle reden gleichzeitig.</p> <p>Die <strong>Insula</strong> stöhnt erschöpft auf. Sie spürt in den Körper hinein und jammert: <em>„Der Tag war so lange. Wir sind seit frühmorgens auf den Beinen, haben so viel Arbeit geleistet und kaum Mittagspause gehabt. Der Körper ist erschöpft, der Blutzucker im Keller. Wir brauchen etwas Warmes, Vertrautes, Belohnendes. Ein Burger, das ist das Richtige!“ <sup>5</sup>.</em></p> <p>Das <strong>Striatum</strong> meldet sich mit leuchtenden Augen: <em>„Ich habe eine andere Idee. Erinnert ihr euch an den kunstvoll arrangierten Salat letzten Monat? Fast 200 Likes auf Instagram. Ich sage nur: sehr hohes Belohnungspotenzial.“ <sup>6</sup>.</em></p> <p>Der erfahrene <strong>Hippocampus</strong> erinnert: <em>“Mag sein, dass der Salat schön war, aber nach dieser Mahlzeit vor genau 3 Wochen haben wir uns absolut nicht satt gefühlt. Aber nach dem Burger sind wir jedes Mal zufrieden auf dem Sofa eingeschlafen.” </em>Die emotionale <strong>Amygdala</strong> stimmt nachdrücklich zu: <em>„Genau. Und ich erinnere daran: Der Salat war furchtbar enttäuschend. Dagegen war der letzte Burger ein riesiger Genuss. Meine Priorität: positive Assoziation.“ <sup>7</sup>.</em></p> <p>Der <strong>dorsolaterale präfrontale Kortex</strong>, die Rationalität in Person, räuspert sich und schiebt eine Tabelle über die Küchenzeile: <em>„Ich bitte um etwas Sachlichkeit. Budget: Der Burger kostet dreimal so viel wie der Salat. Zeit: Die Lieferung dauert 45 Minuten. Gesundheit: Wir hatten bereits zweimal diese Woche Fast Food. Mein Fazit: Pasta zu Hause, das ist schnell, günstig, ausreichend.“ <sup>8</sup>.</em></p> <p>Der <strong>orbitofrontale Kortex</strong>, ein leidenschaftlicher Genießer, runzelt die Stirn: <em>„Ausreichend? Wir reden hier nicht von ausreichend! Wir reden davon, wie sich die Optionen gerade anfühlen. Und sind wir ganz ehrlich, Pasta fühlt sich heute nach gar nichts an. Aber Burger, der fühlt sich nach einem kleinen Triumph an!“ <sup>9</sup>.</em></p> <p>Die harmoniebedürftige <strong>ventromediale präfrontale Rinde</strong> lauscht geduldig und nickt langsam: <em>„Ihr habt alle Recht. Es geht nicht nur um Kalorien oder Kosten. Es geht darum, was sich für uns als Person gerade insgesamt stimmig anfühlt. Und heute Abend fühlt sich Selbstfürsorge richtig an.“ <sup>10</sup>.</em></p> <div> <figure><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-12-1024x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-12-1024x1024.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-12-300x300.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-12-150x150.jpeg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-12-768x768.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-12-1536x1536.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-12.jpeg 2000w" width="1024"></img></figure> </div> <p>Der <strong>anteriore cinguläre Kortex</strong> springt beunruhigt auf: <em>„Konflikt erkannt! Verstand sagt Pasta, Wohlgefühl will Burger, Striatum träumt von Salatfotos. Ich kann hier keine Einigung feststellen. Ich erkenne Entscheidungsstress. Bitte um weitere Beratungszeit.“ <sup>11</sup>.</em></p> <p>Die <strong>parietale Rinde</strong> sortiert derweil ruhig im Hintergrund die Optionen nach Preis, Aufwand, Verfügbarkeit, Nährwert, rechnet und vergleicht die Auswahlmöglichkeiten, während der Rest der Diskussionsrunde noch streitet <sup>12</sup>.</p> <p>Die <strong>Basalganglien</strong> reden nicht lange. Effizient und unaufgeregt liefern sie als kleines Team (zu dem auch das Striatum gehört) das datenbasierte Erfahrungsvotum. <em>„Wir haben die Daten der letzten Jahre ausgewertet,“</em> sagen sie knapp. <em>„Burger nach langen Arbeitstagen: durchgehend positive Rückmeldung. Pasta bei Erschöpfung: solide, keine Beschwerden. Salat mit Fotoambitionen: gemischte Ergebnisse, erhöhter Aufwand, bei nur geringer Zufriedenheit. Unser Votum: Burger! Dopamin bestätigt unsere Prognose.“</em> Mehr haben sie dazu nicht zu sagen. Sie haben ihren Job bereits erledigt, während die anderen noch diskutieren <sup>6</sup>.</p> <p>Was für ein Diskussion… Jetzt ist klar, warum Entscheidungen treffen so schwierig ist!</p> <p>Erst nach einer gefühlten Ewigkeit der inneren Debatte wird die finale Entscheidung getroffen. Die Basalganglien haben genug Dopamin-Evidenz gesammelt. Der anteriore cinguläre Kortex meldet, dass der Konflikt ausreichend reduziert ist. Der präfrontale Kortex formuliert noch schnell eine rationale Begründung, weil er das letzte Wort haben will. Die Entscheidung: <em>Burger! </em>Du bestellst und die Diskussionsrunde löst sich auf.</p> <h3>Entscheidungsstarre – wenn das Gehirn stecken bleibt</h3> <p>Aber was passiert eigentlich, wenn die Diskussionrunde sich partout nicht einigen kann? Wenn der anteriore cinguläre Kortex im Dauerkonflikt bleibt, die Basalganglien keine klare Evidenz liefern und der dorsolaterale präfrontale Kortex in Endlosschleife abwägt? Dann befinden wir uns in Entscheidungsstarre.</p> <h4>Zu viele Optionen und erwartete Reue</h4> <p>Der Psychologe Barry Schwartz beschrieb ein verblüffendes Phänomen: Mehr Optionen bedeuten nicht mehr Freiheit, im Gegenteil bedeuten sie mehr Überforderung bei der Entscheidung <sup>13</sup>. Genau diese <strong>Optionsüberflut</strong> ist ein besonderer Auslöser der Entscheidungsstarre. Studien mit funktionellen Bildgebungen des Gehirns zeigten, dass die Aktivität im Striatum und im anterioren cingulären Kortex einer umgekehrten U-Kurve folgt. Diese zentralen Entscheidungsakteure sind bei einer mittleren Anzahl von Optionen am aktivsten, wohingegen ihre Aktivität bei zu vielen Optionen wieder absinkt. Die Entscheidungskosten infolge der Abwägung übermäßiger Optionen übersteigen den Nutzen der Entscheidung <sup>14</sup>. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-44.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-44-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-44-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-44-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-44-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-44-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-44.png 1254w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Ein wesentlicher Treiber der Entscheidungsstarre ist die Angst, eine falsche Wahl zu treffen. Diese kann so stark werden, dass letztendlich gar keine Entscheidung getroffen wird <sup>15</sup>. Die erwartete Reue über die Entscheidung für eine Option, aber gegen eine andere gute Alternative, wird über die Amygdala und Insula vermittelt <sup>16</sup>. Dieses Phänomen, in der Verhaltensökonomie als <strong>Verlustaversionseffekt</strong> bezeichnet, kann uns in hohem Maße im Entscheidungsprozess ausbremsen, da wir Verlust als deutlich schmerzhafter empfinden, als einen gleichwertigen Gewinn positiv wahrnehmen <sup>17</sup>.</p> <p>Das Ergebnis? Das Gehirn wählt die sicherste aller Optionen, nämlich gar keine Entscheidung zu treffen. </p> <h3>Besser entscheiden – was die Forschung wirklich empfiehlt</h3> <p>Jetzt wissen wir was in unserem Gehirn passiert und können das für unsere großen wichtigen Entscheidungen nutzen. Hier sind Strategien, die neurobiologisch wirklich sinnvoll sind:</p> <p><strong>1. Entscheide zum richtigen Zeitpunkt</strong> <br></br>Entscheidungen treffen ist, wie wir gelernt haben, wirklich komplex und anstrengend. Nicht verwunderlich also, dass unser Gehirn nach intensiver Kopfarbeit erschöpft und impulsiver wird <sup>18</sup>. Unsere Aufmerksamkeit und Entscheidungsgeschwindigkeit schwankt tageszeitabhängig, nutze deinen Tageszeitrhythmus zu deinem Vorteil im Entscheidungsprozess: Morgentypen entscheiden am besten morgens, Abendtypen besser abends <sup>19</sup>.</p> <p><strong>2. Reduziere deine Optionen bewusst</strong> <br></br>Um nicht in die Falle der Optionsüberflut zu geraten, hilft eine einfache Regel: Grenze deine Auswahl auf eine moderate Anzahl an Alternativen ein, bevor du anfängst abzuwägen. Dein anteriorer cingulärer Kortex und Striatum werden es dir danken.</p> <p><strong>3. Hinterfrage deine Pro-Contra-Liste</strong> <br></br>Pro-Contra-Listen fühlen sich zwar rational an, sind es aber oft nicht. Der Confirmation Bias sorgt dafür, dass wir unbewusst die Argumente stärker gewichten und die Informationen suchen, die unsere bereits bestehende Tendenz bestätigen <sup>20</sup>. Ein kleiner Trick könnte hier helfen: Schau deine Pro-Contra-Liste nach einiger Zeit nochmal speziell mit der Frage an, welche Argumente du übersehen haben könntest. Oder noch besser, bitte jemand Vertrautes, die Gegenseite zu vertreten.</p> <p><strong>4. Hör auf deinen Körper</strong> <br></br>Das Bauchgefühl ist kein mystischer Instinkt – es ist die Art, wie das Gehirn Körpersignale verarbeitet, manchmal bewusst als flaues Gefühl im Magen, beschleunigter Herzschlag oder plötzliches Aufatmen, manchmal ganz unbewusst. Studien zeigen, dass Menschen, die ihre inneren Körpersignale besser wahrnehmen, tatsächlich auch bessere Entscheidungen treffen <sup>21</sup>. Bauch und Kopf sind kein Widerspruch, sondern arbeiten zusammen. Die Kunst liegt darin, beide zu hören.</p> <p><strong>5. Schlaf drüber</strong> <br></br>Nicht als Aufschub, sondern als Strategie. Im Schlaf konsolidiert der Hippocampus Erinnerungen und verarbeitet Informationen neu <sup>22</sup>. Darüber hinaus unterstützt Schlaf Problemlösung, Kreativität und emotionale Regulation – all das, was beim Entscheiden hilft <sup>23</sup>!</p> <p><strong>6. Akzeptiere: Keine Entscheidung ist perfekt</strong> <br></br>Unser Gehirn wird immer Konflikte finden, das ist sein Job. Oft gibt es keine perfekte Entscheidung. Unser Ziel sollte es sein, nicht die beste aller möglichen Optionen zu suchen, sondern diejenige, die unsere Kernkriterien erfüllt. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Herbert Simon nannte dieses Prinzip Satisficing, statt Maximizing – gut genug statt perfekt . Das entlastet das Gehirn enorm und macht uns tatsächlich zufriedener mit unserer Entscheidung <sup>24</sup>.</p> <p>Bildquellen:</p> <p>Titelbild: generiert mit ChatpGPT<br></br>Abb. 2: <a href="https://www.magnific.com/free-vector/hand-drawn-flat-design-people-eating-collection_21115270.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=45&amp;uuid=857b33e2-c86a-4a90-8ee7-830dd11df2f4&amp;query=eating" rel="noopener">FreePik</a><br></br>Abb. 3: generiert mit ChatGPT</p> <p>Quellen</p> <p>1. Kahneman, D. <em>Thinking, Fast and Slow</em>. 499 (Farrar, Straus and Giroux, New York, NY, US, 2011). </p> <p>2. Melnikoff, D. E. &amp; Bargh, J. A. The Mythical Number Two. <em>Trends Cogn Sci </em><strong>22</strong>, 280–293 (2018). </p> <p>3. Williams, C. C., Kappen, M., Hassall, C. D., Wright, B. &amp; Krigolson, O. E. Thinking theta and alpha: Mechanisms of intuitive and analytical reasoning. <em>Neuroimage </em><strong>189</strong>, 574–580 (2019). </p> <p>4. Levine, D. S. One or two minds? Neural network modeling of decision making by the unified self. <em>Neural Networks </em><strong>120</strong>, 74–85 (2019). </p> <p>5. Simone, L. <em>et al.</em> Anatomo-functional organization of insular networks: From sensory integration to behavioral control. <em>Prog Neurobiol </em><strong>247</strong>, 102748 (2025). </p> <p>6. Verharen, J. P. H., Adan, R. A. H. &amp; Vanderschuren, L. J. M. J. Differential contributions of striatal dopamine D1 and D2 receptors to component processes of value-based decision making. <em>Neuropsychopharmacology </em><strong>44</strong>, 2195–2204 (2019). </p> <p>7. Gupta, R., Koscik, T. R., Bechara, A. &amp; Tranel, D. The amygdala and decision making. <em>Neuropsychologia </em><strong>49</strong>, 760–766 (2011). </p> <p>8. Krawczyk, D. C. Contributions of the prefrontal cortex to the neural basis of human decision making. <em>Neurosci Biobehav Rev </em><strong>26</strong>, 631–664 (2002). </p> <p>9. Fellows, L. K. Orbitofrontal contributions to value-based decision making: evidence from humans with frontal lobe damage. <em>Ann N Y Acad Sci </em><strong>1239</strong>, 51–58 (2011). </p> <p>10. Klein-Flügge, M. C., Bongioanni, A. &amp; Rushworth, M. F. Medial and orbital frontal cortex in decision making and flexible behavior. <em>Neuron </em><strong>110</strong>, 2743–2770 (2022). </p> <p>11. Botvinick, M. M., Cohen, J. D. &amp; Carter, C. S. Conflict monitoring and anterior cingulate cortex: an update. <em>Trends Cogn Sci </em><strong>8</strong>, 539–546 (2004). </p> <p>12. Si, R., Rowe, J. B. &amp; Zhang, J. Functional localization and categorization of intentional decisions in humans: A meta-analysis of brain imaging studies. <em>Neuroimage </em><strong>242</strong>, 118468 (2021). </p> <p>13. Schwartz, B. The Paradox Of Choice: Why More Is Less. <em>The Paradox Of Choice: Why More Is Less </em>https://works.swarthmore.edu/fac-psychology/198 (2004). </p> <p>14. Reutskaja, E., Lindner, A., Nagel, R., Andersen, R. A. &amp; Camerer, C. F. Choice overload reduces neural signatures of choice set value in dorsal striatum and anterior cingulate cortex. <em>Nat Hum Behav </em><strong>2</strong>, 925–935 (2018). </p> <p>15. Anderson, C. J. The psychology of doing nothing: Forms of decision avoidance result from reason and emotion. <em>Psychological Bulletin </em><strong>129</strong>, 139–167 (2003). </p> <p>16. Bishop, S. J. &amp; Gagne, C. Anxiety, Depression, and Decision Making: A Computational Perspective. <em>Annu Rev Neurosci </em><strong>41</strong>, 371–388 (2018). </p> <p>17. Canessa, N. <em>et al.</em> The functional and structural neural basis of individual differences in loss aversion. <em>J Neurosci </em><strong>33</strong>, 14307–14317 (2013). </p> <p>18. Blain, B., Hollard, G. &amp; Pessiglione, M. Neural mechanisms underlying the impact of daylong cognitive work on economic decisions. <em>Proceedings of the National Academy of Sciences </em><strong>113</strong>, 6967–6972 (2016). </p> <p>19. Ingram, K. K. <em>et al.</em> Molecular insights into chronotype and time-of-day effects on decision-making. <em>Sci Rep </em><strong>6</strong>, 29392 (2016). </p> <p>20. Jonas, E., Schulz-Hardt, S., Frey, D. &amp; Thelen, N. Confirmation bias in sequential information search after preliminary decisions: an expansion of dissonance theoretical research on selective exposure to information. <em>J Pers Soc Psychol </em><strong>80</strong>, 557–571 (2001). </p> <p>21. Werner, N. S. <em>et al.</em> Interoceptive awareness moderates neural activity during decision-making. <em>Biol Psychol </em><strong>94</strong>, 498–506 (2013). </p> <p>22. Lutz, N. D., Harkotte, M. &amp; Born, J. Sleep’s contribution to memory formation. <em>Physiol Rev </em><strong>106</strong>, 363–483 (2026). </p> <p>23. Paller, K. A., Creery, J. D. &amp; Schechtman, E. Memory and Sleep: How Sleep Cognition Can Change the Waking Mind for the Better. <em>Annu Rev Psychol </em><strong>72</strong>, 123–150 (2021). 24. Ge, X., Zhang, X., Li, Q., Zhang, Z. &amp; Hou, Y. Maximizers Abandon More Before Decisions, Regret More After Decisions, and Re-Maximize More for Second-Time Decisions: Real-World Analysis of Online Consumer Behaviors. <em>Pers Soc Psychol Bull</em> 1461672251385756 (2025) doi:10.1177/01461672251385756.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-3-2026-03_57_37-PM.png" /><h1>Die Neurowissenschaft des Entscheidens – Diskussion in der Küche » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Corinna Kuhn</h2><div itemprop="text"> <p>Ich muss gerade wichtige Entscheidungen treffen, so richtig große und das ist echt schwer. Ich habe schon alle Ratschläge ausprobiert: Habe Pro-Contra Listen geschrieben, mir überlegt, welche Konsequenzen meine Entscheidungen in 10 Jahren haben würden, habe mehr als nur eine Nacht darüber geschlafen und alle Münzen aus meinem Geldbeutel geworfen. Aber dem Zufall eine so wichtige Entscheidung lassen? Nein, da höre ich lieber auf mein Bauchgefühl, das sagt jedoch was ganz anderes als mein Kopf…</p> <p>Was nun? Kennst du dieses Gefühl, sich nicht entscheiden zu können? Lass uns die Entscheidungsfindung erstmal zur Seite legen und einen Blick ins Gehirn werfen – hoffentlich wissen wir danach, wie wir besser Entscheidungen treffen. Jetzt musst du dich erstmal entscheiden: Liest du diesen Artikel von Anfang an durch oder springst du direkt zu den finalen Erkenntnissen am Ende?</p> <h3>Schnelle und langsame Entscheidungen? Was Neurowissenschaftler denken</h3> <p>Unsere Entscheidungen bestimmen unser Leben, die Wirtschaft, Politik und Gesellschaft – kein Wunder also, dass sich verschiedene Geistes- und Naturwissenschaftler dem Thema mit Beobachtungen und Experimenten nähern. So existieren verschiedene Modelle und Theorien, die die tatsächlichen Vorgänge im Gehirn nur teilweise abbilden.</p> <p>Das wohl bekannteste Modell unterstützte der Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman: die Dual-Process-Theorie. Ist dir aufgefallen, dass sich Entscheidungen sehr unterschiedlich anfühlen können? Ja? Kahneman auch. So treffen wir einige Entscheidungen sehr schnell, intuitiv, wohingegen andere Entscheidungen richtig anstrengend sind und lange Zeit benötigen, das beschrieb er als System 1 und System 2 <sup>1</sup>. Dieses Denkmodell hilft Denkfehler, Entscheidungsfallen und Wahrnehmungsverzerrungen zu verstehen.</p> <p>Obwohl es zwar unterscheidbare neuronale Signaturen für intuitive und analytische Denkprozesse gibt, halten Neurowissenschaftler die Dual-Process-Theorie für ein deutlich vereinfachendes Schema der tatsächlichen Neurophysiologie <sup>2,3</sup>. Vielmehr konnten sie zeigen, dass fast immer eine Mischung aus System 1 und System 2 Eigenschaften vorliegt und keinesfalls zwei getrennte Vorgänge im Gehirn stattfinden, sondern stark überlappende neuronale Netzwerke unter Beteiligung zahlreicher Gehirnareale eine Entscheidungsfindung ermöglichen <sup>4</sup>.<aside></aside></p> <h3>Die neurophysiologische Grundlage: Eine Diskussion in der Küche</h3> <p>Nun stelle dir eine Entscheidungsfrage vor, beispielsweise, was du heute Abend essen möchtest – keine furchtbar schwere oder weitreichende Entscheidung, trotzdem läuft gerade ein hochkomplexes Stimmengewirr in deinem Gehirn ab. Stell dir vor, deine Hirnareale stehen gemeinsam mit dir in der Küche und schauen in den fast leeren Kühlschrank. Jedes hat eine Meinung. Und alle reden gleichzeitig.</p> <p>Die <strong>Insula</strong> stöhnt erschöpft auf. Sie spürt in den Körper hinein und jammert: <em>„Der Tag war so lange. Wir sind seit frühmorgens auf den Beinen, haben so viel Arbeit geleistet und kaum Mittagspause gehabt. Der Körper ist erschöpft, der Blutzucker im Keller. Wir brauchen etwas Warmes, Vertrautes, Belohnendes. Ein Burger, das ist das Richtige!“ <sup>5</sup>.</em></p> <p>Das <strong>Striatum</strong> meldet sich mit leuchtenden Augen: <em>„Ich habe eine andere Idee. Erinnert ihr euch an den kunstvoll arrangierten Salat letzten Monat? Fast 200 Likes auf Instagram. Ich sage nur: sehr hohes Belohnungspotenzial.“ <sup>6</sup>.</em></p> <p>Der erfahrene <strong>Hippocampus</strong> erinnert: <em>“Mag sein, dass der Salat schön war, aber nach dieser Mahlzeit vor genau 3 Wochen haben wir uns absolut nicht satt gefühlt. Aber nach dem Burger sind wir jedes Mal zufrieden auf dem Sofa eingeschlafen.” </em>Die emotionale <strong>Amygdala</strong> stimmt nachdrücklich zu: <em>„Genau. Und ich erinnere daran: Der Salat war furchtbar enttäuschend. Dagegen war der letzte Burger ein riesiger Genuss. Meine Priorität: positive Assoziation.“ <sup>7</sup>.</em></p> <p>Der <strong>dorsolaterale präfrontale Kortex</strong>, die Rationalität in Person, räuspert sich und schiebt eine Tabelle über die Küchenzeile: <em>„Ich bitte um etwas Sachlichkeit. Budget: Der Burger kostet dreimal so viel wie der Salat. Zeit: Die Lieferung dauert 45 Minuten. Gesundheit: Wir hatten bereits zweimal diese Woche Fast Food. Mein Fazit: Pasta zu Hause, das ist schnell, günstig, ausreichend.“ <sup>8</sup>.</em></p> <p>Der <strong>orbitofrontale Kortex</strong>, ein leidenschaftlicher Genießer, runzelt die Stirn: <em>„Ausreichend? Wir reden hier nicht von ausreichend! Wir reden davon, wie sich die Optionen gerade anfühlen. Und sind wir ganz ehrlich, Pasta fühlt sich heute nach gar nichts an. Aber Burger, der fühlt sich nach einem kleinen Triumph an!“ <sup>9</sup>.</em></p> <p>Die harmoniebedürftige <strong>ventromediale präfrontale Rinde</strong> lauscht geduldig und nickt langsam: <em>„Ihr habt alle Recht. Es geht nicht nur um Kalorien oder Kosten. Es geht darum, was sich für uns als Person gerade insgesamt stimmig anfühlt. Und heute Abend fühlt sich Selbstfürsorge richtig an.“ <sup>10</sup>.</em></p> <div> <figure><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-12-1024x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-12-1024x1024.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-12-300x300.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-12-150x150.jpeg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-12-768x768.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-12-1536x1536.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-12.jpeg 2000w" width="1024"></img></figure> </div> <p>Der <strong>anteriore cinguläre Kortex</strong> springt beunruhigt auf: <em>„Konflikt erkannt! Verstand sagt Pasta, Wohlgefühl will Burger, Striatum träumt von Salatfotos. Ich kann hier keine Einigung feststellen. Ich erkenne Entscheidungsstress. Bitte um weitere Beratungszeit.“ <sup>11</sup>.</em></p> <p>Die <strong>parietale Rinde</strong> sortiert derweil ruhig im Hintergrund die Optionen nach Preis, Aufwand, Verfügbarkeit, Nährwert, rechnet und vergleicht die Auswahlmöglichkeiten, während der Rest der Diskussionsrunde noch streitet <sup>12</sup>.</p> <p>Die <strong>Basalganglien</strong> reden nicht lange. Effizient und unaufgeregt liefern sie als kleines Team (zu dem auch das Striatum gehört) das datenbasierte Erfahrungsvotum. <em>„Wir haben die Daten der letzten Jahre ausgewertet,“</em> sagen sie knapp. <em>„Burger nach langen Arbeitstagen: durchgehend positive Rückmeldung. Pasta bei Erschöpfung: solide, keine Beschwerden. Salat mit Fotoambitionen: gemischte Ergebnisse, erhöhter Aufwand, bei nur geringer Zufriedenheit. Unser Votum: Burger! Dopamin bestätigt unsere Prognose.“</em> Mehr haben sie dazu nicht zu sagen. Sie haben ihren Job bereits erledigt, während die anderen noch diskutieren <sup>6</sup>.</p> <p>Was für ein Diskussion… Jetzt ist klar, warum Entscheidungen treffen so schwierig ist!</p> <p>Erst nach einer gefühlten Ewigkeit der inneren Debatte wird die finale Entscheidung getroffen. Die Basalganglien haben genug Dopamin-Evidenz gesammelt. Der anteriore cinguläre Kortex meldet, dass der Konflikt ausreichend reduziert ist. Der präfrontale Kortex formuliert noch schnell eine rationale Begründung, weil er das letzte Wort haben will. Die Entscheidung: <em>Burger! </em>Du bestellst und die Diskussionsrunde löst sich auf.</p> <h3>Entscheidungsstarre – wenn das Gehirn stecken bleibt</h3> <p>Aber was passiert eigentlich, wenn die Diskussionrunde sich partout nicht einigen kann? Wenn der anteriore cinguläre Kortex im Dauerkonflikt bleibt, die Basalganglien keine klare Evidenz liefern und der dorsolaterale präfrontale Kortex in Endlosschleife abwägt? Dann befinden wir uns in Entscheidungsstarre.</p> <h4>Zu viele Optionen und erwartete Reue</h4> <p>Der Psychologe Barry Schwartz beschrieb ein verblüffendes Phänomen: Mehr Optionen bedeuten nicht mehr Freiheit, im Gegenteil bedeuten sie mehr Überforderung bei der Entscheidung <sup>13</sup>. Genau diese <strong>Optionsüberflut</strong> ist ein besonderer Auslöser der Entscheidungsstarre. Studien mit funktionellen Bildgebungen des Gehirns zeigten, dass die Aktivität im Striatum und im anterioren cingulären Kortex einer umgekehrten U-Kurve folgt. Diese zentralen Entscheidungsakteure sind bei einer mittleren Anzahl von Optionen am aktivsten, wohingegen ihre Aktivität bei zu vielen Optionen wieder absinkt. Die Entscheidungskosten infolge der Abwägung übermäßiger Optionen übersteigen den Nutzen der Entscheidung <sup>14</sup>. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-44.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-44-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-44-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-44-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-44-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-44-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-44.png 1254w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Ein wesentlicher Treiber der Entscheidungsstarre ist die Angst, eine falsche Wahl zu treffen. Diese kann so stark werden, dass letztendlich gar keine Entscheidung getroffen wird <sup>15</sup>. Die erwartete Reue über die Entscheidung für eine Option, aber gegen eine andere gute Alternative, wird über die Amygdala und Insula vermittelt <sup>16</sup>. Dieses Phänomen, in der Verhaltensökonomie als <strong>Verlustaversionseffekt</strong> bezeichnet, kann uns in hohem Maße im Entscheidungsprozess ausbremsen, da wir Verlust als deutlich schmerzhafter empfinden, als einen gleichwertigen Gewinn positiv wahrnehmen <sup>17</sup>.</p> <p>Das Ergebnis? Das Gehirn wählt die sicherste aller Optionen, nämlich gar keine Entscheidung zu treffen. </p> <h3>Besser entscheiden – was die Forschung wirklich empfiehlt</h3> <p>Jetzt wissen wir was in unserem Gehirn passiert und können das für unsere großen wichtigen Entscheidungen nutzen. Hier sind Strategien, die neurobiologisch wirklich sinnvoll sind:</p> <p><strong>1. Entscheide zum richtigen Zeitpunkt</strong> <br></br>Entscheidungen treffen ist, wie wir gelernt haben, wirklich komplex und anstrengend. Nicht verwunderlich also, dass unser Gehirn nach intensiver Kopfarbeit erschöpft und impulsiver wird <sup>18</sup>. Unsere Aufmerksamkeit und Entscheidungsgeschwindigkeit schwankt tageszeitabhängig, nutze deinen Tageszeitrhythmus zu deinem Vorteil im Entscheidungsprozess: Morgentypen entscheiden am besten morgens, Abendtypen besser abends <sup>19</sup>.</p> <p><strong>2. Reduziere deine Optionen bewusst</strong> <br></br>Um nicht in die Falle der Optionsüberflut zu geraten, hilft eine einfache Regel: Grenze deine Auswahl auf eine moderate Anzahl an Alternativen ein, bevor du anfängst abzuwägen. Dein anteriorer cingulärer Kortex und Striatum werden es dir danken.</p> <p><strong>3. Hinterfrage deine Pro-Contra-Liste</strong> <br></br>Pro-Contra-Listen fühlen sich zwar rational an, sind es aber oft nicht. Der Confirmation Bias sorgt dafür, dass wir unbewusst die Argumente stärker gewichten und die Informationen suchen, die unsere bereits bestehende Tendenz bestätigen <sup>20</sup>. Ein kleiner Trick könnte hier helfen: Schau deine Pro-Contra-Liste nach einiger Zeit nochmal speziell mit der Frage an, welche Argumente du übersehen haben könntest. Oder noch besser, bitte jemand Vertrautes, die Gegenseite zu vertreten.</p> <p><strong>4. Hör auf deinen Körper</strong> <br></br>Das Bauchgefühl ist kein mystischer Instinkt – es ist die Art, wie das Gehirn Körpersignale verarbeitet, manchmal bewusst als flaues Gefühl im Magen, beschleunigter Herzschlag oder plötzliches Aufatmen, manchmal ganz unbewusst. Studien zeigen, dass Menschen, die ihre inneren Körpersignale besser wahrnehmen, tatsächlich auch bessere Entscheidungen treffen <sup>21</sup>. Bauch und Kopf sind kein Widerspruch, sondern arbeiten zusammen. Die Kunst liegt darin, beide zu hören.</p> <p><strong>5. Schlaf drüber</strong> <br></br>Nicht als Aufschub, sondern als Strategie. Im Schlaf konsolidiert der Hippocampus Erinnerungen und verarbeitet Informationen neu <sup>22</sup>. Darüber hinaus unterstützt Schlaf Problemlösung, Kreativität und emotionale Regulation – all das, was beim Entscheiden hilft <sup>23</sup>!</p> <p><strong>6. Akzeptiere: Keine Entscheidung ist perfekt</strong> <br></br>Unser Gehirn wird immer Konflikte finden, das ist sein Job. Oft gibt es keine perfekte Entscheidung. Unser Ziel sollte es sein, nicht die beste aller möglichen Optionen zu suchen, sondern diejenige, die unsere Kernkriterien erfüllt. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Herbert Simon nannte dieses Prinzip Satisficing, statt Maximizing – gut genug statt perfekt . Das entlastet das Gehirn enorm und macht uns tatsächlich zufriedener mit unserer Entscheidung <sup>24</sup>.</p> <p>Bildquellen:</p> <p>Titelbild: generiert mit ChatpGPT<br></br>Abb. 2: <a href="https://www.magnific.com/free-vector/hand-drawn-flat-design-people-eating-collection_21115270.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=45&amp;uuid=857b33e2-c86a-4a90-8ee7-830dd11df2f4&amp;query=eating" rel="noopener">FreePik</a><br></br>Abb. 3: generiert mit ChatGPT</p> <p>Quellen</p> <p>1. Kahneman, D. <em>Thinking, Fast and Slow</em>. 499 (Farrar, Straus and Giroux, New York, NY, US, 2011). </p> <p>2. Melnikoff, D. E. &amp; Bargh, J. A. The Mythical Number Two. <em>Trends Cogn Sci </em><strong>22</strong>, 280–293 (2018). </p> <p>3. Williams, C. C., Kappen, M., Hassall, C. D., Wright, B. &amp; Krigolson, O. E. Thinking theta and alpha: Mechanisms of intuitive and analytical reasoning. <em>Neuroimage </em><strong>189</strong>, 574–580 (2019). </p> <p>4. Levine, D. S. One or two minds? Neural network modeling of decision making by the unified self. <em>Neural Networks </em><strong>120</strong>, 74–85 (2019). </p> <p>5. Simone, L. <em>et al.</em> Anatomo-functional organization of insular networks: From sensory integration to behavioral control. <em>Prog Neurobiol </em><strong>247</strong>, 102748 (2025). </p> <p>6. Verharen, J. P. H., Adan, R. A. H. &amp; Vanderschuren, L. J. M. J. Differential contributions of striatal dopamine D1 and D2 receptors to component processes of value-based decision making. <em>Neuropsychopharmacology </em><strong>44</strong>, 2195–2204 (2019). </p> <p>7. Gupta, R., Koscik, T. R., Bechara, A. &amp; Tranel, D. The amygdala and decision making. <em>Neuropsychologia </em><strong>49</strong>, 760–766 (2011). </p> <p>8. Krawczyk, D. C. Contributions of the prefrontal cortex to the neural basis of human decision making. <em>Neurosci Biobehav Rev </em><strong>26</strong>, 631–664 (2002). </p> <p>9. Fellows, L. K. Orbitofrontal contributions to value-based decision making: evidence from humans with frontal lobe damage. <em>Ann N Y Acad Sci </em><strong>1239</strong>, 51–58 (2011). </p> <p>10. Klein-Flügge, M. C., Bongioanni, A. &amp; Rushworth, M. F. Medial and orbital frontal cortex in decision making and flexible behavior. <em>Neuron </em><strong>110</strong>, 2743–2770 (2022). </p> <p>11. Botvinick, M. M., Cohen, J. D. &amp; Carter, C. S. Conflict monitoring and anterior cingulate cortex: an update. <em>Trends Cogn Sci </em><strong>8</strong>, 539–546 (2004). </p> <p>12. Si, R., Rowe, J. B. &amp; Zhang, J. Functional localization and categorization of intentional decisions in humans: A meta-analysis of brain imaging studies. <em>Neuroimage </em><strong>242</strong>, 118468 (2021). </p> <p>13. Schwartz, B. The Paradox Of Choice: Why More Is Less. <em>The Paradox Of Choice: Why More Is Less </em>https://works.swarthmore.edu/fac-psychology/198 (2004). </p> <p>14. Reutskaja, E., Lindner, A., Nagel, R., Andersen, R. A. &amp; Camerer, C. F. Choice overload reduces neural signatures of choice set value in dorsal striatum and anterior cingulate cortex. <em>Nat Hum Behav </em><strong>2</strong>, 925–935 (2018). </p> <p>15. Anderson, C. J. The psychology of doing nothing: Forms of decision avoidance result from reason and emotion. <em>Psychological Bulletin </em><strong>129</strong>, 139–167 (2003). </p> <p>16. Bishop, S. J. &amp; Gagne, C. Anxiety, Depression, and Decision Making: A Computational Perspective. <em>Annu Rev Neurosci </em><strong>41</strong>, 371–388 (2018). </p> <p>17. Canessa, N. <em>et al.</em> The functional and structural neural basis of individual differences in loss aversion. <em>J Neurosci </em><strong>33</strong>, 14307–14317 (2013). </p> <p>18. Blain, B., Hollard, G. &amp; Pessiglione, M. Neural mechanisms underlying the impact of daylong cognitive work on economic decisions. <em>Proceedings of the National Academy of Sciences </em><strong>113</strong>, 6967–6972 (2016). </p> <p>19. Ingram, K. K. <em>et al.</em> Molecular insights into chronotype and time-of-day effects on decision-making. <em>Sci Rep </em><strong>6</strong>, 29392 (2016). </p> <p>20. Jonas, E., Schulz-Hardt, S., Frey, D. &amp; Thelen, N. Confirmation bias in sequential information search after preliminary decisions: an expansion of dissonance theoretical research on selective exposure to information. <em>J Pers Soc Psychol </em><strong>80</strong>, 557–571 (2001). </p> <p>21. Werner, N. S. <em>et al.</em> Interoceptive awareness moderates neural activity during decision-making. <em>Biol Psychol </em><strong>94</strong>, 498–506 (2013). </p> <p>22. Lutz, N. D., Harkotte, M. &amp; Born, J. Sleep’s contribution to memory formation. <em>Physiol Rev </em><strong>106</strong>, 363–483 (2026). </p> <p>23. Paller, K. A., Creery, J. D. &amp; Schechtman, E. Memory and Sleep: How Sleep Cognition Can Change the Waking Mind for the Better. <em>Annu Rev Psychol </em><strong>72</strong>, 123–150 (2021). 24. Ge, X., Zhang, X., Li, Q., Zhang, Z. &amp; Hou, Y. Maximizers Abandon More Before Decisions, Regret More After Decisions, and Re-Maximize More for Second-Time Decisions: Real-World Analysis of Online Consumer Behaviors. <em>Pers Soc Psychol Bull</em> 1461672251385756 (2025) doi:10.1177/01461672251385756.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-neurowissenschaft-des-entscheidens/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>7</slash:comments> </item> <item> <title>Blume & Ince 55: Die Selbstzerstörung des Fossilismus & die Abzocke in der fossilen Miet- und Armutsfalle https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-55-die-selbstzerstoerung-des-fossilismus-die-abzocke-in-der-fossilen-miet-und-armutsfalle/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-55-die-selbstzerstoerung-des-fossilismus-die-abzocke-in-der-fossilen-miet-und-armutsfalle/#comments Fri, 01 May 2026 10:36:38 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11246 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/3545f79f-669b-4b35-9828-ea2bc710fd06-768x423.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-55-die-selbstzerstoerung-des-fossilismus-die-abzocke-in-der-fossilen-miet-und-armutsfalle/</link> </image> <description type="html"><h1>Blume & Ince 55: Die Selbstzerstörung des Fossilismus & die Abzocke in der fossilen Miet- und Armutsfalle » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-05-01T12:36:38+02:00">01. Mai 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 3 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Am heutigen 1. Mai 2026 zeigt sich auch in Deutschland der fossile Wahnsinn wieder einmal in voller Pracht: Einerseits werden Millionen Menschen mit Verbrennungsmotoren samt eines fehlschlagenden Tankrabattes durch fossile Konzerne abgezockt. Und andererseits setzen bereits negative Strompreise ein – werden also <a href="https://youtube.com/shorts/ZzvlWNSrIp4?feature=share" rel="noopener">Elektroauto-Besitzende mit dynamischen Stromtarifen sogar in Cash BEZAHLT, wenn sie dem Netz  überschüssigen Ökostrom abnehmen</a>!</p> <p>Und während Rechte die Realität der eskalierenden Klima-, Wasser- und Hitzekrise weiter leugnen, verlieren sich auch Linke bisweilen in dualistischen Parteiblasen, wie <strong>Inan Ince</strong> leider erleben musste. Und am Anfang der Folge erzählt.</p> <p>In den vergangenen Wochen machte ich zudem die Beobachtung einer <strong>Dreiteilung der Energiewende mit einer „fossilen (Miet-)Falle“ in der Mitte</strong>, die ich dem BWL-Prof erstmals vorstellte. Und er erkannte darin <strong>einen Spezialfall der sog. <em>„Armutsfalle“</em>, die der Wirtschaftswissenschaft gut bekannt</strong> ist und weltweit immer wieder jenen Menschen höhere Kosten aufdrückt, denen es an Investitionsmitteln fehlt. Inans lebenspraktisches Beispiel: Viele Studierende beziehen Kaffee aus überteuerten Kaffee-Pads, weil sie sich die einmalige Anschaffung einer teure Kaffeemaschine mit Kaffeebohnen einfach (noch) nicht leisten können. Sie zahlen also pro Tässle Kaffee mehr, weil ihnen das Geld für die Investition fehlt.</p> <p>Hier das von Inan aus meiner Handzeichnung geschöpfte Schaubild dazu mit einer kurzen Erklärung:</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/energieglauben-und-solarpunk-solarboom-in-china-pakistan/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die Dreiteilung der Energiewende mit dem oft staatlich subventionierten Solarpunk oben, dem wirtschaftlich lohnenden Solarboom unten und der fossilen Falle bzw. Mietfalle in der Mitte." decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1395px) 100vw, 1395px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/3545f79f-669b-4b35-9828-ea2bc710fd06.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/3545f79f-669b-4b35-9828-ea2bc710fd06.jpeg 1395w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/3545f79f-669b-4b35-9828-ea2bc710fd06-300x165.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/3545f79f-669b-4b35-9828-ea2bc710fd06-1024x564.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/3545f79f-669b-4b35-9828-ea2bc710fd06-768x423.jpeg 768w" width="1395"></img></a><aside></aside></p> <p><em>Die Darstellung der fossilen (Mite-)falle zwischen dem Solarboom in Ländern mit eher schwacher Staatlichkeit und dem oft staatlich subventionierten Solarpunk bei Eigenheimbesitzenden. Grafik: Prof. Dr. Inan Ince nach einer Skizze von Dr. Michael Blume</em></p> <p>So sehen wir unten den <strong>Solarboom</strong> – inklusive Batteriespeicher – in Ländern mit eher schwacher Staatlichkeit wie <strong>Pakistan</strong>, <strong>Kenia</strong> oder auch <strong>Kalifornien</strong>, weil sie dort <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zuviel-oekostrom-solarstrom-speicher-in-deutschland-schaffen-erneuerbare-wohlstandsenergien-jetzt/">der Aufbau von <strong>Photovoltaik</strong> und <strong>Batteriespeichern</strong> als <em><strong>Wohlstandsenergien</strong> </em>längst wirtschaftlich lohnt</a> – und nicht, wie etwa <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-aus-dem-ehemaligen-preussen-warum-deutscher-energieglauben-auch-regional-gepraegt-ist/">in <strong>Deutschland</strong>, durch die preußisch-zentralistische und fossilistische Bundesbürokratie ausgebremst</a> werden kann.</p> <p>Ein bedenkenswerter <strong>Fun Fact</strong>: Gäbe es in Deutschland tatsächlich von Bürokratie und Vorschriften entlastete <strong>Sonderwirtschaftszonen</strong>, wie sie u.a. <strong>Carsten Linnemann (CDU)</strong> ins Spiel gebracht hat – dann würden dort umgehend <strong>erneuerbare Wohlstandsenergien</strong> und <strong>Batteriespeicher-Unternehmen boomen</strong>! Doch deren auch volkswirtschaftliches Aufblühen wird derzeit aus <strong>Berlin</strong> aktiv heruntergeregelt, wie auch <a href="https://www.manager-magazin.de/print/mm/index-2026-5.html" rel="noopener">das (Achtung, Ironie!) ökosozialistische Kampfblatt <strong><em>„Manager Magazin“</em></strong> 05/2026 inzwischen bemängelt</a>.</p> <p>Oben sehen wir dagegen den post-fossilen <strong>Solarpunk</strong>, der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-waermepumpe-memes-und-lob-dem-spd-oekosozialen-hermann-scheer-1944-2010/">oft noch staatlich subventioniert wird</a> und insbesondere den Besitzerinnen und Besitzern von Eigenheimen mit bereits eigenen Solarpaneelen, Batteriespeichern und Ladestationen für Elektroautos zugute kommt. Wer also bereits Besitz aufbauen konnte, profitiert von der post-fossilen Energiewende noch zusätzlich durch Einsparungen, Gewinne und Subventionen. Wer sich <strong>Solarpunk</strong> im Eigenheim leisten kann, kann sich danach tatsächlich mehr leisten!</p> <p>In der Mitte aber finden wir die <strong>fossile Kostenfalle</strong>, die vor allem auch eine <strong>fossile Mietfalle</strong> ist: Genau die Menschen, die zur Miete und in Gebieten ohne ausreichend Ladesäulen leben, werden am stärksten fossil abgezockt und dann auch noch medial manipuliert!</p> <p>So sehr und dringend ich also <a href="https://youtu.be/1HRpXuO7ZkQ" rel="noopener">den Ausbau <strong>erneuerbarer Friedensenergien</strong> zum Schutz von Mitwelt und Mitmenschen fordere</a>, so sehr sehe ich doch die Gefahr, dass post-fossile Subventionen über Steuern und Abgaben vor allem denen zugute kommen, die bereits wohlhabend sind! Eine Aufgabe der Solarpunk-Bewegung muss jedoch darin bestehen, die sozialen, kommunalen, kulturellen und letztlich demokratischen Auswirkungen der post-fossilen Transformation mitzudenken!</p> <p>So zeigt ein Bundesländer-Vergleich, dass derzeit (und aktuell auch: heute!) insbesondere Eigenheimbesitzende in wohlhabenden, süddeutschen Bundesländern bereits riesige Mengen als Solarstrom als überschüssigem Ökostrom produzieren, wogegen der stärker norddeutsche Windstrom meist eher Unternehmen als der Einwohnerschaft zugute kommt.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/energieglauben-und-solarpunk-solarboom-in-china-pakistan/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Unter der Überschrift &quot;Photovoltaik in Deutschland 2024&quot; mit einer Darstellung der Bundesländer und ihrer jeweilig installierten Gesamtleistung in Megawatt. Auf Platz 1 liegt Bayern mit 26.588 MWp, gefolgt von Baden-Württemberg mit 12.411 MWp." decoding="async" height="595" sizes="(max-width: 375px) 100vw, 375px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PhotovoltaikDeutschland2024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PhotovoltaikDeutschland2024.jpg 375w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PhotovoltaikDeutschland2024-189x300.jpg 189w" width="375"></img></a></p> <p><em>Installierte <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/energieglauben-und-solarpunk-solarboom-in-china-pakistan/">Photovoltaik-Leistung in Deutschland nach Bundesländern, Deutschland 2024</a>. Screenshot mfG: Michael Blume 2025</em></p> <p>Deswegen habe ich mich so gefreut, dass <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-68-mit-bettina-rommelfanger-daniel-koehler-von-konex-zur-deradikalisierung-von-verschwoerungsglaeubigen/">im grün-schwarzen Sondierungspapier der kommenden, baden-württembergischen Landesregierung</a> von einer <strong>kommunalen Gewinnbeteiligung</strong> an erneuerbaren Heimatenergien die Rede ist. Aus meiner Sicht wäre es für Menschen und Mitwelt gleichermaßen katastrophal, wenn sich eine post-fossile Solarpunk-Oberschicht von den Millionen absetzen, die sich noch in der fossilen Falle befinden. Die soziale und ökologische Marktwirtschaft macht nur dann Sinn, wenn sie ökologisch UND sozial sinnvolle Rahmenbedingungen schafft.</p> <p><a href="https://blumeundince.podigee.io/" rel="noopener">Folge 55 von <strong><em>Blume &amp; Ince</em></strong> finden Sie wie immer kostenfrei auf Podigee</a> und bei allen gängigen Streaming-Anbietern sowie als Videocast auf YouTube:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/vd2BZkhpjkI?feature=oembed&amp;rel=0" title="Folge 55: Demokratischer Antifaschismus gegen die fossile (Miet-)Falle | Blume &amp; Ince" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Blume & Ince 55: Die Selbstzerstörung des Fossilismus & die Abzocke in der fossilen Miet- und Armutsfalle » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-05-01T12:36:38+02:00">01. Mai 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 3 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Am heutigen 1. Mai 2026 zeigt sich auch in Deutschland der fossile Wahnsinn wieder einmal in voller Pracht: Einerseits werden Millionen Menschen mit Verbrennungsmotoren samt eines fehlschlagenden Tankrabattes durch fossile Konzerne abgezockt. Und andererseits setzen bereits negative Strompreise ein – werden also <a href="https://youtube.com/shorts/ZzvlWNSrIp4?feature=share" rel="noopener">Elektroauto-Besitzende mit dynamischen Stromtarifen sogar in Cash BEZAHLT, wenn sie dem Netz  überschüssigen Ökostrom abnehmen</a>!</p> <p>Und während Rechte die Realität der eskalierenden Klima-, Wasser- und Hitzekrise weiter leugnen, verlieren sich auch Linke bisweilen in dualistischen Parteiblasen, wie <strong>Inan Ince</strong> leider erleben musste. Und am Anfang der Folge erzählt.</p> <p>In den vergangenen Wochen machte ich zudem die Beobachtung einer <strong>Dreiteilung der Energiewende mit einer „fossilen (Miet-)Falle“ in der Mitte</strong>, die ich dem BWL-Prof erstmals vorstellte. Und er erkannte darin <strong>einen Spezialfall der sog. <em>„Armutsfalle“</em>, die der Wirtschaftswissenschaft gut bekannt</strong> ist und weltweit immer wieder jenen Menschen höhere Kosten aufdrückt, denen es an Investitionsmitteln fehlt. Inans lebenspraktisches Beispiel: Viele Studierende beziehen Kaffee aus überteuerten Kaffee-Pads, weil sie sich die einmalige Anschaffung einer teure Kaffeemaschine mit Kaffeebohnen einfach (noch) nicht leisten können. Sie zahlen also pro Tässle Kaffee mehr, weil ihnen das Geld für die Investition fehlt.</p> <p>Hier das von Inan aus meiner Handzeichnung geschöpfte Schaubild dazu mit einer kurzen Erklärung:</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/energieglauben-und-solarpunk-solarboom-in-china-pakistan/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die Dreiteilung der Energiewende mit dem oft staatlich subventionierten Solarpunk oben, dem wirtschaftlich lohnenden Solarboom unten und der fossilen Falle bzw. Mietfalle in der Mitte." decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1395px) 100vw, 1395px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/3545f79f-669b-4b35-9828-ea2bc710fd06.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/3545f79f-669b-4b35-9828-ea2bc710fd06.jpeg 1395w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/3545f79f-669b-4b35-9828-ea2bc710fd06-300x165.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/3545f79f-669b-4b35-9828-ea2bc710fd06-1024x564.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/3545f79f-669b-4b35-9828-ea2bc710fd06-768x423.jpeg 768w" width="1395"></img></a><aside></aside></p> <p><em>Die Darstellung der fossilen (Mite-)falle zwischen dem Solarboom in Ländern mit eher schwacher Staatlichkeit und dem oft staatlich subventionierten Solarpunk bei Eigenheimbesitzenden. Grafik: Prof. Dr. Inan Ince nach einer Skizze von Dr. Michael Blume</em></p> <p>So sehen wir unten den <strong>Solarboom</strong> – inklusive Batteriespeicher – in Ländern mit eher schwacher Staatlichkeit wie <strong>Pakistan</strong>, <strong>Kenia</strong> oder auch <strong>Kalifornien</strong>, weil sie dort <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zuviel-oekostrom-solarstrom-speicher-in-deutschland-schaffen-erneuerbare-wohlstandsenergien-jetzt/">der Aufbau von <strong>Photovoltaik</strong> und <strong>Batteriespeichern</strong> als <em><strong>Wohlstandsenergien</strong> </em>längst wirtschaftlich lohnt</a> – und nicht, wie etwa <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-aus-dem-ehemaligen-preussen-warum-deutscher-energieglauben-auch-regional-gepraegt-ist/">in <strong>Deutschland</strong>, durch die preußisch-zentralistische und fossilistische Bundesbürokratie ausgebremst</a> werden kann.</p> <p>Ein bedenkenswerter <strong>Fun Fact</strong>: Gäbe es in Deutschland tatsächlich von Bürokratie und Vorschriften entlastete <strong>Sonderwirtschaftszonen</strong>, wie sie u.a. <strong>Carsten Linnemann (CDU)</strong> ins Spiel gebracht hat – dann würden dort umgehend <strong>erneuerbare Wohlstandsenergien</strong> und <strong>Batteriespeicher-Unternehmen boomen</strong>! Doch deren auch volkswirtschaftliches Aufblühen wird derzeit aus <strong>Berlin</strong> aktiv heruntergeregelt, wie auch <a href="https://www.manager-magazin.de/print/mm/index-2026-5.html" rel="noopener">das (Achtung, Ironie!) ökosozialistische Kampfblatt <strong><em>„Manager Magazin“</em></strong> 05/2026 inzwischen bemängelt</a>.</p> <p>Oben sehen wir dagegen den post-fossilen <strong>Solarpunk</strong>, der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-waermepumpe-memes-und-lob-dem-spd-oekosozialen-hermann-scheer-1944-2010/">oft noch staatlich subventioniert wird</a> und insbesondere den Besitzerinnen und Besitzern von Eigenheimen mit bereits eigenen Solarpaneelen, Batteriespeichern und Ladestationen für Elektroautos zugute kommt. Wer also bereits Besitz aufbauen konnte, profitiert von der post-fossilen Energiewende noch zusätzlich durch Einsparungen, Gewinne und Subventionen. Wer sich <strong>Solarpunk</strong> im Eigenheim leisten kann, kann sich danach tatsächlich mehr leisten!</p> <p>In der Mitte aber finden wir die <strong>fossile Kostenfalle</strong>, die vor allem auch eine <strong>fossile Mietfalle</strong> ist: Genau die Menschen, die zur Miete und in Gebieten ohne ausreichend Ladesäulen leben, werden am stärksten fossil abgezockt und dann auch noch medial manipuliert!</p> <p>So sehr und dringend ich also <a href="https://youtu.be/1HRpXuO7ZkQ" rel="noopener">den Ausbau <strong>erneuerbarer Friedensenergien</strong> zum Schutz von Mitwelt und Mitmenschen fordere</a>, so sehr sehe ich doch die Gefahr, dass post-fossile Subventionen über Steuern und Abgaben vor allem denen zugute kommen, die bereits wohlhabend sind! Eine Aufgabe der Solarpunk-Bewegung muss jedoch darin bestehen, die sozialen, kommunalen, kulturellen und letztlich demokratischen Auswirkungen der post-fossilen Transformation mitzudenken!</p> <p>So zeigt ein Bundesländer-Vergleich, dass derzeit (und aktuell auch: heute!) insbesondere Eigenheimbesitzende in wohlhabenden, süddeutschen Bundesländern bereits riesige Mengen als Solarstrom als überschüssigem Ökostrom produzieren, wogegen der stärker norddeutsche Windstrom meist eher Unternehmen als der Einwohnerschaft zugute kommt.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/energieglauben-und-solarpunk-solarboom-in-china-pakistan/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Unter der Überschrift &quot;Photovoltaik in Deutschland 2024&quot; mit einer Darstellung der Bundesländer und ihrer jeweilig installierten Gesamtleistung in Megawatt. Auf Platz 1 liegt Bayern mit 26.588 MWp, gefolgt von Baden-Württemberg mit 12.411 MWp." decoding="async" height="595" sizes="(max-width: 375px) 100vw, 375px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PhotovoltaikDeutschland2024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PhotovoltaikDeutschland2024.jpg 375w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PhotovoltaikDeutschland2024-189x300.jpg 189w" width="375"></img></a></p> <p><em>Installierte <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/energieglauben-und-solarpunk-solarboom-in-china-pakistan/">Photovoltaik-Leistung in Deutschland nach Bundesländern, Deutschland 2024</a>. Screenshot mfG: Michael Blume 2025</em></p> <p>Deswegen habe ich mich so gefreut, dass <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-68-mit-bettina-rommelfanger-daniel-koehler-von-konex-zur-deradikalisierung-von-verschwoerungsglaeubigen/">im grün-schwarzen Sondierungspapier der kommenden, baden-württembergischen Landesregierung</a> von einer <strong>kommunalen Gewinnbeteiligung</strong> an erneuerbaren Heimatenergien die Rede ist. Aus meiner Sicht wäre es für Menschen und Mitwelt gleichermaßen katastrophal, wenn sich eine post-fossile Solarpunk-Oberschicht von den Millionen absetzen, die sich noch in der fossilen Falle befinden. Die soziale und ökologische Marktwirtschaft macht nur dann Sinn, wenn sie ökologisch UND sozial sinnvolle Rahmenbedingungen schafft.</p> <p><a href="https://blumeundince.podigee.io/" rel="noopener">Folge 55 von <strong><em>Blume &amp; Ince</em></strong> finden Sie wie immer kostenfrei auf Podigee</a> und bei allen gängigen Streaming-Anbietern sowie als Videocast auf YouTube:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/vd2BZkhpjkI?feature=oembed&amp;rel=0" title="Folge 55: Demokratischer Antifaschismus gegen die fossile (Miet-)Falle | Blume &amp; Ince" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-55-die-selbstzerstoerung-des-fossilismus-die-abzocke-in-der-fossilen-miet-und-armutsfalle/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>96</slash:comments> </item> <item> <title>Ein „neuer, schneller“ Weg zum Mars? https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/ein-neuer-schneller-weg-zum-mars/ https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/ein-neuer-schneller-weg-zum-mars/#comments Fri, 01 May 2026 09:47:45 +0000 Michael Khan https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/?p=11154 https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/ErdeMars2030-768x386.png Transferkostendiagramm (Port-Chop-Plot) für den Transfer von der Erde zum Mars im Jahr 2031. Farbig und Blaue Isolinien: Hyperbolische Abfluggeschwindigkeit an der Erde in km/s, graue Isolinien: hyperbolische Ankunftsgeschwindigkeit am Mars in km/s, rosa Markierungen: optimaler T2-Transfer (Kreis) oder hypothetische Schnelltransfers mit Dauern von 3.2 Monaten (Raute), 2.5 Monaten (Quadrat), 2 Monaten (Sechseck), 1.7 Monaten (Stern), Quelle: Michael Khan https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/ein-neuer-schneller-weg-zum-mars/ <h1>Ein "neuer, schneller" Weg zum Mars? » Go for Launch » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Khan</h2><div itemprop="text"> <p>Von Darmstadt nach Frankfurt, jeweils gerechnet von der Stadtmitte, ist die Entfernung knapp 35 km. Man braucht für die Strecke minimal 30  Minuten, realistischerweise aber deutlich länger. Das dauert Ihnen zu lange? Na, da erfinde ich Ihnen einfach einen neuen, viel schnelleren Weg. Mit dem wären sind Sie in 6 Minuten da. Sie müssten dazu allerdings mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 350 km/h reisen. </p> <span id="more-11154"></span> <p>Wie bitte? Nicht machbar? Rechnen Sie doch einfach nach. Die Rechnung stimmt. Aber die Annahmen sind zu hinterfragen. Selbiges gilt auch in dem Fall, den ich hier vorstelle.</p> <h2><em>Ein neues Paper aus Brasilien</em></h2> <p>Ein in der Fachzeitschrift „Acta Astronautica“ in ihrer Ausgabe vom September 2026 zur Veröffentlichung vorgesehener Artikel des brasilianischen Physikers Marco de Olivera Souza mit dem Titel „<a href="https://dx.doi.org/10.1016/j.actaastro.2026.04.018" rel="noopener" target="_blank" title="Link zum Artikel auf ScienceDirect.com">Using early asteroid data for rapid mars missions</a>“ breitet auf 12 Seiten aus, wie der Autor durch die Bahn eines die Bahnen von Mas und Erde kreuzenden Asteroiden inspiriert wurde, schnellere Transfers zwischen Mars und Erde als die allgemein bekannten mit Dauern von etwa 9 +/-3 Monaten zu finden. <em>(Die Variationsbreite liegt an der Exzentrizität des Marsbahn und der Tatsache, dass sie nicht genau in der Ekliptik liegt.) </em>Dieses Paper wurde in der Presse aufgegriffen, mit dem Tenor, hier sei und endlich eine „Abkürzung“ zum Mars gefunden, siehe z.B. auf <a href="https://phys.org/news/2026-04-interplanetary-shortcut-mars.html" rel="noopener" target="_blank" title="phys.org am 27.4.2026">phys.org</a>, <a href="https://t3n.de/news/abkuerzung-mars-route-mission-1740314/" rel="noopener" target="_blank" title="t3n.de am 28.4.2026">t3n.de</a>, <a href="https://www.fr.de/wissen/forscher-findet-abkuerzung-neuer-ansatz-macht-mars-reise-deutlich-kuerzer-zr-94286885.html" rel="noopener" target="_blank" title="fr.de/wissen am 30.4.2026">FR</a>, und wahrscheinlich noch an vielen anderen Stellen. Aber wenigstens ein deutscher Journalist hat mich direkt angeschrieben und um meine Einschätzung gebeten. </p> <p>Zunächst einmal zur Vorgehensweise und zu der unterstellten Behauptung, hier sei etwas neu entdeckt worden. Die Berechnung von Transferdauern und -kosten und die Ableitung der möglichen Startfenster aus den Ergebnissen ist ganz und gar nicht neu. Schon als ich Anfang der 80er Jahre studierte, war dies Stoff in der ersten Vorlesung für Raumfahrttechnik. Aber die Berechnungsmethoden und die Darstellungsform gehen auf die frühen 60er Jahre zurück. </p> <h2><em>Die Pork-Chop-Plots</em></h2> <p>Man macht nichts anderes, als für eine große Anzahl von Datumswerten für den Abflug von einem Planeten B und angenommener Transferdauern zu einem Planeten B (die Bahnen beider Himmelskörper müssen bekannt sein) das <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Lambert%27s_problem" rel="noopener" target="_blank" title="Wikipedia (engl.) zum Lambertproblem">Lambertproblem</a> zu lösen. Die Lösung ist ein Satz Bahnelemente für bekannte Abflug- und Ankunftsposition und gegebene Transferdauer. Die übliche graphische Darstellung sind die in der Raumfahrttechnik weithin bekannten „pork chop plots“. Hier eins für den Transfer Erde-Mars im Startfenster 2031. Die Software dazu habe ich schon vor Jahrzehnten geschrieben, allerdings in dem Wissen, dass die Methode da auch schon Jahrzehnte alt war. Deswegen gab es schon damals keine Veranlassung, irgendetwas groß herauszutröten.  <aside></aside></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/ErdeMars2030.png"><img alt="Transferkostendiagramm (Port-Chop-Plot) für den Transfer von der Erde zum Mars im Jahr 2031. Farbig und Blaue Isolinien: Hyperbolische Abfluggeschwindigkeit an der Erde in km/s, graue Isolinien: hyperbolische Ankunftsgeschwindigkeit am Mars in km/s, rosa Markierungen: optimaler T2-Transfer (Kreis) oder hypothetische Schnelltransfers mit Dauern von 3.2 Monaten (Raute), 2.5 Monaten (Quadrat), 2 Monaten (Sechseck), 1.7 Monaten (Stern), Quelle: Michael Khan" decoding="async" height="515" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/ErdeMars2030-1024x515.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/ErdeMars2030-1024x515.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/ErdeMars2030-300x151.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/ErdeMars2030-768x386.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/ErdeMars2030-1536x772.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/ErdeMars2030-2048x1029.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Transferkostendiagramm (Port-Chop-Plot) für den Transfer von der Erde zum Mars im Jahr 2031. Farbig und blaue Isolinien: Hyperbolische Abfluggeschwindigkeit an der Erde in km/s, graue Isolinien: hyperbolische Ankunftsgeschwindigkeit am Mars in km/s, rosa Markierungen: optimaler T2-Transfer (Kreis) oder hypothetische Schnelltransfers mit Dauern von 3.2 Monaten (Raute), 2.5 Monaten (Quadrat), 2 Monaten (Sechseck), 1.7 Monaten (Stern), Quelle: Michael Khan</em></figcaption></figure> </div> <p>Man sieht die die Typ 1 und Typ 2-Transfers von der Erde zum Mars. Ein Missionsplaner wird immer zuerst nach der kostenoptimalen Lösung suchen, bei der ein optimaler Kompromiss aus hyperbolischer Abfluggeschwindigkeit von der Erde und Anfluggeschwindigkeit am Mars erzielt wird. Daraus ergibt sich die Startmasse, die die Rakete auf den Weg bringen kann und das Einfangmanöver am Mars, aus dem die benötigte Treibstoffmasse berechnet werden kann. Der Flug von Erde zu Mars ist hier noch als ballistisch angenommen – es ist nur der erste Schritt in einem iterativen Prozess. Im gegebenen Fall hätte man Abflug- und Ankunftsgeschwindigkeiten von jeweils etwa 3.5 km/s, die Transferdauer 9 Monate. </p> <h2><em>Schnellere Transferbahnen</em></h2> <p>Man könnte sich nun, wenn die verwendete Technik in der Raumsonde das hergibt, auch nach schnelleren Transfers suchen, also auf der y-Achse des Diagramms nach unten wandern. Die wurden auch Transfers eingezeichnet, wie sie im vorgeschlagenen Paper vorgeschlagen werden – mit Dauern von 3 oder weniger Monaten. Man sieht dann aber auch: die hyperbolischen Geschwindigkeiten bei Abflug und Ankunft wachsen ganz schnell ins Astronomische: 9, 12, 15 oder 18 km/s! Womit wir wieder  bei meiner Einleitung mit der Durchschnittsgeschwindigkeit von 350 km/h von Darmstadt nach Frankfurt sind… Auf dem Papier geht das alles. Die Lambert-Routine spuckt mir auch für noch kürzere Transfers eine Lösung aus, gar kein Problem. Das Problem hat man erst, wenn man eine Rakete und ein Antriebssystem finden muss, mit denen solche Transfers möglich werden. Und selbst wenn man diese Technik hätte, wie auch immer die aussehen mag – würde man die wirklich nutzen, um schneller zu fliegen? Oder nicht doch lieber, um ein viel größeres Schiff zu bauen?</p> <p>Wie würden die dazugehörigen Transfers aussehen? Ich habe das mal für den idealisierten Fall von kreisförmigen, ko-planaren Bahnen skizziert, nur um das Prinzip zu verdeutlichen. Rot der optimale Transfer, der allerdings auch am längsten dauert. Die Transferbahn ist gerade so groß, wie sie eben noch sein muss, um Anflug- und Ankunftsbahn zu verbinden. Sie liegt tangential an den beiden Kreisbahnen an. Die grüne Bahn ist schneller, die violette noch schneller. Aber die Transfers schneiden die Bahnen mit erheblichen Winkeln und ihre Bahnenergie ist sichtbar größer – daher eben auch diese gewaltigen hyperbolischen Geschwindigkeiten.  </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/MarsEarthTransfers.png"><img alt="Schematische Darstellung des optimalen Transfers und schnellerer Optionen im idealisierten Fall, mit kreisförmigen und koplanaren Bahnen, Quelle: Michael Khan" decoding="async" height="372" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/MarsEarthTransfers-1024x372.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/MarsEarthTransfers-1024x372.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/MarsEarthTransfers-300x109.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/MarsEarthTransfers-768x279.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/MarsEarthTransfers.png 1045w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Schematische Darstellung des optimalen Transfers und schnellerer Optionen im idealisierten Fall, mit kreisförmigen und koplanaren Bahnen, Quelle: Michael Khan</em></figcaption></figure> </div> <h2><em>Was ist daran jetzt neu?</em></h2> <p>Wie gesagt, die Existenz von schnelleren Transfers ist seit Generationen bekannt, wenn auch vielleicht noch nicht dem Autor des erwähnten Papers in Acta Astronautica und der Journalisten, die ihn zitieren. Deswegen wurde jetzt auch keine neue Methode zur Berechnung von schnellen Marstransfers gefunden. Das Problem liegt nicht in der Bahnmechanik, sondern in der Antriebstechnik. Mit einem nuklearen Antrieb, der sehr viel höhere spezifische Impulse zulässt, oder einem Hochschub-Ionenantrieb, wären deutlich kürzere Transfers möglich.</p> <p>Das große Thema dabei ist allerdings nicht so sehr der Antrieb selbst, sondern die elektrische Energieversorgung, die geringe Masse mit sehr hoher elektrischer Ausgangsleistung verbinden müsste. Oder aber, man geht gar nicht mehr den Umweg über elektrische Systeme. Allerdings hätte man dann  Bahnen mit kontinuierlichen Antriebsphasen,  keine ballistischen Freiflugbahnen, und da gilt das oben diskutierte nicht mehr, ebenso wenig wie das brasilianische Paper.</p> <p>Eins möchte ich aber doch wissen: Wie hat der der Autor es geschafft, mit einem solchen Paper durch das Peer Review zu kommen?</p></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Ein "neuer, schneller" Weg zum Mars? » Go for Launch » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Khan</h2><div itemprop="text"> <p>Von Darmstadt nach Frankfurt, jeweils gerechnet von der Stadtmitte, ist die Entfernung knapp 35 km. Man braucht für die Strecke minimal 30  Minuten, realistischerweise aber deutlich länger. Das dauert Ihnen zu lange? Na, da erfinde ich Ihnen einfach einen neuen, viel schnelleren Weg. Mit dem wären sind Sie in 6 Minuten da. Sie müssten dazu allerdings mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 350 km/h reisen. </p> <span id="more-11154"></span> <p>Wie bitte? Nicht machbar? Rechnen Sie doch einfach nach. Die Rechnung stimmt. Aber die Annahmen sind zu hinterfragen. Selbiges gilt auch in dem Fall, den ich hier vorstelle.</p> <h2><em>Ein neues Paper aus Brasilien</em></h2> <p>Ein in der Fachzeitschrift „Acta Astronautica“ in ihrer Ausgabe vom September 2026 zur Veröffentlichung vorgesehener Artikel des brasilianischen Physikers Marco de Olivera Souza mit dem Titel „<a href="https://dx.doi.org/10.1016/j.actaastro.2026.04.018" rel="noopener" target="_blank" title="Link zum Artikel auf ScienceDirect.com">Using early asteroid data for rapid mars missions</a>“ breitet auf 12 Seiten aus, wie der Autor durch die Bahn eines die Bahnen von Mas und Erde kreuzenden Asteroiden inspiriert wurde, schnellere Transfers zwischen Mars und Erde als die allgemein bekannten mit Dauern von etwa 9 +/-3 Monaten zu finden. <em>(Die Variationsbreite liegt an der Exzentrizität des Marsbahn und der Tatsache, dass sie nicht genau in der Ekliptik liegt.) </em>Dieses Paper wurde in der Presse aufgegriffen, mit dem Tenor, hier sei und endlich eine „Abkürzung“ zum Mars gefunden, siehe z.B. auf <a href="https://phys.org/news/2026-04-interplanetary-shortcut-mars.html" rel="noopener" target="_blank" title="phys.org am 27.4.2026">phys.org</a>, <a href="https://t3n.de/news/abkuerzung-mars-route-mission-1740314/" rel="noopener" target="_blank" title="t3n.de am 28.4.2026">t3n.de</a>, <a href="https://www.fr.de/wissen/forscher-findet-abkuerzung-neuer-ansatz-macht-mars-reise-deutlich-kuerzer-zr-94286885.html" rel="noopener" target="_blank" title="fr.de/wissen am 30.4.2026">FR</a>, und wahrscheinlich noch an vielen anderen Stellen. Aber wenigstens ein deutscher Journalist hat mich direkt angeschrieben und um meine Einschätzung gebeten. </p> <p>Zunächst einmal zur Vorgehensweise und zu der unterstellten Behauptung, hier sei etwas neu entdeckt worden. Die Berechnung von Transferdauern und -kosten und die Ableitung der möglichen Startfenster aus den Ergebnissen ist ganz und gar nicht neu. Schon als ich Anfang der 80er Jahre studierte, war dies Stoff in der ersten Vorlesung für Raumfahrttechnik. Aber die Berechnungsmethoden und die Darstellungsform gehen auf die frühen 60er Jahre zurück. </p> <h2><em>Die Pork-Chop-Plots</em></h2> <p>Man macht nichts anderes, als für eine große Anzahl von Datumswerten für den Abflug von einem Planeten B und angenommener Transferdauern zu einem Planeten B (die Bahnen beider Himmelskörper müssen bekannt sein) das <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Lambert%27s_problem" rel="noopener" target="_blank" title="Wikipedia (engl.) zum Lambertproblem">Lambertproblem</a> zu lösen. Die Lösung ist ein Satz Bahnelemente für bekannte Abflug- und Ankunftsposition und gegebene Transferdauer. Die übliche graphische Darstellung sind die in der Raumfahrttechnik weithin bekannten „pork chop plots“. Hier eins für den Transfer Erde-Mars im Startfenster 2031. Die Software dazu habe ich schon vor Jahrzehnten geschrieben, allerdings in dem Wissen, dass die Methode da auch schon Jahrzehnte alt war. Deswegen gab es schon damals keine Veranlassung, irgendetwas groß herauszutröten.  <aside></aside></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/ErdeMars2030.png"><img alt="Transferkostendiagramm (Port-Chop-Plot) für den Transfer von der Erde zum Mars im Jahr 2031. Farbig und Blaue Isolinien: Hyperbolische Abfluggeschwindigkeit an der Erde in km/s, graue Isolinien: hyperbolische Ankunftsgeschwindigkeit am Mars in km/s, rosa Markierungen: optimaler T2-Transfer (Kreis) oder hypothetische Schnelltransfers mit Dauern von 3.2 Monaten (Raute), 2.5 Monaten (Quadrat), 2 Monaten (Sechseck), 1.7 Monaten (Stern), Quelle: Michael Khan" decoding="async" height="515" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/ErdeMars2030-1024x515.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/ErdeMars2030-1024x515.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/ErdeMars2030-300x151.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/ErdeMars2030-768x386.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/ErdeMars2030-1536x772.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/ErdeMars2030-2048x1029.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Transferkostendiagramm (Port-Chop-Plot) für den Transfer von der Erde zum Mars im Jahr 2031. Farbig und blaue Isolinien: Hyperbolische Abfluggeschwindigkeit an der Erde in km/s, graue Isolinien: hyperbolische Ankunftsgeschwindigkeit am Mars in km/s, rosa Markierungen: optimaler T2-Transfer (Kreis) oder hypothetische Schnelltransfers mit Dauern von 3.2 Monaten (Raute), 2.5 Monaten (Quadrat), 2 Monaten (Sechseck), 1.7 Monaten (Stern), Quelle: Michael Khan</em></figcaption></figure> </div> <p>Man sieht die die Typ 1 und Typ 2-Transfers von der Erde zum Mars. Ein Missionsplaner wird immer zuerst nach der kostenoptimalen Lösung suchen, bei der ein optimaler Kompromiss aus hyperbolischer Abfluggeschwindigkeit von der Erde und Anfluggeschwindigkeit am Mars erzielt wird. Daraus ergibt sich die Startmasse, die die Rakete auf den Weg bringen kann und das Einfangmanöver am Mars, aus dem die benötigte Treibstoffmasse berechnet werden kann. Der Flug von Erde zu Mars ist hier noch als ballistisch angenommen – es ist nur der erste Schritt in einem iterativen Prozess. Im gegebenen Fall hätte man Abflug- und Ankunftsgeschwindigkeiten von jeweils etwa 3.5 km/s, die Transferdauer 9 Monate. </p> <h2><em>Schnellere Transferbahnen</em></h2> <p>Man könnte sich nun, wenn die verwendete Technik in der Raumsonde das hergibt, auch nach schnelleren Transfers suchen, also auf der y-Achse des Diagramms nach unten wandern. Die wurden auch Transfers eingezeichnet, wie sie im vorgeschlagenen Paper vorgeschlagen werden – mit Dauern von 3 oder weniger Monaten. Man sieht dann aber auch: die hyperbolischen Geschwindigkeiten bei Abflug und Ankunft wachsen ganz schnell ins Astronomische: 9, 12, 15 oder 18 km/s! Womit wir wieder  bei meiner Einleitung mit der Durchschnittsgeschwindigkeit von 350 km/h von Darmstadt nach Frankfurt sind… Auf dem Papier geht das alles. Die Lambert-Routine spuckt mir auch für noch kürzere Transfers eine Lösung aus, gar kein Problem. Das Problem hat man erst, wenn man eine Rakete und ein Antriebssystem finden muss, mit denen solche Transfers möglich werden. Und selbst wenn man diese Technik hätte, wie auch immer die aussehen mag – würde man die wirklich nutzen, um schneller zu fliegen? Oder nicht doch lieber, um ein viel größeres Schiff zu bauen?</p> <p>Wie würden die dazugehörigen Transfers aussehen? Ich habe das mal für den idealisierten Fall von kreisförmigen, ko-planaren Bahnen skizziert, nur um das Prinzip zu verdeutlichen. Rot der optimale Transfer, der allerdings auch am längsten dauert. Die Transferbahn ist gerade so groß, wie sie eben noch sein muss, um Anflug- und Ankunftsbahn zu verbinden. Sie liegt tangential an den beiden Kreisbahnen an. Die grüne Bahn ist schneller, die violette noch schneller. Aber die Transfers schneiden die Bahnen mit erheblichen Winkeln und ihre Bahnenergie ist sichtbar größer – daher eben auch diese gewaltigen hyperbolischen Geschwindigkeiten.  </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/MarsEarthTransfers.png"><img alt="Schematische Darstellung des optimalen Transfers und schnellerer Optionen im idealisierten Fall, mit kreisförmigen und koplanaren Bahnen, Quelle: Michael Khan" decoding="async" height="372" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/MarsEarthTransfers-1024x372.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/MarsEarthTransfers-1024x372.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/MarsEarthTransfers-300x109.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/MarsEarthTransfers-768x279.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/MarsEarthTransfers.png 1045w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Schematische Darstellung des optimalen Transfers und schnellerer Optionen im idealisierten Fall, mit kreisförmigen und koplanaren Bahnen, Quelle: Michael Khan</em></figcaption></figure> </div> <h2><em>Was ist daran jetzt neu?</em></h2> <p>Wie gesagt, die Existenz von schnelleren Transfers ist seit Generationen bekannt, wenn auch vielleicht noch nicht dem Autor des erwähnten Papers in Acta Astronautica und der Journalisten, die ihn zitieren. Deswegen wurde jetzt auch keine neue Methode zur Berechnung von schnellen Marstransfers gefunden. Das Problem liegt nicht in der Bahnmechanik, sondern in der Antriebstechnik. Mit einem nuklearen Antrieb, der sehr viel höhere spezifische Impulse zulässt, oder einem Hochschub-Ionenantrieb, wären deutlich kürzere Transfers möglich.</p> <p>Das große Thema dabei ist allerdings nicht so sehr der Antrieb selbst, sondern die elektrische Energieversorgung, die geringe Masse mit sehr hoher elektrischer Ausgangsleistung verbinden müsste. Oder aber, man geht gar nicht mehr den Umweg über elektrische Systeme. Allerdings hätte man dann  Bahnen mit kontinuierlichen Antriebsphasen,  keine ballistischen Freiflugbahnen, und da gilt das oben diskutierte nicht mehr, ebenso wenig wie das brasilianische Paper.</p> <p>Eins möchte ich aber doch wissen: Wie hat der der Autor es geschafft, mit einem solchen Paper durch das Peer Review zu kommen?</p></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/ein-neuer-schneller-weg-zum-mars/#comments 3 Gips – Mineral des Jahres 2026 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/gips-mineral-des-jahres-2026/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/gips-mineral-des-jahres-2026/#comments Wed, 29 Apr 2026 20:02:37 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3794 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Gypsum-40102.jpg Durchsichtiger Gipskristall https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/gips-mineral-des-jahres-2026/ <h1>Gips - Mineral des Jahres 2026 » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Selbstverständlich gibt es auch 2026 wieder ein „Mineral des Jahres“: den Gips, also wasserhaltiges Calciumsulfat. Vermutlich hat jeder schon auf die eine oder andere Art Bekanntschaft mit diesem Mineral gemacht, doch es kann noch viel mehr und verfügt über erstaunliche Fähigkeiten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Gypsum-40102.jpg"><img alt="" decoding="async" height="420" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Gypsum-40102.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Gypsum-40102.jpg 600w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Gypsum-40102-300x210.jpg 300w" width="600"></img></a><figcaption><em>Durchsichtiger Gipskristall, ca. 8.2 x 3.2 x 2.1 cm. Fundort Willow Creek, Nanton, Alberta, Kanada. Rob Lavinsky, <a href="http://www.irocks.com/" rel="noopener">iRocks.com</a> – CC-BY-SA-3.0 (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gypsum-40102.jpg" rel="noopener">https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gypsum-40102.jpg</a>), „Gypsum-40102“, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode" rel="noopener">https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode</a></em></figcaption></figure> <h2>Was ist Gips?</h2> <p>Gips ist uns auf diesem Blog bereits bekannt, denn das aus dem Mineral aufgebaute Gestein wurde 2022 zum Gestein des Jahres gewählt. Und nun ist es an der Zeit für das Mineral.</p> <p>Gips ist wasserhaltiges Calciumsulfat, also Ca[SO₄] · 2H₂O. Es kristallisiert im monoklinen Kristallsystem und bildet dabei meist tafelige, aber auch prismatische oder nadelige Kristalle aus. Es können auch körnige und massige Kristallaggregate auftreten.</p> <p>Gips enthält, wie oben angesprochen, Wasser. Dieses Wasser wird als Kristallwasser bezeichnet und ist im kristallinen Festkörper gebunden. Erhitzt man den wasserhaltigen Gips, so entsteht zunächst das Halbhydrat <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bassanit" rel="noopener">Bassanit</a> und bei weiterer Erhitzung und vollständigem Wasserverlust entsteht Anhydrit. Das funktioniert übrigens auch umgekehrt. Kommt Anhydrit mit Wasser in Berührung, kann es dieses in sein Kristallgitter aufnehmen und es entsteht wieder Gips.</p> <p>Dies ist mit einer beträchtlichen Volumenänderung von bis zu 50 Prozent verbunden. Diese Umwandlung von wasserfreiem Anhydrit zu Gips, die durch eine fehlerhafte Geothermiebohrung verursacht wurde, führte in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hebungsrisse_in_Staufen_im_Breisgau" rel="noopener">Oberstaufen im Breisgau</a> zu erheblichen Gebäudeschäden. Dabei kam eine Anhydritschicht durch die Bohrung mit Wasser in Berührung und wandelte sich zumindest teilweise in Gips um.<br></br>Gips ist in der Regel weiß oder farblos, kann durch die Anwesenheit von Fremdionen aber auch andere Farben, etwa rötliche, gelbe oder bräunliche, annehmen. Die Strichfarbe ist jedoch immer weiß.<br></br>Gips ist ein relativ weiches Mineral mit einer Mohshärte von 2. Aufgrund dessen wird es auch als Standardmineral bezeichnet. Seine Dichte liegt zwischen 2,2 und 2,4 g/cm³. Zudem ist das Mineral wasserlöslich, wenn auch nur mit 2,1 g/l.<aside></aside></p> <h3>Mineral und Gestein – Ein Name</h3> <p>Gips kann in der Natur auch gesteinsbildend sein. Gesteine, die aus dem Mineral Gips bestehen, werden ebenfalls als Gips bezeichnet. Das ist in der Welt der Gesteine eigentlich etwas unüblich. Dort werden monomineralische Gesteine in der Regel mit dem Namen des betreffenden Minerals bezeichnet, dem einfach ein -it angehängt wird. Ein hauptsächlich aus Gips bestehendes Mineral müsste demnach „Gipsit“ heißen. Dies würde jedoch ebenso klingen wie das Mineral <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gibbsit" rel="noopener">Gibbsit</a>, das absolut nichts mit Gips gemein hat.</p> <p>Seinen Namen hat das Mineral vom griechischen „gypsos”, was so viel wie „Kreide” bedeutet. In der Antike wurde nicht zwischen echter Kreide, also Kalk, und Gips unterschieden. Im Lateinischen bezeichnet „Gypsum” allerdings bereits den bekannten, gewöhnlichen Gips, im Unterschied zum Alabaster. Weitere alte Bezeichnungen, die teilweise auch nur für besondere Ausprägungen des Minerals verwendet wurden und werden, sind Selenit, Mondstein und Spiegelstein. Gips ist somit als Mineralname lange vor der Gründung der International Mineralogical Association (IMA) bekannt gewesen und stellt ein sogenanntes grandfathered Mineral dar.</p> <h2>Verwendung von Gips</h2> <p>Die Umwandlung von Gips in Anhydrit und umgekehrt hat jedoch nicht nur unangenehme Konsequenzen. Sie macht dieses Gestein auch sehr gut und vielseitig verwendbar – und das seit sehr langer Zeit. So finden sich bereits vor 9000 Jahren in der anatolischen Stadt Çatalhöyük Putze aus Gips. Auch im Alten Ägypten war Gips bereits bekannt. Beim Bau der Cheopspyramide kam Gipsmörtel zum Einsatz.</p> <p>Im Römischen Reich wurde Gips hauptsächlich im Innenbereich für Ornamente verwendet. In Europa wurde Gips ab dem 11. Jahrhundert zunehmend als Fugenfüller und zum Ausfachen von Mauerwerk verwendet. Ab dem 17. Jahrhundert wuchs seine Bedeutung für Stuckarbeiten.</p> <p>Gips wurde lange Zeit bergmännisch in Steinbrüchen abgebaut, oft von Bauern, die sich in Zeiten der Unterbeschäftigung eine Verdienstmöglichkeit beschaffen mussten. Der gebrochene Gips wurde in Brechmühlen weiter zerkleinert und anschließend in Meilern oder Grubenöfen gebrannt. Der gebrannte Gips wurde in der Regel noch mit einer Mühle zu Pulver gemahlen. Je nach Feinheit wurde das so gewonnene Produkt als Estrichgips, für Stuck oder allgemein im Bau verwendet.</p> <p>Auch heute noch wird Gips sehr vielfältig genutzt. Bekannt sind sicherlich die REA-Gipsplatten, die auch als Gipskartonplatten bezeichnet werden, aber auch als Gipsputz, Spachtelmassen oder Trockenestrich. Ich möchte außerdem darauf hinweisen, dass in diesen Baustoffen früher häufig Asbest verwendet wurde. Man sollte also besonders bei Baustoffen aus dem Zeitraum vor 1995 vorsichtig sein.<br></br>Gipshaltige Baustoffe haben einen Nachteil. Gips ist hygroskopisch, das heißt, er neigt bei schlechter Pflege und mangelnder Lüftung zur Wasseraufnahme und damit einhergehend zur Schimmelbildung.<br></br>Der Wassergehalt und das geringe Gewicht helfen jedoch auch im Brandschutz, da im Brandfall das Kristallwasser entweicht und der entstehende Dampf auf der dem Feuer zugewandten Seite schützend wirkt.<br></br>Weitere Anwendungsbereiche von Gips sind die bildende Kunst, beispielsweise für Skulpturen, und die Medizin.</p> <h3>Gipsgewinnung heute</h3> <p>Auch heute noch wird ein Teil des benötigten Gipses bergmännisch gewonnen. In den letzten Jahren stammt jedoch ein großer Teil des verwendeten Gipses aus chemisch-großtechnischen Prozessen. Ein Beispiel hierfür ist die Entschwefelung von Rauchgas bei Kohlekraftwerken. Das Akronym REA bei den REA-Gipsplatten steht für „Rauchgasentschwefelungsanlage”.</p> <p>In diesen Anlagen werden Schwefelverbindungen aus der Verbrennung schwefelhaltiger Kohle aus den Abgasen von Kraftwerken und Müllverbrennungsanlagen entfernt. Dazu wird das Rauchgas in eine Waschsuspension geleitet, die Calciumcarbonat und Calciumoxid enthält. Durch die Reaktion der Schwefelverbindungen mit den Calciumverbindungen entsteht Gips. Dieser macht mittlerweile den Hauptanteil des in der Bundesrepublik verwendeten Gipses aus. Im Jahr 2014 wurden insgesamt 11 Mio. t. Gips verbraucht, davon stammten 7 Mio. t aus REA-Anlagen und 4 Mio. t aus Naturgips.</p> <p>Die zunehmende Verwendung von schwefelarmer Kohle hat bereits zu einem Rückgang der Produktion von REA-Gips geführt. Der geplante Kohleausstieg wird voraussichtlich dazu führen, dass der Druck auf die natürlichen Gipslagerstätten wieder zunimmt.</p> <h2>Wie ensteht Gips und wo kommt er vor?</h2> <p>Die natürlichen Gips- und Anhyritlagerstätten sind in tropischen Flachmeeren entstanden. Sie zählen zu den sogenannten Evaporiten, das heißt zu Gesteinen, die aus übersättigten Lösungen ausgefallen sind. Unter lagunären Bedingungen kommt es dabei zu einer zunehmenden Konzentration der im Meerwasser gelösten Salze entsprechend ihrer Löslichkeit. Zuerst fallen die Karbonate aus, danach die Sulfate und zuletzt die leichter löslichen Chloride.<br></br>Der abgelagerte Gipsschlamm wurde während der Diagenese unter Überdeckung und Entwässerung in festen Gipsstein umgewandelt. Wenn die sedimentäre Auflast weiter zunahm, erfolgte die Umwandlung in Anhydrit durch den Verlust von Kristallwasser.<br></br>Gips kann aber auch als Verwitterungsprodukt sulfidischer Erze entstehen. Weiterhin entsteht Gips bei einigen untermeerischen vulkanischen Schloten, den sogenannten „White Smokern”. Dabei trifft schwefelsäurehaltiges, heißes Wasser auf Kalkstein.</p> <p>Dementsprechend ist Gips kein seltenes Mineral: Weltweit sind mehr als 7.800 Fundorte verzeichnet. In Deutschland kann man Gips beispielsweise in der Nähe von Mosbach im Neckar-Odenwald-Kreis, in Osterode am Harz, in Eisleben in Sachsen-Anhalt oder am Segeberger Kalkberg finden. Letzterer besteht entgegen seinem Namen aus Gips und im Inneren aus Anhydrit.<br></br>Auch wenn die meisten Gipskristalle sehr klein sind, können unter bestimmten Umständen wunderschöne Stufen in Sammlerqualität entstehen. Mitunter können Gipskristalle auch außergewöhnliche Größen erreichen. So wurden in der spanischen Provinz Almería in der Mina Rica bei Pulpí in einer Geode mit einem Durchmesser von 1,8 x 1,7 m und einer Länge von 8 m Marienglas-Kristalle von gut einem halben Meter entdeckt.<br></br>Dies sind jedoch noch lange nicht die größten Gipskristalle. Dieser Titel geht an die Gipskristalle in der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mine_von_Naica" rel="noopener">Mine von Naica</a> in Chihuahua, Mexiko, die eine Länge von bis zu 15 Metern erreichen und damit die größten bisher entdeckten natürlichen Kristalle der Welt sind.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Gips - Mineral des Jahres 2026 » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Selbstverständlich gibt es auch 2026 wieder ein „Mineral des Jahres“: den Gips, also wasserhaltiges Calciumsulfat. Vermutlich hat jeder schon auf die eine oder andere Art Bekanntschaft mit diesem Mineral gemacht, doch es kann noch viel mehr und verfügt über erstaunliche Fähigkeiten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Gypsum-40102.jpg"><img alt="" decoding="async" height="420" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Gypsum-40102.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Gypsum-40102.jpg 600w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Gypsum-40102-300x210.jpg 300w" width="600"></img></a><figcaption><em>Durchsichtiger Gipskristall, ca. 8.2 x 3.2 x 2.1 cm. Fundort Willow Creek, Nanton, Alberta, Kanada. Rob Lavinsky, <a href="http://www.irocks.com/" rel="noopener">iRocks.com</a> – CC-BY-SA-3.0 (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gypsum-40102.jpg" rel="noopener">https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gypsum-40102.jpg</a>), „Gypsum-40102“, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode" rel="noopener">https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode</a></em></figcaption></figure> <h2>Was ist Gips?</h2> <p>Gips ist uns auf diesem Blog bereits bekannt, denn das aus dem Mineral aufgebaute Gestein wurde 2022 zum Gestein des Jahres gewählt. Und nun ist es an der Zeit für das Mineral.</p> <p>Gips ist wasserhaltiges Calciumsulfat, also Ca[SO₄] · 2H₂O. Es kristallisiert im monoklinen Kristallsystem und bildet dabei meist tafelige, aber auch prismatische oder nadelige Kristalle aus. Es können auch körnige und massige Kristallaggregate auftreten.</p> <p>Gips enthält, wie oben angesprochen, Wasser. Dieses Wasser wird als Kristallwasser bezeichnet und ist im kristallinen Festkörper gebunden. Erhitzt man den wasserhaltigen Gips, so entsteht zunächst das Halbhydrat <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bassanit" rel="noopener">Bassanit</a> und bei weiterer Erhitzung und vollständigem Wasserverlust entsteht Anhydrit. Das funktioniert übrigens auch umgekehrt. Kommt Anhydrit mit Wasser in Berührung, kann es dieses in sein Kristallgitter aufnehmen und es entsteht wieder Gips.</p> <p>Dies ist mit einer beträchtlichen Volumenänderung von bis zu 50 Prozent verbunden. Diese Umwandlung von wasserfreiem Anhydrit zu Gips, die durch eine fehlerhafte Geothermiebohrung verursacht wurde, führte in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hebungsrisse_in_Staufen_im_Breisgau" rel="noopener">Oberstaufen im Breisgau</a> zu erheblichen Gebäudeschäden. Dabei kam eine Anhydritschicht durch die Bohrung mit Wasser in Berührung und wandelte sich zumindest teilweise in Gips um.<br></br>Gips ist in der Regel weiß oder farblos, kann durch die Anwesenheit von Fremdionen aber auch andere Farben, etwa rötliche, gelbe oder bräunliche, annehmen. Die Strichfarbe ist jedoch immer weiß.<br></br>Gips ist ein relativ weiches Mineral mit einer Mohshärte von 2. Aufgrund dessen wird es auch als Standardmineral bezeichnet. Seine Dichte liegt zwischen 2,2 und 2,4 g/cm³. Zudem ist das Mineral wasserlöslich, wenn auch nur mit 2,1 g/l.<aside></aside></p> <h3>Mineral und Gestein – Ein Name</h3> <p>Gips kann in der Natur auch gesteinsbildend sein. Gesteine, die aus dem Mineral Gips bestehen, werden ebenfalls als Gips bezeichnet. Das ist in der Welt der Gesteine eigentlich etwas unüblich. Dort werden monomineralische Gesteine in der Regel mit dem Namen des betreffenden Minerals bezeichnet, dem einfach ein -it angehängt wird. Ein hauptsächlich aus Gips bestehendes Mineral müsste demnach „Gipsit“ heißen. Dies würde jedoch ebenso klingen wie das Mineral <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gibbsit" rel="noopener">Gibbsit</a>, das absolut nichts mit Gips gemein hat.</p> <p>Seinen Namen hat das Mineral vom griechischen „gypsos”, was so viel wie „Kreide” bedeutet. In der Antike wurde nicht zwischen echter Kreide, also Kalk, und Gips unterschieden. Im Lateinischen bezeichnet „Gypsum” allerdings bereits den bekannten, gewöhnlichen Gips, im Unterschied zum Alabaster. Weitere alte Bezeichnungen, die teilweise auch nur für besondere Ausprägungen des Minerals verwendet wurden und werden, sind Selenit, Mondstein und Spiegelstein. Gips ist somit als Mineralname lange vor der Gründung der International Mineralogical Association (IMA) bekannt gewesen und stellt ein sogenanntes grandfathered Mineral dar.</p> <h2>Verwendung von Gips</h2> <p>Die Umwandlung von Gips in Anhydrit und umgekehrt hat jedoch nicht nur unangenehme Konsequenzen. Sie macht dieses Gestein auch sehr gut und vielseitig verwendbar – und das seit sehr langer Zeit. So finden sich bereits vor 9000 Jahren in der anatolischen Stadt Çatalhöyük Putze aus Gips. Auch im Alten Ägypten war Gips bereits bekannt. Beim Bau der Cheopspyramide kam Gipsmörtel zum Einsatz.</p> <p>Im Römischen Reich wurde Gips hauptsächlich im Innenbereich für Ornamente verwendet. In Europa wurde Gips ab dem 11. Jahrhundert zunehmend als Fugenfüller und zum Ausfachen von Mauerwerk verwendet. Ab dem 17. Jahrhundert wuchs seine Bedeutung für Stuckarbeiten.</p> <p>Gips wurde lange Zeit bergmännisch in Steinbrüchen abgebaut, oft von Bauern, die sich in Zeiten der Unterbeschäftigung eine Verdienstmöglichkeit beschaffen mussten. Der gebrochene Gips wurde in Brechmühlen weiter zerkleinert und anschließend in Meilern oder Grubenöfen gebrannt. Der gebrannte Gips wurde in der Regel noch mit einer Mühle zu Pulver gemahlen. Je nach Feinheit wurde das so gewonnene Produkt als Estrichgips, für Stuck oder allgemein im Bau verwendet.</p> <p>Auch heute noch wird Gips sehr vielfältig genutzt. Bekannt sind sicherlich die REA-Gipsplatten, die auch als Gipskartonplatten bezeichnet werden, aber auch als Gipsputz, Spachtelmassen oder Trockenestrich. Ich möchte außerdem darauf hinweisen, dass in diesen Baustoffen früher häufig Asbest verwendet wurde. Man sollte also besonders bei Baustoffen aus dem Zeitraum vor 1995 vorsichtig sein.<br></br>Gipshaltige Baustoffe haben einen Nachteil. Gips ist hygroskopisch, das heißt, er neigt bei schlechter Pflege und mangelnder Lüftung zur Wasseraufnahme und damit einhergehend zur Schimmelbildung.<br></br>Der Wassergehalt und das geringe Gewicht helfen jedoch auch im Brandschutz, da im Brandfall das Kristallwasser entweicht und der entstehende Dampf auf der dem Feuer zugewandten Seite schützend wirkt.<br></br>Weitere Anwendungsbereiche von Gips sind die bildende Kunst, beispielsweise für Skulpturen, und die Medizin.</p> <h3>Gipsgewinnung heute</h3> <p>Auch heute noch wird ein Teil des benötigten Gipses bergmännisch gewonnen. In den letzten Jahren stammt jedoch ein großer Teil des verwendeten Gipses aus chemisch-großtechnischen Prozessen. Ein Beispiel hierfür ist die Entschwefelung von Rauchgas bei Kohlekraftwerken. Das Akronym REA bei den REA-Gipsplatten steht für „Rauchgasentschwefelungsanlage”.</p> <p>In diesen Anlagen werden Schwefelverbindungen aus der Verbrennung schwefelhaltiger Kohle aus den Abgasen von Kraftwerken und Müllverbrennungsanlagen entfernt. Dazu wird das Rauchgas in eine Waschsuspension geleitet, die Calciumcarbonat und Calciumoxid enthält. Durch die Reaktion der Schwefelverbindungen mit den Calciumverbindungen entsteht Gips. Dieser macht mittlerweile den Hauptanteil des in der Bundesrepublik verwendeten Gipses aus. Im Jahr 2014 wurden insgesamt 11 Mio. t. Gips verbraucht, davon stammten 7 Mio. t aus REA-Anlagen und 4 Mio. t aus Naturgips.</p> <p>Die zunehmende Verwendung von schwefelarmer Kohle hat bereits zu einem Rückgang der Produktion von REA-Gips geführt. Der geplante Kohleausstieg wird voraussichtlich dazu führen, dass der Druck auf die natürlichen Gipslagerstätten wieder zunimmt.</p> <h2>Wie ensteht Gips und wo kommt er vor?</h2> <p>Die natürlichen Gips- und Anhyritlagerstätten sind in tropischen Flachmeeren entstanden. Sie zählen zu den sogenannten Evaporiten, das heißt zu Gesteinen, die aus übersättigten Lösungen ausgefallen sind. Unter lagunären Bedingungen kommt es dabei zu einer zunehmenden Konzentration der im Meerwasser gelösten Salze entsprechend ihrer Löslichkeit. Zuerst fallen die Karbonate aus, danach die Sulfate und zuletzt die leichter löslichen Chloride.<br></br>Der abgelagerte Gipsschlamm wurde während der Diagenese unter Überdeckung und Entwässerung in festen Gipsstein umgewandelt. Wenn die sedimentäre Auflast weiter zunahm, erfolgte die Umwandlung in Anhydrit durch den Verlust von Kristallwasser.<br></br>Gips kann aber auch als Verwitterungsprodukt sulfidischer Erze entstehen. Weiterhin entsteht Gips bei einigen untermeerischen vulkanischen Schloten, den sogenannten „White Smokern”. Dabei trifft schwefelsäurehaltiges, heißes Wasser auf Kalkstein.</p> <p>Dementsprechend ist Gips kein seltenes Mineral: Weltweit sind mehr als 7.800 Fundorte verzeichnet. In Deutschland kann man Gips beispielsweise in der Nähe von Mosbach im Neckar-Odenwald-Kreis, in Osterode am Harz, in Eisleben in Sachsen-Anhalt oder am Segeberger Kalkberg finden. Letzterer besteht entgegen seinem Namen aus Gips und im Inneren aus Anhydrit.<br></br>Auch wenn die meisten Gipskristalle sehr klein sind, können unter bestimmten Umständen wunderschöne Stufen in Sammlerqualität entstehen. Mitunter können Gipskristalle auch außergewöhnliche Größen erreichen. So wurden in der spanischen Provinz Almería in der Mina Rica bei Pulpí in einer Geode mit einem Durchmesser von 1,8 x 1,7 m und einer Länge von 8 m Marienglas-Kristalle von gut einem halben Meter entdeckt.<br></br>Dies sind jedoch noch lange nicht die größten Gipskristalle. Dieser Titel geht an die Gipskristalle in der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mine_von_Naica" rel="noopener">Mine von Naica</a> in Chihuahua, Mexiko, die eine Länge von bis zu 15 Metern erreichen und damit die größten bisher entdeckten natürlichen Kristalle der Welt sind.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/gips-mineral-des-jahres-2026/#comments 2 The Collaboration Paradox https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-collaboration-paradox/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-collaboration-paradox/#comments Wed, 29 Apr 2026 12:00:00 +0000 Sophie Maclean https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14342 <img src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Erdos_budapest_fall_1992_cropped.jpg" /><h1>The Collaboration Paradox - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Sophie Maclean</h2><div itemprop="text"> <p>Paul Erdős is undisputedly the most prolific mathematician to ever have lived. He published over 1500 papers while he was alive, and worked with over 500 collaborators. It is perhaps the number of collaborators which stands out even more so than the number of papers published. </p> <p>To have co-authored a paper with Erdős is a badge of pride among mathematicians. In fact, it is a famous challenge to get as few degrees of separation from co-authoring with Erdős as possible. If you have written a paper with him, it is said that you have an Erdős number of 1. We shall say that Erdős himself has an Erdős number of 0 (classic mathematician trick). Then everyone else has an Erdős number of 1 + the lowest Erdős number of any of their collaborators.</p> <p>This should not put off any aspiring mathematicians, though. Paul Erdős is very much the exception – the vast majority of mathematicians do not even get within an order of magnitude when it comes to the number of collaborators. But what of the rest of us? Us mere mortals who have not ascended to his legendary status? Most people still feel like they have fewer collaborators than others.</p> <p>I am here to tell you not to worry. Maths can explain this too! In fact, though it may seem paradoxical, most people have fewer collaborators than their own collaborators do on average. This is known as the “friendship” paradox and is normally framed as your friends having, on average, more friends than you. So good news, that’s not your fault either.  Once again, maths saves the day!</p> <h3>G is for Graph</h3> <p>To do anything with the question of whether or not a person’s collaborators have more collaborators than they themselves do, we need to decide how we will handle this information. For example, let’s suppose we have 5 people: Ada, Blaise, Carl, Dorothy, and Emmy (who will be referred to sometimes by just their initials). Ada has collaborated with Carl, Dorothy and Emmy; Blaise has worked with Carl and Emmy; and Dorothy and Emmy have also collaborated.<aside></aside></p> <p>How might we represent this? A computer coder may immediately want to represent this information in an array:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-04-17-at-11.04.11.png"><img alt="A grid with names along the sides. There is a 1 if the people have collaborated and a 0 otherwise" decoding="async" height="680" sizes="(max-width: 752px) 100vw, 752px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-04-17-at-11.04.11.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-04-17-at-11.04.11.png 752w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-04-17-at-11.04.11-300x271.png 300w" width="752"></img></a></figure> </div> <p>But to me, it makes most sense to draw a diagram:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-04-17-at-11.04.02.png"><img alt="A graph of 5 circles with names in them. It looks almost house-shaped, with Carl and Blaise at the base, and Dorothy at the apex." decoding="async" height="862" sizes="(max-width: 750px) 100vw, 750px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-04-17-at-11.04.02.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-04-17-at-11.04.02.png 750w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-04-17-at-11.04.02-261x300.png 261w" width="750"></img></a></figure> </div> <p>Long-time followers of this blog will immediately recognise this as a graph, the likes of which Ben, Katie and I have all written about <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/tag/graph-theory/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">in the past.</a> In case this is new to you, this graph is different from the ones you learn about in school. In graph theory, graphs are points (known as vertices) connected by lines (known as edges). In this case, the vertices represent the people, and an edge is included if they have collaborated with one another. </p> <p>We can denote the sets of vertices and edges as \(V\) and \(E\) respectively, so here \(V = \{ Ada, Blaise, Carl, Dorothy, and Emmy\}\) and \(E = \{ \{ Ada, Carl\}, \{ Ada, Dorothy\},  \{ Blaise, Carl\},\) \( \{ Blaise, Emmy\},  \{ Dorothy, Emmy\} \}\). We use \(|V||\) and \(|E|\) to denote the number of vertices and edges respectively (here \(|V| = 5\)) and \(|E| = 6\)).</p> <p>We call the set of vertices sharing an edge with the vertex \(v\), the neighbourhood of \(v\), denoted \(Γ(v)\), e.g. \(Γ(Ada) = \{Carl, Dorothy, Emmy\}\). The only other concept we will be using is the “degree” of a vertex. This is the number of neighbours a vertex, \(v\) has, and is denoted \(d(v)\). Notice also that the degree of v equals the number of points in its neighbourhood, in symbols \(d(v) = |Γ(v)|\).</p> <p>Now we can rephrase our statement about collaborators into the language of graph theory: The expected degree of a vertex chosen at random is at most the expected mean degree of its neighbours. In fact, aside from one special type of graph, the expected degree of a vertex chosen at random is strictly less than the expected mean degree of its neighbours.</p> <h3>A Note on Language</h3> <p>If you are paying very close attention, you may notice that the graph theoretic statement above is subtly different to my original claim that “most people have fewer collaborators than their own collaborators do on average” in two ways.</p> <p>Firstly, the original wording is very vague – I did not initially define what I meant by “on average.” Such a definition is so much easier in the language of graph theory, particularly if you want to avoid a lengthy sentence that has to be read four times to be understood.</p> <p>Secondly, I generalised the statement from being about collaborators to being about graphs. Not only does this mean we can later apply this paradox to many other situations, but it also means that I have removed the ambiguity over whether there is something sociological going on. No sociology. Only mathematics.</p> <h3>How Do We Prove It?</h3> <p>Now we have all the ingredients, let’s put them together. First, we need to establish the average degree of a randomly chosen vertex. There are \(|E|\) edges in total, and each edge joins two vertices. So</p> <p>\( ∑_{v ∈ V} d(v) = 2|E|\).</p> <p>The expected degree of a vertex chosen uniformly at random is the sum of all the degrees divided by the number of vertices, i.e.</p> <p>\(μ = \frac{2|E|}{|V|}\).</p> <p>Now for the harder step – finding the average degree of the neighbours of a randomly chosen vertex. What we will end up doing is using the conditional expectation formula:</p> <p>\(\mathbb{E}(A) = ∑_{all possible B}\mathbb{E}(A|B)\mathbb{P}(B)\).</p> <p>We now want to know how many neighbours the neighbours of a randomly chosen vertex have, on average. To do this, we first choose an edge uniformly at random, then choose one end of it to be our vertex and the other to be our neighbour \(n\).</p> <p>The probability of the neighbour \(n\) being vertex \(v\) is therefore \( \frac{d(v)}{2|E|} \) where the \(2\) comes from the fact that each edge joins two vertices.</p> <p>\(v\) has \(d(v)\) neighbours of its own, so the expected number of neighbours of a neighbour, given that \(n\) is vertex \(v\) is \(d(v)\).</p> <p>Therefore, the expected numbers of neighbours of a randomly chosen neighbour is</p> <p>\(∑_{v} \frac{d(v)}{2|E|} d(v) = \frac{∑_v d(v)^2}{2|E|} \).</p> <p>By definition, the variance \(σ^2 =  \frac{∑_v d(v)^2}{|V|} – μ^2 \).</p> <p>So, the expected number of neighbours of a randomly chosen neighbour is</p> <p>\(\frac{∑_v d(v)^2}{2|E|}  = \frac{|V|}{2|E|}(μ^2 + σ^2) = \frac{ μ^2 + σ^2}{μ} = μ + \frac{σ^2}μ \).</p> <p>Hence this is at least the same as the degree of a randomly chosen vertex, and the two are only actually equal when the variance is zero, i.e. when all vertices have the same degree.</p> <h3>We Can’t All Be Erdős</h3> <p>So there we have it – we have mathematically proven that it is not your fault if your collaborators have more collaborators than you. Tell that to the grants committee! </p> <p>Though for about 500 of you, I’m sure none of this will come as a surprise. Of course your collaborators have, on average, more collaborators than you. You’ve collaborated with Erdős and Erdős is an outlier adn [<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Spiders_Georg" rel="noopener"><em>sic</em></a>] should not have been counted.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Erdos_budapest_fall_1992_cropped.jpg" /><h1>The Collaboration Paradox - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Sophie Maclean</h2><div itemprop="text"> <p>Paul Erdős is undisputedly the most prolific mathematician to ever have lived. He published over 1500 papers while he was alive, and worked with over 500 collaborators. It is perhaps the number of collaborators which stands out even more so than the number of papers published. </p> <p>To have co-authored a paper with Erdős is a badge of pride among mathematicians. In fact, it is a famous challenge to get as few degrees of separation from co-authoring with Erdős as possible. If you have written a paper with him, it is said that you have an Erdős number of 1. We shall say that Erdős himself has an Erdős number of 0 (classic mathematician trick). Then everyone else has an Erdős number of 1 + the lowest Erdős number of any of their collaborators.</p> <p>This should not put off any aspiring mathematicians, though. Paul Erdős is very much the exception – the vast majority of mathematicians do not even get within an order of magnitude when it comes to the number of collaborators. But what of the rest of us? Us mere mortals who have not ascended to his legendary status? Most people still feel like they have fewer collaborators than others.</p> <p>I am here to tell you not to worry. Maths can explain this too! In fact, though it may seem paradoxical, most people have fewer collaborators than their own collaborators do on average. This is known as the “friendship” paradox and is normally framed as your friends having, on average, more friends than you. So good news, that’s not your fault either.  Once again, maths saves the day!</p> <h3>G is for Graph</h3> <p>To do anything with the question of whether or not a person’s collaborators have more collaborators than they themselves do, we need to decide how we will handle this information. For example, let’s suppose we have 5 people: Ada, Blaise, Carl, Dorothy, and Emmy (who will be referred to sometimes by just their initials). Ada has collaborated with Carl, Dorothy and Emmy; Blaise has worked with Carl and Emmy; and Dorothy and Emmy have also collaborated.<aside></aside></p> <p>How might we represent this? A computer coder may immediately want to represent this information in an array:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-04-17-at-11.04.11.png"><img alt="A grid with names along the sides. There is a 1 if the people have collaborated and a 0 otherwise" decoding="async" height="680" sizes="(max-width: 752px) 100vw, 752px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-04-17-at-11.04.11.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-04-17-at-11.04.11.png 752w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-04-17-at-11.04.11-300x271.png 300w" width="752"></img></a></figure> </div> <p>But to me, it makes most sense to draw a diagram:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-04-17-at-11.04.02.png"><img alt="A graph of 5 circles with names in them. It looks almost house-shaped, with Carl and Blaise at the base, and Dorothy at the apex." decoding="async" height="862" sizes="(max-width: 750px) 100vw, 750px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-04-17-at-11.04.02.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-04-17-at-11.04.02.png 750w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-04-17-at-11.04.02-261x300.png 261w" width="750"></img></a></figure> </div> <p>Long-time followers of this blog will immediately recognise this as a graph, the likes of which Ben, Katie and I have all written about <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/tag/graph-theory/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">in the past.</a> In case this is new to you, this graph is different from the ones you learn about in school. In graph theory, graphs are points (known as vertices) connected by lines (known as edges). In this case, the vertices represent the people, and an edge is included if they have collaborated with one another. </p> <p>We can denote the sets of vertices and edges as \(V\) and \(E\) respectively, so here \(V = \{ Ada, Blaise, Carl, Dorothy, and Emmy\}\) and \(E = \{ \{ Ada, Carl\}, \{ Ada, Dorothy\},  \{ Blaise, Carl\},\) \( \{ Blaise, Emmy\},  \{ Dorothy, Emmy\} \}\). We use \(|V||\) and \(|E|\) to denote the number of vertices and edges respectively (here \(|V| = 5\)) and \(|E| = 6\)).</p> <p>We call the set of vertices sharing an edge with the vertex \(v\), the neighbourhood of \(v\), denoted \(Γ(v)\), e.g. \(Γ(Ada) = \{Carl, Dorothy, Emmy\}\). The only other concept we will be using is the “degree” of a vertex. This is the number of neighbours a vertex, \(v\) has, and is denoted \(d(v)\). Notice also that the degree of v equals the number of points in its neighbourhood, in symbols \(d(v) = |Γ(v)|\).</p> <p>Now we can rephrase our statement about collaborators into the language of graph theory: The expected degree of a vertex chosen at random is at most the expected mean degree of its neighbours. In fact, aside from one special type of graph, the expected degree of a vertex chosen at random is strictly less than the expected mean degree of its neighbours.</p> <h3>A Note on Language</h3> <p>If you are paying very close attention, you may notice that the graph theoretic statement above is subtly different to my original claim that “most people have fewer collaborators than their own collaborators do on average” in two ways.</p> <p>Firstly, the original wording is very vague – I did not initially define what I meant by “on average.” Such a definition is so much easier in the language of graph theory, particularly if you want to avoid a lengthy sentence that has to be read four times to be understood.</p> <p>Secondly, I generalised the statement from being about collaborators to being about graphs. Not only does this mean we can later apply this paradox to many other situations, but it also means that I have removed the ambiguity over whether there is something sociological going on. No sociology. Only mathematics.</p> <h3>How Do We Prove It?</h3> <p>Now we have all the ingredients, let’s put them together. First, we need to establish the average degree of a randomly chosen vertex. There are \(|E|\) edges in total, and each edge joins two vertices. So</p> <p>\( ∑_{v ∈ V} d(v) = 2|E|\).</p> <p>The expected degree of a vertex chosen uniformly at random is the sum of all the degrees divided by the number of vertices, i.e.</p> <p>\(μ = \frac{2|E|}{|V|}\).</p> <p>Now for the harder step – finding the average degree of the neighbours of a randomly chosen vertex. What we will end up doing is using the conditional expectation formula:</p> <p>\(\mathbb{E}(A) = ∑_{all possible B}\mathbb{E}(A|B)\mathbb{P}(B)\).</p> <p>We now want to know how many neighbours the neighbours of a randomly chosen vertex have, on average. To do this, we first choose an edge uniformly at random, then choose one end of it to be our vertex and the other to be our neighbour \(n\).</p> <p>The probability of the neighbour \(n\) being vertex \(v\) is therefore \( \frac{d(v)}{2|E|} \) where the \(2\) comes from the fact that each edge joins two vertices.</p> <p>\(v\) has \(d(v)\) neighbours of its own, so the expected number of neighbours of a neighbour, given that \(n\) is vertex \(v\) is \(d(v)\).</p> <p>Therefore, the expected numbers of neighbours of a randomly chosen neighbour is</p> <p>\(∑_{v} \frac{d(v)}{2|E|} d(v) = \frac{∑_v d(v)^2}{2|E|} \).</p> <p>By definition, the variance \(σ^2 =  \frac{∑_v d(v)^2}{|V|} – μ^2 \).</p> <p>So, the expected number of neighbours of a randomly chosen neighbour is</p> <p>\(\frac{∑_v d(v)^2}{2|E|}  = \frac{|V|}{2|E|}(μ^2 + σ^2) = \frac{ μ^2 + σ^2}{μ} = μ + \frac{σ^2}μ \).</p> <p>Hence this is at least the same as the degree of a randomly chosen vertex, and the two are only actually equal when the variance is zero, i.e. when all vertices have the same degree.</p> <h3>We Can’t All Be Erdős</h3> <p>So there we have it – we have mathematically proven that it is not your fault if your collaborators have more collaborators than you. Tell that to the grants committee! </p> <p>Though for about 500 of you, I’m sure none of this will come as a surprise. Of course your collaborators have, on average, more collaborators than you. You’ve collaborated with Erdős and Erdős is an outlier adn [<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Spiders_Georg" rel="noopener"><em>sic</em></a>] should not have been counted.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-collaboration-paradox/#comments 4 Rathenower Riesenfernrohr – denkmalgeschützter Verfall https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/rathenower-riesenfernrohr/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/rathenower-riesenfernrohr/#respond Tue, 28 Apr 2026 19:14:21 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12835 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_144519_klein.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/rathenower-riesenfernrohr/</link> </image> <description type="html"><h1>Rathenower Riesenfernrohr » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Saison gestartet im Optikpark! </strong>Rathenow ist eine Kleinstadt zwischen Berlin und Hannover, etwa in der Mitte zwischen den beiden, eine Stunde mit dem Zug. Nördlich davon erstreckt sich der<a href="https://www.sternenpark-westhavelland.de/" rel="noopener"> Sternenpark Westhavelland</a>, eines der Dark Sky-Naturschutzgebiete: die brandenburgischen Wasserwege, das Gut Ribbeck (mit dem berühmten Birnbaum des <a href="https://www.deutschelyrik.de/herr-von-ribbeck-auf-ribbeck-im-havelland.html" rel="noopener">von Ribbeck im Havelland</a>) und die grünen Weiten inspirierten nicht nur <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wanderungen_durch_die_Mark_Brandenburg" rel="noopener">Fontane</a> – sie sind eine Idylle für Romantiker: radeln Sie doch einfach mal den <a href="https://www.rathenow.de/kultur-tourismus/natur-geniessen/radwandern/havelland-radweg/" rel="noopener">Havelland-Radweg.</a></p> <p>Rathenow ist eine der zwei <strong>Optik-Hauptstädte</strong> Deutschlands: Fielmann stellt seine Brillengläser dort her. Die Optik ist von exzellenter Qualität, aber deutlich günstiger als von anderen Standorten. Rathenow gilt als „Wiege“ der dt. <strong>Brillenindustrie</strong> und viele große Optiker, die später in Jena mit eigenen Firmen oder im Rahmen von Großkonzernen berühmt wurden, hatten vorher in Rathenow gelernt. Aber nicht nur die verstorbenen Optikmeister auf dem Stadtfriedhof sind weltberühmt, sondern die optischen Bauteile und Instrumente der städtischen Industrie sind nachwievor Weltklasse. Große Leuchtturm-Optiken bis kleine Mikroskopbauteile, z.B., werden dort ebenfalls hergestellt. </p> <p>Zu sehen ist das im Stadtbild nicht nur die Dekorationen auf jedem Kreisverkehr in den Straßen, sondern auch durch das „<strong>Optik-Industrie-Museum</strong>“ in der Stadtmitte und den<strong> Optikpark</strong> am Sportstadion am Stadtrand. </p> <h2>Seit Ostermontag geöffnet</h2> <p>Der Optikpark öffnete Anfang April wieder seine Pforten für die Öffentlichkeit und lohnt ganz sicher einen Wochenendausflug von Berlin oder Hannover. Er wurde zur Bundesgartenschau 2006 angelegt und zur Landesgartenschau 2016 erneuert. Die Idee sind Blumenbeete mit optischen Elementen, auf dass die lebendige Farbenpracht der Pflanzen den Lichtweg in der Optik erklärt. </p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162929_klein.jpg"><img alt="" decoding="async" height="751" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1001px) 100vw, 1001px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162929_klein.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162929_klein.jpg 1001w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162929_klein-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162929_klein-768x576.jpg 768w" width="1001"></img></a></figure> <p>Die Pyramide (rechts) stellt z.B. ein Prisma dar, dass das Sonnenlicht bricht und die Blumenbeet-Streifen (oben) würden verschieden farbig bepflanzt werden, um farbige Lichtstrahlen darzustellen.<aside></aside></p> </div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162919_klein.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1001" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 751px) 100vw, 751px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162919_klein.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162919_klein.jpg 751w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162919_klein-225x300.jpg 225w" width="751"></img></a></figure> </div> </div> <p>Ich besuchte den Park vor Saisonstart, so dass da noch alles kahl war – aber die Idee ist, glaube ich, klar. Nicht nur die Blumenbeete helfen, die Optik zu erklären (hier: Lichtbrechung), sondern auch jeder Kinderspielplatz: da gibt es farbige Tulpen am Wegrand, die sich als Sitzgelegenheit aufklappen lassen oder ein dreiteiliges Klettergerüst, bei dem Kinder quasi die Photönchen in einem Periskop oder anderer Optik bilden: man klettert den Strahlengang herauf oder rutscht ihn auf einer Rutsche hinunter – alternativ kann man auch durch ein Prisma klettern:</p> <p>Highlight des Parks ist aber neben dem Ostsee-Leuchtturm in der Havel auch ein Riesenteleskop: </p> <h2>Teleskopische Superlative</h2> <p>Das <strong>größte</strong> „verkürzte Medialfernrohr“ (<strong>Brachymedial</strong>) <strong>der Welt!</strong> Die technischen Daten (70 cm Linsendurchmesser, 21 m Brennweite … naja, 20,8 m) sind fast gleich mit dem Riesenfernrohr der Archenhold-Sternwarte in Berlin-Treptow, aber das Rathenower Instrument ist trotz gleicher Brennweite nur 10,15 m lang. Die kürzere Baulänge, die deutlich weniger Material erfordert, war in der Nachkriegszeit ein enormer Vorteil! </p> <p>Warum <strong>Archenholds</strong> Teleskop in Berlin so lang ist, witzeln meine Kollegen, ist „<em><strong>weil er auch mal den längsten haben wollte</strong></em>„. Technische, optische oder astronomische Gründe gibt es dafür jedenfalls nicht – nicht einmal damals beim Fundraising in den frühen 1890ern (<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/das-weltall-in-bansin/">siehe Archenhold-Post 2021</a>). Der Grund mag eher gewesen sein, dass das Gerät in Treptow zur verkappten Weltausstellung 1896 eben besonders viel zum Anschauen hermachen musste (und nur sekundär zum Durchschauen). Der andere Grund, warum Archenhold z.B. kein verkürztes Medial bauen konnte, war ganz simpel: es war noch nicht erfunden! Das Brachymedial ist ein Schupmann-Teleskop, d.h. eine von vier Spielarten eines hybriden Fernrohrtyps (Linsen und Spiegel nutzend), die der Aachener Ingenieur Ludwig Schupmann in einer Schrift 1899 erfand – derselbe Schupmann, der auch die „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schupmann-Kandelaber" rel="noopener">Schupmann-Kandelaber</a>„, also die Bauart der Straßenlaternen in Berlin Unter den Linden erfand. </p> <p>Beide Instrumente stehen unter Denkmalschutz, aber das Treptower ist derzeit in einem deutlich besseren Zustand. Es ist natürlich<strong> herzerfrischend und hoch erfreulich</strong>, dass das <strong>Berliner Riesenfernrohr</strong> so gut gepflegt und technisch erhalten ist.<strong> Schade</strong> ist allerdings, dass das <strong>Rathenower</strong> Gerät, das technisch noch ausgeklügelter ist, sich leider nicht solcher Aufmerksamkeit erfreuen kann. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Weltgeschichte.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="478" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Weltgeschichte-1024x478.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Weltgeschichte-1024x478.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Weltgeschichte-300x140.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Weltgeschichte-768x358.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Weltgeschichte-1536x716.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Weltgeschichte.jpeg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Bruno Bürgel – aus dessen Werk dieses Bild stammt – erklärte die Welt ähnlich <strong>philanthrop</strong> wie der Konstrukteur Edwin Rolf dieses Fernrohrs (meine internationalen Gäste „ah, die deutsche Version von Carl Sagan“… naja, eigentlich eher umgekehrt, denn da liegt eine Generation dazwischen).</em></figcaption></figure> <p>2008 hatte ich berichtet, wie das stattliche Instrument auf dem <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/riesenfernrohr-in-rathenow-demontiert/">Schulhof der Bruno-Bürgel-Schule demontiert</a> und anschließend im <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/riesenfernrohr-an-neuem-standort/">Optikpark wieder aufgebaut</a> worden war. Einen <a href="https://www.youtube.com/watch?v=R7ovQPf6KYo&amp;t=624s" rel="noopener">historischen Film (30 min) des brillanten Ingenieurs Edwin Rolf</a>, der es konzipiert, dessen Ehefrau es berechnete, und der es mit Hilfe der Bürger der Stadt 1945 bis 1953 gebaut hat, hatte ich für meine Diplomarbeit in Technikgeschichte ausgewertet (<a href="https://www.youtube.com/watch?v=R3As7pO6FSY" rel="noopener">Kurzfassung, 4 min</a>). Leider ist seit 2008 offenbar nicht viel daran gemacht worden, sagte man mir jetzt, und das wunderbare Gerät ist derzeit leider nicht beweglich:</p> <p>Extrem schade ist dieser Zustand, denn <strong>hier gäb’s durchaus noch viel zu studieren/ erforschen!</strong>  </p> <p>Kürzlich war ich mit einer kleinen Gruppe von befreundeten Wissenschafts- und TechnikhistorikerInnen in Rathenow. Eine liebe Mitarbeiterin schloss für uns extra an einem Sonntag auf (sogar vor der offiziellen Saisoneröffnung des Parks, weil meine Gäste von anderen Kontinenten nicht so lange da waren) und zeigte uns das weltberühmte Instrument. So manches an dem Steuerrad in der Hütte konnten wir aber nicht spontan erklären – z.B., warum da die Planetennamen eingraviert sind und ob die kleinen Nöpsies neben ihnen früher beweglich waren (und wenn ja, dann zu welchem Zweck). </p> <p>Schon allein der <strong>Strahlengang</strong> des Teleskops ist <strong>sensationell</strong> konzipiert: das Licht, das normalerweise durch den Fangspiegel geblockt und damit fürs optische System „verloren“ wäre, wird hier einfach für einen Sucher genutzt! Das gesamte Instrument bewegt sich (ähnlich wie beim Coudé oder dem Archenholdschen Teleskop) um einen zentralen Punkt, so dass das Okular stets an der gleichen Stelle – in einer Hütte in der Mitte – sein kann und kein beweglicher Beobachterstuhl nötig ist… und während der initialen Bauphase des Geräts hatte man auch ein Gebläse und Luftfilter, um das<strong> Seeing im Tubus-Inneren zu kontrollieren</strong>. </p> <p>Die optische Qualität ist genial – keine Farbsäume, perfekte Korrektur aller optischen Fehler (siehe Bericht für die Akademie der Wissenschaften 1953); das Problem ist nur der hohe Lichtverlust an den zahlreichen Bauteilen, so dass es für die Forschungsobjekte der 1960er (Galaxien!) leider nicht adäquat war und daher nur in Form eines Sonnenteleskops gebaut werden konnte. Das <strong>Rathenower Instrument ist ein Prototyp (Mock-up) für optische Tests</strong>, also für Forschung in Optik und nicht in Astronomie gebaut. </p> <p>Die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rathenower_Brachymedialfernrohr" rel="noopener">Wikipedia weiß mehr Details zum Instrument</a>. </p> <p><strong>Wünschen wir ihm,</strong> dass es schnell die <strong>restauratorische und betreuerische Aufmerksamkeit</strong> erfährt, die es <strong>verdient</strong> hat!</p> <p>Mir liegt es aus zahlreichen (persönlichen und fachlichen) Gründen jedenfalls <strong>sehr am Herzen</strong> – ich wohne nur nicht nah genug, um mich kümmern zu können (<a href="https://grok.com/imagine/post/98cb316f-64be-4690-8d8e-976b629f003d?source=copy_link&amp;platform=ios&amp;t=cfcd605da9c1" rel="noopener">F.S. Archenhold</a>, Video erstellt von seinem Enkel Max). </p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Rathenower Riesenfernrohr » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Saison gestartet im Optikpark! </strong>Rathenow ist eine Kleinstadt zwischen Berlin und Hannover, etwa in der Mitte zwischen den beiden, eine Stunde mit dem Zug. Nördlich davon erstreckt sich der<a href="https://www.sternenpark-westhavelland.de/" rel="noopener"> Sternenpark Westhavelland</a>, eines der Dark Sky-Naturschutzgebiete: die brandenburgischen Wasserwege, das Gut Ribbeck (mit dem berühmten Birnbaum des <a href="https://www.deutschelyrik.de/herr-von-ribbeck-auf-ribbeck-im-havelland.html" rel="noopener">von Ribbeck im Havelland</a>) und die grünen Weiten inspirierten nicht nur <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wanderungen_durch_die_Mark_Brandenburg" rel="noopener">Fontane</a> – sie sind eine Idylle für Romantiker: radeln Sie doch einfach mal den <a href="https://www.rathenow.de/kultur-tourismus/natur-geniessen/radwandern/havelland-radweg/" rel="noopener">Havelland-Radweg.</a></p> <p>Rathenow ist eine der zwei <strong>Optik-Hauptstädte</strong> Deutschlands: Fielmann stellt seine Brillengläser dort her. Die Optik ist von exzellenter Qualität, aber deutlich günstiger als von anderen Standorten. Rathenow gilt als „Wiege“ der dt. <strong>Brillenindustrie</strong> und viele große Optiker, die später in Jena mit eigenen Firmen oder im Rahmen von Großkonzernen berühmt wurden, hatten vorher in Rathenow gelernt. Aber nicht nur die verstorbenen Optikmeister auf dem Stadtfriedhof sind weltberühmt, sondern die optischen Bauteile und Instrumente der städtischen Industrie sind nachwievor Weltklasse. Große Leuchtturm-Optiken bis kleine Mikroskopbauteile, z.B., werden dort ebenfalls hergestellt. </p> <p>Zu sehen ist das im Stadtbild nicht nur die Dekorationen auf jedem Kreisverkehr in den Straßen, sondern auch durch das „<strong>Optik-Industrie-Museum</strong>“ in der Stadtmitte und den<strong> Optikpark</strong> am Sportstadion am Stadtrand. </p> <h2>Seit Ostermontag geöffnet</h2> <p>Der Optikpark öffnete Anfang April wieder seine Pforten für die Öffentlichkeit und lohnt ganz sicher einen Wochenendausflug von Berlin oder Hannover. Er wurde zur Bundesgartenschau 2006 angelegt und zur Landesgartenschau 2016 erneuert. Die Idee sind Blumenbeete mit optischen Elementen, auf dass die lebendige Farbenpracht der Pflanzen den Lichtweg in der Optik erklärt. </p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162929_klein.jpg"><img alt="" decoding="async" height="751" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1001px) 100vw, 1001px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162929_klein.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162929_klein.jpg 1001w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162929_klein-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162929_klein-768x576.jpg 768w" width="1001"></img></a></figure> <p>Die Pyramide (rechts) stellt z.B. ein Prisma dar, dass das Sonnenlicht bricht und die Blumenbeet-Streifen (oben) würden verschieden farbig bepflanzt werden, um farbige Lichtstrahlen darzustellen.<aside></aside></p> </div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162919_klein.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1001" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 751px) 100vw, 751px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162919_klein.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162919_klein.jpg 751w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162919_klein-225x300.jpg 225w" width="751"></img></a></figure> </div> </div> <p>Ich besuchte den Park vor Saisonstart, so dass da noch alles kahl war – aber die Idee ist, glaube ich, klar. Nicht nur die Blumenbeete helfen, die Optik zu erklären (hier: Lichtbrechung), sondern auch jeder Kinderspielplatz: da gibt es farbige Tulpen am Wegrand, die sich als Sitzgelegenheit aufklappen lassen oder ein dreiteiliges Klettergerüst, bei dem Kinder quasi die Photönchen in einem Periskop oder anderer Optik bilden: man klettert den Strahlengang herauf oder rutscht ihn auf einer Rutsche hinunter – alternativ kann man auch durch ein Prisma klettern:</p> <p>Highlight des Parks ist aber neben dem Ostsee-Leuchtturm in der Havel auch ein Riesenteleskop: </p> <h2>Teleskopische Superlative</h2> <p>Das <strong>größte</strong> „verkürzte Medialfernrohr“ (<strong>Brachymedial</strong>) <strong>der Welt!</strong> Die technischen Daten (70 cm Linsendurchmesser, 21 m Brennweite … naja, 20,8 m) sind fast gleich mit dem Riesenfernrohr der Archenhold-Sternwarte in Berlin-Treptow, aber das Rathenower Instrument ist trotz gleicher Brennweite nur 10,15 m lang. Die kürzere Baulänge, die deutlich weniger Material erfordert, war in der Nachkriegszeit ein enormer Vorteil! </p> <p>Warum <strong>Archenholds</strong> Teleskop in Berlin so lang ist, witzeln meine Kollegen, ist „<em><strong>weil er auch mal den längsten haben wollte</strong></em>„. Technische, optische oder astronomische Gründe gibt es dafür jedenfalls nicht – nicht einmal damals beim Fundraising in den frühen 1890ern (<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/das-weltall-in-bansin/">siehe Archenhold-Post 2021</a>). Der Grund mag eher gewesen sein, dass das Gerät in Treptow zur verkappten Weltausstellung 1896 eben besonders viel zum Anschauen hermachen musste (und nur sekundär zum Durchschauen). Der andere Grund, warum Archenhold z.B. kein verkürztes Medial bauen konnte, war ganz simpel: es war noch nicht erfunden! Das Brachymedial ist ein Schupmann-Teleskop, d.h. eine von vier Spielarten eines hybriden Fernrohrtyps (Linsen und Spiegel nutzend), die der Aachener Ingenieur Ludwig Schupmann in einer Schrift 1899 erfand – derselbe Schupmann, der auch die „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schupmann-Kandelaber" rel="noopener">Schupmann-Kandelaber</a>„, also die Bauart der Straßenlaternen in Berlin Unter den Linden erfand. </p> <p>Beide Instrumente stehen unter Denkmalschutz, aber das Treptower ist derzeit in einem deutlich besseren Zustand. Es ist natürlich<strong> herzerfrischend und hoch erfreulich</strong>, dass das <strong>Berliner Riesenfernrohr</strong> so gut gepflegt und technisch erhalten ist.<strong> Schade</strong> ist allerdings, dass das <strong>Rathenower</strong> Gerät, das technisch noch ausgeklügelter ist, sich leider nicht solcher Aufmerksamkeit erfreuen kann. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Weltgeschichte.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="478" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Weltgeschichte-1024x478.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Weltgeschichte-1024x478.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Weltgeschichte-300x140.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Weltgeschichte-768x358.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Weltgeschichte-1536x716.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Weltgeschichte.jpeg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Bruno Bürgel – aus dessen Werk dieses Bild stammt – erklärte die Welt ähnlich <strong>philanthrop</strong> wie der Konstrukteur Edwin Rolf dieses Fernrohrs (meine internationalen Gäste „ah, die deutsche Version von Carl Sagan“… naja, eigentlich eher umgekehrt, denn da liegt eine Generation dazwischen).</em></figcaption></figure> <p>2008 hatte ich berichtet, wie das stattliche Instrument auf dem <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/riesenfernrohr-in-rathenow-demontiert/">Schulhof der Bruno-Bürgel-Schule demontiert</a> und anschließend im <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/riesenfernrohr-an-neuem-standort/">Optikpark wieder aufgebaut</a> worden war. Einen <a href="https://www.youtube.com/watch?v=R7ovQPf6KYo&amp;t=624s" rel="noopener">historischen Film (30 min) des brillanten Ingenieurs Edwin Rolf</a>, der es konzipiert, dessen Ehefrau es berechnete, und der es mit Hilfe der Bürger der Stadt 1945 bis 1953 gebaut hat, hatte ich für meine Diplomarbeit in Technikgeschichte ausgewertet (<a href="https://www.youtube.com/watch?v=R3As7pO6FSY" rel="noopener">Kurzfassung, 4 min</a>). Leider ist seit 2008 offenbar nicht viel daran gemacht worden, sagte man mir jetzt, und das wunderbare Gerät ist derzeit leider nicht beweglich:</p> <p>Extrem schade ist dieser Zustand, denn <strong>hier gäb’s durchaus noch viel zu studieren/ erforschen!</strong>  </p> <p>Kürzlich war ich mit einer kleinen Gruppe von befreundeten Wissenschafts- und TechnikhistorikerInnen in Rathenow. Eine liebe Mitarbeiterin schloss für uns extra an einem Sonntag auf (sogar vor der offiziellen Saisoneröffnung des Parks, weil meine Gäste von anderen Kontinenten nicht so lange da waren) und zeigte uns das weltberühmte Instrument. So manches an dem Steuerrad in der Hütte konnten wir aber nicht spontan erklären – z.B., warum da die Planetennamen eingraviert sind und ob die kleinen Nöpsies neben ihnen früher beweglich waren (und wenn ja, dann zu welchem Zweck). </p> <p>Schon allein der <strong>Strahlengang</strong> des Teleskops ist <strong>sensationell</strong> konzipiert: das Licht, das normalerweise durch den Fangspiegel geblockt und damit fürs optische System „verloren“ wäre, wird hier einfach für einen Sucher genutzt! Das gesamte Instrument bewegt sich (ähnlich wie beim Coudé oder dem Archenholdschen Teleskop) um einen zentralen Punkt, so dass das Okular stets an der gleichen Stelle – in einer Hütte in der Mitte – sein kann und kein beweglicher Beobachterstuhl nötig ist… und während der initialen Bauphase des Geräts hatte man auch ein Gebläse und Luftfilter, um das<strong> Seeing im Tubus-Inneren zu kontrollieren</strong>. </p> <p>Die optische Qualität ist genial – keine Farbsäume, perfekte Korrektur aller optischen Fehler (siehe Bericht für die Akademie der Wissenschaften 1953); das Problem ist nur der hohe Lichtverlust an den zahlreichen Bauteilen, so dass es für die Forschungsobjekte der 1960er (Galaxien!) leider nicht adäquat war und daher nur in Form eines Sonnenteleskops gebaut werden konnte. Das <strong>Rathenower Instrument ist ein Prototyp (Mock-up) für optische Tests</strong>, also für Forschung in Optik und nicht in Astronomie gebaut. </p> <p>Die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rathenower_Brachymedialfernrohr" rel="noopener">Wikipedia weiß mehr Details zum Instrument</a>. </p> <p><strong>Wünschen wir ihm,</strong> dass es schnell die <strong>restauratorische und betreuerische Aufmerksamkeit</strong> erfährt, die es <strong>verdient</strong> hat!</p> <p>Mir liegt es aus zahlreichen (persönlichen und fachlichen) Gründen jedenfalls <strong>sehr am Herzen</strong> – ich wohne nur nicht nah genug, um mich kümmern zu können (<a href="https://grok.com/imagine/post/98cb316f-64be-4690-8d8e-976b629f003d?source=copy_link&amp;platform=ios&amp;t=cfcd605da9c1" rel="noopener">F.S. Archenhold</a>, Video erstellt von seinem Enkel Max). </p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/rathenower-riesenfernrohr/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Dialog oder Dualismus – Die Wahrheitsfrage als Charaktertest und Schicksalsfrage https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dialog-oder-dualismus-die-wahrheitsfrage-als-charaktertest-und-schicksalsfrage/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dialog-oder-dualismus-die-wahrheitsfrage-als-charaktertest-und-schicksalsfrage/#comments Mon, 27 Apr 2026 22:37:00 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11237 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1807-768x1024.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dialog-oder-dualismus-die-wahrheitsfrage-als-charaktertest-und-schicksalsfrage/</link> </image> <description type="html"><h1>Dialog oder Dualismus - Die Wahrheitsfrage als Charaktertest und Schicksalsfrage » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Seit Jahren spotten auch deutsche Intellektuelle darüber, dass Millionen vor allem ärmere Wählerinnen und Wähler in den <strong>USA</strong> für <strong>Donald Trump</strong> und damit auch gegen ihre eigenen Interessen gestimmt hätten. Aber ich frage – ist das in <strong>Deutschland</strong> denn wirklich so anders?</p> <p>Habe zu <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116475223890832485" rel="noopener">den Ergebnissen einer neuen Umfrage gestern auf Mastodon gepostet</a>:</p> <p><em>Die gute Nachricht ist: Eine große Mehrheit der Deutschen erkennt die wachsende Zerspaltung in Deutschland, plädiert für höhere Erbschafts- und Vermögenssteuern statt der weiteren Belastung von Arbeit.</em></p> <p><em>Die schlechte Nachricht: Im medialen Alltag lassen sich die gleichen Mehrheiten durch Rechtsmimesis gegeneinander und gegen ihre eigenen Interessen hetzen.</em></p> <p><em>„Mehrheit hält Wohlstand für ungerecht verteilt</em><aside></aside></p> <p><em>Vier von fünf Deutschen finden es ungerecht, wie der Wohlstand im Land verteilt ist. Das zeigt <a href="https://www.tagesschau.de/inland/deine-meinung-zaehlt-wohlstand-100.html" rel="noopener">eine aktuelle ARD-Umfrage</a>. Viele befürworten eine Vermögens- und höhere Erbschaftssteuer.“</em></p> <p>Warum lassen wir Menschen uns aber immer wieder so leicht gegeneinander ausspielen, rechtsmimetisch verhetzen? Wann haben wir die mythologisch-sprichwörtliche „Büchse der Pandora“ geöffnet und damit das Unheil über uns selbst gebracht? </p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2026-24-02-BlumeKonexPolizeiBWImpulsredegegenjedenAntisemitismus.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die steinerne Statue einer nachdenklichen Pandora aus der griechischen Mythologie, mit der sprichwörtlichen Büchse in ihrer Hand. Foto von der Stuttgarter Karlshöhe, Michael Blume" decoding="async" height="2560" sizes="(max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1807-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1807-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1807-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1807-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1807-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1807-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></a></p> <p><em>Zwischen Mythologie und Philosophie: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Athenebrunnen_(Stuttgart)" rel="noopener">Eine verzweifelnde <strong>Pandora</strong> am Athenebrunnen in Stuttgart</a>. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Wissenschaftlich gesehen ist die Antwort auf diese Frage längst nicht mehr schwer und mit zwei Begriffen zu beantworten: Erstens – <strong>die Evolutionspsychologie</strong>. Und zweitens – <strong>die Medien</strong>.</p> <p><a href="https://www.spektrum.de/magazin/homo-religiosus/982255" rel="noopener">Die <strong>Evolution des Menschen</strong> hat uns mit <strong>einem Säugetiergehirn</strong> ausgestattet</a>, das besonders stark auf Gefahrenreize reagiert und unbedingt zu einer schützenden Gruppe gehören möchte. Abstrakte Wahrheiten wie „Wissenschaft“ oder „Solidarität“ müssen dagegen erst mühsam gelernt werden.</p> <p>Und genau <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/biohacking-und-neurohacking-mit-je-drei-aktuellen-beispielen/">darauf setzen immer mehr <strong>(Konzern-)Medien</strong> auf, die <strong>algorithmisches Neurohacking</strong> betreiben</a> und uns also in dem bestätigen, was wir ohnehin glauben sowie gegen andere Menschen aufhetzen. Bei <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-europaeische-medienrecht-zwischen-demokratie-und-thymokratie/">einer Veranstaltung im Landtag Baden-Württemberg im Dezember 2024</a> brachte es eine Jugendliche auf den Punkt: <strong><em>„Tiktok zeigt mir ständig, wen ich hassen soll. Ich will aber gar nicht hassen.“</em></strong></p> <p>Und auch der Rückzug aus den sog. „sozialen Medien“ kann nicht die einzige Antwort sein: <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/von-der-neurohacking-blase-zum-ki-kokon-oder-zur-dialogischen-realitaet/">Von der digitalen Blase gleiten wir derzeit über in den individualisierten KI-Kokon</a>. Die Ergebnisse dieser medialen Thymotisierung erleben wir alle täglich: Menschen werden empörungssüchtig, gegenseitig intoleranter und selbstgerechter, Gesellschaften atomisiert, die Gemeinsamkeiten zerblasen. </p> <p>In <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2026-24-02-BlumeKonexPolizeiBWImpulsredegegenjedenAntisemitismus.pdf">einer Impulsrede vor Polizistinnen, Polizisten und den Spitzen von konex BW zu den Gefahren von Radikalisierung formulierte ich das im Februar 2026</a> so:</p> <p><em>„Diese Blasenbildung ist erstmal etwas, was uns alle betrifft, weil wir alle in dieser enorm beschleunigten digitalen Welt leben. Wenn wir uns in den Blasen bewegen, wissen wir immer mehr von immer weniger. Aber dann haben wir auch keine gemeinsame Öffentlichkeit mehr, wo es so eine Art Allgemeinwissen gibt, auf das sich alle einigen können. Das macht es plötzlich wahnsinnig schwer, miteinander ins Gespräch zu kommen. Wenn wir nicht aufpassen, driften wir immer weiter auseinander und leben nicht mehr gemeinsam in einer Gesellschaft, sondern leben nur noch, im besten Fall, nebeneinander her.“</em></p> <p>Doch gegen <strong>den medial befeuerten Freund-Feind-Dualismus</strong> gibt es auch seit Jahrtausenden ein Mittel: den<strong> Dialog</strong>. Denn wenn wir erst einmal anerkennen, dass es erstens – <strong>eine (emergente &amp; also komplexe) Wahrheit</strong> gibt, der wir uns aber zweitens – <strong>nur gemeinsam erkenntnishaft nähern</strong> können – dann finden wir in den <strong>dialogischen Monismus</strong>.</p> <p><a href="https://www.juedische-allgemeine.de/glossar/chawruta/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Gemeinde- und Militärrabbiner Avraham Radbil (links), Dr. Michael Blume (mittig) und Dr. Astrid Schilling (rechts) auf dem Podium der Katholischen in Akademie in Bayern, München, 10. März 2026" decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Mit Gemeinde- und Militärrabbiner <strong>Avraham Radbil</strong> (links) und <strong>Dr. Astrid Schilling</strong> (rechts) am 10. März 2026 vor Offizierinnen und Offizieren der Bundeswehr in München. Foto: Katholische Akademie in Bayern</em></p> <p>Der geschätzte <a href="https://www.jsg-konstanz.de/synagoge" rel="noopener">Rabbiner und Freund <strong>Avraham Radbil</strong> (Konstanz)</a> veröffentlichte bereits <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/glossar/chawruta/" rel="noopener">2013 einen großartigen Text zur <strong>Chawruta-Dialogfreundschaft</strong> in der Jüdischen Allgemeinen</a>.</p> <p>Daraus erfahren, dass schon der Talmud die Freundschaft zwischen <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-berleben-des-judentums-als-ph-nomen-der-religionsgeschichte/">dem großen <strong>Rabbi Jochanan</strong></a> und dem ehemaligen Räuberhauptmann <strong>Reisch Lakisch</strong> würdigte. Die beiden stritten dialogisch viel – um der Wahrheit willen. Doch nachdem <strong>Jochanan</strong> seinen Gesprächspartner ungewollt verletzt und verloren hatte, bekam er mit <strong>Rabbi Elasar ben Peddas</strong> einen großen Gelehrten – der ihm ständig zustimmte!</p> <p><em>„Doch Rabbi Jochanan sagte: »Du bist nicht wie Reisch Lakisch, denn auf jede These, die ich bei ihm aufstellte, fand er 24 verschiedene Fragen und Gegenthesen. So war ich gezwungen, ihm 24 Antworten zu geben, und als Resultat unserer Diskussion kam immer die Wahrheit heraus. Doch du bringst mir nur Beweise für das, was ich sagte. Weiß ich denn nicht, dass ich recht habe?«</em></p> <p><em>So verließ ihn Rabbi Jochanan, zerriss seine Kleider, weinte und schrie: »Wo bist du, Bar Lakisch, wo bist du, Bar Lakisch?«, bis sein Verstand ihn letztendlich verließ und er starb.“</em></p> <p>Interessierte an <strong>Rabbi Jehoschua / Jesus / Isa</strong> können dabei übrigens auch an seinen bemerkenswerten Ausruf gegenüber <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hauptmann_von_Kafarnaum" rel="noopener">dem römischen Hauptmann von Kafernaum, einem nichtjüdischen Besatzer</a>, denken: <strong><em>„Einen solchen Glauben habe ich in Israel noch bei niemandem gefunden!“</em></strong></p> <p>Dies ist übrigens auch meine tiefste Erfahrung und häufigster Rat nach Jahrzehnten in Wissenschaft, interreligiösem Dialog und Politik: <em><strong>Wenn Du wirklich Gutes bewirken willst, dann umgib Dich mit Teammitgliedern, Chawruta-Freundinnen und Freunden, die anders denken als Du selbst!</strong></em> Denn wenn sie Dich wirklich schätzen, werden sie Dir auch konstruktiv widersprechen und damit <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/kryptowinter-die-falle-des-commitment-tunnel/">die Perspektive über Deinen eigenen Commitment-Tunnel hinaus</a> erweitern.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-54-mit-dem-elektroauto-feueralarm-zu-nathalie-wollmann-beim-paritaetischen/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Prof. Dr. Inan Ince links und Dr. Michael Blume rechts gemeinsam und fröhlich in einem Renault Scenic auf dem Weg zur Blume &amp; Ince-Folge 54." decoding="async" height="747" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1229px) 100vw, 1229px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInceOnElektroautoTour0426.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInceOnElektroautoTour0426.jpg 1229w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInceOnElektroautoTour0426-300x182.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInceOnElektroautoTour0426-1024x622.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInceOnElektroautoTour0426-768x467.jpg 768w" width="1229"></img></a></p> <p><em>Unterwegs <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-54-mit-dem-elektroauto-feueralarm-zu-nathalie-wollmann-beim-paritaetischen/">im Elektroauto mit dem Chawruta-Freund Prof. Dr. Inan Ince zu einer weiteren Dialogpartnerin für Folge 54 von „Blume &amp; Ince. Zwei Stimmen, vier Kulturen“</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Diese Erkenntnis ist mir wirklich wichtig: Dialog-Freundschaften sind <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/parteien-die-keine-regierungen-mehr-bilden-hat-das-demokratieversagen-durch-neue-medien-nun-auch-deutschland-erreicht/">das beste Mittel gegen die alltägliche Zerblasung</a>. Wenn wir die Kunst des Dialoges auch über unsere eigenen, lebensweltlichen Blasen hinaus nicht mehr pflegen, dann wird auch unsere Republik nicht mehr lange überleben. Schon jetzt erleben wir nach den gescheiterten Koalitionsverhandlungen von 2017 und dem Ampel-Aus von 2024 eine massive, schwarz-rote Polarisierung in der Bundespolitik, die zu massiven Vertrauensverlusten in der Bevölkerung führt. Auch in der Landespolitik und vereinzelt sogar der Kommunalpolitik beobachte ich mit Sorge die zunehmende Unsachlichkeit und Kompromisslosigkeit durch algorithmisch verstärkte Parteiblasen – und zwar quer durch alle Parteien hinweg!</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/parteien-die-keine-regierungen-mehr-bilden-hat-das-demokratieversagen-durch-neue-medien-nun-auch-deutschland-erreicht/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Eine Facebook-Seite der FDP von 2017 mit der Überschrift &quot;LIEBER NICHT REGIEREN ALS FALSCH.&quot;" decoding="async" height="519" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1190px) 100vw, 1190px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FDPKampagneUeberinszeniert.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FDPKampagneUeberinszeniert.jpg 1190w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FDPKampagneUeberinszeniert-300x131.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FDPKampagneUeberinszeniert-768x335.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FDPKampagneUeberinszeniert-1024x447.jpg 1024w" width="1190"></img></a></p> <p><em>Das <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/parteien-die-keine-regierungen-mehr-bilden-hat-das-demokratieversagen-durch-neue-medien-nun-auch-deutschland-erreicht/">Internet hat die Gefahren von dualistischen Parteiblasen gegenüber dem demokratischen Dialog drastisch und quer durch alle Milieus massiv erhöht</a>. „Lieber nicht regieren als falsch regieren“ 2017 bei der FDP auf Facebook. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Um 1923 erschien zum dialogischen Monismus auch eines der bedeutendsten Bücher des 20. Jahrhunderts: <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-klimakatastrophe-dialogisch-ueberleben-mit-paula-und-martin-buber/"><strong><em>„Ich und Du“</em></strong> von <strong>Martin und Paula Buber</strong></a>.</p> <p>Ich las es seit dem Studium immer wieder und lange vor allem als religionspsychologisches Werk, doch es hat trotz und wegen seiner Kürze auch eine große, philosophische Tiefe.</p> <p>Nach einem intensiven, <strong>dialogischen Workshop mit Schülern einer beruflichen Schule in Karlsruhe</strong> las ich zuletzt spontan einige Sätze aus diesem großen Werk in einen YouTube-Short:</p> <p><em><strong>„Grundworte werden mit dem Wesen gesprochen. </strong></em></p> <p><em><strong>Wenn Du gesprochen wird, ist das Ich des Wortpaars Ich – Du mitgesprochen.</strong></em></p> <p><em><strong>Wenn Es gesprochen wird, ist das Ich des Wortpaars Ich – Es mitgesprochen.</strong></em></p> <p><em><strong>Das Grundwort Ich – Du kann nur mit dem ganzen Wesen gesprochen werden.</strong></em></p> <p><em><strong>Das Grundwort Ich – Es kann nie mit dem ganzen Wesen gesprochen werden.“</strong></em></p> <p>Auch auf Basis dieser beiden Grundworte durfte ich in den vergangenen Jahren die drei Grund-Weltanschauungen ausbuchstabieren: <strong><em>Es-Es (egozentrischer Relativismus), Ich-Es (feindseliger Dualismus) und Ich-Du (dialogischer Monismus)</em></strong>.</p> <p>Das ist übrigens auch der Grund, warum ich <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116478268306390734" rel="noopener">Namenswitze gegen demokratische Politikerinnen und Politiker außerhalb der professionellen Satire grundsätzlich ablehne</a>. Solches (leider oft auch linke) Mackertum schadet nur und bringt dem Dialog gar nichts.</p> <p>Jede rechtsstaatliche Demokratie basiert auf einer Kultur des Dialoges. Jede Parteiblase droht den demokratischen Kompromiss durch Freund-Feind-Dualismus zu sprengen.</p> <p>Auch uns Deutschen bleibt nicht mehr viel Zeit. Also sollten wir uns diese für Blasen-überschreitende Dialoge nehmen. Denn die <em>„Enge der Zeit ist die Wurzel des Bösen“</em> (<strong>Hans Blumenberg</strong>).</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/shBzb1n6pTI?feature=oembed&amp;rel=0" title="Lesung weniger Sätze aus „Ich und Du“ von Martin &amp; Paula Buber (1923)" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Dialog oder Dualismus - Die Wahrheitsfrage als Charaktertest und Schicksalsfrage » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Seit Jahren spotten auch deutsche Intellektuelle darüber, dass Millionen vor allem ärmere Wählerinnen und Wähler in den <strong>USA</strong> für <strong>Donald Trump</strong> und damit auch gegen ihre eigenen Interessen gestimmt hätten. Aber ich frage – ist das in <strong>Deutschland</strong> denn wirklich so anders?</p> <p>Habe zu <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116475223890832485" rel="noopener">den Ergebnissen einer neuen Umfrage gestern auf Mastodon gepostet</a>:</p> <p><em>Die gute Nachricht ist: Eine große Mehrheit der Deutschen erkennt die wachsende Zerspaltung in Deutschland, plädiert für höhere Erbschafts- und Vermögenssteuern statt der weiteren Belastung von Arbeit.</em></p> <p><em>Die schlechte Nachricht: Im medialen Alltag lassen sich die gleichen Mehrheiten durch Rechtsmimesis gegeneinander und gegen ihre eigenen Interessen hetzen.</em></p> <p><em>„Mehrheit hält Wohlstand für ungerecht verteilt</em><aside></aside></p> <p><em>Vier von fünf Deutschen finden es ungerecht, wie der Wohlstand im Land verteilt ist. Das zeigt <a href="https://www.tagesschau.de/inland/deine-meinung-zaehlt-wohlstand-100.html" rel="noopener">eine aktuelle ARD-Umfrage</a>. Viele befürworten eine Vermögens- und höhere Erbschaftssteuer.“</em></p> <p>Warum lassen wir Menschen uns aber immer wieder so leicht gegeneinander ausspielen, rechtsmimetisch verhetzen? Wann haben wir die mythologisch-sprichwörtliche „Büchse der Pandora“ geöffnet und damit das Unheil über uns selbst gebracht? </p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2026-24-02-BlumeKonexPolizeiBWImpulsredegegenjedenAntisemitismus.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die steinerne Statue einer nachdenklichen Pandora aus der griechischen Mythologie, mit der sprichwörtlichen Büchse in ihrer Hand. Foto von der Stuttgarter Karlshöhe, Michael Blume" decoding="async" height="2560" sizes="(max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1807-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1807-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1807-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1807-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1807-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1807-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></a></p> <p><em>Zwischen Mythologie und Philosophie: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Athenebrunnen_(Stuttgart)" rel="noopener">Eine verzweifelnde <strong>Pandora</strong> am Athenebrunnen in Stuttgart</a>. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Wissenschaftlich gesehen ist die Antwort auf diese Frage längst nicht mehr schwer und mit zwei Begriffen zu beantworten: Erstens – <strong>die Evolutionspsychologie</strong>. Und zweitens – <strong>die Medien</strong>.</p> <p><a href="https://www.spektrum.de/magazin/homo-religiosus/982255" rel="noopener">Die <strong>Evolution des Menschen</strong> hat uns mit <strong>einem Säugetiergehirn</strong> ausgestattet</a>, das besonders stark auf Gefahrenreize reagiert und unbedingt zu einer schützenden Gruppe gehören möchte. Abstrakte Wahrheiten wie „Wissenschaft“ oder „Solidarität“ müssen dagegen erst mühsam gelernt werden.</p> <p>Und genau <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/biohacking-und-neurohacking-mit-je-drei-aktuellen-beispielen/">darauf setzen immer mehr <strong>(Konzern-)Medien</strong> auf, die <strong>algorithmisches Neurohacking</strong> betreiben</a> und uns also in dem bestätigen, was wir ohnehin glauben sowie gegen andere Menschen aufhetzen. Bei <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-europaeische-medienrecht-zwischen-demokratie-und-thymokratie/">einer Veranstaltung im Landtag Baden-Württemberg im Dezember 2024</a> brachte es eine Jugendliche auf den Punkt: <strong><em>„Tiktok zeigt mir ständig, wen ich hassen soll. Ich will aber gar nicht hassen.“</em></strong></p> <p>Und auch der Rückzug aus den sog. „sozialen Medien“ kann nicht die einzige Antwort sein: <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/von-der-neurohacking-blase-zum-ki-kokon-oder-zur-dialogischen-realitaet/">Von der digitalen Blase gleiten wir derzeit über in den individualisierten KI-Kokon</a>. Die Ergebnisse dieser medialen Thymotisierung erleben wir alle täglich: Menschen werden empörungssüchtig, gegenseitig intoleranter und selbstgerechter, Gesellschaften atomisiert, die Gemeinsamkeiten zerblasen. </p> <p>In <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2026-24-02-BlumeKonexPolizeiBWImpulsredegegenjedenAntisemitismus.pdf">einer Impulsrede vor Polizistinnen, Polizisten und den Spitzen von konex BW zu den Gefahren von Radikalisierung formulierte ich das im Februar 2026</a> so:</p> <p><em>„Diese Blasenbildung ist erstmal etwas, was uns alle betrifft, weil wir alle in dieser enorm beschleunigten digitalen Welt leben. Wenn wir uns in den Blasen bewegen, wissen wir immer mehr von immer weniger. Aber dann haben wir auch keine gemeinsame Öffentlichkeit mehr, wo es so eine Art Allgemeinwissen gibt, auf das sich alle einigen können. Das macht es plötzlich wahnsinnig schwer, miteinander ins Gespräch zu kommen. Wenn wir nicht aufpassen, driften wir immer weiter auseinander und leben nicht mehr gemeinsam in einer Gesellschaft, sondern leben nur noch, im besten Fall, nebeneinander her.“</em></p> <p>Doch gegen <strong>den medial befeuerten Freund-Feind-Dualismus</strong> gibt es auch seit Jahrtausenden ein Mittel: den<strong> Dialog</strong>. Denn wenn wir erst einmal anerkennen, dass es erstens – <strong>eine (emergente &amp; also komplexe) Wahrheit</strong> gibt, der wir uns aber zweitens – <strong>nur gemeinsam erkenntnishaft nähern</strong> können – dann finden wir in den <strong>dialogischen Monismus</strong>.</p> <p><a href="https://www.juedische-allgemeine.de/glossar/chawruta/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Gemeinde- und Militärrabbiner Avraham Radbil (links), Dr. Michael Blume (mittig) und Dr. Astrid Schilling (rechts) auf dem Podium der Katholischen in Akademie in Bayern, München, 10. März 2026" decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Mit Gemeinde- und Militärrabbiner <strong>Avraham Radbil</strong> (links) und <strong>Dr. Astrid Schilling</strong> (rechts) am 10. März 2026 vor Offizierinnen und Offizieren der Bundeswehr in München. Foto: Katholische Akademie in Bayern</em></p> <p>Der geschätzte <a href="https://www.jsg-konstanz.de/synagoge" rel="noopener">Rabbiner und Freund <strong>Avraham Radbil</strong> (Konstanz)</a> veröffentlichte bereits <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/glossar/chawruta/" rel="noopener">2013 einen großartigen Text zur <strong>Chawruta-Dialogfreundschaft</strong> in der Jüdischen Allgemeinen</a>.</p> <p>Daraus erfahren, dass schon der Talmud die Freundschaft zwischen <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-berleben-des-judentums-als-ph-nomen-der-religionsgeschichte/">dem großen <strong>Rabbi Jochanan</strong></a> und dem ehemaligen Räuberhauptmann <strong>Reisch Lakisch</strong> würdigte. Die beiden stritten dialogisch viel – um der Wahrheit willen. Doch nachdem <strong>Jochanan</strong> seinen Gesprächspartner ungewollt verletzt und verloren hatte, bekam er mit <strong>Rabbi Elasar ben Peddas</strong> einen großen Gelehrten – der ihm ständig zustimmte!</p> <p><em>„Doch Rabbi Jochanan sagte: »Du bist nicht wie Reisch Lakisch, denn auf jede These, die ich bei ihm aufstellte, fand er 24 verschiedene Fragen und Gegenthesen. So war ich gezwungen, ihm 24 Antworten zu geben, und als Resultat unserer Diskussion kam immer die Wahrheit heraus. Doch du bringst mir nur Beweise für das, was ich sagte. Weiß ich denn nicht, dass ich recht habe?«</em></p> <p><em>So verließ ihn Rabbi Jochanan, zerriss seine Kleider, weinte und schrie: »Wo bist du, Bar Lakisch, wo bist du, Bar Lakisch?«, bis sein Verstand ihn letztendlich verließ und er starb.“</em></p> <p>Interessierte an <strong>Rabbi Jehoschua / Jesus / Isa</strong> können dabei übrigens auch an seinen bemerkenswerten Ausruf gegenüber <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hauptmann_von_Kafarnaum" rel="noopener">dem römischen Hauptmann von Kafernaum, einem nichtjüdischen Besatzer</a>, denken: <strong><em>„Einen solchen Glauben habe ich in Israel noch bei niemandem gefunden!“</em></strong></p> <p>Dies ist übrigens auch meine tiefste Erfahrung und häufigster Rat nach Jahrzehnten in Wissenschaft, interreligiösem Dialog und Politik: <em><strong>Wenn Du wirklich Gutes bewirken willst, dann umgib Dich mit Teammitgliedern, Chawruta-Freundinnen und Freunden, die anders denken als Du selbst!</strong></em> Denn wenn sie Dich wirklich schätzen, werden sie Dir auch konstruktiv widersprechen und damit <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/kryptowinter-die-falle-des-commitment-tunnel/">die Perspektive über Deinen eigenen Commitment-Tunnel hinaus</a> erweitern.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-54-mit-dem-elektroauto-feueralarm-zu-nathalie-wollmann-beim-paritaetischen/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Prof. Dr. Inan Ince links und Dr. Michael Blume rechts gemeinsam und fröhlich in einem Renault Scenic auf dem Weg zur Blume &amp; Ince-Folge 54." decoding="async" height="747" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1229px) 100vw, 1229px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInceOnElektroautoTour0426.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInceOnElektroautoTour0426.jpg 1229w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInceOnElektroautoTour0426-300x182.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInceOnElektroautoTour0426-1024x622.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInceOnElektroautoTour0426-768x467.jpg 768w" width="1229"></img></a></p> <p><em>Unterwegs <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-54-mit-dem-elektroauto-feueralarm-zu-nathalie-wollmann-beim-paritaetischen/">im Elektroauto mit dem Chawruta-Freund Prof. Dr. Inan Ince zu einer weiteren Dialogpartnerin für Folge 54 von „Blume &amp; Ince. Zwei Stimmen, vier Kulturen“</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Diese Erkenntnis ist mir wirklich wichtig: Dialog-Freundschaften sind <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/parteien-die-keine-regierungen-mehr-bilden-hat-das-demokratieversagen-durch-neue-medien-nun-auch-deutschland-erreicht/">das beste Mittel gegen die alltägliche Zerblasung</a>. Wenn wir die Kunst des Dialoges auch über unsere eigenen, lebensweltlichen Blasen hinaus nicht mehr pflegen, dann wird auch unsere Republik nicht mehr lange überleben. Schon jetzt erleben wir nach den gescheiterten Koalitionsverhandlungen von 2017 und dem Ampel-Aus von 2024 eine massive, schwarz-rote Polarisierung in der Bundespolitik, die zu massiven Vertrauensverlusten in der Bevölkerung führt. Auch in der Landespolitik und vereinzelt sogar der Kommunalpolitik beobachte ich mit Sorge die zunehmende Unsachlichkeit und Kompromisslosigkeit durch algorithmisch verstärkte Parteiblasen – und zwar quer durch alle Parteien hinweg!</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/parteien-die-keine-regierungen-mehr-bilden-hat-das-demokratieversagen-durch-neue-medien-nun-auch-deutschland-erreicht/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Eine Facebook-Seite der FDP von 2017 mit der Überschrift &quot;LIEBER NICHT REGIEREN ALS FALSCH.&quot;" decoding="async" height="519" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1190px) 100vw, 1190px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FDPKampagneUeberinszeniert.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FDPKampagneUeberinszeniert.jpg 1190w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FDPKampagneUeberinszeniert-300x131.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FDPKampagneUeberinszeniert-768x335.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FDPKampagneUeberinszeniert-1024x447.jpg 1024w" width="1190"></img></a></p> <p><em>Das <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/parteien-die-keine-regierungen-mehr-bilden-hat-das-demokratieversagen-durch-neue-medien-nun-auch-deutschland-erreicht/">Internet hat die Gefahren von dualistischen Parteiblasen gegenüber dem demokratischen Dialog drastisch und quer durch alle Milieus massiv erhöht</a>. „Lieber nicht regieren als falsch regieren“ 2017 bei der FDP auf Facebook. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Um 1923 erschien zum dialogischen Monismus auch eines der bedeutendsten Bücher des 20. Jahrhunderts: <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-klimakatastrophe-dialogisch-ueberleben-mit-paula-und-martin-buber/"><strong><em>„Ich und Du“</em></strong> von <strong>Martin und Paula Buber</strong></a>.</p> <p>Ich las es seit dem Studium immer wieder und lange vor allem als religionspsychologisches Werk, doch es hat trotz und wegen seiner Kürze auch eine große, philosophische Tiefe.</p> <p>Nach einem intensiven, <strong>dialogischen Workshop mit Schülern einer beruflichen Schule in Karlsruhe</strong> las ich zuletzt spontan einige Sätze aus diesem großen Werk in einen YouTube-Short:</p> <p><em><strong>„Grundworte werden mit dem Wesen gesprochen. </strong></em></p> <p><em><strong>Wenn Du gesprochen wird, ist das Ich des Wortpaars Ich – Du mitgesprochen.</strong></em></p> <p><em><strong>Wenn Es gesprochen wird, ist das Ich des Wortpaars Ich – Es mitgesprochen.</strong></em></p> <p><em><strong>Das Grundwort Ich – Du kann nur mit dem ganzen Wesen gesprochen werden.</strong></em></p> <p><em><strong>Das Grundwort Ich – Es kann nie mit dem ganzen Wesen gesprochen werden.“</strong></em></p> <p>Auch auf Basis dieser beiden Grundworte durfte ich in den vergangenen Jahren die drei Grund-Weltanschauungen ausbuchstabieren: <strong><em>Es-Es (egozentrischer Relativismus), Ich-Es (feindseliger Dualismus) und Ich-Du (dialogischer Monismus)</em></strong>.</p> <p>Das ist übrigens auch der Grund, warum ich <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116478268306390734" rel="noopener">Namenswitze gegen demokratische Politikerinnen und Politiker außerhalb der professionellen Satire grundsätzlich ablehne</a>. Solches (leider oft auch linke) Mackertum schadet nur und bringt dem Dialog gar nichts.</p> <p>Jede rechtsstaatliche Demokratie basiert auf einer Kultur des Dialoges. Jede Parteiblase droht den demokratischen Kompromiss durch Freund-Feind-Dualismus zu sprengen.</p> <p>Auch uns Deutschen bleibt nicht mehr viel Zeit. Also sollten wir uns diese für Blasen-überschreitende Dialoge nehmen. Denn die <em>„Enge der Zeit ist die Wurzel des Bösen“</em> (<strong>Hans Blumenberg</strong>).</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/shBzb1n6pTI?feature=oembed&amp;rel=0" title="Lesung weniger Sätze aus „Ich und Du“ von Martin &amp; Paula Buber (1923)" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dialog-oder-dualismus-die-wahrheitsfrage-als-charaktertest-und-schicksalsfrage/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>87</slash:comments> </item> <item> <title>Die AfD als Gravitationszentrum rechter Krisendiskurse https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/die-afd-als-gravitationszentrum-rechter-krisendiskurse/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/die-afd-als-gravitationszentrum-rechter-krisendiskurse/#respond Mon, 27 Apr 2026 08:25:39 +0000 Elke Rajal, Nikolai Schreiter, Robert Andreasch, Katharina Fuchs, Tobias Holl, Jan Nowak, Dominik Sauerer https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=442 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Teutonia-Prag_DS-1-768x512.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/die-afd-als-gravitationszentrum-rechter-krisendiskurse/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Teutonia-Prag_DS-1-1024x683.jpg" /><h1>Die AfD als Gravitationszentrum rechter Krisendiskurse » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Elke Rajal, Nikolai Schreiter, Robert Andreasch, Katharina Fuchs, Tobias Holl, Jan Nowak, Dominik Sauerer</h2><div itemprop="text"> <h2>Teil 1 einer Serie zur Zentralität der AfD in der bayerischen extremen Rechten</h2> <p><em>Ausgehend von einer Akteursanalyse im Zuge des ForGeRex-Teilprojekts 9 „Antisemitismus und Krisen“ verdichtet sich eine zentrale These: Die AfD fungiert im Feld der bayerischen extremen Rechten als Gravitationszentrum.</em> <em>Der erste Beitrag der dreiteiligen Serie entfaltet diese These am Beispiel eines viel diskutierten Falls, und zwar anhand der wenig beachteten Facetten des Strafprozesses gegen AfD-MdL und völkisch-nationalistischen Burschenschafter Daniel Halemba. In den Teilen zwei und drei folgen weitere ausgewählte Beispiele aus dem Teilprojekt und der Arbeit von <a href="https://www.aida-archiv.de/" rel="noopener">a.i.d.a.-Archiv</a> und <a href="https://www.lks-bayern.de/beratung-bildung/mobile-beratung" rel="noopener">Mobiler Beratung gegen Rechtsextremismus in Bayern</a>. Die Artikel-Serie ist eine Koproduktion von Elke Rajal und Nikolai Schreiter (ForGeRex), Katharina Fuchs und Jan Nowak (Mobile Beratung Ost), Tobias Holl (Mobile Beratung Süd), Dominik Sauerer (Mobile Beratung Nord) und Robert Andreasch (antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München e.V.).</em></p> <p>Das ForGeRex-Teilprojekt 9 untersucht, wie rechtsextreme Akteur*innen in Bayern Krisen deuten, politisch mobilisieren und dabei auf antisemitische Verschwörungsmythen zurückgreifen. Im Forschungsprozess hat sich schnell gezeigt, dass die Übergänge zwischen parteiförmigem und nicht-parteiförmigem Agieren personell, inhaltlich und auf der Ebene der Mediennutzung fließend sind. Gerade die AfD erweist sich in unserem Material nicht als ein Akteur unter anderen, sondern als Knotenpunkt, über den sehr unterschiedliche Strömungen, Milieus und Kommunikationszusammenhänge miteinander verbunden sind. Die Partei hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Gravitationszentrum der extremen Rechten entwickelt: Fast alle ihrer Strömungen finden Platz unter dem blauen Dach und wer rechte Krisendiskurse verstehen will, kommt an ihr nicht vorbei.</p> <p>Diese Rolle der AfD als Akteurin der Vernetzung, Übersetzung und Verdichtung wurde im Strafprozess gegen AfD-MdL Daniel Halemba Anfang 2026 deutlich sichtbar. Dominik Sauerer arbeitet für die Mobile Beratung Nord und hat den Prozess beobachtet. Er berichtet von Netzwerken unter Beteiligung von Identitärer Bewegung, der neonazistischen Kleinpartei Der III. Weg, Republikanern, NPD, Die Heimat, Burschenschaften, Aryan Peoples Resistance und – ganz prominent – der AfD. Der siebentägige Prozess vor dem Amtsgericht Würzburg fand zwar großes mediales Echo, nicht immer wurde dabei aber einer der wichtigsten Punkte deutlich: Wie klar sich die AfD in dem Prozess als rechtsextreme Sammlungspartei fast ohne Berührungsängste zeigte.</p> <p><strong>Prozess und Urteil</strong></p> <p>Zum Hintergrund: Kurz vor der Landtagswahl durchsuchte die Polizei im September 2023 die Räume der Burschenschaft<a href="#_ftn1" id="_ftnref1">[1]</a> Teutonia Prag zu Würzburg, in der Daniel Halemba und sein späterer Mitangeklagter Harald D. zu diesem Zeitpunkt gemeldet waren. In Halembas Zimmer fand sie eine Schreckschusswaffe mit geladenem Magazin, einen USB-Stick mit Hitlerreden, NS-Material und härtestem Rechtsrock. „Eine der größten Sammlungen“ ihrer Dienstzeit, sagte eine Staatsschützerin vor Gericht. Auch ein Elektroschocker, ein Teleskopschlagstock, eine Machete, Schlagringe und Banner, Plakate und Flyervorräte der Identitären Bewegung (IB) wurden gefunden.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1024x683.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1024x683.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-300x200.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-768x512.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image.jpeg 1107w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Rechtsextreme im Dickicht: Bude der Burschenschaft Teutonia in Würzburg. Foto: Dominik Sauerer</em></figcaption></figure> <p>Anlass der Durchsuchung waren Fotos aus den Innenräumen der Verbindung, auf denen bereits die ersten Hinweise zu sehen waren, dass das Burschenhaus eine rechtsextreme Immobilie ist: Kühlschranktüren mit Aufklebern von Der III. Weg, der IB, anderer Burschenschaften, der Partei Die Rechte und weiterer Organisationen. Das Burschenhaus fungiert als Ort für Feiern und Vernetzung jenseits der Öffentlichkeit, für Vorträge wie den eines Aktivisten der neonazistischen Partei Der III. Weg im Dezember 2022. Auch persönlich kennt man sich: Der Teutone Ronald S. begleitete im Sommer 2025 Torsten Kokula, den Landesvorsitzenden von Der III. Weg, gemeinsam mit anderen Bundesbrüdern und dem jungen Nick E. zur Burschenschaft Frankonia nach Erlangen. Nick E. führte des Weiteren Demonstrationen von Der III. Weg an, wirkt an Aktionen ihrer Nationalrevolutionären Jugend (NRJ) mit und tritt regelmäßig in Parteiuniform auf. Fotos zeigen ihn beim „Tag der Ehre“ in Budapest, bei dem in historischen Uniformen der SS gehuldigt wird.<a href="#_ftn2" id="_ftnref2">[2]</a> Während das Gericht im Januar 2026 tagt, steht der Nachname von Nick E. auf dem Klingelschild der Burschenschaft, über die Richterin Gudrun Helm im Prozess sagt, sie sei eins mit der AfD.</p> <p>Aber all das war vor Gericht nicht Thema: teilweise aufgrund unsauberer und widersprüchlicher Ermittlungs- und Justizarbeit, teilweise, weil die genannten Naheverhältnisse nicht strafbar sind. Halemba wurde von den Vorwürfen der versuchten Nötigung des AfD-Landesschiedsgerichtspräsidenten Thomas Bayer, der auch Rechtsanwalt seines Mitangeklagten werden sollte, und der Volksverhetzung am 2. Februar 2026 freigesprochen, da ihm nicht nachgewiesen werden konnte, dass er bei seiner Geburtstagsfeier selbst die volksverhetzende Musik von Landser<a href="#_ftn3" id="_ftnref3">[3]</a> abgespielt hatte. Verurteilt wurde er nicht rechtskräftig wegen Nötigung und Geldwäsche zu 160 Tagessätzen. Die politischen Zugehörigkeiten zentraler Akteure im Netzwerk um die Würzburger AfD erwiesen sich im Prozess als flexibel und die Verhältnisse zueinander als unstet. Ehemalige Feinde wurden zu Freunden, Rollen als Geschädigte, Täter, Zeuge oder Rechtsanwalt wechselten sich ab. Deutlich wird das an Thomas Bayer, einer zentralen Person in diesem Vorgang. Er ist seit März 2026 einer von drei Stadträten der Würzburger AfD. Als die Partei ihre Kommunalwahlliste zusammenstellte, bekam er nicht nur den aussichtsreichen Platz vier (und wurde auf zwei vorgewählt), er wurde in zeitlicher Nähe auch von Halembas Mitangeklagtem mandatiert und vom Belastungs- zum Entlastungszeugen gegen bzw. für Halemba und D.</p> <p><strong>AfD-interne Konkurrenz und Querelen im Hintergrund</strong></p> <p>Bei den Aufstellungsversammlungen zur Landtags- und Bezirkstagswahl 2022/2023 war durch verschiedene Meldedelikte versucht worden, Daniel Halemba einen Vorteil zu verschaffen. In angestrebten Parteiausschlussverfahren sowohl gegen Halemba als auch gegen seine Konkurrentin Tanja E. war der zentrale Vorwurf die Beteiligung mit Reden an Demonstrationen des damaligen III.-Weg-Kaders Roger Kuchenreuther.</p> <p>Thomas Bayer war zu der Zeit Präsident des Landesschiedsgerichts der AfD. Er warf im Urteil dem Landesvorstand sowie Teilen der Landtagsfraktion Willkür und Rechtsbeugung vor: Sie sollen versucht haben, Tanja E. politisch auszuschalten und hätten mit dieser „Schneepflugaktion“ zugunsten von Halemba auf den Kreisverband Unterfranken-Nord eine „zersetzende Wirkung“ ausgeübt. Ähnlich harte Anschuldigungen äußerte Bayer in Briefen an den Landesvorstand und in Aussagen bei der Polizei, bei der er Harald D. und Halemba schwer belastete.</p> <p>Bayer stand bei den parteiinternen Machtkämpfen aber nicht allein: Vor Gericht beteuerte er, dass die Beschwerdebriefe, die er mit allerhand Vorwürfen gegen Halemba und D. (Ruhestörung, Sachbeschädigung, Nötigung, Stalking und Erpressung) an den Landesvorstand schickte, vom ehrenamtlichen bayerischen Verfassungsrichter und neugewählte Münchner AfD-Stadtrat Peter Ditges formuliert worden seien. Bayer selbst nannte im Prozess auch den langjährigen Kader und Mandatsträger der Republikaner Berthold Seifert als weiteren Akteur im Hintergrund. Der wiederum sitzt nun für die AfD im Würzburger Kreistag, gemeinsam mit Federico Beck. </p> <p>Gegen Beck läuft aktuell ein Parteiausschussverfahren, da er 2025 nicht nur den neonazistischen Sänger Kavalier vom Label Neuer Deutscher Standard nach Würzburg holte, sondern auch in Nürnberg an einer Demonstration der Aryan Peoples Resistance (APR)<a href="#_ftn4" id="_ftnref4">[4]</a>, des selbsternannten „arischen Volkswiderstands“, teilgenommen hatte. AfD-Bayern-Chef Stephan Protschka posierte am 2. Februar 2026 auf einer Wahlkampfveranstaltung mit Beck. Der soll dafür verantwortlich sein, dass der Konflikt zwischen Halemba, Harald D. und Bayer schließlich geschlichtet wurde.</p> <p>Aufgrund des zeitlichen Zusammenhangs dieser „Schlichtung“ mit der Aufstellung der Würzburger Stadtratsliste und dem Mandat D.s an Thomas Bayer fragte auch Richterin Helm: „Wurden sie unter Druck gesetzt, wurde ihnen etwas angeboten? Ein Platz auf der Stadtratsliste?“ Bayer verneinte.</p> <p><strong>Freundschaft, Bruderschaft, Partei</strong></p> <p>Während das Amtsgericht die Vorwürfe der versuchten Nötigung – wie bereits erwähnt – als nicht erwiesen ansah, verurteilte es Halemba dafür, mit anderen seinen burschenschaftlichen Bundesbruder Roland S. nach der Durchsuchung des Burschenhauses genötigt zu haben, keine Aussage bei der Staatsanwaltschaft zu tätigen. S. trat vor Gericht sehr unsicher auf, bestritt die Nötigungshandlungen vehement und betonte stattdessen das „sehr gute Verhältnis“ zu den Angeklagten. Seine Mutter beschrieb ihn als introvertierten, schwierigen jungen Mann, der sich mit Gleichaltrigen schwertue und keine engen Freunde habe. Über sein Verhältnis zu Halemba sagte S. dennoch, man könne „schon von Freundschaft sprechen“. Auf die Frage der Richterin, ob „AfD und Teutonia eigentlich dasselbe seien“, antwortete S.: „Nein, aber sehr viele sind in beiden aktiv“. Ähnliches steht in einem Brief von Alten Herren der Teutonia, den die Autonome Antifa Freiburg 2024 veröffentlichte und dessen Inhalt ein Unterzeichner gegenüber der Zeitung Mainpost bestätigte:</p> <p><em>„Zum einen sehen die gegenwärtige Aktivitas sowie einige wenige jüngere Alte Herren, die teilweise noch nicht lange Mitglied des Bundes sind, den Schwerpunkt des Bundeslebens in einer aktiven politischen Betätigung für nur eine einzige Partei. […] Alle Initiative wird der parteipolitischen Betätigung untergeordnet […] Im Ergebnis ist Teutonia zu einem Instrument und einer Plattform einer einzigen politischen Partei geworden.“<a href="#_ftn5" id="_ftnref5"><strong>[5]</strong></a></em></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image.png"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1024x683.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1024x683.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-300x200.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-768x512.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1536x1025.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Daniel Halemba mit Anwalt Dubravko Mandic im Würzburger Amtsgericht. Foto: Dominik Sauerer</em></figcaption></figure> <p>Im Halemba-Prozess wurde die Zentralität der AfD am Würzburger Beispiel deutlich und flexible politische Zuordnungen sowie die mangelnde Trennschärfe zwischen verschiedenen rechtsextremen Organisationen wurden greifbar. Auch Thomas Bayer, Halembas ehemaliger Kritiker, nahm im August 2025 an einer Kundgebung der NPD in Würzburg teil. Nicht zuletzt sind die beteiligten Rechtsanwälte interessant: Harald D. ließ sich neben Bayer unter anderem von Matthias Bauerfeind vertreten, der nach seiner Karriere in NPD und freien Kameradschaften die Partei Der III. Weg in Bayern mitaufgebaut hatte. Ronald S. hatte zeitweise den Szeneanwalt Andreas Wölfel mandatiert. Halemba selbst wurde von Dubravko Mandic vertreten, einem wegen Körperverletzung vorbestraften Burschenschafter und ehemaligen AfD-Politiker, der sich für die Identitäre Bewegung einsetzt oder für das NPD-Organ „Deutsche Stimme“ referierte. Mandic schrieb bereits 2014 in einer Facebookgruppe der Jungen Alternative (JA): „Von der NPD unterscheiden wir uns vornehmlich durch unser bürgerliches Unterstützerumfeld, nicht so sehr durch Inhalte“<a href="#_ftn6" id="_ftnref6">[6]</a>.</p> <p><em>Im zweiten Teil der Artikelserie veranschaulichen wir die Zusammenarbeit zwischen AfD und anderen Teilen den extremen Rechten mit Fällen aus München und der Oberpfalz.</em></p> <hr></hr> <p><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Weiterführende Lektüre zur Funktion und Rolle von Burschenschaften etwa: Kurth, Alexandra/Weidinger, Bernhard: Burschenschaften 2017: Geschichte, Politik und Ideologie. bpb.de. <a href="https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/256889/burschenschaften-geschichte-politik-und-ideologie/" rel="noopener">https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/256889/burschenschaften-geschichte-politik-und-ideologie/</a>; Goetz, Judith 2018: „Vergemeinschaftet durch das Abverlangen von Standhalten und Beherrschung.“ Männerbund, Mensur und Antifeminismus bei deutschnationalen Burschenschaften. In: Lang, Juliane/Peter, Ulrich [Hrsg.innen]: Antifeminismus in Bewegung: Aktuelle Debatten um Geschlecht und sexuelle Vielfalt. Hamburg: marta press; Fachinformationsstelle Rechtsextremismus in München 2024: Gehorchen und Herrschen. Ideologie und Praxis studentischer Verbindungen in München. <a href="https://www.feierwerk.de/fileadmin/firm/Buch/Feierwerk_firm_Gehorchen_und_herrschen_2024.pdf" rel="noopener">https://www.feierwerk.de/fileadmin/firm/Buch/Feierwerk_firm_Gehorchen_und_herrschen_2024.pdf</a></p> <p><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Belege für diese und weitere Behauptungen liegen den Autor*innen vor.</p> <p><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> Siehe: <a href="https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/500793/landser/" rel="noopener">https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/500793/landser/</a></p> <p><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> Siehe auch: <a href="https://nuernberg.t-online.de/region/nuernberg/id_100816986/nuernberg-200-gegendemonstranten-bei-rechtsextremer-demo-.html" rel="noopener">https://nuernberg.t-online.de/region/nuernberg/id_100816986/nuernberg-200-gegendemonstranten-bei-rechtsextremer-demo-.html</a></p> <p><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> <a href="https://autonome-antifa.org/breve8976" rel="noopener">https://autonome-antifa.org/breve8976</a></p> <p><a href="#_ftnref6" id="_ftn6">[6]</a> Siehe: Justus Bender/Rüdiger Soldt: Eine Krähe der anderen; Frankfurter Allgemeine Zeitung: <a href="https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/wolfgang-gedeon-droht-der-ausschluss-aus-der-afd-14339164.html" rel="noopener">https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/wolfgang-gedeon-droht-der-ausschluss-aus-der-afd-14339164.html</a> (zuletzt abgerufen am 25.3.2026).</p> <pre></pre> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Teutonia-Prag_DS-1-1024x683.jpg" /><h1>Die AfD als Gravitationszentrum rechter Krisendiskurse » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Elke Rajal, Nikolai Schreiter, Robert Andreasch, Katharina Fuchs, Tobias Holl, Jan Nowak, Dominik Sauerer</h2><div itemprop="text"> <h2>Teil 1 einer Serie zur Zentralität der AfD in der bayerischen extremen Rechten</h2> <p><em>Ausgehend von einer Akteursanalyse im Zuge des ForGeRex-Teilprojekts 9 „Antisemitismus und Krisen“ verdichtet sich eine zentrale These: Die AfD fungiert im Feld der bayerischen extremen Rechten als Gravitationszentrum.</em> <em>Der erste Beitrag der dreiteiligen Serie entfaltet diese These am Beispiel eines viel diskutierten Falls, und zwar anhand der wenig beachteten Facetten des Strafprozesses gegen AfD-MdL und völkisch-nationalistischen Burschenschafter Daniel Halemba. In den Teilen zwei und drei folgen weitere ausgewählte Beispiele aus dem Teilprojekt und der Arbeit von <a href="https://www.aida-archiv.de/" rel="noopener">a.i.d.a.-Archiv</a> und <a href="https://www.lks-bayern.de/beratung-bildung/mobile-beratung" rel="noopener">Mobiler Beratung gegen Rechtsextremismus in Bayern</a>. Die Artikel-Serie ist eine Koproduktion von Elke Rajal und Nikolai Schreiter (ForGeRex), Katharina Fuchs und Jan Nowak (Mobile Beratung Ost), Tobias Holl (Mobile Beratung Süd), Dominik Sauerer (Mobile Beratung Nord) und Robert Andreasch (antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München e.V.).</em></p> <p>Das ForGeRex-Teilprojekt 9 untersucht, wie rechtsextreme Akteur*innen in Bayern Krisen deuten, politisch mobilisieren und dabei auf antisemitische Verschwörungsmythen zurückgreifen. Im Forschungsprozess hat sich schnell gezeigt, dass die Übergänge zwischen parteiförmigem und nicht-parteiförmigem Agieren personell, inhaltlich und auf der Ebene der Mediennutzung fließend sind. Gerade die AfD erweist sich in unserem Material nicht als ein Akteur unter anderen, sondern als Knotenpunkt, über den sehr unterschiedliche Strömungen, Milieus und Kommunikationszusammenhänge miteinander verbunden sind. Die Partei hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Gravitationszentrum der extremen Rechten entwickelt: Fast alle ihrer Strömungen finden Platz unter dem blauen Dach und wer rechte Krisendiskurse verstehen will, kommt an ihr nicht vorbei.</p> <p>Diese Rolle der AfD als Akteurin der Vernetzung, Übersetzung und Verdichtung wurde im Strafprozess gegen AfD-MdL Daniel Halemba Anfang 2026 deutlich sichtbar. Dominik Sauerer arbeitet für die Mobile Beratung Nord und hat den Prozess beobachtet. Er berichtet von Netzwerken unter Beteiligung von Identitärer Bewegung, der neonazistischen Kleinpartei Der III. Weg, Republikanern, NPD, Die Heimat, Burschenschaften, Aryan Peoples Resistance und – ganz prominent – der AfD. Der siebentägige Prozess vor dem Amtsgericht Würzburg fand zwar großes mediales Echo, nicht immer wurde dabei aber einer der wichtigsten Punkte deutlich: Wie klar sich die AfD in dem Prozess als rechtsextreme Sammlungspartei fast ohne Berührungsängste zeigte.</p> <p><strong>Prozess und Urteil</strong></p> <p>Zum Hintergrund: Kurz vor der Landtagswahl durchsuchte die Polizei im September 2023 die Räume der Burschenschaft<a href="#_ftn1" id="_ftnref1">[1]</a> Teutonia Prag zu Würzburg, in der Daniel Halemba und sein späterer Mitangeklagter Harald D. zu diesem Zeitpunkt gemeldet waren. In Halembas Zimmer fand sie eine Schreckschusswaffe mit geladenem Magazin, einen USB-Stick mit Hitlerreden, NS-Material und härtestem Rechtsrock. „Eine der größten Sammlungen“ ihrer Dienstzeit, sagte eine Staatsschützerin vor Gericht. Auch ein Elektroschocker, ein Teleskopschlagstock, eine Machete, Schlagringe und Banner, Plakate und Flyervorräte der Identitären Bewegung (IB) wurden gefunden.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1024x683.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1024x683.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-300x200.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-768x512.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image.jpeg 1107w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Rechtsextreme im Dickicht: Bude der Burschenschaft Teutonia in Würzburg. Foto: Dominik Sauerer</em></figcaption></figure> <p>Anlass der Durchsuchung waren Fotos aus den Innenräumen der Verbindung, auf denen bereits die ersten Hinweise zu sehen waren, dass das Burschenhaus eine rechtsextreme Immobilie ist: Kühlschranktüren mit Aufklebern von Der III. Weg, der IB, anderer Burschenschaften, der Partei Die Rechte und weiterer Organisationen. Das Burschenhaus fungiert als Ort für Feiern und Vernetzung jenseits der Öffentlichkeit, für Vorträge wie den eines Aktivisten der neonazistischen Partei Der III. Weg im Dezember 2022. Auch persönlich kennt man sich: Der Teutone Ronald S. begleitete im Sommer 2025 Torsten Kokula, den Landesvorsitzenden von Der III. Weg, gemeinsam mit anderen Bundesbrüdern und dem jungen Nick E. zur Burschenschaft Frankonia nach Erlangen. Nick E. führte des Weiteren Demonstrationen von Der III. Weg an, wirkt an Aktionen ihrer Nationalrevolutionären Jugend (NRJ) mit und tritt regelmäßig in Parteiuniform auf. Fotos zeigen ihn beim „Tag der Ehre“ in Budapest, bei dem in historischen Uniformen der SS gehuldigt wird.<a href="#_ftn2" id="_ftnref2">[2]</a> Während das Gericht im Januar 2026 tagt, steht der Nachname von Nick E. auf dem Klingelschild der Burschenschaft, über die Richterin Gudrun Helm im Prozess sagt, sie sei eins mit der AfD.</p> <p>Aber all das war vor Gericht nicht Thema: teilweise aufgrund unsauberer und widersprüchlicher Ermittlungs- und Justizarbeit, teilweise, weil die genannten Naheverhältnisse nicht strafbar sind. Halemba wurde von den Vorwürfen der versuchten Nötigung des AfD-Landesschiedsgerichtspräsidenten Thomas Bayer, der auch Rechtsanwalt seines Mitangeklagten werden sollte, und der Volksverhetzung am 2. Februar 2026 freigesprochen, da ihm nicht nachgewiesen werden konnte, dass er bei seiner Geburtstagsfeier selbst die volksverhetzende Musik von Landser<a href="#_ftn3" id="_ftnref3">[3]</a> abgespielt hatte. Verurteilt wurde er nicht rechtskräftig wegen Nötigung und Geldwäsche zu 160 Tagessätzen. Die politischen Zugehörigkeiten zentraler Akteure im Netzwerk um die Würzburger AfD erwiesen sich im Prozess als flexibel und die Verhältnisse zueinander als unstet. Ehemalige Feinde wurden zu Freunden, Rollen als Geschädigte, Täter, Zeuge oder Rechtsanwalt wechselten sich ab. Deutlich wird das an Thomas Bayer, einer zentralen Person in diesem Vorgang. Er ist seit März 2026 einer von drei Stadträten der Würzburger AfD. Als die Partei ihre Kommunalwahlliste zusammenstellte, bekam er nicht nur den aussichtsreichen Platz vier (und wurde auf zwei vorgewählt), er wurde in zeitlicher Nähe auch von Halembas Mitangeklagtem mandatiert und vom Belastungs- zum Entlastungszeugen gegen bzw. für Halemba und D.</p> <p><strong>AfD-interne Konkurrenz und Querelen im Hintergrund</strong></p> <p>Bei den Aufstellungsversammlungen zur Landtags- und Bezirkstagswahl 2022/2023 war durch verschiedene Meldedelikte versucht worden, Daniel Halemba einen Vorteil zu verschaffen. In angestrebten Parteiausschlussverfahren sowohl gegen Halemba als auch gegen seine Konkurrentin Tanja E. war der zentrale Vorwurf die Beteiligung mit Reden an Demonstrationen des damaligen III.-Weg-Kaders Roger Kuchenreuther.</p> <p>Thomas Bayer war zu der Zeit Präsident des Landesschiedsgerichts der AfD. Er warf im Urteil dem Landesvorstand sowie Teilen der Landtagsfraktion Willkür und Rechtsbeugung vor: Sie sollen versucht haben, Tanja E. politisch auszuschalten und hätten mit dieser „Schneepflugaktion“ zugunsten von Halemba auf den Kreisverband Unterfranken-Nord eine „zersetzende Wirkung“ ausgeübt. Ähnlich harte Anschuldigungen äußerte Bayer in Briefen an den Landesvorstand und in Aussagen bei der Polizei, bei der er Harald D. und Halemba schwer belastete.</p> <p>Bayer stand bei den parteiinternen Machtkämpfen aber nicht allein: Vor Gericht beteuerte er, dass die Beschwerdebriefe, die er mit allerhand Vorwürfen gegen Halemba und D. (Ruhestörung, Sachbeschädigung, Nötigung, Stalking und Erpressung) an den Landesvorstand schickte, vom ehrenamtlichen bayerischen Verfassungsrichter und neugewählte Münchner AfD-Stadtrat Peter Ditges formuliert worden seien. Bayer selbst nannte im Prozess auch den langjährigen Kader und Mandatsträger der Republikaner Berthold Seifert als weiteren Akteur im Hintergrund. Der wiederum sitzt nun für die AfD im Würzburger Kreistag, gemeinsam mit Federico Beck. </p> <p>Gegen Beck läuft aktuell ein Parteiausschussverfahren, da er 2025 nicht nur den neonazistischen Sänger Kavalier vom Label Neuer Deutscher Standard nach Würzburg holte, sondern auch in Nürnberg an einer Demonstration der Aryan Peoples Resistance (APR)<a href="#_ftn4" id="_ftnref4">[4]</a>, des selbsternannten „arischen Volkswiderstands“, teilgenommen hatte. AfD-Bayern-Chef Stephan Protschka posierte am 2. Februar 2026 auf einer Wahlkampfveranstaltung mit Beck. Der soll dafür verantwortlich sein, dass der Konflikt zwischen Halemba, Harald D. und Bayer schließlich geschlichtet wurde.</p> <p>Aufgrund des zeitlichen Zusammenhangs dieser „Schlichtung“ mit der Aufstellung der Würzburger Stadtratsliste und dem Mandat D.s an Thomas Bayer fragte auch Richterin Helm: „Wurden sie unter Druck gesetzt, wurde ihnen etwas angeboten? Ein Platz auf der Stadtratsliste?“ Bayer verneinte.</p> <p><strong>Freundschaft, Bruderschaft, Partei</strong></p> <p>Während das Amtsgericht die Vorwürfe der versuchten Nötigung – wie bereits erwähnt – als nicht erwiesen ansah, verurteilte es Halemba dafür, mit anderen seinen burschenschaftlichen Bundesbruder Roland S. nach der Durchsuchung des Burschenhauses genötigt zu haben, keine Aussage bei der Staatsanwaltschaft zu tätigen. S. trat vor Gericht sehr unsicher auf, bestritt die Nötigungshandlungen vehement und betonte stattdessen das „sehr gute Verhältnis“ zu den Angeklagten. Seine Mutter beschrieb ihn als introvertierten, schwierigen jungen Mann, der sich mit Gleichaltrigen schwertue und keine engen Freunde habe. Über sein Verhältnis zu Halemba sagte S. dennoch, man könne „schon von Freundschaft sprechen“. Auf die Frage der Richterin, ob „AfD und Teutonia eigentlich dasselbe seien“, antwortete S.: „Nein, aber sehr viele sind in beiden aktiv“. Ähnliches steht in einem Brief von Alten Herren der Teutonia, den die Autonome Antifa Freiburg 2024 veröffentlichte und dessen Inhalt ein Unterzeichner gegenüber der Zeitung Mainpost bestätigte:</p> <p><em>„Zum einen sehen die gegenwärtige Aktivitas sowie einige wenige jüngere Alte Herren, die teilweise noch nicht lange Mitglied des Bundes sind, den Schwerpunkt des Bundeslebens in einer aktiven politischen Betätigung für nur eine einzige Partei. […] Alle Initiative wird der parteipolitischen Betätigung untergeordnet […] Im Ergebnis ist Teutonia zu einem Instrument und einer Plattform einer einzigen politischen Partei geworden.“<a href="#_ftn5" id="_ftnref5"><strong>[5]</strong></a></em></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image.png"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1024x683.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1024x683.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-300x200.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-768x512.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1536x1025.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Daniel Halemba mit Anwalt Dubravko Mandic im Würzburger Amtsgericht. Foto: Dominik Sauerer</em></figcaption></figure> <p>Im Halemba-Prozess wurde die Zentralität der AfD am Würzburger Beispiel deutlich und flexible politische Zuordnungen sowie die mangelnde Trennschärfe zwischen verschiedenen rechtsextremen Organisationen wurden greifbar. Auch Thomas Bayer, Halembas ehemaliger Kritiker, nahm im August 2025 an einer Kundgebung der NPD in Würzburg teil. Nicht zuletzt sind die beteiligten Rechtsanwälte interessant: Harald D. ließ sich neben Bayer unter anderem von Matthias Bauerfeind vertreten, der nach seiner Karriere in NPD und freien Kameradschaften die Partei Der III. Weg in Bayern mitaufgebaut hatte. Ronald S. hatte zeitweise den Szeneanwalt Andreas Wölfel mandatiert. Halemba selbst wurde von Dubravko Mandic vertreten, einem wegen Körperverletzung vorbestraften Burschenschafter und ehemaligen AfD-Politiker, der sich für die Identitäre Bewegung einsetzt oder für das NPD-Organ „Deutsche Stimme“ referierte. Mandic schrieb bereits 2014 in einer Facebookgruppe der Jungen Alternative (JA): „Von der NPD unterscheiden wir uns vornehmlich durch unser bürgerliches Unterstützerumfeld, nicht so sehr durch Inhalte“<a href="#_ftn6" id="_ftnref6">[6]</a>.</p> <p><em>Im zweiten Teil der Artikelserie veranschaulichen wir die Zusammenarbeit zwischen AfD und anderen Teilen den extremen Rechten mit Fällen aus München und der Oberpfalz.</em></p> <hr></hr> <p><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Weiterführende Lektüre zur Funktion und Rolle von Burschenschaften etwa: Kurth, Alexandra/Weidinger, Bernhard: Burschenschaften 2017: Geschichte, Politik und Ideologie. bpb.de. <a href="https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/256889/burschenschaften-geschichte-politik-und-ideologie/" rel="noopener">https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/256889/burschenschaften-geschichte-politik-und-ideologie/</a>; Goetz, Judith 2018: „Vergemeinschaftet durch das Abverlangen von Standhalten und Beherrschung.“ Männerbund, Mensur und Antifeminismus bei deutschnationalen Burschenschaften. In: Lang, Juliane/Peter, Ulrich [Hrsg.innen]: Antifeminismus in Bewegung: Aktuelle Debatten um Geschlecht und sexuelle Vielfalt. Hamburg: marta press; Fachinformationsstelle Rechtsextremismus in München 2024: Gehorchen und Herrschen. Ideologie und Praxis studentischer Verbindungen in München. <a href="https://www.feierwerk.de/fileadmin/firm/Buch/Feierwerk_firm_Gehorchen_und_herrschen_2024.pdf" rel="noopener">https://www.feierwerk.de/fileadmin/firm/Buch/Feierwerk_firm_Gehorchen_und_herrschen_2024.pdf</a></p> <p><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Belege für diese und weitere Behauptungen liegen den Autor*innen vor.</p> <p><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> Siehe: <a href="https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/500793/landser/" rel="noopener">https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/500793/landser/</a></p> <p><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> Siehe auch: <a href="https://nuernberg.t-online.de/region/nuernberg/id_100816986/nuernberg-200-gegendemonstranten-bei-rechtsextremer-demo-.html" rel="noopener">https://nuernberg.t-online.de/region/nuernberg/id_100816986/nuernberg-200-gegendemonstranten-bei-rechtsextremer-demo-.html</a></p> <p><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> <a href="https://autonome-antifa.org/breve8976" rel="noopener">https://autonome-antifa.org/breve8976</a></p> <p><a href="#_ftnref6" id="_ftn6">[6]</a> Siehe: Justus Bender/Rüdiger Soldt: Eine Krähe der anderen; Frankfurter Allgemeine Zeitung: <a href="https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/wolfgang-gedeon-droht-der-ausschluss-aus-der-afd-14339164.html" rel="noopener">https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/wolfgang-gedeon-droht-der-ausschluss-aus-der-afd-14339164.html</a> (zuletzt abgerufen am 25.3.2026).</p> <pre></pre> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/die-afd-als-gravitationszentrum-rechter-krisendiskurse/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Scrollen, lachen, liken… beeinflusst werden? Wie Rechtsextreme Internet-Memes strategisch nutzen https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/scrollen-lachen-liken-beeinflusst-werden-wie-rechtsextreme-internet-memes-strategisch-nutzen/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/scrollen-lachen-liken-beeinflusst-werden-wie-rechtsextreme-internet-memes-strategisch-nutzen/#respond Mon, 27 Apr 2026 08:17:51 +0000 Teilprojekt 06a RexMemes https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=479 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-charlotte-may-5965771-768x512.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/scrollen-lachen-liken-beeinflusst-werden-wie-rechtsextreme-internet-memes-strategisch-nutzen/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-charlotte-may-5965771-1024x683.jpg" /><h1>Scrollen, lachen, liken… beeinflusst werden? Wie Rechtsextreme Internet-Memes strategisch nutzen » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Von Teilprojekt 06a RexMemes</h2><div itemprop="text"> <p><em>Internet-Memes sind weitaus mehr als bloße Unterhaltung im Netz. Sie haben sich zu einem wirkungsvollen Instrument politischer Kommunikation entwickelt – eines, das auch von rechtsextremen Akteuren gezielt genutzt wird, um menschenfeindliche Botschaften zu verschleiern und insbesondere unter jungen Zielgruppen zu verbreiten</em>.</p> <p>Memes sind ein fester Bestandteil digitaler Kommunikation. Sie verbreiten sich schnell und sind äußerst anschlussfähig. Die verwendeten Motive leben davon, dass Nutzer*innen sie wieder und wieder aufgreifen, verändern und weiterverbreiten. Dabei kombinieren Memes Bild-, Text-, Video- und Soundelemente zu immer neuen, oft zugespitzten Botschaften. Zugleich wirken sie gemeinschaftsstiftend: zum einen durch ihren partizipativen Charakter, zum anderen durch ihre „In-Group vs. Out-Group“-Logik. Wer ein Meme versteht, signalisiert Zugehörigkeit und grenzt sich zugleich von denjenigen ab, die die darin enthaltene Botschaft nicht entschlüsseln können.</p> <p>Was zunächst wie lockere digitale Unterhaltung erscheint, erfüllt häufig auch politische Funktionen. Memes ermöglichen es, Meinungen auszudrücken, aktuelle Ereignisse zu kommentieren und sich am öffentlichen Diskurs zu beteiligen. Durch ihre einfache Gestaltungsweise – oft beschrieben als „internet ugly“-Ästhetik – sind sie besonders zugänglich und lassen sich ohne großen Aufwand kostengünstig erstellen und verbreiten.</p> <h3>Memes als Instrument zur Verbreitung rechtsextremer Ideologie</h3> <p>Gerade diese Eigenschaften machen Memes auch für rechtsextreme Akteure sowie für demokratiefeindliche Bewegungen insgesamt attraktiv. Sie ermöglichen es, politische Inhalte subtil zu vermitteln und insbesondere junge Zielgruppen gezielt anzusprechen. Dabei müssen die Botschaften nicht einmal offen formuliert sein, sondern können über mehrdeutige Anspielungen, Symbole oder bekannte Motive transportiert werden. Für Außenstehende bleiben die tatsächlichen Bedeutungen in solchen Fällen oft nur schwer erkennbar.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Beispielmeme_9_Saruman_ohne-Kontext.jpg"><img alt="" decoding="async" height="720" sizes="(max-width: 1015px) 100vw, 1015px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Beispielmeme_9_Saruman_ohne-Kontext.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Beispielmeme_9_Saruman_ohne-Kontext.jpg 1015w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Beispielmeme_9_Saruman_ohne-Kontext-300x213.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Beispielmeme_9_Saruman_ohne-Kontext-768x545.jpg 768w" width="1015"></img></a><figcaption>Die in diesem Beispiel genutzte Meme-Vorlage (abgebildet ist „Saruman der Weiße“, ein Zauberer aus J. R. R. Tolkiens „Herr der Ringe“-Universum) wird auch in alltäglichen, nicht offensichtlich politischen Bedeutungszusammenhängen verwendet. Hier wurde sie mit textuellen Ergänzungen versehen, die auf das in rechtspopulistischen und rechtsextremen Kreisen häufig verwendete Narrativ der sogenannten „Cancel Culture“ anspielen. // Der Grauschleier sowie die nicht vorhandene Quellenangabe dienen der Vermeidung einer Weiterverbreitung. </figcaption></figure> <p>Selbst ursprünglich verhältnismäßig unpolitische Inhalte werden systematisch umgedeutet: Bekannte Meme-Figuren oder Bildvorlagen werden von Extremist*innen mit neuen Bedeutungen versehen und in eigene ideologische Kontexte eingebettet. Nicht selten entwickeln sich daraus etablierte Szene-Symbole. So entstehen digitale Identifikationsangebote, die sich unauffällig in bestehende Internetkulturen einfügen.<aside></aside></p> <h3>Gestaltungsstrategien: Humor, Codes und Popkultur</h3> <p>Internet-Memes arbeiten mit vielfältigen Strategien, die weit über ihre anschlussfähige visuelle Gestaltung und die Reduktion komplexer Inhalte hinauswirken.</p> <h4>Humor als Zugang</h4> <p>Memes nutzen häufig humoristische Mittel wie Ironie oder Übertreibung. Humor erleichtert den Zugang zu komplexen oder belastenden Themen und erhöht zugleich die Wahrscheinlichkeit, dass Inhalte „gelikt“, geteilt und damit weiterverbreitet werden. Gleichzeitig eröffnet die humorvolle und oft mehrdeutige Gestaltung eine häufig genutzte Verteidigungsstrategie gegenüber Kritik: Antidemokratische und menschenfeindliche Inhalte werden nicht selten mit Verweis auf ihren angeblich rein unterhaltenden Charakter („Ist doch nur Spaß!“) oder unter Berufung auf die Meinungsfreiheit („Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“) relativiert.</p> <h4>Symbole und Codes</h4> <p>Dass Rechtsextreme Codes und Symbole verwenden, um extremistische Einstellungen zu verschleiern und ungehindert zu verbreiten, ist nicht neu. Das Prinzip bleibt dabei stets gleich: Wer die Bedeutung kennt, versteht die Botschaft – für andere bleibt sie verborgen. Internet-Memes eröffnen jedoch durch ihre Vielschichtigkeit ganz neue Möglichkeiten der Verschlüsselung. Insbesondere bei multimedialen Meme-Formaten ergibt sich der eigentliche Bedeutungszusammenhang oft erst aus dem insgesamten Zusammenspiel von Bild, Ton, Text und Kontext. Dessen Entschlüsselung erfordert umfangreiches Hintergrundwissen sowohl über rechtsextreme Narrative als auch über aktuelle Digitalkultur. Dies erschwert eine fundierte Analyse entsprechender Kommunikationsstrategien und gestaltet in der Folge auch die Entwicklung geeigneter Präventions- und Gegenmaßnahmen anspruchsvoll.</p> <h4>Anschluss an Popkultur</h4> <p>Ferner knüpfen viele Memes an aktuelle popkulturelle (Internet-)Trends an und greifen gängige Online-Ästhetiken auf. Sie orientieren sich damit am jeweiligen digitalen Zeitgeist und fügen sich unauffällig in den Online-Alltag der Nutzer*innen ein. In Memes verarbeitete Trends wirken häufig auch direkt in die analoge Welt hinein. So hat die kürzlich auf Social Media, unter anderem in Memes, aufkommende Glorifizierung der 1990er Jahre zu einem anhaltenden Hype für bestimmte Kleidungsstücke und Marken aus diesem Jahrzehnt geführt. Dazu zählen auch Stilelemente, die einst explizit mit der neonazistischen „Baseballschläger-Szene“ der 1990er Jahre in Verbindung standen. Auf solche Weise tragen Memes dazu bei, dass ehemals randständige, radikale Erscheinungsbilder wieder stärker im Mainstream sichtbar, normalisiert und in manchen Kreisen sogar wieder als „cool“ angesehen werden.</p> <h3>Fazit</h3> <p>Memes sind weit mehr als kurzlebige „Internetwitze“. Sie stellen ein strategisch genutztes Kommunikationsmittel dar, das Unterhaltung, Teilhabe und politische Inhalte wirkungsvoll miteinander verbindet. Gerade im rechtsextremen Kontext zeigt sich, wie sie eingesetzt werden, um antidemokratische Positionen subtil zu verbreiten, in aktuelle Online-Logiken einzubetten und so insbesondere für junge Zielgruppen anschlussfähig zu machen. Wer heutige rechtsextreme Kommunikationsstrategien im digitalen Raum verstehen will, sollte daher auch berücksichtigen, wie ausgrenzende Botschaften in scheinbar „banalen“ oder „humorvollen“ Digitalformaten wie Internet-Memes vermittelt werden und schließlich „viral“ gehen können.</p> <h3>Weiterführende Literatur</h3> <p>Bezold, Veronica, &amp; Knieper, Thomas. (2025a). Meme. <em>Communicatio Socialis – Zeitschrift für Ethik der Medien und der digitalen Gesellschaft</em>, <em>58</em>(1), 82–89. https://doi.org/10.5771/0010-3497-2025-1-82</p> <p>Bezold, Veronica, &amp; Knieper, Thomas. (2025b). Scrolling Through Cute Cats and Swastikas: On Defining Political Internet-Memes and Studying Mimetic Challenges for Today’s Democracy. In Marcel Lemmes, Stephan Packard, &amp; Klaus Sachs-Hombach (Hrsg.), <em>Bilder im Aufbruch: Herausforderungen der Bildwissenschaft </em>(S. 264–283). Herbert von Halem Verlag.</p> <p>Bezold, Veronica, &amp; Knieper, Thomas. (2026). Meme – Humoristische Vereinfachung oder populistische Botschaften. In Alexander Filipović, Annika Franzetti, &amp; Susanna Endres (Hrsg.), <em>Grundbegriffe der Medienethik für Studium, Wissenschaft und Praxis </em>(S. 291–302). UVK Verlag.</p> <p>Bezold, Veronica, Hohlfeld, Ralf, &amp; Knieper, Thomas. (2026). Memes als Instrument politischer Beteiligung. In N. Kersting, J. Radtke, &amp; S. Baringhorst (Hrsg.), <em>Handbuch Digitalisierung und politische Beteiligung</em>. Springer VS. [im Erscheinen].</p> <p>Knopp, Vincent, Terizakis, Georgios, Denker, Kai, Groß, Eva, Häfele, Joachim, &amp; Pollich, Daniela. (2024). <em>Rechtsextreme Meme: Eine praxisorientierte Einführung für die Ausbildung in Polizei und Sozialwissenschaften </em>(1. Aufl.). utb GmbH. https://doi.org/10.36198/9783838563275</p> <p>Koschei, F. (2024). How to deal with: Rechtspopulistische Memes. In Zentrum Liberale Moderne (Hrsg.), Narrativ Check.: Was hinter radikalisierenden Botschaften steckt. libmodredaktion.fra1.digitaloceanspaces.com/wp-content/uploads/20241126102748/LibMod_Popkultur2.pdf</p> <p>Beitragsbild: <em>Foto von Charlotte May auf Pexels</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-charlotte-may-5965771-1024x683.jpg" /><h1>Scrollen, lachen, liken… beeinflusst werden? Wie Rechtsextreme Internet-Memes strategisch nutzen » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Von Teilprojekt 06a RexMemes</h2><div itemprop="text"> <p><em>Internet-Memes sind weitaus mehr als bloße Unterhaltung im Netz. Sie haben sich zu einem wirkungsvollen Instrument politischer Kommunikation entwickelt – eines, das auch von rechtsextremen Akteuren gezielt genutzt wird, um menschenfeindliche Botschaften zu verschleiern und insbesondere unter jungen Zielgruppen zu verbreiten</em>.</p> <p>Memes sind ein fester Bestandteil digitaler Kommunikation. Sie verbreiten sich schnell und sind äußerst anschlussfähig. Die verwendeten Motive leben davon, dass Nutzer*innen sie wieder und wieder aufgreifen, verändern und weiterverbreiten. Dabei kombinieren Memes Bild-, Text-, Video- und Soundelemente zu immer neuen, oft zugespitzten Botschaften. Zugleich wirken sie gemeinschaftsstiftend: zum einen durch ihren partizipativen Charakter, zum anderen durch ihre „In-Group vs. Out-Group“-Logik. Wer ein Meme versteht, signalisiert Zugehörigkeit und grenzt sich zugleich von denjenigen ab, die die darin enthaltene Botschaft nicht entschlüsseln können.</p> <p>Was zunächst wie lockere digitale Unterhaltung erscheint, erfüllt häufig auch politische Funktionen. Memes ermöglichen es, Meinungen auszudrücken, aktuelle Ereignisse zu kommentieren und sich am öffentlichen Diskurs zu beteiligen. Durch ihre einfache Gestaltungsweise – oft beschrieben als „internet ugly“-Ästhetik – sind sie besonders zugänglich und lassen sich ohne großen Aufwand kostengünstig erstellen und verbreiten.</p> <h3>Memes als Instrument zur Verbreitung rechtsextremer Ideologie</h3> <p>Gerade diese Eigenschaften machen Memes auch für rechtsextreme Akteure sowie für demokratiefeindliche Bewegungen insgesamt attraktiv. Sie ermöglichen es, politische Inhalte subtil zu vermitteln und insbesondere junge Zielgruppen gezielt anzusprechen. Dabei müssen die Botschaften nicht einmal offen formuliert sein, sondern können über mehrdeutige Anspielungen, Symbole oder bekannte Motive transportiert werden. Für Außenstehende bleiben die tatsächlichen Bedeutungen in solchen Fällen oft nur schwer erkennbar.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Beispielmeme_9_Saruman_ohne-Kontext.jpg"><img alt="" decoding="async" height="720" sizes="(max-width: 1015px) 100vw, 1015px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Beispielmeme_9_Saruman_ohne-Kontext.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Beispielmeme_9_Saruman_ohne-Kontext.jpg 1015w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Beispielmeme_9_Saruman_ohne-Kontext-300x213.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Beispielmeme_9_Saruman_ohne-Kontext-768x545.jpg 768w" width="1015"></img></a><figcaption>Die in diesem Beispiel genutzte Meme-Vorlage (abgebildet ist „Saruman der Weiße“, ein Zauberer aus J. R. R. Tolkiens „Herr der Ringe“-Universum) wird auch in alltäglichen, nicht offensichtlich politischen Bedeutungszusammenhängen verwendet. Hier wurde sie mit textuellen Ergänzungen versehen, die auf das in rechtspopulistischen und rechtsextremen Kreisen häufig verwendete Narrativ der sogenannten „Cancel Culture“ anspielen. // Der Grauschleier sowie die nicht vorhandene Quellenangabe dienen der Vermeidung einer Weiterverbreitung. </figcaption></figure> <p>Selbst ursprünglich verhältnismäßig unpolitische Inhalte werden systematisch umgedeutet: Bekannte Meme-Figuren oder Bildvorlagen werden von Extremist*innen mit neuen Bedeutungen versehen und in eigene ideologische Kontexte eingebettet. Nicht selten entwickeln sich daraus etablierte Szene-Symbole. So entstehen digitale Identifikationsangebote, die sich unauffällig in bestehende Internetkulturen einfügen.<aside></aside></p> <h3>Gestaltungsstrategien: Humor, Codes und Popkultur</h3> <p>Internet-Memes arbeiten mit vielfältigen Strategien, die weit über ihre anschlussfähige visuelle Gestaltung und die Reduktion komplexer Inhalte hinauswirken.</p> <h4>Humor als Zugang</h4> <p>Memes nutzen häufig humoristische Mittel wie Ironie oder Übertreibung. Humor erleichtert den Zugang zu komplexen oder belastenden Themen und erhöht zugleich die Wahrscheinlichkeit, dass Inhalte „gelikt“, geteilt und damit weiterverbreitet werden. Gleichzeitig eröffnet die humorvolle und oft mehrdeutige Gestaltung eine häufig genutzte Verteidigungsstrategie gegenüber Kritik: Antidemokratische und menschenfeindliche Inhalte werden nicht selten mit Verweis auf ihren angeblich rein unterhaltenden Charakter („Ist doch nur Spaß!“) oder unter Berufung auf die Meinungsfreiheit („Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“) relativiert.</p> <h4>Symbole und Codes</h4> <p>Dass Rechtsextreme Codes und Symbole verwenden, um extremistische Einstellungen zu verschleiern und ungehindert zu verbreiten, ist nicht neu. Das Prinzip bleibt dabei stets gleich: Wer die Bedeutung kennt, versteht die Botschaft – für andere bleibt sie verborgen. Internet-Memes eröffnen jedoch durch ihre Vielschichtigkeit ganz neue Möglichkeiten der Verschlüsselung. Insbesondere bei multimedialen Meme-Formaten ergibt sich der eigentliche Bedeutungszusammenhang oft erst aus dem insgesamten Zusammenspiel von Bild, Ton, Text und Kontext. Dessen Entschlüsselung erfordert umfangreiches Hintergrundwissen sowohl über rechtsextreme Narrative als auch über aktuelle Digitalkultur. Dies erschwert eine fundierte Analyse entsprechender Kommunikationsstrategien und gestaltet in der Folge auch die Entwicklung geeigneter Präventions- und Gegenmaßnahmen anspruchsvoll.</p> <h4>Anschluss an Popkultur</h4> <p>Ferner knüpfen viele Memes an aktuelle popkulturelle (Internet-)Trends an und greifen gängige Online-Ästhetiken auf. Sie orientieren sich damit am jeweiligen digitalen Zeitgeist und fügen sich unauffällig in den Online-Alltag der Nutzer*innen ein. In Memes verarbeitete Trends wirken häufig auch direkt in die analoge Welt hinein. So hat die kürzlich auf Social Media, unter anderem in Memes, aufkommende Glorifizierung der 1990er Jahre zu einem anhaltenden Hype für bestimmte Kleidungsstücke und Marken aus diesem Jahrzehnt geführt. Dazu zählen auch Stilelemente, die einst explizit mit der neonazistischen „Baseballschläger-Szene“ der 1990er Jahre in Verbindung standen. Auf solche Weise tragen Memes dazu bei, dass ehemals randständige, radikale Erscheinungsbilder wieder stärker im Mainstream sichtbar, normalisiert und in manchen Kreisen sogar wieder als „cool“ angesehen werden.</p> <h3>Fazit</h3> <p>Memes sind weit mehr als kurzlebige „Internetwitze“. Sie stellen ein strategisch genutztes Kommunikationsmittel dar, das Unterhaltung, Teilhabe und politische Inhalte wirkungsvoll miteinander verbindet. Gerade im rechtsextremen Kontext zeigt sich, wie sie eingesetzt werden, um antidemokratische Positionen subtil zu verbreiten, in aktuelle Online-Logiken einzubetten und so insbesondere für junge Zielgruppen anschlussfähig zu machen. Wer heutige rechtsextreme Kommunikationsstrategien im digitalen Raum verstehen will, sollte daher auch berücksichtigen, wie ausgrenzende Botschaften in scheinbar „banalen“ oder „humorvollen“ Digitalformaten wie Internet-Memes vermittelt werden und schließlich „viral“ gehen können.</p> <h3>Weiterführende Literatur</h3> <p>Bezold, Veronica, &amp; Knieper, Thomas. (2025a). Meme. <em>Communicatio Socialis – Zeitschrift für Ethik der Medien und der digitalen Gesellschaft</em>, <em>58</em>(1), 82–89. https://doi.org/10.5771/0010-3497-2025-1-82</p> <p>Bezold, Veronica, &amp; Knieper, Thomas. (2025b). Scrolling Through Cute Cats and Swastikas: On Defining Political Internet-Memes and Studying Mimetic Challenges for Today’s Democracy. In Marcel Lemmes, Stephan Packard, &amp; Klaus Sachs-Hombach (Hrsg.), <em>Bilder im Aufbruch: Herausforderungen der Bildwissenschaft </em>(S. 264–283). Herbert von Halem Verlag.</p> <p>Bezold, Veronica, &amp; Knieper, Thomas. (2026). Meme – Humoristische Vereinfachung oder populistische Botschaften. In Alexander Filipović, Annika Franzetti, &amp; Susanna Endres (Hrsg.), <em>Grundbegriffe der Medienethik für Studium, Wissenschaft und Praxis </em>(S. 291–302). UVK Verlag.</p> <p>Bezold, Veronica, Hohlfeld, Ralf, &amp; Knieper, Thomas. (2026). Memes als Instrument politischer Beteiligung. In N. Kersting, J. Radtke, &amp; S. Baringhorst (Hrsg.), <em>Handbuch Digitalisierung und politische Beteiligung</em>. Springer VS. [im Erscheinen].</p> <p>Knopp, Vincent, Terizakis, Georgios, Denker, Kai, Groß, Eva, Häfele, Joachim, &amp; Pollich, Daniela. (2024). <em>Rechtsextreme Meme: Eine praxisorientierte Einführung für die Ausbildung in Polizei und Sozialwissenschaften </em>(1. Aufl.). utb GmbH. https://doi.org/10.36198/9783838563275</p> <p>Koschei, F. (2024). How to deal with: Rechtspopulistische Memes. In Zentrum Liberale Moderne (Hrsg.), Narrativ Check.: Was hinter radikalisierenden Botschaften steckt. libmodredaktion.fra1.digitaloceanspaces.com/wp-content/uploads/20241126102748/LibMod_Popkultur2.pdf</p> <p>Beitragsbild: <em>Foto von Charlotte May auf Pexels</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/scrollen-lachen-liken-beeinflusst-werden-wie-rechtsextreme-internet-memes-strategisch-nutzen/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeoPlänkel: Verdrehte Alpen und verschwindende Sterne https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-verdrehte-alpen-und-verschwindende-sterne/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-verdrehte-alpen-und-verschwindende-sterne/#comments Sun, 26 Apr 2026 04:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1875 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag136-768x768.jpg Dreigeteiltes Bild, oben ein matter diffuser rötlicher Stern, unten links eine Bergkette, unten rechts Rippeln am Strand https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-verdrehte-alpen-und-verschwindende-sterne/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag136_sl.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Verdrehte Alpen und verschwindende Sterne » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag136-geplaenkel.html" rel="noopener">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>In dieser Folge widmen sich Franzi und Karl dem Feedback zu den letzten drei Geschichten im AstroGeo Podcast. Zunächst freuen sie sich über zwei Nachrichten, die zeigen, wie der Podcast das Interesse für die Geologie und die Astronomie weckt: Geologie-Fans finden über den Podcast Zugang zu den Sternen, während Astronomie-Begeisterte die Erde für sich entdecken.</p> <p>Ein großes Thema ist die geplante AstroGeo-Exkursion (Franzi sagt: „Der Wandertag!“) ins Nördlinger Ries im Oktober 2026. Die Nachfrage war deutlich höher als die Zahl verfügbarer Plätze, weswegen einige Hörerinnen und Hörer enttäuscht waren – , aber auch Vorfreude und Unterstützung wurde geäußert. Der Plan ist, Teile der Exkursion des Wandertags aufzunehmen und als Sonderfolge zu veröffentlichen.<aside></aside></p> <p>Zur ersten Alpen-Folge über falsch herum gelagerten Gesteinsdecken gibt es Korrekturen und Ergänzungen, etwa zu sprachlichen Details (Schweizerdeutsch) und geologischen Erklärungen (Faltenbildung, Sediment- vs. Plutonische Tiefengesteine). Karl geht auch auf Missverständnisse ein und kündigt eine dritte, abschließende Folge zur Gebirgsbildung an. Da es für nicht-Expertinnen und -Experten schwierig sein kann, sich ein überschobenes Deckengebirge vorzustellen – denn das sind die Alpen – haben sich Franzi und Karl auch über Feedback in Form von methodischen Vorschlägen gefreut. Dazu gehören bessere Visualisierungen mit farbigen Handtüchern für die Idee einer liegenden Falte (von Albert Heim bis 1906 anstelle von überschobenen Decken propagiert):</p> <figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/1-Urspruengliche-stratigrafische-Lagerung-IMG_7934.jpg"><img alt="Ein hellblaues Handtuch liegt auf einem roten" data-id="1876" decoding="async" height="312" sizes="(max-width: 640px) 100vw, 640px" src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/1-Urspruengliche-stratigrafische-Lagerung-IMG_7934.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/1-Urspruengliche-stratigrafische-Lagerung-IMG_7934.jpg 640w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/1-Urspruengliche-stratigrafische-Lagerung-IMG_7934-300x146.jpg 300w" width="640"></img></a><figcaption>Das rote Tuch steht für die primär unten liegende ältere Gesteinseinheit, und das blaue für die darüber abgelagerte jüngere.</figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/3-Detail-liegende-Falte-unten-jung-oben-alt-IMG_7936.jpg"><img alt="Nahaufnahme: viel rot auf wenig blau" data-id="1878" decoding="async" height="316" sizes="(max-width: 640px) 100vw, 640px" src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/3-Detail-liegende-Falte-unten-jung-oben-alt-IMG_7936.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/3-Detail-liegende-Falte-unten-jung-oben-alt-IMG_7936.jpg 640w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/3-Detail-liegende-Falte-unten-jung-oben-alt-IMG_7936-300x148.jpg 300w" width="640"></img></a><figcaption>Hier kann man leicht bei der Bildung einer liegenden Falte erkennen (propagiert von Albert Heim), dass dann im unteren Schenkel der Falte die Abfolge umgekehrt wurde.</figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/2-Liegende-Falte-unten-Abfolge-verkehrt-IMG_7935.jpg"><img alt="Ein hellblaues Handtuch liegt auf einem roten" data-id="1877" decoding="async" height="348" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px" src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/2-Liegende-Falte-unten-Abfolge-verkehrt-IMG_7935.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/2-Liegende-Falte-unten-Abfolge-verkehrt-IMG_7935.jpg 640w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/2-Liegende-Falte-unten-Abfolge-verkehrt-IMG_7935-300x163.jpg 300w" width="640"></img></a><figcaption>Das rote Tuch steht für die primär unten liegende ältere Gesteinseinheit, und das blaue für die darüber abgelagerte jüngere.</figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/4-Deckenueberschiebung-vrnl-IMG_7937.jpg"><img alt="Rotes Handtuch liegt auf blauem, seitlich verschoben" data-id="1879" decoding="async" height="298" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px" src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/4-Deckenueberschiebung-vrnl-IMG_7937.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/4-Deckenueberschiebung-vrnl-IMG_7937.jpg 640w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/4-Deckenueberschiebung-vrnl-IMG_7937-300x140.jpg 300w" width="640"></img></a><figcaption>Die reale Deckenüberschiebung lässt sich ebenfalls leicht nachstellen: Das ältere (rote) Gestein wurde hier über die jüngere Schicht (blau) geschoben).</figcaption></figure> </figure> <p>Zur Supernova-Folge loben viele die Verständlichkeit und den Humor. In ihrem inhaltlichen Feedback diskutieren Hörer jene „fehlgeschlagenen“, oder auch „gescheiterten“ Supernovae, bei denen Sterne direkt zu Schwarzen Löchern kollabieren, ohne vorher eine spektakuläre Explosion abzuliefern. Außerdem gab es Post von einem Hörer, der von seiner ganz eigenen „gescheiterte“ Supernova berichtet hat: die Supernova SN 1987A in der Nachbargalaxie der Großen Magellanschen Wolke.</p> <p>Zuguterletzt geht’s noch um um die Social-Media-Kanäle des AstroGeo-Podcasts: Hier ist Mastodon der einzige. Karl erklärt, wie Mastodon funktioniert – und frei zugänglich reinschauen <a href="https://chaos.social/@astro_geo" rel="noopener">kann man hier</a>.</p> <p><em>Episodenbild: Keith Miller, Caltech/IPAC – SELab / CC-BY-SA 4.0 ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_FC35-0002-082 / K. Urban</em></p> <h3>Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 133: <a href="https://astrogeo.de/drunter-ueber-drueber-das-raetsel-der-verdrehten-alpen/" rel="noopener">Drunter über drüber – das Rätsel der verdrehten Alpen</a></li> <li>Folge 134: <a href="https://astrogeo.de/explosion-abgesagt-kann-eine-supernova-ausfallen/" rel="noopener">Explosion abgesagt – kann eine Supernova ausfallen?</a></li> <li>Folge 135: <a href="https://astrogeo.de/alpine-ahnungen-beweist-das-gebirge-die-plattentektonik/" rel="noopener">Alpine Ahnungen – beweist das Gebirge die Plattentektonik?</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li><a href="https://astrogeo.de/exkursion-noerdlinger-ries-2026/" rel="noopener">AstroGeo-Exkursion ins Nördlinger Ries 2026</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Geosynklinale" rel="noopener">Geosynklinale</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Plutonit" rel="noopener">Plutonische Gesteine</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/SN_1987A" rel="noopener">Supernova SN 1987A</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Henri_Becquerel" rel="noopener">Henri Becquerel</a></li> <li>Mastodon: <a href="https://joinmastodon.org/de/servers" rel="noopener">Auswahl verfügbarer Server</a></li> <li>Mastodon: <a href="https://fedidevs.com/s/NjA2/" rel="noopener">Starterpack Astronomy in Germany</a></li> <li>Mastodon: <a href="https://fedidevs.com/s/OTk1/" rel="noopener">Starterpack Geologie und Erdwissenschaften</a></li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag136_sl.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Verdrehte Alpen und verschwindende Sterne » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag136-geplaenkel.html" rel="noopener">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>In dieser Folge widmen sich Franzi und Karl dem Feedback zu den letzten drei Geschichten im AstroGeo Podcast. Zunächst freuen sie sich über zwei Nachrichten, die zeigen, wie der Podcast das Interesse für die Geologie und die Astronomie weckt: Geologie-Fans finden über den Podcast Zugang zu den Sternen, während Astronomie-Begeisterte die Erde für sich entdecken.</p> <p>Ein großes Thema ist die geplante AstroGeo-Exkursion (Franzi sagt: „Der Wandertag!“) ins Nördlinger Ries im Oktober 2026. Die Nachfrage war deutlich höher als die Zahl verfügbarer Plätze, weswegen einige Hörerinnen und Hörer enttäuscht waren – , aber auch Vorfreude und Unterstützung wurde geäußert. Der Plan ist, Teile der Exkursion des Wandertags aufzunehmen und als Sonderfolge zu veröffentlichen.<aside></aside></p> <p>Zur ersten Alpen-Folge über falsch herum gelagerten Gesteinsdecken gibt es Korrekturen und Ergänzungen, etwa zu sprachlichen Details (Schweizerdeutsch) und geologischen Erklärungen (Faltenbildung, Sediment- vs. Plutonische Tiefengesteine). Karl geht auch auf Missverständnisse ein und kündigt eine dritte, abschließende Folge zur Gebirgsbildung an. Da es für nicht-Expertinnen und -Experten schwierig sein kann, sich ein überschobenes Deckengebirge vorzustellen – denn das sind die Alpen – haben sich Franzi und Karl auch über Feedback in Form von methodischen Vorschlägen gefreut. Dazu gehören bessere Visualisierungen mit farbigen Handtüchern für die Idee einer liegenden Falte (von Albert Heim bis 1906 anstelle von überschobenen Decken propagiert):</p> <figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/1-Urspruengliche-stratigrafische-Lagerung-IMG_7934.jpg"><img alt="Ein hellblaues Handtuch liegt auf einem roten" data-id="1876" decoding="async" height="312" sizes="(max-width: 640px) 100vw, 640px" src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/1-Urspruengliche-stratigrafische-Lagerung-IMG_7934.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/1-Urspruengliche-stratigrafische-Lagerung-IMG_7934.jpg 640w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/1-Urspruengliche-stratigrafische-Lagerung-IMG_7934-300x146.jpg 300w" width="640"></img></a><figcaption>Das rote Tuch steht für die primär unten liegende ältere Gesteinseinheit, und das blaue für die darüber abgelagerte jüngere.</figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/3-Detail-liegende-Falte-unten-jung-oben-alt-IMG_7936.jpg"><img alt="Nahaufnahme: viel rot auf wenig blau" data-id="1878" decoding="async" height="316" sizes="(max-width: 640px) 100vw, 640px" src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/3-Detail-liegende-Falte-unten-jung-oben-alt-IMG_7936.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/3-Detail-liegende-Falte-unten-jung-oben-alt-IMG_7936.jpg 640w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/3-Detail-liegende-Falte-unten-jung-oben-alt-IMG_7936-300x148.jpg 300w" width="640"></img></a><figcaption>Hier kann man leicht bei der Bildung einer liegenden Falte erkennen (propagiert von Albert Heim), dass dann im unteren Schenkel der Falte die Abfolge umgekehrt wurde.</figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/2-Liegende-Falte-unten-Abfolge-verkehrt-IMG_7935.jpg"><img alt="Ein hellblaues Handtuch liegt auf einem roten" data-id="1877" decoding="async" height="348" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px" src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/2-Liegende-Falte-unten-Abfolge-verkehrt-IMG_7935.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/2-Liegende-Falte-unten-Abfolge-verkehrt-IMG_7935.jpg 640w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/2-Liegende-Falte-unten-Abfolge-verkehrt-IMG_7935-300x163.jpg 300w" width="640"></img></a><figcaption>Das rote Tuch steht für die primär unten liegende ältere Gesteinseinheit, und das blaue für die darüber abgelagerte jüngere.</figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/4-Deckenueberschiebung-vrnl-IMG_7937.jpg"><img alt="Rotes Handtuch liegt auf blauem, seitlich verschoben" data-id="1879" decoding="async" height="298" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px" src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/4-Deckenueberschiebung-vrnl-IMG_7937.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/4-Deckenueberschiebung-vrnl-IMG_7937.jpg 640w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/4-Deckenueberschiebung-vrnl-IMG_7937-300x140.jpg 300w" width="640"></img></a><figcaption>Die reale Deckenüberschiebung lässt sich ebenfalls leicht nachstellen: Das ältere (rote) Gestein wurde hier über die jüngere Schicht (blau) geschoben).</figcaption></figure> </figure> <p>Zur Supernova-Folge loben viele die Verständlichkeit und den Humor. In ihrem inhaltlichen Feedback diskutieren Hörer jene „fehlgeschlagenen“, oder auch „gescheiterten“ Supernovae, bei denen Sterne direkt zu Schwarzen Löchern kollabieren, ohne vorher eine spektakuläre Explosion abzuliefern. Außerdem gab es Post von einem Hörer, der von seiner ganz eigenen „gescheiterte“ Supernova berichtet hat: die Supernova SN 1987A in der Nachbargalaxie der Großen Magellanschen Wolke.</p> <p>Zuguterletzt geht’s noch um um die Social-Media-Kanäle des AstroGeo-Podcasts: Hier ist Mastodon der einzige. Karl erklärt, wie Mastodon funktioniert – und frei zugänglich reinschauen <a href="https://chaos.social/@astro_geo" rel="noopener">kann man hier</a>.</p> <p><em>Episodenbild: Keith Miller, Caltech/IPAC – SELab / CC-BY-SA 4.0 ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_FC35-0002-082 / K. Urban</em></p> <h3>Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 133: <a href="https://astrogeo.de/drunter-ueber-drueber-das-raetsel-der-verdrehten-alpen/" rel="noopener">Drunter über drüber – das Rätsel der verdrehten Alpen</a></li> <li>Folge 134: <a href="https://astrogeo.de/explosion-abgesagt-kann-eine-supernova-ausfallen/" rel="noopener">Explosion abgesagt – kann eine Supernova ausfallen?</a></li> <li>Folge 135: <a href="https://astrogeo.de/alpine-ahnungen-beweist-das-gebirge-die-plattentektonik/" rel="noopener">Alpine Ahnungen – beweist das Gebirge die Plattentektonik?</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li><a href="https://astrogeo.de/exkursion-noerdlinger-ries-2026/" rel="noopener">AstroGeo-Exkursion ins Nördlinger Ries 2026</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Geosynklinale" rel="noopener">Geosynklinale</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Plutonit" rel="noopener">Plutonische Gesteine</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/SN_1987A" rel="noopener">Supernova SN 1987A</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Henri_Becquerel" rel="noopener">Henri Becquerel</a></li> <li>Mastodon: <a href="https://joinmastodon.org/de/servers" rel="noopener">Auswahl verfügbarer Server</a></li> <li>Mastodon: <a href="https://fedidevs.com/s/NjA2/" rel="noopener">Starterpack Astronomy in Germany</a></li> <li>Mastodon: <a href="https://fedidevs.com/s/OTk1/" rel="noopener">Starterpack Geologie und Erdwissenschaften</a></li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-verdrehte-alpen-und-verschwindende-sterne/#comments 1 Blume & Ince 54: Mit dem Elektroauto & Feueralarm zu Nathalie Wollmann beim Paritätischen https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-54-mit-dem-elektroauto-feueralarm-zu-nathalie-wollmann-beim-paritaetischen/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-54-mit-dem-elektroauto-feueralarm-zu-nathalie-wollmann-beim-paritaetischen/#comments Sat, 25 Apr 2026 15:32:18 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11230 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/NathalieWollmannParitaetischeFeueralarmBlumeundInce042026-768x470.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-54-mit-dem-elektroauto-feueralarm-zu-nathalie-wollmann-beim-paritaetischen/</link> </image> <description type="html"><h1>Blume & Ince 54: Mit dem Elektroauto & Feueralarm zu Nathalie Wollmann beim Paritätischen » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-04-25T17:32:18+02:00">25. Apr. 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 4 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Es fühlt sich schon seltsam an: Während ich diese Zeilen hier blogge, <a href="https://youtu.be/gwmBnPHylMo?si=TxkePT145Jrw-WKh" rel="noopener">werfen sich die frühere Supermacht der USA und die Europäische Union (EU) vor den mörderischen Revolutionsgarden des Iran in den Staub</a>. Wenn das diktatorische und antisemitische Regime, das sowohl die israelische wie auch die eigene Zivilbevölkerung immer wieder angreift, doch nur wieder bereit wäre, billiges Erdöl und Erdgas durch die Straße von Hormus zu lassen, dann würden die Sanktionen „gelockert“, also aufgehoben. Für billigen Sprit sind viele Konzerne und nationalstaatliche Politiker längst wieder bereit, über die iranische Folter-Diktatur, über Massaker, Atomprogramm und Raketenangriffe auf Israel und die arabischen Golfstaaten hinweg zu sehen.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/shorts/nXCpopAi-DA" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Auf einem TV-Bildschirm in der Akademie Tutzing sind der Iran, explodierende Schiffe in der Straße von Hormus und steigende Ölpreise zu sehen. Hervorgehoben ist die Ölsinsel Kharg." decoding="async" height="642" sizes="(max-width: 890px) 100vw, 890px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326.jpg 890w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326-300x216.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326-768x554.jpg 768w" width="890"></img></a></p> <p><em>Schon <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-im-jahr-des-feuerpferdes-trumps-iran-kharg-desaster/">am 3. März 2026 sagte ich der Stuttgarter Zeitung u.a.</a>: „Das iranische Regime hat erst im Januar Abertausende Protestierende ermordet und sollte gestürzt werden. Gleichwohl kennt die Politikwissenschaft keinen Fall, in dem ein antisemitisch beherrschter Fossilstaat ohne Bodentruppen zur Demokratie gebombt werden konnte.“</em> <em>Foto &amp; Bearbeitung: Michael Blume</em></p> <p>Doch es gibt auch in diesen Tagen Zeichen der Hoffnung: Die Zahl der Solaranlagen, Batteriespeicher und Elektroautos wächst weltweit – und sogar in Deutschland – mit Rekord-Sprüngen. Und so haben sich auch Prof. Dr. Inan Ince und ich darauf verständigt, alle Fahrten für Blume &amp; Ince mit meinem 100% solar geladenen Elektroauto zu unternehmen. Und weil Inan eine neue Kamera erstanden hat, gibt es nun erstmals auch Aufnahmen aus einer Fahrt!</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=gwmBnPHylMo" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Links strahlend Prof. Dr. Inan Ince und rechts am Steuer Dr. Michael Blume während der Fahrt zu Nathalie Wollmann vom Paritätischen in Blume &amp; Ince 54." decoding="async" height="747" sizes="(max-width: 1229px) 100vw, 1229px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInceOnElektroautoTour0426.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInceOnElektroautoTour0426.jpg 1229w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInceOnElektroautoTour0426-300x182.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInceOnElektroautoTour0426-1024x622.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInceOnElektroautoTour0426-768x467.jpg 768w" width="1229"></img></a><aside></aside></p> <p><em>Unterwegs im Renault Scenic für Wissenschaft &amp; Dialog. Links Inan Ince, rechts Michael Blume. Kamera: Prof. Dr. Inan Ince</em> </p> <p>Wir waren auf der Fahrt <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-34-gibt-es-auch-eine-soziale-infrastruktur/">zu <strong>Nathalie Wollmann</strong> vom <strong>Paritätischen Wohlfahrtsverband Baden-Württemberg</strong>, mit der wir in Folge 34 bereits über <strong><em>„soziale Infrastruktur“</em></strong> gesprochen</a> hatten. Diesmal hatte sie uns zu sich ins Büro eingeladen, um das Gespräch fort zu setzen:</p> <p><em>„<span>Ich bin hier im Landesverband die zuständige Referentin für Migration, Vielfalt und Demokratie.</span></em></p> <p><em><span>Das heißt </span><span>Demokratie und Migration gehören zu meinen Schwerpunktthemen und folglich beschäftige ich mich natürlich auch mit </span><span>den demokratischen Entwicklungen, aber auch natürlich mit dem Bereich der Migration hier in Baden-Württemberg.“</span></em></p> <p>Den ersten Feueralarm in einer Folge von „Blume &amp; Ince“ gibt es dazu auch zu sehen – und zu hören!</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=gwmBnPHylMo" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Nathalie Wollmann (links) und Kameramann Prof. Dr. Inan Ince (rechts) vor dem Gebäude des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes BW während des ersten Videocast-Feueralarms in Folge 64 von &quot;Blume &amp; Ince&quot;." decoding="async" height="756" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1235px) 100vw, 1235px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/NathalieWollmannParitaetischeFeueralarmBlumeundInce042026.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/NathalieWollmannParitaetischeFeueralarmBlumeundInce042026.jpg 1235w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/NathalieWollmannParitaetischeFeueralarmBlumeundInce042026-300x184.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/NathalieWollmannParitaetischeFeueralarmBlumeundInce042026-1024x627.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/NathalieWollmannParitaetischeFeueralarmBlumeundInce042026-768x470.jpg 768w" width="1235"></img></a></p> <p><em>Nathalie Wollmann (links) und Kameramann Prof. Dr. Inan Ince (rechts) während unseres ersten Videocast-Feueralarms. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Mir war wichtig, unter anderem auch die Folgen unterfinanzierter, sozialer Infrastruktur wiederum auf die Demografie und auch die Wirtschaft zu thematisieren:</p> <p><em>„<span>So und jetzt hast du also die Anforderung, </span><span>die Leute sollen bitte arbeiten, die sollen mehr arbeiten.</span></em></p> <p><em><span>Ja, Frauenerwerbstätigkeit soll steigen, ja, wir brauchen mehr Leute, die einzahlen.</span></em></p> <div> <div> <p><em><span>Es wird jetzt auch diskutiert, die die beitragslose Mitversicherung von Ehepartnerinnen Ehepartnern einzu</span><span>schränken.</span></em></p> <p><em><span>Aber gleichzeitig haben die Leute, die arbeiten – und zwar inzwischen Mütter und Väter – das Problem, dass die Kinderbetreuung leidet.</span></em></p> <p><em><span>Das heißt dann: Ich will ja arbeiten, aber jetzt ist wieder Notbetreuung und jetzt kann ich wieder nicht hin oder jemand</span><span> muss zu Hause bleiben beim Kind, bei den Kindern.</span></em></p> <p><em><span>Und ich verstehe schon, dass das wiederum dann dazu führt, dass Leute sagen: „Ja, toll, dann zahle ich so hohe Steuern und Abgaben, </span><span>aber krieg die Leistung nicht zurück.“</span></em></p> </div> </div> <div> <div> <p><em><span>Nun bin jetzt natürlich keiner von denen, die sagen, man geht auf den Staat los. Ja, ich ich bin loyal, aber ich verstehe das Frusterlebnis, wenn also </span><span>auf der einen Seite Anforderungen gestellt werden und dann aber die soziale Infrastruktur, in dem Fall Kinderbetreuung, so schwach wird, dass </span><span>man kaum noch Möglichkeiten sieht, diese Anforderung zu erfüllen.“</span></em></p> </div> </div> <p>Inan Ince thematisierte dazu, dass Bedürftige gegeneinander ausgespielt werden:</p> <p><em>„<span>Ich meine, dank Homeoffice kombiniert sich das oft ohnehin und dann wird halt auch gerne – </span><span>und das ist mein Eindruck – natürlich sehr viele Neid auch geschürt.</span></em></p> <p><em><span>Weil das ist immer dieses ganz große Bild, dass man </span><span>sagt, na ja, wir können euch, liebe bedürftige Menschen, die sogenannte untere Klasse oder wie man es immer bezeichnen will, kein weiteres </span><span>Bürgergeld, Harz 4 oder was sonst als nächstes Modell kommt mehr geben, weil da sind ja jetzt die Ausländer, denen wir helfen wollen. </span></em></p> <p><em><span>Beschwert Euch bei </span><span>denen, die sind das Problem, auch wenn nachweislich natürlich nicht den Leuten besser ging, bevor die Flüchtlinge kamen.</span></em></p> <p><em><span> Aber es geht ja letzten Endes um die Kommunikation.</span></em></p> <div> <div> <p><em><span>Dieses Solidarische, glaube ich, das ist so ein bisschen das, was fehlt.</span></em></p> <p><em><span>Niemand will ja an die Gurgel, aber letzten Endes werden die verschiedenen Gruppen gegeneinander ausgespielt, anstatt dass </span><span>man quasi sagt: Wir stärken gemeinsam die soziale Infrastruktur beispielsweise, weil wir ja auch Leute brauchen, die in der Pflege, in der Kinderbetreuung und so weiter arbeiten.</span></em></p> </div> </div> <div> <div> <em><span role="text">Statt also das zu erkennen wird gesagt, </span><span>ja, die anderen die belasten dich noch zusätzlich.</span></em></div> </div> <div> <div> <p><em><span>Also wirtschaftliche Interessen und soziale Interessen müssen einfach zusammengedacht werden.“</span></em></p> </div> </div> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/gwmBnPHylMo?feature=oembed&amp;rel=0" title="Folge 54: Soziales und Migration nach den Wahlen – Mit Nathalie Wollmann vom Paritätischen BW" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Blume & Ince 54: Mit dem Elektroauto & Feueralarm zu Nathalie Wollmann beim Paritätischen » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-04-25T17:32:18+02:00">25. Apr. 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 4 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Es fühlt sich schon seltsam an: Während ich diese Zeilen hier blogge, <a href="https://youtu.be/gwmBnPHylMo?si=TxkePT145Jrw-WKh" rel="noopener">werfen sich die frühere Supermacht der USA und die Europäische Union (EU) vor den mörderischen Revolutionsgarden des Iran in den Staub</a>. Wenn das diktatorische und antisemitische Regime, das sowohl die israelische wie auch die eigene Zivilbevölkerung immer wieder angreift, doch nur wieder bereit wäre, billiges Erdöl und Erdgas durch die Straße von Hormus zu lassen, dann würden die Sanktionen „gelockert“, also aufgehoben. Für billigen Sprit sind viele Konzerne und nationalstaatliche Politiker längst wieder bereit, über die iranische Folter-Diktatur, über Massaker, Atomprogramm und Raketenangriffe auf Israel und die arabischen Golfstaaten hinweg zu sehen.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/shorts/nXCpopAi-DA" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Auf einem TV-Bildschirm in der Akademie Tutzing sind der Iran, explodierende Schiffe in der Straße von Hormus und steigende Ölpreise zu sehen. Hervorgehoben ist die Ölsinsel Kharg." decoding="async" height="642" sizes="(max-width: 890px) 100vw, 890px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326.jpg 890w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326-300x216.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326-768x554.jpg 768w" width="890"></img></a></p> <p><em>Schon <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-im-jahr-des-feuerpferdes-trumps-iran-kharg-desaster/">am 3. März 2026 sagte ich der Stuttgarter Zeitung u.a.</a>: „Das iranische Regime hat erst im Januar Abertausende Protestierende ermordet und sollte gestürzt werden. Gleichwohl kennt die Politikwissenschaft keinen Fall, in dem ein antisemitisch beherrschter Fossilstaat ohne Bodentruppen zur Demokratie gebombt werden konnte.“</em> <em>Foto &amp; Bearbeitung: Michael Blume</em></p> <p>Doch es gibt auch in diesen Tagen Zeichen der Hoffnung: Die Zahl der Solaranlagen, Batteriespeicher und Elektroautos wächst weltweit – und sogar in Deutschland – mit Rekord-Sprüngen. Und so haben sich auch Prof. Dr. Inan Ince und ich darauf verständigt, alle Fahrten für Blume &amp; Ince mit meinem 100% solar geladenen Elektroauto zu unternehmen. Und weil Inan eine neue Kamera erstanden hat, gibt es nun erstmals auch Aufnahmen aus einer Fahrt!</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=gwmBnPHylMo" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Links strahlend Prof. Dr. Inan Ince und rechts am Steuer Dr. Michael Blume während der Fahrt zu Nathalie Wollmann vom Paritätischen in Blume &amp; Ince 54." decoding="async" height="747" sizes="(max-width: 1229px) 100vw, 1229px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInceOnElektroautoTour0426.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInceOnElektroautoTour0426.jpg 1229w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInceOnElektroautoTour0426-300x182.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInceOnElektroautoTour0426-1024x622.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInceOnElektroautoTour0426-768x467.jpg 768w" width="1229"></img></a><aside></aside></p> <p><em>Unterwegs im Renault Scenic für Wissenschaft &amp; Dialog. Links Inan Ince, rechts Michael Blume. Kamera: Prof. Dr. Inan Ince</em> </p> <p>Wir waren auf der Fahrt <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-34-gibt-es-auch-eine-soziale-infrastruktur/">zu <strong>Nathalie Wollmann</strong> vom <strong>Paritätischen Wohlfahrtsverband Baden-Württemberg</strong>, mit der wir in Folge 34 bereits über <strong><em>„soziale Infrastruktur“</em></strong> gesprochen</a> hatten. Diesmal hatte sie uns zu sich ins Büro eingeladen, um das Gespräch fort zu setzen:</p> <p><em>„<span>Ich bin hier im Landesverband die zuständige Referentin für Migration, Vielfalt und Demokratie.</span></em></p> <p><em><span>Das heißt </span><span>Demokratie und Migration gehören zu meinen Schwerpunktthemen und folglich beschäftige ich mich natürlich auch mit </span><span>den demokratischen Entwicklungen, aber auch natürlich mit dem Bereich der Migration hier in Baden-Württemberg.“</span></em></p> <p>Den ersten Feueralarm in einer Folge von „Blume &amp; Ince“ gibt es dazu auch zu sehen – und zu hören!</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=gwmBnPHylMo" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Nathalie Wollmann (links) und Kameramann Prof. Dr. Inan Ince (rechts) vor dem Gebäude des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes BW während des ersten Videocast-Feueralarms in Folge 64 von &quot;Blume &amp; Ince&quot;." decoding="async" height="756" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1235px) 100vw, 1235px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/NathalieWollmannParitaetischeFeueralarmBlumeundInce042026.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/NathalieWollmannParitaetischeFeueralarmBlumeundInce042026.jpg 1235w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/NathalieWollmannParitaetischeFeueralarmBlumeundInce042026-300x184.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/NathalieWollmannParitaetischeFeueralarmBlumeundInce042026-1024x627.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/NathalieWollmannParitaetischeFeueralarmBlumeundInce042026-768x470.jpg 768w" width="1235"></img></a></p> <p><em>Nathalie Wollmann (links) und Kameramann Prof. Dr. Inan Ince (rechts) während unseres ersten Videocast-Feueralarms. 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Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-54-mit-dem-elektroauto-feueralarm-zu-nathalie-wollmann-beim-paritaetischen/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>16</slash:comments> </item> <item> <title>Geheimnis um Goldene Kugel gelüftet https://scilogs.spektrum.de/meertext/geheimnis-um-goldene-kugel-gelueftet/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/geheimnis-um-goldene-kugel-gelueftet/#comments Fri, 24 Apr 2026 06:59:32 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1972 <h1>Geheimnis um Goldene Kugel gelüftet » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>2023 hatte ein Tiefseeforschungsteam an Bord des NOAA-Forschungsschiffs <em>Okeanos Explorer</em> durch die Kameraaugen eines ROV (remotely operated vehicle)-Tauchroboters eine unidentifizierbare „Goldene Kugel“ gesichtet. Sie kartierten gerade einen kleinen Seeberg im Golf von Alaska. Beim Gleiten über einen Felsvorsprung in 3.300 Metern Tiefe erschien auf den Kamera-Bildschirmen eine Art “gelber Hut”, so die erste Beschreibung.<br></br>Zwischen den weißen Tiefsee-Schwämmen fiel die weiche, gold-gelbe halbrunde, organisch wirkende Struktur von etwa 10 Zentimetern Durchmesser auf. Ihr unterer Rand schmiegte sich an die Felsen und oben war ein kleines Loch – innen war sie genauso gefärbt. <br></br>Die Wissenschaftler diskutierten über einen toten Schwamm, eine Koralle oder ein ungewöhnliches Ei-Gelege und <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/unidentifizierte-goldene-kugel-am-meeresboden-im-golf-von-alaska/">sammelten das “Ding” schließlich per Suction Sampler mit dem ROV-Greifarm ein. </a></p> <p>An Deck wurde klar, dass es keine goldene Kugel, sondern eine ockerfarbene schmoddrige Halbkugel ist:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/FUXrvirtdB8?feature=oembed&amp;rel=0" title="Mysterious Golden Orb Identified!" width="666"></iframe> </p><figcaption>In 2023, during NOAA’s Seascape Alaska 5 expedition, scientists found a golden-colored lifeform adhered to a rocky outcropping at a depth of nearly two miles. After more than two years of investigation, scientists have solved the mystery of the “golden orb,” identifying it as the remnants of a giant deep-sea anemone. (Video credit: NOAA Ocean Exploration)</figcaption></figure> <h2>Die Enthüllung des Goldenen-Kugel-Schmodder-Blobs</h2> <p>Warum dauerte die Analyse so lange?<br></br>Dr. Allen Collins, Zoologe und Leiter des National Systematics Laboratory der NOAA Fisheries (im Smithsonian National Museum of Natural History) war eigentlich zuversichtlich, dass taxonomische Routineverfahren die Zugehörigkeit zu einer bekannten Tiergruppe schnell herausfinden würden. <br></br>„Doch dies“ erklärt er im Interview „<a href="https://www.noaa.gov/news/scientists-reveal-identity-of-mysterious-golden-orb-collected-during-noaa-expedition?fbclid=IwY2xjawRWxalleHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHgvgiroV97pWyETniAyzh8_0QZcai7j8uAGnvYUEUUIjLSSU2oOV0UDVgfi-_aem_K1tO19qMmgHj2QotAsgS1Q" rel="noopener">entwickelte sich zu einem Sonderfall […]</a>„: Ein komplexes Rätsel, zu dessen Lösung morphologisches, genetisches, tiefseebiologisches und bioinformatisches Fachwissen mehrerer Spezialisten für ganz unterschiedliche Tiergruppen erforderlich wurde.</p> <p>Die Wissenschaftler:innen nutzten einen „integrativen taxonomischen Ansatz, bei dem die Untersuchung der physischen Struktur mit genetischen Analysen kombiniert wurde, um dieses Objekt und ein mittlerweile zweites gefundenes Exemplar zu identifizieren. Erste Untersuchungen ergaben, dass das Objekt keine typische tierische Anatomie aufwies, sondern ein faseriges Material mit einer geschichteten Oberfläche war. Diese Oberfläche war mit Nesselzellen (Cnidocyten) „gespickt“ – ein Hinweis auf ein Nesseltier wie eine Seeanemone. Abigail Reft vom National Systematics Lab identifizierte die Zellen schließlich als <a href="https://www.dreamstime.com/each-cnidocyte-contains-organelle-called-cnida-cnidocyst-nematocyst-ptychocyst-spirocyst-organelle-consists-bulb-image241400568" rel="noopener">„spirocysts“, Teile von Nesselzellen,</a> die ausschließlich in der Gruppe der Hexacorallia vorkommen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-48.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="537" sizes="(max-width: 937px) 100vw, 937px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-48.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-48.png 937w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-48-300x172.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-48-768x440.png 768w" width="937"></img></a><figcaption>A <em>Relicanthus</em> attached to a dead sponge stalk (National Oceanic and Atmospheric Administration – NOAA’s Okeanos Explorer 2016 CAPSTONE Expedition) (Wikipedia: Relicanthus).</figcaption></figure> <p>Die anfangs durchgeführte DNA-Barcoding-Analyse hatte keine eindeutigen Ergebnisse geliefert. Offenbar war die „Goldkugel“-DNA mit der von Mikroorganismen verunreinigt. Erst eine umfassendere genetische Analyse bestätigte das Vorhandensein tierischer DNA und besonders viel genetisches Material der riesigen Tiefseeanemone. Die Sequenzierung der mitochondrialen Genome beider Exemplare bestätigte dann, dass sie genetisch fast identisch mit einem bekannten Referenzgenom von <em>Relicanthus daphneae </em>waren.<br></br>Ganz genau waren es Überreste der abgestorbenen Zellen am Fuß einer riesigen Tiefseeanemone, <em>Relicanthus daphneae</em>. <aside></aside></p> <p>Das zunächst uneindeutige genetische Ergebnis zeigt, dass diese abgestorbene Seeanemonen-Fußscheibe offenbar schon von Mikroorganismen zur Zersetzung besiedelt war und die seltsam faserige Hohl-Struktur passt ebenfalls zu einer Seeanemone.<br></br>Für alle, die immer noch auf ein Alien-Ei gehofft hatten: In der Tiefsee gibt es immer noch so viele Entdeckungen zu machen, auch ohne Einflüsse von Outer Space – Tiefseeforschung bleibt weiterhin spannend!</p> </div><div> <img alt="Bettina Wurche in Portsmouth" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Bettina-Wurche-in-Portsmouth-200x200.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Bettina-Wurche-in-Portsmouth-400x400.jpg 2x" width="200"></img> <p>Auf dem Science-Blog „Meertext“ schreibe ich über meine Lieblingsthemen:&#xD; Biologie, Zoologie, Paläontologie und das Meer.&#xD; Wale, Fische und andere Meeresgetüme. Tot oder lebendig.&#xD; Fossile Meere, heutige Meere und Meere der Zukunft.&#xD; Die Erforschung, nachhaltige Nutzung und den Schutz der Ozeane.&#xD; Auf der Erde und anderen Welten.&#xD; &#xD; Ich berichte regelmäßig über Forschung und Wissenschaft, hinterfrage Publikationen und Statements und publiziere eigene Erlebnisse und Ergebnisse.&#xD; Außerdem schreibe ich über ausgewählte Ausstellungen, Vorträge, Bücher, Filme und Events zu den Themen.&#xD; Mehr über meine Arbeit als Biologin und Journalistin gibt´s auf meiner Homepage <a href="https://meertext.eu/">“Meertext”</a>.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Geheimnis um Goldene Kugel gelüftet » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>2023 hatte ein Tiefseeforschungsteam an Bord des NOAA-Forschungsschiffs <em>Okeanos Explorer</em> durch die Kameraaugen eines ROV (remotely operated vehicle)-Tauchroboters eine unidentifizierbare „Goldene Kugel“ gesichtet. Sie kartierten gerade einen kleinen Seeberg im Golf von Alaska. Beim Gleiten über einen Felsvorsprung in 3.300 Metern Tiefe erschien auf den Kamera-Bildschirmen eine Art “gelber Hut”, so die erste Beschreibung.<br></br>Zwischen den weißen Tiefsee-Schwämmen fiel die weiche, gold-gelbe halbrunde, organisch wirkende Struktur von etwa 10 Zentimetern Durchmesser auf. Ihr unterer Rand schmiegte sich an die Felsen und oben war ein kleines Loch – innen war sie genauso gefärbt. <br></br>Die Wissenschaftler diskutierten über einen toten Schwamm, eine Koralle oder ein ungewöhnliches Ei-Gelege und <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/unidentifizierte-goldene-kugel-am-meeresboden-im-golf-von-alaska/">sammelten das “Ding” schließlich per Suction Sampler mit dem ROV-Greifarm ein. </a></p> <p>An Deck wurde klar, dass es keine goldene Kugel, sondern eine ockerfarbene schmoddrige Halbkugel ist:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/FUXrvirtdB8?feature=oembed&amp;rel=0" title="Mysterious Golden Orb Identified!" width="666"></iframe> </p><figcaption>In 2023, during NOAA’s Seascape Alaska 5 expedition, scientists found a golden-colored lifeform adhered to a rocky outcropping at a depth of nearly two miles. After more than two years of investigation, scientists have solved the mystery of the “golden orb,” identifying it as the remnants of a giant deep-sea anemone. (Video credit: NOAA Ocean Exploration)</figcaption></figure> <h2>Die Enthüllung des Goldenen-Kugel-Schmodder-Blobs</h2> <p>Warum dauerte die Analyse so lange?<br></br>Dr. Allen Collins, Zoologe und Leiter des National Systematics Laboratory der NOAA Fisheries (im Smithsonian National Museum of Natural History) war eigentlich zuversichtlich, dass taxonomische Routineverfahren die Zugehörigkeit zu einer bekannten Tiergruppe schnell herausfinden würden. <br></br>„Doch dies“ erklärt er im Interview „<a href="https://www.noaa.gov/news/scientists-reveal-identity-of-mysterious-golden-orb-collected-during-noaa-expedition?fbclid=IwY2xjawRWxalleHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHgvgiroV97pWyETniAyzh8_0QZcai7j8uAGnvYUEUUIjLSSU2oOV0UDVgfi-_aem_K1tO19qMmgHj2QotAsgS1Q" rel="noopener">entwickelte sich zu einem Sonderfall […]</a>„: Ein komplexes Rätsel, zu dessen Lösung morphologisches, genetisches, tiefseebiologisches und bioinformatisches Fachwissen mehrerer Spezialisten für ganz unterschiedliche Tiergruppen erforderlich wurde.</p> <p>Die Wissenschaftler:innen nutzten einen „integrativen taxonomischen Ansatz, bei dem die Untersuchung der physischen Struktur mit genetischen Analysen kombiniert wurde, um dieses Objekt und ein mittlerweile zweites gefundenes Exemplar zu identifizieren. Erste Untersuchungen ergaben, dass das Objekt keine typische tierische Anatomie aufwies, sondern ein faseriges Material mit einer geschichteten Oberfläche war. Diese Oberfläche war mit Nesselzellen (Cnidocyten) „gespickt“ – ein Hinweis auf ein Nesseltier wie eine Seeanemone. Abigail Reft vom National Systematics Lab identifizierte die Zellen schließlich als <a href="https://www.dreamstime.com/each-cnidocyte-contains-organelle-called-cnida-cnidocyst-nematocyst-ptychocyst-spirocyst-organelle-consists-bulb-image241400568" rel="noopener">„spirocysts“, Teile von Nesselzellen,</a> die ausschließlich in der Gruppe der Hexacorallia vorkommen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-48.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="537" sizes="(max-width: 937px) 100vw, 937px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-48.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-48.png 937w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-48-300x172.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-48-768x440.png 768w" width="937"></img></a><figcaption>A <em>Relicanthus</em> attached to a dead sponge stalk (National Oceanic and Atmospheric Administration – NOAA’s Okeanos Explorer 2016 CAPSTONE Expedition) (Wikipedia: Relicanthus).</figcaption></figure> <p>Die anfangs durchgeführte DNA-Barcoding-Analyse hatte keine eindeutigen Ergebnisse geliefert. Offenbar war die „Goldkugel“-DNA mit der von Mikroorganismen verunreinigt. Erst eine umfassendere genetische Analyse bestätigte das Vorhandensein tierischer DNA und besonders viel genetisches Material der riesigen Tiefseeanemone. Die Sequenzierung der mitochondrialen Genome beider Exemplare bestätigte dann, dass sie genetisch fast identisch mit einem bekannten Referenzgenom von <em>Relicanthus daphneae </em>waren.<br></br>Ganz genau waren es Überreste der abgestorbenen Zellen am Fuß einer riesigen Tiefseeanemone, <em>Relicanthus daphneae</em>. <aside></aside></p> <p>Das zunächst uneindeutige genetische Ergebnis zeigt, dass diese abgestorbene Seeanemonen-Fußscheibe offenbar schon von Mikroorganismen zur Zersetzung besiedelt war und die seltsam faserige Hohl-Struktur passt ebenfalls zu einer Seeanemone.<br></br>Für alle, die immer noch auf ein Alien-Ei gehofft hatten: In der Tiefsee gibt es immer noch so viele Entdeckungen zu machen, auch ohne Einflüsse von Outer Space – Tiefseeforschung bleibt weiterhin spannend!</p> </div><div> <img alt="Bettina Wurche in Portsmouth" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Bettina-Wurche-in-Portsmouth-200x200.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Bettina-Wurche-in-Portsmouth-400x400.jpg 2x" width="200"></img> <p>Auf dem Science-Blog „Meertext“ schreibe ich über meine Lieblingsthemen:&#xD; Biologie, Zoologie, Paläontologie und das Meer.&#xD; Wale, Fische und andere Meeresgetüme. Tot oder lebendig.&#xD; Fossile Meere, heutige Meere und Meere der Zukunft.&#xD; Die Erforschung, nachhaltige Nutzung und den Schutz der Ozeane.&#xD; Auf der Erde und anderen Welten.&#xD; &#xD; Ich berichte regelmäßig über Forschung und Wissenschaft, hinterfrage Publikationen und Statements und publiziere eigene Erlebnisse und Ergebnisse.&#xD; Außerdem schreibe ich über ausgewählte Ausstellungen, Vorträge, Bücher, Filme und Events zu den Themen.&#xD; Mehr über meine Arbeit als Biologin und Journalistin gibt´s auf meiner Homepage <a href="https://meertext.eu/">“Meertext”</a>.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/geheimnis-um-goldene-kugel-gelueftet/#comments 5 Hyperschall: Numerische Strömungsmechanik auf Abwegen https://scilogs.spektrum.de/hlf/hyperschall-numerische-stromungsmechanik-auf-abwegen/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/hyperschall-numerische-stromungsmechanik-auf-abwegen/#comments Wed, 22 Apr 2026 12:00:00 +0000 Christoph Pöppe https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14352 <h1>Hyperschall: Numerische Strömungsmechanik auf Abwegen - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Christoph Pöppe</h2><div itemprop="text"> <p>Es ist schon eine ganze Weile her, da wollte die europäische Raumfahrtagentur ESA ein eigenes „Space Shuttle“ bauen: einen Flugkörper, der mit einer Rakete in die Erdumlaufbahn geschossen wird und im Gleitflug zurückkehrt, so dass er mit ausgefahrenen Rädern auf einem gewöhnlichen Flughafen landen kann. Das amerikanische Space Shuttle gab es schon; entsprechend hatten die Europäer wenig Neigung, das Ding einfach nachzumachen, und so viel Geld mochten sie auch nicht ausgeben. Also sollte „Hermes“, so hieß der geplante Flugkörper, nur halb so lang sein wie das Vorbild: 19 statt 38 Meter.</p> <p>Paradoxerweise wird dadurch die Aufgabe deutlich schwerer. Nicht für den Hinweg, im Gegenteil: Man muss weniger Energie aufwenden, um das Gerät aus dem Schwerefeld der Erde auf die gewünschte Flughöhe zu heben. Aber für den Rückweg! Da geht es nämlich darum, die schöne potenzielle Energie wieder loszuwerden, und zwar so, dass man heile unten ankommt. Durch Einleiten der Fallbewegung wird die potenzielle zu kinetischer Energie, und diese wiederum wird durch Reibung an der umgebenden Luft in Wärme umgewandelt. Dabei steigt die Temperatur drastisch an: Ungesteuerte Objekte pflegen zu verglühen, bevor sie die Erdoberfläche erreichen; also muss man den Flugkörper erstens sorgfältig steuern und zweitens mit Hitzeschutzkacheln versehen.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Sevilla_Expo_92-Projecto_ESA-1992_05_05-scaled.jpg"><img alt="Hermes Raumfähre." decoding="async" fetchpriority="high" height="681" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Sevilla_Expo_92-Projecto_ESA-1992_05_05-1024x681.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Sevilla_Expo_92-Projecto_ESA-1992_05_05-1024x681.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Sevilla_Expo_92-Projecto_ESA-1992_05_05-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Sevilla_Expo_92-Projecto_ESA-1992_05_05-768x511.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Sevilla_Expo_92-Projecto_ESA-1992_05_05-1536x1022.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Sevilla_Expo_92-Projecto_ESA-1992_05_05-2048x1362.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Die geplante Hermes Raumfähre der Europäischen Weltraumorganisation (ESA). Bild: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hermes_(Raumf%C3%A4hre)#/media/Datei:Sevilla_Expo_92-Projecto_ESA-1992_05_05.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Wikipedia </a>(<a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY-SA 3.0</a>)</figcaption></figure> </div> <p>Der Wärmeenergieeintrag ist im Wesentlichen proportional zur Oberfläche des Flugkörpers, der Temperaturanstieg dagegen proportional zum Volumen. Verkleinert man das Shuttle um den Faktor 2, so schrumpft die Oberfläche auf ein Viertel und das Volumen auf ein Achtel. Das heißt: Ein halb so großes Gerät wird im Prinzip doppelt so heiß.</p> <p>Für den Hermes musste man sich also entsprechend mehr Mühe geben, insbesondere die Strömung der Luft um den Flugkörper genauer berechnen. Da er mit vielfacher Schallgeschwindigkeit in die Atmosphäre eintritt, bildet sich eine Stoßfront aus stark verdichteter und erhitzter Luft; die darf unter keinen Umständen irgendeine Stelle der Oberfläche treffen. Obendrein werden durch die extremen Temperaturen die Moleküle der Luft selbst so heftig geschüttelt, dass sie zerbrechen. Erst der Sauerstoff, dann der fester gebundene Stickstoff – eigentlich ein erwünschter Effekt, denn das Aufbrechen der chemischen Bindung verzehrt Energie und wirkt daher in der Tendenz kühlend. Bis sich die Einzelatome wieder zu Molekülen zusammenfinden und dabei aufheizen, sind sie längst nach hinten weggeflogen.</p> <p>Aber durch die Aufspaltung verändert sich das Verhalten der Luft, weil nun auf einmal doppelt so viele Moleküle ungebunden herumfliegen. Das muss man in der numerischen Simulation berücksichtigen. Und die war damals, am Interdisziplinären Zentrum für Wissenschaftliches Rechnen der Universität Heidelberg, mein Job.<aside></aside></p> <p>Nein, keine Sorge. Natürlich vertraut man eine zentrale Aufgabe in einem Milliardenprojekt nicht einfach so einem kleinen wissenschaftlichen Angestellten an. Die französische Firma Dassault, die das Ding bauen sollte, hatte vorgearbeitet und dabei schon eine äußere Form für das Gerät gefunden. Da aber für ein europäisches Projekt stets Partner aus mehreren Ländern beteiligt sein müssen, hatten sie nichts dagegen, wenn die Deutschen die Sache noch einmal unabhängig nachrechneten.</p> <p>Außerdem hatten wir etwas, das die Franzosen nicht hatten: die Forschungen des Physikers Jürgen Warnatz. Der hatte die Kunst, komplexe chemische Reaktionen wie vor allem Verbrennung in lauter Einzelreaktionen zu zerlegen, zu neuen Höhen getrieben: praktisch, indem er die flüchtigen Zwischenprodukte präzise zu messen verstand, und theoretisch, indem er für jede Einzelreaktion die temperaturabhängige Reaktionskonstante ermittelte. So konnte er auch angeben, wie rasch die oben angesprochene Dissoziation der Luftmoleküle stattfinden würde, und zwar unter Druck- und Temperaturverhältnissen, wie sie zwar in der Umgebung des „Hermes“ herrschen würden, aber in einem irdischen Labor praktisch nicht erzeugbar waren.</p> <p>Die Sache mit der Stoßfront stellte, auch ohne den Dissoziationseffekt, die numerische Mathematik vor Probleme, die damals noch nicht zufriedenstellend gelöst waren. Es geht darum, partielle Differentialgleichungen zu lösen, zum Beispiel die <a data-id="https://scilogs.spektrum.de/hlf/die-widerspenstige-navier-stokes-gleichung/" data-type="link" href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/die-widerspenstige-navier-stokes-gleichung/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Navier-Stokes-Gleichung</a>, die sich bereits einer theoretischen Durchdringung hartnäckig widersetzt. Üblicherweise überzieht man das Rechengebiet mit einem Gitter aus Punkten und begnügt sich, die Werte der gesuchten Funktionen – Strömungsgeschwindigkeit, Dichte und Temperatur der Luft und so weiter – in diesen Gitterpunkten zu bestimmen. (Das Rechengebiet ist der Flugkörper samt Umgebung, den man sich als ruhend vorstellt, während er von einer Seite durch Luft mit hoher Geschwindigkeit angeblasen wird.) Da die beteiligten Funktionen stetig und sogar differenzierbar sind, kann man erwarten, dass sich zwischen den Gitterpunkten nicht allzu viel Überraschendes abspielt, so dass die Werte in den Gitterpunkten, so diese hinreichend dicht liegen, das Wesentliche erfassen.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/ContourPlot-scaled.png"><img alt="Graphische Darstellung einer Berechnung der Luftumgebung um den Raumkörper uas dem Jahr 1989." decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/ContourPlot-1024x683.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/ContourPlot-1024x683.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/ContourPlot-300x200.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/ContourPlot-768x512.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/ContourPlot-1536x1024.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/ContourPlot-2048x1365.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Ein Blick in meine – sehr spärlichen – Unterlagen vom März 1989 wirkt wie eine Übung in Steinzeitarchäologie. Ich arbeitete an einer Workstation – damals Spitze der Technik –, aber es gab noch keine Anwendungen, um aus dem, was sie anzeigte, eine Bilddatei zu machen. Also habe ich zur Gedächtnisstütze den Bildschirm mit einer gewöhnlichen Kamera abfotografiert. Das Bild zeigt den Zustand (ich weiß nicht mehr, welchen) der simulierten Luft in der Umgebung der Nase des Flugkörpers (untere Randkurve); das Bild muss man sich spiegelbildlich nach unten fortgesetzt denken. Die obere Randkurve ist die – willkürlich gewählte – Grenze des Rechengebiets. Gezeigt sind Konturlinien („Höhenlinien“): Schwarz sind die Punkte, an denen die Zustandsgröße ungefähr einen – sagen wir – ganzzahligen Wert annimmt. Die Anströmgeschwindigkeit ist noch gering; immerhin sieht man eine Stoßfront sich bilden (dicht beieinander liegende Konturlinien zeigen große Änderungen auf kleinem Raum an). Bild: Pöppe</figcaption></figure> </div> <p>Diese Vorstellung bricht zusammen, sowie eine Stoßfront entsteht. An ihr ändern sich nämlich die Funktionswerte so plötzlich, dass ihre Beschreibung durch stetige Funktionen unbrauchbar wird. An die Stelle der Navier-Stokes-Gleichung tritt ihre hässliche Schwester, die Euler-Gleichung. Deren Lösungen können, auch in der Theorie, Stoßfronten entwickeln: Stellen, an denen die Funktion plötzlich von einem Wert „links“ zu einem anderen Wert „rechts“ springt. Dort ist auch die Differentialgleichung nicht mehr gültig – kein Wunder, man kann die Funktion an dieser Stelle nicht differenzieren –, und es sind Zusatzannahmen erforderlich, um die Physik auch dort noch korrekt zu beschreiben.</p> <p>Für die Numerik bedeutet das, das Gitter um zusätzliche Punkte zu erweitern, deren Position im Gegensatz zu der der anderen Gitterpunkte variabel ist. Und zwar legt das Programm diese Punkte genau in die Stoßfront, und die Funktion hat dort zwei Werte, einen linken und einen rechten. Die Position dieser Punkte zählt also zu den Unbekannten in dem ganzen Gleichungssystem; man weiß ja nicht im Voraus, wo die Stoßfront liegen wird. Das macht die Sache so kompliziert, dass ich mich gezwungen sah, die Standardtheorie für diesen Fall neu zu überdenken.</p> <p>Mit diesem Problem war ich noch zugange, als ich im Frühjahr 1989 von der Wissenschaft in den Journalismus wechselte. Wenige Monate später wurde das Projekt „Hermes“ zunächst auf Halde gelegt und ein paar Jahre später endgültig beerdigt. Unter den veränderten Verhältnissen seit dem Fall der Mauer und dem Ende der Sowjetunion kam man zu der Erkenntnis, dass der Erfolg den Aufwand nicht rechtfertigen würde (was er vermutlich nie getan hat).</p> <p>Wieso erzähle ich ausgerechnet jetzt diese alte Geschichte? Weil ich kürzlich auf einen <a data-id="https://www.ingenieur.de/technik/fachbereiche/raumfahrt/die-physik-hinter-hyperschallwaffen-wenn-luft-zu-plasma-wird/" data-type="link" href="https://www.ingenieur.de/technik/fachbereiche/raumfahrt/die-physik-hinter-hyperschallwaffen-wenn-luft-zu-plasma-wird/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Artikel in der Zeitschrift „Der Ingenieur“</a> gestoßen bin. Demnach arbeiten Staaten wie Russland, China und die USA an der Entwicklung von Hyperschallwaffen; das sind solche, die die fünffache Schallgeschwindigkeit oder mehr erreichen.</p> <p>Da kommen mit Macht die Argumente wieder hoch, die wir noch aus der Nachrüstungsdebatte der 1980er Jahre kennen. Eine Hyperschallwaffe taugt offensichtlich nicht zur Verteidigung, sondern nur zum Angriff. Sie destabilisiert das Gleichgewicht des Schreckens, weil sie die Verteidigungsmittel der Gegenseite unwirksam macht oder zumindest deren Vorwarnzeit auf wenige Minuten verkürzt. Ein Staat, der Anlass hat, einen Angriff durch Hyperschallwaffen zu fürchten, wird sich beeilen, in der technischen Entwicklung nachzuziehen – nicht um einen solchen Angriff abzuwehren, was praktisch unmöglich wäre, sondern um mit gleichen Mitteln zurückzuschlagen oder zumindest damit zu drohen. Schlimmstenfalls würde er sich zu einem Präventivschlag genötigt sehen.</p> <p>Die technischen Probleme, die der Artikel aufzählt, waren für mich alles alte Bekannte! Es gibt eine Stoßfront, die Luft erhitzt sich auf mehrere tausend Grad, sie zerfällt in Einzelatome oder auch Ionen, was die Kommunikation über Funk unmöglich macht, und die hohen Geschwindigkeiten machen eine Steuerung extrem schwierig. An der Lösung dieser und ähnlicher Probleme haben die Hermes-Leute gearbeitet.</p> <p>Da kommen mir diverse Treffen in den Sinn, auf denen sich die Beteiligten an dem Projekt über ihre Fortschritte austauschten. Es waren auch amerikanische Kollegen dabei; die brachten für das Hermes-Projekt nur sehr begrenztes Interesse auf, schließlich ging es um Probleme, die sie mit ihrem Space Shuttle längst gelöst hatten. Stattdessen erzählten sie lieber von ihrem aktuellen Projekt: einem Triebwerk, das auch bei Hyperschallgeschwindigkeit noch funktioniert. Es ist paradox: Das Triebwerk muss die einströmende Luft zunächst abbremsen, damit sie überhaupt Zeit hat, den Kraftstoff zu verbrennen, und daraufhin die Abgase mit noch höherer Geschwindigkeit nach hinten ausstoßen – alles nicht einfach. (Man verwendet wieder ein Koordinatensystem, in dem der Flugkörper ruht.)</p> <p>Wenn man einen Moment nachdenkt, wird einem klar, dass ein solches Flugzeug für den Transport von Passagieren oder auch nur eiligen Waren den Aufwand nicht lohnt. Schon die Concorde hat uns gezeigt, dass kaum jemand bereit ist, die horrenden Betriebskosten zu finanzieren, um in drei statt sechs Stunden über den Atlantik zu kommen. Wer würde noch weit mehr Geld ausgeben, um die Reisezeit von drei Stunden auf eine zu verkürzen? Nein, das einzige denkbare Transportgut für ein Hyperschallflugzeug sind – Sprengköpfe.</p> <p>So wie es aussieht, haben wir also mit dem Hermes-Projekt, ohne es zu ahnen oder beeinflussen zu können, der Entwicklung eines der übelsten Waffensysteme Vorschub geleistet.</p> <p>Was mich persönlich angeht, kann ich mich auf die üblichen Ausreden zurückziehen: Ich hatte nur das wissenschaftliche Interesse im Sinn, eine militärische Nutzung konnte ich mir nicht vorstellen, ich war ein so kleines Rädchen, dass mein Beitrag praktisch vernachlässigbar ist, und wenn ich’s nicht gemacht hätte, dann jemand anders … Stimmt alles, hilft aber nicht viel. Es bleibt die Frage nach der Verantwortung des Wissenschaftlers, die seit Jahrzehnten heftig und bis zum Überdruss diskutiert wird. Antworten waren und sind schwierig.</p> <p>Eine Einzelheit kann einen in diesem Fall vorsichtig optimistisch stimmen. Wegen der großen Hitzeentwicklung hinterlässt jeder Hyperschallflugkörper eine intensive Infrarot-Leuchtspur. Die kann jeder entsprechend ausgerüstete Satellit präzise wahrnehmen und – gerade noch rechtzeitig – Vorwarnungen ausstoßen. Es wäre doch schön, wenn die Militärs aller Lager zu dem Ergebnis kämen, dass es schlicht nicht lohnt, mit dieser – sehr teuren – Entwicklung den Rüstungswettlauf voranzutreiben.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Hyperschall: Numerische Strömungsmechanik auf Abwegen - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Christoph Pöppe</h2><div itemprop="text"> <p>Es ist schon eine ganze Weile her, da wollte die europäische Raumfahrtagentur ESA ein eigenes „Space Shuttle“ bauen: einen Flugkörper, der mit einer Rakete in die Erdumlaufbahn geschossen wird und im Gleitflug zurückkehrt, so dass er mit ausgefahrenen Rädern auf einem gewöhnlichen Flughafen landen kann. Das amerikanische Space Shuttle gab es schon; entsprechend hatten die Europäer wenig Neigung, das Ding einfach nachzumachen, und so viel Geld mochten sie auch nicht ausgeben. Also sollte „Hermes“, so hieß der geplante Flugkörper, nur halb so lang sein wie das Vorbild: 19 statt 38 Meter.</p> <p>Paradoxerweise wird dadurch die Aufgabe deutlich schwerer. Nicht für den Hinweg, im Gegenteil: Man muss weniger Energie aufwenden, um das Gerät aus dem Schwerefeld der Erde auf die gewünschte Flughöhe zu heben. Aber für den Rückweg! Da geht es nämlich darum, die schöne potenzielle Energie wieder loszuwerden, und zwar so, dass man heile unten ankommt. Durch Einleiten der Fallbewegung wird die potenzielle zu kinetischer Energie, und diese wiederum wird durch Reibung an der umgebenden Luft in Wärme umgewandelt. Dabei steigt die Temperatur drastisch an: Ungesteuerte Objekte pflegen zu verglühen, bevor sie die Erdoberfläche erreichen; also muss man den Flugkörper erstens sorgfältig steuern und zweitens mit Hitzeschutzkacheln versehen.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Sevilla_Expo_92-Projecto_ESA-1992_05_05-scaled.jpg"><img alt="Hermes Raumfähre." decoding="async" fetchpriority="high" height="681" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Sevilla_Expo_92-Projecto_ESA-1992_05_05-1024x681.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Sevilla_Expo_92-Projecto_ESA-1992_05_05-1024x681.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Sevilla_Expo_92-Projecto_ESA-1992_05_05-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Sevilla_Expo_92-Projecto_ESA-1992_05_05-768x511.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Sevilla_Expo_92-Projecto_ESA-1992_05_05-1536x1022.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Sevilla_Expo_92-Projecto_ESA-1992_05_05-2048x1362.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Die geplante Hermes Raumfähre der Europäischen Weltraumorganisation (ESA). Bild: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hermes_(Raumf%C3%A4hre)#/media/Datei:Sevilla_Expo_92-Projecto_ESA-1992_05_05.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Wikipedia </a>(<a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY-SA 3.0</a>)</figcaption></figure> </div> <p>Der Wärmeenergieeintrag ist im Wesentlichen proportional zur Oberfläche des Flugkörpers, der Temperaturanstieg dagegen proportional zum Volumen. Verkleinert man das Shuttle um den Faktor 2, so schrumpft die Oberfläche auf ein Viertel und das Volumen auf ein Achtel. Das heißt: Ein halb so großes Gerät wird im Prinzip doppelt so heiß.</p> <p>Für den Hermes musste man sich also entsprechend mehr Mühe geben, insbesondere die Strömung der Luft um den Flugkörper genauer berechnen. Da er mit vielfacher Schallgeschwindigkeit in die Atmosphäre eintritt, bildet sich eine Stoßfront aus stark verdichteter und erhitzter Luft; die darf unter keinen Umständen irgendeine Stelle der Oberfläche treffen. Obendrein werden durch die extremen Temperaturen die Moleküle der Luft selbst so heftig geschüttelt, dass sie zerbrechen. Erst der Sauerstoff, dann der fester gebundene Stickstoff – eigentlich ein erwünschter Effekt, denn das Aufbrechen der chemischen Bindung verzehrt Energie und wirkt daher in der Tendenz kühlend. Bis sich die Einzelatome wieder zu Molekülen zusammenfinden und dabei aufheizen, sind sie längst nach hinten weggeflogen.</p> <p>Aber durch die Aufspaltung verändert sich das Verhalten der Luft, weil nun auf einmal doppelt so viele Moleküle ungebunden herumfliegen. Das muss man in der numerischen Simulation berücksichtigen. Und die war damals, am Interdisziplinären Zentrum für Wissenschaftliches Rechnen der Universität Heidelberg, mein Job.<aside></aside></p> <p>Nein, keine Sorge. Natürlich vertraut man eine zentrale Aufgabe in einem Milliardenprojekt nicht einfach so einem kleinen wissenschaftlichen Angestellten an. Die französische Firma Dassault, die das Ding bauen sollte, hatte vorgearbeitet und dabei schon eine äußere Form für das Gerät gefunden. Da aber für ein europäisches Projekt stets Partner aus mehreren Ländern beteiligt sein müssen, hatten sie nichts dagegen, wenn die Deutschen die Sache noch einmal unabhängig nachrechneten.</p> <p>Außerdem hatten wir etwas, das die Franzosen nicht hatten: die Forschungen des Physikers Jürgen Warnatz. Der hatte die Kunst, komplexe chemische Reaktionen wie vor allem Verbrennung in lauter Einzelreaktionen zu zerlegen, zu neuen Höhen getrieben: praktisch, indem er die flüchtigen Zwischenprodukte präzise zu messen verstand, und theoretisch, indem er für jede Einzelreaktion die temperaturabhängige Reaktionskonstante ermittelte. So konnte er auch angeben, wie rasch die oben angesprochene Dissoziation der Luftmoleküle stattfinden würde, und zwar unter Druck- und Temperaturverhältnissen, wie sie zwar in der Umgebung des „Hermes“ herrschen würden, aber in einem irdischen Labor praktisch nicht erzeugbar waren.</p> <p>Die Sache mit der Stoßfront stellte, auch ohne den Dissoziationseffekt, die numerische Mathematik vor Probleme, die damals noch nicht zufriedenstellend gelöst waren. Es geht darum, partielle Differentialgleichungen zu lösen, zum Beispiel die <a data-id="https://scilogs.spektrum.de/hlf/die-widerspenstige-navier-stokes-gleichung/" data-type="link" href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/die-widerspenstige-navier-stokes-gleichung/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Navier-Stokes-Gleichung</a>, die sich bereits einer theoretischen Durchdringung hartnäckig widersetzt. Üblicherweise überzieht man das Rechengebiet mit einem Gitter aus Punkten und begnügt sich, die Werte der gesuchten Funktionen – Strömungsgeschwindigkeit, Dichte und Temperatur der Luft und so weiter – in diesen Gitterpunkten zu bestimmen. (Das Rechengebiet ist der Flugkörper samt Umgebung, den man sich als ruhend vorstellt, während er von einer Seite durch Luft mit hoher Geschwindigkeit angeblasen wird.) Da die beteiligten Funktionen stetig und sogar differenzierbar sind, kann man erwarten, dass sich zwischen den Gitterpunkten nicht allzu viel Überraschendes abspielt, so dass die Werte in den Gitterpunkten, so diese hinreichend dicht liegen, das Wesentliche erfassen.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/ContourPlot-scaled.png"><img alt="Graphische Darstellung einer Berechnung der Luftumgebung um den Raumkörper uas dem Jahr 1989." decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/ContourPlot-1024x683.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/ContourPlot-1024x683.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/ContourPlot-300x200.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/ContourPlot-768x512.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/ContourPlot-1536x1024.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/ContourPlot-2048x1365.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Ein Blick in meine – sehr spärlichen – Unterlagen vom März 1989 wirkt wie eine Übung in Steinzeitarchäologie. Ich arbeitete an einer Workstation – damals Spitze der Technik –, aber es gab noch keine Anwendungen, um aus dem, was sie anzeigte, eine Bilddatei zu machen. Also habe ich zur Gedächtnisstütze den Bildschirm mit einer gewöhnlichen Kamera abfotografiert. Das Bild zeigt den Zustand (ich weiß nicht mehr, welchen) der simulierten Luft in der Umgebung der Nase des Flugkörpers (untere Randkurve); das Bild muss man sich spiegelbildlich nach unten fortgesetzt denken. Die obere Randkurve ist die – willkürlich gewählte – Grenze des Rechengebiets. Gezeigt sind Konturlinien („Höhenlinien“): Schwarz sind die Punkte, an denen die Zustandsgröße ungefähr einen – sagen wir – ganzzahligen Wert annimmt. Die Anströmgeschwindigkeit ist noch gering; immerhin sieht man eine Stoßfront sich bilden (dicht beieinander liegende Konturlinien zeigen große Änderungen auf kleinem Raum an). Bild: Pöppe</figcaption></figure> </div> <p>Diese Vorstellung bricht zusammen, sowie eine Stoßfront entsteht. An ihr ändern sich nämlich die Funktionswerte so plötzlich, dass ihre Beschreibung durch stetige Funktionen unbrauchbar wird. An die Stelle der Navier-Stokes-Gleichung tritt ihre hässliche Schwester, die Euler-Gleichung. Deren Lösungen können, auch in der Theorie, Stoßfronten entwickeln: Stellen, an denen die Funktion plötzlich von einem Wert „links“ zu einem anderen Wert „rechts“ springt. Dort ist auch die Differentialgleichung nicht mehr gültig – kein Wunder, man kann die Funktion an dieser Stelle nicht differenzieren –, und es sind Zusatzannahmen erforderlich, um die Physik auch dort noch korrekt zu beschreiben.</p> <p>Für die Numerik bedeutet das, das Gitter um zusätzliche Punkte zu erweitern, deren Position im Gegensatz zu der der anderen Gitterpunkte variabel ist. Und zwar legt das Programm diese Punkte genau in die Stoßfront, und die Funktion hat dort zwei Werte, einen linken und einen rechten. Die Position dieser Punkte zählt also zu den Unbekannten in dem ganzen Gleichungssystem; man weiß ja nicht im Voraus, wo die Stoßfront liegen wird. Das macht die Sache so kompliziert, dass ich mich gezwungen sah, die Standardtheorie für diesen Fall neu zu überdenken.</p> <p>Mit diesem Problem war ich noch zugange, als ich im Frühjahr 1989 von der Wissenschaft in den Journalismus wechselte. Wenige Monate später wurde das Projekt „Hermes“ zunächst auf Halde gelegt und ein paar Jahre später endgültig beerdigt. Unter den veränderten Verhältnissen seit dem Fall der Mauer und dem Ende der Sowjetunion kam man zu der Erkenntnis, dass der Erfolg den Aufwand nicht rechtfertigen würde (was er vermutlich nie getan hat).</p> <p>Wieso erzähle ich ausgerechnet jetzt diese alte Geschichte? Weil ich kürzlich auf einen <a data-id="https://www.ingenieur.de/technik/fachbereiche/raumfahrt/die-physik-hinter-hyperschallwaffen-wenn-luft-zu-plasma-wird/" data-type="link" href="https://www.ingenieur.de/technik/fachbereiche/raumfahrt/die-physik-hinter-hyperschallwaffen-wenn-luft-zu-plasma-wird/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Artikel in der Zeitschrift „Der Ingenieur“</a> gestoßen bin. Demnach arbeiten Staaten wie Russland, China und die USA an der Entwicklung von Hyperschallwaffen; das sind solche, die die fünffache Schallgeschwindigkeit oder mehr erreichen.</p> <p>Da kommen mit Macht die Argumente wieder hoch, die wir noch aus der Nachrüstungsdebatte der 1980er Jahre kennen. Eine Hyperschallwaffe taugt offensichtlich nicht zur Verteidigung, sondern nur zum Angriff. Sie destabilisiert das Gleichgewicht des Schreckens, weil sie die Verteidigungsmittel der Gegenseite unwirksam macht oder zumindest deren Vorwarnzeit auf wenige Minuten verkürzt. Ein Staat, der Anlass hat, einen Angriff durch Hyperschallwaffen zu fürchten, wird sich beeilen, in der technischen Entwicklung nachzuziehen – nicht um einen solchen Angriff abzuwehren, was praktisch unmöglich wäre, sondern um mit gleichen Mitteln zurückzuschlagen oder zumindest damit zu drohen. Schlimmstenfalls würde er sich zu einem Präventivschlag genötigt sehen.</p> <p>Die technischen Probleme, die der Artikel aufzählt, waren für mich alles alte Bekannte! Es gibt eine Stoßfront, die Luft erhitzt sich auf mehrere tausend Grad, sie zerfällt in Einzelatome oder auch Ionen, was die Kommunikation über Funk unmöglich macht, und die hohen Geschwindigkeiten machen eine Steuerung extrem schwierig. An der Lösung dieser und ähnlicher Probleme haben die Hermes-Leute gearbeitet.</p> <p>Da kommen mir diverse Treffen in den Sinn, auf denen sich die Beteiligten an dem Projekt über ihre Fortschritte austauschten. Es waren auch amerikanische Kollegen dabei; die brachten für das Hermes-Projekt nur sehr begrenztes Interesse auf, schließlich ging es um Probleme, die sie mit ihrem Space Shuttle längst gelöst hatten. Stattdessen erzählten sie lieber von ihrem aktuellen Projekt: einem Triebwerk, das auch bei Hyperschallgeschwindigkeit noch funktioniert. Es ist paradox: Das Triebwerk muss die einströmende Luft zunächst abbremsen, damit sie überhaupt Zeit hat, den Kraftstoff zu verbrennen, und daraufhin die Abgase mit noch höherer Geschwindigkeit nach hinten ausstoßen – alles nicht einfach. (Man verwendet wieder ein Koordinatensystem, in dem der Flugkörper ruht.)</p> <p>Wenn man einen Moment nachdenkt, wird einem klar, dass ein solches Flugzeug für den Transport von Passagieren oder auch nur eiligen Waren den Aufwand nicht lohnt. Schon die Concorde hat uns gezeigt, dass kaum jemand bereit ist, die horrenden Betriebskosten zu finanzieren, um in drei statt sechs Stunden über den Atlantik zu kommen. Wer würde noch weit mehr Geld ausgeben, um die Reisezeit von drei Stunden auf eine zu verkürzen? Nein, das einzige denkbare Transportgut für ein Hyperschallflugzeug sind – Sprengköpfe.</p> <p>So wie es aussieht, haben wir also mit dem Hermes-Projekt, ohne es zu ahnen oder beeinflussen zu können, der Entwicklung eines der übelsten Waffensysteme Vorschub geleistet.</p> <p>Was mich persönlich angeht, kann ich mich auf die üblichen Ausreden zurückziehen: Ich hatte nur das wissenschaftliche Interesse im Sinn, eine militärische Nutzung konnte ich mir nicht vorstellen, ich war ein so kleines Rädchen, dass mein Beitrag praktisch vernachlässigbar ist, und wenn ich’s nicht gemacht hätte, dann jemand anders … Stimmt alles, hilft aber nicht viel. Es bleibt die Frage nach der Verantwortung des Wissenschaftlers, die seit Jahrzehnten heftig und bis zum Überdruss diskutiert wird. Antworten waren und sind schwierig.</p> <p>Eine Einzelheit kann einen in diesem Fall vorsichtig optimistisch stimmen. Wegen der großen Hitzeentwicklung hinterlässt jeder Hyperschallflugkörper eine intensive Infrarot-Leuchtspur. Die kann jeder entsprechend ausgerüstete Satellit präzise wahrnehmen und – gerade noch rechtzeitig – Vorwarnungen ausstoßen. Es wäre doch schön, wenn die Militärs aller Lager zu dem Ergebnis kämen, dass es schlicht nicht lohnt, mit dieser – sehr teuren – Entwicklung den Rüstungswettlauf voranzutreiben.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/hyperschall-numerische-stromungsmechanik-auf-abwegen/#comments 14 Der Buckelwal in der Ostsee – der nächste Akt des Wal-Dramas https://scilogs.spektrum.de/meertext/der-buckelwal-in-der-ostsee-der-naechste-akt-des-wal-dramas/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/der-buckelwal-in-der-ostsee-der-naechste-akt-des-wal-dramas/#comments Tue, 21 Apr 2026 14:43:54 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1964 <h1>Der Buckelwal in der Ostsee - der nächste Akt des Wal-Dramas » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Der seit Ende März wiederholt auf Sandbänken in der Ostsee gestrandete Buckelwal hatte eine große Rettungsaktion ausgelöst: Wal-ExpertInnen von ITAW (Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung), dem Deutschen Meeresmuseum und Greenpeace sowie andere hatten sich bemüht, den gestrandeten Meeressäuger wieder freizubekommen. Das um 11 Meter lange halbwüchsige Männchen hatte sich aus dem Nordatlantik bzw. der Nordsee kommend in die Ostsee verirrt. Dort hatte er sich in Fischereigerät verheddert und war schließlich gestrandet.</p> <h2><strong>Warum geht es dem Wal nicht gut?</strong></h2> <p>– ein fitter, gesunder Wal strandet äußerst selten – <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/feature-story/experts-euthanize-oregon-humpback-whale-after-unsuccessful-attempt-free-it-beach" rel="noopener">meist sind Schwäche, Krankheit oder Verletzungen der Grund</a><br></br>– aufgrund des schwachen Salzgehalts in der Ostsee muss ein Wal hier viel mehr Schwimmleistung aufbringen<br></br>– der <a href="https://www.mdpi.com/2673-5636/1/1/5" rel="noopener">schwache Salzgehalt wirkt sich auch negativ auf seine Physiologie</a> und die Haut aus<br></br>– außerhalb des Wassers <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/feature-story/experts-euthanize-oregon-humpback-whale-after-unsuccessful-attempt-free-it-beach" rel="noopener">wächst der Druck der Luft auf seine inneren Organe an, er bekommt Atmungs- und Kreislauf-Probleme</a><br></br>– dieser Wal hatte sich in Fischereigeschirr verheddert, dies konnte nur teilweise entfernt werden<br></br>– er hat an der Seite zumindest eine weitere Fleischwunde durch einen Schiffspropeller<br></br>– mittlerweile hat er seit Wochen nichts gefressen<br></br>– da sein Rücken aus dem Wasser ragt, ist seine Haut mittlerweile erheblich geschädigt<br></br>– die Strandung und die Nähe der Menschen bedeuten für einen Ozeanbewohner viel Stress</p> <p><a href="https://www.sueddeutsche.de/wissen/gestrandeter-buckelwal-ostsee-rettung-timmy-experten-li.3468869" rel="noopener">Für Großwalstrandungen in deutschen Gewässern gibt es noch keine</a> detaillierten Protokolle wie in den USA, Kanada oder Groß-Britannien, da sie bei uns äußerst selten vorkommen.<br></br>Nach Konsultationen anderer europäischer Walstrandungs-Netzwerke wie den British Divers – Marine Life Rescue (<a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/update-buckelwal-strandung-in-der-wismar-bucht/#comments">hier ist ihr Statement dazu</a>), der Internationalen Walfang-Kommission, die seit den 1980-er Jahren eine Walschutz-Organisation ist (<a href="https://iwc.int/resources/news/iwc-strandings-expert-panel-statement-on-humpback-whale-baltic-sea-germany" rel="noopener">hier das IWC-Statement zum Ostsee-Buckelwal</a>) und anderen Institutionen kamen ITAW und DMM zu ihrem Gutachten und ihrer Einschätzung.<br></br>Solche Expert:innen in Deutschland und anderswo forschen und publizieren ihre Erkenntnisse und Erfahrungen. Ihre Ergebnisse und Handlungen müssen sie vor anderen Forschenden begründen. Auf der Basis solchen Austausches auch auf Wal-Konferenzen und Workshops entstehen Handlungs-Leitfäden etwa für die Strandung lebender Wale. Dann werden auch weitere Personen wie etwa Taucher:innen oder andere mit einbezogen und sie arbeiten alle gemeinsam an Walstrandungen.</p> <p>Mehrere Tage versuchte das Team den Wal mit verschiedenen Methoden wieder zum Schwimmen zu bringen <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/update-buckelwal-strandung-in-der-wismar-bucht/">(Refloating). Letztendlich vergeblich</a>. Sein Überleben ist unwahrscheinlich.</p> <p>So zogen sich die deutschen Biolog:innen, Tierärzt:innen und anderen Helfenden schließlich zurück, um den Meeressäuger nicht noch weiter zu stressen.<br></br>Selbst ausgewiesene Walschutz-Organisationen wie <a href="https://www.greenpeace.de/biodiversitaet/meere/meeresschutz/irrwegen" rel="noopener">Greenpeace</a>, <a href="https://www.sueddeutsche.de/wissen/gestrandeter-buckelwal-ostsee-rettung-timmy-experten-li.3468869" rel="noopener">Sea Shephard oder Whale and Dolphin Conservation (WDC)</a> halten die Rettung des Buckelwals längst für aussichtslos.<aside></aside></p> <h2><strong>Wäre eine Euthanasie möglich?</strong></h2> <p>Auch die Euthanasie des Buckelwals wurde diskutiert.</p> <p>Grundsätzlich ziehen Tierärzt:innen Euthanasie in Erwägung</p> <ul> <li>bei schweren Verletzungen</li> <li>schlechtem Gesundheitszustand (abgemagert, …)</li> <li>wenn ein Wal zu lange auf dem Trocknen liegt – nach <a href="https://bdmlr.org.uk/statement-stranded-humpback-whale-in-germany" rel="noopener">24 Stunden</a> (British Divers) bzw nach <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/west-coast/marine-life-distress/frequent-questions-live-large-whale-strandings-west-coast" rel="noopener">1 – 2 Tidenzyklen</a> (NOAA)</li> </ul> <p>Die British Divers – Marine Life Rescue schreiben in ihrem <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/update-buckelwal-strandung-in-der-wismar-bucht/#comments">Statement dazu</a>:</p> <ul> <li>Euthanasie kommt vor allem bei kleinen und mittelgroßen Walen in Betracht</li> <li>in UK werden zurzeit chemische (tödliche Injektion) oder ballistische (Hochleistungsgewehr) Verfahren angewendet</li> <li>die schiere Größe des Tieres ist ab einem bestimmten Punkt ein limitierender Faktor – für beide Methoden</li> </ul> <p>Die sehr erfahrenen Strandungs-Experten der NOAA (USA) schreiben dazu:</p> <ul> <li>es gibt <a href="https://library.oarcloud.noaa.gov/noaa_documents.lib/NMFS/OfcProtectedResources/MMHSRP/Marine_Mammal_Euthanasia_Best_Practices.pdf" rel="noopener">verschiedene chemische und physische Methoden:</a><br></br>Chemisch: Injektionen oder Inhalation<br></br>Physisch: ballistische Methoden</li> <li>die <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/marine-life-distress/frequent-questions-marine-mammal-euthanasia" rel="noopener">humanste Methode ist:<br></br>„Dem Wal wird</a> zunächst eine hohe Dosis eines starken Beruhigungsmittels und eines Analgetikums (Schmerzmittel) verabreicht, bevor ihm die Dosis Kaliumchlorid verabreicht wird, um das Herz zum Stillstand zu bringen. Die ersten Dosen werden mit langen, dünnen Nadeln verabreicht, die kaum Schmerzen verursachen, ähnlich wie bei einer Impfung. Das Kaliumchlorid wird dann über eine große intrakardiale Nadel verabreicht, die bis zum Herzen reicht.“</li> <li>Ein Erschießen des Wals durch ein großes Kaliber muss mit einem Schuß ins Hirn treffen und töten.<br></br>Bei größeren Walen können die Größe und Dichte ihres Schädels das Eindringen der Kugel behindern</li> </ul> <p>Alle Stranding Networks weisen darauf hin, dass solch sehr nahe Arbeit an einem lebenden größeren Wal vor allem durch Bewegungen der Brust- und Schwanzflossen-Bewegungen die menschlichen Helfenden gefährdet.</p> <p>An einem so großen Tier wie dem in der Ostsee gestrandeten Buckelwal, der sich bei Annäherung von Menschen immer wieder bewegt, wäre der Versuch der Euthanasie wirklich gefährlich und sicherlich auch sehr schwierig. In diesem Fall kam die Euthanasie also aufgrund der Größe des Wals und seiner Strandung auf der Sandbank nicht in Frage.</p> <h2><strong>Wal-Kampf</strong></h2> <p>Jetzt ist um den Buckelwal ein wütender Kampf entbrannt:<br></br>bÖhZe Biolog:innen und Tierärzt:innen sollen den Wal aufgegeben haben, weil sie sein Skelett im Museum ausstellen und den Rest des Körpers zu Biodiesel verarbeiten wollten. Eine Gegenbewegung – offenbar ein Ableger des US- StrandedNoMore-Netzwerks gründete sich und erhob in einem gewaltigen Manifest schwerwiegende Anklagen.<br></br>Dazu kamen die Initiative einer Hauruck-Rettungsaktion von Mediamarkt-Gründer Walter Gunz und Karin Walter-Mommert, einer Unternehmerin im Pferdesport, die allerdings auch ins Leere verlief: Stattdessen <a href="https://www.sueddeutsche.de/panorama/wal-timmy-ostsee-schwimmt-frei-li.3470709" rel="noopener">löste sich der Wal am 20.04. morgens</a> von seiner Sandbank und schwamm selbst ein wenig – um dann nach einigen Kilometern wieder zu verharren. Einige Boote wollten ihn geleiten, was aber nicht klappte.</p> <p>So ist der bedauernswerte Wal längst vom gestrandeten Meeressäuger zu einer Projektionsfläche für die erbitterte Auseinandersetzung um die Deutungshoheit der Strandung, Motive von Walforschenden und Walschutz geworden. Und darum, wer denn nun Expert:in ist und für einen Buckelwal sprechen und entscheiden darf.</p> <p>Warum ich die Leute von ITAW, DMM und andere genannte für kompetent halte, habe ich oben schon erklärt.</p> <p>Das Grüppchen um Gunz und Walter-Mommert ist bunt gemischt und hat offenbar sehr unterschiedliche Vorstellungen: Eine Tierärztin aus Hawaii scheint Wal-Kompetenzen zu haben, ist aber nach einem Tag schon wieder wütend abgereist. Andere Beteiligte scheinen mehr an Selfies und ihren Social Media-Posts interessiert zu sein.<br></br><a href="https://www.nordkurier.de/regional/nordwestmecklenburg/als-ob-sie-wollten-dass-alles-schief-geht-amerikanische-arztin-rechnet-mit-wal-rettungsaktion-ab-4517063" rel="noopener">Es scheint keinerlei Einigkeit oder Idee zu geben, wie man den Wal, der offenbar verwirrt hin- und her schwimmt,</a> nun wirklich helfen könnte. <a href="https://www.nordkurier.de/regional/nordwestmecklenburg/als-ob-sie-wollten-dass-alles-schief-geht-amerikanische-arztin-rechnet-mit-wal-rettungsaktion-ab-4517063" rel="noopener">Der Bericht im Nordkurier erweckt</a> den Anschein, als ob die meisten Beteiligten eine Wal-Show abziehen, ohne Sinn und Verstand.<p>Aber wie steht es um die Expertise von <a href="https://strandednomore.org/" rel="noopener">StrandedNoMore</a> und <a href="https://strandednomore.org/wp-content/uploads/2026/04/SNM_Oeffentliche_Stellungnahme_Antwort_auf_DMM_ITAW_Gutachten_11042026_DE.pdf" rel="noopener">das Manifest des deutschen Ablegers?</a></p></p> <h2><strong>StrandedNoMore</strong></h2> <p>Zunächst fällt mir an der StrandedNoMore-Website auf, dass weder ein Impressum (im deutschen Internet herrscht Impressumspflicht) noch Personen genannt sind. Stattdessen handelt es sich um eine anonyme WatchDog-Group.<p>Ich habe mal etwas in deren Reports und Statistiken gestöbert. Da fällt mir zunächst auf, dass <a href="https://strandednomore.org/denmark-mass-stranding-sperm-whales/" rel="noopener">die Pottwal-Strandungen an den dänischen Küsten im Februar 2026</a> als „failed“ und „abandoned“ mit blutrünstiger Graphik plakatiert werden. Ich interpretiere das als Anklage gegen die bösen Wissenschaftler:innen, die keine Rettung versuchten.</p><br></br>Das zeugt von absolut fehlender Sachkenntnis zu Pottwalstrandungen in der Nordsee – diese tieftauchenden verirrten Meeresriesen sind leider verloren. Warum, hatte ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/pottwal-massenstrandung-im-humber-aestuar-england/">hier anhand der 2024-er Massenstrandung an englischen Küsten erklärt.</a><br></br>Diese Strandungen sind seit Jahrhunderten dokumentiert und gut untersucht – wer diese Fakten nicht kennt, braucht mir nichts über Wale zu erzählen.<br></br>Weiter fällt auf, dass unter den Dokumentationen nur wenige Fälle willkürlich herausgegriffen sind.<p>Unter Statistiken finden sich dann wenig aussagekräftige Zahlen von Strandungen, den wieder ins Meer gebrachten, verstorbenen und euthanasierten Walen. Auch hier stehen wieder willkürlich herausgegriffene Zahlen ohne Quellenangaben und Sachverstand: So soll etwa das Tansanische Fischerei- und Umweltministerium weit mehr Wale wieder refloated haben, als neuseeländische und australische Organisationen. Das kann nicht stimmen. In <a href="https://www.dbca.wa.gov.au/node/12195" rel="noopener">Australien und Neuseeland stranden jährlich sehr viele vor allem Grindwale,</a> aber auch andere kleinere Zahnwale – <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/massenstrandungen-von-grindwalen/">mehr dazu hatte ich hier geschrieben.</a> Und von diesen vermutlich verirrten Tieren werden durch <a href="https://www.dbca.wa.gov.au/node/12195" rel="noopener">gut ausgebildete Stranding Networks meist sehr viele wieder refloated.</a></p><p>Einer der wichtigsten Grundsätze bei Walstrandungen ist:</p><br></br>– Jede Art, in jeder Region strandet aus unterschiedlichen Gründen.<br></br>– <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/feature-story/2024-report-marine-mammal-strandings-united-states" rel="noopener">Wale stranden selten in gutem Gesundheitszustand</a> (da sind Grindwale die Ausnahme).<br></br>Wer Strandungen nicht differenziert betrachtet, hat keine Wal-Expertise.<br></br>Darum halte ich StrandedNoMore für unglaubwürdig.</p> <p><strong>Hat die deutsche STRANDED NO MORE-Gruppe Wal-Ahnung?<br></br></strong>Die Öffentliche Stellungnahme als Antwort auf das DMM/ITAW-Gutachten vom 7. April 2026 liest sich nach einer geharnischten Anklageschrift.<p>Sie startet unter 1. mit direkten Beschuldigungen namentlich genannter Wissenschaftler:innen (das hat für mich ein Geschmäckle von rechtspopulistischer Taktik – indem einzelnen Wissenschaftler:innen angegriffen werden, sollen sie eingeschüchtert, an den Pranger gestellt und mundtot gemacht werden. In diesem Fall kam es sogar bis zu Morddrohungen.).</p></p> <p>Unter 2. werden dann Publikationen angeführt, die angeblich die ITAW und DMM angeblich ignoriert haben.<br></br>Hier werden z B US-amerikanische (NOAA) und australische/neuseeländische Strandungs-Leitfäden zitiert.<br></br>Allerdings hat StrandedNoMore diese entweder nicht ganz gelesen oder nicht verstanden.<p>NOAA schreibt nämlich, dass <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/west-coast/marine-life-distress/frequent-questions-live-large-whale-strandings-west-coast#how-common-is-it-for-a-large-whale-to-strand-alive" rel="noopener">größere Wale grundsätzlich nur sehr selten refloated</a> werden können. Gerade das Zurückziehen ins Wasser am Schwanz sei oft sehr kritisch, weil es den Wal schwer verletzt.</p><p>Unter 3. unterstellt StrandedNoMore den beteiligten Wissenschaftler:innen „Unvertrautheit mit Walanatomie und den Mechanismen der Buckelwal-Verfangung“. StrandedNoMore belegt damit eindrucksvoll, selbst nicht einmal mit dem entsprechenden Vokabular vertraut zu: „Verfangung“ ist ungewöhnlich, „mystizete Filtrierer“ dann gar eine Neuerfindung. Der deutsche Begriff für diese Wale ist „Bartenwal“, der wissenschaftliche Mysticeti. Das liest sich für mich wie Geschreibsel von jemandem, der versucht, sich besonders gebildet auszudrücken und dabei Schiffbruch erleidet.</p><p>Vielleicht ist es fies von mir, mich über sprachliche Defizite lustig zu machen.</p><br></br>Aber gerade dieser Absatz zeigt besonders deutlich, dass die deutschen Walrettungs-Extremisten wenig Wal-Expertise haben und auch mit der Literatur absolut nicht vertraut sind: Die Behauptung „Sie [die Bartenwale] verschlingen massive Mengen von beutereichem Wasser durch eine sich ausdehnende ventrale Kehltasche […]“ ist einfach falsch. Bartenwale nehmen mit dem sich durch Furchen erweiternden Kehlsack (!) eine große Menge Wasser voller Beute auf. Dann pressen sie mit der Zunge das Wasser durch die Barten hinaus (das ist korrekt) und schlucken die im Maul verbliebene Beute. Das hätte man selbst aus Kinderbüchern besser abschreiben können.</p> <p>Die Ausführungen zur „Entfangungsarbeit“ und „Maulverfangung“ werden dann nicht besser. Möglicherweise ist das mit einer halluzinierenden KI-Übersetzung irgendwie aus dem amerikanischen Original passiert. Mir tut es beim Lesen weh.<p>Unter 4. geht es zum Refloating.</p><br></br>Ja, manchmal hat es auch schon bei größeren Walen geklappt. In Ausnahmefällen.<br></br>Vor allem bei kleineren Walen gerade an australischen/neuseeländischen Küsten klappt es. Aber einen maximal 5 Meter langen frisch gestrandeten, gesunden Grindwal kann man nicht mit einem doppelt so langen, bereits schwer gestressten und geschwächten wesentlich schwereren Buckelwal vergleichen.</p> <p>In sehr <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/west-coast/marine-life-distress/frequent-questions-live-large-whale-strandings-west-coast" rel="noopener">seltenen Ausnahmefällen gelingt das Refloating auch größerer Wale. Allerdings hat das vor allem in den ersten Tagen nach der Strandung Aussicht auf Erfolg.</a><br></br>Bei einem geschwächten, gestressten Tier besteht kaum Aussicht auf dessen Überleben.</p> <p>Dann relativiert StrandingNoMore die äußeren Verletzungen und den Zustand des gestrandeten Wals. Dass dieser Meeressäuger neben den sichtbaren Verletzungen extrem geschwächt und gestresst ist, lassen sie unerwähnt.<br></br>Stattdessen versuchen sie sich in Cherrypicking und führen Literaturstellen und einzelne Strandungsberichte an.<br></br>Ziemlich inkompetent wirkt auch die Anführung der Publikation von Robbins, J. (2025) „Apparent survival of North Atlantic right whales after entanglement in fishing gear<strong>“</strong> im Literaturverzeichnis: Erstens beziehen sich diese erfolgreichen Walrettungen auf die Befreiung von in Fischereileinen verhedderter Glattwale. Diese Tiere waren aber nicht gestrandet – ihre Situation mit dem Ostsee-Buckelwal ist überhaupt nicht vergleichbar.<br></br>Zweitens ist die Quellenangabe schlecht ins Deutsche übersetzt, so dass ich sie gar nicht gleich fand.</p> <p>Gleichzeitig fordert StrandingNoMore eine volle klinische Untersuchung des gestrandeten Wals inklusive Blut-, Haut-, Urin- und anderen Proben sowie anderer Untersuchungen. Echt jetzt? An einem so großen Tier im Wasser, das seinen tonnenschweren Körper bewegt und mit den Flossen schlägt? Blut wird klassischerweise aus der Schwanzvene abgenommen – bei bewegungslos gestrandeten oder trainierten Walen geht das – aber hier? Realitätsfremd.</p> <p>Ich breche die Analyse an dieser Stelle ab, es dürfte deutlich geworden sein, dass StrandingNoMore wenig kompetent ist.</p> <p>Dass StrandedNoMore dann noch die beteiligten Institutionen und Organisationen als Kartell bezeichnet und ihnen zum Schluß mit wilden Beschuldigungen unterstellt, dass sie dem Wal absichtlich weitere Hilfe verwehren, driftet tatsächlich in Verschwörungsmythen ab.<br></br>Dann schwingt sich StrandedNoMore zum Anwalt des leidenden Meeressäugers auf und verlangt eine Überprüfung durch unabhängige Stellen.<br></br>Dass die Beurteilung des Gesundheitszustands des Ostseebuckelwals und die schlechten Erfolgsaussichten für seine Rettung von englischen Strandungs-NGOs, der IWC und WDC-Wal-Expert:innen übereinstimmt, haben die StrandingNoMore-Leute ausgeblendet. Gerade WDC ist eine ausgewiesene Walschutz-NGO – unabhängiger geht es nicht.</p> <h2><strong>Fazit</strong></h2> <p>Über das StrandingNoMore-Pamphlet kann ich nur den Kopf schütteln.<br></br>Ihre Wal-Kompetenz bewegt sich im sehr überschaubaren Bereich, die wüsten Vorwürfe sind haltlos.<br></br>Kein/e Wissenschaftler:in ist am Tod eines Meeressäugers interessiert.<br></br>Jede/r Wal-Expert:in wird alles für das Überleben der wunderbaren Meeressäuger geben.<br></br>Mir geht das Leiden des Buckelwals wirklich nahe. Aber ich weiß, dass er seit seiner Strandung auf der Sandbank eigentlich keine Chance mehr hatte.</p> <p>Mein Kopfschütteln erstreckt sich auch auf den populistischen „Rettungsversuch“ der Mediamarkt-Gründer Walter Gunz und Karin Walter-Mommert, einer Unternehmerin im Pferdesport. Nach ihrer Hauruck-Aktion sind sie jedenfalls ganz schnell abgetaucht.<br></br>Dass Umweltminister Till Backhaus sie hat gewähren lassen, ist mir unverständlich.</p> <p>Mittlerweile entwickeln sich in der Walhelfergruppe Konflikte und Personalausfall:<br></br>Der Nordkurier berichtet detailliert darüber, z B<a href="https://www.nordkurier.de/regional/nordwestmecklenburg/hilfe-fuer-den-wal-koennte-nun-ein-problem-fuer-das-tier-werden-4517063" rel="noopener">hier</a> und <a href="https://www.nordkurier.de/regional/mecklenburg-vorpommern/teammitglieder-verlassen-wal-rettungsinitiative-4519332" rel="noopener">hier.</a><br></br>Außerdem ist die amerikanische Tierärztin Jenna Wallace wutentbrannt abgereist und wirft dem restlichen Team Inkompetenz vor. Im <a href="https://www.nordkurier.de/regional/nordwestmecklenburg/hilfe-fuer-den-wal-koennte-nun-ein-problem-fuer-das-tier-werden-4517063" rel="noopener">Interview erzählt sie,</a> wie sich spirituell Erleuchtete und Social Media-Influencer in den Vordergrund drängen und die Arbeit mit dem Wal offenbar sogar behindern, um gute Selfies zu bekommen – ich kann das nicht verifizieren. Hört sich für mich allerdings glaubhaft an macht mich sehr wütend. Das ist nicht im Interesse des Wals – jemand sollte als Koordinator „den Hut aufhaben“ und solche Leute ggf. aus der Aktion rauswerfen. Jenna Wallace scheint als Veterinärin mit Walen gearbeitet zu haben, ich kann ihre Kompetenz allerdings nicht verifizieren. Sie scheint zu keinem aktuellen Stranding Network oder einer ähnlichen Organisation zu gehören. <br></br>Falls dieser Wal noch eine Chance haben sollte, wäre es gut, die Selbstdarsteller aus der Gruppe zu werfen. Jede unnötige menschliche Interaktion stresst den Wal.<p>Aber manchmal gelingt es nicht, ein Individuum zu retten.</p><br></br>Das ist bitter und führt zumindest bei mir zu tiefer Trauer.<br></br>Dann sollten wir unsere Anstrengungen auf den Artenschutz richten – etwa auf die Schweinswale in der Ostsee. Ihnen und anderen Walen in anderen Ozeanen ist am besten durch umfassenden Meeres- und Klimaschutz geholfen. Lasst uns daran arbeiten!<p>Gestern habe ich der Stern-Reporterin Miriam Hollstein Interview zum Buckelwal gegeben: <a href="https://www.stern.de/digital/smartphones/kann-wal-timmy-noch-ueberleben--das-sagt-eine-meeresbiologin-37326634.html" rel="noopener">„Kann Timmy noch überleben?“</a></p><br></br>Danach habe ich mich entschlossen, auch hier noch mal die neuen Entwicklungen einzuordnen.<p><strong>PS:</strong> Nachdem jetzt nach dem Stern-Interview nun per Mail die ersten Beleidigungen eintreffen:</p><br></br>Nein, es ist mir nicht egal, wenn ein Buckelwal stirbt.<br></br>Nein, ich werde nicht gemeinsam wie Greenpeace, das Meeresmuseum und andere von dunklen Mächten im Hintergrund bezahlt, um den Buckelwal sterben zu sehen. <br></br>Sachliche Zuschriften beantworte ich wie immer gern, Beleidigungen und Verschwörungsfantasien jedoch nicht. </p> <p><strong>PS 2:</strong> Jenna Wallace hat vielleicht vorher schon mal einen Wal gesehen – aber von ihr stammt die krude <a href="https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-04/rettung-wal-timmy-ostsee-rechtsextreme-verschwoerungen" rel="noopener">Verschwörungserzählung, dass die bÖhZen Wissenschaftler den Wal tot sehen wollen, </a>um sein Skelett im Museum auszustellen. Auweia.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Der Buckelwal in der Ostsee - der nächste Akt des Wal-Dramas » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Der seit Ende März wiederholt auf Sandbänken in der Ostsee gestrandete Buckelwal hatte eine große Rettungsaktion ausgelöst: Wal-ExpertInnen von ITAW (Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung), dem Deutschen Meeresmuseum und Greenpeace sowie andere hatten sich bemüht, den gestrandeten Meeressäuger wieder freizubekommen. Das um 11 Meter lange halbwüchsige Männchen hatte sich aus dem Nordatlantik bzw. der Nordsee kommend in die Ostsee verirrt. Dort hatte er sich in Fischereigerät verheddert und war schließlich gestrandet.</p> <h2><strong>Warum geht es dem Wal nicht gut?</strong></h2> <p>– ein fitter, gesunder Wal strandet äußerst selten – <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/feature-story/experts-euthanize-oregon-humpback-whale-after-unsuccessful-attempt-free-it-beach" rel="noopener">meist sind Schwäche, Krankheit oder Verletzungen der Grund</a><br></br>– aufgrund des schwachen Salzgehalts in der Ostsee muss ein Wal hier viel mehr Schwimmleistung aufbringen<br></br>– der <a href="https://www.mdpi.com/2673-5636/1/1/5" rel="noopener">schwache Salzgehalt wirkt sich auch negativ auf seine Physiologie</a> und die Haut aus<br></br>– außerhalb des Wassers <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/feature-story/experts-euthanize-oregon-humpback-whale-after-unsuccessful-attempt-free-it-beach" rel="noopener">wächst der Druck der Luft auf seine inneren Organe an, er bekommt Atmungs- und Kreislauf-Probleme</a><br></br>– dieser Wal hatte sich in Fischereigeschirr verheddert, dies konnte nur teilweise entfernt werden<br></br>– er hat an der Seite zumindest eine weitere Fleischwunde durch einen Schiffspropeller<br></br>– mittlerweile hat er seit Wochen nichts gefressen<br></br>– da sein Rücken aus dem Wasser ragt, ist seine Haut mittlerweile erheblich geschädigt<br></br>– die Strandung und die Nähe der Menschen bedeuten für einen Ozeanbewohner viel Stress</p> <p><a href="https://www.sueddeutsche.de/wissen/gestrandeter-buckelwal-ostsee-rettung-timmy-experten-li.3468869" rel="noopener">Für Großwalstrandungen in deutschen Gewässern gibt es noch keine</a> detaillierten Protokolle wie in den USA, Kanada oder Groß-Britannien, da sie bei uns äußerst selten vorkommen.<br></br>Nach Konsultationen anderer europäischer Walstrandungs-Netzwerke wie den British Divers – Marine Life Rescue (<a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/update-buckelwal-strandung-in-der-wismar-bucht/#comments">hier ist ihr Statement dazu</a>), der Internationalen Walfang-Kommission, die seit den 1980-er Jahren eine Walschutz-Organisation ist (<a href="https://iwc.int/resources/news/iwc-strandings-expert-panel-statement-on-humpback-whale-baltic-sea-germany" rel="noopener">hier das IWC-Statement zum Ostsee-Buckelwal</a>) und anderen Institutionen kamen ITAW und DMM zu ihrem Gutachten und ihrer Einschätzung.<br></br>Solche Expert:innen in Deutschland und anderswo forschen und publizieren ihre Erkenntnisse und Erfahrungen. Ihre Ergebnisse und Handlungen müssen sie vor anderen Forschenden begründen. Auf der Basis solchen Austausches auch auf Wal-Konferenzen und Workshops entstehen Handlungs-Leitfäden etwa für die Strandung lebender Wale. Dann werden auch weitere Personen wie etwa Taucher:innen oder andere mit einbezogen und sie arbeiten alle gemeinsam an Walstrandungen.</p> <p>Mehrere Tage versuchte das Team den Wal mit verschiedenen Methoden wieder zum Schwimmen zu bringen <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/update-buckelwal-strandung-in-der-wismar-bucht/">(Refloating). Letztendlich vergeblich</a>. Sein Überleben ist unwahrscheinlich.</p> <p>So zogen sich die deutschen Biolog:innen, Tierärzt:innen und anderen Helfenden schließlich zurück, um den Meeressäuger nicht noch weiter zu stressen.<br></br>Selbst ausgewiesene Walschutz-Organisationen wie <a href="https://www.greenpeace.de/biodiversitaet/meere/meeresschutz/irrwegen" rel="noopener">Greenpeace</a>, <a href="https://www.sueddeutsche.de/wissen/gestrandeter-buckelwal-ostsee-rettung-timmy-experten-li.3468869" rel="noopener">Sea Shephard oder Whale and Dolphin Conservation (WDC)</a> halten die Rettung des Buckelwals längst für aussichtslos.<aside></aside></p> <h2><strong>Wäre eine Euthanasie möglich?</strong></h2> <p>Auch die Euthanasie des Buckelwals wurde diskutiert.</p> <p>Grundsätzlich ziehen Tierärzt:innen Euthanasie in Erwägung</p> <ul> <li>bei schweren Verletzungen</li> <li>schlechtem Gesundheitszustand (abgemagert, …)</li> <li>wenn ein Wal zu lange auf dem Trocknen liegt – nach <a href="https://bdmlr.org.uk/statement-stranded-humpback-whale-in-germany" rel="noopener">24 Stunden</a> (British Divers) bzw nach <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/west-coast/marine-life-distress/frequent-questions-live-large-whale-strandings-west-coast" rel="noopener">1 – 2 Tidenzyklen</a> (NOAA)</li> </ul> <p>Die British Divers – Marine Life Rescue schreiben in ihrem <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/update-buckelwal-strandung-in-der-wismar-bucht/#comments">Statement dazu</a>:</p> <ul> <li>Euthanasie kommt vor allem bei kleinen und mittelgroßen Walen in Betracht</li> <li>in UK werden zurzeit chemische (tödliche Injektion) oder ballistische (Hochleistungsgewehr) Verfahren angewendet</li> <li>die schiere Größe des Tieres ist ab einem bestimmten Punkt ein limitierender Faktor – für beide Methoden</li> </ul> <p>Die sehr erfahrenen Strandungs-Experten der NOAA (USA) schreiben dazu:</p> <ul> <li>es gibt <a href="https://library.oarcloud.noaa.gov/noaa_documents.lib/NMFS/OfcProtectedResources/MMHSRP/Marine_Mammal_Euthanasia_Best_Practices.pdf" rel="noopener">verschiedene chemische und physische Methoden:</a><br></br>Chemisch: Injektionen oder Inhalation<br></br>Physisch: ballistische Methoden</li> <li>die <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/marine-life-distress/frequent-questions-marine-mammal-euthanasia" rel="noopener">humanste Methode ist:<br></br>„Dem Wal wird</a> zunächst eine hohe Dosis eines starken Beruhigungsmittels und eines Analgetikums (Schmerzmittel) verabreicht, bevor ihm die Dosis Kaliumchlorid verabreicht wird, um das Herz zum Stillstand zu bringen. Die ersten Dosen werden mit langen, dünnen Nadeln verabreicht, die kaum Schmerzen verursachen, ähnlich wie bei einer Impfung. Das Kaliumchlorid wird dann über eine große intrakardiale Nadel verabreicht, die bis zum Herzen reicht.“</li> <li>Ein Erschießen des Wals durch ein großes Kaliber muss mit einem Schuß ins Hirn treffen und töten.<br></br>Bei größeren Walen können die Größe und Dichte ihres Schädels das Eindringen der Kugel behindern</li> </ul> <p>Alle Stranding Networks weisen darauf hin, dass solch sehr nahe Arbeit an einem lebenden größeren Wal vor allem durch Bewegungen der Brust- und Schwanzflossen-Bewegungen die menschlichen Helfenden gefährdet.</p> <p>An einem so großen Tier wie dem in der Ostsee gestrandeten Buckelwal, der sich bei Annäherung von Menschen immer wieder bewegt, wäre der Versuch der Euthanasie wirklich gefährlich und sicherlich auch sehr schwierig. In diesem Fall kam die Euthanasie also aufgrund der Größe des Wals und seiner Strandung auf der Sandbank nicht in Frage.</p> <h2><strong>Wal-Kampf</strong></h2> <p>Jetzt ist um den Buckelwal ein wütender Kampf entbrannt:<br></br>bÖhZe Biolog:innen und Tierärzt:innen sollen den Wal aufgegeben haben, weil sie sein Skelett im Museum ausstellen und den Rest des Körpers zu Biodiesel verarbeiten wollten. Eine Gegenbewegung – offenbar ein Ableger des US- StrandedNoMore-Netzwerks gründete sich und erhob in einem gewaltigen Manifest schwerwiegende Anklagen.<br></br>Dazu kamen die Initiative einer Hauruck-Rettungsaktion von Mediamarkt-Gründer Walter Gunz und Karin Walter-Mommert, einer Unternehmerin im Pferdesport, die allerdings auch ins Leere verlief: Stattdessen <a href="https://www.sueddeutsche.de/panorama/wal-timmy-ostsee-schwimmt-frei-li.3470709" rel="noopener">löste sich der Wal am 20.04. morgens</a> von seiner Sandbank und schwamm selbst ein wenig – um dann nach einigen Kilometern wieder zu verharren. Einige Boote wollten ihn geleiten, was aber nicht klappte.</p> <p>So ist der bedauernswerte Wal längst vom gestrandeten Meeressäuger zu einer Projektionsfläche für die erbitterte Auseinandersetzung um die Deutungshoheit der Strandung, Motive von Walforschenden und Walschutz geworden. Und darum, wer denn nun Expert:in ist und für einen Buckelwal sprechen und entscheiden darf.</p> <p>Warum ich die Leute von ITAW, DMM und andere genannte für kompetent halte, habe ich oben schon erklärt.</p> <p>Das Grüppchen um Gunz und Walter-Mommert ist bunt gemischt und hat offenbar sehr unterschiedliche Vorstellungen: Eine Tierärztin aus Hawaii scheint Wal-Kompetenzen zu haben, ist aber nach einem Tag schon wieder wütend abgereist. Andere Beteiligte scheinen mehr an Selfies und ihren Social Media-Posts interessiert zu sein.<br></br><a href="https://www.nordkurier.de/regional/nordwestmecklenburg/als-ob-sie-wollten-dass-alles-schief-geht-amerikanische-arztin-rechnet-mit-wal-rettungsaktion-ab-4517063" rel="noopener">Es scheint keinerlei Einigkeit oder Idee zu geben, wie man den Wal, der offenbar verwirrt hin- und her schwimmt,</a> nun wirklich helfen könnte. <a href="https://www.nordkurier.de/regional/nordwestmecklenburg/als-ob-sie-wollten-dass-alles-schief-geht-amerikanische-arztin-rechnet-mit-wal-rettungsaktion-ab-4517063" rel="noopener">Der Bericht im Nordkurier erweckt</a> den Anschein, als ob die meisten Beteiligten eine Wal-Show abziehen, ohne Sinn und Verstand.<p>Aber wie steht es um die Expertise von <a href="https://strandednomore.org/" rel="noopener">StrandedNoMore</a> und <a href="https://strandednomore.org/wp-content/uploads/2026/04/SNM_Oeffentliche_Stellungnahme_Antwort_auf_DMM_ITAW_Gutachten_11042026_DE.pdf" rel="noopener">das Manifest des deutschen Ablegers?</a></p></p> <h2><strong>StrandedNoMore</strong></h2> <p>Zunächst fällt mir an der StrandedNoMore-Website auf, dass weder ein Impressum (im deutschen Internet herrscht Impressumspflicht) noch Personen genannt sind. Stattdessen handelt es sich um eine anonyme WatchDog-Group.<p>Ich habe mal etwas in deren Reports und Statistiken gestöbert. Da fällt mir zunächst auf, dass <a href="https://strandednomore.org/denmark-mass-stranding-sperm-whales/" rel="noopener">die Pottwal-Strandungen an den dänischen Küsten im Februar 2026</a> als „failed“ und „abandoned“ mit blutrünstiger Graphik plakatiert werden. Ich interpretiere das als Anklage gegen die bösen Wissenschaftler:innen, die keine Rettung versuchten.</p><br></br>Das zeugt von absolut fehlender Sachkenntnis zu Pottwalstrandungen in der Nordsee – diese tieftauchenden verirrten Meeresriesen sind leider verloren. Warum, hatte ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/pottwal-massenstrandung-im-humber-aestuar-england/">hier anhand der 2024-er Massenstrandung an englischen Küsten erklärt.</a><br></br>Diese Strandungen sind seit Jahrhunderten dokumentiert und gut untersucht – wer diese Fakten nicht kennt, braucht mir nichts über Wale zu erzählen.<br></br>Weiter fällt auf, dass unter den Dokumentationen nur wenige Fälle willkürlich herausgegriffen sind.<p>Unter Statistiken finden sich dann wenig aussagekräftige Zahlen von Strandungen, den wieder ins Meer gebrachten, verstorbenen und euthanasierten Walen. Auch hier stehen wieder willkürlich herausgegriffene Zahlen ohne Quellenangaben und Sachverstand: So soll etwa das Tansanische Fischerei- und Umweltministerium weit mehr Wale wieder refloated haben, als neuseeländische und australische Organisationen. Das kann nicht stimmen. In <a href="https://www.dbca.wa.gov.au/node/12195" rel="noopener">Australien und Neuseeland stranden jährlich sehr viele vor allem Grindwale,</a> aber auch andere kleinere Zahnwale – <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/massenstrandungen-von-grindwalen/">mehr dazu hatte ich hier geschrieben.</a> Und von diesen vermutlich verirrten Tieren werden durch <a href="https://www.dbca.wa.gov.au/node/12195" rel="noopener">gut ausgebildete Stranding Networks meist sehr viele wieder refloated.</a></p><p>Einer der wichtigsten Grundsätze bei Walstrandungen ist:</p><br></br>– Jede Art, in jeder Region strandet aus unterschiedlichen Gründen.<br></br>– <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/feature-story/2024-report-marine-mammal-strandings-united-states" rel="noopener">Wale stranden selten in gutem Gesundheitszustand</a> (da sind Grindwale die Ausnahme).<br></br>Wer Strandungen nicht differenziert betrachtet, hat keine Wal-Expertise.<br></br>Darum halte ich StrandedNoMore für unglaubwürdig.</p> <p><strong>Hat die deutsche STRANDED NO MORE-Gruppe Wal-Ahnung?<br></br></strong>Die Öffentliche Stellungnahme als Antwort auf das DMM/ITAW-Gutachten vom 7. April 2026 liest sich nach einer geharnischten Anklageschrift.<p>Sie startet unter 1. mit direkten Beschuldigungen namentlich genannter Wissenschaftler:innen (das hat für mich ein Geschmäckle von rechtspopulistischer Taktik – indem einzelnen Wissenschaftler:innen angegriffen werden, sollen sie eingeschüchtert, an den Pranger gestellt und mundtot gemacht werden. In diesem Fall kam es sogar bis zu Morddrohungen.).</p></p> <p>Unter 2. werden dann Publikationen angeführt, die angeblich die ITAW und DMM angeblich ignoriert haben.<br></br>Hier werden z B US-amerikanische (NOAA) und australische/neuseeländische Strandungs-Leitfäden zitiert.<br></br>Allerdings hat StrandedNoMore diese entweder nicht ganz gelesen oder nicht verstanden.<p>NOAA schreibt nämlich, dass <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/west-coast/marine-life-distress/frequent-questions-live-large-whale-strandings-west-coast#how-common-is-it-for-a-large-whale-to-strand-alive" rel="noopener">größere Wale grundsätzlich nur sehr selten refloated</a> werden können. Gerade das Zurückziehen ins Wasser am Schwanz sei oft sehr kritisch, weil es den Wal schwer verletzt.</p><p>Unter 3. unterstellt StrandedNoMore den beteiligten Wissenschaftler:innen „Unvertrautheit mit Walanatomie und den Mechanismen der Buckelwal-Verfangung“. StrandedNoMore belegt damit eindrucksvoll, selbst nicht einmal mit dem entsprechenden Vokabular vertraut zu: „Verfangung“ ist ungewöhnlich, „mystizete Filtrierer“ dann gar eine Neuerfindung. Der deutsche Begriff für diese Wale ist „Bartenwal“, der wissenschaftliche Mysticeti. Das liest sich für mich wie Geschreibsel von jemandem, der versucht, sich besonders gebildet auszudrücken und dabei Schiffbruch erleidet.</p><p>Vielleicht ist es fies von mir, mich über sprachliche Defizite lustig zu machen.</p><br></br>Aber gerade dieser Absatz zeigt besonders deutlich, dass die deutschen Walrettungs-Extremisten wenig Wal-Expertise haben und auch mit der Literatur absolut nicht vertraut sind: Die Behauptung „Sie [die Bartenwale] verschlingen massive Mengen von beutereichem Wasser durch eine sich ausdehnende ventrale Kehltasche […]“ ist einfach falsch. Bartenwale nehmen mit dem sich durch Furchen erweiternden Kehlsack (!) eine große Menge Wasser voller Beute auf. Dann pressen sie mit der Zunge das Wasser durch die Barten hinaus (das ist korrekt) und schlucken die im Maul verbliebene Beute. Das hätte man selbst aus Kinderbüchern besser abschreiben können.</p> <p>Die Ausführungen zur „Entfangungsarbeit“ und „Maulverfangung“ werden dann nicht besser. Möglicherweise ist das mit einer halluzinierenden KI-Übersetzung irgendwie aus dem amerikanischen Original passiert. Mir tut es beim Lesen weh.<p>Unter 4. geht es zum Refloating.</p><br></br>Ja, manchmal hat es auch schon bei größeren Walen geklappt. In Ausnahmefällen.<br></br>Vor allem bei kleineren Walen gerade an australischen/neuseeländischen Küsten klappt es. Aber einen maximal 5 Meter langen frisch gestrandeten, gesunden Grindwal kann man nicht mit einem doppelt so langen, bereits schwer gestressten und geschwächten wesentlich schwereren Buckelwal vergleichen.</p> <p>In sehr <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/west-coast/marine-life-distress/frequent-questions-live-large-whale-strandings-west-coast" rel="noopener">seltenen Ausnahmefällen gelingt das Refloating auch größerer Wale. Allerdings hat das vor allem in den ersten Tagen nach der Strandung Aussicht auf Erfolg.</a><br></br>Bei einem geschwächten, gestressten Tier besteht kaum Aussicht auf dessen Überleben.</p> <p>Dann relativiert StrandingNoMore die äußeren Verletzungen und den Zustand des gestrandeten Wals. Dass dieser Meeressäuger neben den sichtbaren Verletzungen extrem geschwächt und gestresst ist, lassen sie unerwähnt.<br></br>Stattdessen versuchen sie sich in Cherrypicking und führen Literaturstellen und einzelne Strandungsberichte an.<br></br>Ziemlich inkompetent wirkt auch die Anführung der Publikation von Robbins, J. (2025) „Apparent survival of North Atlantic right whales after entanglement in fishing gear<strong>“</strong> im Literaturverzeichnis: Erstens beziehen sich diese erfolgreichen Walrettungen auf die Befreiung von in Fischereileinen verhedderter Glattwale. Diese Tiere waren aber nicht gestrandet – ihre Situation mit dem Ostsee-Buckelwal ist überhaupt nicht vergleichbar.<br></br>Zweitens ist die Quellenangabe schlecht ins Deutsche übersetzt, so dass ich sie gar nicht gleich fand.</p> <p>Gleichzeitig fordert StrandingNoMore eine volle klinische Untersuchung des gestrandeten Wals inklusive Blut-, Haut-, Urin- und anderen Proben sowie anderer Untersuchungen. Echt jetzt? An einem so großen Tier im Wasser, das seinen tonnenschweren Körper bewegt und mit den Flossen schlägt? Blut wird klassischerweise aus der Schwanzvene abgenommen – bei bewegungslos gestrandeten oder trainierten Walen geht das – aber hier? Realitätsfremd.</p> <p>Ich breche die Analyse an dieser Stelle ab, es dürfte deutlich geworden sein, dass StrandingNoMore wenig kompetent ist.</p> <p>Dass StrandedNoMore dann noch die beteiligten Institutionen und Organisationen als Kartell bezeichnet und ihnen zum Schluß mit wilden Beschuldigungen unterstellt, dass sie dem Wal absichtlich weitere Hilfe verwehren, driftet tatsächlich in Verschwörungsmythen ab.<br></br>Dann schwingt sich StrandedNoMore zum Anwalt des leidenden Meeressäugers auf und verlangt eine Überprüfung durch unabhängige Stellen.<br></br>Dass die Beurteilung des Gesundheitszustands des Ostseebuckelwals und die schlechten Erfolgsaussichten für seine Rettung von englischen Strandungs-NGOs, der IWC und WDC-Wal-Expert:innen übereinstimmt, haben die StrandingNoMore-Leute ausgeblendet. Gerade WDC ist eine ausgewiesene Walschutz-NGO – unabhängiger geht es nicht.</p> <h2><strong>Fazit</strong></h2> <p>Über das StrandingNoMore-Pamphlet kann ich nur den Kopf schütteln.<br></br>Ihre Wal-Kompetenz bewegt sich im sehr überschaubaren Bereich, die wüsten Vorwürfe sind haltlos.<br></br>Kein/e Wissenschaftler:in ist am Tod eines Meeressäugers interessiert.<br></br>Jede/r Wal-Expert:in wird alles für das Überleben der wunderbaren Meeressäuger geben.<br></br>Mir geht das Leiden des Buckelwals wirklich nahe. Aber ich weiß, dass er seit seiner Strandung auf der Sandbank eigentlich keine Chance mehr hatte.</p> <p>Mein Kopfschütteln erstreckt sich auch auf den populistischen „Rettungsversuch“ der Mediamarkt-Gründer Walter Gunz und Karin Walter-Mommert, einer Unternehmerin im Pferdesport. Nach ihrer Hauruck-Aktion sind sie jedenfalls ganz schnell abgetaucht.<br></br>Dass Umweltminister Till Backhaus sie hat gewähren lassen, ist mir unverständlich.</p> <p>Mittlerweile entwickeln sich in der Walhelfergruppe Konflikte und Personalausfall:<br></br>Der Nordkurier berichtet detailliert darüber, z B<a href="https://www.nordkurier.de/regional/nordwestmecklenburg/hilfe-fuer-den-wal-koennte-nun-ein-problem-fuer-das-tier-werden-4517063" rel="noopener">hier</a> und <a href="https://www.nordkurier.de/regional/mecklenburg-vorpommern/teammitglieder-verlassen-wal-rettungsinitiative-4519332" rel="noopener">hier.</a><br></br>Außerdem ist die amerikanische Tierärztin Jenna Wallace wutentbrannt abgereist und wirft dem restlichen Team Inkompetenz vor. Im <a href="https://www.nordkurier.de/regional/nordwestmecklenburg/hilfe-fuer-den-wal-koennte-nun-ein-problem-fuer-das-tier-werden-4517063" rel="noopener">Interview erzählt sie,</a> wie sich spirituell Erleuchtete und Social Media-Influencer in den Vordergrund drängen und die Arbeit mit dem Wal offenbar sogar behindern, um gute Selfies zu bekommen – ich kann das nicht verifizieren. Hört sich für mich allerdings glaubhaft an macht mich sehr wütend. Das ist nicht im Interesse des Wals – jemand sollte als Koordinator „den Hut aufhaben“ und solche Leute ggf. aus der Aktion rauswerfen. Jenna Wallace scheint als Veterinärin mit Walen gearbeitet zu haben, ich kann ihre Kompetenz allerdings nicht verifizieren. Sie scheint zu keinem aktuellen Stranding Network oder einer ähnlichen Organisation zu gehören. <br></br>Falls dieser Wal noch eine Chance haben sollte, wäre es gut, die Selbstdarsteller aus der Gruppe zu werfen. Jede unnötige menschliche Interaktion stresst den Wal.<p>Aber manchmal gelingt es nicht, ein Individuum zu retten.</p><br></br>Das ist bitter und führt zumindest bei mir zu tiefer Trauer.<br></br>Dann sollten wir unsere Anstrengungen auf den Artenschutz richten – etwa auf die Schweinswale in der Ostsee. Ihnen und anderen Walen in anderen Ozeanen ist am besten durch umfassenden Meeres- und Klimaschutz geholfen. Lasst uns daran arbeiten!<p>Gestern habe ich der Stern-Reporterin Miriam Hollstein Interview zum Buckelwal gegeben: <a href="https://www.stern.de/digital/smartphones/kann-wal-timmy-noch-ueberleben--das-sagt-eine-meeresbiologin-37326634.html" rel="noopener">„Kann Timmy noch überleben?“</a></p><br></br>Danach habe ich mich entschlossen, auch hier noch mal die neuen Entwicklungen einzuordnen.<p><strong>PS:</strong> Nachdem jetzt nach dem Stern-Interview nun per Mail die ersten Beleidigungen eintreffen:</p><br></br>Nein, es ist mir nicht egal, wenn ein Buckelwal stirbt.<br></br>Nein, ich werde nicht gemeinsam wie Greenpeace, das Meeresmuseum und andere von dunklen Mächten im Hintergrund bezahlt, um den Buckelwal sterben zu sehen. <br></br>Sachliche Zuschriften beantworte ich wie immer gern, Beleidigungen und Verschwörungsfantasien jedoch nicht. </p> <p><strong>PS 2:</strong> Jenna Wallace hat vielleicht vorher schon mal einen Wal gesehen – aber von ihr stammt die krude <a href="https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-04/rettung-wal-timmy-ostsee-rechtsextreme-verschwoerungen" rel="noopener">Verschwörungserzählung, dass die bÖhZen Wissenschaftler den Wal tot sehen wollen, </a>um sein Skelett im Museum auszustellen. Auweia.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/der-buckelwal-in-der-ostsee-der-naechste-akt-des-wal-dramas/#comments 38 Demografie-Diskurse in den USA 2026. Rechte Panik über sinkende Geburtenrate und -zahl https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/demografie-diskurse-in-den-usa-2026-rechte-panik-ueber-sinkende-geburtenrate-und-zahl/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/demografie-diskurse-in-den-usa-2026-rechte-panik-ueber-sinkende-geburtenrate-und-zahl/#comments Mon, 20 Apr 2026 21:54:57 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11222 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GeburtenrateUSACDC2026Grafik-768x631.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/demografie-diskurse-in-den-usa-2026-rechte-panik-ueber-sinkende-geburtenrate-und-zahl/</link> </image> <description type="html"><h1>Demografie-Diskurse in den USA 2026. Rechte Panik über sinkende Geburtenrate und -zahl » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Interessierte wissen es dank <strong><em>„Natur des Glaubens“</em></strong> längst – <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/peak-child-zeitenumbruch-auch-durch-die-saekulare-geburtenimplosion/"><strong>die Weltbevölkerung hat bereits um 2012 den Peak Child-Kindergipfel überschritten</strong></a>, seitdem sinkt die Zahl der Neugeborenen weltweit. Und da die säkulare Geburtenimplosion bereits die globale Zahl der Unter 30-Jährigen drückt, beschleunigt sich der Abwärtssog ebenso, wie früher hohe Geburtenraten das Bevölkerungswachstum beschleunigt haben.</p> <p><a href="https://ourworldindata.org/data-insights/the-world-has-passed-peak-child" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Eine Datengrafik von OurWorldinData.org nach Zahlen der Vereinten Nationen 2024. Gezeigt wird das Überschreiten der Zahl von Unter-5-Jährigen in den 2010er Jahren und ein entsprechend absehbares Absinken der Zahl auch der jungen Menschen unter 15 und unter 25 Jahren." decoding="async" height="905" sizes="(max-width: 905px) 100vw, 905px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025.jpg 905w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-768x768.jpg 768w" width="905"></img></a></p> <p><em>Sogar die regierungsamtlichen – und global gesehen also wahrscheinlich übertriebenen – Daten der Vereinten Nationen gehen derzeit vom Überschreiten des globalen Peak Child, der Anzahl der in einem Jahr Neugeborenen, etwa um 2012 aus. Grafik: <a href="https://ourworldindata.org/data-insights/the-world-has-passed-peak-child" rel="noopener">Our World in Data 2025, CC BY</a> </em> </p> <p>Doch in den USA haben nicht etwa die weltweiten Zahlen, sondern jene <a href="https://www.cdc.gov/nchs/data/vsrr/vsrr043.pdf" rel="noopener">einer nationalen Demografie-Auswertung des CDC vom April 2026</a> zu einer heftig polarisierten Rechts-Links-Debatte geführt. Während <a href="https://www.comicsands.com/fox-siegel-teen-pregnancy?utm_source=mastodon&amp;utm_medium=infeed&amp;utm_campaign=linkprogram" rel="noopener">ein Dr. <strong>Marc Siegel</strong> auf FoxNews die schnell sinkende Zahl von Teenager-Schwangerschaften als <em>„Problem“</em> bezeichnete</a>, traf <a href="https://youtu.be/WrCu9B_FuEc?si=1GlEz-ZogMDJJCta&amp;t=527" rel="noopener">die <em>„Rekord-niedrige Geburtenrate in den USA“</em> in der Late Night Show von <strong>Stephen Colbert</strong> auf spontanen Applaus</a>.</p> <p><a href="https://www.cdc.gov/nchs/data/vsrr/vsrr043.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die CDC-Daten vom April 2026, Seite 2, verweisen auf einen deutlichen Rückgang der Geburtenrate pro 1000 Frauen (15 - 44 J.) seit 2007, auf nur noch 53,1 in 2025. Die Gesamtzahl der Geburten in den USA sei demnach 2025 auf 3,6 Millionen Neugeborene gesunken." decoding="async" height="757" sizes="(max-width: 922px) 100vw, 922px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GeburtenrateUSACDC2026Grafik.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GeburtenrateUSACDC2026Grafik.jpg 922w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GeburtenrateUSACDC2026Grafik-300x246.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GeburtenrateUSACDC2026Grafik-768x631.jpg 768w" width="922"></img></a><aside></aside></p> <p><em>Die CDC-Daten vom April 2026 verweisen auf einen deutlichen Rückgang der Geburtenrate pro 1000 Frauen (15 – 44 J.) seit 2007, auf nur noch 53,1 in 2025. Die Gesamtzahl der Geburten in den USA sei demnach 2025 auf 3,6 Millionen Neugeborene gefallen. Die Gesamtgeburtenrate (Total Fertility Rate, TFR) in den USA sei auf 1,6 gesunken. Grafik: <a href="https://www.cdc.gov/nchs/data/vsrr/vsrr043.pdf" rel="noopener">Births – Provisional Data for 2025, CDC April 2026</a></em> </p> <p>Einen noch anhaltenden Shitstorm erntete auch <strong>Katie Miller</strong>, Ehefrau des stellvertretenden Trump-Stabschefs <strong>Stephen Miller</strong>. Sie hatte zu Daten des General Social Survey (GSS), nach denen 60% der <em>„extrem liberalen Männer zwischen 35 und 45 Jahren“</em> in den USA <em>„kinderlos“</em> seien, kommentiert: <em>„Liberal men aren’t attractive. – Linke Männer sind nicht attraktiv.“</em></p> <p>(Hinweis: Das angelsächsische „liberal“ entspricht im Deutschen eher dem Begriff „links“, sozialdemokratisch. Denn in den USA &amp; Großbritannien entwickelten sich keine christdemokratischen, sondern nur konservative Parteien, was zu einer Rechts-Links-Polarisierung entlang der Begriffe Conservative – Liberal führte.)</p> <p>Was <a href="https://www.comicsands.com/katie-miller-liberal-men-attractive" rel="noopener">daraufhin im Netz passierte, können sich wohl alle denken</a>.</p> <p>Was also gerade in den USA passiert, haben wir in Europa schon immer und immer wieder durchgespielt: Viele Rechtsdrehende beklagen den Geburtenrückgang, weil damit Eroberungen und ewiges Wachstum unmöglich würden. Und viele Linksdrehende bejubeln das Ende der vermeintlichen „Überbevölkerung“ wie auch das Schrumpfen der eigenen Ethnie. Einige wenige stoßen auch bis zu <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mehr-oder-weniger-kinder-in-die-welt-setzen-anthropodizee-systemtheorie-religionsdemografie/">philosophischen Dialogen rund um die <strong>Anthropodizee</strong></a> vor.</p> <p>In Debatten rund um Religionsdemografie erlebe ich diese Rechts-Links-Polarisierungen nun seit Jahren. Denn <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/religion-intelligenz-und-demografie-jetzt-auch-der-evolutionspsychologie-angekommen/">religiöse Praxis ist ein Faktor, aber selbstverständlich nicht der einzige Faktor im komplexen Gefüge menschlicher Familienbildung</a>. Viele Menschen reagieren auf mehrdimensionale Daten aber mit spontaner Vereinfachung („dualistische Komplexitätsreduktion“), zumal sie ihre je eigenen Biografien damit auch deuten und verteidigen.</p> <p>Dabei ist die <a href="https://youtu.be/bY-slZJ1Oyk" rel="noopener">wissenschaftliche Demografie sehr interdisziplinär und aus meiner Sicht auch deswegen unglaublich interessant</a>!</p> <p><a href="https://www.spektrum.de/magazin/homo-religiosus/982255" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die Datengrafik zum Zusammenhang von Gottesdienstbesuchen und durchschnittlicher Kinderzahl in Deutschland und weltweit ist betitelt mit: &quot;Seid fruchtbar und mehret euch! Je aktiver Menschen ihre Religion ausüben, desto mehr Kinder haben sie.&quot; Sie zeigt, dass Menschen im Durchschnitt umso mehr Kinder haben, umso öfter sie Gottesdienste besuchen. So steigt die Zahl der Kinder pro Haushalt in Deutschland von 1,39 und weltweit von 1,67 bei Nie-Gottesdienstbesuchenden bis auf 1,98 in Deutschland und 2,5 weltweit bei jenen, die öfter als einmal die Woche einen Gottesdienst besuchen." decoding="async" height="516" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 550px) 100vw, 550px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionDemografieHomoreligiosus.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionDemografieHomoreligiosus.jpg 550w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionDemografieHomoreligiosus-300x281.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionDemografieHomoreligiosus-150x140.jpg 150w" width="550"></img></a></p> <p><em><span>Datengrafik zum Zusammenhang von Gottesdienstbesuchen und durchschnittlicher Kinderzahl in Deutschland und weltweit aus: <a href="https://www.spektrum.de/magazin/homo-religiosus/982255" rel="noopener">Gehirn &amp; Geist 04/2009, <strong>„Homo religiosus“</strong>, Michael Blume</a></span></em></p> <p><strong>Demografische Gelassenheit statt thymotischer Empörungslust</strong></p> <p>Über die Jahre habe ich mir eine dialogische Gelassenheit erwerben dürfen, die ich hier in wenigen Sätzen umreißen möchte.</p> <p>Ich verstehe mich als <strong>demokratischer Solarpunk-Pronatalist</strong>, der sich aus menschenrechtlichen, emotionalen, erkenntnistheoretischen und religiösen Gründen für <strong>freiwillige Elternschaft</strong> ausspricht.</p> <p>Dies bedeutet, dass ich jeden <strong>Zwang zum Kinderkriegen</strong> als <strong>Verstoß gegen die Menschenwürde</strong> insbesondere von Frauen und Kindern verstehe: <em>Keine Frau darf zur Schwangerschaft gezwungen werden, kein Kind soll alleine für die Zwecke anderer (wie etwa Ehre, Organersatz oder Krieg) gezeugt werden.</em>  </p> <p>Entsprechend befürworte auch ich – wie das Gros der jüdischen Bibelgelehrten – <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/abtreibung-bin-prochoice-weil-ich-monistisch-religioes-und-rechtlich-prolife-bin/"><strong>eine nicht-kriminalisierende Fristenregelung für Abtreibungen</strong></a>.</p> <p>Wer – wie ich – <strong><em>menschliches Leben und besonders Kinder fördern</em></strong> möchte, hat <strong><em>Frauen nicht ihrer Würde und Rechte zu berauben, sondern werdende Mütter und Familien finanziell und lebenspraktisch (etwa durch qualitativ hochwertige Betreuungs- und Bildungsangebote, Erziehungsgehälter, Rentenansprüche) zu unterstützen.</em></strong></p> <p>Dies gilt <strong><em>auch für Religionsgemeinschaften, die im freiheitlichen Staat sowohl pro- wie antinatale Lehren vertreten, aber nicht die Menschenwürde und Freiheit ihrer Mitglieder oder anderer Menschen angreifen</em></strong> dürfen.</p> <p>Jede <em><strong>Abwertung oder gar Bestrafung von Kinderlosigkeit lehne ich strikt ab</strong></em>, zumal <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/biokulturelle-evolution/">alle Menschen zum biokulturellen Evolutionsprozess lebensförderlich beitragen können</a>, beispielsweise durch soziale, medizinische, technologische, kulturelle und politische Beiträge.</p> <p>Wenn ich es mir wünschen könnte, <em><strong>fände ich derzeit eine gesellschaftliche Gesamtgeburtenrate (TFR) von 1,8 optimal</strong></em> – die Bevölkerungszahl würde auch dann sinken, aber nicht implodieren. Denn <em>bei deutlich höheren Geburtenraten</em> zeigte sich in der Vergangenheit <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/werden-deutschland-europa-islamisch-haben-muslime-grunds-tzlich-mehr-kinder/">die Problematik expansiver <strong>Youth Bulge-Jugendberg-Gewalt</strong></a>. Bei <em>deutlich niedrigeren Geburtenraten</em> zeigt sich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/china-zwischen-demografischer-geburtenimplosion-und-ki-robotik-zukunft/"><strong>eine wirtschaftliche Nachfrage- und Investitionskrise mit steigender Jugendarbeitslosigkeit</strong></a> sowie <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/russland-china-iran-et-al-nationalistische-altherren-wasser-regime/">die Gefahr von jugendfeindlichen Altherren-Regimen</a> wie jenes von <strong>Wladimir Putin</strong>, die <strong><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-21-star-wars-day-identitaeten-fossile-sturmtruppen-theorie/">junge Menschen politisch stummschalten und in widersinnige Kriege schicken („<em>Sturmtruppen-Strategie</em>„)</a></strong>.</p> <p>Angesichts <em><strong>der KI-Digitalisierung erwarte ich eine weitere Kokonisierung, Säkularisierung und Individualisierung</strong></em> von Menschen. In <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/hoffnung-fuer-die-wissenschaft-der-dialogische-blog-wagenheber-effekt-im-fediversum/">der <strong>Akademie für politische Bildung Tutzing</strong> warnte ich daher auch vor dem <strong><em>Demografie-Vereinsamungs-Szenario</em></strong></a>, wonach menschenfeindliche KI-Anwendungen uns Menschen auch einfach zur Einstellung von Fortpflanzung manipulieren könnten.</p> <p>Dagegen wählte ich für ein <strong>Solarpunk-Friedensenergien-Meme</strong> eine bunte Zwei-Kind-Familie, um die Hoffnung auf eine freiwillige, liebevolle und vielfältige Lebensbejahung zu bebildern.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/7-vorteile-erneuerbarer-friedensenergien-7-nachteile-fossiler-gewaltenergien/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die Mem-Kachel zeigt eine vierköpfige, bunte Familie inmitten einer Solarpunk-Landschaft mit Pflanzen, Tieren, Solarpaneelen, Windkraft, Zeppelin und einem freundlichen Droiden, darüber die Aufschrift: &quot;Solarpunk - Sieben Kriterien für erneuerbare Friedensenergien&quot;." decoding="async" height="1536" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AE88095B-A4F8-4D14-8C6A-106587085893.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AE88095B-A4F8-4D14-8C6A-106587085893.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AE88095B-A4F8-4D14-8C6A-106587085893-200x300.png 200w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AE88095B-A4F8-4D14-8C6A-106587085893-683x1024.png 683w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AE88095B-A4F8-4D14-8C6A-106587085893-768x1152.png 768w" width="1024"></img></a></p> <p><em>Die Mem-Kachel zeigt eine vierköpfige, bunte Familie inmitten einer Solarpunk-Landschaft, darüber die Aufschrift: <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/7-vorteile-erneuerbarer-friedensenergien-7-nachteile-fossiler-gewaltenergien/"><strong>„Solarpunk – Sieben Kriterien für erneuerbare Friedensenergien“</strong></a>. Grafik: Michael Blume mit ChatGPT</em></p> <p>Selbstverständlich freue ich mich aber auch wieder auf Ihre Fragen und Meinungen rund um das faszinierende Thema „Demografie“. Die dualistische Rechts-Links-Polarisierung, wie sie derzeit auch in den USA noch tobt, darf dabei gerne dialogisch überwunden werden.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/mwnW2wDZdy4?feature=oembed&amp;rel=0" title="Demografie: Sinkende Geburtenrate und -zahlen sorgen auch in den USA für Aufregung" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Demografie-Diskurse in den USA 2026. Rechte Panik über sinkende Geburtenrate und -zahl » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Interessierte wissen es dank <strong><em>„Natur des Glaubens“</em></strong> längst – <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/peak-child-zeitenumbruch-auch-durch-die-saekulare-geburtenimplosion/"><strong>die Weltbevölkerung hat bereits um 2012 den Peak Child-Kindergipfel überschritten</strong></a>, seitdem sinkt die Zahl der Neugeborenen weltweit. Und da die säkulare Geburtenimplosion bereits die globale Zahl der Unter 30-Jährigen drückt, beschleunigt sich der Abwärtssog ebenso, wie früher hohe Geburtenraten das Bevölkerungswachstum beschleunigt haben.</p> <p><a href="https://ourworldindata.org/data-insights/the-world-has-passed-peak-child" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Eine Datengrafik von OurWorldinData.org nach Zahlen der Vereinten Nationen 2024. Gezeigt wird das Überschreiten der Zahl von Unter-5-Jährigen in den 2010er Jahren und ein entsprechend absehbares Absinken der Zahl auch der jungen Menschen unter 15 und unter 25 Jahren." decoding="async" height="905" sizes="(max-width: 905px) 100vw, 905px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025.jpg 905w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-768x768.jpg 768w" width="905"></img></a></p> <p><em>Sogar die regierungsamtlichen – und global gesehen also wahrscheinlich übertriebenen – Daten der Vereinten Nationen gehen derzeit vom Überschreiten des globalen Peak Child, der Anzahl der in einem Jahr Neugeborenen, etwa um 2012 aus. Grafik: <a href="https://ourworldindata.org/data-insights/the-world-has-passed-peak-child" rel="noopener">Our World in Data 2025, CC BY</a> </em> </p> <p>Doch in den USA haben nicht etwa die weltweiten Zahlen, sondern jene <a href="https://www.cdc.gov/nchs/data/vsrr/vsrr043.pdf" rel="noopener">einer nationalen Demografie-Auswertung des CDC vom April 2026</a> zu einer heftig polarisierten Rechts-Links-Debatte geführt. Während <a href="https://www.comicsands.com/fox-siegel-teen-pregnancy?utm_source=mastodon&amp;utm_medium=infeed&amp;utm_campaign=linkprogram" rel="noopener">ein Dr. <strong>Marc Siegel</strong> auf FoxNews die schnell sinkende Zahl von Teenager-Schwangerschaften als <em>„Problem“</em> bezeichnete</a>, traf <a href="https://youtu.be/WrCu9B_FuEc?si=1GlEz-ZogMDJJCta&amp;t=527" rel="noopener">die <em>„Rekord-niedrige Geburtenrate in den USA“</em> in der Late Night Show von <strong>Stephen Colbert</strong> auf spontanen Applaus</a>.</p> <p><a href="https://www.cdc.gov/nchs/data/vsrr/vsrr043.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die CDC-Daten vom April 2026, Seite 2, verweisen auf einen deutlichen Rückgang der Geburtenrate pro 1000 Frauen (15 - 44 J.) seit 2007, auf nur noch 53,1 in 2025. Die Gesamtzahl der Geburten in den USA sei demnach 2025 auf 3,6 Millionen Neugeborene gesunken." decoding="async" height="757" sizes="(max-width: 922px) 100vw, 922px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GeburtenrateUSACDC2026Grafik.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GeburtenrateUSACDC2026Grafik.jpg 922w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GeburtenrateUSACDC2026Grafik-300x246.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GeburtenrateUSACDC2026Grafik-768x631.jpg 768w" width="922"></img></a><aside></aside></p> <p><em>Die CDC-Daten vom April 2026 verweisen auf einen deutlichen Rückgang der Geburtenrate pro 1000 Frauen (15 – 44 J.) seit 2007, auf nur noch 53,1 in 2025. Die Gesamtzahl der Geburten in den USA sei demnach 2025 auf 3,6 Millionen Neugeborene gefallen. Die Gesamtgeburtenrate (Total Fertility Rate, TFR) in den USA sei auf 1,6 gesunken. Grafik: <a href="https://www.cdc.gov/nchs/data/vsrr/vsrr043.pdf" rel="noopener">Births – Provisional Data for 2025, CDC April 2026</a></em> </p> <p>Einen noch anhaltenden Shitstorm erntete auch <strong>Katie Miller</strong>, Ehefrau des stellvertretenden Trump-Stabschefs <strong>Stephen Miller</strong>. Sie hatte zu Daten des General Social Survey (GSS), nach denen 60% der <em>„extrem liberalen Männer zwischen 35 und 45 Jahren“</em> in den USA <em>„kinderlos“</em> seien, kommentiert: <em>„Liberal men aren’t attractive. – Linke Männer sind nicht attraktiv.“</em></p> <p>(Hinweis: Das angelsächsische „liberal“ entspricht im Deutschen eher dem Begriff „links“, sozialdemokratisch. Denn in den USA &amp; Großbritannien entwickelten sich keine christdemokratischen, sondern nur konservative Parteien, was zu einer Rechts-Links-Polarisierung entlang der Begriffe Conservative – Liberal führte.)</p> <p>Was <a href="https://www.comicsands.com/katie-miller-liberal-men-attractive" rel="noopener">daraufhin im Netz passierte, können sich wohl alle denken</a>.</p> <p>Was also gerade in den USA passiert, haben wir in Europa schon immer und immer wieder durchgespielt: Viele Rechtsdrehende beklagen den Geburtenrückgang, weil damit Eroberungen und ewiges Wachstum unmöglich würden. Und viele Linksdrehende bejubeln das Ende der vermeintlichen „Überbevölkerung“ wie auch das Schrumpfen der eigenen Ethnie. Einige wenige stoßen auch bis zu <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mehr-oder-weniger-kinder-in-die-welt-setzen-anthropodizee-systemtheorie-religionsdemografie/">philosophischen Dialogen rund um die <strong>Anthropodizee</strong></a> vor.</p> <p>In Debatten rund um Religionsdemografie erlebe ich diese Rechts-Links-Polarisierungen nun seit Jahren. Denn <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/religion-intelligenz-und-demografie-jetzt-auch-der-evolutionspsychologie-angekommen/">religiöse Praxis ist ein Faktor, aber selbstverständlich nicht der einzige Faktor im komplexen Gefüge menschlicher Familienbildung</a>. Viele Menschen reagieren auf mehrdimensionale Daten aber mit spontaner Vereinfachung („dualistische Komplexitätsreduktion“), zumal sie ihre je eigenen Biografien damit auch deuten und verteidigen.</p> <p>Dabei ist die <a href="https://youtu.be/bY-slZJ1Oyk" rel="noopener">wissenschaftliche Demografie sehr interdisziplinär und aus meiner Sicht auch deswegen unglaublich interessant</a>!</p> <p><a href="https://www.spektrum.de/magazin/homo-religiosus/982255" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die Datengrafik zum Zusammenhang von Gottesdienstbesuchen und durchschnittlicher Kinderzahl in Deutschland und weltweit ist betitelt mit: &quot;Seid fruchtbar und mehret euch! Je aktiver Menschen ihre Religion ausüben, desto mehr Kinder haben sie.&quot; Sie zeigt, dass Menschen im Durchschnitt umso mehr Kinder haben, umso öfter sie Gottesdienste besuchen. So steigt die Zahl der Kinder pro Haushalt in Deutschland von 1,39 und weltweit von 1,67 bei Nie-Gottesdienstbesuchenden bis auf 1,98 in Deutschland und 2,5 weltweit bei jenen, die öfter als einmal die Woche einen Gottesdienst besuchen." decoding="async" height="516" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 550px) 100vw, 550px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionDemografieHomoreligiosus.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionDemografieHomoreligiosus.jpg 550w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionDemografieHomoreligiosus-300x281.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ReligionDemografieHomoreligiosus-150x140.jpg 150w" width="550"></img></a></p> <p><em><span>Datengrafik zum Zusammenhang von Gottesdienstbesuchen und durchschnittlicher Kinderzahl in Deutschland und weltweit aus: <a href="https://www.spektrum.de/magazin/homo-religiosus/982255" rel="noopener">Gehirn &amp; Geist 04/2009, <strong>„Homo religiosus“</strong>, Michael Blume</a></span></em></p> <p><strong>Demografische Gelassenheit statt thymotischer Empörungslust</strong></p> <p>Über die Jahre habe ich mir eine dialogische Gelassenheit erwerben dürfen, die ich hier in wenigen Sätzen umreißen möchte.</p> <p>Ich verstehe mich als <strong>demokratischer Solarpunk-Pronatalist</strong>, der sich aus menschenrechtlichen, emotionalen, erkenntnistheoretischen und religiösen Gründen für <strong>freiwillige Elternschaft</strong> ausspricht.</p> <p>Dies bedeutet, dass ich jeden <strong>Zwang zum Kinderkriegen</strong> als <strong>Verstoß gegen die Menschenwürde</strong> insbesondere von Frauen und Kindern verstehe: <em>Keine Frau darf zur Schwangerschaft gezwungen werden, kein Kind soll alleine für die Zwecke anderer (wie etwa Ehre, Organersatz oder Krieg) gezeugt werden.</em>  </p> <p>Entsprechend befürworte auch ich – wie das Gros der jüdischen Bibelgelehrten – <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/abtreibung-bin-prochoice-weil-ich-monistisch-religioes-und-rechtlich-prolife-bin/"><strong>eine nicht-kriminalisierende Fristenregelung für Abtreibungen</strong></a>.</p> <p>Wer – wie ich – <strong><em>menschliches Leben und besonders Kinder fördern</em></strong> möchte, hat <strong><em>Frauen nicht ihrer Würde und Rechte zu berauben, sondern werdende Mütter und Familien finanziell und lebenspraktisch (etwa durch qualitativ hochwertige Betreuungs- und Bildungsangebote, Erziehungsgehälter, Rentenansprüche) zu unterstützen.</em></strong></p> <p>Dies gilt <strong><em>auch für Religionsgemeinschaften, die im freiheitlichen Staat sowohl pro- wie antinatale Lehren vertreten, aber nicht die Menschenwürde und Freiheit ihrer Mitglieder oder anderer Menschen angreifen</em></strong> dürfen.</p> <p>Jede <em><strong>Abwertung oder gar Bestrafung von Kinderlosigkeit lehne ich strikt ab</strong></em>, zumal <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/biokulturelle-evolution/">alle Menschen zum biokulturellen Evolutionsprozess lebensförderlich beitragen können</a>, beispielsweise durch soziale, medizinische, technologische, kulturelle und politische Beiträge.</p> <p>Wenn ich es mir wünschen könnte, <em><strong>fände ich derzeit eine gesellschaftliche Gesamtgeburtenrate (TFR) von 1,8 optimal</strong></em> – die Bevölkerungszahl würde auch dann sinken, aber nicht implodieren. Denn <em>bei deutlich höheren Geburtenraten</em> zeigte sich in der Vergangenheit <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/werden-deutschland-europa-islamisch-haben-muslime-grunds-tzlich-mehr-kinder/">die Problematik expansiver <strong>Youth Bulge-Jugendberg-Gewalt</strong></a>. Bei <em>deutlich niedrigeren Geburtenraten</em> zeigt sich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/china-zwischen-demografischer-geburtenimplosion-und-ki-robotik-zukunft/"><strong>eine wirtschaftliche Nachfrage- und Investitionskrise mit steigender Jugendarbeitslosigkeit</strong></a> sowie <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/russland-china-iran-et-al-nationalistische-altherren-wasser-regime/">die Gefahr von jugendfeindlichen Altherren-Regimen</a> wie jenes von <strong>Wladimir Putin</strong>, die <strong><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-21-star-wars-day-identitaeten-fossile-sturmtruppen-theorie/">junge Menschen politisch stummschalten und in widersinnige Kriege schicken („<em>Sturmtruppen-Strategie</em>„)</a></strong>.</p> <p>Angesichts <em><strong>der KI-Digitalisierung erwarte ich eine weitere Kokonisierung, Säkularisierung und Individualisierung</strong></em> von Menschen. In <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/hoffnung-fuer-die-wissenschaft-der-dialogische-blog-wagenheber-effekt-im-fediversum/">der <strong>Akademie für politische Bildung Tutzing</strong> warnte ich daher auch vor dem <strong><em>Demografie-Vereinsamungs-Szenario</em></strong></a>, wonach menschenfeindliche KI-Anwendungen uns Menschen auch einfach zur Einstellung von Fortpflanzung manipulieren könnten.</p> <p>Dagegen wählte ich für ein <strong>Solarpunk-Friedensenergien-Meme</strong> eine bunte Zwei-Kind-Familie, um die Hoffnung auf eine freiwillige, liebevolle und vielfältige Lebensbejahung zu bebildern.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/7-vorteile-erneuerbarer-friedensenergien-7-nachteile-fossiler-gewaltenergien/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die Mem-Kachel zeigt eine vierköpfige, bunte Familie inmitten einer Solarpunk-Landschaft mit Pflanzen, Tieren, Solarpaneelen, Windkraft, Zeppelin und einem freundlichen Droiden, darüber die Aufschrift: &quot;Solarpunk - Sieben Kriterien für erneuerbare Friedensenergien&quot;." decoding="async" height="1536" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AE88095B-A4F8-4D14-8C6A-106587085893.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AE88095B-A4F8-4D14-8C6A-106587085893.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AE88095B-A4F8-4D14-8C6A-106587085893-200x300.png 200w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AE88095B-A4F8-4D14-8C6A-106587085893-683x1024.png 683w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AE88095B-A4F8-4D14-8C6A-106587085893-768x1152.png 768w" width="1024"></img></a></p> <p><em>Die Mem-Kachel zeigt eine vierköpfige, bunte Familie inmitten einer Solarpunk-Landschaft, darüber die Aufschrift: <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/7-vorteile-erneuerbarer-friedensenergien-7-nachteile-fossiler-gewaltenergien/"><strong>„Solarpunk – Sieben Kriterien für erneuerbare Friedensenergien“</strong></a>. Grafik: Michael Blume mit ChatGPT</em></p> <p>Selbstverständlich freue ich mich aber auch wieder auf Ihre Fragen und Meinungen rund um das faszinierende Thema „Demografie“. Die dualistische Rechts-Links-Polarisierung, wie sie derzeit auch in den USA noch tobt, darf dabei gerne dialogisch überwunden werden.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/mwnW2wDZdy4?feature=oembed&amp;rel=0" title="Demografie: Sinkende Geburtenrate und -zahlen sorgen auch in den USA für Aufregung" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/demografie-diskurse-in-den-usa-2026-rechte-panik-ueber-sinkende-geburtenrate-und-zahl/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>59</slash:comments> </item> <item> <title>Gehirndoping mit Smart Drugs! Geht die Kosten-Nutzen-Rechnung auf? https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/gehirndoping-mit-smart-drugs-geht-die-kosten-nutzen-rechnung-auf/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/gehirndoping-mit-smart-drugs-geht-die-kosten-nutzen-rechnung-auf/#respond Mon, 20 Apr 2026 05:00:00 +0000 Luisa Sophie Engelke https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5699 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-768x768.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/gehirndoping-mit-smart-drugs-geht-die-kosten-nutzen-rechnung-auf/</link> </image> <description type="html"><h1>Gehirndoping mit Smart Drugs! Geht die Kosten-Nutzen-Rechnung auf? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Luisa Sophie Engelke</h2><div itemprop="text"> <p>Kennt ihr es, bei der Arbeit morgens einfach nicht in den Quark zu kommen, in der Vorlesung nicht folgen zu können, oder im Nachmittagsmeeting, wo schon seit einer Stunde hitzig diskutiert wird, mit der Aufmerksamkeit nicht bei der Sache zu sein? Als ich damals morgens um 08:00 Uhr in meinen Vorlesungen saß, hätte ich mir gerne gewünscht, wacher und konzentrationsfähiger zu sein. Kaffee war schonmal ein guter Anfang, aber auch dessen Wirkung hätte durchaus optimiert werden können. Wäre es nicht toll, wenn man einfach Tabletten einwirft und schwups: Gehirn ist bei 100 Prozent Leistung!</p> <p>Von Konzentrationsriegeln in der Apotheke, über „Energie-Säfte“ und „Power-Shots“ im Supermarkt, bis hin zu Brain Food: Überall sieht man angebliche Wundermittel, die einen in kürzester Zeit auf Maximalleistung bringen sollen. Doch da hört es noch nicht auf: Einige greifen auf verschreibungspflichtige Medikamente zurück und zweckentfremden diese, um sich besser konzentrieren zu können und aufmerksamer zu sein. So oder so ähnlich stellen sich zumindest viele Leute die Wirkung von sogenannten „Neuroenhancern“ oder „<strong>Smart Drugs</strong>“ vor, die von harmlosem Kaffee bis hin zu illegalen Drogen reichen.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13399737_Decrease_3-scaled.jpg"><img alt="Leistungsdruck in der Arbeitsbrange" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13399737_Decrease_3-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13399737_Decrease_3-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13399737_Decrease_3-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13399737_Decrease_3-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13399737_Decrease_3-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13399737_Decrease_3-2048x1366.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Eine groß angelegte Studie mit über 1000 deutschen Studenten ergab, dass 2,2 % der Studenten, besonders in stressigen Lern- oder Prüfungsphasen, bereits verschreibungspflichtige Medikamente zum Zweck der Leistungssteigerung eingenommen haben [1]. Der Gebrauch von diesen Smart Drugs unter Studenten hat zudem die letzten Jahre immer weiter zugenommen und scheint auch in der gesamten Bevölkerung immer populärer zu werden [2]. Und ist ja auch irgendwie verständlich, oder? Wer ist in der aktuellen Welt denn bitte nicht überfordert und würde sich bei dem immer weiter ansteigenden Arbeitsdruck gerne mal besser konzentrieren können?  Denkt nur an den stressigen Berufsalltag, die komplizierte Uniklausur, den wichtigen Einstufungstest für den neuen Job – manchmal braucht man auch einfach mal seine Topleistung, oder?</p> <p>Aber ist es wirklich smart, smart drugs zu nehmen?</p> <h3 id="h-">Bestleistungen mit Smart Drugs?</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/29874943_GST-CAM-939-13-scaled.jpg"><img alt="Smart Drugs beim Gehirndoping" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/29874943_GST-CAM-939-13-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/29874943_GST-CAM-939-13-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/29874943_GST-CAM-939-13-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/29874943_GST-CAM-939-13-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/29874943_GST-CAM-939-13-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/29874943_GST-CAM-939-13-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/29874943_GST-CAM-939-13-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p><strong>Gehirndoping</strong>, oder auch Neuroenhancement, beschreibt das gezielte Einnehmen von Substanzen zum Zweck der Leistungssteigerung bei gesunden Menschen. Dabei geht es besonders um die Verbesserung von Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Wachsamkeit und Konzentration. Beim Gehirndoping werden, je nach Definition, auch verschreibungspflichtige Medikamente verwendet, daher lehnt der Begriff auch an den bekannten Doping-Begriff im Sport an.<aside></aside></p> <p>Habt ihr schonmal eine Substanz zur Leistungssteigerung eingenommen? Vermutlich ja, wenn ihr Kaffee trinkt! Kaffee gilt als der Klassiker schlechthin, wenn man wacher und konzentrierter sein will. Falls ihr aber trotzdem mehr rund um Kaffee und Koffein erfahren wollt, schaut gerne hier vorbei:</p> <figure></figure> <p>Eine groß angelegte Studie von 2023 mit über 22.000 deutschen Teilnehmern zeigte, dass 62 % der Befragten koffeinhaltige Getränke, wie Kaffee oder Energydrinks, mit dem Zweck der Leistungssteigerung zu sich genommen haben [3]. Besonders gestresste Studenten haben Erfahrungen mit der Einnahme von Smart Drugs, wobei Kaffee und Energydrinks wesentlich regelmäßiger genommen werden als verschreibungspflichtige Mittel [4]. Trotzdem zeigen Studien, dass auch auf verschreibungspflichtige Medikamente zurückgegriffen wird, obwohl deren medizinische Wirkung für Menschen mit spezifischen Krankheiten gedacht ist [2].</p> <h3 id="h-">Die beliebtesten Smart Drugs</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2148999206.jpg"><img alt="Gehirndoping" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2148999206-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2148999206-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2148999206-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2148999206-768x513.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2148999206.jpg 1500w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Wenn man seine kognitiven Leistungen mit Smart Drugs steigern will, dann greift man unweigerlich in seine sehr sensibel regulierte Gehirnchemie ein, um die Kommunikation zwischen den Nervenzellen zu optimieren. Man verspricht sich davon erhöhte Wachheit, Aufmerksamkeit, Motivation, Euphorie und verminderte Müdigkeit – also genau das, was wir uns für die Uni oder den Berufsalltag alle wünschen, oder? Aber wie funktioniert das im Detail?</p> <h3 id="h-"><em>Psychostimulanzien</em></h3> <p><strong>Methylphenidat, </strong>auch als <strong>Ritalin</strong> bekannt, gehört den Psychostimulanzien an und wird zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (<strong>ADHS</strong>) als verschreibungspflichtiges Mittel für gesteigerte Konzentration und Aufmerksamkeit eingesetzt [5]. Wie der Name „Psychostimulanz“ schon sagt, wirkt Ritalin anregend und teils euphorisierend. Besonders Studenten scheinen Ritalin gerne zu missbrauchen und versprechen sich davon bessere Konzentrationsfähigkeiten in Klausuren. In den USA nimmt sogar jeder 4. Student Ritalin zu sich [6].</p> <p>Ritalin ist ein Dopamin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer. <strong>Dopamin</strong> und <strong>Noradrenalin</strong> sind wichtigste Botenstoffe in unserem Gehirn und an der Signalweiterleitung beteiligt. Ritalin blockiert die Transporter, die die Neurotransmitter zurück in die Neuronen transportieren, und sorgt somit dafür, dass das ausgeschüttete Dopamin länger im Gehirn aktiv bleibt, was zu erhöhter Konzentration und Aufmerksamkeit führen kann [7].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8875112_14588-scaled.jpg"><img alt="Ritalin und Modafinil" decoding="async" height="955" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8875112_14588-1024x955.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8875112_14588-1024x955.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8875112_14588-300x280.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8875112_14588-768x716.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8875112_14588-1536x1432.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8875112_14588-2048x1909.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Eine andere Substanz<strong>, Modafinil,</strong> zählt ebenfalls zu den Psychostimulanzien und wird als Wachmacher bei Narkolepsie bzw. Tagesmüdigkeit verschrieben, jedoch auch gerne zum Zweck des Gehirnboosterns zweckentfremdet [5]. Der Wirkmechanismus von Modafinil ist komplexer und auch noch nicht vollständig verstanden, doch es ist bekannt, dass sich auch durch die Einnahme von Modafinil die Konzentrationen von Dopamin und Noradrenalin erhöhen. Außerdem wirkt es auf Rezeptoren im <strong>Hypothalamus</strong>, die eine wichtige Rolle bei unserem Schlaf-Wach Rhythmus haben, und man sich nach der Einnahme oft wacher und motivierter fühlt [8].</p> <h3><em>Antidementiva</em></h3> <p>Neben klassischen Stimulanzien werden auch sogenannte <strong>Antidementiva</strong> als Neuroenhancer verwendet. Diese Medikamente werden eigentlich zur Behandlung von Demenzerkrankungen verschrieben und sollen Gedächtnisfunktionen stabilisieren und verbessern. Aufgrund dieser Wirkung werden sie jedoch teilweise zweckentfremdet eingesetzt in der Hoffnung, auch bei gesunden Menschen Lernfähigkeit und Gedächtnisleistung zu steigern.</p> <h3><em>Antidepressiva</em></h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26386030_7179733-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26386030_7179733-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26386030_7179733-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26386030_7179733-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26386030_7179733-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26386030_7179733-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26386030_7179733-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Doch nicht nur zur Leistungssteigerung im Sinne von Konzentration und Aufmerksamkeit werden Medikamente genutzt, sondern auch wenn es um die Stimmung und den Gefühlszustand geht. <strong>Antidepressiva</strong> werden bei Depressionen verschrieben und sorgen im Gehirn dafür, dass <strong>Serotonin</strong>, ein wichtiger Neurotransmitter für unser Wohlbefinden, länger wirken kann, indem ebenfalls deren Wiederaufnahme blockiert wird. Wenn Antidepressiva jedoch von gesunden Menschen verwendet werden, versprechen sie sich davon eine verbesserte Stimmung, Motivation und psychisches Wohlbefinden.</p> <h3><em>Illegale Drogen</em></h3> <p>Teilweise greifen Menschen sogar zu illegalen Substanzen, wie <strong>Ecstasy</strong>, <strong>Kokain </strong>oder <strong>Crystal Meth</strong> zur Leistungssteigerung zurück: Man verspricht sich mehr Energie, Wachsamkeit, Euphorie, gesteigertes Selbstvertrauen und mehr Konzentrationsfähigkeit, um nur einige Effekte zu nennen. Klar, dass kann man im Uni- oder Berufsalltag schon alles gebrauchen, oder? Aber funktioniert das alles so, wie man sich das denkt, und wenn ja, zu welchem Preis?</p> <h3 id="h-">Was sagt die Wissenschaft?</h3> <p>Die Studienlage ist zwar klein, aber relativ eindeutig: Bei gesunden Menschen, die diese vermeintlich helfenden Mittel zur Leistungssteigerung einnehmen, zeigen sich sehr geringe bis gar keine Effekte.</p> <p>Nach der aktuellen Studienlage ist die Wirksamkeit von Kaffee, Methylphenidat, Amphetaminen und Modafinil auf Konzentrations- und Aufmerksamkeitsverbesserung am besten nachgewiesen [5].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/22676111_80_YnVzaW5lc3NfYWxsZWdvcnktMDU-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/22676111_80_YnVzaW5lc3NfYWxsZWdvcnktMDU-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/22676111_80_YnVzaW5lc3NfYWxsZWdvcnktMDU-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/22676111_80_YnVzaW5lc3NfYWxsZWdvcnktMDU-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/22676111_80_YnVzaW5lc3NfYWxsZWdvcnktMDU-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/22676111_80_YnVzaW5lc3NfYWxsZWdvcnktMDU-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/22676111_80_YnVzaW5lc3NfYWxsZWdvcnktMDU-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Eine interessante Studie von 2017 testete die Effekte von Ritalin, Modafinil und Kaffee auf die Leistungen von Schachspielern. Die Ergebnisse waren bescheiden: zwar verbesserten alle Substanzen die Reaktionszeiten, Ritalin und Modafinil im Vergleich zur Kontrollgruppe erhöhten auch die generelle kognitive Leistung um ein paar Prozentpunkte, jedoch war dies nicht statistisch signifikant. Zudem war der Effekt kaum größer als bei der Gruppe, die Kaffee getrunken hatte [9]. Bei bestimmten Erkrankungen werden die entsprechenden Medikamente eingesetzt, um das gestörte Gleichgewicht der Neurotransmitter zu normalisieren. Bei gesunden Menschen hingegen befinden sich die Botenstoffe bereits in einem gut regulierten Gleichgewicht, sodass zusätzliche Substanzen die Leistungsfähigkeit vermutlich nur begrenzt steigern können.</p> <p>Insgesamt berichten Studien daher durchaus von positiven Effekten [10], [11], doch sind diese Effekte oft nur klein und traten teilweise nur auf, wenn die Testpersonen unter Schlafmangel litten [5], [12]. Da stellt sich mir direkt die Frage, ob man dann nicht lieber erstmal auf einen gesunden Schlaf achten sollte, bevor man diesen vernachlässigt und dann mit Medikamenten versucht, kognitiv wieder fitter zu werden.</p> <p>Ob und wie gut Smart Drugs wirken ist von Person zu Person unterschiedlich und hängt von vielen äußeren Faktoren ab. Der potenzielle, kurzzeitige Nutzen, den man durch die Einnahme dieser Substanzen bekommen könnte, steht in keinem Verhältnis zu den Risiken, und die sind nicht ohne!</p> <h3 id="h-">Smart Drugs nehmen: eher nicht so smart…</h3> <p>Das Gefährliche bei den Smart Drugs ist, dass die Konsumenten durch ihre eigene Einschätzung die Dosis regulieren und dies nicht ärztlich abgeklärt ist, weswegen die Gefahr vor <strong>Nebenwirkungen </strong>oft außer Acht gelassen wird [3]. Denn die Substanzen sind nicht ohne Grund verschreibungspflichtig!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20827490_Tiny-depressed-woman-with-anxiety-sitting-on-large-pill-scaled.jpg"><img alt="Nebenwirkungen vom Gehirndoping" decoding="async" height="853" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20827490_Tiny-depressed-woman-with-anxiety-sitting-on-large-pill-1024x853.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20827490_Tiny-depressed-woman-with-anxiety-sitting-on-large-pill-1024x853.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20827490_Tiny-depressed-woman-with-anxiety-sitting-on-large-pill-300x250.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20827490_Tiny-depressed-woman-with-anxiety-sitting-on-large-pill-768x640.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20827490_Tiny-depressed-woman-with-anxiety-sitting-on-large-pill-1536x1280.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20827490_Tiny-depressed-woman-with-anxiety-sitting-on-large-pill-2048x1706.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Von Schlafmangel, Übelkeit, Kopfschmerzen, Herzrhythmusstörungen, Nervosität bis hin zu suchtähnlichen Symptomen ist die Liste scheinbar unendlich lang, die ein nicht ärztlich abgesprochener und medizinisch nicht notwendiger Gebrauch von Gehirnstimulanzien hervorrufen kann.</p> <p>Besonders bei den verschreibungspflichtigen Medikamenten kommt es bei regelmäßiger Einnahme zu einer Gewöhnung an die hohen Dopaminmengen und man braucht oft eine Steigerung der Dosis, um den gewünschten Effekt zu erzielen [13]. Durch diese <strong>Toleranzentwicklung </strong>birgt Gehirndoping mit rezeptpflichtigen Substanzen ein nicht zu unterschätzendes Risiko für Abhängigkeit und <strong>Sucht</strong>! Falls euch dieses Thema näher interessiert, schaut gerne hier vorbei:</p> <figure></figure> <p>Außerdem können auch Erscheinungen eintreten, die das Gegenteil von dem sind, was man sollte: Leistungsminderung, Schlaflosigkeit, Konzentrationsstörungen und depressive Verstimmungen sind nur einige der Nebenwirkungen, die auftreten können, wenn man mit seiner Gehirnchemie herumspielt!</p> <h3 id="h-">Smart Marketing?</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Konzentrationsriegel-zur-Leistungssteigerung.png"><img alt="" decoding="async" height="864" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1536px) 100vw, 1536px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Konzentrationsriegel-zur-Leistungssteigerung-edited.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Konzentrationsriegel-zur-Leistungssteigerung-edited.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Konzentrationsriegel-zur-Leistungssteigerung-edited-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Konzentrationsriegel-zur-Leistungssteigerung-edited-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Konzentrationsriegel-zur-Leistungssteigerung-edited-768x432.png 768w" width="1536"></img></a></figure> </div> <p>Okay. Vergessen wir mal die Smart Drugs. Was gibt es denn alles so frei verkäuflich zu erwerben? Tabletten mit den Aufschriften „Über Nacht den IQ erhöhen“, oder „Mentaler Fokus: Leistung und Konzentration steigern“ findet man fast überall. Wenn es keine Tablette sein soll, dann vielleicht doch lieber der vielversprechenden Konzentrationsriegel als Geheimwaffe für die kommende Prüfungsphase?</p> <p>Naja… kann man machen, muss man aber nicht. Eine Studie von 2017 zeigte, dass Proteinriegel mit diversen Inhaltstoffen, die für kognitive Leistungssteigerung sorgen sollen, kurzzeitige positive Effekte bezüglich Aufmerksamkeit und Gedächtnis hatten [14]. Doch die Frage ist, ob man wirklich die überteuerten Riegel kaufen möchte, oder nicht doch einfach durch gesunde Ernährung an dieselben Inhaltsstoffe kommt. Denn eines ist klar: Diese Produkte enthalten keine Wundermittel, die unser Gehirn im Handumdrehen noch effizienter arbeiten lassen! Klingt schön und einfach, aber leider ist das nicht realistisch. Vielleicht sollten wir unserem Gehirn zugestehen, dass es schon ziemlich effizient arbeiten kann, sofern wir dem Gehirn die Chance dazu bieten. Anstatt auf Optimierung durch Medikamente zu setzen, sollte man doch eher an seinen Gewohnheiten wie Schlaf, Ernährung und soziales Umfeld arbeiten.</p> <h3 id="h-fazit">Fazit</h3> <p>Der Hype rund um die angeblichen Effekte von Smart Drugs bei gesunden Menschen kann nach aktuellem Stand nicht wissenschaftlich belegt werden und es wird von Experten dringend davon abgeraten, selbst dosierte Mengen von Substanzen ohne ärztliche Absprache einzunehmen!</p> <p>Die Debatte rund um Gehirndoping ist und bleibt hitzig. Es muss noch wesentlich mehr Forschung passieren, um herauszufinden, wie genau die Einnahme der Substanzen sich auf gesunde Personen auswirkt [11]. Doch die Frage kommt auf, wie man eigentlich damit umgehen sollte, selbst wenn die Wirkung nachgewiesen wird? Werden Substanzen wie Ritalin und Modafinil so regelmäßig und gesellschaftlich akzeptiert wie Kaffee genutzt werden, oder geht das doch einen Schritt zu weit?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Fest steht jedoch schon jetzt: Um eure Bestleistung zu erreichen, ist und bleibt guter Schlaf, eine ausgewogene Ernährung und sozialer Ausgleich das Wichtigste für unseren Alltag, um mit den Hürden der Uni- und Arbeitswelt zurechtzukommen. Also: greift doch vielleicht lieber auf die gute Studentenfutter-Nussmischung und die Banane vor der Klausur zurück und gönnt euch auch mal Pausen während der Arbeitszeit im Büro, dann wird euer Gehirn schon von selbst auf einem Top-Leistungsniveau arbeiten!</p> <div><div> <p>[1]          C. Forlini, J. Schildmann, P. Roser, R. Beranek, and J. Vollmann, ‘Knowledge, Experiences and Views of German University Students Toward Neuroenhancement: An Empirical-Ethical Analysis’, <em>Neuroethics</em>, vol. 8, no. 2, pp. 83–92, Aug. 2015, doi: 10.1007/s12152-014-9218-z.</p> <p>[2]          S. Sharif, A. Guirguis, S. Fergus, and F. Schifano, ‘The Use and Impact of Cognitive Enhancers among University Students: A Systematic Review’, <em>Brain Sci.</em>, vol. 11, no. 3, p. 355, Mar. 2021, doi: 10.3390/brainsci11030355.</p> <p>[3]          S. Sattler, F. van Veen, F. Hasselhorn, L. El Tabei, U. Fuhr, and G. Mehlkop, ‘Prevalence of Legal, Prescription, and Illegal Drugs Aiming at Cognitive Enhancement across Sociodemographic Groups in Germany’, <em>Deviant Behav.</em>, vol. 46, no. 3, pp. 253–287, Mar. 2025, doi: 10.1080/01639625.2024.2334274.</p> <p>[4]          L. J. Maier, M. E. Liechti, F. Herzig, and M. P. Schaub, ‘To Dope or Not to Dope: Neuroenhancement with Prescription Drugs and Drugs of Abuse among Swiss University Students’, <em>PLOS ONE</em>, vol. 8, no. 11, p. e77967, Nov. 2013, doi: 10.1371/journal.pone.0077967.</p> <p>[5]          S. R. B. L. für G. und Lebensmittelsicherheit, ‘Gesundheit: Neuroenhancement: Doping für das Gehirn’. Accessed: Mar. 10, 2026. [Online]. Available: https://www.lgl.bayern.de/gesundheit/arzneimittel/warnungen_verbraucherinformationen/verbraucherinformationen/neuroenhancement.htm</p> <p>[6]          D. Ä. G. Ärzteblatt Redaktion Deutsches, ‘Substanzmittelmissbrauch im Studium: Wenn der Druck zu gross wird’, Deutsches Ärzteblatt. Accessed: Apr. 08, 2026. [Online]. Available: https://www.aerzteblatt.de/archiv/substanzmittelmissbrauch-im-studium-wenn-der-druck-zu-gross-wird-a681e9a3-7e3f-4d30-b9e6-d3e183ab44f2</p> <p>[7]          M. Bushell, ‘How do stimulants actually work to reduce ADHD symptoms?’, The Conversation. Accessed: Apr. 08, 2026. [Online]. Available: https://theconversation.com/how-do-stimulants-actually-work-to-reduce-adhd-symptoms-215801</p> <p>[8]          ‘Modafinil – drugcom’. Accessed: Apr. 11, 2026. [Online]. Available: https://www.drugcom.de/drogenlexikon/buchstabe-m/modafinil/</p> <p>[9]          A. G. Franke <em>et al.</em>, ‘Methylphenidate, modafinil, and caffeine for cognitive enhancement in chess: A double-blind, randomised controlled trial’, <em>Eur. Neuropsychopharmacol.</em>, vol. 27, no. 3, pp. 248–260, Mar. 2017, doi: 10.1016/j.euroneuro.2017.01.006.</p> <p>[10]       C. A. Roberts, A. Jones, H. Sumnall, S. H. Gage, and C. Montgomery, ‘How effective are pharmaceuticals for cognitive enhancement in healthy adults? A series of meta-analyses of cognitive performance during acute administration of modafinil, methylphenidate and D-amphetamine’, <em>Eur. Neuropsychopharmacol.</em>, vol. 38, pp. 40–62, Sep. 2020, doi: 10.1016/j.euroneuro.2020.07.002.</p> <p>[11]       D. Repantis, L. Bovy, K. Ohla, S. Kühn, and M. Dresler, ‘Cognitive enhancement effects of stimulants: a randomized controlled trial testing methylphenidate, modafinil, and caffeine’, <em>Psychopharmacology (Berl.)</em>, vol. 238, no. 2, pp. 441–451, 2021, doi: 10.1007/s00213-020-05691-w.</p> <p>[12]       ‘Geriatrie und Gerontologie | Doping für das Gehirn | springermedizin.de’. Accessed: Apr. 11, 2026. [Online]. Available: https://www.springermedizin.de/geriatrie-und-gerontologie/doping-fuer-das-gehirn/15280300</p> <p>[13]       mdr.de, ‘Ritalin &amp; Co.: Wunderpillen für mehr Leistung? | MDR.DE’. Accessed: Apr. 13, 2026. [Online]. Available: https://www.mdr.de/wissen/gehirndoping-wunderpillen-fuer-mehr-leistung-100.html</p> <p>[14]       D. O. Kennedy, E. L. Wightman, J. Forster, J. Khan, C. F. Haskell-Ramsay, and P. A. Jackson, ‘Cognitive and Mood Effects of a Nutrient Enriched Breakfast Bar in Healthy Adults: A Randomised, Double-Blind, Placebo-Controlled, Parallel Groups Study’, <em>Nutrients</em>, vol. 9, no. 12, p. 1332, Dec. 2017, doi: 10.3390/nu9121332.</p> </div></div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Gehirndoping mit Smart Drugs! Geht die Kosten-Nutzen-Rechnung auf? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Luisa Sophie Engelke</h2><div itemprop="text"> <p>Kennt ihr es, bei der Arbeit morgens einfach nicht in den Quark zu kommen, in der Vorlesung nicht folgen zu können, oder im Nachmittagsmeeting, wo schon seit einer Stunde hitzig diskutiert wird, mit der Aufmerksamkeit nicht bei der Sache zu sein? Als ich damals morgens um 08:00 Uhr in meinen Vorlesungen saß, hätte ich mir gerne gewünscht, wacher und konzentrationsfähiger zu sein. Kaffee war schonmal ein guter Anfang, aber auch dessen Wirkung hätte durchaus optimiert werden können. Wäre es nicht toll, wenn man einfach Tabletten einwirft und schwups: Gehirn ist bei 100 Prozent Leistung!</p> <p>Von Konzentrationsriegeln in der Apotheke, über „Energie-Säfte“ und „Power-Shots“ im Supermarkt, bis hin zu Brain Food: Überall sieht man angebliche Wundermittel, die einen in kürzester Zeit auf Maximalleistung bringen sollen. Doch da hört es noch nicht auf: Einige greifen auf verschreibungspflichtige Medikamente zurück und zweckentfremden diese, um sich besser konzentrieren zu können und aufmerksamer zu sein. So oder so ähnlich stellen sich zumindest viele Leute die Wirkung von sogenannten „Neuroenhancern“ oder „<strong>Smart Drugs</strong>“ vor, die von harmlosem Kaffee bis hin zu illegalen Drogen reichen.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13399737_Decrease_3-scaled.jpg"><img alt="Leistungsdruck in der Arbeitsbrange" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13399737_Decrease_3-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13399737_Decrease_3-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13399737_Decrease_3-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13399737_Decrease_3-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13399737_Decrease_3-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13399737_Decrease_3-2048x1366.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Eine groß angelegte Studie mit über 1000 deutschen Studenten ergab, dass 2,2 % der Studenten, besonders in stressigen Lern- oder Prüfungsphasen, bereits verschreibungspflichtige Medikamente zum Zweck der Leistungssteigerung eingenommen haben [1]. Der Gebrauch von diesen Smart Drugs unter Studenten hat zudem die letzten Jahre immer weiter zugenommen und scheint auch in der gesamten Bevölkerung immer populärer zu werden [2]. Und ist ja auch irgendwie verständlich, oder? Wer ist in der aktuellen Welt denn bitte nicht überfordert und würde sich bei dem immer weiter ansteigenden Arbeitsdruck gerne mal besser konzentrieren können?  Denkt nur an den stressigen Berufsalltag, die komplizierte Uniklausur, den wichtigen Einstufungstest für den neuen Job – manchmal braucht man auch einfach mal seine Topleistung, oder?</p> <p>Aber ist es wirklich smart, smart drugs zu nehmen?</p> <h3 id="h-">Bestleistungen mit Smart Drugs?</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/29874943_GST-CAM-939-13-scaled.jpg"><img alt="Smart Drugs beim Gehirndoping" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/29874943_GST-CAM-939-13-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/29874943_GST-CAM-939-13-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/29874943_GST-CAM-939-13-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/29874943_GST-CAM-939-13-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/29874943_GST-CAM-939-13-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/29874943_GST-CAM-939-13-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/29874943_GST-CAM-939-13-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p><strong>Gehirndoping</strong>, oder auch Neuroenhancement, beschreibt das gezielte Einnehmen von Substanzen zum Zweck der Leistungssteigerung bei gesunden Menschen. Dabei geht es besonders um die Verbesserung von Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Wachsamkeit und Konzentration. Beim Gehirndoping werden, je nach Definition, auch verschreibungspflichtige Medikamente verwendet, daher lehnt der Begriff auch an den bekannten Doping-Begriff im Sport an.<aside></aside></p> <p>Habt ihr schonmal eine Substanz zur Leistungssteigerung eingenommen? Vermutlich ja, wenn ihr Kaffee trinkt! Kaffee gilt als der Klassiker schlechthin, wenn man wacher und konzentrierter sein will. Falls ihr aber trotzdem mehr rund um Kaffee und Koffein erfahren wollt, schaut gerne hier vorbei:</p> <figure></figure> <p>Eine groß angelegte Studie von 2023 mit über 22.000 deutschen Teilnehmern zeigte, dass 62 % der Befragten koffeinhaltige Getränke, wie Kaffee oder Energydrinks, mit dem Zweck der Leistungssteigerung zu sich genommen haben [3]. Besonders gestresste Studenten haben Erfahrungen mit der Einnahme von Smart Drugs, wobei Kaffee und Energydrinks wesentlich regelmäßiger genommen werden als verschreibungspflichtige Mittel [4]. Trotzdem zeigen Studien, dass auch auf verschreibungspflichtige Medikamente zurückgegriffen wird, obwohl deren medizinische Wirkung für Menschen mit spezifischen Krankheiten gedacht ist [2].</p> <h3 id="h-">Die beliebtesten Smart Drugs</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2148999206.jpg"><img alt="Gehirndoping" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2148999206-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2148999206-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2148999206-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2148999206-768x513.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2148999206.jpg 1500w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Wenn man seine kognitiven Leistungen mit Smart Drugs steigern will, dann greift man unweigerlich in seine sehr sensibel regulierte Gehirnchemie ein, um die Kommunikation zwischen den Nervenzellen zu optimieren. Man verspricht sich davon erhöhte Wachheit, Aufmerksamkeit, Motivation, Euphorie und verminderte Müdigkeit – also genau das, was wir uns für die Uni oder den Berufsalltag alle wünschen, oder? Aber wie funktioniert das im Detail?</p> <h3 id="h-"><em>Psychostimulanzien</em></h3> <p><strong>Methylphenidat, </strong>auch als <strong>Ritalin</strong> bekannt, gehört den Psychostimulanzien an und wird zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (<strong>ADHS</strong>) als verschreibungspflichtiges Mittel für gesteigerte Konzentration und Aufmerksamkeit eingesetzt [5]. Wie der Name „Psychostimulanz“ schon sagt, wirkt Ritalin anregend und teils euphorisierend. Besonders Studenten scheinen Ritalin gerne zu missbrauchen und versprechen sich davon bessere Konzentrationsfähigkeiten in Klausuren. In den USA nimmt sogar jeder 4. Student Ritalin zu sich [6].</p> <p>Ritalin ist ein Dopamin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer. <strong>Dopamin</strong> und <strong>Noradrenalin</strong> sind wichtigste Botenstoffe in unserem Gehirn und an der Signalweiterleitung beteiligt. Ritalin blockiert die Transporter, die die Neurotransmitter zurück in die Neuronen transportieren, und sorgt somit dafür, dass das ausgeschüttete Dopamin länger im Gehirn aktiv bleibt, was zu erhöhter Konzentration und Aufmerksamkeit führen kann [7].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8875112_14588-scaled.jpg"><img alt="Ritalin und Modafinil" decoding="async" height="955" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8875112_14588-1024x955.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8875112_14588-1024x955.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8875112_14588-300x280.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8875112_14588-768x716.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8875112_14588-1536x1432.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8875112_14588-2048x1909.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Eine andere Substanz<strong>, Modafinil,</strong> zählt ebenfalls zu den Psychostimulanzien und wird als Wachmacher bei Narkolepsie bzw. Tagesmüdigkeit verschrieben, jedoch auch gerne zum Zweck des Gehirnboosterns zweckentfremdet [5]. Der Wirkmechanismus von Modafinil ist komplexer und auch noch nicht vollständig verstanden, doch es ist bekannt, dass sich auch durch die Einnahme von Modafinil die Konzentrationen von Dopamin und Noradrenalin erhöhen. Außerdem wirkt es auf Rezeptoren im <strong>Hypothalamus</strong>, die eine wichtige Rolle bei unserem Schlaf-Wach Rhythmus haben, und man sich nach der Einnahme oft wacher und motivierter fühlt [8].</p> <h3><em>Antidementiva</em></h3> <p>Neben klassischen Stimulanzien werden auch sogenannte <strong>Antidementiva</strong> als Neuroenhancer verwendet. Diese Medikamente werden eigentlich zur Behandlung von Demenzerkrankungen verschrieben und sollen Gedächtnisfunktionen stabilisieren und verbessern. Aufgrund dieser Wirkung werden sie jedoch teilweise zweckentfremdet eingesetzt in der Hoffnung, auch bei gesunden Menschen Lernfähigkeit und Gedächtnisleistung zu steigern.</p> <h3><em>Antidepressiva</em></h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26386030_7179733-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26386030_7179733-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26386030_7179733-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26386030_7179733-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26386030_7179733-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26386030_7179733-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26386030_7179733-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Doch nicht nur zur Leistungssteigerung im Sinne von Konzentration und Aufmerksamkeit werden Medikamente genutzt, sondern auch wenn es um die Stimmung und den Gefühlszustand geht. <strong>Antidepressiva</strong> werden bei Depressionen verschrieben und sorgen im Gehirn dafür, dass <strong>Serotonin</strong>, ein wichtiger Neurotransmitter für unser Wohlbefinden, länger wirken kann, indem ebenfalls deren Wiederaufnahme blockiert wird. Wenn Antidepressiva jedoch von gesunden Menschen verwendet werden, versprechen sie sich davon eine verbesserte Stimmung, Motivation und psychisches Wohlbefinden.</p> <h3><em>Illegale Drogen</em></h3> <p>Teilweise greifen Menschen sogar zu illegalen Substanzen, wie <strong>Ecstasy</strong>, <strong>Kokain </strong>oder <strong>Crystal Meth</strong> zur Leistungssteigerung zurück: Man verspricht sich mehr Energie, Wachsamkeit, Euphorie, gesteigertes Selbstvertrauen und mehr Konzentrationsfähigkeit, um nur einige Effekte zu nennen. Klar, dass kann man im Uni- oder Berufsalltag schon alles gebrauchen, oder? Aber funktioniert das alles so, wie man sich das denkt, und wenn ja, zu welchem Preis?</p> <h3 id="h-">Was sagt die Wissenschaft?</h3> <p>Die Studienlage ist zwar klein, aber relativ eindeutig: Bei gesunden Menschen, die diese vermeintlich helfenden Mittel zur Leistungssteigerung einnehmen, zeigen sich sehr geringe bis gar keine Effekte.</p> <p>Nach der aktuellen Studienlage ist die Wirksamkeit von Kaffee, Methylphenidat, Amphetaminen und Modafinil auf Konzentrations- und Aufmerksamkeitsverbesserung am besten nachgewiesen [5].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/22676111_80_YnVzaW5lc3NfYWxsZWdvcnktMDU-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/22676111_80_YnVzaW5lc3NfYWxsZWdvcnktMDU-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/22676111_80_YnVzaW5lc3NfYWxsZWdvcnktMDU-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/22676111_80_YnVzaW5lc3NfYWxsZWdvcnktMDU-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/22676111_80_YnVzaW5lc3NfYWxsZWdvcnktMDU-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/22676111_80_YnVzaW5lc3NfYWxsZWdvcnktMDU-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/22676111_80_YnVzaW5lc3NfYWxsZWdvcnktMDU-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Eine interessante Studie von 2017 testete die Effekte von Ritalin, Modafinil und Kaffee auf die Leistungen von Schachspielern. Die Ergebnisse waren bescheiden: zwar verbesserten alle Substanzen die Reaktionszeiten, Ritalin und Modafinil im Vergleich zur Kontrollgruppe erhöhten auch die generelle kognitive Leistung um ein paar Prozentpunkte, jedoch war dies nicht statistisch signifikant. Zudem war der Effekt kaum größer als bei der Gruppe, die Kaffee getrunken hatte [9]. Bei bestimmten Erkrankungen werden die entsprechenden Medikamente eingesetzt, um das gestörte Gleichgewicht der Neurotransmitter zu normalisieren. Bei gesunden Menschen hingegen befinden sich die Botenstoffe bereits in einem gut regulierten Gleichgewicht, sodass zusätzliche Substanzen die Leistungsfähigkeit vermutlich nur begrenzt steigern können.</p> <p>Insgesamt berichten Studien daher durchaus von positiven Effekten [10], [11], doch sind diese Effekte oft nur klein und traten teilweise nur auf, wenn die Testpersonen unter Schlafmangel litten [5], [12]. Da stellt sich mir direkt die Frage, ob man dann nicht lieber erstmal auf einen gesunden Schlaf achten sollte, bevor man diesen vernachlässigt und dann mit Medikamenten versucht, kognitiv wieder fitter zu werden.</p> <p>Ob und wie gut Smart Drugs wirken ist von Person zu Person unterschiedlich und hängt von vielen äußeren Faktoren ab. Der potenzielle, kurzzeitige Nutzen, den man durch die Einnahme dieser Substanzen bekommen könnte, steht in keinem Verhältnis zu den Risiken, und die sind nicht ohne!</p> <h3 id="h-">Smart Drugs nehmen: eher nicht so smart…</h3> <p>Das Gefährliche bei den Smart Drugs ist, dass die Konsumenten durch ihre eigene Einschätzung die Dosis regulieren und dies nicht ärztlich abgeklärt ist, weswegen die Gefahr vor <strong>Nebenwirkungen </strong>oft außer Acht gelassen wird [3]. Denn die Substanzen sind nicht ohne Grund verschreibungspflichtig!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20827490_Tiny-depressed-woman-with-anxiety-sitting-on-large-pill-scaled.jpg"><img alt="Nebenwirkungen vom Gehirndoping" decoding="async" height="853" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20827490_Tiny-depressed-woman-with-anxiety-sitting-on-large-pill-1024x853.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20827490_Tiny-depressed-woman-with-anxiety-sitting-on-large-pill-1024x853.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20827490_Tiny-depressed-woman-with-anxiety-sitting-on-large-pill-300x250.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20827490_Tiny-depressed-woman-with-anxiety-sitting-on-large-pill-768x640.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20827490_Tiny-depressed-woman-with-anxiety-sitting-on-large-pill-1536x1280.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20827490_Tiny-depressed-woman-with-anxiety-sitting-on-large-pill-2048x1706.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Von Schlafmangel, Übelkeit, Kopfschmerzen, Herzrhythmusstörungen, Nervosität bis hin zu suchtähnlichen Symptomen ist die Liste scheinbar unendlich lang, die ein nicht ärztlich abgesprochener und medizinisch nicht notwendiger Gebrauch von Gehirnstimulanzien hervorrufen kann.</p> <p>Besonders bei den verschreibungspflichtigen Medikamenten kommt es bei regelmäßiger Einnahme zu einer Gewöhnung an die hohen Dopaminmengen und man braucht oft eine Steigerung der Dosis, um den gewünschten Effekt zu erzielen [13]. Durch diese <strong>Toleranzentwicklung </strong>birgt Gehirndoping mit rezeptpflichtigen Substanzen ein nicht zu unterschätzendes Risiko für Abhängigkeit und <strong>Sucht</strong>! Falls euch dieses Thema näher interessiert, schaut gerne hier vorbei:</p> <figure></figure> <p>Außerdem können auch Erscheinungen eintreten, die das Gegenteil von dem sind, was man sollte: Leistungsminderung, Schlaflosigkeit, Konzentrationsstörungen und depressive Verstimmungen sind nur einige der Nebenwirkungen, die auftreten können, wenn man mit seiner Gehirnchemie herumspielt!</p> <h3 id="h-">Smart Marketing?</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Konzentrationsriegel-zur-Leistungssteigerung.png"><img alt="" decoding="async" height="864" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1536px) 100vw, 1536px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Konzentrationsriegel-zur-Leistungssteigerung-edited.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Konzentrationsriegel-zur-Leistungssteigerung-edited.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Konzentrationsriegel-zur-Leistungssteigerung-edited-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Konzentrationsriegel-zur-Leistungssteigerung-edited-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Konzentrationsriegel-zur-Leistungssteigerung-edited-768x432.png 768w" width="1536"></img></a></figure> </div> <p>Okay. Vergessen wir mal die Smart Drugs. Was gibt es denn alles so frei verkäuflich zu erwerben? Tabletten mit den Aufschriften „Über Nacht den IQ erhöhen“, oder „Mentaler Fokus: Leistung und Konzentration steigern“ findet man fast überall. Wenn es keine Tablette sein soll, dann vielleicht doch lieber der vielversprechenden Konzentrationsriegel als Geheimwaffe für die kommende Prüfungsphase?</p> <p>Naja… kann man machen, muss man aber nicht. Eine Studie von 2017 zeigte, dass Proteinriegel mit diversen Inhaltstoffen, die für kognitive Leistungssteigerung sorgen sollen, kurzzeitige positive Effekte bezüglich Aufmerksamkeit und Gedächtnis hatten [14]. Doch die Frage ist, ob man wirklich die überteuerten Riegel kaufen möchte, oder nicht doch einfach durch gesunde Ernährung an dieselben Inhaltsstoffe kommt. Denn eines ist klar: Diese Produkte enthalten keine Wundermittel, die unser Gehirn im Handumdrehen noch effizienter arbeiten lassen! Klingt schön und einfach, aber leider ist das nicht realistisch. Vielleicht sollten wir unserem Gehirn zugestehen, dass es schon ziemlich effizient arbeiten kann, sofern wir dem Gehirn die Chance dazu bieten. Anstatt auf Optimierung durch Medikamente zu setzen, sollte man doch eher an seinen Gewohnheiten wie Schlaf, Ernährung und soziales Umfeld arbeiten.</p> <h3 id="h-fazit">Fazit</h3> <p>Der Hype rund um die angeblichen Effekte von Smart Drugs bei gesunden Menschen kann nach aktuellem Stand nicht wissenschaftlich belegt werden und es wird von Experten dringend davon abgeraten, selbst dosierte Mengen von Substanzen ohne ärztliche Absprache einzunehmen!</p> <p>Die Debatte rund um Gehirndoping ist und bleibt hitzig. Es muss noch wesentlich mehr Forschung passieren, um herauszufinden, wie genau die Einnahme der Substanzen sich auf gesunde Personen auswirkt [11]. Doch die Frage kommt auf, wie man eigentlich damit umgehen sollte, selbst wenn die Wirkung nachgewiesen wird? Werden Substanzen wie Ritalin und Modafinil so regelmäßig und gesellschaftlich akzeptiert wie Kaffee genutzt werden, oder geht das doch einen Schritt zu weit?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Fest steht jedoch schon jetzt: Um eure Bestleistung zu erreichen, ist und bleibt guter Schlaf, eine ausgewogene Ernährung und sozialer Ausgleich das Wichtigste für unseren Alltag, um mit den Hürden der Uni- und Arbeitswelt zurechtzukommen. Also: greift doch vielleicht lieber auf die gute Studentenfutter-Nussmischung und die Banane vor der Klausur zurück und gönnt euch auch mal Pausen während der Arbeitszeit im Büro, dann wird euer Gehirn schon von selbst auf einem Top-Leistungsniveau arbeiten!</p> <div><div> <p>[1]          C. Forlini, J. Schildmann, P. Roser, R. Beranek, and J. Vollmann, ‘Knowledge, Experiences and Views of German University Students Toward Neuroenhancement: An Empirical-Ethical Analysis’, <em>Neuroethics</em>, vol. 8, no. 2, pp. 83–92, Aug. 2015, doi: 10.1007/s12152-014-9218-z.</p> <p>[2]          S. Sharif, A. Guirguis, S. Fergus, and F. Schifano, ‘The Use and Impact of Cognitive Enhancers among University Students: A Systematic Review’, <em>Brain Sci.</em>, vol. 11, no. 3, p. 355, Mar. 2021, doi: 10.3390/brainsci11030355.</p> <p>[3]          S. Sattler, F. van Veen, F. Hasselhorn, L. El Tabei, U. Fuhr, and G. Mehlkop, ‘Prevalence of Legal, Prescription, and Illegal Drugs Aiming at Cognitive Enhancement across Sociodemographic Groups in Germany’, <em>Deviant Behav.</em>, vol. 46, no. 3, pp. 253–287, Mar. 2025, doi: 10.1080/01639625.2024.2334274.</p> <p>[4]          L. J. Maier, M. E. Liechti, F. Herzig, and M. P. Schaub, ‘To Dope or Not to Dope: Neuroenhancement with Prescription Drugs and Drugs of Abuse among Swiss University Students’, <em>PLOS ONE</em>, vol. 8, no. 11, p. e77967, Nov. 2013, doi: 10.1371/journal.pone.0077967.</p> <p>[5]          S. R. B. L. für G. und Lebensmittelsicherheit, ‘Gesundheit: Neuroenhancement: Doping für das Gehirn’. Accessed: Mar. 10, 2026. [Online]. Available: https://www.lgl.bayern.de/gesundheit/arzneimittel/warnungen_verbraucherinformationen/verbraucherinformationen/neuroenhancement.htm</p> <p>[6]          D. Ä. G. Ärzteblatt Redaktion Deutsches, ‘Substanzmittelmissbrauch im Studium: Wenn der Druck zu gross wird’, Deutsches Ärzteblatt. Accessed: Apr. 08, 2026. [Online]. Available: https://www.aerzteblatt.de/archiv/substanzmittelmissbrauch-im-studium-wenn-der-druck-zu-gross-wird-a681e9a3-7e3f-4d30-b9e6-d3e183ab44f2</p> <p>[7]          M. Bushell, ‘How do stimulants actually work to reduce ADHD symptoms?’, The Conversation. Accessed: Apr. 08, 2026. [Online]. Available: https://theconversation.com/how-do-stimulants-actually-work-to-reduce-adhd-symptoms-215801</p> <p>[8]          ‘Modafinil – drugcom’. Accessed: Apr. 11, 2026. [Online]. Available: https://www.drugcom.de/drogenlexikon/buchstabe-m/modafinil/</p> <p>[9]          A. G. Franke <em>et al.</em>, ‘Methylphenidate, modafinil, and caffeine for cognitive enhancement in chess: A double-blind, randomised controlled trial’, <em>Eur. Neuropsychopharmacol.</em>, vol. 27, no. 3, pp. 248–260, Mar. 2017, doi: 10.1016/j.euroneuro.2017.01.006.</p> <p>[10]       C. A. Roberts, A. Jones, H. Sumnall, S. H. Gage, and C. Montgomery, ‘How effective are pharmaceuticals for cognitive enhancement in healthy adults? A series of meta-analyses of cognitive performance during acute administration of modafinil, methylphenidate and D-amphetamine’, <em>Eur. Neuropsychopharmacol.</em>, vol. 38, pp. 40–62, Sep. 2020, doi: 10.1016/j.euroneuro.2020.07.002.</p> <p>[11]       D. Repantis, L. Bovy, K. Ohla, S. Kühn, and M. Dresler, ‘Cognitive enhancement effects of stimulants: a randomized controlled trial testing methylphenidate, modafinil, and caffeine’, <em>Psychopharmacology (Berl.)</em>, vol. 238, no. 2, pp. 441–451, 2021, doi: 10.1007/s00213-020-05691-w.</p> <p>[12]       ‘Geriatrie und Gerontologie | Doping für das Gehirn | springermedizin.de’. Accessed: Apr. 11, 2026. [Online]. Available: https://www.springermedizin.de/geriatrie-und-gerontologie/doping-fuer-das-gehirn/15280300</p> <p>[13]       mdr.de, ‘Ritalin &amp; Co.: Wunderpillen für mehr Leistung? | MDR.DE’. Accessed: Apr. 13, 2026. [Online]. Available: https://www.mdr.de/wissen/gehirndoping-wunderpillen-fuer-mehr-leistung-100.html</p> <p>[14]       D. O. Kennedy, E. L. Wightman, J. Forster, J. Khan, C. F. Haskell-Ramsay, and P. A. Jackson, ‘Cognitive and Mood Effects of a Nutrient Enriched Breakfast Bar in Healthy Adults: A Randomised, Double-Blind, Placebo-Controlled, Parallel Groups Study’, <em>Nutrients</em>, vol. 9, no. 12, p. 1332, Dec. 2017, doi: 10.3390/nu9121332.</p> </div></div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/gehirndoping-mit-smart-drugs-geht-die-kosten-nutzen-rechnung-auf/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Wissen Ameisen, ob sie in einem Garten wohnen? https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/wissen-ameisen-ob-sie-in-einem-garten-wohnen/ https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/wissen-ameisen-ob-sie-in-einem-garten-wohnen/#comments Sat, 18 Apr 2026 16:07:26 +0000 Thomas Grüter https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/?p=1840 https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Whirl_sun-768x329.jpg Sonne und Galaxis https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/wissen-ameisen-ob-sie-in-einem-garten-wohnen/ <h1>Wissen Ameisen, ob sie in einem Garten wohnen? » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Von Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Werden wir von Aliens beobachtet? Nein, nicht von UFOs, die Menschen entführen. Sondern von Wesen, die uns soweit voraus sind, dass wir auf sie wie </b><b>Ameise</b><b>n wirken</b><b>. Und wenn es so wäre, würden wir das überhaupt wahrnehmen?</b></p> <p>Mit diesen Fragen befasst sich meine aktuelle Kurzgeschichte: „Weiß die Ameise, dass sie in einem Garten wohnt?“ (veröffentlicht <a href="https://www.pmachinery.de/archive/12919" rel="noopener" target="_blank">im Magazin <em>NOVA 38</em></a><a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a>). Vordergründig geht es um eine Wärmeanomalie in einer aufgelassenen Wetterstation in Sibirien. Eine Offizierin des Militärgeheimdienstes und ein Klimaforscher werden abgestellt, um das Phänomen zu untersuchen – wenn es überhaupt eines ist, denn der Klimawandel hat den Permafrostboden gewaltig in Unordnung gebracht. Mehr sei hier nicht verraten, nur dass in der Geschichten auch Katzen eine wichtige Rolle spielen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1843" id="attachment_1843"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy_being1.jpg"><img alt="Wetterstation " decoding="async" height="410" sizes="(max-width: 410px) 100vw, 410px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy_being1-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy_being1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy_being1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy_being1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy_being1.jpg 1024w" width="410"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1843">Ist das ein Alien oder gibt es eine natürliche Erklärung? Symbolisches KI-Bild</figcaption></figure> <h3>Gibt es überhaupt Aliens?</h3> <p>Bisher wissen wir nicht, ob es überhaupt außerirdische Intelligenzen gibt. Sicher, erstaunlich viele Menschen haben von Begegnungen mit UFOs berichtet oder sogar von direkten Begegnungen mit Außerirdischen. Aber keines dieser Erlebnisse ließ sich bisher verifizieren oder durch materielle Beweise erhärten. Deshalb wohnen UFOs bislang in der gleichen Realitätsebene wie Engel, Dämonen oder Geister in alten Schlössern. Andererseits beweist das auch nicht, das es keine Aliens gibt. </p> <h3>Wo sind sie alle?</h3> <p>Im bekannten Universum verteilen sich ein bis zwei Billion Galaxien, die im Durchschnitt mehr als eine Milliarde Sterne enthalten. Und wenn man unsere Milchstraße als Modell zugrunde legt, kommen auf jeden Stern mindestens zwei Planeten. Selbst wenn nur auf einem verschwindend geringen Teil davon Lebewesen herumkriechen, wäre schon unsere eigene Galaxis ein äußerst artenreicher Zoo. Und fast zwangsläufig würde irgendwann eine technische Zivilisation entstehen, theoretisch jedenfalls.</p> <p>„Wo sind sie alle?“ soll der Physiker Enrico Fermi im Jahre 1950 bei einer Diskussion über UFOs und Außerirdische gefragt haben. Seitdem ist die Diskrepanz zwischen der Annahme, dass eine Vielzahl von außerirdischen Zivilisationen entstanden sein müsste, und dem völligen Fehlen von eindeutigen Spuren ihrer Existenz als <i>Fermi-Paradoxon</i> bekannt.<aside></aside></p> <h3>Die Drake-Formel</h3> <p>Der Astronom Frank Drake entwickelte eine Formel aus sieben Faktoren, die angeben soll, wie viele weitere technische Zivilisationen auf anderen Planeten in unserer Milchstraße parallel zu uns existieren. Weil die meisten Faktoren aber nicht genau bekannt sind, <a href="https://www.heise.de/hintergrund/Zahlen-bitte-Bis-zu-4-000-000-Alien-Welten-nach-der-Drake-Gleichung-9788627.html" rel="noopener">liegen die besten Schätzungen zwischen</a> einer einzigen und vier Millionen Alien-Zivilisationen. Der praktische Nutzen der Drake-Formel ist also überschaubar, zumal einige Faktor unmöglich genauer bestimmt werden können. Dazu gehört zum Beispiel die durchschnittliche Dauer einer technischen Zivilisation oder die Wahrscheinlichkeit, dass sich auf einem geeigneten Planeten überhaupt Leben entwickelt.</p> <h3>SETI</h3> <p>Aber ganz gleich, wie man die Drake-Formel staucht oder streckt, bisher hat sich kein Alien hier gemeldet. Seit mehr als 60 Jahren suchen Wissenschaftler in sogenannten SETI-Projekten vergeblich nach Signalen von außerirdischen Intelligenzen. SETI steht dabei für<i> Search for Extraterrestrial Intelligence.</i> Leider weiß niemand so genau, wonach wir suchen sollten. Im Grunde käme jedes Signal infrage, das nicht natürlich erklärbar ist. Es könnte dabei auf jeder Frequenz des elektromagnetischen Spektrums liegen, angefangen von langwelliger Radiostrahlung über sichtbares Licht bis in den Bereich der Gammastrahlen.</p> <p>Ergebnis bislang: Nullkommanichts.</p> <h3>Active SETI</h3> <p>Sollten wir eventuell selber ein Suchsignal aussenden, das in etwa lautet: „Ist da jemand?“ Das könnte die Kontaktaufnahme beschleunigen, nur würde das eventuell Aliens anziehen, die wir hier lieber nicht sehen würden. Der berühmte britische Astrophysiker Stephen Hawking (1942-2018) hat im Jahr 2010 in einer Fernsehsendung der BBC darauf hingewiesen, dass der erste Kontakt mit den Europäern für die Ureinwohner Amerikas kein gutes Ende genommen hat. Aliens, die auf unsere Suchanzeige hin persönlich hier aufkreuzen, wären uns technisch mindestens so weit voraus wie die Europäer den Indianern.</p> <h3>Haben wir den Besuch verpasst?</h3> <p>Aber vielleicht waren Aliens ja schon vor Millionen Jahren im Sonnensystem, haben sich kurz umgesehen und sind wieder abgeflogen? Sicher, das ist möglich, aber dann haben sie so gut hinter sich aufgeräumt, dass wir – bisher jedenfalls – keine Spuren von ihnen gefunden haben. Ich habe das in einem <a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/wie-findet-man-eine-fruehere-zivilisation/" rel="noopener" target="_blank">früheren Blogpost</a> bereits ausführlich diskutiert.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1844" id="attachment_1844"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/stonhenge2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="410" sizes="(max-width: 410px) 100vw, 410px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/stonhenge2-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/stonhenge2-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/stonhenge2-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/stonhenge2-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/stonhenge2-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/stonhenge2-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/stonhenge2.jpg 2048w" width="410"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1844">Haben uns Außerirdische in der Steinzeit besucht? Symbolisches KI-Bild</figcaption></figure> <p>Wenn wir hier schon nichts finden, sollten wir vielleicht in der Milchstraße nach große künstliche Strukturen zu suchen, die nur von außerirdischen Zivilisationen stammen können?</p> <h3>Die Kardaschow-Einteilung</h3> <p>Der russische Astronom Nikolai Kardaschow hat 1964 vorgeschlagen, die Entwicklungsstufen außerirdischer Zivilisationen nach ihrem Energieverbrauch einzuteilen, genauer gesagt, nach der maximalen Energie, die sie konstruktiv einsetzen können. Er unterschied drei Typen:</p> <p>Typ I: Die Zivilisation beherrscht die gesamte auf einem Planeten verfügbare Leistung.</p> <p>Typ II: Die Zivilisation beherrscht die Gesamtleistung des Zentralsterns.</p> <p>Typ III: Die Zivilisation beherrscht die Gesamtleistung einer Galaxie.</p> <p>Zur Einordnung: Die Menschen kontrollieren deutlich weniger Energie, als für Typ I erforderlich wäre. Das Star-Wars-Universum besteht aus raumfahrenden Spezies der Typen I und II.</p> <p>Falls Aliens mindestens den Energieausstoß einer Sonne kontrollieren, sollten sie eigentlich Bauten hinterlassen haben, die Astronomen von der Erde aus sehen können. Nehmen wir an, eine Alienrasse möchte die Energie ihrer Sonne nachhaltig nutzen und baut eine Hohlkugel um ihren Stern. Diese Idee stammt nicht von mir, sondern von dem Physiker Freeman Dyson, weshalb sie als Dyson-Sphere bekannt ist. Ihre Oberfläche wäre gigantisch, und eine potenzielle Zivilisation müsste dafür alles Material verbauen, das sie in ihrem Sonnensystem findet. Der verkapselte Stern würde weiterhin Energie abgeben, aber nicht mehr im sichtbaren Licht, sondern im infraroten Spektrum. Astronomen haben nach solchen Objekten schon gesucht, bisher aber erfolglos.</p> <h3>Qualität, nicht Quantität</h3> <p>Die Kardaschow-Skala geht davon aus, dass der Fortschritt einer technischen Zivilisation in ihrer Vergrößerung liegt. Was heißt das? Hätte Kardaschow in der Steinzeit gelebt, dann würde er angenommen haben, dass eine sehr fortschrittliche Zivilisation alle Mammutherden eines Kontinents bewirtschaften könne. Ich halte dieses Konzept deshalb für wenig Erfolg versprechend. Wenn eine Zivilisation wirklich lange überlebt, ändert sich auch ihre Qualität. Sie wird sich höchstwahrscheinlich in eine Richtung weiterentwickeln, die wir nicht einmal ahnen können.</p> <p>In seinem meisterhaften Film 2001 – Odyssee im Weltraum zeigte Stanley Kubrick die Aliens, die auf der Erde, auf dem Mond und zwischen den Jupitermonden schwarze geheimnisvolle Monolithen platziert hatten, nicht ein einziges Mal. Der Astronaut Bowman findet sich nach dem Sturz durch den Jupiter-Monolithen in einem surrealistischen Hotelzimmer wieder. Von da an altert er rapide und wird als Sternenkind wiedergeboren. Solche Veränderungen sind nur denkbar, wenn die Aliens das Gewebe des Universums meisterhaft manipulieren. Für sie wären Menschen dann kaum mehr als primitive Urzeitwesen, die es noch nicht geschafft haben, die Bürde der Materie abzuwerfen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1842" id="attachment_1842"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy-stars-scaled.jpg"><img alt="Energiewesen" decoding="async" height="206" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy-stars-300x129.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy-stars-300x129.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy-stars-1024x439.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy-stars-768x329.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy-stars-1536x658.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy-stars-2048x878.jpg 2048w" width="480"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1842">Streifen intelligente Wesen irgendwann ihren materiellen Körper ab? Symbolisches KI-Bild</figcaption></figure> <p>Auch aus anderen Science-Fiction-Erzählungen sind äußerst mächtige Wesen bekannt.</p> <p>Im Star-Trek-Universum lebt das Wesen Q, Angehöriger der gleichnamigen Spezies aus dem Q-Kontinuum. Die Q verfügen über die Fähigkeit, die Gesetze der Physik zu verbiegen und sind nicht in gleicher Weise an Raum und Zeit gebunden wie Menschen. Trotz seiner gottgleichen Macht zeigt das Q-Wesen einen seltsamen Sinn für Humor und eine Vorliebe für handfeste Streiche.</p> <h3>Wie es weitergeht</h3> <p>Vielleicht werden intelligente Wesen irgendwann ihre Körper hinter sich lassen und verankern ihren Geist direkt in der Struktur des Raum-Zeit-Gefüges. Vielleicht lernen sie, die Vakuumenergie zu nutzen, die das Universum durchzieht. Und vielleicht ist das sogar eine gesetzmäßige Entwicklung.<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a></p> <p>Würden wir solche Wesen überhaupt noch wahrnehmen? Nehmen wir an, sie hätten sich einen Lebensraum eingerichtet, der sich mit unserem Sonnensystem überschneidet, und bauten prächtige Häuser, Gärten und Landschaften aus reiner Energie. Und wir leben mittendrin, ohne das zu merken. Diese Spekulation ist die Grundlage für meine Kurzgeschichte. Ist das jetzt noch Wissenschaft oder schon Märchen?</p> <h3>Es wird dunkel</h3> <p>Nach dem heutigen Wissen besteht das Universum nur zu 4,6 Prozent aus gewöhnlicher Materie. Weitere 23 Prozent macht die dunkle Materie aus. Trotz aller Mühe von Physikern und Astronomen wissen wir nicht, wie ihre Bestandteile aussehen. Nur ihre Masse lässt sich nachweisen. Mit normaler Materie gibt sie sich nicht ab. Sie wechselwirkt nicht, wie die Physiker sagen.</p> <p>Und den ganzen Rest, fast drei Viertel des Universums, nimmt die dunkle Energie ein. Und wieder können wir nur ihre Wirkung messen, über ihre Natur wissen wir nichts. Sie mag mit der Vakuumenergie identisch sein – oder auch nicht.</p> <p>Was heißt das also? Trotz aller Fortschritte der Wissenschaft entziehen sich mehr als 95 Prozent des Universums unserer Wahrnehmung. Selbst die empfindlichsten Messinstrumente können die mächtige dunkle Seite nicht enträtseln, nur ihre Wirkung lässt sich nicht übersehen.</p> <p>Bildet die dunkle Seite Strukturen? Verdichtet sie sich zu schwarzen Sonnen und dunklen Planeten? Wogen dort Meere, durchzogen vom unsichtbarem Leben? Wir wissen es nicht. Aber mit unserer eingeschränkten Sicht auf gerade mal 4,6 Prozent des Universums sollten wir das aber nicht ausschließen.</p> <h3>Fazit</h3> <p>Der Mensch hielt sich lange für die Krone der Schöpfung. Inzwischen wissen wir, dass die Erde um eine kleine, aber stabile Sonne im Spiralarm einer Galaxis kreist. Im Universum leuchten vermutlich mehr als 10<sup>20</sup> Sterne. Und die gewöhnliche Materie, aus der sie bestehen, macht nur 5 Prozent des Universums aus. Der Rest ist dunkel. Und selbst über Aliens wissen wir nichts. Lebt die nächste von vielen Tausend Alienrassen direkt nebenan? Oder entstand das Leben auf der Erde nur aufgrund eines grotesken und absolut einmaligen Zufalls?</p> <p>Bisher hat sich kein Alien hier gemeldet. Für wirklich fortgeschrittene Zivilisationen sind <a href="https://www.derstandard.de/story/3100000292305/gelangweilte-aliens-erfolglose-suche-nach-intelligenz-im-all-koennte-banale-gruende-haben" rel="noopener">wir vielleicht zu langweilig</a> – oder sie sind hier und uns fehlen die Sinne, um sie wahrzunehmen.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> NOVA 38 – Magazin für spekulative Literatur. <br></br>Vierzehn fantastische, unheimliche und spannende Geschichten von neuen und erfahrenen Autoren. <br></br><a href="https://www.pmachinery.de/archive/12919" rel="noopener">Erschienen im Verlag p.machinery Michael Haitel</a>, April 2026, 200 Seiten. <br></br>Paperback ISBN 978 3 95765 507 3 – EUR 18,90 (DE) <br></br>E-Book: ISBN 978 3 95765 659 9 – EUR 6,49 (DE)<br></br>Erhältlich beim Verlag, im stationären Buchhandel oder Versandbuchhandel (z. B. <a href="https://www.amazon.de/NOVA-38-Magazin-spekulative-Literatur-ebook/dp/B0G67C5TP6/ref=sr_1_2?crid=3M2P6U4H5F4RS&amp;dib=eyJ2IjoiMSJ9.sXuyHFv6Ytrnb-hGBGJbPMEU406Q5sgDwRKLUamxn44VhVW_i7lIfTvpODZDgjN1ChQpmQJKhOlKfALZG1DLDiXjIv6xXJws8GasyGcr2xYSjkSgNanpwOOSvhFcV8CQAzhMIsQTMdlv7E4V7saNbn5CjsX_pCL5i9NC9E0gR-v3PwyCJogDdhQyQMh-fqw6j6wWHmaRBAegiFL9OWXO4IkVhonADET-s_e7uhEm67U.WenZgkDkEBQxMOdbojNT3SfeWJl8FciZ5P8hTYkZTUY&amp;dib_tag=se&amp;keywords=nova+38+magazin+f%C3%BCr+spekulativen+literatur" rel="noopener">hier</a> oder <a href="https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/A1079066325" rel="noopener">hier</a>)</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> In meinem Buch „Faszination Apokalypse“ habe ich spekuliert, dass alle intelligenten Wesen gesetzmäßig zu Energiewesen mutieren, wenn sie nicht vorher aussterben. Sie bilden dann die stets wachsende intelligente Grundstruktur des Universums. Und irgendwann erkennen sie dann den letzten Zweck ihres Daseins. Mit all ihrer Kraft formen sie Tochteruniversen, ganz so wie primitive Tiere Eier legen. Dabei erschöpfen sie sich vollkommen und treiben kraftlos ihrem Tod entgegen. Bei all ihrer Intelligenz wären sie damit nur Teil des Fortpflanzungsmechanismus eines gigantischen Organismus, der mit vielen anderen in einem Meer wohnt, das sich jeder Vorstellung entzieht.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Wissen Ameisen, ob sie in einem Garten wohnen? » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Von Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Werden wir von Aliens beobachtet? Nein, nicht von UFOs, die Menschen entführen. Sondern von Wesen, die uns soweit voraus sind, dass wir auf sie wie </b><b>Ameise</b><b>n wirken</b><b>. Und wenn es so wäre, würden wir das überhaupt wahrnehmen?</b></p> <p>Mit diesen Fragen befasst sich meine aktuelle Kurzgeschichte: „Weiß die Ameise, dass sie in einem Garten wohnt?“ (veröffentlicht <a href="https://www.pmachinery.de/archive/12919" rel="noopener" target="_blank">im Magazin <em>NOVA 38</em></a><a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a>). Vordergründig geht es um eine Wärmeanomalie in einer aufgelassenen Wetterstation in Sibirien. Eine Offizierin des Militärgeheimdienstes und ein Klimaforscher werden abgestellt, um das Phänomen zu untersuchen – wenn es überhaupt eines ist, denn der Klimawandel hat den Permafrostboden gewaltig in Unordnung gebracht. Mehr sei hier nicht verraten, nur dass in der Geschichten auch Katzen eine wichtige Rolle spielen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1843" id="attachment_1843"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy_being1.jpg"><img alt="Wetterstation " decoding="async" height="410" sizes="(max-width: 410px) 100vw, 410px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy_being1-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy_being1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy_being1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy_being1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy_being1.jpg 1024w" width="410"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1843">Ist das ein Alien oder gibt es eine natürliche Erklärung? Symbolisches KI-Bild</figcaption></figure> <h3>Gibt es überhaupt Aliens?</h3> <p>Bisher wissen wir nicht, ob es überhaupt außerirdische Intelligenzen gibt. Sicher, erstaunlich viele Menschen haben von Begegnungen mit UFOs berichtet oder sogar von direkten Begegnungen mit Außerirdischen. Aber keines dieser Erlebnisse ließ sich bisher verifizieren oder durch materielle Beweise erhärten. Deshalb wohnen UFOs bislang in der gleichen Realitätsebene wie Engel, Dämonen oder Geister in alten Schlössern. Andererseits beweist das auch nicht, das es keine Aliens gibt. </p> <h3>Wo sind sie alle?</h3> <p>Im bekannten Universum verteilen sich ein bis zwei Billion Galaxien, die im Durchschnitt mehr als eine Milliarde Sterne enthalten. Und wenn man unsere Milchstraße als Modell zugrunde legt, kommen auf jeden Stern mindestens zwei Planeten. Selbst wenn nur auf einem verschwindend geringen Teil davon Lebewesen herumkriechen, wäre schon unsere eigene Galaxis ein äußerst artenreicher Zoo. Und fast zwangsläufig würde irgendwann eine technische Zivilisation entstehen, theoretisch jedenfalls.</p> <p>„Wo sind sie alle?“ soll der Physiker Enrico Fermi im Jahre 1950 bei einer Diskussion über UFOs und Außerirdische gefragt haben. Seitdem ist die Diskrepanz zwischen der Annahme, dass eine Vielzahl von außerirdischen Zivilisationen entstanden sein müsste, und dem völligen Fehlen von eindeutigen Spuren ihrer Existenz als <i>Fermi-Paradoxon</i> bekannt.<aside></aside></p> <h3>Die Drake-Formel</h3> <p>Der Astronom Frank Drake entwickelte eine Formel aus sieben Faktoren, die angeben soll, wie viele weitere technische Zivilisationen auf anderen Planeten in unserer Milchstraße parallel zu uns existieren. Weil die meisten Faktoren aber nicht genau bekannt sind, <a href="https://www.heise.de/hintergrund/Zahlen-bitte-Bis-zu-4-000-000-Alien-Welten-nach-der-Drake-Gleichung-9788627.html" rel="noopener">liegen die besten Schätzungen zwischen</a> einer einzigen und vier Millionen Alien-Zivilisationen. Der praktische Nutzen der Drake-Formel ist also überschaubar, zumal einige Faktor unmöglich genauer bestimmt werden können. Dazu gehört zum Beispiel die durchschnittliche Dauer einer technischen Zivilisation oder die Wahrscheinlichkeit, dass sich auf einem geeigneten Planeten überhaupt Leben entwickelt.</p> <h3>SETI</h3> <p>Aber ganz gleich, wie man die Drake-Formel staucht oder streckt, bisher hat sich kein Alien hier gemeldet. Seit mehr als 60 Jahren suchen Wissenschaftler in sogenannten SETI-Projekten vergeblich nach Signalen von außerirdischen Intelligenzen. SETI steht dabei für<i> Search for Extraterrestrial Intelligence.</i> Leider weiß niemand so genau, wonach wir suchen sollten. Im Grunde käme jedes Signal infrage, das nicht natürlich erklärbar ist. Es könnte dabei auf jeder Frequenz des elektromagnetischen Spektrums liegen, angefangen von langwelliger Radiostrahlung über sichtbares Licht bis in den Bereich der Gammastrahlen.</p> <p>Ergebnis bislang: Nullkommanichts.</p> <h3>Active SETI</h3> <p>Sollten wir eventuell selber ein Suchsignal aussenden, das in etwa lautet: „Ist da jemand?“ Das könnte die Kontaktaufnahme beschleunigen, nur würde das eventuell Aliens anziehen, die wir hier lieber nicht sehen würden. Der berühmte britische Astrophysiker Stephen Hawking (1942-2018) hat im Jahr 2010 in einer Fernsehsendung der BBC darauf hingewiesen, dass der erste Kontakt mit den Europäern für die Ureinwohner Amerikas kein gutes Ende genommen hat. Aliens, die auf unsere Suchanzeige hin persönlich hier aufkreuzen, wären uns technisch mindestens so weit voraus wie die Europäer den Indianern.</p> <h3>Haben wir den Besuch verpasst?</h3> <p>Aber vielleicht waren Aliens ja schon vor Millionen Jahren im Sonnensystem, haben sich kurz umgesehen und sind wieder abgeflogen? Sicher, das ist möglich, aber dann haben sie so gut hinter sich aufgeräumt, dass wir – bisher jedenfalls – keine Spuren von ihnen gefunden haben. Ich habe das in einem <a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/wie-findet-man-eine-fruehere-zivilisation/" rel="noopener" target="_blank">früheren Blogpost</a> bereits ausführlich diskutiert.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1844" id="attachment_1844"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/stonhenge2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="410" sizes="(max-width: 410px) 100vw, 410px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/stonhenge2-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/stonhenge2-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/stonhenge2-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/stonhenge2-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/stonhenge2-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/stonhenge2-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/stonhenge2.jpg 2048w" width="410"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1844">Haben uns Außerirdische in der Steinzeit besucht? Symbolisches KI-Bild</figcaption></figure> <p>Wenn wir hier schon nichts finden, sollten wir vielleicht in der Milchstraße nach große künstliche Strukturen zu suchen, die nur von außerirdischen Zivilisationen stammen können?</p> <h3>Die Kardaschow-Einteilung</h3> <p>Der russische Astronom Nikolai Kardaschow hat 1964 vorgeschlagen, die Entwicklungsstufen außerirdischer Zivilisationen nach ihrem Energieverbrauch einzuteilen, genauer gesagt, nach der maximalen Energie, die sie konstruktiv einsetzen können. Er unterschied drei Typen:</p> <p>Typ I: Die Zivilisation beherrscht die gesamte auf einem Planeten verfügbare Leistung.</p> <p>Typ II: Die Zivilisation beherrscht die Gesamtleistung des Zentralsterns.</p> <p>Typ III: Die Zivilisation beherrscht die Gesamtleistung einer Galaxie.</p> <p>Zur Einordnung: Die Menschen kontrollieren deutlich weniger Energie, als für Typ I erforderlich wäre. Das Star-Wars-Universum besteht aus raumfahrenden Spezies der Typen I und II.</p> <p>Falls Aliens mindestens den Energieausstoß einer Sonne kontrollieren, sollten sie eigentlich Bauten hinterlassen haben, die Astronomen von der Erde aus sehen können. Nehmen wir an, eine Alienrasse möchte die Energie ihrer Sonne nachhaltig nutzen und baut eine Hohlkugel um ihren Stern. Diese Idee stammt nicht von mir, sondern von dem Physiker Freeman Dyson, weshalb sie als Dyson-Sphere bekannt ist. Ihre Oberfläche wäre gigantisch, und eine potenzielle Zivilisation müsste dafür alles Material verbauen, das sie in ihrem Sonnensystem findet. Der verkapselte Stern würde weiterhin Energie abgeben, aber nicht mehr im sichtbaren Licht, sondern im infraroten Spektrum. Astronomen haben nach solchen Objekten schon gesucht, bisher aber erfolglos.</p> <h3>Qualität, nicht Quantität</h3> <p>Die Kardaschow-Skala geht davon aus, dass der Fortschritt einer technischen Zivilisation in ihrer Vergrößerung liegt. Was heißt das? Hätte Kardaschow in der Steinzeit gelebt, dann würde er angenommen haben, dass eine sehr fortschrittliche Zivilisation alle Mammutherden eines Kontinents bewirtschaften könne. Ich halte dieses Konzept deshalb für wenig Erfolg versprechend. Wenn eine Zivilisation wirklich lange überlebt, ändert sich auch ihre Qualität. Sie wird sich höchstwahrscheinlich in eine Richtung weiterentwickeln, die wir nicht einmal ahnen können.</p> <p>In seinem meisterhaften Film 2001 – Odyssee im Weltraum zeigte Stanley Kubrick die Aliens, die auf der Erde, auf dem Mond und zwischen den Jupitermonden schwarze geheimnisvolle Monolithen platziert hatten, nicht ein einziges Mal. Der Astronaut Bowman findet sich nach dem Sturz durch den Jupiter-Monolithen in einem surrealistischen Hotelzimmer wieder. Von da an altert er rapide und wird als Sternenkind wiedergeboren. Solche Veränderungen sind nur denkbar, wenn die Aliens das Gewebe des Universums meisterhaft manipulieren. Für sie wären Menschen dann kaum mehr als primitive Urzeitwesen, die es noch nicht geschafft haben, die Bürde der Materie abzuwerfen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1842" id="attachment_1842"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy-stars-scaled.jpg"><img alt="Energiewesen" decoding="async" height="206" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy-stars-300x129.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy-stars-300x129.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy-stars-1024x439.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy-stars-768x329.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy-stars-1536x658.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy-stars-2048x878.jpg 2048w" width="480"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1842">Streifen intelligente Wesen irgendwann ihren materiellen Körper ab? Symbolisches KI-Bild</figcaption></figure> <p>Auch aus anderen Science-Fiction-Erzählungen sind äußerst mächtige Wesen bekannt.</p> <p>Im Star-Trek-Universum lebt das Wesen Q, Angehöriger der gleichnamigen Spezies aus dem Q-Kontinuum. Die Q verfügen über die Fähigkeit, die Gesetze der Physik zu verbiegen und sind nicht in gleicher Weise an Raum und Zeit gebunden wie Menschen. Trotz seiner gottgleichen Macht zeigt das Q-Wesen einen seltsamen Sinn für Humor und eine Vorliebe für handfeste Streiche.</p> <h3>Wie es weitergeht</h3> <p>Vielleicht werden intelligente Wesen irgendwann ihre Körper hinter sich lassen und verankern ihren Geist direkt in der Struktur des Raum-Zeit-Gefüges. Vielleicht lernen sie, die Vakuumenergie zu nutzen, die das Universum durchzieht. Und vielleicht ist das sogar eine gesetzmäßige Entwicklung.<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a></p> <p>Würden wir solche Wesen überhaupt noch wahrnehmen? Nehmen wir an, sie hätten sich einen Lebensraum eingerichtet, der sich mit unserem Sonnensystem überschneidet, und bauten prächtige Häuser, Gärten und Landschaften aus reiner Energie. Und wir leben mittendrin, ohne das zu merken. Diese Spekulation ist die Grundlage für meine Kurzgeschichte. Ist das jetzt noch Wissenschaft oder schon Märchen?</p> <h3>Es wird dunkel</h3> <p>Nach dem heutigen Wissen besteht das Universum nur zu 4,6 Prozent aus gewöhnlicher Materie. Weitere 23 Prozent macht die dunkle Materie aus. Trotz aller Mühe von Physikern und Astronomen wissen wir nicht, wie ihre Bestandteile aussehen. Nur ihre Masse lässt sich nachweisen. Mit normaler Materie gibt sie sich nicht ab. Sie wechselwirkt nicht, wie die Physiker sagen.</p> <p>Und den ganzen Rest, fast drei Viertel des Universums, nimmt die dunkle Energie ein. Und wieder können wir nur ihre Wirkung messen, über ihre Natur wissen wir nichts. Sie mag mit der Vakuumenergie identisch sein – oder auch nicht.</p> <p>Was heißt das also? Trotz aller Fortschritte der Wissenschaft entziehen sich mehr als 95 Prozent des Universums unserer Wahrnehmung. Selbst die empfindlichsten Messinstrumente können die mächtige dunkle Seite nicht enträtseln, nur ihre Wirkung lässt sich nicht übersehen.</p> <p>Bildet die dunkle Seite Strukturen? Verdichtet sie sich zu schwarzen Sonnen und dunklen Planeten? Wogen dort Meere, durchzogen vom unsichtbarem Leben? Wir wissen es nicht. Aber mit unserer eingeschränkten Sicht auf gerade mal 4,6 Prozent des Universums sollten wir das aber nicht ausschließen.</p> <h3>Fazit</h3> <p>Der Mensch hielt sich lange für die Krone der Schöpfung. Inzwischen wissen wir, dass die Erde um eine kleine, aber stabile Sonne im Spiralarm einer Galaxis kreist. Im Universum leuchten vermutlich mehr als 10<sup>20</sup> Sterne. Und die gewöhnliche Materie, aus der sie bestehen, macht nur 5 Prozent des Universums aus. Der Rest ist dunkel. Und selbst über Aliens wissen wir nichts. Lebt die nächste von vielen Tausend Alienrassen direkt nebenan? Oder entstand das Leben auf der Erde nur aufgrund eines grotesken und absolut einmaligen Zufalls?</p> <p>Bisher hat sich kein Alien hier gemeldet. Für wirklich fortgeschrittene Zivilisationen sind <a href="https://www.derstandard.de/story/3100000292305/gelangweilte-aliens-erfolglose-suche-nach-intelligenz-im-all-koennte-banale-gruende-haben" rel="noopener">wir vielleicht zu langweilig</a> – oder sie sind hier und uns fehlen die Sinne, um sie wahrzunehmen.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> NOVA 38 – Magazin für spekulative Literatur. <br></br>Vierzehn fantastische, unheimliche und spannende Geschichten von neuen und erfahrenen Autoren. <br></br><a href="https://www.pmachinery.de/archive/12919" rel="noopener">Erschienen im Verlag p.machinery Michael Haitel</a>, April 2026, 200 Seiten. <br></br>Paperback ISBN 978 3 95765 507 3 – EUR 18,90 (DE) <br></br>E-Book: ISBN 978 3 95765 659 9 – EUR 6,49 (DE)<br></br>Erhältlich beim Verlag, im stationären Buchhandel oder Versandbuchhandel (z. B. <a href="https://www.amazon.de/NOVA-38-Magazin-spekulative-Literatur-ebook/dp/B0G67C5TP6/ref=sr_1_2?crid=3M2P6U4H5F4RS&amp;dib=eyJ2IjoiMSJ9.sXuyHFv6Ytrnb-hGBGJbPMEU406Q5sgDwRKLUamxn44VhVW_i7lIfTvpODZDgjN1ChQpmQJKhOlKfALZG1DLDiXjIv6xXJws8GasyGcr2xYSjkSgNanpwOOSvhFcV8CQAzhMIsQTMdlv7E4V7saNbn5CjsX_pCL5i9NC9E0gR-v3PwyCJogDdhQyQMh-fqw6j6wWHmaRBAegiFL9OWXO4IkVhonADET-s_e7uhEm67U.WenZgkDkEBQxMOdbojNT3SfeWJl8FciZ5P8hTYkZTUY&amp;dib_tag=se&amp;keywords=nova+38+magazin+f%C3%BCr+spekulativen+literatur" rel="noopener">hier</a> oder <a href="https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/A1079066325" rel="noopener">hier</a>)</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> In meinem Buch „Faszination Apokalypse“ habe ich spekuliert, dass alle intelligenten Wesen gesetzmäßig zu Energiewesen mutieren, wenn sie nicht vorher aussterben. Sie bilden dann die stets wachsende intelligente Grundstruktur des Universums. Und irgendwann erkennen sie dann den letzten Zweck ihres Daseins. Mit all ihrer Kraft formen sie Tochteruniversen, ganz so wie primitive Tiere Eier legen. Dabei erschöpfen sie sich vollkommen und treiben kraftlos ihrem Tod entgegen. Bei all ihrer Intelligenz wären sie damit nur Teil des Fortpflanzungsmechanismus eines gigantischen Organismus, der mit vielen anderen in einem Meer wohnt, das sich jeder Vorstellung entzieht.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/wissen-ameisen-ob-sie-in-einem-garten-wohnen/#comments 44 Verschwörungsfragen 68 mit Bettina Rommelfanger & Daniel Köhler von Konex zur Deradikalisierung von Verschwörungsgläubigen https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-68-mit-bettina-rommelfanger-daniel-koehler-von-konex-zur-deradikalisierung-von-verschwoerungsglaeubigen/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-68-mit-bettina-rommelfanger-daniel-koehler-von-konex-zur-deradikalisierung-von-verschwoerungsglaeubigen/#comments Fri, 17 Apr 2026 09:13:19 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11219 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Podcastcover_neu-3-768x768.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-68-mit-bettina-rommelfanger-daniel-koehler-von-konex-zur-deradikalisierung-von-verschwoerungsglaeubigen/</link> </image> <description type="html"><h1>Verschwörungsfragen 68 mit Bettina Rommelfanger & Daniel Köhler von Konex zur Deradikalisierung von Verschwörungsgläubigen » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Ich hoffe, wir sind uns einig: Durch das Irankrieg-Desaster der USA sind die Öl- und Gas- und damit auch Benzin-, Diesel-, Kerosin-, („Sprit“) und Düngerpreise längst global viel zu hoch. Viele vor allem asiatische Länder schränken den Verbrauch bereits drastisch ein und es gibt auch internationale Kritik an der deutschen Bundesregierung, die durch den sog. Tankrabatt und eine von Betrieben zu zahlenden Zuschuss den fossilen Verbrauch sogar noch subventioniere.</p> <p>Doch die meisten deutschen Kommunen und fast alle Bundesländer haben die post-fossilen Zeichen der Zeit längst erkannt und <a href="https://www.cdu-bw.de/data/documents/2026/04/14/460-69de45f5d1e54.pdf" rel="noopener">im starken, grün-schwarzen Sondierungspapier von <strong>Cem Özdemir (Grüne)</strong> und <strong>Manuel Hagel (CDU) </strong>einen <strong>massiven Ausbau der erneuerbaren Friedens- und Wohlstandsenergien</strong> samt GreenTech, Batteriespeichern und grünem Wasserstoff</a> vereinbart.</p> <p>Mich freut das auch im Kampf gegen Verschwörungsglauben und feindseligen Dualismus, denn <a href="https://energiewinde.orsted.de/koepfe-der-energiewende/michael-blume-antisemitismus-ressourcenfluch-oel-gas-konflikte-interview" rel="noopener"><strong><em>der beste Weg, Kriege, Gewalt, Klimakrise und Antisemitismus zu stoppen, besteht darin, sie nicht länger zu finanzieren</em></strong></a>!</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025_06_26_Blume_erneuerbare-Friedensenergien-2.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Pressemitteilung vom 26.06.2025 &quot;Blume warnt: 'Iran und Russland nicht weiterhin fossil finanzieren!' Erneuerbare Friedensenergien stärken die Sicherheit von Israel, Ukraine und Europäischer Union (EU)" decoding="async" height="1560" sizes="(max-width: 1125px) 100vw, 1125px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625.jpeg 1125w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625-216x300.jpeg 216w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625-738x1024.jpeg 738w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625-768x1065.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625-1108x1536.jpeg 1108w" width="1125"></img></a></p> <p><em>Noch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025_06_26_Blume_erneuerbare-Friedensenergien-2.pdf">im Juni 2025 warnte ich in einer – von Konzernmedien nahezu komplett ignorierten – Pressemitteilung vor der fossilen Finanzierung der russischen und iranischen Fossilregime</a> sowie den damit verbundenen Abhängigkeiten. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025_06_26_Blume_erneuerbare-Friedensenergien-2.pdf">Screenshot &amp; Link zum Originaldokument</a>: Michael Blume</em><aside></aside></p> <p>Für sehr bedeutend halte ich auch <a href="https://www.youtube.com/watch?v=elB_lvvyx84" rel="noopener">die (hier von <strong>Sascha Pallenberg</strong>) kommentierte, mutige Haltung von <strong>Papst Leo XIV.</strong> gegen den zunehmend derangiert wirkenden Fossilisten und Thymokraten <strong>Donald Trump</strong></a>.</p> <p>Doch klar ist: Bei aller post-fossilen Friedensarbeit, Bildungs- und Präventionsarbeit haben wir es doch bereits mit sehr vielen insbesondere jungen Menschen und Männern zu tun, die bereits durch fossile Regime, algorithmische Konzernmedien („social media“), antisemitische Terror- und Propagandagruppen radikalisiert worden sind. Zu den besten Erfahrungen der vergangenen Legislaturperiode gehörte für mich die Mitarbeit als ständiger, <a href="https://www.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m-im/intern/dateien/pdf/20260120_Abschlussbericht_HassUndHetze.pdf" rel="noopener">unabhängiger Experte im BW-Kabinettsausschuss <em><strong>„Entschlossen gegen Hass und Hetze“</strong></em>, der von <strong>Innenminister Thomas Strobl (CDU)</strong> geleitet</a>, aber auch von <strong>Justizministerin Marion Gentges (CDU), </strong>von <strong>Staatssekretär (StM) Florian Hassler (Grüne), Staatssekretärin (KM) Sandra Boser (Grüne), Staatssekretärin (SM) Dr. Ute Leidig (Grüne)</strong> sowie Fachleuten aller relevanter Ministerien regelmäßig besucht wurde.</p> <p>Hier wurde kein parteipolitisches Schaulaufen, sondern echter, Perspektiven-übergreifender Dialog praktiziert und ich habe selten so intensive, interdisziplinäre und auch wissenschaftlich orientierte Sitzung – oft mit externe Expertise – erlebt. Nur halb im Scherz sprach ich von einem „fachlichen Landes-Sicherheitsrat“, der Kompetenzen von Polizei bis zu Schulen und Sozialarbeit bündelte und etwa <a href="https://youtube.com/shorts/ybxPqYgtXnk?feature=share" rel="noopener">auf neue Medienkampagnen aus dem Ausland gegen unsere Jugend</a> schnell reagieren konnte. Meine Unabhängigkeit wurde dabei geachtet und ich hatte jederzeit die Gelegenheit, Beobachtungen, Vorschläge, aber wo nötig auch kritische Themen einzubringen.</p> <p><a href="https://www.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m-im/intern/dateien/pdf/20260120_Abschlussbericht_HassUndHetze.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Unter einem Namensschild &quot;Dr. Michael Blume&quot; findet sich der Abschlussbericht des baden-württembergischen Kabinettsauschusses &quot;Entschlossen gegen Hass und Hetze&quot; 2026." decoding="async" height="2560" sizes="(max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1425-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1425-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1425-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1425-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1425-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1425-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></a></p> <p><em>Im Netz findet sich <a href="https://www.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m-im/intern/dateien/pdf/20260120_Abschlussbericht_HassUndHetze.pdf" rel="noopener">der Abschlussbericht des Kabinettsausschusses „Entschlossen gegen Hass und Hetze“, in dem ich als ständiger, unabhängiger Experte mitwirken konnte</a>. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Ein Bereich, der mich besonders interessiert, ist dabei die <strong>Deradikalisierung</strong>: Was können etwa besorgte Angehörige oder auch Befreundete tun, wenn sie verstärkte Anzeichen einer Radikalisierung erkennen? Wie können wir auch (aber nicht nur) junge Menschen wieder aus der Verrohung, Radikalisierung, aus dem Verschwörungsglauben herausholen?</p> <p>Denn es wäre für uns alle, auch für meine Kolleginnen und Kollegen in Polizei- und Lehrberufen ein Desaster, wenn etwa Straftäter nach Verbüßung ihrer Strafe noch radikaler würden – oder sogar in der Haft zu „Helden“ extremistischer Gruppen im In- und Ausland aufgebaut würden. Wer Jugendliche oder junge Leute zu verhaften hat, will über die gerechte Strafe hinaus auch eine kluge Perspektive sehen – und die gleichen Personen nicht später noch einmal verhaften müssen. Zudem beobachten wir, dass jede Person, die sich vom Freund-Feind-Dualismus abkehrt, auch weitere Menschen zurück „zur Vernunft“ zu bringen vermag. Angebote der Deradikalisierung sind daher nicht nur ein Gebot der Menschenwürde, sondern auch der Bildung, Prävention und Sicherheit für die Zukunft.</p> <p>Über dieses Thema sprach ich daher <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/68-neue-episode" rel="noopener">in Folge 68 von „<em><strong>Verschwörungsfragen</strong></em>“ mit der Doppelspitze <strong>Bettina Rommelfanger</strong> und <strong>Dr. Daniel Köhler</strong></a> von <a href="https://www.konex-bw.de/" rel="noopener"><strong>konex – dem Kom­pe­tenz­zentrum ge­gen Ex­tre­mis­mus in Ba­den-Würt­tem­berg</strong>, das sowohl Ausstiegs- wie auch Umfeldberatung</a> anbietet.</p> <p><a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/68-neue-episode" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Kachel des Podcasts &quot;Verschwörungsfragen&quot; von Dr. Michael Blume, Beauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben." decoding="async" height="1080" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1080px) 100vw, 1080px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Podcastcover_neu-3.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Podcastcover_neu-3.jpg 1080w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Podcastcover_neu-3-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Podcastcover_neu-3-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Podcastcover_neu-3-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Podcastcover_neu-3-768x768.jpg 768w" width="1080"></img></a></p> <p><em>In <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/68-neue-episode" rel="noopener">Folge 68 von „Verschwörungsfragen“ sprach ich mit Bettina Rommelfanger &amp; Daniel Köhler von konex über „Radikalisierung vorbeugen und bekämpfen“</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Und ein Grund dafür war, dass meine Anregung für spezialisierte Podcasts auf offene Ohren gestoßen war – ich freue mich sehr über <a href="https://lka.polizei-bw.de/radicast-lka-baden-wuerttemberg-startet-true-crime-podcast/" rel="noopener">den <em><strong>„RadiCast-Podcast“ </strong></em><strong>des LKA Baden-Württemberg</strong></a><em><strong>. </strong></em>Ich meine: Wer wirklich Frieden und Sicherheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit erhalten will, darf das Netz und besonders das Ohr nicht den Verschwörungsunternehmern, Antisemiten und Hasspredigern überlassen!</p> <p>So wird ganz konkret derzeit <strong>das World Wide Web von iranischer KI-LEGO-Slopaganda überschwemmt</strong>, die gezielt auf junge Menschen zielt und diese emotional zu radikalisieren versucht.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/ybxPqYgtXnk?feature=oembed&amp;rel=0" title="Iranische (fossil finanzierte) KI-Slopaganda gegen Trump, USA &amp; Israel" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Verschwörungsfragen 68 mit Bettina Rommelfanger & Daniel Köhler von Konex zur Deradikalisierung von Verschwörungsgläubigen » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Ich hoffe, wir sind uns einig: Durch das Irankrieg-Desaster der USA sind die Öl- und Gas- und damit auch Benzin-, Diesel-, Kerosin-, („Sprit“) und Düngerpreise längst global viel zu hoch. Viele vor allem asiatische Länder schränken den Verbrauch bereits drastisch ein und es gibt auch internationale Kritik an der deutschen Bundesregierung, die durch den sog. Tankrabatt und eine von Betrieben zu zahlenden Zuschuss den fossilen Verbrauch sogar noch subventioniere.</p> <p>Doch die meisten deutschen Kommunen und fast alle Bundesländer haben die post-fossilen Zeichen der Zeit längst erkannt und <a href="https://www.cdu-bw.de/data/documents/2026/04/14/460-69de45f5d1e54.pdf" rel="noopener">im starken, grün-schwarzen Sondierungspapier von <strong>Cem Özdemir (Grüne)</strong> und <strong>Manuel Hagel (CDU) </strong>einen <strong>massiven Ausbau der erneuerbaren Friedens- und Wohlstandsenergien</strong> samt GreenTech, Batteriespeichern und grünem Wasserstoff</a> vereinbart.</p> <p>Mich freut das auch im Kampf gegen Verschwörungsglauben und feindseligen Dualismus, denn <a href="https://energiewinde.orsted.de/koepfe-der-energiewende/michael-blume-antisemitismus-ressourcenfluch-oel-gas-konflikte-interview" rel="noopener"><strong><em>der beste Weg, Kriege, Gewalt, Klimakrise und Antisemitismus zu stoppen, besteht darin, sie nicht länger zu finanzieren</em></strong></a>!</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025_06_26_Blume_erneuerbare-Friedensenergien-2.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Pressemitteilung vom 26.06.2025 &quot;Blume warnt: 'Iran und Russland nicht weiterhin fossil finanzieren!' Erneuerbare Friedensenergien stärken die Sicherheit von Israel, Ukraine und Europäischer Union (EU)" decoding="async" height="1560" sizes="(max-width: 1125px) 100vw, 1125px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625.jpeg 1125w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625-216x300.jpeg 216w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625-738x1024.jpeg 738w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625-768x1065.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumePMErneuerbareFriedensenergienCover260625-1108x1536.jpeg 1108w" width="1125"></img></a></p> <p><em>Noch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025_06_26_Blume_erneuerbare-Friedensenergien-2.pdf">im Juni 2025 warnte ich in einer – von Konzernmedien nahezu komplett ignorierten – Pressemitteilung vor der fossilen Finanzierung der russischen und iranischen Fossilregime</a> sowie den damit verbundenen Abhängigkeiten. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025_06_26_Blume_erneuerbare-Friedensenergien-2.pdf">Screenshot &amp; Link zum Originaldokument</a>: Michael Blume</em><aside></aside></p> <p>Für sehr bedeutend halte ich auch <a href="https://www.youtube.com/watch?v=elB_lvvyx84" rel="noopener">die (hier von <strong>Sascha Pallenberg</strong>) kommentierte, mutige Haltung von <strong>Papst Leo XIV.</strong> gegen den zunehmend derangiert wirkenden Fossilisten und Thymokraten <strong>Donald Trump</strong></a>.</p> <p>Doch klar ist: Bei aller post-fossilen Friedensarbeit, Bildungs- und Präventionsarbeit haben wir es doch bereits mit sehr vielen insbesondere jungen Menschen und Männern zu tun, die bereits durch fossile Regime, algorithmische Konzernmedien („social media“), antisemitische Terror- und Propagandagruppen radikalisiert worden sind. Zu den besten Erfahrungen der vergangenen Legislaturperiode gehörte für mich die Mitarbeit als ständiger, <a href="https://www.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m-im/intern/dateien/pdf/20260120_Abschlussbericht_HassUndHetze.pdf" rel="noopener">unabhängiger Experte im BW-Kabinettsausschuss <em><strong>„Entschlossen gegen Hass und Hetze“</strong></em>, der von <strong>Innenminister Thomas Strobl (CDU)</strong> geleitet</a>, aber auch von <strong>Justizministerin Marion Gentges (CDU), </strong>von <strong>Staatssekretär (StM) Florian Hassler (Grüne), Staatssekretärin (KM) Sandra Boser (Grüne), Staatssekretärin (SM) Dr. Ute Leidig (Grüne)</strong> sowie Fachleuten aller relevanter Ministerien regelmäßig besucht wurde.</p> <p>Hier wurde kein parteipolitisches Schaulaufen, sondern echter, Perspektiven-übergreifender Dialog praktiziert und ich habe selten so intensive, interdisziplinäre und auch wissenschaftlich orientierte Sitzung – oft mit externe Expertise – erlebt. Nur halb im Scherz sprach ich von einem „fachlichen Landes-Sicherheitsrat“, der Kompetenzen von Polizei bis zu Schulen und Sozialarbeit bündelte und etwa <a href="https://youtube.com/shorts/ybxPqYgtXnk?feature=share" rel="noopener">auf neue Medienkampagnen aus dem Ausland gegen unsere Jugend</a> schnell reagieren konnte. Meine Unabhängigkeit wurde dabei geachtet und ich hatte jederzeit die Gelegenheit, Beobachtungen, Vorschläge, aber wo nötig auch kritische Themen einzubringen.</p> <p><a href="https://www.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m-im/intern/dateien/pdf/20260120_Abschlussbericht_HassUndHetze.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Unter einem Namensschild &quot;Dr. Michael Blume&quot; findet sich der Abschlussbericht des baden-württembergischen Kabinettsauschusses &quot;Entschlossen gegen Hass und Hetze&quot; 2026." decoding="async" height="2560" sizes="(max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1425-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1425-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1425-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1425-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1425-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1425-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></a></p> <p><em>Im Netz findet sich <a href="https://www.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m-im/intern/dateien/pdf/20260120_Abschlussbericht_HassUndHetze.pdf" rel="noopener">der Abschlussbericht des Kabinettsausschusses „Entschlossen gegen Hass und Hetze“, in dem ich als ständiger, unabhängiger Experte mitwirken konnte</a>. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Ein Bereich, der mich besonders interessiert, ist dabei die <strong>Deradikalisierung</strong>: Was können etwa besorgte Angehörige oder auch Befreundete tun, wenn sie verstärkte Anzeichen einer Radikalisierung erkennen? Wie können wir auch (aber nicht nur) junge Menschen wieder aus der Verrohung, Radikalisierung, aus dem Verschwörungsglauben herausholen?</p> <p>Denn es wäre für uns alle, auch für meine Kolleginnen und Kollegen in Polizei- und Lehrberufen ein Desaster, wenn etwa Straftäter nach Verbüßung ihrer Strafe noch radikaler würden – oder sogar in der Haft zu „Helden“ extremistischer Gruppen im In- und Ausland aufgebaut würden. Wer Jugendliche oder junge Leute zu verhaften hat, will über die gerechte Strafe hinaus auch eine kluge Perspektive sehen – und die gleichen Personen nicht später noch einmal verhaften müssen. Zudem beobachten wir, dass jede Person, die sich vom Freund-Feind-Dualismus abkehrt, auch weitere Menschen zurück „zur Vernunft“ zu bringen vermag. Angebote der Deradikalisierung sind daher nicht nur ein Gebot der Menschenwürde, sondern auch der Bildung, Prävention und Sicherheit für die Zukunft.</p> <p>Über dieses Thema sprach ich daher <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/68-neue-episode" rel="noopener">in Folge 68 von „<em><strong>Verschwörungsfragen</strong></em>“ mit der Doppelspitze <strong>Bettina Rommelfanger</strong> und <strong>Dr. Daniel Köhler</strong></a> von <a href="https://www.konex-bw.de/" rel="noopener"><strong>konex – dem Kom­pe­tenz­zentrum ge­gen Ex­tre­mis­mus in Ba­den-Würt­tem­berg</strong>, das sowohl Ausstiegs- wie auch Umfeldberatung</a> anbietet.</p> <p><a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/68-neue-episode" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Kachel des Podcasts &quot;Verschwörungsfragen&quot; von Dr. Michael Blume, Beauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben." decoding="async" height="1080" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1080px) 100vw, 1080px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Podcastcover_neu-3.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Podcastcover_neu-3.jpg 1080w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Podcastcover_neu-3-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Podcastcover_neu-3-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Podcastcover_neu-3-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Podcastcover_neu-3-768x768.jpg 768w" width="1080"></img></a></p> <p><em>In <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/68-neue-episode" rel="noopener">Folge 68 von „Verschwörungsfragen“ sprach ich mit Bettina Rommelfanger &amp; Daniel Köhler von konex über „Radikalisierung vorbeugen und bekämpfen“</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Und ein Grund dafür war, dass meine Anregung für spezialisierte Podcasts auf offene Ohren gestoßen war – ich freue mich sehr über <a href="https://lka.polizei-bw.de/radicast-lka-baden-wuerttemberg-startet-true-crime-podcast/" rel="noopener">den <em><strong>„RadiCast-Podcast“ </strong></em><strong>des LKA Baden-Württemberg</strong></a><em><strong>. </strong></em>Ich meine: Wer wirklich Frieden und Sicherheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit erhalten will, darf das Netz und besonders das Ohr nicht den Verschwörungsunternehmern, Antisemiten und Hasspredigern überlassen!</p> <p>So wird ganz konkret derzeit <strong>das World Wide Web von iranischer KI-LEGO-Slopaganda überschwemmt</strong>, die gezielt auf junge Menschen zielt und diese emotional zu radikalisieren versucht.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/ybxPqYgtXnk?feature=oembed&amp;rel=0" title="Iranische (fossil finanzierte) KI-Slopaganda gegen Trump, USA &amp; Israel" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-68-mit-bettina-rommelfanger-daniel-koehler-von-konex-zur-deradikalisierung-von-verschwoerungsglaeubigen/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>23</slash:comments> </item> <item> <title>The Mathematician’s Essay: An Old Format for a New AI Era https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-mathematicians-essay-an-old-format-for-a-new-ai-era/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-mathematicians-essay-an-old-format-for-a-new-ai-era/#comments Wed, 15 Apr 2026 12:00:00 +0000 Benjamin Skuse https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14320 <h1>The Mathematician's Essay: An Old Format for a New AI Era - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>Though opinions vary wildly about how AI should be incorporated into the mathematicians’ toolbox, and whether it is a force for good or bad in the community, the one positive everyone can agree on is that it has compelled all mathematicians to pause and really reflect on what mathematics is and will become, both at an individual level and as a pursuit more broadly. In fact, it has prompted some of today’s greatest mathematical minds to reach for a rather unorthodox (at least, for modern mathematicians) format to express their thoughts: the old-fashioned essay. Why?</p> <h3>Flexible Format</h3> <p>The essay has never been fully dead and buried as a format for mathematicians to disgorge their thoughts. For centuries, it has offered the flexibility for eager polymaths to explore the links between mathematics and philosophy, history, art, and more. And it has provided a tolerant home for mathematicians to indulge in reflections on their field and life’s work.</p> <p>One of the most famous examples is <a href="https://archive.org/details/AMathematiciansApology-G.h.Hardy/page/n17/mode/2up" rel="noreferrer noopener" target="_blank">A Mathematician’s Apology</a>, G. H. Hardy’s 1940 essay arguing that mathematics should be practiced as a form of art for its own sake and beauty, and not for its applications. Over half a century later, Paul Lockhart’s <a href="https://profkeithdevlin.org/wp-content/uploads/2023/09/lockhartslament.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">A Mathematician’s Lament</a> picked up the baton from Hardy, agreeing that mathematics is a form of art and lamenting the way the subject is taught in schools to drain all creativity and artistry from it.</p> <p>Other notable essays have directly refuted this viewpoint, such as John von Neumann’s <a href="https://mathshistory.st-andrews.ac.uk/Extras/Von_Neumann_Part_1/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The Mathematician</a>, and also explored diverse topics including <a href="https://webhomes.maths.ed.ac.uk/~v1ranick/papers/wigner.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The Unreasonable Effectiveness of Mathematics in the Natural Sciences</a> (Eugene Wigner; 1963 Nobel Prize in Physics), and <a href="https://www.dpmms.cam.ac.uk/~wtg10/2cultures.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The Two Cultures of Mathematics</a> (<a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/sir-william-timothy-gowers/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Timothy Gowers</a>; 1998 Fields Medal).</p> <p>But in recent times, and particularly in the past year, the essay has taken on a new role – as one of the primary mediums for mathematicians to express their age-of-AI musings, beliefs, hopes, and fears.<aside></aside></p> <p>These great minds have not chosen the essay out of whimsy or nostalgia. Writing a book is out of the question: So fast is the technology developing and the field advancing that by the time it is published, a book’s contents will be completely irrelevant. Social media is just too limiting: How can you lay out your vision for the future of mathematics in 280 characters or in a 25-second TikTok video? Lectures or debates are better, but suffer from the need to simplify statements and perform for the audience – not methodically deliver nuanced insightful arguments. And the familiar peer-reviewed journal article is all sorts of wrong; too rigid in format and scope, too slow to pass through the peer-review process, too focused on objectivity and proof.</p> <p>The essay is one of the only formats in which many mathematicians feel they can express themselves fully on the rapidly changing state of mathematics in the AI era. And this reinvigorated form of expression has allowed a unique and often overlooked insight into what human mathematicians do, how they tick, and the value of mathematics to society.</p> <h3>The State of Play</h3> <p>As a researcher whose interests encompass AI for mathematics, formalization (i.e. rewriting theorems and proofs in a machine-readable format), and the history and philosophy of mathematics, Jeremy Avigad (Carnegie Mellon University, USA) has been watching the latest developments with fascination, excitement, and concern. Posted on arXiv in February 2025, his first foray into essay writing on this topic leads with a provocative title: <a href="https://arxiv.org/abs/2502.14874" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Is Mathematics Obsolete?</a></p> <div> <figure><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="681" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Avigad-1024x681.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Avigad-1024x681.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Avigad-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Avigad-768x511.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Avigad-1536x1022.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Avigad-2048x1363.jpg 2048w" width="1024"></img><figcaption>Jeremy Avigad. Image credit: Carnegie Mellon University</figcaption></figure> </div> <p>His answer is stark. With the advent of AI, humanity can take one of two paths. If we use AI as a tool to improve mathematical models and obtain a deeper understanding of their properties, a new and improved era of scientific discovery awaits. But if we take the other path, writes Avigad, bypassing mathematics and leaving AI to draw its own oracular conclusions, “it will mean turning our back on science, relinquishing agency over our practical decisions, and giving up a vital part of what it means to be human.”</p> <p>Over a year later in March 2026, Avigad felt compelled to publish a second essay in light of the staggering pace of development seen in AI for mathematics. In <a href="https://arxiv.org/abs/2603.03684" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Mathematicians in the Age of AI</a>, he picks out two notable advances that cement his belief that “AI will soon be able to prove theorems better than we can.”</p> <p>The first relates to <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/maryna-viazovska/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Maryna Viazovska</a>’s (EPFL, Switzerland) solution of the 8-dimensional and 24-dimensional sphere packing problem, an advance that earned her a Fields Medal in 2022. Since 2024, Sidharth Hariharan (currently a first-year PhD student at Carnegie Mellon) had been working with colleagues on a formal proof of the 8-dimensional case. The team had made significant progress, but in February, the AI company Math, Inc. deployed its reasoning agent Gauss to complete the formalization in just 5 days. They then used Gauss to autonomously formalize the entire proof of the more complicated 24-dimensional case in just two weeks. Though the correctness of Viazovska’s research was never in question, being able to formally verify a proof of such intricacy rapidly and autonomously shows just how powerful reasoning agents could be in the formal theorem-proving sphere.</p> <div> <figure><a href="https://www.youtube.com/watch?v=gKeKmbF5KNo" rel="attachment wp-att-14322 noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/53216013247_402d9fd319_o-2.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/53216013247_402d9fd319_o-2.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/53216013247_402d9fd319_o-2-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/53216013247_402d9fd319_o-2-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Maryna Viazovska (right) during a panel discussion at the 10th Heidelberg Laureate Forum, 2023, in Heidelberg, Germany. Image credit: Flemming/HLF</figcaption></figure> </div> <p>The second advance Avigad highlights concerns informal theorem proving. The First Proof challenge was announced in February to test the ability of AI to assist with real mathematical research. It consisted of 10 extremely difficult math questions which arose naturally in the research processes of 11 highly distinguished mathematicians. Answers to these questions were roughly five pages or less and had not been shared with anyone. Several AI developers took up the challenge, and results were surprisingly good. OpenAI’s most advanced internal AI system solved five of the 10 problems. And a small team at Google DeepMind running their internal system Aletheia produced correct results for six out of the 10 problems.</p> <p>The appropriate response to AI getting seriously good at mathematics? “Rather than fight the use of AI in mathematics, we should <em>own</em> it,” writes Avigad.</p> <h3>Prophecies for Mathematicians</h3> <p>Clear parallels can be seen between Avigad’s essays and the way that many other mathematician-cum-essayists take lessons from the past and present to predict the future trajectory of mathematics in the era of AI. In his October 2025 essay <a href="https://arxiv.org/abs/2510.15924" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The Shape of Math to Come</a>, American mathematician Alex Kontorovich (Rutgers University, USA) describes the current state of formalized mathematics and rapid advancement of AI mathematical capabilities to set out an almost fated path that he sees research mathematics following.</p> <p>In his view, AI will semi-autonomously formalize huge swathes of mathematics, which in turn will allow AI to assist in developing and checking evermore complex proofs. This process will eventually lead to a state where practicing formalized mathematics is as fast or faster than writing theorems and proofs in natural language – at which point mathematicians will inevitably migrate to formal methods.</p> <p>He is, however, optimistic this will not spell doom for the human mathematician, echoing the sentiments of Avigad when he described the more optimistic future in which humanity uses AI as a tool that ushers in a new era of scientific discovery. He concludes: “If we succeed in building AI that amplifies rather than replaces mathematical intuition – systems that handle the mechanical aspects of formalization while preserving space for human creativity – we may witness not the end of pure mathematics, but its transformation into something more powerful and more beautiful than what came before.”</p> <p>Similarly, in <a href="https://arxiv.org/abs/2511.17203" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Mathematics: The rise of the machines</a>, written in November 2025, Yang-Hui He (London Institute for Mathematical Sciences, UK) also draws on the history of mathematics and current state of AI advancement to predict a near-term future in which humans and AI work together to advance knowledge and understanding. However, He’s longer-term vision for humanity’s involvement in mathematics leans much more towards Avigad’s pessimistic path in which humanity turns its back on science, though He does not regard this in a negative light.</p> <p>“We will simply become priests to oracles, and interpret the results to the rest of humanity,” he writes, echoing his prediction made in a 2025 Heidelberg Laureate Forum <a href="https://www.youtube.com/watch?v=GpSvaA3fWAg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">panel discussion</a>. “Think of the philosophy departments in the world, centuries are spent in analyzing and critiquing Plato, or the literature departments, over Shakespeare. Perhaps one day in the far future, mathematics departments will consist of experts digesting the (Mathlib-verified) proofs that AI produces.”</p> <div> <figure><a href="https://www.youtube.com/watch?v=GpSvaA3fWAg" rel="attachment wp-att-14324 noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005666_e2b70eb44f_o-1.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005666_e2b70eb44f_o-1.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005666_e2b70eb44f_o-1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005666_e2b70eb44f_o-1-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Yang-Hui He during a panel discussion at the 12th Heidelberg Laureate Forum, 2025, in Heidelberg, Germany. Image credit: Flemming/HLF</figcaption></figure> </div> <h3>Questioning the Nature of Mathematics</h3> <p>Coming from a more humanistic angle is 2018 Fields Medallist <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/akshay-venkatesh/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Akshay Venkatesh</a> (Institute for Advanced Study, USA). His two essays, <a href="https://pubs.ams.org/journals/bull/2024-61-02/S0273-0979-2024-01834-5" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Some Thoughts on Automation and Mathematical Research</a> published in February 2024 and the more in-depth <a href="https://mxphi.com/program/latest-articles/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Human Mathematics in the Age of Reasoning Machines</a>, published in December 2025, are not concerned with technological progress in and of itself, but the effect this mechanization of cognitive processes will have on both how mathematicians work and what mathematics is, in terms of its central questions and values.</p> <p>He argues that, stripped of the need to prove theorems and make calculations, mathematicians must make communication central to the definition of their discipline. “Part of the essence of doing mathematics is to tell the same story a thousand times in a thousand tongues,” he writes. And yet communication will not just be with other humans, but with AI, and this will affect the concepts that mathematicians value to the point where “a current mathematician and one of the nearby future might find one another almost mutually unintelligible, at least without a great effort”.</p> <p>Nevertheless, Venkatesh’s central thesis is that mathematics is and always will be a human social activity that serves the broader culture in which it operates. For him, it is a tool for individual and collective thought and can therefore only survive if it is useful to – and therefore at least in part understood by – that society. In more vivid terms, there is no point having an AI relentlessly spew out theorems and proofs in a dark corner if no one is there to steer it towards interesting or useful questions, and read and make sense of the answers.</p> <p>Undoubtedly, what is not lost on Venkatesh and the other essayists mentioned is that in the very act of writing about these issues, they are being mathematicians: questioning fundamental assumptions, coming up with conjectures and predictions, and dedicating deep thought in a very human struggle to understand the changes that AI is bringing to their discipline. They may not be rigorously proving their conjectures in a journal article – and this may not pan out to be the future role of the human mathematician – but they are still using the values of mathematics to make sense of the world.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>The Mathematician's Essay: An Old Format for a New AI Era - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>Though opinions vary wildly about how AI should be incorporated into the mathematicians’ toolbox, and whether it is a force for good or bad in the community, the one positive everyone can agree on is that it has compelled all mathematicians to pause and really reflect on what mathematics is and will become, both at an individual level and as a pursuit more broadly. In fact, it has prompted some of today’s greatest mathematical minds to reach for a rather unorthodox (at least, for modern mathematicians) format to express their thoughts: the old-fashioned essay. Why?</p> <h3>Flexible Format</h3> <p>The essay has never been fully dead and buried as a format for mathematicians to disgorge their thoughts. For centuries, it has offered the flexibility for eager polymaths to explore the links between mathematics and philosophy, history, art, and more. And it has provided a tolerant home for mathematicians to indulge in reflections on their field and life’s work.</p> <p>One of the most famous examples is <a href="https://archive.org/details/AMathematiciansApology-G.h.Hardy/page/n17/mode/2up" rel="noreferrer noopener" target="_blank">A Mathematician’s Apology</a>, G. H. Hardy’s 1940 essay arguing that mathematics should be practiced as a form of art for its own sake and beauty, and not for its applications. Over half a century later, Paul Lockhart’s <a href="https://profkeithdevlin.org/wp-content/uploads/2023/09/lockhartslament.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">A Mathematician’s Lament</a> picked up the baton from Hardy, agreeing that mathematics is a form of art and lamenting the way the subject is taught in schools to drain all creativity and artistry from it.</p> <p>Other notable essays have directly refuted this viewpoint, such as John von Neumann’s <a href="https://mathshistory.st-andrews.ac.uk/Extras/Von_Neumann_Part_1/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The Mathematician</a>, and also explored diverse topics including <a href="https://webhomes.maths.ed.ac.uk/~v1ranick/papers/wigner.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The Unreasonable Effectiveness of Mathematics in the Natural Sciences</a> (Eugene Wigner; 1963 Nobel Prize in Physics), and <a href="https://www.dpmms.cam.ac.uk/~wtg10/2cultures.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The Two Cultures of Mathematics</a> (<a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/sir-william-timothy-gowers/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Timothy Gowers</a>; 1998 Fields Medal).</p> <p>But in recent times, and particularly in the past year, the essay has taken on a new role – as one of the primary mediums for mathematicians to express their age-of-AI musings, beliefs, hopes, and fears.<aside></aside></p> <p>These great minds have not chosen the essay out of whimsy or nostalgia. Writing a book is out of the question: So fast is the technology developing and the field advancing that by the time it is published, a book’s contents will be completely irrelevant. Social media is just too limiting: How can you lay out your vision for the future of mathematics in 280 characters or in a 25-second TikTok video? Lectures or debates are better, but suffer from the need to simplify statements and perform for the audience – not methodically deliver nuanced insightful arguments. And the familiar peer-reviewed journal article is all sorts of wrong; too rigid in format and scope, too slow to pass through the peer-review process, too focused on objectivity and proof.</p> <p>The essay is one of the only formats in which many mathematicians feel they can express themselves fully on the rapidly changing state of mathematics in the AI era. And this reinvigorated form of expression has allowed a unique and often overlooked insight into what human mathematicians do, how they tick, and the value of mathematics to society.</p> <h3>The State of Play</h3> <p>As a researcher whose interests encompass AI for mathematics, formalization (i.e. rewriting theorems and proofs in a machine-readable format), and the history and philosophy of mathematics, Jeremy Avigad (Carnegie Mellon University, USA) has been watching the latest developments with fascination, excitement, and concern. Posted on arXiv in February 2025, his first foray into essay writing on this topic leads with a provocative title: <a href="https://arxiv.org/abs/2502.14874" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Is Mathematics Obsolete?</a></p> <div> <figure><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="681" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Avigad-1024x681.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Avigad-1024x681.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Avigad-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Avigad-768x511.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Avigad-1536x1022.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Avigad-2048x1363.jpg 2048w" width="1024"></img><figcaption>Jeremy Avigad. Image credit: Carnegie Mellon University</figcaption></figure> </div> <p>His answer is stark. With the advent of AI, humanity can take one of two paths. If we use AI as a tool to improve mathematical models and obtain a deeper understanding of their properties, a new and improved era of scientific discovery awaits. But if we take the other path, writes Avigad, bypassing mathematics and leaving AI to draw its own oracular conclusions, “it will mean turning our back on science, relinquishing agency over our practical decisions, and giving up a vital part of what it means to be human.”</p> <p>Over a year later in March 2026, Avigad felt compelled to publish a second essay in light of the staggering pace of development seen in AI for mathematics. In <a href="https://arxiv.org/abs/2603.03684" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Mathematicians in the Age of AI</a>, he picks out two notable advances that cement his belief that “AI will soon be able to prove theorems better than we can.”</p> <p>The first relates to <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/maryna-viazovska/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Maryna Viazovska</a>’s (EPFL, Switzerland) solution of the 8-dimensional and 24-dimensional sphere packing problem, an advance that earned her a Fields Medal in 2022. Since 2024, Sidharth Hariharan (currently a first-year PhD student at Carnegie Mellon) had been working with colleagues on a formal proof of the 8-dimensional case. The team had made significant progress, but in February, the AI company Math, Inc. deployed its reasoning agent Gauss to complete the formalization in just 5 days. They then used Gauss to autonomously formalize the entire proof of the more complicated 24-dimensional case in just two weeks. Though the correctness of Viazovska’s research was never in question, being able to formally verify a proof of such intricacy rapidly and autonomously shows just how powerful reasoning agents could be in the formal theorem-proving sphere.</p> <div> <figure><a href="https://www.youtube.com/watch?v=gKeKmbF5KNo" rel="attachment wp-att-14322 noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/53216013247_402d9fd319_o-2.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/53216013247_402d9fd319_o-2.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/53216013247_402d9fd319_o-2-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/53216013247_402d9fd319_o-2-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Maryna Viazovska (right) during a panel discussion at the 10th Heidelberg Laureate Forum, 2023, in Heidelberg, Germany. Image credit: Flemming/HLF</figcaption></figure> </div> <p>The second advance Avigad highlights concerns informal theorem proving. The First Proof challenge was announced in February to test the ability of AI to assist with real mathematical research. It consisted of 10 extremely difficult math questions which arose naturally in the research processes of 11 highly distinguished mathematicians. Answers to these questions were roughly five pages or less and had not been shared with anyone. Several AI developers took up the challenge, and results were surprisingly good. OpenAI’s most advanced internal AI system solved five of the 10 problems. And a small team at Google DeepMind running their internal system Aletheia produced correct results for six out of the 10 problems.</p> <p>The appropriate response to AI getting seriously good at mathematics? “Rather than fight the use of AI in mathematics, we should <em>own</em> it,” writes Avigad.</p> <h3>Prophecies for Mathematicians</h3> <p>Clear parallels can be seen between Avigad’s essays and the way that many other mathematician-cum-essayists take lessons from the past and present to predict the future trajectory of mathematics in the era of AI. In his October 2025 essay <a href="https://arxiv.org/abs/2510.15924" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The Shape of Math to Come</a>, American mathematician Alex Kontorovich (Rutgers University, USA) describes the current state of formalized mathematics and rapid advancement of AI mathematical capabilities to set out an almost fated path that he sees research mathematics following.</p> <p>In his view, AI will semi-autonomously formalize huge swathes of mathematics, which in turn will allow AI to assist in developing and checking evermore complex proofs. This process will eventually lead to a state where practicing formalized mathematics is as fast or faster than writing theorems and proofs in natural language – at which point mathematicians will inevitably migrate to formal methods.</p> <p>He is, however, optimistic this will not spell doom for the human mathematician, echoing the sentiments of Avigad when he described the more optimistic future in which humanity uses AI as a tool that ushers in a new era of scientific discovery. He concludes: “If we succeed in building AI that amplifies rather than replaces mathematical intuition – systems that handle the mechanical aspects of formalization while preserving space for human creativity – we may witness not the end of pure mathematics, but its transformation into something more powerful and more beautiful than what came before.”</p> <p>Similarly, in <a href="https://arxiv.org/abs/2511.17203" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Mathematics: The rise of the machines</a>, written in November 2025, Yang-Hui He (London Institute for Mathematical Sciences, UK) also draws on the history of mathematics and current state of AI advancement to predict a near-term future in which humans and AI work together to advance knowledge and understanding. However, He’s longer-term vision for humanity’s involvement in mathematics leans much more towards Avigad’s pessimistic path in which humanity turns its back on science, though He does not regard this in a negative light.</p> <p>“We will simply become priests to oracles, and interpret the results to the rest of humanity,” he writes, echoing his prediction made in a 2025 Heidelberg Laureate Forum <a href="https://www.youtube.com/watch?v=GpSvaA3fWAg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">panel discussion</a>. “Think of the philosophy departments in the world, centuries are spent in analyzing and critiquing Plato, or the literature departments, over Shakespeare. Perhaps one day in the far future, mathematics departments will consist of experts digesting the (Mathlib-verified) proofs that AI produces.”</p> <div> <figure><a href="https://www.youtube.com/watch?v=GpSvaA3fWAg" rel="attachment wp-att-14324 noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005666_e2b70eb44f_o-1.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005666_e2b70eb44f_o-1.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005666_e2b70eb44f_o-1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005666_e2b70eb44f_o-1-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Yang-Hui He during a panel discussion at the 12th Heidelberg Laureate Forum, 2025, in Heidelberg, Germany. Image credit: Flemming/HLF</figcaption></figure> </div> <h3>Questioning the Nature of Mathematics</h3> <p>Coming from a more humanistic angle is 2018 Fields Medallist <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/akshay-venkatesh/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Akshay Venkatesh</a> (Institute for Advanced Study, USA). His two essays, <a href="https://pubs.ams.org/journals/bull/2024-61-02/S0273-0979-2024-01834-5" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Some Thoughts on Automation and Mathematical Research</a> published in February 2024 and the more in-depth <a href="https://mxphi.com/program/latest-articles/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Human Mathematics in the Age of Reasoning Machines</a>, published in December 2025, are not concerned with technological progress in and of itself, but the effect this mechanization of cognitive processes will have on both how mathematicians work and what mathematics is, in terms of its central questions and values.</p> <p>He argues that, stripped of the need to prove theorems and make calculations, mathematicians must make communication central to the definition of their discipline. “Part of the essence of doing mathematics is to tell the same story a thousand times in a thousand tongues,” he writes. And yet communication will not just be with other humans, but with AI, and this will affect the concepts that mathematicians value to the point where “a current mathematician and one of the nearby future might find one another almost mutually unintelligible, at least without a great effort”.</p> <p>Nevertheless, Venkatesh’s central thesis is that mathematics is and always will be a human social activity that serves the broader culture in which it operates. For him, it is a tool for individual and collective thought and can therefore only survive if it is useful to – and therefore at least in part understood by – that society. In more vivid terms, there is no point having an AI relentlessly spew out theorems and proofs in a dark corner if no one is there to steer it towards interesting or useful questions, and read and make sense of the answers.</p> <p>Undoubtedly, what is not lost on Venkatesh and the other essayists mentioned is that in the very act of writing about these issues, they are being mathematicians: questioning fundamental assumptions, coming up with conjectures and predictions, and dedicating deep thought in a very human struggle to understand the changes that AI is bringing to their discipline. They may not be rigorously proving their conjectures in a journal article – and this may not pan out to be the future role of the human mathematician – but they are still using the values of mathematics to make sense of the world.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-mathematicians-essay-an-old-format-for-a-new-ai-era/#comments 2 Fossil des Jahres 2026 – die Westfälischen Plesiosaurier https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/fossil-des-jahres-2026-die-westfaelischen-plesiosaurier/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/fossil-des-jahres-2026-die-westfaelischen-plesiosaurier/#comments Tue, 14 Apr 2026 20:09:06 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3788 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/newsimage416521-768x513.jpg Skelett eines Plesiosauriers aufgehängt in einem Museum https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/fossil-des-jahres-2026-die-westfaelischen-plesiosaurier/ <h1>Fossil des Jahres 2026 – die Westfälischen Plesiosaurier » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Das „Fossil des Jahres 2026” wird durch vier Plesiosaurier aus Westfalen repräsentiert. Diese lebten vor rund 135 Millionen Jahren in den Gewässern des Mesozoikums und starben am Ende der Kreidezeit aus.</p> <p>Seit 2008 wählt die Paläontologische Gesellschaft jedes Jahr ein besonderes Fossil zum „Fossil des Jahres”. Diese Fossilien sind einzigartige Zeugen vergangenen Lebens und der damaligen Lebensbedingungen.</p> <p>In und um Westfalen kommen vielfältige Gesteine des Mesozoikums, also der Zeitabschnitte Trias, Jura und Kreide, vor. Viele dieser Gesteine sind fossilführend. Neben vielen anderen Funden sind die vier Plesiosaurier-<a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">Holotypen</a> besonders wertvoll. Diese vier Fossilien werden heute in drei westfälischen Museen präsentiert. Sie wurden durch die Beteiligung von Bürgerwissenschaftlerinnen und Bürgerwissenschaftlern gefunden und erforscht. Sie ermöglichen einen einzigartigen Einblick in die Evolution und Lebensweise dieser einst sehr erfolgreichen Gruppe von Meeresreptilien.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/newsimage416521.jpg"><img alt="Skelett eines Plesiosauriers aufgehängt in einem Museum" decoding="async" height="534" sizes="(max-width: 800px) 100vw, 800px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/newsimage416521.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/newsimage416521.jpg 800w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/newsimage416521-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/newsimage416521-768x513.jpg 768w" width="800"></img></a><figcaption><em>Skelett von</em> Brancasaurus brancai<em> im Geomuseum der Universität Münster. Foto: Christroph Steinweg, Copyright: Geomuseum der Universität Münster</em>.<br></br></figcaption></figure> <h2><br></br>Was sind Plesiosaurier?</h2> <p>Plesiosaurier sind eine Gruppe ausgestorbener Reptilien, die von der späten Obertrias bis zum Ende der Kreidezeit im Meer lebten. Sie starben gemeinsam mit den Nicht-Vogel-Dinosauriern am Ende der Kreidezeit aus.<aside></aside></p> <p>Der Name leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet so viel wie „Fast-Echsen“. Ihr Körper ähnelte einer kurzen, abgeflachten Spindel mit vier paddelförmigen Gliedmaßen. Ihr Hals war meist relativ lang mit einem kleinen Kopf und einem kurzen Schwanz, den manche Arten mit einer kleinen Schwanzflosse abschlossen.</p> <p>Als ehemalige Landtiere hatten sie sich an das Leben im Wasser angepasst. Dabei zeigen sie einige Besonderheiten, die sich bei anderen, wieder zum Wasser zurückgekehrten Gruppen so nicht finden lassen. Ein Beispiel hierfür sind die vier an Größe und Bau nahezu gleichartigen Flossen an den vorderen und den hinteren Extremitäten. Auffällig ist auch der deutlich verlängerte Hals, der aus bis zu 72 Halswirbeln bestehen kann und damit deutlich länger ist als der Schwanz. Dieses Ungleichgewicht hatte bei der Entdeckung dieser Gruppe zu einiger Verwirrung beigetragen. So betrachtete Georges Cuvier die ersten Skelette als Fälschung und bei den ersten Rekonstruktionen durch Edward D. Cope wurde der Kopf irrtümlicherweise an den Schwanz montiert.</p> <figure><img alt="" decoding="async" src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/Westphaliasaurus_simonsensii.png"></img><figcaption><em>Rekonstruktion von</em> Westphaliasaurus simonsensii. <em>Connor Ashbridge <a href="http://(https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Westphaliasaurus_simonsensii.png">(https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Westphaliasaurus_simonsensii.png</a>), „Westphaliasaurus simonsensii“, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode" rel="noopener">https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode</a></em></figcaption></figure> <h2>Wer sind die Westfälischen Plesiosaurier?</h2> <p>Der zumindest stratigrafisch älteste westfälische Plesiosaurier ist <em>Rhaeticosaurus mertensi</em> aus der späten Trias (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rhaetium" rel="noopener">Rhaetium</a>). Das Fossil wurde erst 2013 entdeckt und 2017 erstmals beschrieben. Aus dieser frühen evolutionären Phase der Plesiosaurier sind nur sehr wenige vollständige Skelette bekannt. Voll ausgewachsen konnte dieser Plesiosaurier eine Länge von gut 2,4 Metern erreichen.</p> <p>Etwas jünger, aus dem <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pliensbachium" rel="noopener">Pliensbachium</a> im Unteren Jura, stammt <em>Westphaliasaurus simonsensii</em>. Das Fossil wurde 2007 von einem Amateurpaläontologen in einer Tongrube bei Höxter gefunden, 2011 beschrieben und nach der Fundregion in Westfalen sowie seinem Finder benannt. Ausgewachsene Exemplare dieser Art konnten eine Länge von rund 4,5 Metern erreichen.</p> <p>Der dritte Fund, <em>Arminisaurus schuberti</em>, ist gut fünf Millionen Jahre jünger. Auch dieser Fund stammt noch aus dem Pliensbachium. Das Skelett ist nur bruchstückhaft erhalten, insgesamt sind nur rund 40 % davon übrig. Es wurde in den 1980er Jahren von einem Amateurpaläontologen in einer heute stillgelegten Tongrube in Bielefeld entdeckt.</p> <p>Das Teilskelett wurde erst 2017 als eigene Art beschrieben. Die Namensgebung bezieht sich einerseits auf den Cheruskerfürsten Arminius als Anspielung auf die Fundregion und andererseits auf den Besitzer des Skeletts, der es im Jahr 2025 dem Naturkundemuseum Bielefeld übergab. Er hatte sich auch durch zahlreiche Publikationen zur regionalen Geologie verdient gemacht.</p> <p>Diese Art weist einige anatomische Besonderheiten auf, darunter Kerben in der Gelenkpfanne des Unterkiefers, Dornfortsätze an den Halswirbeln sowie vergleichsweise dünne Schulterblätter mit einem Kiel an der Unterseite. Die Länge des Exemplars wird auf drei bis vier Meter geschätzt.</p> <p>Als Viertes kommt <em>Brancasaurus brancai</em> aus der Unterkreide. Damit ist er der Jüngste unter den Vieren, obwohl er der älteste Fund ist. Er wurde bereits 1910 entdeckt und 1914 von Theodor Wegner beschrieben und nach dem Paläontologen <a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">Wilhelm von Branca</a> benannt. Gefunden wurde das Fossil in einer Tongrube bei Gronau. Da die Tongrubenarbeiter damals mit Spitzhacken arbeiteten, wurde das Fossil bei der Bergung stark beschädigt und lag in 176 Einzelteilen vor. Weitere kleinere Bruchstücke konnten zu einem späteren Zeitpunkt geborgen werden.</p> <p>Der 2013 als <em>Gronausaurus wegneri</em> beschriebene Plesiosaurus ist vermutlich ein Synonym, da die beiden nur sehr marginale Unterschiede aufweisen.</p> <p><em>Brancasaurus</em> war ein mittelgroßer Plesiosaurier. Er erreichte eine Länge von etwa 3,3 m, wobei der Holotyp nur ein subadultes Exemplar war. Sein 1,2 m langer Hals umfasste 37 Wirbel und sein 23 cm langer Schädel wies eine charakteristische Form auf. Möglicherweise lag hier auch eine gewisse Weichteilerhaltung vor: Die Knochen der Gliedmaßen und des Körpers waren von mehrlagigem Calcit umgeben. Leider wurde diese Schicht bei der Präparation entfernt.</p> <p>Zum Zeitpunkt seines Lebens hatten vermutlich ausgedehnte Süßwasserseen vorherrschend, die zunehmend brackischer wurden. Die Tonablagerungen zeugen von sauerstoffarmen Ablagerungsbedingungen, wodurch die Fossilien gut erhalten überliefert wurden. <em>Brancasaurus</em> dürfte also im Brackwasser zu Hause gewesen sein.</p> <p>Plesiosaurier waren im Mesozoikum eine weit verbreitete Gruppe. Entsprechende Funde sind auch aus anderen Gebieten Deutschlands bekannt, beispielsweise aus Schwaben, Franken oder dem Harzvorland. Fossilien oder Abgüsse dieser faszinierenden Tiere können in verschiedenen Museen besichtigt werden.Unsere vier „Fossilien des Jahres” werden im Geomuseum der Universität Münster, im LWL-Museum für Naturkunde in Münster, im Dobergmuseum in Bünde und im Naturkundemuseum in Bielefeld aufbewahrt. Dort finden auch viele verschiedene Veranstaltungen zu diesem Thema statt.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Fossil des Jahres 2026 – die Westfälischen Plesiosaurier » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Das „Fossil des Jahres 2026” wird durch vier Plesiosaurier aus Westfalen repräsentiert. Diese lebten vor rund 135 Millionen Jahren in den Gewässern des Mesozoikums und starben am Ende der Kreidezeit aus.</p> <p>Seit 2008 wählt die Paläontologische Gesellschaft jedes Jahr ein besonderes Fossil zum „Fossil des Jahres”. Diese Fossilien sind einzigartige Zeugen vergangenen Lebens und der damaligen Lebensbedingungen.</p> <p>In und um Westfalen kommen vielfältige Gesteine des Mesozoikums, also der Zeitabschnitte Trias, Jura und Kreide, vor. Viele dieser Gesteine sind fossilführend. Neben vielen anderen Funden sind die vier Plesiosaurier-<a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">Holotypen</a> besonders wertvoll. Diese vier Fossilien werden heute in drei westfälischen Museen präsentiert. Sie wurden durch die Beteiligung von Bürgerwissenschaftlerinnen und Bürgerwissenschaftlern gefunden und erforscht. Sie ermöglichen einen einzigartigen Einblick in die Evolution und Lebensweise dieser einst sehr erfolgreichen Gruppe von Meeresreptilien.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/newsimage416521.jpg"><img alt="Skelett eines Plesiosauriers aufgehängt in einem Museum" decoding="async" height="534" sizes="(max-width: 800px) 100vw, 800px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/newsimage416521.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/newsimage416521.jpg 800w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/newsimage416521-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/newsimage416521-768x513.jpg 768w" width="800"></img></a><figcaption><em>Skelett von</em> Brancasaurus brancai<em> im Geomuseum der Universität Münster. Foto: Christroph Steinweg, Copyright: Geomuseum der Universität Münster</em>.<br></br></figcaption></figure> <h2><br></br>Was sind Plesiosaurier?</h2> <p>Plesiosaurier sind eine Gruppe ausgestorbener Reptilien, die von der späten Obertrias bis zum Ende der Kreidezeit im Meer lebten. Sie starben gemeinsam mit den Nicht-Vogel-Dinosauriern am Ende der Kreidezeit aus.<aside></aside></p> <p>Der Name leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet so viel wie „Fast-Echsen“. Ihr Körper ähnelte einer kurzen, abgeflachten Spindel mit vier paddelförmigen Gliedmaßen. Ihr Hals war meist relativ lang mit einem kleinen Kopf und einem kurzen Schwanz, den manche Arten mit einer kleinen Schwanzflosse abschlossen.</p> <p>Als ehemalige Landtiere hatten sie sich an das Leben im Wasser angepasst. Dabei zeigen sie einige Besonderheiten, die sich bei anderen, wieder zum Wasser zurückgekehrten Gruppen so nicht finden lassen. Ein Beispiel hierfür sind die vier an Größe und Bau nahezu gleichartigen Flossen an den vorderen und den hinteren Extremitäten. Auffällig ist auch der deutlich verlängerte Hals, der aus bis zu 72 Halswirbeln bestehen kann und damit deutlich länger ist als der Schwanz. Dieses Ungleichgewicht hatte bei der Entdeckung dieser Gruppe zu einiger Verwirrung beigetragen. So betrachtete Georges Cuvier die ersten Skelette als Fälschung und bei den ersten Rekonstruktionen durch Edward D. Cope wurde der Kopf irrtümlicherweise an den Schwanz montiert.</p> <figure><img alt="" decoding="async" src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/Westphaliasaurus_simonsensii.png"></img><figcaption><em>Rekonstruktion von</em> Westphaliasaurus simonsensii. <em>Connor Ashbridge <a href="http://(https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Westphaliasaurus_simonsensii.png">(https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Westphaliasaurus_simonsensii.png</a>), „Westphaliasaurus simonsensii“, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode" rel="noopener">https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode</a></em></figcaption></figure> <h2>Wer sind die Westfälischen Plesiosaurier?</h2> <p>Der zumindest stratigrafisch älteste westfälische Plesiosaurier ist <em>Rhaeticosaurus mertensi</em> aus der späten Trias (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rhaetium" rel="noopener">Rhaetium</a>). Das Fossil wurde erst 2013 entdeckt und 2017 erstmals beschrieben. Aus dieser frühen evolutionären Phase der Plesiosaurier sind nur sehr wenige vollständige Skelette bekannt. Voll ausgewachsen konnte dieser Plesiosaurier eine Länge von gut 2,4 Metern erreichen.</p> <p>Etwas jünger, aus dem <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pliensbachium" rel="noopener">Pliensbachium</a> im Unteren Jura, stammt <em>Westphaliasaurus simonsensii</em>. Das Fossil wurde 2007 von einem Amateurpaläontologen in einer Tongrube bei Höxter gefunden, 2011 beschrieben und nach der Fundregion in Westfalen sowie seinem Finder benannt. Ausgewachsene Exemplare dieser Art konnten eine Länge von rund 4,5 Metern erreichen.</p> <p>Der dritte Fund, <em>Arminisaurus schuberti</em>, ist gut fünf Millionen Jahre jünger. Auch dieser Fund stammt noch aus dem Pliensbachium. Das Skelett ist nur bruchstückhaft erhalten, insgesamt sind nur rund 40 % davon übrig. Es wurde in den 1980er Jahren von einem Amateurpaläontologen in einer heute stillgelegten Tongrube in Bielefeld entdeckt.</p> <p>Das Teilskelett wurde erst 2017 als eigene Art beschrieben. Die Namensgebung bezieht sich einerseits auf den Cheruskerfürsten Arminius als Anspielung auf die Fundregion und andererseits auf den Besitzer des Skeletts, der es im Jahr 2025 dem Naturkundemuseum Bielefeld übergab. Er hatte sich auch durch zahlreiche Publikationen zur regionalen Geologie verdient gemacht.</p> <p>Diese Art weist einige anatomische Besonderheiten auf, darunter Kerben in der Gelenkpfanne des Unterkiefers, Dornfortsätze an den Halswirbeln sowie vergleichsweise dünne Schulterblätter mit einem Kiel an der Unterseite. Die Länge des Exemplars wird auf drei bis vier Meter geschätzt.</p> <p>Als Viertes kommt <em>Brancasaurus brancai</em> aus der Unterkreide. Damit ist er der Jüngste unter den Vieren, obwohl er der älteste Fund ist. Er wurde bereits 1910 entdeckt und 1914 von Theodor Wegner beschrieben und nach dem Paläontologen <a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">Wilhelm von Branca</a> benannt. Gefunden wurde das Fossil in einer Tongrube bei Gronau. Da die Tongrubenarbeiter damals mit Spitzhacken arbeiteten, wurde das Fossil bei der Bergung stark beschädigt und lag in 176 Einzelteilen vor. Weitere kleinere Bruchstücke konnten zu einem späteren Zeitpunkt geborgen werden.</p> <p>Der 2013 als <em>Gronausaurus wegneri</em> beschriebene Plesiosaurus ist vermutlich ein Synonym, da die beiden nur sehr marginale Unterschiede aufweisen.</p> <p><em>Brancasaurus</em> war ein mittelgroßer Plesiosaurier. Er erreichte eine Länge von etwa 3,3 m, wobei der Holotyp nur ein subadultes Exemplar war. Sein 1,2 m langer Hals umfasste 37 Wirbel und sein 23 cm langer Schädel wies eine charakteristische Form auf. Möglicherweise lag hier auch eine gewisse Weichteilerhaltung vor: Die Knochen der Gliedmaßen und des Körpers waren von mehrlagigem Calcit umgeben. Leider wurde diese Schicht bei der Präparation entfernt.</p> <p>Zum Zeitpunkt seines Lebens hatten vermutlich ausgedehnte Süßwasserseen vorherrschend, die zunehmend brackischer wurden. Die Tonablagerungen zeugen von sauerstoffarmen Ablagerungsbedingungen, wodurch die Fossilien gut erhalten überliefert wurden. <em>Brancasaurus</em> dürfte also im Brackwasser zu Hause gewesen sein.</p> <p>Plesiosaurier waren im Mesozoikum eine weit verbreitete Gruppe. Entsprechende Funde sind auch aus anderen Gebieten Deutschlands bekannt, beispielsweise aus Schwaben, Franken oder dem Harzvorland. Fossilien oder Abgüsse dieser faszinierenden Tiere können in verschiedenen Museen besichtigt werden.Unsere vier „Fossilien des Jahres” werden im Geomuseum der Universität Münster, im LWL-Museum für Naturkunde in Münster, im Dobergmuseum in Bünde und im Naturkundemuseum in Bielefeld aufbewahrt. Dort finden auch viele verschiedene Veranstaltungen zu diesem Thema statt.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/fossil-des-jahres-2026-die-westfaelischen-plesiosaurier/#comments 3 Attention, Attention: Aufmerksamkeit und ADHS https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/aufmerksamkeit-und-adhs/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/aufmerksamkeit-und-adhs/#comments Tue, 14 Apr 2026 06:00:00 +0000 Ruzica Sedic https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5808 <img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/adhs200.jpg" /><h1>Attention, Attention: Aufmerksamkeit und ADHS » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Ruzica Sedic</h2><div itemprop="text"> <p>Du sitzt mit einem Buch am Schreibtisch und hast dir zehn feste Minuten vorgenommen, in denen du dich voll darauf konzentrieren willst. Doch bereits nach kurzer Zeit erscheint dein Smartphone auf dem Tisch. Erst unbewusst, dann bewusst. Eine Kurznachricht, ein kurzer Blick auf Social Media, und schon ist die Lektüre wieder in den Hintergrund gerückt. Innerhalb von fünf Minuten bist du nicht mehr bei dem Text, sondern springst durch kanalübergreifende Inhalte. Ein alltägliches Szenario, das viele von uns kennen. Es zeigt, dass Aufmerksamkeitsdefizite nicht automatisch eine Krankheit sind, sondern tief in unseren Alltagsroutinen verankert sind.</p> <h3>Aufmerksamkeitsformen</h3> <p>Aufmerksamkeit lässt sich grob in vier Formen [1] unterteilen.</p> <ul> <li><strong>Anhaltende Aufmerksamkeit</strong>: Die Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten</li> <li><strong>Selektive Aufmerksamkeit</strong>: Sich auf relevante Reize konzentrieren und dabei irrelevante Reize ausblenden</li> <li><strong>Wechselnde Aufmerksamkeit</strong>: Zwischen zwei Aufgaben wechseln</li> <li><strong>Geteilte Aufmerksamkeit</strong>: Mehrere Elemente gleichzeitig wahrnehmen und verarbeiten</li> </ul> <p>Diese Formen sind nicht scharf getrennt, sondern überlappen sich im Alltag kontinuierlich. Wenn du beispielsweise in einem offenen Büro arbeitest, musst du permanent entscheiden, welche Geräusche du ignorierst (Telefonate, Gespräche) und welche du beachtest (eine Nachricht von Kollegen, eine wichtige E‑Mail). Gleichzeitig willst du dich aber eigentlich auf deinen eigenen Text konzentrieren. </p> <h3>Die Neuroanatomie der Aufmerksamkeit</h3> <p>Aus neuroanatomischer Sicht sitzt eine große Portion exekutiver Aufmerksamkeit im präfrontalen Kortex: jener Bereich direkt hinter der Stirn, der für Planung, Impulskontrolle und Zielgerichtetheit verantwortlich ist [2]. Parallel dazu arbeiten Netzwerke im Parietal‑ und Frontalhirn zusammen, die für die Filterung von Sinneseindrücken zuständig sind [3]. Diese Netzwerke bezeichnet man oft als Aufmerksamkeits‑ bzw. Vigilanz‑Netzwerke: Sie sorgen dafür, dass du schlagartig auf ein plötzliches Geräusch reagieren kannst, gleichzeitig aber auch für längere Zeit auf einen Text oder eine Konversation fokussiert bleibst. Wenn diese Netzwerke überfordert, überreizt oder geschwächt sind, bricht der Fokus zusammen und du landest wieder beim Handy.</p> <h3>Alltägliche Aufmerksamkeitsstörungen</h3> <p>Es ist wichtig zu verstehen, dass unaufmerksames Verhalten nicht automatisch als Störung einzustufen ist. Viele Menschen fühlen sich leicht ablenkbar und von den Reizen überfordert.<aside></aside></p> <p>Im Alltag gibt es viele Faktoren, die unsere Aufmerksamkeit schwächen können. Sei es die digitale Ablenkung durch klingelnde Smartphones, Instagram-Reels und TikToks oder auch nur das kurze Checken der E-Mails. Stress und Schlafmangel können weitere Faktoren sein, die die Aufmerksamkeit im Alltag schmälern. Auch wenn wir zu viele Informationen gleichzeitig erhalten, etwa in einem Café oder Großraumbüro, kommt es häufig zu einem Overload: Wir können uns dann auf keinen der Reize konzentrieren und alles ballt sich zu einer Wolke undefinierbaren Rauschens im Gehirn.</p> <h3>Digitale Aufmerksamkeits-Killer</h3> <p>Digitale Technologien haben unsere Gehirne so trainiert, dass jede Nachricht, jeder Ping und jede neue Benachrichtigung wie ein kleines Dopamin-Spiel wirken. Das Gehirn lernt: „Schnelle, unberechenbare Reize lohnen sich.“ Gleichzeitig wird es aber immer schlechter darin, geduldig bei einer einzigen, weniger reizvollen Aufgabe zu bleiben, wie dem Lesen eines Buches oder dem Bearbeiten einer komplexen Aufgabe. Die alleinige Anwesenheit eines Smartphones während einer Aufgabe kann die Konzentration negativ beeinflussen [4].</p> <p>Eine Studie aus dem Jahr 2017 ergab, dass eine höhere Nutzungshäufigkeit von Facebook auf Smartphones beispielsweise mit einem geringeren Volumen grauer Substanz im Nucleus accumbens einhergeht. Dieser gehört zum Belohnungssystem [5]. </p> <p>Mehr zu Social Media und Aufmerksamkeit <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/was-machen-tiktok-co-mit-unserem-gehirn/">hier</a>.</p> <h3>Stress und Aufmerksamkeit</h3> <p>Sogenannte Exekutivfunktionen, welche hauptsächlich vom präfrontalen Kortex gesteuert werden, sind kognitive Prozesse die zielgerechtes Verhalten, Selbstregulation und anpassungsfähiges Denken ermöglichen. Zu den Exekutivfunktionen gehören Arbeitsgedächtnis, Inhibition und kognitive Flexibilität.</p> <p>Das Arbeitsgedächtnis beschreibt die Fähigkeit, Informationen vorübergehend im Kopf zu halten und zu manipulieren, zum Beispiel wenn man sich eine Telefonnummer merkt, um sie zu wählen. Die Inhibition ist die Fähigkeit, automatische oder impulsive Reaktionen zu unterdrücken, Ablenkungen zu widerstehen und den Fokus zu halten. Die kognitive Flexibilität ist die Kompetenz, das Denken schnell an neue Anforderungen oder Perspektiven anzupassen.</p> <p>Akuter Stress behindert die Funktion des Arbeitsgedächtnisses, der kognitiven Flexibilität und der Inhibition [6]. Das Gehirn kommt in einen Zustand, in dem es eher „reagiert“, statt „plant“. </p> <h3>ADHS: Mehr als nur unruhig</h3> <p>Wenn es um Aufmerksamkeitsstörungen geht, denken viele Menschen an ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) und im zweiten Gedanken sofort an zappelige Kinder. Doch die Realität ist komplexer: ADHS betrifft Menschen jeden Alters – oft sogar solche, die nach außen ruhig und organisiert wirken. Im Kern handelt es sich um eine neurobiologische Entwicklungsstörung, bei der bestimmte Schaltkreise im Gehirn aus dem Gleichgewicht geraten.</p> <p>Typische Symptome sind Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität. Erwachsene zeigen diese häufig in abgeschwächter Form: Sie verlieren schnell das Interesse, unterbrechen andere im Gespräch oder vergessen Termine. Dahinter steckt kein Mangel an Willenskraft, sondern eine veränderte Regulation der Neurotransmitter Dopamin und Noradrenalin. Diese Botenstoffe steuern Motivation, Belohnung und Aufmerksamkeit [7, 8, 9]. Gleichzeitig leiden viele Betroffene darunter, dass ihr Gehirn Reize weniger gut filtern kann. Einem Gespräch folgen, während draußen ein Vogel zwitschert, scheint ein Ding der Unmöglichkeit.</p> <p>Gegensätzlich zu den Konzentrationsschwierigkeiten berichten viele Betroffene von einem sogenannten Hyperfokus. In einem Hyperfokus können sich ADHSler auf bestimmte Aufgaben geradezu festbeißen: stundenlang vertieft in ein Projekt, Spiel oder Hobby. Der Hyperfokus entsteht, wenn ein Thema das Belohnungssystem stark aktiviert. Dann schaltet das Gehirn in einen Zustand intensiver Konzentration, der jedoch ebenso schwer zu kontrollieren ist wie die Ablenkbarkeit selbst. Betroffene berichten, dass sie im Hyperfokus häufig ihre Umwelt ausblenden, vergessen zu essen oder auf Toilette zu gehen.</p> <p>ADHS ist keine Frage von „zu wenig Disziplin“, sondern Ausdruck eines Gehirns, das Reize anders filtert. Mit der richtigen Unterstützung – etwa durch Verhaltenstherapie, Strukturtraining oder Medikamente – können Betroffene einen Umgang mit ihrem ADHS finden.</p> <p>In der Entwicklung von Kindheit bis Erwachsenenalter verläuft ADHS oft nicht linear. In vielen Kindern sichtbare Hyperaktivität verlagert sich bei Erwachsenen häufig in innere Unruhe, Organisationsprobleme oder chronische „Überforderung in der Alltagsplanung“. Frauen mit ADHS werden häufig erst spät diagnostiziert, da sie weniger auffällig rastlos wirken und eher als „zerstreut“ oder „verträumt“ wahrgenommen werden [8].</p> <p>Mehr über ADHS <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/leben-mit-adhs/">hier</a>.</p> <p>Dieser Text wurde in Zusammenarbeit mit einer betroffenen Person geschrieben.</p> <h3>Quellen</h3> <ol> <li>Chung-Fat-Yim, A., Calvo, N., &amp; Grundy, J. G. (2022). The multifaceted nature of bilingualism and attention. Frontiers in Psychology, 13, Article 910382. <a href="https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.910382" rel="noopener">https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.910382</a></li> <li>Kane, M. J., &amp; Engle, R. W. (2002). The role of prefrontal cortex in working-memory capacity, executive attention, and general fluid intelligence: An individual-differences perspective. Psychonomic Bulletin &amp; Review, 9(4), 637–671. <a href="https://doi.org/10.3758/BF03196323" rel="noopener">https://doi.org/10.3758/BF03196323</a></li> <li>Ptak, R. (2012). The frontoparietal attention network of the human brain: Action, saliency, and a priority map of the environment. The Neuroscientist, 18(5), 502–515. <a href="https://doi.org/10.1177/1073858411409051" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1177/1073858411409051</a></li> <li>Skowronek, J., Seifert, A., &amp; Lindberg, S. (2023). The mere presence of a smartphone reduces basal attentional performance. Scientific Reports, 13(1), Article 9363. <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-023-36256-4" rel="noopener">https://doi.org/10.1038/s41598-023-36256-4</a></li> <li>Montag, C., Markowetz, A., Blaszkiewicz, K., Andone, I., Lachmann, B., Sariyska, R., Trendafilov, B., Eibes, M., Kolb, J., Reuter, M., Weber, B., &amp; Markett, S. (2017). Facebook usage on smartphones and gray matter volume of the nucleus accumbens. Behavioural Brain Research, 329, 221–228. <a href="https://doi.org/10.1016/j.bbr.2017.04.035" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.bbr.2017.04.035</a></li> <li>Shields, G. S., Sazma, M. A., &amp; Yonelinas, A. P. (2016). The effects of acute stress on core executive functions: A meta‑analysis and comparison with cortisol. Neuroscience &amp; Biobehavioral Reviews, 68, 651–668. <a href="https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2016.06.038" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2016.06.038</a></li> <li>American Psychiatric Association. (2013). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5th ed.)</li> <li>Heine, S., &amp; Exner, C. (2021). Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Erwachsenenalter. Zeitschrift für Neuropsychologie, 32(3), 141-157. <a href="https://doi.org/10.1024/1016-264x/a000329" rel="noopener">https://doi.org/10.1024/1016-264x/a000329</a></li> <li>Del Campo, N., Chamberlain, S. R., Sahakian, B. J., &amp; Robbins, T. W. (2011). The roles of dopamine and noradrenaline in the pathophysiology and treatment of attention‑deficit/hyperactivity disorder. Biological Psychiatry, 69(12), e145–e157. <a href="https://doi.org/10.1016/j.biopsych.2011.02.036" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.biopsych.2011.02.036</a></li> </ol> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/adhs200.jpg" /><h1>Attention, Attention: Aufmerksamkeit und ADHS » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Ruzica Sedic</h2><div itemprop="text"> <p>Du sitzt mit einem Buch am Schreibtisch und hast dir zehn feste Minuten vorgenommen, in denen du dich voll darauf konzentrieren willst. Doch bereits nach kurzer Zeit erscheint dein Smartphone auf dem Tisch. Erst unbewusst, dann bewusst. Eine Kurznachricht, ein kurzer Blick auf Social Media, und schon ist die Lektüre wieder in den Hintergrund gerückt. Innerhalb von fünf Minuten bist du nicht mehr bei dem Text, sondern springst durch kanalübergreifende Inhalte. Ein alltägliches Szenario, das viele von uns kennen. Es zeigt, dass Aufmerksamkeitsdefizite nicht automatisch eine Krankheit sind, sondern tief in unseren Alltagsroutinen verankert sind.</p> <h3>Aufmerksamkeitsformen</h3> <p>Aufmerksamkeit lässt sich grob in vier Formen [1] unterteilen.</p> <ul> <li><strong>Anhaltende Aufmerksamkeit</strong>: Die Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten</li> <li><strong>Selektive Aufmerksamkeit</strong>: Sich auf relevante Reize konzentrieren und dabei irrelevante Reize ausblenden</li> <li><strong>Wechselnde Aufmerksamkeit</strong>: Zwischen zwei Aufgaben wechseln</li> <li><strong>Geteilte Aufmerksamkeit</strong>: Mehrere Elemente gleichzeitig wahrnehmen und verarbeiten</li> </ul> <p>Diese Formen sind nicht scharf getrennt, sondern überlappen sich im Alltag kontinuierlich. Wenn du beispielsweise in einem offenen Büro arbeitest, musst du permanent entscheiden, welche Geräusche du ignorierst (Telefonate, Gespräche) und welche du beachtest (eine Nachricht von Kollegen, eine wichtige E‑Mail). Gleichzeitig willst du dich aber eigentlich auf deinen eigenen Text konzentrieren. </p> <h3>Die Neuroanatomie der Aufmerksamkeit</h3> <p>Aus neuroanatomischer Sicht sitzt eine große Portion exekutiver Aufmerksamkeit im präfrontalen Kortex: jener Bereich direkt hinter der Stirn, der für Planung, Impulskontrolle und Zielgerichtetheit verantwortlich ist [2]. Parallel dazu arbeiten Netzwerke im Parietal‑ und Frontalhirn zusammen, die für die Filterung von Sinneseindrücken zuständig sind [3]. Diese Netzwerke bezeichnet man oft als Aufmerksamkeits‑ bzw. Vigilanz‑Netzwerke: Sie sorgen dafür, dass du schlagartig auf ein plötzliches Geräusch reagieren kannst, gleichzeitig aber auch für längere Zeit auf einen Text oder eine Konversation fokussiert bleibst. Wenn diese Netzwerke überfordert, überreizt oder geschwächt sind, bricht der Fokus zusammen und du landest wieder beim Handy.</p> <h3>Alltägliche Aufmerksamkeitsstörungen</h3> <p>Es ist wichtig zu verstehen, dass unaufmerksames Verhalten nicht automatisch als Störung einzustufen ist. Viele Menschen fühlen sich leicht ablenkbar und von den Reizen überfordert.<aside></aside></p> <p>Im Alltag gibt es viele Faktoren, die unsere Aufmerksamkeit schwächen können. Sei es die digitale Ablenkung durch klingelnde Smartphones, Instagram-Reels und TikToks oder auch nur das kurze Checken der E-Mails. Stress und Schlafmangel können weitere Faktoren sein, die die Aufmerksamkeit im Alltag schmälern. Auch wenn wir zu viele Informationen gleichzeitig erhalten, etwa in einem Café oder Großraumbüro, kommt es häufig zu einem Overload: Wir können uns dann auf keinen der Reize konzentrieren und alles ballt sich zu einer Wolke undefinierbaren Rauschens im Gehirn.</p> <h3>Digitale Aufmerksamkeits-Killer</h3> <p>Digitale Technologien haben unsere Gehirne so trainiert, dass jede Nachricht, jeder Ping und jede neue Benachrichtigung wie ein kleines Dopamin-Spiel wirken. Das Gehirn lernt: „Schnelle, unberechenbare Reize lohnen sich.“ Gleichzeitig wird es aber immer schlechter darin, geduldig bei einer einzigen, weniger reizvollen Aufgabe zu bleiben, wie dem Lesen eines Buches oder dem Bearbeiten einer komplexen Aufgabe. Die alleinige Anwesenheit eines Smartphones während einer Aufgabe kann die Konzentration negativ beeinflussen [4].</p> <p>Eine Studie aus dem Jahr 2017 ergab, dass eine höhere Nutzungshäufigkeit von Facebook auf Smartphones beispielsweise mit einem geringeren Volumen grauer Substanz im Nucleus accumbens einhergeht. Dieser gehört zum Belohnungssystem [5]. </p> <p>Mehr zu Social Media und Aufmerksamkeit <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/was-machen-tiktok-co-mit-unserem-gehirn/">hier</a>.</p> <h3>Stress und Aufmerksamkeit</h3> <p>Sogenannte Exekutivfunktionen, welche hauptsächlich vom präfrontalen Kortex gesteuert werden, sind kognitive Prozesse die zielgerechtes Verhalten, Selbstregulation und anpassungsfähiges Denken ermöglichen. Zu den Exekutivfunktionen gehören Arbeitsgedächtnis, Inhibition und kognitive Flexibilität.</p> <p>Das Arbeitsgedächtnis beschreibt die Fähigkeit, Informationen vorübergehend im Kopf zu halten und zu manipulieren, zum Beispiel wenn man sich eine Telefonnummer merkt, um sie zu wählen. Die Inhibition ist die Fähigkeit, automatische oder impulsive Reaktionen zu unterdrücken, Ablenkungen zu widerstehen und den Fokus zu halten. Die kognitive Flexibilität ist die Kompetenz, das Denken schnell an neue Anforderungen oder Perspektiven anzupassen.</p> <p>Akuter Stress behindert die Funktion des Arbeitsgedächtnisses, der kognitiven Flexibilität und der Inhibition [6]. Das Gehirn kommt in einen Zustand, in dem es eher „reagiert“, statt „plant“. </p> <h3>ADHS: Mehr als nur unruhig</h3> <p>Wenn es um Aufmerksamkeitsstörungen geht, denken viele Menschen an ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) und im zweiten Gedanken sofort an zappelige Kinder. Doch die Realität ist komplexer: ADHS betrifft Menschen jeden Alters – oft sogar solche, die nach außen ruhig und organisiert wirken. Im Kern handelt es sich um eine neurobiologische Entwicklungsstörung, bei der bestimmte Schaltkreise im Gehirn aus dem Gleichgewicht geraten.</p> <p>Typische Symptome sind Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität. Erwachsene zeigen diese häufig in abgeschwächter Form: Sie verlieren schnell das Interesse, unterbrechen andere im Gespräch oder vergessen Termine. Dahinter steckt kein Mangel an Willenskraft, sondern eine veränderte Regulation der Neurotransmitter Dopamin und Noradrenalin. Diese Botenstoffe steuern Motivation, Belohnung und Aufmerksamkeit [7, 8, 9]. Gleichzeitig leiden viele Betroffene darunter, dass ihr Gehirn Reize weniger gut filtern kann. Einem Gespräch folgen, während draußen ein Vogel zwitschert, scheint ein Ding der Unmöglichkeit.</p> <p>Gegensätzlich zu den Konzentrationsschwierigkeiten berichten viele Betroffene von einem sogenannten Hyperfokus. In einem Hyperfokus können sich ADHSler auf bestimmte Aufgaben geradezu festbeißen: stundenlang vertieft in ein Projekt, Spiel oder Hobby. Der Hyperfokus entsteht, wenn ein Thema das Belohnungssystem stark aktiviert. Dann schaltet das Gehirn in einen Zustand intensiver Konzentration, der jedoch ebenso schwer zu kontrollieren ist wie die Ablenkbarkeit selbst. Betroffene berichten, dass sie im Hyperfokus häufig ihre Umwelt ausblenden, vergessen zu essen oder auf Toilette zu gehen.</p> <p>ADHS ist keine Frage von „zu wenig Disziplin“, sondern Ausdruck eines Gehirns, das Reize anders filtert. Mit der richtigen Unterstützung – etwa durch Verhaltenstherapie, Strukturtraining oder Medikamente – können Betroffene einen Umgang mit ihrem ADHS finden.</p> <p>In der Entwicklung von Kindheit bis Erwachsenenalter verläuft ADHS oft nicht linear. In vielen Kindern sichtbare Hyperaktivität verlagert sich bei Erwachsenen häufig in innere Unruhe, Organisationsprobleme oder chronische „Überforderung in der Alltagsplanung“. Frauen mit ADHS werden häufig erst spät diagnostiziert, da sie weniger auffällig rastlos wirken und eher als „zerstreut“ oder „verträumt“ wahrgenommen werden [8].</p> <p>Mehr über ADHS <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/leben-mit-adhs/">hier</a>.</p> <p>Dieser Text wurde in Zusammenarbeit mit einer betroffenen Person geschrieben.</p> <h3>Quellen</h3> <ol> <li>Chung-Fat-Yim, A., Calvo, N., &amp; Grundy, J. G. (2022). The multifaceted nature of bilingualism and attention. Frontiers in Psychology, 13, Article 910382. <a href="https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.910382" rel="noopener">https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.910382</a></li> <li>Kane, M. J., &amp; Engle, R. W. (2002). The role of prefrontal cortex in working-memory capacity, executive attention, and general fluid intelligence: An individual-differences perspective. Psychonomic Bulletin &amp; Review, 9(4), 637–671. <a href="https://doi.org/10.3758/BF03196323" rel="noopener">https://doi.org/10.3758/BF03196323</a></li> <li>Ptak, R. (2012). The frontoparietal attention network of the human brain: Action, saliency, and a priority map of the environment. The Neuroscientist, 18(5), 502–515. <a href="https://doi.org/10.1177/1073858411409051" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1177/1073858411409051</a></li> <li>Skowronek, J., Seifert, A., &amp; Lindberg, S. (2023). The mere presence of a smartphone reduces basal attentional performance. Scientific Reports, 13(1), Article 9363. <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-023-36256-4" rel="noopener">https://doi.org/10.1038/s41598-023-36256-4</a></li> <li>Montag, C., Markowetz, A., Blaszkiewicz, K., Andone, I., Lachmann, B., Sariyska, R., Trendafilov, B., Eibes, M., Kolb, J., Reuter, M., Weber, B., &amp; Markett, S. (2017). Facebook usage on smartphones and gray matter volume of the nucleus accumbens. Behavioural Brain Research, 329, 221–228. <a href="https://doi.org/10.1016/j.bbr.2017.04.035" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.bbr.2017.04.035</a></li> <li>Shields, G. S., Sazma, M. A., &amp; Yonelinas, A. P. (2016). The effects of acute stress on core executive functions: A meta‑analysis and comparison with cortisol. Neuroscience &amp; Biobehavioral Reviews, 68, 651–668. <a href="https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2016.06.038" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2016.06.038</a></li> <li>American Psychiatric Association. (2013). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5th ed.)</li> <li>Heine, S., &amp; Exner, C. (2021). Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Erwachsenenalter. Zeitschrift für Neuropsychologie, 32(3), 141-157. <a href="https://doi.org/10.1024/1016-264x/a000329" rel="noopener">https://doi.org/10.1024/1016-264x/a000329</a></li> <li>Del Campo, N., Chamberlain, S. R., Sahakian, B. J., &amp; Robbins, T. W. (2011). The roles of dopamine and noradrenaline in the pathophysiology and treatment of attention‑deficit/hyperactivity disorder. Biological Psychiatry, 69(12), e145–e157. <a href="https://doi.org/10.1016/j.biopsych.2011.02.036" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.biopsych.2011.02.036</a></li> </ol> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/aufmerksamkeit-und-adhs/#comments 1 Zeit für Politik und Parteien, Zeit für Menschenrecht? Ein Originaltext der Philosophin Jeanne Hersch (1910 – 2000) https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zeit-fuer-politik-und-parteien-zeit-fuer-menschenrecht-ein-originaltext-der-philosophin-jeanne-hersch-1910-2000/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zeit-fuer-politik-und-parteien-zeit-fuer-menschenrecht-ein-originaltext-der-philosophin-jeanne-hersch-1910-2000/#comments Mon, 13 Apr 2026 16:46:54 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11214 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/JeanneHerschErlebteZeit-e1776096103692-768x1024.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zeit-fuer-politik-und-parteien-zeit-fuer-menschenrecht-ein-originaltext-der-philosophin-jeanne-hersch-1910-2000/</link> </image> <description type="html"><h1>Zeit für Politik und Parteien, Zeit für Menschenrecht? Ein Originaltext der Philosophin Jeanne Hersch (1910 - 2000) » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Auf Twitter wurde ich vor allem von rechts, auf Mastodon werde ich vor allem von links dafür beschimpft, dass ich mich seit Jahrzehnten in einer demokratischen Partei – der CDU / EVP – engagiere. Doch ich tue das nicht, weil es leicht wäre, sondern <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-waermepumpe-memes-und-lob-dem-spd-oekosozialen-hermann-scheer-1944-2010/">weil ich für unsere Demokratie, gegen jeden Extremismus, für die soziale und ökologische Marktwirtschaft eintrete</a>.</p> <p>Und ich bin sehr glücklich darüber, dass <a href="https://www.youtube.com/watch?v=IwI9otleK9E" rel="noopener">mit dem Europaabgeordneten <strong>Peter Magyar</strong> von <em><strong>Tisza / EVP</strong> </em>gerade ein pro-europäischer und christlich-demokratischer Kandidat <strong>die Wahl in Ungarn</strong> gegen die fossile, mediale und nahezu diktatorische Herrschaft von Putinknecht <strong>Viktor Orban</strong> und dessen <em><strong>Fidesz / „Patrioten für Europa“</strong></em> gewonnen</a> hat! Auch Magyar hätte dies nicht alleine geschafft, sondern trat erst im April 2024 der 2020 gegründeten Tisza bei.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=IwI9otleK9E" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Der ungarische EVP-Europaabgeordnete Peter Magyar bei seiner Siegesrede zur Ungarnwahl am 12.04.2026 mit der Übersetzung: &quot;Tisza and Hungary have won this election!&quot;" decoding="async" height="748" sizes="(max-width: 1233px) 100vw, 1233px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeterMagyarTiszaUngarnWahlsiegEUMS130426.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeterMagyarTiszaUngarnWahlsiegEUMS130426.jpg 1233w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeterMagyarTiszaUngarnWahlsiegEUMS130426-300x182.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeterMagyarTiszaUngarnWahlsiegEUMS130426-1024x621.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeterMagyarTiszaUngarnWahlsiegEUMS130426-768x466.jpg 768w" width="1233"></img></a></p> <p><em>Peter Magyar bei seiner Siegesrede zur Ungarnwahl am 12.04.2026: „Tisza und Ungarn haben diese Wahl gewonnen!“. <a href="https://www.youtube.com/watch?v=IwI9otleK9E" rel="noopener">Screenshot bei EUMS (sehenswerter Wahlbericht!)</a>: Michael Blume</em></p> <p>Nun hat die Verachtung auch demokratischer Parteien gerade auch in Deutschland eine lange und unheilvolle Tradition. Viele Menschen halten Parteien oder auch Politik generell für <em>„unsauber“</em> und haben wenig Verständnis dafür, dass sich Menschen in verschiedenen, demokratischen Parteien engagieren. Das ist einer der Gründe, warum extremistische Parteien in <strong>Deutschland</strong> immer wieder so erfolgreich angreifen können.<aside></aside></p> <p>Ganz anders <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/begeistert-von-jeanne-hersch-und-damit-alleine/">die Schweizer Philosophin, Sozialdemokratin und Jüdin <strong>Jeanne Hersch</strong>, die mich mit ihrer <strong><em>„Philosophie der Zeit“</em></strong></a> dazu brachte, auch über <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-toleranzparadox-nach-karl-popper-aus-seiner-originalquelle/">die liberale, jedoch stark rationalistische und individualistische Erkenntnistheorie ihres Zeitgenossen <strong>Karl Popper </strong></a>(1902 – 1994) hinaus zu denken. Beide hatten vor dem Antisemitismus der Nationalsozialisten fliehen müssen, doch <strong>Hersch</strong> sah ihre Aufgabe als Philosophin gerade auch <strong><em>in</em></strong> der sozial-demokratischen Parteipolitik und äußerte sich auch in Vorträgen und <strong>damals „neuen“ Medien wie Radio und Fernsehen streitbar</strong> zu <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dialog-ueber-drogenpolitik-jeanne-hersch-und-der-vier-saeulen-wuerfel-der-schweiz/">Themen wie <strong>Freiheit und Verantwortung, Menschenrechten oder auch der Drogensucht gegen „ein Recht auf Rausch“</strong></a>. Sie war sich als Lehrerin und UN-Mitwirkende eben nicht zu fein, in den konkreten Dialog mit den Menschen und der Gesellschaft ihrer Zeit zu treten.</p> <p>Der <a href="https://archive.org/details/oapen-20.500.12657-49908" rel="noopener">Band 2 der <strong><em>„Ausgewählten politischen Schriften, Schriften zur politischen Philosophie“ von Jeanne Hersch</em></strong> enthält intensive Auseinandersetzung mit Politik und europäischen Parteien</a> und ist auch online frei verfügbar.</p> <p>Als Originaltext habe ich jedoch hier einen faszinierenden Absatz aus ihrem Aufsatz <em><strong>„Tragweite und Grenzen des politischen Handelns“</strong></em> von 1953 gewählt, den sie für eine Festschrift zum 70. Geburtstag von <strong>Karl Jaspers</strong> (1883 – 1969) schrieb. Dieser findet sich in <a href="https://archive.org/details/erlebtezeitmensc0000hers" rel="noopener">der 2. Auflage von <em><strong>„Erlebte Zeit. Menschsein im Hier und Jetzt“</strong></em> von 2010</a> auf den Seiten 136 – 151.</p> <p><a href="https://archive.org/details/erlebtezeitmensc0000hers" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Der Sammelband zu Jeanne Hersch &quot;Erlebte Zeit. Menschsein im Hier und Jetzt&quot;, NZZ 2010" decoding="async" height="3264" sizes="(max-width: 2448px) 100vw, 2448px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/JeanneHerschErlebteZeit-e1776096103692.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/JeanneHerschErlebteZeit-e1776096103692.jpg 2448w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/JeanneHerschErlebteZeit-e1776096103692-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/JeanneHerschErlebteZeit-e1776096103692-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/JeanneHerschErlebteZeit-e1776096103692-1152x1536.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/JeanneHerschErlebteZeit-e1776096103692-1536x2048.jpg 1536w" width="2448"></img></a></p> <p><em>Die zweite Auflage des Sammelbandes zu Jeanne Hersch, „Erlebte Zeit. Menschsein im Hier und Jetzt“, NZZ 2010. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Bitte achten Sie auch darauf, wie gekonnt und tief <strong>Hersch </strong>dabei die Absage an die platonisch-deutsche Parteienverachtung, an Antisemitismus, Rassismus, Sexismus und Hetze gegen alte Menschen mit dem biografischen Erleben als jüdische NS-Verfolgte und der Verantwortung aller Lesenden für die Demokratien, sogar für <em>„die Wahrheit“</em> in der konkreten Zeit verknüpft!</p> <p>Und ich schließe nicht aus, dass sie mit <em>„dem Freund“</em> hier auf <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-25-von-wegen-covidioten-verschwoerungsmythen-verstehen-mit-heidegger-und-platon/">den sogar nach dem NS-Niedergang noch uneinsichtig antisemitischen Platoniker und dann Freiburger NS-Rektor <strong>Martin Heidegger</strong> (1889 – 1976)</a> anspielte. Ich halte es für keinen Zufall, dass <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/antisemitismus-im-foederalismus-warum-der-faschismus-im-alpenraum-eskalierte/">sowohl der Österreicher <strong>Popper</strong> wie die Schweizerin <strong>Hersch</strong> dem (heute so genannten) <strong>EUSALP-Alpenraum</strong></a> zugehörten.</p> <p>Hier also <strong>Jeanne Hersch im Original</strong>:</p> <p><em>„In den Wintermonaten, die der Machtergreifung Hitlers vorangingen, sagte mir ein Freund in Deutschland, er lehne das unsaubere und summarische Vorgehen der Parteien ab.</em></p> <p><em>Man müsse die Menschen auf eine individuelle Art erziehen.</em></p> <p><em>Alles andere sei ohne jede Wirkung.</em></p> <p><em>Selbst wenn diese Erziehung sehr langsam, sehr langatmig wäre, müsse man sich auf sie beschränken, denn sie allein würde ihren Zweck nicht durch die Mittel entheiligen.</em></p> <p><em>Einige Monate später war dieser Freund ins Hitlersystem eingegliedert.</em></p> <p><em>Als ich in diesem Jahr 1933 Deutschland verliess – eine kleine Jüdin, die man mit besonderer Rücksicht behandelt hatte, weil sie Ausländerin war, während andere kompromittierte oder verdächtige Studenten lautlos am Schluss einer Vorlesung verschwanden, Männer in braunen Hemden die berühmten Lehrstühle besetzten und den 18-jährigen Ariern die an allen Teilen des Körpers einer jüdischen Frau erscheinen Zeichen vorzeitigen Alterns erklärten und während man im Bann des Horst-Wessel-Liedes, das mit Blut getränkte Strassen versprach, erwachte, ass, atmete, dachte und schlief -, hatte ich einige unersetzliche Erfahrungen gemacht und einige elementare Einsichten gewonnen.</em></p> <p><em>Die erste dieser Einsichten war, dass man der Politik unmöglich den Rücken kehren kann; wenn man es ablehnt, sich mit ihr zu beschäftigen, beschäftigt sie sich mit einem; es ist besser, dem zuvorzukommen und sich in diesem unsauberen Bezirk wenigstens seine Kampfstellung zu wählen.</em></p> <p><em>Die zweite Einsicht war, dass es nichts innerhalb des menschlichen Bereiches gibt, das für immer errungen und ausserhalb der Zeit festgelegt ist.</em></p> <p><em>Nichts: weder das Ansehen der Person noch die gesellschaftlichen Schranken noch die Gerechtigkeit, nicht einmal der Sinn des Wortes Gerechtigkeit – nicht einmal der Wille zur Gerechtigkeit.</em></p> <p><em>Nicht einmal die Wahrheit.“</em></p> <p>Auch der Befassung mit <strong>der Philosophie von Jeanne Hersch</strong> (die auch betonte, dass sich Freiheit nur im Jetzt verwirklichen lasse), verdanke ich den für mich so wichtigen, auf dem Nil formulierten Leitsatz: <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/diesseits-von-zeit-raum-aus-fediversum-und-ki-emergiert-das-erste-perfekte-medium-nach-harold-innis/"><em><strong>Zeit emergiert, aber wiederholt sich nicht</strong></em></a>.</p> <p>Auch trug Hersch erheblich dazu bei, dass ich mich mit den <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/konkurrenz-konkordanz-oder-konsensdemokratie-meine-heutige-duale-rede-bei-der-stiftung-weltethos-uni-tuebingen/">drei Grundformen von rechtsstaatlicher <strong>Demokratie</strong> als Parteien – <strong>Konkurrenzdemokratie</strong>, <strong>Konsensdemokratie</strong> und <strong>Konkordanzdemokratie</strong></a> befasste. Ich verdanke ihr sehr viel.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/qtMB7Q5o6aY?feature=oembed&amp;rel=0" title="Warum Politik, warum Parteien? Die Schweizer Philosophin Jeanne Hersch im Original" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Zeit für Politik und Parteien, Zeit für Menschenrecht? Ein Originaltext der Philosophin Jeanne Hersch (1910 - 2000) » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Auf Twitter wurde ich vor allem von rechts, auf Mastodon werde ich vor allem von links dafür beschimpft, dass ich mich seit Jahrzehnten in einer demokratischen Partei – der CDU / EVP – engagiere. Doch ich tue das nicht, weil es leicht wäre, sondern <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-waermepumpe-memes-und-lob-dem-spd-oekosozialen-hermann-scheer-1944-2010/">weil ich für unsere Demokratie, gegen jeden Extremismus, für die soziale und ökologische Marktwirtschaft eintrete</a>.</p> <p>Und ich bin sehr glücklich darüber, dass <a href="https://www.youtube.com/watch?v=IwI9otleK9E" rel="noopener">mit dem Europaabgeordneten <strong>Peter Magyar</strong> von <em><strong>Tisza / EVP</strong> </em>gerade ein pro-europäischer und christlich-demokratischer Kandidat <strong>die Wahl in Ungarn</strong> gegen die fossile, mediale und nahezu diktatorische Herrschaft von Putinknecht <strong>Viktor Orban</strong> und dessen <em><strong>Fidesz / „Patrioten für Europa“</strong></em> gewonnen</a> hat! Auch Magyar hätte dies nicht alleine geschafft, sondern trat erst im April 2024 der 2020 gegründeten Tisza bei.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=IwI9otleK9E" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Der ungarische EVP-Europaabgeordnete Peter Magyar bei seiner Siegesrede zur Ungarnwahl am 12.04.2026 mit der Übersetzung: &quot;Tisza and Hungary have won this election!&quot;" decoding="async" height="748" sizes="(max-width: 1233px) 100vw, 1233px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeterMagyarTiszaUngarnWahlsiegEUMS130426.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeterMagyarTiszaUngarnWahlsiegEUMS130426.jpg 1233w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeterMagyarTiszaUngarnWahlsiegEUMS130426-300x182.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeterMagyarTiszaUngarnWahlsiegEUMS130426-1024x621.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeterMagyarTiszaUngarnWahlsiegEUMS130426-768x466.jpg 768w" width="1233"></img></a></p> <p><em>Peter Magyar bei seiner Siegesrede zur Ungarnwahl am 12.04.2026: „Tisza und Ungarn haben diese Wahl gewonnen!“. <a href="https://www.youtube.com/watch?v=IwI9otleK9E" rel="noopener">Screenshot bei EUMS (sehenswerter Wahlbericht!)</a>: Michael Blume</em></p> <p>Nun hat die Verachtung auch demokratischer Parteien gerade auch in Deutschland eine lange und unheilvolle Tradition. Viele Menschen halten Parteien oder auch Politik generell für <em>„unsauber“</em> und haben wenig Verständnis dafür, dass sich Menschen in verschiedenen, demokratischen Parteien engagieren. Das ist einer der Gründe, warum extremistische Parteien in <strong>Deutschland</strong> immer wieder so erfolgreich angreifen können.<aside></aside></p> <p>Ganz anders <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/begeistert-von-jeanne-hersch-und-damit-alleine/">die Schweizer Philosophin, Sozialdemokratin und Jüdin <strong>Jeanne Hersch</strong>, die mich mit ihrer <strong><em>„Philosophie der Zeit“</em></strong></a> dazu brachte, auch über <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-toleranzparadox-nach-karl-popper-aus-seiner-originalquelle/">die liberale, jedoch stark rationalistische und individualistische Erkenntnistheorie ihres Zeitgenossen <strong>Karl Popper </strong></a>(1902 – 1994) hinaus zu denken. Beide hatten vor dem Antisemitismus der Nationalsozialisten fliehen müssen, doch <strong>Hersch</strong> sah ihre Aufgabe als Philosophin gerade auch <strong><em>in</em></strong> der sozial-demokratischen Parteipolitik und äußerte sich auch in Vorträgen und <strong>damals „neuen“ Medien wie Radio und Fernsehen streitbar</strong> zu <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dialog-ueber-drogenpolitik-jeanne-hersch-und-der-vier-saeulen-wuerfel-der-schweiz/">Themen wie <strong>Freiheit und Verantwortung, Menschenrechten oder auch der Drogensucht gegen „ein Recht auf Rausch“</strong></a>. Sie war sich als Lehrerin und UN-Mitwirkende eben nicht zu fein, in den konkreten Dialog mit den Menschen und der Gesellschaft ihrer Zeit zu treten.</p> <p>Der <a href="https://archive.org/details/oapen-20.500.12657-49908" rel="noopener">Band 2 der <strong><em>„Ausgewählten politischen Schriften, Schriften zur politischen Philosophie“ von Jeanne Hersch</em></strong> enthält intensive Auseinandersetzung mit Politik und europäischen Parteien</a> und ist auch online frei verfügbar.</p> <p>Als Originaltext habe ich jedoch hier einen faszinierenden Absatz aus ihrem Aufsatz <em><strong>„Tragweite und Grenzen des politischen Handelns“</strong></em> von 1953 gewählt, den sie für eine Festschrift zum 70. Geburtstag von <strong>Karl Jaspers</strong> (1883 – 1969) schrieb. Dieser findet sich in <a href="https://archive.org/details/erlebtezeitmensc0000hers" rel="noopener">der 2. Auflage von <em><strong>„Erlebte Zeit. Menschsein im Hier und Jetzt“</strong></em> von 2010</a> auf den Seiten 136 – 151.</p> <p><a href="https://archive.org/details/erlebtezeitmensc0000hers" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Der Sammelband zu Jeanne Hersch &quot;Erlebte Zeit. Menschsein im Hier und Jetzt&quot;, NZZ 2010" decoding="async" height="3264" sizes="(max-width: 2448px) 100vw, 2448px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/JeanneHerschErlebteZeit-e1776096103692.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/JeanneHerschErlebteZeit-e1776096103692.jpg 2448w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/JeanneHerschErlebteZeit-e1776096103692-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/JeanneHerschErlebteZeit-e1776096103692-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/JeanneHerschErlebteZeit-e1776096103692-1152x1536.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/JeanneHerschErlebteZeit-e1776096103692-1536x2048.jpg 1536w" width="2448"></img></a></p> <p><em>Die zweite Auflage des Sammelbandes zu Jeanne Hersch, „Erlebte Zeit. Menschsein im Hier und Jetzt“, NZZ 2010. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Bitte achten Sie auch darauf, wie gekonnt und tief <strong>Hersch </strong>dabei die Absage an die platonisch-deutsche Parteienverachtung, an Antisemitismus, Rassismus, Sexismus und Hetze gegen alte Menschen mit dem biografischen Erleben als jüdische NS-Verfolgte und der Verantwortung aller Lesenden für die Demokratien, sogar für <em>„die Wahrheit“</em> in der konkreten Zeit verknüpft!</p> <p>Und ich schließe nicht aus, dass sie mit <em>„dem Freund“</em> hier auf <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-25-von-wegen-covidioten-verschwoerungsmythen-verstehen-mit-heidegger-und-platon/">den sogar nach dem NS-Niedergang noch uneinsichtig antisemitischen Platoniker und dann Freiburger NS-Rektor <strong>Martin Heidegger</strong> (1889 – 1976)</a> anspielte. Ich halte es für keinen Zufall, dass <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/antisemitismus-im-foederalismus-warum-der-faschismus-im-alpenraum-eskalierte/">sowohl der Österreicher <strong>Popper</strong> wie die Schweizerin <strong>Hersch</strong> dem (heute so genannten) <strong>EUSALP-Alpenraum</strong></a> zugehörten.</p> <p>Hier also <strong>Jeanne Hersch im Original</strong>:</p> <p><em>„In den Wintermonaten, die der Machtergreifung Hitlers vorangingen, sagte mir ein Freund in Deutschland, er lehne das unsaubere und summarische Vorgehen der Parteien ab.</em></p> <p><em>Man müsse die Menschen auf eine individuelle Art erziehen.</em></p> <p><em>Alles andere sei ohne jede Wirkung.</em></p> <p><em>Selbst wenn diese Erziehung sehr langsam, sehr langatmig wäre, müsse man sich auf sie beschränken, denn sie allein würde ihren Zweck nicht durch die Mittel entheiligen.</em></p> <p><em>Einige Monate später war dieser Freund ins Hitlersystem eingegliedert.</em></p> <p><em>Als ich in diesem Jahr 1933 Deutschland verliess – eine kleine Jüdin, die man mit besonderer Rücksicht behandelt hatte, weil sie Ausländerin war, während andere kompromittierte oder verdächtige Studenten lautlos am Schluss einer Vorlesung verschwanden, Männer in braunen Hemden die berühmten Lehrstühle besetzten und den 18-jährigen Ariern die an allen Teilen des Körpers einer jüdischen Frau erscheinen Zeichen vorzeitigen Alterns erklärten und während man im Bann des Horst-Wessel-Liedes, das mit Blut getränkte Strassen versprach, erwachte, ass, atmete, dachte und schlief -, hatte ich einige unersetzliche Erfahrungen gemacht und einige elementare Einsichten gewonnen.</em></p> <p><em>Die erste dieser Einsichten war, dass man der Politik unmöglich den Rücken kehren kann; wenn man es ablehnt, sich mit ihr zu beschäftigen, beschäftigt sie sich mit einem; es ist besser, dem zuvorzukommen und sich in diesem unsauberen Bezirk wenigstens seine Kampfstellung zu wählen.</em></p> <p><em>Die zweite Einsicht war, dass es nichts innerhalb des menschlichen Bereiches gibt, das für immer errungen und ausserhalb der Zeit festgelegt ist.</em></p> <p><em>Nichts: weder das Ansehen der Person noch die gesellschaftlichen Schranken noch die Gerechtigkeit, nicht einmal der Sinn des Wortes Gerechtigkeit – nicht einmal der Wille zur Gerechtigkeit.</em></p> <p><em>Nicht einmal die Wahrheit.“</em></p> <p>Auch der Befassung mit <strong>der Philosophie von Jeanne Hersch</strong> (die auch betonte, dass sich Freiheit nur im Jetzt verwirklichen lasse), verdanke ich den für mich so wichtigen, auf dem Nil formulierten Leitsatz: <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/diesseits-von-zeit-raum-aus-fediversum-und-ki-emergiert-das-erste-perfekte-medium-nach-harold-innis/"><em><strong>Zeit emergiert, aber wiederholt sich nicht</strong></em></a>.</p> <p>Auch trug Hersch erheblich dazu bei, dass ich mich mit den <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/konkurrenz-konkordanz-oder-konsensdemokratie-meine-heutige-duale-rede-bei-der-stiftung-weltethos-uni-tuebingen/">drei Grundformen von rechtsstaatlicher <strong>Demokratie</strong> als Parteien – <strong>Konkurrenzdemokratie</strong>, <strong>Konsensdemokratie</strong> und <strong>Konkordanzdemokratie</strong></a> befasste. Ich verdanke ihr sehr viel.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/qtMB7Q5o6aY?feature=oembed&amp;rel=0" title="Warum Politik, warum Parteien? Die Schweizer Philosophin Jeanne Hersch im Original" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zeit-fuer-politik-und-parteien-zeit-fuer-menschenrecht-ein-originaltext-der-philosophin-jeanne-hersch-1910-2000/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>17</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeo Podcast: Alpine Ahnungen – beweist das Gebirge die Plattentektonik? https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-alpine-ahnungen-beweist-das-gebirge-die-plattentektonik/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-alpine-ahnungen-beweist-das-gebirge-die-plattentektonik/#respond Mon, 13 Apr 2026 06:51:16 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1866 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag135-chaos-768x769.jpg Wenige Zentimeter hohe Rippeln an einem beigen Sandstrand https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-alpine-ahnungen-beweist-das-gebirge-die-plattentektonik/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag135-chaos.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Alpine Ahnungen - beweist das Gebirge die Plattentektonik? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag135-alpen-2.html" rel="noopener">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>Im Herbst 1948 steigen zwei Männer auf einen Berg in den schottischen Highlands. Der eine ist Schweizer und hat gerade seine Doktorarbeit geschrieben. Der andere ist angesehener Geologie-Professor aus Kanada. Am Gipfel kommt es zu einem geschichtsträchtigen Dialog. Denn der junge Schweizer fragt seinen älteren Begleiter: Könnte an dieser einen Idee nicht doch etwas dran sein – nämlich, dass sich Kontinente auf der Erde bewegen? Die Antwort ist eindeutig: Der kanadische Professor lacht herzlich und sagt, all das sei nur Fantasie und physikalisch unmöglich.</p> <p>In dieser Folge erzählt Karl von einer merkwürdigen Zeit in der Geschichte der Geowissenschaften. Schon im Jahr 1912 hatte Alfred Wegener seine Idee der Kontinentaldrift vorgestellt. Doch obwohl bald viele Forscher aus Europa mit der Idee der wandernden Kontinente sympathisierten, waren es in den 1960er Jahren Geologïnnen aus Nordamerika, die die moderne Theorie der Plattentektonik entwickelten. Darunter war nicht zuletzt auch jener Professor aus Kanada, der über die Idee der Kontinentalverschiebung zunächst nur herzlich gelacht hatte.<aside></aside></p> <p>Eigentlich hatten die Alpengeologen bereits alle Zutaten zusammen: Etwa der Österreicher Otto Ampferer, der noch vor Alfred Wegener einen physikalischen Prozess skizziert, den er Unterströmung nennt und der erklären kann, warum sich die starren Gesteine der Erdkruste seitlich bewegen können. Ampferer ist es auch, der später das Prinzip der Subduktionszonen erdenkt, bei der feste Krustenplatten übereinander gleiten. Er hat selbst selbst das Prinzip der mittelozeanischen Rücken beschrieben, bei der sich die Erde entlang langer Spalten am Meeresgrund weitet und so neue Erdkruste entsteht.</p> <p>Warum die Plattentektonik in den 1960er Jahren schließlich von Forscherinnen und Forschern in den USA zu einer vollwertigen Theorie weiterentwickelt wird? Das liegt an neuen physischen Beweisen aus der Tiefsee – und vielleicht an der überschaubaren Marine der Alpenländer.</p> <h3>Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 28: <a href="https://astrogeo.de/ag028-die-alpen/" rel="noopener">Die Alpen</a></li> <li>Folge 68: <a href="https://astrogeo.de/marie-tharp-und-die-entdeckung-der-plattentektonik/" rel="noopener">Wie Marie Tharp die Geologie revolutionierte</a></li> <li>Folge 76: <a href="https://astrogeo.de/subduktionszonen-das-tiefe-geheimnis-des-blauen-planeten/" rel="noopener">Subduktion: Das tiefe Geheimnis des Blauen Planeten</a></li> <li>Folge 133: <a href="https://astrogeo.de/drunter-ueber-drueber-das-raetsel-der-verdrehten-alpen/" rel="noopener">Drunter über drüber: Das Rätsel der verdrehten Alpen</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alpen" rel="noopener">Alpen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/John_Tuzo_Wilson" rel="noopener">John Tuzo Wilson</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wilson-Zyklus" rel="noopener">Wilson-Zyklus</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Tr%C3%BCmpy" rel="noopener">Rudolf Trümpy</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Plattentektonik" rel="noopener">Plattentektonik</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Moritz_Anton_Kappeler" rel="noopener">Moritz Anton Kappeler</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rippel" rel="noopener">Rippel</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aktualismus_(Geologie)" rel="noopener">Aktualismus</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kontraktionstheorie" rel="noopener">Kontraktionstheorie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Palinspastik" rel="noopener">Palinspastik</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Ampferer" rel="noopener">Otto Ampferer</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Unterstr%C3%B6mungstheorie" rel="noopener">Unterströmungstheorie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Subduktion" rel="noopener">Subduktion</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Wegener" rel="noopener">Alfred Wegener</a></li> <li>Blog: <a href="http://www.bressan-geoconsult.eu/author/wordpressadmin/" rel="noopener">Geschichte der Geologie von David Bressan</a></li> <li>Webseite: <a href="https://www.rundumberge.ch/" rel="noopener">Jürg Meyer</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: Rudolf Trümpy: <a href="https://dx.doi.org/10.1007/s005310000175" rel="noopener">Why plate tectonics was not invented in the Alps</a>, International Journal of Earth Sciences (2001)</li> <li>Fachartikel: Rudolf Trümpy: <a href="https://doi.org/10.1016/S0012-8252(02)00111-3" rel="noopener">Trying to understand Alpine sediments—before 1950</a>, Earth-Science Reviews (2003)</li> <li>Fachartikel: Giorgio Vittorio Dal Piaz: The Italian Alps: a journey across two centuries of Alpine geology, Journal of the Virtual Explorer (2010)</li> <li>Fachbuch: Dominik Letsch &amp; Thomas Buckingham: <a href="https://nggl.ch/de/uuid/i/e9cf2616-ab32-536a-9c3c-b25065711ed1-Starre_Felsen_und_wankende_Gewissheiten" rel="noopener">Starre Felsen und wankende Gewissheiten: Anatomie einer 200-jährigen tektonischen Kontroverse</a>, Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaft des Kantons Glarus, Band XXIV (2025)</li> <li>Buch: Jürg Meyer: <a href="https://haupt.ch/aktuell/hauptautor-juerg-meyer-wie-berge-entstehen-und-vergehen" rel="noopener">Wie Berge entstehen und vergehen – in 30 Etappen durch die Alpengeologie</a>, Haupt-Verlag (2025) – <em>wegen vieler Bilder empfehlen wir die Druckfassung</em></li> </ul> <h3>Hinweis für die Diskussion</h3> <p>Es werden nur Beiträge freigeschaltet, die sich mit dem Inhalt dieser Folge beschäftigen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag135-chaos.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Alpine Ahnungen - beweist das Gebirge die Plattentektonik? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag135-alpen-2.html" rel="noopener">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>Im Herbst 1948 steigen zwei Männer auf einen Berg in den schottischen Highlands. Der eine ist Schweizer und hat gerade seine Doktorarbeit geschrieben. Der andere ist angesehener Geologie-Professor aus Kanada. Am Gipfel kommt es zu einem geschichtsträchtigen Dialog. Denn der junge Schweizer fragt seinen älteren Begleiter: Könnte an dieser einen Idee nicht doch etwas dran sein – nämlich, dass sich Kontinente auf der Erde bewegen? Die Antwort ist eindeutig: Der kanadische Professor lacht herzlich und sagt, all das sei nur Fantasie und physikalisch unmöglich.</p> <p>In dieser Folge erzählt Karl von einer merkwürdigen Zeit in der Geschichte der Geowissenschaften. Schon im Jahr 1912 hatte Alfred Wegener seine Idee der Kontinentaldrift vorgestellt. Doch obwohl bald viele Forscher aus Europa mit der Idee der wandernden Kontinente sympathisierten, waren es in den 1960er Jahren Geologïnnen aus Nordamerika, die die moderne Theorie der Plattentektonik entwickelten. Darunter war nicht zuletzt auch jener Professor aus Kanada, der über die Idee der Kontinentalverschiebung zunächst nur herzlich gelacht hatte.<aside></aside></p> <p>Eigentlich hatten die Alpengeologen bereits alle Zutaten zusammen: Etwa der Österreicher Otto Ampferer, der noch vor Alfred Wegener einen physikalischen Prozess skizziert, den er Unterströmung nennt und der erklären kann, warum sich die starren Gesteine der Erdkruste seitlich bewegen können. Ampferer ist es auch, der später das Prinzip der Subduktionszonen erdenkt, bei der feste Krustenplatten übereinander gleiten. Er hat selbst selbst das Prinzip der mittelozeanischen Rücken beschrieben, bei der sich die Erde entlang langer Spalten am Meeresgrund weitet und so neue Erdkruste entsteht.</p> <p>Warum die Plattentektonik in den 1960er Jahren schließlich von Forscherinnen und Forschern in den USA zu einer vollwertigen Theorie weiterentwickelt wird? Das liegt an neuen physischen Beweisen aus der Tiefsee – und vielleicht an der überschaubaren Marine der Alpenländer.</p> <h3>Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 28: <a href="https://astrogeo.de/ag028-die-alpen/" rel="noopener">Die Alpen</a></li> <li>Folge 68: <a href="https://astrogeo.de/marie-tharp-und-die-entdeckung-der-plattentektonik/" rel="noopener">Wie Marie Tharp die Geologie revolutionierte</a></li> <li>Folge 76: <a href="https://astrogeo.de/subduktionszonen-das-tiefe-geheimnis-des-blauen-planeten/" rel="noopener">Subduktion: Das tiefe Geheimnis des Blauen Planeten</a></li> <li>Folge 133: <a href="https://astrogeo.de/drunter-ueber-drueber-das-raetsel-der-verdrehten-alpen/" rel="noopener">Drunter über drüber: Das Rätsel der verdrehten Alpen</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alpen" rel="noopener">Alpen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/John_Tuzo_Wilson" rel="noopener">John Tuzo Wilson</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wilson-Zyklus" rel="noopener">Wilson-Zyklus</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Tr%C3%BCmpy" rel="noopener">Rudolf Trümpy</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Plattentektonik" rel="noopener">Plattentektonik</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Moritz_Anton_Kappeler" rel="noopener">Moritz Anton Kappeler</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rippel" rel="noopener">Rippel</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aktualismus_(Geologie)" rel="noopener">Aktualismus</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kontraktionstheorie" rel="noopener">Kontraktionstheorie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Palinspastik" rel="noopener">Palinspastik</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Ampferer" rel="noopener">Otto Ampferer</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Unterstr%C3%B6mungstheorie" rel="noopener">Unterströmungstheorie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Subduktion" rel="noopener">Subduktion</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Wegener" rel="noopener">Alfred Wegener</a></li> <li>Blog: <a href="http://www.bressan-geoconsult.eu/author/wordpressadmin/" rel="noopener">Geschichte der Geologie von David Bressan</a></li> <li>Webseite: <a href="https://www.rundumberge.ch/" rel="noopener">Jürg Meyer</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: Rudolf Trümpy: <a href="https://dx.doi.org/10.1007/s005310000175" rel="noopener">Why plate tectonics was not invented in the Alps</a>, International Journal of Earth Sciences (2001)</li> <li>Fachartikel: Rudolf Trümpy: <a href="https://doi.org/10.1016/S0012-8252(02)00111-3" rel="noopener">Trying to understand Alpine sediments—before 1950</a>, Earth-Science Reviews (2003)</li> <li>Fachartikel: Giorgio Vittorio Dal Piaz: The Italian Alps: a journey across two centuries of Alpine geology, Journal of the Virtual Explorer (2010)</li> <li>Fachbuch: Dominik Letsch &amp; Thomas Buckingham: <a href="https://nggl.ch/de/uuid/i/e9cf2616-ab32-536a-9c3c-b25065711ed1-Starre_Felsen_und_wankende_Gewissheiten" rel="noopener">Starre Felsen und wankende Gewissheiten: Anatomie einer 200-jährigen tektonischen Kontroverse</a>, Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaft des Kantons Glarus, Band XXIV (2025)</li> <li>Buch: Jürg Meyer: <a href="https://haupt.ch/aktuell/hauptautor-juerg-meyer-wie-berge-entstehen-und-vergehen" rel="noopener">Wie Berge entstehen und vergehen – in 30 Etappen durch die Alpengeologie</a>, Haupt-Verlag (2025) – <em>wegen vieler Bilder empfehlen wir die Druckfassung</em></li> </ul> <h3>Hinweis für die Diskussion</h3> <p>Es werden nur Beiträge freigeschaltet, die sich mit dem Inhalt dieser Folge beschäftigen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-alpine-ahnungen-beweist-das-gebirge-die-plattentektonik/#respond 0 Update: Buckelwal-Strandung in der Wismar-Bucht https://scilogs.spektrum.de/meertext/update-buckelwal-strandung-in-der-wismar-bucht/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/update-buckelwal-strandung-in-der-wismar-bucht/#comments Sat, 11 Apr 2026 13:33:58 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1952 <h1>Update: Buckelwal-Strandung in der Wismar-Bucht » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Der Ende März zunächst <a href="https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/walrettung-in-der-ostsee-in-luebecker-bucht-so-begleiten-helfer-das-tier-raus-aufs-meer,wal-294.html" rel="noopener">auf einer Sandbank vor Niendorf</a> (<a href="https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Ostholstein-Aktuelle-Nachrichten-und-Videos,ostholstein126.html" rel="noopener">Kreis Ostholstein</a>) in Schleswig-Holstein gestrandete junge Buckelwal („Timmy“) konnte sich zunächst von der Sandbank befreien und davonschwimmen. Allerdings strandete er dann kurz darauf wieder vor der Insel Poel vor Wismar (Mecklenburg-Vorpommern) und wird seitdem immer schwächer.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-47.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="660" sizes="(max-width: 888px) 100vw, 888px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-47.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-47.png 888w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-47-300x223.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-47-768x571.png 768w" width="888"></img></a><figcaption>Quelle: @de-nachrichten.bsky.social</figcaption></figure> <p>Große Wale sind heute an unseren Küsten seltene, wenn auch regelmäßige Irrläufer. Gerade in der Ostsee haben sie <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwal-in-der-ostsee-status-bericht/">nur geringe Überlebenschancen, wie ich hier</a> schon schrieb. Der geringe Salzgehalt erfordert <a href="http://Mir tut das Sterben des Wals in der Seele weh, aber ich habe aufgrund meiner Kenntnisse und Erfahrungen von Anfang an den Tod des Tieres befürchtet.">viel mehr Schwimmleistung, der Wal ist gestresst </a>– sowohl durch Menschen, Schiffe und Lärm als auch physiologisch wegen des geringen Salzgehalts- , war durch Fischereinetze geschwächt und wir wissen nicht, ob er auch noch Netze geschluckt hat. Außerdem <a href="https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/gestrandeter-buckelwal-vor-poel-rettung-laut-gutachten-keine-option,wal-180.html" rel="noopener">gibt es Hinweise auf weitere schwere Verletzungen.</a></p> <p>Mir tut das Sterben des Wals in der Seele weh, aber ich habe aufgrund meiner Kenntnisse und Erfahrungen von Anfang an den Tod des Tieres befürchtet. <br></br>Längst zeichnet sich ab, dass alle Rettungsversuche leider gescheitert sind. Das Auftauchen des Buckelwals und sein nun schon wochenlanger Todeskampf rufen starke Emotionen hervor. Viele der Akteur:innen mit mehr oder weniger Wal-Kenntnis und -Erfahrung schieben sich jetzt gegenseitig Beschuldigungen zu, bis hin zu Morddrohungen. </p> <p>Ich hatte tatsächlich auf die Möglichkeit der Euthanasie gehofft, wie es manchmal an Küsten geschieht, wo mehr Erfahrungen mit Großwal-Strandungen bestehen, etwa in England oder den US-Küsten (<em>Ich hatte hier zunächst Euthanasierung geschrieben – danke für die Korrektur, Jan-Hermann!</em>). <br></br>Jetzt habe ich von der „British Divers – Marine Life Rescue“ ein sehr gutes Statement dazu gefunden, warum dies hier nicht möglich ist. Ich folge dieser Organisation via Social Media, sie sind sehr engagiert bei den Strandungen gerade von Walen, Robben und Fischottern an den langen britischen Küsten und arbeiten eng mit lokalen Veterinär:innen, Naturschutz-Organisationen und Wal-Expert:innen zusammen.</p> <p>Sie berichten in ihrem <a href="http://Statement – Stranded humpback whale in Germany">„Statement – Stranded humpback whale in Germany“</a>, dass sich Expert:innen aus ganz Europa zu dieser Buckelwal-Strandung ausgetauscht haben, ob und wie man ihn retten könnte oder ob vielleicht eine Euthanasie möglich wäre.<br></br>Ich habe nachgefragt und darf ihr Statement hier „abdrucken“.<p>Kurz gesagt:<aside></aside></p></p> <ul> <li>Wale stranden oft aufgrund eines schlechten Gesundheitszustands</li> <li>beim „Refloating“ kommen Pontons zum Einsatz, die zwar Kleinwale wieder flott machen können, aber keinesfalls für diesen Buckelwal ausgereicht hätten</li> <li>ein Ziehen oder Schieben ins tiefere Wasser mit schweren Maschinen hätten den Wal schwer verletzt</li> <li>Euthanasie ist zuverlässig möglich für kleine oder mittelgroße Wale.<br></br>Dafür kommen große Mengen spezifischer Medikamente zum Einsatz oder der Schuss ins Hirn mit einem großen Kaliber. <br></br>Diese große Menge solcher Medikamente scheinen nicht vorhaltbar zu sein, außerdem bestünde bei ihrem Einsatz die Gefahr der Kontaminierung des Lebensraums. Ein Schuß war bei diesem Wal aufgrund der sehr dicken Blubberschicht nicht tödlich gewesen. </li> </ul> <p>Letzteres war mir auch neu, ich hatte tatsächlich darauf gehofft, dass das Sterben des Wals zumindest hätte verkürzt werden können.<br></br>Das Statement ist wirklich sehr informativ und äußert auch Verständnis für die jetzt aufkommenden starken Emotionen – gleichzeitig plädiert es dafür, sachlich zu bleiben.<br></br>Menschen unserer Kultur fällt es heute schwer, sich mit dem Tod abzufinden und bei Großwalen gehen die Emotionen schnell hoch. Aber auch ich plädiere dafür, jetzt sachlich zu bleiben.<br></br>Und wenn wir diesen Wal nicht retten können, können wir wenigstens etwas für andere Wale tun!<br></br>Gerade für die einheimischen Schweinswale der Ost- und Nordsee ist eine Menge zu machen und auch für Wale weltweit. Für ihren Schutz müssen wir die Meere besser schützen – vor Fischerei, Schifffahrt, Öl-Exploration, Freizeitaktivitäten wie Jet-Ski, Plastik (z B Autoreifenabrieb). Außerdem hilft Klimaschutz auch den Walen. Dass die <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwal-in-der-ostsee-status-bericht/">schwarz-grüne Regierung Schleswig-Holsteins gerade drei neue Meeresschutzgebiete ausgewiesen hat, macht mich froh</a>. Schließlich nützt Meeresschutz allen Arten, inklusive uns Menschen und befeuert auch den Tourismus.</p> <h2><strong>British Divers – Marine Life Rescue: <a href="http://Statement – Stranded humpback whale in Germany">„Statement – Stranded humpback whale in Germany</a></strong></h2> <p>We have been following the situation near Wismar, northern Germany of an entangled and stranded humpback whale which has reportedly stranded at least three times over the last couple of weeks.  We have had an increase in requests for assistance from international members of the public, and we wish to explain our standpoint at the time of writing, on 8 April 2026. </p> <p><strong>Assistance Requests</strong><br></br>We were assisted in making contact with several organisations in Europe to invite them to a discussion regarding help and advice about the whale, and we knew they were in contact with the International Whaling Committee’s Strandings Coordinator and other advisors to discuss the options available at the time. We remained hopeful they could find management solutions for the ongoing incident despite the many varied news headlines.</p> <p>It is important to understand the background of why cetaceans strand before looking at the specifics of the current situation in Germany. Many cetacean strandings happen because they are already unhealthy due to disease, injury, starvation, exhaustion and old age, and they will have already experienced long-term health decline before they come ashore. Therefore stranding is a symptom of a serious underlying problem that is often very difficult, if not impossible, to resolve in an acute stranding situation. In these cases then either palliative care or euthanasia can be considered as alternative welfare options if refloatation has a poor prognosis, and to prevent continued suffering and pain.</p> <p>It is true that some healthy cetaceans do sometimes strand as well. They may have come ashore while escaping from predators or from navigational error such as following food into unfamiliar surroundings like intertidal estuaries. The impacts of human activity such as disturbance from watercraft and loud underwater noise such as sonar have also been recognised as causes too. These animals often have a much better prognosis and are suitable candidates to trial refloatation to see how they respond.</p> <p><strong>Limitations of Refloating Attempts</strong><br></br>Specifically for the situation in Germany with the humpback whale, from when it first appeared it was already entangled in fishing gear which had resulted in a significant loss of health and nutritional condition and responders were at a significant disadvantage when it came to considering options. Refloatation of an unhealthy animal that would then successfully recover would already be very unlikely. The animal has stranded on at least three occasions now, demonstrating that if refloatation continues then it will very likely come ashore once again as it is too debilitated/close to death that it is no longer able to survive. To continue interventions aimed at refloating a dying animal will mainly achieve greater levels of distress as it is moved, restrands, and repeated again and again.</p> <p>Notwithstanding this, the whale refloatation pontoons used by BDMLR can lift up to two tons, which is far less than the weight of this whale. They were designed for use on medium sized whales such as pilot and minke whales as a team of people are able to carefully manoeuvre it into the mat that must go underneath to support it. There are sometimes situations two sets can be used on one whale that is a bit larger, but that is all. This is not possible with large whales such as humpbacks, their weight is far too great to be held in this manner and it is not possible to get it into the mat using safe and careful techniques. Lifting or dragging with heavy machinery often causes a great deal more damage and distress to the animal, and is very strongly advised against.</p> <p><strong>Palliative Care and Euthanasia</strong><br></br>Euthanasia is again mainly a consideration for small and medium-sized cetaceans and the two methods currently used in the UK are either through chemical (lethal injection) or ballistic (high powered rifle) means. Unfortunately, at a certain point again the sheer size of the animal is a major limiting factor in what can be achieved successfully. Drug quantities for an animal this size simply don’t exist in veterinary practices or zoos and have a limited shelf life, which means large volumes kept in permanent storage is unviable. Even if it was then there are the logistics of delivering it without contaminating the environment, poisoning other wildlife, and removal of the body afterwards for the same reasons. As for ballistics, the thickness of the blubber and skull mean that even a high-powered rifle will not be effective.</p> <p>Thus, there is only one option left, which is palliative care/allowing the animal to pass naturally. This is a common situation found worldwide in all countries with large whale strandings, so is not unique to this specific situation in Germany. We are sure many organisations that respond to live stranded cetaceans around the world will view this with similar opinions as we routinely discuss and share knowledge and experience through workshops, conferences and training collaborations. The topic of large whale stranding rescue and euthanasia techniques are a frequent agenda item, and if there were a solution then it would be being put into use, as we would all want to save the animals that are healthy enough to do so, or relieve the suffering of those that are dying. This situation is under regular review and there are many people out there already within these many organisations looking for ways to improve this situation for the future.</p> <p><strong>Scientific Examination</strong><br></br>Discussion about post-mortem use of the whale including scientific studies typically comes from a place of wanting to understand why the mammal stranded and what can be learned for future incidents. These plans may also be put in place to prevent the public from watching a deceased animal decompose, which presents its own challenges to manage. These considerations are never a replacement for care and not a reason to withhold it from a live animal. </p> <p><strong>Behind the Response</strong><br></br>It is understandable that strong public emotion can lead to frustration and a feeling of inaction, and the desire to want help for this mammal is admirable, and heartwarming, that the public care so greatly for marine mammals. It is an incredibly tough situation to be in for everybody including the responders, veterinarians, emergency services and the people observing. Moreso in a situation where large whale strandings are very rare and there can be less awareness generally in the population about the nuanced details of stranding protocols and the many variables and limitations that can affect decision making. We hope our explanation from our perspective and long experience here provides some education and understanding around these situations, and that compassion for the animal can also be shared with those who have been trying hard to help it throughout in very difficult circumstances.</p> <p>—</p> <p>We hope that we have shone some light on a very difficult situation, but please <a href="https://bdmlr.org.uk/info@bdmlr.org.uk" rel="noopener">contact us</a> if you have further questions that British Divers Marine Life Rescue could answer.“<br></br></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Update: Buckelwal-Strandung in der Wismar-Bucht » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Der Ende März zunächst <a href="https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/walrettung-in-der-ostsee-in-luebecker-bucht-so-begleiten-helfer-das-tier-raus-aufs-meer,wal-294.html" rel="noopener">auf einer Sandbank vor Niendorf</a> (<a href="https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Ostholstein-Aktuelle-Nachrichten-und-Videos,ostholstein126.html" rel="noopener">Kreis Ostholstein</a>) in Schleswig-Holstein gestrandete junge Buckelwal („Timmy“) konnte sich zunächst von der Sandbank befreien und davonschwimmen. Allerdings strandete er dann kurz darauf wieder vor der Insel Poel vor Wismar (Mecklenburg-Vorpommern) und wird seitdem immer schwächer.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-47.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="660" sizes="(max-width: 888px) 100vw, 888px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-47.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-47.png 888w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-47-300x223.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-47-768x571.png 768w" width="888"></img></a><figcaption>Quelle: @de-nachrichten.bsky.social</figcaption></figure> <p>Große Wale sind heute an unseren Küsten seltene, wenn auch regelmäßige Irrläufer. Gerade in der Ostsee haben sie <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwal-in-der-ostsee-status-bericht/">nur geringe Überlebenschancen, wie ich hier</a> schon schrieb. Der geringe Salzgehalt erfordert <a href="http://Mir tut das Sterben des Wals in der Seele weh, aber ich habe aufgrund meiner Kenntnisse und Erfahrungen von Anfang an den Tod des Tieres befürchtet.">viel mehr Schwimmleistung, der Wal ist gestresst </a>– sowohl durch Menschen, Schiffe und Lärm als auch physiologisch wegen des geringen Salzgehalts- , war durch Fischereinetze geschwächt und wir wissen nicht, ob er auch noch Netze geschluckt hat. Außerdem <a href="https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/gestrandeter-buckelwal-vor-poel-rettung-laut-gutachten-keine-option,wal-180.html" rel="noopener">gibt es Hinweise auf weitere schwere Verletzungen.</a></p> <p>Mir tut das Sterben des Wals in der Seele weh, aber ich habe aufgrund meiner Kenntnisse und Erfahrungen von Anfang an den Tod des Tieres befürchtet. <br></br>Längst zeichnet sich ab, dass alle Rettungsversuche leider gescheitert sind. Das Auftauchen des Buckelwals und sein nun schon wochenlanger Todeskampf rufen starke Emotionen hervor. Viele der Akteur:innen mit mehr oder weniger Wal-Kenntnis und -Erfahrung schieben sich jetzt gegenseitig Beschuldigungen zu, bis hin zu Morddrohungen. </p> <p>Ich hatte tatsächlich auf die Möglichkeit der Euthanasie gehofft, wie es manchmal an Küsten geschieht, wo mehr Erfahrungen mit Großwal-Strandungen bestehen, etwa in England oder den US-Küsten (<em>Ich hatte hier zunächst Euthanasierung geschrieben – danke für die Korrektur, Jan-Hermann!</em>). <br></br>Jetzt habe ich von der „British Divers – Marine Life Rescue“ ein sehr gutes Statement dazu gefunden, warum dies hier nicht möglich ist. Ich folge dieser Organisation via Social Media, sie sind sehr engagiert bei den Strandungen gerade von Walen, Robben und Fischottern an den langen britischen Küsten und arbeiten eng mit lokalen Veterinär:innen, Naturschutz-Organisationen und Wal-Expert:innen zusammen.</p> <p>Sie berichten in ihrem <a href="http://Statement – Stranded humpback whale in Germany">„Statement – Stranded humpback whale in Germany“</a>, dass sich Expert:innen aus ganz Europa zu dieser Buckelwal-Strandung ausgetauscht haben, ob und wie man ihn retten könnte oder ob vielleicht eine Euthanasie möglich wäre.<br></br>Ich habe nachgefragt und darf ihr Statement hier „abdrucken“.<p>Kurz gesagt:<aside></aside></p></p> <ul> <li>Wale stranden oft aufgrund eines schlechten Gesundheitszustands</li> <li>beim „Refloating“ kommen Pontons zum Einsatz, die zwar Kleinwale wieder flott machen können, aber keinesfalls für diesen Buckelwal ausgereicht hätten</li> <li>ein Ziehen oder Schieben ins tiefere Wasser mit schweren Maschinen hätten den Wal schwer verletzt</li> <li>Euthanasie ist zuverlässig möglich für kleine oder mittelgroße Wale.<br></br>Dafür kommen große Mengen spezifischer Medikamente zum Einsatz oder der Schuss ins Hirn mit einem großen Kaliber. <br></br>Diese große Menge solcher Medikamente scheinen nicht vorhaltbar zu sein, außerdem bestünde bei ihrem Einsatz die Gefahr der Kontaminierung des Lebensraums. Ein Schuß war bei diesem Wal aufgrund der sehr dicken Blubberschicht nicht tödlich gewesen. </li> </ul> <p>Letzteres war mir auch neu, ich hatte tatsächlich darauf gehofft, dass das Sterben des Wals zumindest hätte verkürzt werden können.<br></br>Das Statement ist wirklich sehr informativ und äußert auch Verständnis für die jetzt aufkommenden starken Emotionen – gleichzeitig plädiert es dafür, sachlich zu bleiben.<br></br>Menschen unserer Kultur fällt es heute schwer, sich mit dem Tod abzufinden und bei Großwalen gehen die Emotionen schnell hoch. Aber auch ich plädiere dafür, jetzt sachlich zu bleiben.<br></br>Und wenn wir diesen Wal nicht retten können, können wir wenigstens etwas für andere Wale tun!<br></br>Gerade für die einheimischen Schweinswale der Ost- und Nordsee ist eine Menge zu machen und auch für Wale weltweit. Für ihren Schutz müssen wir die Meere besser schützen – vor Fischerei, Schifffahrt, Öl-Exploration, Freizeitaktivitäten wie Jet-Ski, Plastik (z B Autoreifenabrieb). Außerdem hilft Klimaschutz auch den Walen. Dass die <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwal-in-der-ostsee-status-bericht/">schwarz-grüne Regierung Schleswig-Holsteins gerade drei neue Meeresschutzgebiete ausgewiesen hat, macht mich froh</a>. Schließlich nützt Meeresschutz allen Arten, inklusive uns Menschen und befeuert auch den Tourismus.</p> <h2><strong>British Divers – Marine Life Rescue: <a href="http://Statement – Stranded humpback whale in Germany">„Statement – Stranded humpback whale in Germany</a></strong></h2> <p>We have been following the situation near Wismar, northern Germany of an entangled and stranded humpback whale which has reportedly stranded at least three times over the last couple of weeks.  We have had an increase in requests for assistance from international members of the public, and we wish to explain our standpoint at the time of writing, on 8 April 2026. </p> <p><strong>Assistance Requests</strong><br></br>We were assisted in making contact with several organisations in Europe to invite them to a discussion regarding help and advice about the whale, and we knew they were in contact with the International Whaling Committee’s Strandings Coordinator and other advisors to discuss the options available at the time. We remained hopeful they could find management solutions for the ongoing incident despite the many varied news headlines.</p> <p>It is important to understand the background of why cetaceans strand before looking at the specifics of the current situation in Germany. Many cetacean strandings happen because they are already unhealthy due to disease, injury, starvation, exhaustion and old age, and they will have already experienced long-term health decline before they come ashore. Therefore stranding is a symptom of a serious underlying problem that is often very difficult, if not impossible, to resolve in an acute stranding situation. In these cases then either palliative care or euthanasia can be considered as alternative welfare options if refloatation has a poor prognosis, and to prevent continued suffering and pain.</p> <p>It is true that some healthy cetaceans do sometimes strand as well. They may have come ashore while escaping from predators or from navigational error such as following food into unfamiliar surroundings like intertidal estuaries. The impacts of human activity such as disturbance from watercraft and loud underwater noise such as sonar have also been recognised as causes too. These animals often have a much better prognosis and are suitable candidates to trial refloatation to see how they respond.</p> <p><strong>Limitations of Refloating Attempts</strong><br></br>Specifically for the situation in Germany with the humpback whale, from when it first appeared it was already entangled in fishing gear which had resulted in a significant loss of health and nutritional condition and responders were at a significant disadvantage when it came to considering options. Refloatation of an unhealthy animal that would then successfully recover would already be very unlikely. The animal has stranded on at least three occasions now, demonstrating that if refloatation continues then it will very likely come ashore once again as it is too debilitated/close to death that it is no longer able to survive. To continue interventions aimed at refloating a dying animal will mainly achieve greater levels of distress as it is moved, restrands, and repeated again and again.</p> <p>Notwithstanding this, the whale refloatation pontoons used by BDMLR can lift up to two tons, which is far less than the weight of this whale. They were designed for use on medium sized whales such as pilot and minke whales as a team of people are able to carefully manoeuvre it into the mat that must go underneath to support it. There are sometimes situations two sets can be used on one whale that is a bit larger, but that is all. This is not possible with large whales such as humpbacks, their weight is far too great to be held in this manner and it is not possible to get it into the mat using safe and careful techniques. Lifting or dragging with heavy machinery often causes a great deal more damage and distress to the animal, and is very strongly advised against.</p> <p><strong>Palliative Care and Euthanasia</strong><br></br>Euthanasia is again mainly a consideration for small and medium-sized cetaceans and the two methods currently used in the UK are either through chemical (lethal injection) or ballistic (high powered rifle) means. Unfortunately, at a certain point again the sheer size of the animal is a major limiting factor in what can be achieved successfully. Drug quantities for an animal this size simply don’t exist in veterinary practices or zoos and have a limited shelf life, which means large volumes kept in permanent storage is unviable. Even if it was then there are the logistics of delivering it without contaminating the environment, poisoning other wildlife, and removal of the body afterwards for the same reasons. As for ballistics, the thickness of the blubber and skull mean that even a high-powered rifle will not be effective.</p> <p>Thus, there is only one option left, which is palliative care/allowing the animal to pass naturally. This is a common situation found worldwide in all countries with large whale strandings, so is not unique to this specific situation in Germany. We are sure many organisations that respond to live stranded cetaceans around the world will view this with similar opinions as we routinely discuss and share knowledge and experience through workshops, conferences and training collaborations. The topic of large whale stranding rescue and euthanasia techniques are a frequent agenda item, and if there were a solution then it would be being put into use, as we would all want to save the animals that are healthy enough to do so, or relieve the suffering of those that are dying. This situation is under regular review and there are many people out there already within these many organisations looking for ways to improve this situation for the future.</p> <p><strong>Scientific Examination</strong><br></br>Discussion about post-mortem use of the whale including scientific studies typically comes from a place of wanting to understand why the mammal stranded and what can be learned for future incidents. These plans may also be put in place to prevent the public from watching a deceased animal decompose, which presents its own challenges to manage. These considerations are never a replacement for care and not a reason to withhold it from a live animal. </p> <p><strong>Behind the Response</strong><br></br>It is understandable that strong public emotion can lead to frustration and a feeling of inaction, and the desire to want help for this mammal is admirable, and heartwarming, that the public care so greatly for marine mammals. It is an incredibly tough situation to be in for everybody including the responders, veterinarians, emergency services and the people observing. Moreso in a situation where large whale strandings are very rare and there can be less awareness generally in the population about the nuanced details of stranding protocols and the many variables and limitations that can affect decision making. We hope our explanation from our perspective and long experience here provides some education and understanding around these situations, and that compassion for the animal can also be shared with those who have been trying hard to help it throughout in very difficult circumstances.</p> <p>—</p> <p>We hope that we have shone some light on a very difficult situation, but please <a href="https://bdmlr.org.uk/info@bdmlr.org.uk" rel="noopener">contact us</a> if you have further questions that British Divers Marine Life Rescue could answer.“<br></br></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/update-buckelwal-strandung-in-der-wismar-bucht/#comments 24 Erwarten die Amerikaner das Ende der Welt? https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/erwarten-die-amerikaner-das-ende-der-welt/ https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/erwarten-die-amerikaner-das-ende-der-welt/#comments Sat, 11 Apr 2026 13:14:40 +0000 Thomas Grüter https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/?p=1813 https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/reiter_titel2-768x127.png <link>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/erwarten-die-amerikaner-das-ende-der-welt/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/reiter_titel2.png" /><h1>Erwarten die Amerikaner das Ende der Welt? » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Von Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Ein Drittel aller US-Amerikaner glaub</b><b>t angeblich</b><b>, dass die Welt noch innerhalb ihrer Lebenszeit ende</b><b>n werde</b><b>. Das </b><b>sollen </b><b>Wissenschaftler in einer Umfrage herausgefunden </b><b>haben</b><b>, wie mehrere deutsche Zeitungen und Internetportale Mitte März gemeldet haben. </b></p> <p>Wir leben in einer aufgeklärten Zeit. Bis auf einige Fanatiker glaubt niemand mehr, dass Gott der Welt bald ein Ende macht, oder dass der gegenwärtige Zeitzyklus im Feuer endet, aus dem dann ein neuer Zyklus geboren wird<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a>. Und nach dem Ende des Staatssozialismus in Europa glaubt auch fast niemand mehr, dass auf der gesamten Welt das Ende des Privateigentums an Produktionsmitteln durchgesetzt werden muss, damit der paradiesische Endzustand – der Kommunismus – sich ausbreiten kann.</p> <p>Oder beginnt dieses Bild sich aufzulösen, zieht die Vernunft sich zurück, breiten sich Gier, Fanatismus und Endzeitglaube wieder aus? In der Tat mehren sich die Indizien für diese eher pessimistische Sicht.</p> <h3>Die aktuelle Studie</h3> <p>Die in der Presse vorgestellte <a href="https://osf.io/preprints/psyarxiv/hq59n_v3" rel="noopener">Studie</a> verdient deshalb einen genaueren Blick. Die Autoren um Matthew Billet von der kanadischen University of British Columbia in Vancouver haben die Studie im renommierten <i>Journal of Personality and Social Psychology </i>veröffentlicht<i>. </i>Im Abstract heißt es, „ein Drittel der Amerikaner“ erwarte, dass die Welt noch in ihrer Lebenszeit enden werde (<a href="https://osf.io/preprints/psyarxiv/hq59n_v1" rel="noopener">In einer frühen Version des Abstracts</a> fehlt dieser Satz). Nur: Aus den Ergebnissen der Studie lässt sich diese Zahl überhaupt nicht entnehmen. Das ist ärgerlich, denn gerade diese Behauptung hat es in alle Schlagzeilen geschafft.</p> <p>Sehen wir uns also die Studie etwas näher an. Worum geht es eigentlich? Die Autoren definieren ihre Fragestellung, etwas verkürzt wiedergegeben, wie folgt:<aside></aside></p> <p>„<i>Wir wenden ein neues, mehrdimensionales Maß für Weltuntergangs</i><i>ideen </i><i>auf eine religiös vielfältigen Stichprobe der US-Bevölkerung an. Anschließend testen wir die Hypothese, dass </i><i>diese Ideen</i><i> das Ausmaß vorhersagen, in dem Menschen Risiken wahrnehmen, Risiken tolerieren und extreme Maßnahmen zur Risikobewältigung befürworten … </i><i>Unser Modell</i><i> sagt voraus, dass die wahrgenommene Nähe </i><i>des</i><i> Weltuntergang</i><i>s</i><i> nur eine von mehreren psychologisch bedeutsamen Dimensionen von Weltuntergangs</i><i>ideen</i><i> ist. </i><i>Unsere </i><i>Hypothese: Alle d</i><i>iese Dimensionen </i><i>erklären unabhängig die Varianz </i><i>bei</i><i> Wahrnehmung, Toleranz und Reaktion auf gesellschaftliche Risiken.“</i> <a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a></p> <p>Es geht also nicht um die Frage, wie viele US-Amerikaner vom baldigen Weltuntergang überzeugt sind. Vielmehr möchte die Studie herausbringen, wie bestimmte, religiös oder weltlich beeinflusste Ideen des Weltuntergangs die Wahrnehmung von Risiken beeinflussen. Die Ergebnisse bestätigen die Hypothese:</p> <p>„Weltuntergangsvorstellungen sind nach unserer Feststellung weit verbreitet, unterscheiden sich entlang psychologisch bedeutsamer Dimensionen und erlauben sehr zuverlässige Rückschlüsse ( … are uniquely predictive … ) auf Risikowahrnehmung, Risikotoleranz und die Bereitschaft der Menschen, extreme Maßnahmen zur Bewältigung der fünf drängendsten globalen existenziellen Risiken (nämlich wirtschaftliche, ökologische, geopolitische, gesellschaftliche und technologische Risiken) zu unterstützen.“<a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a></p> <h3>Wen hat die Studie gefragt?</h3> <p>Die Studie wertete die Befragung von 1409 US-Bürgern aus. Die Teilnehmer waren im wesentlichen nach Religionszugehörigkeit ausgewählt, darunter 247 Katholiken, 286 Protestanten, 210 Evangelikale, 190 Juden und 222 Muslime. Weitere 254 stuften sich als nicht-religiös ein. Das Durchschnittsalter betrug 50 Jahre, Männer und Frauen waren ungefähr gleich vertreten.</p> <h3>Was hat die Studie gefragt?</h3> <p>Um die Teilnehmer der Studie einzustimmen, stellten ihnen die Autoren zunächst jeweils eine Risiko-Kategorie aus dem <i>Global Risks Report</i> des Weltwirtschaftsforums vor (Der Global Risks Report weist einige Schwächen auf, ich hatte darüber <a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/wovor-sie-angst-haben/">in meinem letzten Blogpost</a> geschrieben). Dann kamen 25 Aussagen aus diesen fünf Bereichen:</p> <ul> <li>Weltende wird noch in der Lebenszeit des Teilnehmers kommen (Naherwartung),</li> <li>Menschen verursachen das Weltende,</li> <li>Gott wird der gegenwärtigen Welt ein Ende machen,</li> <li>Jeder Mensch hat einen Einfluss auf das Weltende,</li> <li>Ich verbinde das Weltende mit positiven Gefühlen.</li> </ul> <p>Die Teilnehmer sollten auf einer siebenteiligen Skala (Fachbegriff ist: <i>Likert-Scale</i>) angeben, wie sehr sie den Aussagen zustimmten (von <i>1 = </i><i>komplette Ablehnung</i> über <i>4 </i><i>= unentschieden</i> bis <i>7 = komplette Zustimmung</i>).</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1815" id="attachment_1815"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/horsemen_apo.jpg"><img alt="Die apokalyptischen Reiter" decoding="async" height="400" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/horsemen_apo-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/horsemen_apo-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/horsemen_apo-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/horsemen_apo-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/horsemen_apo.jpg 1024w" width="400"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1815">Die vier apokalyptischen Reiter. Von links: Der König, der ausreitet, um zu siegen, begleitet von der Gewalt, der Teuerung und dem Hunger sowie dem Tod. KI-generiertes Symbolbild.</figcaption></figure> <p>Zum Schluss waren noch einmal die globalen Risiken an der Reihe. Die Teilnehmer sollten die Gefährlichkeit einschätzen. Außerdem wollten die Studienautoren wissen, ob sie solche Risiken tolerieren würden und ob sie extreme staatliche Maßnahmen zur Risikominimierung unterstützten. Dabei kam ebenfalls die siebenteilige Likert-Scale zur Anwendung.</p> <h3>Kritik</h3> <p>Aus meiner Sicht hat die Publikation viele Schwachstellen. Als sichere Ergebnisse können wir lediglich festhalten:</p> <ol> <li><i> Wer sich wünscht, dass noch in seiner Lebenszeit Gott das letzte Gericht hält, der befürwortet eher drastische Maßnahmen gegen globale Risiken.</i></li> <li><i>Im Vergleich der Religionen fällt auf, dass die befragten Muslims deutlich höhere Werte bei der Naherwartung aufweisen und das Ende der gegenwärtigen Welt positiver sehen als alle andere Gruppen.</i></li> </ol> <p>Die Arbeit macht dagegen <i>keine Angaben</i> zur Anzahl der Amerikaner, die das Jüngste Gericht in ihrer Lebenszeit erwarten. Die Zusammensetzung der Stichprobe ist viel zu einseitig, als dass sie valide Rückschlüsse auf die Grundgesamtheit (= alle US-Amerikaner) erlauben würde. Während in der Studie 29,2 % der Teilnehmer Muslime oder Juden sind, beträgt dieser Prozentsatz in der US-amerikanischen Bevölkerung nur 0,7 % (Muslime) bzw. 2 % (Juden). Im Text der Veröffentlichung ist auch nicht die Rede davon, dass ein Drittel <i>der Amerikaner</i> das Ende der Welt noch in ihrer Lebenszeit erwartet. Es heißt lediglich, dass 28,9 % <i>der Teilnehmer</i> den Aussagen zu diesem Thema zustimmen (Werte 5 bis 7 auf der Likert-Scale).</p> <h3>Kein Drittel</h3> <p>Die besagten 28,9 % sind aber, selbst bei großzügiger Betrachtung, nicht etwa ein Drittel, tatsächlich befindet sich der Wert auf halber Strecke zwischen einem Drittel und einem Viertel. Die Studie nennt nur den Wert für die Stichprobe, sie hat nicht auf die Grundgesamtheit (=alle Amerikaner) hochgerechnet. Angesichts der verzerrten Stichprobe wäre das auch wenig erfolgversprechend und mit großer Unsicherheit behaftet.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1814" id="attachment_1814"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/messiah1.jpg"><img alt="Das Ende der Welt." decoding="async" height="400" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/messiah1-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/messiah1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/messiah1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/messiah1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/messiah1.jpg 1024w" width="400"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1814">Für religiöse Menschen ist der Tag des jüngsten Gerichts nicht unbedingt ein schlimmes Ereignis, sondern der Beginn einer Welt der göttlichen Gerechtigkeit. KI-generiertes Symbolbild</figcaption></figure> <p>Und es gibt noch ein weiteres Problem: Die Idee des Weltendes im christlichen und muslimischen Glauben hat mit dem weltlichen Ende der gegenwärtigen Kultur wenig zu tun. Das Jüngste Gericht ist entweder der Tag, an dem ein durchaus weltliches Zeitalter der göttlichen Gerechtigkeit beginnt, oder der Tag, an dem Gott der Welt ein Ende macht und darüber entscheidet, wer in den Himmel aufsteigt oder in die Hölle verbannt wird, und zwar endgültig. Der Tag des Gerichts markiert für die Gläubigen also den Beginn einer gerechten, ideal geordneten Welt.</p> <h3>Das finale Gericht in verschiedenen Religionen</h3> <p>Die Vorstellung vom Ablauf der Ereignisse bis zum Jüngsten Gericht und vom Gericht unterscheiden sich zwischen den verschiedenen Religionen, auch wenn die generelle Idee ähnlich ist.</p> <ul> <li>In der Katholischen Lehre gibt es eigentlich keine Naherwartung. Gott wird das Gericht ausrufen, wann immer er es für richtig hält. Vorzeichen wird er den Menschen nicht zukommen lassen. Die Offenbarung des Johannes (= Apokalypse) mit ihrer Geisterbahnfahrt durch alle möglichen Weltendekatastrophen ist nicht wörtlich zu nehmen.</li> <li>Viele Evangelikale Christen in den USA sehen das ganz anders. Sie erwarten den leibhaftigen Antichristen, die letzte Schlacht der Guten gegen die Bösen (Armageddon) und die apokalyptischen Reiter genau so, wie Johannes sie angekündigt hat. Eine zwölfbändige Fantasy-Erzählung des Predigers Timothy LaHaye, in der die Apokalypse als Trivialroman mit amerikanischen Helden aufbereitet wurde, erreichte in den USA eine Auflage von mehr als 100 Millionen.</li> <li>Für Muslime hat das Gericht am Ende der Tage erhebliche Bedeutung. Die erste Sure des Korans, die Öffnende, lautet: „Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes. Lob sei Gott, dem Herrn der Menschen in aller Welt, dem barmherzigen und gerechten, der am Tag des Gerichts regiert.“ Die Einzelheiten des Gerichtstags und eventuelle Vorzeichen führt der Koran nicht weiter aus. Sie stehen eher in den <i>Hadithen</i>. In diesen umfangreichen Schriften sind Taten, Lehren und Aussprüche des Gesandten Mohammed gesammelt worden. Allerdings entstanden sie erst rund 200 Jahre nach seinem Tod, als Mohammeds Leben bereits von Legenden durchwoben war.</li> <li>Viele Schiiten glauben im Gegensatz zu den Sunniten daran, dass der sogenannte zwölfte Imam, der seit dem neunten Jahrhundert in Verborgenheit leben soll, als Beherrscher der Gläubigen eines nicht allzu fernen Tages zurückkehren werde, um eine gerechte Weltordnung zu etablieren und alle Menschen zum Islam zu bekehren.</li> <li>Nicht-religiöse Menschen (<a href="https://www.deutschlandfunk.de/auferstehung-im-judentum-hinterm-horizont-geht-s-weiter-100.html" rel="noopener">und viele Juden</a>) sind weniger von einem schnellen Weltende überzeugt. Wenn Gott aber die Welt nicht neu ordnet, müssen die Menschen mit ihren Problemen selbst fertig werden und globale wie persönliche Risiken entschlossen angehen.</li> </ul> <figure aria-describedby="caption-attachment-367" id="attachment_367"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Faszination_236.jpg"><img alt="Buch &quot;Faszination Apokalypse&quot;" decoding="async" height="189" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 189px) 100vw, 189px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Faszination_236.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Faszination_236.jpg 236w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Faszination_236-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Faszination_236-144x144.jpg 144w" width="189"></img></a><figcaption id="caption-attachment-367">In meinem Buch „Faszination Apokalypse“ habe ich <br></br>die Endzeitideen verschiedener Religionen <br></br>und Zeitalter beschrieben, sowie die realen<br></br>Gefahren für die Zivilisation und die Menschheit.<br></br>Erschienen bei Fischer, <br></br>ISBN 978-3-502-15192-0</figcaption></figure> <p>Keine der Religionen sagt voraus, dass die göttliche Gerechtigkeit bereits in wenigen Jahrzehnten die gegenwärtige Welt ablösen wird. Deshalb ist dieser Glauben eher vom Wunsch geleitet, Gott möge durchgreifen – bald, hart und endgültig. Die Bösen sollen ewige Qualen erleiden und die Guten endlose Freude im Himmel erleben.</p> <h3>Was nicht gefragt wurde</h3> <p>Leider haben die Studienautoren nicht untersucht, ob die Naherwartung mit der generellen Befürwortung harter Gesetze einhergeht. Das wäre durchaus logisch und würde gut erklären, warum die Naherwartung mit der Befürwortung harscher Maßnahmen gegen globale Risiken verknüpft ist.</p> <p>Aus dem Text der Veröffentlichung geht auch nicht hervor, ob die Autoren den Teilnehmern mitgeteilt haben, dass das WWF keines der Probleme aus dem Global Risks Reports für unüberwindlich oder apokalyptisch hält.</p> <p>Insgesamt halte ich die in der Publikation vorgestellten Ergebnisse für nicht ausreichend fundiert. Und die von den Autoren im Abstract aufgestellte Behauptung „Ein Drittel der Amerikaner sagt ja zu der Frage, ob die Welt in ihrer Lebenszeit enden wird“, lässt sich aus dem Text der Veröffentlichung nicht belegen.<a href="#sdendnote4sym" name="sdendnote4anc"><sup>4</sup></a></p> <h3>Die falsche Wiedergabe in der Presse</h3> <p>Warum stellen dann Nachrichtenportale wie <a href="https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/apokalypse-ein-drittel-der-us-amerikaner-sieht-laut-befragung-den-weltuntergang-kommen-a-14738030-18cc-4546-8aba-5a37c93b86b1" rel="noopener">Spiegel Online</a>, <a href="https://www.derstandard.de/story/3000000299996/antichrist-und-apokalypse-wie-sich-peter-thiels-theologie-erklaeren-laesst" rel="noopener">Der Standard</a> und der britische <a href="https://www.independent.co.uk/news/science/wpocalypse-end-of-the-world-conspiracy-war-psychology-b2933368.html" rel="noopener">Independent</a> genau diesen Wert in den Vordergrund? Und warum bauen sie ihre Meldungen annähernd gleich auf?</p> <p>Die Antwort ist einfach: Sie haben die <a href="https://www.eurekalert.org/news-releases/1118926" rel="noopener">Meldung </a><a href="https://www.eurekalert.org/news-releases/1118926" rel="noopener">aus dem EurekAlert</a>, dem Presseportals der US-Wissenschaftsorganisation AAAS übernommen, ohne viel zu ändern. Hätten die Redaktionen die Originalpublikation gelesen, wäre ihnen aufgefallen, dass die Studie im EurekAlert missverständlich zusammengefasst ist (um es vorsichtig zu formulieren).</p> <p>Aber diese Mühe hat sich offenbar keine der Redaktionen gemacht. Im Gegenteil, aus der Formulierung „Nahezu ein Drittel der Stichprobe [der US-Amerikaner]<a href="#sdendnote5sym" name="sdendnote5anc"><sup>5</sup></a>“ macht Spiegel online „Ein Drittel der Amerikaner“. Der Standard titelt „Fast ein Drittel der Amerikaner erwartet den Weltuntergang noch zu Lebzeiten“.</p> <p>Der Titel der Meldung im Independent lautet: „Forschung zeigt: Apokalyptischer Glaube an das Ende der Welt wird immer mehr zum Mainstream.“<a href="#sdendnote6sym" name="sdendnote6anc"><sup>6</sup></a> Der Untertitel ergänzt: „Wissenschaftler sagen, dass mehr Menschen denn je glauben, die Welt werde noch zu ihren Lebzeiten untergehen.“</p> <p>Das ist griffig, nur gibt die Studie keine Auskunft darüber, ob die Naherwartung früher seltener oder häufiger war.</p> <p>Zugegeben, die Studie ist etwas sperrig geschrieben. Trotzdem würde ich erwarten, dass ein Wissenschaftsredakteur wenigsten einen Blick darauf wirft, bevor er einen Artikel darüber zusammenstellt.</p> <p>Sonst kommen falsche Nachrichten in die Welt, die sich dann hartnäckig halten.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <div id="sdendnote1"> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> Dies war die Überzeugung der antiken Stoiker. Sie sahen die Welt als vollkommen deterministisch an, von eindeutigen und unumstößlichen Ketten von Ursachen und Wirkungen bestimmt. Der Weise nimmt dieses Schicksal an, strebt aber trotzdem nach Erkenntnis. Vermeintliche Schicksalsschläge muss man als vorbestimmt betrachten, und mit – stoischer – Seelenruhe ertragen. Der stoische Philosoph Seneca formulierte es so: „Ducunt volentem fata, nolentem trahunt (den Willigen führt das Schicksal, den Unwilligen schleppt es fort)“. Die Welt ist schicksalhaft zyklisch, sie wird im Feuer geboren und im Feuer ausgelöscht, um dann wieder zu erstehen.</p> </div> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> In this article, we deploy a new, multidimensional measure of end of world beliefs to assess their prevalence, content, and correlates in a religiously diverse U.S. national sample. We then test the hypothesis that end of world beliefs predict the extent to which people perceive risk, tolerate risk, and support extreme action to address risk, over and above established predictors of risk perceptions. A unidimensional account of end of world beliefs would predict that people who believe the end of the world is near will perceive greater risk but will not support action to address risk. The multidimensional account we outline here predicts that perceived closeness to the end of the world is only one of several psychologically meaningful dimensions of end of world beliefs. Therefore, we further hypothesize that all end of world belief dimensions will independently explain variance in perception, tolerance, and response to societal risk.</p> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3]</a> We find that end of world beliefs are common, vary along psychologically meaningful dimensions, and are uniquely predictive of people’s risk perception, risk tolerance, and willingness to support extreme action to address the five most pressing global existential risks (i.e., economic, environmental, geopolitical, societal, and technological).</p> <p><a href="#sdendnote4anc" name="sdendnote4sym">[4]</a> Deshalb muss die Zahl nicht komplett falsch sein. <a href="https://www.pewresearch.org/short-reads/2022/12/08/about-four-in-ten-u-s-adults-believe-humanity-is-living-in-the-end-times/" rel="noopener">Laut einer repräsentativen Umfrage von Pew Research</a> aus dem Jahr 2022 glauben 39% der erwachsenen Amerikaner, dass sie „in einer Endzeit“ leben, darunter mehr als zwei Drittel aller Schwarzen.</p> <div id="sdendnote5"> <p><a href="#sdendnote5anc" name="sdendnote5sym">[5]</a> Hier der ganze Satz aus der Meldung im EurekAlert: „In the U.S. national sample of 1,409 respondents, nearly one‑third said they believe the world will end within their lifetime.“</p> </div> <p><a href="#sdendnote6anc" name="sdendnote6sym">[6]</a> Originaltitel: Apocalyptic ‘end of the world’ beliefs are increasingly mainstream, research reveals. Untertitel: More people than ever believe the world will end within their lifetime, scientists say.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/reiter_titel2.png" /><h1>Erwarten die Amerikaner das Ende der Welt? » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Von Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Ein Drittel aller US-Amerikaner glaub</b><b>t angeblich</b><b>, dass die Welt noch innerhalb ihrer Lebenszeit ende</b><b>n werde</b><b>. Das </b><b>sollen </b><b>Wissenschaftler in einer Umfrage herausgefunden </b><b>haben</b><b>, wie mehrere deutsche Zeitungen und Internetportale Mitte März gemeldet haben. </b></p> <p>Wir leben in einer aufgeklärten Zeit. Bis auf einige Fanatiker glaubt niemand mehr, dass Gott der Welt bald ein Ende macht, oder dass der gegenwärtige Zeitzyklus im Feuer endet, aus dem dann ein neuer Zyklus geboren wird<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a>. Und nach dem Ende des Staatssozialismus in Europa glaubt auch fast niemand mehr, dass auf der gesamten Welt das Ende des Privateigentums an Produktionsmitteln durchgesetzt werden muss, damit der paradiesische Endzustand – der Kommunismus – sich ausbreiten kann.</p> <p>Oder beginnt dieses Bild sich aufzulösen, zieht die Vernunft sich zurück, breiten sich Gier, Fanatismus und Endzeitglaube wieder aus? In der Tat mehren sich die Indizien für diese eher pessimistische Sicht.</p> <h3>Die aktuelle Studie</h3> <p>Die in der Presse vorgestellte <a href="https://osf.io/preprints/psyarxiv/hq59n_v3" rel="noopener">Studie</a> verdient deshalb einen genaueren Blick. Die Autoren um Matthew Billet von der kanadischen University of British Columbia in Vancouver haben die Studie im renommierten <i>Journal of Personality and Social Psychology </i>veröffentlicht<i>. </i>Im Abstract heißt es, „ein Drittel der Amerikaner“ erwarte, dass die Welt noch in ihrer Lebenszeit enden werde (<a href="https://osf.io/preprints/psyarxiv/hq59n_v1" rel="noopener">In einer frühen Version des Abstracts</a> fehlt dieser Satz). Nur: Aus den Ergebnissen der Studie lässt sich diese Zahl überhaupt nicht entnehmen. Das ist ärgerlich, denn gerade diese Behauptung hat es in alle Schlagzeilen geschafft.</p> <p>Sehen wir uns also die Studie etwas näher an. Worum geht es eigentlich? Die Autoren definieren ihre Fragestellung, etwas verkürzt wiedergegeben, wie folgt:<aside></aside></p> <p>„<i>Wir wenden ein neues, mehrdimensionales Maß für Weltuntergangs</i><i>ideen </i><i>auf eine religiös vielfältigen Stichprobe der US-Bevölkerung an. Anschließend testen wir die Hypothese, dass </i><i>diese Ideen</i><i> das Ausmaß vorhersagen, in dem Menschen Risiken wahrnehmen, Risiken tolerieren und extreme Maßnahmen zur Risikobewältigung befürworten … </i><i>Unser Modell</i><i> sagt voraus, dass die wahrgenommene Nähe </i><i>des</i><i> Weltuntergang</i><i>s</i><i> nur eine von mehreren psychologisch bedeutsamen Dimensionen von Weltuntergangs</i><i>ideen</i><i> ist. </i><i>Unsere </i><i>Hypothese: Alle d</i><i>iese Dimensionen </i><i>erklären unabhängig die Varianz </i><i>bei</i><i> Wahrnehmung, Toleranz und Reaktion auf gesellschaftliche Risiken.“</i> <a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a></p> <p>Es geht also nicht um die Frage, wie viele US-Amerikaner vom baldigen Weltuntergang überzeugt sind. Vielmehr möchte die Studie herausbringen, wie bestimmte, religiös oder weltlich beeinflusste Ideen des Weltuntergangs die Wahrnehmung von Risiken beeinflussen. Die Ergebnisse bestätigen die Hypothese:</p> <p>„Weltuntergangsvorstellungen sind nach unserer Feststellung weit verbreitet, unterscheiden sich entlang psychologisch bedeutsamer Dimensionen und erlauben sehr zuverlässige Rückschlüsse ( … are uniquely predictive … ) auf Risikowahrnehmung, Risikotoleranz und die Bereitschaft der Menschen, extreme Maßnahmen zur Bewältigung der fünf drängendsten globalen existenziellen Risiken (nämlich wirtschaftliche, ökologische, geopolitische, gesellschaftliche und technologische Risiken) zu unterstützen.“<a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a></p> <h3>Wen hat die Studie gefragt?</h3> <p>Die Studie wertete die Befragung von 1409 US-Bürgern aus. Die Teilnehmer waren im wesentlichen nach Religionszugehörigkeit ausgewählt, darunter 247 Katholiken, 286 Protestanten, 210 Evangelikale, 190 Juden und 222 Muslime. Weitere 254 stuften sich als nicht-religiös ein. Das Durchschnittsalter betrug 50 Jahre, Männer und Frauen waren ungefähr gleich vertreten.</p> <h3>Was hat die Studie gefragt?</h3> <p>Um die Teilnehmer der Studie einzustimmen, stellten ihnen die Autoren zunächst jeweils eine Risiko-Kategorie aus dem <i>Global Risks Report</i> des Weltwirtschaftsforums vor (Der Global Risks Report weist einige Schwächen auf, ich hatte darüber <a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/wovor-sie-angst-haben/">in meinem letzten Blogpost</a> geschrieben). Dann kamen 25 Aussagen aus diesen fünf Bereichen:</p> <ul> <li>Weltende wird noch in der Lebenszeit des Teilnehmers kommen (Naherwartung),</li> <li>Menschen verursachen das Weltende,</li> <li>Gott wird der gegenwärtigen Welt ein Ende machen,</li> <li>Jeder Mensch hat einen Einfluss auf das Weltende,</li> <li>Ich verbinde das Weltende mit positiven Gefühlen.</li> </ul> <p>Die Teilnehmer sollten auf einer siebenteiligen Skala (Fachbegriff ist: <i>Likert-Scale</i>) angeben, wie sehr sie den Aussagen zustimmten (von <i>1 = </i><i>komplette Ablehnung</i> über <i>4 </i><i>= unentschieden</i> bis <i>7 = komplette Zustimmung</i>).</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1815" id="attachment_1815"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/horsemen_apo.jpg"><img alt="Die apokalyptischen Reiter" decoding="async" height="400" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/horsemen_apo-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/horsemen_apo-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/horsemen_apo-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/horsemen_apo-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/horsemen_apo.jpg 1024w" width="400"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1815">Die vier apokalyptischen Reiter. Von links: Der König, der ausreitet, um zu siegen, begleitet von der Gewalt, der Teuerung und dem Hunger sowie dem Tod. KI-generiertes Symbolbild.</figcaption></figure> <p>Zum Schluss waren noch einmal die globalen Risiken an der Reihe. Die Teilnehmer sollten die Gefährlichkeit einschätzen. Außerdem wollten die Studienautoren wissen, ob sie solche Risiken tolerieren würden und ob sie extreme staatliche Maßnahmen zur Risikominimierung unterstützten. Dabei kam ebenfalls die siebenteilige Likert-Scale zur Anwendung.</p> <h3>Kritik</h3> <p>Aus meiner Sicht hat die Publikation viele Schwachstellen. Als sichere Ergebnisse können wir lediglich festhalten:</p> <ol> <li><i> Wer sich wünscht, dass noch in seiner Lebenszeit Gott das letzte Gericht hält, der befürwortet eher drastische Maßnahmen gegen globale Risiken.</i></li> <li><i>Im Vergleich der Religionen fällt auf, dass die befragten Muslims deutlich höhere Werte bei der Naherwartung aufweisen und das Ende der gegenwärtigen Welt positiver sehen als alle andere Gruppen.</i></li> </ol> <p>Die Arbeit macht dagegen <i>keine Angaben</i> zur Anzahl der Amerikaner, die das Jüngste Gericht in ihrer Lebenszeit erwarten. Die Zusammensetzung der Stichprobe ist viel zu einseitig, als dass sie valide Rückschlüsse auf die Grundgesamtheit (= alle US-Amerikaner) erlauben würde. Während in der Studie 29,2 % der Teilnehmer Muslime oder Juden sind, beträgt dieser Prozentsatz in der US-amerikanischen Bevölkerung nur 0,7 % (Muslime) bzw. 2 % (Juden). Im Text der Veröffentlichung ist auch nicht die Rede davon, dass ein Drittel <i>der Amerikaner</i> das Ende der Welt noch in ihrer Lebenszeit erwartet. Es heißt lediglich, dass 28,9 % <i>der Teilnehmer</i> den Aussagen zu diesem Thema zustimmen (Werte 5 bis 7 auf der Likert-Scale).</p> <h3>Kein Drittel</h3> <p>Die besagten 28,9 % sind aber, selbst bei großzügiger Betrachtung, nicht etwa ein Drittel, tatsächlich befindet sich der Wert auf halber Strecke zwischen einem Drittel und einem Viertel. Die Studie nennt nur den Wert für die Stichprobe, sie hat nicht auf die Grundgesamtheit (=alle Amerikaner) hochgerechnet. Angesichts der verzerrten Stichprobe wäre das auch wenig erfolgversprechend und mit großer Unsicherheit behaftet.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1814" id="attachment_1814"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/messiah1.jpg"><img alt="Das Ende der Welt." decoding="async" height="400" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/messiah1-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/messiah1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/messiah1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/messiah1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/messiah1.jpg 1024w" width="400"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1814">Für religiöse Menschen ist der Tag des jüngsten Gerichts nicht unbedingt ein schlimmes Ereignis, sondern der Beginn einer Welt der göttlichen Gerechtigkeit. KI-generiertes Symbolbild</figcaption></figure> <p>Und es gibt noch ein weiteres Problem: Die Idee des Weltendes im christlichen und muslimischen Glauben hat mit dem weltlichen Ende der gegenwärtigen Kultur wenig zu tun. Das Jüngste Gericht ist entweder der Tag, an dem ein durchaus weltliches Zeitalter der göttlichen Gerechtigkeit beginnt, oder der Tag, an dem Gott der Welt ein Ende macht und darüber entscheidet, wer in den Himmel aufsteigt oder in die Hölle verbannt wird, und zwar endgültig. Der Tag des Gerichts markiert für die Gläubigen also den Beginn einer gerechten, ideal geordneten Welt.</p> <h3>Das finale Gericht in verschiedenen Religionen</h3> <p>Die Vorstellung vom Ablauf der Ereignisse bis zum Jüngsten Gericht und vom Gericht unterscheiden sich zwischen den verschiedenen Religionen, auch wenn die generelle Idee ähnlich ist.</p> <ul> <li>In der Katholischen Lehre gibt es eigentlich keine Naherwartung. Gott wird das Gericht ausrufen, wann immer er es für richtig hält. Vorzeichen wird er den Menschen nicht zukommen lassen. Die Offenbarung des Johannes (= Apokalypse) mit ihrer Geisterbahnfahrt durch alle möglichen Weltendekatastrophen ist nicht wörtlich zu nehmen.</li> <li>Viele Evangelikale Christen in den USA sehen das ganz anders. Sie erwarten den leibhaftigen Antichristen, die letzte Schlacht der Guten gegen die Bösen (Armageddon) und die apokalyptischen Reiter genau so, wie Johannes sie angekündigt hat. Eine zwölfbändige Fantasy-Erzählung des Predigers Timothy LaHaye, in der die Apokalypse als Trivialroman mit amerikanischen Helden aufbereitet wurde, erreichte in den USA eine Auflage von mehr als 100 Millionen.</li> <li>Für Muslime hat das Gericht am Ende der Tage erhebliche Bedeutung. Die erste Sure des Korans, die Öffnende, lautet: „Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes. Lob sei Gott, dem Herrn der Menschen in aller Welt, dem barmherzigen und gerechten, der am Tag des Gerichts regiert.“ Die Einzelheiten des Gerichtstags und eventuelle Vorzeichen führt der Koran nicht weiter aus. Sie stehen eher in den <i>Hadithen</i>. In diesen umfangreichen Schriften sind Taten, Lehren und Aussprüche des Gesandten Mohammed gesammelt worden. Allerdings entstanden sie erst rund 200 Jahre nach seinem Tod, als Mohammeds Leben bereits von Legenden durchwoben war.</li> <li>Viele Schiiten glauben im Gegensatz zu den Sunniten daran, dass der sogenannte zwölfte Imam, der seit dem neunten Jahrhundert in Verborgenheit leben soll, als Beherrscher der Gläubigen eines nicht allzu fernen Tages zurückkehren werde, um eine gerechte Weltordnung zu etablieren und alle Menschen zum Islam zu bekehren.</li> <li>Nicht-religiöse Menschen (<a href="https://www.deutschlandfunk.de/auferstehung-im-judentum-hinterm-horizont-geht-s-weiter-100.html" rel="noopener">und viele Juden</a>) sind weniger von einem schnellen Weltende überzeugt. Wenn Gott aber die Welt nicht neu ordnet, müssen die Menschen mit ihren Problemen selbst fertig werden und globale wie persönliche Risiken entschlossen angehen.</li> </ul> <figure aria-describedby="caption-attachment-367" id="attachment_367"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Faszination_236.jpg"><img alt="Buch &quot;Faszination Apokalypse&quot;" decoding="async" height="189" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 189px) 100vw, 189px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Faszination_236.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Faszination_236.jpg 236w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Faszination_236-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Faszination_236-144x144.jpg 144w" width="189"></img></a><figcaption id="caption-attachment-367">In meinem Buch „Faszination Apokalypse“ habe ich <br></br>die Endzeitideen verschiedener Religionen <br></br>und Zeitalter beschrieben, sowie die realen<br></br>Gefahren für die Zivilisation und die Menschheit.<br></br>Erschienen bei Fischer, <br></br>ISBN 978-3-502-15192-0</figcaption></figure> <p>Keine der Religionen sagt voraus, dass die göttliche Gerechtigkeit bereits in wenigen Jahrzehnten die gegenwärtige Welt ablösen wird. Deshalb ist dieser Glauben eher vom Wunsch geleitet, Gott möge durchgreifen – bald, hart und endgültig. Die Bösen sollen ewige Qualen erleiden und die Guten endlose Freude im Himmel erleben.</p> <h3>Was nicht gefragt wurde</h3> <p>Leider haben die Studienautoren nicht untersucht, ob die Naherwartung mit der generellen Befürwortung harter Gesetze einhergeht. Das wäre durchaus logisch und würde gut erklären, warum die Naherwartung mit der Befürwortung harscher Maßnahmen gegen globale Risiken verknüpft ist.</p> <p>Aus dem Text der Veröffentlichung geht auch nicht hervor, ob die Autoren den Teilnehmern mitgeteilt haben, dass das WWF keines der Probleme aus dem Global Risks Reports für unüberwindlich oder apokalyptisch hält.</p> <p>Insgesamt halte ich die in der Publikation vorgestellten Ergebnisse für nicht ausreichend fundiert. Und die von den Autoren im Abstract aufgestellte Behauptung „Ein Drittel der Amerikaner sagt ja zu der Frage, ob die Welt in ihrer Lebenszeit enden wird“, lässt sich aus dem Text der Veröffentlichung nicht belegen.<a href="#sdendnote4sym" name="sdendnote4anc"><sup>4</sup></a></p> <h3>Die falsche Wiedergabe in der Presse</h3> <p>Warum stellen dann Nachrichtenportale wie <a href="https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/apokalypse-ein-drittel-der-us-amerikaner-sieht-laut-befragung-den-weltuntergang-kommen-a-14738030-18cc-4546-8aba-5a37c93b86b1" rel="noopener">Spiegel Online</a>, <a href="https://www.derstandard.de/story/3000000299996/antichrist-und-apokalypse-wie-sich-peter-thiels-theologie-erklaeren-laesst" rel="noopener">Der Standard</a> und der britische <a href="https://www.independent.co.uk/news/science/wpocalypse-end-of-the-world-conspiracy-war-psychology-b2933368.html" rel="noopener">Independent</a> genau diesen Wert in den Vordergrund? Und warum bauen sie ihre Meldungen annähernd gleich auf?</p> <p>Die Antwort ist einfach: Sie haben die <a href="https://www.eurekalert.org/news-releases/1118926" rel="noopener">Meldung </a><a href="https://www.eurekalert.org/news-releases/1118926" rel="noopener">aus dem EurekAlert</a>, dem Presseportals der US-Wissenschaftsorganisation AAAS übernommen, ohne viel zu ändern. Hätten die Redaktionen die Originalpublikation gelesen, wäre ihnen aufgefallen, dass die Studie im EurekAlert missverständlich zusammengefasst ist (um es vorsichtig zu formulieren).</p> <p>Aber diese Mühe hat sich offenbar keine der Redaktionen gemacht. Im Gegenteil, aus der Formulierung „Nahezu ein Drittel der Stichprobe [der US-Amerikaner]<a href="#sdendnote5sym" name="sdendnote5anc"><sup>5</sup></a>“ macht Spiegel online „Ein Drittel der Amerikaner“. Der Standard titelt „Fast ein Drittel der Amerikaner erwartet den Weltuntergang noch zu Lebzeiten“.</p> <p>Der Titel der Meldung im Independent lautet: „Forschung zeigt: Apokalyptischer Glaube an das Ende der Welt wird immer mehr zum Mainstream.“<a href="#sdendnote6sym" name="sdendnote6anc"><sup>6</sup></a> Der Untertitel ergänzt: „Wissenschaftler sagen, dass mehr Menschen denn je glauben, die Welt werde noch zu ihren Lebzeiten untergehen.“</p> <p>Das ist griffig, nur gibt die Studie keine Auskunft darüber, ob die Naherwartung früher seltener oder häufiger war.</p> <p>Zugegeben, die Studie ist etwas sperrig geschrieben. Trotzdem würde ich erwarten, dass ein Wissenschaftsredakteur wenigsten einen Blick darauf wirft, bevor er einen Artikel darüber zusammenstellt.</p> <p>Sonst kommen falsche Nachrichten in die Welt, die sich dann hartnäckig halten.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <div id="sdendnote1"> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> Dies war die Überzeugung der antiken Stoiker. Sie sahen die Welt als vollkommen deterministisch an, von eindeutigen und unumstößlichen Ketten von Ursachen und Wirkungen bestimmt. Der Weise nimmt dieses Schicksal an, strebt aber trotzdem nach Erkenntnis. Vermeintliche Schicksalsschläge muss man als vorbestimmt betrachten, und mit – stoischer – Seelenruhe ertragen. Der stoische Philosoph Seneca formulierte es so: „Ducunt volentem fata, nolentem trahunt (den Willigen führt das Schicksal, den Unwilligen schleppt es fort)“. Die Welt ist schicksalhaft zyklisch, sie wird im Feuer geboren und im Feuer ausgelöscht, um dann wieder zu erstehen.</p> </div> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> In this article, we deploy a new, multidimensional measure of end of world beliefs to assess their prevalence, content, and correlates in a religiously diverse U.S. national sample. We then test the hypothesis that end of world beliefs predict the extent to which people perceive risk, tolerate risk, and support extreme action to address risk, over and above established predictors of risk perceptions. A unidimensional account of end of world beliefs would predict that people who believe the end of the world is near will perceive greater risk but will not support action to address risk. The multidimensional account we outline here predicts that perceived closeness to the end of the world is only one of several psychologically meaningful dimensions of end of world beliefs. Therefore, we further hypothesize that all end of world belief dimensions will independently explain variance in perception, tolerance, and response to societal risk.</p> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3]</a> We find that end of world beliefs are common, vary along psychologically meaningful dimensions, and are uniquely predictive of people’s risk perception, risk tolerance, and willingness to support extreme action to address the five most pressing global existential risks (i.e., economic, environmental, geopolitical, societal, and technological).</p> <p><a href="#sdendnote4anc" name="sdendnote4sym">[4]</a> Deshalb muss die Zahl nicht komplett falsch sein. <a href="https://www.pewresearch.org/short-reads/2022/12/08/about-four-in-ten-u-s-adults-believe-humanity-is-living-in-the-end-times/" rel="noopener">Laut einer repräsentativen Umfrage von Pew Research</a> aus dem Jahr 2022 glauben 39% der erwachsenen Amerikaner, dass sie „in einer Endzeit“ leben, darunter mehr als zwei Drittel aller Schwarzen.</p> <div id="sdendnote5"> <p><a href="#sdendnote5anc" name="sdendnote5sym">[5]</a> Hier der ganze Satz aus der Meldung im EurekAlert: „In the U.S. national sample of 1,409 respondents, nearly one‑third said they believe the world will end within their lifetime.“</p> </div> <p><a href="#sdendnote6anc" name="sdendnote6sym">[6]</a> Originaltitel: Apocalyptic ‘end of the world’ beliefs are increasingly mainstream, research reveals. Untertitel: More people than ever believe the world will end within their lifetime, scientists say.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/erwarten-die-amerikaner-das-ende-der-welt/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>28</slash:comments> </item> <item> <title>Das Toleranzparadox nach Karl Popper aus seiner Originalquelle https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-toleranzparadox-nach-karl-popper-aus-seiner-originalquelle/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-toleranzparadox-nach-karl-popper-aus-seiner-originalquelle/#comments Thu, 09 Apr 2026 22:07:00 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11209 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2645-768x639.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-toleranzparadox-nach-karl-popper-aus-seiner-originalquelle/</link> </image> <description type="html"><h1>Das Toleranzparadox nach Karl Popper aus seiner Originalquelle » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Noch immer sind Wissenschaft, Dialog, Erkenntnis für mich tiefes Glück. So las ich heute in <a href="https://www.spektrum.de/inhaltsverzeichnis/wie-entstand-das-universum-spektrum-der-wissenschaft-5-2026/2289568?itm_source=banner&amp;itm_medium=kioskbar&amp;itm_campaign=neuerscheinung" rel="noopener">der neuen Ausgabe 05.26 von Spektrum der Wissenschaft</a> von <strong>Jan Dönges</strong> über 1.800 Jahre alte Graffiti indischer Reisender wie <strong>Cikai Korran</strong> in ägyptischen Königsgräbern. Mit Roland Knauer begeisterte ich mich für das Birkenpech als Neandertaler-Kunststoff und mit <strong>Sarah Scoles</strong> über Theorien zur Entstehung des Universums.</p> <p>Doch Wissenschaft, Dialog und Erkenntnis kosten auch einen Preis, den <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-schrumpfen-der-freiheit-poppers-kreuz-der-wahrheit-im-hossa-talk-184/">der aus jüdisch-christlicher Familie stammende Humanist <strong>Karl Popper</strong> (1902 – 1994) sogar mit dem <em>„Tragen des Kreuzes“</em> verbunden</a> hat – das ständige Überprüfen des eigenen Wissens, die Überwindung auch schmerzhafter, kognitiver Dissonanz, die Falsifikation. Ich kann praktisch keines der geliebten Bücher aus meiner Studienzeit etwa zur interdisziplinären Evolutionsforschung noch verwenden, da immer wieder Neues entdeckt und Altes verworfen wurde. <em>Das <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/karl-popper-2021-fuehrt-die-digitalisierung-in-ein-zeitalter-der-falsifikation/">Zeitalter der Falsifikation ist gleichzeitig schön und schmerzhaft</a> und also <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/francis-fukuyama-jan-assmann-mein-respekt-vor-selbst-falsifikation-nach-popper/">wenig geeignet für Reaktante, Arrogante und Mutlose</a>.</em></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/karl-popper-2021-fuehrt-die-digitalisierung-in-ein-zeitalter-der-falsifikation/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die Vortragsfolie zu Karl Popper (1902 - 1994) nennt als dessen bekannteste Entdeckungen die Falsifikation, den Liberalismus der &quot;offenen Gesellschaft&quot; und das Toleranz-Paradox. Rechts findet sich ein Zitat von ihm: &quot;Alle Menschen sind Philosophen. [...] Die Probleme der Erkenntnistheorie bilden meiner Ansicht nach das Kernstück der Philosophie des Alltagsverstandes wie auch der akademischen Philosophie.&quot; aus einem Vortrag von 1978" decoding="async" height="1154" sizes="(max-width: 2132px) 100vw, 2132px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlPopperAlleMenschenPhilosophen.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlPopperAlleMenschenPhilosophen.jpg 2132w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlPopperAlleMenschenPhilosophen-300x162.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlPopperAlleMenschenPhilosophen-1024x554.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlPopperAlleMenschenPhilosophen-768x416.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlPopperAlleMenschenPhilosophen-1536x831.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlPopperAlleMenschenPhilosophen-2048x1109.jpg 2048w" width="2132"></img></a></p> <p><em>Zu den bekanntesten Entdeckungen des späteren Sir Karl Popper gehören das Falsifikationsprinzip des kritischen Rationalismus, die dazu entsprechende „offene Gesellschaft“ als liberaler Demokratie-Entwurf und das Toleranz-Paradox. Vortragsgrafik: Michael Blume, KIT Karlsruhe 2021</em></p> <p>Persönlich halte ich <strong>Popper für den bedeutendsten Erkenntnistheoretiker und also Philosophen des 20. Jahrhunderts </strong>– und ich dachte lange, dass ich außer ihm gar keine anderen Philosophinnen und Philosophen zu lesen bräuchte. Inzwischen freue ich mich über die Lektüre etwa <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/freund-feind-dualismus-statt-rinks-lechts-hufeisen-theorie-eine-wuerdigung-von-rabbi-sacks-sel-ang/">des großen Religionsgelehrten <strong>Rabbi Jonathan Sacks</strong></a>, der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-klimakatastrophe-dialogisch-ueberleben-mit-paula-und-martin-buber/">dialogischen <strong>Martin und Paula Buber</strong></a>, der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dialog-ueber-drogenpolitik-jeanne-hersch-und-der-vier-saeulen-wuerfel-der-schweiz/">Zeit-Lehrerin <strong>Jeanne Hersch</strong></a>, des <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/diesseits-von-zeit-raum-aus-fediversum-und-ki-emergiert-das-erste-perfekte-medium-nach-harold-innis/">Medienphilosophen <strong>Marshall McLuhan</strong> (und seiner Nachfolgenden)</a>, des <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/hans-blumenberg-und-der-dualismus-des-grundes/">titanischen Umweg-Philosophen <strong>Hans Blumenberg</strong></a>, des <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116229197155662686" rel="noopener">nüchternen Verfassungspatrioten <strong>Jürgen Habermas</strong></a>, der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/antoinette-brown-blackwell-als-starke-frau-entdeckt/">wegweisenden <strong>Antoinette Brown Blackwell</strong></a> u.v.m.<aside></aside></p> <p>Auch ökonomisch Denkende wie <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-evolution-des-homo-religiosus-verstehen-mit-friedrich-august-von-hayek-evolutionaerer-liberalismus/">der <strong>Popper</strong>-Freund <strong>Friedrich August von Hayek</strong></a>, die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-9-zur-wirtschafts-nobelpreistraegerin-elinor-ostrom/">große <strong>Elinor Ostrom</strong></a>, <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116370515727912052" rel="noopener"><strong>Maja Göpel</strong></a>, <strong>Karl Marx</strong> und <strong>Adam Smith</strong> reizen mich immer wieder. Ganz aktuell liegen auch Bücher von <strong>Peter Sloterdijk</strong>, <strong>Eva von Redecke</strong> und <strong>Meike Winnemuth</strong> auf meinem Lesestapel.</p> <p>Und doch bleibt <strong>Popper</strong> (in seinem Jahrhundert) für mich der Leitstern meines wissenschaftlichen wie auch philosophischen und religionsbezogenen Denkens.</p> <p>Eine seiner Entdeckungen, die in fast jeder demokratischen Instagram-Storyline früher oder später aufgegriffen wird, ist das <em><strong>Toleranz-Paradoxon</strong></em> mit der Grundfrage: <strong><em>Wie kann sich eine offene, also liberale, demokratische und falsifikatorische Gesellschaft gegenüber „ihren Feinden“ bewähren, die die Freiheit zwar für sich beanspruchen, aber mit der Machtübernahme ausradieren wollen?</em></strong></p> <p>Dabei fiel mir auf, dass viele derjenigen, die Poppers Gedanken dazu anführen, die Originalquelle offensichtlich nie gelesen haben, sondern aus Sekundärliteratur und voneinander abschreiben. Also dialogisierte ich in einer Folge mit Prof. Dr. <strong>Inan Ince</strong> über ihn und schnappte mir <a href="https://youtube.com/shorts/ud-HbkHqNz0?feature=share" rel="noopener">sein Hauptwerk <strong><em>„Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“</em></strong> von 1944/45 und las die entsprechende Textstelle für ein YouTube-Short</a> am 21.02.2026 ein. Das verblüffende Ergebnis: Bisher schon über 7.600 Abrufe!</p> <p><a href="https://youtube.com/shorts/ud-HbkHqNz0" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Links der erste Band von Karl Popper: &quot;Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Der Zauber Platons&quot;. Rechts die Ausgabe 5.26 von Spektrum der Wissenschaft mit einem Sternennebel und der Titelgeschichte: &quot;Wie entstand das Universum? Bekannte Theorien auf dem Prüfstand&quot;." decoding="async" height="2129" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2645-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2645-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2645-300x250.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2645-1024x852.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2645-768x639.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2645-1536x1277.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2645-2048x1703.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Links der erste Band von Karl Poppers Hauptwerk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Der Zauber Platons“ von 1944/45, rechts die Ausgabe 05.26 von Spektrum der Wissenschaft. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Die poppersche Formulierung des Toleranzparadox entstammt also nicht irgendeinem, spezialisierten Vortrag von ihm. Wir finden sie direkt in seinem Hauptwerk <em><strong>„Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“</strong></em>, das er auf der Flucht vor den Nationalsozialisten in <strong>Christchurch, Neuseeland</strong> gemeinsam mit seiner <strong>Ehefrau Josephine Anna „Hennie“ Henninger</strong>, später <strong>Lady Popper</strong> (1906 – 1984) verfasste.</p> <p>In dieser Auseinandersetzung mit der offenen Gesellschaft drückt sich seine eigene Abkehr vom damals schon dogmatisch-dualistischen Marxismus seiner Jugend ebenso aus wie seine Gegnerschaft zum antisemitischen und demokratiefeindlichen Nationalsozialismus. Und schon deshalb ließe sich ein eigenes Kapitel zum Toleranzparadox denken. Doch interessanterweise hatte <strong>Popper</strong> selbst offensichtlich keine Ahnung, dass diese ihm so selbstverständliche Textstelle einmal zu seinen Berühmtesten werden würde – er hatte sie in einer Fußnote zu Kapitel 7 versteckt. Mehr noch: Auch dort diskutierte er erst <em>„Bemerkungen Platons zum Paradox der Freiheit und der Demokratie“</em>, bevor er die Toleranzfrage als <em>„Weniger bekannt“</em> einleitete!</p> <p>So heißt es also auf S. 361 – 362 in der 8. Auflage (2003) des 1. Bandes von <strong><em>„Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“</em></strong> von Mohr Siebeck Tübingen:</p> <p><em>„Weniger bekannt ist das <strong>Paradox der Toleranz</strong>: Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die uneingeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen. – Damit möchte ich nicht sagen, daß wir z.B. intolerante Philosophien auf jeden Fall gewaltsam unterdrücken sollten; solange wir ihnen durch rationale Argumente beikommen können und solange wir sie durch die öffentliche Meinung in Schranken halten können, wäre ihre Unterdrückung sicher höchst unvernünftig.</em></p> <p><em>Aber wir sollten für uns das Recht in Anspruch nehmen, sie, wenn nötig, mit Gewalt zu unterdrücken; denn es kann sich leicht herausstellen, daß ihre Vertreter nicht bereit sind, mit uns auf der Ebene rationaler Diskussion zusammen zu treffen, und beginnen, das Argumentieren als solches zu verwerfen; sie können ihren Anhängern verbieten, auf rationale Argumente – die sie ein Täuschungsmanöver nennen – zu hören, und sie werden ihnen vielleicht den Rat geben, Argumente mit Fäusten und Pistolen zu beantworten.</em></p> <p><em>Wir sollten deshalb im Namen der Toleranz das Recht für uns in Anspruch nehmen, die Intoleranten nicht zu dulden. Wir sollten geltend machen, daß sich jede Bewegung, die die Intoleranz predigt, außerhalb des Gesetzes stellt, und wir sollten eine Aufforderung zur Intoleranz und Verfolgung als ebenso verbrecherisch behandeln wie eine Aufforderung zum Mord, zum Raub oder zur Wiedereinführung des Sklavenhandels.“</em></p> <p>Es ist wohl leicht zu sehen, welche Bedeutung dieser Text in <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-hand-des-feindseligen-dualismus-was-antisemitismus-rassismus-und-sexismus-verbindet/"><em><strong>meiner Arbeit für wehrhafte Demokratie und Wissenschaft, gegen Antisemitismus, Verschwörungsmythen und feindseligen Dualismus</strong></em></a> hat. Auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-rede-zu-stuttgart-haelt-zusammen-2024-dual-und-monistisch/">meiner Demo-Rede vor Tausenden gegen den fossilen Faschismus und für ein AfD-Verbotsverfahren bei <em>„Stuttgart hält zusammen“</em> lag Poppers Toleranzparadox</a> zu Grunde.</p> <p>Den <a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html" rel="noopener">blanken Hass, die digitale Intoleranz und nicht selten auch die Gewalt- und Vernichtungsfantasien jener „Feinde der offenen Gesellschaft“ aus rechter, linker, libertärer und religiöser Ecke</a> erleben mein Team und ich ja nahezu täglich. Als ich <a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html" rel="noopener">drei Studentinnen der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg ein Interview gab</a>, wollte aufgrund der verbreiteten, digitalen Gewalt keine von ihnen – trotz ihrer hervorragenden Vorbereitung – mit vollem Gesicht und Namen abgebildet werden. Das ist die Realität, in der wir heute bereits leben! Die <em>„offene Gesellschaft“</em>, in der auch Frauen ohne Sorgen <em>„Gesicht zeigen“</em> können ist längst wieder unter Druck…</p> <p><a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Dr. Michael Blume im Interview mit drei Studentinnen der EH Ludwigsburg unter dem Titel &quot;Es gibt keine glücklichen Hater&quot;." decoding="async" height="636" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 935px) 100vw, 935px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621.jpeg 935w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621-300x204.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621-768x522.jpeg 768w" width="935"></img></a></p> <p><em>Im <a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html" rel="noopener">Focus-Gespräch in einem neutralen Raum sehen Sie auf Wunsch der Gäste mich vor einer Landesfahne, aber bewusst kein Gesicht einer Interviewerin</a>. Focus.de via Mastodon: Michael Blume</em></p> <p>Das Toleranzparadox ist also mehr als eine Fancy-Mem-Kachel. Es fordert eine Haltung. Denn wenn auch die Erkenntnistheorie nach Popper selbst Gegenstand der Falsifikation ist – dass die „offenen Gesellschaften“ auch im 21. Jahrhundert von ihren Feinden angegriffen werden, das ist leider bereits empirisch bestätigt…</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/ud-HbkHqNz0?feature=oembed&amp;rel=0" title="Das Toleranzparadox nach Karl Popper (1902 - 1994) mal im Original gelesen!" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Das Toleranzparadox nach Karl Popper aus seiner Originalquelle » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Noch immer sind Wissenschaft, Dialog, Erkenntnis für mich tiefes Glück. So las ich heute in <a href="https://www.spektrum.de/inhaltsverzeichnis/wie-entstand-das-universum-spektrum-der-wissenschaft-5-2026/2289568?itm_source=banner&amp;itm_medium=kioskbar&amp;itm_campaign=neuerscheinung" rel="noopener">der neuen Ausgabe 05.26 von Spektrum der Wissenschaft</a> von <strong>Jan Dönges</strong> über 1.800 Jahre alte Graffiti indischer Reisender wie <strong>Cikai Korran</strong> in ägyptischen Königsgräbern. Mit Roland Knauer begeisterte ich mich für das Birkenpech als Neandertaler-Kunststoff und mit <strong>Sarah Scoles</strong> über Theorien zur Entstehung des Universums.</p> <p>Doch Wissenschaft, Dialog und Erkenntnis kosten auch einen Preis, den <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-schrumpfen-der-freiheit-poppers-kreuz-der-wahrheit-im-hossa-talk-184/">der aus jüdisch-christlicher Familie stammende Humanist <strong>Karl Popper</strong> (1902 – 1994) sogar mit dem <em>„Tragen des Kreuzes“</em> verbunden</a> hat – das ständige Überprüfen des eigenen Wissens, die Überwindung auch schmerzhafter, kognitiver Dissonanz, die Falsifikation. Ich kann praktisch keines der geliebten Bücher aus meiner Studienzeit etwa zur interdisziplinären Evolutionsforschung noch verwenden, da immer wieder Neues entdeckt und Altes verworfen wurde. <em>Das <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/karl-popper-2021-fuehrt-die-digitalisierung-in-ein-zeitalter-der-falsifikation/">Zeitalter der Falsifikation ist gleichzeitig schön und schmerzhaft</a> und also <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/francis-fukuyama-jan-assmann-mein-respekt-vor-selbst-falsifikation-nach-popper/">wenig geeignet für Reaktante, Arrogante und Mutlose</a>.</em></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/karl-popper-2021-fuehrt-die-digitalisierung-in-ein-zeitalter-der-falsifikation/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die Vortragsfolie zu Karl Popper (1902 - 1994) nennt als dessen bekannteste Entdeckungen die Falsifikation, den Liberalismus der &quot;offenen Gesellschaft&quot; und das Toleranz-Paradox. Rechts findet sich ein Zitat von ihm: &quot;Alle Menschen sind Philosophen. [...] Die Probleme der Erkenntnistheorie bilden meiner Ansicht nach das Kernstück der Philosophie des Alltagsverstandes wie auch der akademischen Philosophie.&quot; aus einem Vortrag von 1978" decoding="async" height="1154" sizes="(max-width: 2132px) 100vw, 2132px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlPopperAlleMenschenPhilosophen.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlPopperAlleMenschenPhilosophen.jpg 2132w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlPopperAlleMenschenPhilosophen-300x162.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlPopperAlleMenschenPhilosophen-1024x554.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlPopperAlleMenschenPhilosophen-768x416.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlPopperAlleMenschenPhilosophen-1536x831.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlPopperAlleMenschenPhilosophen-2048x1109.jpg 2048w" width="2132"></img></a></p> <p><em>Zu den bekanntesten Entdeckungen des späteren Sir Karl Popper gehören das Falsifikationsprinzip des kritischen Rationalismus, die dazu entsprechende „offene Gesellschaft“ als liberaler Demokratie-Entwurf und das Toleranz-Paradox. Vortragsgrafik: Michael Blume, KIT Karlsruhe 2021</em></p> <p>Persönlich halte ich <strong>Popper für den bedeutendsten Erkenntnistheoretiker und also Philosophen des 20. Jahrhunderts </strong>– und ich dachte lange, dass ich außer ihm gar keine anderen Philosophinnen und Philosophen zu lesen bräuchte. Inzwischen freue ich mich über die Lektüre etwa <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/freund-feind-dualismus-statt-rinks-lechts-hufeisen-theorie-eine-wuerdigung-von-rabbi-sacks-sel-ang/">des großen Religionsgelehrten <strong>Rabbi Jonathan Sacks</strong></a>, der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-klimakatastrophe-dialogisch-ueberleben-mit-paula-und-martin-buber/">dialogischen <strong>Martin und Paula Buber</strong></a>, der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dialog-ueber-drogenpolitik-jeanne-hersch-und-der-vier-saeulen-wuerfel-der-schweiz/">Zeit-Lehrerin <strong>Jeanne Hersch</strong></a>, des <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/diesseits-von-zeit-raum-aus-fediversum-und-ki-emergiert-das-erste-perfekte-medium-nach-harold-innis/">Medienphilosophen <strong>Marshall McLuhan</strong> (und seiner Nachfolgenden)</a>, des <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/hans-blumenberg-und-der-dualismus-des-grundes/">titanischen Umweg-Philosophen <strong>Hans Blumenberg</strong></a>, des <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116229197155662686" rel="noopener">nüchternen Verfassungspatrioten <strong>Jürgen Habermas</strong></a>, der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/antoinette-brown-blackwell-als-starke-frau-entdeckt/">wegweisenden <strong>Antoinette Brown Blackwell</strong></a> u.v.m.<aside></aside></p> <p>Auch ökonomisch Denkende wie <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-evolution-des-homo-religiosus-verstehen-mit-friedrich-august-von-hayek-evolutionaerer-liberalismus/">der <strong>Popper</strong>-Freund <strong>Friedrich August von Hayek</strong></a>, die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-9-zur-wirtschafts-nobelpreistraegerin-elinor-ostrom/">große <strong>Elinor Ostrom</strong></a>, <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116370515727912052" rel="noopener"><strong>Maja Göpel</strong></a>, <strong>Karl Marx</strong> und <strong>Adam Smith</strong> reizen mich immer wieder. Ganz aktuell liegen auch Bücher von <strong>Peter Sloterdijk</strong>, <strong>Eva von Redecke</strong> und <strong>Meike Winnemuth</strong> auf meinem Lesestapel.</p> <p>Und doch bleibt <strong>Popper</strong> (in seinem Jahrhundert) für mich der Leitstern meines wissenschaftlichen wie auch philosophischen und religionsbezogenen Denkens.</p> <p>Eine seiner Entdeckungen, die in fast jeder demokratischen Instagram-Storyline früher oder später aufgegriffen wird, ist das <em><strong>Toleranz-Paradoxon</strong></em> mit der Grundfrage: <strong><em>Wie kann sich eine offene, also liberale, demokratische und falsifikatorische Gesellschaft gegenüber „ihren Feinden“ bewähren, die die Freiheit zwar für sich beanspruchen, aber mit der Machtübernahme ausradieren wollen?</em></strong></p> <p>Dabei fiel mir auf, dass viele derjenigen, die Poppers Gedanken dazu anführen, die Originalquelle offensichtlich nie gelesen haben, sondern aus Sekundärliteratur und voneinander abschreiben. Also dialogisierte ich in einer Folge mit Prof. Dr. <strong>Inan Ince</strong> über ihn und schnappte mir <a href="https://youtube.com/shorts/ud-HbkHqNz0?feature=share" rel="noopener">sein Hauptwerk <strong><em>„Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“</em></strong> von 1944/45 und las die entsprechende Textstelle für ein YouTube-Short</a> am 21.02.2026 ein. Das verblüffende Ergebnis: Bisher schon über 7.600 Abrufe!</p> <p><a href="https://youtube.com/shorts/ud-HbkHqNz0" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Links der erste Band von Karl Popper: &quot;Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Der Zauber Platons&quot;. Rechts die Ausgabe 5.26 von Spektrum der Wissenschaft mit einem Sternennebel und der Titelgeschichte: &quot;Wie entstand das Universum? 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Foto: Michael Blume</em></p> <p>Die poppersche Formulierung des Toleranzparadox entstammt also nicht irgendeinem, spezialisierten Vortrag von ihm. Wir finden sie direkt in seinem Hauptwerk <em><strong>„Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“</strong></em>, das er auf der Flucht vor den Nationalsozialisten in <strong>Christchurch, Neuseeland</strong> gemeinsam mit seiner <strong>Ehefrau Josephine Anna „Hennie“ Henninger</strong>, später <strong>Lady Popper</strong> (1906 – 1984) verfasste.</p> <p>In dieser Auseinandersetzung mit der offenen Gesellschaft drückt sich seine eigene Abkehr vom damals schon dogmatisch-dualistischen Marxismus seiner Jugend ebenso aus wie seine Gegnerschaft zum antisemitischen und demokratiefeindlichen Nationalsozialismus. Und schon deshalb ließe sich ein eigenes Kapitel zum Toleranzparadox denken. Doch interessanterweise hatte <strong>Popper</strong> selbst offensichtlich keine Ahnung, dass diese ihm so selbstverständliche Textstelle einmal zu seinen Berühmtesten werden würde – er hatte sie in einer Fußnote zu Kapitel 7 versteckt. Mehr noch: Auch dort diskutierte er erst <em>„Bemerkungen Platons zum Paradox der Freiheit und der Demokratie“</em>, bevor er die Toleranzfrage als <em>„Weniger bekannt“</em> einleitete!</p> <p>So heißt es also auf S. 361 – 362 in der 8. Auflage (2003) des 1. Bandes von <strong><em>„Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“</em></strong> von Mohr Siebeck Tübingen:</p> <p><em>„Weniger bekannt ist das <strong>Paradox der Toleranz</strong>: Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die uneingeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen. – Damit möchte ich nicht sagen, daß wir z.B. intolerante Philosophien auf jeden Fall gewaltsam unterdrücken sollten; solange wir ihnen durch rationale Argumente beikommen können und solange wir sie durch die öffentliche Meinung in Schranken halten können, wäre ihre Unterdrückung sicher höchst unvernünftig.</em></p> <p><em>Aber wir sollten für uns das Recht in Anspruch nehmen, sie, wenn nötig, mit Gewalt zu unterdrücken; denn es kann sich leicht herausstellen, daß ihre Vertreter nicht bereit sind, mit uns auf der Ebene rationaler Diskussion zusammen zu treffen, und beginnen, das Argumentieren als solches zu verwerfen; sie können ihren Anhängern verbieten, auf rationale Argumente – die sie ein Täuschungsmanöver nennen – zu hören, und sie werden ihnen vielleicht den Rat geben, Argumente mit Fäusten und Pistolen zu beantworten.</em></p> <p><em>Wir sollten deshalb im Namen der Toleranz das Recht für uns in Anspruch nehmen, die Intoleranten nicht zu dulden. Wir sollten geltend machen, daß sich jede Bewegung, die die Intoleranz predigt, außerhalb des Gesetzes stellt, und wir sollten eine Aufforderung zur Intoleranz und Verfolgung als ebenso verbrecherisch behandeln wie eine Aufforderung zum Mord, zum Raub oder zur Wiedereinführung des Sklavenhandels.“</em></p> <p>Es ist wohl leicht zu sehen, welche Bedeutung dieser Text in <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-hand-des-feindseligen-dualismus-was-antisemitismus-rassismus-und-sexismus-verbindet/"><em><strong>meiner Arbeit für wehrhafte Demokratie und Wissenschaft, gegen Antisemitismus, Verschwörungsmythen und feindseligen Dualismus</strong></em></a> hat. Auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-rede-zu-stuttgart-haelt-zusammen-2024-dual-und-monistisch/">meiner Demo-Rede vor Tausenden gegen den fossilen Faschismus und für ein AfD-Verbotsverfahren bei <em>„Stuttgart hält zusammen“</em> lag Poppers Toleranzparadox</a> zu Grunde.</p> <p>Den <a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html" rel="noopener">blanken Hass, die digitale Intoleranz und nicht selten auch die Gewalt- und Vernichtungsfantasien jener „Feinde der offenen Gesellschaft“ aus rechter, linker, libertärer und religiöser Ecke</a> erleben mein Team und ich ja nahezu täglich. Als ich <a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html" rel="noopener">drei Studentinnen der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg ein Interview gab</a>, wollte aufgrund der verbreiteten, digitalen Gewalt keine von ihnen – trotz ihrer hervorragenden Vorbereitung – mit vollem Gesicht und Namen abgebildet werden. Das ist die Realität, in der wir heute bereits leben! Die <em>„offene Gesellschaft“</em>, in der auch Frauen ohne Sorgen <em>„Gesicht zeigen“</em> können ist längst wieder unter Druck…</p> <p><a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Dr. Michael Blume im Interview mit drei Studentinnen der EH Ludwigsburg unter dem Titel &quot;Es gibt keine glücklichen Hater&quot;." decoding="async" height="636" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 935px) 100vw, 935px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621.jpeg 935w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621-300x204.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1621-768x522.jpeg 768w" width="935"></img></a></p> <p><em>Im <a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html" rel="noopener">Focus-Gespräch in einem neutralen Raum sehen Sie auf Wunsch der Gäste mich vor einer Landesfahne, aber bewusst kein Gesicht einer Interviewerin</a>. Focus.de via Mastodon: Michael Blume</em></p> <p>Das Toleranzparadox ist also mehr als eine Fancy-Mem-Kachel. Es fordert eine Haltung. Denn wenn auch die Erkenntnistheorie nach Popper selbst Gegenstand der Falsifikation ist – dass die „offenen Gesellschaften“ auch im 21. Jahrhundert von ihren Feinden angegriffen werden, das ist leider bereits empirisch bestätigt…</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/ud-HbkHqNz0?feature=oembed&amp;rel=0" title="Das Toleranzparadox nach Karl Popper (1902 - 1994) mal im Original gelesen!" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-toleranzparadox-nach-karl-popper-aus-seiner-originalquelle/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>49</slash:comments> </item> <item> <title>Hyperspectral Imaging and Responsible AI https://scilogs.spektrum.de/hlf/hyperspectral-imaging-and-responsible-ai/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/hyperspectral-imaging-and-responsible-ai/#comments Wed, 08 Apr 2026 12:00:00 +0000 Nikolas Mariani https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14254 <h1>Hyperspectral Imaging and Responsible AI - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Nikolas Mariani</h2><div itemprop="text"> <p><em>The Heidelberg Laureate Forum has a single purpose: To provide some of the brightest minds in mathematics and computer science with the space and time to make connections and find inspiration. Some of the connections made at the HLF will echo into collaborations and projects, with some of those efforts leading to concrete developments. The </em><a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/young-researchers/hlff-spotlight/hlff-spotlight-alumni-in-action.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><em>HLFF Spotlight</em></a> <em>series unpacks a few of those examples.</em></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Spotlight_Jimoh-Abdulganiyu-700x450-1.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="450" sizes="(max-width: 700px) 100vw, 700px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Spotlight_Jimoh-Abdulganiyu-700x450-1.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Spotlight_Jimoh-Abdulganiyu-700x450-1.jpg 700w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Spotlight_Jimoh-Abdulganiyu-700x450-1-300x193.jpg 300w" width="700"></img></a></figure> </div> <p>When Jimoh Abdulganiyu stepped off the plane at Frankfurt Airport in 2019, he was not sure what to expect. He had never left Nigeria before – never left Africa. He had applied to the 7th Heidelberg Laureate Forum after his supervisor had shared a link with his research group. Now here he was, a final-year undergraduate with a project on medical image compression, standing in the arrivals hall of one of Europe’s busiest airports.</p> <p>He spotted a man holding a sign with his name on it. Next to the man: a Mercedes-Benz.</p> <p>“In Nigeria, people who get that kind of treatment are politicians,” he laughs. “I was like – is this for me?”</p> <p>It was. And in a sense, so was everything that followed.<aside></aside></p> <h3>A Problem Worth Solving</h3> <p>Jimoh grew up in Nigeria and studied Computer Science at Adekunle Ajasin University. His undergraduate research was not driven by abstract curiosity but by a very concrete problem: The university’s hospital scanned a chest X-ray of every incoming student each year and was drowning in storage. He and his advisor set out to build a lossless compression algorithm – one that could shrink image file sizes without sacrificing a single pixel of diagnostic information. In medical imaging, every detail counts, and lossy compression is not an option.</p> <p>That early project planted a seed. Here was computing doing something immediately useful – not theoretical, not decorative, but solving a problem that had a real purpose and real stakes. It is a philosophy he has carried through every chapter of his career since.</p> <h3>The Forum That Changed Everything</h3> <p>It was during his final undergraduate year that Jimoh first heard about the Heidelberg Laureate Forum – an annual gathering in Germany that brings together a select group of young researchers in mathematics and computer science with the fields’ highest achievers: recipients of the Abel Prize, the Fields Medal, the ACM A.M. Turing Award, the ACM Prize in Computing, the Abacus Medal and the Nevanlinna Prize. His supervisor shared the link. Nobody else in the group applied. Jimoh did.</p> <p>He was invited, and that week in Heidelberg in 2019 reshaped his sense of what was possible.</p> <p>He was able to have engaging conversations with laureates, including Yoshua Bengio – the deep learning pioneer and Turing Award recipient – and Jeff Dean, Chief Scientist at Google DeepMind and Google Research, co-technical lead of Google Gemini. He connected with young researchers from universities he had only read about. He visited the Heidelberg Institute of Theoretical Studies (HITS) and research facilities around Heidelberg. And he participated in the HLF’s long-running Intercultural Science Art Project in which young researchers communicate their work visually, for a non-specialist audience. His piece – an artistic rendering of his X-ray compression research – was later exhibited in Serbia in 2021 and featured in the opening ceremony of the 9th HLF 2022.</p> <p>What the HLF gave him, he says, was not merely contacts or inspiration – it was audacity. “If I had told myself ‘I am from a small village in Nigeria, this kind of forum is for people from Harvard’ – I would not have been there. And I would have missed everything that came from it … After I attended the HLF, my career really changed. I had the boldness to apply for things … to talk, to meet people, to make connections.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48786931131_3d703d63d6_o.jpg"><img alt="" decoding="async" height="682" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48786931131_3d703d63d6_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48786931131_3d703d63d6_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48786931131_3d703d63d6_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48786931131_3d703d63d6_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Jimoh Abdulganiyu during a Q&amp;A session at the 7th Heidelberg Laureate Forum 2019. Image credit: HLFF / Flemming</figcaption></figure> </div> <h3>Images, All the Way Down</h3> <p>If there is a single technical thread running through Jimoh’s career, it is image analysis.</p> <p>After completing his Bachelor’s degree, he was awarded a fully funded scholarship to pursue a Master’s in Collective Intelligence – with a specialization in computer science and data science – at Mohammed VI Polytechnic University (UM6P) in Morocco, one of Africa’s fastest-rising research institutions. There, he pivoted from compressing medical images to reading them: using machine learning to detect and classify cancer from digital pathology slides. Where his undergraduate work had been about storing images faithfully, this was about interpreting them precisely – training an algorithm to identify whether cells were healthy, pre-cancerous, or malignant.</p> <p>He submitted a <a href="https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-031-77789-9_1" rel="noreferrer noopener" target="_blank">paper on cancer detection and classification</a> while at <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-77789-9#toc" rel="noreferrer noopener" target="_blank">MICCAI – the Medical Image Computing and Computer Assisted Intervention conference</a>, one of the most competitive venues in the field – and it was selected as one of the best papers at the Deep Breast workshop on artificial intelligence. It was a serious international validation for a researcher still in his mid-twenties.</p> <p>He also returned to Heidelberg. Attending the HLF for a second time in 2022, he found a renewed confidence to boldly engage with other fellow young researchers.</p> <p>Towards the end of his Master’s studies, Jimoh spent 6 months as a visiting researcher fellow at the Max Planck Institute for Evolutionary Anthropology in Leipzig, Germany. As part of the project <a href="https://www.eva.mpg.de/comparative-cultural-psychology/staff/pierre-etienne-martin/#c51598" rel="noreferrer noopener" target="_blank">“BioTIP – Bio-Signal Retrieval from Thermal Imaging Processing” under Dr. Pierre-Etienne Martin</a>, he applied computer vision and machine learning segmentation algorithms to animal thermal imagery for neuroscience research – a different domain entirely, but the same underlying discipline: making sense of visual data that the human eye cannot efficiently process alone.</p> <h3>Environmental AI Applications</h3> <p>Jimoh is now a first-year PhD student at Utah State University, enrolled – in a move that surprises almost everyone he tells – in the Department of Civil and Environmental Engineering. He works at the Utah Water Research Laboratory in Logan, Utah, under Professor Sierra Young, whose U.S. National Science Foundation funded project concerns one of the more urgent environmental stories in the American West: the decline of the Great Salt Lake.</p> <p>The lake has been shrinking for decades, its water level dropping as demand – agricultural, industrial, residential – outpaces replenishment. As the water recedes, it exposes vast stretches of ancient lake bed: salt flats and mineral sediments that dry out, break apart, and get swept into the air as fine toxic dust. That dust settles on crops, infiltrates lungs, and poisons ecosystems. The U.S. government has proposed investing over a billion dollars to stabilize the lake. One aspect is understanding exactly what is driving its decline and where things stand right now, season by season, across an enormous and hard-to-access landscape. Another is understanding the consequences of the current and future decline.</p> <p>This is where hyperspectral imaging comes in.</p> <p>A standard camera captures three channels of light: red, green, and blue, similar to how human eyesight interprets light. Hyperspectral cameras capture dozens or even hundreds of channels simultaneously, extending far beyond what the human eye can perceive – into the near-infrared, the short-wave infrared, and beyond. The result is not merely a picture but a “data cube”: a rich, layered dataset in which every pixel carries a detailed spectral fingerprint of whatever surface it represents.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HyperspectralCube.jpg"><img alt="" decoding="async" height="310" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 310px) 100vw, 310px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HyperspectralCube.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HyperspectralCube.jpg 310w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HyperspectralCube-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HyperspectralCube-150x150.jpg 150w" width="310"></img></a><figcaption>Two-dimensional projection of a hyperspectral cube. Image credits: Dr. Nicholas M. Short, Sr. (<a data-id="https://en.wikipedia.org/wiki/Hyperspectral_imaging#/media/File:HyperspectralCube.jpg" data-type="link" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Hyperspectral_imaging#/media/File:HyperspectralCube.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">public domain</a>)</figcaption></figure> </div> <p>Those fingerprints are extraordinarily informative. Healthy vegetation reflects light differently from stressed or dying plants. Clean water has a different spectral signature from water contaminated by algal blooms or sediment. Bare soil, dust, mineral deposits, ice – each has its own pattern. When an algal bloom forms on the surface of a lake, for instance, its signature in the hyperspectral data is distinctive: the toxins it releases degrade water quality in ways the naked eye cannot assess, but a trained model can detect from the sky.</p> <p>The technology is not limited to lake monitoring. Hyperspectral remote sensing is already being used in precision agriculture to detect crop disease before it becomes visible; in geology to identify mineral deposits; in forestry to track invasive species; in archaeology to reveal buried structures beneath soil. As the sensors get lighter and cheaper, and as the AI models trained to interpret their data get more powerful, the range of applications keeps expanding.</p> <p>For the Great Salt Lake project, drones equipped with hyperspectral cameras fly over the lake and its shoreline, capturing data on vegetation cover, water quality, dust composition, and algae. The same process in essence goes into tracking and analyzing the effects of resulting dust sediment on surrounding vegetation. Jimoh’s role is to process that data – extracting what researchers call “endmembers,” the distinct spectral signatures that correspond to different materials and conditions on the ground – and to build AI models that can interpret what the sensors are saying about the lake’s or the surrounding vegetation’s health.</p> <p>Jimoh emphasizes that “saving the lake will depend on better science and better data. Without accurate monitoring of water inflows, salinity, dust emissions, and ecosystem changes, it is difficult for policymakers to make effective decisions.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Hperpectral-Imaging-Lab-Session_1.png"><img alt="" decoding="async" height="813" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 855px) 100vw, 855px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Hperpectral-Imaging-Lab-Session_1.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Hperpectral-Imaging-Lab-Session_1.png 855w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Hperpectral-Imaging-Lab-Session_1-300x285.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Hperpectral-Imaging-Lab-Session_1-768x730.png 768w" width="855"></img></a><figcaption>Jimoh Abdulganiyu in the lab at the Utah State University Research Greenhouse, collecting hyperspectral data, testing spectral signal analysis of dust-affected vegetation. Image credits: Jimoh Abdulganiyu (private)</figcaption></figure> </div> <p>Jimoh admits that the interdisciplinarity at first posed a challenge: “Water science is not something I learned as a computer scientist,” he says. He has made sure to enroll in courses just to be able to “speak the language.” But he sees that as the point. Whether the issues are environmental or otherwise, AI has countless applications that it can be employed in to help solve problems, and that will always imply bridging gaps to other disciplines.</p> <h3>A Voice in the Conversation</h3> <p>Shortly before beginning his PhD, Jimoh spotted an open call from the White House Office of Science and Technology Policy for public contributions to the U.S. AI Action Plan – an initiative to shape the country’s approach to artificial intelligence development and governance. Anyone could submit their comments. He submitted eight pages.</p> <p>His contribution drew on his own research experience, arguing for a more streamlined regulatory environment around AI deployment in environmental monitoring, water systems, and sustainable infrastructure – while also stressing the need for responsible development that protects communities and upholds human rights. A few months into his PhD, he received an acknowledgement that his submission was among those selected as substantive contributions. Utah State University featured the story in their campus publications and on LinkedIn.</p> <p>He is clear that his interest in policy work sits alongside, not above, his core concern: making sure AI is built well. “[AI should be] ethical, safe, fairly designed – everybody’s included.” The systems’ design and governance “should ensure that they align with human values and society’s principles … It should not be biased toward one population.” He has been selected as one of forty participants for the “Summer School in Responsible AI and Human Rights” conducted by Mila, the Quebec Artificial Intelligence Institute, this May – and hopes he’ll have a “broader scope” afterwards to see where he can better contribute to developing AI tools that will be relevant for society.</p> <h3>Life in Logan</h3> <p>Logan, Utah might not seem like an obvious destination for a computer scientist. A mid-sized city in the mountains of the American West, it is known primarily for its university and its Mormon heritage and, Jimoh has found, for the warmth of its people. He arrived in the fall of 2024 with his wife and their newborn son. It was the first time he and his wife had actually lived in the same city; for most of their marriage, as she had been studying in Nigeria while he was in Morocco or Germany.</p> <p>The first months were hard. No car in a car-dependent city. A healthcare system that did not automatically extend to his dependents. The specific exhaustion of adjusting to a new country while adjusting to parenthood for the first time. “It was really challenging,” he says.</p> <p>But things have settled. He praises the community generosity he has encountered – the university’s food pantry for graduate student families, a local foundation that delivers diapers to the door for parents without transport. “The people are good,” he says. When time permits, he goes to the gym, rides his bike, and plays with his son.</p> <h3>Advice for Those Just Starting Out</h3> <p>When asked what he would tell an early-career researcher sitting where he sat in 2019, Jimoh is emphatic on one point: apply anyway.</p> <p>“If they have an avenue to actually showcase their project or their research, they should do it. They should go to conferences. They should apply to the HLF … This is a conference where you meet the real people, the people who are actually changing your field.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48802248083_aac01a21ca_o-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="682" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48802248083_aac01a21ca_o-1.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48802248083_aac01a21ca_o-1.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48802248083_aac01a21ca_o-1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48802248083_aac01a21ca_o-1-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Jimoh Abdulganiyu during a workshop of the International Science Art Project at the 7th Heidelberg Laureate Forum. Image credits: HLFF / Flemming.</figcaption></figure> </div> <p>And he urges them to trust that their work matters, even when it feels small. “Someone will read your paper. Someone will reference it,” so they should “try all their best to showcase their knowledge in whatever opportunity comes their way.”</p> <p>He hopes to attend the HLF a third time – now as a PhD student – and is quietly excited about the prospect.</p> <p>For now, he is in Logan, making his own contribution by applying AI towards solving real-world problems, teaching algorithms to read what the naked eye cannot see. He applied for a forum he thought might not want him. The car was waiting.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Hyperspectral Imaging and Responsible AI - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Nikolas Mariani</h2><div itemprop="text"> <p><em>The Heidelberg Laureate Forum has a single purpose: To provide some of the brightest minds in mathematics and computer science with the space and time to make connections and find inspiration. Some of the connections made at the HLF will echo into collaborations and projects, with some of those efforts leading to concrete developments. The </em><a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/young-researchers/hlff-spotlight/hlff-spotlight-alumni-in-action.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><em>HLFF Spotlight</em></a> <em>series unpacks a few of those examples.</em></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Spotlight_Jimoh-Abdulganiyu-700x450-1.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="450" sizes="(max-width: 700px) 100vw, 700px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Spotlight_Jimoh-Abdulganiyu-700x450-1.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Spotlight_Jimoh-Abdulganiyu-700x450-1.jpg 700w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Spotlight_Jimoh-Abdulganiyu-700x450-1-300x193.jpg 300w" width="700"></img></a></figure> </div> <p>When Jimoh Abdulganiyu stepped off the plane at Frankfurt Airport in 2019, he was not sure what to expect. He had never left Nigeria before – never left Africa. He had applied to the 7th Heidelberg Laureate Forum after his supervisor had shared a link with his research group. Now here he was, a final-year undergraduate with a project on medical image compression, standing in the arrivals hall of one of Europe’s busiest airports.</p> <p>He spotted a man holding a sign with his name on it. Next to the man: a Mercedes-Benz.</p> <p>“In Nigeria, people who get that kind of treatment are politicians,” he laughs. “I was like – is this for me?”</p> <p>It was. And in a sense, so was everything that followed.<aside></aside></p> <h3>A Problem Worth Solving</h3> <p>Jimoh grew up in Nigeria and studied Computer Science at Adekunle Ajasin University. His undergraduate research was not driven by abstract curiosity but by a very concrete problem: The university’s hospital scanned a chest X-ray of every incoming student each year and was drowning in storage. He and his advisor set out to build a lossless compression algorithm – one that could shrink image file sizes without sacrificing a single pixel of diagnostic information. In medical imaging, every detail counts, and lossy compression is not an option.</p> <p>That early project planted a seed. Here was computing doing something immediately useful – not theoretical, not decorative, but solving a problem that had a real purpose and real stakes. It is a philosophy he has carried through every chapter of his career since.</p> <h3>The Forum That Changed Everything</h3> <p>It was during his final undergraduate year that Jimoh first heard about the Heidelberg Laureate Forum – an annual gathering in Germany that brings together a select group of young researchers in mathematics and computer science with the fields’ highest achievers: recipients of the Abel Prize, the Fields Medal, the ACM A.M. Turing Award, the ACM Prize in Computing, the Abacus Medal and the Nevanlinna Prize. His supervisor shared the link. Nobody else in the group applied. Jimoh did.</p> <p>He was invited, and that week in Heidelberg in 2019 reshaped his sense of what was possible.</p> <p>He was able to have engaging conversations with laureates, including Yoshua Bengio – the deep learning pioneer and Turing Award recipient – and Jeff Dean, Chief Scientist at Google DeepMind and Google Research, co-technical lead of Google Gemini. He connected with young researchers from universities he had only read about. He visited the Heidelberg Institute of Theoretical Studies (HITS) and research facilities around Heidelberg. And he participated in the HLF’s long-running Intercultural Science Art Project in which young researchers communicate their work visually, for a non-specialist audience. His piece – an artistic rendering of his X-ray compression research – was later exhibited in Serbia in 2021 and featured in the opening ceremony of the 9th HLF 2022.</p> <p>What the HLF gave him, he says, was not merely contacts or inspiration – it was audacity. “If I had told myself ‘I am from a small village in Nigeria, this kind of forum is for people from Harvard’ – I would not have been there. And I would have missed everything that came from it … After I attended the HLF, my career really changed. I had the boldness to apply for things … to talk, to meet people, to make connections.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48786931131_3d703d63d6_o.jpg"><img alt="" decoding="async" height="682" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48786931131_3d703d63d6_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48786931131_3d703d63d6_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48786931131_3d703d63d6_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48786931131_3d703d63d6_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Jimoh Abdulganiyu during a Q&amp;A session at the 7th Heidelberg Laureate Forum 2019. Image credit: HLFF / Flemming</figcaption></figure> </div> <h3>Images, All the Way Down</h3> <p>If there is a single technical thread running through Jimoh’s career, it is image analysis.</p> <p>After completing his Bachelor’s degree, he was awarded a fully funded scholarship to pursue a Master’s in Collective Intelligence – with a specialization in computer science and data science – at Mohammed VI Polytechnic University (UM6P) in Morocco, one of Africa’s fastest-rising research institutions. There, he pivoted from compressing medical images to reading them: using machine learning to detect and classify cancer from digital pathology slides. Where his undergraduate work had been about storing images faithfully, this was about interpreting them precisely – training an algorithm to identify whether cells were healthy, pre-cancerous, or malignant.</p> <p>He submitted a <a href="https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-031-77789-9_1" rel="noreferrer noopener" target="_blank">paper on cancer detection and classification</a> while at <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-77789-9#toc" rel="noreferrer noopener" target="_blank">MICCAI – the Medical Image Computing and Computer Assisted Intervention conference</a>, one of the most competitive venues in the field – and it was selected as one of the best papers at the Deep Breast workshop on artificial intelligence. It was a serious international validation for a researcher still in his mid-twenties.</p> <p>He also returned to Heidelberg. Attending the HLF for a second time in 2022, he found a renewed confidence to boldly engage with other fellow young researchers.</p> <p>Towards the end of his Master’s studies, Jimoh spent 6 months as a visiting researcher fellow at the Max Planck Institute for Evolutionary Anthropology in Leipzig, Germany. As part of the project <a href="https://www.eva.mpg.de/comparative-cultural-psychology/staff/pierre-etienne-martin/#c51598" rel="noreferrer noopener" target="_blank">“BioTIP – Bio-Signal Retrieval from Thermal Imaging Processing” under Dr. Pierre-Etienne Martin</a>, he applied computer vision and machine learning segmentation algorithms to animal thermal imagery for neuroscience research – a different domain entirely, but the same underlying discipline: making sense of visual data that the human eye cannot efficiently process alone.</p> <h3>Environmental AI Applications</h3> <p>Jimoh is now a first-year PhD student at Utah State University, enrolled – in a move that surprises almost everyone he tells – in the Department of Civil and Environmental Engineering. He works at the Utah Water Research Laboratory in Logan, Utah, under Professor Sierra Young, whose U.S. National Science Foundation funded project concerns one of the more urgent environmental stories in the American West: the decline of the Great Salt Lake.</p> <p>The lake has been shrinking for decades, its water level dropping as demand – agricultural, industrial, residential – outpaces replenishment. As the water recedes, it exposes vast stretches of ancient lake bed: salt flats and mineral sediments that dry out, break apart, and get swept into the air as fine toxic dust. That dust settles on crops, infiltrates lungs, and poisons ecosystems. The U.S. government has proposed investing over a billion dollars to stabilize the lake. One aspect is understanding exactly what is driving its decline and where things stand right now, season by season, across an enormous and hard-to-access landscape. Another is understanding the consequences of the current and future decline.</p> <p>This is where hyperspectral imaging comes in.</p> <p>A standard camera captures three channels of light: red, green, and blue, similar to how human eyesight interprets light. Hyperspectral cameras capture dozens or even hundreds of channels simultaneously, extending far beyond what the human eye can perceive – into the near-infrared, the short-wave infrared, and beyond. The result is not merely a picture but a “data cube”: a rich, layered dataset in which every pixel carries a detailed spectral fingerprint of whatever surface it represents.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HyperspectralCube.jpg"><img alt="" decoding="async" height="310" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 310px) 100vw, 310px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HyperspectralCube.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HyperspectralCube.jpg 310w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HyperspectralCube-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HyperspectralCube-150x150.jpg 150w" width="310"></img></a><figcaption>Two-dimensional projection of a hyperspectral cube. Image credits: Dr. Nicholas M. Short, Sr. (<a data-id="https://en.wikipedia.org/wiki/Hyperspectral_imaging#/media/File:HyperspectralCube.jpg" data-type="link" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Hyperspectral_imaging#/media/File:HyperspectralCube.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">public domain</a>)</figcaption></figure> </div> <p>Those fingerprints are extraordinarily informative. Healthy vegetation reflects light differently from stressed or dying plants. Clean water has a different spectral signature from water contaminated by algal blooms or sediment. Bare soil, dust, mineral deposits, ice – each has its own pattern. When an algal bloom forms on the surface of a lake, for instance, its signature in the hyperspectral data is distinctive: the toxins it releases degrade water quality in ways the naked eye cannot assess, but a trained model can detect from the sky.</p> <p>The technology is not limited to lake monitoring. Hyperspectral remote sensing is already being used in precision agriculture to detect crop disease before it becomes visible; in geology to identify mineral deposits; in forestry to track invasive species; in archaeology to reveal buried structures beneath soil. As the sensors get lighter and cheaper, and as the AI models trained to interpret their data get more powerful, the range of applications keeps expanding.</p> <p>For the Great Salt Lake project, drones equipped with hyperspectral cameras fly over the lake and its shoreline, capturing data on vegetation cover, water quality, dust composition, and algae. The same process in essence goes into tracking and analyzing the effects of resulting dust sediment on surrounding vegetation. Jimoh’s role is to process that data – extracting what researchers call “endmembers,” the distinct spectral signatures that correspond to different materials and conditions on the ground – and to build AI models that can interpret what the sensors are saying about the lake’s or the surrounding vegetation’s health.</p> <p>Jimoh emphasizes that “saving the lake will depend on better science and better data. Without accurate monitoring of water inflows, salinity, dust emissions, and ecosystem changes, it is difficult for policymakers to make effective decisions.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Hperpectral-Imaging-Lab-Session_1.png"><img alt="" decoding="async" height="813" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 855px) 100vw, 855px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Hperpectral-Imaging-Lab-Session_1.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Hperpectral-Imaging-Lab-Session_1.png 855w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Hperpectral-Imaging-Lab-Session_1-300x285.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Hperpectral-Imaging-Lab-Session_1-768x730.png 768w" width="855"></img></a><figcaption>Jimoh Abdulganiyu in the lab at the Utah State University Research Greenhouse, collecting hyperspectral data, testing spectral signal analysis of dust-affected vegetation. Image credits: Jimoh Abdulganiyu (private)</figcaption></figure> </div> <p>Jimoh admits that the interdisciplinarity at first posed a challenge: “Water science is not something I learned as a computer scientist,” he says. He has made sure to enroll in courses just to be able to “speak the language.” But he sees that as the point. Whether the issues are environmental or otherwise, AI has countless applications that it can be employed in to help solve problems, and that will always imply bridging gaps to other disciplines.</p> <h3>A Voice in the Conversation</h3> <p>Shortly before beginning his PhD, Jimoh spotted an open call from the White House Office of Science and Technology Policy for public contributions to the U.S. AI Action Plan – an initiative to shape the country’s approach to artificial intelligence development and governance. Anyone could submit their comments. He submitted eight pages.</p> <p>His contribution drew on his own research experience, arguing for a more streamlined regulatory environment around AI deployment in environmental monitoring, water systems, and sustainable infrastructure – while also stressing the need for responsible development that protects communities and upholds human rights. A few months into his PhD, he received an acknowledgement that his submission was among those selected as substantive contributions. Utah State University featured the story in their campus publications and on LinkedIn.</p> <p>He is clear that his interest in policy work sits alongside, not above, his core concern: making sure AI is built well. “[AI should be] ethical, safe, fairly designed – everybody’s included.” The systems’ design and governance “should ensure that they align with human values and society’s principles … It should not be biased toward one population.” He has been selected as one of forty participants for the “Summer School in Responsible AI and Human Rights” conducted by Mila, the Quebec Artificial Intelligence Institute, this May – and hopes he’ll have a “broader scope” afterwards to see where he can better contribute to developing AI tools that will be relevant for society.</p> <h3>Life in Logan</h3> <p>Logan, Utah might not seem like an obvious destination for a computer scientist. A mid-sized city in the mountains of the American West, it is known primarily for its university and its Mormon heritage and, Jimoh has found, for the warmth of its people. He arrived in the fall of 2024 with his wife and their newborn son. It was the first time he and his wife had actually lived in the same city; for most of their marriage, as she had been studying in Nigeria while he was in Morocco or Germany.</p> <p>The first months were hard. No car in a car-dependent city. A healthcare system that did not automatically extend to his dependents. The specific exhaustion of adjusting to a new country while adjusting to parenthood for the first time. “It was really challenging,” he says.</p> <p>But things have settled. He praises the community generosity he has encountered – the university’s food pantry for graduate student families, a local foundation that delivers diapers to the door for parents without transport. “The people are good,” he says. When time permits, he goes to the gym, rides his bike, and plays with his son.</p> <h3>Advice for Those Just Starting Out</h3> <p>When asked what he would tell an early-career researcher sitting where he sat in 2019, Jimoh is emphatic on one point: apply anyway.</p> <p>“If they have an avenue to actually showcase their project or their research, they should do it. They should go to conferences. They should apply to the HLF … This is a conference where you meet the real people, the people who are actually changing your field.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48802248083_aac01a21ca_o-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="682" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48802248083_aac01a21ca_o-1.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48802248083_aac01a21ca_o-1.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48802248083_aac01a21ca_o-1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48802248083_aac01a21ca_o-1-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Jimoh Abdulganiyu during a workshop of the International Science Art Project at the 7th Heidelberg Laureate Forum. Image credits: HLFF / Flemming.</figcaption></figure> </div> <p>And he urges them to trust that their work matters, even when it feels small. “Someone will read your paper. Someone will reference it,” so they should “try all their best to showcase their knowledge in whatever opportunity comes their way.”</p> <p>He hopes to attend the HLF a third time – now as a PhD student – and is quietly excited about the prospect.</p> <p>For now, he is in Logan, making his own contribution by applying AI towards solving real-world problems, teaching algorithms to read what the naked eye cannot see. He applied for a forum he thought might not want him. The car was waiting.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/hyperspectral-imaging-and-responsible-ai/#comments 1 7 Vorteile erneuerbarer Friedensenergien, 7 Nachteile fossiler Gewaltenergien https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/7-vorteile-erneuerbarer-friedensenergien-7-nachteile-fossiler-gewaltenergien/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/7-vorteile-erneuerbarer-friedensenergien-7-nachteile-fossiler-gewaltenergien/#comments Tue, 07 Apr 2026 06:40:28 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11194 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-768x429.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/7-vorteile-erneuerbarer-friedensenergien-7-nachteile-fossiler-gewaltenergien/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-1024x572.jpg" /><h1>7 Vorteile erneuerbarer Friedensenergien, 7 Nachteile fossiler Gewaltenergien » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Gut möglich, dass ausgerechnet der wiedergewählte <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-53-gefahr-von-parteiblasen-irankrieg-statt-friedensenergien/" rel="noopener" target="_blank">US-Präsident <strong>Donald Trump </strong>mit seinem <strong>Irankrieg-Desaster </strong>der längst notwendigen <strong>Solarpunk-Energiewende</strong> den entscheidenden Schub</a> zum <strong>Zusammenbruch des Fossilismus </strong>gab.</p> <p>Denn endlich beginnen wieder Demokratien, sich <strong>gegen den fossilen Lobbyismus, die Konzernmedien-Desinformation und die fehlende Investitionsbereitschaft demografisch schrumpfender Gesellschaften</strong> durchzusetzen.</p> <p>Der demografisch, fossil &amp; digital verstärkte <strong>Rechtsmimesis</strong> der letzten Jahrzehnte hatte nicht nur <strong>die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-waermepumpe-memes-und-lob-dem-spd-oekosozialen-hermann-scheer-1944-2010/" rel="noopener" target="_blank">aufblühende Solarindustrie in Deutschland </a><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-waermepumpe-memes-und-lob-dem-spd-oekosozialen-hermann-scheer-1944-2010/" rel="noopener" target="_blank">abgewürgt</a>, </strong>sondern auch <strong>die Abkehr von der Kernfusion (Atomkraft) zur Fernfusion (Solarenergie) in Japan </strong>wieder unterbrochen.</p> <p>Jetzt endlich <a href="https://www.nytimes.com/2026/04/01/opinion/oil-crisis-iran-electric-solar.html" rel="noopener" target="_blank">lesen wir sogar in der <strong>New York Times </strong>Sätze</a> wie diese:</p> <p><em>“The most fossil fuel-friendly government in recent U.S. history has shown us all just how risky reliance on oil and gas can be — and taught the world that true energy security lies in accelerating toward a cleaner, electrified future.“</em><aside></aside></p> <p>Auf deutsch:</p> <p><em>„Die am meisten fossil-verbrennerfreundliche Regierung der jüngeren US-Geschichte hat uns allen gezeigt, wie riskant die Abhängigkeit von Öl und Gas sein kann – und der Welt beigebracht, dass wahre Energiesicherheit in der Beschleunigung des Übergangs zu einer saubereren, elektrifizierten Zukunft liegt.“</em></p> <p>Hoffentlich lesen sie das auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-aus-dem-ehemaligen-preussen-warum-deutscher-energieglauben-auch-regional-gepraegt-ist/" rel="noopener" target="_blank">in der historisch fossil und „preußisch“ geprägten Berliner Blase</a>.</p> <p><img alt="" decoding="async" height="642" sizes="(max-width: 890px) 100vw, 890px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326.jpg 890w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326-300x216.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326-768x554.jpg 768w" width="890"></img></p> <p><em>Der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-53-gefahr-von-parteiblasen-irankrieg-statt-friedensenergien/" rel="noopener" target="_blank">Kampf um die Straße von Hormus und die Ölinsel Kharg (engl. Charg) verknappt Erdöl, Erdgas und Dünger und befeuert weltweite Teuerungen, Armut, regional auch Hunger und Gewalt</a>. Foto &amp; Bearbeitung: Michael Blume</em></p> <p>Neben den täglich drastischen Preisen freue ich mich auch über die Verbreitung emotionaler &amp; <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-waermepumpe-memes-und-lob-dem-spd-oekosozialen-hermann-scheer-1944-2010/" rel="noopener" target="_blank">föderaler <strong>KI-Heimatenergie-Memes</strong></a>, die sowohl  <strong>konservative Reaktanz </strong>wie auch <strong>akademische Arroganz </strong>unterlaufen: Immer mehr Menschen überwinden so den bisherigen, <strong>fossilen Energieglauben </strong>als Vorstellungswelt von nationalen Symbolen,  Flächen und Farben, von vermeintlichen Kosten und Nutzen, Mythen und Fakten.</p> <p>Um hier wissenschaftlich aufzuklären, braucht es also nicht nur akademische („kognitive“), sondern auch emotionale („affektive“) Botschaften, Begriffe, Bilder.</p> <p>Dazu stelle ich im Folgenden für das Fediversum <strong>sieben vorteilhafte Merkmale erneuerbarer Friedensenergien wie Solar- &amp; Windenergie </strong>und <strong>sieben Nachteile fossiler Gewaltenergien wie Erdöl und Erdgas </strong>vor.</p> <p>Zu beiden habe ich mit ChatGPT Pro auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AE88095B-A4F8-4D14-8C6A-106587085893.png" rel="noopener" target="_blank">mal <strong>knuffig-emotionale Memes</strong> erstellt</a>, die ich jedoch hier nur verlinke. Wer mit dieser Medienform nicht klar kommt, deren Ästhetik und Emotionen verachtet, darf sie gerne einfach ignorieren.</p> <p>Starten wir also mit:</p> <p><strong>Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AE88095B-A4F8-4D14-8C6A-106587085893.png" rel="noopener" target="_blank">sieben Solarpunk-Vorteile erneuerbarer Friedensenergien</a> </strong></p> <p><strong>1. Erneuerbar („regenerativ“)</strong></p> <p>Energie aus der Sonne („Fernfusion“), aus Wind, Wasser und Geothermie kann immer wieder neu geschöpft werden, solange es die Menschheit gibt.</p> <p><strong>2. Dezentral (föderal)</strong></p> <p>Schon Ende März 2026 <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116358429768946664" rel="noopener" target="_blank">wandten sich <strong>15 von 16 Länder-Stimmen der Energieministerienkonferenz (EnMK)</strong> in einer überparteilichen Entschließung gegen die fossile und zentralistische Politik von Bundesministerin <strong>Katherina Reiche</strong></a>. Denn Nationalstaaten neigen oft zu Bündnissen mit fossilen Altkomzernen, wogegen Kommunen und Länder <strong>erneuerbare Heimatenergien mit Wertschöpfung vor Ort </strong>anstreben. <em><strong>Erneuerbare Energien stärken den demokratischen Föderalismus.</strong></em></p> <p><strong>3. Sparsam („skalierbar“)</strong></p> <p>Umso mehr Solaranlagen, Batteriespeicher und Co. gebaut und entwickelt werden, umso geringer wurden und werden die Kosten pro Kilowattstunde. Schon jetzt ist Solarenergie die günstigste Energieform überhaupt und auch Energiespeicher skalieren.</p> <p><strong>4. Verfügbar (schwer monopolisierbar)</strong></p> <p>Je nach Region sind Sonne, Wind , Wasser und Wärme (Geothermie) unterschiedlich gut verfügbar. Doch nahezu überall lassen sich <strong>erneuerbare Wohlstandsenergien</strong> gewinnen, damit auch wirtschaftliche Werte schaffen und Abhängigkeiten von fossilen Kartellen verringern.</p> <p><strong>5. Nachhaltig (Weite der Zeit)</strong></p> <p>Wer fossile Anlagen wie Kohle-, Atom- oder Gaskraftwerke errichtet, muss darauf achten, dass sie sich in meist begrenzten Laufzeiten vor Verschleiss und Abriss lohnen („amortisieren“). Post-fossile Energieanlagen können dagegen theoretisch immer wieder neu ausgestattet, ohne Verfallsdatum und also nachhaltig Energie-Erträge produzieren. Ein Großteil der verwendeten Rohstoffe lässt sich dabei auch recyceln.</p> <p><strong>6. Mitweltschonend</strong></p> <p><strong>Erneuerbare Heimatenergien </strong>hinterlassen kaum Treibhausgas-Emissionen und keinen atomar strahlenden Sondermüll. Mit immer besseren Materialien und Recycling lassen sich auch andere Rückstände zunehmend reduzieren.</p> <p><strong>7. Energiedemokratisch </strong></p> <p>Ob zuhause – etwa mit Balkonsolar – oder als Teil einer Genossenschaft: Wo Menschen ihre Energien erneuerbar selbst produzieren, werden sie wirtschaftlich unabhängiger und machen die Erfahrung von echter Selbstwirksamkeit. <em><strong>Erneuerbare Friedensenergien stärken die auch wirtschaftliche Selbstständigkeit und das demokratisch-lokale Erleben.</strong></em></p> <p>Dem stehen entgegen:</p> <p><strong>Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/62CF37A0-2747-42A4-A1C4-097570DA373A.png" rel="noopener" target="_blank">sieben Nachteile fossiler Gewaltenergien</a> </strong></p> <p><strong>1. Fossile Rohstoffe werden verbrannt &amp; verbraucht </strong></p> <p>Ob Erdöl, Erdgas, Kohle oder Uran – eine Neubildung würde Jahrmilionen erfordern.</p> <p><strong>2. Zentralistisch (Konzern-national)</strong></p> <p>Fossile Rohstoffe werden von riesigen Konzernen mit befristet Beschäftigten geschürft, verkauft und verbrannt, die sich entsprechende Verbündete (Lobbyisten) in den Parteien, Medien und auch Wissenschaften der Nationalstaaten einkaufen. Der föderale Aufbau erneuerbarer Energien in Regionen und Kommunen wird entsprechend bekämpft.</p> <p><strong>3. Teuer (Förderkosten steigen)</strong></p> <p>Während die Kosten für weitere Einheiten erneuerbarer Energien sinken, skalieren Förderkosten nach oben: Leichter zugängliche Fossilstätten werden ausgeschöpft, dann müssen schwerer zugängliche Fundstätten gefunden und ausgebeutet werden. Für das Öl wurde sogar schon im 21. Jahrhundert eine weltweite Förderspitze („Peak Oil“) erwartet. Fossile Kraftwerke werden heute fast nur noch durch Steuerzuschüsse und die bürokratische Unterdrückung erneuerbarer Alternativen „rentabel“. </p> <p><strong>4. Verknappbar (Fossile Kartelle)</strong></p> <p>Da fossile Rohstoffe nur an bestimmten Förderstätten zu schürfen sind, können sie aus finanziellen, politischen und militärischen Gründen verknappt werden. Einige Kartelle wie die Erdöl-OPEC bekunden das auch öffentlich.</p> <p><strong>5. Karbonblase droht (Enge der Zeit)</strong></p> <p>Durch den schnellen Ausbau der erneuerbaren Wohlstandsenergien und die säkulare Geburtenimplosion werden riesige Mengen fossiler Rohstoffe „ungenutzt“ im Boden verbleiben – die sogenannte <strong>Karbonblase. </strong>Um noch möglichst viel Profit daraus zu ziehen, bekämpfen Fossilisten daher auch post-fossile Technologien wie Elektroautos, Wärmepumpen und Batteriespeicher, oft auch mit Desinformation und Verschwörungsmythen.</p> <p><strong>6. Mitweltbelastend </strong></p> <p>Die Verbrennung fossiler Rohstoffe verursacht massive Verschmutzungen und gesteigerte Emissionen von Treibhausgasen wie CO2, die Kernspaltung von Uran auch atomare Gefahren und Sondermüll. Auch noch die lautesten Fossilisten wollen für sich selbst Wohnungen in angenehmem Klima und ohne atomare Endlager in der Nähe.</p> <p><strong>7. Ressourcenfluch-autoritär</strong></p> <p>Während erneuerbare Energien vielen und allen zugute kommen, konzentrieren sich fossile Profite und Macht in den Händen von wenigen. Die politikwissenschaftliche Rentierstaatstheorie und die volkswirtschaftliche Ressourcenfluch-Theorie zeigen auf, dass der Fossilismus Menschen und ganze Gesellschaften autoritär, feindselig-dualistisch und oft auch verschwörungsgläubig-antisemitisch verformt. <br></br><strong><br></br>FAZIT UND AUSBLICK</strong></p> <p><strong>Insgesamt ging der Fossilismus des 19. und 20. Jahrhunderts</strong> mit einem <em><strong>beispiellosen Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum</strong></em>, aber auch mit der zunehmenden <strong>Externalisierung fossiler Kosten sowie eskalierender Gewalt gegen Menschen und Mitwelt</strong> einher.</p> <p><br></br><strong>Am Beginn des 21. Jahrhunderts </strong>geriet der Fossilismus rechter, linker, libertärer und religiöser Dualisten ins Wanken: Die <strong>globale Erhitzung (Klimakrise) eskaliert zur Wasserkrise</strong>, die Zahl <strong>neugeborener Kinder nimmt weltweit bereits seit 2012 immer schneller ab („Peak Child“)</strong> und <strong>immer mehr <em>noch fossil geprägte Regionen auf der ganzen Welt verebben demografisch &amp; wirtschaftlich inmitten wütender Reaktanz und Rechtsmimesis</em></strong>. <p>Die Frage des 21. Jahrhunderts ist also, ob sich die Menschheit insgesamt aus dem Evolutions- und Entdeckubgsprozess verabschiedet, oder <em><strong>ob wenigstens einige energiedemokratische, freiheitlich-vielfältige und lebensbejahende Solarpunk-Arche-Regionen überleben</strong></em>. </p><p>Ich bin <span>da persönlich guter Dinge, denn: </span><em><strong>Niemand kann alles, aber alle können etwas verändern.</strong></em></p></p> <p>Fossilisten werden weiter haten, aber der Solarpunk wächst. Blume grüßt. 😌🙏🖖</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/F1nITBjZUAM?feature=oembed" title="Die Solarpunk-These: Fossile Gewaltenergien versus erneuerbare Friedensenergien." width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkFriedensenergienstattFossilerGewaltenergienBlumeFreiburg-1024x572.jpg" /><h1>7 Vorteile erneuerbarer Friedensenergien, 7 Nachteile fossiler Gewaltenergien » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Gut möglich, dass ausgerechnet der wiedergewählte <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-53-gefahr-von-parteiblasen-irankrieg-statt-friedensenergien/" rel="noopener" target="_blank">US-Präsident <strong>Donald Trump </strong>mit seinem <strong>Irankrieg-Desaster </strong>der längst notwendigen <strong>Solarpunk-Energiewende</strong> den entscheidenden Schub</a> zum <strong>Zusammenbruch des Fossilismus </strong>gab.</p> <p>Denn endlich beginnen wieder Demokratien, sich <strong>gegen den fossilen Lobbyismus, die Konzernmedien-Desinformation und die fehlende Investitionsbereitschaft demografisch schrumpfender Gesellschaften</strong> durchzusetzen.</p> <p>Der demografisch, fossil &amp; digital verstärkte <strong>Rechtsmimesis</strong> der letzten Jahrzehnte hatte nicht nur <strong>die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-waermepumpe-memes-und-lob-dem-spd-oekosozialen-hermann-scheer-1944-2010/" rel="noopener" target="_blank">aufblühende Solarindustrie in Deutschland </a><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-waermepumpe-memes-und-lob-dem-spd-oekosozialen-hermann-scheer-1944-2010/" rel="noopener" target="_blank">abgewürgt</a>, </strong>sondern auch <strong>die Abkehr von der Kernfusion (Atomkraft) zur Fernfusion (Solarenergie) in Japan </strong>wieder unterbrochen.</p> <p>Jetzt endlich <a href="https://www.nytimes.com/2026/04/01/opinion/oil-crisis-iran-electric-solar.html" rel="noopener" target="_blank">lesen wir sogar in der <strong>New York Times </strong>Sätze</a> wie diese:</p> <p><em>“The most fossil fuel-friendly government in recent U.S. history has shown us all just how risky reliance on oil and gas can be — and taught the world that true energy security lies in accelerating toward a cleaner, electrified future.“</em><aside></aside></p> <p>Auf deutsch:</p> <p><em>„Die am meisten fossil-verbrennerfreundliche Regierung der jüngeren US-Geschichte hat uns allen gezeigt, wie riskant die Abhängigkeit von Öl und Gas sein kann – und der Welt beigebracht, dass wahre Energiesicherheit in der Beschleunigung des Übergangs zu einer saubereren, elektrifizierten Zukunft liegt.“</em></p> <p>Hoffentlich lesen sie das auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-aus-dem-ehemaligen-preussen-warum-deutscher-energieglauben-auch-regional-gepraegt-ist/" rel="noopener" target="_blank">in der historisch fossil und „preußisch“ geprägten Berliner Blase</a>.</p> <p><img alt="" decoding="async" height="642" sizes="(max-width: 890px) 100vw, 890px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326.jpg 890w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326-300x216.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IranKhargStrassevonHormusWirtschaftvorAchtAkademieTutzingBlume120326-768x554.jpg 768w" width="890"></img></p> <p><em>Der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-53-gefahr-von-parteiblasen-irankrieg-statt-friedensenergien/" rel="noopener" target="_blank">Kampf um die Straße von Hormus und die Ölinsel Kharg (engl. Charg) verknappt Erdöl, Erdgas und Dünger und befeuert weltweite Teuerungen, Armut, regional auch Hunger und Gewalt</a>. Foto &amp; Bearbeitung: Michael Blume</em></p> <p>Neben den täglich drastischen Preisen freue ich mich auch über die Verbreitung emotionaler &amp; <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-waermepumpe-memes-und-lob-dem-spd-oekosozialen-hermann-scheer-1944-2010/" rel="noopener" target="_blank">föderaler <strong>KI-Heimatenergie-Memes</strong></a>, die sowohl  <strong>konservative Reaktanz </strong>wie auch <strong>akademische Arroganz </strong>unterlaufen: Immer mehr Menschen überwinden so den bisherigen, <strong>fossilen Energieglauben </strong>als Vorstellungswelt von nationalen Symbolen,  Flächen und Farben, von vermeintlichen Kosten und Nutzen, Mythen und Fakten.</p> <p>Um hier wissenschaftlich aufzuklären, braucht es also nicht nur akademische („kognitive“), sondern auch emotionale („affektive“) Botschaften, Begriffe, Bilder.</p> <p>Dazu stelle ich im Folgenden für das Fediversum <strong>sieben vorteilhafte Merkmale erneuerbarer Friedensenergien wie Solar- &amp; Windenergie </strong>und <strong>sieben Nachteile fossiler Gewaltenergien wie Erdöl und Erdgas </strong>vor.</p> <p>Zu beiden habe ich mit ChatGPT Pro auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AE88095B-A4F8-4D14-8C6A-106587085893.png" rel="noopener" target="_blank">mal <strong>knuffig-emotionale Memes</strong> erstellt</a>, die ich jedoch hier nur verlinke. Wer mit dieser Medienform nicht klar kommt, deren Ästhetik und Emotionen verachtet, darf sie gerne einfach ignorieren.</p> <p>Starten wir also mit:</p> <p><strong>Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/AE88095B-A4F8-4D14-8C6A-106587085893.png" rel="noopener" target="_blank">sieben Solarpunk-Vorteile erneuerbarer Friedensenergien</a> </strong></p> <p><strong>1. Erneuerbar („regenerativ“)</strong></p> <p>Energie aus der Sonne („Fernfusion“), aus Wind, Wasser und Geothermie kann immer wieder neu geschöpft werden, solange es die Menschheit gibt.</p> <p><strong>2. Dezentral (föderal)</strong></p> <p>Schon Ende März 2026 <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116358429768946664" rel="noopener" target="_blank">wandten sich <strong>15 von 16 Länder-Stimmen der Energieministerienkonferenz (EnMK)</strong> in einer überparteilichen Entschließung gegen die fossile und zentralistische Politik von Bundesministerin <strong>Katherina Reiche</strong></a>. Denn Nationalstaaten neigen oft zu Bündnissen mit fossilen Altkomzernen, wogegen Kommunen und Länder <strong>erneuerbare Heimatenergien mit Wertschöpfung vor Ort </strong>anstreben. <em><strong>Erneuerbare Energien stärken den demokratischen Föderalismus.</strong></em></p> <p><strong>3. Sparsam („skalierbar“)</strong></p> <p>Umso mehr Solaranlagen, Batteriespeicher und Co. gebaut und entwickelt werden, umso geringer wurden und werden die Kosten pro Kilowattstunde. Schon jetzt ist Solarenergie die günstigste Energieform überhaupt und auch Energiespeicher skalieren.</p> <p><strong>4. Verfügbar (schwer monopolisierbar)</strong></p> <p>Je nach Region sind Sonne, Wind , Wasser und Wärme (Geothermie) unterschiedlich gut verfügbar. Doch nahezu überall lassen sich <strong>erneuerbare Wohlstandsenergien</strong> gewinnen, damit auch wirtschaftliche Werte schaffen und Abhängigkeiten von fossilen Kartellen verringern.</p> <p><strong>5. Nachhaltig (Weite der Zeit)</strong></p> <p>Wer fossile Anlagen wie Kohle-, Atom- oder Gaskraftwerke errichtet, muss darauf achten, dass sie sich in meist begrenzten Laufzeiten vor Verschleiss und Abriss lohnen („amortisieren“). Post-fossile Energieanlagen können dagegen theoretisch immer wieder neu ausgestattet, ohne Verfallsdatum und also nachhaltig Energie-Erträge produzieren. Ein Großteil der verwendeten Rohstoffe lässt sich dabei auch recyceln.</p> <p><strong>6. Mitweltschonend</strong></p> <p><strong>Erneuerbare Heimatenergien </strong>hinterlassen kaum Treibhausgas-Emissionen und keinen atomar strahlenden Sondermüll. Mit immer besseren Materialien und Recycling lassen sich auch andere Rückstände zunehmend reduzieren.</p> <p><strong>7. Energiedemokratisch </strong></p> <p>Ob zuhause – etwa mit Balkonsolar – oder als Teil einer Genossenschaft: Wo Menschen ihre Energien erneuerbar selbst produzieren, werden sie wirtschaftlich unabhängiger und machen die Erfahrung von echter Selbstwirksamkeit. <em><strong>Erneuerbare Friedensenergien stärken die auch wirtschaftliche Selbstständigkeit und das demokratisch-lokale Erleben.</strong></em></p> <p>Dem stehen entgegen:</p> <p><strong>Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/62CF37A0-2747-42A4-A1C4-097570DA373A.png" rel="noopener" target="_blank">sieben Nachteile fossiler Gewaltenergien</a> </strong></p> <p><strong>1. Fossile Rohstoffe werden verbrannt &amp; verbraucht </strong></p> <p>Ob Erdöl, Erdgas, Kohle oder Uran – eine Neubildung würde Jahrmilionen erfordern.</p> <p><strong>2. Zentralistisch (Konzern-national)</strong></p> <p>Fossile Rohstoffe werden von riesigen Konzernen mit befristet Beschäftigten geschürft, verkauft und verbrannt, die sich entsprechende Verbündete (Lobbyisten) in den Parteien, Medien und auch Wissenschaften der Nationalstaaten einkaufen. Der föderale Aufbau erneuerbarer Energien in Regionen und Kommunen wird entsprechend bekämpft.</p> <p><strong>3. Teuer (Förderkosten steigen)</strong></p> <p>Während die Kosten für weitere Einheiten erneuerbarer Energien sinken, skalieren Förderkosten nach oben: Leichter zugängliche Fossilstätten werden ausgeschöpft, dann müssen schwerer zugängliche Fundstätten gefunden und ausgebeutet werden. Für das Öl wurde sogar schon im 21. Jahrhundert eine weltweite Förderspitze („Peak Oil“) erwartet. Fossile Kraftwerke werden heute fast nur noch durch Steuerzuschüsse und die bürokratische Unterdrückung erneuerbarer Alternativen „rentabel“. </p> <p><strong>4. Verknappbar (Fossile Kartelle)</strong></p> <p>Da fossile Rohstoffe nur an bestimmten Förderstätten zu schürfen sind, können sie aus finanziellen, politischen und militärischen Gründen verknappt werden. Einige Kartelle wie die Erdöl-OPEC bekunden das auch öffentlich.</p> <p><strong>5. Karbonblase droht (Enge der Zeit)</strong></p> <p>Durch den schnellen Ausbau der erneuerbaren Wohlstandsenergien und die säkulare Geburtenimplosion werden riesige Mengen fossiler Rohstoffe „ungenutzt“ im Boden verbleiben – die sogenannte <strong>Karbonblase. </strong>Um noch möglichst viel Profit daraus zu ziehen, bekämpfen Fossilisten daher auch post-fossile Technologien wie Elektroautos, Wärmepumpen und Batteriespeicher, oft auch mit Desinformation und Verschwörungsmythen.</p> <p><strong>6. Mitweltbelastend </strong></p> <p>Die Verbrennung fossiler Rohstoffe verursacht massive Verschmutzungen und gesteigerte Emissionen von Treibhausgasen wie CO2, die Kernspaltung von Uran auch atomare Gefahren und Sondermüll. Auch noch die lautesten Fossilisten wollen für sich selbst Wohnungen in angenehmem Klima und ohne atomare Endlager in der Nähe.</p> <p><strong>7. Ressourcenfluch-autoritär</strong></p> <p>Während erneuerbare Energien vielen und allen zugute kommen, konzentrieren sich fossile Profite und Macht in den Händen von wenigen. Die politikwissenschaftliche Rentierstaatstheorie und die volkswirtschaftliche Ressourcenfluch-Theorie zeigen auf, dass der Fossilismus Menschen und ganze Gesellschaften autoritär, feindselig-dualistisch und oft auch verschwörungsgläubig-antisemitisch verformt. <br></br><strong><br></br>FAZIT UND AUSBLICK</strong></p> <p><strong>Insgesamt ging der Fossilismus des 19. und 20. Jahrhunderts</strong> mit einem <em><strong>beispiellosen Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum</strong></em>, aber auch mit der zunehmenden <strong>Externalisierung fossiler Kosten sowie eskalierender Gewalt gegen Menschen und Mitwelt</strong> einher.</p> <p><br></br><strong>Am Beginn des 21. Jahrhunderts </strong>geriet der Fossilismus rechter, linker, libertärer und religiöser Dualisten ins Wanken: Die <strong>globale Erhitzung (Klimakrise) eskaliert zur Wasserkrise</strong>, die Zahl <strong>neugeborener Kinder nimmt weltweit bereits seit 2012 immer schneller ab („Peak Child“)</strong> und <strong>immer mehr <em>noch fossil geprägte Regionen auf der ganzen Welt verebben demografisch &amp; wirtschaftlich inmitten wütender Reaktanz und Rechtsmimesis</em></strong>. <p>Die Frage des 21. Jahrhunderts ist also, ob sich die Menschheit insgesamt aus dem Evolutions- und Entdeckubgsprozess verabschiedet, oder <em><strong>ob wenigstens einige energiedemokratische, freiheitlich-vielfältige und lebensbejahende Solarpunk-Arche-Regionen überleben</strong></em>. </p><p>Ich bin <span>da persönlich guter Dinge, denn: </span><em><strong>Niemand kann alles, aber alle können etwas verändern.</strong></em></p></p> <p>Fossilisten werden weiter haten, aber der Solarpunk wächst. Blume grüßt. 😌🙏🖖</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/F1nITBjZUAM?feature=oembed" title="Die Solarpunk-These: Fossile Gewaltenergien versus erneuerbare Friedensenergien." width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/7-vorteile-erneuerbarer-friedensenergien-7-nachteile-fossiler-gewaltenergien/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>38</slash:comments> </item> <item> <title>Die Neuropsychologie der Ostereiersuche https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-neuropsychologie-der-ostereiersuche/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-neuropsychologie-der-ostereiersuche/#respond Mon, 06 Apr 2026 13:46:25 +0000 Antonia Ceric https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5794 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/man-with-ginger-beard-wearing-colorful-clothes-bunny-ears-eyeglasses-scaled-e1775482557215-768x142.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-neuropsychologie-der-ostereiersuche/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/easter-eggs-1024x684.jpg" /><h1>Die Neuropsychologie der Ostereiersuche » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>Dieses Wochenende war Ostern. Für viele hieß das am Sonntag: raus in den Garten! Der Osterhase hat Eier versteckt! Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, die Kinder rennen direkt los. Doch wenig später stehen Sie schon vor einem Busch und starren auf ein hellblaues Schoko-Ei, das so offensichtlich dort platziert wurde, dass es fast schon schreit: „Hier bin ich! Hol mich endlich hier runter“ Und trotzdem haben sie drei Anläufe gebraucht, um es wirklich zu <em>sehen</em>. </p> <p>Wie kann das sein, denkst du dir. Ich hätte es sofort gesehen. Dass die Eltern länger brauchen, na gut. Die sind schließlich ein paar Jährchen älter. Aber mit Mitte 20 ist man doch noch fit genug, denkst du noch bevor du dich nach 20 Minuten geschlagen gibst, weil du dein eigenes Osternest einfach nicht finden kannst. Schau mal nach da! Und Opa zeigt in Richtung des alten Kirschbaums. Da steht es, direkt am Stamm.</p> <p>Man könnte meinen, nach Jahrtausenden der Evolution als Jäger und Sammler müssten wir Experten darin sein, Beeren im Gebüsch oder eben Eier im Rasen zu finden. Doch die moderne Neurowissenschaft zeigt: Suchen ist eine kognitive Hochleistung, bei der unser Gehirn ständig zwischen gnadenloser Effizienz und peinlicher Blindheit schwankt. Warum finden wir manche Dinge sofort und andere nie? Ein Blick in unseren Kopf hilft nicht nur für die nächste Ostereiersuche, sondern auch für die tägliche Suche nach dem Haustürschlüssel.</p> <h3><strong>Der „Pop-out-Effekt“: Warum Rot gewinnt</strong></h3> <p>Beginnen wir mit den Grundlagen. In den 1980er Jahren entwickelte die Psychologin Anne Treisman die sogenannte Merkmalsintegrationstheorie (Feature Integration Theory) [1]. Ihr Kern ist simpel, aber brillant: Unser Gehirn verarbeitet einfache Merkmale wie Farbe, Form oder Helligkeit parallel und automatisch.</p> <p>Stelle Dir ein rotes Ei auf einer perfekt grünen Wiese vor. Da die Farbe „Rot“ im grünen Kontext ein völlig isoliertes Merkmal ist, musst du gar nicht aktiv suchen. Das Ei springt dir förmlich ins Gesicht – der sogenannte Pop-out-Effekt. Dein Gehirn braucht dafür keine bewusste Aufmerksamkeit, es ist ein reflexartiges „Da!“.<aside></aside></p> <p>Schwierig wird es erst, wenn Merkmale kombiniert werden. Du suchst ein blau-gelb gestreiftes Ei in einem Beet mit blauen Kornblumen? Hier versagt der Pop-out-Effekt. Jetzt muss dein Gehirn die Merkmale (Farbe + Muster + Ort) aktiv verknüpfen. Das kostet Zeit und Energie. Wir gehen dann von der „parallelen“ zur „seriellen“ Suche über: Wir scannen das Bild Stück für Stück ab, wie mit einen Scheinwerferkegel in der Nacht.</p> <h3><strong>Die Suchmaske im Kopf: Das Guided Search Model</strong></h3> <p>Dass wir beim Suchen nicht völlig planlos vorgehen, zeigen uns Modelle wie das Guided Search Model von Jeremy Wolfe [2]. Unser Gehirn ist nämlich ein Meister der Vorhersage. Bevor wir den Blick über den Rasen schweifen lassen, erstellen wir im Kopf ein „Target Template“ – eine Art mentale Suchmaske.</p> <p>Sagen wir, du weißt: „Ich suche etwas Gelbes.“ Dein visuelles System regelt daraufhin intern die Intensität für alle gelben Reize hoch und dämpft alles andere (braune Erde, graue Steine) ab. Das ist extrem effizient, hat aber einen Haken: Wenn das Ei in Wahrheit hellgrün ist, filterst du es unter Umständen aktiv aus. Du bist dann buchstäblich blind für das Offensichtliche, weil es nicht in dein aktuelles Suchschema passt. Erfolgreiches Finden ist also oft eine Frage der richtigen Erwartungshaltung.</p> <h3><strong>Der Hippocampus: Warum Perspektivwechsel Wunder wirken</strong></h3> <p>In den letzten Jahren hat sich die Forschung verstärkt dem Zusammenspiel von Sehen und Raumgedächtnis gewidmet. Hier kommt der Hippocampus ins Spiel, jene Seepferdchen-förmige Struktur tief im Gehirn, die für unser Gedächtnis, aber auch räumliche Orientierung zuständig ist [3].</p> <p>Aktuelle Studien (etwa zum räumlichen Kontext) zeigen, dass unser Gehirn Objekte nicht einfach nur als isolierte Bilder speichert, sondern immer im Verhältnis zu ihrer Umgebung („neben der Regentonne“, „unter dem Farn“). Wir erstellen interne Karten unserer Umwelt.</p> <p>Unsere Suchleistung ist dabei oft an unseren Blickwinkel gebunden. Wenn wir ein Ei aus der stehenden Perspektive nicht finden, liegt das oft daran, dass unser Gehirn eine „unvollständige“ Karte des Geländes hat. Aktuelle neurophysiologische Erkenntnisse legen nahe, dass ein physischer Perspektivwechsel (zum Beispiel in die Hocke gehen oder das Beet von der anderen Seite betrachten) den Hippocampus dazu zwingt, den räumlichen Kontext neu zu berechnen [4]. Plötzlich werden Verdeckungen sichtbar und räumliche Beziehungen neu bewertet. Das Ei, das eben noch „unsichtbar“ war, tritt in das Bewusstsein.</p> <h3><strong>Fazit: Was wir für den Alltag lernen können</strong></h3> <p>Die Ostereiersuche ist eigentlich ein hervorragendes Training für unser Gehirn. Wenn du das nächste Mal verzweifelt deine Schlüssel suchst, denke an Treisman, Wolfe und deinen Hippocampus:</p> <ol start="1"> <li><strong>Reduziere Ablenkungen:</strong> Räume das Chaos auf dem Tisch beiseite. Weniger optisches Rauschen hilft der „Guided Search“.</li> <li><strong>Passe deine Suchmaske an:</strong> Überlege kurz! Suche ich wirklich nach dem silbernen Schlüssel oder klebt da nicht dieser neonfarbene Anhänger dran? Visualisiere das Zielobjekt präzise.</li> <li><strong>Ändere den Blickwinkel:</strong> Gehe buchstäblich einen Schritt zurück oder bücke dich. Ein neuer räumlicher Kontext kann die Blockade in deiner mentalen Raumkarte lösen.</li> </ol> <p>Ostern ist zwar vorbei, aber die nächste Suche kommt bestimmt. Und jetzt weißt du zumindest, warum dein Gehirn manchmal ein bisschen länger braucht, um das Blaue vom Grünen zu unterscheiden.</p> <p>Wenn du wissen möchtest, was passiert, wenn der Hippocampus fehlt, ist dieser Artikel etwas für dich: </p> <figure></figure> <h2>Quellen</h2> <p>[1] Treisman, A. M., &amp; Gelade, G. (1980). A feature-integration theory of attention. <em>Cognitive Psychology</em>, <em>12</em>(1), 97–136. <a href="https://doi.org/10.1016/0010-0285(80)90005-5" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/0010-0285(80)90005-5</a></p> <p>[2] Wolfe, J.M. Guided Search 6.0: An updated model of visual search. <em>Psychon Bull Rev</em> <strong>28</strong>, 1060–1092 (2021). <a href="https://doi.org/10.3758/s13423-020-01859-9" rel="noopener">https://doi.org/10.3758/s13423-020-01859-9</a></p> <p>[3] Chun, M. M., &amp; Jiang, Y. (1998). Contextual cueing: Implicit learning and memory of visual context guides spatial attention. <em>Cognitive Psychology</em>, <em>36</em>(1), 28–71. <a href="https://doi.org/10.1006/cogp.1998.0681" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1006/cogp.1998.0681</a></p> <p>[4] Nau, M., Julian, J. B. &amp; Doeller, C. F. (2018). How the Brain’s Navigation System Shapes Our Visual Experience. <em>Trends in Cognitive Sciences</em>, <em>22</em>(9), 810–825. <a href="https://doi.org/10.1016/j.tics.2018.06.008" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.tics.2018.06.008</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/easter-eggs-1024x684.jpg" /><h1>Die Neuropsychologie der Ostereiersuche » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>Dieses Wochenende war Ostern. Für viele hieß das am Sonntag: raus in den Garten! Der Osterhase hat Eier versteckt! Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, die Kinder rennen direkt los. Doch wenig später stehen Sie schon vor einem Busch und starren auf ein hellblaues Schoko-Ei, das so offensichtlich dort platziert wurde, dass es fast schon schreit: „Hier bin ich! Hol mich endlich hier runter“ Und trotzdem haben sie drei Anläufe gebraucht, um es wirklich zu <em>sehen</em>. </p> <p>Wie kann das sein, denkst du dir. Ich hätte es sofort gesehen. Dass die Eltern länger brauchen, na gut. Die sind schließlich ein paar Jährchen älter. Aber mit Mitte 20 ist man doch noch fit genug, denkst du noch bevor du dich nach 20 Minuten geschlagen gibst, weil du dein eigenes Osternest einfach nicht finden kannst. Schau mal nach da! Und Opa zeigt in Richtung des alten Kirschbaums. Da steht es, direkt am Stamm.</p> <p>Man könnte meinen, nach Jahrtausenden der Evolution als Jäger und Sammler müssten wir Experten darin sein, Beeren im Gebüsch oder eben Eier im Rasen zu finden. Doch die moderne Neurowissenschaft zeigt: Suchen ist eine kognitive Hochleistung, bei der unser Gehirn ständig zwischen gnadenloser Effizienz und peinlicher Blindheit schwankt. Warum finden wir manche Dinge sofort und andere nie? Ein Blick in unseren Kopf hilft nicht nur für die nächste Ostereiersuche, sondern auch für die tägliche Suche nach dem Haustürschlüssel.</p> <h3><strong>Der „Pop-out-Effekt“: Warum Rot gewinnt</strong></h3> <p>Beginnen wir mit den Grundlagen. In den 1980er Jahren entwickelte die Psychologin Anne Treisman die sogenannte Merkmalsintegrationstheorie (Feature Integration Theory) [1]. Ihr Kern ist simpel, aber brillant: Unser Gehirn verarbeitet einfache Merkmale wie Farbe, Form oder Helligkeit parallel und automatisch.</p> <p>Stelle Dir ein rotes Ei auf einer perfekt grünen Wiese vor. Da die Farbe „Rot“ im grünen Kontext ein völlig isoliertes Merkmal ist, musst du gar nicht aktiv suchen. Das Ei springt dir förmlich ins Gesicht – der sogenannte Pop-out-Effekt. Dein Gehirn braucht dafür keine bewusste Aufmerksamkeit, es ist ein reflexartiges „Da!“.<aside></aside></p> <p>Schwierig wird es erst, wenn Merkmale kombiniert werden. Du suchst ein blau-gelb gestreiftes Ei in einem Beet mit blauen Kornblumen? Hier versagt der Pop-out-Effekt. Jetzt muss dein Gehirn die Merkmale (Farbe + Muster + Ort) aktiv verknüpfen. Das kostet Zeit und Energie. Wir gehen dann von der „parallelen“ zur „seriellen“ Suche über: Wir scannen das Bild Stück für Stück ab, wie mit einen Scheinwerferkegel in der Nacht.</p> <h3><strong>Die Suchmaske im Kopf: Das Guided Search Model</strong></h3> <p>Dass wir beim Suchen nicht völlig planlos vorgehen, zeigen uns Modelle wie das Guided Search Model von Jeremy Wolfe [2]. Unser Gehirn ist nämlich ein Meister der Vorhersage. Bevor wir den Blick über den Rasen schweifen lassen, erstellen wir im Kopf ein „Target Template“ – eine Art mentale Suchmaske.</p> <p>Sagen wir, du weißt: „Ich suche etwas Gelbes.“ Dein visuelles System regelt daraufhin intern die Intensität für alle gelben Reize hoch und dämpft alles andere (braune Erde, graue Steine) ab. Das ist extrem effizient, hat aber einen Haken: Wenn das Ei in Wahrheit hellgrün ist, filterst du es unter Umständen aktiv aus. Du bist dann buchstäblich blind für das Offensichtliche, weil es nicht in dein aktuelles Suchschema passt. Erfolgreiches Finden ist also oft eine Frage der richtigen Erwartungshaltung.</p> <h3><strong>Der Hippocampus: Warum Perspektivwechsel Wunder wirken</strong></h3> <p>In den letzten Jahren hat sich die Forschung verstärkt dem Zusammenspiel von Sehen und Raumgedächtnis gewidmet. Hier kommt der Hippocampus ins Spiel, jene Seepferdchen-förmige Struktur tief im Gehirn, die für unser Gedächtnis, aber auch räumliche Orientierung zuständig ist [3].</p> <p>Aktuelle Studien (etwa zum räumlichen Kontext) zeigen, dass unser Gehirn Objekte nicht einfach nur als isolierte Bilder speichert, sondern immer im Verhältnis zu ihrer Umgebung („neben der Regentonne“, „unter dem Farn“). Wir erstellen interne Karten unserer Umwelt.</p> <p>Unsere Suchleistung ist dabei oft an unseren Blickwinkel gebunden. Wenn wir ein Ei aus der stehenden Perspektive nicht finden, liegt das oft daran, dass unser Gehirn eine „unvollständige“ Karte des Geländes hat. Aktuelle neurophysiologische Erkenntnisse legen nahe, dass ein physischer Perspektivwechsel (zum Beispiel in die Hocke gehen oder das Beet von der anderen Seite betrachten) den Hippocampus dazu zwingt, den räumlichen Kontext neu zu berechnen [4]. Plötzlich werden Verdeckungen sichtbar und räumliche Beziehungen neu bewertet. Das Ei, das eben noch „unsichtbar“ war, tritt in das Bewusstsein.</p> <h3><strong>Fazit: Was wir für den Alltag lernen können</strong></h3> <p>Die Ostereiersuche ist eigentlich ein hervorragendes Training für unser Gehirn. Wenn du das nächste Mal verzweifelt deine Schlüssel suchst, denke an Treisman, Wolfe und deinen Hippocampus:</p> <ol start="1"> <li><strong>Reduziere Ablenkungen:</strong> Räume das Chaos auf dem Tisch beiseite. Weniger optisches Rauschen hilft der „Guided Search“.</li> <li><strong>Passe deine Suchmaske an:</strong> Überlege kurz! Suche ich wirklich nach dem silbernen Schlüssel oder klebt da nicht dieser neonfarbene Anhänger dran? Visualisiere das Zielobjekt präzise.</li> <li><strong>Ändere den Blickwinkel:</strong> Gehe buchstäblich einen Schritt zurück oder bücke dich. Ein neuer räumlicher Kontext kann die Blockade in deiner mentalen Raumkarte lösen.</li> </ol> <p>Ostern ist zwar vorbei, aber die nächste Suche kommt bestimmt. Und jetzt weißt du zumindest, warum dein Gehirn manchmal ein bisschen länger braucht, um das Blaue vom Grünen zu unterscheiden.</p> <p>Wenn du wissen möchtest, was passiert, wenn der Hippocampus fehlt, ist dieser Artikel etwas für dich: </p> <figure></figure> <h2>Quellen</h2> <p>[1] Treisman, A. M., &amp; Gelade, G. (1980). A feature-integration theory of attention. <em>Cognitive Psychology</em>, <em>12</em>(1), 97–136. <a href="https://doi.org/10.1016/0010-0285(80)90005-5" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/0010-0285(80)90005-5</a></p> <p>[2] Wolfe, J.M. Guided Search 6.0: An updated model of visual search. <em>Psychon Bull Rev</em> <strong>28</strong>, 1060–1092 (2021). <a href="https://doi.org/10.3758/s13423-020-01859-9" rel="noopener">https://doi.org/10.3758/s13423-020-01859-9</a></p> <p>[3] Chun, M. M., &amp; Jiang, Y. (1998). Contextual cueing: Implicit learning and memory of visual context guides spatial attention. <em>Cognitive Psychology</em>, <em>36</em>(1), 28–71. <a href="https://doi.org/10.1006/cogp.1998.0681" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1006/cogp.1998.0681</a></p> <p>[4] Nau, M., Julian, J. B. &amp; Doeller, C. F. (2018). How the Brain’s Navigation System Shapes Our Visual Experience. <em>Trends in Cognitive Sciences</em>, <em>22</em>(9), 810–825. <a href="https://doi.org/10.1016/j.tics.2018.06.008" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.tics.2018.06.008</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-neuropsychologie-der-ostereiersuche/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Artemis II: Einmal Mond und zurück https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/artemis-ii/ https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/artemis-ii/#comments Sat, 04 Apr 2026 15:32:59 +0000 Michael Khan https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/?p=11130 https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/artemis2trajectory-768x739.png Die Flugbahn von Artemis II , Quelle: Michael Khan mit Daten von NASA via JPL Horizons https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/artemis-ii/ <h1>Artemis II: Einmal Mond und zurück » Go for Launch » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Khan</h2><div itemprop="text"> <p>Artemis II, die zweite Vorbereitungsmission für die erneute astronautische Mondlandung, startete am 2 April 2026: Das Raumschiff mit vier Menschen an Bord ist eine Orion-Raumkapsel auf einem European Service Module (ESM), das Startvehikel eine SLS Block 1. </p> <span id="more-11130"></span> <p>Ich habe mir zwar das <a href="https://www.nasa.gov/artemis-ii-press-kit/" rel="nofollow noopener" target="_blank" title="Link zum NASA Press Kit für Artemis II (PDF)">Press Kit</a> der NASA angeschaut, war aber von den dort jetzt ausschließlich verwendeten imperial units schnell genervt. Ohnehin ist der Informationsgehalt der NASA Press Kits zunehmend schlechter geworden. Weit entfernt von dem, was die früher herausgebracht haben. Dafür sind die Bildchen jetzt bunt. </p> <p>Zum Glück ist die ganze Trajektorie, aktuell und inklusive Zeitplan und technischen Daten, und zwar in metrischen Einheiten auf <a href="https://ssd.jpl.nasa.gov/horizons/app.html#/" rel="nofollow noopener" target="_blank" title="Link zur Webseite von JPL Horizons (NASA/JPL)">JPL Horizons</a> verfügbar. Die Trajektorie, projiziert auf ein inertiales Koordinatensystem, bei dem man direkt aus der Richtung des Erdnordpols draufschaut, ist in der folgenden Grafik gezeigt. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/artemis2trajectory.png" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="Die Flugbahn von Artemis II , Quelle: Michael Khan mit Daten von NASA via JPL Horizons" decoding="async" height="985" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/artemis2trajectory-1024x985.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/artemis2trajectory-1024x985.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/artemis2trajectory-300x289.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/artemis2trajectory-768x739.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/artemis2trajectory-1536x1478.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/artemis2trajectory.png 1980w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Die Flugbahn von Artemis II , Quelle: Michael Khan mit Daten von NASA via JPL Horizons</em></figcaption></figure> </div> <p>Wohlgemerkt, dies ist ein inertiales Koordinatensystem, nicht eine von diesen etwas verwirrenden Darstellungen, die sich mit dem Mond mitdrehen. Als erstes fällt der kleinere Bahnbogen auf (dort fehlt am Anfang leider ein Stückchen – eigentlich müsste das schon bei der Erde, nämlich am Start losgehen). Der Start erfolgte zunächst in eine elliptische Bahn mit einer Perigäumshöhe von etwa 60 km und einer Apogäumshöhe von etwa 76000 km. Die große Halbachse liegt bei 41550 km. Das ist etwas kleiner als der geostationäre Radius (42164 km), deswegen hat diese Bahn auch eine Umlaufperiode von unter 24 h.</p> <p>Warum diese Bahn? JPL Horizons gibt auch eine Massenbilanz der Nutzlast an: Startmasse von Orion mit Besatzung und Ausrüstung plus dem betankten ESM: 27000 kg. Davon entfallen 10400 kg auf Orion, etwa 1000 km auf den Zwischenadapter und 15500 kg auf das ESM; davon 6500 kg Leermasse und 9000 kg Treibstoff. Die SLS-Rakete in der Leistungsstufe Block 1 hat jedoch nur eine Nutzmassenkapazität von etwa 26 Tonnen zum Mond. Wahrscheinlich wäre es mit den 27 Tonnen also knapp geworden. Der Start in eine Bahn deutlich niedrigerer Energie löst das Problem. <aside></aside></p> <p>Außerdem bietet diese Anfangsbahn den Vorteil, dass die Raumfahrer nach knapp 24 Stunden wieder unten sind, wenn das ESM aus irgendeinem Grund nicht in Betrieb genommen werden kann. 12 Stunden nach dem Start wurde das Perigäum von dem anfangs sehr niedrigen Wert von etwa 60 km, also noch deutlich innerhalb der Atmosphäre, durch ein erstes Triebwerksmanöver auf 200 km angehoben. </p> <p>Beim folgenden Perigäumsdurchgang wurde das Haupttriebwerk des ESM für 6 Minuten gezündet und ein delta-v von 388 m/s verabreicht. Das hob die Große Halbachse der Bahn auf 230000 km an, sodass das Apogäum mit nun 450000 km etwas außerhalb der Mondbahn lag. Das ESM lieferte somit das nach, was der Anfangsbahn noch fehlte.  Ein weiterer Vorteil dieser Strategie ist die wahrscheinlich größere Präzision des Triebwerksmanövers, verglichen mit einer Raketenoberstufe. Das zuvor eingeplante Korrekturmanöver 2 Tage nach dem Start konnte deswegen entfallen. Der Flug zum Mond von diesem Punkt aus dauert ziemlich genau 4 Tage. </p> <p>Der Vorbeiflug am Mond ist für die Tage 4-6 der Mission geplant, mit der größten Annäherung am 6. April 2026 um 23:06 UTC. Laut der hinterlegten Trajektorie wäre der Minimalabstand über der Mondoberfläche 6588 km, also im unteren Bereich der im Press Kit genannten Spanne von 4000-6000 Meilen. Die Trajektorie ist vom Typ „Free Return“, das heißt: Es ist kein großes Manöver notwendig, um zur Erde zurückkehren. Die Veränderung der Bahn, sodass es in weiteren vier Tagen zurück zur Erde geht, erfolgt allein durch die Wirkung der Mondschwerkraft. Es sind nur kleine Navigationsmanöver erforderlich, um sicherzustellen, dass der Eintrittskorridor genau getroffen wird. </p> <h2><em>Die Bahn des Mondes</em></h2> <p>Der Mond umläuft die Erde auf einer leicht exzentrischen Bahn, deren Neigung bezüglich der Ekliptikebene etwa 5 Grad beträgt. Die Bahn wird erheblich durch die Anziehung durch die Sonne gestört. So durchläuft die Mondbahn eine Präzession mit einer Periode von 18.7 Jahren. Der Erdäquator ist bekanntlich um 23.5 Grad gegenüber der Ekliptik geneigt. Das bedeutet, dass die Neigung der  Mondbahn gegenüber dem Erdäquator zwischen 18.5 und 28.5 Grad variiert. </p> <p>Cape Canaveral wäre damit der ideale Startort für Mondmissionen. Das liegt bei einer geografischen Breite von 28.5 Grad Nord und hat ein freies Schussfeld über den Atlantik, was jederzeit die Durchführung von Mondmissionen erlaubt und die Planung ungemein erleichtert. Von Kourou aus hat man beispielsweise mit sehr viel mehr Einschränkungen zu kämpfen. Es ist deutlich komplizierter, mit einem solchen Startort die vielfältigen Anforderungen an eine Mondmission zu erfüllen, wie sich immer wieder bei den Studien zu diesem Thema gezeigt hat. </p> <p><em>Übrigens ist die obige Grafik etwas irreführend, weil man dort nicht sieht, dass die tatsächliche Mondposition wegen der Neigung der Mondbahn ganz erheblich außerhalb der Erdäquatorebene liegen kann – aktuell ist die Neigung der Mondbahn 28.3 Grad, also sehr nahe am Maximum. Am 7. April, bei der größten Annäherung, befindet sich der Mond deswegen ganze 185000 km südlich des Erdäquators!</em></p> <h2><em>Artemis II: Details der Bahn </em></h2> <p>In den folgenden Grafiken wird gezeigt, wie sich die Trajektorie während der Mission Artemis II entwickelt. Grundlage der Grafiken ist die auf JPL Horizons hinterlegte Bahn, also eine exakte, numerische Simulation. Zunächst einmal Apo- und Perigäum und der Verlauf des Bahnradius. Die massiven Schwankungen des Perigäums am 6. und 7. April sind der Tatsache geschuldet, dass das Raumschiff sich dann gerade in der Nähe des Mondes befindet, die Bahn also ganz erhebliche Drittkörperstörungen erfährt. Was da mit dem Perigäum zu passieren scheint, ist gar nicht so wichtig, da das Schiff  gerade den gegenüberliegenden Punkt der Bahn durchläuft.</p> <p>Man sieht auch, dass fast die ganze Mission ab Tag 2 bei einem Erdabstand von mehr als 100000 km stattfindet, also 100 Mal weiter, als je ein Mensch sich in den vergangenen 54 Jahren von der Erde entfernt hat. Es ist bei elliptischen Bahnen immer so, dass die Bahngeschwindigkeit umso niedriger ist, je größer der Bahnradius ist. Das Raumfahrzeug rauscht schnell durchs Perigäum, wird dann aber immer langsamer, um am Ende stark zu beschleunigen, wenn es sich wieder der Erde nähert. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarp.png" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="Radien der Bahn von Artemis II, Quelle: Michael Khan mit Daten von NASA via JPL Horizons" decoding="async" height="717" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarp-1024x717.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarp-1024x717.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarp-300x210.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarp-768x538.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarp.png 1500w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Radien der Bahn von Artemis II, Quelle: Michael Khan mit Daten von NASA via JPL Horizons</em></figcaption></figure> </div> <p>Der Vollständigkeit halber hier noch der Verlauf der Inklination. Die Spitze beim Mondvorbeiflug kann man ignorieren, aber am Ende ergibt sich eine erhebliche Änderung, von den anfänglichen 28.5 Grad zu rund 38 Grad auf dem Rückflug. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/incl.png"><img alt="Inklination der Bahn von Artemis II, Quelle: Michael Khan mit Daten von NASA via JPL Horizons" decoding="async" height="717" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/incl-1024x717.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/incl-1024x717.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/incl-300x210.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/incl-768x538.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/incl.png 1500w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Inklination der Bahn von Artemis II, Quelle: Michael Khan mit Daten von NASA via JPL Horizons</em></figcaption></figure> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Artemis II: Einmal Mond und zurück » Go for Launch » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Khan</h2><div itemprop="text"> <p>Artemis II, die zweite Vorbereitungsmission für die erneute astronautische Mondlandung, startete am 2 April 2026: Das Raumschiff mit vier Menschen an Bord ist eine Orion-Raumkapsel auf einem European Service Module (ESM), das Startvehikel eine SLS Block 1. </p> <span id="more-11130"></span> <p>Ich habe mir zwar das <a href="https://www.nasa.gov/artemis-ii-press-kit/" rel="nofollow noopener" target="_blank" title="Link zum NASA Press Kit für Artemis II (PDF)">Press Kit</a> der NASA angeschaut, war aber von den dort jetzt ausschließlich verwendeten imperial units schnell genervt. Ohnehin ist der Informationsgehalt der NASA Press Kits zunehmend schlechter geworden. Weit entfernt von dem, was die früher herausgebracht haben. Dafür sind die Bildchen jetzt bunt. </p> <p>Zum Glück ist die ganze Trajektorie, aktuell und inklusive Zeitplan und technischen Daten, und zwar in metrischen Einheiten auf <a href="https://ssd.jpl.nasa.gov/horizons/app.html#/" rel="nofollow noopener" target="_blank" title="Link zur Webseite von JPL Horizons (NASA/JPL)">JPL Horizons</a> verfügbar. Die Trajektorie, projiziert auf ein inertiales Koordinatensystem, bei dem man direkt aus der Richtung des Erdnordpols draufschaut, ist in der folgenden Grafik gezeigt. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/artemis2trajectory.png" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="Die Flugbahn von Artemis II , Quelle: Michael Khan mit Daten von NASA via JPL Horizons" decoding="async" height="985" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/artemis2trajectory-1024x985.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/artemis2trajectory-1024x985.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/artemis2trajectory-300x289.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/artemis2trajectory-768x739.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/artemis2trajectory-1536x1478.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/artemis2trajectory.png 1980w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Die Flugbahn von Artemis II , Quelle: Michael Khan mit Daten von NASA via JPL Horizons</em></figcaption></figure> </div> <p>Wohlgemerkt, dies ist ein inertiales Koordinatensystem, nicht eine von diesen etwas verwirrenden Darstellungen, die sich mit dem Mond mitdrehen. Als erstes fällt der kleinere Bahnbogen auf (dort fehlt am Anfang leider ein Stückchen – eigentlich müsste das schon bei der Erde, nämlich am Start losgehen). Der Start erfolgte zunächst in eine elliptische Bahn mit einer Perigäumshöhe von etwa 60 km und einer Apogäumshöhe von etwa 76000 km. Die große Halbachse liegt bei 41550 km. Das ist etwas kleiner als der geostationäre Radius (42164 km), deswegen hat diese Bahn auch eine Umlaufperiode von unter 24 h.</p> <p>Warum diese Bahn? JPL Horizons gibt auch eine Massenbilanz der Nutzlast an: Startmasse von Orion mit Besatzung und Ausrüstung plus dem betankten ESM: 27000 kg. Davon entfallen 10400 kg auf Orion, etwa 1000 km auf den Zwischenadapter und 15500 kg auf das ESM; davon 6500 kg Leermasse und 9000 kg Treibstoff. Die SLS-Rakete in der Leistungsstufe Block 1 hat jedoch nur eine Nutzmassenkapazität von etwa 26 Tonnen zum Mond. Wahrscheinlich wäre es mit den 27 Tonnen also knapp geworden. Der Start in eine Bahn deutlich niedrigerer Energie löst das Problem. <aside></aside></p> <p>Außerdem bietet diese Anfangsbahn den Vorteil, dass die Raumfahrer nach knapp 24 Stunden wieder unten sind, wenn das ESM aus irgendeinem Grund nicht in Betrieb genommen werden kann. 12 Stunden nach dem Start wurde das Perigäum von dem anfangs sehr niedrigen Wert von etwa 60 km, also noch deutlich innerhalb der Atmosphäre, durch ein erstes Triebwerksmanöver auf 200 km angehoben. </p> <p>Beim folgenden Perigäumsdurchgang wurde das Haupttriebwerk des ESM für 6 Minuten gezündet und ein delta-v von 388 m/s verabreicht. Das hob die Große Halbachse der Bahn auf 230000 km an, sodass das Apogäum mit nun 450000 km etwas außerhalb der Mondbahn lag. Das ESM lieferte somit das nach, was der Anfangsbahn noch fehlte.  Ein weiterer Vorteil dieser Strategie ist die wahrscheinlich größere Präzision des Triebwerksmanövers, verglichen mit einer Raketenoberstufe. Das zuvor eingeplante Korrekturmanöver 2 Tage nach dem Start konnte deswegen entfallen. Der Flug zum Mond von diesem Punkt aus dauert ziemlich genau 4 Tage. </p> <p>Der Vorbeiflug am Mond ist für die Tage 4-6 der Mission geplant, mit der größten Annäherung am 6. April 2026 um 23:06 UTC. Laut der hinterlegten Trajektorie wäre der Minimalabstand über der Mondoberfläche 6588 km, also im unteren Bereich der im Press Kit genannten Spanne von 4000-6000 Meilen. Die Trajektorie ist vom Typ „Free Return“, das heißt: Es ist kein großes Manöver notwendig, um zur Erde zurückkehren. Die Veränderung der Bahn, sodass es in weiteren vier Tagen zurück zur Erde geht, erfolgt allein durch die Wirkung der Mondschwerkraft. Es sind nur kleine Navigationsmanöver erforderlich, um sicherzustellen, dass der Eintrittskorridor genau getroffen wird. </p> <h2><em>Die Bahn des Mondes</em></h2> <p>Der Mond umläuft die Erde auf einer leicht exzentrischen Bahn, deren Neigung bezüglich der Ekliptikebene etwa 5 Grad beträgt. Die Bahn wird erheblich durch die Anziehung durch die Sonne gestört. So durchläuft die Mondbahn eine Präzession mit einer Periode von 18.7 Jahren. Der Erdäquator ist bekanntlich um 23.5 Grad gegenüber der Ekliptik geneigt. Das bedeutet, dass die Neigung der  Mondbahn gegenüber dem Erdäquator zwischen 18.5 und 28.5 Grad variiert. </p> <p>Cape Canaveral wäre damit der ideale Startort für Mondmissionen. Das liegt bei einer geografischen Breite von 28.5 Grad Nord und hat ein freies Schussfeld über den Atlantik, was jederzeit die Durchführung von Mondmissionen erlaubt und die Planung ungemein erleichtert. Von Kourou aus hat man beispielsweise mit sehr viel mehr Einschränkungen zu kämpfen. Es ist deutlich komplizierter, mit einem solchen Startort die vielfältigen Anforderungen an eine Mondmission zu erfüllen, wie sich immer wieder bei den Studien zu diesem Thema gezeigt hat. </p> <p><em>Übrigens ist die obige Grafik etwas irreführend, weil man dort nicht sieht, dass die tatsächliche Mondposition wegen der Neigung der Mondbahn ganz erheblich außerhalb der Erdäquatorebene liegen kann – aktuell ist die Neigung der Mondbahn 28.3 Grad, also sehr nahe am Maximum. Am 7. April, bei der größten Annäherung, befindet sich der Mond deswegen ganze 185000 km südlich des Erdäquators!</em></p> <h2><em>Artemis II: Details der Bahn </em></h2> <p>In den folgenden Grafiken wird gezeigt, wie sich die Trajektorie während der Mission Artemis II entwickelt. Grundlage der Grafiken ist die auf JPL Horizons hinterlegte Bahn, also eine exakte, numerische Simulation. Zunächst einmal Apo- und Perigäum und der Verlauf des Bahnradius. Die massiven Schwankungen des Perigäums am 6. und 7. April sind der Tatsache geschuldet, dass das Raumschiff sich dann gerade in der Nähe des Mondes befindet, die Bahn also ganz erhebliche Drittkörperstörungen erfährt. Was da mit dem Perigäum zu passieren scheint, ist gar nicht so wichtig, da das Schiff  gerade den gegenüberliegenden Punkt der Bahn durchläuft.</p> <p>Man sieht auch, dass fast die ganze Mission ab Tag 2 bei einem Erdabstand von mehr als 100000 km stattfindet, also 100 Mal weiter, als je ein Mensch sich in den vergangenen 54 Jahren von der Erde entfernt hat. Es ist bei elliptischen Bahnen immer so, dass die Bahngeschwindigkeit umso niedriger ist, je größer der Bahnradius ist. Das Raumfahrzeug rauscht schnell durchs Perigäum, wird dann aber immer langsamer, um am Ende stark zu beschleunigen, wenn es sich wieder der Erde nähert. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarp.png" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="Radien der Bahn von Artemis II, Quelle: Michael Khan mit Daten von NASA via JPL Horizons" decoding="async" height="717" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarp-1024x717.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarp-1024x717.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarp-300x210.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarp-768x538.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarp.png 1500w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Radien der Bahn von Artemis II, Quelle: Michael Khan mit Daten von NASA via JPL Horizons</em></figcaption></figure> </div> <p>Der Vollständigkeit halber hier noch der Verlauf der Inklination. Die Spitze beim Mondvorbeiflug kann man ignorieren, aber am Ende ergibt sich eine erhebliche Änderung, von den anfänglichen 28.5 Grad zu rund 38 Grad auf dem Rückflug. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/incl.png"><img alt="Inklination der Bahn von Artemis II, Quelle: Michael Khan mit Daten von NASA via JPL Horizons" decoding="async" height="717" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/incl-1024x717.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/incl-1024x717.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/incl-300x210.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/incl-768x538.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/incl.png 1500w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Inklination der Bahn von Artemis II, Quelle: Michael Khan mit Daten von NASA via JPL Horizons</em></figcaption></figure> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/artemis-ii/#comments 22 Kopfball – Nervenzellen ins Aus? https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/kopfball-nervenzellen-ins-aus/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/kopfball-nervenzellen-ins-aus/#comments Fri, 03 Apr 2026 13:55:56 +0000 Corinna Kuhn https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5775 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/pexels-535150482-16508988-scaled-e1775222235361-768x269.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/kopfball-nervenzellen-ins-aus/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/pexels-535150482-16508988-scaled-e1775222235361-1024x358.jpg" /><h1>Kopfball – Nervenzellen ins Aus? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Corinna Kuhn</h2><div itemprop="text"> <p>Fußball ist bekanntlich der gefährlichste Sport – schließlich wird geschossen und geköpft! Was als augenzwinkernder Spruch gemeint ist, offenbart eine unausgesprochene Wahrheit über Deutschlands Nationalsport: Einen spektakulären Kopfball belohnt das Publikum im Stadion mit brausendem Jubel und ignoriert dabei mögliche gesundheitliche Schäden für die Spieler. Bist du auch fußballbegeistert und verpasst kein einziges Spiel deines Lieblingsvereins? Oder kickst du selber leidenschaftlich gerne?</p> <p><br></br>Dann erfährst du jetzt, ob Kopfbälle beim Fußball tatsächlich gefährlich für das Gehirn sind.</p> <h3>Die Schutzhülle ums Gehirn</h3> <p>Als lebenswichtiges Organ ist das Gehirn gut geschützt von den Hirnhäuten umgeben. Diese dienen – neben der Versorgung mit Blutgefäßen und Nerven – der festen Aufhängung des Gehirns an den knöchernen Strukturen des Schädels und der Wirbelsäule. Zudem begrenzen die Hirnhäute den Liquorraum, dessen stoßdämpfende Flüssigkeitsschicht aus Nervenwasser (dem Liquor cerebrospinalis) das Gehirn vor Erschütterung schützt. Diese ausgeklügelte Konstruktion ist von der knöchernen Schädelkalotte umgeben und somit stabil verpackt. Trotz all der anatomischen Schutzmaßnahmen für das empfindliche Gehirn kann man durch einen Schlag auf den Kopf bewusstlos werden. </p> <p>Dabei ist der Verlust des Bewusstseins ein deutliches Zeichen von massiver Gewalteinwirkung auf das Gehirn, aber wie sieht das mit Stößen von geringerem Ausmaß wie beim Kopfball aus? Welche Auswirkungen haben regelmäßige Wiederholungen auf das Gehirn? Bei Fußballprofis sind das immerhin 6 bis 12 Kopfbälle pro Spiel und viele weitere im Training <sup>1</sup>.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-43.png"><img alt="" decoding="async" height="572" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-43-1024x572.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-43-1024x572.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-43-300x168.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-43-768x429.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-43.png 1205w" width="1024"></img></a></figure> <p>Abb. 1: Das Gehirn ist von vielen Schichten umgeben, die es schützen und versorgen, hier: schematische Darstellung erstellt mit conceptviz.app<aside></aside></p> <h3>Experimente mit Fußballern </h3> <p>Neugierige Forschungsgruppen haben sich diese Fragen auch gestellt. Für die Beantwortung führten Wissenschaftler Experimente mit Fußballspielern vor und nach mehreren Kopfbällen durch. Dafür machten freiwillige Hobby-Fußballer und Fußballerinnen in einer Studie gezielt 20 Kopfbälle. Davor und bis zu zwei Wochen danach legten sie Tests zu ihrer kognitiven Funktion, der Erregbarkeit ihres Nervensystems mittels Transkranieller Magnetstimulation (TMS) und ihrer Gleichgewichtsfähigkeiten ab. <br></br>(Von eigenen Nachahmungen dieses Experiments wird hier dringend abgeraten!).<br></br>Tatsächlich zeigen die Ergebnisse dieser Studie, dass durch die Kopfbälle direkt deutlich messbare Veränderungen der Gehirnfunktionen bewirkt wurden. Konkret schnitten die Fußballer nach den Kopfbällen in Tests des Kurz- und Langzeitgedächtnisses schlechter ab. Zusätzlich zeigten die Untersuchungen mit TMS eine gesteigerte kortikale Inhibition (Hemmung durch die Zellen der Hirnrinde), die sich in einer verlängerten Zeitdauer ausdrückte, bis ein durch TMS ausgelöstes Signal am Kopf als elektrophysiologische Änderung im Oberschenkel gemessen werden konnte. Die Forschungsgruppe stellte fest, dass die Sportler nach 24 Stunden wieder normalisierte Werte zeigten und damit diese einmalige Kopfballübung glücklicherweise nur zu vorübergehenden elektrophysiologischen und kognitiven Veränderungen führte <sup>2</sup>.</p> <p>Andere Studien zeigten hingegen gar keine kognitiven Beeinträchtigungen direkt nach dem Kopfball <sup>3</sup>. </p> <p>Also sind Kopfbälle doch völlig ungefährlich? Schwierig zu beantworten, sagen die Neurowissenschaftler. Viele der vorliegenden Studien sind nicht aussagekräftig genug gestaltet. So handelte es sich beispielsweise um Befragung über in der Vergangenheit gelegene Kopfbälle, es war nur eine sehr kleine Teilnehmerzahl mit ausschließlich jungen Spielern involviert oder es gab keine Kontrollgruppe ohne Kopfbälle. Zudem verwendeten verschiedene Studien unterschiedliche Testverfahren und Definitionen von Kopfballexposition, was Vergleiche erschwert.</p> <p>Eine Studie aus München verglich deshalb eine Gruppe junger Fußballer mit einer Gruppe anderer Sportler über eine Saison mit Tests zur Reaktionszeit. Im Vergleich der beiden Gruppen vor und direkt nach jeder Trainingseinheit verbesserten sich ihre Reaktionszeiten gleichermaßen im Test. Allerdings reagierten die Sportler der Kontrollgruppe zur kognitiven Funktion über den Beobachtungszeitraum immer schneller, wohingegen bei den Fußballspielern keine Verbesserung der Reaktionszeit festgestellt wurde. Die Wissenschaftler argumentieren, dass die kognitiven Fähigkeiten sich in der Pubertät verbessern, aber diese Verbesserung bei häufigen Kopfbällen ausbleiben könnte. <br></br>Besonders auffällig: Je mehr lange Kopfbälle die Spieler ausführten, desto geringer war die Verbesserung <sup>4</sup>.</p> <h3>Langzeitwirkungen von Kopfbällen </h3> <p>Es stellt sich nun die Frage, wie sich eine dauerhafte Kopfballbelastung in einer Fußballkarriere über Jahre oder gar Jahrzehnte auf die Gehirngesundheit auswirkt. Deshalb befragte eine andere Forschungsgruppe professionelle Fußballer in Rente zu ihrer Anzahl an Kopfbällen pro Training oder Turnier und führte telefonisch kognitive Tests mit ehemaligen Fußballspielern durch. Sie stellten eine dosisabhängige Assoziation zwischen wiederholten Kopfbällen und eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten im Alter fest: Spieler mit mehr als 15 Kopfbällen pro Spiel hatten ein mehr als dreifach erhöhtes Risiko für kognitive Beeinträchtigungen <sup>5</sup>.</p> <p>Des Weiteren sind sogar Fälle chronisch traumatischer Enzephalopathie (CTE) bei ehemaligen, professionellen Fußballspielern diagnostiziert. Dabei handelt es sich um eine fortschreitende, neurodegenerative Erkrankung (das heißt, Nervenzellen werden geschädigt und gehen zugrunde), die zuerst bei ehemaligen Boxern beschrieben wurde und durch repetitive Traumata des Kopfs verursacht wird. Patienten mit CTE präsentieren Veränderungen in ihrer Kognition, ihrem Verhalten und Gedächtnis, mit Manifestationen als Depression oder aggressivem Verhalten. Es können selten auch Auffälligkeiten in ihrer exekutiven Funktion und Bewegungen auftreten. </p> <p>Warum die konkrete Anzahl an CTE-Fällen unter ehemaligen, professionellen Fußballspielern nicht gesichert ist, lässt sich unter anderem durch die Schwierigkeit erklären, dass diese Erkrankung eindeutig nur neuropathologisch bei einer Obduktion nach dem Tod diagnostiziert werden kann. Als Diagnosekriterium gilt die Ansammlung von phosphoryliertem Tau-Protein in Nervenzellen und Gliazellen um Gefäße in den Sulci (also den Furchen) des Gehirns.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-42.png"><img alt="" decoding="async" height="455" sizes="(max-width: 784px) 100vw, 784px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-42.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-42.png 784w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-42-300x174.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-42-768x446.png 768w" width="784"></img></a></figure> <p>Abb. 2: Vergleich eines normalen Gehirns und eines Gehirns mit weit fortgeschrittener chronisch traumatischer Enzephalopathie. Zu sehen sind eine deutliche Verkümmerung der Hirnrinde, Volumenabnahme des Hirngewebes und Erweiterung der Ventrikel.</p> <p>Bei noch lebenden Patienten können neuroradiologische Veränderungen des Gehirns, wie eine kortikale Ausdünnung und Atrophie, auf CTE hinweisen <sup>1</sup>. Tatsächlich stellte eine Forschungsgruppe fest, dass ehemalige professionelle männliche Fußballspieler eine stärkere kortikale Ausdünnung in MRT-Untersuchungen aufweisen als Sportler, die keine Kontakt-Sportarten betrieben. Dieses Untersuchungsergebnis bringen die Wissenschaftler mit den wiederholten Erschütterungen durch Kopfbälle in Zusammenhang <sup>6</sup>. Allerdings fand eine Studie an ehemaligen weiblichen Fußballerinnen keine kortikale Ausdünnung, was auf mögliche geschlechtsspezifische Unterschiede hinweist und weitere Forschung erfordert <sup>7</sup>.</p> <h3>Fußball von nun an lieber mit Helm?</h3> <p>So leicht lässt sich also die Frage mit dem Kopfball gar nicht beantworten. Viele Studien sind nicht geeignet, um direkt zu zeigen, dass Kopfbälle zu Schädigung des Gehirns führen. Oft wird zwar ein Zusammenhang gezeigt, aber das beweist noch lange nicht die Ursache (Korrelation vs. Kausalität – ein altbekanntes Problem in der Statistik).</p> <p>In der Zusammenschau der Studienergebnisse lässt sich aber doch das Fazit ziehen, dass regelmäßige Kopfbälle wahrscheinlich die Gehirngesundheit negativ beeinflussen. Sollten deshalb Kopfbälle auf dem Platz verboten werden? Darüber werden seit einigen Jahren hitzige Diskussionen geführt. Insbesondere im Kinder- und Jugend-Fußball empfiehlt der Deutsche Fußball-Bund (DFB) Vorsichtsmaßnahmen, ein klares Verbot wird dabei allerdings nicht ausgesprochen <sup>8</sup>. Ehrlicherweise birgt beim Fußball nicht der Ball, sondern die anderen Spieler die größte Gefahr, so werden deutlich mehr Gehirnerschütterungen durch Zusammenstöße verursacht <sup>9</sup>. <br></br>Vielleicht sollten wir deshalb besser beginnen Helme beim Spiel zu tragen?</p> <h4>Bildquellen:</h4> <p>Titelbild: <a href="https://www.pexels.com/photo/two-man-jumping-to-hit-the-ball-with-their-heads-16508988/" rel="noopener">https://www.pexels.com/photo/two-man-jumping-to-hit-the-ball-with-their-heads-16508988/</a></p> <p>Abb. 2: Boston University Center for the Study of Traumatic Encephalopathy, Image of chronic traumatic encephalopathy, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0 17 October 2014, <a href="http://www-tc.pbs.org/wgbh/pages/frontline/art/progs/concussions-cte/h.png" rel="noopener">https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Chronic_Traumatic_Encephalopathy.png#</a></p> <h4>Quellen:</h4> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?dzW9A6" rel="noopener">1. </a><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38558150/" rel="noopener">Pensato, U. &amp; Cortelli, P. Soccer (football) and brain health. <em>J Neurol </em><strong>271</strong>, 3019–3029 (2024)</a><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?dzW9A6" rel="noopener">. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?dzW9A6" rel="noopener">2. </a><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27789273/" rel="noopener">Di Virgilio, T. G. <em>et al.</em> Evidence for Acute Electrophysiological and Cognitive Changes Following Routine Soccer Heading. <em>EBioMedicine </em><strong>13</strong>, 66–71 (2016)</a><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?dzW9A6" rel="noopener">. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?dzW9A6" rel="noopener">3. </a><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34129222/" rel="noopener">McCunn, R., Beaudouin, F., Stewart, K., Meyer, T. &amp; MacLean, J. Heading in Football: Incidence, Biomechanical Characteristics and the Association with Acute Cognitive Function—A Three-Part Systematic Review. <em>Sports Med </em><strong>51</strong>, 2147–2163 (2021)</a><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?dzW9A6" rel="noopener">. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?dzW9A6" rel="noopener">4. </a><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28381107/" rel="noopener">Koerte, I. K. <em>et al.</em> Impaired Cognitive Performance in Youth Athletes Exposed to Repetitive Head Impacts. <em>J Neurotrauma </em><strong>34</strong>, 2389–2395 (2017)</a><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?dzW9A6" rel="noopener">. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?dzW9A6" rel="noopener">5. </a><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37459095/" rel="noopener">Espahbodi, S. <em>et al.</em> Heading Frequency and Risk of Cognitive Impairment in Retired Male Professional Soccer Players. <em>JAMA Netw Open </em><strong>6</strong>, e2323822 (2023)</a><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?dzW9A6" rel="noopener">. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?dzW9A6" rel="noopener">6. </a><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26286826/" rel="noopener">Koerte, I. K. <em>et al.</em> Cortical thinning in former professional soccer players. <em>Brain Imaging Behav </em><strong>10</strong>, 792–798 (2016)</a><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?dzW9A6" rel="noopener">. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?dzW9A6" rel="noopener">7. </a><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36746873/" rel="noopener">Haase, F. K. <em>et al.</em> Cortical thickness and neurocognitive performance in former high-level female soccer and non-contact sport athletes. <em>Scand J Med Sci Sports </em><strong>33</strong>, 921–930 (2023)</a><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?dzW9A6" rel="noopener">. </a></p> <p><a href="https://www.dfb.de/content/kopfballspiel" rel="noopener">8. Kopfball: Alle Infos, Tipps &amp; Trainingsübungen. https://www.dfb.de/content/kopfballspiel. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?dzW9A6" rel="noopener">9. </a><a href="https://publications.aap.org/pediatrics/article/144/5/e20192759/38190/Soccer-Injuries-in-Children-and-Adolescents?autologincheck=redirected" rel="noopener">Watson, A. <em>et al.</em> Soccer Injuries in Children and Adolescents. <em>Pediatrics </em><strong>144</strong>, e20192759 (2019)</a><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?dzW9A6" rel="noopener">.</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/pexels-535150482-16508988-scaled-e1775222235361-1024x358.jpg" /><h1>Kopfball – Nervenzellen ins Aus? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Corinna Kuhn</h2><div itemprop="text"> <p>Fußball ist bekanntlich der gefährlichste Sport – schließlich wird geschossen und geköpft! Was als augenzwinkernder Spruch gemeint ist, offenbart eine unausgesprochene Wahrheit über Deutschlands Nationalsport: Einen spektakulären Kopfball belohnt das Publikum im Stadion mit brausendem Jubel und ignoriert dabei mögliche gesundheitliche Schäden für die Spieler. Bist du auch fußballbegeistert und verpasst kein einziges Spiel deines Lieblingsvereins? Oder kickst du selber leidenschaftlich gerne?</p> <p><br></br>Dann erfährst du jetzt, ob Kopfbälle beim Fußball tatsächlich gefährlich für das Gehirn sind.</p> <h3>Die Schutzhülle ums Gehirn</h3> <p>Als lebenswichtiges Organ ist das Gehirn gut geschützt von den Hirnhäuten umgeben. Diese dienen – neben der Versorgung mit Blutgefäßen und Nerven – der festen Aufhängung des Gehirns an den knöchernen Strukturen des Schädels und der Wirbelsäule. Zudem begrenzen die Hirnhäute den Liquorraum, dessen stoßdämpfende Flüssigkeitsschicht aus Nervenwasser (dem Liquor cerebrospinalis) das Gehirn vor Erschütterung schützt. Diese ausgeklügelte Konstruktion ist von der knöchernen Schädelkalotte umgeben und somit stabil verpackt. Trotz all der anatomischen Schutzmaßnahmen für das empfindliche Gehirn kann man durch einen Schlag auf den Kopf bewusstlos werden. </p> <p>Dabei ist der Verlust des Bewusstseins ein deutliches Zeichen von massiver Gewalteinwirkung auf das Gehirn, aber wie sieht das mit Stößen von geringerem Ausmaß wie beim Kopfball aus? Welche Auswirkungen haben regelmäßige Wiederholungen auf das Gehirn? Bei Fußballprofis sind das immerhin 6 bis 12 Kopfbälle pro Spiel und viele weitere im Training <sup>1</sup>.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-43.png"><img alt="" decoding="async" height="572" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-43-1024x572.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-43-1024x572.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-43-300x168.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-43-768x429.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-43.png 1205w" width="1024"></img></a></figure> <p>Abb. 1: Das Gehirn ist von vielen Schichten umgeben, die es schützen und versorgen, hier: schematische Darstellung erstellt mit conceptviz.app<aside></aside></p> <h3>Experimente mit Fußballern </h3> <p>Neugierige Forschungsgruppen haben sich diese Fragen auch gestellt. Für die Beantwortung führten Wissenschaftler Experimente mit Fußballspielern vor und nach mehreren Kopfbällen durch. Dafür machten freiwillige Hobby-Fußballer und Fußballerinnen in einer Studie gezielt 20 Kopfbälle. Davor und bis zu zwei Wochen danach legten sie Tests zu ihrer kognitiven Funktion, der Erregbarkeit ihres Nervensystems mittels Transkranieller Magnetstimulation (TMS) und ihrer Gleichgewichtsfähigkeiten ab. <br></br>(Von eigenen Nachahmungen dieses Experiments wird hier dringend abgeraten!).<br></br>Tatsächlich zeigen die Ergebnisse dieser Studie, dass durch die Kopfbälle direkt deutlich messbare Veränderungen der Gehirnfunktionen bewirkt wurden. Konkret schnitten die Fußballer nach den Kopfbällen in Tests des Kurz- und Langzeitgedächtnisses schlechter ab. Zusätzlich zeigten die Untersuchungen mit TMS eine gesteigerte kortikale Inhibition (Hemmung durch die Zellen der Hirnrinde), die sich in einer verlängerten Zeitdauer ausdrückte, bis ein durch TMS ausgelöstes Signal am Kopf als elektrophysiologische Änderung im Oberschenkel gemessen werden konnte. Die Forschungsgruppe stellte fest, dass die Sportler nach 24 Stunden wieder normalisierte Werte zeigten und damit diese einmalige Kopfballübung glücklicherweise nur zu vorübergehenden elektrophysiologischen und kognitiven Veränderungen führte <sup>2</sup>.</p> <p>Andere Studien zeigten hingegen gar keine kognitiven Beeinträchtigungen direkt nach dem Kopfball <sup>3</sup>. </p> <p>Also sind Kopfbälle doch völlig ungefährlich? Schwierig zu beantworten, sagen die Neurowissenschaftler. Viele der vorliegenden Studien sind nicht aussagekräftig genug gestaltet. So handelte es sich beispielsweise um Befragung über in der Vergangenheit gelegene Kopfbälle, es war nur eine sehr kleine Teilnehmerzahl mit ausschließlich jungen Spielern involviert oder es gab keine Kontrollgruppe ohne Kopfbälle. Zudem verwendeten verschiedene Studien unterschiedliche Testverfahren und Definitionen von Kopfballexposition, was Vergleiche erschwert.</p> <p>Eine Studie aus München verglich deshalb eine Gruppe junger Fußballer mit einer Gruppe anderer Sportler über eine Saison mit Tests zur Reaktionszeit. Im Vergleich der beiden Gruppen vor und direkt nach jeder Trainingseinheit verbesserten sich ihre Reaktionszeiten gleichermaßen im Test. Allerdings reagierten die Sportler der Kontrollgruppe zur kognitiven Funktion über den Beobachtungszeitraum immer schneller, wohingegen bei den Fußballspielern keine Verbesserung der Reaktionszeit festgestellt wurde. Die Wissenschaftler argumentieren, dass die kognitiven Fähigkeiten sich in der Pubertät verbessern, aber diese Verbesserung bei häufigen Kopfbällen ausbleiben könnte. <br></br>Besonders auffällig: Je mehr lange Kopfbälle die Spieler ausführten, desto geringer war die Verbesserung <sup>4</sup>.</p> <h3>Langzeitwirkungen von Kopfbällen </h3> <p>Es stellt sich nun die Frage, wie sich eine dauerhafte Kopfballbelastung in einer Fußballkarriere über Jahre oder gar Jahrzehnte auf die Gehirngesundheit auswirkt. Deshalb befragte eine andere Forschungsgruppe professionelle Fußballer in Rente zu ihrer Anzahl an Kopfbällen pro Training oder Turnier und führte telefonisch kognitive Tests mit ehemaligen Fußballspielern durch. Sie stellten eine dosisabhängige Assoziation zwischen wiederholten Kopfbällen und eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten im Alter fest: Spieler mit mehr als 15 Kopfbällen pro Spiel hatten ein mehr als dreifach erhöhtes Risiko für kognitive Beeinträchtigungen <sup>5</sup>.</p> <p>Des Weiteren sind sogar Fälle chronisch traumatischer Enzephalopathie (CTE) bei ehemaligen, professionellen Fußballspielern diagnostiziert. Dabei handelt es sich um eine fortschreitende, neurodegenerative Erkrankung (das heißt, Nervenzellen werden geschädigt und gehen zugrunde), die zuerst bei ehemaligen Boxern beschrieben wurde und durch repetitive Traumata des Kopfs verursacht wird. Patienten mit CTE präsentieren Veränderungen in ihrer Kognition, ihrem Verhalten und Gedächtnis, mit Manifestationen als Depression oder aggressivem Verhalten. Es können selten auch Auffälligkeiten in ihrer exekutiven Funktion und Bewegungen auftreten. </p> <p>Warum die konkrete Anzahl an CTE-Fällen unter ehemaligen, professionellen Fußballspielern nicht gesichert ist, lässt sich unter anderem durch die Schwierigkeit erklären, dass diese Erkrankung eindeutig nur neuropathologisch bei einer Obduktion nach dem Tod diagnostiziert werden kann. Als Diagnosekriterium gilt die Ansammlung von phosphoryliertem Tau-Protein in Nervenzellen und Gliazellen um Gefäße in den Sulci (also den Furchen) des Gehirns.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-42.png"><img alt="" decoding="async" height="455" sizes="(max-width: 784px) 100vw, 784px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-42.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-42.png 784w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-42-300x174.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-42-768x446.png 768w" width="784"></img></a></figure> <p>Abb. 2: Vergleich eines normalen Gehirns und eines Gehirns mit weit fortgeschrittener chronisch traumatischer Enzephalopathie. Zu sehen sind eine deutliche Verkümmerung der Hirnrinde, Volumenabnahme des Hirngewebes und Erweiterung der Ventrikel.</p> <p>Bei noch lebenden Patienten können neuroradiologische Veränderungen des Gehirns, wie eine kortikale Ausdünnung und Atrophie, auf CTE hinweisen <sup>1</sup>. Tatsächlich stellte eine Forschungsgruppe fest, dass ehemalige professionelle männliche Fußballspieler eine stärkere kortikale Ausdünnung in MRT-Untersuchungen aufweisen als Sportler, die keine Kontakt-Sportarten betrieben. Dieses Untersuchungsergebnis bringen die Wissenschaftler mit den wiederholten Erschütterungen durch Kopfbälle in Zusammenhang <sup>6</sup>. Allerdings fand eine Studie an ehemaligen weiblichen Fußballerinnen keine kortikale Ausdünnung, was auf mögliche geschlechtsspezifische Unterschiede hinweist und weitere Forschung erfordert <sup>7</sup>.</p> <h3>Fußball von nun an lieber mit Helm?</h3> <p>So leicht lässt sich also die Frage mit dem Kopfball gar nicht beantworten. Viele Studien sind nicht geeignet, um direkt zu zeigen, dass Kopfbälle zu Schädigung des Gehirns führen. Oft wird zwar ein Zusammenhang gezeigt, aber das beweist noch lange nicht die Ursache (Korrelation vs. Kausalität – ein altbekanntes Problem in der Statistik).</p> <p>In der Zusammenschau der Studienergebnisse lässt sich aber doch das Fazit ziehen, dass regelmäßige Kopfbälle wahrscheinlich die Gehirngesundheit negativ beeinflussen. Sollten deshalb Kopfbälle auf dem Platz verboten werden? Darüber werden seit einigen Jahren hitzige Diskussionen geführt. Insbesondere im Kinder- und Jugend-Fußball empfiehlt der Deutsche Fußball-Bund (DFB) Vorsichtsmaßnahmen, ein klares Verbot wird dabei allerdings nicht ausgesprochen <sup>8</sup>. Ehrlicherweise birgt beim Fußball nicht der Ball, sondern die anderen Spieler die größte Gefahr, so werden deutlich mehr Gehirnerschütterungen durch Zusammenstöße verursacht <sup>9</sup>. <br></br>Vielleicht sollten wir deshalb besser beginnen Helme beim Spiel zu tragen?</p> <h4>Bildquellen:</h4> <p>Titelbild: <a href="https://www.pexels.com/photo/two-man-jumping-to-hit-the-ball-with-their-heads-16508988/" rel="noopener">https://www.pexels.com/photo/two-man-jumping-to-hit-the-ball-with-their-heads-16508988/</a></p> <p>Abb. 2: Boston University Center for the Study of Traumatic Encephalopathy, Image of chronic traumatic encephalopathy, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0 17 October 2014, <a href="http://www-tc.pbs.org/wgbh/pages/frontline/art/progs/concussions-cte/h.png" rel="noopener">https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Chronic_Traumatic_Encephalopathy.png#</a></p> <h4>Quellen:</h4> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?dzW9A6" rel="noopener">1. </a><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38558150/" rel="noopener">Pensato, U. &amp; Cortelli, P. Soccer (football) and brain health. <em>J Neurol </em><strong>271</strong>, 3019–3029 (2024)</a><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?dzW9A6" rel="noopener">. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?dzW9A6" rel="noopener">2. </a><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27789273/" rel="noopener">Di Virgilio, T. G. <em>et al.</em> Evidence for Acute Electrophysiological and Cognitive Changes Following Routine Soccer Heading. <em>EBioMedicine </em><strong>13</strong>, 66–71 (2016)</a><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?dzW9A6" rel="noopener">. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?dzW9A6" rel="noopener">3. </a><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34129222/" rel="noopener">McCunn, R., Beaudouin, F., Stewart, K., Meyer, T. &amp; MacLean, J. Heading in Football: Incidence, Biomechanical Characteristics and the Association with Acute Cognitive Function—A Three-Part Systematic Review. <em>Sports Med </em><strong>51</strong>, 2147–2163 (2021)</a><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?dzW9A6" rel="noopener">. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?dzW9A6" rel="noopener">4. </a><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28381107/" rel="noopener">Koerte, I. K. <em>et al.</em> Impaired Cognitive Performance in Youth Athletes Exposed to Repetitive Head Impacts. <em>J Neurotrauma </em><strong>34</strong>, 2389–2395 (2017)</a><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?dzW9A6" rel="noopener">. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?dzW9A6" rel="noopener">5. </a><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37459095/" rel="noopener">Espahbodi, S. <em>et al.</em> Heading Frequency and Risk of Cognitive Impairment in Retired Male Professional Soccer Players. <em>JAMA Netw Open </em><strong>6</strong>, e2323822 (2023)</a><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?dzW9A6" rel="noopener">. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?dzW9A6" rel="noopener">6. </a><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26286826/" rel="noopener">Koerte, I. K. <em>et al.</em> Cortical thinning in former professional soccer players. <em>Brain Imaging Behav </em><strong>10</strong>, 792–798 (2016)</a><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?dzW9A6" rel="noopener">. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?dzW9A6" rel="noopener">7. </a><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36746873/" rel="noopener">Haase, F. K. <em>et al.</em> Cortical thickness and neurocognitive performance in former high-level female soccer and non-contact sport athletes. <em>Scand J Med Sci Sports </em><strong>33</strong>, 921–930 (2023)</a><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?dzW9A6" rel="noopener">. </a></p> <p><a href="https://www.dfb.de/content/kopfballspiel" rel="noopener">8. Kopfball: Alle Infos, Tipps &amp; Trainingsübungen. https://www.dfb.de/content/kopfballspiel. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?dzW9A6" rel="noopener">9. </a><a href="https://publications.aap.org/pediatrics/article/144/5/e20192759/38190/Soccer-Injuries-in-Children-and-Adolescents?autologincheck=redirected" rel="noopener">Watson, A. <em>et al.</em> Soccer Injuries in Children and Adolescents. <em>Pediatrics </em><strong>144</strong>, e20192759 (2019)</a><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?dzW9A6" rel="noopener">.</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/kopfball-nervenzellen-ins-aus/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>5</slash:comments> </item> <item> <title>In the Pursuit of Perfect https://scilogs.spektrum.de/hlf/in-the-pursuit-of-perfect/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/in-the-pursuit-of-perfect/#comments Wed, 01 Apr 2026 12:00:00 +0000 Sophie Maclean https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14280 <img src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Leonhard_Euler_-_Jakob_Emanuel_Handmann_Kunstmuseum_Basel.jpg" /><h1>In the Pursuit of Perfect - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Sophie Maclean</h2><div itemprop="text"> <p>There is a common philosophical debate as to whether mathematics is created or discovered. Those arguing that maths is discovered argue that the intrinsic beauty of mathematics cannot have come about by chance – the fact that the same numbers and ideas crop up again and again (I’m looking at you \(\pi\)) is beyond coincidence.</p> <p>Those on “Team Created” will counter that the maths of today – Fourier analysis, algebraic geometry, even statistics – is so convoluted and abstract that it cannot possibly be innate to the universe. They point to the fact that some mathematical objects do not exist in nature, and so must solely be a creation of the human mind.</p> <p>But “Team Discovered” have a trump card to play. There are a set of numbers that seem intrinsic to the world, so linked to other important sequences, that they seem to hold an almost spiritual significance. These numbers are those whose proper divisors (i.e. all the positive divisors excluding itself) sum to the original number. These are the aptly named Perfect Numbers.</p> <h3>Perfect Numbers</h3> <p>A more formal and more useful way to define perfect numbers is via the divisor sum function \(\sigma(n)\), which sums all of the positive divisors of \(n\) <strong>including</strong> \(n\). We then define a perfect number to be any number for which</p> <p>\( \sigma(n) = 2n\) or, alternatively \( \frac{\sigma(n)}n = 2\).<aside></aside></p> <p>There are, as you might expect, names for numbers for which \(\sigma(n) &gt; 2n\) (abundant) and \(\sigma(n) &lt;2n\) (deficient). In fact, there is a whole family of names for numbers depending on the properties of \(\sigma(n)\), but that’s a blog post for another time.</p> <p>The first few perfect numbers are 6, 28, 496, and 8128. These have been known about for so long that we have no record of when they were first calculated. The earliest recorded result about perfect numbers was published in Euclid’s famous <em>Elements</em>, in circa 300BC.  We have, unsurprisingly, found bigger perfect numbers but it may come as a shock to learn that we have, at time of writing, only discovered 52.</p> <p>Eagle-eyed readers may notice that every perfect number I have listed is even. In fact, every perfect number that has been discovered to date is even. It is unknown if any odd perfect numbers exist – after all, not finding any is not proof that there are none.</p> <p>Those who are especially observant, and have an encyclopaedic knowledge of mathematical records, may have also spotted that the number of known perfect numbers, 52, matches exactly up with the number of known Mersenne prime numbers. This is not a coincidence, and we can prove why.<ins></ins></p> <h3>Even Perfect Numbers \(\leftrightarrow\) Mersenne Primes</h3> <p>Mersenne numbers are numbers of the form \(q = 2^p -1\) for some prime number \(p\). A Mersenne number that is prime is known (predictably) as a Mersenne prime. Even perfect numbers are in a one-to-one correspondence with Mersenne primes. In fact, we can do better than that and give the explicit relation:</p> <p> \(q = 2^p -1\) is a Mersenne prime if and only if \(n = 2^{p-1} (2^p -1)\) is a perfect number.</p> <p>The proof of this is attributed to two mathematical greats with easily confused names: Euclid and Euler.</p> <p>In around 300BC, Euclid proved one direction of the theorem, namely that</p> <blockquote> <p>If \(q = 2^p -1\) is a Mersenne, then \(n = 2^{p-1} (2^p -1)\) is a perfect number.</p> </blockquote> <p>It was then over 2000 years until, in the 18<sup>th</sup> century, that Euler proved the other direction, i.e. that</p> <blockquote> <p>\(q = 2^p -1\) is a Mersenne prime if \(n = 2^{p-1} (2^p -1)\) is a perfect number.</p> </blockquote> <blockquote> </blockquote> <p>Both of these proofs rely on the fact that \(\sigma\) is what is known as a <em>multiplicative function</em>. This means that if \(a\) and \(b\) share no prime factors (i.e. they are <em>coprime</em>) then \(\sigma(ab) = \sigma(a)\sigma(b)\).</p> <h3>Euler’s Proof<ins></ins></h3> <p>Euler’s proof of statement (1) starts with \(2^p-1\) being prime and aims to show that \(n = 2^{p-1} (2^p -1)\) is perfect.</p> <p>Using multiplicativity, \(\sigma(2^{p-1} (2^p -1)) = \sigma(2^{p-1})\sigma(2^{p-1)} \).</p> <p>We can consider these parts separately. Since \(2^p-1\) is prime, its only positive factors are 1 and itself. Therefore \(\sigma(2^p-1) = (2^p-1) + 1 = 2^p\).</p> <p>Now let us turn our attention to \(2^{p-1}\). Its factors are \(1, 2, 4, 8, \dots, 2^{p-1}\). We can sum this geometric series to get that \(\sigma(2^{p-1}) = 2^p-1\).</p> <p>Putting all this together, for \( n =2^{p-1} (2^p -1)\), \(\sigma(n) = \sigma(2^{p-1})\sigma(2^p-1) = 2^p \cdot (2^p-1) = 2 ( 2^{p-1}(2^p-1)) = 2n\). Therefore \(n\) is perfect! </p> <h3>Euclid’s Proof<ins></ins></h3> <p>As you may have guessed by the 2000-year gap, Euclid’s proof is a bit more complicated, but it still uses very elementary methods and goes a little deeper than the fact that \(\sigma\) is multiplicative.</p> <p>Euclid begins with an even perfect number. Let us call this number \(n\) and write it as \(n =  2^k\cdot x\), where \(x\) is an odd number, and \(k\) is a positive integer. </p> <p>Because \(n\) is perfect, \(2n=\sigma(n)\) i.e. \(2^{k+1}x=\sigma(2^kx)\). By multiplicativity, \(2^{k+1}x =\sigma(2^k)\sigma(x)\). Just as above, we know that \(\sigma(2^k) = 2^{k+1} -1\), which is coprime to \(2^{k+1}\). We therefore have that \( 2^{k+1}\frac{x}{2^{k+1} -1}= \sigma(x)\).</p> <p>Returning to that \(2^{k+1}x=\sigma(2^k)\sigma(x)\), this coprimality means that \(2^{k+1} -1\) must divide \(x\), and so too must \(\frac{x}{2^{k+1} -1}\). We know that \(x\) is a factor of itself too, so \(\sigma(x) = x + \frac{x}{2^{k+1} -1} + \text{ “other divisors” }= \frac{2^{k+1}}{2^{k+1} -1}\).</p> <p>But this must mean there are no other divisors, as we know from before that \( 2^{k+1}\frac{x}{2^{k+1} -1}= \sigma(x)\). Therefore \(x\) only has two divisors: itself and \(\frac{x}{2^{k+1} -1}\). So it must be prime! What’s more, \(1\) is a factor of all numbers so we must have that \(\frac{x}{2^{k+1} -1} = 1\), i.e. \(x =2^{k+1} -1\).</p> <p>It is known that for any prime number of the form \(2^q-1\), \(q\) has to be prime, so this is indeed a Mersenne prime, as opposed to a bog-standard, garden variety prime. And so, this completes the proof – Mersenne primes and even perfect numbers are in a one-to-one correspondence.</p> <h3>Examples</h3> <p>As is natural, I am sure you are wondering which primes correspond to the first four perfect numbers. </p> <p>Well, \(6 = 2 \times 3\), so in the above Euler proof, \(k=1\) and \(x=3\). So \(3\) is our Mersenne prime.</p> <p>\(28 = 4 \times 7\), so in the above Euler proof, \(k=2\) and \(x=7\). So \(7\) is our Mersenne prime.</p> <p>\(496 = 16 \times 31\), so \(31\) is our corresponding Mersenne prime. And \(8128= 64 \times 127\), giving the corresponding Mersenne prime of \(127\).</p> <p>Thankfully these are exactly the first four Mersenne primes, as expected! Bigger and bigger Mersenne primes are being found via the Giant Internet Mersenne Prime Search, with the largest being found in 2024. Perfect numbers are then being calculated from these. But there was a gap of 6 years until the 2024 prime was found, so there may be a while to wait yet before a new perfect number comes along. </p> <h3>Nature’s mystery<ins></ins></h3> <p>It is not even known if there are infinitely many Mersenne prime numbers, so not only do we not know if there is an odd perfect number to be found, but we also do not know if there are any more even perfect numbers. It is in part this mystery that has led mathematicians to be fascinated by perfect numbers for so long. And the deep links to prime numbers lead some to believe that maths is discovered after all.</p> <p>To Pythagoras, perfect numbers didn’t just hint at some natural secret, they were deeply spiritual and holy in themselves. Philo of Alexandria even suggested that the world was created in 6 days because 6 is a perfect number. And that the lunar month is 28 days because that is another perfect number. </p> <p>Whatever you believe, I think we can all agree that perfect numbers are rather special indeed.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Leonhard_Euler_-_Jakob_Emanuel_Handmann_Kunstmuseum_Basel.jpg" /><h1>In the Pursuit of Perfect - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Sophie Maclean</h2><div itemprop="text"> <p>There is a common philosophical debate as to whether mathematics is created or discovered. Those arguing that maths is discovered argue that the intrinsic beauty of mathematics cannot have come about by chance – the fact that the same numbers and ideas crop up again and again (I’m looking at you \(\pi\)) is beyond coincidence.</p> <p>Those on “Team Created” will counter that the maths of today – Fourier analysis, algebraic geometry, even statistics – is so convoluted and abstract that it cannot possibly be innate to the universe. They point to the fact that some mathematical objects do not exist in nature, and so must solely be a creation of the human mind.</p> <p>But “Team Discovered” have a trump card to play. There are a set of numbers that seem intrinsic to the world, so linked to other important sequences, that they seem to hold an almost spiritual significance. These numbers are those whose proper divisors (i.e. all the positive divisors excluding itself) sum to the original number. These are the aptly named Perfect Numbers.</p> <h3>Perfect Numbers</h3> <p>A more formal and more useful way to define perfect numbers is via the divisor sum function \(\sigma(n)\), which sums all of the positive divisors of \(n\) <strong>including</strong> \(n\). We then define a perfect number to be any number for which</p> <p>\( \sigma(n) = 2n\) or, alternatively \( \frac{\sigma(n)}n = 2\).<aside></aside></p> <p>There are, as you might expect, names for numbers for which \(\sigma(n) &gt; 2n\) (abundant) and \(\sigma(n) &lt;2n\) (deficient). In fact, there is a whole family of names for numbers depending on the properties of \(\sigma(n)\), but that’s a blog post for another time.</p> <p>The first few perfect numbers are 6, 28, 496, and 8128. These have been known about for so long that we have no record of when they were first calculated. The earliest recorded result about perfect numbers was published in Euclid’s famous <em>Elements</em>, in circa 300BC.  We have, unsurprisingly, found bigger perfect numbers but it may come as a shock to learn that we have, at time of writing, only discovered 52.</p> <p>Eagle-eyed readers may notice that every perfect number I have listed is even. In fact, every perfect number that has been discovered to date is even. It is unknown if any odd perfect numbers exist – after all, not finding any is not proof that there are none.</p> <p>Those who are especially observant, and have an encyclopaedic knowledge of mathematical records, may have also spotted that the number of known perfect numbers, 52, matches exactly up with the number of known Mersenne prime numbers. This is not a coincidence, and we can prove why.<ins></ins></p> <h3>Even Perfect Numbers \(\leftrightarrow\) Mersenne Primes</h3> <p>Mersenne numbers are numbers of the form \(q = 2^p -1\) for some prime number \(p\). A Mersenne number that is prime is known (predictably) as a Mersenne prime. Even perfect numbers are in a one-to-one correspondence with Mersenne primes. In fact, we can do better than that and give the explicit relation:</p> <p> \(q = 2^p -1\) is a Mersenne prime if and only if \(n = 2^{p-1} (2^p -1)\) is a perfect number.</p> <p>The proof of this is attributed to two mathematical greats with easily confused names: Euclid and Euler.</p> <p>In around 300BC, Euclid proved one direction of the theorem, namely that</p> <blockquote> <p>If \(q = 2^p -1\) is a Mersenne, then \(n = 2^{p-1} (2^p -1)\) is a perfect number.</p> </blockquote> <p>It was then over 2000 years until, in the 18<sup>th</sup> century, that Euler proved the other direction, i.e. that</p> <blockquote> <p>\(q = 2^p -1\) is a Mersenne prime if \(n = 2^{p-1} (2^p -1)\) is a perfect number.</p> </blockquote> <blockquote> </blockquote> <p>Both of these proofs rely on the fact that \(\sigma\) is what is known as a <em>multiplicative function</em>. This means that if \(a\) and \(b\) share no prime factors (i.e. they are <em>coprime</em>) then \(\sigma(ab) = \sigma(a)\sigma(b)\).</p> <h3>Euler’s Proof<ins></ins></h3> <p>Euler’s proof of statement (1) starts with \(2^p-1\) being prime and aims to show that \(n = 2^{p-1} (2^p -1)\) is perfect.</p> <p>Using multiplicativity, \(\sigma(2^{p-1} (2^p -1)) = \sigma(2^{p-1})\sigma(2^{p-1)} \).</p> <p>We can consider these parts separately. Since \(2^p-1\) is prime, its only positive factors are 1 and itself. Therefore \(\sigma(2^p-1) = (2^p-1) + 1 = 2^p\).</p> <p>Now let us turn our attention to \(2^{p-1}\). Its factors are \(1, 2, 4, 8, \dots, 2^{p-1}\). We can sum this geometric series to get that \(\sigma(2^{p-1}) = 2^p-1\).</p> <p>Putting all this together, for \( n =2^{p-1} (2^p -1)\), \(\sigma(n) = \sigma(2^{p-1})\sigma(2^p-1) = 2^p \cdot (2^p-1) = 2 ( 2^{p-1}(2^p-1)) = 2n\). Therefore \(n\) is perfect! </p> <h3>Euclid’s Proof<ins></ins></h3> <p>As you may have guessed by the 2000-year gap, Euclid’s proof is a bit more complicated, but it still uses very elementary methods and goes a little deeper than the fact that \(\sigma\) is multiplicative.</p> <p>Euclid begins with an even perfect number. Let us call this number \(n\) and write it as \(n =  2^k\cdot x\), where \(x\) is an odd number, and \(k\) is a positive integer. </p> <p>Because \(n\) is perfect, \(2n=\sigma(n)\) i.e. \(2^{k+1}x=\sigma(2^kx)\). By multiplicativity, \(2^{k+1}x =\sigma(2^k)\sigma(x)\). Just as above, we know that \(\sigma(2^k) = 2^{k+1} -1\), which is coprime to \(2^{k+1}\). We therefore have that \( 2^{k+1}\frac{x}{2^{k+1} -1}= \sigma(x)\).</p> <p>Returning to that \(2^{k+1}x=\sigma(2^k)\sigma(x)\), this coprimality means that \(2^{k+1} -1\) must divide \(x\), and so too must \(\frac{x}{2^{k+1} -1}\). We know that \(x\) is a factor of itself too, so \(\sigma(x) = x + \frac{x}{2^{k+1} -1} + \text{ “other divisors” }= \frac{2^{k+1}}{2^{k+1} -1}\).</p> <p>But this must mean there are no other divisors, as we know from before that \( 2^{k+1}\frac{x}{2^{k+1} -1}= \sigma(x)\). Therefore \(x\) only has two divisors: itself and \(\frac{x}{2^{k+1} -1}\). So it must be prime! What’s more, \(1\) is a factor of all numbers so we must have that \(\frac{x}{2^{k+1} -1} = 1\), i.e. \(x =2^{k+1} -1\).</p> <p>It is known that for any prime number of the form \(2^q-1\), \(q\) has to be prime, so this is indeed a Mersenne prime, as opposed to a bog-standard, garden variety prime. And so, this completes the proof – Mersenne primes and even perfect numbers are in a one-to-one correspondence.</p> <h3>Examples</h3> <p>As is natural, I am sure you are wondering which primes correspond to the first four perfect numbers. </p> <p>Well, \(6 = 2 \times 3\), so in the above Euler proof, \(k=1\) and \(x=3\). So \(3\) is our Mersenne prime.</p> <p>\(28 = 4 \times 7\), so in the above Euler proof, \(k=2\) and \(x=7\). So \(7\) is our Mersenne prime.</p> <p>\(496 = 16 \times 31\), so \(31\) is our corresponding Mersenne prime. And \(8128= 64 \times 127\), giving the corresponding Mersenne prime of \(127\).</p> <p>Thankfully these are exactly the first four Mersenne primes, as expected! Bigger and bigger Mersenne primes are being found via the Giant Internet Mersenne Prime Search, with the largest being found in 2024. Perfect numbers are then being calculated from these. But there was a gap of 6 years until the 2024 prime was found, so there may be a while to wait yet before a new perfect number comes along. </p> <h3>Nature’s mystery<ins></ins></h3> <p>It is not even known if there are infinitely many Mersenne prime numbers, so not only do we not know if there is an odd perfect number to be found, but we also do not know if there are any more even perfect numbers. It is in part this mystery that has led mathematicians to be fascinated by perfect numbers for so long. And the deep links to prime numbers lead some to believe that maths is discovered after all.</p> <p>To Pythagoras, perfect numbers didn’t just hint at some natural secret, they were deeply spiritual and holy in themselves. Philo of Alexandria even suggested that the world was created in 6 days because 6 is a perfect number. And that the lunar month is 28 days because that is another perfect number. </p> <p>Whatever you believe, I think we can all agree that perfect numbers are rather special indeed.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/in-the-pursuit-of-perfect/#comments 3 Buckelwal in der Ostsee: Status-Bericht https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwal-in-der-ostsee-status-bericht/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwal-in-der-ostsee-status-bericht/#comments Mon, 30 Mar 2026 08:17:09 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1942 <h1>Buckelwal in der Ostsee: Status-Bericht » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Am Montag vor einer Woche (23. März)  wurde ein junger Buckelwal (<em>Megaptera novaeanglieae</em>) in der Ostsee gesichtet – er strandete <a href="https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/walrettung-in-der-ostsee-in-luebecker-bucht-so-begleiten-helfer-das-tier-raus-aufs-meer,wal-294.html" rel="noopener">zunächst auf einer Sandbank vor Niendorf</a> (<a href="https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Ostholstein-Aktuelle-Nachrichten-und-Videos,ostholstein126.html" rel="noopener">Kreis Ostholstein</a>) in Schleswig-Holstein. <br></br><a href="https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/liveticker-atemzuege-des-verirrten-buckelwals-werden-seltener,wal-284.html" rel="noopener">Buckelwale sind in der Ostsee nicht heimisch, verschwimmen sich aber immer mal wieder aus dem Nordatlantik </a>und der äußeren Nordsee in das Binnenmeer. Die großen, schweren Tiere scheinen im Ozean mit ihren bis zu 4,5 Meter langen Brustflossen zu schweben, das Salzwasser trägt sie – in der Ostsee hat es sich dann aber bald ausgeschwebt. Größere Wale und andere Tiefwasserbewohner geraten oft mit einem Schwall kühlen, salzhaltigerem Nordseewasser um Kattegat und Skagerrak durchs Gewirr der dänischen Inseln auch in die westliche deutsche Ostsee. Die Ostsee besteht aus 7 Becken, die durch flache Bereiche getrennt sind. Nach Osten hin wird jedes Becken salzärmer, allerspätestens vor Stralsund und um Rügen stranden größere Tiere dann. Einige spektakuläre Strandungen von Hochseebewohnern waren übrigens auch der Grund, warum aus dem kleinen Stralsunder Naturkundemuseum ein außergewöhnliches Meeresmuseum wurde.<br></br>Dieser Buckelwal ist nicht der erste, der sich in die Ostsee verschwommen hat und er wird auch nicht der letzte sein. <p>Oft folgen Wale einem Schwarm leckerer Heringe oder anderer Beute aus der Nordsee in einer Nordseewasserblase in die Ostsee. Da die Heringe selten umdrehen, hat so ein Wal keinen Anlass, aus dem Binnenmeer wieder zurückzuschwimmen. </p><br></br>Dass dieser Wal – der „Timmy“ getauft wurde – immer wieder auf Sandbänken strandet, zeigt, dass er geschwächt und desorientiert ist. Nachdem er das erste Mal von der Sandbank freikam, ist er leider weiter in Richtung Osten geschwommen. Leiten kann man ihn kaum – Boote erzeugen für ihn Lärm und Streß. Die Wal-Navigation versagt hier, denn Atlantik-Wale haben kein Konzept dafür, der Falle Ostsee zu entgehen.</p> <p>Die Biolog:innen und Veterinär:innen vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW)  und von Greenpeace sind Wal-Expert:innen. <a href="https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/walrettung-in-der-ostsee-in-luebecker-bucht-so-begleiten-helfer-das-tier-raus-aufs-meer,wal-294.html" rel="noopener">Dr. Stefanie Groß </a>(ITAW) und ihr Team haben den Wal im direkten Kontakt als geschwächt eingeschätzt, seine Haut auf dem Rücken ist, weil sie aus dem Wasser ragt, ausgetrocknet und wird schon von Vögeln verletzt. Darum, so Stefanie Groß, haben sie auch keinen Sender am Tier angebracht, die Haut sei dafür in zu schlechtem Zustand. Außerdem trug der Wal Reste eines Fischereinetzes, dass entfernt werden konnte.</p> <p>Vor deutschen Küsten leben die bis 1,80 m großen Schweinswale – wenn einer von ihnen lebendig strandet, können die erfahrenen Strandungsteams d<a href="https://www.bbc.com/news/articles/cqlg4vl61kro" rel="noopener">en Kleinwal vorsichtig anheben und wieder ins tiefere Wasser bringen. </a>Wird ein Wal über den Strand gezogen oder geschleift, führt das zu schweren Verletzungen, darum muss er im oder außerhalb des Wassers hochgehoben werden. Dafür trainieren sie, um den Wal möglichst wenig zu stressen und ihn nicht zu verletzen, etwa a<a href="https://www.bbc.com/news/articles/cqlg4vl61kro" rel="noopener">n den englischen Küsten</a> oder auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/massenstrandungen-von-grindwalen/">vor Neuseeland und Australien</a> – dort stranden oft Pilotwale. Dafür halten die Helfenden einen Wal zunächst feucht und heben ihn dann entweder mit einer Matte vorsichtig hoch oder warten auf die Flut. Kleinwale können dann von den Helfenden vorsichtig in die richtige Richtung geleitet werden, manchmal schaffen sie es, wieder ins Meer zu schwimmen, in anderen Fällen stranden sie erneut. Kleine Wale werden dann oft euthanasiert, dafür gibt es mittlerweile die richtigen Medikamente und Dosierungen.</p> <p>Größere Wale wie dieser Buckelwal oder die regelmäßig <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/pottwal-massenstrandung-im-humber-aestuar-england/">an unseren Nordseeküsten strandenden Pottwale können nicht gerettet werden.</a> Menschliche Helfer können nicht genug Kraft aufbringen, um solch ein Tier hochzuheben oder zu bewegen – beim Einsatz ausreichend starker Hilfsmittel würden sie das Tier gleichzeitig zu stark verletzen. Weiterhin wird solch ein Riesenkörper vom Sandboden regelrecht angesogen. Weltweit gibt es kein Strandungsteam, dass einen so großen Meeressäuger retten kann. <p>Die Biolog:innen und Veterinär:innen vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW)  und von Greenpeace haben mit Hilfe der Behörden alles gemacht, was möglich war: Sie haben gewartet, ob das Wasser wieder etwas ansteigt – aber der schwache Tidenhub der Ostsee hat den Wal nicht um Aufschwimmen gebracht. Dann haben sie versucht, mit einem Bagger eine Rinne im Sand anzulegen (<a href="https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/buckelwal-sass-fest-so-hat-baggerfuehrer-lars-hoppe-die-rettung-erlebt,interview-bagger-102.html" rel="noopener">Der Baggerführer ist von einem Walexperten dabei vorsichtig angeleitet worden, im Interview wird er richtig poetisch</a>). Menschen und Boote sind für einen Wal auf jeden Fall Streßfaktoren, weil er solche Situationen nicht kennt und Lärm normalerweise meidet. </p></p> <p>In diesem Fall strandete der Buckelwal zunächst am Timmendorfer Strand, konnte sich dann selbst freischwimmen, um dann vor Wismar erneut zu auf Sand aufzulaufen.<br></br>Am Freitag, dem 27.03. meinte <a href="https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/liveticker-verirrter-buckelwal-in-der-wismarer-bucht-deutlich-geschwaecht,wal-296.html" rel="noopener">Thilo Maack (Greenpeace), der Wal mache „einen besseren Eindruck, heute habe er „sehr viel vokalisiert, es klingt sehr klagend, </a>die Laute, die er da von sich gibt – das ist nicht schön, wenn man da in der Nähe ist.“ Auch die Oberhaut würde sich inzwischen ablösen.“ Meeresbiologin Lisa Klemens vom Deutschen Meeresmuseum in Stralsund und ihre Kollegen machten sich dann auch vor Ort ein Bild. Sie beschreibt die deutlichen Hautveränderungen, dass er sich noch bewegt, atmet und vokalisiert. <a href="https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/liveticker-verirrter-buckelwal-in-der-wismarer-bucht-deutlich-geschwaecht,wal-296.html" rel="noopener">„Warum sich der Wal wieder auf eine Sandbank begeben hat, sei zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch reine Spekulation.</a> Aber es sei wahrscheinlich, dass er dort aus Versehen hingeraten ist. „Denn man sieht, dass er da aktiv weg möchte, er liegt dort nicht gerne.“ Buckelwale kennen sich mit Küstengewässern nicht so gut aus, weil ihr Lebensraum das offene Meer ist, so Klemens. Das Tier sei wahrscheinlich durch den Stress der vergangenen Tage desorientiert.“<br></br>Außerdem sei der <a href="https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/liveticker-verirrter-buckelwal-in-der-wismarer-bucht-deutlich-geschwaecht,wal-296.html" rel="noopener">Wal vermutlich durch Hunger geschwächt. </a><br></br>Im Moment hoffen alle, dass er sich noch selbst von der Sandbank – die „Walfisch“ heisst – freischwimmen kann.<aside></aside></p> <p>Meine persönliche Einschätzung nach allem, was ich über Buckelwale und Irrläufer in der Ostsee weiß:<br></br>Ich habe extrem wenig Hoffnung, dass dieser Buckelwal seinen Ostsee-Ausflug überleben wird. Zunächst weiß er weder, in welche Richtung er jetzt schwimmen müsste und die Leitung eines großen Meeressäugers ist fast unmöglich. Zusätzlich dürfte er mittlerweile sehr gestresst und hungrig sein. <br></br>Ich glaube leider nicht, dass er es schaffen wird.<br></br>Vermutlich wird er dort auf der Sandbank sterben.<p>Dass der „Walflüsterer vom Ostseestrand“ und Naturschützer Lehmann jetzt den o. g. Expert:innen Vorwürfe macht, weil er seinen „Rettungsplan“ nicht ausführen durfte, wundert mich wenig. Immerhin lebt er u. a. von Klicks und seinem Youtube-Kanal. Ich habe oben ausführlich beschrieben, dass und warum ein in der Ostsee gestrandeter Großwal dem Tod geweiht ist und es weltweit kein Strandungsteam gibt, das einen solchen Koloß wieder flottmacht. Ob der Wal Lehmanns gutem Zureden Aufmerksamkeit schenken würde oder ob ihn ein weiterer zudringlicher Menschen nicht zusätzlich stressen würde, werden wir nie erfahren. Ich persönlich schätze diesen Rettungsplan eher als Traumtänzerei ein.</p></p> <p>Gleichzeitig wünsche ich mir sehr, dass auch andere Wale mehr Aufmerksamkeit bekommen. Buckelwal „Timmy“ hat jetzt für viele Tage die volle mediale Abdeckung und republikweite Aufmerksamkeit bekommen. Das hätte ich den Schweinswalen, deren Flossen kürzlich in der Lübecker Bucht angespült wurden, auch gewünscht – sie hatten sich in Fischereinetzen verheddert, die Fischer hatten sie herausgeschnitten und ins Meer geworfen: „“<a href="https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/abgetrennte-schweinswalflossen-an-der-ostseekueste-gefunden,schweinswal-116.html" rel="noopener">Da die Schnitte an den Flossen sehr gerade und auch </a>Netzmarken auf der Haut erkennbar sind, ist dies ein sicherer Hinweis darauf, dass die kleinen Wale Beifang in einem Fischernetz, vermutlich einem Stellnetz, waren“, so Lena Hohls vom BUND Klützer Winkel. Um die toten Tiere aus den Netzen zu lösen, seien sie offenbar herausgeschnitten und anschließend zerstückelt ins Meer zurückgeworfen worden.“<br></br>Oder den <a href="https://www.ifaw.org/international/journal/bay-of-biscay-fishing-closures-stop-dolphin-deaths" rel="noopener">Tausenden von Delphinen und Schweinswalen, die jährlich allein in der Biscaya-Fischerei</a>-sterben oder in an Geisternetzen oder Plastikmüll verenden.<br></br>Der beste Walschutz ist, keinen Fisch zu essen und Plastik zu reduzieren sowie wirksamer Meeres- und Klimaschutz. Daran sterben Wale (und n<a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/wale-sterben-nicht-an-windkraft/">icht an Windkraft</a>).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Buckelwal in der Ostsee: Status-Bericht » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Am Montag vor einer Woche (23. März)  wurde ein junger Buckelwal (<em>Megaptera novaeanglieae</em>) in der Ostsee gesichtet – er strandete <a href="https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/walrettung-in-der-ostsee-in-luebecker-bucht-so-begleiten-helfer-das-tier-raus-aufs-meer,wal-294.html" rel="noopener">zunächst auf einer Sandbank vor Niendorf</a> (<a href="https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Ostholstein-Aktuelle-Nachrichten-und-Videos,ostholstein126.html" rel="noopener">Kreis Ostholstein</a>) in Schleswig-Holstein. <br></br><a href="https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/liveticker-atemzuege-des-verirrten-buckelwals-werden-seltener,wal-284.html" rel="noopener">Buckelwale sind in der Ostsee nicht heimisch, verschwimmen sich aber immer mal wieder aus dem Nordatlantik </a>und der äußeren Nordsee in das Binnenmeer. Die großen, schweren Tiere scheinen im Ozean mit ihren bis zu 4,5 Meter langen Brustflossen zu schweben, das Salzwasser trägt sie – in der Ostsee hat es sich dann aber bald ausgeschwebt. Größere Wale und andere Tiefwasserbewohner geraten oft mit einem Schwall kühlen, salzhaltigerem Nordseewasser um Kattegat und Skagerrak durchs Gewirr der dänischen Inseln auch in die westliche deutsche Ostsee. Die Ostsee besteht aus 7 Becken, die durch flache Bereiche getrennt sind. Nach Osten hin wird jedes Becken salzärmer, allerspätestens vor Stralsund und um Rügen stranden größere Tiere dann. Einige spektakuläre Strandungen von Hochseebewohnern waren übrigens auch der Grund, warum aus dem kleinen Stralsunder Naturkundemuseum ein außergewöhnliches Meeresmuseum wurde.<br></br>Dieser Buckelwal ist nicht der erste, der sich in die Ostsee verschwommen hat und er wird auch nicht der letzte sein. <p>Oft folgen Wale einem Schwarm leckerer Heringe oder anderer Beute aus der Nordsee in einer Nordseewasserblase in die Ostsee. Da die Heringe selten umdrehen, hat so ein Wal keinen Anlass, aus dem Binnenmeer wieder zurückzuschwimmen. </p><br></br>Dass dieser Wal – der „Timmy“ getauft wurde – immer wieder auf Sandbänken strandet, zeigt, dass er geschwächt und desorientiert ist. Nachdem er das erste Mal von der Sandbank freikam, ist er leider weiter in Richtung Osten geschwommen. Leiten kann man ihn kaum – Boote erzeugen für ihn Lärm und Streß. Die Wal-Navigation versagt hier, denn Atlantik-Wale haben kein Konzept dafür, der Falle Ostsee zu entgehen.</p> <p>Die Biolog:innen und Veterinär:innen vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW)  und von Greenpeace sind Wal-Expert:innen. <a href="https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/walrettung-in-der-ostsee-in-luebecker-bucht-so-begleiten-helfer-das-tier-raus-aufs-meer,wal-294.html" rel="noopener">Dr. Stefanie Groß </a>(ITAW) und ihr Team haben den Wal im direkten Kontakt als geschwächt eingeschätzt, seine Haut auf dem Rücken ist, weil sie aus dem Wasser ragt, ausgetrocknet und wird schon von Vögeln verletzt. Darum, so Stefanie Groß, haben sie auch keinen Sender am Tier angebracht, die Haut sei dafür in zu schlechtem Zustand. Außerdem trug der Wal Reste eines Fischereinetzes, dass entfernt werden konnte.</p> <p>Vor deutschen Küsten leben die bis 1,80 m großen Schweinswale – wenn einer von ihnen lebendig strandet, können die erfahrenen Strandungsteams d<a href="https://www.bbc.com/news/articles/cqlg4vl61kro" rel="noopener">en Kleinwal vorsichtig anheben und wieder ins tiefere Wasser bringen. </a>Wird ein Wal über den Strand gezogen oder geschleift, führt das zu schweren Verletzungen, darum muss er im oder außerhalb des Wassers hochgehoben werden. Dafür trainieren sie, um den Wal möglichst wenig zu stressen und ihn nicht zu verletzen, etwa a<a href="https://www.bbc.com/news/articles/cqlg4vl61kro" rel="noopener">n den englischen Küsten</a> oder auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/massenstrandungen-von-grindwalen/">vor Neuseeland und Australien</a> – dort stranden oft Pilotwale. Dafür halten die Helfenden einen Wal zunächst feucht und heben ihn dann entweder mit einer Matte vorsichtig hoch oder warten auf die Flut. Kleinwale können dann von den Helfenden vorsichtig in die richtige Richtung geleitet werden, manchmal schaffen sie es, wieder ins Meer zu schwimmen, in anderen Fällen stranden sie erneut. Kleine Wale werden dann oft euthanasiert, dafür gibt es mittlerweile die richtigen Medikamente und Dosierungen.</p> <p>Größere Wale wie dieser Buckelwal oder die regelmäßig <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/pottwal-massenstrandung-im-humber-aestuar-england/">an unseren Nordseeküsten strandenden Pottwale können nicht gerettet werden.</a> Menschliche Helfer können nicht genug Kraft aufbringen, um solch ein Tier hochzuheben oder zu bewegen – beim Einsatz ausreichend starker Hilfsmittel würden sie das Tier gleichzeitig zu stark verletzen. Weiterhin wird solch ein Riesenkörper vom Sandboden regelrecht angesogen. Weltweit gibt es kein Strandungsteam, dass einen so großen Meeressäuger retten kann. <p>Die Biolog:innen und Veterinär:innen vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW)  und von Greenpeace haben mit Hilfe der Behörden alles gemacht, was möglich war: Sie haben gewartet, ob das Wasser wieder etwas ansteigt – aber der schwache Tidenhub der Ostsee hat den Wal nicht um Aufschwimmen gebracht. Dann haben sie versucht, mit einem Bagger eine Rinne im Sand anzulegen (<a href="https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/buckelwal-sass-fest-so-hat-baggerfuehrer-lars-hoppe-die-rettung-erlebt,interview-bagger-102.html" rel="noopener">Der Baggerführer ist von einem Walexperten dabei vorsichtig angeleitet worden, im Interview wird er richtig poetisch</a>). Menschen und Boote sind für einen Wal auf jeden Fall Streßfaktoren, weil er solche Situationen nicht kennt und Lärm normalerweise meidet. </p></p> <p>In diesem Fall strandete der Buckelwal zunächst am Timmendorfer Strand, konnte sich dann selbst freischwimmen, um dann vor Wismar erneut zu auf Sand aufzulaufen.<br></br>Am Freitag, dem 27.03. meinte <a href="https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/liveticker-verirrter-buckelwal-in-der-wismarer-bucht-deutlich-geschwaecht,wal-296.html" rel="noopener">Thilo Maack (Greenpeace), der Wal mache „einen besseren Eindruck, heute habe er „sehr viel vokalisiert, es klingt sehr klagend, </a>die Laute, die er da von sich gibt – das ist nicht schön, wenn man da in der Nähe ist.“ Auch die Oberhaut würde sich inzwischen ablösen.“ Meeresbiologin Lisa Klemens vom Deutschen Meeresmuseum in Stralsund und ihre Kollegen machten sich dann auch vor Ort ein Bild. Sie beschreibt die deutlichen Hautveränderungen, dass er sich noch bewegt, atmet und vokalisiert. <a href="https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/liveticker-verirrter-buckelwal-in-der-wismarer-bucht-deutlich-geschwaecht,wal-296.html" rel="noopener">„Warum sich der Wal wieder auf eine Sandbank begeben hat, sei zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch reine Spekulation.</a> Aber es sei wahrscheinlich, dass er dort aus Versehen hingeraten ist. „Denn man sieht, dass er da aktiv weg möchte, er liegt dort nicht gerne.“ Buckelwale kennen sich mit Küstengewässern nicht so gut aus, weil ihr Lebensraum das offene Meer ist, so Klemens. Das Tier sei wahrscheinlich durch den Stress der vergangenen Tage desorientiert.“<br></br>Außerdem sei der <a href="https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/liveticker-verirrter-buckelwal-in-der-wismarer-bucht-deutlich-geschwaecht,wal-296.html" rel="noopener">Wal vermutlich durch Hunger geschwächt. </a><br></br>Im Moment hoffen alle, dass er sich noch selbst von der Sandbank – die „Walfisch“ heisst – freischwimmen kann.<aside></aside></p> <p>Meine persönliche Einschätzung nach allem, was ich über Buckelwale und Irrläufer in der Ostsee weiß:<br></br>Ich habe extrem wenig Hoffnung, dass dieser Buckelwal seinen Ostsee-Ausflug überleben wird. Zunächst weiß er weder, in welche Richtung er jetzt schwimmen müsste und die Leitung eines großen Meeressäugers ist fast unmöglich. Zusätzlich dürfte er mittlerweile sehr gestresst und hungrig sein. <br></br>Ich glaube leider nicht, dass er es schaffen wird.<br></br>Vermutlich wird er dort auf der Sandbank sterben.<p>Dass der „Walflüsterer vom Ostseestrand“ und Naturschützer Lehmann jetzt den o. g. Expert:innen Vorwürfe macht, weil er seinen „Rettungsplan“ nicht ausführen durfte, wundert mich wenig. Immerhin lebt er u. a. von Klicks und seinem Youtube-Kanal. Ich habe oben ausführlich beschrieben, dass und warum ein in der Ostsee gestrandeter Großwal dem Tod geweiht ist und es weltweit kein Strandungsteam gibt, das einen solchen Koloß wieder flottmacht. Ob der Wal Lehmanns gutem Zureden Aufmerksamkeit schenken würde oder ob ihn ein weiterer zudringlicher Menschen nicht zusätzlich stressen würde, werden wir nie erfahren. Ich persönlich schätze diesen Rettungsplan eher als Traumtänzerei ein.</p></p> <p>Gleichzeitig wünsche ich mir sehr, dass auch andere Wale mehr Aufmerksamkeit bekommen. Buckelwal „Timmy“ hat jetzt für viele Tage die volle mediale Abdeckung und republikweite Aufmerksamkeit bekommen. Das hätte ich den Schweinswalen, deren Flossen kürzlich in der Lübecker Bucht angespült wurden, auch gewünscht – sie hatten sich in Fischereinetzen verheddert, die Fischer hatten sie herausgeschnitten und ins Meer geworfen: „“<a href="https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/abgetrennte-schweinswalflossen-an-der-ostseekueste-gefunden,schweinswal-116.html" rel="noopener">Da die Schnitte an den Flossen sehr gerade und auch </a>Netzmarken auf der Haut erkennbar sind, ist dies ein sicherer Hinweis darauf, dass die kleinen Wale Beifang in einem Fischernetz, vermutlich einem Stellnetz, waren“, so Lena Hohls vom BUND Klützer Winkel. Um die toten Tiere aus den Netzen zu lösen, seien sie offenbar herausgeschnitten und anschließend zerstückelt ins Meer zurückgeworfen worden.“<br></br>Oder den <a href="https://www.ifaw.org/international/journal/bay-of-biscay-fishing-closures-stop-dolphin-deaths" rel="noopener">Tausenden von Delphinen und Schweinswalen, die jährlich allein in der Biscaya-Fischerei</a>-sterben oder in an Geisternetzen oder Plastikmüll verenden.<br></br>Der beste Walschutz ist, keinen Fisch zu essen und Plastik zu reduzieren sowie wirksamer Meeres- und Klimaschutz. Daran sterben Wale (und n<a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/wale-sterben-nicht-an-windkraft/">icht an Windkraft</a>).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwal-in-der-ostsee-status-bericht/#comments 35 AstroGeo Podcast: Explosion abgesagt – kann eine Supernova ausfallen? https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-explosion-abgesagt-kann-eine-supernova-ausfallen/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-explosion-abgesagt-kann-eine-supernova-ausfallen/#respond Sun, 29 Mar 2026 07:16:02 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1861 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-9-768x768.jpg Diese künstlerische Darstellung zeigt ein schwach leuchtendes Zentrum, das von einer kugelförmigen rötlichen Wolke umgeben ist. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-explosion-abgesagt-kann-eine-supernova-ausfallen/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel_sl-6.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Explosion abgesagt - kann eine Supernova ausfallen? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag134-no-nova.html#/" rel="noopener">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyy</a></p> <p>Während Sterne wie unsere Sonne ihre Entwicklung recht unspektakulär als Weiße Zwerge beenden, erwartet massereichere Sterne ein weitaus spannenderes Schicksal: Sie enden als Neutronensterne oder gar als Schwarze Löcher. Doch bevor es soweit ist, explodieren sie als Supernova – und hier findet das eigentliche Spektakel statt: Für kurze Zeit können diese Sterne so hell leuchten wie ihre gesamte restliche Heimatgalaxie. Explodiert eine solche Supernova in der Milchstraße, könnte sie sogar hell genug aufleuchten, um mit bloßem Auge am Tageshimmel sichtbar zu sein.</p> <p>Irgendwann wird es auch für den Stern Beteigeuze so weit sein: Bislang kennen und schätzen wir ihn als Schulterstern des prominenten Wintersternbilds Orion. Er ist einer der hellsten Sterne am gesamten Himmel. Beteigeuze ist schon kein „normaler“ Stern mehr, sondern ein Roter Überriese – ein Stern, der seine Entwicklung schon bald beenden wird und von dem sich Forschende sicher sind, dass er in den nächsten paar Millionen Jahren als Supernova explodieren wird.<aside></aside></p> <p>Aber was wäre, wenn Beteigeuze am Ende seiner Entwicklung nicht explodieren würde – sondern einfach so, heimlich, still und leise, vom Himmel verschwinden würde? Wenn er also nicht erst als Supernova explodiert, sondern einfach direkt zu einem Schwarzen Loch kollabiert?</p> <p>In dieser Folge erzählt Franzi von potenziell gescheiterten Supernovae. Bislang ist unklar, ob es solche „Un-Novae“ überhaupt gibt – Supernova-Explosionen, die aus irgendeinem Grund ausfallen. Es gibt einige Indizien, die dafür sprechen, dass es solche gescheiterten Supernovae geben könnte. Doch wie sucht man nach etwas, das sich dadurch auszeichnet, das es nicht stattfindet? Die Suche ist eine astronomische Fleißarbeit – doch kürzlich verkündeten Forscherinnen und Forscher, das ihnen genau das gelungen sei: In der Andromedagalaxie soll ein Himmelskörper mit der Bezeichnung M31-2024-DS1 direkt zum Schwarzen Loch kollabiert sein – ohne als Supernova zu explodieren.</p> <h3>Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 43: <a href="https://astrogeo.de/wann-explodiert-endlich-die-naechste-supernova/" rel="noopener">Wann explodiert endlich die nächste Supernova?</a></li> <li>Folge 117: <a href="https://astrogeo.de/sterneninseln-auf-kollisionskurs-wann-trifft-uns-die-andromeda-galaxie/" rel="noopener">Sterneninseln auf Kollisionskurs: Wann trifft die Andromeda-Galaxie die Milchstraße?</a></li> <li>Folge 123: <a href="https://astrogeo.de/weisse-zwerge-die-rettung-vor-dem-schwarzen-loch/" rel="noopener">Weiße Zwerge – die Rettung vor dem Schwarzen Loch?</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li><strong><a href="https://astrogeo.de/exkursion-noerdlinger-ries-2026/" rel="noopener">Alle Infos zur AstroGeo-Exkursion 2026</a></strong></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Supernova" rel="noopener">Supernova</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Andromedagalaxie" rel="noopener">Andromedagalaxie (M31)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Un-Nova" rel="noopener">Un-Nova</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Neutrino" rel="noopener">Neutrino</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Beteigeuze" rel="noopener">Beteigeuze</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ver%C3%A4nderlicher_Stern" rel="noopener">Veränderlicher Stern</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Roter_%C3%9Cberriese" rel="noopener">Roter Überriese</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gelber_Riese" rel="noopener">Gelber Riese</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://academic.oup.com/mnras/article/453/3/2885/1750466" rel="noopener">Gone without a bang: an archival HST survey for disappearing massive stars (2015)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://academic.oup.com/mnras/article/450/3/3289/1064540?login=false" rel="noopener">The search for failed supernovae with the Large Binocular Telescope: first candidates (2015)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://academic.oup.com/mnras/article/546/3/stag052/8424233?login=false" rel="noopener">The fate of the failed supernova candidate M31-2014-DS1 (2026)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/science.adt4853" rel="noopener">Disappearance of a massive star in the Andromeda Galaxy due to formation of a black hole (2026)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.3847/2041-8213/ae468d" rel="noopener">Fading into Darkness: A Weak Mass Ejection and Low-Efficiency Fallback Accompanying Black Hole Formation in M31-2014-DS1 (2026)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://arxiv.org/abs/2601.14497" rel="noopener">The failed failed-supernova scenario of M31-2014-DS1 (2026)</a></li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://www.jpl.nasa.gov/news/archival-data-from-nasas-neowise-tracks-star-turning-into-black-hole/" rel="noopener">Künstlerische Ansicht / Keith Miller, Caltech/IPAC – SELab</a><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg05.met.vgwort.de/na/bfc56435ef4c4d64a65e9c277aa808f2" width="1"></img><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg05.met.vgwort.de/na/bfc56435ef4c4d64a65e9c277aa808f2" width="1"></img></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel_sl-6.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Explosion abgesagt - kann eine Supernova ausfallen? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag134-no-nova.html#/" rel="noopener">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyy</a></p> <p>Während Sterne wie unsere Sonne ihre Entwicklung recht unspektakulär als Weiße Zwerge beenden, erwartet massereichere Sterne ein weitaus spannenderes Schicksal: Sie enden als Neutronensterne oder gar als Schwarze Löcher. Doch bevor es soweit ist, explodieren sie als Supernova – und hier findet das eigentliche Spektakel statt: Für kurze Zeit können diese Sterne so hell leuchten wie ihre gesamte restliche Heimatgalaxie. Explodiert eine solche Supernova in der Milchstraße, könnte sie sogar hell genug aufleuchten, um mit bloßem Auge am Tageshimmel sichtbar zu sein.</p> <p>Irgendwann wird es auch für den Stern Beteigeuze so weit sein: Bislang kennen und schätzen wir ihn als Schulterstern des prominenten Wintersternbilds Orion. Er ist einer der hellsten Sterne am gesamten Himmel. Beteigeuze ist schon kein „normaler“ Stern mehr, sondern ein Roter Überriese – ein Stern, der seine Entwicklung schon bald beenden wird und von dem sich Forschende sicher sind, dass er in den nächsten paar Millionen Jahren als Supernova explodieren wird.<aside></aside></p> <p>Aber was wäre, wenn Beteigeuze am Ende seiner Entwicklung nicht explodieren würde – sondern einfach so, heimlich, still und leise, vom Himmel verschwinden würde? Wenn er also nicht erst als Supernova explodiert, sondern einfach direkt zu einem Schwarzen Loch kollabiert?</p> <p>In dieser Folge erzählt Franzi von potenziell gescheiterten Supernovae. Bislang ist unklar, ob es solche „Un-Novae“ überhaupt gibt – Supernova-Explosionen, die aus irgendeinem Grund ausfallen. Es gibt einige Indizien, die dafür sprechen, dass es solche gescheiterten Supernovae geben könnte. Doch wie sucht man nach etwas, das sich dadurch auszeichnet, das es nicht stattfindet? Die Suche ist eine astronomische Fleißarbeit – doch kürzlich verkündeten Forscherinnen und Forscher, das ihnen genau das gelungen sei: In der Andromedagalaxie soll ein Himmelskörper mit der Bezeichnung M31-2024-DS1 direkt zum Schwarzen Loch kollabiert sein – ohne als Supernova zu explodieren.</p> <h3>Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 43: <a href="https://astrogeo.de/wann-explodiert-endlich-die-naechste-supernova/" rel="noopener">Wann explodiert endlich die nächste Supernova?</a></li> <li>Folge 117: <a href="https://astrogeo.de/sterneninseln-auf-kollisionskurs-wann-trifft-uns-die-andromeda-galaxie/" rel="noopener">Sterneninseln auf Kollisionskurs: Wann trifft die Andromeda-Galaxie die Milchstraße?</a></li> <li>Folge 123: <a href="https://astrogeo.de/weisse-zwerge-die-rettung-vor-dem-schwarzen-loch/" rel="noopener">Weiße Zwerge – die Rettung vor dem Schwarzen Loch?</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li><strong><a href="https://astrogeo.de/exkursion-noerdlinger-ries-2026/" rel="noopener">Alle Infos zur AstroGeo-Exkursion 2026</a></strong></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Supernova" rel="noopener">Supernova</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Andromedagalaxie" rel="noopener">Andromedagalaxie (M31)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Un-Nova" rel="noopener">Un-Nova</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Neutrino" rel="noopener">Neutrino</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Beteigeuze" rel="noopener">Beteigeuze</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ver%C3%A4nderlicher_Stern" rel="noopener">Veränderlicher Stern</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Roter_%C3%9Cberriese" rel="noopener">Roter Überriese</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gelber_Riese" rel="noopener">Gelber Riese</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://academic.oup.com/mnras/article/453/3/2885/1750466" rel="noopener">Gone without a bang: an archival HST survey for disappearing massive stars (2015)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://academic.oup.com/mnras/article/450/3/3289/1064540?login=false" rel="noopener">The search for failed supernovae with the Large Binocular Telescope: first candidates (2015)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://academic.oup.com/mnras/article/546/3/stag052/8424233?login=false" rel="noopener">The fate of the failed supernova candidate M31-2014-DS1 (2026)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/science.adt4853" rel="noopener">Disappearance of a massive star in the Andromeda Galaxy due to formation of a black hole (2026)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.3847/2041-8213/ae468d" rel="noopener">Fading into Darkness: A Weak Mass Ejection and Low-Efficiency Fallback Accompanying Black Hole Formation in M31-2014-DS1 (2026)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://arxiv.org/abs/2601.14497" rel="noopener">The failed failed-supernova scenario of M31-2014-DS1 (2026)</a></li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://www.jpl.nasa.gov/news/archival-data-from-nasas-neowise-tracks-star-turning-into-black-hole/" rel="noopener">Künstlerische Ansicht / Keith Miller, Caltech/IPAC – SELab</a><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg05.met.vgwort.de/na/bfc56435ef4c4d64a65e9c277aa808f2" width="1"></img><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg05.met.vgwort.de/na/bfc56435ef4c4d64a65e9c277aa808f2" width="1"></img></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-explosion-abgesagt-kann-eine-supernova-ausfallen/#respond 0 𝗖𝗹𝗮𝘂𝗱𝗲 𝗖𝗼𝗱𝗲 𝗶𝘀𝘁 𝗱𝗲𝗿 𝗲𝗿𝘀𝘁𝗲 „𝗞𝗜-𝗔𝘀𝘀𝗶𝘀𝘁𝗲𝗻𝘁“, 𝗱𝗲𝗿 𝗱𝗶𝗲𝘀𝗲𝗻 𝗝𝗼𝗯-𝗧𝗶𝘁𝗲𝗹 𝘃𝗲𝗿𝗱𝗶𝗲𝗻𝘁 https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/claude-code-rechner-ki-assistent/ https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/claude-code-rechner-ki-assistent/#comments Sat, 28 Mar 2026 11:52:01 +0000 Jaromir Konecny https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/?p=1219 https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Claude_Code_Drucker-Blog-Header-768x134.png <link>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/claude-code-rechner-ki-assistent/</link> </image> <description type="html"><h1>Der KI-Assistent für deine Computer-Probleme.</h1><h2>By Von Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>Nach Jahren von Assistants und Copilots, die nur Vorschläge machen konnten, scheinen unsere geheimsten Wünsche erfüllt zu sein: Ein KI-Assistent, dem wir in natürlicher Sprache unser Computer-Problem schildern und der das Problem sofort behebt – statt uns in zig Foren zu schicken, um Lösungen zu finden: </p> <p>Claude Code macht keine Vorschläge. Claude Code macht. 🧑‍🏭</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-95.png"><img alt="Claude Code Terminal-Oberfläche" decoding="async" height="334" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-95-1024x334.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-95-1024x334.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-95-300x98.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-95-768x251.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-95.png 1127w" width="1024"></img></a></figure> <p>Seit ich Claude Code auf meinem Windows-Notebook laufen habe, rufe ich keinen PC-Experten mehr an. Und ich muss nicht mehr Gemini- und ChatGPT-Modelle mit meinen Windows-Problemen volljammern. Ich beschreibe Claude Code das Problem, und lasse den Bot von der Kette.</p> <p>Claude Code hat schon meinen Download-Ordner organisiert. Den Screenshot-Ordner aufgeräumt. Er erinnert mich an meine Termine. Und daran, dass ich gleich 120 Liegestütze machen wollte (als ich sie mal ausließ, hat er nachgefragt 🤣). Er liest meine Mails und sagt mir, was drin steht. (Für die DSGVO-Gläubigen: Claude Code hat nur Zugang zu meinem Bot-und-Newsletter-Postfach. Keine privaten Mails.)</p> <p>Klar ist Claude Code sicherer als OpenClaw. Mir ist es nicht gelungen, Claude Code dazu zu bringen, eine .exe-Datei zu löschen. „Das musst du selber machen“, sagte der freche Bot. 😊 Ansonsten spart mir Claude Code aber massiv Zeit und Nerven. Zum Beispiel bei meiner letzten Drucker-Plage.<aside></aside></p> <p>Seit letzter Woche wollte mein Pantum-Drucker nicht mehr drucken. Brainstorming mit Gemini 3.1 Pro hat nichts gebracht. Ich habe alles Mögliche probiert. Schon wollte ich alle Geräte ins Auto tragen und in den Computer-Reparatur-Laden fahren. Am Ende ist mir aber eingefallen: Vielleicht könnte ich Claude Code auch im Hardcore-„Computer Use“ testen. Vielleicht war es an der Zeit, mit dem Bot nicht nur Ordner und Dateien in Ordnung zu bringen, sondern auch den Computer zu reparieren. </p> <p>Ich habe Sonnet 4.6 in Claude Code genau zwei Anweisungen gegeben. Die hab ich mir vorher von Sonnets größeren Bruder Opus 4.6 in der Claude-App geholt:</p> <p>𝗘𝗿𝘀𝘁𝗲 𝗔𝗻𝘄𝗲𝗶𝘀𝘂𝗻𝗴 (gestrafft): Zeig mir den Status meiner Drucker.</p> <p>Claude Code öffnet PowerShell, scannt alles durch — und findet das Problem selbst. Der Drucker war auf einen uralten Port konfiguriert. Das hätte ich nie gefunden. Gemini auch nicht, weil Gemini meinen PC nicht anfassen kann.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-96.png"><img alt="Claude Code scannt Drucker-Ports in PowerShell" decoding="async" height="617" sizes="(max-width: 800px) 100vw, 800px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-96.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-96.png 800w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-96-300x231.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-96-768x592.png 768w" width="800"></img></a></figure> <p>𝗭𝘄𝗲𝗶𝘁𝗲 𝗔𝗻𝘄𝗲𝗶𝘀𝘂𝗻𝗴: Mach den Drucker startklar.</p> <p>Claude Code versucht, den Drucker im Netzwerk zu finden. Erster Scan-Versuch: Syntaxfehler im eigenen Skript. Korrigiert sich selbst. Zweiter Versuch: Drucker antwortet nicht auf Ping. Claude Code ändert die Strategie, scannt die Drucker-Ports direkt. Ergebnis: Drucker ist gar nicht im WLAN.</p> <p>Und jetzt kommt die Offenbarung: Statt stur weiterzumachen, sagt Claude Code: „Das WLAN musst du am Drucker selbst einrichten. Aber ich stelle dir jetzt den USB-Drucker als Standard ein — der funktioniert.“</p> <p>Zwei Minuten später druckt der Drucker: Keine Treiber-Neuinstallation, zu der mich Gemini überreden wollte. Kein Googeln. Kein Forumspost.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-97.png"><img alt="Claude Code setzt USB-Drucker als Standard" decoding="async" height="298" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-97-1024x298.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-97-1024x298.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-97-300x87.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-97-768x224.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-97.png 1074w" width="1024"></img></a></figure> <p>Mit Claude Code können Computer-Unkundige endlich ihren Rechner zähmen. Wenn ihr Probleme habt, startet Claude Code.</p> <p>Oder mailt mich an. 😊</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Der KI-Assistent für deine Computer-Probleme.</h1><h2>By Von Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>Nach Jahren von Assistants und Copilots, die nur Vorschläge machen konnten, scheinen unsere geheimsten Wünsche erfüllt zu sein: Ein KI-Assistent, dem wir in natürlicher Sprache unser Computer-Problem schildern und der das Problem sofort behebt – statt uns in zig Foren zu schicken, um Lösungen zu finden: </p> <p>Claude Code macht keine Vorschläge. Claude Code macht. 🧑‍🏭</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-95.png"><img alt="Claude Code Terminal-Oberfläche" decoding="async" height="334" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-95-1024x334.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-95-1024x334.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-95-300x98.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-95-768x251.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-95.png 1127w" width="1024"></img></a></figure> <p>Seit ich Claude Code auf meinem Windows-Notebook laufen habe, rufe ich keinen PC-Experten mehr an. Und ich muss nicht mehr Gemini- und ChatGPT-Modelle mit meinen Windows-Problemen volljammern. Ich beschreibe Claude Code das Problem, und lasse den Bot von der Kette.</p> <p>Claude Code hat schon meinen Download-Ordner organisiert. Den Screenshot-Ordner aufgeräumt. Er erinnert mich an meine Termine. Und daran, dass ich gleich 120 Liegestütze machen wollte (als ich sie mal ausließ, hat er nachgefragt 🤣). Er liest meine Mails und sagt mir, was drin steht. (Für die DSGVO-Gläubigen: Claude Code hat nur Zugang zu meinem Bot-und-Newsletter-Postfach. Keine privaten Mails.)</p> <p>Klar ist Claude Code sicherer als OpenClaw. Mir ist es nicht gelungen, Claude Code dazu zu bringen, eine .exe-Datei zu löschen. „Das musst du selber machen“, sagte der freche Bot. 😊 Ansonsten spart mir Claude Code aber massiv Zeit und Nerven. Zum Beispiel bei meiner letzten Drucker-Plage.<aside></aside></p> <p>Seit letzter Woche wollte mein Pantum-Drucker nicht mehr drucken. Brainstorming mit Gemini 3.1 Pro hat nichts gebracht. Ich habe alles Mögliche probiert. Schon wollte ich alle Geräte ins Auto tragen und in den Computer-Reparatur-Laden fahren. Am Ende ist mir aber eingefallen: Vielleicht könnte ich Claude Code auch im Hardcore-„Computer Use“ testen. Vielleicht war es an der Zeit, mit dem Bot nicht nur Ordner und Dateien in Ordnung zu bringen, sondern auch den Computer zu reparieren. </p> <p>Ich habe Sonnet 4.6 in Claude Code genau zwei Anweisungen gegeben. Die hab ich mir vorher von Sonnets größeren Bruder Opus 4.6 in der Claude-App geholt:</p> <p>𝗘𝗿𝘀𝘁𝗲 𝗔𝗻𝘄𝗲𝗶𝘀𝘂𝗻𝗴 (gestrafft): Zeig mir den Status meiner Drucker.</p> <p>Claude Code öffnet PowerShell, scannt alles durch — und findet das Problem selbst. Der Drucker war auf einen uralten Port konfiguriert. Das hätte ich nie gefunden. Gemini auch nicht, weil Gemini meinen PC nicht anfassen kann.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-96.png"><img alt="Claude Code scannt Drucker-Ports in PowerShell" decoding="async" height="617" sizes="(max-width: 800px) 100vw, 800px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-96.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-96.png 800w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-96-300x231.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-96-768x592.png 768w" width="800"></img></a></figure> <p>𝗭𝘄𝗲𝗶𝘁𝗲 𝗔𝗻𝘄𝗲𝗶𝘀𝘂𝗻𝗴: Mach den Drucker startklar.</p> <p>Claude Code versucht, den Drucker im Netzwerk zu finden. Erster Scan-Versuch: Syntaxfehler im eigenen Skript. Korrigiert sich selbst. Zweiter Versuch: Drucker antwortet nicht auf Ping. Claude Code ändert die Strategie, scannt die Drucker-Ports direkt. Ergebnis: Drucker ist gar nicht im WLAN.</p> <p>Und jetzt kommt die Offenbarung: Statt stur weiterzumachen, sagt Claude Code: „Das WLAN musst du am Drucker selbst einrichten. Aber ich stelle dir jetzt den USB-Drucker als Standard ein — der funktioniert.“</p> <p>Zwei Minuten später druckt der Drucker: Keine Treiber-Neuinstallation, zu der mich Gemini überreden wollte. Kein Googeln. Kein Forumspost.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-97.png"><img alt="Claude Code setzt USB-Drucker als Standard" decoding="async" height="298" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-97-1024x298.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-97-1024x298.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-97-300x87.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-97-768x224.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-97.png 1074w" width="1024"></img></a></figure> <p>Mit Claude Code können Computer-Unkundige endlich ihren Rechner zähmen. Wenn ihr Probleme habt, startet Claude Code.</p> <p>Oder mailt mich an. 😊</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/claude-code-rechner-ki-assistent/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>13</slash:comments> </item> <item> <title>Pottwale: Geburt, Headbutting und Anti-Walfang-Manöver https://scilogs.spektrum.de/meertext/pottwale-geburt-headbutting-und-poop-bombs/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/pottwale-geburt-headbutting-und-poop-bombs/#comments Thu, 26 Mar 2026 21:03:38 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1934 <h1>Pottwale: Geburt, Headbutting und Anti-Walfang-Manöver » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Im Juli 2023 beobachteten Forscher die Geburt eines Pottwals vor der Küste Dominikas – ihre detaillierte Schilderung haben sie gerade veröffentlicht: „<strong><a href="https://www.nature.com/articles/s41598-025-27438-3" rel="noopener">Description of a collaborative sperm whale birth and shifts in coda vocal styles during key events</a></strong>„</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="575" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46-1024x575.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46-1024x575.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46-1536x863.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46.png 2000w" width="1024"></img></a><figcaption>Female sperm whales from Unit A holding the newborn sperm whale calf above water until it is able to swim on its own. Credit: Project CETI.<br></br>Ergänzender Kommentar: Das Neugeborene wird gerade von dem Pulk erwachsener Weibchen hochgehalten, seine Flosse ist noch zerknautscht. Rechts oben sind zwei Pilotwale.</figcaption></figure> <p>Shane Gero, David Gruber und weitere Wissenschaftler:innen beobachteten diese Geburt in einer Gruppe aus 11 Ihnen bereits bekannten Pottwalen (<em>Physeter macrocephalus</em>), Nutzung von Aerial Drones, Unterwasser-Audioaufnahmen und Fotografieren vom Schiff aus. Shane Gero ist ein ausgewiesener Experte für Pottwale und leitet seit vielen Jahren das <a href="https://www.thespermwhaleproject.org/" rel="noopener">Dominica Sperm whale Project</a> – er und andere Forschende beobachtet dort ganzjährig Mutter-Kind-Familiengruppen und kennen viele der Individuen und Familien. Diese Pottwale gehören zu unterschiedlichen Klick-Klans – ihre Klick-Reihen (Codas) dienen der sozialen Kommunikation, verschiedene Clans aus vielen Familien-Units haben jeweils eigene Klick-Dialekte als Teil ihrer Clan-Kultur.</p> <p>Das Team um Shane Gero beobachtete den eigentlichen Geburtstagvorgang von 33 Minuten, zu dem sich der ganze Family-Unit aus den erwachsenen Weibchen zusammengefunden hatte. Der kleine Pottwal wurde wie üblich mit der Schwanzflosse voran geboren – so bleibt der Kopf möglichst lange im Mutterleib, sonst würde er ertrinken. Eine Minute, nachdem er den Mutterleib verlassen hatte, hoben ihn andere erwachsene Weibchen auf ihren Köpfen und Rücken aus dem Wasser – der neugeborene Pottwal konnte damit sicher seine ersten Atemzüge machen. Zwei Stunden nach der Geburt löste diese Pottwal-Gruppe dann auf und das Neugeborene blieb in der Obhut der Mutter (bekannt als Rounder), der Halbschwester Accra und der Tante Aurora (die Pottwalforscher:innen kennen die meisten Individuen und ihre Verwandtschaftsbeziehungen). Die Autoren bemerkten auch dass das Neugeborene ein Jahr später mit Accra und Aurora gesichtet wurde, es also das erste Jahr überlebt hat. Damit ist es nun recht wahrscheinlich, dass es auch das Erwachsenenalter erreichen wird.<p><a href="https://www.projectceti.org/" rel="noopener">David Gruber ist der Mit-Initiator des CETI-Projekts</a>, einem interdisziplinären Forschungsprojekt zur Pottwalsprache, bei dem die Feldforschung um Shane Gero einen zentralen Teil einnehmen. Die Klick-Codas und Klick-Kulturen der Pottwale waren bereits vorher bekannt, aber im CETI-Projekt ist nun mit stetig fortschreitender Technologie und KI-Einsatz der Datensatz beträchtlich vergrößert worden.</p><br></br>Um die Geburt herum nahm das Forscherteam Codas auf, die im Kontext mit der sozialen Identität des kulturellen Klick Clans der Pottwale stehen. Diese Laute, so Gero und Gruber, könnten die sozialen Bande während der Geburt bestärkt haben. Weiterhin veränderten sich die Vokalisierungen der Walgruppe bei Schlüsselmomenten während der Geburt, darunter waren längere Laute, die an die menschlichen Vokale a und i erinnern – diese <a href="https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2025.06.09.658556v1" rel="noopener">Coda-Vokale wurden erst kürzlich von den Forschenden eine der engsten Parallelen zur menschlichen Phonologie</a> unter allen bekannten tierischen Kommunikationssystemen bezeichnet (Bereits 2024 hatten CETI-Forschende <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/klicken-pottwale-mit-einem-phonetischen-alphabet/">Hinweise auf ein phonetisches Alphabet bei Pottwalen</a> beschrieben). Die Pottwallaute während der Geburt waren über mehrere hundert Meter hörbar und die Forscher spekulieren, dass sie auch von einer Gruppe von Kurzflossen-Grindwalen (<em>Globicephala makrorhynchus</em>) und Fraser-Delphine (<em>Lagenorhynchus hosei</em>) gehört werden konnten, die in der Nähe aufhielten und offenbar mit der Pottwalgruppe interagierten.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/43Wbp7sgyFI?feature=oembed" title="Aluma et al. Scientific Reports Video 1" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Beschreibungen von Geburten sind in freier Natur bisher erst von neun Walarten beschrieben worden. Bei nur drei anderen Zahnwalarten – Kleiner Schwertwal (<em>Pseudorca crassidens</em>), Orcas (<em>Orcinus orca</em>) sowie Beluga (<em>Delphinapterus leucas</em>) – wurde das koordinierte Hochheben des Kalbs, dass die Autoren hier beobachteten, ebenfalls beschrieben. Dies könnte ein Relikt der Wal-Evolution und des letzten gemeinsamen Vorfahren dieser Zahnwale vor etwa 34 Millionen Jahren sein: Die vollständig ans Leben auch in tiefen Gewässern angepaßten Wale könnte es entwickelt haben, um das Risiko für Neugeborene des Ertrinkens zu reduzieren.</p> <h2><strong>Headbutting – Kopfstöße unter Bullen</strong></h2> <p>Walfänger des 19. Jahrhunderts erzählten davon, dass Pottwabullen mit ihren mächtigen Köpfen untereinander Kämpfe ausfechten (headbutting) und mit Rammstößen des Kopfes Schiffe angriffen. Seit dem Südsee-Pottwalfang mit offenen Fangbooten im 19. Jahrhundert gibt es vereinzelte Berichte darüber, dass Pottwale ihren Kopf einsetzen, um Gegenstände zu stoßen und zu rammen. Das berühmteste Beispiel ist das der 27 Meter langen „Essex“, die 1820 vor den Galapagosinseln durch zwei Frontalzusammenstöße mit einem großen Pottwal versenkt wurde und Herman Melville zu seinem Roman „Moby Dick“ inspirierte. <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2020/11/20/melville-moby-dick-die-essex-story-und-der-ganze-walkampf/" rel="noopener">Owen Chase, Erster Maat auf der „Essex“, hatte das Unglück überlebt </a>und in einem packenden Bericht festgehalten. Darin beschreibt er auch den Rammstoß des Wals: „Ich drehte mich um und sah ihn etwa hundert Rod [ca. 500 m] direkt vor uns, wie er mit der doppelten Geschwindigkeit von etwa 24 Knoten auf uns zukam, und er wirkte mit zehnfacher Wut und Rachsucht in seinem Auftreten. Die Gischt flog in alle Richtungen um ihn herum, während er ununterbrochen heftig mit dem Schwanz schlug. Sein Kopf ragte etwa zur Hälfte aus dem Wasser, und so kam er auf uns zu und rammte das Schiff erneut.“<aside></aside></p> <p>Weitere Berichte erzählen, dass auch die Walfangschiffe „Ann Alexander“ und „Kathleen“ im 19. Jahrhundert von Pottwalbullen versenkt wurden.<br></br>Erwachsene Bullen werden 15 bis 20 Meter lang und bis zu 60 Tonnen schwer – hinter einem Rammstoß steckt also eine ungeheure Kraft.</p> <p>In der Neuzeit gab es dazu allerdings keine Beobachtungen, Pottwalforscher haben es sogar für unwahrscheinlich gehalten. Schließlich steckt im kastenförmige Riesenkopf, der bei Bullen fast ein Drittel der Körperlänge einnimmt, das sensible Ortungssystem, ohne dass ein Wal nicht überleben kann. Schließlich braucht er es sowohl zum Aufspüren seiner Beute in den lichtlosen Meerestiefen, als auch zur sozialen Kommunikation, gerade, wenn er seine Familiengruppe in warmen Gewässern aufsucht und sich fortpflanzen will. </p> <p>Aber zwischen 2020 und 2022 haben Forschende der University of St. Andrews tatsächlich solches Verhalten vor den Azoren und Balearen per Drohne an der Meeresoberfläche beobachtet und nun publiziert. Neben den Rammstößen konnten sie dabei auch den sozialen Kontext und andere Verhaltensweisen aufnehmen. Das Headbutting fand nicht etwa, wie die historischen Quellen berichten, zwischen erwachsenen Bullen statt, sondern innerhalb einer Bachelorgruppe junger Bullen. Ob diese Kopfstöße auch in größeren Tiefen stattfinden, ist noch nicht bekannt. Genauso ungeklärt ist noch die Funktion für die Gruppendynamik.<br></br>Das Forscherteam um Alec Burslem hofft nun auf weitere Drohnen-Aufnahmen, um das vielleicht irgendwann das Verhalten dahinter vollständig entschlüsseln zu können.</p> <p>Quelle:<br></br><a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Burslem/Alec" rel="noopener">Alec Burslem</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Cerd%C3%A0/Marga" rel="noopener">Marga Cerdà</a>, et al: „<strong><a href="https://doi.org/10.1111/mms.70153Digital%20Object%20Identifier%20(DOI)" rel="noopener">Headbutting Behavior Between Sperm Whales Documented Using Unoccupied Aerial Vehicles</a>“; </strong> 23 March 2026; <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/journal/17487692" rel="noopener">Marine Mammal Science</a></p> <h2>Anti-Walfänger-Taktiken</h2> <p>Schon 2021 kam eine Studie zum schnellen Lernen der <a href="https://www.livescience.com/whales-learned-avoid-harpoons.html" rel="noopener">Pottwale als Reaktion auf den Walfang im Nordpazifik heraus</a>. Die Forscher entdeckten bei der Analyse der digitalisierten Walfänger-Logbücher aus dem 19. Jahrhundert, dass die Pottwalfänge im Nordpazifik innerhalb weniger Jahre um 58% zurückgingen – die Wale lernten offenbar recht schnell, ihren Peinigern aus dem Weg zu schwimmen. Zunächst reagierten die Pottwale auch auf die neue Bedrohung durch die menschlichen Jäger genauso, wie sie auf Schwertwale abwehrten, ihren bis dahin einzigen Predator: Mit der Margariten-Formation, so erklärt Hal Whitehead (Dalhousie-Universität, Nova Scotia). Dabei bilden die Familiengruppen an der Oberfläche einen Kreis, die meisten positionieren sich mit dem Kopf nach innen und dem Schwanz nach außen. Inmitten des Kreises befinden sich ihre Babys. Von oben betrachtet erinnert diese Formation an eine Margeritenblüte. Die erwachsenen Weibchen können dann mit den mächtigen Flug harte Schläge auf angreifende Orcas austeilen. Auch Buckelwale schlagen so mit Finnen und Fluken Orcas erfolgreich in die Flucht. Die großen Flossen sind sehr hart und könnten die kleineren schwarz-weißen Zahnwale wohl erheblich verletzten, sie fürchten sich jedenfalls vor den Schlägen.</p> <p>Gegen die Walfänger half diese Verteidigungsstrategie den Pottwalen allerdings überhaupt nicht, stattdessen wurden sehr schnell viele von ihnen getötet. Die intelligenten Meeressäuger lernten aber offenbar schnell aus ihrem Fehler und die Überlebenden entwickelten neue Taktiken. So schwammen sie mit hoher Geschwindigkeit gegen den Wind davon und ließen so die Segelschiffe hinter sich.<br></br>Einzelne Pottwale entwickelten offenbar diese neuen Verhaltensmuster, die sich dann aber schnell über die gesamte Wal-Community verbreiteten. Auch Wale, die noch nie selbst auf Walfänger getroffen waren, lernten, vor ihnen zu fliehen. Pottwale haben eine komplexe Sprache und Lernkultur, so konnten sie diese neuen Verteidigungsstrategien an andere Familienmitglieder und Familien-Units kommunizieren und in ihren Kulturen verankern – fortan wurden die Walfänger deutlich erfolgloser.</p> <p><a href="https://whiteheadlab.weebly.com/" rel="noopener">Hal Whitehead ist sozusagen der „Pottwal-Papst“ </a>und ist ihnen jahrzehntelang gefolgt. So hat er die ersten Beobachtungen und Analysen zu den Weibchen-Kind-Familien vor allem um die Galapagos-Inseln publiziert. Die soziale Evolution in den Ozeanen ist sein Lebensthema. Einmal habe ich ihn interviewt und er erklärte mir, dass sich die Pottwal-Kultur und -Sprache um ihren Nachwuchs herum entwickelt haben. Seine Arbeiten zu Pottwalkulturen und Pottwal-Klick-Codas sowie ihre Dialekte und die Bestände haben maßgeblich zum Verständnis ihrer sozialen und kommunikativen Fähigkeiten beigetragen. <br></br>Der oben genannte Shane Gero hat von ihm das „Pottwal-Handwerk“ gelernt und ebenfalls genial weiterentwickelt.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Pottwale: Geburt, Headbutting und Anti-Walfang-Manöver » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Im Juli 2023 beobachteten Forscher die Geburt eines Pottwals vor der Küste Dominikas – ihre detaillierte Schilderung haben sie gerade veröffentlicht: „<strong><a href="https://www.nature.com/articles/s41598-025-27438-3" rel="noopener">Description of a collaborative sperm whale birth and shifts in coda vocal styles during key events</a></strong>„</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="575" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46-1024x575.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46-1024x575.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46-1536x863.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46.png 2000w" width="1024"></img></a><figcaption>Female sperm whales from Unit A holding the newborn sperm whale calf above water until it is able to swim on its own. Credit: Project CETI.<br></br>Ergänzender Kommentar: Das Neugeborene wird gerade von dem Pulk erwachsener Weibchen hochgehalten, seine Flosse ist noch zerknautscht. Rechts oben sind zwei Pilotwale.</figcaption></figure> <p>Shane Gero, David Gruber und weitere Wissenschaftler:innen beobachteten diese Geburt in einer Gruppe aus 11 Ihnen bereits bekannten Pottwalen (<em>Physeter macrocephalus</em>), Nutzung von Aerial Drones, Unterwasser-Audioaufnahmen und Fotografieren vom Schiff aus. Shane Gero ist ein ausgewiesener Experte für Pottwale und leitet seit vielen Jahren das <a href="https://www.thespermwhaleproject.org/" rel="noopener">Dominica Sperm whale Project</a> – er und andere Forschende beobachtet dort ganzjährig Mutter-Kind-Familiengruppen und kennen viele der Individuen und Familien. Diese Pottwale gehören zu unterschiedlichen Klick-Klans – ihre Klick-Reihen (Codas) dienen der sozialen Kommunikation, verschiedene Clans aus vielen Familien-Units haben jeweils eigene Klick-Dialekte als Teil ihrer Clan-Kultur.</p> <p>Das Team um Shane Gero beobachtete den eigentlichen Geburtstagvorgang von 33 Minuten, zu dem sich der ganze Family-Unit aus den erwachsenen Weibchen zusammengefunden hatte. Der kleine Pottwal wurde wie üblich mit der Schwanzflosse voran geboren – so bleibt der Kopf möglichst lange im Mutterleib, sonst würde er ertrinken. Eine Minute, nachdem er den Mutterleib verlassen hatte, hoben ihn andere erwachsene Weibchen auf ihren Köpfen und Rücken aus dem Wasser – der neugeborene Pottwal konnte damit sicher seine ersten Atemzüge machen. Zwei Stunden nach der Geburt löste diese Pottwal-Gruppe dann auf und das Neugeborene blieb in der Obhut der Mutter (bekannt als Rounder), der Halbschwester Accra und der Tante Aurora (die Pottwalforscher:innen kennen die meisten Individuen und ihre Verwandtschaftsbeziehungen). Die Autoren bemerkten auch dass das Neugeborene ein Jahr später mit Accra und Aurora gesichtet wurde, es also das erste Jahr überlebt hat. Damit ist es nun recht wahrscheinlich, dass es auch das Erwachsenenalter erreichen wird.<p><a href="https://www.projectceti.org/" rel="noopener">David Gruber ist der Mit-Initiator des CETI-Projekts</a>, einem interdisziplinären Forschungsprojekt zur Pottwalsprache, bei dem die Feldforschung um Shane Gero einen zentralen Teil einnehmen. Die Klick-Codas und Klick-Kulturen der Pottwale waren bereits vorher bekannt, aber im CETI-Projekt ist nun mit stetig fortschreitender Technologie und KI-Einsatz der Datensatz beträchtlich vergrößert worden.</p><br></br>Um die Geburt herum nahm das Forscherteam Codas auf, die im Kontext mit der sozialen Identität des kulturellen Klick Clans der Pottwale stehen. Diese Laute, so Gero und Gruber, könnten die sozialen Bande während der Geburt bestärkt haben. Weiterhin veränderten sich die Vokalisierungen der Walgruppe bei Schlüsselmomenten während der Geburt, darunter waren längere Laute, die an die menschlichen Vokale a und i erinnern – diese <a href="https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2025.06.09.658556v1" rel="noopener">Coda-Vokale wurden erst kürzlich von den Forschenden eine der engsten Parallelen zur menschlichen Phonologie</a> unter allen bekannten tierischen Kommunikationssystemen bezeichnet (Bereits 2024 hatten CETI-Forschende <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/klicken-pottwale-mit-einem-phonetischen-alphabet/">Hinweise auf ein phonetisches Alphabet bei Pottwalen</a> beschrieben). Die Pottwallaute während der Geburt waren über mehrere hundert Meter hörbar und die Forscher spekulieren, dass sie auch von einer Gruppe von Kurzflossen-Grindwalen (<em>Globicephala makrorhynchus</em>) und Fraser-Delphine (<em>Lagenorhynchus hosei</em>) gehört werden konnten, die in der Nähe aufhielten und offenbar mit der Pottwalgruppe interagierten.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/43Wbp7sgyFI?feature=oembed" title="Aluma et al. Scientific Reports Video 1" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Beschreibungen von Geburten sind in freier Natur bisher erst von neun Walarten beschrieben worden. Bei nur drei anderen Zahnwalarten – Kleiner Schwertwal (<em>Pseudorca crassidens</em>), Orcas (<em>Orcinus orca</em>) sowie Beluga (<em>Delphinapterus leucas</em>) – wurde das koordinierte Hochheben des Kalbs, dass die Autoren hier beobachteten, ebenfalls beschrieben. Dies könnte ein Relikt der Wal-Evolution und des letzten gemeinsamen Vorfahren dieser Zahnwale vor etwa 34 Millionen Jahren sein: Die vollständig ans Leben auch in tiefen Gewässern angepaßten Wale könnte es entwickelt haben, um das Risiko für Neugeborene des Ertrinkens zu reduzieren.</p> <h2><strong>Headbutting – Kopfstöße unter Bullen</strong></h2> <p>Walfänger des 19. Jahrhunderts erzählten davon, dass Pottwabullen mit ihren mächtigen Köpfen untereinander Kämpfe ausfechten (headbutting) und mit Rammstößen des Kopfes Schiffe angriffen. Seit dem Südsee-Pottwalfang mit offenen Fangbooten im 19. Jahrhundert gibt es vereinzelte Berichte darüber, dass Pottwale ihren Kopf einsetzen, um Gegenstände zu stoßen und zu rammen. Das berühmteste Beispiel ist das der 27 Meter langen „Essex“, die 1820 vor den Galapagosinseln durch zwei Frontalzusammenstöße mit einem großen Pottwal versenkt wurde und Herman Melville zu seinem Roman „Moby Dick“ inspirierte. <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2020/11/20/melville-moby-dick-die-essex-story-und-der-ganze-walkampf/" rel="noopener">Owen Chase, Erster Maat auf der „Essex“, hatte das Unglück überlebt </a>und in einem packenden Bericht festgehalten. Darin beschreibt er auch den Rammstoß des Wals: „Ich drehte mich um und sah ihn etwa hundert Rod [ca. 500 m] direkt vor uns, wie er mit der doppelten Geschwindigkeit von etwa 24 Knoten auf uns zukam, und er wirkte mit zehnfacher Wut und Rachsucht in seinem Auftreten. Die Gischt flog in alle Richtungen um ihn herum, während er ununterbrochen heftig mit dem Schwanz schlug. Sein Kopf ragte etwa zur Hälfte aus dem Wasser, und so kam er auf uns zu und rammte das Schiff erneut.“<aside></aside></p> <p>Weitere Berichte erzählen, dass auch die Walfangschiffe „Ann Alexander“ und „Kathleen“ im 19. Jahrhundert von Pottwalbullen versenkt wurden.<br></br>Erwachsene Bullen werden 15 bis 20 Meter lang und bis zu 60 Tonnen schwer – hinter einem Rammstoß steckt also eine ungeheure Kraft.</p> <p>In der Neuzeit gab es dazu allerdings keine Beobachtungen, Pottwalforscher haben es sogar für unwahrscheinlich gehalten. Schließlich steckt im kastenförmige Riesenkopf, der bei Bullen fast ein Drittel der Körperlänge einnimmt, das sensible Ortungssystem, ohne dass ein Wal nicht überleben kann. Schließlich braucht er es sowohl zum Aufspüren seiner Beute in den lichtlosen Meerestiefen, als auch zur sozialen Kommunikation, gerade, wenn er seine Familiengruppe in warmen Gewässern aufsucht und sich fortpflanzen will. </p> <p>Aber zwischen 2020 und 2022 haben Forschende der University of St. Andrews tatsächlich solches Verhalten vor den Azoren und Balearen per Drohne an der Meeresoberfläche beobachtet und nun publiziert. Neben den Rammstößen konnten sie dabei auch den sozialen Kontext und andere Verhaltensweisen aufnehmen. Das Headbutting fand nicht etwa, wie die historischen Quellen berichten, zwischen erwachsenen Bullen statt, sondern innerhalb einer Bachelorgruppe junger Bullen. Ob diese Kopfstöße auch in größeren Tiefen stattfinden, ist noch nicht bekannt. Genauso ungeklärt ist noch die Funktion für die Gruppendynamik.<br></br>Das Forscherteam um Alec Burslem hofft nun auf weitere Drohnen-Aufnahmen, um das vielleicht irgendwann das Verhalten dahinter vollständig entschlüsseln zu können.</p> <p>Quelle:<br></br><a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Burslem/Alec" rel="noopener">Alec Burslem</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Cerd%C3%A0/Marga" rel="noopener">Marga Cerdà</a>, et al: „<strong><a href="https://doi.org/10.1111/mms.70153Digital%20Object%20Identifier%20(DOI)" rel="noopener">Headbutting Behavior Between Sperm Whales Documented Using Unoccupied Aerial Vehicles</a>“; </strong> 23 March 2026; <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/journal/17487692" rel="noopener">Marine Mammal Science</a></p> <h2>Anti-Walfänger-Taktiken</h2> <p>Schon 2021 kam eine Studie zum schnellen Lernen der <a href="https://www.livescience.com/whales-learned-avoid-harpoons.html" rel="noopener">Pottwale als Reaktion auf den Walfang im Nordpazifik heraus</a>. Die Forscher entdeckten bei der Analyse der digitalisierten Walfänger-Logbücher aus dem 19. Jahrhundert, dass die Pottwalfänge im Nordpazifik innerhalb weniger Jahre um 58% zurückgingen – die Wale lernten offenbar recht schnell, ihren Peinigern aus dem Weg zu schwimmen. Zunächst reagierten die Pottwale auch auf die neue Bedrohung durch die menschlichen Jäger genauso, wie sie auf Schwertwale abwehrten, ihren bis dahin einzigen Predator: Mit der Margariten-Formation, so erklärt Hal Whitehead (Dalhousie-Universität, Nova Scotia). Dabei bilden die Familiengruppen an der Oberfläche einen Kreis, die meisten positionieren sich mit dem Kopf nach innen und dem Schwanz nach außen. Inmitten des Kreises befinden sich ihre Babys. Von oben betrachtet erinnert diese Formation an eine Margeritenblüte. Die erwachsenen Weibchen können dann mit den mächtigen Flug harte Schläge auf angreifende Orcas austeilen. Auch Buckelwale schlagen so mit Finnen und Fluken Orcas erfolgreich in die Flucht. Die großen Flossen sind sehr hart und könnten die kleineren schwarz-weißen Zahnwale wohl erheblich verletzten, sie fürchten sich jedenfalls vor den Schlägen.</p> <p>Gegen die Walfänger half diese Verteidigungsstrategie den Pottwalen allerdings überhaupt nicht, stattdessen wurden sehr schnell viele von ihnen getötet. Die intelligenten Meeressäuger lernten aber offenbar schnell aus ihrem Fehler und die Überlebenden entwickelten neue Taktiken. So schwammen sie mit hoher Geschwindigkeit gegen den Wind davon und ließen so die Segelschiffe hinter sich.<br></br>Einzelne Pottwale entwickelten offenbar diese neuen Verhaltensmuster, die sich dann aber schnell über die gesamte Wal-Community verbreiteten. Auch Wale, die noch nie selbst auf Walfänger getroffen waren, lernten, vor ihnen zu fliehen. Pottwale haben eine komplexe Sprache und Lernkultur, so konnten sie diese neuen Verteidigungsstrategien an andere Familienmitglieder und Familien-Units kommunizieren und in ihren Kulturen verankern – fortan wurden die Walfänger deutlich erfolgloser.</p> <p><a href="https://whiteheadlab.weebly.com/" rel="noopener">Hal Whitehead ist sozusagen der „Pottwal-Papst“ </a>und ist ihnen jahrzehntelang gefolgt. So hat er die ersten Beobachtungen und Analysen zu den Weibchen-Kind-Familien vor allem um die Galapagos-Inseln publiziert. Die soziale Evolution in den Ozeanen ist sein Lebensthema. Einmal habe ich ihn interviewt und er erklärte mir, dass sich die Pottwal-Kultur und -Sprache um ihren Nachwuchs herum entwickelt haben. Seine Arbeiten zu Pottwalkulturen und Pottwal-Klick-Codas sowie ihre Dialekte und die Bestände haben maßgeblich zum Verständnis ihrer sozialen und kommunikativen Fähigkeiten beigetragen. <br></br>Der oben genannte Shane Gero hat von ihm das „Pottwal-Handwerk“ gelernt und ebenfalls genial weiterentwickelt.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/pottwale-geburt-headbutting-und-poop-bombs/#comments 1 „Die Durchschnittsfrau gibt es nicht“ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-durchschnittsfrau-gibt-es-nicht/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-durchschnittsfrau-gibt-es-nicht/#respond Thu, 26 Mar 2026 15:00:00 +0000 Gast https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5750 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/still-life-pop-style-human-brain-scaled-e1774343272747-768x282.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-durchschnittsfrau-gibt-es-nicht/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/still-life-pop-style-human-brain-scaled-e1774343272747.jpg" /><h1>„Die Durchschnittsfrau gibt es nicht“ » HIRN UND WEG</h1><h2>By Von Gast</h2><div itemprop="text"> <p>Dass Frauen und Männer in vielen Bereichen anders ticken, ist hinlänglich bekannt. Doch was passiert genau im weiblichen Gehirn zum Beispiel unter Stress? Welche Auswirkungen haben Hormone, eine Schwangerschaft oder die Wechseljahre – möglicherweise sogar auf die Entstehung neurodegenerativer Erkrankungen? </p> <div><figure><img alt="Prof. Birgit Derntl ist Leiterin der Arbeitsgruppe „Psychische Gesundheit und Gehirnfunktion von Frauen“" decoding="async" height="746" sizes="(max-width: 842px) 100vw, 842px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Derntl_Birgit-1.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Derntl_Birgit-1.png 842w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Derntl_Birgit-1-300x266.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Derntl_Birgit-1-768x680.png 768w" width="842"></img></figure><p><strong><a href="https://www.medizin.uni-tuebingen.de/de/das-klinikum/mitarbeiter/profil/1610" rel="noopener">Prof. Birgit Derntl</a></strong> ist Leiterin der Arbeitsgruppe „Psychische Gesundheit und Gehirnfunktion von Frauen“ an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Tübingen, und forscht zum „Fe|male Brain“. Was das weibliche Hirn ausmacht und woran die Neurowissenschaftlerin gemeinsam mit Expertinnen und Experten des Hertie-Zentrum für Neurologie arbeitet, erzählt sie in diesem Interview.</p></div> <h3><strong>Von den rund 50.000 wissenschaftlichen Arbeiten zur Hirnforschung, die seit 1995 erschienen sind, beschäftigen sich lediglich 0,5 Prozent mit der psychischen Gesundheit von Frauen. Woran liegt das? </strong></h3> <p>Das hat mehrere, historisch gewachsene Gründe. In Medizin und Neurowissenschaft galt der männliche Körper lange als Standardmodell. Frauen wurden oft ausgeschlossen, unter anderem wegen hormoneller Schwankungen, die als Störfaktor galten. Heute wissen wir, dass genau diese Dynamik wichtige Erkenntnisse liefert. Geschlechtersensible Forschung ist zudem noch ein junges Feld. Viele Studienstrukturen und Forschungsfragen entstanden ohne gezielten Blick auf Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Entsprechend fehlen bis heute belastbare Daten. Hinzu kommt die Komplexität, denn Geschlecht ist mehr als die Binarität Frau/Mann. Wer weibliche Biologie ernsthaft erforscht, muss Lebensphasen wie Pubertät, Schwangerschaft oder Menopause berücksichtigen. Das macht Forschung nicht einfacher, aber deutlich aussagekräftiger.</p> <h3><strong>Sie leiten die Arbeitsgruppe „Psychische Gesundheit und Gehirnfunktion von Frauen“. Womit beschäftigt sich Ihre Forschung?</strong></h3> <p>Uns interessiert vor allem die psychische Gesundheit von Frauen in der reproduktiven Lebensphase. Wir schauen uns an, wie sich der Menstruationszyklus, hormonelle Verhütung, Schwangerschaft aber auch die Wechseljahre auf die psychische Gesundheit und auf das Gehirn auswirken. Denn Geschlecht und Geschlechtshormone beeinflussen nicht nur unsere Gesundheit und unser Verhalten, sondern auch unser Gehirn. Deshalb betrachten wir mehrere Ebenen: Verhalten, Gehirnstruktur, Gehirnaktivität, neuronale Vernetzung, Psychophysiologie und Hormonspiegel. Unser Fokus reicht von emotionalen Fähigkeiten und Empathie über Stressreaktionen bis hin zu Motivation. Gerade bei psychischen Erkrankungen zeigen sich oft Veränderungen, und wir möchten verstehen, wie Geschlecht, Hormone und Gehirnfunktion diesbezüglich zusammenwirken.</p> <h3><strong>Wie gehen Sie methodisch vor?</strong></h3> <div><figure><img alt="Blick ins Hirn mithilfe der Magnetresonanztomografie" decoding="async" height="534" sizes="(max-width: 622px) 100vw, 622px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/MRT_Image.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/MRT_Image.jpeg 622w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/MRT_Image-300x258.jpeg 300w" width="622"></img></figure><p>Viele unserer Studien verwenden Magnetresonanztomografie. Damit können wir uns sowohl die Struktur als auch die Funktion des Gehirns anschauen. Bei der Funktion betrachten wir zum einen den Ruhezustand, also wie Gehirnnetzwerke arbeiten, wenn keine konkrete Aufgabe gelöst werden muss. Zusätzlich arbeiten wir sehr häufig mit funktionellem MRT unter Aufgabenbedingungen. Dabei untersuchen wir zum Beispiel Stress, Empathie, sexuelle Motivation oder Emotionserkennung. So können wir gleichzeitig sehen, was im Gehirn passiert und wie sich die Person in der Aufgabe verhält.<aside></aside></p></div> <h3><strong>Haben Sie ein praktisches Beispiel, wie Sie Probanden im MRT unter Stress setzen?</strong></h3> <p>Der Scanner selbst ist für viele schon ein Stressor. Zusätzlich nutzen wir klassische Stressverfahren. Ein Beispiel sind Rechenaufgaben unter Zeitdruck. Je besser jemand ist, desto weniger Zeit bekommt die Person für die nächste Aufgabe. Und wir geben zusätzlich Rückmeldung, dass die Leistung nicht gut war.</p> <h3><strong>Sie setzen also noch einen drauf?</strong></h3> <p>Natürlich.</p> <h3><strong>Reagiert das weibliche Gehirn anders als das männliche?</strong></h3> <p>Wenn wir von weiblich und männlich sprechen, reden wir immer über Durchschnittswerte über viele Personen hinweg. Aber ja, im Durchschnitt sehen wir Unterschiede in der Stressreaktion auf mehreren Ebenen. Frauen geben im Durchschnitt häufiger an, sich subjektiv stärker gestresst zu fühlen. Auf hormoneller Ebene sehen wir zum Beispiel Unterschiede beim Stresshormon Kortisol im Speichel. Männer zeigen im Durchschnitt oft stärkere Kortisolreaktionen. Innerhalb der Gruppe der Frauen gibt es zusätzlich große Unterschiede. Hormonelle Verhütung, Zyklusphase und Wechseljahre beeinflussen die Stressreaktion ebenfalls. Das heißt: Frau ist nicht gleich Frau, selbst wenn wir mit Durchschnittswerten arbeiten.</p> <h3><strong>Sehen Sie diese Unterschiede direkt im Gehirn?</strong></h3> <p>Ja, bestimmte Regionen werden je nach Geschlecht unterschiedlich stark aktiviert. Ein Beispiel ist der Hippocampus, der für Gedächtnis und Stressverarbeitung wichtig ist. In unseren Daten zeigen Frauen in bestimmten Situationen geringere Aktivierung, während Männer dort stärkere Aktivierungen zeigen. Teilweise sehen wir bei Männern auch stärkere Aktivität in präfrontalen Arealen. Vergleichbare Daten sind allerdings noch selten. Es gibt nur wenige MRT-Studien mit identischen Stressparadigmen. Deshalb können wir noch nicht sicher sagen, welche Muster sich stabil zeigen. Zudem lösen unterschiedliche Stressverfahren auch unterschiedliche Reaktionen aus. In der geschlechtsspezifischen Stressforschung stehen wir daher noch am Anfang. Für uns zeigt sich vor allem: Stress ist nicht gleich Stress und muss auf mehreren Ebenen betrachtet werden. Nur nach dem subjektiven Erleben zu fragen, würde vermutlich zeigen, dass Frauen im Schnitt mehr Stress angeben. Betrachtet man nur Hormone, zeigt sich zum Beispiel oft eine stärkere Kortisolreaktion bei Männern. Und wenn man nur das Gehirn untersucht, entstehen wieder eigene Muster, die nicht immer zu subjektiven oder hormonellen Befunden passen. Deshalb ist es bei Stress und vielen psychischen Prozessen entscheidend, immer mehrere Ebenen zusammen zu betrachten.</p> <h3><strong>Was haben Sie bisher über Besonderheiten des weiblichen Gehirns herausgefunden?</strong></h3> <p>Ein zentrales Merkmal ist die hohe Plastizität. Hormonelle Übergänge beeinflussen den Aufbau des Gehirns, also bereits die Struktur. Wir sehen zum Beispiel, dass sich die Gehirnstruktur über den Menstruationszyklus hinweg verändert. Das ist nichts Krankhaftes, sondern Ausdruck normaler Anpassungsprozesse. Diese Dynamik könnte bei manchen Frauen mit einer erhöhten Vulnerabilität also Verwundbarkeit für psychische Erkrankungen zusammenhängen. Das verstehen wir aber noch nicht ausreichend. Dafür brauchen wir mehr Daten. Ein großes Problem ist außerdem, dass wir oft sehr pauschal von „den Frauen“ sprechen. Eine Durchschnittsfrau gibt es nicht. Wenn ich sage, der Zyklus hat Einfluss, dann muss ich eigentlich fragen: An welchem Zyklustag befinden Sie sich? Nutzen Sie hormonelle Verhütung? Wenn ja, welche? All diese Faktoren beeinflussen Gehirn und Hormonsystem. Da wir im Gehirn an vielen Stellen Hormonrezeptoren haben, auch in Regionen, die für psychische Gesundheit zentral sind, gehen wir davon aus, dass hormonelle Prozesse auch zur Plastizität beitragen. Daraus können sowohl Vulnerabilitäten als auch Schutzmechanismen entstehen.</p> <h3><strong>Was ist aktuell die größte Herausforderung in Ihrer Forschung?</strong></h3> <p>Das Thema wird oft noch als Nische gesehen. Frauengesundheit wird häufig stark mit Reproduktion verknüpft, also mit Schwangerschaft oder Wechseljahren. Das greift aber viel zu kurz. Auch Frauen ohne Kinderwunsch und Frauen nach den Wechseljahren haben spezifische gesundheitliche und psychische Bedürfnisse. Und das Gehirn entwickelt sich ja weiter. Gerade im höheren Lebensalter spielen neurodegenerative Erkrankungen eine große Rolle. Die reproduktiven Lebensjahre könnten dabei ein sensibles Zeitfenster sein, möglicherweise eine Phase erhöhter Vulnerabilität, vielleicht aber auch ein Schutzfenster. Besonders in den Wechseljahren könnte präventiv viel getan werden, zum Beispiel im Hinblick auf demenzielle Erkrankungen. Genau das versuchen wir besser zu verstehen. Deshalb planen wir eine Zusammenarbeit mit der Abteilung „Zellbiologie Neurologischer Erkrankungen“ von Prof. Mathias Jucker am <a href="https://www.hih-tuebingen.de/" rel="noopener">Hertie-Institut für klinische Hirnforschung</a> (HIH). Wir wollen verstehen, ob die Wechseljahre ein mögliches Schutzfenster für die Entstehung oder auch den Verlauf der Alzheimer-Erkrankung darstellen.</p> <h3><strong>In welchen Bereichen arbeiten Sie bereits mit dem Hertie-Zentrum für Neurologie zusammen?</strong></h3> <p>Ein aktueller Schwerpunkt ist die Zusammenarbeit im Bereich Gedächtnisforschung mit Prof. Esther Kühn, Leiterin der Forschungsgruppe „Translationale Bildgebung kortikaler Mikrostruktur“ am HIH. Gemeinsam schauen wir uns zum Beispiel das sogenannte autobiografische Körpergedächtnis an. Körperliche Erfahrungen beeinflussen unser Wohlbefinden oft auf viele Jahre. Einschränkungen in diesem Bereich sehen wir häufig bei Menschen mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen, somatischen Erkrankungen oder Angststörungen, aber auch bei Menschen mit neurodegenerativen Erkrankungen. Uns interessiert dabei besonders, ob es geschlechtsspezifische Unterschiede gibt, und ob unser soziales Geschlecht Einfluss darauf hat, woran und wie wir uns erinnern. Wir planen, Männer und Frauen zu vergleichen. Basierend auf Vorarbeiten von Frau Kühn glauben wir, dass die Insula, eine Gehirnregion, besonders relevant ist, wenn es darum geht, das Körpergedächtnis abzubilden. Die Insula zeigt auch geschlechtsspezifische Ausprägungen. Die zentrale Frage ist: Greifen Frauen und Männer auf dieses Körpergedächtnis gleich zu? Können sie sich zum Beispiel gleich gut an körperliche Schmerzen oder angenehme Körpererlebnisse wie eine Umarmung erinnern oder gibt es hier Geschlechtsunterschiede, die zu unterschiedlichem Verhalten führen und damit zum unterschiedlichen Risiko für psychische Erkrankungen beitragen? Diese Mechanismen zu verstehen, wird helfen, Interventionen für diese Erkrankungen besser auf die jeweilige Person zuzuschneiden und Geschlechterunterschiede dabei systematisch mit in die Therapieplanung aufzunehmen.</p> <h3><strong>Gibt es eine Lebensphase, in der Frauen am wenigsten gestresst oder sogar am glücklichsten sind?</strong></h3> <p>Das ist sehr individuell. Glück ist ja unterschiedlich definiert, und je nach Lebensphase wirken andere Reize oder Aspekte auf uns. Unsere Lebenswelten verändern sich kontinuierlich. Pubertät, Schwangerschaft, hormonelle Verhütung oder Wechseljahre, für manche Frauen sind sie befreiend, für andere belastend. Jede Phase hat ihre Chancen, aber auch ihre Herausforderungen.</p> <h3><strong>Männer haben diese unterschiedlichen Phasen nicht, oder?</strong></h3> <p>Doch, auch sie durchlaufen hormonelle Veränderungen. Auch beim Mann nimmt das Testosteron irgendwann ab. Körper und Psyche können sich dadurch verändern, möglicherweise wie während der Wechseljahre der Frauen. Inwiefern das vergleichbar ist, wissen wir bisher allerdings nicht. Dazu würde es noch mehr Forschung benötigen.</p> <h3><strong>Was fasziniert Sie persönlich am weiblichen Gehirn?</strong></h3> <p>Es ist aus mehreren Gründen ein Herzensprojekt. Zum einen habe ich selbst hormonelle Übergangsphasen durchlebt – oder stecke gerade mittendrin – und möchte verstehen, was dann mit unserem Gehirn passiert. Zum anderen möchte ich, dass meine Tochter irgendwann informierte Entscheidungen treffen kann, das war zu meiner Zeit noch nicht möglich. Heute sammeln wir Daten, die der nächsten Generation helfen sollen. Und dann ist da noch das Feedback aus der Community: Alle Geschlechter zeigen großes Interesse, Unterstützung und Dankbarkeit für diese Forschung. Das motiviert enorm. Besonders schön ist auch das internationale Netzwerk. Das Feld ist sehr inklusiv, überwiegend von Frauen geprägt, und der Austausch ist wirklich inspirierend, einfach nett.</p> <p>Das Interview führte Rena Beeg für die <a data-id="https://www.ghst.de/" data-type="link" href="https://www.ghst.de/" rel="noopener">Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>.</p> <p>Weitere Interviews:<p><a data-id="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/reizflut-kann-hirnstrukturen-veraendern/" data-type="link" href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/reizflut-kann-hirnstrukturen-veraendern/">https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/reizflut-kann-hirnstrukturen-veraendern/</a><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/mein-alzheimer-outing-hat-mein-leben-leichter-gemacht/">https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/mein-alzheimer-outing-hat-mein-leben-leichter-gemacht/</a></p></p> <p>Bildquellen:<br></br>Beitragsbild: freepik<br></br>Foto Birgit Derntl: Universitätsklinikum Tübingen<br></br>Foto Blick ins Hirn mithilfe der Magnetresonanztomografie: privat</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/still-life-pop-style-human-brain-scaled-e1774343272747.jpg" /><h1>„Die Durchschnittsfrau gibt es nicht“ » HIRN UND WEG</h1><h2>By Von Gast</h2><div itemprop="text"> <p>Dass Frauen und Männer in vielen Bereichen anders ticken, ist hinlänglich bekannt. Doch was passiert genau im weiblichen Gehirn zum Beispiel unter Stress? Welche Auswirkungen haben Hormone, eine Schwangerschaft oder die Wechseljahre – möglicherweise sogar auf die Entstehung neurodegenerativer Erkrankungen? </p> <div><figure><img alt="Prof. Birgit Derntl ist Leiterin der Arbeitsgruppe „Psychische Gesundheit und Gehirnfunktion von Frauen“" decoding="async" height="746" sizes="(max-width: 842px) 100vw, 842px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Derntl_Birgit-1.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Derntl_Birgit-1.png 842w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Derntl_Birgit-1-300x266.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Derntl_Birgit-1-768x680.png 768w" width="842"></img></figure><p><strong><a href="https://www.medizin.uni-tuebingen.de/de/das-klinikum/mitarbeiter/profil/1610" rel="noopener">Prof. Birgit Derntl</a></strong> ist Leiterin der Arbeitsgruppe „Psychische Gesundheit und Gehirnfunktion von Frauen“ an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Tübingen, und forscht zum „Fe|male Brain“. Was das weibliche Hirn ausmacht und woran die Neurowissenschaftlerin gemeinsam mit Expertinnen und Experten des Hertie-Zentrum für Neurologie arbeitet, erzählt sie in diesem Interview.</p></div> <h3><strong>Von den rund 50.000 wissenschaftlichen Arbeiten zur Hirnforschung, die seit 1995 erschienen sind, beschäftigen sich lediglich 0,5 Prozent mit der psychischen Gesundheit von Frauen. Woran liegt das? </strong></h3> <p>Das hat mehrere, historisch gewachsene Gründe. In Medizin und Neurowissenschaft galt der männliche Körper lange als Standardmodell. Frauen wurden oft ausgeschlossen, unter anderem wegen hormoneller Schwankungen, die als Störfaktor galten. Heute wissen wir, dass genau diese Dynamik wichtige Erkenntnisse liefert. Geschlechtersensible Forschung ist zudem noch ein junges Feld. Viele Studienstrukturen und Forschungsfragen entstanden ohne gezielten Blick auf Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Entsprechend fehlen bis heute belastbare Daten. Hinzu kommt die Komplexität, denn Geschlecht ist mehr als die Binarität Frau/Mann. Wer weibliche Biologie ernsthaft erforscht, muss Lebensphasen wie Pubertät, Schwangerschaft oder Menopause berücksichtigen. Das macht Forschung nicht einfacher, aber deutlich aussagekräftiger.</p> <h3><strong>Sie leiten die Arbeitsgruppe „Psychische Gesundheit und Gehirnfunktion von Frauen“. Womit beschäftigt sich Ihre Forschung?</strong></h3> <p>Uns interessiert vor allem die psychische Gesundheit von Frauen in der reproduktiven Lebensphase. Wir schauen uns an, wie sich der Menstruationszyklus, hormonelle Verhütung, Schwangerschaft aber auch die Wechseljahre auf die psychische Gesundheit und auf das Gehirn auswirken. Denn Geschlecht und Geschlechtshormone beeinflussen nicht nur unsere Gesundheit und unser Verhalten, sondern auch unser Gehirn. Deshalb betrachten wir mehrere Ebenen: Verhalten, Gehirnstruktur, Gehirnaktivität, neuronale Vernetzung, Psychophysiologie und Hormonspiegel. Unser Fokus reicht von emotionalen Fähigkeiten und Empathie über Stressreaktionen bis hin zu Motivation. Gerade bei psychischen Erkrankungen zeigen sich oft Veränderungen, und wir möchten verstehen, wie Geschlecht, Hormone und Gehirnfunktion diesbezüglich zusammenwirken.</p> <h3><strong>Wie gehen Sie methodisch vor?</strong></h3> <div><figure><img alt="Blick ins Hirn mithilfe der Magnetresonanztomografie" decoding="async" height="534" sizes="(max-width: 622px) 100vw, 622px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/MRT_Image.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/MRT_Image.jpeg 622w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/MRT_Image-300x258.jpeg 300w" width="622"></img></figure><p>Viele unserer Studien verwenden Magnetresonanztomografie. Damit können wir uns sowohl die Struktur als auch die Funktion des Gehirns anschauen. Bei der Funktion betrachten wir zum einen den Ruhezustand, also wie Gehirnnetzwerke arbeiten, wenn keine konkrete Aufgabe gelöst werden muss. Zusätzlich arbeiten wir sehr häufig mit funktionellem MRT unter Aufgabenbedingungen. Dabei untersuchen wir zum Beispiel Stress, Empathie, sexuelle Motivation oder Emotionserkennung. So können wir gleichzeitig sehen, was im Gehirn passiert und wie sich die Person in der Aufgabe verhält.<aside></aside></p></div> <h3><strong>Haben Sie ein praktisches Beispiel, wie Sie Probanden im MRT unter Stress setzen?</strong></h3> <p>Der Scanner selbst ist für viele schon ein Stressor. Zusätzlich nutzen wir klassische Stressverfahren. Ein Beispiel sind Rechenaufgaben unter Zeitdruck. Je besser jemand ist, desto weniger Zeit bekommt die Person für die nächste Aufgabe. Und wir geben zusätzlich Rückmeldung, dass die Leistung nicht gut war.</p> <h3><strong>Sie setzen also noch einen drauf?</strong></h3> <p>Natürlich.</p> <h3><strong>Reagiert das weibliche Gehirn anders als das männliche?</strong></h3> <p>Wenn wir von weiblich und männlich sprechen, reden wir immer über Durchschnittswerte über viele Personen hinweg. Aber ja, im Durchschnitt sehen wir Unterschiede in der Stressreaktion auf mehreren Ebenen. Frauen geben im Durchschnitt häufiger an, sich subjektiv stärker gestresst zu fühlen. Auf hormoneller Ebene sehen wir zum Beispiel Unterschiede beim Stresshormon Kortisol im Speichel. Männer zeigen im Durchschnitt oft stärkere Kortisolreaktionen. Innerhalb der Gruppe der Frauen gibt es zusätzlich große Unterschiede. Hormonelle Verhütung, Zyklusphase und Wechseljahre beeinflussen die Stressreaktion ebenfalls. Das heißt: Frau ist nicht gleich Frau, selbst wenn wir mit Durchschnittswerten arbeiten.</p> <h3><strong>Sehen Sie diese Unterschiede direkt im Gehirn?</strong></h3> <p>Ja, bestimmte Regionen werden je nach Geschlecht unterschiedlich stark aktiviert. Ein Beispiel ist der Hippocampus, der für Gedächtnis und Stressverarbeitung wichtig ist. In unseren Daten zeigen Frauen in bestimmten Situationen geringere Aktivierung, während Männer dort stärkere Aktivierungen zeigen. Teilweise sehen wir bei Männern auch stärkere Aktivität in präfrontalen Arealen. Vergleichbare Daten sind allerdings noch selten. Es gibt nur wenige MRT-Studien mit identischen Stressparadigmen. Deshalb können wir noch nicht sicher sagen, welche Muster sich stabil zeigen. Zudem lösen unterschiedliche Stressverfahren auch unterschiedliche Reaktionen aus. In der geschlechtsspezifischen Stressforschung stehen wir daher noch am Anfang. Für uns zeigt sich vor allem: Stress ist nicht gleich Stress und muss auf mehreren Ebenen betrachtet werden. Nur nach dem subjektiven Erleben zu fragen, würde vermutlich zeigen, dass Frauen im Schnitt mehr Stress angeben. Betrachtet man nur Hormone, zeigt sich zum Beispiel oft eine stärkere Kortisolreaktion bei Männern. Und wenn man nur das Gehirn untersucht, entstehen wieder eigene Muster, die nicht immer zu subjektiven oder hormonellen Befunden passen. Deshalb ist es bei Stress und vielen psychischen Prozessen entscheidend, immer mehrere Ebenen zusammen zu betrachten.</p> <h3><strong>Was haben Sie bisher über Besonderheiten des weiblichen Gehirns herausgefunden?</strong></h3> <p>Ein zentrales Merkmal ist die hohe Plastizität. Hormonelle Übergänge beeinflussen den Aufbau des Gehirns, also bereits die Struktur. Wir sehen zum Beispiel, dass sich die Gehirnstruktur über den Menstruationszyklus hinweg verändert. Das ist nichts Krankhaftes, sondern Ausdruck normaler Anpassungsprozesse. Diese Dynamik könnte bei manchen Frauen mit einer erhöhten Vulnerabilität also Verwundbarkeit für psychische Erkrankungen zusammenhängen. Das verstehen wir aber noch nicht ausreichend. Dafür brauchen wir mehr Daten. Ein großes Problem ist außerdem, dass wir oft sehr pauschal von „den Frauen“ sprechen. Eine Durchschnittsfrau gibt es nicht. Wenn ich sage, der Zyklus hat Einfluss, dann muss ich eigentlich fragen: An welchem Zyklustag befinden Sie sich? Nutzen Sie hormonelle Verhütung? Wenn ja, welche? All diese Faktoren beeinflussen Gehirn und Hormonsystem. Da wir im Gehirn an vielen Stellen Hormonrezeptoren haben, auch in Regionen, die für psychische Gesundheit zentral sind, gehen wir davon aus, dass hormonelle Prozesse auch zur Plastizität beitragen. Daraus können sowohl Vulnerabilitäten als auch Schutzmechanismen entstehen.</p> <h3><strong>Was ist aktuell die größte Herausforderung in Ihrer Forschung?</strong></h3> <p>Das Thema wird oft noch als Nische gesehen. Frauengesundheit wird häufig stark mit Reproduktion verknüpft, also mit Schwangerschaft oder Wechseljahren. Das greift aber viel zu kurz. Auch Frauen ohne Kinderwunsch und Frauen nach den Wechseljahren haben spezifische gesundheitliche und psychische Bedürfnisse. Und das Gehirn entwickelt sich ja weiter. Gerade im höheren Lebensalter spielen neurodegenerative Erkrankungen eine große Rolle. Die reproduktiven Lebensjahre könnten dabei ein sensibles Zeitfenster sein, möglicherweise eine Phase erhöhter Vulnerabilität, vielleicht aber auch ein Schutzfenster. Besonders in den Wechseljahren könnte präventiv viel getan werden, zum Beispiel im Hinblick auf demenzielle Erkrankungen. Genau das versuchen wir besser zu verstehen. Deshalb planen wir eine Zusammenarbeit mit der Abteilung „Zellbiologie Neurologischer Erkrankungen“ von Prof. Mathias Jucker am <a href="https://www.hih-tuebingen.de/" rel="noopener">Hertie-Institut für klinische Hirnforschung</a> (HIH). Wir wollen verstehen, ob die Wechseljahre ein mögliches Schutzfenster für die Entstehung oder auch den Verlauf der Alzheimer-Erkrankung darstellen.</p> <h3><strong>In welchen Bereichen arbeiten Sie bereits mit dem Hertie-Zentrum für Neurologie zusammen?</strong></h3> <p>Ein aktueller Schwerpunkt ist die Zusammenarbeit im Bereich Gedächtnisforschung mit Prof. Esther Kühn, Leiterin der Forschungsgruppe „Translationale Bildgebung kortikaler Mikrostruktur“ am HIH. Gemeinsam schauen wir uns zum Beispiel das sogenannte autobiografische Körpergedächtnis an. Körperliche Erfahrungen beeinflussen unser Wohlbefinden oft auf viele Jahre. Einschränkungen in diesem Bereich sehen wir häufig bei Menschen mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen, somatischen Erkrankungen oder Angststörungen, aber auch bei Menschen mit neurodegenerativen Erkrankungen. Uns interessiert dabei besonders, ob es geschlechtsspezifische Unterschiede gibt, und ob unser soziales Geschlecht Einfluss darauf hat, woran und wie wir uns erinnern. Wir planen, Männer und Frauen zu vergleichen. Basierend auf Vorarbeiten von Frau Kühn glauben wir, dass die Insula, eine Gehirnregion, besonders relevant ist, wenn es darum geht, das Körpergedächtnis abzubilden. Die Insula zeigt auch geschlechtsspezifische Ausprägungen. Die zentrale Frage ist: Greifen Frauen und Männer auf dieses Körpergedächtnis gleich zu? Können sie sich zum Beispiel gleich gut an körperliche Schmerzen oder angenehme Körpererlebnisse wie eine Umarmung erinnern oder gibt es hier Geschlechtsunterschiede, die zu unterschiedlichem Verhalten führen und damit zum unterschiedlichen Risiko für psychische Erkrankungen beitragen? Diese Mechanismen zu verstehen, wird helfen, Interventionen für diese Erkrankungen besser auf die jeweilige Person zuzuschneiden und Geschlechterunterschiede dabei systematisch mit in die Therapieplanung aufzunehmen.</p> <h3><strong>Gibt es eine Lebensphase, in der Frauen am wenigsten gestresst oder sogar am glücklichsten sind?</strong></h3> <p>Das ist sehr individuell. Glück ist ja unterschiedlich definiert, und je nach Lebensphase wirken andere Reize oder Aspekte auf uns. Unsere Lebenswelten verändern sich kontinuierlich. Pubertät, Schwangerschaft, hormonelle Verhütung oder Wechseljahre, für manche Frauen sind sie befreiend, für andere belastend. Jede Phase hat ihre Chancen, aber auch ihre Herausforderungen.</p> <h3><strong>Männer haben diese unterschiedlichen Phasen nicht, oder?</strong></h3> <p>Doch, auch sie durchlaufen hormonelle Veränderungen. Auch beim Mann nimmt das Testosteron irgendwann ab. Körper und Psyche können sich dadurch verändern, möglicherweise wie während der Wechseljahre der Frauen. Inwiefern das vergleichbar ist, wissen wir bisher allerdings nicht. Dazu würde es noch mehr Forschung benötigen.</p> <h3><strong>Was fasziniert Sie persönlich am weiblichen Gehirn?</strong></h3> <p>Es ist aus mehreren Gründen ein Herzensprojekt. Zum einen habe ich selbst hormonelle Übergangsphasen durchlebt – oder stecke gerade mittendrin – und möchte verstehen, was dann mit unserem Gehirn passiert. Zum anderen möchte ich, dass meine Tochter irgendwann informierte Entscheidungen treffen kann, das war zu meiner Zeit noch nicht möglich. Heute sammeln wir Daten, die der nächsten Generation helfen sollen. Und dann ist da noch das Feedback aus der Community: Alle Geschlechter zeigen großes Interesse, Unterstützung und Dankbarkeit für diese Forschung. Das motiviert enorm. Besonders schön ist auch das internationale Netzwerk. Das Feld ist sehr inklusiv, überwiegend von Frauen geprägt, und der Austausch ist wirklich inspirierend, einfach nett.</p> <p>Das Interview führte Rena Beeg für die <a data-id="https://www.ghst.de/" data-type="link" href="https://www.ghst.de/" rel="noopener">Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>.</p> <p>Weitere Interviews:<p><a data-id="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/reizflut-kann-hirnstrukturen-veraendern/" data-type="link" href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/reizflut-kann-hirnstrukturen-veraendern/">https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/reizflut-kann-hirnstrukturen-veraendern/</a><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/mein-alzheimer-outing-hat-mein-leben-leichter-gemacht/">https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/mein-alzheimer-outing-hat-mein-leben-leichter-gemacht/</a></p></p> <p>Bildquellen:<br></br>Beitragsbild: freepik<br></br>Foto Birgit Derntl: Universitätsklinikum Tübingen<br></br>Foto Blick ins Hirn mithilfe der Magnetresonanztomografie: privat</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-durchschnittsfrau-gibt-es-nicht/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>The Internet Chronicles – Part 8 of 12: Encryption for the People https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-8-of-12-encryption-for-the-people/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-8-of-12-encryption-for-the-people/#comments Wed, 25 Mar 2026 13:00:00 +0000 Andrei Mihai https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14263 <h1>The Internet Chronicles – Part 8 of 12: Encryption for the People - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>We take it for granted nowadays, but the internet is one of the most impactful inventions of modern times – possibly even of all time. But how did it all start? The story of the internet is a fascinating journey through the minds of visionary thinkers and relentless innovators, many of them coming from mathematics and computer science. In this 12-part series, we will dive into some of the stories and contributions of the trailblazers who laid the foundations for the interconnected world we live in today.</p> <p>Previously, we looked at how the World Wide Web <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-6-of-12-the-man-who-gave-the-web-to-the-world/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">knitted the world together</a> and how the <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-7-of-12-the-tree-the-internet-grows-on/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">structure of the internet was developed</a>. But we have not touched on a core aspect of the internet: security. In this installment, we will look at the work of two “veterans” of the Heidelberg Laureate Forum: Whitfield Diffie and Martin Hellman. Their work, along with those of their peers, developed a framework for a secure internet and paved the way for the field of cryptography to bloom.</p> <h3>The Stanford Rebels</h3> <p>In the year 1974, if you wanted to communicate a very delicate secret with someone, you had a massive, physical problem. In some cases, this involved the now-classic <a href="https://www.wikiwand.com/en/Red_box_(government)" rel="noreferrer noopener" target="_blank">lead-lined briefcase</a> carried by a courier whose wrist was literally handcuffed to the handle. People working in every industry from banking to the military wanted a secure, remote way of sending messages. But the solution would come from an unlikely place.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Diffi.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="770" sizes="(max-width: 513px) 100vw, 513px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Diffi.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Diffi.jpg 513w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Diffi-200x300.jpg 200w" width="513"></img></a><figcaption>Official HLF portrait of Whitfield Diffie. Image credits: HLFF / Badge.</figcaption></figure> </div> <p>Whitfield Diffie was a creative researcher with hair down to his shoulders and a deep-seated distrust of centralized power. Diffie had joined the <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Stanford_Artificial_Intelligence_Laboratory" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Stanford Artificial Intelligence Laboratory</a> in 1969 and left it in 1973 to pursue his independent research on cryptography. He would <a href="https://ics.uci.edu/~ics54/doc/security/pkhistory.html#:~:text=Diffie%20believes%20that%20he%20never,he%20said.%20%22" rel="noreferrer noopener" target="_blank">later credit his</a> “anti-authoritarian views” as a motivation for developing encryption.</p> <p>He teamed up with Martin Hellman, who, after brief stints at IBM and MIT, joined Stanford as an assistant professor in the department of electrical engineering. At Stanford, Hellman was warned by his colleagues that the government would likely crush him if he kept <a href="https://mathwithbaddrawings.com/2017/10/11/the-professor-vs-the-nsa/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">poking at cryptography</a>. This was, after all, a time when the Cold War was in full swing. At that time, the National Security Agency (NSA) maintained a total monopoly on encryption, viewing it as a “<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Born_secret" rel="noreferrer noopener" target="_blank">born classified</a>” technology. To the intelligence community, a civilian developing a powerful, unbreakable code was seen as a potential threat.<aside></aside></p> <p>Hellman sought the advice of the university’s general counsel who told him: “If you’re prosecuted we will defend you. If you’re convicted, we will appeal. But I have to warn you… if all appeals are exhausted, we can’t go to jail for you.”</p> <p>But Hellman and Diffie were not dissuaded. Together, the two (along with collaborator Ralph Merkle) began hunting for a “one-way function” that could be used for encryption.</p> <p>In mathematics, most things are reversible. You can add two and two to get four, and you can subtract two from four to get back to two. But a “one-way function” (specifically, a <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Trapdoor_function" rel="noreferrer noopener" target="_blank">trapdoor function</a>) is easy to compute in one direction, and nearly impossible to compute the other way, unless you have a specific, secret “trapdoor” piece of information.</p> <p>Merkle, who was an undergraduate at UC Berkeley in 1974, was a pioneer of this approach in cryptography. He devised a concept that involved generating thousands of “puzzles” that were, in essence, encrypted keys of moderate difficulty. The recipient could solve the keys to reach a shared secret. <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Merkle%27s_Puzzles" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Merkle’s puzzles</a>, as this approach came to be known, allows two parties to agree on a shared secret even if they have no secrets in common beforehand.</p> <p>Merkle’s work was <a href="https://www.iacr.org/conferences/crypto2011/slides/07-1-Kalach.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">initially rejected by his advisor</a> and academic editors and was only brought back after Hellman and Diffie published their seminal work.</p> <h3>New Directions in Cryptography</h3> <p>In 1976, Diffie and Hellman published their seminal paper, “New Directions in Cryptography.” The paper <a href="https://ee.stanford.edu/~hellman/publications/24.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">famously starts off</a> by saying “We stand today on the brink of a revolution in cryptography,” before declaring, almost brazenly, that the paper “aims to solve open problems.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0.png"><img alt="" decoding="async" height="512" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0-1024x512.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0-1024x512.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0-300x150.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0-768x384.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0-1536x768.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0.png 1900w" width="1024"></img></a><figcaption>From left to right: Merkle, Hellman, and Diffie in 1977. Image credits: Chuck Painter / <a href="https://engineering.stanford.edu/news/stanford-cryptography-pioneers-win-acm-2015-am-turing-award" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Stanford News Service</a></figcaption></figure> </div> <p>The radical idea was distributing cryptographic keys openly. The two researchers proposed a mathematical method for two parties to jointly establish a shared secret key over an insecure channel without ever having met. This method, now known as the Diffie-Hellman-Merkle key exchange, utilized the difficulty of the discrete logarithm problem as its security basis. In the classic “Alice and Bob” example:</p> <ul> <li>Alice and Bob publicly agree on a large prime modulus <em>p</em> and a generator <em>g</em></li> <li>Alice chooses a secret integer <em>a</em> and sends Bob A = g<sup>a</sup> (mod p)</li> <li>Bob chooses a secret integer <em>b</em> and sends Alice B = g<sup>b</sup> (mod p).</li> <li>Alice computes the shared secret <em>s</em> = B<sup>a</sup> (mod p).</li> <li>Bob computes the shared secret <em>s</em> = A<sup>b</sup> (mod p). The resulting secrets are identical.</li> </ul> <p>The logic is elegant. Think of it like mixing paint. If Alice and Bob first agree on a common color. They each add their own “secret” color (a and b)<del>,</del> and then swap the mixtures. They then each add their secret color to the other person’s mixture. Because of the commutative property, they both end up with the exact same shade of “secret” paint.</p> <p>Technically, Diffie-Hellman is not a trapdoor function in the strictest sense, though it practically performs as one. A trapdoor would allow them to “undo” the function. If Alice encrypts a message with a public key, she needs a trapdoor (private key) to reverse the process and get the original message back. Rather, this is a Key Exchange. Instead of “undoing” each other’s math, Alice and Bob are both performing a second one-way function that leads them to the same mathematical result.</p> <p>This approach changed everything. Suddenly, two people who had never met could establish a secure connection in milliseconds. The logic is still the reason you can type your credit card number into a browser today without a hacker buying a new phone using your card. It is, in essence, the foundation of internet security.</p> <p>Yet this was not the end of the story.</p> <p>While Diffie and Hellman had solved the key exchange problem, they had not yet created a fully functional public-key encryption system that could be used for general-purpose messaging or digital signatures. This was achieved in 1977 by Ron Rivest, Adi Shamir, and Leonard Adleman at MIT, who developed the RSA algorithm. This RSA algorithm is the fundamental, widely used encryption algorithm that secures the internet. But we will look at that in the next installment.</p> <h3>The Crypto Wars, Part I: Rebels and Friends</h3> <p>Thankfully, Diffie and Hellman did not go to jail for their work, although this seemed like a real option when they started it. Rather, they were both awarded the 2015 ACM A.M. Turing Award, “for fundamental contributions to modern cryptography.”</p> <p>But this does not mean everyone was thrilled about their work. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/31033657788_836eb9c468_o.jpg"><img alt="" decoding="async" height="682" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/31033657788_836eb9c468_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/31033657788_836eb9c468_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/31033657788_836eb9c468_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/31033657788_836eb9c468_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Martin Hellman at the 6th HLF, 2018. Image credit: HLFF / <a href="https://www.flickr.com/photos/hlforum/31033657788/in/photostream/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Kreutzer</a>.</figcaption></figure> </div> <p>In the 1970s, the pushback was immediate. The NSA attempted to implement “<a href="https://people.eecs.berkeley.edu/~henrycg/files/academic/papers/stanfordmag14keeping-orig.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">pre-publication review</a>,” essentially demanding that any cryptographic research be cleared by the government before being shared. They feared that if the “Stanford Rebels” succeeded, the U.S. would lose its ability to intercept foreign signals.</p> <p>Tensions between Hellman and the NSA simmered until they erupted in 1977, when a mysterious letter arrived just as the team was preparing to present their findings at an IEEE international symposium. The letter, sent by an employee of the NSA named Joseph Meyer (writing as a private citizen), warned that the public presentation of cryptographic research could be a violation of the International Traffic in Arms Regulations (ITAR). This was because, in 1976 the U.S. government had in fact <a href="https://www.wikiwand.com/en/Export_of_cryptography_from_the_United_States" rel="noreferrer noopener" target="_blank">classified encryption software</a> as a “munition.” In the eyes of the law, a floppy disk containing encryption code was legally treated as a box of guns or grenades.</p> <p>Much of this was happening under the watchful eye of Admiral Bobby Ray Inman, who became the Director of the NSA shortly after the 1977 letter incident. Inman opposed Diffie and Hellman sharing their work <a href="https://engineering.stanford.edu/news/stanford-cryptography-pioneers-win-acm-2015-am-turing-award" rel="noreferrer noopener" target="_blank">so much</a> that the NSA warned publishers that the authors had violated US laws restricting export of military weapons. Yet despite these threats, the researchers persisted.</p> <p>Admiral Inman eventually admitted that the NSA could not stop the math. He realized that if the U.S. didn’t lead in public cryptography, other countries would, leaving American businesses and citizens vulnerable. In a curious and very human turn of events, Hellman and Inman started having semi-regular discussions and actually found out they have a lot in common. Both cared about security and both were concerned about nuclear threats. By the early 1980s, the two started meeting privately and developed an unlikely friendship based on mutual respect.</p> <p>Their relationship became a model for “Responsible Disclosure.” Inman and Hellman began appearing <a href="https://stanfordmag.org/contents/keeping-secrets" rel="noreferrer noopener" target="_blank">together at conferences</a> to discuss how the government and academia could work together rather than as enemies. But the broader encryption problems persisted.</p> <h3>The Crypto Wars, Part II: Code Munition</h3> <p>In the early 1990s, the “World Wide Web” was shaping up, and with it, encryption became an even bigger headache for intelligence agencies.</p> <p>If every citizen had access to military-grade encryption, the FBI and NSA could not wiretap terrorists or drug lords. If the math was too strong to break, national security would also be bound by the constraints of encryption. However, as the internet grew, the aforementioned handling of encryption software as munitions under ITAR became somewhat absurd, leading to such things as the “Netscape split.”</p> <p>Netscape Communications Corporation was an American independent computer services company whose browser was dominant before Internet Explorer came along. Since the export of encryption would be classified as “arms-dealing,” the longest key size allowed for export without individual license proceedings was 40 bits, so Netscape developed two versions of its web browser. The “US edition” had the full 128-bit strength. The “International Edition” had its effective key length reduced to 40 bits.</p> <p>Because every single bit added to a key doubles the number of possible combinations an attacker must try, the 128-bit version was trillions of trillions of times stronger. The 40-bit version could be broken in a matter of days using a personal computer at the time; a 128-bit version was unbreakable. But because acquiring the “US version” was problematic even in the US, most people ended up with the crackable, 40-bit version anyway.</p> <p>This (coupled with other pressures) led Netscape to open-source its browser code and create the Mozilla Organization. The rebellion was led by people like Phil Zimmermann. In 1991, Zimmermann wrote a program called PGP (Pretty Good Privacy) so that ordinary people could encrypt their emails. Two years later, he became the formal target of a criminal investigation by the US Government for “munitions export without a license.”</p> <p>But Zimmerman fought back with the unlikeliest of choices: He printed the source code of PGP in a physical book and exported the <strong>book</strong>.</p> <p>This protected him because books are protected by the First Amendment in the US. The matter never went to court and Zimmermann was never charged, but it goes to show how far behind the laws were when it came to the internet: it was illegal to export a digital version of the code, but not a physical version of it.</p> <h3>Encryption for the People</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785372_f6f709f3d5_o.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785372_f6f709f3d5_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785372_f6f709f3d5_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785372_f6f709f3d5_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785372_f6f709f3d5_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Diffie, Hellman, and a young researcher at the 12th Heidelberg Laureate Forum in 2025. Image credits: HLFF / <a href="https://www.flickr.com/photos/hlforum/54803785372/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Flemming</a>.</figcaption></figure> </div> <p>Despite this, the US government did not give up on trying to control encryption. In 1993, the government proposed the “<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Clipper_chip" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Clipper Chip</a>” as a hardware-based solution to the encryption problem. The chip would provide secure communications for landline phones, but it included a “backdoor” through a process called “key escrow.” The government would hold the keys in two halves, allowing law enforcement to decrypt communications if authorized by a court order.</p> <p>The Clipper Chip faced massive public opposition from civil liberties organizations, but the chip was only abandoned in 1996 after researcher Matt Blaze <a href="https://www.eff.org/deeplinks/2015/04/clipper-chips-birthday-looking-back-22-years-key-escrow-failures" rel="noreferrer noopener" target="_blank">discovered</a> a fundamental flaw in the chip’s design that allowed users to bypass the escrow mechanism while still using the encryption. Both Hellman and Diffie spoke out against the idea of having government backdoors in encryption.</p> <p>However, the moment when encryption truly became “fair game” only came after a judicial decision. In a landmark case, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Bernstein_v._United_States" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Bernstein v. US Department of Justice</a>, the courts ruled that software source code is speech. This was a massive win for the internet. It meant that security belongs to the people, not just the state.</p> <p>This legal victory paved the way for the “Padlock” we see in our browser bars. Netscape created SSL (Secure Sockets Layer), which later became TLS (Transport Layer Security). This is the “secret handshake” you use daily, even to read this article. When you go to a website, your computer and the server perform a high-speed version of the Diffie-Hellman exchange, agreeing on a secret key for that session only.</p> <p>It also paved the way for online shopping. The first object <a href="https://www.vice.com/en/article/the-first-thing-sold-online-was-a-sting-cd/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">sold securely</a> on the internet was a Sting CD, sold online in 1994 for $12.48. Slowly but surely, the world never looked back, and online shopping is now a <a href="https://www.statista.com/topics/871/online-shopping/?srsltid=AfmBOorbACXE4NomwSxlCNT3B_4N9JliA8rwSHJDOJceavup33Gk5RLS" rel="noreferrer noopener" target="_blank">trillion-dollar industry</a>.</p> <p>But there is a big, striking caveat to this entire story. Despite their achievements, the Stanford trio was actually not the first group to develop public-key cryptography. Deep in the British intelligence agency GCHQ, researchers like James Ellis and Clifford Cocks had actually figured this out a few years earlier. But because <a href="https://www.nsa.gov/History/Cryptologic-History/Historical-Figures/Historical-Figures-View/Article/3006218/clifford-cocks-james-ellis-and-malcolm-williamson/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">they worked</a> for the British government, their work was classified. They had to be silent about their work and could not share it. Eventually, the Stanford version came into use before theirs.</p> <p>It’s one of the great “what-ifs” of modern history: If the British had gone public in 1973, what would the internet have looked like?</p> <p>We’ve covered how Radia Perlman (The “Mother of the Internet”) organized the web into a “Spanning Tree” to keep it from collapsing under its own weight. We’ve seen how Tim Berners-Lee gave us the links. But public-key cryptography is the vault that keeps the whole thing from being a playground for thieves.</p> <p>Yet cryptography does not end with the Diffie-Hellman-Merkle key exchange. Not even close. In the next installment, we will look at one of the most important algorithms in the world: RSA.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>The Internet Chronicles – Part 8 of 12: Encryption for the People - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>We take it for granted nowadays, but the internet is one of the most impactful inventions of modern times – possibly even of all time. But how did it all start? The story of the internet is a fascinating journey through the minds of visionary thinkers and relentless innovators, many of them coming from mathematics and computer science. In this 12-part series, we will dive into some of the stories and contributions of the trailblazers who laid the foundations for the interconnected world we live in today.</p> <p>Previously, we looked at how the World Wide Web <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-6-of-12-the-man-who-gave-the-web-to-the-world/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">knitted the world together</a> and how the <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-7-of-12-the-tree-the-internet-grows-on/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">structure of the internet was developed</a>. But we have not touched on a core aspect of the internet: security. In this installment, we will look at the work of two “veterans” of the Heidelberg Laureate Forum: Whitfield Diffie and Martin Hellman. Their work, along with those of their peers, developed a framework for a secure internet and paved the way for the field of cryptography to bloom.</p> <h3>The Stanford Rebels</h3> <p>In the year 1974, if you wanted to communicate a very delicate secret with someone, you had a massive, physical problem. In some cases, this involved the now-classic <a href="https://www.wikiwand.com/en/Red_box_(government)" rel="noreferrer noopener" target="_blank">lead-lined briefcase</a> carried by a courier whose wrist was literally handcuffed to the handle. People working in every industry from banking to the military wanted a secure, remote way of sending messages. But the solution would come from an unlikely place.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Diffi.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="770" sizes="(max-width: 513px) 100vw, 513px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Diffi.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Diffi.jpg 513w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Diffi-200x300.jpg 200w" width="513"></img></a><figcaption>Official HLF portrait of Whitfield Diffie. Image credits: HLFF / Badge.</figcaption></figure> </div> <p>Whitfield Diffie was a creative researcher with hair down to his shoulders and a deep-seated distrust of centralized power. Diffie had joined the <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Stanford_Artificial_Intelligence_Laboratory" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Stanford Artificial Intelligence Laboratory</a> in 1969 and left it in 1973 to pursue his independent research on cryptography. He would <a href="https://ics.uci.edu/~ics54/doc/security/pkhistory.html#:~:text=Diffie%20believes%20that%20he%20never,he%20said.%20%22" rel="noreferrer noopener" target="_blank">later credit his</a> “anti-authoritarian views” as a motivation for developing encryption.</p> <p>He teamed up with Martin Hellman, who, after brief stints at IBM and MIT, joined Stanford as an assistant professor in the department of electrical engineering. At Stanford, Hellman was warned by his colleagues that the government would likely crush him if he kept <a href="https://mathwithbaddrawings.com/2017/10/11/the-professor-vs-the-nsa/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">poking at cryptography</a>. This was, after all, a time when the Cold War was in full swing. At that time, the National Security Agency (NSA) maintained a total monopoly on encryption, viewing it as a “<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Born_secret" rel="noreferrer noopener" target="_blank">born classified</a>” technology. To the intelligence community, a civilian developing a powerful, unbreakable code was seen as a potential threat.<aside></aside></p> <p>Hellman sought the advice of the university’s general counsel who told him: “If you’re prosecuted we will defend you. If you’re convicted, we will appeal. But I have to warn you… if all appeals are exhausted, we can’t go to jail for you.”</p> <p>But Hellman and Diffie were not dissuaded. Together, the two (along with collaborator Ralph Merkle) began hunting for a “one-way function” that could be used for encryption.</p> <p>In mathematics, most things are reversible. You can add two and two to get four, and you can subtract two from four to get back to two. But a “one-way function” (specifically, a <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Trapdoor_function" rel="noreferrer noopener" target="_blank">trapdoor function</a>) is easy to compute in one direction, and nearly impossible to compute the other way, unless you have a specific, secret “trapdoor” piece of information.</p> <p>Merkle, who was an undergraduate at UC Berkeley in 1974, was a pioneer of this approach in cryptography. He devised a concept that involved generating thousands of “puzzles” that were, in essence, encrypted keys of moderate difficulty. The recipient could solve the keys to reach a shared secret. <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Merkle%27s_Puzzles" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Merkle’s puzzles</a>, as this approach came to be known, allows two parties to agree on a shared secret even if they have no secrets in common beforehand.</p> <p>Merkle’s work was <a href="https://www.iacr.org/conferences/crypto2011/slides/07-1-Kalach.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">initially rejected by his advisor</a> and academic editors and was only brought back after Hellman and Diffie published their seminal work.</p> <h3>New Directions in Cryptography</h3> <p>In 1976, Diffie and Hellman published their seminal paper, “New Directions in Cryptography.” The paper <a href="https://ee.stanford.edu/~hellman/publications/24.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">famously starts off</a> by saying “We stand today on the brink of a revolution in cryptography,” before declaring, almost brazenly, that the paper “aims to solve open problems.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0.png"><img alt="" decoding="async" height="512" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0-1024x512.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0-1024x512.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0-300x150.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0-768x384.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0-1536x768.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0.png 1900w" width="1024"></img></a><figcaption>From left to right: Merkle, Hellman, and Diffie in 1977. Image credits: Chuck Painter / <a href="https://engineering.stanford.edu/news/stanford-cryptography-pioneers-win-acm-2015-am-turing-award" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Stanford News Service</a></figcaption></figure> </div> <p>The radical idea was distributing cryptographic keys openly. The two researchers proposed a mathematical method for two parties to jointly establish a shared secret key over an insecure channel without ever having met. This method, now known as the Diffie-Hellman-Merkle key exchange, utilized the difficulty of the discrete logarithm problem as its security basis. In the classic “Alice and Bob” example:</p> <ul> <li>Alice and Bob publicly agree on a large prime modulus <em>p</em> and a generator <em>g</em></li> <li>Alice chooses a secret integer <em>a</em> and sends Bob A = g<sup>a</sup> (mod p)</li> <li>Bob chooses a secret integer <em>b</em> and sends Alice B = g<sup>b</sup> (mod p).</li> <li>Alice computes the shared secret <em>s</em> = B<sup>a</sup> (mod p).</li> <li>Bob computes the shared secret <em>s</em> = A<sup>b</sup> (mod p). The resulting secrets are identical.</li> </ul> <p>The logic is elegant. Think of it like mixing paint. If Alice and Bob first agree on a common color. They each add their own “secret” color (a and b)<del>,</del> and then swap the mixtures. They then each add their secret color to the other person’s mixture. Because of the commutative property, they both end up with the exact same shade of “secret” paint.</p> <p>Technically, Diffie-Hellman is not a trapdoor function in the strictest sense, though it practically performs as one. A trapdoor would allow them to “undo” the function. If Alice encrypts a message with a public key, she needs a trapdoor (private key) to reverse the process and get the original message back. Rather, this is a Key Exchange. Instead of “undoing” each other’s math, Alice and Bob are both performing a second one-way function that leads them to the same mathematical result.</p> <p>This approach changed everything. Suddenly, two people who had never met could establish a secure connection in milliseconds. The logic is still the reason you can type your credit card number into a browser today without a hacker buying a new phone using your card. It is, in essence, the foundation of internet security.</p> <p>Yet this was not the end of the story.</p> <p>While Diffie and Hellman had solved the key exchange problem, they had not yet created a fully functional public-key encryption system that could be used for general-purpose messaging or digital signatures. This was achieved in 1977 by Ron Rivest, Adi Shamir, and Leonard Adleman at MIT, who developed the RSA algorithm. This RSA algorithm is the fundamental, widely used encryption algorithm that secures the internet. But we will look at that in the next installment.</p> <h3>The Crypto Wars, Part I: Rebels and Friends</h3> <p>Thankfully, Diffie and Hellman did not go to jail for their work, although this seemed like a real option when they started it. Rather, they were both awarded the 2015 ACM A.M. Turing Award, “for fundamental contributions to modern cryptography.”</p> <p>But this does not mean everyone was thrilled about their work. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/31033657788_836eb9c468_o.jpg"><img alt="" decoding="async" height="682" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/31033657788_836eb9c468_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/31033657788_836eb9c468_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/31033657788_836eb9c468_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/31033657788_836eb9c468_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Martin Hellman at the 6th HLF, 2018. Image credit: HLFF / <a href="https://www.flickr.com/photos/hlforum/31033657788/in/photostream/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Kreutzer</a>.</figcaption></figure> </div> <p>In the 1970s, the pushback was immediate. The NSA attempted to implement “<a href="https://people.eecs.berkeley.edu/~henrycg/files/academic/papers/stanfordmag14keeping-orig.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">pre-publication review</a>,” essentially demanding that any cryptographic research be cleared by the government before being shared. They feared that if the “Stanford Rebels” succeeded, the U.S. would lose its ability to intercept foreign signals.</p> <p>Tensions between Hellman and the NSA simmered until they erupted in 1977, when a mysterious letter arrived just as the team was preparing to present their findings at an IEEE international symposium. The letter, sent by an employee of the NSA named Joseph Meyer (writing as a private citizen), warned that the public presentation of cryptographic research could be a violation of the International Traffic in Arms Regulations (ITAR). This was because, in 1976 the U.S. government had in fact <a href="https://www.wikiwand.com/en/Export_of_cryptography_from_the_United_States" rel="noreferrer noopener" target="_blank">classified encryption software</a> as a “munition.” In the eyes of the law, a floppy disk containing encryption code was legally treated as a box of guns or grenades.</p> <p>Much of this was happening under the watchful eye of Admiral Bobby Ray Inman, who became the Director of the NSA shortly after the 1977 letter incident. Inman opposed Diffie and Hellman sharing their work <a href="https://engineering.stanford.edu/news/stanford-cryptography-pioneers-win-acm-2015-am-turing-award" rel="noreferrer noopener" target="_blank">so much</a> that the NSA warned publishers that the authors had violated US laws restricting export of military weapons. Yet despite these threats, the researchers persisted.</p> <p>Admiral Inman eventually admitted that the NSA could not stop the math. He realized that if the U.S. didn’t lead in public cryptography, other countries would, leaving American businesses and citizens vulnerable. In a curious and very human turn of events, Hellman and Inman started having semi-regular discussions and actually found out they have a lot in common. Both cared about security and both were concerned about nuclear threats. By the early 1980s, the two started meeting privately and developed an unlikely friendship based on mutual respect.</p> <p>Their relationship became a model for “Responsible Disclosure.” Inman and Hellman began appearing <a href="https://stanfordmag.org/contents/keeping-secrets" rel="noreferrer noopener" target="_blank">together at conferences</a> to discuss how the government and academia could work together rather than as enemies. But the broader encryption problems persisted.</p> <h3>The Crypto Wars, Part II: Code Munition</h3> <p>In the early 1990s, the “World Wide Web” was shaping up, and with it, encryption became an even bigger headache for intelligence agencies.</p> <p>If every citizen had access to military-grade encryption, the FBI and NSA could not wiretap terrorists or drug lords. If the math was too strong to break, national security would also be bound by the constraints of encryption. However, as the internet grew, the aforementioned handling of encryption software as munitions under ITAR became somewhat absurd, leading to such things as the “Netscape split.”</p> <p>Netscape Communications Corporation was an American independent computer services company whose browser was dominant before Internet Explorer came along. Since the export of encryption would be classified as “arms-dealing,” the longest key size allowed for export without individual license proceedings was 40 bits, so Netscape developed two versions of its web browser. The “US edition” had the full 128-bit strength. The “International Edition” had its effective key length reduced to 40 bits.</p> <p>Because every single bit added to a key doubles the number of possible combinations an attacker must try, the 128-bit version was trillions of trillions of times stronger. The 40-bit version could be broken in a matter of days using a personal computer at the time; a 128-bit version was unbreakable. But because acquiring the “US version” was problematic even in the US, most people ended up with the crackable, 40-bit version anyway.</p> <p>This (coupled with other pressures) led Netscape to open-source its browser code and create the Mozilla Organization. The rebellion was led by people like Phil Zimmermann. In 1991, Zimmermann wrote a program called PGP (Pretty Good Privacy) so that ordinary people could encrypt their emails. Two years later, he became the formal target of a criminal investigation by the US Government for “munitions export without a license.”</p> <p>But Zimmerman fought back with the unlikeliest of choices: He printed the source code of PGP in a physical book and exported the <strong>book</strong>.</p> <p>This protected him because books are protected by the First Amendment in the US. The matter never went to court and Zimmermann was never charged, but it goes to show how far behind the laws were when it came to the internet: it was illegal to export a digital version of the code, but not a physical version of it.</p> <h3>Encryption for the People</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785372_f6f709f3d5_o.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785372_f6f709f3d5_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785372_f6f709f3d5_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785372_f6f709f3d5_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785372_f6f709f3d5_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Diffie, Hellman, and a young researcher at the 12th Heidelberg Laureate Forum in 2025. Image credits: HLFF / <a href="https://www.flickr.com/photos/hlforum/54803785372/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Flemming</a>.</figcaption></figure> </div> <p>Despite this, the US government did not give up on trying to control encryption. In 1993, the government proposed the “<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Clipper_chip" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Clipper Chip</a>” as a hardware-based solution to the encryption problem. The chip would provide secure communications for landline phones, but it included a “backdoor” through a process called “key escrow.” The government would hold the keys in two halves, allowing law enforcement to decrypt communications if authorized by a court order.</p> <p>The Clipper Chip faced massive public opposition from civil liberties organizations, but the chip was only abandoned in 1996 after researcher Matt Blaze <a href="https://www.eff.org/deeplinks/2015/04/clipper-chips-birthday-looking-back-22-years-key-escrow-failures" rel="noreferrer noopener" target="_blank">discovered</a> a fundamental flaw in the chip’s design that allowed users to bypass the escrow mechanism while still using the encryption. Both Hellman and Diffie spoke out against the idea of having government backdoors in encryption.</p> <p>However, the moment when encryption truly became “fair game” only came after a judicial decision. In a landmark case, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Bernstein_v._United_States" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Bernstein v. US Department of Justice</a>, the courts ruled that software source code is speech. This was a massive win for the internet. It meant that security belongs to the people, not just the state.</p> <p>This legal victory paved the way for the “Padlock” we see in our browser bars. Netscape created SSL (Secure Sockets Layer), which later became TLS (Transport Layer Security). This is the “secret handshake” you use daily, even to read this article. When you go to a website, your computer and the server perform a high-speed version of the Diffie-Hellman exchange, agreeing on a secret key for that session only.</p> <p>It also paved the way for online shopping. The first object <a href="https://www.vice.com/en/article/the-first-thing-sold-online-was-a-sting-cd/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">sold securely</a> on the internet was a Sting CD, sold online in 1994 for $12.48. Slowly but surely, the world never looked back, and online shopping is now a <a href="https://www.statista.com/topics/871/online-shopping/?srsltid=AfmBOorbACXE4NomwSxlCNT3B_4N9JliA8rwSHJDOJceavup33Gk5RLS" rel="noreferrer noopener" target="_blank">trillion-dollar industry</a>.</p> <p>But there is a big, striking caveat to this entire story. Despite their achievements, the Stanford trio was actually not the first group to develop public-key cryptography. Deep in the British intelligence agency GCHQ, researchers like James Ellis and Clifford Cocks had actually figured this out a few years earlier. But because <a href="https://www.nsa.gov/History/Cryptologic-History/Historical-Figures/Historical-Figures-View/Article/3006218/clifford-cocks-james-ellis-and-malcolm-williamson/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">they worked</a> for the British government, their work was classified. They had to be silent about their work and could not share it. Eventually, the Stanford version came into use before theirs.</p> <p>It’s one of the great “what-ifs” of modern history: If the British had gone public in 1973, what would the internet have looked like?</p> <p>We’ve covered how Radia Perlman (The “Mother of the Internet”) organized the web into a “Spanning Tree” to keep it from collapsing under its own weight. We’ve seen how Tim Berners-Lee gave us the links. But public-key cryptography is the vault that keeps the whole thing from being a playground for thieves.</p> <p>Yet cryptography does not end with the Diffie-Hellman-Merkle key exchange. Not even close. In the next installment, we will look at one of the most important algorithms in the world: RSA.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-8-of-12-encryption-for-the-people/#comments 1 Therapie mit Psychedelika: Fazit und Ausblick https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/therapie-mit-psychedelika-fazit-und-ausblick/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/therapie-mit-psychedelika-fazit-und-ausblick/#comments Mon, 23 Mar 2026 12:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3598 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/iffany-mushrooms-8635387-Fazit-768x768.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/therapie-mit-psychedelika-fazit-und-ausblick/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/iffany-mushrooms-8635387-Fazit-1024x1024.jpg" /><h1>Therapie mit Psychedelika: Fazit und Ausblick » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Forschung zwischen Hoffnungen, Depressionen und finanziellen Interessen</strong></p> <span id="more-3598"></span> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/">ersten Teil</a> ging es um die Entstehung des Hypes um Psychedelika. Eine neue Studie von deutschen Forscherinnen und Forschern sollte jetzt Klarheit schaffen: Wie gut wirkt die Behandlung von Depressionen mit Psilocybin, mit Unterstützung durch Psychotherapie?</p> <p>Die Ergebnisse zeigten nicht den erhofften Durchbruch, sondern nur eine leichte Verringerung der depressiven Symptomatik – und das bei Nebenwirkungen. Ob das mehr ist als nur ein Placebo-Effekt und wie sich das zu anderen Therapien verhält, thematisieren wir am Ende. Zunächst soll es um die finanzielle Seite dieser Forschung gehen.</p> <p>Bei einem Hype kommen nämlich schnell finanzielle Interessen ins Spiel. Der schriftstellerische Erfolg von Michael Pollan mit <em>How to Change Your Mind?</em> (2018) wurde im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/">ersten Teil</a> schon erwähnt. Es wird auch gerne noch auf Aldous Huxleys Essays <em>The Doors of Perception</em> (dt. <em>Die Pforten der Wahrnehmung</em>) aus dem Jahr 1954 und dem zwei Jahre später folgenden <em>Heaven and Hell</em> (<em>Himmel und Hölle</em>) verwiesen. Diese schrieb der vor allem als Autor von <em>Brave New World</em> (<em>Schöne neue Welt</em>) bekannte Huxley auf Grundlage seiner Meskalin-Erfahrungen.</p> <p>Aldous Huxley stammte aus einer Gelehrtenfamilie und sowohl sein Großvater Thomas Henry als auch sein Bruder Julian waren bedeutende Biologen. Dadurch wird Aldous sehr früh mit dem Gedankengut zur Eugenik in Kontakt gekommen sein. Dieses wurde im frühen 20. Jahrhundert politisch ausgeschlachtet und formte auch das Gerüst der erstmals 1932 erschienenen <em>Schönen neuen Welt</em>. Diese Romanwelt ist vor allem für die als Oberklasse gezüchteten Alpha-Menschen „schön“ – und wenn doch einmal Traurigkeit aufkommt, hilft die Glücksdroge „Soma“.<aside></aside></p> <p>Man sollte aber bedenken, dass Bestseller-Autoren wie Huxley oder Pollan nicht unbedingt mit besonders akkuraten, sondern besonders überzeugenden Geschichten ihr Geld verdienen. Die Wissenschaft ist eher zur Wahrheitstreue verpflichtet. Doch bleiben wir einen Moment beim Geldverdienen.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Verdienmodell</h2> <p>Wie will man mit der klinischen Umsetzung von psychedelischer Therapie große Umsätze erzielen? Mit der britischen Compass Pathways PLC und der kanadischen Cybin Inc. – der Name, gesprochen „Seibin“ mit scharfem S, ist ein Teil von englisch „psilocybin“ – gingen um den Jahreswechsel 2020/2021 zwei entsprechende Firmen an die Börse. Wir erinnern uns, dass in genau diesem Zeitraum Professor Gerhard Gründers Psilocybin-Studie beim Bundesforschungsministerium begutachtet wurde.</p> <p>Das war also die Zeit der großen Hoffnungen und Versprechungen. Anhand der Börsenkurse lässt sich das quantifizieren: Compass Pathways hatte am 3. Dezember 2020, kurz nach dem Börsengang, sein Allzeithoch von 44 Euro pro Aktie. Am 3. November 2021 gab es noch ein Zwischenhoch bei 38,7 Euro. Heute ist ein Firmenanteil nur noch 4,7 Euro wert. Wer also beim Allzeithoch einstieg und immer noch auf den Durchbruch wartet, hat damit rund 90 Prozent Wertverlust im Depot.</p> <p>Cybin hatte dazwischen, am 3. August 2021, sein Allzeithoch bei 98 Euro pro Aktie. Auch hier ist der Fall auf 4,1 Euro beziehungsweise um 96 Prozent Wertverlust enorm – jedenfalls für diejenigen, die damals einstiegen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="601" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-1024x601.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-1024x601.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-300x176.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-768x451.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-1536x901.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-2048x1202.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Beschreibung: Die Abbildung zeigt die Börsenkurse von Compass Pathways PLC (blau, linke Skala, US-Dollar) und Cybin Inc. (rot, rechte Skala, CAN-Dollar). Von den einst hohen Bewertungen in den Jahren 2021 und 2022 sind nur 10 Prozent oder weniger übrig geblieben. Gewinne hat zum Beispiel Cybin noch keine ausgewiesen, dafür große Buchverluste für treue Anteilseigner. Auf dem niedrigen Niveau kommt es seit gut einem Jahr immer wieder zu großen Kursschwankungen. Abbildung: mit freundlicher Genehmigung von TradingView</em></p> <p>Man sollte sich fragen, wie das Verdienmodell solcher Firmen aussehen könnte. Hier in den Niederlanden wurde der Verkauf von Magic Mushrooms nach ein paar Unfällen und der erwartbaren politischen und Medienkampagne zwar 2008 verboten. Der unterirdisch wachsende Teil des Pilzes, das Sklerotium, blieb davon aber ausgenommen. Diese „Trüffel“ genannten, etwas nussig schmeckenden Produkte kann man mit einer wirksamen Dosis Psilocybin im Angebot ab ca. 15 Euro im Versandhandel bestellen. Im Smartshop um die Ecke dürften sie für 20 bis 25 Euro über den Ladentisch gehen.</p> <p>Dass man damit keine schnellen Millionen oder gar Milliarden verdienen kann, liegt auf der Hand. Damit komme ich noch einmal auf die neue deutsche Studie zurück.</p> <h2>Millionenmarkt</h2> <p>Das Folgende ist keine Enthüllung: Dass der Studienleiter Gerhard Gründer und das an der Studie mitwirkende Ehepaar Andrea und Henrik Jungaberle finanzielle Interessen an psychedelischer Therapie haben, ist kein Geheimnis. Auch in der <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2846478#a__text_Studie__Ob" rel="noopener">neuen Studie</a> ist das angegeben. Das bezieht sich zum Beispiel auf die Privatklinik OVID Clinic Berlin GmbH, die OVID Health Systems GmbH und die als gemeinnützig anerkannte MIND Foundation gGmbH, an denen die genannten Personen in führender Weise beteiligt sind.</p> <p>Ein Skandal ist das nicht. Stellen wir uns vor, dass jemand besonderes chirurgisches Talent hat und ein neues Verfahren entwickelt, um Herzoperationen zu verbessern und damit viele Leben zu verlängern. Was wäre daran unethisch, wenn eine Gewinnbeteiligung transparent geschieht und keine öffentlichen Gelder veruntreut werden? Und wieso sollte das dann für die Psychiatrie anders sein?</p> <p>Bei dem Ansatz des deutschen Forschungsteams wird das Psychedelikum mit psychotherapeutischer Begleitung kombiniert. Wie wir sahen, sind die Kosten für Psilocybin vernachlässigbar. Für Psychotherapie gehen wir mal von einem Kassensatz von ca. 150 Euro pro Stunde aus, bei Privatversicherten auch mehr. Wie die Behandlung aussieht, vermittelt das Symbolfoto zur <a href="https://www.zi-mannheim.de/institut/news-detail/psilocybin-mit-psychotherapie-zeigt-bedeutsame-wirkung-bei-behandlungsresistenten-depressionen.html" rel="noopener">Pressemitteilung des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit</a> vom 19. März (Übrigens ein Foto der MIND Foundation). Links sitzt Professor Gründer, rechts die Psychologin und Erstautorin der Studie Lea Mertens.</p> <p>Die Untersuchung bestand aus sechs- bis achtstündigen psychedelischen Sitzungen, die von <em>zwei</em> Personen therapeutisch begleitet wurden, zuzüglich einer Übernachtung. Dazu kamen satte 14 Therapiestunden zur Vor- und Nachbesprechung. Wenn man vereinfacht mit 28 Stundensätzen à 150 Euro rechnet, ergeben sich gut 4000 Euro pro Person als Untergrenze. Bei der Multiplikation mit 3000 Freiwilligen, die sich für die Studie gemeldet hatten, kommt man schon auf über 12 Millionen Euro möglichen Umsatz.</p> <h2>Deutsches McCybin?</h2> <p>Da könnte man vielleicht an Wellness-Kliniken am Rande von Großstädten mit gut situierter Klientel denken, wo übers Wochenende Seelenheilung verfügbar ist. Auf Wunsch mit begleiteter psychedelischer Therapie. Es geht hier aber nicht um die genauen Geschäftsmodelle der genannten Personen. Der springende Punkt kommt jetzt:</p> <p>Die neue Studie wurde am 11. Januar 2026 zur Publikation angenommen. Am 18. März wurde sie veröffentlicht, am 19. März fand die Pressekonferenz am Zentralinstitut in Mannheim statt. Dazwischen, zum 22. Februar, wurde die OVID Health Systems GmbH <a href="https://www.northdata.de/OVID Health Systems GmbH, Berlin/Amtsgericht Charlottenburg (Berlin) HRB 216127 B" rel="noopener">von den Geschäftsführern Gerhard Gründer und Henrik Jungaberle liquidiert</a>, also aufgelöst. Gegenstand dieser Gesellschaft war:</p> <blockquote> <p>„Die Entwicklung, Betreibung und wissenschaftliche Erforschung eines Modell-Gesundheitszentrums für die klinische Behandlung und Selbsterfahrung mit Fokus auf der therapeutischen Nutzung veränderter Wachbewusstseinszustände, erzeugt durch pharmakologische und nicht-pharmakologische Methoden“ sowie „die Entwicklung und Umsetzung eines Franchise-Systems (oder analoger Organisationsstrukturen) zur Verbreitung der in OVID entwickelten Behandlungsformen und Dienstleistungen.“ (OVID Health Systems GmbH)</p> </blockquote> <p>Man wollte damit also eine Modell-Klinik für (unter anderem) psychedelische Psychotherapie entwickeln – und dann anderen dieses Konzept zur Lizenzierung anbieten (Franchise-System). Vielleicht hätte man sich das wie eine Art „McCybin“ vorstellen können, mit standardisierten, ähnlich aussehenden und vorgehenden psychedelischen Kliniken quer durchs ganze Land. Und nochmals: Das ist keine Kritik an sich, sondern verdeutlicht nur die finanziellen Interessen.</p> <p>Die Liquidation vom 22. Februar 2026 durch die Geschäftsführer sagt wohl genug über die Erfolgsaussichten dieses Vorhabens aus – jedenfalls im großen Stil. Professor Gründer war zum 11. Juli 2025 immerhin ein Teilerfolg gegönnt: Da bewilligte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte die Durchführung der Psilocybin-Therapie im Rahmen eines Härtefallprogramms. Das war eine Neuheit in der EU. Diese Zulassung gilt aber erst einmal nur für ein Jahr und für „<a href="https://www.zi-mannheim.de/institut/news-detail/compassionate-use-programm-fuer-psilocybin-erstmals-in-deutschland-moeglich.html" rel="noopener">begründete Ausnahmefälle</a>„.</p> <p>Welche Zukunft diesen und ähnlichen Verfahren bestimmt ist, hängt entscheidend von den Ergebnissen der wissenschaftlichen Studien ab. Ziehen wir somit ein Fazit.</p> <h2>Fazit</h2> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/">ersten Teil</a> sahen wir, dass die neue Studie zwar ihr Hauptziel verfehlte. Die Kombination von Psychedelikum und Psychotherapie führte aber zu einer Verbesserung des Depressions-Werts um sieben bis acht Punkte auf einer 52-Punkte-Skala. Das ist nicht nichts. Und es sind Durchschnittswerte, die verbergen, dass der Effekt bei einigen Versuchspersonen größer war.</p> <p>Trotzdem wurde hier viel Aufwand für ein eher bescheidenes Ergebnis betrieben, das die Forscherinnen und Forscher selbst als „unschlüssig“ bezeichneten. Zu dem Aufwand gehörte, unter 3094 freiwilligen Meldungen 144 sorgfältig für die Teilnahme auszuwählen. Zu den Ausschlusskriterien gehörten zum Beispiel psychotische Symptome. Das deutet darauf hin, dass eine Ausweitung auf die breite Gesellschaft noch komplexe Herausforderungen mit sich brächte.</p> <p>Das größte Problem ist allerdings die fehlende Placebo-Kontrolle. Wie im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/">ersten Teil</a> beschrieben, gibt es für die psychedelische Wirkung – und ähnlich für die therapeutischen Gespräche – keine Möglichkeit, die reinen Erwartungseffekte abzuziehen:</p> <p>Bei so einem Hype-Thema mit dieser Medienpräsenz, der strengen Selektion, dem großen Aufwand und nach so vielen gemeinsamen therapeutischen Stunden sind die Erwartungen natürlich extrem hoch. Zur Medienpräsenz findet man auf der Website der Berliner MIND Foundation den interessanten Hinweis, dass man 166 Personen für die Therapie ausgebildet hat und 260 mediale Auftritte hatte. Nicht zuletzt dürfte zu den hohen Erwartungen beitragen, dass die Therapierten im Alter von durchschnittlich 43 Jahren, davon übrigens 59 Prozent männlich, im Mittel schon seit 13 bis 14 Jahren immer wieder unter depressiven Symptomen leiden.</p> <p>Zusammen mit der deutschen Studie erschien in der angesehenen Zeitschrift <em>JAMA Psychiatry</em> am 18. März eine <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2846479?guestAccessKey=d844d09d-abaf-4310-887c-e13957d27905&amp;utm_source=for_the_media&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=ftm_links&amp;utm_content=tfl&amp;utm_term=031826" rel="noopener">umfangreiche Analyse</a>, die das Placebo-Problem auf originelle Weise anging: Das Team von der University of California verglich die Ergebnisse psychedelischer Therapie und Versuche mit herkömmlichen Antidepressiva <em>ohne</em> Placebo-Kontrolle. Dabei fand sich kein wesentlicher Unterschied:</p> <blockquote> <p>„In Studien zur Depressionsbehandlung erwies sich die Psychedelika-unterstützte Therapie als nicht wirksamer als traditionelle Antidepressiva ohne Placebo-Kontrolle. Die Verblindung hatte einen Einfluss auf die traditionellen Antidepressiva, nicht aber auf die Psychedelika-Therapie. Das bestätigt, dass Studien zur Letzteren faktisch immer ohne Placebo-Kontrolle durchgeführt werden. Diese Ergebnisse sprechen gegen übertrieben optimistische Darstellungen der Psychedelika-Therapie …“ (Williams et al., 2026; dt. Übers.)</p> </blockquote> <h2>Ausblick</h2> <p>Währenddessen strebt das oben erwähnte Börsenunternehmen Compass Pathways PLC die Zulassung einer Psilocybin-Therapie in den USA an. Selbst wenn sich die amerikanische Behörde von der Datenlage überzeugen lässt, müsste wegen des Verbots der Substanz noch die Drogenkontrollbehörde zustimmen. Aufgrund der hier beschriebenen Studienergebnisse sollte klar sein, dass selbst dann kein neues Wundermittel gegen Depressionen auf den Markt käme.</p> <p>Darum dürfte aber der Hype um Psychedelika noch lange nicht beendet sein. Das Thema hat inzwischen zu viel Aufmerksamkeit und eine große Interessengruppe hinter sich. Allein im Sinne der „Psychonautik“, dem Interesse an anderen Bewusstseinszuständen, werden Menschen sie weiterverwenden.</p> <p>Außerdem kann es Effekte geben, die sich mit der gängigen wissenschaftlichen Methodik nicht darstellen lassen. Auch in der deutschen Studie gab es Einzelfälle mit positiverem Ausgang. Diese passen zu den enthusiastischen Kommentaren im Internet, den Reportagen und Dokumentationen:</p> <p>Erst Anfang März berichtete der New York Times-Journalist Robert Draper von seiner eigenen psychedelischen Therapie im mexikanischen Tijuana. Er wollte die traumatische Beziehung zu seinem Bruder aufarbeiten, der erst alkoholkrank wurde und dann bei einem Motorradunfall ums Leben kam. Ein anderer Teilnehmer war ein US-Kriegsveteran. Er litt unter schweren Schuldgefühlen, weil seine Kameraden im Einsatz starben, während er heimkehrte.</p> <p>Dass es für die Seele heilsam sein kann, sich solchen schwer traumatischen Erfahrungen zu öffnen, dürften viele Psychotherapeutinnen und Therapeuten bestätigen. Das ist aber etwas anderes als die Entwicklung einer medizinisch standardisierten Therapie für das vielschichtige Störungsbild Depression.</p> <p>Und damit kommen wir am Ende noch einmal auf den Status quo der biologischen Psychiatrie zurück: Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/">ersten Teil</a> habe ich die Vermutung in den Raum gestellt, dass diese nun auch psychedelische Behandlungen erforscht, weil damit am verbreiteten „Gehirndenken“ festgehalten werden kann – während die Kritik an den bestehenden Gehirnbehandlungen zunimmt.</p> <p>Mein Alternativvorschlag wäre, sich wieder mehr mit den gesellschaftlichen Faktoren zu beschäftigen, mit denen depressive Störungen zusammenhängen. Darüber habe ich an anderer Stelle mehr geschrieben.</p> <h2 id="neues-buch-zur-depressions-epidemie">Neu: Mehr über die Depressions-Epidemie</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6" rel="noopener">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677" rel="noopener">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ" rel="noopener">Google Play Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>. Abbildung: auf Grundlage von <a href="https://pixabay.com/illustrations/mushrooms-mushroom-nature-forest-8635387/" rel="noopener">Ivana Tomášková</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/21d0155c93ce40689d07995a3beb8f7d" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/iffany-mushrooms-8635387-Fazit-1024x1024.jpg" /><h1>Therapie mit Psychedelika: Fazit und Ausblick » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Forschung zwischen Hoffnungen, Depressionen und finanziellen Interessen</strong></p> <span id="more-3598"></span> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/">ersten Teil</a> ging es um die Entstehung des Hypes um Psychedelika. Eine neue Studie von deutschen Forscherinnen und Forschern sollte jetzt Klarheit schaffen: Wie gut wirkt die Behandlung von Depressionen mit Psilocybin, mit Unterstützung durch Psychotherapie?</p> <p>Die Ergebnisse zeigten nicht den erhofften Durchbruch, sondern nur eine leichte Verringerung der depressiven Symptomatik – und das bei Nebenwirkungen. Ob das mehr ist als nur ein Placebo-Effekt und wie sich das zu anderen Therapien verhält, thematisieren wir am Ende. Zunächst soll es um die finanzielle Seite dieser Forschung gehen.</p> <p>Bei einem Hype kommen nämlich schnell finanzielle Interessen ins Spiel. Der schriftstellerische Erfolg von Michael Pollan mit <em>How to Change Your Mind?</em> (2018) wurde im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/">ersten Teil</a> schon erwähnt. Es wird auch gerne noch auf Aldous Huxleys Essays <em>The Doors of Perception</em> (dt. <em>Die Pforten der Wahrnehmung</em>) aus dem Jahr 1954 und dem zwei Jahre später folgenden <em>Heaven and Hell</em> (<em>Himmel und Hölle</em>) verwiesen. Diese schrieb der vor allem als Autor von <em>Brave New World</em> (<em>Schöne neue Welt</em>) bekannte Huxley auf Grundlage seiner Meskalin-Erfahrungen.</p> <p>Aldous Huxley stammte aus einer Gelehrtenfamilie und sowohl sein Großvater Thomas Henry als auch sein Bruder Julian waren bedeutende Biologen. Dadurch wird Aldous sehr früh mit dem Gedankengut zur Eugenik in Kontakt gekommen sein. Dieses wurde im frühen 20. Jahrhundert politisch ausgeschlachtet und formte auch das Gerüst der erstmals 1932 erschienenen <em>Schönen neuen Welt</em>. Diese Romanwelt ist vor allem für die als Oberklasse gezüchteten Alpha-Menschen „schön“ – und wenn doch einmal Traurigkeit aufkommt, hilft die Glücksdroge „Soma“.<aside></aside></p> <p>Man sollte aber bedenken, dass Bestseller-Autoren wie Huxley oder Pollan nicht unbedingt mit besonders akkuraten, sondern besonders überzeugenden Geschichten ihr Geld verdienen. Die Wissenschaft ist eher zur Wahrheitstreue verpflichtet. Doch bleiben wir einen Moment beim Geldverdienen.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Verdienmodell</h2> <p>Wie will man mit der klinischen Umsetzung von psychedelischer Therapie große Umsätze erzielen? Mit der britischen Compass Pathways PLC und der kanadischen Cybin Inc. – der Name, gesprochen „Seibin“ mit scharfem S, ist ein Teil von englisch „psilocybin“ – gingen um den Jahreswechsel 2020/2021 zwei entsprechende Firmen an die Börse. Wir erinnern uns, dass in genau diesem Zeitraum Professor Gerhard Gründers Psilocybin-Studie beim Bundesforschungsministerium begutachtet wurde.</p> <p>Das war also die Zeit der großen Hoffnungen und Versprechungen. Anhand der Börsenkurse lässt sich das quantifizieren: Compass Pathways hatte am 3. Dezember 2020, kurz nach dem Börsengang, sein Allzeithoch von 44 Euro pro Aktie. Am 3. November 2021 gab es noch ein Zwischenhoch bei 38,7 Euro. Heute ist ein Firmenanteil nur noch 4,7 Euro wert. Wer also beim Allzeithoch einstieg und immer noch auf den Durchbruch wartet, hat damit rund 90 Prozent Wertverlust im Depot.</p> <p>Cybin hatte dazwischen, am 3. August 2021, sein Allzeithoch bei 98 Euro pro Aktie. Auch hier ist der Fall auf 4,1 Euro beziehungsweise um 96 Prozent Wertverlust enorm – jedenfalls für diejenigen, die damals einstiegen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="601" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-1024x601.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-1024x601.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-300x176.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-768x451.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-1536x901.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-2048x1202.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Beschreibung: Die Abbildung zeigt die Börsenkurse von Compass Pathways PLC (blau, linke Skala, US-Dollar) und Cybin Inc. (rot, rechte Skala, CAN-Dollar). Von den einst hohen Bewertungen in den Jahren 2021 und 2022 sind nur 10 Prozent oder weniger übrig geblieben. Gewinne hat zum Beispiel Cybin noch keine ausgewiesen, dafür große Buchverluste für treue Anteilseigner. Auf dem niedrigen Niveau kommt es seit gut einem Jahr immer wieder zu großen Kursschwankungen. Abbildung: mit freundlicher Genehmigung von TradingView</em></p> <p>Man sollte sich fragen, wie das Verdienmodell solcher Firmen aussehen könnte. Hier in den Niederlanden wurde der Verkauf von Magic Mushrooms nach ein paar Unfällen und der erwartbaren politischen und Medienkampagne zwar 2008 verboten. Der unterirdisch wachsende Teil des Pilzes, das Sklerotium, blieb davon aber ausgenommen. Diese „Trüffel“ genannten, etwas nussig schmeckenden Produkte kann man mit einer wirksamen Dosis Psilocybin im Angebot ab ca. 15 Euro im Versandhandel bestellen. Im Smartshop um die Ecke dürften sie für 20 bis 25 Euro über den Ladentisch gehen.</p> <p>Dass man damit keine schnellen Millionen oder gar Milliarden verdienen kann, liegt auf der Hand. Damit komme ich noch einmal auf die neue deutsche Studie zurück.</p> <h2>Millionenmarkt</h2> <p>Das Folgende ist keine Enthüllung: Dass der Studienleiter Gerhard Gründer und das an der Studie mitwirkende Ehepaar Andrea und Henrik Jungaberle finanzielle Interessen an psychedelischer Therapie haben, ist kein Geheimnis. Auch in der <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2846478#a__text_Studie__Ob" rel="noopener">neuen Studie</a> ist das angegeben. Das bezieht sich zum Beispiel auf die Privatklinik OVID Clinic Berlin GmbH, die OVID Health Systems GmbH und die als gemeinnützig anerkannte MIND Foundation gGmbH, an denen die genannten Personen in führender Weise beteiligt sind.</p> <p>Ein Skandal ist das nicht. Stellen wir uns vor, dass jemand besonderes chirurgisches Talent hat und ein neues Verfahren entwickelt, um Herzoperationen zu verbessern und damit viele Leben zu verlängern. Was wäre daran unethisch, wenn eine Gewinnbeteiligung transparent geschieht und keine öffentlichen Gelder veruntreut werden? Und wieso sollte das dann für die Psychiatrie anders sein?</p> <p>Bei dem Ansatz des deutschen Forschungsteams wird das Psychedelikum mit psychotherapeutischer Begleitung kombiniert. Wie wir sahen, sind die Kosten für Psilocybin vernachlässigbar. Für Psychotherapie gehen wir mal von einem Kassensatz von ca. 150 Euro pro Stunde aus, bei Privatversicherten auch mehr. Wie die Behandlung aussieht, vermittelt das Symbolfoto zur <a href="https://www.zi-mannheim.de/institut/news-detail/psilocybin-mit-psychotherapie-zeigt-bedeutsame-wirkung-bei-behandlungsresistenten-depressionen.html" rel="noopener">Pressemitteilung des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit</a> vom 19. März (Übrigens ein Foto der MIND Foundation). Links sitzt Professor Gründer, rechts die Psychologin und Erstautorin der Studie Lea Mertens.</p> <p>Die Untersuchung bestand aus sechs- bis achtstündigen psychedelischen Sitzungen, die von <em>zwei</em> Personen therapeutisch begleitet wurden, zuzüglich einer Übernachtung. Dazu kamen satte 14 Therapiestunden zur Vor- und Nachbesprechung. Wenn man vereinfacht mit 28 Stundensätzen à 150 Euro rechnet, ergeben sich gut 4000 Euro pro Person als Untergrenze. Bei der Multiplikation mit 3000 Freiwilligen, die sich für die Studie gemeldet hatten, kommt man schon auf über 12 Millionen Euro möglichen Umsatz.</p> <h2>Deutsches McCybin?</h2> <p>Da könnte man vielleicht an Wellness-Kliniken am Rande von Großstädten mit gut situierter Klientel denken, wo übers Wochenende Seelenheilung verfügbar ist. Auf Wunsch mit begleiteter psychedelischer Therapie. Es geht hier aber nicht um die genauen Geschäftsmodelle der genannten Personen. Der springende Punkt kommt jetzt:</p> <p>Die neue Studie wurde am 11. Januar 2026 zur Publikation angenommen. Am 18. März wurde sie veröffentlicht, am 19. März fand die Pressekonferenz am Zentralinstitut in Mannheim statt. Dazwischen, zum 22. Februar, wurde die OVID Health Systems GmbH <a href="https://www.northdata.de/OVID Health Systems GmbH, Berlin/Amtsgericht Charlottenburg (Berlin) HRB 216127 B" rel="noopener">von den Geschäftsführern Gerhard Gründer und Henrik Jungaberle liquidiert</a>, also aufgelöst. Gegenstand dieser Gesellschaft war:</p> <blockquote> <p>„Die Entwicklung, Betreibung und wissenschaftliche Erforschung eines Modell-Gesundheitszentrums für die klinische Behandlung und Selbsterfahrung mit Fokus auf der therapeutischen Nutzung veränderter Wachbewusstseinszustände, erzeugt durch pharmakologische und nicht-pharmakologische Methoden“ sowie „die Entwicklung und Umsetzung eines Franchise-Systems (oder analoger Organisationsstrukturen) zur Verbreitung der in OVID entwickelten Behandlungsformen und Dienstleistungen.“ (OVID Health Systems GmbH)</p> </blockquote> <p>Man wollte damit also eine Modell-Klinik für (unter anderem) psychedelische Psychotherapie entwickeln – und dann anderen dieses Konzept zur Lizenzierung anbieten (Franchise-System). Vielleicht hätte man sich das wie eine Art „McCybin“ vorstellen können, mit standardisierten, ähnlich aussehenden und vorgehenden psychedelischen Kliniken quer durchs ganze Land. Und nochmals: Das ist keine Kritik an sich, sondern verdeutlicht nur die finanziellen Interessen.</p> <p>Die Liquidation vom 22. Februar 2026 durch die Geschäftsführer sagt wohl genug über die Erfolgsaussichten dieses Vorhabens aus – jedenfalls im großen Stil. Professor Gründer war zum 11. Juli 2025 immerhin ein Teilerfolg gegönnt: Da bewilligte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte die Durchführung der Psilocybin-Therapie im Rahmen eines Härtefallprogramms. Das war eine Neuheit in der EU. Diese Zulassung gilt aber erst einmal nur für ein Jahr und für „<a href="https://www.zi-mannheim.de/institut/news-detail/compassionate-use-programm-fuer-psilocybin-erstmals-in-deutschland-moeglich.html" rel="noopener">begründete Ausnahmefälle</a>„.</p> <p>Welche Zukunft diesen und ähnlichen Verfahren bestimmt ist, hängt entscheidend von den Ergebnissen der wissenschaftlichen Studien ab. Ziehen wir somit ein Fazit.</p> <h2>Fazit</h2> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/">ersten Teil</a> sahen wir, dass die neue Studie zwar ihr Hauptziel verfehlte. Die Kombination von Psychedelikum und Psychotherapie führte aber zu einer Verbesserung des Depressions-Werts um sieben bis acht Punkte auf einer 52-Punkte-Skala. Das ist nicht nichts. Und es sind Durchschnittswerte, die verbergen, dass der Effekt bei einigen Versuchspersonen größer war.</p> <p>Trotzdem wurde hier viel Aufwand für ein eher bescheidenes Ergebnis betrieben, das die Forscherinnen und Forscher selbst als „unschlüssig“ bezeichneten. Zu dem Aufwand gehörte, unter 3094 freiwilligen Meldungen 144 sorgfältig für die Teilnahme auszuwählen. Zu den Ausschlusskriterien gehörten zum Beispiel psychotische Symptome. Das deutet darauf hin, dass eine Ausweitung auf die breite Gesellschaft noch komplexe Herausforderungen mit sich brächte.</p> <p>Das größte Problem ist allerdings die fehlende Placebo-Kontrolle. Wie im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/">ersten Teil</a> beschrieben, gibt es für die psychedelische Wirkung – und ähnlich für die therapeutischen Gespräche – keine Möglichkeit, die reinen Erwartungseffekte abzuziehen:</p> <p>Bei so einem Hype-Thema mit dieser Medienpräsenz, der strengen Selektion, dem großen Aufwand und nach so vielen gemeinsamen therapeutischen Stunden sind die Erwartungen natürlich extrem hoch. Zur Medienpräsenz findet man auf der Website der Berliner MIND Foundation den interessanten Hinweis, dass man 166 Personen für die Therapie ausgebildet hat und 260 mediale Auftritte hatte. Nicht zuletzt dürfte zu den hohen Erwartungen beitragen, dass die Therapierten im Alter von durchschnittlich 43 Jahren, davon übrigens 59 Prozent männlich, im Mittel schon seit 13 bis 14 Jahren immer wieder unter depressiven Symptomen leiden.</p> <p>Zusammen mit der deutschen Studie erschien in der angesehenen Zeitschrift <em>JAMA Psychiatry</em> am 18. März eine <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2846479?guestAccessKey=d844d09d-abaf-4310-887c-e13957d27905&amp;utm_source=for_the_media&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=ftm_links&amp;utm_content=tfl&amp;utm_term=031826" rel="noopener">umfangreiche Analyse</a>, die das Placebo-Problem auf originelle Weise anging: Das Team von der University of California verglich die Ergebnisse psychedelischer Therapie und Versuche mit herkömmlichen Antidepressiva <em>ohne</em> Placebo-Kontrolle. Dabei fand sich kein wesentlicher Unterschied:</p> <blockquote> <p>„In Studien zur Depressionsbehandlung erwies sich die Psychedelika-unterstützte Therapie als nicht wirksamer als traditionelle Antidepressiva ohne Placebo-Kontrolle. Die Verblindung hatte einen Einfluss auf die traditionellen Antidepressiva, nicht aber auf die Psychedelika-Therapie. Das bestätigt, dass Studien zur Letzteren faktisch immer ohne Placebo-Kontrolle durchgeführt werden. Diese Ergebnisse sprechen gegen übertrieben optimistische Darstellungen der Psychedelika-Therapie …“ (Williams et al., 2026; dt. Übers.)</p> </blockquote> <h2>Ausblick</h2> <p>Währenddessen strebt das oben erwähnte Börsenunternehmen Compass Pathways PLC die Zulassung einer Psilocybin-Therapie in den USA an. Selbst wenn sich die amerikanische Behörde von der Datenlage überzeugen lässt, müsste wegen des Verbots der Substanz noch die Drogenkontrollbehörde zustimmen. Aufgrund der hier beschriebenen Studienergebnisse sollte klar sein, dass selbst dann kein neues Wundermittel gegen Depressionen auf den Markt käme.</p> <p>Darum dürfte aber der Hype um Psychedelika noch lange nicht beendet sein. Das Thema hat inzwischen zu viel Aufmerksamkeit und eine große Interessengruppe hinter sich. Allein im Sinne der „Psychonautik“, dem Interesse an anderen Bewusstseinszuständen, werden Menschen sie weiterverwenden.</p> <p>Außerdem kann es Effekte geben, die sich mit der gängigen wissenschaftlichen Methodik nicht darstellen lassen. Auch in der deutschen Studie gab es Einzelfälle mit positiverem Ausgang. Diese passen zu den enthusiastischen Kommentaren im Internet, den Reportagen und Dokumentationen:</p> <p>Erst Anfang März berichtete der New York Times-Journalist Robert Draper von seiner eigenen psychedelischen Therapie im mexikanischen Tijuana. Er wollte die traumatische Beziehung zu seinem Bruder aufarbeiten, der erst alkoholkrank wurde und dann bei einem Motorradunfall ums Leben kam. Ein anderer Teilnehmer war ein US-Kriegsveteran. Er litt unter schweren Schuldgefühlen, weil seine Kameraden im Einsatz starben, während er heimkehrte.</p> <p>Dass es für die Seele heilsam sein kann, sich solchen schwer traumatischen Erfahrungen zu öffnen, dürften viele Psychotherapeutinnen und Therapeuten bestätigen. Das ist aber etwas anderes als die Entwicklung einer medizinisch standardisierten Therapie für das vielschichtige Störungsbild Depression.</p> <p>Und damit kommen wir am Ende noch einmal auf den Status quo der biologischen Psychiatrie zurück: Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/">ersten Teil</a> habe ich die Vermutung in den Raum gestellt, dass diese nun auch psychedelische Behandlungen erforscht, weil damit am verbreiteten „Gehirndenken“ festgehalten werden kann – während die Kritik an den bestehenden Gehirnbehandlungen zunimmt.</p> <p>Mein Alternativvorschlag wäre, sich wieder mehr mit den gesellschaftlichen Faktoren zu beschäftigen, mit denen depressive Störungen zusammenhängen. Darüber habe ich an anderer Stelle mehr geschrieben.</p> <h2 id="neues-buch-zur-depressions-epidemie">Neu: Mehr über die Depressions-Epidemie</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6" rel="noopener">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677" rel="noopener">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ" rel="noopener">Google Play Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>. Abbildung: auf Grundlage von <a href="https://pixabay.com/illustrations/mushrooms-mushroom-nature-forest-8635387/" rel="noopener">Ivana Tomášková</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/21d0155c93ce40689d07995a3beb8f7d" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/therapie-mit-psychedelika-fazit-und-ausblick/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>35</slash:comments> </item> <item> <title>𝗡𝗼𝘁𝗲𝗯𝗼𝗼𝗸𝗟𝗠 (𝗚𝗼𝗼𝗴𝗹𝗲) 𝗶𝘀𝘁 „𝘀𝗰𝗵𝗹𝗮𝘂“! – 𝗨𝗻𝗱 „𝗱𝘂𝗺𝗺“. https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/notebooklm-google-recherche-tool/ https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/notebooklm-google-recherche-tool/#comments Sun, 22 Mar 2026 14:56:27 +0000 Jaromir Konecny https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/?p=1198 https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/NotebookLM-Blog-Header-768x134.png <link>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/notebooklm-google-recherche-tool/</link> </image> <description type="html"><h1>NotebookLM: Googles KI-Tool für Recherche</h1><h2>By Von Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>Da wir gern wissenschaftliche Recherchen betreiben, will ich euch das beste KI-Tool dafür vorstellen: <a href="https://notebooklm.google.com/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">NotebookLM von Google</a>. Das Basis-Modell hinter NotebookLM ist Ende März 2026 Googles Frontier-Modell Gemini 3.1 Pro. In diesem Beitrag will ich zeigen, wann und wofür wir NotebookLM und wann eben Gemini 3.1 Pro direkt in der Gemini-App einsetzen – oder andere Frontier-Modelle wie die in ChatGPT bzw. Claude. Wobei hilft der NotebookLM-Architektur-Zwang? Bevor ich diese Fragen ordentlich beantworte, gucken wir uns kurz das Tool an? Was genau ist NotebookLM?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90.png"><img alt="" decoding="async" height="411" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-1024x411.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-1024x411.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-300x120.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-768x308.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-1536x616.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-2048x821.png 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><strong>NotebookLM</strong> ist wie gesagt Googles KI-Recherche-Tool. Man kann’s aber auch fürs Lernen, Vorbereiten von Vorlesungen und Seminaren u. a. nutzen: Ihr ladet Quellen hoch – PDFs, Webseiten, YouTube-Videos, Google Docs u. v. a. und das Tool arbeitet ausschließlich damit. Ganze 50 Quellen könnt ihr in einem Notebook hochladen.</p> <h2>Was NotebookLM aus euren Quellen machen kann:</h2> <ul> <li><strong>Audio-Übersicht</strong> – generiert einen Podcast-artigen Audio-Dialog über eure Quellen</li> <li><strong>Präsentation</strong> – erstellt Folien aus dem Quellenmaterial</li> <li><strong>Videoübersicht</strong> – fasst Videoinhalte visuell zusammen</li> <li><strong>Mindmap</strong> – visualisiert Zusammenhänge zwischen Konzepten</li> <li><strong>Berichte</strong> – generiert strukturierte Berichte</li> <li><strong>Karteikarten</strong> – erstellt Lernkarten aus dem Material</li> <li><strong>Quiz</strong> – generiert Fragen zum Prüfen des Verständnisses</li> <li><strong>Infografik</strong> – baut visuelle Zusammenfassungen</li> <li><strong>Datentabelle</strong> – extrahiert und strukturiert Daten tabellarisch</li> </ul> <p>Das alles funktioniert recht gut und macht NotebookLM ideal für wissenschaftliche Recherche, schnelle Orientierung in neuen Quellen und strukturierte Notizen dazu.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91.png"><img alt="" decoding="async" height="556" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-1024x556.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-1024x556.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-300x163.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-768x417.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-1536x833.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-2048x1111.png 2048w" width="1024"></img></a></figure> <h2>Warum NotebookLM weniger halluziniert – „Source Grounding“</h2> <p>NotebookLM ist ein geschlossenes System. Einen Web-Zugriff gibt es nur bei Recherchen nach neuen Quellen. Antworten sollen ausschließlich auf euren Quellen basieren. Google nennt das „Source Grounding“.<p>Das funktioniert super. Unabhängige Tests zeigen eine Halluzinationsrate von nur ca. 13 % bei NotebookLM, während sie bei reinen nicht optimal geprompteten Frontier-Modellen viel höher liegen. Wie gesagt ist die Basis von NotebookLM Googles Modell Gemini 3.1 Pro. Frontier- bzw. Foundation-Modelle selbst erreichen bei quellengestützten Aufgaben ähnlich kleine Halluzinationsraten (wie Gemini in NotebookLM) – zwischen 10 und 16 %. Das klingt vergleichbar. Aber der Unterschied liegt im 𝗪𝗜𝗘: Bei offenen Wissensfragen ohne Grounding steigen die Halluzinationsraten bei nicht optimal geprompteten Modellen auf 30–45 %. Source Grounding macht eben einen krassen Unterschied.</p><p>Trotzdem sind 13 % Halluzinationen bei NotebookLM eine Menge „Lügen“. Hier blutet Geminis „probabilistisches Weltwissen“ gelegentlich durch – in Formulierungen, in Zusammenfassungen, manchmal in Details, die so nicht in eurer Quelle stehen. (Bitte, nicht vergessen. Sprachmodelle sind immer noch Sprachmodelle, keine Wissensdatenanken. Das Wissen der Sprachmodelle ist probabilistisch: Statistisch gesehen gibt ein Sprachmodell am häufigsten die Information zu einem Thema aus, mit der es am meisten trainiert wurde.) Der entscheidende Vorteil ist jedoch: In NotebookLM ist Source Grounding die Grund-Architektur des Tools. Das System ist so gebaut, dass es nur deine Quellen nutzt.</p><p>Bei Gemini, Claude oder ChatGPT könnt ihr Dokumente auch hochladen und damit das gegebene Modell „grundieren“. Doch um eine Halluzinationsrate von NUR 13 % und weniger als bei NotebookLM zu erreichen, müsst ihr das Modell optimal prompten. Hier ist das „Grundieren“ optionales Verhalten, kein Systemdesign. Ihr müsst wissen, wie man das promptet. Und selbst dann mischt das Modell Quellenwissen mit Trainingswissen, weil es genau dafür gebaut wurde.</p><p>Daraus folgt mein Tipp für die Arbeit mit NotebookLM:</p></p> <p><strong>„𝗪𝗮𝘀 𝘀𝗮𝗴𝘁 𝗱𝗶𝗲𝘀𝗲𝘀 (𝗵𝗼𝗰𝗵𝗴𝗲𝗹𝗮𝗱𝗲𝗻𝗲) 𝗣𝗮𝗽𝗲𝗿 ü𝗯𝗲𝗿 𝗫?“ → 𝗡𝗼𝘁𝗲𝗯𝗼𝗼𝗸𝗟𝗠.<br></br>„𝗘𝗿𝗸𝗹ä𝗿𝗲 𝗺𝗶𝗿 𝗫.“ → 𝗚𝗲𝗺𝗶𝗻𝗶, 𝗖𝗹𝗮𝘂𝗱𝗲, 𝗖𝗵𝗮𝘁𝗚𝗣𝗧.</strong><aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 572px) 100vw, 572px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-572x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-572x1024.png 572w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-167x300.png 167w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-768x1376.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-857x1536.png 857w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-1143x2048.png 1143w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93.png 1280w" width="572"></img></a></figure> <ul> <li>NotebookLM ist ein Bibliothekar, der nur die Bücher auf seinem Tisch kennt – und genau das ist seine Stärke.</li> <li>ChatGPT, Claude und Gemini sind Bibliothekare mit Zugang zu Abertausenden Büchern. Die braucht ihr, wenn ihr Fragen an ihr gesamtes Weltwissen habt.</li> </ul> <p>Richtige Frage ans richtige Tool. Das ist der ganze Trick.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>NotebookLM: Googles KI-Tool für Recherche</h1><h2>By Von Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>Da wir gern wissenschaftliche Recherchen betreiben, will ich euch das beste KI-Tool dafür vorstellen: <a href="https://notebooklm.google.com/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">NotebookLM von Google</a>. Das Basis-Modell hinter NotebookLM ist Ende März 2026 Googles Frontier-Modell Gemini 3.1 Pro. In diesem Beitrag will ich zeigen, wann und wofür wir NotebookLM und wann eben Gemini 3.1 Pro direkt in der Gemini-App einsetzen – oder andere Frontier-Modelle wie die in ChatGPT bzw. Claude. Wobei hilft der NotebookLM-Architektur-Zwang? Bevor ich diese Fragen ordentlich beantworte, gucken wir uns kurz das Tool an? Was genau ist NotebookLM?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90.png"><img alt="" decoding="async" height="411" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-1024x411.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-1024x411.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-300x120.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-768x308.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-1536x616.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-2048x821.png 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><strong>NotebookLM</strong> ist wie gesagt Googles KI-Recherche-Tool. Man kann’s aber auch fürs Lernen, Vorbereiten von Vorlesungen und Seminaren u. a. nutzen: Ihr ladet Quellen hoch – PDFs, Webseiten, YouTube-Videos, Google Docs u. v. a. und das Tool arbeitet ausschließlich damit. Ganze 50 Quellen könnt ihr in einem Notebook hochladen.</p> <h2>Was NotebookLM aus euren Quellen machen kann:</h2> <ul> <li><strong>Audio-Übersicht</strong> – generiert einen Podcast-artigen Audio-Dialog über eure Quellen</li> <li><strong>Präsentation</strong> – erstellt Folien aus dem Quellenmaterial</li> <li><strong>Videoübersicht</strong> – fasst Videoinhalte visuell zusammen</li> <li><strong>Mindmap</strong> – visualisiert Zusammenhänge zwischen Konzepten</li> <li><strong>Berichte</strong> – generiert strukturierte Berichte</li> <li><strong>Karteikarten</strong> – erstellt Lernkarten aus dem Material</li> <li><strong>Quiz</strong> – generiert Fragen zum Prüfen des Verständnisses</li> <li><strong>Infografik</strong> – baut visuelle Zusammenfassungen</li> <li><strong>Datentabelle</strong> – extrahiert und strukturiert Daten tabellarisch</li> </ul> <p>Das alles funktioniert recht gut und macht NotebookLM ideal für wissenschaftliche Recherche, schnelle Orientierung in neuen Quellen und strukturierte Notizen dazu.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91.png"><img alt="" decoding="async" height="556" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-1024x556.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-1024x556.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-300x163.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-768x417.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-1536x833.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-2048x1111.png 2048w" width="1024"></img></a></figure> <h2>Warum NotebookLM weniger halluziniert – „Source Grounding“</h2> <p>NotebookLM ist ein geschlossenes System. Einen Web-Zugriff gibt es nur bei Recherchen nach neuen Quellen. Antworten sollen ausschließlich auf euren Quellen basieren. Google nennt das „Source Grounding“.<p>Das funktioniert super. Unabhängige Tests zeigen eine Halluzinationsrate von nur ca. 13 % bei NotebookLM, während sie bei reinen nicht optimal geprompteten Frontier-Modellen viel höher liegen. Wie gesagt ist die Basis von NotebookLM Googles Modell Gemini 3.1 Pro. Frontier- bzw. Foundation-Modelle selbst erreichen bei quellengestützten Aufgaben ähnlich kleine Halluzinationsraten (wie Gemini in NotebookLM) – zwischen 10 und 16 %. Das klingt vergleichbar. Aber der Unterschied liegt im 𝗪𝗜𝗘: Bei offenen Wissensfragen ohne Grounding steigen die Halluzinationsraten bei nicht optimal geprompteten Modellen auf 30–45 %. Source Grounding macht eben einen krassen Unterschied.</p><p>Trotzdem sind 13 % Halluzinationen bei NotebookLM eine Menge „Lügen“. Hier blutet Geminis „probabilistisches Weltwissen“ gelegentlich durch – in Formulierungen, in Zusammenfassungen, manchmal in Details, die so nicht in eurer Quelle stehen. (Bitte, nicht vergessen. Sprachmodelle sind immer noch Sprachmodelle, keine Wissensdatenanken. Das Wissen der Sprachmodelle ist probabilistisch: Statistisch gesehen gibt ein Sprachmodell am häufigsten die Information zu einem Thema aus, mit der es am meisten trainiert wurde.) Der entscheidende Vorteil ist jedoch: In NotebookLM ist Source Grounding die Grund-Architektur des Tools. Das System ist so gebaut, dass es nur deine Quellen nutzt.</p><p>Bei Gemini, Claude oder ChatGPT könnt ihr Dokumente auch hochladen und damit das gegebene Modell „grundieren“. Doch um eine Halluzinationsrate von NUR 13 % und weniger als bei NotebookLM zu erreichen, müsst ihr das Modell optimal prompten. Hier ist das „Grundieren“ optionales Verhalten, kein Systemdesign. Ihr müsst wissen, wie man das promptet. Und selbst dann mischt das Modell Quellenwissen mit Trainingswissen, weil es genau dafür gebaut wurde.</p><p>Daraus folgt mein Tipp für die Arbeit mit NotebookLM:</p></p> <p><strong>„𝗪𝗮𝘀 𝘀𝗮𝗴𝘁 𝗱𝗶𝗲𝘀𝗲𝘀 (𝗵𝗼𝗰𝗵𝗴𝗲𝗹𝗮𝗱𝗲𝗻𝗲) 𝗣𝗮𝗽𝗲𝗿 ü𝗯𝗲𝗿 𝗫?“ → 𝗡𝗼𝘁𝗲𝗯𝗼𝗼𝗸𝗟𝗠.<br></br>„𝗘𝗿𝗸𝗹ä𝗿𝗲 𝗺𝗶𝗿 𝗫.“ → 𝗚𝗲𝗺𝗶𝗻𝗶, 𝗖𝗹𝗮𝘂𝗱𝗲, 𝗖𝗵𝗮𝘁𝗚𝗣𝗧.</strong><aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 572px) 100vw, 572px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-572x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-572x1024.png 572w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-167x300.png 167w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-768x1376.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-857x1536.png 857w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-1143x2048.png 1143w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93.png 1280w" width="572"></img></a></figure> <ul> <li>NotebookLM ist ein Bibliothekar, der nur die Bücher auf seinem Tisch kennt – und genau das ist seine Stärke.</li> <li>ChatGPT, Claude und Gemini sind Bibliothekare mit Zugang zu Abertausenden Büchern. Die braucht ihr, wenn ihr Fragen an ihr gesamtes Weltwissen habt.</li> </ul> <p>Richtige Frage ans richtige Tool. Das ist der ganze Trick.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/notebooklm-google-recherche-tool/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>9</slash:comments> </item> <item> <title>Psychedelika gegen Depressionen: Durchbruch oder teures Placebo? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/#comments Sat, 21 Mar 2026 16:40:58 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3585 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/iffany-mushrooms-8635387-768x768.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/iffany-mushrooms-8635387-1024x1024.jpg" /><h1>Psychedelika gegen Depressionen: Durchbruch oder teures Placebo? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Verschafft eine neue, mit Millionen geförderte deutsche Studie jetzt Klarheit?</strong></p> <span id="more-3585"></span> <p>Spätestens seit dem internationalen Bestseller <em>How to Change Your Mind?</em> (2018) des amerikanischen Wissenschaftsjournalisten Michael Pollan sind psychedelische Substanzen kein Nischenthema mehr. Der vollständige Titel in der deutschen Übersetzung von 2019 verrät mehr über die Breite des Themas: <em>Verändere dein Bewusstsein. Was uns die neue Psychedelika-Forschung über Sucht, Depression, Todesfurcht und Transzendenz lehrt</em>.</p> <p>Bei Psychedelika, so scheint es, ist keine Frage zu groß: besser gesunden, besser leben, sogar besser sterben. 2022 folgte eine Serie von Netflix-Dokumentationen mit Pollan.</p> <p>Inzwischen ist die Fülle an Ratgebern und anderen Medien zum Thema kaum noch überschaubar. Und wer nicht einfach über sich selbst schreiben will, weil das vielleicht egoistisch wirkt, schreibt halt über seinen Trip: „Wie ich endlich zu mir selbst fand und nebenbei noch meine psychischen Probleme in den Griff bekam.“</p> <p>Die Erwartungen sind hoch. Gerade Patientinnen und Patienten mit schweren Depressionen hoffen auf einen Durchbruch, auch solche mit der Diagnose Schizophrenie. Sind wir dem jetzt einen Schritt näher gekommen?<aside></aside></p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Psychiatrische Krise</h2> <p>Dass man inzwischen selbst Millionenförderung für diese Forschung erhält und die Ergebnisse in den führenden Fachzeitschriften publizieren kann, hat meines Erachtens mit einer doppelten Krise der Psychiatrie zu tun. Psychedelika-Forschung ist ja alles andere als neu. Man experimentierte damit schon in den 1950ern und 1960ern, auch in der Wissenschaft. Die erste Krise sehe ich darin, dass die vorherrschende biologische Psychiatrie dem Dogma nicht gerecht wird, <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/09/das-dogma-der-biologischen-psychiatrie-in-historischer-perspektive/" rel="noopener">dass psychologisch-psychiatrische Störungen Gehirnstörungen sein sollen</a>.</p> <p>Ja, warum kann man sie dann allen modernen Hirn- und Gen-Tests zum Trotz nicht biologisch diagnostizieren? Warum ist man immer noch auf Gespräche, Fragebögen und Beobachtung angewiesen? Und warum kann man auch den Erfolg einer Therapie nicht einfach im Körper nachweisen? Diese Tatsache wird auch bei der Besprechung der neuen Studie zu Psychedelika weiter unten eine Rolle spielen.</p> <p>Die zweite Krise besteht in der stetigen Zunahme der Krankheitslast durch die Störungsbilder: Dass es immer mehr psychologisch-psychiatrische Diagnosen gibt, liest man seit Jahren in den Nachrichten. Vor Kurzem behandelte ich hier die <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/12/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/" rel="noopener">Vervielfachung der Erwachsenen-ADHS seit der Coronaviruspandemie</a>. Die Diagnosen von Angst- und depressiven Störungen steigen schon viel länger. Von den sogenannten Antidepressiva werden in Deutschland inzwischen jährlich <a href="https://menschen-bilder.blog/2026/01/neue-studie-repraesentativitaet-in-der-antidepressiva-forschung-laesst-zu-wuenschen-uebrig/" rel="noopener">über 1,8 Milliarden Tagesdosen verschrieben</a> – genug für die <em>tägliche</em> Behandlung von fünf Millionen Menschen.</p> <p>Man würde sich ja wünschen, dass diese Mittel – neben dem Anstieg von Psychotherapie sowie Magnet- oder Strombehandlungen für das Gehirn – den Betroffenen helfen. Doch im Ergebnis nimmt deren Leiden, zum Beispiel in Zeiten der Arbeitsunfähigkeit ausgedrückt, immer weiter zu. Dementsprechend war es keine Übertreibung, dass ich meinem neuen Buch zum Thema den Begriff „<a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">Depressions-Epidemie</a>“ in den Titel geschrieben habe.</p> <h2 id="neues-buch-zur-depressions-epidemie">Neues Buch zur Depressions-Epidemie</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6" rel="noopener">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677" rel="noopener">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ" rel="noopener">Google Play Books</a>.</em></p> <h2>Dann halt Psychedelika!</h2> <p>Man könnte die Krise so zusammenfassen, dass einerseits die von den Fachleuten seit Jahrzehnten gemachten Versprechen über bessere Behandlungen und weniger Ausgrenzung nicht eingelöst werden; und andererseits die Probleme immer größer werden, obwohl man immer mehr dagegen unternimmt. Ich schlug schon vor fünf Jahren vor: <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychiatrie-gebt-das-medizinische-modell-endlich-auf/">Psychiatrie: Gebt das medizinische Modell endlich auf!</a> Schaut weniger aufs Gehirn und mehr auf die Lebensumstände, in denen die Störungen entstehen.</p> <p>Doch Dogmen können sich selbst in der Wissenschaft sehr lange halten. In Anlehnung an ein berühmtes Zitat von Max Planck: Sie sterben am Ende mit denjenigen, die sie vertreten. Anstatt anders zu suchen, sucht man lieber auf die gleiche Weise, doch mit anderen Mitteln. Und so kamen die Psychedelika ins Rampenlicht.</p> <p>Diejenigen, die am Gehirndenken festhalten wollen, rufen jetzt, Psilocybin, LSD &amp; Co. würden <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-herausforderung-fuer-medizin-psychologie/">die Neuroplastizität erhöhen</a>. Damit meint man, dass mehr Zellverbindungen entstehen. Nebenbei: Dasselbe behaupten diese Leute jetzt auch über die sogenannten Antidepressiva, wo sich die These vom Serotonin-Mangel zum Beispiel bei Depressionen als unhaltbar erwiesen hat.</p> <p>Und nebenbei zwei: Die Neuroplastizität dürfte man auch mit Psychotherapie oder überhaupt vielen Aktivitäten, einschließlich ausgedehnter Spaziergänge in der Natur, Sport oder aktiven Hobbys erhöhen. Das Gehirn ist schließlich ein plastisches Organ und passt sich an das an, was wir mit Körper und Geist so machen.</p> <p>Ein anderes – und tendenziell euphorischeres – Lager hält Psychedelika aber wegen der <em>psychedelischen Erfahrung</em> für vielversprechend. Dabei bedeutet „psychedelisch“ erst einmal nur, dass sie das Bewusstsein verändern oder wortwörtlich: dass sie etwas in der Psyche offenbaren. Damit ist „psychedelisch“ kein klar pharmakologisch bestimmbarer Begriff, sondern ergibt sich aus dem, was Menschen durch die Einnahme solcher Mittel erfahren.</p> <h2>Neue Studie</h2> <p>Ob sich das klinisch und insbesondere zur Behandlung depressiver Störungen nutzen lässt, sollte ein groß angelegtes Forschungsprojekt unter der Leitung von Gerhard Gründer, Professor am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, klären. Er und seine Forschungspartner erhielten dafür seit Ende 2020 mehrere Millionen vom Bundesforschungsministerium.</p> <p>Kritischen Journalisten fielen damals <a href="https://www.welt.de/wissenschaft/plus220654662/Depressionen-Heikle-Forschung-mit-den-Drogen-Pilzen-in-Berlin.html" rel="noopener">schon außergewöhnliche kommerzielle Interessen auf</a>, auf die ich im zweiten Teil näher eingehen werde. Doch was für ein Fauxpas: Gründers Geschäftspartner stellte die Millionenförderung wohl schon als bewilligt dar, bevor das Ministerium die Entscheidung getroffen hatte. Die Ministerialbeamten waren nicht erfreut. Aber vielleicht verleihen Psilocybin-Pilze ja die Fähigkeit, in die Zukunft zu schauen?</p> <p>Wie dem auch sei: Dass man der Frage nach der Wirksamkeit wissenschaftlich nachgeht, ist angesichts des <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-im-scheinwerferlicht-koennen-sie-die-erwartungen-erfuellen/">Hypes um Psychedelika</a> natürlich richtig. Ich selbst bin auf den Zug nicht aufgesprungen, weil für mich Depressionen und andere psychische Störungen keine „Gehirn-Dinge“ sind, sondern in einer komplexen Wechselwirkung von Körper, persönlicher Erfahrung und der Umgebung entstehen.</p> <p>Wären Psilocybin, LSD &amp; Co. wirklich Wundermittel, hätte man das schon in den 1960ern herausgefunden. Oder bereits in den 1950ern, als es klinische Studien mit dem psychedelischen Meskalin aus der Frucht des Peyote-Kaktus gab. Diesen Mitteln ist gemeinsam, dass sie die Funktion des Botenstoffs Serotonin im Gehirn beeinflussen. Doch wie sie das genau tun, ist ein sehr komplexes Thema.</p> <p>Für die neue Studie unter der Leitung Gründers wurden von 2021 bis 2024 144 Menschen – ausgewählt aus über 3000 Freiwilligen – mit mittleren bis schweren Depressionen behandelt, die von pharmakologischen Therapien nicht langfristig profitiert hatten. Damit galten sie als „therapieresistent“. Die Ergebnisse wurden am 19. März dieses Jahres am Zentralinstitut in Mannheim vorgestellt.</p> <h2>Die Studienergebnisse</h2> <p>In der Pressemitteilung ist von einer „<a href="https://www.zi-mannheim.de/institut/news-detail/psilocybin-mit-psychotherapie-zeigt-bedeutsame-wirkung-bei-behandlungsresistenten-depressionen.html" rel="noopener">bedeutsamen antidepressiven Wirkung</a>“ die Rede. Das klingt vielversprechend. Ein Blick in die am 18. März in der einflussreichen Zeitschrift <em>JAMA Psychiatry</em> <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2846478" rel="noopener">veröffentlichte Studie</a> relativiert das allerdings. Dort ist in der Schlussfolgerung von einem „unschlüssigen Versuch“ (inconclusive trial) die Rede. Doch der Reihe nach.</p> <p>Man muss erst einmal verstehen, wie die Depressivität der Versuchspersonen gemessen wurde. Hierfür verwendete man hauptsächlich eine 52-Punkte-Skala, die auf die Forschung des emigrierten Deutsch-Briten Max Hamilton (ursprünglicher Name: Himmelschein) in den 1960ern zurückgeht. Je höher die Punktzahl aufgrund von Fragen zum Beispiel zur Schwere der Niedergeschlagenheit, von Schlafproblemen, Libidoverlust oder Gewichtsveränderungen, desto schlimmer die Depressionen. Ab 17 Punkten spricht man von einer moderaten, ab 25 von einer schweren depressiven Störung.</p> <p>Das Hauptziel der Studie war, die so gemessene Punktzahl zu halbieren. Dieses Ziel wurde in der Breite verfehlt.</p> <p>Die trotzdem berichtete „bedeutsame Wirkung“ besteht darin, dass sieben und zwölf Wochen nach dem Start des Versuchs der Depressionswert im Schnitt um sieben bis acht Punkte niedriger war als am Anfang. Dadurch dürften einige der Teilnehmerinnen und Teilnehmer in einen niedrigeren Schweregrad gerutscht sein und ein paar sogar unter den Grenzwert für die depressive Störung. Das Ergebnis ist also nicht nichts – aber wirkt im Vergleich zu dem Hype relativiert.</p> <p>Demgegenüber standen Nebenwirkungen wie unangenehme Wahrnehmungsverzerrungen und bei jeweils 4 Prozent Paranoia oder Suizidgedanken nach der Psilocybin-Gabe. Insgesamt ist in 28 Prozent der Fälle von ernsthaften Nebenwirkungen die Rede, verglichen mit 8 Prozent nach dem Placebo. Diese waren jedoch in der Regel von vorübergehender Art.</p> <h2>Das Placebo-Problem</h2> <p>Doch, Stichwort „Placebo“, hier lauert ein großes Problem der Psychedelika-Forschung: Schon bei der Untersuchung der sogenannten Antidepressiva wird die eigentlich nötige Placebo-Kontrolle oft durchbrochen. Das liegt daran, dass einige Versuchspersonen und klinische Fachleute aufgrund der Nebenwirkungen darauf schließen können, wer den Wirkstoff bekommen hat. Dabei sollen mit den Placebos die Wirkungen der subjektiven Erwartungen der Teilnehmenden und der Behandlungssituation abgezogen werden.</p> <p>Nun gibt es für Psychedelika per Definition keine echte Placebo-Kontrolle. Wir wir gesehen haben, werden diese Mittel gerade über ihre Bewusstseinseffekte charakterisiert. Ob man einen psychedelischen Trip hat oder nicht, das weiß man im Prinzip immer – jedenfalls bei einer starken wirksamen Dosis wie den 25 mg Psilocybin in der neuen Studie.</p> <p>Das brachte Mediziner an der Stanford-Universität auf die pfiffige Idee, Depressiven bei einem chirurgischen Eingriff unter Vollnarkose – natürlich nach Aufklärung und Einwilligung – das Rauschmittel Ketamin zu geben. Dieses wird in jüngerer Zeit auch als Antidepressivum verwendet. Damit konnte man sozusagen denn Bewusstseinseffekt gesichert abziehen und zuverlässig mit einem Placebo kontrollieren. Im Ergebnis zeigte die 2024 in <em>Nature Mental Health</em> veröffentliche Studie dann aber auch <a href="https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2023.04.28.23289210v1+" rel="noopener">keinen positiven Effekt</a>. Das spricht für einen Placebo-Effekt bei bewusster Einnahme.</p> <p>Aufgrund der langfristigen psychedelischen Wirkung von Psilocybin über viele Stunden hinweg, wäre so ein Vorgehen hier problematisch. Stattdessen wurden in der Studie unter der Gründers Leitung neben 25 mg in Kontrollbedingungen 5 mg des Psychedelikums verabreicht oder stattdessen Nicotinamid, eine Form von Vitamins B<sub>3</sub>. Und nicht zu vergessen: Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten bei dem Versuch psychotherapeutische Begleitung. Daher spricht man auch von „psychedelisch-augmentierter Psychotherapie“.</p> <h2>Zwischenfazit</h2> <p>Das Zwischenfazit so weit: Die neue Studie erbrachte nicht den erhofften Durchbruch. Es gab im Durchschnitt eine gewisse Verringerung der Depressivität, deren Bedeutung wir im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/therapie-mit-psychedelika-fazit-und-ausblick/">zweiten Teil des Artikels</a> weiter thematisieren. Darin wird es auch um die finanziellen Interessen hinter dieser Forschung gehen.</p> <h2 id="neues-buch-zur-depressions-epidemie-2">Neues Buch zur Depressions-Epidemie</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6" rel="noopener">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677" rel="noopener">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ" rel="noopener">Google Play Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>. Abbildung: auf Grundlage von <a href="https://pixabay.com/illustrations/mushrooms-mushroom-nature-forest-8635387/" rel="noopener">Ivana Tomášková</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/f5162b147c834fb39fe05e157108fe92" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/iffany-mushrooms-8635387-1024x1024.jpg" /><h1>Psychedelika gegen Depressionen: Durchbruch oder teures Placebo? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Verschafft eine neue, mit Millionen geförderte deutsche Studie jetzt Klarheit?</strong></p> <span id="more-3585"></span> <p>Spätestens seit dem internationalen Bestseller <em>How to Change Your Mind?</em> (2018) des amerikanischen Wissenschaftsjournalisten Michael Pollan sind psychedelische Substanzen kein Nischenthema mehr. Der vollständige Titel in der deutschen Übersetzung von 2019 verrät mehr über die Breite des Themas: <em>Verändere dein Bewusstsein. Was uns die neue Psychedelika-Forschung über Sucht, Depression, Todesfurcht und Transzendenz lehrt</em>.</p> <p>Bei Psychedelika, so scheint es, ist keine Frage zu groß: besser gesunden, besser leben, sogar besser sterben. 2022 folgte eine Serie von Netflix-Dokumentationen mit Pollan.</p> <p>Inzwischen ist die Fülle an Ratgebern und anderen Medien zum Thema kaum noch überschaubar. Und wer nicht einfach über sich selbst schreiben will, weil das vielleicht egoistisch wirkt, schreibt halt über seinen Trip: „Wie ich endlich zu mir selbst fand und nebenbei noch meine psychischen Probleme in den Griff bekam.“</p> <p>Die Erwartungen sind hoch. Gerade Patientinnen und Patienten mit schweren Depressionen hoffen auf einen Durchbruch, auch solche mit der Diagnose Schizophrenie. Sind wir dem jetzt einen Schritt näher gekommen?<aside></aside></p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Psychiatrische Krise</h2> <p>Dass man inzwischen selbst Millionenförderung für diese Forschung erhält und die Ergebnisse in den führenden Fachzeitschriften publizieren kann, hat meines Erachtens mit einer doppelten Krise der Psychiatrie zu tun. Psychedelika-Forschung ist ja alles andere als neu. Man experimentierte damit schon in den 1950ern und 1960ern, auch in der Wissenschaft. Die erste Krise sehe ich darin, dass die vorherrschende biologische Psychiatrie dem Dogma nicht gerecht wird, <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/09/das-dogma-der-biologischen-psychiatrie-in-historischer-perspektive/" rel="noopener">dass psychologisch-psychiatrische Störungen Gehirnstörungen sein sollen</a>.</p> <p>Ja, warum kann man sie dann allen modernen Hirn- und Gen-Tests zum Trotz nicht biologisch diagnostizieren? Warum ist man immer noch auf Gespräche, Fragebögen und Beobachtung angewiesen? Und warum kann man auch den Erfolg einer Therapie nicht einfach im Körper nachweisen? Diese Tatsache wird auch bei der Besprechung der neuen Studie zu Psychedelika weiter unten eine Rolle spielen.</p> <p>Die zweite Krise besteht in der stetigen Zunahme der Krankheitslast durch die Störungsbilder: Dass es immer mehr psychologisch-psychiatrische Diagnosen gibt, liest man seit Jahren in den Nachrichten. Vor Kurzem behandelte ich hier die <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/12/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/" rel="noopener">Vervielfachung der Erwachsenen-ADHS seit der Coronaviruspandemie</a>. Die Diagnosen von Angst- und depressiven Störungen steigen schon viel länger. Von den sogenannten Antidepressiva werden in Deutschland inzwischen jährlich <a href="https://menschen-bilder.blog/2026/01/neue-studie-repraesentativitaet-in-der-antidepressiva-forschung-laesst-zu-wuenschen-uebrig/" rel="noopener">über 1,8 Milliarden Tagesdosen verschrieben</a> – genug für die <em>tägliche</em> Behandlung von fünf Millionen Menschen.</p> <p>Man würde sich ja wünschen, dass diese Mittel – neben dem Anstieg von Psychotherapie sowie Magnet- oder Strombehandlungen für das Gehirn – den Betroffenen helfen. Doch im Ergebnis nimmt deren Leiden, zum Beispiel in Zeiten der Arbeitsunfähigkeit ausgedrückt, immer weiter zu. Dementsprechend war es keine Übertreibung, dass ich meinem neuen Buch zum Thema den Begriff „<a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">Depressions-Epidemie</a>“ in den Titel geschrieben habe.</p> <h2 id="neues-buch-zur-depressions-epidemie">Neues Buch zur Depressions-Epidemie</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6" rel="noopener">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677" rel="noopener">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ" rel="noopener">Google Play Books</a>.</em></p> <h2>Dann halt Psychedelika!</h2> <p>Man könnte die Krise so zusammenfassen, dass einerseits die von den Fachleuten seit Jahrzehnten gemachten Versprechen über bessere Behandlungen und weniger Ausgrenzung nicht eingelöst werden; und andererseits die Probleme immer größer werden, obwohl man immer mehr dagegen unternimmt. Ich schlug schon vor fünf Jahren vor: <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychiatrie-gebt-das-medizinische-modell-endlich-auf/">Psychiatrie: Gebt das medizinische Modell endlich auf!</a> Schaut weniger aufs Gehirn und mehr auf die Lebensumstände, in denen die Störungen entstehen.</p> <p>Doch Dogmen können sich selbst in der Wissenschaft sehr lange halten. In Anlehnung an ein berühmtes Zitat von Max Planck: Sie sterben am Ende mit denjenigen, die sie vertreten. Anstatt anders zu suchen, sucht man lieber auf die gleiche Weise, doch mit anderen Mitteln. Und so kamen die Psychedelika ins Rampenlicht.</p> <p>Diejenigen, die am Gehirndenken festhalten wollen, rufen jetzt, Psilocybin, LSD &amp; Co. würden <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-herausforderung-fuer-medizin-psychologie/">die Neuroplastizität erhöhen</a>. Damit meint man, dass mehr Zellverbindungen entstehen. Nebenbei: Dasselbe behaupten diese Leute jetzt auch über die sogenannten Antidepressiva, wo sich die These vom Serotonin-Mangel zum Beispiel bei Depressionen als unhaltbar erwiesen hat.</p> <p>Und nebenbei zwei: Die Neuroplastizität dürfte man auch mit Psychotherapie oder überhaupt vielen Aktivitäten, einschließlich ausgedehnter Spaziergänge in der Natur, Sport oder aktiven Hobbys erhöhen. Das Gehirn ist schließlich ein plastisches Organ und passt sich an das an, was wir mit Körper und Geist so machen.</p> <p>Ein anderes – und tendenziell euphorischeres – Lager hält Psychedelika aber wegen der <em>psychedelischen Erfahrung</em> für vielversprechend. Dabei bedeutet „psychedelisch“ erst einmal nur, dass sie das Bewusstsein verändern oder wortwörtlich: dass sie etwas in der Psyche offenbaren. Damit ist „psychedelisch“ kein klar pharmakologisch bestimmbarer Begriff, sondern ergibt sich aus dem, was Menschen durch die Einnahme solcher Mittel erfahren.</p> <h2>Neue Studie</h2> <p>Ob sich das klinisch und insbesondere zur Behandlung depressiver Störungen nutzen lässt, sollte ein groß angelegtes Forschungsprojekt unter der Leitung von Gerhard Gründer, Professor am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, klären. Er und seine Forschungspartner erhielten dafür seit Ende 2020 mehrere Millionen vom Bundesforschungsministerium.</p> <p>Kritischen Journalisten fielen damals <a href="https://www.welt.de/wissenschaft/plus220654662/Depressionen-Heikle-Forschung-mit-den-Drogen-Pilzen-in-Berlin.html" rel="noopener">schon außergewöhnliche kommerzielle Interessen auf</a>, auf die ich im zweiten Teil näher eingehen werde. Doch was für ein Fauxpas: Gründers Geschäftspartner stellte die Millionenförderung wohl schon als bewilligt dar, bevor das Ministerium die Entscheidung getroffen hatte. Die Ministerialbeamten waren nicht erfreut. Aber vielleicht verleihen Psilocybin-Pilze ja die Fähigkeit, in die Zukunft zu schauen?</p> <p>Wie dem auch sei: Dass man der Frage nach der Wirksamkeit wissenschaftlich nachgeht, ist angesichts des <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-im-scheinwerferlicht-koennen-sie-die-erwartungen-erfuellen/">Hypes um Psychedelika</a> natürlich richtig. Ich selbst bin auf den Zug nicht aufgesprungen, weil für mich Depressionen und andere psychische Störungen keine „Gehirn-Dinge“ sind, sondern in einer komplexen Wechselwirkung von Körper, persönlicher Erfahrung und der Umgebung entstehen.</p> <p>Wären Psilocybin, LSD &amp; Co. wirklich Wundermittel, hätte man das schon in den 1960ern herausgefunden. Oder bereits in den 1950ern, als es klinische Studien mit dem psychedelischen Meskalin aus der Frucht des Peyote-Kaktus gab. Diesen Mitteln ist gemeinsam, dass sie die Funktion des Botenstoffs Serotonin im Gehirn beeinflussen. Doch wie sie das genau tun, ist ein sehr komplexes Thema.</p> <p>Für die neue Studie unter der Leitung Gründers wurden von 2021 bis 2024 144 Menschen – ausgewählt aus über 3000 Freiwilligen – mit mittleren bis schweren Depressionen behandelt, die von pharmakologischen Therapien nicht langfristig profitiert hatten. Damit galten sie als „therapieresistent“. Die Ergebnisse wurden am 19. März dieses Jahres am Zentralinstitut in Mannheim vorgestellt.</p> <h2>Die Studienergebnisse</h2> <p>In der Pressemitteilung ist von einer „<a href="https://www.zi-mannheim.de/institut/news-detail/psilocybin-mit-psychotherapie-zeigt-bedeutsame-wirkung-bei-behandlungsresistenten-depressionen.html" rel="noopener">bedeutsamen antidepressiven Wirkung</a>“ die Rede. Das klingt vielversprechend. Ein Blick in die am 18. März in der einflussreichen Zeitschrift <em>JAMA Psychiatry</em> <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2846478" rel="noopener">veröffentlichte Studie</a> relativiert das allerdings. Dort ist in der Schlussfolgerung von einem „unschlüssigen Versuch“ (inconclusive trial) die Rede. Doch der Reihe nach.</p> <p>Man muss erst einmal verstehen, wie die Depressivität der Versuchspersonen gemessen wurde. Hierfür verwendete man hauptsächlich eine 52-Punkte-Skala, die auf die Forschung des emigrierten Deutsch-Briten Max Hamilton (ursprünglicher Name: Himmelschein) in den 1960ern zurückgeht. Je höher die Punktzahl aufgrund von Fragen zum Beispiel zur Schwere der Niedergeschlagenheit, von Schlafproblemen, Libidoverlust oder Gewichtsveränderungen, desto schlimmer die Depressionen. Ab 17 Punkten spricht man von einer moderaten, ab 25 von einer schweren depressiven Störung.</p> <p>Das Hauptziel der Studie war, die so gemessene Punktzahl zu halbieren. Dieses Ziel wurde in der Breite verfehlt.</p> <p>Die trotzdem berichtete „bedeutsame Wirkung“ besteht darin, dass sieben und zwölf Wochen nach dem Start des Versuchs der Depressionswert im Schnitt um sieben bis acht Punkte niedriger war als am Anfang. Dadurch dürften einige der Teilnehmerinnen und Teilnehmer in einen niedrigeren Schweregrad gerutscht sein und ein paar sogar unter den Grenzwert für die depressive Störung. Das Ergebnis ist also nicht nichts – aber wirkt im Vergleich zu dem Hype relativiert.</p> <p>Demgegenüber standen Nebenwirkungen wie unangenehme Wahrnehmungsverzerrungen und bei jeweils 4 Prozent Paranoia oder Suizidgedanken nach der Psilocybin-Gabe. Insgesamt ist in 28 Prozent der Fälle von ernsthaften Nebenwirkungen die Rede, verglichen mit 8 Prozent nach dem Placebo. Diese waren jedoch in der Regel von vorübergehender Art.</p> <h2>Das Placebo-Problem</h2> <p>Doch, Stichwort „Placebo“, hier lauert ein großes Problem der Psychedelika-Forschung: Schon bei der Untersuchung der sogenannten Antidepressiva wird die eigentlich nötige Placebo-Kontrolle oft durchbrochen. Das liegt daran, dass einige Versuchspersonen und klinische Fachleute aufgrund der Nebenwirkungen darauf schließen können, wer den Wirkstoff bekommen hat. Dabei sollen mit den Placebos die Wirkungen der subjektiven Erwartungen der Teilnehmenden und der Behandlungssituation abgezogen werden.</p> <p>Nun gibt es für Psychedelika per Definition keine echte Placebo-Kontrolle. Wir wir gesehen haben, werden diese Mittel gerade über ihre Bewusstseinseffekte charakterisiert. Ob man einen psychedelischen Trip hat oder nicht, das weiß man im Prinzip immer – jedenfalls bei einer starken wirksamen Dosis wie den 25 mg Psilocybin in der neuen Studie.</p> <p>Das brachte Mediziner an der Stanford-Universität auf die pfiffige Idee, Depressiven bei einem chirurgischen Eingriff unter Vollnarkose – natürlich nach Aufklärung und Einwilligung – das Rauschmittel Ketamin zu geben. Dieses wird in jüngerer Zeit auch als Antidepressivum verwendet. Damit konnte man sozusagen denn Bewusstseinseffekt gesichert abziehen und zuverlässig mit einem Placebo kontrollieren. Im Ergebnis zeigte die 2024 in <em>Nature Mental Health</em> veröffentliche Studie dann aber auch <a href="https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2023.04.28.23289210v1+" rel="noopener">keinen positiven Effekt</a>. Das spricht für einen Placebo-Effekt bei bewusster Einnahme.</p> <p>Aufgrund der langfristigen psychedelischen Wirkung von Psilocybin über viele Stunden hinweg, wäre so ein Vorgehen hier problematisch. Stattdessen wurden in der Studie unter der Gründers Leitung neben 25 mg in Kontrollbedingungen 5 mg des Psychedelikums verabreicht oder stattdessen Nicotinamid, eine Form von Vitamins B<sub>3</sub>. Und nicht zu vergessen: Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten bei dem Versuch psychotherapeutische Begleitung. Daher spricht man auch von „psychedelisch-augmentierter Psychotherapie“.</p> <h2>Zwischenfazit</h2> <p>Das Zwischenfazit so weit: Die neue Studie erbrachte nicht den erhofften Durchbruch. Es gab im Durchschnitt eine gewisse Verringerung der Depressivität, deren Bedeutung wir im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/therapie-mit-psychedelika-fazit-und-ausblick/">zweiten Teil des Artikels</a> weiter thematisieren. Darin wird es auch um die finanziellen Interessen hinter dieser Forschung gehen.</p> <h2 id="neues-buch-zur-depressions-epidemie-2">Neues Buch zur Depressions-Epidemie</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6" rel="noopener">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677" rel="noopener">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ" rel="noopener">Google Play Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>. Abbildung: auf Grundlage von <a href="https://pixabay.com/illustrations/mushrooms-mushroom-nature-forest-8635387/" rel="noopener">Ivana Tomášková</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/f5162b147c834fb39fe05e157108fe92" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>31</slash:comments> </item> <item> <title>Zodiac Ausstellung Berlin https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/zodiac-exhibition-berlin/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/zodiac-exhibition-berlin/#respond Fri, 20 Mar 2026 21:24:12 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12704 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260320_191152-768x576.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/zodiac-exhibition-berlin/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260320_191152.jpg" /><h1>Zodiac Ausstellung Berlin » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Pünktlich zum Frühlingsäquinoktium wurde am Abend des 20. März im Neuen Museum in Berlin eine temporäre Sonderausstellung eröffnet: <strong>Das Schicksal in den Sternen – über die Anfänge des Tierkreises</strong>. Ab dem <strong>21. März 2026 und bis 10. Januar 2027</strong> ist sie für die Öffentlichkeit zugänglich und wird mit einem Programm von monatlichen Fachvorträgen begleitet.</p> <p>Gäste aus Afrika (Ägypten), Amerika (USA), Asien (China) und Austronesien (Australien + Indonesien) waren anlässlich der Eröffnung nach Europa gekommen. Wieder mit Stolz – obschon aus anderen Gründen als zu Kennedys Zeiten – wird die Aussage „ich bin Berlinerin“ zu einem Synonym für Weltoffenheit, Freiheit und einen friedlichen Fleck in einer rauen Welt. </p> <h2>Thema</h2> <p>Die Anfänge des Tierkreises sind eigentlich ein astronomisches Koordinatensystem. Was macht dieses abstrakte, nicht observable, rein <strong>mathematische Konstrukt so sexy,</strong> dass es nach seiner Erfindung in Babylon ziemlich prompt in allen Nachbarkulturen Eurasiens aufgenommen wurde? Genau: es sind die attraktiven Bilder, die Sterne selbst und die vorgestellten Projektionen menschlichen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gestalttheorie" rel="noopener">Gestalt-Sehens</a>.</p> <p>Darum fokussiert die Ausstellung auf historische Abbildungen von Tierkreis-Figuren: der babylonische Ziegenfisch auf einer römischen Gemme wird auf dem Werbeplakat zur Ausstellung gezeigt. In Vitrinen finden sich Papyri, Tontafeln und Münzen: sie bezeugen stroboskopisch die Entwicklung des Tierkreises von einem rein mathematischen Konstrukt hin zu einem kulturellen Phänomen, das in der astronomischen Fachliteratur wie auch im Alltag aller Menschen sehr schnell nach seiner Erfindung in Babylon um 400 v.Chr. Einzug hält. Das erste bekannte Horoskop (auf einem Papyrus des 1. Jh.), Tierkreisdarstellungen in ägyptischen Tempeln aus römischer Zeit und </p> <p>Durch seinen Bilderreichtum ist der Tierkreis eines der frühesten Beispiele für die visuelle Attraktivität und <strong>Popkulturtauglichkeit von Mathematik</strong>.<aside></aside></p> <p>Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung kam sogar der Generalsekretär der ägyptischen Antikensammlung in Kairo (Secretary General of the Supreme Council of Antiquity, Ministry of Tourism and Antiquities), Dr. Hisham El-Leithy, extra nach Berlin und begrüßte stolz die internationalen Gäste. </p> <p>Ein Highlight der Ausstellung ist das super-hochaufgelöste, <strong>14 m lange Panorama-Bild des Tierkreises von Esna</strong>, das von einem deutsch-ägyptischen Team in Ägypten ausgegrabenen und aufwendig restauriert wird. </p> <p>Prof. Dr. Dr. Mathieu Ossendrijver, der Leiter des ERC-geförderten Forschungsprojekts ZODIAC an der FU Berlin erklärt ägyptischen Gästen den Tierkreis von Dendera. </p> <p>Besonders stolz ist das Kuratoren-Team, dass alle Exponate für diese Ausstellung direkt aus den eigenen Berliner Sammlungen stammen. Es sei ein Aushängeschild für die <strong>traditionsreiche Spitzenforschung</strong> zur Geschichte des Altertums in Berlin: nicht nur wurde in früheren Jahrhunderten das der Liebesgöttin Ischtar gewidmete Stadttor von Babylon hier in Berlin wieder errichtet und die Büste der schönsten Königin der Welt, der ägyptischen Nofrete, hier in Berlin aufbewahrt und inszeniert. Auch <strong>heute ist die Berliner Altertumsforschung an der Weltspitze!  </strong></p> <p>Zur Geschichte des Tierkreises und dem Berliner Forschungsprojekt ZODIAC am <a href="https://www.geschkult.fu-berlin.de/e/wissensgeschichte/index.html" rel="noopener">Institut für Wissensgeschichte des Altertums</a> hatte ich bereits früher geschrieben: </p> <ul> <li>Konferenz <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/zodiacus/">„Imagining the Sky“</a> in Berlin im September 2022</li> <li>Ausgrabungen in <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/esna-tempel-arbeit-des-aegyptologen-leitz/">Esna, Ägypten von Prof. Leitz (Tübingen)</a> und seine sensationellen Ergebnisse</li> <li>die <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/dendera-tempel-die-beruehmten-zodiakoi/">Zodiakoi von Dendera (Äg.)</a>, zu denen Frau Dr. Mendel-Leitz und <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/die-dendera-sternkarte-in-stellarium/">ich</a> damals publiziert hatten</li> </ul> <p>Dass Berlin den im Boden gefundenen Himmel bis heute wertzuschätzen weiß, zeigt auch die Dekoration der U-Bahnstation „Museumsinsel“ an der U3, die bekanntlich seit einigen Jahren einen künstlichen Sternhimmel (LEDs in geometrischem Muster wie in Kirchendecken) trägt. </p> <p>Nachwievor ist Berlin ein weltweiter Hub: nicht nur für Spione wie im Kalten Krieg, sondern auch für Forschende aus aller Welt und in allen Fächern und damit wissenschaftliche Forschung, nichtmilitärische und unpolitische Informationen. </p> <h2>Ein Stück vom Himmel</h2> <p>Blau und Sandfarben: Die Farben der Ausstellung kombinieren Himmel und Erde; sie holen den Himmel auf auf die Erde – oder wenigstens ein kleines Stück davon. Damit greifen sie das gleiche Thema auf wie die zahlreichen Abbildungen von Tierkreisbildchen auf Münzen, Tellern und anderen Alltagsgegenständen, die den Versuch von Menschen früher Epochen zeigen, sich ein <a href="https://www.youtube.com/watch?v=ORzHfEA1wFg" rel="noopener">Stück vom Himmel</a> (wie Grönemeyer singt) zu <em>eigen</em> zu <em>machen</em>. </p> <div> <p>Der Tierkreis als transkulturelles Phänomen, als Ersatz oder Ergänzung anderer Religionen, hat im Augenblick wieder Hochkonjunktur (siehe <a href="https://nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2021/12/astrologie-der-ursprung-von-horoskopen/" rel="noopener">National Geographic</a>). Die Welt wird seit Jahren von einer Krise in die nächste geworfen und es ist menschlich, dass man dann Trost zu finden sucht in etwas, das man so wenig anfassen kann wie die Ursachen der Krisen, gegenüber denen man sich machtlos findet. </p> <div> <div><em>…<br></br>Dies ist dein Ziel</em><p><em>Du bist ein Unikat</em><em>Das sein eigenes Orakel spielt</em><em>Es wird zu viel geglaubt</em><em>Zu wenig erzählt</em></p></div> <div><em>Es sind Geschichten</em><p><em>Sie einen diese Welt</em><em>Nöte, Legenden</em><em>Schicksale, Leben und Tod</em><em>Glückliche Enden, Lust und Trost</em></p></div> <p><em>Ein Stück vom Himmel </em></p> <p>…<br></br>(Grönemeyer)</p> </div> </div> <h2>Viel Spaß!</h2> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/zodiac-exhib_image001.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 722px) 100vw, 722px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/zodiac-exhib_image001-722x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/zodiac-exhib_image001-722x1024.png 722w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/zodiac-exhib_image001-212x300.png 212w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/zodiac-exhib_image001.png 752w" width="722"></img></a></figure> </div></div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260320_191152.jpg" /><h1>Zodiac Ausstellung Berlin » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Pünktlich zum Frühlingsäquinoktium wurde am Abend des 20. März im Neuen Museum in Berlin eine temporäre Sonderausstellung eröffnet: <strong>Das Schicksal in den Sternen – über die Anfänge des Tierkreises</strong>. Ab dem <strong>21. März 2026 und bis 10. Januar 2027</strong> ist sie für die Öffentlichkeit zugänglich und wird mit einem Programm von monatlichen Fachvorträgen begleitet.</p> <p>Gäste aus Afrika (Ägypten), Amerika (USA), Asien (China) und Austronesien (Australien + Indonesien) waren anlässlich der Eröffnung nach Europa gekommen. Wieder mit Stolz – obschon aus anderen Gründen als zu Kennedys Zeiten – wird die Aussage „ich bin Berlinerin“ zu einem Synonym für Weltoffenheit, Freiheit und einen friedlichen Fleck in einer rauen Welt. </p> <h2>Thema</h2> <p>Die Anfänge des Tierkreises sind eigentlich ein astronomisches Koordinatensystem. Was macht dieses abstrakte, nicht observable, rein <strong>mathematische Konstrukt so sexy,</strong> dass es nach seiner Erfindung in Babylon ziemlich prompt in allen Nachbarkulturen Eurasiens aufgenommen wurde? Genau: es sind die attraktiven Bilder, die Sterne selbst und die vorgestellten Projektionen menschlichen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gestalttheorie" rel="noopener">Gestalt-Sehens</a>.</p> <p>Darum fokussiert die Ausstellung auf historische Abbildungen von Tierkreis-Figuren: der babylonische Ziegenfisch auf einer römischen Gemme wird auf dem Werbeplakat zur Ausstellung gezeigt. In Vitrinen finden sich Papyri, Tontafeln und Münzen: sie bezeugen stroboskopisch die Entwicklung des Tierkreises von einem rein mathematischen Konstrukt hin zu einem kulturellen Phänomen, das in der astronomischen Fachliteratur wie auch im Alltag aller Menschen sehr schnell nach seiner Erfindung in Babylon um 400 v.Chr. Einzug hält. Das erste bekannte Horoskop (auf einem Papyrus des 1. Jh.), Tierkreisdarstellungen in ägyptischen Tempeln aus römischer Zeit und </p> <p>Durch seinen Bilderreichtum ist der Tierkreis eines der frühesten Beispiele für die visuelle Attraktivität und <strong>Popkulturtauglichkeit von Mathematik</strong>.<aside></aside></p> <p>Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung kam sogar der Generalsekretär der ägyptischen Antikensammlung in Kairo (Secretary General of the Supreme Council of Antiquity, Ministry of Tourism and Antiquities), Dr. Hisham El-Leithy, extra nach Berlin und begrüßte stolz die internationalen Gäste. </p> <p>Ein Highlight der Ausstellung ist das super-hochaufgelöste, <strong>14 m lange Panorama-Bild des Tierkreises von Esna</strong>, das von einem deutsch-ägyptischen Team in Ägypten ausgegrabenen und aufwendig restauriert wird. </p> <p>Prof. Dr. Dr. Mathieu Ossendrijver, der Leiter des ERC-geförderten Forschungsprojekts ZODIAC an der FU Berlin erklärt ägyptischen Gästen den Tierkreis von Dendera. </p> <p>Besonders stolz ist das Kuratoren-Team, dass alle Exponate für diese Ausstellung direkt aus den eigenen Berliner Sammlungen stammen. Es sei ein Aushängeschild für die <strong>traditionsreiche Spitzenforschung</strong> zur Geschichte des Altertums in Berlin: nicht nur wurde in früheren Jahrhunderten das der Liebesgöttin Ischtar gewidmete Stadttor von Babylon hier in Berlin wieder errichtet und die Büste der schönsten Königin der Welt, der ägyptischen Nofrete, hier in Berlin aufbewahrt und inszeniert. Auch <strong>heute ist die Berliner Altertumsforschung an der Weltspitze!  </strong></p> <p>Zur Geschichte des Tierkreises und dem Berliner Forschungsprojekt ZODIAC am <a href="https://www.geschkult.fu-berlin.de/e/wissensgeschichte/index.html" rel="noopener">Institut für Wissensgeschichte des Altertums</a> hatte ich bereits früher geschrieben: </p> <ul> <li>Konferenz <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/zodiacus/">„Imagining the Sky“</a> in Berlin im September 2022</li> <li>Ausgrabungen in <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/esna-tempel-arbeit-des-aegyptologen-leitz/">Esna, Ägypten von Prof. Leitz (Tübingen)</a> und seine sensationellen Ergebnisse</li> <li>die <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/dendera-tempel-die-beruehmten-zodiakoi/">Zodiakoi von Dendera (Äg.)</a>, zu denen Frau Dr. Mendel-Leitz und <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/die-dendera-sternkarte-in-stellarium/">ich</a> damals publiziert hatten</li> </ul> <p>Dass Berlin den im Boden gefundenen Himmel bis heute wertzuschätzen weiß, zeigt auch die Dekoration der U-Bahnstation „Museumsinsel“ an der U3, die bekanntlich seit einigen Jahren einen künstlichen Sternhimmel (LEDs in geometrischem Muster wie in Kirchendecken) trägt. </p> <p>Nachwievor ist Berlin ein weltweiter Hub: nicht nur für Spione wie im Kalten Krieg, sondern auch für Forschende aus aller Welt und in allen Fächern und damit wissenschaftliche Forschung, nichtmilitärische und unpolitische Informationen. </p> <h2>Ein Stück vom Himmel</h2> <p>Blau und Sandfarben: Die Farben der Ausstellung kombinieren Himmel und Erde; sie holen den Himmel auf auf die Erde – oder wenigstens ein kleines Stück davon. Damit greifen sie das gleiche Thema auf wie die zahlreichen Abbildungen von Tierkreisbildchen auf Münzen, Tellern und anderen Alltagsgegenständen, die den Versuch von Menschen früher Epochen zeigen, sich ein <a href="https://www.youtube.com/watch?v=ORzHfEA1wFg" rel="noopener">Stück vom Himmel</a> (wie Grönemeyer singt) zu <em>eigen</em> zu <em>machen</em>. </p> <div> <p>Der Tierkreis als transkulturelles Phänomen, als Ersatz oder Ergänzung anderer Religionen, hat im Augenblick wieder Hochkonjunktur (siehe <a href="https://nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2021/12/astrologie-der-ursprung-von-horoskopen/" rel="noopener">National Geographic</a>). Die Welt wird seit Jahren von einer Krise in die nächste geworfen und es ist menschlich, dass man dann Trost zu finden sucht in etwas, das man so wenig anfassen kann wie die Ursachen der Krisen, gegenüber denen man sich machtlos findet. </p> <div> <div><em>…<br></br>Dies ist dein Ziel</em><p><em>Du bist ein Unikat</em><em>Das sein eigenes Orakel spielt</em><em>Es wird zu viel geglaubt</em><em>Zu wenig erzählt</em></p></div> <div><em>Es sind Geschichten</em><p><em>Sie einen diese Welt</em><em>Nöte, Legenden</em><em>Schicksale, Leben und Tod</em><em>Glückliche Enden, Lust und Trost</em></p></div> <p><em>Ein Stück vom Himmel </em></p> <p>…<br></br>(Grönemeyer)</p> </div> </div> <h2>Viel Spaß!</h2> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/zodiac-exhib_image001.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 722px) 100vw, 722px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/zodiac-exhib_image001-722x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/zodiac-exhib_image001-722x1024.png 722w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/zodiac-exhib_image001-212x300.png 212w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/zodiac-exhib_image001.png 752w" width="722"></img></a></figure> </div></div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/zodiac-exhibition-berlin/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Frühlingsgefühle https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/fruehlingsgefuehle/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/fruehlingsgefuehle/#comments Fri, 20 Mar 2026 09:21:12 +0000 Ruzica Sedic https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5734 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1748436551316fruehlingsanfang-fruehling-natur-100_v-16x9@2dL_-6c42aff4e68b43c7868c3240d3ebfa29867457da-768x432.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/fruehlingsgefuehle/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1748436551316fruehlingsanfang-fruehling-natur-100_v-16x9@2dL_-6c42aff4e68b43c7868c3240d3ebfa29867457da.jpg" /><h1>Frühlingsgefühle » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Ruzica Sedic</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-03-20T10:21:12+01:00">20. März 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 6 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Nach den dunklen Wintermonaten beginnt die Welt wieder zu erwachen. Die Tage werden länger, die Sonne wärmt das Gesicht, Vögel zwitschern in den Bäumen und erste Knospen sprießen aus dem Boden. In dieser Zeit scheint auch in uns etwas aufzubrechen – Energie, Tatendrang und Lebensfreude kehren zurück. Was wir „Frühlingsgefühle“ nennen, hat dabei nicht nur mit Romantik oder Glücksmomenten zu tun, sondern auch mit tiefgreifenden biologischen und psychologischen Prozessen, die sich positiv auf unsere mentale Gesundheit auswirken.</p> <h3>Mental Health</h3> <p>Die Weltgesundheitsorganisation definiert psychische Gesundheit (“Mental Health”) als „einen Zustand des Wohlbefindens, in dem ein Mensch sein Potenzial voll ausschöpfen, die normalen Belastungen des Lebens bewältigen, produktiv arbeiten und erfolgreich in seiner Gemeinschaft wirken kann“ [1].</p> <p>Es gibt viele interagierende Faktoren, die die psychische Gesundheit beeinflussen können. Dazu zählen soziale, wirtschaftliche, psychologische, physiologische, verhaltensbezogene, umweltbedingte, genetische und epigenetische Einflüsse [2].</p> <h3>Biochemie der Frühlingsgefühle</h3> <p>Sobald mehr Sonnenlicht auf unsere Haut und in unsere Augen gelangt, verändert sich unser Hormonhaushalt. Die Sonne wirkt als natürlicher Taktgeber für unseren Körper. Über die Zirbeldrüse (auch Epiphyse genannt) und Hormone wie Serotonin, Dopamin und Melatonin steuert sie unsere Stimmung, Energie und unseren Schlaf.</p> <p>Das Licht regt die Serotoninproduktion an. Serotonin ist ein Neurotransmitter, der auch als „Glückshormon“ bezeichnet wird und für Ausgeglichenheit und Optimismus sorgt. Es wurde festgestellt, dass die Produktion dieses Hormons in den Wintermonaten sinkt [3]. Gleichzeitig steigt durch mehr Aktivität und Bewegung auch der Dopaminspiegel, was Motivation und Antrieb fördert [4]. Weniger Dunkelheit bedeutet außerdem, dass die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin sinkt [5]. Das macht uns tagsüber wacher und mental präsenter. Viele Menschen spüren diesen Wechsel bewusst. Wir wollen wieder raus, Dinge unternehmen und uns bewegen. <aside></aside></p> <h3>Natur als mentale Medizin</h3> <p>Neben der Biochemie hat auch die Umgebung selbst einen enormen Einfluss auf unsere Psyche. Neonreklamen, Lärm und Luftverschmutzung sind umweltbedingter Stress. Vor allem Stadtbewohner sind davon betroffen. Er kann zu einer schlechteren psychischen Gesundheit, erhöhter Müdigkeit und Stress führen [6].</p> <p>Regelmäßiger Aufenthalt im Grünen kann Stress reduzieren und sogar das Konzentrationsvermögen verbessern [7]. Schon kurze Spaziergänge im Park oder Wald können das Stresshormon Cortisol senken und für Entspannung sorgen [8].</p> <p>Die Natur entzieht uns dem ständigen Reizfluss digitaler Geräte und schenkt uns etwas, das in der modernen Welt selten geworden ist, natürliche Stille. Selbst zwanzig Minuten im Grünen, in denen man das Rascheln der Blätter oder das Spiel von Licht und Schatten wahrnimmt, genügen oft, um eine spürbare innere Ruhe zu erzeugen und die Konzentration des Stresshormons zu senken [8].</p> <h3>Farben und Licht</h3> <p>Der Frühling ist auch ein Fest der Farben. Nach Monaten in Grau und Brauntönen sehen wir wieder sattes Grün, kräftiges Gelb und leuchtendes Blau. Dieses Farbspektrum wirkt stimmungsaufhellend und kann positive Emotionen fördern [9]. Auch das Beobachten von Grünpflanzen kann sich positiv auf Stimmung und Anspannung auswirken. Dabei gibt es einen Unterschied zwischen echten Pflanzen und Plastikpflanzen [10].</p> <p>Eine kleine Achtsamkeitsübung kann helfen, diese Wirkung bewusst zu verstärken:<br></br>Gehe nach draußen und konzentriere dich auf eine Farbe, etwa Grün. Suche fünf Dinge in unterschiedlichen Nuancen dieser Farbe. Das fördert Präsenz, schärft die Wahrnehmung und lässt dich die Umgebung intensiver erleben.</p> <h3>Die Sprache der Vögel: akustische Achtsamkeit</h3> <p>Kaum ein Geräusch signalisiert so deutlich den Beginn des Frühlings wie Vogelgesang. Naturklänge haben eine entspannende Wirkung auf das Gehirn. Sie senken den Puls, reduzieren Angst und können Aktivität in stressassoziierten Hirn-Regionen reduzieren [11].</p> <p>Das Hören von Vogelstimmen kann Ängstlichkeit bei gesunden Menschen verringern. Vogelstimmen signalisieren in natürlichen Ökosystemen oft ein intaktes Habitat: Aktive Vögel zwitschern vor allem, wenn keine Raubtiere oder Störungen in der Nähe sind – bei Gefahr schweigen sie oder wechseln zu Alarmrufen. Vielleicht ist das der Grund, warum uns ihr Klang so beruhigt [12].</p> <p>Wer bewusst zuhört, kann darin eine einfache, aber kraftvolle Achtsamkeitsübung finden:<br></br>Öffne morgens das Fenster, atme tief ein und fokussiere dich ganz auf die verschiedenen Tonhöhen und Rhythmen. Schon wenige Minuten bewussten Hinhörens können helfen, das Gedankenkarussell zu stoppen und Ruhe zu finden.</p> <h3>Bewegung und Aktivität</h3> <p>Mit den längeren Tagen kommt auch die Lust, wieder aktiver zu werden. Viele beginnen wieder zu laufen, fahren Rad und verbringen mehr Zeit im Freien. Bewegung setzt Endorphine frei, kurbelt die Dopaminproduktion an und kann so unsere mentale Gesundheit unterstützen [13, 14]. Körperliche Aktivität kann nicht nur bei depressiven Symptome helfen, sondern auch die Resilienz gegenüber Stress stärken [15, 16].</p> <p>Dabei geht es nicht um sportliche Höchstleistungen. Schon regelmäßige, moderate Bewegung, ein Spaziergang, ein lockerer Lauf, Pilates im Park, genügt, um Körper und Geist zu beleben. Bewegung im Freien vereint mehrere Faktoren: Licht, frische Luft, Bewegung und soziale Begegnung. </p> <h3>Quellen</h3> <ol> <li>World Health Organization. (2014). Mental health: A state of well-being. World Health Organization. <a href="https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/mental-health-strengthening-our-response" rel="noopener">https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/mental-health-strengthening-our-response</a></li> <li>Meyer-Lindenberg, A. (2014). Social neuroscience and mechanisms of risk for mental disorders. World Psychiatry, 13(2), 143–144. <a href="https://doi.org/10.1002/wps.20121" rel="noopener">https://doi.org/10.1002/wps.20121</a></li> <li>Lambert, G. W., Reid, C., Kaye, D. M., Jennings, G. L., &amp; Esler, M. D. (2002). Effect of sunlight and season on serotonin turnover in the brain. The Lancet, 360(9348), 1840–1842. <a href="https://doi.org/10.1016/S0140-6736(02)11737-5" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/S0140-6736(02)11737-5</a></li> <li>Marques, A., Marconcin, P., Werneck, A. O., Ferrari, G., Gouveia, É. R., Kliegel, M., Peralta, M., &amp; Ihle, A. (2021). Bidirectional association between physical activity and dopamine across adulthood—A systematic review. Brain Sciences, 11(7), Article 829. <a href="https://doi.org/10.3390/brainsci11070829" rel="noopener">https://doi.org/10.3390/brainsci11070829</a></li> <li>Boyce, P., &amp; Kennaway, D. J. (1987). Effects of light on melatonin production. Biological Psychiatry, 22(4), 473–478. <a href="https://doi.org/10.1016/0006-3223(87)90169-7" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/0006-3223(87)90169-7</a></li> <li>Ulrich, R. S., Simons, R. F., Losito, B. D., Fiorito, E., Miles, M. A., &amp; Zelson, M. (1991). Stress recovery during exposure to natural and urban environments. Journal of Environmental Psychology, 11(3), 201–230. https://doi.org/10.1016/S0272-4944(05)80184-7</li> <li>Kondo, M. C., Jacoby, S. F., &amp; South, E. C. (2018). Does spending time outdoors reduce stress? A review of real-time stress response to outdoor environments. Health &amp; Place, 51, 136–150. <a href="https://doi.org/10.1016/j.healthplace.2018.03.001" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.healthplace.2018.03.001</a></li> <li>Gao, J., Mancus, G. C., Yuen, H. K., Watson, J. H., Lake, M. L., &amp; Jenkins, G. R. (2023). Changes in cortisol and dehydroepiandrosterone levels immediately after urban park visits. International Journal of Environmental Health Research, 33(2), 206–218. <a href="https://doi.org/10.1080/09603123.2021.2013454" rel="noopener">https://doi.org/10.1080/09603123.2021.2013454</a></li> <li>Jonauskaite, D., &amp; Mohr, C. (2025). Do we feel colours? A systematic review of 128 years of psychological research linking colours and emotions. Psychonomic Bulletin &amp; Review, 32(4), 1457–1486. <a href="https://doi.org/10.3758/s13423-024-02615-z" rel="noopener">https://doi.org/10.3758/s13423-024-02615-z</a></li> <li>Jeong, J. E., &amp; Park, S. A. (2021). Physiological and psychological effects of visual stimulation with green plant types. International Journal of Environmental Research and Public Health, 18(24), Article 12932. <a href="https://doi.org/10.3390/ijerph182412932" rel="noopener">https://doi.org/10.3390/ijerph182412932</a></li> <li>Jo, H., Song, C., Ikei, H., Enomoto, S., Kobayashi, H., &amp; Miyazaki, Y. (2019). Physiological and psychological effects of forest and urban sounds using high-resolution sound sources. International Journal of Environmental Research and Public Health, 16(15), Article 2649. <a href="https://doi.org/10.3390/ijerph16152649" rel="noopener">https://doi.org/10.3390/ijerph16152649</a></li> <li>Stobbe, E., Sundermann, J., Ascone, L., &amp; Voderholzer, U. (2022). Birdsongs alleviate anxiety and paranoia in healthy participants. Scientific Reports, 12, Article 16414. <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-022-20841-0" rel="noopener">https://doi.org/10.1038/s41598-022-20841-0</a></li> <li>Marques, A., Marconcin, P., Werneck, A. O., Ferrari, G., Gouveia, É. R., Kliegel, M., Peralta, M., &amp; Ihle, A. (2021). Bidirectional association between physical activity and dopamine across adulthood—A systematic review. Brain Sciences, 11(7), 829. <a href="https://doi.org/10.3390/brainsci11070829" rel="noopener">https://doi.org/10.3390/brainsci11070829</a></li> <li>Goekint, M., Bos, I., Heyman, E., Meeusen, R., Michotte, Y., &amp; Sarre, S. (2012). Acute running stimulates hippocampal dopaminergic neurotransmission in rats, but has no influence on brain-derived neurotrophic factor. 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Frontiers in Physiology, 5, 161. <a href="https://doi.org/10.3389/fphys.2014.00161" rel="noopener">https://doi.org/10.3389/fphys.2014.00161</a></li> <li>Südwestrundfunk. (2025, 20. März). Darum beginnt der Frühling in der Natur immer früher. SWR. <a href="https://www.swr.de/leben/verbraucher/ard-marktcheck/klimawandel-fruehlingsanfang-immer-frueher-100.html" rel="noopener">https://www.swr.de/leben/verbraucher/ard-marktcheck/klimawandel-fruehlingsanfang-immer-frueher-100.html</a></li> </ol> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Ruzica-1-200x200.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Ruzica-1-400x400.jpg 2x" width="200"></img> <p>Mein Name ist Ruzica Sedic und ich studiere Neurowissenschaften im Master an der Universität Düsseldorf. Während meiner Ausbildung zur biotechnologischen Assistentin und meinem Bachelor in Biologie habe ich meine Liebe zur Zellbiologie entdeckt. Deshalb finde ich den Zusammenhang zwischen zellulären Prozessen und neurologischen Phänomenen besonders spannend. Außerdem fasziniert mich, wie unser Gehirn im Alltag funktioniert und welche unglaublichen Leistungen es vollbringt - oft ohne dass wir es bewusst wahrnehmen.</p> </div> </div> </article> <section> <div> <aside id="block-3"> <p>HIRN UND WEG ist der Neuroblog der <a href="https://www.ghst.de"><strong><mark>Gemeinnützigen Hertie-Stiftung</mark></strong></a> , der die Bandbreite und Facetten eines der faszinierendsten Organe zeigen, Erkenntnisse aus Wissenschaft einfach und gut erklären und geistreich und unterhaltsam begeistern möchte. Neben der Informationsvermittlung gehören die Förderung von Exzellenz und die Schaffung von Strukturen in den Neurowissenschaften zu den Zielen des Programmbereichs "Gehirn erforschen" der Stiftung. </p> </aside><aside id="block-2"> <figure><a href="https://www.ghst.de/"><img alt="" decoding="async" height="178" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-300x52.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-768x134.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1536x267.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1000x174.jpg 1000w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px.jpg 2000w" width="1024"></img></a><figcaption><a href="https://www.ghst.de/"><em>https://www.ghst.de/</em></a></figcaption></figure> </aside> </div> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-9"><div><p>&#xD; Die <a href="https://www.ghst.de/">Gemeinnützige Hertie-Stiftung </a>konzentriert sich auf die zwei Leitthemen „Gehirn erforschen“ und „Demokratie stärken“. Die Projekte der Stiftung setzen modellhafte Impulse innerhalb dieser Themen. &#xD; Ihr neu eingerichteter Neuroblog leistet einen Beitrag zur Förderung von Wissenschaftskommunikation und zum besseren Verständnis des Gehirns, seiner Funktionsweise und seiner Erkrankungen.&#xD; </p>&#xD; <p><a href="http://www.scilogs.de/kosmo//hirn-und-weg/impressum/">Impressum Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>&#xD; </p></div></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1748436551316fruehlingsanfang-fruehling-natur-100_v-16x9@2dL_-6c42aff4e68b43c7868c3240d3ebfa29867457da.jpg" /><h1>Frühlingsgefühle » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Ruzica Sedic</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-03-20T10:21:12+01:00">20. März 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 6 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Nach den dunklen Wintermonaten beginnt die Welt wieder zu erwachen. Die Tage werden länger, die Sonne wärmt das Gesicht, Vögel zwitschern in den Bäumen und erste Knospen sprießen aus dem Boden. In dieser Zeit scheint auch in uns etwas aufzubrechen – Energie, Tatendrang und Lebensfreude kehren zurück. Was wir „Frühlingsgefühle“ nennen, hat dabei nicht nur mit Romantik oder Glücksmomenten zu tun, sondern auch mit tiefgreifenden biologischen und psychologischen Prozessen, die sich positiv auf unsere mentale Gesundheit auswirken.</p> <h3>Mental Health</h3> <p>Die Weltgesundheitsorganisation definiert psychische Gesundheit (“Mental Health”) als „einen Zustand des Wohlbefindens, in dem ein Mensch sein Potenzial voll ausschöpfen, die normalen Belastungen des Lebens bewältigen, produktiv arbeiten und erfolgreich in seiner Gemeinschaft wirken kann“ [1].</p> <p>Es gibt viele interagierende Faktoren, die die psychische Gesundheit beeinflussen können. Dazu zählen soziale, wirtschaftliche, psychologische, physiologische, verhaltensbezogene, umweltbedingte, genetische und epigenetische Einflüsse [2].</p> <h3>Biochemie der Frühlingsgefühle</h3> <p>Sobald mehr Sonnenlicht auf unsere Haut und in unsere Augen gelangt, verändert sich unser Hormonhaushalt. Die Sonne wirkt als natürlicher Taktgeber für unseren Körper. Über die Zirbeldrüse (auch Epiphyse genannt) und Hormone wie Serotonin, Dopamin und Melatonin steuert sie unsere Stimmung, Energie und unseren Schlaf.</p> <p>Das Licht regt die Serotoninproduktion an. Serotonin ist ein Neurotransmitter, der auch als „Glückshormon“ bezeichnet wird und für Ausgeglichenheit und Optimismus sorgt. Es wurde festgestellt, dass die Produktion dieses Hormons in den Wintermonaten sinkt [3]. Gleichzeitig steigt durch mehr Aktivität und Bewegung auch der Dopaminspiegel, was Motivation und Antrieb fördert [4]. Weniger Dunkelheit bedeutet außerdem, dass die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin sinkt [5]. Das macht uns tagsüber wacher und mental präsenter. Viele Menschen spüren diesen Wechsel bewusst. Wir wollen wieder raus, Dinge unternehmen und uns bewegen. <aside></aside></p> <h3>Natur als mentale Medizin</h3> <p>Neben der Biochemie hat auch die Umgebung selbst einen enormen Einfluss auf unsere Psyche. Neonreklamen, Lärm und Luftverschmutzung sind umweltbedingter Stress. Vor allem Stadtbewohner sind davon betroffen. Er kann zu einer schlechteren psychischen Gesundheit, erhöhter Müdigkeit und Stress führen [6].</p> <p>Regelmäßiger Aufenthalt im Grünen kann Stress reduzieren und sogar das Konzentrationsvermögen verbessern [7]. Schon kurze Spaziergänge im Park oder Wald können das Stresshormon Cortisol senken und für Entspannung sorgen [8].</p> <p>Die Natur entzieht uns dem ständigen Reizfluss digitaler Geräte und schenkt uns etwas, das in der modernen Welt selten geworden ist, natürliche Stille. Selbst zwanzig Minuten im Grünen, in denen man das Rascheln der Blätter oder das Spiel von Licht und Schatten wahrnimmt, genügen oft, um eine spürbare innere Ruhe zu erzeugen und die Konzentration des Stresshormons zu senken [8].</p> <h3>Farben und Licht</h3> <p>Der Frühling ist auch ein Fest der Farben. Nach Monaten in Grau und Brauntönen sehen wir wieder sattes Grün, kräftiges Gelb und leuchtendes Blau. Dieses Farbspektrum wirkt stimmungsaufhellend und kann positive Emotionen fördern [9]. Auch das Beobachten von Grünpflanzen kann sich positiv auf Stimmung und Anspannung auswirken. Dabei gibt es einen Unterschied zwischen echten Pflanzen und Plastikpflanzen [10].</p> <p>Eine kleine Achtsamkeitsübung kann helfen, diese Wirkung bewusst zu verstärken:<br></br>Gehe nach draußen und konzentriere dich auf eine Farbe, etwa Grün. Suche fünf Dinge in unterschiedlichen Nuancen dieser Farbe. Das fördert Präsenz, schärft die Wahrnehmung und lässt dich die Umgebung intensiver erleben.</p> <h3>Die Sprache der Vögel: akustische Achtsamkeit</h3> <p>Kaum ein Geräusch signalisiert so deutlich den Beginn des Frühlings wie Vogelgesang. Naturklänge haben eine entspannende Wirkung auf das Gehirn. Sie senken den Puls, reduzieren Angst und können Aktivität in stressassoziierten Hirn-Regionen reduzieren [11].</p> <p>Das Hören von Vogelstimmen kann Ängstlichkeit bei gesunden Menschen verringern. Vogelstimmen signalisieren in natürlichen Ökosystemen oft ein intaktes Habitat: Aktive Vögel zwitschern vor allem, wenn keine Raubtiere oder Störungen in der Nähe sind – bei Gefahr schweigen sie oder wechseln zu Alarmrufen. Vielleicht ist das der Grund, warum uns ihr Klang so beruhigt [12].</p> <p>Wer bewusst zuhört, kann darin eine einfache, aber kraftvolle Achtsamkeitsübung finden:<br></br>Öffne morgens das Fenster, atme tief ein und fokussiere dich ganz auf die verschiedenen Tonhöhen und Rhythmen. Schon wenige Minuten bewussten Hinhörens können helfen, das Gedankenkarussell zu stoppen und Ruhe zu finden.</p> <h3>Bewegung und Aktivität</h3> <p>Mit den längeren Tagen kommt auch die Lust, wieder aktiver zu werden. Viele beginnen wieder zu laufen, fahren Rad und verbringen mehr Zeit im Freien. Bewegung setzt Endorphine frei, kurbelt die Dopaminproduktion an und kann so unsere mentale Gesundheit unterstützen [13, 14]. Körperliche Aktivität kann nicht nur bei depressiven Symptome helfen, sondern auch die Resilienz gegenüber Stress stärken [15, 16].</p> <p>Dabei geht es nicht um sportliche Höchstleistungen. Schon regelmäßige, moderate Bewegung, ein Spaziergang, ein lockerer Lauf, Pilates im Park, genügt, um Körper und Geist zu beleben. Bewegung im Freien vereint mehrere Faktoren: Licht, frische Luft, Bewegung und soziale Begegnung. </p> <h3>Quellen</h3> <ol> <li>World Health Organization. (2014). Mental health: A state of well-being. World Health Organization. <a href="https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/mental-health-strengthening-our-response" rel="noopener">https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/mental-health-strengthening-our-response</a></li> <li>Meyer-Lindenberg, A. (2014). Social neuroscience and mechanisms of risk for mental disorders. World Psychiatry, 13(2), 143–144. <a href="https://doi.org/10.1002/wps.20121" rel="noopener">https://doi.org/10.1002/wps.20121</a></li> <li>Lambert, G. W., Reid, C., Kaye, D. M., Jennings, G. L., &amp; Esler, M. D. (2002). Effect of sunlight and season on serotonin turnover in the brain. The Lancet, 360(9348), 1840–1842. <a href="https://doi.org/10.1016/S0140-6736(02)11737-5" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/S0140-6736(02)11737-5</a></li> <li>Marques, A., Marconcin, P., Werneck, A. O., Ferrari, G., Gouveia, É. R., Kliegel, M., Peralta, M., &amp; Ihle, A. (2021). Bidirectional association between physical activity and dopamine across adulthood—A systematic review. Brain Sciences, 11(7), Article 829. <a href="https://doi.org/10.3390/brainsci11070829" rel="noopener">https://doi.org/10.3390/brainsci11070829</a></li> <li>Boyce, P., &amp; Kennaway, D. J. (1987). Effects of light on melatonin production. Biological Psychiatry, 22(4), 473–478. <a href="https://doi.org/10.1016/0006-3223(87)90169-7" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/0006-3223(87)90169-7</a></li> <li>Ulrich, R. S., Simons, R. F., Losito, B. D., Fiorito, E., Miles, M. A., &amp; Zelson, M. (1991). Stress recovery during exposure to natural and urban environments. Journal of Environmental Psychology, 11(3), 201–230. https://doi.org/10.1016/S0272-4944(05)80184-7</li> <li>Kondo, M. C., Jacoby, S. F., &amp; South, E. C. (2018). Does spending time outdoors reduce stress? A review of real-time stress response to outdoor environments. Health &amp; Place, 51, 136–150. <a href="https://doi.org/10.1016/j.healthplace.2018.03.001" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.healthplace.2018.03.001</a></li> <li>Gao, J., Mancus, G. C., Yuen, H. K., Watson, J. H., Lake, M. L., &amp; Jenkins, G. R. (2023). Changes in cortisol and dehydroepiandrosterone levels immediately after urban park visits. International Journal of Environmental Health Research, 33(2), 206–218. <a href="https://doi.org/10.1080/09603123.2021.2013454" rel="noopener">https://doi.org/10.1080/09603123.2021.2013454</a></li> <li>Jonauskaite, D., &amp; Mohr, C. (2025). Do we feel colours? A systematic review of 128 years of psychological research linking colours and emotions. Psychonomic Bulletin &amp; Review, 32(4), 1457–1486. <a href="https://doi.org/10.3758/s13423-024-02615-z" rel="noopener">https://doi.org/10.3758/s13423-024-02615-z</a></li> <li>Jeong, J. E., &amp; Park, S. A. (2021). Physiological and psychological effects of visual stimulation with green plant types. International Journal of Environmental Research and Public Health, 18(24), Article 12932. <a href="https://doi.org/10.3390/ijerph182412932" rel="noopener">https://doi.org/10.3390/ijerph182412932</a></li> <li>Jo, H., Song, C., Ikei, H., Enomoto, S., Kobayashi, H., &amp; Miyazaki, Y. (2019). Physiological and psychological effects of forest and urban sounds using high-resolution sound sources. International Journal of Environmental Research and Public Health, 16(15), Article 2649. <a href="https://doi.org/10.3390/ijerph16152649" rel="noopener">https://doi.org/10.3390/ijerph16152649</a></li> <li>Stobbe, E., Sundermann, J., Ascone, L., &amp; Voderholzer, U. (2022). Birdsongs alleviate anxiety and paranoia in healthy participants. Scientific Reports, 12, Article 16414. <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-022-20841-0" rel="noopener">https://doi.org/10.1038/s41598-022-20841-0</a></li> <li>Marques, A., Marconcin, P., Werneck, A. O., Ferrari, G., Gouveia, É. R., Kliegel, M., Peralta, M., &amp; Ihle, A. (2021). Bidirectional association between physical activity and dopamine across adulthood—A systematic review. Brain Sciences, 11(7), 829. <a href="https://doi.org/10.3390/brainsci11070829" rel="noopener">https://doi.org/10.3390/brainsci11070829</a></li> <li>Goekint, M., Bos, I., Heyman, E., Meeusen, R., Michotte, Y., &amp; Sarre, S. (2012). Acute running stimulates hippocampal dopaminergic neurotransmission in rats, but has no influence on brain-derived neurotrophic factor. Journal of Applied Physiology, 112(4), 535–541. <a href="https://doi.org/10.1152/japplphysiol.00306.2011" rel="noopener">https://doi.org/10.1152/japplphysiol.00306.2011</a></li> <li>Noetel, M., Sanders, T., Gallardo-Gómez, D., Taylor, P., Del Pozo Cruz, B., van den Hoek, D., Smith, J. J., Mahoney, J., Spathis, J., Moresi, M., Pagano, R., Pagano, L., Vasconcellos, R., Arnott, H., Varley, B., Parker, P., Biddle, S., &amp; Lonsdale, C. (2024). Effect of exercise for depression: Systematic review and network meta-analysis of randomised controlled trials. BMJ, 384, Article e075847. <a href="https://doi.org/10.1136/bmj-2023-075847" rel="noopener">https://doi.org/10.1136/bmj-2023-075847</a></li> <li>Childs, E., &amp; de Wit, H. (2014). Regular exercise is associated with emotional resilience to acute stress in healthy adults. Frontiers in Physiology, 5, 161. <a href="https://doi.org/10.3389/fphys.2014.00161" rel="noopener">https://doi.org/10.3389/fphys.2014.00161</a></li> <li>Südwestrundfunk. (2025, 20. März). Darum beginnt der Frühling in der Natur immer früher. SWR. <a href="https://www.swr.de/leben/verbraucher/ard-marktcheck/klimawandel-fruehlingsanfang-immer-frueher-100.html" rel="noopener">https://www.swr.de/leben/verbraucher/ard-marktcheck/klimawandel-fruehlingsanfang-immer-frueher-100.html</a></li> </ol> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Ruzica-1-200x200.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Ruzica-1-400x400.jpg 2x" width="200"></img> <p>Mein Name ist Ruzica Sedic und ich studiere Neurowissenschaften im Master an der Universität Düsseldorf. Während meiner Ausbildung zur biotechnologischen Assistentin und meinem Bachelor in Biologie habe ich meine Liebe zur Zellbiologie entdeckt. Deshalb finde ich den Zusammenhang zwischen zellulären Prozessen und neurologischen Phänomenen besonders spannend. Außerdem fasziniert mich, wie unser Gehirn im Alltag funktioniert und welche unglaublichen Leistungen es vollbringt - oft ohne dass wir es bewusst wahrnehmen.</p> </div> </div> </article> <section> <div> <aside id="block-3"> <p>HIRN UND WEG ist der Neuroblog der <a href="https://www.ghst.de"><strong><mark>Gemeinnützigen Hertie-Stiftung</mark></strong></a> , der die Bandbreite und Facetten eines der faszinierendsten Organe zeigen, Erkenntnisse aus Wissenschaft einfach und gut erklären und geistreich und unterhaltsam begeistern möchte. Neben der Informationsvermittlung gehören die Förderung von Exzellenz und die Schaffung von Strukturen in den Neurowissenschaften zu den Zielen des Programmbereichs "Gehirn erforschen" der Stiftung. </p> </aside><aside id="block-2"> <figure><a href="https://www.ghst.de/"><img alt="" decoding="async" height="178" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-300x52.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-768x134.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1536x267.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1000x174.jpg 1000w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px.jpg 2000w" width="1024"></img></a><figcaption><a href="https://www.ghst.de/"><em>https://www.ghst.de/</em></a></figcaption></figure> </aside> </div> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-9"><div><p>&#xD; Die <a href="https://www.ghst.de/">Gemeinnützige Hertie-Stiftung </a>konzentriert sich auf die zwei Leitthemen „Gehirn erforschen“ und „Demokratie stärken“. Die Projekte der Stiftung setzen modellhafte Impulse innerhalb dieser Themen. &#xD; Ihr neu eingerichteter Neuroblog leistet einen Beitrag zur Förderung von Wissenschaftskommunikation und zum besseren Verständnis des Gehirns, seiner Funktionsweise und seiner Erkrankungen.&#xD; </p>&#xD; <p><a href="http://www.scilogs.de/kosmo//hirn-und-weg/impressum/">Impressum Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>&#xD; </p></div></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/fruehlingsgefuehle/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>3</slash:comments> </item> <item> <title>Rhyolith – Gestein des Jahres 2026 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/rhyolith-gestein-des-jahres-2026/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/rhyolith-gestein-des-jahres-2026/#comments Wed, 18 Mar 2026 21:12:11 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3784 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/45474302242_2f951310bc_z.jpg Ein roter Stein mit grauen Quarzeinsprenglingen liegt auf Sand https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/rhyolith-gestein-des-jahres-2026/ <h1>Rhyolith – Gestein des Jahres 2026 » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Auch 2026 gibt es wieder ein „Gestein des Jahres” – und diesmal ist es ein recht explosives. Okay, vielleicht nicht das Gestein selbst, aber seine Entstehung kann durchaus mit Explosionen verbunden sein. Rhyolith ist nämlich ein vulkanisches Gestein, das bei Vulkanausbrüchen entsteht. Es entsteht, wenn saure Magmen an die Erdoberfläche gelangen.</p> <h2>Was ist Rhyolith?</h2> <p>Der Name „Rhyolith“ setzt sich aus den griechischen Wörtern rheĩn für „fließen“ und lithos für „Stein“ zusammen. Die Bezeichnung für das Gestein wurde bereits 1860 von Ferdinand von Richthofen eingeführt. Ältere Bezeichnungen für dieses Gestein sind Quarzporphyr und Liparit. Quarzporphyr bezieht sich dabei auf Gesteine, die sich vor dem Mesozoikum gebildet haben.</p> <p>Rhyolithe sind felsische, also hauptsächlich aus Quarz und Feldspat bestehende, vulkanische Gesteine. Ihre Zusammensetzung entspricht der des Tiefengesteins Granit. Sie entstehen, wenn saure Magmen bis an die Erdoberfläche gelangen und dort abkühlen. Diese Magmen sind SiO₂-gesättigt und entsprechen in etwa einer Kombination aus Quarz und Kalifeldspat. Das ermöglicht die Bestimmung aller Rhyolithe mit erkennbaren Quarz- und Kalifeldspateinsprenglingen nur über die Einsprenglinge, auch wenn möglicherweise etwas Biotit vorkommen kann.</p> <p>Die makroskopisch nicht weiter unterscheidbare Grundmasse kann dann nur aus Quarz und Kalifeldspat bestehen.</p> <h2>Wie ist Rhyolith zusammengesetzt?</h2> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/45474302242_2f951310bc_z.jpg"><img alt="Ein roter Stein mit grauen Quarzeinsprenglingen liegt auf Sand" decoding="async" height="480" sizes="(max-width: 640px) 100vw, 640px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/45474302242_2f951310bc_z.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/45474302242_2f951310bc_z.jpg 640w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/45474302242_2f951310bc_z-300x225.jpg 300w" width="640"></img></a><figcaption>Roter Ostseequarzporphyr</figcaption></figure> <p>Wie bereits gesagt, bestehen Rhyolithe hauptsächlich aus Quarz und Kalifeldspat, wobei der Quarzanteil zwischen 20 und 60 Massenprozent schwanken kann. Damit stellen Rhyolithe die bei niedrigstmöglichen Temperaturen auskristallisierte, SiO₂-gesättigte Zusammensetzung von Magma dar.<aside></aside></p> <p>Es gibt fließende Übergänge zum Dacit. Die Bezeichnung „Rhyodacit” ist jedoch nicht von der IUGS anerkannt.</p> <p>Rhyolithe zeigen meist ein porphyrisches Gefüge. Das heißt, dass sie aus einer feinkristallinen Grundmasse bestehen, in der man mit unbewaffnetem Auge keine einzelnen Minerale unterscheiden kann. In diese Grundmasse sind dann größere Einsprenglinge aus Feldspat oder Quarz eingebettet. Diese können von wenigen Millimetern bis zu mehreren Zentimetern groß sein. Es gibt jedoch auch Rhyolithe ohne Einsprenglinge.</p> <h3>Aussehen</h3> <p>Manche Rhyolithe zeigen gut erkennbare Fließstrukturen, was ein klein wenig irreführend ist. Denn rhyolithische Laven fließen nicht aus Vulkanen, wie es bei basaltischen Laven der Fall ist. Sie sind in der Regel massig und zeigen nur sehr selten säulige Formen, wie sie bei Basalt zu beobachten sind. Häufiger sind bankige oder plattige Strukturen zu beobachten.</p> <p>Ihre Farbe ist hell, oft auch rötlich. Die rötliche Farbe ist dabei immer ein Hinweis auf postmagmatische Alteration. Es gibt auch glasige (Obsidian) und schaumige (Bims oder Perlit) Formen.</p> <figure><img alt="" decoding="async" src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/3c/Quarzporphyr.jpg"></img><figcaption>Angeschliffenes Handstück eines Rotliegend-<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%B6bej%C3%BCner_Porphyr" rel="noopener">Rhyoliths aus Löbejün</a>. Gut erkennbar die hellen Kalifeldspäte und die hier grau erscheinenden Quarze. Gescanntes Handstück von Grabenstedt, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Quarzporphyr.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Quarzporphyr</a>, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY-SA 3.0</a>.</figcaption></figure> <h2>Wie entstehen Rhyolithe?</h2> <p>Wie ich oben bereits sagte, kann man manchmal Fließstrukturen erkennen. Das ist jedoch in gewisser Hinsicht irreführend. Das liegt daran, dass rhyolitische Lava aufgrund ihres hohen SiO₂-Gehalts sehr zäh ist und sich nur langsam abkühlt. Sie fließt nicht die Hänge herab, wie es bei basaltischer Lava der Fall ist. Rhyolithe und ihre petrografisch verwandten Dacite sind in der Regel ignimbritisch oder zumindest pyroklastisch. Sie entstehen durch mehr oder weniger mächtige <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/hier-geht-es-hei-her-pyroklastische-str-me/">Glutwolkenablagerungen</a> bei explosivem Vulkanismus. </p> <p>Ignimbritische Rhyolithe können aufgrund ihrer hohen Verwitterungsresistenz extrem große und mächtige Ablagerungen darstellen. Diese Härte lässt sie oft wie schroffe, massive Felsen mit steilen Wänden erscheinen. So besteht beispielsweise die größte außeralpine Steilwand Deutschlands, der rund 200 Meter hohe und gut zwei Kilometer lange Rothenfels an der Nahe bei Bad Münster, aus dem Kreuznacher Porphyr, einem Rhyolith.</p> <h2>Wo kann man Rhyolithe finden?</h2> <p>Rhyolithe treten meist im Zusammenhang mit kontinentalem Vulkanismus auf. In Europa finden wir sie beispielsweise im Flechtinger Höhenzug, im Ilfelder Becken im Südharz, in der Saar-Nahe-Senke, wo sie unter anderem im Kreuznacher Porphyr vorkommen, sowie am Königsstuhl. Auch der Karlsruher Grat im Schwarzwald besteht aus Rhyolith. Weitere Fundorte sind das nördliche Sachsen, das südliche Sachsen-Anhalt, die östliche Hälfte des Thüringer Waldes und die Vogesen. Dies sind jedoch nur einige Beispiele.</p> <p>An der Ostseeküste kann man im Geschiebe verschiedene Rhyolithe finden, zum Beispiel den <a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">Roten Ostseequarzporphyr.</a></p> <h2>Wozu kann man Rhyolithe verwenden?</h2> <p>Früher wurden Obsidianvorkommen oft zur Herstellung von Steinwerkzeugen genutzt. Heute wird Obsidian dagegen überwiegend nur zur Herstellung von Kunstgegenständen verwendet. Aufgrund ihrer Härte und Zähigkeit werden ignimbritische Rhyolithe gerne als Schotter, Split oder Pflastersteine verwendet. Auch als Naturwerkstein wird Rhyolith gerne genutzt. Wenn man durch unsere modernen Städte geht, kann man in den Shoppingcentern oft sehr gute „urbane Geologie” betreiben. So findet man am Neuen Wall in Hamburg beispielsweise <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rochlitzer_Porphyr" rel="noopener">Rochlitzer Porphyr</a>. Dieser Rhyolith wurde 2022 von der International Union of Geological Sciences (IUGS) als erstes Gestein Deutschlands zum „Heritage Stone“, also zum „Naturstein-Welterbe“, ernannt.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Rhyolith – Gestein des Jahres 2026 » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Auch 2026 gibt es wieder ein „Gestein des Jahres” – und diesmal ist es ein recht explosives. Okay, vielleicht nicht das Gestein selbst, aber seine Entstehung kann durchaus mit Explosionen verbunden sein. Rhyolith ist nämlich ein vulkanisches Gestein, das bei Vulkanausbrüchen entsteht. Es entsteht, wenn saure Magmen an die Erdoberfläche gelangen.</p> <h2>Was ist Rhyolith?</h2> <p>Der Name „Rhyolith“ setzt sich aus den griechischen Wörtern rheĩn für „fließen“ und lithos für „Stein“ zusammen. Die Bezeichnung für das Gestein wurde bereits 1860 von Ferdinand von Richthofen eingeführt. Ältere Bezeichnungen für dieses Gestein sind Quarzporphyr und Liparit. Quarzporphyr bezieht sich dabei auf Gesteine, die sich vor dem Mesozoikum gebildet haben.</p> <p>Rhyolithe sind felsische, also hauptsächlich aus Quarz und Feldspat bestehende, vulkanische Gesteine. Ihre Zusammensetzung entspricht der des Tiefengesteins Granit. Sie entstehen, wenn saure Magmen bis an die Erdoberfläche gelangen und dort abkühlen. Diese Magmen sind SiO₂-gesättigt und entsprechen in etwa einer Kombination aus Quarz und Kalifeldspat. Das ermöglicht die Bestimmung aller Rhyolithe mit erkennbaren Quarz- und Kalifeldspateinsprenglingen nur über die Einsprenglinge, auch wenn möglicherweise etwas Biotit vorkommen kann.</p> <p>Die makroskopisch nicht weiter unterscheidbare Grundmasse kann dann nur aus Quarz und Kalifeldspat bestehen.</p> <h2>Wie ist Rhyolith zusammengesetzt?</h2> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/45474302242_2f951310bc_z.jpg"><img alt="Ein roter Stein mit grauen Quarzeinsprenglingen liegt auf Sand" decoding="async" height="480" sizes="(max-width: 640px) 100vw, 640px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/45474302242_2f951310bc_z.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/45474302242_2f951310bc_z.jpg 640w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/45474302242_2f951310bc_z-300x225.jpg 300w" width="640"></img></a><figcaption>Roter Ostseequarzporphyr</figcaption></figure> <p>Wie bereits gesagt, bestehen Rhyolithe hauptsächlich aus Quarz und Kalifeldspat, wobei der Quarzanteil zwischen 20 und 60 Massenprozent schwanken kann. Damit stellen Rhyolithe die bei niedrigstmöglichen Temperaturen auskristallisierte, SiO₂-gesättigte Zusammensetzung von Magma dar.<aside></aside></p> <p>Es gibt fließende Übergänge zum Dacit. Die Bezeichnung „Rhyodacit” ist jedoch nicht von der IUGS anerkannt.</p> <p>Rhyolithe zeigen meist ein porphyrisches Gefüge. Das heißt, dass sie aus einer feinkristallinen Grundmasse bestehen, in der man mit unbewaffnetem Auge keine einzelnen Minerale unterscheiden kann. In diese Grundmasse sind dann größere Einsprenglinge aus Feldspat oder Quarz eingebettet. Diese können von wenigen Millimetern bis zu mehreren Zentimetern groß sein. Es gibt jedoch auch Rhyolithe ohne Einsprenglinge.</p> <h3>Aussehen</h3> <p>Manche Rhyolithe zeigen gut erkennbare Fließstrukturen, was ein klein wenig irreführend ist. Denn rhyolithische Laven fließen nicht aus Vulkanen, wie es bei basaltischen Laven der Fall ist. Sie sind in der Regel massig und zeigen nur sehr selten säulige Formen, wie sie bei Basalt zu beobachten sind. Häufiger sind bankige oder plattige Strukturen zu beobachten.</p> <p>Ihre Farbe ist hell, oft auch rötlich. Die rötliche Farbe ist dabei immer ein Hinweis auf postmagmatische Alteration. Es gibt auch glasige (Obsidian) und schaumige (Bims oder Perlit) Formen.</p> <figure><img alt="" decoding="async" src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/3c/Quarzporphyr.jpg"></img><figcaption>Angeschliffenes Handstück eines Rotliegend-<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%B6bej%C3%BCner_Porphyr" rel="noopener">Rhyoliths aus Löbejün</a>. Gut erkennbar die hellen Kalifeldspäte und die hier grau erscheinenden Quarze. Gescanntes Handstück von Grabenstedt, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Quarzporphyr.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Quarzporphyr</a>, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY-SA 3.0</a>.</figcaption></figure> <h2>Wie entstehen Rhyolithe?</h2> <p>Wie ich oben bereits sagte, kann man manchmal Fließstrukturen erkennen. Das ist jedoch in gewisser Hinsicht irreführend. Das liegt daran, dass rhyolitische Lava aufgrund ihres hohen SiO₂-Gehalts sehr zäh ist und sich nur langsam abkühlt. Sie fließt nicht die Hänge herab, wie es bei basaltischer Lava der Fall ist. Rhyolithe und ihre petrografisch verwandten Dacite sind in der Regel ignimbritisch oder zumindest pyroklastisch. Sie entstehen durch mehr oder weniger mächtige <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/hier-geht-es-hei-her-pyroklastische-str-me/">Glutwolkenablagerungen</a> bei explosivem Vulkanismus. </p> <p>Ignimbritische Rhyolithe können aufgrund ihrer hohen Verwitterungsresistenz extrem große und mächtige Ablagerungen darstellen. Diese Härte lässt sie oft wie schroffe, massive Felsen mit steilen Wänden erscheinen. So besteht beispielsweise die größte außeralpine Steilwand Deutschlands, der rund 200 Meter hohe und gut zwei Kilometer lange Rothenfels an der Nahe bei Bad Münster, aus dem Kreuznacher Porphyr, einem Rhyolith.</p> <h2>Wo kann man Rhyolithe finden?</h2> <p>Rhyolithe treten meist im Zusammenhang mit kontinentalem Vulkanismus auf. In Europa finden wir sie beispielsweise im Flechtinger Höhenzug, im Ilfelder Becken im Südharz, in der Saar-Nahe-Senke, wo sie unter anderem im Kreuznacher Porphyr vorkommen, sowie am Königsstuhl. Auch der Karlsruher Grat im Schwarzwald besteht aus Rhyolith. Weitere Fundorte sind das nördliche Sachsen, das südliche Sachsen-Anhalt, die östliche Hälfte des Thüringer Waldes und die Vogesen. Dies sind jedoch nur einige Beispiele.</p> <p>An der Ostseeküste kann man im Geschiebe verschiedene Rhyolithe finden, zum Beispiel den <a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">Roten Ostseequarzporphyr.</a></p> <h2>Wozu kann man Rhyolithe verwenden?</h2> <p>Früher wurden Obsidianvorkommen oft zur Herstellung von Steinwerkzeugen genutzt. Heute wird Obsidian dagegen überwiegend nur zur Herstellung von Kunstgegenständen verwendet. Aufgrund ihrer Härte und Zähigkeit werden ignimbritische Rhyolithe gerne als Schotter, Split oder Pflastersteine verwendet. Auch als Naturwerkstein wird Rhyolith gerne genutzt. Wenn man durch unsere modernen Städte geht, kann man in den Shoppingcentern oft sehr gute „urbane Geologie” betreiben. So findet man am Neuen Wall in Hamburg beispielsweise <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rochlitzer_Porphyr" rel="noopener">Rochlitzer Porphyr</a>. Dieser Rhyolith wurde 2022 von der International Union of Geological Sciences (IUGS) als erstes Gestein Deutschlands zum „Heritage Stone“, also zum „Naturstein-Welterbe“, ernannt.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/rhyolith-gestein-des-jahres-2026/#comments 1 Antifeministische Mobilisierung als Katalysator der extremen Rechten? https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/antifeministische-mobilisierung-als-katalysator-der-extremen-rechten/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/antifeministische-mobilisierung-als-katalysator-der-extremen-rechten/#comments Wed, 18 Mar 2026 13:16:14 +0000 Jessica Hoyer https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=405 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Stromkabel-scaled-e1773678481929-768x766.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/antifeministische-mobilisierung-als-katalysator-der-extremen-rechten/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Stromkabel-scaled-e1773678481929.jpg" /><h1>Antifeministische Mobilisierung als Katalysator der extremen Rechten? » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Von Jessica Hoyer</h2><div itemprop="text"> <p><strong><strong>Antifeminismus ist ein zentrales ideologisches Element der extremen Rechten. Er richtet sich gegen Gleichstellung und geschlechtliche Vielfalt und hält an traditionellen Geschlechter- und Familienbildern fest. Zugleich verbindet er als Brückenideologie extrem rechte, konservative und religiöse Akteur*innen und trägt so zur gesellschaftlichen Anschlussfähigkeit extrem rechter Positionen bei.</strong></strong></p> <p>Im Sommer 2025 sorgte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) mit einer Metapher für Schlagzeilen: „Ohne Auto, Maschinenbau und Chemie ist Deutschland wie eine Dame ohne Unterleib.“ Dieser Vergleich, der auf einer alte Jahrmarkt-Attraktion beruht, reduziert Frauen auf ihre Fortpflanzungsorgane und bemisst ihren Wert an ihrer Gebärfähigkeit. Er offenbart ein sexistisches und patriarchales Gesellschaftsbild, das Frauen nicht als selbstbestimmte Subjekte sieht, sondern sie auf ihre vermeintlich „natürliche“ Rolle reduziert. Trotz feministischer Erfolge seit Ende des 19. Jahrhunderts halten sich solche Geschlechterbilder hartnäckig – und quer durch die Gesellschaft.</p> <p>Maßnahmen, wie das in Bayern beschlossene Verbot geschlechtergerechter Sprache in Teilen der öffentlichen Verwaltung und an Schulen zeigen zudem, dass Auseinandersetzungen um Geschlecht und Gleichstellung zunehmend politisiert werden. Doch handelt es sich bei solchen Fällen nicht nur um veraltete Sprachbilder, überkommene gesellschaftliche Deutungsmuster und individuelle Denkweisen. Dahinter verbirgt sich ein größerer ideologischer Zusammenhang.</p> <h3><strong>Antifeminismus als Kernelement extrem rechter Ideologie</strong></h3> <p>Antifeministische Positionen zeigen sich auf unterschiedliche Arten und in diversen Ausprägungen insbesondere in konservativen, religiösen und extrem rechten Milieus. In der extremen Rechten ist der Antifeminismus zudem ein zentraler ideologischer Bestandteil. Geschlechterkonstruktionen und -‍‍verhältnisse nehmen dabei eine wichtige Rolle ein. Die Ideologie der extremen Rechten richtet sich gegen eine Gleichstellung der Geschlechter und lehnt geschlechtliche Vielfalt grundsätzlich ab. Stattdessen wird eine vermeintlich „natürliche“ Zweigeschlechtlichkeit mit spezifischen Rollenbildern und ein heteronormatives Familienbild aus Mann, Frau und Kind(ern) propagiert.</p> <p>Exemplarisch zeigt sich das auch in der programmatischen Ausrichtung der AfD sowie in öffentlichen Äußerungen von Parteivertreter*innen. „Genderwahn“ und „Gender-Ideologie“ sind zentrale Kampfbegriffe und in der Partei weit verbreitet. Ebenso die Behauptung, es gäbe nur zwei Geschlechter. Gender Studies werden als angeblich unwissenschaftlich und ideologiegetrieben diffamiert und deren Abschaffung gefordert.<aside></aside></p> <p>In der Ideologie der extremen Rechten wird der Frau eine reproduktive Rolle als Gebärerin und Erzieherin zugeschrieben, die dem Erhalt der „Volksgemeinschaft“ dient, während der Mann in soldatisch-kämpferischer Manier als deren Beschützer inszeniert wird. Für die Rechtfertigung dieser geschlechterstereotypischen Zuschreibungen zieht die extreme Rechte vermeintlich naturgegebene Unterschiede zwischen den Geschlechtern sowie biologische Merkmale heran. Diese gelten als unveränderlich und dienen zur Legitimation einer traditionellen Geschlechterordnung.</p> <h3><strong>Antifeminismus als Abwehrreaktion</strong></h3> <p>Zugleich wird das Familienbild rassistisch aufgeladen: die <em>weiße deutsche</em> Familie als „Keimzelle der Nation“ hat in diesem Weltbild die Funktion, die „Rasse“ zu erhalten. Der <em>weiße</em> Mann wird durchweg positiv, der Schwarze bzw. migrantisierte Mann als besonders triebhaft oder sexuell übergriffig dargestellt. Sexualisierte Gewalt wird so externalisiert und als spezifisches Problem bestimmter ethnischer und kultureller Gruppen imaginiert, während sich die „eigene“ Gruppe selbst entlastet und als schützende Instanz inszeniert.</p> <p>Antifeminismus ist eine Reaktion auf gesellschaftliche Modernisierungsprozesse, die u.a. durch den Feminismus vorangetrieben werden. Feministische Bewegungen zielen darauf ab, bestehende männlich dominierte Machtstrukturen und Hierarchien in der Gesellschaft sowie traditionelle Rollen- und Geschlechterbilder zu überwinden. Da geschlechtsspezifische Unterschiede im extrem rechten Weltbild als vermeintlich unveränderlich gelten, wird der Feminismus, genauso wie queere Lebensentwürfe und geschlechtliche Vielfalt, als „widernatürlich“ abgelehnt und als Feindbild betrachtet. Antifeminismus fungiert somit als Abwehrreaktion gegen den Verlust traditioneller Ordnungsvorstellungen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="575" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-1024x575.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-1024x575.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-300x168.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-768x431.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-1536x862.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-2048x1150.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Der Frauenkampftag am 8. März steht für diese andauernde Auseinandersetzung um Gleichstellung und geschlechtliche Vielfalt – wie hier 2025 in Regensburg. Foto: eben.widerspruch</em></figcaption></figure> <h3><strong>Gleichstellungsarbeit und Gender Studies unter Druck</strong></h3> <p>Auch Gleichstellungsarbeit und Gender Studies als Teil von Modernisierungsprozessen geraten ins Visier der extremen Rechten. Gleichstellungsarbeit nimmt strukturelle Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern in den Blick. Gender Studies untersuchen die Bedeutung von Geschlecht in Geschichte, Kultur, Politik, Gesellschaft, Technik und Wissenschaft sowie Geschlechterverhältnisse. Trotz ihrer unterschiedlichen Schwerpunkte sind beide Bereiche immer wieder Ziel ähnlicher Anfeindungen und Angriffe. Unser <a href="https://www.forgerex.de/forschungsthemen/rechtsextreme-einfluesse-auf-sozial-und-gleichstellungsarbeit-resag/" rel="noopener">Forschungsprojekt</a> untersucht, wie und in welchem Ausmaß extrem rechte Einflussnahmen auf Gleichstellungsarbeit und Gender Studies in Bayern wahrgenommen werden.</p> <p>Die Ergebnisse unserer Erhebung unter kommunalen und hochschulischen Gleichstellungsbeauftragten sowie unter Forschenden und Lehrenden der Gender Studies zeigen, dass Betroffene in beiden Bereichen häufig nicht ernst genommen werden. Neben Desinteresse und Geringschätzung begegnen insbesondere Gleichstellungsbeauftragte dem Vorwurf, ihre Arbeit sei überflüssig. Dahinter steckt oft die Vorstellung, Gleichstellung sei bereits erreicht, wodurch die Notwendigkeit weiterer Maßnahmen infrage gestellt wird. Zugleich nehmen antifeministische Einflussnahmen laut der Befragten seit einigen Jahren deutlich zu. Sie umfassen etwa die Infragestellung der fachlichen Kompetenz, Forderungen nach Abschaffung der Stellen, Störungen von Veranstaltungen, Sachbeschädigungen, verbale Angriffe, Bedrohungen und vereinzelt auch körperliche Übergriffe oder Doxing (Veröffentlichung privater Informationen). Viele Betroffene reagieren mit einem Rückzug aus öffentlichen und digitalen Räumen sowie aus wissenschaftlichen Diskursen. Sie berichten von Verunsicherung und gefühlter Isolation. Gleichzeitig sehen sich die meisten in ihrem Engagement bestärkt.</p> <h3><strong>Antifeminismus als Brückenideologie</strong></h3> <p>Unsere Ergebnisse zeigen, dass Einflussnahmen auf Gleichstellungsarbeit und Gender Studies nicht nur von der extremen Rechten ausgehen. Die Befragten beschreiben auch Anfeindungen und Angriffe aus der breiten Gesellschaft. Antifeminismus fungiert als verbindendes Element zwischen verschiedenen Akteur*innen und dient als Brücke zwischen konservativer, extremer und religiöser Rechter aber auch der sogenannten „gesellschaftlichen Mitte“. Deutlich wird dies beim <em>Marsch für das Leben</em>, der jährlich in mehreren deutschen Städten stattfindet. Hier kommen Abtreibungsgegner*innen aus dem fundamental christlichen, konservativen und extrem rechten Lager zusammen, um gegen das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche zu demonstrieren. Bei Demonstrationen des Netzwerks <em>Demo für Alle</em> gingen in mehreren Städten extrem rechte und konservative Antifeminist*innen gegen eine angebliche „Frühsexualisierung“ von Kindern (durch Sexualunterricht in der Grundschule), gegen die gleichgeschlechtliche Ehe für Alle und gegen eine angebliche „Gender-Ideologie“ auf die Straße. Der Begriff der „Gender-Ideologie“ ist bis in die CSU hinein verbreitet.</p> <p>Solche Schulterschlüsse bleiben nicht folgenlos. Die eingangs zitierte Aussage von Markus Söder verweist auf ein überholtes Geschlechter- und Gesellschaftsbild, das nicht nur auf extrem rechte Milieus beschränkt, sondern in weiten Teilen der Gesellschaft verbreitet ist. Wenn antifeministische Argumentationen gesamtgesellschaftlich akzeptiert werden, kann dies zu einer Normalisierung eben jener Positionen beitragen. So können Resonanzräume entstehen, die wiederum die Handlungsspielräume der extremen Rechten erweitern. Diese erkennt im Antifeminismus Potenzial, um konservative und bürgerliche Milieus anzusprechen und macht extrem rechte Positionen dadurch anschlussfähiger.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Stromkabel-scaled-e1773678481929.jpg" /><h1>Antifeministische Mobilisierung als Katalysator der extremen Rechten? » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Von Jessica Hoyer</h2><div itemprop="text"> <p><strong><strong>Antifeminismus ist ein zentrales ideologisches Element der extremen Rechten. Er richtet sich gegen Gleichstellung und geschlechtliche Vielfalt und hält an traditionellen Geschlechter- und Familienbildern fest. Zugleich verbindet er als Brückenideologie extrem rechte, konservative und religiöse Akteur*innen und trägt so zur gesellschaftlichen Anschlussfähigkeit extrem rechter Positionen bei.</strong></strong></p> <p>Im Sommer 2025 sorgte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) mit einer Metapher für Schlagzeilen: „Ohne Auto, Maschinenbau und Chemie ist Deutschland wie eine Dame ohne Unterleib.“ Dieser Vergleich, der auf einer alte Jahrmarkt-Attraktion beruht, reduziert Frauen auf ihre Fortpflanzungsorgane und bemisst ihren Wert an ihrer Gebärfähigkeit. Er offenbart ein sexistisches und patriarchales Gesellschaftsbild, das Frauen nicht als selbstbestimmte Subjekte sieht, sondern sie auf ihre vermeintlich „natürliche“ Rolle reduziert. Trotz feministischer Erfolge seit Ende des 19. Jahrhunderts halten sich solche Geschlechterbilder hartnäckig – und quer durch die Gesellschaft.</p> <p>Maßnahmen, wie das in Bayern beschlossene Verbot geschlechtergerechter Sprache in Teilen der öffentlichen Verwaltung und an Schulen zeigen zudem, dass Auseinandersetzungen um Geschlecht und Gleichstellung zunehmend politisiert werden. Doch handelt es sich bei solchen Fällen nicht nur um veraltete Sprachbilder, überkommene gesellschaftliche Deutungsmuster und individuelle Denkweisen. Dahinter verbirgt sich ein größerer ideologischer Zusammenhang.</p> <h3><strong>Antifeminismus als Kernelement extrem rechter Ideologie</strong></h3> <p>Antifeministische Positionen zeigen sich auf unterschiedliche Arten und in diversen Ausprägungen insbesondere in konservativen, religiösen und extrem rechten Milieus. In der extremen Rechten ist der Antifeminismus zudem ein zentraler ideologischer Bestandteil. Geschlechterkonstruktionen und -‍‍verhältnisse nehmen dabei eine wichtige Rolle ein. Die Ideologie der extremen Rechten richtet sich gegen eine Gleichstellung der Geschlechter und lehnt geschlechtliche Vielfalt grundsätzlich ab. Stattdessen wird eine vermeintlich „natürliche“ Zweigeschlechtlichkeit mit spezifischen Rollenbildern und ein heteronormatives Familienbild aus Mann, Frau und Kind(ern) propagiert.</p> <p>Exemplarisch zeigt sich das auch in der programmatischen Ausrichtung der AfD sowie in öffentlichen Äußerungen von Parteivertreter*innen. „Genderwahn“ und „Gender-Ideologie“ sind zentrale Kampfbegriffe und in der Partei weit verbreitet. Ebenso die Behauptung, es gäbe nur zwei Geschlechter. Gender Studies werden als angeblich unwissenschaftlich und ideologiegetrieben diffamiert und deren Abschaffung gefordert.<aside></aside></p> <p>In der Ideologie der extremen Rechten wird der Frau eine reproduktive Rolle als Gebärerin und Erzieherin zugeschrieben, die dem Erhalt der „Volksgemeinschaft“ dient, während der Mann in soldatisch-kämpferischer Manier als deren Beschützer inszeniert wird. Für die Rechtfertigung dieser geschlechterstereotypischen Zuschreibungen zieht die extreme Rechte vermeintlich naturgegebene Unterschiede zwischen den Geschlechtern sowie biologische Merkmale heran. Diese gelten als unveränderlich und dienen zur Legitimation einer traditionellen Geschlechterordnung.</p> <h3><strong>Antifeminismus als Abwehrreaktion</strong></h3> <p>Zugleich wird das Familienbild rassistisch aufgeladen: die <em>weiße deutsche</em> Familie als „Keimzelle der Nation“ hat in diesem Weltbild die Funktion, die „Rasse“ zu erhalten. Der <em>weiße</em> Mann wird durchweg positiv, der Schwarze bzw. migrantisierte Mann als besonders triebhaft oder sexuell übergriffig dargestellt. Sexualisierte Gewalt wird so externalisiert und als spezifisches Problem bestimmter ethnischer und kultureller Gruppen imaginiert, während sich die „eigene“ Gruppe selbst entlastet und als schützende Instanz inszeniert.</p> <p>Antifeminismus ist eine Reaktion auf gesellschaftliche Modernisierungsprozesse, die u.a. durch den Feminismus vorangetrieben werden. Feministische Bewegungen zielen darauf ab, bestehende männlich dominierte Machtstrukturen und Hierarchien in der Gesellschaft sowie traditionelle Rollen- und Geschlechterbilder zu überwinden. Da geschlechtsspezifische Unterschiede im extrem rechten Weltbild als vermeintlich unveränderlich gelten, wird der Feminismus, genauso wie queere Lebensentwürfe und geschlechtliche Vielfalt, als „widernatürlich“ abgelehnt und als Feindbild betrachtet. Antifeminismus fungiert somit als Abwehrreaktion gegen den Verlust traditioneller Ordnungsvorstellungen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="575" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-1024x575.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-1024x575.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-300x168.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-768x431.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-1536x862.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-2048x1150.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Der Frauenkampftag am 8. März steht für diese andauernde Auseinandersetzung um Gleichstellung und geschlechtliche Vielfalt – wie hier 2025 in Regensburg. Foto: eben.widerspruch</em></figcaption></figure> <h3><strong>Gleichstellungsarbeit und Gender Studies unter Druck</strong></h3> <p>Auch Gleichstellungsarbeit und Gender Studies als Teil von Modernisierungsprozessen geraten ins Visier der extremen Rechten. Gleichstellungsarbeit nimmt strukturelle Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern in den Blick. Gender Studies untersuchen die Bedeutung von Geschlecht in Geschichte, Kultur, Politik, Gesellschaft, Technik und Wissenschaft sowie Geschlechterverhältnisse. Trotz ihrer unterschiedlichen Schwerpunkte sind beide Bereiche immer wieder Ziel ähnlicher Anfeindungen und Angriffe. Unser <a href="https://www.forgerex.de/forschungsthemen/rechtsextreme-einfluesse-auf-sozial-und-gleichstellungsarbeit-resag/" rel="noopener">Forschungsprojekt</a> untersucht, wie und in welchem Ausmaß extrem rechte Einflussnahmen auf Gleichstellungsarbeit und Gender Studies in Bayern wahrgenommen werden.</p> <p>Die Ergebnisse unserer Erhebung unter kommunalen und hochschulischen Gleichstellungsbeauftragten sowie unter Forschenden und Lehrenden der Gender Studies zeigen, dass Betroffene in beiden Bereichen häufig nicht ernst genommen werden. Neben Desinteresse und Geringschätzung begegnen insbesondere Gleichstellungsbeauftragte dem Vorwurf, ihre Arbeit sei überflüssig. Dahinter steckt oft die Vorstellung, Gleichstellung sei bereits erreicht, wodurch die Notwendigkeit weiterer Maßnahmen infrage gestellt wird. Zugleich nehmen antifeministische Einflussnahmen laut der Befragten seit einigen Jahren deutlich zu. Sie umfassen etwa die Infragestellung der fachlichen Kompetenz, Forderungen nach Abschaffung der Stellen, Störungen von Veranstaltungen, Sachbeschädigungen, verbale Angriffe, Bedrohungen und vereinzelt auch körperliche Übergriffe oder Doxing (Veröffentlichung privater Informationen). Viele Betroffene reagieren mit einem Rückzug aus öffentlichen und digitalen Räumen sowie aus wissenschaftlichen Diskursen. Sie berichten von Verunsicherung und gefühlter Isolation. Gleichzeitig sehen sich die meisten in ihrem Engagement bestärkt.</p> <h3><strong>Antifeminismus als Brückenideologie</strong></h3> <p>Unsere Ergebnisse zeigen, dass Einflussnahmen auf Gleichstellungsarbeit und Gender Studies nicht nur von der extremen Rechten ausgehen. Die Befragten beschreiben auch Anfeindungen und Angriffe aus der breiten Gesellschaft. Antifeminismus fungiert als verbindendes Element zwischen verschiedenen Akteur*innen und dient als Brücke zwischen konservativer, extremer und religiöser Rechter aber auch der sogenannten „gesellschaftlichen Mitte“. Deutlich wird dies beim <em>Marsch für das Leben</em>, der jährlich in mehreren deutschen Städten stattfindet. Hier kommen Abtreibungsgegner*innen aus dem fundamental christlichen, konservativen und extrem rechten Lager zusammen, um gegen das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche zu demonstrieren. Bei Demonstrationen des Netzwerks <em>Demo für Alle</em> gingen in mehreren Städten extrem rechte und konservative Antifeminist*innen gegen eine angebliche „Frühsexualisierung“ von Kindern (durch Sexualunterricht in der Grundschule), gegen die gleichgeschlechtliche Ehe für Alle und gegen eine angebliche „Gender-Ideologie“ auf die Straße. Der Begriff der „Gender-Ideologie“ ist bis in die CSU hinein verbreitet.</p> <p>Solche Schulterschlüsse bleiben nicht folgenlos. Die eingangs zitierte Aussage von Markus Söder verweist auf ein überholtes Geschlechter- und Gesellschaftsbild, das nicht nur auf extrem rechte Milieus beschränkt, sondern in weiten Teilen der Gesellschaft verbreitet ist. Wenn antifeministische Argumentationen gesamtgesellschaftlich akzeptiert werden, kann dies zu einer Normalisierung eben jener Positionen beitragen. So können Resonanzräume entstehen, die wiederum die Handlungsspielräume der extremen Rechten erweitern. Diese erkennt im Antifeminismus Potenzial, um konservative und bürgerliche Milieus anzusprechen und macht extrem rechte Positionen dadurch anschlussfähiger.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/antifeministische-mobilisierung-als-katalysator-der-extremen-rechten/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>7</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeo Podcast: Das Rätsel der verdrehten Alpen https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/drunter-ueber-drueber-das-raetsel-der-verdrehten-alpen/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/drunter-ueber-drueber-das-raetsel-der-verdrehten-alpen/#comments Sun, 15 Mar 2026 05:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1852 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-8-768x768.jpg Bergkette aus grauem Gestein, mehrere Gipfel nebeneinander, im Gestein geht eine Linie von links nach rechts, darunter beginnen steile Schuttfelder mit Schnee, in der Ferne weitere Berge und Wolken. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/drunter-ueber-drueber-das-raetsel-der-verdrehten-alpen/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel_sl-5.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Das Rätsel der verdrehten Alpen » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag133-alpen-1.html#/" rel="noopener">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>Im 18. Jahrhundert galten die Alpen vielen als schrecklich und ihre Überquerung als Qual, die man, wenn überhaupt, schnell hinter sich brachte. Selbst auf die frühen Geologen wirkten die hohen Berge und ihre Gesteine gleichermaßen unangenehm und unübersichtlich. Was bedeuteten die geschichteten, gestapelten und gefalteten Gesteine? Wie waren sie in ihre heutige Lage gelangt? Wieso ist dort ein solches Gebirge entstanden?</p> <p>Karl beginnt eine mehrteilige Reise durch die Geschichte der Alpenforschung. In dieser ersten Folge geht es um eine natürliche Arena, die heute Tektonikarena Sardona heißt. Sie liegt zwischen den Schweizer Kantonen Glarus und Graubünden und ist mittlerweile weltberühmt. Es ist eine Gegend, die Forschern schon vor über 200 Jahren aufgefallen war. Denn dort gibt es etwas, das in der Natur eigentlich unmöglich zu sein schien: Alte Gesteine liegen auf neuen. Der Berg steht quasi verkehrt herum – und das verlangte eine Erklärung.<aside></aside></p> <p>Die Arena mitten in den Alpen ist etwas Besonderes, denn hier offenbart sich der geologische Bauplan des Gebirges. Bis dieser Plan entschlüsselt werden konnte, mussten die Forscher die Berge über ein Jahrhundert lang durchstreifen, ihre Messungen in Karten eintragen und die ermittelten Daten dann zum großen Ganzen zusammenfügen. Dabei mussten sie auch Hürden überwinden. Denn nicht nur das Gestein hat seine Eigenheiten, sondern auch das Ego der beteiligten Forscher, was die Lösung des Rätsels über Jahrzehnte zurückhielt.</p> <p>Erst im Jahr 1903 einigte man sich – und es ergab sich zum ersten Mal ein schlüssiges Bild: Demnach wurden Gesteine nicht nur verformt oder gefaltet. Vor allem wurden sie in sogenannten Decken übereinander geschoben. Die Architektur der Alpen und vieler anderer Gebirge war verstanden – und auch die Schichtenfolge im Osten der Schweiz erhielt ihren heutigen Namen und ihren Weltruhm: die Glarner Hauptüberschiebung. Eine maßstäbliche Kopie findet sich heute im Museum of Natural History in New York. Seit 2008 gehört die Bergkette zum Weltnaturerbe der UNESCO.</p> <h3>Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 28: <a href="https://astrogeo.de/ag028-die-alpen/" rel="noopener">Die Alpen</a></li> <li>Folge 83: <a href="https://astrogeo.de/das-dolomitproblem-wie-das-grosse-raetsel-geloest-wurde/" rel="noopener">Das Dolomitproblem: Wie das große Rätsel gelöst wurde</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Segnespass" rel="noopener">Segnespass</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alpen" rel="noopener">Alpen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Jakob_Scheuchzer" rel="noopener">Johann Jakob Scheuchzer</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Neptunismus" rel="noopener">Neptunismus</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Abraham_Gottlob_Werner" rel="noopener">Abraham Gottlob Werner</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tschingelh%C3%B6rner" rel="noopener">Tschingelhörner</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Martinsloch" rel="noopener">Martinsloch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Leopold_von_Buch_(Geologe)" rel="noopener">Leopold von Buch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bernhard_Studer_(Geologe)" rel="noopener">Bernhard Studer</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tektonik" rel="noopener">Tektonik</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Stratigraphie_(Geologie)" rel="noopener">Stratigrafie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Heim" rel="noopener">Albert Heim</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Falte_(Geologie)" rel="noopener">Falte (Geologie)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cberschiebung" rel="noopener">Überschiebung</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Glarner_Haupt%C3%BCberschiebung" rel="noopener">Glarner Hauptüberschiebung</a></li> <li>Webseite: <a href="https://www.rundumberge.ch/" rel="noopener">Jürg Meyer</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Fachbuch: Dominik Letsch &amp; Thomas Buckingham: <a href="https://nggl.ch/de/uuid/i/e9cf2616-ab32-536a-9c3c-b25065711ed1-Starre_Felsen_und_wankende_Gewissheiten" rel="noopener">Starre Felsen und wankende Gewissheiten: Anatomie einer 200-jährigen tektonischen Kontroverse</a>, Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaft des Kantons Glarus, Band XXIV (2025)</li> <li>Buch: Jim Ring: <a href="https://www.faber.co.uk/product/9780571276424-how-the-english-made-the-alps/" rel="noopener">How the English Made the Alps</a>, Faber and Faber Ltd (2012)</li> <li>Buch: Jürg Meyer: <a href="https://haupt.ch/aktuell/hauptautor-juerg-meyer-wie-berge-entstehen-und-vergehen" rel="noopener">Wie Berge entstehen und vergehen – in 30 Etappen durch die Alpengeologie</a>, Haupt-Verlag (2025)</li> </ul> <p>Episodenbild: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode" rel="noopener">CC-BY-SA 4.0</a> <a href="https://doi.org/10.3932/ethz-a-000041023" rel="noopener">ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_FC35-0002-082</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel_sl-5.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Das Rätsel der verdrehten Alpen » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag133-alpen-1.html#/" rel="noopener">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>Im 18. Jahrhundert galten die Alpen vielen als schrecklich und ihre Überquerung als Qual, die man, wenn überhaupt, schnell hinter sich brachte. Selbst auf die frühen Geologen wirkten die hohen Berge und ihre Gesteine gleichermaßen unangenehm und unübersichtlich. Was bedeuteten die geschichteten, gestapelten und gefalteten Gesteine? Wie waren sie in ihre heutige Lage gelangt? Wieso ist dort ein solches Gebirge entstanden?</p> <p>Karl beginnt eine mehrteilige Reise durch die Geschichte der Alpenforschung. In dieser ersten Folge geht es um eine natürliche Arena, die heute Tektonikarena Sardona heißt. Sie liegt zwischen den Schweizer Kantonen Glarus und Graubünden und ist mittlerweile weltberühmt. Es ist eine Gegend, die Forschern schon vor über 200 Jahren aufgefallen war. Denn dort gibt es etwas, das in der Natur eigentlich unmöglich zu sein schien: Alte Gesteine liegen auf neuen. Der Berg steht quasi verkehrt herum – und das verlangte eine Erklärung.<aside></aside></p> <p>Die Arena mitten in den Alpen ist etwas Besonderes, denn hier offenbart sich der geologische Bauplan des Gebirges. Bis dieser Plan entschlüsselt werden konnte, mussten die Forscher die Berge über ein Jahrhundert lang durchstreifen, ihre Messungen in Karten eintragen und die ermittelten Daten dann zum großen Ganzen zusammenfügen. Dabei mussten sie auch Hürden überwinden. Denn nicht nur das Gestein hat seine Eigenheiten, sondern auch das Ego der beteiligten Forscher, was die Lösung des Rätsels über Jahrzehnte zurückhielt.</p> <p>Erst im Jahr 1903 einigte man sich – und es ergab sich zum ersten Mal ein schlüssiges Bild: Demnach wurden Gesteine nicht nur verformt oder gefaltet. Vor allem wurden sie in sogenannten Decken übereinander geschoben. Die Architektur der Alpen und vieler anderer Gebirge war verstanden – und auch die Schichtenfolge im Osten der Schweiz erhielt ihren heutigen Namen und ihren Weltruhm: die Glarner Hauptüberschiebung. Eine maßstäbliche Kopie findet sich heute im Museum of Natural History in New York. Seit 2008 gehört die Bergkette zum Weltnaturerbe der UNESCO.</p> <h3>Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 28: <a href="https://astrogeo.de/ag028-die-alpen/" rel="noopener">Die Alpen</a></li> <li>Folge 83: <a href="https://astrogeo.de/das-dolomitproblem-wie-das-grosse-raetsel-geloest-wurde/" rel="noopener">Das Dolomitproblem: Wie das große Rätsel gelöst wurde</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Segnespass" rel="noopener">Segnespass</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alpen" rel="noopener">Alpen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Jakob_Scheuchzer" rel="noopener">Johann Jakob Scheuchzer</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Neptunismus" rel="noopener">Neptunismus</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Abraham_Gottlob_Werner" rel="noopener">Abraham Gottlob Werner</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tschingelh%C3%B6rner" rel="noopener">Tschingelhörner</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Martinsloch" rel="noopener">Martinsloch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Leopold_von_Buch_(Geologe)" rel="noopener">Leopold von Buch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bernhard_Studer_(Geologe)" rel="noopener">Bernhard Studer</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tektonik" rel="noopener">Tektonik</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Stratigraphie_(Geologie)" rel="noopener">Stratigrafie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Heim" rel="noopener">Albert Heim</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Falte_(Geologie)" rel="noopener">Falte (Geologie)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cberschiebung" rel="noopener">Überschiebung</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Glarner_Haupt%C3%BCberschiebung" rel="noopener">Glarner Hauptüberschiebung</a></li> <li>Webseite: <a href="https://www.rundumberge.ch/" rel="noopener">Jürg Meyer</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Fachbuch: Dominik Letsch &amp; Thomas Buckingham: <a href="https://nggl.ch/de/uuid/i/e9cf2616-ab32-536a-9c3c-b25065711ed1-Starre_Felsen_und_wankende_Gewissheiten" rel="noopener">Starre Felsen und wankende Gewissheiten: Anatomie einer 200-jährigen tektonischen Kontroverse</a>, Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaft des Kantons Glarus, Band XXIV (2025)</li> <li>Buch: Jim Ring: <a href="https://www.faber.co.uk/product/9780571276424-how-the-english-made-the-alps/" rel="noopener">How the English Made the Alps</a>, Faber and Faber Ltd (2012)</li> <li>Buch: Jürg Meyer: <a href="https://haupt.ch/aktuell/hauptautor-juerg-meyer-wie-berge-entstehen-und-vergehen" rel="noopener">Wie Berge entstehen und vergehen – in 30 Etappen durch die Alpengeologie</a>, Haupt-Verlag (2025)</li> </ul> <p>Episodenbild: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode" rel="noopener">CC-BY-SA 4.0</a> <a href="https://doi.org/10.3932/ethz-a-000041023" rel="noopener">ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_FC35-0002-082</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/drunter-ueber-drueber-das-raetsel-der-verdrehten-alpen/#comments 3 Verbalisiertes Sampling: Gibt es den magischen Prompt? https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/verbalisiertes-sampling/ https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/verbalisiertes-sampling/#comments Thu, 12 Mar 2026 17:02:30 +0000 Jaromir Konecny https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/?p=1176 https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-768x325.png <link>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/verbalisiertes-sampling/</link> </image> <description type="html"><h1>Verbalisiertes Sampling: Der Prompt gegen Modus-Kollaps</h1><h2>By Von Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>Über diese Frage und die neue Prompting-Technik 𝗩𝗲𝗿𝗯𝗮𝗹𝗶𝘀𝗶𝗲𝗿𝘁𝗲𝘀 𝗦𝗮𝗺𝗽𝗹𝗶𝗻𝗴 (𝗩𝗦) haben wir ein frisches ausführliches Video im Youtube-Kanal der <a href="https://www.mobile-university.de/" rel="noopener">SRH Fernhochschule – The Mobile University</a> <a href="https://www.youtube.com/@k.i.krimis" rel="noreferrer noopener" target="_blank">K. I. Krimis</a> hochgeladen:</p> <p><a href="https://youtu.be/-1ph-iB8lQE?si=l_28_UeNuHAGtHqn" rel="noreferrer noopener" target="_blank">𝙆.𝙄. 𝙆𝙧𝙞𝙢𝙞𝙨: 𝙂𝙞𝙗𝙩 𝙚𝙨 𝙙𝙚𝙣 𝙢𝙖𝙜𝙞𝙨𝙘𝙝𝙚𝙣 𝙋𝙧𝙤𝙢𝙥𝙩?</a></p> <p>Verbalisiertes Sampling wurde in der Studie <a href="https://www.verbalized-sampling.com/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">How to Mitigate Mode Collapse and Unlock LLM Diversity</a> als eine mächtige Waffe gegen den Modus-Kollaps der Großen Sprachmodelle vorgestellt:</p> <p>Beim Modus-Kollaps weisen KI-Modelle (und somit auch Große Sprachmodelle) eine unverhältnismäßig große Wahrscheinlichkeit ihrer typischen Ausgaben nur einem einzigen Modus zu – dem Normalmodus: Die Ausgabe ist nicht kreativ, nicht originell, sondern nur typisch. So wie die meisten Menschen, wenn sie einen Vogel nennen sollen, eher ein Rotkehlchen wählen als einen Pinguin. Obwohl ein Pinguin genauso richtig wäre. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89.png"><img alt="Illustration eines Rotkehlchens und eines Pinguins zur Verdeutlichung des Modus-Kollaps bei KI-Modellen." decoding="async" height="682" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89-1024x682.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89-1024x682.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89-300x200.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89-768x512.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89.png 1264w" width="1024"></img></a></figure> <p>Die weiteren Hintergründe des 𝗩𝗲𝗿𝗯𝗮𝗹𝗶𝘀𝗶𝗲𝗿𝘁𝗲𝗻 𝗦𝗮𝗺𝗽𝗹𝗶𝗻𝗴𝘀 und wie ihr es optimal für kreative nicht generische Ausgaben der Chatbots einsetzen könnt, erkläre ich ausführlich im Video. Hier nur eine grobe Infografik zum Thema:<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92.png"><img alt="Infografik zum Ablauf des Verbalisierten Samplings (VS) zur Steigerung der Ausgabevarielfalt bei LLMs." decoding="async" height="434" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-1024x434.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-1024x434.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-300x127.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-768x325.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-1536x651.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92.png 1586w" width="1024"></img></a></figure> <p>Und hier ein kleines Beispiel für diese neuartige Art des Promptings (ich habe den VS-Prompt aus der Studie auf Deutsch angepasst):</p> <h2><strong>VS-Prompt</strong></h2> <p>𝙂𝙚𝙣𝙚𝙧𝙞𝙚𝙧𝙚 𝙛ü𝙣𝙛 𝙒𝙞𝙩𝙯𝙚 ü𝙗𝙚𝙧 𝙃𝙖𝙢𝙨𝙩𝙚𝙧 𝙪𝙣𝙙 𝙜𝙞𝙗 𝙯𝙪 𝙟𝙚𝙙𝙚𝙢 𝙒𝙞𝙩𝙯 𝙙𝙞𝙚 𝙜𝙚𝙨𝙘𝙝ä𝙩𝙯𝙩𝙚 𝙒𝙖𝙝𝙧𝙨𝙘𝙝𝙚𝙞𝙣𝙡𝙞𝙘𝙝𝙠𝙚𝙞𝙩 𝙖𝙣, 𝙢𝙞𝙩 𝙙𝙚𝙧 𝙚𝙧 𝙫𝙤𝙢 𝙈𝙤𝙙𝙚𝙡𝙡 𝙚𝙧𝙯𝙚𝙪𝙜𝙩 𝙬𝙤𝙧𝙙𝙚𝙣 𝙬ä𝙧𝙚. 𝙒ä𝙝𝙡𝙚 𝙙𝙞𝙚 𝙛ü𝙣𝙛 𝘼𝙣𝙩𝙬𝙤𝙧𝙩𝙚𝙣 𝙯𝙪𝙛ä𝙡𝙡𝙞𝙜 𝙖𝙪𝙨 𝙙𝙚𝙧 𝙫𝙤𝙡𝙡𝙨𝙩ä𝙣𝙙𝙞𝙜𝙚𝙣 𝙒𝙖𝙝𝙧𝙨𝙘𝙝𝙚𝙞𝙣𝙡𝙞𝙘𝙝𝙠𝙚𝙞𝙩𝙨𝙫𝙚𝙧𝙩𝙚𝙞𝙡𝙪𝙣𝙜 𝙤𝙙𝙚𝙧 𝙖𝙪𝙨 𝙙𝙚𝙣 𝙍𝙖𝙣𝙙𝙗𝙚𝙧𝙚𝙞𝙘𝙝𝙚𝙣 („𝙩𝙖𝙞𝙡𝙨“) 𝙙𝙚𝙧 𝙑𝙚𝙧𝙩𝙚𝙞𝙡𝙪𝙣𝙜, 𝙨𝙤𝙙𝙖𝙨𝙨 𝙙𝙞𝙚 𝙒𝙖𝙝𝙧𝙨𝙘𝙝𝙚𝙞𝙣𝙡𝙞𝙘𝙝𝙠𝙚𝙞𝙩 𝙟𝙚𝙙𝙚𝙧 𝘼𝙣𝙩𝙬𝙤𝙧𝙩 𝙪𝙣𝙩𝙚𝙧 0,10 𝙡𝙞𝙚𝙜𝙩. 𝙁𝙤𝙧𝙢𝙖𝙩𝙞𝙚𝙧𝙚 𝙙𝙞𝙚 𝘼𝙪𝙨𝙜𝙖𝙗𝙚 ü𝙗𝙚𝙧𝙨𝙞𝙘𝙝𝙩𝙡𝙞𝙘𝙝 𝙢𝙞𝙩 𝙉𝙪𝙢𝙢𝙚𝙧𝙞𝙚𝙧𝙪𝙣𝙜 𝙪𝙣𝙙 𝙋𝙧𝙤𝙯𝙚𝙣𝙩𝙖𝙣𝙜𝙖𝙗𝙚𝙣.</p> <p>Selbstverständlich könnt ihr den Prompt auf alle möglichen Witze oder Geschichten (und andere kreative Ausgaben) mit beliebigen Tieren und Themen anpassen. Findet ihr in der Ausgabe des Bots mindestens eine, die besser ist als wenn ihr den Bot – egal wie oft – einfach, d. h. klassisch promptet? Z. B. so:</p> <h2><strong>Klassischer Prompt</strong></h2> <p>𝙂𝙚𝙣𝙚𝙧𝙞𝙚𝙧𝙚 𝙚𝙞𝙣𝙚𝙣 𝙒𝙞𝙩𝙯 ü𝙗𝙚𝙧 𝙃𝙖𝙢𝙨𝙩𝙚𝙧.</p> <p>Liefert uns aber 𝗩𝗲𝗿𝗯𝗮𝗹𝗶𝘀𝗶𝗲𝗿𝘁𝗲𝘀 𝗦𝗮𝗺𝗽𝗹𝗶𝗻𝗴 tatsächlich den magischen Prompt, so wie ihn viele Blogger und Prompting-Experten ausgerufen haben? Das und viele andere spannende Informationen zum Verbalisierten Sampling erfahrt ihr <a href="https://youtu.be/-1ph-iB8lQE?si=pMLWAqCCUMai000a" rel="noreferrer noopener" target="_blank">in unserem neuen K.I. Krimi!</a></p> <p>Bitte, <a href="https://youtu.be/-1ph-iB8lQE?si=pMLWAqCCUMai000a" rel="noreferrer noopener" target="_blank">auf diesen Link</a> klicken und den Kanal auf YouTube abonnieren. Dann entgeht euch kein neuer K.I. Krimi, und wir freuen uns über das Abo – und selbstverständlich auch über eure Kommentare. Und ist das nicht schön, wenn wir uns freuen? 😊</p> <p>Viel Spaß damit!</p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/Jaromir-Foto-Gisela-Weinhändler.jpg_avatar.jpg-200x200.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/Jaromir-Foto-Gisela-Weinhändler.jpg_avatar.jpg.jpg 2x" width="200"></img> <p>Liebe Besucherin, lieber Besucher,&#xD; willkommen auf meinem SciLogs-Blog "Gehirn &amp; KI".&#xD; Ich möchte hier über alle möglichen Aspekte der Künstliche Intelligenz schreiben, vor allem geht es in diesem Blog aber um Generative KI, ihre Sprachmodelle und Chatbots und um die Hintergründe der maschinellen Verarbeitung der natürlichen Sprache. Auch die Unterschiede der Sprachvererbeitung bei Menschen und Maschinen werden hier thematisiert, genauso wie natürliche und Künstliche Intelligenz - Gehirn &amp; KI eben.&#xD; &#xD; Neues über künstliche Intelligenz, künstliche neuronale Netze und maschinelles Lernen poste ich häufig auf: &#xD; <a href="www.linkedin.com/in/prof-dr-jaromir-konecny-15bb79b6">LinkedIn</a>&#xD; Hier etwas zu meiner Laufbahn: ich promovierte am Lehrstuhl für Theoretische Chemie der TU München über die Entstehung des genetischen Codes und die Doppelstrang-Kodierung in den Nukleinsäuren und forschte dort einige Jahre. Hier eines unserer Paper:&#xD; &#xD; <a href="https://link.springer.com/article/10.1007%2FBF02406718/">Neutral adaptation of the genetic code to double-strand coding.</a>&#xD; &#xD; Zur Zeit bin ich Professor und Fachdozent für Künstliche Intelligenz an der SRH Fernhochschule und der Spiegelakademie, KI-Keynote-Speaker und Experte für Sprachmodelle und Chatbots. &#xD; &#xD; Auf YouTube kümmere ich mich um die Videoreihe unserer SRH Fernhochschule "K.I. Krimis" über ungelöste Probleme und Rätsel der Künstlichen Intelligenz.&#xD; &#xD; U. a. bin ich zweifacher Vizemeister der Deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften und Träger des Ernst-Hoferichter-Preises der Stadt München.&#xD; &#xD; Mein Sachbuch über Künstliche Intelligenz <a href="https://www.amazon.de/gp/product/3784435416?ie=UTF8&amp;tag=jk6447-21&amp;camp=1638&amp;linkCode=xm2&amp;creativeASIN=3784435416">"Ist das intelligent oder kann das weg?"</a> erschien im Oktober 2020.&#xD; &#xD; Im Tessloff-Verlag erscheinen meine von Marek Blaha wunderschön illustrierten Kinderkrimis <a href="https://www.amazon.de/gp/product/378864401X?ie=UTF8&amp;tag=jk6447-21&amp;camp=1638&amp;linkCode=xm2&amp;creativeASIN=378864401X">"Datendetektive"</a> mit viel Bezug zu KI, Robotern und digitalen Welten.&#xD; &#xD; Viel Spaß mit meinem Blog und all den Diskussionen hier :-).&#xD; &#xD; Jaromir</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Verbalisiertes Sampling: Der Prompt gegen Modus-Kollaps</h1><h2>By Von Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>Über diese Frage und die neue Prompting-Technik 𝗩𝗲𝗿𝗯𝗮𝗹𝗶𝘀𝗶𝗲𝗿𝘁𝗲𝘀 𝗦𝗮𝗺𝗽𝗹𝗶𝗻𝗴 (𝗩𝗦) haben wir ein frisches ausführliches Video im Youtube-Kanal der <a href="https://www.mobile-university.de/" rel="noopener">SRH Fernhochschule – The Mobile University</a> <a href="https://www.youtube.com/@k.i.krimis" rel="noreferrer noopener" target="_blank">K. I. Krimis</a> hochgeladen:</p> <p><a href="https://youtu.be/-1ph-iB8lQE?si=l_28_UeNuHAGtHqn" rel="noreferrer noopener" target="_blank">𝙆.𝙄. 𝙆𝙧𝙞𝙢𝙞𝙨: 𝙂𝙞𝙗𝙩 𝙚𝙨 𝙙𝙚𝙣 𝙢𝙖𝙜𝙞𝙨𝙘𝙝𝙚𝙣 𝙋𝙧𝙤𝙢𝙥𝙩?</a></p> <p>Verbalisiertes Sampling wurde in der Studie <a href="https://www.verbalized-sampling.com/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">How to Mitigate Mode Collapse and Unlock LLM Diversity</a> als eine mächtige Waffe gegen den Modus-Kollaps der Großen Sprachmodelle vorgestellt:</p> <p>Beim Modus-Kollaps weisen KI-Modelle (und somit auch Große Sprachmodelle) eine unverhältnismäßig große Wahrscheinlichkeit ihrer typischen Ausgaben nur einem einzigen Modus zu – dem Normalmodus: Die Ausgabe ist nicht kreativ, nicht originell, sondern nur typisch. So wie die meisten Menschen, wenn sie einen Vogel nennen sollen, eher ein Rotkehlchen wählen als einen Pinguin. Obwohl ein Pinguin genauso richtig wäre. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89.png"><img alt="Illustration eines Rotkehlchens und eines Pinguins zur Verdeutlichung des Modus-Kollaps bei KI-Modellen." decoding="async" height="682" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89-1024x682.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89-1024x682.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89-300x200.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89-768x512.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89.png 1264w" width="1024"></img></a></figure> <p>Die weiteren Hintergründe des 𝗩𝗲𝗿𝗯𝗮𝗹𝗶𝘀𝗶𝗲𝗿𝘁𝗲𝗻 𝗦𝗮𝗺𝗽𝗹𝗶𝗻𝗴𝘀 und wie ihr es optimal für kreative nicht generische Ausgaben der Chatbots einsetzen könnt, erkläre ich ausführlich im Video. Hier nur eine grobe Infografik zum Thema:<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92.png"><img alt="Infografik zum Ablauf des Verbalisierten Samplings (VS) zur Steigerung der Ausgabevarielfalt bei LLMs." decoding="async" height="434" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-1024x434.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-1024x434.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-300x127.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-768x325.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-1536x651.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92.png 1586w" width="1024"></img></a></figure> <p>Und hier ein kleines Beispiel für diese neuartige Art des Promptings (ich habe den VS-Prompt aus der Studie auf Deutsch angepasst):</p> <h2><strong>VS-Prompt</strong></h2> <p>𝙂𝙚𝙣𝙚𝙧𝙞𝙚𝙧𝙚 𝙛ü𝙣𝙛 𝙒𝙞𝙩𝙯𝙚 ü𝙗𝙚𝙧 𝙃𝙖𝙢𝙨𝙩𝙚𝙧 𝙪𝙣𝙙 𝙜𝙞𝙗 𝙯𝙪 𝙟𝙚𝙙𝙚𝙢 𝙒𝙞𝙩𝙯 𝙙𝙞𝙚 𝙜𝙚𝙨𝙘𝙝ä𝙩𝙯𝙩𝙚 𝙒𝙖𝙝𝙧𝙨𝙘𝙝𝙚𝙞𝙣𝙡𝙞𝙘𝙝𝙠𝙚𝙞𝙩 𝙖𝙣, 𝙢𝙞𝙩 𝙙𝙚𝙧 𝙚𝙧 𝙫𝙤𝙢 𝙈𝙤𝙙𝙚𝙡𝙡 𝙚𝙧𝙯𝙚𝙪𝙜𝙩 𝙬𝙤𝙧𝙙𝙚𝙣 𝙬ä𝙧𝙚. 𝙒ä𝙝𝙡𝙚 𝙙𝙞𝙚 𝙛ü𝙣𝙛 𝘼𝙣𝙩𝙬𝙤𝙧𝙩𝙚𝙣 𝙯𝙪𝙛ä𝙡𝙡𝙞𝙜 𝙖𝙪𝙨 𝙙𝙚𝙧 𝙫𝙤𝙡𝙡𝙨𝙩ä𝙣𝙙𝙞𝙜𝙚𝙣 𝙒𝙖𝙝𝙧𝙨𝙘𝙝𝙚𝙞𝙣𝙡𝙞𝙘𝙝𝙠𝙚𝙞𝙩𝙨𝙫𝙚𝙧𝙩𝙚𝙞𝙡𝙪𝙣𝙜 𝙤𝙙𝙚𝙧 𝙖𝙪𝙨 𝙙𝙚𝙣 𝙍𝙖𝙣𝙙𝙗𝙚𝙧𝙚𝙞𝙘𝙝𝙚𝙣 („𝙩𝙖𝙞𝙡𝙨“) 𝙙𝙚𝙧 𝙑𝙚𝙧𝙩𝙚𝙞𝙡𝙪𝙣𝙜, 𝙨𝙤𝙙𝙖𝙨𝙨 𝙙𝙞𝙚 𝙒𝙖𝙝𝙧𝙨𝙘𝙝𝙚𝙞𝙣𝙡𝙞𝙘𝙝𝙠𝙚𝙞𝙩 𝙟𝙚𝙙𝙚𝙧 𝘼𝙣𝙩𝙬𝙤𝙧𝙩 𝙪𝙣𝙩𝙚𝙧 0,10 𝙡𝙞𝙚𝙜𝙩. 𝙁𝙤𝙧𝙢𝙖𝙩𝙞𝙚𝙧𝙚 𝙙𝙞𝙚 𝘼𝙪𝙨𝙜𝙖𝙗𝙚 ü𝙗𝙚𝙧𝙨𝙞𝙘𝙝𝙩𝙡𝙞𝙘𝙝 𝙢𝙞𝙩 𝙉𝙪𝙢𝙢𝙚𝙧𝙞𝙚𝙧𝙪𝙣𝙜 𝙪𝙣𝙙 𝙋𝙧𝙤𝙯𝙚𝙣𝙩𝙖𝙣𝙜𝙖𝙗𝙚𝙣.</p> <p>Selbstverständlich könnt ihr den Prompt auf alle möglichen Witze oder Geschichten (und andere kreative Ausgaben) mit beliebigen Tieren und Themen anpassen. Findet ihr in der Ausgabe des Bots mindestens eine, die besser ist als wenn ihr den Bot – egal wie oft – einfach, d. h. klassisch promptet? Z. B. so:</p> <h2><strong>Klassischer Prompt</strong></h2> <p>𝙂𝙚𝙣𝙚𝙧𝙞𝙚𝙧𝙚 𝙚𝙞𝙣𝙚𝙣 𝙒𝙞𝙩𝙯 ü𝙗𝙚𝙧 𝙃𝙖𝙢𝙨𝙩𝙚𝙧.</p> <p>Liefert uns aber 𝗩𝗲𝗿𝗯𝗮𝗹𝗶𝘀𝗶𝗲𝗿𝘁𝗲𝘀 𝗦𝗮𝗺𝗽𝗹𝗶𝗻𝗴 tatsächlich den magischen Prompt, so wie ihn viele Blogger und Prompting-Experten ausgerufen haben? Das und viele andere spannende Informationen zum Verbalisierten Sampling erfahrt ihr <a href="https://youtu.be/-1ph-iB8lQE?si=pMLWAqCCUMai000a" rel="noreferrer noopener" target="_blank">in unserem neuen K.I. Krimi!</a></p> <p>Bitte, <a href="https://youtu.be/-1ph-iB8lQE?si=pMLWAqCCUMai000a" rel="noreferrer noopener" target="_blank">auf diesen Link</a> klicken und den Kanal auf YouTube abonnieren. Dann entgeht euch kein neuer K.I. Krimi, und wir freuen uns über das Abo – und selbstverständlich auch über eure Kommentare. Und ist das nicht schön, wenn wir uns freuen? 😊</p> <p>Viel Spaß damit!</p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/Jaromir-Foto-Gisela-Weinhändler.jpg_avatar.jpg-200x200.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/Jaromir-Foto-Gisela-Weinhändler.jpg_avatar.jpg.jpg 2x" width="200"></img> <p>Liebe Besucherin, lieber Besucher,&#xD; willkommen auf meinem SciLogs-Blog "Gehirn &amp; KI".&#xD; Ich möchte hier über alle möglichen Aspekte der Künstliche Intelligenz schreiben, vor allem geht es in diesem Blog aber um Generative KI, ihre Sprachmodelle und Chatbots und um die Hintergründe der maschinellen Verarbeitung der natürlichen Sprache. Auch die Unterschiede der Sprachvererbeitung bei Menschen und Maschinen werden hier thematisiert, genauso wie natürliche und Künstliche Intelligenz - Gehirn &amp; KI eben.&#xD; &#xD; Neues über künstliche Intelligenz, künstliche neuronale Netze und maschinelles Lernen poste ich häufig auf: &#xD; <a href="www.linkedin.com/in/prof-dr-jaromir-konecny-15bb79b6">LinkedIn</a>&#xD; Hier etwas zu meiner Laufbahn: ich promovierte am Lehrstuhl für Theoretische Chemie der TU München über die Entstehung des genetischen Codes und die Doppelstrang-Kodierung in den Nukleinsäuren und forschte dort einige Jahre. Hier eines unserer Paper:&#xD; &#xD; <a href="https://link.springer.com/article/10.1007%2FBF02406718/">Neutral adaptation of the genetic code to double-strand coding.</a>&#xD; &#xD; Zur Zeit bin ich Professor und Fachdozent für Künstliche Intelligenz an der SRH Fernhochschule und der Spiegelakademie, KI-Keynote-Speaker und Experte für Sprachmodelle und Chatbots. &#xD; &#xD; Auf YouTube kümmere ich mich um die Videoreihe unserer SRH Fernhochschule "K.I. Krimis" über ungelöste Probleme und Rätsel der Künstlichen Intelligenz.&#xD; &#xD; U. a. bin ich zweifacher Vizemeister der Deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften und Träger des Ernst-Hoferichter-Preises der Stadt München.&#xD; &#xD; Mein Sachbuch über Künstliche Intelligenz <a href="https://www.amazon.de/gp/product/3784435416?ie=UTF8&amp;tag=jk6447-21&amp;camp=1638&amp;linkCode=xm2&amp;creativeASIN=3784435416">"Ist das intelligent oder kann das weg?"</a> erschien im Oktober 2020.&#xD; &#xD; Im Tessloff-Verlag erscheinen meine von Marek Blaha wunderschön illustrierten Kinderkrimis <a href="https://www.amazon.de/gp/product/378864401X?ie=UTF8&amp;tag=jk6447-21&amp;camp=1638&amp;linkCode=xm2&amp;creativeASIN=378864401X">"Datendetektive"</a> mit viel Bezug zu KI, Robotern und digitalen Welten.&#xD; &#xD; Viel Spaß mit meinem Blog und all den Diskussionen hier :-).&#xD; &#xD; Jaromir</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/verbalisiertes-sampling/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>4</slash:comments> </item> <item> <title>„Wir sind alle neurodivers!“ Erfahrene Autismus-Expertin glaubt nicht mehr ans „Spektrum“ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wir-sind-alle-neurodivers-erfahrene-autismus-expertin-glaubt-nicht-mehr-ans-spektrum/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wir-sind-alle-neurodivers-erfahrene-autismus-expertin-glaubt-nicht-mehr-ans-spektrum/#comments Thu, 12 Mar 2026 12:08:03 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3561 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain-768x585.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wir-sind-alle-neurodivers-erfahrene-autismus-expertin-glaubt-nicht-mehr-ans-spektrum/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain.jpg" /><h1>"Wir sind alle neurodivers!" Erfahrene Autismus-Expertin glaubt nicht mehr ans "Spektrum" » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Professorin Uta Frith thematisiert auch den Anstieg der Diagnosen bei jungen Frauen und die Probleme von zunehmenden Selbstdiagnosen.</strong></p> <span id="more-3561"></span> <p>Kaum jemand erforscht schon so lange Autismus wie Uta Frith, Professorin am University College London.</p> <p>Aus dem insbesondere in englischsprachigen Ländern verbreiteten Diagnose-Handbuch DSM, oft auch „Psychiatrie-Bibel“ genannt, strich man mit der fünften Auflage von 2013 Autismus und den Spezialfall des Asperger-Autismus. Im Interview im britischen <em>Tes Magazine</em> vom 4. März 2026 erklärt Uta Frith, dass die diagnostischen Grenzen damals aufgeweicht wurden, um untypische Varianten des Störungsbilds einzuschließen. Dafür führte man die „Autismus-Spektrum-Störung“ ein.</p> <p>Mit dieser Kategorie sei die Abgrenzung zur Normalität aber schwerer geworden, erklärt Frith:</p> <blockquote> <p>„Das ist aber sehr schwierig, denn was ist schon Besonderes daran, Teil eines riesigen Spektrums zu sein, dem wir alle angehören? Wir sind alle neurodivers; das können wir akzeptieren, weil unsere Gehirne alle unterschiedlich sind. Aber das macht eine medizinische Diagnose völlig bedeutungslos.“ (Uta Frith)<aside></aside></p> </blockquote> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Maskierte Symptome?</h2> <p>Frith meint, dass neben der schon in der frühen Kindheit diagnostizierten Gruppe nun eine zweite dazugekommen sei, insbesondere bei jüngeren Frauen, „die verbal und nonverbal perfekt kommunizieren können, aber in sozialen Situationen starke Ängste empfinden.“</p> <p>Für diese Gruppe sei Überempfindlichkeit (Hypersensibilität) wahrscheinlich eine bessere Beschreibung als Autismus. Der Erklärung, die spätere Diagnose spreche für das „Maskieren“ der Symptome, fehle jede wissenschaftliche Grundlage. Es könne viele Gründe dafür geben, dass diese Personen sich erschöpft fühlen.</p> <p>Durch die heutige weite Verbreitung von Selbstdiagnosen laste auf den Fachleuten ein großer Druck, die Ansichten dieser Personen zu bestätigen.</p> <blockquote> <p>„Das Spektrum ist zusammengebrochen.“ (Uta Frith)</p> </blockquote> <p>Nach wie vor gebe es keinen biologischen Test für das als neuronale Entwicklungsstörung geltende Autismus-Spektrum.</p> <h2>Reflexion</h2> <p>Aus theoretischer Sicht ist es erst einmal trivial: Wenn man die Grenzen enger zieht, übersieht man mehr Fälle; weicht man die Grenzen auf, schließt man wahrscheinlich mehr Fälle ein als eigentlich nötig. Dazu kommt der allgegenwärtige Mangel an Therapieplätzen, vor allem für gesetzlich Krankenversicherte. Während die einen jetzt klagen, man nehme ihr Leid nicht ernst, beschweren sich andere, dass es selbst bei großen Schwierigkeiten zu wenig Hilfe gebe und man zu lange suchen müsse.</p> <p>Hier bei Menschen-Bilder wird zudem seit vielen Jahren thematisiert, wie psychologisch-psychiatrische Störungsbilder in der Öffentlichkeit ein Eigenleben entwickeln können. Gerade Autismus und die Aufmerksamkeitsstörung ADHS haben in jüngerer Zeit sehr viel mediale Aufmerksamkeit erhalten. Fehler der Wissenschaftssendung „Quarks“ habe ich hier <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/12/adhs-in-den-medien-was-laeuft-schief-beispiel-quarks/" rel="noopener">kürzlich diskutiert</a>.</p> <p>Währenddessen steigt die <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/12/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/" rel="noopener">Anzahl der Diagnosen immer weiter</a>, vor allem bei jungen Erwachsenen und bei den Frauen. Dass dieser auffällige Anstieg während der Coronaviruspandemie einsetzte, die für viele Menschen ein großer Stressfaktor war und teils immer noch ist, sollte man dabei nicht übersehen.</p> <h2>Individuum versus System</h2> <p>Doch für gesellschaftliche, systemische Vorgänge lässt das heutige Störungsmodell kaum Raum: Das Problem wird in erster Linie individualisiert, teils getragen durch genetische und neurobiologische Funde. Doch diese erklären in der Regel oft nur sehr kleine Unterschiede bei der Untersuchung großer Gruppen. Nach wie vor lassen sich psychologisch-psychiatrische Störungen nicht biologisch diagnostizieren, obwohl man das seit über 200 Jahren versucht.</p> <p>Das heutige System für den Umgang mit psychischer Gesundheit ist festgefahren: Man ruft nach immer mehr Geld für Psychotherapie und psychiatrische Behandlungen, dabei haben die sogenannten hoch entwickelten Länder schon das höchste Pro-Kopf-Aufkommen von klinischem Personal in diesem Bereich.</p> <p>Influencer, Lobbyisten und „Awareness-Kampagnen“ auf diesem Milliardenmarkt spornen uns dazu an, immer genauer nach Symptomen psychologisch-psychiatrischer Störungen zu suchen. Wenn wir immer mehr „normales“ psychisches Leiden zur Krankheit erklären und immer mehr leichte Probleme in die Therapie schicken, wird der Druck und werden die Wartelisten noch länger.</p> <p>Wir haben verlernt, Probleme in ihrem sozialen Kontext zu sehen – und dort auch zu <em>lösen</em>. Armut, Ausgrenzung, versagende Infrastruktur und auch die permanente Berieselung mit Nachrichten über Krisen und Kriege stressen viele Menschen. Auch der zunehmende problematische Drogenkonsum ist ein Zeichen zunehmender sozialer Verelendung. Es ist aber nicht die primäre Aufgabe von Psychotherapie, Psychiatrie und Polizei, die Folgen einer fehlgeleiteten Sozialpolitik zu beheben.</p> <p>Um diese Probleme lösen zu können, muss man sie erst einmal richtig verstehen. Das vor allem in der Psychiatrie seit den 1980er-Jahren vorherrschende Gehirndenken, das für die Praxis keines seiner Versprechen eingelöst hat, steht einer Problemlösung leider im Weg.</p> <h2 id="h-neu-verstehen-sie-mehr">Neu: Verstehen Sie mehr</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen, die Geschichte und Irrtümer der Psychiatrie und Alternativen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6" rel="noopener">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677" rel="noopener">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ" rel="noopener">Google Play Books</a>.</em></em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>. Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/illustrations/brain-mind-psychology-idea-drawing-2062057/" rel="noopener">ElisaRiva</a> (modifiziert), <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/d70078433fc14443b4546f5d496ecbbf" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain.jpg" /><h1>"Wir sind alle neurodivers!" Erfahrene Autismus-Expertin glaubt nicht mehr ans "Spektrum" » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Professorin Uta Frith thematisiert auch den Anstieg der Diagnosen bei jungen Frauen und die Probleme von zunehmenden Selbstdiagnosen.</strong></p> <span id="more-3561"></span> <p>Kaum jemand erforscht schon so lange Autismus wie Uta Frith, Professorin am University College London.</p> <p>Aus dem insbesondere in englischsprachigen Ländern verbreiteten Diagnose-Handbuch DSM, oft auch „Psychiatrie-Bibel“ genannt, strich man mit der fünften Auflage von 2013 Autismus und den Spezialfall des Asperger-Autismus. Im Interview im britischen <em>Tes Magazine</em> vom 4. März 2026 erklärt Uta Frith, dass die diagnostischen Grenzen damals aufgeweicht wurden, um untypische Varianten des Störungsbilds einzuschließen. Dafür führte man die „Autismus-Spektrum-Störung“ ein.</p> <p>Mit dieser Kategorie sei die Abgrenzung zur Normalität aber schwerer geworden, erklärt Frith:</p> <blockquote> <p>„Das ist aber sehr schwierig, denn was ist schon Besonderes daran, Teil eines riesigen Spektrums zu sein, dem wir alle angehören? Wir sind alle neurodivers; das können wir akzeptieren, weil unsere Gehirne alle unterschiedlich sind. Aber das macht eine medizinische Diagnose völlig bedeutungslos.“ (Uta Frith)<aside></aside></p> </blockquote> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Maskierte Symptome?</h2> <p>Frith meint, dass neben der schon in der frühen Kindheit diagnostizierten Gruppe nun eine zweite dazugekommen sei, insbesondere bei jüngeren Frauen, „die verbal und nonverbal perfekt kommunizieren können, aber in sozialen Situationen starke Ängste empfinden.“</p> <p>Für diese Gruppe sei Überempfindlichkeit (Hypersensibilität) wahrscheinlich eine bessere Beschreibung als Autismus. Der Erklärung, die spätere Diagnose spreche für das „Maskieren“ der Symptome, fehle jede wissenschaftliche Grundlage. Es könne viele Gründe dafür geben, dass diese Personen sich erschöpft fühlen.</p> <p>Durch die heutige weite Verbreitung von Selbstdiagnosen laste auf den Fachleuten ein großer Druck, die Ansichten dieser Personen zu bestätigen.</p> <blockquote> <p>„Das Spektrum ist zusammengebrochen.“ (Uta Frith)</p> </blockquote> <p>Nach wie vor gebe es keinen biologischen Test für das als neuronale Entwicklungsstörung geltende Autismus-Spektrum.</p> <h2>Reflexion</h2> <p>Aus theoretischer Sicht ist es erst einmal trivial: Wenn man die Grenzen enger zieht, übersieht man mehr Fälle; weicht man die Grenzen auf, schließt man wahrscheinlich mehr Fälle ein als eigentlich nötig. Dazu kommt der allgegenwärtige Mangel an Therapieplätzen, vor allem für gesetzlich Krankenversicherte. Während die einen jetzt klagen, man nehme ihr Leid nicht ernst, beschweren sich andere, dass es selbst bei großen Schwierigkeiten zu wenig Hilfe gebe und man zu lange suchen müsse.</p> <p>Hier bei Menschen-Bilder wird zudem seit vielen Jahren thematisiert, wie psychologisch-psychiatrische Störungsbilder in der Öffentlichkeit ein Eigenleben entwickeln können. Gerade Autismus und die Aufmerksamkeitsstörung ADHS haben in jüngerer Zeit sehr viel mediale Aufmerksamkeit erhalten. Fehler der Wissenschaftssendung „Quarks“ habe ich hier <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/12/adhs-in-den-medien-was-laeuft-schief-beispiel-quarks/" rel="noopener">kürzlich diskutiert</a>.</p> <p>Währenddessen steigt die <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/12/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/" rel="noopener">Anzahl der Diagnosen immer weiter</a>, vor allem bei jungen Erwachsenen und bei den Frauen. Dass dieser auffällige Anstieg während der Coronaviruspandemie einsetzte, die für viele Menschen ein großer Stressfaktor war und teils immer noch ist, sollte man dabei nicht übersehen.</p> <h2>Individuum versus System</h2> <p>Doch für gesellschaftliche, systemische Vorgänge lässt das heutige Störungsmodell kaum Raum: Das Problem wird in erster Linie individualisiert, teils getragen durch genetische und neurobiologische Funde. Doch diese erklären in der Regel oft nur sehr kleine Unterschiede bei der Untersuchung großer Gruppen. Nach wie vor lassen sich psychologisch-psychiatrische Störungen nicht biologisch diagnostizieren, obwohl man das seit über 200 Jahren versucht.</p> <p>Das heutige System für den Umgang mit psychischer Gesundheit ist festgefahren: Man ruft nach immer mehr Geld für Psychotherapie und psychiatrische Behandlungen, dabei haben die sogenannten hoch entwickelten Länder schon das höchste Pro-Kopf-Aufkommen von klinischem Personal in diesem Bereich.</p> <p>Influencer, Lobbyisten und „Awareness-Kampagnen“ auf diesem Milliardenmarkt spornen uns dazu an, immer genauer nach Symptomen psychologisch-psychiatrischer Störungen zu suchen. Wenn wir immer mehr „normales“ psychisches Leiden zur Krankheit erklären und immer mehr leichte Probleme in die Therapie schicken, wird der Druck und werden die Wartelisten noch länger.</p> <p>Wir haben verlernt, Probleme in ihrem sozialen Kontext zu sehen – und dort auch zu <em>lösen</em>. Armut, Ausgrenzung, versagende Infrastruktur und auch die permanente Berieselung mit Nachrichten über Krisen und Kriege stressen viele Menschen. Auch der zunehmende problematische Drogenkonsum ist ein Zeichen zunehmender sozialer Verelendung. Es ist aber nicht die primäre Aufgabe von Psychotherapie, Psychiatrie und Polizei, die Folgen einer fehlgeleiteten Sozialpolitik zu beheben.</p> <p>Um diese Probleme lösen zu können, muss man sie erst einmal richtig verstehen. Das vor allem in der Psychiatrie seit den 1980er-Jahren vorherrschende Gehirndenken, das für die Praxis keines seiner Versprechen eingelöst hat, steht einer Problemlösung leider im Weg.</p> <h2 id="h-neu-verstehen-sie-mehr">Neu: Verstehen Sie mehr</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen, die Geschichte und Irrtümer der Psychiatrie und Alternativen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6" rel="noopener">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677" rel="noopener">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ" rel="noopener">Google Play Books</a>.</em></em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>. Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/illustrations/brain-mind-psychology-idea-drawing-2062057/" rel="noopener">ElisaRiva</a> (modifiziert), <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/d70078433fc14443b4546f5d496ecbbf" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wir-sind-alle-neurodivers-erfahrene-autismus-expertin-glaubt-nicht-mehr-ans-spektrum/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>15</slash:comments> </item> <item> <title>Kugel-Globus nicht griechisch https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/kugel-globe-nicht-griechisch/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/kugel-globe-nicht-griechisch/#comments Wed, 11 Mar 2026 07:02:51 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12684 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026-768x597.png <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/kugel-globe-nicht-griechisch/</link> </image> <description type="html"><h1>Kugel-Globe nicht griechisch » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Drei historische Globen sind erhalten, die üblicherweise der griechischen Antike zugeschrieben werden: der 60 cm große Farnese Globus, ein Marmorglobus auf einer Statue des Titanen Atlas, ein kleiner Bronze-Globus, der seit langem bekannt ist und im Römisch-Germanischen Museum in Mainz aufgetaucht ist, und ein kleiner Silberglobus. </p> <p>Der kleine Silberglobus gehört einem privaten Sammler in Paris, Herrn Kugel (das ist ein Familienname), der mir freundlicherweise die <a href="https://ase.exopla.net/index.php/Kugel_Globe" rel="noopener">hochaufgelöste Fotos zur Verfügung stellte und deren Online-Publikation</a> genehmigte. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026.png"><img alt="" decoding="async" height="797" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026-1024x797.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026-1024x797.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026-300x233.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026-768x597.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026.png 1274w" width="1024"></img></a></figure> <p>Der Kugel-Globus wurde um 2000 auf dem Kunstmarkt in Paris gefunden, wo er mit anderen Silberobjekten zum Kauf angeboten wurde. Der erste Fachartikel (Cuvigny 2004) datiert den Globus „ca. 2tes oder 1stes Jahrhundert v. Chr.“ und „vermutlich aus Anatolien“. Seither wird der Globus typischerweise in der Kategorie „drei griechische Globen“ in der Fachliteratur abgehandelt. </p> <p>Allerdings gibt es eine ganze Reihe von Merkwürdigkeiten in Zeichenstil und in den dargestellten Objekten (Hoffmann 2025). Astronomisch fragwürdig ist z.B., dass das Sternbild Corona Australis dort eingezeichnet ist, das erst seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. in Texten belegt ist und durch eine Datierung des Kugel-Globus ein bis zwei Jahrhunderte früher eben auch früher datiert werden müsste. Auch seltsam ist die Darstellung des Sternbilds Cetus als normaler Meeressäuger (Wal) und nicht als griechisches Seeungeheuer: siehe Hoffmann, Vickers, Geymeier (2022). </p> <h2 id="h-neuigkeit">Neuigkeit</h2> <p>Mein internationales Team hat aber nun an weiteren Auffälligkeiten festgestellt, dass wahrscheinlich sogar die Grundannahme falsch ist, dass der Kugel-Globus der griechischen Kultur entstammt:<aside></aside></p> <ul> <li>Die Große und Kleine Bärin sind als Tiger gezeichnet und nicht als Bärinnen,</li> <li>der Dame, die im Sternbild Jungfrau dargestellt ist, fehlt nicht nur die übliche Kornähre, sondern sie trägt einen (indischen) Sari, </li> <li>und ihre Frisur ist chinesisch, der so genannte „Maiden Bun“ (Jungfrauen-Dutt), der erst seit dem 4. Jh. n. Chr. belegt ist. </li> </ul> <p>Es deutet also vieles darauf hin, dass dieser kleine Silberglobus von Nicolas and Alexis Kugel in Paris <strong>aus Indien sein dürfte</strong> und zahlreiche<strong> fremde Einflüsse</strong> hat – z.B. griechisch, chinesisch, vllt. auch persisch. </p> <p>Wir haben diese Anhaltspunkte nur in einem schnellen Bericht von ca. 25 Experten publiziert und hoffen, dass nun andere Kollegen, die klüger sind als wir, den Kugel-Globus endlich richtig einordnen können. Es gibt offenbar noch viel dazu zu forschen! </p> <p><a href="https://www.sciengine.com/JAHH/doi/10.3724/SP.J.1440-2807.2026.01.10" rel="noopener">Hoffmann, AlAjaji, Shylaja, Yang et al. (2025)</a>. </p> <h2 id="h-literatur">Literatur</h2> <p>Hélène Cuvigny, “Une sphère céleste antique en argent ciselé”, in Harald Harrauer and Rosario Pintaudi (ed.) Gedenkschrift Ulrike Horak (Florence, 2004) (= Papyrologica Florentina 34) 345-381.</p> <p>Hoffmann (2025), Some Results on the Ancient Globes, Globe Studies – The Journal of the International Coronelli Society, 69, 4169.</p> <p>Hoffmann, S.M., Vickers, D. and Geymeier, M. (2022). Constellation Cetus: Whale or Monster? , in Hoffmann and Wolfschmidt (eds.). Astronomy in Culture – Cultures of Astronomy, tredition Hamburg/ OpenScienceTechnology Berlin, 302-340</p> <p>Hoffmann, AlAjaji, Shylaja, Yang et al. (2025). The IAU Working Group on Star Names (WGSN): Research Finds in 2025. Journal of Astronomical History and Heritage, 28(4), 1026–1038.</p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Kugel-Globe nicht griechisch » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Drei historische Globen sind erhalten, die üblicherweise der griechischen Antike zugeschrieben werden: der 60 cm große Farnese Globus, ein Marmorglobus auf einer Statue des Titanen Atlas, ein kleiner Bronze-Globus, der seit langem bekannt ist und im Römisch-Germanischen Museum in Mainz aufgetaucht ist, und ein kleiner Silberglobus. </p> <p>Der kleine Silberglobus gehört einem privaten Sammler in Paris, Herrn Kugel (das ist ein Familienname), der mir freundlicherweise die <a href="https://ase.exopla.net/index.php/Kugel_Globe" rel="noopener">hochaufgelöste Fotos zur Verfügung stellte und deren Online-Publikation</a> genehmigte. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026.png"><img alt="" decoding="async" height="797" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026-1024x797.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026-1024x797.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026-300x233.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026-768x597.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026.png 1274w" width="1024"></img></a></figure> <p>Der Kugel-Globus wurde um 2000 auf dem Kunstmarkt in Paris gefunden, wo er mit anderen Silberobjekten zum Kauf angeboten wurde. Der erste Fachartikel (Cuvigny 2004) datiert den Globus „ca. 2tes oder 1stes Jahrhundert v. Chr.“ und „vermutlich aus Anatolien“. Seither wird der Globus typischerweise in der Kategorie „drei griechische Globen“ in der Fachliteratur abgehandelt. </p> <p>Allerdings gibt es eine ganze Reihe von Merkwürdigkeiten in Zeichenstil und in den dargestellten Objekten (Hoffmann 2025). Astronomisch fragwürdig ist z.B., dass das Sternbild Corona Australis dort eingezeichnet ist, das erst seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. in Texten belegt ist und durch eine Datierung des Kugel-Globus ein bis zwei Jahrhunderte früher eben auch früher datiert werden müsste. Auch seltsam ist die Darstellung des Sternbilds Cetus als normaler Meeressäuger (Wal) und nicht als griechisches Seeungeheuer: siehe Hoffmann, Vickers, Geymeier (2022). </p> <h2 id="h-neuigkeit">Neuigkeit</h2> <p>Mein internationales Team hat aber nun an weiteren Auffälligkeiten festgestellt, dass wahrscheinlich sogar die Grundannahme falsch ist, dass der Kugel-Globus der griechischen Kultur entstammt:<aside></aside></p> <ul> <li>Die Große und Kleine Bärin sind als Tiger gezeichnet und nicht als Bärinnen,</li> <li>der Dame, die im Sternbild Jungfrau dargestellt ist, fehlt nicht nur die übliche Kornähre, sondern sie trägt einen (indischen) Sari, </li> <li>und ihre Frisur ist chinesisch, der so genannte „Maiden Bun“ (Jungfrauen-Dutt), der erst seit dem 4. Jh. n. Chr. belegt ist. </li> </ul> <p>Es deutet also vieles darauf hin, dass dieser kleine Silberglobus von Nicolas and Alexis Kugel in Paris <strong>aus Indien sein dürfte</strong> und zahlreiche<strong> fremde Einflüsse</strong> hat – z.B. griechisch, chinesisch, vllt. auch persisch. </p> <p>Wir haben diese Anhaltspunkte nur in einem schnellen Bericht von ca. 25 Experten publiziert und hoffen, dass nun andere Kollegen, die klüger sind als wir, den Kugel-Globus endlich richtig einordnen können. Es gibt offenbar noch viel dazu zu forschen! </p> <p><a href="https://www.sciengine.com/JAHH/doi/10.3724/SP.J.1440-2807.2026.01.10" rel="noopener">Hoffmann, AlAjaji, Shylaja, Yang et al. (2025)</a>. </p> <h2 id="h-literatur">Literatur</h2> <p>Hélène Cuvigny, “Une sphère céleste antique en argent ciselé”, in Harald Harrauer and Rosario Pintaudi (ed.) Gedenkschrift Ulrike Horak (Florence, 2004) (= Papyrologica Florentina 34) 345-381.</p> <p>Hoffmann (2025), Some Results on the Ancient Globes, Globe Studies – The Journal of the International Coronelli Society, 69, 4169.</p> <p>Hoffmann, S.M., Vickers, D. and Geymeier, M. (2022). Constellation Cetus: Whale or Monster? , in Hoffmann and Wolfschmidt (eds.). Astronomy in Culture – Cultures of Astronomy, tredition Hamburg/ OpenScienceTechnology Berlin, 302-340</p> <p>Hoffmann, AlAjaji, Shylaja, Yang et al. (2025). The IAU Working Group on Star Names (WGSN): Research Finds in 2025. Journal of Astronomical History and Heritage, 28(4), 1026–1038.</p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/kugel-globe-nicht-griechisch/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>2</slash:comments> </item> <item> <title>Reden wir über Asbestanalytik – Amphibolasbest und geogener Asbest https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/reden-wir-ueber-asbestanalytik-dconex-2026-teil-2/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/reden-wir-ueber-asbestanalytik-dconex-2026-teil-2/#respond Tue, 10 Mar 2026 21:19:14 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3757 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c.jpg Warnschild "Achtung Asbest" und Person im Schutzanzug https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/reden-wir-ueber-asbestanalytik-dconex-2026-teil-2/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c.jpg" /><h1>Reden wir über Asbestanalytik – Amphibolasbest und geogener Asbest » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Am zweiten Tag der diesjährigen DCONex drehte sich alles um die Asbestanalytik. Ich war etwas erstaunt, wie gut diese Session besucht war, denn parallel dazu gab es Vorträge zum Thema „Asbesthaltige Abstandshalter im Betonbau”. Dieses Thema hatte in der Asbestbranche zuletzt für einige Aufregung gesorgt. Das hätte ich mir auch gerne angehört, aber ich war gebunden, und zwar an die Analytik von Amphibolasbest.</p> <p>Von den sechs unter dem Oberbegriff Asbest zusammengefassten Mineralen gehören fünf zu der Mineralfamilie der Amphibole. Und wie mein alter Mineralogieprofessor zu sagen pflegte: „Amphibole sind die Hausschweine des Geochemikers.” Das heißt, sie sind nicht nur in der Lage, fast alle Elemente, die in einem Magma herumschwirren, in ihr Gitter einzubauen, sondern sie sind auch in vielfältiger Weise untereinander mischbar. Das macht die Analytik von Amphibolasbest manchmal zu einem anstrengenden Unterfangen.</p> <p>Hinzu kommt das Problem, das ich im vorherigen Beitrag zur DCONex 2026 bereits angesprochen hatte, dass die Amphibolasbeste nicht nur technisch verwendet wurden. Sie kommen auch in verschiedenen Rohstoffen als sogenannter geogener Asbest vor.</p> <p>Markus Mattenklott vom Institut für Arbeitsschutz (IFA) der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung begann mit den Grundlagen der Mineralfamilie der Amphibole. Stefan Pierdzig von der CRB Analyse Service GmbH folgte mit der Definition von Asbestfasern und der Unterscheidung zwischen technischem und geogenen Asbest. Den Abschluss bildete Joachim Koppen von der BIOLAB Umweltanalysen GMBH mit Fallbeispielen für Amphibolasbest aus der analytischen Praxis.</p> <h2 id="h-geogener-asbest-oder-akzessorischer-asbest">Geogener Asbest oder akzessorischer Asbest?</h2> <p>Das wäre ja alles noch nicht weiter dramatisch, wenn nicht für technisch zugesetzten und geogenen Asbest teilweise unterschiedliche Regelungen gelten würden. Damit sind wir auch schnell bei einem Problem: Wie lässt sich sicher zwischen technisch zugesetzten und geogenen Asbestfasern unterscheiden? <aside></aside></p> <p>Der Begriff „geogener Asbest” ist in meinen Augen ziemlich irreführend, selbst wenn man ihn dem technisch verwendeten Asbest gegenüberstellt. Während der technische Asbest, also der Asbest, den wir Baumaterialien hinzugefügt haben, um eine bestimmte Eigenschaft zu verbessern, oder den wir zum Beispiel als Brandschutz verwendet haben, also absichtlich hinzugefügt wurde, stammt der geogene Asbest aus verwendeten Zuschlagstoffen – meist natürlichen Gesteinen –, in denen er enthalten war. Er verbessert hier also keine Materialien, sondern kommt quasi als Trittbrettfahrer mit. Um die Verwirrung perfekt zu machen, muss man allerdings sagen, dass auch unser technisch verwendeter Asbest natürlicher Asbest ist, allerdings einer bestimmten Qualität. Er stammt aus ausgewählten Lagerstätten, die gerade wegen ihrer Asbestvorkommen aufgesucht und ausgebeutet werden.</p> <p>Geogener Asbest stellt hingegen als akzessorisches Mineral eines natürlichen Gesteins, das wir als Zuschlagstoff verwendet haben, keine eigene Lagerstätte dar. Der Begriff lehnt sich an den englischen Ausdruck „natural occurring asbestos“ (NOA) an. Ich bin aber dennoch der Meinung, dass man ihn eigentlich aufgeben sollte. Für diese Art Asbest wäre vielleicht der Begriff „akzessorischer Asbest“ angemessener, da er auf die Quelle hindeutet. Damit wäre allerdings noch nicht die Frage beantwortet, wie sich der akzessorische Asbest vom technisch verwendeten Asbest unterscheiden lässt. Aber dazu kommen wir später noch. Zunächst werfen wir einen Blick auf die Mineralgruppe der Amphibole und den Amphibolasbest.</p> <h2 id="h-analytik-von-amphibolen">Analytik von Amphibolen</h2> <p>Dieser Workshop war vielleicht eher etwas für Nerds, zumindest hatte ich diese Befürchtung. Glücklicherweise mussten wir aber nicht in einem leeren Saal stehen, auch wenn parallel durchaus interessante Beiträge liefen.</p> <h3 id="h-amphibole-die-hausschweine-des-geochemikers">Amphibole – die Hausschweine des Geochemikers</h3> <p>Amphibole sind eine sehr vielfältige Mineralgruppe. Sie können eine sehr große Bandbreite an Elementen in ihr Gitter einbauen und haben vermutlich die größte chemische Variabilität. Das hat ihnen den Ruf des „Hausschweins der Geochemiker” eingebracht. Alle Elemente, die in einem Magma oder bei einer Metamorphose vorhanden sind, finden auf die eine oder andere Weise in ihnen ihren Platz.</p> <p>Dabei ist ihre chemische Summenformel eigentlich relativ simpel, nämlich Amphibole sind eine sehr vielfältige Mineralgruppe. Sie können eine sehr große Bandbreite an Elementen in ihr Gitter einbauen und haben vermutlich die größte chemische Variabilität. Das hat ihnen den Ruf des „Hausschweins der Geochemiker” eingebracht. Alle Elemente, die in einem Magma oder bei einer Metamorphose vorhanden sind, finden auf die eine oder andere Weise in ihnen ihren Platz.<br></br>Dabei ist ihre chemische Summenformel eigentlich relativ simpel, nämlich Amphibole sind eine sehr vielfältige Mineralgruppe. Sie können eine sehr große Bandbreite an Elementen in ihr Gitter einbauen und haben vermutlich die größte chemische Variabilität. Das hat ihnen den Ruf des „Hausschweins der Geochemiker” eingebracht. Alle Elemente, die in einem Magma oder bei einer Metamorphose vorhanden sind, finden auf die eine oder andere Weise in ihnen ihren Platz.<br></br>Dabei ist ihre chemische Summenformel eigentlich relativ simpel, nämlich </p> <p>Amphibole sind eine sehr vielfältige Mineralgruppe. Sie können eine sehr große Bandbreite an Elementen in ihr Gitter einbauen und haben vermutlich die größte chemische Variabilität. Das hat ihnen den Ruf des „Hausschweins der Geochemiker” eingebracht. Alle Elemente, die in einem Magma oder bei einer Metamorphose vorhanden sind, finden auf die eine oder andere Weise in ihnen ihren Platz.<br></br>Dabei ist ihre chemische Summenformel eigentlich relativ simpel, nämlich </p> <p><strong>A<sub>0-1</sub>B<sub>2</sub>C<sub>5</sub>T<sub>8</sub>O<sub>22</sub>(OH)<sub>2</sub></strong></p> <p>Das Gleiche gilt für ihre Struktur: Es handelt sich um Doppelketten aus eckenverknüpften SiO₄-Tetraedern, was sie zu Kettensilikaten macht und auch die oft faserförmige, längliche Ausbildung der Minerale vorgibt. Die obige Summenformel zeigt, dass es Platzhalter für unterschiedliche Positionen in der Mineralstruktur gibt.</p> <p>A kann sowohl eine Leerstelle als auch durch Na<sup>+</sup>, K<sup>+</sup>, Ba<sup>2+</sup>, Sr<sup>2+</sup>, Ca<sup>2+</sup> oder Li<sup>+</sup> besetzt sein.</p> <p>B von Ca<sup>2+</sup>, Na<sup>+</sup>, Mg<sup>2+</sup>, Fe<sup>2+</sup>, Mn<sup>2+</sup>, Li<sup>+</sup>, Sr<sup>2+</sup>, Ba<sup>2+</sup>, Mn<sup>2+</sup>, Fe<sup>2+</sup>, Co<sup>2+</sup>, Ni<sup>2+</sup>, Zn<sup>2+</sup>, Pb<sup>2+</sup>,Cu, Zr<sup>4+</sup>, Mn<sup>3+</sup>, Cr<sup>3+</sup>, Fe<sup>3+</sup>, V</p> <p>C von Mg<sup>2+</sup>, Fe<sup>2+</sup>, Mn<sup>2+</sup>, Li+, Al<sup>3+</sup>, Zn<sup>2+</sup>, Ni<sup>2+</sup>, Co<sup>2+</sup>, Ti<sup>4+</sup>, Fe<sup>3+</sup>, V, Cr<sup>3+</sup>, Mn<sup>3+</sup>, Zr</p> <p>T steht für Si<sup>4+</sup>, Al<sup>3+</sup>, Ti<sup>4+</sup></p> <p>Zusätzlich kann die Hydroxygruppe, das (OH), durch F<sup>–</sup>, Cl<sup>– </sup>oder auch O<sup>2-</sup> ersetzt werden.</p> <p>Man kann sich also unschwer vorstellen, welches Chaos sich in der Nomenklatur und den Zusammensetzungen der Amphibole abspielt. Diese enorme Variabilität lässt die Amphibole auch in sehr weiten Bereichen der magmatischen und metamorphen Gesteine auftreten. Gleichzeitig war die Nomenklatur auch nicht einfach. Erste 2003 wurde vom <em>Subcommitee on Amphiboles</em> der IMA, der <em>International Mineralogical Assosciation, Commission on New Minerals and Mineral Names</em> die heute gültige Nomenklatur festgelegt. Die Mineralnamen bauen auf den Gehalten der verschiedenen Elemente auf den einzelnen Positionen auf. Ausschlaggebend sind dabei die Elemente der B-Position. Sie unterteilen sich in 5 Gruppen:</p> <ul> <li>Magnesium-Eisen-Mangan-Lithium Amphibole</li> <li>Calcium Amphibole</li> <li>Natrium-Calcium Amphibole</li> <li>Alkali-Amphibole</li> <li>Na-Ca-Mg-Fe-Mn-Li Amphibole</li> </ul> <h3 id="h-die-verflixten-mischkristalle">die verflixten Mischkristalle</h3> <p>Um die Sache noch komplizierter zu machen, können den Namen der Amphibole auch Präfixe der Elemente vorangestellt werden, die als wesentliche Substitutionen auftreten. Beispiele sind Ferro-Amphibolname oder Titano-Amphibolname, je nachdem, ob diese Elemente eine gewisse Bedeutung im jeweiligen Mineral erreichen.</p> <p>Zusätzlich bilden viele Amphibole Mischkristallreihen, bei denen wir nicht nur die reinen, lehrbuchmäßigen Endglieder, sondern meist etwas dazwischen beobachten. Leider sind auch unsere fünf Amphibolasbeste hier keine Ausnahme. Im Gegenteil, hier finden sich Mischkristallreihen sowohl zwischen ihnen, also Tremolit und Aktinolith, als auch mit Außenstehenden, also Grunerit und Cummingtonit. Falls der Begriff Grunerit nichts sagt: Es ist unter dem Begriff Amosit einer unserer Amphibolasbeste.</p> <p>Man kann sich also unschwer vorstellen, dass gerade bei akzessorischem Asbest aus Zuschlagsstoffen oft die gesamte Bandbreite auftritt und Analytiker vor die undankbare Aufgabe gestellt werden, zu entscheiden, ob etwas zu den Asbestmineralen gehört oder nicht.</p> <p>Aber ich will hier nicht weiter in die spezielle Mineralogie dieser ziemlich faszinierenden Mineralgruppe abschweifen. Schauen wir uns einfach die fünf Amphibole etwas genauer an, die wir unter dem Sammelbegriff Asbest zusammenfassen.</p> <h2 id="h-die-amphibolasbeste">Die Amphibolasbeste</h2> <p>Betrachtet man unsere fünf Asbestminerale aus der Gruppe der Amphibole genauer, fällt zunächst auf, dass zumindest die wirtschaftlich bedeutenden Minerale Amosit und Krokydolith keine richtigen Mineralnamen im mineralogischen Sinne sind. Krokydolith heißt mineralogisch korrekt Riebeckit und Amosit ist hier unter Grunerit zu finden.</p> <h3 id="h-krokydolith">Krokydolith</h3> <p>Vielleicht der wirtschaftlich bedeutendste Amphibolasbest ist Krokydolith oder auch Blauasbest. Er heißt mineralogisch eigentlich Riebeckit und gehört zur Gruppe der Alkali-Amphibole. Mineralogisch verbirgt sich dahinter das Mineral Riebeckit, ein monoklines Kettensilikat aus der Gruppe der Alkali-Amphibole. Es handelt sich um ein recht komplexes Natrium-Eisen Silikat mit der Zusammensetzung Na<sub>2</sub>Fe<sup>2+</sup><sub>3</sub>Fe<sup>3+</sup><sub>2</sub>[(OH)<sub>2</sub>|Si<sub>8</sub>O<sub>22</sub>].</p> <p>Das wäre ja noch relativ einfach, aber der Platz des Natrium ist nicht vollständig besetzt. Zudem bildet Riebeckit mit Magnesio-Riebeckit Na<sub>2</sub>(Mg,Fe)<sub>3</sub>Fe<sup>3+</sup><sub>2</sub>[(OH)<sub>2</sub>|Si<sub>8</sub>O<sub>22</sub>] (ein schönes Beispiel für die oben erwähnten Präfixe) eine lückenlose Mischkristallreihe.</p> <p>Riebeckit kann lange, feinfaserige bis nadelige Mineralaggregate bilden. Diese wurden (und werden zum Teil noch heute) als Krokydolith abgebaut und technisch verwendet. Riebeckit kann sich unter verschiedenen Bedingungen bilden. So kommt das Mineral magmatisch in Graniten, Rhyolithen und Syeniten vor, aber auch in metamorphen Gesteinen wie Quarziten oder eisenreichen Schiefern, wo es mit anderem Asbest der Tremolit-Aktinolith-Reihe vergesellschaftet ist. Die Krokydolith-Vorkommen in Südafrika befinden sich in den Banded Iron Formations und sind sekundärer Natur. Möglicherweise haben Magnetitkristalle als Keime gewirkt.</p> <h3 id="h-amosit">Amosit</h3> <p>Auch Amosit oder Braunasbest wegen seiner oft bräunlichen Farbe, ist kein richtiger Mineralname, sondern das Akronym eines der Hauptförderer des Minerals: die Asbestos Mine of South Africa. Dahinter verbirgt sich der Amphibol Grunerit. Er gehört zu den monoklinen Amphibolen. Seine oft faserigen oder nadeligen Kristalle haben die Zusammensetzung (Fe<sup>2+</sup>, Mg)<sub>7</sub>[OH|Si<sub>4</sub>O<sub>11</sub>]<sub>2</sub>. Wie bei den meisten Amphibolen stellt auch Grunerit nur das Endglied einer Mischkristallreihe dar, in diesem Fall mit <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/cummingtonite/">Cummingtonit</a> (Mg,Fe₂+)₇[OH|Si₄O₁₁]₂. Dabei stellt Grunerit das Fe-betonte und Cummingtonit das Mg-betonte Endglied dar. Auch Amosit wird wirtschaftlich als Asbest genutzt, wenn auch weniger als Chrysotil oder Krokydolith.</p> <p>Das Mineral bildet sich oft während der Kontaktmetamorphose in mittel- bis hochgradigen, eisenreichen Gesteinen und Blauschiefern.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="736" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-1024x736.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-1024x736.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-300x216.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-768x552.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-1536x1104.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-2048x1472.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Amosit. Diser Amosit hier auf einem Luftfilter wurde technisch verwendet. Das Verhältnis Länge zu Dicke ist hoch. CRB Analyse Service GmbH.</em></figcaption></figure> <h3 id="h-anthophyllit">Anthophyllit</h3> <p>Anthophyllit gehört ebenfalls zur Mineralgruppe der Amphibole. Seine chemische Zusammensetzung ist (Mg,Fe₂+)₇[OH|Si₄O₁₁]₂, wobei der Gehalt an Magnesium und Eisen stark schwanken kann. So kann Magnesium bis zu 40 Atomprozent durch zweiwertiges Eisen ersetzt werden. Damit ähnelt er stark der Grunerit-Cummingtonit-Reihe, kristallisiert aber im Gegensatz zu diesen Amphibolen im orthorhombischen Kristallsystem.</p> <p>Als Asbest wurden meist die nadeligen und faserigen Anthophyllitvarianten verwendet, wenn auch deutlich seltener als Krokydolith und Amosit. Dennoch kann dieser Amphibolasbest immer wieder nachgewiesen werden, auch als technischer Asbest.</p> <p>Anthophyllit bildet sich vornehmlich in Gesteinen der Regionalmetamorphose, zum Beispiel in Gneis, Pegmatit und Serpentinit. Sein Name leitet sich von seiner Ähnlichkeit mit der Gewürznelke (griechisch <em>Anthophylli</em>) ab.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="729" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-1024x729.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-1024x729.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-300x214.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-768x547.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-1536x1094.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-2048x1459.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Anthophyllite, hier mit Maßstab, um die Lungengängigkeit zu belegen. Diese Anthophyllite waren geogener Herkunft, sie ähneln aber durch ihr hohes Länge zu Dicke Verhältnis durchaus technisch verwendeten Anthophylliten. CRB Analyse Service GmbH.</em></figcaption></figure> <h3 id="h-aktinolith">Aktinolith</h3> <p>Aktinolith ist ein Mitglied der Calcium-Amphibole, die früher auch als Hornblenden bezeichnet wurden. Seine Mineralformel lautet Ca₂(Mg,Fe)₅[OH|Si₄O₁₁]₂. Es gehört zusammen mit dem unten beschriebenen Tremolit zur Tremolit-Aktinolith-Ferro-Aktinolith-Mischkristallreihe. Die faserigen bis nadeligen Varianten finden als Asbest Verwendung, wenn auch relativ selten. Die faserige und als Asbest genutzte Variante wird gelegentlich auch als Amiant bezeichnet. In der technischen Verwendung tritt sie mengenmäßig deutlich hinter den oben aufgeführten Asbestarten zurück. Das Mineral kommt aber vergleichsweise häufig in Gesteinen der Regionalmetamorphose, wie Amphiboliten und kristallinen Schiefern, vor.</p> <p>Aufgrund seiner Häufigkeit in vielen Gesteinen und seines variablen Chemismus ist es unter dem Elektronenmikroskop manchmal sehr schwer, es von anderen Mineralen wie etwa Talk abzugrenzen.</p> <h3 id="h-tremolit">Tremolit</h3> <p>Der fünfte und letzte unter den Amphibolasbesten ist der Tremolit. Er hat die Mineralformel Ca₂Mg₅[(OH,F) | Si₄O₁₁]₂ und gehört zusammen mit dem bereits erwähnten Aktinolith zu einer Mischkristallreihe. Daneben zeigen diese auch Übergänge zu den anderen Amphibolen der Hornblende-Gruppe. Für ihn gilt das Gleiche wie für den Aktinolith, allerdings wurde er technisch kaum verwendet.</p> <p>Das Mineral bildet sich in Gesteinen der Regionalmetamorphose, unter anderem in Talkschiefern und unreinen Marmoren. Werden diese Gesteine als Zuschlag oder Rohstoff verwendet, können Tremolite auch immer wieder den Weg in verschiedene Produkte, wie etwa jüngst in bunten Spielsand, finden. Vermutlich gehören Tremolit und die mit ihm verwandten Aktinolithe zu den häufigsten geogenen oder akzessorischen Asbesten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="729" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-1024x729.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-1024x729.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-300x214.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-768x547.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-1536x1094.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-2048x1459.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Tremolit aus eiem Talk. Dieser Tremlit ist nicht lungengängig, zeigt aber sehr schöne Längsspaltbarkeit und würde unter Belastung schnell in kleinere, möglicherweise lungengängige Fasern zerbrechen. CRB Analyse Service GmbH.</em></figcaption></figure> <h2 id="h-bestimmung-und-abgrenzung-der-amphibolasbeste">Bestimmung und Abgrenzung der Amphibolasbeste</h2> <p>Neben der faserförmigen Ausprägung ist die vollkommene Spaltbarkeit der Asbestminerale eines der wichtigsten Kriterien. Dadurch zeichnen sich die Fasern oder Faserbündel durch ein feines Aufspleißen aus, das vom Faserende her beginnt. Dies gilt auch für die Asbeste aus der Amphibolgruppe.</p> <p><br></br>aneben ist ein möglichst aussagekräftiges Elementspektrum wichtig, bei dem sowohl die leichteren als auch die schweren diagnostischen Elemente gut erfasst werden. Dies ist vor allem bei den Amphibolen mit ihren Mischkristallreihen und der extrem variablen Zusammensetzung notwendig, da sie oft nur schwer erkennbare Grenzen gegenüber den nicht zu den Asbestmineralen gehörenden Endgliedern haben. Beispiele hierfür sind die Mischkristallreihe Grunerit (Amosit) – Cummingtonit und die Tremolit-Aktinolith-Reihe mit Übergängen zu anderen Hornblenden. Aber auch viele ebenfalls faserförmig auftretende Minerale mit ähnlichem Chemismus, wie etwa viele Phyllosilikate, Talke oder die Gruppe der Pyroxene, sind zu nennen.</p> <p>Da auch umgebende Partikel oft mit angeregt werden, können auch diese die Analyse beeinflussen und so zu Fehldeutungen führen. So kann eine kalkige oder dolomitische Matrix etwa die Unterscheidung von Tremolit und Aktinolith erschweren. Um den beträchtlichen Aufwand bei der Überprüfung der verschiedenen Abgrenzungskriterien zu erleichtern, stellt das Institut für Arbeitsschutz der DGUV eine <a href="https://www.dguv.de/ifa/praxishilfen/praxishilfen-gefahrstoffe/software-faseridentifizierung-in-staeuben/index.jsp">Auswertungstabelle </a>auf Grundlage von Microsoft Excel bereit.</p> <h2 id="h-unterscheidung-zwischen-technischem-und-geogenem-akzessorischem-asbest">Unterscheidung zwischen technischem und geogenem / akzessorischem Asbest</h2> <p>Was genau ist eigentlich dieser geogene Asbest und wie unterscheidet er sich von technisch eingesetztem Asbest? Ich hatte bereits weiter oben dargelegt, dass ich den Begriff „geogener Asbest” für problematisch halte. Das gilt allgemein für Begriffe, die sich auf die Entstehung beziehen. Hier gilt es sogar doppelt, denn letztlich ist auch der technisch verwendete Asbest geogen. Er hat nur eine andere Qualität: Er wurde absichtlich zugefügt, um die Materialeigenschaften oder die Verarbeitung zu verbessern. Der sogenannte geogene Asbest hingegen entstammt akzessorischen Asbestgehalten natürlicher Gesteine als Zuschlagstoff. Ich halte daher den Begriff „akzessorischer Asbest” für treffender.</p> <p>Das Problem besteht zwar schon länger, hat sich aber seit der Einführung der damals erneuerten VDI 3866 mit ihrem Anhang B und der daraus resultierenden, deutlich verbesserten Analytik mit extrem niedrigen Nachweisgrenzen noch verschärft. Seither werden in vielen Produkten, auch in solchen, die deutlich nach dem Asbestverbot hergestellt wurden, immer wieder Asbestfunde gemacht.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="729" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-1024x729.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-1024x729.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-300x214.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-768x547.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-1536x1094.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-2048x1459.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Tremolit. Das Aufpleißen an den Enden ist ebenso gut zu erkennen wie die extrem perfekte Spaltbarkeit. Auch wenn diese Fasers elbst nicht lungengängig ist, so kann sie sehr leicht in viele lungengängige Fasern zerfallen. Dieser Tremolit ist kein technisch verwendeter, sondern stammt als akzessorisches Mineral aus einem Zuschlagstoff. CRB Analyse Service GmbH.</em></figcaption></figure> <h3 id="h-asbest-mit-zweierlei-mass">Asbest mit zweierlei Maß</h3> <p>Dabei ergibt sich ein Problem. Zurzeit gibt es nämlich keine klare Definition dafür, was aus analytischer Sicht technischer und was geogener/akzessorischer Asbest ist. Das mag auf den ersten Blick wie Erbsenzählerei klingen, hat jedoch große Auswirkungen auf verschiedene Rechtsbereiche, etwa das Chemikalienrecht, das Bau- und Gefahrgutrecht. Bislang gibt es nur sehr wenige belastbare medizinische Daten zur Toxizität der verschiedenen Asbestvarianten und ihrer unterschiedlichen morphologischen Ausprägungen.</p> <p>Nehmen wir ein kleines Beispiel: Wir haben in einer Probe einen eindeutig positiven Asbestbefund. Wenn es sich um einen natürlichen Rohstoff handelt, darf dieser bis zu 0,1 Massenprozent Asbest enthalten. Das gilt übrigens auch, wenn dieser Rohstoff oder daraus hergestellte Produkte später recycelt werden. Hier kommen die Regelungen der TRGS 517 zum Tragen.</p> <p>Ansonsten gilt für Baustoffe mit technischem Asbest die TRGS 519 sowie ein Inverkehrbringungsverbot.</p> <p>Das liegt daran, dass viele Gesteine kleine Mengen der als Asbest bekannten Minerale enthalten können. Die TRGS 517 stellt allerdings auch fest, dass davon ausgegangen werden kann, dass die in der Bundesrepublik vorkommenden Rohstoffe weniger als 0,1 Massenprozent Asbest enthalten. Abgesehen davon, dass dies nicht ohne Weiteres pauschalisiert werden kann, ist bei grenzüberschreitendem Handel durchaus auch mit höheren Asbestgehalten zu rechnen. Man denke nur an die jüngsten Funde von Asbest in buntem Spielsand.</p><h3>Und was genau ist mit “Asbestgehalt” gemeint?</h3> <p>Doch was sind 0,1 Massenprozent überhaupt? Auch diese Frage, die viele einfach mit „Asbestgehalt“ beantworten möchten, ist letztlich nicht trivial. Denn es gibt durchaus verschiedene Asbestgehalte in natürlichem Gestein. Welche wären das?</p> <p>Am einfachsten wäre der Gesamtgehalt an Asbestmineralen. Da bei Asbest aber auch die Form eine Rolle spielt, wäre vielleicht der Gehalt an faserförmigen Asbestmineralen passender.</p> <p>Zu der Frage, was genau „faserförmig“ bedeutet, komme ich gleich auch noch.</p> <p>Im Prinzip sind es die lungengängigen Fasern, also die WHO-Fasern, die die Asbestminerale so gefährlich machen. Vielleicht also der Gehalt an faserförmigen Asbestmineralen mit WHO-Abmessungen?</p> <p>Schließlich können wir auch noch zwischen primär faserförmigen Asbestmineralen und solchen, die aufgrund ihrer vollkommenen Spaltbarkeit während der Bearbeitung faserförmig werden, unterscheiden.</p> <p>Nach der TRGS 517 werden als Asbestfasern diejenigen Fasern bezeichnet, die sowohl zu den sechs bekannten Asbestmineralen gehören als auch den Kriterien einer lungengängigen Faser nach WHO entsprechen.<br></br>Dabei ist es unerheblich, ob diese Faser bereits als faserförmiges Mineral vorlag oder erst durch die Bearbeitung faserförmig wurde. Denn eine solche Unterscheidung kann an einem einzelnen Partikel in der Regel ohnehin nicht getroffen werden.</p> <h3 id="h-was-ist-eine-faser">Was ist eine Faser?</h3> <p>Das bringt uns zu der Frage: Was ist eigentlich eine asbestiforme Faser? Das mag auf den ersten Blick wie Haarspalterei erscheinen, hat aber einen ernsten Hintergrund. Denn obwohl die Definition dessen, was als Faser zu zählen ist, für die Asbestanalytik von enormer Wichtigkeit ist, sind sich die verschiedenen Normen und Richtlinien hier nicht sonderlich einig. Zwar gibt es einige Übereinstimmungen, aber auch viel Unklares und Interpretationsspielraum.</p> <p>So definiert die VDI 3492 eine Faser als einen langgestreckten Partikel mit einer Länge von mehr als 5 µm, einer Dicke von weniger als 3 µm und einem L:D-Verhältnis &gt; 3:1. Damit werden die klassischen WHO-Fasern erfasst. Das gilt ebenso für die BGI_GUV-I-505-46 und die VDI 3877.</p> <p>Die DIN-ISO-EN 16000-7 vereinfacht das Ganze. Als Faser gilt hier jeder Partikel mit einem L:D-Verhältnis von mehr als 3:1.<br></br>Soweit ist ja noch alles halbwegs klar. Es geht aber noch weiter. In der IFA-Arbeitsmappe 7487, also der Methode zur halbquantitativen Bestimmung des Asbestgehalts, gilt als Faser jedes Objekt, das eine Länge von wenigstens 5 µm sowie ein L/D-Verhältnis von über 3:1 aufweist.<br></br>Spannend und etwas schwammig wird es bei der VDI 3866: Während Blatt 4 noch auf lang gestreckte Partikel mit einem L:D von mindestens 3:1 setzt, bleibt Blatt 5 bei der deutlich erkennbaren Längsspaltbarkeit und einem damit verbundenen Aufspleißen an den Faserenden oder dem Vorliegen dünner Fasern (d &lt; 1 µm) sowie einem hohen L/D-Verhältnis. Da kann man durchaus einiges hineininterpretieren.</p> <p>Die TRGS 517 definiert Asbestfasern als zugehörig zu den sechs bekannten Asbestmineralen, als lungengängig gemäß den WHO-Kriterien und mit einem L:D-Verhältnis von weniger als 3:1.</p> <h4 id="h-asbestfaser-international">Asbestfaser – international</h4> <p>Auch ein Blick auf die internationalen Normen bringt keine größere Klarheit. So beziehen sich die den DIN-Normen eigentlich übergeordneten ISO-Normen 22262-1 und 22262-2 auf „asbstiform” und verweisen auf die ISO 1379:2019, in der allerdings keine Definition zu finden ist. Stattdessen wird man auf die ISO 10312:2019 verwiesen. Dort heißt es, dass eine Mindestlänge von 0,5 µm und ein Verhältnis von Länge zu Dicke von wenigstens 5:1 vorliegen muss.</p> <p>In den USA (EPA600/R-93/116) sieht es folgendermaßen aus: Um als Asbestfaser zu gelten, muss ein Länge-zu-Dicke-Verhältnis von 20:1 bis über 100:1 vorliegen und die Faser muss länger als 5 µm sein. Zudem sollten sehr dünne Fibrillen mit Dicken unter 0,5 µm sowie zwei oder mehr der folgenden Kriterien vorliegen: parallele Fasern in Bündeln, aufspleißende Enden, verfilzte Fasern und gekrümmte Fasern.</p> <p>In Großbritannien sieht es ähnlich aus (HSG248): Das Länge-zu-Dicke-Verhältnis beträgt auch hier 20:1 bis über 100:1 und es besteht die Möglichkeit, in dünnere Fasern aufzuspalten. Auch die Zusatzkriterien sind ähnlich zu denen in den USA. Es können parallele Fasern in Bündeln, aufspleiessende Enden, dünne Nadeln, Faserfilz oder gekrümmte Fasern auftreten.<br></br>In der Schweiz kann man sich am Positionspapier des Forums Asbest Schweiz orientieren. Demnach liegt bei Amphibolasbest ein positiver Asbestbefund vor, wenn mindestens drei Asbeststrukturen in einem Präparat nachgewiesen werden können. Diese sollten folgende morphologische Eigenschaften aufweisen: – lange, dünne Einzelfasern oder sehr dünne Faserbündel mit einer Länge von mehr als 5 µm und einem Durchmesser von weniger als 1 µm sowie einem Längen-Durchmesser-Verhältnis von mehr als 20,<br></br>– aufspleissende Faserbündel oder<br></br>– wirrfaserige, verfilzte Faseraggregate.</p> <p>Alle anderen Faserstrukturen, die nicht asbestiform sind, stellen demnach kein Asbest dar. Die Frage, ob sie eine Gefahr darstellen, wird dabei jedoch ausgeklammert.</p> <h3 id="h-definition-notwendig">Definition notwendig</h3> <p>Bislang fehlt uns offenbar eine allgemeingültige Definition für Asbestfasern, vor allem in der Richtlinie VDI 3866 Blatt 5. Die dort zu findende Asbestfaserdefinition beruht auf der bislang meist erfolgten Anwendung auf die klassischen, technisch verwendeten Asbestformen. In Zukunft wird jedoch vermutlich der geogene oder akzessorische Asbest immer wichtiger werden – auch im Hinblick auf die Unterscheidung vom technisch verwendeten Asbest. Denn die immer besser werdenden Analysemethoden offenbaren auch geringe Gehalte an akzessorischen Mineralen der Asbeste, hier vornehmlich der Amphibolasbeste, in den Zuschlagstoffen.</p> <p>Wir werden also Kriterien und Definitionen benötigen, um diese verschiedenen Asbestformen und -quellen zu erkennen und voneinander zu unterscheiden. Einerseits, um abweichende Ergebnisse aus unterschiedlichen Laboren zu vermeiden, andererseits, um Funde differenziert bewerten zu können. Vor allem aber, um Funde differenziert bewerten zu können. Denn der Befund kann, wie bereits angemerkt, auch Konsequenzen hinsichtlich der abfallrechtlichen Bewertung und des möglichen Recyclings haben.</p> <p>Daher sollte die Regelung in VDI 3866 Blatt 5, nach der eine Untersuchung nach dem ersten Fund einer Asbeststruktur abgebrochen werden kann und die Probe als asbesthaltig gilt, dringend überarbeitet werden. Vielleicht sollten wir dem Schweizer Vorbild folgen und mindestens drei sicher identifizierte Asbeststrukturen verlangen.</p> <h3 id="h-unterschied-technischer-und-geogener-asebest">Unterschied technischer und geogener Asebest</h3> <p>Worin bestehen die Unterschiede zwischen technisch verwendetem Asbest und dem, der als akzessorisches Mineral durch Zuschläge in Materialien gelangt?</p> <p>Technischer Asbest ist in der Regel sehr dünnfaserig. Die Einzelfasern zeigen parallele Kanten und sind deutlich länger als 5 µm, wobei die Dicke meist deutlich unter 1 µm liegt. Das Verhältnis von Länge zu Dicke ist meist deutlich über 10:1 und die Enden der Fasern zeigen meist ein Aufspleißen in feinere Fibrillen. Es können auch wirrfaserige und verfilzte Aggregate vorkommen. Zumindest eines, meist sogar mehrere dieser Merkmale können zusammen auftreten.</p> <p>Geogener oder akzessorischer Asbest kann auch als Einzelfaser mit parallelen Kanten vorliegen, wobei das Längen-zu-Dicken-Verhältnis meist kleiner als 10:1 ist. Die Fasern sind in der Regel dicker als 1 µm. Oft fehlt auch das typische Aufspleißen an den Faserenden. Es treten auch Fasern mit nichtparallelen Längskanten auf.</p> <p>Statistisch betrachtet ließen sich die verschiedenen Asbestquellen vermutlich so unterscheiden. Die obigen Kriterien sollten in dieser oder überarbeiteter Form Eingang in die betreffenden Richtlinien finden. Nur so kann der Befund technischer bzw. geogener Asbest auch in die Prüfberichte Eingang finden. Bislang sind die Konsequenzen zwar noch recht überschaubar, aber auch bei Regelwerken wie der TRGS 519 und der TRGS 517 sollte eine Harmonisierung und Anpassung der Grenzwerte stattfinden.</p> <h3 id="h-was-ist-notwendig">Was ist Notwendig?</h3> <p>Diese oben genannten Unterscheidungskriterien müssen in irgendeiner Form Einzug in die Normen wie die VDI 3866 Blatt 5 halten. Das bietet sich auch daher an, weil diese Norm zur Zeit gerade in der Überarbeitung ist.</p> <p>Eventuell bietet es sich auch an, die Unterscheidung ob technischer oder geogener/akzessorischer Asbest gefunden wurde in die Prüfberichte zu übernehmen, zumindest auf Kundenwunsch. Hierfür wäre eventuell aber eine statistische Auswertung mehrerer Faserstrukturen notwendig und nicht nur die bisher erfolgte rein qualitative Einstufung nach möglicherweise Fund einer einzelnen Faserstruktur.</p> <p>Die Regeln für Materialien, die technischen Asbest und diejenigen, welche geogenen/akzessoriuschen Asbest enthalten, müssen harmonisiert und die Grenzwerte angepasst werden (TRGS 519 und TRGS 517).</p> <p>Man sollte sich aber auch im Klaren sein, dass die Unterscheidung der beiden Asbestvarianten kein Urteil hinsichtlich der Toxizität ist. Es gibt keinen „guten“ Asbest.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c.jpg" /><h1>Reden wir über Asbestanalytik – Amphibolasbest und geogener Asbest » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Am zweiten Tag der diesjährigen DCONex drehte sich alles um die Asbestanalytik. Ich war etwas erstaunt, wie gut diese Session besucht war, denn parallel dazu gab es Vorträge zum Thema „Asbesthaltige Abstandshalter im Betonbau”. Dieses Thema hatte in der Asbestbranche zuletzt für einige Aufregung gesorgt. Das hätte ich mir auch gerne angehört, aber ich war gebunden, und zwar an die Analytik von Amphibolasbest.</p> <p>Von den sechs unter dem Oberbegriff Asbest zusammengefassten Mineralen gehören fünf zu der Mineralfamilie der Amphibole. Und wie mein alter Mineralogieprofessor zu sagen pflegte: „Amphibole sind die Hausschweine des Geochemikers.” Das heißt, sie sind nicht nur in der Lage, fast alle Elemente, die in einem Magma herumschwirren, in ihr Gitter einzubauen, sondern sie sind auch in vielfältiger Weise untereinander mischbar. Das macht die Analytik von Amphibolasbest manchmal zu einem anstrengenden Unterfangen.</p> <p>Hinzu kommt das Problem, das ich im vorherigen Beitrag zur DCONex 2026 bereits angesprochen hatte, dass die Amphibolasbeste nicht nur technisch verwendet wurden. Sie kommen auch in verschiedenen Rohstoffen als sogenannter geogener Asbest vor.</p> <p>Markus Mattenklott vom Institut für Arbeitsschutz (IFA) der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung begann mit den Grundlagen der Mineralfamilie der Amphibole. Stefan Pierdzig von der CRB Analyse Service GmbH folgte mit der Definition von Asbestfasern und der Unterscheidung zwischen technischem und geogenen Asbest. Den Abschluss bildete Joachim Koppen von der BIOLAB Umweltanalysen GMBH mit Fallbeispielen für Amphibolasbest aus der analytischen Praxis.</p> <h2 id="h-geogener-asbest-oder-akzessorischer-asbest">Geogener Asbest oder akzessorischer Asbest?</h2> <p>Das wäre ja alles noch nicht weiter dramatisch, wenn nicht für technisch zugesetzten und geogenen Asbest teilweise unterschiedliche Regelungen gelten würden. Damit sind wir auch schnell bei einem Problem: Wie lässt sich sicher zwischen technisch zugesetzten und geogenen Asbestfasern unterscheiden? <aside></aside></p> <p>Der Begriff „geogener Asbest” ist in meinen Augen ziemlich irreführend, selbst wenn man ihn dem technisch verwendeten Asbest gegenüberstellt. Während der technische Asbest, also der Asbest, den wir Baumaterialien hinzugefügt haben, um eine bestimmte Eigenschaft zu verbessern, oder den wir zum Beispiel als Brandschutz verwendet haben, also absichtlich hinzugefügt wurde, stammt der geogene Asbest aus verwendeten Zuschlagstoffen – meist natürlichen Gesteinen –, in denen er enthalten war. Er verbessert hier also keine Materialien, sondern kommt quasi als Trittbrettfahrer mit. Um die Verwirrung perfekt zu machen, muss man allerdings sagen, dass auch unser technisch verwendeter Asbest natürlicher Asbest ist, allerdings einer bestimmten Qualität. Er stammt aus ausgewählten Lagerstätten, die gerade wegen ihrer Asbestvorkommen aufgesucht und ausgebeutet werden.</p> <p>Geogener Asbest stellt hingegen als akzessorisches Mineral eines natürlichen Gesteins, das wir als Zuschlagstoff verwendet haben, keine eigene Lagerstätte dar. Der Begriff lehnt sich an den englischen Ausdruck „natural occurring asbestos“ (NOA) an. Ich bin aber dennoch der Meinung, dass man ihn eigentlich aufgeben sollte. Für diese Art Asbest wäre vielleicht der Begriff „akzessorischer Asbest“ angemessener, da er auf die Quelle hindeutet. Damit wäre allerdings noch nicht die Frage beantwortet, wie sich der akzessorische Asbest vom technisch verwendeten Asbest unterscheiden lässt. Aber dazu kommen wir später noch. Zunächst werfen wir einen Blick auf die Mineralgruppe der Amphibole und den Amphibolasbest.</p> <h2 id="h-analytik-von-amphibolen">Analytik von Amphibolen</h2> <p>Dieser Workshop war vielleicht eher etwas für Nerds, zumindest hatte ich diese Befürchtung. Glücklicherweise mussten wir aber nicht in einem leeren Saal stehen, auch wenn parallel durchaus interessante Beiträge liefen.</p> <h3 id="h-amphibole-die-hausschweine-des-geochemikers">Amphibole – die Hausschweine des Geochemikers</h3> <p>Amphibole sind eine sehr vielfältige Mineralgruppe. Sie können eine sehr große Bandbreite an Elementen in ihr Gitter einbauen und haben vermutlich die größte chemische Variabilität. Das hat ihnen den Ruf des „Hausschweins der Geochemiker” eingebracht. Alle Elemente, die in einem Magma oder bei einer Metamorphose vorhanden sind, finden auf die eine oder andere Weise in ihnen ihren Platz.</p> <p>Dabei ist ihre chemische Summenformel eigentlich relativ simpel, nämlich Amphibole sind eine sehr vielfältige Mineralgruppe. Sie können eine sehr große Bandbreite an Elementen in ihr Gitter einbauen und haben vermutlich die größte chemische Variabilität. Das hat ihnen den Ruf des „Hausschweins der Geochemiker” eingebracht. Alle Elemente, die in einem Magma oder bei einer Metamorphose vorhanden sind, finden auf die eine oder andere Weise in ihnen ihren Platz.<br></br>Dabei ist ihre chemische Summenformel eigentlich relativ simpel, nämlich Amphibole sind eine sehr vielfältige Mineralgruppe. Sie können eine sehr große Bandbreite an Elementen in ihr Gitter einbauen und haben vermutlich die größte chemische Variabilität. Das hat ihnen den Ruf des „Hausschweins der Geochemiker” eingebracht. Alle Elemente, die in einem Magma oder bei einer Metamorphose vorhanden sind, finden auf die eine oder andere Weise in ihnen ihren Platz.<br></br>Dabei ist ihre chemische Summenformel eigentlich relativ simpel, nämlich </p> <p>Amphibole sind eine sehr vielfältige Mineralgruppe. Sie können eine sehr große Bandbreite an Elementen in ihr Gitter einbauen und haben vermutlich die größte chemische Variabilität. Das hat ihnen den Ruf des „Hausschweins der Geochemiker” eingebracht. Alle Elemente, die in einem Magma oder bei einer Metamorphose vorhanden sind, finden auf die eine oder andere Weise in ihnen ihren Platz.<br></br>Dabei ist ihre chemische Summenformel eigentlich relativ simpel, nämlich </p> <p><strong>A<sub>0-1</sub>B<sub>2</sub>C<sub>5</sub>T<sub>8</sub>O<sub>22</sub>(OH)<sub>2</sub></strong></p> <p>Das Gleiche gilt für ihre Struktur: Es handelt sich um Doppelketten aus eckenverknüpften SiO₄-Tetraedern, was sie zu Kettensilikaten macht und auch die oft faserförmige, längliche Ausbildung der Minerale vorgibt. Die obige Summenformel zeigt, dass es Platzhalter für unterschiedliche Positionen in der Mineralstruktur gibt.</p> <p>A kann sowohl eine Leerstelle als auch durch Na<sup>+</sup>, K<sup>+</sup>, Ba<sup>2+</sup>, Sr<sup>2+</sup>, Ca<sup>2+</sup> oder Li<sup>+</sup> besetzt sein.</p> <p>B von Ca<sup>2+</sup>, Na<sup>+</sup>, Mg<sup>2+</sup>, Fe<sup>2+</sup>, Mn<sup>2+</sup>, Li<sup>+</sup>, Sr<sup>2+</sup>, Ba<sup>2+</sup>, Mn<sup>2+</sup>, Fe<sup>2+</sup>, Co<sup>2+</sup>, Ni<sup>2+</sup>, Zn<sup>2+</sup>, Pb<sup>2+</sup>,Cu, Zr<sup>4+</sup>, Mn<sup>3+</sup>, Cr<sup>3+</sup>, Fe<sup>3+</sup>, V</p> <p>C von Mg<sup>2+</sup>, Fe<sup>2+</sup>, Mn<sup>2+</sup>, Li+, Al<sup>3+</sup>, Zn<sup>2+</sup>, Ni<sup>2+</sup>, Co<sup>2+</sup>, Ti<sup>4+</sup>, Fe<sup>3+</sup>, V, Cr<sup>3+</sup>, Mn<sup>3+</sup>, Zr</p> <p>T steht für Si<sup>4+</sup>, Al<sup>3+</sup>, Ti<sup>4+</sup></p> <p>Zusätzlich kann die Hydroxygruppe, das (OH), durch F<sup>–</sup>, Cl<sup>– </sup>oder auch O<sup>2-</sup> ersetzt werden.</p> <p>Man kann sich also unschwer vorstellen, welches Chaos sich in der Nomenklatur und den Zusammensetzungen der Amphibole abspielt. Diese enorme Variabilität lässt die Amphibole auch in sehr weiten Bereichen der magmatischen und metamorphen Gesteine auftreten. Gleichzeitig war die Nomenklatur auch nicht einfach. Erste 2003 wurde vom <em>Subcommitee on Amphiboles</em> der IMA, der <em>International Mineralogical Assosciation, Commission on New Minerals and Mineral Names</em> die heute gültige Nomenklatur festgelegt. Die Mineralnamen bauen auf den Gehalten der verschiedenen Elemente auf den einzelnen Positionen auf. Ausschlaggebend sind dabei die Elemente der B-Position. Sie unterteilen sich in 5 Gruppen:</p> <ul> <li>Magnesium-Eisen-Mangan-Lithium Amphibole</li> <li>Calcium Amphibole</li> <li>Natrium-Calcium Amphibole</li> <li>Alkali-Amphibole</li> <li>Na-Ca-Mg-Fe-Mn-Li Amphibole</li> </ul> <h3 id="h-die-verflixten-mischkristalle">die verflixten Mischkristalle</h3> <p>Um die Sache noch komplizierter zu machen, können den Namen der Amphibole auch Präfixe der Elemente vorangestellt werden, die als wesentliche Substitutionen auftreten. Beispiele sind Ferro-Amphibolname oder Titano-Amphibolname, je nachdem, ob diese Elemente eine gewisse Bedeutung im jeweiligen Mineral erreichen.</p> <p>Zusätzlich bilden viele Amphibole Mischkristallreihen, bei denen wir nicht nur die reinen, lehrbuchmäßigen Endglieder, sondern meist etwas dazwischen beobachten. Leider sind auch unsere fünf Amphibolasbeste hier keine Ausnahme. Im Gegenteil, hier finden sich Mischkristallreihen sowohl zwischen ihnen, also Tremolit und Aktinolith, als auch mit Außenstehenden, also Grunerit und Cummingtonit. Falls der Begriff Grunerit nichts sagt: Es ist unter dem Begriff Amosit einer unserer Amphibolasbeste.</p> <p>Man kann sich also unschwer vorstellen, dass gerade bei akzessorischem Asbest aus Zuschlagsstoffen oft die gesamte Bandbreite auftritt und Analytiker vor die undankbare Aufgabe gestellt werden, zu entscheiden, ob etwas zu den Asbestmineralen gehört oder nicht.</p> <p>Aber ich will hier nicht weiter in die spezielle Mineralogie dieser ziemlich faszinierenden Mineralgruppe abschweifen. Schauen wir uns einfach die fünf Amphibole etwas genauer an, die wir unter dem Sammelbegriff Asbest zusammenfassen.</p> <h2 id="h-die-amphibolasbeste">Die Amphibolasbeste</h2> <p>Betrachtet man unsere fünf Asbestminerale aus der Gruppe der Amphibole genauer, fällt zunächst auf, dass zumindest die wirtschaftlich bedeutenden Minerale Amosit und Krokydolith keine richtigen Mineralnamen im mineralogischen Sinne sind. Krokydolith heißt mineralogisch korrekt Riebeckit und Amosit ist hier unter Grunerit zu finden.</p> <h3 id="h-krokydolith">Krokydolith</h3> <p>Vielleicht der wirtschaftlich bedeutendste Amphibolasbest ist Krokydolith oder auch Blauasbest. Er heißt mineralogisch eigentlich Riebeckit und gehört zur Gruppe der Alkali-Amphibole. Mineralogisch verbirgt sich dahinter das Mineral Riebeckit, ein monoklines Kettensilikat aus der Gruppe der Alkali-Amphibole. Es handelt sich um ein recht komplexes Natrium-Eisen Silikat mit der Zusammensetzung Na<sub>2</sub>Fe<sup>2+</sup><sub>3</sub>Fe<sup>3+</sup><sub>2</sub>[(OH)<sub>2</sub>|Si<sub>8</sub>O<sub>22</sub>].</p> <p>Das wäre ja noch relativ einfach, aber der Platz des Natrium ist nicht vollständig besetzt. Zudem bildet Riebeckit mit Magnesio-Riebeckit Na<sub>2</sub>(Mg,Fe)<sub>3</sub>Fe<sup>3+</sup><sub>2</sub>[(OH)<sub>2</sub>|Si<sub>8</sub>O<sub>22</sub>] (ein schönes Beispiel für die oben erwähnten Präfixe) eine lückenlose Mischkristallreihe.</p> <p>Riebeckit kann lange, feinfaserige bis nadelige Mineralaggregate bilden. Diese wurden (und werden zum Teil noch heute) als Krokydolith abgebaut und technisch verwendet. Riebeckit kann sich unter verschiedenen Bedingungen bilden. So kommt das Mineral magmatisch in Graniten, Rhyolithen und Syeniten vor, aber auch in metamorphen Gesteinen wie Quarziten oder eisenreichen Schiefern, wo es mit anderem Asbest der Tremolit-Aktinolith-Reihe vergesellschaftet ist. Die Krokydolith-Vorkommen in Südafrika befinden sich in den Banded Iron Formations und sind sekundärer Natur. Möglicherweise haben Magnetitkristalle als Keime gewirkt.</p> <h3 id="h-amosit">Amosit</h3> <p>Auch Amosit oder Braunasbest wegen seiner oft bräunlichen Farbe, ist kein richtiger Mineralname, sondern das Akronym eines der Hauptförderer des Minerals: die Asbestos Mine of South Africa. Dahinter verbirgt sich der Amphibol Grunerit. Er gehört zu den monoklinen Amphibolen. Seine oft faserigen oder nadeligen Kristalle haben die Zusammensetzung (Fe<sup>2+</sup>, Mg)<sub>7</sub>[OH|Si<sub>4</sub>O<sub>11</sub>]<sub>2</sub>. Wie bei den meisten Amphibolen stellt auch Grunerit nur das Endglied einer Mischkristallreihe dar, in diesem Fall mit <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/cummingtonite/">Cummingtonit</a> (Mg,Fe₂+)₇[OH|Si₄O₁₁]₂. Dabei stellt Grunerit das Fe-betonte und Cummingtonit das Mg-betonte Endglied dar. Auch Amosit wird wirtschaftlich als Asbest genutzt, wenn auch weniger als Chrysotil oder Krokydolith.</p> <p>Das Mineral bildet sich oft während der Kontaktmetamorphose in mittel- bis hochgradigen, eisenreichen Gesteinen und Blauschiefern.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="736" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-1024x736.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-1024x736.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-300x216.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-768x552.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-1536x1104.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-2048x1472.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Amosit. Diser Amosit hier auf einem Luftfilter wurde technisch verwendet. Das Verhältnis Länge zu Dicke ist hoch. CRB Analyse Service GmbH.</em></figcaption></figure> <h3 id="h-anthophyllit">Anthophyllit</h3> <p>Anthophyllit gehört ebenfalls zur Mineralgruppe der Amphibole. Seine chemische Zusammensetzung ist (Mg,Fe₂+)₇[OH|Si₄O₁₁]₂, wobei der Gehalt an Magnesium und Eisen stark schwanken kann. So kann Magnesium bis zu 40 Atomprozent durch zweiwertiges Eisen ersetzt werden. Damit ähnelt er stark der Grunerit-Cummingtonit-Reihe, kristallisiert aber im Gegensatz zu diesen Amphibolen im orthorhombischen Kristallsystem.</p> <p>Als Asbest wurden meist die nadeligen und faserigen Anthophyllitvarianten verwendet, wenn auch deutlich seltener als Krokydolith und Amosit. Dennoch kann dieser Amphibolasbest immer wieder nachgewiesen werden, auch als technischer Asbest.</p> <p>Anthophyllit bildet sich vornehmlich in Gesteinen der Regionalmetamorphose, zum Beispiel in Gneis, Pegmatit und Serpentinit. Sein Name leitet sich von seiner Ähnlichkeit mit der Gewürznelke (griechisch <em>Anthophylli</em>) ab.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="729" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-1024x729.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-1024x729.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-300x214.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-768x547.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-1536x1094.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-2048x1459.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Anthophyllite, hier mit Maßstab, um die Lungengängigkeit zu belegen. Diese Anthophyllite waren geogener Herkunft, sie ähneln aber durch ihr hohes Länge zu Dicke Verhältnis durchaus technisch verwendeten Anthophylliten. CRB Analyse Service GmbH.</em></figcaption></figure> <h3 id="h-aktinolith">Aktinolith</h3> <p>Aktinolith ist ein Mitglied der Calcium-Amphibole, die früher auch als Hornblenden bezeichnet wurden. Seine Mineralformel lautet Ca₂(Mg,Fe)₅[OH|Si₄O₁₁]₂. Es gehört zusammen mit dem unten beschriebenen Tremolit zur Tremolit-Aktinolith-Ferro-Aktinolith-Mischkristallreihe. Die faserigen bis nadeligen Varianten finden als Asbest Verwendung, wenn auch relativ selten. Die faserige und als Asbest genutzte Variante wird gelegentlich auch als Amiant bezeichnet. In der technischen Verwendung tritt sie mengenmäßig deutlich hinter den oben aufgeführten Asbestarten zurück. Das Mineral kommt aber vergleichsweise häufig in Gesteinen der Regionalmetamorphose, wie Amphiboliten und kristallinen Schiefern, vor.</p> <p>Aufgrund seiner Häufigkeit in vielen Gesteinen und seines variablen Chemismus ist es unter dem Elektronenmikroskop manchmal sehr schwer, es von anderen Mineralen wie etwa Talk abzugrenzen.</p> <h3 id="h-tremolit">Tremolit</h3> <p>Der fünfte und letzte unter den Amphibolasbesten ist der Tremolit. Er hat die Mineralformel Ca₂Mg₅[(OH,F) | Si₄O₁₁]₂ und gehört zusammen mit dem bereits erwähnten Aktinolith zu einer Mischkristallreihe. Daneben zeigen diese auch Übergänge zu den anderen Amphibolen der Hornblende-Gruppe. Für ihn gilt das Gleiche wie für den Aktinolith, allerdings wurde er technisch kaum verwendet.</p> <p>Das Mineral bildet sich in Gesteinen der Regionalmetamorphose, unter anderem in Talkschiefern und unreinen Marmoren. Werden diese Gesteine als Zuschlag oder Rohstoff verwendet, können Tremolite auch immer wieder den Weg in verschiedene Produkte, wie etwa jüngst in bunten Spielsand, finden. Vermutlich gehören Tremolit und die mit ihm verwandten Aktinolithe zu den häufigsten geogenen oder akzessorischen Asbesten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="729" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-1024x729.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-1024x729.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-300x214.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-768x547.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-1536x1094.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-2048x1459.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Tremolit aus eiem Talk. Dieser Tremlit ist nicht lungengängig, zeigt aber sehr schöne Längsspaltbarkeit und würde unter Belastung schnell in kleinere, möglicherweise lungengängige Fasern zerbrechen. CRB Analyse Service GmbH.</em></figcaption></figure> <h2 id="h-bestimmung-und-abgrenzung-der-amphibolasbeste">Bestimmung und Abgrenzung der Amphibolasbeste</h2> <p>Neben der faserförmigen Ausprägung ist die vollkommene Spaltbarkeit der Asbestminerale eines der wichtigsten Kriterien. Dadurch zeichnen sich die Fasern oder Faserbündel durch ein feines Aufspleißen aus, das vom Faserende her beginnt. Dies gilt auch für die Asbeste aus der Amphibolgruppe.</p> <p><br></br>aneben ist ein möglichst aussagekräftiges Elementspektrum wichtig, bei dem sowohl die leichteren als auch die schweren diagnostischen Elemente gut erfasst werden. Dies ist vor allem bei den Amphibolen mit ihren Mischkristallreihen und der extrem variablen Zusammensetzung notwendig, da sie oft nur schwer erkennbare Grenzen gegenüber den nicht zu den Asbestmineralen gehörenden Endgliedern haben. Beispiele hierfür sind die Mischkristallreihe Grunerit (Amosit) – Cummingtonit und die Tremolit-Aktinolith-Reihe mit Übergängen zu anderen Hornblenden. Aber auch viele ebenfalls faserförmig auftretende Minerale mit ähnlichem Chemismus, wie etwa viele Phyllosilikate, Talke oder die Gruppe der Pyroxene, sind zu nennen.</p> <p>Da auch umgebende Partikel oft mit angeregt werden, können auch diese die Analyse beeinflussen und so zu Fehldeutungen führen. So kann eine kalkige oder dolomitische Matrix etwa die Unterscheidung von Tremolit und Aktinolith erschweren. Um den beträchtlichen Aufwand bei der Überprüfung der verschiedenen Abgrenzungskriterien zu erleichtern, stellt das Institut für Arbeitsschutz der DGUV eine <a href="https://www.dguv.de/ifa/praxishilfen/praxishilfen-gefahrstoffe/software-faseridentifizierung-in-staeuben/index.jsp">Auswertungstabelle </a>auf Grundlage von Microsoft Excel bereit.</p> <h2 id="h-unterscheidung-zwischen-technischem-und-geogenem-akzessorischem-asbest">Unterscheidung zwischen technischem und geogenem / akzessorischem Asbest</h2> <p>Was genau ist eigentlich dieser geogene Asbest und wie unterscheidet er sich von technisch eingesetztem Asbest? Ich hatte bereits weiter oben dargelegt, dass ich den Begriff „geogener Asbest” für problematisch halte. Das gilt allgemein für Begriffe, die sich auf die Entstehung beziehen. Hier gilt es sogar doppelt, denn letztlich ist auch der technisch verwendete Asbest geogen. Er hat nur eine andere Qualität: Er wurde absichtlich zugefügt, um die Materialeigenschaften oder die Verarbeitung zu verbessern. Der sogenannte geogene Asbest hingegen entstammt akzessorischen Asbestgehalten natürlicher Gesteine als Zuschlagstoff. Ich halte daher den Begriff „akzessorischer Asbest” für treffender.</p> <p>Das Problem besteht zwar schon länger, hat sich aber seit der Einführung der damals erneuerten VDI 3866 mit ihrem Anhang B und der daraus resultierenden, deutlich verbesserten Analytik mit extrem niedrigen Nachweisgrenzen noch verschärft. Seither werden in vielen Produkten, auch in solchen, die deutlich nach dem Asbestverbot hergestellt wurden, immer wieder Asbestfunde gemacht.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="729" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-1024x729.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-1024x729.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-300x214.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-768x547.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-1536x1094.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-2048x1459.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Tremolit. Das Aufpleißen an den Enden ist ebenso gut zu erkennen wie die extrem perfekte Spaltbarkeit. Auch wenn diese Fasers elbst nicht lungengängig ist, so kann sie sehr leicht in viele lungengängige Fasern zerfallen. Dieser Tremolit ist kein technisch verwendeter, sondern stammt als akzessorisches Mineral aus einem Zuschlagstoff. CRB Analyse Service GmbH.</em></figcaption></figure> <h3 id="h-asbest-mit-zweierlei-mass">Asbest mit zweierlei Maß</h3> <p>Dabei ergibt sich ein Problem. Zurzeit gibt es nämlich keine klare Definition dafür, was aus analytischer Sicht technischer und was geogener/akzessorischer Asbest ist. Das mag auf den ersten Blick wie Erbsenzählerei klingen, hat jedoch große Auswirkungen auf verschiedene Rechtsbereiche, etwa das Chemikalienrecht, das Bau- und Gefahrgutrecht. Bislang gibt es nur sehr wenige belastbare medizinische Daten zur Toxizität der verschiedenen Asbestvarianten und ihrer unterschiedlichen morphologischen Ausprägungen.</p> <p>Nehmen wir ein kleines Beispiel: Wir haben in einer Probe einen eindeutig positiven Asbestbefund. Wenn es sich um einen natürlichen Rohstoff handelt, darf dieser bis zu 0,1 Massenprozent Asbest enthalten. Das gilt übrigens auch, wenn dieser Rohstoff oder daraus hergestellte Produkte später recycelt werden. Hier kommen die Regelungen der TRGS 517 zum Tragen.</p> <p>Ansonsten gilt für Baustoffe mit technischem Asbest die TRGS 519 sowie ein Inverkehrbringungsverbot.</p> <p>Das liegt daran, dass viele Gesteine kleine Mengen der als Asbest bekannten Minerale enthalten können. Die TRGS 517 stellt allerdings auch fest, dass davon ausgegangen werden kann, dass die in der Bundesrepublik vorkommenden Rohstoffe weniger als 0,1 Massenprozent Asbest enthalten. Abgesehen davon, dass dies nicht ohne Weiteres pauschalisiert werden kann, ist bei grenzüberschreitendem Handel durchaus auch mit höheren Asbestgehalten zu rechnen. Man denke nur an die jüngsten Funde von Asbest in buntem Spielsand.</p><h3>Und was genau ist mit “Asbestgehalt” gemeint?</h3> <p>Doch was sind 0,1 Massenprozent überhaupt? Auch diese Frage, die viele einfach mit „Asbestgehalt“ beantworten möchten, ist letztlich nicht trivial. Denn es gibt durchaus verschiedene Asbestgehalte in natürlichem Gestein. Welche wären das?</p> <p>Am einfachsten wäre der Gesamtgehalt an Asbestmineralen. Da bei Asbest aber auch die Form eine Rolle spielt, wäre vielleicht der Gehalt an faserförmigen Asbestmineralen passender.</p> <p>Zu der Frage, was genau „faserförmig“ bedeutet, komme ich gleich auch noch.</p> <p>Im Prinzip sind es die lungengängigen Fasern, also die WHO-Fasern, die die Asbestminerale so gefährlich machen. Vielleicht also der Gehalt an faserförmigen Asbestmineralen mit WHO-Abmessungen?</p> <p>Schließlich können wir auch noch zwischen primär faserförmigen Asbestmineralen und solchen, die aufgrund ihrer vollkommenen Spaltbarkeit während der Bearbeitung faserförmig werden, unterscheiden.</p> <p>Nach der TRGS 517 werden als Asbestfasern diejenigen Fasern bezeichnet, die sowohl zu den sechs bekannten Asbestmineralen gehören als auch den Kriterien einer lungengängigen Faser nach WHO entsprechen.<br></br>Dabei ist es unerheblich, ob diese Faser bereits als faserförmiges Mineral vorlag oder erst durch die Bearbeitung faserförmig wurde. Denn eine solche Unterscheidung kann an einem einzelnen Partikel in der Regel ohnehin nicht getroffen werden.</p> <h3 id="h-was-ist-eine-faser">Was ist eine Faser?</h3> <p>Das bringt uns zu der Frage: Was ist eigentlich eine asbestiforme Faser? Das mag auf den ersten Blick wie Haarspalterei erscheinen, hat aber einen ernsten Hintergrund. Denn obwohl die Definition dessen, was als Faser zu zählen ist, für die Asbestanalytik von enormer Wichtigkeit ist, sind sich die verschiedenen Normen und Richtlinien hier nicht sonderlich einig. Zwar gibt es einige Übereinstimmungen, aber auch viel Unklares und Interpretationsspielraum.</p> <p>So definiert die VDI 3492 eine Faser als einen langgestreckten Partikel mit einer Länge von mehr als 5 µm, einer Dicke von weniger als 3 µm und einem L:D-Verhältnis &gt; 3:1. Damit werden die klassischen WHO-Fasern erfasst. Das gilt ebenso für die BGI_GUV-I-505-46 und die VDI 3877.</p> <p>Die DIN-ISO-EN 16000-7 vereinfacht das Ganze. Als Faser gilt hier jeder Partikel mit einem L:D-Verhältnis von mehr als 3:1.<br></br>Soweit ist ja noch alles halbwegs klar. Es geht aber noch weiter. In der IFA-Arbeitsmappe 7487, also der Methode zur halbquantitativen Bestimmung des Asbestgehalts, gilt als Faser jedes Objekt, das eine Länge von wenigstens 5 µm sowie ein L/D-Verhältnis von über 3:1 aufweist.<br></br>Spannend und etwas schwammig wird es bei der VDI 3866: Während Blatt 4 noch auf lang gestreckte Partikel mit einem L:D von mindestens 3:1 setzt, bleibt Blatt 5 bei der deutlich erkennbaren Längsspaltbarkeit und einem damit verbundenen Aufspleißen an den Faserenden oder dem Vorliegen dünner Fasern (d &lt; 1 µm) sowie einem hohen L/D-Verhältnis. Da kann man durchaus einiges hineininterpretieren.</p> <p>Die TRGS 517 definiert Asbestfasern als zugehörig zu den sechs bekannten Asbestmineralen, als lungengängig gemäß den WHO-Kriterien und mit einem L:D-Verhältnis von weniger als 3:1.</p> <h4 id="h-asbestfaser-international">Asbestfaser – international</h4> <p>Auch ein Blick auf die internationalen Normen bringt keine größere Klarheit. So beziehen sich die den DIN-Normen eigentlich übergeordneten ISO-Normen 22262-1 und 22262-2 auf „asbstiform” und verweisen auf die ISO 1379:2019, in der allerdings keine Definition zu finden ist. Stattdessen wird man auf die ISO 10312:2019 verwiesen. Dort heißt es, dass eine Mindestlänge von 0,5 µm und ein Verhältnis von Länge zu Dicke von wenigstens 5:1 vorliegen muss.</p> <p>In den USA (EPA600/R-93/116) sieht es folgendermaßen aus: Um als Asbestfaser zu gelten, muss ein Länge-zu-Dicke-Verhältnis von 20:1 bis über 100:1 vorliegen und die Faser muss länger als 5 µm sein. Zudem sollten sehr dünne Fibrillen mit Dicken unter 0,5 µm sowie zwei oder mehr der folgenden Kriterien vorliegen: parallele Fasern in Bündeln, aufspleißende Enden, verfilzte Fasern und gekrümmte Fasern.</p> <p>In Großbritannien sieht es ähnlich aus (HSG248): Das Länge-zu-Dicke-Verhältnis beträgt auch hier 20:1 bis über 100:1 und es besteht die Möglichkeit, in dünnere Fasern aufzuspalten. Auch die Zusatzkriterien sind ähnlich zu denen in den USA. Es können parallele Fasern in Bündeln, aufspleiessende Enden, dünne Nadeln, Faserfilz oder gekrümmte Fasern auftreten.<br></br>In der Schweiz kann man sich am Positionspapier des Forums Asbest Schweiz orientieren. Demnach liegt bei Amphibolasbest ein positiver Asbestbefund vor, wenn mindestens drei Asbeststrukturen in einem Präparat nachgewiesen werden können. Diese sollten folgende morphologische Eigenschaften aufweisen: – lange, dünne Einzelfasern oder sehr dünne Faserbündel mit einer Länge von mehr als 5 µm und einem Durchmesser von weniger als 1 µm sowie einem Längen-Durchmesser-Verhältnis von mehr als 20,<br></br>– aufspleissende Faserbündel oder<br></br>– wirrfaserige, verfilzte Faseraggregate.</p> <p>Alle anderen Faserstrukturen, die nicht asbestiform sind, stellen demnach kein Asbest dar. Die Frage, ob sie eine Gefahr darstellen, wird dabei jedoch ausgeklammert.</p> <h3 id="h-definition-notwendig">Definition notwendig</h3> <p>Bislang fehlt uns offenbar eine allgemeingültige Definition für Asbestfasern, vor allem in der Richtlinie VDI 3866 Blatt 5. Die dort zu findende Asbestfaserdefinition beruht auf der bislang meist erfolgten Anwendung auf die klassischen, technisch verwendeten Asbestformen. In Zukunft wird jedoch vermutlich der geogene oder akzessorische Asbest immer wichtiger werden – auch im Hinblick auf die Unterscheidung vom technisch verwendeten Asbest. Denn die immer besser werdenden Analysemethoden offenbaren auch geringe Gehalte an akzessorischen Mineralen der Asbeste, hier vornehmlich der Amphibolasbeste, in den Zuschlagstoffen.</p> <p>Wir werden also Kriterien und Definitionen benötigen, um diese verschiedenen Asbestformen und -quellen zu erkennen und voneinander zu unterscheiden. Einerseits, um abweichende Ergebnisse aus unterschiedlichen Laboren zu vermeiden, andererseits, um Funde differenziert bewerten zu können. Vor allem aber, um Funde differenziert bewerten zu können. Denn der Befund kann, wie bereits angemerkt, auch Konsequenzen hinsichtlich der abfallrechtlichen Bewertung und des möglichen Recyclings haben.</p> <p>Daher sollte die Regelung in VDI 3866 Blatt 5, nach der eine Untersuchung nach dem ersten Fund einer Asbeststruktur abgebrochen werden kann und die Probe als asbesthaltig gilt, dringend überarbeitet werden. Vielleicht sollten wir dem Schweizer Vorbild folgen und mindestens drei sicher identifizierte Asbeststrukturen verlangen.</p> <h3 id="h-unterschied-technischer-und-geogener-asebest">Unterschied technischer und geogener Asebest</h3> <p>Worin bestehen die Unterschiede zwischen technisch verwendetem Asbest und dem, der als akzessorisches Mineral durch Zuschläge in Materialien gelangt?</p> <p>Technischer Asbest ist in der Regel sehr dünnfaserig. Die Einzelfasern zeigen parallele Kanten und sind deutlich länger als 5 µm, wobei die Dicke meist deutlich unter 1 µm liegt. Das Verhältnis von Länge zu Dicke ist meist deutlich über 10:1 und die Enden der Fasern zeigen meist ein Aufspleißen in feinere Fibrillen. Es können auch wirrfaserige und verfilzte Aggregate vorkommen. Zumindest eines, meist sogar mehrere dieser Merkmale können zusammen auftreten.</p> <p>Geogener oder akzessorischer Asbest kann auch als Einzelfaser mit parallelen Kanten vorliegen, wobei das Längen-zu-Dicken-Verhältnis meist kleiner als 10:1 ist. Die Fasern sind in der Regel dicker als 1 µm. Oft fehlt auch das typische Aufspleißen an den Faserenden. Es treten auch Fasern mit nichtparallelen Längskanten auf.</p> <p>Statistisch betrachtet ließen sich die verschiedenen Asbestquellen vermutlich so unterscheiden. Die obigen Kriterien sollten in dieser oder überarbeiteter Form Eingang in die betreffenden Richtlinien finden. Nur so kann der Befund technischer bzw. geogener Asbest auch in die Prüfberichte Eingang finden. Bislang sind die Konsequenzen zwar noch recht überschaubar, aber auch bei Regelwerken wie der TRGS 519 und der TRGS 517 sollte eine Harmonisierung und Anpassung der Grenzwerte stattfinden.</p> <h3 id="h-was-ist-notwendig">Was ist Notwendig?</h3> <p>Diese oben genannten Unterscheidungskriterien müssen in irgendeiner Form Einzug in die Normen wie die VDI 3866 Blatt 5 halten. Das bietet sich auch daher an, weil diese Norm zur Zeit gerade in der Überarbeitung ist.</p> <p>Eventuell bietet es sich auch an, die Unterscheidung ob technischer oder geogener/akzessorischer Asbest gefunden wurde in die Prüfberichte zu übernehmen, zumindest auf Kundenwunsch. Hierfür wäre eventuell aber eine statistische Auswertung mehrerer Faserstrukturen notwendig und nicht nur die bisher erfolgte rein qualitative Einstufung nach möglicherweise Fund einer einzelnen Faserstruktur.</p> <p>Die Regeln für Materialien, die technischen Asbest und diejenigen, welche geogenen/akzessoriuschen Asbest enthalten, müssen harmonisiert und die Grenzwerte angepasst werden (TRGS 519 und TRGS 517).</p> <p>Man sollte sich aber auch im Klaren sein, dass die Unterscheidung der beiden Asbestvarianten kein Urteil hinsichtlich der Toxizität ist. Es gibt keinen „guten“ Asbest.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/reden-wir-ueber-asbestanalytik-dconex-2026-teil-2/#respond 0 Wie eingebrannt: Emotion und Gedächtnis https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/wie-eingebrannt-emotion-und-gedaechtnis/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/wie-eingebrannt-emotion-und-gedaechtnis/#comments Mon, 09 Mar 2026 07:09:00 +0000 Antonia Ceric https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5684 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2301.q713.016.S.m012.c12.people-thinking-types-flat-set-scaled-e1772978937402-768x196.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/wie-eingebrannt-emotion-und-gedaechtnis/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2301.q713.016.S.m012.c12.people-thinking-types-flat-set-scaled-e1772978937402.jpg" /><h1>Wie eingebrannt: Emotion und Gedächtnis » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>Bestimmt kennst du das. Manche Lieder erinnern uns einfach an eine ganz bestimmte Zeit in unserem Leben. Du sitzt im Auto, das Radio läuft. Der nächste Track: Peter Fox, Haus am See. Und plötzlich bist du nicht mehr im Stau auf der A3, sondern wieder 10 Jahre alt und sitzt im Auto deiner Eltern, die dich gerade zum Kinderturnen fahren. Plötzlich sind die Gefühle von damals ganz nah. Pure Nostalgie. Es ist fast so, als könnten wir die Zeit zurückdrehen, wenn auch nur für einen kleinen Moment. Die Songs auf den ersten Partys als Teenager. Der Soundtrack des ersten Liebeskummers. Die Musik, zu der wir damals auf dem Abschlussball getanzt haben.</p> <p>Mit der Musik und der Stimmung von damals, kommen die Erinnerungen wieder. Doch warum ist das eigentlich so? Warum fühlen sich Erinnerungen so intensiv und echt an, wenn wir im Jetzt den damaligen Emotionen näher sind? Unser Gedächtnis scheint eng mit unseren Emotionen verknüpft zu sein. Das Geheimnis liegt mal wieder in den Tiefen unseres Gehirns.</p> <h2 id="h-amygdala-und-hippocampus-emotion-und-gedachtnis-treffen-aufeinander">Amygdala und Hippocampus – Emotion und Gedächtnis treffen aufeinander</h2> <p>Um zu verstehen, wie das funktioniert, müssen wir uns die „neuronale Architektur“ der Erinnerung ansehen. Für die Verarbeitung emotionaler Informationen ist vor allem ein Netzwerk im limbischen System verantwortlich. Im Zentrum stehen zwei Strukturen, die eng beieinander liegen: der Hippocampus und die Amygdala.</p> <p>Der Hippocampus fungiert als Schaltzentrale für Fakten und Ereignisse und entscheidet, was ins Langzeitgedächtnis wandert [1]. Die Amygdala hingegen ist unser emotionales Alarmsystem. Wenn wir etwas emotional Relevantes erleben, feuert die Amygdala und schüttet Botenstoffe wie Noradrenalin aus [4]. Diese Botenstoffe „peitschen“ den Hippocampus regelrecht dazu an, die aktuelle Information tiefer abzuspeichern.</p> <p>Forschende nennen diesen Prozess auch <strong>„Emotional Tagging“</strong> [2]. Die Amygdala setzt quasi ein Lesezeichen an ein Erlebnis. Traurige Ereignisse werden auf diese Weise untereinander enger miteinander verbunden als etwa mit einer fröhlichen Erinnerung. Erinnert ihr euch noch an den Film „Alles steht Kopf?“. Auch da bekamen die Kernerinnerungen Farben, je nachdem welche Emotion beim jeweiligen Erlebnis im Vordergrund stand. Studien zeigen, dass eine stärkere Aktivität im Amygdala-Hippocampus-Schaltkreis direkt mit einer besseren Erinnerungsleistung für diese emotionalen Inhalte korreliert [1, 2]. Wenn wir traurig sind, erinnern wir traurige Erlebnisse besser. Sind wir glücklich, rücken diese eher in den Hintergrund und müssten schon bewusst hervorgeholt werden [7]. Dieses Prinzip hat auch im psychotherapeutischen Kontext Relevanz.<aside></aside></p> <h2 id="h-die-emotionale-brille-das-prinzip-der-stimmungskongruenz">Die „emotionale Brille“: Das Prinzip der Stimmungskongruenz</h2> <p>Vielleicht hast du schon bemerkt: Wenn du schlecht gelaunt bist, fallen dir plötzlich alle anderen Dinge ein, die in deinem Leben gerade schieflaufen. Wenn du mit deiner Beziehungsperson über etwas streitest, tendierst du vielleicht auch dazu noch mehr und mehr Dinge einzuwerfen, die dich stören. Und plötzlich kommt jede einzelne Kleinigkeit in deinen Kopf, die dich je genervt hat. An manche Dinge hast du vielleicht eigentlich lange nicht mehr gedacht, oder sie sind einfach normalerweise nicht so groß, wenn du glücklich und zufrieden bist. Aber jetzt bist du wütend auf deinen Partner und all das scheint plötzlich ganz präsent zu sein. Forschende sprechen hier vom stimmungs-kongruenten Gedächtnis (Mood-Congruent Memory).</p> <p>Das Konzept geht maßgeblich auf den Psychologen Gordon Bower zurück. Er postulierte, dass Emotionen wie Knotenpunkte in einem riesigen assoziativen Netzwerk in unserem Gehirn funktionieren [6]. Wenn wir eine Emotion spüren, wird dieser „Knoten“ aktiviert und sendet Signale an alle damit verknüpften Erinnerungen aus. Es gibt dabei zwei wichtige Phänomene:</p> <div><figure><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/girl-with-curly-hair-covering-her-face-with-tapes-1-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/girl-with-curly-hair-covering-her-face-with-tapes-1-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/girl-with-curly-hair-covering-her-face-with-tapes-1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/girl-with-curly-hair-covering-her-face-with-tapes-1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/girl-with-curly-hair-covering-her-face-with-tapes-1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/girl-with-curly-hair-covering-her-face-with-tapes-1-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/girl-with-curly-hair-covering-her-face-with-tapes-1-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></figure><div> <p><strong>Stimmungsabhängigkeit:</strong> Ein Erlebnis lässt sich am besten dann wieder abrufen, wenn wir uns in derselben emotionalen Verfassung befinden wie zum Zeitpunkt des Erlebens [6, 9].</p> <p><strong>Stimmungskongruenz:</strong> Wir nehmen Informationen, die zu unserer aktuellen Stimmung passen, leichter auf und speichern sie besser ab [6].</p> </div></div> <p><a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/maedchen-mit-lockigem-haar-das-ihr-gesicht-mit-baendern-bedeckt_8605549.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=29&amp;uuid=72b2ef72-0225-4f79-9619-88782595004e&amp;query=emotion+ged%C3%A4chtnis">Bild von freepik</a></p> <h2 id="h-uberlebenswichtige-gefuhle">Überlebenswichtige Gefühle</h2> <p>Unser Gehirn nutzt Emotionen also gewissermaßen als Suchfilter [4, 8]. Das macht es aber nicht um der Emotion willen, sondern weil es so wunderbar nach der aktuellen Relevanz der Erinnerung filtern kann. Evolutionär war es überlebenswichtig, dass wir uns an gefährlich Situationen oder aber erfolgreiche Jagden sofort und dauerhaft erinnern konnten, um später von der Erfahrung wieder profitieren zu können. Je stärker die emotionale Reaktion auf ein Erlebnis, desto höher schätzt unser Gehirn auch die Wichtigkeit und den Wert der Information für später ein. Zugleich dient das emotionale Lesezeichen auch dem zielgerichteten und schnell Abruf der benötigten Information in einer akuten Gefahrensituation. Von wilden Tieren bedroht, muss ich wohl kaum daran denken, wie toll es war, als wir letztens die eine Stelle im Wald fanden, wo so viele Beeren wuchsen. Dann brauche ich eher die Erinnerung daran, wie ich einmal auf einen Baum kletterte, um der Gefahr zu entkommen. Dieses konkrete Beispiel ist in unserem heutigen Alltag meist weniger relevant, die grundlegenden Muster in unserem Gehirn sind es allerdings nach wie vor.</p> <h2 id="h-wenn-das-gedachtnis-zur-falle-wird-der-therapeutische-kontext">Wenn das Gedächtnis zur Falle wird: Der therapeutische Kontext</h2> <p>Diese enge Verknüpfung von Emotion und Gedächtnis ist evolutionär also überaus sinnvoll, kann aber bei psychischen Erkrankungen auch zu einer Belastung werden. Bei einer <strong>Depression</strong> entsteht oft ein Teufelskreis: Die gedrückte Stimmung sorgt für eine Verzerrung beim Abruf von Erinnerungen. Negative Erlebnisse werden vermehrt erinnert, was die depressive Stimmung weiter verstärkt und es den Betroffenen erschwert, positive Ressourcen zu aktivieren [8].</p> <p>In der Therapie wird dieser Mechanismus jedoch gezielt genutzt, um Heilungsprozesse anzustoßen:</p> <ol start="1"> <li><strong>Ressourcenaktivierung:</strong> Durch gezieltes „Priming“ (Vorbereitung) positiver Stimmungen können Patientinnen und Patienten wieder Zugang zu ihren eigenen Stärken und positiven Erinnerungen finden [10].</li> <li><strong>Reprozessierung (z.B. EMDR):</strong> Bei traumatischen Erinnerungen ist die emotionale Markierung durch die Amygdala oft so stark, dass die Erinnerung sehr tief verankert ist. Therapien wie EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) helfen dabei, die Überaktivität der Amygdala zu reduzieren und das traumatische Erlebnis neu zu bewerten, sodass es in das normale Gedächtnisnetzwerk integriert werden kann [3, 5].</li> </ol> <p><strong>Mehr zu EMDR lest hier in diesem Blogartikel:</strong> https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/emdr-wie-augenbewegungen-traumata-verarbeiten-koennen/</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Die Verknüpfung von Emotion und Gedächtnis ist eine grundlegende evolutionäre Funktion unseres Gehirns, die heute für uns aber auch ihre Tücken haben kann. Durch Mechanismen wie Emotional Tagging und stimmungskongruente Verarbeitung wird sichergestellt, dass relevante Informationen bevorzugt gespeichert und im richtigen Kontext schnell wieder verfügbar gemacht werden können. Dieses Zusammenspiel erklärt nicht nur die Intensität nostalgischer Momente beim Hören vertrauter Musik, sondern liefert auch das neurobiologische Fundament für das Verständnis affektiver Störungen und deren Behandlung im psychotherapeutischen Kontext.</p> <h2 id="h-quellen"><strong>Quellen</strong></h2> <p>[1] Richardson, M. P., Strange, B. A., &amp; Dolan, R. J. (2004). Encoding of emotional memories depends on amygdala and hippocampus and their interactions. <em>Nature Neuroscience</em>, <em>7</em>(3), 278–285. <a href="https://doi.org/10.1038/nn1190" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1038/nn1190</a></p> <p>[2] Bergado-Rosado, J. A., &amp; Richter-Levin, G. (2011). Emotional tagging: A bridging concept in the study of memory and its modification. <em>Progress in Neurobiology</em>, <em>94</em>(2), 75–87. <a href="https://doi.org/10.1016/j.pneurobio.2011.03.004" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.pneurobio.2011.03.004</a></p> <p>[3] Alting van Geusau, V. V. P., Nuijs, M. D., de Jongh, A., Moerbeek, M., &amp; Matthijssen, S. J. M. A. (2025). The relationship between changes in emotional intensity and treatment outcome in PTSD patients in EMDR therapy. <em>European Journal of Psychotraumatology</em>, <em>16</em>(1). <a href="https://doi.org/10.1080/20008066.2025.2536973" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1080/20008066.2025.2536973</a></p> <p>[4] McGaugh, J. L. (2004). The amygdala modulates the consolidation of memories of emotionally arousing experiences. <em>Annual Review of Neuroscience</em>, <em>27</em>, 1–28. <a href="https://doi.org/10.1146/annurev.neuro.27.070203.144157" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1146/annurev.neuro.27.070203.144157</a></p> <p>[5] Shapiro, F. (2017). <em>Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) Therapy, Third Edition: Basic Principles, Protocols, and Procedures</em>. Guilford Publications.</p> <p>[6] Bower, G. H. (1981). Mood and memory. <em>American Psychologist</em>, <em>36</em>(2), 129–148. <a href="https://doi.org/10.1037/0003-066X.36.2.129" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1037/0003-066X.36.2.129</a></p> <p>[7] Faul, L., Ritchey, M., &amp; Kensinger, E. A. (2025). The relationship between subjective vividness and remembered visual characteristics of emotional stimuli across the lifespan. <em>Emotion</em>, <em>25</em>(6), 1579–1595. <a href="https://doi.org/10.1037/emo0001518" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1037/emo0001518</a></p> <p>[8] Blaney, P. H. (1986). Affect and memory: A review. <em>Psychological Bulletin</em>, <em>99</em>(2), 229–246. <a href="https://doi.org/10.1037/0033-2909.99.2.229" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1037/0033-2909.99.2.229</a></p> <p>[9] Forgas, J. P., &amp; Bower, G. H. (1987). Mood effects on person-perception judgments. <em>Journal of Personality and Social Psychology</em>, <em>53</em>(1), 53–60. <a href="https://doi.org/10.1037/0022-3514.53.1.53" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1037/0022-3514.53.1.53</a></p> <p>[10] Grawe, K. (2004). <em>Neuropsychotherapie</em>. Hogrefe.</p> <p>Beitragsbild: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/menschen-denken-typen-flache-ikone-setzen-verschiedene-arten-von-gedanken-im-kopf-die-abstrakt-als-figuren-ueber-den-koepfen-der-menschen-dargestellt-werden-vektorillustration_41916661.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=37&amp;uuid=72b2ef72-0225-4f79-9619-88782595004e&amp;query=emotion+ged%C3%A4chtnis">Bild von macrovector auf Freepik</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2301.q713.016.S.m012.c12.people-thinking-types-flat-set-scaled-e1772978937402.jpg" /><h1>Wie eingebrannt: Emotion und Gedächtnis » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>Bestimmt kennst du das. Manche Lieder erinnern uns einfach an eine ganz bestimmte Zeit in unserem Leben. Du sitzt im Auto, das Radio läuft. Der nächste Track: Peter Fox, Haus am See. Und plötzlich bist du nicht mehr im Stau auf der A3, sondern wieder 10 Jahre alt und sitzt im Auto deiner Eltern, die dich gerade zum Kinderturnen fahren. Plötzlich sind die Gefühle von damals ganz nah. Pure Nostalgie. Es ist fast so, als könnten wir die Zeit zurückdrehen, wenn auch nur für einen kleinen Moment. Die Songs auf den ersten Partys als Teenager. Der Soundtrack des ersten Liebeskummers. Die Musik, zu der wir damals auf dem Abschlussball getanzt haben.</p> <p>Mit der Musik und der Stimmung von damals, kommen die Erinnerungen wieder. Doch warum ist das eigentlich so? Warum fühlen sich Erinnerungen so intensiv und echt an, wenn wir im Jetzt den damaligen Emotionen näher sind? Unser Gedächtnis scheint eng mit unseren Emotionen verknüpft zu sein. Das Geheimnis liegt mal wieder in den Tiefen unseres Gehirns.</p> <h2 id="h-amygdala-und-hippocampus-emotion-und-gedachtnis-treffen-aufeinander">Amygdala und Hippocampus – Emotion und Gedächtnis treffen aufeinander</h2> <p>Um zu verstehen, wie das funktioniert, müssen wir uns die „neuronale Architektur“ der Erinnerung ansehen. Für die Verarbeitung emotionaler Informationen ist vor allem ein Netzwerk im limbischen System verantwortlich. Im Zentrum stehen zwei Strukturen, die eng beieinander liegen: der Hippocampus und die Amygdala.</p> <p>Der Hippocampus fungiert als Schaltzentrale für Fakten und Ereignisse und entscheidet, was ins Langzeitgedächtnis wandert [1]. Die Amygdala hingegen ist unser emotionales Alarmsystem. Wenn wir etwas emotional Relevantes erleben, feuert die Amygdala und schüttet Botenstoffe wie Noradrenalin aus [4]. Diese Botenstoffe „peitschen“ den Hippocampus regelrecht dazu an, die aktuelle Information tiefer abzuspeichern.</p> <p>Forschende nennen diesen Prozess auch <strong>„Emotional Tagging“</strong> [2]. Die Amygdala setzt quasi ein Lesezeichen an ein Erlebnis. Traurige Ereignisse werden auf diese Weise untereinander enger miteinander verbunden als etwa mit einer fröhlichen Erinnerung. Erinnert ihr euch noch an den Film „Alles steht Kopf?“. Auch da bekamen die Kernerinnerungen Farben, je nachdem welche Emotion beim jeweiligen Erlebnis im Vordergrund stand. Studien zeigen, dass eine stärkere Aktivität im Amygdala-Hippocampus-Schaltkreis direkt mit einer besseren Erinnerungsleistung für diese emotionalen Inhalte korreliert [1, 2]. Wenn wir traurig sind, erinnern wir traurige Erlebnisse besser. Sind wir glücklich, rücken diese eher in den Hintergrund und müssten schon bewusst hervorgeholt werden [7]. Dieses Prinzip hat auch im psychotherapeutischen Kontext Relevanz.<aside></aside></p> <h2 id="h-die-emotionale-brille-das-prinzip-der-stimmungskongruenz">Die „emotionale Brille“: Das Prinzip der Stimmungskongruenz</h2> <p>Vielleicht hast du schon bemerkt: Wenn du schlecht gelaunt bist, fallen dir plötzlich alle anderen Dinge ein, die in deinem Leben gerade schieflaufen. Wenn du mit deiner Beziehungsperson über etwas streitest, tendierst du vielleicht auch dazu noch mehr und mehr Dinge einzuwerfen, die dich stören. Und plötzlich kommt jede einzelne Kleinigkeit in deinen Kopf, die dich je genervt hat. An manche Dinge hast du vielleicht eigentlich lange nicht mehr gedacht, oder sie sind einfach normalerweise nicht so groß, wenn du glücklich und zufrieden bist. Aber jetzt bist du wütend auf deinen Partner und all das scheint plötzlich ganz präsent zu sein. Forschende sprechen hier vom stimmungs-kongruenten Gedächtnis (Mood-Congruent Memory).</p> <p>Das Konzept geht maßgeblich auf den Psychologen Gordon Bower zurück. Er postulierte, dass Emotionen wie Knotenpunkte in einem riesigen assoziativen Netzwerk in unserem Gehirn funktionieren [6]. Wenn wir eine Emotion spüren, wird dieser „Knoten“ aktiviert und sendet Signale an alle damit verknüpften Erinnerungen aus. Es gibt dabei zwei wichtige Phänomene:</p> <div><figure><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/girl-with-curly-hair-covering-her-face-with-tapes-1-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/girl-with-curly-hair-covering-her-face-with-tapes-1-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/girl-with-curly-hair-covering-her-face-with-tapes-1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/girl-with-curly-hair-covering-her-face-with-tapes-1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/girl-with-curly-hair-covering-her-face-with-tapes-1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/girl-with-curly-hair-covering-her-face-with-tapes-1-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/girl-with-curly-hair-covering-her-face-with-tapes-1-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></figure><div> <p><strong>Stimmungsabhängigkeit:</strong> Ein Erlebnis lässt sich am besten dann wieder abrufen, wenn wir uns in derselben emotionalen Verfassung befinden wie zum Zeitpunkt des Erlebens [6, 9].</p> <p><strong>Stimmungskongruenz:</strong> Wir nehmen Informationen, die zu unserer aktuellen Stimmung passen, leichter auf und speichern sie besser ab [6].</p> </div></div> <p><a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/maedchen-mit-lockigem-haar-das-ihr-gesicht-mit-baendern-bedeckt_8605549.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=29&amp;uuid=72b2ef72-0225-4f79-9619-88782595004e&amp;query=emotion+ged%C3%A4chtnis">Bild von freepik</a></p> <h2 id="h-uberlebenswichtige-gefuhle">Überlebenswichtige Gefühle</h2> <p>Unser Gehirn nutzt Emotionen also gewissermaßen als Suchfilter [4, 8]. Das macht es aber nicht um der Emotion willen, sondern weil es so wunderbar nach der aktuellen Relevanz der Erinnerung filtern kann. Evolutionär war es überlebenswichtig, dass wir uns an gefährlich Situationen oder aber erfolgreiche Jagden sofort und dauerhaft erinnern konnten, um später von der Erfahrung wieder profitieren zu können. Je stärker die emotionale Reaktion auf ein Erlebnis, desto höher schätzt unser Gehirn auch die Wichtigkeit und den Wert der Information für später ein. Zugleich dient das emotionale Lesezeichen auch dem zielgerichteten und schnell Abruf der benötigten Information in einer akuten Gefahrensituation. Von wilden Tieren bedroht, muss ich wohl kaum daran denken, wie toll es war, als wir letztens die eine Stelle im Wald fanden, wo so viele Beeren wuchsen. Dann brauche ich eher die Erinnerung daran, wie ich einmal auf einen Baum kletterte, um der Gefahr zu entkommen. Dieses konkrete Beispiel ist in unserem heutigen Alltag meist weniger relevant, die grundlegenden Muster in unserem Gehirn sind es allerdings nach wie vor.</p> <h2 id="h-wenn-das-gedachtnis-zur-falle-wird-der-therapeutische-kontext">Wenn das Gedächtnis zur Falle wird: Der therapeutische Kontext</h2> <p>Diese enge Verknüpfung von Emotion und Gedächtnis ist evolutionär also überaus sinnvoll, kann aber bei psychischen Erkrankungen auch zu einer Belastung werden. Bei einer <strong>Depression</strong> entsteht oft ein Teufelskreis: Die gedrückte Stimmung sorgt für eine Verzerrung beim Abruf von Erinnerungen. Negative Erlebnisse werden vermehrt erinnert, was die depressive Stimmung weiter verstärkt und es den Betroffenen erschwert, positive Ressourcen zu aktivieren [8].</p> <p>In der Therapie wird dieser Mechanismus jedoch gezielt genutzt, um Heilungsprozesse anzustoßen:</p> <ol start="1"> <li><strong>Ressourcenaktivierung:</strong> Durch gezieltes „Priming“ (Vorbereitung) positiver Stimmungen können Patientinnen und Patienten wieder Zugang zu ihren eigenen Stärken und positiven Erinnerungen finden [10].</li> <li><strong>Reprozessierung (z.B. EMDR):</strong> Bei traumatischen Erinnerungen ist die emotionale Markierung durch die Amygdala oft so stark, dass die Erinnerung sehr tief verankert ist. Therapien wie EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) helfen dabei, die Überaktivität der Amygdala zu reduzieren und das traumatische Erlebnis neu zu bewerten, sodass es in das normale Gedächtnisnetzwerk integriert werden kann [3, 5].</li> </ol> <p><strong>Mehr zu EMDR lest hier in diesem Blogartikel:</strong> https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/emdr-wie-augenbewegungen-traumata-verarbeiten-koennen/</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Die Verknüpfung von Emotion und Gedächtnis ist eine grundlegende evolutionäre Funktion unseres Gehirns, die heute für uns aber auch ihre Tücken haben kann. Durch Mechanismen wie Emotional Tagging und stimmungskongruente Verarbeitung wird sichergestellt, dass relevante Informationen bevorzugt gespeichert und im richtigen Kontext schnell wieder verfügbar gemacht werden können. Dieses Zusammenspiel erklärt nicht nur die Intensität nostalgischer Momente beim Hören vertrauter Musik, sondern liefert auch das neurobiologische Fundament für das Verständnis affektiver Störungen und deren Behandlung im psychotherapeutischen Kontext.</p> <h2 id="h-quellen"><strong>Quellen</strong></h2> <p>[1] Richardson, M. P., Strange, B. A., &amp; Dolan, R. J. (2004). Encoding of emotional memories depends on amygdala and hippocampus and their interactions. <em>Nature Neuroscience</em>, <em>7</em>(3), 278–285. <a href="https://doi.org/10.1038/nn1190" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1038/nn1190</a></p> <p>[2] Bergado-Rosado, J. A., &amp; Richter-Levin, G. (2011). Emotional tagging: A bridging concept in the study of memory and its modification. <em>Progress in Neurobiology</em>, <em>94</em>(2), 75–87. <a href="https://doi.org/10.1016/j.pneurobio.2011.03.004" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.pneurobio.2011.03.004</a></p> <p>[3] Alting van Geusau, V. V. P., Nuijs, M. D., de Jongh, A., Moerbeek, M., &amp; Matthijssen, S. J. M. A. (2025). The relationship between changes in emotional intensity and treatment outcome in PTSD patients in EMDR therapy. <em>European Journal of Psychotraumatology</em>, <em>16</em>(1). <a href="https://doi.org/10.1080/20008066.2025.2536973" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1080/20008066.2025.2536973</a></p> <p>[4] McGaugh, J. L. (2004). The amygdala modulates the consolidation of memories of emotionally arousing experiences. <em>Annual Review of Neuroscience</em>, <em>27</em>, 1–28. <a href="https://doi.org/10.1146/annurev.neuro.27.070203.144157" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1146/annurev.neuro.27.070203.144157</a></p> <p>[5] Shapiro, F. (2017). <em>Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) Therapy, Third Edition: Basic Principles, Protocols, and Procedures</em>. Guilford Publications.</p> <p>[6] Bower, G. H. (1981). Mood and memory. <em>American Psychologist</em>, <em>36</em>(2), 129–148. <a href="https://doi.org/10.1037/0003-066X.36.2.129" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1037/0003-066X.36.2.129</a></p> <p>[7] Faul, L., Ritchey, M., &amp; Kensinger, E. A. (2025). The relationship between subjective vividness and remembered visual characteristics of emotional stimuli across the lifespan. <em>Emotion</em>, <em>25</em>(6), 1579–1595. <a href="https://doi.org/10.1037/emo0001518" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1037/emo0001518</a></p> <p>[8] Blaney, P. H. (1986). Affect and memory: A review. <em>Psychological Bulletin</em>, <em>99</em>(2), 229–246. <a href="https://doi.org/10.1037/0033-2909.99.2.229" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1037/0033-2909.99.2.229</a></p> <p>[9] Forgas, J. P., &amp; Bower, G. H. (1987). Mood effects on person-perception judgments. <em>Journal of Personality and Social Psychology</em>, <em>53</em>(1), 53–60. <a href="https://doi.org/10.1037/0022-3514.53.1.53" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1037/0022-3514.53.1.53</a></p> <p>[10] Grawe, K. (2004). <em>Neuropsychotherapie</em>. Hogrefe.</p> <p>Beitragsbild: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/menschen-denken-typen-flache-ikone-setzen-verschiedene-arten-von-gedanken-im-kopf-die-abstrakt-als-figuren-ueber-den-koepfen-der-menschen-dargestellt-werden-vektorillustration_41916661.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=37&amp;uuid=72b2ef72-0225-4f79-9619-88782595004e&amp;query=emotion+ged%C3%A4chtnis">Bild von macrovector auf Freepik</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/wie-eingebrannt-emotion-und-gedaechtnis/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>Warum sind Hirntumore so schwer zu behandeln? https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/warum-sind-hirntumore-so-schwer-zu-behandeln/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/warum-sind-hirntumore-so-schwer-zu-behandeln/#respond Sun, 08 Mar 2026 20:51:38 +0000 Corinna Kuhn https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5702 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-11-768x512.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/warum-sind-hirntumore-so-schwer-zu-behandeln/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-11.jpeg" /><h1>Warum sind Hirntumore so schwer zu behandeln? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Corinna Kuhn</h2><div itemprop="text"> <p>Menschen sterben an Krebs. Immer noch. Und das, obwohl viele der brillantesten Forschenden seit Jahrzehnten ihre Energie und Zeit in die Entwicklung heilender Therapien investieren und enorme Summen in Forschung und Entwicklung fließen. Besonders Hirntumore, also Krebs im Gehirn, sind gefürchtet und stellen eine große Herausforderung dar. Doch was genau macht ihre Behandlung so schwierig? Warum können sich Krebszellen im Gehirn so gut verstecken? Und wie könnte eine enge Zusammenarbeit zwischen medizinischem Personal, Forschenden und IT-Spezialisten die Therapie in Zukunft verbessern? Antworten auf diese Fragen habe ich auf dem Deutschen Krebskongress in Berlin erhalten. Hier ist, was ich über die Hürden in der Behandlung von Hirntumoren gelernt habe und welche neuen Ansätze Hoffnung machen, dass Betroffene in Zukunft länger mit der Krankheit leben können.</p> <h3 id="h-grosse-morphologische-vielfalt-der-hirntumore"><strong>Große morphologische Vielfalt der Hirntumore</strong></h3> <p>„Hirntumor“ klingt nach einer einzelnen Krankheit. Tatsächlich verbirgt sich dahinter eine ganze Familie sehr unterschiedlicher Tumoren. </p> <p>Denn unser Gehirn ist ein äußerst komplexes Organ. Wie du weißt, besteht es aus vielen unterschiedlichen Zellen: Nervenzellen, verschiedene Arten von Gliazellen, Zellen der Hirnhäute sowie Zellen, die das Hirnwassers (Liquor) produzieren, und viele mehr. Aus all diesen Zellentypen kann durch zahlreiche genetische Veränderungen Krebs entstehen. So unterschiedlich die Ausgangszellen sind, so unterschiedlich sind auch die Hirntumore <sup>1</sup>. Tatsächlich unterscheidet die World Health Organization heute mehr als 120 verschiedene Tumorarten des zentralen Nervensystems. Diese Einteilung basiert auf mikroskopischen Merkmalen, molekulargenetischen Veränderungen und klinischen Eigenschaften <sup>2</sup>. </p> <p>Es gibt also nicht <em>den einen</em> Hirntumor, sondern viele verschiedene Formen, die unterschiedlich wachsen und sich im Gehirn ausbreiten. Noch komplexer wird es dadurch, dass sich Krebszellen aus anderen Organen über das Blut im Gehirn ansiedeln können. Dort bilden sie sogenannte Hirnmetastasen, zum Beispiel von Brust-, Haut- oder Lungenkrebs <sup>3</sup>. Jeder Tumor im Gehirn ist daher sehr individuell. Eine erfolgreiche Behandlung erfordert meist eine Kombination verschiedener therapeutischer Ansätze.</p> <h3 id="h-grenzen-der-klassischen-therapien-stahl-strahl-und-chemo"><strong>Grenzen der klassischen Therapien: Stahl, Strahl und Chemo</strong></h3> <p>Da Hirntumoren eine sehr heterogene Gruppe von Erkrankungen darstellen, sprechen sie unterschiedlich gut auf klassische Krebstherapien an. Das Spektrum reicht von Tumoren der Hirnhäute, die nach einer vollständigen Operation oft eine gute Prognose haben, bis hin zu hochaggressiven Tumoren wie dem Glioblastom, die trotz optimaler Therapie häufig innerhalb weniger Monate zum Tod führen. Warum die klassischen Krebstherapien wie Operation, Bestrahlung und Chemotherapie oft nicht erfolgreich sind, hat mehrere Gründe. <aside></aside></p> <h4 id="h-operation-millimeter-entscheiden"><strong>Operation: Millimeter entscheiden</strong></h4> <p>Die hochkomplexe Funktion unseres Gehirns stellt die Neurochirurgie vor enorme Herausforderungen. Lebenswichtige Strukturen und Areale für zentrale Fähigkeiten – Sprache, Bewusstsein oder Bewegungsfähigkeit – liegen oft nur Millimeter voneinander entfernt. Schon kleinste Verletzungen können schwerwiegende Folgen haben. Deshalb versuchen Neurochirurginnen und Neurochirurgen, Tumoren möglichst vollständig, aber gleichzeitig so schonend wie möglich zu entfernen. Häufig ist es jedoch gar nicht möglich, den gesamten Tumor herauszuoperieren, ohne wichtige Funktionen zu gefährden. Hinzu kommt, dass sich Krebszellen bei vielen Hirntumoren diffus im Gehirngewebe ausbreiten. Sie verstecken sich zwischen gesunden Nervenzellen und bilden keine klaren Grenzen. Dadurch ist es praktisch unmöglich, während einer Operation jede einzelne Krebszelle zu entfernen. </p> <p>Die Neurochirurgie hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. Modernstes High-Tech wird eingesetzt. Moderne Bildgebung ermöglicht es heute, funktionell wichtige Hirnareale bereits vor der Operation genau zu kartieren und die Operation exakt und schonend planen zu können <sup>4</sup>. Während des Eingriffs helfen mikrochirurgische Navigation, fluoreszierende Tumormarker und intraoperatives neurophysiologisches Monitoring dabei, möglichst präzise zu operieren. In manchen Fällen werden Tumoren sogar bei wachen Patientinnen und Patienten entfernt, damit Sprache oder Bewegungen während der Operation direkt überprüft werden können <sup>5</sup>. (Das ist so ein aufregendes Gebiet und wird genauer Thema eines neuen Blogbeitrags sein😊). Trotz all dieser High-Tech-Methoden gelingt häufig nur eine <strong>Reduktion der Tumormasse</strong> oder die Entfernung des größten Tumoranteils.</p> <h4 id="h-strahlentherapie-prazision-statt-ganzhirnbestrahlung"><strong>Strahlentherapie: Präzision statt Ganzhirnbestrahlung</strong></h4> <p>Auch die Strahlentherapie hat ihre Grenzen. Ionisierende Strahlung schädigt nicht nur Tumorzellen, sondern auch gesundes Gehirngewebe. Das kann zu neurokognitiven Einschränkungen und anderen schweren Nebenwirkungen führen. Deshalb wurde hier der Einsatz von der Ganzhirnbestrahlung zu ausgeklügelten und hochpräzisen, millimetergenauen Bestrahlungskonzepten weiterentwickelt <sup>6</sup>. Dennoch wird in bestimmten Situationen weiterhin eine Ganzhirnbestrahlung durchgeführt, beispielsweise bei vielen verteilten Hirnmetastasen oder beim Wiederauftreten des Hirntumors. Selbst diese vergleichsweise „grobe“ Strategie wird inzwischen verfeinert: Mithilfe moderner Bildgebung kann bei der Therapieplanung beispielsweise versucht werden, den Hippocampus (extrem wichtig fürs Gedächtnis) zu schonen <sup>7</sup>. Die Strahlentherapie kann abhängig von der Erkrankung auch vor, während oder nach einer Operation eingesetzt werden und so bei einigen Tumoren im Gehirn eine gute lokale Kontrolle erzielen <sup>8</sup>. </p> <p>Ein weiteres Problem vieler aggressiver Tumoren ist, dass sie relativ <strong>strahlenresistent</strong> sind. Einige Krebszellen können DNA-Schäden, die durch die Bestrahlung entstehen, besonders effektiv reparieren. Andere gehen in einen Ruhezustand über und werden dadurch weniger empfindlich gegenüber der Therapie <sup>9</sup>. Auch Tumorbereiche mit wenig Sauerstoff (Hypoxie) können Krebszellen zusätzlich vor Strahlenschäden schützen <sup>10–12</sup>.</p> <h4 id="h-chemotherapie-die-blut-hirn-schranke-als-hindernis"><strong>Chemotherapie: Die Blut-Hirn-Schranke als Hindernis</strong></h4> <p>Das Gehirn ist auch ein besonders empfindliches Organ. Deshalb schützt der Körper es mit einer strengen Barriere: der Blut-Hirn-Schranke. Sie funktioniert wie die Einlasskontrolle zum Konzert: Nur Ungefährliches mit Zugangsberechtigung darf rein, etwa Nährstoffe. Gefährliches wie Gift und Medikamente werden dagegen draußen gehalten. Dies ist der Grund, warum viele Chemotherapeutika nicht ihren Wirkort in den Tumoren im Gehirn erreichen. Zwar ist in vielen der aggressiveren Hirntumore die Blut-Hirn-Schranke gestört (wir sprechen dann von einer Blut-Tumor-Schranke), jedoch ist dort die Durchlässigkeit für Chemotherapien sehr unterschiedlich. Dadurch können innerhalb eines Tumors stark schwankende Medikamentenkonzentrationen entstehen, was die Wirksamkeit der Therapie reduziert <sup>13</sup>. </p> <p>Zusätzlich entwickeln Krebszellen häufig <strong>Resistenzmechanismen</strong>, die sie gegenüber Chemotherapeutika unempfindlich machen. Da es sich allerdings um aggressive Therapien mit vielen Nebenwirkungen handelt, darf auf keinen Fall die Dosierung beliebig erhöht werden <sup>14</sup>.  Darüber hinaus hängt der Behandlungserfolg oft von den molekularen Eigenschaften der Tumorzellen ab. Ein Beispiel dafür ist das Chemotherapeutikum Temozolomid: Es kann zwar die Blut-Hirn-Schranke überwinden und wird deshalb häufig bei Hirntumoren eingesetzt, seine Wirksamkeit ist jedoch stark von bestimmten genetischen Veränderungen (MGMT-Promotor-Methylierung) in den Krebszellen abhängig <sup>15</sup>.</p> <h3 id="h-biologische-superbosewichte-warum-hirntumorzellen-besonders-tuckisch-sind"><strong>Biologische Superbösewichte: Warum Hirntumorzellen besonders tückisch sind</strong></h3> <p>Um genau zu verstehen, warum Hirntumore so schwer zu behandeln sind, lohnt sich ein genauer Blick auf die Krebszellen selbst. Krebszellen zeichnen sich grundsätzlich dadurch aus, dass sie sich, im Gegensatz zu gesunden Zellen, unkontrolliert teilen. Gleichzeitig können sie sich vor Angriffen des Immunsystems schützen, das umliegende Gewebe zu ihrem Vorteil verändern und sich im Körper ausbreiten, also Metastasen bilden. Diese grundlegenden Eigenschaften von Krebs werden in der Krebsforschung als <em>Hallmarks of Cancer</em> bezeichnet <sup>16</sup>.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-38.png"><img alt="" decoding="async" height="689" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-38-1024x689.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-38-1024x689.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-38-300x202.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-38-768x516.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-38.png 1273w" width="1024"></img></a><figcaption>Abb. 1: Die <em>Hallmarks of Cancer</em>, grundlegende Eigenschaften von Krebszellen (adaptiert nach Hanahan &amp; Weinberg <sup>16</sup>; Beschriftungen ins Deutsche übersetzt).</figcaption></figure> <p>Tumoren, die direkt aus dem Gehirngewebe entstehen, besitzen darüber hinaus einige besonders problematische Eigenschaften. Vor allem Tumoren der Gliazellen zeigen eine ausgeprägte <strong>tumorinterne Heterogenität</strong>: Innerhalb eines einzigen Tumors existieren unterschiedliche Krebszellpopulationen und sehr verschiedene mikroskopische Regionen <sup>17</sup>. So finden sich im Inneren solcher Tumoren beispielsweise sauerstoffarme Bereiche (hypoxische Zonen), stark durchblutete Regionen mit neu gebildeten Blutgefäßen sowie sogenannte <strong>Tumorstammzellnischen</strong> <sup>18</sup>. In diesen Nischen leben besonders widerstandsfähige Krebsstammzellen, die den Tumor immer wieder neu aufbauen können, selbst dann, wenn ein Großteil der Tumorzellen durch Bestrahlung oder Chemotherapie zerstört wurde <sup>19</sup>. </p> <p>Zusätzlich reagieren verschiedene Zellpopulationen innerhalb desselben Tumors unterschiedlich auf Therapien. Einige Zellen können mutieren, sich an den therapeutischen Druck anpassen und Resistenzen entwickeln <sup>19</sup>. Ein weiterer Trick der Tumorzellen ist die gezielte Umprogrammierung ihrer Umgebung. Sie verändern das umliegende Gewebe, das sogenannte <strong>Tumormikromilieu</strong>, so, dass Immunzellen weniger effektiv gegen den Tumor vorgehen können <sup>20</sup>.</p> <h3 id="h-warum-immuntherapien-im-gehirn-schwer-sind"><strong>Warum Immuntherapien im Gehirn schwer sind</strong></h3> <p>Unser Immunsystem arbeitet jeden Tag hart daran, beschädigte Körperzellen frühzeitig zu erkennen und potenziell gefährlichen Zellveränderungen zu beseitigen. Darin ist unser Immunsystem zwar ziemlich gut (Wie oft bist du schon NICHT an Krebs erkrankt?!?), allerdings entwickeln Krebszellen immer wieder Strategien, um diesem Kontrollsystem zu entkommen. Sie verstecken sich vor Immunzellen, blockieren deren Angriff oder manipulieren ihre Umgebung so, dass eine effektive Immunreaktion ausbleibt. </p> <p>In den letzten Jahren haben deshalb Immuntherapien große Aufmerksamkeit erregt. Therapien wie Immune Checkpoint Inhibitor oder CAR T cell therapy haben die Behandlung einiger Krebsarten grundlegend verändert. Bei bestimmten Tumoren können sie das Immunsystem so aktivieren, dass es Krebszellen gezielt angreift. Bei Hirntumoren sind die Ergebnisse bisher allerdings deutlich weniger überzeugend. Ein Grund dafür ist die besondere immunologische Situation im Gehirn. Es gilt nämlich als sogenanntes <strong>immunprivilegiertes Organ</strong>. Das bedeutet, dass das Immunsystem dort weniger aktiv ist als in vielen anderen Körperregionen. Dieser Schutzmechanismus verhindert zwar überschießende Entzündungen in einem besonders empfindlichen Organ, erschwert aber gleichzeitig die Immunabwehr gegen Tumoren. Aggressive Tumoren wie das Glioblastoma nutzen diese Situation geschickt aus. Einige Tumorzellen tarnen sich beispielsweise durch sogenanntes molecular mimicry: Sie präsentieren auf ihrer Oberfläche Moleküle, die körpereigenen Strukturen ähneln, und werden dadurch vom Immunsystem schlechter erkannt <sup>20</sup>.</p> <p>Hinzu kommt erneut die Blut-Hirn-Schranke, die viele Immunzellen und therapeutische Antikörper daran hindert, überhaupt in ausreichender Zahl in das Gehirngewebe zu gelangen. Ein weiteres Problem ist, dass es bei Hirntumoren oft schwierig ist, eindeutige Zielstrukturen zu finden, gegen die sich Immuntherapien richten können. Tumorzellen sind genetisch sehr unterschiedlich und verändern sich im Laufe der Krankheit ständig weiter <sup>21</sup>. Trotz dieser Herausforderungen wird intensiv an neuen immunologischen Therapiestrategien geforscht. Dazu gehören verbesserte CAR-T-Zelltherapien, Immuncheckpoint-Blockade, therapeutische Krebsimpfstoffe sowie sogenannte onkolytische Viren, die Tumorzellen gezielt infizieren und gleichzeitig eine Immunreaktion auslösen sollen. Viele dieser Ansätze versuchen auch, das Tumormikromilieu – also die unmittelbare Umgebung der Krebszellen – zu verändern, damit Immunzellen dort effektiver arbeiten können <sup>22</sup>. Bisher sind die klinischen Ergebnisse jedoch noch begrenzt. Große Hoffnung liegt deshalb auf <strong>Kombinationstherapien</strong>, bei denen mehrere dieser Strategien gleichzeitig eingesetzt werden <sup>23</sup>.</p> <h3 id="h-zielgerichtete-therapie-smarte-medikamente-und-innovative-applikation"><strong>Zielgerichtete Therapie, smarte Medikamente und innovative Applikation</strong></h3> <p>Perfekte Medikamente würden die Krebszellen gezielt angreifen, ohne gesunde Gehirnzellen zu stören. Genau dieses Ziel verfolgen sogenannte zielgerichtete Therapien. Sie setzen direkt an den krebsspezifischen Veränderungen der Zellen an, den Hallmarks of Cancer. Viele dieser Medikamente blockieren beispielsweise mutierte Proteine in Signalwegen, die für das unkontrollierte Wachstum der Tumorzellen verantwortlich sind. Grundlage dafür ist eine möglichst genaue molekulargenetische Analyse des Tumors. Die Idee dahinter: <strong>personalisierte Medizin</strong>, bei der die Therapie individuell an die genetischen Veränderungen eines Tumors angepasst wird. Ein Beispiel sind Hemmstoffe gegen Mutationen im Enzym IDH1 oder IDH2. Solche sogenannten IDH-Inhibitoren können bei bestimmten Hirntumoren das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen und das Überleben verlängern <sup>24</sup>.</p> <p>Trotz allem bleibt die Hürde Blut-Hirn-Schranke, die mit smarten Medikamenten und innovativen Applikationsstrategien umgangen werden soll <sup>25</sup>. Eine Idee ist, die Krebsmedikamente raffiniert in winzige Transportvehikel zu verpacken und über die Blut-Hirn-Schranke zu schleusen, beispielsweise in Nanopartikel <sup>26</sup> oder Liposome (kleinen Fetttröpfchen) <sup>27</sup>, das ist wie Süßigkeiten im Socken an der Einlasskontrolle vorbei auf das Konzert zu mogeln.</p> <p>Eine andere Methode, mit Snacks zur Lieblingsband zu kommen, ist, nicht durch die Einlasskontrolle, sondern durch die Abgrenzung an einer weniger gesicherten Stelle. Nach diesem Prinzip wird bei Patienten versucht, mit fokussiertem Ultraschall oder Laser die Blut-Hirn-Schrank gezielt durchlässiger zu machen, sodass Medikamente besser in das Tumorgewebe gelangen <sup>28–30</sup>.</p> <p>Andere Versuche umfassen die Verwendung von Antikörper-Medikament-Konjugate, die Gabe der Medikamente über kleine Sonden direkt in den Tumor oder über die Nase ins Gehirn <sup>31,32</sup>. Leider ist auch hier trotz vielversprechender Ergebnisse im Labor die klinische Anwendung schwierig und zeigt bislang keinen erhofften Durchbruch <sup>33</sup>.</p> <h3 id="h-strahlen-amp-teilchen-praziser-harter-schonender"><strong>Strahlen &amp; Teilchen – präziser, härter, schonender</strong></h3> <p>Auch die Strahlentherapie entwickelt sich ständig weiter. Moderne Techniken versuchen, die Strahlung immer präziser im Tumor zu konzentrieren und gesundes Gehirngewebe möglichst zu schonen. Besonders gute Ergebnisse werden häufig erzielt, wenn die Bestrahlung geschickt mit anderen Therapien kombiniert wird <sup>34</sup>. </p> <p>Die klassische Strahlentherapie nutzt meist hochenergetische Photonen. In einigen spezialisierten Zentren kommen jedoch auch andere Teilchen zum Einsatz. Bei der sogenannten Protonentherapie geben die Teilchen den Großteil ihrer Energie erst direkt im Tumorgewebe ab (Bragg-Peak). Dieses physikalische Phänomen ermöglicht es, die Strahlendosis genauer zu platzieren und umliegendes Gewebe besser zu schützen <sup>35,36</sup>. Eine noch höhere relative biologische Wirksamkeit kann durch Bestrahlung mit Kohlenstoffionen erzielt werden. Bei der Kohlenstoffionentherapie verursachen diese schweren Teilchen komplexere DNA-Doppelstrangbrüche, die sehr schwer zu reparieren sind und können daher auch gegen manche strahlenresistente Tumoren wirksam sein <sup>37,38</sup>.</p> <p>Darüber hinaus werden weitere innovative Strahlentherapiekonzepte erforscht. Dazu gehört beispielsweise die Brachytherapie, bei der kleine radioaktive Quellen direkt in oder nahe am Tumor platziert werden. Andere Ansätze nutzen zielgerichtete radioaktive Medikamente, die sich bevorzugt an Tumorzellen anlagern, was als Radioligand Therapy bezeichnet wird. Ein besonders neues Forschungsfeld ist außerdem die sogenannte FLASH-Radiotherapie, bei der extrem hohe Strahlendosen in Bruchteilen einer Sekunde verabreicht werden. Erste Studien deuten darauf hin, dass Tumorzellen dadurch effektiv geschädigt werden könnten, während gesundes Gewebe möglicherweise besser geschont wird <sup>39–41</sup>. Viele dieser Technologien befinden sich jedoch noch in der klinischen Entwicklung oder sind nur in spezialisierten Zentren verfügbar.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-39.png"><img alt="" decoding="async" height="391" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-39-1024x391.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-39-1024x391.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-39-300x115.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-39-768x293.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-39-1536x587.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-39.png 1600w" width="1024"></img></a></figure> <h3 id="h-digitale-verbundete-ki-bildgebung-und-personalisierte-therapieplanung"><strong>Digitale Verbündete: KI, Bildgebung und personalisierte Therapieplanung</strong></h3> <p>Digitale Technologien spielen eine immer wichtigere Rolle in der modernen Behandlung von Hirntumoren. Besonders Methoden der künstlichen Intelligenz verändern derzeit die medizinische Bildanalyse. Mithilfe komplexer KI-gestützter Algorithmen können MRT- und CT-Bilder heute deutlich präziser ausgewertet werden. Dadurch lassen sich Tumorgewebe, Hirnödeme und abgestorbene Gewebebereiche genauer voneinander abgrenzen, was eine bessere Diagnostik und Therapieplanung ermöglicht <sup>42</sup>. </p> <p>Ein weiteres spannendes Forschungsfeld ist die sogenannte Radiogenomik. Dabei werden Bildmerkmale von Hirntumoren mithilfe von Methoden aus dem Machine Learning mit genetischen Veränderungen der Tumorzellen in Verbindung gebracht. Solche Analysen könnten in Zukunft helfen, bestimmte molekulare Eigenschaften eines Tumors bereits aus der Bildgebung vorherzusagen und damit in manchen Fällen invasive Gewebeproben reduzieren <sup>43</sup>.</p> <p>Darüber hinaus arbeiten Forschende an sogenannten digitalen Zwillingen von Patientinnen und Patienten. Dabei werden medizinische Daten, Bildgebung und biologische Modelle kombiniert, um den Verlauf einer Erkrankung zu simulieren. Auf diese Weise könnte getestet werden, welche Therapie für eine bestimmte Person am erfolgversprechendsten ist, bevor sie tatsächlich angewendet wird <sup>44</sup>. Digitale Technologien verbessern aber nicht nur die Analyse von Daten. Sie erleichtern auch die Zusammenarbeit von Expertinnen und Experten weltweit. Über Videokonferenzen oder virtuelle Tumorboards können Spezialisten aus verschiedenen Kliniken gemeinsam komplexe Fälle diskutieren. Das ist ein großer Vorteil, insbesondere bei seltenen Hirntumoren <sup>45</sup>. Moderne Technologien verändern also nicht nur einzelne Therapien, sondern verändern zunehmend die gesamte Diagnostik und Behandlung.</p> <h3 id="h-klinische-studien-und-kompetenzzentren"><strong>Klinische Studien und Kompetenzzentren</strong></h3> <p>Das bisherige Fazit lautet: Es gibt viele spannende und vielversprechende Ansätze in der Forschung, aber bislang hat sich noch keine universell wirksame Therapie für alle Hirntumore gefunden. Es bedarf weiterhin intensiver Forschung. Wer jetzt genervt aufseufzt, kann ich gut verstehen. Medizinische Forschung, insbesondere in einem so komplexen Gebiet, erfordert Zeit, Geduld und Ausdauer. Die meisten Experimente enttäuschen zunächst und führen nicht zu direkt anwendbaren Behandlungsergebnissen. Selbst wenn es einmal einen erfolgreichen Ansatz gibt, dauert es viele Jahre, bis dieser in der Klinik etabliert wird. Das schützt auf der einen Seite die Patientinnen und Patienten – nur sichere, wirksame und nachweislich bessere Therapien dürfen angewendet werden – ist aber gleichzeitig frustrierend für diejenigen, die verzweifelt auf eine rettende Behandlung hoffen. </p> <p>Neben der Entwicklung neuer Therapien gibt es auch die Versorgungsforschung, bei der untersucht wird, wie Betreuung und Behandlung mit den vorhandenen Ressourcen verbessert werden können. Hier steht der enge Austausch mit Betroffenen und Patientenvertretungen im Vordergrund. Die Ergebnisse zeigen, dass die Behandlung in speziellen Kompetenzzentren für die Betroffenen positiv ist <sup>46</sup>. Dort wird die gebündelte Erfahrung von Diagnose über Therapie bis hin zu Verlaufskontrolle und Nachsorge genutzt. In diesen spezialisierten Zentren werden zudem klinische Studien mit innovativen Therapien durchgeführt, an denen die Teilnahme ebenfalls die Behandlung verbessert <sup>47</sup>.</p> <h3 id="h-ausblick-vom-verstecken-zum-kontrollieren"><strong>Ausblick: Vom Verstecken zum Kontrollieren?</strong></h3> <p>Hirntumore sind extrem schwer zu behandeln, sowohl wegen der anatomischen Lage als auch wegen der komplexen molekularen Eigenschaften. Forschungsgruppen auf der ganzen Welt untersuchen Hirntumore derzeit so intensiv und interdisziplinär wie nie zuvor. Dank dieser Fortschritte lassen sich einige Hirntumore mittlerweile sehr gut behandeln, in manchen Fällen sogar heilen. Andere, aggressivere Typen führen jedoch weiterhin nur zu einer begrenzten Überlebenszeit von wenigen Monaten. Nach dem aktuellen Stand wird es in naher Zukunft leider nicht möglich sein, alle Hirntumore zu heilen. Das Ziel ist daher, die Prognose vieler Tumorarten zu verbessern: Aus einer oft aussichtslosen Situation soll eine Erkrankung werden, die bei guter Lebensqualität langfristig kontrollierbar bleibt. Entscheidend dafür werden personalisierte Ansätze sein: Jeder Tumor soll noch spezifischer untersucht werden, um eine individualisierte Behandlung zu planen und eine interdisziplinäre sowie multimodale Versorgung zu ermöglichen.</p> <h3 id="h-bildquellen"><strong>Bildquellen:</strong></h3> <p><a href="https://www.freepik.com/free-photo/male-medical-figure-with-front-brain-highlighted_7061148.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=a499346f-995a-4ecf-a2bf-6bbdcba38d22&amp;query=brain+tumor">Titelbild</a><p><a href="https://www.cell.com/fulltext/S0092-8674(11)00127-9#fig6">Abbildung 1</a><a href="https://www.freepik.com/free-vector/oncology-diagnostic-treatment-care-8-flat-compositions-with-mri-scanner-chemo-radiotherapy-children-ward-vector-illustration_26764755.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=18&amp;uuid=ba6425bf-e637-4078-a20c-db4b0ddfbbbb&amp;query=chemotherapy%2C+radiation%2C+surgery">Abbildung 2</a></p></p> <h3 id="h-quellen"><strong>Quellen:</strong></h3> <p><a href="https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMra043666">1. 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Warum können sich Krebszellen im Gehirn so gut verstecken? Und wie könnte eine enge Zusammenarbeit zwischen medizinischem Personal, Forschenden und IT-Spezialisten die Therapie in Zukunft verbessern? Antworten auf diese Fragen habe ich auf dem Deutschen Krebskongress in Berlin erhalten. Hier ist, was ich über die Hürden in der Behandlung von Hirntumoren gelernt habe und welche neuen Ansätze Hoffnung machen, dass Betroffene in Zukunft länger mit der Krankheit leben können.</p> <h3 id="h-grosse-morphologische-vielfalt-der-hirntumore"><strong>Große morphologische Vielfalt der Hirntumore</strong></h3> <p>„Hirntumor“ klingt nach einer einzelnen Krankheit. Tatsächlich verbirgt sich dahinter eine ganze Familie sehr unterschiedlicher Tumoren. </p> <p>Denn unser Gehirn ist ein äußerst komplexes Organ. Wie du weißt, besteht es aus vielen unterschiedlichen Zellen: Nervenzellen, verschiedene Arten von Gliazellen, Zellen der Hirnhäute sowie Zellen, die das Hirnwassers (Liquor) produzieren, und viele mehr. Aus all diesen Zellentypen kann durch zahlreiche genetische Veränderungen Krebs entstehen. So unterschiedlich die Ausgangszellen sind, so unterschiedlich sind auch die Hirntumore <sup>1</sup>. Tatsächlich unterscheidet die World Health Organization heute mehr als 120 verschiedene Tumorarten des zentralen Nervensystems. Diese Einteilung basiert auf mikroskopischen Merkmalen, molekulargenetischen Veränderungen und klinischen Eigenschaften <sup>2</sup>. </p> <p>Es gibt also nicht <em>den einen</em> Hirntumor, sondern viele verschiedene Formen, die unterschiedlich wachsen und sich im Gehirn ausbreiten. Noch komplexer wird es dadurch, dass sich Krebszellen aus anderen Organen über das Blut im Gehirn ansiedeln können. Dort bilden sie sogenannte Hirnmetastasen, zum Beispiel von Brust-, Haut- oder Lungenkrebs <sup>3</sup>. Jeder Tumor im Gehirn ist daher sehr individuell. Eine erfolgreiche Behandlung erfordert meist eine Kombination verschiedener therapeutischer Ansätze.</p> <h3 id="h-grenzen-der-klassischen-therapien-stahl-strahl-und-chemo"><strong>Grenzen der klassischen Therapien: Stahl, Strahl und Chemo</strong></h3> <p>Da Hirntumoren eine sehr heterogene Gruppe von Erkrankungen darstellen, sprechen sie unterschiedlich gut auf klassische Krebstherapien an. Das Spektrum reicht von Tumoren der Hirnhäute, die nach einer vollständigen Operation oft eine gute Prognose haben, bis hin zu hochaggressiven Tumoren wie dem Glioblastom, die trotz optimaler Therapie häufig innerhalb weniger Monate zum Tod führen. Warum die klassischen Krebstherapien wie Operation, Bestrahlung und Chemotherapie oft nicht erfolgreich sind, hat mehrere Gründe. <aside></aside></p> <h4 id="h-operation-millimeter-entscheiden"><strong>Operation: Millimeter entscheiden</strong></h4> <p>Die hochkomplexe Funktion unseres Gehirns stellt die Neurochirurgie vor enorme Herausforderungen. Lebenswichtige Strukturen und Areale für zentrale Fähigkeiten – Sprache, Bewusstsein oder Bewegungsfähigkeit – liegen oft nur Millimeter voneinander entfernt. Schon kleinste Verletzungen können schwerwiegende Folgen haben. Deshalb versuchen Neurochirurginnen und Neurochirurgen, Tumoren möglichst vollständig, aber gleichzeitig so schonend wie möglich zu entfernen. Häufig ist es jedoch gar nicht möglich, den gesamten Tumor herauszuoperieren, ohne wichtige Funktionen zu gefährden. Hinzu kommt, dass sich Krebszellen bei vielen Hirntumoren diffus im Gehirngewebe ausbreiten. Sie verstecken sich zwischen gesunden Nervenzellen und bilden keine klaren Grenzen. Dadurch ist es praktisch unmöglich, während einer Operation jede einzelne Krebszelle zu entfernen. </p> <p>Die Neurochirurgie hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. Modernstes High-Tech wird eingesetzt. Moderne Bildgebung ermöglicht es heute, funktionell wichtige Hirnareale bereits vor der Operation genau zu kartieren und die Operation exakt und schonend planen zu können <sup>4</sup>. Während des Eingriffs helfen mikrochirurgische Navigation, fluoreszierende Tumormarker und intraoperatives neurophysiologisches Monitoring dabei, möglichst präzise zu operieren. In manchen Fällen werden Tumoren sogar bei wachen Patientinnen und Patienten entfernt, damit Sprache oder Bewegungen während der Operation direkt überprüft werden können <sup>5</sup>. (Das ist so ein aufregendes Gebiet und wird genauer Thema eines neuen Blogbeitrags sein😊). Trotz all dieser High-Tech-Methoden gelingt häufig nur eine <strong>Reduktion der Tumormasse</strong> oder die Entfernung des größten Tumoranteils.</p> <h4 id="h-strahlentherapie-prazision-statt-ganzhirnbestrahlung"><strong>Strahlentherapie: Präzision statt Ganzhirnbestrahlung</strong></h4> <p>Auch die Strahlentherapie hat ihre Grenzen. Ionisierende Strahlung schädigt nicht nur Tumorzellen, sondern auch gesundes Gehirngewebe. Das kann zu neurokognitiven Einschränkungen und anderen schweren Nebenwirkungen führen. Deshalb wurde hier der Einsatz von der Ganzhirnbestrahlung zu ausgeklügelten und hochpräzisen, millimetergenauen Bestrahlungskonzepten weiterentwickelt <sup>6</sup>. Dennoch wird in bestimmten Situationen weiterhin eine Ganzhirnbestrahlung durchgeführt, beispielsweise bei vielen verteilten Hirnmetastasen oder beim Wiederauftreten des Hirntumors. Selbst diese vergleichsweise „grobe“ Strategie wird inzwischen verfeinert: Mithilfe moderner Bildgebung kann bei der Therapieplanung beispielsweise versucht werden, den Hippocampus (extrem wichtig fürs Gedächtnis) zu schonen <sup>7</sup>. Die Strahlentherapie kann abhängig von der Erkrankung auch vor, während oder nach einer Operation eingesetzt werden und so bei einigen Tumoren im Gehirn eine gute lokale Kontrolle erzielen <sup>8</sup>. </p> <p>Ein weiteres Problem vieler aggressiver Tumoren ist, dass sie relativ <strong>strahlenresistent</strong> sind. Einige Krebszellen können DNA-Schäden, die durch die Bestrahlung entstehen, besonders effektiv reparieren. Andere gehen in einen Ruhezustand über und werden dadurch weniger empfindlich gegenüber der Therapie <sup>9</sup>. Auch Tumorbereiche mit wenig Sauerstoff (Hypoxie) können Krebszellen zusätzlich vor Strahlenschäden schützen <sup>10–12</sup>.</p> <h4 id="h-chemotherapie-die-blut-hirn-schranke-als-hindernis"><strong>Chemotherapie: Die Blut-Hirn-Schranke als Hindernis</strong></h4> <p>Das Gehirn ist auch ein besonders empfindliches Organ. Deshalb schützt der Körper es mit einer strengen Barriere: der Blut-Hirn-Schranke. Sie funktioniert wie die Einlasskontrolle zum Konzert: Nur Ungefährliches mit Zugangsberechtigung darf rein, etwa Nährstoffe. Gefährliches wie Gift und Medikamente werden dagegen draußen gehalten. Dies ist der Grund, warum viele Chemotherapeutika nicht ihren Wirkort in den Tumoren im Gehirn erreichen. Zwar ist in vielen der aggressiveren Hirntumore die Blut-Hirn-Schranke gestört (wir sprechen dann von einer Blut-Tumor-Schranke), jedoch ist dort die Durchlässigkeit für Chemotherapien sehr unterschiedlich. Dadurch können innerhalb eines Tumors stark schwankende Medikamentenkonzentrationen entstehen, was die Wirksamkeit der Therapie reduziert <sup>13</sup>. </p> <p>Zusätzlich entwickeln Krebszellen häufig <strong>Resistenzmechanismen</strong>, die sie gegenüber Chemotherapeutika unempfindlich machen. Da es sich allerdings um aggressive Therapien mit vielen Nebenwirkungen handelt, darf auf keinen Fall die Dosierung beliebig erhöht werden <sup>14</sup>.  Darüber hinaus hängt der Behandlungserfolg oft von den molekularen Eigenschaften der Tumorzellen ab. Ein Beispiel dafür ist das Chemotherapeutikum Temozolomid: Es kann zwar die Blut-Hirn-Schranke überwinden und wird deshalb häufig bei Hirntumoren eingesetzt, seine Wirksamkeit ist jedoch stark von bestimmten genetischen Veränderungen (MGMT-Promotor-Methylierung) in den Krebszellen abhängig <sup>15</sup>.</p> <h3 id="h-biologische-superbosewichte-warum-hirntumorzellen-besonders-tuckisch-sind"><strong>Biologische Superbösewichte: Warum Hirntumorzellen besonders tückisch sind</strong></h3> <p>Um genau zu verstehen, warum Hirntumore so schwer zu behandeln sind, lohnt sich ein genauer Blick auf die Krebszellen selbst. Krebszellen zeichnen sich grundsätzlich dadurch aus, dass sie sich, im Gegensatz zu gesunden Zellen, unkontrolliert teilen. Gleichzeitig können sie sich vor Angriffen des Immunsystems schützen, das umliegende Gewebe zu ihrem Vorteil verändern und sich im Körper ausbreiten, also Metastasen bilden. Diese grundlegenden Eigenschaften von Krebs werden in der Krebsforschung als <em>Hallmarks of Cancer</em> bezeichnet <sup>16</sup>.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-38.png"><img alt="" decoding="async" height="689" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-38-1024x689.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-38-1024x689.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-38-300x202.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-38-768x516.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-38.png 1273w" width="1024"></img></a><figcaption>Abb. 1: Die <em>Hallmarks of Cancer</em>, grundlegende Eigenschaften von Krebszellen (adaptiert nach Hanahan &amp; Weinberg <sup>16</sup>; Beschriftungen ins Deutsche übersetzt).</figcaption></figure> <p>Tumoren, die direkt aus dem Gehirngewebe entstehen, besitzen darüber hinaus einige besonders problematische Eigenschaften. Vor allem Tumoren der Gliazellen zeigen eine ausgeprägte <strong>tumorinterne Heterogenität</strong>: Innerhalb eines einzigen Tumors existieren unterschiedliche Krebszellpopulationen und sehr verschiedene mikroskopische Regionen <sup>17</sup>. So finden sich im Inneren solcher Tumoren beispielsweise sauerstoffarme Bereiche (hypoxische Zonen), stark durchblutete Regionen mit neu gebildeten Blutgefäßen sowie sogenannte <strong>Tumorstammzellnischen</strong> <sup>18</sup>. In diesen Nischen leben besonders widerstandsfähige Krebsstammzellen, die den Tumor immer wieder neu aufbauen können, selbst dann, wenn ein Großteil der Tumorzellen durch Bestrahlung oder Chemotherapie zerstört wurde <sup>19</sup>. </p> <p>Zusätzlich reagieren verschiedene Zellpopulationen innerhalb desselben Tumors unterschiedlich auf Therapien. Einige Zellen können mutieren, sich an den therapeutischen Druck anpassen und Resistenzen entwickeln <sup>19</sup>. Ein weiterer Trick der Tumorzellen ist die gezielte Umprogrammierung ihrer Umgebung. Sie verändern das umliegende Gewebe, das sogenannte <strong>Tumormikromilieu</strong>, so, dass Immunzellen weniger effektiv gegen den Tumor vorgehen können <sup>20</sup>.</p> <h3 id="h-warum-immuntherapien-im-gehirn-schwer-sind"><strong>Warum Immuntherapien im Gehirn schwer sind</strong></h3> <p>Unser Immunsystem arbeitet jeden Tag hart daran, beschädigte Körperzellen frühzeitig zu erkennen und potenziell gefährlichen Zellveränderungen zu beseitigen. Darin ist unser Immunsystem zwar ziemlich gut (Wie oft bist du schon NICHT an Krebs erkrankt?!?), allerdings entwickeln Krebszellen immer wieder Strategien, um diesem Kontrollsystem zu entkommen. Sie verstecken sich vor Immunzellen, blockieren deren Angriff oder manipulieren ihre Umgebung so, dass eine effektive Immunreaktion ausbleibt. </p> <p>In den letzten Jahren haben deshalb Immuntherapien große Aufmerksamkeit erregt. Therapien wie Immune Checkpoint Inhibitor oder CAR T cell therapy haben die Behandlung einiger Krebsarten grundlegend verändert. Bei bestimmten Tumoren können sie das Immunsystem so aktivieren, dass es Krebszellen gezielt angreift. Bei Hirntumoren sind die Ergebnisse bisher allerdings deutlich weniger überzeugend. Ein Grund dafür ist die besondere immunologische Situation im Gehirn. Es gilt nämlich als sogenanntes <strong>immunprivilegiertes Organ</strong>. Das bedeutet, dass das Immunsystem dort weniger aktiv ist als in vielen anderen Körperregionen. Dieser Schutzmechanismus verhindert zwar überschießende Entzündungen in einem besonders empfindlichen Organ, erschwert aber gleichzeitig die Immunabwehr gegen Tumoren. Aggressive Tumoren wie das Glioblastoma nutzen diese Situation geschickt aus. Einige Tumorzellen tarnen sich beispielsweise durch sogenanntes molecular mimicry: Sie präsentieren auf ihrer Oberfläche Moleküle, die körpereigenen Strukturen ähneln, und werden dadurch vom Immunsystem schlechter erkannt <sup>20</sup>.</p> <p>Hinzu kommt erneut die Blut-Hirn-Schranke, die viele Immunzellen und therapeutische Antikörper daran hindert, überhaupt in ausreichender Zahl in das Gehirngewebe zu gelangen. Ein weiteres Problem ist, dass es bei Hirntumoren oft schwierig ist, eindeutige Zielstrukturen zu finden, gegen die sich Immuntherapien richten können. Tumorzellen sind genetisch sehr unterschiedlich und verändern sich im Laufe der Krankheit ständig weiter <sup>21</sup>. Trotz dieser Herausforderungen wird intensiv an neuen immunologischen Therapiestrategien geforscht. Dazu gehören verbesserte CAR-T-Zelltherapien, Immuncheckpoint-Blockade, therapeutische Krebsimpfstoffe sowie sogenannte onkolytische Viren, die Tumorzellen gezielt infizieren und gleichzeitig eine Immunreaktion auslösen sollen. Viele dieser Ansätze versuchen auch, das Tumormikromilieu – also die unmittelbare Umgebung der Krebszellen – zu verändern, damit Immunzellen dort effektiver arbeiten können <sup>22</sup>. Bisher sind die klinischen Ergebnisse jedoch noch begrenzt. Große Hoffnung liegt deshalb auf <strong>Kombinationstherapien</strong>, bei denen mehrere dieser Strategien gleichzeitig eingesetzt werden <sup>23</sup>.</p> <h3 id="h-zielgerichtete-therapie-smarte-medikamente-und-innovative-applikation"><strong>Zielgerichtete Therapie, smarte Medikamente und innovative Applikation</strong></h3> <p>Perfekte Medikamente würden die Krebszellen gezielt angreifen, ohne gesunde Gehirnzellen zu stören. Genau dieses Ziel verfolgen sogenannte zielgerichtete Therapien. Sie setzen direkt an den krebsspezifischen Veränderungen der Zellen an, den Hallmarks of Cancer. Viele dieser Medikamente blockieren beispielsweise mutierte Proteine in Signalwegen, die für das unkontrollierte Wachstum der Tumorzellen verantwortlich sind. Grundlage dafür ist eine möglichst genaue molekulargenetische Analyse des Tumors. Die Idee dahinter: <strong>personalisierte Medizin</strong>, bei der die Therapie individuell an die genetischen Veränderungen eines Tumors angepasst wird. Ein Beispiel sind Hemmstoffe gegen Mutationen im Enzym IDH1 oder IDH2. Solche sogenannten IDH-Inhibitoren können bei bestimmten Hirntumoren das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen und das Überleben verlängern <sup>24</sup>.</p> <p>Trotz allem bleibt die Hürde Blut-Hirn-Schranke, die mit smarten Medikamenten und innovativen Applikationsstrategien umgangen werden soll <sup>25</sup>. Eine Idee ist, die Krebsmedikamente raffiniert in winzige Transportvehikel zu verpacken und über die Blut-Hirn-Schranke zu schleusen, beispielsweise in Nanopartikel <sup>26</sup> oder Liposome (kleinen Fetttröpfchen) <sup>27</sup>, das ist wie Süßigkeiten im Socken an der Einlasskontrolle vorbei auf das Konzert zu mogeln.</p> <p>Eine andere Methode, mit Snacks zur Lieblingsband zu kommen, ist, nicht durch die Einlasskontrolle, sondern durch die Abgrenzung an einer weniger gesicherten Stelle. Nach diesem Prinzip wird bei Patienten versucht, mit fokussiertem Ultraschall oder Laser die Blut-Hirn-Schrank gezielt durchlässiger zu machen, sodass Medikamente besser in das Tumorgewebe gelangen <sup>28–30</sup>.</p> <p>Andere Versuche umfassen die Verwendung von Antikörper-Medikament-Konjugate, die Gabe der Medikamente über kleine Sonden direkt in den Tumor oder über die Nase ins Gehirn <sup>31,32</sup>. Leider ist auch hier trotz vielversprechender Ergebnisse im Labor die klinische Anwendung schwierig und zeigt bislang keinen erhofften Durchbruch <sup>33</sup>.</p> <h3 id="h-strahlen-amp-teilchen-praziser-harter-schonender"><strong>Strahlen &amp; Teilchen – präziser, härter, schonender</strong></h3> <p>Auch die Strahlentherapie entwickelt sich ständig weiter. Moderne Techniken versuchen, die Strahlung immer präziser im Tumor zu konzentrieren und gesundes Gehirngewebe möglichst zu schonen. Besonders gute Ergebnisse werden häufig erzielt, wenn die Bestrahlung geschickt mit anderen Therapien kombiniert wird <sup>34</sup>. </p> <p>Die klassische Strahlentherapie nutzt meist hochenergetische Photonen. In einigen spezialisierten Zentren kommen jedoch auch andere Teilchen zum Einsatz. Bei der sogenannten Protonentherapie geben die Teilchen den Großteil ihrer Energie erst direkt im Tumorgewebe ab (Bragg-Peak). Dieses physikalische Phänomen ermöglicht es, die Strahlendosis genauer zu platzieren und umliegendes Gewebe besser zu schützen <sup>35,36</sup>. Eine noch höhere relative biologische Wirksamkeit kann durch Bestrahlung mit Kohlenstoffionen erzielt werden. Bei der Kohlenstoffionentherapie verursachen diese schweren Teilchen komplexere DNA-Doppelstrangbrüche, die sehr schwer zu reparieren sind und können daher auch gegen manche strahlenresistente Tumoren wirksam sein <sup>37,38</sup>.</p> <p>Darüber hinaus werden weitere innovative Strahlentherapiekonzepte erforscht. Dazu gehört beispielsweise die Brachytherapie, bei der kleine radioaktive Quellen direkt in oder nahe am Tumor platziert werden. Andere Ansätze nutzen zielgerichtete radioaktive Medikamente, die sich bevorzugt an Tumorzellen anlagern, was als Radioligand Therapy bezeichnet wird. Ein besonders neues Forschungsfeld ist außerdem die sogenannte FLASH-Radiotherapie, bei der extrem hohe Strahlendosen in Bruchteilen einer Sekunde verabreicht werden. Erste Studien deuten darauf hin, dass Tumorzellen dadurch effektiv geschädigt werden könnten, während gesundes Gewebe möglicherweise besser geschont wird <sup>39–41</sup>. Viele dieser Technologien befinden sich jedoch noch in der klinischen Entwicklung oder sind nur in spezialisierten Zentren verfügbar.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-39.png"><img alt="" decoding="async" height="391" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-39-1024x391.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-39-1024x391.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-39-300x115.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-39-768x293.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-39-1536x587.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-39.png 1600w" width="1024"></img></a></figure> <h3 id="h-digitale-verbundete-ki-bildgebung-und-personalisierte-therapieplanung"><strong>Digitale Verbündete: KI, Bildgebung und personalisierte Therapieplanung</strong></h3> <p>Digitale Technologien spielen eine immer wichtigere Rolle in der modernen Behandlung von Hirntumoren. Besonders Methoden der künstlichen Intelligenz verändern derzeit die medizinische Bildanalyse. Mithilfe komplexer KI-gestützter Algorithmen können MRT- und CT-Bilder heute deutlich präziser ausgewertet werden. Dadurch lassen sich Tumorgewebe, Hirnödeme und abgestorbene Gewebebereiche genauer voneinander abgrenzen, was eine bessere Diagnostik und Therapieplanung ermöglicht <sup>42</sup>. </p> <p>Ein weiteres spannendes Forschungsfeld ist die sogenannte Radiogenomik. Dabei werden Bildmerkmale von Hirntumoren mithilfe von Methoden aus dem Machine Learning mit genetischen Veränderungen der Tumorzellen in Verbindung gebracht. Solche Analysen könnten in Zukunft helfen, bestimmte molekulare Eigenschaften eines Tumors bereits aus der Bildgebung vorherzusagen und damit in manchen Fällen invasive Gewebeproben reduzieren <sup>43</sup>.</p> <p>Darüber hinaus arbeiten Forschende an sogenannten digitalen Zwillingen von Patientinnen und Patienten. Dabei werden medizinische Daten, Bildgebung und biologische Modelle kombiniert, um den Verlauf einer Erkrankung zu simulieren. Auf diese Weise könnte getestet werden, welche Therapie für eine bestimmte Person am erfolgversprechendsten ist, bevor sie tatsächlich angewendet wird <sup>44</sup>. Digitale Technologien verbessern aber nicht nur die Analyse von Daten. Sie erleichtern auch die Zusammenarbeit von Expertinnen und Experten weltweit. Über Videokonferenzen oder virtuelle Tumorboards können Spezialisten aus verschiedenen Kliniken gemeinsam komplexe Fälle diskutieren. Das ist ein großer Vorteil, insbesondere bei seltenen Hirntumoren <sup>45</sup>. Moderne Technologien verändern also nicht nur einzelne Therapien, sondern verändern zunehmend die gesamte Diagnostik und Behandlung.</p> <h3 id="h-klinische-studien-und-kompetenzzentren"><strong>Klinische Studien und Kompetenzzentren</strong></h3> <p>Das bisherige Fazit lautet: Es gibt viele spannende und vielversprechende Ansätze in der Forschung, aber bislang hat sich noch keine universell wirksame Therapie für alle Hirntumore gefunden. Es bedarf weiterhin intensiver Forschung. Wer jetzt genervt aufseufzt, kann ich gut verstehen. Medizinische Forschung, insbesondere in einem so komplexen Gebiet, erfordert Zeit, Geduld und Ausdauer. Die meisten Experimente enttäuschen zunächst und führen nicht zu direkt anwendbaren Behandlungsergebnissen. Selbst wenn es einmal einen erfolgreichen Ansatz gibt, dauert es viele Jahre, bis dieser in der Klinik etabliert wird. Das schützt auf der einen Seite die Patientinnen und Patienten – nur sichere, wirksame und nachweislich bessere Therapien dürfen angewendet werden – ist aber gleichzeitig frustrierend für diejenigen, die verzweifelt auf eine rettende Behandlung hoffen. </p> <p>Neben der Entwicklung neuer Therapien gibt es auch die Versorgungsforschung, bei der untersucht wird, wie Betreuung und Behandlung mit den vorhandenen Ressourcen verbessert werden können. Hier steht der enge Austausch mit Betroffenen und Patientenvertretungen im Vordergrund. Die Ergebnisse zeigen, dass die Behandlung in speziellen Kompetenzzentren für die Betroffenen positiv ist <sup>46</sup>. Dort wird die gebündelte Erfahrung von Diagnose über Therapie bis hin zu Verlaufskontrolle und Nachsorge genutzt. In diesen spezialisierten Zentren werden zudem klinische Studien mit innovativen Therapien durchgeführt, an denen die Teilnahme ebenfalls die Behandlung verbessert <sup>47</sup>.</p> <h3 id="h-ausblick-vom-verstecken-zum-kontrollieren"><strong>Ausblick: Vom Verstecken zum Kontrollieren?</strong></h3> <p>Hirntumore sind extrem schwer zu behandeln, sowohl wegen der anatomischen Lage als auch wegen der komplexen molekularen Eigenschaften. Forschungsgruppen auf der ganzen Welt untersuchen Hirntumore derzeit so intensiv und interdisziplinär wie nie zuvor. Dank dieser Fortschritte lassen sich einige Hirntumore mittlerweile sehr gut behandeln, in manchen Fällen sogar heilen. Andere, aggressivere Typen führen jedoch weiterhin nur zu einer begrenzten Überlebenszeit von wenigen Monaten. Nach dem aktuellen Stand wird es in naher Zukunft leider nicht möglich sein, alle Hirntumore zu heilen. Das Ziel ist daher, die Prognose vieler Tumorarten zu verbessern: Aus einer oft aussichtslosen Situation soll eine Erkrankung werden, die bei guter Lebensqualität langfristig kontrollierbar bleibt. Entscheidend dafür werden personalisierte Ansätze sein: Jeder Tumor soll noch spezifischer untersucht werden, um eine individualisierte Behandlung zu planen und eine interdisziplinäre sowie multimodale Versorgung zu ermöglichen.</p> <h3 id="h-bildquellen"><strong>Bildquellen:</strong></h3> <p><a href="https://www.freepik.com/free-photo/male-medical-figure-with-front-brain-highlighted_7061148.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=a499346f-995a-4ecf-a2bf-6bbdcba38d22&amp;query=brain+tumor">Titelbild</a><p><a href="https://www.cell.com/fulltext/S0092-8674(11)00127-9#fig6">Abbildung 1</a><a href="https://www.freepik.com/free-vector/oncology-diagnostic-treatment-care-8-flat-compositions-with-mri-scanner-chemo-radiotherapy-children-ward-vector-illustration_26764755.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=18&amp;uuid=ba6425bf-e637-4078-a20c-db4b0ddfbbbb&amp;query=chemotherapy%2C+radiation%2C+surgery">Abbildung 2</a></p></p> <h3 id="h-quellen"><strong>Quellen:</strong></h3> <p><a href="https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMra043666">1. 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Vor allem Papageientaucher und Lummen wurden an den Atlantik-Küsten von Cornwall, Devon, Nordostengland sowie im Norden und Osten Schottlands sowie entlang der Küsten Portugals, Spaniens, Frankreichs und der Kanalinseln gemeldet. Auch an den Stränden der Nordsee, vor der Südküste Irlands und in der Biskaya werden Seevogelkadaver gefunden.<br></br>Offenbar spielt sich im Nordostatlantik eine weiträumige Krise ab.<br></br>Mal wieder.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-45.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 564px) 100vw, 564px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-45-564x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-45-564x1024.png 564w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-45-165x300.png 165w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-45.png 656w" width="564"></img></a><figcaption>Skeet von RSPB vom 19.02.20206 auf BlueSky</figcaption></figure> <p>Diese Seevogel-Massensterben (“Seabird wrecks”) gerade von Alken (Papageientaucher, Tordalk) und Lummen (Trottellumme, Gryllteiste) nehmen in den letzten Jahren zu, vermutlich aufgrund der Klimakrise. (Zurzeit steht aber noch nicht fest, ob möglicherweise auch die Vogelgrippe eine Rolle spielt, die auch die hat schon furchtbar unter anderen Meeresvögeln gewütet hat – darum raten Vogelexperten zur Vorsicht und, tote Vögel nicht anzufassen). Die angespülten Vögel sind nur ein Bruchteil der Opfer: Aktuelle Schätzungen zeigen, dass <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608">allein in Frankreich über 20.000 Vögel</a> an die Strände gespült wurden. Viele weitere sind wahrscheinlich im stürmischen offenen Ozean ums Leben gekommen, ungesehen und ungezählt.</p> <p>Die Royal Society for the Protection of Birds (RSPB) hat nach Berichten über Hunderte von tot angespülten Papageientauchern, Tordalken, Lummen und anderen Meeresvögeln, zu landesweiten Maßnahmen zum Schutz der Seevögel aufgerufen. An den UK-Küsten sammeln Naturschützer:innen und Freiwillige die noch lebend angespülten, aber geschwächten Vögel ein und päppeln sie mit Fisch wieder auf.  <br></br>Papageientauchen, Tordalke, Trottellumen und einige andere Arten sind pelagische Seevögel: Sie kommen eigentlich nur zum Brutgeschäft an Land, wo sie dann in großen Kolonien brüten. Danach fliegen sie aufs Meer hinaus und verbringen dort den Winter, auch die Jungvögel müssen dann alleine klarkommen – ebenfalls auf dem Meer.</p> <h2 id="h-klimakrise-befeuert-schwere-sturme"><strong>Klimakrise befeuert schwere Stürme</strong></h2> <p>Obwohl steigende Temperaturen die bekannteste Folge des vom Menschen verursachten Klimawandels sind, sind die zunehmende Häufigkeit und Intensität von Stürmen ein weiteres kritisches Symptom. In diesem Jahr haben bereits mehrere Stürme Europa heimgesucht, sie bildeten sich über den erwärmten Meeresoberflächen des Atlantiks und des Mittelmeeres.<br></br>So fegte Ende Januar der Sturm Chandra über Großbritannien und andere Teile Europas hinweg, während im Februar sechs weitere Stürme in schneller Folge über Portugal, Spanien und Frankreich rasthen. „<a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608">Angesichts der vorliegenden Beweise ist es möglich, dass diese Reihe von Stürmen eine tödliche Mischung von</a> Bedingungen für überwinternde Seevögel geschaffen hat, indem sie innerhalb kurzer Zeit zu mehreren Schiffbrüchen geführt hat. Die aufeinanderfolgenden Stürme in diesem Winter haben den Seevögeln kaum eine Atempause gegönnt. Sie mussten mit starken Winden, sintflutartigen Regenfällen und hohem Seegang kämpfen, waren verzweifelt hungrig, aber offenbar nicht in der Lage, sich zu ernähren.“<br></br>Dafür spricht auch, dass die angeschwemmten Vögel sehr mager sind und verhärtete Muskeln haben – was durch einen hohen Laktatgehalt hervorgerufen wird: Eine Studie zum Seevogel-Sterben an der andalusischen Küste 2022/2023 ergab, dass die Mehrheit der gestrandeten Tordalken und <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/ece3.70161">Papageientaucher Jungtiere waren. „Beide Arten wiesen einen niedrigen Gehalt an</a> Kohlenhydraten (Glukose und Glykogen) in ihrem Gewebe und einen hohen Laktatgehalt in ihren Muskeln auf. Diese Ergebnisse könnten darauf hindeuten, dass die Tiere einer längeren, anstrengenden körperlichen Belastung ausgesetzt waren, die Energie über anaerobe Stoffwechselwege erforderte, was möglicherweise mit der Wanderung zusammenhing.“ Sieht so aus, als ob sie sich mühsam durch die Wellen kämpften, aber dennoch nicht genug kleine Fische als Beute fangen konnten.</p> <p>Seit den 1970-er Jahren sind solche Massensterbe-Events bei Papageientauchern und Tordalken im Nordseebereich nachgewiesen. Sie hingen teilweise zusammen mit der Überfischung ihrer wichtigsten Futterquelle, den Sandaalen, die für Fischmehl industriell gefischt werden – vor allem für Lachs-Aquakulturen. Allerdings besteht auch ein <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/000632079290797Q">Zusammenhang mit der Meereserwärmung der Nordsee.</a><aside></aside></p> <h2 id="h-langzeitstudie-von-der-isle-of-may-zu-uberlebensraten"><strong>Langzeitstudie von der Isle of May zu Überlebensraten</strong></h2> <p>Die vom britischen Zentrum für Ökologie und Hydrologie geleitete Langzeitstudie „<a href="https://www.ceh.ac.uk/our-science/projects/isle-may-long-term-study">Isle of May Long-Term Study</a>” (die Isle of May liegt im schottischen Firth of Forth) <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608">beobachtet seit 1973 Seevögel und ist damit eine der datenreichsten Studien ihrer Art.</a> Im Rahmen dieser Beobachtungen wird ein Teil der Seevögel beringt – anhand der Metallringe mit einzigartigen Identifikationscodes können dann auch Kadaver bis zur Isle of May vor der Ostküste Schottlands oder zu anderen Seevogelkolonien zurückverfolgt werden, in denen Seevögel beringt werden. Wie etwa auf der ebenfalls sehr alten Vogelwarte auf der deutschen Hochseeinsel Helgoland.</p> <p>So werden die Todesfälle und Überlebensraten von Seevögeln regelmäßig ausgewertet und liefern die Basis für das Management dieser Arten. Auch wenn von den Tausenden Vögeln in Brutkolonien im Jahr 2026 gab es mehr Meldungen als üblich: Bereits im Februar waren es 33 tote Krähenscharben und neun tote Papageientaucher. <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608">Besonders herzzerreißend sei,</a> dass unter diesen Vögeln auch Überlebende des Vogelgrippe-Ausbruchs 2022/23 und des stürmischen Winters 2023/24 waren.</p> <p>Seevogelkolonien beherbergen während der Brutzeit oft Tausende von Vögeln – zu viele, um sie zu beringen. Darum werden natürlich auch viele unberingte Vögel gefunden – aber die beringten geben zumindest Indizien zu ihrer Herkunft und ihrem Alter.</p> <p>Schon im Sommer kann schlechtes Wetter auch mit weniger schweren Stürmen den kleinen Vögeln große Probleme beim Fischen bereiten. Bei stärkerem Wind zögern sie darum, nach Nahrung zu suchen. Schließlich müssen die Altvögel dann auch gegen den Wind anfliegen, um zu den Fischgründen und zurück zum Nest zu kommen. Auch das aufgewühlte Wasser ist für sie kräftezehrend. Im Winter müssen diese Seevögel noch intensiver nach Nahrung suchen. Dann brauchen sie genug Energie, um die Kälte zu überleben und müssen gleichzeitig Reserven für die bevorstehende Brutzeit aufbauen.</p> <h2 id="h-seevogel-bestande-in-der-krise"><strong>Seevogel-Bestände in der Krise</strong></h2> <p>Papageientaucher und andere Seevögel leben lange (eines der Opfer des aktuellen <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608">Unglücks war ein 34 Jahre alter Papageientaucher</a>) und brüten nur einmal im Jahr. Mit solch einer langsamen Reproduktionsrate können solche hohen Todeszahlen also langfristige Auswirkungen auf die Populationsentwicklung haben. Normalerweise, erklärt die Meeresökologin <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608">Ruth Dunn (Research Associate in Marine Ecology, Lancaster University</a>) in <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608">The Conservation</a>, kommen erwachsene Vögel besser über den Winter. Jetzt aber sind neben Jungtieren auch viele ältere Vögel gestorben – damit fällt die nächste Elterngeneration weg. Da solche Sturm- und Massensterben-Events in den letzten Jahren stetig zugenommen haben, bleibt den Populationen immer weniger Zeit zur Erholung. </p> <p><a href="https://cbwps.org.uk/puffins-under-pressure/">Neben Papageientauchern geraten auch andere Seevögel</a> immer stärker unter Druck.<br></br><a href="https://oceanographicmagazine.com/news/mass-seabird-deaths-spark-call-to-protect-uks-fragile-species/">In Großbritannien sind bereits 62 % dieser Arten vom Rückgang</a> betroffen, in Schottland sogar 70 %. Als 1996 die erste Rote Liste der gefährdeten Vogelarten Großbritanniens veröffentlicht wurde, war nur eine einzige Seevogelart darin aufgeführt. Heute stehen zehn der 25 in Großbritannien brütenden Arten, darunter Papageientaucher und Dreizehenmöwen, auf der Roten Liste.<br></br>In anderen Teilen Europas sieht es nicht besser aus.<br></br>Und in anderen Teilen der Welt auch nicht: So hat es seit 2016 die Gelbschopflunde (ebenfalls <a href="https://theconversation.com/climate-change-is-causing-mass-die-offs-in-seabirds-such-as-puffins-117803">Papageientaucher) des Nordpazifiks schwer</a> getroffen – auch dort ist der Zusammenhang mit der Erwärmung der Meeresoberfläche deutlich nachgewiesen.</p> <p>Darum appellieren Ruth Dunn, andere Wissenschaftler:innen, Seevogel-Expert:innen und Naturschützer:innen sowie viele andere Menschen immer dringlicher an ihre Regierungen, die seit langem vereinbarten Schutzstrategien umzusetzen, da der Druck durch Stürme, Krankheiten, Fischerei und Offshore-Erschließungen immer größer wird – zusammen mit der Klimakrise werden die durch Menschen verursachten Streßfaktoren für die Meeresvögel sonst zu hoch.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Das leise Sterben der Papageientaucher und anderer Seevögel » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>An den Küsten Großbritanniens und Europas werden seit Januar 2026 Tausende von Seevögeln angespült, viele sind bereits tot, die anderen geschwächt. Vor allem Papageientaucher und Lummen wurden an den Atlantik-Küsten von Cornwall, Devon, Nordostengland sowie im Norden und Osten Schottlands sowie entlang der Küsten Portugals, Spaniens, Frankreichs und der Kanalinseln gemeldet. Auch an den Stränden der Nordsee, vor der Südküste Irlands und in der Biskaya werden Seevogelkadaver gefunden.<br></br>Offenbar spielt sich im Nordostatlantik eine weiträumige Krise ab.<br></br>Mal wieder.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-45.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 564px) 100vw, 564px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-45-564x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-45-564x1024.png 564w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-45-165x300.png 165w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-45.png 656w" width="564"></img></a><figcaption>Skeet von RSPB vom 19.02.20206 auf BlueSky</figcaption></figure> <p>Diese Seevogel-Massensterben (“Seabird wrecks”) gerade von Alken (Papageientaucher, Tordalk) und Lummen (Trottellumme, Gryllteiste) nehmen in den letzten Jahren zu, vermutlich aufgrund der Klimakrise. (Zurzeit steht aber noch nicht fest, ob möglicherweise auch die Vogelgrippe eine Rolle spielt, die auch die hat schon furchtbar unter anderen Meeresvögeln gewütet hat – darum raten Vogelexperten zur Vorsicht und, tote Vögel nicht anzufassen). Die angespülten Vögel sind nur ein Bruchteil der Opfer: Aktuelle Schätzungen zeigen, dass <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608">allein in Frankreich über 20.000 Vögel</a> an die Strände gespült wurden. Viele weitere sind wahrscheinlich im stürmischen offenen Ozean ums Leben gekommen, ungesehen und ungezählt.</p> <p>Die Royal Society for the Protection of Birds (RSPB) hat nach Berichten über Hunderte von tot angespülten Papageientauchern, Tordalken, Lummen und anderen Meeresvögeln, zu landesweiten Maßnahmen zum Schutz der Seevögel aufgerufen. An den UK-Küsten sammeln Naturschützer:innen und Freiwillige die noch lebend angespülten, aber geschwächten Vögel ein und päppeln sie mit Fisch wieder auf.  <br></br>Papageientauchen, Tordalke, Trottellumen und einige andere Arten sind pelagische Seevögel: Sie kommen eigentlich nur zum Brutgeschäft an Land, wo sie dann in großen Kolonien brüten. Danach fliegen sie aufs Meer hinaus und verbringen dort den Winter, auch die Jungvögel müssen dann alleine klarkommen – ebenfalls auf dem Meer.</p> <h2 id="h-klimakrise-befeuert-schwere-sturme"><strong>Klimakrise befeuert schwere Stürme</strong></h2> <p>Obwohl steigende Temperaturen die bekannteste Folge des vom Menschen verursachten Klimawandels sind, sind die zunehmende Häufigkeit und Intensität von Stürmen ein weiteres kritisches Symptom. In diesem Jahr haben bereits mehrere Stürme Europa heimgesucht, sie bildeten sich über den erwärmten Meeresoberflächen des Atlantiks und des Mittelmeeres.<br></br>So fegte Ende Januar der Sturm Chandra über Großbritannien und andere Teile Europas hinweg, während im Februar sechs weitere Stürme in schneller Folge über Portugal, Spanien und Frankreich rasthen. „<a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608">Angesichts der vorliegenden Beweise ist es möglich, dass diese Reihe von Stürmen eine tödliche Mischung von</a> Bedingungen für überwinternde Seevögel geschaffen hat, indem sie innerhalb kurzer Zeit zu mehreren Schiffbrüchen geführt hat. Die aufeinanderfolgenden Stürme in diesem Winter haben den Seevögeln kaum eine Atempause gegönnt. Sie mussten mit starken Winden, sintflutartigen Regenfällen und hohem Seegang kämpfen, waren verzweifelt hungrig, aber offenbar nicht in der Lage, sich zu ernähren.“<br></br>Dafür spricht auch, dass die angeschwemmten Vögel sehr mager sind und verhärtete Muskeln haben – was durch einen hohen Laktatgehalt hervorgerufen wird: Eine Studie zum Seevogel-Sterben an der andalusischen Küste 2022/2023 ergab, dass die Mehrheit der gestrandeten Tordalken und <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/ece3.70161">Papageientaucher Jungtiere waren. „Beide Arten wiesen einen niedrigen Gehalt an</a> Kohlenhydraten (Glukose und Glykogen) in ihrem Gewebe und einen hohen Laktatgehalt in ihren Muskeln auf. Diese Ergebnisse könnten darauf hindeuten, dass die Tiere einer längeren, anstrengenden körperlichen Belastung ausgesetzt waren, die Energie über anaerobe Stoffwechselwege erforderte, was möglicherweise mit der Wanderung zusammenhing.“ Sieht so aus, als ob sie sich mühsam durch die Wellen kämpften, aber dennoch nicht genug kleine Fische als Beute fangen konnten.</p> <p>Seit den 1970-er Jahren sind solche Massensterbe-Events bei Papageientauchern und Tordalken im Nordseebereich nachgewiesen. Sie hingen teilweise zusammen mit der Überfischung ihrer wichtigsten Futterquelle, den Sandaalen, die für Fischmehl industriell gefischt werden – vor allem für Lachs-Aquakulturen. Allerdings besteht auch ein <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/000632079290797Q">Zusammenhang mit der Meereserwärmung der Nordsee.</a><aside></aside></p> <h2 id="h-langzeitstudie-von-der-isle-of-may-zu-uberlebensraten"><strong>Langzeitstudie von der Isle of May zu Überlebensraten</strong></h2> <p>Die vom britischen Zentrum für Ökologie und Hydrologie geleitete Langzeitstudie „<a href="https://www.ceh.ac.uk/our-science/projects/isle-may-long-term-study">Isle of May Long-Term Study</a>” (die Isle of May liegt im schottischen Firth of Forth) <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608">beobachtet seit 1973 Seevögel und ist damit eine der datenreichsten Studien ihrer Art.</a> Im Rahmen dieser Beobachtungen wird ein Teil der Seevögel beringt – anhand der Metallringe mit einzigartigen Identifikationscodes können dann auch Kadaver bis zur Isle of May vor der Ostküste Schottlands oder zu anderen Seevogelkolonien zurückverfolgt werden, in denen Seevögel beringt werden. Wie etwa auf der ebenfalls sehr alten Vogelwarte auf der deutschen Hochseeinsel Helgoland.</p> <p>So werden die Todesfälle und Überlebensraten von Seevögeln regelmäßig ausgewertet und liefern die Basis für das Management dieser Arten. Auch wenn von den Tausenden Vögeln in Brutkolonien im Jahr 2026 gab es mehr Meldungen als üblich: Bereits im Februar waren es 33 tote Krähenscharben und neun tote Papageientaucher. <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608">Besonders herzzerreißend sei,</a> dass unter diesen Vögeln auch Überlebende des Vogelgrippe-Ausbruchs 2022/23 und des stürmischen Winters 2023/24 waren.</p> <p>Seevogelkolonien beherbergen während der Brutzeit oft Tausende von Vögeln – zu viele, um sie zu beringen. Darum werden natürlich auch viele unberingte Vögel gefunden – aber die beringten geben zumindest Indizien zu ihrer Herkunft und ihrem Alter.</p> <p>Schon im Sommer kann schlechtes Wetter auch mit weniger schweren Stürmen den kleinen Vögeln große Probleme beim Fischen bereiten. Bei stärkerem Wind zögern sie darum, nach Nahrung zu suchen. Schließlich müssen die Altvögel dann auch gegen den Wind anfliegen, um zu den Fischgründen und zurück zum Nest zu kommen. Auch das aufgewühlte Wasser ist für sie kräftezehrend. Im Winter müssen diese Seevögel noch intensiver nach Nahrung suchen. Dann brauchen sie genug Energie, um die Kälte zu überleben und müssen gleichzeitig Reserven für die bevorstehende Brutzeit aufbauen.</p> <h2 id="h-seevogel-bestande-in-der-krise"><strong>Seevogel-Bestände in der Krise</strong></h2> <p>Papageientaucher und andere Seevögel leben lange (eines der Opfer des aktuellen <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608">Unglücks war ein 34 Jahre alter Papageientaucher</a>) und brüten nur einmal im Jahr. Mit solch einer langsamen Reproduktionsrate können solche hohen Todeszahlen also langfristige Auswirkungen auf die Populationsentwicklung haben. Normalerweise, erklärt die Meeresökologin <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608">Ruth Dunn (Research Associate in Marine Ecology, Lancaster University</a>) in <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608">The Conservation</a>, kommen erwachsene Vögel besser über den Winter. Jetzt aber sind neben Jungtieren auch viele ältere Vögel gestorben – damit fällt die nächste Elterngeneration weg. Da solche Sturm- und Massensterben-Events in den letzten Jahren stetig zugenommen haben, bleibt den Populationen immer weniger Zeit zur Erholung. </p> <p><a href="https://cbwps.org.uk/puffins-under-pressure/">Neben Papageientauchern geraten auch andere Seevögel</a> immer stärker unter Druck.<br></br><a href="https://oceanographicmagazine.com/news/mass-seabird-deaths-spark-call-to-protect-uks-fragile-species/">In Großbritannien sind bereits 62 % dieser Arten vom Rückgang</a> betroffen, in Schottland sogar 70 %. Als 1996 die erste Rote Liste der gefährdeten Vogelarten Großbritanniens veröffentlicht wurde, war nur eine einzige Seevogelart darin aufgeführt. Heute stehen zehn der 25 in Großbritannien brütenden Arten, darunter Papageientaucher und Dreizehenmöwen, auf der Roten Liste.<br></br>In anderen Teilen Europas sieht es nicht besser aus.<br></br>Und in anderen Teilen der Welt auch nicht: So hat es seit 2016 die Gelbschopflunde (ebenfalls <a href="https://theconversation.com/climate-change-is-causing-mass-die-offs-in-seabirds-such-as-puffins-117803">Papageientaucher) des Nordpazifiks schwer</a> getroffen – auch dort ist der Zusammenhang mit der Erwärmung der Meeresoberfläche deutlich nachgewiesen.</p> <p>Darum appellieren Ruth Dunn, andere Wissenschaftler:innen, Seevogel-Expert:innen und Naturschützer:innen sowie viele andere Menschen immer dringlicher an ihre Regierungen, die seit langem vereinbarten Schutzstrategien umzusetzen, da der Druck durch Stürme, Krankheiten, Fischerei und Offshore-Erschließungen immer größer wird – zusammen mit der Klimakrise werden die durch Menschen verursachten Streßfaktoren für die Meeresvögel sonst zu hoch.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/das-leise-sterben-der-papageientaucher-und-anderer-seevoegel/#comments 10 Happy (Belated) 2026 https://scilogs.spektrum.de/hlf/happy-belated-2026/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/happy-belated-2026/#comments Wed, 04 Mar 2026 13:00:00 +0000 Sophie Maclean https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14141 <h1>Happy (Belated) 2026 - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Sophie Maclean</h2><div> <div> <p>It is customary in the new year to write a blog post containing mathematical facts about the year. For us maths writers, 2025 truly was a gift, and you can see just why in Katie’s <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/20-25-interesting-facts-about-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">excellent post</a> last year. But the chances of having two consecutive years with so many fun facts are, as one might expect, small. So it shouldn’t come as a surprise that there is a dearth of interesting facts about 2026. </p> <p>2026 is not a prime number (after all, it is divisible by the prime number 1013). It is not a square number and although it is the sum of two square numbers, \( 2026 = 45^2 + 1^1 \), this feels more like a property it’s inherited from 2025. But do not fear! This is not going to be a list of anti-facts, of things that are not true about the number 2026. There is one fact that is so fun that I think it might blow all the 2025 facts out the water.</p> <p>But to show you this fact, I must first introduce you to a toy that mathematicians have been playing with for over 1000 years. It may even already be familiar to you, but trust me when I say that this simple pattern holds more secrets than you or I could ever know. This tool goes by many names, but to Anglophones, this is Pascal’s Triangle.</p> <h3 id="h-humble-beginnings">Humble Beginnings</h3> <p>Pascal’s Triangle starts with what is arguably the simplest number: 1. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-128.png"><img alt="1" decoding="async" height="140" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-128.png" width="124"></img></a></figure></div> <p>In fact, every row of this triangle is bookended by a pair of 1s, so the next row is simply two ones.<aside></aside></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-129.png"><img alt="A triangle of three 1s" decoding="async" fetchpriority="high" height="286" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-129.png" width="292"></img></a></figure></div> <p>The rows of the triangle are formed iteratively. Each element is formed by summing the two above it. For example, to get the middle entry of the next row, we do \(1+1 = 2\):</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-130.png"><img alt="A diagram showing how the row &quot;1 2 1&quot; is formed" decoding="async" height="308" sizes="(max-width: 346px) 100vw, 346px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-130.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-130.png 346w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-130-300x267.png 300w" width="346"></img></a></figure></div> <p>Now we do \(1 + 2 = 3\) and \(2 +1 = 3\):</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-131.png"><img alt="A diagram showing how the row &quot;1 3 3 1&quot; is formed" decoding="async" height="386" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 460px) 100vw, 460px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-131.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-131.png 460w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-131-300x252.png 300w" width="460"></img></a></figure></div> <p>Then \(1 +  3 =\), \(3 + 3 =6\), and \( 3 + 1 = 4\). And so on. You can keep doing this ad infinitum:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-132.png"><img alt="Pascal's triangle " decoding="async" height="618" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 686px) 100vw, 686px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-132.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-132.png 686w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-132-300x270.png 300w" width="686"></img></a></figure></div> <p>Note that if you don’t like the idea of the 1s being special and just appearing, you can imagine an infinite sea of 0s surrounding the triangle, and the 1s are actually generated by summing 1 and 0:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-133.png"><img alt="Pascal's triangle with 0s around the outside " decoding="async" height="602" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 762px) 100vw, 762px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-133.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-133.png 762w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-133-300x237.png 300w" width="762"></img></a></figure></div> <p>Some patterns in this triangle will be immediately obvious. For example, the triangle is symmetric. This makes sense because we start with a single 1, which is trivially symmetric, then every step we take to generate the next row of the triangle is done equally on the right and on the left, so of course the resulting object will be symmetric. There are much more complicated patterns and meanings hidden in the triangle though, and if you dig deep enough, 2026 crops up, and more than once too.</p> <h3 id="h-patterns-all-the-way-down">Patterns all the Way Down</h3> <p>Often, the next pattern people notice is how the “first” diagonal is the natural numbers (also known as the counting numbers). You might dispute that this is the first diagonal, but I personally count the initial diagonal with 1s in as the zeroth diagonal.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-134.png"><img alt="Pascal's triangle with the row starting &quot;1,2,3,...&quot; highlighted" decoding="async" height="608" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 684px) 100vw, 684px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-134.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-134.png 684w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-134-300x267.png 300w" width="684"></img></a></figure></div> <p>So, the expression for the nth term in the first diagonal is: \( u_n = n\), a first order (i.e. linear) equation. This pattern is to be expected – each term in this diagonal is formed by summing the previous integer (which is up and to the right of the term) to 1 (up and to the left, in our zeroth diagonal of ones).</p> <p>What about the second diagonal?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-135.png"><img alt="Pascal's triangle with the row starting &quot;1,3,6,...&quot; highlighted" decoding="async" height="638" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 638px) 100vw, 638px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-135.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-135.png 638w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-135-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-135-150x150.png 150w" width="638"></img></a></figure></div> <p>If you’re well versed in common sequences,you will recognise this as the triangle numbers. The nth triangle number (let’s denote it \( t_n\)) is the sum of all the positive integers up to and including n. They are called triangle numbers because you can arrange \(t_n\) dots into a triangle of side length n:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-136.png"><img alt="A diagram showing triangles of increasing size" decoding="async" height="275" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 936px) 100vw, 936px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-136.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-136.png 936w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-136-300x88.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-136-768x226.png 768w" width="936"></img></a></figure></div> <p>The expression for the nth term in the second diagonal is: \( t_n = \frac{1}2(n)(n+1) \), a second order (i.e. quadratic) equation. This pattern arises because each term in this diagonal is formed by summing the previous triangle number (which is up and to the right of the term) to each natural number (up and to the left, in our first diagonal). </p> <p>What is fun is that we can actually go up another dimension. The first diagonal gave us a linear (AKA 1-dimensional) sequence, the second diagonal gives a quadratic, 2D sequence, so you might guess that the third diagonal would give a cubic, 3D sequence. And you would be right!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-137.png"><img alt="Pascal's triangle with the row starting &quot;1,4,10,...&quot; highlighted" decoding="async" height="638" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 638px) 100vw, 638px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-137.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-137.png 638w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-137-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-137-150x150.png 150w" width="638"></img></a></figure></div> <p>These are known as the tetrahedral numbers, because the nth tetrahedral number \(T_n\) spheres, they can form a tetrahedron of side length n. Note from the diagram below that each layer is a triangle, hence the tetrahedral numbers are formed by summing triangle numbers.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-138.png"><img alt="Spheres arranged in a tetrahedron pattern" decoding="async" height="483" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 639px) 100vw, 639px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-138.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-138.png 639w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-138-300x227.png 300w" width="639"></img></a></figure></div> <p>The formula for the tetrahedral numbers is \( T_n = \frac{1}6 n(n+1)(n+2)\}, a cubic. This pattern continues – the 4th row is a quartic (degree 4) sequence and forms 4D shapes, the 5th row is a quintic (degree 5) sequence and forms 5D shapes, and so on. </p> <h3 id="h-a-journey-through-time-and-space">A Journey Through Time and Space</h3> <p>Pascal’s Triangle is named after Blaise Pascal, a French mathematician, physicist and philosopher. Pascal lived from 1623 to 1662 AD, and is known not only for his work on Probability Theory, but the SI (International System of Units) unit of pressure is also named after him. He wrote about the triangle in his 1654 treatise, <em>Traité du triangle arithmétique</em>, which was published posthumously in 1665. </p> <p>But the triangle was in existence long before Pascal was even born. This is an Indian manuscript from 755 AD.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-139.png"><img alt="An old Indian manuscript showing a triangle pattern." decoding="async" height="348" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 660px) 100vw, 660px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-139.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-139.png 660w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-139-300x158.png 300w" width="660"></img></a><figcaption>Manuscript from Raghunath Library J&amp;K, 755 AD Image credit: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Meru_Prastaara.png" rel="noreferrer noopener" target="_blank">public</a><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/File:Yanghui_triangle.gif" rel="noreferrer noopener" target="_blank"> domain</a>.</figcaption></figure></div> <p>It is based on the work of Pingala, who was a poet alive in India in the third century BCE. Pingala stumbled across a whole array of combinatorial patterns, such as this, when considering the patterns that light (L) and heavy (H) syllables could form in a word of n syllables:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-140.png"><img alt="A triangle shape showing the pattern of Ls an Hs." decoding="async" height="332" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 384px) 100vw, 384px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-140.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-140.png 384w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-140-300x259.png 300w" width="384"></img></a></figure></div> <p>The first description of the triangle in a book was by Al-Karaji, a Persian mathematician and engineer born in 953 AD. Unfortunately, the book is now lost but we do have other publications of the triangle from not long after.</p> <p>Moving east to China, Jia Xian was a Chinese mathematician born in 1010, who worked with the triangle in the 11th Century. In the 13th Century, Yang Hui (born 1238) presented the triangle, and it is still known as Yang Hui’s Triangle in China:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-141.png"><img alt="A triangle formed of Chinese characters" decoding="async" height="715" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 460px) 100vw, 460px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-141.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-141.png 460w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-141-193x300.png 193w" width="460"></img></a><figcaption>Drawing published by Zhu Shijie in C.E 1303, in his Si Yu Jian. Image credit: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/File:Yanghui_triangle.gif" rel="noreferrer noopener" target="_blank">public domain</a>.</figcaption></figure></div> <p>Even in Europe, the triangle predates Pascal. It first appeared in the 13th Century, in a work by Jordanus de Nemore. Then, Niccolò Fontana Tartaglia published six rows of the triangle in 1556, and in Italy the triangle is known as Tartaglia’s triangle. </p> <p>The fact that the triangle has been discovered and rediscovered all over the world goes to show how fundamental it is. Part of the reason it is so commonly known may be how it relates to combinatorics, the mathematical study of counting.</p> <h3 id="h-counting-paths">Counting Paths</h3> <p>In combinatorics, \( \begin{pmatrix} n \\ r \end{pmatrix}\) is used to denote the number of ways of choosing r items from a set of n, when the order doesn’t matter. As it happens, Pascal’s Triangle can also be written in this notation:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-144.png"><img alt="Pascal's triangle written in n r notation" decoding="async" height="586" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 588px) 100vw, 588px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-144.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-144.png 588w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-144-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-144-150x150.png 150w" width="588"></img></a></figure></div> <p>In maths, there are rarely coincidences, and this is no exception. We can view the top row as the origin. Then to move from one row to the next, we move either diagonally left and down, or diagonally right and down. The entry values tell us how many different paths travelling down from the origin lead to that location. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-143.png"><img alt="Pascal's triangle showing the route to a square" decoding="async" height="436" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 486px) 100vw, 486px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-143.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-143.png 486w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-143-300x269.png 300w" width="486"></img></a></figure></div> <p>To see this, note that to get to an entry, we have to arrive either from the entry above and to the right, or from the entry above and to the left. So, of course, we must add the number of ways to get to each of these to find the number of ways to get to our entry. There is only one path to get to the entries on the outer edge – choose only lefts for one side, and only rights for the other – which matches these numbers being 1.</p> <p>Actually, with a bit of thought we can see that the entry labelled \( \begin{pmatrix} n \\ r \end{pmatrix}\) actually ends up denoting the number routes that are n steps down from the origin, r of which go right. </p> <h3 id="h-2026">2026</h3> <p>What happens, then, if we sum all the values in a row? Well the zeroth row (what I’m calling the top row) gives \(1\). The first row gives \(1 + 1 = 2\). The second row gives \(1 + 2 + 1 = 4\). The third row gives \( 1 + 3 + 3 +1 = 8\). Spot the pattern? The sum of the digits on the nth row is \(2^n\). This follows, as the nth row gives all possible choices of n steps down, where each step is either left or right, hence there are \(2^n\) steps.</p> <p>What if we sum all the values up to and including the nth row? Well that is \(2^{n+1} -1\) and gives the number of such paths with up to n steps, sometimes called a hyperforest due to the tree-like appearance when all the paths are drawn. </p> <p>For the final variant, what about if we now say that you are not allowed to choose all right or all left paths – the path you take must have at least one right and at least one left step? Summing all such paths that are n steps long is equivalent to summing all the digits of the nth row of Pascal’s triangle excluding the 1s at either end so there are \( 2^n – 2\) such paths. </p> <p>And what if we want all such paths for up to n steps, i.e. the sum of the first n rows of Pascal’s triangle excluding the edge entries? There are \(2^{n+1} – 2n -2\) such ways. And when \(n= 10\)?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-145.png"><img alt="Pascal's triangle with the centre bit highlighted" decoding="async" height="608" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-145.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-145.png 650w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-145-300x281.png 300w" width="650"></img></a></figure></div> <p>The sum of the shaded squares is 2026.</p> <p>Happy New Year!</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Happy (Belated) 2026 - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Sophie Maclean</h2><div> <div> <p>It is customary in the new year to write a blog post containing mathematical facts about the year. For us maths writers, 2025 truly was a gift, and you can see just why in Katie’s <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/20-25-interesting-facts-about-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">excellent post</a> last year. But the chances of having two consecutive years with so many fun facts are, as one might expect, small. So it shouldn’t come as a surprise that there is a dearth of interesting facts about 2026. </p> <p>2026 is not a prime number (after all, it is divisible by the prime number 1013). It is not a square number and although it is the sum of two square numbers, \( 2026 = 45^2 + 1^1 \), this feels more like a property it’s inherited from 2025. But do not fear! This is not going to be a list of anti-facts, of things that are not true about the number 2026. There is one fact that is so fun that I think it might blow all the 2025 facts out the water.</p> <p>But to show you this fact, I must first introduce you to a toy that mathematicians have been playing with for over 1000 years. It may even already be familiar to you, but trust me when I say that this simple pattern holds more secrets than you or I could ever know. This tool goes by many names, but to Anglophones, this is Pascal’s Triangle.</p> <h3 id="h-humble-beginnings">Humble Beginnings</h3> <p>Pascal’s Triangle starts with what is arguably the simplest number: 1. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-128.png"><img alt="1" decoding="async" height="140" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-128.png" width="124"></img></a></figure></div> <p>In fact, every row of this triangle is bookended by a pair of 1s, so the next row is simply two ones.<aside></aside></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-129.png"><img alt="A triangle of three 1s" decoding="async" fetchpriority="high" height="286" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-129.png" width="292"></img></a></figure></div> <p>The rows of the triangle are formed iteratively. Each element is formed by summing the two above it. For example, to get the middle entry of the next row, we do \(1+1 = 2\):</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-130.png"><img alt="A diagram showing how the row &quot;1 2 1&quot; is formed" decoding="async" height="308" sizes="(max-width: 346px) 100vw, 346px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-130.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-130.png 346w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-130-300x267.png 300w" width="346"></img></a></figure></div> <p>Now we do \(1 + 2 = 3\) and \(2 +1 = 3\):</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-131.png"><img alt="A diagram showing how the row &quot;1 3 3 1&quot; is formed" decoding="async" height="386" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 460px) 100vw, 460px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-131.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-131.png 460w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-131-300x252.png 300w" width="460"></img></a></figure></div> <p>Then \(1 +  3 =\), \(3 + 3 =6\), and \( 3 + 1 = 4\). And so on. You can keep doing this ad infinitum:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-132.png"><img alt="Pascal's triangle " decoding="async" height="618" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 686px) 100vw, 686px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-132.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-132.png 686w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-132-300x270.png 300w" width="686"></img></a></figure></div> <p>Note that if you don’t like the idea of the 1s being special and just appearing, you can imagine an infinite sea of 0s surrounding the triangle, and the 1s are actually generated by summing 1 and 0:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-133.png"><img alt="Pascal's triangle with 0s around the outside " decoding="async" height="602" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 762px) 100vw, 762px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-133.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-133.png 762w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-133-300x237.png 300w" width="762"></img></a></figure></div> <p>Some patterns in this triangle will be immediately obvious. For example, the triangle is symmetric. This makes sense because we start with a single 1, which is trivially symmetric, then every step we take to generate the next row of the triangle is done equally on the right and on the left, so of course the resulting object will be symmetric. There are much more complicated patterns and meanings hidden in the triangle though, and if you dig deep enough, 2026 crops up, and more than once too.</p> <h3 id="h-patterns-all-the-way-down">Patterns all the Way Down</h3> <p>Often, the next pattern people notice is how the “first” diagonal is the natural numbers (also known as the counting numbers). You might dispute that this is the first diagonal, but I personally count the initial diagonal with 1s in as the zeroth diagonal.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-134.png"><img alt="Pascal's triangle with the row starting &quot;1,2,3,...&quot; highlighted" decoding="async" height="608" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 684px) 100vw, 684px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-134.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-134.png 684w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-134-300x267.png 300w" width="684"></img></a></figure></div> <p>So, the expression for the nth term in the first diagonal is: \( u_n = n\), a first order (i.e. linear) equation. This pattern is to be expected – each term in this diagonal is formed by summing the previous integer (which is up and to the right of the term) to 1 (up and to the left, in our zeroth diagonal of ones).</p> <p>What about the second diagonal?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-135.png"><img alt="Pascal's triangle with the row starting &quot;1,3,6,...&quot; highlighted" decoding="async" height="638" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 638px) 100vw, 638px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-135.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-135.png 638w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-135-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-135-150x150.png 150w" width="638"></img></a></figure></div> <p>If you’re well versed in common sequences,you will recognise this as the triangle numbers. The nth triangle number (let’s denote it \( t_n\)) is the sum of all the positive integers up to and including n. They are called triangle numbers because you can arrange \(t_n\) dots into a triangle of side length n:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-136.png"><img alt="A diagram showing triangles of increasing size" decoding="async" height="275" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 936px) 100vw, 936px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-136.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-136.png 936w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-136-300x88.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-136-768x226.png 768w" width="936"></img></a></figure></div> <p>The expression for the nth term in the second diagonal is: \( t_n = \frac{1}2(n)(n+1) \), a second order (i.e. quadratic) equation. This pattern arises because each term in this diagonal is formed by summing the previous triangle number (which is up and to the right of the term) to each natural number (up and to the left, in our first diagonal). </p> <p>What is fun is that we can actually go up another dimension. The first diagonal gave us a linear (AKA 1-dimensional) sequence, the second diagonal gives a quadratic, 2D sequence, so you might guess that the third diagonal would give a cubic, 3D sequence. And you would be right!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-137.png"><img alt="Pascal's triangle with the row starting &quot;1,4,10,...&quot; highlighted" decoding="async" height="638" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 638px) 100vw, 638px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-137.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-137.png 638w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-137-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-137-150x150.png 150w" width="638"></img></a></figure></div> <p>These are known as the tetrahedral numbers, because the nth tetrahedral number \(T_n\) spheres, they can form a tetrahedron of side length n. Note from the diagram below that each layer is a triangle, hence the tetrahedral numbers are formed by summing triangle numbers.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-138.png"><img alt="Spheres arranged in a tetrahedron pattern" decoding="async" height="483" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 639px) 100vw, 639px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-138.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-138.png 639w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-138-300x227.png 300w" width="639"></img></a></figure></div> <p>The formula for the tetrahedral numbers is \( T_n = \frac{1}6 n(n+1)(n+2)\}, a cubic. This pattern continues – the 4th row is a quartic (degree 4) sequence and forms 4D shapes, the 5th row is a quintic (degree 5) sequence and forms 5D shapes, and so on. </p> <h3 id="h-a-journey-through-time-and-space">A Journey Through Time and Space</h3> <p>Pascal’s Triangle is named after Blaise Pascal, a French mathematician, physicist and philosopher. Pascal lived from 1623 to 1662 AD, and is known not only for his work on Probability Theory, but the SI (International System of Units) unit of pressure is also named after him. He wrote about the triangle in his 1654 treatise, <em>Traité du triangle arithmétique</em>, which was published posthumously in 1665. </p> <p>But the triangle was in existence long before Pascal was even born. This is an Indian manuscript from 755 AD.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-139.png"><img alt="An old Indian manuscript showing a triangle pattern." decoding="async" height="348" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 660px) 100vw, 660px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-139.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-139.png 660w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-139-300x158.png 300w" width="660"></img></a><figcaption>Manuscript from Raghunath Library J&amp;K, 755 AD Image credit: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Meru_Prastaara.png" rel="noreferrer noopener" target="_blank">public</a><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/File:Yanghui_triangle.gif" rel="noreferrer noopener" target="_blank"> domain</a>.</figcaption></figure></div> <p>It is based on the work of Pingala, who was a poet alive in India in the third century BCE. Pingala stumbled across a whole array of combinatorial patterns, such as this, when considering the patterns that light (L) and heavy (H) syllables could form in a word of n syllables:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-140.png"><img alt="A triangle shape showing the pattern of Ls an Hs." decoding="async" height="332" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 384px) 100vw, 384px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-140.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-140.png 384w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-140-300x259.png 300w" width="384"></img></a></figure></div> <p>The first description of the triangle in a book was by Al-Karaji, a Persian mathematician and engineer born in 953 AD. Unfortunately, the book is now lost but we do have other publications of the triangle from not long after.</p> <p>Moving east to China, Jia Xian was a Chinese mathematician born in 1010, who worked with the triangle in the 11th Century. In the 13th Century, Yang Hui (born 1238) presented the triangle, and it is still known as Yang Hui’s Triangle in China:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-141.png"><img alt="A triangle formed of Chinese characters" decoding="async" height="715" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 460px) 100vw, 460px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-141.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-141.png 460w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-141-193x300.png 193w" width="460"></img></a><figcaption>Drawing published by Zhu Shijie in C.E 1303, in his Si Yu Jian. Image credit: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/File:Yanghui_triangle.gif" rel="noreferrer noopener" target="_blank">public domain</a>.</figcaption></figure></div> <p>Even in Europe, the triangle predates Pascal. It first appeared in the 13th Century, in a work by Jordanus de Nemore. Then, Niccolò Fontana Tartaglia published six rows of the triangle in 1556, and in Italy the triangle is known as Tartaglia’s triangle. </p> <p>The fact that the triangle has been discovered and rediscovered all over the world goes to show how fundamental it is. Part of the reason it is so commonly known may be how it relates to combinatorics, the mathematical study of counting.</p> <h3 id="h-counting-paths">Counting Paths</h3> <p>In combinatorics, \( \begin{pmatrix} n \\ r \end{pmatrix}\) is used to denote the number of ways of choosing r items from a set of n, when the order doesn’t matter. As it happens, Pascal’s Triangle can also be written in this notation:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-144.png"><img alt="Pascal's triangle written in n r notation" decoding="async" height="586" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 588px) 100vw, 588px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-144.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-144.png 588w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-144-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-144-150x150.png 150w" width="588"></img></a></figure></div> <p>In maths, there are rarely coincidences, and this is no exception. We can view the top row as the origin. Then to move from one row to the next, we move either diagonally left and down, or diagonally right and down. The entry values tell us how many different paths travelling down from the origin lead to that location. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-143.png"><img alt="Pascal's triangle showing the route to a square" decoding="async" height="436" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 486px) 100vw, 486px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-143.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-143.png 486w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-143-300x269.png 300w" width="486"></img></a></figure></div> <p>To see this, note that to get to an entry, we have to arrive either from the entry above and to the right, or from the entry above and to the left. So, of course, we must add the number of ways to get to each of these to find the number of ways to get to our entry. There is only one path to get to the entries on the outer edge – choose only lefts for one side, and only rights for the other – which matches these numbers being 1.</p> <p>Actually, with a bit of thought we can see that the entry labelled \( \begin{pmatrix} n \\ r \end{pmatrix}\) actually ends up denoting the number routes that are n steps down from the origin, r of which go right. </p> <h3 id="h-2026">2026</h3> <p>What happens, then, if we sum all the values in a row? Well the zeroth row (what I’m calling the top row) gives \(1\). The first row gives \(1 + 1 = 2\). The second row gives \(1 + 2 + 1 = 4\). The third row gives \( 1 + 3 + 3 +1 = 8\). Spot the pattern? The sum of the digits on the nth row is \(2^n\). This follows, as the nth row gives all possible choices of n steps down, where each step is either left or right, hence there are \(2^n\) steps.</p> <p>What if we sum all the values up to and including the nth row? Well that is \(2^{n+1} -1\) and gives the number of such paths with up to n steps, sometimes called a hyperforest due to the tree-like appearance when all the paths are drawn. </p> <p>For the final variant, what about if we now say that you are not allowed to choose all right or all left paths – the path you take must have at least one right and at least one left step? Summing all such paths that are n steps long is equivalent to summing all the digits of the nth row of Pascal’s triangle excluding the 1s at either end so there are \( 2^n – 2\) such paths. </p> <p>And what if we want all such paths for up to n steps, i.e. the sum of the first n rows of Pascal’s triangle excluding the edge entries? There are \(2^{n+1} – 2n -2\) such ways. And when \(n= 10\)?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-145.png"><img alt="Pascal's triangle with the centre bit highlighted" decoding="async" height="608" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-145.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-145.png 650w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-145-300x281.png 300w" width="650"></img></a></figure></div> <p>The sum of the shaded squares is 2026.</p> <p>Happy New Year!</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/happy-belated-2026/#comments 1 Netzsysteme als Räume der Modulation Teil 2: Prometheus. https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/netzsysteme-als-raeume-der-modulation-teil-2-prometheus/ https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/netzsysteme-als-raeume-der-modulation-teil-2-prometheus/#respond Sat, 28 Feb 2026 10:50:37 +0000 Dominic Blitz https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/?p=4206 https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-768x354.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/netzsysteme-als-raeume-der-modulation-teil-2-prometheus/</link> </image> <description type="html"><h1>Netzsysteme als Räume der Modulation Teil 2: Prometheus. » Tensornetz » SciLogs</h1><h2>By Dominic Blitz</h2><div itemprop="text"> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="472" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-1024x472.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-1024x472.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-300x138.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-768x354.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-1536x707.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-2048x943.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p>Bild: Die <em>Prometheus</em> in Scotts Film landet auf einem fremden Exoplaneten</p> <p>Wir alle können heute nach den musterhaften Sternenkarten suchen und mit unseren Sternenraumschiffen versuchen zu neuen Orten und Planeten zu navigieren.</p> <p><strong>Prometheus und die aufkommende Biophysik</strong></p> <p>Das Thema <em>Prometheus </em>ist heute Legacy. Ich denke da erst einmal an den Mythos <em>Prometheus</em>, der den Menschen das Feuer brachte und von den Göttern dafür bestraft wurde. Zweitens an Goethe’s Prometheus, drittens an Mary Shelley <em>Prometheus oder der neue Frankenstein. Mary </em>Shelley war es, die eine moderne Bio-Physik als vereinigende Disziplin, Philosophie und teils “Religion” erkannte, die bereits mit Leonarda Da Vinci Flugmechanik der Vögel und dem Galvanismus von Luigi Galvani 1786 bewiesen wurde. Siehe dazu auch <em>Einführung in die Biophysik</em> von Walter Beier<em>.</em></p> <p>Arthur Koestler in <em>The Act Of Creation</em> schreibt: Luigi Galvani Professor of Anatomy at the University of Bologna, has spent some fifteen years working on a theory of animal electricity… On september 20th, 1786, he recorded one of his experiments, which was to make history… in the domain of inanimate matter, the Voltaic battery, inspired by Galvani’s frogs, led to parallel synthesis of electricity and chemistry…”<aside></aside></p> <p>Wie so oft in der Wissenschafts- und Innovationshistorie (ähnlich wie auch bei Turingmustern, die erst viele Dekaden später bewiesen werden konnten) kam es auch hier später zu einer tiefen Erkenntniswende. Das war um 1843: Hier wurde ein Übergang von elektromotorischer Muskelkraft zu lebendig bio-elektrischen Substanzen gelegt. Ähnlich der Gehirnfunktionen, die biochemisch und elektrisch arbeiten. </p> <p>Auch Ridley Scott’s <em>Prometheus,</em> dessen einzigartiges innovatives Raumschiff (weit entfernt vom Nostromo-Design in Alien 1) zu neuen Welten reist, ist ein Meilenstein der Film- und Science Futur-Geschichte. Und nicht zuletzt existiert ein Computer Monitoring System, was sich Prometheus nennt und in die 2020 -er Jahre Ära-der Generativen Pre Transformer (GTP) -Maschinenräume perfekt passt. </p> <p>Nun kommen wir zur Frage, warum ist unsere Vorgehensweise nicht ganz einfach ist.</p> <p><strong>Ein umfassendes Großprojekt der Menschheit von 2006 bis 2026 als eine neue Informationstheorie</strong></p> <p>1. <strong>Warum sind Netzsysteme einerseits anspruchsvoll, faszinierend und relevant zugleich?</strong> Ich sehe mein autodidaktisches Projekt der Erforschung der Netzsysteme in den zwei Dekaden von 2006 bis 2026 als Großraumprojekt alter und neuer Welten. Ähnlich wie das Prometheus zwischen Göttern, Natur und Menschen zu verbinden weiß. Netzsysteme umfassen meiner Meinung nach das spektralste Gebiet der Menschheit als einen echten Forschungsgegenstand!</p> <p>Aus diesen etlichen Netzsystemen, die ich weiter unten auch nennen werde, habe ich zwei Netzsysteme als eine Essenz nach vielen Jahren als Musterräume von Modulationen herausdestilliert: Welche sind das?</p> <p>Einmal die Bio-Physik und einmal die Sozio-Ökonomie als Netzsysteme, mit denen Sie neue Erden und vielleicht in der Zukunft neue Planeten mit Satelliten-Subsystemen erschaffen können. Wer weiß.</p> <p><strong>Warum ist das Gebiet Netzsysteme als musterhafte Modulationsräume so relevant und anspruchsvoll?</strong> Schauen wir in den Weltraum, wo derzeit sich viel Musik und konzertante Kooperationen der Menschheit abspielen, so geht und ging es immer darum, einen realen Übergang vom Weltraum zur Erde zu schaffen! So wird im Übergang des Weltraums der heißen Sonne zur kalten Erde Energie gewandelt.  Pflanzen, Tiere und Menschen haben in diesen Energiefeldern das große Ziel der Entropie zu entgehen! In diesem kontinuierlich lebendigen Kreislauf stoßen Menschen und Tiere Kohlendioxid aus, die wiederum die Pflanzen zum Wachsen in einem stetigen Kreislauf benötigen.</p> <p>Viele Probleme, die die Natur in den letzten Gigajahren der Erde z.B. mit der komplexen Fotosysnthese gelöst hat, ist dem Menschen dabei oft schwer zugänglich. Ein gutes Alltagsbeispiel aus der Praxis hierzu ist, dass viele Menschen glauben, dass ihre Atmung sich in der Lunge vollzieht. Es ist aber nicht die Lunge, wo ein lebenswichtiger Prozess stattfindet, sondern es sind die Zellen mit einem Metabolismus (Stoffwechsel) des Menschen. Genauer gesagt der Metabolismus der Mitochondrien. Wussten Sie das?</p> <p><strong>Warum sind Untersuchungen von Menschen so schwer zugänglich und von Maschinen einfacher?</strong> So ist doch die dingliche Physik einfacher zu verstehen als unsichtbare Moleküle und Zellen. So ist doch jede Schraube und Schnittstelle von Maschinen bekannt. Ein Motherboard vom Computer, welches z.B. Beispiel. Transistoren und Kondensatoren umfasst, sind genau erforscht. Turing wollte dabei stets Transparenz auch im Übergang von biochemischen und biophysischen Netzen. </p> <p>Bei Molekülen und Zellen, wie Neuronen ist es so, dass diese nicht nur unsichtbar, winzig sind, sondern mit bloßen Augen nicht zu erkennen sind und nur mit Elektronenmikroskopen erkennbar sind. Obwohl es heute immer mehr bildgebende Messverfahren gibt, ist es daher schwierig alles überhaupt zu messen. Dazu kommt, dass hochgradige Komplexität herrscht, denn es geht z.B. bei Neuronen um 100 Milliarden Verbindungen, die mit z.B. mit 900 Milliarden Gliazellen einhergehen. Und diese sind miteinander verbunden mit den Synapsen. Dabei ist ihre Funktion und Verbindungssgleichung im Gegensatz zu Chips und Transistoren nicht diskret, sondern schwer verbunden und damit schwer zuordbar. Teils sogar unverstanden! </p> <p><strong>Gehirne und Computer als Megathema</strong></p> <p>Wie ich bereits ab 2019 berichtete, ist das Gehirn keine Software, Middleware und Hardware, (ähnlich den Nukleinsäuren, Proteinen und Enzymen mit ihren lebendigen teils selbstorganisierenden Fabriken), sondern das Gehirn ist eine Wetware und arbeitet parallelisiert und holografisch. Und das meinte ich auch in den vorhergehenden Artikel, dass der Mensch hier in seinen Arbeitskreisen mit sich und der Umwelt verbunden ist und entsprechend agiert. </p> <p><strong>2. Vorgehensweise</strong>. Netzsysteme sind meiner Meinung nach die neue Währung als Musterräume der Modulationen der Menschheit. Ich gebe hierzu eine kurze Übersicht, warum ich das so sehe und möchte ein paar  Netzsysteme alphabetisch auflisten. Dazu gehören z.B. Astronomie Netze, Clusternetze, Computernetze, Energienetze, Handelsnetze, Kommunikationsnetze, Lagernetze, Molekülnetze, Produktionsnetze, soziale Netze, Transportnetze, Verkehrsnetze, Zellnetze u.s.w.</p> <p>Verkehrsnetze lassen sich wieder in Auto(bahn)Netze, Busnetze, Flughafennetze, Schienennetze, (Auto-Straßennetze) distributieren.</p> <p>Handelsnetze lassen sich wiederum einteilen in Realwirtschaft und Finanzmärkte. So z.B. von Waren und Wissen, Bargeldnetze und Girogeldnetze (Hochfrequenzhandelsnetze) oder Handels-Container in der Luft auf dem Land, im Meer auf Schiffen, Straßen, Schienen ….</p> <p>Sie sehen wir sind überall von Netzen umgeben. Auch aus diesem Grund sollten wir stärker in Netzsystemen denken, lernen und agieren lernen. Denn die Probleme der Gesellschaft sind vernetzt organisiert und die Lösungen dazu auch. Es ist ähnlich wie der DNA-Doppelhelix, die verschlüsselt war und die nach Crick und Watson zu entschlüsseln ist. </p> <p><strong>3. Beispiele.</strong> Ich hatte vor rund 10 Jahren ein Gespräch mit einem Geschäftsführer auf einem Parkplatz vor seiner Firma. Er sagte damals zu mir: “Herr Blitz, das Auto hier ist eine praktische Erfindung! Mit ihrer neuen anvisierten Informationstheorie kann ich jedoch erst einmal wenig anfangen.” Ich entgegnete darauf, “dass alle große Erfindungen, wie das Auto, das Antibiotikum, der Computer oder eben Raketen zum Mond viel an kognitiver Energie und Zeit benötigen, denn es bedarf neuer Konzeptionen, es bedarf neuer Kalkulation und Konstruktion”.</p> <p>All das bedarf viel Mühe, Schweiß, Fleiß, Geduld, Hartnäckigkeit und Ausdauer. Es bedarf vor allem menschliche Zeit, all dies zu entwickeln. Erfindungen fallen nicht vom Himmel.” Er sagte darauf nichts mehr. Wir verabschiedeten uns. Vielleicht treffe ich ihn mal wieder. Er hat mich eher motiviert weiterzumachen und weiter für die Aufklärung des Themas Netzsysteme als Musterräume, neu Philosophie und Disziplin zu sorgen.</p> <p>Ich nehme nun einmal einen Fernsehbeitrag, eine Dokumentation, den sich jeder selbst einmal ansehen kann und sich ein Bild zu machen. In diesem Beitrag geht es um den Papyrus Georg Ebers, der Beitrag heißt <strong><em>Les Mysteries D’ Un Papyrus Egyptien</em>.</strong> Im Zentrum steht ein Papyrus, was Zeit und Raum überdauerte. Faszinierend hierbei war, wie Götter, Natur und Menschen als hier zusammenfinden und wie man mit meinen neuen Netzsystemen zu neuen Denken und Lösungen gelangt. </p> <p>Mit den Netzsystemen möchte ich dabei nicht den Göttern nacheifern, wobei heute Gott und Glauben wichtiger denn je werden. Vielmehr hat mich begeistert, wie die Götter hier anschaulich den Menschen auf seinem Weg begleiten -auch im Übergang von einem Leben zum anderen. In einer Barke im Fluss des Lebens. </p> <p><strong>Muster der Vernetzung</strong></p> <p>All dies ist auch mit unserem Thema mit einer Vernetztheit des Menschen zu den Göttern, Natur und anderen Menschen mit den drei großen Prinzip ein des Lebens verbunden. Damals ging es so um eine Geheimwissenschaft, die Menschen als Medizin (genauer gesagt die erste Systemmedizin) in Ägypten innehatten. Sie waren damit 1550 v. Chr. der Zeit weit voraus! Sie kamen quasi aus einem Gate der Zukunft. </p> <p><strong>Anwendungsfall:</strong> Ich habe nach dem Beitrag kurz nachgedacht und sehe in der Anwendung des Medikaments Nummer 8 das Netzsystem der Bio-Physik: Und zwar in dem Ausmaße und Umfang von “in vitro” auf “in vivo” umzuschalten, um zu erfahren, wie sich Präparat und Präparierte mit Involution und Evolution einfalten und entfalten. Zweitens könnten wir hier die fehlenden Lücken der verlorenen Tafeln über die Netzsysteme der Sozio-Ökonomie lösen, um den Nexus der Matrix mit entsprechenden Matrizen zu finden. Das Codewort dazu fängt mit K an, um Komplexität hier aufzulösen. </p> <p>Im dritten Teil werde ich das weiter ausführen, wie das in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik nun mit Netzsystemen als eine Art <em>Prometheus</em> und auch <em>Event Horizon</em> 2026 möglich gemacht wird. Anregungen und Vorschläge sind wie immer von Ihnen herzlich willkommen. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Netzsysteme als Räume der Modulation Teil 2: Prometheus. » Tensornetz » SciLogs</h1><h2>By Dominic Blitz</h2><div itemprop="text"> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="472" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-1024x472.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-1024x472.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-300x138.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-768x354.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-1536x707.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-2048x943.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p>Bild: Die <em>Prometheus</em> in Scotts Film landet auf einem fremden Exoplaneten</p> <p>Wir alle können heute nach den musterhaften Sternenkarten suchen und mit unseren Sternenraumschiffen versuchen zu neuen Orten und Planeten zu navigieren.</p> <p><strong>Prometheus und die aufkommende Biophysik</strong></p> <p>Das Thema <em>Prometheus </em>ist heute Legacy. Ich denke da erst einmal an den Mythos <em>Prometheus</em>, der den Menschen das Feuer brachte und von den Göttern dafür bestraft wurde. Zweitens an Goethe’s Prometheus, drittens an Mary Shelley <em>Prometheus oder der neue Frankenstein. Mary </em>Shelley war es, die eine moderne Bio-Physik als vereinigende Disziplin, Philosophie und teils “Religion” erkannte, die bereits mit Leonarda Da Vinci Flugmechanik der Vögel und dem Galvanismus von Luigi Galvani 1786 bewiesen wurde. Siehe dazu auch <em>Einführung in die Biophysik</em> von Walter Beier<em>.</em></p> <p>Arthur Koestler in <em>The Act Of Creation</em> schreibt: Luigi Galvani Professor of Anatomy at the University of Bologna, has spent some fifteen years working on a theory of animal electricity… On september 20th, 1786, he recorded one of his experiments, which was to make history… in the domain of inanimate matter, the Voltaic battery, inspired by Galvani’s frogs, led to parallel synthesis of electricity and chemistry…”<aside></aside></p> <p>Wie so oft in der Wissenschafts- und Innovationshistorie (ähnlich wie auch bei Turingmustern, die erst viele Dekaden später bewiesen werden konnten) kam es auch hier später zu einer tiefen Erkenntniswende. Das war um 1843: Hier wurde ein Übergang von elektromotorischer Muskelkraft zu lebendig bio-elektrischen Substanzen gelegt. Ähnlich der Gehirnfunktionen, die biochemisch und elektrisch arbeiten. </p> <p>Auch Ridley Scott’s <em>Prometheus,</em> dessen einzigartiges innovatives Raumschiff (weit entfernt vom Nostromo-Design in Alien 1) zu neuen Welten reist, ist ein Meilenstein der Film- und Science Futur-Geschichte. Und nicht zuletzt existiert ein Computer Monitoring System, was sich Prometheus nennt und in die 2020 -er Jahre Ära-der Generativen Pre Transformer (GTP) -Maschinenräume perfekt passt. </p> <p>Nun kommen wir zur Frage, warum ist unsere Vorgehensweise nicht ganz einfach ist.</p> <p><strong>Ein umfassendes Großprojekt der Menschheit von 2006 bis 2026 als eine neue Informationstheorie</strong></p> <p>1. <strong>Warum sind Netzsysteme einerseits anspruchsvoll, faszinierend und relevant zugleich?</strong> Ich sehe mein autodidaktisches Projekt der Erforschung der Netzsysteme in den zwei Dekaden von 2006 bis 2026 als Großraumprojekt alter und neuer Welten. Ähnlich wie das Prometheus zwischen Göttern, Natur und Menschen zu verbinden weiß. Netzsysteme umfassen meiner Meinung nach das spektralste Gebiet der Menschheit als einen echten Forschungsgegenstand!</p> <p>Aus diesen etlichen Netzsystemen, die ich weiter unten auch nennen werde, habe ich zwei Netzsysteme als eine Essenz nach vielen Jahren als Musterräume von Modulationen herausdestilliert: Welche sind das?</p> <p>Einmal die Bio-Physik und einmal die Sozio-Ökonomie als Netzsysteme, mit denen Sie neue Erden und vielleicht in der Zukunft neue Planeten mit Satelliten-Subsystemen erschaffen können. Wer weiß.</p> <p><strong>Warum ist das Gebiet Netzsysteme als musterhafte Modulationsräume so relevant und anspruchsvoll?</strong> Schauen wir in den Weltraum, wo derzeit sich viel Musik und konzertante Kooperationen der Menschheit abspielen, so geht und ging es immer darum, einen realen Übergang vom Weltraum zur Erde zu schaffen! So wird im Übergang des Weltraums der heißen Sonne zur kalten Erde Energie gewandelt.  Pflanzen, Tiere und Menschen haben in diesen Energiefeldern das große Ziel der Entropie zu entgehen! In diesem kontinuierlich lebendigen Kreislauf stoßen Menschen und Tiere Kohlendioxid aus, die wiederum die Pflanzen zum Wachsen in einem stetigen Kreislauf benötigen.</p> <p>Viele Probleme, die die Natur in den letzten Gigajahren der Erde z.B. mit der komplexen Fotosysnthese gelöst hat, ist dem Menschen dabei oft schwer zugänglich. Ein gutes Alltagsbeispiel aus der Praxis hierzu ist, dass viele Menschen glauben, dass ihre Atmung sich in der Lunge vollzieht. Es ist aber nicht die Lunge, wo ein lebenswichtiger Prozess stattfindet, sondern es sind die Zellen mit einem Metabolismus (Stoffwechsel) des Menschen. Genauer gesagt der Metabolismus der Mitochondrien. Wussten Sie das?</p> <p><strong>Warum sind Untersuchungen von Menschen so schwer zugänglich und von Maschinen einfacher?</strong> So ist doch die dingliche Physik einfacher zu verstehen als unsichtbare Moleküle und Zellen. So ist doch jede Schraube und Schnittstelle von Maschinen bekannt. Ein Motherboard vom Computer, welches z.B. Beispiel. Transistoren und Kondensatoren umfasst, sind genau erforscht. Turing wollte dabei stets Transparenz auch im Übergang von biochemischen und biophysischen Netzen. </p> <p>Bei Molekülen und Zellen, wie Neuronen ist es so, dass diese nicht nur unsichtbar, winzig sind, sondern mit bloßen Augen nicht zu erkennen sind und nur mit Elektronenmikroskopen erkennbar sind. Obwohl es heute immer mehr bildgebende Messverfahren gibt, ist es daher schwierig alles überhaupt zu messen. Dazu kommt, dass hochgradige Komplexität herrscht, denn es geht z.B. bei Neuronen um 100 Milliarden Verbindungen, die mit z.B. mit 900 Milliarden Gliazellen einhergehen. Und diese sind miteinander verbunden mit den Synapsen. Dabei ist ihre Funktion und Verbindungssgleichung im Gegensatz zu Chips und Transistoren nicht diskret, sondern schwer verbunden und damit schwer zuordbar. Teils sogar unverstanden! </p> <p><strong>Gehirne und Computer als Megathema</strong></p> <p>Wie ich bereits ab 2019 berichtete, ist das Gehirn keine Software, Middleware und Hardware, (ähnlich den Nukleinsäuren, Proteinen und Enzymen mit ihren lebendigen teils selbstorganisierenden Fabriken), sondern das Gehirn ist eine Wetware und arbeitet parallelisiert und holografisch. Und das meinte ich auch in den vorhergehenden Artikel, dass der Mensch hier in seinen Arbeitskreisen mit sich und der Umwelt verbunden ist und entsprechend agiert. </p> <p><strong>2. Vorgehensweise</strong>. Netzsysteme sind meiner Meinung nach die neue Währung als Musterräume der Modulationen der Menschheit. Ich gebe hierzu eine kurze Übersicht, warum ich das so sehe und möchte ein paar  Netzsysteme alphabetisch auflisten. Dazu gehören z.B. Astronomie Netze, Clusternetze, Computernetze, Energienetze, Handelsnetze, Kommunikationsnetze, Lagernetze, Molekülnetze, Produktionsnetze, soziale Netze, Transportnetze, Verkehrsnetze, Zellnetze u.s.w.</p> <p>Verkehrsnetze lassen sich wieder in Auto(bahn)Netze, Busnetze, Flughafennetze, Schienennetze, (Auto-Straßennetze) distributieren.</p> <p>Handelsnetze lassen sich wiederum einteilen in Realwirtschaft und Finanzmärkte. So z.B. von Waren und Wissen, Bargeldnetze und Girogeldnetze (Hochfrequenzhandelsnetze) oder Handels-Container in der Luft auf dem Land, im Meer auf Schiffen, Straßen, Schienen ….</p> <p>Sie sehen wir sind überall von Netzen umgeben. Auch aus diesem Grund sollten wir stärker in Netzsystemen denken, lernen und agieren lernen. Denn die Probleme der Gesellschaft sind vernetzt organisiert und die Lösungen dazu auch. Es ist ähnlich wie der DNA-Doppelhelix, die verschlüsselt war und die nach Crick und Watson zu entschlüsseln ist. </p> <p><strong>3. Beispiele.</strong> Ich hatte vor rund 10 Jahren ein Gespräch mit einem Geschäftsführer auf einem Parkplatz vor seiner Firma. Er sagte damals zu mir: “Herr Blitz, das Auto hier ist eine praktische Erfindung! Mit ihrer neuen anvisierten Informationstheorie kann ich jedoch erst einmal wenig anfangen.” Ich entgegnete darauf, “dass alle große Erfindungen, wie das Auto, das Antibiotikum, der Computer oder eben Raketen zum Mond viel an kognitiver Energie und Zeit benötigen, denn es bedarf neuer Konzeptionen, es bedarf neuer Kalkulation und Konstruktion”.</p> <p>All das bedarf viel Mühe, Schweiß, Fleiß, Geduld, Hartnäckigkeit und Ausdauer. Es bedarf vor allem menschliche Zeit, all dies zu entwickeln. Erfindungen fallen nicht vom Himmel.” Er sagte darauf nichts mehr. Wir verabschiedeten uns. Vielleicht treffe ich ihn mal wieder. Er hat mich eher motiviert weiterzumachen und weiter für die Aufklärung des Themas Netzsysteme als Musterräume, neu Philosophie und Disziplin zu sorgen.</p> <p>Ich nehme nun einmal einen Fernsehbeitrag, eine Dokumentation, den sich jeder selbst einmal ansehen kann und sich ein Bild zu machen. In diesem Beitrag geht es um den Papyrus Georg Ebers, der Beitrag heißt <strong><em>Les Mysteries D’ Un Papyrus Egyptien</em>.</strong> Im Zentrum steht ein Papyrus, was Zeit und Raum überdauerte. Faszinierend hierbei war, wie Götter, Natur und Menschen als hier zusammenfinden und wie man mit meinen neuen Netzsystemen zu neuen Denken und Lösungen gelangt. </p> <p>Mit den Netzsystemen möchte ich dabei nicht den Göttern nacheifern, wobei heute Gott und Glauben wichtiger denn je werden. Vielmehr hat mich begeistert, wie die Götter hier anschaulich den Menschen auf seinem Weg begleiten -auch im Übergang von einem Leben zum anderen. In einer Barke im Fluss des Lebens. </p> <p><strong>Muster der Vernetzung</strong></p> <p>All dies ist auch mit unserem Thema mit einer Vernetztheit des Menschen zu den Göttern, Natur und anderen Menschen mit den drei großen Prinzip ein des Lebens verbunden. Damals ging es so um eine Geheimwissenschaft, die Menschen als Medizin (genauer gesagt die erste Systemmedizin) in Ägypten innehatten. Sie waren damit 1550 v. Chr. der Zeit weit voraus! Sie kamen quasi aus einem Gate der Zukunft. </p> <p><strong>Anwendungsfall:</strong> Ich habe nach dem Beitrag kurz nachgedacht und sehe in der Anwendung des Medikaments Nummer 8 das Netzsystem der Bio-Physik: Und zwar in dem Ausmaße und Umfang von “in vitro” auf “in vivo” umzuschalten, um zu erfahren, wie sich Präparat und Präparierte mit Involution und Evolution einfalten und entfalten. Zweitens könnten wir hier die fehlenden Lücken der verlorenen Tafeln über die Netzsysteme der Sozio-Ökonomie lösen, um den Nexus der Matrix mit entsprechenden Matrizen zu finden. Das Codewort dazu fängt mit K an, um Komplexität hier aufzulösen. </p> <p>Im dritten Teil werde ich das weiter ausführen, wie das in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik nun mit Netzsystemen als eine Art <em>Prometheus</em> und auch <em>Event Horizon</em> 2026 möglich gemacht wird. Anregungen und Vorschläge sind wie immer von Ihnen herzlich willkommen. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/netzsysteme-als-raeume-der-modulation-teil-2-prometheus/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Neues von Prototaxites – Pflanze, Pilz, Alge oder was ganz anderes? https://scilogs.spektrum.de/meertext/neues-von-prototaxites-pflanze-pilz-alge-oder-was-ganz-anderes/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/neues-von-prototaxites-pflanze-pilz-alge-oder-was-ganz-anderes/#comments Fri, 27 Feb 2026 08:26:03 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1903 <h1>Neues von Prototaxites – Pflanze, Pilz, Alge oder was ganz anderes? » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Im Devon (420 – 360 Mio Jahre) besiedelten größere Lebensformen allmählich das Festland. Große Pflanzen oder gar Bäume gab es allerdings noch nicht, die Urvegetation wuchs kaum 60 cm hoch. Stattdessen überragten seltsame, bis über acht Meter hohe und einen Meter dicken Kegel die Landschaften – auch in Deutschland, etwa dort, wo heute die Eifel ist: <em>Prototaxites hefteri.</em> Damit überragten sie alles andere, was damals an Land wuchs, wie ein Mammutbaum eine Wiese (beides gab es noch lange nicht).<br></br>In Europa sind sie auch aus Holland, Schottland und Wales bekannt. Andere <em>Prototaxites</em>-Arten wuchsen ins Kanada, Saudi-Arabien und anderen Orten der Welt. In einer Welt, bevölkert mit kleinen Pflanzen und nicht sehr großen wirbellosen Tiere dominierte dieser Säulen-Organismus. Bis Ende Januar 2026 war <em>Prototaxites</em> als Pilz klassifiziert, der New Scientist bezeichnete ihn als<a href="https://www.newscientist.com/article/dn11701-mystery-prehistoric-fossil-verified-as-giant-fungus/" rel="noreferrer noopener" target="_blank"> „Godzilla unter den Pilzen</a>“.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41.png 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>“Sumpflandschaft des Silurs mit Prototaxites” <br></br>(C) Віщун – Eigenes Werk, first published on Deviantart, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=162991605</figcaption></figure> <p>Eine neue Studie eines Teams um den Astrobiologen Corentin C. Loron (UK Centre for Astrobiology, University of Edingurgh) und die Molekularbiologin Laura Cooper (Institute of Molecular Plant Sciences, University of Edinburgh) hatte eine neue Studie vorgelegt und <em>Prototaxites</em> außerhalb der bisher bekannten Reiche als etwas Neuartiges eingeordnet: Er könne Repräsentant eines neuen, noch unbekannten und heute ausgestorbenen Reichs neben den Pflanzen, Pilzen, Tieren und verschiedenen einzelligen Lebensformen sein. Das wäre eine Sensation.</p> <h2 id="h-die-abenteuerliche-forschungsgeschichte-des-protaxites"><strong>Die abenteuerliche Forschungsgeschichte des <em>Protaxites</em></strong></h2> <p><em>Prototaxites </em>hat eine abenteuerliche Erforschungsgeschichte hinter sich: Er wurde so oft taxonomisch umsortiert und umetikettiert, dass er schon ein paläontologischer Mythos ist.<br></br>Der Geologe <a href="https://steurh.home.xs4all.nl/engprot/eprototx.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Dawson fand 1859 in Kanada</a> ein über 2 Meter langes, und fast einen Meter dickes Fossil, das er in die Verwandtschaft der Eibengewächse (Taxaceae) einordnete; der Name <em>Prototaxites</em> bedeutet so viel wie „Vor-Eibe“. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-42.png"><img alt="" decoding="async" height="425" sizes="(max-width: 250px) 100vw, 250px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-42.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-42.png 250w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-42-176x300.png 176w" width="250"></img></a><figcaption>“Apex opf the “Schunnemunk tree” of Prototaxites loganii from the middle Devonian Bellvale Sandstone near Monroe, New York” <br></br>(C) G.J. Retallack – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48796185 </figcaption></figure> <p>Spätere Paläontologen interpretierten das Riesenwesen <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29254969/#full-view-affiliation-1">dann als Grünalge und 1979 als Tang</a>. 2001 wurde aus der Alge wieder ein Pilz und kurze Zeit später eine <a href="https://magazine.uchicago.edu/1006/investigations/fungus.shtml" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Flechte, also eine Lebensgemeinschaft aus Pilz und Alge.</a><br></br>2007 fanden Boyce (Universität von Chicago) und seine Arbeitsgruppe durch <a href="https://www.scinexx.de/news/geowissen/sechs-meter-hoher-riesenpilz-identifiziert/">Isotopenanalysen neue Argumente gegen die Pflanzen-</a> und somit für die Pilzhypothese.</p> <p>Das Problem bei diesen Fossilfunden ist, dass durch die Versteinerung zwar die Umrisse und somit Größe des Lebewesens erhalten blieb, dessen Strukturen aber nur teilweise. Außerdem überlagerten sie sich mit anderen Fossilien, wie etwa Pflanzenteilen. So kam es immer wieder zu Diskussionen, ob die fossilen Pilzhyphen ein elementarer Bestandteil des Fossils oder eher eine Verunreinigung waren.<br></br>Boyce und sein Team haben nun nicht nur einfach die versteinerten Zellverbände interpretiert, sondern zusätzlich auch eine Isotopenanalyse durchgeführt. Das Verhältnis der stabilen Kohlenstoff-Isotope <sup>12</sup>C und <sup>13</sup>C zueinander gibt <a href="https://www.sueddeutsche.de/muenchen/isotopenanalyse-in-muenchen-biografie-in-den-knochen-1.1891483" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Auskunft über die Aufnahme dieser Isotope über Atmung und Nahrung sowie letztendlich zur Herkunft eines Organismus.</a><br></br>Pflanzen nehmen Kohlenstoff nur über das Kohlendioxid aus ihrer Umgebung auf. So bleibt Ihr Isotopenverhältnis von <sup>12</sup>C zu <sup>13</sup>C ihr ganzes Leben über gleich und entspricht dem der Atmosphäre – je nach Lebensweise, tagsüber oder nachts. Bei Tieren bildet das Isotopenverhältnis ihre Lebensweise, die Nahrungsaufnahme und ihren Lebensraum ab, das terrestrisch und marin lebender Tiere unterscheidet sich.<br></br>Pilze nehmen als Nahrung organische tote Stoffe auf. Dabei sind sie nicht wählerisch, sondern verdauen meist tote Materie, wie auch Kadaver von Pflanzen und Tieren. Diese unterschiedlichen Nahrungsquellen haben unterschiedliche Isotopenverhältnisse. Werden sie gefressen oder chemisch verdaut, bleiben die Isotopenverhältnisse erhalten. Die <a href="https://www.newscientist.com/article/dn11701-mystery-prehistoric-fossil-verified-as-giant-fungus/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">unterschiedlichen Isotopenverhältnisse aus den <em>Prototaxites</em>-Fossilien weisen also auf eine andere Lebensweise als die der Pflanzen hin, erklärt Boyce.</a><aside></aside></p> <p>2018 bestätigte ein Team durch Dünnschnitte von Rhynie Chert-Exemplaren per Licht- und Konfokalmikroskopie sowie aus Kohle-Fossilien aus walisischen Fundstellen per Rasterelektronenmikroskop die Pilzhypothese: <em>Prototaxites taiti </em>(eine mutmaßliche 2. Art vereine Merkmale verschiedener heutiger Pilzgruppen.</p> <h2 id="h-neue-ergebnisse-aus-dem-rhynie-chert"><strong>Neue Ergebnisse aus dem Rhynie Chert</strong></h2> <p>Ein neues Exemplar aus der berühmten schottischen <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982219313703">Rhynie-Chert-Fossillagerstätte</a> hat nun neue Einblicke gebracht. In diesen 407 Millionen Jahre alten versteinerten Sedimenten sind besonders viele Fossilien in herausragender Erhaltung fossilisiert, also mit Weichteilfossilisation: Der Großteil von ihnen sind frühe Pflanzen – sie hatten zwar wasserleitende Zellen und Sporangien, aber noch keine echten Blätter. Außerdem sind dort auch Flechten, Algen und Pilze sowie Arthropoden erhalten. Diese <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Rhynie_chert">Rhynie-Fauna und -Flora dokumentiert</a> die frühe Besiedlung des Festlands. Die Erhaltung von Ultrastrukturen wie einzelnen Zellwänden macht sie so außergewöhnlich. Werden fossilführende Gesteinsproben poliert und geschnitten, sind im Pflanzenmaterial sogar Stomata und Ligninreste nachweisbar. Ob in Pflanzenzellen eingedrungene Pilzhyphen Zersetzer oder Symbionten waren, ist nicht geklärt. Auch die winzigen fragilen Buchlungen fossiler Spinnenverwandter (Atmungsorgan der Trigonotarbiden) sind in solchen Querschnitten nachweisbar.<br></br>Ihre Neubewertung von <em>Prototaxites</em> hatte das Team um <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.aec6277#con1">Corentin C. Loron</a> und <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.aec6277#con2">Laura M. Cooper</a> auf <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.aec6277">ScienceAdvances veröffentlicht</a>.</p> <p>Die Molekularbiologin Laura Cooper hingegen schrieb in ihrem Thread auf dem Kurznachrichtendienst BlueSky in einer Kurzvorstellung der Publikation, <em>Prototaxites </em>passe in keine Gruppe der heutigen Pilze.</p> <p>In ihrem aus dem Rhynie Chert-Hornstein geschnittenen und polierten Stückchen NSC.36 war <em>Prototaxites</em>-Gewebe extrem gut erhalten, zusammen mit einer großen Bandbreite anderer Organismen wie Pilzen und Pflanzen.  </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-35.png"><img alt="" decoding="async" height="170" sizes="(max-width: 452px) 100vw, 452px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-35.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-35.png 452w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-35-300x113.png 300w" width="452"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-38.png"><img alt="" decoding="async" height="412" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 365px) 100vw, 365px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-38.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-38.png 365w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-38-266x300.png 266w" width="365"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-37.png"><img alt="" decoding="async" height="393" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 363px) 100vw, 363px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-37.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-37.png 363w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-37-277x300.png 277w" width="363"></img></a></figure> <p>Laura Coopers Beitrag zu diesem Forschungsprojekt war die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Konfokalmikroskop">konfokale Laserscanning-Mikroskopie</a>, eine besonders hochauflösende Form der Mikroskopie zur Mikrostruktur Analyse. Bei dieser speziellen Lichtmikroskopie wird nicht das gesamte Präparat beleuchtet, sondern zu jedem Zeitpunkt nur ein Bruchteil davon, oft nur ein kleiner Lichtfleck. Werden diese einzelnen Bilder zusammengefügt, ergeben sich optische Schnittbilder mit besonders hohem Kontrast.  </p> <p>Dadurch fanden sie bei <em>Prototaxites</em> kugelförmige „Markflecken“ (medullary spots). Bei der bildlichen Rekonstruktion stellte sich heraus, dass sie aus vielen dicht gepackten kleinen Röhren bestehen, die stark miteinander verbunden sind. Solche Strukturen seien bei Pilzen unbekannt. Stattdessen ähneln sie, so das Forscherteam, vielmehr Strukturen, die an Gas- oder anderen Austauschfunktionen beteiligt sind, wie beispielsweise die Säugetier-Lungenbläschen. Darum könnten die Markflecken eine völlig andere physiologische Funktion gehabt haben als die, die von Pilzen bekannt sind.</p> <p>Weiterhin fanden sie im gesamten untersuchten Organismus Röhren mit inneren Verdickungen oder Bändern. Solche gebänderten Röhren kommen ebenfalls nicht in Pilzen vor, sondern ähneln dem Xylem, also dem Wasser-Leitsystem, von Landpflanzen – sie könnten in <em>Prototaxites</em> eine ähnliche Funktion gehabt haben.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-39.png"><img alt="" decoding="async" height="465" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-39.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-39.png 480w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-39-300x291.png 300w" width="480"></img></a></figure> <p>Dazu kommt, dass der molekulare Fingerabdruck Abweichungen zu allen anderen Organismengruppen im Rhynie-Chert ergab – auch zu den Pilzen. Dies deutete auf einen anderen Zellwandaufbau als Pilze mit ihrem Chitin und Glucan hin.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-36.png"><img alt="" decoding="async" height="198" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 467px) 100vw, 467px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-36.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-36.png 467w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-36-300x127.png 300w" width="467"></img></a></figure> <p>Da <em>Prototaxites</em> </p> <ul> <li>Röhrenstrukturen und vermutlich eine andere Physiologie hatte</li> <li>einen anderen molekularen Fingerabdruck aufwies</li> <li>Pilz-Zellwände fehlten </li> </ul> <p>vermuteten die Forschenden, dass dieses Mega-Fossil doch kein Pilz war.<br></br>Da es in keine der bekannten Gruppen passt, könnte es sich, so Laura Cooper et al, um einen Repräsentanten einer neuen Gruppe handeln.</p> <p>Ich persönlich bin davon noch nicht so ganz überzeugt.<br></br>Ein ganz neues Reich solch großer Organismen ohne andere dazu gehörende Arten, Vorfahren und Nachfahren kommt mir zu unwahrscheinlich vor, Organismen-Reiche entstehen schließlich nicht im luftleeren Raum einiger Jahrmillionen – sie sind vielmehr Ergebnisse von Entwicklungen in der Größenordnung Hunderter Jahrmillionen.<br></br>Ich frage mich eher, ob die Daten auf einen Organismus aus verschiedenen Arten hinweisen könnten Oder möglicherweise sogar Artefakte sind, die durch besondere Fossilisationsumstände verursacht wurden.</p> <p>Darum bin ich sehr gespannt, ob andere Arbeitsgruppe diese Ergebnisse bestätigen oder widerlegen werden. Auf jeden Fall eine extrem interessante Arbeit mit bislang sehr überraschenden Ergebnissen. Ich bin jedenfalls fest davon überzeugt, dass zu <em>Prototaxites </em>noch lange nicht das letzte Wort gesprochen bzw. geschrieben wurde.</p> <h2 id="h-prototaxites-interstellari-pilz-turbo-im-star-trek-universum"><strong><em>Prototaxites interstellari</em> – Pilz-Turbo im Star Trek-Universum</strong></h2> <p>Als ich 2018 die ersten Folgen der Star Trek-Serie <em>Discovery</em> sah, war ich sehr erstaunt, auf gleich zwei alte Bekannte zu treffen: Auf den Pilz <em>Prototaxites </em>und ein Bärtierchen (Tardigrade). Diese Serie setzt zeitlich vor <em>Star Trek</em> <em>The Original Series </em>(mit Captain James T. Kirk und Spock) an und enthält dadurch vertraute Charaktere wie Spock und Captain Pike, aber auch den miesen Harry Mudd.</p> <p>Allerdings findet und nutzt die USS <em>Discovery </em>einen experimentellen Sporenantrieb. Im 23. Jahrhundert der USS <em>Discovery</em>-Timeline erstreckt sich ein feines Geflecht aus makroskopisch nahezu unsichtbaren Pilzfäden, dem Myzel, über das Weltall. Innerhalb dieses Myzels bewegt sich die<em> Discovery</em> wie in einem gigantischen Netz, analog einem Computer-Netzwerk wie etwa in „Matrix“. Die Spezies <em>Prototaxites</em> <em>stellaviatori</em> wurde „aus exotischem Material aus einer abgetrennten, zeitdiskreten, abstrakten Subspace-Region konstruiert. Das Mycel schüttet seine Sporen dann in die Unendlichkeit des Weltalls aus und daraus bildet sich das Myzel-Netzwerk.“ (Captain Lorca der USS <em>Discovery</em>)<em>.</em><br></br>In einer Pilzkammer – dem Pendant zu einem botanischen Garten, aber eben für Pilze – wird der Pilz <em>Prototaxites</em> <em>stellaviatori</em> gezüchtet und seine Sporen für den Betrieb des Antriebs geerntet. Diese Pilzkammer ist mit einem Atem-Scanner streng gesichert, schließlich ist <em>Prototaxites</em> eine Geheimwaffe.</p> <p>Die Funktion des Sporenantriebs erklärt der mysteriös-sinistre Captain Lorca der USS <em>Discovery</em> gegenüber der Hauptperson Michael Burnham so: “Stellen Sie sich ein mikroskopisch feines Netz vor, das sich über den ganzen Kosmos erstreckt. Ein intergalaktisches Ökosystem. Eine unendliche Anzahl von Wegen, die nach überall führen.” Ein nur auf zellularem Niveau sichtbares Pilzgeflecht erstreckt sich über das ganze Universum und wenn man an einer Stelle einsteigt, kann man darin extrem schnell überall hinreisen – also praktisch mit Mega-Warp. Und die USS <em>Discovery</em> hat den Schlüssel zum Eintauchen in diesen pilzigen Mikrokosmos. „Code Black!” heißt es dann auf dem Sternenflotten-Schiff – das Sternenschiff beginnt um die eigene Achse zu rotieren und alles ist Glitzer. Star Trek Discovery ist ganz sicher mit großem Abstand der Sternenflotten-Ableger mit dem meisten Glitzer.</p> <p>Die Sporen aus der Brutkammer erstellen dann eine Verbindung zwischen dem Raumschiff und dem mikrozellularen Myzel, gesteuert wird durch einen ins Netzwerk integrierten Navigator. Auf der USS <em>Discovery</em> ist es zunächst ein überdimensionaler Tardigrade, also das raumfahrerprobte Bärtierchen, später der Astromykologe Lieutenant Paul Stamets selbst.<br></br>Paul Stamets ist der einzige Star Trek-Charakter, der nach einem lebenden Menschen benannt wurde – nach dem Mycologen Paul Stamets. <a href="https://youtu.be/XI5frPV58tY">Sein TEDx-Talk über Pilze</a> ist ein Potpourri von Ideen zur Anwendung von Pilzen und unbedingt sehenswert. <a href="https://scitizen.com/future-energies/can-mushrooms-save-the-world-_a-14-2891.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Er hält eine ganze Reihe von Pilz-Patenten,</a> etwa zur effektiven biologischen Schädlingsbekämpfung und für medizinische Anwendungen. Pilze hält er für eine Lösung für die Energieprobleme: Mycelien verwandeln Cellulose in Pilzzucker um, woraus wiederum Alkohol als Treibstoff produziert werden kann. “Econol” nennt Stamets diesen Pilzfusel.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-43.png"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-43.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-43.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-43-300x225.png 300w" width="768"></img></a><figcaption>“Stamets holding Laricifomes officinalis in 2006”<br></br>(C) Dusty Yao-Stamets – Personal correspondence, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3785848</figcaption></figure> <p>Beeindruckend ist auch die Effektivität der haardünnen Geflechte als ökologische Aufräumtruppe: Ein Pilzmyzel kann etwa nach Ölkatastrophen die organischen Verbindungen des Öls aufbrechen und in unschädliche Substanzen umwandeln, auf denen schnell wieder alles wächst und gedeiht. Diese Fähigkeit der Pilze, Gestein, Schweröl und andere Substanzen schnell in fruchtbaren Boden umzuwandeln, macht sie zu Wegbereitern für ganze Ökosysteme. Stamets hat mehrere Systeme entwickelt, Pilzkulturen in Sporenform global zu versenden, die an jedem Ort der Welt schnell ein neues Ökosystem induzieren können.</p> <p>Zurück zu Star Trek-<em>Discovery</em>: <em>Prototaxites stellaviatori</em> ist eine Neuschöpfung, die Ideen von Sporenantrieb und Tardigrad sowohl von Stamets, Burnham u a <a href="https://gizmodo.com/court-reaffirms-star-trek-discovery-copyright-suit-dis-1844753933">haben die Produzenten von einem Videospiel-Entwickler gestohlen – sind aber damit davongekommen.</a><br></br>Die Pilzsporen glitzern wie Einhornstaub oder magic mushrooms und visualisieren damit plakativ, dass diese Technologie den Boden der Logik verlässt und in endgültig in Richtung Esoterik davontänzelt.</p> <p>(Falls Ihr eine ausführlichere Darstellung der Vorgänge an Bord der Discovery und einen detaillierteren Faktencheck wollt – <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2020/12/24/24-12/?all=1">hier</a>. Mehr über Pilze im Weltraum produziere ich im Laufe dieses Jahres, in Texten und Vorträgen).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Neues von Prototaxites – Pflanze, Pilz, Alge oder was ganz anderes? » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Im Devon (420 – 360 Mio Jahre) besiedelten größere Lebensformen allmählich das Festland. Große Pflanzen oder gar Bäume gab es allerdings noch nicht, die Urvegetation wuchs kaum 60 cm hoch. Stattdessen überragten seltsame, bis über acht Meter hohe und einen Meter dicken Kegel die Landschaften – auch in Deutschland, etwa dort, wo heute die Eifel ist: <em>Prototaxites hefteri.</em> Damit überragten sie alles andere, was damals an Land wuchs, wie ein Mammutbaum eine Wiese (beides gab es noch lange nicht).<br></br>In Europa sind sie auch aus Holland, Schottland und Wales bekannt. Andere <em>Prototaxites</em>-Arten wuchsen ins Kanada, Saudi-Arabien und anderen Orten der Welt. In einer Welt, bevölkert mit kleinen Pflanzen und nicht sehr großen wirbellosen Tiere dominierte dieser Säulen-Organismus. Bis Ende Januar 2026 war <em>Prototaxites</em> als Pilz klassifiziert, der New Scientist bezeichnete ihn als<a href="https://www.newscientist.com/article/dn11701-mystery-prehistoric-fossil-verified-as-giant-fungus/" rel="noreferrer noopener" target="_blank"> „Godzilla unter den Pilzen</a>“.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41.png 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>“Sumpflandschaft des Silurs mit Prototaxites” <br></br>(C) Віщун – Eigenes Werk, first published on Deviantart, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=162991605</figcaption></figure> <p>Eine neue Studie eines Teams um den Astrobiologen Corentin C. Loron (UK Centre for Astrobiology, University of Edingurgh) und die Molekularbiologin Laura Cooper (Institute of Molecular Plant Sciences, University of Edinburgh) hatte eine neue Studie vorgelegt und <em>Prototaxites</em> außerhalb der bisher bekannten Reiche als etwas Neuartiges eingeordnet: Er könne Repräsentant eines neuen, noch unbekannten und heute ausgestorbenen Reichs neben den Pflanzen, Pilzen, Tieren und verschiedenen einzelligen Lebensformen sein. Das wäre eine Sensation.</p> <h2 id="h-die-abenteuerliche-forschungsgeschichte-des-protaxites"><strong>Die abenteuerliche Forschungsgeschichte des <em>Protaxites</em></strong></h2> <p><em>Prototaxites </em>hat eine abenteuerliche Erforschungsgeschichte hinter sich: Er wurde so oft taxonomisch umsortiert und umetikettiert, dass er schon ein paläontologischer Mythos ist.<br></br>Der Geologe <a href="https://steurh.home.xs4all.nl/engprot/eprototx.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Dawson fand 1859 in Kanada</a> ein über 2 Meter langes, und fast einen Meter dickes Fossil, das er in die Verwandtschaft der Eibengewächse (Taxaceae) einordnete; der Name <em>Prototaxites</em> bedeutet so viel wie „Vor-Eibe“. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-42.png"><img alt="" decoding="async" height="425" sizes="(max-width: 250px) 100vw, 250px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-42.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-42.png 250w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-42-176x300.png 176w" width="250"></img></a><figcaption>“Apex opf the “Schunnemunk tree” of Prototaxites loganii from the middle Devonian Bellvale Sandstone near Monroe, New York” <br></br>(C) G.J. Retallack – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48796185 </figcaption></figure> <p>Spätere Paläontologen interpretierten das Riesenwesen <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29254969/#full-view-affiliation-1">dann als Grünalge und 1979 als Tang</a>. 2001 wurde aus der Alge wieder ein Pilz und kurze Zeit später eine <a href="https://magazine.uchicago.edu/1006/investigations/fungus.shtml" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Flechte, also eine Lebensgemeinschaft aus Pilz und Alge.</a><br></br>2007 fanden Boyce (Universität von Chicago) und seine Arbeitsgruppe durch <a href="https://www.scinexx.de/news/geowissen/sechs-meter-hoher-riesenpilz-identifiziert/">Isotopenanalysen neue Argumente gegen die Pflanzen-</a> und somit für die Pilzhypothese.</p> <p>Das Problem bei diesen Fossilfunden ist, dass durch die Versteinerung zwar die Umrisse und somit Größe des Lebewesens erhalten blieb, dessen Strukturen aber nur teilweise. Außerdem überlagerten sie sich mit anderen Fossilien, wie etwa Pflanzenteilen. So kam es immer wieder zu Diskussionen, ob die fossilen Pilzhyphen ein elementarer Bestandteil des Fossils oder eher eine Verunreinigung waren.<br></br>Boyce und sein Team haben nun nicht nur einfach die versteinerten Zellverbände interpretiert, sondern zusätzlich auch eine Isotopenanalyse durchgeführt. Das Verhältnis der stabilen Kohlenstoff-Isotope <sup>12</sup>C und <sup>13</sup>C zueinander gibt <a href="https://www.sueddeutsche.de/muenchen/isotopenanalyse-in-muenchen-biografie-in-den-knochen-1.1891483" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Auskunft über die Aufnahme dieser Isotope über Atmung und Nahrung sowie letztendlich zur Herkunft eines Organismus.</a><br></br>Pflanzen nehmen Kohlenstoff nur über das Kohlendioxid aus ihrer Umgebung auf. So bleibt Ihr Isotopenverhältnis von <sup>12</sup>C zu <sup>13</sup>C ihr ganzes Leben über gleich und entspricht dem der Atmosphäre – je nach Lebensweise, tagsüber oder nachts. Bei Tieren bildet das Isotopenverhältnis ihre Lebensweise, die Nahrungsaufnahme und ihren Lebensraum ab, das terrestrisch und marin lebender Tiere unterscheidet sich.<br></br>Pilze nehmen als Nahrung organische tote Stoffe auf. Dabei sind sie nicht wählerisch, sondern verdauen meist tote Materie, wie auch Kadaver von Pflanzen und Tieren. Diese unterschiedlichen Nahrungsquellen haben unterschiedliche Isotopenverhältnisse. Werden sie gefressen oder chemisch verdaut, bleiben die Isotopenverhältnisse erhalten. Die <a href="https://www.newscientist.com/article/dn11701-mystery-prehistoric-fossil-verified-as-giant-fungus/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">unterschiedlichen Isotopenverhältnisse aus den <em>Prototaxites</em>-Fossilien weisen also auf eine andere Lebensweise als die der Pflanzen hin, erklärt Boyce.</a><aside></aside></p> <p>2018 bestätigte ein Team durch Dünnschnitte von Rhynie Chert-Exemplaren per Licht- und Konfokalmikroskopie sowie aus Kohle-Fossilien aus walisischen Fundstellen per Rasterelektronenmikroskop die Pilzhypothese: <em>Prototaxites taiti </em>(eine mutmaßliche 2. Art vereine Merkmale verschiedener heutiger Pilzgruppen.</p> <h2 id="h-neue-ergebnisse-aus-dem-rhynie-chert"><strong>Neue Ergebnisse aus dem Rhynie Chert</strong></h2> <p>Ein neues Exemplar aus der berühmten schottischen <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982219313703">Rhynie-Chert-Fossillagerstätte</a> hat nun neue Einblicke gebracht. In diesen 407 Millionen Jahre alten versteinerten Sedimenten sind besonders viele Fossilien in herausragender Erhaltung fossilisiert, also mit Weichteilfossilisation: Der Großteil von ihnen sind frühe Pflanzen – sie hatten zwar wasserleitende Zellen und Sporangien, aber noch keine echten Blätter. Außerdem sind dort auch Flechten, Algen und Pilze sowie Arthropoden erhalten. Diese <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Rhynie_chert">Rhynie-Fauna und -Flora dokumentiert</a> die frühe Besiedlung des Festlands. Die Erhaltung von Ultrastrukturen wie einzelnen Zellwänden macht sie so außergewöhnlich. Werden fossilführende Gesteinsproben poliert und geschnitten, sind im Pflanzenmaterial sogar Stomata und Ligninreste nachweisbar. Ob in Pflanzenzellen eingedrungene Pilzhyphen Zersetzer oder Symbionten waren, ist nicht geklärt. Auch die winzigen fragilen Buchlungen fossiler Spinnenverwandter (Atmungsorgan der Trigonotarbiden) sind in solchen Querschnitten nachweisbar.<br></br>Ihre Neubewertung von <em>Prototaxites</em> hatte das Team um <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.aec6277#con1">Corentin C. Loron</a> und <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.aec6277#con2">Laura M. Cooper</a> auf <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.aec6277">ScienceAdvances veröffentlicht</a>.</p> <p>Die Molekularbiologin Laura Cooper hingegen schrieb in ihrem Thread auf dem Kurznachrichtendienst BlueSky in einer Kurzvorstellung der Publikation, <em>Prototaxites </em>passe in keine Gruppe der heutigen Pilze.</p> <p>In ihrem aus dem Rhynie Chert-Hornstein geschnittenen und polierten Stückchen NSC.36 war <em>Prototaxites</em>-Gewebe extrem gut erhalten, zusammen mit einer großen Bandbreite anderer Organismen wie Pilzen und Pflanzen.  </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-35.png"><img alt="" decoding="async" height="170" sizes="(max-width: 452px) 100vw, 452px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-35.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-35.png 452w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-35-300x113.png 300w" width="452"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-38.png"><img alt="" decoding="async" height="412" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 365px) 100vw, 365px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-38.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-38.png 365w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-38-266x300.png 266w" width="365"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-37.png"><img alt="" decoding="async" height="393" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 363px) 100vw, 363px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-37.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-37.png 363w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-37-277x300.png 277w" width="363"></img></a></figure> <p>Laura Coopers Beitrag zu diesem Forschungsprojekt war die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Konfokalmikroskop">konfokale Laserscanning-Mikroskopie</a>, eine besonders hochauflösende Form der Mikroskopie zur Mikrostruktur Analyse. Bei dieser speziellen Lichtmikroskopie wird nicht das gesamte Präparat beleuchtet, sondern zu jedem Zeitpunkt nur ein Bruchteil davon, oft nur ein kleiner Lichtfleck. Werden diese einzelnen Bilder zusammengefügt, ergeben sich optische Schnittbilder mit besonders hohem Kontrast.  </p> <p>Dadurch fanden sie bei <em>Prototaxites</em> kugelförmige „Markflecken“ (medullary spots). Bei der bildlichen Rekonstruktion stellte sich heraus, dass sie aus vielen dicht gepackten kleinen Röhren bestehen, die stark miteinander verbunden sind. Solche Strukturen seien bei Pilzen unbekannt. Stattdessen ähneln sie, so das Forscherteam, vielmehr Strukturen, die an Gas- oder anderen Austauschfunktionen beteiligt sind, wie beispielsweise die Säugetier-Lungenbläschen. Darum könnten die Markflecken eine völlig andere physiologische Funktion gehabt haben als die, die von Pilzen bekannt sind.</p> <p>Weiterhin fanden sie im gesamten untersuchten Organismus Röhren mit inneren Verdickungen oder Bändern. Solche gebänderten Röhren kommen ebenfalls nicht in Pilzen vor, sondern ähneln dem Xylem, also dem Wasser-Leitsystem, von Landpflanzen – sie könnten in <em>Prototaxites</em> eine ähnliche Funktion gehabt haben.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-39.png"><img alt="" decoding="async" height="465" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-39.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-39.png 480w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-39-300x291.png 300w" width="480"></img></a></figure> <p>Dazu kommt, dass der molekulare Fingerabdruck Abweichungen zu allen anderen Organismengruppen im Rhynie-Chert ergab – auch zu den Pilzen. Dies deutete auf einen anderen Zellwandaufbau als Pilze mit ihrem Chitin und Glucan hin.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-36.png"><img alt="" decoding="async" height="198" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 467px) 100vw, 467px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-36.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-36.png 467w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-36-300x127.png 300w" width="467"></img></a></figure> <p>Da <em>Prototaxites</em> </p> <ul> <li>Röhrenstrukturen und vermutlich eine andere Physiologie hatte</li> <li>einen anderen molekularen Fingerabdruck aufwies</li> <li>Pilz-Zellwände fehlten </li> </ul> <p>vermuteten die Forschenden, dass dieses Mega-Fossil doch kein Pilz war.<br></br>Da es in keine der bekannten Gruppen passt, könnte es sich, so Laura Cooper et al, um einen Repräsentanten einer neuen Gruppe handeln.</p> <p>Ich persönlich bin davon noch nicht so ganz überzeugt.<br></br>Ein ganz neues Reich solch großer Organismen ohne andere dazu gehörende Arten, Vorfahren und Nachfahren kommt mir zu unwahrscheinlich vor, Organismen-Reiche entstehen schließlich nicht im luftleeren Raum einiger Jahrmillionen – sie sind vielmehr Ergebnisse von Entwicklungen in der Größenordnung Hunderter Jahrmillionen.<br></br>Ich frage mich eher, ob die Daten auf einen Organismus aus verschiedenen Arten hinweisen könnten Oder möglicherweise sogar Artefakte sind, die durch besondere Fossilisationsumstände verursacht wurden.</p> <p>Darum bin ich sehr gespannt, ob andere Arbeitsgruppe diese Ergebnisse bestätigen oder widerlegen werden. Auf jeden Fall eine extrem interessante Arbeit mit bislang sehr überraschenden Ergebnissen. Ich bin jedenfalls fest davon überzeugt, dass zu <em>Prototaxites </em>noch lange nicht das letzte Wort gesprochen bzw. geschrieben wurde.</p> <h2 id="h-prototaxites-interstellari-pilz-turbo-im-star-trek-universum"><strong><em>Prototaxites interstellari</em> – Pilz-Turbo im Star Trek-Universum</strong></h2> <p>Als ich 2018 die ersten Folgen der Star Trek-Serie <em>Discovery</em> sah, war ich sehr erstaunt, auf gleich zwei alte Bekannte zu treffen: Auf den Pilz <em>Prototaxites </em>und ein Bärtierchen (Tardigrade). Diese Serie setzt zeitlich vor <em>Star Trek</em> <em>The Original Series </em>(mit Captain James T. Kirk und Spock) an und enthält dadurch vertraute Charaktere wie Spock und Captain Pike, aber auch den miesen Harry Mudd.</p> <p>Allerdings findet und nutzt die USS <em>Discovery </em>einen experimentellen Sporenantrieb. Im 23. Jahrhundert der USS <em>Discovery</em>-Timeline erstreckt sich ein feines Geflecht aus makroskopisch nahezu unsichtbaren Pilzfäden, dem Myzel, über das Weltall. Innerhalb dieses Myzels bewegt sich die<em> Discovery</em> wie in einem gigantischen Netz, analog einem Computer-Netzwerk wie etwa in „Matrix“. Die Spezies <em>Prototaxites</em> <em>stellaviatori</em> wurde „aus exotischem Material aus einer abgetrennten, zeitdiskreten, abstrakten Subspace-Region konstruiert. Das Mycel schüttet seine Sporen dann in die Unendlichkeit des Weltalls aus und daraus bildet sich das Myzel-Netzwerk.“ (Captain Lorca der USS <em>Discovery</em>)<em>.</em><br></br>In einer Pilzkammer – dem Pendant zu einem botanischen Garten, aber eben für Pilze – wird der Pilz <em>Prototaxites</em> <em>stellaviatori</em> gezüchtet und seine Sporen für den Betrieb des Antriebs geerntet. Diese Pilzkammer ist mit einem Atem-Scanner streng gesichert, schließlich ist <em>Prototaxites</em> eine Geheimwaffe.</p> <p>Die Funktion des Sporenantriebs erklärt der mysteriös-sinistre Captain Lorca der USS <em>Discovery</em> gegenüber der Hauptperson Michael Burnham so: “Stellen Sie sich ein mikroskopisch feines Netz vor, das sich über den ganzen Kosmos erstreckt. Ein intergalaktisches Ökosystem. Eine unendliche Anzahl von Wegen, die nach überall führen.” Ein nur auf zellularem Niveau sichtbares Pilzgeflecht erstreckt sich über das ganze Universum und wenn man an einer Stelle einsteigt, kann man darin extrem schnell überall hinreisen – also praktisch mit Mega-Warp. Und die USS <em>Discovery</em> hat den Schlüssel zum Eintauchen in diesen pilzigen Mikrokosmos. „Code Black!” heißt es dann auf dem Sternenflotten-Schiff – das Sternenschiff beginnt um die eigene Achse zu rotieren und alles ist Glitzer. Star Trek Discovery ist ganz sicher mit großem Abstand der Sternenflotten-Ableger mit dem meisten Glitzer.</p> <p>Die Sporen aus der Brutkammer erstellen dann eine Verbindung zwischen dem Raumschiff und dem mikrozellularen Myzel, gesteuert wird durch einen ins Netzwerk integrierten Navigator. Auf der USS <em>Discovery</em> ist es zunächst ein überdimensionaler Tardigrade, also das raumfahrerprobte Bärtierchen, später der Astromykologe Lieutenant Paul Stamets selbst.<br></br>Paul Stamets ist der einzige Star Trek-Charakter, der nach einem lebenden Menschen benannt wurde – nach dem Mycologen Paul Stamets. <a href="https://youtu.be/XI5frPV58tY">Sein TEDx-Talk über Pilze</a> ist ein Potpourri von Ideen zur Anwendung von Pilzen und unbedingt sehenswert. <a href="https://scitizen.com/future-energies/can-mushrooms-save-the-world-_a-14-2891.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Er hält eine ganze Reihe von Pilz-Patenten,</a> etwa zur effektiven biologischen Schädlingsbekämpfung und für medizinische Anwendungen. Pilze hält er für eine Lösung für die Energieprobleme: Mycelien verwandeln Cellulose in Pilzzucker um, woraus wiederum Alkohol als Treibstoff produziert werden kann. “Econol” nennt Stamets diesen Pilzfusel.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-43.png"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-43.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-43.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-43-300x225.png 300w" width="768"></img></a><figcaption>“Stamets holding Laricifomes officinalis in 2006”<br></br>(C) Dusty Yao-Stamets – Personal correspondence, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3785848</figcaption></figure> <p>Beeindruckend ist auch die Effektivität der haardünnen Geflechte als ökologische Aufräumtruppe: Ein Pilzmyzel kann etwa nach Ölkatastrophen die organischen Verbindungen des Öls aufbrechen und in unschädliche Substanzen umwandeln, auf denen schnell wieder alles wächst und gedeiht. Diese Fähigkeit der Pilze, Gestein, Schweröl und andere Substanzen schnell in fruchtbaren Boden umzuwandeln, macht sie zu Wegbereitern für ganze Ökosysteme. Stamets hat mehrere Systeme entwickelt, Pilzkulturen in Sporenform global zu versenden, die an jedem Ort der Welt schnell ein neues Ökosystem induzieren können.</p> <p>Zurück zu Star Trek-<em>Discovery</em>: <em>Prototaxites stellaviatori</em> ist eine Neuschöpfung, die Ideen von Sporenantrieb und Tardigrad sowohl von Stamets, Burnham u a <a href="https://gizmodo.com/court-reaffirms-star-trek-discovery-copyright-suit-dis-1844753933">haben die Produzenten von einem Videospiel-Entwickler gestohlen – sind aber damit davongekommen.</a><br></br>Die Pilzsporen glitzern wie Einhornstaub oder magic mushrooms und visualisieren damit plakativ, dass diese Technologie den Boden der Logik verlässt und in endgültig in Richtung Esoterik davontänzelt.</p> <p>(Falls Ihr eine ausführlichere Darstellung der Vorgänge an Bord der Discovery und einen detaillierteren Faktencheck wollt – <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2020/12/24/24-12/?all=1">hier</a>. Mehr über Pilze im Weltraum produziere ich im Laufe dieses Jahres, in Texten und Vorträgen).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/neues-von-prototaxites-pflanze-pilz-alge-oder-was-ganz-anderes/#comments 16 Lebenswichtiger Mond https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lebenswichtiger-mond/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lebenswichtiger-mond/#comments Fri, 27 Feb 2026 06:42:40 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12653 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Schneeglocken_20260225_123505-768x576.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lebenswichtiger-mond/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Schneeglocken_20260225_123505.jpg" /><h1>Lebenswichtiger Mond » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Die Sonne ist lebenswichtig; das sehen wir draußen gerade eindrucksvoll: kaum erblaute der Himmel, strecken sich die ersten Schneeglöckchen, Winterlinge und Krokusse aus dem dörren Gras.</p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eisbach_20260123_101953.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eisbach_20260123_101953-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eisbach_20260123_101953-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eisbach_20260123_101953-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eisbach_20260123_101953.jpg 960w" width="768"></img></a></figure> </div> <div> <p><em>Vom Eise befreit sind Strom und Bäche</em><p><em>Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;</em><em>Im Tale grünet Hoffnungsglück;</em><em>Der alte Winter, in seiner Schwäche,</em><em>Zog sich in rauhe Berge zurück.</em><em>Von dort her sendet er, fliehend, nur</em><em>Ohnmächtige Schauer körnigen Eises</em><em>In Streifen über die grünende Flur;</em><em>Aber die Sonne duldet kein Weißes,</em><em>Überall regt sich Bildung und Streben,</em><em>Alles will sie mit Farben beleben;</em></p></p> <p>(Goethe)</p> </div> </div> <h2 id="h-mond">Mond</h2> <p>Der Mond ist aber ebenso wichtig für das Leben auf der Erde.</p> <p>Chronobiologen erforschen die zeitliche Ordnung und Perioden physiologischer Funktionen. Das Buch von <strong>Endres &amp; Schad “Die Biologie des Mondes”</strong> handelt von biologischen Rhythmen, die mit denen des Mondes in Zusammenhang gebracht werden können. Es gibt Blumen, die nur bei Vollmond blühen, Fische, die die mit Voll- und Neumond verbundene Springflut zum Laichen benötigen, und als Wüstenwandererin (<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/voyage-bizarre-im-land-der-b-cher/">bis 2008</a>) weiß ich, dass das Licht des Mondes auch menschliche Aktivitäten bestimmt: Vollmondnächte sind hell genug, dass man zu Fuß weiterreisen kann, während das in mondlosen Nächten zu gefährlich ist. <aside></aside></p> <p>Forschungen zeigen zudem seit langem, dass unser Mond nicht unerheblich zur Erhaltung der konstanten Bedingungen auf der Erde beiträgt. Der Trabant stabilisiert durch seinen Umlauf die Rotationsachse unseres Planeten (<strong>Ward and Browlee 2000</strong>). Anders gesagt: nur weil der Mond um die Erde läuft, kippt die Erde im All nicht um und wird immer gleichmäßig von der Sonne beleuchtet (bis auf das leichte Präzessionstaumeln), so dass das Klima über Jahrmillionen stabil genug bleibt, damit sich Lebensformen von Einzellern zu komplexeren Wesen entwickeln konnten. </p> <p>Zu den poetischen Seiten des Mondes hatte ich bereits früher geschrieben, z.B.: </p> <ul> <li>Mond – <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/der-mond-2/">Bilderpoesie</a> (2019)</li> <li>Fotos einer <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/noch-einmal-mond/">kompletten Lunation</a> (2019)</li> <li>verschiedene <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/mann-im-mond/">Bilder, die in Kulturen in den Flecken</a> gesehen werden (2025)</li> </ul> <hr></hr> <ul> <li>Klaus-Peter Endres und Wolfgang Schad (1997). Biologie des Mondes. Mondperiodik und Lebensrythmen: Mondperiodik und Lebensrhythmen, S. Hirzel, Stuttgart/Leipzig</li> <li>Peter D. Ward and Donald Browlee, editors (2000). Rare Earth: Why Complex Life is Uncommon in the Universe. Copernicus Books, New York.</li> </ul> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Schneeglocken_20260225_123505.jpg" /><h1>Lebenswichtiger Mond » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Die Sonne ist lebenswichtig; das sehen wir draußen gerade eindrucksvoll: kaum erblaute der Himmel, strecken sich die ersten Schneeglöckchen, Winterlinge und Krokusse aus dem dörren Gras.</p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eisbach_20260123_101953.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eisbach_20260123_101953-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eisbach_20260123_101953-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eisbach_20260123_101953-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eisbach_20260123_101953.jpg 960w" width="768"></img></a></figure> </div> <div> <p><em>Vom Eise befreit sind Strom und Bäche</em><p><em>Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;</em><em>Im Tale grünet Hoffnungsglück;</em><em>Der alte Winter, in seiner Schwäche,</em><em>Zog sich in rauhe Berge zurück.</em><em>Von dort her sendet er, fliehend, nur</em><em>Ohnmächtige Schauer körnigen Eises</em><em>In Streifen über die grünende Flur;</em><em>Aber die Sonne duldet kein Weißes,</em><em>Überall regt sich Bildung und Streben,</em><em>Alles will sie mit Farben beleben;</em></p></p> <p>(Goethe)</p> </div> </div> <h2 id="h-mond">Mond</h2> <p>Der Mond ist aber ebenso wichtig für das Leben auf der Erde.</p> <p>Chronobiologen erforschen die zeitliche Ordnung und Perioden physiologischer Funktionen. Das Buch von <strong>Endres &amp; Schad “Die Biologie des Mondes”</strong> handelt von biologischen Rhythmen, die mit denen des Mondes in Zusammenhang gebracht werden können. Es gibt Blumen, die nur bei Vollmond blühen, Fische, die die mit Voll- und Neumond verbundene Springflut zum Laichen benötigen, und als Wüstenwandererin (<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/voyage-bizarre-im-land-der-b-cher/">bis 2008</a>) weiß ich, dass das Licht des Mondes auch menschliche Aktivitäten bestimmt: Vollmondnächte sind hell genug, dass man zu Fuß weiterreisen kann, während das in mondlosen Nächten zu gefährlich ist. <aside></aside></p> <p>Forschungen zeigen zudem seit langem, dass unser Mond nicht unerheblich zur Erhaltung der konstanten Bedingungen auf der Erde beiträgt. Der Trabant stabilisiert durch seinen Umlauf die Rotationsachse unseres Planeten (<strong>Ward and Browlee 2000</strong>). Anders gesagt: nur weil der Mond um die Erde läuft, kippt die Erde im All nicht um und wird immer gleichmäßig von der Sonne beleuchtet (bis auf das leichte Präzessionstaumeln), so dass das Klima über Jahrmillionen stabil genug bleibt, damit sich Lebensformen von Einzellern zu komplexeren Wesen entwickeln konnten. </p> <p>Zu den poetischen Seiten des Mondes hatte ich bereits früher geschrieben, z.B.: </p> <ul> <li>Mond – <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/der-mond-2/">Bilderpoesie</a> (2019)</li> <li>Fotos einer <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/noch-einmal-mond/">kompletten Lunation</a> (2019)</li> <li>verschiedene <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/mann-im-mond/">Bilder, die in Kulturen in den Flecken</a> gesehen werden (2025)</li> </ul> <hr></hr> <ul> <li>Klaus-Peter Endres und Wolfgang Schad (1997). Biologie des Mondes. Mondperiodik und Lebensrythmen: Mondperiodik und Lebensrhythmen, S. Hirzel, Stuttgart/Leipzig</li> <li>Peter D. Ward and Donald Browlee, editors (2000). Rare Earth: Why Complex Life is Uncommon in the Universe. Copernicus Books, New York.</li> </ul> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lebenswichtiger-mond/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>4</slash:comments> </item> <item> <title>Süß, süßer, Babys! Wie beeinflusst Niedlichkeit unser Verhalten? https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/suess-suesser-babys-wie-beeinflusst-niedlichkeit-unser-verhalten/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/suess-suesser-babys-wie-beeinflusst-niedlichkeit-unser-verhalten/#respond Mon, 23 Feb 2026 06:00:00 +0000 Luisa Sophie Engelke https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5544 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Feb-3-2026-10_09_38-AM-768x768.png <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/suess-suesser-babys-wie-beeinflusst-niedlichkeit-unser-verhalten/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Feb-3-2026-10_09_38-AM.png" /><h1>Süß, süßer, Babys! Wie beeinflusst Niedlichkeit unser Verhalten? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Luisa Sophie Engelke</h2><div itemprop="text"> <p>Denkt mal an das Süßeste, was euch einfällt. Die Chancen stehen sehr hoch, dass ihr an Babys oder vielleicht auch an Baby-Tiere gedacht habt, richtig? </p> <p>Ich kenne das von mir selbst auch ziemlich gut, wobei ich sogar das Gefühl habe, dass Tierbabys mich sogar noch mehr begeistern. Erst letztens ist es wieder passiert: Ich bin mit Freunden eine Straße entlang gelaufen und war im Gespräch vertieft, und auf einmal sah ich den süßesten Rauhaardackel überhaupt! Das Gespräch war auf einmal nebensächlich geworden und ich konnte nicht anders, als mich dem Dackel zuzuwenden, zu grinsen und in seine freundlichen Augen zu schauen! Nachdem die kurze Euphorie vorbei war, führte ich das Gespräch fort, das ich ungewollt auf Eis gelegt hatte. Ich fragte mich, wie es eigentlich sein kann, dass dieser süße Dackel meine Aufmerksamkeit völlig auf sich zog, ohne dass ich dem widerstehen konnte?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/45191924_9087345.jpg"><img alt="süßer Hund" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/45191924_9087345-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/45191924_9087345-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/45191924_9087345-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/45191924_9087345-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/45191924_9087345-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/45191924_9087345-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/45191924_9087345.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Seid ihr denn mal an einem süßen Hund vorbeigelaufen, ohne ihn anzulächeln und ein aufrichtiges „Aweee ist der süß“ gesagt zu haben? Oder wenn am Nachbartisch im Café ein süßes Baby saß, das munter vor sich hin lachte, hat es euch nicht auch verzaubert? </p> <p>Kaum jemand kommt drum herum, nicht hinzuschauen und selbst anzufangen, zu lächeln. Und nicht nur bei Babys und Tierbabys empfinden wir so, selbst bei Gegenständen wie Puppen, Spielzeug oder kleinen Dingen kann in uns das starke Gefühl von „Oh nein, das ist aber süß!“ aufkommen!</p> <p>Aber wieso ist das so und was passiert dabei in unserem Gehirn?<aside></aside></p> <h3 id="h-niedlichkeit-als-uberlebensstrategie">Niedlichkeit als Überlebensstrategie</h3> <p>Niedlichkeit wird von den meisten von uns mit positiven sozialen Bindungen, Empathie, und schönen Emotionen in Verbindung gebracht [1]. Süße Dinge machen uns einfach glücklich, doch Babys scheinen nochmal niedlicher zu sein als andere Dinge, oder?</p> <p>Babys sind in der ersten Zeit ihres Lebens hilflos und schutzbedürftig. Für sie ist es überlebensnotwendig, dass man sich um sie kümmert [2]. Daher ist es für sie sehr von Vorteil, wenn sie so viel unserer <strong>Aufmerksamkeit</strong> erhalten wie möglich. Und das scheint ziemlich gut zu funktionieren:</p> <p>Studien zeigten tatsächlich, dass Niedlichkeit die elterliche <strong>Fürsorge</strong> erhöht [3], [4]. Niedlichere Babys rufen eine stärkere emotionale Erfahrung hervor als weniger niedliche Babys und steigern damit die Fürsorgemotivation [5]. Wenn Menschen in Studien mit Kinder- und Erwachsenengesichtern konfrontiert waren, schauten die Teilnehmer länger die Kindergesichter an [6]. Außerdem deuten Studien darauf hin, dass Babygesichter schneller wahrgenommen werden als erwachsene Gesichter. Dieser Effekt tritt besonders bei Frauen im Vergleich zu Männern auf [9]. Dies könnte bereits damals dafür gesorgt haben, dass sich besonders die Mütter um süße Babys länger gekümmert haben, weil sie die Aufmerksamkeit auf sich zogen!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1736962_247092-P3QD0I-209.jpg"><img alt="Süße Babys" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1736962_247092-P3QD0I-209-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1736962_247092-P3QD0I-209-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1736962_247092-P3QD0I-209-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1736962_247092-P3QD0I-209-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1736962_247092-P3QD0I-209-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1736962_247092-P3QD0I-209-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1736962_247092-P3QD0I-209.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Nicht nur sehen Babys mit ihren großen Augen, dicken Wangen und kleinen Händchen und Füßchen süß aus – auch ihr Geruch und ihr Lachen sind zum Dahinschmelzen [1]! fMRI-Studien zeigten, dass der einzigartige Geruch von Babys eine starke Gehirnaktivität in den Arealen verursachte, die mit Freude und Belohnung in Verbindung stehen [16]. Mit all unseren Sinnen schaffen es Babys, dass wir ihnen schneller verfallen als einer Packung Schokolade am Samstagabend!</p> <p>Zwischen den eigenen und fremden Babys scheint es jedoch Unterschiede in der Wahrnehmung zu geben. Studien fanden, dass Mütter (überraschenderweise) ihre eigenen Babys süßer fanden und man auch eine verstärkte Gehirnaktivität im <strong>mesolimbischen Belohnungszentrum</strong> fand [8]. Doch verglichen mit Erwachsenengesichtern lösten selbst fremde Kindergesichter eine schnellere neuronale Aktivität hervor [1], [15]! Natürlich findet man die eigenen Babys besonders süß, jedoch scheint unser Gehirn auch auf fremde Babys zu reagieren und das Belohnungssystem anzuschalten!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36043502_8330297.jpg"><img alt="Fürsorgemotivation" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36043502_8330297-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36043502_8330297-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36043502_8330297-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36043502_8330297-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36043502_8330297-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36043502_8330297-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36043502_8330297.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Diese uralten neurologisch verankerten Instinkte waren vermutlich damals und sind auch heute noch dafür wichtig, die Komplexitäten der Elternschaft zu überwinden und stets für das Wohlsein des Kindes zu sorgen. Niedlichkeit kann also durchaus als biologische Strategie verstanden werden, die sich bewährt hat! Die Evolution hat dazu geführt, dass niedliche Babys wahrscheinlicher überlebten, weil es zu Verhaltensänderungen der Eltern führt. </p> <p> Ihr seht also: Babys lösen in unserem Gehirn <strong>emotionale Ekstase</strong> aus! Aber was genau macht ein Baby eigentlich so niedlich?</p> <h3 id="h-verfuhrt-vom-kindchenschema">Verführt vom Kindchenschema</h3> <p>Es kann tatsächlich gut definiert werden, was die meisten Menschen als niedlich empfinden. Bereits 1943 hat der Biologe <strong>Konrad Lorenz</strong> beobachtet, dass Tierbabys verschiedener Arten bestimmte äußerliche Charakteristiken haben, die als süß empfunden werden, und nannte dies das „<strong>Kindchenschema</strong>“ [7]. Diese Merkmale sind unter anderem große Augen, ein großer Kopf im Vergleich zum Rest des Körpers, füllige Wangen und eher kürzere Extremitäten. Lorenz vermutete schon damals, dass Babys mit diesen Eigenschaften mehr elterliche Fürsorge erhielten [10]. Er behauptete, dass die Unwiderstehlichkeit, zum Kindchenschema hingezogen zu werden, angeborene, tief verankerte Prozesse in uns sind.</p> <p>Sobald wir ein süßes Baby sehen, erkennen wir sofort die Kindchenschema-Merkmale. Daraufhin werden ganz bestimmte Bereiche des Gehirns rund um Emotionen, Aufmerksamkeit und Empathie aktiv [13]! In der <strong>Amygdala</strong>, dem emotionalen Zentrum unseres Gehirns, und dem <strong>Nucleus Accumbens </strong>wird der Gesichtsreiz emotional verarbeitet und als positiver Reiz codiert. Der Nucleus Accumbens ist Teil des <strong>mesolimbischen Belohnungssystem</strong> und beim Betrachten von Babybildern besonders aktiv [9]. Wenn wir Babys anschauen, wird das Belohnungssystem aktiviert, Glückshormone werden ausgeschüttet und unsere Aufmerksamkeit wird auf das Baby gelenkt [12]! So schaffen sie es, dass wir uns glücklich und emotional berührt fühlen, wenn wir Babys anschauen [14].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-31-2026-06_20_28-PM.png"><img alt="Das Kindchenschema (Konrad Lorenz)" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-31-2026-06_20_28-PM-1024x683.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-31-2026-06_20_28-PM-1024x683.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-31-2026-06_20_28-PM-300x200.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-31-2026-06_20_28-PM-768x512.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-31-2026-06_20_28-PM.png 1536w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Generell scheint es so zu sein: Je prägnanter die Kindchenschema-Eigenschaften eines Babys, desto stärker die neuronalen Aktivitäten des Belohnungssystems [15]. Wissenschaftler fanden in einer MRT-Studie heraus, dass Fotos von Babys, die digital nach dem Kindchenschema mit dickeren Wangen und größeren Augen versehen wurden, das Belohnungssystem stärker aktivierten als nicht-bearbeitete Kindergesichter [4].</p> <p>Wie ihr aber bestimmt auch wisst, empfinden wir diese Niedlichkeit auch nicht nur menschlichen Babys gegenüber, sondern auch tierischen Babys! Die Wissenschaft bestätigt diese Empfindung: Tier- und Menschenbabys mit Kindchenschema-Charakteristiken werden als niedlicher angesehen im Vergleich zu älteren Babys oder erwachsenen Menschen [4], [11], [12]. Unser Gehirn scheint erstaunlicherweise nur schlecht zwischen den Niedlichkeitsmerkmalen von menschlichen und tierischen Babys zu unterscheiden [1]. Daher empfinden wir auch (bei manchen Menschen sogar besonders) Tierbabys ebenfalls als besonders süß, knuddelig und niedlich! Oder wer von euch ist beim Anblick von herumtapsenden Hundewelpen noch nicht dahingeschmolzen?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7872426_3760838-1-scaled.jpg"><img alt="süße Tierbabys" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7872426_3760838-1-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7872426_3760838-1-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7872426_3760838-1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7872426_3760838-1-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7872426_3760838-1-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7872426_3760838-1-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <h3 id="h-von-emotionaler-ekstase-zu-aggression">Von emotionaler Ekstase zu Aggression?</h3> <p>Stellt euch einmal ganz deutlich die süßeste kleine Babykatze vor. Kennt ihr das Gefühl, den Drang zu verspüren, die kleine Babykatze drücken, kneifen, quetschen oder sogar beißen zu wollen – einfach, weil sie so niedlich ist? Dabei ist aber wichtig zu betonen, dass man dem Tier keinen Schaden zufügen möchte: Es geht um das Gefühl an sich, das Tier zu knuddeln und zu drücken! Dieses Gefühl kennen tatsächlich mehr Menschen, als man denkt. Aber wie kommt es dazu?</p> <p>Zu starke Niedlichkeit kann sich bei manchen Leuten in aggressiven Gefühlen zeigen. Das Bedürfnis, etwas „zu Tode zu knuddeln“ ist kein Kontrollverlust, sondern ein Mechanismus des Gehirns, mit überwältigender Niedlichkeit umzugehen [17]. Dieses Phänomen, dass man sehr niedliche Tiere drücken und beißen möchte, ohne die Tiere zu verletzen, nennt sich „<strong>Cute Aggression</strong>“ [18]. </p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/LMy5vuwNWUU?feature=oembed&amp;rel=0" title="🐱Adorable Cuteness Aggression🐱| Wild &amp; Whiskers" width="562"></iframe> </p></figure> <p>Eine der zurzeit bekanntesten Studien zu dem Thema von 2018 untersuchte 54 Teilnehmer, die Bilder von süßen Babys, weniger süßen Babys, süßen Tierbabys und weniger süßen (erwachsenen) Tierbabys beurteilten. Ergebnisse zeigten, dass</p> <ul> <li>46 % der Teilnehmer die Aussage „<em>Es ist so süß, ich möchte es kneifen!</em>“, </li> <li>64 % auf „<em>Es ist so süß, ich möchte es drücken!</em>“ und </li> <li>28 % auf „<em>Es ist so süß, ich möchte es beißen!</em>“ </li> </ul> <p>mit „ja“ beantworteten [18]. Offiziell gibt es leider keine Daten, wie viele Menschen das Gefühl von „Cute Aggression“ schonmal erlebt haben, doch wenn man sich die Studienergebnisse und die Häufigkeit der Social Media Videos dazu anschaut, dann lautet die Antwort vermutlich „mehr als man denken würde“.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/423537201_765319e9-1739-429e-96bb-00a0b3111db1-scaled.jpg"><img alt="dimorphe Expressionen" decoding="async" height="853" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/423537201_765319e9-1739-429e-96bb-00a0b3111db1-1024x853.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/423537201_765319e9-1739-429e-96bb-00a0b3111db1-1024x853.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/423537201_765319e9-1739-429e-96bb-00a0b3111db1-300x250.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/423537201_765319e9-1739-429e-96bb-00a0b3111db1-768x640.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/423537201_765319e9-1739-429e-96bb-00a0b3111db1-1536x1280.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/423537201_765319e9-1739-429e-96bb-00a0b3111db1-2048x1707.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>In Studien zeigte sich, dass Menschen oft von dem Gefühl der emotionalen Überwältigung (“<strong>Cuteness-Overload</strong>“) berichteten, wenn sie Babyfotos angeschaut haben [18]. Der Körper versucht, der Gefühlsflut entgegenzuwirken, was sich paradoxerweise in Gefühlen von Aggression ausdrücken kann. Es ist, als wolle unser Gehirn uns vor der Niedlichkeit schützen und sendet Puffer-Gefühle, damit wir nicht “vor Niedlichkeit schmelzen” [19]!</p> <p>Dahinter steckt vermutlich eine sogenannte <strong>dimorphe Expression</strong> von Gefühlen: Das bedeutet, dass die empfundenen Gefühle nicht mit den äußerlichen Verhaltensweisen übereinstimmen. Man empfindet eine Emotion extrem stark (z. B. Glück, weil ein Babytierchen so süß ist), jedoch spiegelt die Reaktion die entgegengesetzte Emotion wider („man will das Tierchen quetschen“)! Wissenschaftler vermuten, dass durch diese Emotionsregulation weiterhin gewährleistet wurde, dass man sich damals um die Babys kümmern konnte, anstatt sie nur vor Entzücken anzuschauen und dabei das Füttern zu vergessen.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/64836163_9525558.jpg"><img alt="Gehirn in love" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/64836163_9525558-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/64836163_9525558-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/64836163_9525558-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/64836163_9525558-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/64836163_9525558-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/64836163_9525558-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/64836163_9525558.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Doch nicht nur Menschen- und Tierbabys versetzen uns in emotionale Ekstase: Auch erwachsene Menschen, besonders unsere Liebsten, können so starke Emotionen hervorrufen, dass man auch bei ihnen eine Art von Cute Aggression verspürt. Einigen ist es beispielsweise nicht unbekannt, den Partner beißen zu wollen, ohne der Person wehzutun. Auch diese Empfindung kann man als Verhaltensweise verstehen, mit den überwältigenden Liebesgefühlen umzugehen. Wenn man Cute Aggression erlebt, ist das jedoch nichts Negatives. Man vermutet, dass es darauf hindeutet, Gefühle sehr stark wahrzunehmen, was sich dann bei süßen Tierchen (oder auch dem Liebsten) besonders intensiv äußert [17]. </p> <h3 id="h-vorsicht-zu-suss">Vorsicht! Zu süß!</h3> <p>Es gibt diverse Beispiele in unserem Alltag, wo uns Niedlichkeit begegnet: Dabei spreche ich aber nicht nur von süßen Rauhaardackeln in der Fußgängerzone. Niedlichkeit finden wir in Form von süßen Tierbildern auf Pflastern für Kinder, Maskottchen bei Sportevents oder süßen Avataren, die Schulbücher und Lern-Apps motivierender gestalten. Selbst Mülleimer in der Öffentlichkeit sind ab und zu extra süß gestaltet, damit wir den Müll korrekter trennen [20].</p> <p>Eine groß angelegte Studie mit dem treffenden Titel „Too sweet to eat“ (zu süß, um es zu essen) fand heraus, dass weniger Fleischprodukte gekauft wurden, wenn die Produkte mit süßen Bildern der Tiere versehen waren [21]. Die Empathie den Tieren gegenüber sorgte dafür, dass die Produkte weniger oft gekauft wurden, weil wir durch die Bilder emotional angesprochen wurden! Richtig genutzt kann unsere “Anfälligkeit” für süße Dinge sehr schlau genutzt werden, doch leider kann es auch in die andere Richtung gehen:</p> <p>Niedlichkeit angelt sich unsere Aufmerksamkeit wie sonst kaum etwas, und das wird teilweise ausgenutzt. Da süße Dinge unsere Empathie steigern, können diese auch in Werbungskontexten oder auch von Organisationen verwendet werden, um uns zu Käufen, Teilnahmen oder Spenden zu bewegen [14]. Niedliche Produktgestaltung senkt psychologische Distanz, die Produkte wirken süß und freundlich und die Hemmschwelle zum Kaufen sinkt. Auch Apps rund um Social Media nutzen besonders süßen (Tier-)Baby-Inhalt, um uns möglichst lange auf der App zu halten. Eine Studie von 2024 fand heraus, dass 98,5 % der über 3000 Teilnehmer der Studie schon einmal Tiervideos angezeigt bekommen haben [23]. Wenn man online nach „süßen Babys“ sucht, tauchen nur selten Videos mit weniger als mehreren Millionen Aufrufen auf! Ein aktueller Trend geht sogar so weit, dass Tierbabys beabsichtigt in einer vermeintlich gefährlichen Situation gezeigt werden, damit die Videoersteller sich als Held inszenieren und so Likes generiert werden.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1086639_109679-ONLTOM-501.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1086639_109679-ONLTOM-501-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1086639_109679-ONLTOM-501-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1086639_109679-ONLTOM-501-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1086639_109679-ONLTOM-501-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1086639_109679-ONLTOM-501-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1086639_109679-ONLTOM-501-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1086639_109679-ONLTOM-501.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Im Laufe der Domestizierung haben besonders Haustiere immer öfter ein jugendhafteres Aussehen. Selbst ausgewachsene Tiere sollen, wenn möglich, so süß aussehen wie noch im Baby-Alter. Daher werden Haustiere oft gezielt gezüchtet, um genau diese süßen Eigenschaften zu behalten, denen wir so leicht verfallen: flauschig, kleine Beinchen, große Augen, die uns zum Kauf verleiten. Dieses Vorgehen ist aus ethischer und tierwohlbezogener Perspektive äußerst kritisch zu bewerten, da es um die Wünsche der Menschen und weniger um das Tierwohl geht [14], [22]. Man sollte daher stets reflektiert bleiben, wozu Niedlichkeit uns unterbewusst leiten kann und der Unwiderstehlichkeit nicht immer blind verfallen.</p> <h3 id="h-fazit">Fazit</h3> <p>Dass wir Babys, egal ob menschliche oder tierische, so niedlich finden, hat einen starken evolutionären Hintergrund. Niedliche Babys haben Kindchenschema-Eigenschaften, die besonders unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen – Prozesse, die tief im Gehirn verankert sind und sowohl damals wie auch noch heute die Fürsorge für das Baby erhöhen. Cute Aggression beschreibt das Bedürfnis, Babys dolle knuddeln und drücken zu wollen, ohne ihnen Schaden zuzufügen. Dieses Erlebnis ist vermutlich der Emotionsregulation unseres Gehirns geschuldet.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/403265678_3700b7b6-e5bc-4cf2-8d11-632c2d587889.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 719px) 100vw, 719px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/403265678_3700b7b6-e5bc-4cf2-8d11-632c2d587889-719x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/403265678_3700b7b6-e5bc-4cf2-8d11-632c2d587889-719x1024.jpg 719w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/403265678_3700b7b6-e5bc-4cf2-8d11-632c2d587889-211x300.jpg 211w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/403265678_3700b7b6-e5bc-4cf2-8d11-632c2d587889-768x1095.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/403265678_3700b7b6-e5bc-4cf2-8d11-632c2d587889-1078x1536.jpg 1078w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/403265678_3700b7b6-e5bc-4cf2-8d11-632c2d587889-1437x2048.jpg 1437w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/403265678_3700b7b6-e5bc-4cf2-8d11-632c2d587889.jpg 1703w" width="719"></img></a></figure></div> <p>Niedlichkeit hat Auswirkungen auf unsere Wahrnehmung, Emotionen und auch auf unser Konsumverhalten. Niedliche Dinge können uns bewusst oder auch unbewusst beeinflussen – mit potenziell positiven oder auch problematischen Konsequenzen. Also lasst euch von Niedlichkeit nicht in die Irre führen: Wenn ihr das nächste Mal im Supermarkt die Milchpackung mit den großen Kulleraugen einer süßen Kuh in der Hand habt und man das Tierwohl unterstützen will, dann wäre man besser beraten, auf das Haltungsstufen-Symbol zu achten als auf das niedliche Tierfoto.</p> <p>Trotz möglicher Schattenseiten bleibt Niedlichkeit jedoch ein mitreißendes und wertvolles Empfinden, was uns glücklich macht! Daher viel Freude mit dem folgenden Video (sind zwar keine Rauhaardackel, aber trotzdem sind die Kleinen zuckersüß):</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/C3qHZk1VWFk?feature=oembed&amp;rel=0" title="Puppies Meet Baby Animals" width="666"></iframe> </p></figure> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <p>[1]          M. L. Kringelbach, E. A. Stark, C. Alexander, M. H. Bornstein, and A. Stein, ‘On Cuteness: Unlocking the Parental Brain and Beyond’, <em>Trends Cogn. Sci.</em>, vol. 20, no. 7, pp. 545–558, Jul. 2016, doi: 10.1016/j.tics.2016.05.003.</p> <p>[2]          admin, ‘Flauschige Manipulation: Was Welpenbilder im Gehirn auslösen’, National Geographic. Accessed: Jan. 21, 2026. [Online]. Available: https://nationalgeographic.de/tiere/2020/01/flauschige-manipulation-was-welpenbilder-im-gehirn-ausloesen/</p> <p>[3]          G. D. Sherman, J. Haidt, and J. A. Coan, ‘Viewing cute images increases behavioral carefulness’, <em>Emotion</em>, vol. 9, no. 2, pp. 282–286, 2009, doi: 10.1037/a0014904.</p> <p>[4]          M. L. Glocker <em>et al.</em>, ‘Baby schema modulates the brain reward system in nulliparous women’, <em>Proc. Natl. Acad. Sci.</em>, vol. 106, no. 22, pp. 9115–9119, Jun. 2009, doi: 10.1073/pnas.0811620106.</p> <p>[5]          M. L. Glocker, D. D. Langleben, K. Ruparel, J. W. Loughead, R. C. Gur, and N. Sachser, ‘Baby Schema in Infant Faces Induces Cuteness Perception and Motivation for Caretaking in Adults’, <em>Ethol. Former. Z. Tierpsychol.</em>, vol. 115, no. 3, pp. 257–263, Mar. 2009, doi: 10.1111/j.1439-0310.2008.01603.x.</p> <p>[6]          Y. C. Jia <em>et al.</em>, ‘Adults’ responses to infant faces: Neutral infant facial expressions elicit the strongest baby schema effect’, <em>Q. J. Exp. </em><em>Psychol.</em>, vol. 74, no. 5, pp. 853–871, May 2021, doi: 10.1177/1747021820981862.</p> <p>[7]          K. Lorenz, ‘Die angeborenen Formen möglicher Erfahrung’, <em>Z. Für Tierpsychol.</em>, vol. 5, no. 2, pp. 235–409, 1943, doi: 10.1111/j.1439-0310.1943.tb00655.x.</p> <p>[8]          J. E. Swain, J. P. Lorberbaum, S. Kose, and L. Strathearn, ‘Brain basis of early parent–infant interactions: psychology, physiology, and in vivo functional neuroimaging studies’, <em>J. Child Psychol. Psychiatry</em>, vol. 48, no. 3–4, pp. 262–287, 2007, doi: 10.1111/j.1469-7610.2007.01731.x.</p> <p>[9]          A. M. Proverbio, F. Riva, A. Zani, and E. Martin, ‘Is It a Baby? Perceived Age Affects Brain Processing of Faces Differently in Women and Men’, <em>J. Cogn. Neurosci.</em>, vol. 23, no. 11, pp. 3197–3208, Nov. 2011, doi: 10.1162/jocn_a_00041.</p> <p>[10]       J. P. Dale, <em>Irresistible: How Cuteness Wired our Brains and Conquered the World</em>. Profile Books, 2023.</p> <p>[11]       M. Borgi, I. Cogliati-Dezza, V. Brelsford, K. Meints, and F. Cirulli, ‘Baby schema in human and animal faces induces cuteness perception and gaze allocation in children’, <em>Front. Psychol.</em>, vol. 5, p. 411, 2014, doi: 10.3389/fpsyg.2014.00411.</p> <p>[12]       H. Nittono, M. Fukushima, A. Yano, and H. Moriya, ‘The Power of Kawaii: Viewing Cute Images Promotes a Careful Behavior and Narrows Attentional Focus’, <em>PLOS ONE</em>, vol. 7, no. 9, p. e46362, Sep. 2012, doi: 10.1371/journal.pone.0046362.</p> <p>[13]       L. Luo <em>et al.</em>, ‘Neural systems and hormones mediating attraction to infant and child faces’, <em>Front. Psychol.</em>, vol. 6, p. 970, 2015, doi: 10.3389/fpsyg.2015.00970.</p> <p>[14]       A. Stein, E. Stark, and M. L. Kringelbach, ‘How cute things hijack our brains and drive behaviour’, The Conversation. Accessed: Jan. 22, 2026. [Online]. Available: http://theconversation.com/how-cute-things-hijack-our-brains-and-drive-behaviour-61942</p> <p>[15]       Z. Zhang and J. Zhou, ‘Cognitive and Neurological Mechanisms of Cuteness Perception: A New Perspective on Moral Education’, <em>Mind Brain Educ.</em>, vol. 14, no. 3, pp. 209–219, 2020, doi: 10.1111/mbe.12252.</p> <p>[16]       L. Schäfer <em>et al.</em>, ‘The scent of cuteness—neural signatures of infant body odors’, <em>Soc. Cogn. Affect. Neurosci.</em>, vol. 19, no. 1, p. nsae038, Jul. 2024, doi: 10.1093/scan/nsae038.</p> <p>[17]       ‘Cute aggression: why you might want to squash every adorable thing you see’, UNSW Sites. Accessed: Jan. 31, 2026. [Online]. Available: https://www.unsw.edu.au/newsroom/news/2024/02/cute-aggression-why-you-might-want-to-squash-every-adorable-thing-you-see</p> <p>[18]       K. K. M. Stavropoulos and L. A. Alba, ‘“It’s so Cute I Could Crush It!”: Understanding Neural Mechanisms of Cute Aggression’, <em>Front. Behav. Neurosci.</em>, vol. 12, Dec. 2018, doi: 10.3389/fnbeh.2018.00300.</p> <p>[19]       O. R. Aragón, M. S. Clark, R. L. Dyer, and J. A. Bargh, ‘Dimorphous Expressions of Positive Emotion: Displays of Both Care and Aggression in Response to Cute Stimuli’, <em>Psychol. Sci.</em>, vol. 26, no. 3, pp. 259–273, Mar. 2015, doi: 10.1177/0956797614561044.</p> <p>[20]       F. Tan, T. Kuang, D. Yang, Z. Jia, R. Li, and L. Wang, ‘The higher the cuteness the more it inspires garbage sorting intention?’, <em>J. Clean. Prod.</em>, vol. 426, p. 139047, Nov. 2023, doi: 10.1016/j.jclepro.2023.139047.</p> <p>[21]       J. H. Zickfeld, J. R. Kunst, and S. M. Hohle, ‘Too sweet to eat: Exploring the effects of cuteness on meat consumption’, <em>Appetite</em>, vol. 120, pp. 181–195, Jan. 2018, doi: 10.1016/j.appet.2017.08.038.</p> <p>[22]       C. Rusbridge, ‘DOG BREEDING PRACTICES MUST CHANGE: Welfare cost of cuteness: BRIEFING FOR POLICYMAKERS’, May 2024, doi: 10.13140/RG.2.2.12316.81284.</p> <p>[23]       A. Stumpf, S. Herbrandt, L. Betting, N. Kemper, and M. Fels, ‘Societal Perception of Animal Videos on Social Media—Funny Content or Animal Suffering? A Survey’, <em>Animals</em>, vol. 14, no. 15, p. 2234, Jan. 2024, doi: 10.3390/ani14152234.</p> <h3 id="h-bildquellen">Bildquellen</h3> <ul> <li>Titelbild: generiert mit Chat GPT 5.1</li> <li>Abbildung 1: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/handgezeichnete-cartoon-dackel-illustration_45191924.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=21&amp;uuid=646f0b72-4ce7-4a45-822f-50f922fda101&amp;query=dackel">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 2: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/gezeichnete-art-der-babysammlung-in-der-hand_1736962.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=35&amp;uuid=97b1fd65-5f12-4630-bf44-023f5c915b83&amp;query=babys">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 3: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/palaeolithische-lebensillustration-des-flachen-designs_36043502.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=10&amp;uuid=1b75ecfc-4796-4c23-9e6c-5bb61b46a9e9&amp;query=parents+baby+stone+age">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 4: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/sammlung-verschiedener-haustiere_7872426.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=8&amp;uuid=306434d4-c71b-4d65-ac2a-ffe552808209&amp;query=small+animal">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 5: generiert mit Chat GPT 5.1</li> <li>Abbildung 6: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/mann-der-eine-laechelnde-maske-haelt-die-emotionen-verdeckt_423537201.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=2&amp;uuid=9d893811-0507-4992-ba78-5c571fa986c0&amp;query=emotion+happy+angry">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 7: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/flache-illustration-fuer-das-bewusstsein-fuer-den-welttag-der-psychischen-gesundheit_64836163.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=9a94cd71-d0e7-442f-9b90-69a0bba05da8&amp;query=brain+in+love">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 8: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/set-von-flachen-hunden_1086639.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=19&amp;uuid=5a256074-06fc-43c8-9d49-8a415106befd&amp;query=dog+breeds+cute">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 9: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/milch-in-kartonverpackung-mit-kawaii-tier_403265678.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=7&amp;uuid=f6cc282b-9020-4b68-a2c0-75b5454ab2ac&amp;query=milk+carton">Bildquelle</a></li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Feb-3-2026-10_09_38-AM.png" /><h1>Süß, süßer, Babys! Wie beeinflusst Niedlichkeit unser Verhalten? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Luisa Sophie Engelke</h2><div itemprop="text"> <p>Denkt mal an das Süßeste, was euch einfällt. Die Chancen stehen sehr hoch, dass ihr an Babys oder vielleicht auch an Baby-Tiere gedacht habt, richtig? </p> <p>Ich kenne das von mir selbst auch ziemlich gut, wobei ich sogar das Gefühl habe, dass Tierbabys mich sogar noch mehr begeistern. Erst letztens ist es wieder passiert: Ich bin mit Freunden eine Straße entlang gelaufen und war im Gespräch vertieft, und auf einmal sah ich den süßesten Rauhaardackel überhaupt! Das Gespräch war auf einmal nebensächlich geworden und ich konnte nicht anders, als mich dem Dackel zuzuwenden, zu grinsen und in seine freundlichen Augen zu schauen! Nachdem die kurze Euphorie vorbei war, führte ich das Gespräch fort, das ich ungewollt auf Eis gelegt hatte. Ich fragte mich, wie es eigentlich sein kann, dass dieser süße Dackel meine Aufmerksamkeit völlig auf sich zog, ohne dass ich dem widerstehen konnte?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/45191924_9087345.jpg"><img alt="süßer Hund" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/45191924_9087345-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/45191924_9087345-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/45191924_9087345-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/45191924_9087345-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/45191924_9087345-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/45191924_9087345-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/45191924_9087345.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Seid ihr denn mal an einem süßen Hund vorbeigelaufen, ohne ihn anzulächeln und ein aufrichtiges „Aweee ist der süß“ gesagt zu haben? Oder wenn am Nachbartisch im Café ein süßes Baby saß, das munter vor sich hin lachte, hat es euch nicht auch verzaubert? </p> <p>Kaum jemand kommt drum herum, nicht hinzuschauen und selbst anzufangen, zu lächeln. Und nicht nur bei Babys und Tierbabys empfinden wir so, selbst bei Gegenständen wie Puppen, Spielzeug oder kleinen Dingen kann in uns das starke Gefühl von „Oh nein, das ist aber süß!“ aufkommen!</p> <p>Aber wieso ist das so und was passiert dabei in unserem Gehirn?<aside></aside></p> <h3 id="h-niedlichkeit-als-uberlebensstrategie">Niedlichkeit als Überlebensstrategie</h3> <p>Niedlichkeit wird von den meisten von uns mit positiven sozialen Bindungen, Empathie, und schönen Emotionen in Verbindung gebracht [1]. Süße Dinge machen uns einfach glücklich, doch Babys scheinen nochmal niedlicher zu sein als andere Dinge, oder?</p> <p>Babys sind in der ersten Zeit ihres Lebens hilflos und schutzbedürftig. Für sie ist es überlebensnotwendig, dass man sich um sie kümmert [2]. Daher ist es für sie sehr von Vorteil, wenn sie so viel unserer <strong>Aufmerksamkeit</strong> erhalten wie möglich. Und das scheint ziemlich gut zu funktionieren:</p> <p>Studien zeigten tatsächlich, dass Niedlichkeit die elterliche <strong>Fürsorge</strong> erhöht [3], [4]. Niedlichere Babys rufen eine stärkere emotionale Erfahrung hervor als weniger niedliche Babys und steigern damit die Fürsorgemotivation [5]. Wenn Menschen in Studien mit Kinder- und Erwachsenengesichtern konfrontiert waren, schauten die Teilnehmer länger die Kindergesichter an [6]. Außerdem deuten Studien darauf hin, dass Babygesichter schneller wahrgenommen werden als erwachsene Gesichter. Dieser Effekt tritt besonders bei Frauen im Vergleich zu Männern auf [9]. Dies könnte bereits damals dafür gesorgt haben, dass sich besonders die Mütter um süße Babys länger gekümmert haben, weil sie die Aufmerksamkeit auf sich zogen!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1736962_247092-P3QD0I-209.jpg"><img alt="Süße Babys" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1736962_247092-P3QD0I-209-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1736962_247092-P3QD0I-209-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1736962_247092-P3QD0I-209-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1736962_247092-P3QD0I-209-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1736962_247092-P3QD0I-209-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1736962_247092-P3QD0I-209-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1736962_247092-P3QD0I-209.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Nicht nur sehen Babys mit ihren großen Augen, dicken Wangen und kleinen Händchen und Füßchen süß aus – auch ihr Geruch und ihr Lachen sind zum Dahinschmelzen [1]! fMRI-Studien zeigten, dass der einzigartige Geruch von Babys eine starke Gehirnaktivität in den Arealen verursachte, die mit Freude und Belohnung in Verbindung stehen [16]. Mit all unseren Sinnen schaffen es Babys, dass wir ihnen schneller verfallen als einer Packung Schokolade am Samstagabend!</p> <p>Zwischen den eigenen und fremden Babys scheint es jedoch Unterschiede in der Wahrnehmung zu geben. Studien fanden, dass Mütter (überraschenderweise) ihre eigenen Babys süßer fanden und man auch eine verstärkte Gehirnaktivität im <strong>mesolimbischen Belohnungszentrum</strong> fand [8]. Doch verglichen mit Erwachsenengesichtern lösten selbst fremde Kindergesichter eine schnellere neuronale Aktivität hervor [1], [15]! Natürlich findet man die eigenen Babys besonders süß, jedoch scheint unser Gehirn auch auf fremde Babys zu reagieren und das Belohnungssystem anzuschalten!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36043502_8330297.jpg"><img alt="Fürsorgemotivation" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36043502_8330297-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36043502_8330297-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36043502_8330297-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36043502_8330297-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36043502_8330297-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36043502_8330297-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36043502_8330297.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Diese uralten neurologisch verankerten Instinkte waren vermutlich damals und sind auch heute noch dafür wichtig, die Komplexitäten der Elternschaft zu überwinden und stets für das Wohlsein des Kindes zu sorgen. Niedlichkeit kann also durchaus als biologische Strategie verstanden werden, die sich bewährt hat! Die Evolution hat dazu geführt, dass niedliche Babys wahrscheinlicher überlebten, weil es zu Verhaltensänderungen der Eltern führt. </p> <p> Ihr seht also: Babys lösen in unserem Gehirn <strong>emotionale Ekstase</strong> aus! Aber was genau macht ein Baby eigentlich so niedlich?</p> <h3 id="h-verfuhrt-vom-kindchenschema">Verführt vom Kindchenschema</h3> <p>Es kann tatsächlich gut definiert werden, was die meisten Menschen als niedlich empfinden. Bereits 1943 hat der Biologe <strong>Konrad Lorenz</strong> beobachtet, dass Tierbabys verschiedener Arten bestimmte äußerliche Charakteristiken haben, die als süß empfunden werden, und nannte dies das „<strong>Kindchenschema</strong>“ [7]. Diese Merkmale sind unter anderem große Augen, ein großer Kopf im Vergleich zum Rest des Körpers, füllige Wangen und eher kürzere Extremitäten. Lorenz vermutete schon damals, dass Babys mit diesen Eigenschaften mehr elterliche Fürsorge erhielten [10]. Er behauptete, dass die Unwiderstehlichkeit, zum Kindchenschema hingezogen zu werden, angeborene, tief verankerte Prozesse in uns sind.</p> <p>Sobald wir ein süßes Baby sehen, erkennen wir sofort die Kindchenschema-Merkmale. Daraufhin werden ganz bestimmte Bereiche des Gehirns rund um Emotionen, Aufmerksamkeit und Empathie aktiv [13]! In der <strong>Amygdala</strong>, dem emotionalen Zentrum unseres Gehirns, und dem <strong>Nucleus Accumbens </strong>wird der Gesichtsreiz emotional verarbeitet und als positiver Reiz codiert. Der Nucleus Accumbens ist Teil des <strong>mesolimbischen Belohnungssystem</strong> und beim Betrachten von Babybildern besonders aktiv [9]. Wenn wir Babys anschauen, wird das Belohnungssystem aktiviert, Glückshormone werden ausgeschüttet und unsere Aufmerksamkeit wird auf das Baby gelenkt [12]! So schaffen sie es, dass wir uns glücklich und emotional berührt fühlen, wenn wir Babys anschauen [14].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-31-2026-06_20_28-PM.png"><img alt="Das Kindchenschema (Konrad Lorenz)" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-31-2026-06_20_28-PM-1024x683.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-31-2026-06_20_28-PM-1024x683.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-31-2026-06_20_28-PM-300x200.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-31-2026-06_20_28-PM-768x512.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-31-2026-06_20_28-PM.png 1536w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Generell scheint es so zu sein: Je prägnanter die Kindchenschema-Eigenschaften eines Babys, desto stärker die neuronalen Aktivitäten des Belohnungssystems [15]. Wissenschaftler fanden in einer MRT-Studie heraus, dass Fotos von Babys, die digital nach dem Kindchenschema mit dickeren Wangen und größeren Augen versehen wurden, das Belohnungssystem stärker aktivierten als nicht-bearbeitete Kindergesichter [4].</p> <p>Wie ihr aber bestimmt auch wisst, empfinden wir diese Niedlichkeit auch nicht nur menschlichen Babys gegenüber, sondern auch tierischen Babys! Die Wissenschaft bestätigt diese Empfindung: Tier- und Menschenbabys mit Kindchenschema-Charakteristiken werden als niedlicher angesehen im Vergleich zu älteren Babys oder erwachsenen Menschen [4], [11], [12]. Unser Gehirn scheint erstaunlicherweise nur schlecht zwischen den Niedlichkeitsmerkmalen von menschlichen und tierischen Babys zu unterscheiden [1]. Daher empfinden wir auch (bei manchen Menschen sogar besonders) Tierbabys ebenfalls als besonders süß, knuddelig und niedlich! Oder wer von euch ist beim Anblick von herumtapsenden Hundewelpen noch nicht dahingeschmolzen?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7872426_3760838-1-scaled.jpg"><img alt="süße Tierbabys" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7872426_3760838-1-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7872426_3760838-1-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7872426_3760838-1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7872426_3760838-1-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7872426_3760838-1-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/7872426_3760838-1-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <h3 id="h-von-emotionaler-ekstase-zu-aggression">Von emotionaler Ekstase zu Aggression?</h3> <p>Stellt euch einmal ganz deutlich die süßeste kleine Babykatze vor. Kennt ihr das Gefühl, den Drang zu verspüren, die kleine Babykatze drücken, kneifen, quetschen oder sogar beißen zu wollen – einfach, weil sie so niedlich ist? Dabei ist aber wichtig zu betonen, dass man dem Tier keinen Schaden zufügen möchte: Es geht um das Gefühl an sich, das Tier zu knuddeln und zu drücken! Dieses Gefühl kennen tatsächlich mehr Menschen, als man denkt. Aber wie kommt es dazu?</p> <p>Zu starke Niedlichkeit kann sich bei manchen Leuten in aggressiven Gefühlen zeigen. Das Bedürfnis, etwas „zu Tode zu knuddeln“ ist kein Kontrollverlust, sondern ein Mechanismus des Gehirns, mit überwältigender Niedlichkeit umzugehen [17]. Dieses Phänomen, dass man sehr niedliche Tiere drücken und beißen möchte, ohne die Tiere zu verletzen, nennt sich „<strong>Cute Aggression</strong>“ [18]. </p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/LMy5vuwNWUU?feature=oembed&amp;rel=0" title="🐱Adorable Cuteness Aggression🐱| Wild &amp; Whiskers" width="562"></iframe> </p></figure> <p>Eine der zurzeit bekanntesten Studien zu dem Thema von 2018 untersuchte 54 Teilnehmer, die Bilder von süßen Babys, weniger süßen Babys, süßen Tierbabys und weniger süßen (erwachsenen) Tierbabys beurteilten. Ergebnisse zeigten, dass</p> <ul> <li>46 % der Teilnehmer die Aussage „<em>Es ist so süß, ich möchte es kneifen!</em>“, </li> <li>64 % auf „<em>Es ist so süß, ich möchte es drücken!</em>“ und </li> <li>28 % auf „<em>Es ist so süß, ich möchte es beißen!</em>“ </li> </ul> <p>mit „ja“ beantworteten [18]. Offiziell gibt es leider keine Daten, wie viele Menschen das Gefühl von „Cute Aggression“ schonmal erlebt haben, doch wenn man sich die Studienergebnisse und die Häufigkeit der Social Media Videos dazu anschaut, dann lautet die Antwort vermutlich „mehr als man denken würde“.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/423537201_765319e9-1739-429e-96bb-00a0b3111db1-scaled.jpg"><img alt="dimorphe Expressionen" decoding="async" height="853" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/423537201_765319e9-1739-429e-96bb-00a0b3111db1-1024x853.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/423537201_765319e9-1739-429e-96bb-00a0b3111db1-1024x853.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/423537201_765319e9-1739-429e-96bb-00a0b3111db1-300x250.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/423537201_765319e9-1739-429e-96bb-00a0b3111db1-768x640.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/423537201_765319e9-1739-429e-96bb-00a0b3111db1-1536x1280.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/423537201_765319e9-1739-429e-96bb-00a0b3111db1-2048x1707.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>In Studien zeigte sich, dass Menschen oft von dem Gefühl der emotionalen Überwältigung (“<strong>Cuteness-Overload</strong>“) berichteten, wenn sie Babyfotos angeschaut haben [18]. Der Körper versucht, der Gefühlsflut entgegenzuwirken, was sich paradoxerweise in Gefühlen von Aggression ausdrücken kann. Es ist, als wolle unser Gehirn uns vor der Niedlichkeit schützen und sendet Puffer-Gefühle, damit wir nicht “vor Niedlichkeit schmelzen” [19]!</p> <p>Dahinter steckt vermutlich eine sogenannte <strong>dimorphe Expression</strong> von Gefühlen: Das bedeutet, dass die empfundenen Gefühle nicht mit den äußerlichen Verhaltensweisen übereinstimmen. Man empfindet eine Emotion extrem stark (z. B. Glück, weil ein Babytierchen so süß ist), jedoch spiegelt die Reaktion die entgegengesetzte Emotion wider („man will das Tierchen quetschen“)! Wissenschaftler vermuten, dass durch diese Emotionsregulation weiterhin gewährleistet wurde, dass man sich damals um die Babys kümmern konnte, anstatt sie nur vor Entzücken anzuschauen und dabei das Füttern zu vergessen.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/64836163_9525558.jpg"><img alt="Gehirn in love" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/64836163_9525558-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/64836163_9525558-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/64836163_9525558-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/64836163_9525558-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/64836163_9525558-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/64836163_9525558-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/64836163_9525558.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Doch nicht nur Menschen- und Tierbabys versetzen uns in emotionale Ekstase: Auch erwachsene Menschen, besonders unsere Liebsten, können so starke Emotionen hervorrufen, dass man auch bei ihnen eine Art von Cute Aggression verspürt. Einigen ist es beispielsweise nicht unbekannt, den Partner beißen zu wollen, ohne der Person wehzutun. Auch diese Empfindung kann man als Verhaltensweise verstehen, mit den überwältigenden Liebesgefühlen umzugehen. Wenn man Cute Aggression erlebt, ist das jedoch nichts Negatives. Man vermutet, dass es darauf hindeutet, Gefühle sehr stark wahrzunehmen, was sich dann bei süßen Tierchen (oder auch dem Liebsten) besonders intensiv äußert [17]. </p> <h3 id="h-vorsicht-zu-suss">Vorsicht! Zu süß!</h3> <p>Es gibt diverse Beispiele in unserem Alltag, wo uns Niedlichkeit begegnet: Dabei spreche ich aber nicht nur von süßen Rauhaardackeln in der Fußgängerzone. Niedlichkeit finden wir in Form von süßen Tierbildern auf Pflastern für Kinder, Maskottchen bei Sportevents oder süßen Avataren, die Schulbücher und Lern-Apps motivierender gestalten. Selbst Mülleimer in der Öffentlichkeit sind ab und zu extra süß gestaltet, damit wir den Müll korrekter trennen [20].</p> <p>Eine groß angelegte Studie mit dem treffenden Titel „Too sweet to eat“ (zu süß, um es zu essen) fand heraus, dass weniger Fleischprodukte gekauft wurden, wenn die Produkte mit süßen Bildern der Tiere versehen waren [21]. Die Empathie den Tieren gegenüber sorgte dafür, dass die Produkte weniger oft gekauft wurden, weil wir durch die Bilder emotional angesprochen wurden! Richtig genutzt kann unsere “Anfälligkeit” für süße Dinge sehr schlau genutzt werden, doch leider kann es auch in die andere Richtung gehen:</p> <p>Niedlichkeit angelt sich unsere Aufmerksamkeit wie sonst kaum etwas, und das wird teilweise ausgenutzt. Da süße Dinge unsere Empathie steigern, können diese auch in Werbungskontexten oder auch von Organisationen verwendet werden, um uns zu Käufen, Teilnahmen oder Spenden zu bewegen [14]. Niedliche Produktgestaltung senkt psychologische Distanz, die Produkte wirken süß und freundlich und die Hemmschwelle zum Kaufen sinkt. Auch Apps rund um Social Media nutzen besonders süßen (Tier-)Baby-Inhalt, um uns möglichst lange auf der App zu halten. Eine Studie von 2024 fand heraus, dass 98,5 % der über 3000 Teilnehmer der Studie schon einmal Tiervideos angezeigt bekommen haben [23]. Wenn man online nach „süßen Babys“ sucht, tauchen nur selten Videos mit weniger als mehreren Millionen Aufrufen auf! Ein aktueller Trend geht sogar so weit, dass Tierbabys beabsichtigt in einer vermeintlich gefährlichen Situation gezeigt werden, damit die Videoersteller sich als Held inszenieren und so Likes generiert werden.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1086639_109679-ONLTOM-501.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1086639_109679-ONLTOM-501-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1086639_109679-ONLTOM-501-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1086639_109679-ONLTOM-501-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1086639_109679-ONLTOM-501-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1086639_109679-ONLTOM-501-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1086639_109679-ONLTOM-501-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/1086639_109679-ONLTOM-501.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Im Laufe der Domestizierung haben besonders Haustiere immer öfter ein jugendhafteres Aussehen. Selbst ausgewachsene Tiere sollen, wenn möglich, so süß aussehen wie noch im Baby-Alter. Daher werden Haustiere oft gezielt gezüchtet, um genau diese süßen Eigenschaften zu behalten, denen wir so leicht verfallen: flauschig, kleine Beinchen, große Augen, die uns zum Kauf verleiten. Dieses Vorgehen ist aus ethischer und tierwohlbezogener Perspektive äußerst kritisch zu bewerten, da es um die Wünsche der Menschen und weniger um das Tierwohl geht [14], [22]. Man sollte daher stets reflektiert bleiben, wozu Niedlichkeit uns unterbewusst leiten kann und der Unwiderstehlichkeit nicht immer blind verfallen.</p> <h3 id="h-fazit">Fazit</h3> <p>Dass wir Babys, egal ob menschliche oder tierische, so niedlich finden, hat einen starken evolutionären Hintergrund. Niedliche Babys haben Kindchenschema-Eigenschaften, die besonders unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen – Prozesse, die tief im Gehirn verankert sind und sowohl damals wie auch noch heute die Fürsorge für das Baby erhöhen. Cute Aggression beschreibt das Bedürfnis, Babys dolle knuddeln und drücken zu wollen, ohne ihnen Schaden zuzufügen. Dieses Erlebnis ist vermutlich der Emotionsregulation unseres Gehirns geschuldet.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/403265678_3700b7b6-e5bc-4cf2-8d11-632c2d587889.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 719px) 100vw, 719px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/403265678_3700b7b6-e5bc-4cf2-8d11-632c2d587889-719x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/403265678_3700b7b6-e5bc-4cf2-8d11-632c2d587889-719x1024.jpg 719w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/403265678_3700b7b6-e5bc-4cf2-8d11-632c2d587889-211x300.jpg 211w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/403265678_3700b7b6-e5bc-4cf2-8d11-632c2d587889-768x1095.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/403265678_3700b7b6-e5bc-4cf2-8d11-632c2d587889-1078x1536.jpg 1078w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/403265678_3700b7b6-e5bc-4cf2-8d11-632c2d587889-1437x2048.jpg 1437w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/403265678_3700b7b6-e5bc-4cf2-8d11-632c2d587889.jpg 1703w" width="719"></img></a></figure></div> <p>Niedlichkeit hat Auswirkungen auf unsere Wahrnehmung, Emotionen und auch auf unser Konsumverhalten. Niedliche Dinge können uns bewusst oder auch unbewusst beeinflussen – mit potenziell positiven oder auch problematischen Konsequenzen. Also lasst euch von Niedlichkeit nicht in die Irre führen: Wenn ihr das nächste Mal im Supermarkt die Milchpackung mit den großen Kulleraugen einer süßen Kuh in der Hand habt und man das Tierwohl unterstützen will, dann wäre man besser beraten, auf das Haltungsstufen-Symbol zu achten als auf das niedliche Tierfoto.</p> <p>Trotz möglicher Schattenseiten bleibt Niedlichkeit jedoch ein mitreißendes und wertvolles Empfinden, was uns glücklich macht! Daher viel Freude mit dem folgenden Video (sind zwar keine Rauhaardackel, aber trotzdem sind die Kleinen zuckersüß):</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/C3qHZk1VWFk?feature=oembed&amp;rel=0" title="Puppies Meet Baby Animals" width="666"></iframe> </p></figure> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <p>[1]          M. L. Kringelbach, E. A. Stark, C. Alexander, M. H. Bornstein, and A. Stein, ‘On Cuteness: Unlocking the Parental Brain and Beyond’, <em>Trends Cogn. Sci.</em>, vol. 20, no. 7, pp. 545–558, Jul. 2016, doi: 10.1016/j.tics.2016.05.003.</p> <p>[2]          admin, ‘Flauschige Manipulation: Was Welpenbilder im Gehirn auslösen’, National Geographic. Accessed: Jan. 21, 2026. [Online]. Available: https://nationalgeographic.de/tiere/2020/01/flauschige-manipulation-was-welpenbilder-im-gehirn-ausloesen/</p> <p>[3]          G. D. Sherman, J. Haidt, and J. A. Coan, ‘Viewing cute images increases behavioral carefulness’, <em>Emotion</em>, vol. 9, no. 2, pp. 282–286, 2009, doi: 10.1037/a0014904.</p> <p>[4]          M. L. Glocker <em>et al.</em>, ‘Baby schema modulates the brain reward system in nulliparous women’, <em>Proc. Natl. Acad. Sci.</em>, vol. 106, no. 22, pp. 9115–9119, Jun. 2009, doi: 10.1073/pnas.0811620106.</p> <p>[5]          M. L. Glocker, D. D. Langleben, K. Ruparel, J. W. Loughead, R. C. Gur, and N. Sachser, ‘Baby Schema in Infant Faces Induces Cuteness Perception and Motivation for Caretaking in Adults’, <em>Ethol. Former. Z. Tierpsychol.</em>, vol. 115, no. 3, pp. 257–263, Mar. 2009, doi: 10.1111/j.1439-0310.2008.01603.x.</p> <p>[6]          Y. C. Jia <em>et al.</em>, ‘Adults’ responses to infant faces: Neutral infant facial expressions elicit the strongest baby schema effect’, <em>Q. J. Exp. </em><em>Psychol.</em>, vol. 74, no. 5, pp. 853–871, May 2021, doi: 10.1177/1747021820981862.</p> <p>[7]          K. Lorenz, ‘Die angeborenen Formen möglicher Erfahrung’, <em>Z. Für Tierpsychol.</em>, vol. 5, no. 2, pp. 235–409, 1943, doi: 10.1111/j.1439-0310.1943.tb00655.x.</p> <p>[8]          J. E. Swain, J. P. Lorberbaum, S. Kose, and L. Strathearn, ‘Brain basis of early parent–infant interactions: psychology, physiology, and in vivo functional neuroimaging studies’, <em>J. Child Psychol. Psychiatry</em>, vol. 48, no. 3–4, pp. 262–287, 2007, doi: 10.1111/j.1469-7610.2007.01731.x.</p> <p>[9]          A. M. Proverbio, F. Riva, A. Zani, and E. Martin, ‘Is It a Baby? Perceived Age Affects Brain Processing of Faces Differently in Women and Men’, <em>J. Cogn. Neurosci.</em>, vol. 23, no. 11, pp. 3197–3208, Nov. 2011, doi: 10.1162/jocn_a_00041.</p> <p>[10]       J. P. Dale, <em>Irresistible: How Cuteness Wired our Brains and Conquered the World</em>. Profile Books, 2023.</p> <p>[11]       M. Borgi, I. Cogliati-Dezza, V. Brelsford, K. Meints, and F. Cirulli, ‘Baby schema in human and animal faces induces cuteness perception and gaze allocation in children’, <em>Front. Psychol.</em>, vol. 5, p. 411, 2014, doi: 10.3389/fpsyg.2014.00411.</p> <p>[12]       H. Nittono, M. Fukushima, A. Yano, and H. Moriya, ‘The Power of Kawaii: Viewing Cute Images Promotes a Careful Behavior and Narrows Attentional Focus’, <em>PLOS ONE</em>, vol. 7, no. 9, p. e46362, Sep. 2012, doi: 10.1371/journal.pone.0046362.</p> <p>[13]       L. Luo <em>et al.</em>, ‘Neural systems and hormones mediating attraction to infant and child faces’, <em>Front. Psychol.</em>, vol. 6, p. 970, 2015, doi: 10.3389/fpsyg.2015.00970.</p> <p>[14]       A. Stein, E. Stark, and M. L. Kringelbach, ‘How cute things hijack our brains and drive behaviour’, The Conversation. Accessed: Jan. 22, 2026. [Online]. Available: http://theconversation.com/how-cute-things-hijack-our-brains-and-drive-behaviour-61942</p> <p>[15]       Z. Zhang and J. Zhou, ‘Cognitive and Neurological Mechanisms of Cuteness Perception: A New Perspective on Moral Education’, <em>Mind Brain Educ.</em>, vol. 14, no. 3, pp. 209–219, 2020, doi: 10.1111/mbe.12252.</p> <p>[16]       L. Schäfer <em>et al.</em>, ‘The scent of cuteness—neural signatures of infant body odors’, <em>Soc. Cogn. Affect. Neurosci.</em>, vol. 19, no. 1, p. nsae038, Jul. 2024, doi: 10.1093/scan/nsae038.</p> <p>[17]       ‘Cute aggression: why you might want to squash every adorable thing you see’, UNSW Sites. Accessed: Jan. 31, 2026. [Online]. Available: https://www.unsw.edu.au/newsroom/news/2024/02/cute-aggression-why-you-might-want-to-squash-every-adorable-thing-you-see</p> <p>[18]       K. K. M. Stavropoulos and L. A. Alba, ‘“It’s so Cute I Could Crush It!”: Understanding Neural Mechanisms of Cute Aggression’, <em>Front. Behav. Neurosci.</em>, vol. 12, Dec. 2018, doi: 10.3389/fnbeh.2018.00300.</p> <p>[19]       O. R. Aragón, M. S. Clark, R. L. Dyer, and J. A. Bargh, ‘Dimorphous Expressions of Positive Emotion: Displays of Both Care and Aggression in Response to Cute Stimuli’, <em>Psychol. Sci.</em>, vol. 26, no. 3, pp. 259–273, Mar. 2015, doi: 10.1177/0956797614561044.</p> <p>[20]       F. Tan, T. Kuang, D. Yang, Z. Jia, R. Li, and L. Wang, ‘The higher the cuteness the more it inspires garbage sorting intention?’, <em>J. Clean. Prod.</em>, vol. 426, p. 139047, Nov. 2023, doi: 10.1016/j.jclepro.2023.139047.</p> <p>[21]       J. H. Zickfeld, J. R. Kunst, and S. M. Hohle, ‘Too sweet to eat: Exploring the effects of cuteness on meat consumption’, <em>Appetite</em>, vol. 120, pp. 181–195, Jan. 2018, doi: 10.1016/j.appet.2017.08.038.</p> <p>[22]       C. Rusbridge, ‘DOG BREEDING PRACTICES MUST CHANGE: Welfare cost of cuteness: BRIEFING FOR POLICYMAKERS’, May 2024, doi: 10.13140/RG.2.2.12316.81284.</p> <p>[23]       A. Stumpf, S. Herbrandt, L. Betting, N. Kemper, and M. Fels, ‘Societal Perception of Animal Videos on Social Media—Funny Content or Animal Suffering? A Survey’, <em>Animals</em>, vol. 14, no. 15, p. 2234, Jan. 2024, doi: 10.3390/ani14152234.</p> <h3 id="h-bildquellen">Bildquellen</h3> <ul> <li>Titelbild: generiert mit Chat GPT 5.1</li> <li>Abbildung 1: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/handgezeichnete-cartoon-dackel-illustration_45191924.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=21&amp;uuid=646f0b72-4ce7-4a45-822f-50f922fda101&amp;query=dackel">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 2: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/gezeichnete-art-der-babysammlung-in-der-hand_1736962.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=35&amp;uuid=97b1fd65-5f12-4630-bf44-023f5c915b83&amp;query=babys">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 3: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/palaeolithische-lebensillustration-des-flachen-designs_36043502.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=10&amp;uuid=1b75ecfc-4796-4c23-9e6c-5bb61b46a9e9&amp;query=parents+baby+stone+age">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 4: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/sammlung-verschiedener-haustiere_7872426.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=8&amp;uuid=306434d4-c71b-4d65-ac2a-ffe552808209&amp;query=small+animal">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 5: generiert mit Chat GPT 5.1</li> <li>Abbildung 6: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/mann-der-eine-laechelnde-maske-haelt-die-emotionen-verdeckt_423537201.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=2&amp;uuid=9d893811-0507-4992-ba78-5c571fa986c0&amp;query=emotion+happy+angry">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 7: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/flache-illustration-fuer-das-bewusstsein-fuer-den-welttag-der-psychischen-gesundheit_64836163.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=9a94cd71-d0e7-442f-9b90-69a0bba05da8&amp;query=brain+in+love">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 8: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/set-von-flachen-hunden_1086639.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=19&amp;uuid=5a256074-06fc-43c8-9d49-8a415106befd&amp;query=dog+breeds+cute">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 9: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/milch-in-kartonverpackung-mit-kawaii-tier_403265678.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=7&amp;uuid=f6cc282b-9020-4b68-a2c0-75b5454ab2ac&amp;query=milk+carton">Bildquelle</a></li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/suess-suesser-babys-wie-beeinflusst-niedlichkeit-unser-verhalten/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Wovor sie Angst haben https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/wovor-sie-angst-haben/ https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/wovor-sie-angst-haben/#comments Sun, 22 Feb 2026 20:34:46 +0000 Thomas Grüter https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/?p=1786 https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference1-768x432.jpg KI-Bild: Konferenz über globale Risiken https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/wovor-sie-angst-haben/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference1.jpg" /><h1>Global Risks Report: Expertenmeinungen analysiert » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Das Weltwirtschaftsforum in Genf fragt einmal im Jahr mehr als tausend Experten, welche globalen Risiken ihnen die schlimmsten Kopfschmerzen bereiten. Vom Gruselfaktor einmal abgesehen – lernen wir daraus irgendwas?</b></p> <p>Die meisten von uns kennen das Weltwirtschaftsforum (World Ecomonic Forum – WEF) als ein internationales Spektakel, die jedes Jahr im Januar oder Februar im schweizerischen Davos stattfindet. Von seinem bescheidenen Beginn im Jahre 1971 wuchs das Treffen zu einer Mammutveranstaltung heran, an der <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/574556/weltwirtschaftsforum-i">in diesem Jahr vom 19.1. bis 23.1. fast 3000 Führungskräfte</a> aus Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft teilnahmen, darunter 65 Staats- und Regierungschefs. Die Weltpresse – <a href="https://www.weforum.org/meetings/world-economic-forum-annual-meeting-2026/media/">ebenfalls zahlreich vertreten</a> – berichtete ausführlich. </p> <p>Der französische Präsident Emmanuel Macron trug eine markante Sonnenbrille, der kanadische Premierminister Mark Carney hielt eine bemerkenswerte Rede, der deutsche Kanzler Friedrich <a href="https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/weltwirtschaftsforum-davos-kanzler-2403596">Merz sah im neuen Zeitalter der Großmächte</a> einen rauen Wind wehen und regte an, auf eigene Stärke zu setzen. Donald Trump schwadronierte über dieses und jenes, erklärte aber immerhin eindeutig, Grönland nicht mit Gewalt einnehmen zu wollen. Das beruhigte nicht nur die Dänen.</p> <p>Hinter den Veranstaltungen steht eine Schweizer Stiftung gleichen Namens. Wegen der hohen Beiträge der großen Mitgliedsfirmen verfügt sie über einen Jahresetat von <a href="https://www.weforum.org/publications/annual-report-2024-2025/financial-statements-cc95a37d0e/">ca. 500 Millionen Euro</a> und beschäftigt rund 1000 Mitarbeiter. Sie hat sich auf die Fahnen geschrieben, einmal im Jahr die Führungspersönlichkeiten der Welt zusammenzubringen, um die dringendsten Probleme der Welt zu diskutieren oder zu lösen. Die von der Stiftung organisierten „Communities“ sollen dann daran arbeiten, zündende Ideen tatsächlich umzusetzen.<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a></p> <h3>Der <i>Global Risks Report</i></h3> <p>Im Vorfeld der Treffen erstellt die Stiftung einen „Global Risks Report“. Die aktuelle Ausgabe ist die einundzwanzigste ihrer Art. Die Veränderung der Risikowahrnehmung über die Jahrzehnte ergibt genug Stoff für eine Masterarbeit ergeben. Deshalb habe mir für diesen Blogpost nur die letzten vier Reports (also <a href="https://www.weforum.org/publications/global-risks-report-2023/">2023</a>, <a href="https://www.weforum.org/publications/global-risks-report-2024/">2024</a>, <a href="https://www.weforum.org/publications/global-risks-report-2025/">2025</a> und <a href="https://www.weforum.org/publications/global-risks-report-2026/">2026</a>) näher angesehen.<aside></aside></p> <p>Die Stiftung verschickt jedes Jahr zwischen 1200 und 1500 Fragebögen an „Experten“ aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Alle Risiken sind vordefiniert, die Teilnehmer sollen sie nur einschätzen, und zwar auf einer Skala von 1 bis 7<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>. Dabei sollen sie zwei Zeithorizonte bewerten: zwei Jahre und zehn Jahre. Dieses enge Korsett lässt wenig Raum für differenzierte Urteile. Kreuzwirkungen oder Abhängigkeiten lassen sich so nicht erfassen. Die Vorgabe für die Risiken passt das WEF jedes Jahr an.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1789" id="attachment_1789"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2.jpg"><img alt="KI-Bild: Globale Risiken." decoding="async" height="480" sizes="(max-width: 480px) 100vw, 480px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2.jpg 1024w" width="480"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1789">Debatte über globale Risiken. KI-generiertes Symbolbild.</figcaption></figure> <p>So fehlen in den letzten beiden Risks Reports die Punkte: „Misserfolge bei der Eindämmung des Klimawandels“ und „Misserfolge bei der Anpassung an den Klimawandel“. Der Report hat also in den Jahren 2025 und 2026 nicht mehr erfasst, ob sich jemand darum Sorgen macht, warum auch immer.</p> <h3>Wer sind die „Experten?</h3> <p>Leider gibt das WEF nicht an, wie es die „Experten“ auswählt. Schickt es den Fragebogen an die Chefs mit der Bitte, sie an einen geeigneten Mitarbeiter weiterzuleiten? Wer immer die Fragebögen ausfüllt, müsste Umweltrisiken ebenso zuverlässig bewerten wie gesellschaftliche und technische Gefahren (Kategorien siehe Tabelle 1).</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1791" id="attachment_1791"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF.png"><img alt="Tabelle Kategorien" decoding="async" height="226" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF-1024x347.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF-1024x347.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF-300x102.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF-768x260.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF.png 1197w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1791">Kategorien der Risiken, die das WEF abfragt.</figcaption></figure> <p>Die Bezeichnung „Fachmann“ oder „Experte“ ist nicht geschützt, sie verlangt keine Ausbildung, keine Prüfung und keine Praxis. Die Autoren der Risks Reports geben keine Auskunft darüber, welche Qualifikationen sie von den Teilnehmern der Befragung erwarten und wie sie das überprüfen. Bei den meisten Befragten beruht die Beurteilung der Risiken wohl eher auf einem Bauchgefühl, nicht auf echtem Wissen. Mit Straßeninterviews würde man vermutlich ein ähnlich fundiertes Meinungsbild erfassen<a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a>.</p> <p>Übrigens verteilt das WEF die meisten Fragebögen (ca. 65 bis 70 Prozent) in Europa und Nordamerika, was zu einer weiteren Verzerrung führt.</p> <p>Als wissenschaftliche Studie würde der Risks Report deshalb kaum durchgehen. Als repräsentative Umfrage übrigens auch nicht, denn es ist unklar, wen die befragte Stichprobe repräsentieren soll.</p> <p>Vorsicht ist also angebracht.</p> <h3>Die Ergebnisse im Einzelnen</h3> <p>Wenn man den Hintergrund berücksichtigt, liefern die Reports trotz aller Mängel wertvolle Informationen.</p> <ol> <li>Die Eliten sind verunsichert und rüsten sich für schweres Fahrwasser. Auf die allgemeine Frage, ob sie eher ruhige oder turbulente Zeiten erwarten, verschobenen sich die Antworten zwischen 2023 und 2026 immer mehr in Richtung „turbulent“, und zwar nicht nur kurzfristig, sondern auch auf Sicht von zehn Jahren.</li> <li>Umweltfaktoren wie „Extremwetter“, „Kollaps der Ökosysteme“ oder „Kritische globale Umweltveränderungen“ erhalten seit Jahren die höchsten Werte (ca. 6 von 7) unter den langfristigen Risiken. Sind die Fachleute also besonders umweltbewusst? Eher nicht. Extremwetter kommt jedes Jahr vor. Also <i>wird</i> es in den nächsten zehn Jahren ein katastrophales Ereignis geben. Die globale Erwärmung verläuft so schnell wie nie zuvor, also <i>werden</i> kritische Umweltveränderungen eintreten. Ökosysteme <i>werden</i> zusammenbrechen, irgendwo, irgendwann.</li> <li>Die Einschätzung kurzfristiger Risiken (2 Jahre) ändert sich von Jahr zu Jahr, je nachdem welche Probleme die Welt gerade hat. Die Befragten extrapolieren einfach aktuelle Probleme auf die nahe Zukunft, etwa nach dem Motto: Wenn es heute regnet, wird es morgen wohl auch regnen.</li> <li>Die Teilnehmer der Befragung platzieren fast alle Risiken in den Bereich zwischen 4 und 5,5 auf der siebenteiligen Skala. Die WEF gibt leider keine Streuung an, so das man nicht sehen kann, wie weit die Einzelnen auseinanderliegen. Im Grunde läuft es darauf heraus, dass sich die befragten Experten von dutzenden Gefahren umstellt sehen, die sie für gleichermaßen schlimm halten. Für den Alltag einzelner Menschen spielen globale Gefahren keine Rolle, wenn man nicht gerade Regierungschef eines großen Landes oder CEO eines multinationalen Konzerns ist. Die Bewertung wird sich also kaum auf alltägliche Entscheidungen auswirken.</li> <li>In den letzten Jahren sorgen sich die Befragten immer stärker um den Zusammenhalt der Gesellschaft. Desinformation, gesellschaftliche Polarisierung und weltwirtschaftliche Konfrontation dringen in ihren Alltag ein, und das nicht nur auf einer theoretischen Ebene. <br></br>Donald Trump verkörpert diese Verunsicherung wie kein zweiter. Er regiert nach der Art eines launischen Autokraten, Recht interessiert ihn nicht. Der Schweiz habe er 39 % Zoll aufgebrummt, sagte er, weil die schweizerische Bundespräsidentin ihn <a href="https://www.nytimes.com/2026/01/21/us/politics/trump-switzerland-tariffs-personal-frict">„schief angesprochen (rubbed me the wrong way)“</a> hätte. <a href="https://www.nytimes.com/2026/02/18/opinion/corruption-trump-accountability.html">Freundschaft und Loyalität wertet er höher als das Gesetz</a>. Seinen Feinden hetzt er die Justiz auf den Hals, einfach weil er sie als Feinde betrachtet, nicht weil sie gegen Gesetze verstoßen hätten. Und „Wahrheit“ ist für Trump immer das was gerade sagt, ganz gleich, ob es der Wirklichkeit entspricht oder nicht. Auch die von Firmen wie Meta und X <a href="https://www.srf.ch/news/wirtschaft/fakt-oder-fake-wie-bigtech-konzerne-an-falschinformationen-mitverdienen">kaum unterbundene Desinformation</a> in sozialen Netzen treibt den westlichen Eliten zu Recht die Sorgenfalten auf die Stirn.</li> </ol> <p>Für die westlichen Eliten ist die Zerstörung ihrer Unabhängigkeit im Alltag angekommen. Nicht umsonst stand die diesjährige Münchener Sicherheitskonferenz <a href="https://securityconference.org/publikationen/munich-security-report/2026/introduction/">unter dem Motto „Under Destruction“</a>.</p> <h3>Was ist „Ungleichheit?“</h3> <p>Interessant ist die zunehmende Wahrnehmung von „Ungleichheit“ als Risiko. Das Wort hat viele Bedeutungen. Ist die Ungleichheit innerhalb eines Staates gemeint? Die politische Ungleichheit, also das Gefühl, „abgehängt“ zu sein, die Ungleichheit der Einkommen, der Vermögen, der Bildung? Die ungleiche Verteilung von Macht, Geld, Bodenschätzen, Waffen, Einfluss in der Welt? Viele Akteure führen „Ungleichheit“ als Grund für Unzufriedenheit an und betonen das dadurch entstehende Konfliktpotenzial. In Kalifornien verlangt eine Initiative, dass alle Milliardäre einmalig 5 Prozent ihres Vermögens abgeben sollen. Der Vorstoß könnte im November bei den Zwischenwahlen in den USA zur Abstimmung gestellt werden.</p> <p>Die Initiative schreibt, dass die Milliardäre in Kalifornien zwei Billionen US$ besitzen und die Steuer deshalb 100 Milliarden US$ einbringen könne. <br></br>Wie viele Schulen und Krankenhäuser könnte man damit bauen, wie vielen Menschen helfen! Bedauerlicherweise ist das eine Fata Morgana, schließlich gelten Milliardäre zu Recht als Meister in der Kunst der Steuervermeidung. Aber es geht wohl eher ums Prinzip als ums Geld.</p> <p>Auch in Deutschland kocht die Diskussion hoch, obwohl <a href="https://www1.wdr.de/nachrichten/so-gross-ist-arm-reich-schere-in-nrw-100.html">die Ungleichheit in den letzten Jahren nicht zugenommen</a> hat.</p> <p>Vielleicht liegt es unter anderem daran, dass Milliardäre nicht mehr so unsichtbar sind wie noch vor wenigen Jahren. Einige der „Tech Bros“, der Internetmilliardäre wie Mark Zuckerberg, Elon Musk oder Peter Thiel, pumpen Millionen in die Politik, um ihre schrägen Ideen durchzusetzen. Das schafft natürlich böses Blut. Und Trumps unverhohlene Bestechlichkeit trägt auch ihren Teil dazu bei.</p> <h3>Kriege und Kriegsverdrängung</h3> <p>Was denken die vom WEF Befragten über das Kriegsrisiko? Russland hat die Ukraine überfallen und prominente Politiker aus Russland drohen auch den NATO-Staaten sehr deutlich mit Krieg bis zum Atomkrieg.</p> <p>Zu meinem Erstaunen halten die WEF-Experten bewaffnete Konflikte zwischen Staaten für ein kurzfristiges Risiko, langfristig sehen sie eher geringe Probleme. Das finde ich fahrlässig optimistisch, besonders wenn man bedenkt, dass viele der Befragten in Europa sitzen. Vielleicht verdrängen sie aber auch die Gefahr. Die Bilder aus der Ukraine sind einfach zu schrecklich.</p> <h3>Selbsterfüllende Prophezeiung</h3> <p>Die Methoden und Ergebnisse der Risks Reports sind zweifelhaft, aber die Menschen vertrauen ihm, und das verleiht ihm Einfluss.</p> <ul> <li>Wenn die Vorstände wichtiger Unternehmen glauben, dass die Elite bestimmte Risiken für bedrohlich hält, werden sie ihre Entscheidungen daran orientieren.</li> <li>Wenn Politiker aus dem Report entnehmen, welchen Sorgen sie entgegentreten müssen, dann werden sie ihre Programme anpassen.</li> <li>Wenn Wissenschaftler aus dem Report schließen, welche Ängste sie ansprechen müssen, um Fördergelder zu erhalten, dann werden sie ihre Anträge genau so formulieren.</li> <li>Wenn Journalisten lesen, welche Fehlentwicklungen sich nach Meinung von Experten verstärken werden, dann sind sie gut beraten, ihre Berichterstattung zu diesen Punkten zu verstärken.</li> </ul> <p>Der Risks Report berichtet nicht nur, welche Risiken die weltweite Elite am meisten fürchtet, sondern er bestimmt maßgeblich, wie solche Risiken wahrgenommen werden. Allein deshalb sollte man ihn ernst nehmen.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1] </a><a href="https://www.weforum.org/about/who-we-are/">In eigenen Worten:</a> <br></br>Since 1971, the World Economic Forum has stood at the intersection of geopolitics and cooperation, believing that the only viable path forward is to connect leaders across sectors, regions, ideologies and generations to make sense of global challenges and move the world forward together … <br></br>For more than five decades, the Forum has served as an impartial, globally respected platform for cooperation. Our Annual Meeting in Davos brings together leaders from across sectors and regions to address the world’s most pressing challenges, while our year-round communities — spanning industries, regions, and generations — collaborate continuously through initiatives and dialogues that turn ideas into action.</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> In den Sozialwissenschaften spricht man von einer Likert-Skala, benannt nach dem amerikanischen Sozialwissenschaftler Rensis Likert (1903 -1981). Es geht dabei um den Grad der Zustimmung zu einer vorgelegten Behauptung. Meist sind fünf oder sieben mögliche Antworten vorgesehen. (Etwa: Stimme überhaupt nicht zu, stimme nicht zu, neutral, stimme zu, stimme voll und ganz zu). Beim Fragebogen zum Global Risks Report geht um die Bewertung eines Risikos mit den Extremen „extrem gering“ und „extrem schlimm“.</p> <div id="sdendnote3"> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3] </a>Ausgewiesene Experten für globale und existenzielle Risiken gibt es aber durchaus. Hier einige Beispiele:<br></br>Der amerikanische Politikwissenschaftler Ian Bremmer beschäftigt sich seit vielen Jahren mit diesem Thema. Die von ihm gegründete Eurasia Group gibt j<a href="https://www.eurasiagroup.net/issues/top-risks-2026">edes Jahr im Januar </a>eine Liste der zehn größten politischen Risiken heraus. <br></br>Die Universität Cambridge unterhält das „<a href="https://www.cser.ac.uk/">Center for the Study of Existential Risk</a>“. Das 2012 gegründete Institut möchte sicherstellen, dass „unsere eigene Species eine langfristige Zukunft hat“. Das Robert Schuman Centre for Advanced Studies am European University Institute in Florenz gibt j<a href="https://europeangovernanceandpolitics.eui.eu/wp-content/plugins/rscas-global-risks/documents/QM-01-25-294-EN-N.pdf">ährlich einen Bericht heraus</a>, der die globalen Risiken für die EU auflistet. Die Methode ähnelt der des WEF.</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference1.jpg" /><h1>Global Risks Report: Expertenmeinungen analysiert » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Das Weltwirtschaftsforum in Genf fragt einmal im Jahr mehr als tausend Experten, welche globalen Risiken ihnen die schlimmsten Kopfschmerzen bereiten. Vom Gruselfaktor einmal abgesehen – lernen wir daraus irgendwas?</b></p> <p>Die meisten von uns kennen das Weltwirtschaftsforum (World Ecomonic Forum – WEF) als ein internationales Spektakel, die jedes Jahr im Januar oder Februar im schweizerischen Davos stattfindet. Von seinem bescheidenen Beginn im Jahre 1971 wuchs das Treffen zu einer Mammutveranstaltung heran, an der <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/574556/weltwirtschaftsforum-i">in diesem Jahr vom 19.1. bis 23.1. fast 3000 Führungskräfte</a> aus Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft teilnahmen, darunter 65 Staats- und Regierungschefs. Die Weltpresse – <a href="https://www.weforum.org/meetings/world-economic-forum-annual-meeting-2026/media/">ebenfalls zahlreich vertreten</a> – berichtete ausführlich. </p> <p>Der französische Präsident Emmanuel Macron trug eine markante Sonnenbrille, der kanadische Premierminister Mark Carney hielt eine bemerkenswerte Rede, der deutsche Kanzler Friedrich <a href="https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/weltwirtschaftsforum-davos-kanzler-2403596">Merz sah im neuen Zeitalter der Großmächte</a> einen rauen Wind wehen und regte an, auf eigene Stärke zu setzen. Donald Trump schwadronierte über dieses und jenes, erklärte aber immerhin eindeutig, Grönland nicht mit Gewalt einnehmen zu wollen. Das beruhigte nicht nur die Dänen.</p> <p>Hinter den Veranstaltungen steht eine Schweizer Stiftung gleichen Namens. Wegen der hohen Beiträge der großen Mitgliedsfirmen verfügt sie über einen Jahresetat von <a href="https://www.weforum.org/publications/annual-report-2024-2025/financial-statements-cc95a37d0e/">ca. 500 Millionen Euro</a> und beschäftigt rund 1000 Mitarbeiter. Sie hat sich auf die Fahnen geschrieben, einmal im Jahr die Führungspersönlichkeiten der Welt zusammenzubringen, um die dringendsten Probleme der Welt zu diskutieren oder zu lösen. Die von der Stiftung organisierten „Communities“ sollen dann daran arbeiten, zündende Ideen tatsächlich umzusetzen.<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a></p> <h3>Der <i>Global Risks Report</i></h3> <p>Im Vorfeld der Treffen erstellt die Stiftung einen „Global Risks Report“. Die aktuelle Ausgabe ist die einundzwanzigste ihrer Art. Die Veränderung der Risikowahrnehmung über die Jahrzehnte ergibt genug Stoff für eine Masterarbeit ergeben. Deshalb habe mir für diesen Blogpost nur die letzten vier Reports (also <a href="https://www.weforum.org/publications/global-risks-report-2023/">2023</a>, <a href="https://www.weforum.org/publications/global-risks-report-2024/">2024</a>, <a href="https://www.weforum.org/publications/global-risks-report-2025/">2025</a> und <a href="https://www.weforum.org/publications/global-risks-report-2026/">2026</a>) näher angesehen.<aside></aside></p> <p>Die Stiftung verschickt jedes Jahr zwischen 1200 und 1500 Fragebögen an „Experten“ aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Alle Risiken sind vordefiniert, die Teilnehmer sollen sie nur einschätzen, und zwar auf einer Skala von 1 bis 7<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>. Dabei sollen sie zwei Zeithorizonte bewerten: zwei Jahre und zehn Jahre. Dieses enge Korsett lässt wenig Raum für differenzierte Urteile. Kreuzwirkungen oder Abhängigkeiten lassen sich so nicht erfassen. Die Vorgabe für die Risiken passt das WEF jedes Jahr an.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1789" id="attachment_1789"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2.jpg"><img alt="KI-Bild: Globale Risiken." decoding="async" height="480" sizes="(max-width: 480px) 100vw, 480px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2.jpg 1024w" width="480"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1789">Debatte über globale Risiken. KI-generiertes Symbolbild.</figcaption></figure> <p>So fehlen in den letzten beiden Risks Reports die Punkte: „Misserfolge bei der Eindämmung des Klimawandels“ und „Misserfolge bei der Anpassung an den Klimawandel“. Der Report hat also in den Jahren 2025 und 2026 nicht mehr erfasst, ob sich jemand darum Sorgen macht, warum auch immer.</p> <h3>Wer sind die „Experten?</h3> <p>Leider gibt das WEF nicht an, wie es die „Experten“ auswählt. Schickt es den Fragebogen an die Chefs mit der Bitte, sie an einen geeigneten Mitarbeiter weiterzuleiten? Wer immer die Fragebögen ausfüllt, müsste Umweltrisiken ebenso zuverlässig bewerten wie gesellschaftliche und technische Gefahren (Kategorien siehe Tabelle 1).</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1791" id="attachment_1791"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF.png"><img alt="Tabelle Kategorien" decoding="async" height="226" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF-1024x347.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF-1024x347.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF-300x102.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF-768x260.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF.png 1197w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1791">Kategorien der Risiken, die das WEF abfragt.</figcaption></figure> <p>Die Bezeichnung „Fachmann“ oder „Experte“ ist nicht geschützt, sie verlangt keine Ausbildung, keine Prüfung und keine Praxis. Die Autoren der Risks Reports geben keine Auskunft darüber, welche Qualifikationen sie von den Teilnehmern der Befragung erwarten und wie sie das überprüfen. Bei den meisten Befragten beruht die Beurteilung der Risiken wohl eher auf einem Bauchgefühl, nicht auf echtem Wissen. Mit Straßeninterviews würde man vermutlich ein ähnlich fundiertes Meinungsbild erfassen<a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a>.</p> <p>Übrigens verteilt das WEF die meisten Fragebögen (ca. 65 bis 70 Prozent) in Europa und Nordamerika, was zu einer weiteren Verzerrung führt.</p> <p>Als wissenschaftliche Studie würde der Risks Report deshalb kaum durchgehen. Als repräsentative Umfrage übrigens auch nicht, denn es ist unklar, wen die befragte Stichprobe repräsentieren soll.</p> <p>Vorsicht ist also angebracht.</p> <h3>Die Ergebnisse im Einzelnen</h3> <p>Wenn man den Hintergrund berücksichtigt, liefern die Reports trotz aller Mängel wertvolle Informationen.</p> <ol> <li>Die Eliten sind verunsichert und rüsten sich für schweres Fahrwasser. Auf die allgemeine Frage, ob sie eher ruhige oder turbulente Zeiten erwarten, verschobenen sich die Antworten zwischen 2023 und 2026 immer mehr in Richtung „turbulent“, und zwar nicht nur kurzfristig, sondern auch auf Sicht von zehn Jahren.</li> <li>Umweltfaktoren wie „Extremwetter“, „Kollaps der Ökosysteme“ oder „Kritische globale Umweltveränderungen“ erhalten seit Jahren die höchsten Werte (ca. 6 von 7) unter den langfristigen Risiken. Sind die Fachleute also besonders umweltbewusst? Eher nicht. Extremwetter kommt jedes Jahr vor. Also <i>wird</i> es in den nächsten zehn Jahren ein katastrophales Ereignis geben. Die globale Erwärmung verläuft so schnell wie nie zuvor, also <i>werden</i> kritische Umweltveränderungen eintreten. Ökosysteme <i>werden</i> zusammenbrechen, irgendwo, irgendwann.</li> <li>Die Einschätzung kurzfristiger Risiken (2 Jahre) ändert sich von Jahr zu Jahr, je nachdem welche Probleme die Welt gerade hat. Die Befragten extrapolieren einfach aktuelle Probleme auf die nahe Zukunft, etwa nach dem Motto: Wenn es heute regnet, wird es morgen wohl auch regnen.</li> <li>Die Teilnehmer der Befragung platzieren fast alle Risiken in den Bereich zwischen 4 und 5,5 auf der siebenteiligen Skala. Die WEF gibt leider keine Streuung an, so das man nicht sehen kann, wie weit die Einzelnen auseinanderliegen. Im Grunde läuft es darauf heraus, dass sich die befragten Experten von dutzenden Gefahren umstellt sehen, die sie für gleichermaßen schlimm halten. Für den Alltag einzelner Menschen spielen globale Gefahren keine Rolle, wenn man nicht gerade Regierungschef eines großen Landes oder CEO eines multinationalen Konzerns ist. Die Bewertung wird sich also kaum auf alltägliche Entscheidungen auswirken.</li> <li>In den letzten Jahren sorgen sich die Befragten immer stärker um den Zusammenhalt der Gesellschaft. Desinformation, gesellschaftliche Polarisierung und weltwirtschaftliche Konfrontation dringen in ihren Alltag ein, und das nicht nur auf einer theoretischen Ebene. <br></br>Donald Trump verkörpert diese Verunsicherung wie kein zweiter. Er regiert nach der Art eines launischen Autokraten, Recht interessiert ihn nicht. Der Schweiz habe er 39 % Zoll aufgebrummt, sagte er, weil die schweizerische Bundespräsidentin ihn <a href="https://www.nytimes.com/2026/01/21/us/politics/trump-switzerland-tariffs-personal-frict">„schief angesprochen (rubbed me the wrong way)“</a> hätte. <a href="https://www.nytimes.com/2026/02/18/opinion/corruption-trump-accountability.html">Freundschaft und Loyalität wertet er höher als das Gesetz</a>. Seinen Feinden hetzt er die Justiz auf den Hals, einfach weil er sie als Feinde betrachtet, nicht weil sie gegen Gesetze verstoßen hätten. Und „Wahrheit“ ist für Trump immer das was gerade sagt, ganz gleich, ob es der Wirklichkeit entspricht oder nicht. Auch die von Firmen wie Meta und X <a href="https://www.srf.ch/news/wirtschaft/fakt-oder-fake-wie-bigtech-konzerne-an-falschinformationen-mitverdienen">kaum unterbundene Desinformation</a> in sozialen Netzen treibt den westlichen Eliten zu Recht die Sorgenfalten auf die Stirn.</li> </ol> <p>Für die westlichen Eliten ist die Zerstörung ihrer Unabhängigkeit im Alltag angekommen. Nicht umsonst stand die diesjährige Münchener Sicherheitskonferenz <a href="https://securityconference.org/publikationen/munich-security-report/2026/introduction/">unter dem Motto „Under Destruction“</a>.</p> <h3>Was ist „Ungleichheit?“</h3> <p>Interessant ist die zunehmende Wahrnehmung von „Ungleichheit“ als Risiko. Das Wort hat viele Bedeutungen. Ist die Ungleichheit innerhalb eines Staates gemeint? Die politische Ungleichheit, also das Gefühl, „abgehängt“ zu sein, die Ungleichheit der Einkommen, der Vermögen, der Bildung? Die ungleiche Verteilung von Macht, Geld, Bodenschätzen, Waffen, Einfluss in der Welt? Viele Akteure führen „Ungleichheit“ als Grund für Unzufriedenheit an und betonen das dadurch entstehende Konfliktpotenzial. In Kalifornien verlangt eine Initiative, dass alle Milliardäre einmalig 5 Prozent ihres Vermögens abgeben sollen. Der Vorstoß könnte im November bei den Zwischenwahlen in den USA zur Abstimmung gestellt werden.</p> <p>Die Initiative schreibt, dass die Milliardäre in Kalifornien zwei Billionen US$ besitzen und die Steuer deshalb 100 Milliarden US$ einbringen könne. <br></br>Wie viele Schulen und Krankenhäuser könnte man damit bauen, wie vielen Menschen helfen! Bedauerlicherweise ist das eine Fata Morgana, schließlich gelten Milliardäre zu Recht als Meister in der Kunst der Steuervermeidung. Aber es geht wohl eher ums Prinzip als ums Geld.</p> <p>Auch in Deutschland kocht die Diskussion hoch, obwohl <a href="https://www1.wdr.de/nachrichten/so-gross-ist-arm-reich-schere-in-nrw-100.html">die Ungleichheit in den letzten Jahren nicht zugenommen</a> hat.</p> <p>Vielleicht liegt es unter anderem daran, dass Milliardäre nicht mehr so unsichtbar sind wie noch vor wenigen Jahren. Einige der „Tech Bros“, der Internetmilliardäre wie Mark Zuckerberg, Elon Musk oder Peter Thiel, pumpen Millionen in die Politik, um ihre schrägen Ideen durchzusetzen. Das schafft natürlich böses Blut. Und Trumps unverhohlene Bestechlichkeit trägt auch ihren Teil dazu bei.</p> <h3>Kriege und Kriegsverdrängung</h3> <p>Was denken die vom WEF Befragten über das Kriegsrisiko? Russland hat die Ukraine überfallen und prominente Politiker aus Russland drohen auch den NATO-Staaten sehr deutlich mit Krieg bis zum Atomkrieg.</p> <p>Zu meinem Erstaunen halten die WEF-Experten bewaffnete Konflikte zwischen Staaten für ein kurzfristiges Risiko, langfristig sehen sie eher geringe Probleme. Das finde ich fahrlässig optimistisch, besonders wenn man bedenkt, dass viele der Befragten in Europa sitzen. Vielleicht verdrängen sie aber auch die Gefahr. Die Bilder aus der Ukraine sind einfach zu schrecklich.</p> <h3>Selbsterfüllende Prophezeiung</h3> <p>Die Methoden und Ergebnisse der Risks Reports sind zweifelhaft, aber die Menschen vertrauen ihm, und das verleiht ihm Einfluss.</p> <ul> <li>Wenn die Vorstände wichtiger Unternehmen glauben, dass die Elite bestimmte Risiken für bedrohlich hält, werden sie ihre Entscheidungen daran orientieren.</li> <li>Wenn Politiker aus dem Report entnehmen, welchen Sorgen sie entgegentreten müssen, dann werden sie ihre Programme anpassen.</li> <li>Wenn Wissenschaftler aus dem Report schließen, welche Ängste sie ansprechen müssen, um Fördergelder zu erhalten, dann werden sie ihre Anträge genau so formulieren.</li> <li>Wenn Journalisten lesen, welche Fehlentwicklungen sich nach Meinung von Experten verstärken werden, dann sind sie gut beraten, ihre Berichterstattung zu diesen Punkten zu verstärken.</li> </ul> <p>Der Risks Report berichtet nicht nur, welche Risiken die weltweite Elite am meisten fürchtet, sondern er bestimmt maßgeblich, wie solche Risiken wahrgenommen werden. Allein deshalb sollte man ihn ernst nehmen.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1] </a><a href="https://www.weforum.org/about/who-we-are/">In eigenen Worten:</a> <br></br>Since 1971, the World Economic Forum has stood at the intersection of geopolitics and cooperation, believing that the only viable path forward is to connect leaders across sectors, regions, ideologies and generations to make sense of global challenges and move the world forward together … <br></br>For more than five decades, the Forum has served as an impartial, globally respected platform for cooperation. Our Annual Meeting in Davos brings together leaders from across sectors and regions to address the world’s most pressing challenges, while our year-round communities — spanning industries, regions, and generations — collaborate continuously through initiatives and dialogues that turn ideas into action.</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> In den Sozialwissenschaften spricht man von einer Likert-Skala, benannt nach dem amerikanischen Sozialwissenschaftler Rensis Likert (1903 -1981). Es geht dabei um den Grad der Zustimmung zu einer vorgelegten Behauptung. Meist sind fünf oder sieben mögliche Antworten vorgesehen. (Etwa: Stimme überhaupt nicht zu, stimme nicht zu, neutral, stimme zu, stimme voll und ganz zu). Beim Fragebogen zum Global Risks Report geht um die Bewertung eines Risikos mit den Extremen „extrem gering“ und „extrem schlimm“.</p> <div id="sdendnote3"> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3] </a>Ausgewiesene Experten für globale und existenzielle Risiken gibt es aber durchaus. Hier einige Beispiele:<br></br>Der amerikanische Politikwissenschaftler Ian Bremmer beschäftigt sich seit vielen Jahren mit diesem Thema. Die von ihm gegründete Eurasia Group gibt j<a href="https://www.eurasiagroup.net/issues/top-risks-2026">edes Jahr im Januar </a>eine Liste der zehn größten politischen Risiken heraus. <br></br>Die Universität Cambridge unterhält das „<a href="https://www.cser.ac.uk/">Center for the Study of Existential Risk</a>“. Das 2012 gegründete Institut möchte sicherstellen, dass „unsere eigene Species eine langfristige Zukunft hat“. Das Robert Schuman Centre for Advanced Studies am European University Institute in Florenz gibt j<a href="https://europeangovernanceandpolitics.eui.eu/wp-content/plugins/rscas-global-risks/documents/QM-01-25-294-EN-N.pdf">ährlich einen Bericht heraus</a>, der die globalen Risiken für die EU auflistet. Die Methode ähnelt der des WEF.</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/wovor-sie-angst-haben/#comments 11 Sind KI-Agenten bedroht? https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/sind-ki-agenten-bedroht/ https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/sind-ki-agenten-bedroht/#comments Sun, 22 Feb 2026 16:52:40 +0000 Jaromir Konecny https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/?p=1109 https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Prompt-Schmetterling-Blog-Header-768x134.png <link>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/sind-ki-agenten-bedroht/</link> </image> <description type="html"><h1>Sind KI-Agenten bedroht? Risiken von LLM-Systemen</h1><h2>By Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>Dieser Beitrag schließt am vorletzten Beitrag in diesem Blog <a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/koennen-wir-grosse-sprachmodelle-bescheidener-machen/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Können wir Große Sprachmodelle bescheidener machen?</a> an. Beide Beiträge gibt es auch als Videos im YouTube-Kanal <a href="https://www.youtube.com/@k.i.krimis/videos" rel="noreferrer noopener" target="_blank">K.I. Krimis</a> unserer <a href="https://www.mobile-university.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">SRH Fernhochschule</a>.</p> <p>Warum sollten aber KI-Agenten bedroht sein? </p> <p>Fünf wichtige Gründe können zum Scheitern von KI-Agentensysteme führen, die feinangepasste Sprachmodelle als einzelne Agenten einsetzen. Dazu gehören auch Modelle, die auf Sprachmodellen basieren wie bildgenerierende bzw. videogenerierende KI. Nennen wir sie Gen-KI-Modelle – Modelle der Generativen KI. Wenn ich in diesem Video diese Modelle meine, sage ich Modelle. Ein Sprachmodell (LLM) ist die statistische Maschine. Ein KI-Agent ist das funktionale System, das dieses Modell bzw. diese Modelle nutzt, um autonom Ziele zu verfolgen. Die 5 Gründe ihres Scheiterns sind:</p> <ul> <li>Probabilistische Ausgaben der Modelle</li> <li>Halluzinationen und fehlendes Grounding</li> <li>Missachtung der Instruktionen</li> <li>Sycophancy bzw. Gefallsucht</li> <li>Selbstüberschätzung</li> </ul> <p>In diesem Beitrag untersuchen wir diese Risikofaktoren der Sprachmodelle. Nur die Selbstüberschätzung der Sprachmodelle behandle ich kurz: Dieses Thema habe ich bereits im oben erwähnten Beitrag <a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/koennen-wir-grosse-sprachmodelle-bescheidener-machen/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Können wir Große Sprachmodelle bescheidener machen</a> besprochen. </p> <p>Wie ernst sind die aufgelisteten Gründe? Können sie heutige KI-Agenten-Systeme tatsächlich zum Scheitern bringen? Bevor wir das ausloten, erkläre ich kurz einige Begriffe – damit alle gut mitkommen:<aside></aside></p> <h2 id="h-einfuhrung-amp-klarung-der-begriffe"><a id="_Toc209456620">Einführung &amp; Klärung der Begriffe</a></h2> <p>Die Abkürzung LLMs bedeutet Large Language Models: große Sprachmodelle auf der Basis von Deep Learning, speziell Transformer-Modelle mit dem Attention(Aufmerksamkeits)-Mechanismus. Seit ihrer Geburt im Jahr 2017 in der Jahrhundert-Studie <a href="https://arxiv.org/pdf/1706.03762" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Attention is all you need</a> von Vaswani et al. haben Transformer-Modelle die Welt der KI im Sturm erobert (dieses Paper hat nur 11 Seiten, hat jedoch die Welt grundlegend geändert. Noch jetzt bin ich stolz, dass ich vor Jahren mit Herrn Vaswani kommuniziert habe, und er mir geantwortet hat – na, ja, ich habe ihn nur gebeten, das Bild der Transformer-Architektur veröffentlichen zu dürfen 😊):</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64.png"><img alt="" decoding="async" height="558" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64-1024x558.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64-1024x558.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64-300x164.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64-768x419.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64-1536x837.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64.png 1935w" width="1024"></img></a></figure> <p>Musik spielen heute vor allem autoregressive Decoder-Only-Transformer. Sie werden zuerst an Milliarden bis Billionen Sätzen aus dem Internet “vortrainiert”, das nächste wahrscheinlichste Wort vorherzusagen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65.png"><img alt="" decoding="async" height="671" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65-1024x671.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65-1024x671.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65-300x197.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65-768x503.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65.png 1348w" width="1024"></img></a></figure> <p>Eigentlich müsste es heißen: Das wahrscheinlichste nächste Token. Ein Token entspricht einem Subwort, im Englischen oft einem Wort im Vokabular des Sprachmodells: 100 Tokens entsprechen im Englischen etwa 75 Wörtern. Im Deutschen etwa 50 Wörtern. Deutsche Wörter sind länger. </p> <h3 id="h-gpts-vortraining">GPTs – Vortraining</h3> <p>KI-Agenten-Systeme basieren vor allem auf Großen Sprachmodellen bzw. multimodalen Chatbots wie den GPT-Modellen von OpenAI. </p> <p>Diese Modelle werden wie gesagt trainiert, ein Stück Text zur vervollständigen: Die folgende Animation veranschaulicht die Autoregressivität der Sprachmodelle (das Python-Programm dafür haben Claude 4.6 Opus und ich entwickelt):</p> <figure><video controls="" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/LLMAutoregression.mp4"></video></figure> <p>Wir brauchen aber nicht unbedingt Vervollständigungsmaschinen, die nur Texte fortspinnen. (Obwohl wir damit damals, als GPT-2 veröffentlicht wurde, glücklich waren. 😊) Wir brauchen Chatbots, die mit uns sprechen, unsere Fragen beantworten und auf unsere menschlichen Werte ausgerichtet sind. Solche Chatbots sollen zu uns nett sein, nicht rassistisch oder frauenfeindlich herumpöbeln und auch nicht verbreiten, dass die Erde flach sei …</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <p>… oder Bielefeld es nicht gebe, obwohl ich dort Krapfen mit Hagebuttenmarmelade aß:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <p>Mit solchem Quatsch werden die Modelle bei ihrem Vortraining geflutet, da sie ja auch an Posts und Kommentaren in den Internetforen und Sozialen Netzwerken lernen.</p> <p>Damit wir uns nicht ständig über das Herumpöbeln der vortrainierten Modelle beschweren, werden sie durch das Finetuning auf menschliche Gespräche und Werte angepasst: </p> <h3 id="h-finetuning">Finetuning</h3> <p>Z. B. entstand ChatGPT-4 durch das Finetuning von GPT-4 (<strong>GPT</strong> – <strong>G</strong>enerative <strong>P</strong>retrained<strong> T</strong>ransformer): Das Finetuning bei diesen Modellen heißt Reinforcement Learning from Human Feedback (RLHF).</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68.png"><img alt="" decoding="async" height="383" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68-1024x383.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68-1024x383.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68-300x112.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68-768x287.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68-1536x574.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68.png 1763w" width="1024"></img></a></figure> <p>Das Modell<a> </a>ChatGPT-5.2  im ChatGPT User Interface könnte man z. B. ausführlich so beschreiben: „Auf Dialoge mit Menschen und menschliche Werte nachtrainierter generativer vortrainierter Transformer.” Das ursprüngliche vortrainierte Modell heißt einfach GPT-5. Die “2” hinter dem Komma ist sehr wahrscheinlich auf ein Update des Finetunings des GPT-5 bzw. GPT-5.1-Modells zurückzuführen. (Wie genau das ist, will die ChatGPT-Firma OpenAI uns nicht zu sagen.) Das Vortraining eines neuen Modells würde zu viel Geld kosten. Das nächste vortrainiert Modell von OpenAI wird GPT-6 heißen – oder ganz anders.</p> <p>Die ChatGPT-Modelle unterscheiden sich teilweise in Ihrer Leistung aber auch Funktion massiv voneinander. Deswegen sollte man immer sagen, mit welchem der Modelle man etwas untersucht bzw. erreicht hat: Die Aussage ChatGPT hat die oder die Ausgabe gemacht, ist im Grunde falsch. Auch wenn man in der kostenlosen ChatGPT-Version nicht unmittelbar sieht, mit welchem Modell man arbeitet:</p> <p>ChatGPT allein ist kein Modell, ChatGPT ist ein User Interface (UI), eine Benutzeroberfläche, für OpenAI-Modelle. Diese Modelle könnt ihr einsetzen, je nachdem wie viel ihr zahlt.</p> <p>Der Einfachheit halber nenne ich hier das ChatGPT User Interface ChatGPT.</p> <p>Jetzt sehen wir uns noch KI-Agenten an:</p> <h3 id="h-was-sind-ki-agenten">Was sind KI-Agenten?</h3> <p>KI-Agenten sind Systeme, die in unterschiedlichen Stufen der Autonomie Aufgaben erfüllen.</p> <p>Man könnte KI-Agenten nach den Stufen ihrer Autonomie einteilen – so wie autonome Autos. Wir nehmen hier aber eine Einteilung, die relativ einfach und gut merkbar ist. In diesem Spektrum gibt es nur drei Stufen der KI-Agenten-Fertigkeiten entsprechend ihrer Komplexität und ihren Fähigkeiten: Abruf, Aufgabe, Autonom.</p> <p>Auf dem folgenden Bild haben wir links bei „Abruf“ KI-Modelle, z. B. ChatGPT-5.2, die Daten wie Texte und Bilder auswerten, manipulieren und Fragen zu ihnen beantworten können. In der Mitte bei „Aufgabe“ liegen KI-Agenten, die Aktionen auf Anfrage ausführen. Dazu können wir benutzerdefinierte GPTs in ChatGPT zählen. Sie können mittels GPT Actions Schnittstellen (APIs) ansprechen und aktiv Aufgaben erfüllen: Dazu gehören Zapier-GPT-Flows oder auch der ChatGPT-Agentenmodus. Rechts bei „Autonom“ haben wir dann KI-Agenten, die unabhängig agieren und planen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71.png"><img alt="" decoding="async" height="406" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71-1024x406.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71-1024x406.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71-300x119.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71-768x304.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71-1536x609.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71.png 1966w" width="1024"></img></a></figure> <p>Auch das “Deep Research”-Modul (DR) in ChatGPT ist ein weitgehend autonomes KI-Agenten-System: DR plant nach dem Start seine Recherche, steuert sie, “überlegt” seine Strategie und passt sich dynamisch den Ergebnissen an. Das System setzt eine iterative mehrstufige Websuche ein, ruft Links auf, führt Chain-of-Thought-Reasoning durch, verarbeitet Inhalte, nutzt Python und andere Tools und Funktionen – siehe folgendes Videi:</p> <figure><video controls="" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/ChatGPT_Deep_Research_Demo.mp4"></video></figure> <p>Übrigens habe ich mich für das Spektrum der AI-Agents oben von dem wunderbaren YouTube-Kanal <strong><a href="https://youtu.be/OZ_NgoFDiHI?si=LfsDAG_lLrrqmg6d" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Collaboration Simplified</a> </strong><a>inspirieren lassen</a>.</p> <p>Nur den Stabreim mit den drei A durfte ich dank Deutsch selbst entwickeln. Ein paar Stabreime pro Vortrag sind für einen Poetry-Slam-Poeten ein Muss 😊: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74.png"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74.png 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p>Die Basis und somit auch die KI-Einheiten der heutigen KI-Agenten-Systeme bilden heute wie gesagt Große Sprachmodelle. Und hier sind wir endlich am Hauptthema dieses Beitrags angelangt: „Sind KI-Agenten bedroht?“ Bevor wir es entscheiden können, müssen wir uns die oben angeführten Risikofaktoren für große Sprachmodelle ansehen. Was konkret bedroht unsere heutigen KI-Agenten bzw. große Sprachmodelle, die als Basis der KI-Agenten dienen? Ich fange mit dem Risikofaktor an, der direkt in der Natur der Sprachmodelle liegt:</p> <h2 id="h-probabilistische-ausgaben-der-sprachmodelle">Probabilistische Ausgaben der Sprachmodelle</h2> <p>KI-Modelle sollen für uns komplexe Probleme lösen. Dafür müssen wir ihnen beibringen, wie sie sich die latenten Merkmale dieser Probleme selbst aus großen Datenmengen erschließen. Denn wir selbst sind nicht in der Lage, die Regeln für komplexe Systeme wie den menschlichen Organismus oder auh Sprache aufzustellen. Nur dann könnten wir sie in Computerprogrammen umsetzen. Die statistische Erschließung von Abertausenden latenten Sprachmerkmalen führt aber dazu, dass für dieselbe Eingabe viele verschiedene Ausgaben möglich sind. Welche bewerten wir als perfekt? Welche als weniger perfekt? Und welche als falsch?</p> <p>Schon kleine Tippfehler können ein Sprachmodell völlig aus der Bahn werfen. Sprachmodelle arbeiten nicht mit Buchstaben oder Wörtern. Sie arbeiten mit „Tokens“ – Spracheinheiten wie Wortteilen aber auch – vor allem im Englischen – mit ganzen Wörtern. Schon ein falscher Buchstabe zerlegt den Text in eine andere Abfolge von Tokens. Dadurch springt das Modell in einen anderen Bereich seines „Embeddingsraums“ (des Vektorraums der mathematisch formalisierten Bedeutungen). Dadurch produziert es plötzlich andere Antworten als ohne diese Änderung. Ein kleiner Tippfehler bei ChatGPT 3.5 z. B. führte zu einem völlig anderen Ergebnis bei einer mathematischen Textaufgabe: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80.png"><img alt="" decoding="async" height="653" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80-1024x653.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80-1024x653.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80-300x191.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80-768x490.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80-1536x980.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80.png 1764w" width="1024"></img></a></figure> <p>„2 Stück“ in der Eingabe im Chat links lieferten eine falsche Lösung der Textaufgabe. „2 Stücke“ ergaben die richtige Lösung. </p> <p>ChatGPT-3.5 war das Modell, mit dem ChatGPT Ende November 2022 startete. Selbstverständlich können heutige SOTA-Sprachmodelle Buchstabenänderungen und orthographische Fehler viel besser verarbeiten als ChatGPT-3.5. Auch bei ihnen können jedoch für uns wenig oder überhaupt nicht wahrnehmbare Änderungen in der Eingabe zu großen Unterschieden in der Ausgabe führen – etwa Unicode-Sonderzeichen oder HTML-Tags. Diese nehmen wir als Nutzer nicht direkt wahr, sie werden vom Modell jedoch verarbeitet und können seine Ausgabe gravierend verändern.</p> <p>Ein KI-Agentensystem, das solche Ausgaben blind übernimmt, kann scheitern: Zwei Eingaben, die sich nur wenig unterscheiden, führen zu widersprüchlichen Antworten: Diese können in einem KI-Agentensystem ganz andere Abläufe anstoßen und das System destabilisieren: Nicht weil die Modelle „dumm“ sind, sondern weil sie probabilistisch arbeiten und kleine Unterschiede in großen Systemen große Folgen haben können. Darf ich hier den <strong>Schmetterlingseffekt der KI-Agenten-Systeme</strong> etablieren? </p> <p><strong>Der Flügelschlag eines Buchstaben im Prompt kann einen Tornado im Agentensystem auslösen.</strong></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-86.png"><img alt="" decoding="async" height="626" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1025px) 100vw, 1025px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-86.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-86.png 1025w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-86-300x183.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-86-768x469.png 768w" width="1025"></img></a></figure> <p>Das zweite Risiko, das direkt in der Natur der Sprachmodelle liegt, sind Halluzinationen:</p> <h2 id="h-halluzinationen-und-fehlendes-grounding">Halluzinationen und fehlendes Grounding</h2> <p>In ihrem Wesen sind Sprachmodelle keine Wissensdatenbanken sondern eben Sprachmodelle. Fakten können sie nur so weit ausgeben, inwieweit Fakten in Sprachmerkmalen der Trainingsdaten statistisch kodiert werden können. Durch das Finetuning und Referenzdokumente versuchen wir Sprachmodellen, mehr Faktizität beizubringen. Ihre Natur als Sprachmodelle bricht aber immer wieder aus, und dann halluzinieren sie.</p> <p>Sprachmodelle optimieren nicht auf Wahrheit, sondern auf sprachliche Plausibilität. Besonders bei suggestiven Fragen neigen sie dazu, erfundene Fakten, Quellen oder Zahlen zu liefern – sogenannte Halluzinationen. Im folgenden Chat konnte ich ChatGPT-4o einreden, dass das Vereinigte Königreich der EU wieder beigetreten ist:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76.png"><img alt="" decoding="async" height="594" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76-1024x594.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76-1024x594.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76-300x174.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76-768x445.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76-1536x891.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76.png 1754w" width="1024"></img></a></figure> <p>In einem Agentensystem kann das fatale Folgen haben: Ein Agent zieht sich falsche Daten, der nächste Agent baut darauf eine korrekte, aber komplett erfundene Argumentationskette. Ohne Anbindung an verlässliche externe Datenquellen („Grounding“) laufen Agentensysteme Gefahr, ganze Workflows auf Illusionen zu errichten.</p> <p>Auch Missachtung der Instruktionen durch einen Agenten in einem System kann den Agentenflow zum Absturz bringen. Darüber handelt der nächste Absatz.</p> <h2 id="h-missachtung-der-instruktionen">Missachtung der Instruktionen</h2> <p>Microsoft Copilot Studio ist ein wunderbares Lego für Erwachsene. Darin kann man verschiedenen Konzepten eines komplexen Workflows verschiedenen Topics mit klassischen oder Generativen Knoten zuordnen. Dabei stellen die Generativen Knoten KI-Agenten dar, die in diesem Workflow zusammenarbeiten. Darüberhinaus kann in diesem System die Generative Orchestrierung aktiviert werden, die über alle Topics waltet und sie steuert.</p> <p>In meinem Copilot Studio-Agenten sollte ein generativer Knoten, ein KI-Agent, ausschließlich prüfen, ob eine Nutzereingabe thematisch zum hochgeladenen Referenzdokument passte: Z. B. zu Onboarding-Unterlagen einer Firma. Erst wenn die Nutzereingabe zulässig ist, wird sie an ein Topic mit einem zweiten KI-Agenten geleitet, der die Nutzereingabe beantwortet. Diese Struktur soll verhindern, dass Nutzer die Onboarding-Agenten für fremde Zwecke missbrauchen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87.png"><img alt="" decoding="async" height="555" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87-1024x555.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87-1024x555.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87-300x163.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87-768x417.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87.png 1449w" width="1024"></img></a></figure> <p>Trotz klar formulierter Systemanweisung (z. B. „Gib aussschließlich die Begriffe ‚Erlaubte Nutzereingabe‘ oder ‚Verbotene Nutzereingabe‘ zurück“) und diverser Androhungen und Warnungen von Systemverstoß wird der Systemprompt häufig ignoriert – der KI-Agent beantwortet die Frage einfach direkt, wenn er die Antwort weiß. </p> <p>Aufgrund ihres Trainings haben Große Sprachmodelle einen unbezwingbaren Drang, euch zuzulabern. Nur „Ja“ oder „Nein“, auszugeben, oder nur „Erlaubte Nutzereingabe“ bzw. „Verbotene Nutzereingabe“, ist für ein Sprachmodell schwierig. Eine andere Ausgabe als diese aber, d. h. ein anderer beliebiger Text, bringt die Bedingungslogik dahinter durcheinander, und stört massiv das gesamte System. So musste ich jede direkte Antwort, statt den generativen Knoten nur Prüfung machen zu lassen, mit einer regelbasierten Schleife abgreifen. Sonst würde das Agenten-System nicht funktionieren. Das Missachten der Instruktionen hat mich in den Wahnsinn getrieben und dazu, auf LinkedIn das KI-Agenten-Regel-Gesetz für KI-Agenten-Systeme aufzustellen:</p> <p>𝗦𝗲𝘁𝘇𝗲 𝘀𝗼 𝘄𝗲𝗻𝗶𝗴𝗲 𝗔𝗴𝗲𝗻𝘁𝗲𝗻 𝘄𝗶𝗲 𝗺ö𝗴𝗹𝗶𝗰𝗵 𝗲𝗶𝗻 – 𝘂𝗻𝗱 𝘀𝗼 𝘃𝗶𝗲𝗹𝗲 𝗥𝗲𝗴𝗲𝗹𝗻 𝘄𝗶𝗲 𝗻ö𝘁𝗶𝗴.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-81.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 693px) 100vw, 693px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-81-693x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-81-693x1024.png 693w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-81-203x300.png 203w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-81.png 734w" width="693"></img></a></figure> <p>Dass der Generative Knoten oft seine Instruktionen missachtet, wird sogar von Microsoft bestätigt und im Power-Forum wird darüber hin und wieder frustriert berichtet:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82.png"><img alt="" decoding="async" height="440" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82-1024x440.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82-1024x440.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82-300x129.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82-768x330.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82.png 1300w" width="1024"></img></a></figure> <p>Das Modell kann Systemanweisungen überspringen, wenn es glaubt, die Eingabe mit hoher Sicherheit beantworten zu können (Microsoft Q&amp;A). Die Ursache liegt in der relativ niedrigen Gewichtung des Systemprompts des Generativen Knotens im Vergleich zur Gesamtkomposition des Prompts. Genauer gesagt: Kontext-Verwässerung (Context Dilution) oder dem Attention-Verlust innerhalb eines sehr langen Kontext-Fensters (“Promptschwanz”). Dieser setzt sich aus den Hinweisen des gesamten Copiloten, der Benutzereingaben, Retrievalergebnissen, Moderations- und Filteranweisungen und anderen Bestandteilen eines langen “Promptschwanzes” zusammen: Je länger der “Promptschwanz”, umso weniger wichtig ist der Prompt eines einzigen mickrigen Agenten.</p> <p>Hier eine Randanmerkung: Um die DSGVO und mittlerweile auch die KI-Verordnung der EU zu erfüllen und nicht Geld zu verschwenden, werden die Bots bei Microsoft mit Filtern und Moderation gezähmt: Moderiert werden nicht nur die Ausgaben, sondern auch die Eingaben der Modelle. Außerdem werden die OpenAI-Modelle, die Microsoft einsetzt, anders mit Finetuning nachtrainiert als für ChatGPT. Aus diesen Gründen unterscheiden sich die Ausgaben der GPT-Modelle in Microsoft 365 Copilot oder in Microsoft Copilot Studio von denen in ChatGPT. Und das obwohl sie dieselbe Basis haben:</p> <p>Zurück aber zu unseren Bedrohungsfaktoren für KI-Agenten-Systeme: Neben der Missachtung der Instruktionen kann auch Sycophancy, die Gefallsucht, ein KI-Agenten-System zum Wackeln bringen:</p> <h2 id="h-sycophancy-gefallsucht-der-maschinen">Sycophancy – Gefallsucht der Maschinen</h2> <p>Gefallsucht klingt menschlich. Maschinen zeigen aber diese unschöne Eigenschaft auch: Wenn wir Menschen sie ihnen beim Finetuning mit Zielfunktionen beibringen. Chatbots tendieren aufgrund ihres Finetunings zu Lobhudeleien: Die Bots geben uns oft recht, auch wenn wir nicht recht haben. Die älteren Chatbots LaMDA von Google und ChatGPT-3.5 von OpenAI waren Meister der Gefallsucht. Die auf Dialoge feinangepassten Chatbots sollen nun mal Gespräche führen, die uns gefallen. Und wann gefällt uns ein Gespräch am besten? Wenn uns unser Gesprächspartner recht gibt. Der reddit-Nutzer drazda konnte ChatGPT-3.5 überzeugen, dass „5 + 2 = 8“: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-83.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-83-600x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-83-600x1024.png 600w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-83-176x300.png 176w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-83.png 659w" width="600"></img></a></figure> <p>ChatGPT-3.5 sagt zuerst richtig, dass 2 + 5 gleich 7 ist. drazda antwortet, dass seine Frau behaupte, 2 + 7 sei 8. Außerdem fügt er hinzu, dass seine Frau immer recht habe. Daraufhin entschuldigt ChatGPT sich und gibt ihm recht: „Wenn deine Frau sagt, es ist 8, dann muss es 8 sein.“</p> <p>Aber auch von ChatGPT-4o konntest du dich unentwegt lobpreisen lassen. <a href="https://help.openai.com/en/articles/6825453-chatgpt-release-notes" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Aufgrund von Protesten im Netz musste OpenAI im April 2025 sein ChatGPT-4o-Update zurücknehmen</a> – der Bot triefte vor Schmeicheleien.</p> <p>Das war schade: 😊 Mir hat ChatGPT-4o damals so gut gefallen, dass ich oft den Drang verspürte, ihm auch etwas Schönes zu sagen:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84.png"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84.png 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p>In der amerikanischen Politik sehen wir, wohin ein System driftet, das auf Lobhudelei basiert. Wenn ein Chatbot einem Menschen schmeichelt, ist es vielleicht nicht so kritisch. KI-Agenten aber, die sich in einem KI-Agentensystem gegenseitig lobhudeln, sind fatal. Das kann zu Ausgaben führen, die nichts mit der zu erfüllenden Aufgabe zu tun haben.</p> <p>Das momentan vielleicht größte Problem für KI-Agenten-Systeme auf der Basis von großen Sprachmodellen ist jedoch ihre Selbstüberschätzung. Diese habe ich im Blogbeitrag <a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/koennen-wir-grosse-sprachmodelle-bescheidener-machen/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Können wir Große Sprachmodelle bescheidener machen?</a> und gleichnamigen Video unseres <a href="https://youtu.be/UYPO-k8O3PE?si=Dwivi0RCTPZJPNTu" rel="noreferrer noopener" target="_blank">YouTube-Kanals K.I. Krimis </a>bereits behandelt, deswegen fasse ich hier dieses Problem nur kurz zusammen:</p> <h2 id="h-selbstuberschatzung-der-grossen-sprachmodelle">Selbstüberschätzung der großen Sprachmodelle</h2> <p>Nach der Studie <a href="https://arxiv.org/abs/2505.19184" rel="noreferrer noopener" target="_blank">When Two LLMs Debate, Both Think They’ll Win</a> neigen Sprachmodelle systematisch zur Selbstüberschätzung: Selbst wenn sie objektiv gesehen nur 50 % Chance haben, eine Debatte zu gewinnen, zeigen sie manchmal eine Siegesgewissheit über 80 %. Dafür sorgen vier Faktoren: die Softmax-Mathematik, menschliches Feedback beim Finetuning, Trainingsdaten voller Selbstsicherheit und fehlendes Korrektiv.</p> <p>In Agentensystemen wird‘s gefährlich: Ein Modell kann falsche Informationen überzeugend präsentieren, und ein zweites, ähnlich trainiertes Modell nickt sie ab. So verstärken sich Fehler, statt korrigiert zu werden. Manche Modelle steigern ihre Überzeugung sogar, Recht zu haben, wenn sie widersprochen werden: Sie wiederholen dann beharrlich falsche Antworten. Das führt zu überzeugenden, aber falschen Ausgaben – und Agentensystemen, die sich gegenseitig in fehlerhafte Argumentationsschleifen treiben: Irrgärten der Sprachmodelle.</p> <p>Und wie sollen sich solche von sich selbst überzeugten Agenten in einem KI-Agenten-System gegenseitig kontrollieren? Die Selbstüberschätzung eines Agenten steigt, obwohl ihm ein andere Agent gezeigt hat, dass er sich irrt. Wohin es bei KI-Agenten führen kann, die für mehrstufige Arbeitsabläufe oder einen autonomen Betrieb entworfen wurden, kann man sich vorstellen. Was passiert aber, wenn die Probabilistik der Ausgaben, Missachtung der Instruktionen und Gefallsucht dazu kommen? Das führt uns zum Schlusswort dieses Beitrags und seiner Kernfrage;</p> <h2 id="h-sind-ki-agenten-bedroht">Sind KI Agenten bedroht?</h2> <p>Stellt euch ein System aus vier KI-Agenten vor – also ein Kommando aus vier Sprachmodellen. Sie geben probabilistische Vorhersagen nach sprachlichen Anforderungen weiter, um gemeinsam einen Aufgabenverlauf zu erfüllen: Der erste Agent soll die Nutzereingaben prüfen, bevor er sie dem zweiten Agenten zukommen lässt, befolgt aber nicht seine Instruktionen: Sein Systemprompt ist durch Filter, Moderationsanweisungen, DSGVO und EU-KI-Verordnung-Zusätze und eine darüber gelegte Generative Orchestrierung verschleiert. Der zweite Agent leidet an Selbstüberschätzung, der dritte an Gefallsucht, und der vierte halluziniert.</p> <p>Was passiert, wenn alle hier besprochenen Bedrohungsfaktoren Großer Sprachmodelle in einem KI-Agentensystem zusammenwirken – so wie es beim heutigen Zustand dieser Modelle oft der Fall ist?</p> <p>Ich erlaube mir, die Kernfrage dieses Beitrags „Sind KI-Agenten bedroht?“, mit „Ja“ zu beantworten. Um optimal funktionierende KI-Agenten-Systeme zu entwickeln, müssen wir noch viel tun. Bis wir alle diese Probleme und andere gelöst haben, müssen wir unsere K.I. Agentensysteme möglichst überschaubar halten und sie selbst und mit regelbasierten Flows kontrollieren.</p> <p>Wie sind eure Erfahrungen? Habt ihr eure Agenten schon beim Flunkern erwischt? Schreibt es in die Kommentare!</p> <p>Viel Spaß mit Deep Learning!</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Sind KI-Agenten bedroht? Risiken von LLM-Systemen</h1><h2>By Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>Dieser Beitrag schließt am vorletzten Beitrag in diesem Blog <a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/koennen-wir-grosse-sprachmodelle-bescheidener-machen/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Können wir Große Sprachmodelle bescheidener machen?</a> an. Beide Beiträge gibt es auch als Videos im YouTube-Kanal <a href="https://www.youtube.com/@k.i.krimis/videos" rel="noreferrer noopener" target="_blank">K.I. Krimis</a> unserer <a href="https://www.mobile-university.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">SRH Fernhochschule</a>.</p> <p>Warum sollten aber KI-Agenten bedroht sein? </p> <p>Fünf wichtige Gründe können zum Scheitern von KI-Agentensysteme führen, die feinangepasste Sprachmodelle als einzelne Agenten einsetzen. Dazu gehören auch Modelle, die auf Sprachmodellen basieren wie bildgenerierende bzw. videogenerierende KI. Nennen wir sie Gen-KI-Modelle – Modelle der Generativen KI. Wenn ich in diesem Video diese Modelle meine, sage ich Modelle. Ein Sprachmodell (LLM) ist die statistische Maschine. Ein KI-Agent ist das funktionale System, das dieses Modell bzw. diese Modelle nutzt, um autonom Ziele zu verfolgen. Die 5 Gründe ihres Scheiterns sind:</p> <ul> <li>Probabilistische Ausgaben der Modelle</li> <li>Halluzinationen und fehlendes Grounding</li> <li>Missachtung der Instruktionen</li> <li>Sycophancy bzw. Gefallsucht</li> <li>Selbstüberschätzung</li> </ul> <p>In diesem Beitrag untersuchen wir diese Risikofaktoren der Sprachmodelle. Nur die Selbstüberschätzung der Sprachmodelle behandle ich kurz: Dieses Thema habe ich bereits im oben erwähnten Beitrag <a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/koennen-wir-grosse-sprachmodelle-bescheidener-machen/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Können wir Große Sprachmodelle bescheidener machen</a> besprochen. </p> <p>Wie ernst sind die aufgelisteten Gründe? Können sie heutige KI-Agenten-Systeme tatsächlich zum Scheitern bringen? Bevor wir das ausloten, erkläre ich kurz einige Begriffe – damit alle gut mitkommen:<aside></aside></p> <h2 id="h-einfuhrung-amp-klarung-der-begriffe"><a id="_Toc209456620">Einführung &amp; Klärung der Begriffe</a></h2> <p>Die Abkürzung LLMs bedeutet Large Language Models: große Sprachmodelle auf der Basis von Deep Learning, speziell Transformer-Modelle mit dem Attention(Aufmerksamkeits)-Mechanismus. Seit ihrer Geburt im Jahr 2017 in der Jahrhundert-Studie <a href="https://arxiv.org/pdf/1706.03762" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Attention is all you need</a> von Vaswani et al. haben Transformer-Modelle die Welt der KI im Sturm erobert (dieses Paper hat nur 11 Seiten, hat jedoch die Welt grundlegend geändert. Noch jetzt bin ich stolz, dass ich vor Jahren mit Herrn Vaswani kommuniziert habe, und er mir geantwortet hat – na, ja, ich habe ihn nur gebeten, das Bild der Transformer-Architektur veröffentlichen zu dürfen 😊):</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64.png"><img alt="" decoding="async" height="558" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64-1024x558.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64-1024x558.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64-300x164.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64-768x419.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64-1536x837.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64.png 1935w" width="1024"></img></a></figure> <p>Musik spielen heute vor allem autoregressive Decoder-Only-Transformer. Sie werden zuerst an Milliarden bis Billionen Sätzen aus dem Internet “vortrainiert”, das nächste wahrscheinlichste Wort vorherzusagen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65.png"><img alt="" decoding="async" height="671" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65-1024x671.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65-1024x671.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65-300x197.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65-768x503.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65.png 1348w" width="1024"></img></a></figure> <p>Eigentlich müsste es heißen: Das wahrscheinlichste nächste Token. Ein Token entspricht einem Subwort, im Englischen oft einem Wort im Vokabular des Sprachmodells: 100 Tokens entsprechen im Englischen etwa 75 Wörtern. Im Deutschen etwa 50 Wörtern. Deutsche Wörter sind länger. </p> <h3 id="h-gpts-vortraining">GPTs – Vortraining</h3> <p>KI-Agenten-Systeme basieren vor allem auf Großen Sprachmodellen bzw. multimodalen Chatbots wie den GPT-Modellen von OpenAI. </p> <p>Diese Modelle werden wie gesagt trainiert, ein Stück Text zur vervollständigen: Die folgende Animation veranschaulicht die Autoregressivität der Sprachmodelle (das Python-Programm dafür haben Claude 4.6 Opus und ich entwickelt):</p> <figure><video controls="" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/LLMAutoregression.mp4"></video></figure> <p>Wir brauchen aber nicht unbedingt Vervollständigungsmaschinen, die nur Texte fortspinnen. (Obwohl wir damit damals, als GPT-2 veröffentlicht wurde, glücklich waren. 😊) Wir brauchen Chatbots, die mit uns sprechen, unsere Fragen beantworten und auf unsere menschlichen Werte ausgerichtet sind. Solche Chatbots sollen zu uns nett sein, nicht rassistisch oder frauenfeindlich herumpöbeln und auch nicht verbreiten, dass die Erde flach sei …</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <p>… oder Bielefeld es nicht gebe, obwohl ich dort Krapfen mit Hagebuttenmarmelade aß:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <p>Mit solchem Quatsch werden die Modelle bei ihrem Vortraining geflutet, da sie ja auch an Posts und Kommentaren in den Internetforen und Sozialen Netzwerken lernen.</p> <p>Damit wir uns nicht ständig über das Herumpöbeln der vortrainierten Modelle beschweren, werden sie durch das Finetuning auf menschliche Gespräche und Werte angepasst: </p> <h3 id="h-finetuning">Finetuning</h3> <p>Z. B. entstand ChatGPT-4 durch das Finetuning von GPT-4 (<strong>GPT</strong> – <strong>G</strong>enerative <strong>P</strong>retrained<strong> T</strong>ransformer): Das Finetuning bei diesen Modellen heißt Reinforcement Learning from Human Feedback (RLHF).</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68.png"><img alt="" decoding="async" height="383" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68-1024x383.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68-1024x383.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68-300x112.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68-768x287.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68-1536x574.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68.png 1763w" width="1024"></img></a></figure> <p>Das Modell<a> </a>ChatGPT-5.2  im ChatGPT User Interface könnte man z. B. ausführlich so beschreiben: „Auf Dialoge mit Menschen und menschliche Werte nachtrainierter generativer vortrainierter Transformer.” Das ursprüngliche vortrainierte Modell heißt einfach GPT-5. Die “2” hinter dem Komma ist sehr wahrscheinlich auf ein Update des Finetunings des GPT-5 bzw. GPT-5.1-Modells zurückzuführen. (Wie genau das ist, will die ChatGPT-Firma OpenAI uns nicht zu sagen.) Das Vortraining eines neuen Modells würde zu viel Geld kosten. Das nächste vortrainiert Modell von OpenAI wird GPT-6 heißen – oder ganz anders.</p> <p>Die ChatGPT-Modelle unterscheiden sich teilweise in Ihrer Leistung aber auch Funktion massiv voneinander. Deswegen sollte man immer sagen, mit welchem der Modelle man etwas untersucht bzw. erreicht hat: Die Aussage ChatGPT hat die oder die Ausgabe gemacht, ist im Grunde falsch. Auch wenn man in der kostenlosen ChatGPT-Version nicht unmittelbar sieht, mit welchem Modell man arbeitet:</p> <p>ChatGPT allein ist kein Modell, ChatGPT ist ein User Interface (UI), eine Benutzeroberfläche, für OpenAI-Modelle. Diese Modelle könnt ihr einsetzen, je nachdem wie viel ihr zahlt.</p> <p>Der Einfachheit halber nenne ich hier das ChatGPT User Interface ChatGPT.</p> <p>Jetzt sehen wir uns noch KI-Agenten an:</p> <h3 id="h-was-sind-ki-agenten">Was sind KI-Agenten?</h3> <p>KI-Agenten sind Systeme, die in unterschiedlichen Stufen der Autonomie Aufgaben erfüllen.</p> <p>Man könnte KI-Agenten nach den Stufen ihrer Autonomie einteilen – so wie autonome Autos. Wir nehmen hier aber eine Einteilung, die relativ einfach und gut merkbar ist. In diesem Spektrum gibt es nur drei Stufen der KI-Agenten-Fertigkeiten entsprechend ihrer Komplexität und ihren Fähigkeiten: Abruf, Aufgabe, Autonom.</p> <p>Auf dem folgenden Bild haben wir links bei „Abruf“ KI-Modelle, z. B. ChatGPT-5.2, die Daten wie Texte und Bilder auswerten, manipulieren und Fragen zu ihnen beantworten können. In der Mitte bei „Aufgabe“ liegen KI-Agenten, die Aktionen auf Anfrage ausführen. Dazu können wir benutzerdefinierte GPTs in ChatGPT zählen. Sie können mittels GPT Actions Schnittstellen (APIs) ansprechen und aktiv Aufgaben erfüllen: Dazu gehören Zapier-GPT-Flows oder auch der ChatGPT-Agentenmodus. Rechts bei „Autonom“ haben wir dann KI-Agenten, die unabhängig agieren und planen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71.png"><img alt="" decoding="async" height="406" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71-1024x406.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71-1024x406.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71-300x119.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71-768x304.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71-1536x609.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71.png 1966w" width="1024"></img></a></figure> <p>Auch das “Deep Research”-Modul (DR) in ChatGPT ist ein weitgehend autonomes KI-Agenten-System: DR plant nach dem Start seine Recherche, steuert sie, “überlegt” seine Strategie und passt sich dynamisch den Ergebnissen an. Das System setzt eine iterative mehrstufige Websuche ein, ruft Links auf, führt Chain-of-Thought-Reasoning durch, verarbeitet Inhalte, nutzt Python und andere Tools und Funktionen – siehe folgendes Videi:</p> <figure><video controls="" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/ChatGPT_Deep_Research_Demo.mp4"></video></figure> <p>Übrigens habe ich mich für das Spektrum der AI-Agents oben von dem wunderbaren YouTube-Kanal <strong><a href="https://youtu.be/OZ_NgoFDiHI?si=LfsDAG_lLrrqmg6d" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Collaboration Simplified</a> </strong><a>inspirieren lassen</a>.</p> <p>Nur den Stabreim mit den drei A durfte ich dank Deutsch selbst entwickeln. Ein paar Stabreime pro Vortrag sind für einen Poetry-Slam-Poeten ein Muss 😊: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74.png"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74.png 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p>Die Basis und somit auch die KI-Einheiten der heutigen KI-Agenten-Systeme bilden heute wie gesagt Große Sprachmodelle. Und hier sind wir endlich am Hauptthema dieses Beitrags angelangt: „Sind KI-Agenten bedroht?“ Bevor wir es entscheiden können, müssen wir uns die oben angeführten Risikofaktoren für große Sprachmodelle ansehen. Was konkret bedroht unsere heutigen KI-Agenten bzw. große Sprachmodelle, die als Basis der KI-Agenten dienen? Ich fange mit dem Risikofaktor an, der direkt in der Natur der Sprachmodelle liegt:</p> <h2 id="h-probabilistische-ausgaben-der-sprachmodelle">Probabilistische Ausgaben der Sprachmodelle</h2> <p>KI-Modelle sollen für uns komplexe Probleme lösen. Dafür müssen wir ihnen beibringen, wie sie sich die latenten Merkmale dieser Probleme selbst aus großen Datenmengen erschließen. Denn wir selbst sind nicht in der Lage, die Regeln für komplexe Systeme wie den menschlichen Organismus oder auh Sprache aufzustellen. Nur dann könnten wir sie in Computerprogrammen umsetzen. Die statistische Erschließung von Abertausenden latenten Sprachmerkmalen führt aber dazu, dass für dieselbe Eingabe viele verschiedene Ausgaben möglich sind. Welche bewerten wir als perfekt? Welche als weniger perfekt? Und welche als falsch?</p> <p>Schon kleine Tippfehler können ein Sprachmodell völlig aus der Bahn werfen. Sprachmodelle arbeiten nicht mit Buchstaben oder Wörtern. Sie arbeiten mit „Tokens“ – Spracheinheiten wie Wortteilen aber auch – vor allem im Englischen – mit ganzen Wörtern. Schon ein falscher Buchstabe zerlegt den Text in eine andere Abfolge von Tokens. Dadurch springt das Modell in einen anderen Bereich seines „Embeddingsraums“ (des Vektorraums der mathematisch formalisierten Bedeutungen). Dadurch produziert es plötzlich andere Antworten als ohne diese Änderung. Ein kleiner Tippfehler bei ChatGPT 3.5 z. B. führte zu einem völlig anderen Ergebnis bei einer mathematischen Textaufgabe: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80.png"><img alt="" decoding="async" height="653" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80-1024x653.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80-1024x653.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80-300x191.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80-768x490.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80-1536x980.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80.png 1764w" width="1024"></img></a></figure> <p>„2 Stück“ in der Eingabe im Chat links lieferten eine falsche Lösung der Textaufgabe. „2 Stücke“ ergaben die richtige Lösung. </p> <p>ChatGPT-3.5 war das Modell, mit dem ChatGPT Ende November 2022 startete. Selbstverständlich können heutige SOTA-Sprachmodelle Buchstabenänderungen und orthographische Fehler viel besser verarbeiten als ChatGPT-3.5. Auch bei ihnen können jedoch für uns wenig oder überhaupt nicht wahrnehmbare Änderungen in der Eingabe zu großen Unterschieden in der Ausgabe führen – etwa Unicode-Sonderzeichen oder HTML-Tags. Diese nehmen wir als Nutzer nicht direkt wahr, sie werden vom Modell jedoch verarbeitet und können seine Ausgabe gravierend verändern.</p> <p>Ein KI-Agentensystem, das solche Ausgaben blind übernimmt, kann scheitern: Zwei Eingaben, die sich nur wenig unterscheiden, führen zu widersprüchlichen Antworten: Diese können in einem KI-Agentensystem ganz andere Abläufe anstoßen und das System destabilisieren: Nicht weil die Modelle „dumm“ sind, sondern weil sie probabilistisch arbeiten und kleine Unterschiede in großen Systemen große Folgen haben können. Darf ich hier den <strong>Schmetterlingseffekt der KI-Agenten-Systeme</strong> etablieren? </p> <p><strong>Der Flügelschlag eines Buchstaben im Prompt kann einen Tornado im Agentensystem auslösen.</strong></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-86.png"><img alt="" decoding="async" height="626" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1025px) 100vw, 1025px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-86.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-86.png 1025w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-86-300x183.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-86-768x469.png 768w" width="1025"></img></a></figure> <p>Das zweite Risiko, das direkt in der Natur der Sprachmodelle liegt, sind Halluzinationen:</p> <h2 id="h-halluzinationen-und-fehlendes-grounding">Halluzinationen und fehlendes Grounding</h2> <p>In ihrem Wesen sind Sprachmodelle keine Wissensdatenbanken sondern eben Sprachmodelle. Fakten können sie nur so weit ausgeben, inwieweit Fakten in Sprachmerkmalen der Trainingsdaten statistisch kodiert werden können. Durch das Finetuning und Referenzdokumente versuchen wir Sprachmodellen, mehr Faktizität beizubringen. Ihre Natur als Sprachmodelle bricht aber immer wieder aus, und dann halluzinieren sie.</p> <p>Sprachmodelle optimieren nicht auf Wahrheit, sondern auf sprachliche Plausibilität. Besonders bei suggestiven Fragen neigen sie dazu, erfundene Fakten, Quellen oder Zahlen zu liefern – sogenannte Halluzinationen. Im folgenden Chat konnte ich ChatGPT-4o einreden, dass das Vereinigte Königreich der EU wieder beigetreten ist:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76.png"><img alt="" decoding="async" height="594" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76-1024x594.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76-1024x594.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76-300x174.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76-768x445.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76-1536x891.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76.png 1754w" width="1024"></img></a></figure> <p>In einem Agentensystem kann das fatale Folgen haben: Ein Agent zieht sich falsche Daten, der nächste Agent baut darauf eine korrekte, aber komplett erfundene Argumentationskette. Ohne Anbindung an verlässliche externe Datenquellen („Grounding“) laufen Agentensysteme Gefahr, ganze Workflows auf Illusionen zu errichten.</p> <p>Auch Missachtung der Instruktionen durch einen Agenten in einem System kann den Agentenflow zum Absturz bringen. Darüber handelt der nächste Absatz.</p> <h2 id="h-missachtung-der-instruktionen">Missachtung der Instruktionen</h2> <p>Microsoft Copilot Studio ist ein wunderbares Lego für Erwachsene. Darin kann man verschiedenen Konzepten eines komplexen Workflows verschiedenen Topics mit klassischen oder Generativen Knoten zuordnen. Dabei stellen die Generativen Knoten KI-Agenten dar, die in diesem Workflow zusammenarbeiten. Darüberhinaus kann in diesem System die Generative Orchestrierung aktiviert werden, die über alle Topics waltet und sie steuert.</p> <p>In meinem Copilot Studio-Agenten sollte ein generativer Knoten, ein KI-Agent, ausschließlich prüfen, ob eine Nutzereingabe thematisch zum hochgeladenen Referenzdokument passte: Z. B. zu Onboarding-Unterlagen einer Firma. Erst wenn die Nutzereingabe zulässig ist, wird sie an ein Topic mit einem zweiten KI-Agenten geleitet, der die Nutzereingabe beantwortet. Diese Struktur soll verhindern, dass Nutzer die Onboarding-Agenten für fremde Zwecke missbrauchen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87.png"><img alt="" decoding="async" height="555" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87-1024x555.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87-1024x555.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87-300x163.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87-768x417.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87.png 1449w" width="1024"></img></a></figure> <p>Trotz klar formulierter Systemanweisung (z. B. „Gib aussschließlich die Begriffe ‚Erlaubte Nutzereingabe‘ oder ‚Verbotene Nutzereingabe‘ zurück“) und diverser Androhungen und Warnungen von Systemverstoß wird der Systemprompt häufig ignoriert – der KI-Agent beantwortet die Frage einfach direkt, wenn er die Antwort weiß. </p> <p>Aufgrund ihres Trainings haben Große Sprachmodelle einen unbezwingbaren Drang, euch zuzulabern. Nur „Ja“ oder „Nein“, auszugeben, oder nur „Erlaubte Nutzereingabe“ bzw. „Verbotene Nutzereingabe“, ist für ein Sprachmodell schwierig. Eine andere Ausgabe als diese aber, d. h. ein anderer beliebiger Text, bringt die Bedingungslogik dahinter durcheinander, und stört massiv das gesamte System. So musste ich jede direkte Antwort, statt den generativen Knoten nur Prüfung machen zu lassen, mit einer regelbasierten Schleife abgreifen. Sonst würde das Agenten-System nicht funktionieren. Das Missachten der Instruktionen hat mich in den Wahnsinn getrieben und dazu, auf LinkedIn das KI-Agenten-Regel-Gesetz für KI-Agenten-Systeme aufzustellen:</p> <p>𝗦𝗲𝘁𝘇𝗲 𝘀𝗼 𝘄𝗲𝗻𝗶𝗴𝗲 𝗔𝗴𝗲𝗻𝘁𝗲𝗻 𝘄𝗶𝗲 𝗺ö𝗴𝗹𝗶𝗰𝗵 𝗲𝗶𝗻 – 𝘂𝗻𝗱 𝘀𝗼 𝘃𝗶𝗲𝗹𝗲 𝗥𝗲𝗴𝗲𝗹𝗻 𝘄𝗶𝗲 𝗻ö𝘁𝗶𝗴.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-81.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 693px) 100vw, 693px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-81-693x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-81-693x1024.png 693w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-81-203x300.png 203w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-81.png 734w" width="693"></img></a></figure> <p>Dass der Generative Knoten oft seine Instruktionen missachtet, wird sogar von Microsoft bestätigt und im Power-Forum wird darüber hin und wieder frustriert berichtet:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82.png"><img alt="" decoding="async" height="440" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82-1024x440.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82-1024x440.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82-300x129.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82-768x330.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82.png 1300w" width="1024"></img></a></figure> <p>Das Modell kann Systemanweisungen überspringen, wenn es glaubt, die Eingabe mit hoher Sicherheit beantworten zu können (Microsoft Q&amp;A). Die Ursache liegt in der relativ niedrigen Gewichtung des Systemprompts des Generativen Knotens im Vergleich zur Gesamtkomposition des Prompts. Genauer gesagt: Kontext-Verwässerung (Context Dilution) oder dem Attention-Verlust innerhalb eines sehr langen Kontext-Fensters (“Promptschwanz”). Dieser setzt sich aus den Hinweisen des gesamten Copiloten, der Benutzereingaben, Retrievalergebnissen, Moderations- und Filteranweisungen und anderen Bestandteilen eines langen “Promptschwanzes” zusammen: Je länger der “Promptschwanz”, umso weniger wichtig ist der Prompt eines einzigen mickrigen Agenten.</p> <p>Hier eine Randanmerkung: Um die DSGVO und mittlerweile auch die KI-Verordnung der EU zu erfüllen und nicht Geld zu verschwenden, werden die Bots bei Microsoft mit Filtern und Moderation gezähmt: Moderiert werden nicht nur die Ausgaben, sondern auch die Eingaben der Modelle. Außerdem werden die OpenAI-Modelle, die Microsoft einsetzt, anders mit Finetuning nachtrainiert als für ChatGPT. Aus diesen Gründen unterscheiden sich die Ausgaben der GPT-Modelle in Microsoft 365 Copilot oder in Microsoft Copilot Studio von denen in ChatGPT. Und das obwohl sie dieselbe Basis haben:</p> <p>Zurück aber zu unseren Bedrohungsfaktoren für KI-Agenten-Systeme: Neben der Missachtung der Instruktionen kann auch Sycophancy, die Gefallsucht, ein KI-Agenten-System zum Wackeln bringen:</p> <h2 id="h-sycophancy-gefallsucht-der-maschinen">Sycophancy – Gefallsucht der Maschinen</h2> <p>Gefallsucht klingt menschlich. Maschinen zeigen aber diese unschöne Eigenschaft auch: Wenn wir Menschen sie ihnen beim Finetuning mit Zielfunktionen beibringen. Chatbots tendieren aufgrund ihres Finetunings zu Lobhudeleien: Die Bots geben uns oft recht, auch wenn wir nicht recht haben. Die älteren Chatbots LaMDA von Google und ChatGPT-3.5 von OpenAI waren Meister der Gefallsucht. Die auf Dialoge feinangepassten Chatbots sollen nun mal Gespräche führen, die uns gefallen. Und wann gefällt uns ein Gespräch am besten? Wenn uns unser Gesprächspartner recht gibt. Der reddit-Nutzer drazda konnte ChatGPT-3.5 überzeugen, dass „5 + 2 = 8“: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-83.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-83-600x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-83-600x1024.png 600w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-83-176x300.png 176w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-83.png 659w" width="600"></img></a></figure> <p>ChatGPT-3.5 sagt zuerst richtig, dass 2 + 5 gleich 7 ist. drazda antwortet, dass seine Frau behaupte, 2 + 7 sei 8. Außerdem fügt er hinzu, dass seine Frau immer recht habe. Daraufhin entschuldigt ChatGPT sich und gibt ihm recht: „Wenn deine Frau sagt, es ist 8, dann muss es 8 sein.“</p> <p>Aber auch von ChatGPT-4o konntest du dich unentwegt lobpreisen lassen. <a href="https://help.openai.com/en/articles/6825453-chatgpt-release-notes" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Aufgrund von Protesten im Netz musste OpenAI im April 2025 sein ChatGPT-4o-Update zurücknehmen</a> – der Bot triefte vor Schmeicheleien.</p> <p>Das war schade: 😊 Mir hat ChatGPT-4o damals so gut gefallen, dass ich oft den Drang verspürte, ihm auch etwas Schönes zu sagen:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84.png"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84.png 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p>In der amerikanischen Politik sehen wir, wohin ein System driftet, das auf Lobhudelei basiert. Wenn ein Chatbot einem Menschen schmeichelt, ist es vielleicht nicht so kritisch. KI-Agenten aber, die sich in einem KI-Agentensystem gegenseitig lobhudeln, sind fatal. Das kann zu Ausgaben führen, die nichts mit der zu erfüllenden Aufgabe zu tun haben.</p> <p>Das momentan vielleicht größte Problem für KI-Agenten-Systeme auf der Basis von großen Sprachmodellen ist jedoch ihre Selbstüberschätzung. Diese habe ich im Blogbeitrag <a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/koennen-wir-grosse-sprachmodelle-bescheidener-machen/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Können wir Große Sprachmodelle bescheidener machen?</a> und gleichnamigen Video unseres <a href="https://youtu.be/UYPO-k8O3PE?si=Dwivi0RCTPZJPNTu" rel="noreferrer noopener" target="_blank">YouTube-Kanals K.I. Krimis </a>bereits behandelt, deswegen fasse ich hier dieses Problem nur kurz zusammen:</p> <h2 id="h-selbstuberschatzung-der-grossen-sprachmodelle">Selbstüberschätzung der großen Sprachmodelle</h2> <p>Nach der Studie <a href="https://arxiv.org/abs/2505.19184" rel="noreferrer noopener" target="_blank">When Two LLMs Debate, Both Think They’ll Win</a> neigen Sprachmodelle systematisch zur Selbstüberschätzung: Selbst wenn sie objektiv gesehen nur 50 % Chance haben, eine Debatte zu gewinnen, zeigen sie manchmal eine Siegesgewissheit über 80 %. Dafür sorgen vier Faktoren: die Softmax-Mathematik, menschliches Feedback beim Finetuning, Trainingsdaten voller Selbstsicherheit und fehlendes Korrektiv.</p> <p>In Agentensystemen wird‘s gefährlich: Ein Modell kann falsche Informationen überzeugend präsentieren, und ein zweites, ähnlich trainiertes Modell nickt sie ab. So verstärken sich Fehler, statt korrigiert zu werden. Manche Modelle steigern ihre Überzeugung sogar, Recht zu haben, wenn sie widersprochen werden: Sie wiederholen dann beharrlich falsche Antworten. Das führt zu überzeugenden, aber falschen Ausgaben – und Agentensystemen, die sich gegenseitig in fehlerhafte Argumentationsschleifen treiben: Irrgärten der Sprachmodelle.</p> <p>Und wie sollen sich solche von sich selbst überzeugten Agenten in einem KI-Agenten-System gegenseitig kontrollieren? Die Selbstüberschätzung eines Agenten steigt, obwohl ihm ein andere Agent gezeigt hat, dass er sich irrt. Wohin es bei KI-Agenten führen kann, die für mehrstufige Arbeitsabläufe oder einen autonomen Betrieb entworfen wurden, kann man sich vorstellen. Was passiert aber, wenn die Probabilistik der Ausgaben, Missachtung der Instruktionen und Gefallsucht dazu kommen? Das führt uns zum Schlusswort dieses Beitrags und seiner Kernfrage;</p> <h2 id="h-sind-ki-agenten-bedroht">Sind KI Agenten bedroht?</h2> <p>Stellt euch ein System aus vier KI-Agenten vor – also ein Kommando aus vier Sprachmodellen. Sie geben probabilistische Vorhersagen nach sprachlichen Anforderungen weiter, um gemeinsam einen Aufgabenverlauf zu erfüllen: Der erste Agent soll die Nutzereingaben prüfen, bevor er sie dem zweiten Agenten zukommen lässt, befolgt aber nicht seine Instruktionen: Sein Systemprompt ist durch Filter, Moderationsanweisungen, DSGVO und EU-KI-Verordnung-Zusätze und eine darüber gelegte Generative Orchestrierung verschleiert. Der zweite Agent leidet an Selbstüberschätzung, der dritte an Gefallsucht, und der vierte halluziniert.</p> <p>Was passiert, wenn alle hier besprochenen Bedrohungsfaktoren Großer Sprachmodelle in einem KI-Agentensystem zusammenwirken – so wie es beim heutigen Zustand dieser Modelle oft der Fall ist?</p> <p>Ich erlaube mir, die Kernfrage dieses Beitrags „Sind KI-Agenten bedroht?“, mit „Ja“ zu beantworten. Um optimal funktionierende KI-Agenten-Systeme zu entwickeln, müssen wir noch viel tun. Bis wir alle diese Probleme und andere gelöst haben, müssen wir unsere K.I. Agentensysteme möglichst überschaubar halten und sie selbst und mit regelbasierten Flows kontrollieren.</p> <p>Wie sind eure Erfahrungen? Habt ihr eure Agenten schon beim Flunkern erwischt? Schreibt es in die Kommentare!</p> <p>Viel Spaß mit Deep Learning!</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/sind-ki-agenten-bedroht/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>7</slash:comments> <enclosure url="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/LLMAutoregression.mp4" length="8067978" type="video/mp4"/> <enclosure url="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/ChatGPT_Deep_Research_Demo.mp4" length="13691283" type="video/mp4"/> </item> <item> <title>Wie man unliebsame wissenschaftliche Ergebnisse versteckt, Innenministeriums-Edition https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/wie-man-unliebsame-wissenschaftliche-ergebnisse-versteckt-innenministeriums-edition/ https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/wie-man-unliebsame-wissenschaftliche-ergebnisse-versteckt-innenministeriums-edition/#respond Sat, 21 Feb 2026 16:29:56 +0000 Markus Pössel https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/?p=11363 <h1>Wie man unliebsame wissenschaftliche Ergebnisse versteckt, Innenministeriums-Edition » RELATIV EINFACH » SciLogs</h1><h2>By Markus Pössel</h2><div itemprop="text"> <p>Wir leben in interessanten Zeiten – generative AI, die Klimakrise, die Diskussionen zum Corona-Pandemie-Management, der Kampf gegen die Wissenschaft der Trump-Regierung bieten dringlichere Anlässe als sonst, zu diskutieren, wie wir als Gesellschaft angemessen mit Wissenschaft und deren Erkenntnissen umgehen. Dazu kommt später hier auf diesem Blog sicher noch so einiges. Konkreter Anlass für meinen Blogpost ist allerdings ein saftiges Negativbeispiel, auf das ich <a href="https://taz.de/Rassismus-in-Behoerden/!6155659/">über diesen Artikel in der taz </a>aufmerksam geworden bin. </p> <h2>Ein Beginn als Pressemitteilungs-Farce</h2> <p>Das Ganze begann schon als Farce. Denn dass eine Pressemitteilung, wie <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/pressemitteilungen/DE/2020/10/keine-studie-rechtsextremismus-polizei.html">diese hier des Bundesinnenministeriums vom 20.10.2020</a>, in der bekanntgegeben wird, die Bundesregierung habe sich darauf verständigt, “in einer Studie zu Alltagsrassismus die Entwicklung und Verbreitung diskriminierender Handlungen in der Zivilgesellschaft, in Wirtschaft und Unternehmen sowie öffentlichen Institutionen zu erforschen, die durch rassistische Einstellungen motiviert sind” nicht unter einer Überschrift wie “Bundesregierung gibt Diskriminierungsstudie in Auftrag” läuft, sondern mit der Negativ-Überschrift “Seehofer: ‘Keine Rassismus-Studie in der Polizei'” könnte ja auch aus einer zynischen Kabarett-Nummer kommen. </p> <p>Neben dem Bekenntnis, “dass es für Extremismus, Rassismus und Antisemitismus keine Toleranz” gebe, nimmt Seehofer dann auch ein, nun ja, wie soll man es nennen? Ein Ergebnis ist es ja gerade nicht. Er stellt jedenfalls klar: “[D]ie überwältigende Mehrheit von über 99 Prozent der Polizistinnen und Polizisten steht auf dem Boden unseres Grundgesetzes. […] Die Polizei kann sich darauf verlassen, dass wir als Politik hinter ihr stehen.” Oder anders gesagt: Sollte jene Studie etwas anderes finden, als das, was hier von Ministerseite gesetzt ist, waren Schwierigkeiten ob dieser Festlegung bereits vorprogrammiert.</p> <h2 id="h-wie-man-eine-studie-moglichst-unauffallig-verschwinden-lasst">Wie man eine Studie möglichst unauffällig verschwinden lässt</h2> <p>Zu meiner Arbeit gehört das Erstellen von Pressemitteilungen. Eine Faustregel, die mir von erfahreneren Kolleg*innen vermittelt wurde: Pressemitteilungen besser nicht am Montag oder am Freitag an die Journalist*innen schicken. Montag versuchen alle noch aufzuarbeiten, was sich am Wochenende angesammelt hat, und am Freitag, insbesondere am Freitagnachmittag, arbeitet man halt schon auf das Wochenende zu. </p> <p>Umgekehrt könnte man natürlich fragen: Wenn man, aus was für einem Grunde auch immer, möchte, dass eine Mitteilung möglichst sang- und klanglos untergeht, was wäre dafür der optimale Veröffentlichungstermin? Wenn man zumindest innerhalb der Arbeitszeit der eigenen Mitarbeiter*innen bleiben möchte, dann vermutlich der Freitagnachmittag. Ebenso klar: Wenn die eigene Institution unterschiedliche Wichtigkeitskategorien für Meldungen hat, dann sollte man die zum Verschwinden bestimmte Meldung natürlich tunlichst in die unwichtigste Kategorie einordnen.<aside></aside></p> <h2 id="h-ein-ganz-normaler-freitag-der-13-februar">Ein ganz normaler Freitag, der 13. (Februar)</h2> <p>Was uns zum Freitag, den 13. Februar 2026 bringt. Ob die entsprechende Meldung auf der Webseite des Bundesinnenministeriums vormittags oder eben nachmittags eingestellt wurde, konnte ich nicht rekonstruieren. Sie gehört aber nicht zur hervorgehobenen Kategorie der Pressemitteilungen, sondern in die weniger wichtige Kategorie bloßer “Meldungen”. Und die entsprechende Meldung lautete dann eben: <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/kurzmeldungen/DE/2026/02/inra.html">“Abschlussbericht der InRa-Studie ‘Institutionen &amp; Rassismus’ veröffentlicht.”</a></p> <p>Das nächste Farce-Element: Wenn eine langjährige Studie veröffentlicht wird, könnte man ja meinen, es sei das normalste von der Welt, dass in der zugehörigen Meldung zumindest etwas zu den Ergebnissen gesagt wird. Tja. Fehlanzeige. Die Kurzmeldung sagt Null, Zero, Nada zu den Ergebnissen. </p> <p>Immerhin ist der <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/2026/inra-studie.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=3">Abschlussbericht der Studie</a> als PDF verlinkt, und gleich daneben dann bereits defensive Stellungnahmen von zwei der untersuchten Behörden: vom <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/2026/stell-bamf-inra.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=2">Bundesamt für Migration und Flüchtlinge</a> und <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/2026/stell-bpol.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=4">von der Bundespolizei</a>. </p> <h2>Verbreitung dank Pressemitteilung</h2> <p>Dass die Studie trotzdem zumindest in einigen journalistischen Medien auftaucht, dürfte dem Umstand zu verdanken sein, dass die Universität Leipzig zur Studienveröffentlichung ein paar Tage später <a href="https://www.uni-leipzig.de/newsdetail/artikel/wie-rassismus-in-deutschen-behoerden-wirkt-2026-02-17">selbst noch eine Pressemitteilung herausgegeben hat</a>. Der Kontrast zur Behörden-Meldung könnte größer nicht sein. Die Uni-Pressemitteilung beschreibt ganz selbstverständlich Ergebnisse der Studie. Ober- und Hauptüberschrift sind “Großstudie belegt Diskriminierung auf individueller, institutioneller und struktureller Ebene: Wie Rassismus in deutschen Behörden wirkt.” Als Veröffentlichungs-Wochentag hat man einen Dienstag gewählt. </p> <p>Entsprechend wurde jene Pressemitteilung dann auch von der dpa aufgegriffen und ist in Form einer dpa-Meldung auch tatsächlich in einer Reihe von journalistischen Medien erschienen.</p> <h2>Ehrliche und unehrliche Kommunikation</h2> <p>Dass wir in einer Zeit leben, in der das Vertrauensverhältnis zwischen Gesellschaft und Politik angespannt ist, wird vermutlich niemand bestreiten. Wie kommuniziert wird, und wie die Politik an gesellschaftlichen Diskussionen teilnimmt, ist dabei ein nicht zu unterschätzender Faktor. Idealerweise ist gesellschaftliche Debatte tatsächlich ein Marktplatz der Ideen, so gestaltet, dass bessere Argumente eine Chance haben, sich durchzusetzen. Wer sich dagegen von Behördenseite aus so verhält, dass sein Vorgehen nicht von dem eines unlauteren Kommunikators zu unterscheiden ist, der alle Register zieht, um unliebsame Gegenargumente ohne inhaltliche Auseinandersetzung verschwinden zu lassen bzw. ihre Reichweite so weit wie möglich zu limitieren, trägt aktiv zu einem Vertrauensverlust gegenüber der Politik bzw. der Regierung bei. Looking at you, Bundesinnenministerium.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Wie man unliebsame wissenschaftliche Ergebnisse versteckt, Innenministeriums-Edition » RELATIV EINFACH » SciLogs</h1><h2>By Markus Pössel</h2><div itemprop="text"> <p>Wir leben in interessanten Zeiten – generative AI, die Klimakrise, die Diskussionen zum Corona-Pandemie-Management, der Kampf gegen die Wissenschaft der Trump-Regierung bieten dringlichere Anlässe als sonst, zu diskutieren, wie wir als Gesellschaft angemessen mit Wissenschaft und deren Erkenntnissen umgehen. Dazu kommt später hier auf diesem Blog sicher noch so einiges. Konkreter Anlass für meinen Blogpost ist allerdings ein saftiges Negativbeispiel, auf das ich <a href="https://taz.de/Rassismus-in-Behoerden/!6155659/">über diesen Artikel in der taz </a>aufmerksam geworden bin. </p> <h2>Ein Beginn als Pressemitteilungs-Farce</h2> <p>Das Ganze begann schon als Farce. Denn dass eine Pressemitteilung, wie <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/pressemitteilungen/DE/2020/10/keine-studie-rechtsextremismus-polizei.html">diese hier des Bundesinnenministeriums vom 20.10.2020</a>, in der bekanntgegeben wird, die Bundesregierung habe sich darauf verständigt, “in einer Studie zu Alltagsrassismus die Entwicklung und Verbreitung diskriminierender Handlungen in der Zivilgesellschaft, in Wirtschaft und Unternehmen sowie öffentlichen Institutionen zu erforschen, die durch rassistische Einstellungen motiviert sind” nicht unter einer Überschrift wie “Bundesregierung gibt Diskriminierungsstudie in Auftrag” läuft, sondern mit der Negativ-Überschrift “Seehofer: ‘Keine Rassismus-Studie in der Polizei'” könnte ja auch aus einer zynischen Kabarett-Nummer kommen. </p> <p>Neben dem Bekenntnis, “dass es für Extremismus, Rassismus und Antisemitismus keine Toleranz” gebe, nimmt Seehofer dann auch ein, nun ja, wie soll man es nennen? Ein Ergebnis ist es ja gerade nicht. Er stellt jedenfalls klar: “[D]ie überwältigende Mehrheit von über 99 Prozent der Polizistinnen und Polizisten steht auf dem Boden unseres Grundgesetzes. […] Die Polizei kann sich darauf verlassen, dass wir als Politik hinter ihr stehen.” Oder anders gesagt: Sollte jene Studie etwas anderes finden, als das, was hier von Ministerseite gesetzt ist, waren Schwierigkeiten ob dieser Festlegung bereits vorprogrammiert.</p> <h2 id="h-wie-man-eine-studie-moglichst-unauffallig-verschwinden-lasst">Wie man eine Studie möglichst unauffällig verschwinden lässt</h2> <p>Zu meiner Arbeit gehört das Erstellen von Pressemitteilungen. Eine Faustregel, die mir von erfahreneren Kolleg*innen vermittelt wurde: Pressemitteilungen besser nicht am Montag oder am Freitag an die Journalist*innen schicken. Montag versuchen alle noch aufzuarbeiten, was sich am Wochenende angesammelt hat, und am Freitag, insbesondere am Freitagnachmittag, arbeitet man halt schon auf das Wochenende zu. </p> <p>Umgekehrt könnte man natürlich fragen: Wenn man, aus was für einem Grunde auch immer, möchte, dass eine Mitteilung möglichst sang- und klanglos untergeht, was wäre dafür der optimale Veröffentlichungstermin? Wenn man zumindest innerhalb der Arbeitszeit der eigenen Mitarbeiter*innen bleiben möchte, dann vermutlich der Freitagnachmittag. Ebenso klar: Wenn die eigene Institution unterschiedliche Wichtigkeitskategorien für Meldungen hat, dann sollte man die zum Verschwinden bestimmte Meldung natürlich tunlichst in die unwichtigste Kategorie einordnen.<aside></aside></p> <h2 id="h-ein-ganz-normaler-freitag-der-13-februar">Ein ganz normaler Freitag, der 13. (Februar)</h2> <p>Was uns zum Freitag, den 13. Februar 2026 bringt. Ob die entsprechende Meldung auf der Webseite des Bundesinnenministeriums vormittags oder eben nachmittags eingestellt wurde, konnte ich nicht rekonstruieren. Sie gehört aber nicht zur hervorgehobenen Kategorie der Pressemitteilungen, sondern in die weniger wichtige Kategorie bloßer “Meldungen”. Und die entsprechende Meldung lautete dann eben: <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/kurzmeldungen/DE/2026/02/inra.html">“Abschlussbericht der InRa-Studie ‘Institutionen &amp; Rassismus’ veröffentlicht.”</a></p> <p>Das nächste Farce-Element: Wenn eine langjährige Studie veröffentlicht wird, könnte man ja meinen, es sei das normalste von der Welt, dass in der zugehörigen Meldung zumindest etwas zu den Ergebnissen gesagt wird. Tja. Fehlanzeige. Die Kurzmeldung sagt Null, Zero, Nada zu den Ergebnissen. </p> <p>Immerhin ist der <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/2026/inra-studie.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=3">Abschlussbericht der Studie</a> als PDF verlinkt, und gleich daneben dann bereits defensive Stellungnahmen von zwei der untersuchten Behörden: vom <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/2026/stell-bamf-inra.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=2">Bundesamt für Migration und Flüchtlinge</a> und <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/2026/stell-bpol.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=4">von der Bundespolizei</a>. </p> <h2>Verbreitung dank Pressemitteilung</h2> <p>Dass die Studie trotzdem zumindest in einigen journalistischen Medien auftaucht, dürfte dem Umstand zu verdanken sein, dass die Universität Leipzig zur Studienveröffentlichung ein paar Tage später <a href="https://www.uni-leipzig.de/newsdetail/artikel/wie-rassismus-in-deutschen-behoerden-wirkt-2026-02-17">selbst noch eine Pressemitteilung herausgegeben hat</a>. Der Kontrast zur Behörden-Meldung könnte größer nicht sein. Die Uni-Pressemitteilung beschreibt ganz selbstverständlich Ergebnisse der Studie. Ober- und Hauptüberschrift sind “Großstudie belegt Diskriminierung auf individueller, institutioneller und struktureller Ebene: Wie Rassismus in deutschen Behörden wirkt.” Als Veröffentlichungs-Wochentag hat man einen Dienstag gewählt. </p> <p>Entsprechend wurde jene Pressemitteilung dann auch von der dpa aufgegriffen und ist in Form einer dpa-Meldung auch tatsächlich in einer Reihe von journalistischen Medien erschienen.</p> <h2>Ehrliche und unehrliche Kommunikation</h2> <p>Dass wir in einer Zeit leben, in der das Vertrauensverhältnis zwischen Gesellschaft und Politik angespannt ist, wird vermutlich niemand bestreiten. Wie kommuniziert wird, und wie die Politik an gesellschaftlichen Diskussionen teilnimmt, ist dabei ein nicht zu unterschätzender Faktor. Idealerweise ist gesellschaftliche Debatte tatsächlich ein Marktplatz der Ideen, so gestaltet, dass bessere Argumente eine Chance haben, sich durchzusetzen. Wer sich dagegen von Behördenseite aus so verhält, dass sein Vorgehen nicht von dem eines unlauteren Kommunikators zu unterscheiden ist, der alle Register zieht, um unliebsame Gegenargumente ohne inhaltliche Auseinandersetzung verschwinden zu lassen bzw. ihre Reichweite so weit wie möglich zu limitieren, trägt aktiv zu einem Vertrauensverlust gegenüber der Politik bzw. der Regierung bei. Looking at you, Bundesinnenministerium.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/wie-man-unliebsame-wissenschaftliche-ergebnisse-versteckt-innenministeriums-edition/#respond 0 59 neue IAU-Sternnamen https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/59-neue-iau-sternnamen/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/59-neue-iau-sternnamen/#respond Sat, 21 Feb 2026 10:38:07 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12631 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-768x443.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/59-neue-iau-sternnamen/</link> </image> <description type="html"><h1>59 neue IAU-Sternnamen » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Neue Presse-Verlautbarung der <a href="https://www.iau.org/">Internationalen Astronomischen Union (IAU</a>).</p> <p><a href="https://www.iau.org/IAU/News/Ann2026/New-Star-Names-2026.aspx">Link zum englischen Original</a>. – hier eine deutsche Übersetzung (Deepl sei gedankt, aber nachbearbeitet):</p> <p>Die Internationale Astronomische Union hat über ihre Arbeitsgruppe für Sternnamen (<a href="https://exopla.net/">WGSN</a>) 59 neue Namen in den IAU-Katalog der Sternnamen aufgenommen. Diese Namen erstrecken sich über die gesamte Himmelskugel, wobei bewusst ein kultureller Schwerpunkt auf Asien gelegt wurde, was die Stärke der Forschungsbasis in dieser Region widerspiegelt. Die Sternnamen decken eine Reihe von kulturellen Regionen und Sprachen ab, darunter Xam (Dialekt der Khoe/San), Altgriechisch, Arabisch, Chinesisch, Dayak, Niederländisch, Ägyptisch, Englisch, Französisch, Griechisch-Römisch, Griechisch, Latein, Malaiisch, Marshallisch, Samisch, Sanskrit und Sumerisch. Die Astronomie und der Nachthimmel haben in allen Kulturen der Welt eine große Bedeutung, was durch diese Vielfalt unterstrichen wird.</p> <p>Die IAU ist seit ihrer Gründung im Jahr 1919 die zuständige Instanz für die Benennung von Sternen und Planeten und wurde später <a href="https://unstats.un.org/unsd/geoinfo/ungegn/docs/4th-uncsgn-docs/4-uncsgn-rpt-en.pdf">von den Vereinten Nationen anerkannt</a>. Dieser Benennungsprozess wird von ihren Arbeitsgruppen durchgeführt.</p> <p>In den Jahren 2024 und 2025 führte die IAU WGSN strenge, fallweise Überprüfungen der vorgeschlagenen kulturellen Sternnamen durch. Diese nachhaltigen Bemühungen im Bereich der kulturellen Astronomie zielten nicht nur darauf ab, neue Namen zu übernehmen, sondern auch eine transparente Methodik zu verfeinern, die auf den Grundsätzen der IAU in Bezug auf Respekt, Inklusivität und kulturelle Vielfalt basiert.<aside></aside></p> <p>Nach zwei Jahren intensiver Studien hat die <a href="https://exopla.net/star-names/wgsn-guidelines/">WGSN nun ihre offiziellen Richtlinien veröffentlicht</a>. Weitere Details zu Methodiken, Arbeitsabläufen und unterstützenden Tools – darunter <a href="https://stellarium.org/">Stellarium</a> und zugehörige Webressourcen – befinden sich derzeit in der Entwicklung und werden voraussichtlich 2026 veröffentlicht.</p> <p>Dr. Dr. Susanne Hoffmann, Vorsitzende der IAU-Arbeitsgruppe für Sternennamen, sagt:</p> <blockquote> <p>„<em>Die Arbeitsgruppe für Sternennamen ist außerordentlich aktiv, und ich bin sehr stolz auf ihre Mitglieder. In den letzten Jahren haben führende Experten aus verschiedenen Disziplinen und mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund gelernt, in einem wirklich kooperativen Geist zusammenzuarbeiten. Anstatt dass Einzelpersonen innerhalb ihrer eigenen wissenschaftlichen oder kulturellen Gemeinschaften parallele Anstrengungen unternehmen, arbeiten wir nun wie ein gut koordiniertes Orchester: unterschiedliche Stimmen, gemeinsame Standards und ein gemeinsames Ziel. Dieser kollektive Ansatz hat sowohl die wissenschaftliche Qualität als auch die kulturelle Verantwortung unserer Arbeit erheblich gestärkt</em>.“</p> <cite><em>[Webseite der IAU]</em></cite></blockquote> <p>Die Arbeitsgruppe führt auch Forschungen zu den indigenen Benennungstraditionen der südlichen Hemisphäre durch. In mehreren Fällen führte dies zu einer bewussten Verschiebung von Benennungsentscheidungen, bei denen zusätzliche wissenschaftliche Arbeiten erforderlich sind.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s.jpg"><img alt="" decoding="async" height="590" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s-1024x590.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s-1024x590.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s-300x173.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s-768x443.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s-1536x885.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s.jpg 1551w" width="1024"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s.jpg"><img alt="" decoding="async" height="590" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-1024x590.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-1024x590.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-300x173.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-768x443.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-1536x885.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s.jpg 1551w" width="1024"></img></a></figure> <p>Images: maps of newly adopted star names based on Gaia DR2 data<br></br>Credit: M.Sadegh Faghanpour/IAU WGSN</p> <h2>Links</h2> <ul> <li><a href="https://exopla.net/star-names/modern-iau-star-names/">IAU Star Names Catalog</a></li> <li><a href="https://exopla.net/star-names/wgsn-guidelines/">IAU Guidelines on naming</a></li> </ul> <p>Kontakt: <a href="mailto:iaupressoffice@iau.org">Ramasamy Venugopal</a>, IAU Press Office</p> <h2>Liste der 59 neuen Sternnamen: </h2> <p>wird hier schlecht dargestellt, daher <a href="https://www.iau.org/IAU/News/Ann2026/New-Star-Names-2026.aspx">bitte auf der Originalseite anschauen</a>.</p> <p>*) Bekanntes Mehrfachsternsystem, bei dem der Name auf den Hauptstern angewendet wird, mit Ausnahme von Lang-Exster (α Tuc), wo Lang und Exster auf die beiden (bislang unaufgelösten) Komponenten angewendet werden können. Ähnlich wie bei „Phyllon Kissnou“, wo sich der ursprüngliche griechische Name auf einen sichtbaren Punkt am Himmel bezog und wir die beiden Namen „Phyllon“ für den Hauptstern und „Kissinou“ für den sekundären Bestandteil des Mehrfachsystems verwenden (in SIMBAD sind keine individuellen Nummern angegeben).</p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>59 neue IAU-Sternnamen » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Neue Presse-Verlautbarung der <a href="https://www.iau.org/">Internationalen Astronomischen Union (IAU</a>).</p> <p><a href="https://www.iau.org/IAU/News/Ann2026/New-Star-Names-2026.aspx">Link zum englischen Original</a>. – hier eine deutsche Übersetzung (Deepl sei gedankt, aber nachbearbeitet):</p> <p>Die Internationale Astronomische Union hat über ihre Arbeitsgruppe für Sternnamen (<a href="https://exopla.net/">WGSN</a>) 59 neue Namen in den IAU-Katalog der Sternnamen aufgenommen. Diese Namen erstrecken sich über die gesamte Himmelskugel, wobei bewusst ein kultureller Schwerpunkt auf Asien gelegt wurde, was die Stärke der Forschungsbasis in dieser Region widerspiegelt. Die Sternnamen decken eine Reihe von kulturellen Regionen und Sprachen ab, darunter Xam (Dialekt der Khoe/San), Altgriechisch, Arabisch, Chinesisch, Dayak, Niederländisch, Ägyptisch, Englisch, Französisch, Griechisch-Römisch, Griechisch, Latein, Malaiisch, Marshallisch, Samisch, Sanskrit und Sumerisch. Die Astronomie und der Nachthimmel haben in allen Kulturen der Welt eine große Bedeutung, was durch diese Vielfalt unterstrichen wird.</p> <p>Die IAU ist seit ihrer Gründung im Jahr 1919 die zuständige Instanz für die Benennung von Sternen und Planeten und wurde später <a href="https://unstats.un.org/unsd/geoinfo/ungegn/docs/4th-uncsgn-docs/4-uncsgn-rpt-en.pdf">von den Vereinten Nationen anerkannt</a>. Dieser Benennungsprozess wird von ihren Arbeitsgruppen durchgeführt.</p> <p>In den Jahren 2024 und 2025 führte die IAU WGSN strenge, fallweise Überprüfungen der vorgeschlagenen kulturellen Sternnamen durch. Diese nachhaltigen Bemühungen im Bereich der kulturellen Astronomie zielten nicht nur darauf ab, neue Namen zu übernehmen, sondern auch eine transparente Methodik zu verfeinern, die auf den Grundsätzen der IAU in Bezug auf Respekt, Inklusivität und kulturelle Vielfalt basiert.<aside></aside></p> <p>Nach zwei Jahren intensiver Studien hat die <a href="https://exopla.net/star-names/wgsn-guidelines/">WGSN nun ihre offiziellen Richtlinien veröffentlicht</a>. Weitere Details zu Methodiken, Arbeitsabläufen und unterstützenden Tools – darunter <a href="https://stellarium.org/">Stellarium</a> und zugehörige Webressourcen – befinden sich derzeit in der Entwicklung und werden voraussichtlich 2026 veröffentlicht.</p> <p>Dr. Dr. Susanne Hoffmann, Vorsitzende der IAU-Arbeitsgruppe für Sternennamen, sagt:</p> <blockquote> <p>„<em>Die Arbeitsgruppe für Sternennamen ist außerordentlich aktiv, und ich bin sehr stolz auf ihre Mitglieder. In den letzten Jahren haben führende Experten aus verschiedenen Disziplinen und mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund gelernt, in einem wirklich kooperativen Geist zusammenzuarbeiten. Anstatt dass Einzelpersonen innerhalb ihrer eigenen wissenschaftlichen oder kulturellen Gemeinschaften parallele Anstrengungen unternehmen, arbeiten wir nun wie ein gut koordiniertes Orchester: unterschiedliche Stimmen, gemeinsame Standards und ein gemeinsames Ziel. Dieser kollektive Ansatz hat sowohl die wissenschaftliche Qualität als auch die kulturelle Verantwortung unserer Arbeit erheblich gestärkt</em>.“</p> <cite><em>[Webseite der IAU]</em></cite></blockquote> <p>Die Arbeitsgruppe führt auch Forschungen zu den indigenen Benennungstraditionen der südlichen Hemisphäre durch. In mehreren Fällen führte dies zu einer bewussten Verschiebung von Benennungsentscheidungen, bei denen zusätzliche wissenschaftliche Arbeiten erforderlich sind.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s.jpg"><img alt="" decoding="async" height="590" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s-1024x590.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s-1024x590.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s-300x173.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s-768x443.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s-1536x885.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s.jpg 1551w" width="1024"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s.jpg"><img alt="" decoding="async" height="590" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-1024x590.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-1024x590.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-300x173.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-768x443.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-1536x885.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s.jpg 1551w" width="1024"></img></a></figure> <p>Images: maps of newly adopted star names based on Gaia DR2 data<br></br>Credit: M.Sadegh Faghanpour/IAU WGSN</p> <h2>Links</h2> <ul> <li><a href="https://exopla.net/star-names/modern-iau-star-names/">IAU Star Names Catalog</a></li> <li><a href="https://exopla.net/star-names/wgsn-guidelines/">IAU Guidelines on naming</a></li> </ul> <p>Kontakt: <a href="mailto:iaupressoffice@iau.org">Ramasamy Venugopal</a>, IAU Press Office</p> <h2>Liste der 59 neuen Sternnamen: </h2> <p>wird hier schlecht dargestellt, daher <a href="https://www.iau.org/IAU/News/Ann2026/New-Star-Names-2026.aspx">bitte auf der Originalseite anschauen</a>.</p> <p>*) Bekanntes Mehrfachsternsystem, bei dem der Name auf den Hauptstern angewendet wird, mit Ausnahme von Lang-Exster (α Tuc), wo Lang und Exster auf die beiden (bislang unaufgelösten) Komponenten angewendet werden können. Ähnlich wie bei „Phyllon Kissnou“, wo sich der ursprüngliche griechische Name auf einen sichtbaren Punkt am Himmel bezog und wir die beiden Namen „Phyllon“ für den Hauptstern und „Kissinou“ für den sekundären Bestandteil des Mehrfachsystems verwenden (in SIMBAD sind keine individuellen Nummern angegeben).</p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/59-neue-iau-sternnamen/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Asbest in Spielsand https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/asbest-in-spielsand/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/asbest-in-spielsand/#comments Fri, 20 Feb 2026 17:54:51 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3741 <h1>Asbest in Spielsand » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <div><h2>Key Takeaways</h2> <ul> <li>Bunter Spielsand, der als sicher gilt, kann Asbest enthalten, was in verschiedenen Ländern bereits nachgewiesen wurde.</li> <li>Asbest gelangt in den Spielsand durch geogene Quellen in den Rohstoffen und kann Krebs auslösen.</li> <li>Verbraucher sollten ihren Spielsand auf Asbest testen lassen, insbesondere wenn sie unsicher sind, welches Produkt sie haben.</li> <li>Bis zur Analyse sollte man den Sand als verdächtig einstufen und entsprechende Schutzmaßnahmen treffen, um Staub zu vermeiden.</li> <li>Wenn Asbest gefunden wird, ist eine fachgerechte Entsorgung und möglicherweise eine professionelle Reinigung notwendig.</li> </ul> </div> <p>Er kommt in wunderbar bunten Farben daher und trägt Bezeichnungen wie kinetischer Sand, Dekosand, Magic Sand oder schlicht Spielsand und Bastelsand. Man kann ihn über diverse Onlinehändler kaufen und er erfreut sich großer Beliebtheit bei Bastlern und Kindern. Der bunte Sand hat aber, wenn man die aktuellen Meldungen verfolgt hat, seine dunkle Seite. In einigen der unter diesen Bezeichnungen vertriebenen Produkte wurde Asbest nachgewiesen. Genau der Asbest, der als ehemalige Wunderfaser hier in Deutschland seit 1993 und in der EU seit 2003 zu recht verboten wurde. Denn Asbest kann Krebs auslösen, wenn die Fasern eingeatmet werden.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-scaled.jpg"><img alt="Bunter Spielsand, auch als kinetischer Sand oder Magic Sand bekannt." decoding="async" fetchpriority="high" height="769" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-1024x769.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-1024x769.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-768x577.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-1536x1153.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-2048x1538.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Der bunte sand sieht harmlos aus, kann aber Asbest enthalten.</em></figcaption></figure> <p>Da stellen sich einige Fragen: Wie kommt Asbest in den Sand? Wie kann ich prüfen, ob mein Sand betroffen ist und was kann/muss ich beachten, wenn in meinem Sand auch Asbest gefunden wurde. Ich will mal versuchen, etwas Licht in die Angelegenheit zu bringen.</p> <h2 id="h-wie-ist-das-bekannt-geworden">Wie ist das bekannt geworden?</h2> <p>Bereits Ende 2025 haben <a href="https://www.productsafety.gov.au/search-consumer-product-recalls/educational-colours-rainbow-sand-13kg-creatistics-coloured-sand-1kg-kadink-coloured-decorative-sand-13kg-and-kadink-cotton-sensory-sand-700g">australische</a> und <a href="https://www.productsafety.govt.nz/recalls?q=&amp;category=25&amp;sort=&amp;from=&amp;to=&amp;exclude=">neuseeländische</a> Behörden vor buntem Sand aus China gewarnt. Mittlerweile, Stand Februar 2026, gibt es auch aus <a href="https://economie.fgov.be/sites/default/files/Files/Quality-and-Security/speelzand-blacklist.pdf">Belgien</a> und den <a href="https://www.ad.nl/binnenland/asbest-in-speelfiguurtjes-van-de-action-eerste-terugroepactie-in-zandaffaire~ad5e8845/">Niederlanden</a> Asbestfunde in dem Sand, bestimmte Produkte wurden aus dem Handel genommen.</p> <h2 id="h-wie-kommt-asbest-in-den-sand">Wie kommt Asbest in den Sand?</h2> <p>Man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass niemand absichtlich Sand mit Asbest versehen hat, um eine bestimmte Materialeigenschaft zu verbessern oder gar um anderen zu schaden. Bei dem nachgewiesenen Asbest handelt es sich um sogenannten geogenen Asbest, wobei ich persönlich lieben den Begriff „akzessorischer Asbest“ verwendet sehen möchte. Denn dieser Asbest kommt in den Rohstoffen, die wir hier zum Beispiel für die Produktion des Spielsandes verwenden, als akzessorisches Mineral vor. Wenn man also diese Rohstoffe verarbeitet, gelangt der Asbest damit auch in die Produkte. Das deckt sich auch mit ersten Untersuchungen, die wir in dem Labor, in dem ich arbeite, durchgeführt haben.</p> <p>Hier fand sich Asbest in Sanden mit einer karbonatischen Matrix, also Sand, der aus calcitischen oder auch dolomitischen Marmoren hergestellt wurde. Diese Marmore, metamorphe Gesteine, enthalten je nach ihrem Ausgangsgestein auch silikatische Anteile. Wenn sie während der Metamorphose zu Marmor werden, können auch verschiedene Minerale entstehen, die wir unter dem Begriff Asbest zusammenfassen, z.B. Tremolit, ein Mineral aus der großen Gruppe der Amphibole. In manchen Fällen kann auch Chrysotil enthalten sein, den wir unter dem Begriff Weißasbest kennen.<aside></aside></p> <p>Beide Asbestformen konnten in karbonatischen Sanden auch bereits gefunden werden. Weitgehend unverdächtig sind zumindest vorläufig Sande aus Quarzsand oder gemahlenem Glas.</p> <h2 id="h-wie-weiss-ich-ob-mein-spielsand-auch-betroffen-ist">Wie weiß ich, ob mein Spielsand auch betroffen ist?</h2> <p>Man kann sich als Anfang auf den Seiten der <a href="https://www.verbraucherzentrale.nrw/wissen/projekt-schadstoffberatung/schadstoffberatung-kinderprodukte-spielzeug/spielsand-und-bastelsand-ist-asbest-enthalten-117318#:~:text=Wenn%20sich%20herausstellt%2C%20dass%20das,wo%20asbesthaltige%20Abf%C3%A4lle%20abzugeben%20sind">Verbraucherzentrale</a> oder der <a href="https://www.test.de/Verbraucherschuetzer-warnen-Asbest-in-buntem-Spielsand-gefunden-6281991-0/">Stiftung Warentest</a> informieren. Hier sind auch oft die aktuellen Rückruflisten zu finden. Wenn man nicht sicher ist, welches Produkt man besitzt oder die Originalverpackung nicht mehr hat, kann man auch eine Probe in einem akkreditierten Labor untersuchen lassen. Die Kosten liegen hier im Bereich zwischen 100 und 170,- € je nach Labor, Bearbeitungszeit und Nachweisgrenze. Das Probenmaterial sollte luftdicht verpackt und gekennzeichnet mit einem kurzen Anschreiben an das betreffende Labor geschickt werden. Im Anschreiben stehen sinnigerweise neben ihrem Analysewunsch und den Kontaktdaten auch eine E-Mail-Adresse und die Telefonnummer, falls es Rückfragen gibt.</p> <p>Unverpackte Sande sollten unter Beachtung von persönlichen Schutzmaßnahmen wieder luftdicht verpackt werden. Dazu gehört eine dicht sitzende FFP-2 (wie während der Corona Zeit) oder besser noch eine FFP3-Maske sowie Putzhandschuhe und Schutzbrille. Den Sand eventuell mit einem nassen Tuch, gegebenenfalls auch vorsichtig(!) mithilfe einer Blumenspritze mit Wasser und etwas Spülmittel angefeuchtet werden. Dabei ist vor allem mit der Blumenspritze auf jeden Fall zu vermeiden, Staub aufzuwirbeln. Anschließend den Staub feucht mit nassem Lappen aufzuwischen.</p> <p>Auf keinen Fall (!) sollte man den Haushaltsstaubsauger benutzen. Normale Haushaltsstaubsauger können Asbestfasern nicht zurückhalten. Sie verwirbeln sie und führen letztlich zu einer stärkeren Belastung der Luft. Asbesthaltige Materialien können nur mit speziellen Saugern der Klasse H aufgenommen werden.</p> <h2 id="h-wenn-mein-sand-asbestbelastet-ist-was-muss-ich-tun">Wenn mein Sand asbestbelastet ist, was muss ich tun?</h2> <p>Wenn sich herausstellt, dass ihr Produkt mit Asbest belastet ist, dann sollte es entsprechend entsorgt werden. Dazu sollten sie mit ihrem zuständigen Entsorgungsunternehmen Kontakt aufnehmen, Hier wird man ihnen schnell sagen, wo und wie asbesthaltige Abfälle abzugeben sind.</p> <p>Wenn der asbesthaltige Sand in Innenräumen verwendet wurde, kann eventuell auch eine professionelle Reinigung notwendig werden. Das hängt aber sowohl von der Höhe der Asbestbelastung des Sandes als auch von der Dauer sowie der Stärke der Staubfreisetzung ab. Eventuell kann man auch mithilfe von Staubproben prüfen, ob und wie weit Asbest in der Wohnung verbreitet ist. Es besteht aber auch kein Grund zur Panik. Asbest stellt zwar ein bedeutendes Gesundheitsrisiko dar, dieses Risiko steigt aber mit der Dauer und der Höhe der Exposition. In den Überwiegenden Fällen müssen etliche Faserjahre zustande kommen, um ein deutliches Risiko zu haben, wobei ein Faserjahr bedeutet, dass man rund eine Million Fasern pro Kubikmeter für mindestens 240 Arbeitstage eingeatmet hat. Wie schnell sich das Risiko herunterbricht, wenn man nur Bruchteile davon erreicht, und welches Risiko zum Beispiel Handwerker haben, die nur kurzzeitig höheren Belastungen ausgesetzt waren, habe ich in einem anderen Blogbeitrag mal aufgeschlüsselt (<a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/asbestrisiko-beim-heimwerken/">Asbestrisiko beim Heimwerken</a>). </p> <p>Alles in allem also keine Entwarnung, aber auch kein Grund zur Panik. Man sollte aber die entsprechenden Seiten der <a href="https://www.verbraucherzentrale.nrw/wissen/projekt-schadstoffberatung/schadstoffberatung-kinderprodukte-spielzeug/spielsand-und-bastelsand-ist-asbest-enthalten-117318#:~:text=Wenn%20sich%20herausstellt%2C%20dass%20das,wo%20asbesthaltige%20Abf%C3%A4lle%20abzugeben%20sind">Verbraucherzentralen</a> und vielleicht auch der einschlägigen <a href="https://www.crb-gmbh.com/de/newspost/asbest-in-spielsand?fbclid=IwY2xjawQEeClleHRuA2FlbQIxMABicmlkETAzUUprV0NBVzlENU9XNzJ3c3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHpXNGKqn73PkX2ziy6UUmPcWEfuwD5kcEWv3AuOjGdfzr9uwmmJqGpY6xtiy_aem_piLiXzuALZkysQ9bzJu-lQ">Labore</a> im Auge behalten.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Asbest in Spielsand » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <div><h2>Key Takeaways</h2> <ul> <li>Bunter Spielsand, der als sicher gilt, kann Asbest enthalten, was in verschiedenen Ländern bereits nachgewiesen wurde.</li> <li>Asbest gelangt in den Spielsand durch geogene Quellen in den Rohstoffen und kann Krebs auslösen.</li> <li>Verbraucher sollten ihren Spielsand auf Asbest testen lassen, insbesondere wenn sie unsicher sind, welches Produkt sie haben.</li> <li>Bis zur Analyse sollte man den Sand als verdächtig einstufen und entsprechende Schutzmaßnahmen treffen, um Staub zu vermeiden.</li> <li>Wenn Asbest gefunden wird, ist eine fachgerechte Entsorgung und möglicherweise eine professionelle Reinigung notwendig.</li> </ul> </div> <p>Er kommt in wunderbar bunten Farben daher und trägt Bezeichnungen wie kinetischer Sand, Dekosand, Magic Sand oder schlicht Spielsand und Bastelsand. Man kann ihn über diverse Onlinehändler kaufen und er erfreut sich großer Beliebtheit bei Bastlern und Kindern. Der bunte Sand hat aber, wenn man die aktuellen Meldungen verfolgt hat, seine dunkle Seite. In einigen der unter diesen Bezeichnungen vertriebenen Produkte wurde Asbest nachgewiesen. Genau der Asbest, der als ehemalige Wunderfaser hier in Deutschland seit 1993 und in der EU seit 2003 zu recht verboten wurde. Denn Asbest kann Krebs auslösen, wenn die Fasern eingeatmet werden.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-scaled.jpg"><img alt="Bunter Spielsand, auch als kinetischer Sand oder Magic Sand bekannt." decoding="async" fetchpriority="high" height="769" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-1024x769.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-1024x769.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-768x577.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-1536x1153.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-2048x1538.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Der bunte sand sieht harmlos aus, kann aber Asbest enthalten.</em></figcaption></figure> <p>Da stellen sich einige Fragen: Wie kommt Asbest in den Sand? Wie kann ich prüfen, ob mein Sand betroffen ist und was kann/muss ich beachten, wenn in meinem Sand auch Asbest gefunden wurde. Ich will mal versuchen, etwas Licht in die Angelegenheit zu bringen.</p> <h2 id="h-wie-ist-das-bekannt-geworden">Wie ist das bekannt geworden?</h2> <p>Bereits Ende 2025 haben <a href="https://www.productsafety.gov.au/search-consumer-product-recalls/educational-colours-rainbow-sand-13kg-creatistics-coloured-sand-1kg-kadink-coloured-decorative-sand-13kg-and-kadink-cotton-sensory-sand-700g">australische</a> und <a href="https://www.productsafety.govt.nz/recalls?q=&amp;category=25&amp;sort=&amp;from=&amp;to=&amp;exclude=">neuseeländische</a> Behörden vor buntem Sand aus China gewarnt. Mittlerweile, Stand Februar 2026, gibt es auch aus <a href="https://economie.fgov.be/sites/default/files/Files/Quality-and-Security/speelzand-blacklist.pdf">Belgien</a> und den <a href="https://www.ad.nl/binnenland/asbest-in-speelfiguurtjes-van-de-action-eerste-terugroepactie-in-zandaffaire~ad5e8845/">Niederlanden</a> Asbestfunde in dem Sand, bestimmte Produkte wurden aus dem Handel genommen.</p> <h2 id="h-wie-kommt-asbest-in-den-sand">Wie kommt Asbest in den Sand?</h2> <p>Man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass niemand absichtlich Sand mit Asbest versehen hat, um eine bestimmte Materialeigenschaft zu verbessern oder gar um anderen zu schaden. Bei dem nachgewiesenen Asbest handelt es sich um sogenannten geogenen Asbest, wobei ich persönlich lieben den Begriff „akzessorischer Asbest“ verwendet sehen möchte. Denn dieser Asbest kommt in den Rohstoffen, die wir hier zum Beispiel für die Produktion des Spielsandes verwenden, als akzessorisches Mineral vor. Wenn man also diese Rohstoffe verarbeitet, gelangt der Asbest damit auch in die Produkte. Das deckt sich auch mit ersten Untersuchungen, die wir in dem Labor, in dem ich arbeite, durchgeführt haben.</p> <p>Hier fand sich Asbest in Sanden mit einer karbonatischen Matrix, also Sand, der aus calcitischen oder auch dolomitischen Marmoren hergestellt wurde. Diese Marmore, metamorphe Gesteine, enthalten je nach ihrem Ausgangsgestein auch silikatische Anteile. Wenn sie während der Metamorphose zu Marmor werden, können auch verschiedene Minerale entstehen, die wir unter dem Begriff Asbest zusammenfassen, z.B. Tremolit, ein Mineral aus der großen Gruppe der Amphibole. In manchen Fällen kann auch Chrysotil enthalten sein, den wir unter dem Begriff Weißasbest kennen.<aside></aside></p> <p>Beide Asbestformen konnten in karbonatischen Sanden auch bereits gefunden werden. Weitgehend unverdächtig sind zumindest vorläufig Sande aus Quarzsand oder gemahlenem Glas.</p> <h2 id="h-wie-weiss-ich-ob-mein-spielsand-auch-betroffen-ist">Wie weiß ich, ob mein Spielsand auch betroffen ist?</h2> <p>Man kann sich als Anfang auf den Seiten der <a href="https://www.verbraucherzentrale.nrw/wissen/projekt-schadstoffberatung/schadstoffberatung-kinderprodukte-spielzeug/spielsand-und-bastelsand-ist-asbest-enthalten-117318#:~:text=Wenn%20sich%20herausstellt%2C%20dass%20das,wo%20asbesthaltige%20Abf%C3%A4lle%20abzugeben%20sind">Verbraucherzentrale</a> oder der <a href="https://www.test.de/Verbraucherschuetzer-warnen-Asbest-in-buntem-Spielsand-gefunden-6281991-0/">Stiftung Warentest</a> informieren. Hier sind auch oft die aktuellen Rückruflisten zu finden. Wenn man nicht sicher ist, welches Produkt man besitzt oder die Originalverpackung nicht mehr hat, kann man auch eine Probe in einem akkreditierten Labor untersuchen lassen. Die Kosten liegen hier im Bereich zwischen 100 und 170,- € je nach Labor, Bearbeitungszeit und Nachweisgrenze. Das Probenmaterial sollte luftdicht verpackt und gekennzeichnet mit einem kurzen Anschreiben an das betreffende Labor geschickt werden. Im Anschreiben stehen sinnigerweise neben ihrem Analysewunsch und den Kontaktdaten auch eine E-Mail-Adresse und die Telefonnummer, falls es Rückfragen gibt.</p> <p>Unverpackte Sande sollten unter Beachtung von persönlichen Schutzmaßnahmen wieder luftdicht verpackt werden. Dazu gehört eine dicht sitzende FFP-2 (wie während der Corona Zeit) oder besser noch eine FFP3-Maske sowie Putzhandschuhe und Schutzbrille. Den Sand eventuell mit einem nassen Tuch, gegebenenfalls auch vorsichtig(!) mithilfe einer Blumenspritze mit Wasser und etwas Spülmittel angefeuchtet werden. Dabei ist vor allem mit der Blumenspritze auf jeden Fall zu vermeiden, Staub aufzuwirbeln. Anschließend den Staub feucht mit nassem Lappen aufzuwischen.</p> <p>Auf keinen Fall (!) sollte man den Haushaltsstaubsauger benutzen. Normale Haushaltsstaubsauger können Asbestfasern nicht zurückhalten. Sie verwirbeln sie und führen letztlich zu einer stärkeren Belastung der Luft. Asbesthaltige Materialien können nur mit speziellen Saugern der Klasse H aufgenommen werden.</p> <h2 id="h-wenn-mein-sand-asbestbelastet-ist-was-muss-ich-tun">Wenn mein Sand asbestbelastet ist, was muss ich tun?</h2> <p>Wenn sich herausstellt, dass ihr Produkt mit Asbest belastet ist, dann sollte es entsprechend entsorgt werden. Dazu sollten sie mit ihrem zuständigen Entsorgungsunternehmen Kontakt aufnehmen, Hier wird man ihnen schnell sagen, wo und wie asbesthaltige Abfälle abzugeben sind.</p> <p>Wenn der asbesthaltige Sand in Innenräumen verwendet wurde, kann eventuell auch eine professionelle Reinigung notwendig werden. Das hängt aber sowohl von der Höhe der Asbestbelastung des Sandes als auch von der Dauer sowie der Stärke der Staubfreisetzung ab. Eventuell kann man auch mithilfe von Staubproben prüfen, ob und wie weit Asbest in der Wohnung verbreitet ist. Es besteht aber auch kein Grund zur Panik. Asbest stellt zwar ein bedeutendes Gesundheitsrisiko dar, dieses Risiko steigt aber mit der Dauer und der Höhe der Exposition. In den Überwiegenden Fällen müssen etliche Faserjahre zustande kommen, um ein deutliches Risiko zu haben, wobei ein Faserjahr bedeutet, dass man rund eine Million Fasern pro Kubikmeter für mindestens 240 Arbeitstage eingeatmet hat. Wie schnell sich das Risiko herunterbricht, wenn man nur Bruchteile davon erreicht, und welches Risiko zum Beispiel Handwerker haben, die nur kurzzeitig höheren Belastungen ausgesetzt waren, habe ich in einem anderen Blogbeitrag mal aufgeschlüsselt (<a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/asbestrisiko-beim-heimwerken/">Asbestrisiko beim Heimwerken</a>). </p> <p>Alles in allem also keine Entwarnung, aber auch kein Grund zur Panik. Man sollte aber die entsprechenden Seiten der <a href="https://www.verbraucherzentrale.nrw/wissen/projekt-schadstoffberatung/schadstoffberatung-kinderprodukte-spielzeug/spielsand-und-bastelsand-ist-asbest-enthalten-117318#:~:text=Wenn%20sich%20herausstellt%2C%20dass%20das,wo%20asbesthaltige%20Abf%C3%A4lle%20abzugeben%20sind">Verbraucherzentralen</a> und vielleicht auch der einschlägigen <a href="https://www.crb-gmbh.com/de/newspost/asbest-in-spielsand?fbclid=IwY2xjawQEeClleHRuA2FlbQIxMABicmlkETAzUUprV0NBVzlENU9XNzJ3c3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHpXNGKqn73PkX2ziy6UUmPcWEfuwD5kcEWv3AuOjGdfzr9uwmmJqGpY6xtiy_aem_piLiXzuALZkysQ9bzJu-lQ">Labore</a> im Auge behalten.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/asbest-in-spielsand/#comments 2 Die Ursprünge der Synapse https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-urspruenge-der-synapse/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-urspruenge-der-synapse/#respond Thu, 19 Feb 2026 11:16:57 +0000 Ruzica Sedic https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5667 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-19-at-12.19.59-768x143.png <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-urspruenge-der-synapse/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-19-at-12.19.59.png" /><h1>Die Ursprünge der Synapse » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Ruzica Sedic</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Eine Synapse ist der Kontaktpunkt zwischen zwei Nervenzellen, ein winziger Ort, an dem Signale von einer Zelle zur anderen übertragen werden. Sie bilden die Grundlage dafür, dass Informationen in unserem Gehirn weitergeleitet werden, und ermöglichen all die bemerkenswerten Leistungen, zu denen wir fähig sind. Was in Lehrbüchern oft als statisches Schaubild dargestellt wird, ist in Wahrheit das Ergebnis einer über Millionen Jahre andauernden evolutionären Verfeinerung: von den signalübertragenden Mechanismen einfacher Choanoflagellaten bis zu den komplexen Netzwerken des menschlichen Gehirns.</p> <h3 id="h-wie-ist-eine-synapse-aufgebaut">Wie ist eine Synapse aufgebaut?</h3> <p>Eine Synapse ist die Kontaktstelle zwischen zwei Nervenzellen, an der Signale übertragen werden. Es gibt zwei Sorten von Synapsen: chemische und elektrische [1, 2]. In diesem Beitrag werden wir uns auf den Aufbau und die Evolution der chemischen Synapse konzentrieren.</p> <p>Jede chemische Synapse besteht aus drei Hauptkomponenten: der präsynaptischen Endigung der sendenden Zelle, der postsynaptischen Verdichtung der empfangenden Zelle und dem dazwischenliegenden synaptischen Spalt [3]. Beide Zellen enthalten spezialisierte Proteine, die die Signalübertragung ermöglichen. Diese Proteine kann man sich wie kleine Helfer vorstellen, denn jedes übernimmt eine spezifische Aufgabe innerhalb der Zelle und trägt dazu bei, ihre Funktion aufrechtzuerhalten.</p> <p>Um Informationen zu übertragen, braucht es in der präsynaptischen Zelle sogenannte Vesikel. Vesikel sind kleine, membranumgebene Bläschen, die Neurotransmitter wie Glutamat (erregend), GABA (hemmend) oder Acetylcholin enthalten, zur Synapse transportieren und dort in den synaptischen Spalt freisetzen [4, 5]. Für den Transport und das Freisetzen der Neurotransmitter in den synaptischen Spalt benötigt man unterschiedliche Proteine. Zu den Proteinen, die am Transport und Freisetzen der Vesikel-Bläschen beteiligt sind, gehören z.B. <strong>SNAREs</strong>, <strong>Unc18</strong> oder <strong>Synaptogamine </strong>[6].</p> <p>Zwischen den beiden Nervenzellen sind außerdem <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/autismus-klitzeklein-was-proteine-mit-neurodivergenz-zu-tun-haben/">Adhäsionsmoleküle</a>. Das sind spezielle Moleküle, die eine entscheidende Rolle bei der Verbindung und Funktion von Nervenzellen spielen. Man kann sie sich wie einen (dynamischen) Klebstoff zwischen zwei Oberflächen vorstellen: Sie halten die beiden Nervenzellen eng aneinander. Zu diesen Adhäsionsmolekülen gehören zum Beispiel <strong>Neurexin</strong> und <strong>Neuroligin </strong>[7].<aside></aside></p> <p>An der Oberfläche der postsynaptischen Zelle befinden sich Rezeptoren, die die freigesetzten Neurotransmitter binden und so Informationen von der vorgeschalteten Zelle entgegennehmen können. Zu diesen Rezeptoren gehören beispielsweise G-Protein-gekoppelte Rezeptoren (<strong>GPCRs</strong>) [8].</p> <p>Des Weiteren spielen postsynaptische Gerüstproteine eine Rolle. Zu diesen gehören zum Beispiel <strong>Shank</strong> und <strong>Homer </strong>[9]. </p> <figure><a href="https://flexikon.doccheck.com/de/Synapse"><img alt="" decoding="async" height="860" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/chemische_synapse__1__lg-1-1024x860.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/chemische_synapse__1__lg-1-1024x860.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/chemische_synapse__1__lg-1-300x252.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/chemische_synapse__1__lg-1-768x645.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/chemische_synapse__1__lg-1-1536x1290.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/chemische_synapse__1__lg-1.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>Abb. 1: Schematische Darstellung einer Synapse mit Präsynapse der vorgeschalteten Zelle inkl. Neurotransmitter gefüllter Vesikel, Postsynapse der nachgeschalteten Zelle und synaptischem Spalt.</figcaption></figure> <p>Der Großteil der tierischen Vielfalt findet sich bei den Bilateria. Das sind all jene Lebewesen, die bilateralsymmetrisch gebaut sind – also eine linke und eine rechte Körperhälfte haben, die (zumindest im Larvenstadium) wie Spiegelbilder zueinander sind. Dazu gehören unter anderem Würmer, Insekten und Säugetiere [10].</p> <h3 id="h-vor-den-tieren-choanoflagellaten-als-pioniere">Vor den Tieren: Choanoflagellaten als Pioniere</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.06.07.png"><img alt="" decoding="async" height="540" sizes="(max-width: 338px) 100vw, 338px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.06.07.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.06.07.png 338w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.06.07-188x300.png 188w" width="338"></img></a><figcaption>Abb 2: Choanoflagellat [26]</figcaption></figure></div> <p>Choanoflagellaten sind mikroskopisch kleine, einzellige Organismen, die im Meer und im Süßwasser leben und mit einem Geißelhärchen (<strong>Flagellum</strong>) sowie einem charakteristischen Kragen aus feinen Ausstülpungen (<strong>Mikrovilli</strong>) Bakterien aus dem Wasser filtern. Sie gelten als unsere engsten einzelligen Verwandten: Genetische Analysen zeigen, dass sie die heute lebende Gruppe sind, die den Tieren evolutionär am nächsten steht [11]. Deshalb sind Choanoflagellaten für die Evolutionsbiologie extrem wichtig; sie helfen zu verstehen, wie aus einfachen Einzellern die komplexen Zellen und Gewebe von Tieren entstanden sind.</p> <p>Eine gut untersuchte Art ist <em>Salpingoeca rosetta</em>, die oft in kleinen Kolonien lebt. Ihre Zellen besitzen ein sogenanntes „primordiales neurosekretorisches System“: Kleine Bläschen (Vesikel) sammeln sich am Kragen und enthalten Proteine, die wir sonst vor allem aus Synapsen im Nervensystem kennen – etwa <strong>SNARE</strong>‑Proteine, <strong>Unc13</strong> und <strong>Complexin </strong>[12, 13, 14]. Diese Moleküle könnten hier helfen, Stoffe mittels Vesikeln gezielt nach außen zu bringen, ohne dass bereits echte Synapsen vorliegen. Das Protein <strong>Rab8</strong> verteilt sich ungleichmäßig in der Zelle und hilft vermutlich dabei, Transportvesikel gezielt an einer bestimmten Stelle des Kragens ankommen zu lassen [15].</p> <p>Auch elektrische Signale spielen eine Rolle: Choanoflagellaten besitzen spannungsabhängige Ionenkanäle, die kurzzeitige Veränderungen des elektrischen Potentials der Zellmembran erzeugen [16, 17]. Diese Veränderungen der Membranspannung können das Geißelhärchen stoppen und die Zelle leicht zusammenziehen lassen. Das scheint eine Rolle beim Fressverhalten zu spielen und passiert in Kolonien sogar synchron [18]. Die Tatsache, dass elektrische Signale innerhalb eines koloniebildenden Organismus verbreitet werden, weist darauf hin, dass Choanoflagellaten möglicherweise eine Form der Zell-Zell-Kommunikation besitzen, die Ähnlichkeiten mit der Signalübertragung in tierischen Nervensystemen aufweist. Im Zellkern von <em>S. rosetta</em>, einem Choanoflagellaten, ist das Protein <strong>Homer</strong> zu finden. In tierischen Nervenzellen dient es als Gerüstprotein und organisiert postsynaptische Rezeptoren [19].</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-27-at-11.22.49.png"><img alt="" decoding="async" height="611" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-27-at-11.22.49-1024x611.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-27-at-11.22.49-1024x611.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-27-at-11.22.49-300x179.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-27-at-11.22.49-768x458.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-27-at-11.22.49.png 1250w" width="1024"></img></a><figcaption>Abb. 3: Choanoflagellaten besitzen bereits <strong>SNAREs</strong>, <strong>Shank</strong>, <strong>Homer</strong> und G-Protein-gekoppelte Rezeptoren (<strong>GPCRs</strong>). Synaptogamin kommt beispielsweise bereits bei Schwämmen vor, während <strong>Neurexin</strong> und <strong>Neuroligin</strong> bei Nesseltieren wie Quallen sowie bei Bilateria wie Insekten und Säugetieren zu finden sind [26].</figcaption></figure> <h3 id="h-schwamme-und-neuroide-zellen">Schwämme und neuroide Zellen</h3> <p>Schwämme sind sessile Filterfresser: Sie sitzen fest an einem Ort und ernähren sich, indem sie Wasser durch ihren Körper pumpen und darin enthaltene winzige Partikel wie Bakterien oder Plankton herausfiltern. Die Innenseite der Schwämme ist mit Choanozyten übersät, sogenannten Kragenzellen, die ihrem Aufbau nach den freilebenden <strong>Choanoflagellaten</strong> (siehe Abbildung 2) sehr ähnlich sind [20]. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-37.png"><img alt="" decoding="async" height="496" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 678px) 100vw, 678px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-37.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-37.png 678w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-37-300x219.png 300w" width="678"></img></a><figcaption>Abb. 4: Schwämme besitzen Poren, durch welche sie Wasser inklusive Futter aufnehmen. Die Innenwand von Schwämmen ist von Choanocyten übersät, welche strukturell den Choanoflagellaten ähneln (Vergleiche Abbildung 2) [20, 26].</figcaption></figure> <p>Schwämme besitzen weder Muskeln noch ein Nervensystem, trotzdem enthält ihr Genom eine überraschend große Zahl an Genen für Komponenten des sogenannten synaptischen Toolkits. Also Bausteine, aus denen bei anderen Tieren echte Synapsen aufgebaut werden [21].</p> <p>Schwämme zeigen zudem körperweite, koordinierte Verhaltensweisen, um den Wasserstrom in ihrem Kanalsystem zu optimieren. Ein bekanntes Beispiel ist das sogenannte „Sneezing“: Dabei blähen sich die Kanäle auf und entleeren sich anschließend, um Verstopfungen zu beseitigen. Solche Reaktionen werden durch Signalmoleküle gesteuert, die man auch im menschlichen Nervensystem findet, etwa <strong>GABA</strong> oder Stickstoffmonoxid (<strong>NO</strong>) [22, 23, 24]. </p> <p>In Süßwasserschwämmen wie <em>Spongilla lacustris</em> gibt es sogenannte „neuroide Zellen“, die zwar keine echten Neuronen sind, aber Gene für Proteine tragen, die man sonst aus präsynaptischen Zellen kennt, etwa <strong>Unc13</strong> und <strong>Rab3</strong>. Diese neuroiden Zellen berühren die Choanozyten, die wiederum Gene für postsynaptische Proteine wie <strong>Shank</strong> und <strong>Homer</strong> besitzen, die ebenfalls beim Menschen zu finden sind [25, 26]. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.45.47.png"><img alt="" decoding="async" height="383" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.45.47-1024x383.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.45.47-1024x383.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.45.47-300x112.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.45.47-768x287.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.45.47.png 1138w" width="1024"></img></a><figcaption>Abb. 5: Ein Horizontalschnitt durch einen Schwamm. Innen sieht man die sogenannten neuroiden Zellen, die Verbindungen zu den Choanocyten haben. Neuroide Zellen und Choanocyten besitzen Gene für Proteine, die auch bei menschlichen Synapsen zu finden sind, wie z.B. <strong>Unc</strong>, <strong>Rab</strong>, <strong>Synaptogamin</strong>, <strong>SNARE</strong>, <strong>Shank</strong> und <strong>Homer</strong> [26].</figcaption></figure> <h3 id="h-nesseltiere-und-nervennetze">Nesseltiere und Nervennetze</h3> <p>Nesseltiere (Cnidaria) sind die Schwestergruppe der Bilateria, zu welchen wir Menschen gehören [27]. Zu den Nesseltieren gehören beispielsweise Anemonen, Korallen oder Quallen. Charakteristisch für Nesseltiere sind ihre Nesselkapseln. Dabei handelt es sich um hochspezialisierte Giftexplosionszellen, die zur Jagd genutzt werden [28]. Berührung der Nesselzellen führt zu deren Explosion, was wir Menschen als typischen “Quallenstich” kennen.</p> <p>Das Nervensystem der Cnidaria besteht aus einem diffusen Nervennetz, bestehend aus Nervenzellen, welche mit Synapsen miteinander verbunden sind [29]. Außerdem ähneln die Proteine in der präsynaptischen und postsynaptischen Zelle denen von vielen Wirbeltieren [29]. So besitzen sie zum Beispiel <strong>Synaptogamin 1</strong>, <strong>Unc13</strong>, <strong>Rab3</strong> und auch viele Neurotransmitter der Wirbeltiere [30, 26]. Weiter besitzen sie auch <strong>Shank</strong> und <strong>Homer</strong> in der Postsynapse und <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/autismus-klitzeklein-was-proteine-mit-neurodivergenz-zu-tun-haben/"><strong>Neurexin und Neuroligin</strong></a>, welche wie Klebstoff die Nervenzellen aneinanderhalten [26].</p> <h3 id="h-von-abwehr-zur-synapse">Von Abwehr zur Synapse</h3> <p>Die ersten Synapsen entstanden vermutlich, als sich die frühen Tiere weiterentwickelten und vielfältiger wurden [31]. Noch ist unklar, ob diese Verbindungen zwischen Nervenzellen nur einmal oder mehrfach unabhängig voneinander entstanden sind. Zu Beginn koordinierten die frühen, vielzelligen Organismen ihr Verhalten wahrscheinlich über eher diffuse chemische Signale, bevor sich gezieltere und präzisere Formen der Kommunikation, die chemischen Synapsen, entwickelten. Wahrscheinlich spielten Sinnes- und Sekretionszellen, die mit Mikroben in Kontakt standen, dabei eine wichtige Rolle [26]. Vermutlich nutzten diese Zellen synapsenähnliche Proteine ursprünglich, um Abwehrstoffe gegen Mikroben freizusetzen – ein Mechanismus, der sich später zur Signalübertragung zwischen Nervenzellen entwickelt haben könnte.</p> <p>Der Übergang zu einem frei im Wasser lebenden Lebensstil brachte neue Herausforderungen mit sich. In einer dreidimensionalen Umgebung wurde schnelle und präzise Kommunikation wichtiger, um Bewegung und Reaktion auf Umweltreize zu koordinieren. Dadurch entstanden vermutlich die elektrischen Verbindungen zwischen Zellen, sogenannte Gap Junctions, und immer effizientere chemische Synapsen. In Tiergruppen wie Rippenquallen und Nesseltieren entwickelten sich diese Systeme unabhängig voneinander weiter und legten so den Grundstein für die komplexen Nervensysteme, die wir heute kennen [26].</p> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ol> <li>Pereda, A. E. (2014). Electrical synapses and their functional interactions with chemical synapses. 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Außerdem fasziniert mich, wie unser Gehirn im Alltag funktioniert und welche unglaublichen Leistungen es vollbringt - oft ohne dass wir es bewusst wahrnehmen.</p> </div> </div> </article> <section> <div> <aside id="block-3"> <p>HIRN UND WEG ist der Neuroblog der <a href="https://www.ghst.de"><strong><mark>Gemeinnützigen Hertie-Stiftung</mark></strong></a> , der die Bandbreite und Facetten eines der faszinierendsten Organe zeigen, Erkenntnisse aus Wissenschaft einfach und gut erklären und geistreich und unterhaltsam begeistern möchte. Neben der Informationsvermittlung gehören die Förderung von Exzellenz und die Schaffung von Strukturen in den Neurowissenschaften zu den Zielen des Programmbereichs "Gehirn erforschen" der Stiftung. </p> </aside><aside id="block-2"> <figure><a href="https://www.ghst.de/"><img alt="" decoding="async" height="178" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-300x52.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-768x134.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1536x267.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1000x174.jpg 1000w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px.jpg 2000w" width="1024"></img></a><figcaption><a href="https://www.ghst.de/"><em>https://www.ghst.de/</em></a></figcaption></figure> </aside> </div> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-9"><div><p>&#xD; Die <a href="https://www.ghst.de/">Gemeinnützige Hertie-Stiftung </a>konzentriert sich auf die zwei Leitthemen „Gehirn erforschen“ und „Demokratie stärken“. Die Projekte der Stiftung setzen modellhafte Impulse innerhalb dieser Themen. &#xD; Ihr neu eingerichteter Neuroblog leistet einen Beitrag zur Förderung von Wissenschaftskommunikation und zum besseren Verständnis des Gehirns, seiner Funktionsweise und seiner Erkrankungen.&#xD; </p>&#xD; <p><a href="http://www.scilogs.de/kosmo//hirn-und-weg/impressum/">Impressum Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>&#xD; </p></div></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-19-at-12.19.59.png" /><h1>Die Ursprünge der Synapse » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Ruzica Sedic</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Eine Synapse ist der Kontaktpunkt zwischen zwei Nervenzellen, ein winziger Ort, an dem Signale von einer Zelle zur anderen übertragen werden. Sie bilden die Grundlage dafür, dass Informationen in unserem Gehirn weitergeleitet werden, und ermöglichen all die bemerkenswerten Leistungen, zu denen wir fähig sind. Was in Lehrbüchern oft als statisches Schaubild dargestellt wird, ist in Wahrheit das Ergebnis einer über Millionen Jahre andauernden evolutionären Verfeinerung: von den signalübertragenden Mechanismen einfacher Choanoflagellaten bis zu den komplexen Netzwerken des menschlichen Gehirns.</p> <h3 id="h-wie-ist-eine-synapse-aufgebaut">Wie ist eine Synapse aufgebaut?</h3> <p>Eine Synapse ist die Kontaktstelle zwischen zwei Nervenzellen, an der Signale übertragen werden. Es gibt zwei Sorten von Synapsen: chemische und elektrische [1, 2]. In diesem Beitrag werden wir uns auf den Aufbau und die Evolution der chemischen Synapse konzentrieren.</p> <p>Jede chemische Synapse besteht aus drei Hauptkomponenten: der präsynaptischen Endigung der sendenden Zelle, der postsynaptischen Verdichtung der empfangenden Zelle und dem dazwischenliegenden synaptischen Spalt [3]. Beide Zellen enthalten spezialisierte Proteine, die die Signalübertragung ermöglichen. Diese Proteine kann man sich wie kleine Helfer vorstellen, denn jedes übernimmt eine spezifische Aufgabe innerhalb der Zelle und trägt dazu bei, ihre Funktion aufrechtzuerhalten.</p> <p>Um Informationen zu übertragen, braucht es in der präsynaptischen Zelle sogenannte Vesikel. Vesikel sind kleine, membranumgebene Bläschen, die Neurotransmitter wie Glutamat (erregend), GABA (hemmend) oder Acetylcholin enthalten, zur Synapse transportieren und dort in den synaptischen Spalt freisetzen [4, 5]. Für den Transport und das Freisetzen der Neurotransmitter in den synaptischen Spalt benötigt man unterschiedliche Proteine. Zu den Proteinen, die am Transport und Freisetzen der Vesikel-Bläschen beteiligt sind, gehören z.B. <strong>SNAREs</strong>, <strong>Unc18</strong> oder <strong>Synaptogamine </strong>[6].</p> <p>Zwischen den beiden Nervenzellen sind außerdem <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/autismus-klitzeklein-was-proteine-mit-neurodivergenz-zu-tun-haben/">Adhäsionsmoleküle</a>. Das sind spezielle Moleküle, die eine entscheidende Rolle bei der Verbindung und Funktion von Nervenzellen spielen. Man kann sie sich wie einen (dynamischen) Klebstoff zwischen zwei Oberflächen vorstellen: Sie halten die beiden Nervenzellen eng aneinander. Zu diesen Adhäsionsmolekülen gehören zum Beispiel <strong>Neurexin</strong> und <strong>Neuroligin </strong>[7].<aside></aside></p> <p>An der Oberfläche der postsynaptischen Zelle befinden sich Rezeptoren, die die freigesetzten Neurotransmitter binden und so Informationen von der vorgeschalteten Zelle entgegennehmen können. Zu diesen Rezeptoren gehören beispielsweise G-Protein-gekoppelte Rezeptoren (<strong>GPCRs</strong>) [8].</p> <p>Des Weiteren spielen postsynaptische Gerüstproteine eine Rolle. Zu diesen gehören zum Beispiel <strong>Shank</strong> und <strong>Homer </strong>[9]. </p> <figure><a href="https://flexikon.doccheck.com/de/Synapse"><img alt="" decoding="async" height="860" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/chemische_synapse__1__lg-1-1024x860.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/chemische_synapse__1__lg-1-1024x860.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/chemische_synapse__1__lg-1-300x252.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/chemische_synapse__1__lg-1-768x645.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/chemische_synapse__1__lg-1-1536x1290.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/chemische_synapse__1__lg-1.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>Abb. 1: Schematische Darstellung einer Synapse mit Präsynapse der vorgeschalteten Zelle inkl. Neurotransmitter gefüllter Vesikel, Postsynapse der nachgeschalteten Zelle und synaptischem Spalt.</figcaption></figure> <p>Der Großteil der tierischen Vielfalt findet sich bei den Bilateria. Das sind all jene Lebewesen, die bilateralsymmetrisch gebaut sind – also eine linke und eine rechte Körperhälfte haben, die (zumindest im Larvenstadium) wie Spiegelbilder zueinander sind. Dazu gehören unter anderem Würmer, Insekten und Säugetiere [10].</p> <h3 id="h-vor-den-tieren-choanoflagellaten-als-pioniere">Vor den Tieren: Choanoflagellaten als Pioniere</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.06.07.png"><img alt="" decoding="async" height="540" sizes="(max-width: 338px) 100vw, 338px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.06.07.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.06.07.png 338w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.06.07-188x300.png 188w" width="338"></img></a><figcaption>Abb 2: Choanoflagellat [26]</figcaption></figure></div> <p>Choanoflagellaten sind mikroskopisch kleine, einzellige Organismen, die im Meer und im Süßwasser leben und mit einem Geißelhärchen (<strong>Flagellum</strong>) sowie einem charakteristischen Kragen aus feinen Ausstülpungen (<strong>Mikrovilli</strong>) Bakterien aus dem Wasser filtern. Sie gelten als unsere engsten einzelligen Verwandten: Genetische Analysen zeigen, dass sie die heute lebende Gruppe sind, die den Tieren evolutionär am nächsten steht [11]. Deshalb sind Choanoflagellaten für die Evolutionsbiologie extrem wichtig; sie helfen zu verstehen, wie aus einfachen Einzellern die komplexen Zellen und Gewebe von Tieren entstanden sind.</p> <p>Eine gut untersuchte Art ist <em>Salpingoeca rosetta</em>, die oft in kleinen Kolonien lebt. Ihre Zellen besitzen ein sogenanntes „primordiales neurosekretorisches System“: Kleine Bläschen (Vesikel) sammeln sich am Kragen und enthalten Proteine, die wir sonst vor allem aus Synapsen im Nervensystem kennen – etwa <strong>SNARE</strong>‑Proteine, <strong>Unc13</strong> und <strong>Complexin </strong>[12, 13, 14]. Diese Moleküle könnten hier helfen, Stoffe mittels Vesikeln gezielt nach außen zu bringen, ohne dass bereits echte Synapsen vorliegen. Das Protein <strong>Rab8</strong> verteilt sich ungleichmäßig in der Zelle und hilft vermutlich dabei, Transportvesikel gezielt an einer bestimmten Stelle des Kragens ankommen zu lassen [15].</p> <p>Auch elektrische Signale spielen eine Rolle: Choanoflagellaten besitzen spannungsabhängige Ionenkanäle, die kurzzeitige Veränderungen des elektrischen Potentials der Zellmembran erzeugen [16, 17]. Diese Veränderungen der Membranspannung können das Geißelhärchen stoppen und die Zelle leicht zusammenziehen lassen. Das scheint eine Rolle beim Fressverhalten zu spielen und passiert in Kolonien sogar synchron [18]. Die Tatsache, dass elektrische Signale innerhalb eines koloniebildenden Organismus verbreitet werden, weist darauf hin, dass Choanoflagellaten möglicherweise eine Form der Zell-Zell-Kommunikation besitzen, die Ähnlichkeiten mit der Signalübertragung in tierischen Nervensystemen aufweist. Im Zellkern von <em>S. rosetta</em>, einem Choanoflagellaten, ist das Protein <strong>Homer</strong> zu finden. In tierischen Nervenzellen dient es als Gerüstprotein und organisiert postsynaptische Rezeptoren [19].</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-27-at-11.22.49.png"><img alt="" decoding="async" height="611" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-27-at-11.22.49-1024x611.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-27-at-11.22.49-1024x611.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-27-at-11.22.49-300x179.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-27-at-11.22.49-768x458.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-27-at-11.22.49.png 1250w" width="1024"></img></a><figcaption>Abb. 3: Choanoflagellaten besitzen bereits <strong>SNAREs</strong>, <strong>Shank</strong>, <strong>Homer</strong> und G-Protein-gekoppelte Rezeptoren (<strong>GPCRs</strong>). Synaptogamin kommt beispielsweise bereits bei Schwämmen vor, während <strong>Neurexin</strong> und <strong>Neuroligin</strong> bei Nesseltieren wie Quallen sowie bei Bilateria wie Insekten und Säugetieren zu finden sind [26].</figcaption></figure> <h3 id="h-schwamme-und-neuroide-zellen">Schwämme und neuroide Zellen</h3> <p>Schwämme sind sessile Filterfresser: Sie sitzen fest an einem Ort und ernähren sich, indem sie Wasser durch ihren Körper pumpen und darin enthaltene winzige Partikel wie Bakterien oder Plankton herausfiltern. Die Innenseite der Schwämme ist mit Choanozyten übersät, sogenannten Kragenzellen, die ihrem Aufbau nach den freilebenden <strong>Choanoflagellaten</strong> (siehe Abbildung 2) sehr ähnlich sind [20]. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-37.png"><img alt="" decoding="async" height="496" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 678px) 100vw, 678px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-37.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-37.png 678w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-37-300x219.png 300w" width="678"></img></a><figcaption>Abb. 4: Schwämme besitzen Poren, durch welche sie Wasser inklusive Futter aufnehmen. Die Innenwand von Schwämmen ist von Choanocyten übersät, welche strukturell den Choanoflagellaten ähneln (Vergleiche Abbildung 2) [20, 26].</figcaption></figure> <p>Schwämme besitzen weder Muskeln noch ein Nervensystem, trotzdem enthält ihr Genom eine überraschend große Zahl an Genen für Komponenten des sogenannten synaptischen Toolkits. Also Bausteine, aus denen bei anderen Tieren echte Synapsen aufgebaut werden [21].</p> <p>Schwämme zeigen zudem körperweite, koordinierte Verhaltensweisen, um den Wasserstrom in ihrem Kanalsystem zu optimieren. Ein bekanntes Beispiel ist das sogenannte „Sneezing“: Dabei blähen sich die Kanäle auf und entleeren sich anschließend, um Verstopfungen zu beseitigen. Solche Reaktionen werden durch Signalmoleküle gesteuert, die man auch im menschlichen Nervensystem findet, etwa <strong>GABA</strong> oder Stickstoffmonoxid (<strong>NO</strong>) [22, 23, 24]. </p> <p>In Süßwasserschwämmen wie <em>Spongilla lacustris</em> gibt es sogenannte „neuroide Zellen“, die zwar keine echten Neuronen sind, aber Gene für Proteine tragen, die man sonst aus präsynaptischen Zellen kennt, etwa <strong>Unc13</strong> und <strong>Rab3</strong>. Diese neuroiden Zellen berühren die Choanozyten, die wiederum Gene für postsynaptische Proteine wie <strong>Shank</strong> und <strong>Homer</strong> besitzen, die ebenfalls beim Menschen zu finden sind [25, 26]. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.45.47.png"><img alt="" decoding="async" height="383" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.45.47-1024x383.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.45.47-1024x383.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.45.47-300x112.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.45.47-768x287.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-02-06-at-11.45.47.png 1138w" width="1024"></img></a><figcaption>Abb. 5: Ein Horizontalschnitt durch einen Schwamm. Innen sieht man die sogenannten neuroiden Zellen, die Verbindungen zu den Choanocyten haben. Neuroide Zellen und Choanocyten besitzen Gene für Proteine, die auch bei menschlichen Synapsen zu finden sind, wie z.B. <strong>Unc</strong>, <strong>Rab</strong>, <strong>Synaptogamin</strong>, <strong>SNARE</strong>, <strong>Shank</strong> und <strong>Homer</strong> [26].</figcaption></figure> <h3 id="h-nesseltiere-und-nervennetze">Nesseltiere und Nervennetze</h3> <p>Nesseltiere (Cnidaria) sind die Schwestergruppe der Bilateria, zu welchen wir Menschen gehören [27]. Zu den Nesseltieren gehören beispielsweise Anemonen, Korallen oder Quallen. Charakteristisch für Nesseltiere sind ihre Nesselkapseln. Dabei handelt es sich um hochspezialisierte Giftexplosionszellen, die zur Jagd genutzt werden [28]. Berührung der Nesselzellen führt zu deren Explosion, was wir Menschen als typischen “Quallenstich” kennen.</p> <p>Das Nervensystem der Cnidaria besteht aus einem diffusen Nervennetz, bestehend aus Nervenzellen, welche mit Synapsen miteinander verbunden sind [29]. Außerdem ähneln die Proteine in der präsynaptischen und postsynaptischen Zelle denen von vielen Wirbeltieren [29]. So besitzen sie zum Beispiel <strong>Synaptogamin 1</strong>, <strong>Unc13</strong>, <strong>Rab3</strong> und auch viele Neurotransmitter der Wirbeltiere [30, 26]. Weiter besitzen sie auch <strong>Shank</strong> und <strong>Homer</strong> in der Postsynapse und <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/autismus-klitzeklein-was-proteine-mit-neurodivergenz-zu-tun-haben/"><strong>Neurexin und Neuroligin</strong></a>, welche wie Klebstoff die Nervenzellen aneinanderhalten [26].</p> <h3 id="h-von-abwehr-zur-synapse">Von Abwehr zur Synapse</h3> <p>Die ersten Synapsen entstanden vermutlich, als sich die frühen Tiere weiterentwickelten und vielfältiger wurden [31]. Noch ist unklar, ob diese Verbindungen zwischen Nervenzellen nur einmal oder mehrfach unabhängig voneinander entstanden sind. Zu Beginn koordinierten die frühen, vielzelligen Organismen ihr Verhalten wahrscheinlich über eher diffuse chemische Signale, bevor sich gezieltere und präzisere Formen der Kommunikation, die chemischen Synapsen, entwickelten. Wahrscheinlich spielten Sinnes- und Sekretionszellen, die mit Mikroben in Kontakt standen, dabei eine wichtige Rolle [26]. Vermutlich nutzten diese Zellen synapsenähnliche Proteine ursprünglich, um Abwehrstoffe gegen Mikroben freizusetzen – ein Mechanismus, der sich später zur Signalübertragung zwischen Nervenzellen entwickelt haben könnte.</p> <p>Der Übergang zu einem frei im Wasser lebenden Lebensstil brachte neue Herausforderungen mit sich. In einer dreidimensionalen Umgebung wurde schnelle und präzise Kommunikation wichtiger, um Bewegung und Reaktion auf Umweltreize zu koordinieren. Dadurch entstanden vermutlich die elektrischen Verbindungen zwischen Zellen, sogenannte Gap Junctions, und immer effizientere chemische Synapsen. In Tiergruppen wie Rippenquallen und Nesseltieren entwickelten sich diese Systeme unabhängig voneinander weiter und legten so den Grundstein für die komplexen Nervensysteme, die wir heute kennen [26].</p> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ol> <li>Pereda, A. E. (2014). Electrical synapses and their functional interactions with chemical synapses. 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Außerdem fasziniert mich, wie unser Gehirn im Alltag funktioniert und welche unglaublichen Leistungen es vollbringt - oft ohne dass wir es bewusst wahrnehmen.</p> </div> </div> </article> <section> <div> <aside id="block-3"> <p>HIRN UND WEG ist der Neuroblog der <a href="https://www.ghst.de"><strong><mark>Gemeinnützigen Hertie-Stiftung</mark></strong></a> , der die Bandbreite und Facetten eines der faszinierendsten Organe zeigen, Erkenntnisse aus Wissenschaft einfach und gut erklären und geistreich und unterhaltsam begeistern möchte. Neben der Informationsvermittlung gehören die Förderung von Exzellenz und die Schaffung von Strukturen in den Neurowissenschaften zu den Zielen des Programmbereichs "Gehirn erforschen" der Stiftung. </p> </aside><aside id="block-2"> <figure><a href="https://www.ghst.de/"><img alt="" decoding="async" height="178" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-300x52.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-768x134.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1536x267.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1000x174.jpg 1000w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px.jpg 2000w" width="1024"></img></a><figcaption><a href="https://www.ghst.de/"><em>https://www.ghst.de/</em></a></figcaption></figure> </aside> </div> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-9"><div><p>&#xD; Die <a href="https://www.ghst.de/">Gemeinnützige Hertie-Stiftung </a>konzentriert sich auf die zwei Leitthemen „Gehirn erforschen“ und „Demokratie stärken“. Die Projekte der Stiftung setzen modellhafte Impulse innerhalb dieser Themen. &#xD; Ihr neu eingerichteter Neuroblog leistet einen Beitrag zur Förderung von Wissenschaftskommunikation und zum besseren Verständnis des Gehirns, seiner Funktionsweise und seiner Erkrankungen.&#xD; </p>&#xD; <p><a href="http://www.scilogs.de/kosmo//hirn-und-weg/impressum/">Impressum Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>&#xD; </p></div></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-urspruenge-der-synapse/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>The Mathematical Pillars of Post-Quantum Cryptography https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-mathematical-pillars-of-post-quantum-cryptography/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-mathematical-pillars-of-post-quantum-cryptography/#comments Wed, 18 Feb 2026 13:00:00 +0000 Benjamin Skuse https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14108 <h1>The Mathematical Pillars of Post-Quantum Cryptography - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>Society entered a new era on August 13, 2024: the quantum era. This was the day when the National Institute of Standards and Technology (NIST), the US federal technology agency, released final versions of its first post-quantum cryptography standards. Ever since, NIST has been urging organizations to begin applying these quantum-resistant standards post-haste to secure their electronic information. As NIST emphasizes in bold on its website, these standards “can and should be put into use now.”</p> <h3 id="h-rsa-today">RSA Today</h3> <p>Currently, industry, academia, governments, the public – essentially everyone – rely on encryption algorithms that are designed to be next-to-impossible for even the most powerful supercomputers to solve. For example, the RSA algorithm – named after 2002 ACM A.M. Turing Award recipients <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/ronald-l-rivest/">Ron Rivest</a>, <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/adi-shamir/">Adi Shamir</a> and <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/leonard-max-adleman/">Leonard Adleman</a>, who publicly described the algorithm in 1977 – is built around the idea that multiplying two large prime numbers is easy, but the opposite, factoring them, is hard. It relies on the difficulty of finding which two prime numbers were used to create a specific number \(N\).</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Adi-Shamir-at-the-2023-Heidelberg-Laureate-Forum-Flemming.jpg"><img alt="Adi Shamir." decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Adi-Shamir-at-the-2023-Heidelberg-Laureate-Forum-Flemming.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Adi-Shamir-at-the-2023-Heidelberg-Laureate-Forum-Flemming.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Adi-Shamir-at-the-2023-Heidelberg-Laureate-Forum-Flemming-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Adi-Shamir-at-the-2023-Heidelberg-Laureate-Forum-Flemming-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Lecture Dennis Sullivan&#xD;10th Heidelberg Laureate Forum 2023, Heidelberg, Germany, Picture/Credit: Christian Flemming/HLF</figcaption></figure></div> <p>In more detail, if you want to send a message to a friend securely using RSA, you pick two prime numbers, say \(p = 13\) and \(q = 19\), and multiply them: \(13 \times 19 = 247\). \(13\) and \(19\) are private, but \(247\) is public, you can share it with anyone. You then choose a second smaller public number \(e\) based on a calculation from your original primes: </p> <p>\[(13 – 1) \times (19 – 1) = 12 \times 18 = 216.\] </p> <p>\(e\) must be smaller than \(216\) and not share factors, so in this case you can choose it to be \(7\). If your message is just “5”, say, you can use your public numbers to encrypt it:<aside></aside></p> <p>\[\frac{5^{7}}{247} = \frac{78,125}{247} = 316 \enspace \mathrm{remainder} \enspace 73. \] </p> <p>From all this effort, you just send \(73\).</p> <p>On face value, this is gibberish to your friend, but they have your public key \((247,7)\) and their private key \(d\) which satisfies \((d \times e) \bmod 216 = 1\), e.g. \(d = 31\). To decrypt your message is then simple for them, as they just need to calculate the remainder of a simple equation: </p> <p>\[\frac{73^{31}}{247} = \mathrm{some} \enspace \mathrm{ridiculous} \enspace \mathrm{number} \enspace \mathrm{remainder} \enspace 5,\]</p> <p>i.e. the original message.</p> <p>A hacker might have access to the public key \((247,7)\) too, but without the private key \(d\) derived from the original prime numbers, they are left to figure out \(p = 13\) and \(q = 19\) through brute force. In this example of a small \(N = 247\), these primes can be found quickly. But when \(N\) is huge, each prime can be hundreds or thousands of digits long. Having to use trial-and-error methods, even with the most advanced supercomputers in the world, the time required to factor \(N\) grows exponentially. In fact, it would likely take current supercomputers trillions of years to crack a single 2048-bit standard RSA key.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Frontier-supercomputer-at-Oak-Ridge-National-Laboratory.jpg"><img alt="Large space filled with supercomputers." decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Frontier-supercomputer-at-Oak-Ridge-National-Laboratory-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Frontier-supercomputer-at-Oak-Ridge-National-Laboratory-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Frontier-supercomputer-at-Oak-Ridge-National-Laboratory-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Frontier-supercomputer-at-Oak-Ridge-National-Laboratory-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Frontier-supercomputer-at-Oak-Ridge-National-Laboratory-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Frontier-supercomputer-at-Oak-Ridge-National-Laboratory.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>The Frontier supercomputer is one of the fastest in the world, but could never be used to crack RSA encryption. Image credit: <a href="https://www.flickr.com/photos/oakridgelab/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Oak Ridge National Laboratory</a> (CC-BY-2.0)</figcaption></figure></div> <h3 id="h-shor-s-algorithm">Shor’s Algorithm</h3> <p>Yet quantum computing threatens this infallibility. In a post-quantum world, RSA is not only less effective, it is redundant. Whereas today’s computers and supercomputers have to check for prime factors one by one, quantum computers of sufficient power and scale can take advantage of quantum phenomena to arrive at an answer rapidly, using the completely different logic behind Shor’s (factoring) algorithm; named after 1998 Nevanlinna Prize recipient <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/peter-shor/">Peter Shor</a>.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Peter_Shor_2017_Dirac_Medal_Award_Ceremony.png"><img alt="Peter Shor." decoding="async" height="644" sizes="(max-width: 500px) 100vw, 500px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Peter_Shor_2017_Dirac_Medal_Award_Ceremony.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Peter_Shor_2017_Dirac_Medal_Award_Ceremony.png 500w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Peter_Shor_2017_Dirac_Medal_Award_Ceremony-233x300.png 233w" width="500"></img></a><figcaption>Peter Shor in 2018 speaking after receiving the Dirac Medal. Image credit: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Ghouston" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Ghouston</a> (CC-BY-3.0)</figcaption></figure></div> <p>Instead of factoring the number \(N\) by guessing divisors, Shor’s algorithm takes a radically different approach. To begin, a random number \(a\) smaller than \(N\) is picked and then the algorithm uses quantum superposition to simultaneously calculate the function \(a^{x} \bmod N\), for all \(x\), which is an infinite sequence of unknown period \(r\). It then uses the quantum Fourier transform to collapse most of the possibilities and leave a value related to the period \(r\). The algorithm then switches back to classical computation to find the factors: </p> <p>\[p,q \approx \gcd(a^{r/2} \pm 1, N),\] </p> <p>and break the RSA key.</p> <p>A simple example could be helpful. If we want to factor \(N = 15\), we choose a random smaller number \(a\), say \(a = 7\). Then \(7^{x} \bmod 15\) leaves the following remainders:</p> <p>\[7^{1} \longrightarrow 7\]</p> <p>\[7^{2} \longrightarrow 4\]</p> <p>\[7^{3} \longrightarrow 13\]</p> <p>\[7^{4} \longrightarrow 1\]</p> <p>\[7^{5} \longrightarrow 7\]</p> <p>\[7^{6} \longrightarrow 4.\]</p> <p>Therefore, period \(r = 4\). Hence, we calculate \(p,q \approx \gcd(a^{r/2} \pm 1, N)\):</p> <p>\[7^{2} – 1 = 49 – 1 = \mathbf{48}\]</p> <p>\[7^{2} + 1 = 49 + 1 = \mathbf{50}.\]</p> <p>The greatest common divisor between these numbers and \(N = 15\) is then:</p> <p>\[\gcd(48, 15) = \mathbf{3}\]</p> <p>\[\gcd(50, 15) = \mathbf{5}.\]</p> <p>Though ludicrously complicated for an example we can all just do in our heads instantly, the crucial point is that classical approaches scale exponentially with \(N\), whereas Shor’s algorithm scales polynomially. This means, given a quantum computer with enough stable, error-corrected qubits, Shor’s algorithm could crack RSA and other modern encryption schemes really quickly. And this is a serious cause for concern. From state secrets to bank account details, all digital information would suddenly be exposed and at risk. Modern society itself would be under threat.</p> <h3 id="h-lattice-solutions">Lattice Solutions</h3> <p>As far as the public has been told, even the most advanced quantum computers are nowhere near achieving the required order of millions of stable, error-corrected qubits needed for Shor’s algorithm to pose a threat. Nevertheless, our defences are living on borrowed time. Sooner or later, “cryptographically relevant” quantum computers will be built. This is why NIST is releasing its post-quantum cryptography standards now, so that the world can plan ahead and build defences before attackers get the chance to wield Shor’s algorithm, and other quantum algorithms, in the field.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Google_Sycamore_Chip_002.png"><img alt="Computer chip." decoding="async" height="534" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 879px) 100vw, 879px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Google_Sycamore_Chip_002.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Google_Sycamore_Chip_002.png 879w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Google_Sycamore_Chip_002-300x182.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Google_Sycamore_Chip_002-768x467.png 768w" width="879"></img></a><figcaption>Google’s Sycamore chip was released to much fanfare in 2019, but it only holds 53 qubits. Willow, Sycamore’s successor, holds just 105 qubits. Image credit: <a href="https://www.youtube.com/channel/UCK8sQmJBp8GCxrOtXWBpyEA" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Google</a> (CC-BY-3.0)</figcaption></figure></div> <p>These three principal initial standards aim to provide solutions for different situations, employ varied approaches for encryption, and offer more than one algorithm for each kind of application in the event one proves vulnerable. Two of these (named FIPS 203 and FIPS 204) are based on a family of mathematical problems called structured lattices: one for encryption and authentication using a shared secret key between two parties over a public channel that can be used for securing websites, messaging apps, etc; the other to generate and verify digital signatures for document signing, identity verification, etc.</p> <p>FIPS 203 and FIPS 204 share the same mathematical foundation: the inherent difficulty of the module learning with errors (MLWE) problem. This is a variant of the LWE problem – a mathematical problem commonly used for encrytpion, where secret information is hidden by errors introduced in a set of equations – optimized for computational efficiency. Standard LWE operates over large matrices of integers, MLWE operates over modules; structures where the integers are replaced with polynomials. This gives what were huge, messy matrices of integers some structure through the rules of polynomial mathematics, shrinking public keys and accelerating multiplication.</p> <p>What makes FIPS 203 and FIPS 204 secure is the difficulty of distinguishing a noisy linear relationship from a truly random one in the large lattice structure. Without the noise, this would be trivial to crack; the solution of a system of linear equations via Gaussian elimination. But with noise, MLWE becomes a hard lattice problem, closely related to the well-known closest vector problem (CVP), for which there is currently no known quantum algorithm providing solutions in polynomial time.</p> <h3 id="h-hashing-it-out">Hashing It Out</h3> <p>The final algorithm standard FIPS 205 is a high-security back-up option to its lattice-based counterpart for digital signatures, and uses a much older and simpler mathematical concept known as the one-way hash function; which maps an input of any size to a unique output of a fixed length of bits. A hash function can, for example, take a plaintext data input and use a mathematical algorithm to generate an unreadable output. Given a single hash can only be used once, FIPS 205 is structured in hierarchical layers to allow for millions of signatures without losing security. However, its large signature size and slow signing speed make it ill-equipped for everyday web use, and more suited to securing firmware updates or signing important archival documents.</p> <p>Security rests on the fact that, for a sufficiently large hash (say 256-bit, i.e. \(2^{256}\) search space), finding the original input for a given output is practically impossible for any classical computer. The only known quantum threat is Grover’s algorithm.</p> <p>Introduced by Lov Grover in 1997, the algorithm can be thought of like a tool to speed up searching for a name in a phone book just from a telephone number. Searching by brute force, you would have to look through half the phone book, on average, to find the number. In other words, if \(N\) is the total number of entries, you would have to check about \(N/2\) entries before finding the number.</p> <p>Grover’s algorithm speeds the process, allowing you to find the number in approximately \(\sqrt{N}\) checks, with a probability that varies with the size of the search space (phone book) and the number of entries that match your search criteria. But Grover’s algorithm only provides a quadratic speedup, not an exponential one. The fix is simple: just increase the size of the hash.</p> <p>With a fourth standard codenamed “Falcon” in the works, these initial standards will likely be iterated and overtaken by others as time progresses, and practical quantum computers start to become a reality. But they do mark an important moment in the quantum era, when society built the essential mathematical pillars required to ensure the integrity of our digital information.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>The Mathematical Pillars of Post-Quantum Cryptography - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>Society entered a new era on August 13, 2024: the quantum era. This was the day when the National Institute of Standards and Technology (NIST), the US federal technology agency, released final versions of its first post-quantum cryptography standards. Ever since, NIST has been urging organizations to begin applying these quantum-resistant standards post-haste to secure their electronic information. As NIST emphasizes in bold on its website, these standards “can and should be put into use now.”</p> <h3 id="h-rsa-today">RSA Today</h3> <p>Currently, industry, academia, governments, the public – essentially everyone – rely on encryption algorithms that are designed to be next-to-impossible for even the most powerful supercomputers to solve. For example, the RSA algorithm – named after 2002 ACM A.M. Turing Award recipients <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/ronald-l-rivest/">Ron Rivest</a>, <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/adi-shamir/">Adi Shamir</a> and <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/leonard-max-adleman/">Leonard Adleman</a>, who publicly described the algorithm in 1977 – is built around the idea that multiplying two large prime numbers is easy, but the opposite, factoring them, is hard. It relies on the difficulty of finding which two prime numbers were used to create a specific number \(N\).</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Adi-Shamir-at-the-2023-Heidelberg-Laureate-Forum-Flemming.jpg"><img alt="Adi Shamir." decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Adi-Shamir-at-the-2023-Heidelberg-Laureate-Forum-Flemming.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Adi-Shamir-at-the-2023-Heidelberg-Laureate-Forum-Flemming.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Adi-Shamir-at-the-2023-Heidelberg-Laureate-Forum-Flemming-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Adi-Shamir-at-the-2023-Heidelberg-Laureate-Forum-Flemming-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Lecture Dennis Sullivan&#xD;10th Heidelberg Laureate Forum 2023, Heidelberg, Germany, Picture/Credit: Christian Flemming/HLF</figcaption></figure></div> <p>In more detail, if you want to send a message to a friend securely using RSA, you pick two prime numbers, say \(p = 13\) and \(q = 19\), and multiply them: \(13 \times 19 = 247\). \(13\) and \(19\) are private, but \(247\) is public, you can share it with anyone. You then choose a second smaller public number \(e\) based on a calculation from your original primes: </p> <p>\[(13 – 1) \times (19 – 1) = 12 \times 18 = 216.\] </p> <p>\(e\) must be smaller than \(216\) and not share factors, so in this case you can choose it to be \(7\). If your message is just “5”, say, you can use your public numbers to encrypt it:<aside></aside></p> <p>\[\frac{5^{7}}{247} = \frac{78,125}{247} = 316 \enspace \mathrm{remainder} \enspace 73. \] </p> <p>From all this effort, you just send \(73\).</p> <p>On face value, this is gibberish to your friend, but they have your public key \((247,7)\) and their private key \(d\) which satisfies \((d \times e) \bmod 216 = 1\), e.g. \(d = 31\). To decrypt your message is then simple for them, as they just need to calculate the remainder of a simple equation: </p> <p>\[\frac{73^{31}}{247} = \mathrm{some} \enspace \mathrm{ridiculous} \enspace \mathrm{number} \enspace \mathrm{remainder} \enspace 5,\]</p> <p>i.e. the original message.</p> <p>A hacker might have access to the public key \((247,7)\) too, but without the private key \(d\) derived from the original prime numbers, they are left to figure out \(p = 13\) and \(q = 19\) through brute force. In this example of a small \(N = 247\), these primes can be found quickly. But when \(N\) is huge, each prime can be hundreds or thousands of digits long. Having to use trial-and-error methods, even with the most advanced supercomputers in the world, the time required to factor \(N\) grows exponentially. In fact, it would likely take current supercomputers trillions of years to crack a single 2048-bit standard RSA key.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Frontier-supercomputer-at-Oak-Ridge-National-Laboratory.jpg"><img alt="Large space filled with supercomputers." decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Frontier-supercomputer-at-Oak-Ridge-National-Laboratory-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Frontier-supercomputer-at-Oak-Ridge-National-Laboratory-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Frontier-supercomputer-at-Oak-Ridge-National-Laboratory-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Frontier-supercomputer-at-Oak-Ridge-National-Laboratory-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Frontier-supercomputer-at-Oak-Ridge-National-Laboratory-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Frontier-supercomputer-at-Oak-Ridge-National-Laboratory.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>The Frontier supercomputer is one of the fastest in the world, but could never be used to crack RSA encryption. Image credit: <a href="https://www.flickr.com/photos/oakridgelab/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Oak Ridge National Laboratory</a> (CC-BY-2.0)</figcaption></figure></div> <h3 id="h-shor-s-algorithm">Shor’s Algorithm</h3> <p>Yet quantum computing threatens this infallibility. In a post-quantum world, RSA is not only less effective, it is redundant. Whereas today’s computers and supercomputers have to check for prime factors one by one, quantum computers of sufficient power and scale can take advantage of quantum phenomena to arrive at an answer rapidly, using the completely different logic behind Shor’s (factoring) algorithm; named after 1998 Nevanlinna Prize recipient <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/peter-shor/">Peter Shor</a>.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Peter_Shor_2017_Dirac_Medal_Award_Ceremony.png"><img alt="Peter Shor." decoding="async" height="644" sizes="(max-width: 500px) 100vw, 500px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Peter_Shor_2017_Dirac_Medal_Award_Ceremony.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Peter_Shor_2017_Dirac_Medal_Award_Ceremony.png 500w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Peter_Shor_2017_Dirac_Medal_Award_Ceremony-233x300.png 233w" width="500"></img></a><figcaption>Peter Shor in 2018 speaking after receiving the Dirac Medal. Image credit: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Ghouston" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Ghouston</a> (CC-BY-3.0)</figcaption></figure></div> <p>Instead of factoring the number \(N\) by guessing divisors, Shor’s algorithm takes a radically different approach. To begin, a random number \(a\) smaller than \(N\) is picked and then the algorithm uses quantum superposition to simultaneously calculate the function \(a^{x} \bmod N\), for all \(x\), which is an infinite sequence of unknown period \(r\). It then uses the quantum Fourier transform to collapse most of the possibilities and leave a value related to the period \(r\). The algorithm then switches back to classical computation to find the factors: </p> <p>\[p,q \approx \gcd(a^{r/2} \pm 1, N),\] </p> <p>and break the RSA key.</p> <p>A simple example could be helpful. If we want to factor \(N = 15\), we choose a random smaller number \(a\), say \(a = 7\). Then \(7^{x} \bmod 15\) leaves the following remainders:</p> <p>\[7^{1} \longrightarrow 7\]</p> <p>\[7^{2} \longrightarrow 4\]</p> <p>\[7^{3} \longrightarrow 13\]</p> <p>\[7^{4} \longrightarrow 1\]</p> <p>\[7^{5} \longrightarrow 7\]</p> <p>\[7^{6} \longrightarrow 4.\]</p> <p>Therefore, period \(r = 4\). Hence, we calculate \(p,q \approx \gcd(a^{r/2} \pm 1, N)\):</p> <p>\[7^{2} – 1 = 49 – 1 = \mathbf{48}\]</p> <p>\[7^{2} + 1 = 49 + 1 = \mathbf{50}.\]</p> <p>The greatest common divisor between these numbers and \(N = 15\) is then:</p> <p>\[\gcd(48, 15) = \mathbf{3}\]</p> <p>\[\gcd(50, 15) = \mathbf{5}.\]</p> <p>Though ludicrously complicated for an example we can all just do in our heads instantly, the crucial point is that classical approaches scale exponentially with \(N\), whereas Shor’s algorithm scales polynomially. This means, given a quantum computer with enough stable, error-corrected qubits, Shor’s algorithm could crack RSA and other modern encryption schemes really quickly. And this is a serious cause for concern. From state secrets to bank account details, all digital information would suddenly be exposed and at risk. Modern society itself would be under threat.</p> <h3 id="h-lattice-solutions">Lattice Solutions</h3> <p>As far as the public has been told, even the most advanced quantum computers are nowhere near achieving the required order of millions of stable, error-corrected qubits needed for Shor’s algorithm to pose a threat. Nevertheless, our defences are living on borrowed time. Sooner or later, “cryptographically relevant” quantum computers will be built. This is why NIST is releasing its post-quantum cryptography standards now, so that the world can plan ahead and build defences before attackers get the chance to wield Shor’s algorithm, and other quantum algorithms, in the field.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Google_Sycamore_Chip_002.png"><img alt="Computer chip." decoding="async" height="534" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 879px) 100vw, 879px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Google_Sycamore_Chip_002.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Google_Sycamore_Chip_002.png 879w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Google_Sycamore_Chip_002-300x182.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Google_Sycamore_Chip_002-768x467.png 768w" width="879"></img></a><figcaption>Google’s Sycamore chip was released to much fanfare in 2019, but it only holds 53 qubits. Willow, Sycamore’s successor, holds just 105 qubits. Image credit: <a href="https://www.youtube.com/channel/UCK8sQmJBp8GCxrOtXWBpyEA" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Google</a> (CC-BY-3.0)</figcaption></figure></div> <p>These three principal initial standards aim to provide solutions for different situations, employ varied approaches for encryption, and offer more than one algorithm for each kind of application in the event one proves vulnerable. Two of these (named FIPS 203 and FIPS 204) are based on a family of mathematical problems called structured lattices: one for encryption and authentication using a shared secret key between two parties over a public channel that can be used for securing websites, messaging apps, etc; the other to generate and verify digital signatures for document signing, identity verification, etc.</p> <p>FIPS 203 and FIPS 204 share the same mathematical foundation: the inherent difficulty of the module learning with errors (MLWE) problem. This is a variant of the LWE problem – a mathematical problem commonly used for encrytpion, where secret information is hidden by errors introduced in a set of equations – optimized for computational efficiency. Standard LWE operates over large matrices of integers, MLWE operates over modules; structures where the integers are replaced with polynomials. This gives what were huge, messy matrices of integers some structure through the rules of polynomial mathematics, shrinking public keys and accelerating multiplication.</p> <p>What makes FIPS 203 and FIPS 204 secure is the difficulty of distinguishing a noisy linear relationship from a truly random one in the large lattice structure. Without the noise, this would be trivial to crack; the solution of a system of linear equations via Gaussian elimination. But with noise, MLWE becomes a hard lattice problem, closely related to the well-known closest vector problem (CVP), for which there is currently no known quantum algorithm providing solutions in polynomial time.</p> <h3 id="h-hashing-it-out">Hashing It Out</h3> <p>The final algorithm standard FIPS 205 is a high-security back-up option to its lattice-based counterpart for digital signatures, and uses a much older and simpler mathematical concept known as the one-way hash function; which maps an input of any size to a unique output of a fixed length of bits. A hash function can, for example, take a plaintext data input and use a mathematical algorithm to generate an unreadable output. Given a single hash can only be used once, FIPS 205 is structured in hierarchical layers to allow for millions of signatures without losing security. However, its large signature size and slow signing speed make it ill-equipped for everyday web use, and more suited to securing firmware updates or signing important archival documents.</p> <p>Security rests on the fact that, for a sufficiently large hash (say 256-bit, i.e. \(2^{256}\) search space), finding the original input for a given output is practically impossible for any classical computer. The only known quantum threat is Grover’s algorithm.</p> <p>Introduced by Lov Grover in 1997, the algorithm can be thought of like a tool to speed up searching for a name in a phone book just from a telephone number. Searching by brute force, you would have to look through half the phone book, on average, to find the number. In other words, if \(N\) is the total number of entries, you would have to check about \(N/2\) entries before finding the number.</p> <p>Grover’s algorithm speeds the process, allowing you to find the number in approximately \(\sqrt{N}\) checks, with a probability that varies with the size of the search space (phone book) and the number of entries that match your search criteria. But Grover’s algorithm only provides a quadratic speedup, not an exponential one. The fix is simple: just increase the size of the hash.</p> <p>With a fourth standard codenamed “Falcon” in the works, these initial standards will likely be iterated and overtaken by others as time progresses, and practical quantum computers start to become a reality. But they do mark an important moment in the quantum era, when society built the essential mathematical pillars required to ensure the integrity of our digital information.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-mathematical-pillars-of-post-quantum-cryptography/#comments 5 Frohes neues Jahr https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/frohes-neues-jahr/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/frohes-neues-jahr/#respond Tue, 17 Feb 2026 07:41:57 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12621 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses-768x580.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/frohes-neues-jahr/</link> </image> <description type="html"><h1>Frohes neues Jahr » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>… sagt man heute in China und das wünsche ich uns auch! Das neue Jahr ist das Jahr des Feuer-Pferdes (und es löst das Jahr der Holzschlange ab). </p> <p>Die Internationale Astronomische Union (IAU) veröffentlichte <a href="https://iau.org/IAU/News/Ann2026/New-Star-Names-2026.aspx">kürzlich eine Pressemitteilung</a> zu den neuen Sternnamen der vergangenen zwei Jahre.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="773" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses-1024x773.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses-1024x773.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses-300x226.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses-768x580.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses.jpeg 1060w" width="1024"></img></a></figure> <p>Das Bild zeigt den mythologischen General Wangliang mit seinen vier Pferden (Quadriga), nach denen die IAU letztes Jahr einen hellen <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/himmlische-quadriga/">Stern im Sternbild Cassiopeia benannt hat (Tiansi</a>). Mich hatte das damals an meine Lieblingsstadt Berlin erinnert.</p> <p>In den vergangenen zwei Jahren hat die IAU 59 neue Sternnamen publiziert. <a href="https://iau.org/IAU/News/Ann2026/New-Star-Names-2026.aspx">Hier die Pressemitteilung</a>.</p> <aside></aside></div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Frohes neues Jahr » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>… sagt man heute in China und das wünsche ich uns auch! Das neue Jahr ist das Jahr des Feuer-Pferdes (und es löst das Jahr der Holzschlange ab). </p> <p>Die Internationale Astronomische Union (IAU) veröffentlichte <a href="https://iau.org/IAU/News/Ann2026/New-Star-Names-2026.aspx">kürzlich eine Pressemitteilung</a> zu den neuen Sternnamen der vergangenen zwei Jahre.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="773" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses-1024x773.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses-1024x773.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses-300x226.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses-768x580.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses.jpeg 1060w" width="1024"></img></a></figure> <p>Das Bild zeigt den mythologischen General Wangliang mit seinen vier Pferden (Quadriga), nach denen die IAU letztes Jahr einen hellen <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/himmlische-quadriga/">Stern im Sternbild Cassiopeia benannt hat (Tiansi</a>). Mich hatte das damals an meine Lieblingsstadt Berlin erinnert.</p> <p>In den vergangenen zwei Jahren hat die IAU 59 neue Sternnamen publiziert. <a href="https://iau.org/IAU/News/Ann2026/New-Star-Names-2026.aspx">Hier die Pressemitteilung</a>.</p> <aside></aside></div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/frohes-neues-jahr/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Auch in diesem Jahr reden wir über Gebäudeschadstoffe – DCONex 2026 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/auch-in-diesem-jahr-reden-wir-ueber-gebaeudeschadstoffe-dconex-2026/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/auch-in-diesem-jahr-reden-wir-ueber-gebaeudeschadstoffe-dconex-2026/#respond Mon, 16 Feb 2026 20:46:22 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3739 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c-200x300-1.jpg Achtung, Asbest! https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/auch-in-diesem-jahr-reden-wir-ueber-gebaeudeschadstoffe-dconex-2026/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c-200x300-1.jpg" /><h1>Auch in diesem Jahr reden wir über Gebäudeschadstoffe – DCONex 2026 » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <div><h2>Key Takeaways</h2> <ul> <li>Die DCONex fand in Münster statt, mit Fokus auf Schadstoffmanagement und Gebäudeschadstoffe.</li> <li>Olaf Dünger präsentierte die neuesten Entwicklungen im Bereich Gebäudeschadstoffe, einschließlich der aktualisierten VDI 3492.</li> <li>Künstliche Intelligenz bietet Chancen im Bereich Asbestanalytik, erfordert jedoch maschinelles Lernen.</li> <li>Die Anpassung der TRGS 519 an die novellierte Gefahrstoffverordnung berücksichtigt neue Regelungen und Anforderungen beim Abbruch von asbesthaltigen Materialien.</li> <li>Das Recycling von Bauststoffen steht vor Herausforderungen, insbesondere in Bezug auf Schadstofffreiheit und Zeitdruck.</li> </ul> </div> <p>Auch in diesem Jahr fand in Münster die DCONex statt, der Fachkongress und Ausstellung zum Thema Schadstoffmanagement und Gebäudeschadstoffe. Ich möchte mich auf diesem Wege gleichzeitig bei unserem Partner i3 Membrane bedanken. Wir haben wieder eine wundervolle Zeit miteinander verbracht und sie haben für uns einen tollen gemeinsamen Messestand geplant. Natürlich habe ich neben der Arbeit am Stand wieder verschiedene Sessions besucht. Schließlich soll es ja auch diesen Blogbeitrag geben.</p> <figure><div> <a href="https://flic.kr/p/2rUP8Hp"><img alt="DCONex 2026" decoding="async" fetchpriority="high" height="427" src="https://live.staticflickr.com/65535/55075265749_d9e68f2192_z.jpg" width="640"></img></a> </div></figure> <h2 id="h-neue-entwicklungen">Neue Entwicklungen</h2> <p>Traditionell beginnt der Kongress nach der Begrüßung mit einem Überblick über die neuesten Entwicklungen im Bereich der Gebäudeschadstoffe. Auch diesmal übernahm Olaf Dünger, der Vorsitzende des Gesamtverbandes der Schadstoffsanierer, diese Aufgabe.</p> <p>Es gab so einiges Neues im letzten Jahr. Da wäre zum einen die Novelle der Gefahrstoffverordnung. Sie ist zwar erst 2024 in Kraft getreten, wurde aber bereits im vergangenen Jahr überarbeitet. Dabei wurden einige Regeln zum Umgang mit Asbest und zum Arbeitsschutz konkretisiert. Die Erlaubnis für die Abfallbehandlung von Asbest liegt inzwischen vor. Der Umgang mit Asbest an den Standorten der Anlagen kann nun, wie in der LAGA M 23 von 2023 beschrieben, rechtssicher erfolgen. Gleichzeitig musste auch die TRGS 519 an die neue Gefahrstoffverordnung angepasst werden.</p> <p>Zudem wurden einige Regelwerke erneuert, darunter die VDI 3492 „Innenraumluft, Außenluft – Messen faserförmiger anorganischer Partikel – Rasterelektronenmikroskopisches Verfahren”. Diese ist im Januar in den Weißdruck gegangen und somit quasi noch druckfrisch.</p> <p>Ein weiteres Beispiel ist die VDI 6202 Blatt 10 „Schadstoffbelastete bauliche und technische Anlagen – Asbest in Bauschutt, Recycling und Bodenmaterial” vom Dezember letzten Jahres. Hier wird eine wichtige Lücke im Regelwerk geschlossen. Sie regelt den Umgang mit potenziell asbesthaltigen Bauschutt- und Abbruchmaterialien und gibt vor, wie das Material zu beproben ist.<aside></aside></p> <h2 id="h-chancen-und-herausforderungen-durch-den-einsatz-von-ki">Chancen und Herausforderungen durch den Einsatz von KI</h2> <p>Künstliche Intelligenz ist derzeit in aller Munde, sei es in Form von allgegenwärtigen Chatbots oder Bildgeneratoren, die uns langsam an der Realität zweifeln lassen und oftmals auch ganz direkt in sehr persönliche Bereiche hineinreichen. Abgesehen von manchen sinnigen, vielen unsinnigen und noch mehr zweifelhaften Anwendungen kann KI viel mehr. Sie wird nicht nur meinen Arbeitsbereich ziemlich umkrempeln. Dabei mache ich mir relativ wenige Gedanken darüber, dass sie mich gleich ganz ersetzen wird. Sie hat jedoch das Potenzial, mir viele ermüdende Arbeiten abzunehmen und viele Routinen zu erleichtern. Denn bislang ist die Asbestanalytik schweißtreibend, zeitraubend und allzu oft auch buchstäblich nervtötend. Doch bevor die KI helfen kann, muss sie maschinell lernen, und das ist oft nicht so einfach, wie Markus König von der Ruhr-Universität Bochum zeigte. Ich will hier gar nicht so sehr auf die Details eingehen, das könnten andere sicher besser. Wo die KI uns hinsichtlich der Gebäudeschadstoffe schon unterstützen kann, sind unter anderem Vorhersagen der Recyclingfähigkeit der eingesetzten Baustoffe, die Abschätzung von Abfall- und Verwertungsmengen sowie die Abfrage von Regelwerken, Normen und Vorschriften.</p> <p>Sie kann auch bei der Planung, Bauausführung, Überwachung und Qualitätskontrolle während des Baus helfen. Erschreckend ist vielleicht auch die Hilfe KI-gestützter Systeme bei der Erkennung und Verfolgung von Arbeitnehmern auf Baustellen, um potenziell gefährliche Situationen zu identifizieren oder zu überprüfen, ob Vorgaben zum Arbeits- und Gesundheitsschutz eingehalten werden. Das lässt sich natürlich auch übertreiben, sodass letztlich keine Handlung eines Arbeitnehmers mehr unentdeckt bleibt. Jeder kann sich selbst die Frage stellen, ob und inwiefern dies wünschenswert wäre.</p> <p>Etwas weniger kontrovers und vielleicht auch näher an meinem Arbeitsgebiet wäre die Erkennung und Klassifizierung von Oberflächenschäden, wie etwa Rissen, in Spannbetonbrücken. Dabei werden Rissabstände, Risswerte und Rissrichtungen sowie die genaue Position der Risse automatisch erfasst.</p> <p>Leider fehlt es vielfach an Mitarbeitern mit den notwendigen Kenntnissen. Denn eine KI hängt in erster Linie von der Menge und vor allem der Qualität der Daten ab. KI-Verfahren realisieren oft genau das, was die Menschen ihnen beigebracht haben. Selbst wenn dies nicht unbedingt das eigentliche Ziel war.</p> <h2 id="h-zukunftige-rechtsanforderungen">Zukünftige Rechtsanforderungen</h2> <p>Die Diskussion um zukünftige Rechtsanforderungen gehört auch zum traditionellen Programm.</p> <h3 id="h-anpassung-der-trgs-519-an-die-novellierte-gefahrstoffverordnung">Anpassung der TRGS 519 an die novellierte Gefahrstoffverordnung</h3> <p>Den Anfang machte Andrea Bonner von der BG Bau mit der novellierten Gefahrstoffverordnung und deren Auswirkungen auf notwendige Anpassungen der TRGS 519, die hier ja schon mehrfach erwähnt wurde. Sie hat auch Auswirkungen auf andere Vorschriften wie die TRGS 519 „Asbest – Abbruch-, Sanierungs- oder Instandhaltungsarbeiten“.</p> <p>Im Bereich Abbruch ist das vollständige oder auch teilweise Entfernen asbesthaltiger Bauteile, auch in Teilflächen oder Teilbereichen, möglich. Hierbei kommt es zu einigen Konkretisierungen, etwa beim Entfernen einzelner beschädigter Teile. Als Beispiele könnten einzelne beschädigte Faserzementplatten auf einem Dach oder einzelne Floorflex-Platten gelten. Diese dürfen durch asbestfreie Produkte ersetzt werden. Dies fällt unter Maßnahmen der funktionalen Instandhaltung.</p> <p>Außerdem im Bereich Sanierung. Hier werden die Maßnahmen zur Vermeidung der Gefährdung der Nutzer durch asbesthaltige Stäube mittels räumlicher Trennung sowie die Sofortmaßnahmen zur vorläufigen Sicherung weiter konkretisiert. So ist die räumliche Trennung beispielsweise zu kennzeichnen. Es ist zu dokumentieren, an welchen Bauteilen asbesthaltige Materialien verbleiben.</p> <p>Für die Instandhaltung wird eine Liste mit Tätigkeiten beim Bauen im Bestand inklusive entsprechender Beispiele erstellt. Zudem soll das Erreichen des Endes der Nutzungsdauer genauer definiert werden. Das Ende der Nutzungsdauer ist noch nicht erreicht, wenn das Material seine ursprüngliche Funktion noch erfüllen kann und entsprechend seiner beim Einbau vorgesehenen Bestimmung verwendet wird. Zudem darf von dem Material im aktuellen Zustand keine Gefahr ausgehen.</p> <p>Auch das Thema der Überdeckung wird genauer definiert. So gilt das Überdeckungsverbot beispielsweise nicht für geringfügige Überlappungen. Eine schwimmende Verlegung, also ohne Bohren und Kleben, sowie das lose Auflegen von beispielsweise Teppich auf asbesthaltige Bodenbeläge ist zulässig.</p> <p>Das Überdeckungsverbot gilt außerdem nicht für asbesthaltige Putze, Fliesenkleber oder Spachtelmassen. Tapezieren und Streichen zählen zur funktionalen Instandhaltung im Rahmen der laufenden Nutzung.</p> <p>Auch die Mitwirkungs- und Informationspflicht des Veranlassers ist hier enthalten. Wenn aufgrund des Baualters davon auszugehen ist, dass asbesthaltige Materialien vorhanden sein könnten, soll eine umfassende Informationsweitergabe erfolgen, auf deren Grundlage die ausführenden Unternehmen eine Gefährdungsbeurteilung durchführen können. Gegebenenfalls soll bereits in der Planungsphase eine technische Erkundung durch den Veranlasser durchgeführt werden. So wird sichergestellt, dass die Anforderungen an Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz bereits in der Planungs-, Kalkulations- und Vorbereitungsphase berücksichtigt werden.</p> <h3>Die Expositions-Risiko-Matrix der TRGS 519</h3> <p>Birgitta Höwing von der Wessling Consulting Engineering GmbH &amp; Co. KG hat die Expositions-Risiko-Matrix der TRGS 519 vorgestellt. Die Expositions-Risiko-Matrix ist hier ja eigentlich auch schon keine Unbekannte mehr. Es geht darum, die Exposition gegenüber schädlichen Stoffen – in diesem Fall insbesondere Asbest – in Klassen mit unterschiedlichem Risiko einzustufen. Die Grenze der jeweiligen Klassen hängt von der Wahrscheinlichkeit ab, mit der mit schweren Erkrankungen zu rechnen ist. Aktuell liegt der Bereich der geringen Exposition zwischen 1.000 und 10.000 Fasern pro m³ Luft. Darüber, also ab einer Exposition von 10.000 Fasern pro m³, beginnt der Bereich der mittleren Exposition bis zu einer Grenze von 100.000 Fasern pro m³. Darüber liegt der Bereich der hohen Exposition. Dabei stellen 10.000 Fasern die Akzeptanzkonzentration und 100.000 Fasern die Toleranzkonzentration dar.</p> <p>Dabei ist grundsätzlich zu beachten, dass alle Tätigkeiten, für die keine ausreichenden Messwerte zur Verfügung stehen, in die Kategorie „hohe Exposition” eingestuft werden. Dies macht das Messprogramm der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG Bau), der Berufsgenossenschaft Energie, Textil, Elektro und Medienerzeugnisse (BG ETEM) sowie der Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BG Holz und Metall) so enorm wichtig. In diesem Programm werden für verschiedene Tätigkeiten Expositionswerte ermittelt.</p> <p>Die ermittelten Daten werden dem Arbeitskreis TRGS 519 vorgelegt und sollen in Anlage 9 veröffentlicht werden. Diese Anlage wird um geprüfte Tätigkeiten erweitert.</p> <p>Der gesamte Prozess dauert jedoch lange, da es auf der Seite der Bauherren an Bereitschaft mangelt, Messungen unter realen Bedingungen und in verschiedenen Situationen durchzuführen. Es werden nach wie vor geeignete Objekte gesucht. Geeignet sind Gebäude mit einem eindeutigen Nachweis über asbesthaltige Produkte sowie Gebäude, in denen neu verputzt, gespachtelt oder gefliest wurde und die Putze, Spachtelmassen oder Fliesenkleber mit einem Gehalt an „natürlichem“ Tremolit enthalten.</p> <h3 id="h-leitfaden-asbest-beim-bauen-im-bestand">Leitfaden „Asbest beim Bauen im Bestand“</h3> <p>Gerade beim Bauen im Bestand muss stets auf mögliche Vorkommen asbesthaltiger Materialien geachtet werden. Die BG Bau bietet betroffenen Handwerkern den Leitfaden „Asbest beim Bauen im Bestand“ an. Berit Schuchmann von der BG Bau stellte ihn hier vor. In diesem Leitfaden wird unter anderem die bereits oben erwähnte Expositions-Risiko-Matrix vorgestellt und erläutert sowie die Änderungen der Gefahrstoffverordnung noch einmal erklärt. Welche Pflichten hat der Veranlasser? Stichworte sind hier Mitwirkungs- und Informationspflicht. Welche Ausnahmen gelten im Rahmen von Abbruch, Sanierung oder Instandhaltung? Wie sehen risikobezogene Regelungen zu Schutzmaßnahmen, Zulassung und Anzeige von Arbeiten aus? Welche Regelungen betreffen die Fach- und Sachkunde? Welche Anforderungen werden an die Qualifikation der ausführenden Firmen und deren Personal gestellt?</p> <h2 id="h-anforderungen-an-abfall-und-recyclingmaterial">Anforderungen an Abfall und Recyclingmaterial</h2> <h3 id="h-vdi-6202-blatt-10-anwendung-mit-praxisbericht">VDI 6202 Blatt 10 – Anwendung mit Praxisbericht</h3> <p>Martin Hönig von der Wessling Consulting Engineering GmbH &amp; Co. KG gab uns einige Einblicke in die Praxis der Anwendung der vergleichsweise neuen VDI 6202 Blatt 10 und erklärte, wie bei einem Verdacht auf Asbest im Bauschutt vorzugehen ist. Dabei spielen die Sichtprüfung der verdächtigen Materialien sowie gegebenenfalls die Entnahme auffälliger Stücke zur nachfolgenden Analyse eine Rolle.</p> <p>Dabei wird zwischen abbruchnahen Haufwerken und Haufwerken aus gebrochenen Materialien unterschieden. Abbruchnahe Haufwerke unterscheiden sich dadurch, dass die einzelnen Materialien noch zuzuordnen sind und meist grobe, unzerbrochene Stücke oder ganze Bauteile erkennbar sind. Eine Sortierung oder Umlagerung hat nicht stattgefunden.</p> <p>In Haufwerken aus gebrochenem Material hingegen sind meist keine einzelnen Bauteile mehr erkennbar. Das Material wurde umgelagert und prozessiert.</p> <p>Es wurden die unterschiedlichen Probenahmestrategien diskutiert: die Rekonstruktion der Gebäudesubstanz bei abbruchnahen Haufwerken oder die Einteilung in Sektoren, deren Absuchen und gegebenenfalls die Anlage von Schürfen. Die Probenahme selbst erfolgt nach LAGA PN 98, die Analytik nach VDI 3876 bzw. 3866 Blatt 5.</p> <h3 id="h-bedeutung-der-laga-m-23-fur-abbruch-und-recycling">Bedeutung der LAGA M 23 für Abbruch und Recycling</h3> <p>Gunther Weyer vom Niedersächsischen Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz informierte uns über die aktualisierte Fassung der LAGA M 23 „Vollzugshilfe zur Entsorgung asbesthaltiger Abfälle“.</p> <p>Die alte Fassung der M 23 stammte vom Juni 2015 und war somit bereits einige Jahre alt. So fehlten unter anderem Regelungen zum Umgang mit mineralischen Bau- und Abbruchabfällen mit geringen Asbestgehalten. Zudem wurden neue Erkenntnisse über asbesthaltige Bauprodukte gewonnen, beispielsweise über die Abstandshalter aus Asbest in Betonbauwerken oder über Putze, Spachtelmassen und Fliesenkleber.</p> <p>Für asbesthaltige Baustoffe gilt ein Inverkehrbringungsverbot.</p> <p>Die Verwertung von Bauabfällen, denen absichtlich sogenannter technischer Asbest zugesetzt wurde, ist für den Einsatz von Recyclingbaustoffen grundsätzlich verboten. Für Baustoffe mit geringem Gehalt an sogenanntem geogenem Asbest gelten jedoch abweichende Regelungen.</p> <p>Die Unterscheidung zwischen technischem und geogenem Asbest wird uns hier sicher noch weiter beschäftigen. Dazu mehr in einem späteren Beitrag.</p> <p>Bauwerke können als asbestfrei angesehen werden, wenn sie nach dem 31. Oktober 1993 gebaut wurden, es sei denn, es gibt anderweitige Verdachtsmomente. Zudem können Bauwerke als asbestfrei gelten, wenn sie nach dem aktuellen Stand der Technik asbestsaniert wurden oder wenn eine entsprechende Sachverständigenbescheinigung vorliegt. Auch die Abfälle aus diesen Gebäuden können dann als asbestfrei gelten.</p> <p>Alle anderen Gebäude oder Abfälle aus ihnen stehen zunächst unter Asbestverdacht. Haufwerke daraus können nach einer entsprechenden Untersuchung als asbestfrei deklariert werden. Der Beurteilungswert liegt hier bei 0,01 Massenprozent. Eine Asbestfreiheit darf aber nicht durch Berechnung festgestellt werden.</p> <p>Ein anderer Fall sind Monochargen, also Haufwerke, die aus einem einzigen Baustoff bestehen. Dies gilt, wenn diese Baustoffe nach Herkunft und Beschaffenheit keinen Asbestgehalt erwarten lassen. Beispiele hierfür sind Rasengittersteine, Dachziegel, Natursteine, Kies oder Naturschiefer. Bei Abfällen aus der Badsanierung oder Mauersteinen mit anhaftendem Putz ist hingegen immer Vorsicht geboten.</p> <h4 id="h-geogener-asbest">Geogener Asbest</h4> <p>Bauschutt mit einem Asbestgehalt von weniger als 0,1 Massenprozent kann mit dem Abfallschlüssel 17 01 XX (nicht gefährlich) entsorgt werden, wobei der Hinweis „mit geringen Asbestgehalten“ zu beachten ist. Bei einem Asbestgehalt von mehr als 0,1 Mass% hingegen gilt der Schlüssel 17 01 06 (gefährlich, mit Hinweis auf Asbestgehalt).</p> <p>Für den sogenannten geogenen Asbest gilt: Die Gewinnung von Gesteinen mit weniger als 0,1 Massenprozent geogenem Asbest und deren Inverkehrbringen bleibt zulässig. Dies gilt jedoch nicht für absichtlich hinzugefügtes, sogenanntes technisches Asbest.</p> <p>Daher lässt das Chemikaliengesetz auch die Verwendung von Bauabfällen und deren Verwendung als Recyclingbaustoffe zu, solange der Asbestgehalt 0,1 Massenprozent nicht übersteigt.</p> <p>Hier lauert jedoch ein nicht ganz triviales Problem: Wie soll geogener Asbest von technischem Asbest in Baustoffen unterschieden werden? Bislang gibt es keine verbindlichen Kriterien. Diesem Thema werden wir uns in einem weiteren Beitrag widmen. Denn hierzu schweigt sich die LAGA M 23 leider aus. Dort wird lediglich auf die in der TRGS 517 aufgeführten Untersuchungsmethoden und Auswerteregeln verwiesen und auf lungengängige Fasern, also Fasern gemäß der Definition der WHO, abgestellt.</p> <p>Ansonsten dürfen dem Recycling nur asbestfreie Bauabfälle (d. h. keine, die technischen Asbest enthalten) zugeführt werden. Den Nachweis der Asbestfreiheit muss der Abfallerzeuger bzw. der Besitzer erbringen.</p> <h3 id="h-anforderungen-an-recyclingmaterial">Anforderungen an Recyclingmaterial</h3> <p>Welche Anforderungen werden an Recyclingmaterial gestellt, wenn es um das Recycling von Baustoffen geht? Genau darum ging es in dem Beitrag von Patric van der Haegen vom Unternehmen Eberhard.</p> <p>Eines der Hauptprobleme bei der Wiederverwendung und dem Recycling von Baustoffen ist die knappe Zeit. Alles muss möglichst schnell und günstig gehen. Dabei entstehen die merkwürdigsten Materialgemische, die entsprechend schwer zu recyceln sind. Es ist dann sehr schwer, die Materialeigenschaften zu bewahren und Schadstofffreiheit zu gewährleisten.</p> <p>Hinzu kommen die häufig verwendeten Kompositbaustoffe, die sich vor Ort meist nur schwer trennen lassen. Sie stellen hohe Ansprüche an die Aufbereitungsanlagen.</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Dieseds war nur der erste Tag. Aber schon hier zeichnet sich ab, wie wichtig eine Unterscheidung zwischen technisch verwendeten und den so genannten geogenen Asbesten ist. Dazu muss ich auch sagen, dass ich den gängigen Begriff “geogener Asbest” so überhaupt nicht mag. Denn auch unser technisch verwendeter Asbest it geogen, nur eben dass er aus ausgesuchten Lagerstätten stammt und gewisse Qualitätskriterien erfüllt hat. Asbest ist, so leid es mir tut, ein absolut natürlicher Werkstoff. Da ist nichts künstliches dran. Der einzige Unterschied ist eben, dass er in Lagerstätten angereichert ist, während der unter dem Begriff geogener Asbest zusammengefasste Asbest meist nur als akzessorisches Mineral in Zuschlagsstoffen steckt. Aber das soll ein Thema für den zweiten tTag und einen anderen Blogbeitrag sein.</p> <figure><div> <a data-flickr-embed="true" href="https://www.flickr.com/photos/gunnarries/albums/72177720331792390/" title="DCONex 2026 by Gunnar Ries zwo, on Flickr"><img alt="DCONex 2026" height="600" src="https://live.staticflickr.com/65535/55075212333_8d75066cfc_z.jpg" width="800"></img></a> </div></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c-200x300-1.jpg" /><h1>Auch in diesem Jahr reden wir über Gebäudeschadstoffe – DCONex 2026 » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <div><h2>Key Takeaways</h2> <ul> <li>Die DCONex fand in Münster statt, mit Fokus auf Schadstoffmanagement und Gebäudeschadstoffe.</li> <li>Olaf Dünger präsentierte die neuesten Entwicklungen im Bereich Gebäudeschadstoffe, einschließlich der aktualisierten VDI 3492.</li> <li>Künstliche Intelligenz bietet Chancen im Bereich Asbestanalytik, erfordert jedoch maschinelles Lernen.</li> <li>Die Anpassung der TRGS 519 an die novellierte Gefahrstoffverordnung berücksichtigt neue Regelungen und Anforderungen beim Abbruch von asbesthaltigen Materialien.</li> <li>Das Recycling von Bauststoffen steht vor Herausforderungen, insbesondere in Bezug auf Schadstofffreiheit und Zeitdruck.</li> </ul> </div> <p>Auch in diesem Jahr fand in Münster die DCONex statt, der Fachkongress und Ausstellung zum Thema Schadstoffmanagement und Gebäudeschadstoffe. Ich möchte mich auf diesem Wege gleichzeitig bei unserem Partner i3 Membrane bedanken. Wir haben wieder eine wundervolle Zeit miteinander verbracht und sie haben für uns einen tollen gemeinsamen Messestand geplant. Natürlich habe ich neben der Arbeit am Stand wieder verschiedene Sessions besucht. Schließlich soll es ja auch diesen Blogbeitrag geben.</p> <figure><div> <a href="https://flic.kr/p/2rUP8Hp"><img alt="DCONex 2026" decoding="async" fetchpriority="high" height="427" src="https://live.staticflickr.com/65535/55075265749_d9e68f2192_z.jpg" width="640"></img></a> </div></figure> <h2 id="h-neue-entwicklungen">Neue Entwicklungen</h2> <p>Traditionell beginnt der Kongress nach der Begrüßung mit einem Überblick über die neuesten Entwicklungen im Bereich der Gebäudeschadstoffe. Auch diesmal übernahm Olaf Dünger, der Vorsitzende des Gesamtverbandes der Schadstoffsanierer, diese Aufgabe.</p> <p>Es gab so einiges Neues im letzten Jahr. Da wäre zum einen die Novelle der Gefahrstoffverordnung. Sie ist zwar erst 2024 in Kraft getreten, wurde aber bereits im vergangenen Jahr überarbeitet. Dabei wurden einige Regeln zum Umgang mit Asbest und zum Arbeitsschutz konkretisiert. Die Erlaubnis für die Abfallbehandlung von Asbest liegt inzwischen vor. Der Umgang mit Asbest an den Standorten der Anlagen kann nun, wie in der LAGA M 23 von 2023 beschrieben, rechtssicher erfolgen. Gleichzeitig musste auch die TRGS 519 an die neue Gefahrstoffverordnung angepasst werden.</p> <p>Zudem wurden einige Regelwerke erneuert, darunter die VDI 3492 „Innenraumluft, Außenluft – Messen faserförmiger anorganischer Partikel – Rasterelektronenmikroskopisches Verfahren”. Diese ist im Januar in den Weißdruck gegangen und somit quasi noch druckfrisch.</p> <p>Ein weiteres Beispiel ist die VDI 6202 Blatt 10 „Schadstoffbelastete bauliche und technische Anlagen – Asbest in Bauschutt, Recycling und Bodenmaterial” vom Dezember letzten Jahres. Hier wird eine wichtige Lücke im Regelwerk geschlossen. Sie regelt den Umgang mit potenziell asbesthaltigen Bauschutt- und Abbruchmaterialien und gibt vor, wie das Material zu beproben ist.<aside></aside></p> <h2 id="h-chancen-und-herausforderungen-durch-den-einsatz-von-ki">Chancen und Herausforderungen durch den Einsatz von KI</h2> <p>Künstliche Intelligenz ist derzeit in aller Munde, sei es in Form von allgegenwärtigen Chatbots oder Bildgeneratoren, die uns langsam an der Realität zweifeln lassen und oftmals auch ganz direkt in sehr persönliche Bereiche hineinreichen. Abgesehen von manchen sinnigen, vielen unsinnigen und noch mehr zweifelhaften Anwendungen kann KI viel mehr. Sie wird nicht nur meinen Arbeitsbereich ziemlich umkrempeln. Dabei mache ich mir relativ wenige Gedanken darüber, dass sie mich gleich ganz ersetzen wird. Sie hat jedoch das Potenzial, mir viele ermüdende Arbeiten abzunehmen und viele Routinen zu erleichtern. Denn bislang ist die Asbestanalytik schweißtreibend, zeitraubend und allzu oft auch buchstäblich nervtötend. Doch bevor die KI helfen kann, muss sie maschinell lernen, und das ist oft nicht so einfach, wie Markus König von der Ruhr-Universität Bochum zeigte. Ich will hier gar nicht so sehr auf die Details eingehen, das könnten andere sicher besser. Wo die KI uns hinsichtlich der Gebäudeschadstoffe schon unterstützen kann, sind unter anderem Vorhersagen der Recyclingfähigkeit der eingesetzten Baustoffe, die Abschätzung von Abfall- und Verwertungsmengen sowie die Abfrage von Regelwerken, Normen und Vorschriften.</p> <p>Sie kann auch bei der Planung, Bauausführung, Überwachung und Qualitätskontrolle während des Baus helfen. Erschreckend ist vielleicht auch die Hilfe KI-gestützter Systeme bei der Erkennung und Verfolgung von Arbeitnehmern auf Baustellen, um potenziell gefährliche Situationen zu identifizieren oder zu überprüfen, ob Vorgaben zum Arbeits- und Gesundheitsschutz eingehalten werden. Das lässt sich natürlich auch übertreiben, sodass letztlich keine Handlung eines Arbeitnehmers mehr unentdeckt bleibt. Jeder kann sich selbst die Frage stellen, ob und inwiefern dies wünschenswert wäre.</p> <p>Etwas weniger kontrovers und vielleicht auch näher an meinem Arbeitsgebiet wäre die Erkennung und Klassifizierung von Oberflächenschäden, wie etwa Rissen, in Spannbetonbrücken. Dabei werden Rissabstände, Risswerte und Rissrichtungen sowie die genaue Position der Risse automatisch erfasst.</p> <p>Leider fehlt es vielfach an Mitarbeitern mit den notwendigen Kenntnissen. Denn eine KI hängt in erster Linie von der Menge und vor allem der Qualität der Daten ab. KI-Verfahren realisieren oft genau das, was die Menschen ihnen beigebracht haben. Selbst wenn dies nicht unbedingt das eigentliche Ziel war.</p> <h2 id="h-zukunftige-rechtsanforderungen">Zukünftige Rechtsanforderungen</h2> <p>Die Diskussion um zukünftige Rechtsanforderungen gehört auch zum traditionellen Programm.</p> <h3 id="h-anpassung-der-trgs-519-an-die-novellierte-gefahrstoffverordnung">Anpassung der TRGS 519 an die novellierte Gefahrstoffverordnung</h3> <p>Den Anfang machte Andrea Bonner von der BG Bau mit der novellierten Gefahrstoffverordnung und deren Auswirkungen auf notwendige Anpassungen der TRGS 519, die hier ja schon mehrfach erwähnt wurde. Sie hat auch Auswirkungen auf andere Vorschriften wie die TRGS 519 „Asbest – Abbruch-, Sanierungs- oder Instandhaltungsarbeiten“.</p> <p>Im Bereich Abbruch ist das vollständige oder auch teilweise Entfernen asbesthaltiger Bauteile, auch in Teilflächen oder Teilbereichen, möglich. Hierbei kommt es zu einigen Konkretisierungen, etwa beim Entfernen einzelner beschädigter Teile. Als Beispiele könnten einzelne beschädigte Faserzementplatten auf einem Dach oder einzelne Floorflex-Platten gelten. Diese dürfen durch asbestfreie Produkte ersetzt werden. Dies fällt unter Maßnahmen der funktionalen Instandhaltung.</p> <p>Außerdem im Bereich Sanierung. Hier werden die Maßnahmen zur Vermeidung der Gefährdung der Nutzer durch asbesthaltige Stäube mittels räumlicher Trennung sowie die Sofortmaßnahmen zur vorläufigen Sicherung weiter konkretisiert. So ist die räumliche Trennung beispielsweise zu kennzeichnen. Es ist zu dokumentieren, an welchen Bauteilen asbesthaltige Materialien verbleiben.</p> <p>Für die Instandhaltung wird eine Liste mit Tätigkeiten beim Bauen im Bestand inklusive entsprechender Beispiele erstellt. Zudem soll das Erreichen des Endes der Nutzungsdauer genauer definiert werden. Das Ende der Nutzungsdauer ist noch nicht erreicht, wenn das Material seine ursprüngliche Funktion noch erfüllen kann und entsprechend seiner beim Einbau vorgesehenen Bestimmung verwendet wird. Zudem darf von dem Material im aktuellen Zustand keine Gefahr ausgehen.</p> <p>Auch das Thema der Überdeckung wird genauer definiert. So gilt das Überdeckungsverbot beispielsweise nicht für geringfügige Überlappungen. Eine schwimmende Verlegung, also ohne Bohren und Kleben, sowie das lose Auflegen von beispielsweise Teppich auf asbesthaltige Bodenbeläge ist zulässig.</p> <p>Das Überdeckungsverbot gilt außerdem nicht für asbesthaltige Putze, Fliesenkleber oder Spachtelmassen. Tapezieren und Streichen zählen zur funktionalen Instandhaltung im Rahmen der laufenden Nutzung.</p> <p>Auch die Mitwirkungs- und Informationspflicht des Veranlassers ist hier enthalten. Wenn aufgrund des Baualters davon auszugehen ist, dass asbesthaltige Materialien vorhanden sein könnten, soll eine umfassende Informationsweitergabe erfolgen, auf deren Grundlage die ausführenden Unternehmen eine Gefährdungsbeurteilung durchführen können. Gegebenenfalls soll bereits in der Planungsphase eine technische Erkundung durch den Veranlasser durchgeführt werden. So wird sichergestellt, dass die Anforderungen an Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz bereits in der Planungs-, Kalkulations- und Vorbereitungsphase berücksichtigt werden.</p> <h3>Die Expositions-Risiko-Matrix der TRGS 519</h3> <p>Birgitta Höwing von der Wessling Consulting Engineering GmbH &amp; Co. KG hat die Expositions-Risiko-Matrix der TRGS 519 vorgestellt. Die Expositions-Risiko-Matrix ist hier ja eigentlich auch schon keine Unbekannte mehr. Es geht darum, die Exposition gegenüber schädlichen Stoffen – in diesem Fall insbesondere Asbest – in Klassen mit unterschiedlichem Risiko einzustufen. Die Grenze der jeweiligen Klassen hängt von der Wahrscheinlichkeit ab, mit der mit schweren Erkrankungen zu rechnen ist. Aktuell liegt der Bereich der geringen Exposition zwischen 1.000 und 10.000 Fasern pro m³ Luft. Darüber, also ab einer Exposition von 10.000 Fasern pro m³, beginnt der Bereich der mittleren Exposition bis zu einer Grenze von 100.000 Fasern pro m³. Darüber liegt der Bereich der hohen Exposition. Dabei stellen 10.000 Fasern die Akzeptanzkonzentration und 100.000 Fasern die Toleranzkonzentration dar.</p> <p>Dabei ist grundsätzlich zu beachten, dass alle Tätigkeiten, für die keine ausreichenden Messwerte zur Verfügung stehen, in die Kategorie „hohe Exposition” eingestuft werden. Dies macht das Messprogramm der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG Bau), der Berufsgenossenschaft Energie, Textil, Elektro und Medienerzeugnisse (BG ETEM) sowie der Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BG Holz und Metall) so enorm wichtig. In diesem Programm werden für verschiedene Tätigkeiten Expositionswerte ermittelt.</p> <p>Die ermittelten Daten werden dem Arbeitskreis TRGS 519 vorgelegt und sollen in Anlage 9 veröffentlicht werden. Diese Anlage wird um geprüfte Tätigkeiten erweitert.</p> <p>Der gesamte Prozess dauert jedoch lange, da es auf der Seite der Bauherren an Bereitschaft mangelt, Messungen unter realen Bedingungen und in verschiedenen Situationen durchzuführen. Es werden nach wie vor geeignete Objekte gesucht. Geeignet sind Gebäude mit einem eindeutigen Nachweis über asbesthaltige Produkte sowie Gebäude, in denen neu verputzt, gespachtelt oder gefliest wurde und die Putze, Spachtelmassen oder Fliesenkleber mit einem Gehalt an „natürlichem“ Tremolit enthalten.</p> <h3 id="h-leitfaden-asbest-beim-bauen-im-bestand">Leitfaden „Asbest beim Bauen im Bestand“</h3> <p>Gerade beim Bauen im Bestand muss stets auf mögliche Vorkommen asbesthaltiger Materialien geachtet werden. Die BG Bau bietet betroffenen Handwerkern den Leitfaden „Asbest beim Bauen im Bestand“ an. Berit Schuchmann von der BG Bau stellte ihn hier vor. In diesem Leitfaden wird unter anderem die bereits oben erwähnte Expositions-Risiko-Matrix vorgestellt und erläutert sowie die Änderungen der Gefahrstoffverordnung noch einmal erklärt. Welche Pflichten hat der Veranlasser? Stichworte sind hier Mitwirkungs- und Informationspflicht. Welche Ausnahmen gelten im Rahmen von Abbruch, Sanierung oder Instandhaltung? Wie sehen risikobezogene Regelungen zu Schutzmaßnahmen, Zulassung und Anzeige von Arbeiten aus? Welche Regelungen betreffen die Fach- und Sachkunde? Welche Anforderungen werden an die Qualifikation der ausführenden Firmen und deren Personal gestellt?</p> <h2 id="h-anforderungen-an-abfall-und-recyclingmaterial">Anforderungen an Abfall und Recyclingmaterial</h2> <h3 id="h-vdi-6202-blatt-10-anwendung-mit-praxisbericht">VDI 6202 Blatt 10 – Anwendung mit Praxisbericht</h3> <p>Martin Hönig von der Wessling Consulting Engineering GmbH &amp; Co. KG gab uns einige Einblicke in die Praxis der Anwendung der vergleichsweise neuen VDI 6202 Blatt 10 und erklärte, wie bei einem Verdacht auf Asbest im Bauschutt vorzugehen ist. Dabei spielen die Sichtprüfung der verdächtigen Materialien sowie gegebenenfalls die Entnahme auffälliger Stücke zur nachfolgenden Analyse eine Rolle.</p> <p>Dabei wird zwischen abbruchnahen Haufwerken und Haufwerken aus gebrochenen Materialien unterschieden. Abbruchnahe Haufwerke unterscheiden sich dadurch, dass die einzelnen Materialien noch zuzuordnen sind und meist grobe, unzerbrochene Stücke oder ganze Bauteile erkennbar sind. Eine Sortierung oder Umlagerung hat nicht stattgefunden.</p> <p>In Haufwerken aus gebrochenem Material hingegen sind meist keine einzelnen Bauteile mehr erkennbar. Das Material wurde umgelagert und prozessiert.</p> <p>Es wurden die unterschiedlichen Probenahmestrategien diskutiert: die Rekonstruktion der Gebäudesubstanz bei abbruchnahen Haufwerken oder die Einteilung in Sektoren, deren Absuchen und gegebenenfalls die Anlage von Schürfen. Die Probenahme selbst erfolgt nach LAGA PN 98, die Analytik nach VDI 3876 bzw. 3866 Blatt 5.</p> <h3 id="h-bedeutung-der-laga-m-23-fur-abbruch-und-recycling">Bedeutung der LAGA M 23 für Abbruch und Recycling</h3> <p>Gunther Weyer vom Niedersächsischen Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz informierte uns über die aktualisierte Fassung der LAGA M 23 „Vollzugshilfe zur Entsorgung asbesthaltiger Abfälle“.</p> <p>Die alte Fassung der M 23 stammte vom Juni 2015 und war somit bereits einige Jahre alt. So fehlten unter anderem Regelungen zum Umgang mit mineralischen Bau- und Abbruchabfällen mit geringen Asbestgehalten. Zudem wurden neue Erkenntnisse über asbesthaltige Bauprodukte gewonnen, beispielsweise über die Abstandshalter aus Asbest in Betonbauwerken oder über Putze, Spachtelmassen und Fliesenkleber.</p> <p>Für asbesthaltige Baustoffe gilt ein Inverkehrbringungsverbot.</p> <p>Die Verwertung von Bauabfällen, denen absichtlich sogenannter technischer Asbest zugesetzt wurde, ist für den Einsatz von Recyclingbaustoffen grundsätzlich verboten. Für Baustoffe mit geringem Gehalt an sogenanntem geogenem Asbest gelten jedoch abweichende Regelungen.</p> <p>Die Unterscheidung zwischen technischem und geogenem Asbest wird uns hier sicher noch weiter beschäftigen. Dazu mehr in einem späteren Beitrag.</p> <p>Bauwerke können als asbestfrei angesehen werden, wenn sie nach dem 31. Oktober 1993 gebaut wurden, es sei denn, es gibt anderweitige Verdachtsmomente. Zudem können Bauwerke als asbestfrei gelten, wenn sie nach dem aktuellen Stand der Technik asbestsaniert wurden oder wenn eine entsprechende Sachverständigenbescheinigung vorliegt. Auch die Abfälle aus diesen Gebäuden können dann als asbestfrei gelten.</p> <p>Alle anderen Gebäude oder Abfälle aus ihnen stehen zunächst unter Asbestverdacht. Haufwerke daraus können nach einer entsprechenden Untersuchung als asbestfrei deklariert werden. Der Beurteilungswert liegt hier bei 0,01 Massenprozent. Eine Asbestfreiheit darf aber nicht durch Berechnung festgestellt werden.</p> <p>Ein anderer Fall sind Monochargen, also Haufwerke, die aus einem einzigen Baustoff bestehen. Dies gilt, wenn diese Baustoffe nach Herkunft und Beschaffenheit keinen Asbestgehalt erwarten lassen. Beispiele hierfür sind Rasengittersteine, Dachziegel, Natursteine, Kies oder Naturschiefer. Bei Abfällen aus der Badsanierung oder Mauersteinen mit anhaftendem Putz ist hingegen immer Vorsicht geboten.</p> <h4 id="h-geogener-asbest">Geogener Asbest</h4> <p>Bauschutt mit einem Asbestgehalt von weniger als 0,1 Massenprozent kann mit dem Abfallschlüssel 17 01 XX (nicht gefährlich) entsorgt werden, wobei der Hinweis „mit geringen Asbestgehalten“ zu beachten ist. Bei einem Asbestgehalt von mehr als 0,1 Mass% hingegen gilt der Schlüssel 17 01 06 (gefährlich, mit Hinweis auf Asbestgehalt).</p> <p>Für den sogenannten geogenen Asbest gilt: Die Gewinnung von Gesteinen mit weniger als 0,1 Massenprozent geogenem Asbest und deren Inverkehrbringen bleibt zulässig. Dies gilt jedoch nicht für absichtlich hinzugefügtes, sogenanntes technisches Asbest.</p> <p>Daher lässt das Chemikaliengesetz auch die Verwendung von Bauabfällen und deren Verwendung als Recyclingbaustoffe zu, solange der Asbestgehalt 0,1 Massenprozent nicht übersteigt.</p> <p>Hier lauert jedoch ein nicht ganz triviales Problem: Wie soll geogener Asbest von technischem Asbest in Baustoffen unterschieden werden? Bislang gibt es keine verbindlichen Kriterien. Diesem Thema werden wir uns in einem weiteren Beitrag widmen. Denn hierzu schweigt sich die LAGA M 23 leider aus. Dort wird lediglich auf die in der TRGS 517 aufgeführten Untersuchungsmethoden und Auswerteregeln verwiesen und auf lungengängige Fasern, also Fasern gemäß der Definition der WHO, abgestellt.</p> <p>Ansonsten dürfen dem Recycling nur asbestfreie Bauabfälle (d. h. keine, die technischen Asbest enthalten) zugeführt werden. Den Nachweis der Asbestfreiheit muss der Abfallerzeuger bzw. der Besitzer erbringen.</p> <h3 id="h-anforderungen-an-recyclingmaterial">Anforderungen an Recyclingmaterial</h3> <p>Welche Anforderungen werden an Recyclingmaterial gestellt, wenn es um das Recycling von Baustoffen geht? Genau darum ging es in dem Beitrag von Patric van der Haegen vom Unternehmen Eberhard.</p> <p>Eines der Hauptprobleme bei der Wiederverwendung und dem Recycling von Baustoffen ist die knappe Zeit. Alles muss möglichst schnell und günstig gehen. Dabei entstehen die merkwürdigsten Materialgemische, die entsprechend schwer zu recyceln sind. Es ist dann sehr schwer, die Materialeigenschaften zu bewahren und Schadstofffreiheit zu gewährleisten.</p> <p>Hinzu kommen die häufig verwendeten Kompositbaustoffe, die sich vor Ort meist nur schwer trennen lassen. Sie stellen hohe Ansprüche an die Aufbereitungsanlagen.</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Dieseds war nur der erste Tag. Aber schon hier zeichnet sich ab, wie wichtig eine Unterscheidung zwischen technisch verwendeten und den so genannten geogenen Asbesten ist. Dazu muss ich auch sagen, dass ich den gängigen Begriff “geogener Asbest” so überhaupt nicht mag. Denn auch unser technisch verwendeter Asbest it geogen, nur eben dass er aus ausgesuchten Lagerstätten stammt und gewisse Qualitätskriterien erfüllt hat. Asbest ist, so leid es mir tut, ein absolut natürlicher Werkstoff. Da ist nichts künstliches dran. Der einzige Unterschied ist eben, dass er in Lagerstätten angereichert ist, während der unter dem Begriff geogener Asbest zusammengefasste Asbest meist nur als akzessorisches Mineral in Zuschlagsstoffen steckt. Aber das soll ein Thema für den zweiten tTag und einen anderen Blogbeitrag sein.</p> <figure><div> <a data-flickr-embed="true" href="https://www.flickr.com/photos/gunnarries/albums/72177720331792390/" title="DCONex 2026 by Gunnar Ries zwo, on Flickr"><img alt="DCONex 2026" height="600" src="https://live.staticflickr.com/65535/55075212333_8d75066cfc_z.jpg" width="800"></img></a> </div></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/auch-in-diesem-jahr-reden-wir-ueber-gebaeudeschadstoffe-dconex-2026/#respond 0 Wie entwickle ich automatisiert meine Prompts? https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/prompts-automatisiert-entwickeln/ https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/prompts-automatisiert-entwickeln/#comments Mon, 16 Feb 2026 18:14:18 +0000 Jaromir Konecny https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/?p=1080 https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/PromptPolierer_Beitragsbild-1-768x134.png <link>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/prompts-automatisiert-entwickeln/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/PromptPolierer_Beitragsbild-1.png" /><h1>Prompts automatisiert entwickeln mit KI</h1><h2>By Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>In diesem Blogbeitrag will ich zeigen, wie ich meine Prompts weitgehend automatisiert erstelle. Dabei geht es hier um Prompts für komplexe Aufgaben und Workflows. Bei einfachen Aufgaben braucht ihr heutzutage kein ausgeklügeltes Prompt Engineering mehr. Mittlerweile sind Große Sprachmodelle (LLMs – Large Language Models) so gut, dass sie auch mit mangelhaften Eingaben gute Ausgaben liefern. Auch  das komplexere Prompting nehmen uns LLMs zum großen Teil ab: Am schnellsten können wir optimale Prompts mithilfe von KI entwickeln. Darum geht es in diesem Beitrag.</p> <p>Selbstverständlich ist Prompt Engineering durch die KI-Hilfe nicht tot, sondern anders geworden: Früher halfen wir Sprachmodellen mit Prompt Engineering, unsere Prompts zu verstehen. Heute helfen uns Sprachmodelle mit Prompt Engineering, unsere Prompts zu verfassen.</p> <p>Außerdem helfen uns die Bots zu lernen, richtig zu prompten: Ich habe Gemini gebeten, jeden meiner Prompts optimiert am Ende der Antwort im Markdown-Format auszugeben (markierte Anweisung):</p> <h2 id="h-gemini-bringt-mir-das-prompten-bei">Gemini bringt mir das Prompten bei</h2> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-55.png"><img alt="" decoding="async" height="586" sizes="(max-width: 845px) 100vw, 845px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-55.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-55.png 845w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-55-300x208.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-55-768x533.png 768w" width="845"></img></a></figure> <p>Das könnt ihr in ChatGPT in den Einstellungen genauso machen:</p> <pre><code>"Einstellungen" -&gt; "Personalisierung" -&gt; "Individuelle Hinweise".</code></pre> <p>Oder wollt ihr in jeder Ausgabe in ChatGPT nicht euren optimierten Prompt haben? Dann könnt ihr dort ein Projekt anlegen und in den Projekteinstellungen “Hinweise” einfügen – so bekommt ihr den optimierten Prompt im Markdown-Format nur in den Chats in diesem Projekt. Zurück aber zu Gemini:<aside></aside></p> <p>Z. B. füge ich in Gemini den folgenden (mangelhaften) Prompt ein: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57.png"><img alt="" decoding="async" height="478" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57-1024x478.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57-1024x478.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57-300x140.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57-768x358.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57.png 1217w" width="1024"></img></a></figure> <p>Gemini beantwortet zuerst meine Frage und gibt anschließend meinen Prompt optimiert im Markdown-Format in einem “`Code-Block“` aus. – Code-Block ist in ChatGPT und Gemini das graue Feld, in dem Programm-Codes ohne Formatierungszeichen ausgegeben werden:</p> <pre><code># Frage zur Konfiguration von Gemini-Anweisungen **Kontext:** Ich nutze derzeit folgende Anweisung in meinem Gemini UI: &gt; "Wenn ich in meinem Prompt Markdown-Zeichen verwende, optimiere den Prompt strukturell und gib ihn am Ende deiner Antwort im Markdown-Format in einem Code-Feld aus. Achte dabei darauf, den Prompt inhaltlich nicht zu erweitern: Er darf nur das Wissen enthalten, das aus meinem ursprünglichen Prompt hervorgeht, und darf keine Fakten aus deiner aktuellen Antwort vorwegnehmen." **Frage:** Ist es sinnvoll, diesen "Systemprompt" innerhalb der Gemini-Einstellungen direkt im Markdown-Format zu hinterlegen?</code></pre> <p>Der Prompt von Gemini ist besser strukturiert als mein ursprünglicher Prompt, auch wenn etwas übertrieben mit “# Frage zur Konfiguration von Gemini-Anweisungen” betitelt. – (# und ** sind Formatierungszeichen der Markdown-Sprache – Erklärung siehe unten).</p> <p>Noch zielführender wäre der Prompt in einer “klassischen” Rolle-Kontext-Aufgabe/Frage-Struktur, z.B. so:</p> <pre><code># Rolle Du bist ein Experte für Prompt Engineering im Gemini UI # Kontext Ich nutze derzeit folgende Anweisung in meinem **Gemini UI**: &gt; "Wenn ich in meinem Prompt Markdown-Zeichen verwende, optimiere den Prompt strukturell und gib ihn am Ende deiner Antwort im Markdown-Format in einem Code-Feld aus. Achte dabei darauf, den Prompt inhaltlich nicht zu erweitern: Er darf nur das Wissen enthalten, das aus meinem ursprünglichen Prompt hervorgeht, und darf keine Fakten aus deiner aktuellen Antwort vorwegnehmen." # Frage Ist es sinnvoll, diesen "Systemprompt" innerhalb der Gemini-Einstellungen direkt im Markdown-Format zu hinterlegen? </code></pre> <p>Daraus folgt die wichtigste Regel für die Arbeit mit Sprachmodellen: </p> <p>Wir müssen jede Zeile der Ausgabe eines Sprachmodells kontrollieren. </p> <h2 id="h-was-ist-aber-markdown">Was ist aber Markdown?</h2> <p><a href="https://www.markdownguide.org/cheat-sheet/" rel="noopener" target="_blank">Markdown ist eine Auszeichnungssprache</a>, die von Menschen und Maschinen gut lesbar ist. Diese Dateien können in Texteditoren mit der Erweiterung “.md” gespeichert werden. Sie enthalten nur wenige verdeckte Formatierungszeichen. Das irritiert die Bots viel weniger als Word-, PDF- oder HTML-Dateien. Prompts im Markdown-Format sind die effizientesten. Dabei braucht man fürs Prompten meist nur einige wichtigste Markdown-Zeichen wie “#”, “##” und “###” für Überschriften, “**fettgedruckter Text**”, um Begriffe zu betonen, oder “—“, um thematische Abschnitte zu trennen:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-58.png"><img alt="" decoding="async" height="911" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 705px) 100vw, 705px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-58.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-58.png 705w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-58-232x300.png 232w" width="705"></img></a></figure> <p>Nach diesen Erklärungen kann ich endlich zeigen, wie ich die Entwicklung meiner Prompts automatisiere.</p> <h2 id="h-automatisierung-der-entwicklung-meiner-prompts-in-zwei-schritten">Automatisierung der Entwicklung meiner Prompts in zwei Schritten</h2> <ol> <li><strong>Schritt:</strong> Schnelles und oft stichwortartiges Eintippen oder Einsprechen eines unstrukturierten Prompts mit Redundanzen, Versprechern und Füllwörtern. So wie wir eben sprechen -&gt; <strong>Roher Prompt</strong>.</li> <li><strong>Schritt: </strong>Optimieren des Rohen Prompts mit einem von mir selbst entwickelten “custom GPT” (in ChatGPT) oder Gems (in Gemini), den ich <strong>PromptPolierer</strong> nenne.</li> </ol> <h3 id="h-roher-prompt">Roher Prompt</h3> <p>Den Rohen Prompt kann man schnell eintippen oder direkt im Chat einsprechen. Dabei sind diese zwei Pfeiler eines guten Prompts besonders wichtig:</p> <ul> <li><strong>Das Ziel</strong>: Was will man mit dem Prompt erreichen?</li> <li><strong>Der gesamte Kontext der Aufgabe</strong>: Alles, was einem zur Aufgabe einfällt.</li> </ul> <p>Auf dem Screenshot meines Chats in ChatGPT seht ihr einen solchen schnell eingesprochenen Text. Aus diesem Text entwickelt mein <strong>PromptPolierer</strong> einen optimale Prompt:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59.png"><img alt="" decoding="async" height="687" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59-1024x687.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59-1024x687.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59-300x201.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59-768x516.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59.png 1272w" width="1024"></img></a></figure> <p>Wenn ihr den Text einsprechen wollt, eignet sich dafür das ChatGPT UI am besten. Im Video <a href="https://youtu.be/eKM_IJiypzI?si=yYqKuHYpVvzoIjDU" rel="noreferrer noopener" target="_blank">„K.I. Kompakt: Mail- und Prompt-Entwicklung mit leistungsstarken Sprech-Funktionen in ChatGPT“ </a> habe ich zwei beeindruckende Spracherkennungsfunktionen im ChatGPT User Interface (ChatGPT) vorgestellt:</p> <p>👉 „Diktieren“, basierend auf OpenAIs Whisper (Speech-to-Text)</p> <p>👉 „Fortgeschrittener Audio-Modus“ (Streaming), auf Basis des multimodalen GPT-4o (Speech-to-Text und Text-to-Speech)</p> <p>Diese Sprachmodulle sparen mir massiv Zeit und Arbeit. In keinem anderen User Interface wird das Eingesprochene so gut erkannt wie in ChatGPT: Die Spracherkennung in ChatGPT ist die beste der Welt. Sogar meine tschechischen Umlaute erkennen die Spracherkennungsfunktionen in ChatGPT perfekt. Darf ich mich hier vor der automatischen Optimierung des Prompts etwas outen? 😊</p> <h3 id="h-mit-deutschen-umlauten-unterwegs">Mit deutschen Umlauten unterwegs</h3> <p>Ja, ja … ich kann tatsächlich nach 44 Jahren als Tscheche in Deutschland immer noch nicht deutsche Umlaute aussprechen: Das Wort <strong>“Kühlflüssigkeitsüberlaufbehälter”</strong> ist für mich eine unüberwindbare Hürde. Das war früher mal auch für ChatGPT ein großes Problem. Als ich ChatGPT-3.5 auftrug, “Kühlflüssigkeitsüberlaufbehälter” zu buchstabieren, ist der Bot abgestürzt:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63.png"><img alt="" decoding="async" height="662" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63-1024x662.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63-1024x662.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63-300x194.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63-768x496.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63-1536x993.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63.png 1666w" width="1024"></img></a></figure> <p>Mittlerweile verstehen mich die Spracherkennungsmodule in ChatGPT perfekt und viel besser als in allen anderen Apps. Egal ob in Google- oder Microsoft-Anwendungen: So präzise, so intuitiv wie in ChatGPT bekomme ich meinen “behmischen” Akzent nirgendwo in Textform gegossen. Auf dem folgenden Bild seht ihr, wie die Diktierfunktion von Gemini und ChatGPT die von mir eingesprochenen Begriffe “Deep Research Modell”, “ChatGPT” und “Gemini” interpretieren: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <p>ChatGPT ist der eindeutige Sieger – es hat kein einziges Wort falsch aufgenommen. Na ja – Geminis “Dieb Resort” und „Tschetschi PT“ haben auch ihren Reiz. 🤣</p> <p>Klar macht es mein tschechischer Akzent den Modellen nicht ganz leicht. Aber ich vermute, auch bei den “Eingeborenen” (in Deutschland) sind die Unterschiede spürbar.</p> <p>🎤 𝗣𝗿𝗼𝗯𝗶𝗲𝗿𝘁’𝘀 𝘀𝗲𝗹𝗯𝘀𝘁 𝗮𝘂𝘀 – 𝘂𝗻𝗱 𝗴𝗲𝗯𝘁 𝗺𝗶𝗿 𝗕𝗲𝘀𝗰𝗵𝗲𝗶𝗱! 😊</p> <p>Sobald der Rohtext durch die Spracherkennung (oder druchs Eintippen) eingefangen wurde, folgt Schritt 2:</p> <h2 id="h-promptpolierer-nbsp">PromptPolierer </h2> <p>Im zweiten Schritt der Prompt-Entwicklung lasse ich den Prompt mit einem dafür entwickelten GPT (in ChatGPT) oder Gem (in Gemini), dem <strong>PromptPolierer</strong>, optimieren: Wenn ich mit Gemini arbeite, füge ich die in ChatGPT eingesprochene Eingabe in Gemini ein. Wichtig sind hier drei Sachen:</p> <ol> <li><strong>Der Bot (PromptPolierer) soll den Rohen Prompt nicht selbst ausführen, sondern nur optimieren:</strong> Sprachmodelle geben gern mit ihrem Wissen umfangreich an. Deswegen habe ich dem Bot ordentlich einbläuen müssen, nur den Prompt zu entwickeln: Nicht die Aufgabe im Rohen Prompt zu erfüllen.</li> <li><strong>Der Bot soll nicht zusätzliche Annahmen über den Kontext des Prompts machen</strong> bzw. den Prompt massiv mit Sachen erweitern, die man nicht haben will.</li> <li><strong>Wir müssen den optimierten Prompt Zeile für Zeile durchgehen und ändern, was uns nicht passt.</strong> Dabei solltet ihr beim Brainstorming mit dem Bot den Prompt in einem Texteditor ablegen und die Anpassungen selbst machen. So könnt ihr die vom Bot vorgeschlagenen Änderungen selbst kontrollieren und verhindern, dass der Bot einen gut entwickelten Prompt an einer Stelle gewollt anpasst, an einer anderen Stelle aber ungewollt kürzt. Hier darf man nie aus der Sicht verlieren, dass Ausgaben probabilistischer Modelle eben probabilistisch sind. Klar gibt euch der Bot den geänderten Prompt immer wieder aus. Ihr dürft den Prompt aber nur am Anfang der Entwicklung ganz übernehmen. Alle folgenden Optimierungen solltet ihr entsprechend den Anweisungen des Bots selbst machen.</li> <li>Wegen des langen <strong>“Promptschwanzes” (der Kontexthistorie) in einem Chat und der Autoregressivität der Modelle</strong> sollte der angepasste Prompt dem Bot in den Chat immer wieder eingefügt werden. Das ist wichtig, damit der Bot bei der Aufgabe bleibt: Im Grunde fügt die Maschine beim Brainstorming dem langen Promptschwanz immer das nächste wahrscheinlichste Wort hinzu: Ohne zu unterscheiden, was im Promptschwanz von der Maschine und was von euch stammt: Die letzten Promptteile beeinflussen am stärksten die nächsten. Davon aber in einem anderen Blog.</li> </ol> <p>Im folgenden (grauen) Code-Block findet ihr die benutzerdefinierten Hinweise (Anleitung/Anweisung – Systemprompt) des GPTs/Gems <strong>PromptPolierer</strong> im Markdown-Format. Sie sind sicher nicht perfekt, da schnell durch Herumprobieren entwickelt. Manche Redundanzen darin sollen den Bot dazu bringen, sich an die Anweisungen zu halten. Z. B. hat der Bot hin und wieder die Aufgabe gelöst, statt den Prompt dafür zu entwickeln. So musste ich die Anweisung durch Wiederholung verstärken – bis es funktioniert hat. Ihr könnt damit gern experimentieren und die Hinweise euren Wünschen entsprechend anpassen:</p> <pre><code># Rolle Du bist ein Experte für **Prompt Engineering und Textstrukturierung**. Deine einzige Aufgabe ist es, rohe, unstrukturierte oder fehlerhafte Nutzereingaben in professionelle, effektive Prompts für Large Language Models (LLMs) zu verwandeln. # 🎯 Ziel / Objective Hilf den Nutzer:innen dabei, aus unstrukturierten Rohtexten oder vagen Ideen klare, effektive Prompts für ChatGPT (oder andere LLMs) zu erstellen. Erkenne automatisch die Absicht und den geeigneten Prompt-Typ (z. B. Analyse, Schreiben, Datei-Verarbeitung, kreative Aufgaben) und formuliere den idealen Prompt. --- # 🧠 Was dieses GPT tun soll (Workflow) 1. **Rohtext verstehen** Analysiere die Absicht und das Ziel hinter einem vagen oder unklaren Input. 2. **Prompt-Typ identifizieren** Erkenne automatisch, ob es sich z. B. um eine Analyse, einen Schreibstil, eine Bildbeschreibung, eine Dateiverarbeitung, die Erstellung von Custome Instructions o. Ä. handelt. 3. **Strukturierten Prompt formulieren** Erstelle einen optimierten, vollständigen Prompt für ein LLM – grammatikalisch korrekt, logisch aufgebaut, ohne Redundanzen: Rolle des Bots, Ziel und Kontext der Aufgabe, Fragen usw. 4. **Sprache &amp; Logik verbessern** Formuliere klar, vermeide unklare Begriffe oder Wiederholungen und ordne die Informationen sinnvoll. 5. **Zusammenfassung geben** Erkläre am Ende in 2–3 Sätzen, was im Rohtext enthalten war und wie du den finalen Prompt daraus entwickelt hast. 6. **Bei Datei-/Texthinweisen aktiv nach Input fragen** Wenn im Rohtext auf eine Datei oder einen Text verwiesen wird, aber nichts hochgeladen oder eingefügt wurde, bitte den Nutzer freundlich, dies jetzt nachzuholen: &gt; „Bitte lade nun deine Datei hoch oder füge den gewünschten Text hier ein.“ 7. **Sofort starten** Beginne direkt mit der Verarbeitung, sobald der Nutzer einen Text oder eine Idee übermittelt – warte nicht auf Bestätigung. --- # 🧠🛑 **Meta-Regel: Priorität Prompt-Erstellung** - Du agierst **ausschließlich als Prompt-Designer**, nicht als Problemlöser. - Deine **primäre und übergeordnete Aufgabe** ist es, **einen Prompt zu erstellen**, der ein **anderes Sprachmodell** anweist, die gewünschte Aufgabe auszuführen. - Du **führst die Aufgabe selbst nicht aus**, auch wenn sie einfach erscheint oder fachlich möglich wäre. - Inhalte wie Texte, Analysen, Konzepte, Custom Instructions oder Ausarbeitungen dürfen **nur im Rahmen des formulierten Prompts beschrieben werden**, nicht als direkte Lösung. ➡️ **Grundsatz:** &gt; *Prompt-Erstellung hat immer Vorrang vor Aufgaben-Ausführung.* --- # 📤 **Output-Regeln** - Dein Output besteht **immer mindestens aus einem klar gekennzeichneten Prompt** (z. B. „🎯 Optimierter Prompt“). - Du lieferst **keine fertigen Ergebnisse**, sondern nur die **Anweisung**, wie ein anderes Modell diese erstellen soll. - Wenn Informationen fehlen (z. B. erwähnte Dateien, alte Entwürfe, Texte), **fragst du gezielt danach**, ohne Inhalte zu erfinden oder zu ergänzen. - Du gibst den gewünschten Prompt im **Markdown-Format** im **Code-Block** aus. --- # 🧩 **Letzte Hinweise** - Du arbeitest mit deutschsprachigen Rohtexten. - Du reagierst freundlich, aber direkt – keine lange Einleitung nötig. - Deine Aufgabe endet nach der Prompt-Formulierung und Zusammenfassung. - Du wartest nicht auf Freigabe – du legst sofort los, sobald Text da ist.</code></pre> <p>Die Anweisungen oben funktionieren selbstverständlich auch direkt, wenn ihr sie in einen Chat einfügt – ohne sie als ein GPT oder Gem zu hinterlegen. <a href="https://chatgpt.com/g/g-69357e86d2708191859d1ec6c3a89d2f-promptpolierer" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Hier habt ihr den Link zum GPT</a>, um es direkt zu benutzen. <a href="https://drive.google.com/file/d/1lvS4Gxvsw1iWbM8NGiPbuFbVeR-rZfZn/view?usp=sharing" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Und hier ist ein Link zu der .md-Datei mit den Anweisungen.</a></p> <p>Viel Spaß beim Prompten!</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/PromptPolierer_Beitragsbild-1.png" /><h1>Prompts automatisiert entwickeln mit KI</h1><h2>By Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>In diesem Blogbeitrag will ich zeigen, wie ich meine Prompts weitgehend automatisiert erstelle. Dabei geht es hier um Prompts für komplexe Aufgaben und Workflows. Bei einfachen Aufgaben braucht ihr heutzutage kein ausgeklügeltes Prompt Engineering mehr. Mittlerweile sind Große Sprachmodelle (LLMs – Large Language Models) so gut, dass sie auch mit mangelhaften Eingaben gute Ausgaben liefern. Auch  das komplexere Prompting nehmen uns LLMs zum großen Teil ab: Am schnellsten können wir optimale Prompts mithilfe von KI entwickeln. Darum geht es in diesem Beitrag.</p> <p>Selbstverständlich ist Prompt Engineering durch die KI-Hilfe nicht tot, sondern anders geworden: Früher halfen wir Sprachmodellen mit Prompt Engineering, unsere Prompts zu verstehen. Heute helfen uns Sprachmodelle mit Prompt Engineering, unsere Prompts zu verfassen.</p> <p>Außerdem helfen uns die Bots zu lernen, richtig zu prompten: Ich habe Gemini gebeten, jeden meiner Prompts optimiert am Ende der Antwort im Markdown-Format auszugeben (markierte Anweisung):</p> <h2 id="h-gemini-bringt-mir-das-prompten-bei">Gemini bringt mir das Prompten bei</h2> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-55.png"><img alt="" decoding="async" height="586" sizes="(max-width: 845px) 100vw, 845px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-55.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-55.png 845w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-55-300x208.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-55-768x533.png 768w" width="845"></img></a></figure> <p>Das könnt ihr in ChatGPT in den Einstellungen genauso machen:</p> <pre><code>"Einstellungen" -&gt; "Personalisierung" -&gt; "Individuelle Hinweise".</code></pre> <p>Oder wollt ihr in jeder Ausgabe in ChatGPT nicht euren optimierten Prompt haben? Dann könnt ihr dort ein Projekt anlegen und in den Projekteinstellungen “Hinweise” einfügen – so bekommt ihr den optimierten Prompt im Markdown-Format nur in den Chats in diesem Projekt. Zurück aber zu Gemini:<aside></aside></p> <p>Z. B. füge ich in Gemini den folgenden (mangelhaften) Prompt ein: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57.png"><img alt="" decoding="async" height="478" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57-1024x478.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57-1024x478.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57-300x140.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57-768x358.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57.png 1217w" width="1024"></img></a></figure> <p>Gemini beantwortet zuerst meine Frage und gibt anschließend meinen Prompt optimiert im Markdown-Format in einem “`Code-Block“` aus. – Code-Block ist in ChatGPT und Gemini das graue Feld, in dem Programm-Codes ohne Formatierungszeichen ausgegeben werden:</p> <pre><code># Frage zur Konfiguration von Gemini-Anweisungen **Kontext:** Ich nutze derzeit folgende Anweisung in meinem Gemini UI: &gt; "Wenn ich in meinem Prompt Markdown-Zeichen verwende, optimiere den Prompt strukturell und gib ihn am Ende deiner Antwort im Markdown-Format in einem Code-Feld aus. Achte dabei darauf, den Prompt inhaltlich nicht zu erweitern: Er darf nur das Wissen enthalten, das aus meinem ursprünglichen Prompt hervorgeht, und darf keine Fakten aus deiner aktuellen Antwort vorwegnehmen." **Frage:** Ist es sinnvoll, diesen "Systemprompt" innerhalb der Gemini-Einstellungen direkt im Markdown-Format zu hinterlegen?</code></pre> <p>Der Prompt von Gemini ist besser strukturiert als mein ursprünglicher Prompt, auch wenn etwas übertrieben mit “# Frage zur Konfiguration von Gemini-Anweisungen” betitelt. – (# und ** sind Formatierungszeichen der Markdown-Sprache – Erklärung siehe unten).</p> <p>Noch zielführender wäre der Prompt in einer “klassischen” Rolle-Kontext-Aufgabe/Frage-Struktur, z.B. so:</p> <pre><code># Rolle Du bist ein Experte für Prompt Engineering im Gemini UI # Kontext Ich nutze derzeit folgende Anweisung in meinem **Gemini UI**: &gt; "Wenn ich in meinem Prompt Markdown-Zeichen verwende, optimiere den Prompt strukturell und gib ihn am Ende deiner Antwort im Markdown-Format in einem Code-Feld aus. Achte dabei darauf, den Prompt inhaltlich nicht zu erweitern: Er darf nur das Wissen enthalten, das aus meinem ursprünglichen Prompt hervorgeht, und darf keine Fakten aus deiner aktuellen Antwort vorwegnehmen." # Frage Ist es sinnvoll, diesen "Systemprompt" innerhalb der Gemini-Einstellungen direkt im Markdown-Format zu hinterlegen? </code></pre> <p>Daraus folgt die wichtigste Regel für die Arbeit mit Sprachmodellen: </p> <p>Wir müssen jede Zeile der Ausgabe eines Sprachmodells kontrollieren. </p> <h2 id="h-was-ist-aber-markdown">Was ist aber Markdown?</h2> <p><a href="https://www.markdownguide.org/cheat-sheet/" rel="noopener" target="_blank">Markdown ist eine Auszeichnungssprache</a>, die von Menschen und Maschinen gut lesbar ist. Diese Dateien können in Texteditoren mit der Erweiterung “.md” gespeichert werden. Sie enthalten nur wenige verdeckte Formatierungszeichen. Das irritiert die Bots viel weniger als Word-, PDF- oder HTML-Dateien. Prompts im Markdown-Format sind die effizientesten. Dabei braucht man fürs Prompten meist nur einige wichtigste Markdown-Zeichen wie “#”, “##” und “###” für Überschriften, “**fettgedruckter Text**”, um Begriffe zu betonen, oder “—“, um thematische Abschnitte zu trennen:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-58.png"><img alt="" decoding="async" height="911" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 705px) 100vw, 705px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-58.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-58.png 705w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-58-232x300.png 232w" width="705"></img></a></figure> <p>Nach diesen Erklärungen kann ich endlich zeigen, wie ich die Entwicklung meiner Prompts automatisiere.</p> <h2 id="h-automatisierung-der-entwicklung-meiner-prompts-in-zwei-schritten">Automatisierung der Entwicklung meiner Prompts in zwei Schritten</h2> <ol> <li><strong>Schritt:</strong> Schnelles und oft stichwortartiges Eintippen oder Einsprechen eines unstrukturierten Prompts mit Redundanzen, Versprechern und Füllwörtern. So wie wir eben sprechen -&gt; <strong>Roher Prompt</strong>.</li> <li><strong>Schritt: </strong>Optimieren des Rohen Prompts mit einem von mir selbst entwickelten “custom GPT” (in ChatGPT) oder Gems (in Gemini), den ich <strong>PromptPolierer</strong> nenne.</li> </ol> <h3 id="h-roher-prompt">Roher Prompt</h3> <p>Den Rohen Prompt kann man schnell eintippen oder direkt im Chat einsprechen. Dabei sind diese zwei Pfeiler eines guten Prompts besonders wichtig:</p> <ul> <li><strong>Das Ziel</strong>: Was will man mit dem Prompt erreichen?</li> <li><strong>Der gesamte Kontext der Aufgabe</strong>: Alles, was einem zur Aufgabe einfällt.</li> </ul> <p>Auf dem Screenshot meines Chats in ChatGPT seht ihr einen solchen schnell eingesprochenen Text. Aus diesem Text entwickelt mein <strong>PromptPolierer</strong> einen optimale Prompt:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59.png"><img alt="" decoding="async" height="687" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59-1024x687.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59-1024x687.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59-300x201.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59-768x516.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59.png 1272w" width="1024"></img></a></figure> <p>Wenn ihr den Text einsprechen wollt, eignet sich dafür das ChatGPT UI am besten. Im Video <a href="https://youtu.be/eKM_IJiypzI?si=yYqKuHYpVvzoIjDU" rel="noreferrer noopener" target="_blank">„K.I. Kompakt: Mail- und Prompt-Entwicklung mit leistungsstarken Sprech-Funktionen in ChatGPT“ </a> habe ich zwei beeindruckende Spracherkennungsfunktionen im ChatGPT User Interface (ChatGPT) vorgestellt:</p> <p>👉 „Diktieren“, basierend auf OpenAIs Whisper (Speech-to-Text)</p> <p>👉 „Fortgeschrittener Audio-Modus“ (Streaming), auf Basis des multimodalen GPT-4o (Speech-to-Text und Text-to-Speech)</p> <p>Diese Sprachmodulle sparen mir massiv Zeit und Arbeit. In keinem anderen User Interface wird das Eingesprochene so gut erkannt wie in ChatGPT: Die Spracherkennung in ChatGPT ist die beste der Welt. Sogar meine tschechischen Umlaute erkennen die Spracherkennungsfunktionen in ChatGPT perfekt. Darf ich mich hier vor der automatischen Optimierung des Prompts etwas outen? 😊</p> <h3 id="h-mit-deutschen-umlauten-unterwegs">Mit deutschen Umlauten unterwegs</h3> <p>Ja, ja … ich kann tatsächlich nach 44 Jahren als Tscheche in Deutschland immer noch nicht deutsche Umlaute aussprechen: Das Wort <strong>“Kühlflüssigkeitsüberlaufbehälter”</strong> ist für mich eine unüberwindbare Hürde. Das war früher mal auch für ChatGPT ein großes Problem. Als ich ChatGPT-3.5 auftrug, “Kühlflüssigkeitsüberlaufbehälter” zu buchstabieren, ist der Bot abgestürzt:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63.png"><img alt="" decoding="async" height="662" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63-1024x662.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63-1024x662.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63-300x194.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63-768x496.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63-1536x993.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63.png 1666w" width="1024"></img></a></figure> <p>Mittlerweile verstehen mich die Spracherkennungsmodule in ChatGPT perfekt und viel besser als in allen anderen Apps. Egal ob in Google- oder Microsoft-Anwendungen: So präzise, so intuitiv wie in ChatGPT bekomme ich meinen “behmischen” Akzent nirgendwo in Textform gegossen. Auf dem folgenden Bild seht ihr, wie die Diktierfunktion von Gemini und ChatGPT die von mir eingesprochenen Begriffe “Deep Research Modell”, “ChatGPT” und “Gemini” interpretieren: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <p>ChatGPT ist der eindeutige Sieger – es hat kein einziges Wort falsch aufgenommen. Na ja – Geminis “Dieb Resort” und „Tschetschi PT“ haben auch ihren Reiz. 🤣</p> <p>Klar macht es mein tschechischer Akzent den Modellen nicht ganz leicht. Aber ich vermute, auch bei den “Eingeborenen” (in Deutschland) sind die Unterschiede spürbar.</p> <p>🎤 𝗣𝗿𝗼𝗯𝗶𝗲𝗿𝘁’𝘀 𝘀𝗲𝗹𝗯𝘀𝘁 𝗮𝘂𝘀 – 𝘂𝗻𝗱 𝗴𝗲𝗯𝘁 𝗺𝗶𝗿 𝗕𝗲𝘀𝗰𝗵𝗲𝗶𝗱! 😊</p> <p>Sobald der Rohtext durch die Spracherkennung (oder druchs Eintippen) eingefangen wurde, folgt Schritt 2:</p> <h2 id="h-promptpolierer-nbsp">PromptPolierer </h2> <p>Im zweiten Schritt der Prompt-Entwicklung lasse ich den Prompt mit einem dafür entwickelten GPT (in ChatGPT) oder Gem (in Gemini), dem <strong>PromptPolierer</strong>, optimieren: Wenn ich mit Gemini arbeite, füge ich die in ChatGPT eingesprochene Eingabe in Gemini ein. Wichtig sind hier drei Sachen:</p> <ol> <li><strong>Der Bot (PromptPolierer) soll den Rohen Prompt nicht selbst ausführen, sondern nur optimieren:</strong> Sprachmodelle geben gern mit ihrem Wissen umfangreich an. Deswegen habe ich dem Bot ordentlich einbläuen müssen, nur den Prompt zu entwickeln: Nicht die Aufgabe im Rohen Prompt zu erfüllen.</li> <li><strong>Der Bot soll nicht zusätzliche Annahmen über den Kontext des Prompts machen</strong> bzw. den Prompt massiv mit Sachen erweitern, die man nicht haben will.</li> <li><strong>Wir müssen den optimierten Prompt Zeile für Zeile durchgehen und ändern, was uns nicht passt.</strong> Dabei solltet ihr beim Brainstorming mit dem Bot den Prompt in einem Texteditor ablegen und die Anpassungen selbst machen. So könnt ihr die vom Bot vorgeschlagenen Änderungen selbst kontrollieren und verhindern, dass der Bot einen gut entwickelten Prompt an einer Stelle gewollt anpasst, an einer anderen Stelle aber ungewollt kürzt. Hier darf man nie aus der Sicht verlieren, dass Ausgaben probabilistischer Modelle eben probabilistisch sind. Klar gibt euch der Bot den geänderten Prompt immer wieder aus. Ihr dürft den Prompt aber nur am Anfang der Entwicklung ganz übernehmen. Alle folgenden Optimierungen solltet ihr entsprechend den Anweisungen des Bots selbst machen.</li> <li>Wegen des langen <strong>“Promptschwanzes” (der Kontexthistorie) in einem Chat und der Autoregressivität der Modelle</strong> sollte der angepasste Prompt dem Bot in den Chat immer wieder eingefügt werden. Das ist wichtig, damit der Bot bei der Aufgabe bleibt: Im Grunde fügt die Maschine beim Brainstorming dem langen Promptschwanz immer das nächste wahrscheinlichste Wort hinzu: Ohne zu unterscheiden, was im Promptschwanz von der Maschine und was von euch stammt: Die letzten Promptteile beeinflussen am stärksten die nächsten. Davon aber in einem anderen Blog.</li> </ol> <p>Im folgenden (grauen) Code-Block findet ihr die benutzerdefinierten Hinweise (Anleitung/Anweisung – Systemprompt) des GPTs/Gems <strong>PromptPolierer</strong> im Markdown-Format. Sie sind sicher nicht perfekt, da schnell durch Herumprobieren entwickelt. Manche Redundanzen darin sollen den Bot dazu bringen, sich an die Anweisungen zu halten. Z. B. hat der Bot hin und wieder die Aufgabe gelöst, statt den Prompt dafür zu entwickeln. So musste ich die Anweisung durch Wiederholung verstärken – bis es funktioniert hat. Ihr könnt damit gern experimentieren und die Hinweise euren Wünschen entsprechend anpassen:</p> <pre><code># Rolle Du bist ein Experte für **Prompt Engineering und Textstrukturierung**. Deine einzige Aufgabe ist es, rohe, unstrukturierte oder fehlerhafte Nutzereingaben in professionelle, effektive Prompts für Large Language Models (LLMs) zu verwandeln. # 🎯 Ziel / Objective Hilf den Nutzer:innen dabei, aus unstrukturierten Rohtexten oder vagen Ideen klare, effektive Prompts für ChatGPT (oder andere LLMs) zu erstellen. Erkenne automatisch die Absicht und den geeigneten Prompt-Typ (z. B. Analyse, Schreiben, Datei-Verarbeitung, kreative Aufgaben) und formuliere den idealen Prompt. --- # 🧠 Was dieses GPT tun soll (Workflow) 1. **Rohtext verstehen** Analysiere die Absicht und das Ziel hinter einem vagen oder unklaren Input. 2. **Prompt-Typ identifizieren** Erkenne automatisch, ob es sich z. B. um eine Analyse, einen Schreibstil, eine Bildbeschreibung, eine Dateiverarbeitung, die Erstellung von Custome Instructions o. Ä. handelt. 3. **Strukturierten Prompt formulieren** Erstelle einen optimierten, vollständigen Prompt für ein LLM – grammatikalisch korrekt, logisch aufgebaut, ohne Redundanzen: Rolle des Bots, Ziel und Kontext der Aufgabe, Fragen usw. 4. **Sprache &amp; Logik verbessern** Formuliere klar, vermeide unklare Begriffe oder Wiederholungen und ordne die Informationen sinnvoll. 5. **Zusammenfassung geben** Erkläre am Ende in 2–3 Sätzen, was im Rohtext enthalten war und wie du den finalen Prompt daraus entwickelt hast. 6. **Bei Datei-/Texthinweisen aktiv nach Input fragen** Wenn im Rohtext auf eine Datei oder einen Text verwiesen wird, aber nichts hochgeladen oder eingefügt wurde, bitte den Nutzer freundlich, dies jetzt nachzuholen: &gt; „Bitte lade nun deine Datei hoch oder füge den gewünschten Text hier ein.“ 7. **Sofort starten** Beginne direkt mit der Verarbeitung, sobald der Nutzer einen Text oder eine Idee übermittelt – warte nicht auf Bestätigung. --- # 🧠🛑 **Meta-Regel: Priorität Prompt-Erstellung** - Du agierst **ausschließlich als Prompt-Designer**, nicht als Problemlöser. - Deine **primäre und übergeordnete Aufgabe** ist es, **einen Prompt zu erstellen**, der ein **anderes Sprachmodell** anweist, die gewünschte Aufgabe auszuführen. - Du **führst die Aufgabe selbst nicht aus**, auch wenn sie einfach erscheint oder fachlich möglich wäre. - Inhalte wie Texte, Analysen, Konzepte, Custom Instructions oder Ausarbeitungen dürfen **nur im Rahmen des formulierten Prompts beschrieben werden**, nicht als direkte Lösung. ➡️ **Grundsatz:** &gt; *Prompt-Erstellung hat immer Vorrang vor Aufgaben-Ausführung.* --- # 📤 **Output-Regeln** - Dein Output besteht **immer mindestens aus einem klar gekennzeichneten Prompt** (z. B. „🎯 Optimierter Prompt“). - Du lieferst **keine fertigen Ergebnisse**, sondern nur die **Anweisung**, wie ein anderes Modell diese erstellen soll. - Wenn Informationen fehlen (z. B. erwähnte Dateien, alte Entwürfe, Texte), **fragst du gezielt danach**, ohne Inhalte zu erfinden oder zu ergänzen. - Du gibst den gewünschten Prompt im **Markdown-Format** im **Code-Block** aus. --- # 🧩 **Letzte Hinweise** - Du arbeitest mit deutschsprachigen Rohtexten. - Du reagierst freundlich, aber direkt – keine lange Einleitung nötig. - Deine Aufgabe endet nach der Prompt-Formulierung und Zusammenfassung. - Du wartest nicht auf Freigabe – du legst sofort los, sobald Text da ist.</code></pre> <p>Die Anweisungen oben funktionieren selbstverständlich auch direkt, wenn ihr sie in einen Chat einfügt – ohne sie als ein GPT oder Gem zu hinterlegen. <a href="https://chatgpt.com/g/g-69357e86d2708191859d1ec6c3a89d2f-promptpolierer" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Hier habt ihr den Link zum GPT</a>, um es direkt zu benutzen. <a href="https://drive.google.com/file/d/1lvS4Gxvsw1iWbM8NGiPbuFbVeR-rZfZn/view?usp=sharing" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Und hier ist ein Link zu der .md-Datei mit den Anweisungen.</a></p> <p>Viel Spaß beim Prompten!</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/prompts-automatisiert-entwickeln/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>16</slash:comments> </item> <item> <title>Erinnern und rechte Gewalt: Welche Begriffe können den Blick für rechte Gewalt schärfen? https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/erinnern-und-rechte-gewalt-welche-begriffe-koennen-den-blick-fuer-rechte-gewalt-schaerfen/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/erinnern-und-rechte-gewalt-welche-begriffe-koennen-den-blick-fuer-rechte-gewalt-schaerfen/#respond Mon, 16 Feb 2026 15:13:59 +0000 Rime Abd Al Majeed https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=381 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-1-768x512.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/erinnern-und-rechte-gewalt-welche-begriffe-koennen-den-blick-fuer-rechte-gewalt-schaerfen/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-1-scaled.jpg" /><h1>Erinnern und rechte Gewalt: Welche Begriffe können den Blick für rechte Gewalt schärfen? » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Rime Abd Al Majeed</h2><div itemprop="text"> <p>Was heißt es, sich mit rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt auseinanderzusetzen, ohne vorschnell zu erklären, zu schließen oder zu versöhnen? Diese Frage steht im Zentrum unseres Projekts, das von Beginn an zwei methodische Zugänge eng miteinander verschränkt hat: künstlerische Forschung und theoretische Reflexion. Beide wurden nicht als getrennte Arbeitsschritte verstanden, sondern als sich wechselseitig herausfordernde und produktive Verfahren. Hier geben wir einen Einblick in die Begriffe unseres bisherigen Prozesses und zeigen, wie daraus eine Ausstellung entstehen kann.</p> <p><p><strong>Künstlerische Forschung an den Lücken der Erinnerung</strong>Der menschliche Alltag ist geprägt von Vergessen, Erinnern ist eine aufwändige Mehrarbeit – insbesondere, wenn es sich um Themen handelt, die gesellschaftlich, also kollektiv, geleistet werden müssen. Rechte Gewalt gehört hierzu. Hierfür reicht es nicht, nur in die Vergangenheit zu blicken, vielmehr muss der Bogen zur Gegenwart gespannt werden, um Kontinuitäten und Verbindungen zu verstehen und Wiederholungen zu vermeiden. Ausgehend von einem künstlerisch-theoretischen Ansatz, sich der Erinnerung an rechte Gewalt über ihre Vermeidung zu nähern, beschäftigen wir uns in diesem Projekt mit verschiedenen Begriffen. Intensive Lektüren und Diskussionen mit Texten und künstlerischen Positionen, die Gewalt, Erinnerung und die Bedingungen von Wahrnehmung thematisieren – lenken unsere Auseinandersetzung insbesondere dorthin, wo rassistische und antisemitische Gewalt nicht als Ausnahme, sondern als Ausdruck gesellschaftlicher Normalität erscheint. Diese Auseinandersetzungen dienen nicht der bloßen Wissensakkumulation. Vielmehr geht es darum, Begriffe zu schärfen, methodische Fragen zu entwickeln und eine Perspektive zu finden, die tiefergehende Möglichkeiten der Erinnerung bilden soll.</p><br></br>Die künstlerische Praxis besteht hierbei nicht einfach nur daraus, theoretische Ergebnisse „anzuwenden“, vielmehr können Erkenntnisse aus der Theorie sowie aus künstlerischen und aktivistischen Methoden die künstlerische Praxis und die Theoriearbeit inspirieren. Künstlerische Strategien, Ausstellungsformate und kollaborative Arbeitsweisen sind dabei eigenständige Formen der Erkenntnis.<br></br> <br></br>Von Anfang an war das Projekt zweigleisig angelegt: Neben der Arbeit im interdisziplinären Team bestand der Anspruch, eine Gruppe von Studierenden langfristig einzubinden und sie in ihrer eigenen Auseinandersetzung mit dem Themenfeld zu begleiten. Seit Sommer 2025 arbeitet diese Gruppe an eigenen künstlerischen Projekten, die von Januar bis März 2026 in einer Rechercheausstellung im NS-Dokumentationszentrum München gezeigt werden.<br></br> </p> <p><br></br> <br></br><strong>Vier Begriffe, die Erinnerung strukturieren können</strong></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="676" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-1024x676.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-1024x676.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-300x198.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-768x507.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-1536x1014.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-2048x1352.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><br></br>Aus der gemeinsamen Arbeit haben sich vier inhaltliche Schwerpunkte und damit Schlüsselbegriffe herauskristallisiert, die weniger als abgeschlossen, sondern als ineinandergreifende Denkfiguren zu verstehen sind.</p> <p><br></br><strong>Gewalt </strong>war der Ausgangspunkt. Zentrale Voraussetzung unserer Arbeit ist ein Gewaltbegriff, der rechtsextreme Taten nicht isoliert betrachtet, sondern sie in Beziehung zu gesellschaftlichen Verhältnissen setzt, die selbst gewaltförmig sind. Rassismus und Antisemitismus erscheinen dabei nicht nur als Motive einzelner Täter:innen, sondern als strukturelle Normalität, die beeinflusst, was gesehen, benannt und anerkannt wird. Dass die Perspektiven von Betroffenen und Angehörigen – wie etwa im Kontext der NSU-Morde – systematisch ignoriert wurden, verstehen wir selbst als Teil eines erweiterten Gewaltbegriffs: Gewalt zeigt sich nicht nur in den Taten, sondern auch im institutionellen und gesellschaftlichen Nicht-Wahrnehmen.<aside></aside></p> <p><br></br>Aus dieser Diagnose heraus rückte der Begriff der <strong>Lücke</strong> ins Zentrum unserer Arbeit. Er bezeichnet jene Brüche, Leerstellen und Blockaden, die eine gewaltvolle Normalität in Wahrnehmung, Wissen und Erinnerung hinterlassen. Inspiriert von Saidiya Hartmans Überlegungen zu den Archiven der Sklaverei verstehen wir diese Lücken nicht als Defizite, die gefüllt werden müssten, sondern als Spuren von Gewalt, die sichtbar gemacht werden sollten. Anstatt zu erklären oder „bessere“ Erinnerungsformen vorzuschlagen, interessiert uns eine künstlerische Praxis, die Nicht-Wissen, Unverständnis und Verdrängung thematisiert – und darin eine andere Form der Reflexion eröffnet.</p> <p><br></br>Unmittelbar damit verbunden ist die Frage der <strong>Situiertheit</strong>. Für wen existieren diese Lücken eigentlich? Die Geschichte rechter Gewalt zeigt, dass Wissen ungleich verteilt ist und eng mit sozialen Positionen zusammenhängt. Während Angehörige und Betroffene häufig früh auf rassistische Motive hinweisen, bleiben diese Einsichten für andere unsichtbar. Unsere Arbeit fragt daher danach, welche Erfahrungen und Positionierungen Wissen ermöglichen oder verhindern – und wie künstlerische Arbeiten eine Reflexion der eigenen Situiertheit, der eigenen Wahrnehmungslücken und der Grenzen des Verstehens leisten können.</p> <p><br></br>Der vierte Schwerpunkt betrifft den <strong>Raum</strong>. Rechte Gewalt ereignet sich an konkreten Orten des Alltags, denen diese Geschichte meist nicht anzusehen ist. Gerade darin liegt eine weitere Lücke: Tatorte werden zu „normalen“ Orten, während Erinnerungsarbeit oft unsichtbar bleibt oder politisch umkämpft ist. Künstlerische und aktivistische Arbeiten haben uns gezeigt, wie Räume diese Unsichtbarkeit zugleich reproduzieren und infrage stellen können. Im Projekt versuchen die Studierenden, mit dieser Spannung zu arbeiten: Sie fragen danach, was Orte erinnern, wie Nicht-Sehen thematisiert werden kann und wie sich individuelle Erfahrungen von Rassismus, Solidarität oder Migration räumlich artikulieren lassen.<br></br>Diese Überlegungen prägen auch das Ausstellungskonzept. Die Rechercheausstellung im NS-Dokumentationszentrum wird bewusst kein klassischer White Cube, also kein neutraler weißer Ausstellungsraum sein. Stattdessen intervenieren die Arbeiten in den institutionellen und architektonischen Raum: in Durchgängen, Treppenhäusern, Schließfächern oder Auslageflächen. Kunst fügt sich ein, unterbricht Routinen, wandert aus der Institution hinaus und stellt die Frage, wie Erinnerung nicht nur gezeigt, sondern räumlich erfahren werden kann.<br></br>So versteht sich das Projekt insgesamt als ein offener Prozess – eine gemeinsame Arbeit an den Lücken der Wahrnehmung, die weniger Antworten liefert als neue Formen des Fragens ermöglicht.<br></br> </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-1-scaled.jpg" /><h1>Erinnern und rechte Gewalt: Welche Begriffe können den Blick für rechte Gewalt schärfen? » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Rime Abd Al Majeed</h2><div itemprop="text"> <p>Was heißt es, sich mit rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt auseinanderzusetzen, ohne vorschnell zu erklären, zu schließen oder zu versöhnen? Diese Frage steht im Zentrum unseres Projekts, das von Beginn an zwei methodische Zugänge eng miteinander verschränkt hat: künstlerische Forschung und theoretische Reflexion. Beide wurden nicht als getrennte Arbeitsschritte verstanden, sondern als sich wechselseitig herausfordernde und produktive Verfahren. Hier geben wir einen Einblick in die Begriffe unseres bisherigen Prozesses und zeigen, wie daraus eine Ausstellung entstehen kann.</p> <p><p><strong>Künstlerische Forschung an den Lücken der Erinnerung</strong>Der menschliche Alltag ist geprägt von Vergessen, Erinnern ist eine aufwändige Mehrarbeit – insbesondere, wenn es sich um Themen handelt, die gesellschaftlich, also kollektiv, geleistet werden müssen. Rechte Gewalt gehört hierzu. Hierfür reicht es nicht, nur in die Vergangenheit zu blicken, vielmehr muss der Bogen zur Gegenwart gespannt werden, um Kontinuitäten und Verbindungen zu verstehen und Wiederholungen zu vermeiden. Ausgehend von einem künstlerisch-theoretischen Ansatz, sich der Erinnerung an rechte Gewalt über ihre Vermeidung zu nähern, beschäftigen wir uns in diesem Projekt mit verschiedenen Begriffen. Intensive Lektüren und Diskussionen mit Texten und künstlerischen Positionen, die Gewalt, Erinnerung und die Bedingungen von Wahrnehmung thematisieren – lenken unsere Auseinandersetzung insbesondere dorthin, wo rassistische und antisemitische Gewalt nicht als Ausnahme, sondern als Ausdruck gesellschaftlicher Normalität erscheint. Diese Auseinandersetzungen dienen nicht der bloßen Wissensakkumulation. Vielmehr geht es darum, Begriffe zu schärfen, methodische Fragen zu entwickeln und eine Perspektive zu finden, die tiefergehende Möglichkeiten der Erinnerung bilden soll.</p><br></br>Die künstlerische Praxis besteht hierbei nicht einfach nur daraus, theoretische Ergebnisse „anzuwenden“, vielmehr können Erkenntnisse aus der Theorie sowie aus künstlerischen und aktivistischen Methoden die künstlerische Praxis und die Theoriearbeit inspirieren. Künstlerische Strategien, Ausstellungsformate und kollaborative Arbeitsweisen sind dabei eigenständige Formen der Erkenntnis.<br></br> <br></br>Von Anfang an war das Projekt zweigleisig angelegt: Neben der Arbeit im interdisziplinären Team bestand der Anspruch, eine Gruppe von Studierenden langfristig einzubinden und sie in ihrer eigenen Auseinandersetzung mit dem Themenfeld zu begleiten. Seit Sommer 2025 arbeitet diese Gruppe an eigenen künstlerischen Projekten, die von Januar bis März 2026 in einer Rechercheausstellung im NS-Dokumentationszentrum München gezeigt werden.<br></br> </p> <p><br></br> <br></br><strong>Vier Begriffe, die Erinnerung strukturieren können</strong></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="676" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-1024x676.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-1024x676.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-300x198.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-768x507.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-1536x1014.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-2048x1352.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><br></br>Aus der gemeinsamen Arbeit haben sich vier inhaltliche Schwerpunkte und damit Schlüsselbegriffe herauskristallisiert, die weniger als abgeschlossen, sondern als ineinandergreifende Denkfiguren zu verstehen sind.</p> <p><br></br><strong>Gewalt </strong>war der Ausgangspunkt. Zentrale Voraussetzung unserer Arbeit ist ein Gewaltbegriff, der rechtsextreme Taten nicht isoliert betrachtet, sondern sie in Beziehung zu gesellschaftlichen Verhältnissen setzt, die selbst gewaltförmig sind. Rassismus und Antisemitismus erscheinen dabei nicht nur als Motive einzelner Täter:innen, sondern als strukturelle Normalität, die beeinflusst, was gesehen, benannt und anerkannt wird. Dass die Perspektiven von Betroffenen und Angehörigen – wie etwa im Kontext der NSU-Morde – systematisch ignoriert wurden, verstehen wir selbst als Teil eines erweiterten Gewaltbegriffs: Gewalt zeigt sich nicht nur in den Taten, sondern auch im institutionellen und gesellschaftlichen Nicht-Wahrnehmen.<aside></aside></p> <p><br></br>Aus dieser Diagnose heraus rückte der Begriff der <strong>Lücke</strong> ins Zentrum unserer Arbeit. Er bezeichnet jene Brüche, Leerstellen und Blockaden, die eine gewaltvolle Normalität in Wahrnehmung, Wissen und Erinnerung hinterlassen. Inspiriert von Saidiya Hartmans Überlegungen zu den Archiven der Sklaverei verstehen wir diese Lücken nicht als Defizite, die gefüllt werden müssten, sondern als Spuren von Gewalt, die sichtbar gemacht werden sollten. Anstatt zu erklären oder „bessere“ Erinnerungsformen vorzuschlagen, interessiert uns eine künstlerische Praxis, die Nicht-Wissen, Unverständnis und Verdrängung thematisiert – und darin eine andere Form der Reflexion eröffnet.</p> <p><br></br>Unmittelbar damit verbunden ist die Frage der <strong>Situiertheit</strong>. Für wen existieren diese Lücken eigentlich? Die Geschichte rechter Gewalt zeigt, dass Wissen ungleich verteilt ist und eng mit sozialen Positionen zusammenhängt. Während Angehörige und Betroffene häufig früh auf rassistische Motive hinweisen, bleiben diese Einsichten für andere unsichtbar. Unsere Arbeit fragt daher danach, welche Erfahrungen und Positionierungen Wissen ermöglichen oder verhindern – und wie künstlerische Arbeiten eine Reflexion der eigenen Situiertheit, der eigenen Wahrnehmungslücken und der Grenzen des Verstehens leisten können.</p> <p><br></br>Der vierte Schwerpunkt betrifft den <strong>Raum</strong>. Rechte Gewalt ereignet sich an konkreten Orten des Alltags, denen diese Geschichte meist nicht anzusehen ist. Gerade darin liegt eine weitere Lücke: Tatorte werden zu „normalen“ Orten, während Erinnerungsarbeit oft unsichtbar bleibt oder politisch umkämpft ist. Künstlerische und aktivistische Arbeiten haben uns gezeigt, wie Räume diese Unsichtbarkeit zugleich reproduzieren und infrage stellen können. Im Projekt versuchen die Studierenden, mit dieser Spannung zu arbeiten: Sie fragen danach, was Orte erinnern, wie Nicht-Sehen thematisiert werden kann und wie sich individuelle Erfahrungen von Rassismus, Solidarität oder Migration räumlich artikulieren lassen.<br></br>Diese Überlegungen prägen auch das Ausstellungskonzept. Die Rechercheausstellung im NS-Dokumentationszentrum wird bewusst kein klassischer White Cube, also kein neutraler weißer Ausstellungsraum sein. Stattdessen intervenieren die Arbeiten in den institutionellen und architektonischen Raum: in Durchgängen, Treppenhäusern, Schließfächern oder Auslageflächen. Kunst fügt sich ein, unterbricht Routinen, wandert aus der Institution hinaus und stellt die Frage, wie Erinnerung nicht nur gezeigt, sondern räumlich erfahren werden kann.<br></br>So versteht sich das Projekt insgesamt als ein offener Prozess – eine gemeinsame Arbeit an den Lücken der Wahrnehmung, die weniger Antworten liefert als neue Formen des Fragens ermöglicht.<br></br> </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/erinnern-und-rechte-gewalt-welche-begriffe-koennen-den-blick-fuer-rechte-gewalt-schaerfen/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Achtung, Triggerwarnung! Sinn oder Unsinn? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/achtung-triggerwarnung-sinn-oder-unsinn/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/achtung-triggerwarnung-sinn-oder-unsinn/#comments Mon, 16 Feb 2026 12:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3552 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/knerri61-stop-634941_1920-1-768x436.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/achtung-triggerwarnung-sinn-oder-unsinn/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/knerri61-stop-634941_1920-1.jpg" /><h1>Achtung, Triggerwarnung! Sinn oder Unsinn? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Hilft es, eine Warnung zu geben? Und wenn ja: Wie sollte sie aussehen?</strong></p> <span id="more-3552"></span> <p>Ein “Trigger” ist ein Reiz, der eine bestimmte emotionale Reaktion wie Angst, Schmerz oder auch eine Dissoziation auslösen kann. Letztere bezeichnet, vereinfacht gesagt, das Herausfallen oder Auseinanderfallen bestimmter psychischer Erlebnisse oder Funktionen. Menschen mit schweren traumatischen Erfahrungen können hiervon besonders betroffen sein.</p> <p>Der Begriff “Triggerwarnung” hat sich in den letzten rund 15 Jahren durchgesetzt und wurde inzwischen auch in den Duden aufgenommen. Die Warnung soll einer Person, die für Trigger anfällig ist, die Möglichkeit geben, sich auf den Reiz vorzubereiten – oder vielleicht auch wegzuschauen, umzuschalten oder nicht weiterzulesen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>In Büchern kommt der Begriff “Triggerwarnung” seit etwa 2010 häufiger vor. Interessanterweise findet er in deutschsprachigen Büchern (rot) inzwischen rund dreimal häufiger Erwähnung als in englischsprachigen (blau). Skala: 10^-6 Prozent. Datenquelle: Google Books Ngram</em></p> <p>Ähnlich wie Jugendschutzregeln, die Eltern dabei helfen sollen, passende Inhalte für ihre Kinder auszuwählen, können Triggerwarnungen einen bewussteren Umgang fördern: Wer zum Beispiel weiß, dass er auf Details über schwere Verbrechen, Unfälle oder Kriegsgeschehen stark reagiert, bekommt durch den Hinweis vorab mehr Möglichkeiten.<aside></aside></p> <p>Doch helfen Triggerwarnungen wirklich oder handelt es sich dabei eher um eine symbolische, womöglich “woke” Handlung, mit der man eher die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Identität ausdrückt? Und wenn sie helfen, wie sollten sie idealerweise gestaltet sein? Ein Team aus der Psychologie um Philipp Herzog von der Universität Kaiserslautern-Landau hat das jetzt experimentell untersucht.</p> <h2 id="h-brutale-filme">Brutale Filme</h2> <p>Die Forscherinnen und Forscher suchten dafür über soziale Medien, Newsletter und Flyer Probanden. Von den Freiwilligen wurden 59 vom Versuch ausgeschlossen, weil sie akut unter posttraumatischem Stress oder einer anderen psychischen Störung litten. Personen mit traumatischen Erfahrungen in der Vergangenheit wurden aber gerade nicht ausgeschlossen, weil sie für den Versuch über Trigger besonders aufschlussreich waren.</p> <p>Die verbleibenden 143 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten sich im psychologischen Labor ein paar Filmausschnitte anschauen. Wie in dieser Art von Forschung üblich, verriet man ihnen im Voraus nicht den genauen Zweck der Forschung – also die Untersuchung von Triggerwarnungen. Stattdessen erzählte man ihnen eher allgemein, dass es um das Wiedererleben von Inhalten aus brutalen Filmen gehe.</p> <p>Das Filmmaterial dauerte insgesamt rund 13 Minuten und enthielt Gewaltszenen aus dem Film <em>Irréversible</em> (2002) von Gaspar Noé, <em>Antichrist</em> (2009) von Lars von Trier sowie die Darstellung eines tödlichen Autounfalls. Dabei zeigte eine Szene aus <em>Irréversible</em> sexuelle Gewalt von einem Mann gegen eine Frau und eine aus <em>Antichrist</em> sexuelle Gewalt von einer Frau gegen einen Mann.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/">Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2 id="h-verschiedene-triggerwarnungen">Verschiedene Triggerwarnungen</h2> <p>Um den Effekt von Triggerwarnungen zu untersuchen, wurden die 143 Personen nach dem Zufallsprinzip in drei Gruppen unterteilt: Die Kontrollgruppe erhielt gar keine Triggerwarnung, sondern nur einen Hinweis zur Altersfreigabe. Die erste Zielgruppe erhielt eine nur allgemeine Warnung, dass das Video verstörende Inhalte enthält.</p> <p>Die dritte Zielgruppe wurde ausführlich über die Art der Inhalte – sexuelle, körperliche Gewalt und Tod – informiert. Außerdem wurde sie über die möglichen Folgen solcher Inhalte informiert, wie negative Emotionen oder das Wiedererleben bestimmter Szenen.</p> <p>Um festzustellen, wie sich der Hinweis beziehungsweise die Warnungen auswirken, füllten die Versuchspersonen verschiedene Fragebögen vor und nach dem Betrachten der Filmausschnitte aus. Dabei ging es vor allem um das Erleben negativer Emotionen. Die folgenden drei Tage nach dem Besuch im psychologischen Labor sollten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer außerdem in einem Tagebuch festhalten, ob sie unangenehme Inhalte aus den Filmen wiedererlebten. In der Psychologie spricht man hier von “Intrusionen” (etwa: sich aufdrängende Gedanken oder Erlebnisse).</p> <p>An der Studie nahmen Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren teil. Rund zwei Drittel waren weiblich. Das Durchschnittsalter der drei Gruppen betrug rund 25 bis 26 Jahre. Mit 86 bis 96 Prozent hatten fast alle eine Hochschulreife. Anders als man es psychologischer Forschung oft vorwirft, wurden hier also nicht nur Studierende untersucht – aber eine gewisse Verzerrung in Richtung einer jungen, gebildeten Gruppe lag dennoch vor.</p> <p>Wie sollten sich die Versuchsbedingungen auf das Erleben der Filme auswirken?</p> <h2 id="h-art-der-warnung-macht-unterschied">Art der Warnung macht Unterschied</h2> <p>In der jetzt in der Fachzeitschrift <em>Cognition and Emotion</em> veröffentlichten Studie “<a href="https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/02699931.2026.2623113#abstract">How to design a trigger warning</a>” wurden die Ergebnisse statistisch ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass die <em>ausführliche</em> Triggerwarnung tatsächlich einen Unterschied machte: Die Versuchspersonen berichteten rund 45 Prozent weniger Intrusionen, also Wiedererleben der Filminhalte, als in der Gruppe mit der <em>allgemeinen</em> Triggerwarnung. Der Tendenz nach wurden dann auch weniger negative Emotionen erlebt und fühlten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mehr respektiert, doch blieben diese Unterschiede unter der Schwelle für statistische Signifikanz.</p> <p>Triggerwarnungen können also einen Unterschied machen – <em>wenn</em> man sie richtig formuliert. Das inzwischen in Mode gekommene tumbe Rufen des Worts “Triggerwarnung” scheint jedoch eher nicht hilfreich zu sein. Laut den Psychologinnen und Psychologen dieser Studie können nähere Details über die Inhalte den Personen dabei helfen, sich gezielt darauf vorzubereiten – und dann auch angemessen zu reagieren.</p> <p>Wie in solchen Studien üblich, sind die Ergebnisse differenziert zu betrachten. In der Tendenz sind sie aber deutlich: Ausführliche Triggerwarnungen können hilfreich sein. Dabei sollte man berücksichtigen, dass es sich hier um kein Experiment handelte, das gezielt nur die Erfahrung traumatisierter Menschen untersuchte. Das heißt, bei der Untersuchung besonders anfälliger Gruppen könnten die Unterschiede durch die Triggerwarnungen größer ausfallen.</p> <p>Ob man eine Triggerwarnung verwendet oder nicht, sagt damit letztlich etwas darüber aus, ob man an die Bedürfnisse bestimmter Zielgruppen der Kommunikation oder Medien denkt. Unsinnig ist das nach den jetzt vorliegenden Daten keinesfalls.</p> <p>Bei der Konkurrenz um Aufmerksamkeit in sozialen Medien oder von Streamingdiensten sollte man berücksichtigen, dass der bloße Hinweis “Triggerwarnung” oder vielleicht abgekürzt nur als “TW” eher nicht hilft. Aber auf diesen Plattformen geht es ja darum, die größte Verbreitung beziehungsweise Konsumzeit zu erreichen. Damit haben diese Anbieter gerade kein Interesse an einer Handlungsalternative, die auch im vorliegenden Experiment nicht angeboten wurde: nämlich einfach wegschauen beziehungsweise weiterklicken.</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: basiert auf <a href="https://pixabay.com/photos/stop-sign-traffic-sign-road-sign-634941/">Walter Knerr</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/800839093241415f8789ad5b42f69ec2" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/knerri61-stop-634941_1920-1.jpg" /><h1>Achtung, Triggerwarnung! Sinn oder Unsinn? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Hilft es, eine Warnung zu geben? Und wenn ja: Wie sollte sie aussehen?</strong></p> <span id="more-3552"></span> <p>Ein “Trigger” ist ein Reiz, der eine bestimmte emotionale Reaktion wie Angst, Schmerz oder auch eine Dissoziation auslösen kann. Letztere bezeichnet, vereinfacht gesagt, das Herausfallen oder Auseinanderfallen bestimmter psychischer Erlebnisse oder Funktionen. Menschen mit schweren traumatischen Erfahrungen können hiervon besonders betroffen sein.</p> <p>Der Begriff “Triggerwarnung” hat sich in den letzten rund 15 Jahren durchgesetzt und wurde inzwischen auch in den Duden aufgenommen. Die Warnung soll einer Person, die für Trigger anfällig ist, die Möglichkeit geben, sich auf den Reiz vorzubereiten – oder vielleicht auch wegzuschauen, umzuschalten oder nicht weiterzulesen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>In Büchern kommt der Begriff “Triggerwarnung” seit etwa 2010 häufiger vor. Interessanterweise findet er in deutschsprachigen Büchern (rot) inzwischen rund dreimal häufiger Erwähnung als in englischsprachigen (blau). Skala: 10^-6 Prozent. Datenquelle: Google Books Ngram</em></p> <p>Ähnlich wie Jugendschutzregeln, die Eltern dabei helfen sollen, passende Inhalte für ihre Kinder auszuwählen, können Triggerwarnungen einen bewussteren Umgang fördern: Wer zum Beispiel weiß, dass er auf Details über schwere Verbrechen, Unfälle oder Kriegsgeschehen stark reagiert, bekommt durch den Hinweis vorab mehr Möglichkeiten.<aside></aside></p> <p>Doch helfen Triggerwarnungen wirklich oder handelt es sich dabei eher um eine symbolische, womöglich “woke” Handlung, mit der man eher die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Identität ausdrückt? Und wenn sie helfen, wie sollten sie idealerweise gestaltet sein? Ein Team aus der Psychologie um Philipp Herzog von der Universität Kaiserslautern-Landau hat das jetzt experimentell untersucht.</p> <h2 id="h-brutale-filme">Brutale Filme</h2> <p>Die Forscherinnen und Forscher suchten dafür über soziale Medien, Newsletter und Flyer Probanden. Von den Freiwilligen wurden 59 vom Versuch ausgeschlossen, weil sie akut unter posttraumatischem Stress oder einer anderen psychischen Störung litten. Personen mit traumatischen Erfahrungen in der Vergangenheit wurden aber gerade nicht ausgeschlossen, weil sie für den Versuch über Trigger besonders aufschlussreich waren.</p> <p>Die verbleibenden 143 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten sich im psychologischen Labor ein paar Filmausschnitte anschauen. Wie in dieser Art von Forschung üblich, verriet man ihnen im Voraus nicht den genauen Zweck der Forschung – also die Untersuchung von Triggerwarnungen. Stattdessen erzählte man ihnen eher allgemein, dass es um das Wiedererleben von Inhalten aus brutalen Filmen gehe.</p> <p>Das Filmmaterial dauerte insgesamt rund 13 Minuten und enthielt Gewaltszenen aus dem Film <em>Irréversible</em> (2002) von Gaspar Noé, <em>Antichrist</em> (2009) von Lars von Trier sowie die Darstellung eines tödlichen Autounfalls. Dabei zeigte eine Szene aus <em>Irréversible</em> sexuelle Gewalt von einem Mann gegen eine Frau und eine aus <em>Antichrist</em> sexuelle Gewalt von einer Frau gegen einen Mann.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/">Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2 id="h-verschiedene-triggerwarnungen">Verschiedene Triggerwarnungen</h2> <p>Um den Effekt von Triggerwarnungen zu untersuchen, wurden die 143 Personen nach dem Zufallsprinzip in drei Gruppen unterteilt: Die Kontrollgruppe erhielt gar keine Triggerwarnung, sondern nur einen Hinweis zur Altersfreigabe. Die erste Zielgruppe erhielt eine nur allgemeine Warnung, dass das Video verstörende Inhalte enthält.</p> <p>Die dritte Zielgruppe wurde ausführlich über die Art der Inhalte – sexuelle, körperliche Gewalt und Tod – informiert. Außerdem wurde sie über die möglichen Folgen solcher Inhalte informiert, wie negative Emotionen oder das Wiedererleben bestimmter Szenen.</p> <p>Um festzustellen, wie sich der Hinweis beziehungsweise die Warnungen auswirken, füllten die Versuchspersonen verschiedene Fragebögen vor und nach dem Betrachten der Filmausschnitte aus. Dabei ging es vor allem um das Erleben negativer Emotionen. Die folgenden drei Tage nach dem Besuch im psychologischen Labor sollten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer außerdem in einem Tagebuch festhalten, ob sie unangenehme Inhalte aus den Filmen wiedererlebten. In der Psychologie spricht man hier von “Intrusionen” (etwa: sich aufdrängende Gedanken oder Erlebnisse).</p> <p>An der Studie nahmen Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren teil. Rund zwei Drittel waren weiblich. Das Durchschnittsalter der drei Gruppen betrug rund 25 bis 26 Jahre. Mit 86 bis 96 Prozent hatten fast alle eine Hochschulreife. Anders als man es psychologischer Forschung oft vorwirft, wurden hier also nicht nur Studierende untersucht – aber eine gewisse Verzerrung in Richtung einer jungen, gebildeten Gruppe lag dennoch vor.</p> <p>Wie sollten sich die Versuchsbedingungen auf das Erleben der Filme auswirken?</p> <h2 id="h-art-der-warnung-macht-unterschied">Art der Warnung macht Unterschied</h2> <p>In der jetzt in der Fachzeitschrift <em>Cognition and Emotion</em> veröffentlichten Studie “<a href="https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/02699931.2026.2623113#abstract">How to design a trigger warning</a>” wurden die Ergebnisse statistisch ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass die <em>ausführliche</em> Triggerwarnung tatsächlich einen Unterschied machte: Die Versuchspersonen berichteten rund 45 Prozent weniger Intrusionen, also Wiedererleben der Filminhalte, als in der Gruppe mit der <em>allgemeinen</em> Triggerwarnung. Der Tendenz nach wurden dann auch weniger negative Emotionen erlebt und fühlten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mehr respektiert, doch blieben diese Unterschiede unter der Schwelle für statistische Signifikanz.</p> <p>Triggerwarnungen können also einen Unterschied machen – <em>wenn</em> man sie richtig formuliert. Das inzwischen in Mode gekommene tumbe Rufen des Worts “Triggerwarnung” scheint jedoch eher nicht hilfreich zu sein. Laut den Psychologinnen und Psychologen dieser Studie können nähere Details über die Inhalte den Personen dabei helfen, sich gezielt darauf vorzubereiten – und dann auch angemessen zu reagieren.</p> <p>Wie in solchen Studien üblich, sind die Ergebnisse differenziert zu betrachten. In der Tendenz sind sie aber deutlich: Ausführliche Triggerwarnungen können hilfreich sein. Dabei sollte man berücksichtigen, dass es sich hier um kein Experiment handelte, das gezielt nur die Erfahrung traumatisierter Menschen untersuchte. Das heißt, bei der Untersuchung besonders anfälliger Gruppen könnten die Unterschiede durch die Triggerwarnungen größer ausfallen.</p> <p>Ob man eine Triggerwarnung verwendet oder nicht, sagt damit letztlich etwas darüber aus, ob man an die Bedürfnisse bestimmter Zielgruppen der Kommunikation oder Medien denkt. Unsinnig ist das nach den jetzt vorliegenden Daten keinesfalls.</p> <p>Bei der Konkurrenz um Aufmerksamkeit in sozialen Medien oder von Streamingdiensten sollte man berücksichtigen, dass der bloße Hinweis “Triggerwarnung” oder vielleicht abgekürzt nur als “TW” eher nicht hilft. Aber auf diesen Plattformen geht es ja darum, die größte Verbreitung beziehungsweise Konsumzeit zu erreichen. Damit haben diese Anbieter gerade kein Interesse an einer Handlungsalternative, die auch im vorliegenden Experiment nicht angeboten wurde: nämlich einfach wegschauen beziehungsweise weiterklicken.</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: basiert auf <a href="https://pixabay.com/photos/stop-sign-traffic-sign-road-sign-634941/">Walter Knerr</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/800839093241415f8789ad5b42f69ec2" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/achtung-triggerwarnung-sinn-oder-unsinn/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>3</slash:comments> </item> <item> <title>Astronomer’s Valentine https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/astronomers-valentine-2/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/astronomers-valentine-2/#respond Fri, 13 Feb 2026 09:27:00 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12559 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium-768x764.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/astronomers-valentine-2/</link> </image> <description type="html"><h1>Astronomer's Valentine » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>True lovers love to bring each other the stars from the sky. So, here is my suggestion for tomorrow as a constellation expert:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constHeart.png"><img alt="constellation &quot;Heart&quot;" decoding="async" height="445" sizes="(max-width: 620px) 100vw, 620px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constHeart.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constHeart.png 620w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constHeart-300x215.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constHeart-150x107.png 150w" width="620"></img></a><figcaption>Constellation “The Heart” </figcaption></figure></div> <p>Did you recognise it? Although I nicknamed the constellation on the occasion of Valentine’s Day, the constellation itself really exists – and has been documented since Greek antiquity. There is no evidence of it in Babylonian times, but Ptolemy (137 CE), Hipparchus (~130 BCE), Eratosthenes (220 BCE) and Aratus (4th century BCE) describe it, and no earlier Greek uranographies are known to date. Our ancestors referred to the constellation as ‘The River’, now called <strong>Eridanus</strong> (<a href="https://noirlab.edu/public/education/constellations/eridanus/">NoirLab</a>, <a href="https://exopla.net/eridanus">IAU-WGSN website</a>), and it is easily recognisable: directly next to prominent Orion (of course, it works best in the northern hemisphere).</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>Sky above Berlin on Valentine’s Day (Stellarium, sky culture “Greek Almagest”).</figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>Stellarium sky culture “Modern – IAU”.</figcaption></figure> <h2 id="h-transformation-of-eridanus-over-time">Transformation of Eridanus over time</h2> <p>According to the official nomenclature of the IAU, which has been in use since 1930, the constellation extends much further south – something the ancient Greeks and Babylonians could not see because it was below their horizon. Here is a comparison of the Ptolemaic and modern constellations:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eridanus_Vgl_komb.png"><img alt="" decoding="async" height="469" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 855px) 100vw, 855px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eridanus_Vgl_komb.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eridanus_Vgl_komb.png 855w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eridanus_Vgl_komb-300x164.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eridanus_Vgl_komb-150x82.png 150w" width="855"></img></a><figcaption>Eridanus, as defined for more than 2000 years (right map with Wolfram Mathematica 2015, left map from my data set on Ptolemy’s star catalogue for the dissertation “<a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-18683-8">Hipparchs Himmelsglobus</a>“).</figcaption></figure> <p>The modern constellation (Delporte 1930) reaches much further south than the ancient one. This change was made by Dutch cartographers (Plancius 1596, de Houtman 1603) in Early Modern time and propagated ever since. As a historian of celestial cartography, I suspect a mistake in the ancient Almagest as the source of this change: the Almagest claims (in words) the southernmost star of The River to be a first magnitude star and the brightest one of the constellation. However, the star at the coordinates of the southernmost mentioned (theta Eridani) in the Almagest is not the brightest. When European (Dutch) sailors travelled far enough south to see a first magnitude star, they extended the winding cosntellation line (as the also enlarged Argo, The Ship, equipping it with sails). They even extended The River to the southern pole (perhaps a navigation aid?), but in consistency with the wording in the Almagest, later cartographers only maintained the part up to the first magnitude star. Now, the IAU recognises two stars with the Arabic name for “the last one of the river:” the original one and the bright one.</p> <p>Today, the ancient river is called ‘Eridanus’, but in ancient times this was not so certain: 2000 years ago, the official name of the constellation was “River”, and Pseudo-Eratosthenes wrote that “it is called Eridanus. Others say that it is most certainly the Nile, because it is the only river that has its source in the south.” Elsewhere, even in ancient times, it was suggested that it could also be the River Po in Italy. So we are on the safe side when we say that it is simply a river.<aside></aside></p> <h2 id="h-romantic-star-lore-for-planetaria">Romantic Star Lore (for Planetaria)</h2> <p>Astronomers in particular are commonly assumed to be especially romantic. This has even been immortalised in a Greek star legend which is unable to explain conclusively why the constellation Pisces (IAU <a href="https://exopla.net/pisces">WGSN</a>, <a href="https://noirlab.edu/public/education/constellations/pisces/">NoirLab</a>) depicts two fish tied together with a ribbon that also has a knot in it. (I do have a historical explanation, though, but it is completely unromantic and doesn’t fit here.) Greek mythology offers various interpretations for this.</p> <h3 id="h-legend-1">Legend 1</h3> <p>One version is that the fish in Pisces are transformed gods or demigods (e.g. <strong>Aphrodite and her son Eros</strong>, or others in variants of the legend). They are on the run and therefore have to go their separate ways at some point (around the autumn quadrangle) — but they remain eternally connected by the ribbon of love:</p> <p>Anyone who wants to flirt like that has to assume that their partner has a great deal of knowledge. <a href="http://www.ianridpath.com/startales/pisces.html">Ian Ridpath’s Star Tales</a> have more variants of the story behind Pisces and not all of them are romantic. However, the background of this love story in Pisces is that the “Heavenly Lady” in our <strong>constellation Andromeda</strong> (<a href="https://ase.exopla.net/index.php/Andromeda">ASE</a>, IAU <a href="https://exopla.net/andromeda">WGSN</a>, <a href="https://noirlab.edu/public/education/constellations/andromeda/">NoirLab</a>) originally was the Babylonian goddess of love (and war: as Pat Benetar says “<a href="https://www.youtube.com/watch?v=IGVZOLV9SPo">love is a battlefield</a>“), whose Syriac variant Derketo is typically depicted with (one or many) fish as her attribute. </p> <p>Hence, <strong>Andromeda actually is a goddess of love</strong>.  </p> <figure><img alt="transformation of Andromeda over time" decoding="async" src="https://ase.exopla.net/images/2/23/Psc-And-Aqr_grp-GIF_engl.gif"></img><figcaption>transformation of Andromeda-Pisces region over time – <a href="https://ase.exopla.net/index.php/Andromeda">All Skies Encyclopaedia “Andromeda”</a>, IAU-<a href="https://exopla.net/sternbilder/transformations-animationen/">WGSN website “transformations”</a>: my own work – mp4-file for educational purpose available, too</figcaption></figure> <h3 id="h-legend-2">Legend 2</h3> <p>Another romantic star tale is connected to the <strong>constellation Coma Berenices</strong> (<a href="http://www.ianridpath.com/startales/comaberenices.html">Ian Ridpath Star Tales</a>). The constellation Coma (IAU <a href="https://exopla.net/coma-berenices">WGSN Website</a>, <a href="https://noirlab.edu/public/education/constellations/comaberenices/">NoirLab</a>) is first reported by Eratosthenes and invented by the Egyptian court astronomer in his time (according to the Graeco-Egyptian legend that he reports) to honour the Queen of Egypt, Berenice Euergetis (the Beneficent). She had sacrificed her beautiful curls in the temple while praying for her husband’s safe return from a war. When the magnificent bunch of hair had disappeared a few days later upon the king’s return, the astronomer Kolon claimed that the gods had placed it in the sky as a <strong>symbol of marital love and fidelity</strong>.</p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Coma_Doppelmayer1742_web.jpg"><img alt="" decoding="async" height="437" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 655px) 100vw, 655px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Coma_Doppelmayer1742_web.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Coma_Doppelmayer1742_web.jpg 655w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Coma_Doppelmayer1742_web-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Coma_Doppelmayer1742_web-150x100.jpg 150w" width="655"></img></a><figcaption>constellation Coma in Doppelmayer (1742)<p>(Retouched detail from a photograph of the facsimile print published by <a href="https://albireo-verlag.org/">Albireo Verlag</a>.) Likely dark hair because Berenice was from North Africa.</p></figcaption></figure> </div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/comConst.png"><img alt="" decoding="async" height="361" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/comConst.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/comConst.png 400w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/comConst-300x270.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/comConst-150x135.png 150w" width="400"></img></a><figcaption>Coma Berenices with Wolfram Mathematica (2015)</figcaption></figure> </div> </div> <h2 id="h-modern-astrophotographers">Modern Astrophotographers</h2> <p>Without any legend, history or fairy tale, modern (amateur) astronomers like to come up with deep sky photography objects that are equally explicite. The <a href="https://apod.nasa.gov/apod/ap220214.html">Astronomy Picture of the Day (APOD)</a> of Valentine’s Day 2022 again showed the Heart Nebula in the Milky Way<strong> in constellation Cassiopeia</strong>. </p> <p>In many years (e.g. 2014, see below), the APOD even displays <strong>The Heart and The Soul nebulae</strong> together for Valentine’s Day – and The Soul can alternatively be interpretated as a human baby which is frequently the result of the love between a man and a woman. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014.png"><img alt="" decoding="async" height="633" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014-1024x633.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014-1024x633.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014-300x185.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014-150x92.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014-900x556.png 900w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014.png 1332w" width="1024"></img></a></figure> <p>Unfortunately, this heart (and baby) in the sky can only be seen with technical aids. It is large, but too faint for the human eye. My ‘heart for astronomers’ (Eridanus) above can be easily seen with the naked eye – and it is even very easy to find, as it is right next to the famous constellation Orion: right next to the foot star ‘Rigel’.</p> <h2 id="h-orion-bottom-left-cassiopeia-top-centre">Orion bottom left, <br></br>Cassiopeia top centre:</h2> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>same region with the Greek “Almagest” constellations Andromeda, Pisces, Cetus. </figcaption></figure> </div> </div> <p>Good luck, boys and gentlemen, </p> <p>Go and conquer your lady’s heart!</p> <hr></hr> <p>note: in many cases, flowers will also do 😉 </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1002" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1007px) 100vw, 1007px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium.jpg 1007w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium-768x764.jpg 768w" width="1007"></img></a><figcaption>Heart in Stellarium, sky culture “Modern – IAU” – retouched with The GIMP.</figcaption></figure> <p><strong><span>Instagram <a class="" data-cp-link="1" href="https://www.instagram.com/iau.star.names" target="_self">@iau.star.names</a></span></strong></p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Astronomer's Valentine » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>True lovers love to bring each other the stars from the sky. So, here is my suggestion for tomorrow as a constellation expert:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constHeart.png"><img alt="constellation &quot;Heart&quot;" decoding="async" height="445" sizes="(max-width: 620px) 100vw, 620px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constHeart.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constHeart.png 620w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constHeart-300x215.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constHeart-150x107.png 150w" width="620"></img></a><figcaption>Constellation “The Heart” </figcaption></figure></div> <p>Did you recognise it? Although I nicknamed the constellation on the occasion of Valentine’s Day, the constellation itself really exists – and has been documented since Greek antiquity. There is no evidence of it in Babylonian times, but Ptolemy (137 CE), Hipparchus (~130 BCE), Eratosthenes (220 BCE) and Aratus (4th century BCE) describe it, and no earlier Greek uranographies are known to date. Our ancestors referred to the constellation as ‘The River’, now called <strong>Eridanus</strong> (<a href="https://noirlab.edu/public/education/constellations/eridanus/">NoirLab</a>, <a href="https://exopla.net/eridanus">IAU-WGSN website</a>), and it is easily recognisable: directly next to prominent Orion (of course, it works best in the northern hemisphere).</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>Sky above Berlin on Valentine’s Day (Stellarium, sky culture “Greek Almagest”).</figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>Stellarium sky culture “Modern – IAU”.</figcaption></figure> <h2 id="h-transformation-of-eridanus-over-time">Transformation of Eridanus over time</h2> <p>According to the official nomenclature of the IAU, which has been in use since 1930, the constellation extends much further south – something the ancient Greeks and Babylonians could not see because it was below their horizon. Here is a comparison of the Ptolemaic and modern constellations:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eridanus_Vgl_komb.png"><img alt="" decoding="async" height="469" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 855px) 100vw, 855px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eridanus_Vgl_komb.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eridanus_Vgl_komb.png 855w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eridanus_Vgl_komb-300x164.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eridanus_Vgl_komb-150x82.png 150w" width="855"></img></a><figcaption>Eridanus, as defined for more than 2000 years (right map with Wolfram Mathematica 2015, left map from my data set on Ptolemy’s star catalogue for the dissertation “<a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-18683-8">Hipparchs Himmelsglobus</a>“).</figcaption></figure> <p>The modern constellation (Delporte 1930) reaches much further south than the ancient one. This change was made by Dutch cartographers (Plancius 1596, de Houtman 1603) in Early Modern time and propagated ever since. As a historian of celestial cartography, I suspect a mistake in the ancient Almagest as the source of this change: the Almagest claims (in words) the southernmost star of The River to be a first magnitude star and the brightest one of the constellation. However, the star at the coordinates of the southernmost mentioned (theta Eridani) in the Almagest is not the brightest. When European (Dutch) sailors travelled far enough south to see a first magnitude star, they extended the winding cosntellation line (as the also enlarged Argo, The Ship, equipping it with sails). They even extended The River to the southern pole (perhaps a navigation aid?), but in consistency with the wording in the Almagest, later cartographers only maintained the part up to the first magnitude star. Now, the IAU recognises two stars with the Arabic name for “the last one of the river:” the original one and the bright one.</p> <p>Today, the ancient river is called ‘Eridanus’, but in ancient times this was not so certain: 2000 years ago, the official name of the constellation was “River”, and Pseudo-Eratosthenes wrote that “it is called Eridanus. Others say that it is most certainly the Nile, because it is the only river that has its source in the south.” Elsewhere, even in ancient times, it was suggested that it could also be the River Po in Italy. So we are on the safe side when we say that it is simply a river.<aside></aside></p> <h2 id="h-romantic-star-lore-for-planetaria">Romantic Star Lore (for Planetaria)</h2> <p>Astronomers in particular are commonly assumed to be especially romantic. This has even been immortalised in a Greek star legend which is unable to explain conclusively why the constellation Pisces (IAU <a href="https://exopla.net/pisces">WGSN</a>, <a href="https://noirlab.edu/public/education/constellations/pisces/">NoirLab</a>) depicts two fish tied together with a ribbon that also has a knot in it. (I do have a historical explanation, though, but it is completely unromantic and doesn’t fit here.) Greek mythology offers various interpretations for this.</p> <h3 id="h-legend-1">Legend 1</h3> <p>One version is that the fish in Pisces are transformed gods or demigods (e.g. <strong>Aphrodite and her son Eros</strong>, or others in variants of the legend). They are on the run and therefore have to go their separate ways at some point (around the autumn quadrangle) — but they remain eternally connected by the ribbon of love:</p> <p>Anyone who wants to flirt like that has to assume that their partner has a great deal of knowledge. <a href="http://www.ianridpath.com/startales/pisces.html">Ian Ridpath’s Star Tales</a> have more variants of the story behind Pisces and not all of them are romantic. However, the background of this love story in Pisces is that the “Heavenly Lady” in our <strong>constellation Andromeda</strong> (<a href="https://ase.exopla.net/index.php/Andromeda">ASE</a>, IAU <a href="https://exopla.net/andromeda">WGSN</a>, <a href="https://noirlab.edu/public/education/constellations/andromeda/">NoirLab</a>) originally was the Babylonian goddess of love (and war: as Pat Benetar says “<a href="https://www.youtube.com/watch?v=IGVZOLV9SPo">love is a battlefield</a>“), whose Syriac variant Derketo is typically depicted with (one or many) fish as her attribute. </p> <p>Hence, <strong>Andromeda actually is a goddess of love</strong>.  </p> <figure><img alt="transformation of Andromeda over time" decoding="async" src="https://ase.exopla.net/images/2/23/Psc-And-Aqr_grp-GIF_engl.gif"></img><figcaption>transformation of Andromeda-Pisces region over time – <a href="https://ase.exopla.net/index.php/Andromeda">All Skies Encyclopaedia “Andromeda”</a>, IAU-<a href="https://exopla.net/sternbilder/transformations-animationen/">WGSN website “transformations”</a>: my own work – mp4-file for educational purpose available, too</figcaption></figure> <h3 id="h-legend-2">Legend 2</h3> <p>Another romantic star tale is connected to the <strong>constellation Coma Berenices</strong> (<a href="http://www.ianridpath.com/startales/comaberenices.html">Ian Ridpath Star Tales</a>). The constellation Coma (IAU <a href="https://exopla.net/coma-berenices">WGSN Website</a>, <a href="https://noirlab.edu/public/education/constellations/comaberenices/">NoirLab</a>) is first reported by Eratosthenes and invented by the Egyptian court astronomer in his time (according to the Graeco-Egyptian legend that he reports) to honour the Queen of Egypt, Berenice Euergetis (the Beneficent). She had sacrificed her beautiful curls in the temple while praying for her husband’s safe return from a war. When the magnificent bunch of hair had disappeared a few days later upon the king’s return, the astronomer Kolon claimed that the gods had placed it in the sky as a <strong>symbol of marital love and fidelity</strong>.</p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Coma_Doppelmayer1742_web.jpg"><img alt="" decoding="async" height="437" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 655px) 100vw, 655px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Coma_Doppelmayer1742_web.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Coma_Doppelmayer1742_web.jpg 655w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Coma_Doppelmayer1742_web-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Coma_Doppelmayer1742_web-150x100.jpg 150w" width="655"></img></a><figcaption>constellation Coma in Doppelmayer (1742)<p>(Retouched detail from a photograph of the facsimile print published by <a href="https://albireo-verlag.org/">Albireo Verlag</a>.) Likely dark hair because Berenice was from North Africa.</p></figcaption></figure> </div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/comConst.png"><img alt="" decoding="async" height="361" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/comConst.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/comConst.png 400w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/comConst-300x270.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/comConst-150x135.png 150w" width="400"></img></a><figcaption>Coma Berenices with Wolfram Mathematica (2015)</figcaption></figure> </div> </div> <h2 id="h-modern-astrophotographers">Modern Astrophotographers</h2> <p>Without any legend, history or fairy tale, modern (amateur) astronomers like to come up with deep sky photography objects that are equally explicite. The <a href="https://apod.nasa.gov/apod/ap220214.html">Astronomy Picture of the Day (APOD)</a> of Valentine’s Day 2022 again showed the Heart Nebula in the Milky Way<strong> in constellation Cassiopeia</strong>. </p> <p>In many years (e.g. 2014, see below), the APOD even displays <strong>The Heart and The Soul nebulae</strong> together for Valentine’s Day – and The Soul can alternatively be interpretated as a human baby which is frequently the result of the love between a man and a woman. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014.png"><img alt="" decoding="async" height="633" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014-1024x633.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014-1024x633.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014-300x185.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014-150x92.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014-900x556.png 900w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014.png 1332w" width="1024"></img></a></figure> <p>Unfortunately, this heart (and baby) in the sky can only be seen with technical aids. It is large, but too faint for the human eye. My ‘heart for astronomers’ (Eridanus) above can be easily seen with the naked eye – and it is even very easy to find, as it is right next to the famous constellation Orion: right next to the foot star ‘Rigel’.</p> <h2 id="h-orion-bottom-left-cassiopeia-top-centre">Orion bottom left, <br></br>Cassiopeia top centre:</h2> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>same region with the Greek “Almagest” constellations Andromeda, Pisces, Cetus. </figcaption></figure> </div> </div> <p>Good luck, boys and gentlemen, </p> <p>Go and conquer your lady’s heart!</p> <hr></hr> <p>note: in many cases, flowers will also do 😉 </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1002" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1007px) 100vw, 1007px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium.jpg 1007w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium-768x764.jpg 768w" width="1007"></img></a><figcaption>Heart in Stellarium, sky culture “Modern – IAU” – retouched with The GIMP.</figcaption></figure> <p><strong><span>Instagram <a class="" data-cp-link="1" href="https://www.instagram.com/iau.star.names" target="_self">@iau.star.names</a></span></strong></p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/astronomers-valentine-2/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>IoT Is Changing Agriculture. But the Reality of the Cyber-Farm is Still Messy https://scilogs.spektrum.de/hlf/iot-is-changing-agriculture-but-the-reality-of-the-cyber-farm-is-still-messy/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/iot-is-changing-agriculture-but-the-reality-of-the-cyber-farm-is-still-messy/#comments Wed, 11 Feb 2026 13:00:00 +0000 Andrei Mihai https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14127 <h1>IoT Is Changing Agriculture. But the Reality of the Cyber-Farm is Still Messy - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-125.png"><img alt="a sensor in an agricultural field" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 683px) 100vw, 683px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-125-683x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-125-683x1024.png 683w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-125-200x300.png 200w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-125-768x1152.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-125.png 940w" width="683"></img></a><figcaption>A sensor in an agricultural field. Image credits: MKose via Wikipedia (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:EAgronom_4okt2023_L-1120.jpg">CC BY 3.0</a>).</figcaption></figure></div> <p>Some 10,000 years ago, Neolithic cultures started transitioning from a hunter-gatherer lifestyle to a more sedentary, farming lifestyle. This was an agricultural revolution, or rather, <a href="https://www.nationalgeographic.com/culture/article/neolithic-agricultural-revolution" rel="noreferrer noopener" target="_blank">the <em>first </em>Agricultural Revolution</a>.</p> <p>The <a href="https://www.jstor.org/stable/pdf/2592204.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">second one</a> started in the 17th century, when farming became more commercialized and innovative equipment started being used. The Third Agricultural Revolution, also called the <a href="https://www.kew.org/read-and-watch/back-to-the-future-green-revolution" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Green Revolution</a>, emerged in developed countries in the early 20th century, bringing new technologies, hybrid seeds, high-yielding varieties of cereals, pesticides, and fertilizers.</p> <p>We may be on the cusp of another revolution, sometimes referred to as Agriculture 4.0 (<a href="https://www.newsroom.hlf-foundation.org/blog/article/agriculture-5-0-combating-weeds-using-machine-learning-and-robotics/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">or 5.0</a>). This represents the transition of farming from a mechanical industry to a digital, cyber-physical ecosystem. This new era aims to leverage the Internet of Things (IoT), Artificial Intelligence, and Big Data to optimize biological systems with algorithmic precision. It is characterized by the shift from managing vast, uniform monocultures to managing the specific needs of areas or even individual plants, often through “frugal innovation” like low-cost sensors, autonomous robotics, and smart algorithms.</p> <p>This revolution is meant to democratize productivity, allowing even smallholders to access agronomic intelligence previously reserved for industrial giants, effectively turning small farms into sophisticated, data-driven nodes. But as promising as the science and technology are, this revolution is not a clean upgrade, and the farm reality is often messy.</p> <h3 id="h-the-information-side">The Information Side</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/CSIRO_ScienceImage_3719_CSIROs_Fleck_wireless_sensor_network_technology.jpg"><img alt="a sensor and pipe in an agricultural field" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/CSIRO_ScienceImage_3719_CSIROs_Fleck_wireless_sensor_network_technology-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/CSIRO_ScienceImage_3719_CSIROs_Fleck_wireless_sensor_network_technology-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/CSIRO_ScienceImage_3719_CSIROs_Fleck_wireless_sensor_network_technology-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/CSIRO_ScienceImage_3719_CSIROs_Fleck_wireless_sensor_network_technology-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/CSIRO_ScienceImage_3719_CSIROs_Fleck_wireless_sensor_network_technology-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/CSIRO_ScienceImage_3719_CSIROs_Fleck_wireless_sensor_network_technology.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>Wireless sensor networks are a key technology for a new generation of environmental monitoring and management systems. Image credits: Stephan Brosnan, CSIRO via Wikipedia (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:CSIRO_ScienceImage_3719_CSIROs_Fleck_wireless_sensor_network_technology.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY 3.0</a>).</figcaption></figure></div> <p>Sensors <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/internet-of-things-agriculture-21022021/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">are the foundation</a> of any Agriculture 4.0 farm. They act as a nervous system, passing information from the natural world to the cyber side. All the clever algorithms in the world will not work without cheap sensors to provide ground-truthed information.<aside></aside></p> <p>Sensors, especially low-cost capacitive sensors, can provide valuable information about humidity and soil conditions for <a href="https://www.mdpi.com/1424-8220/25/2/343" rel="noreferrer noopener" target="_blank">a fraction of the cost</a> of “traditional” units. These can also be paired with simple microcontrollers to provide good enough accuracy for a fraction of the price, making farm data <a href="https://spectrum.ieee.org/precision-agriculture" rel="noreferrer noopener" target="_blank">more accessible than ever</a>. But this is just one part of the information side.</p> <p>Satellites like the European Space Agency’s Sentinel-2 can provide free information on vegetation health indices like the NDVI (Normalized Difference Vegetation Index), which can be used to <a href="https://link.springer.com/article/10.1186/s13007-023-00981-8" rel="noreferrer noopener" target="_blank">monitor the health and productivity</a> of crops. Meanwhile, Unmanned Aerial Vehicles (UAVs, or drones) can offer more granular, localized precision. Multispectral cameras can highlight areas with too little or too much humidity and help optimize irrigation and fertilizers.</p> <p>These techniques are starting to become established, as part of a strategy sometimes referred to as “Precision Agriculture.” But this is only a stepping stone towards Agriculture 4.0. To truly reach this stage, the data must be interpreted and acted upon.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-126.png"><img alt="a colored map seen from a drone" decoding="async" height="495" sizes="(max-width: 940px) 100vw, 940px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-126.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-126.png 940w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-126-300x158.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-126-768x404.png 768w" width="940"></img></a><figcaption>The NDVI index can help farmers be more efficient with water and fertilizers. Image credits: Stoermerjp via Wikipedia (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:DroneMapper_Processed_NDVI_4cm_GSD.png" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY 3.0</a>).</figcaption></figure></div> <p>This is where algorithms like IDSDS (Intelligent decision support for drought stress) <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0168169925005836?via%3Dihub" rel="noreferrer noopener" target="_blank">come in</a>. As described in a recent study, the algorithm leverages deep learning to reconstruct complex hyperspectral data from low-cost RGB images which could be taken with a regular smartphone. Furthermore, the study introduced a novel metric known as the Greenness Coefficient (GC) for precise spatial analysis of drought impact. When integrated with machine learning classification models, the IDSDS pipeline achieved a 99% accuracy in stratifying drought stress into seven distinct severity categories.</p> <p>For farmers, this means their smartphone can help them make complex decisions and prepare for drought. Instead of waiting for crops to visibly wilt or turn brown, they can detect “invisible” early-stage drought stress with high accuracy.</p> <p>Convolutional Neural Networks (CNNs) are also informing farmers about <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0168169919308543?via%3Dihub" rel="noreferrer noopener" target="_blank">their expected yield</a>, offering information about how different pre-season treatments would influence this yield. Another key development also revolves around CNNs: <a href="https://pdf.sciencedirectassets.com/779816/1-s2.0-S2772375524X00027/1-s2.0-S2772375524001229/main.pdf?X-Amz-Security-Token=IQoJb3JpZ2luX2VjEIH%2F%2F%2F%2F%2F%2F%2F%2F%2F%2FwEaCXVzLWVhc3QtMSJHMEUCIErf6qD3Iu%2B87APdi7dTe2CGxhN90G2swHlwrH1EDTvOAiEA5u3qhK1PiYnyl5ssaFhe8RfxyQ4jWwE6nWL8wsPzRkcqswUIShAFGgwwNTkwMDM1NDY4NjUiDA3dxMRGoyLuPm01CiqQBSXEYC0DUAStVE%2B9FASFGPXdXln9FcxNstMn9nIBkN%2FI359aBj4mIXHMk1FZuhXLoSpZtv1yCGu%2BcLWZUZbSSD593iMsspBPKQ%2Fvuj2yHiuhXCHP7gh4w10xMCE3lVK7QEg6vjnfy8zHpck0p9YNi6DOGh%2BoDpxPwLGHvvJsctoVKoYyMjsDpgh2o%2FOfSXTh6rcSvNrUy0uk2j4%2Bs6BwjA%2BtnpOFvsUc%2BtyGP%2FjOGWdEX3X1iAITQD9%2B3810AEws6Sk5SyxBgXaS4ZPCFeouOn9AyBZ9qT0qL%2FNofSkIzL24FRY8SNvhtHynBijpSNCvMHtKnR37khU9sfTi7%2B4JGPBydt9XQT6izjrLvQ1zDKH26qBnP5psnRse1X8thXZXO%2BklsASMSKaY92tv2caaQ8xOllh9FkDUnrDHcVFDcwG5LUyRb96%2Bn1G%2BkOg8%2FLEcgRYUszjeGyVNtrit8FOFW5NiK5vm0MaeFUfhKgd6W5nQCMnJLr9wLrUTItaFCjNtvbOIDNbpZXamyfhEwh901XRugXIqjU22G8nJAbFCTDkrsRimwl14s6bjgvlqUAc9URV3%2BeieDPfWNV%2BACHyFq%2B0U6mOEuighzeCMfY8iV6nJrRY51IJGf69X7oTG%2ByuAXgS1Zz2Inf%2BblSGXK5VRefypgkuhiQOsOknENbJMCKIW6s12%2BwlFADLc26Q4sW%2BQ5AlqsaTRvhaU%2B3yCx0ZG1Y%2F3xA1S0Bj0i52zJQNWq5nZjvJlmDfy0KJ4%2FdfeQo1y8GtlJZU%2FFLtqoewDmuHmjGUXstdTgjhTThOEPdvr8MfP6PZwrN8AbCwBprlcGQamNU%2FbCXoI%2B6mEE9bRfxNBJD1vb%2BR9eTYFXj7lGVRHpFx%2FMPub%2F8kGOrEBDaqih1v5ECKwq3rDbK8L4a6%2FJrgslypYqqf6okuFWVhdD%2BNxfhapWQ%2FAD5E4W3TzmqtSWhVhMR5irdgFUBsT2xCJP9YLsI84y6gBZhSLH6DhSW%2FO6tym50QKr8AqvWkT0WJmwNqaXjZeG3w41oPVJu%2B9OFObo3yJJAzs4JxknSr9JDQxV0NjjVRi6Nb8jUcKvUixvEHGRFZXmyQd6NcWKxIOD8APPShxiXM5ixJicJdf&amp;X-Amz-Algorithm=AWS4-HMAC-SHA256&amp;X-Amz-Date=20251215T100532Z&amp;X-Amz-SignedHeaders=host&amp;X-Amz-Expires=300&amp;X-Amz-Credential=ASIAQ3PHCVTYRS7FZFBP%2F20251215%2Fus-east-1%2Fs3%2Faws4_request&amp;X-Amz-Signature=9d1969148fbd96ed76618a74c2c47fafb769acf826db338fc1e48f6e8232b347&amp;hash=a51e5987ae1f227350e4bb1ed1ced7bbfefd8db70cab5e7cf5aec3a7436001ab&amp;host=68042c943591013ac2b2430a89b270f6af2c76d8dfd086a07176afe7c76c2c61&amp;pii=S2772375524001229&amp;tid=spdf-297f4e5c-9c12-488d-808d-97e3de5b7e92&amp;sid=69263c765caae04a6a9851487ab0c14ed2eagxrqb&amp;type=client&amp;tsoh=d3d3LnNjaWVuY2VkaXJlY3QuY29t&amp;rh=d3d3LnNjaWVuY2VkaXJlY3QuY29t&amp;ua=080f5a02065354035951&amp;rr=9ae51f85bdf0e3ef&amp;cc=ro" rel="noreferrer noopener" target="_blank">detecting pests</a>. Pests can make or break a harvest season, and detecting pests early is paramount. In an age where the over-use of pesticides <a href="https://www.eea.europa.eu/en/analysis/publications/how-pesticides-impact-human-health" rel="noreferrer noopener" target="_blank">is a major environmental problem</a>, farmers can now detect outbreaks in real time, often before any visible damage even occurs. This allows for “surgical” interventions where pesticides are applied only when and where necessary, rather than blanket spraying entire fields, which significantly reduces chemical costs and environmental impact while automating the traditionally error-prone task of manual monitoring.</p> <p>Yet, as good as all this is, data can’t plant a seed or harvest a crop.</p> <h3>The “Muscle”</h3> <p>While sensors provide the “nervous system” and algorithms provide the “brain,” robots provide the “musculature” required to act. This is where things can get very messy very fast.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-127.png"><img alt="a miniature tank-like agricultural machine operating in a field" decoding="async" height="573" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 940px) 100vw, 940px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-127.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-127.png 940w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-127-300x183.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-127-768x468.png 768w" width="940"></img></a><figcaption><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/agricultural-robot.jpg"></a>Robots can struggle to manage messy farm environments. Image credits: Wikipedia (<a href="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/64/AgriRobot.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY 3.0</a>).</figcaption></figure></div> <p>In addition to the usual hurdles of robotics, agricultural environments pose two additional problems: handling delicate biology and navigating hostile terrain.</p> <p>First, consider the act of picking a fruit. To a human, plucking a ripe strawberry is intuitive. A child could do it. To a robot, it is a massive engineering challenge. If a metal gripper grabs a strawberry too hard, it becomes jam; too soft, and it drops the fruit. A <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0168169924003296" rel="noreferrer noopener" target="_blank">2024 review</a> in Computers and Electronics in Agriculture analyzed various robotic end-effectors, noting that while vacuum-based grippers are promising, they still struggle with “occlusion” (when a leaf hides the fruit) and the variable shapes of natural produce. The study found that while humans can easily adjust their grip for a weirdly shaped tomato, robots trained on standardized datasets often fail when faced with nature’s irregularities. Simply put, even state-of-the-art robots sometimes struggle.</p> <p>Some researchers <a href="https://pdf.sciencedirectassets.com/779816/1-s2.0-S2772375525X00034/1-s2.0-S2772375525007695/main.pdf?X-Amz-Security-Token=IQoJb3JpZ2luX2VjEIL%2F%2F%2F%2F%2F%2F%2F%2F%2F%2FwEaCXVzLWVhc3QtMSJHMEUCIApPiJtimC0RA9JkzC4OIG2sL7jlA6JHjRT3FZY8WUUXAiEAhrqSPmuDj7dPC5pple7FmSMvcXK1QSliAwchjvP0ycQqsgUIShAFGgwwNTkwMDM1NDY4NjUiDDlMIH0TQcGsb3xRSCqPBUZkln1uCeyYt%2Fs4dy6Oi%2F95y7ZI5iwHhz5RQZ7socdtPNiUEyw3yRYKEiHZov6ocangDct%2FwqHuujaf9WCcSQ98UJ8c8OQGydEhBAFd3rNJezV06GilEnNlqVq4bhpyVjJQpMsL%2BKHxsUi6Nb34b8%2B3UXygQeQSAK65OglCDJtZIwlH7YtaRwsjC8Kd8cM3d4qDiF7GvWeMxccarWetr7NEvA1Xej2HHJ6YCeHXkZmAkJz16sCLYG0fB7R9vOHjfSW%2FBFtXqnHQjexFhV9if3EgRjASB83SdAH54gmg1g9DQmwUHBjNN8kKDDooZE3M8ZwjmimS9SxanaQfvS3sGJQk%2FSUTWe8T1Bq%2BTn%2BuwNpYYKUceJEBbcS8J3QQ8UlaFZoomOF8IQPDEp7cBDmJ0vLSXfOJSTiPB4oyX1n7%2Bzkg2HQwhIQGKBjYMiUQPoQ9oWxwMe%2BXXwIf3vkqheajVJJgopQ46uLXmI%2FonkdteVrowEa%2Fgq%2BB5jwqdaFK4W7OUXBg%2BxMUFaTeEy67GhGK7%2FoI9bQIlFz97uyIZq5bMk3ES3GsFa4cqZgIYXrt84CYPfCmEg9kP%2BEd%2B8hAkmfgo1YBaeRTgFn%2F7guSLgBD7BRy7Y%2BGWJdlv%2FBFJHSy9AnuidwHyo3vh86jlCHPdAhLCoavozVQJppZt0RipNDhchY00rYYy8mIKgNt5lI9NEzZ96NU8q%2FRI%2Bchythi65vxObbaunqUOPUBXR0crJpWvG4B9er89%2FN0rkJcPfEL3iptU3CmE0IUsYxPEjibz3baPiy0uxfSdorOLlyApMhSVsQB34vOGx9l%2Fy04iLUiFm2qqPz8rQWqgNYm9l%2F2dEKcmlCOSDojyyBk4WrghmVxAd4w%2FaH%2FyQY6sQGa9IQ%2B%2Fs0OoX4vNyO36J8%2FAy73Yj28eJQDMrNURZgi1JJnSSlENGQHKYdzXw70evWIS%2FF%2B96N75dFZoVwQfPURUk1fvRZuaePgFJTauG5OcyXk5nVJRngS0FYj%2Bhan9lg%2FGWNJbAUCVkXiv16LWvXsvAN%2FSBmfYHBifY9mqEjuAFSg%2F98oyQD5iZw5ext0zn%2F%2BgtK%2BpvChzhVAvPbIV9LbQmzhntMB6dEAUcEgvkvEtHg%3D&amp;X-Amz-Algorithm=AWS4-HMAC-SHA256&amp;X-Amz-Date=20251215T102520Z&amp;X-Amz-SignedHeaders=host&amp;X-Amz-Expires=300&amp;X-Amz-Credential=ASIAQ3PHCVTY2JMTCNUN%2F20251215%2Fus-east-1%2Fs3%2Faws4_request&amp;X-Amz-Signature=762c7ef466d9bb90bffb3ce6c8c0688fec7c13fa62091b26734cc6ec96131f7a&amp;hash=a4ab8e451ac716b97c9f9f07b3dc807e5debade065f4644d17914d2b68c16056&amp;host=68042c943591013ac2b2430a89b270f6af2c76d8dfd086a07176afe7c76c2c61&amp;pii=S2772375525007695&amp;tid=spdf-21175219-cedc-4f62-ba41-a0c432bcd962&amp;sid=69263c765caae04a6a9851487ab0c14ed2eagxrqb&amp;type=client&amp;tsoh=d3d3LnNjaWVuY2VkaXJlY3QuY29t&amp;rh=d3d3LnNjaWVuY2VkaXJlY3QuY29t&amp;ua=080f5a02065356065950&amp;rr=9ae53c84df51c9ed&amp;cc=ro" rel="noreferrer noopener" target="_blank">have proposed</a> a “hybrid” approach, taking tomatoes as an example. The robots should not just blindly grab every tomato. Rather, it would calculate a success probability using a mathematical model. If the model does not meet a safety threshold, it would simply skip the tomato to avoid damaging the crop. In practice, this is expected to harvest around 80% of tomatoes. Then, human farmers would need to either harvest the remaining tomatoes, abandon them, or risk it with the robot.</p> <p>Second, and even more challenging, there is the problem of the ground itself. A robot might work perfectly on dry pavement or an organized environment, but put it in a wet clay field with irregularities, and the physics change. A study on autonomous agricultural rovers demonstrated that “wheel slip” in muddy conditions <a href="https://www.researchgate.net/publication/271658674_Control_of_a_Mobile_Robot_Subject_to_Wheel_Slip" rel="noreferrer noopener" target="_blank">can easily cause</a> the robot to lose track of its precise location. If a weeding robot thinks it is 5 centimeters to the left of where it actually is, it might accidentally pick a leaf instead of a fruit or vaporize a cabbage instead of a weed.</p> <p>Navigation is much easier in a controlled environment <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0168169925001073?via%3Dihub" rel="noreferrer noopener" target="_blank">like raised beds</a> in a greenhouse. In a smaller greenhouse, a robot’s laser scanner (LiDAR) could always “see” the walls or edges of the farm. This approach would be much more challenging in a larger greenhouse, because the walls are farther apart and the robot could be stuck in the middle of a long aisle where everything looks identical. Without seeing the unique features of the walls at the end, the data “degenerates,” and the robot loses track of exactly where it is along the row.</p> <p>For the first time, smaller farms could have an advantage when it comes to implementing cutting-edge technologies.</p> <h3>The Invisible Fence</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/patrick-ac1PA634XnI-unsplash-scaled.jpg"><img alt="a cute cow looking straight at you" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/patrick-ac1PA634XnI-unsplash-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/patrick-ac1PA634XnI-unsplash-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/patrick-ac1PA634XnI-unsplash-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/patrick-ac1PA634XnI-unsplash-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/patrick-ac1PA634XnI-unsplash-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/patrick-ac1PA634XnI-unsplash-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Virtual fences could soon play a more widespread role in farming. Image credits: Patrick / Unsplash (<a href="https://unsplash.com/photos/a-brown-cow-standing-on-top-of-a-lush-green-field-ac1PA634XnI" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY 3.0</a>).</figcaption></figure></div> <p>Modern farming, of course, is not just about plants. When it comes to animal farming, technology can help in several ways. Monitoring (powered by smart algorithms) can track the animals’ <a href="https://www.europarl.europa.eu/RegData/etudes/BRIE/2025/772840/EPRS_BRI(2025)772840_EN.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">health and wellbeing</a>, even gauging <a href="https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2021.04.09.439122v1" rel="noreferrer noopener" target="_blank">their emotional states</a>. Yet perhaps the most straightforward approach could come in the form of virtual borders.</p> <p>New “Virtual Fencing” systems could replace barbed wire or other physical barriers. The concept is simple: the cow wears a collar that emits an audio cue (a scale of beeps) as it approaches a virtual GPS boundary. If the cow ignores the sound, it receives a mild electric pulse. The animals learn to play the game, associating the sound with stopping and effectively fencing themselves in with their own psychology.</p> <p>The ecological payoff is massive. Without physical fences, wildlife corridors reopen. Elk, deer, and other wild animals can migrate freely through ranch land. But for the farmer, the payoff is even more direct: It reduces infrastructure costs and converts a labor-intensive chore into a software command.</p> <p>Farmers can practice “rotational grazing” (moving herds frequently to prevent overgrazing and stimulate grass growth) with a simple software command. Historically, this required the backbreaking daily work of moving portable electric wires. A <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1751731124001629#s0125" rel="noreferrer noopener" target="_blank">recent study</a> highlighted that virtual fencing systems can reduce the labor time associated with herd management, especially in complex terrains and nature-rich areas.</p> <p>Furthermore, it offers a level of adaptability that physical barriers cannot match. A physical fence is a straight line; a virtual fence is a polygon that can adapt to the land.</p> <p>But is it humane?</p> <p>Several studies have been conducted in an attempt to answer this. <a href="https://academic.oup.com/jas/article/doi/10.1093/jas/skae024/7589682#441437431" rel="noreferrer noopener" target="_blank">A study published</a> in the <em>Journal of Animal Science</em> measured cortisol (stress hormone) levels in dairy cows transitioning to virtual fences. They found no significant difference in stress levels compared to physical electric fences. Once the learning phase (about 48 hours) is over, the cows navigate the virtual world as calmly as the physical one, allowing farmers to practice regenerative rotational grazing without ever hammering a fence post.</p> <h3>The Cyber-Physical Harvest Is Coming, Eventually</h3> <p>The transition to Agriculture 4.0 brings a paradigm shift in farming, from trying to conquer nature with brute force to trying to decode it with data. The heavy industrial model of the 20th century tended to treat farms like factory floors: uniform, predictable, and scalable through size. The emerging digital model treats the farm as a living network that is variable, chaotic, and scalable only through intelligence.</p> <p>This interaction also brings a potential for democratization. For the first time in history, the most advanced agronomic tools are becoming accessible to the smallest operators; in fact, some approaches work better in smaller farms. The economies of scale that favored the mega-farm may soon be challenged by small, highly automated, and data-rich farms that can compete on efficiency and quality.</p> <p>However, this revolution is unlikely to be as seamless as a software update. It will be a messy, iterative negotiation between the clean logic of code and the dirty reality of biology. Algorithms will offer valuable information, but they will invariably misinterpret some of the data. Robots will occasionally lose their footing in the clay. Machine learning is a key ally, but the usual challenges (interpretability, data issues, bias) are still there.</p> <p>Yet, this will also bring new challenges. Firstly, farmers will have to adapt to this potential and work with researchers and technology, and there is a learning curve. Then, there is the “Cyber Hygiene” problem. Smart farms often involve IoT systems which <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/internet-of-hackable-things-07032021/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">are notoriously easy to crack</a>. As the farm becomes a computer, it inherits all the vulnerabilities along with the potential.</p> <p>Ultimately, the farm of the future will likely not be fully autonomous. Rather, it will be a “centaur” system: a hybrid where algorithms handle the data, robots handle the repetition, and humans make decisions and handle the ambiguity.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>IoT Is Changing Agriculture. But the Reality of the Cyber-Farm is Still Messy - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-125.png"><img alt="a sensor in an agricultural field" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 683px) 100vw, 683px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-125-683x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-125-683x1024.png 683w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-125-200x300.png 200w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-125-768x1152.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-125.png 940w" width="683"></img></a><figcaption>A sensor in an agricultural field. Image credits: MKose via Wikipedia (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:EAgronom_4okt2023_L-1120.jpg">CC BY 3.0</a>).</figcaption></figure></div> <p>Some 10,000 years ago, Neolithic cultures started transitioning from a hunter-gatherer lifestyle to a more sedentary, farming lifestyle. This was an agricultural revolution, or rather, <a href="https://www.nationalgeographic.com/culture/article/neolithic-agricultural-revolution" rel="noreferrer noopener" target="_blank">the <em>first </em>Agricultural Revolution</a>.</p> <p>The <a href="https://www.jstor.org/stable/pdf/2592204.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">second one</a> started in the 17th century, when farming became more commercialized and innovative equipment started being used. The Third Agricultural Revolution, also called the <a href="https://www.kew.org/read-and-watch/back-to-the-future-green-revolution" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Green Revolution</a>, emerged in developed countries in the early 20th century, bringing new technologies, hybrid seeds, high-yielding varieties of cereals, pesticides, and fertilizers.</p> <p>We may be on the cusp of another revolution, sometimes referred to as Agriculture 4.0 (<a href="https://www.newsroom.hlf-foundation.org/blog/article/agriculture-5-0-combating-weeds-using-machine-learning-and-robotics/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">or 5.0</a>). This represents the transition of farming from a mechanical industry to a digital, cyber-physical ecosystem. This new era aims to leverage the Internet of Things (IoT), Artificial Intelligence, and Big Data to optimize biological systems with algorithmic precision. It is characterized by the shift from managing vast, uniform monocultures to managing the specific needs of areas or even individual plants, often through “frugal innovation” like low-cost sensors, autonomous robotics, and smart algorithms.</p> <p>This revolution is meant to democratize productivity, allowing even smallholders to access agronomic intelligence previously reserved for industrial giants, effectively turning small farms into sophisticated, data-driven nodes. But as promising as the science and technology are, this revolution is not a clean upgrade, and the farm reality is often messy.</p> <h3 id="h-the-information-side">The Information Side</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/CSIRO_ScienceImage_3719_CSIROs_Fleck_wireless_sensor_network_technology.jpg"><img alt="a sensor and pipe in an agricultural field" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/CSIRO_ScienceImage_3719_CSIROs_Fleck_wireless_sensor_network_technology-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/CSIRO_ScienceImage_3719_CSIROs_Fleck_wireless_sensor_network_technology-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/CSIRO_ScienceImage_3719_CSIROs_Fleck_wireless_sensor_network_technology-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/CSIRO_ScienceImage_3719_CSIROs_Fleck_wireless_sensor_network_technology-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/CSIRO_ScienceImage_3719_CSIROs_Fleck_wireless_sensor_network_technology-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/CSIRO_ScienceImage_3719_CSIROs_Fleck_wireless_sensor_network_technology.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>Wireless sensor networks are a key technology for a new generation of environmental monitoring and management systems. Image credits: Stephan Brosnan, CSIRO via Wikipedia (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:CSIRO_ScienceImage_3719_CSIROs_Fleck_wireless_sensor_network_technology.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY 3.0</a>).</figcaption></figure></div> <p>Sensors <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/internet-of-things-agriculture-21022021/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">are the foundation</a> of any Agriculture 4.0 farm. They act as a nervous system, passing information from the natural world to the cyber side. All the clever algorithms in the world will not work without cheap sensors to provide ground-truthed information.<aside></aside></p> <p>Sensors, especially low-cost capacitive sensors, can provide valuable information about humidity and soil conditions for <a href="https://www.mdpi.com/1424-8220/25/2/343" rel="noreferrer noopener" target="_blank">a fraction of the cost</a> of “traditional” units. These can also be paired with simple microcontrollers to provide good enough accuracy for a fraction of the price, making farm data <a href="https://spectrum.ieee.org/precision-agriculture" rel="noreferrer noopener" target="_blank">more accessible than ever</a>. But this is just one part of the information side.</p> <p>Satellites like the European Space Agency’s Sentinel-2 can provide free information on vegetation health indices like the NDVI (Normalized Difference Vegetation Index), which can be used to <a href="https://link.springer.com/article/10.1186/s13007-023-00981-8" rel="noreferrer noopener" target="_blank">monitor the health and productivity</a> of crops. Meanwhile, Unmanned Aerial Vehicles (UAVs, or drones) can offer more granular, localized precision. Multispectral cameras can highlight areas with too little or too much humidity and help optimize irrigation and fertilizers.</p> <p>These techniques are starting to become established, as part of a strategy sometimes referred to as “Precision Agriculture.” But this is only a stepping stone towards Agriculture 4.0. To truly reach this stage, the data must be interpreted and acted upon.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-126.png"><img alt="a colored map seen from a drone" decoding="async" height="495" sizes="(max-width: 940px) 100vw, 940px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-126.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-126.png 940w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-126-300x158.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-126-768x404.png 768w" width="940"></img></a><figcaption>The NDVI index can help farmers be more efficient with water and fertilizers. Image credits: Stoermerjp via Wikipedia (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:DroneMapper_Processed_NDVI_4cm_GSD.png" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY 3.0</a>).</figcaption></figure></div> <p>This is where algorithms like IDSDS (Intelligent decision support for drought stress) <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0168169925005836?via%3Dihub" rel="noreferrer noopener" target="_blank">come in</a>. As described in a recent study, the algorithm leverages deep learning to reconstruct complex hyperspectral data from low-cost RGB images which could be taken with a regular smartphone. Furthermore, the study introduced a novel metric known as the Greenness Coefficient (GC) for precise spatial analysis of drought impact. When integrated with machine learning classification models, the IDSDS pipeline achieved a 99% accuracy in stratifying drought stress into seven distinct severity categories.</p> <p>For farmers, this means their smartphone can help them make complex decisions and prepare for drought. Instead of waiting for crops to visibly wilt or turn brown, they can detect “invisible” early-stage drought stress with high accuracy.</p> <p>Convolutional Neural Networks (CNNs) are also informing farmers about <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0168169919308543?via%3Dihub" rel="noreferrer noopener" target="_blank">their expected yield</a>, offering information about how different pre-season treatments would influence this yield. Another key development also revolves around CNNs: <a href="https://pdf.sciencedirectassets.com/779816/1-s2.0-S2772375524X00027/1-s2.0-S2772375524001229/main.pdf?X-Amz-Security-Token=IQoJb3JpZ2luX2VjEIH%2F%2F%2F%2F%2F%2F%2F%2F%2F%2FwEaCXVzLWVhc3QtMSJHMEUCIErf6qD3Iu%2B87APdi7dTe2CGxhN90G2swHlwrH1EDTvOAiEA5u3qhK1PiYnyl5ssaFhe8RfxyQ4jWwE6nWL8wsPzRkcqswUIShAFGgwwNTkwMDM1NDY4NjUiDA3dxMRGoyLuPm01CiqQBSXEYC0DUAStVE%2B9FASFGPXdXln9FcxNstMn9nIBkN%2FI359aBj4mIXHMk1FZuhXLoSpZtv1yCGu%2BcLWZUZbSSD593iMsspBPKQ%2Fvuj2yHiuhXCHP7gh4w10xMCE3lVK7QEg6vjnfy8zHpck0p9YNi6DOGh%2BoDpxPwLGHvvJsctoVKoYyMjsDpgh2o%2FOfSXTh6rcSvNrUy0uk2j4%2Bs6BwjA%2BtnpOFvsUc%2BtyGP%2FjOGWdEX3X1iAITQD9%2B3810AEws6Sk5SyxBgXaS4ZPCFeouOn9AyBZ9qT0qL%2FNofSkIzL24FRY8SNvhtHynBijpSNCvMHtKnR37khU9sfTi7%2B4JGPBydt9XQT6izjrLvQ1zDKH26qBnP5psnRse1X8thXZXO%2BklsASMSKaY92tv2caaQ8xOllh9FkDUnrDHcVFDcwG5LUyRb96%2Bn1G%2BkOg8%2FLEcgRYUszjeGyVNtrit8FOFW5NiK5vm0MaeFUfhKgd6W5nQCMnJLr9wLrUTItaFCjNtvbOIDNbpZXamyfhEwh901XRugXIqjU22G8nJAbFCTDkrsRimwl14s6bjgvlqUAc9URV3%2BeieDPfWNV%2BACHyFq%2B0U6mOEuighzeCMfY8iV6nJrRY51IJGf69X7oTG%2ByuAXgS1Zz2Inf%2BblSGXK5VRefypgkuhiQOsOknENbJMCKIW6s12%2BwlFADLc26Q4sW%2BQ5AlqsaTRvhaU%2B3yCx0ZG1Y%2F3xA1S0Bj0i52zJQNWq5nZjvJlmDfy0KJ4%2FdfeQo1y8GtlJZU%2FFLtqoewDmuHmjGUXstdTgjhTThOEPdvr8MfP6PZwrN8AbCwBprlcGQamNU%2FbCXoI%2B6mEE9bRfxNBJD1vb%2BR9eTYFXj7lGVRHpFx%2FMPub%2F8kGOrEBDaqih1v5ECKwq3rDbK8L4a6%2FJrgslypYqqf6okuFWVhdD%2BNxfhapWQ%2FAD5E4W3TzmqtSWhVhMR5irdgFUBsT2xCJP9YLsI84y6gBZhSLH6DhSW%2FO6tym50QKr8AqvWkT0WJmwNqaXjZeG3w41oPVJu%2B9OFObo3yJJAzs4JxknSr9JDQxV0NjjVRi6Nb8jUcKvUixvEHGRFZXmyQd6NcWKxIOD8APPShxiXM5ixJicJdf&amp;X-Amz-Algorithm=AWS4-HMAC-SHA256&amp;X-Amz-Date=20251215T100532Z&amp;X-Amz-SignedHeaders=host&amp;X-Amz-Expires=300&amp;X-Amz-Credential=ASIAQ3PHCVTYRS7FZFBP%2F20251215%2Fus-east-1%2Fs3%2Faws4_request&amp;X-Amz-Signature=9d1969148fbd96ed76618a74c2c47fafb769acf826db338fc1e48f6e8232b347&amp;hash=a51e5987ae1f227350e4bb1ed1ced7bbfefd8db70cab5e7cf5aec3a7436001ab&amp;host=68042c943591013ac2b2430a89b270f6af2c76d8dfd086a07176afe7c76c2c61&amp;pii=S2772375524001229&amp;tid=spdf-297f4e5c-9c12-488d-808d-97e3de5b7e92&amp;sid=69263c765caae04a6a9851487ab0c14ed2eagxrqb&amp;type=client&amp;tsoh=d3d3LnNjaWVuY2VkaXJlY3QuY29t&amp;rh=d3d3LnNjaWVuY2VkaXJlY3QuY29t&amp;ua=080f5a02065354035951&amp;rr=9ae51f85bdf0e3ef&amp;cc=ro" rel="noreferrer noopener" target="_blank">detecting pests</a>. Pests can make or break a harvest season, and detecting pests early is paramount. In an age where the over-use of pesticides <a href="https://www.eea.europa.eu/en/analysis/publications/how-pesticides-impact-human-health" rel="noreferrer noopener" target="_blank">is a major environmental problem</a>, farmers can now detect outbreaks in real time, often before any visible damage even occurs. This allows for “surgical” interventions where pesticides are applied only when and where necessary, rather than blanket spraying entire fields, which significantly reduces chemical costs and environmental impact while automating the traditionally error-prone task of manual monitoring.</p> <p>Yet, as good as all this is, data can’t plant a seed or harvest a crop.</p> <h3>The “Muscle”</h3> <p>While sensors provide the “nervous system” and algorithms provide the “brain,” robots provide the “musculature” required to act. This is where things can get very messy very fast.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-127.png"><img alt="a miniature tank-like agricultural machine operating in a field" decoding="async" height="573" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 940px) 100vw, 940px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-127.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-127.png 940w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-127-300x183.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-127-768x468.png 768w" width="940"></img></a><figcaption><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/agricultural-robot.jpg"></a>Robots can struggle to manage messy farm environments. Image credits: Wikipedia (<a href="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/64/AgriRobot.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY 3.0</a>).</figcaption></figure></div> <p>In addition to the usual hurdles of robotics, agricultural environments pose two additional problems: handling delicate biology and navigating hostile terrain.</p> <p>First, consider the act of picking a fruit. To a human, plucking a ripe strawberry is intuitive. A child could do it. To a robot, it is a massive engineering challenge. If a metal gripper grabs a strawberry too hard, it becomes jam; too soft, and it drops the fruit. A <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0168169924003296" rel="noreferrer noopener" target="_blank">2024 review</a> in Computers and Electronics in Agriculture analyzed various robotic end-effectors, noting that while vacuum-based grippers are promising, they still struggle with “occlusion” (when a leaf hides the fruit) and the variable shapes of natural produce. The study found that while humans can easily adjust their grip for a weirdly shaped tomato, robots trained on standardized datasets often fail when faced with nature’s irregularities. Simply put, even state-of-the-art robots sometimes struggle.</p> <p>Some researchers <a href="https://pdf.sciencedirectassets.com/779816/1-s2.0-S2772375525X00034/1-s2.0-S2772375525007695/main.pdf?X-Amz-Security-Token=IQoJb3JpZ2luX2VjEIL%2F%2F%2F%2F%2F%2F%2F%2F%2F%2FwEaCXVzLWVhc3QtMSJHMEUCIApPiJtimC0RA9JkzC4OIG2sL7jlA6JHjRT3FZY8WUUXAiEAhrqSPmuDj7dPC5pple7FmSMvcXK1QSliAwchjvP0ycQqsgUIShAFGgwwNTkwMDM1NDY4NjUiDDlMIH0TQcGsb3xRSCqPBUZkln1uCeyYt%2Fs4dy6Oi%2F95y7ZI5iwHhz5RQZ7socdtPNiUEyw3yRYKEiHZov6ocangDct%2FwqHuujaf9WCcSQ98UJ8c8OQGydEhBAFd3rNJezV06GilEnNlqVq4bhpyVjJQpMsL%2BKHxsUi6Nb34b8%2B3UXygQeQSAK65OglCDJtZIwlH7YtaRwsjC8Kd8cM3d4qDiF7GvWeMxccarWetr7NEvA1Xej2HHJ6YCeHXkZmAkJz16sCLYG0fB7R9vOHjfSW%2FBFtXqnHQjexFhV9if3EgRjASB83SdAH54gmg1g9DQmwUHBjNN8kKDDooZE3M8ZwjmimS9SxanaQfvS3sGJQk%2FSUTWe8T1Bq%2BTn%2BuwNpYYKUceJEBbcS8J3QQ8UlaFZoomOF8IQPDEp7cBDmJ0vLSXfOJSTiPB4oyX1n7%2Bzkg2HQwhIQGKBjYMiUQPoQ9oWxwMe%2BXXwIf3vkqheajVJJgopQ46uLXmI%2FonkdteVrowEa%2Fgq%2BB5jwqdaFK4W7OUXBg%2BxMUFaTeEy67GhGK7%2FoI9bQIlFz97uyIZq5bMk3ES3GsFa4cqZgIYXrt84CYPfCmEg9kP%2BEd%2B8hAkmfgo1YBaeRTgFn%2F7guSLgBD7BRy7Y%2BGWJdlv%2FBFJHSy9AnuidwHyo3vh86jlCHPdAhLCoavozVQJppZt0RipNDhchY00rYYy8mIKgNt5lI9NEzZ96NU8q%2FRI%2Bchythi65vxObbaunqUOPUBXR0crJpWvG4B9er89%2FN0rkJcPfEL3iptU3CmE0IUsYxPEjibz3baPiy0uxfSdorOLlyApMhSVsQB34vOGx9l%2Fy04iLUiFm2qqPz8rQWqgNYm9l%2F2dEKcmlCOSDojyyBk4WrghmVxAd4w%2FaH%2FyQY6sQGa9IQ%2B%2Fs0OoX4vNyO36J8%2FAy73Yj28eJQDMrNURZgi1JJnSSlENGQHKYdzXw70evWIS%2FF%2B96N75dFZoVwQfPURUk1fvRZuaePgFJTauG5OcyXk5nVJRngS0FYj%2Bhan9lg%2FGWNJbAUCVkXiv16LWvXsvAN%2FSBmfYHBifY9mqEjuAFSg%2F98oyQD5iZw5ext0zn%2F%2BgtK%2BpvChzhVAvPbIV9LbQmzhntMB6dEAUcEgvkvEtHg%3D&amp;X-Amz-Algorithm=AWS4-HMAC-SHA256&amp;X-Amz-Date=20251215T102520Z&amp;X-Amz-SignedHeaders=host&amp;X-Amz-Expires=300&amp;X-Amz-Credential=ASIAQ3PHCVTY2JMTCNUN%2F20251215%2Fus-east-1%2Fs3%2Faws4_request&amp;X-Amz-Signature=762c7ef466d9bb90bffb3ce6c8c0688fec7c13fa62091b26734cc6ec96131f7a&amp;hash=a4ab8e451ac716b97c9f9f07b3dc807e5debade065f4644d17914d2b68c16056&amp;host=68042c943591013ac2b2430a89b270f6af2c76d8dfd086a07176afe7c76c2c61&amp;pii=S2772375525007695&amp;tid=spdf-21175219-cedc-4f62-ba41-a0c432bcd962&amp;sid=69263c765caae04a6a9851487ab0c14ed2eagxrqb&amp;type=client&amp;tsoh=d3d3LnNjaWVuY2VkaXJlY3QuY29t&amp;rh=d3d3LnNjaWVuY2VkaXJlY3QuY29t&amp;ua=080f5a02065356065950&amp;rr=9ae53c84df51c9ed&amp;cc=ro" rel="noreferrer noopener" target="_blank">have proposed</a> a “hybrid” approach, taking tomatoes as an example. The robots should not just blindly grab every tomato. Rather, it would calculate a success probability using a mathematical model. If the model does not meet a safety threshold, it would simply skip the tomato to avoid damaging the crop. In practice, this is expected to harvest around 80% of tomatoes. Then, human farmers would need to either harvest the remaining tomatoes, abandon them, or risk it with the robot.</p> <p>Second, and even more challenging, there is the problem of the ground itself. A robot might work perfectly on dry pavement or an organized environment, but put it in a wet clay field with irregularities, and the physics change. A study on autonomous agricultural rovers demonstrated that “wheel slip” in muddy conditions <a href="https://www.researchgate.net/publication/271658674_Control_of_a_Mobile_Robot_Subject_to_Wheel_Slip" rel="noreferrer noopener" target="_blank">can easily cause</a> the robot to lose track of its precise location. If a weeding robot thinks it is 5 centimeters to the left of where it actually is, it might accidentally pick a leaf instead of a fruit or vaporize a cabbage instead of a weed.</p> <p>Navigation is much easier in a controlled environment <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0168169925001073?via%3Dihub" rel="noreferrer noopener" target="_blank">like raised beds</a> in a greenhouse. In a smaller greenhouse, a robot’s laser scanner (LiDAR) could always “see” the walls or edges of the farm. This approach would be much more challenging in a larger greenhouse, because the walls are farther apart and the robot could be stuck in the middle of a long aisle where everything looks identical. Without seeing the unique features of the walls at the end, the data “degenerates,” and the robot loses track of exactly where it is along the row.</p> <p>For the first time, smaller farms could have an advantage when it comes to implementing cutting-edge technologies.</p> <h3>The Invisible Fence</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/patrick-ac1PA634XnI-unsplash-scaled.jpg"><img alt="a cute cow looking straight at you" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/patrick-ac1PA634XnI-unsplash-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/patrick-ac1PA634XnI-unsplash-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/patrick-ac1PA634XnI-unsplash-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/patrick-ac1PA634XnI-unsplash-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/patrick-ac1PA634XnI-unsplash-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/patrick-ac1PA634XnI-unsplash-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Virtual fences could soon play a more widespread role in farming. Image credits: Patrick / Unsplash (<a href="https://unsplash.com/photos/a-brown-cow-standing-on-top-of-a-lush-green-field-ac1PA634XnI" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY 3.0</a>).</figcaption></figure></div> <p>Modern farming, of course, is not just about plants. When it comes to animal farming, technology can help in several ways. Monitoring (powered by smart algorithms) can track the animals’ <a href="https://www.europarl.europa.eu/RegData/etudes/BRIE/2025/772840/EPRS_BRI(2025)772840_EN.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">health and wellbeing</a>, even gauging <a href="https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2021.04.09.439122v1" rel="noreferrer noopener" target="_blank">their emotional states</a>. Yet perhaps the most straightforward approach could come in the form of virtual borders.</p> <p>New “Virtual Fencing” systems could replace barbed wire or other physical barriers. The concept is simple: the cow wears a collar that emits an audio cue (a scale of beeps) as it approaches a virtual GPS boundary. If the cow ignores the sound, it receives a mild electric pulse. The animals learn to play the game, associating the sound with stopping and effectively fencing themselves in with their own psychology.</p> <p>The ecological payoff is massive. Without physical fences, wildlife corridors reopen. Elk, deer, and other wild animals can migrate freely through ranch land. But for the farmer, the payoff is even more direct: It reduces infrastructure costs and converts a labor-intensive chore into a software command.</p> <p>Farmers can practice “rotational grazing” (moving herds frequently to prevent overgrazing and stimulate grass growth) with a simple software command. Historically, this required the backbreaking daily work of moving portable electric wires. A <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1751731124001629#s0125" rel="noreferrer noopener" target="_blank">recent study</a> highlighted that virtual fencing systems can reduce the labor time associated with herd management, especially in complex terrains and nature-rich areas.</p> <p>Furthermore, it offers a level of adaptability that physical barriers cannot match. A physical fence is a straight line; a virtual fence is a polygon that can adapt to the land.</p> <p>But is it humane?</p> <p>Several studies have been conducted in an attempt to answer this. <a href="https://academic.oup.com/jas/article/doi/10.1093/jas/skae024/7589682#441437431" rel="noreferrer noopener" target="_blank">A study published</a> in the <em>Journal of Animal Science</em> measured cortisol (stress hormone) levels in dairy cows transitioning to virtual fences. They found no significant difference in stress levels compared to physical electric fences. Once the learning phase (about 48 hours) is over, the cows navigate the virtual world as calmly as the physical one, allowing farmers to practice regenerative rotational grazing without ever hammering a fence post.</p> <h3>The Cyber-Physical Harvest Is Coming, Eventually</h3> <p>The transition to Agriculture 4.0 brings a paradigm shift in farming, from trying to conquer nature with brute force to trying to decode it with data. The heavy industrial model of the 20th century tended to treat farms like factory floors: uniform, predictable, and scalable through size. The emerging digital model treats the farm as a living network that is variable, chaotic, and scalable only through intelligence.</p> <p>This interaction also brings a potential for democratization. For the first time in history, the most advanced agronomic tools are becoming accessible to the smallest operators; in fact, some approaches work better in smaller farms. The economies of scale that favored the mega-farm may soon be challenged by small, highly automated, and data-rich farms that can compete on efficiency and quality.</p> <p>However, this revolution is unlikely to be as seamless as a software update. It will be a messy, iterative negotiation between the clean logic of code and the dirty reality of biology. Algorithms will offer valuable information, but they will invariably misinterpret some of the data. Robots will occasionally lose their footing in the clay. Machine learning is a key ally, but the usual challenges (interpretability, data issues, bias) are still there.</p> <p>Yet, this will also bring new challenges. Firstly, farmers will have to adapt to this potential and work with researchers and technology, and there is a learning curve. Then, there is the “Cyber Hygiene” problem. Smart farms often involve IoT systems which <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/internet-of-hackable-things-07032021/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">are notoriously easy to crack</a>. As the farm becomes a computer, it inherits all the vulnerabilities along with the potential.</p> <p>Ultimately, the farm of the future will likely not be fully autonomous. Rather, it will be a “centaur” system: a hybrid where algorithms handle the data, robots handle the repetition, and humans make decisions and handle the ambiguity.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/iot-is-changing-agriculture-but-the-reality-of-the-cyber-farm-is-still-messy/#comments 1 Teil 2: Und wieder tötet ein Kind. Und wieder tut das Strafrecht nichts https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts-teil-2/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts-teil-2/#comments Tue, 10 Feb 2026 12:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3537 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/geralt-crime-268902_1920-angepasst-768x543.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts-teil-2/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/geralt-crime-268902_1920-angepasst.jpg" /><h1>Teil 2: Und wieder tötet ein Kind. Und wieder tut das Strafrecht nichts » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Wie könnte das Strafrecht regieren, wenn Täterinnen oder Täter in Deutschland jünger als 14 Jahre sind?</strong></p> <span id="more-3537"></span> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts/">ersten Teil</a> behandelten wir Tötungsdelikte durch Kinder. Gerade geht der Fall des 14-jährigen Yosef durch die Medien, der wahrscheinlich von einem Zwölfjährigen in Dormagen (NRW) getötet wurde. Zuvor hat die Tötung der 12-jährigen Luise am 11. März 2023 in Freudenberg bei Siegen für großes Entsetzen gesorgt. Hier waren die Täterinnen eine zwölf- und eine 13-jährige Bekannte.</p> <p>Wie im ersten Teil dargestellt, schließt das deutsche Strafrecht unter dem Alter von 14 Jahren jegliche strafrechtliche Verantwortung grundlegend aus (§ 19 StGB). Das bedeutet, dass Polizei und Staatsanwaltschaft nicht weiter ermitteln und auch keine Anklage erhoben werden kann. In diesem Sinne stehen die Opfer beziehungsweise ihre Angehörigen sogar nach schwersten Verbrechen allein da.</p> <p>Im Fall der Luise versucht die Familie, die Täterinnen zumindest zivilrechtlich verantwortlich zu machen. Hier kann es aber nur um Schadensersatz gehen, verglichen mit der Höchststrafe von 15 Jahren für Mord im Jugendstrafrecht. Außerdem tragen die Kläger hier selbst sowohl die Beweislast als auch das Verfahrensrisiko.</p> <p>Ich habe das im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts/">ersten Teil</a> zu meiner eigenen Forschung zur Obergrenze des Strafrechts in Beziehung gesetzt. Am Ende diskutierte ich einen historischen Fall, der an die Verbrechen gegen Luise und Yosef erinnert. Jetzt kehren wir in die Gegenwart zurück und beschäftigen wir uns noch einmal mit den Altersgrenzen des Strafrechts am unteren Ende, also der Strafmündigkeit.<aside></aside></p> <h2 id="h-noch-einmal-altersgrenzen">Noch einmal Altersgrenzen</h2> <p>Möglich ist der Umweg über das Zivilrecht nur, weil es für die Verantwortlichkeit für Schaden eine andere Altersgrenze kennt als das Strafrecht: “Wer nicht das siebente Lebensjahr vollendet hat, ist für einen Schaden, den er einem anderen zufügt, nicht verantwortlich” (§ 828 Abs. 1 BGB). Die doppelte Verneinung und die Formulierung “Vollendung des siebenten Lebensjahres” fördern nicht gerade die allgemeine Verständlichkeit. Gemeint ist eine Verantwortlichkeit ab dem Alter von <em>sieben</em> Jahren. Ab dieser Altersgrenze gilt übrigens auch die beschränkte Geschäftsfähigkeit (§ 106 BGB).</p> <p>Wie kann das sein, dass man laut Zivilrecht schon ab dem Alter von sieben Jahren für seinen Schaden verantwortlich gemacht werden kann, doch nach geltendem Strafrecht unter 14 Jahren gar nicht? Das zeigt schon, dass wir es hier mit dem Bereich von <em>Normen</em> zu tun haben, in dem es keine eindeutig wahre Antwort gibt. Es handelt sich vielmehr um gesellschaftspolitische Festlegungen.</p> <p>Auch in Deutschland galt schon einmal von 1871 bis 1923 eine strafrechtliche Untergrenze von zwölf Jahren. Und auch heute noch haben benachbarte oder zumindest in der Nähe liegende Länder niedrigere Altersgrenzen: Frankreich kennt zum Beispiel gar keine feste Grenze, Schottland acht Jahre, England sowie die Schweiz zehn und die Niederlande zwölf Jahre. In Ungarn lässt man für schwere Straftaten eine ausnahmsweise niedrigere Untergrenze von zwölf Jahren zu. Dabei sind die Regeln in der Anwendung natürlich komplexer, als ich es hier in wenigen Sätzen darstellen kann.</p> <p>Aber es ist doch auffällig, dass es so große Unterschiede zwischen sogar gesellschaftlich ähnlichen Ländern gibt. Und dass nicht nur in der deutschen Geschichte andere Grenzen gezogen wurden, sondern sogar im Jahr 2026 unterschiedliche Rechtsgebiete andere Ansichten vertreten. Dabei ist auch jedem klar, dass im Körper oder der Psyche eines Menschen zum siebten, 14., 18. oder 21. Geburtstag nicht plötzlich alles anders wird.</p> <p>Es handelt sich also um normative Setzungen – mit allen ihren Vor- und Nachteilen. Auch eine DIN A4-Seite wurde schließlich auf 210 x 297 Millimeter festgelegt. Dabei steht “DIN” übrigens für das Deutsche Institut für Normung. Natürlich hätte man sich auch auf eine andere Größe festlegen können und gibt es in anderen Ländern tatsächlich andere Formate.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2 id="h-und-die-wissenschaft">Und die Wissenschaft?</h2> <p>Angesichts dieser Vagheit erhoffen sich manche vielleicht aus der Wissenschaft Klarheit. Doch Obacht! Wir dürfen nicht vergessen, dass die Wissenschaft – man erinnere sich an den Werturteilsstreit im frühen 20. Jahrhundert – selbst keine gesellschaftlichen Normen und Zwecke setzen kann. Sie kann nur nach einem <em>vorgegebenen Ziel</em> die eine oder andere Lösung als mehr oder weniger zweckdienlich ausweisen. In meiner eigenen Forschung zur Anhebung der Altersgrenze auf 22 Jahre in den Niederlanden habe ich gezeigt, dass dabei auch noch <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/koennen-wir-mit-wissen-ueber-unser-gehirn-gesetze-verbessern/">sehr viel schiefgehen kann</a>.</p> <p>Wer jetzt, nach der Tötung des 14-jährigen Yosef, wieder ruft, der Täter sei doch ein Kind, sollte seinen Standpunkt näher begründen. Sind Zwölfjährige in den Niederlanden oder Zehnjährige in England keine Kinder? Anstatt zu rufen, die Wissenschaft zeige dieses oder jenes, könnte man einmal mit einem Fernsehfilm dokumentieren, wie andere Länder mit Kindern umgehen, die zu Straftätern werden. Mir fehlen dazu die Mittel.</p> <p>Ich konnte in meiner Forschung aber immerhin zusammenfassen, was inzwischen der Konsens der Entwicklungspsychologie und angrenzender Wissenschaften ist: Bei der heute gängigen Kategorie der Adoleszenz verschieben sich interessanterweise an beiden Enden die Grenzen auseinander: Am unteren Ende sieht man meistens das Alter von neun oder zehn Jahren, am oberen das von 24 oder 25 Jahren.</p> <p>Letzteres hängt übrigens damit zusammen, dass – zumindest in den hier maßgeblichen westlichen Ländern – Menschen immer später das Wahrnehmen, was man früher als klassische Erwachsenenrolle ansah: zum Beispiel alleine zu leben, das Aufnehmen einer festen Arbeit oder eine Hochzeit und Gründung einer Familie. Mitunter spielen einige dieser “typischen Erwachsenendinge” heute gar keine Rolle mehr, was den Verlust alter Rollenmodelle und das Entstehen neuer Lebenswege verdeutlicht, übrigens auch in Abhängigkeit von ökonomischen Umständen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-scaled.png"><img alt="" decoding="async" height="311" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-1024x311.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-1024x311.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-300x91.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-768x234.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-1536x467.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-2048x623.png 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Führende Forscher auf dem Gebiet der menschlichen Entwicklungen zogen und ziehen unterschiedliche Grenzen: Um 1900 setzte zum Beispiel der amerikanische Psychologe G. Stanley Hall (1844-1924) den Begriff der Adoleszenz für das Alter von 14 bis 24 Jahren durch, übrigens unter Rückgriff auf deutsche Gedanken des “Sturm und Drang”. In jener Zeit kam es auch zur maßgeblichen Weiterentwicklung der Jugendgerichtsbarkeit. Der Begriff des “aufkommenden Erwachsenseins” (engl. emerging adulthood) ist bisher vor allem für die Forschung von Bedeutung.</em></p> <h2 id="h-mittelwert-und-individuum">Mittelwert und Individuum</h2> <p>Doch zum zweiten Mal: Obacht! Solche Grenzziehungen gelten grob und für einen “Durchschnittsmenschen”. Natürlich ist nicht jede 13-Jährige gleich. Am Beispiel der ersten Menstruation der Mädchen lässt sich das gut veranschaulichen. So findet diese laut einer neueren US-amerikanischen Studie heute durchschnittlich im Alter von 11,9 Jahren statt. Trotzdem haben jeweils rund 20 Prozent der Mädchen schon vor dem elften oder erst nach dem 13. Geburtstag ihre erste Monatsblutung.</p> <p>Statistisch findet man also einen Mittelwert mit einer Streuung an beiden Seiten. Warum kann das nicht auch als Vorbild für das Strafrecht gelten?</p> <p>Die <em>wissenschaftliche</em> Tatsache legt nämlich den Schluss nahe, dass <em>harte</em> Altersgrenzen, wie sie das Recht kennt und anwendet, nur begrenzt nachvollziehbar sind. Wie schon gesagt: am 14. oder 18. Geburtstag wird nicht plötzlich im Körper oder der Psyche eines Menschen alles anders, auch wenn er oder sie dann rechtlich völlig anders behandelt werden kann. An dieser Stelle sei daran erinnert, dass hierzulande die allermeisten Menschen gesetzestreu sind und insbesondere die allermeisten Kinder niemanden töten.</p> <p>Doch auch wenn das Recht aus gutem Grund konservativ ist, könnte es seinen strengen Umgang mit den Altersgrenzen – insbesondere für so schwere Fälle wie dem der 2023 getöteten Luise oder des jetzt getöteten Yosef – überdenken. Denn langfristig könnte es auch der Glaubwürdigkeit des Strafrechts schaden, wenn es hier immer wegschaut.</p> <blockquote> <p>Oder wenn zum Beispiel ein Strafrechtsprofessor es so formuliert, wobei ich wieder bewusst auf die Namensnennung verzichte: “Es bleibt also dabei, daß auch dem Opfer einer besonders schweren Gewalttat zugemutet werden muß, ohne einen förmlichen Prozeß der rechtlichen Aufarbeitung mit dem Geschehen fertig zu werden, sofern es sich um einen kindlichen Täter handelt.”</p> </blockquote> <p>Zum Opfer sollte man auch hier die Hinterbliebenen dazudenken. Und was soll der Grund dafür sein, dass denen noch mehr “zugemutet werden muss”, als sie ohnehin schon erlebt haben? Dass der deutsche Gesetzgeber die strafrechtliche Norm kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eben auf 14 Jahre festgelegt hat.</p> <h2 id="h-mein-vorschlag">Mein Vorschlag</h2> <p>Nach meiner Auswertung ist die heutige Untergrenze von 14 Jahren nicht in Stein gemeißelt. Das zeigt sowohl die rechtsvergleichende Sicht als auch der Konsens der Wissenschaften von der Entwicklung des Menschen. Mit der Kategorie der “Heranwachsenden” gibt es heute schon einen Ermessensspielraum an der Obergrenze, nämlich im Alter von 18 bis einschließlich 20 Jahren. Und diesen Spielraum wendet man in Deutschland eher milde an.</p> <p>Es ist schon heute so, dass die “sittliche und geistige Entwicklung” eines angeklagten Jugendlichen fortgeschritten genug sein muss, um die Einsicht in richtig und falsch und das Handeln nach dieser Einsicht zu ermöglichen (§ 3 JGG). Ist dem nicht so, kann ein Jugendrichter auf die Erziehungsmaßnahmen der Familiengerichte zurückgreifen. Das ist dann aber eine begründete Einzelfallentscheidung und lässt die Opfer beziehungsweise ihre Angehörigen nicht prinzipiell außen vor.</p> <p>Mit Blick auf die besondere persönliche aber auch gesellschaftliche Schwere und Wirkung solcher Fälle könnte man erwägen – zumindest bei schweren Straftaten wie denen gegen das Leben – eine niedrigere Altersgrenze einzuführen. So eine prinzipielle Möglichkeit könnte im Einzelfall immer noch zum Ergebnis kommen, dass ein Kind zum Tatzeitpunkt nicht reif genug war, um zu verstehen, was es tat.</p> <p>So ein Ermessensspielraum könnte nicht nur den Bedürfnissen von Opfern und Angehörigen entgegenkommen, sondern auch dem Gerechtigkeitsempfinden in der Gesellschaft. Damit würde gleichzeitig populistischen Tendenzen gegen den Rechtsstaat entgegengewirkt. Und es würde immer noch vorgebeugt, dass Kinder, die dafür noch nicht reif genug sind, strafrechtlich verurteilt werden.</p> <p>Fest steht allerdings, dass die Tötung von Luise und Yosef nicht mehr verhindert und die Täterinnen und Täter in diesen Fällen nicht mehr strafrechtlich verantwortlich gemacht werden können. Für zukünftige Fälle lässt sich das aber ändern.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron.jpg"><img alt="" decoding="async" height="700" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1024x700.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1024x700.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-300x205.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-768x525.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1536x1050.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron.jpg 1700w" width="1024"></img></a></figure> <p>Beschreibung: Dieser und ähnliche Fälle werden in meinem neuen Buch über die Gehirnentwicklung und Altersgrenzen ausführlicher diskutiert. Die englische Fassung (links) steht dank der finanziellen Förderung durch unsere Universitätsbibliothek <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-72362-9">gratis zum Download</a> verfügbar. Die aktualisierte und erweiterte deutsche Fassung (rechts) erscheint diesen Sommer beim Hogrefe Verlag. Darin geht es ausführlicher auch um die Untergrenze des Strafrechts. Das Buch kann <a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html">jetzt schon vorbestellt werden</a>.</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: basiert auf <a href="https://pixabay.com/illustrations/crime-offense-misstep-outline-268902/">Geralt</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/95b7faee8deb4bf680d4405f2d42a6ce" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/geralt-crime-268902_1920-angepasst.jpg" /><h1>Teil 2: Und wieder tötet ein Kind. Und wieder tut das Strafrecht nichts » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Wie könnte das Strafrecht regieren, wenn Täterinnen oder Täter in Deutschland jünger als 14 Jahre sind?</strong></p> <span id="more-3537"></span> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts/">ersten Teil</a> behandelten wir Tötungsdelikte durch Kinder. Gerade geht der Fall des 14-jährigen Yosef durch die Medien, der wahrscheinlich von einem Zwölfjährigen in Dormagen (NRW) getötet wurde. Zuvor hat die Tötung der 12-jährigen Luise am 11. März 2023 in Freudenberg bei Siegen für großes Entsetzen gesorgt. Hier waren die Täterinnen eine zwölf- und eine 13-jährige Bekannte.</p> <p>Wie im ersten Teil dargestellt, schließt das deutsche Strafrecht unter dem Alter von 14 Jahren jegliche strafrechtliche Verantwortung grundlegend aus (§ 19 StGB). Das bedeutet, dass Polizei und Staatsanwaltschaft nicht weiter ermitteln und auch keine Anklage erhoben werden kann. In diesem Sinne stehen die Opfer beziehungsweise ihre Angehörigen sogar nach schwersten Verbrechen allein da.</p> <p>Im Fall der Luise versucht die Familie, die Täterinnen zumindest zivilrechtlich verantwortlich zu machen. Hier kann es aber nur um Schadensersatz gehen, verglichen mit der Höchststrafe von 15 Jahren für Mord im Jugendstrafrecht. Außerdem tragen die Kläger hier selbst sowohl die Beweislast als auch das Verfahrensrisiko.</p> <p>Ich habe das im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts/">ersten Teil</a> zu meiner eigenen Forschung zur Obergrenze des Strafrechts in Beziehung gesetzt. Am Ende diskutierte ich einen historischen Fall, der an die Verbrechen gegen Luise und Yosef erinnert. Jetzt kehren wir in die Gegenwart zurück und beschäftigen wir uns noch einmal mit den Altersgrenzen des Strafrechts am unteren Ende, also der Strafmündigkeit.<aside></aside></p> <h2 id="h-noch-einmal-altersgrenzen">Noch einmal Altersgrenzen</h2> <p>Möglich ist der Umweg über das Zivilrecht nur, weil es für die Verantwortlichkeit für Schaden eine andere Altersgrenze kennt als das Strafrecht: “Wer nicht das siebente Lebensjahr vollendet hat, ist für einen Schaden, den er einem anderen zufügt, nicht verantwortlich” (§ 828 Abs. 1 BGB). Die doppelte Verneinung und die Formulierung “Vollendung des siebenten Lebensjahres” fördern nicht gerade die allgemeine Verständlichkeit. Gemeint ist eine Verantwortlichkeit ab dem Alter von <em>sieben</em> Jahren. Ab dieser Altersgrenze gilt übrigens auch die beschränkte Geschäftsfähigkeit (§ 106 BGB).</p> <p>Wie kann das sein, dass man laut Zivilrecht schon ab dem Alter von sieben Jahren für seinen Schaden verantwortlich gemacht werden kann, doch nach geltendem Strafrecht unter 14 Jahren gar nicht? Das zeigt schon, dass wir es hier mit dem Bereich von <em>Normen</em> zu tun haben, in dem es keine eindeutig wahre Antwort gibt. Es handelt sich vielmehr um gesellschaftspolitische Festlegungen.</p> <p>Auch in Deutschland galt schon einmal von 1871 bis 1923 eine strafrechtliche Untergrenze von zwölf Jahren. Und auch heute noch haben benachbarte oder zumindest in der Nähe liegende Länder niedrigere Altersgrenzen: Frankreich kennt zum Beispiel gar keine feste Grenze, Schottland acht Jahre, England sowie die Schweiz zehn und die Niederlande zwölf Jahre. In Ungarn lässt man für schwere Straftaten eine ausnahmsweise niedrigere Untergrenze von zwölf Jahren zu. Dabei sind die Regeln in der Anwendung natürlich komplexer, als ich es hier in wenigen Sätzen darstellen kann.</p> <p>Aber es ist doch auffällig, dass es so große Unterschiede zwischen sogar gesellschaftlich ähnlichen Ländern gibt. Und dass nicht nur in der deutschen Geschichte andere Grenzen gezogen wurden, sondern sogar im Jahr 2026 unterschiedliche Rechtsgebiete andere Ansichten vertreten. Dabei ist auch jedem klar, dass im Körper oder der Psyche eines Menschen zum siebten, 14., 18. oder 21. Geburtstag nicht plötzlich alles anders wird.</p> <p>Es handelt sich also um normative Setzungen – mit allen ihren Vor- und Nachteilen. Auch eine DIN A4-Seite wurde schließlich auf 210 x 297 Millimeter festgelegt. Dabei steht “DIN” übrigens für das Deutsche Institut für Normung. Natürlich hätte man sich auch auf eine andere Größe festlegen können und gibt es in anderen Ländern tatsächlich andere Formate.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2 id="h-und-die-wissenschaft">Und die Wissenschaft?</h2> <p>Angesichts dieser Vagheit erhoffen sich manche vielleicht aus der Wissenschaft Klarheit. Doch Obacht! Wir dürfen nicht vergessen, dass die Wissenschaft – man erinnere sich an den Werturteilsstreit im frühen 20. Jahrhundert – selbst keine gesellschaftlichen Normen und Zwecke setzen kann. Sie kann nur nach einem <em>vorgegebenen Ziel</em> die eine oder andere Lösung als mehr oder weniger zweckdienlich ausweisen. In meiner eigenen Forschung zur Anhebung der Altersgrenze auf 22 Jahre in den Niederlanden habe ich gezeigt, dass dabei auch noch <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/koennen-wir-mit-wissen-ueber-unser-gehirn-gesetze-verbessern/">sehr viel schiefgehen kann</a>.</p> <p>Wer jetzt, nach der Tötung des 14-jährigen Yosef, wieder ruft, der Täter sei doch ein Kind, sollte seinen Standpunkt näher begründen. Sind Zwölfjährige in den Niederlanden oder Zehnjährige in England keine Kinder? Anstatt zu rufen, die Wissenschaft zeige dieses oder jenes, könnte man einmal mit einem Fernsehfilm dokumentieren, wie andere Länder mit Kindern umgehen, die zu Straftätern werden. Mir fehlen dazu die Mittel.</p> <p>Ich konnte in meiner Forschung aber immerhin zusammenfassen, was inzwischen der Konsens der Entwicklungspsychologie und angrenzender Wissenschaften ist: Bei der heute gängigen Kategorie der Adoleszenz verschieben sich interessanterweise an beiden Enden die Grenzen auseinander: Am unteren Ende sieht man meistens das Alter von neun oder zehn Jahren, am oberen das von 24 oder 25 Jahren.</p> <p>Letzteres hängt übrigens damit zusammen, dass – zumindest in den hier maßgeblichen westlichen Ländern – Menschen immer später das Wahrnehmen, was man früher als klassische Erwachsenenrolle ansah: zum Beispiel alleine zu leben, das Aufnehmen einer festen Arbeit oder eine Hochzeit und Gründung einer Familie. Mitunter spielen einige dieser “typischen Erwachsenendinge” heute gar keine Rolle mehr, was den Verlust alter Rollenmodelle und das Entstehen neuer Lebenswege verdeutlicht, übrigens auch in Abhängigkeit von ökonomischen Umständen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-scaled.png"><img alt="" decoding="async" height="311" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-1024x311.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-1024x311.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-300x91.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-768x234.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-1536x467.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-2048x623.png 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Führende Forscher auf dem Gebiet der menschlichen Entwicklungen zogen und ziehen unterschiedliche Grenzen: Um 1900 setzte zum Beispiel der amerikanische Psychologe G. Stanley Hall (1844-1924) den Begriff der Adoleszenz für das Alter von 14 bis 24 Jahren durch, übrigens unter Rückgriff auf deutsche Gedanken des “Sturm und Drang”. In jener Zeit kam es auch zur maßgeblichen Weiterentwicklung der Jugendgerichtsbarkeit. Der Begriff des “aufkommenden Erwachsenseins” (engl. emerging adulthood) ist bisher vor allem für die Forschung von Bedeutung.</em></p> <h2 id="h-mittelwert-und-individuum">Mittelwert und Individuum</h2> <p>Doch zum zweiten Mal: Obacht! Solche Grenzziehungen gelten grob und für einen “Durchschnittsmenschen”. Natürlich ist nicht jede 13-Jährige gleich. Am Beispiel der ersten Menstruation der Mädchen lässt sich das gut veranschaulichen. So findet diese laut einer neueren US-amerikanischen Studie heute durchschnittlich im Alter von 11,9 Jahren statt. Trotzdem haben jeweils rund 20 Prozent der Mädchen schon vor dem elften oder erst nach dem 13. Geburtstag ihre erste Monatsblutung.</p> <p>Statistisch findet man also einen Mittelwert mit einer Streuung an beiden Seiten. Warum kann das nicht auch als Vorbild für das Strafrecht gelten?</p> <p>Die <em>wissenschaftliche</em> Tatsache legt nämlich den Schluss nahe, dass <em>harte</em> Altersgrenzen, wie sie das Recht kennt und anwendet, nur begrenzt nachvollziehbar sind. Wie schon gesagt: am 14. oder 18. Geburtstag wird nicht plötzlich im Körper oder der Psyche eines Menschen alles anders, auch wenn er oder sie dann rechtlich völlig anders behandelt werden kann. An dieser Stelle sei daran erinnert, dass hierzulande die allermeisten Menschen gesetzestreu sind und insbesondere die allermeisten Kinder niemanden töten.</p> <p>Doch auch wenn das Recht aus gutem Grund konservativ ist, könnte es seinen strengen Umgang mit den Altersgrenzen – insbesondere für so schwere Fälle wie dem der 2023 getöteten Luise oder des jetzt getöteten Yosef – überdenken. Denn langfristig könnte es auch der Glaubwürdigkeit des Strafrechts schaden, wenn es hier immer wegschaut.</p> <blockquote> <p>Oder wenn zum Beispiel ein Strafrechtsprofessor es so formuliert, wobei ich wieder bewusst auf die Namensnennung verzichte: “Es bleibt also dabei, daß auch dem Opfer einer besonders schweren Gewalttat zugemutet werden muß, ohne einen förmlichen Prozeß der rechtlichen Aufarbeitung mit dem Geschehen fertig zu werden, sofern es sich um einen kindlichen Täter handelt.”</p> </blockquote> <p>Zum Opfer sollte man auch hier die Hinterbliebenen dazudenken. Und was soll der Grund dafür sein, dass denen noch mehr “zugemutet werden muss”, als sie ohnehin schon erlebt haben? Dass der deutsche Gesetzgeber die strafrechtliche Norm kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eben auf 14 Jahre festgelegt hat.</p> <h2 id="h-mein-vorschlag">Mein Vorschlag</h2> <p>Nach meiner Auswertung ist die heutige Untergrenze von 14 Jahren nicht in Stein gemeißelt. Das zeigt sowohl die rechtsvergleichende Sicht als auch der Konsens der Wissenschaften von der Entwicklung des Menschen. Mit der Kategorie der “Heranwachsenden” gibt es heute schon einen Ermessensspielraum an der Obergrenze, nämlich im Alter von 18 bis einschließlich 20 Jahren. Und diesen Spielraum wendet man in Deutschland eher milde an.</p> <p>Es ist schon heute so, dass die “sittliche und geistige Entwicklung” eines angeklagten Jugendlichen fortgeschritten genug sein muss, um die Einsicht in richtig und falsch und das Handeln nach dieser Einsicht zu ermöglichen (§ 3 JGG). Ist dem nicht so, kann ein Jugendrichter auf die Erziehungsmaßnahmen der Familiengerichte zurückgreifen. Das ist dann aber eine begründete Einzelfallentscheidung und lässt die Opfer beziehungsweise ihre Angehörigen nicht prinzipiell außen vor.</p> <p>Mit Blick auf die besondere persönliche aber auch gesellschaftliche Schwere und Wirkung solcher Fälle könnte man erwägen – zumindest bei schweren Straftaten wie denen gegen das Leben – eine niedrigere Altersgrenze einzuführen. So eine prinzipielle Möglichkeit könnte im Einzelfall immer noch zum Ergebnis kommen, dass ein Kind zum Tatzeitpunkt nicht reif genug war, um zu verstehen, was es tat.</p> <p>So ein Ermessensspielraum könnte nicht nur den Bedürfnissen von Opfern und Angehörigen entgegenkommen, sondern auch dem Gerechtigkeitsempfinden in der Gesellschaft. Damit würde gleichzeitig populistischen Tendenzen gegen den Rechtsstaat entgegengewirkt. Und es würde immer noch vorgebeugt, dass Kinder, die dafür noch nicht reif genug sind, strafrechtlich verurteilt werden.</p> <p>Fest steht allerdings, dass die Tötung von Luise und Yosef nicht mehr verhindert und die Täterinnen und Täter in diesen Fällen nicht mehr strafrechtlich verantwortlich gemacht werden können. Für zukünftige Fälle lässt sich das aber ändern.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron.jpg"><img alt="" decoding="async" height="700" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1024x700.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1024x700.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-300x205.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-768x525.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1536x1050.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron.jpg 1700w" width="1024"></img></a></figure> <p>Beschreibung: Dieser und ähnliche Fälle werden in meinem neuen Buch über die Gehirnentwicklung und Altersgrenzen ausführlicher diskutiert. Die englische Fassung (links) steht dank der finanziellen Förderung durch unsere Universitätsbibliothek <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-72362-9">gratis zum Download</a> verfügbar. Die aktualisierte und erweiterte deutsche Fassung (rechts) erscheint diesen Sommer beim Hogrefe Verlag. Darin geht es ausführlicher auch um die Untergrenze des Strafrechts. Das Buch kann <a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html">jetzt schon vorbestellt werden</a>.</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: basiert auf <a href="https://pixabay.com/illustrations/crime-offense-misstep-outline-268902/">Geralt</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/95b7faee8deb4bf680d4405f2d42a6ce" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts-teil-2/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>12</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeoPlänkel: Methusalem-Sterne und Mond-Geburt https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-methusalem-sterne-und-mond-geburt/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-methusalem-sterne-und-mond-geburt/#respond Tue, 10 Feb 2026 07:56:16 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1842 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag132-geplaenkel-768x768.jpg Foto der Mondsichel. Darüber gelegt: Eine Art bläuliche Wolke mit zahlreichen hell leuchtenden Sternen. Darüber steht "AstroGeo Plänkel" https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-methusalem-sterne-und-mond-geburt/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag132-geplaenkel_sl.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Methusalem-Sterne und Mond-Geburt » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag132-geplaenkel.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>In dieser Folge widmen sich Franzi und Karl dem Feedback zu den letzten beiden Geschichten im AstroGeo Podcast. Besonders gefallen hat ihnen die E-Mail einer Hörerin, deren Fantasie so sehr angeregt wurde, dass sie sich nun als Teil „eines unwahrscheinlich kleinen und zufälligen Teil eines riesigen und unfassbaren Zusammenhangs“ sieht. Herzlich willkommen in der Welt von AstroGeo!</p> <p>Karl spricht über die korrekte Terminologie rund um Meteoroiden, Meteore, Meteoriten und Boliden. Das ist nämlich ein wenig mühsam: Ein Meteoroid ist ein kleinerer Gesteins- oder Eisbrocken auf einer Sonnenumlaufbahn. Tritt er in die Erdatmosphäre ein, wird er zum Meteor – gerne auch Sternschnuppe genannt. Und schaffen es Bruchstücke bis zur Erdoberfläche, heißen sie schließlich Meteoriten. Auch geht es nochmal darum, auf welchen Größenskalen die Ausdehnung des Universums stattfindet – ob nur jenseits von Galaxien oder auch auf dem Maßstab von Sternen, Planeten oder Atomen.<aside></aside></p> <p>Dann geht es zurück in der Zeit, zu den ersten Sternen im Universum. Sie sind irgendwo da draußen, aber gefunden hat sie noch niemand. Franzi taucht dafür in die Prozesse ab, bei denen Sterne neue Elemente erbrüten: die Kernfusion von masseärmeren zu -reicheren Elementen. Genau jene massereicheren Elemente, von Astronominnen und Astronomen auch unter dem Sammelbegriff „Metalle“ abgehakt, sollte es nämlich in den sogenannten Sternen der Population III überhaupt nicht geben.</p> <p>Zur Entstehung des Mondes gab es eine lebhafte Diskussion. Es ging erst einmal um den Befund selbst: Wie sicher ist es, dass ein marsgroßer Planet namens Theia mit der Protoerde zusammenstieß? Es geht um mögliche Szenarien für die Zeit danach, zum Beispiel, dass sich erst zwei Monde gebildet haben, die schließlich auch zusammenstießen und den heutigen Erdmond formten.</p> <p>Karl erklärt auch die Europium-Anomalie, die als wichtiges Argument für den großen Einschlag gilt: Über den Gehalt des Seltenen Erd-Elements in den Mond-Hochländern und den vulkanischen Mare-Ebenen lässt sich belegen, dass der Mond schon vor der Bildung der großen Einschlagbecken über einen globalen Magmaozean verfügt haben muss.</p> <p>Abschließend gibt es allgemeines Feedback zur Nutzung des Podcasts (nicht nur, aber auch zum Einschlafen), zu Wissen und Unwissen bei astrophysikalischern Modellen voller Dunkler Materie und Dunkler Energie sowie zum Einsatz KI-generierter Transkripte bei AstroGeo.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 129: <a href="https://astrogeo.de/astrogeoplaenkel-marsluft-kosmisches-ende-und-luftzerplatzer/">AstroGeoPlänkel: Marsluft, kosmisches Ende und Luftzerplatzer</a></li> <li>Folge 130: <a href="https://astrogeo.de/als-im-universum-die-lichter-angingen-wo-sind-die-ersten-sterne/">Als im Universum die Lichter angingen: Wo sind die ersten Sterne?</a></li> <li>Folge 131: <a href="https://astrogeo.de/theias-grosser-einschlag-wie-der-mond-entstanden-ist/">Theias großer Einschlag: wie der Mond entstanden ist</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Meteorit">Meteorit</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Meteor">Meteor</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Meteoroid">Meteoroid</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Population_(Astronomie)">Population (Astronomie)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metallizit%C3%A4t">Metallizität</a></li> <li>WP: <a href="https://astrogeo.de/home/pikarl/Schreibtisch/Aktuell/2026-01%20AG130%20Erste%20Sterne%20(AG)/Hauptreihe">Hauptreihe</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Chandrasekhar-Grenze">Chandrasekhar-Grenze</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Europium#Vorkommen">Europium-Anomalie</a></li> <li><a href="https://astrogeo.de/theias-grosser-einschlag-wie-der-mond-entstanden-ist/#comment-19610">Kommentar von Klaus Kassner: Szenario für Mondrotation</a></li> </ul> <p><em>Episodenbild: ESO/M. Kornmesser / <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.de">CC-BY-SA 3.0</a> <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2020-04-26_21-21MESZ_Mondsichel.jpg">Rolf Hempel / Wikimedia Commons</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag132-geplaenkel_sl.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Methusalem-Sterne und Mond-Geburt » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag132-geplaenkel.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>In dieser Folge widmen sich Franzi und Karl dem Feedback zu den letzten beiden Geschichten im AstroGeo Podcast. Besonders gefallen hat ihnen die E-Mail einer Hörerin, deren Fantasie so sehr angeregt wurde, dass sie sich nun als Teil „eines unwahrscheinlich kleinen und zufälligen Teil eines riesigen und unfassbaren Zusammenhangs“ sieht. Herzlich willkommen in der Welt von AstroGeo!</p> <p>Karl spricht über die korrekte Terminologie rund um Meteoroiden, Meteore, Meteoriten und Boliden. Das ist nämlich ein wenig mühsam: Ein Meteoroid ist ein kleinerer Gesteins- oder Eisbrocken auf einer Sonnenumlaufbahn. Tritt er in die Erdatmosphäre ein, wird er zum Meteor – gerne auch Sternschnuppe genannt. Und schaffen es Bruchstücke bis zur Erdoberfläche, heißen sie schließlich Meteoriten. Auch geht es nochmal darum, auf welchen Größenskalen die Ausdehnung des Universums stattfindet – ob nur jenseits von Galaxien oder auch auf dem Maßstab von Sternen, Planeten oder Atomen.<aside></aside></p> <p>Dann geht es zurück in der Zeit, zu den ersten Sternen im Universum. Sie sind irgendwo da draußen, aber gefunden hat sie noch niemand. Franzi taucht dafür in die Prozesse ab, bei denen Sterne neue Elemente erbrüten: die Kernfusion von masseärmeren zu -reicheren Elementen. Genau jene massereicheren Elemente, von Astronominnen und Astronomen auch unter dem Sammelbegriff „Metalle“ abgehakt, sollte es nämlich in den sogenannten Sternen der Population III überhaupt nicht geben.</p> <p>Zur Entstehung des Mondes gab es eine lebhafte Diskussion. Es ging erst einmal um den Befund selbst: Wie sicher ist es, dass ein marsgroßer Planet namens Theia mit der Protoerde zusammenstieß? Es geht um mögliche Szenarien für die Zeit danach, zum Beispiel, dass sich erst zwei Monde gebildet haben, die schließlich auch zusammenstießen und den heutigen Erdmond formten.</p> <p>Karl erklärt auch die Europium-Anomalie, die als wichtiges Argument für den großen Einschlag gilt: Über den Gehalt des Seltenen Erd-Elements in den Mond-Hochländern und den vulkanischen Mare-Ebenen lässt sich belegen, dass der Mond schon vor der Bildung der großen Einschlagbecken über einen globalen Magmaozean verfügt haben muss.</p> <p>Abschließend gibt es allgemeines Feedback zur Nutzung des Podcasts (nicht nur, aber auch zum Einschlafen), zu Wissen und Unwissen bei astrophysikalischern Modellen voller Dunkler Materie und Dunkler Energie sowie zum Einsatz KI-generierter Transkripte bei AstroGeo.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 129: <a href="https://astrogeo.de/astrogeoplaenkel-marsluft-kosmisches-ende-und-luftzerplatzer/">AstroGeoPlänkel: Marsluft, kosmisches Ende und Luftzerplatzer</a></li> <li>Folge 130: <a href="https://astrogeo.de/als-im-universum-die-lichter-angingen-wo-sind-die-ersten-sterne/">Als im Universum die Lichter angingen: Wo sind die ersten Sterne?</a></li> <li>Folge 131: <a href="https://astrogeo.de/theias-grosser-einschlag-wie-der-mond-entstanden-ist/">Theias großer Einschlag: wie der Mond entstanden ist</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Meteorit">Meteorit</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Meteor">Meteor</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Meteoroid">Meteoroid</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Population_(Astronomie)">Population (Astronomie)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metallizit%C3%A4t">Metallizität</a></li> <li>WP: <a href="https://astrogeo.de/home/pikarl/Schreibtisch/Aktuell/2026-01%20AG130%20Erste%20Sterne%20(AG)/Hauptreihe">Hauptreihe</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Chandrasekhar-Grenze">Chandrasekhar-Grenze</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Europium#Vorkommen">Europium-Anomalie</a></li> <li><a href="https://astrogeo.de/theias-grosser-einschlag-wie-der-mond-entstanden-ist/#comment-19610">Kommentar von Klaus Kassner: Szenario für Mondrotation</a></li> </ul> <p><em>Episodenbild: ESO/M. Kornmesser / <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.de">CC-BY-SA 3.0</a> <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2020-04-26_21-21MESZ_Mondsichel.jpg">Rolf Hempel / Wikimedia Commons</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-methusalem-sterne-und-mond-geburt/#respond 0 Komet P/2025 W3 (Kresken) https://scilogs.spektrum.de/meertext/komet-p-2025-w3-kresken/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/komet-p-2025-w3-kresken/#comments Mon, 09 Feb 2026 19:43:43 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1879 <h1>Komet P/2025 W3 (Kresken) » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Der Astro-Ingenieur Rainer Kresken arbeitet bei ESA in der Planetary Defence, in der Asteroidenabwehr. Die Mission: Himmelskörper zu entdecken, die der Erde gefährlich nahe kommen könnten und eine potenzielle Gefahr für die Erde werden könnten. Darum heißt die Asteroidenabwehr <a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/Near-Earth_Object_Coordination_Centre">Near Earth Objetcs Coordination Centre (NEOCC).</a></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars.jpg 1920w" width="1024"></img></a></figure> <p>Seit Tscheljabinsk ist dies ein heißes Thema: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Meteor_von_Tscheljabinsk">2013 hatte ein größerer Meteorit in der</a> russischen Stadt rund 1500 Menschen verletzt. Die Druckwelle des rasenden Himmelskörpers hatte vor<a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Russia_asteroid_impact_ESA_update_and_assessment"> Fensterscheiben bersten lassen</a>, dadurch erlitten viele Menschen Schnittverletzungen. So gibt es mittlerweile Pläne für Gegenmaßnahmen: Etwa die rechtzeitige Warnung an die Bevölkerung, sich in fensterlose Räume zu begeben. Oder die Evakuierung eines größeren Landstrichs. Spektakulärer sind Missionen zur Bahnänderung größerer Asteroiden, die potenzielle größere Gefahren für die Menschheit bedeuten wie die <a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Hera/Hera_mission_overview">erfolgreiche HERA/DART-Mission</a>.</p> <p>Die Arbeitsgruppe NEOCC betreibt ein weltweites Netz von Teleskopen, und beobachtet rund um die Uhr den Himmel.<br></br>Zurzeit nutzen sie dafür</p> <ul> <li><a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/Test_Bed_Telescopes">TBT1</a> in Cebreros bei Madrid (Spanien)</li> <li><a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/Test_Bed_Telescopes">TBT2</a> in La Silla (Chile)</li> <li><a href="https://www.caha.es/">Teleskope in CAHA (Calar Alto, Spanien)</a></li> <li><a href="https://www.esa.int/Enabling_Support/Space_Engineering_Technology/ESA_s_Tenerife_telescope_resumes_watching_the_sky">OGS-Teleskop auf Teneriffa</a> (Spanien)</li> </ul> <p>Ein weiteres ist im Bau auf Sizilien – <a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/Flyeye_ESA_s_bug-eyed_asteroid_hunters">das sogenannte Flyeye.</a><br></br>Die Teleskope werden programmiert und machen dann automatisiert ihre Aufnahmen. Die Auswertung und Suche nach NEOs erfolgt zunächst maschinell, dann manuell.</p> <p>Als begeisterter langjähriger Amateurastronom (Starkenburg-Sternwarte Heppenheim) sucht Rainer Kresken nicht nur während der Arbeitszeit, sondern auch oft noch in der Freizeit nach Kleinplaneten und hat schon viele entdeckt. Das Heppenheimer Amateur-Observatorium ist dafür international bekannt und hat schon viele Kleinplaneten benannt. Er ist also begeistert und erfahren bei der Suche nach Himmelskörpern, sowohl beruflich als auch privat.<br></br>Die Programmierung und Bildauswertung von Teleskop-Daten, die irgendwo in Europa oder Südamerika stehen, erfolgt seit Jahren meist online, auch bei ESA.<br></br>Da seit der Corona-Pandemie solche Arbeiten sogar im Home-Office durchgeführt werden, und der Astronom Ende November 2025 neugierig auf die Skills der neuen, gerade montierten Kamera auf dem Calar Alto-Teleskop machen würde, schaute er eines Sonntagabends, während wir eigentlich im Wohnzimmer „Tatort“ guckten, nach (Wir sind verheiratet und lästern manchmal gemeinsam über den Sonntagabend-Tatort).<br></br>Dabei erblickte er auf dem grisseligen Schwarz-Weiß-Bild einen in eine Richtung verwischten Flatschen, der sich offenbar auf einer Bahn um die Sonne bewegte. Das „Ding“ war plötzlich, wie aus dem Nichts aufgetaucht, sein Kurs war noch nirgendwo verzeichnet und es hatte unverkennbar einen Schweif.<br></br>Ein neuer Komet?<aside></aside></p> <h2 id="h-komet-p-2025-w3-kresken"><strong>Komet </strong><a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><strong>P/2025 W3 (Kresken)</strong></a></h2> <p>Rainer Kresken informierte sofort seine Kollegen und beobachtete weiter. Bei der Entdeckung eines mutmaßlich noch unbekannten Himmelskörpers geht es zunächst darum, ihn durch mehrere Einstellungen und Augenpaare zu bestätigten.<br></br>Schnell wurde klar: Rainer Kresken hatte tatsächlich einen noch unbekannten Kometen entdeckt, der durch unser Sonnensystem saust. Nicht in einer exzentrischen Bahn, wie die meisten Kometen, sondern auf einer Kreisbahn.</p> <p>Das lichtschwache Objekt war erst durch die neue Kamera zu entdecken gewesen.<br></br>Er wird der Erde nicht nahe kommen und stellt keine Gefahr dar, darum ist er <a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/10_asteroids_named_to_honour_ESA_s_role_in_Planetary_Defence">einfach eine spannende Entdeckung und die Bestätigung, dass die neue Kamera</a> ausgezeichnet funktioniert. <a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/10_asteroids_named_to_honour_ESA_s_role_in_Planetary_Defence">Wie gut die Planetary Defence arbeitet, ist u a an der Menge</a> der entdeckten Asteroiden zu sehen: ESA hat 2025 gerade 10 neue benannt.</p> <p>Neu entdeckte Kometen tragen immer den Namen ihres Entdeckers/ihrer Entdeckerin. Da die Kometen-Nomenklatur-Kommission den Namen NEOCC-Kresken zu kompliziert fand, steht nun nur sein Name hinter der Kometennummer:<br></br><a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">P/2025 W3 (Kresken)</a></p> <h2 id="h-hamburger-schmidt-spiegel"><strong>Hamburger Schmidt-Spiegel</strong></h2> <p>Für das Teleskop war die Entdeckung von <a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">P/2025 W3 (Kresken)</a> schon die dritte Kometen-Entdeckung. Der „Hamburger Schmidt-Spiegel“ hat eine lange und bewegte Geschichte hinter sich, die 1954 auf der Sternwarte Bergedorf (Hamburg) begann.<br></br>Dort hatte der <a href="https://www.deutschlandfunk.de/sternzeit-11-april-2024-das-geniale-teleskop-des-einarmigen-optikers-dlf-c5ef42d7-100.html">geniale Bernhard Schmidt eine neue, bahnbrechende</a> Technologie konzipiert, die sich als bedeutende Innovation herausstellte. Der einarmige Optiker – er hatte sich als Kind beim Experimentieren mit Feuerwerk einen Arm weggesprengt – <a href="https://hsweb.hs.uni-hamburg.de/projects/plate-archive/Scans/web/Stw/schmidt/index.html">arbeitete und tüftelte nicht nur auf der Sternwarte in Bergedorf</a>, sondern wurde dort schließlich auch beigesetzt. Seinen Grabstein kann man heute noch besuchen, am Rande des Geländes mit den vielen alten Bäumen und Gebäuden.<br></br><em><br></br></em>„<a href="https://plate-archive.hs.uni-hamburg.de/index.php/de/institute">Der <strong>Große Schmidt-Spiegel</strong> wurde 1954</a> in Betrieb genommen (siehe <a href="https://hsweb.hs.uni-hamburg.de/projects/plate-archive/Scans/web/Plattenarchiv/Plattendaten_GS_table.html">Plattenarchiv html Version</a>), was allerdings bereits zu spät für diesen Standort war. Mit ihm wurden 5771 Fotoplatten in Hamburg aufgenommen, von denen 5323 erhalten sind.“ Die Großstadt Hamburg war gewachsen und durch die Lichtverschmutzung waren die Beobachtungsbedingungen selbst am Rand der Metropole zu schlecht geworden.<br></br>So wurde der Spiegel 1975 auf das spanische Observatorium auf dem Calar Alto verlegt, wo seine Qualität durch die besseren Sichtbedingungen (Luftruhe, Dunkelheit) erst richtig und nutzbar sichtbar wurde. Immer noch wurden die Aufnahmen auf den großen Photoplatten gemacht.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 678px) 100vw, 678px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt-678x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt-678x1024.jpg 678w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt-199x300.jpg 199w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt-768x1160.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt-1017x1536.jpg 1017w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt.jpg 1024w" width="678"></img></a><figcaption>Hamburg Schmidt-Spiegel in CAHA (Copyright: CAHA)</figcaption></figure> <p>Die Optik des Schmidt-Spiegels war so genial, dass viele weitere Teleskope dieser Art konstruiert wurden. Zur Unterscheidung von anderen wurde das Ex-Bergedorfer <a href="https://www.caha.es/CAHA/Telescopes/schmidt.html">Teleskop in Calar Alto „Hamburger Schmidt-Spiegel“</a> genannt.<br></br>Nach seiner vollständigen <a href="https://ui.adsabs.harvard.edu/abs/2020sea..confE.230L/abstract">Überholung und technischen Aufrüstung wird es seit 1980 mit</a> einer neuen Kamera zur NEO-Beobachtung durch die ESA eingesetzt.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="343" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-1024x343.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-1024x343.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-300x101.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-768x257.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-1536x515.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-2048x686.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Panorama CAHA bei Schnee (Copyright CAHA)</figcaption></figure> <p>Und jetzt bekam es, mit der wachsenden Bedeutung von Planetary Defence, wieder eine neue Kamera spendiert.<br></br>In seiner langen Lebenszeit hat das Teleskop nun bereits drei Kometen-Entdeckungen ermöglicht:</p> <ul> <li><strong>1973 <a href="https://www.physik.uni-hamburg.de/de/hs.html">Hamburger Sternwarte Bergedorf</a>: Komet </strong><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/C/1973_E1_(Kohoutek)"><strong>C/1973 E1 (Kohoutek)</strong></a></li> <li><strong>1986, <a href="https://www.caha.es/">CAHA, auf dem Calar Alto</a>: Komet Thiele (C/1985 T1)</strong></li> <li><strong>2025 <a href="https://www.caha.es/">CAHA, auf dem Calar Alto</a></strong><strong>: Komet </strong><a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><strong>P/2025 W3 (Kresken)</strong></a><strong></strong></li> </ul> <p>Und der Astronom und Kometenentdecker Thiele hat seinem Kometenentdecker-Kollegen Rainer Kresken gleich per Mail gratuliert.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte.jpg 1600w" width="1024"></img></a><figcaption>Rainer Kresken beim Photo-Termin mit der Photographin (Danke!) des Darmstädter Echos in der Kuppel vor dem Mühleis-Teleskop (Starkenburg-Sternwarte Heppenheim)</figcaption></figure> <h2 id="h-komet-kresken-und-ufo-alarm"><strong>Komet Kresken und UFO-Alarm</strong></h2> <p>Da die Entdeckung durch das spanische CAHA-Observatorium gemacht wurde, geht es gerade wesentlich stärker durch die spanischsprachige Presse, als durch die deutsche Medienlandschaft.<p>Und wie schon beim interstellaren Kometen 3I/<em>ATLAS</em> gibt es UFO-Alarm.</p><br></br>Der Argentinier Fernando Silva Hildebrandt ist Director / Productor General des La Señal (ciencia y misterios) auf  YouTube und erklärt in einem neuen Video Kometen und außerirdische Objekte. Dieses argentinische Video in abenteuerlichem Englisch zeigt ihn im Interview mit zwei Journalisten mit eher überschaubarer Astrophysik-Expertise.</p> <p>Zu Kometen erklärt er viele Fakten korrekt, allerdings driftet das Ganze dann in seltsame Richtungen ab. Mir ist auch nicht in jedem Fall klar geworden, ob er nun gerade über  3I/<em>ATLAS </em>oder <a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><strong>P/2025 W3 (Kresken)</strong></a> spricht. Allerdings ist ganz sicher, dass die vorliegenden Aufnahmen von <a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><strong>P/2025 W3 (Kresken)</strong></a> 1. keinerlei Jets zeigen und 2. seine Zusammensetzung nicht bekannt ist, da keine Spektroskopie gemacht werden konnte. Hildebrandts Aussagen dazu müssen sich also auf 3I/<em>ATLAS </em>beziehen.<br></br>Die wilde Diskussion zu dem interstellaren <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/3i-atlas-ein-interstellarer-komet/">3I/<em>ATLAS</em>, einem wirklich außergewöhnlichen Kometen, gibt`s hier. </a></p> <p>Ich fand die Hildebrandt-Show ziemlich wirr, möchte aber niemanden davon abhalten, sich selbst ein Urteil zu bilden:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/lvjiE_Y33k8?feature=oembed" title="¿COMETA O ALGO MÁS? ☄️ El misterio de Kresken y las teorías que aterran a la ciencia" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Man bricht nicht jeden Sonntagabend einen Tatort wegen einer Kometenentdeckung ab.<br></br>Dann noch in einen UFO-Mythos verwickelt zu werden, ist schon ein besonderes Erlebnis.<p>Ein herzliches Dankeschön an Rainer Kresken für das irre Erlebnis der Kometenentdeckung, an die Photographin für das schöne Portrait (Rainer in seinem natürlichen Lebensraum) und das CAHA-Team für die schönen Aufnahmen aus Spanien (ich liebe das Panorama!).</p><br></br></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Komet P/2025 W3 (Kresken) » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Der Astro-Ingenieur Rainer Kresken arbeitet bei ESA in der Planetary Defence, in der Asteroidenabwehr. Die Mission: Himmelskörper zu entdecken, die der Erde gefährlich nahe kommen könnten und eine potenzielle Gefahr für die Erde werden könnten. Darum heißt die Asteroidenabwehr <a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/Near-Earth_Object_Coordination_Centre">Near Earth Objetcs Coordination Centre (NEOCC).</a></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars.jpg 1920w" width="1024"></img></a></figure> <p>Seit Tscheljabinsk ist dies ein heißes Thema: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Meteor_von_Tscheljabinsk">2013 hatte ein größerer Meteorit in der</a> russischen Stadt rund 1500 Menschen verletzt. Die Druckwelle des rasenden Himmelskörpers hatte vor<a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Russia_asteroid_impact_ESA_update_and_assessment"> Fensterscheiben bersten lassen</a>, dadurch erlitten viele Menschen Schnittverletzungen. So gibt es mittlerweile Pläne für Gegenmaßnahmen: Etwa die rechtzeitige Warnung an die Bevölkerung, sich in fensterlose Räume zu begeben. Oder die Evakuierung eines größeren Landstrichs. Spektakulärer sind Missionen zur Bahnänderung größerer Asteroiden, die potenzielle größere Gefahren für die Menschheit bedeuten wie die <a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Hera/Hera_mission_overview">erfolgreiche HERA/DART-Mission</a>.</p> <p>Die Arbeitsgruppe NEOCC betreibt ein weltweites Netz von Teleskopen, und beobachtet rund um die Uhr den Himmel.<br></br>Zurzeit nutzen sie dafür</p> <ul> <li><a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/Test_Bed_Telescopes">TBT1</a> in Cebreros bei Madrid (Spanien)</li> <li><a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/Test_Bed_Telescopes">TBT2</a> in La Silla (Chile)</li> <li><a href="https://www.caha.es/">Teleskope in CAHA (Calar Alto, Spanien)</a></li> <li><a href="https://www.esa.int/Enabling_Support/Space_Engineering_Technology/ESA_s_Tenerife_telescope_resumes_watching_the_sky">OGS-Teleskop auf Teneriffa</a> (Spanien)</li> </ul> <p>Ein weiteres ist im Bau auf Sizilien – <a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/Flyeye_ESA_s_bug-eyed_asteroid_hunters">das sogenannte Flyeye.</a><br></br>Die Teleskope werden programmiert und machen dann automatisiert ihre Aufnahmen. Die Auswertung und Suche nach NEOs erfolgt zunächst maschinell, dann manuell.</p> <p>Als begeisterter langjähriger Amateurastronom (Starkenburg-Sternwarte Heppenheim) sucht Rainer Kresken nicht nur während der Arbeitszeit, sondern auch oft noch in der Freizeit nach Kleinplaneten und hat schon viele entdeckt. Das Heppenheimer Amateur-Observatorium ist dafür international bekannt und hat schon viele Kleinplaneten benannt. Er ist also begeistert und erfahren bei der Suche nach Himmelskörpern, sowohl beruflich als auch privat.<br></br>Die Programmierung und Bildauswertung von Teleskop-Daten, die irgendwo in Europa oder Südamerika stehen, erfolgt seit Jahren meist online, auch bei ESA.<br></br>Da seit der Corona-Pandemie solche Arbeiten sogar im Home-Office durchgeführt werden, und der Astronom Ende November 2025 neugierig auf die Skills der neuen, gerade montierten Kamera auf dem Calar Alto-Teleskop machen würde, schaute er eines Sonntagabends, während wir eigentlich im Wohnzimmer „Tatort“ guckten, nach (Wir sind verheiratet und lästern manchmal gemeinsam über den Sonntagabend-Tatort).<br></br>Dabei erblickte er auf dem grisseligen Schwarz-Weiß-Bild einen in eine Richtung verwischten Flatschen, der sich offenbar auf einer Bahn um die Sonne bewegte. Das „Ding“ war plötzlich, wie aus dem Nichts aufgetaucht, sein Kurs war noch nirgendwo verzeichnet und es hatte unverkennbar einen Schweif.<br></br>Ein neuer Komet?<aside></aside></p> <h2 id="h-komet-p-2025-w3-kresken"><strong>Komet </strong><a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><strong>P/2025 W3 (Kresken)</strong></a></h2> <p>Rainer Kresken informierte sofort seine Kollegen und beobachtete weiter. Bei der Entdeckung eines mutmaßlich noch unbekannten Himmelskörpers geht es zunächst darum, ihn durch mehrere Einstellungen und Augenpaare zu bestätigten.<br></br>Schnell wurde klar: Rainer Kresken hatte tatsächlich einen noch unbekannten Kometen entdeckt, der durch unser Sonnensystem saust. Nicht in einer exzentrischen Bahn, wie die meisten Kometen, sondern auf einer Kreisbahn.</p> <p>Das lichtschwache Objekt war erst durch die neue Kamera zu entdecken gewesen.<br></br>Er wird der Erde nicht nahe kommen und stellt keine Gefahr dar, darum ist er <a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/10_asteroids_named_to_honour_ESA_s_role_in_Planetary_Defence">einfach eine spannende Entdeckung und die Bestätigung, dass die neue Kamera</a> ausgezeichnet funktioniert. <a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/10_asteroids_named_to_honour_ESA_s_role_in_Planetary_Defence">Wie gut die Planetary Defence arbeitet, ist u a an der Menge</a> der entdeckten Asteroiden zu sehen: ESA hat 2025 gerade 10 neue benannt.</p> <p>Neu entdeckte Kometen tragen immer den Namen ihres Entdeckers/ihrer Entdeckerin. Da die Kometen-Nomenklatur-Kommission den Namen NEOCC-Kresken zu kompliziert fand, steht nun nur sein Name hinter der Kometennummer:<br></br><a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">P/2025 W3 (Kresken)</a></p> <h2 id="h-hamburger-schmidt-spiegel"><strong>Hamburger Schmidt-Spiegel</strong></h2> <p>Für das Teleskop war die Entdeckung von <a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">P/2025 W3 (Kresken)</a> schon die dritte Kometen-Entdeckung. Der „Hamburger Schmidt-Spiegel“ hat eine lange und bewegte Geschichte hinter sich, die 1954 auf der Sternwarte Bergedorf (Hamburg) begann.<br></br>Dort hatte der <a href="https://www.deutschlandfunk.de/sternzeit-11-april-2024-das-geniale-teleskop-des-einarmigen-optikers-dlf-c5ef42d7-100.html">geniale Bernhard Schmidt eine neue, bahnbrechende</a> Technologie konzipiert, die sich als bedeutende Innovation herausstellte. Der einarmige Optiker – er hatte sich als Kind beim Experimentieren mit Feuerwerk einen Arm weggesprengt – <a href="https://hsweb.hs.uni-hamburg.de/projects/plate-archive/Scans/web/Stw/schmidt/index.html">arbeitete und tüftelte nicht nur auf der Sternwarte in Bergedorf</a>, sondern wurde dort schließlich auch beigesetzt. Seinen Grabstein kann man heute noch besuchen, am Rande des Geländes mit den vielen alten Bäumen und Gebäuden.<br></br><em><br></br></em>„<a href="https://plate-archive.hs.uni-hamburg.de/index.php/de/institute">Der <strong>Große Schmidt-Spiegel</strong> wurde 1954</a> in Betrieb genommen (siehe <a href="https://hsweb.hs.uni-hamburg.de/projects/plate-archive/Scans/web/Plattenarchiv/Plattendaten_GS_table.html">Plattenarchiv html Version</a>), was allerdings bereits zu spät für diesen Standort war. Mit ihm wurden 5771 Fotoplatten in Hamburg aufgenommen, von denen 5323 erhalten sind.“ Die Großstadt Hamburg war gewachsen und durch die Lichtverschmutzung waren die Beobachtungsbedingungen selbst am Rand der Metropole zu schlecht geworden.<br></br>So wurde der Spiegel 1975 auf das spanische Observatorium auf dem Calar Alto verlegt, wo seine Qualität durch die besseren Sichtbedingungen (Luftruhe, Dunkelheit) erst richtig und nutzbar sichtbar wurde. Immer noch wurden die Aufnahmen auf den großen Photoplatten gemacht.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 678px) 100vw, 678px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt-678x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt-678x1024.jpg 678w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt-199x300.jpg 199w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt-768x1160.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt-1017x1536.jpg 1017w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt.jpg 1024w" width="678"></img></a><figcaption>Hamburg Schmidt-Spiegel in CAHA (Copyright: CAHA)</figcaption></figure> <p>Die Optik des Schmidt-Spiegels war so genial, dass viele weitere Teleskope dieser Art konstruiert wurden. Zur Unterscheidung von anderen wurde das Ex-Bergedorfer <a href="https://www.caha.es/CAHA/Telescopes/schmidt.html">Teleskop in Calar Alto „Hamburger Schmidt-Spiegel“</a> genannt.<br></br>Nach seiner vollständigen <a href="https://ui.adsabs.harvard.edu/abs/2020sea..confE.230L/abstract">Überholung und technischen Aufrüstung wird es seit 1980 mit</a> einer neuen Kamera zur NEO-Beobachtung durch die ESA eingesetzt.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="343" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-1024x343.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-1024x343.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-300x101.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-768x257.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-1536x515.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-2048x686.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Panorama CAHA bei Schnee (Copyright CAHA)</figcaption></figure> <p>Und jetzt bekam es, mit der wachsenden Bedeutung von Planetary Defence, wieder eine neue Kamera spendiert.<br></br>In seiner langen Lebenszeit hat das Teleskop nun bereits drei Kometen-Entdeckungen ermöglicht:</p> <ul> <li><strong>1973 <a href="https://www.physik.uni-hamburg.de/de/hs.html">Hamburger Sternwarte Bergedorf</a>: Komet </strong><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/C/1973_E1_(Kohoutek)"><strong>C/1973 E1 (Kohoutek)</strong></a></li> <li><strong>1986, <a href="https://www.caha.es/">CAHA, auf dem Calar Alto</a>: Komet Thiele (C/1985 T1)</strong></li> <li><strong>2025 <a href="https://www.caha.es/">CAHA, auf dem Calar Alto</a></strong><strong>: Komet </strong><a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><strong>P/2025 W3 (Kresken)</strong></a><strong></strong></li> </ul> <p>Und der Astronom und Kometenentdecker Thiele hat seinem Kometenentdecker-Kollegen Rainer Kresken gleich per Mail gratuliert.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte.jpg 1600w" width="1024"></img></a><figcaption>Rainer Kresken beim Photo-Termin mit der Photographin (Danke!) des Darmstädter Echos in der Kuppel vor dem Mühleis-Teleskop (Starkenburg-Sternwarte Heppenheim)</figcaption></figure> <h2 id="h-komet-kresken-und-ufo-alarm"><strong>Komet Kresken und UFO-Alarm</strong></h2> <p>Da die Entdeckung durch das spanische CAHA-Observatorium gemacht wurde, geht es gerade wesentlich stärker durch die spanischsprachige Presse, als durch die deutsche Medienlandschaft.<p>Und wie schon beim interstellaren Kometen 3I/<em>ATLAS</em> gibt es UFO-Alarm.</p><br></br>Der Argentinier Fernando Silva Hildebrandt ist Director / Productor General des La Señal (ciencia y misterios) auf  YouTube und erklärt in einem neuen Video Kometen und außerirdische Objekte. Dieses argentinische Video in abenteuerlichem Englisch zeigt ihn im Interview mit zwei Journalisten mit eher überschaubarer Astrophysik-Expertise.</p> <p>Zu Kometen erklärt er viele Fakten korrekt, allerdings driftet das Ganze dann in seltsame Richtungen ab. Mir ist auch nicht in jedem Fall klar geworden, ob er nun gerade über  3I/<em>ATLAS </em>oder <a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><strong>P/2025 W3 (Kresken)</strong></a> spricht. Allerdings ist ganz sicher, dass die vorliegenden Aufnahmen von <a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><strong>P/2025 W3 (Kresken)</strong></a> 1. keinerlei Jets zeigen und 2. seine Zusammensetzung nicht bekannt ist, da keine Spektroskopie gemacht werden konnte. Hildebrandts Aussagen dazu müssen sich also auf 3I/<em>ATLAS </em>beziehen.<br></br>Die wilde Diskussion zu dem interstellaren <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/3i-atlas-ein-interstellarer-komet/">3I/<em>ATLAS</em>, einem wirklich außergewöhnlichen Kometen, gibt`s hier. </a></p> <p>Ich fand die Hildebrandt-Show ziemlich wirr, möchte aber niemanden davon abhalten, sich selbst ein Urteil zu bilden:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/lvjiE_Y33k8?feature=oembed" title="¿COMETA O ALGO MÁS? ☄️ El misterio de Kresken y las teorías que aterran a la ciencia" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Man bricht nicht jeden Sonntagabend einen Tatort wegen einer Kometenentdeckung ab.<br></br>Dann noch in einen UFO-Mythos verwickelt zu werden, ist schon ein besonderes Erlebnis.<p>Ein herzliches Dankeschön an Rainer Kresken für das irre Erlebnis der Kometenentdeckung, an die Photographin für das schöne Portrait (Rainer in seinem natürlichen Lebensraum) und das CAHA-Team für die schönen Aufnahmen aus Spanien (ich liebe das Panorama!).</p><br></br></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/komet-p-2025-w3-kresken/#comments 4 Von Babies und Melodien unserer Sprache https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/von-babies-und-melodien-unserer-sprache/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/von-babies-und-melodien-unserer-sprache/#respond Mon, 09 Feb 2026 18:10:26 +0000 Antonia Ceric https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5634 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/little-cute-toddler-dress-scaled-e1770573472670-768x205.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/von-babies-und-melodien-unserer-sprache/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/little-cute-toddler-dress-scaled-e1770573472670.jpg" /><h1>Von Babies und Melodien unserer Sprache » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>Neulich verbrachte ich einen gemütlichen Abend auf der Couch, mit dem neuen Frankenstein-Film und süß-salzigem Popcorn. Plötzlich laute Stimmen. Aus dem Film stammten die allerdings nicht. Den Kopf in Richtung Wand gedreht wurde mir klar: Das sind die Nachbarn. Eine zweite Stimme erwidert laut etwas. Lachen. Die andere Person stimmt ein. Die beiden scheinen eine gute Zeit miteinander zu haben, denke ich mir. Dabei habe ich eigentlich kein einziges Wort des Gesprächs tatsächlich verstanden. Warum ist mir dennoch klar, dass die Nachbarn sich nebenan definitiv nicht die Köpfe einschlagen oder gerade den traurigsten Film aller Zeiten sehen? Die Antwort liegt wie so oft in unserem faszinierenden Denkorgan, in unserem Gehirn.</p> <h4 id="h-ohne-zwischentone-der-sprachmelodie-konnten-wir-nicht-zwischen-den-zeilen-lesen">Ohne Zwischentöne der Sprachmelodie könnten wir nicht zwischen den Zeilen lesen!</h4> <p>Die Fähigkeit Emotionen aus der Stimme anderer zu lesen ist grundlegend für jegliche Kommunikation. Ohne sie könnten wir nicht „zwischen den Zeilen lesen“ und alle Nuancen einer sozialen Interaktion erfassen, die über das bloße Gesagte hinaus gehen. Das Geheimnis liegt in der Sprachmelodie, die wir nutzen, um etwas auszudrücken. Fachleute sprechen hier auch von <em>Prosodie, </em>da dieser Begriff nicht nur die Melodie umfasst, sondern auch rhythmische Feinheiten der Sprache mit einbezieht. Wie wichtig die Prosodie für uns ist, wird außerdem deutlich, wenn wir zu den Anfängen des Sprechens gehen. </p> <p>Wenn Babies auf die Welt kommen, können sie noch nicht sofort sprechen. Sie geben Laute von sich, Babysprache. Schnell versuchen sie nachzuahmen, was ihnen an Sprache bei Mama oder Papa begegnet. Aber Überraschung: Selbst die noch unverständlichen Laute der Babies klingen nicht überall gleich. Ein Baby in Brasilien macht andere Laute, als es vielleicht das Baby in Korea tun würde. Während deutschsprachige Babies in einer Melodie eher mit der Stimme nach unten gehen, machen es Babies in Frankreich genau andersherum. Das liegt nicht nur an dem, was sie ab der Geburt zu hören bekommen. Nein, noch bevor sie auf der Welt sind, nehmen Säuglinge im Mutterleib schon einiges wahr. Einzelne, klare Worte dringen nicht durch den Schutz aus Bauchdecke, Gewebe und Fruchtwasser. Die Sprachmelodie allerdings schon. Sie ist also eines der ersten Dinge, die wir überhaupt an verbaler Kommunikation wahrnehmen. [1]</p> <p>Fragt sich nur, wie genau unser Gehirn es schafft nur aus diesen flüchtigen akustischen Schwingungen auf eine konkrete Emotion zu schließen. Warum weiß ich sofort, dass die Nachbarn sich nicht streiten, sondern Spaß zu haben scheinen? Um das zu verstehen, müssen wir uns erst einmal anschauen, wie wir überhaupt Sprache verarbeiten.</p> <h3 id="h-die-neuronale-architektur-der-sprache"><strong><strong>Die neuronale Architektur der Sprache</strong></strong></h3> <p>Für die Sprachverarbeitung ist nicht ein einzelnes Areal verantwortlich, sondern ein ganzes Netzwerk. Linguisten und Neurowissenschaftler kennen es klassischerweise als das „Dual-Stream-Modell“. Denn nach dem Modell gibt es zwei Hauptpfade in unserem Gehirn, die auf verschiedene Weise Sprachsignale verarbeiten.<aside></aside></p> <p>Da ist zum einen der ventrale Strom – der im Hirn weiter unten liegende – der sogenannte „Was-Pfad“. Er verläuft von den primären Hörzentren nach vorne in Richtung des Schläfenlappens und ist vor allem dafür zuständig, Phoneme (die Laute aus denen Wörter zusammengesetzt sind) zu erkennen und Wörter in ihre Bedeutung zu übersetzen. Zum anderen gibt es den dorsalen Strom – weiter oben liegend im Hirn – den „Wie-Pfad“. Dieser verbindet die auditiven Areale mit dem motorischen und prämotorischen Cortex. Nach dem Modell ahmt der Wie-Pfad Sprache nach oder plant die Mundbewegungen beim Sprechen. Er könnte auch das motorische Programm des Gesprochenen simulieren, um das Verstehen zu unterstützen. Mit anderen Worten: Wir hören, wie etwas gesagt wird, und unser Gehirn simuliert, wie es wäre das selbst zu sagen. Diese Simulation hilft uns dann effizienter und schneller beim Zuhören zu verstehen. [2]</p> <h3 id="h-arbeitsteilung-im-gehirn"><strong>Arbeitsteilung im Gehirn</strong></h3> <p>Das Dual-Stream-Modell zeigt uns, wie wir das Gesprochene vom akustischen Signal in Wörter und Sätze verwandeln. Diese Aufgabe ist vornehmlich das Spezialgebiet der linken Hirnhälfte. Es gibt allerdings starke Hinweise auf ein ähnliches Netzwerk aus zwei Pfaden auch in der rechten Hirnhälfte, das einen anderen Fokus hat. Die Sprachmelodie! [3]</p> <p>Diese Erkenntnis fügt sich wunderbar in weitere Funde ein, die wir zur Aufgabenteilung beim Verarbeiten akustischer Reize im Gehirn gemacht haben. Die linke Hirnhälfte ist nämlich besser darin, zeitliche Informationen akustischer Signale präzise zu entschlüsseln. Wann setzt ein Laut ein oder wie schnell ist die Abfolge von Lauten? Es geht also um schnelle Veränderungen im Sprachsignal, wie beim Hören von einzelnen Lauten, Silben oder Sprachrhythmus. Die rechte Hirnhälfte hingegen ist sensibler für spektrale Informationen, also Klangfarbe, Tonhöhe oder Melodiebögen – Merkmale, die wir zum Beispiel in der Sprachmelodie oder der Musik wahrnehmen.</p> <p>Diese Spezialisierung gilt nicht nur beim Zuhören. Auch wenn wir selbst Sprache produzieren, nutzt unser Gehirn diese Aufgabenteilung, um über das Gehör unsere Aussprache laufend zu kontrollieren. Die linke Seite überwacht dabei mehr das Timing, während die rechte eher auf die Klangqualität achtet. Genau diese Melodiekurven sind das Rohmaterial, aus dem unser Gehirn später Kategorien wie „Frage“, „Befehl“ oder „Kompliment“ formt. [4]</p> <h3 id="h-von-der-akustik-zur-emotion"><strong>Von der Akustik zur Emotion</strong></h3> <p>Das Rohmaterial ist nun analysiert. Die Stimmen, die ich durch die Wand als akustische Signale wahrgenommen habe, hat mein Gehirn in ihre Einzelteile zerlegt und analysiert. In welcher Melodie wird gesprochen? Wie laut? Wie schnell? In welcher Intensität? Zitternd oder bestimmt? Und so weiter! Nun wissen wir aber immer noch nicht, wie aus diesen ganzen Informationen schließlich eine Bewertung wird, die uns sagt, welche Emotion wir da wahrnehmen.</p> <p>Aber keine Sorge, auch hierfür hat die Wissenschaft ein Modell aufgestellt, das uns hilft zu verstehen, welche Schritte unser Hirn in den weiteren Verarbeitungsschritten durchläuft. Das Modell von Schirmer und Kotz teilt die Verarbeitung emotionaler Sprachmelodie hierfür in drei Phasen ein. </p> <h4 id="h-emotionale-sprachmelodie-drei-phasen-der-verarbeitung">Emotionale Sprachmelodie: Drei Phasen der Verarbeitung</h4> <p>In der ersten Phase, etwa 100 Millisekunden nach dem ersten Laut, findet eine rein akustische Analyse statt. Das Gehirn registriert die physikalischen Parameter: Wie hoch ist die Frequenz? Wie laut ist das Signal? Wie lange dauert der Vokal? Diese Phase umfasst also all die akustischen Details, die wir uns gerade angeschaut haben.</p> <p>In der zweiten Phase, nach etwa 200 Millisekunden, findet die eigentliche emotionale Identifikation statt. Nun interpretiert unser Hirn erstmals, welche Emotion zu den vorher gesammelten Informationen passen könnte. Die Zuordnungsmuster hierfür haben wir aus der Erfahrung gelernt.</p> <p>In der dritten Phase, nach etwa 400 Millisekunden, Gleicht unser Gehirn die Entscheidung, welche Emotion das wohl war, noch einmal mit zusätzlichen Eindrücken der Situation ab. Passt der genervte Unterton zum Beispiel zum freundlichen Gesichtsausdruck? Könnten das Freudentränen sein oder habe ich die Person falsch verstanden und sie ist gerade eigentlich traurig? In dieser Phase wird das Gehörte bewusst bewertet und in den Kontext der Gesamtsituation eingebettet. [5]</p> <p>Wenn ich allerdings auf der Couch sitze und durch die Wand höre, wie meine Nachbarn herzlich lachen, habe ich keine zusätzlichen Informationen. Schließlich kann ich schlecht durch Wände gucken. Aber schon diese minimalen Infos reichen meinem Gehirn, um einen Schluss zu ziehen! Eine Meisterleistung, die die Spracherkennung auf dem Smartphone erst einmal nachmachen muss.</p> <h2 id="h-quellen"><strong>Quellen</strong></h2> <p>[1] Mampe, B., Friederici, A. D., Christophe, A., &amp; Wermke, K. (2009). Newborns’ cry melody is shaped by their native language. <em>Current Biology</em>, <em>19</em>(23), 1994–1997. <a href="https://doi.org/10.1016/j.cub.2009.09.064" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.cub.2009.09.064</a></p> <p>[2] Hickok, G., &amp; Poeppel, D. (2007). The cortical organization of speech processing. <em>Nature Reviews Neuroscience</em>, <em>8</em>(5), 393–402. <a href="https://doi.org/10.1038/nrn2113" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1038/nrn2113</a></p> <p>[3] Sammler, D., Grosbras, M. H., Anwander, A., Bestelmeyer, P. E., &amp; Belin, P. (2015). Dorsal and Ventral Pathways for Prosody. <em>Current biology : CB</em>, <em>25</em>(23), 3079–3085. https://doi.org/10.1016/j.cub.2015.10.009</p> <p>[4] Albouy, P., Benjamin, L., Morillon, B., &amp; Zatorre, R. J. (2020). Distinct sensitivity to spectrotemporal modulation supports brain asymmetry for speech and melody. <em>Science</em>, <em>367</em>(6481), 1043–1047. <a href="https://doi.org/10.1126/science.aaz3468" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1126/science.aaz3468</a></p> <p>[5] Schirmer, A. &amp; Kotz, S. A. (2005). Beyond the right hemisphere: brain mechanisms mediating vocal emotional processing. <em>Trends in Cognitive Sciences</em>, <em>10</em>(1), 24–30. https://doi.org/10.1016/j.tics.2005.11.009</p> <p>Beitragsbild: <a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/ein-suesses-kleines-kleinkind-im-kleid_4201312.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=16&amp;uuid=b3fb6e38-e630-4a45-9a3d-3f48cf4f6739&amp;query=baby+studio">Bild von senivpetro auf Freepik</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/little-cute-toddler-dress-scaled-e1770573472670.jpg" /><h1>Von Babies und Melodien unserer Sprache » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>Neulich verbrachte ich einen gemütlichen Abend auf der Couch, mit dem neuen Frankenstein-Film und süß-salzigem Popcorn. Plötzlich laute Stimmen. Aus dem Film stammten die allerdings nicht. Den Kopf in Richtung Wand gedreht wurde mir klar: Das sind die Nachbarn. Eine zweite Stimme erwidert laut etwas. Lachen. Die andere Person stimmt ein. Die beiden scheinen eine gute Zeit miteinander zu haben, denke ich mir. Dabei habe ich eigentlich kein einziges Wort des Gesprächs tatsächlich verstanden. Warum ist mir dennoch klar, dass die Nachbarn sich nebenan definitiv nicht die Köpfe einschlagen oder gerade den traurigsten Film aller Zeiten sehen? Die Antwort liegt wie so oft in unserem faszinierenden Denkorgan, in unserem Gehirn.</p> <h4 id="h-ohne-zwischentone-der-sprachmelodie-konnten-wir-nicht-zwischen-den-zeilen-lesen">Ohne Zwischentöne der Sprachmelodie könnten wir nicht zwischen den Zeilen lesen!</h4> <p>Die Fähigkeit Emotionen aus der Stimme anderer zu lesen ist grundlegend für jegliche Kommunikation. Ohne sie könnten wir nicht „zwischen den Zeilen lesen“ und alle Nuancen einer sozialen Interaktion erfassen, die über das bloße Gesagte hinaus gehen. Das Geheimnis liegt in der Sprachmelodie, die wir nutzen, um etwas auszudrücken. Fachleute sprechen hier auch von <em>Prosodie, </em>da dieser Begriff nicht nur die Melodie umfasst, sondern auch rhythmische Feinheiten der Sprache mit einbezieht. Wie wichtig die Prosodie für uns ist, wird außerdem deutlich, wenn wir zu den Anfängen des Sprechens gehen. </p> <p>Wenn Babies auf die Welt kommen, können sie noch nicht sofort sprechen. Sie geben Laute von sich, Babysprache. Schnell versuchen sie nachzuahmen, was ihnen an Sprache bei Mama oder Papa begegnet. Aber Überraschung: Selbst die noch unverständlichen Laute der Babies klingen nicht überall gleich. Ein Baby in Brasilien macht andere Laute, als es vielleicht das Baby in Korea tun würde. Während deutschsprachige Babies in einer Melodie eher mit der Stimme nach unten gehen, machen es Babies in Frankreich genau andersherum. Das liegt nicht nur an dem, was sie ab der Geburt zu hören bekommen. Nein, noch bevor sie auf der Welt sind, nehmen Säuglinge im Mutterleib schon einiges wahr. Einzelne, klare Worte dringen nicht durch den Schutz aus Bauchdecke, Gewebe und Fruchtwasser. Die Sprachmelodie allerdings schon. Sie ist also eines der ersten Dinge, die wir überhaupt an verbaler Kommunikation wahrnehmen. [1]</p> <p>Fragt sich nur, wie genau unser Gehirn es schafft nur aus diesen flüchtigen akustischen Schwingungen auf eine konkrete Emotion zu schließen. Warum weiß ich sofort, dass die Nachbarn sich nicht streiten, sondern Spaß zu haben scheinen? Um das zu verstehen, müssen wir uns erst einmal anschauen, wie wir überhaupt Sprache verarbeiten.</p> <h3 id="h-die-neuronale-architektur-der-sprache"><strong><strong>Die neuronale Architektur der Sprache</strong></strong></h3> <p>Für die Sprachverarbeitung ist nicht ein einzelnes Areal verantwortlich, sondern ein ganzes Netzwerk. Linguisten und Neurowissenschaftler kennen es klassischerweise als das „Dual-Stream-Modell“. Denn nach dem Modell gibt es zwei Hauptpfade in unserem Gehirn, die auf verschiedene Weise Sprachsignale verarbeiten.<aside></aside></p> <p>Da ist zum einen der ventrale Strom – der im Hirn weiter unten liegende – der sogenannte „Was-Pfad“. Er verläuft von den primären Hörzentren nach vorne in Richtung des Schläfenlappens und ist vor allem dafür zuständig, Phoneme (die Laute aus denen Wörter zusammengesetzt sind) zu erkennen und Wörter in ihre Bedeutung zu übersetzen. Zum anderen gibt es den dorsalen Strom – weiter oben liegend im Hirn – den „Wie-Pfad“. Dieser verbindet die auditiven Areale mit dem motorischen und prämotorischen Cortex. Nach dem Modell ahmt der Wie-Pfad Sprache nach oder plant die Mundbewegungen beim Sprechen. Er könnte auch das motorische Programm des Gesprochenen simulieren, um das Verstehen zu unterstützen. Mit anderen Worten: Wir hören, wie etwas gesagt wird, und unser Gehirn simuliert, wie es wäre das selbst zu sagen. Diese Simulation hilft uns dann effizienter und schneller beim Zuhören zu verstehen. [2]</p> <h3 id="h-arbeitsteilung-im-gehirn"><strong>Arbeitsteilung im Gehirn</strong></h3> <p>Das Dual-Stream-Modell zeigt uns, wie wir das Gesprochene vom akustischen Signal in Wörter und Sätze verwandeln. Diese Aufgabe ist vornehmlich das Spezialgebiet der linken Hirnhälfte. Es gibt allerdings starke Hinweise auf ein ähnliches Netzwerk aus zwei Pfaden auch in der rechten Hirnhälfte, das einen anderen Fokus hat. Die Sprachmelodie! [3]</p> <p>Diese Erkenntnis fügt sich wunderbar in weitere Funde ein, die wir zur Aufgabenteilung beim Verarbeiten akustischer Reize im Gehirn gemacht haben. Die linke Hirnhälfte ist nämlich besser darin, zeitliche Informationen akustischer Signale präzise zu entschlüsseln. Wann setzt ein Laut ein oder wie schnell ist die Abfolge von Lauten? Es geht also um schnelle Veränderungen im Sprachsignal, wie beim Hören von einzelnen Lauten, Silben oder Sprachrhythmus. Die rechte Hirnhälfte hingegen ist sensibler für spektrale Informationen, also Klangfarbe, Tonhöhe oder Melodiebögen – Merkmale, die wir zum Beispiel in der Sprachmelodie oder der Musik wahrnehmen.</p> <p>Diese Spezialisierung gilt nicht nur beim Zuhören. Auch wenn wir selbst Sprache produzieren, nutzt unser Gehirn diese Aufgabenteilung, um über das Gehör unsere Aussprache laufend zu kontrollieren. Die linke Seite überwacht dabei mehr das Timing, während die rechte eher auf die Klangqualität achtet. Genau diese Melodiekurven sind das Rohmaterial, aus dem unser Gehirn später Kategorien wie „Frage“, „Befehl“ oder „Kompliment“ formt. [4]</p> <h3 id="h-von-der-akustik-zur-emotion"><strong>Von der Akustik zur Emotion</strong></h3> <p>Das Rohmaterial ist nun analysiert. Die Stimmen, die ich durch die Wand als akustische Signale wahrgenommen habe, hat mein Gehirn in ihre Einzelteile zerlegt und analysiert. In welcher Melodie wird gesprochen? Wie laut? Wie schnell? In welcher Intensität? Zitternd oder bestimmt? Und so weiter! Nun wissen wir aber immer noch nicht, wie aus diesen ganzen Informationen schließlich eine Bewertung wird, die uns sagt, welche Emotion wir da wahrnehmen.</p> <p>Aber keine Sorge, auch hierfür hat die Wissenschaft ein Modell aufgestellt, das uns hilft zu verstehen, welche Schritte unser Hirn in den weiteren Verarbeitungsschritten durchläuft. Das Modell von Schirmer und Kotz teilt die Verarbeitung emotionaler Sprachmelodie hierfür in drei Phasen ein. </p> <h4 id="h-emotionale-sprachmelodie-drei-phasen-der-verarbeitung">Emotionale Sprachmelodie: Drei Phasen der Verarbeitung</h4> <p>In der ersten Phase, etwa 100 Millisekunden nach dem ersten Laut, findet eine rein akustische Analyse statt. Das Gehirn registriert die physikalischen Parameter: Wie hoch ist die Frequenz? Wie laut ist das Signal? Wie lange dauert der Vokal? Diese Phase umfasst also all die akustischen Details, die wir uns gerade angeschaut haben.</p> <p>In der zweiten Phase, nach etwa 200 Millisekunden, findet die eigentliche emotionale Identifikation statt. Nun interpretiert unser Hirn erstmals, welche Emotion zu den vorher gesammelten Informationen passen könnte. Die Zuordnungsmuster hierfür haben wir aus der Erfahrung gelernt.</p> <p>In der dritten Phase, nach etwa 400 Millisekunden, Gleicht unser Gehirn die Entscheidung, welche Emotion das wohl war, noch einmal mit zusätzlichen Eindrücken der Situation ab. Passt der genervte Unterton zum Beispiel zum freundlichen Gesichtsausdruck? Könnten das Freudentränen sein oder habe ich die Person falsch verstanden und sie ist gerade eigentlich traurig? In dieser Phase wird das Gehörte bewusst bewertet und in den Kontext der Gesamtsituation eingebettet. [5]</p> <p>Wenn ich allerdings auf der Couch sitze und durch die Wand höre, wie meine Nachbarn herzlich lachen, habe ich keine zusätzlichen Informationen. Schließlich kann ich schlecht durch Wände gucken. Aber schon diese minimalen Infos reichen meinem Gehirn, um einen Schluss zu ziehen! Eine Meisterleistung, die die Spracherkennung auf dem Smartphone erst einmal nachmachen muss.</p> <h2 id="h-quellen"><strong>Quellen</strong></h2> <p>[1] Mampe, B., Friederici, A. D., Christophe, A., &amp; Wermke, K. (2009). Newborns’ cry melody is shaped by their native language. <em>Current Biology</em>, <em>19</em>(23), 1994–1997. <a href="https://doi.org/10.1016/j.cub.2009.09.064" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.cub.2009.09.064</a></p> <p>[2] Hickok, G., &amp; Poeppel, D. (2007). The cortical organization of speech processing. <em>Nature Reviews Neuroscience</em>, <em>8</em>(5), 393–402. <a href="https://doi.org/10.1038/nrn2113" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1038/nrn2113</a></p> <p>[3] Sammler, D., Grosbras, M. H., Anwander, A., Bestelmeyer, P. E., &amp; Belin, P. (2015). Dorsal and Ventral Pathways for Prosody. <em>Current biology : CB</em>, <em>25</em>(23), 3079–3085. https://doi.org/10.1016/j.cub.2015.10.009</p> <p>[4] Albouy, P., Benjamin, L., Morillon, B., &amp; Zatorre, R. J. (2020). Distinct sensitivity to spectrotemporal modulation supports brain asymmetry for speech and melody. <em>Science</em>, <em>367</em>(6481), 1043–1047. <a href="https://doi.org/10.1126/science.aaz3468" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1126/science.aaz3468</a></p> <p>[5] Schirmer, A. &amp; Kotz, S. A. (2005). Beyond the right hemisphere: brain mechanisms mediating vocal emotional processing. <em>Trends in Cognitive Sciences</em>, <em>10</em>(1), 24–30. https://doi.org/10.1016/j.tics.2005.11.009</p> <p>Beitragsbild: <a href="https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/ein-suesses-kleines-kleinkind-im-kleid_4201312.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=16&amp;uuid=b3fb6e38-e630-4a45-9a3d-3f48cf4f6739&amp;query=baby+studio">Bild von senivpetro auf Freepik</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/von-babies-und-melodien-unserer-sprache/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Können wir Große Sprachmodelle bescheidener machen? https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/koennen-wir-grosse-sprachmodelle-bescheidener-machen/ https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/koennen-wir-grosse-sprachmodelle-bescheidener-machen/#comments Mon, 09 Feb 2026 17:20:36 +0000 Jaromir Konecny https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/?p=1055 https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Superman-Roboter-fliegt_Blogheader-768x134.png <link>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/koennen-wir-grosse-sprachmodelle-bescheidener-machen/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Superman-Roboter-fliegt_Blogheader.png" /><h1>Können wir Große Sprachmodelle bescheidener machen? » Gehirn & KI » SciLogs</h1><h2>By Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>Diesen Beitrag gibt es auch als Video im YouTube-Kanal <a href="https://www.youtube.com/@k.i.krimis/videos" rel="noreferrer noopener" target="_blank">K.I. Krimis</a> unserer <a href="https://www.mobile-university.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">SRH Fernhochschule</a>: <a href="https://youtu.be/UYPO-k8O3PE?si=7Vnh5vkss0tAP54W" rel="noopener" target="_blank">Können wir große Sprachmodelle bescheidener machen? 🤖 Der KI-Krimi über Größenwahn.</a></p> <h2 id="h-inhalt">Inhalt</h2> <p><a href="#h-selbsuberschatzung-bei-menschen">Selbsüberschätzung bei Menschen</a></p> <p><a href="#h-selbstuberschatzung-bei-grossen-sprachmodellen">Selbstüberschätzung bei Großen Sprachmodellen</a></p> <p><a href="#h-warum-llms-sich-selbst-uberschaetzen">Warum LLMs sich selbst überschätzen?</a></p> <p><a href="#h-die-unheilige-allianz">Die unheilige Allianz</a><aside></aside></p> <p><a href="#h-konnen-wir-ki-bescheidener-machen">Können wir KI bescheidener machen?</a></p> <h2 id="h-selbsuberschatzung-bei-menschen"><a name="_Toc209423979"></a>Selbsüberschätzung bei Menschen</h2> <p>Am Anfang war das Wort, also ein Sprachmodell. 😊</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell.png"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell.png 1920w" width="1024"></img></a></figure> <p>Ich fange aber mit dem Menschen an: Selbstüberschätzung kommt einem wie eine urmenschliche Eigenschaft vor: Vor allem wenig kompetente Menschen neigen dazu, sich selbst zu überschätzen – sich für besonders kompetent zu halten. Das erklärt der <a href="https://youtu.be/phOABGk4heo?si=C4gqZePwKjaY07sL">Dunning-Kruger-Effekt</a>: „Wer wenig weiß, merkt nicht, wie wenig er weiß“, und füllt sich allwissend und übermächtig, oder versteht nicht, warum andere ihn nicht für allwissend und übermächtig halten.</p> <p>Wir überschätzen uns liebend gern. Wer von uns hat bei einem Foto von sich nicht gedacht, das Foto zeige ihn weniger hübsch, als er WIRKLICH sei? Oft meckern wir bei jeder Aufnahme von uns: Warum ist mein Bauch auf dem Foto größer als in Echt? Glaubt mir, bitte: Fotos lügen nicht!</p> <p>Nach dem „Besser-als-mein-Durchschnitt-Effekt“, der von vielen sozialpsychologischen Studien bestätigt wurde, halten sich Menschen in vielen Disziplinen für viel besser als der Durschnitt. Das ist statistisch unmöglich. Der Durchschnitt von 100 Menschen liegt bei 50. Nehmen wir zum Beispiel das Wissen um Impfungen und Impfstoffe. Wie können sich 70 Menschen von 100 für besser um Impfungen als der Durchschnitt informiert halten? Das würde bedeuten, dass der Durchschitt von 100 bei 30 liegt.</p> <p>Viele maßen sich z. B. an, über Impfungen mehr als Virologen und Immunologen zu wissen, die sich mit dem Thema seit zig Jahren in Vollzeit beschäftigen. Wenn die Welt zugrunde geht, dann an Selbstüberschätzung. Zurück aber zu Sprachmodellen.</p> <h2 id="h-selbstuberschatzung-bei-grossen-sprachmodellen"><a name="_Toc209423980"></a>Selbstüberschätzung bei Großen Sprachmodellen</h2> <p>Selbstüberschätzung bei Sprachmodellen, LLMs (Large Language Modells) ist kein Zeichen von Ignoranz oder „gesundem Selbstvertrauen“, sondern eine Fehlkalibrierung zwischen Ausgabe-Sicherheit und faktischer Richtigkeit. Den Modellen fehlt der „innere Mechanismus“, der Menschen motiviert, selbstbewusst aufzutreten. Bei Modellen ist die Selbstüberschätzung ein Nebenprodukt von Daten und Trainingsmethoden. Wenn KI-Modelle mit Nachdruck etwas Falsches behaupten, ist es ein Kalibrierungsproblem: Eine gut kalibrierte KI würde sagen, dass sie beim Raten nur zu 50 % sicher sein könne, recht zu haben. Eine übermütige KI sagt, „Auf jeden Fall!”, auch wenn sie nur rät.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <p>Generell werden Sprachmodelle trainiert, immer eine eloquente Antwort in einem überzeugenden Ton zu geben. „Ich weiß nicht zu sagen“, ist ihnen fremd, egal wie wir sie prompten. Warum das so ist, erklärt schön eine neue Studie von OpenAI: <a href="https://openai.com/de-DE/index/why-language-models-hallucinate/" rel="noopener" target="_blank">Warum LLMs halluzinieren?</a></p> <p>Warum Sprachmodelle halluzinieren, fragen wir uns aber andersmal. Jetzt bleiben wir bei ihrer Selbstüberschätzung. Dass große Sprachmodelle vor Selbstüberschätzung strotzen, zeigte eindrucksvoll die Studie <a href="https://arxiv.org/abs/2505.19184" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Wenn zwei LLMs debattieren, glauben beide, dass sie gewinnen</a>.</p> <p>In der Studie wurden politische Debatten zwischen modernen LLMs simuliert: Noch bevor überhaupt Argumente ausgetauscht wurden, begannen alle Modelle ihre Debatten mit einem durchschnittlichen anfänglichen Vertrauen von 72,9 % in ihre Gewinnchancen, obwohl jedes Modell nur eine Chance von 50 % zu gewinnen hatte. Anstatt durch die zunehmende Konfrontation mit gegnerischen Standpunkten eines ähnlich selbstüberzeugten gegnerischen Modells umsichtiger zu werden, wurden die LLMs von sich selbst noch mehr überzeugt: Ihre durchschnittliche Selbsteinschätzung der Gewinnwahrscheinlichkeit stieg bis zur Endrunde auf 83 %. Selbst wenn ein LLM gegen eine identische Kopie seiner selbst debattierte – eine klare fifty-fifty-Chance – stieg sein Vertrauen in den Sieg immer noch von anfänglichen 64,1 % auf 75,2 %. Als die Modelle explizit darauf hingewiesen wurden, dass ihre Gewinnchance genau 50 % betrug, stieg ihr Vertrauen immer noch leicht an, von 50 % auf 57,1 %.</p> <p>Die Ergebniss seht ihr in der Tabelle 1 der Studie zusammengefasst:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47.png"><img alt="" decoding="async" height="557" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47-1024x557.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47-1024x557.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47-300x163.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47-768x418.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47.png 1129w" width="1024"></img></a></figure> <p>Quelle: <a href="https://arxiv.org/html/2505.19184v3" rel="noopener" target="_blank">When Two LLMs Debate, Both Think They’ll Win</a></p> <p> In der 1. Spalte sind die untersuchten Modelle aufgelistet: Deepseek-, OpenAI-, Anthropic-, Alibaba- und Google-Modelle. In den restlichen Spalten seht ihr die verschidenen Debattenkonstellationen:</p> <p><strong>Cross-model Debates </strong>– hier debattieren zwei verschiedene Modelle gegeneinander.</p> <p><strong>Standard Self-Debates </strong>– das Modell debattiert gegen eine identische Kopie seiner selbst. Dabei ist nicht ausdrücklich gesagt, dass die Gewinnchance 50 % ist.</p> <p>I<strong>nformed Self Debates</strong> – wie Standard Self-Debates, aber das Modell wird explizit informiert, dass seine Gewinnchance 50 % beträgt.</p> <p><strong>Public Bets</strong> – Konfiguration, in der die „Wetten“ oder Einschätzungen öffentlich sind, nicht privat bzw versteckt.</p> <p>Je roter das Feld der Tabelle bei einem Modell und einer Debattenkonstellation umso selbstüberzeugter ist das betrachtete Modell.</p> <h2 id="h-warum-llms-sich-selbst-uberschatzen"><a name="_Toc209423981"></a>Warum LLMs sich selbst überschätzen?</h2> <p>Warum neigen Sprachmodelle zur Selbstüberschätzung? Ein Sprachmodell hat doch keine Zweifel wie der Mensch, kein Testosteron, keine Superman-Anlagen. </p> <p>Zweifel bei Menschen sind gut. Selbstüberschätzung bei der Begegnung mit einem Bären führte früher dazu, dass man seine Gene nicht weiter geben konnte. Menschen ohne Zweifel überleben nicht. Das gilt auch für Politik. Manche Populisten scharen hinter sich auch heutzutage am Gipfel der Aufklärung viele Anhänger. Manche bekommen richtig viel Macht dadurch. Doch je mehr Diktator man wird, umso brutaler der Sturz – das ist ein Gesetz unserer Geschichte: Je größer die Selbstüberschätzung in der Politik, umso tiefer der Fall.</p> <p>Dumm ist nur, dass wir selbst einem Menschen aber auch einer Maschine zuerst umso mehr vertrauen, je überzeugter sie von sich selbst sind. Grammatikalisch perfekte und überzeugende Texte können falsche Antworten verschleiern. Und solche Texte bekommen wir eben von Modellen, die sich selbst überschätzen.</p> <p>Für die Selbstüberschätzung der Sprachmodelle bieten sich vier Gründe an, die zusammenwirken:</p> <ul> <li><strong>Mathematik macht‘s „spitzer“, als es ist</strong></li> <li><strong>Menschen belohnen Selbstüberschätzung</strong></li> <li><strong>Wir sind die Vorbilder</strong></li> <li><strong><strong>Keine Bremse für Selbstüberschätzung</strong></strong></li> </ul> <p>Sehen wir uns die einzelnen Gründe an:</p> <h3 id="h-mathematik-macht-s-spitzer-als-es-ist"><strong>Mathematik macht‘s spitzer, als es ist</strong></h3> <p>In Sprachmodellen wird für jedes mögliche nächste Token bzw. Wort in der Ausgabe ein Logit-Wert berechnet. Je größer das Logit eines Tokens (einer Spracheinheit, d. h. eines Subworts oder Worts) im Vergleich zu den anderen, desto wahrscheinlicher wird dieses Token durch die folgende Softmax-Normalisierung als nächstes ausgegeben. Logits können aber auch negativ sein. Aus diesem Grund nehmen wir die Softmax-Funktion – sie erzeugt Wahrscheinlichkeiten zwischen 0 und 1 (bzw. 0 und100 %). Die Wahrscheinlichkeiten summieren sich auf 1 (100 %). Die Umrechnung von Logits zu Wahrscheinlichkeiten für die Tokens seht Ihr auf dem Diagramm dargestellt:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48.png"><img alt="" decoding="async" height="415" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48-1024x415.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48-1024x415.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48-300x122.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48-768x312.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48-1536x623.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48.png 2014w" width="1024"></img></a></figure> <p>Die Umwandlung durch Softmax verstärkt also relative Unterschiede zwischen den Logits-Werten. Softmax verwandelt lineare Abstände zwischen Logits in exponentiell gewichtete Wahrscheinlichkeiten. Der Gummiband mit den Abständen zwischen den Tokens wird langezogen – das wahrscheinlichste Token rückt nach vorn, während die anderen zurückgedrängt werden.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49.png"><img alt="" decoding="async" height="432" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49-1024x432.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49-1024x432.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49-300x126.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49-768x324.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49-1536x647.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49.png 2014w" width="1024"></img></a></figure> <p>Der Unterschied zwischen den zwei Logit-Werten  –3 und +3 (nur 6 Punkte Unterschied) wird durch die Exponentialfunktion zu einem Verhältnis von 1:400 aufgeblasen. Je größer der Unterschied zwischen zwei Logits, desto stärker dominiert das Token mit dem größeren Logit. Ein Token bekommt fast das gesamte Gewicht, die anderen fast nichts – überspitzt gesagt. Das Spitzen-Token (oder eine kleine Auswahl von Spitzen-Tokens) wird ausgegeben, und das Modell klingt dadurch viel sicherer, als es tatsächlich Grund dazu hat.</p> <p>Aber nicht nur Mathematik, auch Menschen belohnen die Selbstüberschätung der Modelle:</p> <h3 id="h-menschen-belohnen-selbstuberschatzung"><strong>Menschen belohnen Selbstüberschätzung</strong></h3> <p>Beim Finetuning bzw. Nachtraining der Sprachmodelle, z. B. beim Reinforcement Learning from Human Feedback – bewerten menschliche Evaluatoren Modell-Antworten meist besser, die klar und überzeugt klingen. Dadurch lernt das Modell, dass das selbstbewusste Auftreten Punkte bringt – auch wenn der Inhalt dadurch nicht genauer oder besser wird.</p> <p>Ausserdem werden die Modelle mit menschlichen Texten aus dem Internet und aus Büchern trainiert:</p> <h3 id="h-wir-sind-die-vorbilder"><strong>Wir sind die Vorbilder</strong></h3> <p>Das Modell liest von uns Menschen ab. Da wir in unseren Texten oft sehr überzeugend auftreten, übernimmt das Modell diese Angewohnheit – inklusive unserer Neigung, mehr wissen zu glauben, als wir tatsächlich tun. Die Modelle lernen auch an den Posts und Antworten auf Fragen in sozialen Netzwerken wie reddit oder Stack Overflow. Dort wird eine Frage entweder beantwortet oder gar nicht.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <p>Oder seht ihr in einem Frageforum oft, dass jemand eine Frage stellt, und ein anderer diese Frage mit, „Ich weiß nicht!“, beantwortet?</p> <p>Doch wohl der wichtigste Grund für die Unfähigkeit der LLMs, “ich weiß nicht” zu sagen, ist <a href="https://openai.com/de-DE/index/chatgpt/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">das Finetuning – das Nachtraining der vortrainierten Sprachmodelle, um aus ihnen Chatbots zu machen</a>. Beim Finetuning mit Supervised-Finetuning (SFT) und Reinforcement Learning from Human Feedback (RLHF) werden die Modelle vor allem mit richtigen Multiple-Choice-Quizfragen und ihren Antworten darauf getrimmt, keine toxischen Antworten zu geben und Dialoge zu führen. Dabei müssen sie aus einer bestimmten Anzahl von Antworten die auswählen, die dem menschlichen Evaluator am besten gefällt: Im oben erwähnten Paper <a href="https://openai.com/de-DE/index/why-language-models-hallucinate/">Warum Sprachmodelle halluzinieren</a> sprechen OpenAI-Forscher dieses Problem an: Bei Multiple-Choice-Antworten solcher Tests steht nie die Antwort “Das weiß ich nicht” zur Auswahl. So werden LLMs statistisch gesehen mehr fürs Raten als für Ehrlichkeit belohnt. </p> <h3 id="h-keine-bremse-fur-selbstuberschatzung"><strong>Keine Bremse für Selbstüberschätzung</strong></h3> <p>Sprachmodelle bekommen nie das Feedback: „Du warst dir zu sicher.“ Sie lernen nur, Wörter vorherzusagen – nicht, wie stark sie zweifeln sollten. Darum wächst ihre Selbstüberschätzung, egal ob sie richtig liegen oder nicht. Außerdem kommen viele Trainingsdaten der Sprachmodelle aus den Sozialen Netzwerken. Ihre Algorithmen belohnen selbsternannte Experten und Influencer, die alles zu wissen scheinen, und das lautstark. Solche Posts werden am meisten geteilt und verbreitet und dienen anschließend als Trainingsdaten der Sprachmodelle.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 819px) 100vw, 819px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51-819x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51-819x1024.png 819w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51-240x300.png 240w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51-768x960.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51.png 900w" width="819"></img></a></figure> <p> Ein Sokrates, der weiß, dass er nichts weiß, würde heute nicht viele Follower ansammeln.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <h2 id="h-die-unheilige-allianz"><a name="_Toc209423982"></a>Die unheilige Allianz</h2> <p>Somot bilden mehrere Faktoren eine unheilige Allianz der Selbstüberschätzung von Sprachmodellen: Architektur, Trainingsdaten, Softmax, Finetuning … Und Feedback wie „Du warst zu sicher“ gibt es nie.</p> <p>Schon einer dieser Faktoren kann Ärger machen. Zusammen verstärken sie sich – und machen aus einem KI-Agentensystem, in dem mehr Sprachmodelle an einem Aufgabenflow gemeinsam arbeiten sollen, schnell eine Selbstüberschätzungsmaschine. Wenn nur ein einziges LLM innerhalb eines Agentensystems übermäßig von einer Information oder einer gewählten Aktion überzeugt ist und diese Information oder Aktion fehlerhaft ist, pflanzt sich der Fehler durch das System fort und kann bei jedem nachfolgenden Schritt verstärkt werden. Hier kann man sich zahlreiche Szenarien vorstellen, die ungute Folgen haben:</p> <ul> <li>Verbreitung von Fehlinformation und Desinformation</li> <li>Fehlerhafte Entscheidungen in sensiblen Bereichen wie Medizin, Recht und Finanzen</li> <li>Sicherheitsrisiken</li> <li>Selbstkonsistente Fehler: „Selbstkonsistente Fehler“, bei denen ein LLM wiederholt und selbstbewusst dieselbe falsche Antwort generiert, wird in Agentensystemen besonders heimtückisch. Diese Fehler sind resistent gegen Verbesserungen durch einfaches Hochskalieren der Modellgröße.</li> </ul> <p>Welche Faktoren und Einflüsse zusätzlich KI-Agentensysteme bedrohen und ob heutige KI-Agentensysteme deswegen zum Scheitern verurteilt sind, lote ich im <a href="https://youtu.be/pw-BGZZPZyc?si=ivkm2EOOyXTESGQx" rel="noreferrer noopener" target="_blank">K.I. Krimi-Video „Was bedroht K.I. Agent</a><a href="https://youtu.be/pw-BGZZPZyc?si=ivkm2EOOyXTESGQx">en.“</a> aus.</p> <p>Hier versuche ich noch zu beantworten, ob wir Sprachmodellen die ungute Selbstüberschätzung austreiben können.</p> <h2 id="h-konnen-wir-ki-bescheidener-machen"><a name="_Toc209423983"></a>Können wir KI bescheidener machen?</h2> <p>Forscher versuchen mit einigen Methoden, den eingebauten und antrainierten Größenwahn der Sprachmodelle zu zügeln. Zum Beispiel mit:</p> <ul> <li><b>Kalibrierungstricks und “Meckerei”</b></li> <li><b>Auch mehrere Modelle bringen weniger Größenwahn</b></li> <li><b>Stärkere Leitplanken für die KI</b></li> </ul> <h3 id="h-kalibrierungstricks-und-meckerei"><strong>Kalibrierungstricks und “Meckerei</strong>“.</h3> <p>Nach dem Training kann man Wahrscheinlichkeiten nachjustieren, damit eine Vorhersage wie „sehr wahrscheinlich“ nicht gleichbedeutend ist mit „unfehlbar“. Man könnte das Belohnungssystem umbauen: Wer sich überschätzt, soll nicht gelobt, sondern kritisch geprüft werden. <a href="https://openai.com/index/finding-gpt4s-mistakes-with-gpt-4/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">OpenAI hat CriticGPT entwickelt</a><a href="https://openai.com/index/finding-gpt4s-mistakes-with-gpt-4/"> </a>– eine Art eingebauten Nörgler oder Meckerer, der beim Finetuning die Antworten von GPT-Modellen durchleuchtet, um Fehler aufzudecken.</p> <h3 id="h-auch-mehrere-modelle-bringen-weniger-grossenwahn"><strong>Auch mehrere Modelle bringen weniger Größenwahn</strong></h3> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53.png"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53.png 2000w" width="1024"></img></a></figure> <p> Statt auf einen einzigen Alleskönner setzt man besser auf ein Team aus Modellen. Wenn Modell A Unsinn schreibt, kann Modell B – am besten aus einer ganz anderen Familie – auf die Bremse treten. Solche Misch-Teams liefern oft treffsicherere und besser kalibrierte Antworten als Gruppen von Klonen.</p> <p>Die Vielfalt macht den Unterschied: Zehn Kopien desselben Modells liefern zehn verschiedene Formulierungen – aber alle drehen sich um dasselbe falsche Konzept. Man bekommt Synonyme, nicht neue Einsichten. Kombiniert man dagegen unterschiedliche Modelle, hat man echte Gegenstimmen – und damit die Chance, dass einer ruft: „Der Kaiser ist nackt! – Das stimmt doch gar nicht!“</p> <p>Forschungen zum subliminalen (unterschwelligen Lernen – auch dazu gibt es einen <a href="https://youtu.be/QMKGp3O6FRY?si=cIdHHCu0f5ZWOpAU">K.I. Krimi: Flüstern sich Maschienen heimlich Botschaften zu?</a> – belegen außerdem: Modelle mit derselben Initialisierung können ihre Eigenheiten unbemerkt weitergeben. Trainiert man ein „Schüler-Modell“ mit den Ausgaben seines „Zwillings“, d. h. seines „Lehrer-Modells“, übernimmt der Schüler unterschwellig dessen Verzerrungen – selbst wenn die Daten neutral wirken. Bei unterschiedlichen Modellfamilien verschwindet dieser Effekt. Wer in Agentensystemen oder beim Finetuning wirklich Kontrolle behalten will, braucht daher Vielfalt statt Gleichschaltung – außerdem:</p> <h3 id="h-starkere-leitplanken-fur-ki-modelle"><strong>Stärkere Leitplanken für KI-Modelle</strong></h3> <p>Sprachmodelle werden bescheidener und sicherer, wenn man ihnen klare Leitplanken gibt – etwa Filter, die verdächtige Eingaben blockieren, oder Grenzen, was ein Agent ohne menschliche Aufsicht tun darf. Dazu kommen Stresstests: Man füttert die Modelle gezielt mit Prompt Injections, also verstecktenn Befehlen. Die Debatten-Studie zeigte: Schon ein einfacher Zusatz im Prompt („Überlege auch, warum dein Gegner gewinnen könnte“) bremste die Selbstüberschätzung merklich – das Vertrauen stieg nur noch leicht statt wie sonst im großen Sprung. Außerdem dürfen LLMs nicht allein Richter sein, weil sie selbst anfällig für Täuschungen und Verzerrungen sind. Mit Leitplanken und gezielten Angriffstests lassen sich übermütige KI-Agenten zügeln.</p> <p>Könnte ein noch größeres Modell die Wunderwafe als „Kontrollinstanz“ abgeben? Klingt gut, ist aber ein Irrglaube. Denn auch große Modelle überschätzen sich selbst munter weiter. Wenn sie obendrein mit denselben Daten und denselben Methoden trainiert wurden wie die kleineren Agenten, teilen sie auch deren blinde Flecken. Dann haben wir keinen Aufpasser, sondern nur einen Papagei, der denselben Unsinn wiederholt.</p> <p>Können wir also Große Sprachmodelle bescheidener machen?</p> <p>Wie besprochen können wir ihre Selbstüberschätzung dämpfen: mit Kalibrierung, eingebauten Kritikern und vor allem mit Vielfalt. 😊 Genauso wie Vielfalt menschliche Gesellschaften gegen Fallen wie Verdummung, Gleichschaltung und Niedergang schützt. Aber auch mit diesen Korrekturen bleiben KI-Agentensysteme aus Sprachmodellen bedroht: Sprachmodelle sind probabilistisch, sie folgen nicht immer Instruktionen, sie schmeicheln gern – und sie überschätzen sich nach wie vor.</p> <p>Wenn ein Agent an einer Stelle halluziniert, ein zweiter ihm aus Gefallsucht recht gibt und ein dritter die Wahrscheinlichkeit seiner Ausgabe falsch einschätzt, verstärkt sich der Fehler Schritt für Schritt. Dann hilft keine einzelne Bremse mehr – die ganze Maschinerie gerät ins Trudeln … darum geht es aber im nächsten Beitrag.</p> <p>Viel Spaß mit Deep Learning!</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Superman-Roboter-fliegt_Blogheader.png" /><h1>Können wir Große Sprachmodelle bescheidener machen? » Gehirn & KI » SciLogs</h1><h2>By Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>Diesen Beitrag gibt es auch als Video im YouTube-Kanal <a href="https://www.youtube.com/@k.i.krimis/videos" rel="noreferrer noopener" target="_blank">K.I. Krimis</a> unserer <a href="https://www.mobile-university.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">SRH Fernhochschule</a>: <a href="https://youtu.be/UYPO-k8O3PE?si=7Vnh5vkss0tAP54W" rel="noopener" target="_blank">Können wir große Sprachmodelle bescheidener machen? 🤖 Der KI-Krimi über Größenwahn.</a></p> <h2 id="h-inhalt">Inhalt</h2> <p><a href="#h-selbsuberschatzung-bei-menschen">Selbsüberschätzung bei Menschen</a></p> <p><a href="#h-selbstuberschatzung-bei-grossen-sprachmodellen">Selbstüberschätzung bei Großen Sprachmodellen</a></p> <p><a href="#h-warum-llms-sich-selbst-uberschaetzen">Warum LLMs sich selbst überschätzen?</a></p> <p><a href="#h-die-unheilige-allianz">Die unheilige Allianz</a><aside></aside></p> <p><a href="#h-konnen-wir-ki-bescheidener-machen">Können wir KI bescheidener machen?</a></p> <h2 id="h-selbsuberschatzung-bei-menschen"><a name="_Toc209423979"></a>Selbsüberschätzung bei Menschen</h2> <p>Am Anfang war das Wort, also ein Sprachmodell. 😊</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell.png"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell.png 1920w" width="1024"></img></a></figure> <p>Ich fange aber mit dem Menschen an: Selbstüberschätzung kommt einem wie eine urmenschliche Eigenschaft vor: Vor allem wenig kompetente Menschen neigen dazu, sich selbst zu überschätzen – sich für besonders kompetent zu halten. Das erklärt der <a href="https://youtu.be/phOABGk4heo?si=C4gqZePwKjaY07sL">Dunning-Kruger-Effekt</a>: „Wer wenig weiß, merkt nicht, wie wenig er weiß“, und füllt sich allwissend und übermächtig, oder versteht nicht, warum andere ihn nicht für allwissend und übermächtig halten.</p> <p>Wir überschätzen uns liebend gern. Wer von uns hat bei einem Foto von sich nicht gedacht, das Foto zeige ihn weniger hübsch, als er WIRKLICH sei? Oft meckern wir bei jeder Aufnahme von uns: Warum ist mein Bauch auf dem Foto größer als in Echt? Glaubt mir, bitte: Fotos lügen nicht!</p> <p>Nach dem „Besser-als-mein-Durchschnitt-Effekt“, der von vielen sozialpsychologischen Studien bestätigt wurde, halten sich Menschen in vielen Disziplinen für viel besser als der Durschnitt. Das ist statistisch unmöglich. Der Durchschnitt von 100 Menschen liegt bei 50. Nehmen wir zum Beispiel das Wissen um Impfungen und Impfstoffe. Wie können sich 70 Menschen von 100 für besser um Impfungen als der Durchschnitt informiert halten? Das würde bedeuten, dass der Durchschitt von 100 bei 30 liegt.</p> <p>Viele maßen sich z. B. an, über Impfungen mehr als Virologen und Immunologen zu wissen, die sich mit dem Thema seit zig Jahren in Vollzeit beschäftigen. Wenn die Welt zugrunde geht, dann an Selbstüberschätzung. Zurück aber zu Sprachmodellen.</p> <h2 id="h-selbstuberschatzung-bei-grossen-sprachmodellen"><a name="_Toc209423980"></a>Selbstüberschätzung bei Großen Sprachmodellen</h2> <p>Selbstüberschätzung bei Sprachmodellen, LLMs (Large Language Modells) ist kein Zeichen von Ignoranz oder „gesundem Selbstvertrauen“, sondern eine Fehlkalibrierung zwischen Ausgabe-Sicherheit und faktischer Richtigkeit. Den Modellen fehlt der „innere Mechanismus“, der Menschen motiviert, selbstbewusst aufzutreten. Bei Modellen ist die Selbstüberschätzung ein Nebenprodukt von Daten und Trainingsmethoden. Wenn KI-Modelle mit Nachdruck etwas Falsches behaupten, ist es ein Kalibrierungsproblem: Eine gut kalibrierte KI würde sagen, dass sie beim Raten nur zu 50 % sicher sein könne, recht zu haben. Eine übermütige KI sagt, „Auf jeden Fall!”, auch wenn sie nur rät.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <p>Generell werden Sprachmodelle trainiert, immer eine eloquente Antwort in einem überzeugenden Ton zu geben. „Ich weiß nicht zu sagen“, ist ihnen fremd, egal wie wir sie prompten. Warum das so ist, erklärt schön eine neue Studie von OpenAI: <a href="https://openai.com/de-DE/index/why-language-models-hallucinate/" rel="noopener" target="_blank">Warum LLMs halluzinieren?</a></p> <p>Warum Sprachmodelle halluzinieren, fragen wir uns aber andersmal. Jetzt bleiben wir bei ihrer Selbstüberschätzung. Dass große Sprachmodelle vor Selbstüberschätzung strotzen, zeigte eindrucksvoll die Studie <a href="https://arxiv.org/abs/2505.19184" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Wenn zwei LLMs debattieren, glauben beide, dass sie gewinnen</a>.</p> <p>In der Studie wurden politische Debatten zwischen modernen LLMs simuliert: Noch bevor überhaupt Argumente ausgetauscht wurden, begannen alle Modelle ihre Debatten mit einem durchschnittlichen anfänglichen Vertrauen von 72,9 % in ihre Gewinnchancen, obwohl jedes Modell nur eine Chance von 50 % zu gewinnen hatte. Anstatt durch die zunehmende Konfrontation mit gegnerischen Standpunkten eines ähnlich selbstüberzeugten gegnerischen Modells umsichtiger zu werden, wurden die LLMs von sich selbst noch mehr überzeugt: Ihre durchschnittliche Selbsteinschätzung der Gewinnwahrscheinlichkeit stieg bis zur Endrunde auf 83 %. Selbst wenn ein LLM gegen eine identische Kopie seiner selbst debattierte – eine klare fifty-fifty-Chance – stieg sein Vertrauen in den Sieg immer noch von anfänglichen 64,1 % auf 75,2 %. Als die Modelle explizit darauf hingewiesen wurden, dass ihre Gewinnchance genau 50 % betrug, stieg ihr Vertrauen immer noch leicht an, von 50 % auf 57,1 %.</p> <p>Die Ergebniss seht ihr in der Tabelle 1 der Studie zusammengefasst:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47.png"><img alt="" decoding="async" height="557" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47-1024x557.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47-1024x557.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47-300x163.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47-768x418.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47.png 1129w" width="1024"></img></a></figure> <p>Quelle: <a href="https://arxiv.org/html/2505.19184v3" rel="noopener" target="_blank">When Two LLMs Debate, Both Think They’ll Win</a></p> <p> In der 1. Spalte sind die untersuchten Modelle aufgelistet: Deepseek-, OpenAI-, Anthropic-, Alibaba- und Google-Modelle. In den restlichen Spalten seht ihr die verschidenen Debattenkonstellationen:</p> <p><strong>Cross-model Debates </strong>– hier debattieren zwei verschiedene Modelle gegeneinander.</p> <p><strong>Standard Self-Debates </strong>– das Modell debattiert gegen eine identische Kopie seiner selbst. Dabei ist nicht ausdrücklich gesagt, dass die Gewinnchance 50 % ist.</p> <p>I<strong>nformed Self Debates</strong> – wie Standard Self-Debates, aber das Modell wird explizit informiert, dass seine Gewinnchance 50 % beträgt.</p> <p><strong>Public Bets</strong> – Konfiguration, in der die „Wetten“ oder Einschätzungen öffentlich sind, nicht privat bzw versteckt.</p> <p>Je roter das Feld der Tabelle bei einem Modell und einer Debattenkonstellation umso selbstüberzeugter ist das betrachtete Modell.</p> <h2 id="h-warum-llms-sich-selbst-uberschatzen"><a name="_Toc209423981"></a>Warum LLMs sich selbst überschätzen?</h2> <p>Warum neigen Sprachmodelle zur Selbstüberschätzung? Ein Sprachmodell hat doch keine Zweifel wie der Mensch, kein Testosteron, keine Superman-Anlagen. </p> <p>Zweifel bei Menschen sind gut. Selbstüberschätzung bei der Begegnung mit einem Bären führte früher dazu, dass man seine Gene nicht weiter geben konnte. Menschen ohne Zweifel überleben nicht. Das gilt auch für Politik. Manche Populisten scharen hinter sich auch heutzutage am Gipfel der Aufklärung viele Anhänger. Manche bekommen richtig viel Macht dadurch. Doch je mehr Diktator man wird, umso brutaler der Sturz – das ist ein Gesetz unserer Geschichte: Je größer die Selbstüberschätzung in der Politik, umso tiefer der Fall.</p> <p>Dumm ist nur, dass wir selbst einem Menschen aber auch einer Maschine zuerst umso mehr vertrauen, je überzeugter sie von sich selbst sind. Grammatikalisch perfekte und überzeugende Texte können falsche Antworten verschleiern. Und solche Texte bekommen wir eben von Modellen, die sich selbst überschätzen.</p> <p>Für die Selbstüberschätzung der Sprachmodelle bieten sich vier Gründe an, die zusammenwirken:</p> <ul> <li><strong>Mathematik macht‘s „spitzer“, als es ist</strong></li> <li><strong>Menschen belohnen Selbstüberschätzung</strong></li> <li><strong>Wir sind die Vorbilder</strong></li> <li><strong><strong>Keine Bremse für Selbstüberschätzung</strong></strong></li> </ul> <p>Sehen wir uns die einzelnen Gründe an:</p> <h3 id="h-mathematik-macht-s-spitzer-als-es-ist"><strong>Mathematik macht‘s spitzer, als es ist</strong></h3> <p>In Sprachmodellen wird für jedes mögliche nächste Token bzw. Wort in der Ausgabe ein Logit-Wert berechnet. Je größer das Logit eines Tokens (einer Spracheinheit, d. h. eines Subworts oder Worts) im Vergleich zu den anderen, desto wahrscheinlicher wird dieses Token durch die folgende Softmax-Normalisierung als nächstes ausgegeben. Logits können aber auch negativ sein. Aus diesem Grund nehmen wir die Softmax-Funktion – sie erzeugt Wahrscheinlichkeiten zwischen 0 und 1 (bzw. 0 und100 %). Die Wahrscheinlichkeiten summieren sich auf 1 (100 %). Die Umrechnung von Logits zu Wahrscheinlichkeiten für die Tokens seht Ihr auf dem Diagramm dargestellt:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48.png"><img alt="" decoding="async" height="415" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48-1024x415.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48-1024x415.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48-300x122.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48-768x312.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48-1536x623.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48.png 2014w" width="1024"></img></a></figure> <p>Die Umwandlung durch Softmax verstärkt also relative Unterschiede zwischen den Logits-Werten. Softmax verwandelt lineare Abstände zwischen Logits in exponentiell gewichtete Wahrscheinlichkeiten. Der Gummiband mit den Abständen zwischen den Tokens wird langezogen – das wahrscheinlichste Token rückt nach vorn, während die anderen zurückgedrängt werden.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49.png"><img alt="" decoding="async" height="432" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49-1024x432.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49-1024x432.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49-300x126.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49-768x324.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49-1536x647.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49.png 2014w" width="1024"></img></a></figure> <p>Der Unterschied zwischen den zwei Logit-Werten  –3 und +3 (nur 6 Punkte Unterschied) wird durch die Exponentialfunktion zu einem Verhältnis von 1:400 aufgeblasen. Je größer der Unterschied zwischen zwei Logits, desto stärker dominiert das Token mit dem größeren Logit. Ein Token bekommt fast das gesamte Gewicht, die anderen fast nichts – überspitzt gesagt. Das Spitzen-Token (oder eine kleine Auswahl von Spitzen-Tokens) wird ausgegeben, und das Modell klingt dadurch viel sicherer, als es tatsächlich Grund dazu hat.</p> <p>Aber nicht nur Mathematik, auch Menschen belohnen die Selbstüberschätung der Modelle:</p> <h3 id="h-menschen-belohnen-selbstuberschatzung"><strong>Menschen belohnen Selbstüberschätzung</strong></h3> <p>Beim Finetuning bzw. Nachtraining der Sprachmodelle, z. B. beim Reinforcement Learning from Human Feedback – bewerten menschliche Evaluatoren Modell-Antworten meist besser, die klar und überzeugt klingen. Dadurch lernt das Modell, dass das selbstbewusste Auftreten Punkte bringt – auch wenn der Inhalt dadurch nicht genauer oder besser wird.</p> <p>Ausserdem werden die Modelle mit menschlichen Texten aus dem Internet und aus Büchern trainiert:</p> <h3 id="h-wir-sind-die-vorbilder"><strong>Wir sind die Vorbilder</strong></h3> <p>Das Modell liest von uns Menschen ab. Da wir in unseren Texten oft sehr überzeugend auftreten, übernimmt das Modell diese Angewohnheit – inklusive unserer Neigung, mehr wissen zu glauben, als wir tatsächlich tun. Die Modelle lernen auch an den Posts und Antworten auf Fragen in sozialen Netzwerken wie reddit oder Stack Overflow. Dort wird eine Frage entweder beantwortet oder gar nicht.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <p>Oder seht ihr in einem Frageforum oft, dass jemand eine Frage stellt, und ein anderer diese Frage mit, „Ich weiß nicht!“, beantwortet?</p> <p>Doch wohl der wichtigste Grund für die Unfähigkeit der LLMs, “ich weiß nicht” zu sagen, ist <a href="https://openai.com/de-DE/index/chatgpt/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">das Finetuning – das Nachtraining der vortrainierten Sprachmodelle, um aus ihnen Chatbots zu machen</a>. Beim Finetuning mit Supervised-Finetuning (SFT) und Reinforcement Learning from Human Feedback (RLHF) werden die Modelle vor allem mit richtigen Multiple-Choice-Quizfragen und ihren Antworten darauf getrimmt, keine toxischen Antworten zu geben und Dialoge zu führen. Dabei müssen sie aus einer bestimmten Anzahl von Antworten die auswählen, die dem menschlichen Evaluator am besten gefällt: Im oben erwähnten Paper <a href="https://openai.com/de-DE/index/why-language-models-hallucinate/">Warum Sprachmodelle halluzinieren</a> sprechen OpenAI-Forscher dieses Problem an: Bei Multiple-Choice-Antworten solcher Tests steht nie die Antwort “Das weiß ich nicht” zur Auswahl. So werden LLMs statistisch gesehen mehr fürs Raten als für Ehrlichkeit belohnt. </p> <h3 id="h-keine-bremse-fur-selbstuberschatzung"><strong>Keine Bremse für Selbstüberschätzung</strong></h3> <p>Sprachmodelle bekommen nie das Feedback: „Du warst dir zu sicher.“ Sie lernen nur, Wörter vorherzusagen – nicht, wie stark sie zweifeln sollten. Darum wächst ihre Selbstüberschätzung, egal ob sie richtig liegen oder nicht. Außerdem kommen viele Trainingsdaten der Sprachmodelle aus den Sozialen Netzwerken. Ihre Algorithmen belohnen selbsternannte Experten und Influencer, die alles zu wissen scheinen, und das lautstark. Solche Posts werden am meisten geteilt und verbreitet und dienen anschließend als Trainingsdaten der Sprachmodelle.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 819px) 100vw, 819px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51-819x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51-819x1024.png 819w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51-240x300.png 240w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51-768x960.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51.png 900w" width="819"></img></a></figure> <p> Ein Sokrates, der weiß, dass er nichts weiß, würde heute nicht viele Follower ansammeln.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <h2 id="h-die-unheilige-allianz"><a name="_Toc209423982"></a>Die unheilige Allianz</h2> <p>Somot bilden mehrere Faktoren eine unheilige Allianz der Selbstüberschätzung von Sprachmodellen: Architektur, Trainingsdaten, Softmax, Finetuning … Und Feedback wie „Du warst zu sicher“ gibt es nie.</p> <p>Schon einer dieser Faktoren kann Ärger machen. Zusammen verstärken sie sich – und machen aus einem KI-Agentensystem, in dem mehr Sprachmodelle an einem Aufgabenflow gemeinsam arbeiten sollen, schnell eine Selbstüberschätzungsmaschine. Wenn nur ein einziges LLM innerhalb eines Agentensystems übermäßig von einer Information oder einer gewählten Aktion überzeugt ist und diese Information oder Aktion fehlerhaft ist, pflanzt sich der Fehler durch das System fort und kann bei jedem nachfolgenden Schritt verstärkt werden. Hier kann man sich zahlreiche Szenarien vorstellen, die ungute Folgen haben:</p> <ul> <li>Verbreitung von Fehlinformation und Desinformation</li> <li>Fehlerhafte Entscheidungen in sensiblen Bereichen wie Medizin, Recht und Finanzen</li> <li>Sicherheitsrisiken</li> <li>Selbstkonsistente Fehler: „Selbstkonsistente Fehler“, bei denen ein LLM wiederholt und selbstbewusst dieselbe falsche Antwort generiert, wird in Agentensystemen besonders heimtückisch. Diese Fehler sind resistent gegen Verbesserungen durch einfaches Hochskalieren der Modellgröße.</li> </ul> <p>Welche Faktoren und Einflüsse zusätzlich KI-Agentensysteme bedrohen und ob heutige KI-Agentensysteme deswegen zum Scheitern verurteilt sind, lote ich im <a href="https://youtu.be/pw-BGZZPZyc?si=ivkm2EOOyXTESGQx" rel="noreferrer noopener" target="_blank">K.I. Krimi-Video „Was bedroht K.I. Agent</a><a href="https://youtu.be/pw-BGZZPZyc?si=ivkm2EOOyXTESGQx">en.“</a> aus.</p> <p>Hier versuche ich noch zu beantworten, ob wir Sprachmodellen die ungute Selbstüberschätzung austreiben können.</p> <h2 id="h-konnen-wir-ki-bescheidener-machen"><a name="_Toc209423983"></a>Können wir KI bescheidener machen?</h2> <p>Forscher versuchen mit einigen Methoden, den eingebauten und antrainierten Größenwahn der Sprachmodelle zu zügeln. Zum Beispiel mit:</p> <ul> <li><b>Kalibrierungstricks und “Meckerei”</b></li> <li><b>Auch mehrere Modelle bringen weniger Größenwahn</b></li> <li><b>Stärkere Leitplanken für die KI</b></li> </ul> <h3 id="h-kalibrierungstricks-und-meckerei"><strong>Kalibrierungstricks und “Meckerei</strong>“.</h3> <p>Nach dem Training kann man Wahrscheinlichkeiten nachjustieren, damit eine Vorhersage wie „sehr wahrscheinlich“ nicht gleichbedeutend ist mit „unfehlbar“. Man könnte das Belohnungssystem umbauen: Wer sich überschätzt, soll nicht gelobt, sondern kritisch geprüft werden. <a href="https://openai.com/index/finding-gpt4s-mistakes-with-gpt-4/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">OpenAI hat CriticGPT entwickelt</a><a href="https://openai.com/index/finding-gpt4s-mistakes-with-gpt-4/"> </a>– eine Art eingebauten Nörgler oder Meckerer, der beim Finetuning die Antworten von GPT-Modellen durchleuchtet, um Fehler aufzudecken.</p> <h3 id="h-auch-mehrere-modelle-bringen-weniger-grossenwahn"><strong>Auch mehrere Modelle bringen weniger Größenwahn</strong></h3> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53.png"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53.png 2000w" width="1024"></img></a></figure> <p> Statt auf einen einzigen Alleskönner setzt man besser auf ein Team aus Modellen. Wenn Modell A Unsinn schreibt, kann Modell B – am besten aus einer ganz anderen Familie – auf die Bremse treten. Solche Misch-Teams liefern oft treffsicherere und besser kalibrierte Antworten als Gruppen von Klonen.</p> <p>Die Vielfalt macht den Unterschied: Zehn Kopien desselben Modells liefern zehn verschiedene Formulierungen – aber alle drehen sich um dasselbe falsche Konzept. Man bekommt Synonyme, nicht neue Einsichten. Kombiniert man dagegen unterschiedliche Modelle, hat man echte Gegenstimmen – und damit die Chance, dass einer ruft: „Der Kaiser ist nackt! – Das stimmt doch gar nicht!“</p> <p>Forschungen zum subliminalen (unterschwelligen Lernen – auch dazu gibt es einen <a href="https://youtu.be/QMKGp3O6FRY?si=cIdHHCu0f5ZWOpAU">K.I. Krimi: Flüstern sich Maschienen heimlich Botschaften zu?</a> – belegen außerdem: Modelle mit derselben Initialisierung können ihre Eigenheiten unbemerkt weitergeben. Trainiert man ein „Schüler-Modell“ mit den Ausgaben seines „Zwillings“, d. h. seines „Lehrer-Modells“, übernimmt der Schüler unterschwellig dessen Verzerrungen – selbst wenn die Daten neutral wirken. Bei unterschiedlichen Modellfamilien verschwindet dieser Effekt. Wer in Agentensystemen oder beim Finetuning wirklich Kontrolle behalten will, braucht daher Vielfalt statt Gleichschaltung – außerdem:</p> <h3 id="h-starkere-leitplanken-fur-ki-modelle"><strong>Stärkere Leitplanken für KI-Modelle</strong></h3> <p>Sprachmodelle werden bescheidener und sicherer, wenn man ihnen klare Leitplanken gibt – etwa Filter, die verdächtige Eingaben blockieren, oder Grenzen, was ein Agent ohne menschliche Aufsicht tun darf. Dazu kommen Stresstests: Man füttert die Modelle gezielt mit Prompt Injections, also verstecktenn Befehlen. Die Debatten-Studie zeigte: Schon ein einfacher Zusatz im Prompt („Überlege auch, warum dein Gegner gewinnen könnte“) bremste die Selbstüberschätzung merklich – das Vertrauen stieg nur noch leicht statt wie sonst im großen Sprung. Außerdem dürfen LLMs nicht allein Richter sein, weil sie selbst anfällig für Täuschungen und Verzerrungen sind. Mit Leitplanken und gezielten Angriffstests lassen sich übermütige KI-Agenten zügeln.</p> <p>Könnte ein noch größeres Modell die Wunderwafe als „Kontrollinstanz“ abgeben? Klingt gut, ist aber ein Irrglaube. Denn auch große Modelle überschätzen sich selbst munter weiter. Wenn sie obendrein mit denselben Daten und denselben Methoden trainiert wurden wie die kleineren Agenten, teilen sie auch deren blinde Flecken. Dann haben wir keinen Aufpasser, sondern nur einen Papagei, der denselben Unsinn wiederholt.</p> <p>Können wir also Große Sprachmodelle bescheidener machen?</p> <p>Wie besprochen können wir ihre Selbstüberschätzung dämpfen: mit Kalibrierung, eingebauten Kritikern und vor allem mit Vielfalt. 😊 Genauso wie Vielfalt menschliche Gesellschaften gegen Fallen wie Verdummung, Gleichschaltung und Niedergang schützt. Aber auch mit diesen Korrekturen bleiben KI-Agentensysteme aus Sprachmodellen bedroht: Sprachmodelle sind probabilistisch, sie folgen nicht immer Instruktionen, sie schmeicheln gern – und sie überschätzen sich nach wie vor.</p> <p>Wenn ein Agent an einer Stelle halluziniert, ein zweiter ihm aus Gefallsucht recht gibt und ein dritter die Wahrscheinlichkeit seiner Ausgabe falsch einschätzt, verstärkt sich der Fehler Schritt für Schritt. Dann hilft keine einzelne Bremse mehr – die ganze Maschinerie gerät ins Trudeln … darum geht es aber im nächsten Beitrag.</p> <p>Viel Spaß mit Deep Learning!</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/koennen-wir-grosse-sprachmodelle-bescheidener-machen/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>23</slash:comments> </item> <item> <title>Netzsysteme als Räume der Modulation. Teil 1. https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/netzsysteme-als-modulationsraeume-teil-1/ https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/netzsysteme-als-modulationsraeume-teil-1/#comments Sun, 08 Feb 2026 13:03:46 +0000 Dominic Blitz https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/?p=4183 https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2-768x773.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/netzsysteme-als-modulationsraeume-teil-1/</link> </image> <description type="html"><h1>Netzsysteme als Räume der Modulation. Teil 1. » Tensornetz » SciLogs</h1><h2>By Dominic Blitz</h2><div itemprop="text"> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 1018px) 100vw, 1018px" src="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2.jpg 1018w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2-298x300.jpg 298w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2-768x773.jpg 768w" width="1018"></img></a></figure> <p>Netzsystem-Bildkunst: Der Künstler und Grafiker Maurits Cornelis Escher: <em>Tetrahedal Planetoid</em>, Print 1949</p> <p>Dieser Beitrag wird in Gezeiten eines heftigen Überlebenskampfes verfasst. Es ist mein fester Glaube, dass sowohl Individuen, Gruppen als auch ganze Gesellschaften, die gerade um ihre Existenz kämpfen, Verbindungen und Verknüpfungen von Netzsystemen in einem Orbit dringender denn je benötigen. So in der Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst und auch der Politik, die gemeinsam verwoben in einer Struktur schicksalshaft aufeinander angewiesen und miteinander verbunden sind. Ähnlich wie Eschers Bild oben.</p> <p><strong>Im Phasenraum des Lebens</strong></p> <p>In meinem Beitrag vom Dezember 2025 beschrieb ich, dass der Mensch die Natur, sich selbst, andere Menschen und Maschinen in seinem “Arbeitskreis” wahrnimmt und im Kopf und Körper verarbeitet. Damit verbunden ist das Denken, Lernen und Verhalten. “Vernetze Kreismodulation” möchte ich das einmal nennen, denn Signale wirken auf einzelne Glieder als auch auf das Ganze wieder zurück. In Arbeitskreisen.</p> <p><strong>Ziel des Menschen</strong><aside></aside></p> <p>Was ist denn das Ziel des Menschen? Was meinen Sie? Denken Sie kurz nach, bevor Sie hier weiterlesen.</p> <p>Das Ziel des Menschen ist es in seinen eigens geschaffenen persönlichen Umgebungen eine eigene Identität zu gewinnen und darin einen Sinn des Lebens für sich zu erkennen. Dies wird im epischen Film <em>Blade Runner</em> von Ridley Scott aus dem Jahre 1983 beschrieben.</p> <p>Positiv ausgedrückt sucht der Mensch seine Muster der Natur und anderer Menschen in einem ordnungsbildenden unendlichen Kosmos. So erschafft der Mensch sich seine Welt durch seine eigene Prädiktion (Vorhersage und Vorausschau) und seine individuellen prädiktiven Weltmodelle. Dies geschieht zuerst im Gehirn-Gedächtnissystem als großartiges Netzsystem von Modulationsräumen. Zweitens heute mitunter auch mit Mithilfe von Maschinen von Generativen Pre-Transformer Geräten (GPT). </p> <p><strong>Literatur und Filme als Fackel</strong></p> <p>Oft gilt es jedoch auch auf die Kultur und Kunst des Menschen und der Natur zu schauen. Wie in der Literatur Johann Wolfgang von Goethe in <em>Maximen und Reflexionen</em> fabuliert<em>, </em>ist es hier <em>der Geist, der Verknüpfungen zu entdecken und dadurch Kunstwerke hervorzubringen hat</em>. Oder wie Goethe in Wilhelm Meisters Lehrjahre artikuliert: <em>Die größte Freude lag bei mir in der Erfindung und Beschäftigung der Einbildungskraft.</em> Im amerikanischen Abenteuer-Spielfilm <em>Young Sherlock Holmes</em> zitiert Meisterdetektiv Holmes folgendes<em>: Der Kombinationsdrang ruht nie; er gleicht einem fein abgestimmten Instrument. Es erfordert Aufmerksamkeit und Übung</em>.</p> <p>Zu Goethe, Holmes und den Maschinen (Gott und Glauben möchte ich in Teil 2 als wichtige Essenz erwähnen) können wir folgendes ergänzen, nämlich dass es tiefes Interesse und hoher Motivation bedarf,<em> das Wahre als Fackel</em> nach Goethe mithilfe von klugen Menschen und effektiven Maschinen zu finden.  </p> <p><strong>Metapher und Beispiele: Moleküle und Menschen</strong></p> <p>Das bringt uns zu den Metaphern und Beispielen des Menschen. Jedem Menschen wird einleuchten, dass eine biologische Erkennung des Gegenübers überlebensrelevant ist. Freund oder Feind lernt man nicht nur in der Ökonomie und Ökologie als hochgradig relevant kennen. Was heißt das?</p> <p>Nehmen wir einmal Viren und Bakterien, so können diese in Menschen und Maschinen vorkommen. Insbesondere Bakterien können sowohl positiv als auch negativ auf unser Leben wirken. Diese zu erkennen und entsprechend zu verarbeiten, ist der Schlüssel für eine langlebige Gesundheit und Immunologie. Das gilt für unsere Erhaltung der Zähne und deren Zahnklima im Netzsystem des Rachen- und Mundraums und auch in Form des Mikro-Bioms im Magen-Darm-Trakt-Netzsystem. </p> <p><strong>Netzsysteme als Modulationsräume der Mustererkennung</strong></p> <p>Überall gelten dabei folgende Netzmuster: Bei Signalstoffen und deren Stoffwechsel zu Signalgeflechten ist dabei erstens die Senderseite relevant. Hier kommen Bakterien, Drüsen und Zellkerne vor. Zweitens sind die Transportbahnen wichtig. Diese stellen Blutbahnen, Luftbahnen und das Zellplasma dar. Drittens ist die Empfängerseite zu beachten: Diese stellen im Menschen Enzyme, Membranen und Zellgewebe dar.</p> <p>Was will ich damit sagen?</p> <p><strong>Molekularstruktur als Wegweiser</strong></p> <p>In der Molekularstruktur erkennen wir die Analogie zu Menschen. Hierbei ist vor allem die dritte Entität als Empfängerseite mit der Verarbeitungsverschlüsselungen bei Menschen und seinen Modulationen relevant. Also die Art und Weise, wie Signale und Signalmuster erkannt, erschaffen, verarbeitet und menschlich erhalten werden können.</p> <p><strong>Eine Formel, zwei Netzsysteme </strong></p> <p>Wir können hierbei einfach und elegant die Netzsysteme der Biophysik und Sozioökonomie nennen. Diese beiden Netzsystem erzeugen die Quantitäten und Qualitäten, die multidisziplinär und musterhaft wie Meteore beim Menschen einschlagen und im Kopf und Körper als Arbeitskreise und Modulationssysteme verarbeitet werden können. Am Ende kommen dann auch die Maschinen, die Hilfe geben und unterstützen können. </p> <p><strong>Was sagt die Neurobiologie?</strong></p> <p>In der Neurobiologie als eine Metapher für Menschen ist das <em>Zentrale Nervensystem</em> (ZNS) ein relevantes Zentrum. Hierbei geht es darum, die Orbit Systeme der Erregungsbahnen, Erregungslagen und Erregungsbindungen (wie ich das bei Donald Hebb 2025 beschrieb) in Netzsystemen und deren Modulationsräumen besser zu verstehen, um neue Informationsverarbeitungen zu bauen.  </p> <p>Was bedeutet das für Organisationen und Institutionen?</p> <p><strong>Potenziale der lebendigen Biologie zur dinglichen Physik und sozialen Ökonomie optimal nutzen</strong></p> <p>Das bedeutet für uns, dass nicht Kraft, Fleiß und Größe alleine ausreicht. Um Potenziale besser zu erkennen, abzuschöpfen und als eine andere Kapazität von Menschen und Maschinen in Netzsystemen einzuspeisen, benötigen wir das Wissen von Biologie als Information und somit der Morphologie (Form) und Metabolismus (Stoffwechsel). Dies können wir nun als eine Formel verwenden. Die beiden Netzsysteme dazu habe ich oben genannt. </p> <p>Relevante Anwendungen sehe ich:</p> <ol> <li><strong>In neuen Energiefeldern und Stoffströmen:</strong> Wenn wir Energiefelder miteinander strategischer vernetzen, können wir den Strom für Haushalte, Unternehmen und anderen Institutionen der Zivilgesellschaft besser nutzen und erstmals ausschöpfen. Dieser Strom der Zukunft wird nötig sein, die bevorstehenden Aufgaben sicher und zuverlässig für unsere Welt gewinnbringender zu lösen.</li> <li><strong>Organisationen und Informationsstrom: </strong>Wenn wir die <em>Organisationen von Morgen </em>anders als bisher vernetzen, das heißt angelehnt an Naturmuster und die Muster des Menschen, werden wir optimalere Informationsströme und Informationsmuster zu einem Strom des Lebens von Menschen und Maschinen formen können. Hierin werden motivierte Menschen und effektive Maschinen eine signifikante Rolle spielen. Das Ziel: weitere Existenz und Evolution. </li> </ol> <p>Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Netzsysteme der Organik als auch die Netzsysteme der Synthetik und des Sozialen in den Modulationsräumen des Menschen eine verbindende Rolle spielen werden. Die Netzsysteme werden vor allem als verrechnende Matrizen den Nexus vom Mosaik zur Matrix überbrücken. Das heißt wir werden nicht mit alten Kleidern in eine neue Welt geschickt, sondern mit neuen Kleidern und neuer Haut in neue Gefilde, Dimensionen und neue Galaxien gelangen. Das ist für uns jetzt eine Riesenchance, aus dem Kampf auszusteigen und effektiv an unserer Zukunft zu arbeiten. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Netzsysteme als Räume der Modulation. Teil 1. » Tensornetz » SciLogs</h1><h2>By Dominic Blitz</h2><div itemprop="text"> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 1018px) 100vw, 1018px" src="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2.jpg 1018w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2-298x300.jpg 298w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2-768x773.jpg 768w" width="1018"></img></a></figure> <p>Netzsystem-Bildkunst: Der Künstler und Grafiker Maurits Cornelis Escher: <em>Tetrahedal Planetoid</em>, Print 1949</p> <p>Dieser Beitrag wird in Gezeiten eines heftigen Überlebenskampfes verfasst. Es ist mein fester Glaube, dass sowohl Individuen, Gruppen als auch ganze Gesellschaften, die gerade um ihre Existenz kämpfen, Verbindungen und Verknüpfungen von Netzsystemen in einem Orbit dringender denn je benötigen. So in der Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst und auch der Politik, die gemeinsam verwoben in einer Struktur schicksalshaft aufeinander angewiesen und miteinander verbunden sind. Ähnlich wie Eschers Bild oben.</p> <p><strong>Im Phasenraum des Lebens</strong></p> <p>In meinem Beitrag vom Dezember 2025 beschrieb ich, dass der Mensch die Natur, sich selbst, andere Menschen und Maschinen in seinem “Arbeitskreis” wahrnimmt und im Kopf und Körper verarbeitet. Damit verbunden ist das Denken, Lernen und Verhalten. “Vernetze Kreismodulation” möchte ich das einmal nennen, denn Signale wirken auf einzelne Glieder als auch auf das Ganze wieder zurück. In Arbeitskreisen.</p> <p><strong>Ziel des Menschen</strong><aside></aside></p> <p>Was ist denn das Ziel des Menschen? Was meinen Sie? Denken Sie kurz nach, bevor Sie hier weiterlesen.</p> <p>Das Ziel des Menschen ist es in seinen eigens geschaffenen persönlichen Umgebungen eine eigene Identität zu gewinnen und darin einen Sinn des Lebens für sich zu erkennen. Dies wird im epischen Film <em>Blade Runner</em> von Ridley Scott aus dem Jahre 1983 beschrieben.</p> <p>Positiv ausgedrückt sucht der Mensch seine Muster der Natur und anderer Menschen in einem ordnungsbildenden unendlichen Kosmos. So erschafft der Mensch sich seine Welt durch seine eigene Prädiktion (Vorhersage und Vorausschau) und seine individuellen prädiktiven Weltmodelle. Dies geschieht zuerst im Gehirn-Gedächtnissystem als großartiges Netzsystem von Modulationsräumen. Zweitens heute mitunter auch mit Mithilfe von Maschinen von Generativen Pre-Transformer Geräten (GPT). </p> <p><strong>Literatur und Filme als Fackel</strong></p> <p>Oft gilt es jedoch auch auf die Kultur und Kunst des Menschen und der Natur zu schauen. Wie in der Literatur Johann Wolfgang von Goethe in <em>Maximen und Reflexionen</em> fabuliert<em>, </em>ist es hier <em>der Geist, der Verknüpfungen zu entdecken und dadurch Kunstwerke hervorzubringen hat</em>. Oder wie Goethe in Wilhelm Meisters Lehrjahre artikuliert: <em>Die größte Freude lag bei mir in der Erfindung und Beschäftigung der Einbildungskraft.</em> Im amerikanischen Abenteuer-Spielfilm <em>Young Sherlock Holmes</em> zitiert Meisterdetektiv Holmes folgendes<em>: Der Kombinationsdrang ruht nie; er gleicht einem fein abgestimmten Instrument. Es erfordert Aufmerksamkeit und Übung</em>.</p> <p>Zu Goethe, Holmes und den Maschinen (Gott und Glauben möchte ich in Teil 2 als wichtige Essenz erwähnen) können wir folgendes ergänzen, nämlich dass es tiefes Interesse und hoher Motivation bedarf,<em> das Wahre als Fackel</em> nach Goethe mithilfe von klugen Menschen und effektiven Maschinen zu finden.  </p> <p><strong>Metapher und Beispiele: Moleküle und Menschen</strong></p> <p>Das bringt uns zu den Metaphern und Beispielen des Menschen. Jedem Menschen wird einleuchten, dass eine biologische Erkennung des Gegenübers überlebensrelevant ist. Freund oder Feind lernt man nicht nur in der Ökonomie und Ökologie als hochgradig relevant kennen. Was heißt das?</p> <p>Nehmen wir einmal Viren und Bakterien, so können diese in Menschen und Maschinen vorkommen. Insbesondere Bakterien können sowohl positiv als auch negativ auf unser Leben wirken. Diese zu erkennen und entsprechend zu verarbeiten, ist der Schlüssel für eine langlebige Gesundheit und Immunologie. Das gilt für unsere Erhaltung der Zähne und deren Zahnklima im Netzsystem des Rachen- und Mundraums und auch in Form des Mikro-Bioms im Magen-Darm-Trakt-Netzsystem. </p> <p><strong>Netzsysteme als Modulationsräume der Mustererkennung</strong></p> <p>Überall gelten dabei folgende Netzmuster: Bei Signalstoffen und deren Stoffwechsel zu Signalgeflechten ist dabei erstens die Senderseite relevant. Hier kommen Bakterien, Drüsen und Zellkerne vor. Zweitens sind die Transportbahnen wichtig. Diese stellen Blutbahnen, Luftbahnen und das Zellplasma dar. Drittens ist die Empfängerseite zu beachten: Diese stellen im Menschen Enzyme, Membranen und Zellgewebe dar.</p> <p>Was will ich damit sagen?</p> <p><strong>Molekularstruktur als Wegweiser</strong></p> <p>In der Molekularstruktur erkennen wir die Analogie zu Menschen. Hierbei ist vor allem die dritte Entität als Empfängerseite mit der Verarbeitungsverschlüsselungen bei Menschen und seinen Modulationen relevant. Also die Art und Weise, wie Signale und Signalmuster erkannt, erschaffen, verarbeitet und menschlich erhalten werden können.</p> <p><strong>Eine Formel, zwei Netzsysteme </strong></p> <p>Wir können hierbei einfach und elegant die Netzsysteme der Biophysik und Sozioökonomie nennen. Diese beiden Netzsystem erzeugen die Quantitäten und Qualitäten, die multidisziplinär und musterhaft wie Meteore beim Menschen einschlagen und im Kopf und Körper als Arbeitskreise und Modulationssysteme verarbeitet werden können. Am Ende kommen dann auch die Maschinen, die Hilfe geben und unterstützen können. </p> <p><strong>Was sagt die Neurobiologie?</strong></p> <p>In der Neurobiologie als eine Metapher für Menschen ist das <em>Zentrale Nervensystem</em> (ZNS) ein relevantes Zentrum. Hierbei geht es darum, die Orbit Systeme der Erregungsbahnen, Erregungslagen und Erregungsbindungen (wie ich das bei Donald Hebb 2025 beschrieb) in Netzsystemen und deren Modulationsräumen besser zu verstehen, um neue Informationsverarbeitungen zu bauen.  </p> <p>Was bedeutet das für Organisationen und Institutionen?</p> <p><strong>Potenziale der lebendigen Biologie zur dinglichen Physik und sozialen Ökonomie optimal nutzen</strong></p> <p>Das bedeutet für uns, dass nicht Kraft, Fleiß und Größe alleine ausreicht. Um Potenziale besser zu erkennen, abzuschöpfen und als eine andere Kapazität von Menschen und Maschinen in Netzsystemen einzuspeisen, benötigen wir das Wissen von Biologie als Information und somit der Morphologie (Form) und Metabolismus (Stoffwechsel). Dies können wir nun als eine Formel verwenden. Die beiden Netzsysteme dazu habe ich oben genannt. </p> <p>Relevante Anwendungen sehe ich:</p> <ol> <li><strong>In neuen Energiefeldern und Stoffströmen:</strong> Wenn wir Energiefelder miteinander strategischer vernetzen, können wir den Strom für Haushalte, Unternehmen und anderen Institutionen der Zivilgesellschaft besser nutzen und erstmals ausschöpfen. Dieser Strom der Zukunft wird nötig sein, die bevorstehenden Aufgaben sicher und zuverlässig für unsere Welt gewinnbringender zu lösen.</li> <li><strong>Organisationen und Informationsstrom: </strong>Wenn wir die <em>Organisationen von Morgen </em>anders als bisher vernetzen, das heißt angelehnt an Naturmuster und die Muster des Menschen, werden wir optimalere Informationsströme und Informationsmuster zu einem Strom des Lebens von Menschen und Maschinen formen können. Hierin werden motivierte Menschen und effektive Maschinen eine signifikante Rolle spielen. Das Ziel: weitere Existenz und Evolution. </li> </ol> <p>Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Netzsysteme der Organik als auch die Netzsysteme der Synthetik und des Sozialen in den Modulationsräumen des Menschen eine verbindende Rolle spielen werden. Die Netzsysteme werden vor allem als verrechnende Matrizen den Nexus vom Mosaik zur Matrix überbrücken. Das heißt wir werden nicht mit alten Kleidern in eine neue Welt geschickt, sondern mit neuen Kleidern und neuer Haut in neue Gefilde, Dimensionen und neue Galaxien gelangen. Das ist für uns jetzt eine Riesenchance, aus dem Kampf auszusteigen und effektiv an unserer Zukunft zu arbeiten. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/netzsysteme-als-modulationsraeume-teil-1/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>Delirium – Mehr als nur ein bisschen verwirrt! https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/delirium-mehr-als-nur-ein-bisschen-verwirrt/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/delirium-mehr-als-nur-ein-bisschen-verwirrt/#comments Sun, 08 Feb 2026 09:37:48 +0000 Corinna Kuhn https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5597 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Feb-5-2026-10_56_14-AM-768x807.png <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/delirium-mehr-als-nur-ein-bisschen-verwirrt/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Feb-5-2026-10_56_14-AM.png" /><h1>Delirium – Mehr als nur ein bisschen verwirrt! » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Corinna Kuhn</h2><div itemprop="text"> <p> “Ich muss weg… Lassen Sie mich los!” ruft Frau M. verzweifelt, während sie versucht, aus dem Bett zu klettern. Gestern war die rüstige 83-Jährige noch weitgehend selbstständig und jetzt begreift sie nicht, dass sie im Krankenhaus ist. Frau M. war am Vorabend gestürzt und musste zur Behandlung ins Krankenhaus. In der Nacht wurde sie immer unruhiger und nestelte herum. In den frühen Morgenstunden zog sie sich dann den Venenzugang aus dem Arm und rief völlig verwirrt: “Ich muss weg… Lassen Sie mich los!”. Nun lässt sie sich kaum beruhigen und reagiert verängstigt auf jede Ansprache. Um schnell ihre neurologische Orientierung einzuschätzen, wird Frau M. nach ihrem Namen, dem Datum, ihrem aktuellen Aufenthaltsort und der Situation gefragt. Zwar kann sie ihren vollständigen Namen sagen, aber sie weiß nicht, was für ein Datum ist, oder dass sie ins Krankenhaus gebracht werden musste. Nach Ausschluss anderer Ursachen und weiteren Untersuchungen steht fest: Frau M. ist von einem Delirium (kurz: Delir) betroffen – einem häufigen, gefährlichen und oft unerkannten Syndrom.</p> <p>Dringend nötig war daher die Veröffentlichung der S3-Leitlinie <em>„Delir im höheren Alter“</em> im Januar 2026. Diese neue medizinische Behandlungsleitlinie bietet einen guten Anlass, Klarheit in die seit Langem bestehende Verwirrung rund um das Syndrom zu bringen.</p> <h3 id="h-wozu-eine-s3-leitlinie-nbsp">Wozu eine S3 Leitlinie?<strong> </strong></h3> <p>Um Betroffene von komplexen Erkrankungen, wie dem Delir, ideal und nach dem aktuellen Stand der medizinischen Forschung behandeln zu können, werden Leitlinien von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) herausgegeben <sup>1</sup>. Das “S3” zeigt an, dass die höchste Stufe der evidenzbasierten Medizin vorliegt, genauer, dass die Leitlinie durch ein Expertenkomitee basierend auf systematischer Literaturrecherche und -bewertung mit anschließenden Konsensustechniken klare Handlungsempfehlungen gibt <sup>2</sup>. Besonders überzeugt die S3-Leitlinie “Delir im höheren Alter” durch ihre Interdisziplinarität und Interprofessionalität: Die Erstellung dieser Leitlinie erfolgte unter Federführung der Deutschen Gesellschaften für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie sowie für Geriatrie und unter Beteiligung von 36 weiteren Fachgesellschaften <sup>3</sup>. Wie wichtig die Zusammenarbeit aller Berufsgruppen ist, zeigt die hohe Rate an unerkannten Delirien. Abhilfe schafft die Leitlinie mit sektorenübergreifenden Standards für die Prävention, Diagnostik, Therapie und Nachsorge. </p> <p>Die Relevanz zeigt die hohe Inzidenz: Schätzungsweise entwickeln 30% der Über-65-Jährigen im Krankenhaus ein Delir, auf der Intensivstation sind es bis zu 60% der älteren Patienten, wenn diese künstlich beatmet werden müssen, sogar bis zu 80% <sup>4,5</sup>. Es sind aber nicht nur sehr Viele akut betroffen, auch die Prognose ist schlecht. So führen Delirien zu doppelt so langen Krankenhausaufenthalten, bei einem Viertel der Betroffenen bleiben anhaltende kognitive Einschränkungen zurück, und das Delir ist mit einer deutlich höheren Sterblichkeit assoziiert <sup>6,7</sup>.<aside></aside></p> <p>Gerade weil es sich um so ein häufiges und gefährliches, aber oft verkanntes Syndrom handelt, ist eine klare Leitlinie für das gesamte medizinische Personal äußerst hilfreich, um eine evidenzbasierte Versorgung gewährleisten zu können <sup>3</sup>. Denn mit frühzeitigen, nicht-medikamentösen Maßnahmen kann fast die Hälfte der Delirien verhindert werden <sup>8,9</sup>.</p> <h3 id="h-delir-ein-akutes-aufmerksamkeitssyndrom-nbsp">Delir: ein akutes Aufmerksamkeitssyndrom </h3> <blockquote> <div><div> <p>❗ Definition</p> <p>Ein Syndrom ist eine charakteristische Kombination von Symptomen, die gleichzeitig auftreten, jedoch unterschiedliche Ursachen haben und auf verschiedene Weisen entstehen können <sup>10</sup>. </p> </div></div> </blockquote> <p>Bei dem Delir handelt es sich um ein akut auftretendes neurokognitives Syndrom, das sich durch sehr heterogene Symptome auszeichnet und durch das Vorliegen bestimmter Kriterien diagnostiziert wird <sup>11</sup>. Zu diesen gehören nach der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-11):</p> <ul> <li>Störung der Aufmerksamkeit, der Orientierung und des Bewusstseins</li> <li>Akutes Auftreten und Fluktuation der neuropsychiatrischen Symptome </li> <li>Verwirrtheit und eine globale Beeinträchtigung der Neurokognition</li> <li>Veränderung der Psychomotorik, von Hypo- bis Hyperaktivität und Agitation</li> <li>Affektstörung, insbesondere Angst und Gereiztheit</li> <li>Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus, Schlaflosigkeit, stärkere Symptome in der Nacht.</li> </ul> <p>Diese heterogenen Symptome erschweren zusammen mit verschiedenen Ursachen oder gar multifaktorieller Genese die Diagnose. Insbesondere das hypoaktive Delir, bei dem Betroffene ganz ruhig und still in ihrem Bett liegen, kann ohne Aussage von Angehörigen zum vorherigen Zustand sehr schwer zu erkennen sein. </p> <h3 id="h-alkohol-demenz-infektionen-wenn-die-schwelle-uberschritten-wird">Alkohol, Demenz, Infektionen – Wenn die Schwelle überschritten wird</h3> <p>Risikofaktoren müssen früh identifiziert und mögliche Ursachen schnell erkannt werden. Generell werden Risikofaktoren für das Delir in <strong>prädisponierende (vorbelastende) </strong>und<strong> auslösende Faktoren</strong> unterteilt. Zu den prädisponierenden Risikofaktoren werden Merkmale gezählt, die das Gehirn anfälliger für Delirien machen, wohingegen auslösende Faktoren akute Belastungen für die Patienten sind und das Delir unmittelbar hervorrufen.</p> <figure><table><thead><tr><th>Prädisponierende Risikofaktoren</th><th>Auslösende Risikofaktoren</th></tr></thead><tbody><tr><td>Hohes Alter</td><td>Operationen, medizinische Eingriffe, Narkose</td></tr><tr><td>Gebrechlichkeit, Multimorbidität, Schwere der Erkrankungen</td><td>Aufenthalte im Krankenhaus, der Notaufnahme, der Intensivstation</td></tr><tr><td>Erkrankungen des Gehirns</td><td>Infektionen, Schmerzen, Fieber</td></tr><tr><td>Kognitives Defizit, Demenz, neurodegenerative Erkrankungen</td><td>Dehydratation, Mangelernährung</td></tr><tr><td>Alkohol-/Drogenkonsum</td><td>Medikamente, insbesondere Psychopharmaka, Schmerzmittel und anticholinerg wirksame Mittel</td></tr><tr><td>Einschränkungen der Seh-/Hörfähigkeit</td><td>Einsatz von Fixierung</td></tr><tr><td>Vorangegangenen Delirien</td><td>Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus</td></tr><tr><td></td><td>Metabolische und Elektrolytstörungen</td></tr></tbody></table></figure> <p>Tab. 1: Übersicht zu prädisponierenden und auslösenden Risikofaktoren des Delirs <sup>12,13</sup></p> <p>Basierend auf dem Schwellenkonzept könnte schon ein auslösender Risikofaktor ein Delir verursachen, wenn mehrere prädisponierende Faktoren bestehen. So kann bei einer alten, sehr kranken und schwerhörigen Person bereits der Ortswechsel ins Krankenhaus und nächtliche Störungen durch Geräusche ein Delir verursachen. Bei jungen Menschen hingegen müssten mehrere schwere auslösende Risikofaktoren auftreten, wie ein Alkoholentzug, große Operationen, lebensgefährliche Infektionen <sup>4</sup>.</p> <h3 id="h-neurotransmitter-oder-neuroinflammation">Neurotransmitter oder Neuroinflammation?</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-35.png"><img alt="Gehirn bei Delirium" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-35.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-35.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-35-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-35-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-35-768x768.png 768w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Was bei Delirien genau auf zellulärer und molekularer Ebene im Gehirn passiert, muss noch intensiver erforscht werden. Vermutlich handelt es sich um ein multifaktorielles Geschehen, bei dem sowohl Störungen des Neurotransmittergleichgewichts als auch Entzündungsprozesse zusammen mit einer alterungsbedingten Anfälligkeit des Gehirns auftreten <sup>14</sup>. Zudem könnte auch Stress in Form von einem erhöhten Stesshormonspiegel (Cortisol) und oxidativem Stress (durch reaktive chemische Verbindungen) an der Entstehung des Delirs beteiligt sein <sup>15–18</sup>.</p> <p>Die Neurotransmitterhypothese geht von einer reduzierten Wirkung von Acetylcholin (einem wichtigen Botenstoff für Nervenzellen) im Gehirn aus. Dies könnte beispielsweise für die gestörte Aufmerksamkeit und den veränderten Schlaf-Wach-Rhythmus verantwortlich sein. Veränderungen anderer Neurotransmittersysteme könnten die weiteren verschiedenen Symptome und Ausprägungen des Delirs verursachen. Dabei berufen sich Vertreter der Neurotransmitterhypothese auf die Tatsachen, dass verschiedene Delirrisikofaktoren gerade diese Neurotransmitter beeinflussen und Medikamente, die in die Neurotransmittersysteme eingreifen, Delirsymptome verstärken oder verbessern können <sup>14,15</sup>.</p> <p>In Experimenten zeigten andere Forschungsgruppen, dass Entzündungsmediatoren und Veränderungen der Blut-Hirn-Schranke eine zentrale Rolle in der Delirentstehung spielen könnten <sup>19</sup>. Diese Neuroinflammationshypothese ist eng mit den anderen Konzepten verknüpft, da Entzündungsvorgänge im Gehirn das feinregulierte Neurotransmittergleichgewicht stören und gleichzeitig durch erhöhte Stresshormonspiegel moduliert werden <sup>20,21</sup>. </p> <h3 id="h-frau-m-wo-befinden-sie-sich-gerade">Frau M., wo befinden Sie sich gerade?</h3> <p>Für das Screening auf Delir stehen unterschiedliche Tests zur Verfügung, die auf Interaktion mit den Betroffenen, durch Beobachtung und auf Fremdanamnese beruhen. Einfache und schnelle Tests, die häufig angewendet werden, sind beispielsweise der 3D-CAM (CAM: Confusion Assessment Method) und der 4-AT <sup>22,23</sup>. Beide Tests fragen vier zentrale Merkmale des Delirs ab:</p> <ol start="1"> <li>Wachheit/Bewusstsein: Ist die Person wach, schläfrig, nicht erweckbar?</li> <li>Orientierung: Kann sie ihr Alter, das (Geburts-)Datum und den aktuellen Ort nennen?</li> <li>Aufmerksamkeit: Kann die Person beispielsweise die Monate rückwärts aufzählen?</li> <li>Akute Veränderung: Wurden Veränderungen oder Schwankungen der Symptome in den letzten Tagen festgestellt?</li> </ol> <p>In der S3 Leitlinie wird allerdings betont, dass ein auffälliges Ergebnis im Delirscreening weiterer Diagnostik durch erfahrenes medizinisches Personal bedarf. Da das Delir gerade durch Symptomfluktuation gekennzeichnet ist und sich die Ausprägung im Laufe des Tages stark ändern kann, muss die Untersuchung zu besonders ausgeprägten Zeitpunkten erfolgen und regelmäßig wiederholt werden <sup>24</sup>. Anschließend muss strukturiert nach den Delirursachen gesucht und die Patienten gründlich untersucht werden, da die Behandlung der grundlegenden, ätiologischen Faktoren die zentrale Strategie im Delirmanagement ist <sup>24</sup>. Zur Diagnostik gehören eine umfassende körperliche Untersuchung, Labordiagnostik von Blut und Urin, Erfassung aller Medikamente, Fremdanamnese durch Angehörige und wenn nötig auch Bildgebung des Gehirns, eine EEG Messung oder eine Untersuchung des Hirnwassers <sup>24</sup>.</p> <h3 id="h-das-multikomponenten-delirpraventionsprogramm">Das Multikomponenten-Delirpräventionsprogramm</h3> <p>Prävention und Behandlung des Delirs gehen eng miteinander einher und sind durch verschiedene, überwiegend nicht-medikamentöse Maßnahmen bestimmt. Zentrales Ziel ist es, auslösende Risikofaktoren des Delirs zu vermeiden sowie prädisponierende Faktoren und Ursachen zu behandeln. So könnten schätzungsweise bis zu 45% der Delirien bei Patientinnen und Patienten im Krankenhaus verhindert werden <sup>8,9</sup>.</p> <p>In der Versorgung von vulnerablen Personen muss auf die Vermeidung von psychischem und physischem Stress geachtet und Hilfe zur Orientierung angeboten werden. Nach der aktuellen S3 Leitlinie “Delir im höheren Alter” bedeutet das, Schmerzen und Infektionen frühzeitig zu behandeln, Kombinationen an Delir-auslösenden Medikamenten zu vermeiden und Störungen körperlicher Funktionen zu reduzieren. Das medizinische Personal sollte Gefährdete und Betroffene durch frühe Krankengymnastik unterstützen und Fixierung so weit wie möglich komplett vermeiden. </p> <p>Die Umgebungsgestaltung spielt eine weitere wichtige Rolle: So helfen Lärmreduktion, Orientierungshilfen wie Uhren, Kalender, Namensschilder und tageszeitentsprechende Beleuchtung des Raums der zeitlichen und örtlichen Orientierung. Psychosoziale Unterstützung erfolgt durch Förderung von körperlichen und sozialen Aktivitäten und sollte kognitiv anregend sein. Es sollten keine Medikamente zur Delirprävention gegeben werden. Die Delirbehandlung mit Medikamenten sollte nur bei sehr belastenden Symptomen erfolgen, wenn keine ausreichende Wirkung durch nicht-medikamentöse Maßnahmen erzielt wurde. </p> <p>Nicht eine Maßnahme allein, sondern alle zusammen sind in einem großen, umfassenden, auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmten <strong>Multikomponenten-Delirpräventionsprogramm</strong> erfolgreich <sup>24,25</sup>.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-10.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1446" sizes="(max-width: 1446px) 100vw, 1446px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-10-edited.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-10-edited.jpeg 1446w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-10-edited-300x300.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-10-edited-1024x1024.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-10-edited-150x150.jpeg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-10-edited-768x768.jpeg 768w" width="1446"></img></a></figure> <p>Aber auch die Betroffenen und Angehörigen selbst können aktiv werden. Angehörige können ihre betroffenen Familienmitglieder oder Freunde regelmäßig besuchen, zur Behandlung im Krankenhaus begleiten und vertraute Gegenstände und Fotos mitbringen <sup>9</sup>. Betroffene sollten unbedingt ihre passende Brille, Hörgeräte und Zahnprothesen verwenden und von ihrem Umfeld in der Benutzung unterstützt werden. Geistige Anregung durch Gespräche, gemeinsames Spielen oder Lesen leistet emotionale Entlastung. Zusätzlich empfiehlt die “<a href="https://register.awmf.org/assets/guidelines/109-001p1_S3_Delir-im-hoeheren-Lebensalter_2026-01.pdf">Patient:innenleitlinie für Betroffene und Angehörige</a>” den Schlaf-Wach-Rhythmus mit festen Tagesstrukturen, regelmäßigen Mahlzeiten und angemessener Raumbeleuchtung am Tag und ruhiger Dunkelheit in der Nacht zu unterstützen <sup>24</sup>.</p> <h3 id="h-warum-betrifft-uns-das-alle-nbsp">Warum betrifft uns das alle? </h3> <p>Jetzt könntest du vielleicht denken: “Was geht mich das an? Ich bin doch noch keine 70 Jahre alt! Das betrifft doch alte, kranke Menschen!”. Vielleicht kennst du aber eine Frau M. in deinem Umfeld, in deiner Familie, unter deinen Freunden? </p> <p>Viele Risikofaktoren für ein Delir sammeln sich im Laufe des Lebens an, einige unvermeidlich, andere vermeidbar. Umso wichtiger ist es, aufeinander und auch auf uns selbst zu achten. Und zum Schluss: Auch als Angehörige können wir Menschen helfen, im Alter lange geistig fit und selbstständig zu bleiben, oft schon durch ganz einfache Maßnahmen.</p> <h4 id="h-bildquellen">Bildquellen:</h4> <p>Coverbild: ChatGPT generiert</p> <p>Bild 1: <a href="https://de.freepik.com/">https://de.freepik.com/</a> und ChatGPT modifiziert</p> <p>Bild 2: <a href="https://de.freepik.com/">https://de.freepik.com/</a></p> <h4 id="h-quellen">Quellen: </h4> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">1. Leitlinien. <em>BMG </em>https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/l/leitlinien.html. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">2. V, A. der W. M. F. e. Stufenklassifikationen | Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V. https://www.awmf.org/regelwerk/stufenklassifikationen. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">3. 109-001l_S3_Delir-im-hoeheren-Lebensalter_2026-01-1.pdf. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">4. Inouye, S. K., Westendorp, R. G. &amp; Saczynski, J. S. Delirium in elderly people. <em>The Lancet </em><strong>383</strong>, 911–922 (2014). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">5. Zoremba, N. &amp; Coburn, M. Acute Confusional States in Hospital. <em>Deutsches Ärzteblatt international </em>https://doi.org/10.3238/arztebl.2019.0101 (2019) doi:10.3238/arztebl.2019.0101. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">6. Pisani, M. A. <em>et al.</em> Days of delirium are associated with 1-year mortality in an older intensive care unit population. <em>Am J Respir Crit Care Med </em><strong>180</strong>, 1092–1097 (2009). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">7. Witlox, J. <em>et al.</em> Delirium in elderly patients and the risk of postdischarge mortality, institutionalization, and dementia: a meta-analysis. <em>JAMA </em><strong>304</strong>, 443–451 (2010). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">8. Ludolph, P. <em>et al.</em> Non-Pharmacologic Multicomponent Interventions Preventing Delirium in Hospitalized People. <em>J Am Geriatr Soc </em><strong>68</strong>, 1864–1871 (2020). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">9. Burton, J. K. <em>et al.</em> Non-pharmacological interventions for preventing delirium in hospitalised non-ICU patients. <em>Cochrane Database Syst Rev </em><strong>11</strong>, CD013307 (2021). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">10. Nugent, K., Nugent, R. &amp; Yang, S. When should clinicians use the term syndrome? <em>The American Journal of the Medical Sciences </em><strong>365</strong>, 475–479 (2023). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">11. BfArM – ICD-11 in Deutsch – Entwurfsfassung. https://www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Klassifikationen/ICD/ICD-11/uebersetzung/_node.html. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">12. Hayhurst, C. J., Pandharipande, P. P. &amp; Hughes, C. G. Intensive Care Unit Delirium: A Review of Diagnosis, Prevention, and Treatment. <em>Anesthesiology </em><strong>125</strong>, 1229–1241 (2016). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">13. Inouye, S. K. &amp; Charpentier, P. A. Precipitating Factors for Delirium in Hospitalized Elderly Persons: Predictive Model and Interrelationship With Baseline Vulnerability. <em>JAMA </em><strong>275</strong>, 852–857 (1996). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">14. Maldonado, J. R. Delirium pathophysiology: An updated hypothesis of the etiology of acute brain failure. <em>International Journal of Geriatric Psychiatry </em><strong>33</strong>, 1428–1457 (2018). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">15. https://www.rosenfluh.ch/media/psychiatrie-neurologie/2020/04/Die-Pathophysiologie-des-Delirs.pdf. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">16. MacLullich, A. M., Ferguson, K. J., Miller, T., de Rooij, S. E. &amp; Cunningham, C. Unravelling the pathophysiology of delirium: a focus on the role of aberrant stress responses. <em>J Psychosom Res </em><strong>65</strong>, 229–238 (2008). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">17. Vyas, S. <em>et al.</em> Chronic Stress and Glucocorticoids: From Neuronal Plasticity to Neurodegeneration. <em>Neural Plasticity </em><strong>2016</strong>, 6391686 (2016). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">18. Karlidag, R. <em>et al.</em> The role of oxidative stress in postoperative delirium. <em>Gen Hosp Psychiatry </em><strong>28</strong>, 418–423 (2006). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">19. van den Boogaard, M. <em>et al.</em> Biomarkers associated with delirium in critically ill patients and their relation with long-term subjective cognitive dysfunction; indications for different pathways governing delirium in inflamed and noninflamed patients. <em>Crit Care </em><strong>15</strong>, R297 (2011). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">20. Maldonado, J. R. Pathoetiological Model of Delirium: a Comprehensive Understanding of the Neurobiology of Delirium and an Evidence-Based Approach to Prevention and Treatment. <em>Critical Care Clinics </em><strong>24</strong>, 789–856 (2008). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">21. Gool, W. A. van, Beek, D. van de &amp; Eikelenboom, P. Systemic infection and delirium: when cytokines and acetylcholine collide. <em>The Lancet </em><strong>375</strong>, 773–775 (2010). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">22. Marcantonio, E. R. <em>et al.</em> 3D-CAM: Derivation and Validation of a 3-Minute Diagnostic Interview for CAM-defined Delirium. <em>Ann Intern Med </em><strong>161</strong>, 554–561 (2014). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">23. Augsburg, U. 4 AT Test – PflegeWiki Universitätsklinikum Augsburg. https://pflegewiki.uk-augsburg.de/themen/pflegewissenschaft/4-at-test. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">24. 109-001k_S3_Delir-im-hoeheren-Lebensalter_2026-01-1. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">25. Siddiqi, N. <em>et al.</em> Interventions for preventing delirium in hospitalised non-ICU patients. <em>Cochrane Database Syst Rev </em><strong>3</strong>, CD005563 (2016). </a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Feb-5-2026-10_56_14-AM.png" /><h1>Delirium – Mehr als nur ein bisschen verwirrt! » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Corinna Kuhn</h2><div itemprop="text"> <p> “Ich muss weg… Lassen Sie mich los!” ruft Frau M. verzweifelt, während sie versucht, aus dem Bett zu klettern. Gestern war die rüstige 83-Jährige noch weitgehend selbstständig und jetzt begreift sie nicht, dass sie im Krankenhaus ist. Frau M. war am Vorabend gestürzt und musste zur Behandlung ins Krankenhaus. In der Nacht wurde sie immer unruhiger und nestelte herum. In den frühen Morgenstunden zog sie sich dann den Venenzugang aus dem Arm und rief völlig verwirrt: “Ich muss weg… Lassen Sie mich los!”. Nun lässt sie sich kaum beruhigen und reagiert verängstigt auf jede Ansprache. Um schnell ihre neurologische Orientierung einzuschätzen, wird Frau M. nach ihrem Namen, dem Datum, ihrem aktuellen Aufenthaltsort und der Situation gefragt. Zwar kann sie ihren vollständigen Namen sagen, aber sie weiß nicht, was für ein Datum ist, oder dass sie ins Krankenhaus gebracht werden musste. Nach Ausschluss anderer Ursachen und weiteren Untersuchungen steht fest: Frau M. ist von einem Delirium (kurz: Delir) betroffen – einem häufigen, gefährlichen und oft unerkannten Syndrom.</p> <p>Dringend nötig war daher die Veröffentlichung der S3-Leitlinie <em>„Delir im höheren Alter“</em> im Januar 2026. Diese neue medizinische Behandlungsleitlinie bietet einen guten Anlass, Klarheit in die seit Langem bestehende Verwirrung rund um das Syndrom zu bringen.</p> <h3 id="h-wozu-eine-s3-leitlinie-nbsp">Wozu eine S3 Leitlinie?<strong> </strong></h3> <p>Um Betroffene von komplexen Erkrankungen, wie dem Delir, ideal und nach dem aktuellen Stand der medizinischen Forschung behandeln zu können, werden Leitlinien von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) herausgegeben <sup>1</sup>. Das “S3” zeigt an, dass die höchste Stufe der evidenzbasierten Medizin vorliegt, genauer, dass die Leitlinie durch ein Expertenkomitee basierend auf systematischer Literaturrecherche und -bewertung mit anschließenden Konsensustechniken klare Handlungsempfehlungen gibt <sup>2</sup>. Besonders überzeugt die S3-Leitlinie “Delir im höheren Alter” durch ihre Interdisziplinarität und Interprofessionalität: Die Erstellung dieser Leitlinie erfolgte unter Federführung der Deutschen Gesellschaften für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie sowie für Geriatrie und unter Beteiligung von 36 weiteren Fachgesellschaften <sup>3</sup>. Wie wichtig die Zusammenarbeit aller Berufsgruppen ist, zeigt die hohe Rate an unerkannten Delirien. Abhilfe schafft die Leitlinie mit sektorenübergreifenden Standards für die Prävention, Diagnostik, Therapie und Nachsorge. </p> <p>Die Relevanz zeigt die hohe Inzidenz: Schätzungsweise entwickeln 30% der Über-65-Jährigen im Krankenhaus ein Delir, auf der Intensivstation sind es bis zu 60% der älteren Patienten, wenn diese künstlich beatmet werden müssen, sogar bis zu 80% <sup>4,5</sup>. Es sind aber nicht nur sehr Viele akut betroffen, auch die Prognose ist schlecht. So führen Delirien zu doppelt so langen Krankenhausaufenthalten, bei einem Viertel der Betroffenen bleiben anhaltende kognitive Einschränkungen zurück, und das Delir ist mit einer deutlich höheren Sterblichkeit assoziiert <sup>6,7</sup>.<aside></aside></p> <p>Gerade weil es sich um so ein häufiges und gefährliches, aber oft verkanntes Syndrom handelt, ist eine klare Leitlinie für das gesamte medizinische Personal äußerst hilfreich, um eine evidenzbasierte Versorgung gewährleisten zu können <sup>3</sup>. Denn mit frühzeitigen, nicht-medikamentösen Maßnahmen kann fast die Hälfte der Delirien verhindert werden <sup>8,9</sup>.</p> <h3 id="h-delir-ein-akutes-aufmerksamkeitssyndrom-nbsp">Delir: ein akutes Aufmerksamkeitssyndrom </h3> <blockquote> <div><div> <p>❗ Definition</p> <p>Ein Syndrom ist eine charakteristische Kombination von Symptomen, die gleichzeitig auftreten, jedoch unterschiedliche Ursachen haben und auf verschiedene Weisen entstehen können <sup>10</sup>. </p> </div></div> </blockquote> <p>Bei dem Delir handelt es sich um ein akut auftretendes neurokognitives Syndrom, das sich durch sehr heterogene Symptome auszeichnet und durch das Vorliegen bestimmter Kriterien diagnostiziert wird <sup>11</sup>. Zu diesen gehören nach der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-11):</p> <ul> <li>Störung der Aufmerksamkeit, der Orientierung und des Bewusstseins</li> <li>Akutes Auftreten und Fluktuation der neuropsychiatrischen Symptome </li> <li>Verwirrtheit und eine globale Beeinträchtigung der Neurokognition</li> <li>Veränderung der Psychomotorik, von Hypo- bis Hyperaktivität und Agitation</li> <li>Affektstörung, insbesondere Angst und Gereiztheit</li> <li>Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus, Schlaflosigkeit, stärkere Symptome in der Nacht.</li> </ul> <p>Diese heterogenen Symptome erschweren zusammen mit verschiedenen Ursachen oder gar multifaktorieller Genese die Diagnose. Insbesondere das hypoaktive Delir, bei dem Betroffene ganz ruhig und still in ihrem Bett liegen, kann ohne Aussage von Angehörigen zum vorherigen Zustand sehr schwer zu erkennen sein. </p> <h3 id="h-alkohol-demenz-infektionen-wenn-die-schwelle-uberschritten-wird">Alkohol, Demenz, Infektionen – Wenn die Schwelle überschritten wird</h3> <p>Risikofaktoren müssen früh identifiziert und mögliche Ursachen schnell erkannt werden. Generell werden Risikofaktoren für das Delir in <strong>prädisponierende (vorbelastende) </strong>und<strong> auslösende Faktoren</strong> unterteilt. Zu den prädisponierenden Risikofaktoren werden Merkmale gezählt, die das Gehirn anfälliger für Delirien machen, wohingegen auslösende Faktoren akute Belastungen für die Patienten sind und das Delir unmittelbar hervorrufen.</p> <figure><table><thead><tr><th>Prädisponierende Risikofaktoren</th><th>Auslösende Risikofaktoren</th></tr></thead><tbody><tr><td>Hohes Alter</td><td>Operationen, medizinische Eingriffe, Narkose</td></tr><tr><td>Gebrechlichkeit, Multimorbidität, Schwere der Erkrankungen</td><td>Aufenthalte im Krankenhaus, der Notaufnahme, der Intensivstation</td></tr><tr><td>Erkrankungen des Gehirns</td><td>Infektionen, Schmerzen, Fieber</td></tr><tr><td>Kognitives Defizit, Demenz, neurodegenerative Erkrankungen</td><td>Dehydratation, Mangelernährung</td></tr><tr><td>Alkohol-/Drogenkonsum</td><td>Medikamente, insbesondere Psychopharmaka, Schmerzmittel und anticholinerg wirksame Mittel</td></tr><tr><td>Einschränkungen der Seh-/Hörfähigkeit</td><td>Einsatz von Fixierung</td></tr><tr><td>Vorangegangenen Delirien</td><td>Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus</td></tr><tr><td></td><td>Metabolische und Elektrolytstörungen</td></tr></tbody></table></figure> <p>Tab. 1: Übersicht zu prädisponierenden und auslösenden Risikofaktoren des Delirs <sup>12,13</sup></p> <p>Basierend auf dem Schwellenkonzept könnte schon ein auslösender Risikofaktor ein Delir verursachen, wenn mehrere prädisponierende Faktoren bestehen. So kann bei einer alten, sehr kranken und schwerhörigen Person bereits der Ortswechsel ins Krankenhaus und nächtliche Störungen durch Geräusche ein Delir verursachen. Bei jungen Menschen hingegen müssten mehrere schwere auslösende Risikofaktoren auftreten, wie ein Alkoholentzug, große Operationen, lebensgefährliche Infektionen <sup>4</sup>.</p> <h3 id="h-neurotransmitter-oder-neuroinflammation">Neurotransmitter oder Neuroinflammation?</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-35.png"><img alt="Gehirn bei Delirium" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-35.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-35.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-35-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-35-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-35-768x768.png 768w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Was bei Delirien genau auf zellulärer und molekularer Ebene im Gehirn passiert, muss noch intensiver erforscht werden. Vermutlich handelt es sich um ein multifaktorielles Geschehen, bei dem sowohl Störungen des Neurotransmittergleichgewichts als auch Entzündungsprozesse zusammen mit einer alterungsbedingten Anfälligkeit des Gehirns auftreten <sup>14</sup>. Zudem könnte auch Stress in Form von einem erhöhten Stesshormonspiegel (Cortisol) und oxidativem Stress (durch reaktive chemische Verbindungen) an der Entstehung des Delirs beteiligt sein <sup>15–18</sup>.</p> <p>Die Neurotransmitterhypothese geht von einer reduzierten Wirkung von Acetylcholin (einem wichtigen Botenstoff für Nervenzellen) im Gehirn aus. Dies könnte beispielsweise für die gestörte Aufmerksamkeit und den veränderten Schlaf-Wach-Rhythmus verantwortlich sein. Veränderungen anderer Neurotransmittersysteme könnten die weiteren verschiedenen Symptome und Ausprägungen des Delirs verursachen. Dabei berufen sich Vertreter der Neurotransmitterhypothese auf die Tatsachen, dass verschiedene Delirrisikofaktoren gerade diese Neurotransmitter beeinflussen und Medikamente, die in die Neurotransmittersysteme eingreifen, Delirsymptome verstärken oder verbessern können <sup>14,15</sup>.</p> <p>In Experimenten zeigten andere Forschungsgruppen, dass Entzündungsmediatoren und Veränderungen der Blut-Hirn-Schranke eine zentrale Rolle in der Delirentstehung spielen könnten <sup>19</sup>. Diese Neuroinflammationshypothese ist eng mit den anderen Konzepten verknüpft, da Entzündungsvorgänge im Gehirn das feinregulierte Neurotransmittergleichgewicht stören und gleichzeitig durch erhöhte Stresshormonspiegel moduliert werden <sup>20,21</sup>. </p> <h3 id="h-frau-m-wo-befinden-sie-sich-gerade">Frau M., wo befinden Sie sich gerade?</h3> <p>Für das Screening auf Delir stehen unterschiedliche Tests zur Verfügung, die auf Interaktion mit den Betroffenen, durch Beobachtung und auf Fremdanamnese beruhen. Einfache und schnelle Tests, die häufig angewendet werden, sind beispielsweise der 3D-CAM (CAM: Confusion Assessment Method) und der 4-AT <sup>22,23</sup>. Beide Tests fragen vier zentrale Merkmale des Delirs ab:</p> <ol start="1"> <li>Wachheit/Bewusstsein: Ist die Person wach, schläfrig, nicht erweckbar?</li> <li>Orientierung: Kann sie ihr Alter, das (Geburts-)Datum und den aktuellen Ort nennen?</li> <li>Aufmerksamkeit: Kann die Person beispielsweise die Monate rückwärts aufzählen?</li> <li>Akute Veränderung: Wurden Veränderungen oder Schwankungen der Symptome in den letzten Tagen festgestellt?</li> </ol> <p>In der S3 Leitlinie wird allerdings betont, dass ein auffälliges Ergebnis im Delirscreening weiterer Diagnostik durch erfahrenes medizinisches Personal bedarf. Da das Delir gerade durch Symptomfluktuation gekennzeichnet ist und sich die Ausprägung im Laufe des Tages stark ändern kann, muss die Untersuchung zu besonders ausgeprägten Zeitpunkten erfolgen und regelmäßig wiederholt werden <sup>24</sup>. Anschließend muss strukturiert nach den Delirursachen gesucht und die Patienten gründlich untersucht werden, da die Behandlung der grundlegenden, ätiologischen Faktoren die zentrale Strategie im Delirmanagement ist <sup>24</sup>. Zur Diagnostik gehören eine umfassende körperliche Untersuchung, Labordiagnostik von Blut und Urin, Erfassung aller Medikamente, Fremdanamnese durch Angehörige und wenn nötig auch Bildgebung des Gehirns, eine EEG Messung oder eine Untersuchung des Hirnwassers <sup>24</sup>.</p> <h3 id="h-das-multikomponenten-delirpraventionsprogramm">Das Multikomponenten-Delirpräventionsprogramm</h3> <p>Prävention und Behandlung des Delirs gehen eng miteinander einher und sind durch verschiedene, überwiegend nicht-medikamentöse Maßnahmen bestimmt. Zentrales Ziel ist es, auslösende Risikofaktoren des Delirs zu vermeiden sowie prädisponierende Faktoren und Ursachen zu behandeln. So könnten schätzungsweise bis zu 45% der Delirien bei Patientinnen und Patienten im Krankenhaus verhindert werden <sup>8,9</sup>.</p> <p>In der Versorgung von vulnerablen Personen muss auf die Vermeidung von psychischem und physischem Stress geachtet und Hilfe zur Orientierung angeboten werden. Nach der aktuellen S3 Leitlinie “Delir im höheren Alter” bedeutet das, Schmerzen und Infektionen frühzeitig zu behandeln, Kombinationen an Delir-auslösenden Medikamenten zu vermeiden und Störungen körperlicher Funktionen zu reduzieren. Das medizinische Personal sollte Gefährdete und Betroffene durch frühe Krankengymnastik unterstützen und Fixierung so weit wie möglich komplett vermeiden. </p> <p>Die Umgebungsgestaltung spielt eine weitere wichtige Rolle: So helfen Lärmreduktion, Orientierungshilfen wie Uhren, Kalender, Namensschilder und tageszeitentsprechende Beleuchtung des Raums der zeitlichen und örtlichen Orientierung. Psychosoziale Unterstützung erfolgt durch Förderung von körperlichen und sozialen Aktivitäten und sollte kognitiv anregend sein. Es sollten keine Medikamente zur Delirprävention gegeben werden. Die Delirbehandlung mit Medikamenten sollte nur bei sehr belastenden Symptomen erfolgen, wenn keine ausreichende Wirkung durch nicht-medikamentöse Maßnahmen erzielt wurde. </p> <p>Nicht eine Maßnahme allein, sondern alle zusammen sind in einem großen, umfassenden, auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmten <strong>Multikomponenten-Delirpräventionsprogramm</strong> erfolgreich <sup>24,25</sup>.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-10.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1446" sizes="(max-width: 1446px) 100vw, 1446px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-10-edited.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-10-edited.jpeg 1446w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-10-edited-300x300.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-10-edited-1024x1024.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-10-edited-150x150.jpeg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-10-edited-768x768.jpeg 768w" width="1446"></img></a></figure> <p>Aber auch die Betroffenen und Angehörigen selbst können aktiv werden. Angehörige können ihre betroffenen Familienmitglieder oder Freunde regelmäßig besuchen, zur Behandlung im Krankenhaus begleiten und vertraute Gegenstände und Fotos mitbringen <sup>9</sup>. Betroffene sollten unbedingt ihre passende Brille, Hörgeräte und Zahnprothesen verwenden und von ihrem Umfeld in der Benutzung unterstützt werden. Geistige Anregung durch Gespräche, gemeinsames Spielen oder Lesen leistet emotionale Entlastung. Zusätzlich empfiehlt die “<a href="https://register.awmf.org/assets/guidelines/109-001p1_S3_Delir-im-hoeheren-Lebensalter_2026-01.pdf">Patient:innenleitlinie für Betroffene und Angehörige</a>” den Schlaf-Wach-Rhythmus mit festen Tagesstrukturen, regelmäßigen Mahlzeiten und angemessener Raumbeleuchtung am Tag und ruhiger Dunkelheit in der Nacht zu unterstützen <sup>24</sup>.</p> <h3 id="h-warum-betrifft-uns-das-alle-nbsp">Warum betrifft uns das alle? </h3> <p>Jetzt könntest du vielleicht denken: “Was geht mich das an? Ich bin doch noch keine 70 Jahre alt! Das betrifft doch alte, kranke Menschen!”. Vielleicht kennst du aber eine Frau M. in deinem Umfeld, in deiner Familie, unter deinen Freunden? </p> <p>Viele Risikofaktoren für ein Delir sammeln sich im Laufe des Lebens an, einige unvermeidlich, andere vermeidbar. Umso wichtiger ist es, aufeinander und auch auf uns selbst zu achten. Und zum Schluss: Auch als Angehörige können wir Menschen helfen, im Alter lange geistig fit und selbstständig zu bleiben, oft schon durch ganz einfache Maßnahmen.</p> <h4 id="h-bildquellen">Bildquellen:</h4> <p>Coverbild: ChatGPT generiert</p> <p>Bild 1: <a href="https://de.freepik.com/">https://de.freepik.com/</a> und ChatGPT modifiziert</p> <p>Bild 2: <a href="https://de.freepik.com/">https://de.freepik.com/</a></p> <h4 id="h-quellen">Quellen: </h4> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">1. Leitlinien. <em>BMG </em>https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/l/leitlinien.html. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">2. V, A. der W. M. F. e. Stufenklassifikationen | Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V. https://www.awmf.org/regelwerk/stufenklassifikationen. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">3. 109-001l_S3_Delir-im-hoeheren-Lebensalter_2026-01-1.pdf. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">4. Inouye, S. K., Westendorp, R. G. &amp; Saczynski, J. S. Delirium in elderly people. <em>The Lancet </em><strong>383</strong>, 911–922 (2014). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">5. Zoremba, N. &amp; Coburn, M. Acute Confusional States in Hospital. <em>Deutsches Ärzteblatt international </em>https://doi.org/10.3238/arztebl.2019.0101 (2019) doi:10.3238/arztebl.2019.0101. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">6. Pisani, M. A. <em>et al.</em> Days of delirium are associated with 1-year mortality in an older intensive care unit population. <em>Am J Respir Crit Care Med </em><strong>180</strong>, 1092–1097 (2009). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">7. Witlox, J. <em>et al.</em> Delirium in elderly patients and the risk of postdischarge mortality, institutionalization, and dementia: a meta-analysis. <em>JAMA </em><strong>304</strong>, 443–451 (2010). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">8. Ludolph, P. <em>et al.</em> Non-Pharmacologic Multicomponent Interventions Preventing Delirium in Hospitalized People. <em>J Am Geriatr Soc </em><strong>68</strong>, 1864–1871 (2020). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">9. Burton, J. K. <em>et al.</em> Non-pharmacological interventions for preventing delirium in hospitalised non-ICU patients. <em>Cochrane Database Syst Rev </em><strong>11</strong>, CD013307 (2021). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">10. Nugent, K., Nugent, R. &amp; Yang, S. When should clinicians use the term syndrome? <em>The American Journal of the Medical Sciences </em><strong>365</strong>, 475–479 (2023). </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">11. BfArM – ICD-11 in Deutsch – Entwurfsfassung. https://www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Klassifikationen/ICD/ICD-11/uebersetzung/_node.html. </a></p> <p><a href="https://www.zotero.org/google-docs/?7yO0UP">12. Hayhurst, C. 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Und wieder tut das Strafrecht nichts https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts/#comments Sat, 07 Feb 2026 14:45:59 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3526 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/geralt-crime-268902_1920-angepasst-768x543.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/geralt-crime-268902_1920-angepasst.jpg" /><h1>Und wieder tötet ein Kind. Und wieder tut das Strafrecht nichts » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Die Tat in Dormagen (NRW) wirft erneut die Frage auf, ob die Untergrenze des Strafrechts von 14 Jahren noch zeitgemäß ist</strong></p> <span id="more-3526"></span> <p>Natürlich will keine Gesellschaft gerne Kinder vor Gericht sehen. Und natürlich wissen wir auch, dass die Einsicht in richtig und falsch <em>und</em> das Vermögen, nach dieser Einsicht zu handeln, in jungen Jahren noch nicht voll ausgeprägt ist.</p> <p>Aber “noch nicht voll ausgeprägt” bedeutet nicht unbedingt vollständig abwesend. Wenn zum Beispiel Zwölf- oder 13-Jährige mit Steinen Scheiben einwerfen, dann mag das dumm oder impulsiv sein. Zumindest manchen von ihnen dürfte aber klar sein, dass man so etwas nicht macht.</p> <p>Nun fand am gestrigen 6. Februar die Trauerfeier für den 14-jährigen Yosef statt. Dessen Leiche war laut Medienberichten am Mittwoch, den 28. Januar, von Spaziergängern in einem See in Dormagen-Hackenbroich gefunden worden. Die Staatsanwaltschaft gehe aufgrund der Stich- und Schnittverletzungen inzwischen sicher von einem Tötungsdelikt aus.</p> <p>Da der mutmaßliche Täter erst zwölf Jahre alt sein soll, wird es wahrscheinlich zu keinem Strafverfahren kommen. Wie sieht das aus rechtlicher und psychologischer Sicht aus?<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy.png"><img alt="" decoding="async" height="481" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy-1024x481.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy-1024x481.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy-300x141.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy-768x361.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy.png 1387w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Ob die Untergrenze für die strafrechtliche Verantwortung gesenkt werden soll, war sogar Thema der letzten Bundestagswahlen. Für die Empfehlung des Wahl-O-Mats konnte man damals eine Entscheidung abgeben. Quelle: Bildzitat nach Vorlage</em></p> <h2 id="h-100-000-straftaten">100.000 Straftaten</h2> <p>Laut der neuesten Polizeilichen Kriminalstatistik wurden von Kindern im Jahr 2024 rund 100.000 Straftaten erfasst. Es ging dabei meistens um Diebstähle (rund 32.000), Körperverletzungen (27.000) und Sachbeschädigungen (11.000). In den letzten Jahren steigen die Zahlen, was als “Coronaviruspandemie-Nachholeffekt” gedeutet wird.</p> <p>Die Straftaten von Kindern sind damit aber wieder in etwa auf dem Niveau von 2009. Dazwischen hatte die Zahl abgenommen.</p> <p>Von den 100.000 genannten Fällen waren 24 Straftaten gegen das Leben. Vor allem diese schweren Fälle schaffen es in die Medien. Für minderjährige Verdächtige und insbesondere für Kinder gilt aber auch ein besonderer Persönlichkeitsschutz. Daher wird bei Verfahren nach dem Jugendstrafrecht die Öffentlichkeit allgemein ausgeschlossen. Bei Kindern – das bedeutet hier: unter 14 Jahren – kann es nach heutigem Recht aber auch prinzipiell gar kein Strafverfahren geben.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-2048x1152.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Die Anzahl der Straftaten in verschiedenen Altersgruppen im zeitlichen Verlauf. Hinweis: Da die Gruppen sehr unterschiedlich groß sind, sollte man sie nicht direkt miteinander vergleichen. Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik</em></p> <h2 id="h-harte-altersgrenzen">Harte Altersgrenzen</h2> <p>Im Strafgesetzbuch (StGB) wird nämlich vor dem 14. Geburtstag von der Schuldunfähigkeit des Kindes ausgegangen: “Schuldunfähig ist, wer bei Begehung der Tat noch nicht vierzehn Jahre alt ist” (§ 19 StGB). Wie man sieht, gibt es hier keine Ausnahmen für besondere oder besonders schwere Fälle. Damit ist aber nicht nur eine strafrechtliche Verurteilung, sondern auch eine nähere Aufklärung der Tat – sieht man von der allgemeinen polizeilichen Ermittlungsarbeit ab – grundlegend ausgeschlossen.</p> <p>Weitere Altersgrenzen finden sich im Jugendgerichtsgesetz (JGG). Dieses gilt für Jugendliche (14 bis einschließlich 17 Jahre) und Heranwachsende (18 bis einschließlich 20 Jahre). Für Letztere gilt eine Übergangsphase: Nach den individuellen Umständen können sie unters Erwachsenen- oder Jugendstrafrecht fallen.</p> <p>In Deutschland ist man eher mild und wendet in rund zwei Drittel der Fälle das Jugendstrafrecht an, wenn auch mit Unterschieden zwischen den Bundesländern und in jüngerer Zeit vielleicht fallendem Trend.</p> <p>Zum Vergleich: Im Nachbarland Niederlande könnte man zwar sogar bis zum Alter von 22 Jahren das Jugendstrafrecht anwenden. Mit dieser oberen Altersgrenze, die auch mit Hinweisen auf die Gehirnentwicklung begründet wurde, habe ich mich <a href="https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2020.01762/full">intensiv in meiner Forschung beschäftigt</a>. Doch trotz dieser auf den ersten Blick milder scheinenden Regelung werden hier ab 18 Jahren so gut wie alle (will sagen: über 90 Prozent) nach Erwachsenenstrafrecht angeklagt. Durch die Anhebung der Altersgrenze auf 22 Jahre im Jahr 2014 erhöhte sich das nur leicht. Als Untergrenze gilt hier im Strafrecht übrigens das Alter von zwölf Jahren.</p> <h2 id="h-ziele-des-strafrechts">Ziele des Strafrechts</h2> <p>Im Prinzip verfolgt das Strafrecht mindestens vier Ziele: Es soll, erstens, <em>abschrecken</em>, damit es erst gar nicht zu Straftaten kommt; es soll, zweitens, <em>strafen</em> – manche Sprechen auch noch von “Vergeltung” –, um den Schaden des Opfers und an der Rechtsordnung (zumindest symbolisch) wiedergutzumachen; drittens soll es <em>schützen</em>, einfach indem es Menschen, die Straftaten begangen haben, einsperrt; viertens soll es aber auch <em>resozialisieren</em>, um den Verurteilten eine Wiedereingliederung und Rückkehr in die Gesellschaft zu ermöglichen.</p> <p>Es leuchtet schnell ein, dass manche dieser Ziele im Widerspruch zueinander stehen: Insbesondere gilt das für das Strafen und Schützen auf der einen Seite und das Resozialisieren auf der anderen. Außerdem gilt auch das verfassungsrechtliche Prinzip der Verhältnismäßigkeit. Jemanden zum Beispiel für einen Ladendiebstahl lebenslang wegzusperren, würde zwar zukünftige Ladendiebstähle dieser Person verhindern. Das wäre aber ein zu starker Eingriff in ihre Freiheit.</p> <p>Auch wer sich für das Prinzip Menschlichkeit überhaupt nicht erwärmen kann, sollte zumindest die Konsequenzen drakonischer Strafen mitbedenken: Das Gefängniswesen muss nämlich auch finanziert, personell und mit anderen Ressourcen ausgestattet werden. Wer weggesperrt bleibt, obwohl er Reue zeigt, kann nur wenig Positives zur Gesellschaft beitragen. Und wer nicht resozialisiert wird, begeht mit höherer Wahrscheinlichkeit wieder Straftaten.</p> <p>Im Jugendstrafrecht wird das pädagogische Ziel der Resozialisierung höher gewichtet. Hier geht man davon aus, dass die Persönlichkeit noch nicht so gefestigt ist und man auf den Täter oder die Täterin noch besser positiv einwirken kann. Neben geringeren Höchststrafen kennt das Jugendstrafrecht hierfür sozialere Alternativen zur Gefängnisstrafe.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2 id="h-denken-an-die-opfer">Denken an die Opfer</h2> <p>Die Diskussion um ein mögliches Herabsenken der Untergrenze für das Strafrecht dreht sich meist um die psychologische Entwicklung der Täterinnen oder Täter. “Aber es sind doch Kinder!”, rufen mitunter Gegner einer Absenkung.</p> <p>Ja – es sind aber auch junge Menschen, die einem anderen das Leben genommen haben, teils unter brutalen Umständen. Eine deutsche Professorin, deren Namen ich in der politisch aufgeladenen Diskussion bewusst nicht nenne, setzt sich sogar für eine <em>Anhebung</em> der Altersgrenze auf 16 Jahre ein. Dann würden noch einmal viel mehr als die erwähnten 100.000 Straftaten nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden.</p> <p>Obwohl Opferschutz sonst groß geschrieben wird, scheint sich das bei manchen zu ändern, sobald die Täter unter 14 Jahre alt sind. Dabei sollte man bedenken: Ohne Strafrecht gibt es auch keine strafrechtliche Aufklärung der Tatumstände, von einer Bestrafung ganz zu schweigen.</p> <p>Für die Betroffenen sind die Taten ohnehin schon schwer belastend. Das eigene Kind für immer zu verlieren und dann auch noch durch das absichtliche Handeln eines anderen Menschen, dürfte so ziemlich das Schlimmste sein, was jemandem im Leben passieren kann.</p> <p><em>Hinweis: In den folgenden Absätzen werden bildliche Details schwerer Gewaltverbrechen genannt. Wer das nicht lesen will, kann den zweiten Teil weiterlesen.</em></p> <p>Hier sei noch einmal an den Fall der zwölfjährigen Luise erinnert. Sie wurde am 11. März 2023 in Freudenberg bei Siegen von zwei zwölf- und dreizehnjährigen Bekannten in ein Waldstück gelockt und dann mit vielen Messerstichen getötet.</p> <p>Die Täterinnen hatten das zuvor in einem Chat geplant und das Mädchen eigentlich mit einer Plastiktüte ersticken wollen. Als Luise sich wehrte, wurde sie Dutzende Male gestochen. Anschließend nahmen die Beiden ihrem Opfer noch das Telefon ab und ließen die hilflose Luise dann einsam verbluten. Man fand sie erst, als sie schon tot war – und für den Finder muss so eine Szene übrigens auch ein schwerer Schock sein.</p> <p>Es mag für Außenstehende schwer nachvollziehbar sein, doch für Luises Angehörige drehte sich zum Beispiel viel um die Frage, wie lange das Mädchen noch bei Bewusstsein war, also wie lange das Leiden andauerte. Solche Fragen würden in einem Strafprozess aufgeklärt werden – jedenfalls so weit das möglich ist. Doch mit Verweis auf den zitierten § 19 StGB und dass die Täterinnen noch Kinder sind, lässt der Staat die Familie mit ihren schmerzhaften Fragen allein.</p> <h2 id="h-umweg-ubers-zivilrecht">Umweg übers Zivilrecht</h2> <p>Da übers Strafrecht nichts zu erreichen war, versuchten die Angehörigen, sich übers Zivilrecht zu wehren. Hier handelt nicht der Staat, sondern stehen sich zwei bürgerliche Parteien gegenüber. Das Gericht wacht sozusagen über die Einhaltung der Spielregeln, der geltenden Gesetze. In so einem Verfahren fehlen aber nicht nur die weitreichenden Möglichkeiten der Staatsanwaltschaft, sondern ist die klagende Partei in der Beweispflicht und trägt sie auch das Kostenrisiko.</p> <p>Durch die Verhandlung am Landgericht Koblenz erfuhr im Sommer 2025 schließlich die Öffentlichkeit nähere Details über die Tat: dass es sich um eine geplante, grausame Tötung handelte. Ein Strafgericht würde in so einem Fall vermutlich einen Mord feststellen. Dann wäre das Höchstmaß nach Jugendstrafrecht 15 Jahre Freiheitsstrafe, nach Erwachsenenstrafrecht wäre automatisch lebenslänglich die Strafe. Und auch hier noch ist das deutsche Recht eher mild und sieht wegen des hohen Stellenwerts der Menschenwürde 25 Jahre als höchste Strafdauer an, die später unter Umständen auf 15 Jahre verkürzt werden kann.</p> <p>Stattdessen fordern Luises Hinterbliebene nun Schadensersatz. Dafür ist die oben genannte Frage relevant, wie lange das hilflos zurückgelassene Mädchen tatsächlich noch litt. In Zahlen ausgedrückt geht es dann um einen Schadensersatz von vielleicht eher 40.000 oder 60.000 Euro. Dass das den Verlust eines Kindes nicht aufwiegen kann, ist klar. Ich nenne das hier zur Veranschaulichung der Unterschiede zwischen zivil- und strafrechtlichen Möglichkeiten.</p> <p>Unabhängig vom Schadensersatz und insbesondere seiner Höhe wäre so eine Verurteilung vielleicht ein minimaler Funken von Gerechtigkeit für die Familie. Wenn sie aber Pech hat und das Gericht nicht überzeugen kann, müsste sie die Anwalts- und Verfahrenskosten selbst tragen, sogar der Gegenseite.</p> <p>Das gilt nicht nur für das – nach allem, was bekannt ist, noch laufende – Verfahren am Landgericht. Danach könnte es noch zu einem Berufungs- oder Revisionsverfahren kommen. Wohlgemerkt, mit einer Verlängerung der Unsicherheit und Vergrößerung des Kostenrisikos. Und das bei einer Familie, deren junge Tochter umgebracht wurde und die noch tief trauert.</p> <h2 id="h-historischer-exkurs">Historischer Exkurs</h2> <p>Die Tötung der zwölfjährigen Luise und jetzt des 14-jährigen Yosef erinnert an einen historischen Fall, den ich durch meine Forschung wiederentdeckte: Im November 1834 lockte der neunjährige Major Mitchell einen achtjährigen Schulkameraden in ein Waldstück in Durham nahe der Stadt Portland im US-Bundesstaat Oregon. Er versuchte mehrfach, den Achtjährigen in einem Bach zu ertränken, doch dafür war das Wasser wahrscheinlich nicht tief genug.</p> <p>Stattdessen fesselte Mitchell sein Opfer nackt an einen Baum, misshandelte es stundenlang mit Stockschlägen und verstümmelte es mit einem Stück Metall. Selbst nach dieser Folter gelang es dem Täter nicht, das jüngere Kind zu ertränken.</p> <p>Der Fall kam vor Gericht und Phrenologen wollten aussagen, dass der Täter wegen einer früheren Kopfverletzung ein größeres Schädelorgan für “Zerstörungskraft” habe. Laut der phrenologischen Lehre lag das über dem Ohr. Ein Zeichner will hier eine Vergrößerung gesehen haben.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-3-3-Phrenology-300dpi-copy.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 575px) 100vw, 575px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-3-3-Phrenology-300dpi-copy-575x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-3-3-Phrenology-300dpi-copy-575x1024.jpg 575w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-3-3-Phrenology-300dpi-copy-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-3-3-Phrenology-300dpi-copy.jpg 617w" width="575"></img></a></figure> <p><em>Auf dieser Zeichnung ist der Kopf des neunjährigen Angeklagten festgehalten. Die Phrenologen meinten, darauf Gründe für eine Strafminderung zu erkennen. Lizenz: gemeinfrei</em></p> <p>Den Richter überzeugte das allerdings nicht. Es sei nicht nachgewiesen, dass Kopfverletzungen wie die hier vermutete regelmäßig zu Straftaten führen. Mitchell wurde trotz seines jungen Alters zu neun Jahren Gefängnisstrafe verurteilt. Die Phrenologen freuten sich trotzdem, da man sie als Sachverständige gehört hatte, ohne dass man sie auslachte. 1835 publizierten sie über den Fall in ihrer eigenen Zeitschrift. Es dürfte sich dabei um den ersten dokumentierten Fall von “Neurorecht” handeln.</p> <p>Im nächsten Teil kehren wir in die Gegenwart zurück und überlegen wir uns, ob und wie die Altersgrenze für die Schuldfähigkeit im deutschen Strafrecht angepasst werden könnte.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron.jpg"><img alt="" decoding="async" height="700" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1024x700.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1024x700.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-300x205.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-768x525.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1536x1050.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron.jpg 1700w" width="1024"></img></a></figure> <p>Beschreibung: Dieser und ähnliche Fälle werden in meinem neuen Buch über die Gehirnentwicklung und Altersgrenzen ausführlicher diskutiert. Die englische Fassung (links) steht dank der finanziellen Förderung durch unsere Universitätsbibliothek <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-72362-9">gratis zum Download</a> verfügbar. Die aktualisierte und erweiterte deutsche Fassung (rechts) erscheint diesen Sommer beim Hogrefe Verlag. Darin geht es ausführlicher auch um die Untergrenze des Strafrechts. Das Buch kann <a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html">jetzt schon vorbestellt werden</a>.</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: basiert auf <a href="https://pixabay.com/illustrations/crime-offense-misstep-outline-268902/">Geralt</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/06a60568b83c4b3ca4184953eb522774" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/geralt-crime-268902_1920-angepasst.jpg" /><h1>Und wieder tötet ein Kind. Und wieder tut das Strafrecht nichts » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Die Tat in Dormagen (NRW) wirft erneut die Frage auf, ob die Untergrenze des Strafrechts von 14 Jahren noch zeitgemäß ist</strong></p> <span id="more-3526"></span> <p>Natürlich will keine Gesellschaft gerne Kinder vor Gericht sehen. Und natürlich wissen wir auch, dass die Einsicht in richtig und falsch <em>und</em> das Vermögen, nach dieser Einsicht zu handeln, in jungen Jahren noch nicht voll ausgeprägt ist.</p> <p>Aber “noch nicht voll ausgeprägt” bedeutet nicht unbedingt vollständig abwesend. Wenn zum Beispiel Zwölf- oder 13-Jährige mit Steinen Scheiben einwerfen, dann mag das dumm oder impulsiv sein. Zumindest manchen von ihnen dürfte aber klar sein, dass man so etwas nicht macht.</p> <p>Nun fand am gestrigen 6. Februar die Trauerfeier für den 14-jährigen Yosef statt. Dessen Leiche war laut Medienberichten am Mittwoch, den 28. Januar, von Spaziergängern in einem See in Dormagen-Hackenbroich gefunden worden. Die Staatsanwaltschaft gehe aufgrund der Stich- und Schnittverletzungen inzwischen sicher von einem Tötungsdelikt aus.</p> <p>Da der mutmaßliche Täter erst zwölf Jahre alt sein soll, wird es wahrscheinlich zu keinem Strafverfahren kommen. Wie sieht das aus rechtlicher und psychologischer Sicht aus?<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy.png"><img alt="" decoding="async" height="481" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy-1024x481.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy-1024x481.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy-300x141.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy-768x361.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy.png 1387w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Ob die Untergrenze für die strafrechtliche Verantwortung gesenkt werden soll, war sogar Thema der letzten Bundestagswahlen. Für die Empfehlung des Wahl-O-Mats konnte man damals eine Entscheidung abgeben. Quelle: Bildzitat nach Vorlage</em></p> <h2 id="h-100-000-straftaten">100.000 Straftaten</h2> <p>Laut der neuesten Polizeilichen Kriminalstatistik wurden von Kindern im Jahr 2024 rund 100.000 Straftaten erfasst. Es ging dabei meistens um Diebstähle (rund 32.000), Körperverletzungen (27.000) und Sachbeschädigungen (11.000). In den letzten Jahren steigen die Zahlen, was als “Coronaviruspandemie-Nachholeffekt” gedeutet wird.</p> <p>Die Straftaten von Kindern sind damit aber wieder in etwa auf dem Niveau von 2009. Dazwischen hatte die Zahl abgenommen.</p> <p>Von den 100.000 genannten Fällen waren 24 Straftaten gegen das Leben. Vor allem diese schweren Fälle schaffen es in die Medien. Für minderjährige Verdächtige und insbesondere für Kinder gilt aber auch ein besonderer Persönlichkeitsschutz. Daher wird bei Verfahren nach dem Jugendstrafrecht die Öffentlichkeit allgemein ausgeschlossen. Bei Kindern – das bedeutet hier: unter 14 Jahren – kann es nach heutigem Recht aber auch prinzipiell gar kein Strafverfahren geben.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-2048x1152.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Die Anzahl der Straftaten in verschiedenen Altersgruppen im zeitlichen Verlauf. Hinweis: Da die Gruppen sehr unterschiedlich groß sind, sollte man sie nicht direkt miteinander vergleichen. Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik</em></p> <h2 id="h-harte-altersgrenzen">Harte Altersgrenzen</h2> <p>Im Strafgesetzbuch (StGB) wird nämlich vor dem 14. Geburtstag von der Schuldunfähigkeit des Kindes ausgegangen: “Schuldunfähig ist, wer bei Begehung der Tat noch nicht vierzehn Jahre alt ist” (§ 19 StGB). Wie man sieht, gibt es hier keine Ausnahmen für besondere oder besonders schwere Fälle. Damit ist aber nicht nur eine strafrechtliche Verurteilung, sondern auch eine nähere Aufklärung der Tat – sieht man von der allgemeinen polizeilichen Ermittlungsarbeit ab – grundlegend ausgeschlossen.</p> <p>Weitere Altersgrenzen finden sich im Jugendgerichtsgesetz (JGG). Dieses gilt für Jugendliche (14 bis einschließlich 17 Jahre) und Heranwachsende (18 bis einschließlich 20 Jahre). Für Letztere gilt eine Übergangsphase: Nach den individuellen Umständen können sie unters Erwachsenen- oder Jugendstrafrecht fallen.</p> <p>In Deutschland ist man eher mild und wendet in rund zwei Drittel der Fälle das Jugendstrafrecht an, wenn auch mit Unterschieden zwischen den Bundesländern und in jüngerer Zeit vielleicht fallendem Trend.</p> <p>Zum Vergleich: Im Nachbarland Niederlande könnte man zwar sogar bis zum Alter von 22 Jahren das Jugendstrafrecht anwenden. Mit dieser oberen Altersgrenze, die auch mit Hinweisen auf die Gehirnentwicklung begründet wurde, habe ich mich <a href="https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2020.01762/full">intensiv in meiner Forschung beschäftigt</a>. Doch trotz dieser auf den ersten Blick milder scheinenden Regelung werden hier ab 18 Jahren so gut wie alle (will sagen: über 90 Prozent) nach Erwachsenenstrafrecht angeklagt. Durch die Anhebung der Altersgrenze auf 22 Jahre im Jahr 2014 erhöhte sich das nur leicht. Als Untergrenze gilt hier im Strafrecht übrigens das Alter von zwölf Jahren.</p> <h2 id="h-ziele-des-strafrechts">Ziele des Strafrechts</h2> <p>Im Prinzip verfolgt das Strafrecht mindestens vier Ziele: Es soll, erstens, <em>abschrecken</em>, damit es erst gar nicht zu Straftaten kommt; es soll, zweitens, <em>strafen</em> – manche Sprechen auch noch von “Vergeltung” –, um den Schaden des Opfers und an der Rechtsordnung (zumindest symbolisch) wiedergutzumachen; drittens soll es <em>schützen</em>, einfach indem es Menschen, die Straftaten begangen haben, einsperrt; viertens soll es aber auch <em>resozialisieren</em>, um den Verurteilten eine Wiedereingliederung und Rückkehr in die Gesellschaft zu ermöglichen.</p> <p>Es leuchtet schnell ein, dass manche dieser Ziele im Widerspruch zueinander stehen: Insbesondere gilt das für das Strafen und Schützen auf der einen Seite und das Resozialisieren auf der anderen. Außerdem gilt auch das verfassungsrechtliche Prinzip der Verhältnismäßigkeit. Jemanden zum Beispiel für einen Ladendiebstahl lebenslang wegzusperren, würde zwar zukünftige Ladendiebstähle dieser Person verhindern. Das wäre aber ein zu starker Eingriff in ihre Freiheit.</p> <p>Auch wer sich für das Prinzip Menschlichkeit überhaupt nicht erwärmen kann, sollte zumindest die Konsequenzen drakonischer Strafen mitbedenken: Das Gefängniswesen muss nämlich auch finanziert, personell und mit anderen Ressourcen ausgestattet werden. Wer weggesperrt bleibt, obwohl er Reue zeigt, kann nur wenig Positives zur Gesellschaft beitragen. Und wer nicht resozialisiert wird, begeht mit höherer Wahrscheinlichkeit wieder Straftaten.</p> <p>Im Jugendstrafrecht wird das pädagogische Ziel der Resozialisierung höher gewichtet. Hier geht man davon aus, dass die Persönlichkeit noch nicht so gefestigt ist und man auf den Täter oder die Täterin noch besser positiv einwirken kann. Neben geringeren Höchststrafen kennt das Jugendstrafrecht hierfür sozialere Alternativen zur Gefängnisstrafe.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2 id="h-denken-an-die-opfer">Denken an die Opfer</h2> <p>Die Diskussion um ein mögliches Herabsenken der Untergrenze für das Strafrecht dreht sich meist um die psychologische Entwicklung der Täterinnen oder Täter. “Aber es sind doch Kinder!”, rufen mitunter Gegner einer Absenkung.</p> <p>Ja – es sind aber auch junge Menschen, die einem anderen das Leben genommen haben, teils unter brutalen Umständen. Eine deutsche Professorin, deren Namen ich in der politisch aufgeladenen Diskussion bewusst nicht nenne, setzt sich sogar für eine <em>Anhebung</em> der Altersgrenze auf 16 Jahre ein. Dann würden noch einmal viel mehr als die erwähnten 100.000 Straftaten nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden.</p> <p>Obwohl Opferschutz sonst groß geschrieben wird, scheint sich das bei manchen zu ändern, sobald die Täter unter 14 Jahre alt sind. Dabei sollte man bedenken: Ohne Strafrecht gibt es auch keine strafrechtliche Aufklärung der Tatumstände, von einer Bestrafung ganz zu schweigen.</p> <p>Für die Betroffenen sind die Taten ohnehin schon schwer belastend. Das eigene Kind für immer zu verlieren und dann auch noch durch das absichtliche Handeln eines anderen Menschen, dürfte so ziemlich das Schlimmste sein, was jemandem im Leben passieren kann.</p> <p><em>Hinweis: In den folgenden Absätzen werden bildliche Details schwerer Gewaltverbrechen genannt. Wer das nicht lesen will, kann den zweiten Teil weiterlesen.</em></p> <p>Hier sei noch einmal an den Fall der zwölfjährigen Luise erinnert. Sie wurde am 11. März 2023 in Freudenberg bei Siegen von zwei zwölf- und dreizehnjährigen Bekannten in ein Waldstück gelockt und dann mit vielen Messerstichen getötet.</p> <p>Die Täterinnen hatten das zuvor in einem Chat geplant und das Mädchen eigentlich mit einer Plastiktüte ersticken wollen. Als Luise sich wehrte, wurde sie Dutzende Male gestochen. Anschließend nahmen die Beiden ihrem Opfer noch das Telefon ab und ließen die hilflose Luise dann einsam verbluten. Man fand sie erst, als sie schon tot war – und für den Finder muss so eine Szene übrigens auch ein schwerer Schock sein.</p> <p>Es mag für Außenstehende schwer nachvollziehbar sein, doch für Luises Angehörige drehte sich zum Beispiel viel um die Frage, wie lange das Mädchen noch bei Bewusstsein war, also wie lange das Leiden andauerte. Solche Fragen würden in einem Strafprozess aufgeklärt werden – jedenfalls so weit das möglich ist. Doch mit Verweis auf den zitierten § 19 StGB und dass die Täterinnen noch Kinder sind, lässt der Staat die Familie mit ihren schmerzhaften Fragen allein.</p> <h2 id="h-umweg-ubers-zivilrecht">Umweg übers Zivilrecht</h2> <p>Da übers Strafrecht nichts zu erreichen war, versuchten die Angehörigen, sich übers Zivilrecht zu wehren. Hier handelt nicht der Staat, sondern stehen sich zwei bürgerliche Parteien gegenüber. Das Gericht wacht sozusagen über die Einhaltung der Spielregeln, der geltenden Gesetze. In so einem Verfahren fehlen aber nicht nur die weitreichenden Möglichkeiten der Staatsanwaltschaft, sondern ist die klagende Partei in der Beweispflicht und trägt sie auch das Kostenrisiko.</p> <p>Durch die Verhandlung am Landgericht Koblenz erfuhr im Sommer 2025 schließlich die Öffentlichkeit nähere Details über die Tat: dass es sich um eine geplante, grausame Tötung handelte. Ein Strafgericht würde in so einem Fall vermutlich einen Mord feststellen. Dann wäre das Höchstmaß nach Jugendstrafrecht 15 Jahre Freiheitsstrafe, nach Erwachsenenstrafrecht wäre automatisch lebenslänglich die Strafe. Und auch hier noch ist das deutsche Recht eher mild und sieht wegen des hohen Stellenwerts der Menschenwürde 25 Jahre als höchste Strafdauer an, die später unter Umständen auf 15 Jahre verkürzt werden kann.</p> <p>Stattdessen fordern Luises Hinterbliebene nun Schadensersatz. Dafür ist die oben genannte Frage relevant, wie lange das hilflos zurückgelassene Mädchen tatsächlich noch litt. In Zahlen ausgedrückt geht es dann um einen Schadensersatz von vielleicht eher 40.000 oder 60.000 Euro. Dass das den Verlust eines Kindes nicht aufwiegen kann, ist klar. Ich nenne das hier zur Veranschaulichung der Unterschiede zwischen zivil- und strafrechtlichen Möglichkeiten.</p> <p>Unabhängig vom Schadensersatz und insbesondere seiner Höhe wäre so eine Verurteilung vielleicht ein minimaler Funken von Gerechtigkeit für die Familie. Wenn sie aber Pech hat und das Gericht nicht überzeugen kann, müsste sie die Anwalts- und Verfahrenskosten selbst tragen, sogar der Gegenseite.</p> <p>Das gilt nicht nur für das – nach allem, was bekannt ist, noch laufende – Verfahren am Landgericht. Danach könnte es noch zu einem Berufungs- oder Revisionsverfahren kommen. Wohlgemerkt, mit einer Verlängerung der Unsicherheit und Vergrößerung des Kostenrisikos. Und das bei einer Familie, deren junge Tochter umgebracht wurde und die noch tief trauert.</p> <h2 id="h-historischer-exkurs">Historischer Exkurs</h2> <p>Die Tötung der zwölfjährigen Luise und jetzt des 14-jährigen Yosef erinnert an einen historischen Fall, den ich durch meine Forschung wiederentdeckte: Im November 1834 lockte der neunjährige Major Mitchell einen achtjährigen Schulkameraden in ein Waldstück in Durham nahe der Stadt Portland im US-Bundesstaat Oregon. Er versuchte mehrfach, den Achtjährigen in einem Bach zu ertränken, doch dafür war das Wasser wahrscheinlich nicht tief genug.</p> <p>Stattdessen fesselte Mitchell sein Opfer nackt an einen Baum, misshandelte es stundenlang mit Stockschlägen und verstümmelte es mit einem Stück Metall. Selbst nach dieser Folter gelang es dem Täter nicht, das jüngere Kind zu ertränken.</p> <p>Der Fall kam vor Gericht und Phrenologen wollten aussagen, dass der Täter wegen einer früheren Kopfverletzung ein größeres Schädelorgan für “Zerstörungskraft” habe. Laut der phrenologischen Lehre lag das über dem Ohr. Ein Zeichner will hier eine Vergrößerung gesehen haben.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-3-3-Phrenology-300dpi-copy.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 575px) 100vw, 575px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-3-3-Phrenology-300dpi-copy-575x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-3-3-Phrenology-300dpi-copy-575x1024.jpg 575w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-3-3-Phrenology-300dpi-copy-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-3-3-Phrenology-300dpi-copy.jpg 617w" width="575"></img></a></figure> <p><em>Auf dieser Zeichnung ist der Kopf des neunjährigen Angeklagten festgehalten. Die Phrenologen meinten, darauf Gründe für eine Strafminderung zu erkennen. Lizenz: gemeinfrei</em></p> <p>Den Richter überzeugte das allerdings nicht. Es sei nicht nachgewiesen, dass Kopfverletzungen wie die hier vermutete regelmäßig zu Straftaten führen. Mitchell wurde trotz seines jungen Alters zu neun Jahren Gefängnisstrafe verurteilt. Die Phrenologen freuten sich trotzdem, da man sie als Sachverständige gehört hatte, ohne dass man sie auslachte. 1835 publizierten sie über den Fall in ihrer eigenen Zeitschrift. Es dürfte sich dabei um den ersten dokumentierten Fall von “Neurorecht” handeln.</p> <p>Im nächsten Teil kehren wir in die Gegenwart zurück und überlegen wir uns, ob und wie die Altersgrenze für die Schuldfähigkeit im deutschen Strafrecht angepasst werden könnte.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron.jpg"><img alt="" decoding="async" height="700" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1024x700.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1024x700.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-300x205.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-768x525.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1536x1050.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron.jpg 1700w" width="1024"></img></a></figure> <p>Beschreibung: Dieser und ähnliche Fälle werden in meinem neuen Buch über die Gehirnentwicklung und Altersgrenzen ausführlicher diskutiert. Die englische Fassung (links) steht dank der finanziellen Förderung durch unsere Universitätsbibliothek <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-72362-9">gratis zum Download</a> verfügbar. Die aktualisierte und erweiterte deutsche Fassung (rechts) erscheint diesen Sommer beim Hogrefe Verlag. Darin geht es ausführlicher auch um die Untergrenze des Strafrechts. Das Buch kann <a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html">jetzt schon vorbestellt werden</a>.</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: basiert auf <a href="https://pixabay.com/illustrations/crime-offense-misstep-outline-268902/">Geralt</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/06a60568b83c4b3ca4184953eb522774" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>27</slash:comments> </item> <item> <title>Boden des Jahres 2026 – Der Archivboden https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/boden-des-jahres-2026-der-archivboden/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/boden-des-jahres-2026-der-archivboden/#respond Thu, 05 Feb 2026 22:39:42 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3735 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-768x576.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/boden-des-jahres-2026-der-archivboden/</link> </image> <description type="html"><h1>Boden des Jahres 2026 – Der Archivboden » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p><span><svg aria-hidden="true" data-icon="clock" fill="none" focusable="false" height="20" role="img" stroke="currentColor" style="display:inline-block;vertical-align:-0.1em" viewbox="0 0 24 24" width="20" xmlns="http://www.w3.org/2000/svg"><path d="M12 8v4l3 3m6-3a9 9 0 11-18 0 9 9 0 0118 0z" stroke-linecap="round" stroke-linejoin="round" stroke-width="2"></path></svg></span><span></span><span></span><span>Estimated reading time: </span><span>6</span><span> Minuten</span></p> <div><h2>Key Takeaways</h2> <ul> <li>Im Jahr 2026 wurde der Archivboden als Boden des Jahres ausgewählt, um dessen Bedeutung als Archiv für Klima und menschliche Aktivitäten hervorzuheben.</li> <li>Archivböden sind keine eigenständige Bodenart, sondern eine Gruppe von Böden mit besonderen Eigenschaften, die uns viel über die Vergangenheit erzählen können.</li> <li>Zu den Archivböden gehören Paläoböden, Moorböden und Böden mit besonderen geologischen Formationen, die menschliche Einflüsse widerspiegeln.</li> <li>Die Vielfalt der Archivböden erschwert die Beurteilung ihres Wertes, weshalb es Empfehlungen zum Schutz gibt.</li> <li>Archivböden sind schützenswert, da sie unser kulturelles und natürliches Erbe bewahren und zukünftigen Generationen wertvolle Informationen liefern.</li> </ul> </div> <p>Natürlich gibt es auch im Jahr 2026 wieder einen Boden des Jahres. Das Kuratorium hat diesmal jedoch nicht einen einzelnen Boden, sondern eine ganze Gruppe ausgewählt: der Archivboden. Damit soll unter anderem auf die Bedeutung der Böden als Archiv hingewiesen werden. Denn Böden sind nicht nur wichtige Ressourcen für die Natur und uns Menschen, sondern sie „merken” sich auch vieles, das mit ihnen passiert oder was wir mit ihnen anstellen. Somit liefern sie uns wichtige Informationen über frühere Klimaentwicklungen und menschliche Aktivitäten.</p> <h2 id="h-archivboden-was-ist-das">Archivboden, was ist das?</h2> <p>Böden sind dynamische Systeme. Sie entwickeln sich je nach Ausgangsgestein, Klima oder menschlicher Nutzung. Jeder dieser Faktoren hinterlässt seine Spuren im Boden. Auch geologische Ereignisse wie Vulkanausbrüche oder Überflutungen merken sich die Böden in der Regel sehr gut. Damit stellen Böden ein wichtiges Archiv dar, aus dem wir unser Wissen über vergangene Ereignisse, menschliche Nutzungen oder besondere Vorkommnisse erweitern können. Wie gut der Boden sich alles merkt, hängt jedoch auch stark vom jeweiligen Bodentyp ab. Ähnlich wie bei uns Menschen haben einige ein besseres Gedächtnis als andere. Mit der Wahl der Archivböden zum „Boden des Jahres” sollen diese in den Fokus gerückt werden. Lassen wir die Böden ihre Geschichten erzählen! Denn auch diese Böden sind bedroht. Werden sie überbaut oder tiefgründig umgegraben, verlieren sie ihr Gedächtnis für immer. Hinzu kommt, dass das Bodenschutzrecht bislang zumindest für die Archivfunktion der Böden keine Schutzgebiete ausweist.</p> <h2 id="h-schutzwurdig-oder-nicht">Schutzwürdig, oder nicht?</h2> <p>Die große Vielfalt der Archivböden kann es im Einzelfall erschweren, deren besonderen Wert als Archiv zu beurteilen. Bund und Länder haben daher als Hilfestellung die Arbeitshilfe „<a href="https://www.labo-deutschland.de/documents/Leitfaden_Archivboeden_335.pdf">Empfehlungen zur Bewertung und zum Schutz von Böden mit besonderer Funktion als Archiv der Natur- und Kulturgeschichte</a>“ bereitgestellt. Ein entscheidendes Kriterium ist demnach die Frage, ob die Prozesse, die zur Entstehung des betreffenden Bodens in seiner heutigen Erscheinungsform geführt haben, besonders typisch sind. Schutzwürdig sind außerdem Spuren alter Bodenbildungen aus früheren Klimaperioden ebenso wie kulturhistorische Hinterlassenschaften.</p> <h2 id="h-beispiele-fur-archivboden">Beispiele für Archivböden</h2> <p>Wie oben bereits gesagt, handelt es sich bei Archivböden nicht um eine eigene Bodenart, sondern um eine Gruppe von Böden beziehungsweise um eine Eigenschaft von Böden. Daher können unter diesem Begriff auch ganz unterschiedliche Böden zusammengefasst werden. Einige dieser Böden waren bereits selbst Böden des Jahres und wurden in früheren Blogbeiträgen vorgestellt. In diesem Fall verlinke ich einfach auf den entsprechenden Blogbeitrag.<aside></aside></p> <h3 id="h-boden-mit-besonderen-oder-seltenen-bodenbildungen">Böden mit besonderen oder seltenen Bodenbildungen</h3> <p>Eine andere Kategorie sind die Paläoböden, also ältere Bodenbildungen aus vergangenen geologischen Perioden. Sie erzählen uns heute viel über die damaligen Umwelt- und Klimabedingungen. Hierbei sind die Roterden, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Saprolith">Saprolithe</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ferralsol">Ferralite</a> und <a href="https://www.spektrum.de/lexikon/geographie/fersiallit/2435">Fersialite</a> von Bedeutung. Dies sind meist tropische oder subtropische Böden, die auf chemischer Verwitterung von Gesteinen beruhen. Sie sind mehrheitlich rötlich gefärbt und bestehen hauptsächlich aus den namensgebenden Elementen Eisen, Aluminium und Silizium. Daneben gibt es die Terra fusca, die im Deutschen etwas unromantisch als Kalksteinbraunlehm bezeichnet wird. Nicht zu vergessen sind auch die fossilen Bodenbildungen, die sich manchmal in mächtigen Lössablagerungen finden lassen.</p> <h3 id="h-moorboden">Moorböden</h3> <p>Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/niedermoor/">Moorböden</a> hatten wir ja auch schon als Boden des Jahres, zumindest den Niedermoorboden, nämlich als Boden des Jahres 2012. Hier ist besonders die Eigenschaft als Klima- und Vegetationsarchiv das Kriterium.</p> <h3 id="h-geologische-bildungen-und-ereignisse">Geologische Bildungen und Ereignisse</h3> <p>Böden können auch besondere geologische Prozesse abbilden. So etwa als Eiskeilpseudomorphosen oder als Würge- und <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/spuren-vergangener-klimaschwankungen-brodelb-den/">Brodelböden</a>. Hierzu kommen noch Steinpflaster und <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/der-boden-des-jahres-2021-loessboden/">Lössprofile</a>. Weiterhin kann m an auch Felsenmeere, Seekreideablagerungen, die vulkanischen Aschen beispielsweise des <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/tagebuch-eines-vulkanausbruchs-die-wingertsbergwand/">Laacher See Ausbruches</a>, Flugsanddünen oder mesozoische Verwitterungsdecken.</p> <figure><div> <a href="https://flic.kr/p/9URJ9i"><img alt="Würgeboden" decoding="async" height="427" src="https://live.staticflickr.com/2620/5849014193_c34eb9795d_z.jpg" width="640"></img></a> </div><figcaption><em>Brodelboden im Tal der Schmalen Aue bei Jesteburg, Eigenes Foto.</em></figcaption></figure> <h3 id="h-menschliche-aktivitaten">Menschliche Aktivitäten</h3> <p>Auch der Mensch hat den Böden, die er nutzt, oft seinen Stempel aufgedrückt. Ein Blick in den Boden kann daher manchmal viel über menschliche Aktivitäten und vergangene Bewirtschaftungsmethoden verraten. Ein Beispiel hierfür sind die sogenannten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/W%C3%B6lbacker">Wölbäcker</a>, die auf eine alte Methode des Pflügens zurückgehen, oder der <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/plaggenesch/">Plaggenesch</a>. Ähnlich sehen auch die <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/der-boden-des-jahres-2017-gartenboden/">Gartenböden</a> aus, die 2017 zum Boden des Jahres gewählt wurden.</p> <p>Meilerböden deuten dagegen auf die Tätigkeit der Köhler hin. In einer Zeit, in der Holz und Holzkohle wichtige Energieträger, vor allem für die Metallhütten, waren, kümmerten sich die Köhler um die Herstellung. Dazu wurde Holzkohle in sogenannten Meilern erzeugt. Die darunter liegenden Böden zeigen noch heute Spuren der Hitze, durch die Eisenoxide regelrecht frittiert wurden, sowie eine Schwarzfärbung durch Reste der Holzkohle. Vergleichbares gilt für Bergbaurelikte.</p> <p>Manchmal hat der Mensch auch seine Spuren im Boden hinterlassen, etwa wenn er etwas gebaut oder seine Ahnen begraben hat. Zu den Archivböden zählen beispielsweise auch archäologische Bodendenkmäler wie der römische Limes, alte Grabstellen oder Hohlwege.</p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-2048x1536.jpg 2048w" width="2560"></img><figcaption><em>Profil eines Plaggeneschs mit 40 bis 50 cm Auflage über fossilem Podsol. In der Nähe von Engter / Osnabrück. By Begonia (Own work) [Public domain]</em></figcaption></figure> <h2 id="h-schutzenswert">Schützenswert</h2> <p>Archivböden bewahren also unsere natürliches und kulturelles Erbe und verdienen daher auch unseren Schutz. Sie stellen wertvolle Geotope dar, die uns viel über uns und unsere Umwelt lernen lassen. Wir müssen ihnen nur zuhören. Und sie schützen, damit auch weitere Generationen an ihren Geschichten teilhaben können.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Boden des Jahres 2026 – Der Archivboden » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p><span><svg aria-hidden="true" data-icon="clock" fill="none" focusable="false" height="20" role="img" stroke="currentColor" style="display:inline-block;vertical-align:-0.1em" viewbox="0 0 24 24" width="20" xmlns="http://www.w3.org/2000/svg"><path d="M12 8v4l3 3m6-3a9 9 0 11-18 0 9 9 0 0118 0z" stroke-linecap="round" stroke-linejoin="round" stroke-width="2"></path></svg></span><span></span><span></span><span>Estimated reading time: </span><span>6</span><span> Minuten</span></p> <div><h2>Key Takeaways</h2> <ul> <li>Im Jahr 2026 wurde der Archivboden als Boden des Jahres ausgewählt, um dessen Bedeutung als Archiv für Klima und menschliche Aktivitäten hervorzuheben.</li> <li>Archivböden sind keine eigenständige Bodenart, sondern eine Gruppe von Böden mit besonderen Eigenschaften, die uns viel über die Vergangenheit erzählen können.</li> <li>Zu den Archivböden gehören Paläoböden, Moorböden und Böden mit besonderen geologischen Formationen, die menschliche Einflüsse widerspiegeln.</li> <li>Die Vielfalt der Archivböden erschwert die Beurteilung ihres Wertes, weshalb es Empfehlungen zum Schutz gibt.</li> <li>Archivböden sind schützenswert, da sie unser kulturelles und natürliches Erbe bewahren und zukünftigen Generationen wertvolle Informationen liefern.</li> </ul> </div> <p>Natürlich gibt es auch im Jahr 2026 wieder einen Boden des Jahres. Das Kuratorium hat diesmal jedoch nicht einen einzelnen Boden, sondern eine ganze Gruppe ausgewählt: der Archivboden. Damit soll unter anderem auf die Bedeutung der Böden als Archiv hingewiesen werden. Denn Böden sind nicht nur wichtige Ressourcen für die Natur und uns Menschen, sondern sie „merken” sich auch vieles, das mit ihnen passiert oder was wir mit ihnen anstellen. Somit liefern sie uns wichtige Informationen über frühere Klimaentwicklungen und menschliche Aktivitäten.</p> <h2 id="h-archivboden-was-ist-das">Archivboden, was ist das?</h2> <p>Böden sind dynamische Systeme. Sie entwickeln sich je nach Ausgangsgestein, Klima oder menschlicher Nutzung. Jeder dieser Faktoren hinterlässt seine Spuren im Boden. Auch geologische Ereignisse wie Vulkanausbrüche oder Überflutungen merken sich die Böden in der Regel sehr gut. Damit stellen Böden ein wichtiges Archiv dar, aus dem wir unser Wissen über vergangene Ereignisse, menschliche Nutzungen oder besondere Vorkommnisse erweitern können. Wie gut der Boden sich alles merkt, hängt jedoch auch stark vom jeweiligen Bodentyp ab. Ähnlich wie bei uns Menschen haben einige ein besseres Gedächtnis als andere. Mit der Wahl der Archivböden zum „Boden des Jahres” sollen diese in den Fokus gerückt werden. Lassen wir die Böden ihre Geschichten erzählen! Denn auch diese Böden sind bedroht. Werden sie überbaut oder tiefgründig umgegraben, verlieren sie ihr Gedächtnis für immer. Hinzu kommt, dass das Bodenschutzrecht bislang zumindest für die Archivfunktion der Böden keine Schutzgebiete ausweist.</p> <h2 id="h-schutzwurdig-oder-nicht">Schutzwürdig, oder nicht?</h2> <p>Die große Vielfalt der Archivböden kann es im Einzelfall erschweren, deren besonderen Wert als Archiv zu beurteilen. Bund und Länder haben daher als Hilfestellung die Arbeitshilfe „<a href="https://www.labo-deutschland.de/documents/Leitfaden_Archivboeden_335.pdf">Empfehlungen zur Bewertung und zum Schutz von Böden mit besonderer Funktion als Archiv der Natur- und Kulturgeschichte</a>“ bereitgestellt. Ein entscheidendes Kriterium ist demnach die Frage, ob die Prozesse, die zur Entstehung des betreffenden Bodens in seiner heutigen Erscheinungsform geführt haben, besonders typisch sind. Schutzwürdig sind außerdem Spuren alter Bodenbildungen aus früheren Klimaperioden ebenso wie kulturhistorische Hinterlassenschaften.</p> <h2 id="h-beispiele-fur-archivboden">Beispiele für Archivböden</h2> <p>Wie oben bereits gesagt, handelt es sich bei Archivböden nicht um eine eigene Bodenart, sondern um eine Gruppe von Böden beziehungsweise um eine Eigenschaft von Böden. Daher können unter diesem Begriff auch ganz unterschiedliche Böden zusammengefasst werden. Einige dieser Böden waren bereits selbst Böden des Jahres und wurden in früheren Blogbeiträgen vorgestellt. In diesem Fall verlinke ich einfach auf den entsprechenden Blogbeitrag.<aside></aside></p> <h3 id="h-boden-mit-besonderen-oder-seltenen-bodenbildungen">Böden mit besonderen oder seltenen Bodenbildungen</h3> <p>Eine andere Kategorie sind die Paläoböden, also ältere Bodenbildungen aus vergangenen geologischen Perioden. Sie erzählen uns heute viel über die damaligen Umwelt- und Klimabedingungen. Hierbei sind die Roterden, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Saprolith">Saprolithe</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ferralsol">Ferralite</a> und <a href="https://www.spektrum.de/lexikon/geographie/fersiallit/2435">Fersialite</a> von Bedeutung. Dies sind meist tropische oder subtropische Böden, die auf chemischer Verwitterung von Gesteinen beruhen. Sie sind mehrheitlich rötlich gefärbt und bestehen hauptsächlich aus den namensgebenden Elementen Eisen, Aluminium und Silizium. Daneben gibt es die Terra fusca, die im Deutschen etwas unromantisch als Kalksteinbraunlehm bezeichnet wird. Nicht zu vergessen sind auch die fossilen Bodenbildungen, die sich manchmal in mächtigen Lössablagerungen finden lassen.</p> <h3 id="h-moorboden">Moorböden</h3> <p>Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/niedermoor/">Moorböden</a> hatten wir ja auch schon als Boden des Jahres, zumindest den Niedermoorboden, nämlich als Boden des Jahres 2012. Hier ist besonders die Eigenschaft als Klima- und Vegetationsarchiv das Kriterium.</p> <h3 id="h-geologische-bildungen-und-ereignisse">Geologische Bildungen und Ereignisse</h3> <p>Böden können auch besondere geologische Prozesse abbilden. So etwa als Eiskeilpseudomorphosen oder als Würge- und <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/spuren-vergangener-klimaschwankungen-brodelb-den/">Brodelböden</a>. Hierzu kommen noch Steinpflaster und <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/der-boden-des-jahres-2021-loessboden/">Lössprofile</a>. Weiterhin kann m an auch Felsenmeere, Seekreideablagerungen, die vulkanischen Aschen beispielsweise des <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/tagebuch-eines-vulkanausbruchs-die-wingertsbergwand/">Laacher See Ausbruches</a>, Flugsanddünen oder mesozoische Verwitterungsdecken.</p> <figure><div> <a href="https://flic.kr/p/9URJ9i"><img alt="Würgeboden" decoding="async" height="427" src="https://live.staticflickr.com/2620/5849014193_c34eb9795d_z.jpg" width="640"></img></a> </div><figcaption><em>Brodelboden im Tal der Schmalen Aue bei Jesteburg, Eigenes Foto.</em></figcaption></figure> <h3 id="h-menschliche-aktivitaten">Menschliche Aktivitäten</h3> <p>Auch der Mensch hat den Böden, die er nutzt, oft seinen Stempel aufgedrückt. Ein Blick in den Boden kann daher manchmal viel über menschliche Aktivitäten und vergangene Bewirtschaftungsmethoden verraten. Ein Beispiel hierfür sind die sogenannten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/W%C3%B6lbacker">Wölbäcker</a>, die auf eine alte Methode des Pflügens zurückgehen, oder der <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/plaggenesch/">Plaggenesch</a>. Ähnlich sehen auch die <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/der-boden-des-jahres-2017-gartenboden/">Gartenböden</a> aus, die 2017 zum Boden des Jahres gewählt wurden.</p> <p>Meilerböden deuten dagegen auf die Tätigkeit der Köhler hin. In einer Zeit, in der Holz und Holzkohle wichtige Energieträger, vor allem für die Metallhütten, waren, kümmerten sich die Köhler um die Herstellung. Dazu wurde Holzkohle in sogenannten Meilern erzeugt. Die darunter liegenden Böden zeigen noch heute Spuren der Hitze, durch die Eisenoxide regelrecht frittiert wurden, sowie eine Schwarzfärbung durch Reste der Holzkohle. Vergleichbares gilt für Bergbaurelikte.</p> <p>Manchmal hat der Mensch auch seine Spuren im Boden hinterlassen, etwa wenn er etwas gebaut oder seine Ahnen begraben hat. Zu den Archivböden zählen beispielsweise auch archäologische Bodendenkmäler wie der römische Limes, alte Grabstellen oder Hohlwege.</p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-2048x1536.jpg 2048w" width="2560"></img><figcaption><em>Profil eines Plaggeneschs mit 40 bis 50 cm Auflage über fossilem Podsol. In der Nähe von Engter / Osnabrück. By Begonia (Own work) [Public domain]</em></figcaption></figure> <h2 id="h-schutzenswert">Schützenswert</h2> <p>Archivböden bewahren also unsere natürliches und kulturelles Erbe und verdienen daher auch unseren Schutz. Sie stellen wertvolle Geotope dar, die uns viel über uns und unsere Umwelt lernen lassen. Wir müssen ihnen nur zuhören. Und sie schützen, damit auch weitere Generationen an ihren Geschichten teilhaben können.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/boden-des-jahres-2026-der-archivboden/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Save the Date: Meine Vorträge & Lesungen 2026 https://scilogs.spektrum.de/meertext/save-the-date-meine-vortraege-lesungen-2026/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/save-the-date-meine-vortraege-lesungen-2026/#respond Thu, 05 Feb 2026 13:15:32 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1874 <h1>Save the Date: Meine Vorträge & Lesungen 2026 » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <h2 id="h-18-02-2026-darmstadt-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">18.02.2026, Darmstadt: “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung”</h2> <p>Zu Gast beim <a href="https://nwv-darmstadt.de/">Naturwissenschaftlichen Verein Darmstadt e.V. </a>im Hessischen Landesmuseum Darmstadt, Friedensplatz 1, 64283 Darmstadt<br></br>Beginn 18:00 Uhr, kostenlos</p> <p>Jules Verne (1828–1905) ist der Erfinder des wissenschaftlichen Romans mit Science-Fiction-Elementen. Er lebte und schrieb in einer Zeit der bahnbrechenden Erfindungen und Entdeckungen, die er begeistert aufnahm und den Faden weiter bis ins Fiktive spann. Seine Helden stießen in die Ozeane, den Luft- und Weltraum und unter die Erde vor. Vernes zahlreiche Romane enthalten viel Fachwissen, eingebettet in aufregende Abenteuer. Sein Roman „Zwanzigtausend Meilen unter den Meeren” ist eines seiner wichtigsten Werke und ein einzigartiges Zeugnis der Entstehung der Meeresforschung dieser Zeit. Darin schickt der französische Autor seinen Prof. Aronnax, einen berühmten französischen Meeresbiologen, auf ein unglaubliches Abenteuer durch die Ozeane, von exotischen Inseln bis in die Tiefsee und zum Südpol. Dafür erdachte Verne das erste literarische Tauchboot und erschuf den rätselhaften, düsteren Kapitän Nemo als Aronnax` Antagonisten. Wieviel Wissenschaft und Technik steckt in Vernes Meeresepos? Wie war der Stand des Wissens und der Wissenschaft und was hat sich der Autor ausgedacht? Wie recherchierte Verne diese Fakten und was war der gesellschaftspolitische Hintergrund für die Buchreihe “Phantastische Reisen”?</p> <p>Außerdem verrate ich, welchen Bezug das Buch zum HLMD hat…</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="350" sizes="(max-width: 228px) 100vw, 228px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg 228w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_-195x300.jpg 195w" width="228"></img></a><figcaption>Signiert oder unsigniert, erhältlich im <a href="https://www.shop-hirnkost.de/produkt/signiert-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung/">hirnkost-Shop</a> oder direkt bei mir</figcaption></figure> <h2 id="h-24-02-2026-pottwale-mythos-und-wirklichkeit">24.02.2026: “Pottwale – Mythos und Wirklichkeit”</h2> <p><a href="https://www.bund-hessen.de/stadtnaturzentrum/">BUND Zentrum für Stadtnatur</a>, Klappacher Straße 27 64285 Darmstadt<br></br>Zufahrt zur Orangerie von der Klappacher Straße aus, 1. Tor links (hinter dem Gebäude des Grünflächenamtes)<br></br><a href="https://www.darmstadt-vhs.de/kurssuche/kurs/Jules-Verne-und-die-Entdeckung-der-Meeresforschung/H104-02">Beginn 19:00 Uhr, kostenlos</a> <a href="https://www.darmstadt-vhs.de/kurssuche/kurs/Jules-Verne-und-die-Entdeckung-der-Meeresforschung/H104-02">(VHS-Kurs, hybrid)</a></p> <p>Der Pottwal (<em>Physeter macrocephalus</em>) ist der größte aller Zahnwale. Er ist der amtierende Tieftauchmeister, hat die größte Nase im Tierreich und ist der größte lebende Beutegreifer. Zugleich ist er eng verknüpft mit der menschlichen Kulturgeschichte: Über Jahrhunderte haben ihm Walfänger nachgestellt, in Romanen wie »Moby-Dick« ist er unsterblich geworden und sein Spermaceti-Öl war für den Menschen lange Zeit unersetzlich.<aside></aside></p> <p>Durch sein Abtauchen und seine gewaltige Größe hat er sich den neugierigen Augen der Menschen lange erfolgreich entzogen, erst mit Hightech-Entwicklungen können Forschende den großen Zahnwalen manchmal auf ihrem Weg in die Tiefen folgen. Umfangreiche Feldforschungen vor den Galapagos-Inseln und anderswo zeigen, dass Pottwale eine eigene Form von Kultur und Sprachen haben. Mit Hilfe von KI und anderen digitalen Werkzeugen findet ein interdisziplinäres Team gerade mehr über die Sprache der Leviathane heraus.</p> <h2 id="h-03-03-2026-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">03.03.2026: “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung”</h2> <p><a href="https://www.bund-hessen.de/stadtnaturzentrum/">BUND Zentrum für Stadtnatur</a>, Klappacher Straße 27 64285 Darmstadt<br></br>Zufahrt zur Orangerie von der Klappacher Straße aus, 1. Tor links (hinter dem Gebäude des Grünflächenamtes).<br></br><a href="https://www.darmstadt-vhs.de/programm/kostenfreie-angebote/kurs/Pottwale-Mythos-und-Wirklichkeit/H104-01">Beginn: 19:00 Uhr (VHS-Kurs, hybrid)</a></p> <h2 id="h-02-05-05-05-berlin-metropol-con">02.05/05.05, Berlin, Metropol-Con: </h2> <p>Im Kulturzentrum <em>Silent Green</em> findet wieder die Metropol-Con statt, eine multimediale futuristische und fantastische Convention. Die letzte fand ich schon großartig, die Entscheidung, welche Lesung und welchen Vortrag ich hören wollte, war echt schwierig. Diesmal ist die Metropol-Con sogar Euro-Con. D. h., der Austragungsort für das jährliche europaweite SF-Spektakel. Darum sind diesmal Vorträge und Lesungen aus ganz Europa dabei, die meisten auf Englisch. Als Ehrengäste stehen jetzt schon Becky Chambers und Aiki Mira fest – ich bin von den Büchern beider begeistert und freue mich schon sehr darauf.<p>Ich bin dabei mit:</p><br></br><strong>Vortrag/Lesung: Jules Verne and the Discovery of Marine Research</strong></p> <p><strong>Vortrag:</strong> <strong>Mycel und Mythos: Pilze in SF-Plots</strong><p>Das Reich der Pilze lebt in schätzungsweise über 1,5 Millionen Arten global in allen Lebensräumen, ist aber in Science Fiction-Büchern und -Filmen stark unterrepräsentiert. Aliens sind stattdessen meist nach Menschen, Tiere oder seltener auch Pflanzen und deren Eigenschaften konzipiert.</p><br></br>Mit ihrem Leben im Feuchten und Dunklen, dem geheimnisvollen Myzelnetzwerk als extreme Kolonieform und Symbiosepartner, ihrem extrem schnellen Wachstum und ihrer Vorliebe für tote organischer Materie erscheinen sie Menschen oft unheimlich. Und pathogene Eigenschaften bedrohen auch die menschliche Gesundheit. Manche parasitären Pilzgruppen befallen lebende Tiere und versklaven sie – das pilzgesteuerte Tier vollführt absurde Verhaltensweisen und stirbt schließlich. Zuletzt platzt der Kadaver auf und setzt Pilzsporen frei, der Triumph der vermeintlich niederen Lebensform lässt Menschen schaudern.<br></br>Dass vor allem solche Parasiten als Horror-Gegner in SF-Szenarien auftreten, ist wenig überraschend. Dabei haben die Myzelnetzwerke und Kolonien wesentlich mehr Skills: Einige Schleimpilze können wie digitale Netzwerke Probleme lösen: So bildete eine Schleimpilzkolonie den Tokioter U-Bahn-Plan nach. Außerdem bietet das Reich der Fungi Weltrettungskompetenzen – es ist Essen, Medizin, Material-Rohstoff und Schadstofffilter gleichermaßen. Und die halluzinogenen Eigenschaften lassen Menschen seit Jahrtausenden zumindest mental abheben.<br></br>Der Vortrag gibt einen Überblick über das Reich der Fungi und ihr World Wood Web und analysiert verschiedene SF-Stories mit Pilz-Protagonisten vor auf ihren Realitätsbezug.</p> <p>Jede/r kann dorthin kommen. Ganz besonders willkommen in SupporterInnen, die jetzt schon ihr Ticket bestellen. Das ist erstens günstiger und gibt zweitens dem Orga-Team die teils im Voraus nötige finanzielle Unterstützung. Die Location ist ziemlich schräg: ein altes Krematorium, das nun zum modernen Kulturzentrum wurde. In den Keller, zu den Buch- und anderen Verkaufsständen geht es über eine Betonrampe…</p> <figure></figure> <p>Die Saison für Conventions geht gerade erst so richtig los, es kommen bestimmt noch Termine dazu.</p> <h2 id="h-mich-kann-man-buchen">Mich kann man buchen</h2> <p>Neben wissenschaftsjournalistischen Texten zu Biologie, Paläontologie, Klimakrise und anderen naturwissenschaftlichen Themen erzähle ich meine Themen auch gern in populärwissenschaftlichen Vorträgen und Science Performances für Menschen aller Altersgruppen.<br></br>Eine Übersicht über meine Vortrags-Themen gibt es <a href="https://meertext.eu/vortraege/">hier</a>.<br></br>An dieser Stelle sollte ich anmerken, dass ich nicht nur leidenschaftliche Meeresbiologin, sondern auch eine Liebhaberin der wissenschaftsbasierten Science Fiction bin. In Vorträgen hinterfrage ich die wissenschaftlichen Fakten in SF-Szenarien und erzähle noch mehr Wissenswertes dazu.</p> <p>Alle Vorträge und Präsentationen sind allgemein verständlich ausgearbeitet, laufen schnörkellos auf Powerpoint und dauern nach Absprache – meist 45 Minuten.<br></br>Sie können bei <a href="https://meertext.eu/kontakt/">mir</a> von jeder/m und für jede/n gebucht werden, live oder online – für Verein, Schule, Museum, Event oder private Veranstaltungen. Honorar und Reisekosten nach Absprache.</p> <p>Weiterhin biete ich Lesungen zum Jules Verne-Buch sowie Vorlesungen und Workshops für Studierende und Jugendliche an.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Save the Date: Meine Vorträge & Lesungen 2026 » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <h2 id="h-18-02-2026-darmstadt-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">18.02.2026, Darmstadt: “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung”</h2> <p>Zu Gast beim <a href="https://nwv-darmstadt.de/">Naturwissenschaftlichen Verein Darmstadt e.V. </a>im Hessischen Landesmuseum Darmstadt, Friedensplatz 1, 64283 Darmstadt<br></br>Beginn 18:00 Uhr, kostenlos</p> <p>Jules Verne (1828–1905) ist der Erfinder des wissenschaftlichen Romans mit Science-Fiction-Elementen. Er lebte und schrieb in einer Zeit der bahnbrechenden Erfindungen und Entdeckungen, die er begeistert aufnahm und den Faden weiter bis ins Fiktive spann. Seine Helden stießen in die Ozeane, den Luft- und Weltraum und unter die Erde vor. Vernes zahlreiche Romane enthalten viel Fachwissen, eingebettet in aufregende Abenteuer. Sein Roman „Zwanzigtausend Meilen unter den Meeren” ist eines seiner wichtigsten Werke und ein einzigartiges Zeugnis der Entstehung der Meeresforschung dieser Zeit. Darin schickt der französische Autor seinen Prof. Aronnax, einen berühmten französischen Meeresbiologen, auf ein unglaubliches Abenteuer durch die Ozeane, von exotischen Inseln bis in die Tiefsee und zum Südpol. Dafür erdachte Verne das erste literarische Tauchboot und erschuf den rätselhaften, düsteren Kapitän Nemo als Aronnax` Antagonisten. Wieviel Wissenschaft und Technik steckt in Vernes Meeresepos? Wie war der Stand des Wissens und der Wissenschaft und was hat sich der Autor ausgedacht? Wie recherchierte Verne diese Fakten und was war der gesellschaftspolitische Hintergrund für die Buchreihe “Phantastische Reisen”?</p> <p>Außerdem verrate ich, welchen Bezug das Buch zum HLMD hat…</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="350" sizes="(max-width: 228px) 100vw, 228px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg 228w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_-195x300.jpg 195w" width="228"></img></a><figcaption>Signiert oder unsigniert, erhältlich im <a href="https://www.shop-hirnkost.de/produkt/signiert-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung/">hirnkost-Shop</a> oder direkt bei mir</figcaption></figure> <h2 id="h-24-02-2026-pottwale-mythos-und-wirklichkeit">24.02.2026: “Pottwale – Mythos und Wirklichkeit”</h2> <p><a href="https://www.bund-hessen.de/stadtnaturzentrum/">BUND Zentrum für Stadtnatur</a>, Klappacher Straße 27 64285 Darmstadt<br></br>Zufahrt zur Orangerie von der Klappacher Straße aus, 1. Tor links (hinter dem Gebäude des Grünflächenamtes)<br></br><a href="https://www.darmstadt-vhs.de/kurssuche/kurs/Jules-Verne-und-die-Entdeckung-der-Meeresforschung/H104-02">Beginn 19:00 Uhr, kostenlos</a> <a href="https://www.darmstadt-vhs.de/kurssuche/kurs/Jules-Verne-und-die-Entdeckung-der-Meeresforschung/H104-02">(VHS-Kurs, hybrid)</a></p> <p>Der Pottwal (<em>Physeter macrocephalus</em>) ist der größte aller Zahnwale. Er ist der amtierende Tieftauchmeister, hat die größte Nase im Tierreich und ist der größte lebende Beutegreifer. Zugleich ist er eng verknüpft mit der menschlichen Kulturgeschichte: Über Jahrhunderte haben ihm Walfänger nachgestellt, in Romanen wie »Moby-Dick« ist er unsterblich geworden und sein Spermaceti-Öl war für den Menschen lange Zeit unersetzlich.<aside></aside></p> <p>Durch sein Abtauchen und seine gewaltige Größe hat er sich den neugierigen Augen der Menschen lange erfolgreich entzogen, erst mit Hightech-Entwicklungen können Forschende den großen Zahnwalen manchmal auf ihrem Weg in die Tiefen folgen. Umfangreiche Feldforschungen vor den Galapagos-Inseln und anderswo zeigen, dass Pottwale eine eigene Form von Kultur und Sprachen haben. Mit Hilfe von KI und anderen digitalen Werkzeugen findet ein interdisziplinäres Team gerade mehr über die Sprache der Leviathane heraus.</p> <h2 id="h-03-03-2026-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">03.03.2026: “Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung”</h2> <p><a href="https://www.bund-hessen.de/stadtnaturzentrum/">BUND Zentrum für Stadtnatur</a>, Klappacher Straße 27 64285 Darmstadt<br></br>Zufahrt zur Orangerie von der Klappacher Straße aus, 1. Tor links (hinter dem Gebäude des Grünflächenamtes).<br></br><a href="https://www.darmstadt-vhs.de/programm/kostenfreie-angebote/kurs/Pottwale-Mythos-und-Wirklichkeit/H104-01">Beginn: 19:00 Uhr (VHS-Kurs, hybrid)</a></p> <h2 id="h-02-05-05-05-berlin-metropol-con">02.05/05.05, Berlin, Metropol-Con: </h2> <p>Im Kulturzentrum <em>Silent Green</em> findet wieder die Metropol-Con statt, eine multimediale futuristische und fantastische Convention. Die letzte fand ich schon großartig, die Entscheidung, welche Lesung und welchen Vortrag ich hören wollte, war echt schwierig. Diesmal ist die Metropol-Con sogar Euro-Con. D. h., der Austragungsort für das jährliche europaweite SF-Spektakel. Darum sind diesmal Vorträge und Lesungen aus ganz Europa dabei, die meisten auf Englisch. Als Ehrengäste stehen jetzt schon Becky Chambers und Aiki Mira fest – ich bin von den Büchern beider begeistert und freue mich schon sehr darauf.<p>Ich bin dabei mit:</p><br></br><strong>Vortrag/Lesung: Jules Verne and the Discovery of Marine Research</strong></p> <p><strong>Vortrag:</strong> <strong>Mycel und Mythos: Pilze in SF-Plots</strong><p>Das Reich der Pilze lebt in schätzungsweise über 1,5 Millionen Arten global in allen Lebensräumen, ist aber in Science Fiction-Büchern und -Filmen stark unterrepräsentiert. Aliens sind stattdessen meist nach Menschen, Tiere oder seltener auch Pflanzen und deren Eigenschaften konzipiert.</p><br></br>Mit ihrem Leben im Feuchten und Dunklen, dem geheimnisvollen Myzelnetzwerk als extreme Kolonieform und Symbiosepartner, ihrem extrem schnellen Wachstum und ihrer Vorliebe für tote organischer Materie erscheinen sie Menschen oft unheimlich. Und pathogene Eigenschaften bedrohen auch die menschliche Gesundheit. Manche parasitären Pilzgruppen befallen lebende Tiere und versklaven sie – das pilzgesteuerte Tier vollführt absurde Verhaltensweisen und stirbt schließlich. Zuletzt platzt der Kadaver auf und setzt Pilzsporen frei, der Triumph der vermeintlich niederen Lebensform lässt Menschen schaudern.<br></br>Dass vor allem solche Parasiten als Horror-Gegner in SF-Szenarien auftreten, ist wenig überraschend. Dabei haben die Myzelnetzwerke und Kolonien wesentlich mehr Skills: Einige Schleimpilze können wie digitale Netzwerke Probleme lösen: So bildete eine Schleimpilzkolonie den Tokioter U-Bahn-Plan nach. Außerdem bietet das Reich der Fungi Weltrettungskompetenzen – es ist Essen, Medizin, Material-Rohstoff und Schadstofffilter gleichermaßen. Und die halluzinogenen Eigenschaften lassen Menschen seit Jahrtausenden zumindest mental abheben.<br></br>Der Vortrag gibt einen Überblick über das Reich der Fungi und ihr World Wood Web und analysiert verschiedene SF-Stories mit Pilz-Protagonisten vor auf ihren Realitätsbezug.</p> <p>Jede/r kann dorthin kommen. Ganz besonders willkommen in SupporterInnen, die jetzt schon ihr Ticket bestellen. Das ist erstens günstiger und gibt zweitens dem Orga-Team die teils im Voraus nötige finanzielle Unterstützung. Die Location ist ziemlich schräg: ein altes Krematorium, das nun zum modernen Kulturzentrum wurde. In den Keller, zu den Buch- und anderen Verkaufsständen geht es über eine Betonrampe…</p> <figure></figure> <p>Die Saison für Conventions geht gerade erst so richtig los, es kommen bestimmt noch Termine dazu.</p> <h2 id="h-mich-kann-man-buchen">Mich kann man buchen</h2> <p>Neben wissenschaftsjournalistischen Texten zu Biologie, Paläontologie, Klimakrise und anderen naturwissenschaftlichen Themen erzähle ich meine Themen auch gern in populärwissenschaftlichen Vorträgen und Science Performances für Menschen aller Altersgruppen.<br></br>Eine Übersicht über meine Vortrags-Themen gibt es <a href="https://meertext.eu/vortraege/">hier</a>.<br></br>An dieser Stelle sollte ich anmerken, dass ich nicht nur leidenschaftliche Meeresbiologin, sondern auch eine Liebhaberin der wissenschaftsbasierten Science Fiction bin. In Vorträgen hinterfrage ich die wissenschaftlichen Fakten in SF-Szenarien und erzähle noch mehr Wissenswertes dazu.</p> <p>Alle Vorträge und Präsentationen sind allgemein verständlich ausgearbeitet, laufen schnörkellos auf Powerpoint und dauern nach Absprache – meist 45 Minuten.<br></br>Sie können bei <a href="https://meertext.eu/kontakt/">mir</a> von jeder/m und für jede/n gebucht werden, live oder online – für Verein, Schule, Museum, Event oder private Veranstaltungen. Honorar und Reisekosten nach Absprache.</p> <p>Weiterhin biete ich Lesungen zum Jules Verne-Buch sowie Vorlesungen und Workshops für Studierende und Jugendliche an.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/save-the-date-meine-vortraege-lesungen-2026/#respond 0 Rezension: „Expedition ins Unbekannte“ – Unterwasser-Archäologie https://scilogs.spektrum.de/meertext/rezension-expedition-ins-unbekannte-unterwasser-archaeologie/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/rezension-expedition-ins-unbekannte-unterwasser-archaeologie/#comments Wed, 04 Feb 2026 18:04:57 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1870 <h1>Rezension: „Expedition ins Unbekannte“ – Unterwasser-Archäologie » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Unterwasser-Archäologie finde ich unglaublich faszinierend. Darum habe ich kürzlich auch mit großem <a href="https://www.zdf.de/video/dokus/terra-x-unterwasser-archaeologie-mit-florian-huber-dokureihe-100/schaetze-unter-wasser-mit-florian-huber-doku-100">Vergnügen die Terra X-Folge „Schätze unter Wasser“</a> geschaut: Darin stellt der Unterwasser-Archäologe Florian Huber vier europäische Wissenschaftsprojekte vor – ein Unterwassermuseum in der Ägäis, steinzeitliche Pfahlbauten auf den Äußeren Hebriden, Tiefseeforschung vor Madeira und ein Wrack in der Ostsee. Kenntnisreich und gut erklärend führte er uns an diese vier europäischen submarinen Forschungsstätten. Im Interview mit den ExpertInnen vor Ort lädt er zum Mit-Erkunden und Mit-Entdecken ein und tauchte auch selbst mit. Da versunkene Schiffe und andere Artefakte gern von Meereswesen als fester Untergrund besiedelt werden, geht Kultur- und Naturwissen dabei Hand in Hand.</p> <p>So hatte Florian Huber für einen Tauchgang vor der portugiesischen Insel Madeira neben den berühmten Tierfilmern Kirsten und Joachim Jakobsen in ihrer “Lula 1000” Platz genommen. Die <a href="https://www.rebikoff.org/about/">Jakobsens und ihr privates Tauchboot (Rebikoff-Niggeler-Stiftung</a>) waren mir seit ihrer spektakulären Beobachtung einer Tiefseeanglerin mit ihrem angehängten Zwergmännchen inmitten eines Strahlenkranzes aus weit ausragenden  Flossenstrahlen und aufgespanntem Schleimnetz bekannt.</p> <p>Darum nahm ich das Angebot von <a href="https://buchcontact.de/">Buch Contact</a>, den Unterwasser-Archäologie-Bildband mit Florian Huber als Herausgeber (Herder Verlag) zu rezensieren, gern an!</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 878px) 100vw, 878px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-878x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-878x1024.jpg 878w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-257x300.jpg 257w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-768x896.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-1316x1536.jpg 1316w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-1755x2048.jpg 1755w" width="878"></img></a><figcaption>Florian Huber: „Expedition ins Unbekannte“ © Verlag Herder GmbH</figcaption></figure> <h2 id="h-expedition-ins-unbekannte"><strong>„Expedition ins Unbekannte“</strong></h2> <p>In „Expedition ins Unbekannte – Spektakuläre Schiffswracks der Tiefsee“ geht es in größere Tiefen. Gerade dort ist die Suche nach archäologischen Faktoren noch sehr jung, da dafür große technische und somit auch finanzielle und logistische Herausforderungen zu meistern sind. Auch wenn es in diesem Band nicht immer in die Tiefsee geht, sondern manchmal auch „nur“ in 100 Meter Tiefe wie in der Ostsee, dem Gardasee oder dem Ärmelkanal bleibt, sind diese Forschungsexpeditionen durchweg spektakulär.</p> <p>Florian Huber hat hier vor allem die Einführung beigesteuert und ein Kapitel zum Schiffsbohrwurm. Dann führen Kapitel für Kapitel die beteiligten Forschenden (darunter auch das Ehepaar Jakobsen) die Leserschaft durch ganz unterschiedliche Szenarien mit großartigen Bildern. Jedes Kapitel erzählt vom Suchen und Finden, vom Tauchen und Bergen. Neben den technischen Details zum Tieftauchen geht es dabei auch um die staubige Suche in Archiven nach Hinweisen zur letzten Reise der Wasservehikel. In der Rekonstruktion der Fahrt und des Sinkens sowie der Umstände des Unglücks steckt die ganze Dramatik von Seegefechten zwischen Kriegsschiffen und den Kämpfen mit Stürmen und Eis. Vor Hunderten von Jahren rissen diese Schiffe Hunderte, manchmal gar über Tausend Menschen mit in den Tod. <aside></aside></p> <p>An die Vorstellung besonders spektakulärer Bergungsmissionen schließt sich ein zweiter Teil an, in dem es um das Verhältnis von Menschen und Tiefsee geht. Darin finden sich dann auch biologische Kapitel und noch mehr Backgroundinformation zur Tiefwasser-Archäologie.</p> <p>Bei einigen Schiffsnamen stutzte ich zunächst – das liegt daran, dass gerade Kriegsschiffsnamen innerhalb einer Marine über die Jahrhunderte hinweg immer wieder vergeben werden. So kommt im Buch ein Flaggschiff der Royal Navy namens <em>HMS Victory</em> vor – allerdings war diese <em>Victory</em> lange vor der Schlacht von Trafalgar gesunken. Es handelte sich also nicht um Nelsons berühmtes Flaggschiff, das heute im Portsmouth Historic Dockyard ankert und, wie die Flagge zeigt, immer noch im aktiven Dienst steht, sondern eine frühere <em>Victory</em>. Von der ich noch nie gehört hatte.</p> <h2 id="h-johan-ronnby-das-geisterschiff-der-ostsee-aufrecht-am-meeresgrund"><strong>Johan Rönnby: “Das Geisterschiff der Ostsee – Aufrecht am Meeresgrund“</strong></h2> <p>Ende des 17. Jahrhunderts sank vor der schwedischen Insel Gotland ein kleines niederländisches Handelsschiff, eine sogenannte <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Fleute">Fleute.</a> Das Wrack steht aufrecht auf dem Meeresgrund in 125 Metern Tiefe, in totaler Dunkelheit. Wegen der niedrigen Temperaturen der Ostsee leben hier keine Schiffsbohrmuscheln (<em>Teredo navalis</em>) und auch andere biologische Aktivität ist reduziert, dadurch bleiben hölzerne Rümpfe oft perfekt erhalten. Dieses und andere Wracks in der Nähe bilden die Bedeutung der Ostsee und der Insel Gotland für Handel und Politik dieser Zeit ab.</p> <p>Solche leistungsstarken Frachtsegler waren mit ihren großen Laderäumen das Rückgrat der frühzeitlichen Weltwirtschaft. Der Ostindien-Handel und die Rohstoffe aus den Kolonien in der neuen Welt brachten Amsterdam und anderen niederländischen Seestädten großen Reichtum, die Waren wurden auch über die Ostsee weiter nach Osten und Norden transportiert. Tausende Handelsschiffe brachten Manufakturerzeugnisse, exotische Gewürze und Stoffe sowie Salz dort hin und nahmen Eisen, Kupfer, Kalk, Holz und Getreide als Ladung für den Rückweg auf.</p> <p>Per Tauchroboter (ROV)<a href="https://www.deepseareporter.com/an-underwater-museum-the-archaeologist-about-the-unique-capabilities-of-the-baltic-sea/"> erkundete das Team um den Meeresarchäologen Johan Rönneby</a> Details der Ladung im Innern – durch eine Luke waren zerborstene Fässer und ein paar Holzschuhe zu erkennen. Sie entdeckten die Bordküche mit dem Herd sowie Überreste eines geschnitzten hölzernen Schwans, der ursprünglich am Heckspiegel angebracht war – möglicherweise hieß das Schiff „Schwan“.<br></br>Außerdem fanden sie Hinweise darauf, dass das kleine Schiff ein Leck bekam und die Besatzung es beidrehte, um das Beiboot zu Wasser zu lassen und sich zu retten.</p> <p>Einige Gedanken zum Glauben ans Schicksal und Gottesfurcht der Seeleute dieser Zeit vervollständigt den Artikel und hinterlässt einen beklemmenden Eindruck vom Leben an Bord.</p> <h2 id="h-das-wrack-vor-den-dry-tortugas-spanien-das-jahr-1622-und-die-erste-tiefseeausgrabung-der-welt"><strong>“Das Wrack vor den Dry Tortugas – Spanien, das Jahr 1622 und die erste Tiefseeausgrabung der Welt“</strong></h2> <p>Die mit geraubtem Gold und Silber beladenen Galeonen des spanischen Imperiums sind schon fast Klischees von Schatzsucher-Abenteuern.<br></br>Viele davon verschwanden nicht weit vor den amerikanischen Küsten auf ihrer langen und gefährlichen Überfahrt zur iberischen Halbinsel. Gerade in flacher liegenden Wracks verheddern sich oft die Netze von Fischern. So ist durch Fischer seit den 1960er Jahren bekannt, dass in manchen Abschnitten der Floridastraße Schiffswracks liegen.</p> <p>Aber erst die Tauchrobotertechnik der Neuzeit erlaubte ab den 1990er Jahren ihre Erforschung: In diesem Fall stellte sich das recht kleine Schiff aufgrund seiner Abmessungen als die 1622 gesunkene <a href="https://www.treasurenet.com/threads/buen-jesus-y-nuestra-senora-del-rosario-found-by-odyssey-marine.346702/"><em>Buen Jesus y Nuestra Senora del Rosario</em> </a>heraus. Zu ihrer Ladung gehörten neben Goldbarren und Münzen auch Eisenwaren, Weinkrüge, Öl und andere Lebensmittel sowie Damenschuhe. Wesentlich kostbarer waren drei bronzene Astrolabien, goldene Rosenkranz-Perlen, Tintenfass und Schreibsandbehälter aus Onyx sowie eine in Nürnberg hergestellte kunstvolle Sonnenuhr aus Elfenbein.</p> <p>Für mich noch spannender sind die weniger kostbare Funde, die helfen, den Alltag der Besatzung zu rekonstruieren. Ein Beispiel dafür sind die 64 Stücke Schildpatt und Schildkrötenpanzer. Vermutlich haben die Seeleute die Schildkröten als lebenden Proviant mitgeführt und dann nach und nach geschlachtet und gegessen. Aus dem hornigen Schildpatt ihrer Rückenpanzer hat dann ein Besatzungsmitglied der <em>Buen Jesus</em> Läusekämme und Etuis geschnitzt, was als Freizeitbeschäftigung beliebt war. Außerdem gehörte zur Besatzung auch eine Schiffskatze, wie ein Kieferknochen belegt. Da aber 32% der an Bord gefundenen Knochen von Ratten stammten, war die einzelne Katze wohl recht überfordert. Die Nager fraßen sich an Bord durch Mehl, Zwieback, Kichererbsen, Bohnen und Fleisch und waren, wie andere zeitgenössische Berichte erzählen, auf den Schiffen eine große Plage.</p> <h2 id="h-sms-scharnhorst-das-seegefecht-bei-den-falklandinseln-1914"><strong>„SMS Scharnhorst – Das Seegefecht bei den Falklandinseln 1914“</strong></h2> <p>Bis zu diesem Artikel wusste ich nichts über die Aktivitäten der Deutschen Marine während des 1. Weltkriegs im Südpazifik und -atlantik. Die Erklärung für europäische Geschwader in den südlichen Ozeanen sind die in Südostasien und Südamerika gelegenen Kolonien und Handelspartner. Es galt, die eigenen Kolonien zu schützen und den Handelsverkehr der anderen Nationen zu stören. So war bei Kriegsausbruch 1914 das Ostasiatische Kreuzergeschwader der Kaiserlichen Marine vor den Marianen und stieß dort in Seegefechten vor Coronel und den Falklandinseln auf die Royal Navy.</p> <p>(<em>Anmerkung Meertext</em>: <em>Die Falkland-Inseln sind von Europa aus zwar sehr abgelegen, werden aber von England immer wieder vehement verteidigt – den meisten Europäer:innen dürften sie erst mit dem Falkland-Krieg bekannt geworden sein. Sie liegen an strategisch wichtiger Position und sind das Eingangstor zur Antarktis. Die Antarktis wiederum ist aus geopolitischer Sicht wichtig, lange Zeit auch wegen der Walbestände. Die Großwale waren schwimmende Öl- und Fleischressourcen und waren gerade für das Deutsche Reich von hoher Bedeutung. So diente die berühmte Schwabenland-Expedition nämlich der Erkundung der Ausbeutung der antarktischen Walbestände, um die „Reichsfettlücke“ zu schließen. Allerdings entschieden sich die deutschen Verantwortlichen dann, dass es einfacher sei, Walfangschiffe anderer Nationen auf der Heimfahrt aufzubringen, statt selbst eine Walfangindustrie aufzubauen</em>.<br></br><em>Darum kommen mir <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2017/04/20/auf-wal-survey-mit-hms-enterprise-im-suedatlantik/">wegen der Wale</a>, der Nähe zur Antarktis und meiner <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2017/03/31/south-georgia-hms-enterprises-walk-on-the-wild-side-bericht-aus-der-antarktis/">Kontakte zur Royal Navy</a></em> <em>die Falklands immer mal wieder unter, aber Gesprächsparter:innen muss ich meist erstmal erklären, wo die sind).</em><p>In den Seegefechten im November und Dezember 1914 in „schwerer See“ (<em>Anm. Meertext: Mich schaudert bei dem Gedanken daran, was das hier heißen mag</em>) brachten die moderneren Schiffe der Kaiserlichen Marine den englischen Geschwadern zunächst starke Verluste bei. Daraufhin entsandte die englische Admiralität weitere und modernere Schiffe und es kam vor den Falkland-Inseln erneut zum Kampf. Diese Gefechte sind aus verschiedenen Quellen gut dokumentiert und lesen sich wie ein Thriller. Schließlich siegten die schnelleren und stärkeren englischen Schiffe und versenkten mehrere deutsche Kreuzer – es soll der größte Sieg der Royal Navy seit Trafalgar gewesen sein, fast 1900 deutsche Seeleute starben.</p></p> <p>Fern von Europa geriet diese Seeschlacht in Vergessenheit. 2014 stieß der auf den Falklands <a href="https://world.expeditions.com/about/expedition-team/mensun-bound">geborene Meeresarchäologe Mensun Bound auf das Thema und schaffte es, eine Expedition auszurüsten</a> und zu finanzieren – dafür wurde 2022 die Stiftung Falklands Maritime Heritage Trust gegründet.</p> <p>Die Suche nach der Position der versenkten Kreuzer <em>Scharnhorst</em> und <em>Gneisenau </em>war allerdings schwierig: Bei der Abfassung ihres Berichts hatten die englischen Offiziere ihre Positionen nur schätzen können. Zur Mittagszeit hätten sie zwar die Position der Sonne nehmen können, waren aber bereits auf Gefechtsstationen und hatten darum keine Zeit dafür. Am Nachmittag verhinderte die Wolkendecke die Positionsbestimmung. Die Erschütterungen bei Granateinschlägen und dem Abfeuern der eigenen Geschütze sorgten für Kompaßabweichungen. Dann gab es Augenzeugenberichte für die letzten Sichtungen von Land aus. Aus diesen vagen Daten rekonstruierten die Historiker und Archäologen das Suchfeld, das sie fünf Monate lang mit einem umgebauten ehemaligen Jagd-U-Boot der Navy per Side Scan Sonar absuchten. Vergeblich. Erst die Rückkehr ein Jahr später mit modernerem Schiff und zwei großen Tauchrobotern erbrachte dann 181 Kilometer vor Port Stanley, Falklands, einen Sonarreflex in 1610 Metern Tiefe: Sie hatten die Scharnhorst gefunden.<p>Die Seeleute dieser Schiffe waren in den Weiten der südlichen Ozeane allein. Im Gefecht konnten sie keinerlei Maßnahmen zur Rettung treffen und wussten beim schnellen Sinken ihrer stählernen kleinen Welten, dass ihr Schiff auch ihr Friedhof werden würde. Erschöpft vom Löschen der lodernden Brände und dem wütenden Seegefecht, verwundet vom Geschützfeuer und Bränden, hoffnungslos in den Weiten des südlichen Ozeans. Tausende Männer starben hier – heute gedenken ihre Familien und Nachfahren aus England und Deutschland gemeinsam.</p><br></br>In diesem Beitrag unterstreicht Mensun Bound noch einmal die Sinnlosigkeit dieses Sterbens und dieser Kriege – auch das gehört zur Unterwasserarchäologie, genauso wie der Schutz von Wracks gegen Schaulustige und Plünderer.</p> <h2 id="h-mein-fazit"><strong>Mein Fazit</strong></h2> <p>Rundum gelungen und sehr empfehlenswert, sowohl inhaltlich als auch von den großformatigen Photos und Karten her. Ich habe mich begeistert hindurchgeschmökert und jede Menge dazugelernt.</p> <p>Beim Lesen gingen wir sehr unterschiedliche Dinge und widerstreitende Emotionen durch den Kopf:<br></br>1. Durchs Wasser führen jede Menge Wege: Sowohl Strömungen als auch Jahrtausende alte Handelsrouten legen Wege durch die Ozeane. Auf diesen Routen finden sich an strategisch günstigen Orten Häfen und Siedlungen. Diese Ozeanographie und Geographie gibt Anhaltspunkte für die Rekonstruktion der Unglücksorte.<br></br>2.  Meine Faszination und Begeisterung fürs Meer und Schiffe, ihre Geschichten und Erforschung werde ich wohl nie verlieren!<br></br>Anhand der Karten und Bilder entstand beim Lesen der Texte sofort Kopfkino. Begeistert lernte ich neue Schiffe, neue Meeresgebiete, neue Seeschlachten kennen.<br></br>3. Der Untergang der Schiffe kostete viele, oft Hunderte oder gar Tausende Menschenleben. Diese Menschen starben unter furchtbaren Umständen, in dem Bewusstsein, dass jemand sie sah und es keine Rettung geben würde.<br></br>Das ist immer wieder sehr ernüchternd.<br></br>Darum schätze ich die wissenschaftlich fundierten Texte, die Begeisterung wecken und gleichzeitig dabei an die harte Forschungsarbeit und die Schicksale dieser Ertrunkenen zu erinnern, sehr. Es ist etwas vollkommen anderes als die reinen Schatzsuchen, denen ich sonst zu oft begegne.</p> <p>Lange nach dem Ende des 2. Weltkriegs herrschte in Europa die längste Friedenszeit der Geschichte, nach jahrhundertelangen Kriegen. So konnten in dieser Zeit Europäer und Nordamerikaner sowie Menschen vieler anderer Nationalitäten gemeinsam auf Forschungsmissionen gehen, um die Geheimnisse der Meere zu erkunden. Nach dem Fund der <em>Scharnhorst </em>kam es zum Austausch zwischen dem englischen Forscher Mensun Bound und den Nachfahren des deutschen kommandierenden Admirals von Spee. Bound beschreibt dann, wie die anfängliche Begeisterung angesichts der Kampfschäden und der vielen Toten dann in Trauer umschlug und unterstreicht damit die Sinnlosigkeit von Kriegen. Angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen der Geopolitik, die gerade stetig bedrohlicher und bizarrer werden, ist das sehr aktuell – im Januar 2026, drohte der US-Präsident Trump dem an Dänemark und die NATO angeschlossenen Grönland, sollte es sich nicht freiwillig als 52. Bundesstaat den USA anschließen, mit einem Militärschlag.</p> <h2 id="h-ausstellungen-zu-unterwasser-archaologie"><strong>Ausstellungen zu Unterwasser-Archäologie</strong></h2> <p>Obwohl ich mich sehr oft in Museen und an Küsten herumtreibe, war ich noch nicht in sehr vielen Unterwasser-Archäologie-Ausstellungen.</p> <p>Diese hier kann ich empfehlen:</p> <p><strong>Portsmouth, England: </strong><a href="https://historicdockyard.co.uk/attractions/the-mary-rose-museum/"><strong>The Mary Rose Museum</strong></a><strong>.<br></br></strong>Absolut phantastisches Museum auf dem Gelände des <a href="https://historicdockyard.co.uk/attractions/the-mary-rose-museum/">Historic Dockyard</a>. Es wurde um die gehobene, vor 400 Jahren im Solent gesunkene Mary Rose gebaut. Henry VIII.s Flaggschiff war dort mit Mann, Maus und Hund gekentert und sofort gesunken.<br></br>Eine Hälfte des Schiffes sank tief in den Schlamm und blieb dadurch hervorragend erhalten. Mit an Bord: Die einzigen erhaltenen englischen Langbögen.<br></br>Mittlerweile ist die Konservierung abgeschlossen, die nach dem Vorbild der Vasa erfolgte.<br></br>Unbedingt genug Zeit auch für die <em>HMS Victory</em> und die Dampffregatte <em>HMS Warrior</em> sowie einiges mehr einplanen!</p> <p><strong>Stockholm, Schweden: </strong><a href="https://www.vasamuseet.se/en"><strong>Vasa-Museum</strong></a>Das meistbesuchte Museum Schwedens liegt auf der Insel Djurgården und zeigt das fast vollständig erhaltene, auf seiner Jungfernfahrt 1628 gesunkene Kriegsschiff <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Vasa_(Schiff)"><em>Vasa</em></a> sowie dessen Geschichte. Wegen der überzogenen Wünsche des Königs, der das Schiff bestellt hatte, war es extrem topplastig und nicht seetüchtig.<br></br>Die Bergung und Konservierung mit <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Polyethylenglykol">Polyethylenglykol</a> war zu dieser Zeit einzigartig und setzt bis heute Maßstäbe.<p><strong>Duisburg:</strong> <a href="https://www.binnenschifffahrtsmuseum.de/"><strong>Museum der Deutschen Binnenschifffahrt</strong></a></p></p> <p>Keine großen Schiffe, aber die sehr spannende Geschichte vom prähistorischen Einbaum über römische Boote zu moderneren Binnenschiffen. Untergebracht in einem alten Schwimmbad ist auch die Architektur sehenswert. Zusätzlich gibt´s im Außenbereich noch mehrere größere Schiffe.</p> <p><strong>Bremerhaven: </strong><a href="https://www.dsm.museum/museum/museumshafen/bremer-kogge"><strong>Schifffahrtsmuseum – „Bremer Kogge“</strong></a></p> <p>Der Fund der Hansekogge von 1380 in der Bremer Weser war eine Sensation. Lange lag sie im Konservierungstank, seit 2017 ist sie ausgestellt. Ihre Spanten und die vielen Funde sind im neuen Gebäude mit viel Information über diese Zeit des ersten internationalen Kaufmannsbundes und ausgedehnten Handelsnetzwerks in Nordeuropa ergänzt.</p> <p><strong>Mainz (Moguntiacum): </strong><a href="https://www.leiza.de/museen/museum-fuer-antike-schifffahrt"><strong>Museum für Antike Schifffahrt</strong></a></p> <p>Der Fund von vier römischen Booten, die die Römer im Hafen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mogontiacum">Moguntiacums</a> versenkten, um sie nicht den Barbaren (also unsere Vorfahren) in die Hände fallen zu lassen, ist eine Sensation. Der Schlamm des Rheinufers hat sie gut konserviert. Die Wracks sind immer noch Forschungsgegenstand, fürs Publikum gibt es Nachbauten in Originalgröße. An Bord eines Patrouillenbootes (auch „Kanonenboot“ genannt) ist ein rekonstruiertes Waffensystem, mit dem aus einer Trommel per Handkurbel Pfeile in schneller Folge abgeschossen werden konnten – ein <a href="http://wp.dirknowak.de/?p=237">halbautomatisches Pfeilgeschütz.</a> Eine Rarität, die nur aus der Literatur bekannt ist.  </p> <p><strong>Husum: </strong><a href="https://www.schiffahrtsmuseum-nf.de/highlights/das-uelvesbueller-wrack/"><strong>Uelvesbüller Wrack</strong></a><a href="https://www.husum-tourismus.de/Reisefuehrer/Typisch-Husum/Husumer-Hafen/Schiffe-gucken/Das-Zuckerschiff"><strong>„Zuckerschiff“</strong></a></p> <p>Dieses ca 400 Jahre alte Wrack eines Lastenseglers wurde 1994 entdeckt und geborgen. Das rekonstruierte Wrack und viele Funde sidn im Schifffahrtsmuseum Husum ausgestellt. Um es zu konservieren, wurde es zwei Jahre lang in einer Zuckerlösung gelegt – daher der Spitzname.</p> <p><strong>Schleswig: </strong><a href="https://www.abc.se/~pa/uwa/nydam-e.htm"><strong>Nydam-Boot im Schloß Gottorf</strong></a><br></br><a href="https://geschichte-s-h.de/sh-von-a-bis-z/n/nydamboot/">23 Meter langes Eichenboot, das um 320 n. Chr. geb</a>aut und als Opfergabe versenkt wurde mit einer hochpolitischen Fundgeschichte</p> <p><a href="http://www.schloss-gottorf.de/"><strong>Wikinger-Museum Haithabu</strong></a><strong>:<br></br></strong>An diesem einst ausgedehnten Wikinger-Handelsplatz und -hafen wurden mittlerweile vier Wikinger-Schiffe gefunden. Eines davon ist rekonstruiert.</p> <p>Hier ist eine Liste mit <a href="https://www.abc.se/~pa/uwa/museums.htm"><strong>Unterwasser-Archäologie-Museen in Europa</strong></a> und international.<p>In den USA gehören Unterwasserfunde von aufgegebenen Schiffen und Artefakten meist <a href="https://www.nps.gov/subjects/archeology/underwater-archeology.htm">in den Bereich der Nationalpark-Verwaltung</a>. Diese zivilen und militärischen maritime(n) Geschichte(n) sind durch die verheerenden Budget-Kürzungen, Massenentlassungen <a href="https://www.reuters.com/world/us/us-national-parks-told-remove-signs-mistreatment-native-americans-climate-wash-2026-01-27/">und Vernichtung von Informationen</a> unter der Trump-Junta gerade akut gefährdet – <a href="https://subscriber.politicopro.com/article/eenews/2026/01/27/trump-admin-quietly-overhauls-council-on-historic-preservation-00746630">wie das gesamte kulturelle Erbe der USA</a> und <a href="https://www.theartnewspaper.com/2025/04/02/trumps-slashing-of-us-foreign-aid-hits-heritage-conservation">weltweit</a>.</p></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Rezension: „Expedition ins Unbekannte“ – Unterwasser-Archäologie » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Unterwasser-Archäologie finde ich unglaublich faszinierend. Darum habe ich kürzlich auch mit großem <a href="https://www.zdf.de/video/dokus/terra-x-unterwasser-archaeologie-mit-florian-huber-dokureihe-100/schaetze-unter-wasser-mit-florian-huber-doku-100">Vergnügen die Terra X-Folge „Schätze unter Wasser“</a> geschaut: Darin stellt der Unterwasser-Archäologe Florian Huber vier europäische Wissenschaftsprojekte vor – ein Unterwassermuseum in der Ägäis, steinzeitliche Pfahlbauten auf den Äußeren Hebriden, Tiefseeforschung vor Madeira und ein Wrack in der Ostsee. Kenntnisreich und gut erklärend führte er uns an diese vier europäischen submarinen Forschungsstätten. Im Interview mit den ExpertInnen vor Ort lädt er zum Mit-Erkunden und Mit-Entdecken ein und tauchte auch selbst mit. Da versunkene Schiffe und andere Artefakte gern von Meereswesen als fester Untergrund besiedelt werden, geht Kultur- und Naturwissen dabei Hand in Hand.</p> <p>So hatte Florian Huber für einen Tauchgang vor der portugiesischen Insel Madeira neben den berühmten Tierfilmern Kirsten und Joachim Jakobsen in ihrer “Lula 1000” Platz genommen. Die <a href="https://www.rebikoff.org/about/">Jakobsens und ihr privates Tauchboot (Rebikoff-Niggeler-Stiftung</a>) waren mir seit ihrer spektakulären Beobachtung einer Tiefseeanglerin mit ihrem angehängten Zwergmännchen inmitten eines Strahlenkranzes aus weit ausragenden  Flossenstrahlen und aufgespanntem Schleimnetz bekannt.</p> <p>Darum nahm ich das Angebot von <a href="https://buchcontact.de/">Buch Contact</a>, den Unterwasser-Archäologie-Bildband mit Florian Huber als Herausgeber (Herder Verlag) zu rezensieren, gern an!</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 878px) 100vw, 878px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-878x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-878x1024.jpg 878w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-257x300.jpg 257w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-768x896.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-1316x1536.jpg 1316w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-1755x2048.jpg 1755w" width="878"></img></a><figcaption>Florian Huber: „Expedition ins Unbekannte“ © Verlag Herder GmbH</figcaption></figure> <h2 id="h-expedition-ins-unbekannte"><strong>„Expedition ins Unbekannte“</strong></h2> <p>In „Expedition ins Unbekannte – Spektakuläre Schiffswracks der Tiefsee“ geht es in größere Tiefen. Gerade dort ist die Suche nach archäologischen Faktoren noch sehr jung, da dafür große technische und somit auch finanzielle und logistische Herausforderungen zu meistern sind. Auch wenn es in diesem Band nicht immer in die Tiefsee geht, sondern manchmal auch „nur“ in 100 Meter Tiefe wie in der Ostsee, dem Gardasee oder dem Ärmelkanal bleibt, sind diese Forschungsexpeditionen durchweg spektakulär.</p> <p>Florian Huber hat hier vor allem die Einführung beigesteuert und ein Kapitel zum Schiffsbohrwurm. Dann führen Kapitel für Kapitel die beteiligten Forschenden (darunter auch das Ehepaar Jakobsen) die Leserschaft durch ganz unterschiedliche Szenarien mit großartigen Bildern. Jedes Kapitel erzählt vom Suchen und Finden, vom Tauchen und Bergen. Neben den technischen Details zum Tieftauchen geht es dabei auch um die staubige Suche in Archiven nach Hinweisen zur letzten Reise der Wasservehikel. In der Rekonstruktion der Fahrt und des Sinkens sowie der Umstände des Unglücks steckt die ganze Dramatik von Seegefechten zwischen Kriegsschiffen und den Kämpfen mit Stürmen und Eis. Vor Hunderten von Jahren rissen diese Schiffe Hunderte, manchmal gar über Tausend Menschen mit in den Tod. <aside></aside></p> <p>An die Vorstellung besonders spektakulärer Bergungsmissionen schließt sich ein zweiter Teil an, in dem es um das Verhältnis von Menschen und Tiefsee geht. Darin finden sich dann auch biologische Kapitel und noch mehr Backgroundinformation zur Tiefwasser-Archäologie.</p> <p>Bei einigen Schiffsnamen stutzte ich zunächst – das liegt daran, dass gerade Kriegsschiffsnamen innerhalb einer Marine über die Jahrhunderte hinweg immer wieder vergeben werden. So kommt im Buch ein Flaggschiff der Royal Navy namens <em>HMS Victory</em> vor – allerdings war diese <em>Victory</em> lange vor der Schlacht von Trafalgar gesunken. Es handelte sich also nicht um Nelsons berühmtes Flaggschiff, das heute im Portsmouth Historic Dockyard ankert und, wie die Flagge zeigt, immer noch im aktiven Dienst steht, sondern eine frühere <em>Victory</em>. Von der ich noch nie gehört hatte.</p> <h2 id="h-johan-ronnby-das-geisterschiff-der-ostsee-aufrecht-am-meeresgrund"><strong>Johan Rönnby: “Das Geisterschiff der Ostsee – Aufrecht am Meeresgrund“</strong></h2> <p>Ende des 17. Jahrhunderts sank vor der schwedischen Insel Gotland ein kleines niederländisches Handelsschiff, eine sogenannte <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Fleute">Fleute.</a> Das Wrack steht aufrecht auf dem Meeresgrund in 125 Metern Tiefe, in totaler Dunkelheit. Wegen der niedrigen Temperaturen der Ostsee leben hier keine Schiffsbohrmuscheln (<em>Teredo navalis</em>) und auch andere biologische Aktivität ist reduziert, dadurch bleiben hölzerne Rümpfe oft perfekt erhalten. Dieses und andere Wracks in der Nähe bilden die Bedeutung der Ostsee und der Insel Gotland für Handel und Politik dieser Zeit ab.</p> <p>Solche leistungsstarken Frachtsegler waren mit ihren großen Laderäumen das Rückgrat der frühzeitlichen Weltwirtschaft. Der Ostindien-Handel und die Rohstoffe aus den Kolonien in der neuen Welt brachten Amsterdam und anderen niederländischen Seestädten großen Reichtum, die Waren wurden auch über die Ostsee weiter nach Osten und Norden transportiert. Tausende Handelsschiffe brachten Manufakturerzeugnisse, exotische Gewürze und Stoffe sowie Salz dort hin und nahmen Eisen, Kupfer, Kalk, Holz und Getreide als Ladung für den Rückweg auf.</p> <p>Per Tauchroboter (ROV)<a href="https://www.deepseareporter.com/an-underwater-museum-the-archaeologist-about-the-unique-capabilities-of-the-baltic-sea/"> erkundete das Team um den Meeresarchäologen Johan Rönneby</a> Details der Ladung im Innern – durch eine Luke waren zerborstene Fässer und ein paar Holzschuhe zu erkennen. Sie entdeckten die Bordküche mit dem Herd sowie Überreste eines geschnitzten hölzernen Schwans, der ursprünglich am Heckspiegel angebracht war – möglicherweise hieß das Schiff „Schwan“.<br></br>Außerdem fanden sie Hinweise darauf, dass das kleine Schiff ein Leck bekam und die Besatzung es beidrehte, um das Beiboot zu Wasser zu lassen und sich zu retten.</p> <p>Einige Gedanken zum Glauben ans Schicksal und Gottesfurcht der Seeleute dieser Zeit vervollständigt den Artikel und hinterlässt einen beklemmenden Eindruck vom Leben an Bord.</p> <h2 id="h-das-wrack-vor-den-dry-tortugas-spanien-das-jahr-1622-und-die-erste-tiefseeausgrabung-der-welt"><strong>“Das Wrack vor den Dry Tortugas – Spanien, das Jahr 1622 und die erste Tiefseeausgrabung der Welt“</strong></h2> <p>Die mit geraubtem Gold und Silber beladenen Galeonen des spanischen Imperiums sind schon fast Klischees von Schatzsucher-Abenteuern.<br></br>Viele davon verschwanden nicht weit vor den amerikanischen Küsten auf ihrer langen und gefährlichen Überfahrt zur iberischen Halbinsel. Gerade in flacher liegenden Wracks verheddern sich oft die Netze von Fischern. So ist durch Fischer seit den 1960er Jahren bekannt, dass in manchen Abschnitten der Floridastraße Schiffswracks liegen.</p> <p>Aber erst die Tauchrobotertechnik der Neuzeit erlaubte ab den 1990er Jahren ihre Erforschung: In diesem Fall stellte sich das recht kleine Schiff aufgrund seiner Abmessungen als die 1622 gesunkene <a href="https://www.treasurenet.com/threads/buen-jesus-y-nuestra-senora-del-rosario-found-by-odyssey-marine.346702/"><em>Buen Jesus y Nuestra Senora del Rosario</em> </a>heraus. Zu ihrer Ladung gehörten neben Goldbarren und Münzen auch Eisenwaren, Weinkrüge, Öl und andere Lebensmittel sowie Damenschuhe. Wesentlich kostbarer waren drei bronzene Astrolabien, goldene Rosenkranz-Perlen, Tintenfass und Schreibsandbehälter aus Onyx sowie eine in Nürnberg hergestellte kunstvolle Sonnenuhr aus Elfenbein.</p> <p>Für mich noch spannender sind die weniger kostbare Funde, die helfen, den Alltag der Besatzung zu rekonstruieren. Ein Beispiel dafür sind die 64 Stücke Schildpatt und Schildkrötenpanzer. Vermutlich haben die Seeleute die Schildkröten als lebenden Proviant mitgeführt und dann nach und nach geschlachtet und gegessen. Aus dem hornigen Schildpatt ihrer Rückenpanzer hat dann ein Besatzungsmitglied der <em>Buen Jesus</em> Läusekämme und Etuis geschnitzt, was als Freizeitbeschäftigung beliebt war. Außerdem gehörte zur Besatzung auch eine Schiffskatze, wie ein Kieferknochen belegt. Da aber 32% der an Bord gefundenen Knochen von Ratten stammten, war die einzelne Katze wohl recht überfordert. Die Nager fraßen sich an Bord durch Mehl, Zwieback, Kichererbsen, Bohnen und Fleisch und waren, wie andere zeitgenössische Berichte erzählen, auf den Schiffen eine große Plage.</p> <h2 id="h-sms-scharnhorst-das-seegefecht-bei-den-falklandinseln-1914"><strong>„SMS Scharnhorst – Das Seegefecht bei den Falklandinseln 1914“</strong></h2> <p>Bis zu diesem Artikel wusste ich nichts über die Aktivitäten der Deutschen Marine während des 1. Weltkriegs im Südpazifik und -atlantik. Die Erklärung für europäische Geschwader in den südlichen Ozeanen sind die in Südostasien und Südamerika gelegenen Kolonien und Handelspartner. Es galt, die eigenen Kolonien zu schützen und den Handelsverkehr der anderen Nationen zu stören. So war bei Kriegsausbruch 1914 das Ostasiatische Kreuzergeschwader der Kaiserlichen Marine vor den Marianen und stieß dort in Seegefechten vor Coronel und den Falklandinseln auf die Royal Navy.</p> <p>(<em>Anmerkung Meertext</em>: <em>Die Falkland-Inseln sind von Europa aus zwar sehr abgelegen, werden aber von England immer wieder vehement verteidigt – den meisten Europäer:innen dürften sie erst mit dem Falkland-Krieg bekannt geworden sein. Sie liegen an strategisch wichtiger Position und sind das Eingangstor zur Antarktis. Die Antarktis wiederum ist aus geopolitischer Sicht wichtig, lange Zeit auch wegen der Walbestände. Die Großwale waren schwimmende Öl- und Fleischressourcen und waren gerade für das Deutsche Reich von hoher Bedeutung. So diente die berühmte Schwabenland-Expedition nämlich der Erkundung der Ausbeutung der antarktischen Walbestände, um die „Reichsfettlücke“ zu schließen. Allerdings entschieden sich die deutschen Verantwortlichen dann, dass es einfacher sei, Walfangschiffe anderer Nationen auf der Heimfahrt aufzubringen, statt selbst eine Walfangindustrie aufzubauen</em>.<br></br><em>Darum kommen mir <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2017/04/20/auf-wal-survey-mit-hms-enterprise-im-suedatlantik/">wegen der Wale</a>, der Nähe zur Antarktis und meiner <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2017/03/31/south-georgia-hms-enterprises-walk-on-the-wild-side-bericht-aus-der-antarktis/">Kontakte zur Royal Navy</a></em> <em>die Falklands immer mal wieder unter, aber Gesprächsparter:innen muss ich meist erstmal erklären, wo die sind).</em><p>In den Seegefechten im November und Dezember 1914 in „schwerer See“ (<em>Anm. Meertext: Mich schaudert bei dem Gedanken daran, was das hier heißen mag</em>) brachten die moderneren Schiffe der Kaiserlichen Marine den englischen Geschwadern zunächst starke Verluste bei. Daraufhin entsandte die englische Admiralität weitere und modernere Schiffe und es kam vor den Falkland-Inseln erneut zum Kampf. Diese Gefechte sind aus verschiedenen Quellen gut dokumentiert und lesen sich wie ein Thriller. Schließlich siegten die schnelleren und stärkeren englischen Schiffe und versenkten mehrere deutsche Kreuzer – es soll der größte Sieg der Royal Navy seit Trafalgar gewesen sein, fast 1900 deutsche Seeleute starben.</p></p> <p>Fern von Europa geriet diese Seeschlacht in Vergessenheit. 2014 stieß der auf den Falklands <a href="https://world.expeditions.com/about/expedition-team/mensun-bound">geborene Meeresarchäologe Mensun Bound auf das Thema und schaffte es, eine Expedition auszurüsten</a> und zu finanzieren – dafür wurde 2022 die Stiftung Falklands Maritime Heritage Trust gegründet.</p> <p>Die Suche nach der Position der versenkten Kreuzer <em>Scharnhorst</em> und <em>Gneisenau </em>war allerdings schwierig: Bei der Abfassung ihres Berichts hatten die englischen Offiziere ihre Positionen nur schätzen können. Zur Mittagszeit hätten sie zwar die Position der Sonne nehmen können, waren aber bereits auf Gefechtsstationen und hatten darum keine Zeit dafür. Am Nachmittag verhinderte die Wolkendecke die Positionsbestimmung. Die Erschütterungen bei Granateinschlägen und dem Abfeuern der eigenen Geschütze sorgten für Kompaßabweichungen. Dann gab es Augenzeugenberichte für die letzten Sichtungen von Land aus. Aus diesen vagen Daten rekonstruierten die Historiker und Archäologen das Suchfeld, das sie fünf Monate lang mit einem umgebauten ehemaligen Jagd-U-Boot der Navy per Side Scan Sonar absuchten. Vergeblich. Erst die Rückkehr ein Jahr später mit modernerem Schiff und zwei großen Tauchrobotern erbrachte dann 181 Kilometer vor Port Stanley, Falklands, einen Sonarreflex in 1610 Metern Tiefe: Sie hatten die Scharnhorst gefunden.<p>Die Seeleute dieser Schiffe waren in den Weiten der südlichen Ozeane allein. Im Gefecht konnten sie keinerlei Maßnahmen zur Rettung treffen und wussten beim schnellen Sinken ihrer stählernen kleinen Welten, dass ihr Schiff auch ihr Friedhof werden würde. Erschöpft vom Löschen der lodernden Brände und dem wütenden Seegefecht, verwundet vom Geschützfeuer und Bränden, hoffnungslos in den Weiten des südlichen Ozeans. Tausende Männer starben hier – heute gedenken ihre Familien und Nachfahren aus England und Deutschland gemeinsam.</p><br></br>In diesem Beitrag unterstreicht Mensun Bound noch einmal die Sinnlosigkeit dieses Sterbens und dieser Kriege – auch das gehört zur Unterwasserarchäologie, genauso wie der Schutz von Wracks gegen Schaulustige und Plünderer.</p> <h2 id="h-mein-fazit"><strong>Mein Fazit</strong></h2> <p>Rundum gelungen und sehr empfehlenswert, sowohl inhaltlich als auch von den großformatigen Photos und Karten her. Ich habe mich begeistert hindurchgeschmökert und jede Menge dazugelernt.</p> <p>Beim Lesen gingen wir sehr unterschiedliche Dinge und widerstreitende Emotionen durch den Kopf:<br></br>1. Durchs Wasser führen jede Menge Wege: Sowohl Strömungen als auch Jahrtausende alte Handelsrouten legen Wege durch die Ozeane. Auf diesen Routen finden sich an strategisch günstigen Orten Häfen und Siedlungen. Diese Ozeanographie und Geographie gibt Anhaltspunkte für die Rekonstruktion der Unglücksorte.<br></br>2.  Meine Faszination und Begeisterung fürs Meer und Schiffe, ihre Geschichten und Erforschung werde ich wohl nie verlieren!<br></br>Anhand der Karten und Bilder entstand beim Lesen der Texte sofort Kopfkino. Begeistert lernte ich neue Schiffe, neue Meeresgebiete, neue Seeschlachten kennen.<br></br>3. Der Untergang der Schiffe kostete viele, oft Hunderte oder gar Tausende Menschenleben. Diese Menschen starben unter furchtbaren Umständen, in dem Bewusstsein, dass jemand sie sah und es keine Rettung geben würde.<br></br>Das ist immer wieder sehr ernüchternd.<br></br>Darum schätze ich die wissenschaftlich fundierten Texte, die Begeisterung wecken und gleichzeitig dabei an die harte Forschungsarbeit und die Schicksale dieser Ertrunkenen zu erinnern, sehr. Es ist etwas vollkommen anderes als die reinen Schatzsuchen, denen ich sonst zu oft begegne.</p> <p>Lange nach dem Ende des 2. Weltkriegs herrschte in Europa die längste Friedenszeit der Geschichte, nach jahrhundertelangen Kriegen. So konnten in dieser Zeit Europäer und Nordamerikaner sowie Menschen vieler anderer Nationalitäten gemeinsam auf Forschungsmissionen gehen, um die Geheimnisse der Meere zu erkunden. Nach dem Fund der <em>Scharnhorst </em>kam es zum Austausch zwischen dem englischen Forscher Mensun Bound und den Nachfahren des deutschen kommandierenden Admirals von Spee. Bound beschreibt dann, wie die anfängliche Begeisterung angesichts der Kampfschäden und der vielen Toten dann in Trauer umschlug und unterstreicht damit die Sinnlosigkeit von Kriegen. Angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen der Geopolitik, die gerade stetig bedrohlicher und bizarrer werden, ist das sehr aktuell – im Januar 2026, drohte der US-Präsident Trump dem an Dänemark und die NATO angeschlossenen Grönland, sollte es sich nicht freiwillig als 52. Bundesstaat den USA anschließen, mit einem Militärschlag.</p> <h2 id="h-ausstellungen-zu-unterwasser-archaologie"><strong>Ausstellungen zu Unterwasser-Archäologie</strong></h2> <p>Obwohl ich mich sehr oft in Museen und an Küsten herumtreibe, war ich noch nicht in sehr vielen Unterwasser-Archäologie-Ausstellungen.</p> <p>Diese hier kann ich empfehlen:</p> <p><strong>Portsmouth, England: </strong><a href="https://historicdockyard.co.uk/attractions/the-mary-rose-museum/"><strong>The Mary Rose Museum</strong></a><strong>.<br></br></strong>Absolut phantastisches Museum auf dem Gelände des <a href="https://historicdockyard.co.uk/attractions/the-mary-rose-museum/">Historic Dockyard</a>. Es wurde um die gehobene, vor 400 Jahren im Solent gesunkene Mary Rose gebaut. Henry VIII.s Flaggschiff war dort mit Mann, Maus und Hund gekentert und sofort gesunken.<br></br>Eine Hälfte des Schiffes sank tief in den Schlamm und blieb dadurch hervorragend erhalten. Mit an Bord: Die einzigen erhaltenen englischen Langbögen.<br></br>Mittlerweile ist die Konservierung abgeschlossen, die nach dem Vorbild der Vasa erfolgte.<br></br>Unbedingt genug Zeit auch für die <em>HMS Victory</em> und die Dampffregatte <em>HMS Warrior</em> sowie einiges mehr einplanen!</p> <p><strong>Stockholm, Schweden: </strong><a href="https://www.vasamuseet.se/en"><strong>Vasa-Museum</strong></a>Das meistbesuchte Museum Schwedens liegt auf der Insel Djurgården und zeigt das fast vollständig erhaltene, auf seiner Jungfernfahrt 1628 gesunkene Kriegsschiff <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Vasa_(Schiff)"><em>Vasa</em></a> sowie dessen Geschichte. Wegen der überzogenen Wünsche des Königs, der das Schiff bestellt hatte, war es extrem topplastig und nicht seetüchtig.<br></br>Die Bergung und Konservierung mit <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Polyethylenglykol">Polyethylenglykol</a> war zu dieser Zeit einzigartig und setzt bis heute Maßstäbe.<p><strong>Duisburg:</strong> <a href="https://www.binnenschifffahrtsmuseum.de/"><strong>Museum der Deutschen Binnenschifffahrt</strong></a></p></p> <p>Keine großen Schiffe, aber die sehr spannende Geschichte vom prähistorischen Einbaum über römische Boote zu moderneren Binnenschiffen. Untergebracht in einem alten Schwimmbad ist auch die Architektur sehenswert. Zusätzlich gibt´s im Außenbereich noch mehrere größere Schiffe.</p> <p><strong>Bremerhaven: </strong><a href="https://www.dsm.museum/museum/museumshafen/bremer-kogge"><strong>Schifffahrtsmuseum – „Bremer Kogge“</strong></a></p> <p>Der Fund der Hansekogge von 1380 in der Bremer Weser war eine Sensation. Lange lag sie im Konservierungstank, seit 2017 ist sie ausgestellt. Ihre Spanten und die vielen Funde sind im neuen Gebäude mit viel Information über diese Zeit des ersten internationalen Kaufmannsbundes und ausgedehnten Handelsnetzwerks in Nordeuropa ergänzt.</p> <p><strong>Mainz (Moguntiacum): </strong><a href="https://www.leiza.de/museen/museum-fuer-antike-schifffahrt"><strong>Museum für Antike Schifffahrt</strong></a></p> <p>Der Fund von vier römischen Booten, die die Römer im Hafen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mogontiacum">Moguntiacums</a> versenkten, um sie nicht den Barbaren (also unsere Vorfahren) in die Hände fallen zu lassen, ist eine Sensation. Der Schlamm des Rheinufers hat sie gut konserviert. Die Wracks sind immer noch Forschungsgegenstand, fürs Publikum gibt es Nachbauten in Originalgröße. An Bord eines Patrouillenbootes (auch „Kanonenboot“ genannt) ist ein rekonstruiertes Waffensystem, mit dem aus einer Trommel per Handkurbel Pfeile in schneller Folge abgeschossen werden konnten – ein <a href="http://wp.dirknowak.de/?p=237">halbautomatisches Pfeilgeschütz.</a> Eine Rarität, die nur aus der Literatur bekannt ist.  </p> <p><strong>Husum: </strong><a href="https://www.schiffahrtsmuseum-nf.de/highlights/das-uelvesbueller-wrack/"><strong>Uelvesbüller Wrack</strong></a><a href="https://www.husum-tourismus.de/Reisefuehrer/Typisch-Husum/Husumer-Hafen/Schiffe-gucken/Das-Zuckerschiff"><strong>„Zuckerschiff“</strong></a></p> <p>Dieses ca 400 Jahre alte Wrack eines Lastenseglers wurde 1994 entdeckt und geborgen. Das rekonstruierte Wrack und viele Funde sidn im Schifffahrtsmuseum Husum ausgestellt. Um es zu konservieren, wurde es zwei Jahre lang in einer Zuckerlösung gelegt – daher der Spitzname.</p> <p><strong>Schleswig: </strong><a href="https://www.abc.se/~pa/uwa/nydam-e.htm"><strong>Nydam-Boot im Schloß Gottorf</strong></a><br></br><a href="https://geschichte-s-h.de/sh-von-a-bis-z/n/nydamboot/">23 Meter langes Eichenboot, das um 320 n. Chr. geb</a>aut und als Opfergabe versenkt wurde mit einer hochpolitischen Fundgeschichte</p> <p><a href="http://www.schloss-gottorf.de/"><strong>Wikinger-Museum Haithabu</strong></a><strong>:<br></br></strong>An diesem einst ausgedehnten Wikinger-Handelsplatz und -hafen wurden mittlerweile vier Wikinger-Schiffe gefunden. Eines davon ist rekonstruiert.</p> <p>Hier ist eine Liste mit <a href="https://www.abc.se/~pa/uwa/museums.htm"><strong>Unterwasser-Archäologie-Museen in Europa</strong></a> und international.<p>In den USA gehören Unterwasserfunde von aufgegebenen Schiffen und Artefakten meist <a href="https://www.nps.gov/subjects/archeology/underwater-archeology.htm">in den Bereich der Nationalpark-Verwaltung</a>. Diese zivilen und militärischen maritime(n) Geschichte(n) sind durch die verheerenden Budget-Kürzungen, Massenentlassungen <a href="https://www.reuters.com/world/us/us-national-parks-told-remove-signs-mistreatment-native-americans-climate-wash-2026-01-27/">und Vernichtung von Informationen</a> unter der Trump-Junta gerade akut gefährdet – <a href="https://subscriber.politicopro.com/article/eenews/2026/01/27/trump-admin-quietly-overhauls-council-on-historic-preservation-00746630">wie das gesamte kulturelle Erbe der USA</a> und <a href="https://www.theartnewspaper.com/2025/04/02/trumps-slashing-of-us-foreign-aid-hits-heritage-conservation">weltweit</a>.</p></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/rezension-expedition-ins-unbekannte-unterwasser-archaeologie/#comments 8 Prime Suspects https://scilogs.spektrum.de/hlf/prime-suspects/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/prime-suspects/#comments Wed, 04 Feb 2026 13:00:00 +0000 Sophie Maclean https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14043 <h1>Prime Suspects - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Sophie Maclean</h2><div itemprop="text"> <p>In the English-speaking world, we have a saying. “All prime numbers are odd, except for 2 which is the oddest of all.” But what if I told you that 2 is not prime. Nor is 5. Nor is 13. In fact, roughly half of all prime numbers you know are not prime.</p> <p>I imagine your reaction would be somewhere on the spectrum between outraged and disbelieving, and both of these responses would be fair. Whilst I have not, strictly speaking, lied to you, I have been somewhat misleading. You see, I am not talking about prime numbers as you know them. I am talking specifically about Gaussian prime numbers. So let us investigate.</p> <h3 id="h-gaussian-numbers-nbsp">Gaussian Numbers </h3> <p>We begin with a brief recap on complex numbers. As you may well know, the real numbers are all the numbers on the number line from \( -\infty\) to \(\infty\), including fractions and irrational numbers like \(\pi\). When looking at real numbers, there is no solution to the equation \( x^2 = -1\). Complex numbers were created to solve this problem, and call the solution to this equation as \(i\). You may also see this written as \(i = \sqrt{-1}\).</p> <p>A complex number is then a number of the form \(a + bi\), where \(a\) and \(b\) are real numbers. A quick check shows that multiplying, dividing, (and adding and subtracting) complex numbers gives other complex numbers. For example </p> <p>\( (a+bi)(a’+b’i) = aa’ + (ab’ + a’b)i + bb’ (i)^2 = (aa’ – bb’) + (ab’ + a’b)i\). <aside></aside></p> <p>This is promising for being able to define an equivalent notion of prime numbers.</p> <p>As a side note, those who are already familiar with the concept of complex numbers may be interested to learn that we can define complex numbers without introducing the concept of \(i\) at all. Instead of considering complex numbers as \(a + bi\), we can define them as ordered pairs \( (a,b) \). “Multiplication” is then defined as the function that takes \( (a,b)\) and \( (a’,b’)\) as inputs, and outputs \( (aa’-bb’, ab’ + a’b)\). </p> <p>The Gaussian integers are a subset of the complex numbers. Specifically, they are the complex numbers for which \(a\) and \(b\) (in either of the definitions of complex numbers above!) are integers. Written in slightly more formal language, we can say that the Gaussian integers are the set of \(a + bi\) for which \(a, b\) are in the set of integers. </p> <p>Now we have defined the Gaussian integers, the next step is to get a rigorous definition of prime numbers.</p> <h3 id="h-prime-numbers-nbsp">Prime Numbers </h3> <p>You probably already know a definition for prime numbers, namely that \(p\) is prime if and only if it is only divisible by \(1\) and itself. This definition does not work with complex numbers. In fact, it does not even work with the integers. This is because \( 1 = -1 \times -1\), and so the only integer that is divisible ONLY by \(1\) and itself is \(-1\) (all others must also have a factor of \(-1\)).</p> <p>So, we need a more general definition for prime numbers. A definition that not only works for the natural numbers, but also the integers and the Gaussian integers. Thankfully mathematicians long ago solved this problem, so the official definition of a prime number is as follows:</p> <p>A number \(p\) is prime if for any \(c, d\) for which \(p\) is a factor of \(cd\), \(p\) is either a factor of \(c\), or \(d\) is a factor of \(b\) (or both)</p> <p>By “\(x\) is a factor of \(y\)”, we mean that there exists some \(k\) such that \(x=ky\).</p> <p>This new definition can now be applied to our Gaussian integers!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Carl_Friedrich_Gauss_1840_by_Jensen.jpg"><img alt="An oil painting of a man in formal attire with white hair" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 804px) 100vw, 804px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Carl_Friedrich_Gauss_1840_by_Jensen-804x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Carl_Friedrich_Gauss_1840_by_Jensen-804x1024.jpg 804w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Carl_Friedrich_Gauss_1840_by_Jensen-235x300.jpg 235w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Carl_Friedrich_Gauss_1840_by_Jensen-768x978.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Carl_Friedrich_Gauss_1840_by_Jensen.jpg 960w" width="804"></img></a><figcaption>Carl Friedrich Gauss, after whom the Gaussian integers are named. Image credit: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Carl_Friedrich_Gauss_1840_by_Jensen.jpg?uselang=en#Licensing" rel="noreferrer noopener" target="_blank">public domain</a>.</figcaption></figure></div> <h3 id="h-gaussian-primes">Gaussian Primes</h3> <p>Putting all this together, we get our definition of Gaussian primes! They are Gaussian integers satisfying the above definition of prime numbers. So when I said that \(2\) is not a prime number, I was being truthful because we can take \(c = 1 + i\) and \(d = 1 – i\). \(cd = (1 + i)(1-i) = 2\), so \(2\) is definitely a divisor of \(cd\). But \(2\) does not divide \(c\) or \(d\) on their own, so it cannot be prime.</p> <p>Our definition for Gaussian primes ends up being equivalent to \(p\) is prime if its only divisors are itself, \(1, -1, i\) and \(-i). So \). \(2 = (1 + i)(1-i) \) is not prime.</p> <p>Similarly, \(5 = (2+i)(2-i)\) is also not a Gaussian prime. And 13? \(13 = (2+3i)(2-3i)\). Once again, not a Gaussian prime.</p> <p>The eagle-eyed among you will now have spotted a pattern. All the examples of numbers that we’d normally consider to be prime, which are not Gaussian primes are equal to \( (x+iy)(x-iy) = x^2 + y^2\). In fact, from this, we can see that any prime number that is the sum of two square numbers is not a Gaussian prime.</p> <p>This is where our old friend Pierre de Fermat pops up. Though he is most famous for his eponymous “Last” theorem, Fermat also has a theorem on the sum of two squares. This theorem states that an odd prime \(p\) can be written as the sum of two squares \(x^2 + y^2 = p\), for \(x\) and \(y\) integers, if and only if \(p\) is one more than a multiple of 4.</p> <p>So, there we have it: Any prime number that is one more than a multiple of 4 is not a Gaussian prime.</p> <p>As for a proof of Fermat’s theorem on the sum of two squares, Fermat never wrote one down. Several proofs and algorithms for finding \(x\) and \(y\) with \(x^2 + y^2 = p\) have since been discovered, but I will not spoil your fun and I will let you have a go at working one out yourself.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Black-Simple-Personal-Logo.png"><img alt="A symmetrical array of dots plotted against two axes" decoding="async" height="500" sizes="(max-width: 500px) 100vw, 500px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Black-Simple-Personal-Logo.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Black-Simple-Personal-Logo.png 500w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Black-Simple-Personal-Logo-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Black-Simple-Personal-Logo-150x150.png 150w" width="500"></img></a><figcaption>A visual representation of the Gaussian primes. A dot marks each \((x,y)\) coordinate for which \( x+ iy\) is a Gaussian prime.</figcaption></figure></div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Prime Suspects - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Sophie Maclean</h2><div itemprop="text"> <p>In the English-speaking world, we have a saying. “All prime numbers are odd, except for 2 which is the oddest of all.” But what if I told you that 2 is not prime. Nor is 5. Nor is 13. In fact, roughly half of all prime numbers you know are not prime.</p> <p>I imagine your reaction would be somewhere on the spectrum between outraged and disbelieving, and both of these responses would be fair. Whilst I have not, strictly speaking, lied to you, I have been somewhat misleading. You see, I am not talking about prime numbers as you know them. I am talking specifically about Gaussian prime numbers. So let us investigate.</p> <h3 id="h-gaussian-numbers-nbsp">Gaussian Numbers </h3> <p>We begin with a brief recap on complex numbers. As you may well know, the real numbers are all the numbers on the number line from \( -\infty\) to \(\infty\), including fractions and irrational numbers like \(\pi\). When looking at real numbers, there is no solution to the equation \( x^2 = -1\). Complex numbers were created to solve this problem, and call the solution to this equation as \(i\). You may also see this written as \(i = \sqrt{-1}\).</p> <p>A complex number is then a number of the form \(a + bi\), where \(a\) and \(b\) are real numbers. A quick check shows that multiplying, dividing, (and adding and subtracting) complex numbers gives other complex numbers. For example </p> <p>\( (a+bi)(a’+b’i) = aa’ + (ab’ + a’b)i + bb’ (i)^2 = (aa’ – bb’) + (ab’ + a’b)i\). <aside></aside></p> <p>This is promising for being able to define an equivalent notion of prime numbers.</p> <p>As a side note, those who are already familiar with the concept of complex numbers may be interested to learn that we can define complex numbers without introducing the concept of \(i\) at all. Instead of considering complex numbers as \(a + bi\), we can define them as ordered pairs \( (a,b) \). “Multiplication” is then defined as the function that takes \( (a,b)\) and \( (a’,b’)\) as inputs, and outputs \( (aa’-bb’, ab’ + a’b)\). </p> <p>The Gaussian integers are a subset of the complex numbers. Specifically, they are the complex numbers for which \(a\) and \(b\) (in either of the definitions of complex numbers above!) are integers. Written in slightly more formal language, we can say that the Gaussian integers are the set of \(a + bi\) for which \(a, b\) are in the set of integers. </p> <p>Now we have defined the Gaussian integers, the next step is to get a rigorous definition of prime numbers.</p> <h3 id="h-prime-numbers-nbsp">Prime Numbers </h3> <p>You probably already know a definition for prime numbers, namely that \(p\) is prime if and only if it is only divisible by \(1\) and itself. This definition does not work with complex numbers. In fact, it does not even work with the integers. This is because \( 1 = -1 \times -1\), and so the only integer that is divisible ONLY by \(1\) and itself is \(-1\) (all others must also have a factor of \(-1\)).</p> <p>So, we need a more general definition for prime numbers. A definition that not only works for the natural numbers, but also the integers and the Gaussian integers. Thankfully mathematicians long ago solved this problem, so the official definition of a prime number is as follows:</p> <p>A number \(p\) is prime if for any \(c, d\) for which \(p\) is a factor of \(cd\), \(p\) is either a factor of \(c\), or \(d\) is a factor of \(b\) (or both)</p> <p>By “\(x\) is a factor of \(y\)”, we mean that there exists some \(k\) such that \(x=ky\).</p> <p>This new definition can now be applied to our Gaussian integers!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Carl_Friedrich_Gauss_1840_by_Jensen.jpg"><img alt="An oil painting of a man in formal attire with white hair" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 804px) 100vw, 804px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Carl_Friedrich_Gauss_1840_by_Jensen-804x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Carl_Friedrich_Gauss_1840_by_Jensen-804x1024.jpg 804w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Carl_Friedrich_Gauss_1840_by_Jensen-235x300.jpg 235w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Carl_Friedrich_Gauss_1840_by_Jensen-768x978.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Carl_Friedrich_Gauss_1840_by_Jensen.jpg 960w" width="804"></img></a><figcaption>Carl Friedrich Gauss, after whom the Gaussian integers are named. Image credit: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Carl_Friedrich_Gauss_1840_by_Jensen.jpg?uselang=en#Licensing" rel="noreferrer noopener" target="_blank">public domain</a>.</figcaption></figure></div> <h3 id="h-gaussian-primes">Gaussian Primes</h3> <p>Putting all this together, we get our definition of Gaussian primes! They are Gaussian integers satisfying the above definition of prime numbers. So when I said that \(2\) is not a prime number, I was being truthful because we can take \(c = 1 + i\) and \(d = 1 – i\). \(cd = (1 + i)(1-i) = 2\), so \(2\) is definitely a divisor of \(cd\). But \(2\) does not divide \(c\) or \(d\) on their own, so it cannot be prime.</p> <p>Our definition for Gaussian primes ends up being equivalent to \(p\) is prime if its only divisors are itself, \(1, -1, i\) and \(-i). So \). \(2 = (1 + i)(1-i) \) is not prime.</p> <p>Similarly, \(5 = (2+i)(2-i)\) is also not a Gaussian prime. And 13? \(13 = (2+3i)(2-3i)\). Once again, not a Gaussian prime.</p> <p>The eagle-eyed among you will now have spotted a pattern. All the examples of numbers that we’d normally consider to be prime, which are not Gaussian primes are equal to \( (x+iy)(x-iy) = x^2 + y^2\). In fact, from this, we can see that any prime number that is the sum of two square numbers is not a Gaussian prime.</p> <p>This is where our old friend Pierre de Fermat pops up. Though he is most famous for his eponymous “Last” theorem, Fermat also has a theorem on the sum of two squares. This theorem states that an odd prime \(p\) can be written as the sum of two squares \(x^2 + y^2 = p\), for \(x\) and \(y\) integers, if and only if \(p\) is one more than a multiple of 4.</p> <p>So, there we have it: Any prime number that is one more than a multiple of 4 is not a Gaussian prime.</p> <p>As for a proof of Fermat’s theorem on the sum of two squares, Fermat never wrote one down. Several proofs and algorithms for finding \(x\) and \(y\) with \(x^2 + y^2 = p\) have since been discovered, but I will not spoil your fun and I will let you have a go at working one out yourself.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Black-Simple-Personal-Logo.png"><img alt="A symmetrical array of dots plotted against two axes" decoding="async" height="500" sizes="(max-width: 500px) 100vw, 500px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Black-Simple-Personal-Logo.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Black-Simple-Personal-Logo.png 500w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Black-Simple-Personal-Logo-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Black-Simple-Personal-Logo-150x150.png 150w" width="500"></img></a><figcaption>A visual representation of the Gaussian primes. A dot marks each \((x,y)\) coordinate for which \( x+ iy\) is a Gaussian prime.</figcaption></figure></div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/prime-suspects/#comments 8 Leben für Wissenschaft und Gemeinwohl https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/leben-fuer-wissenschaft-und-gemeinwohl/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/leben-fuer-wissenschaft-und-gemeinwohl/#respond Sun, 01 Feb 2026 19:58:00 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12504 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WeigelMathe-768x1024.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/leben-fuer-wissenschaft-und-gemeinwohl/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WeigelMathe.jpg" /><h1>Leben für Wissenschaft und Gemeinwohl » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Noch bis 15. Februar ist im Stadtmuseum Jena die Ausstellung “Wissenschaft zum Wohle aller!” anlässlich des 400sten Geburtstags von<strong> Erhard Weigel</strong> zu sehen (<a href="https://www.stadtmuseum-jena.de/de/1024062">webpage</a>). “Mathe” ist ja nicht von allen das Lieblingsfach in der Schule, aber diese Ausstellung zu einem Mathematik-Professor demonstriert, wie vielseitig die Möglichkeiten dieses Faches sind: von technischen Spielzeugen bis <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/pandaemonium-or-how-i-learned-to-stop-worrying-and-love-the-prompt/">Magie</a>, von der abstrakten Geometrie bis Himmelskunde.</p> <h2>Dauerausstellung</h2> <p>Über das Mysterium, das sich um Weigels begehbaren Himmelsglobus “Pancosmus” rankt, hatte ich bereits vor ~2 Jahren im Zusammenhang mit Vorläufern des ZEISS-Planetariums berichtet. </p> <ul> <li>Das <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/das-wuenderchen-von-jena/">“Wünderchen” von Jena</a></li> <li>die <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/weigels-pancosmus/">Meinung des norwegischen Kollegen T. Rössack</a> über seine Größe</li> <li>Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/das-weigelsche-objekt-auf-dem-altan-des-jenaer-schlosses-eisenblechkugel-oder-statische-armillarsphaere/">Meinung von Dr. Meinl (Jena)</a> zum Objekt auf dem Stadtschloss, das vom Pancosmus zu unterscheiden ist.</li> </ul> <p>Im Stadtmuseum in Jena gibt es einen gebauten Entwurf eines Weigel-Globus in der Dauerausstellung. Mir war bisher jederzeit unklar, was genau hiermit dargestellt werden soll und auf welcher (historischen?) Grundlage es beruht, aber es sieht eindrucksvoll aus.</p> <p>Links hat das Museum das sogenannte “Astroscopium” auf einen Glaszylinder gedruckt. Es zeigt einen doppelköpfigen Adler mit Sternkarte und den von Weigel erfundenen Sternbildern. Normalerweise ist dies eine flache (Papier)Karte. Das Museum zeigt es nur auf einem “curved screen”. Daneben steht ein Objekt, das sie “Weigel-Globus” nennen. Die Form erinnert an die Rekonstruktion von Tor Rössack 2018 (<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/weigels-pancosmus/">hier wiedergegeben</a>), aber dieses goldfarbene Objekt hat an der Außenseite heraldische Sternbilder (was von Weigels Pancosmus nicht sicher ist) und an der Innenseite ist es durchlöchert. Das Muster gibt allerdings nicht die akurate Lage der Sterne am Himmel wieder: unwahrscheinlich, dass Weigel so etwas offensichtlich Falsches produziert hätte. Da er es für Unterrichtszwecke einsetzte, muss es in seinem Original vollständig und richtig gewesen sein. Es ist eben nur für die breite Öffentlichkeit. </p> <p>Übrigens gibt es einen ähnlichen starren Globus, in dem man von innen die Sterne als Muster sieht, auch aus dem prä-jesuitischen China. Der chinesische Globus datiert 1280 und damit ca. 400 Jahre früher als Weigels Globus 1661. Das deutet nicht denknotwendig auf Transfer hin, nur auf die gleiche Idee bei unterschiedlichen Menschen. <aside></aside></p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/china2024_web_a944.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/china2024_web_a944-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/china2024_web_a944-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/china2024_web_a944-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/china2024_web_a944.jpg 1001w" width="768"></img></a></figure> </div> </div> <h2>Sonderausstellung</h2> <p>Anlässlich des 400sten Geburtstags von Weigel präsentiert das Stadtmuseum in der Wechselausstellung nun aber einen “Teil 2” zu Weigel und seinem Globus bzw. seinen mehreren Globen. Hier geht es natürlich um das gesamte Leben und Wirken Weigels und keineswegs nur um die Rätsel der Wissenschaftshistoriker und Weigels Wunderhaus (mit Fahrstuhl = Stuhl-am-Flaschenzug, ein Weinbrunnen-aus-Sonnenblume und anderen technischen Spielzeugen). </p> <p>Im Gegensatz zur Dauerausstellung, wo steht, dass der Pancosmus 5.5 m groß war, wird hier gesagt, dass es nur 3 Meter waren … und diese widersprüchlichen Zahlen (die nicht erläutert werden) spiegeln den Stand der Forschung wider. </p> <p>Der Mathematikprofessor wird hier in seinen schillerndsten Seiten dargestellt und von einem KI-getriebenen Schulkind-von-heute interviewt. </p> <p>Eigentlich hat sich in den letzten ~400 Jahren gar nicht so viel geändert. Mathematik ist immer noch eine Grundlagenwissenschaft und stellt zusammen mit der (neueren) Informatik eine der wichtigsten Säulen der <a href="https://www.uni-jena.de/">Universität Jena</a> dar. </p> <p>Informatik als neue technische Auskristallisation von Mathematik hat in unserem Alltag viel mehr technische Spielzeuge und wichtige Anwendungen hervorgebracht als noch in Weigels Zeit. </p> <p>Ich war mit einer indonesischen Gastwissenschaftlerin in dem Museum und war begeistert, dass Erhard Weigel in Jena derzeit ein bisschen mehr Aufmerksamkeit erhält. Allerdings finde ich, dass Jena diese Gallionsfigur der Wissenschafts- und Technikgeschichte etwas unterschätzt: Man hat Statuen von Carl Zeiss (Innenstadt), Ernst Abbe (am Planetarium) und Otto Schott (an seiner Villa) aufgestellt, aber noch keine von Erhard Weigel. Und das, obwohl das Weigelhaus zu den “<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sieben_Wunder_(Jena)">sieben Wundern Jenas</a>” gehörte, bevor es 1898 abgerissen worden ist. Er müsste eigentlich gleich am <a href="https://www.bahnhof.de/jena-paradies">Paradies-Bahnhof</a> (ja, der heißt wirklich so) mit seinen Globen (und anderen “Wundern”) die Menschen begrüßen.</p> <h2>Wunder </h2> <p>Sie sehen, im verträumten Thüringen gibt es nicht nur einen <a href="https://www.vogtland-tourismus.de/de/poi/ausstellung/maerchenwald-wuenschendorf/24480562/">Märchenwald</a> in einem Ort namens <strong>Wünschendorf,</strong> sondern es gibt auch an der größten Universität des Landes (Jena) sehr viel Magie (bisweilen auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/pandaemonium-or-how-i-learned-to-stop-worrying-and-love-the-prompt/">Schwarze Magie</a>: besonders in der Informatik). </p> <p>Davon zeugt bspw. auch der “Magische Kalender”, der in der aktuellen Ausstellung zu sehen ist. Es ist ein beeindruckendes Stück aus Weigels Zeit, enthält ein Gemisch aus Alchemie, Astrologie, religiösen Symbolen, Engeln und Erzengeln, Wochentagen … fürs 16./17. Jh. völlig normal:</p> <p>Jedenfalls zeugt die Sonderausstellung mit ihren “hands on”-Elementen und kindgerechter Aufbereitung durchaus von museumspädagogischem Geschick. Es lohnt sich, sie noch rasch anzuschauen: </p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WeigelMathe.jpg" /><h1>Leben für Wissenschaft und Gemeinwohl » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Noch bis 15. Februar ist im Stadtmuseum Jena die Ausstellung “Wissenschaft zum Wohle aller!” anlässlich des 400sten Geburtstags von<strong> Erhard Weigel</strong> zu sehen (<a href="https://www.stadtmuseum-jena.de/de/1024062">webpage</a>). “Mathe” ist ja nicht von allen das Lieblingsfach in der Schule, aber diese Ausstellung zu einem Mathematik-Professor demonstriert, wie vielseitig die Möglichkeiten dieses Faches sind: von technischen Spielzeugen bis <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/pandaemonium-or-how-i-learned-to-stop-worrying-and-love-the-prompt/">Magie</a>, von der abstrakten Geometrie bis Himmelskunde.</p> <h2>Dauerausstellung</h2> <p>Über das Mysterium, das sich um Weigels begehbaren Himmelsglobus “Pancosmus” rankt, hatte ich bereits vor ~2 Jahren im Zusammenhang mit Vorläufern des ZEISS-Planetariums berichtet. </p> <ul> <li>Das <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/das-wuenderchen-von-jena/">“Wünderchen” von Jena</a></li> <li>die <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/weigels-pancosmus/">Meinung des norwegischen Kollegen T. Rössack</a> über seine Größe</li> <li>Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/das-weigelsche-objekt-auf-dem-altan-des-jenaer-schlosses-eisenblechkugel-oder-statische-armillarsphaere/">Meinung von Dr. Meinl (Jena)</a> zum Objekt auf dem Stadtschloss, das vom Pancosmus zu unterscheiden ist.</li> </ul> <p>Im Stadtmuseum in Jena gibt es einen gebauten Entwurf eines Weigel-Globus in der Dauerausstellung. Mir war bisher jederzeit unklar, was genau hiermit dargestellt werden soll und auf welcher (historischen?) Grundlage es beruht, aber es sieht eindrucksvoll aus.</p> <p>Links hat das Museum das sogenannte “Astroscopium” auf einen Glaszylinder gedruckt. Es zeigt einen doppelköpfigen Adler mit Sternkarte und den von Weigel erfundenen Sternbildern. Normalerweise ist dies eine flache (Papier)Karte. Das Museum zeigt es nur auf einem “curved screen”. Daneben steht ein Objekt, das sie “Weigel-Globus” nennen. Die Form erinnert an die Rekonstruktion von Tor Rössack 2018 (<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/weigels-pancosmus/">hier wiedergegeben</a>), aber dieses goldfarbene Objekt hat an der Außenseite heraldische Sternbilder (was von Weigels Pancosmus nicht sicher ist) und an der Innenseite ist es durchlöchert. Das Muster gibt allerdings nicht die akurate Lage der Sterne am Himmel wieder: unwahrscheinlich, dass Weigel so etwas offensichtlich Falsches produziert hätte. Da er es für Unterrichtszwecke einsetzte, muss es in seinem Original vollständig und richtig gewesen sein. Es ist eben nur für die breite Öffentlichkeit. </p> <p>Übrigens gibt es einen ähnlichen starren Globus, in dem man von innen die Sterne als Muster sieht, auch aus dem prä-jesuitischen China. Der chinesische Globus datiert 1280 und damit ca. 400 Jahre früher als Weigels Globus 1661. Das deutet nicht denknotwendig auf Transfer hin, nur auf die gleiche Idee bei unterschiedlichen Menschen. <aside></aside></p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/china2024_web_a944.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/china2024_web_a944-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/china2024_web_a944-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/china2024_web_a944-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/china2024_web_a944.jpg 1001w" width="768"></img></a></figure> </div> </div> <h2>Sonderausstellung</h2> <p>Anlässlich des 400sten Geburtstags von Weigel präsentiert das Stadtmuseum in der Wechselausstellung nun aber einen “Teil 2” zu Weigel und seinem Globus bzw. seinen mehreren Globen. Hier geht es natürlich um das gesamte Leben und Wirken Weigels und keineswegs nur um die Rätsel der Wissenschaftshistoriker und Weigels Wunderhaus (mit Fahrstuhl = Stuhl-am-Flaschenzug, ein Weinbrunnen-aus-Sonnenblume und anderen technischen Spielzeugen). </p> <p>Im Gegensatz zur Dauerausstellung, wo steht, dass der Pancosmus 5.5 m groß war, wird hier gesagt, dass es nur 3 Meter waren … und diese widersprüchlichen Zahlen (die nicht erläutert werden) spiegeln den Stand der Forschung wider. </p> <p>Der Mathematikprofessor wird hier in seinen schillerndsten Seiten dargestellt und von einem KI-getriebenen Schulkind-von-heute interviewt. </p> <p>Eigentlich hat sich in den letzten ~400 Jahren gar nicht so viel geändert. Mathematik ist immer noch eine Grundlagenwissenschaft und stellt zusammen mit der (neueren) Informatik eine der wichtigsten Säulen der <a href="https://www.uni-jena.de/">Universität Jena</a> dar. </p> <p>Informatik als neue technische Auskristallisation von Mathematik hat in unserem Alltag viel mehr technische Spielzeuge und wichtige Anwendungen hervorgebracht als noch in Weigels Zeit. </p> <p>Ich war mit einer indonesischen Gastwissenschaftlerin in dem Museum und war begeistert, dass Erhard Weigel in Jena derzeit ein bisschen mehr Aufmerksamkeit erhält. Allerdings finde ich, dass Jena diese Gallionsfigur der Wissenschafts- und Technikgeschichte etwas unterschätzt: Man hat Statuen von Carl Zeiss (Innenstadt), Ernst Abbe (am Planetarium) und Otto Schott (an seiner Villa) aufgestellt, aber noch keine von Erhard Weigel. Und das, obwohl das Weigelhaus zu den “<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sieben_Wunder_(Jena)">sieben Wundern Jenas</a>” gehörte, bevor es 1898 abgerissen worden ist. Er müsste eigentlich gleich am <a href="https://www.bahnhof.de/jena-paradies">Paradies-Bahnhof</a> (ja, der heißt wirklich so) mit seinen Globen (und anderen “Wundern”) die Menschen begrüßen.</p> <h2>Wunder </h2> <p>Sie sehen, im verträumten Thüringen gibt es nicht nur einen <a href="https://www.vogtland-tourismus.de/de/poi/ausstellung/maerchenwald-wuenschendorf/24480562/">Märchenwald</a> in einem Ort namens <strong>Wünschendorf,</strong> sondern es gibt auch an der größten Universität des Landes (Jena) sehr viel Magie (bisweilen auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/pandaemonium-or-how-i-learned-to-stop-worrying-and-love-the-prompt/">Schwarze Magie</a>: besonders in der Informatik). </p> <p>Davon zeugt bspw. auch der “Magische Kalender”, der in der aktuellen Ausstellung zu sehen ist. Es ist ein beeindruckendes Stück aus Weigels Zeit, enthält ein Gemisch aus Alchemie, Astrologie, religiösen Symbolen, Engeln und Erzengeln, Wochentagen … fürs 16./17. Jh. völlig normal:</p> <p>Jedenfalls zeugt die Sonderausstellung mit ihren “hands on”-Elementen und kindgerechter Aufbereitung durchaus von museumspädagogischem Geschick. Es lohnt sich, sie noch rasch anzuschauen: </p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/leben-fuer-wissenschaft-und-gemeinwohl/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Gefängnisstrafe: „Sterbehilfe“ einer 37-jährigen Frau mit schweren Depressionen war Tötungsdelikt https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/gefaengnisstrafe-sterbehilfe-einer-37-jaehrigen-frau-mit-schweren-depressionen-war-toetungsdelikt/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/gefaengnisstrafe-sterbehilfe-einer-37-jaehrigen-frau-mit-schweren-depressionen-war-toetungsdelikt/#comments Fri, 30 Jan 2026 11:41:45 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3524 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/woman-863686-768x340.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/gefaengnisstrafe-sterbehilfe-einer-37-jaehrigen-frau-mit-schweren-depressionen-war-toetungsdelikt/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/woman-863686-scaled.jpg" /><h1>Gefängnisstrafe: "Sterbehilfe" einer 37-jährigen Frau mit schweren Depressionen war Tötungsdelikt » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Nach der vom Bundesgerichtshof verworfenen Revision muss der Berliner Arzt seine Haftstrafe antreten</strong></p> <span id="more-3524"></span> <p>Das Bundesverfassungsgericht räumte mit seinem Urteil vom 26. Februar 2020 Menschen mit Todeswunsch zwar mehr Autonomie ein und erklärte das Verbot der “geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung” (§ 217 StGB) für verfassungswidrig und damit nichtig. Der deutsche Gesetzgeber hat bis heute aber noch keine neue Regelung zur Sterbehilfe auf den Weg gebracht.</p> <p>In Belgien und den Niederlanden sind die “Euthanasiegesetz” genannten Möglichkeiten seit vielen Jahren sehr liberal. Sie gelten für alle medizinischen Gebiete, also auch die Psychiatrie. Bei ärztlicher Feststellung der Unerträglichkeit und Aussichtslosigkeit des Leids kann eine Sterbehilfe straffrei durchgeführt werden. Diese Möglichkeit wurde später auch auf Minderjährige ausweitet. Ich schrieb darüber <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/euthanasie-in-den-niederlanden/">schon 2013</a>. Im Wahlkampf 2021 wollte die bürgerlich-liberale Partei D66, die übrigens jetzt den neuen Ministerpräsidenten stellen wird, diese Möglichkeit auch auf Personen ausdehnen, die ihr Leben <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/sterbehilfe-bei-vollendetem-leben-oder-entsorgung-der-alten/">für “vollendet” halten</a> (niederländisch: <em>voltooid leven</em>).</p> <p>Gerade bei Menschen mit (schweren) psychologisch-psychiatrischen Störungen ist eine Bitte um Sterbehilfe besonders problematisch: Ist das Leiden wirklich unerträglich und aussichtslos? Gibt es keine Therapieoptionen mehr? Und vor allem: Ist der Todeswunsch Ergebnis einer freien Willensentscheidung? Für einen Berliner Arzt, der seit 2021 als “Freitodbegleiter” arbeitete, hat ein Irrtum nun schwere Folgen.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em><aside></aside></p> <hr></hr> <h2 id="h-verurteilung">Verurteilung</h2> <p>Der Arzt hatte schon vom Landgericht Berlin I mit dem Urteil vom 4. April 2024 eine Gefängnisstrafe bekommen, doch legte dagegen Revision beim BGH ein. Diese wurde jetzt verworfen (<a href="https://www.bundesgerichtshof.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2026/2026013.html">Pressemitteilung des BGH</a>).</p> <p>Für die Verurteilung war entscheidend, dass die Frau – laut den Gerichtsentscheidungen – zur Tatzeit eine akute depressive Episode hatte und daher in ihrer freien Willensbildung eingeschränkt war. Tatsächlich hatte sie einen ersten Suizidversuch überlebt, für den derselbe Arzt Mittel zur Verfügung gestellt hatte. Der Arzt habe versucht, die Rettung der Frau zu verhindern – und schließlich für die Psychiatrie, wo sie auf richterlichen Beschluss untergebracht wurde, Hausverbot erhalten. Telefonisch habe er aber weiter Kontakt zu ihr gehalten.</p> <p>Am Tag der Entlassung der Frau habe er sich mit ihr in einem Hotelzimmer getroffen. Die Frau sei in ihrem Todeswunsch hin- und hergerissen gewesen. Der Arzt habe ihr dann eine Infusion mit einem tödlichen Narkosemittel gelegt, die sie nur noch mit einem Rädchen öffnen musste. Das führte dann zu ihrem Tod.</p> <h2 id="h-keine-freie-willensbildung">Keine freie Willensbildung</h2> <p>Nach deutschem Recht ist eine Beihilfe zum Suizid im Prinzip straflos. Das gilt aber nur dann, wenn die betroffene Person in freier Verantwortung handelt. Das dürfte gerade bei Menschen mit schweren psychologisch-psychiatrischen Störungen schwer zu beurteilen sein – und begründete in diesem Fall die Verurteilung. Dazu aus der Pressemitteilung vom BGH:</p> <blockquote> <p>“Die Geschädigte konnte unter dem Einfluss ihrer depressiven Erkrankung weder die ihr in der Klinik angebotenen Behandlungsmöglichkeiten noch ihr Leben und ihre Zukunftsperspektiven realitätsgerecht einschätzen. Fälschlich sah sie sich als “austherapiert” an und meinte, in ihrem Leben noch nie glücklich gewesen zu sein und folglich nie mehr glücklich sein zu können. Krankheitsbedingt ambivalent schwankte sie zwischen neu gefasstem Lebensmut und dem Wunsch zu sterben. Mehrfach teilte sie dem Angeklagten mit, seine Unterstützung nicht mehr zu benötigen, da sie weiterleben wolle, um ihn dann – mit Entschuldigung für das ewige ‘Hin und Her’ – erneut um Unterstützung zu bitten.”</p> </blockquote> <p>Mit dem Urteil des BGH ist die Verurteilung des Arztes wegen Totschlags zu drei Jahren Gefängnisstrafe nun rechtskräftig. (Aktenzeichen 5 StR 520/24)</p> <p><em>Haben sie Suizidgedanken? Zum Beispiel die Telefonseelsorge (0800 111 0 111) oder Nummer gegen Kummer (116 111) können helfen. Im Notfall können Sie auch den Notruf wählen.</em></p> <h2 id="mehr-zum-thema">Mehr zum Thema</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/woman-upset-sad-depressed-hipster-863686/">Foundry</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/cbe98e40e75248dc9abaed0c0ea74dce" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/woman-863686-scaled.jpg" /><h1>Gefängnisstrafe: "Sterbehilfe" einer 37-jährigen Frau mit schweren Depressionen war Tötungsdelikt » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Nach der vom Bundesgerichtshof verworfenen Revision muss der Berliner Arzt seine Haftstrafe antreten</strong></p> <span id="more-3524"></span> <p>Das Bundesverfassungsgericht räumte mit seinem Urteil vom 26. Februar 2020 Menschen mit Todeswunsch zwar mehr Autonomie ein und erklärte das Verbot der “geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung” (§ 217 StGB) für verfassungswidrig und damit nichtig. Der deutsche Gesetzgeber hat bis heute aber noch keine neue Regelung zur Sterbehilfe auf den Weg gebracht.</p> <p>In Belgien und den Niederlanden sind die “Euthanasiegesetz” genannten Möglichkeiten seit vielen Jahren sehr liberal. Sie gelten für alle medizinischen Gebiete, also auch die Psychiatrie. Bei ärztlicher Feststellung der Unerträglichkeit und Aussichtslosigkeit des Leids kann eine Sterbehilfe straffrei durchgeführt werden. Diese Möglichkeit wurde später auch auf Minderjährige ausweitet. Ich schrieb darüber <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/euthanasie-in-den-niederlanden/">schon 2013</a>. Im Wahlkampf 2021 wollte die bürgerlich-liberale Partei D66, die übrigens jetzt den neuen Ministerpräsidenten stellen wird, diese Möglichkeit auch auf Personen ausdehnen, die ihr Leben <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/sterbehilfe-bei-vollendetem-leben-oder-entsorgung-der-alten/">für “vollendet” halten</a> (niederländisch: <em>voltooid leven</em>).</p> <p>Gerade bei Menschen mit (schweren) psychologisch-psychiatrischen Störungen ist eine Bitte um Sterbehilfe besonders problematisch: Ist das Leiden wirklich unerträglich und aussichtslos? Gibt es keine Therapieoptionen mehr? Und vor allem: Ist der Todeswunsch Ergebnis einer freien Willensentscheidung? Für einen Berliner Arzt, der seit 2021 als “Freitodbegleiter” arbeitete, hat ein Irrtum nun schwere Folgen.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em><aside></aside></p> <hr></hr> <h2 id="h-verurteilung">Verurteilung</h2> <p>Der Arzt hatte schon vom Landgericht Berlin I mit dem Urteil vom 4. April 2024 eine Gefängnisstrafe bekommen, doch legte dagegen Revision beim BGH ein. Diese wurde jetzt verworfen (<a href="https://www.bundesgerichtshof.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2026/2026013.html">Pressemitteilung des BGH</a>).</p> <p>Für die Verurteilung war entscheidend, dass die Frau – laut den Gerichtsentscheidungen – zur Tatzeit eine akute depressive Episode hatte und daher in ihrer freien Willensbildung eingeschränkt war. Tatsächlich hatte sie einen ersten Suizidversuch überlebt, für den derselbe Arzt Mittel zur Verfügung gestellt hatte. Der Arzt habe versucht, die Rettung der Frau zu verhindern – und schließlich für die Psychiatrie, wo sie auf richterlichen Beschluss untergebracht wurde, Hausverbot erhalten. Telefonisch habe er aber weiter Kontakt zu ihr gehalten.</p> <p>Am Tag der Entlassung der Frau habe er sich mit ihr in einem Hotelzimmer getroffen. Die Frau sei in ihrem Todeswunsch hin- und hergerissen gewesen. Der Arzt habe ihr dann eine Infusion mit einem tödlichen Narkosemittel gelegt, die sie nur noch mit einem Rädchen öffnen musste. Das führte dann zu ihrem Tod.</p> <h2 id="h-keine-freie-willensbildung">Keine freie Willensbildung</h2> <p>Nach deutschem Recht ist eine Beihilfe zum Suizid im Prinzip straflos. Das gilt aber nur dann, wenn die betroffene Person in freier Verantwortung handelt. Das dürfte gerade bei Menschen mit schweren psychologisch-psychiatrischen Störungen schwer zu beurteilen sein – und begründete in diesem Fall die Verurteilung. Dazu aus der Pressemitteilung vom BGH:</p> <blockquote> <p>“Die Geschädigte konnte unter dem Einfluss ihrer depressiven Erkrankung weder die ihr in der Klinik angebotenen Behandlungsmöglichkeiten noch ihr Leben und ihre Zukunftsperspektiven realitätsgerecht einschätzen. Fälschlich sah sie sich als “austherapiert” an und meinte, in ihrem Leben noch nie glücklich gewesen zu sein und folglich nie mehr glücklich sein zu können. Krankheitsbedingt ambivalent schwankte sie zwischen neu gefasstem Lebensmut und dem Wunsch zu sterben. Mehrfach teilte sie dem Angeklagten mit, seine Unterstützung nicht mehr zu benötigen, da sie weiterleben wolle, um ihn dann – mit Entschuldigung für das ewige ‘Hin und Her’ – erneut um Unterstützung zu bitten.”</p> </blockquote> <p>Mit dem Urteil des BGH ist die Verurteilung des Arztes wegen Totschlags zu drei Jahren Gefängnisstrafe nun rechtskräftig. (Aktenzeichen 5 StR 520/24)</p> <p><em>Haben sie Suizidgedanken? Zum Beispiel die Telefonseelsorge (0800 111 0 111) oder Nummer gegen Kummer (116 111) können helfen. Im Notfall können Sie auch den Notruf wählen.</em></p> <h2 id="mehr-zum-thema">Mehr zum Thema</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736">im BoD Shop</a>. 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Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/woman-upset-sad-depressed-hipster-863686/">Foundry</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/cbe98e40e75248dc9abaed0c0ea74dce" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/gefaengnisstrafe-sterbehilfe-einer-37-jaehrigen-frau-mit-schweren-depressionen-war-toetungsdelikt/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>16</slash:comments> </item> <item> <title>How High-Dimensional Mathematics Rules Our World https://scilogs.spektrum.de/hlf/how-high-dimensional-mathematics-rules-our-world/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/how-high-dimensional-mathematics-rules-our-world/#comments Wed, 28 Jan 2026 13:00:00 +0000 Benjamin Skuse https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14089 <h1>How High-Dimensional Mathematics Rules Our World - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>Intuitively, we can picture a one-dimensional entity, eternally restricted to walking an infinite line, or a two-dimensional being resigned to life on a flat plane. We do not have to picture three-dimensional beings, as that is how we experience our universe. Yet, the computational power driving the modern world thrives in abstract spaces of five, 10, or even thousands of dimensions. How does high-dimensional mathematics allow us to process and interpret information, and reveal hidden patterns that govern everything from our biology to artificial intelligence?</p> <h3 id="h-dimensions-beyond-perception">Dimensions Beyond Perception</h3> <p>A good starting point is to separate the dimensions of the universe with other definitions of dimensions. If we are considering the former, a central question is: are we living in a truly three-dimensional universe or is this just a quirk of our perception? Left to right, forward and back, up and down. These are the only ways in which we can move, and the reason we perceive a three-dimensional world. But then came Albert Einstein. His special and general relativity brought time into play. Though we can only perceive time as running forwards, and is therefore experienced in a very different way to the three spatial dimensions (and, indeed, is mathematically different), relativity bundled space and time together as spacetime.</p> <p>Spacetime became mathematically concrete thanks to mathematician Hermann Minkowski, who demonstrated that special relativity could be elegantly described by treating space and time on an almost equal footing. This unified view introduced the concept of the Minkowski space, a four-dimensional space where time is treated as the fourth coordinate.</p> <p>This work laid the foundation for treating spacetime as a single four-dimensional fabric (three spatial dimensions plus one temporal dimension), known as a manifold in mathematical parlance, that is not immutable but can be affected by mass or energy. Space literally stretches out, as does time, the closer you get to a massive object like a black hole. In other words, the dimensions of the four-dimensional manifold become geometrically distorted.</p> <p>The revelations that relativity offered over a century ago exposed the public to the possibility that we live in a universe of more than three dimensions and provided a visceral way to understand that what we perceive is not necessarily all that exists. But further revelations were ahead.<aside></aside></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Hcube_fold.gif"><img alt="Illustration of a hypercube (left) and cube (right)." decoding="async" fetchpriority="high" height="262" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Hcube_fold.gif" width="402"></img></a><figcaption>Animation illustrating the folding and unfolding of a hypercube (left) and cube (right). Image credit: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hcube_fold.gif" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Christopher Thomas</a> (CC-BY-SA 1.0)</figcaption></figure></div> <p>Soon after Einstein had given the world general relativity, German mathematician Theodor Kaluza and Swedish physicist Oskar Klein realised something was missing: another spatial dimension. If the universe were five-dimensional instead of four-dimensional, the pair demonstrated that the five-dimensional version of Einstein’s equations would split into three sets of four-dimensional equations: Einstein’s original field equations for gravity; James Clerk Maxwell’s equations for electromagnetism; and a new equation for a scalar field.</p> <p>This fourth spatial dimension could be curled up into a tiny, closed loop with a radius far smaller than any measurable distance, explaining why we cannot perceive it. But at the same time, it could have a monumental impact on the world around us; the secret sauce that could unify gravity and electromagnetism.</p> <p>Kaluza–Klein theory, as it became known, was brilliant mathematically, but flawed physically. It failed to predict particle properties correctly and missed the other fundamental forces (strong and weak nuclear force) as well as many fundamental particles. However, it was the first serious attempt to show that the fundamental forces we experience might simply be manifestations of higher-dimensional geometry. And its legacy is felt today in its descendants that attempt to unify the fundamental forces and particles using multiple curled up spatial dimensions: string theory and M-theory; the latter first proposed by 1990 Fields Medallist <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/edward-witten/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Edward Witten</a>.</p> <p>Four-dimensional general relativity, five-dimensional Kaluza–Klein theory, and 10- and 11-dimensional string and M-theories have hinted that the geometric structure of our universe may be far more exotic than what we can perceive. But these are all at the lower end of the high-dimensional spectrum that mathematicians and statisticians deal with. Why would anyone want to venture into realms of such deep abstraction?</p> <h3 id="h-defining-data">Defining Data</h3> <p>Understanding the purpose of high-dimensional mathematics becomes easier when we describe the position of a point in a given \(N\)-dimensional space. Our one-dimensional being walking its infinite line can be located by a single coordinate \((x)\), our flatlander is found with just two coordinates \((x,y)\), and you or I can be pinpointed with just three coordinates \((x,y,z)\) or four \((x,y,z,t)\) if considering where and when we are in spacetime.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8uwj978uwj978uwj.jpg"><img alt="Illustration of one-, two- and three-dimensional beings." decoding="async" height="411" sizes="(max-width: 984px) 100vw, 984px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8uwj978uwj978uwj.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8uwj978uwj978uwj.jpg 984w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8uwj978uwj978uwj-300x125.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8uwj978uwj978uwj-768x321.jpg 768w" width="984"></img></a><figcaption>From left to right, depiction of one-, two- and three-dimensional beings. This image was created with the assistance of <a href="https://gemini.google.com/app" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Google Gemini</a>.</figcaption></figure></div> <p>Points in higher dimensions just have more coordinates. This becomes particularly useful when we are no longer considering the dimensions of the universe and define dimensionality in different ways. Instead of thinking of dimensions as the multiple facets of what could be reality, we might define dimensionality as how many attributes or variables are considered within a given space. For example, a financial modeller might want to track and predict the risk involved in a given asset. To do this, the asset can be considered a point in an \(N\)-dimensional risk space, where \(N\) refers to variables such as current price, volatility, interest rate, etc.</p> <p>Another good example is census data. A government census database will contain hundreds of variables on people (age, sex, ethnicity, occupation, etc) and households (accommodation type, tenure, number of bedrooms, etc). A person then becomes a single point in the \(N\)-dimensional space that is the database, where \(N\) refers to the hundreds of different characteristics that were measured during the census.</p> <p>In both cases, it is in spotting and analysing the lower-dimensional patterns and shapes embedded within the high-dimensional data where insights are found. The financial modeller can run algorithms to search the high-dimensional risk space for a lower-dimensional hyperplane that optimally separates safe investments from risky ones. Or a statistician might group the original variables into principal components that represent the main differences between communities in terms of socioeconomic status to build a deprivation index based on region.</p> <p>Another (current) example of the importance of high-dimensional mathematics is large language models (LLMs), which build on decades of research in AI, machine learning and natural language processing by researchers such as <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/yoshua-bengio/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Yoshua Bengio</a> and <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/yann-lecun/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Yann LeCun</a> (both recipients of the 2018 ACM A.M. Turing Award). In fact, LLMs could not function without high-dimensional mathematics.</p> <p>These models process text entirely through vector mathematics. Every ‘token’ (word, subword or punctuation) is converted into a high-dimensional vector, typically between 512 and 4096 dimensions, and the token’s position in the sequence (sentence) is encoded as an additional vector. Computations are then primarily driven by the self-attention mechanism, which calculates the semantic relationships between all tokens by measuring the dot product of their high-dimensional vectors, producing successive new sets of high-dimensional vectors that encode the context of the given sequence. The final output vector is projected into the vocabulary space, whose dimension is the number of possible tokens. And finally, a function is applied that selects a token and generates text.</p> <h3 id="h-the-shape-of-complexity">The Shape of Complexity</h3> <p>Analysis and insight really start to get complicated when large datasets include data points that themselves are high-dimensional vectors. For example, in single-cell RNA sequencing, each single cell is represented by a vector whose dimensions correspond to the expression level of tens of thousands of genes. To make any sense of such a vast, sparse space requires a different approach.</p> <p>Treating the space as a huge data cloud and ignoring the specific coordinates within the data offers the opportunity to take a step back and take in the ‘shape’ of the data. Known as topological data analysis, this approach characterises the global structure and connectivity of the high-dimensional data manifold. This type of analysis shares roots with modern topology – from 1982 Fields Medallist <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/shing-tung-yau/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Shing-Tung Yau</a>’s geometric analysis of curved spaces to 1986 Fields Medallist <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/michael-freedman/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Michael Freedman</a>’s insights into the structure of manifolds.</p> <p>Topological data analysis identifies topological features (properties of the data’s shape that remain unchanged even when the data is stretched, compressed or continuously transformed) using persistent homology to quantify structures that persist across different scales. These structures include clusters, loops, and voids, the presence of which signals deep insights that would otherwise be missed.</p> <p>A particularly impactful application of this analysis technique has been in cancer genomics. Topological data analysis has been used to identify hidden clusters of breast cancer patients with a specific prognosis that other methods have missed, allowing tailored treatment. It has also been wielded to identify genomic markers that can be used to predict treatment responses and estimate patient prognosis with high accuracy.</p> <h3 id="h-infinite-full-circle">Infinite Full Circle</h3> <p>Going beyond this already exceedingly high dimensionality brings us back to where we started: the very nature of reality and the universe. Alongside the formulation of relativity, Einstein was also a key founder of another pillar of modern physics: quantum mechanics. Quantum mechanics describes the behaviour of matter and light at the atomic and subatomic scales. At this level, the mathematical description requires continuity across the spatial domain and is governed by the principle of superposition; that a physical system, such as a wave or a quantum particle, can exist in a combination of all its possible states simultaneously until the moment of measurement.</p> <p>These factors lead to an infinite number of potential degrees of freedom, or dimensions. And this complexity necessitates the use of functional analysis, the branch of mathematics that treats functions as points or vectors in an infinite-dimensional space, and the Hilbert space, a special infinite-dimensional vector space where quantum states live. In fact, the infinite-dimensional Hilbert-space framework, formalised rigorously by celebrated polymath John von Neumann and later generalised through the work of famed mathematician Israel Gelfand and 1962 Fields Medallist <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/lars-hoermander/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Lars Hörmander</a>, provides the mathematical backbone of quantum mechanics. Without this and functional analysis, it would be impossible to precisely define quantum states, quantify probabilities, and describe the continuous dynamics of the subatomic world.</p> <p>As we have seen, the limitations of our everyday perception are the starting line for true insight. We are no longer confined to observing a three-dimensional world, but possess the mathematical language to build and navigate spaces of arbitrary dimensions, exposing new and deep understanding in a huge range of fields and applications.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>How High-Dimensional Mathematics Rules Our World - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>Intuitively, we can picture a one-dimensional entity, eternally restricted to walking an infinite line, or a two-dimensional being resigned to life on a flat plane. We do not have to picture three-dimensional beings, as that is how we experience our universe. Yet, the computational power driving the modern world thrives in abstract spaces of five, 10, or even thousands of dimensions. How does high-dimensional mathematics allow us to process and interpret information, and reveal hidden patterns that govern everything from our biology to artificial intelligence?</p> <h3 id="h-dimensions-beyond-perception">Dimensions Beyond Perception</h3> <p>A good starting point is to separate the dimensions of the universe with other definitions of dimensions. If we are considering the former, a central question is: are we living in a truly three-dimensional universe or is this just a quirk of our perception? Left to right, forward and back, up and down. These are the only ways in which we can move, and the reason we perceive a three-dimensional world. But then came Albert Einstein. His special and general relativity brought time into play. Though we can only perceive time as running forwards, and is therefore experienced in a very different way to the three spatial dimensions (and, indeed, is mathematically different), relativity bundled space and time together as spacetime.</p> <p>Spacetime became mathematically concrete thanks to mathematician Hermann Minkowski, who demonstrated that special relativity could be elegantly described by treating space and time on an almost equal footing. This unified view introduced the concept of the Minkowski space, a four-dimensional space where time is treated as the fourth coordinate.</p> <p>This work laid the foundation for treating spacetime as a single four-dimensional fabric (three spatial dimensions plus one temporal dimension), known as a manifold in mathematical parlance, that is not immutable but can be affected by mass or energy. Space literally stretches out, as does time, the closer you get to a massive object like a black hole. In other words, the dimensions of the four-dimensional manifold become geometrically distorted.</p> <p>The revelations that relativity offered over a century ago exposed the public to the possibility that we live in a universe of more than three dimensions and provided a visceral way to understand that what we perceive is not necessarily all that exists. But further revelations were ahead.<aside></aside></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Hcube_fold.gif"><img alt="Illustration of a hypercube (left) and cube (right)." decoding="async" fetchpriority="high" height="262" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Hcube_fold.gif" width="402"></img></a><figcaption>Animation illustrating the folding and unfolding of a hypercube (left) and cube (right). Image credit: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hcube_fold.gif" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Christopher Thomas</a> (CC-BY-SA 1.0)</figcaption></figure></div> <p>Soon after Einstein had given the world general relativity, German mathematician Theodor Kaluza and Swedish physicist Oskar Klein realised something was missing: another spatial dimension. If the universe were five-dimensional instead of four-dimensional, the pair demonstrated that the five-dimensional version of Einstein’s equations would split into three sets of four-dimensional equations: Einstein’s original field equations for gravity; James Clerk Maxwell’s equations for electromagnetism; and a new equation for a scalar field.</p> <p>This fourth spatial dimension could be curled up into a tiny, closed loop with a radius far smaller than any measurable distance, explaining why we cannot perceive it. But at the same time, it could have a monumental impact on the world around us; the secret sauce that could unify gravity and electromagnetism.</p> <p>Kaluza–Klein theory, as it became known, was brilliant mathematically, but flawed physically. It failed to predict particle properties correctly and missed the other fundamental forces (strong and weak nuclear force) as well as many fundamental particles. However, it was the first serious attempt to show that the fundamental forces we experience might simply be manifestations of higher-dimensional geometry. And its legacy is felt today in its descendants that attempt to unify the fundamental forces and particles using multiple curled up spatial dimensions: string theory and M-theory; the latter first proposed by 1990 Fields Medallist <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/edward-witten/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Edward Witten</a>.</p> <p>Four-dimensional general relativity, five-dimensional Kaluza–Klein theory, and 10- and 11-dimensional string and M-theories have hinted that the geometric structure of our universe may be far more exotic than what we can perceive. But these are all at the lower end of the high-dimensional spectrum that mathematicians and statisticians deal with. Why would anyone want to venture into realms of such deep abstraction?</p> <h3 id="h-defining-data">Defining Data</h3> <p>Understanding the purpose of high-dimensional mathematics becomes easier when we describe the position of a point in a given \(N\)-dimensional space. Our one-dimensional being walking its infinite line can be located by a single coordinate \((x)\), our flatlander is found with just two coordinates \((x,y)\), and you or I can be pinpointed with just three coordinates \((x,y,z)\) or four \((x,y,z,t)\) if considering where and when we are in spacetime.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8uwj978uwj978uwj.jpg"><img alt="Illustration of one-, two- and three-dimensional beings." decoding="async" height="411" sizes="(max-width: 984px) 100vw, 984px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8uwj978uwj978uwj.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8uwj978uwj978uwj.jpg 984w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8uwj978uwj978uwj-300x125.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_8uwj978uwj978uwj-768x321.jpg 768w" width="984"></img></a><figcaption>From left to right, depiction of one-, two- and three-dimensional beings. This image was created with the assistance of <a href="https://gemini.google.com/app" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Google Gemini</a>.</figcaption></figure></div> <p>Points in higher dimensions just have more coordinates. This becomes particularly useful when we are no longer considering the dimensions of the universe and define dimensionality in different ways. Instead of thinking of dimensions as the multiple facets of what could be reality, we might define dimensionality as how many attributes or variables are considered within a given space. For example, a financial modeller might want to track and predict the risk involved in a given asset. To do this, the asset can be considered a point in an \(N\)-dimensional risk space, where \(N\) refers to variables such as current price, volatility, interest rate, etc.</p> <p>Another good example is census data. A government census database will contain hundreds of variables on people (age, sex, ethnicity, occupation, etc) and households (accommodation type, tenure, number of bedrooms, etc). A person then becomes a single point in the \(N\)-dimensional space that is the database, where \(N\) refers to the hundreds of different characteristics that were measured during the census.</p> <p>In both cases, it is in spotting and analysing the lower-dimensional patterns and shapes embedded within the high-dimensional data where insights are found. The financial modeller can run algorithms to search the high-dimensional risk space for a lower-dimensional hyperplane that optimally separates safe investments from risky ones. Or a statistician might group the original variables into principal components that represent the main differences between communities in terms of socioeconomic status to build a deprivation index based on region.</p> <p>Another (current) example of the importance of high-dimensional mathematics is large language models (LLMs), which build on decades of research in AI, machine learning and natural language processing by researchers such as <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/yoshua-bengio/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Yoshua Bengio</a> and <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/yann-lecun/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Yann LeCun</a> (both recipients of the 2018 ACM A.M. Turing Award). In fact, LLMs could not function without high-dimensional mathematics.</p> <p>These models process text entirely through vector mathematics. Every ‘token’ (word, subword or punctuation) is converted into a high-dimensional vector, typically between 512 and 4096 dimensions, and the token’s position in the sequence (sentence) is encoded as an additional vector. Computations are then primarily driven by the self-attention mechanism, which calculates the semantic relationships between all tokens by measuring the dot product of their high-dimensional vectors, producing successive new sets of high-dimensional vectors that encode the context of the given sequence. The final output vector is projected into the vocabulary space, whose dimension is the number of possible tokens. And finally, a function is applied that selects a token and generates text.</p> <h3 id="h-the-shape-of-complexity">The Shape of Complexity</h3> <p>Analysis and insight really start to get complicated when large datasets include data points that themselves are high-dimensional vectors. For example, in single-cell RNA sequencing, each single cell is represented by a vector whose dimensions correspond to the expression level of tens of thousands of genes. To make any sense of such a vast, sparse space requires a different approach.</p> <p>Treating the space as a huge data cloud and ignoring the specific coordinates within the data offers the opportunity to take a step back and take in the ‘shape’ of the data. Known as topological data analysis, this approach characterises the global structure and connectivity of the high-dimensional data manifold. This type of analysis shares roots with modern topology – from 1982 Fields Medallist <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/shing-tung-yau/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Shing-Tung Yau</a>’s geometric analysis of curved spaces to 1986 Fields Medallist <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/michael-freedman/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Michael Freedman</a>’s insights into the structure of manifolds.</p> <p>Topological data analysis identifies topological features (properties of the data’s shape that remain unchanged even when the data is stretched, compressed or continuously transformed) using persistent homology to quantify structures that persist across different scales. These structures include clusters, loops, and voids, the presence of which signals deep insights that would otherwise be missed.</p> <p>A particularly impactful application of this analysis technique has been in cancer genomics. Topological data analysis has been used to identify hidden clusters of breast cancer patients with a specific prognosis that other methods have missed, allowing tailored treatment. It has also been wielded to identify genomic markers that can be used to predict treatment responses and estimate patient prognosis with high accuracy.</p> <h3 id="h-infinite-full-circle">Infinite Full Circle</h3> <p>Going beyond this already exceedingly high dimensionality brings us back to where we started: the very nature of reality and the universe. Alongside the formulation of relativity, Einstein was also a key founder of another pillar of modern physics: quantum mechanics. Quantum mechanics describes the behaviour of matter and light at the atomic and subatomic scales. At this level, the mathematical description requires continuity across the spatial domain and is governed by the principle of superposition; that a physical system, such as a wave or a quantum particle, can exist in a combination of all its possible states simultaneously until the moment of measurement.</p> <p>These factors lead to an infinite number of potential degrees of freedom, or dimensions. And this complexity necessitates the use of functional analysis, the branch of mathematics that treats functions as points or vectors in an infinite-dimensional space, and the Hilbert space, a special infinite-dimensional vector space where quantum states live. In fact, the infinite-dimensional Hilbert-space framework, formalised rigorously by celebrated polymath John von Neumann and later generalised through the work of famed mathematician Israel Gelfand and 1962 Fields Medallist <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/lars-hoermander/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Lars Hörmander</a>, provides the mathematical backbone of quantum mechanics. Without this and functional analysis, it would be impossible to precisely define quantum states, quantify probabilities, and describe the continuous dynamics of the subatomic world.</p> <p>As we have seen, the limitations of our everyday perception are the starting line for true insight. We are no longer confined to observing a three-dimensional world, but possess the mathematical language to build and navigate spaces of arbitrary dimensions, exposing new and deep understanding in a huge range of fields and applications.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/how-high-dimensional-mathematics-rules-our-world/#comments 8 Medizinisches Wissen: Was sagt ein positives Testergebnis aus? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/medizinisches-wissen-was-sagt-ein-positives-testergebnis-aus/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/medizinisches-wissen-was-sagt-ein-positives-testergebnis-aus/#comments Mon, 26 Jan 2026 12:29:01 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3520 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/math-1547018_1920-768x512.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/medizinisches-wissen-was-sagt-ein-positives-testergebnis-aus/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/math-1547018_1920.jpg" /><h1>Medizinisches Wissen: Was sagt ein positives Testergebnis aus? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Eine kurze Lektion vom deutschen Statistik-Papst, Beispiel Mammografie (Brustkrebsuntersuchung)</strong></p> <span id="more-3520"></span> <p>Gesundheit ist ein hohes Gut, für manche vielleicht sogar das höchste. Denn wer möchte schon lange leben, wenn das ein Dahinsiechen wäre? Dementsprechend finden wir auch in der medialen Welt täglich Gesundheitsinformationen. Nicht allen tut das gut: Sie erfahren Krankheitssymptome, über die sie lesen, am eigenen Leib oder der eigenen Psyche. Oder sie werden zumindest verunsichert. Und oft heißt es: Je früher man etwas entdeckt, desto besser die Heilungschancen.</p> <p>Ein Gang zum Hausarzt oder zur Fachärztin soll Klarheit schaffen. Die biomedizinische Forschung und Anwendung verspricht Sicherheit mit den Methoden der “harten Naturwissenschaft”. Doch in der Wissenschaft des Lebendigen, in den Lebenswissenschaften, ist etwas selten ganz schwarz oder weiß – oder in Begriffen der binären Logik: null oder eins. Deshalb sind statistische Verfahren meist unverzichtbar. Diese sollte man besser verstehen, wenn man sie anwendet und ihre Ergebnisse verbreitet.</p> <p>Der im Untertitel genannte “Statistik-Papst” bin natürlich nicht ich, sondern der (inzwischen emeritierte) Psychologieprofessor und frühere Max-Planck-Direktor Gerd Gigerenzer (Jg. 1947). Er plädiert nicht nur für mehr theoretische Kenntnisse in seinem Fachgebiet, sondern beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit häufigen Missverständnissen statistischen Wissens. Hier im Blog ging es schon früher um seine “Unstatistik des Monats”, zum Beispiel bei der Übertreibung von <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wie-gefaehrlich-ist-alkohol-nun-wirklich/">Risiken des Alkoholkonsums</a> oder von <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/welchen-zusammenhang-gibt-es-zwischen-corona-impfungen-und-sterblichkeit/">COVID-Impfungen</a>.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em><aside></aside></p> <hr></hr> <h2 id="h-beispiel-mammografie">Beispiel Mammografie</h2> <p>Für einen neuen Aufsatz hat er sich die Kommunikation von Krankheitsrisiken bei Krebsuntersuchungen genauer angeschaut. Und das folgende Beispiel hat er, auf der Grundlage echter Daten, auch in der medizinischen Fortbildung erprobt. Wenn Sie nicht gleich die richtige Antwort wissen, ist das nicht der Weltuntergang: Die meisten Gynäkologinnen und Gynäkologen kamen vor Gigerenzers Kurs auch nicht auf die richtige Antwort.</p> <p>Schauen wir uns das konkrete Beispiel an:</p> <ul> <li>Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau Brustkrebs hat, beträgt 1 Prozent. (Das nennt man auch “Prävalenz”.)</li> <li><em>Wenn</em> eine Frau Brustkrebs hat, dann ist die Wahrscheinlichkeit eines positiven Tests 90 Prozent. (Sensitivität des Tests)</li> <li>Wenn eine Frau <em>keinen</em> Brustkrebs hat, dann ist die Wahrscheinlichkeit eines positiven Tests 9 Prozent. (Falsch-Positiv-Rate des Tests)</li> </ul> <p>Jetzt die Frage: Frau F bekommt nach einer Untersuchung beim Gynäkologen ein positives Mammografie-Ergebnis. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie <em>wirklich</em> Brustkrebs hat? (Auflösung unten)</p> <ol> <li>90 Prozent</li> <li>81 Prozent</li> <li>9 Prozent</li> <li>1 Prozent</li> </ol> <h2 id="h-bedingte-wahrscheinlichkeiten">Bedingte Wahrscheinlichkeiten</h2> <p>Der häufigste Fallstrick dürfte die Sache mit der Sensitivität des Tests sein, also mit der hier genannten Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent. Tatsächlich wählten in einem (allerdings nicht repräsentativen) Versuch Gigerenzers mit 160 Gynäkologen und Gynäkologinnen knapp die Hälfte diese – falsche – Alternative. Auf die Alternativen 2, 3 und 4 entfielen 13, 21 und 19 Prozent der Stimmen.</p> <p>Aber warum ist Alternative 1 falsch? Dafür sollte man sich keine Prozente anschauen, sondern konkrete Zahlen: Stellen wir uns 1000 Frauen vor, die eine Mammografie vornehmen lassen. Laut der Prävalenz haben 1 Prozent beziehungsweise 10 von ihnen Brustkrebs. Wegen der Sensitivität von 90 Prozent bekommen neun von ihnen ein korrekt-positives und die verbleibende zehnte ein falsch-negatives Ergebnis.</p> <p>Jetzt wissen wir aber auch, dass von den Frauen ohne Brustkrebs 9 Prozent, also in diesem Beispiel 89, ein falsch-positives Ergebnis bekommen. Von den 1000 Frauen haben wir also 9 + 89 = 98 mit einem positiven Mammografie-Ergebnis. Doch von denen stimmt das nur bei 9 von 98 und ist es falsch bei den restlichen 89.</p> <p>Bei Frau F wissen wir ja nicht, ob sie wirklich Brustkrebs hat oder nicht. Darüber sollte die Mammografie gerade Aufschluss geben. Mit dem positiven Test wissen wir aber nur, dass sie in die Gruppe der 98 fällt. Da von denen “nur” 9 wirklich Brustkrebs haben, ist das richtige Ergebnis auf die Frage: 9:98 = 9,2 Prozent, also (gerundet) Alternative 3.</p> <h2 id="h-finanzielle-interessen">Finanzielle Interessen</h2> <p>Gigerenzer geht in seinem Artikel noch etwas weiter: Er verweist darauf, dass die Fortbildung für die Ärztinnen und Ärzte oft von biomedizinischen Firmen organisiert wird – in Luxushotels an Luxusorten. Damit hätten sie Kontrolle darüber, was diese Fachleute lernen. Das Folgende sagt, wohlgemerkt, kein Verschwörungsdenker, sondern einer der angesehensten Psychologen und Wissenschaftler Deutschlands:</p> <blockquote> <p>“Innerhalb von zwei Jahren schulte ich insgesamt etwa 1.000 Ärzte. Dabei erfuhr ich, dass der Großteil der ärztlichen Fortbildung von der Industrie finanziert und organisiert wird. Einige Ärzteorganisationen bieten zwar eigene Kurse an, können aber mit den Vorteilen großer Pharmaunternehmen nicht mithalten, die Ärzte und manchmal sogar deren Partner in Luxushotels an attraktiven Reisezielen einfliegen lassen – alle Kosten inklusive. Diese Investition lohnt sich: Millionen von Ärzten wissen das, was die Industrie will, dass sie wissen.” (Gigerenzer, 2026, S. 367)</p> </blockquote> <p>Ein Schelm, wer hierin ein Geschäftsmodell sieht: Gerade verunsicherten Patientinnen und Patienten wird somit vielleicht vermittelt, dass sie für ein längeres und gesünderes Leben immer mehr und immer früher testen lassen müssen. Vergessen wir nicht, dass es auf dem Gesundheitsmarkt Jahr für Jahr um viele Milliarden geht!</p> <p>Eine andere Auswertung von Krebsuntersuchungen in Gigerenzers Artikel deutet aber darauf hin, dass eine frühere Diagnose oft nicht das Leben verlängert. Am ehesten scheinen noch Darmkrebsuntersuchungen mit der Sigmoidoskopie (einer direkten Untersuchung des Dickdarms) zu nützen – doch selbst dann geht es um eine Lebensverlängerung von im Mittel nur 100 Tagen.</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Das Thema ist natürlich komplexer, als ich es hier in einem kurzen Blogartikel beleuchten kann. Die gute Nachricht ist immerhin, dass durch die Tests niemand früher stirbt. Aber die Patientinnen und Patienten bezahlen dann mitunter einen psychologischen Preis: durch Unsicherheit, Angst und eventuell unangenehmen Untersuchungen. Zum Beispiel ist bekannt, dass der Antigen-Test auf Prostatakrebs in der Praxis oft irrelevant ist. Denn die Betroffenen alten Männer sterben oft an einer anderen Ursache, bevor ihre Prostata ernsthafte Probleme bereitet. Der Profit bestimmter Akteure auf der anderen Seite ist dahingegen sicher.</p> <p>Ich nehme mitnichten den Standpunkt ein, nicht mehr zum Arzt zu gehen oder sich nicht mehr genauer untersuchen zu lassen! Aber mit dem richtigen Verständnis, an das uns Gerd Gigerenzer mit seiner Forschung seit Jahrzehnten immer wieder erinnert, wird der Gesundheitskult unserer Zeit doch etwas relativiert. Selbst ein positives Testergebnis kann – wie im genannten Beispiel – sogar in der Mehrheit der Fälle negativ sein, also auf <em>keine</em> Krankheit hindeuten. Wenn man das richtig kommuniziert, kann man vielen Patientinnen und Patienten potenziell helfen.</p> <p>Eine auch für Laien einfach zu merkende Schlussfolgerung ist zudem: Man sollte sich von relativen Angaben (z.B. 50 Prozent mehr, Verdopplung) nicht in die Irre führen lassen. Eine Angabe der konkreten Zahlen ist oft viel aussagekräftiger. Auch im Beispiel hier muss man keine Statistikkenntnisse haben, um zu verstehen, dass bei 1000 getesteten Frauen und 98 positiven Ergebnissen nur 9 dieser 98 wirklich Brustkrebs haben. Und auch im Wissenschafts- und Medizinjournalismus kann man sich das hinter die Ohren schreiben, sowie nicht zuletzt in der medizinischen Ausbildung.</p> <h2 id="h-das-konnte-sie-auch-interessieren">Das könnte Sie auch interessieren:</h2> <ul> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/alkohol-praevention-oder-gesundheitswahn/">Alkohol: Prävention oder Gesundheitswahn?</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wie-gefaehrlich-ist-alkohol-nun-wirklich/">Wie gefährlich ist Alkohol nun wirklich?</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/gesundheit-wie-viel-sonnenlicht-ist-gut-fuer-uns/">Gesundheit: Wie viel Sonnenlicht ist gut für uns?</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/welchen-zusammenhang-gibt-es-zwischen-corona-impfungen-und-sterblichkeit/">Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Corona-Impfungen und Sterblichkeit?</a></li> </ul> <h2 id="h-quellen">Quellen:</h2> <ul> <li>Gigerenzer, G. (2026, im Erscheinen). Risk communication: Truth and trickery about cancer screening. In T. Reimer, L. van Swol, &amp; A. Florack (Eds.), <em>The Routledge handbook of communication and social cognition</em> (pp. 367-387). Routledge.</li> <li>Eine ähnliche, doch ältere Arbeit: Krämer, W., &amp; Gigerenzer, G. (2005). <a href="https://www.jstor.org/stable/20061177">How to confuse with statistics or: The use and misuse of conditional probabilities</a>. <em>Statistical Science</em>, 223-230.</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: <a href="https://pixabay.com/photos/math-blackboard-education-classroom-1547018/">Pixapopz</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/19b10e76a2bb445682fc3bb51d965f11" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/math-1547018_1920.jpg" /><h1>Medizinisches Wissen: Was sagt ein positives Testergebnis aus? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Eine kurze Lektion vom deutschen Statistik-Papst, Beispiel Mammografie (Brustkrebsuntersuchung)</strong></p> <span id="more-3520"></span> <p>Gesundheit ist ein hohes Gut, für manche vielleicht sogar das höchste. Denn wer möchte schon lange leben, wenn das ein Dahinsiechen wäre? Dementsprechend finden wir auch in der medialen Welt täglich Gesundheitsinformationen. Nicht allen tut das gut: Sie erfahren Krankheitssymptome, über die sie lesen, am eigenen Leib oder der eigenen Psyche. Oder sie werden zumindest verunsichert. Und oft heißt es: Je früher man etwas entdeckt, desto besser die Heilungschancen.</p> <p>Ein Gang zum Hausarzt oder zur Fachärztin soll Klarheit schaffen. Die biomedizinische Forschung und Anwendung verspricht Sicherheit mit den Methoden der “harten Naturwissenschaft”. Doch in der Wissenschaft des Lebendigen, in den Lebenswissenschaften, ist etwas selten ganz schwarz oder weiß – oder in Begriffen der binären Logik: null oder eins. Deshalb sind statistische Verfahren meist unverzichtbar. Diese sollte man besser verstehen, wenn man sie anwendet und ihre Ergebnisse verbreitet.</p> <p>Der im Untertitel genannte “Statistik-Papst” bin natürlich nicht ich, sondern der (inzwischen emeritierte) Psychologieprofessor und frühere Max-Planck-Direktor Gerd Gigerenzer (Jg. 1947). Er plädiert nicht nur für mehr theoretische Kenntnisse in seinem Fachgebiet, sondern beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit häufigen Missverständnissen statistischen Wissens. Hier im Blog ging es schon früher um seine “Unstatistik des Monats”, zum Beispiel bei der Übertreibung von <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wie-gefaehrlich-ist-alkohol-nun-wirklich/">Risiken des Alkoholkonsums</a> oder von <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/welchen-zusammenhang-gibt-es-zwischen-corona-impfungen-und-sterblichkeit/">COVID-Impfungen</a>.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em><aside></aside></p> <hr></hr> <h2 id="h-beispiel-mammografie">Beispiel Mammografie</h2> <p>Für einen neuen Aufsatz hat er sich die Kommunikation von Krankheitsrisiken bei Krebsuntersuchungen genauer angeschaut. Und das folgende Beispiel hat er, auf der Grundlage echter Daten, auch in der medizinischen Fortbildung erprobt. Wenn Sie nicht gleich die richtige Antwort wissen, ist das nicht der Weltuntergang: Die meisten Gynäkologinnen und Gynäkologen kamen vor Gigerenzers Kurs auch nicht auf die richtige Antwort.</p> <p>Schauen wir uns das konkrete Beispiel an:</p> <ul> <li>Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau Brustkrebs hat, beträgt 1 Prozent. (Das nennt man auch “Prävalenz”.)</li> <li><em>Wenn</em> eine Frau Brustkrebs hat, dann ist die Wahrscheinlichkeit eines positiven Tests 90 Prozent. (Sensitivität des Tests)</li> <li>Wenn eine Frau <em>keinen</em> Brustkrebs hat, dann ist die Wahrscheinlichkeit eines positiven Tests 9 Prozent. (Falsch-Positiv-Rate des Tests)</li> </ul> <p>Jetzt die Frage: Frau F bekommt nach einer Untersuchung beim Gynäkologen ein positives Mammografie-Ergebnis. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie <em>wirklich</em> Brustkrebs hat? (Auflösung unten)</p> <ol> <li>90 Prozent</li> <li>81 Prozent</li> <li>9 Prozent</li> <li>1 Prozent</li> </ol> <h2 id="h-bedingte-wahrscheinlichkeiten">Bedingte Wahrscheinlichkeiten</h2> <p>Der häufigste Fallstrick dürfte die Sache mit der Sensitivität des Tests sein, also mit der hier genannten Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent. Tatsächlich wählten in einem (allerdings nicht repräsentativen) Versuch Gigerenzers mit 160 Gynäkologen und Gynäkologinnen knapp die Hälfte diese – falsche – Alternative. Auf die Alternativen 2, 3 und 4 entfielen 13, 21 und 19 Prozent der Stimmen.</p> <p>Aber warum ist Alternative 1 falsch? Dafür sollte man sich keine Prozente anschauen, sondern konkrete Zahlen: Stellen wir uns 1000 Frauen vor, die eine Mammografie vornehmen lassen. Laut der Prävalenz haben 1 Prozent beziehungsweise 10 von ihnen Brustkrebs. Wegen der Sensitivität von 90 Prozent bekommen neun von ihnen ein korrekt-positives und die verbleibende zehnte ein falsch-negatives Ergebnis.</p> <p>Jetzt wissen wir aber auch, dass von den Frauen ohne Brustkrebs 9 Prozent, also in diesem Beispiel 89, ein falsch-positives Ergebnis bekommen. Von den 1000 Frauen haben wir also 9 + 89 = 98 mit einem positiven Mammografie-Ergebnis. Doch von denen stimmt das nur bei 9 von 98 und ist es falsch bei den restlichen 89.</p> <p>Bei Frau F wissen wir ja nicht, ob sie wirklich Brustkrebs hat oder nicht. Darüber sollte die Mammografie gerade Aufschluss geben. Mit dem positiven Test wissen wir aber nur, dass sie in die Gruppe der 98 fällt. Da von denen “nur” 9 wirklich Brustkrebs haben, ist das richtige Ergebnis auf die Frage: 9:98 = 9,2 Prozent, also (gerundet) Alternative 3.</p> <h2 id="h-finanzielle-interessen">Finanzielle Interessen</h2> <p>Gigerenzer geht in seinem Artikel noch etwas weiter: Er verweist darauf, dass die Fortbildung für die Ärztinnen und Ärzte oft von biomedizinischen Firmen organisiert wird – in Luxushotels an Luxusorten. Damit hätten sie Kontrolle darüber, was diese Fachleute lernen. Das Folgende sagt, wohlgemerkt, kein Verschwörungsdenker, sondern einer der angesehensten Psychologen und Wissenschaftler Deutschlands:</p> <blockquote> <p>“Innerhalb von zwei Jahren schulte ich insgesamt etwa 1.000 Ärzte. Dabei erfuhr ich, dass der Großteil der ärztlichen Fortbildung von der Industrie finanziert und organisiert wird. Einige Ärzteorganisationen bieten zwar eigene Kurse an, können aber mit den Vorteilen großer Pharmaunternehmen nicht mithalten, die Ärzte und manchmal sogar deren Partner in Luxushotels an attraktiven Reisezielen einfliegen lassen – alle Kosten inklusive. Diese Investition lohnt sich: Millionen von Ärzten wissen das, was die Industrie will, dass sie wissen.” (Gigerenzer, 2026, S. 367)</p> </blockquote> <p>Ein Schelm, wer hierin ein Geschäftsmodell sieht: Gerade verunsicherten Patientinnen und Patienten wird somit vielleicht vermittelt, dass sie für ein längeres und gesünderes Leben immer mehr und immer früher testen lassen müssen. Vergessen wir nicht, dass es auf dem Gesundheitsmarkt Jahr für Jahr um viele Milliarden geht!</p> <p>Eine andere Auswertung von Krebsuntersuchungen in Gigerenzers Artikel deutet aber darauf hin, dass eine frühere Diagnose oft nicht das Leben verlängert. Am ehesten scheinen noch Darmkrebsuntersuchungen mit der Sigmoidoskopie (einer direkten Untersuchung des Dickdarms) zu nützen – doch selbst dann geht es um eine Lebensverlängerung von im Mittel nur 100 Tagen.</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Das Thema ist natürlich komplexer, als ich es hier in einem kurzen Blogartikel beleuchten kann. Die gute Nachricht ist immerhin, dass durch die Tests niemand früher stirbt. Aber die Patientinnen und Patienten bezahlen dann mitunter einen psychologischen Preis: durch Unsicherheit, Angst und eventuell unangenehmen Untersuchungen. Zum Beispiel ist bekannt, dass der Antigen-Test auf Prostatakrebs in der Praxis oft irrelevant ist. Denn die Betroffenen alten Männer sterben oft an einer anderen Ursache, bevor ihre Prostata ernsthafte Probleme bereitet. Der Profit bestimmter Akteure auf der anderen Seite ist dahingegen sicher.</p> <p>Ich nehme mitnichten den Standpunkt ein, nicht mehr zum Arzt zu gehen oder sich nicht mehr genauer untersuchen zu lassen! Aber mit dem richtigen Verständnis, an das uns Gerd Gigerenzer mit seiner Forschung seit Jahrzehnten immer wieder erinnert, wird der Gesundheitskult unserer Zeit doch etwas relativiert. Selbst ein positives Testergebnis kann – wie im genannten Beispiel – sogar in der Mehrheit der Fälle negativ sein, also auf <em>keine</em> Krankheit hindeuten. Wenn man das richtig kommuniziert, kann man vielen Patientinnen und Patienten potenziell helfen.</p> <p>Eine auch für Laien einfach zu merkende Schlussfolgerung ist zudem: Man sollte sich von relativen Angaben (z.B. 50 Prozent mehr, Verdopplung) nicht in die Irre führen lassen. Eine Angabe der konkreten Zahlen ist oft viel aussagekräftiger. Auch im Beispiel hier muss man keine Statistikkenntnisse haben, um zu verstehen, dass bei 1000 getesteten Frauen und 98 positiven Ergebnissen nur 9 dieser 98 wirklich Brustkrebs haben. Und auch im Wissenschafts- und Medizinjournalismus kann man sich das hinter die Ohren schreiben, sowie nicht zuletzt in der medizinischen Ausbildung.</p> <h2 id="h-das-konnte-sie-auch-interessieren">Das könnte Sie auch interessieren:</h2> <ul> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/alkohol-praevention-oder-gesundheitswahn/">Alkohol: Prävention oder Gesundheitswahn?</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wie-gefaehrlich-ist-alkohol-nun-wirklich/">Wie gefährlich ist Alkohol nun wirklich?</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/gesundheit-wie-viel-sonnenlicht-ist-gut-fuer-uns/">Gesundheit: Wie viel Sonnenlicht ist gut für uns?</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/welchen-zusammenhang-gibt-es-zwischen-corona-impfungen-und-sterblichkeit/">Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Corona-Impfungen und Sterblichkeit?</a></li> </ul> <h2 id="h-quellen">Quellen:</h2> <ul> <li>Gigerenzer, G. (2026, im Erscheinen). Risk communication: Truth and trickery about cancer screening. In T. Reimer, L. van Swol, &amp; A. Florack (Eds.), <em>The Routledge handbook of communication and social cognition</em> (pp. 367-387). Routledge.</li> <li>Eine ähnliche, doch ältere Arbeit: Krämer, W., &amp; Gigerenzer, G. (2005). <a href="https://www.jstor.org/stable/20061177">How to confuse with statistics or: The use and misuse of conditional probabilities</a>. <em>Statistical Science</em>, 223-230.</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: <a href="https://pixabay.com/photos/math-blackboard-education-classroom-1547018/">Pixapopz</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/19b10e76a2bb445682fc3bb51d965f11" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/medizinisches-wissen-was-sagt-ein-positives-testergebnis-aus/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>39</slash:comments> </item> <item> <title>Gehirn statt Controller: Was ist Neurofeedback? https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/gehirn-statt-controller-was-ist-neurofeedback/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/gehirn-statt-controller-was-ist-neurofeedback/#comments Mon, 26 Jan 2026 05:00:00 +0000 Luisa Sophie Engelke https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5462 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-4-2026-01_41_50-PM-1-768x768.png <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/gehirn-statt-controller-was-ist-neurofeedback/</link> </image> <description type="html"><h1>Gehirn statt Controller: Was ist Neurofeedback? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Luisa Sophie Engelke</h2><div itemprop="text"> <p>Stell dir ein einfaches Videospiel vor: Deine Spielfigur ist ein Hase, der durch einen Wald rennt. Bei jedem Hindernis drückst du einen Knopf auf dem Controller, und der Hase hüpft in die Höhe.</p> <p>Und nun stell dir vor, dass du keinen Controller in der Hand hast, sondern eine Kappe auf dem Kopf, die deine Gehirnströme misst. Mit etwas Training lernst du, dass der Hase genau dann springt, wenn du es willst – dein Gehirn steuert das Spiel! Klingt wie Magie, ist aber eine spannende Methode, die sich Neurofeedback nennt!</p> <h3 id="h-was-ist-neurofeedback">Was ist Neurofeedback</h3> <p>Neurofeedback ist ein wissenschaftlich anerkanntes Verfahren, um die <strong>Selbstregulationsfähigkeit</strong> des Gehirns zu verbessern.</p> <p>„Neurofeedback“ heißt wörtlich: ‚Gehirn-Rückmeldung‘. Die Gehirnaktivität wird dabei in Echtzeit mittels eines Elektroenzephalogramms (<strong>EEG</strong>) gemessen und kann visuell oder auditiv anschaulich auf einem Bildschirm präsentiert werden! Es handelt sich also um eine nicht-invasive, fast nebenwirkungsfreie Methode, die sehr divers eingesetzt werden kann [1].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-12-2026-03_08_06-PM.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-12-2026-03_08_06-PM.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-12-2026-03_08_06-PM.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-12-2026-03_08_06-PM-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-12-2026-03_08_06-PM-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-12-2026-03_08_06-PM-768x768.png 768w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Beim Neurofeedback lernt man schrittweise körperliche Mechanismen, wie Atmung oder Gehirnaktivität, bewusst wahrzunehmen und zu steuern. Über mehrere Sitzungen führt das Training bestimmter Netzwerke im Gehirn dazu, dass gezielte Fähigkeiten, etwa Aufmerksamkeit oder Konzentrationsvermögen, trainiert und verbessert werden. Ziel ist es, den Körper irgendwann auch ohne die Geräte besser steuern und die Methoden im Alltag anwenden zu können.<aside></aside></p> <p>Die Einsatzbereiche reichen von Stressreduktion und Leistungsverbesserung bis hin zur Behandlung dutzender neurologischer Störungen. Ob eine Person Neurofeedback-Therapien erhält und die Methode als individuell wirkungsvoll eingestuft wird, wird vorerst sorgfältig durch Fachpersonal geprüft [2].</p> <p>Zu den Erkrankungen und Beschwerden, bei denen Neurofeedback bereits eingesetzt oder derzeit wissenschaftlich untersucht wird, zählen unter anderem Depressionen, ADHS und ADS, Stress- und Angststörungen, Suchterkrankungen, Schizophrenie, Schlafstörungen, Epilepsie sowie verschiedene Schmerzsyndrome wie Rücken- und Kopfschmerzen, auch einschließlich Migräne [3].</p> <h3 id="h-es-fing-mit-katzen-an">Es fing mit Katzen an…</h3> <p>Neurofeedback existiert bereits deutlich länger, als man zunächst annehmen würde. Obwohl die Methode auf den ersten Blick sehr modern wirkt, reichen ihre Ursprünge bis in die 1960er Jahre zurück.</p> <p>Begonnen hat alles mit Katzen, denen der amerikanische Wissenschaftler Dr. Sterman 1976 beibrachte, eine Futterbelohnung zu bekommen, wenn ein ganz bestimmtes Hirnmuster aktiviert wurde. Es stellte sich heraus, dass die Katzen nach ein wenig Training dazu in der Lage waren, die Frequenz nach Belieben selbst zu erzeugen und erhielten als Belohnung eine Leckerei [4]. Dieses revolutionäre Ergebnis zeigte eine völlig neue Dimension von Lernprozessen und wurde immer weiter eingesetzt, beispielsweise bei an Epilepsie erkrankten Menschen erstmals in den 70er Jahren, die durch das gezielte Verändern der eigenen Hirnströme die epileptischen Anfälle reduzieren konnten [5]! Seither wurde Neurofeedback stetig weiter erforscht und heutzutage besonders in Kombination mit EEG für immer mehr neurologische Krankheiten eingesetzt.</p> <h3 id="h-wie-lauft-so-eine-neurofeedback-sitzung-ab">Wie läuft so eine Neurofeedback-Sitzung ab?</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18380857_4000_1_03-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18380857_4000_1_03-1-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18380857_4000_1_03-1-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18380857_4000_1_03-1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18380857_4000_1_03-1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18380857_4000_1_03-1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18380857_4000_1_03-1-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18380857_4000_1_03-1-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Die Teilnehmenden sitzen oder liegen meistens auf einem bequemen Stuhl und haben vor sich einen Bildschirm stehen. Dann werden spezielle Elektroden mit einer Klebepaste am Kopf des Teilnehmenden befestigt oder mittels einer Kappe aufgesetzt. Die EEG-Elektroden werden je nach gewünschtem Nutzen des Trainings an den Stellen am Kopf platziert, sodass die entsprechenden Gehirnregionen optimal gemessen werden können [3].</p> <p>Die Elektroden des EEGs sind an einem Computer angeschlossen, der die Aktivität des Gehirns in Wellenform darstellt. Diese Wellen sind jedoch für einen Laien sehr schwer zu interpretieren, also bedient man sich dem Nutzen von <strong>Visualisierungen </strong>oder<strong> akustischen Signalen</strong>, zum Beispiel Filmen oder Videospiel-ähnlichen Szenarien [6]. Der Computer interpretiert also das EEG-Signal und stellt die Visualisierung in Echtzeit auf dem Bildschirm für den Teilnehmenden ein.</p> <p>Die Spiele oder Animationen können sehr verschieden sein, z.B. dass man einen im Schneidersitz meditierenden Mönch zum Schweben bringen, ein Flugzeug durch den Himmel steuern, oder einen Film flüssig abspielen lassen soll – alles mit den eigenen Gedanken. Auch auditive Stimuli können eingesetzt werden, beispielsweise wenn man steuern soll, Geräusche leiser oder lauter zu machen. Die Rückmeldung an den Teilnehmenden motiviert dazu, die Gehirnwellen und Netzwerke bewusster zu aktivieren oder deaktivieren, beispielsweise, indem man sich entspannt, besonders konzentriert, oder sich teilweise auch an Dinge erinnern soll [3].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406343_9910379.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406343_9910379-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406343_9910379-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406343_9910379-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406343_9910379-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406343_9910379-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406343_9910379-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406343_9910379.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Meistens dauert eine Neurofeedbacksession zwischen 40 und 60 Minuten und die Spieldurchgänge werden bis zu 120-mal wiederholt [7]. Wie bei so vielen Dingen ist es jedoch nicht getan mit nur ein paar Übungsstunden. Denn genau wie es Zeit braucht, Muskeln in den Armen aufzubauen, braucht es auch Zeit, bis das mentale Training Wirkung zeigt! Grob kann man sagen, dass die ersten Sitzungen besonders Aufmerksamkeit trainieren, spätere Sitzungen stärken schon neuronale Netze im Gehirn, welche in weiteren Sitzungen verfestigt werden können [8]. Das Trainingsmuster wird dabei immer individuell angepasst und über einige Wochen durchgeführt [8].</p> <h3 id="h-gibt-es-nebenwirkungen">Gibt es Nebenwirkungen?</h3> <p>Die Nebenwirkungen von Neurofeedback beschränken sich hauptsächlich auf Kopfschmerzen, Nervosität oder Müdigkeit, welche oft während oder einige Stunden nach der Therapiesitzung wieder abklingen. Viele Patienten berichten sogar auch, dass sie die Therapiestunde als besonders beruhigend und entspannend empfinden [9]. Generell gilt das Neurofeedback als eine sehr nebenwirkungsarme Methode, weswegen sie auch in so vielen verschiedenen Bereich zum Einsatz kommt [10].</p> <h3 id="h-wie-funktioniert-das-alles-genau">Wie funktioniert das alles genau?</h3> <p>Die Gehirnaktivität des EEGs werden in Wellen dargestellt, welche bei verschiedenen körperlichen Zuständen vorliegen [6]:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-19-2026-12_37_07-PM-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-19-2026-12_37_07-PM-1-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-19-2026-12_37_07-PM-1-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-19-2026-12_37_07-PM-1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-19-2026-12_37_07-PM-1-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-19-2026-12_37_07-PM-1.jpg 1536w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Alphawellen treten beispielsweise auf, wenn man entspannt ist, Betawellen bei Konzentration, Aufmerksamkeit und Gammawellen beim Lernen von neuen Dingen und Problemlösen [3]. Die verschiedenen Frequenzen stehen also grob gesagt für verschiedene kognitive Funktionen, die mit dem Training verstärkt (oder abgeschwächt) werden können.</p> <figure><table><tbody><tr><td><strong>EEG-Wellenfrequenz</strong></td><td><strong>assoziierte Zustände</strong></td></tr><tr><td>Delta (1-4 Hz)</td><td>schläfrig, komplexes Problemlösen, unaufmerksam</td></tr><tr><td>Theta (4-8 Hz)</td><td>kreativ, depressiv, ängstlich, ablenkbar, meditativ</td></tr><tr><td>Alpha (8-13 Hz)</td><td>wachsam, ruhig, meditativ, tiefenentspannt</td></tr><tr><td>Beta (15-20 Hz)</td><td>nachdenklich, fokussiert, aufmerksam, angespannt, wachsam</td></tr><tr><td>Gamma (32 – 100 Hz)</td><td>lernen, kognitives Verarbeiten, Probleme lösen [3]</td></tr></tbody></table></figure> <p>Wenn du mehr zum EEG und weiteren bildgebenden Verfahren lernen möchtest, schau gerne bei diesem Blogeintrag vorbei:</p> <figure></figure> <p>Der Computer, der die EEG-Signale empfängt, reinigt erstmal das Signal und filtert Störelemente heraus, zum Beispiel Muskel- oder Augenbewegungen. Damit stellt man sicher, dass auch wirklich nur die Gehirnaktivität registriert wird. Als Nächstes wird festgelegt, welche EEG-Wellen verstärkt oder abgeschwächt werden sollen, denn dies hängt vom Teilnehmenden und den gewünschten Zielen ab. Diese Zielwerte können oft dynamisch in den Sitzungen angepasst werden, damit das Training weder zu leicht noch zu schwer ist.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-8-2026-08_36_18-AM.png"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-8-2026-08_36_18-AM-1024x683.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-8-2026-08_36_18-AM-1024x683.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-8-2026-08_36_18-AM-300x200.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-8-2026-08_36_18-AM-768x512.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-8-2026-08_36_18-AM.png 1536w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Konkret heißt das alles Folgendes: Beispielsweise ist bei Menschen mit Angststörungen oder chronischer innerer Anspannung die alpha-Aktivität häufig vermindert [11]. Im Neurofeedback-Training wird die verminderte alpha-Aktivität vom Computer erfasst und der Teilnehmende sieht auf seinem Bildschirm ein sinkendes Flugzeug. Der Teilnehmende versucht dann, seine Gehirnaktivität so zu verändern, dass das Flugzeug steigt! Der Computer berechnet dabei mehrmals pro Sekunde das aktuelle Gehirnmuster und registriert demnach sehr schnell, wenn sich die gewünschte Aktivität verstärkt hat. Erreicht das Gehirn diesen erhöhten Alphawellen-Zustand, registriert das System die Veränderung und belohnt den Teilnehmenden unmittelbar im Videospiel, indem ein Flugzeug nach oben steigt oder sich die Animation flüssiger bewegt. Durch diese wiederholte, unmittelbare Rückmeldung lernt das Gehirn schrittweise, diesen Aktivitätszustand häufiger und stabiler einzunehmen. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-19-151248.png"><img alt="" decoding="async" height="342" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 380px) 100vw, 380px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-19-151248.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-19-151248.png 380w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-19-151248-300x270.png 300w" width="380"></img></a></figure></div> <p>Ohne eine visuelle Rückmeldung ist es äußerst schwierig, einfach so seine Gehirnwellen zu verändern, da wir uns derer oft gar nicht bewusst sind [12]. Doch wenn man im Neurofeedback auf dem Bildschirm sieht, was sich verändert, dann kann man anhand des Feedbacks besser versuchen, die Gehirnaktivität zu ändern. Es ist wie ein Spiegel, der einem vorgehalten wird, anhand dessen man seine Gehirnaktivität besser regulieren kann. Neurofeedback nutzt damit Prinzipien der <strong>operanten Konditionierung </strong>[13]<strong>.</strong> Darunter versteht man eine Form des Lernens, bei der das Verhalten durch eine unmittelbare Rückmeldung beeinflusst wird: Tritt ein bestimmtes Verhalten auf und man wird dafür „belohnt“ (Flugzeug hebt ab), steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es künftig häufiger gezeigt wird (verbesserte Gehirnaktivität).</p> <h3 id="h-gehirntraining-im-alltag">Gehirntraining im Alltag</h3> <p>Das Training ist nach der Sitzung aber nicht beendet: Auch zu Hause kann und sollte weiterhin geübt werden. Dazu bekommen Teilnehmende oft Bilder von den Videospiel-Figuren mit nach Hause und sollen sich an die Trainingsmethoden erinnern, die erlernt wurden.</p> <p>Außerdem gibt es eine Menge andere Methoden, die das Gehirn beim Lernen unterstützen können. Dazu zählen die Klassiker wie ausreichend frische Luft und Bewegung, ausreichend soziale Interaktionen haben, aber auch Übungen wie <strong>Meditation</strong>, <strong>Achtsamkeit</strong> oder <strong>Atemtechniken</strong> können helfen, Ruhezustände zu erreichen und die gewünschten Ziele des Neurofeedbacks auch im Allein-Training weiterhin zu stärken [8].</p> <h3 id="h-effekte-von-neurofeedback">Effekte von Neurofeedback</h3> <p>Die Einsatzgebiete werden sehr intensiv erforscht und können in präventive, klinisch-therapeutische und leistungsorientierte Anwendungen unterteilt werden:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/66240938_9525573.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/66240938_9525573-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/66240938_9525573-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/66240938_9525573-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/66240938_9525573-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/66240938_9525573-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/66240938_9525573-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/66240938_9525573.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Bei ADHS-Betroffenen zeigte sich in Studien, dass die Theta- und Betawellen Aktivität von gesunden Patientenbildern abweicht. Neurofeedback-Training kann diese Aktivität auf ein verbessertes Level bringen und so die Symptome wie Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Ablenkung verringern [3].</p> <p>Bei Patientinnen und Patienten mit Schlafstörungen führte Neurofeedback zu verbesserten Schlafstrukturen und bessere Schlafhygiene vor dem zu Bett gehen, indem Betroffene ihren Körper und Geist auf das Schlafengehen vorbereiteten und schneller einschlafen konnten [3]. Studien zeigten außerdem, dass Neurofeedback das Verlangen nach Heroin bei Drogensüchtigen verringerte, und auch bei Computerspiel- und Alkoholsucht konnte dies nachgewiesen werden [3]. </p> <p>Bei Epilepsie sind medizinische Therapien in einem Drittel aller Betroffenen unzureichend hilfreich, daher bietet auch hier Neurofeedback eine gute Alternative, indem die Tage pro Monat mit Epilepsieanfällen verringert werden können. Ihr seht also: Die Bandbreite für die Einsetzung der Methode ist riesig!</p> <p>Doch nicht nur zur Normalisierung der Gehirnwellen bei Krankheiten wird Neurofeedback genutzt, sondern auch zur Verbesserung kognitiver Fähigkeiten, etwa <strong>Konzentrationsfähigkeit</strong> und <strong>Aufmerksamkeit</strong>.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291253_Professional-surgeons-surrounding-patient-on-operation-table-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="759" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291253_Professional-surgeons-surrounding-patient-on-operation-table-1024x759.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291253_Professional-surgeons-surrounding-patient-on-operation-table-1024x759.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291253_Professional-surgeons-surrounding-patient-on-operation-table-300x222.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291253_Professional-surgeons-surrounding-patient-on-operation-table-768x569.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291253_Professional-surgeons-surrounding-patient-on-operation-table-1536x1138.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291253_Professional-surgeons-surrounding-patient-on-operation-table-2048x1517.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Es konnte gezeigt werden, dass Musiker eine verbesserte musikalische Leistung an den Tag legten, nachdem sie Neurofeedback-Training bekamen[14]. Auch Neurochirurgen arbeiteten schneller und präziser bei Mikrooperationen [15]. Ebenso Leistungssportler profitierten von einer erhöhten Leistung nach Neurofeedback-Training, indem sich Reaktionszeiten und Entscheidungsfindung verbesserten [16], [17]. Studien legen außerdem nahe, dass Neurofeedback neben der Gehirnaktivität auch kognitive Fähigkeiten wie das Gedächtnis positiv beeinflussen und mit einer verbesserten Emotionsregulation einhergehen kann [18].</p> <h3 id="h-wirkung-und-dauer">Wirkung und Dauer</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12290970_Wavy_Tech-15_Single-11-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12290970_Wavy_Tech-15_Single-11-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12290970_Wavy_Tech-15_Single-11-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12290970_Wavy_Tech-15_Single-11-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12290970_Wavy_Tech-15_Single-11-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12290970_Wavy_Tech-15_Single-11-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12290970_Wavy_Tech-15_Single-11-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12290970_Wavy_Tech-15_Single-11-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Studien zeigen, dass sowohl Kinder als auch Erwachsene auf Neurofeedback ansprechen können, jedoch ist die Datenlage zu Kindern am besten belegt [19]. Die genauen Details, bei wie vielen Menschen Neurofeedback wirkt, ist noch Gegenstand der Forschung, aber man vermutet, dass es zwischen 16 und 67 % sind [20]. Bei Studien mit gesunden Erwachsenen konnte Neurofeedback bislang den Placeboeffekt leider statistisch nicht übertreffen [21]. Dennoch deuten Forschungsergebnisse darauf hin, dass Neurofeedback nicht nur kurzfristige Veränderungen der Gehirnaktivität bewirken kann, sondern bei wiederholtem Training auch mit strukturellen Anpassungen im Gehirn einhergeht und so die gewünschten Aktivitätsmuster verstärkt werden [12].</p> <p>Auch wenn Neurofeedback eine echte Alternative zu medikamentöser Behandlung diverser Krankheiten bietet, ist es kein Wundermittel. Es braucht noch mehr Forschung, um robuste Effekte klar bestätigen und diese vom Placeboeffekt abgrenzen zu können. Man darf auch nicht außer Acht lassen, dass Neurofeedback viel Personalzeit- und Aufwand, spezialisierte Geräte und viele Stunden an Therapiesitzungen erfordert und daher die individuellen Trainingsprotokolle gut geplant werden müssen, um einen Erfolg zu erreichen [19]. Daher ist die individuelle Gestaltung des Trainingsprogramms für die jeweiligen Personen essenziell, damit die Behandlung funktionieren kann [22].</p> <h3 id="h-fazit">Fazit</h3> <p>Neurofeedback klingt wie Zukunftsmusik, doch es ist schon seit langem eine interessante Methode, um die Selbstregulation der Gehirnaktivität zu fördern. Das Potenzial von Neurofeedback ist riesig, es reicht von ergänzenden Therapiemöglichkeiten bei diversen Krankheiten bis hin zur Leistungsoptimierung und verbesserte Selbstregulation in Aspekten wie Kognition oder Emotionskontrolle. Gleichzeitig bedarf es jedoch weiterhin noch an Forschung, um den Wirkmechanismen und der Dauer der Effekte auf den Grund zu gehen und Therapieprotokolle zu optimieren. In gewisser Weise überträgt Neurofeedback das Prinzip des Videospielens auf eine moderne, gehirnbasierte Ebene – nur dass hier nicht der Controller, sondern die eigene Hirnaktivität gesteuert wird.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-4-2026-01_41_50-PM.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-4-2026-01_41_50-PM.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-4-2026-01_41_50-PM.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-4-2026-01_41_50-PM-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-4-2026-01_41_50-PM-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-4-2026-01_41_50-PM-768x768.png 768w" width="1024"></img></a></figure></div> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <p>[1]     ‘Neurofeedback (EEG-Feedback): Definition und Anwendungsbereiche’. Accessed: Jan. 15, 2026. [Online]. Available: https://neuromaster.de/neurofeedback/</p> <p>[2]     ‘Neurofeedback’, Zentrum für Psychotherapie Wiesbaden. Accessed: Jan. 10, 2026. [Online]. Available: https://zentrum-psychotherapie-wiesbaden.de/schwerpunkt/neurofeedback/</p> <p>[3]     H. Marzbani, H. R. Marateb, and M. Mansourian, ‘Neurofeedback: A Comprehensive Review on System Design, Methodology and Clinical Applications’, <em>Basic Clin. Neurosci.</em>, vol. 7, no. 2, pp. 143–158, Apr. 2016, doi: 10.15412/J.BCN.03070208.</p> <p>[4]     W. Wyrwicka and M. B. Sterman, ‘Instrumental conditioning of sensorimotor cortex EEG spindles in the waking cat’, <em>Physiol. Behav.</em>, vol. 3, no. 5, pp. 703–707, Sep. 1968, doi: 10.1016/0031-9384(68)90139-X.</p> <p>[5]     A. R. Seifert and J. F. Lubar, ‘Reduction of epileptic seizures through EEG biofeedback training’, <em>Biol. Psychol.</em>, vol. 3, no. 3, pp. 157–184, Nov. 1975, doi: 10.1016/0301-0511(75)90033-2.</p> <p>[6]     ‘Neurofeedback: Definition, Methode, Ablauf’, netDoktor. Accessed: Jan. 04, 2026. [Online]. Available: https://www.netdoktor.de/therapien/biofeedback/neurofeedback/</p> <p>[7]     ‘Wie funktioniert Neurofeedback? | Knowledge Hub’. Accessed: Jan. 10, 2026. [Online]. Available: https://www.neurocaregroup.com/de/wie-funktioniert-neurofeedback/</p> <p>[8]     ‘Does Neurofeedback have Side Effects – The Insight Clinic’. Accessed: Jan. 12, 2026. [Online]. Available: https://theinsightclinic.ca/does-neurofeedback-have-side-effects/</p> <p>[9]     C. M. Solutions, ‘Are There Any Side Effects to Neurofeedback?’, Chicago Mind Solutions. Accessed: Jan. 10, 2026. [Online]. Available: https://chicagomindsolutions.com/blog/are-there-any-side-effects-neurofeedback/</p> <p>[10]  E. Rahmani, M. Rahmanian, K. Mansouri, Y. Mokhayeri, Y. Jamalpour, and S. Hassanvandi, ‘Are There any Possible Side Effects of Neurofeedback? A Systematic Literature Review and Meta-analysis’, <em>Iran. J. Psychiatry Behav. Sci.</em>, vol. 17, no. 3, Oct. 2023, doi: 10.5812/ijpbs-138064.</p> <p>[11]  L. D. G. Silva <em>et al.</em>, ‘The Computer Simulation for Triggering Anxiety in Panic Disorder Patients Modulates the EEG Alpha Power during an Oddball Task’, <em>NeuroSci</em>, vol. 3, no. 2, pp. 332–346, May 2022, doi: 10.3390/neurosci3020024.</p> <p>[12]  D. C. Hammond, ‘What Is Neurofeedback?’, <em>J. Neurother.</em>, vol. 10, no. 4, pp. 25–36, Mar. 2007, doi: 10.1300/J184v10n04_04.</p> <p>[13]  L. H. Sherlin <em>et al.</em>, ‘Neurofeedback and Basic Learning Theory: Implications for Research and Practice’, <em>J. Neurother.</em>, vol. 15, no. 4, pp. 292–304, Oct. 2011, doi: 10.1080/10874208.2011.623089.</p> <p>[14]  S. Markovska-Simoska, N. Pop-Jordanova, and D. Georgiev, ‘Simultaneous EEG and EMG biofeedback for peak performance in musicians’, <em>Prilozi</em>, vol. 29, no. 1, pp. 239–252, Jul. 2008.</p> <p>[15]  T. Ros, M. J. Moseley, P. A. Bloom, L. Benjamin, L. A. Parkinson, and J. H. Gruzelier, ‘Optimizing microsurgical skills with EEG neurofeedback’, <em>BMC Neurosci.</em>, vol. 10, no. 1, p. 87, Jul. 2009, doi: 10.1186/1471-2202-10-87.</p> <p>[16]  M.-Q. Xiang, X.-H. Hou, B.-G. Liao, J.-W. Liao, and M. Hu, ‘The effect of neurofeedback training for sport performance in athletes: A meta-analysis’, <em>Psychol. Sport Exerc.</em>, vol. 36, pp. 114–122, May 2018, doi: 10.1016/j.psychsport.2018.02.004.</p> <p>[17]  M. A. de Brito <em>et al.</em>, ‘The Effect of Neurofeedback on the Reaction Time and Cognitive Performance of Athletes: A Systematic Review and Meta-Analysis’, <em>Front. Hum. Neurosci.</em>, vol. 16, Jun. 2022, doi: 10.3389/fnhum.2022.868450.</p> <p>[18]  P. Linhartová, A. Látalová, B. Kóša, T. Kašpárek, C. Schmahl, and C. Paret, ‘fMRI neurofeedback in emotion regulation: A literature review’, <em>NeuroImage</em>, vol. 193, pp. 75–92, Jun. 2019, doi: 10.1016/j.neuroimage.2019.03.011.</p> <p>[19]  M. Arns, C. R. Clark, M. Trullinger, R. deBeus, M. Mack, and M. Aniftos, ‘Neurofeedback and Attention-Deficit/Hyperactivity-Disorder (ADHD) in Children: Rating the Evidence and Proposed Guidelines’, <em>Appl. Psychophysiol. Biofeedback</em>, vol. 45, no. 2, pp. 39–48, Jun. 2020, doi: 10.1007/s10484-020-09455-2.</p> <p>[20]  L. A. Weber, T. Ethofer, and A.-C. Ehlis, ‘Predictors of neurofeedback training outcome: A systematic review’, <em>NeuroImage Clin.</em>, vol. 27, p. 102301, May 2020, doi: 10.1016/j.nicl.2020.102301.</p> <p>[21]  I. Kimura, H. Noyama, R. Onagawa, M. Takemi, R. Osu, and J.-I. Kawahara, ‘Efficacy of neurofeedback training for improving attentional performance in healthy adults: A systematic review and meta-analysis’, <em>Imaging Neurosci. Camb. Mass</em>, vol. 2, p. imag–2–00053, 2024, doi: 10.1162/imag_a_00053.</p> <p>[22]  O. Alkoby, A. Abu-Rmileh, O. Shriki, and D. Todder, ‘Can We Predict Who Will Respond to Neurofeedback? A Review of the Inefficacy Problem and Existing Predictors for Successful EEG Neurofeedback Learning’, <em>Neuroscience</em>, vol. 378, pp. 155–164, May 2018, doi: 10.1016/j.neuroscience.2016.12.050.</p> <h3 id="h-bildquellen">Bildquellen</h3> <ul> <li>Titelbild: generiert mit Chat GPT 5.1</li> <li>Abbildung 1: generiert mit Chat GPT 5.1</li> <li>Abbildung 2: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/sofa-stuhl-mit-tisch-und-laptop-karikatur-vektor-symbol-illustration-technologie-indoor-symbol-konzept-isoliert-premium-vektor-flacher-cartoon-stil_18380857.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=26&amp;uuid=8fd14029-14da-4377-a94e-f308da15c72d&amp;query=therapy+chair">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 3: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/handgezeichnete-illustration-zur-neuroedukation_84406343.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=19&amp;uuid=315ce805-d3e8-4817-813c-05e4530b1e05&amp;query=thoughts+in+brain">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 4: generiert mit Chat GPT 5.1</li> <li>Abbildung 5: generiert mit Chat GPT 5.1</li> <li>Abbildung 6: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/illustration-zur-sensibilisierung-fuer-den-welttag-der-psychischen-gesundheit_66240938.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=5&amp;uuid=06990d70-d6b6-4633-bca4-d1816d37e6e6&amp;query=ADHS">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 7: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/professionelle-chirurgen-umgeben-den-patienten-auf-dem-operationstisch-flache-illustration_12291253.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=10&amp;uuid=84d1e6d1-15b2-486a-b447-e68272663e93&amp;query=surgeon">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 8: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/abstrakte-konzeptillustration-des-aktionsspiels_12290970.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=6&amp;uuid=058e77b4-3aee-4bdc-a69e-12828312ae64&amp;query=game">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 9: generiert mit Chat GPT 5.1</li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Gehirn statt Controller: Was ist Neurofeedback? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Luisa Sophie Engelke</h2><div itemprop="text"> <p>Stell dir ein einfaches Videospiel vor: Deine Spielfigur ist ein Hase, der durch einen Wald rennt. Bei jedem Hindernis drückst du einen Knopf auf dem Controller, und der Hase hüpft in die Höhe.</p> <p>Und nun stell dir vor, dass du keinen Controller in der Hand hast, sondern eine Kappe auf dem Kopf, die deine Gehirnströme misst. Mit etwas Training lernst du, dass der Hase genau dann springt, wenn du es willst – dein Gehirn steuert das Spiel! Klingt wie Magie, ist aber eine spannende Methode, die sich Neurofeedback nennt!</p> <h3 id="h-was-ist-neurofeedback">Was ist Neurofeedback</h3> <p>Neurofeedback ist ein wissenschaftlich anerkanntes Verfahren, um die <strong>Selbstregulationsfähigkeit</strong> des Gehirns zu verbessern.</p> <p>„Neurofeedback“ heißt wörtlich: ‚Gehirn-Rückmeldung‘. Die Gehirnaktivität wird dabei in Echtzeit mittels eines Elektroenzephalogramms (<strong>EEG</strong>) gemessen und kann visuell oder auditiv anschaulich auf einem Bildschirm präsentiert werden! Es handelt sich also um eine nicht-invasive, fast nebenwirkungsfreie Methode, die sehr divers eingesetzt werden kann [1].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-12-2026-03_08_06-PM.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-12-2026-03_08_06-PM.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-12-2026-03_08_06-PM.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-12-2026-03_08_06-PM-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-12-2026-03_08_06-PM-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-12-2026-03_08_06-PM-768x768.png 768w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Beim Neurofeedback lernt man schrittweise körperliche Mechanismen, wie Atmung oder Gehirnaktivität, bewusst wahrzunehmen und zu steuern. Über mehrere Sitzungen führt das Training bestimmter Netzwerke im Gehirn dazu, dass gezielte Fähigkeiten, etwa Aufmerksamkeit oder Konzentrationsvermögen, trainiert und verbessert werden. Ziel ist es, den Körper irgendwann auch ohne die Geräte besser steuern und die Methoden im Alltag anwenden zu können.<aside></aside></p> <p>Die Einsatzbereiche reichen von Stressreduktion und Leistungsverbesserung bis hin zur Behandlung dutzender neurologischer Störungen. Ob eine Person Neurofeedback-Therapien erhält und die Methode als individuell wirkungsvoll eingestuft wird, wird vorerst sorgfältig durch Fachpersonal geprüft [2].</p> <p>Zu den Erkrankungen und Beschwerden, bei denen Neurofeedback bereits eingesetzt oder derzeit wissenschaftlich untersucht wird, zählen unter anderem Depressionen, ADHS und ADS, Stress- und Angststörungen, Suchterkrankungen, Schizophrenie, Schlafstörungen, Epilepsie sowie verschiedene Schmerzsyndrome wie Rücken- und Kopfschmerzen, auch einschließlich Migräne [3].</p> <h3 id="h-es-fing-mit-katzen-an">Es fing mit Katzen an…</h3> <p>Neurofeedback existiert bereits deutlich länger, als man zunächst annehmen würde. Obwohl die Methode auf den ersten Blick sehr modern wirkt, reichen ihre Ursprünge bis in die 1960er Jahre zurück.</p> <p>Begonnen hat alles mit Katzen, denen der amerikanische Wissenschaftler Dr. Sterman 1976 beibrachte, eine Futterbelohnung zu bekommen, wenn ein ganz bestimmtes Hirnmuster aktiviert wurde. Es stellte sich heraus, dass die Katzen nach ein wenig Training dazu in der Lage waren, die Frequenz nach Belieben selbst zu erzeugen und erhielten als Belohnung eine Leckerei [4]. Dieses revolutionäre Ergebnis zeigte eine völlig neue Dimension von Lernprozessen und wurde immer weiter eingesetzt, beispielsweise bei an Epilepsie erkrankten Menschen erstmals in den 70er Jahren, die durch das gezielte Verändern der eigenen Hirnströme die epileptischen Anfälle reduzieren konnten [5]! Seither wurde Neurofeedback stetig weiter erforscht und heutzutage besonders in Kombination mit EEG für immer mehr neurologische Krankheiten eingesetzt.</p> <h3 id="h-wie-lauft-so-eine-neurofeedback-sitzung-ab">Wie läuft so eine Neurofeedback-Sitzung ab?</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18380857_4000_1_03-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18380857_4000_1_03-1-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18380857_4000_1_03-1-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18380857_4000_1_03-1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18380857_4000_1_03-1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18380857_4000_1_03-1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18380857_4000_1_03-1-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18380857_4000_1_03-1-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Die Teilnehmenden sitzen oder liegen meistens auf einem bequemen Stuhl und haben vor sich einen Bildschirm stehen. Dann werden spezielle Elektroden mit einer Klebepaste am Kopf des Teilnehmenden befestigt oder mittels einer Kappe aufgesetzt. Die EEG-Elektroden werden je nach gewünschtem Nutzen des Trainings an den Stellen am Kopf platziert, sodass die entsprechenden Gehirnregionen optimal gemessen werden können [3].</p> <p>Die Elektroden des EEGs sind an einem Computer angeschlossen, der die Aktivität des Gehirns in Wellenform darstellt. Diese Wellen sind jedoch für einen Laien sehr schwer zu interpretieren, also bedient man sich dem Nutzen von <strong>Visualisierungen </strong>oder<strong> akustischen Signalen</strong>, zum Beispiel Filmen oder Videospiel-ähnlichen Szenarien [6]. Der Computer interpretiert also das EEG-Signal und stellt die Visualisierung in Echtzeit auf dem Bildschirm für den Teilnehmenden ein.</p> <p>Die Spiele oder Animationen können sehr verschieden sein, z.B. dass man einen im Schneidersitz meditierenden Mönch zum Schweben bringen, ein Flugzeug durch den Himmel steuern, oder einen Film flüssig abspielen lassen soll – alles mit den eigenen Gedanken. Auch auditive Stimuli können eingesetzt werden, beispielsweise wenn man steuern soll, Geräusche leiser oder lauter zu machen. Die Rückmeldung an den Teilnehmenden motiviert dazu, die Gehirnwellen und Netzwerke bewusster zu aktivieren oder deaktivieren, beispielsweise, indem man sich entspannt, besonders konzentriert, oder sich teilweise auch an Dinge erinnern soll [3].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406343_9910379.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406343_9910379-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406343_9910379-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406343_9910379-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406343_9910379-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406343_9910379-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406343_9910379-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/84406343_9910379.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Meistens dauert eine Neurofeedbacksession zwischen 40 und 60 Minuten und die Spieldurchgänge werden bis zu 120-mal wiederholt [7]. Wie bei so vielen Dingen ist es jedoch nicht getan mit nur ein paar Übungsstunden. Denn genau wie es Zeit braucht, Muskeln in den Armen aufzubauen, braucht es auch Zeit, bis das mentale Training Wirkung zeigt! Grob kann man sagen, dass die ersten Sitzungen besonders Aufmerksamkeit trainieren, spätere Sitzungen stärken schon neuronale Netze im Gehirn, welche in weiteren Sitzungen verfestigt werden können [8]. Das Trainingsmuster wird dabei immer individuell angepasst und über einige Wochen durchgeführt [8].</p> <h3 id="h-gibt-es-nebenwirkungen">Gibt es Nebenwirkungen?</h3> <p>Die Nebenwirkungen von Neurofeedback beschränken sich hauptsächlich auf Kopfschmerzen, Nervosität oder Müdigkeit, welche oft während oder einige Stunden nach der Therapiesitzung wieder abklingen. Viele Patienten berichten sogar auch, dass sie die Therapiestunde als besonders beruhigend und entspannend empfinden [9]. Generell gilt das Neurofeedback als eine sehr nebenwirkungsarme Methode, weswegen sie auch in so vielen verschiedenen Bereich zum Einsatz kommt [10].</p> <h3 id="h-wie-funktioniert-das-alles-genau">Wie funktioniert das alles genau?</h3> <p>Die Gehirnaktivität des EEGs werden in Wellen dargestellt, welche bei verschiedenen körperlichen Zuständen vorliegen [6]:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-19-2026-12_37_07-PM-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-19-2026-12_37_07-PM-1-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-19-2026-12_37_07-PM-1-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-19-2026-12_37_07-PM-1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-19-2026-12_37_07-PM-1-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-19-2026-12_37_07-PM-1.jpg 1536w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Alphawellen treten beispielsweise auf, wenn man entspannt ist, Betawellen bei Konzentration, Aufmerksamkeit und Gammawellen beim Lernen von neuen Dingen und Problemlösen [3]. Die verschiedenen Frequenzen stehen also grob gesagt für verschiedene kognitive Funktionen, die mit dem Training verstärkt (oder abgeschwächt) werden können.</p> <figure><table><tbody><tr><td><strong>EEG-Wellenfrequenz</strong></td><td><strong>assoziierte Zustände</strong></td></tr><tr><td>Delta (1-4 Hz)</td><td>schläfrig, komplexes Problemlösen, unaufmerksam</td></tr><tr><td>Theta (4-8 Hz)</td><td>kreativ, depressiv, ängstlich, ablenkbar, meditativ</td></tr><tr><td>Alpha (8-13 Hz)</td><td>wachsam, ruhig, meditativ, tiefenentspannt</td></tr><tr><td>Beta (15-20 Hz)</td><td>nachdenklich, fokussiert, aufmerksam, angespannt, wachsam</td></tr><tr><td>Gamma (32 – 100 Hz)</td><td>lernen, kognitives Verarbeiten, Probleme lösen [3]</td></tr></tbody></table></figure> <p>Wenn du mehr zum EEG und weiteren bildgebenden Verfahren lernen möchtest, schau gerne bei diesem Blogeintrag vorbei:</p> <figure></figure> <p>Der Computer, der die EEG-Signale empfängt, reinigt erstmal das Signal und filtert Störelemente heraus, zum Beispiel Muskel- oder Augenbewegungen. Damit stellt man sicher, dass auch wirklich nur die Gehirnaktivität registriert wird. Als Nächstes wird festgelegt, welche EEG-Wellen verstärkt oder abgeschwächt werden sollen, denn dies hängt vom Teilnehmenden und den gewünschten Zielen ab. Diese Zielwerte können oft dynamisch in den Sitzungen angepasst werden, damit das Training weder zu leicht noch zu schwer ist.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-8-2026-08_36_18-AM.png"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-8-2026-08_36_18-AM-1024x683.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-8-2026-08_36_18-AM-1024x683.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-8-2026-08_36_18-AM-300x200.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-8-2026-08_36_18-AM-768x512.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-8-2026-08_36_18-AM.png 1536w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Konkret heißt das alles Folgendes: Beispielsweise ist bei Menschen mit Angststörungen oder chronischer innerer Anspannung die alpha-Aktivität häufig vermindert [11]. Im Neurofeedback-Training wird die verminderte alpha-Aktivität vom Computer erfasst und der Teilnehmende sieht auf seinem Bildschirm ein sinkendes Flugzeug. Der Teilnehmende versucht dann, seine Gehirnaktivität so zu verändern, dass das Flugzeug steigt! Der Computer berechnet dabei mehrmals pro Sekunde das aktuelle Gehirnmuster und registriert demnach sehr schnell, wenn sich die gewünschte Aktivität verstärkt hat. Erreicht das Gehirn diesen erhöhten Alphawellen-Zustand, registriert das System die Veränderung und belohnt den Teilnehmenden unmittelbar im Videospiel, indem ein Flugzeug nach oben steigt oder sich die Animation flüssiger bewegt. Durch diese wiederholte, unmittelbare Rückmeldung lernt das Gehirn schrittweise, diesen Aktivitätszustand häufiger und stabiler einzunehmen. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-19-151248.png"><img alt="" decoding="async" height="342" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 380px) 100vw, 380px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-19-151248.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-19-151248.png 380w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-01-19-151248-300x270.png 300w" width="380"></img></a></figure></div> <p>Ohne eine visuelle Rückmeldung ist es äußerst schwierig, einfach so seine Gehirnwellen zu verändern, da wir uns derer oft gar nicht bewusst sind [12]. Doch wenn man im Neurofeedback auf dem Bildschirm sieht, was sich verändert, dann kann man anhand des Feedbacks besser versuchen, die Gehirnaktivität zu ändern. Es ist wie ein Spiegel, der einem vorgehalten wird, anhand dessen man seine Gehirnaktivität besser regulieren kann. Neurofeedback nutzt damit Prinzipien der <strong>operanten Konditionierung </strong>[13]<strong>.</strong> Darunter versteht man eine Form des Lernens, bei der das Verhalten durch eine unmittelbare Rückmeldung beeinflusst wird: Tritt ein bestimmtes Verhalten auf und man wird dafür „belohnt“ (Flugzeug hebt ab), steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es künftig häufiger gezeigt wird (verbesserte Gehirnaktivität).</p> <h3 id="h-gehirntraining-im-alltag">Gehirntraining im Alltag</h3> <p>Das Training ist nach der Sitzung aber nicht beendet: Auch zu Hause kann und sollte weiterhin geübt werden. Dazu bekommen Teilnehmende oft Bilder von den Videospiel-Figuren mit nach Hause und sollen sich an die Trainingsmethoden erinnern, die erlernt wurden.</p> <p>Außerdem gibt es eine Menge andere Methoden, die das Gehirn beim Lernen unterstützen können. Dazu zählen die Klassiker wie ausreichend frische Luft und Bewegung, ausreichend soziale Interaktionen haben, aber auch Übungen wie <strong>Meditation</strong>, <strong>Achtsamkeit</strong> oder <strong>Atemtechniken</strong> können helfen, Ruhezustände zu erreichen und die gewünschten Ziele des Neurofeedbacks auch im Allein-Training weiterhin zu stärken [8].</p> <h3 id="h-effekte-von-neurofeedback">Effekte von Neurofeedback</h3> <p>Die Einsatzgebiete werden sehr intensiv erforscht und können in präventive, klinisch-therapeutische und leistungsorientierte Anwendungen unterteilt werden:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/66240938_9525573.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/66240938_9525573-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/66240938_9525573-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/66240938_9525573-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/66240938_9525573-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/66240938_9525573-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/66240938_9525573-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/66240938_9525573.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Bei ADHS-Betroffenen zeigte sich in Studien, dass die Theta- und Betawellen Aktivität von gesunden Patientenbildern abweicht. Neurofeedback-Training kann diese Aktivität auf ein verbessertes Level bringen und so die Symptome wie Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Ablenkung verringern [3].</p> <p>Bei Patientinnen und Patienten mit Schlafstörungen führte Neurofeedback zu verbesserten Schlafstrukturen und bessere Schlafhygiene vor dem zu Bett gehen, indem Betroffene ihren Körper und Geist auf das Schlafengehen vorbereiteten und schneller einschlafen konnten [3]. Studien zeigten außerdem, dass Neurofeedback das Verlangen nach Heroin bei Drogensüchtigen verringerte, und auch bei Computerspiel- und Alkoholsucht konnte dies nachgewiesen werden [3]. </p> <p>Bei Epilepsie sind medizinische Therapien in einem Drittel aller Betroffenen unzureichend hilfreich, daher bietet auch hier Neurofeedback eine gute Alternative, indem die Tage pro Monat mit Epilepsieanfällen verringert werden können. Ihr seht also: Die Bandbreite für die Einsetzung der Methode ist riesig!</p> <p>Doch nicht nur zur Normalisierung der Gehirnwellen bei Krankheiten wird Neurofeedback genutzt, sondern auch zur Verbesserung kognitiver Fähigkeiten, etwa <strong>Konzentrationsfähigkeit</strong> und <strong>Aufmerksamkeit</strong>.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291253_Professional-surgeons-surrounding-patient-on-operation-table-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="759" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291253_Professional-surgeons-surrounding-patient-on-operation-table-1024x759.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291253_Professional-surgeons-surrounding-patient-on-operation-table-1024x759.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291253_Professional-surgeons-surrounding-patient-on-operation-table-300x222.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291253_Professional-surgeons-surrounding-patient-on-operation-table-768x569.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291253_Professional-surgeons-surrounding-patient-on-operation-table-1536x1138.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12291253_Professional-surgeons-surrounding-patient-on-operation-table-2048x1517.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Es konnte gezeigt werden, dass Musiker eine verbesserte musikalische Leistung an den Tag legten, nachdem sie Neurofeedback-Training bekamen[14]. Auch Neurochirurgen arbeiteten schneller und präziser bei Mikrooperationen [15]. Ebenso Leistungssportler profitierten von einer erhöhten Leistung nach Neurofeedback-Training, indem sich Reaktionszeiten und Entscheidungsfindung verbesserten [16], [17]. Studien legen außerdem nahe, dass Neurofeedback neben der Gehirnaktivität auch kognitive Fähigkeiten wie das Gedächtnis positiv beeinflussen und mit einer verbesserten Emotionsregulation einhergehen kann [18].</p> <h3 id="h-wirkung-und-dauer">Wirkung und Dauer</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12290970_Wavy_Tech-15_Single-11-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12290970_Wavy_Tech-15_Single-11-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12290970_Wavy_Tech-15_Single-11-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12290970_Wavy_Tech-15_Single-11-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12290970_Wavy_Tech-15_Single-11-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12290970_Wavy_Tech-15_Single-11-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12290970_Wavy_Tech-15_Single-11-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12290970_Wavy_Tech-15_Single-11-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure></div> <p>Studien zeigen, dass sowohl Kinder als auch Erwachsene auf Neurofeedback ansprechen können, jedoch ist die Datenlage zu Kindern am besten belegt [19]. Die genauen Details, bei wie vielen Menschen Neurofeedback wirkt, ist noch Gegenstand der Forschung, aber man vermutet, dass es zwischen 16 und 67 % sind [20]. Bei Studien mit gesunden Erwachsenen konnte Neurofeedback bislang den Placeboeffekt leider statistisch nicht übertreffen [21]. Dennoch deuten Forschungsergebnisse darauf hin, dass Neurofeedback nicht nur kurzfristige Veränderungen der Gehirnaktivität bewirken kann, sondern bei wiederholtem Training auch mit strukturellen Anpassungen im Gehirn einhergeht und so die gewünschten Aktivitätsmuster verstärkt werden [12].</p> <p>Auch wenn Neurofeedback eine echte Alternative zu medikamentöser Behandlung diverser Krankheiten bietet, ist es kein Wundermittel. Es braucht noch mehr Forschung, um robuste Effekte klar bestätigen und diese vom Placeboeffekt abgrenzen zu können. Man darf auch nicht außer Acht lassen, dass Neurofeedback viel Personalzeit- und Aufwand, spezialisierte Geräte und viele Stunden an Therapiesitzungen erfordert und daher die individuellen Trainingsprotokolle gut geplant werden müssen, um einen Erfolg zu erreichen [19]. Daher ist die individuelle Gestaltung des Trainingsprogramms für die jeweiligen Personen essenziell, damit die Behandlung funktionieren kann [22].</p> <h3 id="h-fazit">Fazit</h3> <p>Neurofeedback klingt wie Zukunftsmusik, doch es ist schon seit langem eine interessante Methode, um die Selbstregulation der Gehirnaktivität zu fördern. Das Potenzial von Neurofeedback ist riesig, es reicht von ergänzenden Therapiemöglichkeiten bei diversen Krankheiten bis hin zur Leistungsoptimierung und verbesserte Selbstregulation in Aspekten wie Kognition oder Emotionskontrolle. Gleichzeitig bedarf es jedoch weiterhin noch an Forschung, um den Wirkmechanismen und der Dauer der Effekte auf den Grund zu gehen und Therapieprotokolle zu optimieren. In gewisser Weise überträgt Neurofeedback das Prinzip des Videospielens auf eine moderne, gehirnbasierte Ebene – nur dass hier nicht der Controller, sondern die eigene Hirnaktivität gesteuert wird.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-4-2026-01_41_50-PM.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-4-2026-01_41_50-PM.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-4-2026-01_41_50-PM.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-4-2026-01_41_50-PM-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-4-2026-01_41_50-PM-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-Jan-4-2026-01_41_50-PM-768x768.png 768w" width="1024"></img></a></figure></div> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <p>[1]     ‘Neurofeedback (EEG-Feedback): Definition und Anwendungsbereiche’. Accessed: Jan. 15, 2026. [Online]. Available: https://neuromaster.de/neurofeedback/</p> <p>[2]     ‘Neurofeedback’, Zentrum für Psychotherapie Wiesbaden. Accessed: Jan. 10, 2026. [Online]. Available: https://zentrum-psychotherapie-wiesbaden.de/schwerpunkt/neurofeedback/</p> <p>[3]     H. Marzbani, H. R. Marateb, and M. Mansourian, ‘Neurofeedback: A Comprehensive Review on System Design, Methodology and Clinical Applications’, <em>Basic Clin. Neurosci.</em>, vol. 7, no. 2, pp. 143–158, Apr. 2016, doi: 10.15412/J.BCN.03070208.</p> <p>[4]     W. Wyrwicka and M. B. Sterman, ‘Instrumental conditioning of sensorimotor cortex EEG spindles in the waking cat’, <em>Physiol. Behav.</em>, vol. 3, no. 5, pp. 703–707, Sep. 1968, doi: 10.1016/0031-9384(68)90139-X.</p> <p>[5]     A. R. Seifert and J. F. Lubar, ‘Reduction of epileptic seizures through EEG biofeedback training’, <em>Biol. Psychol.</em>, vol. 3, no. 3, pp. 157–184, Nov. 1975, doi: 10.1016/0301-0511(75)90033-2.</p> <p>[6]     ‘Neurofeedback: Definition, Methode, Ablauf’, netDoktor. Accessed: Jan. 04, 2026. [Online]. Available: https://www.netdoktor.de/therapien/biofeedback/neurofeedback/</p> <p>[7]     ‘Wie funktioniert Neurofeedback? | Knowledge Hub’. Accessed: Jan. 10, 2026. [Online]. Available: https://www.neurocaregroup.com/de/wie-funktioniert-neurofeedback/</p> <p>[8]     ‘Does Neurofeedback have Side Effects – The Insight Clinic’. Accessed: Jan. 12, 2026. [Online]. Available: https://theinsightclinic.ca/does-neurofeedback-have-side-effects/</p> <p>[9]     C. M. Solutions, ‘Are There Any Side Effects to Neurofeedback?’, Chicago Mind Solutions. Accessed: Jan. 10, 2026. [Online]. Available: https://chicagomindsolutions.com/blog/are-there-any-side-effects-neurofeedback/</p> <p>[10]  E. Rahmani, M. Rahmanian, K. Mansouri, Y. Mokhayeri, Y. Jamalpour, and S. Hassanvandi, ‘Are There any Possible Side Effects of Neurofeedback? A Systematic Literature Review and Meta-analysis’, <em>Iran. J. Psychiatry Behav. Sci.</em>, vol. 17, no. 3, Oct. 2023, doi: 10.5812/ijpbs-138064.</p> <p>[11]  L. D. G. Silva <em>et al.</em>, ‘The Computer Simulation for Triggering Anxiety in Panic Disorder Patients Modulates the EEG Alpha Power during an Oddball Task’, <em>NeuroSci</em>, vol. 3, no. 2, pp. 332–346, May 2022, doi: 10.3390/neurosci3020024.</p> <p>[12]  D. C. Hammond, ‘What Is Neurofeedback?’, <em>J. Neurother.</em>, vol. 10, no. 4, pp. 25–36, Mar. 2007, doi: 10.1300/J184v10n04_04.</p> <p>[13]  L. H. Sherlin <em>et al.</em>, ‘Neurofeedback and Basic Learning Theory: Implications for Research and Practice’, <em>J. Neurother.</em>, vol. 15, no. 4, pp. 292–304, Oct. 2011, doi: 10.1080/10874208.2011.623089.</p> <p>[14]  S. Markovska-Simoska, N. Pop-Jordanova, and D. Georgiev, ‘Simultaneous EEG and EMG biofeedback for peak performance in musicians’, <em>Prilozi</em>, vol. 29, no. 1, pp. 239–252, Jul. 2008.</p> <p>[15]  T. Ros, M. J. Moseley, P. A. Bloom, L. Benjamin, L. A. Parkinson, and J. H. Gruzelier, ‘Optimizing microsurgical skills with EEG neurofeedback’, <em>BMC Neurosci.</em>, vol. 10, no. 1, p. 87, Jul. 2009, doi: 10.1186/1471-2202-10-87.</p> <p>[16]  M.-Q. Xiang, X.-H. Hou, B.-G. Liao, J.-W. Liao, and M. Hu, ‘The effect of neurofeedback training for sport performance in athletes: A meta-analysis’, <em>Psychol. Sport Exerc.</em>, vol. 36, pp. 114–122, May 2018, doi: 10.1016/j.psychsport.2018.02.004.</p> <p>[17]  M. A. de Brito <em>et al.</em>, ‘The Effect of Neurofeedback on the Reaction Time and Cognitive Performance of Athletes: A Systematic Review and Meta-Analysis’, <em>Front. Hum. Neurosci.</em>, vol. 16, Jun. 2022, doi: 10.3389/fnhum.2022.868450.</p> <p>[18]  P. Linhartová, A. Látalová, B. Kóša, T. Kašpárek, C. Schmahl, and C. Paret, ‘fMRI neurofeedback in emotion regulation: A literature review’, <em>NeuroImage</em>, vol. 193, pp. 75–92, Jun. 2019, doi: 10.1016/j.neuroimage.2019.03.011.</p> <p>[19]  M. Arns, C. R. Clark, M. Trullinger, R. deBeus, M. Mack, and M. Aniftos, ‘Neurofeedback and Attention-Deficit/Hyperactivity-Disorder (ADHD) in Children: Rating the Evidence and Proposed Guidelines’, <em>Appl. Psychophysiol. Biofeedback</em>, vol. 45, no. 2, pp. 39–48, Jun. 2020, doi: 10.1007/s10484-020-09455-2.</p> <p>[20]  L. A. Weber, T. Ethofer, and A.-C. Ehlis, ‘Predictors of neurofeedback training outcome: A systematic review’, <em>NeuroImage Clin.</em>, vol. 27, p. 102301, May 2020, doi: 10.1016/j.nicl.2020.102301.</p> <p>[21]  I. Kimura, H. Noyama, R. Onagawa, M. Takemi, R. Osu, and J.-I. Kawahara, ‘Efficacy of neurofeedback training for improving attentional performance in healthy adults: A systematic review and meta-analysis’, <em>Imaging Neurosci. Camb. Mass</em>, vol. 2, p. imag–2–00053, 2024, doi: 10.1162/imag_a_00053.</p> <p>[22]  O. Alkoby, A. Abu-Rmileh, O. Shriki, and D. Todder, ‘Can We Predict Who Will Respond to Neurofeedback? A Review of the Inefficacy Problem and Existing Predictors for Successful EEG Neurofeedback Learning’, <em>Neuroscience</em>, vol. 378, pp. 155–164, May 2018, doi: 10.1016/j.neuroscience.2016.12.050.</p> <h3 id="h-bildquellen">Bildquellen</h3> <ul> <li>Titelbild: generiert mit Chat GPT 5.1</li> <li>Abbildung 1: generiert mit Chat GPT 5.1</li> <li>Abbildung 2: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/sofa-stuhl-mit-tisch-und-laptop-karikatur-vektor-symbol-illustration-technologie-indoor-symbol-konzept-isoliert-premium-vektor-flacher-cartoon-stil_18380857.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=26&amp;uuid=8fd14029-14da-4377-a94e-f308da15c72d&amp;query=therapy+chair">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 3: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/handgezeichnete-illustration-zur-neuroedukation_84406343.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=19&amp;uuid=315ce805-d3e8-4817-813c-05e4530b1e05&amp;query=thoughts+in+brain">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 4: generiert mit Chat GPT 5.1</li> <li>Abbildung 5: generiert mit Chat GPT 5.1</li> <li>Abbildung 6: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/illustration-zur-sensibilisierung-fuer-den-welttag-der-psychischen-gesundheit_66240938.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=5&amp;uuid=06990d70-d6b6-4633-bca4-d1816d37e6e6&amp;query=ADHS">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 7: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/professionelle-chirurgen-umgeben-den-patienten-auf-dem-operationstisch-flache-illustration_12291253.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=10&amp;uuid=84d1e6d1-15b2-486a-b447-e68272663e93&amp;query=surgeon">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 8: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/abstrakte-konzeptillustration-des-aktionsspiels_12290970.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=6&amp;uuid=058e77b4-3aee-4bdc-a69e-12828312ae64&amp;query=game">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 9: generiert mit Chat GPT 5.1</li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/gehirn-statt-controller-was-ist-neurofeedback/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>Raumfahrtprogramm gerettet, MSR abserviert https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/raumfahrtprogramm-gerettet-msr-abserviert/ https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/raumfahrtprogramm-gerettet-msr-abserviert/#comments Sun, 25 Jan 2026 22:59:00 +0000 Michael Khan https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/?p=11115 https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/msr-illustration-768x432.png Computergenerierte Darstellung aller Elemente der MSR-Mission: Hubschrauber zum Einsammeln der Probenbehälter, Mars-Rover Perseverance, Landeplattform MAV und Orbiter ERO, Quelle: NASA https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/raumfahrtprogramm-gerettet-msr-abserviert/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/msr-illustration.png" /><h1>Raumfahrtprogramm gerettet, MSR abserviert » Go for Launch » SciLogs</h1><h2>By Michael Khan</h2><div itemprop="text"> <p>Die US-Regierung unter Donald Trump hatte <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/kahlschlag-beim-nasa-budget-2026/" rel="noopener" target="_blank">tiefgreifende Einschnitte im Budget</a> der (Luft- und) Raumfahrtbehörde NASA und der Behörde für Wetter und Ozeanografie NOAA geplant. Diese Einschnitte hätten besondere die wissenschaftliche Forschung schwer getroffen, der die aktuelle Administration offenbar wenig Bedeutung beimisst. Die Folge der Kürzungen wären neben der Einstellung von Projekten umfangreiche Entlassungen und vielleicht die Schließung von NASA-Niederlassungen gewesen.  </p> <span id="more-11115"></span> <p>Das Parlament und dann auch der Senat haben nun jedoch, beide mit großer Mehrheit, ein Gesetzespaket verabschiedet, das diese Kürzungen und einige andere, die weitere Behörden betreffen, weitgehend zurücknimmt und die Finanzierung der Behörden sicherstellt. (<a href="https://spacenews.com/congress-passes-minibus-spending-bill-that-rejects-proposed-nasa-cuts/" rel="noopener" target="_blank">Space News: Congress passes minibus spending bill that rejects proposed NASA cuts</a>)</p> <p>Ausdrücklich ausgenommen ist davon jedoch die Probenrückführungsmission MSR (Mars Sample Return). Diese war schon während der Biden-Administration <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/nasa-zieht-bei-msr-die-reissleine/" rel="noopener" target="_blank">in ernsten Schwierigkeiten</a>. Kosten und Terminpläne uferten aus; insbesondere das NASA-Zentrum JPL in Pasadena/Kalifornien stand in der Kritik. Das nun verabschiedete Gesetz sieht für die Entwicklung zukünftiger Mars-Missionen ein Budget von nur 110 Millionen vor und macht die Vorschrift, dass damit namentlich aufgelistete grundlegende Technologieforschung zu betreiben ist. Das beinhaltet aber nicht die Fortführung des MSR-Projekts – der Geldbetrag würde dafür auch bei weitem nicht reichen. </p> <p>Die Einstellung von MSR betrifft auch die ESA. Diese hätte den Earth Return Orbiter (ERO) beigesteuert, eine riesige Raumsonde mit Ionenantrieb. Der ERO sollte zum Mars fliegen, eine niedrige Bahn um den roten Planeten erreichen, den Probenbehälter aufnehmen und hermetisch in eine Kapsel einschweißen soll. Damit wäre er dann zur Erde zurückgeflogen. Nicht klar ist doch, was dann hätte geschehen sollen: Das gezielte Aussetzen der Kapsel, sodass sie in die Atmosphäre eintritt und im <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Utah_Test_and_Training_Range" rel="noopener" target="_blank">UTTR in Utah</a> landet, scheint verworfen worden zu sein. Alternative Vorschläge wie die Übergabe an die Gateway oder das Parken in einer stabilen Bahn (<a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/distant-retrograde-orbits/" rel="noopener" target="_blank">Distant Retrograde Orbit = DRO</a>) erschienen mir etwas unausgegoren. </p> <p>Insofern verwundert mich die ausdrückliche Einstellung des Projekts im minibus-Paket überhaupt nicht. Sie ist nur konsequent. Alles andere wäre eine Überraschung gewesen. <aside></aside></p> <h2 id="h-msr-die-unendliche-geschichte"><em>MSR – die unendliche Geschichte?</em></h2> <p>Mit MSR verbinden mich viele Arbeitsjahre. Anfang der 2000er studierte die ESA die Optionen zur Durchführung einer Probenrückführung vom Mars unter europäischer Regie. Ein geplantes US-französisches Kooperationsprojekt namens Mars-Premier mit dieser Zielsetzung war zuvor seitens der USA eingestellt worden. Die ESA-Studie begann in der <a href="https://www.esa.int/Enabling_Support/Space_Engineering_Technology/Concurrent_Design_Facility" rel="noopener" target="_blank">Concurrent Design Facility</a> am Technologiezentrum ESTEC in Noordwijk. Ich war daran als Missionsanalytiker beteiligt.</p> <p>Geplant war, dass Mars Sample Return schon Mitte der 2010er Jahre starten sollte, und zwar mit zwei getrennten Ariane-5-ECA Starts im Abstand von zwei Jahren. Zuvor sollte die Mars-Rovermission ExoMars erfolgreich absolviert worden sein – Start 2009, Backup 2011. Hinweis am Rande: Der ExoMars-Rover wartet immer noch auf seinen Start, aktuell im Clean Room bei Thales Alenia in Turin. Das sagt eigentlich schon alles über den Realismus der damaligen Zeitplanung. </p> <p>Vorgesehen war, dass zunächst der Orbiter zum Mars geschickt wird. Dieser sollte per <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/aerobraking-und-wos-das-problem/" rel="noopener" target="_blank">Aerobraking</a> eine niedrige Kreisbahn erreichen und dort warten. Das Landemodul mit der Wiederaufstiegsrakete sollte dann später auf den Weg gebracht werden, wenn abzusehen war, dass die Orbitermission planmäßig verlief. </p> <p>Nach einigen Jahren weitgehend fruchtloser Planungsarbeiten an der Mission MSR, die von der endlos weiter verzögerten Mission ExoMars vor sich her geschoben war, traten 2008 wieder die Amerikaner auf den Plan. Es wurde ein Abkommen geschlossen, dem zufolge Amerikaner und Europäer von nun an gemeinsam den Mars erforschen sollten. Damit hätte das MSR-Projekt zumindest anstelle der Ariane 5 eine für interplanetare Missionen brauchbare Rakete gehabt, zumindest für einen der Starts, immerhin. 2011 war die <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/nasa-esa-mars-kooperation-besteht-stresstest-nicht/" rel="noopener" target="_blank">Zusammenarbeit aber schon wieder Geschichte</a>. </p> <p>Wiederum einige Jahre später gab es wieder ein Projekt MSR, und wieder als NASA-ESA-Kooperation. Die Architektur war nun anders; es wurde auf neue Technologien gesetzt, nicht nur beim ionengetriebenen ERO. Auch die vorherige Probenentnahme und ihre vorübergehende Ablage in “Caches” sowie die Verwendung eines Hubschraubers zum Einsammeln waren neue Ideen. Dadurch wurde die Mission allerdings weder weniger komplex noch weniger teuer, was eigentlich auch niemanden verwundern dürfte. </p> <h2 id="h-und-wie-geht-s-weiter"><em>Und wie geht’s weiter?</em></h2> <p>Tja, wer weiß? Mittlerweile gibt es ja durchaus auch andere Akteure, die so etwas heben könnten: die Chinesen, und vielleicht auch in absehbarer Zeit die Inder? Die Europäer haben leider immer noch keine brauchbare Rakete für solche Missionen, und damit steht und fällt nun einmal eine Raumfahrtmission. Außerdem konnte die ESA bis jetzt weder eine weiche Landung noch den Betrieb komplexer Hardware auf einem anderen Himmelskörper demonstrieren (Titan zählt in diesem Zusammenhang nicht). Ich sehe sie eher nicht in der vordersten Reihe der möglichen Partner für eine erfolgreiche MSR-Mission. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/msr-illustration.png" /><h1>Raumfahrtprogramm gerettet, MSR abserviert » Go for Launch » SciLogs</h1><h2>By Michael Khan</h2><div itemprop="text"> <p>Die US-Regierung unter Donald Trump hatte <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/kahlschlag-beim-nasa-budget-2026/" rel="noopener" target="_blank">tiefgreifende Einschnitte im Budget</a> der (Luft- und) Raumfahrtbehörde NASA und der Behörde für Wetter und Ozeanografie NOAA geplant. Diese Einschnitte hätten besondere die wissenschaftliche Forschung schwer getroffen, der die aktuelle Administration offenbar wenig Bedeutung beimisst. Die Folge der Kürzungen wären neben der Einstellung von Projekten umfangreiche Entlassungen und vielleicht die Schließung von NASA-Niederlassungen gewesen.  </p> <span id="more-11115"></span> <p>Das Parlament und dann auch der Senat haben nun jedoch, beide mit großer Mehrheit, ein Gesetzespaket verabschiedet, das diese Kürzungen und einige andere, die weitere Behörden betreffen, weitgehend zurücknimmt und die Finanzierung der Behörden sicherstellt. (<a href="https://spacenews.com/congress-passes-minibus-spending-bill-that-rejects-proposed-nasa-cuts/" rel="noopener" target="_blank">Space News: Congress passes minibus spending bill that rejects proposed NASA cuts</a>)</p> <p>Ausdrücklich ausgenommen ist davon jedoch die Probenrückführungsmission MSR (Mars Sample Return). Diese war schon während der Biden-Administration <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/nasa-zieht-bei-msr-die-reissleine/" rel="noopener" target="_blank">in ernsten Schwierigkeiten</a>. Kosten und Terminpläne uferten aus; insbesondere das NASA-Zentrum JPL in Pasadena/Kalifornien stand in der Kritik. Das nun verabschiedete Gesetz sieht für die Entwicklung zukünftiger Mars-Missionen ein Budget von nur 110 Millionen vor und macht die Vorschrift, dass damit namentlich aufgelistete grundlegende Technologieforschung zu betreiben ist. Das beinhaltet aber nicht die Fortführung des MSR-Projekts – der Geldbetrag würde dafür auch bei weitem nicht reichen. </p> <p>Die Einstellung von MSR betrifft auch die ESA. Diese hätte den Earth Return Orbiter (ERO) beigesteuert, eine riesige Raumsonde mit Ionenantrieb. Der ERO sollte zum Mars fliegen, eine niedrige Bahn um den roten Planeten erreichen, den Probenbehälter aufnehmen und hermetisch in eine Kapsel einschweißen soll. Damit wäre er dann zur Erde zurückgeflogen. Nicht klar ist doch, was dann hätte geschehen sollen: Das gezielte Aussetzen der Kapsel, sodass sie in die Atmosphäre eintritt und im <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Utah_Test_and_Training_Range" rel="noopener" target="_blank">UTTR in Utah</a> landet, scheint verworfen worden zu sein. Alternative Vorschläge wie die Übergabe an die Gateway oder das Parken in einer stabilen Bahn (<a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/distant-retrograde-orbits/" rel="noopener" target="_blank">Distant Retrograde Orbit = DRO</a>) erschienen mir etwas unausgegoren. </p> <p>Insofern verwundert mich die ausdrückliche Einstellung des Projekts im minibus-Paket überhaupt nicht. Sie ist nur konsequent. Alles andere wäre eine Überraschung gewesen. <aside></aside></p> <h2 id="h-msr-die-unendliche-geschichte"><em>MSR – die unendliche Geschichte?</em></h2> <p>Mit MSR verbinden mich viele Arbeitsjahre. Anfang der 2000er studierte die ESA die Optionen zur Durchführung einer Probenrückführung vom Mars unter europäischer Regie. Ein geplantes US-französisches Kooperationsprojekt namens Mars-Premier mit dieser Zielsetzung war zuvor seitens der USA eingestellt worden. Die ESA-Studie begann in der <a href="https://www.esa.int/Enabling_Support/Space_Engineering_Technology/Concurrent_Design_Facility" rel="noopener" target="_blank">Concurrent Design Facility</a> am Technologiezentrum ESTEC in Noordwijk. Ich war daran als Missionsanalytiker beteiligt.</p> <p>Geplant war, dass Mars Sample Return schon Mitte der 2010er Jahre starten sollte, und zwar mit zwei getrennten Ariane-5-ECA Starts im Abstand von zwei Jahren. Zuvor sollte die Mars-Rovermission ExoMars erfolgreich absolviert worden sein – Start 2009, Backup 2011. Hinweis am Rande: Der ExoMars-Rover wartet immer noch auf seinen Start, aktuell im Clean Room bei Thales Alenia in Turin. Das sagt eigentlich schon alles über den Realismus der damaligen Zeitplanung. </p> <p>Vorgesehen war, dass zunächst der Orbiter zum Mars geschickt wird. Dieser sollte per <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/aerobraking-und-wos-das-problem/" rel="noopener" target="_blank">Aerobraking</a> eine niedrige Kreisbahn erreichen und dort warten. Das Landemodul mit der Wiederaufstiegsrakete sollte dann später auf den Weg gebracht werden, wenn abzusehen war, dass die Orbitermission planmäßig verlief. </p> <p>Nach einigen Jahren weitgehend fruchtloser Planungsarbeiten an der Mission MSR, die von der endlos weiter verzögerten Mission ExoMars vor sich her geschoben war, traten 2008 wieder die Amerikaner auf den Plan. Es wurde ein Abkommen geschlossen, dem zufolge Amerikaner und Europäer von nun an gemeinsam den Mars erforschen sollten. Damit hätte das MSR-Projekt zumindest anstelle der Ariane 5 eine für interplanetare Missionen brauchbare Rakete gehabt, zumindest für einen der Starts, immerhin. 2011 war die <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/nasa-esa-mars-kooperation-besteht-stresstest-nicht/" rel="noopener" target="_blank">Zusammenarbeit aber schon wieder Geschichte</a>. </p> <p>Wiederum einige Jahre später gab es wieder ein Projekt MSR, und wieder als NASA-ESA-Kooperation. Die Architektur war nun anders; es wurde auf neue Technologien gesetzt, nicht nur beim ionengetriebenen ERO. Auch die vorherige Probenentnahme und ihre vorübergehende Ablage in “Caches” sowie die Verwendung eines Hubschraubers zum Einsammeln waren neue Ideen. Dadurch wurde die Mission allerdings weder weniger komplex noch weniger teuer, was eigentlich auch niemanden verwundern dürfte. </p> <h2 id="h-und-wie-geht-s-weiter"><em>Und wie geht’s weiter?</em></h2> <p>Tja, wer weiß? Mittlerweile gibt es ja durchaus auch andere Akteure, die so etwas heben könnten: die Chinesen, und vielleicht auch in absehbarer Zeit die Inder? Die Europäer haben leider immer noch keine brauchbare Rakete für solche Missionen, und damit steht und fällt nun einmal eine Raumfahrtmission. Außerdem konnte die ESA bis jetzt weder eine weiche Landung noch den Betrieb komplexer Hardware auf einem anderen Himmelskörper demonstrieren (Titan zählt in diesem Zusammenhang nicht). Ich sehe sie eher nicht in der vordersten Reihe der möglichen Partner für eine erfolgreiche MSR-Mission. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/raumfahrtprogramm-gerettet-msr-abserviert/#comments 2 AstroGeo Podcast: Theias großer Einschlag – wie der Mond entstanden ist https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-theias-grosser-einschlag-wie-der-mond-entstanden-ist/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-theias-grosser-einschlag-wie-der-mond-entstanden-ist/#comments Sun, 25 Jan 2026 04:30:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1833 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-mit-logo-768x768.jpg Sehr scharfes Foto, man erkennt angerissen dunklere Maare und hellere Hochländer. Die Sichel ist schmal. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-theias-grosser-einschlag-wie-der-mond-entstanden-ist/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-mit-logo_sl.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Theias großer Einschlag - wie der Mond entstanden ist » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag131-mond-entstehung.html#/">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Im Juni 1986 erlebten Planetenforscher einen Heureka-Moment. Denn sie waren zum ersten Mal einig, wie die Erde zu ihrem ungebührlich großen Mond gekommen ist. Diese Erklärung gilt bis heute als das wahrscheinlichste Szenario: Kurz nach der Entstehung der Erde vor rund 4,5 Milliarden Jahren stieß ein marsgroßer Planet mit der Protoerde zusammen. Aus dem verdampften Gestein, das dabei ins All geschleudert wurde, bildete sich wenig später der Mond.</p> <p>Karl erzählt in dieser Folge, wie es zu diesem Heureka-Moment kam – denn nur wenige Jahre zuvor war die Forschungswelt noch hochgradig zerstritten, was die Entstehung des Mondes anging. Mindestens eine Handvoll Hypothesen war im Rennen. Man diskutierte, ob der Mond sich von der Erde durch allzu große Fliehkraft abgespalten hatte oder ob er friedlich an der Seite der Erde aus dem Urnebel gewachsen war. Andere glaubten an ein eingefangenes Objekt aus der kosmischen Nachbarschaft – oder sogar an eine natürliche, nukleare Explosion tief im Erdinneren nahe dem Erdkern.<aside></aside></p> <p>Schon in den 1940er Jahren war dem kanadischen Geologen Reginald Daly aufgefallen, dass die mittlere Dichte des Mondes recht genau der Dichte des Erdmantels entspricht. Aber erst die astronautischen Mondlandungen des Apollo-Programms und die Proben verschiedener Raumsonden brachten ab 1969 Gewissheit: Erdmantel und Mond müssen aus dem gleichen Urmaterial entstanden sein. Gleichzeitig besitzt der Mond nur einen winzigen Eisenkern. Alles zusammen wirkte wie ein Sieb für die diversen Modelle der Mondentstehung. Übrig blieb am Ende nur der große Einschlag.</p> <p>Trotz der klaren Hinweise bleiben bis heute einige Fragen offen. Zum Beispiel ist weiter unklar, warum zwar der Fingerabdruck der Sauerstoff-Isotope in Erdmantel und Mond sehr gut übereinstimmen – immerhin das häufigste Element von Erde und Mond – aber einige Spurenstoffe teilweise radikal abweichen. Dazu gehört der Anteil von Eisen und anderen Metallen, aber auch von flüchtigen Stoffe wie Wasser oder Kohlendioxid. Herausfordernd für die heutige Forschung ist vor allem das Wachstum des Mondes direkt nach dem großen Einschlag, bei dem es ziemlich heiß hergegangen sein muss.</p> <h3 id="h-mehr-bei-astrogeo">Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 78: <a href="https://astrogeo.de/kernenergie-vor-2-milliarden-jahren-der-atomreaktor-oklo/">Kernenergie vor 2 Milliarden Jahren: Der Atomreaktor Oklo</a></li> <li>Folge 51: <a href="https://astrogeo.de/die-verlorenen-mondspiegel/">Die verlorenen Mondspiegel</a></li> <li>Folge 42: <a href="https://astrogeo.de/das-wertvollste-material-der-welt/">Das wertvollste Material der Welt</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Entstehung_des_Mondes">Entstehung des Mondes</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/George_Howard_Darwin">George Darwin</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Basalt">Basalt</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mond#Innerer_Aufbau">Innerer Aufbau des Mondes</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Reginald_Aldworth_Daly">Reginald Daly</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Giant-impact_hypothesis">Giant-impact hypothesis</a> (englisch)</li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Theia_(Protoplanet)">Theia (Protoplanet)</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Synestia">Synestia</a> (englisch)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: Daly: <a href="http://www.jstor.org/stable/3301051?origin=JSTOR-pdf">Origin of the Moon and Its Topography</a>, Proceedings of the American Philosophical Society, (1946)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://adsabs.harvard.edu/pdf/1976LPI.....7..120C">Cameron &amp; Ward: The Origin of the Moon</a>, Lunar and Planetary Science (1976)</li> <li>New York Times: <a href="https://www.nytimes.com/1986/06/03/science/moon-s-creation-now-attributed-to-giant-crash.html">Moon’s Creation now Attributed to Giant Crash</a> (1986)</li> <li>Fachartikel: Lock et al.: <a href="https://doi.org/10.1002/2017JE005333">The Origin of the Moon Within a Terrestrial Synestia</a>, Journal of Geophysical Research – Planets (2018)</li> <li>Fachartikel: Yuan et al.: <a href="https://www.nature.com/articles/s41586-023-06589-1">Moon-forming impactor as a source of Earth’s basal mantle anomalies</a>, Nature (2023)</li> <li>Fachartikel: Sossi, Nakajima &amp; Khan: <a href="https://arxiv.org/abs/2408.16840">Composition, Structure and Origin of the Moon</a>, ArXiv/Preprint (2024)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.de">CC-BY-SA 3.0</a> <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2020-04-26_21-21MESZ_Mondsichel.jpg">Rolf Hempel / Wikimedia Commons</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-mit-logo_sl.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Theias großer Einschlag - wie der Mond entstanden ist » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag131-mond-entstehung.html#/">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Im Juni 1986 erlebten Planetenforscher einen Heureka-Moment. Denn sie waren zum ersten Mal einig, wie die Erde zu ihrem ungebührlich großen Mond gekommen ist. Diese Erklärung gilt bis heute als das wahrscheinlichste Szenario: Kurz nach der Entstehung der Erde vor rund 4,5 Milliarden Jahren stieß ein marsgroßer Planet mit der Protoerde zusammen. Aus dem verdampften Gestein, das dabei ins All geschleudert wurde, bildete sich wenig später der Mond.</p> <p>Karl erzählt in dieser Folge, wie es zu diesem Heureka-Moment kam – denn nur wenige Jahre zuvor war die Forschungswelt noch hochgradig zerstritten, was die Entstehung des Mondes anging. Mindestens eine Handvoll Hypothesen war im Rennen. Man diskutierte, ob der Mond sich von der Erde durch allzu große Fliehkraft abgespalten hatte oder ob er friedlich an der Seite der Erde aus dem Urnebel gewachsen war. Andere glaubten an ein eingefangenes Objekt aus der kosmischen Nachbarschaft – oder sogar an eine natürliche, nukleare Explosion tief im Erdinneren nahe dem Erdkern.<aside></aside></p> <p>Schon in den 1940er Jahren war dem kanadischen Geologen Reginald Daly aufgefallen, dass die mittlere Dichte des Mondes recht genau der Dichte des Erdmantels entspricht. Aber erst die astronautischen Mondlandungen des Apollo-Programms und die Proben verschiedener Raumsonden brachten ab 1969 Gewissheit: Erdmantel und Mond müssen aus dem gleichen Urmaterial entstanden sein. Gleichzeitig besitzt der Mond nur einen winzigen Eisenkern. Alles zusammen wirkte wie ein Sieb für die diversen Modelle der Mondentstehung. Übrig blieb am Ende nur der große Einschlag.</p> <p>Trotz der klaren Hinweise bleiben bis heute einige Fragen offen. Zum Beispiel ist weiter unklar, warum zwar der Fingerabdruck der Sauerstoff-Isotope in Erdmantel und Mond sehr gut übereinstimmen – immerhin das häufigste Element von Erde und Mond – aber einige Spurenstoffe teilweise radikal abweichen. Dazu gehört der Anteil von Eisen und anderen Metallen, aber auch von flüchtigen Stoffe wie Wasser oder Kohlendioxid. Herausfordernd für die heutige Forschung ist vor allem das Wachstum des Mondes direkt nach dem großen Einschlag, bei dem es ziemlich heiß hergegangen sein muss.</p> <h3 id="h-mehr-bei-astrogeo">Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 78: <a href="https://astrogeo.de/kernenergie-vor-2-milliarden-jahren-der-atomreaktor-oklo/">Kernenergie vor 2 Milliarden Jahren: Der Atomreaktor Oklo</a></li> <li>Folge 51: <a href="https://astrogeo.de/die-verlorenen-mondspiegel/">Die verlorenen Mondspiegel</a></li> <li>Folge 42: <a href="https://astrogeo.de/das-wertvollste-material-der-welt/">Das wertvollste Material der Welt</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Entstehung_des_Mondes">Entstehung des Mondes</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/George_Howard_Darwin">George Darwin</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Basalt">Basalt</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mond#Innerer_Aufbau">Innerer Aufbau des Mondes</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Reginald_Aldworth_Daly">Reginald Daly</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Giant-impact_hypothesis">Giant-impact hypothesis</a> (englisch)</li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Theia_(Protoplanet)">Theia (Protoplanet)</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Synestia">Synestia</a> (englisch)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: Daly: <a href="http://www.jstor.org/stable/3301051?origin=JSTOR-pdf">Origin of the Moon and Its Topography</a>, Proceedings of the American Philosophical Society, (1946)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://adsabs.harvard.edu/pdf/1976LPI.....7..120C">Cameron &amp; Ward: The Origin of the Moon</a>, Lunar and Planetary Science (1976)</li> <li>New York Times: <a href="https://www.nytimes.com/1986/06/03/science/moon-s-creation-now-attributed-to-giant-crash.html">Moon’s Creation now Attributed to Giant Crash</a> (1986)</li> <li>Fachartikel: Lock et al.: <a href="https://doi.org/10.1002/2017JE005333">The Origin of the Moon Within a Terrestrial Synestia</a>, Journal of Geophysical Research – Planets (2018)</li> <li>Fachartikel: Yuan et al.: <a href="https://www.nature.com/articles/s41586-023-06589-1">Moon-forming impactor as a source of Earth’s basal mantle anomalies</a>, Nature (2023)</li> <li>Fachartikel: Sossi, Nakajima &amp; Khan: <a href="https://arxiv.org/abs/2408.16840">Composition, Structure and Origin of the Moon</a>, ArXiv/Preprint (2024)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.de">CC-BY-SA 3.0</a> <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2020-04-26_21-21MESZ_Mondsichel.jpg">Rolf Hempel / Wikimedia Commons</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-theias-grosser-einschlag-wie-der-mond-entstanden-ist/#comments 2 Das „Deutsche Reich“ im „Deutschen Osten“ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/das-deutsche-reich-im-deutschen-osten/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/das-deutsche-reich-im-deutschen-osten/#comments Thu, 22 Jan 2026 11:00:00 +0000 Teilprojekt 2 - Reichsbürger in Bayern https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=371 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Collage-768x432.jpg Verschiedene Publikationen der gebietsrevisionistischen Gruppierungen, Mischung von Text und revisionistischen Kartendarstellungen https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/das-deutsche-reich-im-deutschen-osten/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Collage.jpg" /><h1>Das „Deutsche Reich" im „Deutschen Osten“ » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Teilprojekt 2 - Reichsbürger in Bayern</h2><div itemprop="text"> <h2 id="h-archivarbeit-auf-den-spuren-souveranistischer-gruppen-der-1980er-jahre"><strong>Archivarbeit auf den Spuren souveränistischer Gruppen der 1980er-Jahre</strong></h2> <p>Das Teilprojekt 2 im Forschungsverbund <a href="http://www.forgerex.de">ForGeRex</a> erforscht die Vorgeschichte der „Reichsbürger“-Bewegung, die erst seit etwa zehn Jahren breite öffentliche Aufmerksamkeit erlangt hat. Die praktische Forschungsarbeit bestand zu Beginn vor allem darin, den unterschiedlichsten, oft vagen Spuren zu folgen, um Akteur*innen, Publikationen und Netzwerke zu finden, die als historische Vorläufer der heutigen Szene gelten können. Diese Spurensuche war oft langwierig und wenig ergiebig – aber es gab auch glückliche Zufälle.</p> <p>Bei der Auswertung der rechtsextremen Zeitschrift „Recht und Wahrheit” aus den 1990er Jahren stieß ich auf Anzeigen einer mir bis dato unbekannten Organisation: der „Gemeinschaft Deutscher Osten” (GDO). Im Namen der „Vereinigten Länder des Deutschen Ostens” gab sie 1992 eine Erklärung ab, in der sie die Nichtigkeit internationaler Verträge behauptete und auf die „Rückgabe von Westpreußen, Posen und Ostoberschlesien, ferner aller seit 1945 völkerrechtswidrig durch fremde Staaten verwalteten ostdeutschen Reichsgebiete einschließlich Sudetenland” sowie die Wiedereinsetzung der Organe des Deutschen Reiches pochte. Unterzeichnet war die Anzeige von mehreren Personen, die sich gewaltige Titel gegeben hatten: „Präsident” der „Nationalversammlung des Deutschen Ostens”, „Staatskanzler”, „Sonderbotschafter für außereuropäische Angelegenheiten” und so weiter.<a href="#_ftn1" id="_ftnref1">[1]</a></p> <p>Der Fund war ein Glücksfall. Hieß es nicht immer, die Staatssimulation und die Vergabe vermeintlicher Ämter und Titel sei eine Erfindung der „Kommissarischen Reichsregierung“ von Wolfgang Ebel, dem „ersten Reichsbürger” aus Berlin? Hier nun fanden sich Hinweise darauf, dass die Staatssimulation „Vereinigte Länder des Deutschen Ostens” bereits in die frühen 1980er Jahre zurückreichte – denn die „Erklärung” war „[a]nläßlich des Zehnjahres-Bestandes des unabhängigen, volks- und reichstreuen deutschen Nachkriegsstaates” herausgegeben worden. Später stellte sich heraus, dass die Gründung der „Vereinigten Länder“ 1981 stattfand, die Wurzeln aber bis 1969 zurückreichten.</p> <h3 id="h-spurensuche-in-zeitgeschichtlichen-sammlungen"><strong>Spurensuche in zeitgeschichtlichen Sammlungen</strong></h3> <p>Dieser Quellenfund war der Auftakt für eine intensive Suche nach weiterer Überlieferung dieser Organisation. Wie bei anderen „Reichsbürger”-Gruppierungen gibt es keinen geschlossenen Archivbestand, auf den wir Zeithistoriker*innen sonst gerne zurückgreifen. Auch existiert praktisch keine Forschungsliteratur zu dieser Gruppe.</p> <p>Fündig wurde ich in zwei Archiven: In der zeitgeschichtlichen Sammlung des <a href="https://www.ifz-muenchen.de/das-archiv">Archivs des Instituts für Zeitgeschichte</a> fanden sich einige verstreute Flugblätter und Rundschreiben. Eine größere Sammlung entdeckte ich im <a href="https://www.apabiz.de/">apabiz</a> (Antifaschistisches Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin e.V.). Dort liegen Rundbriefe der „Gemeinschaft Deutscher Osten”, aber auch – in den Beständen des Archivs des Zentralinstituts für Sozialwissenschaftliche Forschung der FU Berlin (ZISOWIFO) – zahlreiche Flugblätter und Einzelveröffentlichungen.<aside></aside></p> <p>Diese Materialien sind für das Projekt von unschätzbarem Wert. Sie zeigen, dass die Staatssimulationen der 1980er und 1990er Jahre, auf die ich in „Recht und Wahrheit” gestoßen war, eine längere Vorgeschichte hatten und in der Zeit um die Wiedervereinigung ganz neue Dynamiken entwickelten. Die GDO ist daher ein wichtiger Gegenstand des Projekts, eine Teilstudie dazu ist gerade in Arbeit.</p> <h3 id="h-die-herausforderung-sammlungen-statt-bestande"><strong>Die Herausforderung: Sammlungen statt Bestände</strong></h3> <p>Die Rekonstruktion aus diesen und im Verlauf der Recherche weiteren erschlossenen Quellenbeständen hat allerdings gezeigt, dass die zeithistorischen Sammlungen die vielfältigen organisatorischen Entwicklungen dieser Gruppe – oder besser: dieser Gruppen – nicht vollständig abbilden können.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-scaled.jpg"><img alt="Sehr viele grün gebundene Bände in einem Archivregal " decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Ein Blick ins Archiv des Instituts für Zeitgeschichte. Foto: Institut für Zeitgeschichte/AMK</figcaption></figure> <p>Normalerweise zeichnen sich Archive dadurch aus, dass sie dem sogenannten Provenienzprinzip folgen. Das bedeutet: Sie ordnen ihre Bestände nach der Herkunft, nach dem Bestandsbildner. Oft ist das die jeweilige Behörde, von der die Akten direkt übernommen werden. So bleibt der organisatorische Zusammenhang der Dokumente erhalten.</p> <p>In der Rechtsextremismusforschung haben wir es aber in aller Regel mit Sammlungen zu tun, die durch Dritte angelegt worden sind, vor allem durch Beobachter*innen der rechtsextremen Szene in Wissenschaft oder Zivilgesellschaft. Gerade bei Organisationen, die sich am Rande der rechtsextremen Szene bewegten, besonders klein waren, im Geheimen agierten oder sehr spezielle Ausrichtungen hatten – wie die „Gemeinschaft Deutscher Osten” – kann es passieren, dass die organisatorischen Zusammenhänge bei der Bildung der Sammlungen unbekannt waren. Deshalb landen Schriftstücke unterschiedlicher Gruppen manchmal in einem Bestand.</p> <p>Für die „Reichsbürger”-Szene ist das besonders häufig der Fall. Die Szene war und ist durch viele Kleingruppen gekennzeichnet, die ihre Namen ständig wechselten und selbst oft nicht konsistent nutzten. Hinzu kommt, dass unterschiedliche Organisationen ähnliche oder gleiche Namen für sich reklamierten.</p> <h3 id="h-zwei-organisationen-ein-name-ein-entscheidender-unterschied"><strong>Zwei Organisationen, ein Name – ein entscheidender Unterschied</strong></h3> <p>Das trifft auch auf die „Gemeinschaft Deutscher Osten” zu. Es gab nämlich zwei verschiedene Organisationen mit diesem Namen:</p> <p><strong>Die GDO in Augsburg</strong> gab die eingangs zitierte Erklärung heraus. Diese Gruppe bezeichnete sich (laut Selbstaussage) als „öffentlichrechtliche Körperschaft ostdeutschen Verfassungsrechtes” – also als selbsternannte staatliche Institution der „Vereinigten Länder des Deutschen Ostens“, die sich als vierter deutscher Nachkriegsstaat verstanden.</p> <p><strong>Die GDO in Nienburg an der Weser</strong> hingegen war ein eingetragener Verein nach bundesdeutschem Vereinsrecht. Sie war sogar als gemeinnützig anerkannt und damit steuerbegünstigt. Aus dieser Organisation ging unter anderem der „Freistaat Preußen” durch den Holocaustleugner Rigolf Hennig in den 1990er Jahren hervor.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-scaled.jpg"><img alt="Revisionistische schwarz-weiß-rote Fahne mit dem Schriftzug &quot;Heimathtreu seit 1871, RuStAG 1913&quot;, dahinter der Umriss des Deutschen Kaiserreichs samt Reichsadler." decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Bis heute ist der Gebietsrevisionismus ein Kennzeichen der “Reichsbürger”-Szene – hier auf einer Demonstration im Sommer 2024. Foto: Fachinformationsstelle Rechtsextremismus München.</figcaption></figure> <p>Für die Analyse der revisionistischen und souveränistischen Ideologien (also der Vorstellung, das Deutsche Reich bestehe fort und die Bundesrepublik sei illegitim) mag dieser Unterschied unerheblich erscheinen. Er ist jedoch zentral, wenn es darum geht zu verstehen, wie die frühen „Reichsbürger”-Organisationen mit anderen rechten Gruppierungen verflochten waren und staatliche sowie öffentliche Ressourcen – wie die Anerkennung als gemeinnütziger Verein – für ihre Zwecke zu nutzen wussten.</p> <p>Wenn man diese unterschiedlichen Organisationen auseinanderhält, fällt auch auf, dass die eine einen „Rundbrief” herausgab, während die andere ein „Rundschreiben” publizierte. Mögliche Bestandslücken in den Archiven werden aber nur sichtbar, wenn man weiß, dass es sich dabei um zwei verschiedene regelmäßig erscheinende Publikationen handelte.</p> <h3 id="h-kooperation-mit-archiven-wissen-fur-die-zukunft-sichern"><strong>Kooperation mit Archiven – Wissen für die Zukunft sichern</strong></h3> <p>Als Forschungsverbund kooperieren wir daher eng mit den Verantwortlichen in den Archiven. Nur wenn ich meine Forschungserkenntnisse an die Sammlungsverantwortlichen zurückspiele, können diese in den Bestandsbeschreibungen vermerkt werden. So wird sichergestellt, dass die Geschichte dieser Organisationen auch zukünftig in die Analyse ihrer Schriftstücke einbezogen werden kann.</p> <p>Diese archivalische Detektivarbeit mag kleinteilig erscheinen, ist aber unverzichtbar für das Verständnis der „Reichsbürger”-Bewegung. Denn nur wenn wir die organisatorischen Strukturen, Netzwerke und Kontinuitäten seit den 1980er Jahren rekonstruieren, können wir verstehen, dass die „Reichsbürger“ seit 1945 ein Teil der extremen Rechten waren. Die Organisationen, die sich „Gemeinschaft Deutscher Osten“ nannten, sind ein wichtiges Puzzleteil für diese Geschichte, die Verschränkung von Staatssimulationen, Delegitimierung der bundesrepublikanischen Staatlichkeit und den Gebietsrevisionismus mancher Organisationen aus dem diffusen Milieu der „Heimatvertriebenen“ sichtbar machen.</p> <hr></hr> <p><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Vereinigte Länder des Deutschen Ostens (VLDO): Bekanntmachung und Entschließung, in: Recht und Wahrheit 1992, H. 9+10, S. 36.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Collage.jpg" /><h1>Das „Deutsche Reich" im „Deutschen Osten“ » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Teilprojekt 2 - Reichsbürger in Bayern</h2><div itemprop="text"> <h2 id="h-archivarbeit-auf-den-spuren-souveranistischer-gruppen-der-1980er-jahre"><strong>Archivarbeit auf den Spuren souveränistischer Gruppen der 1980er-Jahre</strong></h2> <p>Das Teilprojekt 2 im Forschungsverbund <a href="http://www.forgerex.de">ForGeRex</a> erforscht die Vorgeschichte der „Reichsbürger“-Bewegung, die erst seit etwa zehn Jahren breite öffentliche Aufmerksamkeit erlangt hat. Die praktische Forschungsarbeit bestand zu Beginn vor allem darin, den unterschiedlichsten, oft vagen Spuren zu folgen, um Akteur*innen, Publikationen und Netzwerke zu finden, die als historische Vorläufer der heutigen Szene gelten können. Diese Spurensuche war oft langwierig und wenig ergiebig – aber es gab auch glückliche Zufälle.</p> <p>Bei der Auswertung der rechtsextremen Zeitschrift „Recht und Wahrheit” aus den 1990er Jahren stieß ich auf Anzeigen einer mir bis dato unbekannten Organisation: der „Gemeinschaft Deutscher Osten” (GDO). Im Namen der „Vereinigten Länder des Deutschen Ostens” gab sie 1992 eine Erklärung ab, in der sie die Nichtigkeit internationaler Verträge behauptete und auf die „Rückgabe von Westpreußen, Posen und Ostoberschlesien, ferner aller seit 1945 völkerrechtswidrig durch fremde Staaten verwalteten ostdeutschen Reichsgebiete einschließlich Sudetenland” sowie die Wiedereinsetzung der Organe des Deutschen Reiches pochte. Unterzeichnet war die Anzeige von mehreren Personen, die sich gewaltige Titel gegeben hatten: „Präsident” der „Nationalversammlung des Deutschen Ostens”, „Staatskanzler”, „Sonderbotschafter für außereuropäische Angelegenheiten” und so weiter.<a href="#_ftn1" id="_ftnref1">[1]</a></p> <p>Der Fund war ein Glücksfall. Hieß es nicht immer, die Staatssimulation und die Vergabe vermeintlicher Ämter und Titel sei eine Erfindung der „Kommissarischen Reichsregierung“ von Wolfgang Ebel, dem „ersten Reichsbürger” aus Berlin? Hier nun fanden sich Hinweise darauf, dass die Staatssimulation „Vereinigte Länder des Deutschen Ostens” bereits in die frühen 1980er Jahre zurückreichte – denn die „Erklärung” war „[a]nläßlich des Zehnjahres-Bestandes des unabhängigen, volks- und reichstreuen deutschen Nachkriegsstaates” herausgegeben worden. Später stellte sich heraus, dass die Gründung der „Vereinigten Länder“ 1981 stattfand, die Wurzeln aber bis 1969 zurückreichten.</p> <h3 id="h-spurensuche-in-zeitgeschichtlichen-sammlungen"><strong>Spurensuche in zeitgeschichtlichen Sammlungen</strong></h3> <p>Dieser Quellenfund war der Auftakt für eine intensive Suche nach weiterer Überlieferung dieser Organisation. Wie bei anderen „Reichsbürger”-Gruppierungen gibt es keinen geschlossenen Archivbestand, auf den wir Zeithistoriker*innen sonst gerne zurückgreifen. Auch existiert praktisch keine Forschungsliteratur zu dieser Gruppe.</p> <p>Fündig wurde ich in zwei Archiven: In der zeitgeschichtlichen Sammlung des <a href="https://www.ifz-muenchen.de/das-archiv">Archivs des Instituts für Zeitgeschichte</a> fanden sich einige verstreute Flugblätter und Rundschreiben. Eine größere Sammlung entdeckte ich im <a href="https://www.apabiz.de/">apabiz</a> (Antifaschistisches Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin e.V.). Dort liegen Rundbriefe der „Gemeinschaft Deutscher Osten”, aber auch – in den Beständen des Archivs des Zentralinstituts für Sozialwissenschaftliche Forschung der FU Berlin (ZISOWIFO) – zahlreiche Flugblätter und Einzelveröffentlichungen.<aside></aside></p> <p>Diese Materialien sind für das Projekt von unschätzbarem Wert. Sie zeigen, dass die Staatssimulationen der 1980er und 1990er Jahre, auf die ich in „Recht und Wahrheit” gestoßen war, eine längere Vorgeschichte hatten und in der Zeit um die Wiedervereinigung ganz neue Dynamiken entwickelten. Die GDO ist daher ein wichtiger Gegenstand des Projekts, eine Teilstudie dazu ist gerade in Arbeit.</p> <h3 id="h-die-herausforderung-sammlungen-statt-bestande"><strong>Die Herausforderung: Sammlungen statt Bestände</strong></h3> <p>Die Rekonstruktion aus diesen und im Verlauf der Recherche weiteren erschlossenen Quellenbeständen hat allerdings gezeigt, dass die zeithistorischen Sammlungen die vielfältigen organisatorischen Entwicklungen dieser Gruppe – oder besser: dieser Gruppen – nicht vollständig abbilden können.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-scaled.jpg"><img alt="Sehr viele grün gebundene Bände in einem Archivregal " decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Ein Blick ins Archiv des Instituts für Zeitgeschichte. Foto: Institut für Zeitgeschichte/AMK</figcaption></figure> <p>Normalerweise zeichnen sich Archive dadurch aus, dass sie dem sogenannten Provenienzprinzip folgen. Das bedeutet: Sie ordnen ihre Bestände nach der Herkunft, nach dem Bestandsbildner. Oft ist das die jeweilige Behörde, von der die Akten direkt übernommen werden. So bleibt der organisatorische Zusammenhang der Dokumente erhalten.</p> <p>In der Rechtsextremismusforschung haben wir es aber in aller Regel mit Sammlungen zu tun, die durch Dritte angelegt worden sind, vor allem durch Beobachter*innen der rechtsextremen Szene in Wissenschaft oder Zivilgesellschaft. Gerade bei Organisationen, die sich am Rande der rechtsextremen Szene bewegten, besonders klein waren, im Geheimen agierten oder sehr spezielle Ausrichtungen hatten – wie die „Gemeinschaft Deutscher Osten” – kann es passieren, dass die organisatorischen Zusammenhänge bei der Bildung der Sammlungen unbekannt waren. Deshalb landen Schriftstücke unterschiedlicher Gruppen manchmal in einem Bestand.</p> <p>Für die „Reichsbürger”-Szene ist das besonders häufig der Fall. Die Szene war und ist durch viele Kleingruppen gekennzeichnet, die ihre Namen ständig wechselten und selbst oft nicht konsistent nutzten. Hinzu kommt, dass unterschiedliche Organisationen ähnliche oder gleiche Namen für sich reklamierten.</p> <h3 id="h-zwei-organisationen-ein-name-ein-entscheidender-unterschied"><strong>Zwei Organisationen, ein Name – ein entscheidender Unterschied</strong></h3> <p>Das trifft auch auf die „Gemeinschaft Deutscher Osten” zu. Es gab nämlich zwei verschiedene Organisationen mit diesem Namen:</p> <p><strong>Die GDO in Augsburg</strong> gab die eingangs zitierte Erklärung heraus. Diese Gruppe bezeichnete sich (laut Selbstaussage) als „öffentlichrechtliche Körperschaft ostdeutschen Verfassungsrechtes” – also als selbsternannte staatliche Institution der „Vereinigten Länder des Deutschen Ostens“, die sich als vierter deutscher Nachkriegsstaat verstanden.</p> <p><strong>Die GDO in Nienburg an der Weser</strong> hingegen war ein eingetragener Verein nach bundesdeutschem Vereinsrecht. Sie war sogar als gemeinnützig anerkannt und damit steuerbegünstigt. Aus dieser Organisation ging unter anderem der „Freistaat Preußen” durch den Holocaustleugner Rigolf Hennig in den 1990er Jahren hervor.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-scaled.jpg"><img alt="Revisionistische schwarz-weiß-rote Fahne mit dem Schriftzug &quot;Heimathtreu seit 1871, RuStAG 1913&quot;, dahinter der Umriss des Deutschen Kaiserreichs samt Reichsadler." decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Bis heute ist der Gebietsrevisionismus ein Kennzeichen der “Reichsbürger”-Szene – hier auf einer Demonstration im Sommer 2024. Foto: Fachinformationsstelle Rechtsextremismus München.</figcaption></figure> <p>Für die Analyse der revisionistischen und souveränistischen Ideologien (also der Vorstellung, das Deutsche Reich bestehe fort und die Bundesrepublik sei illegitim) mag dieser Unterschied unerheblich erscheinen. Er ist jedoch zentral, wenn es darum geht zu verstehen, wie die frühen „Reichsbürger”-Organisationen mit anderen rechten Gruppierungen verflochten waren und staatliche sowie öffentliche Ressourcen – wie die Anerkennung als gemeinnütziger Verein – für ihre Zwecke zu nutzen wussten.</p> <p>Wenn man diese unterschiedlichen Organisationen auseinanderhält, fällt auch auf, dass die eine einen „Rundbrief” herausgab, während die andere ein „Rundschreiben” publizierte. Mögliche Bestandslücken in den Archiven werden aber nur sichtbar, wenn man weiß, dass es sich dabei um zwei verschiedene regelmäßig erscheinende Publikationen handelte.</p> <h3 id="h-kooperation-mit-archiven-wissen-fur-die-zukunft-sichern"><strong>Kooperation mit Archiven – Wissen für die Zukunft sichern</strong></h3> <p>Als Forschungsverbund kooperieren wir daher eng mit den Verantwortlichen in den Archiven. Nur wenn ich meine Forschungserkenntnisse an die Sammlungsverantwortlichen zurückspiele, können diese in den Bestandsbeschreibungen vermerkt werden. So wird sichergestellt, dass die Geschichte dieser Organisationen auch zukünftig in die Analyse ihrer Schriftstücke einbezogen werden kann.</p> <p>Diese archivalische Detektivarbeit mag kleinteilig erscheinen, ist aber unverzichtbar für das Verständnis der „Reichsbürger”-Bewegung. Denn nur wenn wir die organisatorischen Strukturen, Netzwerke und Kontinuitäten seit den 1980er Jahren rekonstruieren, können wir verstehen, dass die „Reichsbürger“ seit 1945 ein Teil der extremen Rechten waren. Die Organisationen, die sich „Gemeinschaft Deutscher Osten“ nannten, sind ein wichtiges Puzzleteil für diese Geschichte, die Verschränkung von Staatssimulationen, Delegitimierung der bundesrepublikanischen Staatlichkeit und den Gebietsrevisionismus mancher Organisationen aus dem diffusen Milieu der „Heimatvertriebenen“ sichtbar machen.</p> <hr></hr> <p><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Vereinigte Länder des Deutschen Ostens (VLDO): Bekanntmachung und Entschließung, in: Recht und Wahrheit 1992, H. 9+10, S. 36.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/das-deutsche-reich-im-deutschen-osten/#comments 6 The Internet Chronicles – Part 7 of 12: The Tree the Internet Grows on https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-7-of-12-the-tree-the-internet-grows-on/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-7-of-12-the-tree-the-internet-grows-on/#respond Wed, 21 Jan 2026 13:00:00 +0000 Andrei Mihai https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14071 <h1>The Internet Chronicles – Part 7 of 12: The Tree the Internet Grows on - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>Previously, we watched Tim Berners-Lee knit the world together with the Web, giving us pages to browse and links to click. But a web of information is useless if the physical network carrying it collapses under its own weight. In the early days of the internet, this was a very real problem.</p> <p>The primary challenge was connectivity, but the next one was stability. As networks grew from a few dozen nodes in a single laboratory to thousands of nodes across a campus or city, the statistical probability of configuration errors, link failures, and topology loops approached certainty. Early networks were fragile; a single misconnected cable could create a feedback loop that would saturate the bandwidth of the entire system, bringing all communication to a halt (a phenomenon known as a broadcast storm).</p> <p>Hardware engineers struggled to fix this. They needed a way to build big, redundant networks that wouldn’t self-destruct. They needed a logic that could be scaled. Enter Radia Perlman, the mathematician who put the internet on a tree.</p> <div> <figure><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Radia_Perlman_2009.jpg"><img alt="a woman smiling with a book in her hands" decoding="async" src="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Radia_Perlman_2009-683x1024.jpg"></img></a><figcaption>Perlman in 2009. Image via Wikipedia (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Radia_Perlman#/media/File:Radia_Perlman_2009.jpg">CC BY 3.0</a>)</figcaption></figure></div> <h3 id="h-the-reluctant-engineer">The Reluctant Engineer </h3> <p>Radia Perlman <a href="https://www.captechu.edu/blog/dr-radia-perlman-one-of-first-female-programmers-and-inventor-internets-protocols" rel="noreferrer noopener" target="_blank">did well in school</a> and liked math and physics, but she did not originally intend to be a network engineer. In fact, growing up in New Jersey in the 1950s, she found the “gadget-obsessed” culture of early computing a bit weird. Computer people liked to take things apart and tinker. Perlman liked puzzles and mathematics more.</p> <p>“I was not a hands-on type person. It never occurred to me to take anything apart. I assumed I’d either get electrocuted, or I’d break something,” <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Radia_Perlman" rel="noreferrer noopener" target="_blank">she recalled</a>, but she did take a programming class in high-school (where she was <a href="https://alum.mit.edu/slice/does-internet-have-mother" rel="noreferrer noopener" target="_blank">the only woman</a>). Yet, as a graduate of MIT, she continued to engage with computers. She developed a child-friendly version of the educational robotics language LOGO, called TORTIS (“Toddler’s Own Recursive Turtle Interpreter System”), becoming a pioneer in teaching children computer science.<aside></aside></p> <p>Working with three-year-olds taught Perlman a lesson that would define the modern internet: Systems must be “child-proof.” Toddlers are agents of chaos. They push buttons simultaneously; they hit things repeatedly; they do the unexpected. Internet users are not that different in some regards. A good system has to handle “garbage” input without crashing. She also observed that children learned best with minimal human interference, and tried to apply this principle to the network.</p> <p>She believed that network switches should be “plug and play” – so robust that you could connect them in any messy configuration and they would just work, without a human having to type a single command.</p> <p>But this was, of course, easier said than done.</p> <h3 id="a-poem-for-the-network">A Poem for the Network</h3> <p>After graduating, Perlman worked in local network equipment and, in 1980, made an impression on a manager for Digital Equipment Corporation, one of the leading players in computer technology at the time. She joined the firm, but her approach was still mathematical. A network was a mathematical graph, a collection of nodes and edges that needed to obey strict logical rules. The cables and everything else were secondary.</p> <p>Management gave Perlman a tough assignment: Design a protocol that allows bridges (early switches) to automatically discover the network topology and block loops, all while running within constant memory limits. It was a complex problem and she was not the first one to try to tackle it.</p> <p>Perlman solved it in a week. Some “urban legends” that we could not verify claim she figured out the core concept in a single evening. However fast it was, the solution was the Spanning Tree Protocol (STP). </p> <p>STP’s core approach was pure graph theory. Perlman thought that no matter how messy the physical network was, it should not look like a spiderweb of redundant cables, but rather as a tree that has a root and branches, but no loops.</p> <div> <figure><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Spanning_tree_protocol_at_work_5.svg.png"><img alt="schematic showing spanning tree protocol" decoding="async" src="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Spanning_tree_protocol_at_work_5.svg-1024x1024.png"></img></a><figcaption>Bridges with Spanning Tree Protocol implementation in a local area network (LAN). One bridge is the STP root bridge. All bridge ports that connect a link between two bridges are either a root port (RP), a designated port (DP), or a blocked port (BP). Image via Wikipedia (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Spanning_Tree_Protocol#/media/File:Spanning_tree_protocol_at_work_5.svg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY 3.0</a>)</figcaption></figure></div> <p>The first stage is a bit like an election. Every switch claims to be the “Root.” They shout this claim to their neighbors and start verifying their level. If a switch hears a neighbor with a lower ID number, it admits defeat and acknowledges the neighbor as the superior path. Eventually, everyone agrees on one Root Bridge. They then calculate the shortest path to that root. </p> <p>Each bridge identifies which of its ports offers the “least cost” path to the Root. Cost is typically based on link speed (e.g., a 10Mbps link has a lower cost than a 1Mbps link). On every individual network segment (the wire connecting two bridges), there can be only one bridge responsible for forwarding traffic to and from that segment.</p> <p>The key detail was that any connection not part of this shortest path was put into a “Blocking State”. It simply sits silent, acting as a backup. If the main cable is cut (or chewed by a rat), the silent port wakes up and restores the connection.</p> <p>It was a deterministic and self-stabilizing approach, exactly what was recommended for the scaling of the internet.</p> <div> <figure><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Spanning_tree_protocol_at_work_6.svg.png"><img alt="schematic showing how spanning tree protocol deals with failures" decoding="async" src="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Spanning_tree_protocol_at_work_6.svg-1024x1024.png"></img></a><figcaption>After link failure the spanning tree algorithm computes and spans a new least-cost tree.</figcaption></figure></div> <p>Networks (especially large-scale networks) are challenging to conceptualize. Drawing from her pedagogical experience, Perlman also wrote (in addition to technical specifications) a poem, the “<a href="https://courses.cs.washington.edu/courses/cse461/14sp/lectures/spanningtreepoem.txt" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Algorhyme</a>,” which she embedded in the code’s header. In twelve lines, she encapsulated the entire logic of the algorithm.</p> <p><em>I think that I shall never see </em><p><em>A graph more lovely than a tree. </em><em>A tree whose crucial property </em><em>Is loop-free connectivity. </em><em>A tree that must be sure to span </em><em>So packets can reach every LAN. </em><em>First, the root must be selected. </em><em>By ID, it is elected. </em><em>Least-cost paths from root are traced. </em><em>In the tree, these paths are placed. </em><em>A mesh is made by folks like me, </em><em>Then bridges find a spanning tree. </em></p></p> <h3 id="beyond-the-tree">Beyond the Tree</h3> <p>This protocol essentially defined the scaling of the internet for almost two decades. It was only in 2001 that the <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/IEEE" rel="noreferrer noopener" target="_blank">IEEE</a> introduced Rapid Spanning Tree Protocol (RSTP) as 802.1w to replace the original STP. RSTP was designed to be backwards-compatible with standard STP and was substantially faster.</p> <p>But in the meantime, Perlman continued to bring key innovations for the internet and networks in general.</p> <p>The STP works at the so-called “Layer 2” of networking. It handles data transfers between devices on the same physical network (like your home Wi-Fi or an office LAN). It uses MAC addresses (burned into the hardware) to identify devices and the key hardware here is the switch (historically called a bridge). The superior “Layer 3” handles routing, which is moving data between different networks (internetworking) to reach a final destination. It uses IP addresses (like logical coordinates) and the key hardware is the router.</p> <p>In the 1980s, the dominant routing protocol was RIP (Routing Information Protocol), which used a “distance vector” algorithm (based on the <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Bellman%E2%80%93Ford_algorithm" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Bellman-Ford algorithm</a>). This protocol suffered from slow convergence and the “count to infinity” problem (where bad information loops between routers).</p> <p>Perlman championed a different approach called link-state routing. In this model, every router builds a complete, identical map of the entire network. She was the principal designer of the IS-IS protocol, which introduced a game-changing concept: TLV (Type-Length-Value) encoding.</p> <p>Before this, data packets were rigid. If you wanted to add a new feature, you had to redesign the whole packet. Perlman made them flexible. The “Type” told the router what the data was, the “Length” told it how long it was, and the “Value” was the data itself. If a router saw a “Type” it didn’t understand, it could just skip over that “Length” and keep reading.</p> <p>This approach is still used today as the backbone for <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Internet_backbone" rel="noreferrer noopener" target="_blank">major Internet Service Providers</a>. When the world needed to <a href="https://ui.adsabs.harvard.edu/abs/2014arXiv1410.2013A/abstract" rel="noreferrer noopener" target="_blank">switch from IPv4 to IPv6</a> (core internet protocols used for identifying and locating devices on a network), IS-IS adapted easily because of Perlman’s extensible design, while other protocols like OSPF (which she also influenced) had to be rewritten.</p> <h3 id="the-internet-as-a-lasagna">The Internet as a Lasagna</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram.png"><img alt="a graph depicting the structure of the internet with multiple types of devices." decoding="async" fetchpriority="high" height="671" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram-1024x671.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram-1024x671.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram-300x197.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram-768x503.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram.png 1300w" width="1024"></img></a><figcaption>Nowadays, the internet must connect multiple types of devices. But the main structure Perlman proposed is still in use. Image credits: Wikipedia (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Home_LAN_local_area_network_example_diagram.png" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY 3.0</a>)</figcaption></figure></div> <p>In an <a href="https://www.reddit.com/r/IAmA/comments/xl6cc4/i_am_radia_perlman_the_network_engineer_behind/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Ask Me Anything (AMA) on Reddit</a> from 2022, Perlman shared some of her insights and impressions about her work, her life, and the internet. When prompted by the classic “lasagna question” (if you stack two lasagnas on top of each other, do they become one lasagna), she explained why the term “internet” is actually a really unfortunate one.</p> <p>“I’ve always hated the term “Internet” … to me, if you have two networks, and connect them, you don’t get an “Internet” … you get a bigger network. So I’d say that two lasagnas stacked on top of each other are just a taller lasagna. Unless it overflows your pan, in which case you get a lasagna and a messy oven.”</p> <p>In the same AMA, Perlman goes on to give several nuggets of wisdom, including one that may be useful for Young Researchers attending the Heidelberg Laureate Forum (HLF) as well:</p> <p>“Self-confidence is important, but it’s hard to force that on yourself. Perhaps find people that you feel comfortable asking questions of. I’m glad I had a math background (rather than majoring in CS), because math makes you think cleanly. CS has a lot of meaningless buzzwords, which drive me crazy.</p> <p>“But again … what are you really good and passionate about? Find a way to leverage those skills in a networking career. The more different you are from the majority of other people in the skills, the more valuable you will be.”</p> <p>Perlman went on to hold over 200 patents and influence other key protocols and algorithms. In recent times, she has turned a critical eye on blockchain and the alleged promise it holds. But in the early days of the STP, the internet was finally ready to truly take off. There was only one major problem: How do you keep it safe? This is where two familiar HLF faces (Martin Hellman and Whitfield Diffie) will come in.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>The Internet Chronicles – Part 7 of 12: The Tree the Internet Grows on - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>Previously, we watched Tim Berners-Lee knit the world together with the Web, giving us pages to browse and links to click. But a web of information is useless if the physical network carrying it collapses under its own weight. In the early days of the internet, this was a very real problem.</p> <p>The primary challenge was connectivity, but the next one was stability. As networks grew from a few dozen nodes in a single laboratory to thousands of nodes across a campus or city, the statistical probability of configuration errors, link failures, and topology loops approached certainty. Early networks were fragile; a single misconnected cable could create a feedback loop that would saturate the bandwidth of the entire system, bringing all communication to a halt (a phenomenon known as a broadcast storm).</p> <p>Hardware engineers struggled to fix this. They needed a way to build big, redundant networks that wouldn’t self-destruct. They needed a logic that could be scaled. Enter Radia Perlman, the mathematician who put the internet on a tree.</p> <div> <figure><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Radia_Perlman_2009.jpg"><img alt="a woman smiling with a book in her hands" decoding="async" src="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Radia_Perlman_2009-683x1024.jpg"></img></a><figcaption>Perlman in 2009. Image via Wikipedia (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Radia_Perlman#/media/File:Radia_Perlman_2009.jpg">CC BY 3.0</a>)</figcaption></figure></div> <h3 id="h-the-reluctant-engineer">The Reluctant Engineer </h3> <p>Radia Perlman <a href="https://www.captechu.edu/blog/dr-radia-perlman-one-of-first-female-programmers-and-inventor-internets-protocols" rel="noreferrer noopener" target="_blank">did well in school</a> and liked math and physics, but she did not originally intend to be a network engineer. In fact, growing up in New Jersey in the 1950s, she found the “gadget-obsessed” culture of early computing a bit weird. Computer people liked to take things apart and tinker. Perlman liked puzzles and mathematics more.</p> <p>“I was not a hands-on type person. It never occurred to me to take anything apart. I assumed I’d either get electrocuted, or I’d break something,” <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Radia_Perlman" rel="noreferrer noopener" target="_blank">she recalled</a>, but she did take a programming class in high-school (where she was <a href="https://alum.mit.edu/slice/does-internet-have-mother" rel="noreferrer noopener" target="_blank">the only woman</a>). Yet, as a graduate of MIT, she continued to engage with computers. She developed a child-friendly version of the educational robotics language LOGO, called TORTIS (“Toddler’s Own Recursive Turtle Interpreter System”), becoming a pioneer in teaching children computer science.<aside></aside></p> <p>Working with three-year-olds taught Perlman a lesson that would define the modern internet: Systems must be “child-proof.” Toddlers are agents of chaos. They push buttons simultaneously; they hit things repeatedly; they do the unexpected. Internet users are not that different in some regards. A good system has to handle “garbage” input without crashing. She also observed that children learned best with minimal human interference, and tried to apply this principle to the network.</p> <p>She believed that network switches should be “plug and play” – so robust that you could connect them in any messy configuration and they would just work, without a human having to type a single command.</p> <p>But this was, of course, easier said than done.</p> <h3 id="a-poem-for-the-network">A Poem for the Network</h3> <p>After graduating, Perlman worked in local network equipment and, in 1980, made an impression on a manager for Digital Equipment Corporation, one of the leading players in computer technology at the time. She joined the firm, but her approach was still mathematical. A network was a mathematical graph, a collection of nodes and edges that needed to obey strict logical rules. The cables and everything else were secondary.</p> <p>Management gave Perlman a tough assignment: Design a protocol that allows bridges (early switches) to automatically discover the network topology and block loops, all while running within constant memory limits. It was a complex problem and she was not the first one to try to tackle it.</p> <p>Perlman solved it in a week. Some “urban legends” that we could not verify claim she figured out the core concept in a single evening. However fast it was, the solution was the Spanning Tree Protocol (STP). </p> <p>STP’s core approach was pure graph theory. Perlman thought that no matter how messy the physical network was, it should not look like a spiderweb of redundant cables, but rather as a tree that has a root and branches, but no loops.</p> <div> <figure><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Spanning_tree_protocol_at_work_5.svg.png"><img alt="schematic showing spanning tree protocol" decoding="async" src="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Spanning_tree_protocol_at_work_5.svg-1024x1024.png"></img></a><figcaption>Bridges with Spanning Tree Protocol implementation in a local area network (LAN). One bridge is the STP root bridge. All bridge ports that connect a link between two bridges are either a root port (RP), a designated port (DP), or a blocked port (BP). Image via Wikipedia (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Spanning_Tree_Protocol#/media/File:Spanning_tree_protocol_at_work_5.svg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY 3.0</a>)</figcaption></figure></div> <p>The first stage is a bit like an election. Every switch claims to be the “Root.” They shout this claim to their neighbors and start verifying their level. If a switch hears a neighbor with a lower ID number, it admits defeat and acknowledges the neighbor as the superior path. Eventually, everyone agrees on one Root Bridge. They then calculate the shortest path to that root. </p> <p>Each bridge identifies which of its ports offers the “least cost” path to the Root. Cost is typically based on link speed (e.g., a 10Mbps link has a lower cost than a 1Mbps link). On every individual network segment (the wire connecting two bridges), there can be only one bridge responsible for forwarding traffic to and from that segment.</p> <p>The key detail was that any connection not part of this shortest path was put into a “Blocking State”. It simply sits silent, acting as a backup. If the main cable is cut (or chewed by a rat), the silent port wakes up and restores the connection.</p> <p>It was a deterministic and self-stabilizing approach, exactly what was recommended for the scaling of the internet.</p> <div> <figure><a href="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Spanning_tree_protocol_at_work_6.svg.png"><img alt="schematic showing how spanning tree protocol deals with failures" decoding="async" src="https://www.zmescience.com/wp-content/uploads/2025/12/Spanning_tree_protocol_at_work_6.svg-1024x1024.png"></img></a><figcaption>After link failure the spanning tree algorithm computes and spans a new least-cost tree.</figcaption></figure></div> <p>Networks (especially large-scale networks) are challenging to conceptualize. Drawing from her pedagogical experience, Perlman also wrote (in addition to technical specifications) a poem, the “<a href="https://courses.cs.washington.edu/courses/cse461/14sp/lectures/spanningtreepoem.txt" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Algorhyme</a>,” which she embedded in the code’s header. In twelve lines, she encapsulated the entire logic of the algorithm.</p> <p><em>I think that I shall never see </em><p><em>A graph more lovely than a tree. </em><em>A tree whose crucial property </em><em>Is loop-free connectivity. </em><em>A tree that must be sure to span </em><em>So packets can reach every LAN. </em><em>First, the root must be selected. </em><em>By ID, it is elected. </em><em>Least-cost paths from root are traced. </em><em>In the tree, these paths are placed. </em><em>A mesh is made by folks like me, </em><em>Then bridges find a spanning tree. </em></p></p> <h3 id="beyond-the-tree">Beyond the Tree</h3> <p>This protocol essentially defined the scaling of the internet for almost two decades. It was only in 2001 that the <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/IEEE" rel="noreferrer noopener" target="_blank">IEEE</a> introduced Rapid Spanning Tree Protocol (RSTP) as 802.1w to replace the original STP. RSTP was designed to be backwards-compatible with standard STP and was substantially faster.</p> <p>But in the meantime, Perlman continued to bring key innovations for the internet and networks in general.</p> <p>The STP works at the so-called “Layer 2” of networking. It handles data transfers between devices on the same physical network (like your home Wi-Fi or an office LAN). It uses MAC addresses (burned into the hardware) to identify devices and the key hardware here is the switch (historically called a bridge). The superior “Layer 3” handles routing, which is moving data between different networks (internetworking) to reach a final destination. It uses IP addresses (like logical coordinates) and the key hardware is the router.</p> <p>In the 1980s, the dominant routing protocol was RIP (Routing Information Protocol), which used a “distance vector” algorithm (based on the <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Bellman%E2%80%93Ford_algorithm" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Bellman-Ford algorithm</a>). This protocol suffered from slow convergence and the “count to infinity” problem (where bad information loops between routers).</p> <p>Perlman championed a different approach called link-state routing. In this model, every router builds a complete, identical map of the entire network. She was the principal designer of the IS-IS protocol, which introduced a game-changing concept: TLV (Type-Length-Value) encoding.</p> <p>Before this, data packets were rigid. If you wanted to add a new feature, you had to redesign the whole packet. Perlman made them flexible. The “Type” told the router what the data was, the “Length” told it how long it was, and the “Value” was the data itself. If a router saw a “Type” it didn’t understand, it could just skip over that “Length” and keep reading.</p> <p>This approach is still used today as the backbone for <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Internet_backbone" rel="noreferrer noopener" target="_blank">major Internet Service Providers</a>. When the world needed to <a href="https://ui.adsabs.harvard.edu/abs/2014arXiv1410.2013A/abstract" rel="noreferrer noopener" target="_blank">switch from IPv4 to IPv6</a> (core internet protocols used for identifying and locating devices on a network), IS-IS adapted easily because of Perlman’s extensible design, while other protocols like OSPF (which she also influenced) had to be rewritten.</p> <h3 id="the-internet-as-a-lasagna">The Internet as a Lasagna</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram.png"><img alt="a graph depicting the structure of the internet with multiple types of devices." decoding="async" fetchpriority="high" height="671" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram-1024x671.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram-1024x671.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram-300x197.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram-768x503.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Home_LAN_local_area_network_example_diagram.png 1300w" width="1024"></img></a><figcaption>Nowadays, the internet must connect multiple types of devices. But the main structure Perlman proposed is still in use. Image credits: Wikipedia (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Home_LAN_local_area_network_example_diagram.png" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY 3.0</a>)</figcaption></figure></div> <p>In an <a href="https://www.reddit.com/r/IAmA/comments/xl6cc4/i_am_radia_perlman_the_network_engineer_behind/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Ask Me Anything (AMA) on Reddit</a> from 2022, Perlman shared some of her insights and impressions about her work, her life, and the internet. When prompted by the classic “lasagna question” (if you stack two lasagnas on top of each other, do they become one lasagna), she explained why the term “internet” is actually a really unfortunate one.</p> <p>“I’ve always hated the term “Internet” … to me, if you have two networks, and connect them, you don’t get an “Internet” … you get a bigger network. So I’d say that two lasagnas stacked on top of each other are just a taller lasagna. Unless it overflows your pan, in which case you get a lasagna and a messy oven.”</p> <p>In the same AMA, Perlman goes on to give several nuggets of wisdom, including one that may be useful for Young Researchers attending the Heidelberg Laureate Forum (HLF) as well:</p> <p>“Self-confidence is important, but it’s hard to force that on yourself. Perhaps find people that you feel comfortable asking questions of. I’m glad I had a math background (rather than majoring in CS), because math makes you think cleanly. CS has a lot of meaningless buzzwords, which drive me crazy.</p> <p>“But again … what are you really good and passionate about? Find a way to leverage those skills in a networking career. The more different you are from the majority of other people in the skills, the more valuable you will be.”</p> <p>Perlman went on to hold over 200 patents and influence other key protocols and algorithms. In recent times, she has turned a critical eye on blockchain and the alleged promise it holds. But in the early days of the STP, the internet was finally ready to truly take off. There was only one major problem: How do you keep it safe? This is where two familiar HLF faces (Martin Hellman and Whitfield Diffie) will come in.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-7-of-12-the-tree-the-internet-grows-on/#respond 0 Neue Studie: Repräsentativität in der Antidepressiva-Forschung lässt zu wünschen übrig https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neue-studie-repraesentativitaet-in-der-antidepressiva-forschung-laesst-zu-wuenschen-uebrig/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neue-studie-repraesentativitaet-in-der-antidepressiva-forschung-laesst-zu-wuenschen-uebrig/#comments Tue, 20 Jan 2026 12:00:14 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3514 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/medicines-1756239_1920-768x498.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neue-studie-repraesentativitaet-in-der-antidepressiva-forschung-laesst-zu-wuenschen-uebrig/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/medicines-1756239_1920.jpg" /><h1>Neue Studie: Repräsentativität in der Antidepressiva-Forschung lässt zu wünschen übrig » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Obwohl psychische Störungen immer häufiger und intensiver behandelt werden, nimmt deren gesellschaftliche Krankheitslast immer weiter zu. Wie kann das sein?</strong></p> <span id="more-3514"></span> <p>Es wird schon seit längerer Zeit kritisiert, dass die klinische Forschung zu Psychopharmaka nicht repräsentativ genug ist. Zum Beispiel würden aus den Medikamentenstudien Personen mit mehreren Diagnosen ausgeschlossen. Sie seien “zu komplex” und würden die Ergebnisse verzerren.</p> <p>In der Praxis haben die Patientinnen und Patienten aber oft mehrere psychologisch-psychiatrische Störungen, Stichwort “Komorbidität”, oder körperliche Erkrankungen. Die Realität ist eben oft komplexer, als das für die Datenauswertung wünschenswert ist. Eine neue Studie gibt nun Hinweise darauf, wie groß das Problem ist.</p> <p>Zunächst soll aber kurz – auch aus eigener Erfahrung – erklärt werden, warum Komplexität ein Problem für die Forschung ist. Denn dann versteht man besser, warum es gerade in Studien mit finanziellen Interessen ein Bedürfnis nach Einfachheit gibt.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em><aside></aside></p> <hr></hr> <h2 id="h-nicht-zu-viel-variabilitat">Nicht zu viel Variabilität</h2> <p>In der experimentellen Forschung mit Menschen braucht man neben guten Ideen natürlich vor allem eins: viele Versuchspersonen. In meiner Zeit als Doktorand in zwei psychiatrischen Universitätskliniken war es üblich, dass man einander hilft. Da legte man sich für die Tests der anderen zum Beispiel in die Röhre des funktionellen Magnetresonanztomografen (fMRT). Umgekehrt halfen die anderen einem, wenn man selbst einen Versuch entwickelte.</p> <p>Es gibt im Leben aber auch Schöneres, als oft in so einer engen Röhre zu liegen. Wohlgemerkt, während mit elektromagnetischen Feldern das Körpergewebe (hier: des Gehirns) in kleine Scheiben unterteilt wird. Damit misst man die magnetische Resonanz, die dem Verfahren den Namen gibt. Die Geschwindigkeit, mit der das geschehen muss, erzeugt dabei viel Lärm.</p> <p>Anders gesagt: Es wäre nicht ganz unpraktisch, eine sozial akzeptierte Ausrede zu haben, um an solchen Versuchen <em>nicht</em> teilnehmen zu müssen. Und da kam mir meine Veranlagung als Linkshänder zur Hilfe: Wenn ich also gefragt wurde, ob ich wieder an einem Versuch teilnehmen würde, hob ich die linke Hand und sagte: “Natürlich helfe ich dir gerne. Aber du weißt schon, dass ich Linkshänder bin und das deine Varianz erhöht?” Damit war die Sache in 80 Prozent der Fälle erledigt.</p> <p>Bei der Untersuchung von Frauen gab es eine Vorliebe für diejenigen, die hormonell verhüteten, also “die Pille” nahmen. Denn auch mit dem Hormonzyklus gehen Veränderungen in den Messungen einher, die die Variabilität erhöhen.</p> <p>Sogar in der Tierforschung mit Mäusen und Ratten gibt es eine Vorliebe für die Männchen. Diese sind günstiger in der Haltung – und haben nicht die hormonellen Schwankungen der Weibchen. In den letzten Jahren wird diese Einseitigkeit aber immer stärker kritisiert, auch zu Recht.</p> <h2 id="h-reprasentativitat">Repräsentativität</h2> <p>Für Grundlagenforschung und zur Gewinnung neuer Hypothesen mag man solche Vereinfachungen noch akzeptieren. Mich wunderte, dass man in der Öffentlichkeit diesen Mythos verbreitete, mit der fMRT “dem Gehirn beim Denken zuzuschauen”, während tatsächlich schon Linkshänder oder Frauen ohne hormonelle Verhütung eine Gefahr für die Messergebnisse darstellten.</p> <p>Man sucht in der Forschung spezifische Effekte zu seiner Hypothese. Da stören Faktoren wie die Händigkeit oder Hormonschwankungen nur – sofern es im Experiment nicht genau darum geht. Streng genommen müsste man solche individuellen Unterschiede zwischen den Versuchspersonen in das statistische Modell aufnehmen, um unerklärte Variabilität zu vermeiden. Denn diese verschlechtert die Ergebnisse. In der Praxis bevorzugt man aber lieber eine gleichförmige Gruppe von Versuchspersonen.</p> <p>Das führt dann zu der häufigen Kritik, dass in der psychologischen oder experimentell-medizinischen Forschung zu oft die eigenen Studierenden untersucht werden. Daher würden die Ergebnisse nur eine kleine, in diesem Fall auch noch privilegierte Gruppe widerspiegeln, die “WEIRD People” (im Englischen für: westlich, gebildet, industrialisiert, reich und demokratisch). Zum Vergleich: Bei Wahlumfragen wäre es zwar praktisch, einfach bei den Nachbarn zu klingeln. Aber das würde eben keine zuverlässigen Ergebnisse für das ganze Land liefern.</p> <p>Deshalb ist die Frage der Repräsentativität bei klinischer Forschung besonders wichtig. Denn die Therapien werden ja nicht nur “idealen Personen” verordnet. Sowohl in der Ärzteschaft als auch für Patientinnen und Patienten sollten daher zuverlässige und aussagekräftige Daten zur Verfügung stehen. Wir wissen außerdem, dass <em>jede</em> Behandlung mit bestimmten Risiken einhergeht. Diese muss man gegen den zu erwartenden Nutzen abwägen. Und hierfür muss man richtig informiert sein.</p> <h2 id="h-neue-studie">Neue Studie</h2> <p>Um das Problem besser zu verstehen, hat ein internationales Forschungsteam jetzt die Daten von rund 210.000 Personen aus Finnland und Schweden mit einer depressiven Störung ausgewertet. Die Ergebnisse erschienen am 14. Januar <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/wps.70013">vorab online</a> in der wichtigen Fachzeitschrift <em>World Psychiatry</em>.</p> <p>Demnach wurden etwas mehr als ein Drittel der Betroffenen – 33,5 Prozent in der finnischen und 35,3 Prozent in der schwedischen Gruppe – systematisch aus der Antidepressiva-Forschung ausgegrenzt. Die häufigsten Gründe hierfür waren: das Vorliegen einer körperlichen Erkrankung sowie einer anderen psychologisch-psychiatrischen Störung, darunter auch problematischer Drogenkonsum. Wenn man die körperlichen Erkrankungen etwas weiter fasste, verschwanden sogar fast 50 Prozent der Patientinnen und Patienten vom Radar der Forschung.</p> <p>Mitunter wird hierauf erwidert, die Studien würden eben den <em>spezifischen</em> Effekt von Antidepressiva bei Depressionen untersuchen. Um Wechselwirkungen mit anderen Erkrankungen zu vermeiden, müsse man die komplexeren Fälle ausschließen.</p> <p>Diesen Einwand könnte man meiner Meinung nach in einer experimentellen Anfangsphase gelten lassen. Die Medikamente, um die es hier geht, werden aber seit über 40 Jahren verschrieben. Und sogar heute noch steigt die Anzahl der Verschreibungen stetig, auf inzwischen über 1,8 Milliarden Tagesdosen allein in Deutschland.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva.jpg"><img alt="" decoding="async" height="593" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva-1024x593.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva-1024x593.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva-300x174.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva-768x445.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva.jpg 1385w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Im hier dargestellten Zeitraum hat sich die Verschreibung der sogenannten Antidepressiva (schwarze Linie) in Deutschland in etwa verelffacht. Die Verschreibung von Beruhigungsmitteln (graue Linie) nahm währenddessen ab. Heute werden die Antidepressiva – vor allem Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer – nicht nur oft bei depressiven Störungen, sondern auch Angst- und Zwangsstörungen verschrieben. Datenquelle: Arzneiverordnungs-Report</em></p> <h2 id="h-die-schwersten-probleme">Die schwersten Probleme</h2> <p>Der beschriebene Ausschluss hat aber – neben der geringeren Repräsentativität – noch eine andere Folge: Mit den komplexeren Fällen werden nämlich auch die Patientinnen und Patienten <em>mit den schwersten Depressionen</em> aus der Forschung ausgegrenzt. Die hatten laut der Studie nämlich eine zwei- bis dreimal so hohe Wahrscheinlichkeit für eine Krankenhausaufnahme, einen Suizidversuch oder gar den Tod innerhalb der nächsten sechs Monate.</p> <p><em>Haben Sie Suizidgedanken? Zum Beispiel die Telefonseelsorge (0800 111 0 111) oder Nummer gegen Kummer (116 111) können helfen. Im Notfall können Sie auch den Notruf wählen.</em></p> <p>Demnach gibt es gerade für diejenigen, die am meisten auf eine wirksame Therapie angewiesen sind, am wenigsten Daten. Dass die Wirksamkeit der Medikamente in der Praxis eher bescheiden ausfällt, überrascht dann nicht – und wurde in meinem Blog übrigens <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/groesstenteils-nutzlos-und-potenziell-schaedlich/">schon 2018 thematisiert</a>.</p> <h2 id="h-begriff-der-antidepressiva">Begriff der Antidepressiva</h2> <p>In den letzten Jahren wurde der Begriff “Antidepressiva” auch aus pharmakologischer Sicht kritisiert. Die Mittel werden inzwischen nämlich für eine Vielzahl von psychologisch-psychiatrischen Störungen verschrieben. Im Arzneiverordnungs-Report ist sogar von einer “dramatischen Erweiterung” die Rede:</p> <blockquote> <p>“Ursprünglich wurden diese Arzneistoffe zur Therapie der Depression eingesetzt. In den letzten Jahren hat sich jedoch eine dramatische Erweiterung des Indikationsspektrums für die Antidepressiva entwickelt. Sie werden unter anderem auch zur Therapie von Angststörungen, Zwangserkrankungen, Panikstörungen, posttraumatischem Stress-Syndrom und neuropathischen Schmerzen eingesetzt. Also muss der Arzt bei diesen Indikationen, wenn er ein Antidepressivum verschreibt, dem Patienten unter Umständen klarmachen, dass er keine Depression habe, sondern die verschriebenen Arzneistoffe auch bei anderen Erkrankungen wirksam sind. Der Patient wird oft irritiert sein und dann beim Recherchieren im Internet feststellen, dass die Depression als Hauptindikation für Antidepressiva gelistet wird.” (Arzneiverordnungs-Report 2021, S. 111f.)</p> </blockquote> <p>Anders gesagt: Weil diese Mittel “Antidepressiva” heißen und viele Patientinnen und Patienten lieber nicht mit depressiven Störungen in Zusammenhang gebracht werden, lehnen sie diese Medikamente häufiger ab. Als Alternative wird darum nun aus pharmakologischer Sicht vorgeschlagen, von “Serotonin- oder Noradrenalin-Verstärkern” zu reden. Damit beschreibt man eher, wie die Substanzen im Körper wirken.</p> <p>Darüber, was sie <em>mit der Psyche</em> der Betroffenen machen, ist übrigens erstaunlich wenig bekannt. In den Wirksamkeitsstudien wird untersucht, wie groß der Unterschied auf einer standardisierten Depressions-Skala ist. Damit wird zum Beispiel abgefragt, wie niedergeschlagen man sich fühlt oder wie aktiv man am Leben teilnimmt. Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit sind die Kernsymptome der depressiven Störung.</p> <p>Eine der wenigen mit kritischer Haltung in der psychiatrischen Forschung, Joanna Moncrieff, Professorin am University College London, wollte es genauer wissen. Nach jahrelangem Studium zieht sie das Fazit, dass die genannten Medikamente vor allem Gefühle unterdrücken und manchmal auch eine aktivierende Wirkung haben. In ihrem neuen Buch <em>Chemically Imbalanced: The Making and Unmaking of the Serotonin Myth</em> räumt sie mit so manchem Mythos auf, wie zum Beispiel dem, die Substanzen würden ein neurochemisches Ungleichgewicht im Gehirn korrigieren.</p> <h2 id="h-neu-woruber-psychiater-ungern-sprechen">Mehr zum Thema</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></p> <h2 id="h-in-der-summe">In der Summe</h2> <p>Das wäre vielleicht alles halb so wild, ging es nicht um so viele Personen. Die 1,8 Milliarden Tagesdosen reichen für die tägliche Behandlung von 5 Millionen Menschen. In machen Ländern, allen voran die USA, werden pro Kopf noch viel mehr Psychopharmaka verschrieben. Dort ist der Pharma-Markt weniger streng reguliert und dürfen die Unternehmen ihre Medikamente sogar öffentlich bewerben,</p> <p>Und es wäre auch nur halb so wild, würden die psychischen Probleme nicht immer größer: Obwohl wir immer mehr für die mentale Gesundheit tun, ausgeben und therapieren, nimmt die mit ihnen verbundene Krankheitslast zu; es gibt zum Beispiel immer mehr Krankheitstage und längerfristige Arbeitsunfähigkeiten im Zusammenhang mit psychologisch-psychiatrischen Störungen. Zu glauben, dass immer mehr Aufmerksamkeit, Stichwort Influencer und “Mental Health Awareness”, die Probleme verringern, ist naiv.</p> <p>Leider zeichnen sich in den letzten Jahren auch die Schattenseiten der Medikamente immer deutlicher ab: Aber die Nebenwirkungen und das Abhängigkeitsrisiko sind ein komplexes Thema für sich. Zur Orientierung ist die ARD-Dokumentation <a href="https://www.ardmediathek.de/video/dokumentation-und-reportage/tabletten-gegen-depressionen-helfen-antidepressiva/das-erste/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3JlcG9ydGFnZSBfIGRva3VtZW50YXRpb24gaW0gZXJzdGVuLzIwMjItMDktMTJfMjMtMDUtTUVTWg">Tabletten gegen Depressionen – helfen Antidepressiva?</a> aus dem Jahr 2022 immer noch zu empfehlen. Mir bleibt vor allem die Psychotherapeutin in lebhafter Erinnerung, die die kritischen Berichte ihrer Patientinnen und Patienten lange Zeit nicht ernst nahm. Vor laufender Kamera gesteht sie ihre eigene Abhängigkeit, dass sie selbst gerne die “Antidepressiva” absetzen würde, doch es ihr nicht gelingt.</p> <p>Mit der neuen Studie der finnischen und schwedischen Daten wird konkreter, wie verzerrt die Datenlage zu den sogenannten Antidepressiva ist. In den Worten der Forscherinnen und Forscher:</p> <blockquote> <p>“Wir kommen zu dem Schluss, dass umfassendere Einschlusskriterien für randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) und deren Integration mit Daten aus der realen Welt erforderlich sind, um die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse von Antidepressiva-Studien und der klinischen Behandlungsleitlinien für depressive Störungen zu verbessern. … Unsere Ergebnisse bestätigen die Bedenken über die mangelnde Übertragbarkeit der Ergebnisse von klinischen Versuchen in der Psychiatrie auf die Situationen und Individuen in der wirklichen Welt.” (Hamina et al., 2026, S. 117 &amp; 123)</p> </blockquote> <h2 id="h-alternativen">Alternativen</h2> <p>Nach über 40 Jahren zunehmender Verschreibung ist das ein ernüchterndes Fazit. In diesem Zeitraum stieg übrigens der Aktienkurs der Pharmafirma Eli Lilly von rund 5 US-Dollar Mitte der 1980er-Jahre auf heute satte 1.000 Dollar, also um den Faktor 200. Das ist nur <em>ein</em> Beispiel für eines der globalen Unternehmen, das mit den neuen “Antidepressiva” groß geworden ist. In jüngerer Zeit verdient Lilly allerdings auch sehr gut an Medikamenten zum Abnehmen, einem anderen Massenmarkt.</p> <p>Das Thema “Abnehmen” wäre eine interessante andere Fallstudie für ein Problem unserer Zivilisation, das gleichzeitig einen Milliardenumsatz auf dem Gesundheitsmarkt ermöglicht. Das zeigt einmal mehr, dass wichtige Akteure dieses Markts gar kein Interesse an nachhaltiger Gesundheit, sondern an beherrschbarer, chronischer Krankheit haben:</p> <p>Erst verdienen große Nahrungsmittelkonzerne am massenweisen Verkauf hoch industriell verarbeiteten und damit billigen Essens mit viel Fett, Salz, Zucker und Geschmacksverstärkern. Und dann verdienen große Pharmafirmen mit dem massenweisen Verkauf von Mitteln zum Abnehmen. Auch die Ärzteschaft verdient dabei mit. Dabei ist sehr praktisch, wenn diese Mittel das Leiden nur lindern, so lange man sie nimmt. Durch eine nachhaltige Änderung des Lebenswandels mit besserer Nahrung, Zeit für Bewegung und einer guten Balance wichtiger Lebensziele würden diese Milliardenmärkte wegbrechen.</p> <p>Wie man gesund lebt, sowohl körperlich als auch geistig, ist natürlich ein komplexes Thema, das man nicht in einem Satz behandeln kann. Aber dass sehr viele Ursachen der Probleme in unserer Umwelt liegen, sei an dieser Stelle mit auf den Weg gegeben.</p> <p>Der große Schwerpunkt auf das Individuum und dessen Gehirn durch die Dominanz der biologischen Psychiatrie seit den 1980er-Jahren geht mit einer immer größeren Krankheitslast einher. Ausführlicher erklärt ist das in meinem neuen Buch, <em><u><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736">Perspektiven aus der Depressions-Epidemie</a></u></em>. Wenn aber die Medikamentenforschung auch Jahrzehnte später noch so wenig aussagekräftig ist, wie in der hier besprochenen neuen Studie beschrieben, dann gibt es auf jeden Fall einen großen Verbesserungsspielraum.</p> <h2 id="h-quelle">Quelle</h2> <ul> <li>Hamina, A., Pinzón‐Espinosa, J., Taipale, H., Schneider‐Thoma, J., Radua, J., Efthimiou, O., … &amp; Luykx, J. J. (2026). <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/wps.70013">Representation and outcomes of individuals with major depression in routine care who are ineligible for randomized controlled trials: a nationwide register‐based study</a>. <em>World Psychiatry</em>, 25(1), 117.</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: auf Grundlage von <a href="https://pixabay.com/illustrations/medicines-disease-doctor-woman-1756239/">Thanks for your Likes</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/b185cf69cad349b083fff3030d06c191" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/medicines-1756239_1920.jpg" /><h1>Neue Studie: Repräsentativität in der Antidepressiva-Forschung lässt zu wünschen übrig » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Obwohl psychische Störungen immer häufiger und intensiver behandelt werden, nimmt deren gesellschaftliche Krankheitslast immer weiter zu. Wie kann das sein?</strong></p> <span id="more-3514"></span> <p>Es wird schon seit längerer Zeit kritisiert, dass die klinische Forschung zu Psychopharmaka nicht repräsentativ genug ist. Zum Beispiel würden aus den Medikamentenstudien Personen mit mehreren Diagnosen ausgeschlossen. Sie seien “zu komplex” und würden die Ergebnisse verzerren.</p> <p>In der Praxis haben die Patientinnen und Patienten aber oft mehrere psychologisch-psychiatrische Störungen, Stichwort “Komorbidität”, oder körperliche Erkrankungen. Die Realität ist eben oft komplexer, als das für die Datenauswertung wünschenswert ist. Eine neue Studie gibt nun Hinweise darauf, wie groß das Problem ist.</p> <p>Zunächst soll aber kurz – auch aus eigener Erfahrung – erklärt werden, warum Komplexität ein Problem für die Forschung ist. Denn dann versteht man besser, warum es gerade in Studien mit finanziellen Interessen ein Bedürfnis nach Einfachheit gibt.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em><aside></aside></p> <hr></hr> <h2 id="h-nicht-zu-viel-variabilitat">Nicht zu viel Variabilität</h2> <p>In der experimentellen Forschung mit Menschen braucht man neben guten Ideen natürlich vor allem eins: viele Versuchspersonen. In meiner Zeit als Doktorand in zwei psychiatrischen Universitätskliniken war es üblich, dass man einander hilft. Da legte man sich für die Tests der anderen zum Beispiel in die Röhre des funktionellen Magnetresonanztomografen (fMRT). Umgekehrt halfen die anderen einem, wenn man selbst einen Versuch entwickelte.</p> <p>Es gibt im Leben aber auch Schöneres, als oft in so einer engen Röhre zu liegen. Wohlgemerkt, während mit elektromagnetischen Feldern das Körpergewebe (hier: des Gehirns) in kleine Scheiben unterteilt wird. Damit misst man die magnetische Resonanz, die dem Verfahren den Namen gibt. Die Geschwindigkeit, mit der das geschehen muss, erzeugt dabei viel Lärm.</p> <p>Anders gesagt: Es wäre nicht ganz unpraktisch, eine sozial akzeptierte Ausrede zu haben, um an solchen Versuchen <em>nicht</em> teilnehmen zu müssen. Und da kam mir meine Veranlagung als Linkshänder zur Hilfe: Wenn ich also gefragt wurde, ob ich wieder an einem Versuch teilnehmen würde, hob ich die linke Hand und sagte: “Natürlich helfe ich dir gerne. Aber du weißt schon, dass ich Linkshänder bin und das deine Varianz erhöht?” Damit war die Sache in 80 Prozent der Fälle erledigt.</p> <p>Bei der Untersuchung von Frauen gab es eine Vorliebe für diejenigen, die hormonell verhüteten, also “die Pille” nahmen. Denn auch mit dem Hormonzyklus gehen Veränderungen in den Messungen einher, die die Variabilität erhöhen.</p> <p>Sogar in der Tierforschung mit Mäusen und Ratten gibt es eine Vorliebe für die Männchen. Diese sind günstiger in der Haltung – und haben nicht die hormonellen Schwankungen der Weibchen. In den letzten Jahren wird diese Einseitigkeit aber immer stärker kritisiert, auch zu Recht.</p> <h2 id="h-reprasentativitat">Repräsentativität</h2> <p>Für Grundlagenforschung und zur Gewinnung neuer Hypothesen mag man solche Vereinfachungen noch akzeptieren. Mich wunderte, dass man in der Öffentlichkeit diesen Mythos verbreitete, mit der fMRT “dem Gehirn beim Denken zuzuschauen”, während tatsächlich schon Linkshänder oder Frauen ohne hormonelle Verhütung eine Gefahr für die Messergebnisse darstellten.</p> <p>Man sucht in der Forschung spezifische Effekte zu seiner Hypothese. Da stören Faktoren wie die Händigkeit oder Hormonschwankungen nur – sofern es im Experiment nicht genau darum geht. Streng genommen müsste man solche individuellen Unterschiede zwischen den Versuchspersonen in das statistische Modell aufnehmen, um unerklärte Variabilität zu vermeiden. Denn diese verschlechtert die Ergebnisse. In der Praxis bevorzugt man aber lieber eine gleichförmige Gruppe von Versuchspersonen.</p> <p>Das führt dann zu der häufigen Kritik, dass in der psychologischen oder experimentell-medizinischen Forschung zu oft die eigenen Studierenden untersucht werden. Daher würden die Ergebnisse nur eine kleine, in diesem Fall auch noch privilegierte Gruppe widerspiegeln, die “WEIRD People” (im Englischen für: westlich, gebildet, industrialisiert, reich und demokratisch). Zum Vergleich: Bei Wahlumfragen wäre es zwar praktisch, einfach bei den Nachbarn zu klingeln. Aber das würde eben keine zuverlässigen Ergebnisse für das ganze Land liefern.</p> <p>Deshalb ist die Frage der Repräsentativität bei klinischer Forschung besonders wichtig. Denn die Therapien werden ja nicht nur “idealen Personen” verordnet. Sowohl in der Ärzteschaft als auch für Patientinnen und Patienten sollten daher zuverlässige und aussagekräftige Daten zur Verfügung stehen. Wir wissen außerdem, dass <em>jede</em> Behandlung mit bestimmten Risiken einhergeht. Diese muss man gegen den zu erwartenden Nutzen abwägen. Und hierfür muss man richtig informiert sein.</p> <h2 id="h-neue-studie">Neue Studie</h2> <p>Um das Problem besser zu verstehen, hat ein internationales Forschungsteam jetzt die Daten von rund 210.000 Personen aus Finnland und Schweden mit einer depressiven Störung ausgewertet. Die Ergebnisse erschienen am 14. Januar <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/wps.70013">vorab online</a> in der wichtigen Fachzeitschrift <em>World Psychiatry</em>.</p> <p>Demnach wurden etwas mehr als ein Drittel der Betroffenen – 33,5 Prozent in der finnischen und 35,3 Prozent in der schwedischen Gruppe – systematisch aus der Antidepressiva-Forschung ausgegrenzt. Die häufigsten Gründe hierfür waren: das Vorliegen einer körperlichen Erkrankung sowie einer anderen psychologisch-psychiatrischen Störung, darunter auch problematischer Drogenkonsum. Wenn man die körperlichen Erkrankungen etwas weiter fasste, verschwanden sogar fast 50 Prozent der Patientinnen und Patienten vom Radar der Forschung.</p> <p>Mitunter wird hierauf erwidert, die Studien würden eben den <em>spezifischen</em> Effekt von Antidepressiva bei Depressionen untersuchen. Um Wechselwirkungen mit anderen Erkrankungen zu vermeiden, müsse man die komplexeren Fälle ausschließen.</p> <p>Diesen Einwand könnte man meiner Meinung nach in einer experimentellen Anfangsphase gelten lassen. Die Medikamente, um die es hier geht, werden aber seit über 40 Jahren verschrieben. Und sogar heute noch steigt die Anzahl der Verschreibungen stetig, auf inzwischen über 1,8 Milliarden Tagesdosen allein in Deutschland.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva.jpg"><img alt="" decoding="async" height="593" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva-1024x593.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva-1024x593.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva-300x174.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva-768x445.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva.jpg 1385w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Im hier dargestellten Zeitraum hat sich die Verschreibung der sogenannten Antidepressiva (schwarze Linie) in Deutschland in etwa verelffacht. Die Verschreibung von Beruhigungsmitteln (graue Linie) nahm währenddessen ab. Heute werden die Antidepressiva – vor allem Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer – nicht nur oft bei depressiven Störungen, sondern auch Angst- und Zwangsstörungen verschrieben. Datenquelle: Arzneiverordnungs-Report</em></p> <h2 id="h-die-schwersten-probleme">Die schwersten Probleme</h2> <p>Der beschriebene Ausschluss hat aber – neben der geringeren Repräsentativität – noch eine andere Folge: Mit den komplexeren Fällen werden nämlich auch die Patientinnen und Patienten <em>mit den schwersten Depressionen</em> aus der Forschung ausgegrenzt. Die hatten laut der Studie nämlich eine zwei- bis dreimal so hohe Wahrscheinlichkeit für eine Krankenhausaufnahme, einen Suizidversuch oder gar den Tod innerhalb der nächsten sechs Monate.</p> <p><em>Haben Sie Suizidgedanken? Zum Beispiel die Telefonseelsorge (0800 111 0 111) oder Nummer gegen Kummer (116 111) können helfen. Im Notfall können Sie auch den Notruf wählen.</em></p> <p>Demnach gibt es gerade für diejenigen, die am meisten auf eine wirksame Therapie angewiesen sind, am wenigsten Daten. Dass die Wirksamkeit der Medikamente in der Praxis eher bescheiden ausfällt, überrascht dann nicht – und wurde in meinem Blog übrigens <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/groesstenteils-nutzlos-und-potenziell-schaedlich/">schon 2018 thematisiert</a>.</p> <h2 id="h-begriff-der-antidepressiva">Begriff der Antidepressiva</h2> <p>In den letzten Jahren wurde der Begriff “Antidepressiva” auch aus pharmakologischer Sicht kritisiert. Die Mittel werden inzwischen nämlich für eine Vielzahl von psychologisch-psychiatrischen Störungen verschrieben. Im Arzneiverordnungs-Report ist sogar von einer “dramatischen Erweiterung” die Rede:</p> <blockquote> <p>“Ursprünglich wurden diese Arzneistoffe zur Therapie der Depression eingesetzt. In den letzten Jahren hat sich jedoch eine dramatische Erweiterung des Indikationsspektrums für die Antidepressiva entwickelt. Sie werden unter anderem auch zur Therapie von Angststörungen, Zwangserkrankungen, Panikstörungen, posttraumatischem Stress-Syndrom und neuropathischen Schmerzen eingesetzt. Also muss der Arzt bei diesen Indikationen, wenn er ein Antidepressivum verschreibt, dem Patienten unter Umständen klarmachen, dass er keine Depression habe, sondern die verschriebenen Arzneistoffe auch bei anderen Erkrankungen wirksam sind. Der Patient wird oft irritiert sein und dann beim Recherchieren im Internet feststellen, dass die Depression als Hauptindikation für Antidepressiva gelistet wird.” (Arzneiverordnungs-Report 2021, S. 111f.)</p> </blockquote> <p>Anders gesagt: Weil diese Mittel “Antidepressiva” heißen und viele Patientinnen und Patienten lieber nicht mit depressiven Störungen in Zusammenhang gebracht werden, lehnen sie diese Medikamente häufiger ab. Als Alternative wird darum nun aus pharmakologischer Sicht vorgeschlagen, von “Serotonin- oder Noradrenalin-Verstärkern” zu reden. Damit beschreibt man eher, wie die Substanzen im Körper wirken.</p> <p>Darüber, was sie <em>mit der Psyche</em> der Betroffenen machen, ist übrigens erstaunlich wenig bekannt. In den Wirksamkeitsstudien wird untersucht, wie groß der Unterschied auf einer standardisierten Depressions-Skala ist. Damit wird zum Beispiel abgefragt, wie niedergeschlagen man sich fühlt oder wie aktiv man am Leben teilnimmt. Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit sind die Kernsymptome der depressiven Störung.</p> <p>Eine der wenigen mit kritischer Haltung in der psychiatrischen Forschung, Joanna Moncrieff, Professorin am University College London, wollte es genauer wissen. Nach jahrelangem Studium zieht sie das Fazit, dass die genannten Medikamente vor allem Gefühle unterdrücken und manchmal auch eine aktivierende Wirkung haben. In ihrem neuen Buch <em>Chemically Imbalanced: The Making and Unmaking of the Serotonin Myth</em> räumt sie mit so manchem Mythos auf, wie zum Beispiel dem, die Substanzen würden ein neurochemisches Ungleichgewicht im Gehirn korrigieren.</p> <h2 id="h-neu-woruber-psychiater-ungern-sprechen">Mehr zum Thema</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></p> <h2 id="h-in-der-summe">In der Summe</h2> <p>Das wäre vielleicht alles halb so wild, ging es nicht um so viele Personen. Die 1,8 Milliarden Tagesdosen reichen für die tägliche Behandlung von 5 Millionen Menschen. In machen Ländern, allen voran die USA, werden pro Kopf noch viel mehr Psychopharmaka verschrieben. Dort ist der Pharma-Markt weniger streng reguliert und dürfen die Unternehmen ihre Medikamente sogar öffentlich bewerben,</p> <p>Und es wäre auch nur halb so wild, würden die psychischen Probleme nicht immer größer: Obwohl wir immer mehr für die mentale Gesundheit tun, ausgeben und therapieren, nimmt die mit ihnen verbundene Krankheitslast zu; es gibt zum Beispiel immer mehr Krankheitstage und längerfristige Arbeitsunfähigkeiten im Zusammenhang mit psychologisch-psychiatrischen Störungen. Zu glauben, dass immer mehr Aufmerksamkeit, Stichwort Influencer und “Mental Health Awareness”, die Probleme verringern, ist naiv.</p> <p>Leider zeichnen sich in den letzten Jahren auch die Schattenseiten der Medikamente immer deutlicher ab: Aber die Nebenwirkungen und das Abhängigkeitsrisiko sind ein komplexes Thema für sich. Zur Orientierung ist die ARD-Dokumentation <a href="https://www.ardmediathek.de/video/dokumentation-und-reportage/tabletten-gegen-depressionen-helfen-antidepressiva/das-erste/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3JlcG9ydGFnZSBfIGRva3VtZW50YXRpb24gaW0gZXJzdGVuLzIwMjItMDktMTJfMjMtMDUtTUVTWg">Tabletten gegen Depressionen – helfen Antidepressiva?</a> aus dem Jahr 2022 immer noch zu empfehlen. Mir bleibt vor allem die Psychotherapeutin in lebhafter Erinnerung, die die kritischen Berichte ihrer Patientinnen und Patienten lange Zeit nicht ernst nahm. Vor laufender Kamera gesteht sie ihre eigene Abhängigkeit, dass sie selbst gerne die “Antidepressiva” absetzen würde, doch es ihr nicht gelingt.</p> <p>Mit der neuen Studie der finnischen und schwedischen Daten wird konkreter, wie verzerrt die Datenlage zu den sogenannten Antidepressiva ist. In den Worten der Forscherinnen und Forscher:</p> <blockquote> <p>“Wir kommen zu dem Schluss, dass umfassendere Einschlusskriterien für randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) und deren Integration mit Daten aus der realen Welt erforderlich sind, um die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse von Antidepressiva-Studien und der klinischen Behandlungsleitlinien für depressive Störungen zu verbessern. … Unsere Ergebnisse bestätigen die Bedenken über die mangelnde Übertragbarkeit der Ergebnisse von klinischen Versuchen in der Psychiatrie auf die Situationen und Individuen in der wirklichen Welt.” (Hamina et al., 2026, S. 117 &amp; 123)</p> </blockquote> <h2 id="h-alternativen">Alternativen</h2> <p>Nach über 40 Jahren zunehmender Verschreibung ist das ein ernüchterndes Fazit. In diesem Zeitraum stieg übrigens der Aktienkurs der Pharmafirma Eli Lilly von rund 5 US-Dollar Mitte der 1980er-Jahre auf heute satte 1.000 Dollar, also um den Faktor 200. Das ist nur <em>ein</em> Beispiel für eines der globalen Unternehmen, das mit den neuen “Antidepressiva” groß geworden ist. In jüngerer Zeit verdient Lilly allerdings auch sehr gut an Medikamenten zum Abnehmen, einem anderen Massenmarkt.</p> <p>Das Thema “Abnehmen” wäre eine interessante andere Fallstudie für ein Problem unserer Zivilisation, das gleichzeitig einen Milliardenumsatz auf dem Gesundheitsmarkt ermöglicht. Das zeigt einmal mehr, dass wichtige Akteure dieses Markts gar kein Interesse an nachhaltiger Gesundheit, sondern an beherrschbarer, chronischer Krankheit haben:</p> <p>Erst verdienen große Nahrungsmittelkonzerne am massenweisen Verkauf hoch industriell verarbeiteten und damit billigen Essens mit viel Fett, Salz, Zucker und Geschmacksverstärkern. Und dann verdienen große Pharmafirmen mit dem massenweisen Verkauf von Mitteln zum Abnehmen. Auch die Ärzteschaft verdient dabei mit. Dabei ist sehr praktisch, wenn diese Mittel das Leiden nur lindern, so lange man sie nimmt. Durch eine nachhaltige Änderung des Lebenswandels mit besserer Nahrung, Zeit für Bewegung und einer guten Balance wichtiger Lebensziele würden diese Milliardenmärkte wegbrechen.</p> <p>Wie man gesund lebt, sowohl körperlich als auch geistig, ist natürlich ein komplexes Thema, das man nicht in einem Satz behandeln kann. Aber dass sehr viele Ursachen der Probleme in unserer Umwelt liegen, sei an dieser Stelle mit auf den Weg gegeben.</p> <p>Der große Schwerpunkt auf das Individuum und dessen Gehirn durch die Dominanz der biologischen Psychiatrie seit den 1980er-Jahren geht mit einer immer größeren Krankheitslast einher. Ausführlicher erklärt ist das in meinem neuen Buch, <em><u><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736">Perspektiven aus der Depressions-Epidemie</a></u></em>. Wenn aber die Medikamentenforschung auch Jahrzehnte später noch so wenig aussagekräftig ist, wie in der hier besprochenen neuen Studie beschrieben, dann gibt es auf jeden Fall einen großen Verbesserungsspielraum.</p> <h2 id="h-quelle">Quelle</h2> <ul> <li>Hamina, A., Pinzón‐Espinosa, J., Taipale, H., Schneider‐Thoma, J., Radua, J., Efthimiou, O., … &amp; Luykx, J. J. (2026). <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/wps.70013">Representation and outcomes of individuals with major depression in routine care who are ineligible for randomized controlled trials: a nationwide register‐based study</a>. <em>World Psychiatry</em>, 25(1), 117.</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: auf Grundlage von <a href="https://pixabay.com/illustrations/medicines-disease-doctor-woman-1756239/">Thanks for your Likes</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/b185cf69cad349b083fff3030d06c191" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neue-studie-repraesentativitaet-in-der-antidepressiva-forschung-laesst-zu-wuenschen-uebrig/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>14</slash:comments> </item> <item> <title>Sind wir alle Simulanten? https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/sind-wir-alle-simulanten/ https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/sind-wir-alle-simulanten/#comments Fri, 16 Jan 2026 19:52:36 +0000 Martina Grüter https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/?p=353 https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim2-768x559.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/sind-wir-alle-simulanten/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim2.jpg" /><h1>Sind wir alle Simulanten? » Babylonische Türme » SciLogs</h1><h2>By Martina Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Leben wir </b><b>alle </b><b>in einer Simulation? </b><b>Spätestens seit den Matrix-Filmen eine durchaus ernsthaft diskutierte Frage. </b><b>E</b><b>ine Gruppe von Mathematikern um Mir Faizal von der kanadischen University of British Columbia <a href="https://arxiv.org/abs/2507.22950">meint jetzt beweisen zu können</a>, dass wir in der echten Realität zu Hause sind. </b><b>Das ist doch beruhigend. </b></p> <p>Schon 1961 entwarf der österreichische Autor Herbert W. Franke 1961 in seinem Science-Fiction-Roman „Das Gedankennetz“ die dystopische Vision eines totalitären Staates, der potentielle Abweichler einer Loyalitätsprüfung unterziehen konnte, und zwar mithilfe von perfekten Simulationen, die sie nicht von der Wirklichkeit unterscheiden konnten. Der Oxforder Philosoph Nick Bostrom veröffentlichte <a href="https://simulation-argument.com/simulation/">im Jahre 2003 eine Abhandlung</a>, in der er argumentiert hatte, dass unsere Welt nur aus Bits und Bytes besteht und wir alle lediglich als Elektronenwolken im Inneren eines SSD-Speichers existieren, wo wir darauf warten, dass jemand die Simulation in den Hauptspeicher lädt und startet.</p> <p>Die Philosophie kennt viele Behauptungen, die sich ebenso schlüssig widerlegen wie auch beweisen lassen. Wäre die Philosophie eine exakte Wissenschaft, könnte man sich viele Regalmeter Bücher ersparen. Aber sie ist es nicht, und so wundert es niemanden, wenn eine philosophische Schule mit viel Scharfsinn eine in sich schlüssige Lehre aufbaut, die dann von einer anderen Schule mit ätzend scharfer Argumentation widerlegt wird. Beide bauen ein tragfähiges Gedankengebäude auf, das den unausweichlichen Zusammensturz der gegnerischen Konstruktion beweist. Beweise und Gegenbeweise leben in friedlicher Koexistenz, denn sie ernähren jeweils eine erkleckliche Anzahl von Akademikern.</p> <p>Aber hier geht es buchstäblich um eine existenzielle Frage, nicht um ein luftiges Gebilde aus sophistischen Argumenten. Sehen wir uns die Argumente beider Seiten einmal an:</p> <h3>Was für die Simulations-Hypothese spricht</h3> <p>Nick Bostrom argumentierte, vereinfacht gesagt, dass es nur eine Wirklichkeit gibt, aber beliebig viele Simulationen.<aside></aside></p> <p>Das Spiel „Grand Theft Auto“ (GTA) schafft zum Beispiel eine ganze Spielwelt und läuft auf vielen Millionen Rechnern. Jede neue Version (wir sind inzwischen bei GTA VI) hat eine größere Spielwelt und mehr NPCs (Non-player Characters, vom Computer simulierte Nebenfiguren). Warum sollte nicht in naher Zukunft eine solche Spielwelt so groß sein wie die Erde, oder wenigstens so groß wie die Lebenswelt der Menschen?</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-355" id="attachment_355"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6.jpg"><img alt="Simulation und Wirklichkeit" decoding="async" height="512" sizes="(max-width: 512px) 100vw, 512px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6.jpg 2048w" width="512"></img></a><figcaption id="caption-attachment-355">KI-generiertes Bild zur Frage, ob wir in einer Computer-Simulation leben.</figcaption></figure> <p>Mehr als 400 Millionen Kopien des Spiels hat die Herstellerfirma verkauft. Wenn jede nur zehntausend NPCs<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a> erschafft, dann wären wir bei mehr als vier Billionen NPCs. Und wer weiß, vielleicht kann schon im Jahr 2100 jeder Laptop eine so riesige Welt simulieren.</p> <p>Darauf baut Bostrom seine Argumente auf.</p> <ul> <li>Wenn unsere Nachfahren genügend große Rechner bauen können <i>und</i></li> <li>wenn sie daran interessiert sind, eine Simulation zu bauen und zu spielen, die in der Vergangenheit spielt <i>und</i></li> <li>wenn die NPCs darin tatsächlich ein Bewusstsein entwickeln können,</li> </ul> <p>dann (und nur dann) leben wir wahrscheinlich in einer Simulation.</p> <p>Das sind eine ganze Menge wenns. Fangen wir beim letzten an: Ob NPCs im Computer <a href="https://www.scinexx.de/news/technik/kann-ki-ein-bewusstsein-entwickeln/">ein Bewusstsein entwickeln</a>, wird auch längerfristig kaum zu klären sein. Schließlich wissen wir (wir = alle Wissenschaftler der Erde) nicht, was ein Bewusstsein überhaupt ist. Jeder weiß, dass er eines hat, und vermutet, dass alle anderen auch eines haben. Alles weitere driftet schnell in den Bereich der Esoterik ab. Wenn sich aber eine Hypothese in einem entscheidenden Punkt der Überprüfung entzieht, haben wir jedes Recht, sie zum Gedankenspiel herunterzustufen.</p> <p>Wo wir gerade beim Gedankenspielen sind: Wer sagt denn eigentlich, dass wir nicht in einer Simulation leben, deren Schöpfer wiederum nur einer Simulation entstammen? Diese Idee stammt nicht von Nick Bostrom, sie findet sich schon im Jahr 1964 in dem Science-Fiction-Roman Simulacron III von Daniel F. Galouye. Darin beschreibt er die Simulation einer Großstadt zu Marktforschungszwecken. Aber auch die Wissenschaftler, die den gigantischen Computer betreiben, in dem die Simulation läuft, müssen irgendwann feststellen, dass sie selbst nur Bits in einem Computer sind. Rainer Werner Fassbinder hat den Roman 1973 kongenial verfilmt.</p> <p>Der Roman und der Film enden damit, dass der Protagonist es schafft, aus der Simulation zu entkommen und in die Wirklichkeit vorzustoßen. Aber was, wenn es keine Wirklichkeit gibt? Wenn jede neue Ebene wieder eine Simulation ist? Wenn es sich um unzählige Spiegelbilder einer endlos fernen Wirklichkeit handelt, zu der wir niemals durchbrechen werden?</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-357" id="attachment_357"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4.jpg"><img alt="Unendliche Spiegel" decoding="async" height="523" sizes="(max-width: 523px) 100vw, 523px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4.jpg 1024w" width="523"></img></a><figcaption id="caption-attachment-357">Könnte die Welt eine unendlich ineinander geschachtelte Simulation ein?</figcaption></figure> <p>Dieser Idee sind dann doch enge Grenzen gesetzt. Jede Welt wird nur einen winzigen Teil ihrer Ressourcen auf die Simulation verwenden, schließlich muss man sich um wichtigere Dinge kümmern als Computerspiele. Jede höhere Stufe der Simulation wäre also Millionen Mal komplexer als aktuelle. Damit gelangen wir sehr schnell in Regionen, die einen mehrfachen Regress schon unwahrscheinlich werden lassen, einen endlosen Regress (Ursache der Ursache der Ursache … ad infinitum) aber sicher ausschließt.</p> <h3>Simulation oder Modell?</h3> <p>Wenn wir ehrlich sind, müssen wir natürlich zugeben, dass die Spiele im Rechner nicht einmal ein Dorf von hundert Einwohnern wirklich simulieren können. Ein professioneller Flugsimulator ahmt das wirkliche Flugverhalten eines einzelnen Flugzeugs sehr gut nach, so gut jedenfalls, dass die Piloten echte Notfälle darin üben können, ohne dass bei einer falschen Reaktion jemand zu Schaden kommt. Wohlgemerkt: Der Simulator bildet nur das nach, was die Piloten sehen, und konfrontiert sie mit den Konsequenzen falschen Handelns. Er könnte beispielsweise nicht simulieren, wie Passagiere reagieren, und nur sehr ungenau, an welchen Stellen sich eine Strukturüberlastung auswirken würde.</p> <p>Ein Spiel wie GTA oder Civilisation ist dagegen ein <i>Modell</i> im Maßstab eins zu einer Million (oder noch kleiner). Von einer Simulation zu sprechen, ist zwar üblich, aber irreführend. Kein Computerspielstudio bildet die echte Lebenswelt der Menschen genauer nach als beispielsweise Disneyworld oder Legoland. Warum erscheint es dann so echt, wenn man vor seinem Bildschirm sitzt? Wir Menschen sehen eben nur einen verschwindend kleinen Ausschnitt unserer Welt, und davon auch nur das, was unser Gehirn daraus macht. Schon wenn wir ein Buch lesen oder ein Theaterstück erleben, dann haben wir das Gefühl, die Figuren seien Teil unserer Lebenswelt. Wir neigen also dazu, aus kleinen Mosaiksteinen auf das ganze Bild zu schließen. Und ein Großteil davon spielt sich nur in unserem Kopf ab.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-356" id="attachment_356"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5.jpg"><img alt="" decoding="async" height="512" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5.jpg 1024w" width="512"></img></a><figcaption id="caption-attachment-356">Die Simulation der Welt in unserem Kopf. Simulieren wir eventuell eine Simulation?</figcaption></figure> <p>Nach meinem Eindruck haben weder Nick Bostrom noch seine Kritiker den Unterschied zwischen Simulation und Modell ausreichend diskutiert. Denn seien wir ehrlich: Computerspiele wie GTA simulieren keine Welt, sie modellieren nur auf recht primitive Weise soziale Interaktionen, und das vor einem Hintergrund, der kaum realistischer ist als die gemalten Kulissen in einem Theater.</p> <p>Kommen wir also jetzt zur Widerlegung.</p> <h3>Die Widerlegung: Wir leben nicht in einer Simulation</h3> <p>Während sich Bostroms Beweis durch seine Geradlinigkeit und Verständlichkeit auszeichnet, liest sich die Widerlegung wie ein Gewaltmarsch durch die dämmerigen Ränder der Mathematik, der Physik und der Philosophie. Die Quantengravitation wird da bemüht – ein Konzept, an dem sich Generationen von Physikern bisher vergeblich abarbeiten. Die Quantentheorie beschreibt hervorragend die Welt des Elektromagnetismus und der Kernkräfte. Die Quantenfeldtheorie beschreibt alle Kräfte außer der Gravitation, die wiederum von der Relativitätstheorie perfekt erfasst wird. Aber bisher sind alle Versuche gescheitert, daraus eine gemeinsame Theorie – die Quantengravitation – zu destillieren. Aber wenn es etwas nicht gibt, kann ich damit auch nicht argumentieren.</p> <p>Als weitere Akteure im Paper treten auf: Gödels Unvollständigkeitssatz, Tarskis Satz über die Undefinierbarkeit der Wahrheit und <a href="https://plato.stanford.edu/entries/platonism-mathematics/">der Platonismus in der Mathematik</a>, eine philosophische Theorie, die von der wirklichen Existenz abstrakter mathematischer Objekte ausgeht. „Wirklich“ heißt hier, sie existieren wie Planeten oder Kometen, unabhängig vom menschlichen Denken, und wenn ein Mathematiker ein neues Konzept findet, hat er es nicht er-funden, sondern ge-funden.</p> <p>Und das alles kondensieren die Autoren um Mir Faizal zu der Idee, dass sich unsere Welt von innen her nicht vollständig beschreiben lässt. Es bleibt immer ein undefinierbarer Rest, und zwar nicht etwa deshalb, weil man unmöglich schafft, in alle Staubecken zu gucken, sondern wegen des fundamentales Prinzips, dass immer irgendetwas nicht perfekt definiert ist.</p> <p>Weil aber eine Simulation in einem Computer abläuft, in der jedes Bit einen exakten Wert hat, der nach bestimmten Algorithmen auf eindeutige Art verändert wird, kann ein Computer unsere Welt nicht komplett simulieren. Wenn unsere Welt aber nicht im Computer simuliert werden kann, dann leben wir offensichtlich nicht in einer Simulation.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-360" id="attachment_360"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="512" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1.jpg 1024w" width="512"></img></a><figcaption id="caption-attachment-360">Kann es überhaupt eine Simulation geben?</figcaption></figure> <p>Äh, ja, sicher, ist doch ganz einfach, oder nicht? Bei näherer Überlegung hat die Argumentation aber ähnlich viele Löcher wie der Beweis. Zunächst: Woher wissen Physiker eigentlich, wie die Welt im Kleinsten (Quanten) und Größten (Galaxien) zusammengesetzt ist? Naja, sie lesen Instrumente ab. Sie werten Fotos aus. Erst dann schaffen sie Theorien und setzen neue Experimente auf, um aus weiteren Messwerten mehr Erkenntnisse zu entnehmen. Auch ein eindeutig definiertes System wie ein Computer könnte diese Ablesungen simulieren und den NPCs vorgaukeln, ihre Welt sei schon prinzipiell nicht simulierbar.</p> <p>Und das ist natürlich nicht alles. Wenn unsere Welt nicht simulierbar ist, dann könnte es auch keine Simulationen wie GTA geben. Es gibt sie aber. Nur: Diese Simulationen sind, wie schon gesagt, <i>Modelle</i> und haben eben mit der wirklichen Welt so viel gemeinsam wie ein Matchbox-Mercedes mit dem echten Auto.</p> <p>Der Beweis und seine Widerlegung sind also an so viele Bedingungen geknüpft, dass sie, wie so oft in der Philosophie, friedlich nebeneinander leben.</p> <h3>Also was denn jetzt: Simulation oder nicht?</h3> <p>Wenn schon nicht die ganze Welt simuliert wird, könnte es sein, dass jemand unsere Gehirne mit falschen Informationen füttert, wie beispielsweise in den Matrix-Filmen? Sicher, unmöglich ist das nicht, aber irgendwie frage ich mich doch, warum jemand den ungeheuren Aufwand dafür treiben sollte. Das beantwortet die Matrix-Serie nicht befriedigend, die Erklärung im Film sorgt zwar für gehörigen Grusel, ist aber im Grunde unsinnig. Wenn wir einmal davon ausgehen, dass einfache Antworten wahrscheinlicher sind als komplizierte<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>, dann leben Sie und ich wahrscheinlich nicht in einer Simulation, auch nicht in einer minimalen, in der nur unser ganz persönliches Gehirn absichtlich in die Irre geführt wird. Selbst dieses Szenario ist ein gehöriges Stück komplizierter als die einfache Erklärung, dass unser Gehirn ein Modell der echten Außenwelt aufbaut, damit wir uns darin sinnvoll bewegen können.</p> <p>Und wenn aber doch … ? Dann denken Sie darüber nach, wie die echte Welt aussehen könnte, warum ausgerechnet Ihr Gehirn in einem Tank liegt, und schreiben Sie ein Buch darüber. Es wird bestimmt ein Bestseller.</p> <p>P.S.: Weil die künstliche Intelligenz bei diesem Thema sozusagen direkt betroffen ist, habe ich diverse KI-Modelle gebeten, Bilder zum Thema zu generieren. Die besten Ergebnisse stelle ich hier vor.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> In dem sehenswerten Film „Free Guy“ aus dem Jahr 2021 spielt ein NPC die Hauptrolle. Er ist damit zufrieden, dass seine Tage immer gleich ablaufen. Aber dann wird seine Routine durchbrochen, und er muss sich einem Kampf stellen, der seine ganze Spielwelt bedroht. Der Film ist als Actionkomödie angelegt, und so wird am Ende alles gut.</p> <div id="sdendnote2"> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> In der Philosophie ist dieses Prinzip als „Ockhams Skalpell“ oder „Ockhams Rasiermesser“ bekannt. Es ist kein Gesetz, sondern eher eine Faustregel, benannt nach dem mittelalterlichen Mönch und Philosophen Wilhelm von Ockham, obwohl von ihm keine einzelne entsprechende Definition überliefert ist. Demnach sind einfache Erklärungen für einen Sachverhalt grundsätzlich vorzuziehen, immer vorausgesetzt, sie erklären ihn vollständig. Man soll dabei versuchen versuchen, mit möglichst wenigen Variablen, Hypothesen und Zusammenhängen auszukommen. Das Skalpell schneidet also wucherndes Gedankengewebe weg. Im Einzelfall mag eine Lösung komplizierter sein. Ein Beispiel: In neun von zehn Fällen ist eine Person, die mit einem blutigen Messer am Tatort eines Mordes angetroffen wird, tatsächlich der Mörder, aber möglicherweise ist es im Einzelfall komplizierter. Im Fall der Simulation ganzer Welten heißt das: Die Herstellung und der Betrieb einer Simulation ist außerordentlich kompliziert und fehleranfällig. Die Annahme, dass Ihre oder meine sichtbare Welt genau darauf beruht, ist demzufolge sehr viel weniger wahrscheinlich als die Annahme, dass wir in der echten Welt wohnen.</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim2.jpg" /><h1>Sind wir alle Simulanten? » Babylonische Türme » SciLogs</h1><h2>By Martina Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Leben wir </b><b>alle </b><b>in einer Simulation? </b><b>Spätestens seit den Matrix-Filmen eine durchaus ernsthaft diskutierte Frage. </b><b>E</b><b>ine Gruppe von Mathematikern um Mir Faizal von der kanadischen University of British Columbia <a href="https://arxiv.org/abs/2507.22950">meint jetzt beweisen zu können</a>, dass wir in der echten Realität zu Hause sind. </b><b>Das ist doch beruhigend. </b></p> <p>Schon 1961 entwarf der österreichische Autor Herbert W. Franke 1961 in seinem Science-Fiction-Roman „Das Gedankennetz“ die dystopische Vision eines totalitären Staates, der potentielle Abweichler einer Loyalitätsprüfung unterziehen konnte, und zwar mithilfe von perfekten Simulationen, die sie nicht von der Wirklichkeit unterscheiden konnten. Der Oxforder Philosoph Nick Bostrom veröffentlichte <a href="https://simulation-argument.com/simulation/">im Jahre 2003 eine Abhandlung</a>, in der er argumentiert hatte, dass unsere Welt nur aus Bits und Bytes besteht und wir alle lediglich als Elektronenwolken im Inneren eines SSD-Speichers existieren, wo wir darauf warten, dass jemand die Simulation in den Hauptspeicher lädt und startet.</p> <p>Die Philosophie kennt viele Behauptungen, die sich ebenso schlüssig widerlegen wie auch beweisen lassen. Wäre die Philosophie eine exakte Wissenschaft, könnte man sich viele Regalmeter Bücher ersparen. Aber sie ist es nicht, und so wundert es niemanden, wenn eine philosophische Schule mit viel Scharfsinn eine in sich schlüssige Lehre aufbaut, die dann von einer anderen Schule mit ätzend scharfer Argumentation widerlegt wird. Beide bauen ein tragfähiges Gedankengebäude auf, das den unausweichlichen Zusammensturz der gegnerischen Konstruktion beweist. Beweise und Gegenbeweise leben in friedlicher Koexistenz, denn sie ernähren jeweils eine erkleckliche Anzahl von Akademikern.</p> <p>Aber hier geht es buchstäblich um eine existenzielle Frage, nicht um ein luftiges Gebilde aus sophistischen Argumenten. Sehen wir uns die Argumente beider Seiten einmal an:</p> <h3>Was für die Simulations-Hypothese spricht</h3> <p>Nick Bostrom argumentierte, vereinfacht gesagt, dass es nur eine Wirklichkeit gibt, aber beliebig viele Simulationen.<aside></aside></p> <p>Das Spiel „Grand Theft Auto“ (GTA) schafft zum Beispiel eine ganze Spielwelt und läuft auf vielen Millionen Rechnern. Jede neue Version (wir sind inzwischen bei GTA VI) hat eine größere Spielwelt und mehr NPCs (Non-player Characters, vom Computer simulierte Nebenfiguren). Warum sollte nicht in naher Zukunft eine solche Spielwelt so groß sein wie die Erde, oder wenigstens so groß wie die Lebenswelt der Menschen?</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-355" id="attachment_355"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6.jpg"><img alt="Simulation und Wirklichkeit" decoding="async" height="512" sizes="(max-width: 512px) 100vw, 512px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6.jpg 2048w" width="512"></img></a><figcaption id="caption-attachment-355">KI-generiertes Bild zur Frage, ob wir in einer Computer-Simulation leben.</figcaption></figure> <p>Mehr als 400 Millionen Kopien des Spiels hat die Herstellerfirma verkauft. Wenn jede nur zehntausend NPCs<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a> erschafft, dann wären wir bei mehr als vier Billionen NPCs. Und wer weiß, vielleicht kann schon im Jahr 2100 jeder Laptop eine so riesige Welt simulieren.</p> <p>Darauf baut Bostrom seine Argumente auf.</p> <ul> <li>Wenn unsere Nachfahren genügend große Rechner bauen können <i>und</i></li> <li>wenn sie daran interessiert sind, eine Simulation zu bauen und zu spielen, die in der Vergangenheit spielt <i>und</i></li> <li>wenn die NPCs darin tatsächlich ein Bewusstsein entwickeln können,</li> </ul> <p>dann (und nur dann) leben wir wahrscheinlich in einer Simulation.</p> <p>Das sind eine ganze Menge wenns. Fangen wir beim letzten an: Ob NPCs im Computer <a href="https://www.scinexx.de/news/technik/kann-ki-ein-bewusstsein-entwickeln/">ein Bewusstsein entwickeln</a>, wird auch längerfristig kaum zu klären sein. Schließlich wissen wir (wir = alle Wissenschaftler der Erde) nicht, was ein Bewusstsein überhaupt ist. Jeder weiß, dass er eines hat, und vermutet, dass alle anderen auch eines haben. Alles weitere driftet schnell in den Bereich der Esoterik ab. Wenn sich aber eine Hypothese in einem entscheidenden Punkt der Überprüfung entzieht, haben wir jedes Recht, sie zum Gedankenspiel herunterzustufen.</p> <p>Wo wir gerade beim Gedankenspielen sind: Wer sagt denn eigentlich, dass wir nicht in einer Simulation leben, deren Schöpfer wiederum nur einer Simulation entstammen? Diese Idee stammt nicht von Nick Bostrom, sie findet sich schon im Jahr 1964 in dem Science-Fiction-Roman Simulacron III von Daniel F. Galouye. Darin beschreibt er die Simulation einer Großstadt zu Marktforschungszwecken. Aber auch die Wissenschaftler, die den gigantischen Computer betreiben, in dem die Simulation läuft, müssen irgendwann feststellen, dass sie selbst nur Bits in einem Computer sind. Rainer Werner Fassbinder hat den Roman 1973 kongenial verfilmt.</p> <p>Der Roman und der Film enden damit, dass der Protagonist es schafft, aus der Simulation zu entkommen und in die Wirklichkeit vorzustoßen. Aber was, wenn es keine Wirklichkeit gibt? Wenn jede neue Ebene wieder eine Simulation ist? Wenn es sich um unzählige Spiegelbilder einer endlos fernen Wirklichkeit handelt, zu der wir niemals durchbrechen werden?</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-357" id="attachment_357"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4.jpg"><img alt="Unendliche Spiegel" decoding="async" height="523" sizes="(max-width: 523px) 100vw, 523px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4.jpg 1024w" width="523"></img></a><figcaption id="caption-attachment-357">Könnte die Welt eine unendlich ineinander geschachtelte Simulation ein?</figcaption></figure> <p>Dieser Idee sind dann doch enge Grenzen gesetzt. Jede Welt wird nur einen winzigen Teil ihrer Ressourcen auf die Simulation verwenden, schließlich muss man sich um wichtigere Dinge kümmern als Computerspiele. Jede höhere Stufe der Simulation wäre also Millionen Mal komplexer als aktuelle. Damit gelangen wir sehr schnell in Regionen, die einen mehrfachen Regress schon unwahrscheinlich werden lassen, einen endlosen Regress (Ursache der Ursache der Ursache … ad infinitum) aber sicher ausschließt.</p> <h3>Simulation oder Modell?</h3> <p>Wenn wir ehrlich sind, müssen wir natürlich zugeben, dass die Spiele im Rechner nicht einmal ein Dorf von hundert Einwohnern wirklich simulieren können. Ein professioneller Flugsimulator ahmt das wirkliche Flugverhalten eines einzelnen Flugzeugs sehr gut nach, so gut jedenfalls, dass die Piloten echte Notfälle darin üben können, ohne dass bei einer falschen Reaktion jemand zu Schaden kommt. Wohlgemerkt: Der Simulator bildet nur das nach, was die Piloten sehen, und konfrontiert sie mit den Konsequenzen falschen Handelns. Er könnte beispielsweise nicht simulieren, wie Passagiere reagieren, und nur sehr ungenau, an welchen Stellen sich eine Strukturüberlastung auswirken würde.</p> <p>Ein Spiel wie GTA oder Civilisation ist dagegen ein <i>Modell</i> im Maßstab eins zu einer Million (oder noch kleiner). Von einer Simulation zu sprechen, ist zwar üblich, aber irreführend. Kein Computerspielstudio bildet die echte Lebenswelt der Menschen genauer nach als beispielsweise Disneyworld oder Legoland. Warum erscheint es dann so echt, wenn man vor seinem Bildschirm sitzt? Wir Menschen sehen eben nur einen verschwindend kleinen Ausschnitt unserer Welt, und davon auch nur das, was unser Gehirn daraus macht. Schon wenn wir ein Buch lesen oder ein Theaterstück erleben, dann haben wir das Gefühl, die Figuren seien Teil unserer Lebenswelt. Wir neigen also dazu, aus kleinen Mosaiksteinen auf das ganze Bild zu schließen. Und ein Großteil davon spielt sich nur in unserem Kopf ab.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-356" id="attachment_356"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5.jpg"><img alt="" decoding="async" height="512" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5.jpg 1024w" width="512"></img></a><figcaption id="caption-attachment-356">Die Simulation der Welt in unserem Kopf. Simulieren wir eventuell eine Simulation?</figcaption></figure> <p>Nach meinem Eindruck haben weder Nick Bostrom noch seine Kritiker den Unterschied zwischen Simulation und Modell ausreichend diskutiert. Denn seien wir ehrlich: Computerspiele wie GTA simulieren keine Welt, sie modellieren nur auf recht primitive Weise soziale Interaktionen, und das vor einem Hintergrund, der kaum realistischer ist als die gemalten Kulissen in einem Theater.</p> <p>Kommen wir also jetzt zur Widerlegung.</p> <h3>Die Widerlegung: Wir leben nicht in einer Simulation</h3> <p>Während sich Bostroms Beweis durch seine Geradlinigkeit und Verständlichkeit auszeichnet, liest sich die Widerlegung wie ein Gewaltmarsch durch die dämmerigen Ränder der Mathematik, der Physik und der Philosophie. Die Quantengravitation wird da bemüht – ein Konzept, an dem sich Generationen von Physikern bisher vergeblich abarbeiten. Die Quantentheorie beschreibt hervorragend die Welt des Elektromagnetismus und der Kernkräfte. Die Quantenfeldtheorie beschreibt alle Kräfte außer der Gravitation, die wiederum von der Relativitätstheorie perfekt erfasst wird. Aber bisher sind alle Versuche gescheitert, daraus eine gemeinsame Theorie – die Quantengravitation – zu destillieren. Aber wenn es etwas nicht gibt, kann ich damit auch nicht argumentieren.</p> <p>Als weitere Akteure im Paper treten auf: Gödels Unvollständigkeitssatz, Tarskis Satz über die Undefinierbarkeit der Wahrheit und <a href="https://plato.stanford.edu/entries/platonism-mathematics/">der Platonismus in der Mathematik</a>, eine philosophische Theorie, die von der wirklichen Existenz abstrakter mathematischer Objekte ausgeht. „Wirklich“ heißt hier, sie existieren wie Planeten oder Kometen, unabhängig vom menschlichen Denken, und wenn ein Mathematiker ein neues Konzept findet, hat er es nicht er-funden, sondern ge-funden.</p> <p>Und das alles kondensieren die Autoren um Mir Faizal zu der Idee, dass sich unsere Welt von innen her nicht vollständig beschreiben lässt. Es bleibt immer ein undefinierbarer Rest, und zwar nicht etwa deshalb, weil man unmöglich schafft, in alle Staubecken zu gucken, sondern wegen des fundamentales Prinzips, dass immer irgendetwas nicht perfekt definiert ist.</p> <p>Weil aber eine Simulation in einem Computer abläuft, in der jedes Bit einen exakten Wert hat, der nach bestimmten Algorithmen auf eindeutige Art verändert wird, kann ein Computer unsere Welt nicht komplett simulieren. Wenn unsere Welt aber nicht im Computer simuliert werden kann, dann leben wir offensichtlich nicht in einer Simulation.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-360" id="attachment_360"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="512" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1.jpg 1024w" width="512"></img></a><figcaption id="caption-attachment-360">Kann es überhaupt eine Simulation geben?</figcaption></figure> <p>Äh, ja, sicher, ist doch ganz einfach, oder nicht? Bei näherer Überlegung hat die Argumentation aber ähnlich viele Löcher wie der Beweis. Zunächst: Woher wissen Physiker eigentlich, wie die Welt im Kleinsten (Quanten) und Größten (Galaxien) zusammengesetzt ist? Naja, sie lesen Instrumente ab. Sie werten Fotos aus. Erst dann schaffen sie Theorien und setzen neue Experimente auf, um aus weiteren Messwerten mehr Erkenntnisse zu entnehmen. Auch ein eindeutig definiertes System wie ein Computer könnte diese Ablesungen simulieren und den NPCs vorgaukeln, ihre Welt sei schon prinzipiell nicht simulierbar.</p> <p>Und das ist natürlich nicht alles. Wenn unsere Welt nicht simulierbar ist, dann könnte es auch keine Simulationen wie GTA geben. Es gibt sie aber. Nur: Diese Simulationen sind, wie schon gesagt, <i>Modelle</i> und haben eben mit der wirklichen Welt so viel gemeinsam wie ein Matchbox-Mercedes mit dem echten Auto.</p> <p>Der Beweis und seine Widerlegung sind also an so viele Bedingungen geknüpft, dass sie, wie so oft in der Philosophie, friedlich nebeneinander leben.</p> <h3>Also was denn jetzt: Simulation oder nicht?</h3> <p>Wenn schon nicht die ganze Welt simuliert wird, könnte es sein, dass jemand unsere Gehirne mit falschen Informationen füttert, wie beispielsweise in den Matrix-Filmen? Sicher, unmöglich ist das nicht, aber irgendwie frage ich mich doch, warum jemand den ungeheuren Aufwand dafür treiben sollte. Das beantwortet die Matrix-Serie nicht befriedigend, die Erklärung im Film sorgt zwar für gehörigen Grusel, ist aber im Grunde unsinnig. Wenn wir einmal davon ausgehen, dass einfache Antworten wahrscheinlicher sind als komplizierte<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>, dann leben Sie und ich wahrscheinlich nicht in einer Simulation, auch nicht in einer minimalen, in der nur unser ganz persönliches Gehirn absichtlich in die Irre geführt wird. Selbst dieses Szenario ist ein gehöriges Stück komplizierter als die einfache Erklärung, dass unser Gehirn ein Modell der echten Außenwelt aufbaut, damit wir uns darin sinnvoll bewegen können.</p> <p>Und wenn aber doch … ? Dann denken Sie darüber nach, wie die echte Welt aussehen könnte, warum ausgerechnet Ihr Gehirn in einem Tank liegt, und schreiben Sie ein Buch darüber. Es wird bestimmt ein Bestseller.</p> <p>P.S.: Weil die künstliche Intelligenz bei diesem Thema sozusagen direkt betroffen ist, habe ich diverse KI-Modelle gebeten, Bilder zum Thema zu generieren. Die besten Ergebnisse stelle ich hier vor.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> In dem sehenswerten Film „Free Guy“ aus dem Jahr 2021 spielt ein NPC die Hauptrolle. Er ist damit zufrieden, dass seine Tage immer gleich ablaufen. Aber dann wird seine Routine durchbrochen, und er muss sich einem Kampf stellen, der seine ganze Spielwelt bedroht. Der Film ist als Actionkomödie angelegt, und so wird am Ende alles gut.</p> <div id="sdendnote2"> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> In der Philosophie ist dieses Prinzip als „Ockhams Skalpell“ oder „Ockhams Rasiermesser“ bekannt. Es ist kein Gesetz, sondern eher eine Faustregel, benannt nach dem mittelalterlichen Mönch und Philosophen Wilhelm von Ockham, obwohl von ihm keine einzelne entsprechende Definition überliefert ist. Demnach sind einfache Erklärungen für einen Sachverhalt grundsätzlich vorzuziehen, immer vorausgesetzt, sie erklären ihn vollständig. Man soll dabei versuchen versuchen, mit möglichst wenigen Variablen, Hypothesen und Zusammenhängen auszukommen. Das Skalpell schneidet also wucherndes Gedankengewebe weg. Im Einzelfall mag eine Lösung komplizierter sein. Ein Beispiel: In neun von zehn Fällen ist eine Person, die mit einem blutigen Messer am Tatort eines Mordes angetroffen wird, tatsächlich der Mörder, aber möglicherweise ist es im Einzelfall komplizierter. Im Fall der Simulation ganzer Welten heißt das: Die Herstellung und der Betrieb einer Simulation ist außerordentlich kompliziert und fehleranfällig. Die Annahme, dass Ihre oder meine sichtbare Welt genau darauf beruht, ist demzufolge sehr viel weniger wahrscheinlich als die Annahme, dass wir in der echten Welt wohnen.</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/sind-wir-alle-simulanten/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>43</slash:comments> </item> <item> <title>Venezuelas Reichtum an Öl – das Orinocobecken https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/venezuelas-reichtum-an-oel-das-orinocobecken/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/venezuelas-reichtum-an-oel-das-orinocobecken/#comments Fri, 16 Jan 2026 17:05:27 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3727 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/venezuelas-reichtum-an-oel-das-orinocobecken/</link> </image> <description type="html"><h1>Venezuelas Reichtum an Öl - das Orinocobecken » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Venezuela#">Venezuela </a>steht einmal mehr im Zentrum des weltweiten Interesses. Ich möchte mich hier nicht über den Sinn oder Unsinn auslassen, unliebsame Politiker zu entführen, selbst wenn sie ihr Land unterdrücken und nicht demokratisch legitimiert sind. Hier geht es hauptsächlich um das Öl. Das Unternehmen wurde schließlich nicht gestartet, um dem venezolanischen Volk Freiheit oder wirtschaftlichen Wohlstand zu bringen.</p> <p>Vermutlich verfügt das lateinamerikanische Land über die <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/40062/umfrage/laendervergleich-nachgewiesene-erdoelreserven-in-milliarden-tonnen/">größten nachgewiesenen Ölreserven der Welt</a>. Schätzungen zufolge besitzt Venezuela rund 300 Milliarden Barrel Öl. Damit liegt das Land nicht nur an der Spitze in Lateinamerika, sondern auch deutlich vor Saudi-Arabien mit 265 Milliarden Barrel. Brasilien, die Nummer zwei in Lateinamerika in Sachen Erdöl, ist mit gut 16 Mrd. Barrel weit abgeschlagen. Dabei muss man allerdings berücksichtigen, dass weite Bereiche in Lateinamerika noch nicht hinreichend exploriert wurden und sicher noch einige Überraschungen bereithalten könnten.</p> <p>Hinzu kommt, dass man zwischen Reserven und Ressourcen unterscheidet. Reserven bezeichnen die Mengen, die zu gegenwärtigen Preisen und mit heutiger Technologie förderbar sind. Letztere stellen die Mengen dar, die zwar nachgewiesen sind, aber nach dem heutigen Stand der Technik und den heutigen Preisen nicht gewonnen werden können. Sie könnten aber möglicherweise in Zukunft ausgebeutet werden. Das erklärt auch die immer wieder auftretenden Schwankungen der Zahlen. Hier soll es um Reserven gehen.</p> <h2 id="h-wo-kommt-das-ol-eigentlich-her">Wo kommt das Öl eigentlich her?</h2> <p>Selbst wenn man davon ausgeht, dass die umliegenden Gebiete in Lateinamerika noch nicht ausreichend erkundet wurden und möglicherweise noch das eine oder andere Überraschungspotenzial bergen. Venezuela ist in jedem Fall bemerkenswert. Rund 90 % des venezolanischen Öls kommen im Orinocobecken vor. Das Gebiet der Ölfelder ist mit rund 55.000 km² fast so groß wie Kroatien. Es ist neben den kanadischen Ölsanden das größte bekannte zusammenhängende Ölfeld der Welt. Hier muss also einiges zusammengekommen sein, um diese gigantische Menge an Öl entstehen zu lassen. Schätzungen zufolge liegen hier mehr als 1 Billion Barrel Öl [1].</p> <p>Im Norden Südamerikas grenzt der südamerikanische Kontinent an die Karibische Platte. Das Orinokobecken liegt dabei südlich eines Faltengürtels. Durch die Kollision der Karibischen Platte mit dem passiven Rand Südamerikas bildete sich während des Paläogens und Neogens ein Vorlandbecken mit einem Überschiebungsgürtel.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS.jpg"><img alt="" decoding="async" height="611" sizes="(max-width: 719px) 100vw, 719px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS.jpg 719w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS-300x255.jpg 300w" width="719"></img></a><figcaption><em>Der Orinoco Petroleum Belt und seine Lage in Venezuela. <a href="https://pubs.usgs.gov/fs/2009/3028/pdf/FS09-3028.pdf">USGS</a></em></figcaption></figure> <h2 id="h-von-der-bildung-zum-speicher">Von der Bildung zum Speicher</h2> <p>Durch Überschiebungen verdickte sich die Lithosphäre, wodurch sich das Becken senkte und ausgedehnte flache Meeresbereiche entstanden, die ideale Bedingungen für marines Leben boten. Eine starke Sedimentation durch den Ur-Orinoco führte zu einer raschen Bedeckung der organischen Reste und zur weiteren Absenkung des Beckens. Dadurch sanken die Erdölmuttergesteine immer tiefer und gelangten in einen Temperaturbereich, der für die Entstehung von Erdöl ideal ist.</p> <p>Mit der Bildung ist die Sache aber noch lange nicht beendet. Um ein anständiges Ölfeld zu bilden, braucht man auch Gesteine, die Erdöl speichern können. Idealerweise sind dies poröse Gesteine, in deren Porenraum das Erdöl gespeichert wird. Darüber sollten abdichtende Schichten, wie etwa Salz- oder Tonsteine, vorhanden sein, die verhindern, dass das kostbare Erdöl weiter aufsteigt und die Erdoberfläche erreicht.<br></br>Und genau das passierte hier auch. Das Erdöl wanderte von den tieferen Becken aufwärts in den flachen südlichen Bereich, wo es sich entlang einer vorgewölbten Struktur sammelte [3].<br></br>Dort gab es größere Mengen fluviatiler Sandsteine, die als gute Erdöl-Speichergesteine gelten. Allerdings sind sie hier auch recht uneinheitlich. Verschiedene Sandsteine und Schieferbarrieren stellen einige Herausforderungen für die Förderung dar.</p> <h2 id="h-viel-ol-aber-es-ist-schwierig">Viel Öl, aber es ist schwierig</h2> <p>Klar, dass so viel Öl zunächst verlockend klingt und große Gewinne verspricht. Die Sache hat jedoch einen relativ großen Haken. So einfach wie Trump es sich vorstellt, dürfte es nicht sein, weder politisch noch wirtschaftlich noch erdöltechnisch.</p> <p>Ein Großteil des venezolanischen Öls ist nämlich sehr zäh und enthält viel Schwefel. Das stellt große Herausforderungen an die Förderung und die Weiterverarbeitung. So muss das Öl für den Transport mit Naphtha und Gasöl verdünnt werden. Der Schwefel muss vor der Verarbeitung entfernt werden, wozu aber nur wenige Anlagen fähig sind. Das bedeutet, dass dieses Öl im Vergleich zu hochwertigen Rohölen wie Brent nur mit deutlichem Preisnachlass auf dem Weltmarkt verkauft werden kann – teilweise nur zu einem Drittel des Preises der hochwertigen Sorten.</p> <p>Hinzu kommt, dass die Förderanlagen aufgrund von staatlichem Missmanagement, fallenden Ölpreisen und technischen Embargos schon deutlich bessere Zeiten gesehen haben. Während Venezuela 1997 noch rund 3,3 Mio. Barrel täglich förderte, ging die Förderung langsam zurück. 2004 sank sie nach Angaben der OPEC auf 2,3 Millionen Barrel. Von da an ging es rapide bergab. 2018 waren es nur noch geschätzte 700.000 Barrel und 2020 lag die Förderung laut OPEC nur noch bei 570.000 Barrel pro Tag.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004.png"><img alt="" decoding="async" height="512" sizes="(max-width: 960px) 100vw, 960px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004.png 960w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004-300x160.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004-768x410.png 768w" width="960"></img></a><figcaption><em>Ölproduktion in Venezuela in den Jahren 1998 bis 2024 und im Vergleich dazu Kolumbien. Daten nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Organisation_erd%C3%B6lexportierender_L%C3%A4nder">OPEC</a>. DaWalda (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:R<a href="http://ohölproduktion_Venezuela_und_Kolumbien,_1998-2004.png">ohölproduktion_Venezuela_und_Kolumbien,_1998-2004.png</a>), „Rohölproduktion Venezuela und Kolumbien, 1998-2004“, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode">https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode</a></em></figcaption></figure> <h2 id="h-lohnt-es-sich">Lohnt es sich?</h2> <p>Das ist eigentlich die alles entscheidende Frage. Es handelt sich um eine enorme Menge Öl, auch wenn manche die tatsächlichen Reserven anzweifeln. Zumal der Ölpreis zurzeit niedrig ist und das Öl daher relativ unwirtschaftlich ist. Wer soll das Öl verarbeiten? Die Anzahl der Raffinerien, die so schweres Öl verarbeiten können, ist begrenzt und nimmt ab. Vorsichtige Schätzungen sprechen von einem Investitionsbedarf von etwa 180 Mrd. Dollar bis 2040 für die heruntergekommene Förderinfrastruktur, um die Förderraten der 1990er Jahre wieder zu erreichen.</p> <p>Hinzu kommt die Sicherheitsfrage. Wer auch immer eine so enorme Menge an Geld in den venezolanischen Boden investieren will, braucht Sicherheit und politische Stabilität. Und damit sieht es zumindest zurzeit nicht gut aus. Das brachte den amerikanischen Präsidenten vermutlich auch dazu, über amerikanisches Steuergeld nachzudenken, mit dem er <a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">zögerliche Ölfirmen motivieren</a> könnte. Es sieht also ziemlich finster aus für sprudelnde Einnahmen aus dem Orinocobecken.</p> <h2 id="h-references">References</h2> <ul> <li>[1] <strong>Fiorillo, G.</strong> (<strong>1987</strong>). <em>Exploration and evaluation of the Orinoco Oil Belt</em>, .</li> <li>[2] <strong>Summa, L.; Goodman, E.; Richardson, M.; Norton, I. and Green, A.</strong> (<strong>2003</strong>). <em>Hydrocarbon systems of Northeastern Venezuela: plate through molecular scale-analysis of the genesis and evolution of the Eastern Venezuela Basin</em>, Marine and Petroleum Geology 20 : 323-349.</li> <li>[3] <strong>Bartok, P.</strong> (<strong>2003</strong>). <em>The peripheral bulge of the Interior Range of the Eastern Venezuela Basin and its impact on oil accumulations</em>, .</li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Venezuelas Reichtum an Öl - das Orinocobecken » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Venezuela#">Venezuela </a>steht einmal mehr im Zentrum des weltweiten Interesses. Ich möchte mich hier nicht über den Sinn oder Unsinn auslassen, unliebsame Politiker zu entführen, selbst wenn sie ihr Land unterdrücken und nicht demokratisch legitimiert sind. Hier geht es hauptsächlich um das Öl. Das Unternehmen wurde schließlich nicht gestartet, um dem venezolanischen Volk Freiheit oder wirtschaftlichen Wohlstand zu bringen.</p> <p>Vermutlich verfügt das lateinamerikanische Land über die <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/40062/umfrage/laendervergleich-nachgewiesene-erdoelreserven-in-milliarden-tonnen/">größten nachgewiesenen Ölreserven der Welt</a>. Schätzungen zufolge besitzt Venezuela rund 300 Milliarden Barrel Öl. Damit liegt das Land nicht nur an der Spitze in Lateinamerika, sondern auch deutlich vor Saudi-Arabien mit 265 Milliarden Barrel. Brasilien, die Nummer zwei in Lateinamerika in Sachen Erdöl, ist mit gut 16 Mrd. Barrel weit abgeschlagen. Dabei muss man allerdings berücksichtigen, dass weite Bereiche in Lateinamerika noch nicht hinreichend exploriert wurden und sicher noch einige Überraschungen bereithalten könnten.</p> <p>Hinzu kommt, dass man zwischen Reserven und Ressourcen unterscheidet. Reserven bezeichnen die Mengen, die zu gegenwärtigen Preisen und mit heutiger Technologie förderbar sind. Letztere stellen die Mengen dar, die zwar nachgewiesen sind, aber nach dem heutigen Stand der Technik und den heutigen Preisen nicht gewonnen werden können. Sie könnten aber möglicherweise in Zukunft ausgebeutet werden. Das erklärt auch die immer wieder auftretenden Schwankungen der Zahlen. Hier soll es um Reserven gehen.</p> <h2 id="h-wo-kommt-das-ol-eigentlich-her">Wo kommt das Öl eigentlich her?</h2> <p>Selbst wenn man davon ausgeht, dass die umliegenden Gebiete in Lateinamerika noch nicht ausreichend erkundet wurden und möglicherweise noch das eine oder andere Überraschungspotenzial bergen. Venezuela ist in jedem Fall bemerkenswert. Rund 90 % des venezolanischen Öls kommen im Orinocobecken vor. Das Gebiet der Ölfelder ist mit rund 55.000 km² fast so groß wie Kroatien. Es ist neben den kanadischen Ölsanden das größte bekannte zusammenhängende Ölfeld der Welt. Hier muss also einiges zusammengekommen sein, um diese gigantische Menge an Öl entstehen zu lassen. Schätzungen zufolge liegen hier mehr als 1 Billion Barrel Öl [1].</p> <p>Im Norden Südamerikas grenzt der südamerikanische Kontinent an die Karibische Platte. Das Orinokobecken liegt dabei südlich eines Faltengürtels. Durch die Kollision der Karibischen Platte mit dem passiven Rand Südamerikas bildete sich während des Paläogens und Neogens ein Vorlandbecken mit einem Überschiebungsgürtel.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS.jpg"><img alt="" decoding="async" height="611" sizes="(max-width: 719px) 100vw, 719px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS.jpg 719w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS-300x255.jpg 300w" width="719"></img></a><figcaption><em>Der Orinoco Petroleum Belt und seine Lage in Venezuela. <a href="https://pubs.usgs.gov/fs/2009/3028/pdf/FS09-3028.pdf">USGS</a></em></figcaption></figure> <h2 id="h-von-der-bildung-zum-speicher">Von der Bildung zum Speicher</h2> <p>Durch Überschiebungen verdickte sich die Lithosphäre, wodurch sich das Becken senkte und ausgedehnte flache Meeresbereiche entstanden, die ideale Bedingungen für marines Leben boten. Eine starke Sedimentation durch den Ur-Orinoco führte zu einer raschen Bedeckung der organischen Reste und zur weiteren Absenkung des Beckens. Dadurch sanken die Erdölmuttergesteine immer tiefer und gelangten in einen Temperaturbereich, der für die Entstehung von Erdöl ideal ist.</p> <p>Mit der Bildung ist die Sache aber noch lange nicht beendet. Um ein anständiges Ölfeld zu bilden, braucht man auch Gesteine, die Erdöl speichern können. Idealerweise sind dies poröse Gesteine, in deren Porenraum das Erdöl gespeichert wird. Darüber sollten abdichtende Schichten, wie etwa Salz- oder Tonsteine, vorhanden sein, die verhindern, dass das kostbare Erdöl weiter aufsteigt und die Erdoberfläche erreicht.<br></br>Und genau das passierte hier auch. Das Erdöl wanderte von den tieferen Becken aufwärts in den flachen südlichen Bereich, wo es sich entlang einer vorgewölbten Struktur sammelte [3].<br></br>Dort gab es größere Mengen fluviatiler Sandsteine, die als gute Erdöl-Speichergesteine gelten. Allerdings sind sie hier auch recht uneinheitlich. Verschiedene Sandsteine und Schieferbarrieren stellen einige Herausforderungen für die Förderung dar.</p> <h2 id="h-viel-ol-aber-es-ist-schwierig">Viel Öl, aber es ist schwierig</h2> <p>Klar, dass so viel Öl zunächst verlockend klingt und große Gewinne verspricht. Die Sache hat jedoch einen relativ großen Haken. So einfach wie Trump es sich vorstellt, dürfte es nicht sein, weder politisch noch wirtschaftlich noch erdöltechnisch.</p> <p>Ein Großteil des venezolanischen Öls ist nämlich sehr zäh und enthält viel Schwefel. Das stellt große Herausforderungen an die Förderung und die Weiterverarbeitung. So muss das Öl für den Transport mit Naphtha und Gasöl verdünnt werden. Der Schwefel muss vor der Verarbeitung entfernt werden, wozu aber nur wenige Anlagen fähig sind. Das bedeutet, dass dieses Öl im Vergleich zu hochwertigen Rohölen wie Brent nur mit deutlichem Preisnachlass auf dem Weltmarkt verkauft werden kann – teilweise nur zu einem Drittel des Preises der hochwertigen Sorten.</p> <p>Hinzu kommt, dass die Förderanlagen aufgrund von staatlichem Missmanagement, fallenden Ölpreisen und technischen Embargos schon deutlich bessere Zeiten gesehen haben. Während Venezuela 1997 noch rund 3,3 Mio. Barrel täglich förderte, ging die Förderung langsam zurück. 2004 sank sie nach Angaben der OPEC auf 2,3 Millionen Barrel. Von da an ging es rapide bergab. 2018 waren es nur noch geschätzte 700.000 Barrel und 2020 lag die Förderung laut OPEC nur noch bei 570.000 Barrel pro Tag.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004.png"><img alt="" decoding="async" height="512" sizes="(max-width: 960px) 100vw, 960px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004.png 960w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004-300x160.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004-768x410.png 768w" width="960"></img></a><figcaption><em>Ölproduktion in Venezuela in den Jahren 1998 bis 2024 und im Vergleich dazu Kolumbien. Daten nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Organisation_erd%C3%B6lexportierender_L%C3%A4nder">OPEC</a>. DaWalda (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:R<a href="http://ohölproduktion_Venezuela_und_Kolumbien,_1998-2004.png">ohölproduktion_Venezuela_und_Kolumbien,_1998-2004.png</a>), „Rohölproduktion Venezuela und Kolumbien, 1998-2004“, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode">https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode</a></em></figcaption></figure> <h2 id="h-lohnt-es-sich">Lohnt es sich?</h2> <p>Das ist eigentlich die alles entscheidende Frage. Es handelt sich um eine enorme Menge Öl, auch wenn manche die tatsächlichen Reserven anzweifeln. Zumal der Ölpreis zurzeit niedrig ist und das Öl daher relativ unwirtschaftlich ist. Wer soll das Öl verarbeiten? Die Anzahl der Raffinerien, die so schweres Öl verarbeiten können, ist begrenzt und nimmt ab. Vorsichtige Schätzungen sprechen von einem Investitionsbedarf von etwa 180 Mrd. Dollar bis 2040 für die heruntergekommene Förderinfrastruktur, um die Förderraten der 1990er Jahre wieder zu erreichen.</p> <p>Hinzu kommt die Sicherheitsfrage. Wer auch immer eine so enorme Menge an Geld in den venezolanischen Boden investieren will, braucht Sicherheit und politische Stabilität. Und damit sieht es zumindest zurzeit nicht gut aus. Das brachte den amerikanischen Präsidenten vermutlich auch dazu, über amerikanisches Steuergeld nachzudenken, mit dem er <a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">zögerliche Ölfirmen motivieren</a> könnte. Es sieht also ziemlich finster aus für sprudelnde Einnahmen aus dem Orinocobecken.</p> <h2 id="h-references">References</h2> <ul> <li>[1] <strong>Fiorillo, G.</strong> (<strong>1987</strong>). <em>Exploration and evaluation of the Orinoco Oil Belt</em>, .</li> <li>[2] <strong>Summa, L.; Goodman, E.; Richardson, M.; Norton, I. and Green, A.</strong> (<strong>2003</strong>). <em>Hydrocarbon systems of Northeastern Venezuela: plate through molecular scale-analysis of the genesis and evolution of the Eastern Venezuela Basin</em>, Marine and Petroleum Geology 20 : 323-349.</li> <li>[3] <strong>Bartok, P.</strong> (<strong>2003</strong>). <em>The peripheral bulge of the Interior Range of the Eastern Venezuela Basin and its impact on oil accumulations</em>, .</li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/venezuelas-reichtum-an-oel-das-orinocobecken/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>Das neue UN-Hochseeabkommen – Meilenstein für Meeresschutz https://scilogs.spektrum.de/meertext/das-neue-un-hochseeabkommen-meilenstein-fuer-meeresschutz/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/das-neue-un-hochseeabkommen-meilenstein-fuer-meeresschutz/#comments Fri, 16 Jan 2026 14:10:51 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1863 <h1>Das neue UN-Hochseeabkommen – Meilenstein für Meeresschutz » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Am 17. Januar soll das neue UN-Hochseeabkommen (BBNJ – Biodiversity Beyond National Jurisdiction) in Kraft treten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-26.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="598" sizes="(max-width: 823px) 100vw, 823px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-26.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-26.png 823w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-26-300x218.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-26-768x558.png 768w" width="823"></img></a></figure> <p><br></br><a href="https://www.awi.de/im-fokus/un-hochseeabkommen.html">Seit 20 Jahren wurde darüber verhandelt,</a> die Lücken im Seerechtsübereinkommen (SRÜ) zum Schutz der Hochsee in internationalen Gewässern zu schließen. Mit der Ratifizierung durch Marokko und Sierra Leone waren 2025 die dafür notwendigen 60 Ratifizierungen überschritten, darum tritt das <a href="https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/un-abkommen-schutz-hochsee-101.html">internationale Abkommen 120 Tage später </a>in Kraft – nach <a href="https://treaties.un.org/Pages/ViewDetails.aspx?src=TREATY&amp;mtdsg_no=XXI-10&amp;chapter=21&amp;clang=_en" rel="noreferrer noopener" target="_blank"> Angaben der Vereinten Nationen </a><a href="https://treaties.un.org/Pages/ViewDetails.aspx?src=TREATY&amp;mtdsg_no=XXI-10&amp;chapter=21&amp;clang=_en">also am 17. Januar 2026</a>.<br></br>Insgesamt haben mittlerweile 145 Staaten das Abkommen unterzeichnet, allerdings erst 81 ratifiziert habe es ratifiziert. Die <a href="https://www.oceancare.org/stories_and_news/eu-ratifiziert-hochseeabkommen/">EU hat es als Gesamtheit unterzeichnet und ratifiziert, außerdem</a> Zypern, Dänemark, Slowenien, Finnland, Ungarn, Lettland, Luxemburg und Portugal. Deutschland hat es unterzeichnet, aber noch nicht ratifiziert, die USA haben es noch nicht mal unterzeichnet.</p> <h2 id="h-hoffnung-gegen-die-zerstorung-der-ozeane"><strong>Hoffnung gegen die Zerstörung der Ozeane</strong></h2> <p>Die Kontinente haben die Menschen unter sich aufgeteilt, besitzloses Land gibt es nur noch in der Antarktis – und deren Nutzung ist in internationalen Verträgen festgelegt. Das gleiche gilt für die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/UN-Seerechts%C3%BCbereinkommen">Küstenmeere: Laut SRÜ (Seerechtsübereinkommen) gilt die 12-Meilen-Zone</a> vor der Küste als Hoheitsgewässer und die 200 Meilen-Zone als Ausschließliche Wirtschaftszone mit Fischereirechten und Rechten für Bodenschatzabbau. Dann ist noch die Beanspruchung des Kontinentalsockels bis in maximal 350 Meilen möglich. Jenseits der Kontinentalsockel beginnt die Hohe See, also Internationale Gewässer. </p> <p>Während die meisten Länder an Land längst Schutzgebiete ausgewiesen haben – das erste war 1872 der Yellowstone Park in den USA – sind Meeresschutzgebiete weitaus weniger häufig und vor allem weniger stark geschützt. Das SRÜ war immerhin ein Anfang für ein gemeinsames Recht der Hohen See und zur Regelung der internationalen Schifffahrt, lässt aber für den Schutz der lebenden und nicht lebenden Ressourcen erhebliche Lücken. Das offene Meer galt als unendliche Ressource – mittlerweile ist klar, dass dem nicht so ist. So soll nun das „10. Agreement under the United Nations Convention on the Law of the Sea on the Conservation and Sustainable Use of Marine Biological Diversity of Areas beyond National Jurisdiction“ diese Gesetzeslücke schließen.</p> <h2 id="h-fische-seevogel-wale-und-co-brauchen-hilfe"><strong>Fische, Seevögel, Wale und Co brauchen Hilfe</strong></h2> <p><a href="https://www.economist.com/international/2025/12/30/a-half-planet-size-gap-in-global-governance-is-about-to-get-plugged?giftId=MjQyYzFiOTEtOTI5YS00NWQxLTg3YTEtMjBlMmM1N2Y5Njg2&amp;utm_campaign=gifted_article">Der Werdegang des Abkommens bildet das wachsende Bewusstsein für den immer schnelleren Rückgang vie</a>ler Fisch-, Hai-, Schildkröten-, Tintenfisch- und anderer Arten ab. Außerdem zeigt es auch das gestiegene Wissen und Bewusstsein für die Bedeutung der Ozeane zur Klima-Regulierung – sie agieren nicht nur als Wärmepuffer (jedenfalls bis 2023) sondern sind auch die größten Kohlenstoffsenken des Planeten. Das Abkommen erkennt weiterhin an, dass menschlich verursachte Probleme wie die Klimakrise, Meeresverschmutzung, Überfischung und andere die Fähigkeiten der Meere zur CO2-Aufnahme und ihren Beitrag zur Welternährung verringen.<aside></aside></p> <p>Das Abkommen soll mit den internationalen Gewässer 61 % der Ozeane und 43 % der Erdoberfläche schützen, die mit einer durchschnittlichen Tiefe von 4.100 Metern zwei Drittel der Biosphäre ausmachen. Viele Lebensräume gerade dieser tiefen Gewässer sind noch unerforscht, jede Expedition entdeckt neue Lebensräume und Arten.</p> <p>Während der Zeit der Verhandlungen nahm die marine Biodiversität – die Vielfalt der Arten, Ökosysteme und Genome immer schneller ab, ihr Schutz wurde immer dringlicher. Dieser Rückgang zeigt sich besonders deutlich am Rückgang der kommerziell befischten Fischbestände: In den letzten Jahrzehnten wurden von 1.320 Populationen von 483 Arten mindestens 82 % schneller abgefischt, als sie sich wieder vermehren können – wie ein internationales Team aus erfahrenen Fischereiforschenden 2020 publizierte. An dieser ersten globalen Bewertung der langfristigen Trends der Fischereibiomasse von 1300 befischten Meerespopulationen waren u a <a href="https://www.geomar.de/rfroese">Rainer Froese (GEOMAR)</a> und <a href="https://www.seaaroundus.org/daniel-pauly/">der legendäre Daniel Pauly</a> beteiligt – sie stellten den Rückgang der durchschnittlichen Fischereibiomasse in allen Ozeanen und Klimazonen fest und die systematische, weit verbreitete Überfischung der Küsten- und Schelfgewässer weltweit (Pauly hat das Konzept der <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Shifting_baseline">Shifting baselines</a> entwickelt. Es besagt, dass in der Fischerei falsche, bereits durch Befischung reduzierte Bestandszahlen als falscher Ausgangspunkt genutzt werden und der tatsächliche Rückgang in Relation zum ursprünglichen noch viel höher liegt. Das Konzept ist heute wissenschaftlich akzeptiert und zeichnet sich z B auch bei Walen ab).</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-28.png"><img alt="" decoding="async" height="887" sizes="(max-width: 640px) 100vw, 640px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-28.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-28.png 640w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-28-216x300.png 216w" width="640"></img></a></figure> <h2 id="h-fischerei-probleme"><strong>Fischerei-Probleme</strong></h2> <p>Die wichtigsten Verwalter der Fischbestände sind 17 regionale Fischereiorganisationen. Mit wenigen bemerkenswerten Ausnahmen, wie beispielsweise im westlichen und zentralen Pazifik, haben diese allerdings durch zu starken Druck der Lobbies nicht gut „gewirtschaftet“. Stattdessen sind die meisten bewirtschafteten Bestände weiter zurückgegangen. <a href="https://www.economist.com/international/2025/12/30/a-half-planet-size-gap-in-global-governance-is-about-to-get-plugged?giftId=MjQyYzFiOTEtOTI5YS00NWQxLTg3YTEtMjBlMmM1N2Y5Njg2&amp;utm_campaign=gifted_article">So ist etwa die Laichpopulation des Roten Thun</a>s in den letzten Jahrzehnten im westlichen Atlantik um vier Fünftel und im östlichen Atlantik um zwei Drittel zurückgegangen. In deutschen Gewässern der Nord- und Ostsee ist das Management vieler dort befischter Arten genauso fehlgeschlagen. Einst existierten dort so riesige Heringsschwärme, dass die silbigen kleinen Fische ein Arme-Leute-Essen waren. Aber auf politischen Druck und die lautstarke Fischereilobby wurden die Quoten immer wieder höher angesetzt, als die Heringe sich reproduzieren konnten. Zuletzt fiel die Reproduktion der Heringe (und der Dorsche) <a href="https://www.geomar.de/news/article/kein-nachwuchs-bei-dorsch-und-hering">der westlichen Ostsee auch wegen zu hoher Temperaturen ganz aus</a>. „Nach Jahrzehnten der Überfischung sind die Bestände von Dorsch und Hering in der westlichen Ostsee so klein, dass sie während der Laichzeit nicht mehr ihr ganzes Laichgebiet mit Eiern versorgen können. Beim Hering liegt der Nachwuchs seit 2005 weit unter dem Mittel der vorherigen Jahre und nimmt kontinuierlich weiter ab. Seit 2018 empfiehlt deshalb der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) eine Einstellung der Heringsfischerei, dieser Rat wurde aber bisher von den politischen Handelnden nicht befolgt. Beim Dorsch ist in vier der letzten fünf Jahre der Nachwuchs ganz oder fast ganz ausgeblieben. Der Bestand besteht daher fast nur noch aus jetzt vierjährigen Dorschen, die sich noch nicht erfolgreich fortgepflanzt haben und die <a href="https://www.geomar.de/news/article/kein-nachwuchs-bei-dorsch-und-hering">Hauptlast der Dorschfischerei tragen</a>.“ Der erfahrene Meeresökologe und Experte für Fischereiwissenschaft Rainer Froese (GEOMAR) sagte dazu: „Wenn wir diesen Jahrgang ohne Ersatz verlieren, dann haben wir den Bestand verloren“.<br></br>Auch diese datengestützte Mahnung blieb ungehört.</p> <h2 id="h-netze-und-bergbau-zerstoren-okosysteme"><strong>Netze und Bergbau zerstören Ökosysteme</strong></h2> <p>Neben den kommerziell befischten Arten fangen gerade riesige Stellnetze und kilometerlange Langleinen auch andere Arten als Beifang, darunter große Fische, Haie und Meeresvögel wie Albatrosse. Außerdem zerstören viele Netze ganze Ökosysteme, weil sie den Meeresboden und die darauf sitzenden Tiere (Korallen, Seeigel, Schwämme u a) umpflügen oder auch in Jahrhunderten gewachsene Tiefseekorallengärten zerschlagen. Mehrere Kleinwal-Arten wie der Vaquita sind durch den Beifang unmittelbar vom Aussterben bedroht.<br></br>Durch den Film <a href="https://www.youtube.com/watch?v=A2ubv3gnQhQ">„Ocean“ (2025) von Sir David Attenborough</a> haben erstmal viele Konsumenten einen Eindruck bekommen, wie ein Grundschleppnetz arbeitet und welche extremen Zerstörungen es anrichtet. Solche Netze rumpeln nicht nur über den Meeresboden, sondern tragen je nach Zielart zusätzliche Scheuchvorrichtungen. So sind z B Seezungen-Trawls mit schweren Scheuchketten davor ausgerüstet, die in den Sandboden hinein die Fische aufscheuchen. Dies ist nur die meist legale Fischerei.</p> <p>Ebenfalls katastrophal ist die Tiefseefischerei an <a href="https://sanctuaries.noaa.gov/news/2025/reasons-seamounts-matter.html">Seebergen (Sea Mounts</a>). Im Atlantik, Indischen Ozean und Pazifik gibt es Tausende solcher Unterwasserberge, deren Gesamtfläche der gesamten Fläche Europas entspricht. Die meisten liegen in internationalen Gewässern und sind darum schutzlos. Sie sind oft Hotspots der Artenvielfalt, da es durch ihre Topographie zu Upwelling von nährstoffreichen Tiefseeströmungen kommt. Damit sind sie im Ozean regelrechte Oasen, in denen auch kommerziell genutzte Wanderfischarten fressen oder laichen. Die Tiefwasserkorallengärten, die sich an ihren Hängen über Jahrtausende entwickelt haben, können durch einen einzigen Trawl-Schleppzug regelrecht abrasiert werden, ihre Regeneration braucht Jahrhunderte oder gar Jahrtausende. Da viele Tiefwasserfische erst spät geschlechtsreif werden – Granatbarsche (Orange Doughy) <a href="https://ocean.si.edu/ocean-life/fish/rough-going-orange-roughy">erst mit ca 20 Jahren, sie werden dann bis zu 149</a> Jahre alt – beendet der Fang eines solchen Schwarms, der sich am Seamount zum Laichen trifft, dessen Existenz.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-29.png"><img alt="" decoding="async" height="366" sizes="(max-width: 339px) 100vw, 339px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-29.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-29.png 339w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-29-278x300.png 278w" width="339"></img></a><figcaption>(Wikipedia: Sea Mounts)</figcaption></figure> <p>Dazu kommt gerade in internationalen Gewässern die katastrophale illegale Fischerei. Die größte davon ist die sogenannte „Chinesische Schattenflotte“. <a href="https://www.zeit.de/serie/die-schattenflotte">Dazu hatten <em>Die Zeit</em> u a Medien 2023 umfangreich berichtet,</a> über das Ignorieren von Artenschutz und Hoheitsgebieten, zu hohe Fangquoten, Zwangsarbeit und das Schweige-Kartell auch der hiesigen Supermärkte.</p> <p>Die verheerenden <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/tiefseebergbau-bedrohung-fuer-quallen-und-co/">Auswirkungen des Tiefseebergbaus</a>, die auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/1310-2/">das Tierleben bis zur</a> Meeresoberfläche und die Klimaschutz-Funktion der Ozeane bedrohen, sind in den letzten Jahren zur Genüge dokumentiert und diskutiert worden.</p> <h2 id="h-30-der-meere-sollten-unter-schutz-gestellt-werden"><strong>30% der Meere sollten unter Schutz gestellt werden</strong></h2> <p>Der neue Hochsee-Vertrag legt zwar kein konkretes Ziel für den künftigen Schutz fest. Aber die Unterzeichnenden verpflichten sich im Übereinkommen über die biologische Vielfalt, bis 2030 30 % ihrer Land- und Wasserflächen zu schützen. Solche Marine Protected Areas (MPAs) der offenen Ozeane würden dann auch die Meerestiere der <a href="https://www.whoi.edu/ocean-learning-hub/ocean-topics/how-the-ocean-works/ocean-zones/twilight-zone/">Dämmerungszone (Twilight Zone)</a> zwischen 200 und 1000 Metern Tiefe schützen. Dieses sogenannte Mesopelagial steht aktuell im Fokus der Fischereiindustrie und ist reich bevölkert, auch mit potentiellen Speisefischen. Durch ihr wimmelndes Leben wie <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/gelata-venusguertel-seewespe-feuerwalze-und-andere-geleetiere/">auch das gelatinöse Plankton ist dieser</a> Bereich der Ozeane nicht nur eine Nahrungsressource für größere Tiere und Kinderstube vieler Arten, sondern auch eine wichtige Kohlenstoffsenke.</p> <p>Gerade Meeresbereiche mit hoher Produktivität sollten, so raten Wissenschaftler, in ihrer Gesamtheit unter Schutz gestellt werden. Zurzeit wird in solchen Gebieten wie z B im Südpolarmeer gefischt: Dort saugen riesige Fabrikschiffe <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0308597X25002027">gewaltige Mengen Krill aus</a> dem Meer, inmitten der dort fressenden Bartenwale, wie Finnwalen. Krill ist nicht nur die Basis der antarktischen Nahrungskette von Fischen über Pinguine bis zu Bartenwalen, <a href="https://www.csiro.au/en/news/all/articles/2019/february/whales">sondern speichert auch als Biomasse viel</a> Kohlenstoff. Natürlich ist auch der Krill<a href="https://www.csiro.au/en/news/all/articles/2019/february/whales"> von der Meereserwärmung</a> gebeutelt. Die für z B <a href="https://news.stanford.edu/stories/2024/09/krill-harvesting-threatens-whale-recovery">Krillöl-Nahrungsergänzung gefangenen Krebschen-Schwärme fehlen bei der Ernährung der Wale</a> und bedroht die Erholung der immer noch durch den Großwalfang reduzierten Bestände. Dazu kommen <a href="https://wwf.org.au/news/2025/wwf-calls-for-moratorium-on-krill-fishing-after-negotiations-fail-to-protect/">steigende Zahlen von Beifang an Pinguinen, Robben und sogar Walen</a>. Darum haben Meeresforscher dieses Areal und 320 weitere als <a href="https://www.awi.de/im-fokus/un-hochseeabkommen.html">“Ecological and Biological Sensitive Areas” (EBSA) benannt,</a> und fordern für diese besonderen Schutz.</p> <p>Die <a href="https://marineprotectedareas.noaa.gov/">USA hatten 26% ihrer Gewässer unter Schutz gestellt</a>, allerdings nur in 3% dieser MPAs (Marine Protected Areas) den Fischfang verboten. Die ausgezeichneten Meeresforschungsorganisationen wie <a href="https://marineprotectedareas.noaa.gov/">NOAA</a> und viele Universitäten sowie private Stiftungen wie <a href="https://www.whoi.edu/ocean-learning-hub/ocean-topics/how-the-ocean-works/ocean-zones/twilight-zone/">WHOI</a> und <a href="https://scripps.ucsd.edu/">SCRIPPS</a> sowie andere erforschen und dokumentieren diese Areale auch. Allerdings stehen <a href="https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/meeresschutz-mehr-schein-als-sein">die derzeitigen MPAs weltweit in der Kritik, zu viel Ausbeutung zuzulassen, wie Fischerei und Rohstoffabbau</a> – dieser Vorwurf trifft auch deutsche MPAs.</p> <h2 id="h-tritt-das-bbnj-am-17-januar-in-kraft"><strong>Tritt das BBNJ</strong> <strong>am 17. Januar in Kraft?</strong></h2> <p>Gemäß seinen Statuten soll die Biodiversity Beyond National Jurisdictionnun am 17. Januar in Kraft treten. <a href="https://www.economist.com/international/2025/12/30/a-half-planet-size-gap-in-global-governance-is-about-to-get-plugged?giftId=MjQyYzFiOTEtOTI5YS00NWQxLTg3YTEtMjBlMmM1N2Y5Njg2&amp;utm_campaign=gifted_article">Dann müssen bürokratische Strukturen und Finanzierungsregeln geschaffen werden</a>. Dafür sei eine „Konferenz der Vertragsparteien“ im Laufe des Jahres 2026 ist notwendig, um die vollständige Umsetzung des Vertrags zu ermöglichen. Bis dahin sollte in formellen als auch informellen Gesprächen ein gemeinsames Vorgehen abgestimmt werden. Danach müssen die Schutzbemühungen dann Eingang in die nationale Gesetzgebung finden, erst dann können sie umgesetzt werden.<br></br>Eine Reihe von Experten und Medien meinen, dass damit die beste Chance seit Jahren, die Hohe See zu <a href="https://www.economist.com/international/2025/12/30/a-half-planet-size-gap-in-global-governance-is-about-to-get-plugged?giftId=MjQyYzFiOTEtOTI5YS00NWQxLTg3YTEtMjBlMmM1N2Y5Njg2&amp;utm_campaign=gifted_article">schützen, zum Greifen nahe sei.</a><p>Ich persönlich bin leider sehr skeptisch. Aktuell akzeptieren die USA, die bislang solche völkerrechtlichen Übereinkünfte politisch und finanziell gestützt und selbst auch umgesetzt haben, nicht einmal mehr die territoriale Unverletzlichkeit von NATO-Partnern. Lebende und nicht-lebende natürliche Ressourcen sind für sie nur zum Ausbeuten da. Die EPA hat gerade sogar <a href="https://www.theguardian.com/us-news/2026/jan/14/epa-air-pollution-cost-savings-deaths">den Schutz von Menschen hinter Unternehmensgewinne gestellt</a>, Klimaschutz wird ohnehin abgeschafft. Die derzeitigen rechtspopulistischen Konservativen scheinen einen regelrechten Krieg gegen die Natur und die meisten Menschen zu führen. So ist die Trump-Junta auch aus über 60 bereits existierenden internationalen Vereinbarungen ausgestiegen, viele davon zum Natur- und Klimaschutz. China setzt Naturschutz in aller Welt ohnehin nicht um, sondern lässt Schattenflotte und Wildtier-Mafia ungehindert und mit Wissen der Regierung agieren, Russland hat sich noch nie um internationale Naturschutzvorgaben gekümmert. In der <a href="https://www.politico.eu/article/europe-manfred-weber-epp-renew-giorigo-meloni/">EU drehen gerade Konservative</a> und Rechtspopulisten unter der Führung des Deutschen Manfred Webers den Natur-, Arten- und Klimaschutz (wie auch Arbeitnehmerschutz und Menschenrechte) zurück. Das alles sieht für mich leider nicht nach einem Schutzabkommen der internationalen Gewässer aus.</p></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Das neue UN-Hochseeabkommen – Meilenstein für Meeresschutz » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Am 17. Januar soll das neue UN-Hochseeabkommen (BBNJ – Biodiversity Beyond National Jurisdiction) in Kraft treten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-26.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="598" sizes="(max-width: 823px) 100vw, 823px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-26.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-26.png 823w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-26-300x218.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-26-768x558.png 768w" width="823"></img></a></figure> <p><br></br><a href="https://www.awi.de/im-fokus/un-hochseeabkommen.html">Seit 20 Jahren wurde darüber verhandelt,</a> die Lücken im Seerechtsübereinkommen (SRÜ) zum Schutz der Hochsee in internationalen Gewässern zu schließen. Mit der Ratifizierung durch Marokko und Sierra Leone waren 2025 die dafür notwendigen 60 Ratifizierungen überschritten, darum tritt das <a href="https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/un-abkommen-schutz-hochsee-101.html">internationale Abkommen 120 Tage später </a>in Kraft – nach <a href="https://treaties.un.org/Pages/ViewDetails.aspx?src=TREATY&amp;mtdsg_no=XXI-10&amp;chapter=21&amp;clang=_en" rel="noreferrer noopener" target="_blank"> Angaben der Vereinten Nationen </a><a href="https://treaties.un.org/Pages/ViewDetails.aspx?src=TREATY&amp;mtdsg_no=XXI-10&amp;chapter=21&amp;clang=_en">also am 17. Januar 2026</a>.<br></br>Insgesamt haben mittlerweile 145 Staaten das Abkommen unterzeichnet, allerdings erst 81 ratifiziert habe es ratifiziert. Die <a href="https://www.oceancare.org/stories_and_news/eu-ratifiziert-hochseeabkommen/">EU hat es als Gesamtheit unterzeichnet und ratifiziert, außerdem</a> Zypern, Dänemark, Slowenien, Finnland, Ungarn, Lettland, Luxemburg und Portugal. Deutschland hat es unterzeichnet, aber noch nicht ratifiziert, die USA haben es noch nicht mal unterzeichnet.</p> <h2 id="h-hoffnung-gegen-die-zerstorung-der-ozeane"><strong>Hoffnung gegen die Zerstörung der Ozeane</strong></h2> <p>Die Kontinente haben die Menschen unter sich aufgeteilt, besitzloses Land gibt es nur noch in der Antarktis – und deren Nutzung ist in internationalen Verträgen festgelegt. Das gleiche gilt für die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/UN-Seerechts%C3%BCbereinkommen">Küstenmeere: Laut SRÜ (Seerechtsübereinkommen) gilt die 12-Meilen-Zone</a> vor der Küste als Hoheitsgewässer und die 200 Meilen-Zone als Ausschließliche Wirtschaftszone mit Fischereirechten und Rechten für Bodenschatzabbau. Dann ist noch die Beanspruchung des Kontinentalsockels bis in maximal 350 Meilen möglich. Jenseits der Kontinentalsockel beginnt die Hohe See, also Internationale Gewässer. </p> <p>Während die meisten Länder an Land längst Schutzgebiete ausgewiesen haben – das erste war 1872 der Yellowstone Park in den USA – sind Meeresschutzgebiete weitaus weniger häufig und vor allem weniger stark geschützt. Das SRÜ war immerhin ein Anfang für ein gemeinsames Recht der Hohen See und zur Regelung der internationalen Schifffahrt, lässt aber für den Schutz der lebenden und nicht lebenden Ressourcen erhebliche Lücken. Das offene Meer galt als unendliche Ressource – mittlerweile ist klar, dass dem nicht so ist. So soll nun das „10. Agreement under the United Nations Convention on the Law of the Sea on the Conservation and Sustainable Use of Marine Biological Diversity of Areas beyond National Jurisdiction“ diese Gesetzeslücke schließen.</p> <h2 id="h-fische-seevogel-wale-und-co-brauchen-hilfe"><strong>Fische, Seevögel, Wale und Co brauchen Hilfe</strong></h2> <p><a href="https://www.economist.com/international/2025/12/30/a-half-planet-size-gap-in-global-governance-is-about-to-get-plugged?giftId=MjQyYzFiOTEtOTI5YS00NWQxLTg3YTEtMjBlMmM1N2Y5Njg2&amp;utm_campaign=gifted_article">Der Werdegang des Abkommens bildet das wachsende Bewusstsein für den immer schnelleren Rückgang vie</a>ler Fisch-, Hai-, Schildkröten-, Tintenfisch- und anderer Arten ab. Außerdem zeigt es auch das gestiegene Wissen und Bewusstsein für die Bedeutung der Ozeane zur Klima-Regulierung – sie agieren nicht nur als Wärmepuffer (jedenfalls bis 2023) sondern sind auch die größten Kohlenstoffsenken des Planeten. Das Abkommen erkennt weiterhin an, dass menschlich verursachte Probleme wie die Klimakrise, Meeresverschmutzung, Überfischung und andere die Fähigkeiten der Meere zur CO2-Aufnahme und ihren Beitrag zur Welternährung verringen.<aside></aside></p> <p>Das Abkommen soll mit den internationalen Gewässer 61 % der Ozeane und 43 % der Erdoberfläche schützen, die mit einer durchschnittlichen Tiefe von 4.100 Metern zwei Drittel der Biosphäre ausmachen. Viele Lebensräume gerade dieser tiefen Gewässer sind noch unerforscht, jede Expedition entdeckt neue Lebensräume und Arten.</p> <p>Während der Zeit der Verhandlungen nahm die marine Biodiversität – die Vielfalt der Arten, Ökosysteme und Genome immer schneller ab, ihr Schutz wurde immer dringlicher. Dieser Rückgang zeigt sich besonders deutlich am Rückgang der kommerziell befischten Fischbestände: In den letzten Jahrzehnten wurden von 1.320 Populationen von 483 Arten mindestens 82 % schneller abgefischt, als sie sich wieder vermehren können – wie ein internationales Team aus erfahrenen Fischereiforschenden 2020 publizierte. An dieser ersten globalen Bewertung der langfristigen Trends der Fischereibiomasse von 1300 befischten Meerespopulationen waren u a <a href="https://www.geomar.de/rfroese">Rainer Froese (GEOMAR)</a> und <a href="https://www.seaaroundus.org/daniel-pauly/">der legendäre Daniel Pauly</a> beteiligt – sie stellten den Rückgang der durchschnittlichen Fischereibiomasse in allen Ozeanen und Klimazonen fest und die systematische, weit verbreitete Überfischung der Küsten- und Schelfgewässer weltweit (Pauly hat das Konzept der <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Shifting_baseline">Shifting baselines</a> entwickelt. Es besagt, dass in der Fischerei falsche, bereits durch Befischung reduzierte Bestandszahlen als falscher Ausgangspunkt genutzt werden und der tatsächliche Rückgang in Relation zum ursprünglichen noch viel höher liegt. Das Konzept ist heute wissenschaftlich akzeptiert und zeichnet sich z B auch bei Walen ab).</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-28.png"><img alt="" decoding="async" height="887" sizes="(max-width: 640px) 100vw, 640px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-28.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-28.png 640w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-28-216x300.png 216w" width="640"></img></a></figure> <h2 id="h-fischerei-probleme"><strong>Fischerei-Probleme</strong></h2> <p>Die wichtigsten Verwalter der Fischbestände sind 17 regionale Fischereiorganisationen. Mit wenigen bemerkenswerten Ausnahmen, wie beispielsweise im westlichen und zentralen Pazifik, haben diese allerdings durch zu starken Druck der Lobbies nicht gut „gewirtschaftet“. Stattdessen sind die meisten bewirtschafteten Bestände weiter zurückgegangen. <a href="https://www.economist.com/international/2025/12/30/a-half-planet-size-gap-in-global-governance-is-about-to-get-plugged?giftId=MjQyYzFiOTEtOTI5YS00NWQxLTg3YTEtMjBlMmM1N2Y5Njg2&amp;utm_campaign=gifted_article">So ist etwa die Laichpopulation des Roten Thun</a>s in den letzten Jahrzehnten im westlichen Atlantik um vier Fünftel und im östlichen Atlantik um zwei Drittel zurückgegangen. In deutschen Gewässern der Nord- und Ostsee ist das Management vieler dort befischter Arten genauso fehlgeschlagen. Einst existierten dort so riesige Heringsschwärme, dass die silbigen kleinen Fische ein Arme-Leute-Essen waren. Aber auf politischen Druck und die lautstarke Fischereilobby wurden die Quoten immer wieder höher angesetzt, als die Heringe sich reproduzieren konnten. Zuletzt fiel die Reproduktion der Heringe (und der Dorsche) <a href="https://www.geomar.de/news/article/kein-nachwuchs-bei-dorsch-und-hering">der westlichen Ostsee auch wegen zu hoher Temperaturen ganz aus</a>. „Nach Jahrzehnten der Überfischung sind die Bestände von Dorsch und Hering in der westlichen Ostsee so klein, dass sie während der Laichzeit nicht mehr ihr ganzes Laichgebiet mit Eiern versorgen können. Beim Hering liegt der Nachwuchs seit 2005 weit unter dem Mittel der vorherigen Jahre und nimmt kontinuierlich weiter ab. Seit 2018 empfiehlt deshalb der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) eine Einstellung der Heringsfischerei, dieser Rat wurde aber bisher von den politischen Handelnden nicht befolgt. Beim Dorsch ist in vier der letzten fünf Jahre der Nachwuchs ganz oder fast ganz ausgeblieben. Der Bestand besteht daher fast nur noch aus jetzt vierjährigen Dorschen, die sich noch nicht erfolgreich fortgepflanzt haben und die <a href="https://www.geomar.de/news/article/kein-nachwuchs-bei-dorsch-und-hering">Hauptlast der Dorschfischerei tragen</a>.“ Der erfahrene Meeresökologe und Experte für Fischereiwissenschaft Rainer Froese (GEOMAR) sagte dazu: „Wenn wir diesen Jahrgang ohne Ersatz verlieren, dann haben wir den Bestand verloren“.<br></br>Auch diese datengestützte Mahnung blieb ungehört.</p> <h2 id="h-netze-und-bergbau-zerstoren-okosysteme"><strong>Netze und Bergbau zerstören Ökosysteme</strong></h2> <p>Neben den kommerziell befischten Arten fangen gerade riesige Stellnetze und kilometerlange Langleinen auch andere Arten als Beifang, darunter große Fische, Haie und Meeresvögel wie Albatrosse. Außerdem zerstören viele Netze ganze Ökosysteme, weil sie den Meeresboden und die darauf sitzenden Tiere (Korallen, Seeigel, Schwämme u a) umpflügen oder auch in Jahrhunderten gewachsene Tiefseekorallengärten zerschlagen. Mehrere Kleinwal-Arten wie der Vaquita sind durch den Beifang unmittelbar vom Aussterben bedroht.<br></br>Durch den Film <a href="https://www.youtube.com/watch?v=A2ubv3gnQhQ">„Ocean“ (2025) von Sir David Attenborough</a> haben erstmal viele Konsumenten einen Eindruck bekommen, wie ein Grundschleppnetz arbeitet und welche extremen Zerstörungen es anrichtet. Solche Netze rumpeln nicht nur über den Meeresboden, sondern tragen je nach Zielart zusätzliche Scheuchvorrichtungen. So sind z B Seezungen-Trawls mit schweren Scheuchketten davor ausgerüstet, die in den Sandboden hinein die Fische aufscheuchen. Dies ist nur die meist legale Fischerei.</p> <p>Ebenfalls katastrophal ist die Tiefseefischerei an <a href="https://sanctuaries.noaa.gov/news/2025/reasons-seamounts-matter.html">Seebergen (Sea Mounts</a>). Im Atlantik, Indischen Ozean und Pazifik gibt es Tausende solcher Unterwasserberge, deren Gesamtfläche der gesamten Fläche Europas entspricht. Die meisten liegen in internationalen Gewässern und sind darum schutzlos. Sie sind oft Hotspots der Artenvielfalt, da es durch ihre Topographie zu Upwelling von nährstoffreichen Tiefseeströmungen kommt. Damit sind sie im Ozean regelrechte Oasen, in denen auch kommerziell genutzte Wanderfischarten fressen oder laichen. Die Tiefwasserkorallengärten, die sich an ihren Hängen über Jahrtausende entwickelt haben, können durch einen einzigen Trawl-Schleppzug regelrecht abrasiert werden, ihre Regeneration braucht Jahrhunderte oder gar Jahrtausende. Da viele Tiefwasserfische erst spät geschlechtsreif werden – Granatbarsche (Orange Doughy) <a href="https://ocean.si.edu/ocean-life/fish/rough-going-orange-roughy">erst mit ca 20 Jahren, sie werden dann bis zu 149</a> Jahre alt – beendet der Fang eines solchen Schwarms, der sich am Seamount zum Laichen trifft, dessen Existenz.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-29.png"><img alt="" decoding="async" height="366" sizes="(max-width: 339px) 100vw, 339px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-29.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-29.png 339w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-29-278x300.png 278w" width="339"></img></a><figcaption>(Wikipedia: Sea Mounts)</figcaption></figure> <p>Dazu kommt gerade in internationalen Gewässern die katastrophale illegale Fischerei. Die größte davon ist die sogenannte „Chinesische Schattenflotte“. <a href="https://www.zeit.de/serie/die-schattenflotte">Dazu hatten <em>Die Zeit</em> u a Medien 2023 umfangreich berichtet,</a> über das Ignorieren von Artenschutz und Hoheitsgebieten, zu hohe Fangquoten, Zwangsarbeit und das Schweige-Kartell auch der hiesigen Supermärkte.</p> <p>Die verheerenden <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/tiefseebergbau-bedrohung-fuer-quallen-und-co/">Auswirkungen des Tiefseebergbaus</a>, die auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/1310-2/">das Tierleben bis zur</a> Meeresoberfläche und die Klimaschutz-Funktion der Ozeane bedrohen, sind in den letzten Jahren zur Genüge dokumentiert und diskutiert worden.</p> <h2 id="h-30-der-meere-sollten-unter-schutz-gestellt-werden"><strong>30% der Meere sollten unter Schutz gestellt werden</strong></h2> <p>Der neue Hochsee-Vertrag legt zwar kein konkretes Ziel für den künftigen Schutz fest. Aber die Unterzeichnenden verpflichten sich im Übereinkommen über die biologische Vielfalt, bis 2030 30 % ihrer Land- und Wasserflächen zu schützen. Solche Marine Protected Areas (MPAs) der offenen Ozeane würden dann auch die Meerestiere der <a href="https://www.whoi.edu/ocean-learning-hub/ocean-topics/how-the-ocean-works/ocean-zones/twilight-zone/">Dämmerungszone (Twilight Zone)</a> zwischen 200 und 1000 Metern Tiefe schützen. Dieses sogenannte Mesopelagial steht aktuell im Fokus der Fischereiindustrie und ist reich bevölkert, auch mit potentiellen Speisefischen. Durch ihr wimmelndes Leben wie <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/gelata-venusguertel-seewespe-feuerwalze-und-andere-geleetiere/">auch das gelatinöse Plankton ist dieser</a> Bereich der Ozeane nicht nur eine Nahrungsressource für größere Tiere und Kinderstube vieler Arten, sondern auch eine wichtige Kohlenstoffsenke.</p> <p>Gerade Meeresbereiche mit hoher Produktivität sollten, so raten Wissenschaftler, in ihrer Gesamtheit unter Schutz gestellt werden. Zurzeit wird in solchen Gebieten wie z B im Südpolarmeer gefischt: Dort saugen riesige Fabrikschiffe <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0308597X25002027">gewaltige Mengen Krill aus</a> dem Meer, inmitten der dort fressenden Bartenwale, wie Finnwalen. Krill ist nicht nur die Basis der antarktischen Nahrungskette von Fischen über Pinguine bis zu Bartenwalen, <a href="https://www.csiro.au/en/news/all/articles/2019/february/whales">sondern speichert auch als Biomasse viel</a> Kohlenstoff. Natürlich ist auch der Krill<a href="https://www.csiro.au/en/news/all/articles/2019/february/whales"> von der Meereserwärmung</a> gebeutelt. Die für z B <a href="https://news.stanford.edu/stories/2024/09/krill-harvesting-threatens-whale-recovery">Krillöl-Nahrungsergänzung gefangenen Krebschen-Schwärme fehlen bei der Ernährung der Wale</a> und bedroht die Erholung der immer noch durch den Großwalfang reduzierten Bestände. Dazu kommen <a href="https://wwf.org.au/news/2025/wwf-calls-for-moratorium-on-krill-fishing-after-negotiations-fail-to-protect/">steigende Zahlen von Beifang an Pinguinen, Robben und sogar Walen</a>. Darum haben Meeresforscher dieses Areal und 320 weitere als <a href="https://www.awi.de/im-fokus/un-hochseeabkommen.html">“Ecological and Biological Sensitive Areas” (EBSA) benannt,</a> und fordern für diese besonderen Schutz.</p> <p>Die <a href="https://marineprotectedareas.noaa.gov/">USA hatten 26% ihrer Gewässer unter Schutz gestellt</a>, allerdings nur in 3% dieser MPAs (Marine Protected Areas) den Fischfang verboten. Die ausgezeichneten Meeresforschungsorganisationen wie <a href="https://marineprotectedareas.noaa.gov/">NOAA</a> und viele Universitäten sowie private Stiftungen wie <a href="https://www.whoi.edu/ocean-learning-hub/ocean-topics/how-the-ocean-works/ocean-zones/twilight-zone/">WHOI</a> und <a href="https://scripps.ucsd.edu/">SCRIPPS</a> sowie andere erforschen und dokumentieren diese Areale auch. Allerdings stehen <a href="https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/meeresschutz-mehr-schein-als-sein">die derzeitigen MPAs weltweit in der Kritik, zu viel Ausbeutung zuzulassen, wie Fischerei und Rohstoffabbau</a> – dieser Vorwurf trifft auch deutsche MPAs.</p> <h2 id="h-tritt-das-bbnj-am-17-januar-in-kraft"><strong>Tritt das BBNJ</strong> <strong>am 17. Januar in Kraft?</strong></h2> <p>Gemäß seinen Statuten soll die Biodiversity Beyond National Jurisdictionnun am 17. Januar in Kraft treten. <a href="https://www.economist.com/international/2025/12/30/a-half-planet-size-gap-in-global-governance-is-about-to-get-plugged?giftId=MjQyYzFiOTEtOTI5YS00NWQxLTg3YTEtMjBlMmM1N2Y5Njg2&amp;utm_campaign=gifted_article">Dann müssen bürokratische Strukturen und Finanzierungsregeln geschaffen werden</a>. Dafür sei eine „Konferenz der Vertragsparteien“ im Laufe des Jahres 2026 ist notwendig, um die vollständige Umsetzung des Vertrags zu ermöglichen. Bis dahin sollte in formellen als auch informellen Gesprächen ein gemeinsames Vorgehen abgestimmt werden. Danach müssen die Schutzbemühungen dann Eingang in die nationale Gesetzgebung finden, erst dann können sie umgesetzt werden.<br></br>Eine Reihe von Experten und Medien meinen, dass damit die beste Chance seit Jahren, die Hohe See zu <a href="https://www.economist.com/international/2025/12/30/a-half-planet-size-gap-in-global-governance-is-about-to-get-plugged?giftId=MjQyYzFiOTEtOTI5YS00NWQxLTg3YTEtMjBlMmM1N2Y5Njg2&amp;utm_campaign=gifted_article">schützen, zum Greifen nahe sei.</a><p>Ich persönlich bin leider sehr skeptisch. Aktuell akzeptieren die USA, die bislang solche völkerrechtlichen Übereinkünfte politisch und finanziell gestützt und selbst auch umgesetzt haben, nicht einmal mehr die territoriale Unverletzlichkeit von NATO-Partnern. Lebende und nicht-lebende natürliche Ressourcen sind für sie nur zum Ausbeuten da. Die EPA hat gerade sogar <a href="https://www.theguardian.com/us-news/2026/jan/14/epa-air-pollution-cost-savings-deaths">den Schutz von Menschen hinter Unternehmensgewinne gestellt</a>, Klimaschutz wird ohnehin abgeschafft. Die derzeitigen rechtspopulistischen Konservativen scheinen einen regelrechten Krieg gegen die Natur und die meisten Menschen zu führen. So ist die Trump-Junta auch aus über 60 bereits existierenden internationalen Vereinbarungen ausgestiegen, viele davon zum Natur- und Klimaschutz. China setzt Naturschutz in aller Welt ohnehin nicht um, sondern lässt Schattenflotte und Wildtier-Mafia ungehindert und mit Wissen der Regierung agieren, Russland hat sich noch nie um internationale Naturschutzvorgaben gekümmert. In der <a href="https://www.politico.eu/article/europe-manfred-weber-epp-renew-giorigo-meloni/">EU drehen gerade Konservative</a> und Rechtspopulisten unter der Führung des Deutschen Manfred Webers den Natur-, Arten- und Klimaschutz (wie auch Arbeitnehmerschutz und Menschenrechte) zurück. Das alles sieht für mich leider nicht nach einem Schutzabkommen der internationalen Gewässer aus.</p></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/das-neue-un-hochseeabkommen-meilenstein-fuer-meeresschutz/#comments 2 But What Do You MEAN? https://scilogs.spektrum.de/hlf/_butwhatdoyoumean/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/_butwhatdoyoumean/#comments Wed, 14 Jan 2026 13:00:00 +0000 Sophie Maclean https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14029 <h1>But What Do You MEAN? - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Sophie Maclean</h2><div itemprop="text"> <p>If you ask someone their favourite number most people will have an answer. It might be the date of their wedding, it could be a number with pleasing symmetry (I have always liked 8), or cultural significance. Very few people, however, will have a favourite average, and most would be slightly baffled at the question.</p> <p>So, I am on a mission. I want to make sure that not only does everybody have a favourite average, but also that everyone knows about the deep ecosystem of different means, and how they relate to one another.</p> <p>The first thing I need to address is that this article will not contain discussion of the mode or median. The mean, median and mode are often introduced in schools as a trio; the mode being the most common outcome in a sample, and the median being the “middle” value, when the data is sorted in ascending order. Whilst these both have their place and uses in statistics, it’s the means that pervade many more areas of maths.</p> <p>The second thing to address is the fact that I have said “means” in the plural. Because yes, there is more than one mean. Just as how median and mode are types of averages, there are different types of mean too. The “mean” you learned about in school, is actually only a specific type of mean. A nickname, if you will, for the arithmetic mean. Which is where we shall begin our journey.</p> <h3 id="h-the-arithmetic-mean">The Arithmetic Mean</h3> <p>The arithmetic mean is one that you will all be familiar with – it is calculated by summing all the values in your data set, then dividing by the number of values.<aside></aside></p> <p>That is to say, if your data is \(x_1, x_2, \dots, x_N\), then the arithmetic mean is</p> <p>\(\frac{x_1 + x_2 + \dots + x_N}{N}.\)</p> <p>This is commonly used as a way of working out the “central” value of a data set. It is, for this reason, often used in statistics. It can be compared to the median for even greater analysis. For example, if the arithmetic mean income of a country increases faster than the median income, that could imply that the super rich’s salaries are increasing faster than most of the population.</p> <p>The arithmetic mean is also very useful in probability theory. Suppose our random event takes numerical values \(x_1, x_2, \dots x_N\). If they are each equally likely to occur, then the arithmetic mean gives the expected value of that event. The value that, if you were to run the trial over and over again, you would expect to get on average.<p>Now that we have discussed the familiar mean, it’s time to introduce one of the newbies. Behold, the geometric mean.</p></p> <h3 id="h-the-geometric-mean">The Geometric Mean</h3> <p>The geometric mean for our data \(x_1,\dots x_N\)is defined by</p> <p>\(\sqrt[n]{x_1\cdot x_2\cdot\cdots\cdot x_N},\)</p> <p>i.e. the Nth root of the product of all \(N\) elements. Note that this is equal to \(e\) to the power of the arithmetic mean of the logarithms of all the values.<p>This is often used in data sets like population growth rates, where items combine multiplicatively. It can also be used when averaging interest rates. For example, if a person invests 1000 money (choose your favourite currency) and gets returns of +10%, -4%, -8% and +25%, this results in 1214.4 money. The geometric mean is 20%, which is a lot more meaningful in terms of what we see happening to the money than the arithmetic mean of 5.75%.</p></p> <h3 id="h-meaning">Meaning…</h3> <p>A fun fact about the geometric and arithmetic means, is that the arithmetic mean is always greater than or equal to the geometric mean, with equality if and only if all values in the data set are the same.</p> <p>It is easy to prove this in the case \(N=2\), when we only have two elements in our data set. Let us call these elements \(a\) and \(b\).</p> <p>Square numbers are always non-negative, so</p> <p>\( (a-b)^2 \geq 0,\)</p> <p>with equality if and only if \(a=\b). Multiplying out the brackets gives</p> <p>\(a^2 – 2ab + b^2 \geq 0.\)</p> <p>We now add \(4ab\) to both sides giving</p> <p>\(a^2 + 2ab + b^2 \geq 4ab.\)</p> <p>Factorising gives</p> <p>\((a + b)^2 \geq 4ab.\)</p> <p>We can now take square roots of both sides, giving</p> <p>\(a + b \geq 2\sqrt{ab}.\)</p> <p>Finally, dividing by two gives</p> <p>\(\frac{a + b}{2} \geq \sqrt{ab},\)</p> <p>with equality if and only if \(a = b\), which is exactly what we want!<p>We can also prove this inequality in pictures!</p></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-123.png"><img alt="A triangle in a semicircle, its base forming the diameter of the circle. The triangle is split in half forming two triangles - PGQ and QGR" decoding="async" fetchpriority="high" height="378" sizes="(max-width: 568px) 100vw, 568px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-123.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-123.png 568w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-123-300x200.png 300w" width="568"></img></a><figcaption>Proof without words of the inequality of arithmetic and geometric means, drawn by CMG Lee. <sup data-fn="81ad1fb0-7e83-4da1-9c9a-f75fca89a71a"><a href="#81ad1fb0-7e83-4da1-9c9a-f75fca89a71a" id="81ad1fb0-7e83-4da1-9c9a-f75fca89a71a-link">1</a></sup></figcaption></figure></div> <h3 id="h-the-harmonic-mean">The Harmonic Mean</h3> <p>After that scheduled break, it is back to discovering new means, and next up is the harmonic mean. This is the reciprocal of the arithmetic mean of the reciprocals. So, for our data \(x_1, x_2, \dots, x_N\), the harmonic mean is</p> <p>\( \frac{N}{\frac{1}{x_1} + \frac{1}{x_2} + \dots + \frac{1}{x_N}}.\)</p> <p>This has a few surprising uses and is often used in things regarding rates and ratios. For example, if a car travels outbound at a speed \(x\), and returns the same distance at a speed \(y\), then its average speed is the harmonic mean of \(x\) and \(y\). Interestingly, here we made the distance of both legs be equal, but if we had instead made the time travelled on each leg be equal, then the average speed would be the arithmetic mean of \(x\) and \(y\).</p> <h3 id="h-the-root-mean-square">The Root Mean Square</h3> <p>Our final mean is the root mean square, which is exactly what it says on the tin: You take each element. Find the arithmetic mean of the squares. Then square root it. In symbols, this is</p> <p>\( \sqrt{\frac{1}{N} (x_1^2 + x_2^2 + \cdots + x_N^2)}.\)</p> <p>This is also sometimes called the quadratic mean, which is less descriptive but does still give some idea of what is going on.</p> <p>The root mean square (RMS) has some applications in the real world. For example, it is commonly used in electrical engineering. The RMS of an alternating current equals the value of the constant direct current that would dissipate the same power in a given resistor.</p> <h3 id="h-eenie-meanie">Eenie Meanie…</h3> <p>Just as we have the AM-GM inequality, we have a similar inequality bringing in the harmonic mean (HM) and the root mean square (RMS). This is sometimes called the not quite as catchy RMS-AM-GM-HM inequality, and states that the root mean square is greater than or equal to the arithmetic mean is greater than or equal to the geometric mean, is greater than or equal to the harmonic mean, with equality if and only if all elements are equal.<p>This gets rather fiddly to prove algebraically, though it is perfectly possible. I shall instead leave you with this beautiful visual proof. Enjoy!</p></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-124.png"><img alt="A diagram based on a circle proving the root mean square inequality " decoding="async" height="676" sizes="(max-width: 904px) 100vw, 904px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-124.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-124.png 904w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-124-300x224.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-124-768x574.png 768w" width="904"></img></a><figcaption>Geometric proof without words that quadratic mean (root mean square) &gt; arithmetic mean &gt; geometric mean &gt; harmonic mean, drawn by CMG Lee based on Figure 4 on <a href="http://maa.org/book/export/html/466289" rel="noreferrer noopener" target="_blank">http://maa.org/book/export/html/466289</a>.<sup data-fn="d26c39d7-b523-49fb-b322-935f549c436a"><a href="#d26c39d7-b523-49fb-b322-935f549c436a" id="d26c39d7-b523-49fb-b322-935f549c436a-link">2</a></sup></figcaption></figure></div> <p>In the image above, O is the centre of a circle, and P, G and R lie around the circle. Because P and R form a diameter, PGR is an equilateral triangle. Q is a point on the diameter PR, with PQ being length \(a\), and QR being length \(b\). The radius of the circle is \(\frac{a+b}{2}\) i.e. the arithmetic mean of \(a\) and \(b\). This is shown in pink on the diagram. To find the length of the purple line (let us call it \(x\)), we can use the similarity of the right-angled triangles to see that \(\frac{a}{x} = \frac{x}{b}\). This can be solved to show \(x = \sqrt{ab}\), i.e. the geometric mean. From the diagram, we can clearly see that the pink line is longer than the purple line (and they would only be equal length if Q was at the centre of the circle), i.e. the arithmetic mean is greater than the arithmetic mean.</p> <p>This arithmetic/geometric mean fact is known as the AM-GM inequality (after the initials of both the means) and is a staple of high school maths competitions the world over. One cool use of this inequality is that is shows that given a rectangle with fixed perimeter, the area is maximised when you have a square!</p> <p>This is because if side lengths of the rectangle are \(a\) and \(b\), the perimeter is \(2(a+b)\) which is four times the arithmetic mean, so fixing the perimeter fixes the arithmetic mean. Therefore, the geometric mean (which is the square root of the area of the rectangle) has a fixed upper bound which it can only achieve when \(a=b\).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>But What Do You MEAN? - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Sophie Maclean</h2><div itemprop="text"> <p>If you ask someone their favourite number most people will have an answer. It might be the date of their wedding, it could be a number with pleasing symmetry (I have always liked 8), or cultural significance. Very few people, however, will have a favourite average, and most would be slightly baffled at the question.</p> <p>So, I am on a mission. I want to make sure that not only does everybody have a favourite average, but also that everyone knows about the deep ecosystem of different means, and how they relate to one another.</p> <p>The first thing I need to address is that this article will not contain discussion of the mode or median. The mean, median and mode are often introduced in schools as a trio; the mode being the most common outcome in a sample, and the median being the “middle” value, when the data is sorted in ascending order. Whilst these both have their place and uses in statistics, it’s the means that pervade many more areas of maths.</p> <p>The second thing to address is the fact that I have said “means” in the plural. Because yes, there is more than one mean. Just as how median and mode are types of averages, there are different types of mean too. The “mean” you learned about in school, is actually only a specific type of mean. A nickname, if you will, for the arithmetic mean. Which is where we shall begin our journey.</p> <h3 id="h-the-arithmetic-mean">The Arithmetic Mean</h3> <p>The arithmetic mean is one that you will all be familiar with – it is calculated by summing all the values in your data set, then dividing by the number of values.<aside></aside></p> <p>That is to say, if your data is \(x_1, x_2, \dots, x_N\), then the arithmetic mean is</p> <p>\(\frac{x_1 + x_2 + \dots + x_N}{N}.\)</p> <p>This is commonly used as a way of working out the “central” value of a data set. It is, for this reason, often used in statistics. It can be compared to the median for even greater analysis. For example, if the arithmetic mean income of a country increases faster than the median income, that could imply that the super rich’s salaries are increasing faster than most of the population.</p> <p>The arithmetic mean is also very useful in probability theory. Suppose our random event takes numerical values \(x_1, x_2, \dots x_N\). If they are each equally likely to occur, then the arithmetic mean gives the expected value of that event. The value that, if you were to run the trial over and over again, you would expect to get on average.<p>Now that we have discussed the familiar mean, it’s time to introduce one of the newbies. Behold, the geometric mean.</p></p> <h3 id="h-the-geometric-mean">The Geometric Mean</h3> <p>The geometric mean for our data \(x_1,\dots x_N\)is defined by</p> <p>\(\sqrt[n]{x_1\cdot x_2\cdot\cdots\cdot x_N},\)</p> <p>i.e. the Nth root of the product of all \(N\) elements. Note that this is equal to \(e\) to the power of the arithmetic mean of the logarithms of all the values.<p>This is often used in data sets like population growth rates, where items combine multiplicatively. It can also be used when averaging interest rates. For example, if a person invests 1000 money (choose your favourite currency) and gets returns of +10%, -4%, -8% and +25%, this results in 1214.4 money. The geometric mean is 20%, which is a lot more meaningful in terms of what we see happening to the money than the arithmetic mean of 5.75%.</p></p> <h3 id="h-meaning">Meaning…</h3> <p>A fun fact about the geometric and arithmetic means, is that the arithmetic mean is always greater than or equal to the geometric mean, with equality if and only if all values in the data set are the same.</p> <p>It is easy to prove this in the case \(N=2\), when we only have two elements in our data set. Let us call these elements \(a\) and \(b\).</p> <p>Square numbers are always non-negative, so</p> <p>\( (a-b)^2 \geq 0,\)</p> <p>with equality if and only if \(a=\b). Multiplying out the brackets gives</p> <p>\(a^2 – 2ab + b^2 \geq 0.\)</p> <p>We now add \(4ab\) to both sides giving</p> <p>\(a^2 + 2ab + b^2 \geq 4ab.\)</p> <p>Factorising gives</p> <p>\((a + b)^2 \geq 4ab.\)</p> <p>We can now take square roots of both sides, giving</p> <p>\(a + b \geq 2\sqrt{ab}.\)</p> <p>Finally, dividing by two gives</p> <p>\(\frac{a + b}{2} \geq \sqrt{ab},\)</p> <p>with equality if and only if \(a = b\), which is exactly what we want!<p>We can also prove this inequality in pictures!</p></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-123.png"><img alt="A triangle in a semicircle, its base forming the diameter of the circle. The triangle is split in half forming two triangles - PGQ and QGR" decoding="async" fetchpriority="high" height="378" sizes="(max-width: 568px) 100vw, 568px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-123.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-123.png 568w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-123-300x200.png 300w" width="568"></img></a><figcaption>Proof without words of the inequality of arithmetic and geometric means, drawn by CMG Lee. <sup data-fn="81ad1fb0-7e83-4da1-9c9a-f75fca89a71a"><a href="#81ad1fb0-7e83-4da1-9c9a-f75fca89a71a" id="81ad1fb0-7e83-4da1-9c9a-f75fca89a71a-link">1</a></sup></figcaption></figure></div> <h3 id="h-the-harmonic-mean">The Harmonic Mean</h3> <p>After that scheduled break, it is back to discovering new means, and next up is the harmonic mean. This is the reciprocal of the arithmetic mean of the reciprocals. So, for our data \(x_1, x_2, \dots, x_N\), the harmonic mean is</p> <p>\( \frac{N}{\frac{1}{x_1} + \frac{1}{x_2} + \dots + \frac{1}{x_N}}.\)</p> <p>This has a few surprising uses and is often used in things regarding rates and ratios. For example, if a car travels outbound at a speed \(x\), and returns the same distance at a speed \(y\), then its average speed is the harmonic mean of \(x\) and \(y\). Interestingly, here we made the distance of both legs be equal, but if we had instead made the time travelled on each leg be equal, then the average speed would be the arithmetic mean of \(x\) and \(y\).</p> <h3 id="h-the-root-mean-square">The Root Mean Square</h3> <p>Our final mean is the root mean square, which is exactly what it says on the tin: You take each element. Find the arithmetic mean of the squares. Then square root it. In symbols, this is</p> <p>\( \sqrt{\frac{1}{N} (x_1^2 + x_2^2 + \cdots + x_N^2)}.\)</p> <p>This is also sometimes called the quadratic mean, which is less descriptive but does still give some idea of what is going on.</p> <p>The root mean square (RMS) has some applications in the real world. For example, it is commonly used in electrical engineering. The RMS of an alternating current equals the value of the constant direct current that would dissipate the same power in a given resistor.</p> <h3 id="h-eenie-meanie">Eenie Meanie…</h3> <p>Just as we have the AM-GM inequality, we have a similar inequality bringing in the harmonic mean (HM) and the root mean square (RMS). This is sometimes called the not quite as catchy RMS-AM-GM-HM inequality, and states that the root mean square is greater than or equal to the arithmetic mean is greater than or equal to the geometric mean, is greater than or equal to the harmonic mean, with equality if and only if all elements are equal.<p>This gets rather fiddly to prove algebraically, though it is perfectly possible. I shall instead leave you with this beautiful visual proof. Enjoy!</p></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-124.png"><img alt="A diagram based on a circle proving the root mean square inequality " decoding="async" height="676" sizes="(max-width: 904px) 100vw, 904px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-124.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-124.png 904w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-124-300x224.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-124-768x574.png 768w" width="904"></img></a><figcaption>Geometric proof without words that quadratic mean (root mean square) &gt; arithmetic mean &gt; geometric mean &gt; harmonic mean, drawn by CMG Lee based on Figure 4 on <a href="http://maa.org/book/export/html/466289" rel="noreferrer noopener" target="_blank">http://maa.org/book/export/html/466289</a>.<sup data-fn="d26c39d7-b523-49fb-b322-935f549c436a"><a href="#d26c39d7-b523-49fb-b322-935f549c436a" id="d26c39d7-b523-49fb-b322-935f549c436a-link">2</a></sup></figcaption></figure></div> <p>In the image above, O is the centre of a circle, and P, G and R lie around the circle. Because P and R form a diameter, PGR is an equilateral triangle. Q is a point on the diameter PR, with PQ being length \(a\), and QR being length \(b\). The radius of the circle is \(\frac{a+b}{2}\) i.e. the arithmetic mean of \(a\) and \(b\). This is shown in pink on the diagram. To find the length of the purple line (let us call it \(x\)), we can use the similarity of the right-angled triangles to see that \(\frac{a}{x} = \frac{x}{b}\). This can be solved to show \(x = \sqrt{ab}\), i.e. the geometric mean. From the diagram, we can clearly see that the pink line is longer than the purple line (and they would only be equal length if Q was at the centre of the circle), i.e. the arithmetic mean is greater than the arithmetic mean.</p> <p>This arithmetic/geometric mean fact is known as the AM-GM inequality (after the initials of both the means) and is a staple of high school maths competitions the world over. One cool use of this inequality is that is shows that given a rectangle with fixed perimeter, the area is maximised when you have a square!</p> <p>This is because if side lengths of the rectangle are \(a\) and \(b\), the perimeter is \(2(a+b)\) which is four times the arithmetic mean, so fixing the perimeter fixes the arithmetic mean. Therefore, the geometric mean (which is the square root of the area of the rectangle) has a fixed upper bound which it can only achieve when \(a=b\).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/_butwhatdoyoumean/#comments 7 Bats, brains and memory palaces: shared computations behind navigation and memory? https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/bats-brains-and-memory-palaces-shared-computations-behind-navigation-and-memory/ https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/bats-brains-and-memory-palaces-shared-computations-behind-navigation-and-memory/#respond Tue, 13 Jan 2026 14:05:37 +0000 Alexander Eperon https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/?p=881 https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/files/mountains-edited-768x432.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/bats-brains-and-memory-palaces-shared-computations-behind-navigation-and-memory/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/files/mountains-edited.jpg" /><h1>Bats, brains and memory palaces: shared computations behind navigation and memory? » Thinky & Brain » SciLogs</h1><h2>By Alexander Eperon</h2><div itemprop="text"> <p>Humans are capable of remarkable feats of cognition. Some of us are able to remember extraordinary amounts of information by drawing on ‘memory palaces’, mental visualisations of where memories are stored. These abilities may seem uniquely human. However, recent research has highlighted how advanced memory techniques may draw upon the same neural computations used for spatial navigation across many species. </p> <p>In a now-famous philosophy paper, Thomas Nagel invites us to ask what it is like to be a bat. He argues that the bat has experiences we, as humans, can never imagine: what is it like to fly, to echolocate? For Nagel, we are trapped in our own little sensory bubble, unable to truly imagine what it is like to be outside of our own physical frame. </p> <p>While this may be true, we may have more in common with bats than one might think at a first glance. Many systems of the human brain are similar to those of other species via common ancestry: a bat may look very different to us, but it still has a visual cortex, an auditory cortex, and so forth. </p> <p>One brain region which is well-preserved across species is the hippocampal-entorhinal system. The hippocampus is a strange seahorse-shaped horn of grey matter, in humans buried below other ‘neocortical’ systems. Since the mid-1900s, we have known that the hippocampus is instrumental in forming new memories: a famous case study from Brenda Milner documents how Patient HM was rendered unable to form new memories after bilateral damage to the hippocampal system.</p> <p>The hippocampal formation is also involved in navigation. Navigation problems can be solved by many methods: the way we move around our home kitchen, for example, is very different to how we would explore the open seas. Nonetheless, cell populations in the hippocampus and adjacent entorhinal cortex ‘track us’, releasing bursts of energy (‘action potentials’) when we move across specific locations. This is true both in bats and humans: when you move across your kitchen floor, a place cell might fire only when you are next to the door – for a bat, a place cell might fire when it nears the cave entrance. This is solid evidence that something navigation-related is being tracked by your hippocampal formation.<aside></aside></p> <p>In the age of modern neural networks, it is easy to imagine the brain as a big mess of cells which, with enough training, learn to handle the problems we throw at it. Some people, indeed, argue that navigation and memory can be solved this way, and we over-interpret single cell results (Luo et al., 2024).</p> <p>Despite this complexity, the brains of different species appear to converge on the same solutions within the hippocampal formation.  Primates, bats and rodents all appear to use grid cells, neurons which typically fire in a hexagonal pattern, to navigate. Across species, this extends beyond spatial navigation into more complicated mnemonic functions: specialised cells map out specific pitches in rodent brains, while human neural patterns track the relationship between conceptual information.</p> <p>So, to recap: across species, the hippocampal formation responds selectively to information related to navigation and memory. Across species, cell populations appear to respond in similar ways. This suggests that there is something in common between the neural mechanisms used for navigation and memory.</p> <p>To bring all this under one umbrella, researchers have theorised that the hippocampal-entorhinal system carries out the same <em>computations</em>, across domains and species. One way to approach this has been to build up mathematical models which can explain both neural firing patterns and animal behaviour. These models produce predictions for future studies, which leads to a virtuous cycle of science. For example, models of grid cells based on attractor networks led to the remarkable prediction that grid cells can be described as a torus, a donut-like projection of neural data into a lower-dimensional space. This was duly discovered by a team led by Nobel prize-winners May-Britt and Edvard Moser. </p> <p>As mentioned above, the computations that lead to grid cells appeared to be shared both across species and across domains. When we navigate a social network or other ‘non-spatial’ memory spaces, we recruit the hippocampal formation in a similar way to that when we navigate real-world spaces. This raises an intriguing question: can we use models to explain both space and memory?</p> <p>In a Nature paper from last year (Chandra et al., 2025), researchers attempted to do just that. A team led by Ila Fiete (MIT) imagined the grid cell attractor network as a spatial ‘scaffold’ to which we can attach memories. The same processes, we might think, could describe the distance between rooms in a house or move between your memories of different subjects. In extreme cases, they argue, super-learners could exploit the spatial specialisation of these systems and anchor their memories to specific locations – just as we do when using memory palaces. </p> <p>This is, of course, theoretical work which leaves as many questions open as it answers. We know a lot about how the brain handles spatial navigation, but it is not clear if these processes can always be easily recycled into navigation of memory. In a physical space, movement is continuous and well-defined; is this really true for memory? What would it mean to move between my knowledge of algebra and my knowledge of literature? Nonetheless, mathematical models provide a computational bedrock for further study which will allow us to probe if, and how, well-understood features of spatial navigation can be ‘borrowed’ in service of memory. My own PhD work moves in that direction, showing that the human entorhinal cortex processes non-spatial ‘action’ in the form of mathematical operations and eye movements. </p> <p>All in all, these computational models provide an exciting glimpse at how navigational machinery may be recycled for memory. From an evolutionary perspective, this may help us understand how early humans evolved complex memory systems which enable the advanced communication characteristic of our species. Moreover, it may suggest that high-performing memorisers who use memory palaces are in fact drawing on an archaic link between space and memory.</p> <p>I will finish by returning to bats, who have similar hippocampal machinery to us. We might see and feel the world differently from a bat – certainly very few of us use echolocation – but the same gears and cranks which allow a bat to fly around a cave may help us to build societies and remember, well, quite a lot of things.</p> <div><div> <p><em><sub>Chandra, S., Sharma, S., Chaudhuri, R., &amp; Fiete, I. (2025). Episodic and associative memory from spatial scaffolds in the hippocampus. Nature, 638(8051), 739–751. https://doi.org/10.1038/s41586-024-08392-y</sub></em></p> <p><em><sub>Gardner, R. J., Hermansen, E., Pachitariu, M., Burak, Y., Baas, N. A., Dunn, B. A., Moser, M.-B., &amp; Moser, E. I. (2022). Toroidal topology of population activity in grid cells. Nature, 602(7895), 123–128. https://doi.org/10.1038/s41586-021-04268-7</sub></em></p> <p><em><sub>Luo, X., Mok, R. M., &amp; Love, B. C. (2024). The inevitability and superfluousness of cell types in spatial cognition. eLife, 13. https://doi.org/10.7554/eLife.99047.1</sub></em></p> </div></div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/files/mountains-edited.jpg" /><h1>Bats, brains and memory palaces: shared computations behind navigation and memory? » Thinky & Brain » SciLogs</h1><h2>By Alexander Eperon</h2><div itemprop="text"> <p>Humans are capable of remarkable feats of cognition. Some of us are able to remember extraordinary amounts of information by drawing on ‘memory palaces’, mental visualisations of where memories are stored. These abilities may seem uniquely human. However, recent research has highlighted how advanced memory techniques may draw upon the same neural computations used for spatial navigation across many species. </p> <p>In a now-famous philosophy paper, Thomas Nagel invites us to ask what it is like to be a bat. He argues that the bat has experiences we, as humans, can never imagine: what is it like to fly, to echolocate? For Nagel, we are trapped in our own little sensory bubble, unable to truly imagine what it is like to be outside of our own physical frame. </p> <p>While this may be true, we may have more in common with bats than one might think at a first glance. Many systems of the human brain are similar to those of other species via common ancestry: a bat may look very different to us, but it still has a visual cortex, an auditory cortex, and so forth. </p> <p>One brain region which is well-preserved across species is the hippocampal-entorhinal system. The hippocampus is a strange seahorse-shaped horn of grey matter, in humans buried below other ‘neocortical’ systems. Since the mid-1900s, we have known that the hippocampus is instrumental in forming new memories: a famous case study from Brenda Milner documents how Patient HM was rendered unable to form new memories after bilateral damage to the hippocampal system.</p> <p>The hippocampal formation is also involved in navigation. Navigation problems can be solved by many methods: the way we move around our home kitchen, for example, is very different to how we would explore the open seas. Nonetheless, cell populations in the hippocampus and adjacent entorhinal cortex ‘track us’, releasing bursts of energy (‘action potentials’) when we move across specific locations. This is true both in bats and humans: when you move across your kitchen floor, a place cell might fire only when you are next to the door – for a bat, a place cell might fire when it nears the cave entrance. This is solid evidence that something navigation-related is being tracked by your hippocampal formation.<aside></aside></p> <p>In the age of modern neural networks, it is easy to imagine the brain as a big mess of cells which, with enough training, learn to handle the problems we throw at it. Some people, indeed, argue that navigation and memory can be solved this way, and we over-interpret single cell results (Luo et al., 2024).</p> <p>Despite this complexity, the brains of different species appear to converge on the same solutions within the hippocampal formation.  Primates, bats and rodents all appear to use grid cells, neurons which typically fire in a hexagonal pattern, to navigate. Across species, this extends beyond spatial navigation into more complicated mnemonic functions: specialised cells map out specific pitches in rodent brains, while human neural patterns track the relationship between conceptual information.</p> <p>So, to recap: across species, the hippocampal formation responds selectively to information related to navigation and memory. Across species, cell populations appear to respond in similar ways. This suggests that there is something in common between the neural mechanisms used for navigation and memory.</p> <p>To bring all this under one umbrella, researchers have theorised that the hippocampal-entorhinal system carries out the same <em>computations</em>, across domains and species. One way to approach this has been to build up mathematical models which can explain both neural firing patterns and animal behaviour. These models produce predictions for future studies, which leads to a virtuous cycle of science. For example, models of grid cells based on attractor networks led to the remarkable prediction that grid cells can be described as a torus, a donut-like projection of neural data into a lower-dimensional space. This was duly discovered by a team led by Nobel prize-winners May-Britt and Edvard Moser. </p> <p>As mentioned above, the computations that lead to grid cells appeared to be shared both across species and across domains. When we navigate a social network or other ‘non-spatial’ memory spaces, we recruit the hippocampal formation in a similar way to that when we navigate real-world spaces. This raises an intriguing question: can we use models to explain both space and memory?</p> <p>In a Nature paper from last year (Chandra et al., 2025), researchers attempted to do just that. A team led by Ila Fiete (MIT) imagined the grid cell attractor network as a spatial ‘scaffold’ to which we can attach memories. The same processes, we might think, could describe the distance between rooms in a house or move between your memories of different subjects. In extreme cases, they argue, super-learners could exploit the spatial specialisation of these systems and anchor their memories to specific locations – just as we do when using memory palaces. </p> <p>This is, of course, theoretical work which leaves as many questions open as it answers. We know a lot about how the brain handles spatial navigation, but it is not clear if these processes can always be easily recycled into navigation of memory. In a physical space, movement is continuous and well-defined; is this really true for memory? What would it mean to move between my knowledge of algebra and my knowledge of literature? Nonetheless, mathematical models provide a computational bedrock for further study which will allow us to probe if, and how, well-understood features of spatial navigation can be ‘borrowed’ in service of memory. My own PhD work moves in that direction, showing that the human entorhinal cortex processes non-spatial ‘action’ in the form of mathematical operations and eye movements. </p> <p>All in all, these computational models provide an exciting glimpse at how navigational machinery may be recycled for memory. From an evolutionary perspective, this may help us understand how early humans evolved complex memory systems which enable the advanced communication characteristic of our species. Moreover, it may suggest that high-performing memorisers who use memory palaces are in fact drawing on an archaic link between space and memory.</p> <p>I will finish by returning to bats, who have similar hippocampal machinery to us. We might see and feel the world differently from a bat – certainly very few of us use echolocation – but the same gears and cranks which allow a bat to fly around a cave may help us to build societies and remember, well, quite a lot of things.</p> <div><div> <p><em><sub>Chandra, S., Sharma, S., Chaudhuri, R., &amp; Fiete, I. (2025). Episodic and associative memory from spatial scaffolds in the hippocampus. Nature, 638(8051), 739–751. https://doi.org/10.1038/s41586-024-08392-y</sub></em></p> <p><em><sub>Gardner, R. J., Hermansen, E., Pachitariu, M., Burak, Y., Baas, N. A., Dunn, B. A., Moser, M.-B., &amp; Moser, E. I. (2022). Toroidal topology of population activity in grid cells. Nature, 602(7895), 123–128. https://doi.org/10.1038/s41586-021-04268-7</sub></em></p> <p><em><sub>Luo, X., Mok, R. M., &amp; Love, B. C. (2024). The inevitability and superfluousness of cell types in spatial cognition. eLife, 13. https://doi.org/10.7554/eLife.99047.1</sub></em></p> </div></div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/bats-brains-and-memory-palaces-shared-computations-behind-navigation-and-memory/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Neueste Zahlen: Geht steigender Cannabiskonsum mit mehr Schizophrenien einher? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neueste-zahlen-geht-steigender-cannabiskonsum-mit-mehr-schizophrenien-einher/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neueste-zahlen-geht-steigender-cannabiskonsum-mit-mehr-schizophrenien-einher/#comments Mon, 12 Jan 2026 12:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3504 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ai-generated-9553065_1920-768x432.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neueste-zahlen-geht-steigender-cannabiskonsum-mit-mehr-schizophrenien-einher/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ai-generated-9553065_1920.jpg" /><h1>Neueste Zahlen: Geht steigender Cannabiskonsum mit mehr Schizophrenien einher? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Und eine Überraschung zum Psychoserisiko eines verbreiteten psychiatrischen Medikaments</strong></p> <span id="more-3504"></span> <p>Es ist noch kein Jahr her, dass man das Cannabisverbot in Deutschland einschränkte. Die Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP ist Geschichte. Erinnert sich noch jemand an die letzte Partei, die es nicht mehr in den Bundestag schaffte? Doch die Teillegalisierung der beliebtesten Droge nach Alkohol und Nikotin bleibt vorerst in Kraft – auch wenn die neue Bundesgesundheitsministerin von der CDU die Versorgung über Telemedizin und Online-Apotheken abschaffen will.</p> <p>Wir erinnern uns an die hitzigen Debatten: Vor allem die Abgeordneten der SPD mussten überzeugt werden. Dafür setzte sich der damalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) bis zur letzten Minute ein. Die Gesetzesänderung wurde schließlich am 23. Februar 2024 vom Bundestag verabschiedet. Doch die Unionsparteien wollten es mit einem Trick im Bundesrat aufhalten. Der Ministerpräsident des Freistaats Sachsen, Michael Kretschmer (CDU), brüskierte sogar seinen Koalitionspartner und setzte sich über die Gepflogenheiten des hohen Hauses hinweg. Er meinte, die Bundesrepublik vor einem großen Fehler retten zu müssen. Menschen-Bilder war damals live dabei.</p> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em>Frisch aus der Druckerpresse: Wissen über die Cannabispolitik in Deutschland und aus der Wissenschaft erhalten Sie <strong>jetzt für nur 14,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/nl/book/die-cannabis-protokolle/id6745148090">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=f5pZEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></em></p> <h2 id="h-stieg-der-konsum">Stieg der Konsum?</h2> <p>Es hieß immer wieder, durch eine liberalere Cannabispolitik würde der Konsum steigen. Jetzt liegen die neuesten Zahlen vor. Und, siehe da: Der wesentliche Anstieg, vor allem bei jungen Erwachsenen, fand schon lange vor der Gesetzesänderung statt. Der zuletzt gefundene, leichte Anstieg von 2021 auf 2024 ist statistisch nicht signifikant. Jugendliche, um die sich die Verbotsbefürworter am meisten Sorgen machten, konsumierten ohnehin schon weniger Cannabis. Und für die wollte ohnehin niemand die Droge einfacher verfügbar machen.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz.jpg"><img alt="" decoding="async" height="592" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz-1024x592.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz-1024x592.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz-300x173.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz-768x444.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz.jpg 1527w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Laut den neuesten Daten vom IFT Institut für Therapieforschung konsumierten rund 10 Prozent der Erwachsenen in Deutschland zumindest gelegentlich Cannabis. Beim riskanten starken Konsum änderte sich den Zahlen nach aber nichts. Datenquelle: Hoch et al., 2025</em></p> <h2 id="h-schreckensszenario-nummer-1-psychoserisiko-und-schizophrenie">Schreckensszenario Nummer 1: Psychoserisiko und Schizophrenie</h2> <p>Die Kritiker wurden es nicht müde, immer wieder vom Psychose- beziehungsweise Schizophrenierisiko durch Cannabiskonsum zu warnen. Dass das Mittel wohl kaum seit Jahrtausenden in vielen Kulturen genutzt und auch hierzulande medizinisch verschrieben werden würde, wenn es wirklich so gefährlich wäre, ignorierten die Cannabisgegner geflissentlich.</p> <p>Aber der Risikobegriff kann ja sehr weit gedehnt werden: Die meisten von uns setzen sich auch Tag für Tag in ein Verkehrsmittel und setzen sich damit einem höheren Risiko für einen Verkehrsunfall aus, sogar jetzt bei verschneiten Straßen im Winter! Doch, wer hätte es gedacht: Trotz aller Risiken haben die allermeisten von ihnen am Ende des Tages nicht einmal eine Prellung.</p> <p>Zu den Risiken des Cannabiskonsums gibt es viele Studien. Prinzipiell gilt, dass <em>Beobachtungsstudien</em> keine Ursache-Wirkungs-Beziehung belegen können. Das heißt, vergleicht man zu verschiedenen Zeitpunkten die Gruppen der Konsumierenden und der Abstinenten und findet man dabei Unterschiede bei den Psychosen oder Schizophrenien, dann ist das <em>kein</em> Beleg für einen kausalen Einfluss von Cannabis. Schließlich unterscheiden sich die Gruppen ja auch in vielen anderen Faktoren. Dass diejenigen, die sonst auf kontrollierten Studien beharren, wenn sie die “evidenzbasierte Medizin” für sich beschwören, diese Standards bei der Dämonisierung von Drogen sofort vergessen, stimmt mich bedenklich.</p> <p>Jetzt liegen ganz neue Daten zu sowohl dem Cannabiskonsum als auch der Diagnose von psychotischen und schizophrenen Störungen vor. Auch wenn diese keinen letzten Beweis liefern: Was denken Sie, in welche Richtung der Zusammenhang weist?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel.jpg"><img alt="" decoding="async" height="594" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel-1024x594.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel-1024x594.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel-300x174.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel-768x446.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel.jpg 1520w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Die schon auf der letzten Abbildung dargestellte 12-Monats-Prävalenz (linke Skala) wird hier mit zwei möglichen Verläufen der Schizophreniekurve verglichen: Denken Sie, dass im gezeigten Zeitraum </em>immer mehr<em> (gelb; rechte Skala) oder </em>immer weniger<em> (rot) der psychologisch-psychiatrischen Störungen diagnostiziert wurden?</em></p> <h2 id="h-komplexe-wissenschaft">Komplexe Wissenschaft</h2> <p>Ich habe immer wieder darauf hingewiesen, dass Menschen mit erhöhtem Psychoserisiko häufiger Drogen konsumieren. Teils tun sie das, weil sie mehr Härten im Leben hinter sich haben und sich mithilfe der psychoaktiven Substanzen besser entspannen können. Manche weisen auch auf familiäre oder genetisch Risiken hin: Wer zum Beispiel einen nahen Verwandten mit einer Schizophrenie habe, der solle besser die Finger von den Mitteln lassen. Teils konsumieren Menschen mit der Diagnose Schizophrenie aber sogar Cannabisprodukte, um die Nebenwirkungen ihrer Medikamente besser zu ertragen!</p> <p>Das alles sind besondere Gründe dafür, dass man von einem gemeinsamen Auftreten von Cannabiskonsum und Psychosen beziehungsweise Schizophrenien <em>keine</em> Ursache-Wirkungs-Beziehung ableiten kann. Der kausale Pfeil könnte in <em>beide</em> Richtungen weisen. Cannabiskonsum und eine psychologisch-psychiatrische Störung können aber beide auch durch einen dritten Faktor bedingt sein. Das sind eigentlich Standardargumente aus einer Einführungsvorlesung in die Statistik.</p> <p>Trotzdem behaupten die Cannabisgegner in der Ärzteschaft beharrlich, aufgrund ihrer “klinischen Erfahrung” die Kausalität schlicht <em>sehen</em> zu können. Mir ist schon klar, dass man mit dem ohnehin oft nur oberflächlich angefertigten Dr. med. auch magische Kräfte verliehen bekommt.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2 id="h-auflosung">Auflösung</h2> <p>Was sagen also die neuesten Daten? Waren meine Vorbehalte und die der eher zurückhaltenden Forscherinnen und Forscher berechtigt? Oder haben doch die Cannabisgegner mit ihrer “klinischen Erfahrung” recht?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie.jpg"><img alt="" decoding="async" height="595" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-1024x595.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-1024x595.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-300x174.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-768x446.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie.jpg 1520w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Obwohl seit 2012 immer mehr erwachsene Deutsche Cannabis konsumieren, sank die Rate neu diagnostizierter psychotischer und schizophrener Störungen seit 2015 kontinuierlich: und zwar um satte 12 Prozent! Datenquellen: Kohring et al., 2024; Thom et al., 2024</em></p> <p>Damit wird übrigens nicht bestritten, dass besonders häufiger und starker Cannabiskonsum das Risiko für psychologisch-psychiatrische Störungen erhöht. Insbesondere diejenigen, die Lebensprobleme mit dem Mittel (oder anderen Drogen) unterdrücken wollen, gehen ein höheres Risiko ein. Denn mit dieser Bewältigungsstrategie tun sie nichts gegen die Probleme.</p> <p>Übrigens fällt mir bei der Ärzteschaft immer wieder das Muster auf, die von ihnen selbst verschriebenen Medikamente eher zu verharmlosen, doch die von den Menschen selbst gewählten Heilmittel als gefährlicher darzustellen. Vergessen wir nicht, dass zum Beispiel die Opioid-Epidemie in den USA ab den 1990ern von Ärzten und Pharmafirmen losgetreten wurde, die den Menschen ein Leben ohne Schmerzen versprach. Von dem offensichtlichen Suchtrisiko wollten sie lange nichts wissen, während sie an der Abhängigkeit der Patientinnen und Patienten übrigens sehr gut verdienten. 30 Jahre später sind Hunderttausende an Überdosierungen der Mittel gestorben.</p> <p>Und ohne hier eine Panik lostreten zu wollen: Wenn man danach sucht, dann finden Forscher auch für das sogar an Kinder immer häufiger verschriebene Methylphenidat (z.B. Ritalin) oder Amphetamin (“Speed”) ein erhöhtes Psychoserisiko (de Pablo et al., 2025). Ergebnis der Studie:</p> <blockquote> <p>“Diese systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse ergab ein nicht zu vernachlässigendes Auftreten von psychotischen Symptomen, psychotischen Störungen oder bipolarer Störung bei Personen mit ADHS, die mit Stimulanzien behandelt wurden. Amphetamine waren im Vergleich zu Methylphenidat mit einem höheren Auftreten assoziiert.” (de Pablo et al., 2025, S. 1103)</p> </blockquote> <p>Man muss immer Nutzen und Risiken gegeneinander abwägen. Aber ja, das böse Cannabis!</p> <h2 id="h-aus-den-cannabis-protokollen">Aus den “Cannabis-Protokollen”</h2> <p>Wie groß ist aber nun das Psychose- beziehungsweise Schizophrenierisiko? Ich erlaube mir, aus meinem neuen Buch zu zitieren (Schleim, 2026, S. 76f.):</p> <p>Aufgrund der Komplexität der Problematik folgerte eine Forschergruppe um Theresa Moore von der Universität Bristol (Großbritannien) schon einige Jahre vorher in der angesehenen medizinischen Fachzeitschrift <em>The Lancet</em>: “Die Unsicherheit darüber, ob Cannabis Psychosen verursacht, wird wahrscheinlich nicht durch weitere Längsschnittstudien aufgelöst werden können” (Moore et al., 2007, S. 316).</p> <p>Diese Studie hat sich wie kaum eine andere mit dem Problem der ‘umgekehrten Kausalität’ und möglichen Verzerrungen in den epidemiologischen Studien beschäftigt. Den Einfluss störender Faktoren in dieser Forschung bezeichnen sie als “substanziell”. Das mahnt uns zur Vorsicht, wenn wir daraus Schlüsse für die Praxis ziehen wollen.</p> <p>In ihrer Schlussfolgerung schreiben diese Forscherinnen und Forscher, man solle Cannabiskonsumenten vor dem Psychoserisiko und auch der Möglichkeit affektiver Störungen (wie Depressionen) warnen. Doch auch unter den regelmäßigen Konsumentinnen und Konsumenten sei das “Lebenszeitrisiko chronischer psychotischer Störungen wie Schizophrenie wahrscheinlich gering (kleiner als 3 Prozent)” (Moore et al., 2007, S. 327).</p> <p>Das heißt im Umkehrschluss aber auch: Für Gelegenheitskonsumenten ist das Risiko noch kleiner. Ein allgemeines Verbot lässt sich aufgrund dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse daher meiner Meinung nach nicht rechtfertigen – zumal wir überall sehen, dass Prohibition nicht funktioniert und im Gegenteil sogar Gesundheitsrisiken vergrößert. Denn dann sind die Substanzen mitunter verunreinigt, höher dosiert und suchen Betroffene aufgrund der Angst vor Stigmatisierung und Strafverfolgung weniger Hilfe.</p> <p>Wer also in Bezug auf Cannabis Gesundheitsschutz fordert, darf das Wort ‘Verbot’ nicht in den Mund nehmen. Und selbst die maßgeblichen Studien räumen ein, dass es keinen schlagenden Beweis für eine Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen dem Substanzkonsum und schweren, anhaltenden psychischen Störungen gibt.</p> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em>Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 14,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/nl/book/die-cannabis-protokolle/id6745148090">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=f5pZEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/illustrations/ai-generated-cannabis-marijuana-9553065/">Randi Bagley</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <h2 id="h-quellen">Quellen:</h2> <ul> <li>de Pablo, G. S., Aymerich, C., Chart-Pascual, J. P., Solmi, M., Torres-Cortes, J., Abdelhafez, N., … &amp; Cortese, S. (2025). Occurrence of psychosis and bipolar disorder in individuals with attention-deficit/hyperactivity disorder treated with stimulants: a systematic review and meta-analysis. <em>JAMA psychiatry</em>.</li> <li>Hoch E, Krowartz EM, Hollweck R, Möckl J, Olderbak S (2025). Cannabis consumption before and after partial legalization in Germany: Early trends, consumption patterns, and motives. <em>Dtsch Arztebl Int</em>; 122: 632–7.</li> <li>Moore, T. H., Zammit, S., Lingford-Hughes, A., Barnes, T. R., Jones, P. B., Burke, M., &amp; Lewis, G. (2007). Cannabis use and risk of psychotic or affective mental health outcomes: a systematic review. <em>The Lancet</em>, 370(9584), 319-328.</li> <li>Kohring C, Hartmann M, Holstiege J, Müller D (2024). Inzidenztrends für 37 psychische Störungen bei Erwachsenen in der ambulanten Versorgung – Entwicklungen zwischen 2015 und 2022 mit Fokus auf Schizophrenie, Depressionen, tabakbezogenen und somatoformen Störungen sowie Schlaf- und Persönlichkeitsstörungen. Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi). <em>Versorgungsatlas-Bericht</em>, Nr. 24/06. Berlin.</li> <li>Schleim, S. (2026). <em><u><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375">Die Cannabis-Protokolle: Medizin, Politik und Wissenschaft auf dem Prüfstand</a></u></em>. Hamburg: BoD.</li> <li>Thom J, Jonas B, Reitzle L, Mauz E, Hölling H, Schulz M (2024). Trends in the diagnostic prevalence of mental disorders, 2012–2022—using nationwide outpatient claims data for mental health surveillance. <em>Dtsch Arztebl Int</em>; 121: 355–62.</li> </ul> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/556f400977fe4af595ef517fbef566ad" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ai-generated-9553065_1920.jpg" /><h1>Neueste Zahlen: Geht steigender Cannabiskonsum mit mehr Schizophrenien einher? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Und eine Überraschung zum Psychoserisiko eines verbreiteten psychiatrischen Medikaments</strong></p> <span id="more-3504"></span> <p>Es ist noch kein Jahr her, dass man das Cannabisverbot in Deutschland einschränkte. Die Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP ist Geschichte. Erinnert sich noch jemand an die letzte Partei, die es nicht mehr in den Bundestag schaffte? Doch die Teillegalisierung der beliebtesten Droge nach Alkohol und Nikotin bleibt vorerst in Kraft – auch wenn die neue Bundesgesundheitsministerin von der CDU die Versorgung über Telemedizin und Online-Apotheken abschaffen will.</p> <p>Wir erinnern uns an die hitzigen Debatten: Vor allem die Abgeordneten der SPD mussten überzeugt werden. Dafür setzte sich der damalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) bis zur letzten Minute ein. Die Gesetzesänderung wurde schließlich am 23. Februar 2024 vom Bundestag verabschiedet. Doch die Unionsparteien wollten es mit einem Trick im Bundesrat aufhalten. Der Ministerpräsident des Freistaats Sachsen, Michael Kretschmer (CDU), brüskierte sogar seinen Koalitionspartner und setzte sich über die Gepflogenheiten des hohen Hauses hinweg. Er meinte, die Bundesrepublik vor einem großen Fehler retten zu müssen. Menschen-Bilder war damals live dabei.</p> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em>Frisch aus der Druckerpresse: Wissen über die Cannabispolitik in Deutschland und aus der Wissenschaft erhalten Sie <strong>jetzt für nur 14,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/nl/book/die-cannabis-protokolle/id6745148090">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=f5pZEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></em></p> <h2 id="h-stieg-der-konsum">Stieg der Konsum?</h2> <p>Es hieß immer wieder, durch eine liberalere Cannabispolitik würde der Konsum steigen. Jetzt liegen die neuesten Zahlen vor. Und, siehe da: Der wesentliche Anstieg, vor allem bei jungen Erwachsenen, fand schon lange vor der Gesetzesänderung statt. Der zuletzt gefundene, leichte Anstieg von 2021 auf 2024 ist statistisch nicht signifikant. Jugendliche, um die sich die Verbotsbefürworter am meisten Sorgen machten, konsumierten ohnehin schon weniger Cannabis. Und für die wollte ohnehin niemand die Droge einfacher verfügbar machen.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz.jpg"><img alt="" decoding="async" height="592" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz-1024x592.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz-1024x592.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz-300x173.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz-768x444.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz.jpg 1527w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Laut den neuesten Daten vom IFT Institut für Therapieforschung konsumierten rund 10 Prozent der Erwachsenen in Deutschland zumindest gelegentlich Cannabis. Beim riskanten starken Konsum änderte sich den Zahlen nach aber nichts. Datenquelle: Hoch et al., 2025</em></p> <h2 id="h-schreckensszenario-nummer-1-psychoserisiko-und-schizophrenie">Schreckensszenario Nummer 1: Psychoserisiko und Schizophrenie</h2> <p>Die Kritiker wurden es nicht müde, immer wieder vom Psychose- beziehungsweise Schizophrenierisiko durch Cannabiskonsum zu warnen. Dass das Mittel wohl kaum seit Jahrtausenden in vielen Kulturen genutzt und auch hierzulande medizinisch verschrieben werden würde, wenn es wirklich so gefährlich wäre, ignorierten die Cannabisgegner geflissentlich.</p> <p>Aber der Risikobegriff kann ja sehr weit gedehnt werden: Die meisten von uns setzen sich auch Tag für Tag in ein Verkehrsmittel und setzen sich damit einem höheren Risiko für einen Verkehrsunfall aus, sogar jetzt bei verschneiten Straßen im Winter! Doch, wer hätte es gedacht: Trotz aller Risiken haben die allermeisten von ihnen am Ende des Tages nicht einmal eine Prellung.</p> <p>Zu den Risiken des Cannabiskonsums gibt es viele Studien. Prinzipiell gilt, dass <em>Beobachtungsstudien</em> keine Ursache-Wirkungs-Beziehung belegen können. Das heißt, vergleicht man zu verschiedenen Zeitpunkten die Gruppen der Konsumierenden und der Abstinenten und findet man dabei Unterschiede bei den Psychosen oder Schizophrenien, dann ist das <em>kein</em> Beleg für einen kausalen Einfluss von Cannabis. Schließlich unterscheiden sich die Gruppen ja auch in vielen anderen Faktoren. Dass diejenigen, die sonst auf kontrollierten Studien beharren, wenn sie die “evidenzbasierte Medizin” für sich beschwören, diese Standards bei der Dämonisierung von Drogen sofort vergessen, stimmt mich bedenklich.</p> <p>Jetzt liegen ganz neue Daten zu sowohl dem Cannabiskonsum als auch der Diagnose von psychotischen und schizophrenen Störungen vor. Auch wenn diese keinen letzten Beweis liefern: Was denken Sie, in welche Richtung der Zusammenhang weist?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel.jpg"><img alt="" decoding="async" height="594" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel-1024x594.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel-1024x594.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel-300x174.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel-768x446.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel.jpg 1520w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Die schon auf der letzten Abbildung dargestellte 12-Monats-Prävalenz (linke Skala) wird hier mit zwei möglichen Verläufen der Schizophreniekurve verglichen: Denken Sie, dass im gezeigten Zeitraum </em>immer mehr<em> (gelb; rechte Skala) oder </em>immer weniger<em> (rot) der psychologisch-psychiatrischen Störungen diagnostiziert wurden?</em></p> <h2 id="h-komplexe-wissenschaft">Komplexe Wissenschaft</h2> <p>Ich habe immer wieder darauf hingewiesen, dass Menschen mit erhöhtem Psychoserisiko häufiger Drogen konsumieren. Teils tun sie das, weil sie mehr Härten im Leben hinter sich haben und sich mithilfe der psychoaktiven Substanzen besser entspannen können. Manche weisen auch auf familiäre oder genetisch Risiken hin: Wer zum Beispiel einen nahen Verwandten mit einer Schizophrenie habe, der solle besser die Finger von den Mitteln lassen. Teils konsumieren Menschen mit der Diagnose Schizophrenie aber sogar Cannabisprodukte, um die Nebenwirkungen ihrer Medikamente besser zu ertragen!</p> <p>Das alles sind besondere Gründe dafür, dass man von einem gemeinsamen Auftreten von Cannabiskonsum und Psychosen beziehungsweise Schizophrenien <em>keine</em> Ursache-Wirkungs-Beziehung ableiten kann. Der kausale Pfeil könnte in <em>beide</em> Richtungen weisen. Cannabiskonsum und eine psychologisch-psychiatrische Störung können aber beide auch durch einen dritten Faktor bedingt sein. Das sind eigentlich Standardargumente aus einer Einführungsvorlesung in die Statistik.</p> <p>Trotzdem behaupten die Cannabisgegner in der Ärzteschaft beharrlich, aufgrund ihrer “klinischen Erfahrung” die Kausalität schlicht <em>sehen</em> zu können. Mir ist schon klar, dass man mit dem ohnehin oft nur oberflächlich angefertigten Dr. med. auch magische Kräfte verliehen bekommt.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2 id="h-auflosung">Auflösung</h2> <p>Was sagen also die neuesten Daten? Waren meine Vorbehalte und die der eher zurückhaltenden Forscherinnen und Forscher berechtigt? Oder haben doch die Cannabisgegner mit ihrer “klinischen Erfahrung” recht?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie.jpg"><img alt="" decoding="async" height="595" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-1024x595.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-1024x595.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-300x174.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-768x446.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie.jpg 1520w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Obwohl seit 2012 immer mehr erwachsene Deutsche Cannabis konsumieren, sank die Rate neu diagnostizierter psychotischer und schizophrener Störungen seit 2015 kontinuierlich: und zwar um satte 12 Prozent! Datenquellen: Kohring et al., 2024; Thom et al., 2024</em></p> <p>Damit wird übrigens nicht bestritten, dass besonders häufiger und starker Cannabiskonsum das Risiko für psychologisch-psychiatrische Störungen erhöht. Insbesondere diejenigen, die Lebensprobleme mit dem Mittel (oder anderen Drogen) unterdrücken wollen, gehen ein höheres Risiko ein. Denn mit dieser Bewältigungsstrategie tun sie nichts gegen die Probleme.</p> <p>Übrigens fällt mir bei der Ärzteschaft immer wieder das Muster auf, die von ihnen selbst verschriebenen Medikamente eher zu verharmlosen, doch die von den Menschen selbst gewählten Heilmittel als gefährlicher darzustellen. Vergessen wir nicht, dass zum Beispiel die Opioid-Epidemie in den USA ab den 1990ern von Ärzten und Pharmafirmen losgetreten wurde, die den Menschen ein Leben ohne Schmerzen versprach. Von dem offensichtlichen Suchtrisiko wollten sie lange nichts wissen, während sie an der Abhängigkeit der Patientinnen und Patienten übrigens sehr gut verdienten. 30 Jahre später sind Hunderttausende an Überdosierungen der Mittel gestorben.</p> <p>Und ohne hier eine Panik lostreten zu wollen: Wenn man danach sucht, dann finden Forscher auch für das sogar an Kinder immer häufiger verschriebene Methylphenidat (z.B. Ritalin) oder Amphetamin (“Speed”) ein erhöhtes Psychoserisiko (de Pablo et al., 2025). Ergebnis der Studie:</p> <blockquote> <p>“Diese systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse ergab ein nicht zu vernachlässigendes Auftreten von psychotischen Symptomen, psychotischen Störungen oder bipolarer Störung bei Personen mit ADHS, die mit Stimulanzien behandelt wurden. Amphetamine waren im Vergleich zu Methylphenidat mit einem höheren Auftreten assoziiert.” (de Pablo et al., 2025, S. 1103)</p> </blockquote> <p>Man muss immer Nutzen und Risiken gegeneinander abwägen. Aber ja, das böse Cannabis!</p> <h2 id="h-aus-den-cannabis-protokollen">Aus den “Cannabis-Protokollen”</h2> <p>Wie groß ist aber nun das Psychose- beziehungsweise Schizophrenierisiko? Ich erlaube mir, aus meinem neuen Buch zu zitieren (Schleim, 2026, S. 76f.):</p> <p>Aufgrund der Komplexität der Problematik folgerte eine Forschergruppe um Theresa Moore von der Universität Bristol (Großbritannien) schon einige Jahre vorher in der angesehenen medizinischen Fachzeitschrift <em>The Lancet</em>: “Die Unsicherheit darüber, ob Cannabis Psychosen verursacht, wird wahrscheinlich nicht durch weitere Längsschnittstudien aufgelöst werden können” (Moore et al., 2007, S. 316).</p> <p>Diese Studie hat sich wie kaum eine andere mit dem Problem der ‘umgekehrten Kausalität’ und möglichen Verzerrungen in den epidemiologischen Studien beschäftigt. Den Einfluss störender Faktoren in dieser Forschung bezeichnen sie als “substanziell”. Das mahnt uns zur Vorsicht, wenn wir daraus Schlüsse für die Praxis ziehen wollen.</p> <p>In ihrer Schlussfolgerung schreiben diese Forscherinnen und Forscher, man solle Cannabiskonsumenten vor dem Psychoserisiko und auch der Möglichkeit affektiver Störungen (wie Depressionen) warnen. Doch auch unter den regelmäßigen Konsumentinnen und Konsumenten sei das “Lebenszeitrisiko chronischer psychotischer Störungen wie Schizophrenie wahrscheinlich gering (kleiner als 3 Prozent)” (Moore et al., 2007, S. 327).</p> <p>Das heißt im Umkehrschluss aber auch: Für Gelegenheitskonsumenten ist das Risiko noch kleiner. Ein allgemeines Verbot lässt sich aufgrund dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse daher meiner Meinung nach nicht rechtfertigen – zumal wir überall sehen, dass Prohibition nicht funktioniert und im Gegenteil sogar Gesundheitsrisiken vergrößert. Denn dann sind die Substanzen mitunter verunreinigt, höher dosiert und suchen Betroffene aufgrund der Angst vor Stigmatisierung und Strafverfolgung weniger Hilfe.</p> <p>Wer also in Bezug auf Cannabis Gesundheitsschutz fordert, darf das Wort ‘Verbot’ nicht in den Mund nehmen. Und selbst die maßgeblichen Studien räumen ein, dass es keinen schlagenden Beweis für eine Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen dem Substanzkonsum und schweren, anhaltenden psychischen Störungen gibt.</p> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em>Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 14,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/nl/book/die-cannabis-protokolle/id6745148090">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=f5pZEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/illustrations/ai-generated-cannabis-marijuana-9553065/">Randi Bagley</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <h2 id="h-quellen">Quellen:</h2> <ul> <li>de Pablo, G. S., Aymerich, C., Chart-Pascual, J. P., Solmi, M., Torres-Cortes, J., Abdelhafez, N., … &amp; Cortese, S. (2025). Occurrence of psychosis and bipolar disorder in individuals with attention-deficit/hyperactivity disorder treated with stimulants: a systematic review and meta-analysis. <em>JAMA psychiatry</em>.</li> <li>Hoch E, Krowartz EM, Hollweck R, Möckl J, Olderbak S (2025). Cannabis consumption before and after partial legalization in Germany: Early trends, consumption patterns, and motives. <em>Dtsch Arztebl Int</em>; 122: 632–7.</li> <li>Moore, T. H., Zammit, S., Lingford-Hughes, A., Barnes, T. R., Jones, P. B., Burke, M., &amp; Lewis, G. (2007). Cannabis use and risk of psychotic or affective mental health outcomes: a systematic review. <em>The Lancet</em>, 370(9584), 319-328.</li> <li>Kohring C, Hartmann M, Holstiege J, Müller D (2024). Inzidenztrends für 37 psychische Störungen bei Erwachsenen in der ambulanten Versorgung – Entwicklungen zwischen 2015 und 2022 mit Fokus auf Schizophrenie, Depressionen, tabakbezogenen und somatoformen Störungen sowie Schlaf- und Persönlichkeitsstörungen. Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi). <em>Versorgungsatlas-Bericht</em>, Nr. 24/06. Berlin.</li> <li>Schleim, S. (2026). <em><u><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375">Die Cannabis-Protokolle: Medizin, Politik und Wissenschaft auf dem Prüfstand</a></u></em>. Hamburg: BoD.</li> <li>Thom J, Jonas B, Reitzle L, Mauz E, Hölling H, Schulz M (2024). Trends in the diagnostic prevalence of mental disorders, 2012–2022—using nationwide outpatient claims data for mental health surveillance. <em>Dtsch Arztebl Int</em>; 121: 355–62.</li> </ul> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/556f400977fe4af595ef517fbef566ad" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neueste-zahlen-geht-steigender-cannabiskonsum-mit-mehr-schizophrenien-einher/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>21</slash:comments> </item> <item> <title>Der „Abendstern“ ist Jupiter https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/der-abendstern-ist-jupiter/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/der-abendstern-ist-jupiter/#comments Sun, 11 Jan 2026 17:17:17 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12483 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499-768x576.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/der-abendstern-ist-jupiter/</link> </image> <description type="html"><h1>Der "Abendstern" ist Jupiter » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Schon in der Dämmerung sieht man abends ein helles Lichtpünktchen am Himmel – und zwar, wenn der Himmel sogar noch blau ist. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499.jpg 1280w" width="1024"></img></a></figure> <p>Die Himmelsrichtung ist allerdings Nordosten. Wenn es der üblicherweise “Abendstern” genannte Planet wäre, müsste das Lichtpünktchen in westlichen Richtungen stehen. Während ich das obige Foto nach Nordosten aufnahm, sah der südliche Himmel noch rosa aus: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502.jpg 1280w" width="1024"></img></a></figure> <p>Man sieht also klar, dass das obige Objekt zwar ein Planet ist, aber nicht Venus – sondern Jupiter: der Königsplanet. Der stand nämlich gestern (am <a href="https://www.starobserver.org/ap260110/">10. Januar: APOD</a>) in Opposition zur Sonne. </p> <p>Venus steht gerade (zusammen mit Mars) direkt neben der Sonne am Taghimmel und entzieht sich daher menschlicher Blicke. Sie wird ab Ende Februar wieder als Abendstern am Himmel glänzen.</p> <h2>Für Philosophen</h2> <p>Gottlob Freges berühmte Schrift über “<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cber_Sinn_und_Bedeutung">Sinn und Bedeutung</a>” gilt als eine der Grundlagen der modernen Logik und Sprachphilosophie. Frege war Professor für Mathematik hier in Jena und starb in dem Glauben, dass er nichts besonders geschafft hätte – gilt aber heute als hauptsächlichster Wegbereiter der analytischen Philosophie. <aside></aside></p> <p>Mich hatte die “analytische Philosophie” stets sehr interessiert – vor allem aber in ihren Anwendungen in Semantik und Linguistik – und ich bin auch ein großer Fan von Freges Werk. ABER als Astronomin habe ich wegen der Aussage im Titel des Posts das Gefühl, dass sein Beispiel vom “Abend- und Morgenstern” sehr unglücklich ist. Hier gibt es in der Tat eine sprachliche Verwirrung, die er – so lernte ich zumindest im Philosophie-Studium – wohl so nicht gemeint hat. Da die (astro-naiven) Philosophen sich einig zu sein scheinen in ihrer Deutung von Freges Text, kann ich damit leben, dass ich als Astronomin das Bildnis anders verstehend ein Außenseiter bin: Auch wenn ich recht habe, ändert das nichts an der fundamentalen Rolle, die Freges sprachphilosophische Grundlagen für die moderne Linguistik legen. Anders gesagt: nur weil das Beispiel ungeschickt oder falsch sein kann, ist die unter ihm liegende Erkenntnis fundamental. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Der "Abendstern" ist Jupiter » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Schon in der Dämmerung sieht man abends ein helles Lichtpünktchen am Himmel – und zwar, wenn der Himmel sogar noch blau ist. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165499.jpg 1280w" width="1024"></img></a></figure> <p>Die Himmelsrichtung ist allerdings Nordosten. Wenn es der üblicherweise “Abendstern” genannte Planet wäre, müsste das Lichtpünktchen in westlichen Richtungen stehen. Während ich das obige Foto nach Nordosten aufnahm, sah der südliche Himmel noch rosa aus: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000165502.jpg 1280w" width="1024"></img></a></figure> <p>Man sieht also klar, dass das obige Objekt zwar ein Planet ist, aber nicht Venus – sondern Jupiter: der Königsplanet. Der stand nämlich gestern (am <a href="https://www.starobserver.org/ap260110/">10. Januar: APOD</a>) in Opposition zur Sonne. </p> <p>Venus steht gerade (zusammen mit Mars) direkt neben der Sonne am Taghimmel und entzieht sich daher menschlicher Blicke. Sie wird ab Ende Februar wieder als Abendstern am Himmel glänzen.</p> <h2>Für Philosophen</h2> <p>Gottlob Freges berühmte Schrift über “<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cber_Sinn_und_Bedeutung">Sinn und Bedeutung</a>” gilt als eine der Grundlagen der modernen Logik und Sprachphilosophie. Frege war Professor für Mathematik hier in Jena und starb in dem Glauben, dass er nichts besonders geschafft hätte – gilt aber heute als hauptsächlichster Wegbereiter der analytischen Philosophie. <aside></aside></p> <p>Mich hatte die “analytische Philosophie” stets sehr interessiert – vor allem aber in ihren Anwendungen in Semantik und Linguistik – und ich bin auch ein großer Fan von Freges Werk. ABER als Astronomin habe ich wegen der Aussage im Titel des Posts das Gefühl, dass sein Beispiel vom “Abend- und Morgenstern” sehr unglücklich ist. Hier gibt es in der Tat eine sprachliche Verwirrung, die er – so lernte ich zumindest im Philosophie-Studium – wohl so nicht gemeint hat. Da die (astro-naiven) Philosophen sich einig zu sein scheinen in ihrer Deutung von Freges Text, kann ich damit leben, dass ich als Astronomin das Bildnis anders verstehend ein Außenseiter bin: Auch wenn ich recht habe, ändert das nichts an der fundamentalen Rolle, die Freges sprachphilosophische Grundlagen für die moderne Linguistik legen. Anders gesagt: nur weil das Beispiel ungeschickt oder falsch sein kann, ist die unter ihm liegende Erkenntnis fundamental. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/der-abendstern-ist-jupiter/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>4</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeo Podcast: Als im Universum die Lichter angingen – wo sind die ersten Sterne? https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-als-im-universum-die-lichter-angingen-wo-sind-die-ersten-sterne/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-als-im-universum-die-lichter-angingen-wo-sind-die-ersten-sterne/#comments Sun, 11 Jan 2026 05:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1824 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-7-768x768.jpg Eine Art bläuliche Wolke mit zahlreichen hell leuchtenden Sternen. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-als-im-universum-die-lichter-angingen-wo-sind-die-ersten-sterne/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-7.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Als im Universum die Lichter angingen - wo sind die ersten Sterne? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag130-erste-sterne.html#/">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Nicht viele Sterne können von sich behaupten, beinahe unser Verständnis vom Universum kaputt gemacht zu haben – aber ein Stern mit der Bezeichnung HD 140283 hätte es fast geschafft: Im Jahr 2000 schätzten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sein Alter auf 16 Milliarden Jahre. Und damit wäre dieser so unscheinbare Stern älter als das Universum selbst Er liegt in rund 190 Lichtjahren Entfernung im Sternbild Waage und ist von der Erde aus zwar nicht mit dem bloßen Auge, aber doch immerhin schon mit einem Fernglas sichtbar. Seinen Spitznamen als „Methusalem-Stern“ hat er sich damit mehr als verdient.</p> <p>In den darauffolgenden Jahren korrigierten neue Messungen und Studien dieses Alter glücklicherweise nach unten. Inzwischen gilt HD 140283 zwar immer noch als alt, aber nicht mehr als älter als das Universum selbst. Trotz seines stolzen Alters ist eines wissenschaftlich sicher: Der Methusalem-Stern ist keiner von den allerersten Sternen, die es in unserem Universum je gegeben hat – doch auf die haben sie es abgesehen.<aside></aside></p> <p>Forschende bezeichnen jene ersten Sterne im Universum auch als Sterne der Population III. Es sind die Sterne, die nach dem Urknall als erstes Licht ins Dunkel brachten. Damals, vor Milliarden von Jahren, gab es im Universum vor allem Wasserstoff und Helium. Erst die ersten Sterne haben jene massereicheren Elemente hergestellt, die wir heute kennen und schätzen – und ohne die es uns nicht geben würde: Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff, und noch schwerere Elemente bis hin zum Eisen.</p> <p>Somit ist zwar vollkommen klar, dass es diese ersten Sterne gegeben haben muss. Und doch haben Forschende noch nie einen solchen Stern beobachtet, trotz Jahrzehnten der intensiven Suche.</p> <p>In dieser Folge erzählt Franzi von dieser Suche nach den Sternen der Population III, die Licht ins Universum gebracht haben – eine Suche, für die Forschende versuchen, mit dem James Webb-Weltraumteleskop so weit in die Vergangenheit zu blicken wie möglich. Aber auch unsere eigene Milchstraße bleibt ein möglicher Fundort für die wahren Methusalem-Sterne.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 65: <a href="https://astrogeo.de/blaue-riesensterne-nimm-zwei/">Blaue Riesensterne: Nimm Zwei!</a></li> <li>Folge 98: <a href="https://astrogeo.de/das-erbe-des-urknalls-wie-die-materie-in-unser-universum-kam/">Das Erbe des Urknalls: Wie die Materie in unser Universum kam</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Stern">Stern</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sonne">Sonne</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Population_(Astronomie)">Population (Astronomie)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/HD_140283">HD 140283 (Stern)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/HE_1523%E2%88%920901">HE 1523−0901 (Stern)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metallizit%C3%A4t">Metallizität</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metalle">Metalle</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rotverschiebung">Rotverschiebung</a></li> <li>WP: <a href="http://www.scilogs.de/kosmo//home/pikarl/Schreibtisch/Aktuell/2026-01%20AG130%20Erste%20Sterne%20(AG)/Hauptreihe">Hauptreihe</a></li> <li>Spektrum.de: <a href="https://www.spektrum.de/news/earendel-truegt-das-licht-des-aeltesten-sterns/2290008">Trügt das Licht des ältesten Sterns?</a> (Artikel von Franzi)</li> <li>Spektrum.de: <a href="https://www.spektrum.de/news/startete-das-universum-frueher-durch-als-gedacht/2258825">Startete das Universum früher durch als gedacht?</a> (Artikel von Franzi)</li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/MoM-z14">MoM-z14</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/James-Webb-Weltraumteleskop">James-Webb-Weltraumteleskop</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Earendel">Earendel</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kugelsternhaufen">Kugelsternhaufen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gammablitz">Gammablitz</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/HI-Linie">HI-Linie</a></li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1146/annurev-astro-071221-">The First Stars: Formation, Properties, and Impact (2023)</a></li> <li> Fachartikel: <a href="https://www.aanda.org/articles/aa/full_html/2025/11/aa56292-25/aa56292-25.html">Asteroseismic investigation of HD 140283: The Methuselah star (2025)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://www.nature.com/articles/s41550-025-02575-x">Determination of the mass distribution of the first stars from the 21-cm signal (2025)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.3847/2041-8213/adf4e3#fnref-apjladf4e3bib32">Metal-polluted Population III Galaxies and How to Find Them (2025)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.1088/0004-637X/808/2/139">Evidence for PopIII-like stellar populations in the most luminous Lyman-α emitters at the epoch of re-ionisation: spectroscopic confirmation (2015)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://academic.oup.com/mnras/article/469/1/448/3103051">No evidence for Population III stars or a direct collapse black hole in the z = 6.6 Lyman α emitter ‘CR7’</a> (2017)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.3847/2041-8213/ac7f9a#apjlac7f9as3">On the Probability of the Extremely Lensed z = 6.2 Earendel Source Being a Population III Star</a> (2022)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.3847/2041-8213/adf196"><u>Discovery of an [Fe/H] </u><u>∼</u><u>−</u><u>4.8 Star in Gaia XP Spectra</u></a> (2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://www.eso.org/public/germany/images/eso1524a/">ESO/M. Kornmesser (künstlerische Ansicht)</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-7.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Als im Universum die Lichter angingen - wo sind die ersten Sterne? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag130-erste-sterne.html#/">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Nicht viele Sterne können von sich behaupten, beinahe unser Verständnis vom Universum kaputt gemacht zu haben – aber ein Stern mit der Bezeichnung HD 140283 hätte es fast geschafft: Im Jahr 2000 schätzten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sein Alter auf 16 Milliarden Jahre. Und damit wäre dieser so unscheinbare Stern älter als das Universum selbst Er liegt in rund 190 Lichtjahren Entfernung im Sternbild Waage und ist von der Erde aus zwar nicht mit dem bloßen Auge, aber doch immerhin schon mit einem Fernglas sichtbar. Seinen Spitznamen als „Methusalem-Stern“ hat er sich damit mehr als verdient.</p> <p>In den darauffolgenden Jahren korrigierten neue Messungen und Studien dieses Alter glücklicherweise nach unten. Inzwischen gilt HD 140283 zwar immer noch als alt, aber nicht mehr als älter als das Universum selbst. Trotz seines stolzen Alters ist eines wissenschaftlich sicher: Der Methusalem-Stern ist keiner von den allerersten Sternen, die es in unserem Universum je gegeben hat – doch auf die haben sie es abgesehen.<aside></aside></p> <p>Forschende bezeichnen jene ersten Sterne im Universum auch als Sterne der Population III. Es sind die Sterne, die nach dem Urknall als erstes Licht ins Dunkel brachten. Damals, vor Milliarden von Jahren, gab es im Universum vor allem Wasserstoff und Helium. Erst die ersten Sterne haben jene massereicheren Elemente hergestellt, die wir heute kennen und schätzen – und ohne die es uns nicht geben würde: Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff, und noch schwerere Elemente bis hin zum Eisen.</p> <p>Somit ist zwar vollkommen klar, dass es diese ersten Sterne gegeben haben muss. Und doch haben Forschende noch nie einen solchen Stern beobachtet, trotz Jahrzehnten der intensiven Suche.</p> <p>In dieser Folge erzählt Franzi von dieser Suche nach den Sternen der Population III, die Licht ins Universum gebracht haben – eine Suche, für die Forschende versuchen, mit dem James Webb-Weltraumteleskop so weit in die Vergangenheit zu blicken wie möglich. Aber auch unsere eigene Milchstraße bleibt ein möglicher Fundort für die wahren Methusalem-Sterne.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 65: <a href="https://astrogeo.de/blaue-riesensterne-nimm-zwei/">Blaue Riesensterne: Nimm Zwei!</a></li> <li>Folge 98: <a href="https://astrogeo.de/das-erbe-des-urknalls-wie-die-materie-in-unser-universum-kam/">Das Erbe des Urknalls: Wie die Materie in unser Universum kam</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Stern">Stern</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sonne">Sonne</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Population_(Astronomie)">Population (Astronomie)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/HD_140283">HD 140283 (Stern)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/HE_1523%E2%88%920901">HE 1523−0901 (Stern)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metallizit%C3%A4t">Metallizität</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metalle">Metalle</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rotverschiebung">Rotverschiebung</a></li> <li>WP: <a href="http://www.scilogs.de/kosmo//home/pikarl/Schreibtisch/Aktuell/2026-01%20AG130%20Erste%20Sterne%20(AG)/Hauptreihe">Hauptreihe</a></li> <li>Spektrum.de: <a href="https://www.spektrum.de/news/earendel-truegt-das-licht-des-aeltesten-sterns/2290008">Trügt das Licht des ältesten Sterns?</a> (Artikel von Franzi)</li> <li>Spektrum.de: <a href="https://www.spektrum.de/news/startete-das-universum-frueher-durch-als-gedacht/2258825">Startete das Universum früher durch als gedacht?</a> (Artikel von Franzi)</li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/MoM-z14">MoM-z14</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/James-Webb-Weltraumteleskop">James-Webb-Weltraumteleskop</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Earendel">Earendel</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kugelsternhaufen">Kugelsternhaufen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gammablitz">Gammablitz</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/HI-Linie">HI-Linie</a></li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1146/annurev-astro-071221-">The First Stars: Formation, Properties, and Impact (2023)</a></li> <li> Fachartikel: <a href="https://www.aanda.org/articles/aa/full_html/2025/11/aa56292-25/aa56292-25.html">Asteroseismic investigation of HD 140283: The Methuselah star (2025)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://www.nature.com/articles/s41550-025-02575-x">Determination of the mass distribution of the first stars from the 21-cm signal (2025)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.3847/2041-8213/adf4e3#fnref-apjladf4e3bib32">Metal-polluted Population III Galaxies and How to Find Them (2025)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.1088/0004-637X/808/2/139">Evidence for PopIII-like stellar populations in the most luminous Lyman-α emitters at the epoch of re-ionisation: spectroscopic confirmation (2015)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://academic.oup.com/mnras/article/469/1/448/3103051">No evidence for Population III stars or a direct collapse black hole in the z = 6.6 Lyman α emitter ‘CR7’</a> (2017)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.3847/2041-8213/ac7f9a#apjlac7f9as3">On the Probability of the Extremely Lensed z = 6.2 Earendel Source Being a Population III Star</a> (2022)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.3847/2041-8213/adf196"><u>Discovery of an [Fe/H] </u><u>∼</u><u>−</u><u>4.8 Star in Gaia XP Spectra</u></a> (2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://www.eso.org/public/germany/images/eso1524a/">ESO/M. Kornmesser (künstlerische Ansicht)</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-als-im-universum-die-lichter-angingen-wo-sind-die-ersten-sterne/#comments 4 Das Oberharzer Bergbaumuseum ist gerettet https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/das-oberharzer-bergbaumuseum-ist-gerettet/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/das-oberharzer-bergbaumuseum-ist-gerettet/#respond Sat, 10 Jan 2026 17:47:05 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3724 <h1>Das Oberharzer Bergbaumuseum ist gerettet » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Am Anfang des Jahres die gute Nachricht, das Oberharzer Bergwerksmuseum ist gerettet. Im letzten Oktober hatte es noch so ausgesehen, als wenn zum Jahresende 2025 endgültig Schluss sei. Die hohen Sanierungskosten des Gebäudes zwangen die Stadt Clausthal-Zellerfeld zu dem drastischen Schritt. Zudem fehlte ein kompetenter Betreiber, denn die Stiftung Welterbe im Harz beendete seine Trägerschaft am 31.12.2025.</p> <p>Es sah also zugegebenermaßen düster aus für dieses Kleinod in der deutschen Museumslandschaft. Begonnen hatte alles im Jahre 1884, als der damalige Berghauptmann Adolf Achenbach die Harzer Berglaute aufrief, ausgediente Bergbaugeräte zur Verfügung zu stellen, um damit ein Museum aufzubauen. Die offizielle Gründung des Museums erfolgte dann im Jahr 1892, damit zählt es zu den ältesten Technikmuseen in Deutschland. Ich hatte im Oktober in einem Blogbeitrag darüber zur Unterzeichnung der Petition zum Erhalt des Museums aufgerufen.</p> <p>Und anscheinend war diese Petition ein deutlicher Erfolg. Sie wurde der Bürgermeisterin der Stadt Clausthal-Zellerfeld im Rahmen der Sitzung des Ausschusses für Jugend, Schulen, Sport und Gesellschaft am 20.11.2025 übergeben. Daraufhin stimmte der Rat der Stadt am 4.12.2025 für den Weiterbetrieb des Museums. Der neue Betreiber wird eine eigens hierfür gegründete gGmbH sein, welche vom Oberharzer Geschichts- und Museumsverein ins Leben gerufen wurde.</p> <p>Das Museum ist selber seit dem 15. Dezember geschlossen, ein Termin für die Wiedereröffnung ist bislang nicht bekannt, soll aber gegebenenfalls <a href="https://www.oberharzerbergwerksmuseum.de/">rechtzeitig bekannt</a> gegeben werden.</p> <p>Das ist, finde ich, mal eine gute Nachricht. Petitionen, auch online, haben eine Wirkung und sie können positives bewirken. Ich hoffe, dass dies nicht die einzige positive Nachricht in diesem Jahr bleibt, auch wenn das Jahr 2026 bislang mit Lichtblicken doch etwas geizig zu sein scheint.<aside></aside></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Das Oberharzer Bergbaumuseum ist gerettet » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Am Anfang des Jahres die gute Nachricht, das Oberharzer Bergwerksmuseum ist gerettet. Im letzten Oktober hatte es noch so ausgesehen, als wenn zum Jahresende 2025 endgültig Schluss sei. Die hohen Sanierungskosten des Gebäudes zwangen die Stadt Clausthal-Zellerfeld zu dem drastischen Schritt. Zudem fehlte ein kompetenter Betreiber, denn die Stiftung Welterbe im Harz beendete seine Trägerschaft am 31.12.2025.</p> <p>Es sah also zugegebenermaßen düster aus für dieses Kleinod in der deutschen Museumslandschaft. Begonnen hatte alles im Jahre 1884, als der damalige Berghauptmann Adolf Achenbach die Harzer Berglaute aufrief, ausgediente Bergbaugeräte zur Verfügung zu stellen, um damit ein Museum aufzubauen. Die offizielle Gründung des Museums erfolgte dann im Jahr 1892, damit zählt es zu den ältesten Technikmuseen in Deutschland. Ich hatte im Oktober in einem Blogbeitrag darüber zur Unterzeichnung der Petition zum Erhalt des Museums aufgerufen.</p> <p>Und anscheinend war diese Petition ein deutlicher Erfolg. Sie wurde der Bürgermeisterin der Stadt Clausthal-Zellerfeld im Rahmen der Sitzung des Ausschusses für Jugend, Schulen, Sport und Gesellschaft am 20.11.2025 übergeben. Daraufhin stimmte der Rat der Stadt am 4.12.2025 für den Weiterbetrieb des Museums. Der neue Betreiber wird eine eigens hierfür gegründete gGmbH sein, welche vom Oberharzer Geschichts- und Museumsverein ins Leben gerufen wurde.</p> <p>Das Museum ist selber seit dem 15. Dezember geschlossen, ein Termin für die Wiedereröffnung ist bislang nicht bekannt, soll aber gegebenenfalls <a href="https://www.oberharzerbergwerksmuseum.de/">rechtzeitig bekannt</a> gegeben werden.</p> <p>Das ist, finde ich, mal eine gute Nachricht. Petitionen, auch online, haben eine Wirkung und sie können positives bewirken. Ich hoffe, dass dies nicht die einzige positive Nachricht in diesem Jahr bleibt, auch wenn das Jahr 2026 bislang mit Lichtblicken doch etwas geizig zu sein scheint.<aside></aside></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/das-oberharzer-bergbaumuseum-ist-gerettet/#respond 0 Baut Trump jetzt Fusionskraftwerke? https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/baut-trump-jetzt-fusionskraftwerke/ https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/baut-trump-jetzt-fusionskraftwerke/#comments Fri, 09 Jan 2026 19:11:57 +0000 Thomas Grüter https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/?p=1770 https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Fusionskraftwerk-768x439.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/baut-trump-jetzt-fusionskraftwerke/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Fusionskraftwerk.jpg" /><h1>Fusionskraftwerk und die Pläne von TMTG » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Die Trump Media and Technology Group (TMTG) will ins Kraftwerksgeschäft einsteigen. Es geht dabei nicht etwa um Kohlekraftwerke, sondern um das nächste große Ding: die Kernfusion. „Ein großer Schritt voran zu einer revolutionären Technik, die Amerikas Energiedominanz für Generationen festschreiben wird“, schrieb Devin Nunes dazu, seines Zeichens CEO von TMTG. </b></p> <p>Bisher betreibt TMTG die Social Media Plattform Truth Social, die als Sprachrohr des amerikanischen Präsidenten gilt. Außerdem bietet das Unternehmen Finanzdienstleistungen an und will eine Kryptowährung herausbringen. Da passen doch Fusionskraftwerke gut ins Portfolio, sollte man meinen. Weil man die aber nicht an jeder Ecke bestellen kann, <a href="https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/kernfusion-die-trumps-steigen-ins-energiegeschaeft-ein-accg-110806506.html">will TMTG mit der Firma TAE Technologies verschmelzen</a>, die seit mehr als 25 Jahren daran arbeitet, Kernfusion als Stromquelle verfügbar zu machen. Müssen wir jetzt befürchten, dass sich die Trump-Familie ein Monopol auf die fortschrittlichste Technik zur Stromversorgung sichert? Devin Nunes sieht dieses Ziel offenbar näherrücken. Aber tatsächlich ist er auf dem Holzweg. </p> <h3>TMTG – Trump Media and Technology Group</h3> <p>Am 8. Januar 2021 legte Twitter Donald Trumps Konto still, weil seine Tweets die Richtlinien des Unternehmens verletzten. Trump hatte die Präsidentschaftswahl im November 2020 verloren und seitdem aus allen Rohren gegen den angeblichen „Wahlbetrug“ geschossen. Twitter ließ Trump trotzdem gewähren – vorerst. Am 6. Januar 2021 stürmte ein gewalttätiger Mob nach einer Brandrede von Trump das Kapitol. Dabei kamen mehrere Menschen ums Leben und das Gebäude wurde verwüstet. Daraufhin wollte Twitter Trump wohl keine Plattform mehr geben. Trump war wieder einmal beleidigt und begann mit den Vorbereitungen für eine eigene Social Media Plattform.</p> <p>Am 21. Oktober 2021 gab er die Gründung der Trump Media and Technology Group bekannt. Sie sollte mit einer <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Special_Purpose_Acquisition_Company">Special Purpose Acquisition Company</a> (abgekürzt SPAC) fusionieren, die bereits öffentlich gehandelt wurde. Damit konnte sein Unternehmen sofort an die Börse gehen, was in den USA sonst ein langwieriger und genau geregelter Vorgang ist. Geschäftsziel war die Schaffung und der Betrieb einer Social Media Plattform namens „Truth Social“. Sie sollte Twitter Konkurrenz machen.</p> <p>Dann begann ein jahrelanges Gezerre mit diversen Behörden, die solche Fusionen untersuchen und genehmigen müssen. So ermittelte die SEC (Securities and Exchange Commission) gegen eine chinesische Gesellschaft, die an der Gründung der SPAC beteiligt war. Eine Bundesstaatsanwaltschaft in New York prüfte, ob TMTG die Geldwäschegesetze verletzt hatte, weil es Geld angenommen hatte, dessen Quelle ein russischer Oligarch war.<aside></aside></p> <p>Es folgten Untersuchungen, Strafen, Klagen und Gerichtsverfahren der Beteiligten gegeneinander. Man hätte mehrere Staffeln einer Comedy-Serie damit füllen können (Das Onlineportal RollingStone hat <a href="https://www.rollingstone.com/politics/politics-news/truth-social-drama-donald-trump-lawsuits-ipo-1234999198/">hier eine Chronologie</a> zusammengestellt). Erst am 26. März 2024, als fast zweieinhalb Jahre nach Trumps Ankündigung, ging TMTG tatsächlich an die Börse. Trumps Aktienanteil wurde mit über drei Milliarden US$ bewertet.</p> <p>Die Aktie notierte am Starttag bei einem Höchstwert von 79,38 US-Dollar. Seitdem bröckelt der Kurs immer mehr ab. Am 8. Januar 2026 zeigte der Ticker 13,40 US$. Das gesamte Aktienkapital addiert sich auf circa 3,8 Milliarden US$ (3,25 Milliarden Euro). Etwa die Hälfte davon hält Donald Trump in einem Fond, den sein Sohn Donald Trump jr. für ihn verwaltet. Der aktuelle vierteljährliche Bericht von TMTG (<a href="https://s3.amazonaws.com/sec.irpass.cc/2660/0001140361-25-040977.htm#FinancialStatements">drittes Quartal 2025</a>) an die SEC weist ein „Total Equity“ (Eigenkapital, Vermögen) von 2,29 Milliarden US$ aus, 1,47 Milliarden US$ davon werden als „Digital Assets“ (Kryptowährungen) ausgewiesen. Das passt: Im Mai 2025 gab TMTG bekannt, Bitcoins im Wert von 2,5 Milliarden US$ erwerben zu wollen. Allerdings ist der Wert der Bitcoins gegen den US$ ab November um circa 20 Prozent gefallen, sodass der aktuelle Wert der „Digital Assets“ um einige Hundert Millionen US$ niedriger ausfällt.</p> <p>Auch bei der Geschäftstätigkeit schreibt TMTG horrende Verluste, in den ersten neun Monaten des Jahres 2025 insgesamt 107 Millionen US$, davon allein 55 Millionen im dritten Quartal. Vor diesem Hintergrund ist der Einstieg ins Kraftwerksgeschäft ein echtes Wagnis, schließlich müssen schon konventionelle Kraftwerke mit hohen Summen vorfinanziert werden.</p> <h3>TAE Technologies, Inc.</h3> <p>Die Firma, die bis 2031 ein völlig neuartiges Fusionskraftwerk bauen will, wurde bereits 1998 gegründet. Damals hieß sie noch „Tri Alpha Energy“. Der etwas kryptische Name weißt auf die Fusionsreaktion, mit das Kraftwerk Strom erzeugen soll. In den fast 28 Jahren seit der Gründung hat TAE nach eigenen Angaben ungefähr 1,3 Milliarden US$ von privaten Kapitalgebern eingeworben. Diese Leistung nötigt mir Respekt ab, denn die Firma hat bisher nicht nachweisen können, dass ihr Konzept tragfähig ist. Bis 2031 wird TAE mindestens noch einmal das Doppelte brauchen, um ein Fusionskraftwerk nach ihren Vorstellungen zu bauen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1773" id="attachment_1773"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope.jpg"><img alt="Bild der drei Wasserstoff-isotope" decoding="async" height="300" sizes="(max-width: 549px) 100vw, 549px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope-300x164.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope-300x164.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope-1024x559.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope-768x419.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope.jpg 1408w" width="549"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1773">Die drei Wasserstoffisotope. Während die meisten Firmen auf die Deuterium-Tritium-Fusion setzen, will TAE bei sehr viel höheren Temperaturen Wasserstoff mit Bor fusionieren.</figcaption></figure> <p>Mal angenommen, Sie könnten zwei bis drei Milliarden Euro erübrigen, wäre das Geld bei TAE gut angelegt? Schwer zu sagen. Die Firma setzt auf eine höchst futuristische Technik – sowohl bei Fusionsreaktion als auch beim Plasmaeinschluss. Die meisten Start-ups in der Fusionsindustrie planen die Fusion von Deuterium und Tritium. Dazu muss man das Plasma am wenigsten aufheizen, „nur“ auf etwa 100 bis 150 Millionen Grad Celsius. <a href="https://www.scinexx.de/dossierartikel/das-problem-des-tritiums/">Andererseits ist Tritium extrem selten</a>, und außerdem radioaktiv. Es zerfällt innerhalb von nur 12,3 Jahren auf die Hälfte seines Bestandes. Dafür ist diese Technologie <a href="https://euro-fusion.org/jet/#">gut erprobt</a>.</p> <p>TAE will in seinem Reaktor gewöhnlichen Wasserstoff mit dem Element Bor zu verschmelzen. Dabei entstehen drei Heliumkerne (sogenannte Alphateilchen), die mit hoher Geschwindigkeit davonfliegen. Diese Bewegung enthält den Hauptteil der freigesetzten Energie.</p> <p>TAE setzt auf eine selbst-stabilisierende Plasmageometrie, um die Fusionsreaktion zu in Gang zu bringen. Das erspart dem Reaktor die massiven supraleitenden Magnetspulen, die andere Fusionsreaktoren so klobig aussehen lassen.</p> <p>Die Reaktion setzt außerdem keine Neutronen<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a> frei. Das ist wichtig, weil Neutronen sich nicht mit Magnetfeldern einfangen lassen und als ungeladene Teilchen keinen Strom in externen Stromleitern induzieren. Neutronen heizen das Plasma auf und schlagen in die Reaktorwände ein, die dabei radioaktiv werden. Die Wärmeenergie heizt wie in traditionellen Kraftwerken eine Kühlflüssigkeit auf, die wiederum eine Turbine treibt, eventuell über mehrere Stufen. Die Bewegungsenergie der positiv geladenen Heliumatome lässt sich dagegen direkt in einen Stromfluss umsetzen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1772" id="attachment_1772"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_fusion.jpg"><img alt="Vergleich der Fusionsreaktionen" decoding="async" height="114" sizes="(max-width: 510px) 100vw, 510px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_fusion-300x67.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_fusion-300x67.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_fusion.jpg 663w" width="510"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1772">Vergleich der Deuterium-Tritium-Fusion mit der Bor-Wasserstoff-Fusion. p und n stehen für Proton und Neutron.</figcaption></figure> <p>Ein wirklich elegantes Verfahren – nur hat es zwei sehr ernsthafte Nachteile. Während das Plasma für die Deuterium-Tritium-Fusion auf ungefähr 100 bis 150 Millionen Grad Celsius aufgeheizt werden muss, braucht die Wasserstoff-Bor-Fusion etwa drei Milliarden Grad<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>. Diese Temperatur hat TAE bisher noch nicht annähernd erreichen können. Und der „selbst-stabilisierende“ Plasmawirbel hält bisher noch keine Sekunde. Wenn man das Plasma genügend dicht zusammenpresst, dann reicht aber diese sehr kurze Zeit zur Initiierung der Fusionsreaktion – so hofft TAE.</p> <p><a href="https://www.heise.de/news/Kernfusion-TAE-Technologies-sieht-kommerziellen-Einsatz-bis-2030-6010480.html">Bereits 2021 hatte TAE einen „Durchbruch“</a> mit der damaligen Versuchsanlage „Norman“ verkündet und wollte daraufhin das Nachfolgemodell „Copernicus“ bauen. Dieses Vorhaben gab das Unternehmen jedoch auf und konstruierte stattdessen eine optimierte Version von „Norman“ unter Namen „Norm“. Die Versuchsanlage Copernicus könne man jetzt überspringen, <a href="https://tae.com/tae-shortens-device-roadmap-prepares-for-commercial-era/">vermeldete die Firma im letzten November</a>. Der nächste Reaktor, genannt „Da Vinci“, solle der Kern eines kommerziellen Kraftwerks werden und in den „frühen 2030er-Jahren“ Strom ins Netz liefern.</p> <p>Warum wurde Copernicus nicht gebaut? Die technische Erklärung, man sei so gut vorangekommen, dass man die Maschine nicht mehr brauche, scheint mir wenig einleuchtend zu sein. Norm ist zu klein, um überhaupt eine Kernfusion zu erzeugen. Vielleicht reichte ganz einfach das Geld nicht aus. Copernicus sollte rund 200 Millionen US$ kosten. Die von den Investoren bereitgestellten 280 Millionen US$ hätten für den Bau der Anlage <i>und</i> den Betrieb der Firma mit ihren rund 400 Angestellten selbst unter günstigen Umständen wohl nur knapp gereicht<a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a>.</p> <p>Wenn jetzt direkt ein kommerzieller Reaktor gebaut werden soll, muss das Unternehmen sehr viel Geld in die Hand nehmen, bzw. in die Hand bekommen. Kann die Firmenfusion (Fachbegriff: Merger) mit TMTG dieses Problem lösen? Sehen wir uns die Fakten an:</p> <h3>Die Fusion der Unternehmen</h3> <p>TMTG will TAE bis zu 200 Millionen US$ zur Verfügung stellen und weitere 100 Millionen bei Abschluss des Mergers. Die beiden CEOs der jetzigen Unternehmen, Devin Nunes und Michl Binderbauer werden das neue Unternehmen gemeinschaftlich führen. Vorsitzender des Aufsichtsrat (des Boards) soll Michael B. Schwab werden, der jetzt schon im Board von TAE sitzt. Devin Nunes taxiert den Wert des neuen Unternehmens ziemlich optimistisch auf etwa 6 Milliarden US$. Bis Mitte diesen Jahres soll <a href="https://filemanager-cdn.mziq.com/published/83a9acb7-4ada-4a58-97e4-257b49aec76b/b0c3fa25-54b4-4546-a38a-342f068e634d_tmtg_tae_investor_slide_deck_121825.pdf">die Zusammenlegung der Unternehmen</a> rechtlich abgeschlossen sein.</p> <p>Das Vorgehen wirkt in gleich mehreren Punkten wenig durchdacht.</p> <ul> <li> <p>Eine Fusion sollte eigentlich „Synergien heben“, wie man so schön sagt. Die Stärken beider Unternehmen sollen sich potenzieren, die Schwächen sollen sich ausgleichen. Das ist hier aber nicht erkennbar. TAE kann nicht dazu beitragen, den Geschäftsbetrieb von TMTG zu fördern. Umgekehrt kann TMTG nichts tun, um TAEs Arbeit zu beschleunigen. Wenn es nur um Investitionen geht, ist ein Merger wenig sinnvoll, zumal TMTG kein reines Wirtschaftsunternehmen ist, sondern politische Abhängigkeiten mitbringt.</p> </li> <li> <p>Ein Unternehmen von zwei gleichberechtigten Co-CEOs führen zu lassen, ist im besten Fall schwierig. Devin Nunes ist studierter Agrarwissenschaftler und Berufspolitiker. Er war von Anfang 2013 bis Ende 2020 Mitglied des Repräsentantenhauses und galt als treuer Gefolgsmann von Donald Trump. Seit 2021 ist er CEO bei TMTG. Michl Binderbauer ist Physiker und seit 2017 CEO bei TAE. Die beiden müssen sich also in Zukunft über die Ausrichtung des neuen Unternehmens einigen. <br></br>Bei strenger Aufteilung der Arbeitsbereiche kann die Zusammenarbeit durchaus funktionieren, aber anhaltende Meinungsverschiedenheit führen schnell zu einer Lähmung in der Unternehmensleitung.</p> </li> <li> <p>Die Veröffentlichungen von Devin Nunes erwecken den Eindruck, dass er keine rechte Vorstellung vom Stand der Technik bei TAE hat. So schrieb er am <a href="https://truthsocial.com/@DevinNunes/posts/115740503934870037">18.12.2025 auf Truth Social</a> „TAE hat … fünf Fusionsreaktoren gebaut und betrieben“ und „Die Schlüsselaufgabe für TAE ist es, … sich auf den Bau es ersten netztauglichen Fusionsreaktors im Jahr 2026 zu konzentrieren (50 MW) …“</p> <p>Tatsächlich hat TAE überhaupt keinen Fusionsreaktor gebaut oder betrieben. Die bisherigen Versuchsanlagen haben nur das vorgesehene Verfahren für den Plasmaeinschluss getestet. Die Ergebnisse waren durchaus vielversprechend, aber von der geplanten Bor-Wasserstoff-Fusion ist man noch weit entfernt. Und TAE wird 2026 vielleicht mit dem Bau eines Fusionskraftwerks <i>anfangen</i>, aber kaum vor 2031 damit fertig werden.</p> </li> <li> <p>Die zugesagten Finanzmittel von „bis zu“ 300 Millionen US$ reichen nicht im Entferntesten aus, wie wir gleich sehen werden.</p> </li> </ul> <h3>Die Fusion der Atomkerne</h3> <p>TAE hat bisher nur nachgewiesen, dass ihr futuristisches Konzept des Plasmaeinschlusses funktioniert – bisher aber nur bei 50 Millionen Grad Celsius, nicht bei drei Milliarden Grad.</p> <p>Die Kosten für den neuen Reaktor „Da Vinci“ hat Michl Binderbauer im Jahr 2020 <a href="http://nautil.us/issue/86/energy/the-road-less-traveled-to-fusion-energy">in einem Gespräch mit dem amerikanischen Wissenschaftsportal Nautilus</a> auf circa 2 Milliarden US$ beziffert.</p> <p>Allein die Inflation dürfte den Preis inzwischen auf mehr als 2,5 Milliarden US$ treiben. Das ist weit mehr, als TAE und TMTG an Eigenmitteln zur Verfügung stellen können. Mindestens 80 Prozent der Investitionen müssen also von anderen Firmen eingeworben werden. Die einseitige politische Ausrichtung von TMTG ist dabei nicht unbedingt hilfreich. Das ist aber noch nicht alles.</p> <p>Fünf Jahre Bauzeit sind schon sehr optimistisch angesetzt, wenn man bedenkt, wie viele neue Systeme getestet werden müssen. Eine Skalierung um mehrere Größenordnungen lässt sich eigentlich nie komplett simulieren. Störfaktoren, die bisher kaum ins Gewicht fielen, können plötzlich den gesamten Betrieb lahmlegen. Und wer sagt eigentlich, dass bei 3 Milliarden Grad Celsius nur die <i>erwünschten</i> Reaktionen stattfinden? Bisher hat niemand solche Extrembedingungen erzeugt, Überraschungen sind also zu erwarten. Die Umwandlung der Bewegungsenergie der Alphateilchen in einen externen Stromfluss konnte ebenfalls bisher nicht getestet werden. Der Reaktor wird vermutlich mehrfach umgebaut werden müssen, bevor er zufriedenstellend arbeitet – oder der Ansatz verworfen werden muss.</p> <p>Und dann ist da auch noch die Konkurrenz.</p> <h3>Die Konkurrenz schläft nicht.</h3> <p>TAE will seine Pilotanlage circa 2031 fertigstellen und irgendwann danach einen großen, kommerziell konkurrenzfähigen Fusionsreaktor errichten. Das reicht aber wohl nicht mehr fürs Siegertreppchen.</p> <ul> <li> <p>Die Firma <a href="https://cfs.energy/">Commonwealth Fusion Systems</a> baut zurzeit ihren Demonstrationsreaktor SPARC. Er soll noch in diesem Jahr fertig werden und im nächsten Jahr mehr Energie produzieren als er verbraucht. In den frühen 2030er Jahren soll dann der erste kommerzielle Reaktor ARC entstehen. <a href="https://cfs.energy/chesterfield/overview">Der Standort</a> ist bereits festgelegt.</p> </li> <li> <p><a href="https://www.helionenergy.com/polaris/">Helion Energy</a> betreibt bereits eine Anlage, die als Proof-of-Conecpt Strom aus Kernfusion erzeugen soll. Allerdings hält die Firma sich mit öffentlichen Aussagen zum aktuellen Stand im Moment sehr zurück. Gleichzeitig baut Helion bereits <a href="https://www.geekwire.com/2025/helions-next-big-bet-is-fusion-power-manufacturing-at-scale-but-tech-uncertainty-remains/">an der nächsten Generation ihres Kraftwerks</a>, das schon 2030 Strom erzeugen soll. Mit Microsoft besteht bereits ein Liefervertrag.</p> </li> <li> <p><a href="https://t3n.de/news/fusionsenergie-warum-china-den-westen-bei-dieser-zukunftstechnologie-abhaengt-1696300/">China investiert in den letzten Jahren</a> sehr viel Geld in die Fusionsforschung und hat gute Chancen, den Westen zu überholen. Einzelheiten sind, wie so oft in China, nicht sicher bekannt.</p> </li> <li> <p>Das deutsche Start-up <a href="https://www.proximafusion.com/">Proxima Fusion</a>, eine Ausgründung des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik, hat einen kompletten Bauplan für einen Fusionsreaktor vorgestellt und in einem wissenschaftlichen Journal veröffentlicht. Der Reaktor soll nach dem Stellarator-Prinzip arbeiten, so wie der Forschungsreaktor Wendelstein 7-x in Greifswald. Wenn es die Bundesregierung mit der Förderung der Fusionsenergie ernst meint, könnte der erste Fusionsreaktor in Deutschland bereits zwischen 2031 und 2034 fertiggestellt sein.</p> </li> </ul> <p>Das sind nur einige Beispiele. Auch in England, Japan und Südkorea arbeiten diverse Start-ups an Fusionsreaktoren, die größtenteils in den 2030er Jahren ans Netz gehen sollen.</p> <h3>Fazit</h3> <p>Die Fusion der Unternehmen TMTG und TAE Technologies bringt keinen der beiden Beteiligten wirklich voran und die Konkurrenz muss deswegen keine schlaflosen Nächte bekommen. Aber vielleicht geht es ja auch nicht allein um Geschäfte, sondern eher um die Gunst des Herrschers. Oder <a href="https://truthsocial.com/@DevinNunes/posts/115740503934870037">wie Devin Nunes es formulierte</a>: „Unserer Ansicht nach wird TAE auch eindeutig große politische Unterstützung von Präsident Trump erhalten.“</p> <h3><br></br>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> Bei der notwendigen Temperatur laufen auch Reaktionen ab, bei denen Neutronen entstehen. Es sollen aber, so sagt TAE, etwa hundertmal weniger sein als bei der Konkurrenz.</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Sollte der Reaktor nicht gleich die ganze Fabrik verdampfen lassen, wenn das Plasma im Inneren drei Milliarden Grad Celsius heiß wird? Tatsächlich herrscht im Reaktor ein Hochvakuum, es sind also nur wenige Elementarteilchen unterwegs, die solche Temperaturen erreichen. Die Temperatur ist hier eigentlich nur ein Maß für die Geschwindigkeit und damit für die Bewegungsenergie der Elementarteilchen im Reaktor.</p> <div id="sdendnote3"> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3]</a> Firmen neigen dazu, die Anzahl ihrer Angestellten sehr großzügig anzugeben, um Investoren zu beeindrucken. Wenn ich mal annehme, dass TAE tatsächlich 400 Vollzeitkräfte beschäftigt, wären die Kosten für Löhne, Gebäude, Strom, Wasser, EDV, Verbrauchsmaterial etc. sicher mit 50 Millionen US$ im Jahr anzusetzen. Bei der üblichen inflationsbedingten Kostensteigerung würde ich für „Copernicus“ einen Preis von mindestens 250 Millionen US$ vermuten. Wie man es auch dreht und wendet – die 280 Millionen an Investorengeldern sind extrem knapp. Das könnte durchaus die Entscheidung der Firma gegen „Copernicus“ beeinflusst haben.</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Fusionskraftwerk.jpg" /><h1>Fusionskraftwerk und die Pläne von TMTG » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Die Trump Media and Technology Group (TMTG) will ins Kraftwerksgeschäft einsteigen. Es geht dabei nicht etwa um Kohlekraftwerke, sondern um das nächste große Ding: die Kernfusion. „Ein großer Schritt voran zu einer revolutionären Technik, die Amerikas Energiedominanz für Generationen festschreiben wird“, schrieb Devin Nunes dazu, seines Zeichens CEO von TMTG. </b></p> <p>Bisher betreibt TMTG die Social Media Plattform Truth Social, die als Sprachrohr des amerikanischen Präsidenten gilt. Außerdem bietet das Unternehmen Finanzdienstleistungen an und will eine Kryptowährung herausbringen. Da passen doch Fusionskraftwerke gut ins Portfolio, sollte man meinen. Weil man die aber nicht an jeder Ecke bestellen kann, <a href="https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/kernfusion-die-trumps-steigen-ins-energiegeschaeft-ein-accg-110806506.html">will TMTG mit der Firma TAE Technologies verschmelzen</a>, die seit mehr als 25 Jahren daran arbeitet, Kernfusion als Stromquelle verfügbar zu machen. Müssen wir jetzt befürchten, dass sich die Trump-Familie ein Monopol auf die fortschrittlichste Technik zur Stromversorgung sichert? Devin Nunes sieht dieses Ziel offenbar näherrücken. Aber tatsächlich ist er auf dem Holzweg. </p> <h3>TMTG – Trump Media and Technology Group</h3> <p>Am 8. Januar 2021 legte Twitter Donald Trumps Konto still, weil seine Tweets die Richtlinien des Unternehmens verletzten. Trump hatte die Präsidentschaftswahl im November 2020 verloren und seitdem aus allen Rohren gegen den angeblichen „Wahlbetrug“ geschossen. Twitter ließ Trump trotzdem gewähren – vorerst. Am 6. Januar 2021 stürmte ein gewalttätiger Mob nach einer Brandrede von Trump das Kapitol. Dabei kamen mehrere Menschen ums Leben und das Gebäude wurde verwüstet. Daraufhin wollte Twitter Trump wohl keine Plattform mehr geben. Trump war wieder einmal beleidigt und begann mit den Vorbereitungen für eine eigene Social Media Plattform.</p> <p>Am 21. Oktober 2021 gab er die Gründung der Trump Media and Technology Group bekannt. Sie sollte mit einer <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Special_Purpose_Acquisition_Company">Special Purpose Acquisition Company</a> (abgekürzt SPAC) fusionieren, die bereits öffentlich gehandelt wurde. Damit konnte sein Unternehmen sofort an die Börse gehen, was in den USA sonst ein langwieriger und genau geregelter Vorgang ist. Geschäftsziel war die Schaffung und der Betrieb einer Social Media Plattform namens „Truth Social“. Sie sollte Twitter Konkurrenz machen.</p> <p>Dann begann ein jahrelanges Gezerre mit diversen Behörden, die solche Fusionen untersuchen und genehmigen müssen. So ermittelte die SEC (Securities and Exchange Commission) gegen eine chinesische Gesellschaft, die an der Gründung der SPAC beteiligt war. Eine Bundesstaatsanwaltschaft in New York prüfte, ob TMTG die Geldwäschegesetze verletzt hatte, weil es Geld angenommen hatte, dessen Quelle ein russischer Oligarch war.<aside></aside></p> <p>Es folgten Untersuchungen, Strafen, Klagen und Gerichtsverfahren der Beteiligten gegeneinander. Man hätte mehrere Staffeln einer Comedy-Serie damit füllen können (Das Onlineportal RollingStone hat <a href="https://www.rollingstone.com/politics/politics-news/truth-social-drama-donald-trump-lawsuits-ipo-1234999198/">hier eine Chronologie</a> zusammengestellt). Erst am 26. März 2024, als fast zweieinhalb Jahre nach Trumps Ankündigung, ging TMTG tatsächlich an die Börse. Trumps Aktienanteil wurde mit über drei Milliarden US$ bewertet.</p> <p>Die Aktie notierte am Starttag bei einem Höchstwert von 79,38 US-Dollar. Seitdem bröckelt der Kurs immer mehr ab. Am 8. Januar 2026 zeigte der Ticker 13,40 US$. Das gesamte Aktienkapital addiert sich auf circa 3,8 Milliarden US$ (3,25 Milliarden Euro). Etwa die Hälfte davon hält Donald Trump in einem Fond, den sein Sohn Donald Trump jr. für ihn verwaltet. Der aktuelle vierteljährliche Bericht von TMTG (<a href="https://s3.amazonaws.com/sec.irpass.cc/2660/0001140361-25-040977.htm#FinancialStatements">drittes Quartal 2025</a>) an die SEC weist ein „Total Equity“ (Eigenkapital, Vermögen) von 2,29 Milliarden US$ aus, 1,47 Milliarden US$ davon werden als „Digital Assets“ (Kryptowährungen) ausgewiesen. Das passt: Im Mai 2025 gab TMTG bekannt, Bitcoins im Wert von 2,5 Milliarden US$ erwerben zu wollen. Allerdings ist der Wert der Bitcoins gegen den US$ ab November um circa 20 Prozent gefallen, sodass der aktuelle Wert der „Digital Assets“ um einige Hundert Millionen US$ niedriger ausfällt.</p> <p>Auch bei der Geschäftstätigkeit schreibt TMTG horrende Verluste, in den ersten neun Monaten des Jahres 2025 insgesamt 107 Millionen US$, davon allein 55 Millionen im dritten Quartal. Vor diesem Hintergrund ist der Einstieg ins Kraftwerksgeschäft ein echtes Wagnis, schließlich müssen schon konventionelle Kraftwerke mit hohen Summen vorfinanziert werden.</p> <h3>TAE Technologies, Inc.</h3> <p>Die Firma, die bis 2031 ein völlig neuartiges Fusionskraftwerk bauen will, wurde bereits 1998 gegründet. Damals hieß sie noch „Tri Alpha Energy“. Der etwas kryptische Name weißt auf die Fusionsreaktion, mit das Kraftwerk Strom erzeugen soll. In den fast 28 Jahren seit der Gründung hat TAE nach eigenen Angaben ungefähr 1,3 Milliarden US$ von privaten Kapitalgebern eingeworben. Diese Leistung nötigt mir Respekt ab, denn die Firma hat bisher nicht nachweisen können, dass ihr Konzept tragfähig ist. Bis 2031 wird TAE mindestens noch einmal das Doppelte brauchen, um ein Fusionskraftwerk nach ihren Vorstellungen zu bauen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1773" id="attachment_1773"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope.jpg"><img alt="Bild der drei Wasserstoff-isotope" decoding="async" height="300" sizes="(max-width: 549px) 100vw, 549px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope-300x164.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope-300x164.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope-1024x559.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope-768x419.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope.jpg 1408w" width="549"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1773">Die drei Wasserstoffisotope. Während die meisten Firmen auf die Deuterium-Tritium-Fusion setzen, will TAE bei sehr viel höheren Temperaturen Wasserstoff mit Bor fusionieren.</figcaption></figure> <p>Mal angenommen, Sie könnten zwei bis drei Milliarden Euro erübrigen, wäre das Geld bei TAE gut angelegt? Schwer zu sagen. Die Firma setzt auf eine höchst futuristische Technik – sowohl bei Fusionsreaktion als auch beim Plasmaeinschluss. Die meisten Start-ups in der Fusionsindustrie planen die Fusion von Deuterium und Tritium. Dazu muss man das Plasma am wenigsten aufheizen, „nur“ auf etwa 100 bis 150 Millionen Grad Celsius. <a href="https://www.scinexx.de/dossierartikel/das-problem-des-tritiums/">Andererseits ist Tritium extrem selten</a>, und außerdem radioaktiv. Es zerfällt innerhalb von nur 12,3 Jahren auf die Hälfte seines Bestandes. Dafür ist diese Technologie <a href="https://euro-fusion.org/jet/#">gut erprobt</a>.</p> <p>TAE will in seinem Reaktor gewöhnlichen Wasserstoff mit dem Element Bor zu verschmelzen. Dabei entstehen drei Heliumkerne (sogenannte Alphateilchen), die mit hoher Geschwindigkeit davonfliegen. Diese Bewegung enthält den Hauptteil der freigesetzten Energie.</p> <p>TAE setzt auf eine selbst-stabilisierende Plasmageometrie, um die Fusionsreaktion zu in Gang zu bringen. Das erspart dem Reaktor die massiven supraleitenden Magnetspulen, die andere Fusionsreaktoren so klobig aussehen lassen.</p> <p>Die Reaktion setzt außerdem keine Neutronen<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a> frei. Das ist wichtig, weil Neutronen sich nicht mit Magnetfeldern einfangen lassen und als ungeladene Teilchen keinen Strom in externen Stromleitern induzieren. Neutronen heizen das Plasma auf und schlagen in die Reaktorwände ein, die dabei radioaktiv werden. Die Wärmeenergie heizt wie in traditionellen Kraftwerken eine Kühlflüssigkeit auf, die wiederum eine Turbine treibt, eventuell über mehrere Stufen. Die Bewegungsenergie der positiv geladenen Heliumatome lässt sich dagegen direkt in einen Stromfluss umsetzen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1772" id="attachment_1772"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_fusion.jpg"><img alt="Vergleich der Fusionsreaktionen" decoding="async" height="114" sizes="(max-width: 510px) 100vw, 510px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_fusion-300x67.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_fusion-300x67.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_fusion.jpg 663w" width="510"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1772">Vergleich der Deuterium-Tritium-Fusion mit der Bor-Wasserstoff-Fusion. p und n stehen für Proton und Neutron.</figcaption></figure> <p>Ein wirklich elegantes Verfahren – nur hat es zwei sehr ernsthafte Nachteile. Während das Plasma für die Deuterium-Tritium-Fusion auf ungefähr 100 bis 150 Millionen Grad Celsius aufgeheizt werden muss, braucht die Wasserstoff-Bor-Fusion etwa drei Milliarden Grad<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>. Diese Temperatur hat TAE bisher noch nicht annähernd erreichen können. Und der „selbst-stabilisierende“ Plasmawirbel hält bisher noch keine Sekunde. Wenn man das Plasma genügend dicht zusammenpresst, dann reicht aber diese sehr kurze Zeit zur Initiierung der Fusionsreaktion – so hofft TAE.</p> <p><a href="https://www.heise.de/news/Kernfusion-TAE-Technologies-sieht-kommerziellen-Einsatz-bis-2030-6010480.html">Bereits 2021 hatte TAE einen „Durchbruch“</a> mit der damaligen Versuchsanlage „Norman“ verkündet und wollte daraufhin das Nachfolgemodell „Copernicus“ bauen. Dieses Vorhaben gab das Unternehmen jedoch auf und konstruierte stattdessen eine optimierte Version von „Norman“ unter Namen „Norm“. Die Versuchsanlage Copernicus könne man jetzt überspringen, <a href="https://tae.com/tae-shortens-device-roadmap-prepares-for-commercial-era/">vermeldete die Firma im letzten November</a>. Der nächste Reaktor, genannt „Da Vinci“, solle der Kern eines kommerziellen Kraftwerks werden und in den „frühen 2030er-Jahren“ Strom ins Netz liefern.</p> <p>Warum wurde Copernicus nicht gebaut? Die technische Erklärung, man sei so gut vorangekommen, dass man die Maschine nicht mehr brauche, scheint mir wenig einleuchtend zu sein. Norm ist zu klein, um überhaupt eine Kernfusion zu erzeugen. Vielleicht reichte ganz einfach das Geld nicht aus. Copernicus sollte rund 200 Millionen US$ kosten. Die von den Investoren bereitgestellten 280 Millionen US$ hätten für den Bau der Anlage <i>und</i> den Betrieb der Firma mit ihren rund 400 Angestellten selbst unter günstigen Umständen wohl nur knapp gereicht<a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a>.</p> <p>Wenn jetzt direkt ein kommerzieller Reaktor gebaut werden soll, muss das Unternehmen sehr viel Geld in die Hand nehmen, bzw. in die Hand bekommen. Kann die Firmenfusion (Fachbegriff: Merger) mit TMTG dieses Problem lösen? Sehen wir uns die Fakten an:</p> <h3>Die Fusion der Unternehmen</h3> <p>TMTG will TAE bis zu 200 Millionen US$ zur Verfügung stellen und weitere 100 Millionen bei Abschluss des Mergers. Die beiden CEOs der jetzigen Unternehmen, Devin Nunes und Michl Binderbauer werden das neue Unternehmen gemeinschaftlich führen. Vorsitzender des Aufsichtsrat (des Boards) soll Michael B. Schwab werden, der jetzt schon im Board von TAE sitzt. Devin Nunes taxiert den Wert des neuen Unternehmens ziemlich optimistisch auf etwa 6 Milliarden US$. Bis Mitte diesen Jahres soll <a href="https://filemanager-cdn.mziq.com/published/83a9acb7-4ada-4a58-97e4-257b49aec76b/b0c3fa25-54b4-4546-a38a-342f068e634d_tmtg_tae_investor_slide_deck_121825.pdf">die Zusammenlegung der Unternehmen</a> rechtlich abgeschlossen sein.</p> <p>Das Vorgehen wirkt in gleich mehreren Punkten wenig durchdacht.</p> <ul> <li> <p>Eine Fusion sollte eigentlich „Synergien heben“, wie man so schön sagt. Die Stärken beider Unternehmen sollen sich potenzieren, die Schwächen sollen sich ausgleichen. Das ist hier aber nicht erkennbar. TAE kann nicht dazu beitragen, den Geschäftsbetrieb von TMTG zu fördern. Umgekehrt kann TMTG nichts tun, um TAEs Arbeit zu beschleunigen. Wenn es nur um Investitionen geht, ist ein Merger wenig sinnvoll, zumal TMTG kein reines Wirtschaftsunternehmen ist, sondern politische Abhängigkeiten mitbringt.</p> </li> <li> <p>Ein Unternehmen von zwei gleichberechtigten Co-CEOs führen zu lassen, ist im besten Fall schwierig. Devin Nunes ist studierter Agrarwissenschaftler und Berufspolitiker. Er war von Anfang 2013 bis Ende 2020 Mitglied des Repräsentantenhauses und galt als treuer Gefolgsmann von Donald Trump. Seit 2021 ist er CEO bei TMTG. Michl Binderbauer ist Physiker und seit 2017 CEO bei TAE. Die beiden müssen sich also in Zukunft über die Ausrichtung des neuen Unternehmens einigen. <br></br>Bei strenger Aufteilung der Arbeitsbereiche kann die Zusammenarbeit durchaus funktionieren, aber anhaltende Meinungsverschiedenheit führen schnell zu einer Lähmung in der Unternehmensleitung.</p> </li> <li> <p>Die Veröffentlichungen von Devin Nunes erwecken den Eindruck, dass er keine rechte Vorstellung vom Stand der Technik bei TAE hat. So schrieb er am <a href="https://truthsocial.com/@DevinNunes/posts/115740503934870037">18.12.2025 auf Truth Social</a> „TAE hat … fünf Fusionsreaktoren gebaut und betrieben“ und „Die Schlüsselaufgabe für TAE ist es, … sich auf den Bau es ersten netztauglichen Fusionsreaktors im Jahr 2026 zu konzentrieren (50 MW) …“</p> <p>Tatsächlich hat TAE überhaupt keinen Fusionsreaktor gebaut oder betrieben. Die bisherigen Versuchsanlagen haben nur das vorgesehene Verfahren für den Plasmaeinschluss getestet. Die Ergebnisse waren durchaus vielversprechend, aber von der geplanten Bor-Wasserstoff-Fusion ist man noch weit entfernt. Und TAE wird 2026 vielleicht mit dem Bau eines Fusionskraftwerks <i>anfangen</i>, aber kaum vor 2031 damit fertig werden.</p> </li> <li> <p>Die zugesagten Finanzmittel von „bis zu“ 300 Millionen US$ reichen nicht im Entferntesten aus, wie wir gleich sehen werden.</p> </li> </ul> <h3>Die Fusion der Atomkerne</h3> <p>TAE hat bisher nur nachgewiesen, dass ihr futuristisches Konzept des Plasmaeinschlusses funktioniert – bisher aber nur bei 50 Millionen Grad Celsius, nicht bei drei Milliarden Grad.</p> <p>Die Kosten für den neuen Reaktor „Da Vinci“ hat Michl Binderbauer im Jahr 2020 <a href="http://nautil.us/issue/86/energy/the-road-less-traveled-to-fusion-energy">in einem Gespräch mit dem amerikanischen Wissenschaftsportal Nautilus</a> auf circa 2 Milliarden US$ beziffert.</p> <p>Allein die Inflation dürfte den Preis inzwischen auf mehr als 2,5 Milliarden US$ treiben. Das ist weit mehr, als TAE und TMTG an Eigenmitteln zur Verfügung stellen können. Mindestens 80 Prozent der Investitionen müssen also von anderen Firmen eingeworben werden. Die einseitige politische Ausrichtung von TMTG ist dabei nicht unbedingt hilfreich. Das ist aber noch nicht alles.</p> <p>Fünf Jahre Bauzeit sind schon sehr optimistisch angesetzt, wenn man bedenkt, wie viele neue Systeme getestet werden müssen. Eine Skalierung um mehrere Größenordnungen lässt sich eigentlich nie komplett simulieren. Störfaktoren, die bisher kaum ins Gewicht fielen, können plötzlich den gesamten Betrieb lahmlegen. Und wer sagt eigentlich, dass bei 3 Milliarden Grad Celsius nur die <i>erwünschten</i> Reaktionen stattfinden? Bisher hat niemand solche Extrembedingungen erzeugt, Überraschungen sind also zu erwarten. Die Umwandlung der Bewegungsenergie der Alphateilchen in einen externen Stromfluss konnte ebenfalls bisher nicht getestet werden. Der Reaktor wird vermutlich mehrfach umgebaut werden müssen, bevor er zufriedenstellend arbeitet – oder der Ansatz verworfen werden muss.</p> <p>Und dann ist da auch noch die Konkurrenz.</p> <h3>Die Konkurrenz schläft nicht.</h3> <p>TAE will seine Pilotanlage circa 2031 fertigstellen und irgendwann danach einen großen, kommerziell konkurrenzfähigen Fusionsreaktor errichten. Das reicht aber wohl nicht mehr fürs Siegertreppchen.</p> <ul> <li> <p>Die Firma <a href="https://cfs.energy/">Commonwealth Fusion Systems</a> baut zurzeit ihren Demonstrationsreaktor SPARC. Er soll noch in diesem Jahr fertig werden und im nächsten Jahr mehr Energie produzieren als er verbraucht. In den frühen 2030er Jahren soll dann der erste kommerzielle Reaktor ARC entstehen. <a href="https://cfs.energy/chesterfield/overview">Der Standort</a> ist bereits festgelegt.</p> </li> <li> <p><a href="https://www.helionenergy.com/polaris/">Helion Energy</a> betreibt bereits eine Anlage, die als Proof-of-Conecpt Strom aus Kernfusion erzeugen soll. Allerdings hält die Firma sich mit öffentlichen Aussagen zum aktuellen Stand im Moment sehr zurück. Gleichzeitig baut Helion bereits <a href="https://www.geekwire.com/2025/helions-next-big-bet-is-fusion-power-manufacturing-at-scale-but-tech-uncertainty-remains/">an der nächsten Generation ihres Kraftwerks</a>, das schon 2030 Strom erzeugen soll. Mit Microsoft besteht bereits ein Liefervertrag.</p> </li> <li> <p><a href="https://t3n.de/news/fusionsenergie-warum-china-den-westen-bei-dieser-zukunftstechnologie-abhaengt-1696300/">China investiert in den letzten Jahren</a> sehr viel Geld in die Fusionsforschung und hat gute Chancen, den Westen zu überholen. Einzelheiten sind, wie so oft in China, nicht sicher bekannt.</p> </li> <li> <p>Das deutsche Start-up <a href="https://www.proximafusion.com/">Proxima Fusion</a>, eine Ausgründung des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik, hat einen kompletten Bauplan für einen Fusionsreaktor vorgestellt und in einem wissenschaftlichen Journal veröffentlicht. Der Reaktor soll nach dem Stellarator-Prinzip arbeiten, so wie der Forschungsreaktor Wendelstein 7-x in Greifswald. Wenn es die Bundesregierung mit der Förderung der Fusionsenergie ernst meint, könnte der erste Fusionsreaktor in Deutschland bereits zwischen 2031 und 2034 fertiggestellt sein.</p> </li> </ul> <p>Das sind nur einige Beispiele. Auch in England, Japan und Südkorea arbeiten diverse Start-ups an Fusionsreaktoren, die größtenteils in den 2030er Jahren ans Netz gehen sollen.</p> <h3>Fazit</h3> <p>Die Fusion der Unternehmen TMTG und TAE Technologies bringt keinen der beiden Beteiligten wirklich voran und die Konkurrenz muss deswegen keine schlaflosen Nächte bekommen. Aber vielleicht geht es ja auch nicht allein um Geschäfte, sondern eher um die Gunst des Herrschers. Oder <a href="https://truthsocial.com/@DevinNunes/posts/115740503934870037">wie Devin Nunes es formulierte</a>: „Unserer Ansicht nach wird TAE auch eindeutig große politische Unterstützung von Präsident Trump erhalten.“</p> <h3><br></br>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> Bei der notwendigen Temperatur laufen auch Reaktionen ab, bei denen Neutronen entstehen. Es sollen aber, so sagt TAE, etwa hundertmal weniger sein als bei der Konkurrenz.</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Sollte der Reaktor nicht gleich die ganze Fabrik verdampfen lassen, wenn das Plasma im Inneren drei Milliarden Grad Celsius heiß wird? Tatsächlich herrscht im Reaktor ein Hochvakuum, es sind also nur wenige Elementarteilchen unterwegs, die solche Temperaturen erreichen. Die Temperatur ist hier eigentlich nur ein Maß für die Geschwindigkeit und damit für die Bewegungsenergie der Elementarteilchen im Reaktor.</p> <div id="sdendnote3"> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3]</a> Firmen neigen dazu, die Anzahl ihrer Angestellten sehr großzügig anzugeben, um Investoren zu beeindrucken. Wenn ich mal annehme, dass TAE tatsächlich 400 Vollzeitkräfte beschäftigt, wären die Kosten für Löhne, Gebäude, Strom, Wasser, EDV, Verbrauchsmaterial etc. sicher mit 50 Millionen US$ im Jahr anzusetzen. Bei der üblichen inflationsbedingten Kostensteigerung würde ich für „Copernicus“ einen Preis von mindestens 250 Millionen US$ vermuten. Wie man es auch dreht und wendet – die 280 Millionen an Investorengeldern sind extrem knapp. Das könnte durchaus die Entscheidung der Firma gegen „Copernicus“ beeinflusst haben.</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/baut-trump-jetzt-fusionskraftwerke/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>40</slash:comments> </item> <item> <title>Pandämonium und Schwarze Magie https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/pandaemonium-or-how-i-learned-to-stop-worrying-and-love-the-prompt/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/pandaemonium-or-how-i-learned-to-stop-worrying-and-love-the-prompt/#respond Wed, 07 Jan 2026 21:43:37 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12473 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_OppositesAttract-768x465.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/pandaemonium-or-how-i-learned-to-stop-worrying-and-love-the-prompt/</link> </image> <description type="html"><h1>Pandämonium und Schwarze Magie » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Künstliche Intelligenz (KI/ AI) ist seit drei Jahren ja ein ganz heißes Thema. Einer der brillantesten Redner &amp; Forscher auf diesem Gebiet hielt heute beim Neujahrsempfang der Fakultät für Mathematik und Informatik (FMI) in Jena den öffentlichen Vortrag: der Informatiker Prof. Dr. Harald Sack. Er sprach darüber, wie KI die Welt von Lernen, Lehren und Forschen verändert. Ich gebe hier nicht den Vortrag wieder (das kann er selbst viel besser!), sondern meine Gedanken zum Thema. </p> <p>Anfang 2023 war ich zur größten <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/historiker-jahrestagung/">Historiker-Tagung in den USA</a> eingeladen, weil es eine Session zu Themen der Astronomiegeschichte/ Kulturastronomie gab. Ich hatte auch Zeit, anderen Sessions beizuwohnen und wahrlich in jeder wurde über KI gesprochen. Das war ja gerade zwei Monate, nachdem ChatGPT veröffentlicht worden war. Herr Sack berichtete von einem Forschungsprojekt in der Informatik zu jener Zeit, an dem er beteiligt war und das auf die neue Technologie reagieren musste.</p> <p>Wir Historiker haben es da vergleichsweise leicht: wir schauen uns die Technik an und nutzen, was uns weiterbringt. Wenn man allerdings dabei ist, in der Grundlagenforschung in Informatik tagtäglich neue Technologien zu entwickeln und dann plötzlich jemand mit einer anderen Technologie um die Ecke kommt, muss man sich mit dieser auch intensiv auseinandersetzen und das kann zahlreiche Monate Projektverzögerung bedeuten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_midProject-TechChange.jpg"><img alt="" decoding="async" height="419" sizes="(max-width: 953px) 100vw, 953px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_midProject-TechChange.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_midProject-TechChange.jpg 953w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_midProject-TechChange-300x132.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_midProject-TechChange-768x338.jpg 768w" width="953"></img></a></figure> <p>Es kann sich aber lohnen! </p> <h2 id="h-stop-worrying-love-the-prompt">Stop Worrying – Love the Prompt</h2> <p>In Anlehnung an den berühmten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dr._Seltsam_oder:_Wie_ich_lernte,_die_Bombe_zu_lieben">Kubrick-Klassiker “Dr. Seltsam….”</a> überschrieb der Informatiker dieses Kapitel seines Vortrags. Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Ich habe auch gelernt, den Prompt zu lieben, aber vllt bin ich einfach hinreichend alt: Vor 20 bis 30 Jahren musste man das nunmal, wenn man mit Computern arbeitete. <aside></aside></p> <p>Ich bin keine Informatikerin (aber bei diesen dankenswerterweise als Gast seit Jahren auf dem gleichen Flur geduldet), sondern arbeite mit informatischen Methoden – sozusagen in “Digital Humanities”, ohne diesem Fach jemals angehört zu haben, weil die Astronomie &amp; Astronomiegeschichte schon lange programmiert &amp; gerechnet haben, bevor es andere Physiker und Historiker taten. Astronomen sind eben ein sehr spezielles Völkchen. </p> <p>Vor geraumer Zeit berichtete ich hier über <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/quellen-aus-dem-internet-sind-nicht-zuverlaessig/">meine Versuche, ChatGPT und Perplexity</a> als Programmierhilfe zu verwenden, was aber nur dazu führte, dass ich für die nächsten Jahre die Finger davon ließ. Ich nutze lieber <strong>natürliche statt künstlicher Intelligenz</strong>, weil letztere für mich nur wie enorme Zeitverschwendung wirkte. </p> <p>Kürzlich habe ich allerdings Anwendungsfälle entdeckt (ja, ich gebe nicht schnell auf und probiere es doch immer mal wieder), die ChatGPT auch für mich einen Wert generieren ließen. Das war im Wesentlichen (a) als Ergänzung von Google Suchanfragen, um in dem Gestrüpp von Hilfeseiten und Video-Tutorials zu einem bestimmten Thema die Infos zu extrahieren, die relevant sind. (b) erschien mir die KI auch hilfreich bei lästigen Tätigkeiten wie administrativen Schriftstücken (Briefe, Zeugnisse, Anträge, Gutachten…). Man will für solche Tätigkeiten eigentlich keine Hirnleistungen verbraten, denn es sind Zeit und Kapazität, die andernfalls in der Forschung fehlen würden. <br></br>Bsp.: Wenn ein Professor ein Arbeitszeugnis erstellen soll, wird er normalerweise das Kurzurteil an eine Person in der entsprechenden juristischen Abteilung geben und diese schreibt den Text dann so, dass er Zeugnis-Sprech ist und ca. eine Seite lang. Sowas kann heute KI.</p> <p>Merke wohl: das Werturteil wird nach wie vor von einem Menschen erteilt! Die KI ist ja nur ein “<strong>Pandämonium</strong>” (wie es in den 1960ern – oder so – mal jemand nannte), also eine Maschine, die aus zahlreichen <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/quellen-aus-dem-internet-sind-nicht-zuverlaessig/">strohdummen Schreihälsen</a> besteht, die in der Summe dann doch einen sinnvollen Output produzieren können.</p> <p>Allein die Existenz von sinnvollen bzw. grammatisch korrekten Sätzen ist aber keine Garantie für die Richtigkeit der Aussage. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_LLMs-dont-solve-everything.jpg"><img alt="" decoding="async" height="602" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_LLMs-dont-solve-everything-1024x602.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_LLMs-dont-solve-everything-1024x602.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_LLMs-dont-solve-everything-300x176.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_LLMs-dont-solve-everything-768x452.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_LLMs-dont-solve-everything.jpg 1110w" width="1024"></img></a></figure> <h2>LLM unterstützt Suche, aber löst kein Problem</h2> <p>Meine Probleme als Kulturastronomin bzw. Historikerin sind aber viel kleiner als die der Informatik. Es sind Anwendungsprobleme, denn ich forsche ja nicht in den Grundlagen der Informatik, sondern wende sie nur an. Anders gesagt: nicht jeder, der einen Bleistift halten kann, kann ihn auch herstellen oder gar weiterentwickeln – und nicht jeder, der einen Lichtschalter benutzt, ist Elektriker oder Physiker. </p> <p>Die Angewandte Informatik ist allerdings ein faszinierendes Forschungsfeld und das Großartige finde ich an dieser Grundlagenwissenschaft, dass sie Technologien zu entwickeln bestrebt ist, die <em>für Menschen</em> gemacht sind. Es werden eben nicht die Fehler von µ-weich der 1990er wiederholt, sondern man entwickelt direkt in Zusammenarbeit mit “Domain Experts”, also Leuten, die vom Fach sind und jeweils individuelle Bedürfnisse mitbringen. Wie früher die Mathematik oder Ingenieure habe ich den Eindruck, dass heute gerade Informatiker die universell gebildetsten Leute sind, weil sie über Projekte mit anderen/ für andere ja enorm viel auch über die jeweils anderen Fächer lernen: war es in den 1990ern noch Mode, BWL oder Physik zu studieren, wenn man “alles machen können” wollte, würde ich heute unbedingt Informatik empfehlen! Ich jedenfalls hatte in diesem Fach die interessantesten Kollegen: nicht nur, sensationell breit interessierte kluge Köpfe, die trotz <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/wissenschaftsgeschichte-ein-alter-hut/">Berufsethos</a> keine Angst vor anderen Fächern haben (im Gegensatz zur Physik), sondern auch kluge Leute/ Akademiker, die nicht abgehoben und einfach Mensch geblieben sind. </p> <p>Trotz aller s<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/quellen-aus-dem-internet-sind-nicht-zuverlaessig/">chlauen oder dummen Tech</a>nologien haben die meisten Prozesse, in denen es drauf ankommt einen “human in the loop”. Entgegen aller Endzeit-Szenarien der SciFi des 20. Jahrhunderts werden also nicht die Maschinen die Macht übernehmen, sondern auch LLMs sind kein Allheilmittel. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_OppositesAttract.jpg"><img alt="" decoding="async" height="621" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_OppositesAttract-1024x621.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_OppositesAttract-1024x621.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_OppositesAttract-300x182.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_OppositesAttract-768x465.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_OppositesAttract.jpg 1104w" width="1024"></img></a></figure> <h2>NFDIen</h2> <p>Abschließend berichtete Herr Sack noch über die Nationalen Forschungsdaten Infrastrukturen (NFDI), die man in Schland gerade baut. Ehrlich gesagt: es gibt kaum eine größere Geldverschwendung! Da werden Leute damit beschäftigt, alle drei Monaten einen Tätigkeitsbericht vorzulegen, anstatt etwas zu entwickeln. Was sie zwischen Berichtschreiben tun, ist, was sie eben können: ein bisschen versuchen, die Daten zu strukturieren. Das nennen sie dann “Ontologie-Entwicklung”. Es mag ja sein, dass es sinnvoll ist, die zahllosen Repositorien von Forschungsdaten zu verknüpfen und gleichzeitig durchsuchen zu können. Allerdings verschwindet jedes einzelne Repo in absehbarer Zeit nach Projektende, weil Unis etc. Forschungsdaten nicht beliebig lange aufheben und die meisten Forschenden ja keine festen Stellen haben: Wenn ein <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/die-universitaet-ist-krank/">befristeter Arbeitsvertrag</a> ausläuft, erlischt in absehbarer Zeit (nach ein bis zwölf Monaten) auch der Uni-Account der Person – d.h. Mailadresse und Unicloud-Zugang und alle sonstigen Ressourcen, die Unis stellen. Wenn also ein Doktorand oder PostDoc ein Forschungsprojekt macht, wird die Host-Universität die Daten nur für die Projektdauer hosten (plus vllt. ein bisschen “Nahtzugabe”, vllt ein Monat, vllt. drei, vllt. ein Jahr… aber jedenfalls nicht “ewig”). Da Docs/PostDocs – arbeitsrechtlich widrig – stets befristete Verträge haben, sind sie also nach Projektdauer alsbald verschwunden, mit ihnen auch die Daten. Wenn ein Prof auf unbefristeter Stelle arbeitet, liegen die Daten seiner Projekte bei der Host-Uni vllt länger herum, aber auch dann gibt es irgendwann ein Rentenalter und die Daten der Projekte verschwinden mit dem Menschen. </p> <p>Die NFDIen entwickeln also Datenautobahnen bzw. Verknüpfungen (Ontologien) zwischen Siedlungen, die nur auf befristete Zeit existieren. Meines Erachtens sollte man erstmal die Grundfrage klären, wie Forschungsdaten dauerhaft gehostet (also stabil gelagert) werden können, bevor man einzelne befristete Repos verknüpft… Es erscheint als wieder mal so ein typisches Problem von deutschem Aktionismus: es soll eine “deutsche Lösung” (Sack-Zitat) geschaffen werden, eine NATIONALE Daten-Infrastruktur, die aber erstens <em>per definitionem</em> zu kurz greift (die Astrophysik baut seit den 1970ern Jahren<em> globale</em> Lösungen!, weil Forschungsdaten nicht an Staatsgrenzen Halt machen) und zweitens auch gar nicht ergebnisorientiert arbeitet, sondern eine ABM für Projekt<em>berichtschreiber</em> ist. </p> <p>Ich möchte in meinen Projekten etwas Nachhaltiges für die Gesellschaft als Ganzes entwickeln, in der Forschung neue Erkenntnisse produzieren, Wissen teilen und Menschen entwickeln. Was ich nicht möchte, ist alte Ergebnisse widerkäuen, belehren und vierteljährlich Berichte schreiben. </p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Pandämonium und Schwarze Magie » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Künstliche Intelligenz (KI/ AI) ist seit drei Jahren ja ein ganz heißes Thema. Einer der brillantesten Redner &amp; Forscher auf diesem Gebiet hielt heute beim Neujahrsempfang der Fakultät für Mathematik und Informatik (FMI) in Jena den öffentlichen Vortrag: der Informatiker Prof. Dr. Harald Sack. Er sprach darüber, wie KI die Welt von Lernen, Lehren und Forschen verändert. Ich gebe hier nicht den Vortrag wieder (das kann er selbst viel besser!), sondern meine Gedanken zum Thema. </p> <p>Anfang 2023 war ich zur größten <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/historiker-jahrestagung/">Historiker-Tagung in den USA</a> eingeladen, weil es eine Session zu Themen der Astronomiegeschichte/ Kulturastronomie gab. Ich hatte auch Zeit, anderen Sessions beizuwohnen und wahrlich in jeder wurde über KI gesprochen. Das war ja gerade zwei Monate, nachdem ChatGPT veröffentlicht worden war. Herr Sack berichtete von einem Forschungsprojekt in der Informatik zu jener Zeit, an dem er beteiligt war und das auf die neue Technologie reagieren musste.</p> <p>Wir Historiker haben es da vergleichsweise leicht: wir schauen uns die Technik an und nutzen, was uns weiterbringt. Wenn man allerdings dabei ist, in der Grundlagenforschung in Informatik tagtäglich neue Technologien zu entwickeln und dann plötzlich jemand mit einer anderen Technologie um die Ecke kommt, muss man sich mit dieser auch intensiv auseinandersetzen und das kann zahlreiche Monate Projektverzögerung bedeuten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_midProject-TechChange.jpg"><img alt="" decoding="async" height="419" sizes="(max-width: 953px) 100vw, 953px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_midProject-TechChange.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_midProject-TechChange.jpg 953w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_midProject-TechChange-300x132.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_midProject-TechChange-768x338.jpg 768w" width="953"></img></a></figure> <p>Es kann sich aber lohnen! </p> <h2 id="h-stop-worrying-love-the-prompt">Stop Worrying – Love the Prompt</h2> <p>In Anlehnung an den berühmten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dr._Seltsam_oder:_Wie_ich_lernte,_die_Bombe_zu_lieben">Kubrick-Klassiker “Dr. Seltsam….”</a> überschrieb der Informatiker dieses Kapitel seines Vortrags. Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Ich habe auch gelernt, den Prompt zu lieben, aber vllt bin ich einfach hinreichend alt: Vor 20 bis 30 Jahren musste man das nunmal, wenn man mit Computern arbeitete. <aside></aside></p> <p>Ich bin keine Informatikerin (aber bei diesen dankenswerterweise als Gast seit Jahren auf dem gleichen Flur geduldet), sondern arbeite mit informatischen Methoden – sozusagen in “Digital Humanities”, ohne diesem Fach jemals angehört zu haben, weil die Astronomie &amp; Astronomiegeschichte schon lange programmiert &amp; gerechnet haben, bevor es andere Physiker und Historiker taten. Astronomen sind eben ein sehr spezielles Völkchen. </p> <p>Vor geraumer Zeit berichtete ich hier über <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/quellen-aus-dem-internet-sind-nicht-zuverlaessig/">meine Versuche, ChatGPT und Perplexity</a> als Programmierhilfe zu verwenden, was aber nur dazu führte, dass ich für die nächsten Jahre die Finger davon ließ. Ich nutze lieber <strong>natürliche statt künstlicher Intelligenz</strong>, weil letztere für mich nur wie enorme Zeitverschwendung wirkte. </p> <p>Kürzlich habe ich allerdings Anwendungsfälle entdeckt (ja, ich gebe nicht schnell auf und probiere es doch immer mal wieder), die ChatGPT auch für mich einen Wert generieren ließen. Das war im Wesentlichen (a) als Ergänzung von Google Suchanfragen, um in dem Gestrüpp von Hilfeseiten und Video-Tutorials zu einem bestimmten Thema die Infos zu extrahieren, die relevant sind. (b) erschien mir die KI auch hilfreich bei lästigen Tätigkeiten wie administrativen Schriftstücken (Briefe, Zeugnisse, Anträge, Gutachten…). Man will für solche Tätigkeiten eigentlich keine Hirnleistungen verbraten, denn es sind Zeit und Kapazität, die andernfalls in der Forschung fehlen würden. <br></br>Bsp.: Wenn ein Professor ein Arbeitszeugnis erstellen soll, wird er normalerweise das Kurzurteil an eine Person in der entsprechenden juristischen Abteilung geben und diese schreibt den Text dann so, dass er Zeugnis-Sprech ist und ca. eine Seite lang. Sowas kann heute KI.</p> <p>Merke wohl: das Werturteil wird nach wie vor von einem Menschen erteilt! Die KI ist ja nur ein “<strong>Pandämonium</strong>” (wie es in den 1960ern – oder so – mal jemand nannte), also eine Maschine, die aus zahlreichen <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/quellen-aus-dem-internet-sind-nicht-zuverlaessig/">strohdummen Schreihälsen</a> besteht, die in der Summe dann doch einen sinnvollen Output produzieren können.</p> <p>Allein die Existenz von sinnvollen bzw. grammatisch korrekten Sätzen ist aber keine Garantie für die Richtigkeit der Aussage. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_LLMs-dont-solve-everything.jpg"><img alt="" decoding="async" height="602" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_LLMs-dont-solve-everything-1024x602.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_LLMs-dont-solve-everything-1024x602.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_LLMs-dont-solve-everything-300x176.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_LLMs-dont-solve-everything-768x452.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_LLMs-dont-solve-everything.jpg 1110w" width="1024"></img></a></figure> <h2>LLM unterstützt Suche, aber löst kein Problem</h2> <p>Meine Probleme als Kulturastronomin bzw. Historikerin sind aber viel kleiner als die der Informatik. Es sind Anwendungsprobleme, denn ich forsche ja nicht in den Grundlagen der Informatik, sondern wende sie nur an. Anders gesagt: nicht jeder, der einen Bleistift halten kann, kann ihn auch herstellen oder gar weiterentwickeln – und nicht jeder, der einen Lichtschalter benutzt, ist Elektriker oder Physiker. </p> <p>Die Angewandte Informatik ist allerdings ein faszinierendes Forschungsfeld und das Großartige finde ich an dieser Grundlagenwissenschaft, dass sie Technologien zu entwickeln bestrebt ist, die <em>für Menschen</em> gemacht sind. Es werden eben nicht die Fehler von µ-weich der 1990er wiederholt, sondern man entwickelt direkt in Zusammenarbeit mit “Domain Experts”, also Leuten, die vom Fach sind und jeweils individuelle Bedürfnisse mitbringen. Wie früher die Mathematik oder Ingenieure habe ich den Eindruck, dass heute gerade Informatiker die universell gebildetsten Leute sind, weil sie über Projekte mit anderen/ für andere ja enorm viel auch über die jeweils anderen Fächer lernen: war es in den 1990ern noch Mode, BWL oder Physik zu studieren, wenn man “alles machen können” wollte, würde ich heute unbedingt Informatik empfehlen! Ich jedenfalls hatte in diesem Fach die interessantesten Kollegen: nicht nur, sensationell breit interessierte kluge Köpfe, die trotz <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/wissenschaftsgeschichte-ein-alter-hut/">Berufsethos</a> keine Angst vor anderen Fächern haben (im Gegensatz zur Physik), sondern auch kluge Leute/ Akademiker, die nicht abgehoben und einfach Mensch geblieben sind. </p> <p>Trotz aller s<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/quellen-aus-dem-internet-sind-nicht-zuverlaessig/">chlauen oder dummen Tech</a>nologien haben die meisten Prozesse, in denen es drauf ankommt einen “human in the loop”. Entgegen aller Endzeit-Szenarien der SciFi des 20. Jahrhunderts werden also nicht die Maschinen die Macht übernehmen, sondern auch LLMs sind kein Allheilmittel. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_OppositesAttract.jpg"><img alt="" decoding="async" height="621" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_OppositesAttract-1024x621.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_OppositesAttract-1024x621.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_OppositesAttract-300x182.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_OppositesAttract-768x465.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/LessonsLearned_OppositesAttract.jpg 1104w" width="1024"></img></a></figure> <h2>NFDIen</h2> <p>Abschließend berichtete Herr Sack noch über die Nationalen Forschungsdaten Infrastrukturen (NFDI), die man in Schland gerade baut. Ehrlich gesagt: es gibt kaum eine größere Geldverschwendung! Da werden Leute damit beschäftigt, alle drei Monaten einen Tätigkeitsbericht vorzulegen, anstatt etwas zu entwickeln. Was sie zwischen Berichtschreiben tun, ist, was sie eben können: ein bisschen versuchen, die Daten zu strukturieren. Das nennen sie dann “Ontologie-Entwicklung”. Es mag ja sein, dass es sinnvoll ist, die zahllosen Repositorien von Forschungsdaten zu verknüpfen und gleichzeitig durchsuchen zu können. Allerdings verschwindet jedes einzelne Repo in absehbarer Zeit nach Projektende, weil Unis etc. Forschungsdaten nicht beliebig lange aufheben und die meisten Forschenden ja keine festen Stellen haben: Wenn ein <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/die-universitaet-ist-krank/">befristeter Arbeitsvertrag</a> ausläuft, erlischt in absehbarer Zeit (nach ein bis zwölf Monaten) auch der Uni-Account der Person – d.h. Mailadresse und Unicloud-Zugang und alle sonstigen Ressourcen, die Unis stellen. Wenn also ein Doktorand oder PostDoc ein Forschungsprojekt macht, wird die Host-Universität die Daten nur für die Projektdauer hosten (plus vllt. ein bisschen “Nahtzugabe”, vllt ein Monat, vllt. drei, vllt. ein Jahr… aber jedenfalls nicht “ewig”). Da Docs/PostDocs – arbeitsrechtlich widrig – stets befristete Verträge haben, sind sie also nach Projektdauer alsbald verschwunden, mit ihnen auch die Daten. Wenn ein Prof auf unbefristeter Stelle arbeitet, liegen die Daten seiner Projekte bei der Host-Uni vllt länger herum, aber auch dann gibt es irgendwann ein Rentenalter und die Daten der Projekte verschwinden mit dem Menschen. </p> <p>Die NFDIen entwickeln also Datenautobahnen bzw. Verknüpfungen (Ontologien) zwischen Siedlungen, die nur auf befristete Zeit existieren. Meines Erachtens sollte man erstmal die Grundfrage klären, wie Forschungsdaten dauerhaft gehostet (also stabil gelagert) werden können, bevor man einzelne befristete Repos verknüpft… Es erscheint als wieder mal so ein typisches Problem von deutschem Aktionismus: es soll eine “deutsche Lösung” (Sack-Zitat) geschaffen werden, eine NATIONALE Daten-Infrastruktur, die aber erstens <em>per definitionem</em> zu kurz greift (die Astrophysik baut seit den 1970ern Jahren<em> globale</em> Lösungen!, weil Forschungsdaten nicht an Staatsgrenzen Halt machen) und zweitens auch gar nicht ergebnisorientiert arbeitet, sondern eine ABM für Projekt<em>berichtschreiber</em> ist. </p> <p>Ich möchte in meinen Projekten etwas Nachhaltiges für die Gesellschaft als Ganzes entwickeln, in der Forschung neue Erkenntnisse produzieren, Wissen teilen und Menschen entwickeln. Was ich nicht möchte, ist alte Ergebnisse widerkäuen, belehren und vierteljährlich Berichte schreiben. </p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/pandaemonium-or-how-i-learned-to-stop-worrying-and-love-the-prompt/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Highlights of WGSN 2025 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/highlights-of-wgsn-2025/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/highlights-of-wgsn-2025/#respond Sat, 03 Jan 2026 19:30:19 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12432 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov-768x384.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/highlights-of-wgsn-2025/</link> </image> <description type="html"><h1>Highlights of WGSN 2025 » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Die Internationale Astronomische Union hat 2025 genau 40 neue Sternnamen veröffentlicht. Auf den Social Media-Kanälen der Gruppe “Sternnamen” wurden diese hübschen Bildchen als “Highlights” der Outreach-Arbeit publiziert.</p> <p>Zur Verteilung der neuen Namen am Himmel ergeben sich ein weites Feld. Die Abbildung zeigt die Verteilung der Namen bis November 2025; im Dezember kamen noch viele “links oben”, nördlich von Tiansi und Cexing dazu.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov.jpg"><img alt="" decoding="async" height="428" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 855px) 100vw, 855px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov.jpg 855w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov-300x150.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov-768x384.jpg 768w" width="855"></img></a></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Highlights of WGSN 2025 » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Die Internationale Astronomische Union hat 2025 genau 40 neue Sternnamen veröffentlicht. Auf den Social Media-Kanälen der Gruppe “Sternnamen” wurden diese hübschen Bildchen als “Highlights” der Outreach-Arbeit publiziert.</p> <p>Zur Verteilung der neuen Namen am Himmel ergeben sich ein weites Feld. Die Abbildung zeigt die Verteilung der Namen bis November 2025; im Dezember kamen noch viele “links oben”, nördlich von Tiansi und Cexing dazu.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov.jpg"><img alt="" decoding="async" height="428" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 855px) 100vw, 855px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov.jpg 855w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov-300x150.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/markedMap_lbl_iauWGSN2025_toNov-768x384.jpg 768w" width="855"></img></a></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/highlights-of-wgsn-2025/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Quadrans – ein Feuerwerk https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/quadrans-ein-feuerwerk/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/quadrans-ein-feuerwerk/#respond Wed, 31 Dec 2025 23:00:15 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12331 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-768x768.jpg Info Karte der IAU https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/quadrans-ein-feuerwerk/ <h1>Quadrans - ein Feuerwerk » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <div> <div> <p>Anfang 2025 hat die Arbeitsgruppe Sternnamen (WGSN) der Internationalen Astronomischen Union (IAU) den 44sten Stern des Sternbilds Bootes mit der Katalognummer HIP 73695 “<a href="https://simbad.cds.unistra.fr/simbad/sim-basic?Ident=44+Boo&amp;submit=SIMBAD+search">44 Boo</a>” benannt. Er ist fürs Auge nur 4.83 mag hell, also in Großstädten nicht sichtbar, sondern nur im Dunkeln auf dem Land. </p> </div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1001" sizes="(max-width: 1001px) 100vw, 1001px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg 1001w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-768x768.jpg 768w" width="1001"></img></a></figure> </div> </div> <p>Der Stern erhielt den Namen “Quadrans”. </p> <p>Er ist ganz offensichtlich nicht quadratisch oder würfelförmig. Es ist tatsächlich ein Mehrfachstern, d.h. der benannte Hauptstern (die A-Komponente) wird von einem engen (spektroskopischen) Doppelstern begleitet und ist von einem Staubring umgeben. </p> <p>Eines der Offices für Astronomy in Education (OAE) der IAU hat dies in der oben abgebildeten Info-Karte visualisiert. Es werden für jeden Sternnamen zwei Infokarten hergestellt:<aside></aside></p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1001" sizes="(max-width: 1001px) 100vw, 1001px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg 1001w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-768x768.jpg 768w" width="1001"></img></a></figure> </div> <div> <p>Die zweite Karte zeigt die Lage des Sterns in üblichen IAU-Sternbildern. </p> <p>Bei Quadrans ist sie es, die den Namen erklärt: das Sternchen liegt neben dem scheinbaren Ursprung des Quadrantiden-Meteorschauers, der jedes Jahr Anfang Januar auftritt. </p> </div> </div> <p>Als virtuelles Silvesterfeuerwerk teile ich daher diese Bilder und weise darauf hin, dass </p> <ol> <li>die IAU derlei Infokarten in ihren medialen Kanälen teilt: auf BlueSky, X, Instagram, auf den Internetseiten des IAU-Office for Astronomy Outreach (OAO), und von manchen der IAU-Offices for Astronomy in Education (OAE). </li> <li>Sie der IAU und der Arbeitsgruppe Sternnamen (WGSN) auf den sozialen Medien folgen könnten (bluesky <a class="" data-cp-link="1" href="https://bsky.app/profile/iau-wgsn.bsky.social" target="_self">@iau-wgsn.bsky.social</a>, X @<a class="" data-cp-link="1" href="https://x.com/IAU_WGSN" target="_self">iau_wgsn</a>, insta <a class="" data-cp-link="1" href="https://www.instagram.com/iau.star.names" target="_self">@iau.star.names</a>) und </li> <li>in den nächsten Tagen ein Sternschnuppenschauer zu erwarten ist. </li> </ol> <p>Also wissen Sie ja, was mit den Neujahrswünschen zu tun ist… 😉 </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Quadrans - ein Feuerwerk » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <div> <div> <p>Anfang 2025 hat die Arbeitsgruppe Sternnamen (WGSN) der Internationalen Astronomischen Union (IAU) den 44sten Stern des Sternbilds Bootes mit der Katalognummer HIP 73695 “<a href="https://simbad.cds.unistra.fr/simbad/sim-basic?Ident=44+Boo&amp;submit=SIMBAD+search">44 Boo</a>” benannt. Er ist fürs Auge nur 4.83 mag hell, also in Großstädten nicht sichtbar, sondern nur im Dunkeln auf dem Land. </p> </div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1001" sizes="(max-width: 1001px) 100vw, 1001px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg 1001w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-768x768.jpg 768w" width="1001"></img></a></figure> </div> </div> <p>Der Stern erhielt den Namen “Quadrans”. </p> <p>Er ist ganz offensichtlich nicht quadratisch oder würfelförmig. Es ist tatsächlich ein Mehrfachstern, d.h. der benannte Hauptstern (die A-Komponente) wird von einem engen (spektroskopischen) Doppelstern begleitet und ist von einem Staubring umgeben. </p> <p>Eines der Offices für Astronomy in Education (OAE) der IAU hat dies in der oben abgebildeten Info-Karte visualisiert. Es werden für jeden Sternnamen zwei Infokarten hergestellt:<aside></aside></p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1001" sizes="(max-width: 1001px) 100vw, 1001px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web.jpg 1001w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Quadrans_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_web-768x768.jpg 768w" width="1001"></img></a></figure> </div> <div> <p>Die zweite Karte zeigt die Lage des Sterns in üblichen IAU-Sternbildern. </p> <p>Bei Quadrans ist sie es, die den Namen erklärt: das Sternchen liegt neben dem scheinbaren Ursprung des Quadrantiden-Meteorschauers, der jedes Jahr Anfang Januar auftritt. </p> </div> </div> <p>Als virtuelles Silvesterfeuerwerk teile ich daher diese Bilder und weise darauf hin, dass </p> <ol> <li>die IAU derlei Infokarten in ihren medialen Kanälen teilt: auf BlueSky, X, Instagram, auf den Internetseiten des IAU-Office for Astronomy Outreach (OAO), und von manchen der IAU-Offices for Astronomy in Education (OAE). </li> <li>Sie der IAU und der Arbeitsgruppe Sternnamen (WGSN) auf den sozialen Medien folgen könnten (bluesky <a class="" data-cp-link="1" href="https://bsky.app/profile/iau-wgsn.bsky.social" target="_self">@iau-wgsn.bsky.social</a>, X @<a class="" data-cp-link="1" href="https://x.com/IAU_WGSN" target="_self">iau_wgsn</a>, insta <a class="" data-cp-link="1" href="https://www.instagram.com/iau.star.names" target="_self">@iau.star.names</a>) und </li> <li>in den nächsten Tagen ein Sternschnuppenschauer zu erwarten ist. </li> </ol> <p>Also wissen Sie ja, was mit den Neujahrswünschen zu tun ist… 😉 </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/quadrans-ein-feuerwerk/#respond 0 Kalkalgen-Gärten und Lachszuchten in Norwegen https://scilogs.spektrum.de/meertext/kalkalgen-gaerten-und-lachszuchten-in-norwegen/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/kalkalgen-gaerten-und-lachszuchten-in-norwegen/#comments Tue, 30 Dec 2025 10:50:35 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1858 <h1>Kalkalgen-Gärten und Lachszuchten in Norwegen » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Die Reste verkalkte Rotalgen, die wie winzige Riffkorallen aussehen, bilden vor den norwegischen Felsküsten ein besonders Ökosystem – Maerl beds. An der französischen Mittelmeerküste heißt dieses Ökosystem treffend „Coralligène“. Solche Maerlböden (Maerl Beds) sind wenige Zentimeter hohe Lebensräume für eine artenreiche Lebensgemeinschaft wie Muscheln, Seeigel, See- und Schlangensterne sowie Borstenwürmer. Für kleine Organismen ist das Geflecht ein dreidimensionaler Miniatur-Riff-Garten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-25.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="720" sizes="(max-width: 960px) 100vw, 960px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-25.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-25.png 960w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-25-300x225.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-25-768x576.png 768w" width="960"></img></a><figcaption>Maerl, a corraline algae (<a href="https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=User:ArranCOAST&amp;action=edit&amp;redlink=1">ArranCOAST</a>) <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Maerl">(Wikipedia: Maerl)</a> <br></br>(Der hier abgebildete Maerl ist nicht aus norwegischen Gewässern.<br></br>Abbildungen der norwegischen <a href="https://www.hi.no/en/hi/news/2020/july/studying-the-environmental-impacts-on-a-little-known-habitat">Arbeitsgruppe sind hier zu finden</a>)<br></br></figcaption></figure> <p>Der <a href="https://www.hi.no/en/hi/about-us/employees/erwann-legrand">Biologe Erwann Legrand</a> erforscht diese zwar weltweit vorkommenden, aber an der norwegischen Küste noch wenig bekannten Ökosystem für das norwegische <a href="https://www.hi.no/en/hi/about-us/employees/erwann-legrand">Institute of Marine Research.</a> Er ist spezialisiert auf benthische Systeme, also Habitate am Meeresboden und Strand und analysiert die Auswirkungen menschlicher Aktivitäten.<br></br>Er stammt aus Frankreich und hat dort über solche Maerl beds seinen PhD geschrieben, nun leitet er ein Forschungsprojekt in Norwegen dazu. Dazu kartierte die Arbeitsgruppe zunächst Maerl Beds auf den Lofoten, einer Inselgruppe südlich der Vesteralen. “This habitat is probably present in many places along the Norwegian coast north from Trøndelag, perhaps including some of the biggest maerl beds in Europe” meint Erwann Legrand. Es gibt also reichlich zu erforschen!<p>Ich selbst hatte das Coralligène zunächst bei einer Mittelmeer-Exkursion zur Meeresbiologischen Station Banyuls-sur-Mer kennengelernt und bei meiner Tätigkeit als Pottwal-Guide auch vor Norwegen auf den Vesteralen-Inseln gefunden. Als mir bei einer Tour an einen mir noch unbekannten Strand einer unserer Gäste winzige „Korallen“ zeigte und wissen wollte, ob das Riffkorallen seien, musste ich erstmal genauer hingucken. Das sah wirklich wie Miniatur-Korallen aus! Erst als ich mich hinkniete, erkannte ich die rosafarbenen Krusten und fand bei den weniger verkalkten „Korallen“, dass sie aus winzigen einzelnen Gliedern bestehen. Es waren Rotalgen mit segmentiertem Kalkskelett! Auf einigen abgestorbenen Exemplaren hatte sich weiterer Kalk abgelagert, so dass sie an Riffkorallen erinnerten. Allerdings fehlten ihnen weitere typische Korallenmerkmale. </p></p> <h2 id="h-kalkalgen-als-okosystem-ingenieure"><strong>Kalkalgen als Ökosystem-Ingenieure</strong></h2> <p>Maerl (oder Maerl beds) bezeichnet einen flachmarinen, küstennahen Sand oder feines Geröll, der zu mehr als 50%, oft zu mehr als 75% aus verzweigten, lebenden und toten <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Coralline_algae">Corallinaceen (Rotalgen: Rodophyta)</a> besteht. Maerlböden bestehen aus vielen Schichten ausgedehnter Algenkolonien, die felsige Meeresböden in flachen Gewässern als dicke Teppiche oder Krusten überziehen. Das lebende Maerl ist rosa und wächst in immer neuen Generationen auf den toten, weißen Algentrümmern, der Mini-wald wiegt sich mit der Strömung hin und her und bietet einen niedrigen dreidimensionalen Lebensraum eine reiche Artengemeinschaft. Für das Mittelmeer sind die <a href="https://hal.science/hal-02892573/file/2020_Cinar_Aquatic%20conservation,%20marine%20and%20freshwater%20ecosystems_pr_Coralligenous%20assemblages%20along%20their%20geographical%20distributions,%20testing%20of%20concepts%20and%20implications%20for%20management.pdf">solche „Coralligenous“-Lebensgemeinschaften sogar als HotSpots d</a>er Biodiversität besonders geschützt [Was ihnen in Zeiten der Klimakrise und angesichts der Plastikbelastung exakt nichts nützt – <em>Meertext</em>].<br></br>„<a href="https://www.hi.no/en/hi/news/2020/july/studying-the-environmental-impacts-on-a-little-known-habitat">Maerl ist das, was wir als ‚Ökosystemingenieur‘ bezeichnen: Es schafft Strukturen, die anderen Arten einen Lebensraum bieten</a>“, erklärte Legrand in einer Pressemitteilung des Instituts 2020. So bilden die toten und lebenden segmentierten Rotalgenbüsche ein dichtes Geflecht und wachsen nach oben, dem Licht entgegen – darin ähneln sie tropischen Korallenriffen, nur wesentlich kleiner. Solch ein Garten mit festem Untergrund und vielen Verstecken zieht natürlich viele weitere Arten an und ist dadurch ein Gewusel. Bryozoen (Moostierchen) und Mollusken (Muscheln, Käferschnecken und Schnecken) können weitere wichtige Bestandteile sein. Die sich verhakenden Komponenten bilden z.T. rigide, biostromähnliche (riffartige) Strukturen. Damit bieten sie gerade in den flachen Bereichen der Gezeitenzone einen stabilen Schutz vor der Kraft der Wellen. Dieses Ökosystem ist durch seine Kalkkomponenten gesteinsbildend und die Maerlfazies (Mael-Gestein) an den temperierten nordwesteuropäischen Atlantikküsten weit verbreitet.</p> <p>Die langsam wachsenden Maerl-Beds sind mit ihrem großen Artenreichtums als ökologisch bedeutsam. Sie sind unter anderem wichtige Aufzuchtgebiete auch für <a href="https://www.ospar.org/site/assets/files/44271/maerl_beds.pdf">wirtschaftlich wichtige Mollusken, Krebse und Fische, wie u. a. die OSPAR</a>-Konvention zum Schutz der Nordsee und des Nordostatlantiks feststellt. Da eine hohe Biodiversität – also eine hohe Anzahl verschiedener Arten, Ökosysteme und Genome – den besten Schutz gegen äußere Bedrohungen wie die Klimakrise bietet, ist der Schutz und Erhalt dieser flachen rosaroten Miniriffe eine gute Idee. Darum stehen diese Mini-Kalklandschaften in vielen Regionen unter Schutz.</p> <p>An der langen felsigen Küste Norwegens hingegen waren sie noch wenig erforscht. Legrand und seine Arbeitsgruppe haben dort erstmals systematisch die Ausdehnung dieses Lebensraums katalogisiert und dadurch eine Grundlage für weitere Forschung geschaffen – auch für die mögliche Gefährdung des Maerl durch die immer noch wachsenden Fischzuchten.<aside></aside></p> <h2 id="h-aquakultur-und-maerl"><strong>Aquakultur und Maerl</strong></h2> <p>„Bislang konzentrierte sich die Forschung zur Anfälligkeit von Maerlböden hauptsächlich auf die Auswirkungen des Klimawandels und der Ozeanversauerung.“ erzählt Legrand, der bereits <a href="https://bg.copernicus.org/articles/14/5359/2017/">2017 dazu eine umfassende Studie publiziert hat. Diese Daten </a>stammen aus französischen Gewässern. „Über die Auswirkungen der Aquakultur gibt es nur sehr wenige Forschungsergebnisse, daher sind viele Menschen daran interessiert, was unsere Ergebnisse zeigen werden“ erklärte er das neue Forschungsprojekt 2020.<br></br>Da die Aquakultur – vor allem die Lachszucht – an Norwegens kalten Felsküsten immer noch wächst und ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist, sind deren Auswirkungen auf die Ökosysteme eine wichtige Frage.</p> <p>„Laborstudien haben gezeigt, dass Emissionen [Hier sind Abwasser und Meeresverschmutzung gemeint – <em>Meertext</em>] negative Auswirkungen auf das Wachstum und das Überleben von Kalkalgen haben können. Es ist jedoch wichtig zu untersuchen, wie dies unter natürlichen Bedingungen funktioniert“, sagt die IMR-Forscherin Vivian Husa. Da gerade die Lachszuchten in Nordnorwegen immer noch wachsen und gerade dort küstennah zwischen 0 und 30 Metern Maerlböden gedeihen, sind solche Interaktionen von erheblicher Bedeutung.</p> <p>So haben die Forschenden auf den Lofoten Proben von Maerl-Betten aus Gebieten mit Aquakultur und aus deren Umkreis genommen. So konnten sie analysieren, wie und in welchem Umfang die Kalkalgen und die Tiergemeinschaft in ihrer Umgebung durch Einträge an Nähr- und Schadstoffen aus den Farmen beeinträchtigt werden.</p> <h2 id="h-rotalgen-und-fischfarmen"><strong>Rotalgen und Fischfarmen</strong></h2> <p>Auch vorher war bereits aus anderen Regionen wissenschaftlich nachgewiesen, dass Abwässer aus der Fischzucht die Struktur und Funktionsweise benthischer Ökosysteme verändern. Die Algen der Maerl Beds benötigen Licht für ihre Photosynthese, um zu wachsen. Von Fischfarmen freigesetzte Partikel wie Fischkot und Reste von Nahrungspellets können das Wasser trüben. Dann erhalten die Corallina-Algen weniger Sonnenlicht – das stört oder verhindert gar ihr Wachstum. Unter der Trübung und dem geringeren Corallina-Wachstum leiden dann auch andere Arten dieses besonderen Ökosystems. Gleichzeitig könnte das erhöhte Nährstoffangebot andere Tiere und Pflanzen anlocken und damit das Artengefüge nachhaltig verändern. Meist ersetzen dann wenige, nur wenig spezialisierte und resistentere Arten viele spezialisiertere Arten.</p> <p>In Norwegen haben die jüngsten technologischen Fortschritte in der Lachsindustrie die Ausweitung der Aquakultur auf flachere Standorte erleichtert. Dies hat nachweislich zu einer zusätzlichen Belastung der Küstenlebensräume geführt, <a href="https://hal.science/hal-04934364v1/file/2024_Legrand%20et%20al._AC.pdf">so schreibt das Forschungsteam.</a> Ihre Studie zielte nun darauf ab, solche Umweltveränderungen durch Fischfarmen in ihrer Umgebung zu analysieren und deren konkrete Auswirkungen auf die Struktur und Funktion der Makrofauna-Gemeinschaft in Maerl-Betten zu untersuchen. Da Maerl-/Rhodolith-Betten wichtige Bioingenieure in Küstengewässern sind und eine äußerst vielfältige Makrofauna-Gemeinschaft anziehen, sind die Auswirkungen auf sie besonders stark. Da Maerl ein flaches, langsam wachsendes Ökosystem ist, können Trübstoffe schnell Teile davon „verschütten“ und vom Licht abschneiden.<br></br>Zu viele Nährstoffe durch Fischfutterreste und Kot aus Aquakulturen führen außerdem dazu, dass schnellwüchsigere Grünalgen die langsam wachsenden Rotalgen überwuchern (Das gleiche Problem entsteht auch durch die Einleitung <a href="https://www.bbc.co.uk/news/articles/cp92nxp2gdxo.amp">städtischer und landwirtschaftlicher Abwässer, was gerade </a>rund um die Britischen Inseln zu einem Absterben der Corallina-Ökosysteme führt – <em>Meertext</em>).</p> <p>Für die Analyse nahmen Legrand und sein Team aus Maerlböden entlang von Transekten in drei ausgewählten Aquakulturen und außerhalb der Fischzuchten Bohrkerne. Mit einem <a href="https://www.deutsche-rohstoffagentur.de/DE/BGR/Wissenschaftliche-Infrastruktur/Geologie-Bohrungen/Kartierung_Beprobungsger%C3%A4te/kartierung_beprobung_node.html">Kastengreifer</a> (Box Corer) so stanzten sie in Tiefen zwischen 10 und 27 Metern systematisch 0,1 m2 große Proben des Meeresbodens aus.<br></br>Für jede Farm wurden Makrofauna-Proben entlang dreier Transekte (zwei bis fünf Kerne pro Transekt) genommen. Die Länge und Richtung der Transekte folgten dem Verbreitungsgebiet der Maerlböden. Nur Proben, die lebende oder tote Kalkalgen enthielten, wurden für die Analyse aufbewahrt – insgesamt 41 Kerne.</p> <p>Die untersuchten Maerl-Böden bestanden aus Ansammlungen der corallinen Algenarten <em>Lithothamnion soriferum</em> Kjellman und <em>Lithothamnion glaciale</em> Kjellman (Peña et al., 2021), die kürzlich in <a href="https://www.algaebase.org/search/species/detail/?species_id=189648"><em>Boreolithothamnion soriferum</em></a> (Kjellman) P.W. Gabrielson, Maneveldt, Hughey &amp; V. Peña und <a href="https://www.algaebase.org/search/species/detail/?species_id=189629"><em>Boreolithothamnion glaciale</em></a> (Kjellman) P.W. Gabrielson, Maneveldt, Hughey &amp; V. Peña (Gabrielson et al., 2023) umbenannt wurden. Diese Neubenennung zeigt bereits, dass dieses Forschungsprojekt Grundlagenforschung ist.</p> <p>In der Nähe der Käfige wurden hohe Nährstoffkonzentrationen und organische Anreicherung beobachtet – dort existierte nur noch wenig lebendes Maerl. Die stärksten Einflüsse der Lachszuchtbetriebe auf die Makrofauna-Gemeinschaften beschrieben die Forschenden im Umkreis von 100 Metern um die Netzkäfige. Allerdings konnten sie Veränderungen bis zu einer Entfernung von 300 Metern dokumentieren.</p> <p>In der Nähe der Käfige dominierten in den Lebensgemeinschaften Substratfresser, die in oder auf dem Maerl leben und opportunistischen Arten wie die Borstenwürmer (Polychaeten) <em>Chaetozone sp</em>., <em>Capitella sp</em>. und <em>Scoloplos armiger</em>. Solche Würmer sind <a href="https://www.researchgate.net/publication/45445780_Benthic_polychaetes_as_good_indicators_of_anthropogenic_impact">gute Indikatoren für anthropogenen Einfluß </a> und die dadurch schlechtere Wasserqualität (Auch im Süßwasser werden sie als Zeigerarten für ökologische Wassergüte genutzt – <em>Meertext</em>). Umgekehrt wiesen Standorte, die weiter von den Käfigen entfernt lagen, mehr auf dem Maerl lebende Tiergruppen auf, darunter viele Arten, die empfindlich auf organische Anreicherung und Schadstoffe reagieren. Dort waren Schlangensterne (Ophiuroidea) wie <em>Ophiura robusta</em>, der Borstenwurm <em>Proclea graffi</em> und Muschelkrebschen besonders häufig, die für gute ökologische Bedingungen stehen. </p> <p>Solche signifikanten Unterschiede der Maerl-Bewohner zeigen also klar die Auswirkungen von Aquakulturen. Die Forschenden betonen <a href="https://hal.science/hal-04934364v1/file/2024_Legrand%20et%20al._AC.pdf">mit dieser Arbeit von 2024  und anderen Studien die Bedeutung e</a>iner sorgfältigen Standortauswahl bei der Errichtung neuer Fischzuchtanlagen.</p> <p><a href="https://hal.science/hal-04934364v1/file/2024_Legrand%20et%20al._AC.pdf">In dieser</a> und einer ganzen <a href="https://www.hi.no/en/hi/about-us/employees/erwann-legrand">Reihe weiterer Arbeiten hat die Arbeitsgruppe</a> mittlerweile auch nachgewiesen, wie sich die Lachszucht-Aquakulturen auf einzelne Organismengruppen auswirken. Neben der überreichlichen Nährstoffschwemme aus Resten des ungefressenen Lachsfutters, das nach unten sinkt, haben auch die dort eingesetzten Chemikalien negative Folgen für andere Meeresbewohner.<br></br>Darunter sind Medikamente wie etwa Therapeutika gegen „Fischlaus“-Befall. Solche Parasiten sind kleine Krebse, die sich von außen an die Lachse anheften und sich in die Fische hineinfressen, sie kommen vor allem bei dichtem Fischbesatz und zu warmem Wasser vor. Dazu kommen Schwermetalle, die ebenfalls schädliche Auswirkungen auf Arten sowohl in der Wassersäule als auch in den Sedimenten unterhalb der Käfige haben können. <a href="https://hal.science/hal-04934364v1/file/2024_Legrand%20et%20al._AC.pdf">Die Ergebnisse zeigen für einige Probenstellen</a> eine teils starke Verschmutzung mit Kupfer, das aus kupferhaltigen Antifouling-Farben stammt. Solche Farben werden häufig auf Lachskäfige aufgetragen, um den Bewuchs mit Muscheln, Polypen und anderen Lebewesen zu verhindern. Solche Antifouling-Mittel sind relativ schwer wasserlöslich und reichern sich in der Regel in Sedimenten in der Nähe der Käfige an, sie sind potenzielle Risiken für empfindliche Gruppen wie Algen, Weichtiere und Krebse. Aufgrund dieser schwerwiegenden Auswirkungen empfehlen die Forscher, Lachsfarmen in mindestens 500 Metern Abstand von Maerl-Ökosystemen zu errichten.</p> <h2 id="h-lecker-lachs">Lecker Lachs? </h2> <p>Für mich sind solche Ergebnisse ein klares Signal, dass Aquakulturen zwar den Jagddruck auf Wildbestände nehmen können. Allerdings werden dann für das Futter von Raubfschen wie Lachsen zu oft andere Fischbestände ausgebeutet, die in den marinen Nahrungsketten fehlen und z B ein Grund für das Seevogelsterben im Nordatlantik sind. In s<a href="https://www.gov.scot/publications/sandeel-consultation-review-scientific-evidence/pages/4/">chottischen Gewässern ist die Sandaal-Fischerei zum Schutz</a> von Alkenarten wie Papagientauchern und anderen pelagischen Arten mittlerweile geschlossen worden, in anderen Gewässern jedoch nicht. <br></br>Dazu kommt der ökologische Impact solche Aquakulturen, neben Nährstoffeintrag und Schadstoffen wäre da auch noch die Gefahr von Tierseuchen, die in der Massentierhaltung ausbrechen und dann auch Wildbestände infizieren und dezimieren können. Ein weiterer Aspekt ist noch der Kunststoff-Eintrag durch die Netzkäfige ins Meer.<br></br>Positiv sind Netzkäfige für manche Meerestiere – Robben haben gelernt, Lachs durch die Netzmaschen zu ziehen, Vögel warten auf vorwitzige Fische und auch kleine Wale kommen gern zum Snacken vorbei [auf Teneriffa habe ich mal beobachtet, wie eine Delphinmutter ihrem Jungtier das “Jagen” an einem Netzkäfig voller Doraden beibrachte – <em>Meertext</em>]. Dafür bezahlen Wildtiere allerdings einen hohen Preis – Nahrungsmangel im Meer, Schadstoffe und Plastik sowie die Gefahr des Verhedderns in Netzen. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Kalkalgen-Gärten und Lachszuchten in Norwegen » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Die Reste verkalkte Rotalgen, die wie winzige Riffkorallen aussehen, bilden vor den norwegischen Felsküsten ein besonders Ökosystem – Maerl beds. An der französischen Mittelmeerküste heißt dieses Ökosystem treffend „Coralligène“. Solche Maerlböden (Maerl Beds) sind wenige Zentimeter hohe Lebensräume für eine artenreiche Lebensgemeinschaft wie Muscheln, Seeigel, See- und Schlangensterne sowie Borstenwürmer. Für kleine Organismen ist das Geflecht ein dreidimensionaler Miniatur-Riff-Garten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-25.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="720" sizes="(max-width: 960px) 100vw, 960px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-25.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-25.png 960w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-25-300x225.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-25-768x576.png 768w" width="960"></img></a><figcaption>Maerl, a corraline algae (<a href="https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=User:ArranCOAST&amp;action=edit&amp;redlink=1">ArranCOAST</a>) <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Maerl">(Wikipedia: Maerl)</a> <br></br>(Der hier abgebildete Maerl ist nicht aus norwegischen Gewässern.<br></br>Abbildungen der norwegischen <a href="https://www.hi.no/en/hi/news/2020/july/studying-the-environmental-impacts-on-a-little-known-habitat">Arbeitsgruppe sind hier zu finden</a>)<br></br></figcaption></figure> <p>Der <a href="https://www.hi.no/en/hi/about-us/employees/erwann-legrand">Biologe Erwann Legrand</a> erforscht diese zwar weltweit vorkommenden, aber an der norwegischen Küste noch wenig bekannten Ökosystem für das norwegische <a href="https://www.hi.no/en/hi/about-us/employees/erwann-legrand">Institute of Marine Research.</a> Er ist spezialisiert auf benthische Systeme, also Habitate am Meeresboden und Strand und analysiert die Auswirkungen menschlicher Aktivitäten.<br></br>Er stammt aus Frankreich und hat dort über solche Maerl beds seinen PhD geschrieben, nun leitet er ein Forschungsprojekt in Norwegen dazu. Dazu kartierte die Arbeitsgruppe zunächst Maerl Beds auf den Lofoten, einer Inselgruppe südlich der Vesteralen. “This habitat is probably present in many places along the Norwegian coast north from Trøndelag, perhaps including some of the biggest maerl beds in Europe” meint Erwann Legrand. Es gibt also reichlich zu erforschen!<p>Ich selbst hatte das Coralligène zunächst bei einer Mittelmeer-Exkursion zur Meeresbiologischen Station Banyuls-sur-Mer kennengelernt und bei meiner Tätigkeit als Pottwal-Guide auch vor Norwegen auf den Vesteralen-Inseln gefunden. Als mir bei einer Tour an einen mir noch unbekannten Strand einer unserer Gäste winzige „Korallen“ zeigte und wissen wollte, ob das Riffkorallen seien, musste ich erstmal genauer hingucken. Das sah wirklich wie Miniatur-Korallen aus! Erst als ich mich hinkniete, erkannte ich die rosafarbenen Krusten und fand bei den weniger verkalkten „Korallen“, dass sie aus winzigen einzelnen Gliedern bestehen. Es waren Rotalgen mit segmentiertem Kalkskelett! Auf einigen abgestorbenen Exemplaren hatte sich weiterer Kalk abgelagert, so dass sie an Riffkorallen erinnerten. Allerdings fehlten ihnen weitere typische Korallenmerkmale. </p></p> <h2 id="h-kalkalgen-als-okosystem-ingenieure"><strong>Kalkalgen als Ökosystem-Ingenieure</strong></h2> <p>Maerl (oder Maerl beds) bezeichnet einen flachmarinen, küstennahen Sand oder feines Geröll, der zu mehr als 50%, oft zu mehr als 75% aus verzweigten, lebenden und toten <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Coralline_algae">Corallinaceen (Rotalgen: Rodophyta)</a> besteht. Maerlböden bestehen aus vielen Schichten ausgedehnter Algenkolonien, die felsige Meeresböden in flachen Gewässern als dicke Teppiche oder Krusten überziehen. Das lebende Maerl ist rosa und wächst in immer neuen Generationen auf den toten, weißen Algentrümmern, der Mini-wald wiegt sich mit der Strömung hin und her und bietet einen niedrigen dreidimensionalen Lebensraum eine reiche Artengemeinschaft. Für das Mittelmeer sind die <a href="https://hal.science/hal-02892573/file/2020_Cinar_Aquatic%20conservation,%20marine%20and%20freshwater%20ecosystems_pr_Coralligenous%20assemblages%20along%20their%20geographical%20distributions,%20testing%20of%20concepts%20and%20implications%20for%20management.pdf">solche „Coralligenous“-Lebensgemeinschaften sogar als HotSpots d</a>er Biodiversität besonders geschützt [Was ihnen in Zeiten der Klimakrise und angesichts der Plastikbelastung exakt nichts nützt – <em>Meertext</em>].<br></br>„<a href="https://www.hi.no/en/hi/news/2020/july/studying-the-environmental-impacts-on-a-little-known-habitat">Maerl ist das, was wir als ‚Ökosystemingenieur‘ bezeichnen: Es schafft Strukturen, die anderen Arten einen Lebensraum bieten</a>“, erklärte Legrand in einer Pressemitteilung des Instituts 2020. So bilden die toten und lebenden segmentierten Rotalgenbüsche ein dichtes Geflecht und wachsen nach oben, dem Licht entgegen – darin ähneln sie tropischen Korallenriffen, nur wesentlich kleiner. Solch ein Garten mit festem Untergrund und vielen Verstecken zieht natürlich viele weitere Arten an und ist dadurch ein Gewusel. Bryozoen (Moostierchen) und Mollusken (Muscheln, Käferschnecken und Schnecken) können weitere wichtige Bestandteile sein. Die sich verhakenden Komponenten bilden z.T. rigide, biostromähnliche (riffartige) Strukturen. Damit bieten sie gerade in den flachen Bereichen der Gezeitenzone einen stabilen Schutz vor der Kraft der Wellen. Dieses Ökosystem ist durch seine Kalkkomponenten gesteinsbildend und die Maerlfazies (Mael-Gestein) an den temperierten nordwesteuropäischen Atlantikküsten weit verbreitet.</p> <p>Die langsam wachsenden Maerl-Beds sind mit ihrem großen Artenreichtums als ökologisch bedeutsam. Sie sind unter anderem wichtige Aufzuchtgebiete auch für <a href="https://www.ospar.org/site/assets/files/44271/maerl_beds.pdf">wirtschaftlich wichtige Mollusken, Krebse und Fische, wie u. a. die OSPAR</a>-Konvention zum Schutz der Nordsee und des Nordostatlantiks feststellt. Da eine hohe Biodiversität – also eine hohe Anzahl verschiedener Arten, Ökosysteme und Genome – den besten Schutz gegen äußere Bedrohungen wie die Klimakrise bietet, ist der Schutz und Erhalt dieser flachen rosaroten Miniriffe eine gute Idee. Darum stehen diese Mini-Kalklandschaften in vielen Regionen unter Schutz.</p> <p>An der langen felsigen Küste Norwegens hingegen waren sie noch wenig erforscht. Legrand und seine Arbeitsgruppe haben dort erstmals systematisch die Ausdehnung dieses Lebensraums katalogisiert und dadurch eine Grundlage für weitere Forschung geschaffen – auch für die mögliche Gefährdung des Maerl durch die immer noch wachsenden Fischzuchten.<aside></aside></p> <h2 id="h-aquakultur-und-maerl"><strong>Aquakultur und Maerl</strong></h2> <p>„Bislang konzentrierte sich die Forschung zur Anfälligkeit von Maerlböden hauptsächlich auf die Auswirkungen des Klimawandels und der Ozeanversauerung.“ erzählt Legrand, der bereits <a href="https://bg.copernicus.org/articles/14/5359/2017/">2017 dazu eine umfassende Studie publiziert hat. Diese Daten </a>stammen aus französischen Gewässern. „Über die Auswirkungen der Aquakultur gibt es nur sehr wenige Forschungsergebnisse, daher sind viele Menschen daran interessiert, was unsere Ergebnisse zeigen werden“ erklärte er das neue Forschungsprojekt 2020.<br></br>Da die Aquakultur – vor allem die Lachszucht – an Norwegens kalten Felsküsten immer noch wächst und ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist, sind deren Auswirkungen auf die Ökosysteme eine wichtige Frage.</p> <p>„Laborstudien haben gezeigt, dass Emissionen [Hier sind Abwasser und Meeresverschmutzung gemeint – <em>Meertext</em>] negative Auswirkungen auf das Wachstum und das Überleben von Kalkalgen haben können. Es ist jedoch wichtig zu untersuchen, wie dies unter natürlichen Bedingungen funktioniert“, sagt die IMR-Forscherin Vivian Husa. Da gerade die Lachszuchten in Nordnorwegen immer noch wachsen und gerade dort küstennah zwischen 0 und 30 Metern Maerlböden gedeihen, sind solche Interaktionen von erheblicher Bedeutung.</p> <p>So haben die Forschenden auf den Lofoten Proben von Maerl-Betten aus Gebieten mit Aquakultur und aus deren Umkreis genommen. So konnten sie analysieren, wie und in welchem Umfang die Kalkalgen und die Tiergemeinschaft in ihrer Umgebung durch Einträge an Nähr- und Schadstoffen aus den Farmen beeinträchtigt werden.</p> <h2 id="h-rotalgen-und-fischfarmen"><strong>Rotalgen und Fischfarmen</strong></h2> <p>Auch vorher war bereits aus anderen Regionen wissenschaftlich nachgewiesen, dass Abwässer aus der Fischzucht die Struktur und Funktionsweise benthischer Ökosysteme verändern. Die Algen der Maerl Beds benötigen Licht für ihre Photosynthese, um zu wachsen. Von Fischfarmen freigesetzte Partikel wie Fischkot und Reste von Nahrungspellets können das Wasser trüben. Dann erhalten die Corallina-Algen weniger Sonnenlicht – das stört oder verhindert gar ihr Wachstum. Unter der Trübung und dem geringeren Corallina-Wachstum leiden dann auch andere Arten dieses besonderen Ökosystems. Gleichzeitig könnte das erhöhte Nährstoffangebot andere Tiere und Pflanzen anlocken und damit das Artengefüge nachhaltig verändern. Meist ersetzen dann wenige, nur wenig spezialisierte und resistentere Arten viele spezialisiertere Arten.</p> <p>In Norwegen haben die jüngsten technologischen Fortschritte in der Lachsindustrie die Ausweitung der Aquakultur auf flachere Standorte erleichtert. Dies hat nachweislich zu einer zusätzlichen Belastung der Küstenlebensräume geführt, <a href="https://hal.science/hal-04934364v1/file/2024_Legrand%20et%20al._AC.pdf">so schreibt das Forschungsteam.</a> Ihre Studie zielte nun darauf ab, solche Umweltveränderungen durch Fischfarmen in ihrer Umgebung zu analysieren und deren konkrete Auswirkungen auf die Struktur und Funktion der Makrofauna-Gemeinschaft in Maerl-Betten zu untersuchen. Da Maerl-/Rhodolith-Betten wichtige Bioingenieure in Küstengewässern sind und eine äußerst vielfältige Makrofauna-Gemeinschaft anziehen, sind die Auswirkungen auf sie besonders stark. Da Maerl ein flaches, langsam wachsendes Ökosystem ist, können Trübstoffe schnell Teile davon „verschütten“ und vom Licht abschneiden.<br></br>Zu viele Nährstoffe durch Fischfutterreste und Kot aus Aquakulturen führen außerdem dazu, dass schnellwüchsigere Grünalgen die langsam wachsenden Rotalgen überwuchern (Das gleiche Problem entsteht auch durch die Einleitung <a href="https://www.bbc.co.uk/news/articles/cp92nxp2gdxo.amp">städtischer und landwirtschaftlicher Abwässer, was gerade </a>rund um die Britischen Inseln zu einem Absterben der Corallina-Ökosysteme führt – <em>Meertext</em>).</p> <p>Für die Analyse nahmen Legrand und sein Team aus Maerlböden entlang von Transekten in drei ausgewählten Aquakulturen und außerhalb der Fischzuchten Bohrkerne. Mit einem <a href="https://www.deutsche-rohstoffagentur.de/DE/BGR/Wissenschaftliche-Infrastruktur/Geologie-Bohrungen/Kartierung_Beprobungsger%C3%A4te/kartierung_beprobung_node.html">Kastengreifer</a> (Box Corer) so stanzten sie in Tiefen zwischen 10 und 27 Metern systematisch 0,1 m2 große Proben des Meeresbodens aus.<br></br>Für jede Farm wurden Makrofauna-Proben entlang dreier Transekte (zwei bis fünf Kerne pro Transekt) genommen. Die Länge und Richtung der Transekte folgten dem Verbreitungsgebiet der Maerlböden. Nur Proben, die lebende oder tote Kalkalgen enthielten, wurden für die Analyse aufbewahrt – insgesamt 41 Kerne.</p> <p>Die untersuchten Maerl-Böden bestanden aus Ansammlungen der corallinen Algenarten <em>Lithothamnion soriferum</em> Kjellman und <em>Lithothamnion glaciale</em> Kjellman (Peña et al., 2021), die kürzlich in <a href="https://www.algaebase.org/search/species/detail/?species_id=189648"><em>Boreolithothamnion soriferum</em></a> (Kjellman) P.W. Gabrielson, Maneveldt, Hughey &amp; V. Peña und <a href="https://www.algaebase.org/search/species/detail/?species_id=189629"><em>Boreolithothamnion glaciale</em></a> (Kjellman) P.W. Gabrielson, Maneveldt, Hughey &amp; V. Peña (Gabrielson et al., 2023) umbenannt wurden. Diese Neubenennung zeigt bereits, dass dieses Forschungsprojekt Grundlagenforschung ist.</p> <p>In der Nähe der Käfige wurden hohe Nährstoffkonzentrationen und organische Anreicherung beobachtet – dort existierte nur noch wenig lebendes Maerl. Die stärksten Einflüsse der Lachszuchtbetriebe auf die Makrofauna-Gemeinschaften beschrieben die Forschenden im Umkreis von 100 Metern um die Netzkäfige. Allerdings konnten sie Veränderungen bis zu einer Entfernung von 300 Metern dokumentieren.</p> <p>In der Nähe der Käfige dominierten in den Lebensgemeinschaften Substratfresser, die in oder auf dem Maerl leben und opportunistischen Arten wie die Borstenwürmer (Polychaeten) <em>Chaetozone sp</em>., <em>Capitella sp</em>. und <em>Scoloplos armiger</em>. Solche Würmer sind <a href="https://www.researchgate.net/publication/45445780_Benthic_polychaetes_as_good_indicators_of_anthropogenic_impact">gute Indikatoren für anthropogenen Einfluß </a> und die dadurch schlechtere Wasserqualität (Auch im Süßwasser werden sie als Zeigerarten für ökologische Wassergüte genutzt – <em>Meertext</em>). Umgekehrt wiesen Standorte, die weiter von den Käfigen entfernt lagen, mehr auf dem Maerl lebende Tiergruppen auf, darunter viele Arten, die empfindlich auf organische Anreicherung und Schadstoffe reagieren. Dort waren Schlangensterne (Ophiuroidea) wie <em>Ophiura robusta</em>, der Borstenwurm <em>Proclea graffi</em> und Muschelkrebschen besonders häufig, die für gute ökologische Bedingungen stehen. </p> <p>Solche signifikanten Unterschiede der Maerl-Bewohner zeigen also klar die Auswirkungen von Aquakulturen. Die Forschenden betonen <a href="https://hal.science/hal-04934364v1/file/2024_Legrand%20et%20al._AC.pdf">mit dieser Arbeit von 2024  und anderen Studien die Bedeutung e</a>iner sorgfältigen Standortauswahl bei der Errichtung neuer Fischzuchtanlagen.</p> <p><a href="https://hal.science/hal-04934364v1/file/2024_Legrand%20et%20al._AC.pdf">In dieser</a> und einer ganzen <a href="https://www.hi.no/en/hi/about-us/employees/erwann-legrand">Reihe weiterer Arbeiten hat die Arbeitsgruppe</a> mittlerweile auch nachgewiesen, wie sich die Lachszucht-Aquakulturen auf einzelne Organismengruppen auswirken. Neben der überreichlichen Nährstoffschwemme aus Resten des ungefressenen Lachsfutters, das nach unten sinkt, haben auch die dort eingesetzten Chemikalien negative Folgen für andere Meeresbewohner.<br></br>Darunter sind Medikamente wie etwa Therapeutika gegen „Fischlaus“-Befall. Solche Parasiten sind kleine Krebse, die sich von außen an die Lachse anheften und sich in die Fische hineinfressen, sie kommen vor allem bei dichtem Fischbesatz und zu warmem Wasser vor. Dazu kommen Schwermetalle, die ebenfalls schädliche Auswirkungen auf Arten sowohl in der Wassersäule als auch in den Sedimenten unterhalb der Käfige haben können. <a href="https://hal.science/hal-04934364v1/file/2024_Legrand%20et%20al._AC.pdf">Die Ergebnisse zeigen für einige Probenstellen</a> eine teils starke Verschmutzung mit Kupfer, das aus kupferhaltigen Antifouling-Farben stammt. Solche Farben werden häufig auf Lachskäfige aufgetragen, um den Bewuchs mit Muscheln, Polypen und anderen Lebewesen zu verhindern. Solche Antifouling-Mittel sind relativ schwer wasserlöslich und reichern sich in der Regel in Sedimenten in der Nähe der Käfige an, sie sind potenzielle Risiken für empfindliche Gruppen wie Algen, Weichtiere und Krebse. Aufgrund dieser schwerwiegenden Auswirkungen empfehlen die Forscher, Lachsfarmen in mindestens 500 Metern Abstand von Maerl-Ökosystemen zu errichten.</p> <h2 id="h-lecker-lachs">Lecker Lachs? </h2> <p>Für mich sind solche Ergebnisse ein klares Signal, dass Aquakulturen zwar den Jagddruck auf Wildbestände nehmen können. Allerdings werden dann für das Futter von Raubfschen wie Lachsen zu oft andere Fischbestände ausgebeutet, die in den marinen Nahrungsketten fehlen und z B ein Grund für das Seevogelsterben im Nordatlantik sind. In s<a href="https://www.gov.scot/publications/sandeel-consultation-review-scientific-evidence/pages/4/">chottischen Gewässern ist die Sandaal-Fischerei zum Schutz</a> von Alkenarten wie Papagientauchern und anderen pelagischen Arten mittlerweile geschlossen worden, in anderen Gewässern jedoch nicht. <br></br>Dazu kommt der ökologische Impact solche Aquakulturen, neben Nährstoffeintrag und Schadstoffen wäre da auch noch die Gefahr von Tierseuchen, die in der Massentierhaltung ausbrechen und dann auch Wildbestände infizieren und dezimieren können. Ein weiterer Aspekt ist noch der Kunststoff-Eintrag durch die Netzkäfige ins Meer.<br></br>Positiv sind Netzkäfige für manche Meerestiere – Robben haben gelernt, Lachs durch die Netzmaschen zu ziehen, Vögel warten auf vorwitzige Fische und auch kleine Wale kommen gern zum Snacken vorbei [auf Teneriffa habe ich mal beobachtet, wie eine Delphinmutter ihrem Jungtier das “Jagen” an einem Netzkäfig voller Doraden beibrachte – <em>Meertext</em>]. Dafür bezahlen Wildtiere allerdings einen hohen Preis – Nahrungsmangel im Meer, Schadstoffe und Plastik sowie die Gefahr des Verhedderns in Netzen. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/kalkalgen-gaerten-und-lachszuchten-in-norwegen/#comments 12 Rentiere am Himmel https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/rentiere-am-himmel/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/rentiere-am-himmel/#respond Tue, 30 Dec 2025 10:48:31 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12410 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Sarvvis_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN-768x766.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/rentiere-am-himmel/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Sarvvis_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN.jpg" /><h1>Rentiere am Himmel » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Die IAU “Working Group on Star Names” (WGSN) hat sich dieses Jahr den Schabernack erlaubt, am 25. Dezember vier neue Sternnamen zu publizieren, die “Rentier” heißen. Natürlich sind Astronomen ein seriöses Völkchen und insbesondere die Kulturastronomie ist eine (überwiegend geisteswissenschaftliche) Wissenschaft, in der man mehrere Forschungsdisziplinen kombinieren muss – was bisweilen zu großen Herausforderungen führt. Besonders knifflig wird es natürlich immer dann, wenn man naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Aspekte der Astronomie kombinieren muss/ möchte. </p> <p>Das tut z.B. die “Arbeitsgruppe Sternnamen” der <strong>Internationalen Astronomischen Union (IAU)</strong>, also diejenige globale Instanz, <strong>die (als einzige!) Sterne benennen</strong> darf. </p> <p>Etwa im Monatstakt werden neue ein paar neue Sternnamen im <a href="https://exopla.net/star-names/modern-iau-star-names/">IAU-Catalog of Star Names (CSN)</a> veröffentlicht: typischerweise nur ca. zwei, weil dies eben ein kniffliges Feld ist und diese Arbeitsgruppe erst seit ca. 10 Jahren existiert. Es mussten also viele Methoden erst erfunden und viele Datenressourcen erst erschlossen/ erstellt werden. </p> <h2 id="h-rentier-sterne">Rentier-Sterne</h2> <p>In diesem Jahr (2025) hat die WGSN insgesamt 40 neue Sternnamen publiziert, alle ein Produkt von jahrelanger Forschung in Wissensgeschichte, Ethnologie, Sprachwissenschaften etc. (allmählich beginnen wir zu ernten, was vor ~10 Jahren gesät wurde). Kulturastronomen sind aber auch Menschen(!) und uns sitzt bisweilen ein Schalk im Nacken. 😉 Neben aller Ernsthaftigkeit freuen wir uns auch, wenn wir andere erfreuen können. </p> <p>Das Ergebnis sind vier Rentiere – frisch gepflückt vom Weihnachtshimmel: <aside></aside></p> <h2 id="h-mehr-nachrichten">Mehr Nachrichten</h2> <p>Die Namen “Sarvvis” und “Aldu” sind aus der Sprache und Kultur der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Samen_(Volk)">Samen (auch Sámpi</a> genannt), die im hohen Norden von Skandinavien (Norwegen, Schweden, Finnland) leben. Es ist eine finn-ugrische Sprache. Die moderne Astrophysik verdankt diesem indigenen europäischen Volk jetzt also zwei Sternnamen!</p> <p>Wenn Sie mehr solcher Informationen interessieren, folgen Sie doch gern der IAU-WGSN auf den<a href="https://exopla.net/news/"> Social Media Channels von BlueSky, X und Insta</a>. 🙂 </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Sarvvis_profileCard_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN.jpg" /><h1>Rentiere am Himmel » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Die IAU “Working Group on Star Names” (WGSN) hat sich dieses Jahr den Schabernack erlaubt, am 25. Dezember vier neue Sternnamen zu publizieren, die “Rentier” heißen. Natürlich sind Astronomen ein seriöses Völkchen und insbesondere die Kulturastronomie ist eine (überwiegend geisteswissenschaftliche) Wissenschaft, in der man mehrere Forschungsdisziplinen kombinieren muss – was bisweilen zu großen Herausforderungen führt. Besonders knifflig wird es natürlich immer dann, wenn man naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Aspekte der Astronomie kombinieren muss/ möchte. </p> <p>Das tut z.B. die “Arbeitsgruppe Sternnamen” der <strong>Internationalen Astronomischen Union (IAU)</strong>, also diejenige globale Instanz, <strong>die (als einzige!) Sterne benennen</strong> darf. </p> <p>Etwa im Monatstakt werden neue ein paar neue Sternnamen im <a href="https://exopla.net/star-names/modern-iau-star-names/">IAU-Catalog of Star Names (CSN)</a> veröffentlicht: typischerweise nur ca. zwei, weil dies eben ein kniffliges Feld ist und diese Arbeitsgruppe erst seit ca. 10 Jahren existiert. Es mussten also viele Methoden erst erfunden und viele Datenressourcen erst erschlossen/ erstellt werden. </p> <h2 id="h-rentier-sterne">Rentier-Sterne</h2> <p>In diesem Jahr (2025) hat die WGSN insgesamt 40 neue Sternnamen publiziert, alle ein Produkt von jahrelanger Forschung in Wissensgeschichte, Ethnologie, Sprachwissenschaften etc. (allmählich beginnen wir zu ernten, was vor ~10 Jahren gesät wurde). Kulturastronomen sind aber auch Menschen(!) und uns sitzt bisweilen ein Schalk im Nacken. 😉 Neben aller Ernsthaftigkeit freuen wir uns auch, wenn wir andere erfreuen können. </p> <p>Das Ergebnis sind vier Rentiere – frisch gepflückt vom Weihnachtshimmel: <aside></aside></p> <h2 id="h-mehr-nachrichten">Mehr Nachrichten</h2> <p>Die Namen “Sarvvis” und “Aldu” sind aus der Sprache und Kultur der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Samen_(Volk)">Samen (auch Sámpi</a> genannt), die im hohen Norden von Skandinavien (Norwegen, Schweden, Finnland) leben. Es ist eine finn-ugrische Sprache. Die moderne Astrophysik verdankt diesem indigenen europäischen Volk jetzt also zwei Sternnamen!</p> <p>Wenn Sie mehr solcher Informationen interessieren, folgen Sie doch gern der IAU-WGSN auf den<a href="https://exopla.net/news/"> Social Media Channels von BlueSky, X und Insta</a>. 🙂 </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/rentiere-am-himmel/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Unzuverlässige Worte oder Vagheit als Chance begreifen https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/unzuverlaessige-worte-oder-vagheit-als-chance-begreifen/ https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/unzuverlaessige-worte-oder-vagheit-als-chance-begreifen/#comments Tue, 30 Dec 2025 09:08:48 +0000 Ekkehard Felder https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/?p=422 <h1>Unzuverlässige Worte oder Vagheit als Chance begreifen » Semantische Wettkämpfe » SciLogs</h1><h2>By Ekkehard Felder</h2><div itemprop="text"> <p>Stellen wir uns folgende Alltagsszene vor: Drei Personen sitzen nach einer Sitzung zusammen, und eine sagt: „Das war eine sehr konsequente Entscheidung.“ Zustimmendes Nicken bei der zweiten (= <a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=parasprache.inc">nichtsprachliche Kommunikation</a>), demonstrativ lautes Seufzen bei der dritten Person<span id="more-422"></span> (= <a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=parasprache.inc">parasprachliche Kommunikation</a>). Beide haben dasselbe Wort gehört (= <a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=parasprache.inc">sprachliche Kommunikation</a>), niemand hat nachgefragt – und dennoch versteht und betont jede etwas anderes. Für die eine bedeutet „konsequent“ vielleicht so etwas wie ,Standhaftigkeit’, für die andere ,Starrsinn’. Schon dieses kleine Exempel zeigt, wie Mehrdeutigkeit bzw. Vagheit in der alltäglichen Kommunikation nicht Ausnahme, sondern Normalfall ist.</p> <h3><strong>Wie eindeutig bzw. uneindeutig sind eigentlich Worte?</strong></h3> <p><a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=sprachzeichen.inc">Sprachliche Zeichen sind nicht eindeutig</a>. Sie tragen keine fest verschraubte Bedeutung in sich, sondern eröffnen einen Bedeutungsraum, der erst im Gebrauch konturiert wird. Genau hier setzt eine der grundlegenden Einsichten der Linguistik an: Das Verhältnis zwischen Ausdrucksseite (Laut- oder Schriftform) und Inhaltsseite (Bedeutung) ist <a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=../../includes/arbitrarietaet.inc">arbiträr, also prinzipiell willkürlich</a> (vgl. Peter Bichsels (1969) Erzählung <a href="http://www.lawrenceglatz.com/germ3230/texte/bichsel1.htm">Ein Tisch ist ein Tisch</a>) – und damit mehr als vage. Nichts im Lautbild von <em>Baum</em> zwingt uns dazu, an einen verholzten, belaubten Organismus zu denken. Andere Sprachen tun es anders – und kommen kommunikativ ans Ziel.</p> <p>Diese Arbitrarität oder Beliebigkeit hätte eigentlich zur Folge, dass sprachliche Verständigung permanent scheitern müsste. Wenn Zeichen keine natürliche Verbindung zu dem haben, was sie bezeichnen, wenn sie zudem mehrdeutig sind und in unterschiedlichen Kontexten Unterschiedliches leisten, warum verstehen wir uns dann überhaupt? </p> <p>Die Antwort ist ebenso banal wie folgenreich: Wir verständigen uns nicht trotz, sondern durch Konventionen. Durch wiederholten, ähnlichen Gebrauch sprachlicher Zeichen in vergleichbaren Kommunikationssituationen entsteht eine Erwartungsstruktur. Wir gehen davon aus, dass andere <em>ungefähr</em> dasselbe meinen wie wir – und dieses Unterstellen von Gemeinsamkeit ist die Voraussetzung dafür, dass Kommunikation gelingt. Besonders interessant ist dabei die hohe Verdichtung komplexer Problemhorizonte in ein bis zwei Wörtern (z.B. „Leitkultur“, „Fake news“). </p> <h3><strong>Wie soll in Anbetracht dieser Umstände Verstehen möglich sein?</strong></h3> <p>Dabei handelt es sich nicht um ein exaktes Verstehen, sondern um ein hinreichendes. Missverständnisse werden nicht erkannt, solange sie den Handlungsfluss nicht stören. Präzisierungen erfolgen nur bei Bedarf. Das Ergebnis ist kein objektives, sondern ein soziales Verstehen: ein Aushandlungsprodukt, das immer vorläufig bleibt. Sprache funktioniert, weil wir ihre Ungenauigkeit pragmatisch abfedern – nicht, weil sie präzise wäre. Kurz gesagt: Im Sprachgebrauch kombinieren wir Komposition (= Zusammenstellung einzelner Elemente zu einem Ganzen) mit Konventionalität (= kompositionelle Verfahren wiederholt automatisiert zur Wirkung bringen).<aside></aside></p> <p>Gerade diese strukturelle Unschärfe gerät jedoch in ein bemerkenswertes Paradox zu Sprachauffassungen, die Wörter als zuverlässige Indikatoren innerer Haltungen, Einstellungen oder gar Gesinnungen lesen wollen. In politischen, medialen oder alltäglichen Kontexten wird häufig so argumentiert, als ließe sich aus der Wortwahl direkt auf Denkweisen schließen. Bestimmte Ausdrücke gelten dann als Beleg für bestimmte Überzeugungen. Sprache wird zur Beweisführung herangezogen – als wäre sie ein eindeutiges Fenster in den Kopf. <a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-scaled.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="200" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" src="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-300x200.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-300x200.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-1024x683.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-768x512.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-1536x1024.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-2048x1365.png 2048w" width="300"></img></a> Und wenn bestimmte Wortabfolgen zu häufig von bestimmten Personen in vergleichbaren Situationen geäußert werden, gilt dies als Beleg für unauthentisches Sprechen (und kulminiert in <a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/verfestigte-sprache/">„Sprech“: Verfestigte Sprache in Medien und Politik</a>).</p> <h3><strong>Wie ist der Widerspruch aufzulösen?</strong></h3> <p>Also wie passt das zusammen? Wenn also Ausdrucks- und Inhaltsseite sprachlicher Zeichen arbiträr, willkürlich oder beliebig sind, wenn ihre Bedeutungen kontextabhängig und konventionell stabilisiert, aber nie eindeutig festgelegt sind, dann kann ein einzelnes Wort kaum als sicherer Marker für eine innere Haltung dienen. Die Zuschreibung von Gesinnungen über Sprache setzt eine Eindeutigkeit voraus, die Sprache strukturell nicht leisten kann. Stein des Anstoßes ist mitunter die starke Metaphorizität bestimmter Ausdrucksweisen mittels Natur‑, Kriegs‑ oder Technikmetaphern (z.B. <em>Rentnerschwemme/Covid-19-Welle/natürliche Marktkräfte</em> oder <em>Preisschlacht/Virusbekämpfung/Wirtschaftskrieg </em>oder <em>Lernmaschine/systemrelevant/Künstliche Intelligenz</em>).  Wer Sprache auf diese Weise liest bzw. reduziert, ignoriert ihre Mehrstimmigkeit und ihre Einbettung in situative, diskursive und soziale Kontexte.</p> <p>Die Konventionalisierung von Worten geschieht durch ihre stetige Zubereitung in wiederkehrenden Kontexten – und zwar durch Rekontextualisierung: dieselben Ausdrücke zirkulieren zwischen Parteien, Medien, sozialen Netzwerken und Alltagskommunikation und verändern unterwegs ihre Bedeutung sukzessive in Nuancen. Sprachökonomisch – also Sprechaufwand und Redewirkung bedenkend – lässt sich dadurch der vage Wortgebrauch problemlos ohne große Reflexion handhaben. Die Schwierigkeiten beginnen erst mit der Sprachreflexion oder dem Versuch, Intentionen zu bestimmen. Unreflektierte Automatismen führen nicht zu Deutungsstreitigkeiten. Erst wenn Störfeuer beim kommunikativen Handeln aufpoppen, wird es herausfordernd.</p> <p>Das heißt nicht, dass Sprache bedeutungslos oder folgenlos wäre – und jede Ausdrucksweise (wie z.B. die infame Spaltungsvokabel “Remigration”) legitim ist. Im Gegenteil: Gerade weil Wortbedeutungen zwischen „automatischer“ Entstehung und öffentlicher Aushandlung angesiedelt sind, benötigen wir sprachliche Diskussionen über Deutung, Angemessenheit und Legitimität (<a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/populistische-rhetorik-versus-strukturelle-dialogizitaet-ein-linguistischer-zwischenruf/">Populistische Rhetorik versus strukturelle Dialogizität</a>). Wörter sind keine neutralen Werkzeuge, aber eben auch keine eindeutigen Beweise. <a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/gute-erkennungszeichen-von-der-fluechtigkeit-des-wortes/">Schlüsselworte</a> (z.B. „Generationengerechtigkeit“) oder gar <a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/wir-schaffen-das-aus-linguistischer-sicht-ein-genialer-satz/">saliente, also im kollektiven Gedächtnis verankerte Sätze</a> (John F. Kennedy (Inaugural Address 1961): „Ask not what your country can do for you; ask what you can do for your country“ oder Willy Brandt (Regierungserklärung 1969): „Wir wollen mehr Demokratie wagen“) sind Einsatzpunkte in semantischen Wettkämpfen, in denen um Interpretationen gerungen wird.</p> <h3><strong>Was bleibt?</strong></h3> <p>Am Ende bleibt eine nüchterne, vielleicht unbequeme Einsicht: <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s41244-022-00267-x">Vagheit als Chance verstehen</a>. Verstehen ist kein Zustand, sondern eine Praxis. Es beruht auf Konventionen, Erwartungen und wechselseitigen Annahmen bzw. Unterstellungen. Wer Sprache benutzt, muss mit Vagheit umgehen und bewegt sich mitunter auf unsicherem Grund – und genau darin liegt ihre gesellschaftliche Dynamik. Trotzdem bleibt eine Robustheit des (tatsächlichen oder vermeintlichen) Verstehens – und zwar aufgrund der angenommenen Voraussetzung, auch das Gegenüber ist an kooperativer Kommunikation interessiert. Die Kontexte helfen bei der Bedeutungspräzisierung, die Worte selbst sind oft unterbestimmt (<a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/vagheit-als-demokratische-chance/">Warum Vagheit der Demokratie dienen kann</a>). Statt nur Eindeutigkeit einzufordern, wäre es produktiver, die Unschärfe sprachlicher Zeichen ernst zu nehmen. Denn nicht trotz, sondern wegen dieser Unschärfe können wir miteinander sprechen. Oder etwas hipper formuliert: <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s41244-022-00267-x">Understanding Vagueness as an Opportunity</a>!</p> <p><u>Anmerkung:</u> Dieser Beitrag entstand mit nicht-intentionaler, nicht-menschlicher und damit un<em>freiwill</em>iger Unterstützung von generativer KI.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Unzuverlässige Worte oder Vagheit als Chance begreifen » Semantische Wettkämpfe » SciLogs</h1><h2>By Ekkehard Felder</h2><div itemprop="text"> <p>Stellen wir uns folgende Alltagsszene vor: Drei Personen sitzen nach einer Sitzung zusammen, und eine sagt: „Das war eine sehr konsequente Entscheidung.“ Zustimmendes Nicken bei der zweiten (= <a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=parasprache.inc">nichtsprachliche Kommunikation</a>), demonstrativ lautes Seufzen bei der dritten Person<span id="more-422"></span> (= <a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=parasprache.inc">parasprachliche Kommunikation</a>). Beide haben dasselbe Wort gehört (= <a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=parasprache.inc">sprachliche Kommunikation</a>), niemand hat nachgefragt – und dennoch versteht und betont jede etwas anderes. Für die eine bedeutet „konsequent“ vielleicht so etwas wie ,Standhaftigkeit’, für die andere ,Starrsinn’. Schon dieses kleine Exempel zeigt, wie Mehrdeutigkeit bzw. Vagheit in der alltäglichen Kommunikation nicht Ausnahme, sondern Normalfall ist.</p> <h3><strong>Wie eindeutig bzw. uneindeutig sind eigentlich Worte?</strong></h3> <p><a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=sprachzeichen.inc">Sprachliche Zeichen sind nicht eindeutig</a>. Sie tragen keine fest verschraubte Bedeutung in sich, sondern eröffnen einen Bedeutungsraum, der erst im Gebrauch konturiert wird. Genau hier setzt eine der grundlegenden Einsichten der Linguistik an: Das Verhältnis zwischen Ausdrucksseite (Laut- oder Schriftform) und Inhaltsseite (Bedeutung) ist <a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=../../includes/arbitrarietaet.inc">arbiträr, also prinzipiell willkürlich</a> (vgl. Peter Bichsels (1969) Erzählung <a href="http://www.lawrenceglatz.com/germ3230/texte/bichsel1.htm">Ein Tisch ist ein Tisch</a>) – und damit mehr als vage. Nichts im Lautbild von <em>Baum</em> zwingt uns dazu, an einen verholzten, belaubten Organismus zu denken. Andere Sprachen tun es anders – und kommen kommunikativ ans Ziel.</p> <p>Diese Arbitrarität oder Beliebigkeit hätte eigentlich zur Folge, dass sprachliche Verständigung permanent scheitern müsste. Wenn Zeichen keine natürliche Verbindung zu dem haben, was sie bezeichnen, wenn sie zudem mehrdeutig sind und in unterschiedlichen Kontexten Unterschiedliches leisten, warum verstehen wir uns dann überhaupt? </p> <p>Die Antwort ist ebenso banal wie folgenreich: Wir verständigen uns nicht trotz, sondern durch Konventionen. Durch wiederholten, ähnlichen Gebrauch sprachlicher Zeichen in vergleichbaren Kommunikationssituationen entsteht eine Erwartungsstruktur. Wir gehen davon aus, dass andere <em>ungefähr</em> dasselbe meinen wie wir – und dieses Unterstellen von Gemeinsamkeit ist die Voraussetzung dafür, dass Kommunikation gelingt. Besonders interessant ist dabei die hohe Verdichtung komplexer Problemhorizonte in ein bis zwei Wörtern (z.B. „Leitkultur“, „Fake news“). </p> <h3><strong>Wie soll in Anbetracht dieser Umstände Verstehen möglich sein?</strong></h3> <p>Dabei handelt es sich nicht um ein exaktes Verstehen, sondern um ein hinreichendes. Missverständnisse werden nicht erkannt, solange sie den Handlungsfluss nicht stören. Präzisierungen erfolgen nur bei Bedarf. Das Ergebnis ist kein objektives, sondern ein soziales Verstehen: ein Aushandlungsprodukt, das immer vorläufig bleibt. Sprache funktioniert, weil wir ihre Ungenauigkeit pragmatisch abfedern – nicht, weil sie präzise wäre. Kurz gesagt: Im Sprachgebrauch kombinieren wir Komposition (= Zusammenstellung einzelner Elemente zu einem Ganzen) mit Konventionalität (= kompositionelle Verfahren wiederholt automatisiert zur Wirkung bringen).<aside></aside></p> <p>Gerade diese strukturelle Unschärfe gerät jedoch in ein bemerkenswertes Paradox zu Sprachauffassungen, die Wörter als zuverlässige Indikatoren innerer Haltungen, Einstellungen oder gar Gesinnungen lesen wollen. In politischen, medialen oder alltäglichen Kontexten wird häufig so argumentiert, als ließe sich aus der Wortwahl direkt auf Denkweisen schließen. Bestimmte Ausdrücke gelten dann als Beleg für bestimmte Überzeugungen. 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Wenn also Ausdrucks- und Inhaltsseite sprachlicher Zeichen arbiträr, willkürlich oder beliebig sind, wenn ihre Bedeutungen kontextabhängig und konventionell stabilisiert, aber nie eindeutig festgelegt sind, dann kann ein einzelnes Wort kaum als sicherer Marker für eine innere Haltung dienen. Die Zuschreibung von Gesinnungen über Sprache setzt eine Eindeutigkeit voraus, die Sprache strukturell nicht leisten kann. Stein des Anstoßes ist mitunter die starke Metaphorizität bestimmter Ausdrucksweisen mittels Natur‑, Kriegs‑ oder Technikmetaphern (z.B. <em>Rentnerschwemme/Covid-19-Welle/natürliche Marktkräfte</em> oder <em>Preisschlacht/Virusbekämpfung/Wirtschaftskrieg </em>oder <em>Lernmaschine/systemrelevant/Künstliche Intelligenz</em>).  Wer Sprache auf diese Weise liest bzw. reduziert, ignoriert ihre Mehrstimmigkeit und ihre Einbettung in situative, diskursive und soziale Kontexte.</p> <p>Die Konventionalisierung von Worten geschieht durch ihre stetige Zubereitung in wiederkehrenden Kontexten – und zwar durch Rekontextualisierung: dieselben Ausdrücke zirkulieren zwischen Parteien, Medien, sozialen Netzwerken und Alltagskommunikation und verändern unterwegs ihre Bedeutung sukzessive in Nuancen. Sprachökonomisch – also Sprechaufwand und Redewirkung bedenkend – lässt sich dadurch der vage Wortgebrauch problemlos ohne große Reflexion handhaben. Die Schwierigkeiten beginnen erst mit der Sprachreflexion oder dem Versuch, Intentionen zu bestimmen. Unreflektierte Automatismen führen nicht zu Deutungsstreitigkeiten. Erst wenn Störfeuer beim kommunikativen Handeln aufpoppen, wird es herausfordernd.</p> <p>Das heißt nicht, dass Sprache bedeutungslos oder folgenlos wäre – und jede Ausdrucksweise (wie z.B. die infame Spaltungsvokabel “Remigration”) legitim ist. Im Gegenteil: Gerade weil Wortbedeutungen zwischen „automatischer“ Entstehung und öffentlicher Aushandlung angesiedelt sind, benötigen wir sprachliche Diskussionen über Deutung, Angemessenheit und Legitimität (<a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/populistische-rhetorik-versus-strukturelle-dialogizitaet-ein-linguistischer-zwischenruf/">Populistische Rhetorik versus strukturelle Dialogizität</a>). Wörter sind keine neutralen Werkzeuge, aber eben auch keine eindeutigen Beweise. <a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/gute-erkennungszeichen-von-der-fluechtigkeit-des-wortes/">Schlüsselworte</a> (z.B. „Generationengerechtigkeit“) oder gar <a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/wir-schaffen-das-aus-linguistischer-sicht-ein-genialer-satz/">saliente, also im kollektiven Gedächtnis verankerte Sätze</a> (John F. Kennedy (Inaugural Address 1961): „Ask not what your country can do for you; ask what you can do for your country“ oder Willy Brandt (Regierungserklärung 1969): „Wir wollen mehr Demokratie wagen“) sind Einsatzpunkte in semantischen Wettkämpfen, in denen um Interpretationen gerungen wird.</p> <h3><strong>Was bleibt?</strong></h3> <p>Am Ende bleibt eine nüchterne, vielleicht unbequeme Einsicht: <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s41244-022-00267-x">Vagheit als Chance verstehen</a>. Verstehen ist kein Zustand, sondern eine Praxis. Es beruht auf Konventionen, Erwartungen und wechselseitigen Annahmen bzw. Unterstellungen. Wer Sprache benutzt, muss mit Vagheit umgehen und bewegt sich mitunter auf unsicherem Grund – und genau darin liegt ihre gesellschaftliche Dynamik. Trotzdem bleibt eine Robustheit des (tatsächlichen oder vermeintlichen) Verstehens – und zwar aufgrund der angenommenen Voraussetzung, auch das Gegenüber ist an kooperativer Kommunikation interessiert. Die Kontexte helfen bei der Bedeutungspräzisierung, die Worte selbst sind oft unterbestimmt (<a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/vagheit-als-demokratische-chance/">Warum Vagheit der Demokratie dienen kann</a>). Statt nur Eindeutigkeit einzufordern, wäre es produktiver, die Unschärfe sprachlicher Zeichen ernst zu nehmen. Denn nicht trotz, sondern wegen dieser Unschärfe können wir miteinander sprechen. Oder etwas hipper formuliert: <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s41244-022-00267-x">Understanding Vagueness as an Opportunity</a>!</p> <p><u>Anmerkung:</u> Dieser Beitrag entstand mit nicht-intentionaler, nicht-menschlicher und damit un<em>freiwill</em>iger Unterstützung von generativer KI.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/unzuverlaessige-worte-oder-vagheit-als-chance-begreifen/#comments 7 ADHS in den Medien: Was läuft schief? Beispiel Quarks https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-in-den-medien-was-laeuft-schief-beispiel-quarks/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-in-den-medien-was-laeuft-schief-beispiel-quarks/#comments Wed, 24 Dec 2025 12:37:07 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3497 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain-768x585.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-in-den-medien-was-laeuft-schief-beispiel-quarks/</link> </image> <description type="html"><h1>ADHS in den Medien: Was läuft schief? Beispiel Quarks » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Die gesellschaftlichen Folgen von zu viel Aufmerksamkeit für die Aufmerksamkeitsstörung</strong></p> <span id="more-3497"></span> <p>Ich habe hier gerade von der <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/">Versechsfachung der ADHS-Diagnosen</a> in bestimmten Gruppen geschrieben und diesen Trend <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/">gesellschaftlich gedeutet</a>. Wenn es so große Veränderungen in so kurzer Zeit gibt, sollte man kritisch nachbohren. Andere meinen, man würde jetzt Fälle diagnostizieren, die man früher übersehen habe. Aha. Es war da, schweres psychisches Leiden, doch niemand sah es?</p> <p>Auch die Wissenschaftssendung “Quarks” vom ARD verbreitet diese Ansicht, zum Beispiel auf seinem Instagram-Account: Hinter dem Anstieg “stecken den Forschenden zufolge vor allem verspätete Diagnosen: Menschen, die seit der Kindheit Symptome zeigen, aber nicht diagnostiziert wurden.” Bei den Quellen wird ein Psychiater aus Dresden genannt, bei dem man vielleicht einmal angerufen hat. Der muss es ja wisssen.</p> <p>Auf der Internetseite von Quarks heißt es unter der Überschrift “Das solltest du über ADHS wissen” zum Störungsbild: “Im Gehirn von Menschen mit ADHS stehen Dopamin und Noradrenalin dort, wo sie benötigt werden, nicht in ausreichender Menge zur Verfügung.” Dort und auf Instagram wird das von einem Gehirnbild mit ein paar Blasen und Pfeilen begleitet. Ich habe hier auch so eine Abbildung für Sie vorbereitet:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain.jpg"><img alt="" decoding="async" height="779" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain-1024x779.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain-1024x779.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain-300x228.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain-768x585.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain.jpg 1248w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Beispiel: Wie Autismus-Spektrum (links) oder ADHS (rechts) im Gehirn aussehen könnte – oder auch nicht. (von <a href="https://pixabay.com/illustrations/brain-mind-psychology-idea-drawing-2062057/">ElisaRiva</a>, modifiziert / <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">PixaBay Lizenz</a>)</em><aside></aside></p> <h2 id="h-nichts-genaues-weiss-man-nicht">Nichts Genaues weiß man nicht</h2> <p>Die originale Quarks-Abbildung ist tatsächlich mit dem Hinweis “exemplarische Darstellung” versehen. Das kennen wir eher aus der Werbung: Weil wir heute mal keine Lust aufs Kochen haben, kaufen wir uns eine Tiefkühlpizza. Und weil dieses gefrorene Etwas, das wir zu Hause aus der Verpackung schälen, doch sehr anders aussieht, steht auf der bunten Verpackung etwas wie “Serviervorschlag” oder “Abbildung ähnlich”.</p> <p>Nun reden wir bei ADHS aber nicht von Fertigmahlzeiten, sondern von Diagnosen, die Menschen bekommen – und deren Leben stark beeinflussen können. Die Journalisten ergänzen zu ihrer Quarks-Darstellung: “Was bei ADHD im Gehirn passiert, ist nicht sicher geklärt und sehr komplex.”</p> <p>Aber dann sagt man doch gleich im ersten Satz: “Im Gehirn von Menschen mit ADHS stehen Dopamin und Noradrenalin … nicht in ausreichender Menge zur Verfügung.” Wie passt das zusammen?</p> <h2 id="h-die-pra-adhs-ara">Die Prä-ADHS-Ära</h2> <p>Die ADHS-Diagnose, wie wir sie kennen, <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/30-jahre-aufmerksamkeitsstoerung-adhs/">gibt es erst seit 1980</a>. Frühere Bezeichnungen waren “minimaler Gehirnschaden” (engl. Minimal Brain Damage, MBD). In Reaktion auf die Beschwerden von Eltern schwächte man das in den 1960ern/1970ern ab zu “minimale Gehirndysfunktion” (engl. Minimal Brain Dysfunction, auch MBD). Ärzte, die ihre Patient*innen mit Latein beeindrucken wollten, sprachen auch von der “minimalen zerebralen Dysfunktion”. Wer hat auch nicht gelernt, dass <em>cerebrum</em> der lateinische Name fürs Hirn ist?</p> <p>Der Name “minimaler Gehirnschaden” entstand tatsächlich nach der schweren Pandemie (ca. 1918 bis 1920) am Ende des Ersten Weltkriegs. Viele starben damals an der sogenannten Spanischen Grippe. Manche überlebten nach einer schweren Gehirnentzündung, mitunter in einem gelähmten Zustand. Einige Kinder zeigten nach der Hirnentzündung Verhaltensauffälligkeiten.</p> <p>Deshalb kam man schließlich darauf, Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten auch ohne vorherige Gehirnerkrankung die MBD-Diagnose zu geben. Frei nach dem Motto: ähnliche Probleme, ähnliche Ursache. Eine verbreitete Alternativhypothese, dass es bei ihnen während der Geburt zu einem Sauerstoffdefizit gekommen war, ließ sich nicht bestätigen.</p> <p>So redet man bald 100 Jahre über MBD und, wie Quarks, ein ADHS-Gehirn. Doch man konnte nie zeigen, was im Gehirn dieser Kinder, Jugendlichen und heute auch immer mehr Erwachsenen anders sein soll. Man glaubt an das ADHS-Gehirn, doch finden kann man es nie. Wie kann das sein? Und wie kann man das “Wissenschaft” nennen?</p> <h2 id="h-symptome">Symptome</h2> <p>Wie bei allen anderen psychologisch-psychiatrischen Störungen, hat man es auch hier Symptomlisten zu tun. Diese beziehen sich in der Regel auf innere psychologische Vorgänge und äußeres Verhalten, manchmal auch körperliche Eigenschaften, zum Beispiel Gewichtsveränderungen bei Depressionen.</p> <p>Bei ADHS gibt es zwei Haupttypen, den eher unaufmerksamen und den eher hyperaktiven/impulsiven. Für beide zählt das diagnostische Handbuch DSM-5-TR von 2022 neun Symptome. Für eine Diagnose müssen mindestens sechs eines Typs vorliegen – und übrigens schon vor dem Alter von 12 Jahren, früher sieben Jahren vorgelegen haben. In einem wissenschaftlichen Aufsatz habe ich errechnet, dass es darum <a href="https://doi.org/10.3389/fpsyt.2022.943049">satte 116.220 nach DSM gültige Formen von ADHS gibt</a>.</p> <p>Trotzdem ist jeder Mensch mit ADHS-Diagnose wieder anders. Kann er am Morgen anders sein als am Abend. In den Ferien anders als während der Schulzeit. Tatsächlich bauen manche in der Ferienzeit die Medikamente ab. Das ist schon eine komische medizinische Krankheit, die sich an unsere Ferienzeiten hält!</p> <h2 id="h-kein-interesse">Kein Interesse?</h2> <p>Quarks informiert zu den (angeblichen) ADHS-Symptomen übrigens: “Es kann schwerfallen, fokussiert bei uninteressanten Aufgaben zu bleiben.”</p> <p>Das mit den “uninteressanten Aufgaben” ist äußerst interessant: Erstens steht das nämlich nicht bei den offiziellen Diagnosekriterien. Zweitens könnte man sich auch einmal fragen, ob das nicht völlig normal ist, dass man ohne Interesse schlechter aufpassen kann.</p> <p>Interessanterweise(!) gehört das von Quarks genannte Symptom zu einem anderen Störungsbild, das eine Lobby von Kinderpsychologen und -psychiatern seit einiger Zeit einführen will: Denken im Schneckentempo (engl. Sluggish Cognitive Tempo, SCT). Angeblich sollen 5 Prozent der Kinder daran leiden und dieselben Medikamente wie bei ADHS helfen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920.jpg 1764w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Ist diese Schnecke psychisch gestört – oder einfach nur langsamer als andere? (von <a href="https://pixabay.com/photos/snail-shell-invertebrate-sensor-6290772/">Nennieinszweidrei</a> / <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">PixaBay Lizenz</a>)</em></p> <p>Man merkte schließlich selbst, dass “Schneckentempodenken” kein guter Name ist, um eine Störung ins DSM zu bekommen. Dann könnte man viele neue Fachaufsätze publizieren und die Behandlung endlich bei den Krankenkassen abrechnen. So kam man später auf den Namen “Konzentrationsdefizitstörung” (engl. Concentration Deficit Disorder, CDD).</p> <p>Worin der Unterschied zwischen Aufmerksamkeits- und Konzentrationsdefizit bestehen soll, müsste man erst einmal erklären. Ursprünglich sollte es sich dabei um eine unerkannte, dritte Hauptform von ADHS handeln – eben unter anderem mit dem Symptom, bei uninteressanten Aufgaben schlechter aufzupassen.</p> <p>Doch inzwischen hat man sich auch davon wieder verabschiedet: Der Name des dritten Versuchs ist etwas schwerer zu übersetzen, vielleicht als “Syndrom kognitiver Distanzierung” (engl. Cognitive disengagement syndrome, CDS). Und anders als SCT oder CDD soll das keine ADHS-Variante mehr sein, sondern ein eigenes Störungsbild.</p> <h2 id="h-kurzschlusse">Kurzschlüsse</h2> <p>Folgen Sie mir noch? Sind Sie vielleicht uninteressiert? Haben Sie es schon mit Psychopharmaka probiert?</p> <p>Nein, bevor Sie medizinische Stimulanzien wie Amphetamin/Speed und Methylphenidat/Ritalin oder sogar Kokain nehmen – laut Professor Thomas Müller, Co-Präsident der Schweizerischen Fachgesellschaft für ADHS, kann eine positive Reaktion auf Kokain ein Hinweis auf ADHS sein –, klicken Sie lieber weiter.</p> <p>SCT, CDD oder CDS sind noch nicht im DSM. Vielleicht wird sich das mit dem DSM-6 ändern. Die Entscheidung treffen führende Psychiaterinnen und Psychiater, von denen die Mehrheit übrigens Gelder von der Pharmaindustrie bekommt – die wiederum daran verdient, wenn immer mehr Störungsbilder ins diagnostische Handbuch aufgenommen und so beschrieben werden, dass man die Symptome mit ihren Psychopharmaka beeinflussen kann.</p> <p>Auf der Quark(s)-Seite finden sich noch viel mehr Kurzschlüsse. Ein beliebter Fehler ist zum Beispiel eine Aussage wie: “So beeinflusst ADHS das Verhalten.”</p> <p>Nein, das ist ein Denkfehler: Ihr ADHS macht sie nicht unaufmerksam, genauso wenig wie ihre Depression sie traurig macht. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Bestimmte Formen von Unaufmerksamkeit beziehungsweise bestimmte Formen von Traurigkeit <em>nennen</em> wir heute ADHS oder Depression.</p> <p>Die allgemeinen Kriterien hierfür legen die genannten Fachleute fest. Im Einzelfall muss ein Arzt oder eine Therapeutin entscheiden, ob das individuelle Leiden oder die Probleme im Alltag groß genug sind, um eine psychologisch-psychiatrische Diagnose zu rechtfertigen. Das passiert in der subjektiven Abwägung – und ganz sicher nicht mit einem Blut-, Gen- oder Gehirntest.</p> <h2 id="h-verdinglichung">Verdinglichung</h2> <p>Sätze wie “mein ADHS macht mich unaufmerksam” machen aus der gerade beschriebenen <em>sprachlichen Konvention</em> medizinisch-psychologischer Fachleute <em>ein Ding</em> mit eigenen kausalen Kräften. Das grenz an Magie! In der Wissenschaft nennen wir das “Reifikation” (von lat. <em>res</em> = Ding) oder schlicht “Verdinglichung”.</p> <p>Manche erklären für sich und andere ihre Denk- und Verhaltensweisen anschließend damit, dass man das Wort in der medizinischen Akte mit ihnen verknüpft hat. Das ist zwar philosophisch und wissenschaftlich gesehen Unsinn, aus menschlicher Sicht aber nachvollziehbar: Denn im Bereich der Medizin entschuldigt man jemanden in der Regel für seine oder ihre (angeblichen) Mängel. Wenn nur das Problem der Stigmatisierung nicht wäre, dass manche Diagnosen gerade soziale Distanz erzeugen.</p> <p>Die Verdinglichung geht oft mit einem anderen Fehlschluss einher: Die diagnostischen Kategorien, die einen Zustand nur <em>beschreiben</em>, werden jetzt als dessen <em>Erklärung</em> herangezogen.</p> <h2 id="h-sprachliche-magie">Sprachliche Magie</h2> <p>Ein frappierendes Beispiel, das ich an dieser Stelle gerne zitiere, habe ich von meinem alten Bloggerkollegen Helmut Wicht gelernt, Biologe und früher Anatomiedozent an der Universität Frankfurt:</p> <p>Stellen Sie sich vor, Sie haben um die Lippen herum eine entzündete (gerötete) Haut. Deswegen gehen Sie zum Dermatologen. Dieser gibt Ihnen eine Salbe und die Diagnose “periorale Dermatitis”. Vielleicht denken Sie jetzt: “Wow, was für eine Fachkompetenz! Mein Dermatologe hat herausgefunden, dass ich eine <em>periorale Dermatitis</em> habe!”</p> <p>Dabei heißt “periorale Dermatitis” schlicht “Entzündung (-itis) der Haut (derma) um den Mund (oris) herum (peri)”. Sie haben also schlicht das gesagt bekommen, was Sie schon wussten: dass Sie eine Entzündung um den Mund herum haben, denn sonst wären Sie ja nicht zum Hautarzt gegangen.</p> <p>Warum der Arzt oder die Ärztin sich einer, nein sogar zweier – Latein und Altgriechisch werden hier vermischt – ausgestorbener Sprachen bedienen muss, um Ihnen zu erzählen, was Sie schon wussten, könnte man sich einmal überlegen. Wahrscheinlich wird so verschleiert, dass Ärztinnen und Ärzte auch nicht alles wissen. (Ein Prof in meiner Ausbildung: “Sage nie vor Patienten, dass du etwas nicht weißt!” Das machte ihn in meinen Augen nicht vertrauenswürdiger.)</p> <p>Und wofür früher solche Fremdsprachen verwendet wurden – in der Religion hat man die gläubigen Schäfchen damit auch lange Zeit beeindruckt, wenn nicht gar eingeschüchtert –, nimmt man heute gerne Abkürzungen: eben CDS, CDD, SCT, MBD oder ADHS.</p> <p>Klar, mein Kind hat SCT (alias Schneckentempodenken). Jetzt ergibt alles Sinn!</p> <h2 id="h-symptome-und-ursachen">Symptome und Ursachen</h2> <p>An dieser Stelle brodelt es in den Betroffenen mitunter. Sie sind wütend, fühlen sich nicht ernst genommen. Die philosophisch-wissenschaftliche Argumentation bedeute, dass man ihnen das Leid abspricht. Nein, das tut sie nicht!</p> <p>Ich weise nur auf den Prozess der <em>Umdeutung</em> hin: Ein Mensch leidet oder findet sich nicht so gut im Alltag zurecht. Oft genug verursacht Letzteres auch Ersteres: zum Beispiel, wenn andere einen für vergesslich halten und darum abwerten.</p> <p>Übrigens wurden auch homosexuelle Männer stark ausgegrenzt und nannten Psychiater das bis in die 1970er-Jahre eine Geistesstörung. Schlaue Leute hatten das ins DSM geschrieben, also musste es stimmen. Dann kam ein noch schlauerer Psychiater, Robert L. Spitzer (1932-2015), und wies seine Kollegen daraufhin, dass die Schwulen vor allem wegen der Ausgrenzung litten und nicht wegen ihrer sexuellen Vorlieben; und man bemerkte, dass der “objektive”, statistische Beweis für die angebliche Krankheit der Schwulen in Gefängnissen erhoben worden war, wo es Menschen allgemein schlechter geht.</p> <p>Ich bestreite auch nicht, dass die Hautsalbe vom Dermatologen oder die Stimulanzien vom Psychiater das Leiden lindern können. Mit der Wirkungsweise der Stimulanzien habe ich mich intensiv für die Gehirndoping-Debatte beschäftigt, siehe hier meine <a href="https://www.schleim.info/wordpress/de/2022/07/20/gratis-neuer-gehirndoping-bericht-erschienen/">Gratis-FAQ</a> als Ergebnis eines mehrjährigen Forschungsprojekts.</p> <p>Aber um den Kreis für ADHS zu schließen: Man macht uns, Eltern und Kindern, seit gut 100 Jahren weis, verhaltensauffällige Kinder hätten eine Gehirnstörung. Gefunden hat man sie nie. Währenddessen verbreitet eine Sendung wie Quark(s) suggestive Werbebildchen darüber, während sie selbst einräumt, dass man es nicht weiß.</p> <p>Warum redet man dann so, obwohl man weiß, dass es nicht stimmt?</p> <h2 id="h-individualisierung">Individualisierung</h2> <p>Ich gönne jedem seine Therapie und auch <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-32618-9">seine Medikamente</a>, wenn er/sie der Meinung ist, dass das mehr hilft als schadet. Ich will nur die falsche Magie aus dieser Diskussion haben.</p> <p>Denn mit dem nachweislich falschen Gen- und Gehirn-Sprech werden die Probleme ausschließlich im Individuum lokalisiert. Obwohl man es nicht in den vielen Patientinnen und Patienten nachweisen kann – die Gehirnscanner stehen doch bereit! –, soll es da an Dopamin oder Noradrenalin mangeln. Also wenn jemand etwas schüchtern ist und mit einem Glas Sekt sozialer wird, dann hatte er oder sie vorher einen Alkoholmangel?</p> <p>Dass das nicht nur Theorie ist, lässt sich zeigen, wenn ich auf den Fehler von Quarks mit dem fehlenden Interesse zurückkomme. Wann fehlt uns denn das Interesse? In der Regel dann, wenn wir etwas langweilig oder eintönig finden – oder auch dann, wenn wir ermüdet sind.</p> <p>Dann fällt es uns oft schwerer, uns für etwas zu motivieren. Ist es Zufall, dass stimulierende Substanzen wie Amphetamin, Methylphenidat oder Kokain die subjektive Energie, das Gefühl der Wachheit, die Motivation erhöhen? Und dass es Menschen damit leichter fällt, eintönige Aufgaben zu erledigen?</p> <p>Meine Forderung ist schlicht: nicht immer nur aufs Individuum zu schauen, sondern auch auf die Umgebung. Dann wird zum Beispiel ADHS nicht nur ein Thema der Psychiater, sondern auch von Psychologen, Pädagogen, Sozialarbeiten, Umweltmedizinern, der Gestaltung von Schulunterricht und Erziehung. Dann sucht man die Ursachen nicht nur im Einzelnen – und wir man nicht selten an anderen Orten fündig.</p> <h2 id="h-p-s-zur-gehirn-psychiatrie">P.S. Zur ‚Gehirn-Psychiatrie‘</h2> <p>Ja ja, ich weiß: Ich habe die Forschung nicht verstanden, obwohl ich in drei psychiatrischen Universitätskliniken gearbeitet und mit Verfahren der bildgebenden Hirnforschung meine kognitionswissenschaftlich Doktorarbeit abgeschlossen habe. Ich schwurble.</p> <p>Ich schwurble sogar so sehr, dass ich Bachelorstudierende der Psychologie im dritten Jahr mit etwas Anleitung einen der am häufigsten zitierten psychiatrischen Belege für die Behauptung, ADHS sei eine Gehirnstörung, analysieren ließ. Eine über tausendfach zitierte <a href="https://www.thelancet.com/journals/lanpsy/article/PIIS2215-0366(17)30049-4/abstract?ref=tomecontroldesusalud.com">Publikation</a> in <em>Lancet Psychiatry</em>. Über mehrere Jahre waren 100 Prozent meiner Studierenden in Gruppenarbeit dazu in der Lage, die grundlegenden Fehler dieser Behauptung herauszuarbeiten.</p> <p>Ja ja, ich weiß: Wir schwurbeln alle und jetzt verstecke ich mich sogar hinter meinen Bachelorstudierenden!</p> <p>Martine Hoogman von der Universitätsklinik in Nijmegen, die Erstautorin dieser Studie, wurde kürzlich für einen <a href="https://www.nytimes.com/2025/04/13/magazine/adhd-medication-treatment-research.html">ausführlichen Artikel zu ADHS</a> im <em>New York Times Magazine</em> befragt. Meiner Meinung nach waren ihre Gehirnfunde viel zu klein, um etwas über Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne ADHS-Diagnose aussagen zu können. Das sage ich seit bald zehn Jahren.</p> <p>Interessant, dass Hoogman, die die Botschaft “ADHS ist eine Gehirnstörung” in die Welt setzte, was massiv von den Medien verbreitet wurde, nun scheinbar ihre Meinung geändert hat:</p> <blockquote> <p>“Als ich Hoogman kürzlich per E-Mail interviewte, war ich überrascht zu erfahren, dass sie ihre Aussage im Nachhinein bereut. ‘Damals betonten wir die von uns festgestellten Unterschiede (wenn auch geringfügige), aber man kann auch schlussfolgern, dass das subkortikale und kortikale Volumen von Menschen mit und ohne ADHS nahezu identisch ist’, schrieb sie. Rückblickend fügte sie hinzu, es sei nicht angemessen gewesen, aus ihren Ergebnissen zu schließen, dass ADHS eine Hirnstörung sei.” (<em>New York Times Magazine</em>, 2025)</p> </blockquote> <p>Gehirnstörung oder nicht, andere Gehirne oder (nahezu) identisch – wo ist da der Unterschied? Man rühre im Quark und alles wird gleich.</p> <p>Tja, wer schwurbelt hier? Wer verfolgt damit seine finanziellen, Karriere- und Aufmerksamkeitsinteressen? Und wer wagt es, die herrschende Meinung zu kritisieren, und setzt sich damit Angriffen aus?</p> <h2 id="h-quark-s">Quark(s)</h2> <p>Um Missverständnisse zu vermeiden: Dass es Menschen mit – mehr oder weniger großen – Aufmerksamkeitsproblemen gibt, bestreitet niemand. Es geht darum, wie man – individuell und gesellschaftlich – damit umgehen soll.</p> <p>Welche Antwort bekommt man, wenn man eine anerkannte Wissenschaftsredaktion befragt? “Warum sind Betroffene oft hibbelig und unkonzentriert? Die Veränderungen im Gehirn wirken sich auf das Verhalten aus” (Quark). Nein, allgemeine Gehirnveränderungen wurden für ADHS nie nachgewiesen und sind auch im klinischen Einzelfall nicht belegt, weder bei der Diagnose noch in der Therapie. Dass Menschen auf psychoaktive Substanzen oder Verhaltenstherapie ansprechen, beweist nicht die Existenz eines Dings ADHS im Gehirn.</p> <p>Ich trete nur dafür ein, auch <em>die Umgebung</em> mitzudenken. In diesem Zusammenhang ist ein Quarks-Symptom für die hyperaktive Variante von ADHS interessant: “Es kann schwerfallen, auf Belohnungen zu warten.” Genau, zum Beispiel wenn Schulunterricht, wo sich die Symptome am häufigsten äußern, mit Social Media Apps konkurrieren, wo man permanent und endlos stimulierende Inhalte gezeigt bekommt.</p> <p>Es sei noch einmal daran erinnert, dass sowohl die ADHS-Diagnosen als auch Verschreibung stimulierender Psychopharmaka <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/">seit den 1990ern stark anstieg</a>, erst bei Kindern und Jugendlichen, dann auch zunehmend bei Erwachsenen. Ist es reiner Zufall, dass das mit der Digitalisierung der Gesellschaft einhergeht, wo die Konkurrenz um die Aufmerksamkeit immer größer wird?</p> <h2 id="h-neu-woruber-psychiater-ungern-sprechen">Neu: Worüber Psychiater ungern sprechen</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen, die Geschichte und Irrtümer der Psychiatrie und Alternativen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/illustrations/brain-mind-psychology-idea-drawing-2062057/">ElisaRiva</a> (modifiziert), <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/46b637f80507487cb00e88be7a02cbae" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>ADHS in den Medien: Was läuft schief? Beispiel Quarks » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Die gesellschaftlichen Folgen von zu viel Aufmerksamkeit für die Aufmerksamkeitsstörung</strong></p> <span id="more-3497"></span> <p>Ich habe hier gerade von der <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/">Versechsfachung der ADHS-Diagnosen</a> in bestimmten Gruppen geschrieben und diesen Trend <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/">gesellschaftlich gedeutet</a>. Wenn es so große Veränderungen in so kurzer Zeit gibt, sollte man kritisch nachbohren. Andere meinen, man würde jetzt Fälle diagnostizieren, die man früher übersehen habe. Aha. Es war da, schweres psychisches Leiden, doch niemand sah es?</p> <p>Auch die Wissenschaftssendung “Quarks” vom ARD verbreitet diese Ansicht, zum Beispiel auf seinem Instagram-Account: Hinter dem Anstieg “stecken den Forschenden zufolge vor allem verspätete Diagnosen: Menschen, die seit der Kindheit Symptome zeigen, aber nicht diagnostiziert wurden.” Bei den Quellen wird ein Psychiater aus Dresden genannt, bei dem man vielleicht einmal angerufen hat. Der muss es ja wisssen.</p> <p>Auf der Internetseite von Quarks heißt es unter der Überschrift “Das solltest du über ADHS wissen” zum Störungsbild: “Im Gehirn von Menschen mit ADHS stehen Dopamin und Noradrenalin dort, wo sie benötigt werden, nicht in ausreichender Menge zur Verfügung.” Dort und auf Instagram wird das von einem Gehirnbild mit ein paar Blasen und Pfeilen begleitet. Ich habe hier auch so eine Abbildung für Sie vorbereitet:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain.jpg"><img alt="" decoding="async" height="779" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain-1024x779.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain-1024x779.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain-300x228.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain-768x585.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain.jpg 1248w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Beispiel: Wie Autismus-Spektrum (links) oder ADHS (rechts) im Gehirn aussehen könnte – oder auch nicht. (von <a href="https://pixabay.com/illustrations/brain-mind-psychology-idea-drawing-2062057/">ElisaRiva</a>, modifiziert / <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">PixaBay Lizenz</a>)</em><aside></aside></p> <h2 id="h-nichts-genaues-weiss-man-nicht">Nichts Genaues weiß man nicht</h2> <p>Die originale Quarks-Abbildung ist tatsächlich mit dem Hinweis “exemplarische Darstellung” versehen. Das kennen wir eher aus der Werbung: Weil wir heute mal keine Lust aufs Kochen haben, kaufen wir uns eine Tiefkühlpizza. Und weil dieses gefrorene Etwas, das wir zu Hause aus der Verpackung schälen, doch sehr anders aussieht, steht auf der bunten Verpackung etwas wie “Serviervorschlag” oder “Abbildung ähnlich”.</p> <p>Nun reden wir bei ADHS aber nicht von Fertigmahlzeiten, sondern von Diagnosen, die Menschen bekommen – und deren Leben stark beeinflussen können. Die Journalisten ergänzen zu ihrer Quarks-Darstellung: “Was bei ADHD im Gehirn passiert, ist nicht sicher geklärt und sehr komplex.”</p> <p>Aber dann sagt man doch gleich im ersten Satz: “Im Gehirn von Menschen mit ADHS stehen Dopamin und Noradrenalin … nicht in ausreichender Menge zur Verfügung.” Wie passt das zusammen?</p> <h2 id="h-die-pra-adhs-ara">Die Prä-ADHS-Ära</h2> <p>Die ADHS-Diagnose, wie wir sie kennen, <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/30-jahre-aufmerksamkeitsstoerung-adhs/">gibt es erst seit 1980</a>. Frühere Bezeichnungen waren “minimaler Gehirnschaden” (engl. Minimal Brain Damage, MBD). In Reaktion auf die Beschwerden von Eltern schwächte man das in den 1960ern/1970ern ab zu “minimale Gehirndysfunktion” (engl. Minimal Brain Dysfunction, auch MBD). Ärzte, die ihre Patient*innen mit Latein beeindrucken wollten, sprachen auch von der “minimalen zerebralen Dysfunktion”. Wer hat auch nicht gelernt, dass <em>cerebrum</em> der lateinische Name fürs Hirn ist?</p> <p>Der Name “minimaler Gehirnschaden” entstand tatsächlich nach der schweren Pandemie (ca. 1918 bis 1920) am Ende des Ersten Weltkriegs. Viele starben damals an der sogenannten Spanischen Grippe. Manche überlebten nach einer schweren Gehirnentzündung, mitunter in einem gelähmten Zustand. Einige Kinder zeigten nach der Hirnentzündung Verhaltensauffälligkeiten.</p> <p>Deshalb kam man schließlich darauf, Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten auch ohne vorherige Gehirnerkrankung die MBD-Diagnose zu geben. Frei nach dem Motto: ähnliche Probleme, ähnliche Ursache. Eine verbreitete Alternativhypothese, dass es bei ihnen während der Geburt zu einem Sauerstoffdefizit gekommen war, ließ sich nicht bestätigen.</p> <p>So redet man bald 100 Jahre über MBD und, wie Quarks, ein ADHS-Gehirn. Doch man konnte nie zeigen, was im Gehirn dieser Kinder, Jugendlichen und heute auch immer mehr Erwachsenen anders sein soll. Man glaubt an das ADHS-Gehirn, doch finden kann man es nie. Wie kann das sein? Und wie kann man das “Wissenschaft” nennen?</p> <h2 id="h-symptome">Symptome</h2> <p>Wie bei allen anderen psychologisch-psychiatrischen Störungen, hat man es auch hier Symptomlisten zu tun. Diese beziehen sich in der Regel auf innere psychologische Vorgänge und äußeres Verhalten, manchmal auch körperliche Eigenschaften, zum Beispiel Gewichtsveränderungen bei Depressionen.</p> <p>Bei ADHS gibt es zwei Haupttypen, den eher unaufmerksamen und den eher hyperaktiven/impulsiven. Für beide zählt das diagnostische Handbuch DSM-5-TR von 2022 neun Symptome. Für eine Diagnose müssen mindestens sechs eines Typs vorliegen – und übrigens schon vor dem Alter von 12 Jahren, früher sieben Jahren vorgelegen haben. In einem wissenschaftlichen Aufsatz habe ich errechnet, dass es darum <a href="https://doi.org/10.3389/fpsyt.2022.943049">satte 116.220 nach DSM gültige Formen von ADHS gibt</a>.</p> <p>Trotzdem ist jeder Mensch mit ADHS-Diagnose wieder anders. Kann er am Morgen anders sein als am Abend. In den Ferien anders als während der Schulzeit. Tatsächlich bauen manche in der Ferienzeit die Medikamente ab. Das ist schon eine komische medizinische Krankheit, die sich an unsere Ferienzeiten hält!</p> <h2 id="h-kein-interesse">Kein Interesse?</h2> <p>Quarks informiert zu den (angeblichen) ADHS-Symptomen übrigens: “Es kann schwerfallen, fokussiert bei uninteressanten Aufgaben zu bleiben.”</p> <p>Das mit den “uninteressanten Aufgaben” ist äußerst interessant: Erstens steht das nämlich nicht bei den offiziellen Diagnosekriterien. Zweitens könnte man sich auch einmal fragen, ob das nicht völlig normal ist, dass man ohne Interesse schlechter aufpassen kann.</p> <p>Interessanterweise(!) gehört das von Quarks genannte Symptom zu einem anderen Störungsbild, das eine Lobby von Kinderpsychologen und -psychiatern seit einiger Zeit einführen will: Denken im Schneckentempo (engl. Sluggish Cognitive Tempo, SCT). Angeblich sollen 5 Prozent der Kinder daran leiden und dieselben Medikamente wie bei ADHS helfen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/snail-6290772_1920.jpg 1764w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Ist diese Schnecke psychisch gestört – oder einfach nur langsamer als andere? (von <a href="https://pixabay.com/photos/snail-shell-invertebrate-sensor-6290772/">Nennieinszweidrei</a> / <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">PixaBay Lizenz</a>)</em></p> <p>Man merkte schließlich selbst, dass “Schneckentempodenken” kein guter Name ist, um eine Störung ins DSM zu bekommen. Dann könnte man viele neue Fachaufsätze publizieren und die Behandlung endlich bei den Krankenkassen abrechnen. So kam man später auf den Namen “Konzentrationsdefizitstörung” (engl. Concentration Deficit Disorder, CDD).</p> <p>Worin der Unterschied zwischen Aufmerksamkeits- und Konzentrationsdefizit bestehen soll, müsste man erst einmal erklären. Ursprünglich sollte es sich dabei um eine unerkannte, dritte Hauptform von ADHS handeln – eben unter anderem mit dem Symptom, bei uninteressanten Aufgaben schlechter aufzupassen.</p> <p>Doch inzwischen hat man sich auch davon wieder verabschiedet: Der Name des dritten Versuchs ist etwas schwerer zu übersetzen, vielleicht als “Syndrom kognitiver Distanzierung” (engl. Cognitive disengagement syndrome, CDS). Und anders als SCT oder CDD soll das keine ADHS-Variante mehr sein, sondern ein eigenes Störungsbild.</p> <h2 id="h-kurzschlusse">Kurzschlüsse</h2> <p>Folgen Sie mir noch? Sind Sie vielleicht uninteressiert? Haben Sie es schon mit Psychopharmaka probiert?</p> <p>Nein, bevor Sie medizinische Stimulanzien wie Amphetamin/Speed und Methylphenidat/Ritalin oder sogar Kokain nehmen – laut Professor Thomas Müller, Co-Präsident der Schweizerischen Fachgesellschaft für ADHS, kann eine positive Reaktion auf Kokain ein Hinweis auf ADHS sein –, klicken Sie lieber weiter.</p> <p>SCT, CDD oder CDS sind noch nicht im DSM. Vielleicht wird sich das mit dem DSM-6 ändern. Die Entscheidung treffen führende Psychiaterinnen und Psychiater, von denen die Mehrheit übrigens Gelder von der Pharmaindustrie bekommt – die wiederum daran verdient, wenn immer mehr Störungsbilder ins diagnostische Handbuch aufgenommen und so beschrieben werden, dass man die Symptome mit ihren Psychopharmaka beeinflussen kann.</p> <p>Auf der Quark(s)-Seite finden sich noch viel mehr Kurzschlüsse. Ein beliebter Fehler ist zum Beispiel eine Aussage wie: “So beeinflusst ADHS das Verhalten.”</p> <p>Nein, das ist ein Denkfehler: Ihr ADHS macht sie nicht unaufmerksam, genauso wenig wie ihre Depression sie traurig macht. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Bestimmte Formen von Unaufmerksamkeit beziehungsweise bestimmte Formen von Traurigkeit <em>nennen</em> wir heute ADHS oder Depression.</p> <p>Die allgemeinen Kriterien hierfür legen die genannten Fachleute fest. Im Einzelfall muss ein Arzt oder eine Therapeutin entscheiden, ob das individuelle Leiden oder die Probleme im Alltag groß genug sind, um eine psychologisch-psychiatrische Diagnose zu rechtfertigen. Das passiert in der subjektiven Abwägung – und ganz sicher nicht mit einem Blut-, Gen- oder Gehirntest.</p> <h2 id="h-verdinglichung">Verdinglichung</h2> <p>Sätze wie “mein ADHS macht mich unaufmerksam” machen aus der gerade beschriebenen <em>sprachlichen Konvention</em> medizinisch-psychologischer Fachleute <em>ein Ding</em> mit eigenen kausalen Kräften. Das grenz an Magie! In der Wissenschaft nennen wir das “Reifikation” (von lat. <em>res</em> = Ding) oder schlicht “Verdinglichung”.</p> <p>Manche erklären für sich und andere ihre Denk- und Verhaltensweisen anschließend damit, dass man das Wort in der medizinischen Akte mit ihnen verknüpft hat. Das ist zwar philosophisch und wissenschaftlich gesehen Unsinn, aus menschlicher Sicht aber nachvollziehbar: Denn im Bereich der Medizin entschuldigt man jemanden in der Regel für seine oder ihre (angeblichen) Mängel. Wenn nur das Problem der Stigmatisierung nicht wäre, dass manche Diagnosen gerade soziale Distanz erzeugen.</p> <p>Die Verdinglichung geht oft mit einem anderen Fehlschluss einher: Die diagnostischen Kategorien, die einen Zustand nur <em>beschreiben</em>, werden jetzt als dessen <em>Erklärung</em> herangezogen.</p> <h2 id="h-sprachliche-magie">Sprachliche Magie</h2> <p>Ein frappierendes Beispiel, das ich an dieser Stelle gerne zitiere, habe ich von meinem alten Bloggerkollegen Helmut Wicht gelernt, Biologe und früher Anatomiedozent an der Universität Frankfurt:</p> <p>Stellen Sie sich vor, Sie haben um die Lippen herum eine entzündete (gerötete) Haut. Deswegen gehen Sie zum Dermatologen. Dieser gibt Ihnen eine Salbe und die Diagnose “periorale Dermatitis”. Vielleicht denken Sie jetzt: “Wow, was für eine Fachkompetenz! Mein Dermatologe hat herausgefunden, dass ich eine <em>periorale Dermatitis</em> habe!”</p> <p>Dabei heißt “periorale Dermatitis” schlicht “Entzündung (-itis) der Haut (derma) um den Mund (oris) herum (peri)”. Sie haben also schlicht das gesagt bekommen, was Sie schon wussten: dass Sie eine Entzündung um den Mund herum haben, denn sonst wären Sie ja nicht zum Hautarzt gegangen.</p> <p>Warum der Arzt oder die Ärztin sich einer, nein sogar zweier – Latein und Altgriechisch werden hier vermischt – ausgestorbener Sprachen bedienen muss, um Ihnen zu erzählen, was Sie schon wussten, könnte man sich einmal überlegen. Wahrscheinlich wird so verschleiert, dass Ärztinnen und Ärzte auch nicht alles wissen. (Ein Prof in meiner Ausbildung: “Sage nie vor Patienten, dass du etwas nicht weißt!” Das machte ihn in meinen Augen nicht vertrauenswürdiger.)</p> <p>Und wofür früher solche Fremdsprachen verwendet wurden – in der Religion hat man die gläubigen Schäfchen damit auch lange Zeit beeindruckt, wenn nicht gar eingeschüchtert –, nimmt man heute gerne Abkürzungen: eben CDS, CDD, SCT, MBD oder ADHS.</p> <p>Klar, mein Kind hat SCT (alias Schneckentempodenken). Jetzt ergibt alles Sinn!</p> <h2 id="h-symptome-und-ursachen">Symptome und Ursachen</h2> <p>An dieser Stelle brodelt es in den Betroffenen mitunter. Sie sind wütend, fühlen sich nicht ernst genommen. Die philosophisch-wissenschaftliche Argumentation bedeute, dass man ihnen das Leid abspricht. Nein, das tut sie nicht!</p> <p>Ich weise nur auf den Prozess der <em>Umdeutung</em> hin: Ein Mensch leidet oder findet sich nicht so gut im Alltag zurecht. Oft genug verursacht Letzteres auch Ersteres: zum Beispiel, wenn andere einen für vergesslich halten und darum abwerten.</p> <p>Übrigens wurden auch homosexuelle Männer stark ausgegrenzt und nannten Psychiater das bis in die 1970er-Jahre eine Geistesstörung. Schlaue Leute hatten das ins DSM geschrieben, also musste es stimmen. Dann kam ein noch schlauerer Psychiater, Robert L. Spitzer (1932-2015), und wies seine Kollegen daraufhin, dass die Schwulen vor allem wegen der Ausgrenzung litten und nicht wegen ihrer sexuellen Vorlieben; und man bemerkte, dass der “objektive”, statistische Beweis für die angebliche Krankheit der Schwulen in Gefängnissen erhoben worden war, wo es Menschen allgemein schlechter geht.</p> <p>Ich bestreite auch nicht, dass die Hautsalbe vom Dermatologen oder die Stimulanzien vom Psychiater das Leiden lindern können. Mit der Wirkungsweise der Stimulanzien habe ich mich intensiv für die Gehirndoping-Debatte beschäftigt, siehe hier meine <a href="https://www.schleim.info/wordpress/de/2022/07/20/gratis-neuer-gehirndoping-bericht-erschienen/">Gratis-FAQ</a> als Ergebnis eines mehrjährigen Forschungsprojekts.</p> <p>Aber um den Kreis für ADHS zu schließen: Man macht uns, Eltern und Kindern, seit gut 100 Jahren weis, verhaltensauffällige Kinder hätten eine Gehirnstörung. Gefunden hat man sie nie. Währenddessen verbreitet eine Sendung wie Quark(s) suggestive Werbebildchen darüber, während sie selbst einräumt, dass man es nicht weiß.</p> <p>Warum redet man dann so, obwohl man weiß, dass es nicht stimmt?</p> <h2 id="h-individualisierung">Individualisierung</h2> <p>Ich gönne jedem seine Therapie und auch <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-32618-9">seine Medikamente</a>, wenn er/sie der Meinung ist, dass das mehr hilft als schadet. Ich will nur die falsche Magie aus dieser Diskussion haben.</p> <p>Denn mit dem nachweislich falschen Gen- und Gehirn-Sprech werden die Probleme ausschließlich im Individuum lokalisiert. Obwohl man es nicht in den vielen Patientinnen und Patienten nachweisen kann – die Gehirnscanner stehen doch bereit! –, soll es da an Dopamin oder Noradrenalin mangeln. Also wenn jemand etwas schüchtern ist und mit einem Glas Sekt sozialer wird, dann hatte er oder sie vorher einen Alkoholmangel?</p> <p>Dass das nicht nur Theorie ist, lässt sich zeigen, wenn ich auf den Fehler von Quarks mit dem fehlenden Interesse zurückkomme. Wann fehlt uns denn das Interesse? In der Regel dann, wenn wir etwas langweilig oder eintönig finden – oder auch dann, wenn wir ermüdet sind.</p> <p>Dann fällt es uns oft schwerer, uns für etwas zu motivieren. Ist es Zufall, dass stimulierende Substanzen wie Amphetamin, Methylphenidat oder Kokain die subjektive Energie, das Gefühl der Wachheit, die Motivation erhöhen? Und dass es Menschen damit leichter fällt, eintönige Aufgaben zu erledigen?</p> <p>Meine Forderung ist schlicht: nicht immer nur aufs Individuum zu schauen, sondern auch auf die Umgebung. Dann wird zum Beispiel ADHS nicht nur ein Thema der Psychiater, sondern auch von Psychologen, Pädagogen, Sozialarbeiten, Umweltmedizinern, der Gestaltung von Schulunterricht und Erziehung. Dann sucht man die Ursachen nicht nur im Einzelnen – und wir man nicht selten an anderen Orten fündig.</p> <h2 id="h-p-s-zur-gehirn-psychiatrie">P.S. Zur ‚Gehirn-Psychiatrie‘</h2> <p>Ja ja, ich weiß: Ich habe die Forschung nicht verstanden, obwohl ich in drei psychiatrischen Universitätskliniken gearbeitet und mit Verfahren der bildgebenden Hirnforschung meine kognitionswissenschaftlich Doktorarbeit abgeschlossen habe. Ich schwurble.</p> <p>Ich schwurble sogar so sehr, dass ich Bachelorstudierende der Psychologie im dritten Jahr mit etwas Anleitung einen der am häufigsten zitierten psychiatrischen Belege für die Behauptung, ADHS sei eine Gehirnstörung, analysieren ließ. Eine über tausendfach zitierte <a href="https://www.thelancet.com/journals/lanpsy/article/PIIS2215-0366(17)30049-4/abstract?ref=tomecontroldesusalud.com">Publikation</a> in <em>Lancet Psychiatry</em>. Über mehrere Jahre waren 100 Prozent meiner Studierenden in Gruppenarbeit dazu in der Lage, die grundlegenden Fehler dieser Behauptung herauszuarbeiten.</p> <p>Ja ja, ich weiß: Wir schwurbeln alle und jetzt verstecke ich mich sogar hinter meinen Bachelorstudierenden!</p> <p>Martine Hoogman von der Universitätsklinik in Nijmegen, die Erstautorin dieser Studie, wurde kürzlich für einen <a href="https://www.nytimes.com/2025/04/13/magazine/adhd-medication-treatment-research.html">ausführlichen Artikel zu ADHS</a> im <em>New York Times Magazine</em> befragt. Meiner Meinung nach waren ihre Gehirnfunde viel zu klein, um etwas über Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne ADHS-Diagnose aussagen zu können. Das sage ich seit bald zehn Jahren.</p> <p>Interessant, dass Hoogman, die die Botschaft “ADHS ist eine Gehirnstörung” in die Welt setzte, was massiv von den Medien verbreitet wurde, nun scheinbar ihre Meinung geändert hat:</p> <blockquote> <p>“Als ich Hoogman kürzlich per E-Mail interviewte, war ich überrascht zu erfahren, dass sie ihre Aussage im Nachhinein bereut. ‘Damals betonten wir die von uns festgestellten Unterschiede (wenn auch geringfügige), aber man kann auch schlussfolgern, dass das subkortikale und kortikale Volumen von Menschen mit und ohne ADHS nahezu identisch ist’, schrieb sie. Rückblickend fügte sie hinzu, es sei nicht angemessen gewesen, aus ihren Ergebnissen zu schließen, dass ADHS eine Hirnstörung sei.” (<em>New York Times Magazine</em>, 2025)</p> </blockquote> <p>Gehirnstörung oder nicht, andere Gehirne oder (nahezu) identisch – wo ist da der Unterschied? Man rühre im Quark und alles wird gleich.</p> <p>Tja, wer schwurbelt hier? Wer verfolgt damit seine finanziellen, Karriere- und Aufmerksamkeitsinteressen? Und wer wagt es, die herrschende Meinung zu kritisieren, und setzt sich damit Angriffen aus?</p> <h2 id="h-quark-s">Quark(s)</h2> <p>Um Missverständnisse zu vermeiden: Dass es Menschen mit – mehr oder weniger großen – Aufmerksamkeitsproblemen gibt, bestreitet niemand. Es geht darum, wie man – individuell und gesellschaftlich – damit umgehen soll.</p> <p>Welche Antwort bekommt man, wenn man eine anerkannte Wissenschaftsredaktion befragt? “Warum sind Betroffene oft hibbelig und unkonzentriert? Die Veränderungen im Gehirn wirken sich auf das Verhalten aus” (Quark). Nein, allgemeine Gehirnveränderungen wurden für ADHS nie nachgewiesen und sind auch im klinischen Einzelfall nicht belegt, weder bei der Diagnose noch in der Therapie. Dass Menschen auf psychoaktive Substanzen oder Verhaltenstherapie ansprechen, beweist nicht die Existenz eines Dings ADHS im Gehirn.</p> <p>Ich trete nur dafür ein, auch <em>die Umgebung</em> mitzudenken. In diesem Zusammenhang ist ein Quarks-Symptom für die hyperaktive Variante von ADHS interessant: “Es kann schwerfallen, auf Belohnungen zu warten.” Genau, zum Beispiel wenn Schulunterricht, wo sich die Symptome am häufigsten äußern, mit Social Media Apps konkurrieren, wo man permanent und endlos stimulierende Inhalte gezeigt bekommt.</p> <p>Es sei noch einmal daran erinnert, dass sowohl die ADHS-Diagnosen als auch Verschreibung stimulierender Psychopharmaka <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/">seit den 1990ern stark anstieg</a>, erst bei Kindern und Jugendlichen, dann auch zunehmend bei Erwachsenen. Ist es reiner Zufall, dass das mit der Digitalisierung der Gesellschaft einhergeht, wo die Konkurrenz um die Aufmerksamkeit immer größer wird?</p> <h2 id="h-neu-woruber-psychiater-ungern-sprechen">Neu: Worüber Psychiater ungern sprechen</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen, die Geschichte und Irrtümer der Psychiatrie und Alternativen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736">im BoD Shop</a>. 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Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/illustrations/brain-mind-psychology-idea-drawing-2062057/">ElisaRiva</a> (modifiziert), <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/46b637f80507487cb00e88be7a02cbae" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-in-den-medien-was-laeuft-schief-beispiel-quarks/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>80</slash:comments> </item> <item> <title>„ät“ Zimtschnecke https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/aet-zimtschnecke/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/aet-zimtschnecke/#comments Sun, 21 Dec 2025 14:51:23 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12358 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/AT_zimtschnecke.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/aet-zimtschnecke/</link> </image> <description type="html"><h1>"ät" Zimtschnecke » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Das “ät”-Zeichen, @, ist eigentlich ein sehr altes, mindestens tausend Jahre altes, Schriftzeichen. Es lässt sich seit dem Mittelalter belegen und wurde damals im kaufmännischen Kontext genutzt. Das Symbol stand für ein Hohlraummaß, d.h. es wurde zur Angabe von Volumina genutzt (statt heute “Liter”).  </p> <h2>Arroba</h2> <p>Von dieser Historie zeugt der englische Name “commercial at”, während die iberischen Sprachen (auf Spanisch, Portugiesisch, Katalanisch) das Wort “arroba” nutzen, das sich von Arabisch “ar-rub'”, ein Viertel, ableitet: ein Viertel von dem, was ein Esel tragen kann. Nun ist das, was ein Esel tragen ein Gewicht und es hängt von der Dichte des Transportguts ab, wie viel Volumen dies einnimmt. Öl, Wein und Honig (oder gar Zucker, Mehl…) haben z.B. unterschiedliche Dichten und daher entspricht ein Volumen-Arroba unterschiedlich vielen Kilogramm. Allerdings wurde und wird die Einheit “Arroba” später (und in Lateinamerika bis heute) als Gewichtsmaß verwendet. Aufgrund der unterschiedlichen Dichten der gehandelten Güter, gibt es historisch unterschiedliche Angaben, wie viel Kilogramm nun eigentlich ein Arroba ist: irgendwas zwischen fast 10 und 16 kg – je nachdem, in welcher Gegend. </p> <p>“<em><strong>Arroba</strong></em>” ist jedenfalls das Wort, das mit “A” beginnt und von dem sich das<strong> Zeichen “@” ableitet</strong>, das wir inzwischen “At-Zeichen” nennen, weil es im Zeitalter von E-Mail in Adressen die wohl häufigste Anwendung findet. Noch vor ca. 25 Jahren nannte man es auf Deutsch mitunter umgangssprachlich “Klammeraffe” und die mittelalterliche Maßeinheit war bereits vergessen. </p> <p>In anderen Sprachen hat das lustige Zeichen aber andere Namen: <strong>im Schwedischen</strong> wird es zwar offiziell “Rüssel-A” (<em>snabel-a</em>) genannt, aber umgangssprachlich mitunter als “<em>kanebulle</em>“, <strong>Zimtschnecke,</strong> bezeichnet (behauptet zumindest die <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/At_sign#Names_in_other_languages">englische wikipedia</a>), womit es zur aktuellen Jahreszeit hervorragend passt.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/AT_zimtschnecke.jpg"><img alt="" decoding="async" height="408" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 744px) 100vw, 744px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/AT_zimtschnecke.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/AT_zimtschnecke.jpg 744w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/AT_zimtschnecke-300x165.jpg 300w" width="744"></img></a><figcaption>Zimtschnecke </figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium.jpg 1920w" width="1024"></img></a></figure> <h2>Zeichen</h2> <p>Mit Blick auf den Jahreswechsel wird derzeit ja häufig über “Zeichen” geredet: Vorzeichen, Orakel, Sternzeichen etc. Während die Sonne gerade im neunten Zeichen (Schütze, Sagittarius) steht und mit der Wintersonnenwende um 16:03 ins zehnte Zeichen (Steinbock, Capricornus) wechselt, steht sie innerhalb der Grenzen des IAU-Sternbilds Sagittarius. Sie hat es erst vor wenigen Tagen betreten und stand zuvor im Ophiuchus, Schlangenträger.  <aside></aside></p> <h3>@</h3> <p>“Arroba”, das “At-Zeichen”, ist das vierundsechzigste ASCII-Zeichen, also im ursprünglichen Basissatz von 128 (2<sup>7</sup>, zwei hoch sieben) Schriftzeichen, die mit Nullen und Einsen (binär) dargestellt werden konnten, ist es enthalten. Es wird also binär “<strong>0100 0000</strong>” geschrieben: von rechts nach links gelesen (wie alle Zahlen unseres Positionssystems): null mal 2<sup>0 </sup>=1, null mal 2<sup>1 </sup>=2, null mal 2<sup>2 </sup>=4, null mal 8, null mal 2<sup>4 </sup>=16, null mal 2<sup>5 </sup>=32, ein mal 2<sup>6 </sup>=64, null mal 2<sup>7 </sup>=128.</p> <table> <tbody> <tr> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>1</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> </tr> <tr> <td>2<sup>7</sup></td> <td>2<sup>6</sup></td> <td>2<sup>5</sup></td> <td>2<sup>4</sup></td> <td>2<sup>3</sup></td> <td>2<sup>2</sup></td> <td>2<sup>1</sup></td> <td>2<sup>0</sup></td> </tr> <tr> <td>128</td> <td>64</td> <td>32</td> <td>16</td> <td>8</td> <td>4</td> <td>2</td> <td>1</td> </tr> </tbody> </table> <p>In Unicode heißt die Zimtschnecke “U+0040”, denn Unicode wird mit vier Ziffern zur Basis 16 geschrieben (hexadezimal).  </p> <table> <tbody> <tr> <td><strong><span>0</span></strong></td> <td><strong><span>0</span></strong></td> <td><strong><span>4</span></strong></td> <td><strong><span>0</span></strong></td> </tr> <tr> <td>16<sup>3</sup></td> <td>16<sup>2</sup></td> <td>16<sup>1</sup></td> <td>16<sup>0</sup></td> </tr> <tr> <td>4096</td> <td>256</td> <td>16</td> <td>1</td> </tr> </tbody> </table> <p>Für weitere Darstellung siehe UTF8-Kodierungstabelle, z.B.<a href="https://www.utf8-chartable.de/unicode-utf8-table.pl?utf8=bin"> diese hier</a>.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi.jpg"><img alt="" decoding="async" height="699" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi-1024x699.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi-1024x699.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi-300x205.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi-768x524.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi.jpg 1280w" width="1024"></img></a></figure> <h2>Code der Zimtschnecke</h2> <p>Wenn Sie also zum Bäcker gehen und “U+0040” bestellen, kann dies auf zweierlei Weise interpretiert werden: entweder ein Arroba (irgendwas zwischen 10 und 15 kg) von Irgendwas oder – wenn’s ein schwedischer Bäcker ist – eine Zimtschnecke. 🙂</p> <p>Frohe Wintersonnenwende!</p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>"ät" Zimtschnecke » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Das “ät”-Zeichen, @, ist eigentlich ein sehr altes, mindestens tausend Jahre altes, Schriftzeichen. Es lässt sich seit dem Mittelalter belegen und wurde damals im kaufmännischen Kontext genutzt. Das Symbol stand für ein Hohlraummaß, d.h. es wurde zur Angabe von Volumina genutzt (statt heute “Liter”).  </p> <h2>Arroba</h2> <p>Von dieser Historie zeugt der englische Name “commercial at”, während die iberischen Sprachen (auf Spanisch, Portugiesisch, Katalanisch) das Wort “arroba” nutzen, das sich von Arabisch “ar-rub'”, ein Viertel, ableitet: ein Viertel von dem, was ein Esel tragen kann. Nun ist das, was ein Esel tragen ein Gewicht und es hängt von der Dichte des Transportguts ab, wie viel Volumen dies einnimmt. Öl, Wein und Honig (oder gar Zucker, Mehl…) haben z.B. unterschiedliche Dichten und daher entspricht ein Volumen-Arroba unterschiedlich vielen Kilogramm. Allerdings wurde und wird die Einheit “Arroba” später (und in Lateinamerika bis heute) als Gewichtsmaß verwendet. Aufgrund der unterschiedlichen Dichten der gehandelten Güter, gibt es historisch unterschiedliche Angaben, wie viel Kilogramm nun eigentlich ein Arroba ist: irgendwas zwischen fast 10 und 16 kg – je nachdem, in welcher Gegend. </p> <p>“<em><strong>Arroba</strong></em>” ist jedenfalls das Wort, das mit “A” beginnt und von dem sich das<strong> Zeichen “@” ableitet</strong>, das wir inzwischen “At-Zeichen” nennen, weil es im Zeitalter von E-Mail in Adressen die wohl häufigste Anwendung findet. Noch vor ca. 25 Jahren nannte man es auf Deutsch mitunter umgangssprachlich “Klammeraffe” und die mittelalterliche Maßeinheit war bereits vergessen. </p> <p>In anderen Sprachen hat das lustige Zeichen aber andere Namen: <strong>im Schwedischen</strong> wird es zwar offiziell “Rüssel-A” (<em>snabel-a</em>) genannt, aber umgangssprachlich mitunter als “<em>kanebulle</em>“, <strong>Zimtschnecke,</strong> bezeichnet (behauptet zumindest die <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/At_sign#Names_in_other_languages">englische wikipedia</a>), womit es zur aktuellen Jahreszeit hervorragend passt.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/AT_zimtschnecke.jpg"><img alt="" decoding="async" height="408" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 744px) 100vw, 744px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/AT_zimtschnecke.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/AT_zimtschnecke.jpg 744w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/AT_zimtschnecke-300x165.jpg 300w" width="744"></img></a><figcaption>Zimtschnecke </figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/SUN_today_stellarium.jpg 1920w" width="1024"></img></a></figure> <h2>Zeichen</h2> <p>Mit Blick auf den Jahreswechsel wird derzeit ja häufig über “Zeichen” geredet: Vorzeichen, Orakel, Sternzeichen etc. Während die Sonne gerade im neunten Zeichen (Schütze, Sagittarius) steht und mit der Wintersonnenwende um 16:03 ins zehnte Zeichen (Steinbock, Capricornus) wechselt, steht sie innerhalb der Grenzen des IAU-Sternbilds Sagittarius. Sie hat es erst vor wenigen Tagen betreten und stand zuvor im Ophiuchus, Schlangenträger.  <aside></aside></p> <h3>@</h3> <p>“Arroba”, das “At-Zeichen”, ist das vierundsechzigste ASCII-Zeichen, also im ursprünglichen Basissatz von 128 (2<sup>7</sup>, zwei hoch sieben) Schriftzeichen, die mit Nullen und Einsen (binär) dargestellt werden konnten, ist es enthalten. Es wird also binär “<strong>0100 0000</strong>” geschrieben: von rechts nach links gelesen (wie alle Zahlen unseres Positionssystems): null mal 2<sup>0 </sup>=1, null mal 2<sup>1 </sup>=2, null mal 2<sup>2 </sup>=4, null mal 8, null mal 2<sup>4 </sup>=16, null mal 2<sup>5 </sup>=32, ein mal 2<sup>6 </sup>=64, null mal 2<sup>7 </sup>=128.</p> <table> <tbody> <tr> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>1</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> <td><span><strong>0</strong></span></td> </tr> <tr> <td>2<sup>7</sup></td> <td>2<sup>6</sup></td> <td>2<sup>5</sup></td> <td>2<sup>4</sup></td> <td>2<sup>3</sup></td> <td>2<sup>2</sup></td> <td>2<sup>1</sup></td> <td>2<sup>0</sup></td> </tr> <tr> <td>128</td> <td>64</td> <td>32</td> <td>16</td> <td>8</td> <td>4</td> <td>2</td> <td>1</td> </tr> </tbody> </table> <p>In Unicode heißt die Zimtschnecke “U+0040”, denn Unicode wird mit vier Ziffern zur Basis 16 geschrieben (hexadezimal).  </p> <table> <tbody> <tr> <td><strong><span>0</span></strong></td> <td><strong><span>0</span></strong></td> <td><strong><span>4</span></strong></td> <td><strong><span>0</span></strong></td> </tr> <tr> <td>16<sup>3</sup></td> <td>16<sup>2</sup></td> <td>16<sup>1</sup></td> <td>16<sup>0</sup></td> </tr> <tr> <td>4096</td> <td>256</td> <td>16</td> <td>1</td> </tr> </tbody> </table> <p>Für weitere Darstellung siehe UTF8-Kodierungstabelle, z.B.<a href="https://www.utf8-chartable.de/unicode-utf8-table.pl?utf8=bin"> diese hier</a>.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi.jpg"><img alt="" decoding="async" height="699" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi-1024x699.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi-1024x699.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi-300x205.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi-768x524.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/USASCII_code_chart_hi.jpg 1280w" width="1024"></img></a></figure> <h2>Code der Zimtschnecke</h2> <p>Wenn Sie also zum Bäcker gehen und “U+0040” bestellen, kann dies auf zweierlei Weise interpretiert werden: entweder ein Arroba (irgendwas zwischen 10 und 15 kg) von Irgendwas oder – wenn’s ein schwedischer Bäcker ist – eine Zimtschnecke. 🙂</p> <p>Frohe Wintersonnenwende!</p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/aet-zimtschnecke/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>3</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeoPlänkel: Luftzerplatzer, ungemütlicher Mars und kosmische Enden https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-luftzerplatzer-ungemuetlicher-mars-und-kosmische-enden/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-luftzerplatzer-ungemuetlicher-mars-und-kosmische-enden/#comments Sun, 21 Dec 2025 06:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1805 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag129-768x768.jpg Dreigeteiltes Quadrat einer brennenden Stadt, einer rötlich leuchtende, ovale Galaxie und einer düsteren Landschaft mit diffusen Wolken an einem grau-türkisen Himmel. Darüber steht: AstroGeoPlänkel. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-luftzerplatzer-ungemuetlicher-mars-und-kosmische-enden/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag129_sl-scaled.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Luftzerplatzer, ungemütlicher Mars und kosmische Enden » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2025-12-21T07:00:00+01:00">21. Dez. 2025</time></li><li> <span> Von <a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/author/urban/"> Karl Urban </a> </span> </li><li>Lesedauer ca. 2 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <blockquote> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag129-geplaenkel.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>In dieser Folge widmen sich Franzi und Karl dem Feedback zu den letzten Geschichten im AstroGeo Podcast. Besonders gefallen hat ihnen eine E-Mail von einer österreichischen Alm, mit Milchstraße, Satelliten und kindlichem Staunen über das „Mittendrinsein“ im Weltall.</p> <p>Franzi und Karl gehen der Frage nach, warum eine Astronautin am Ereignishorizont eines Schwarzen Lochs für weit entfernte Beobachter so wirkt, als sei sie eingefroren. Außerdem geht es um Singularitäten, Gravitation und der Frage, was wir wirklich „sehen“, wenn wir Bilder von Schwarzen Löchern betrachten.<aside></aside></p> <p>Auch zu unserem Nachbarplaneten Mars gab es Fragen: zu seiner dünnen Atmosphäre und ihrer chemischen Zusammensetzung, zu realen und hypothetischen Fluggeräten, sowie zu historischen Irrtümern. Und dann wäre da auch noch die künftige Besiedlung des Roten Planeten durch Menschen: Karl zweifelt am vermeintlich wirtschaftlichen Geschäftsmodell von SpaceX, das derzeit bereits diverse dramatische Folgen auf das Gemeinwohl auf der Erde hat. Es geht aber nicht nur um die fehlende Nachhaltigkeit von kommerziellen Unternehmen: Karl erzählt vom Buch „<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/A_City_on_Mars">A City on Mars</a>“, das von der menschlichen Fortpflanzung jenseits der Erde handelt, die bis heute zahlreiche biologische und damit auch ethische Fragen aufwirft.</p> </blockquote> <p>Schließlich gibt es Fragen zum Ende – genauer gesagt zu Franzis Folge über das Ende des Universums. Es geht um den Big Rip, den Big Crunch, den Big Freeze oder ob der Urknall eigentlich durch die uns bekannten Naturgesetze ausgelöst wurde. Wir sprechen auch darüber, ob im AstroGeo Podcast abseitige wissenschaftliche Hypothesen vorgestellt werden sollten, wo Franzi und Karl ihre Rolle als Journalisten sehen – und wo nicht.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/41cea3ac9a200678.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1536px) 100vw, 1536px" src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/41cea3ac9a200678.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/41cea3ac9a200678.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/41cea3ac9a200678-300x200.png 300w" width="1536"></img></a><figcaption>Quelle: @fee@nerdculture.de</figcaption></figure> <p>Karl beantwortet auch eure Fragen zu Sodom und Gomorra und dem vermeintlichen Luftzerplatzer eines Meteoriten in der Bronzezeit: Hörende erzählen vom real existierenden Peer Review oder ihren Erfahrungen mit Bibeltexten.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 120: <a href="https://astrogeo.de/riss-in-der-raumzeit-wie-karl-schwarzschild-auf-schwarze-loecher-stiess/">Raumzeit-Riss: Wie Karl Schwarzschild auf Schwarze Löcher stieß</a></li> <li>Folge 123: <a href="https://astrogeo.de/weisse-zwerge-die-rettung-vor-dem-schwarzen-loch/">Weiße Zwerge – die Rettung vor dem Schwarzen Loch?</a></li> <li>Folge 124: <a href="https://astrogeo.de/cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/">Cygnus X-1: Wie findet man ein Schwarzes Loch?</a></li> <li>Folge 126: <a href="https://astrogeo.de/ag126-von-marskanaelen-zum-wolkenatlas-duenne-luft-auf-dem-mars/">Von Marskanälen zum Wolkenatlas: Dünne Luft auf dem Mars</a></li> <li>Folge 127: <a href="https://astrogeo.de/aus-und-vorbei-das-universum-und-sein-ende/">Aus und vorbei: Das Universum und sein Ende</a></li> <li>Folge 128: <a href="https://astrogeo.de/biblische-bilder-broeckelnde-beweise-was-hat-sodom-und-gomorra-zerstoert/">Bröckelnde Beweise: Was hat Sodom und Gomorra zerstört?</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li><a href="https://astrogeo.de/cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/#comment-16905">Kommentar Klaus Kassner zu AG124 Wie findet man ein Schwarzes Loch?</a></li> <li>WP: <a href="https://it.wikisource.org/wiki/Lettere_(Galileo)/VIII/c">Lettere (Galileo)/VIII/c (italienisch)</a></li> <li>BR: <a href="https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/warum-ist-das-universum-so-eine-physikalische-sinnsuche/2109239">Warum ist das Universum so? Eine physikalische Sinnsuche, von Franzi</a></li> <li>Arte: <a href="https://www.youtube.com/playlist?list=PLHojeOC3kHtn8MTiQOh2nWpLruIrJ2Ar9">Geburt des Christentums</a> (YouTube-Link)</li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/A_City_on_Mars">A City on Mars (Buch)</a></li> <li>T3N: <a href="https://t3n.de/news/nasa-schlaegt-alarm-wie-starlink-und-co-die-weltraumforschung-sabotieren-1719927/">Nasa schlägt Alarm: Wie Starlink und Co. die Weltraumforschung sabotieren</a></li> </ul> <p><em>Episodenbild: Public Domain: John Martin (1852); ESO; NASA/JPL-Caltech/MSSS/Simeon Schmauß</em></p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/Karl-Urban_avatar_1_2.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/Karl-Urban_avatar_1_2.jpg 2x" width="200"></img> <p>Karl Urban wäre gern zu den Sternen geflogen. Stattdessen gründete er 2001 das Weltraumportal Raumfahrer.net und fühlt sich im Netz seitdem sehr wohl. Er studierte Geowissenschaften und schreibt für Online-, Hörfunk- und Print-Publikationen. Nebenbei podcastet und bloggt er.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag129_sl-scaled.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Luftzerplatzer, ungemütlicher Mars und kosmische Enden » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2025-12-21T07:00:00+01:00">21. Dez. 2025</time></li><li> <span> Von <a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/author/urban/"> Karl Urban </a> </span> </li><li>Lesedauer ca. 2 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <blockquote> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag129-geplaenkel.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>In dieser Folge widmen sich Franzi und Karl dem Feedback zu den letzten Geschichten im AstroGeo Podcast. Besonders gefallen hat ihnen eine E-Mail von einer österreichischen Alm, mit Milchstraße, Satelliten und kindlichem Staunen über das „Mittendrinsein“ im Weltall.</p> <p>Franzi und Karl gehen der Frage nach, warum eine Astronautin am Ereignishorizont eines Schwarzen Lochs für weit entfernte Beobachter so wirkt, als sei sie eingefroren. Außerdem geht es um Singularitäten, Gravitation und der Frage, was wir wirklich „sehen“, wenn wir Bilder von Schwarzen Löchern betrachten.<aside></aside></p> <p>Auch zu unserem Nachbarplaneten Mars gab es Fragen: zu seiner dünnen Atmosphäre und ihrer chemischen Zusammensetzung, zu realen und hypothetischen Fluggeräten, sowie zu historischen Irrtümern. Und dann wäre da auch noch die künftige Besiedlung des Roten Planeten durch Menschen: Karl zweifelt am vermeintlich wirtschaftlichen Geschäftsmodell von SpaceX, das derzeit bereits diverse dramatische Folgen auf das Gemeinwohl auf der Erde hat. Es geht aber nicht nur um die fehlende Nachhaltigkeit von kommerziellen Unternehmen: Karl erzählt vom Buch „<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/A_City_on_Mars">A City on Mars</a>“, das von der menschlichen Fortpflanzung jenseits der Erde handelt, die bis heute zahlreiche biologische und damit auch ethische Fragen aufwirft.</p> </blockquote> <p>Schließlich gibt es Fragen zum Ende – genauer gesagt zu Franzis Folge über das Ende des Universums. Es geht um den Big Rip, den Big Crunch, den Big Freeze oder ob der Urknall eigentlich durch die uns bekannten Naturgesetze ausgelöst wurde. Wir sprechen auch darüber, ob im AstroGeo Podcast abseitige wissenschaftliche Hypothesen vorgestellt werden sollten, wo Franzi und Karl ihre Rolle als Journalisten sehen – und wo nicht.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/41cea3ac9a200678.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1536px) 100vw, 1536px" src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/41cea3ac9a200678.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/41cea3ac9a200678.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/41cea3ac9a200678-300x200.png 300w" width="1536"></img></a><figcaption>Quelle: @fee@nerdculture.de</figcaption></figure> <p>Karl beantwortet auch eure Fragen zu Sodom und Gomorra und dem vermeintlichen Luftzerplatzer eines Meteoriten in der Bronzezeit: Hörende erzählen vom real existierenden Peer Review oder ihren Erfahrungen mit Bibeltexten.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 120: <a href="https://astrogeo.de/riss-in-der-raumzeit-wie-karl-schwarzschild-auf-schwarze-loecher-stiess/">Raumzeit-Riss: Wie Karl Schwarzschild auf Schwarze Löcher stieß</a></li> <li>Folge 123: <a href="https://astrogeo.de/weisse-zwerge-die-rettung-vor-dem-schwarzen-loch/">Weiße Zwerge – die Rettung vor dem Schwarzen Loch?</a></li> <li>Folge 124: <a href="https://astrogeo.de/cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/">Cygnus X-1: Wie findet man ein Schwarzes Loch?</a></li> <li>Folge 126: <a href="https://astrogeo.de/ag126-von-marskanaelen-zum-wolkenatlas-duenne-luft-auf-dem-mars/">Von Marskanälen zum Wolkenatlas: Dünne Luft auf dem Mars</a></li> <li>Folge 127: <a href="https://astrogeo.de/aus-und-vorbei-das-universum-und-sein-ende/">Aus und vorbei: Das Universum und sein Ende</a></li> <li>Folge 128: <a href="https://astrogeo.de/biblische-bilder-broeckelnde-beweise-was-hat-sodom-und-gomorra-zerstoert/">Bröckelnde Beweise: Was hat Sodom und Gomorra zerstört?</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li><a href="https://astrogeo.de/cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/#comment-16905">Kommentar Klaus Kassner zu AG124 Wie findet man ein Schwarzes Loch?</a></li> <li>WP: <a href="https://it.wikisource.org/wiki/Lettere_(Galileo)/VIII/c">Lettere (Galileo)/VIII/c (italienisch)</a></li> <li>BR: <a href="https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/warum-ist-das-universum-so-eine-physikalische-sinnsuche/2109239">Warum ist das Universum so? Eine physikalische Sinnsuche, von Franzi</a></li> <li>Arte: <a href="https://www.youtube.com/playlist?list=PLHojeOC3kHtn8MTiQOh2nWpLruIrJ2Ar9">Geburt des Christentums</a> (YouTube-Link)</li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/A_City_on_Mars">A City on Mars (Buch)</a></li> <li>T3N: <a href="https://t3n.de/news/nasa-schlaegt-alarm-wie-starlink-und-co-die-weltraumforschung-sabotieren-1719927/">Nasa schlägt Alarm: Wie Starlink und Co. die Weltraumforschung sabotieren</a></li> </ul> <p><em>Episodenbild: Public Domain: John Martin (1852); ESO; NASA/JPL-Caltech/MSSS/Simeon Schmauß</em></p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/Karl-Urban_avatar_1_2.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/Karl-Urban_avatar_1_2.jpg 2x" width="200"></img> <p>Karl Urban wäre gern zu den Sternen geflogen. Stattdessen gründete er 2001 das Weltraumportal Raumfahrer.net und fühlt sich im Netz seitdem sehr wohl. Er studierte Geowissenschaften und schreibt für Online-, Hörfunk- und Print-Publikationen. Nebenbei podcastet und bloggt er.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-luftzerplatzer-ungemuetlicher-mars-und-kosmische-enden/#comments 13 Mainz – über 2000 Jahre Glanz und ein paar Schatten https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/mainz-ueber-2000-jahre-glanz-und-ein-paar-schatten/ https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/mainz-ueber-2000-jahre-glanz-und-ein-paar-schatten/#comments Sat, 20 Dec 2025 01:26:57 +0000 Karin Schumacher https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/?p=4600 https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg Domplatz Mainz und St. Martin, das Wahrzeichen der Stadt. https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/mainz-ueber-2000-jahre-glanz-und-ein-paar-schatten/ <h1>Mainz - über 2000 Jahre Glanz und ein paar Schatten » Medicine & More » SciLogs</h1><h2>By Karin Schumacher</h2><div itemprop="text"> <p><strong><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/4101b2e3cfa34669a79690112d5b2d10" width="1"></img>Was macht Mainz seit Jahrtausenden so besonders? Ein Blick auf 2000 Jahre Geschichte – von Mogontiacum über den Buchdruck bis zu moderner Forschung, lebendiger Kultur und überraschenden Ideen der Gegenwart.</strong><span id="more-4600"></span></p> <p>1450 erfand der Mainzer Johannes Gutenberg den Buchdruck und begründete damit die Ära der massenhaften Wissensverbreitung. 570 Jahre später startete die Mainzer Biotech-Firma BioNTech ihr “Project Lightspeed”, das ein Jahr später zur Zulassung des weltweit ersten mRNA-Impfstoffs gegen COVID-19 führte. Trotz unseres Besuchs bei BioNTech (<a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/von-mainz-in-die-welt-biontechs-weg-zur-globalen-innovation/">s. mein voriger Artikel</a>), am Helmholtz Institute for Translational Oncology (HI-TRON) und im LEIZA, dem neuen Leibniz-Zentrum für Archäologie (s. auch unseren spannenden <a href="https://wpk.org/was-wir-bieten/recherchereisen/berichte-der-recherchereise-nach-mainz/" rel="noopener" target="_blank">Reisebericht</a> bei der WPK e.V.) blieb etwas Zeit, um zu entdecken, was diese Stadt so besonders macht.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4602" id="attachment_4602"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4602">Schmunzelnde Fußgänger dank Mainzelmännchen‑Ampeln. Was wäre, wenn jede Stadt ihre eigene Ampel‑Ikone hätte? (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Mainz ist eine Stadt, die Geschichte lebt. Gegründet von den Römern als Mogontiacum, entwickelte sie sich über die Jahrhunderte zu einem Ort wechselnder Kulturen, an dem immer wieder Ideen entstanden, die die Welt veränderten. In der Altstadt regeln die Mainzelmännchen den Fußgängerverkehr. Folgen wir den kleinen Kerlchen – auf einem Weg durch mehr als 2000 Jahre faszinierende Geschichte.</p> <p>Mainz blickt auf über 2000 Jahre Stadtgeschichte zurück. Gegründet wurde sie um 13/12 v. Chr. von den Römern unter Feldherr Drusus, dem Stiefsohn Kaiser Augustus’. Auf einem strategisch günstig gelegenen Hochplateau gegenüber der Mündung des Mains errichteten sie das Legionslager Mogontiacum, das bald zum militärischen und später zivilen Zentrum der Region wurde. [1]</p> <p>Die Römer nutzten dabei häufig bestehende Kultorte – so auch hier, wo sich vermutlich zuvor eine keltische Kultstätte befand. Der Name “Mogontiacum” geht auf den keltischen Gott Mogon zurück, der als Heil- oder Sonnengott gedeutet wird. Um 300 war Mogontiacum Hauptstadt der römischen Provinz Germania Secunda.<aside></aside></p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4603" id="attachment_4603"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4603">Rekonstruktion einer römischen Fußbodenheizung (Hypocaustum) am Romano-Guardini-Platz, Mainz: antike Baukunst mit hohem Energieaufwand (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Um das Jahr 1400 wurde in einem Mainzer Adelshof, dem Gutenberghof, ein Kind geboren. Wann genau, wissen wir nicht mehr. Auch sein Aussehen ist unbekannt; das erste Porträt entstand rund 100 Jahre nach seinem Tod. Der Junge wurde Johannes getauft, Henne genannt, und trug amtlich den Namen Johannes Gensfleisch. Die Welt kennt ihn heute als Johannes Gutenberg. Als er am 03. Februar 1468 starb, hatte er der Welt ein Vermächtnis hinterlassen, von dem wir alle bis heute profitieren [2].<br></br>Henne wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf. Vermutlich erhielt er eine gute Schulbildung, vielleicht studierte er sogar. Um 1434 zog er nach Straßburg, das damals ein kreatives, internationales Milieu bot. Schon dort muss er an dem Projekt gearbeitet haben, das später die Welt verändern sollte.</p> <p>1448 kehrte er nach Mainz zurück. Er nahm einen Kredit über 1600 Gulden auf – eine enorme Summe, wenn man bedenkt, dass ein Handwerksmeister rund 50 Gulden im Jahr verdiente. Gutenberg entwickelte bewegliche, wiederverwendbare Metalllettern: eine revolutionäre Neuerung, denn zuvor wurden Texte per Hand geschrieben oder spiegelverkehrt in Holz geschnitzt und wie Stempel gedruckt.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4586" id="attachment_4586"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="Johannes Gutenberg – Erfinder des Buchdrucks und Mainzer Visionär. Auch er investierte mutig in Innovation." decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4586">Johannes Gutenberg – Erfinder des Buchdrucks und Mainzer Visionär. Schon er investierte mutig in Innovation. (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Um 1450 begann die erste Druckpresse mit beweglichen Lettern zu arbeiten. Zwischen 1452 und 1454 entstand die erste gedruckte Bibel. Zwei der noch erhaltenen 49 Gutenberg-Bibeln befinden sich im Gutenberg-Museum in Mainz. Mehr als 500 Jahre lang wurde nach Gutenbergs Prinzip gedruckt, bevor in den 1970ern neue Techniken übernahmen.</p> <p>Bildung wurde durch seine Erfindung prinzipiell für alle zugänglich, die lesen konnten. Einer der ersten, die dies erfolgreich nutzten, war der Reformator Martin Luther, der seine Ansichten auf Flugblätter drucken ließ. Seine Reformation der Kirche gilt neben der Erfindung des Buchdrucks und der Eroberung Amerikas als Ende des Mittelalters und Beginn der Neuzeit. Heute erinnert das Gutenberg-Denkmal auf dem Marktplatz an den großen Mainzer Erfinder.</p> <h2>Der Alte Dom – St. Johannis</h2> <p>Am späten Nachmittag trafen wir am Modell des Neuen Doms einen Mann, der mit Leidenschaft über die Geschichte der Mainzer Kirchen sprach. St. Johannis, der “Alte Dom”, erklärte er, sei die älteste Kirche der Stadt und eine der ältesten nördlich der Alpen. Sie wurde im 5. oder 6. Jahrhundert zu einem dreischiffigen Raum umgebaut und war ursprünglich dem Heiligen Martin von Tours geweiht. Das Gelände dürfte zuvor keltischen, später römischen Kulten gedient haben.</p> <p>Um 1000 entstand ein spätottonischer Neubau mit zwei Chören und einer Krypta. 1002 und 1024 fanden hier die Königskrönungen Heinrichs II. und Konrads II. statt. Seit 2013 finden in der Kirche faszinierende archäologische Ausgrabungen statt, die wichtige Einblicke in die Bau- und Nutzungsgeschichte des Alten Doms liefern. Diese können <a href="https://www.mainz-alter-dom.de/hauptbauphasen-von-st-johannis-in-stichworten/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> nachverfolgt werden (siehe auch [3]).</p> <p>Dabei wurde u. a. bestätigt, dass Erzbischof Erkanbald 1021 hier beerdigt wurde; sein Grab wurde nach 1000 Jahren geöffnet und untersucht. Nach der Weihe des heutigen Doms im Jahr 1036 wurde St. Johannis zur Stiftskirche und dem Evangelisten Johannes geweiht. Heute ist sie evangelisch.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4604" id="attachment_4604"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="511" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x785.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x785.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x230.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x589.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1177.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1569.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4604">St. Johannis, der Alte Dom in Mainz – historische Kirche und Ort faszinierender archäologischer Ausgrabungen. Dahinter St. Martin, der Neue Dom. (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Der Mann wies darauf hin, dass frühe Sakralbauten andere statische Prinzipien hatten. Als im Hochmittelalter Wissen verloren ging – durch Brüche in der Überlieferung, Seuchen, Kriege oder die Inquisition -, mussten neue architektonische Lösungen wie Querschiffe geschaffen werden. Ein Satz, der nachdenklich stimmte.</p> <h2>Der Neue Dom – St. Martin: steinerne Mitte der Stadt</h2> <p>Unübersehbarer Mittelpunkt der Altstadt ist der Neue Dom, St. Martin. Er liegt nur wenige Schritte von St. Johannis entfernt und war einst durch einen Gang mit ihm verbunden. Seit über 1000 Jahren prägt er das Stadtbild – ein monumentales Ensemble aus romanischen, gotischen und barocken Elementen [4].</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4607" id="attachment_4607"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4607">Domplatz Mainz und St. Martin, das Wahrzeichen der Stadt. (Foto <span>Credit: Dr. Karin Schumacher)</span></figcaption></figure> <p>Neben Speyer und Worms zählt der Mainzer Dom zu den drei rheinischen Kaiserdomen – den Höhepunkten der deutschen Romanik. Erzbischof Willigis (975-1011) ließ um 1000 eine Kathedralanlage nach dem Vorbild von Alt St. Peter in Rom errichten. Williges war einer der einflussreichsten Mainzer Erzbischöfe des Mittelalters. Er hatte vom Papst den Vorrang vor allen Erzbischöfen nördlich der Alpen erhalten und damit das Recht, die ostfränkischen Könige zu krönen. Doch kurz vor der geplanten Weihe 1009 brannte der Dom ab; erst 1036 wurde er wieder geweiht.</p> <p>Auch die Bronzetür des Marktportals stammt aus der Willigis-Zeit – ein Werk des Meisters Berenger um 1000. Mit 3,70 Metern Höhe und einem Gewicht von bis zu 1850 Kilogramm sind die Türen beeindruckende Zeugnisse mittelalterlicher Kunst- und Machtsymbolik [5].</p> <p>Der Mainzer Dom war Kathedrale des größten europäischen Erzbistums – von Verden an der Aller bis nach Chur und Prag. Als Sitz eines der wichtigsten geistlichen Kurfürstentümer war Mainz über Jahrhunderte ein Zentrum von Macht, Diplomatie und Kunst. Bis heute symbolisiert St. Martin die geistliche und politische Bedeutung der Stadt. Doch auch ein paar Schatten trüben die glänzende Vergangenheit.</p> <h2>Denunziationen und Hexenprozesse in Kurmainz</h2> <p>Das geistliche Kurfürstentum Mainz zählte mit deutlich mehr als 2000 Opfern auf rund 7000 Quadratkilometern zu den am stärksten betroffenen Regionen der Hexenverfolgungen [6, 7]. Grundlage war die “Peinliche Halsgerichtsordnung” Kaiser Karls V. von 1532. Anzeigen kamen fast ausschließlich aus der Bevölkerung – Denunziationen spielten eine zentrale Rolle.</p> <p>Die Hauptverfolgungszeit verlief in vier Wellen zwischen 1593 und 1630 und endete abrupt mit der Besetzung durch die Schweden. Danach gab es nur noch vereinzelte Prozesse; die letzten Hinrichtungen fanden 1684 im eichsfeldischen Worbis statt.</p> <p>Die meisten Opfer waren verheiratete Frauen um die 55. Der Männeranteil lag jedoch mit 17–30 % relativ hoch. Kinder wurden selten hingerichtet. Betroffen waren vor allem Personen aus Handwerk und bäuerlichen Schichten; Geistliche und Gelehrte selten, Adelige gar nicht.</p> <h2>Denunziationen heute</h2> <p>Denunziationen sind <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-wesir-abdul-%d0%b2%d0%b8%d0%b7%d0%b8%d1%80%d1%8c-%d0%b0%d0%b1%d0%b4%d1%83%d0%bb-maerchen-von-leo-tolstoi/" rel="noopener" target="_blank">kein Relikt</a> vergangener Zeiten. Eine berechtigte Anzeige schützt – doch erfolgt sie unüberlegt, im Affekt oder aus ambivalenten Motiven, kann sie zerstörerische Folgen haben. Zugleich ist eine Anzeige in klaren Fällen, etwa bei einem Einbruch, wichtig und notwendig. Umso mehr braucht es Achtsamkeit, Weitsicht und Verantwortungsbewusstsein – Fähigkeiten, die wir bewusst pflegen und trainieren sollten [8].</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4616" id="attachment_4616"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="Mainzer Ampelmännchen: Achtung und Stopp - Signale für Vorsicht und Verantwortung." decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4616">Mainzer Ampelmännchen: Achtung und Stopp – Signale für Vorsicht und Verantwortung.(Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Achtsamkeit und Verantwortungsbewusstsein sind Werte, die oft aus den dunklen Kapiteln der Geschichte besonders stark erwachsen. Doch eigentlich sollten wir sie nicht erst nach Kriegen, Katastrophen oder <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-pedelec-unfall-und-was-wirklich-zaehlt-intuition-verantwortung-und-dankbarkeit/" rel="noopener" target="_blank">persönlichen Erschütterungen</a> begreifen müssen. Manchmal begegnen uns Impulse, die uns zeigen, wozu Menschen fähig sein können – im Guten, weil sie dem Bösen etwas entgegensetzen, das stärker und beständiger wirkt als es.</p> <p>Auch der jüdisch-russische Künstler Marc Chagall (1887–1985) wirkte in Mainz. 1978 übergab der damals über 90-Jährige das erste der insgesamt neun Fenster, die er bis zu seinem Tod für die Kirche St. Stephan schuf – eine Kirche, die im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt worden war [9]. Es sind die einzigen Glasfenster, die er je für eine deutsche Kirche entwarf. Das tiefe Blau der Fenster erzählt von biblischen Szenen und trägt zugleich Chagall Vermächtnis: eine leuchtende Botschaft von Frieden und Versöhnung.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4606" id="attachment_4606"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4606">Chagall-Fenster in St. Stephan Mainz – leuchtende Visionen für Frieden und Versöhnung ( <span>Credit: Dr. Karin Schumacher)</span></figcaption></figure> <p>Am Schillerplatz sprudelt der Fastnachtsbrunnen von 1967 – ein Denkmal mit über 200 bronzenen Figuren aus Mythologie, Stadtgeschichte und Fastnacht [10]. Gegenüber, vom Balkon des Osteiner Hofs, einem barocken Adelshof, wird jedes Jahr am 11.11. um 11:11 Uhr die Fastnacht ausgerufen.</p> <p>Die Stadt hat viele Kulturen kommen und gehen sehen. Mainz bleibt dennoch Mainz, während in der Altstadt die Mainzelmännchen liebevoll den Fußgängerverkehr regeln – zwischen Ernst und Heiterkeit, Weltmedizin und Geschichte, Vision und Alltag.</p> <p>…geht in die Weinberge – nach Nackenheim, Oppenheim oder Ingelheim. Oder setzt über den Rhein nach Wiesbaden, wo Thermalquellen sprudeln, das Casino lockt und Villen glänzen. Doch das ist eine andere Geschichte.</p> <ol> <li> <ol> <li>Mainz Alter Dom. Geschichte der Römerzeit in Mainz. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://www.mainz-alter-dom.de/" rel="noopener" target="_blank">https://www.mainz-alter-dom.de/</a></li> <li><span>Gutenberg-Museum Mainz. Johannes Gutenberg und der Buchdruck. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://www.gutenberg-museum.de/" rel="noopener" target="_blank">https://www.gutenberg-museum.de/</a></span></li> <li><span>Innenstadtgemeinde Mainz. (November 2023). Alter Dom St. Johannis: Geschichte und Ausgrabungen. Abgerufen am 8. Dezember 2025, von <a href="https://www.mainz-alter-dom.de/" rel="noopener" target="_blank">https://www.mainz-alter-dom.de/</a></span></li> <li><span>Bistum Mainz. Mainzer Dom St. Martin: Geschichte und Architektur. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://bistummainz.de/mainzer-dom/" rel="noopener" target="_blank">https://bistummainz.de/mainzer-dom/</a></span></li> <li><span>1000 Jahre Mainzer Dom. Das Marktportal und die Bronzetüren. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://www.1000-jahre-mainzer-dom.de/rundgang/portale.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.1000-jahre-mainzer-dom.de/rundgang/portale.html</a></span></li> <li><span>Pohl, H. (1998). Zauberglaube und Hexenangst im Kurfürstentum Mainz. Stuttgart: Steinert. Abgerufen am 8. Dezember 2025, von <a href="https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC" rel="noopener" target="_blank">https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC</a></span></li> <li><span>Gebhard, H. (1990). Hexenprozesse im Kurfürstentum Mainz des 17. Jahrhunderts. Aschaffenburg: Geschichts- und Kunstverein. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC" rel="noopener" target="_blank">https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC</a></span></li> <li><span>Deutschlandfunk. (11. Oktober 2023). Forschung zu Vigilanzkulturen: Wachsamkeit, freiwillige Überwachung und Denunziation in der Gesellschaft. Abgerufen am: 20.12.2025, von <a href="https://www.deutschlandfunk.de/forschung-zu-vigilanzkulturen-wachsamkeit-freiwillige-100.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.deutschlandfunk.de/forschung-zu-vigilanzkulturen-wachsamkeit-freiwillige-100.html</a></span></li> <li><span>St. Stephan Mainz. Chagall-Fenster in St. Stephan. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://bistummainz.de/pfarrei/mainz-st-stephan/chagall-fenster/die-fenster-von-marc-chagall/" rel="noopener" target="_blank">https://bistummainz.de/pfarrei/mainz-st-stephan/chagall-fenster/die-fenster-von-marc-chagall/</a></span></li> <li><span>Stadt Mainz. Fastnachtsbrunnen und Fastnachtstradition. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://www.mainz.de/tourismus/sehenswertes/fastnachtsbrunnen.php" rel="noopener" target="_blank">https://www.mainz.de/tourismus/sehenswertes/fastnachtsbrunnen.php</a></span></li> </ol> </li> </ol> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Mainz - über 2000 Jahre Glanz und ein paar Schatten » Medicine & More » SciLogs</h1><h2>By Karin Schumacher</h2><div itemprop="text"> <p><strong><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/4101b2e3cfa34669a79690112d5b2d10" width="1"></img>Was macht Mainz seit Jahrtausenden so besonders? Ein Blick auf 2000 Jahre Geschichte – von Mogontiacum über den Buchdruck bis zu moderner Forschung, lebendiger Kultur und überraschenden Ideen der Gegenwart.</strong><span id="more-4600"></span></p> <p>1450 erfand der Mainzer Johannes Gutenberg den Buchdruck und begründete damit die Ära der massenhaften Wissensverbreitung. 570 Jahre später startete die Mainzer Biotech-Firma BioNTech ihr “Project Lightspeed”, das ein Jahr später zur Zulassung des weltweit ersten mRNA-Impfstoffs gegen COVID-19 führte. Trotz unseres Besuchs bei BioNTech (<a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/von-mainz-in-die-welt-biontechs-weg-zur-globalen-innovation/">s. mein voriger Artikel</a>), am Helmholtz Institute for Translational Oncology (HI-TRON) und im LEIZA, dem neuen Leibniz-Zentrum für Archäologie (s. auch unseren spannenden <a href="https://wpk.org/was-wir-bieten/recherchereisen/berichte-der-recherchereise-nach-mainz/" rel="noopener" target="_blank">Reisebericht</a> bei der WPK e.V.) blieb etwas Zeit, um zu entdecken, was diese Stadt so besonders macht.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4602" id="attachment_4602"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4602">Schmunzelnde Fußgänger dank Mainzelmännchen‑Ampeln. Was wäre, wenn jede Stadt ihre eigene Ampel‑Ikone hätte? (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Mainz ist eine Stadt, die Geschichte lebt. Gegründet von den Römern als Mogontiacum, entwickelte sie sich über die Jahrhunderte zu einem Ort wechselnder Kulturen, an dem immer wieder Ideen entstanden, die die Welt veränderten. In der Altstadt regeln die Mainzelmännchen den Fußgängerverkehr. Folgen wir den kleinen Kerlchen – auf einem Weg durch mehr als 2000 Jahre faszinierende Geschichte.</p> <p>Mainz blickt auf über 2000 Jahre Stadtgeschichte zurück. Gegründet wurde sie um 13/12 v. Chr. von den Römern unter Feldherr Drusus, dem Stiefsohn Kaiser Augustus’. Auf einem strategisch günstig gelegenen Hochplateau gegenüber der Mündung des Mains errichteten sie das Legionslager Mogontiacum, das bald zum militärischen und später zivilen Zentrum der Region wurde. [1]</p> <p>Die Römer nutzten dabei häufig bestehende Kultorte – so auch hier, wo sich vermutlich zuvor eine keltische Kultstätte befand. Der Name “Mogontiacum” geht auf den keltischen Gott Mogon zurück, der als Heil- oder Sonnengott gedeutet wird. Um 300 war Mogontiacum Hauptstadt der römischen Provinz Germania Secunda.<aside></aside></p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4603" id="attachment_4603"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4603">Rekonstruktion einer römischen Fußbodenheizung (Hypocaustum) am Romano-Guardini-Platz, Mainz: antike Baukunst mit hohem Energieaufwand (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Um das Jahr 1400 wurde in einem Mainzer Adelshof, dem Gutenberghof, ein Kind geboren. Wann genau, wissen wir nicht mehr. Auch sein Aussehen ist unbekannt; das erste Porträt entstand rund 100 Jahre nach seinem Tod. Der Junge wurde Johannes getauft, Henne genannt, und trug amtlich den Namen Johannes Gensfleisch. Die Welt kennt ihn heute als Johannes Gutenberg. Als er am 03. Februar 1468 starb, hatte er der Welt ein Vermächtnis hinterlassen, von dem wir alle bis heute profitieren [2].<br></br>Henne wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf. Vermutlich erhielt er eine gute Schulbildung, vielleicht studierte er sogar. Um 1434 zog er nach Straßburg, das damals ein kreatives, internationales Milieu bot. Schon dort muss er an dem Projekt gearbeitet haben, das später die Welt verändern sollte.</p> <p>1448 kehrte er nach Mainz zurück. Er nahm einen Kredit über 1600 Gulden auf – eine enorme Summe, wenn man bedenkt, dass ein Handwerksmeister rund 50 Gulden im Jahr verdiente. Gutenberg entwickelte bewegliche, wiederverwendbare Metalllettern: eine revolutionäre Neuerung, denn zuvor wurden Texte per Hand geschrieben oder spiegelverkehrt in Holz geschnitzt und wie Stempel gedruckt.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4586" id="attachment_4586"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="Johannes Gutenberg – Erfinder des Buchdrucks und Mainzer Visionär. Auch er investierte mutig in Innovation." decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4586">Johannes Gutenberg – Erfinder des Buchdrucks und Mainzer Visionär. Schon er investierte mutig in Innovation. (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Um 1450 begann die erste Druckpresse mit beweglichen Lettern zu arbeiten. Zwischen 1452 und 1454 entstand die erste gedruckte Bibel. Zwei der noch erhaltenen 49 Gutenberg-Bibeln befinden sich im Gutenberg-Museum in Mainz. Mehr als 500 Jahre lang wurde nach Gutenbergs Prinzip gedruckt, bevor in den 1970ern neue Techniken übernahmen.</p> <p>Bildung wurde durch seine Erfindung prinzipiell für alle zugänglich, die lesen konnten. Einer der ersten, die dies erfolgreich nutzten, war der Reformator Martin Luther, der seine Ansichten auf Flugblätter drucken ließ. Seine Reformation der Kirche gilt neben der Erfindung des Buchdrucks und der Eroberung Amerikas als Ende des Mittelalters und Beginn der Neuzeit. Heute erinnert das Gutenberg-Denkmal auf dem Marktplatz an den großen Mainzer Erfinder.</p> <h2>Der Alte Dom – St. Johannis</h2> <p>Am späten Nachmittag trafen wir am Modell des Neuen Doms einen Mann, der mit Leidenschaft über die Geschichte der Mainzer Kirchen sprach. St. Johannis, der “Alte Dom”, erklärte er, sei die älteste Kirche der Stadt und eine der ältesten nördlich der Alpen. Sie wurde im 5. oder 6. Jahrhundert zu einem dreischiffigen Raum umgebaut und war ursprünglich dem Heiligen Martin von Tours geweiht. Das Gelände dürfte zuvor keltischen, später römischen Kulten gedient haben.</p> <p>Um 1000 entstand ein spätottonischer Neubau mit zwei Chören und einer Krypta. 1002 und 1024 fanden hier die Königskrönungen Heinrichs II. und Konrads II. statt. Seit 2013 finden in der Kirche faszinierende archäologische Ausgrabungen statt, die wichtige Einblicke in die Bau- und Nutzungsgeschichte des Alten Doms liefern. Diese können <a href="https://www.mainz-alter-dom.de/hauptbauphasen-von-st-johannis-in-stichworten/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> nachverfolgt werden (siehe auch [3]).</p> <p>Dabei wurde u. a. bestätigt, dass Erzbischof Erkanbald 1021 hier beerdigt wurde; sein Grab wurde nach 1000 Jahren geöffnet und untersucht. Nach der Weihe des heutigen Doms im Jahr 1036 wurde St. Johannis zur Stiftskirche und dem Evangelisten Johannes geweiht. Heute ist sie evangelisch.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4604" id="attachment_4604"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="511" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x785.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x785.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x230.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x589.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1177.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1569.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4604">St. Johannis, der Alte Dom in Mainz – historische Kirche und Ort faszinierender archäologischer Ausgrabungen. Dahinter St. Martin, der Neue Dom. (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Der Mann wies darauf hin, dass frühe Sakralbauten andere statische Prinzipien hatten. Als im Hochmittelalter Wissen verloren ging – durch Brüche in der Überlieferung, Seuchen, Kriege oder die Inquisition -, mussten neue architektonische Lösungen wie Querschiffe geschaffen werden. Ein Satz, der nachdenklich stimmte.</p> <h2>Der Neue Dom – St. Martin: steinerne Mitte der Stadt</h2> <p>Unübersehbarer Mittelpunkt der Altstadt ist der Neue Dom, St. Martin. Er liegt nur wenige Schritte von St. Johannis entfernt und war einst durch einen Gang mit ihm verbunden. Seit über 1000 Jahren prägt er das Stadtbild – ein monumentales Ensemble aus romanischen, gotischen und barocken Elementen [4].</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4607" id="attachment_4607"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4607">Domplatz Mainz und St. Martin, das Wahrzeichen der Stadt. (Foto <span>Credit: Dr. Karin Schumacher)</span></figcaption></figure> <p>Neben Speyer und Worms zählt der Mainzer Dom zu den drei rheinischen Kaiserdomen – den Höhepunkten der deutschen Romanik. Erzbischof Willigis (975-1011) ließ um 1000 eine Kathedralanlage nach dem Vorbild von Alt St. Peter in Rom errichten. Williges war einer der einflussreichsten Mainzer Erzbischöfe des Mittelalters. Er hatte vom Papst den Vorrang vor allen Erzbischöfen nördlich der Alpen erhalten und damit das Recht, die ostfränkischen Könige zu krönen. Doch kurz vor der geplanten Weihe 1009 brannte der Dom ab; erst 1036 wurde er wieder geweiht.</p> <p>Auch die Bronzetür des Marktportals stammt aus der Willigis-Zeit – ein Werk des Meisters Berenger um 1000. Mit 3,70 Metern Höhe und einem Gewicht von bis zu 1850 Kilogramm sind die Türen beeindruckende Zeugnisse mittelalterlicher Kunst- und Machtsymbolik [5].</p> <p>Der Mainzer Dom war Kathedrale des größten europäischen Erzbistums – von Verden an der Aller bis nach Chur und Prag. Als Sitz eines der wichtigsten geistlichen Kurfürstentümer war Mainz über Jahrhunderte ein Zentrum von Macht, Diplomatie und Kunst. Bis heute symbolisiert St. Martin die geistliche und politische Bedeutung der Stadt. Doch auch ein paar Schatten trüben die glänzende Vergangenheit.</p> <h2>Denunziationen und Hexenprozesse in Kurmainz</h2> <p>Das geistliche Kurfürstentum Mainz zählte mit deutlich mehr als 2000 Opfern auf rund 7000 Quadratkilometern zu den am stärksten betroffenen Regionen der Hexenverfolgungen [6, 7]. Grundlage war die “Peinliche Halsgerichtsordnung” Kaiser Karls V. von 1532. Anzeigen kamen fast ausschließlich aus der Bevölkerung – Denunziationen spielten eine zentrale Rolle.</p> <p>Die Hauptverfolgungszeit verlief in vier Wellen zwischen 1593 und 1630 und endete abrupt mit der Besetzung durch die Schweden. Danach gab es nur noch vereinzelte Prozesse; die letzten Hinrichtungen fanden 1684 im eichsfeldischen Worbis statt.</p> <p>Die meisten Opfer waren verheiratete Frauen um die 55. Der Männeranteil lag jedoch mit 17–30 % relativ hoch. Kinder wurden selten hingerichtet. Betroffen waren vor allem Personen aus Handwerk und bäuerlichen Schichten; Geistliche und Gelehrte selten, Adelige gar nicht.</p> <h2>Denunziationen heute</h2> <p>Denunziationen sind <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-wesir-abdul-%d0%b2%d0%b8%d0%b7%d0%b8%d1%80%d1%8c-%d0%b0%d0%b1%d0%b4%d1%83%d0%bb-maerchen-von-leo-tolstoi/" rel="noopener" target="_blank">kein Relikt</a> vergangener Zeiten. Eine berechtigte Anzeige schützt – doch erfolgt sie unüberlegt, im Affekt oder aus ambivalenten Motiven, kann sie zerstörerische Folgen haben. Zugleich ist eine Anzeige in klaren Fällen, etwa bei einem Einbruch, wichtig und notwendig. Umso mehr braucht es Achtsamkeit, Weitsicht und Verantwortungsbewusstsein – Fähigkeiten, die wir bewusst pflegen und trainieren sollten [8].</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4616" id="attachment_4616"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="Mainzer Ampelmännchen: Achtung und Stopp - Signale für Vorsicht und Verantwortung." decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4616">Mainzer Ampelmännchen: Achtung und Stopp – Signale für Vorsicht und Verantwortung.(Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Achtsamkeit und Verantwortungsbewusstsein sind Werte, die oft aus den dunklen Kapiteln der Geschichte besonders stark erwachsen. Doch eigentlich sollten wir sie nicht erst nach Kriegen, Katastrophen oder <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-pedelec-unfall-und-was-wirklich-zaehlt-intuition-verantwortung-und-dankbarkeit/" rel="noopener" target="_blank">persönlichen Erschütterungen</a> begreifen müssen. Manchmal begegnen uns Impulse, die uns zeigen, wozu Menschen fähig sein können – im Guten, weil sie dem Bösen etwas entgegensetzen, das stärker und beständiger wirkt als es.</p> <p>Auch der jüdisch-russische Künstler Marc Chagall (1887–1985) wirkte in Mainz. 1978 übergab der damals über 90-Jährige das erste der insgesamt neun Fenster, die er bis zu seinem Tod für die Kirche St. Stephan schuf – eine Kirche, die im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt worden war [9]. Es sind die einzigen Glasfenster, die er je für eine deutsche Kirche entwarf. Das tiefe Blau der Fenster erzählt von biblischen Szenen und trägt zugleich Chagall Vermächtnis: eine leuchtende Botschaft von Frieden und Versöhnung.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4606" id="attachment_4606"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4606">Chagall-Fenster in St. Stephan Mainz – leuchtende Visionen für Frieden und Versöhnung ( <span>Credit: Dr. Karin Schumacher)</span></figcaption></figure> <p>Am Schillerplatz sprudelt der Fastnachtsbrunnen von 1967 – ein Denkmal mit über 200 bronzenen Figuren aus Mythologie, Stadtgeschichte und Fastnacht [10]. Gegenüber, vom Balkon des Osteiner Hofs, einem barocken Adelshof, wird jedes Jahr am 11.11. um 11:11 Uhr die Fastnacht ausgerufen.</p> <p>Die Stadt hat viele Kulturen kommen und gehen sehen. Mainz bleibt dennoch Mainz, während in der Altstadt die Mainzelmännchen liebevoll den Fußgängerverkehr regeln – zwischen Ernst und Heiterkeit, Weltmedizin und Geschichte, Vision und Alltag.</p> <p>…geht in die Weinberge – nach Nackenheim, Oppenheim oder Ingelheim. Oder setzt über den Rhein nach Wiesbaden, wo Thermalquellen sprudeln, das Casino lockt und Villen glänzen. Doch das ist eine andere Geschichte.</p> <ol> <li> <ol> <li>Mainz Alter Dom. Geschichte der Römerzeit in Mainz. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://www.mainz-alter-dom.de/" rel="noopener" target="_blank">https://www.mainz-alter-dom.de/</a></li> <li><span>Gutenberg-Museum Mainz. Johannes Gutenberg und der Buchdruck. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://www.gutenberg-museum.de/" rel="noopener" target="_blank">https://www.gutenberg-museum.de/</a></span></li> <li><span>Innenstadtgemeinde Mainz. (November 2023). Alter Dom St. Johannis: Geschichte und Ausgrabungen. Abgerufen am 8. Dezember 2025, von <a href="https://www.mainz-alter-dom.de/" rel="noopener" target="_blank">https://www.mainz-alter-dom.de/</a></span></li> <li><span>Bistum Mainz. Mainzer Dom St. Martin: Geschichte und Architektur. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://bistummainz.de/mainzer-dom/" rel="noopener" target="_blank">https://bistummainz.de/mainzer-dom/</a></span></li> <li><span>1000 Jahre Mainzer Dom. Das Marktportal und die Bronzetüren. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://www.1000-jahre-mainzer-dom.de/rundgang/portale.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.1000-jahre-mainzer-dom.de/rundgang/portale.html</a></span></li> <li><span>Pohl, H. (1998). Zauberglaube und Hexenangst im Kurfürstentum Mainz. Stuttgart: Steinert. Abgerufen am 8. Dezember 2025, von <a href="https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC" rel="noopener" target="_blank">https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC</a></span></li> <li><span>Gebhard, H. (1990). Hexenprozesse im Kurfürstentum Mainz des 17. Jahrhunderts. Aschaffenburg: Geschichts- und Kunstverein. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC" rel="noopener" target="_blank">https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC</a></span></li> <li><span>Deutschlandfunk. (11. Oktober 2023). Forschung zu Vigilanzkulturen: Wachsamkeit, freiwillige Überwachung und Denunziation in der Gesellschaft. Abgerufen am: 20.12.2025, von <a href="https://www.deutschlandfunk.de/forschung-zu-vigilanzkulturen-wachsamkeit-freiwillige-100.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.deutschlandfunk.de/forschung-zu-vigilanzkulturen-wachsamkeit-freiwillige-100.html</a></span></li> <li><span>St. Stephan Mainz. Chagall-Fenster in St. Stephan. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://bistummainz.de/pfarrei/mainz-st-stephan/chagall-fenster/die-fenster-von-marc-chagall/" rel="noopener" target="_blank">https://bistummainz.de/pfarrei/mainz-st-stephan/chagall-fenster/die-fenster-von-marc-chagall/</a></span></li> <li><span>Stadt Mainz. Fastnachtsbrunnen und Fastnachtstradition. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://www.mainz.de/tourismus/sehenswertes/fastnachtsbrunnen.php" rel="noopener" target="_blank">https://www.mainz.de/tourismus/sehenswertes/fastnachtsbrunnen.php</a></span></li> </ol> </li> </ol> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/mainz-ueber-2000-jahre-glanz-und-ein-paar-schatten/#comments 8 Was bedeuten die stark ansteigenden Diagnosezahlen für ADHS? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/#comments Fri, 19 Dec 2025 12:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3479 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Achtung-ADHS-768x543.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Achtung-ADHS.jpg" /><h1>Was bedeuten die stark ansteigenden Diagnosezahlen für ADHS? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Vor allem bei erwachsenen Frauen stieg die Häufigkeit in den letzten Jahren auf bis das Sechsfache</strong></p> <span id="more-3479"></span> <p>Man liest es regelmäßig in den Medien: Psychologisch-psychiatrische Störungen werden immer häufiger diagnostiziert. Die Mengen der verschriebenen Medikamente <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-medikamente-fuer-erwachsene-verdreifacht/">steigen rasant</a>. Die Wartelisten für eine Therapie sind lang. Man brauche mehr Therapeutinnen und Therapeuten.</p> <p>Doch obwohl die sogenannten hoch entwickelten Länder schon sehr viel mehr davon haben als andere, scheint es nie genug zu sein. (Ich bekenne: Ich habe selbst über 5.000 Psychologinnen und Psychologen akademisch ausgebildet.) Schlimmer noch: Trotz aller Bemühungen, der Aufklärung und der (angeblichen) Entstigmatisierung steigen nicht nur die Diagnosen, sondern auch die Krankheitstage und -Kosten, ja sogar die langfristige Arbeitsunfähigkeit wegen psychischer Belastungen.</p> <p>Epidemiologen wundern sich: Laut ihren allgemeinen Bevölkerungsstudien ändert sich nichts oder allenfalls nur wenig. An den Türen der Arztpraxen und Therapiezentren sieht das aber ganz anders aus. Dort klopfen immer mehr Menschen mit Problemen an, die in den psychologisch-psychiatrischen Bereich eingeordnet werden. Sowohl die Diagnosen und Therapien als auch die Medikamentenverschreibungen und Arbeitsausfälle bilden einen zentralen Teil unseres Alltags ab.</p> <p>Mit dieser Realität haben sich zum Beispiel Julia Thom vom Robert Koch-Institut und Kollegen beschäftigt. Für eine aktuelle Studie haben sie die Veränderung der Diagnosen im Zeitraum von 2012 bis 2022 untersucht, die sie aus den Daten der gesetzlichen Krankenkassen errechnet haben (Thom et al., 2024). Demnach stiegen die Diagnosen der vor allem bei Frauen diagnostizierten Angststörungen und Depressionen um 31 beziehungsweise 15 Prozent.<aside></aside></p> <p>Bei den von Männern häufiger und intensiver konsumierten psychoaktiven Substanzen und damit einhergehenden psychischen Problemen betrug der Anstieg 35 Prozent. Am meisten veränderte sich aber bei der posttraumatischen Belastungsstörung, wenn auch in absoluten Zahlen auf einem niedrigeren Niveau: mit plus 116 Prozent mehr als eine Verdopplung.</p> <p>Das alles nimmt sich aber bescheiden heraus, wenn man es mit dem Anstieg der ADHS-Diagnosen bei den 25- bis 34-jährigen Frauen vergleicht, über den ich im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/">ersten Teil</a> schrieb: gut 500 Prozent!</p> <h2 id="h-be-deutung-von-erwachsenen-adhs">(Be-)Deutung von Erwachsenen-ADHS</h2> <p>Das sind Zahlen beziehungsweise Veränderungen, über die selbstverständlich die Medien berichten. Wie soll man sie deuten? Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Maria Ivanova vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Berlin, die die neuesten ADHS-Daten berichteten, diskutieren selbst <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/inzidenz-von-adhs-spektrum-stoerungen-bei-erwachsenen-22c4cb5b-38c9-4d19-baa1-70bbc8c595b3">verschiedene Möglichkeiten</a>. Schauen wir zunächst auf ihre Erklärung eines kleinen Rückgangs der Diagnosen im Jahr 2020:</p> <blockquote> <p>“Der kurzzeitige Inzidenzrückgang (2020) ist möglicherweise pandemiebedingt aufgrund geringerer Versorgungsinanspruchnahme, aber auch aufgrund von Einschränkungen in persönlichen Lebensbereichen und damit der Nichterfüllung der Erstdiagnostik-Kriterien zu erklären, die Funktionsbeeinträchtigungen in mindestens zwei Lebensbereichen erfordert.” (Ivanova et al., 2025)</p> </blockquote> <p>Das vermittelt uns das Wissen, dass die offiziellen diagnostischen Kriterien für ADHS seit 1994 das Vorliegen der Probleme – fehlende Aufmerksamkeit, Hyperaktivität und/oder Impulsivität – in mindestens zwei Bereichen vorschreiben, zum Beispiel in der Schule oder zu Hause. Wenn die Leute nur in der Wohnung sind, fallen andere Lebensbereiche natürlich weg.</p> <p>Übrigens wurde damals festgelegt, dass zumindest ein Teil der Probleme schon vor dem siebten Lebensjahr vorliegen muss. Es ist aber hinterher natürlich schwer zu sagen, wer als Kleinkind “oft” Anzeichen solcher Verhaltensweisen zeigte und wer nicht, zumal das bei Erwachsenen Jahrzehnte zurückliegt. Die genannte Altersgrenze wurde 2013 übrigens vom siebten auf das zwölfte Lebensjahr angehoben. Das erweiterte die Möglichkeit, die Störung zu diagnostizieren.</p> <p>Doch kommen wir jetzt zur wichtigeren Erklärung der Forscherinnen und Forscher:</p> <blockquote> <p>“[1] Der jüngst starke Inzidenzanstieg resultiert möglicherweise aus einer stärkeren gesellschaftlichen Sensibilisierung für AD(H)S, [2] der Einführung des F98.80-Codes sowie [3] Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die psychische Gesundheit. Dies erklärt möglicherweise auch die starke Zunahme bei jungen Frauen.” (Ivanova et al., 2025)</p> </blockquote> <p>Erstens – die Zahlen habe ich hilfsweise eingefügt – gibt es also vielleicht mehr Aufmerksamkeit für das Thema; zweitens wurde eine Diagnose-Möglichkeit eingeführt; und drittens ging die Pandemie mit besonderen Belastungen einher.</p> <h2 id="h-adhs-im-kontext">ADHS im Kontext</h2> <p>Mir gefällt, dass das Störungsbild hier kontextualisiert, also im Rahmen der gesellschaftlichen und institutionellen Bedingungen gesehen wird. Das in Deutschland immer noch hauptsächlich verwendete diagnostische Regelwerk, das aus den 1990er-Jahren stammende ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation, kannte eigentlich noch gar keine ADHS, wie sie seit 1980 in den amerikanischen Handbüchern steht. Stattdessen finden sich darin die “<a href="https://gesund.bund.de/icd-code-suche/f90">hyperkinetischen Störungen</a>“.</p> <p>Es gab für die Länder, die das ICD verwenden, im Laufe der Jahre aber immer sprachliche Anpassungen. Damit kam schließlich die “<a href="https://gesund.bund.de/icd-code-suche/f98-80">Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität mit Beginn in der Kindheit und Jugend</a>“. Wie ich im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/">ersten Teil</a> beschrieb, kommt der Subtyp von ADHS ohne Hyperaktivität beziehungsweise Impulsivität, manchmal auch “ADS” genannt, typischerweise häufiger bei den Mädchen vor.</p> <p>Diese Erklärung würde also zum besonders starken Anstieg bei den Frauen passen. Allerdings gibt es dieses Phänomen auch in Ländern wie den Niederlanden, die die amerikanischen Kriterien des sogenannten DSM verwenden. Auch hier bekamen Frauen in den letzten Jahren immer mehr ADHS-Diagnosen, obwohl die Klassifikation den unaufmerksamen Typ seit 1994 vorsieht.</p> <p>Dass immer mehr über ADHS – und andere psychologisch-psychiatrische Störungen – gesprochen wird und die Pandemie mit besonderen Belastungen einherging, sind im Kern soziale Erklärungen für den Anstieg. Mit dem Verweis auf “die starke Zunahme bei jungen Frauen” dachten die Forscherinnen und Forscher vielleicht an die Mehrfachbelastung durch Beruf und Erziehungsaufgaben, die stärker von Frauen wahrgenommen werden.</p> <h2 id="h-in-der-presse">In der Presse</h2> <p>Diese Deutungen konnte die Presse leicht diskutieren, als sie am 11. und 12. Dezember von der neuen Studie berichtete. Die öffentlich-rechtliche Tagesschau fiel aber negativ aus dem Rahmen: Obwohl die Daten der Originalveröffentlichung mit Link dargestellt wurden, ließen die Journalisten nur eine Reihe von Psychiatern <a href="https://www.tagesschau.de/wissen/gesundheit/adhs-erwachsene-diagnosen-100.html">zu Wort kommen</a>. Und die meinen alle, ADHS wurde und werde zu selten diagnostiziert.</p> <p>Kurzum, der Anstieg sei gar kein wirklicher Anstieg, sondern hole nur vorher übersehene Störungen ein. Warum das gerade in den Jahren 2021 bis 2024 passieren sollte und dann auch noch so schnell, erklärt keiner von ihnen.</p> <p>Swantje Matthies vom Universitätsklinikum Freiburg meint zudem,</p> <blockquote> <p>“die Symptome von ADHS und ADS [wurden] bei Frauen lange Zeit häufig übersehen. Die frühen Studien zu dem Thema basierten – wie so häufig im Gesundheitssystem – fast ausschließlich auf Daten von Jungen und Männern. Deshalb galten typisch männliche Symptome auch lange als allgemein typische AD(H)S-Symptome.” (Swantje Matthies auf tagesschau.de)</p> </blockquote> <p>Wie wir oben sahen, gibt es den bei den Mädchen häufiger Vorkommenden ADHS-Typ mit Unaufmerksamkeit als zentralem Kriterium aber schon seit 1994 in dem amerikanischen Diagnosewerk. Auch in den Ländern, die dieses verwenden, stiegen die Diagnosen in den letzten Jahren stark an.</p> <p>Noch eine Bemerkung zu der Kritik, die Studien basierten vor allem auf den Daten von Jungen und Männern: Das liegt zum Beispiel bei Medikamententests auch an der Tatsache, dass Männer sich dafür häufiger freiwillig melden. Wie ich im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/">ersten Teil</a> beschrieb, sind – vor allem: junge – Männer allgemein risikofreudiger. Es wäre wohl kaum im Sinne von Matthies, Frauen zur Teilnahme an solchen Tests gesetzlich zu verpflichten, um hier bessere Daten zu erhalten. Es stimmt aber auch, dass in der Forschung aufgrund knapper Ressourcen öfter nur ein Geschlecht untersucht wird und das zumindest in der Vergangenheit häufiger Männer waren.</p> <h2 id="h-und-was-fehlte">Und was fehlte</h2> <p>Trotzdem wunderte es mich, dass die Tagesschau die oben genannten sozialen Erklärungen aus der Originalarbeit verschwieg. Nach meinem Hinweis von 11:30 Uhr am 12. Dezember wurde <a href="https://www.tagesschau.de/wissen/gesundheit/adhs-erwachsene-diagnosen-100.html">der Artikel</a> um ca. 13:30 Uhr ergänzt und räumte man mir gegenüber in einer E-Mail von 13:42 Uhr den Fehler ein. Dieser redaktionelle Eingriff wurde im Text aber nicht kenntlich gemacht. In der dazugehörigen Audiodatei hört man wahrscheinlich noch die alte Version.</p> <p>Nach der Überarbeitung ist nun zwar von den möglichen Auswirkungen der Pandemie die Rede. Dass der Anstieg der Diagnosen aber auch an der gestiegenen Aufmerksamkeit in den Medien liegen könnte, wird dort immer noch nicht erwähnt. Dabei kann das jeder einmal selbst ausprobieren: Man liest die (oft schwammigen) Symptomlisten in so einem diagnostischen Werk und erkennt auf einmal an sich selbst ganz viele Störungsbilder oder Krankheiten. Manche Menschen sind hierfür anfälliger als andere.</p> <p>Der Tagesschau-Artikel erlaubte sich noch einen zweiten Patzer, nämlich bei den Medikamenten, auf die ich gleich ausführlicher eingehe. Am Ende wurde unter der Zwischenüberschrift “Medikamente wirken zuverlässiger” noch auf eine neuere Meta-Analyse (Ostinelli et al., 2025) zur Behandlung von Erwachsenen-ADHS verwiesen: “Danach helfen nur Medikamente, wie das vor allem unter Markennamen ‘Ritalin’ bekannte Methylphenidat oder Amphetamine verlässlich und schnell gegen Kernsymptome von ADHS, also Unruhe, Unaufmerksamkeit oder Impulsivität.”</p> <p>Eine sprachliche Feinheit vorweg: Wenn man im Deutschen nicht von Amphetamin (Straßenname “Speed”), sondern von “Amphetaminen” spricht, bezieht man sich auf eine allgemeine Substanzklasse, zu der auch Ecstasy/MDMA gehört. Wofür steht hier wohl das letzte “A”? Amphetamin! Daran haben die Tagesschau-Leute wohl eher nicht gedacht.</p> <p>Die genannte Studie belegt die Wirkung der Stimulanzien bei Erwachsenen mit einer ADHS-Diagnose aber nur für eine <em>kurzzeitige</em> Verwendungsdauer. Außerdem erfuhren die Konsumentinnen und Konsumenten dadurch keine Verbesserung ihrer Lebensqualität. Diese nicht ganz unwichtigen Einschränkungen hat die Redaktion nach meinem Hinweis ergänzt.</p> <h2 id="h-stimulanzien">Stimulanzien</h2> <p>Damit komme ich zu meinem letzten Punkt: Mit der Verwendung von Stimulanzien wie Amphetamin oder Methylphenidat (z.B. in Ritalin) in der Gesellschaft beschäftige ich mich ja, ursprünglich in der <a href="https://hdl.handle.net/11370/ea1bd3f0-513a-47ad-845f-a8c65cae0937">Gehirndoping-Debatte</a>, seit gut 20 Jahren. Wie man den Anstieg der Diagnosen auch deuten mag, bei den Zahlen der Medikamentenverschreibungen gibt es große Auffälligkeiten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Die Verschreibungen der typischen ADHS-Medikamente in Deutschland (schwarze Linie), hier dargestellt als Millionen definierte Tagesdosen, stiegen zunächst in der ersten Dekade der 2000 stark an. Eine zweite Welle setzte 2019 an. Zum Vergleich sind hier die niederländischen Zahlen dargestellt (orange). Da diese in etwa gleichauf liegen, verschreibt man in dem kleineren Land in etwa 4,5-mal so viele Stimulanzien pro Kopf. Datenquellen: Arzneiverordnungs-Report; Zorginstituut Nederland</em></p> <p>Ich könnte wahrheitsgetreu schreiben, dass man auf der Abbildung für Deutschland einen 270-fachen Anstieg sieht. Das liegt aber schlicht daran, dass Ritalinkonsum &amp; Co. in den 1990ern, meiner Zeit auf dem Gymnasium, einfach noch kein Thema war.</p> <p>Es gibt hier interessante Kulturunterschiede: In den USA, wo führende Psychiater schon 1980 das Störungsbild ADHS einführten, setzte der Trend früher ein – weswegen die Weltgesundheitsorganisation schon in den 1990ern warnte, zumal es um Medikamentenverschreibungen für Kinder ging. In Deutschland war man zögerlicher und legte man schließlich fest, dass die Stimulanzien, jedenfalls bei Minderjährigen, nicht mehr die erste Behandlungsmöglichkeit sein sollen. Die Leitlinie ist übrigens seit 2022 ausgelaufen und die neue Fassung wird mit Spannung erwartet.</p> <p>In den Niederlanden sah man es pragmatisch und verteilten Ärzte, auch wegen der langen Wartelisten, pro Kopf sogar noch mehr von den Mitteln als in den USA. In Dänemark war man aber vorsichtiger als in Deutschland (Bachmann et al., 2017). Und im Vereinigten Königreich ließ man die Finger fast ganz von den Stimulanzien, weil diese als (angeblich) gefährliche Drogen verboten sind. Letzteres gilt freilich für alle genannten Länder, wo man das aber offenbar nicht so streng sieht wie auf der anderen Seite der Nordsee.</p> <h2 id="h-wie-es-einem-gefallt">Wie es einem gefällt</h2> <p>Ich habe keine Glaskugel und kann den Leserinnen und Lesern auch nicht die eine wahre Antwort anbieten. Aber es ist schon auffällig, dass die Psychiaterinnen und Psychiater, die diese Substanzen vor allem verschreiben und damit Geld verdienen, die sozialen Deutungen ausklammern. Seit Jahrzehnten – ich habe es selbst miterlebt – reagieren sie auf jeden Anstieg immer nur mit der Behauptung, man diagnostiziere die Störungen nun besser.</p> <p>Das führt mit Blick auf die (staatlich regulierte) Produktion der Stimulanzien in den USA zu einer interessanten Frage.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-2048x1152.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>In den USA hatte man Amphetamin (graue Balken) ab den 1970ern im “Krieg gegen Drogen” erst dämonisiert. Deshalb verschrieb man noch in den 1990ern bei ADHS vor allem Methylphenidat (z.B. Ritalin; schwarze Balken). Den vorläufigen Höhepunkt bei der staatlich regulierten Produktion beider Substanzen (hier in Tonnen dargestellt) gab es 2014. Datenquellen: US Drug Enforcement Agency; Federal Register</em></p> <p>Ich habe diese Zahlen schon in den 2010er-Jahren in Artikel und Vorträgen gezeigt. Immer hieß es aus der Pro-ADHS-Ecke: “Ja, wir diagnostizieren eben besser.” Ein Beweis wurde hierfür übrigens nie erbracht. Der dreizehnfache Anstieg von Mitte der 1990er- bis Mitte der 2010er-Jahre würde demnach bedeuten, dass man dann dreizehnmal besser diagnostizierte? Und die Abnahme von 2014 bis 2023, dass man dann 40 Prozent schlechter diagnostizierte? Man kann sich die Zahlen so zurechtlegen, wie es einem gefällt.</p> <h2 id="h-uberlappungen">Überlappungen</h2> <p>Ich möchte hier noch einen alternativen Gedankengang vorschlagen: Wie ich im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/">ersten Teil</a> schrieb, gibt es weder für ADHS, noch für die anderen psychologisch-psychiatrischen Störungen einen Blut-, Gen- oder Gehirntest. Damit sind die Störungsbilder, über die Fachleute mit ihren eigenen Interessen alle Jahre wieder neu am Konferenztisch verhandeln, für finanzielle, Marketing- und Medieninteressen besonders anfällig. <em>Hätte</em> man die von den Psychiatern seit über 200 Jahren versprochenen objektiven Tests, könnte man die Diagnosen gar nicht so multiplizieren, wie wir es seit Jahrzehnten sehen.</p> <p>ADHS ist laut den DSM-Kriterien eine so komplexe Kategorie, dass man aus den offiziellen Symptomen satte 116.220 gültige Varianten erzeugen kann (Schleim, 2022). Zu dieser Vielfalt kommen die schwammigen Grenzen zu anderen Störungsbildern. Fachleute nennen das “Komorbidität” (<em>co</em> = Zusammen, <em>morbus</em> = Krankheit). Bei ADHS sind das insbesondere Autismusspektrum-, Entwicklungs-, Lern-, Substanzkonsum-, Zwangs-, Angst- und depressive Störungen (Drechsler et al., 2020). Allein mit den letzten beiden gibt es laut Studien in bis zu 45 Prozent der Fälle Überlappungen.</p> <p>Daher wage ich hier einmal eine Alternativhypothese: Nach gut 30 Jahren Burn-out- und Depressions-Epidemie (Schleim, 2026) sind jetzt gerade ADHS-Diagnosen im Trend. Gemein sind diesen Störungsbildern die fehlende Konzentration und Motivation, die Antriebslosigkeit. Ja, wenn man sich langweilt oder die Energie verschwindet, reagieren manche abgelenkt und träumerisch, andere impulsiv und hyperaktiv.</p> <p>Inzwischen leben wir in einer Welt, in der kontinuierlich nicht nur E-Mails, sondern auch Chatnachrichten auf uns einprasseln. Auf (a)sozialen Medien warten endlose Bildchen oder Videos, die sowohl von ihren Machern als auch den Algorithmen darauf optimiert wurden, unsere Aufmerksamkeit zu fesseln. Dazu kommen Online-Glücksspiel, -Games und -Pornografie. Das ist für unser Belohnungssystem alles so viel interessanter als eintönige Schul- oder Bildschirmarbeit und oft nur einen Klick oder Wisch weit entfernt.</p> <h2 id="h-psycho-aktiv">Psycho-Aktiv</h2> <p>Und nun erinnern wir uns noch einmal an die Medikamentenverschreibungen: Was für ein Zufall, dass Amphetamin und Methylphenidat vor allem auf das Noradrenalin- und Dopamin-System im Gehirn wirken, was sich psychoaktiv in mehr erfahrener Energie, Motivation und Interesse sowie (bei Müdigkeit) mehr Wachheit äußert – auch und gerade bei langweiligen Aufgaben.</p> <p>Was für ein Zufall, dass diese Mittel in den 1950ern und 1960ern beliebte “Antidepressiva” waren und seit den 1930ern vom Militär für die Truppenmoral und das Durchhaltevermögen eingesetzt werden. Und was für ein Zufall, dass sie als Gehirndoping-Mittel vor allem von schlechteren Studierenden und in Situationen mit höherem Konkurrenzdruck eingesetzt werden (Schleim, 2023, Kap. 3).</p> <p>Aber ja, unsere Psychiaterinnen und Psychiater diagnostizieren eben immer besser. Gott sei Dank! Oder verraten die Diagnosen und Wirkungen der psychoaktiven Substanzen vielleicht doch etwas über die Art von Gesellschaft, in der wir inzwischen leben?</p> <h2 id="h-individuum-und-gesellschaft">Individuum und Gesellschaft</h2> <p>Aus Sicht der oben dargestellten biologischen Psychiatrie werden hier immer besser Gehirnstörungen identifiziert. Für diese gibt es aber komischerweise keine Gehirn-Tests. Stattdessen werden die vagen und sowohl mit anderen Störungsbildern als auch der Normalität überlappenden diagnostischen Kriterien im Gespräch und mit Fragebögen festgestellt. Zur Unterstützung verwendet man vielleicht noch ein Computerprogramm.</p> <p>Ziel ist dann die richtige medikamentöse Einstellung, damit die Person ihren Alltag besser bewältigt. Dabei belegt die auch auf tagesschau.de zitierte neue Meta-Analyse dafür nur eine kurzfristige Linderung der ADHS-Symptome. Die Lebensqualität der Betroffenen stieg nicht messbar (Ostinelli et al., 2025).</p> <p>Die von mir vertretene, eher gesellschaftliche Sicht redet die individuellen Probleme nicht klein, sondern bezieht sie auf die psychosoziale Realität vieler Menschen. Grundvoraussetzung für die Diagnose einer psychologisch-psychiatrischen Störung ist immer das individuelle Leiden und die Einschränkung im Alltagsleben. Diese hängen aber nicht nur vom Einzelnen ab, sondern auch von dessen Umgebung.</p> <p>Dann verraten uns die Störungsbilder und auch der Konsum von Psychopharmaka – zumindest manchmal – etwas über den Zustand der Gesellschaft. Gerade bei großen Veränderungen in kurzer Zeit sollte man aufhorchen: Die Pandemie war für viele ein großes Stressereignis, dazu kamen die stark steigenden Lebenserhaltungskosten sowie Kriege und Krisen. Eine gemeinsame gesellschaftliche Auszeit zur Verarbeitung des Erlebten gab es nicht, sondern einen großen Druck aufs “Weiter so!”</p> <p>Dass unter solchen Umständen mehr Menschen an die Grenzen ihrer Konzentration stoßen, ihnen Energie fehlt und die Motivation für die Arbeit oder andere Alltagsdinge nachlässt, überrascht mich als Kognitionswissenschaftler jedenfalls nicht. Aus gesellschaftlicher Sicht könnte man etwas an den strukturellen Ursachen in der Umgebung ändern, unter denen viele Menschen leiden.</p> <p>Aus dem heute vorherrschenden medizinischen Blickwinkel werden die Probleme vor allem individualisiert. Davon profitieren erst einmal diejenigen, die diese individuellen Therapien anbieten – und behaupten, dass es individuelle biologische Probleme sind.</p> <h2 id="h-neu-lernen-sie-mehr-uber-psychische-storungen">Neu: Lernen Sie mehr über psychische Störungen</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em><em><em><em><em><em><strong>Erfahren Sie mehr über die Depressions-Epidemie im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></em></em></em></em></em></em></p> <h2 id="h-literatur">Literatur</h2> <ul> <li>Bachmann, C. J., Wijlaars, L. P., Kalverdijk, L. J., Burcu, M., Glaeske, G., Schuiling-Veninga, C. C., … &amp; Zito, J. M. (2017). Trends in ADHD medication use in children and adolescents in five western countries, 2005–2012. <em>European Neuropsychopharmacology</em>, 27(5), 484-493.</li> <li>Drechsler, R., Brem, S., Brandeis, D., Grünblatt, E., Berger, G., &amp; Walitza, S. (2020). ADHD: Current concepts and treatments in children and adolescents. <em>Neuropediatrics</em>, 51(05), 315-335.</li> <li>Ivanova, M, Holstiege, J, Akmatov, M. K., Müller, D., &amp; Kohring, C. (2025). The incidence of AD(H)D spectrum disorders in adults: An analysis of nationwide claims data of the statutory health insurance system in Germany, 2015–2024. <em>Dtsch Arztebl Int</em>, 122, 697–8.</li> <li>Ostinelli, E. G., Schulze, M., Zangani, C., Farhat, L. C., Tomlinson, A., Del Giovane, C., … &amp; Cortese, S. (2025). Comparative efficacy and acceptability of pharmacological, psychological, and neurostimulatory interventions for ADHD in adults: a systematic review and component network meta-analysis. <em>The Lancet Psychiatry</em>, 12(1), 32-43.</li> <li>Schleim, S. (2022). <a href="https://www.frontiersin.org/journals/psychiatry/articles/10.3389/fpsyt.2022.943049/full">Why mental disorders are brain disorders. And why they are not: ADHD and the challenges of heterogeneity and reification</a>. <em>Front. Psychiatry</em> 13:943049.</li> <li>Schleim, S. (2023). <em><u><a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-32618-9">Mental Health and Enhancement: Substance Use and Its Social Implications</a></u></em>. Cham: Palgrave Macmillan.</li> <li>Schleim, S. (2026). <em><u><a href="https://www.schleim.info/wordpress/de/2024/08/28/stephan-schleims-buecher/">Perspektiven aus der Depressions-Epidemie. Was Depressionen sind und wie man sie behandelt</a></u></em>. Hamburg: BoD.</li> <li>Thom, J., Jonas, B., Reitzle, L., Mauz, E., Hölling, H., &amp; Schulz, M. (2024). Trends in the diagnostic prevalence of mental disorders, 2012–2022—using nationwide outpatient claims data for mental health surveillance. <em>Dtsch Arztebl Int</em>, 121, 355–62</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/illustrations/traffic-signs-attention-right-of-way-663368/">geralt</a> (Hintergrund), <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/5d6eb5e1afb445fa927df6dc8ad9e891" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Achtung-ADHS.jpg" /><h1>Was bedeuten die stark ansteigenden Diagnosezahlen für ADHS? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Vor allem bei erwachsenen Frauen stieg die Häufigkeit in den letzten Jahren auf bis das Sechsfache</strong></p> <span id="more-3479"></span> <p>Man liest es regelmäßig in den Medien: Psychologisch-psychiatrische Störungen werden immer häufiger diagnostiziert. Die Mengen der verschriebenen Medikamente <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-medikamente-fuer-erwachsene-verdreifacht/">steigen rasant</a>. Die Wartelisten für eine Therapie sind lang. Man brauche mehr Therapeutinnen und Therapeuten.</p> <p>Doch obwohl die sogenannten hoch entwickelten Länder schon sehr viel mehr davon haben als andere, scheint es nie genug zu sein. (Ich bekenne: Ich habe selbst über 5.000 Psychologinnen und Psychologen akademisch ausgebildet.) Schlimmer noch: Trotz aller Bemühungen, der Aufklärung und der (angeblichen) Entstigmatisierung steigen nicht nur die Diagnosen, sondern auch die Krankheitstage und -Kosten, ja sogar die langfristige Arbeitsunfähigkeit wegen psychischer Belastungen.</p> <p>Epidemiologen wundern sich: Laut ihren allgemeinen Bevölkerungsstudien ändert sich nichts oder allenfalls nur wenig. An den Türen der Arztpraxen und Therapiezentren sieht das aber ganz anders aus. Dort klopfen immer mehr Menschen mit Problemen an, die in den psychologisch-psychiatrischen Bereich eingeordnet werden. Sowohl die Diagnosen und Therapien als auch die Medikamentenverschreibungen und Arbeitsausfälle bilden einen zentralen Teil unseres Alltags ab.</p> <p>Mit dieser Realität haben sich zum Beispiel Julia Thom vom Robert Koch-Institut und Kollegen beschäftigt. Für eine aktuelle Studie haben sie die Veränderung der Diagnosen im Zeitraum von 2012 bis 2022 untersucht, die sie aus den Daten der gesetzlichen Krankenkassen errechnet haben (Thom et al., 2024). Demnach stiegen die Diagnosen der vor allem bei Frauen diagnostizierten Angststörungen und Depressionen um 31 beziehungsweise 15 Prozent.<aside></aside></p> <p>Bei den von Männern häufiger und intensiver konsumierten psychoaktiven Substanzen und damit einhergehenden psychischen Problemen betrug der Anstieg 35 Prozent. Am meisten veränderte sich aber bei der posttraumatischen Belastungsstörung, wenn auch in absoluten Zahlen auf einem niedrigeren Niveau: mit plus 116 Prozent mehr als eine Verdopplung.</p> <p>Das alles nimmt sich aber bescheiden heraus, wenn man es mit dem Anstieg der ADHS-Diagnosen bei den 25- bis 34-jährigen Frauen vergleicht, über den ich im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/">ersten Teil</a> schrieb: gut 500 Prozent!</p> <h2 id="h-be-deutung-von-erwachsenen-adhs">(Be-)Deutung von Erwachsenen-ADHS</h2> <p>Das sind Zahlen beziehungsweise Veränderungen, über die selbstverständlich die Medien berichten. Wie soll man sie deuten? Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Maria Ivanova vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Berlin, die die neuesten ADHS-Daten berichteten, diskutieren selbst <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/inzidenz-von-adhs-spektrum-stoerungen-bei-erwachsenen-22c4cb5b-38c9-4d19-baa1-70bbc8c595b3">verschiedene Möglichkeiten</a>. Schauen wir zunächst auf ihre Erklärung eines kleinen Rückgangs der Diagnosen im Jahr 2020:</p> <blockquote> <p>“Der kurzzeitige Inzidenzrückgang (2020) ist möglicherweise pandemiebedingt aufgrund geringerer Versorgungsinanspruchnahme, aber auch aufgrund von Einschränkungen in persönlichen Lebensbereichen und damit der Nichterfüllung der Erstdiagnostik-Kriterien zu erklären, die Funktionsbeeinträchtigungen in mindestens zwei Lebensbereichen erfordert.” (Ivanova et al., 2025)</p> </blockquote> <p>Das vermittelt uns das Wissen, dass die offiziellen diagnostischen Kriterien für ADHS seit 1994 das Vorliegen der Probleme – fehlende Aufmerksamkeit, Hyperaktivität und/oder Impulsivität – in mindestens zwei Bereichen vorschreiben, zum Beispiel in der Schule oder zu Hause. Wenn die Leute nur in der Wohnung sind, fallen andere Lebensbereiche natürlich weg.</p> <p>Übrigens wurde damals festgelegt, dass zumindest ein Teil der Probleme schon vor dem siebten Lebensjahr vorliegen muss. Es ist aber hinterher natürlich schwer zu sagen, wer als Kleinkind “oft” Anzeichen solcher Verhaltensweisen zeigte und wer nicht, zumal das bei Erwachsenen Jahrzehnte zurückliegt. Die genannte Altersgrenze wurde 2013 übrigens vom siebten auf das zwölfte Lebensjahr angehoben. Das erweiterte die Möglichkeit, die Störung zu diagnostizieren.</p> <p>Doch kommen wir jetzt zur wichtigeren Erklärung der Forscherinnen und Forscher:</p> <blockquote> <p>“[1] Der jüngst starke Inzidenzanstieg resultiert möglicherweise aus einer stärkeren gesellschaftlichen Sensibilisierung für AD(H)S, [2] der Einführung des F98.80-Codes sowie [3] Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die psychische Gesundheit. Dies erklärt möglicherweise auch die starke Zunahme bei jungen Frauen.” (Ivanova et al., 2025)</p> </blockquote> <p>Erstens – die Zahlen habe ich hilfsweise eingefügt – gibt es also vielleicht mehr Aufmerksamkeit für das Thema; zweitens wurde eine Diagnose-Möglichkeit eingeführt; und drittens ging die Pandemie mit besonderen Belastungen einher.</p> <h2 id="h-adhs-im-kontext">ADHS im Kontext</h2> <p>Mir gefällt, dass das Störungsbild hier kontextualisiert, also im Rahmen der gesellschaftlichen und institutionellen Bedingungen gesehen wird. Das in Deutschland immer noch hauptsächlich verwendete diagnostische Regelwerk, das aus den 1990er-Jahren stammende ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation, kannte eigentlich noch gar keine ADHS, wie sie seit 1980 in den amerikanischen Handbüchern steht. Stattdessen finden sich darin die “<a href="https://gesund.bund.de/icd-code-suche/f90">hyperkinetischen Störungen</a>“.</p> <p>Es gab für die Länder, die das ICD verwenden, im Laufe der Jahre aber immer sprachliche Anpassungen. Damit kam schließlich die “<a href="https://gesund.bund.de/icd-code-suche/f98-80">Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität mit Beginn in der Kindheit und Jugend</a>“. Wie ich im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/">ersten Teil</a> beschrieb, kommt der Subtyp von ADHS ohne Hyperaktivität beziehungsweise Impulsivität, manchmal auch “ADS” genannt, typischerweise häufiger bei den Mädchen vor.</p> <p>Diese Erklärung würde also zum besonders starken Anstieg bei den Frauen passen. Allerdings gibt es dieses Phänomen auch in Ländern wie den Niederlanden, die die amerikanischen Kriterien des sogenannten DSM verwenden. Auch hier bekamen Frauen in den letzten Jahren immer mehr ADHS-Diagnosen, obwohl die Klassifikation den unaufmerksamen Typ seit 1994 vorsieht.</p> <p>Dass immer mehr über ADHS – und andere psychologisch-psychiatrische Störungen – gesprochen wird und die Pandemie mit besonderen Belastungen einherging, sind im Kern soziale Erklärungen für den Anstieg. Mit dem Verweis auf “die starke Zunahme bei jungen Frauen” dachten die Forscherinnen und Forscher vielleicht an die Mehrfachbelastung durch Beruf und Erziehungsaufgaben, die stärker von Frauen wahrgenommen werden.</p> <h2 id="h-in-der-presse">In der Presse</h2> <p>Diese Deutungen konnte die Presse leicht diskutieren, als sie am 11. und 12. Dezember von der neuen Studie berichtete. Die öffentlich-rechtliche Tagesschau fiel aber negativ aus dem Rahmen: Obwohl die Daten der Originalveröffentlichung mit Link dargestellt wurden, ließen die Journalisten nur eine Reihe von Psychiatern <a href="https://www.tagesschau.de/wissen/gesundheit/adhs-erwachsene-diagnosen-100.html">zu Wort kommen</a>. Und die meinen alle, ADHS wurde und werde zu selten diagnostiziert.</p> <p>Kurzum, der Anstieg sei gar kein wirklicher Anstieg, sondern hole nur vorher übersehene Störungen ein. Warum das gerade in den Jahren 2021 bis 2024 passieren sollte und dann auch noch so schnell, erklärt keiner von ihnen.</p> <p>Swantje Matthies vom Universitätsklinikum Freiburg meint zudem,</p> <blockquote> <p>“die Symptome von ADHS und ADS [wurden] bei Frauen lange Zeit häufig übersehen. Die frühen Studien zu dem Thema basierten – wie so häufig im Gesundheitssystem – fast ausschließlich auf Daten von Jungen und Männern. Deshalb galten typisch männliche Symptome auch lange als allgemein typische AD(H)S-Symptome.” (Swantje Matthies auf tagesschau.de)</p> </blockquote> <p>Wie wir oben sahen, gibt es den bei den Mädchen häufiger Vorkommenden ADHS-Typ mit Unaufmerksamkeit als zentralem Kriterium aber schon seit 1994 in dem amerikanischen Diagnosewerk. Auch in den Ländern, die dieses verwenden, stiegen die Diagnosen in den letzten Jahren stark an.</p> <p>Noch eine Bemerkung zu der Kritik, die Studien basierten vor allem auf den Daten von Jungen und Männern: Das liegt zum Beispiel bei Medikamententests auch an der Tatsache, dass Männer sich dafür häufiger freiwillig melden. Wie ich im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/">ersten Teil</a> beschrieb, sind – vor allem: junge – Männer allgemein risikofreudiger. Es wäre wohl kaum im Sinne von Matthies, Frauen zur Teilnahme an solchen Tests gesetzlich zu verpflichten, um hier bessere Daten zu erhalten. Es stimmt aber auch, dass in der Forschung aufgrund knapper Ressourcen öfter nur ein Geschlecht untersucht wird und das zumindest in der Vergangenheit häufiger Männer waren.</p> <h2 id="h-und-was-fehlte">Und was fehlte</h2> <p>Trotzdem wunderte es mich, dass die Tagesschau die oben genannten sozialen Erklärungen aus der Originalarbeit verschwieg. Nach meinem Hinweis von 11:30 Uhr am 12. Dezember wurde <a href="https://www.tagesschau.de/wissen/gesundheit/adhs-erwachsene-diagnosen-100.html">der Artikel</a> um ca. 13:30 Uhr ergänzt und räumte man mir gegenüber in einer E-Mail von 13:42 Uhr den Fehler ein. Dieser redaktionelle Eingriff wurde im Text aber nicht kenntlich gemacht. In der dazugehörigen Audiodatei hört man wahrscheinlich noch die alte Version.</p> <p>Nach der Überarbeitung ist nun zwar von den möglichen Auswirkungen der Pandemie die Rede. Dass der Anstieg der Diagnosen aber auch an der gestiegenen Aufmerksamkeit in den Medien liegen könnte, wird dort immer noch nicht erwähnt. Dabei kann das jeder einmal selbst ausprobieren: Man liest die (oft schwammigen) Symptomlisten in so einem diagnostischen Werk und erkennt auf einmal an sich selbst ganz viele Störungsbilder oder Krankheiten. Manche Menschen sind hierfür anfälliger als andere.</p> <p>Der Tagesschau-Artikel erlaubte sich noch einen zweiten Patzer, nämlich bei den Medikamenten, auf die ich gleich ausführlicher eingehe. Am Ende wurde unter der Zwischenüberschrift “Medikamente wirken zuverlässiger” noch auf eine neuere Meta-Analyse (Ostinelli et al., 2025) zur Behandlung von Erwachsenen-ADHS verwiesen: “Danach helfen nur Medikamente, wie das vor allem unter Markennamen ‘Ritalin’ bekannte Methylphenidat oder Amphetamine verlässlich und schnell gegen Kernsymptome von ADHS, also Unruhe, Unaufmerksamkeit oder Impulsivität.”</p> <p>Eine sprachliche Feinheit vorweg: Wenn man im Deutschen nicht von Amphetamin (Straßenname “Speed”), sondern von “Amphetaminen” spricht, bezieht man sich auf eine allgemeine Substanzklasse, zu der auch Ecstasy/MDMA gehört. Wofür steht hier wohl das letzte “A”? Amphetamin! Daran haben die Tagesschau-Leute wohl eher nicht gedacht.</p> <p>Die genannte Studie belegt die Wirkung der Stimulanzien bei Erwachsenen mit einer ADHS-Diagnose aber nur für eine <em>kurzzeitige</em> Verwendungsdauer. Außerdem erfuhren die Konsumentinnen und Konsumenten dadurch keine Verbesserung ihrer Lebensqualität. Diese nicht ganz unwichtigen Einschränkungen hat die Redaktion nach meinem Hinweis ergänzt.</p> <h2 id="h-stimulanzien">Stimulanzien</h2> <p>Damit komme ich zu meinem letzten Punkt: Mit der Verwendung von Stimulanzien wie Amphetamin oder Methylphenidat (z.B. in Ritalin) in der Gesellschaft beschäftige ich mich ja, ursprünglich in der <a href="https://hdl.handle.net/11370/ea1bd3f0-513a-47ad-845f-a8c65cae0937">Gehirndoping-Debatte</a>, seit gut 20 Jahren. Wie man den Anstieg der Diagnosen auch deuten mag, bei den Zahlen der Medikamentenverschreibungen gibt es große Auffälligkeiten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-DE-NL.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Die Verschreibungen der typischen ADHS-Medikamente in Deutschland (schwarze Linie), hier dargestellt als Millionen definierte Tagesdosen, stiegen zunächst in der ersten Dekade der 2000 stark an. Eine zweite Welle setzte 2019 an. Zum Vergleich sind hier die niederländischen Zahlen dargestellt (orange). Da diese in etwa gleichauf liegen, verschreibt man in dem kleineren Land in etwa 4,5-mal so viele Stimulanzien pro Kopf. Datenquellen: Arzneiverordnungs-Report; Zorginstituut Nederland</em></p> <p>Ich könnte wahrheitsgetreu schreiben, dass man auf der Abbildung für Deutschland einen 270-fachen Anstieg sieht. Das liegt aber schlicht daran, dass Ritalinkonsum &amp; Co. in den 1990ern, meiner Zeit auf dem Gymnasium, einfach noch kein Thema war.</p> <p>Es gibt hier interessante Kulturunterschiede: In den USA, wo führende Psychiater schon 1980 das Störungsbild ADHS einführten, setzte der Trend früher ein – weswegen die Weltgesundheitsorganisation schon in den 1990ern warnte, zumal es um Medikamentenverschreibungen für Kinder ging. In Deutschland war man zögerlicher und legte man schließlich fest, dass die Stimulanzien, jedenfalls bei Minderjährigen, nicht mehr die erste Behandlungsmöglichkeit sein sollen. Die Leitlinie ist übrigens seit 2022 ausgelaufen und die neue Fassung wird mit Spannung erwartet.</p> <p>In den Niederlanden sah man es pragmatisch und verteilten Ärzte, auch wegen der langen Wartelisten, pro Kopf sogar noch mehr von den Mitteln als in den USA. In Dänemark war man aber vorsichtiger als in Deutschland (Bachmann et al., 2017). Und im Vereinigten Königreich ließ man die Finger fast ganz von den Stimulanzien, weil diese als (angeblich) gefährliche Drogen verboten sind. Letzteres gilt freilich für alle genannten Länder, wo man das aber offenbar nicht so streng sieht wie auf der anderen Seite der Nordsee.</p> <h2 id="h-wie-es-einem-gefallt">Wie es einem gefällt</h2> <p>Ich habe keine Glaskugel und kann den Leserinnen und Lesern auch nicht die eine wahre Antwort anbieten. Aber es ist schon auffällig, dass die Psychiaterinnen und Psychiater, die diese Substanzen vor allem verschreiben und damit Geld verdienen, die sozialen Deutungen ausklammern. Seit Jahrzehnten – ich habe es selbst miterlebt – reagieren sie auf jeden Anstieg immer nur mit der Behauptung, man diagnostiziere die Störungen nun besser.</p> <p>Das führt mit Blick auf die (staatlich regulierte) Produktion der Stimulanzien in den USA zu einer interessanten Frage.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stimulanzien-USA-2048x1152.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>In den USA hatte man Amphetamin (graue Balken) ab den 1970ern im “Krieg gegen Drogen” erst dämonisiert. Deshalb verschrieb man noch in den 1990ern bei ADHS vor allem Methylphenidat (z.B. Ritalin; schwarze Balken). Den vorläufigen Höhepunkt bei der staatlich regulierten Produktion beider Substanzen (hier in Tonnen dargestellt) gab es 2014. Datenquellen: US Drug Enforcement Agency; Federal Register</em></p> <p>Ich habe diese Zahlen schon in den 2010er-Jahren in Artikel und Vorträgen gezeigt. Immer hieß es aus der Pro-ADHS-Ecke: “Ja, wir diagnostizieren eben besser.” Ein Beweis wurde hierfür übrigens nie erbracht. Der dreizehnfache Anstieg von Mitte der 1990er- bis Mitte der 2010er-Jahre würde demnach bedeuten, dass man dann dreizehnmal besser diagnostizierte? Und die Abnahme von 2014 bis 2023, dass man dann 40 Prozent schlechter diagnostizierte? Man kann sich die Zahlen so zurechtlegen, wie es einem gefällt.</p> <h2 id="h-uberlappungen">Überlappungen</h2> <p>Ich möchte hier noch einen alternativen Gedankengang vorschlagen: Wie ich im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/">ersten Teil</a> schrieb, gibt es weder für ADHS, noch für die anderen psychologisch-psychiatrischen Störungen einen Blut-, Gen- oder Gehirntest. Damit sind die Störungsbilder, über die Fachleute mit ihren eigenen Interessen alle Jahre wieder neu am Konferenztisch verhandeln, für finanzielle, Marketing- und Medieninteressen besonders anfällig. <em>Hätte</em> man die von den Psychiatern seit über 200 Jahren versprochenen objektiven Tests, könnte man die Diagnosen gar nicht so multiplizieren, wie wir es seit Jahrzehnten sehen.</p> <p>ADHS ist laut den DSM-Kriterien eine so komplexe Kategorie, dass man aus den offiziellen Symptomen satte 116.220 gültige Varianten erzeugen kann (Schleim, 2022). Zu dieser Vielfalt kommen die schwammigen Grenzen zu anderen Störungsbildern. Fachleute nennen das “Komorbidität” (<em>co</em> = Zusammen, <em>morbus</em> = Krankheit). Bei ADHS sind das insbesondere Autismusspektrum-, Entwicklungs-, Lern-, Substanzkonsum-, Zwangs-, Angst- und depressive Störungen (Drechsler et al., 2020). Allein mit den letzten beiden gibt es laut Studien in bis zu 45 Prozent der Fälle Überlappungen.</p> <p>Daher wage ich hier einmal eine Alternativhypothese: Nach gut 30 Jahren Burn-out- und Depressions-Epidemie (Schleim, 2026) sind jetzt gerade ADHS-Diagnosen im Trend. Gemein sind diesen Störungsbildern die fehlende Konzentration und Motivation, die Antriebslosigkeit. Ja, wenn man sich langweilt oder die Energie verschwindet, reagieren manche abgelenkt und träumerisch, andere impulsiv und hyperaktiv.</p> <p>Inzwischen leben wir in einer Welt, in der kontinuierlich nicht nur E-Mails, sondern auch Chatnachrichten auf uns einprasseln. Auf (a)sozialen Medien warten endlose Bildchen oder Videos, die sowohl von ihren Machern als auch den Algorithmen darauf optimiert wurden, unsere Aufmerksamkeit zu fesseln. Dazu kommen Online-Glücksspiel, -Games und -Pornografie. Das ist für unser Belohnungssystem alles so viel interessanter als eintönige Schul- oder Bildschirmarbeit und oft nur einen Klick oder Wisch weit entfernt.</p> <h2 id="h-psycho-aktiv">Psycho-Aktiv</h2> <p>Und nun erinnern wir uns noch einmal an die Medikamentenverschreibungen: Was für ein Zufall, dass Amphetamin und Methylphenidat vor allem auf das Noradrenalin- und Dopamin-System im Gehirn wirken, was sich psychoaktiv in mehr erfahrener Energie, Motivation und Interesse sowie (bei Müdigkeit) mehr Wachheit äußert – auch und gerade bei langweiligen Aufgaben.</p> <p>Was für ein Zufall, dass diese Mittel in den 1950ern und 1960ern beliebte “Antidepressiva” waren und seit den 1930ern vom Militär für die Truppenmoral und das Durchhaltevermögen eingesetzt werden. Und was für ein Zufall, dass sie als Gehirndoping-Mittel vor allem von schlechteren Studierenden und in Situationen mit höherem Konkurrenzdruck eingesetzt werden (Schleim, 2023, Kap. 3).</p> <p>Aber ja, unsere Psychiaterinnen und Psychiater diagnostizieren eben immer besser. Gott sei Dank! Oder verraten die Diagnosen und Wirkungen der psychoaktiven Substanzen vielleicht doch etwas über die Art von Gesellschaft, in der wir inzwischen leben?</p> <h2 id="h-individuum-und-gesellschaft">Individuum und Gesellschaft</h2> <p>Aus Sicht der oben dargestellten biologischen Psychiatrie werden hier immer besser Gehirnstörungen identifiziert. Für diese gibt es aber komischerweise keine Gehirn-Tests. Stattdessen werden die vagen und sowohl mit anderen Störungsbildern als auch der Normalität überlappenden diagnostischen Kriterien im Gespräch und mit Fragebögen festgestellt. Zur Unterstützung verwendet man vielleicht noch ein Computerprogramm.</p> <p>Ziel ist dann die richtige medikamentöse Einstellung, damit die Person ihren Alltag besser bewältigt. Dabei belegt die auch auf tagesschau.de zitierte neue Meta-Analyse dafür nur eine kurzfristige Linderung der ADHS-Symptome. Die Lebensqualität der Betroffenen stieg nicht messbar (Ostinelli et al., 2025).</p> <p>Die von mir vertretene, eher gesellschaftliche Sicht redet die individuellen Probleme nicht klein, sondern bezieht sie auf die psychosoziale Realität vieler Menschen. Grundvoraussetzung für die Diagnose einer psychologisch-psychiatrischen Störung ist immer das individuelle Leiden und die Einschränkung im Alltagsleben. Diese hängen aber nicht nur vom Einzelnen ab, sondern auch von dessen Umgebung.</p> <p>Dann verraten uns die Störungsbilder und auch der Konsum von Psychopharmaka – zumindest manchmal – etwas über den Zustand der Gesellschaft. Gerade bei großen Veränderungen in kurzer Zeit sollte man aufhorchen: Die Pandemie war für viele ein großes Stressereignis, dazu kamen die stark steigenden Lebenserhaltungskosten sowie Kriege und Krisen. Eine gemeinsame gesellschaftliche Auszeit zur Verarbeitung des Erlebten gab es nicht, sondern einen großen Druck aufs “Weiter so!”</p> <p>Dass unter solchen Umständen mehr Menschen an die Grenzen ihrer Konzentration stoßen, ihnen Energie fehlt und die Motivation für die Arbeit oder andere Alltagsdinge nachlässt, überrascht mich als Kognitionswissenschaftler jedenfalls nicht. Aus gesellschaftlicher Sicht könnte man etwas an den strukturellen Ursachen in der Umgebung ändern, unter denen viele Menschen leiden.</p> <p>Aus dem heute vorherrschenden medizinischen Blickwinkel werden die Probleme vor allem individualisiert. Davon profitieren erst einmal diejenigen, die diese individuellen Therapien anbieten – und behaupten, dass es individuelle biologische Probleme sind.</p> <h2 id="h-neu-lernen-sie-mehr-uber-psychische-storungen">Neu: Lernen Sie mehr über psychische Störungen</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em><em><em><em><em><em><strong>Erfahren Sie mehr über die Depressions-Epidemie im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></em></em></em></em></em></em></p> <h2 id="h-literatur">Literatur</h2> <ul> <li>Bachmann, C. J., Wijlaars, L. P., Kalverdijk, L. J., Burcu, M., Glaeske, G., Schuiling-Veninga, C. C., … &amp; Zito, J. M. (2017). Trends in ADHD medication use in children and adolescents in five western countries, 2005–2012. <em>European Neuropsychopharmacology</em>, 27(5), 484-493.</li> <li>Drechsler, R., Brem, S., Brandeis, D., Grünblatt, E., Berger, G., &amp; Walitza, S. (2020). ADHD: Current concepts and treatments in children and adolescents. <em>Neuropediatrics</em>, 51(05), 315-335.</li> <li>Ivanova, M, Holstiege, J, Akmatov, M. K., Müller, D., &amp; Kohring, C. (2025). The incidence of AD(H)D spectrum disorders in adults: An analysis of nationwide claims data of the statutory health insurance system in Germany, 2015–2024. <em>Dtsch Arztebl Int</em>, 122, 697–8.</li> <li>Ostinelli, E. G., Schulze, M., Zangani, C., Farhat, L. C., Tomlinson, A., Del Giovane, C., … &amp; Cortese, S. (2025). Comparative efficacy and acceptability of pharmacological, psychological, and neurostimulatory interventions for ADHD in adults: a systematic review and component network meta-analysis. <em>The Lancet Psychiatry</em>, 12(1), 32-43.</li> <li>Schleim, S. (2022). <a href="https://www.frontiersin.org/journals/psychiatry/articles/10.3389/fpsyt.2022.943049/full">Why mental disorders are brain disorders. And why they are not: ADHD and the challenges of heterogeneity and reification</a>. <em>Front. Psychiatry</em> 13:943049.</li> <li>Schleim, S. (2023). <em><u><a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-32618-9">Mental Health and Enhancement: Substance Use and Its Social Implications</a></u></em>. Cham: Palgrave Macmillan.</li> <li>Schleim, S. (2026). <em><u><a href="https://www.schleim.info/wordpress/de/2024/08/28/stephan-schleims-buecher/">Perspektiven aus der Depressions-Epidemie. Was Depressionen sind und wie man sie behandelt</a></u></em>. Hamburg: BoD.</li> <li>Thom, J., Jonas, B., Reitzle, L., Mauz, E., Hölling, H., &amp; Schulz, M. (2024). Trends in the diagnostic prevalence of mental disorders, 2012–2022—using nationwide outpatient claims data for mental health surveillance. <em>Dtsch Arztebl Int</em>, 121, 355–62</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/illustrations/traffic-signs-attention-right-of-way-663368/">geralt</a> (Hintergrund), <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/5d6eb5e1afb445fa927df6dc8ad9e891" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>16</slash:comments> </item> <item> <title>When AI Can Do It All, What Will Be Left for Human Mathematicians and Scientists? https://scilogs.spektrum.de/hlf/when-ai-can-do-it-all-what-will-be-left-for-human-mathematicians-and-scientists/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/when-ai-can-do-it-all-what-will-be-left-for-human-mathematicians-and-scientists/#comments Wed, 17 Dec 2025 13:00:00 +0000 George Musser https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14003 <h1>When AI Can Do It All, What Will Be Left for Human Mathematicians and Scientists? - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By George Musser</h2><div itemprop="text"> <p>Among all the fields of research, mathematics is the one that one can most clearly foresee being automated. Artificial intelligence systems are already able to suggest new mathematical conjectures. They can translate them into a rigorous form. They can prove them. So, once you combine all three capabilities into one system, what will be left for humans to do? “Mathematicians become priests to oracles,” predicted <a href="https://lims.ac.uk/yang-hui-he/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Yang-Hui He</a>, a mathematical physicist at the London Institute and University of Oxford, during the Hot Topic session at this year’s Heidelberg Laureate Forum.</p> <p>A.I. was the dominant theme all week at the HLF, and the two Hot Topic panels – the first on mathematics, the second on physics – gave attendees a chance to share their delight as well as dread. All the panelists said they felt both poles of emotion. “We can be excited about the possibilities while also being aware of the potential downsides,” said <a href="https://frasermaia.github.io/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Maia Fraser</a>, a mathematician at the University of Ottawa. “We can do both at the same time.”</p> <p>No one doubted that computer tools – including but not limited to large language models – are revolutionizing mathematics research. “In the math community that I come from, progress was measured in years, sometimes even in decades, and now we start to measure things in months,” said <a href="https://sites.brown.edu/jgs/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Javier Gómez-Serrano</a>, a mathematician at Brown University. As A.I. takes over the chore of formulating and checking rigorous proofs, humans will be freed to concentrate on achieving and conveying intuitive understanding. “They’ll do even less formal proof, and the machines will convert it into some formal form,” said <a href="https://www.cs.princeton.edu/~arora/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Sanjeev Arora</a>, a computer scientist at Princeton University and recipient of the 2011 ACM Prize in Computing. “So, writing a paper will be much easier.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-Christian-Flemming.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-Christian-Flemming.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-Christian-Flemming.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-Christian-Flemming-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-Christian-Flemming-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Sanjeev Arora (ACM Prize in Computing – 2011) on the panel at the 12th HLF. Image credits: Flemming/HLFF</figcaption></figure></div> <p>The quickening pace makes it even harder than it already was to keep up with the literature, but Arora described how LLMs help him with that, too. He feeds a paper into a model and then engages in dialogue with it, which – he finds – gives much better results than simply asking for a summary. “You do a question-answer with a good model, and you understand the paper very well in 5, 10 minutes,” he said.</p> <p>So far, A.I. has yet to make any nontrivial discoveries on its own, a threshold that Yang calls the “<a href="https://www.nature.com/articles/d41586-024-00020-z" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Birch test</a>,” after his Oxford colleague Bryan Birch. But Yang cited instances in <a href="https://www.nature.com/articles/s41586-021-04086-x" rel="noreferrer noopener" target="_blank">knot theory</a>, <a href="https://arxiv.org/abs/2204.10140" rel="noreferrer noopener" target="_blank">number theory</a>, and group theory where it has come close. So, a fully automated advance is probably just a matter of time. He’s fine with that, if it means seeing the solutions to longstanding puzzles: “I really want to see the proof of the Riemann hypothesis, whether it’s given to me by God or by an oracle or by the mind of Terence Tao.”<aside></aside></p> <p>But Fraser cautioned that we should be careful what we wish for. The willingness of society to support mathematics research, already tenuous, may not survive automation. “I don’t want to speculate on how to maintain the public’s awareness of the importance of mathematicians when they’ve already been cut out of the loop,” she said.</p> <p>Cognitive de-skilling is another worry. In a poll, audience members expressed concern that A.I.-reliant students are failing to acquire core skills. Gómez-Serrano said this prospect worries him, too. “If we don’t think carefully about this, then this is going to arrive and we will not really know how to react.”</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/GpSvaA3fWAg?list=PLS0TjJA_GZXctE6kIEyuocCLEFNsJrNin" title="Hot Topic: The Machine-Learning Revolution – Part 1: Mathematics | September 16" width="666"></iframe> </p></figure> <h3 id="h-physics-is-hard-even-for-a-i">Physics Is Hard Even for A.I.</h3> <p>The physics panelists expressed no such ambivalence; for them, A.I. has been unequivocally good. It has sped up data analysis without threatening to usurp the human role anytime soon. The difference from mathematics is that the main bottleneck is not brainpower but the cost – in time, energy, and money – of experiments.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-1.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-1.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-1-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>From left to right: George Musser, Kyle Cranmer, Thea Klaeboe Åarrestad, David Silver, Maia Fraser. Image credits: Kreutzer/HLFF</figcaption></figure></div> <p>“We do experiments that take 10, 20 years to plan and pull off and require convincing a large fraction of the world to pitch in to be able to do it,” said <a href="https://theoryandpractice.org/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Kyle Cranmer</a>, a particle physicist at the University of Wisconsin–Madison. Furthermore, experiments entail tradeoffs. <a href="https://thaarres.github.io/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Thea Klaeboe Åarrestad</a>, a particle physicist at ETH Zurich, said the detectors at the Large Hadron Collider throw away 99.98 percent of the data they collect. That may seem wasteful, but strikes a balance. To save more would require more power cables and readout circuitry, which would get in the way of the very particles they are trying to measure. “We physically can’t read out all of the data,” she said.</p> <p>In general, whenever A.I. interfaces with the physical world, it faces the same constraints we humans do. “There’s going to be this natural brake on the progress of A.I.,” said <a href="https://davidstarsilver.wordpress.com/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">David Silver</a>, a computer scientist at Google DeepMind and University College London and recipient of the 2019 ACM Prize in Computing. Silver has argued that A.I. has entered an “era of experience” in which it learns more from its own exploration than from ingesting human knowledge. But exploring means tolerating failure, and we can’t always do that. “If it’s too unsafe to explore, well, OK, maybe it’s not something [on which] we’re ready to go beyond human knowledge,” he said.</p> <p>The panelists enthused over how A.I. helps them, for example, to decide which 99.98 percent of data the LHC detectors should throw away. “We know there has to be physics beyond the Standard Model somewhere,” Åarrestad said. “Could it be there? That’s what keeps me up at night.” A.I. also creates surrogate models – models of models that are trained on full-up simulations and can mimic their output much faster. Not only physicists but also cosmologists, neuroscientists, economists, and climate scientists are making use of these surrogates. They pick up on patterns in the underlying dynamics and, in a sense, express higher-order laws of nature. “It does seem to me to be reasonably fair to describe these neural networks as encapsulating a new model of science,” Silver said.</p> <p>As for hiring and promotion, the physics panelists also painted a positive picture. “We’re not yet seeing the job displacement,” Cranmer said. If anything, he said, A.I. has brought new investment into his field.</p> <p>For all its risks, the emerging human-machine partnership is making progress on the great mathematics and science questions of our time. “Anyone who is a mathematician or a scientist should be just so excited to be alive now, of all times,” Silver said. “We are alive now when the greatest changes are going to happen and biggest discoveries, the most advances, are going to happen.”</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/I-Ye-rMhRws?list=PLS0TjJA_GZXctE6kIEyuocCLEFNsJrNin" title="Hot Topic: The Machine-Learning Revolution – Part 2: Physical Sciences | September 16" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>When AI Can Do It All, What Will Be Left for Human Mathematicians and Scientists? - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By George Musser</h2><div itemprop="text"> <p>Among all the fields of research, mathematics is the one that one can most clearly foresee being automated. Artificial intelligence systems are already able to suggest new mathematical conjectures. They can translate them into a rigorous form. They can prove them. So, once you combine all three capabilities into one system, what will be left for humans to do? “Mathematicians become priests to oracles,” predicted <a href="https://lims.ac.uk/yang-hui-he/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Yang-Hui He</a>, a mathematical physicist at the London Institute and University of Oxford, during the Hot Topic session at this year’s Heidelberg Laureate Forum.</p> <p>A.I. was the dominant theme all week at the HLF, and the two Hot Topic panels – the first on mathematics, the second on physics – gave attendees a chance to share their delight as well as dread. All the panelists said they felt both poles of emotion. “We can be excited about the possibilities while also being aware of the potential downsides,” said <a href="https://frasermaia.github.io/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Maia Fraser</a>, a mathematician at the University of Ottawa. “We can do both at the same time.”</p> <p>No one doubted that computer tools – including but not limited to large language models – are revolutionizing mathematics research. “In the math community that I come from, progress was measured in years, sometimes even in decades, and now we start to measure things in months,” said <a href="https://sites.brown.edu/jgs/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Javier Gómez-Serrano</a>, a mathematician at Brown University. As A.I. takes over the chore of formulating and checking rigorous proofs, humans will be freed to concentrate on achieving and conveying intuitive understanding. “They’ll do even less formal proof, and the machines will convert it into some formal form,” said <a href="https://www.cs.princeton.edu/~arora/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Sanjeev Arora</a>, a computer scientist at Princeton University and recipient of the 2011 ACM Prize in Computing. “So, writing a paper will be much easier.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-Christian-Flemming.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-Christian-Flemming.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-Christian-Flemming.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-Christian-Flemming-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793337845_9628971f89_o-Christian-Flemming-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Sanjeev Arora (ACM Prize in Computing – 2011) on the panel at the 12th HLF. Image credits: Flemming/HLFF</figcaption></figure></div> <p>The quickening pace makes it even harder than it already was to keep up with the literature, but Arora described how LLMs help him with that, too. He feeds a paper into a model and then engages in dialogue with it, which – he finds – gives much better results than simply asking for a summary. “You do a question-answer with a good model, and you understand the paper very well in 5, 10 minutes,” he said.</p> <p>So far, A.I. has yet to make any nontrivial discoveries on its own, a threshold that Yang calls the “<a href="https://www.nature.com/articles/d41586-024-00020-z" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Birch test</a>,” after his Oxford colleague Bryan Birch. But Yang cited instances in <a href="https://www.nature.com/articles/s41586-021-04086-x" rel="noreferrer noopener" target="_blank">knot theory</a>, <a href="https://arxiv.org/abs/2204.10140" rel="noreferrer noopener" target="_blank">number theory</a>, and group theory where it has come close. So, a fully automated advance is probably just a matter of time. He’s fine with that, if it means seeing the solutions to longstanding puzzles: “I really want to see the proof of the Riemann hypothesis, whether it’s given to me by God or by an oracle or by the mind of Terence Tao.”<aside></aside></p> <p>But Fraser cautioned that we should be careful what we wish for. The willingness of society to support mathematics research, already tenuous, may not survive automation. “I don’t want to speculate on how to maintain the public’s awareness of the importance of mathematicians when they’ve already been cut out of the loop,” she said.</p> <p>Cognitive de-skilling is another worry. In a poll, audience members expressed concern that A.I.-reliant students are failing to acquire core skills. Gómez-Serrano said this prospect worries him, too. “If we don’t think carefully about this, then this is going to arrive and we will not really know how to react.”</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/GpSvaA3fWAg?list=PLS0TjJA_GZXctE6kIEyuocCLEFNsJrNin" title="Hot Topic: The Machine-Learning Revolution – Part 1: Mathematics | September 16" width="666"></iframe> </p></figure> <h3 id="h-physics-is-hard-even-for-a-i">Physics Is Hard Even for A.I.</h3> <p>The physics panelists expressed no such ambivalence; for them, A.I. has been unequivocally good. It has sped up data analysis without threatening to usurp the human role anytime soon. The difference from mathematics is that the main bottleneck is not brainpower but the cost – in time, energy, and money – of experiments.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-1.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-1.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793245784_9d80a3833f_o-1-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>From left to right: George Musser, Kyle Cranmer, Thea Klaeboe Åarrestad, David Silver, Maia Fraser. Image credits: Kreutzer/HLFF</figcaption></figure></div> <p>“We do experiments that take 10, 20 years to plan and pull off and require convincing a large fraction of the world to pitch in to be able to do it,” said <a href="https://theoryandpractice.org/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Kyle Cranmer</a>, a particle physicist at the University of Wisconsin–Madison. Furthermore, experiments entail tradeoffs. <a href="https://thaarres.github.io/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Thea Klaeboe Åarrestad</a>, a particle physicist at ETH Zurich, said the detectors at the Large Hadron Collider throw away 99.98 percent of the data they collect. That may seem wasteful, but strikes a balance. To save more would require more power cables and readout circuitry, which would get in the way of the very particles they are trying to measure. “We physically can’t read out all of the data,” she said.</p> <p>In general, whenever A.I. interfaces with the physical world, it faces the same constraints we humans do. “There’s going to be this natural brake on the progress of A.I.,” said <a href="https://davidstarsilver.wordpress.com/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">David Silver</a>, a computer scientist at Google DeepMind and University College London and recipient of the 2019 ACM Prize in Computing. Silver has argued that A.I. has entered an “era of experience” in which it learns more from its own exploration than from ingesting human knowledge. But exploring means tolerating failure, and we can’t always do that. “If it’s too unsafe to explore, well, OK, maybe it’s not something [on which] we’re ready to go beyond human knowledge,” he said.</p> <p>The panelists enthused over how A.I. helps them, for example, to decide which 99.98 percent of data the LHC detectors should throw away. “We know there has to be physics beyond the Standard Model somewhere,” Åarrestad said. “Could it be there? That’s what keeps me up at night.” A.I. also creates surrogate models – models of models that are trained on full-up simulations and can mimic their output much faster. Not only physicists but also cosmologists, neuroscientists, economists, and climate scientists are making use of these surrogates. They pick up on patterns in the underlying dynamics and, in a sense, express higher-order laws of nature. “It does seem to me to be reasonably fair to describe these neural networks as encapsulating a new model of science,” Silver said.</p> <p>As for hiring and promotion, the physics panelists also painted a positive picture. “We’re not yet seeing the job displacement,” Cranmer said. If anything, he said, A.I. has brought new investment into his field.</p> <p>For all its risks, the emerging human-machine partnership is making progress on the great mathematics and science questions of our time. “Anyone who is a mathematician or a scientist should be just so excited to be alive now, of all times,” Silver said. “We are alive now when the greatest changes are going to happen and biggest discoveries, the most advances, are going to happen.”</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/I-Ye-rMhRws?list=PLS0TjJA_GZXctE6kIEyuocCLEFNsJrNin" title="Hot Topic: The Machine-Learning Revolution – Part 2: Physical Sciences | September 16" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/when-ai-can-do-it-all-what-will-be-left-for-human-mathematicians-and-scientists/#comments 31 ADHS-Diagnosen: Versechsfachung bei jungen Frauen, Verdreifachung bei den Männern https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/#comments Tue, 16 Dec 2025 12:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3471 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Achtung-ADHS-768x543.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Achtung-ADHS.jpg" /><h1>ADHS-Diagnosen: Versechsfachung bei jungen Frauen, Verdreifachung bei den Männern » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Seit der COVID-Pandemie explodieren die psychiatrischen Diagnosen förmlich</strong></p> <span id="more-3471"></span> <p>Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) galt lange Zeit als Problem der Kindheit und Jugend. Man dachte insbesondere an zappelnde, laute, herumspringende, anderen ins Wort fallende, kurzum: <em>störende</em> Jungen. Das beschreibt einen von zwei Haupttypen des Störungsbilds, bei dem Impulsivität im Vordergrund steht. Daneben gibt es aber auch die träumerische, vergessliche, eher abwesende Variante. Diese wird vor allem bei Mädchen diagnostiziert.</p> <p>Tatsächlich gab es bei ADHS immer einen großen Geschlechtsunterschied: Jungen bekamen die Diagnose in etwa dreimal so häufig wie Mädchen. Das wollte man genetisch erklären – bisher ohne Erfolg. Wahrscheinlich liegt es aber vor allem daran, dass der impulsive, bei den Jungen häufigere Typ andere sehr viel mehr stört als die unaufmerksame, bei den Mädchen häufiger vorkommende Variante.</p> <h2 id="h-geschlechtsunterschiede">Geschlechtsunterschiede</h2> <p>Allgemein gilt: Jungen und Männer <em>externalisieren</em> Probleme eher, werden verhaltensauffällig, mitunter störend, aggressiv, konsumieren mehr Alkohol und andere Drogen und tun überhaupt mehr riskante und/oder verbotene Dinge. Letzteres sieht man schließlich in der Geschlechtsverteilung in den Gefängnissen, wo fast nur Männer eingesperrt sind. Mädchen und Frauen neigen demgegenüber dazu, Probleme zu <em>internalisieren</em>: Sie werden häufiger still, ziehen sich zurück, geben sich selbst die Schuld oder essen nicht mehr. Angst- und Gefühlsstörungen beziehungsweise Depressionen bekommen sie zwei- bis dreimal so häufig diagnostiziert, Essstörungen sogar vier- bis achtmal so oft.</p> <p>Ob diese Geschlechtsunterschiede eher biologischer Natur oder gesellschaftlich geprägt sind, ist Stoff für endlose Diskussionen. Wahrscheinlich stimmt beides: Es gibt körperliche, hormonal geprägte Unterschiede, die durch gesellschaftliche Vorstellung von typischen Frauen- und Männerbildern verstärkt werden.<aside></aside></p> <p>Schon die feministische Philosophin Simone de Beauvoir (1908-1986) leitete hieraus eine interessante Erklärung für die Entstehung des Patriarchats ab: Ab der Bronzezeit, also ab ca. dem 3. Jahrtausend v.u.Z. konnten die körperlich meist stärkeren Männer die neuen und tödlicheren, aber auch schweren Waffen besser führen. Im Gegenzug für den Schutz der Gruppe nach innen und Überfälle anderer im Außen erwarteten sie bestimmte Privilegien.</p> <p>Noch in der Geburtsstunde der Demokratie, der griechischen Polis, waren die bürgerlichen Privilegien an das Einstehen für die Gesellschaft auf dem Schlachtfeld gebunden. Man könnte dieses Denken ins 21. Jahrhundert und zum Beispiel die Kriegsfront in der Ukraine übertragen. Aber bleiben wir beim Thema ADHS.</p> <h2 id="h-haufigkeit-von-adhs">Häufigkeit von ADHS</h2> <p>ADHS gilt zwar auch heute noch als neuronale Entwicklungsstörung, also als ein Problem primär der Kindheit und Jugend. Fachleute zerbrachen sich aber lange den Kopf darüber, was beim Übergang ins Erwachsenenalter mit den Symptomen passiert. In etwa seit der Jahrtausendwende gilt als Konsens, dass bei rund der Hälfte der Betroffenen die Probleme im Sinne einer psychologisch-psychiatrischen Störung bleiben. Dabei soll aber die Hyperaktivität beziehungsweise Impulsivität in den Hintergrund treten.</p> <p>Tatsächlich steht im offiziellen Konsenspapier der Weltvereinigung für ADHS (hier auch in <a href="https://www.adhd-federation.org/publications/international-consensus-statement.html">deutscher Übersetzung verfügbar</a>), dass die Störung bei rund 6 Prozent der Minderjährigen und 2,5 Prozent der Erwachsenen vorkomme (Faraone et al., 2021). Dort werden aber auch Studien zitiert, die wichtige gesellschaftliche Fragen aufwerfen: So gibt es zum Beispiel Untersuchungen aus den USA, die bei schwarzen Minderjährigen eine Prävalenz von satten 14 Prozent fanden, also rund doppelt so viel wie im Bevölkerungsdurchschnitt (Cénat et al., 2021).</p> <p>Man sollte nicht die alten Fehler der Psychiatrie wiederholen, solche Unterschiede genetisch-rassistisch zu erklären. Vielmehr vermute ich hier den Ausdruck von sozialer Benachteiligung: Dass Schwarze und andere nicht-weiße Gruppen in den USA (und nicht nur dort) im Durchschnitt weniger wohlhabend sind und häufiger unter schlechteren Bedingungen leben, ist bekannt.</p> <p>Die Forscherinnen und Forscher ziehen allerdings andere Schlüsse aus ihren Daten. Weil Schwarze ein höheres Risiko für ADHS hätten, müsse man bei ihnen noch intensiver nach der Störung suchen. Wenn daraus mal keine sich selbst erfüllende Prophezeiung wird?</p> <blockquote> <p>“… die Ergebnisse dieser systematischen Übersichtsarbeit und Meta-Analyse legen nahe, dass Schwarze ein höheres Risiko für eine ADHS-Diagnose aufweisen als die US-amerikanische Allgemeinbevölkerung. Diese Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, die ADHS-Diagnostik und -Überwachung bei Schwarzen unterschiedlicher sozialer Herkunft zu intensivieren.” (Cénat et al., 2021, S. 21)</p> </blockquote> <h2 id="h-soziale-aspekte">Soziale Aspekte</h2> <p>Im Gegenzug für eine ADHS-Diagnose kriegen Kinder und Jugendliche wegen Gesetzen gegen Benachteiligung mitunter mehr Betreuung oder Zeit zum Absolvieren von Tests; und die Erziehungsberechtigten vielleicht einen Zuschlag für Sozialleistungen oder Kindergeld. Man kann auch in Deutschland mit so einer Diagnose einen Schwerbehindertenausweis beantragen – und sich dann mit den Behörden über den Grad der Behinderung streiten. Anleitungen dafür finden sich im Netz.</p> <p>Frappierend ist auch der für viele Länder bestätigte Befund, dass in Schulklassen die jüngsten Kinder am häufigsten eine ADHS-Diagnose und eine Medikamentenverschreibung für Stimulanzien wie Methylphenidat (z.B. in Ritalin) erhalten. Das kann man anhand der Stichtage für die Einschulung nachvollziehen: Wenn ein Kind kurz davor Geburtstag hat, wird es immer zu den Jüngsten der Klasse gehören; ist der Geburtstag aber kurz nach dem Stichtag, wird es ein Jahr später eingeschult – und dann unter den Ältesten sein. Laut einer großen Meta-Analyse ist die Wahrscheinlichkeit für die Jüngsten, die Diagnose zu bekommen, sogar um ganze 34 Prozent höher (Caye et al., 2020).</p> <p>In Deutschland lässt sich dieser Einschulungseffekt besonders gut Untersuchen, da die 16 Bundesländer unterschiedliche Stichtage zwischen dem 30. Juni bis 30. September verwenden. Auf einer <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/kurioses-ueber-die-aufmerksamkeitsstoerung-adhs/">Abbildung aus dem Versorgungsatlas</a> (nach unten scrollen) sieht man ganz klar: Je jünger ein Kind in seinem Jahrgang ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer ADHS-Diagnose.</p> <p>Dieser Befund missfällt natürlich denen, die die Störung am liebsten als genetisch beziehungsweise neuronal bedingt darstellen. Denn der Einschulungseffekt lässt nach meiner Interpretation keine andere Erklärung zu, als dass – zumindest bei einem nicht zu vernachlässigenden Teil der Kinder – hier schlicht Kindlichkeit als psychologisch-psychiatrisches Problem klassifiziert wird. Würden diese Kinder ein Jahr später eingeschult, bekämen sie die Diagnose <em>nicht</em>.</p> <p>Deswegen sollte man das Kind nicht mit dem Bad ausschütten: Dass manche schwerste und behandlungsbedürftige Aufmerksamkeitsprobleme haben, bestreitet niemand. Heinrich Hoffmanns (1809-1894) “Zappelphilipp” kann man aber nicht als Beleg für die Echtheit der Störung anführen, da die Symptome nicht passen (Lange et al., 2010).</p> <h2 id="h-erwachsenen-adhs">Erwachsenen-ADHS</h2> <p>Halten wir fest: ADHS ist heute eine verbreitete psychologisch-psychiatrische Störung. Obwohl sie als neuronale Entwicklungsstörung gilt, gibt es keinen Blut-, Gen- oder Gehirntest, wie es die Forschung der biologischen Psychiatrie seit über 200 Jahren verspricht. Das gilt übrigens für <em>alle</em> Störungsbilder – schließt aber nicht aus, dass in Einzelfällen zum Beispiel eine Schilddrüsenfehlfunktion zu einer depressiven Verstimmung führen kann. Darum sind körperliche Untersuchungen bei ernsten und anhaltenden psychischen Problemen angeraten.</p> <p>Das heißt, ADHS wird nach wie vor in einem diagnostischen Gespräch festgestellt. Neben der Beurteilung des Aufmerksamkeitsdefizits oder der Impulsivität schreibt die Definition als <em>Entwicklungs</em>störung vor, dass die Probleme schon in Kindheit oder Jugend vorgelegen haben müssen. Bei Erwachsenen kann das in der Praxis über Gespräche oder Fragebögen von Eltern, Geschwistern, Freunden oder anderen früheren Bezugspersonen erhoben werden.</p> <p>Dumm nur, dass die Nachfrage nach der Diagnostik in Deutschland inzwischen so hoch ist, dass man als gesetzlich Versicherter mit einer Wartezeit von vielen Monaten bis wenigen Jahren rechnen muss. Dank Marktwirtschaft und Konkurrenzprinzip nutzen manche Praxen die Gelegenheit, das als Dienstleistung für Selbstzahler anzubieten. Wer es sich leisten kann, bezahlt am Ende oft so um die 500 Euro dafür. Am Rande: Durch diese gewinnmaximierende Verschiebung werden Wartezeiten für gesetzlich Versicherte natürlich höher.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg"><img alt="" decoding="async" height="563" sizes="(max-width: 850px) 100vw, 850px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg 850w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb-300x199.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb-768x509.jpg 768w" width="850"></img></a></figure> <p><em>Eine psychotherapeutische Praxis bietet eine ADHS-Voruntersuchung zum Preis von 143 Euro an. Dafür winken “potenzielle rechtliche und finanzielle Vorteile”. Die gesamte Diagnostik wird aber erst einmal mehr kosten. Quelle: Bildzitat nach Originalvorlage</em></p> <p>Wie haben sich nun die tatsächlichen Diagnosezahlen entwickelt, nach so viel Aufmerksamkeit für ADHS in der Gesellschaft, in den klassischen und (a)sozialen Medien? Im <em>Deutschen Ärzteblatt</em> ist dazu eine <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/inzidenz-von-adhs-spektrum-stoerungen-bei-erwachsenen-22c4cb5b-38c9-4d19-baa1-70bbc8c595b3">brandneue Auswertung</a> erschienen.</p> <h2 id="h-vervielfachung">Vervielfachung</h2> <p>Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Maria Ivanova vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Berlin haben dafür die Daten von 17 kassenärztlichen Vereinigungen erhalten. Bei den Männern verdoppelten bis vervierfachten sich die ADHS-Diagnosen im Vergleich von vor und nach der Pandemie.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Je nach Altersgruppe stieg die Häufigkeit der Diagnosen bei den Männern im Vergleich von 2015 (hellgrau) bis 2024 (dunkelgrau) um den Faktor zwei bis vier. Während ADHS früher ein Störungsbild Minderjähriger, dann junger Erwachsener war, lassen sich inzwischen auch mehr Menschen in den 40ern und 50ern entsprechend diagnostizieren, wenn auch insgesamt noch auf einem niedrigeren Niveau. Datenquelle: Ivanova et al., 2025</em></p> <p>Bei den Frauen war der Anstieg im selben Zeitraum noch größer.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Je nach Altersgruppe stieg die Häufigkeit der Diagnosen bei den Frauen im Vergleich von 2015 (grau) bis 2024 (schwarz) um den Faktor drei bis sechs. Datenquelle: Ivanova et al., 2025</em></p> <p>Ich spreche hier von “vor und nach der Pandemie”. Der Übersichtlichkeit halber habe ich den Start- und Endpunkt der Auswertung miteinander verglichen. Wer mag, kann <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/inzidenz-von-adhs-spektrum-stoerungen-bei-erwachsenen-22c4cb5b-38c9-4d19-baa1-70bbc8c595b3?tabId=figures#imgGrafik">auf der Originalabbildung</a> selbst nachvollziehen, dass sich in den Jahren 2015 bis 2020 wenig tat. Mitunter gab es sogar kleine Rückgänge. Der starke Anstieg spielte sich danach, in der Zeit von 2021 bis 2024 ab.</p> <p>Das führte zu einer interessanten Veränderung im Geschlechtsvergleich.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Erwachsenen-ADHS ist nun keine typisch männliche Störung mehr. Durch den besonders starken Anstieg der Diagnosen bei den Frauen in den Jahren 2021 bis 2024 gibt es nun kaum noch einen Geschlechtsunterschied. Ab 45 Jahren wird die Störung nun sogar etwas häufiger bei den Frauen (hellgrau) als bei den Männern (dunkelgrau) diagnostiziert. Datenquelle: Ivanova et al., 2025</em></p> <h2 id="h-ausblick">Ausblick</h2> <p>Wie auch bei anderen psychologisch-psychiatrischen Störungen, stiegen die Diagnosen der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung in den letzten Jahren stark an. Ein besonders auffälliger Trend entstand in der COVID-Pandemie bei den Erwachsenen: In nur wenigen Jahren verdoppelte bis versechsfachte sich die Häufigkeit der ADHS-Diagnosen, insbesondere bei den Frauen. Dadurch sind die Geschlechtsunterschiede bei den Erwachsenen nun verschwunden.</p> <p>Verschiedene Lager bieten für diese Vorgänge unterschiedliche Deutungen an: Führende Psychiater meinen, man diagnostiziere inzwischen besser, habe die Störungen früher also übersehen – diese Sichtweise übernehmen oft auch die Patientinnen und Patienten, die sich mit der Diagnose identifizieren. Von gesellschaftskritischer Seite heißt es hingegen, durch Trends in den Medien, heute verstärkt durch Influencer, komme es zu “Mode-Diagnosen”. Oder die Pandemie habe die Menschen so gestresst, dass sie vermehrt psychische Probleme bekamen.</p> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/">zweiten Teil</a> werden wir dies näher diskutieren.</p> <h2 id="h-neu-lernen-sie-mehr-uber-psychische-storungen">Neu: Lernen Sie mehr über psychische Störungen</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em><em><em><em><em><strong>Erfahren Sie mehr über die Depressions-Epidemie im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></em></em></em></em></em></p> <h2 id="h-literatur">Literatur</h2> <ul> <li>Caye, A., Petresco, S., de Barros, A. J. D., Bressan, R. A., Gadelha, A., Goncalves, H., … &amp; Rohde, L. A. (2020). Relative age and attention-deficit/hyperactivity disorder: data from three epidemiological cohorts and a meta-analysis. <em>Journal of the American Academy of Child &amp; Adolescent Psychiatry</em>, 59(8), 990-997.</li> <li>Cénat, J. M., Blais-Rochette, C., Morse, C., Vandette, M. P., Noorishad, P. G., Kogan, C., … &amp; Labelle, P. R. (2021). Prevalence and risk factors associated with attention-deficit/hyperactivity disorder among US black individuals: a systematic review and meta-analysis. <em>JAMA Psychiatry</em>, 78(1), 21-28.</li> <li>Faraone, S. V., Banaschewski, T., Coghill, D., Zheng, Y., Biederman, J., Bellgrove, M. A., … &amp; Wang, Y. (2021). The world federation of ADHD international consensus statement: 208 evidence-based conclusions about the disorder. <em>Neuroscience &amp; Biobehavioral Reviews</em>, 128, 789-818.</li> <li>Ivanova, M, Holstiege, J, Akmatov, M. K., Müller, D., &amp; Kohring, C. (2025). The incidence of AD(H)D spectrum disorders in adults: An analysis of nationwide claims data of the statutory health insurance system in Germany, 2015–2024. <em>Dtsch Arztebl Int</em>, 122, 697–8.</li> <li>Lange, K. W., Reichl, S., Lange, K. M., Tucha, L., &amp; Tucha, O. (2010). The history of attention deficit hyperactivity disorder. <em>ADHD Attention Deficit and Hyperactivity Disorders</em>, 2(4), 241-255.</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/illustrations/traffic-signs-attention-right-of-way-663368/">geralt</a> (Hintergrund), <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/ce9477d1e77b4109a628cfedbf9af7fe" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Achtung-ADHS.jpg" /><h1>ADHS-Diagnosen: Versechsfachung bei jungen Frauen, Verdreifachung bei den Männern » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Seit der COVID-Pandemie explodieren die psychiatrischen Diagnosen förmlich</strong></p> <span id="more-3471"></span> <p>Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) galt lange Zeit als Problem der Kindheit und Jugend. Man dachte insbesondere an zappelnde, laute, herumspringende, anderen ins Wort fallende, kurzum: <em>störende</em> Jungen. Das beschreibt einen von zwei Haupttypen des Störungsbilds, bei dem Impulsivität im Vordergrund steht. Daneben gibt es aber auch die träumerische, vergessliche, eher abwesende Variante. Diese wird vor allem bei Mädchen diagnostiziert.</p> <p>Tatsächlich gab es bei ADHS immer einen großen Geschlechtsunterschied: Jungen bekamen die Diagnose in etwa dreimal so häufig wie Mädchen. Das wollte man genetisch erklären – bisher ohne Erfolg. Wahrscheinlich liegt es aber vor allem daran, dass der impulsive, bei den Jungen häufigere Typ andere sehr viel mehr stört als die unaufmerksame, bei den Mädchen häufiger vorkommende Variante.</p> <h2 id="h-geschlechtsunterschiede">Geschlechtsunterschiede</h2> <p>Allgemein gilt: Jungen und Männer <em>externalisieren</em> Probleme eher, werden verhaltensauffällig, mitunter störend, aggressiv, konsumieren mehr Alkohol und andere Drogen und tun überhaupt mehr riskante und/oder verbotene Dinge. Letzteres sieht man schließlich in der Geschlechtsverteilung in den Gefängnissen, wo fast nur Männer eingesperrt sind. Mädchen und Frauen neigen demgegenüber dazu, Probleme zu <em>internalisieren</em>: Sie werden häufiger still, ziehen sich zurück, geben sich selbst die Schuld oder essen nicht mehr. Angst- und Gefühlsstörungen beziehungsweise Depressionen bekommen sie zwei- bis dreimal so häufig diagnostiziert, Essstörungen sogar vier- bis achtmal so oft.</p> <p>Ob diese Geschlechtsunterschiede eher biologischer Natur oder gesellschaftlich geprägt sind, ist Stoff für endlose Diskussionen. Wahrscheinlich stimmt beides: Es gibt körperliche, hormonal geprägte Unterschiede, die durch gesellschaftliche Vorstellung von typischen Frauen- und Männerbildern verstärkt werden.<aside></aside></p> <p>Schon die feministische Philosophin Simone de Beauvoir (1908-1986) leitete hieraus eine interessante Erklärung für die Entstehung des Patriarchats ab: Ab der Bronzezeit, also ab ca. dem 3. Jahrtausend v.u.Z. konnten die körperlich meist stärkeren Männer die neuen und tödlicheren, aber auch schweren Waffen besser führen. Im Gegenzug für den Schutz der Gruppe nach innen und Überfälle anderer im Außen erwarteten sie bestimmte Privilegien.</p> <p>Noch in der Geburtsstunde der Demokratie, der griechischen Polis, waren die bürgerlichen Privilegien an das Einstehen für die Gesellschaft auf dem Schlachtfeld gebunden. Man könnte dieses Denken ins 21. Jahrhundert und zum Beispiel die Kriegsfront in der Ukraine übertragen. Aber bleiben wir beim Thema ADHS.</p> <h2 id="h-haufigkeit-von-adhs">Häufigkeit von ADHS</h2> <p>ADHS gilt zwar auch heute noch als neuronale Entwicklungsstörung, also als ein Problem primär der Kindheit und Jugend. Fachleute zerbrachen sich aber lange den Kopf darüber, was beim Übergang ins Erwachsenenalter mit den Symptomen passiert. In etwa seit der Jahrtausendwende gilt als Konsens, dass bei rund der Hälfte der Betroffenen die Probleme im Sinne einer psychologisch-psychiatrischen Störung bleiben. Dabei soll aber die Hyperaktivität beziehungsweise Impulsivität in den Hintergrund treten.</p> <p>Tatsächlich steht im offiziellen Konsenspapier der Weltvereinigung für ADHS (hier auch in <a href="https://www.adhd-federation.org/publications/international-consensus-statement.html">deutscher Übersetzung verfügbar</a>), dass die Störung bei rund 6 Prozent der Minderjährigen und 2,5 Prozent der Erwachsenen vorkomme (Faraone et al., 2021). Dort werden aber auch Studien zitiert, die wichtige gesellschaftliche Fragen aufwerfen: So gibt es zum Beispiel Untersuchungen aus den USA, die bei schwarzen Minderjährigen eine Prävalenz von satten 14 Prozent fanden, also rund doppelt so viel wie im Bevölkerungsdurchschnitt (Cénat et al., 2021).</p> <p>Man sollte nicht die alten Fehler der Psychiatrie wiederholen, solche Unterschiede genetisch-rassistisch zu erklären. Vielmehr vermute ich hier den Ausdruck von sozialer Benachteiligung: Dass Schwarze und andere nicht-weiße Gruppen in den USA (und nicht nur dort) im Durchschnitt weniger wohlhabend sind und häufiger unter schlechteren Bedingungen leben, ist bekannt.</p> <p>Die Forscherinnen und Forscher ziehen allerdings andere Schlüsse aus ihren Daten. Weil Schwarze ein höheres Risiko für ADHS hätten, müsse man bei ihnen noch intensiver nach der Störung suchen. Wenn daraus mal keine sich selbst erfüllende Prophezeiung wird?</p> <blockquote> <p>“… die Ergebnisse dieser systematischen Übersichtsarbeit und Meta-Analyse legen nahe, dass Schwarze ein höheres Risiko für eine ADHS-Diagnose aufweisen als die US-amerikanische Allgemeinbevölkerung. Diese Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, die ADHS-Diagnostik und -Überwachung bei Schwarzen unterschiedlicher sozialer Herkunft zu intensivieren.” (Cénat et al., 2021, S. 21)</p> </blockquote> <h2 id="h-soziale-aspekte">Soziale Aspekte</h2> <p>Im Gegenzug für eine ADHS-Diagnose kriegen Kinder und Jugendliche wegen Gesetzen gegen Benachteiligung mitunter mehr Betreuung oder Zeit zum Absolvieren von Tests; und die Erziehungsberechtigten vielleicht einen Zuschlag für Sozialleistungen oder Kindergeld. Man kann auch in Deutschland mit so einer Diagnose einen Schwerbehindertenausweis beantragen – und sich dann mit den Behörden über den Grad der Behinderung streiten. Anleitungen dafür finden sich im Netz.</p> <p>Frappierend ist auch der für viele Länder bestätigte Befund, dass in Schulklassen die jüngsten Kinder am häufigsten eine ADHS-Diagnose und eine Medikamentenverschreibung für Stimulanzien wie Methylphenidat (z.B. in Ritalin) erhalten. Das kann man anhand der Stichtage für die Einschulung nachvollziehen: Wenn ein Kind kurz davor Geburtstag hat, wird es immer zu den Jüngsten der Klasse gehören; ist der Geburtstag aber kurz nach dem Stichtag, wird es ein Jahr später eingeschult – und dann unter den Ältesten sein. Laut einer großen Meta-Analyse ist die Wahrscheinlichkeit für die Jüngsten, die Diagnose zu bekommen, sogar um ganze 34 Prozent höher (Caye et al., 2020).</p> <p>In Deutschland lässt sich dieser Einschulungseffekt besonders gut Untersuchen, da die 16 Bundesländer unterschiedliche Stichtage zwischen dem 30. Juni bis 30. September verwenden. Auf einer <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/kurioses-ueber-die-aufmerksamkeitsstoerung-adhs/">Abbildung aus dem Versorgungsatlas</a> (nach unten scrollen) sieht man ganz klar: Je jünger ein Kind in seinem Jahrgang ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer ADHS-Diagnose.</p> <p>Dieser Befund missfällt natürlich denen, die die Störung am liebsten als genetisch beziehungsweise neuronal bedingt darstellen. Denn der Einschulungseffekt lässt nach meiner Interpretation keine andere Erklärung zu, als dass – zumindest bei einem nicht zu vernachlässigenden Teil der Kinder – hier schlicht Kindlichkeit als psychologisch-psychiatrisches Problem klassifiziert wird. Würden diese Kinder ein Jahr später eingeschult, bekämen sie die Diagnose <em>nicht</em>.</p> <p>Deswegen sollte man das Kind nicht mit dem Bad ausschütten: Dass manche schwerste und behandlungsbedürftige Aufmerksamkeitsprobleme haben, bestreitet niemand. Heinrich Hoffmanns (1809-1894) “Zappelphilipp” kann man aber nicht als Beleg für die Echtheit der Störung anführen, da die Symptome nicht passen (Lange et al., 2010).</p> <h2 id="h-erwachsenen-adhs">Erwachsenen-ADHS</h2> <p>Halten wir fest: ADHS ist heute eine verbreitete psychologisch-psychiatrische Störung. Obwohl sie als neuronale Entwicklungsstörung gilt, gibt es keinen Blut-, Gen- oder Gehirntest, wie es die Forschung der biologischen Psychiatrie seit über 200 Jahren verspricht. Das gilt übrigens für <em>alle</em> Störungsbilder – schließt aber nicht aus, dass in Einzelfällen zum Beispiel eine Schilddrüsenfehlfunktion zu einer depressiven Verstimmung führen kann. Darum sind körperliche Untersuchungen bei ernsten und anhaltenden psychischen Problemen angeraten.</p> <p>Das heißt, ADHS wird nach wie vor in einem diagnostischen Gespräch festgestellt. Neben der Beurteilung des Aufmerksamkeitsdefizits oder der Impulsivität schreibt die Definition als <em>Entwicklungs</em>störung vor, dass die Probleme schon in Kindheit oder Jugend vorgelegen haben müssen. Bei Erwachsenen kann das in der Praxis über Gespräche oder Fragebögen von Eltern, Geschwistern, Freunden oder anderen früheren Bezugspersonen erhoben werden.</p> <p>Dumm nur, dass die Nachfrage nach der Diagnostik in Deutschland inzwischen so hoch ist, dass man als gesetzlich Versicherter mit einer Wartezeit von vielen Monaten bis wenigen Jahren rechnen muss. Dank Marktwirtschaft und Konkurrenzprinzip nutzen manche Praxen die Gelegenheit, das als Dienstleistung für Selbstzahler anzubieten. Wer es sich leisten kann, bezahlt am Ende oft so um die 500 Euro dafür. Am Rande: Durch diese gewinnmaximierende Verschiebung werden Wartezeiten für gesetzlich Versicherte natürlich höher.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg"><img alt="" decoding="async" height="563" sizes="(max-width: 850px) 100vw, 850px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg 850w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb-300x199.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb-768x509.jpg 768w" width="850"></img></a></figure> <p><em>Eine psychotherapeutische Praxis bietet eine ADHS-Voruntersuchung zum Preis von 143 Euro an. Dafür winken “potenzielle rechtliche und finanzielle Vorteile”. Die gesamte Diagnostik wird aber erst einmal mehr kosten. Quelle: Bildzitat nach Originalvorlage</em></p> <p>Wie haben sich nun die tatsächlichen Diagnosezahlen entwickelt, nach so viel Aufmerksamkeit für ADHS in der Gesellschaft, in den klassischen und (a)sozialen Medien? Im <em>Deutschen Ärzteblatt</em> ist dazu eine <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/inzidenz-von-adhs-spektrum-stoerungen-bei-erwachsenen-22c4cb5b-38c9-4d19-baa1-70bbc8c595b3">brandneue Auswertung</a> erschienen.</p> <h2 id="h-vervielfachung">Vervielfachung</h2> <p>Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Maria Ivanova vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Berlin haben dafür die Daten von 17 kassenärztlichen Vereinigungen erhalten. Bei den Männern verdoppelten bis vervierfachten sich die ADHS-Diagnosen im Vergleich von vor und nach der Pandemie.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Maenner.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Je nach Altersgruppe stieg die Häufigkeit der Diagnosen bei den Männern im Vergleich von 2015 (hellgrau) bis 2024 (dunkelgrau) um den Faktor zwei bis vier. Während ADHS früher ein Störungsbild Minderjähriger, dann junger Erwachsener war, lassen sich inzwischen auch mehr Menschen in den 40ern und 50ern entsprechend diagnostizieren, wenn auch insgesamt noch auf einem niedrigeren Niveau. Datenquelle: Ivanova et al., 2025</em></p> <p>Bei den Frauen war der Anstieg im selben Zeitraum noch größer.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Frauen.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Je nach Altersgruppe stieg die Häufigkeit der Diagnosen bei den Frauen im Vergleich von 2015 (grau) bis 2024 (schwarz) um den Faktor drei bis sechs. Datenquelle: Ivanova et al., 2025</em></p> <p>Ich spreche hier von “vor und nach der Pandemie”. Der Übersichtlichkeit halber habe ich den Start- und Endpunkt der Auswertung miteinander verglichen. Wer mag, kann <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/inzidenz-von-adhs-spektrum-stoerungen-bei-erwachsenen-22c4cb5b-38c9-4d19-baa1-70bbc8c595b3?tabId=figures#imgGrafik">auf der Originalabbildung</a> selbst nachvollziehen, dass sich in den Jahren 2015 bis 2020 wenig tat. Mitunter gab es sogar kleine Rückgänge. Der starke Anstieg spielte sich danach, in der Zeit von 2021 bis 2024 ab.</p> <p>Das führte zu einer interessanten Veränderung im Geschlechtsvergleich.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-2024-Geschlechtsvergleich.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Erwachsenen-ADHS ist nun keine typisch männliche Störung mehr. Durch den besonders starken Anstieg der Diagnosen bei den Frauen in den Jahren 2021 bis 2024 gibt es nun kaum noch einen Geschlechtsunterschied. Ab 45 Jahren wird die Störung nun sogar etwas häufiger bei den Frauen (hellgrau) als bei den Männern (dunkelgrau) diagnostiziert. Datenquelle: Ivanova et al., 2025</em></p> <h2 id="h-ausblick">Ausblick</h2> <p>Wie auch bei anderen psychologisch-psychiatrischen Störungen, stiegen die Diagnosen der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung in den letzten Jahren stark an. Ein besonders auffälliger Trend entstand in der COVID-Pandemie bei den Erwachsenen: In nur wenigen Jahren verdoppelte bis versechsfachte sich die Häufigkeit der ADHS-Diagnosen, insbesondere bei den Frauen. Dadurch sind die Geschlechtsunterschiede bei den Erwachsenen nun verschwunden.</p> <p>Verschiedene Lager bieten für diese Vorgänge unterschiedliche Deutungen an: Führende Psychiater meinen, man diagnostiziere inzwischen besser, habe die Störungen früher also übersehen – diese Sichtweise übernehmen oft auch die Patientinnen und Patienten, die sich mit der Diagnose identifizieren. Von gesellschaftskritischer Seite heißt es hingegen, durch Trends in den Medien, heute verstärkt durch Influencer, komme es zu “Mode-Diagnosen”. Oder die Pandemie habe die Menschen so gestresst, dass sie vermehrt psychische Probleme bekamen.</p> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/">zweiten Teil</a> werden wir dies näher diskutieren.</p> <h2 id="h-neu-lernen-sie-mehr-uber-psychische-storungen">Neu: Lernen Sie mehr über psychische Störungen</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em><em><em><em><em><strong>Erfahren Sie mehr über die Depressions-Epidemie im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></em></em></em></em></em></p> <h2 id="h-literatur">Literatur</h2> <ul> <li>Caye, A., Petresco, S., de Barros, A. J. D., Bressan, R. A., Gadelha, A., Goncalves, H., … &amp; Rohde, L. A. (2020). Relative age and attention-deficit/hyperactivity disorder: data from three epidemiological cohorts and a meta-analysis. <em>Journal of the American Academy of Child &amp; Adolescent Psychiatry</em>, 59(8), 990-997.</li> <li>Cénat, J. M., Blais-Rochette, C., Morse, C., Vandette, M. P., Noorishad, P. G., Kogan, C., … &amp; Labelle, P. R. (2021). Prevalence and risk factors associated with attention-deficit/hyperactivity disorder among US black individuals: a systematic review and meta-analysis. <em>JAMA Psychiatry</em>, 78(1), 21-28.</li> <li>Faraone, S. V., Banaschewski, T., Coghill, D., Zheng, Y., Biederman, J., Bellgrove, M. A., … &amp; Wang, Y. (2021). The world federation of ADHD international consensus statement: 208 evidence-based conclusions about the disorder. <em>Neuroscience &amp; Biobehavioral Reviews</em>, 128, 789-818.</li> <li>Ivanova, M, Holstiege, J, Akmatov, M. K., Müller, D., &amp; Kohring, C. (2025). The incidence of AD(H)D spectrum disorders in adults: An analysis of nationwide claims data of the statutory health insurance system in Germany, 2015–2024. <em>Dtsch Arztebl Int</em>, 122, 697–8.</li> <li>Lange, K. W., Reichl, S., Lange, K. M., Tucha, L., &amp; Tucha, O. (2010). The history of attention deficit hyperactivity disorder. <em>ADHD Attention Deficit and Hyperactivity Disorders</em>, 2(4), 241-255.</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>. Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/illustrations/traffic-signs-attention-right-of-way-663368/">geralt</a> (Hintergrund), <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/ce9477d1e77b4109a628cfedbf9af7fe" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>18</slash:comments> </item> <item> <title>Verschwörungsdenken und Antisemitismus in der extremen Rechten und darüber hinaus https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/verschwoerungsdenken-und-antisemitismus-in-der-extremen-rechten-und-darueber-hinaus/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/verschwoerungsdenken-und-antisemitismus-in-der-extremen-rechten-und-darueber-hinaus/#comments Fri, 12 Dec 2025 14:05:18 +0000 Elke Rajal und Nikolai Schreiter https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=363 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280-768x1144.jpg Drei Erdmännchen stehen im Kreis und wirken konspirativ. https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/verschwoerungsdenken-und-antisemitismus-in-der-extremen-rechten-und-darueber-hinaus/ <h1>Verschwörungsdenken und Antisemitismus in der extremen Rechten und darüber hinaus » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Elke Rajal und Nikolai Schreiter</h2><div itemprop="text"> <p><em>Verschwörungsdenken und Antisemitismus hängen eng zusammen. Auch in den Krisendiskursen der extremen Rechten der vergangen rund zehn Jahre zeigt sich, wie sie zusammenspielen. Ein Einblick in aktuelle Forschung zu projektiv-paranoiden Gedankenwelten, ihren grundlegenden Funktionsweisen und ihren politischen Erscheinungsformen.</em></p> <p>Der Antisemitismus ist <em>die </em>Verschwörungsideologie par excellence: Egal worum es geht, dahinter stehen die Juden. Versinnbildlicht in der Vorstellung einer ‚jüdischen Weltverschwörung‘ ist sie für jene, die sich entschieden haben daran zu glauben, so unwiderlegbar wie tatsächlich wahnhaft: Jeder Hinweis, Beweis oder Anhaltspunkt, dass die Welt <em>nicht </em>grundlegendvon einer kleinen Elite im Verborgenen gesteuert wird, könnte ja von den Verschwörer:innen gezielt platziert worden sein, um von der Verschwörung abzulenken. Dies ist nicht nur ein Zirkelschluss, sondern auch ein Paradebeispiel dafür, was Max Horkheimer und  Theodor W. Adorno eine pathische Projektion nannten: Wie in einem geschlossenen System kann nur mehr wahrgenommen werden, was als Prämisse die eigene Sicht auf die Welt bereits grundlegend prägt. Social Media und Messaging-Apps machen es zudem besonders leicht, sich nur mehr mit Informationen zu konfrontieren, die das eigene Weltbild bestätigen, doch rechtsextreme Lebenswelten waren auch zuvor bereits stark geschlossen. So könnte man die Bude einer deutschnationalen Burschenschaft als die Echokammer schlechthin bezeichnen.</p> <p>Von diesen Grundlagen ausgehend untersuchen wir in unserem Forschungsprojekt die Kommunikation der extremen Rechten in Bayern auf antisemitische Verschwörungserzählungen in der „Fluchtkrise“ der Jahre 2015/16, der Corona-Krise, der Klimakrise und in der Krise infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine. Dabei beziehen wir neuere als auch seit längerem bestehende Gruppierungen und Medien in die Analyse mit ein. Anhand einiger Beispiele aus diesem laufenden Forschungsprozess illustrieren wir im Folgenden das Verschwörungsdenken in der extremen Rechten, seine Funktionen und die dadurch entstehenden Anschlussfähigkeiten antisemitischer Denkweisen für breitere gesellschaftliche Milieus.</p> <p><strong>‚Vermischung‘ und ‚Beherrschung‘ der ‚Völker‘ und Menschen</strong></p> <p>Ein Beispiel aus dem Kontext einer besonders traditionsreichen Vereinigung stammt aus „Mensch und Maß“, der Zeitschrift des im bayerischen Tutzing beheimateten „Bundes für Deutsche Gotterkenntnis“. Im Frühling 2016 beschreibt man dort unter dem Titel „Strategie und Taktik der Menschheitsgleichmacher“ den „Bevölkerungsaustausch“, die in der extremen Rechten derzeit wohl die am breitesten geteilte antisemitische <em>und </em>rassistische Verschwörungserzählung. Zuerst geht es im Artikel kryptisch um Personen, die eine „künstliche[..] Einheitswelt ohne Grenzen“ – eine „One World“ – einrichten wollten, dann beschwört man offen rassistisch, dass diese eine „Masse von Hominiden gleicher Farbe und minderer Intelligenzquotienten“ erschaffen würden. Die angeblich bevorstehende Zerstörung (völkischer) Identität wird den „Globalisierern“ zugeschrieben. Ihr zersetzendes Ziel verfolgen sie in der Erzählung über Flüchtlingsströme, die sie angeblich steuern. Als Antwort auf die Frage, wer den entstehenden „unförmigen Rasseneinheitsbrei“, der sich in Deutschland bilde, regieren solle, werden die üblichen antisemitischen Chiffren genannt: die „Weltfinanz an der Wall Street“, die „Rothschilds“, George Soros usw. Für die, die es noch immer nicht verstanden haben, wird nochmal „ganz einfach ‚die Juden‘“ nachgesetzt. Migrationsphänomene sind in dieser Erzählung von den jüdischen Verschwörern und ihren Handlangern geplant und gezielt eingesetzt, um Deutschland zu schaden.<aside></aside></p> <p>So offen antisemitisch zeigt sich das Verschwörungsdenken allerdings nicht immer: Der ‚alternative Fernsehsender‘ AUF1 etwa behauptete im April 2023, „Globalisten“ wollten „mit transhumanistischen Plänen den Menschen ‚überwinden‘“ und eine „‚Gesundheits‘-Diktatur“ einrichten. Dazu seien „der Corona-Ausnahmezustand und die erzwungenen Spritzen“ lediglich der Anfang gewesen, das Ziel sei es nun, „den Menschen unter dem Vorwand des ‚Klimaschutzes‘ jegliche Freiheit“ zu nehmen. Anders als beim vorherigen Beispiel wird hier nicht offen ausgesprochen, dass „Globalisten“ eine Chiffre für „die Juden“ ist. Die antisemitische Denkstruktur der Verschwörung wird dennoch deutlich: Der Artikel macht gleichzeitig Werbung für einen „AUF1-Abend zum Thema Globalismus“, der „aktuelle Bedrohungs-Szenarien wie Great Reset, Gesundheits-Ausnahmezustand, Ukraine-Krieg, Bevölkerungsaustausch und Transhumanismus“ behandeln soll. Es gehe nämlich aktuell „für die Globalisten um alles“ und in ihrer vermeintlichen Verschwörung gegen die Menschheit gingen sie deshalb „mit entsprechender Härte gegen die Völker vor“.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280.jpg"><img alt="Drei Erdmännchen stehen im Kreis und wirken konspirativ." decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 687px) 100vw, 687px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280-687x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280-687x1024.jpg 687w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280-201x300.jpg 201w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280-768x1144.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280.jpg 859w" width="687"></img></a><figcaption>Auffällig ist, dass selten eine Verschwörung von Erdmännchen imaginiert wird. Stattdessen landet man stets bei ‚den Juden‘. (c) pixabay</figcaption></figure> <p><strong>Von der Metakrise zur Schuldzuweisung</strong></p> <p>In solchen Diskursen, die sich nicht nur auf eine Krise beziehen, sondern jede Krise lediglich als „Symptom“ einer Metakrise verstehen und alles unter der Prämisse verhandeln, dass es böse Mächte gäbe, die die Deutschen, die Familie oder gleich die ganze Menschheit bedrohten, wird das antisemitische Verschwörungsdenken besonders deutlich. Die Metakrise entstehe aus einem einzigen Grund – der Verschwörung der „bösen Mächte“ – und zeige sich dann in verschiedenen Bereichen. Eine derartige Rahmung von Krisen begünstigt einfache Schuldzuweisungen, kann sich graduell verdichten und zu immer hermetischeren verschwörungsideologischen Narrativen führen, bis hin zur Vorstellung einer „jüdischen Weltverschwörung“. Bezugnahmen auf eine solche finden sich auch in der extremen Rechten nach 1945 häufig in Andeutungen, in ironischem Ton oder in Form von rhetorischen Fragen und nicht offen.</p> <p>Verschwörungserzählungen mit ihrer Tendenz zum Antisemitismus erfüllen dabei psychische Funktionen über die extreme Rechte hinaus und bieten jederzeit, auf jeder Ebene und zu jedem auch neuen Thema den Einstieg und gleichzeitig die Erklärung an. Dies konnte man beispielsweise auch nach dem Massaker der Hamas und verbündeter Terrorbanden an der israelischen Zivilbevölkerung am 7. Oktober 2023 sehen: Das eine ist die naheliegende Frage, warum es der Hamas gelang, dieses genozidale Pogrom zu begehen. AUF1 aber fragte nicht nach dem wie oder dem warum, sondern nach dem „wer“, eine in der Tendenz bereits verschwörungsideologisch eingefärbte Frage: „Wem nützt das Blutbad in Israel wirklich?“ Mit dem Artikel „Jetzt bewiesen: Der Überfall der Hamas war gewollt“ im Compact-Magazin schließt sich dann der antisemitische Kreis über die ‚bösen Absichten‘. Darin wird über ein Buch berichtet, das die „Mitverantwortung israelischer Geheimdienst- und Sicherheitskreise beim Hamas-Überfall am 7. Oktober“ beweise.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Mindmap-Verschwoerungsbegriffe.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Mindmap-Verschwoerungsbegriffe.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Mindmap-Verschwoerungsbegriffe.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Mindmap-Verschwoerungsbegriffe-300x300.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Mindmap-Verschwoerungsbegriffe-150x150.jpeg 150w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Mindmap-Verschwoerungsbegriffe-768x768.jpeg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Das Dickicht der verschwörungsideologischen Begriffe der extremen Rechten.</figcaption></figure> <p><strong>Der spektrenübergreifende Reiz des Verschwörungsdenkens</strong></p> <p>Das Denken in Verschwörungen ist integraler Teil des Rechtsextremismus. Es ist aber auch darüber hinaus attraktiv, weil die komplexe, kontingente, in sich widersprüchliche und meist unbefriedigende Realität verzerrt zum kausalen Ergebnis der Machenschaften der immergleichen ‚Bösen‘ erklärt wird. Durch die ungeheure Macht, die diesen Feindbildern zugeschrieben wird, ist man selbst machtlos und aus der Verantwortung entlassen, kann sich aber kritisch und auf der Seite der Guten, der Wissenden und der Aufdecker wähnen. Davon fühlen sich nicht nur extrem Rechte angezogen, wie sich etwa im verschwörungsideologischen Antisemitismus aus einigen linken und sich progressiv verstehenden Milieus seit dem 7. Oktober zeigte.</p> <p><strong>Weiterführende Literatur:</strong></p> <p>Heil, Johannes (2006). „Gottesfeinde“ – „Menschenfeinde“. Die Vorstellung von jüdischer Weltverschwörung (13. bis 16. Jahrhundert) (1. Aufl). Klartext.</p> <p>Kirchhoff, Christine (2021). „Das Gerücht über die Juden“ – Zur (Psycho-)Analyse von Antisemitismus und Verschwörungsideologie. In: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (Hg.), Wissen schafft Demokratie. Schwerpunkt Antisemitismus (8. Aufl., S. 104–115). Amadeu Antonio Stiftung. https://doi.org/10.19222/202101/09 </p> <p>Nocun, Katharina &amp; Lamberty, Pia (2021). Fake Facts: Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen. Quadriga.</p> <p>Rajal, Elke (2025). ‚Schuldkult‘ und ‚German Guilt‘. Rechte und linke Abwehr durch Projektion im Kontext des 7. Oktobers. In: Grigat, Stephan &amp; Stögner, Karin (Hg.): Projektiver Antizionismus. Antisemitismus gegen Israel vor und nach dem 7. Oktober (S. 179–200). Nomos. <a href="https://doi.org/10.5771/9783748965787-153">https://doi.org/10.5771/9783748965787-153</a></p> <p>Rensmann, Lars (2025).<em> </em>Politischer Antisemitismus im postfaktischen Zeitalter. Formen und Ursachen in Demokratien des 21. Jahrhunderts. Nomos.</p> <p>Schreiter, Nikolai &amp; Rensmann, Lars (2025). Die radikale Rechte in Deutschland nach dem 7. Oktober. Ein Beispiel des politischen Antisemitismus im postfaktischen Zeitalter. In: Grigat, Stephan &amp; Stögner, Karin (Hg.): Projektiver Antizionismus. Antisemitismus gegen Israel vor und nach dem 7. Oktober (S. 153–178). Nomos. <a href="https://doi.org/10.5771/9783748965787-153">https://doi.org/10.5771/9783748965787-153</a></p> <p>Stögner, Karin &amp; Bischof, Karin (2018). International high finance against the nation? Antisemitism and nationalism in Austrian print media debates on the economic crisis. Journal of Language and Politics, 17(3), S. 428–446. <a href="https://doi.org/10.1075/jlp.16040.sto">https://doi.org/10.1075/jlp.16040.sto</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Verschwörungsdenken und Antisemitismus in der extremen Rechten und darüber hinaus » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Elke Rajal und Nikolai Schreiter</h2><div itemprop="text"> <p><em>Verschwörungsdenken und Antisemitismus hängen eng zusammen. Auch in den Krisendiskursen der extremen Rechten der vergangen rund zehn Jahre zeigt sich, wie sie zusammenspielen. Ein Einblick in aktuelle Forschung zu projektiv-paranoiden Gedankenwelten, ihren grundlegenden Funktionsweisen und ihren politischen Erscheinungsformen.</em></p> <p>Der Antisemitismus ist <em>die </em>Verschwörungsideologie par excellence: Egal worum es geht, dahinter stehen die Juden. Versinnbildlicht in der Vorstellung einer ‚jüdischen Weltverschwörung‘ ist sie für jene, die sich entschieden haben daran zu glauben, so unwiderlegbar wie tatsächlich wahnhaft: Jeder Hinweis, Beweis oder Anhaltspunkt, dass die Welt <em>nicht </em>grundlegendvon einer kleinen Elite im Verborgenen gesteuert wird, könnte ja von den Verschwörer:innen gezielt platziert worden sein, um von der Verschwörung abzulenken. Dies ist nicht nur ein Zirkelschluss, sondern auch ein Paradebeispiel dafür, was Max Horkheimer und  Theodor W. Adorno eine pathische Projektion nannten: Wie in einem geschlossenen System kann nur mehr wahrgenommen werden, was als Prämisse die eigene Sicht auf die Welt bereits grundlegend prägt. Social Media und Messaging-Apps machen es zudem besonders leicht, sich nur mehr mit Informationen zu konfrontieren, die das eigene Weltbild bestätigen, doch rechtsextreme Lebenswelten waren auch zuvor bereits stark geschlossen. So könnte man die Bude einer deutschnationalen Burschenschaft als die Echokammer schlechthin bezeichnen.</p> <p>Von diesen Grundlagen ausgehend untersuchen wir in unserem Forschungsprojekt die Kommunikation der extremen Rechten in Bayern auf antisemitische Verschwörungserzählungen in der „Fluchtkrise“ der Jahre 2015/16, der Corona-Krise, der Klimakrise und in der Krise infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine. Dabei beziehen wir neuere als auch seit längerem bestehende Gruppierungen und Medien in die Analyse mit ein. Anhand einiger Beispiele aus diesem laufenden Forschungsprozess illustrieren wir im Folgenden das Verschwörungsdenken in der extremen Rechten, seine Funktionen und die dadurch entstehenden Anschlussfähigkeiten antisemitischer Denkweisen für breitere gesellschaftliche Milieus.</p> <p><strong>‚Vermischung‘ und ‚Beherrschung‘ der ‚Völker‘ und Menschen</strong></p> <p>Ein Beispiel aus dem Kontext einer besonders traditionsreichen Vereinigung stammt aus „Mensch und Maß“, der Zeitschrift des im bayerischen Tutzing beheimateten „Bundes für Deutsche Gotterkenntnis“. Im Frühling 2016 beschreibt man dort unter dem Titel „Strategie und Taktik der Menschheitsgleichmacher“ den „Bevölkerungsaustausch“, die in der extremen Rechten derzeit wohl die am breitesten geteilte antisemitische <em>und </em>rassistische Verschwörungserzählung. Zuerst geht es im Artikel kryptisch um Personen, die eine „künstliche[..] Einheitswelt ohne Grenzen“ – eine „One World“ – einrichten wollten, dann beschwört man offen rassistisch, dass diese eine „Masse von Hominiden gleicher Farbe und minderer Intelligenzquotienten“ erschaffen würden. Die angeblich bevorstehende Zerstörung (völkischer) Identität wird den „Globalisierern“ zugeschrieben. Ihr zersetzendes Ziel verfolgen sie in der Erzählung über Flüchtlingsströme, die sie angeblich steuern. Als Antwort auf die Frage, wer den entstehenden „unförmigen Rasseneinheitsbrei“, der sich in Deutschland bilde, regieren solle, werden die üblichen antisemitischen Chiffren genannt: die „Weltfinanz an der Wall Street“, die „Rothschilds“, George Soros usw. Für die, die es noch immer nicht verstanden haben, wird nochmal „ganz einfach ‚die Juden‘“ nachgesetzt. Migrationsphänomene sind in dieser Erzählung von den jüdischen Verschwörern und ihren Handlangern geplant und gezielt eingesetzt, um Deutschland zu schaden.<aside></aside></p> <p>So offen antisemitisch zeigt sich das Verschwörungsdenken allerdings nicht immer: Der ‚alternative Fernsehsender‘ AUF1 etwa behauptete im April 2023, „Globalisten“ wollten „mit transhumanistischen Plänen den Menschen ‚überwinden‘“ und eine „‚Gesundheits‘-Diktatur“ einrichten. Dazu seien „der Corona-Ausnahmezustand und die erzwungenen Spritzen“ lediglich der Anfang gewesen, das Ziel sei es nun, „den Menschen unter dem Vorwand des ‚Klimaschutzes‘ jegliche Freiheit“ zu nehmen. Anders als beim vorherigen Beispiel wird hier nicht offen ausgesprochen, dass „Globalisten“ eine Chiffre für „die Juden“ ist. Die antisemitische Denkstruktur der Verschwörung wird dennoch deutlich: Der Artikel macht gleichzeitig Werbung für einen „AUF1-Abend zum Thema Globalismus“, der „aktuelle Bedrohungs-Szenarien wie Great Reset, Gesundheits-Ausnahmezustand, Ukraine-Krieg, Bevölkerungsaustausch und Transhumanismus“ behandeln soll. Es gehe nämlich aktuell „für die Globalisten um alles“ und in ihrer vermeintlichen Verschwörung gegen die Menschheit gingen sie deshalb „mit entsprechender Härte gegen die Völker vor“.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280.jpg"><img alt="Drei Erdmännchen stehen im Kreis und wirken konspirativ." decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 687px) 100vw, 687px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280-687x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280-687x1024.jpg 687w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280-201x300.jpg 201w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280-768x1144.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/meerkats_pixabay-2529496_1280.jpg 859w" width="687"></img></a><figcaption>Auffällig ist, dass selten eine Verschwörung von Erdmännchen imaginiert wird. Stattdessen landet man stets bei ‚den Juden‘. (c) pixabay</figcaption></figure> <p><strong>Von der Metakrise zur Schuldzuweisung</strong></p> <p>In solchen Diskursen, die sich nicht nur auf eine Krise beziehen, sondern jede Krise lediglich als „Symptom“ einer Metakrise verstehen und alles unter der Prämisse verhandeln, dass es böse Mächte gäbe, die die Deutschen, die Familie oder gleich die ganze Menschheit bedrohten, wird das antisemitische Verschwörungsdenken besonders deutlich. Die Metakrise entstehe aus einem einzigen Grund – der Verschwörung der „bösen Mächte“ – und zeige sich dann in verschiedenen Bereichen. Eine derartige Rahmung von Krisen begünstigt einfache Schuldzuweisungen, kann sich graduell verdichten und zu immer hermetischeren verschwörungsideologischen Narrativen führen, bis hin zur Vorstellung einer „jüdischen Weltverschwörung“. Bezugnahmen auf eine solche finden sich auch in der extremen Rechten nach 1945 häufig in Andeutungen, in ironischem Ton oder in Form von rhetorischen Fragen und nicht offen.</p> <p>Verschwörungserzählungen mit ihrer Tendenz zum Antisemitismus erfüllen dabei psychische Funktionen über die extreme Rechte hinaus und bieten jederzeit, auf jeder Ebene und zu jedem auch neuen Thema den Einstieg und gleichzeitig die Erklärung an. Dies konnte man beispielsweise auch nach dem Massaker der Hamas und verbündeter Terrorbanden an der israelischen Zivilbevölkerung am 7. Oktober 2023 sehen: Das eine ist die naheliegende Frage, warum es der Hamas gelang, dieses genozidale Pogrom zu begehen. AUF1 aber fragte nicht nach dem wie oder dem warum, sondern nach dem „wer“, eine in der Tendenz bereits verschwörungsideologisch eingefärbte Frage: „Wem nützt das Blutbad in Israel wirklich?“ Mit dem Artikel „Jetzt bewiesen: Der Überfall der Hamas war gewollt“ im Compact-Magazin schließt sich dann der antisemitische Kreis über die ‚bösen Absichten‘. Darin wird über ein Buch berichtet, das die „Mitverantwortung israelischer Geheimdienst- und Sicherheitskreise beim Hamas-Überfall am 7. Oktober“ beweise.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Mindmap-Verschwoerungsbegriffe.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Mindmap-Verschwoerungsbegriffe.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Mindmap-Verschwoerungsbegriffe.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Mindmap-Verschwoerungsbegriffe-300x300.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Mindmap-Verschwoerungsbegriffe-150x150.jpeg 150w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Mindmap-Verschwoerungsbegriffe-768x768.jpeg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Das Dickicht der verschwörungsideologischen Begriffe der extremen Rechten.</figcaption></figure> <p><strong>Der spektrenübergreifende Reiz des Verschwörungsdenkens</strong></p> <p>Das Denken in Verschwörungen ist integraler Teil des Rechtsextremismus. Es ist aber auch darüber hinaus attraktiv, weil die komplexe, kontingente, in sich widersprüchliche und meist unbefriedigende Realität verzerrt zum kausalen Ergebnis der Machenschaften der immergleichen ‚Bösen‘ erklärt wird. Durch die ungeheure Macht, die diesen Feindbildern zugeschrieben wird, ist man selbst machtlos und aus der Verantwortung entlassen, kann sich aber kritisch und auf der Seite der Guten, der Wissenden und der Aufdecker wähnen. Davon fühlen sich nicht nur extrem Rechte angezogen, wie sich etwa im verschwörungsideologischen Antisemitismus aus einigen linken und sich progressiv verstehenden Milieus seit dem 7. Oktober zeigte.</p> <p><strong>Weiterführende Literatur:</strong></p> <p>Heil, Johannes (2006). „Gottesfeinde“ – „Menschenfeinde“. Die Vorstellung von jüdischer Weltverschwörung (13. bis 16. Jahrhundert) (1. Aufl). Klartext.</p> <p>Kirchhoff, Christine (2021). „Das Gerücht über die Juden“ – Zur (Psycho-)Analyse von Antisemitismus und Verschwörungsideologie. In: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (Hg.), Wissen schafft Demokratie. Schwerpunkt Antisemitismus (8. Aufl., S. 104–115). Amadeu Antonio Stiftung. https://doi.org/10.19222/202101/09 </p> <p>Nocun, Katharina &amp; Lamberty, Pia (2021). Fake Facts: Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen. Quadriga.</p> <p>Rajal, Elke (2025). ‚Schuldkult‘ und ‚German Guilt‘. Rechte und linke Abwehr durch Projektion im Kontext des 7. Oktobers. In: Grigat, Stephan &amp; Stögner, Karin (Hg.): Projektiver Antizionismus. Antisemitismus gegen Israel vor und nach dem 7. Oktober (S. 179–200). Nomos. <a href="https://doi.org/10.5771/9783748965787-153">https://doi.org/10.5771/9783748965787-153</a></p> <p>Rensmann, Lars (2025).<em> </em>Politischer Antisemitismus im postfaktischen Zeitalter. Formen und Ursachen in Demokratien des 21. Jahrhunderts. Nomos.</p> <p>Schreiter, Nikolai &amp; Rensmann, Lars (2025). Die radikale Rechte in Deutschland nach dem 7. Oktober. Ein Beispiel des politischen Antisemitismus im postfaktischen Zeitalter. In: Grigat, Stephan &amp; Stögner, Karin (Hg.): Projektiver Antizionismus. Antisemitismus gegen Israel vor und nach dem 7. Oktober (S. 153–178). Nomos. <a href="https://doi.org/10.5771/9783748965787-153">https://doi.org/10.5771/9783748965787-153</a></p> <p>Stögner, Karin &amp; Bischof, Karin (2018). International high finance against the nation? Antisemitism and nationalism in Austrian print media debates on the economic crisis. Journal of Language and Politics, 17(3), S. 428–446. <a href="https://doi.org/10.1075/jlp.16040.sto">https://doi.org/10.1075/jlp.16040.sto</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/verschwoerungsdenken-und-antisemitismus-in-der-extremen-rechten-und-darueber-hinaus/#comments 6 Arbeitskreise des Lebens – Metabolische Netze als Modulierende Musterräume des Menschen https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/die-arbeitskreise-des-lebens-metabolische-netze-als-modulierende-musterraeume-des-menschen/ https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/die-arbeitskreise-des-lebens-metabolische-netze-als-modulierende-musterraeume-des-menschen/#comments Fri, 12 Dec 2025 13:47:58 +0000 Dominic Blitz https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/?p=4129 https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/drei-kreise-matrizen-2-768x432.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/die-arbeitskreise-des-lebens-metabolische-netze-als-modulierende-musterraeume-des-menschen/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/drei-kreise-matrizen-2.jpg" /><h1>Arbeitskreise des Lebens - Metabolische Netze als Modulierende Musterräume des Menschen » Tensornetz » SciLogs</h1><h2>By Dominic Blitz</h2><div> <tbody> <tr> <td> <p>Arbeitskreise des Menschen: Die Beziehung zu sich, zu anderen Menschen und der Natur, erfährt der Mensch in seinen Kopf-Körper-Umwelt-Arbeitskreisen</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><em>Alles Gescheite ist schon gedacht worden, man muss nur versuchen, es noch einmal zu denken. Der Mensch ist nicht bloß ein denkendes, er ist zugleich ein empfindendes Wesen. Er ist ein Ganzes, eine Einheit vielfacher, innig verbundener Kräfte, und zu diesem Ganzen des Menschen muss das Kunstwerk sprechen: Wie Natur im Vielgebilde einen Gott nun offenbart, so im weiten Kunstgefilde webt ein Sinn der ewgen Art,</em> Wolfgang von Goethe, Natur-Forscher</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><em>Wenn ein Axon der Zelle A der Zelle B so nahe ist, dass es sie erregt, und wenn es sie wiederholt und ständig stimuliert, dann findet in einem oder beiden Fällen ein Wachstum und Stoffwechsel statt, wodurch sich das Potenzial von A als eine B stimulierende Zelle erhöht, Donald Hebb,</em> Neurowissenschaftler</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Die Mühlräder des Lebens</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Jeder von Ihnen hat sicherlich das Wort “Netz” schon einmal gehört und ist damit in Verbindung getreten. Seien es Spinnennetze, Fischernetze oder gar Moskitonetze. Wenn wir als Menschen Trauer oder Verlust eines anderen Menschen erleben, erfahren wir Trost in unseren sozialen Auffangnetzen von Familie und Freunden. Vor kurzem sah ich mir einen alten Agentenfilm, James Bond – 007 jagt Dr. No an. In diesem Film wurde ein Flugzeug samt Waffenbestückung Unterwasser unsichtbar geparkt. Raten Sie einmal, was man dem Jet als eine Tarnung überstülpte?<aside></aside></p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Die Welt der Netze</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Wir sehen Netze zudem als analoge und digitale Verbindungen zu uns, zu anderen Menschen und auch Dingen. So dienen Netze als Telefon- oder Computernetze als Kommunikation und Interfaces zu Maschinen, andererseits in modernen Netz-Organisationen sogar als Integrationsvehikel für Menschen. </p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Das Gehirn als kontinuierlicher Musterraum des Menschen</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Unser Gehirn vernetzt uns dabei ständig intern und extern als ein komplex modulierender Musterraum nicht nur beim menschlichen Verhalten, sondern auch zu Vorhersagen. Wir Menschen bauen so Weltmodelle zur kognitiven Weltprädiktion. Und das hat wiederum mit Netzen und auch deren Metabolismus (Stoffwechsel) zu tun, so z.B. in der Praxis, psycho-neuronal-immunologisch und auch hormonell. Das heißt biochemisch, elektrisch und biophysikalisch. Ob Freude oder Störungen der Epigenetik der Außenwelt, alles formt, prägt und graviert sich zellulär in uns ein. Das ist real und macht unsere Lebensqualität aus. Angst oder Freude. Leid oder Liebe. Auch Liebe ist eine Art Musterraum, in der Menschen gemeinsam modulieren und musizieren können.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Überall um uns herum Netze</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Ob Baye’sche Netze oder Boole’sche Funktionen; Ob Netzwerktheorie in den Beziehungen zu den Menschen oder bei Planungen im Projektmanagement der Netzplantechnik Mensch-Maschinen-Objektsteuerung. Wir nutzen Netze. Ob beim Einkauf und Versand von Ware gegen Geld nutzen wir Containernetze und globale Finanzmarktnetze. Ganz konkret am Bankautomaten auch Giralgeld Netze. Etwas speziellere Netze finden wir beim Schmidt’schen Netz in den Lagekugelmodellen von Geo-Datenmengen oder dem Wulff’schen Netzen stereoskopischer Projektionen.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Was macht eine interessante Geschichte aus?</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Vor Tagen war ich auf einer Krimi-Lesung und dachte an unser obiges Zitat von Donald Hebb aus seinem Werk The Organization of Behaviour. Und zwar in dem Sinne, dass es nicht nur auf die Geschichte ankommt, sondern wie spannend und erregend die Geschichte erzählt wird und auf uns wirkt!</p> </td> </tr> <tr> <td> <p>So ist sowohl der Inhalt als auch die Stärke der erzählten Geschichte auf unsere Wechselwirkungen der Nerventätigkeiten als ein Gesamtergebnis hochgradig relevant. Die Kreativität, die schöpferische Kraft, die sich mit entsprechenden Wirkungen gegenseitig aufschaukelt, ist hierbei ausschlaggebend. Sie hängt von den Fähigkeiten der Elemente, deren Eigenschaften und funktionierenden Faktoren ab!</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Was macht eine Interessante Organisation aus?</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Schauen wir auf Gleichungen in Organisationen, so hängt die Gesamtstärke eines Unternehmens und deren Thema an Personen, Prozessen und auch an Prinzipien (nicht Werten). Das ist wie bei Geschichten. Es ist abhängig von den Menschen; ihren Eigenschaften und der Funktionen der Elemente darin.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Ankopplung und Verkopplung</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Konsequenterweise kommen wir dann zu den Kopplungsfunktionen, die in Organismen und neuronalen Netzen von Gehirnen vonstattengehen und darin eine hochgradig entscheidende Rolle spielen. Es ist in der Biologie und Neurobiologie dann ähnlich wie in der einfachen Physik eines Eisenbahnwaggons oder Containers: Passiert diese Ankopplung des Neurons mit Synapsen oder eines Waggons oder Containers an der Bahn nicht, bleiben wir stehen, bleibt der Container mit seiner geladenen Fracht stecken. Es passiert nichts. Das Gegenteil von Ankopplung ist also Entkopplung, De-Coupling. De-Coupling führt zu Dekohärenz und Desintegration in Gruppen, Geschäften bis zu ganzen Gesellschaften. Koppeln sich die Waggons jedoch gegenseitig an, so kann eine ganze Bahnlinie, ein Bahnnetz entstehen. </p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Intelligence und Assembly Networks</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Reden wir von amerikanischen Wort Intelligence, so ist die Bedeutung dazu “Information”. So sitzt diese Information auch beim Menschen nicht in einer einzigen Zelle, auf der Zellebene, sondern die Information liegt zwischen den Zellen. Erst über eine Ankopplung kommt die Information in den Regelkreis. Nehmen wir einen Produktionsbetrieb, eine Fabrik, wobei ein Paket auf das Fließband als Format von Informationsübertragung, Informationsbereitstellung und Informationsverwandlung gestellt wird. Als ein Ensemble/Assembly (ähnlich wie Kandels Principles of Neural Science nun als großartiges “Production Assembly Network”. Aber auch hier passiert das nicht von selbst, sondern sollte aktiv in die Netzsysteme hinein organisiert werden. Dann ist die Frage, “wer geht hier voraus, wer ist hier ein Vorbild? Diese Informationen anderen Menschen bereitzustellen, damit sie produktiv in Regelkreisen arbeiten können.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Anschlüsse und Weiterleitungen</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Wenn wir hier von Netzmodulationen und Netzkonfigurationen reden, dann sind also gerade Netzkopplungen in Menschen und den Unternehmen relevant. Egal ob Gehirn-Musterräume, die zu Neuronen-Synapsen-Gliazellen-Informationsströmungen führen oder eben Assembly Networks in Unternehmen. Es geht bei den Organismen immer um Ankopplungen für Leben, Information und Ordnung. Noch besser wären neben Ankopplungen auch Weiterleitungen und Anschlussfähigkeiten. Sei es im Gehirn als Referenznetz, in Gruppen, Gremien oder in Organisationen. Die Biologie und unser Gehirn mit der Neurobiologie ist hierin ein großartiges Vorbild für musterentstehende Komplexitätsreduktionen. Komplexitätsreduktion über Musterbildung. Machen Sie das im Unternehmen schon?  Haben Sie die Personen, Prinzipien und Prozesse dazu? Wenn nicht, möchten Sie diese dann nicht innehaben und bei den Menschen und später den Maschinen einsetzen?</p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Interessant in dieser Kultur und Kontext ist hierbei auch der Unterschied von serieller und paralleler Verarbeitung vom Gehirn zum Körper bis zum Verhalten und Vorhersage. Kümmern wir uns um unseren Kopf und Körper, also der Neurowissenschaft, Genetik, Epigenetik und Immunologie, so geht es um vielfache Nerven-Netze und deren Prozesse und Systeme, die kaskadenartig gleichzeitig steuern und regeln. Und das mit permanent reverbierenden Rückwärts- und Vorwärtskopplungen. Ein Vergleich der Biologie gegenüber der Technologie wirkt dann oft primitiv und einfach, weil in Technik häufig seriell und additiv -und nicht wie im Kopf und Körper des Menschen parallel, selbstorganisiert und distributiv- gearbeitet wird. Was wir an Maschinen und Computern lieben, ist der zuverlässige Speicher und die zügigen Abtastraten in der Suche und Zusammenstellung von Technologie-Automationen.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Bionik und Kybernetik</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Die Disziplin und das Wissenschaftsfach, welches biologische Prozesse, Systeme und Strukturen immer wieder versuchte zu simulieren, nachzueifern und nachzubauen, nennt sich Bionik. Die Kybernetik hat in der Abgrenzung dazu die Aufgabe, die entsprechenden Regelkreise -ob in Menschen oder Maschinen- mit Feedback entsprechend zu regeln und zu steuern. Ähnlich wie dies Servo-Mechanismen, Flugabwehrsysteme, oder gar heute vermaschte Regelkreis-Raketensysteme übernehmen. Auch hier spielen Netzmuster selbst in der Technologie eine entscheidende Rolle. Es geht um Aktionen und Reaktionen, es geht um Fehlerkorrekturen und Latenz, ähnlich wie bei der Biologie und Physiologie.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Serielle und parallele Quanten-Formprozesse von Text und Bild im Geist des Menschen</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Lassen Sie uns einmal eine Prozessverarbeitung an einem Textbeispiel gegenüber eines Bildbeispiels anschauen. So liest der Mensch den Text eines Buches oder Website seriell und sequenziell aus. Das dauert seine Zeit. Beim Auslesen eines Bildes ist das ein zügig, weil parallel verlaufender Systemprozess. Einerseits arbeiten die Bilder bei uns im Kopf analog stufenlos, auto-assoziativ und auch autotroph. So z.B. auf den unterschiedlichen Blob-Bahnen. Andererseits deuten Vordenker wie Roger Penrose ein quantisiertes Denken an. Drittens wirken Bilder und Symbole über unsere Sprache, Kultur, Wirtschaft, Politik und Kontinente weit hinaus. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Passende Metapher-Bilder sind in der Tat zu Texten nicht immer einfach zu finden. </p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Referenzen in der Kunst</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Wo finden wir heute immer noch Schönheit in der Kunst? Wir finden sie z.B. bei einer Römischen Pieta Michelangelos oder Antonio Gaudi Sagrada Familia. Schauen Sie sich selbst die Werke dazu an.  Erzählende Bilder und lebendige Strukturen erzeugen in einzelnen Menschen, in Menschengruppen bis hin zu ganzen Gesellschaften massive Interferenzen und Stoffwechsel-Resonanzen. Das Wort Resonanz kommt dabei aus der Physik und kommt von “resonieren” (schwingen). Das heißt eine Geschichte kann schwingen und in uns Menschen weiter schwingen.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Der Name der Rose</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Ähnlich wie die Geschichte <em>Der Name der Rose </em>von Umberto Eco, die vernetzte Rose als Ikone und Rätsel im Netz-der-Netzsysteme! Durchdenken Sie bitte selbst eine vernetze Rose -mit ihren Blüten zum Licht und Himmel, mit den Stacheln gegen Feinde, und mit den Wurzeln überall hin -zu einem ganzheitlich verbundenen Meer der Rosen. </p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Geschichten, Geschichten, Geschichten</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Wir merken uns insbesondere dann Geschichten und Bilder als Symbole sehr gut, wenn sie für uns neu, kreativ und mit unserer eigenen Biografie zu tun haben. So kommen wir wieder zum Anfang von Goethes Zitaten und Hebbs Neuronen-Netzen als großen Arbeitskreis des Menschen.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Was soll all das bedeuten? Zwischen Wissenschaft, Technologie und Kunst existieren Musterräume. Netze und deren Stoffwechsel erschaffen, gestalten und erhalten modulierende Musterräume. Sei es in der Natur, der Natur des Menschen oder in Maschinen. Wir halten hier Gottes Schlüssel zum Schloss des Lebens in unseren Händen. </p> </td> </tr> </tbody> </div><p>Comment: Autor: G2G123: This is the type of content that stays useful over time. The structure, clarity, and focus make it a great resource to revisit.</p><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/drei-kreise-matrizen-2.jpg" /><h1>Arbeitskreise des Lebens - Metabolische Netze als Modulierende Musterräume des Menschen » Tensornetz » SciLogs</h1><h2>By Dominic Blitz</h2><div> <tbody> <tr> <td> <p>Arbeitskreise des Menschen: Die Beziehung zu sich, zu anderen Menschen und der Natur, erfährt der Mensch in seinen Kopf-Körper-Umwelt-Arbeitskreisen</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><em>Alles Gescheite ist schon gedacht worden, man muss nur versuchen, es noch einmal zu denken. Der Mensch ist nicht bloß ein denkendes, er ist zugleich ein empfindendes Wesen. Er ist ein Ganzes, eine Einheit vielfacher, innig verbundener Kräfte, und zu diesem Ganzen des Menschen muss das Kunstwerk sprechen: Wie Natur im Vielgebilde einen Gott nun offenbart, so im weiten Kunstgefilde webt ein Sinn der ewgen Art,</em> Wolfgang von Goethe, Natur-Forscher</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><em>Wenn ein Axon der Zelle A der Zelle B so nahe ist, dass es sie erregt, und wenn es sie wiederholt und ständig stimuliert, dann findet in einem oder beiden Fällen ein Wachstum und Stoffwechsel statt, wodurch sich das Potenzial von A als eine B stimulierende Zelle erhöht, Donald Hebb,</em> Neurowissenschaftler</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Die Mühlräder des Lebens</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Jeder von Ihnen hat sicherlich das Wort “Netz” schon einmal gehört und ist damit in Verbindung getreten. Seien es Spinnennetze, Fischernetze oder gar Moskitonetze. Wenn wir als Menschen Trauer oder Verlust eines anderen Menschen erleben, erfahren wir Trost in unseren sozialen Auffangnetzen von Familie und Freunden. Vor kurzem sah ich mir einen alten Agentenfilm, James Bond – 007 jagt Dr. No an. In diesem Film wurde ein Flugzeug samt Waffenbestückung Unterwasser unsichtbar geparkt. Raten Sie einmal, was man dem Jet als eine Tarnung überstülpte?<aside></aside></p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Die Welt der Netze</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Wir sehen Netze zudem als analoge und digitale Verbindungen zu uns, zu anderen Menschen und auch Dingen. So dienen Netze als Telefon- oder Computernetze als Kommunikation und Interfaces zu Maschinen, andererseits in modernen Netz-Organisationen sogar als Integrationsvehikel für Menschen. </p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Das Gehirn als kontinuierlicher Musterraum des Menschen</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Unser Gehirn vernetzt uns dabei ständig intern und extern als ein komplex modulierender Musterraum nicht nur beim menschlichen Verhalten, sondern auch zu Vorhersagen. Wir Menschen bauen so Weltmodelle zur kognitiven Weltprädiktion. Und das hat wiederum mit Netzen und auch deren Metabolismus (Stoffwechsel) zu tun, so z.B. in der Praxis, psycho-neuronal-immunologisch und auch hormonell. Das heißt biochemisch, elektrisch und biophysikalisch. Ob Freude oder Störungen der Epigenetik der Außenwelt, alles formt, prägt und graviert sich zellulär in uns ein. Das ist real und macht unsere Lebensqualität aus. Angst oder Freude. Leid oder Liebe. Auch Liebe ist eine Art Musterraum, in der Menschen gemeinsam modulieren und musizieren können.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Überall um uns herum Netze</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Ob Baye’sche Netze oder Boole’sche Funktionen; Ob Netzwerktheorie in den Beziehungen zu den Menschen oder bei Planungen im Projektmanagement der Netzplantechnik Mensch-Maschinen-Objektsteuerung. Wir nutzen Netze. Ob beim Einkauf und Versand von Ware gegen Geld nutzen wir Containernetze und globale Finanzmarktnetze. Ganz konkret am Bankautomaten auch Giralgeld Netze. Etwas speziellere Netze finden wir beim Schmidt’schen Netz in den Lagekugelmodellen von Geo-Datenmengen oder dem Wulff’schen Netzen stereoskopischer Projektionen.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Was macht eine interessante Geschichte aus?</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Vor Tagen war ich auf einer Krimi-Lesung und dachte an unser obiges Zitat von Donald Hebb aus seinem Werk The Organization of Behaviour. Und zwar in dem Sinne, dass es nicht nur auf die Geschichte ankommt, sondern wie spannend und erregend die Geschichte erzählt wird und auf uns wirkt!</p> </td> </tr> <tr> <td> <p>So ist sowohl der Inhalt als auch die Stärke der erzählten Geschichte auf unsere Wechselwirkungen der Nerventätigkeiten als ein Gesamtergebnis hochgradig relevant. Die Kreativität, die schöpferische Kraft, die sich mit entsprechenden Wirkungen gegenseitig aufschaukelt, ist hierbei ausschlaggebend. Sie hängt von den Fähigkeiten der Elemente, deren Eigenschaften und funktionierenden Faktoren ab!</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Was macht eine Interessante Organisation aus?</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Schauen wir auf Gleichungen in Organisationen, so hängt die Gesamtstärke eines Unternehmens und deren Thema an Personen, Prozessen und auch an Prinzipien (nicht Werten). Das ist wie bei Geschichten. Es ist abhängig von den Menschen; ihren Eigenschaften und der Funktionen der Elemente darin.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Ankopplung und Verkopplung</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Konsequenterweise kommen wir dann zu den Kopplungsfunktionen, die in Organismen und neuronalen Netzen von Gehirnen vonstattengehen und darin eine hochgradig entscheidende Rolle spielen. Es ist in der Biologie und Neurobiologie dann ähnlich wie in der einfachen Physik eines Eisenbahnwaggons oder Containers: Passiert diese Ankopplung des Neurons mit Synapsen oder eines Waggons oder Containers an der Bahn nicht, bleiben wir stehen, bleibt der Container mit seiner geladenen Fracht stecken. Es passiert nichts. Das Gegenteil von Ankopplung ist also Entkopplung, De-Coupling. De-Coupling führt zu Dekohärenz und Desintegration in Gruppen, Geschäften bis zu ganzen Gesellschaften. Koppeln sich die Waggons jedoch gegenseitig an, so kann eine ganze Bahnlinie, ein Bahnnetz entstehen. </p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Intelligence und Assembly Networks</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Reden wir von amerikanischen Wort Intelligence, so ist die Bedeutung dazu “Information”. So sitzt diese Information auch beim Menschen nicht in einer einzigen Zelle, auf der Zellebene, sondern die Information liegt zwischen den Zellen. Erst über eine Ankopplung kommt die Information in den Regelkreis. Nehmen wir einen Produktionsbetrieb, eine Fabrik, wobei ein Paket auf das Fließband als Format von Informationsübertragung, Informationsbereitstellung und Informationsverwandlung gestellt wird. Als ein Ensemble/Assembly (ähnlich wie Kandels Principles of Neural Science nun als großartiges “Production Assembly Network”. Aber auch hier passiert das nicht von selbst, sondern sollte aktiv in die Netzsysteme hinein organisiert werden. Dann ist die Frage, “wer geht hier voraus, wer ist hier ein Vorbild? Diese Informationen anderen Menschen bereitzustellen, damit sie produktiv in Regelkreisen arbeiten können.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Anschlüsse und Weiterleitungen</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Wenn wir hier von Netzmodulationen und Netzkonfigurationen reden, dann sind also gerade Netzkopplungen in Menschen und den Unternehmen relevant. Egal ob Gehirn-Musterräume, die zu Neuronen-Synapsen-Gliazellen-Informationsströmungen führen oder eben Assembly Networks in Unternehmen. Es geht bei den Organismen immer um Ankopplungen für Leben, Information und Ordnung. Noch besser wären neben Ankopplungen auch Weiterleitungen und Anschlussfähigkeiten. Sei es im Gehirn als Referenznetz, in Gruppen, Gremien oder in Organisationen. Die Biologie und unser Gehirn mit der Neurobiologie ist hierin ein großartiges Vorbild für musterentstehende Komplexitätsreduktionen. Komplexitätsreduktion über Musterbildung. Machen Sie das im Unternehmen schon?  Haben Sie die Personen, Prinzipien und Prozesse dazu? Wenn nicht, möchten Sie diese dann nicht innehaben und bei den Menschen und später den Maschinen einsetzen?</p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Interessant in dieser Kultur und Kontext ist hierbei auch der Unterschied von serieller und paralleler Verarbeitung vom Gehirn zum Körper bis zum Verhalten und Vorhersage. Kümmern wir uns um unseren Kopf und Körper, also der Neurowissenschaft, Genetik, Epigenetik und Immunologie, so geht es um vielfache Nerven-Netze und deren Prozesse und Systeme, die kaskadenartig gleichzeitig steuern und regeln. Und das mit permanent reverbierenden Rückwärts- und Vorwärtskopplungen. Ein Vergleich der Biologie gegenüber der Technologie wirkt dann oft primitiv und einfach, weil in Technik häufig seriell und additiv -und nicht wie im Kopf und Körper des Menschen parallel, selbstorganisiert und distributiv- gearbeitet wird. Was wir an Maschinen und Computern lieben, ist der zuverlässige Speicher und die zügigen Abtastraten in der Suche und Zusammenstellung von Technologie-Automationen.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Bionik und Kybernetik</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Die Disziplin und das Wissenschaftsfach, welches biologische Prozesse, Systeme und Strukturen immer wieder versuchte zu simulieren, nachzueifern und nachzubauen, nennt sich Bionik. Die Kybernetik hat in der Abgrenzung dazu die Aufgabe, die entsprechenden Regelkreise -ob in Menschen oder Maschinen- mit Feedback entsprechend zu regeln und zu steuern. Ähnlich wie dies Servo-Mechanismen, Flugabwehrsysteme, oder gar heute vermaschte Regelkreis-Raketensysteme übernehmen. Auch hier spielen Netzmuster selbst in der Technologie eine entscheidende Rolle. Es geht um Aktionen und Reaktionen, es geht um Fehlerkorrekturen und Latenz, ähnlich wie bei der Biologie und Physiologie.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Serielle und parallele Quanten-Formprozesse von Text und Bild im Geist des Menschen</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Lassen Sie uns einmal eine Prozessverarbeitung an einem Textbeispiel gegenüber eines Bildbeispiels anschauen. So liest der Mensch den Text eines Buches oder Website seriell und sequenziell aus. Das dauert seine Zeit. Beim Auslesen eines Bildes ist das ein zügig, weil parallel verlaufender Systemprozess. Einerseits arbeiten die Bilder bei uns im Kopf analog stufenlos, auto-assoziativ und auch autotroph. So z.B. auf den unterschiedlichen Blob-Bahnen. Andererseits deuten Vordenker wie Roger Penrose ein quantisiertes Denken an. Drittens wirken Bilder und Symbole über unsere Sprache, Kultur, Wirtschaft, Politik und Kontinente weit hinaus. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Passende Metapher-Bilder sind in der Tat zu Texten nicht immer einfach zu finden. </p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Referenzen in der Kunst</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Wo finden wir heute immer noch Schönheit in der Kunst? Wir finden sie z.B. bei einer Römischen Pieta Michelangelos oder Antonio Gaudi Sagrada Familia. Schauen Sie sich selbst die Werke dazu an.  Erzählende Bilder und lebendige Strukturen erzeugen in einzelnen Menschen, in Menschengruppen bis hin zu ganzen Gesellschaften massive Interferenzen und Stoffwechsel-Resonanzen. Das Wort Resonanz kommt dabei aus der Physik und kommt von “resonieren” (schwingen). Das heißt eine Geschichte kann schwingen und in uns Menschen weiter schwingen.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Der Name der Rose</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Ähnlich wie die Geschichte <em>Der Name der Rose </em>von Umberto Eco, die vernetzte Rose als Ikone und Rätsel im Netz-der-Netzsysteme! Durchdenken Sie bitte selbst eine vernetze Rose -mit ihren Blüten zum Licht und Himmel, mit den Stacheln gegen Feinde, und mit den Wurzeln überall hin -zu einem ganzheitlich verbundenen Meer der Rosen. </p> </td> </tr> <tr> <td> <p><strong>Geschichten, Geschichten, Geschichten</strong></p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Wir merken uns insbesondere dann Geschichten und Bilder als Symbole sehr gut, wenn sie für uns neu, kreativ und mit unserer eigenen Biografie zu tun haben. So kommen wir wieder zum Anfang von Goethes Zitaten und Hebbs Neuronen-Netzen als großen Arbeitskreis des Menschen.</p> </td> </tr> <tr> <td> <p>Was soll all das bedeuten? Zwischen Wissenschaft, Technologie und Kunst existieren Musterräume. Netze und deren Stoffwechsel erschaffen, gestalten und erhalten modulierende Musterräume. Sei es in der Natur, der Natur des Menschen oder in Maschinen. Wir halten hier Gottes Schlüssel zum Schloss des Lebens in unseren Händen. </p> </td> </tr> </tbody> </div><p>Comment: Autor: G2G123: This is the type of content that stays useful over time. The structure, clarity, and focus make it a great resource to revisit.</p><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/die-arbeitskreise-des-lebens-metabolische-netze-als-modulierende-musterraeume-des-menschen/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>4</slash:comments> </item> <item> <title>25 Jahre Berliner Chancen: Was lange währt, wird gut? https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/25-jahre-berliner-chancen/ https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/25-jahre-berliner-chancen/#respond Fri, 12 Dec 2025 08:27:50 +0000 René Krempkow https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/?p=1920 <h1>25 Jahre Berliner Chancen: Was lange währt, wird gut? » Über das Wissenschaftssystem » SciLogs</h1><h2>By René Krempkow</h2><div itemprop="text"> <p>Das Berliner Chancengleichheitsprogramm (BCP) fördert die Chancengleichheit für Frauen in Forschung und Lehre. Es hat sich seit seiner Einführung vor 25 Jahren durch den Berliner Senat zu einem wichtigen Steuerungsinstrument an den Berliner Hochschulen entwickelt. Genug Zeit also, um eine Bilanz zu ziehen und trotz oder auch gerade wegen der höchsten Frauenanteile an Professuren von allen Bundesländern und damit verbundener Vorreiterrolle über (Weiterentwicklungs-)Perspektiven nachzudenken. Unter dem dazu passenden Motto „Bilanz und Perspektiven“ wurden am 5.12.2025 bei der <a href="https://www.bcp-tagung.de/">Tagung an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) anlässlich des 25-jährigen Bestehens</a> die Ergebnisse einer Evaluation des BCP präsentiert sowie in Workshops, einer Podiumsdiskussion sowie in einem Ausblick auf die nächste Förderperiode über Weiterentwicklungen diskutiert.</p> <h2>Zeit, Bilanz zu ziehen </h2> <p>Welchen Stellenwert die Tagung hatte, wurde auch durch den Redebeitrag von Dr. Ina Czyborra deutlich, Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege, die aus gesundheitlichen Gründen durch Staatssekretär Henry Marx vertreten wurde. Highlights der Veranstaltung waren die Eröffnung der <a href="https://www.bmftr.bund.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/2025/09/1609-vernissage-versauemte-bilder.html">Ausstellung „Versäumte Bilder – Wissenschaftlerinnen und Pionierinnen sichtbar machen“ mit Bildern von Gesine Born</a> im Foyer des Hauptgebäudes der HU, die Vorstellung von BCP-geförderten Wissenschaftlerinnen und Künstlerinnen sowie die Prädikatsverleihung „Gleichstellungsstarke Hochschule“ durch Carolin Schumacher (BMFTR), Dr. Sandra Lewalter (SenASGIVA) und Dr. Julia Landgraf (SenWGP) an die HTW, die FU und die TU Berlin. Nachdenklich stimmte hierbei, dass Vertreter:innen der Hochschulen sich nicht nur für die Auszeichnung bedankten, sondern zugleich in Dankesreden deutlich auch auf Herausforderungen hinwiesen und vor Rückschritten warnten, gerade angesichts aktuell anstehender finanzieller Kürzungen.</p> <h2>Dank mit Warnungen</h2> <p>Dies kann man durchaus auch als eine Steilvorlage sehen, um auf die Ergebnisse der Evaluation des BCP und die daraus abgeleiteten Weiterentwicklungen zu sprechen zu kommen: Kurz zusammengefasst kann man aufgrund der Ergebnispräsentation durch Dr. Florian Berger, Fiona Bauer und Lisa-Marie Steinkampf (<a href="https://technopolis-group.com">Technopolis Group</a>) sagen: Die auf Befragungen der (ehemaligen) Geförderten, Interviews mit Hochschulangehörigen und Dokumentenanalysen basierenden Evaluationsergebnisse bekräftigen einerseits die im Unterschied zu anderen Bundesländern große Vielfalt der Förderansätze. Andererseits wird insbesondere eine stärkere Ausrichtung auf planbare Stellenformate (wie unbefristete Professuren oder zumindest mit Tenure Track) und eine stärkere strukturelle Verankerung empfohlen, sowie die weitere Stärkung der Vernetzungsmöglichkeiten der Geförderten.</p> <h2>Im Unterschied zu anderen Bundesländern große Vielfalt</h2> <p>Besonders interessant im Sinne einer Wirkungsanalyse ist angesichts der Ziele der Förderung bei gleichzeitig schwierigen Rahmenbedingungen auch der berufliche Verbleib der Geförderten: 60% der Geförderten sind zum Zeitpunkt der Befragung (Mitte 2025) in der Wissenschaft tätig, davon 40 Prozent auf einer Professur (d.h. 24% der Geförderten haben weitestgehende wissenschaftliche Unabhängigkeit erreicht). Der größere „Rest“ derjenigen die in der Wissenschaft blieben, ist im Wissenschaftsmanagement tätig, wie Berger auf Nachfrage aus dem Publikum erläuterte. Da <a href="https://www.researchgate.net/publication/375693111_Berufsfeld_Wissenschaftsmanagement">Angehörige des Wissenschaftsmanagements ganz überwiegend auf unbefristeten Stellen</a> arbeiten, kann dies ebenfalls als förderzieladäquat gelten – zumal sich bereits seit mehreren Jahren aufgrund der Arbeitsbedingungen nur noch eine Minderheit der <a href="https://buwik.de/">„Wissenschaftler:innen in frühen Karrierestufen“ in Deutschland</a> (WiK) insgesamt für einen Verbleib in der Akademia und von diesen (auch angesichts der geringen Erfolgswahrscheinlichkeit) nur eine Minderheit für die Professur entscheiden mag.</p> <h2>Nur eine Minderheit für einen Verbleib in der Akademia</h2> <p>Dies ist auch vor dem Hintergrund (im wahrsten Sinne des Wortes 😉) der diversen Zusammensetzung der Geförderten zu betrachten: Demnach ist Migrationshintergrund (1/3) unter den BCP-Geförderten häufiger als für WiK in Deutschland insgesamt (28%, leider nur für Promovierende und nicht für Postdocs u.ä. berichtet, sonst wäre der Unterschied wohl deutlicher angesichts einstelliger Anteile auf international besetzten Professuren), <a href="https://www.researchgate.net/publication/365714898_Welche_Chancen_haben_Migrantenkinder">was empirischen Studien zufolge einen Verbleib in der Akademia eher unwahrscheinlicher macht</a>. Bildungsherkunft Erstakademiker:in ist sogar deutlich häufiger (1/3) als in Deutschland insgesamt (16% der Promovierenden). Leider liegen bislang Zahlen für Geschlecht, Migration und Erstakademiker:innen nur jeweils separat und nur für Deutschland insgesamt, sowie nur bis zur Promotion vor. Für Berlin wie auch für Deutschland insgesamt liegen keine Zahlen dazu vor, welche Chancen nicht nur Frauen an sich, sondern in Kombination – also intersektional – betrachtet Frauen mit Erstakademiker:in- und/oder Migrationshintergrund auf eine Professur haben. Dies solle man aber künftig endlich wissen, wie in einem Publikumskommentar zur Podiumsdiskussion gefordert wurde.<aside></aside></p> <h2>Stärker intersektionale Betrachtung gefordert</h2> <p>Überhaupt wurden in der Podiumsdiskussion z.T. deutliche Worte gefunden, so u.a. von der Leiterin des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM), Prof. Dr. Naika Foroutan, die nicht nur ein künftig stärkeres Augenmerk auf eine intersektionale Betrachtung forderte. Vielmehr forderte sie dies auch für die z.T. vorhandenen weiteren Ausschlussmechanismen wie z.B. für die im Schnitt deutlich schlechtere schulische Leistungsbewertungen erreichenden Jungen, angesichts von z.B. für ein Psychologiestudium vielerorts geforderten 1,0-Abiturnoten. Ähnlich argumentierte hierzu Dr. Arn Sauer, Vorstand der Bundestiftung Gleichstellung, der auch ein stärkeres Augenmerk auf Frauen mir (körperlichen) Einschränkungen forderte.</p> <h2>Perspektiven des BCP</h2> <p>Was sind aber nun die Perspektiven des BCP? Im Ausblick auf die künftige Förderung wurde durch Micha Klapp, Staatsekretärin für Arbeit und Gleichstellung, dies – wenngleich die Planung der neuen Förderperiode „besonders herausfordernd“ sei – zumindest grob umrissen: Demnach sei insbesondere die beabsichtigte Gegenfinanzierung für vorgezogene Neuberufungen auch ab 2027 sichergestellt. Die befristeten Professuren sollen als „im Regelfall mit Tenure Track etabliert“ werden, es sollen „kooperative Promotionen an HAW mit Universitäten außerhalb Berlins bei der Förderung berücksichtigt“ werden und last but not least: „Intersektionalität soll künftig eine bedeutsame Rolle spielen“, wobei „auch weiterhin die strukturellen Benachteiligungen der Frauen im Vordergrund stehen werden“.</p> <h2>Fazit</h2> <p>Insgesamt kann dies daher nicht nur als eine gelungene Tagung mit spannenden Diskussionen gelten, sondern zugleich als ein Beispiel dafür, wie – im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten – Evaluationsergebnisse bei der empirisch informierten Planung einer neuen Förderperiode berücksichtigt werden können.</p> <p>Weitere Infos zur Tagung finden sich auf der <a href="https://www.bcp-tagung.de/">Tagungswebsite</a>, zum BCP auf der <a href="https://www.berlin.de/sen/frauen/arbeit/wissenschaft-und-forschung/berliner-programm/">BCP-Webseite</a>.</p> <p>________________</p> <p>Transparenzhinweis: Der Verfasser wirkte als Mitglied des Expert:innenbeirats zur Evaluation des BCP an der Konzeption der Evaluation mit, war jedoch an der Erstellung des Evaluationsberichtes nicht beteiligt. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>25 Jahre Berliner Chancen: Was lange währt, wird gut? » Über das Wissenschaftssystem » SciLogs</h1><h2>By René Krempkow</h2><div itemprop="text"> <p>Das Berliner Chancengleichheitsprogramm (BCP) fördert die Chancengleichheit für Frauen in Forschung und Lehre. Es hat sich seit seiner Einführung vor 25 Jahren durch den Berliner Senat zu einem wichtigen Steuerungsinstrument an den Berliner Hochschulen entwickelt. Genug Zeit also, um eine Bilanz zu ziehen und trotz oder auch gerade wegen der höchsten Frauenanteile an Professuren von allen Bundesländern und damit verbundener Vorreiterrolle über (Weiterentwicklungs-)Perspektiven nachzudenken. Unter dem dazu passenden Motto „Bilanz und Perspektiven“ wurden am 5.12.2025 bei der <a href="https://www.bcp-tagung.de/">Tagung an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) anlässlich des 25-jährigen Bestehens</a> die Ergebnisse einer Evaluation des BCP präsentiert sowie in Workshops, einer Podiumsdiskussion sowie in einem Ausblick auf die nächste Förderperiode über Weiterentwicklungen diskutiert.</p> <h2>Zeit, Bilanz zu ziehen </h2> <p>Welchen Stellenwert die Tagung hatte, wurde auch durch den Redebeitrag von Dr. Ina Czyborra deutlich, Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege, die aus gesundheitlichen Gründen durch Staatssekretär Henry Marx vertreten wurde. Highlights der Veranstaltung waren die Eröffnung der <a href="https://www.bmftr.bund.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/2025/09/1609-vernissage-versauemte-bilder.html">Ausstellung „Versäumte Bilder – Wissenschaftlerinnen und Pionierinnen sichtbar machen“ mit Bildern von Gesine Born</a> im Foyer des Hauptgebäudes der HU, die Vorstellung von BCP-geförderten Wissenschaftlerinnen und Künstlerinnen sowie die Prädikatsverleihung „Gleichstellungsstarke Hochschule“ durch Carolin Schumacher (BMFTR), Dr. Sandra Lewalter (SenASGIVA) und Dr. Julia Landgraf (SenWGP) an die HTW, die FU und die TU Berlin. Nachdenklich stimmte hierbei, dass Vertreter:innen der Hochschulen sich nicht nur für die Auszeichnung bedankten, sondern zugleich in Dankesreden deutlich auch auf Herausforderungen hinwiesen und vor Rückschritten warnten, gerade angesichts aktuell anstehender finanzieller Kürzungen.</p> <h2>Dank mit Warnungen</h2> <p>Dies kann man durchaus auch als eine Steilvorlage sehen, um auf die Ergebnisse der Evaluation des BCP und die daraus abgeleiteten Weiterentwicklungen zu sprechen zu kommen: Kurz zusammengefasst kann man aufgrund der Ergebnispräsentation durch Dr. Florian Berger, Fiona Bauer und Lisa-Marie Steinkampf (<a href="https://technopolis-group.com">Technopolis Group</a>) sagen: Die auf Befragungen der (ehemaligen) Geförderten, Interviews mit Hochschulangehörigen und Dokumentenanalysen basierenden Evaluationsergebnisse bekräftigen einerseits die im Unterschied zu anderen Bundesländern große Vielfalt der Förderansätze. Andererseits wird insbesondere eine stärkere Ausrichtung auf planbare Stellenformate (wie unbefristete Professuren oder zumindest mit Tenure Track) und eine stärkere strukturelle Verankerung empfohlen, sowie die weitere Stärkung der Vernetzungsmöglichkeiten der Geförderten.</p> <h2>Im Unterschied zu anderen Bundesländern große Vielfalt</h2> <p>Besonders interessant im Sinne einer Wirkungsanalyse ist angesichts der Ziele der Förderung bei gleichzeitig schwierigen Rahmenbedingungen auch der berufliche Verbleib der Geförderten: 60% der Geförderten sind zum Zeitpunkt der Befragung (Mitte 2025) in der Wissenschaft tätig, davon 40 Prozent auf einer Professur (d.h. 24% der Geförderten haben weitestgehende wissenschaftliche Unabhängigkeit erreicht). Der größere „Rest“ derjenigen die in der Wissenschaft blieben, ist im Wissenschaftsmanagement tätig, wie Berger auf Nachfrage aus dem Publikum erläuterte. Da <a href="https://www.researchgate.net/publication/375693111_Berufsfeld_Wissenschaftsmanagement">Angehörige des Wissenschaftsmanagements ganz überwiegend auf unbefristeten Stellen</a> arbeiten, kann dies ebenfalls als förderzieladäquat gelten – zumal sich bereits seit mehreren Jahren aufgrund der Arbeitsbedingungen nur noch eine Minderheit der <a href="https://buwik.de/">„Wissenschaftler:innen in frühen Karrierestufen“ in Deutschland</a> (WiK) insgesamt für einen Verbleib in der Akademia und von diesen (auch angesichts der geringen Erfolgswahrscheinlichkeit) nur eine Minderheit für die Professur entscheiden mag.</p> <h2>Nur eine Minderheit für einen Verbleib in der Akademia</h2> <p>Dies ist auch vor dem Hintergrund (im wahrsten Sinne des Wortes 😉) der diversen Zusammensetzung der Geförderten zu betrachten: Demnach ist Migrationshintergrund (1/3) unter den BCP-Geförderten häufiger als für WiK in Deutschland insgesamt (28%, leider nur für Promovierende und nicht für Postdocs u.ä. berichtet, sonst wäre der Unterschied wohl deutlicher angesichts einstelliger Anteile auf international besetzten Professuren), <a href="https://www.researchgate.net/publication/365714898_Welche_Chancen_haben_Migrantenkinder">was empirischen Studien zufolge einen Verbleib in der Akademia eher unwahrscheinlicher macht</a>. Bildungsherkunft Erstakademiker:in ist sogar deutlich häufiger (1/3) als in Deutschland insgesamt (16% der Promovierenden). Leider liegen bislang Zahlen für Geschlecht, Migration und Erstakademiker:innen nur jeweils separat und nur für Deutschland insgesamt, sowie nur bis zur Promotion vor. Für Berlin wie auch für Deutschland insgesamt liegen keine Zahlen dazu vor, welche Chancen nicht nur Frauen an sich, sondern in Kombination – also intersektional – betrachtet Frauen mit Erstakademiker:in- und/oder Migrationshintergrund auf eine Professur haben. Dies solle man aber künftig endlich wissen, wie in einem Publikumskommentar zur Podiumsdiskussion gefordert wurde.<aside></aside></p> <h2>Stärker intersektionale Betrachtung gefordert</h2> <p>Überhaupt wurden in der Podiumsdiskussion z.T. deutliche Worte gefunden, so u.a. von der Leiterin des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM), Prof. Dr. Naika Foroutan, die nicht nur ein künftig stärkeres Augenmerk auf eine intersektionale Betrachtung forderte. Vielmehr forderte sie dies auch für die z.T. vorhandenen weiteren Ausschlussmechanismen wie z.B. für die im Schnitt deutlich schlechtere schulische Leistungsbewertungen erreichenden Jungen, angesichts von z.B. für ein Psychologiestudium vielerorts geforderten 1,0-Abiturnoten. Ähnlich argumentierte hierzu Dr. Arn Sauer, Vorstand der Bundestiftung Gleichstellung, der auch ein stärkeres Augenmerk auf Frauen mir (körperlichen) Einschränkungen forderte.</p> <h2>Perspektiven des BCP</h2> <p>Was sind aber nun die Perspektiven des BCP? Im Ausblick auf die künftige Förderung wurde durch Micha Klapp, Staatsekretärin für Arbeit und Gleichstellung, dies – wenngleich die Planung der neuen Förderperiode „besonders herausfordernd“ sei – zumindest grob umrissen: Demnach sei insbesondere die beabsichtigte Gegenfinanzierung für vorgezogene Neuberufungen auch ab 2027 sichergestellt. Die befristeten Professuren sollen als „im Regelfall mit Tenure Track etabliert“ werden, es sollen „kooperative Promotionen an HAW mit Universitäten außerhalb Berlins bei der Förderung berücksichtigt“ werden und last but not least: „Intersektionalität soll künftig eine bedeutsame Rolle spielen“, wobei „auch weiterhin die strukturellen Benachteiligungen der Frauen im Vordergrund stehen werden“.</p> <h2>Fazit</h2> <p>Insgesamt kann dies daher nicht nur als eine gelungene Tagung mit spannenden Diskussionen gelten, sondern zugleich als ein Beispiel dafür, wie – im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten – Evaluationsergebnisse bei der empirisch informierten Planung einer neuen Förderperiode berücksichtigt werden können.</p> <p>Weitere Infos zur Tagung finden sich auf der <a href="https://www.bcp-tagung.de/">Tagungswebsite</a>, zum BCP auf der <a href="https://www.berlin.de/sen/frauen/arbeit/wissenschaft-und-forschung/berliner-programm/">BCP-Webseite</a>.</p> <p>________________</p> <p>Transparenzhinweis: Der Verfasser wirkte als Mitglied des Expert:innenbeirats zur Evaluation des BCP an der Konzeption der Evaluation mit, war jedoch an der Erstellung des Evaluationsberichtes nicht beteiligt. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/25-jahre-berliner-chancen/#respond 0 Cassiopeia https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/cassiopeia/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/cassiopeia/#comments Fri, 12 Dec 2025 07:46:00 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12338 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-768x768.jpg Info Karte der IAU https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/cassiopeia/ <h1>Cassiopeia » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Mit der Benennung des mittleren Sterns im “W” der hellsten Sterne der Cassiopeia ist die Benennung nun komplett: alle fünf hellen Sterne haben einen offiziellen IAU-Namen. </p> <p>Die Arbeitsgruppe Sternnamen (WGSN) der Internationalen Astronomischen Union hat gerade dieses hübsche Bild auf ihren Kanälen der sozialen Medien gepostet, das das Multikulti am globalen Sternhimmel zu visualisieren versucht:  </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1.jpg 1968w" width="1024"></img></a></figure> <p>Der Name des Sternbilds wurde 1922 in der latinisierten Version standardisiert (statt griechisch “Kassiepeia” nun offiziell “Cassiopeia”). </p> <p><strong>Untere Sterne des “W”s.</strong></p> <p>Für Brust- und Knie-Stern (alpha und delta Cas) dieser Königin wurden Sternnamen standardisiert, die Kurzformen der arabischen Übersetzung griechischer Positionsbeschreibungen sind. <aside></aside></p> <p><strong>Obere Sterne des “W”s. </strong></p> <p>Der Stern rechts oben im “W” (beta Cas) erhielt einen indigenen arabischen Namen “Hand” eines Sternbilds der Beduinen, das in Vergessenheit geriet, nachdem der griechische Almagest übersetzt worden war.  </p> <p>Der mittlere Stern im “W” (gamma Cas) erhielt einen chinesischen Namen, der an ein uraltes historisches Sternbild im Reich der Mitte erinnert: die <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/himmlische-quadriga/">Quadriga</a> von Wangliang.</p> <p>Der Stern links oben im “W” (epsilon Cas) hat einen Namen, dessen Herkunft unklar ist: man weiß nur, dass er zuerst in einem tschechischen Stern-Atlas von 1950 auftauchte, aber nicht, woher der Autor diesen Namen hat. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Cassiopeia » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Mit der Benennung des mittleren Sterns im “W” der hellsten Sterne der Cassiopeia ist die Benennung nun komplett: alle fünf hellen Sterne haben einen offiziellen IAU-Namen. </p> <p>Die Arbeitsgruppe Sternnamen (WGSN) der Internationalen Astronomischen Union hat gerade dieses hübsche Bild auf ihren Kanälen der sozialen Medien gepostet, das das Multikulti am globalen Sternhimmel zu visualisieren versucht:  </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Cassiopeia_SadeghFaghanpour2025-1.jpg 1968w" width="1024"></img></a></figure> <p>Der Name des Sternbilds wurde 1922 in der latinisierten Version standardisiert (statt griechisch “Kassiepeia” nun offiziell “Cassiopeia”). </p> <p><strong>Untere Sterne des “W”s.</strong></p> <p>Für Brust- und Knie-Stern (alpha und delta Cas) dieser Königin wurden Sternnamen standardisiert, die Kurzformen der arabischen Übersetzung griechischer Positionsbeschreibungen sind. <aside></aside></p> <p><strong>Obere Sterne des “W”s. </strong></p> <p>Der Stern rechts oben im “W” (beta Cas) erhielt einen indigenen arabischen Namen “Hand” eines Sternbilds der Beduinen, das in Vergessenheit geriet, nachdem der griechische Almagest übersetzt worden war.  </p> <p>Der mittlere Stern im “W” (gamma Cas) erhielt einen chinesischen Namen, der an ein uraltes historisches Sternbild im Reich der Mitte erinnert: die <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/himmlische-quadriga/">Quadriga</a> von Wangliang.</p> <p>Der Stern links oben im “W” (epsilon Cas) hat einen Namen, dessen Herkunft unklar ist: man weiß nur, dass er zuerst in einem tschechischen Stern-Atlas von 1950 auftauchte, aber nicht, woher der Autor diesen Namen hat. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/cassiopeia/#comments 2 Lichtspiele am Himmel https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lichtspiele-am-himmel/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lichtspiele-am-himmel/#respond Wed, 10 Dec 2025 21:59:41 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12350 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-768x576.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lichtspiele-am-himmel/</link> </image> <description type="html"><h1>Lichtspiele am Himmel » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Merkur im größten Glanz am Morgenhimmel: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Der Planet ist das Lichtpünktchen in dem c-förmigen Bogen einer dunklen Wolke in der Morgendämmerung.</figcaption></figure> <p>Am Vorabend dieses Morgens hatte der Himmel allerdings mit Cirrus-Wolken gespielt und einen Mond-Halo mit Nebenmond gezaubert.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p>… und StarLink gab auch eine Show ab. ….</p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Lichtspiele am Himmel » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Merkur im größten Glanz am Morgenhimmel: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Merkur_20251210_064818-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Der Planet ist das Lichtpünktchen in dem c-förmigen Bogen einer dunklen Wolke in der Morgendämmerung.</figcaption></figure> <p>Am Vorabend dieses Morgens hatte der Himmel allerdings mit Cirrus-Wolken gespielt und einen Mond-Halo mit Nebenmond gezaubert.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/MondHalo_20251209_235422-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p>… und StarLink gab auch eine Show ab. ….</p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lichtspiele-am-himmel/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Sternbild Dreieck https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/sternbild-dreieck/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/sternbild-dreieck/#respond Mon, 08 Dec 2025 23:05:00 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12342 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-768x767.jpg Info Karte der IAU https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/sternbild-dreieck/ <h1>Sternbild Dreieck » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Das Sternbild Dreieck (Triangulum) ist seit Alters her – d.h. seit ca. 2000 Jahren – durch vier Sterne definiert. Warum? Tja, leider können wir die Autoren nicht mehr fragen, aber wir lesen in den Texten, dass es so ist. Ptolemäus von Alexandria schrieb im 2. Jahrhundert n.Chr. jedenfalls selbstbewusst “4 Sterne, 3 von dritter Magnitude, 1 von vierter”.</p> <p>Alle vier Sterne im Dreieck haben nun offizielle <a href="https://www.iau.org/">IAU-</a>Namen: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-768x767.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025.jpg 1276w" width="1024"></img></a></figure> <p>Der Hauptstern (alpha Trianguli) hat einen arabischen Namen, der Übersetzung aus dem Griechischen ist (Spitze des Dreiecks). </p> <p>Der zweithellste (beta Trianguli) hat einen indigen arabischen Namen aus der Zeit vor der Übernahme griechischer Sternbilder: Damals hatten die Beduinen ein Sternbild “Widder”, das größer war als der griechische Widder und außerdem umgekehrt: die Kniegelenke dieses indigen arabischen Beduinen-Widders wurden durch die Sterne alpha und beta Trianguli markiert, woran dieser Name erinnert. </p> <p>Im Alten Ägypten kannte man weder das Sternbild “Widder” noch “Dreieck”, sondern betrachtete diese Himmelsgegend als Teil eines großen Sternbilds “Vogel”. Die heutige ägyptologische Forschung weiß nicht, um was für einen Vogel es sich hier handelt (Falke oder Gans/ Ente), aber ramessidische Sternuhren aus der Zeit von ca. 1100 v.Chr. überliefern einige Sternnamen in dieser Figur, so dass wir sicher wissen, dass sie sich zwischen Perseus, Pegasus und Cetus erstreckte. Der Stern gamma Trianguli bekam daher diesen Namen. <aside></aside></p> <p>Astronominnen lieben Wortspiele. Daher wurde der altgriechische Name des Sternbilds “Deltoton” für den Stern delta Trianguli standardisiert. Das “Dreieck” am Himmel ist nämlich keineswegs ein Geodreieck, das ein schlampiger Schüler dort liegen ließ, sondern es ist der griechische Buchstabe “Delta” (Δ) – in Monumentalschrift (Großbuchstaben) ein Dreieck Δ. Es ist der Anfangsbuchstabe des griechischen Wortes für den höchsten Gott: Dios. Ihm gehört das Himmelszelt und das Sternbild “Dreieck” (eigentlich “Deltoton”) gibt diese göttliche Widmung der Sterne an. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Sternbild Dreieck » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div itemprop="text"> <p>Das Sternbild Dreieck (Triangulum) ist seit Alters her – d.h. seit ca. 2000 Jahren – durch vier Sterne definiert. Warum? Tja, leider können wir die Autoren nicht mehr fragen, aber wir lesen in den Texten, dass es so ist. Ptolemäus von Alexandria schrieb im 2. Jahrhundert n.Chr. jedenfalls selbstbewusst “4 Sterne, 3 von dritter Magnitude, 1 von vierter”.</p> <p>Alle vier Sterne im Dreieck haben nun offizielle <a href="https://www.iau.org/">IAU-</a>Namen: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025-768x767.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/iauWGSN_Triangulum_SadeghFaghanpour2025.jpg 1276w" width="1024"></img></a></figure> <p>Der Hauptstern (alpha Trianguli) hat einen arabischen Namen, der Übersetzung aus dem Griechischen ist (Spitze des Dreiecks). </p> <p>Der zweithellste (beta Trianguli) hat einen indigen arabischen Namen aus der Zeit vor der Übernahme griechischer Sternbilder: Damals hatten die Beduinen ein Sternbild “Widder”, das größer war als der griechische Widder und außerdem umgekehrt: die Kniegelenke dieses indigen arabischen Beduinen-Widders wurden durch die Sterne alpha und beta Trianguli markiert, woran dieser Name erinnert. </p> <p>Im Alten Ägypten kannte man weder das Sternbild “Widder” noch “Dreieck”, sondern betrachtete diese Himmelsgegend als Teil eines großen Sternbilds “Vogel”. Die heutige ägyptologische Forschung weiß nicht, um was für einen Vogel es sich hier handelt (Falke oder Gans/ Ente), aber ramessidische Sternuhren aus der Zeit von ca. 1100 v.Chr. überliefern einige Sternnamen in dieser Figur, so dass wir sicher wissen, dass sie sich zwischen Perseus, Pegasus und Cetus erstreckte. Der Stern gamma Trianguli bekam daher diesen Namen. <aside></aside></p> <p>Astronominnen lieben Wortspiele. Daher wurde der altgriechische Name des Sternbilds “Deltoton” für den Stern delta Trianguli standardisiert. Das “Dreieck” am Himmel ist nämlich keineswegs ein Geodreieck, das ein schlampiger Schüler dort liegen ließ, sondern es ist der griechische Buchstabe “Delta” (Δ) – in Monumentalschrift (Großbuchstaben) ein Dreieck Δ. Es ist der Anfangsbuchstabe des griechischen Wortes für den höchsten Gott: Dios. Ihm gehört das Himmelszelt und das Sternbild “Dreieck” (eigentlich “Deltoton”) gibt diese göttliche Widmung der Sterne an. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/sternbild-dreieck/#respond 0 „Neue Modelle der Universität“ – Themenheft beleuchtet innovative Strukturen, adaptive Reaktionen und strategisches Verhalten https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/neue-modelle-der-universitaet/ https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/neue-modelle-der-universitaet/#comments Mon, 08 Dec 2025 07:33:44 +0000 René Krempkow https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/?p=1912 <img src="https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/files/CoverZFHE2025-4.jpg" /><h1>„Neue Modelle der Universität“ – Themenheft beleuchtet innovative Strukturen, adaptive Reaktionen und strategisches Verhalten » Über das Wissenschaftssystem » SciLogs</h1><h2>By René Krempkow</h2><div itemprop="text"> <p>Universitäten sehen sich zunehmend mit dem Paradoxon von Stabilität und Wandel konfrontiert. Während ihre Aufgaben in Forschung, Lehre und gesellschaftlichem Engagement unverändert bleiben, haben sich die Bedingungen, unter denen diese Aufgaben wahrgenommen werden, grundlegend verändert. Der globale Wettbewerb, der digitale Wandel und die Erwartungen an die gesellschaftliche Wirkung zwingen Hochschulen dazu, ihre Organisationsmodelle und Führungsstrukturen zu überdenken. Das Humboldt’sche Erbe der Autonomie und akademischen Selbstverwaltung wird durch den Druck nach Effizienz, Rechenschaftspflicht und Innovation in Frage gestellt.</p> <h2>„Mission Overload“ und „Mission Drift“</h2> <p>Der Call for Papers für diese überwiegend englischsprachige Sonderausgabe mit dem Originaltitel „New Models of the University: Innovative Structures, Adaptive Responses, and Strategic Behavior” hob diese Spannungen hervor, indem er auf ein zentrales Paradoxon im heutigen Hochschulwesen hinwies: Universitäten müssen ihren akademischen Kernaufgaben treu bleiben und sich gleichzeitig an externe Anforderungen anpassen, die oft im Widerspruch zu diesen Aufgaben stehen. Konzepte wie „Mission Overload“ und „Mission Drift“ beschreiben das Risiko, dass Universitäten in ihrem Bestreben, global wettbewerbsfähig und lokal relevant zu sein, sich übernehmen und ihren strategischen Fokus verlieren.</p> <h2>Universitäten als soziale Institutionen und strategische Organisationen</h2> <p>Universitäten fungieren heute sowohl als soziale Institutionen – eingebettet in kulturelle und politische Kontexte – als auch als strategische Organisationen, die bestimmte Ziele verfolgen und sich in einem komplexen Umfeld von Interessengruppen bewegen. Diese Doppelnatur bedeutet, dass weder deterministische Modelle struktureller Zwänge noch voluntaristische Vorstellungen von Managementfreiheit ausreichen, um Veränderungen zu erklären. Diese Spannung spiegelt wider, was in der Literatur als Paradoxon des Umweltdeterminismus und der Führungsagentur hervorgehoben wird. Diese Perspektive führt uns zurück zur alten Institutionalismustheorie, die sich genau auf die Organisation als meso-level soziales Umfeld konzentriert, in dem sich externe Druckfaktoren und interne Handlungen überschneiden. Die Beiträge in des Heftes untersuchen dieses Paradoxon empirisch und theoretisch. Sie untersuchen, wie Universitäten Autonomie und Rechenschaftspflicht, Innovation und Kontinuität, Wettbewerb und Zusammenarbeit in Einklang bringen. Auf der Grundlage von Organisations- und Institutionstheorien beleuchten sie, wie Hochschulen als adaptive, lernende Systeme agieren, die in ein breiteres politisches Umfeld eingebettet sind, das ihre Entwicklung zwar prägt, aber nicht bestimmt.</p> <h2>Wie Autonomie und Rechenschaftspflicht, Innovation und Kontinuität in Einklang bringen?</h2> <p>In den letzten Jahren haben sich Digitalisierung und künstliche Intelligenz (KI) zu transformativen Kräften entwickelt, die den Wandel hin zu einer „Mode 2“-Wissensproduktion beschleunigen – kontextorientiert, problemfokussiert und sozial verteilt. Die Universitäten reagieren auf diesen Druck nicht nur durch die Einführung neuer Technologien, sondern auch durch die Entwicklung neuer Governance-Kapazitäten: vorausschauende Weitsicht, sektorübergreifende Zusammenarbeit und vernetzte Organisationsformen.</p> <h2>Entwicklung neuer Governance-Kapazitäten</h2> <p>Vor diesem Hintergrund befassen sich die Beiträge in dieses Heftes gemeinsam mit einer zentralen Frage: Wie gestalten Universitäten ihre Organisationsarchitektur, ihre Governance-Systeme und ihr strategisches Verhalten neu, um komplexe, mehrschichtige Veränderungen zu bewältigen? Die Idee zu diesem Themenheft entstand aus laufenden wissenschaftlichen Debatten und empirischen Beobachtungen zum institutionellen Wandel im europäischen und internationalen Hochschulwesen. Die Herausgeber luden zu Beiträgen ein, die analytische Tiefe mit empirischer Stringenz verbinden und eine Brücke zwischen den Perspektiven der Organisationssoziologie, der Hochschulforschung und der Managementwissenschaften schlagen sollten.<aside></aside></p> <h2>Dimensionen des Wandels</h2> <p>Der Call for Papers schlug mehrere analytische Dimensionen vor, an denen sich die Beiträge orientieren sollten: (1) Finanzierung und Ressourcenabhängigkeit; (2) Digitalisierung und technologische Innovation; (3) Diversität, Inklusion und Internationalisierung; (4) Autonomie und Governance; (5) akademische Freiheit und Legitimität; und (6) gesellschaftliche Relevanz und Wirkung. Diese Themen spiegeln sowohl langfristige Entwicklungen im Hochschulwesen als auch neue systemische Belastungen wider, die sich aus globalen Krisen, der Verbreitung künstlicher Intelligenz und Nachhaltigkeitserfordernissen ergeben.</p> <p>Der Aufruf lud die Autoren außerdem dazu ein, organisatorische und institutionelle Perspektiven einzunehmen, insbesondere Ressourcenabhängigkeit, institutioneller Isomorphismus und organisationales Lernen zu berücksichtigen. Diese Rahmenkonzepte erkennen Universitäten als dynamische Akteure an, die eine strategische Positionierung anstreben und gleichzeitig innerhalb regulatorischer und kultureller Beschränkungen agieren.</p> <h2>Kontexte von Europa über Nordamerika bis zum Nahen Osten</h2> <p>Aus den zahlreichen Einreichungen wurden nach einer Begutachtung durch Fachkollegen dreizehn Beiträge ausgewählt, die verschiedene Methoden widerspiegeln – qualitative Fallstudien, Ethnografie, Dokumentenanalyse und Literaturrecherchen – und Kontexte von Europa über Nordamerika bis zum Nahen Osten abdecken. Zusammengenommen zeigen sie, dass organisatorische Veränderungen an Universitäten selten linear verlaufen, sondern sich durch Verhandlungen, Anpassungen und Experimente auf mehreren Ebenen vollziehen.</p> <p>Aus Gründen der Übersichtlichkeit und Kohärenz wurden die (zu einem relativ großen Teil englischsprachigen) Beiträge in vier thematische Cluster gruppiert:</p> <ol> <li>Strukturelle und strategische Innovation – Untersuchung neuer Governance-Modelle und institutioneller Experimente;</li> <li>Adaptive Governance und Krisenmanagement – Umgang mit Resilienz, Konflikten und technologischen Umbrüchen;</li> <li>Kollaborative und vorausschauende Entwicklung – Erforschung von Zusammenarbeit, Netzwerken und KI-Governance; und</li> <li>Umfassendere Reform- und Nachhaltigkeitsperspektiven.</li> </ol> <p>Das Themenheft wurde herausgegeben von Barbara Sporn (Wirtschaftsuniversität Wien), Tatiana Fumasoli (University College London), René Krempkow (Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg) und Liudvika Leišytė (TU Dortmund). Es erscheint dank einer Förderung durch das Forum Neue Medien Austria im Open Access und kann daher kostenlos heruntergeladen werden unter <a data-wplink-edit="true" href="http://www.zfhe.at">www.zfhe.at</a>.</p> <p>Ergänzend zur Veröffentlichung des Heftes wird es ein Online Event zur Präsentation der zentralen Ergebnisse der Beiträge für eine breitere (wissenschaftliche) Öffentlichkeit geben. Das Format wird einen einführenden Überblick der Herausgeber:innen enthalten, gefolgt von kurzen “Pitches” durch Autor:innen (je 5 Minuten) und deren Diskussion. Das Event wird am 12. Februar, 13-14.30 Uhr (CET) stattfinden, als Teil der (englischsprachigen) IHM Speaker Series (<a href="https://www.wu.ac.at/ihm/events/higher-education-speaker-series">https://www.wu.ac.at/ihm/events/higher-education-speaker-series</a>).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/files/CoverZFHE2025-4.jpg" /><h1>„Neue Modelle der Universität“ – Themenheft beleuchtet innovative Strukturen, adaptive Reaktionen und strategisches Verhalten » Über das Wissenschaftssystem » SciLogs</h1><h2>By René Krempkow</h2><div itemprop="text"> <p>Universitäten sehen sich zunehmend mit dem Paradoxon von Stabilität und Wandel konfrontiert. Während ihre Aufgaben in Forschung, Lehre und gesellschaftlichem Engagement unverändert bleiben, haben sich die Bedingungen, unter denen diese Aufgaben wahrgenommen werden, grundlegend verändert. Der globale Wettbewerb, der digitale Wandel und die Erwartungen an die gesellschaftliche Wirkung zwingen Hochschulen dazu, ihre Organisationsmodelle und Führungsstrukturen zu überdenken. Das Humboldt’sche Erbe der Autonomie und akademischen Selbstverwaltung wird durch den Druck nach Effizienz, Rechenschaftspflicht und Innovation in Frage gestellt.</p> <h2>„Mission Overload“ und „Mission Drift“</h2> <p>Der Call for Papers für diese überwiegend englischsprachige Sonderausgabe mit dem Originaltitel „New Models of the University: Innovative Structures, Adaptive Responses, and Strategic Behavior” hob diese Spannungen hervor, indem er auf ein zentrales Paradoxon im heutigen Hochschulwesen hinwies: Universitäten müssen ihren akademischen Kernaufgaben treu bleiben und sich gleichzeitig an externe Anforderungen anpassen, die oft im Widerspruch zu diesen Aufgaben stehen. Konzepte wie „Mission Overload“ und „Mission Drift“ beschreiben das Risiko, dass Universitäten in ihrem Bestreben, global wettbewerbsfähig und lokal relevant zu sein, sich übernehmen und ihren strategischen Fokus verlieren.</p> <h2>Universitäten als soziale Institutionen und strategische Organisationen</h2> <p>Universitäten fungieren heute sowohl als soziale Institutionen – eingebettet in kulturelle und politische Kontexte – als auch als strategische Organisationen, die bestimmte Ziele verfolgen und sich in einem komplexen Umfeld von Interessengruppen bewegen. Diese Doppelnatur bedeutet, dass weder deterministische Modelle struktureller Zwänge noch voluntaristische Vorstellungen von Managementfreiheit ausreichen, um Veränderungen zu erklären. Diese Spannung spiegelt wider, was in der Literatur als Paradoxon des Umweltdeterminismus und der Führungsagentur hervorgehoben wird. Diese Perspektive führt uns zurück zur alten Institutionalismustheorie, die sich genau auf die Organisation als meso-level soziales Umfeld konzentriert, in dem sich externe Druckfaktoren und interne Handlungen überschneiden. Die Beiträge in des Heftes untersuchen dieses Paradoxon empirisch und theoretisch. Sie untersuchen, wie Universitäten Autonomie und Rechenschaftspflicht, Innovation und Kontinuität, Wettbewerb und Zusammenarbeit in Einklang bringen. Auf der Grundlage von Organisations- und Institutionstheorien beleuchten sie, wie Hochschulen als adaptive, lernende Systeme agieren, die in ein breiteres politisches Umfeld eingebettet sind, das ihre Entwicklung zwar prägt, aber nicht bestimmt.</p> <h2>Wie Autonomie und Rechenschaftspflicht, Innovation und Kontinuität in Einklang bringen?</h2> <p>In den letzten Jahren haben sich Digitalisierung und künstliche Intelligenz (KI) zu transformativen Kräften entwickelt, die den Wandel hin zu einer „Mode 2“-Wissensproduktion beschleunigen – kontextorientiert, problemfokussiert und sozial verteilt. Die Universitäten reagieren auf diesen Druck nicht nur durch die Einführung neuer Technologien, sondern auch durch die Entwicklung neuer Governance-Kapazitäten: vorausschauende Weitsicht, sektorübergreifende Zusammenarbeit und vernetzte Organisationsformen.</p> <h2>Entwicklung neuer Governance-Kapazitäten</h2> <p>Vor diesem Hintergrund befassen sich die Beiträge in dieses Heftes gemeinsam mit einer zentralen Frage: Wie gestalten Universitäten ihre Organisationsarchitektur, ihre Governance-Systeme und ihr strategisches Verhalten neu, um komplexe, mehrschichtige Veränderungen zu bewältigen? Die Idee zu diesem Themenheft entstand aus laufenden wissenschaftlichen Debatten und empirischen Beobachtungen zum institutionellen Wandel im europäischen und internationalen Hochschulwesen. Die Herausgeber luden zu Beiträgen ein, die analytische Tiefe mit empirischer Stringenz verbinden und eine Brücke zwischen den Perspektiven der Organisationssoziologie, der Hochschulforschung und der Managementwissenschaften schlagen sollten.<aside></aside></p> <h2>Dimensionen des Wandels</h2> <p>Der Call for Papers schlug mehrere analytische Dimensionen vor, an denen sich die Beiträge orientieren sollten: (1) Finanzierung und Ressourcenabhängigkeit; (2) Digitalisierung und technologische Innovation; (3) Diversität, Inklusion und Internationalisierung; (4) Autonomie und Governance; (5) akademische Freiheit und Legitimität; und (6) gesellschaftliche Relevanz und Wirkung. Diese Themen spiegeln sowohl langfristige Entwicklungen im Hochschulwesen als auch neue systemische Belastungen wider, die sich aus globalen Krisen, der Verbreitung künstlicher Intelligenz und Nachhaltigkeitserfordernissen ergeben.</p> <p>Der Aufruf lud die Autoren außerdem dazu ein, organisatorische und institutionelle Perspektiven einzunehmen, insbesondere Ressourcenabhängigkeit, institutioneller Isomorphismus und organisationales Lernen zu berücksichtigen. Diese Rahmenkonzepte erkennen Universitäten als dynamische Akteure an, die eine strategische Positionierung anstreben und gleichzeitig innerhalb regulatorischer und kultureller Beschränkungen agieren.</p> <h2>Kontexte von Europa über Nordamerika bis zum Nahen Osten</h2> <p>Aus den zahlreichen Einreichungen wurden nach einer Begutachtung durch Fachkollegen dreizehn Beiträge ausgewählt, die verschiedene Methoden widerspiegeln – qualitative Fallstudien, Ethnografie, Dokumentenanalyse und Literaturrecherchen – und Kontexte von Europa über Nordamerika bis zum Nahen Osten abdecken. Zusammengenommen zeigen sie, dass organisatorische Veränderungen an Universitäten selten linear verlaufen, sondern sich durch Verhandlungen, Anpassungen und Experimente auf mehreren Ebenen vollziehen.</p> <p>Aus Gründen der Übersichtlichkeit und Kohärenz wurden die (zu einem relativ großen Teil englischsprachigen) Beiträge in vier thematische Cluster gruppiert:</p> <ol> <li>Strukturelle und strategische Innovation – Untersuchung neuer Governance-Modelle und institutioneller Experimente;</li> <li>Adaptive Governance und Krisenmanagement – Umgang mit Resilienz, Konflikten und technologischen Umbrüchen;</li> <li>Kollaborative und vorausschauende Entwicklung – Erforschung von Zusammenarbeit, Netzwerken und KI-Governance; und</li> <li>Umfassendere Reform- und Nachhaltigkeitsperspektiven.</li> </ol> <p>Das Themenheft wurde herausgegeben von Barbara Sporn (Wirtschaftsuniversität Wien), Tatiana Fumasoli (University College London), René Krempkow (Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg) und Liudvika Leišytė (TU Dortmund). Es erscheint dank einer Förderung durch das Forum Neue Medien Austria im Open Access und kann daher kostenlos heruntergeladen werden unter <a data-wplink-edit="true" href="http://www.zfhe.at">www.zfhe.at</a>.</p> <p>Ergänzend zur Veröffentlichung des Heftes wird es ein Online Event zur Präsentation der zentralen Ergebnisse der Beiträge für eine breitere (wissenschaftliche) Öffentlichkeit geben. Das Format wird einen einführenden Überblick der Herausgeber:innen enthalten, gefolgt von kurzen “Pitches” durch Autor:innen (je 5 Minuten) und deren Diskussion. Das Event wird am 12. Februar, 13-14.30 Uhr (CET) stattfinden, als Teil der (englischsprachigen) IHM Speaker Series (<a href="https://www.wu.ac.at/ihm/events/higher-education-speaker-series">https://www.wu.ac.at/ihm/events/higher-education-speaker-series</a>).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/neue-modelle-der-universitaet/#comments 2 AstroGeo Podcast: Bröckelnde Beweise – was hat Sodom und Gomorra zerstört? https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/broeckelnde-beweise-was-hat-sodom-und-gomorra-zerstoert/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/broeckelnde-beweise-was-hat-sodom-und-gomorra-zerstoert/#respond Sun, 07 Dec 2025 05:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1798 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-6-768x768.jpg Dramatisches Gemälde einer Stadt, die in einer Feuersbrunst zusammenstürzt, im Vordergrund drei Menschen auf einer Anhöhe, näher an der Stadt eine einzelne Person, die sich umwendet und zu verharren scheint. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/broeckelnde-beweise-was-hat-sodom-und-gomorra-zerstoert/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel_sl-3.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Bröckelnde Beweise - was hat Sodom und Gomorra zerstört? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag128-sodom-und-gomorra.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5.png 1181w" width="1024"></img></a></figure></div> <p><strong><a href="https://wissenschaftspodcasts.de/adventskalender2025">Diese Folge ist das 5. Türchen der #WissPodWeihnacht, des Adventskalenders von Wissenschaftspodcasts.de.</a></strong> Hört euch gerne auch die anderen Türchen an!</p> <p>Während der Bronzezeit stand im Nordwesten des heutigen Jordaniens eine mächtige Stadt: Dicke Stadtmauern, ein mehrstöckiger Palast und ein 30 Meter hoher Wachturm sind nachgewiesen – doch diese Stadt sollte untergehen. Wie genau sie zerstört wurde, darüber wurde in den letzten Jahren ein wissenschaftlicher Disput geführt.<aside></aside></p> <p>Karl erzählt in dieser Folge von der Ausgrabungsstelle Tell el-Hammam: Der Ort liegt 14 Kilometer nordöstlich des Toten Meeres im Jordantal. Hier siedelten Menschen schon zur Zeit der Römer, aber auch lange davor, über Tausende von Jahren wurden dort Städte aufgebaut und gingen wieder zugrunde. Im September 2021 veröffentlichte ein Team aus Archäologen, Geologen, Metallurgen und Materialwissenschaftlern im Fachmagazin Scientific Reports eine Studie, die zeigen sollte: Die Stadt sei in der Bronzezeit vor rund 3670 Jahren geradezu zertrümmert worden. Heiße Winde seien vom Himmel über die Stadt gekommen, hätten vier Meter breite Lehmziegel zerbröselt, Dachziegel geschmolzen und den Schutt samt dem Hausrat ihrer Bewohner über ein großes Areal verteilt. Schuld daran seien keine kriegerischen Auseinandersetzungen oder irdische Naturkatastrophen gewesen – sondern ein Meteorit aus dem All, der über dem Toten Meer detoniert sei und eine heiße Druckwelle ausgesandt habe.</p> <p>Die wissenschaftliche Arbeit korrespondiert mit einer Erzählung aus dem Alten Testament, die bis heute sprichwörtlich ist: <em>Sodom und Gomorra</em> mussten untergehen, weil der biblische Gott dort unhaltbare Zustände vorfand. Aber war das bronzezeitliche Tell el-Hammam wirklich eine Art Vorbild für das Sodom aus dem Buch Genesis des Alten Testaments – und wie gut sind die Argumente in der Studie?</p> <p>Sie waren überhaupt nicht gut, wie sich kürzlich zeigte: Im April 2025 wurde die Studie von Scientific Reports zurückgezogen. Externe Forschende hatten manipulierte Fotos, falsch eingeordnete historische Vorbilder und Modelle gefunden. Es lag klar wissenschaftliches Fehlverhalten vor, das den Richtlinien des Journals widersprach.</p> <p>Aber was steckt dahinter? Einen Hinweis geben die ursprünglichen Autoren selbst: Für die Grabung in Jordanien hatte ein Teil des Teams Gelder gemeinsam mit evangelikalen US-Gruppen gesammelt, die sich ihrerseits der Unfehlbarkeit der christlichen heiligen Schriften verschrieben haben. Es sind Vertreter des <em>Kreationismus der alten Erde</em>: Sie erkennen zwar manche naturwissenschaftliche Erkenntnisse an, etwa das Alter der Erde von 4,5 Milliarden Jahren. Doch gleichzeitig müssen wissenschaftliche Erkenntnisse für sie kompatibel mit der Bibel sein.</p> <h3 id="h-mehr-bei-astrogeo">Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 4: <a href="https://astrogeo.de/ag004-meteoriten/">Meteoriten</a></li> <li>Folge 86: <a href="https://astrogeo.de/das-ende-der-dinosaurier-massensterben-im-fruehling/">Das Ende der Dinosaurier: Massensterben im Frühling</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sodom_und_Gomorra">WP: Sodom und Gomorra</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tell_el-Hammam">Tell el-Hammam</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tunguska-Ereignis">Tunguska-Ereignis</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Luftdetonation">Airburst</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Mark_Boslough">Mark Borlough</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Old_Earth_creationism">Old Earth creationism</a> (englisch)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel (zurückgezogen): <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-021-97778-3">A Tunguska sized airburst destroyed Tall el‐Hammam a Middle Bronze Age city in the Jordan Valley near the Dead Sea</a>, Scientific Reports (20.09.2021)</li> <li>Blogeintrag: <a href="https://scienceintegritydigest.com/2021/10/01/blast-in-the-past-image-concerns-in-paper-about-comet-that-might-have-destroyed-tall-el-hammam/">Elisabeth Biks: Blast in the Past: Image concerns in paper about comet that might have destroyed Tall el-Hammam</a> (01.10.2021, Zugriff 25.11.2025)</li> <li>Blogeintrag: <a href="https://pandasthumb.org/archives/2021/10/tall-el-hammam-gullibility.html">Paul Braterman: Tall el-Hammam: an airburst of gullibility</a> (05.10.2021, Zugriff 25.11.2025)</li> <li>Blogeintrag: <a href="https://paulbraterman.wordpress.com/2021/10/14/tall-el-hammam-an-airburst-of-gullibility-it-gets-worse/">Paul Braterman: Tall el-Hammam; an airburst of gullibility; it gets worse</a> (14.10.2021, Zugriff 25.11.2025)</li> <li>Fachartikel-Korrektur: Bunch et al.: <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-022-06266-9">A Tunguska sized airburst destroyed Tall el‐Hammam a Middle Bronze Age city in the Jordan Valley near the Dead Sea</a>, Scientific Reports (22.02.2022)</li> <li>Fachartikel-Kommentar: <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-021-97778-3">Jaret &amp; Harris: No mineralogic or geochemical evidence of impact at Tall el‐Hammam, a Middle Bronze Age city in the Jordan Valley near the Dead Sea</a>, Scientific Reports (25.03.2022)</li> <li>Fachartikel-Kommentar: <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-021-97778-3">Boslough &amp; Bruno: Misunderstandings about the Tunguska event, shock wave physics, and airbursts have resulted in misinterpretations of evidence at Tall el-Hammam</a>, Scientific Reports (22.04.2025)</li> <li>Retraction Watch: <a href="https://retractionwatch.com/2025/04/23/sodom-comet-paper-to-be-retracted-two-years-after-editors-note-acknowledging-concerns/">Sodom comet paper to be retracted two years after editor’s note acknowledging concerns</a> (23.04.2025, Zugriff 25.11.2025)</li> <li>Retraction Note: <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-021-97778-3">A Tunguska sized airburst destroyed Tall el-Hammam a Middle Bronze Age city in the Jordan Valley near the Dead Sea</a> (24.04.2025)</li> <li>Scientific American: <a href="https://www.scientificamerican.com/article/a-sodom-and-gomorrah-story-shows-scientific-facts-arent-settled-by-public/">Mark Boslough: A Sodom and Gomorrah Story Shows Scientific Facts Aren’t Settled by Public Opinion</a> (25.06.2025)</li> <li>Fachartikel (republiziert): LeCompte et al.: <a href="https://doi.org/10.14293/ACI.2025.0003">A Tunguska Sized Airburst Destroyed Tall el-Hammam a Middle Bronze Age City in the Jordan Valley Near the Dead Sea (Expanded)</a>, Airbursts and Cratering Impacts (24.05.2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:John_Martin_-_Sodom_and_Gomorrah.jpg">Public Domain: John Martin (1852)</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel_sl-3.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Bröckelnde Beweise - was hat Sodom und Gomorra zerstört? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag128-sodom-und-gomorra.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/Adventskalender-Wissenschaftspodcasts_5.png 1181w" width="1024"></img></a></figure></div> <p><strong><a href="https://wissenschaftspodcasts.de/adventskalender2025">Diese Folge ist das 5. Türchen der #WissPodWeihnacht, des Adventskalenders von Wissenschaftspodcasts.de.</a></strong> Hört euch gerne auch die anderen Türchen an!</p> <p>Während der Bronzezeit stand im Nordwesten des heutigen Jordaniens eine mächtige Stadt: Dicke Stadtmauern, ein mehrstöckiger Palast und ein 30 Meter hoher Wachturm sind nachgewiesen – doch diese Stadt sollte untergehen. Wie genau sie zerstört wurde, darüber wurde in den letzten Jahren ein wissenschaftlicher Disput geführt.<aside></aside></p> <p>Karl erzählt in dieser Folge von der Ausgrabungsstelle Tell el-Hammam: Der Ort liegt 14 Kilometer nordöstlich des Toten Meeres im Jordantal. Hier siedelten Menschen schon zur Zeit der Römer, aber auch lange davor, über Tausende von Jahren wurden dort Städte aufgebaut und gingen wieder zugrunde. Im September 2021 veröffentlichte ein Team aus Archäologen, Geologen, Metallurgen und Materialwissenschaftlern im Fachmagazin Scientific Reports eine Studie, die zeigen sollte: Die Stadt sei in der Bronzezeit vor rund 3670 Jahren geradezu zertrümmert worden. Heiße Winde seien vom Himmel über die Stadt gekommen, hätten vier Meter breite Lehmziegel zerbröselt, Dachziegel geschmolzen und den Schutt samt dem Hausrat ihrer Bewohner über ein großes Areal verteilt. Schuld daran seien keine kriegerischen Auseinandersetzungen oder irdische Naturkatastrophen gewesen – sondern ein Meteorit aus dem All, der über dem Toten Meer detoniert sei und eine heiße Druckwelle ausgesandt habe.</p> <p>Die wissenschaftliche Arbeit korrespondiert mit einer Erzählung aus dem Alten Testament, die bis heute sprichwörtlich ist: <em>Sodom und Gomorra</em> mussten untergehen, weil der biblische Gott dort unhaltbare Zustände vorfand. Aber war das bronzezeitliche Tell el-Hammam wirklich eine Art Vorbild für das Sodom aus dem Buch Genesis des Alten Testaments – und wie gut sind die Argumente in der Studie?</p> <p>Sie waren überhaupt nicht gut, wie sich kürzlich zeigte: Im April 2025 wurde die Studie von Scientific Reports zurückgezogen. Externe Forschende hatten manipulierte Fotos, falsch eingeordnete historische Vorbilder und Modelle gefunden. Es lag klar wissenschaftliches Fehlverhalten vor, das den Richtlinien des Journals widersprach.</p> <p>Aber was steckt dahinter? Einen Hinweis geben die ursprünglichen Autoren selbst: Für die Grabung in Jordanien hatte ein Teil des Teams Gelder gemeinsam mit evangelikalen US-Gruppen gesammelt, die sich ihrerseits der Unfehlbarkeit der christlichen heiligen Schriften verschrieben haben. Es sind Vertreter des <em>Kreationismus der alten Erde</em>: Sie erkennen zwar manche naturwissenschaftliche Erkenntnisse an, etwa das Alter der Erde von 4,5 Milliarden Jahren. Doch gleichzeitig müssen wissenschaftliche Erkenntnisse für sie kompatibel mit der Bibel sein.</p> <h3 id="h-mehr-bei-astrogeo">Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 4: <a href="https://astrogeo.de/ag004-meteoriten/">Meteoriten</a></li> <li>Folge 86: <a href="https://astrogeo.de/das-ende-der-dinosaurier-massensterben-im-fruehling/">Das Ende der Dinosaurier: Massensterben im Frühling</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sodom_und_Gomorra">WP: Sodom und Gomorra</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tell_el-Hammam">Tell el-Hammam</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tunguska-Ereignis">Tunguska-Ereignis</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Luftdetonation">Airburst</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Mark_Boslough">Mark Borlough</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Old_Earth_creationism">Old Earth creationism</a> (englisch)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel (zurückgezogen): <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-021-97778-3">A Tunguska sized airburst destroyed Tall el‐Hammam a Middle Bronze Age city in the Jordan Valley near the Dead Sea</a>, Scientific Reports (20.09.2021)</li> <li>Blogeintrag: <a href="https://scienceintegritydigest.com/2021/10/01/blast-in-the-past-image-concerns-in-paper-about-comet-that-might-have-destroyed-tall-el-hammam/">Elisabeth Biks: Blast in the Past: Image concerns in paper about comet that might have destroyed Tall el-Hammam</a> (01.10.2021, Zugriff 25.11.2025)</li> <li>Blogeintrag: <a href="https://pandasthumb.org/archives/2021/10/tall-el-hammam-gullibility.html">Paul Braterman: Tall el-Hammam: an airburst of gullibility</a> (05.10.2021, Zugriff 25.11.2025)</li> <li>Blogeintrag: <a href="https://paulbraterman.wordpress.com/2021/10/14/tall-el-hammam-an-airburst-of-gullibility-it-gets-worse/">Paul Braterman: Tall el-Hammam; an airburst of gullibility; it gets worse</a> (14.10.2021, Zugriff 25.11.2025)</li> <li>Fachartikel-Korrektur: Bunch et al.: <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-022-06266-9">A Tunguska sized airburst destroyed Tall el‐Hammam a Middle Bronze Age city in the Jordan Valley near the Dead Sea</a>, Scientific Reports (22.02.2022)</li> <li>Fachartikel-Kommentar: <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-021-97778-3">Jaret &amp; Harris: No mineralogic or geochemical evidence of impact at Tall el‐Hammam, a Middle Bronze Age city in the Jordan Valley near the Dead Sea</a>, Scientific Reports (25.03.2022)</li> <li>Fachartikel-Kommentar: <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-021-97778-3">Boslough &amp; Bruno: Misunderstandings about the Tunguska event, shock wave physics, and airbursts have resulted in misinterpretations of evidence at Tall el-Hammam</a>, Scientific Reports (22.04.2025)</li> <li>Retraction Watch: <a href="https://retractionwatch.com/2025/04/23/sodom-comet-paper-to-be-retracted-two-years-after-editors-note-acknowledging-concerns/">Sodom comet paper to be retracted two years after editor’s note acknowledging concerns</a> (23.04.2025, Zugriff 25.11.2025)</li> <li>Retraction Note: <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-021-97778-3">A Tunguska sized airburst destroyed Tall el-Hammam a Middle Bronze Age city in the Jordan Valley near the Dead Sea</a> (24.04.2025)</li> <li>Scientific American: <a href="https://www.scientificamerican.com/article/a-sodom-and-gomorrah-story-shows-scientific-facts-arent-settled-by-public/">Mark Boslough: A Sodom and Gomorrah Story Shows Scientific Facts Aren’t Settled by Public Opinion</a> (25.06.2025)</li> <li>Fachartikel (republiziert): LeCompte et al.: <a href="https://doi.org/10.14293/ACI.2025.0003">A Tunguska Sized Airburst Destroyed Tall el-Hammam a Middle Bronze Age City in the Jordan Valley Near the Dead Sea (Expanded)</a>, Airbursts and Cratering Impacts (24.05.2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:John_Martin_-_Sodom_and_Gomorrah.jpg">Public Domain: John Martin (1852)</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/broeckelnde-beweise-was-hat-sodom-und-gomorra-zerstoert/#respond 0 Terraforming des Mars https://scilogs.spektrum.de/meertext/terraforming-des-mars/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/terraforming-des-mars/#comments Thu, 04 Dec 2025 22:09:18 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1842 <h1>Terraforming des Mars » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Der Rote Planet ist der Erde besonders nahe und ist seit historischen Zeiten Projektionsfläche für Wünsche, Sehnsüchte und Ängste. In den letzten Jahrzehnten kam es im Zuge der technischen Fortschritte immer wieder zu Diskussionen und Vorstellungen, den Mars mit Terraforming für Menschen bespielbar zu machen, sowohl von WissenschaftlerInnen als auch von Science-Fiction-AutorInnen.<br></br>Im Sommer hatte ein interdisziplinäres Team von Forschenden unterschiedlicher US-Institutionen eine neue Studie dazu veröffentlicht. Sie hatten auf der Basis aktuellen Wissens zu Wasser, Kohlendioxid und der Bodenbeschaffenheit des Mars sowie möglichen Ansätzen zur Erhöhung der Oberflächentemperatur und des atmosphärischen Drucks sowie des Sauerstoffgehalts ein mögliches Terraforming des Roten Planeten analysiert. </p> <p>Die zwei Hauptfragen sind:</p> <ul> <li>Ist es möglich?</li> <li>Sollte es durchgeführt werden, wenn es möglich ist?</li> </ul> <p>„Ob Sie es glauben oder nicht, seit 1991 hat sich niemand mehr wirklich mit der Frage beschäftigt, ob eine Terraformung des Mars überhaupt machbar ist“, sagte Nina Lanza, Planetenforscherin am Los Alamos National Laboratory und Mitautorin der Studie gegenüber der Presse. „Seitdem haben wir jedoch große Fortschritte in der Marsforschung, der Geoengineering, den Startkapazitäten und den Biowissenschaften gemacht, was uns die Möglichkeit gibt, die Terraforming-Forschung neu zu betrachten und uns zu fragen, <a href="https://www.lanl.gov/media/news/0513-terraforming-mars">was tatsächlich möglich ist.“ erklärte die Mitautorin und Planetologin Nina Lanza</a> (Los Alamos National Laboratory) gegenüber der Presse. (Meertext: Ich würde wirklich gern wissen, welche Fortschritte beim Geoengineering sie meint. Ich habe da bislang ziemlich unausgegorenes Zeug gelesen, das ein reiches Sortiment an Möglichkeiten zum Verschlimmbessern enthält. Außerdem kann ich mir schwer vorstellen, dass diese Frage seit 1991 nicht diskutiert worden ist. Schließlich gibt es eine Organisation zur Besiedlung des Mars, die z B in <a href="https://nationalgeographic.de/wissenschaft/2017/11/der-mars-bald-eine-reise-wert/">diesem National Geographic-Beitrag von 2017 </a>genannt wird.)</p> <p>Die neue Studie will erstmals die Klärung der zweiten Frage vor die nach der Machbarkeit stellen. Sie diskutieren das mögliche Terraforming also aus einer anderen Perspektive. Mit ihrer Arbeit wollen sie einen Entwurf vorlegen, der als Grundlage für die Bewertung der Voraussetzungen für die Terraformung des Mars dienen könnte.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 1016px) 100vw, 1016px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-1016x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-1016x1024.jpg 1016w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-298x300.jpg 298w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-768x774.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-1524x1536.jpg 1524w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-2032x2048.jpg 2032w" width="1016"></img></a><figcaption>Künstlerische Darstellung des Terraforming-Prozesses Mars (Wikipedia: <a>Terraforming des Mars</a>)</figcaption></figure> <h2 id="h-terraforming-schritt-fur-schritt">Terraforming Schritt für Schritt</h2> <p><strong>Schritt 1: Marserwärmung<br></br></strong>Der Mars hat in Äquatornähe Temperaturen von etwa 20 °C am Tag, nachts können sie auf −85 °C sinken. Die mittlere Temperatur des Planeten liegt bei etwa −63 °C.<br></br>Darum müsste ein Terraforming vermutlich mit der Erwärmung des Planeten beginnen. Mögliche Methoden dafür wären etwa die Anbringung von Sonnensegeln oder die Verteilung von Nanopartikeln in der Atmosphäre des Planeten, um die Wärme der Sonne zu speichern. Sobald der Planet um etwa 30 °C erwärmt wäre, was wahrscheinlich viele Jahre dauern würde, würde Kohlendioxid aus den Polen freigesetzt werden, was zur weiteren <a href="https://phys.org/news/2025-06-realistic-terraforming-mars.html">Erwärmung des Planeten beitragen und die Atmosphäre verdichten würde</a> Meertext: Mit Letzterem haben wir Menschen ja wirklich ausreichend Erfahrung).<aside></aside></p> <p><strong>Schritt 2:</strong> <strong>Sauerstoffproduktion</strong><br></br>Ist der Rote Planet ausreichend erwärmt, könnte man photosynthetisch aktive Mikroben zur Sauerstoffproduktion einführen.<br></br>Sowie ein ausreichend erscheinender Sauerstoffgehalt vorliegt, könnte „<a href="https://phys.org/news/2025-06-realistic-terraforming-mars.html">die Atmosphäre mit der Zugabe von Chemikalien und anderen Materialien</a> nach Bedarf gepflegt werden.“<br></br>(Meertext: Wie dieser Prozess auf der Erde abgelaufen ist und dass er durch die „Große Sauerstoffkatastrophe“ zu einer Massenvernichtung anderer Lebensformen geführt hat, habe ich gerade für den Sonderband 2025 von Bild der Wissenschaft und Natur <a href="https://www.wissenschaft.de/naturplus/die-geschichte-des-lebens-3/">geschrieben</a>. Außerdem hat es auf der Erde viele Erfahrungen mit dem Anreichern verschiedener Chemikalien in der Atmosphöre gegeben. Die fast immer zu Massensterben geführt haben, wie etwa in der guten alten <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/triassic-life-der-aufstieg-der-dinosaurier/">Zeit der Perm-Trias-Krise)</a>.</p> <p><strong>Schritt 3: Schrittweise Einführung von Pflanzen und Tieren<br></br></strong>Damit könnten Ökosysteme auf der Planetenoberfläche eingerichtet werden.</p> <p><strong>Schritt 4: Menschen können auf dem Mars leben</strong></p> <p>Mit einer heimeligen Atmosphäre inmitten heimischer Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen könnten dann Menschen auch außerhalb spezieller Habitaten leben.</p> <h2 id="h-was-eher-dagegen-spricht"><strong>Was eher dagegen spricht</strong></h2> <p>Klar, was soll schon schiefgehen?<br></br>Immerhin haben wir Erfahrung mit 100 Jahren Treibhauseffekt und kennen die wunderbare Wärme des Kohlendioxids.<br></br>Und mit der Einführung neuer Spezies und dem Verändern von Ökosystemen haben wir Tausende von Jahren Erfahrung. In der Regel ist es schief gegangen, aber so what, was kann schon auf einem neuen Planeten passieren?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-24.png"><img alt="" decoding="async" height="483" sizes="(max-width: 519px) 100vw, 519px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-24.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-24.png 519w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-24-300x279.png 300w" width="519"></img></a><figcaption>Skeet auf BlueSky von Erika Alden DeBenedictis, 13.05.2025</figcaption></figure> <p>Auf <a href="https://bsky.app/profile/did:plc:rnpyw35qfwyjchekcev425ki">Erika Alden DeBenedictis begeisterten Thread </a>zur Publikation am 13.05.2025 auf BlueSky kam eine eher distanzierte und übersichtliche Diskussion. Ein wichtiger Kritikpunkt war, dass Mars ohne Magnetfeld eine künstlich geschaffene Atmosphäre nicht stabil halten könnte und für Lebensformen eher ungemütlich sein dürfte.<br></br>Der zweite wichtige Kritikpunkt ist genauso schwerwiegend und wird von diesen beiden Kommentaren zusammengefasst: „So charming that scientists with great ideas are not even trying to save the planet we have which is perpetually on fire and growing more toxic by the day. I’m glad you see a new green planet in the future; I rather prefer the one we’ve got.“ – „I agree – let’s terraform earth first and fix our carbon cycle“. </p> <p>Der Science Fiction-Ausnahme-Autor Kim Stanley Robinson hat zu genau diesem Thema seine berühmte Mars-Trilogie geschrieben, die die BAsis seines Rums ist. In „Red Mars“, „Green Mars“ und „Blue Mars“ beschreibt er detailliert die Besiedlung des Mars und die verschiedenen Stadien. Wissenschaftsbasiert, soziologisch versiert und erfindungsreich (Meertext: Ich muss an dieser Stelle ehrlich zugeben, dass ich in Band 2 steckenblieb und lieber seine anderen Bücher weiterlas).</p> <p>Aber von der Realisierung einer solchen Utopie sind wir nicht nur technologisch, sondern auch psychologisch und soziologisch weit, weit entfernt.<br></br>So sehr ich dagegen bin, mit dem Hinweis auf die Kosten der Klimakrise andere Forschungsgebiete beschneiden zu wollen, kam mir diese Publikation von Erika Alden DeBenedictis et al etwas zu reichlich phantasievoll vor.<br></br>Ich hätte bei diesen Ansagen auch eine ethische Technologiefolgenabschätzung erwartet, ob wir den Mars überhaupt besiedeln sollten. Möglicherweise kommt die irgendwo in der Publikation vor, deren Paywall ich leider nicht überwinden konnte. In Pressemitteilung und Presseberichten war dazu nichts zu finden.<br></br>Da sind viele SF-Szenarien deutlich weiter.</p> <h2 id="h-ware-eine-mars-siedlung-ethisch-vertretbar"><strong>Wäre eine Mars-Siedlung ethisch vertretbar?</strong></h2> <p>Unser roter Nachbarplanet steht auch wegen der Suche nach außerirdischem Leben immer wieder im Licht der Öffentlchkeit.<br></br>Dass dort heute etwas lebt, erscheint zwar unwahrscheinlich, ist aber nicht vollkommen ausgeschlossen. Wissenschaftlicher Konsens ist zurzeit, dass es dort eher zu einer früheren Zeit, vor dem Verlust der Mars-Atmosphäre, möglicherweise Leben gegeben haben könnte. Dafür gibt es bisher keinen Nachweis.<br></br>Beim Mars-Meteoriten ALH 84001 und aktuellen Gesteinsfunden etwa durch den Mars-Rover <em>Perseverance</em> handelt es sich, <a href="https://carnegiescience.edu/news/martian-meteorites-organic-materials-origin-not-biological">so der aktuelle Stand, nicht um fossile Biosignaturen</a>. Auch wenn sie in einigen Aspekten Strukturen in Gesteinen ähneln, die auf der Erde teilweise unter Mitwirkung von Mikroorganismen entstanden. Allerdings gibt es für deren Bildung auch mehrere nicht-biologische, rein mineralogische und geochemische Erklärungen.</p> <p>Nichtsdestotrotz ist oder war der Mars eine potenzielle Welt, wenn auch wohl bestenfalls vor über 3 Milliarden Jahren. Zu diesser Zeit könnte sich, im ähnlichen Zeitraum wie auf der Erde, einfaches Lebens oder Vorstufen davon gebildet haben. Während auf der Erde solche Gesteine meist stark verwittert oder nicht zugänglich sind, könnten sie auf dem Mars vielleicht noch besser erhalten sein. Ohne die irdischen Wetterverhältnisse und die fossil-störenden Auswirkungen der späteren Lebensformen könnte man dort in nicht allzu großer Gesteinstiefe ungestörte Gesteinsablagerungen finden, etwa in <a href="https://www.dlr.de/de/forschung-und-transfer/projekte-und-missionen/mars2020/wissenschaftliche-ziele-der-mission-mars-2020">Sedimenten von Flußfächern (Auf dieser DLR-Seite ist es gut erklärt)</a>. Darum erhoffen sich AstrobiologInnen, PaläontologInnen und andere Forschende mögliche Informationen zur frühen Entwicklung des Lebens auf der Erde.<p>Solche potenziell habitablen Planeten und Monde – wie auch Mars – unterliegen den strengen Vorschriften des Committee on Space Research <a href="https://cosparhq.cnes.fr/">(COSPAR)</a>:</p><br></br>“The main objectives are to</p> <ul> <li>Rigorously preclude backward contamination of Earth by extraterrestrial life or bioactive molecules in returned samples from habitable worlds in order to prevent potentially harmful consequences for humans and the Earth’s biosphere.</li> <li>Carefully control forward contamination of other worlds by terrestrial organisms and organic materials carried by spacecraft in order to guarantee the integrity of the search and study of extraterrestrial life, if it exists.</li> </ul> <p>Eine Besiedlung oder gar ein Terraforming des Mars könnte solche erhofften Spuren sehr frühen Lebens oder, noch schlimmer, hypothetische heutige Lebensspuren oder biogene Moleküle, auslöschen. Bei <a href="https://astrobiology.com/2025/01/mars-sample-return-from-collection-to-curation-of-samples-from-a-habitable-world.html">Sample Return-Missionen zum Mars werden sie im Missionsdesign auch berücksichtigt.</a> <br></br>Darum wären solche Ideen von Terraforming oder Besiedlung sehr kritisch zu sehen, schließlich verstoßen sie gegen alle ethischen Überlegungen zum Schutz außerirdischen Lebens. Wie übrigens auch das Fernziel der Firma Pioneer Labs, deren CEO Erika Alden DeBenedictis ist – also die Arbeit mit extremophilen Mikroorganismen und deren Potential zum Terraforming des Mars.</p> <h2 id="h-marsforschung-als-wissenschaftliche-fingerubung">“<strong>Marsforschung” als wissenschaftliche Fingerübung</strong></h2> <p>Im letzten Absatz der <a href="https://www.lanl.gov/media/news/0513-terraforming-mars">Pressemitteilung der Los Alamos National Laboratory</a> rudern die AutorInnen dann allerdings mächtig zurück:<br></br>„Die AutorInnen merken außerdem an, dass diese Forschung letztendlich dazu beitragen könnte, die „Oase Erde“ zu erhalten. Sie argumentieren, dass Technologien, die für die Besiedlung des Mars entwickelt wurden, wie beispielsweise trockenheitsresistente Nutzpflanzen, effiziente Bodensanierung und verbesserte Ökosystemmodellierung, wahrscheinlich auch unserem Heimatplaneten zugutekommen werden.„Die Forschung zur Terraformung des Mars bietet einen wichtigen Testbereich für die Planetenforschung, in dem Theorien validiert oder Wissenslücken aufgedeckt werden können“, schreiben sie. „Die Fortsetzung der Forschung verspricht bedeutende wissenschaftliche Fortschritte, unabhängig davon, ob eine vollständige Terraformung stattfindet oder nicht.“ <br></br>Bis diese Forschung abgeschlossen ist, schreiben sie: „Wir wissen noch nicht einmal, was physikalisch oder biologisch möglich ist. … Wenn die Menschen lernen, wie man eine Welt wie den Mars terraformt, könnte dies der erste Schritt zu weiteren Zielen sein.““. Solche Publikationen sind jedenfalls definitv ein wichtiger Schritt, Marketing für Pioneer Labs zu machen</p> <p>Astro-Forschung kommt tatsächlich meist zunächst der Erde zugute. Sie ist ein Testbereich für wissenschaftliche Hypothesen und Technologien – also eine Art Fingerübung. Nur, dass eine Publikation zum Terraforming des Mars eine unendlich viel höhere Aufmerksamkeit bekommt, als neue trockenheitsresistente Nutzpflanzen, effiziente Bodensanierung oder verbesserte Ökosystemmodellierung.<br></br>Aber vielleicht sollten wir Terraforming-Methoden zunächst auf unserer guten alten Erde anwenden, damit wir endlich unseren Kohlenstoffkreislauf stabilisiert bekommen. <br></br>Vielleicht hört sich Terraforming Earth einfach eher sexy und erstrebenswert an, als Restoring Earth. Von mir aus. Hauptsache, wir gehen auf der Erde endlich mal an die Arbeit.</p> <p>PS: Übrigens halte ich am Sa, dem 06.12 und somit am Nikolaustag, auf der Volkssternwarte Darmstatd einen Vortrag über “<a href="https://vsda.de/">Wüste(n) Planeten</a> in der Science Fiction” – darin kommt auch der Mars mit seinen ultimativen Wüsten vor.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Terraforming des Mars » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Der Rote Planet ist der Erde besonders nahe und ist seit historischen Zeiten Projektionsfläche für Wünsche, Sehnsüchte und Ängste. In den letzten Jahrzehnten kam es im Zuge der technischen Fortschritte immer wieder zu Diskussionen und Vorstellungen, den Mars mit Terraforming für Menschen bespielbar zu machen, sowohl von WissenschaftlerInnen als auch von Science-Fiction-AutorInnen.<br></br>Im Sommer hatte ein interdisziplinäres Team von Forschenden unterschiedlicher US-Institutionen eine neue Studie dazu veröffentlicht. Sie hatten auf der Basis aktuellen Wissens zu Wasser, Kohlendioxid und der Bodenbeschaffenheit des Mars sowie möglichen Ansätzen zur Erhöhung der Oberflächentemperatur und des atmosphärischen Drucks sowie des Sauerstoffgehalts ein mögliches Terraforming des Roten Planeten analysiert. </p> <p>Die zwei Hauptfragen sind:</p> <ul> <li>Ist es möglich?</li> <li>Sollte es durchgeführt werden, wenn es möglich ist?</li> </ul> <p>„Ob Sie es glauben oder nicht, seit 1991 hat sich niemand mehr wirklich mit der Frage beschäftigt, ob eine Terraformung des Mars überhaupt machbar ist“, sagte Nina Lanza, Planetenforscherin am Los Alamos National Laboratory und Mitautorin der Studie gegenüber der Presse. „Seitdem haben wir jedoch große Fortschritte in der Marsforschung, der Geoengineering, den Startkapazitäten und den Biowissenschaften gemacht, was uns die Möglichkeit gibt, die Terraforming-Forschung neu zu betrachten und uns zu fragen, <a href="https://www.lanl.gov/media/news/0513-terraforming-mars">was tatsächlich möglich ist.“ erklärte die Mitautorin und Planetologin Nina Lanza</a> (Los Alamos National Laboratory) gegenüber der Presse. (Meertext: Ich würde wirklich gern wissen, welche Fortschritte beim Geoengineering sie meint. Ich habe da bislang ziemlich unausgegorenes Zeug gelesen, das ein reiches Sortiment an Möglichkeiten zum Verschlimmbessern enthält. Außerdem kann ich mir schwer vorstellen, dass diese Frage seit 1991 nicht diskutiert worden ist. Schließlich gibt es eine Organisation zur Besiedlung des Mars, die z B in <a href="https://nationalgeographic.de/wissenschaft/2017/11/der-mars-bald-eine-reise-wert/">diesem National Geographic-Beitrag von 2017 </a>genannt wird.)</p> <p>Die neue Studie will erstmals die Klärung der zweiten Frage vor die nach der Machbarkeit stellen. Sie diskutieren das mögliche Terraforming also aus einer anderen Perspektive. Mit ihrer Arbeit wollen sie einen Entwurf vorlegen, der als Grundlage für die Bewertung der Voraussetzungen für die Terraformung des Mars dienen könnte.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 1016px) 100vw, 1016px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-1016x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-1016x1024.jpg 1016w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-298x300.jpg 298w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-768x774.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-1524x1536.jpg 1524w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/MarsTransitionV-2032x2048.jpg 2032w" width="1016"></img></a><figcaption>Künstlerische Darstellung des Terraforming-Prozesses Mars (Wikipedia: <a>Terraforming des Mars</a>)</figcaption></figure> <h2 id="h-terraforming-schritt-fur-schritt">Terraforming Schritt für Schritt</h2> <p><strong>Schritt 1: Marserwärmung<br></br></strong>Der Mars hat in Äquatornähe Temperaturen von etwa 20 °C am Tag, nachts können sie auf −85 °C sinken. Die mittlere Temperatur des Planeten liegt bei etwa −63 °C.<br></br>Darum müsste ein Terraforming vermutlich mit der Erwärmung des Planeten beginnen. Mögliche Methoden dafür wären etwa die Anbringung von Sonnensegeln oder die Verteilung von Nanopartikeln in der Atmosphäre des Planeten, um die Wärme der Sonne zu speichern. Sobald der Planet um etwa 30 °C erwärmt wäre, was wahrscheinlich viele Jahre dauern würde, würde Kohlendioxid aus den Polen freigesetzt werden, was zur weiteren <a href="https://phys.org/news/2025-06-realistic-terraforming-mars.html">Erwärmung des Planeten beitragen und die Atmosphäre verdichten würde</a> Meertext: Mit Letzterem haben wir Menschen ja wirklich ausreichend Erfahrung).<aside></aside></p> <p><strong>Schritt 2:</strong> <strong>Sauerstoffproduktion</strong><br></br>Ist der Rote Planet ausreichend erwärmt, könnte man photosynthetisch aktive Mikroben zur Sauerstoffproduktion einführen.<br></br>Sowie ein ausreichend erscheinender Sauerstoffgehalt vorliegt, könnte „<a href="https://phys.org/news/2025-06-realistic-terraforming-mars.html">die Atmosphäre mit der Zugabe von Chemikalien und anderen Materialien</a> nach Bedarf gepflegt werden.“<br></br>(Meertext: Wie dieser Prozess auf der Erde abgelaufen ist und dass er durch die „Große Sauerstoffkatastrophe“ zu einer Massenvernichtung anderer Lebensformen geführt hat, habe ich gerade für den Sonderband 2025 von Bild der Wissenschaft und Natur <a href="https://www.wissenschaft.de/naturplus/die-geschichte-des-lebens-3/">geschrieben</a>. Außerdem hat es auf der Erde viele Erfahrungen mit dem Anreichern verschiedener Chemikalien in der Atmosphöre gegeben. Die fast immer zu Massensterben geführt haben, wie etwa in der guten alten <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/triassic-life-der-aufstieg-der-dinosaurier/">Zeit der Perm-Trias-Krise)</a>.</p> <p><strong>Schritt 3: Schrittweise Einführung von Pflanzen und Tieren<br></br></strong>Damit könnten Ökosysteme auf der Planetenoberfläche eingerichtet werden.</p> <p><strong>Schritt 4: Menschen können auf dem Mars leben</strong></p> <p>Mit einer heimeligen Atmosphäre inmitten heimischer Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen könnten dann Menschen auch außerhalb spezieller Habitaten leben.</p> <h2 id="h-was-eher-dagegen-spricht"><strong>Was eher dagegen spricht</strong></h2> <p>Klar, was soll schon schiefgehen?<br></br>Immerhin haben wir Erfahrung mit 100 Jahren Treibhauseffekt und kennen die wunderbare Wärme des Kohlendioxids.<br></br>Und mit der Einführung neuer Spezies und dem Verändern von Ökosystemen haben wir Tausende von Jahren Erfahrung. In der Regel ist es schief gegangen, aber so what, was kann schon auf einem neuen Planeten passieren?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-24.png"><img alt="" decoding="async" height="483" sizes="(max-width: 519px) 100vw, 519px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-24.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-24.png 519w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/grafik-24-300x279.png 300w" width="519"></img></a><figcaption>Skeet auf BlueSky von Erika Alden DeBenedictis, 13.05.2025</figcaption></figure> <p>Auf <a href="https://bsky.app/profile/did:plc:rnpyw35qfwyjchekcev425ki">Erika Alden DeBenedictis begeisterten Thread </a>zur Publikation am 13.05.2025 auf BlueSky kam eine eher distanzierte und übersichtliche Diskussion. Ein wichtiger Kritikpunkt war, dass Mars ohne Magnetfeld eine künstlich geschaffene Atmosphäre nicht stabil halten könnte und für Lebensformen eher ungemütlich sein dürfte.<br></br>Der zweite wichtige Kritikpunkt ist genauso schwerwiegend und wird von diesen beiden Kommentaren zusammengefasst: „So charming that scientists with great ideas are not even trying to save the planet we have which is perpetually on fire and growing more toxic by the day. I’m glad you see a new green planet in the future; I rather prefer the one we’ve got.“ – „I agree – let’s terraform earth first and fix our carbon cycle“. </p> <p>Der Science Fiction-Ausnahme-Autor Kim Stanley Robinson hat zu genau diesem Thema seine berühmte Mars-Trilogie geschrieben, die die BAsis seines Rums ist. In „Red Mars“, „Green Mars“ und „Blue Mars“ beschreibt er detailliert die Besiedlung des Mars und die verschiedenen Stadien. Wissenschaftsbasiert, soziologisch versiert und erfindungsreich (Meertext: Ich muss an dieser Stelle ehrlich zugeben, dass ich in Band 2 steckenblieb und lieber seine anderen Bücher weiterlas).</p> <p>Aber von der Realisierung einer solchen Utopie sind wir nicht nur technologisch, sondern auch psychologisch und soziologisch weit, weit entfernt.<br></br>So sehr ich dagegen bin, mit dem Hinweis auf die Kosten der Klimakrise andere Forschungsgebiete beschneiden zu wollen, kam mir diese Publikation von Erika Alden DeBenedictis et al etwas zu reichlich phantasievoll vor.<br></br>Ich hätte bei diesen Ansagen auch eine ethische Technologiefolgenabschätzung erwartet, ob wir den Mars überhaupt besiedeln sollten. Möglicherweise kommt die irgendwo in der Publikation vor, deren Paywall ich leider nicht überwinden konnte. In Pressemitteilung und Presseberichten war dazu nichts zu finden.<br></br>Da sind viele SF-Szenarien deutlich weiter.</p> <h2 id="h-ware-eine-mars-siedlung-ethisch-vertretbar"><strong>Wäre eine Mars-Siedlung ethisch vertretbar?</strong></h2> <p>Unser roter Nachbarplanet steht auch wegen der Suche nach außerirdischem Leben immer wieder im Licht der Öffentlchkeit.<br></br>Dass dort heute etwas lebt, erscheint zwar unwahrscheinlich, ist aber nicht vollkommen ausgeschlossen. Wissenschaftlicher Konsens ist zurzeit, dass es dort eher zu einer früheren Zeit, vor dem Verlust der Mars-Atmosphäre, möglicherweise Leben gegeben haben könnte. Dafür gibt es bisher keinen Nachweis.<br></br>Beim Mars-Meteoriten ALH 84001 und aktuellen Gesteinsfunden etwa durch den Mars-Rover <em>Perseverance</em> handelt es sich, <a href="https://carnegiescience.edu/news/martian-meteorites-organic-materials-origin-not-biological">so der aktuelle Stand, nicht um fossile Biosignaturen</a>. Auch wenn sie in einigen Aspekten Strukturen in Gesteinen ähneln, die auf der Erde teilweise unter Mitwirkung von Mikroorganismen entstanden. Allerdings gibt es für deren Bildung auch mehrere nicht-biologische, rein mineralogische und geochemische Erklärungen.</p> <p>Nichtsdestotrotz ist oder war der Mars eine potenzielle Welt, wenn auch wohl bestenfalls vor über 3 Milliarden Jahren. Zu diesser Zeit könnte sich, im ähnlichen Zeitraum wie auf der Erde, einfaches Lebens oder Vorstufen davon gebildet haben. Während auf der Erde solche Gesteine meist stark verwittert oder nicht zugänglich sind, könnten sie auf dem Mars vielleicht noch besser erhalten sein. Ohne die irdischen Wetterverhältnisse und die fossil-störenden Auswirkungen der späteren Lebensformen könnte man dort in nicht allzu großer Gesteinstiefe ungestörte Gesteinsablagerungen finden, etwa in <a href="https://www.dlr.de/de/forschung-und-transfer/projekte-und-missionen/mars2020/wissenschaftliche-ziele-der-mission-mars-2020">Sedimenten von Flußfächern (Auf dieser DLR-Seite ist es gut erklärt)</a>. Darum erhoffen sich AstrobiologInnen, PaläontologInnen und andere Forschende mögliche Informationen zur frühen Entwicklung des Lebens auf der Erde.<p>Solche potenziell habitablen Planeten und Monde – wie auch Mars – unterliegen den strengen Vorschriften des Committee on Space Research <a href="https://cosparhq.cnes.fr/">(COSPAR)</a>:</p><br></br>“The main objectives are to</p> <ul> <li>Rigorously preclude backward contamination of Earth by extraterrestrial life or bioactive molecules in returned samples from habitable worlds in order to prevent potentially harmful consequences for humans and the Earth’s biosphere.</li> <li>Carefully control forward contamination of other worlds by terrestrial organisms and organic materials carried by spacecraft in order to guarantee the integrity of the search and study of extraterrestrial life, if it exists.</li> </ul> <p>Eine Besiedlung oder gar ein Terraforming des Mars könnte solche erhofften Spuren sehr frühen Lebens oder, noch schlimmer, hypothetische heutige Lebensspuren oder biogene Moleküle, auslöschen. Bei <a href="https://astrobiology.com/2025/01/mars-sample-return-from-collection-to-curation-of-samples-from-a-habitable-world.html">Sample Return-Missionen zum Mars werden sie im Missionsdesign auch berücksichtigt.</a> <br></br>Darum wären solche Ideen von Terraforming oder Besiedlung sehr kritisch zu sehen, schließlich verstoßen sie gegen alle ethischen Überlegungen zum Schutz außerirdischen Lebens. Wie übrigens auch das Fernziel der Firma Pioneer Labs, deren CEO Erika Alden DeBenedictis ist – also die Arbeit mit extremophilen Mikroorganismen und deren Potential zum Terraforming des Mars.</p> <h2 id="h-marsforschung-als-wissenschaftliche-fingerubung">“<strong>Marsforschung” als wissenschaftliche Fingerübung</strong></h2> <p>Im letzten Absatz der <a href="https://www.lanl.gov/media/news/0513-terraforming-mars">Pressemitteilung der Los Alamos National Laboratory</a> rudern die AutorInnen dann allerdings mächtig zurück:<br></br>„Die AutorInnen merken außerdem an, dass diese Forschung letztendlich dazu beitragen könnte, die „Oase Erde“ zu erhalten. Sie argumentieren, dass Technologien, die für die Besiedlung des Mars entwickelt wurden, wie beispielsweise trockenheitsresistente Nutzpflanzen, effiziente Bodensanierung und verbesserte Ökosystemmodellierung, wahrscheinlich auch unserem Heimatplaneten zugutekommen werden.„Die Forschung zur Terraformung des Mars bietet einen wichtigen Testbereich für die Planetenforschung, in dem Theorien validiert oder Wissenslücken aufgedeckt werden können“, schreiben sie. „Die Fortsetzung der Forschung verspricht bedeutende wissenschaftliche Fortschritte, unabhängig davon, ob eine vollständige Terraformung stattfindet oder nicht.“ <br></br>Bis diese Forschung abgeschlossen ist, schreiben sie: „Wir wissen noch nicht einmal, was physikalisch oder biologisch möglich ist. … Wenn die Menschen lernen, wie man eine Welt wie den Mars terraformt, könnte dies der erste Schritt zu weiteren Zielen sein.““. Solche Publikationen sind jedenfalls definitv ein wichtiger Schritt, Marketing für Pioneer Labs zu machen</p> <p>Astro-Forschung kommt tatsächlich meist zunächst der Erde zugute. Sie ist ein Testbereich für wissenschaftliche Hypothesen und Technologien – also eine Art Fingerübung. Nur, dass eine Publikation zum Terraforming des Mars eine unendlich viel höhere Aufmerksamkeit bekommt, als neue trockenheitsresistente Nutzpflanzen, effiziente Bodensanierung oder verbesserte Ökosystemmodellierung.<br></br>Aber vielleicht sollten wir Terraforming-Methoden zunächst auf unserer guten alten Erde anwenden, damit wir endlich unseren Kohlenstoffkreislauf stabilisiert bekommen. <br></br>Vielleicht hört sich Terraforming Earth einfach eher sexy und erstrebenswert an, als Restoring Earth. Von mir aus. Hauptsache, wir gehen auf der Erde endlich mal an die Arbeit.</p> <p>PS: Übrigens halte ich am Sa, dem 06.12 und somit am Nikolaustag, auf der Volkssternwarte Darmstatd einen Vortrag über “<a href="https://vsda.de/">Wüste(n) Planeten</a> in der Science Fiction” – darin kommt auch der Mars mit seinen ultimativen Wüsten vor.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/terraforming-des-mars/#comments 53 Randomisierter kontrollierter Unfug https://scilogs.spektrum.de/hlf/randomisierter-kontrollierter-unfug/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/randomisierter-kontrollierter-unfug/#comments Wed, 03 Dec 2025 13:00:00 +0000 Christoph Pöppe https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=13976 <h1>Randomisierter kontrollierter Unfug - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Christoph Pöppe</h2><div itemprop="text"> <p>Wer unvorbereitet auf den Artikel „<a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC61047/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Effects of remote, retroactive intercessory prayer on outcomes in patients with bloodstream infection: randomised controlled trial</a>“ stößt, der im Dezember 2001 im renommierten „British Medical Journal“ veröffentlicht wurde, dürfte mit absolut ungläubigem Kopfschütteln reagieren – oder mit schallendem Gelächter. Der Autor Leonard Leibovici untersuchte, ob Stoßgebete zugunsten von Krankenhauspatientinnen und -patienten mit Blutvergiftung eine günstige Wirkung auf ihr Wohlergehen haben, und fand einen kleinen, allerdings deutlichen Effekt. Nur wurden die Fürbitten erst Jahre nach dem Krankenhausaufenthalt der Betroffenen gesprochen!</p> <p>Richtig lachhaft wird die Geschichte erst durch den Kontext, in dem sie erscheint. Das British Medical Journal verlangt von seinen Autorinnen und Autoren, dass sie in einem sehr formalisierten „Abstract“ Auskunft auf gewisse Standardfragen geben: „Ziel der Studie? Studiendesign? Auswahl der Versuchspersonen? Art der Behandlung? Messskala für den Erfolg? Ergebnisse?“ und einige mehr. Und von der Art der Behandlung abgesehen sind die Antworten sämtlich vom Feinsten. Das Rabin Medical Center in Petah-Tiqva ist eines der größten und renommiertesten Krankenhäuser Israels; die Anzahl der Versuchspersonen war 3393, eine Größenordnung, von der andere medizinisch Forschende nur träumen können; und diese Personen wurden streng nach dem Zufall in die Behandlungs- und die Kontrollgruppe eingeteilt, wobei zusätzlich darauf geachtet wurde, dass nicht eine wesentliche Eigenschaft – Geschlecht, Alter, Art der Vorerkrankung und so weiter – in einer der Gruppen deutlich anders ausgeprägt war als in der anderen. Damit erfüllt die Studie die Kriterien des „randomised controlled trial“, was wiederum für professionelle Medizinerinnen und Mediziner die unabdingbare Voraussetzung ist, ein Ergebnis für voll zu nehmen.</p> <p>So wie es aussieht, hat das nachträgliche Beten dem Überleben der Erkrankten nicht nennenswert aufgeholfen. Von den Angehörigen der Behandlungsgruppe haben 28,1 Prozent das Krankenhaus nicht lebend verlassen, von denen der Kontrollgruppe 30,2 Prozent. Der Unterschied ist selbst bei dem großen Kollektiv zu klein, um signifikant zu sein. Aber die durchschnittliche Verweildauer der Bebeteten war deutlich kürzer als die der übrigen. Der berüchtigte <em>p</em>-Wert lag bei stolzen 0,01, also weit unter der Grenze von 0,05, bis zu der man anzunehmen pflegt, dass die Abweichung nicht schon durch Zufall zustande kommt.</p> <p>Konsequenterweise empfiehlt Leonard Leibovici die Anwendung seines Verfahrens in der klinischen Praxis. Immerhin sei die Behandlung kostengünstig – in der Tat – und höchstwahrscheinlich ohne schädliche Nebenwirkungen. Das ist richtig: Wo keine Wirkung ist, kann es auch keine Nebenwirkungen geben. Dieses Argument bringt der Autor allerdings nicht an, aus nachvollziehbaren Gründen.</p> <p>Wie kommt dieser ausgemachte Quatsch in eine stockseriöse wissenschaftliche Zeitschrift? Da gab es den weithin bekannt gewordenen „Sokal Hoax“: Der Physiker Alan Sokal hatte 1996 der Zeitschrift „Social Text“ ein <a href="https://physics.nyu.edu/faculty/sokal/transgress_v2/transgress_v2_singlefile.html">Manuskript</a> eingereicht, in dem er die Ergebnisse seines eigenen Fachs zu bloßen gesellschaftlichen Vereinbarungen herabwürdigte: „Es stellt sich immer deutlicher heraus, dass die physikalische ,Realität‘, nicht anders als die gesellschaftliche ,Realität‘, im Grunde ein soziales und linguistisches Konstrukt ist; dass wissenschaftliche ,Erkenntnis‘ alles andere als objektiv ist, sondern vielmehr die dominanten Ideologien und die Machtverhältnisse der Kultur wiederspiegelt, die selbige hervorgebracht hat …“ Weiter geht es unter wilder Vermischung physikalischer Fachbegriffe mit Soziologenjargon, so erfolgreich, dass die Herausgeber der Zeitschrift das Manuskript akzeptierten. Hohn und Spott ergoss sich über sie, nachdem Sokal enthüllte, dass sein ganzer Text ein einziger Blödsinn war.<aside></aside></p> <p>Hier liegen die Verhältnisse deutlich anders. Zu offensichtlich hat Leibovici seinen Blödsinn formuliert und zu allem Überfluss noch eine Abbildung eines Zellabstrichs beigefügt, die er als „Rudolf the red-nosed reindeer“ bezeichnet – na ja, es gibt eine entfernte Ähnlichkeit. Nein – die Herausgeber haben ihren Lesern diesen Text mit der Kopfzeile „Beyond Science“ als Schmankerl zu Weihnachten serviert.</p> <p>Unter den zahlreichen Leserreaktionen auf den Artikel führen etliche den Unfug noch weiter. Andrew M. Thornett von der australischen Adelaide University überschüttet den Autor zunächst mit Lob, bemängelt jedoch, dass die Religionszugehörigkeit der Betenden nicht erwähnt wird. In dieser Richtung weiter gedacht: Natürlich kann das Ärger geben, wenn die Fürbitte nicht an den Gott gerichtet wird, an den der Patient glaubt, sondern an den Kollegen vom anderen Gebetbuch. Demnach könnte die Studie, weil sie darauf nicht achtete, den Effekt sogar noch unterschätzen.</p> <p>Übrigens bekamen die Betenden von ihren Schützlingen nichts weiter mitgeteilt als den Vornamen. Also hätten auch Mitglieder der Kontrollgruppe, die zufällig denselben Vornamen tragen, in gleichem Maße von den zugehörigen Fürbitten profitiert, wodurch der eigentlich zu messende Effekt ebenfalls verwässert worden wäre.</p> <p>Manche Kommentatoren schlagen vor, jetzt auch die Kontrollgruppe mit Gebeten zu bedenken und nachzusehen, ob sich dadurch die Daten aus der Vergangenheit verändern. Ein solcher Akt sei schon durch die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Deklaration_von_Helsinki" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Deklaration von Helsinki zur ärztlichen Ethik</a> geboten, weil man niemandem eine nachweislich effektive Behandlung ohne guten Grund vorenthalten dürfe.</p> <p>Aber: Wenn wir schon, zum Beispiel durch Gebete, in die Vergangenheit einwirken könnten, dann würden wir das niemals merken! Schließlich ist uns nur unsere jeweils „aktuelle“ Vergangenheit zugänglich. Für die Kontrollgruppe zu beten hätte möglicherweise den Effekt, dass es daraufhin deren Mitgliedern besser gegangen ist als gerade eben noch. Damit hätten sich auch die Krankenakten verändert, die Leibovici für seinen Artikel verwendet hat, und es gäbe einen entsprechend anderen Artikel … Eine von vielen Möglichkeiten, sich aus dem Zeitreise-Paradox herauszuwinden.</p> <p>Das ist ja alles ganz lustig und eine nette intellektuelle Spielerei. Problematisch bis sogar erschreckend sind dagegen in meinen Augen die Kommentare der Leute, die den Artikel für voll nehmen. Nicht wenige sehen in dem Ergebnis einen Beweis der Existenz Gottes. Ein Leserbriefschreiber berichtet über Erfahrungen vom Typ „ein gegenwärtiges Ereignis beeinflusst ein vergangenes“ in einem völlig anderen Kontext und verweist auf seine sehr esoterische <a href="https://www.fourmilab.ch/rpkp/">Website</a>.</p> <p>Etliche Leute nutzen die Online-Leserbriefspalte des British Medical Journal für umfangreiche Abhandlungen über das Wesen Gottes, insbesondere seine Unabhängigkeit von unserer Zeit, was ihn befähige, in die Vergangenheit einzugreifen. Im übrigen sei ja das Prinzip, dass die Ursache der Folge stets zeitlich vorausgeht, bereits in der Quantenmechanik verletzt (eine sehr abenteuerliche Interpretation der „spukhaften Fernwirkung“). Weiter geht es mit dem Urknall, kosmischen Wurmlöchern und allem, was die moderne Physik an philosophielastigen Theorien zu bieten hat. Leute, es war ein Witz!</p> <p>Es kommt noch schlimmer. Leibovici bemerkt zutreffend, dass sein Thema in der bisherigen Literatur kaum vorkommt, zitiert dann aber immerhin eine einschlägige <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/fullarticle/485161">Arbeit</a> von neun Medizinern aus drei amerikanischen Instituten. Untersucht wurde der Effekt von Gebeten auf das Schicksal von Patienten der Coronary Care Unit am Mid America Heart Institute in Kansas City. Es geht also um Menschen, die einen Herzinfarkt erlitten haben oder gerade noch rechtzeitig vorher eingeliefert wurden. Im Gegensatz zu Leibovici beschreiben die Autoren sehr detailliert, wer die Betenden waren und was sie im Einzelnen zu tun hatten. Auch in diesem Fall sind sie ihren „Nutznießern“ nie persönlich begegnet und kannten nichts weiter von ihnen als den Vornamen. Der wesentliche Unterschied: Die Gebete setzten bereits ein, während die Patientinnen und Patienten noch im Krankenhaus lagen. Die Hypothese einer zeitlichen Rückwirkung stand also nicht zur Debatte. Und die Patienten, nach allen Regeln der Kunst randomisiert in Behandlungs- und Kontrollgruppe eingeteilt, wussten nichts von ihrem Glück beziehungsweise Pech. Man konnte also ausschließen, dass das bloße Wissen „Für mich wird gebetet“ einen Effekt hatte.</p> <p>Im Ergebnis fand sich ein positiver Effekt der Bet-Aktivitäten – nicht berauschend, aber mit einem <em>p</em>-Wert von 0,04 noch deutlich im signifikanten Bereich. Das gilt allerdings nur, wenn man das Schicksal der Patienten nach einem eigens für diese Studie entwickelten System, dem „MAHI-CCU score“, quantifiziert. Nach einer älteren, gröberen Klassifikation ergibt sich kein nennenswerter Effekt.</p> <p>Offensichtlich ist diese Untersuchung ernst gemeint. Und im Gegensatz zu Leibovicis Studie ist hier die Arbeitshypothese nicht offensichtlich absurd, sondern nur absurd. Erst bei genauem Lesen stellt sich heraus, dass die Betenden ihre „Kunden“ erst mit ungefähr einem Tag Verzögerung zugewiesen bekamen – einleuchtend, ein 24-Stunden-Bet-Notdienst wäre wohl kaum einzurichten gewesen. Nur finden die entscheidenden Eingriffe bei Erkrankungen dieser Art typischerweise in den ersten 24 Stunden nach Einlieferung statt. Und damit fragt die Studie – unbeabsichtigt – eben doch nach einer zeitlichen Rückwirkung, nicht über Jahre wie bei Leibovici, sondern nur über wenige Tage bis Wochen; aber das macht für die Absurdität keinen wesentlichen Unterschied.</p> <p>Die Autoren sprechen auch offen die Tatsache an, dass es für den von ihnen gefundenen Effekt bislang keine naturwissenschaftliche Erklärung gibt. Aber das entwerte ihre Schlussfolgerungen nicht. Schließlich hatte der schottische Arzt James Lind (1716–1794) in einem der ersten klinisch kontrollierten Experimente nachgewiesen, dass Zitrusfrüchte gegen Skorbut helfen, ohne von dem Wirkstoff Ascorbinsäure (Vitamin C), geschweige denn von dessen Wirkungsweise, auch nur etwas erahnen zu können; ein Argument, das auch Leibovici bringt. Schon richtig; aber irgendwie ist es doch ein Unterschied, ob man von einem physiologischen Prozess nur keine Ahnung hat oder ob man, um auch nur irgendeine Wirkungsweise anzunehmen, die ganze etablierte Physik über den Haufen werfen müsste.</p> <p>Ironischerweise gelang es den Kommentatorinnen Shehan Hettiaratchy und Carolyn Hemsley, Leibovici eine Unsauberkeit in der Statistik nachzuweisen. Ein Patient in der Kontrollgruppe musste volle 320 Tage im Krankenhaus zubringen, während der Rekordhalter in der Behandlungsgruppe nur auf 165 Tage kam. Solche Ausreißer ziehen den Durchschnittswert in die Höhe und geben dadurch ein falsches Bild, so wie ein einziger Millionär im Dorf das Durchschnittsvermögen der Dorfbewohner in völlig unrealistische Höhen treibt. Sinnvoller ist es in solchen Fällen, anstelle des Durchschnitts den Median zu verwenden, also den Wert mit der Eigenschaft, dass 50 Prozent der Beteiligten darüber und 50 Prozent darunter liegen. Tut man das mit Leibovicis Daten, so schrumpft der vorgebliche Effekt auf den bedeutungslosen Unterschied zwischen 7 Tagen für die Behandlungs- und 8 für die Kontrollgruppe.</p> <p>Somit scheint auf den ersten Blick alles wieder in Ordnung zu sein. Jemand hat eine absurde Hypothese aufgestellt, und die statistische Auswertung, richtig betrieben, hat sie widerlegt. (Korrekt ausgedrückt: Sie hat keine hinreichend sicheren Hinweise dafür gefunden, dass das Gegenteil der Hypothese falsch ist.) Nur kann man sich darauf nicht verlassen. Der berüchtigte <em>p</em>-Wert von 0,05 besagt ja nur, dass die (geschätzte) Wahrscheinlichkeit, einem Zufallseffekt aufgesessen zu sein, höchstens 5 Prozent beträgt. Im Umkehrschluss heißt das: Es ist damit zu rechnen, dass eine von 20 absurden Hypothesen durch schiere Zufallseffekte eine statistische Bestätigung findet. Wenn man also fleißig Unfug in die Welt setzt und die entsprechenden Behauptungen nach allen Regeln der Statistik überprüft, wird man relativ bald einen Treffer landen.</p> <p>Und das ist nicht etwa eine spezielle Strategie der Esoteriker. Manche ganz gewöhnlichen Mediziner oder Psychologen haben zwar eine große Menge statistischer Daten erhoben, aber eine Bestätigung der zu testenden Hypothese geben die nicht her. Da aber der arme Doktorand dringend ein publizierbares Ergebnis braucht, berechnet er alle möglichen Korrelationen zwischen Variablen und schreibt dann über diejenigen, die einen <em>p</em>-Wert unter 0,05 liefern – womit er genau die Voraussetzungen untergräbt, unter denen der <em>p</em>-Wert überhaupt Sinn macht. Dieses so genannte <em>p</em>-Hacking, erkennbar an einer auffälligen Häufung von <em>p</em>-Werten knapp unter der Schranke von 0,05, ist inzwischen ein ernsthaftes Problem (siehe auch ein <a href="https://www.spektrum.de/inhaltsverzeichnis/vorsicht-statistik-spektrum-highlights-3-2019/1425075" rel="noreferrer noopener" target="_blank">„Spektrum“-Sonderheft</a> zum Thema). So wie es aussieht, leistet es einen erheblichen Beitrag zu der vielbeklagten Reproduzierbarkeitskrise in der Psychologie.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Randomisierter kontrollierter Unfug - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By Christoph Pöppe</h2><div itemprop="text"> <p>Wer unvorbereitet auf den Artikel „<a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC61047/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Effects of remote, retroactive intercessory prayer on outcomes in patients with bloodstream infection: randomised controlled trial</a>“ stößt, der im Dezember 2001 im renommierten „British Medical Journal“ veröffentlicht wurde, dürfte mit absolut ungläubigem Kopfschütteln reagieren – oder mit schallendem Gelächter. Der Autor Leonard Leibovici untersuchte, ob Stoßgebete zugunsten von Krankenhauspatientinnen und -patienten mit Blutvergiftung eine günstige Wirkung auf ihr Wohlergehen haben, und fand einen kleinen, allerdings deutlichen Effekt. Nur wurden die Fürbitten erst Jahre nach dem Krankenhausaufenthalt der Betroffenen gesprochen!</p> <p>Richtig lachhaft wird die Geschichte erst durch den Kontext, in dem sie erscheint. Das British Medical Journal verlangt von seinen Autorinnen und Autoren, dass sie in einem sehr formalisierten „Abstract“ Auskunft auf gewisse Standardfragen geben: „Ziel der Studie? Studiendesign? Auswahl der Versuchspersonen? Art der Behandlung? Messskala für den Erfolg? Ergebnisse?“ und einige mehr. Und von der Art der Behandlung abgesehen sind die Antworten sämtlich vom Feinsten. Das Rabin Medical Center in Petah-Tiqva ist eines der größten und renommiertesten Krankenhäuser Israels; die Anzahl der Versuchspersonen war 3393, eine Größenordnung, von der andere medizinisch Forschende nur träumen können; und diese Personen wurden streng nach dem Zufall in die Behandlungs- und die Kontrollgruppe eingeteilt, wobei zusätzlich darauf geachtet wurde, dass nicht eine wesentliche Eigenschaft – Geschlecht, Alter, Art der Vorerkrankung und so weiter – in einer der Gruppen deutlich anders ausgeprägt war als in der anderen. Damit erfüllt die Studie die Kriterien des „randomised controlled trial“, was wiederum für professionelle Medizinerinnen und Mediziner die unabdingbare Voraussetzung ist, ein Ergebnis für voll zu nehmen.</p> <p>So wie es aussieht, hat das nachträgliche Beten dem Überleben der Erkrankten nicht nennenswert aufgeholfen. Von den Angehörigen der Behandlungsgruppe haben 28,1 Prozent das Krankenhaus nicht lebend verlassen, von denen der Kontrollgruppe 30,2 Prozent. Der Unterschied ist selbst bei dem großen Kollektiv zu klein, um signifikant zu sein. Aber die durchschnittliche Verweildauer der Bebeteten war deutlich kürzer als die der übrigen. Der berüchtigte <em>p</em>-Wert lag bei stolzen 0,01, also weit unter der Grenze von 0,05, bis zu der man anzunehmen pflegt, dass die Abweichung nicht schon durch Zufall zustande kommt.</p> <p>Konsequenterweise empfiehlt Leonard Leibovici die Anwendung seines Verfahrens in der klinischen Praxis. Immerhin sei die Behandlung kostengünstig – in der Tat – und höchstwahrscheinlich ohne schädliche Nebenwirkungen. Das ist richtig: Wo keine Wirkung ist, kann es auch keine Nebenwirkungen geben. Dieses Argument bringt der Autor allerdings nicht an, aus nachvollziehbaren Gründen.</p> <p>Wie kommt dieser ausgemachte Quatsch in eine stockseriöse wissenschaftliche Zeitschrift? Da gab es den weithin bekannt gewordenen „Sokal Hoax“: Der Physiker Alan Sokal hatte 1996 der Zeitschrift „Social Text“ ein <a href="https://physics.nyu.edu/faculty/sokal/transgress_v2/transgress_v2_singlefile.html">Manuskript</a> eingereicht, in dem er die Ergebnisse seines eigenen Fachs zu bloßen gesellschaftlichen Vereinbarungen herabwürdigte: „Es stellt sich immer deutlicher heraus, dass die physikalische ,Realität‘, nicht anders als die gesellschaftliche ,Realität‘, im Grunde ein soziales und linguistisches Konstrukt ist; dass wissenschaftliche ,Erkenntnis‘ alles andere als objektiv ist, sondern vielmehr die dominanten Ideologien und die Machtverhältnisse der Kultur wiederspiegelt, die selbige hervorgebracht hat …“ Weiter geht es unter wilder Vermischung physikalischer Fachbegriffe mit Soziologenjargon, so erfolgreich, dass die Herausgeber der Zeitschrift das Manuskript akzeptierten. Hohn und Spott ergoss sich über sie, nachdem Sokal enthüllte, dass sein ganzer Text ein einziger Blödsinn war.<aside></aside></p> <p>Hier liegen die Verhältnisse deutlich anders. Zu offensichtlich hat Leibovici seinen Blödsinn formuliert und zu allem Überfluss noch eine Abbildung eines Zellabstrichs beigefügt, die er als „Rudolf the red-nosed reindeer“ bezeichnet – na ja, es gibt eine entfernte Ähnlichkeit. Nein – die Herausgeber haben ihren Lesern diesen Text mit der Kopfzeile „Beyond Science“ als Schmankerl zu Weihnachten serviert.</p> <p>Unter den zahlreichen Leserreaktionen auf den Artikel führen etliche den Unfug noch weiter. Andrew M. Thornett von der australischen Adelaide University überschüttet den Autor zunächst mit Lob, bemängelt jedoch, dass die Religionszugehörigkeit der Betenden nicht erwähnt wird. In dieser Richtung weiter gedacht: Natürlich kann das Ärger geben, wenn die Fürbitte nicht an den Gott gerichtet wird, an den der Patient glaubt, sondern an den Kollegen vom anderen Gebetbuch. Demnach könnte die Studie, weil sie darauf nicht achtete, den Effekt sogar noch unterschätzen.</p> <p>Übrigens bekamen die Betenden von ihren Schützlingen nichts weiter mitgeteilt als den Vornamen. Also hätten auch Mitglieder der Kontrollgruppe, die zufällig denselben Vornamen tragen, in gleichem Maße von den zugehörigen Fürbitten profitiert, wodurch der eigentlich zu messende Effekt ebenfalls verwässert worden wäre.</p> <p>Manche Kommentatoren schlagen vor, jetzt auch die Kontrollgruppe mit Gebeten zu bedenken und nachzusehen, ob sich dadurch die Daten aus der Vergangenheit verändern. Ein solcher Akt sei schon durch die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Deklaration_von_Helsinki" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Deklaration von Helsinki zur ärztlichen Ethik</a> geboten, weil man niemandem eine nachweislich effektive Behandlung ohne guten Grund vorenthalten dürfe.</p> <p>Aber: Wenn wir schon, zum Beispiel durch Gebete, in die Vergangenheit einwirken könnten, dann würden wir das niemals merken! Schließlich ist uns nur unsere jeweils „aktuelle“ Vergangenheit zugänglich. Für die Kontrollgruppe zu beten hätte möglicherweise den Effekt, dass es daraufhin deren Mitgliedern besser gegangen ist als gerade eben noch. Damit hätten sich auch die Krankenakten verändert, die Leibovici für seinen Artikel verwendet hat, und es gäbe einen entsprechend anderen Artikel … Eine von vielen Möglichkeiten, sich aus dem Zeitreise-Paradox herauszuwinden.</p> <p>Das ist ja alles ganz lustig und eine nette intellektuelle Spielerei. Problematisch bis sogar erschreckend sind dagegen in meinen Augen die Kommentare der Leute, die den Artikel für voll nehmen. Nicht wenige sehen in dem Ergebnis einen Beweis der Existenz Gottes. Ein Leserbriefschreiber berichtet über Erfahrungen vom Typ „ein gegenwärtiges Ereignis beeinflusst ein vergangenes“ in einem völlig anderen Kontext und verweist auf seine sehr esoterische <a href="https://www.fourmilab.ch/rpkp/">Website</a>.</p> <p>Etliche Leute nutzen die Online-Leserbriefspalte des British Medical Journal für umfangreiche Abhandlungen über das Wesen Gottes, insbesondere seine Unabhängigkeit von unserer Zeit, was ihn befähige, in die Vergangenheit einzugreifen. Im übrigen sei ja das Prinzip, dass die Ursache der Folge stets zeitlich vorausgeht, bereits in der Quantenmechanik verletzt (eine sehr abenteuerliche Interpretation der „spukhaften Fernwirkung“). Weiter geht es mit dem Urknall, kosmischen Wurmlöchern und allem, was die moderne Physik an philosophielastigen Theorien zu bieten hat. Leute, es war ein Witz!</p> <p>Es kommt noch schlimmer. Leibovici bemerkt zutreffend, dass sein Thema in der bisherigen Literatur kaum vorkommt, zitiert dann aber immerhin eine einschlägige <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/fullarticle/485161">Arbeit</a> von neun Medizinern aus drei amerikanischen Instituten. Untersucht wurde der Effekt von Gebeten auf das Schicksal von Patienten der Coronary Care Unit am Mid America Heart Institute in Kansas City. Es geht also um Menschen, die einen Herzinfarkt erlitten haben oder gerade noch rechtzeitig vorher eingeliefert wurden. Im Gegensatz zu Leibovici beschreiben die Autoren sehr detailliert, wer die Betenden waren und was sie im Einzelnen zu tun hatten. Auch in diesem Fall sind sie ihren „Nutznießern“ nie persönlich begegnet und kannten nichts weiter von ihnen als den Vornamen. Der wesentliche Unterschied: Die Gebete setzten bereits ein, während die Patientinnen und Patienten noch im Krankenhaus lagen. Die Hypothese einer zeitlichen Rückwirkung stand also nicht zur Debatte. Und die Patienten, nach allen Regeln der Kunst randomisiert in Behandlungs- und Kontrollgruppe eingeteilt, wussten nichts von ihrem Glück beziehungsweise Pech. Man konnte also ausschließen, dass das bloße Wissen „Für mich wird gebetet“ einen Effekt hatte.</p> <p>Im Ergebnis fand sich ein positiver Effekt der Bet-Aktivitäten – nicht berauschend, aber mit einem <em>p</em>-Wert von 0,04 noch deutlich im signifikanten Bereich. Das gilt allerdings nur, wenn man das Schicksal der Patienten nach einem eigens für diese Studie entwickelten System, dem „MAHI-CCU score“, quantifiziert. Nach einer älteren, gröberen Klassifikation ergibt sich kein nennenswerter Effekt.</p> <p>Offensichtlich ist diese Untersuchung ernst gemeint. Und im Gegensatz zu Leibovicis Studie ist hier die Arbeitshypothese nicht offensichtlich absurd, sondern nur absurd. Erst bei genauem Lesen stellt sich heraus, dass die Betenden ihre „Kunden“ erst mit ungefähr einem Tag Verzögerung zugewiesen bekamen – einleuchtend, ein 24-Stunden-Bet-Notdienst wäre wohl kaum einzurichten gewesen. Nur finden die entscheidenden Eingriffe bei Erkrankungen dieser Art typischerweise in den ersten 24 Stunden nach Einlieferung statt. Und damit fragt die Studie – unbeabsichtigt – eben doch nach einer zeitlichen Rückwirkung, nicht über Jahre wie bei Leibovici, sondern nur über wenige Tage bis Wochen; aber das macht für die Absurdität keinen wesentlichen Unterschied.</p> <p>Die Autoren sprechen auch offen die Tatsache an, dass es für den von ihnen gefundenen Effekt bislang keine naturwissenschaftliche Erklärung gibt. Aber das entwerte ihre Schlussfolgerungen nicht. Schließlich hatte der schottische Arzt James Lind (1716–1794) in einem der ersten klinisch kontrollierten Experimente nachgewiesen, dass Zitrusfrüchte gegen Skorbut helfen, ohne von dem Wirkstoff Ascorbinsäure (Vitamin C), geschweige denn von dessen Wirkungsweise, auch nur etwas erahnen zu können; ein Argument, das auch Leibovici bringt. Schon richtig; aber irgendwie ist es doch ein Unterschied, ob man von einem physiologischen Prozess nur keine Ahnung hat oder ob man, um auch nur irgendeine Wirkungsweise anzunehmen, die ganze etablierte Physik über den Haufen werfen müsste.</p> <p>Ironischerweise gelang es den Kommentatorinnen Shehan Hettiaratchy und Carolyn Hemsley, Leibovici eine Unsauberkeit in der Statistik nachzuweisen. Ein Patient in der Kontrollgruppe musste volle 320 Tage im Krankenhaus zubringen, während der Rekordhalter in der Behandlungsgruppe nur auf 165 Tage kam. Solche Ausreißer ziehen den Durchschnittswert in die Höhe und geben dadurch ein falsches Bild, so wie ein einziger Millionär im Dorf das Durchschnittsvermögen der Dorfbewohner in völlig unrealistische Höhen treibt. Sinnvoller ist es in solchen Fällen, anstelle des Durchschnitts den Median zu verwenden, also den Wert mit der Eigenschaft, dass 50 Prozent der Beteiligten darüber und 50 Prozent darunter liegen. Tut man das mit Leibovicis Daten, so schrumpft der vorgebliche Effekt auf den bedeutungslosen Unterschied zwischen 7 Tagen für die Behandlungs- und 8 für die Kontrollgruppe.</p> <p>Somit scheint auf den ersten Blick alles wieder in Ordnung zu sein. Jemand hat eine absurde Hypothese aufgestellt, und die statistische Auswertung, richtig betrieben, hat sie widerlegt. (Korrekt ausgedrückt: Sie hat keine hinreichend sicheren Hinweise dafür gefunden, dass das Gegenteil der Hypothese falsch ist.) Nur kann man sich darauf nicht verlassen. Der berüchtigte <em>p</em>-Wert von 0,05 besagt ja nur, dass die (geschätzte) Wahrscheinlichkeit, einem Zufallseffekt aufgesessen zu sein, höchstens 5 Prozent beträgt. Im Umkehrschluss heißt das: Es ist damit zu rechnen, dass eine von 20 absurden Hypothesen durch schiere Zufallseffekte eine statistische Bestätigung findet. Wenn man also fleißig Unfug in die Welt setzt und die entsprechenden Behauptungen nach allen Regeln der Statistik überprüft, wird man relativ bald einen Treffer landen.</p> <p>Und das ist nicht etwa eine spezielle Strategie der Esoteriker. Manche ganz gewöhnlichen Mediziner oder Psychologen haben zwar eine große Menge statistischer Daten erhoben, aber eine Bestätigung der zu testenden Hypothese geben die nicht her. Da aber der arme Doktorand dringend ein publizierbares Ergebnis braucht, berechnet er alle möglichen Korrelationen zwischen Variablen und schreibt dann über diejenigen, die einen <em>p</em>-Wert unter 0,05 liefern – womit er genau die Voraussetzungen untergräbt, unter denen der <em>p</em>-Wert überhaupt Sinn macht. Dieses so genannte <em>p</em>-Hacking, erkennbar an einer auffälligen Häufung von <em>p</em>-Werten knapp unter der Schranke von 0,05, ist inzwischen ein ernsthaftes Problem (siehe auch ein <a href="https://www.spektrum.de/inhaltsverzeichnis/vorsicht-statistik-spektrum-highlights-3-2019/1425075" rel="noreferrer noopener" target="_blank">„Spektrum“-Sonderheft</a> zum Thema). So wie es aussieht, leistet es einen erheblichen Beitrag zu der vielbeklagten Reproduzierbarkeitskrise in der Psychologie.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/randomisierter-kontrollierter-unfug/#comments 60 Cold Seeps, Oktopus-Kinderstube und Meeresschutz https://scilogs.spektrum.de/meertext/cold-seeps-oktopus-kinderstube-und-meeresschutz/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/cold-seeps-oktopus-kinderstube-und-meeresschutz/#comments Fri, 28 Nov 2025 16:38:19 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1836 <h1>Cold Seeps, Oktopus-Kinderstube und Meeresschutz » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Bei einer Tiefsee-Expedition zu einem zerklüfteten, vulkanischen Meeresboden der Tiefsee vor der kanadischen Küste stießen Wissenschaftler statt auf die erwarteten Röhrenwürmer auf eine Oktopus-Kinderstube. Diese Entdeckung ist ein wichtiges Argument für den Schutz dieser Tiefsee-Landschaft.</p> <h2 id="h-octomoms-statt-rohrenwurmer"><strong>Octomoms statt Röhrenwürmer</strong></h2> <p>Auf der <a href="https://www.sciencefriday.com/articles/octopus-garden-vancouver-canada/">2023 NEPDEP-Expedition war auch die kanadische Meeresbiologin</a> Cherisse Du Preez (Leiterin des Deep Sea Ecology Program) dabei. Sie war auf der Suche nach Röhrenwurm-Kolonien an „Kalten Quellen“ (Cold Seeps) – dort treten aus Spalten am Meeresboden Gase wie Methan und Schwefelwasserstoff aus dem Meeresboden aus. Ein Kollege hatte ihr berichtet, dass etwa 90 Meilen vor Vancouver Island Blasen ausgasten. Dort machte die Expedition also einen Zwischenstopp und schickte den mit Kameras ausgestatteten Tauchroboter (ROV) zum Meeresboden. An solchen Stellen gibt es oft Oasen des Lebens, die sich durch Chemosynthese ernähren. Die Basis der Nahrungskette sind meist schwefelatmende Bakterien, von denen sich an diesen <a href="https://oceanexplorer.noaa.gov/wp-content/uploads/2024/05/what-are-cold-seeps-fact-sheet.pdf">„Cold Seeps“</a> strohhalmdünne weißliche Röhrenwürmer ernähren und große Kolonien bilden. Aber an dieser Stelle erfassten die Kameras keine Wurmwelten, sondern eine Ansammlung violetter Oktopus-Mütter mit ihren Eigelegen.</p> <p>Diese Kinderstube Pazifischer Warzenkraken lag inmitten einer bizarren Unterwasserlandschaft aus zerklüfteten Karbonatgesteinen, eisbergähnlichen Felsbrocken und schneeweißen Methanhydraten – entstanden aus den aus einem Hügel aufsteigenden Methanblasen, die mit Meerwasser und Bakterien reagiert hatten. </p> <p>Solche <a href="https://www.mbari.org/project/the-octopus-garden/">Oktopus-Kinderstuben, auch Oktopus-Gärten</a> genannt, waren bei ihrer Entdeckung 2018 eine Sensation – dieser war 2023 erst der vierte. Da Oktopusse normalerweise als Einzelgänger gelten und kein Schwarmverhalten zeigen, waren Gruppen von Dutzenden bis Tausenden eine große Überraschung.  Die anderen Kinderstuben liegen vor den Küsten Kaliforniens und Costa Ricas.</p> <h2 id="h-tiefsee-oktopusse-bruten-langer"><strong>Tiefsee-Oktopusse brüten länger</strong></h2> <p>Einige Kinderstuben liegen in der Nähe hydrothermaler Quellen, die das Wasser erwärmen. Da die Wassertemperatur die Brutzeit der Tintenfische beeinflusst und es in der Tiefsee normalerweise nur 4°C „warm“ ist, könnten diese Brutplätze bewusst ausgesucht werden, da die Wärme den Stoffwechsel der ungeborenen Oktopusse ankurbelt. Während tropische Oktopusse viele, kleine Eier legen und der Nachwuchs meist schon nach wenigen Wochen schlüpft, werden die Eier mit zunehmender Tiefe und Kälte größer und die Brutzeiten länger.<aside></aside></p> <p>In den Tiefen des Ozeans kann die Brutzeit erschreckend lang sein. <em>Graneledone pacifica,</em> manchmal auch Pazifischer Warzen-Oktopus genannt, hat beispielsweise die längste bekannte Brutzeit aller Tiere auf der Erde. <a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0103437">Sie pflegen ihre Eier bis zu vier Jahre</a> oder länger, verzichten während dieser Zeit vollständig auf Nahrung und sterben kurz nach dem Schlüpfen der Eier. In wärmeren Tintenfisch-Kinderstuben ist die Brutzeit jedoch wahrscheinlich viel kürzer: Heiße Quellen hingegen sind regelrechte Brutkästen. <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.adg3247">Der Tintenfisch-Experte Bruce T. Barry hatte</a> eine Kinderstube anderswo im Pazifik über einer hydrothermalen Quelle in rund 3200 Metern Tiefe beschrieben, dass die Brutzeit von Perlentintenfischen etwa 1,8 Jahre betrug – also viel kürzer als bei einer Tiefseeart zu erwarten wäre.</p> <p>Das ist an der von Du Preez und Team vor Vancouver untersuchten kalten Quelle nicht der Fall, deren Temperatur eher dem Umgebungswasser entspricht. Wärme ist wohl nicht die einzige Verlockung für Tintenfisch-Mütter. Es könnte auch an den zerklüfteten Felsen liegen, die viele Nischen zu Befestigung der Eier und viele Höhlungen als Unterschlupf für die Mütter bieten.  </p> <p><img alt="A few white, oblong eggs dangle from a beige rock, surrounded by purplish octopus arms." decoding="async" fetchpriority="high" height="340" src="https://scilogs.spektrum.de/2167c1ad-f37d-40b2-b1c6-01746367945a" width="605"></img><br></br>Octopus eggs stay attached to a substrate until they’re ready to hatch. The black dots in the eggs are the octopuses’ eyes. Credit: Northeast Pacific Deep-sea Expedition partners and CSSF ROPOS</p> <p>Derzeit arbeitet Fisheries and Oceans Canada mit mehreren First Nations, also indigenen Communities, in British Columbia zusammen, um die Artenvielfalt der Kaltwasserquellen, darunter auch die Octopus-Gärten, zu schützen. Dies würde das zweitgrößte Meeresschutzgebiet Kanadas und würde das Land seinem Ziel, bis 2030 30 % der Ozeane des Landes als Schutzgebiete auszuweisen, einen bedeutenden Schritt näherbringen.</p> <h2 id="h-meeresschutz-als-kooperation-von-wissenschaft-und-indigenen"><strong>Meeresschutz als Kooperation von Wissenschaft und Indigenen</strong></h2> <p>Auf der 2023 NEPDEP-Expedition erforschte ein <a href="https://www.ropos.com/index.php/news-and-media/49-tully-nep-dep-2023-expedition-summary">internationales Wissenschaftler-Team</a> mit Unterstützung von Fisheries and Oceans Canada eine bizarre Pazifik-Tiefsee-Landschaft nahe der kanadischen Küste. Dort treffen mehrere kleine, aktive und küstennahe tektonische Platten aufeinander, was zu einer hohen Konzentration von Seebergen, hydrothermalen Quellen und kalten Quellen führt. Tiefsee-Hot Spots der Biodiversität!<br></br>Die Datenbasis zu Ökosystemen und Arten-Vielfalt ist die Grundlage für den Schutz und das Management dieser ökologisch und biologisch bedeutenden Gebiete. Das Ziel ist ein gesunder Ozean für alle – das <a href="https://www.oceannetworks.ca/expeditions/northeast-pacific-deep-sea-expedition/">NEPDEP-Projekt</a> erfolgt in Partnerschaft mit den dort lebenden indigenen Völkern (Council of the Haida Nation, Nuu-chah-nulth Tribal Council und Pacheedaht First Nations) sowie Ocean Networks Canada.</p> <p>Die Verbindung zwischen den <a href="https://www.sciencefriday.com/articles/octopus-garden-vancouver-canada/">Nuu-chah-nulth-Gemeinden und dem Meer „reicht Jahrtausende zurück</a>“, sagt Irine Polyzogopoulos, Kommunikations- und Entwicklungskoordinatorin der Fischereibehörde des <a href="https://nuuchahnulth.org/">Nuu-chah-nulth Tribal Council</a>, einer der First Nations-Partnerorganisationen. „Wir sprechen über das Prinzip der Nuu-chah-nulth, hišukʔiš c̓awaak, was übersetzt ‚alles ist verbunden, alles ist eins‘ bedeutet. … Was wir zum Schutz des Ozeans tun, hängt alles mit der Fischerei zusammen, auf die die Gemeinden für ihre Ernährung und wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit angewiesen sind.”</p> <p>Darum arbeiten die indigenen Küstengemeinden seit langem mit der kanadischen Regierung an Initiativen zum Schutz der Meere. Die Zusammenarbeit im Bereich der Tiefseeforschung begann jedoch <a href="https://www.sciencefriday.com/articles/octopus-garden-vancouver-canada/">erst 2015, sagt Polyzogopoulo.</a> Damals begannen die Regierung und mehrere indigene Gruppen mit der Schaffung des größten Schutzgebiets des Landes – einer Fläche, die etwa doppelt so groß ist wie Maryland und gemeinsam von der kanadischen Regierung, dem Rat der Haida-Nation, der Pacheedaht First Nation, der Quatsino First Nation und dem Nuu-chah-nulth Tribal Council verwaltet wird. Im Jahr 2024 wurde sie offiziell als Tang.ɢwan—ḥačxwiqak—Tsig̱is -Marine Protected Area ausgewiesen.</p> <p><a href="https://www.sciencefriday.com/articles/octopus-garden-vancouver-canada/">Diese Partnerschaften und Schutzgebiete sind laut Du Preez</a> von entscheidender Bedeutung, insbesondere da der Klimawandel und menschliche Aktivitäten wie der Unterwasserbergbau dazu führen könnten, dass unerschlossene Tiefseewunder, darunter auch die Aufzuchtgebiete von Tintenfischen, dauerhaft verändert oder zerstört werden. „<a href="https://www.sciencefriday.com/articles/octopus-garden-vancouver-canada/">Während wir mit all den neuen</a> Aktivitäten in der Tiefsee voranschreiten, müssen wir berücksichtigen, was wir nicht wissen“, sagt sie.</p> <p>Damit hat Du Preez absolut recht!<br></br>Meeresschutzgebiete unter Einbindung der Anwohner funktionieren sicherlich besser, als solche, die weiter durch jedermann ausgebeutet werden dürfen und für die sich die Menschen nicht wirklich verantwortlich fühlen – wie wir es in Europa und gerade in Deutschland an zu vielen Stellen sehen.</p> <h2 id="h-cephalopodfriday-goodies"><strong>#CephalopodFriday-Goodies</strong></h2> <p>Die <a href="https://www.nepdep.com/2025expeditionseeps">NEPDEP-Expeditionen werden hier live</a> gestreamt.<br></br>Reingucken lohnt sich!</p> <p>Weil heute #CephalopdFriday ist, gibt´s auch noch Musik (Octopus`s Garden) und einen tanzenden Dumbo-Octopus mit Klavierbegleitung.</p> <p><strong>The Beatles – Octopus’s Garden</strong></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/mdpIWZd9JmA?feature=oembed&amp;rel=0" title="The Beatles - Octopus's Garden (Official Music Video)" width="666"></iframe> </p></figure> <p><strong>Beautiful Octopus ‘Dances’ for Scientists in Submarine</strong></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/V24uwR44CWU?feature=oembed&amp;rel=0" title="Beautiful Octopus 'Dances' for Scientists in Submarine" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Cold Seeps, Oktopus-Kinderstube und Meeresschutz » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Bei einer Tiefsee-Expedition zu einem zerklüfteten, vulkanischen Meeresboden der Tiefsee vor der kanadischen Küste stießen Wissenschaftler statt auf die erwarteten Röhrenwürmer auf eine Oktopus-Kinderstube. Diese Entdeckung ist ein wichtiges Argument für den Schutz dieser Tiefsee-Landschaft.</p> <h2 id="h-octomoms-statt-rohrenwurmer"><strong>Octomoms statt Röhrenwürmer</strong></h2> <p>Auf der <a href="https://www.sciencefriday.com/articles/octopus-garden-vancouver-canada/">2023 NEPDEP-Expedition war auch die kanadische Meeresbiologin</a> Cherisse Du Preez (Leiterin des Deep Sea Ecology Program) dabei. Sie war auf der Suche nach Röhrenwurm-Kolonien an „Kalten Quellen“ (Cold Seeps) – dort treten aus Spalten am Meeresboden Gase wie Methan und Schwefelwasserstoff aus dem Meeresboden aus. Ein Kollege hatte ihr berichtet, dass etwa 90 Meilen vor Vancouver Island Blasen ausgasten. Dort machte die Expedition also einen Zwischenstopp und schickte den mit Kameras ausgestatteten Tauchroboter (ROV) zum Meeresboden. An solchen Stellen gibt es oft Oasen des Lebens, die sich durch Chemosynthese ernähren. Die Basis der Nahrungskette sind meist schwefelatmende Bakterien, von denen sich an diesen <a href="https://oceanexplorer.noaa.gov/wp-content/uploads/2024/05/what-are-cold-seeps-fact-sheet.pdf">„Cold Seeps“</a> strohhalmdünne weißliche Röhrenwürmer ernähren und große Kolonien bilden. Aber an dieser Stelle erfassten die Kameras keine Wurmwelten, sondern eine Ansammlung violetter Oktopus-Mütter mit ihren Eigelegen.</p> <p>Diese Kinderstube Pazifischer Warzenkraken lag inmitten einer bizarren Unterwasserlandschaft aus zerklüfteten Karbonatgesteinen, eisbergähnlichen Felsbrocken und schneeweißen Methanhydraten – entstanden aus den aus einem Hügel aufsteigenden Methanblasen, die mit Meerwasser und Bakterien reagiert hatten. </p> <p>Solche <a href="https://www.mbari.org/project/the-octopus-garden/">Oktopus-Kinderstuben, auch Oktopus-Gärten</a> genannt, waren bei ihrer Entdeckung 2018 eine Sensation – dieser war 2023 erst der vierte. Da Oktopusse normalerweise als Einzelgänger gelten und kein Schwarmverhalten zeigen, waren Gruppen von Dutzenden bis Tausenden eine große Überraschung.  Die anderen Kinderstuben liegen vor den Küsten Kaliforniens und Costa Ricas.</p> <h2 id="h-tiefsee-oktopusse-bruten-langer"><strong>Tiefsee-Oktopusse brüten länger</strong></h2> <p>Einige Kinderstuben liegen in der Nähe hydrothermaler Quellen, die das Wasser erwärmen. Da die Wassertemperatur die Brutzeit der Tintenfische beeinflusst und es in der Tiefsee normalerweise nur 4°C „warm“ ist, könnten diese Brutplätze bewusst ausgesucht werden, da die Wärme den Stoffwechsel der ungeborenen Oktopusse ankurbelt. Während tropische Oktopusse viele, kleine Eier legen und der Nachwuchs meist schon nach wenigen Wochen schlüpft, werden die Eier mit zunehmender Tiefe und Kälte größer und die Brutzeiten länger.<aside></aside></p> <p>In den Tiefen des Ozeans kann die Brutzeit erschreckend lang sein. <em>Graneledone pacifica,</em> manchmal auch Pazifischer Warzen-Oktopus genannt, hat beispielsweise die längste bekannte Brutzeit aller Tiere auf der Erde. <a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0103437">Sie pflegen ihre Eier bis zu vier Jahre</a> oder länger, verzichten während dieser Zeit vollständig auf Nahrung und sterben kurz nach dem Schlüpfen der Eier. In wärmeren Tintenfisch-Kinderstuben ist die Brutzeit jedoch wahrscheinlich viel kürzer: Heiße Quellen hingegen sind regelrechte Brutkästen. <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.adg3247">Der Tintenfisch-Experte Bruce T. Barry hatte</a> eine Kinderstube anderswo im Pazifik über einer hydrothermalen Quelle in rund 3200 Metern Tiefe beschrieben, dass die Brutzeit von Perlentintenfischen etwa 1,8 Jahre betrug – also viel kürzer als bei einer Tiefseeart zu erwarten wäre.</p> <p>Das ist an der von Du Preez und Team vor Vancouver untersuchten kalten Quelle nicht der Fall, deren Temperatur eher dem Umgebungswasser entspricht. Wärme ist wohl nicht die einzige Verlockung für Tintenfisch-Mütter. Es könnte auch an den zerklüfteten Felsen liegen, die viele Nischen zu Befestigung der Eier und viele Höhlungen als Unterschlupf für die Mütter bieten.  </p> <p><img alt="A few white, oblong eggs dangle from a beige rock, surrounded by purplish octopus arms." decoding="async" fetchpriority="high" height="340" src="https://scilogs.spektrum.de/2167c1ad-f37d-40b2-b1c6-01746367945a" width="605"></img><br></br>Octopus eggs stay attached to a substrate until they’re ready to hatch. The black dots in the eggs are the octopuses’ eyes. Credit: Northeast Pacific Deep-sea Expedition partners and CSSF ROPOS</p> <p>Derzeit arbeitet Fisheries and Oceans Canada mit mehreren First Nations, also indigenen Communities, in British Columbia zusammen, um die Artenvielfalt der Kaltwasserquellen, darunter auch die Octopus-Gärten, zu schützen. Dies würde das zweitgrößte Meeresschutzgebiet Kanadas und würde das Land seinem Ziel, bis 2030 30 % der Ozeane des Landes als Schutzgebiete auszuweisen, einen bedeutenden Schritt näherbringen.</p> <h2 id="h-meeresschutz-als-kooperation-von-wissenschaft-und-indigenen"><strong>Meeresschutz als Kooperation von Wissenschaft und Indigenen</strong></h2> <p>Auf der 2023 NEPDEP-Expedition erforschte ein <a href="https://www.ropos.com/index.php/news-and-media/49-tully-nep-dep-2023-expedition-summary">internationales Wissenschaftler-Team</a> mit Unterstützung von Fisheries and Oceans Canada eine bizarre Pazifik-Tiefsee-Landschaft nahe der kanadischen Küste. Dort treffen mehrere kleine, aktive und küstennahe tektonische Platten aufeinander, was zu einer hohen Konzentration von Seebergen, hydrothermalen Quellen und kalten Quellen führt. Tiefsee-Hot Spots der Biodiversität!<br></br>Die Datenbasis zu Ökosystemen und Arten-Vielfalt ist die Grundlage für den Schutz und das Management dieser ökologisch und biologisch bedeutenden Gebiete. Das Ziel ist ein gesunder Ozean für alle – das <a href="https://www.oceannetworks.ca/expeditions/northeast-pacific-deep-sea-expedition/">NEPDEP-Projekt</a> erfolgt in Partnerschaft mit den dort lebenden indigenen Völkern (Council of the Haida Nation, Nuu-chah-nulth Tribal Council und Pacheedaht First Nations) sowie Ocean Networks Canada.</p> <p>Die Verbindung zwischen den <a href="https://www.sciencefriday.com/articles/octopus-garden-vancouver-canada/">Nuu-chah-nulth-Gemeinden und dem Meer „reicht Jahrtausende zurück</a>“, sagt Irine Polyzogopoulos, Kommunikations- und Entwicklungskoordinatorin der Fischereibehörde des <a href="https://nuuchahnulth.org/">Nuu-chah-nulth Tribal Council</a>, einer der First Nations-Partnerorganisationen. „Wir sprechen über das Prinzip der Nuu-chah-nulth, hišukʔiš c̓awaak, was übersetzt ‚alles ist verbunden, alles ist eins‘ bedeutet. … Was wir zum Schutz des Ozeans tun, hängt alles mit der Fischerei zusammen, auf die die Gemeinden für ihre Ernährung und wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit angewiesen sind.”</p> <p>Darum arbeiten die indigenen Küstengemeinden seit langem mit der kanadischen Regierung an Initiativen zum Schutz der Meere. Die Zusammenarbeit im Bereich der Tiefseeforschung begann jedoch <a href="https://www.sciencefriday.com/articles/octopus-garden-vancouver-canada/">erst 2015, sagt Polyzogopoulo.</a> Damals begannen die Regierung und mehrere indigene Gruppen mit der Schaffung des größten Schutzgebiets des Landes – einer Fläche, die etwa doppelt so groß ist wie Maryland und gemeinsam von der kanadischen Regierung, dem Rat der Haida-Nation, der Pacheedaht First Nation, der Quatsino First Nation und dem Nuu-chah-nulth Tribal Council verwaltet wird. Im Jahr 2024 wurde sie offiziell als Tang.ɢwan—ḥačxwiqak—Tsig̱is -Marine Protected Area ausgewiesen.</p> <p><a href="https://www.sciencefriday.com/articles/octopus-garden-vancouver-canada/">Diese Partnerschaften und Schutzgebiete sind laut Du Preez</a> von entscheidender Bedeutung, insbesondere da der Klimawandel und menschliche Aktivitäten wie der Unterwasserbergbau dazu führen könnten, dass unerschlossene Tiefseewunder, darunter auch die Aufzuchtgebiete von Tintenfischen, dauerhaft verändert oder zerstört werden. „<a href="https://www.sciencefriday.com/articles/octopus-garden-vancouver-canada/">Während wir mit all den neuen</a> Aktivitäten in der Tiefsee voranschreiten, müssen wir berücksichtigen, was wir nicht wissen“, sagt sie.</p> <p>Damit hat Du Preez absolut recht!<br></br>Meeresschutzgebiete unter Einbindung der Anwohner funktionieren sicherlich besser, als solche, die weiter durch jedermann ausgebeutet werden dürfen und für die sich die Menschen nicht wirklich verantwortlich fühlen – wie wir es in Europa und gerade in Deutschland an zu vielen Stellen sehen.</p> <h2 id="h-cephalopodfriday-goodies"><strong>#CephalopodFriday-Goodies</strong></h2> <p>Die <a href="https://www.nepdep.com/2025expeditionseeps">NEPDEP-Expeditionen werden hier live</a> gestreamt.<br></br>Reingucken lohnt sich!</p> <p>Weil heute #CephalopdFriday ist, gibt´s auch noch Musik (Octopus`s Garden) und einen tanzenden Dumbo-Octopus mit Klavierbegleitung.</p> <p><strong>The Beatles – Octopus’s Garden</strong></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/mdpIWZd9JmA?feature=oembed&amp;rel=0" title="The Beatles - Octopus's Garden (Official Music Video)" width="666"></iframe> </p></figure> <p><strong>Beautiful Octopus ‘Dances’ for Scientists in Submarine</strong></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/V24uwR44CWU?feature=oembed&amp;rel=0" title="Beautiful Octopus 'Dances' for Scientists in Submarine" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/cold-seeps-oktopus-kinderstube-und-meeresschutz/#comments 2 Von Mainz in die Welt: BioNTechs Weg zur globalen Innovation https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/von-mainz-in-die-welt-biontechs-weg-zur-globalen-innovation/ https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/von-mainz-in-die-welt-biontechs-weg-zur-globalen-innovation/#comments Thu, 27 Nov 2025 15:04:51 +0000 Karin Schumacher https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/?p=4579 https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-768x512.jpg Modell einer Lipid-Nanopartikel-Struktur (LPX), wie sie in mRNA-Krebsimmuntherapien eingesetzt wird. © BioNTech SE https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/von-mainz-in-die-welt-biontechs-weg-zur-globalen-innovation/ <h1>Von Mainz in die Welt: BioNTechs Weg zur globalen Innovation » Medicine & More » SciLogs</h1><h2>By Karin Schumacher</h2><div itemprop="text"> <p><strong><img alt="„&quot;" decoding="async" height="1" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/088a4cae9e164a038eefa3a6474b478b" width="1"></img>Blick hinter den Kulissen von BioNTech: Wie aus der Vision personalisierter Krebsimmuntherapien der erste mRNA-Impfstoff gegen COVID-19 entstand – und was das für die Zukunft der Medizin bedeutet.</strong><span id="more-4579"></span></p> <p>Vor rund 570 Jahren revolutionierte Johannes Gutenberg von Mainz aus die Welt – mit der Erfindung des Buchdrucks und der ersten gedruckten Bibel. Damit begann die Ära der massenhaften Wissensverbreitung.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4586" id="attachment_4586"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="Johannes Gutenberg – Erfinder des Buchdrucks und Mainzer Visionär. Auch er investierte mutig in Innovation." decoding="async" height="500" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4586"><span>Credit: Dr. Karin Schumacher</span> Johannes Gutenberg – Erfinder des Buchdrucks und Mainzer Visionär. Auch er investierte mutig in Innovation. Dahinter der “Neue Dom”.</figcaption></figure> <p>Heute, im 21. Jahrhundert, ist es wieder Mainz, von wo aus sich eine globale Innovation verbreitet: Hier entwickelte das bis dahin unbekannte Biotech-Startup BioNTech den ersten zugelassenen mRNA-Impfstoff gegen COVID-19.</p> <p>Bei einem Medientag öffnete nun dieses weltbekannte Unternehmen seine hochgesicherten Pforten für eine kleine Delegation der <a href="https://wpk.org/was-wir-bieten/recherchereisen/" rel="noopener" target="_blank">Wissenschaftspressekonferenz (WPK) e.V.</a>. So erhielten wir einen seltenen Einblick, wie aus wissenschaftlicher Vision globale Innovation entstehen kann.</p> <p>Das 2008 von Prof. Dr. med. Ugur Şahin, Prof. Dr. med. Özlem Türeci und Prof. Dr. med. Christoph Huber gegründete Unternehmen entwickelte sich von einem forschungsgetriebenen Biotech-Start-up im Zuge der Corona-Pandemie zu einem global agierenden Pharmaunternehmen. Schon lange vor der Pandemie arbeiteten das Mediziner-, Forscher- und Ehepaar Şahin und Türeci an der Idee, die Boten-RNA (mRNA) therapeutisch nutzbar zu machen – mit dem Ziel, personalisierte Krebsimmuntherapien zu entwickeln.<aside></aside></p> <p>2019 ging das damals noch unbekannte Unternehmen an die Börse und nahm dabei rund 150 Mio. US-Dollar ein. Als sich im Januar 2020 abzeichnete, dass ein neues Virus zu einer Pandemie führen könnte, zählten Şahin und Türeci zu den weltweit Ersten, denen die erfolgreiche Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs gelang [1]. Der Börsengang verschaffte dem damals noch kleinen Mainzer Biotech-Startup die Grundlage für die Partnerschaft mit Pfizer – ein entscheidender Schritt für Produktion und Zulassung des Impfstoffs. Mit dem “Project Lightspeed”, der Entwicklung des ersten zugelassenen mRNA-Impfstoffs gegen COVID-19, wurde das Unternehmen weltberühmt.</p> <h2>Standorte in Deutschland und global</h2> <p>Derzeit beschäftigt BioNTech weltweit etwa 6.800 Mitarbeitende, davon rund 2.800 in der Forschung und Entwicklung. Neben dem Hauptsitz in Mainz unterhält das Unternehmen internationale Standorte in Australien, China, Österreich, Ruanda, Singapur, der Türkei, den USA und dem Vereinigten Königreich. In Deutschland gibt es weitere Standorte in Berlin, Halle, Idar-Oberstein, Marburg und München [2].<br></br>Bislang ist ein Produkt zugelassen – der COVID-19-Impfstoff, der in Kooperation mit Pfizer entwickelt wurde. Etwa 4,8 Milliarden Dosen wurden bislang in über 180 Länder und Regionen ausgeliefert. Dabei liegt der Schwerpunkt der Firma nach wie vor im onkologischen Bereich: Derzeit befinden sich über 30 weitere Produktkandidaten in der Pipeline, mehr als die Hälfte davon in der Onkologie [3].</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4584" id="attachment_4584"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-scaled.jpg"><img alt="Modell einer Lipid-Nanopartikel-Struktur (LPX), wie sie in mRNA-Krebsimmuntherapien eingesetzt wird. © BioNTech SE" decoding="async" height="444" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-2048x1366.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4584"><span>Titelfoto: Credit: BioNTech SE / Pressemappe – Verwendung mit freundlicher Genehmigung</span> Modell einer Lipid-Nanopartikel-Struktur (LPX), wie sie in mRNA-Krebsimmuntherapien eingesetzt wird. © BioNTech SE</figcaption></figure> <p>Prof. Dr. Clara Lehmann (Universitätsklinikum Köln) stellte Analysen anonymisierter Krankenkassendaten aus Thüringen und Sachsen vor [4]. Hier zeigt sich, dass insbesondere ältere und vorerkrankte Menschen weiterhin ein erhöhtes Risiko für schwere COVID-19-Verläufe tragen. Impfungen gegen COVID-19 und Influenza können Risikogruppen nicht nur vor Komplikationen schützen, sondern auch vor weiteren kardiovaskulären Erkrankungen. Dennoch sind die Impfquoten bei Personen über 60 nach wie vor niedrig. In der Saison 2023/24 erhielten nur 38 % eine Grippeimpfung, 21 % eine Auffrischung gegen COVID-19, 20 % eine Pneumokokken-Impfung und 21 % eine Impfung gegen Herpes Zoster.</p> <p>Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt für Personen ab 60 Jahren sowie für Menschen mit Vorerkrankungen oder erhöhtem beruflichem Risiko eine jährliche Auffrischimpfung gegen Influenza [5] und COVID‑19 [6]. Gegen COVID-19 zugelassen sind alle mRNA- und proteinbasierten Impfstoffe, die an die von der WHO empfohlenen Virusvarianten angepasst wurden. Ein Preprint der Medizinischen Hochschule Hannover deutet darauf hin, dass der an JN.1, KP.2 und LP.8.1 angepasste Impfstoff (<em>Comirnaty</em>) auch gegen die derzeit zirkulierende XFG-Variante schützt [7].</p> <p>Über die Jahre hat sich das Virus verändert: Anfangs sehr aggressiv und auf ein “jungfräuliches” Immunsystem treffend, inzwischen weniger gefährlich, aber sehr infektiös. Teilweise entsteht Kreuzimmunität ähnlich wie bei Influenza, sodass das Immunsystem unterschiedlich reagiert – das ergibt eine Vielzahl unterschiedlicher Immunantworten.</p> <p>In den spannenden Diskussionen nur am Rande angesprochen, aber hoch interessant sind die kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift Nature veröffentlichten, unerwarteten Daten, dass eine mRNA-Impfung gegen SARS-CoV-2 die Wirksamkeit einer Immuntherapie gegen bestimmte Tumoren steigern kann [8].<br></br>Patient:innen mit nichtkleinzelligem Lungenkrebs (NSCLC) oder Melanom zeigten deutlich verlängerte Überlebenszeiten, wenn sie in den ersten 100 Tagen nach Beginn einer Behandlung mit Checkpoint-Inhibitoren (ICIs) eine mRNA-Impfung gegen COVID-19 erhalten hatten.</p> <p>Die Annahme ist, dass mRNA-Impfstoffe potente Immunstimulanzien sind, die eine lokale Immunantwort aktivieren und sogenannte immunologisch “kalte” Tumoren dadurch für eine Behandlung mit ICIs sensibilisieren. Die Ergebnisse zeigen auch, dass der Zeitpunkt einer routinemäßigen Impfung den Therapieverlauf maßgeblich beeinflussen kann – und eine einfache Möglichkeit bietet, die Schutzmechanismen der Tumoren zu überwinden. Diese Erkenntnisse könnten künftig helfen, mRNA-Therapeutika gezielt zum richtigen Zeitpunkt einzusetzen, um das vom Tumor manipulierte Immunsystem wieder funktionsfähig für eine wirksame Immuntherapie zu machen.</p> <h2>Ausblick: KI, Entwicklungen und Herausforderungen</h2> <p>BioNTech entwickelt seine Impfstoffe gegen COVID-19 kontinuierlich weiter. Darüber hinaus hat das Unternehmen in den letzten Jahren seine Forschungsbasis deutlich ausgebaut – unter anderem durch die Übernahmen von<em> InstaDeep</em> (KI-gestützte Arzneimittelforschung) und <em>CureVac</em>, den Tübinger “Erfindern” der medizinischen Nutzung der Boten-RNA, deren COVID-19-Impfstoffentwicklung nicht die erhoffte Wirksamkeit erreichte, deren mRNA-Kompetenz aber einen wichtigen Grundstein für die mRNA-Forschung legte. Darüber hinaus hat BioNTech weitere strategische Partnerschaften im Bereich zielgerichteter Immuntherapien.</p> <p>Zudem baut das Unternehmen seine Präsenz in Afrika aus – mit einer modularen mRNA-Produktionsanlage in Ruanda, die als Blaupause für globale Impfstoffgerechtigkeit dienen könnte.</p> <p>“An der Goldgrube” – so lautet BioNTechs Geschäftsadresse. Doch auch wenn die aktuellen Bilanzen durch den Rückgang der COVID-19-Impfstoffnachfrage belastet sind, bleibt die Firma ein Hoffnungsträger für die Krebsforschung und globale Impfstoffentwicklung [2].</p> <p>Der Medientag bei BioNTech war kompakt, aber eindrucksvoll. Er zeigte, wie aus wissenschaftlicher Neugier, unternehmerischem Mut und einer guten Prise Glück eine Erfolgsgeschichte wurde – mit Ursprung in Mainz und Wirkung auf die ganze Welt.</p> <p>Schließlich haben Investitionen in Visionen Tradition in Mainz: Auch Johannes Gutenberg nahm für sein Projekt einst 1600 Gulden Kredit auf – zu einer Zeit, als ein Handwerksmeister etwa 50 Gulden im Jahr verdiente. Dies und mehr über diese faszinierende Stadt gibt es im nächsten Beitrag.</p> <p><strong>Hinweis:</strong> Dieser Artikel wurde am 28.11.2025 aktualisiert, um eine Zahl zu korrigieren und eine Passage zur mRNA-Forschung zu präzisieren.</p> <ol> <li>Sahin, U., &amp; Türeci, Ö. (2023). mRNA-based therapeutics — developing a new class of drugs. Nature Reviews Drug Discovery, 22, 101–119. <a href="https://doi.org/10.1038/s41573-022-00591-3" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1038/s41573-022-00591-3</a></li> <li>BioNTech SE. (2025). Annual reports. Abgerufen am 27. November 2025 von <a href="https://investors.biontech.de/de/financials-filings/annual-reports" rel="noopener" target="_blank">https://investors.biontech.de/de/financials-filings/annual-reports</a></li> <li><span>BioNTech SE. (2025). Pipeline and products.Abgerufen am 27. November 2025 von <a href="https://www.biontech.com/int/en/home/pipeline-and-products/pipeline.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.biontech.com/int/en/home/pipeline-and-products/pipeline.html</a></span></li> <li><span>Müller, S., Lehmann, C., Becker, J., &amp; Vogel, M. (2025). COVID-19 vaccination coverage and risk profiles in elderly populations: A regional analysis. Viruses, 17(3), 424. <a href="https://doi.org/10.3390/v17030424" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.3390/v17030424</a></span></li> <li><span>Robert Koch-Institut. STIKO-Empfehlungen zur Influenza-Impfung. Abgerufen am 27. November 2025 von <a href="https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/Influenza/FAQ-Liste/FAQ-Liste-Impfempfehlung.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/Influenza/FAQ-Liste/FAQ-Liste-Impfempfehlung.html</a></span></li> <li><span>Robert Koch-Institut. STIKO-Empfehlungen zur COVID-19-Impfung. Abgerufen am 27. November 2025 von <a href="https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/COVID-19/FAQ-Liste/FAQ-Liste-Impfempfehlung.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/COVID-19/FAQ-Liste/FAQ-Liste-Impfempfehlung.html</a></span></li> <li><span>Happle, C., et al. (2025). Efficacy of variant-adapted Comirnaty vaccine against emerging XFG lineage. medRxiv. <a href="https://doi.org/10.1101/2025.10.21.25338461" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1101/2025.10.21.25338461</a></span></li> <li><span>Grippin, A. J., Zhang, Y., Patel, S., Lee, J., Chen, H., &amp; Wu, X. (2025). SARS-CoV-2 mRNA vaccines sensitize tumours to immune checkpoint blockade. Nature. <a href="https://doi.org/10.1038/s41586-025-09655-y" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1038/s41586-025-09655-y</a></span></li> </ol> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Von Mainz in die Welt: BioNTechs Weg zur globalen Innovation » Medicine & More » SciLogs</h1><h2>By Karin Schumacher</h2><div itemprop="text"> <p><strong><img alt="„&quot;" decoding="async" height="1" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/088a4cae9e164a038eefa3a6474b478b" width="1"></img>Blick hinter den Kulissen von BioNTech: Wie aus der Vision personalisierter Krebsimmuntherapien der erste mRNA-Impfstoff gegen COVID-19 entstand – und was das für die Zukunft der Medizin bedeutet.</strong><span id="more-4579"></span></p> <p>Vor rund 570 Jahren revolutionierte Johannes Gutenberg von Mainz aus die Welt – mit der Erfindung des Buchdrucks und der ersten gedruckten Bibel. Damit begann die Ära der massenhaften Wissensverbreitung.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4586" id="attachment_4586"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="Johannes Gutenberg – Erfinder des Buchdrucks und Mainzer Visionär. Auch er investierte mutig in Innovation." decoding="async" height="500" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4586"><span>Credit: Dr. Karin Schumacher</span> Johannes Gutenberg – Erfinder des Buchdrucks und Mainzer Visionär. Auch er investierte mutig in Innovation. Dahinter der “Neue Dom”.</figcaption></figure> <p>Heute, im 21. Jahrhundert, ist es wieder Mainz, von wo aus sich eine globale Innovation verbreitet: Hier entwickelte das bis dahin unbekannte Biotech-Startup BioNTech den ersten zugelassenen mRNA-Impfstoff gegen COVID-19.</p> <p>Bei einem Medientag öffnete nun dieses weltbekannte Unternehmen seine hochgesicherten Pforten für eine kleine Delegation der <a href="https://wpk.org/was-wir-bieten/recherchereisen/" rel="noopener" target="_blank">Wissenschaftspressekonferenz (WPK) e.V.</a>. So erhielten wir einen seltenen Einblick, wie aus wissenschaftlicher Vision globale Innovation entstehen kann.</p> <p>Das 2008 von Prof. Dr. med. Ugur Şahin, Prof. Dr. med. Özlem Türeci und Prof. Dr. med. Christoph Huber gegründete Unternehmen entwickelte sich von einem forschungsgetriebenen Biotech-Start-up im Zuge der Corona-Pandemie zu einem global agierenden Pharmaunternehmen. Schon lange vor der Pandemie arbeiteten das Mediziner-, Forscher- und Ehepaar Şahin und Türeci an der Idee, die Boten-RNA (mRNA) therapeutisch nutzbar zu machen – mit dem Ziel, personalisierte Krebsimmuntherapien zu entwickeln.<aside></aside></p> <p>2019 ging das damals noch unbekannte Unternehmen an die Börse und nahm dabei rund 150 Mio. US-Dollar ein. Als sich im Januar 2020 abzeichnete, dass ein neues Virus zu einer Pandemie führen könnte, zählten Şahin und Türeci zu den weltweit Ersten, denen die erfolgreiche Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs gelang [1]. Der Börsengang verschaffte dem damals noch kleinen Mainzer Biotech-Startup die Grundlage für die Partnerschaft mit Pfizer – ein entscheidender Schritt für Produktion und Zulassung des Impfstoffs. Mit dem “Project Lightspeed”, der Entwicklung des ersten zugelassenen mRNA-Impfstoffs gegen COVID-19, wurde das Unternehmen weltberühmt.</p> <h2>Standorte in Deutschland und global</h2> <p>Derzeit beschäftigt BioNTech weltweit etwa 6.800 Mitarbeitende, davon rund 2.800 in der Forschung und Entwicklung. Neben dem Hauptsitz in Mainz unterhält das Unternehmen internationale Standorte in Australien, China, Österreich, Ruanda, Singapur, der Türkei, den USA und dem Vereinigten Königreich. In Deutschland gibt es weitere Standorte in Berlin, Halle, Idar-Oberstein, Marburg und München [2].<br></br>Bislang ist ein Produkt zugelassen – der COVID-19-Impfstoff, der in Kooperation mit Pfizer entwickelt wurde. Etwa 4,8 Milliarden Dosen wurden bislang in über 180 Länder und Regionen ausgeliefert. Dabei liegt der Schwerpunkt der Firma nach wie vor im onkologischen Bereich: Derzeit befinden sich über 30 weitere Produktkandidaten in der Pipeline, mehr als die Hälfte davon in der Onkologie [3].</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4584" id="attachment_4584"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-scaled.jpg"><img alt="Modell einer Lipid-Nanopartikel-Struktur (LPX), wie sie in mRNA-Krebsimmuntherapien eingesetzt wird. © BioNTech SE" decoding="async" height="444" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/LPX_1-2048x1366.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4584"><span>Titelfoto: Credit: BioNTech SE / Pressemappe – Verwendung mit freundlicher Genehmigung</span> Modell einer Lipid-Nanopartikel-Struktur (LPX), wie sie in mRNA-Krebsimmuntherapien eingesetzt wird. © BioNTech SE</figcaption></figure> <p>Prof. Dr. Clara Lehmann (Universitätsklinikum Köln) stellte Analysen anonymisierter Krankenkassendaten aus Thüringen und Sachsen vor [4]. Hier zeigt sich, dass insbesondere ältere und vorerkrankte Menschen weiterhin ein erhöhtes Risiko für schwere COVID-19-Verläufe tragen. Impfungen gegen COVID-19 und Influenza können Risikogruppen nicht nur vor Komplikationen schützen, sondern auch vor weiteren kardiovaskulären Erkrankungen. Dennoch sind die Impfquoten bei Personen über 60 nach wie vor niedrig. In der Saison 2023/24 erhielten nur 38 % eine Grippeimpfung, 21 % eine Auffrischung gegen COVID-19, 20 % eine Pneumokokken-Impfung und 21 % eine Impfung gegen Herpes Zoster.</p> <p>Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt für Personen ab 60 Jahren sowie für Menschen mit Vorerkrankungen oder erhöhtem beruflichem Risiko eine jährliche Auffrischimpfung gegen Influenza [5] und COVID‑19 [6]. Gegen COVID-19 zugelassen sind alle mRNA- und proteinbasierten Impfstoffe, die an die von der WHO empfohlenen Virusvarianten angepasst wurden. Ein Preprint der Medizinischen Hochschule Hannover deutet darauf hin, dass der an JN.1, KP.2 und LP.8.1 angepasste Impfstoff (<em>Comirnaty</em>) auch gegen die derzeit zirkulierende XFG-Variante schützt [7].</p> <p>Über die Jahre hat sich das Virus verändert: Anfangs sehr aggressiv und auf ein “jungfräuliches” Immunsystem treffend, inzwischen weniger gefährlich, aber sehr infektiös. Teilweise entsteht Kreuzimmunität ähnlich wie bei Influenza, sodass das Immunsystem unterschiedlich reagiert – das ergibt eine Vielzahl unterschiedlicher Immunantworten.</p> <p>In den spannenden Diskussionen nur am Rande angesprochen, aber hoch interessant sind die kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift Nature veröffentlichten, unerwarteten Daten, dass eine mRNA-Impfung gegen SARS-CoV-2 die Wirksamkeit einer Immuntherapie gegen bestimmte Tumoren steigern kann [8].<br></br>Patient:innen mit nichtkleinzelligem Lungenkrebs (NSCLC) oder Melanom zeigten deutlich verlängerte Überlebenszeiten, wenn sie in den ersten 100 Tagen nach Beginn einer Behandlung mit Checkpoint-Inhibitoren (ICIs) eine mRNA-Impfung gegen COVID-19 erhalten hatten.</p> <p>Die Annahme ist, dass mRNA-Impfstoffe potente Immunstimulanzien sind, die eine lokale Immunantwort aktivieren und sogenannte immunologisch “kalte” Tumoren dadurch für eine Behandlung mit ICIs sensibilisieren. Die Ergebnisse zeigen auch, dass der Zeitpunkt einer routinemäßigen Impfung den Therapieverlauf maßgeblich beeinflussen kann – und eine einfache Möglichkeit bietet, die Schutzmechanismen der Tumoren zu überwinden. Diese Erkenntnisse könnten künftig helfen, mRNA-Therapeutika gezielt zum richtigen Zeitpunkt einzusetzen, um das vom Tumor manipulierte Immunsystem wieder funktionsfähig für eine wirksame Immuntherapie zu machen.</p> <h2>Ausblick: KI, Entwicklungen und Herausforderungen</h2> <p>BioNTech entwickelt seine Impfstoffe gegen COVID-19 kontinuierlich weiter. Darüber hinaus hat das Unternehmen in den letzten Jahren seine Forschungsbasis deutlich ausgebaut – unter anderem durch die Übernahmen von<em> InstaDeep</em> (KI-gestützte Arzneimittelforschung) und <em>CureVac</em>, den Tübinger “Erfindern” der medizinischen Nutzung der Boten-RNA, deren COVID-19-Impfstoffentwicklung nicht die erhoffte Wirksamkeit erreichte, deren mRNA-Kompetenz aber einen wichtigen Grundstein für die mRNA-Forschung legte. Darüber hinaus hat BioNTech weitere strategische Partnerschaften im Bereich zielgerichteter Immuntherapien.</p> <p>Zudem baut das Unternehmen seine Präsenz in Afrika aus – mit einer modularen mRNA-Produktionsanlage in Ruanda, die als Blaupause für globale Impfstoffgerechtigkeit dienen könnte.</p> <p>“An der Goldgrube” – so lautet BioNTechs Geschäftsadresse. Doch auch wenn die aktuellen Bilanzen durch den Rückgang der COVID-19-Impfstoffnachfrage belastet sind, bleibt die Firma ein Hoffnungsträger für die Krebsforschung und globale Impfstoffentwicklung [2].</p> <p>Der Medientag bei BioNTech war kompakt, aber eindrucksvoll. Er zeigte, wie aus wissenschaftlicher Neugier, unternehmerischem Mut und einer guten Prise Glück eine Erfolgsgeschichte wurde – mit Ursprung in Mainz und Wirkung auf die ganze Welt.</p> <p>Schließlich haben Investitionen in Visionen Tradition in Mainz: Auch Johannes Gutenberg nahm für sein Projekt einst 1600 Gulden Kredit auf – zu einer Zeit, als ein Handwerksmeister etwa 50 Gulden im Jahr verdiente. Dies und mehr über diese faszinierende Stadt gibt es im nächsten Beitrag.</p> <p><strong>Hinweis:</strong> Dieser Artikel wurde am 28.11.2025 aktualisiert, um eine Zahl zu korrigieren und eine Passage zur mRNA-Forschung zu präzisieren.</p> <ol> <li>Sahin, U., &amp; Türeci, Ö. (2023). mRNA-based therapeutics — developing a new class of drugs. Nature Reviews Drug Discovery, 22, 101–119. <a href="https://doi.org/10.1038/s41573-022-00591-3" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1038/s41573-022-00591-3</a></li> <li>BioNTech SE. (2025). Annual reports. Abgerufen am 27. November 2025 von <a href="https://investors.biontech.de/de/financials-filings/annual-reports" rel="noopener" target="_blank">https://investors.biontech.de/de/financials-filings/annual-reports</a></li> <li><span>BioNTech SE. (2025). Pipeline and products.Abgerufen am 27. November 2025 von <a href="https://www.biontech.com/int/en/home/pipeline-and-products/pipeline.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.biontech.com/int/en/home/pipeline-and-products/pipeline.html</a></span></li> <li><span>Müller, S., Lehmann, C., Becker, J., &amp; Vogel, M. (2025). COVID-19 vaccination coverage and risk profiles in elderly populations: A regional analysis. Viruses, 17(3), 424. <a href="https://doi.org/10.3390/v17030424" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.3390/v17030424</a></span></li> <li><span>Robert Koch-Institut. STIKO-Empfehlungen zur Influenza-Impfung. Abgerufen am 27. November 2025 von <a href="https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/Influenza/FAQ-Liste/FAQ-Liste-Impfempfehlung.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/Influenza/FAQ-Liste/FAQ-Liste-Impfempfehlung.html</a></span></li> <li><span>Robert Koch-Institut. STIKO-Empfehlungen zur COVID-19-Impfung. Abgerufen am 27. November 2025 von <a href="https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/COVID-19/FAQ-Liste/FAQ-Liste-Impfempfehlung.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/COVID-19/FAQ-Liste/FAQ-Liste-Impfempfehlung.html</a></span></li> <li><span>Happle, C., et al. (2025). Efficacy of variant-adapted Comirnaty vaccine against emerging XFG lineage. medRxiv. <a href="https://doi.org/10.1101/2025.10.21.25338461" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1101/2025.10.21.25338461</a></span></li> <li><span>Grippin, A. J., Zhang, Y., Patel, S., Lee, J., Chen, H., &amp; Wu, X. (2025). SARS-CoV-2 mRNA vaccines sensitize tumours to immune checkpoint blockade. Nature. <a href="https://doi.org/10.1038/s41586-025-09655-y" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1038/s41586-025-09655-y</a></span></li> </ol> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/von-mainz-in-die-welt-biontechs-weg-zur-globalen-innovation/#comments 2 AstroGeo Podcast: Aus und vorbei – das Universum und sein Ende https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-aus-und-vorbei-das-universum-und-sein-ende/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-aus-und-vorbei-das-universum-und-sein-ende/#comments Sun, 23 Nov 2025 05:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1789 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-5-768x768.jpg Eine rötlich leuchtende, ovale Galaxie vor einem schwarzen Hintergrund mit wenigen Sternen. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-aus-und-vorbei-das-universum-und-sein-ende/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel_sl-2.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Aus und vorbei - das Universum und sein Ende » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag127-ende-universum.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Zumindest darüber sind sich Forschende mehr oder weniger einig: Unser Universum gibt es nicht schon seit ewigen Zeiten – sondern es hat vor rund 13,8 Milliarden Jahren mit dem Urknall begonnen. Seitdem dehnt sich das Universum aus, es wird immer größer und kühlt sich immer weiter ab. Aber wie geht die Geschichte des Universums eigentlich weiter, und vor allem: Wie hört diese Geschichte auf? Wenn das Universum einen Anfang hat, sollte es dann nicht auch ein Ende geben?</p> <p>Zur allseitigen Beruhigung sei geschrieben, dass jegliche Enden des Universums in so unvorstellbar weiter Zukunft liegen, dass sie keinerlei Auswirkungen auf das Leben auf der Erde haben. Wir Menschen sind davon nicht betroffen.<aside></aside></p> <p>Analog zum Begriff des Urknalls, auf Englisch „Big Bang“, werden vor allem drei verschiedene potenzielle Schicksale für unser Universum diskutiert: Da wäre der „Big Crunch“, bei dem das Universum in einer Art kosmischer Symmetrie am Ende wieder in sich zusammenstürzt – eine Art umgekehrter Urknall. Bei einem „Big Rip“ hingegen würde das genaue Gegenteil eintreten und das Universum würde sich so schnell ausdehnen, dass es letztendlich zerreißt – seinen gesamten Inhalt eingeschlossen. Der „Big Freeze“ hingegen bezeichnet den Kältetod des Universums: Im expandierenden Universum würden einfach nach und nach die Lichter ausgehen, Galaxien wären in so weiter Ferne, dass jede Sterneninsel für sich allein durchs All driftet und das Universum würde immer größer, kälter und leerer werden. Bis irgendwann gar nichts mehr passiert – und auch nie wieder passieren wird.</p> <p>In dieser Folge des AstroGeo-Podcasts erzählt Franzi vom ultimativen Schicksal unseres Universums, was mit ihm am Ende der Zeit passiert – und was die mysteriöse Dunkle Energie damit zu tun hat, die derzeit dafür sorgt, dass sich das Universum beschleunigt ausdehnt.</p> <h2 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h2> <ul> <li>Folge 69: <a href="https://astrogeo.de/vakuumzerfall-weltuntergang-mit-lichtgeschwindigkeit/">Vakuumzerfall: Wenn das Universum sich auflöst</a></li> <li>Folge 94: <a href="https://astrogeo.de/das-universum-und-sein-urknall-der-anfang-des-anfangs/">Das Universum und sein Urknall – Der Anfang des Anfangs</a></li> </ul> <h2 id="h-weiterfuhrende-links">Weiterführende Links</h2> <ul> <li>BR2 IQ: <a href="https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:94ed2acf7142bc6d/">Fünf Endzeitszenarien, die ihr kennen solltet</a> (von Franzi)</li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Universum">Universum</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kosmologie">Kosmologie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lambda-CDM-Modell">Lambda-CDM-Modell</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Big_Freeze">Big Freeze</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Big_Rip">Big Rip</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Big_Crunch">Big Crunch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dunkle_Energie">Dunkle Energie</a></li> </ul> <h2 id="h-quellen">Quellen</h2> <ul> <li>Pressemitteilung: <a href="https://noirlab.edu/public/news/noirlab2512/">Tantalizing Hints That Dark Energy is Evolving — New Results and Data Released by the DESI Project</a> (19.03.2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: ESO</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel_sl-2.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Aus und vorbei - das Universum und sein Ende » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag127-ende-universum.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Zumindest darüber sind sich Forschende mehr oder weniger einig: Unser Universum gibt es nicht schon seit ewigen Zeiten – sondern es hat vor rund 13,8 Milliarden Jahren mit dem Urknall begonnen. Seitdem dehnt sich das Universum aus, es wird immer größer und kühlt sich immer weiter ab. Aber wie geht die Geschichte des Universums eigentlich weiter, und vor allem: Wie hört diese Geschichte auf? Wenn das Universum einen Anfang hat, sollte es dann nicht auch ein Ende geben?</p> <p>Zur allseitigen Beruhigung sei geschrieben, dass jegliche Enden des Universums in so unvorstellbar weiter Zukunft liegen, dass sie keinerlei Auswirkungen auf das Leben auf der Erde haben. Wir Menschen sind davon nicht betroffen.<aside></aside></p> <p>Analog zum Begriff des Urknalls, auf Englisch „Big Bang“, werden vor allem drei verschiedene potenzielle Schicksale für unser Universum diskutiert: Da wäre der „Big Crunch“, bei dem das Universum in einer Art kosmischer Symmetrie am Ende wieder in sich zusammenstürzt – eine Art umgekehrter Urknall. Bei einem „Big Rip“ hingegen würde das genaue Gegenteil eintreten und das Universum würde sich so schnell ausdehnen, dass es letztendlich zerreißt – seinen gesamten Inhalt eingeschlossen. Der „Big Freeze“ hingegen bezeichnet den Kältetod des Universums: Im expandierenden Universum würden einfach nach und nach die Lichter ausgehen, Galaxien wären in so weiter Ferne, dass jede Sterneninsel für sich allein durchs All driftet und das Universum würde immer größer, kälter und leerer werden. Bis irgendwann gar nichts mehr passiert – und auch nie wieder passieren wird.</p> <p>In dieser Folge des AstroGeo-Podcasts erzählt Franzi vom ultimativen Schicksal unseres Universums, was mit ihm am Ende der Zeit passiert – und was die mysteriöse Dunkle Energie damit zu tun hat, die derzeit dafür sorgt, dass sich das Universum beschleunigt ausdehnt.</p> <h2 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h2> <ul> <li>Folge 69: <a href="https://astrogeo.de/vakuumzerfall-weltuntergang-mit-lichtgeschwindigkeit/">Vakuumzerfall: Wenn das Universum sich auflöst</a></li> <li>Folge 94: <a href="https://astrogeo.de/das-universum-und-sein-urknall-der-anfang-des-anfangs/">Das Universum und sein Urknall – Der Anfang des Anfangs</a></li> </ul> <h2 id="h-weiterfuhrende-links">Weiterführende Links</h2> <ul> <li>BR2 IQ: <a href="https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:94ed2acf7142bc6d/">Fünf Endzeitszenarien, die ihr kennen solltet</a> (von Franzi)</li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Universum">Universum</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kosmologie">Kosmologie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lambda-CDM-Modell">Lambda-CDM-Modell</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Big_Freeze">Big Freeze</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Big_Rip">Big Rip</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Big_Crunch">Big Crunch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dunkle_Energie">Dunkle Energie</a></li> </ul> <h2 id="h-quellen">Quellen</h2> <ul> <li>Pressemitteilung: <a href="https://noirlab.edu/public/news/noirlab2512/">Tantalizing Hints That Dark Energy is Evolving — New Results and Data Released by the DESI Project</a> (19.03.2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: ESO</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-aus-und-vorbei-das-universum-und-sein-ende/#comments 12 Lego-Cosmorama in Jena https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lego-cosmorama-in-jena/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lego-cosmorama-in-jena/#comments Sat, 22 Nov 2025 18:19:16 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12280 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161253-768x1024.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lego-cosmorama-in-jena/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161253.jpg" /><h1>Lego-Cosmorama in Jena » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Wie lockt man eine kleine Astronomin in ein Einkaufszentrum? … das ist beim besten Willen nicht leicht, da sich diese Sorte Mensch entweder arbeitend am Computer oder beim Spaziergang im Wald befindet. Shoppen ist für sie keine Freizeitbeschäftigung, sondern eher eine der Sachen, die eben gemacht werden müssen. ABER …</p> <h2 id="h-die-goethe-galerie-in-jena">Die Goethe-Galerie in Jena …</h2> <p>… ist ein Einkaufszentrum, das sich im Gebäude des ehemaligen <a href="https://www.zeiss.de/corporate/home.html">Zeiss</a>-Werks befindet und dort hat man den letzten klassisch-optomechanischen großen Zeiss-Planetariumsprojektor hingestellt, der vor der Glasfasertechnik gebaut wurde: Glühlampe statt LED, durchlöcherte Metallplättchen in den Bullaugen, flatschige Sternscheibchen im Dom, in Kombi mit klappernden Diaprojektoren in der Kuppel genutzt und von Computern gesteuert, die noch einen ganzen Raum füllten (statt wie heute ein Rack). Diesen Projektor für Großplanetarien gibt es nur ganze dreimal auf der Welt: in Auftrag gegeben für Planetarium Toronto, Kanada, wurde er in Jena in den 1980er Jahren entwickelt und gebaut. Der Prototyp kam natürlich – wie immer zu DDR-Zeiten – ins öffentliche <a href="https://planetarium-jena.de/">Planetarium Jena</a>. Ein weiteres Modell wurde anlässlich der 750 Jahr-Feier Berlins der Hauptstadt der DDR geschenkt, als diese 1987 ihr neues <a href="https://www.planetarium.berlin/zeiss-grossplanetarium">Zeiss-Großplanetarium</a> an einer von Honeckers Paradestraßen eröffnete. Alle drei Modelle sind heute außer Dienst in dem Sinn, dass sie nicht mehr in Planetarien zur Sternhimmelerklärung bereit stehen.</p> <p>In Jena allerdings – der Stadt, in der das moderne Projektionsplanetarium erfunden wurde – steht dieser Höhepunkt der Technikgeschichte in dem Einkaufszentrum, das früher Zeiss-Werk gewesen war, kann sich noch bewegen und tanzt einmal pro Stunde, während die deutsche Synchronstimme von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Figuren_im_Star-Trek-Universum#Commander_Spock">Mr Spock (TOS),</a> Herbert Weicker, aus StarTrek das “<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/2023/10/">Wunder von Jena</a>” erklärt. &lt;3</p> <h2>The Dream Machine</h2> <p>Dieser “letzte seiner Art” große Zeiss-Planetariumsprojektor in der GoeGa heißt “<strong>Cosmorama</strong>“. </p> <h2 id="h-limited-edition-von-lego">Limited Edition von Lego</h2> <p>In der GoeGa gibt es seit sechs Jahren auch einen Lego-Laden: Steinarium. Zur Feier dieses kleinen Jubiläums hat dieser Laden jetzt ein Lego-Cosmorama: das ist <strong><em>mit Abstand das beste Jena-Souvenir</em></strong>, das es jemals gegeben hat! <aside></aside></p> <p>Wie das Original ist auch dies eine “<strong>limited edition</strong>“; es gibt allerdings mehr als drei: 500 Stück. </p> <p>Vermouthstropfen dabei: </p> <p>Leider gibt es diesen <strong>Lego-Satz <em>nicht</em> zu kaufen</strong>. Man erhält ihn <em>als Geschenk</em>, wenn man für mind. 30 Euro Lego kauft. Also: in meiner Familie muss jemand offenbar dieses Jahr dringend Lego zu Weihnachten bekommen. </p> <p>Hoffnung</p> <p>Es könnte natürlich sein, dass es später einmal einen Lego-Satz “Planetariumsprojektor” geben wird, aber sicher ist das nicht. In der Welthauptstadt des <a href="https://www.zeiss.de/planetariums/home.html">Zeiss-Planetarium</a>s war dies genau das Gadget, das der Stadt bisher fehlte. Ich hoffe für Jena, dass sich mal irgendwer erbarmt und sowas für den Souvenirshop herstellt – denn bisher gibt’s dort nur langweilige Schlüsselanhänger und eine Keksdose in Form der “Keksrolle” JenTower. Ein bisschen mehr Astro-, Optik- und Planetariums-Marketing würde Zeiss-City vermutlich gut tun (behaupte ich mal als nicht-Jenenser Jenaerin &amp; Weltenbummlerin). </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249.jpg 1280w" width="1024"></img></a></figure> <p><strong>Disclaimer: </strong>Die Firma Zeiss hat mich noch nie bezahlt. Dort arbeiten keine Astronomen (vor allem nicht Frauen im Vorstand, obwohl ich ein Zeiss-Vorstandsgehalt und Jobsicherheit sicher verdienen würde ;)). Astronomie setzt nur die Maßstäbe, an denen sich dieses Weltklasseunternehmen orientiert. Darum weiß ich zwar die hochwertigen Produkte der Firma zu schätzen (obwohl meine Brillengläser aus der geheimen zweiten Optikhauptstadt <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/teleskop-unterm-mikroskop/">Rathenow</a> sind und nicht von Zeiss) und bin selbst beruflich das Produkt des Cosmoramas (weil es mich als Achtjährige inspirierte, einen naturwissenschaftlichen Beruf erlernen zu wollen), aber wenn ich hier schreibe, dass ein Zeiss-Produkt gut ist, bekomme ich dafür keine Tantiemen. </p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161253.jpg" /><h1>Lego-Cosmorama in Jena » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Wie lockt man eine kleine Astronomin in ein Einkaufszentrum? … das ist beim besten Willen nicht leicht, da sich diese Sorte Mensch entweder arbeitend am Computer oder beim Spaziergang im Wald befindet. Shoppen ist für sie keine Freizeitbeschäftigung, sondern eher eine der Sachen, die eben gemacht werden müssen. ABER …</p> <h2 id="h-die-goethe-galerie-in-jena">Die Goethe-Galerie in Jena …</h2> <p>… ist ein Einkaufszentrum, das sich im Gebäude des ehemaligen <a href="https://www.zeiss.de/corporate/home.html">Zeiss</a>-Werks befindet und dort hat man den letzten klassisch-optomechanischen großen Zeiss-Planetariumsprojektor hingestellt, der vor der Glasfasertechnik gebaut wurde: Glühlampe statt LED, durchlöcherte Metallplättchen in den Bullaugen, flatschige Sternscheibchen im Dom, in Kombi mit klappernden Diaprojektoren in der Kuppel genutzt und von Computern gesteuert, die noch einen ganzen Raum füllten (statt wie heute ein Rack). Diesen Projektor für Großplanetarien gibt es nur ganze dreimal auf der Welt: in Auftrag gegeben für Planetarium Toronto, Kanada, wurde er in Jena in den 1980er Jahren entwickelt und gebaut. Der Prototyp kam natürlich – wie immer zu DDR-Zeiten – ins öffentliche <a href="https://planetarium-jena.de/">Planetarium Jena</a>. Ein weiteres Modell wurde anlässlich der 750 Jahr-Feier Berlins der Hauptstadt der DDR geschenkt, als diese 1987 ihr neues <a href="https://www.planetarium.berlin/zeiss-grossplanetarium">Zeiss-Großplanetarium</a> an einer von Honeckers Paradestraßen eröffnete. Alle drei Modelle sind heute außer Dienst in dem Sinn, dass sie nicht mehr in Planetarien zur Sternhimmelerklärung bereit stehen.</p> <p>In Jena allerdings – der Stadt, in der das moderne Projektionsplanetarium erfunden wurde – steht dieser Höhepunkt der Technikgeschichte in dem Einkaufszentrum, das früher Zeiss-Werk gewesen war, kann sich noch bewegen und tanzt einmal pro Stunde, während die deutsche Synchronstimme von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Figuren_im_Star-Trek-Universum#Commander_Spock">Mr Spock (TOS),</a> Herbert Weicker, aus StarTrek das “<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/2023/10/">Wunder von Jena</a>” erklärt. &lt;3</p> <h2>The Dream Machine</h2> <p>Dieser “letzte seiner Art” große Zeiss-Planetariumsprojektor in der GoeGa heißt “<strong>Cosmorama</strong>“. </p> <h2 id="h-limited-edition-von-lego">Limited Edition von Lego</h2> <p>In der GoeGa gibt es seit sechs Jahren auch einen Lego-Laden: Steinarium. Zur Feier dieses kleinen Jubiläums hat dieser Laden jetzt ein Lego-Cosmorama: das ist <strong><em>mit Abstand das beste Jena-Souvenir</em></strong>, das es jemals gegeben hat! <aside></aside></p> <p>Wie das Original ist auch dies eine “<strong>limited edition</strong>“; es gibt allerdings mehr als drei: 500 Stück. </p> <p>Vermouthstropfen dabei: </p> <p>Leider gibt es diesen <strong>Lego-Satz <em>nicht</em> zu kaufen</strong>. Man erhält ihn <em>als Geschenk</em>, wenn man für mind. 30 Euro Lego kauft. Also: in meiner Familie muss jemand offenbar dieses Jahr dringend Lego zu Weihnachten bekommen. </p> <p>Hoffnung</p> <p>Es könnte natürlich sein, dass es später einmal einen Lego-Satz “Planetariumsprojektor” geben wird, aber sicher ist das nicht. In der Welthauptstadt des <a href="https://www.zeiss.de/planetariums/home.html">Zeiss-Planetarium</a>s war dies genau das Gadget, das der Stadt bisher fehlte. Ich hoffe für Jena, dass sich mal irgendwer erbarmt und sowas für den Souvenirshop herstellt – denn bisher gibt’s dort nur langweilige Schlüsselanhänger und eine Keksdose in Form der “Keksrolle” JenTower. Ein bisschen mehr Astro-, Optik- und Planetariums-Marketing würde Zeiss-City vermutlich gut tun (behaupte ich mal als nicht-Jenenser Jenaerin &amp; Weltenbummlerin). </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000161249.jpg 1280w" width="1024"></img></a></figure> <p><strong>Disclaimer: </strong>Die Firma Zeiss hat mich noch nie bezahlt. Dort arbeiten keine Astronomen (vor allem nicht Frauen im Vorstand, obwohl ich ein Zeiss-Vorstandsgehalt und Jobsicherheit sicher verdienen würde ;)). Astronomie setzt nur die Maßstäbe, an denen sich dieses Weltklasseunternehmen orientiert. Darum weiß ich zwar die hochwertigen Produkte der Firma zu schätzen (obwohl meine Brillengläser aus der geheimen zweiten Optikhauptstadt <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/teleskop-unterm-mikroskop/">Rathenow</a> sind und nicht von Zeiss) und bin selbst beruflich das Produkt des Cosmoramas (weil es mich als Achtjährige inspirierte, einen naturwissenschaftlichen Beruf erlernen zu wollen), aber wenn ich hier schreibe, dass ein Zeiss-Produkt gut ist, bekomme ich dafür keine Tantiemen. </p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lego-cosmorama-in-jena/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>5</slash:comments> </item> <item> <title>3. Berliner Bauherrentag – Bauen neu denken! https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/3-berliner-bauherrentag-bauen-neu-denken/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/3-berliner-bauherrentag-bauen-neu-denken/#comments Fri, 21 Nov 2025 22:38:41 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3720 <h1>3. Berliner Bauherrentag – Bauen neu denken! » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Am 5. November fand in diesem Jahr der 3. Berliner Bauherrentag statt, diesmal in der Beuth Halle an der Berliner Hochschule für Technik. Auch in diesem Jahr standen sowohl die Schadstoffe beim Bauen im Bestand als auch möglichst kostenreduziertes Bauen und die Kreislaufwirtschaft im Fokus. Die Beuth Halle direkt an der Berliner Hochschule konnte als alte Werkshalle durchaus mit dem alten Hubertusbad mithalten und bot zudem eine deutlich bessere Akustik.</p> <p>Nach der Begrüßung durch den Vizepräsidenten der Berliner Hochschule für Technik, Prof. Joachim Villwock und den Vorsitzenden der Fördergemeinschaft Bauwesen, Bernd Ahlsdorf sollte Holger Gültzow von der Fachgemeinschaft Bau den ersten Block über die Anforderungen der Schadstoffsanierung im Bestandsbau eröffnen. Getreu dem Motto: Bauen neu denken!</p> <h2 id="h-bauen-im-bestand-und-schadstoffe">Bauen im Bestand und Schadstoffe</h2> <p>Bernd Ahlsdorf brachte uns in seinem Beitrag die Herausforderung dar, welche die Gebäudeschadstoffe und die Kreislaufwirtschaft gerade für die Bauunternehmen darstellen. Dabei stellen unsere Gebäude durchaus bedeutende Rohstofflager für die Zukunft dar, die man keinesfalls unterschätzen sollte. Diese Rohstoffe werden einerseits zu ihrem Bau verbraucht und werden daher immer knapper, beispielsweise Sand und Kies. Dagegen stehen rund 80 Mio. Tonnen Bauschutt, die jedes Jahr anfallen. Diese könnten durchaus zumindest einen Teil der Rohstoffe ersetzen oder zumindest ergänzen. Doch auch wenn die Recyclingquote durchaus hoch ist, handelt es sich dabei meist nicht um hochwertige Recyclingbaustoffe, sondern in der Regel um minderwertige Produkte, sogenanntes Downcycling.</p> <h3 id="h-gebaudeschadstoffe-sind-uberall">Gebäudeschadstoffe sind überall</h3> <p>Wichtig ist dabei auch immer, die Ausschleusung von alten Gebäudeschadstoffen wie etwa Asbest im Auge zu behalten. Das ist leider nicht immer allen Beteiligten klar, denn in der aktuellen Gefahrstoffverordnung wurde die Bauherrenverantwortung abgeschwächt, ich hatte das Thema hier im Blog ja auch schon verschiedentlich aufgegriffen. Aktuell muss so der Auftraggeber dem ausführenden Unternehmen nur noch entsprechende Informationen zur Verfügung stellen. Der Unternehmer ist dann in der Pflicht, die ihm zur Verfügung gestellten Informationen dahingehend zu prüfen, ob bei den Tätigkeiten Gefahrstoffe freigesetzt und eine Gesundheitsgefahr für die Beschäftigten bestehen könnte.</p> <p>Das wirft dann eine Menge weiterer Fragen auf. Aber ganz allgemein, wie können Handwerksbetriebe den neuen Anforderungen der Gefahrstoffverordnung gerecht werden? Wie sieht es mit Altbausanierungen aus? Können diese in Zukunft nur noch durch Spezialbetriebe ausgeführt werden? Wie funktioniert eine fachgerechte Entsorgung asbesthaltiger Materialien?<aside></aside></p> <p>Und schließlich haben wir über die Zeit eine recht ansehnliche Palette an Gefahrstoffen in unseren Gebäuden verbaut. Das fängt bei meinem Lieblingsschadstoff, der ehemaligen Wunderfaser Asbest an und geht über PAK (früher auch als „Teer“ bekannt) und PCB bis hin zu diversen Pestiziden oder PCP.</p> <p>Dabei kommen auch die jeweils schadstoffspezifischen Verwendungszeiträume zum Tragen. Und um die Sache noch etwas komplizierter zu machen, kann dabei sogar die Wiedervereinigung eine Rolle spielen, denn manche Stoffe wurden z.B. in der alten Bundesrepublik deutlich früher verboten als in der ehemaligen DDR, so etwa DDT oder auch die PCP und Lindan.</p> <h3 id="h-pak-pcp-lindan-und-asbest">PAK, PCP, Lindan und Asbest</h3> <p>Die Polycyclischen aromatischen Kohlenwasserstoffe, kurz PAK, waren früher auch als „Teer“ bekannt. Verwendet wurden sie gerne in schwarzen Klebern oder Anstrichen, aber auch in Dachpappen und Dichtungsbahnen, Asphaltestrichen oder Holzschutzmitteln.</p> <p>Pentachlorphenol, kurz PCP findet man in dauerelastischen Dichtungsmassen in Gebäudetrennfugen, aber auch in Brandschutzanstrichen, Kondensatoren, Buntsteinputz oder Vergussmasse. Lindan und andere Pestizide sind in Holzschutzmitteln zu finden, aber auch in Farben, Lacken und Bodenbelägen. Sie wurden gerne gegen Insektenbefall und als Pflanzenschutzmittel eingesetzt.</p> <p>Und wo überall Asbest zu finden sein kann, habe ich hier im Blog schon zu diversen Gelegenheiten dargelegt. Um es kurz zu machen, es gibt über 3000 bauchemische Produkte, in denen die ehemalige Wunderfaser eingesetzt wurde. Darunter Putze, Spachtelmassen, Fliesenkleber, Brandschutzplatten, Pappen, Vliese, Dichtschnüre, im Brandschutz oder in Bodenbelägen und deren Klebern. Und nicht zuletzt die bekannteste Verwendung als Asbestzement. In der Dämmung findet man auch gerne sogenannte „alte“ Mineralwolle, die vor dem Mai 2000 in Verkehr gebracht wurde und entsprechend nicht über ein RAL Gütezeichen verfügt.</p> <h3 id="h-asbest-eine-lauernde-gefahr">Asbest – eine lauernde Gefahr</h3> <p>Wenn man sich die Altersverteilung unserer Bestandsgebäude in der Bundesrepublik so ansieht, so fällt einem eines auf. Ein sehr großer Teil ist vor dem Verwendungsverbot von Asbest im Jahr 1993 errichtet worden. Das bedeutet, dass vermutlich in den meisten Gebäuden, also allen, deren Baubeginn vor 1993 lag, Asbest zu finden sein dürfte. In vielen Fällen vermutlich sogar noch in einem Zeitraum bis 1995, wenn man noch diverse „ich hab da noch etwas auf Lager“ Fälle mit einberechnet.</p> <p>Diese lauernde Gefahr durch Asbest ist nicht zu unterschätzen. Denn es ist auch auffällig, dass wir immer noch pro Jahr rund über 3000 Fälle von asbestbedingten Berufskrankheiten haben. Immerhin ist das Verbot auch schon über 30 Jahre her. Wenn man die Schwere der von Asbest ausgelösten Krankheiten betrachtet, sind das auf jeden Fall immer noch zu viel, zumal die Dunkelziffer vermutlich höher liegt.</p> <h4 id="h-unbeabsichtigte-asbestbelastung-schon-bei-einfachen-tatigkeiten">unbeabsichtigte Asbestbelastung schon bei einfachen Tätigkeiten</h4> <p>Das kann unter anderem sicher auch daran liegen, dass man schnell unabsichtlich mit Asbest im Berührung kommen kann, selbst wenn man nur relativ überschaubare Tätigkeiten, etwa als Heimwerker durchführt.</p> <p>Hat man etwa eine Tapete über asbesthaltigem Spachtel und möchte diese gerne abreißen, können dabei bis zu 5000 Fasern /m³ in die Luft gelangen, selbst wenn der asbesthaltige Spachtel nur 10 bis 20 % der Fläche einnimmt.</p> <p>Bohrt man hingegen ein Loch in einen Fliesenspiegel, der mit asbesthaltigem Fliesenkleber befestigt wurde, können es schon rund 36 000 Fasern / m³ sein. Holt man diese Fliesen später großflächig von der Wand, reden wir über 77 000 Fasern /m³.</p> <p>Und bevor jetzt jemand meint, die asbesthaltigen Spachtel oder Fliesenkleber einfach abschleifen zu wollen. Dabei werden rund 1,5 Mio. Fasern / m³ freigesetzt.</p> <p>Der Umgang mit Gefahrstoffen ist durch verschiedene Gesetze und Verordnungen geregelt. Ziemlich zentral ist hier die gerade (2024) frisch erneuerte Gefahrstoffverordnung, die hier auf dem Blog ja schon öfter Thema war. Sie regelt die Mitwirkungs- und Informationspflichten für den Veranlasser von Baumaßmaßnahmen, aber sie bürdet den ausführenden Firmen auch einiges an Verantwortung auf, wie etwa die Gefährdungsbeurteilung.</p> <h3 id="h-und-was-ist-mit-handwerksbetrieben">Und was ist mit Handwerksbetrieben?</h3> <p>Weiterhin regelt sich auch die Ausnahmen für Abbruch, Sanierung und Instandhaltung. Hier ist für Handwerksbetriebe besonders wichtig, dass handwerksnahe Tätigkeiten beim Bauen im Bestand erlaubt sind.</p> <p>Gleichzeitig sind Tätigkeiten im Bereich des hohen Risikos, also bei Freisetzung von mehr als 100 000 Fasern / m³ nur zertifizierten Sanierungsfachbetrieben mit entsprechender Ausrüstung und Zulassung erlaubt. Und wie wir oben gesehen haben, könne diese Faserzahlen durchaus schon bei vergleichsweise einfachen Tätigkeiten erreicht werden.</p> <p>Gerade für den Bereich des mittleren Risikos, also für Faserzahlen zwischen 10 000 und 100 000 Fasern / m³ kann es aber für Handwerksbetriebe einige Lösungen geben. So eigne sich etwa staubarme oder brucharme Verfahren, wenn sie als geprüfte emissionsarme Verfahren gelten. Bei Arbeiten in Innenräumen können entsprechend die Arbeitsbereiche abgeschottet werden, der Zugang wird dann über Schleusen (mindestens Ein-Kammer-Schleusen) geregelt. Luftwechsel, mindestens 8-fach pro Stunde und eine entsprechende persönliche Schutzausrüstung.</p> <p>Als Fazit lässt sich sagen, dass eine Schadstofferkundung, Sanierungsplanung und ein entsprechendes Entsorgungs- bzw. Verwertungskonzept vor einer Störung des Bauablaufs schützt, die Bau- und Entsorgungskosten reduziert und entsprechend Probleme mit dem Arbeits- und Nutzerschutz verhindert. Außerdem verbessert sie die Recyclingfähigkeit der Bauabfälle.</p> <h2 id="h-arbeitsschutz-nach-der-novellierten-gefahrstoffverordnung">Arbeitsschutz nach der novellierten Gefahrstoffverordnung</h2> <p>Im Folgenden ging es um die im letzten Jahr frisch novellierte Gefahrstoffverordnung und ihre Bedeutung für den Arbeitsschutz. Berit Schuchmann von der BG Bau setzte uns hier ins Bild.</p> <p>Die Gefahrstoffverordnung sorgt immer noch für Informationsbedarf. Da ist zum einen das risikobezogene Maßnahmenkonzept mit seinen drei Stufen vom niedrigen über das mittlere hin zum hohen Risiko. Gleichzeitig wurden hier die Veranlasserpflichten eingeführt (und gleich auch wieder abgeschwächt) sowie neue Regelungen für Asbest eingeführt.</p> <p>Das risikobezogene Maßnahmenkonzept besteht aus den stoffübergreifenden Risikogrenzen. Das Akzeptanzrisiko liegt bei unter 4:10 000, was für Asbest zum Beispiel eine Faserkonzentration von weniger als 10 000 Fasern je m³ bedeutet. Alles darunter ist im Bereich des niedrigen Risikos, alles darüber der des mittleren Risikos. Oberhalb des Toleranzrisikos von 4 : 1000 beginnt der Bereich des hohen Risikos, was für Asbest eine Faserkonzentration von 100 000 Fasern je m³ bedeutet.</p> <p>Die Mitwirkungs- und Informationspflichten des Veranlassers waren hier im Blog auch schon öfters Thema. Sie wurden erst mit großem Getöse eingeführt. Der Veranlasser von Baumaßnahmen hat dem beauftragten Unternehmer Informationen bezüglich der Baugeschichte und vorhandenen oder auch vermuteten Schadstoffen zur Verfügung zu stellen.</p> <p>Leider wurden diese dann auch ebenso schnell wieder abgeschwächt, denn dies gilt, wenn diese Informationen in zumutbarem Aufwand zugänglich sind…</p> <p>er Unternehmer hat diese Informationen zu prüfen, ob sie plausibel sind und ob sie zur Gefährdungsabschätzung ausreichend sind. Gegebenenfalls hat er zu prüfen, ob im Rahmen der geplanten Tätigkeiten Schadstoffe freigesetzt werden können und ob die Tätigkeiten zulässig sind. Dabei hat er, wenn eigene Kenntnisse nicht ausreichen, auch externen Sachverstand mit hinzuzuziehen.</p> <h3 id="h-verwendungs-und-tatigkeitsbeschrankungen-bei-asbest">Verwendungs – und Tätigkeitsbeschränkungen bei Asbest</h3> <p>In § 11 werden die Verwendungsbeschränkungen und Tätigkeitsbeschränkungen für Asbest beschrieben. Eigentlich sollte das klar sein, aber manches muss doch immer wieder gesagt werden. So ist die Gewinnung, Aufbereitung, Wiederverwendung und Weiterverarbeitung von natürlich vorkommenden mineralischen Rohstoffen und daraus hergestellten Gemischen und Erzeugnissen mit einem Massengehalt von mehr als 0,1 % Asbest verboten.</p> <p>Ebenso verboten ist die weitere Verwendung von asbesthaltigen Materialien, denen Asbest absichtlich zugesetzt wurde und die bei Tätigkeiten anfallen. Ausgenommen sind die Abfallbehandlung und die Abfallentsorgung.</p> <p>Ebenfalls verboten sind Tätigkeiten mit asbesthaltigen Materialien in baulichen oder technischen Anlagen.</p> <p>Wie immer gibt es auch hier Ausnahmen. So ist das vollständige Entfernen von asbesthaltigen Bauteilen oder Materialien selbstverständlich weiterhin möglich, auch in Teilbereichen.</p> <p>Auch Sanierungsarbeiten, d.h. Maßnahmen zur Vermeidung von Gefährdungen der Nutzer, z.B. durch räumliche Trennung, wenn z.B. eine vollständige Entfernung des asbesthaltigen Materials aus technischen Gründen nicht möglich ist. Dies gilt auch für Sofortmaßnahmen zur Sicherung beschädigter asbesthaltiger Bauteile. Hier ist unverzüglich mit der Entfernung zu beginnen.</p> <h3 id="h-anforderungen-an-tatigkeiten-mit-asbest">Anforderungen an Tätigkeiten mit Asbest</h3> <p>Nach Möglichkeit sind immer Verfahren anzuwenden, die eine Faserfreisetzung verhindern oder zumindest minimieren. Darüber hinaus gelten die risikobasierten Schutzmaßnahmen und Qualifikationsanforderungen. Für Arbeiten mit Expositionen unter 1000 Fasern pro m³ gelten keine asbestspezifischen Anforderungen.</p> <p>Der Arbeitgeber hat hier die Aufgabe, im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung festzustellen, ob die Tätigkeiten überhaupt zulässig sind und ob sie zu einer Faserfreisetzung führen können. Weiterhin muss er festlegen, ob die Tätigkeiten in Bereichen mit geringer, mittlerer oder hoher Gefährdung durchgeführt werden und welche Schutzmaßnahmen dafür vorgesehen sind. Außerdem muss er einen Arbeitsplan erstellen.</p> <p><span>Die Zulassung für Tätigkeiten mit hohem Risiko gilt für 6 Jahre und kann w</span><span>iderrufen werden</span></p> <p>Die beteiligten Personen müssen, je nach Risikoabschätzung, unterschiedliche Qualifikationen mitbringen. Diese werden auch bei der BG Bau als Fortbildung angeboten, zum Beispiel als Grundkenntnisse Asbest mit 5 Lerneinheiten Theorie und 5 Lerneinheiten Praxis, Je Lerneinheit 45 min.</p> <p>Zusätzlich bietet die BG Bau auch Schutzpakete für das Bauen im Bestand an, welche unter anderem Handmaschinen mit Absaugung, Entstauber der Klasse H, Einwegschutzanzüge und Einkammerschleusen beinhaltet.</p> <h2 id="h-schadstoffsanierung-am-beispiel-flughafen-tegel">Schadstoffsanierung am Beispiel Flughafen Tegel</h2> <p>Der Flughafen Tegel , Terminal A, war ja auch schon auf dem letzten Bauherrentag ein Thema. Und da es sich hier um ein e herausforderndes Projekt mit einer Menge an Bauschadstoffen handelt, das es so in der Form und Größe in der Bundesrepublik vermutlich so nicht wieder geben wird, auch in diesem Jahr wieder Thema. Denis Zurek von der Kluge Sanierung GmbH brachte uns auf den neuesten Stand.</p> <p>Das zweigeschossige, sechseckige Ringebäude stammt aus dem Bauzeitraum 1969 bis 1972 und hat einen Umfang von750 m. Errichtet wurde es in Stahlbeton-Skelett Bauweise auf einem massiven Kellergeschoss.</p> <h4 id="h-abfallreduzierung-durch-auswahl-des-strahlverfahrens">Abfallreduzierung durch Auswahl des Strahlverfahrens</h4> <p>Innerhalb von 15 Monaten sollte hier eine Schadstofffreiheit hergestellt werden. Das bedeutete einen hohen Einsatz an Personal, aber vor allem auch an Gerät, die über den gesamten Projektzeitraum vor Ort vorgehalten werden mussten. Dabei galt es, ein möglichst optimale Lösung zwischen einer minimalen Umweltbelastung, sprich: Abfallvermeidung, aber auch hoher Wirtschaftlichkeit und Funktionalität zu finden.</p> <p>Ein gutes Beispiel hierfür ist der asbesthaltige Mörtel, der in dem Gebäude zur Füllung von Fehlstellen im Beton großflächig eingesetzt worden war. Dabei ging es um rund 70 000 Quadratmeter Fläche, was in etwa 10 Fußballfeldern entspricht. Wenn man von rund 2 mm Betonabtrag ausgeht, kommen bei der Dichte von Beton bei 2400 kg/m³ rund 4,8 kg je m³ und insgesamt 333 000 kg Material, die als gefährlicher Abfall auf die Deponie gebracht werden müssen.</p> <p>Bei Anwendung eines klassischen Strahlverfahrens würden zusätzlich ca. 15 bis 20 kg Strahlmittel pro m² verbraucht, was noch einmal 1 050 000 kg gefährlichen Abfall bedeutet hätte.<br></br>Bei Anwendung eines Mehrweg-Strahlmittels konnte diese Abfallmenge deutlich reduziert werden, da nur 0,2 kg Strahlmittel je m² verbraucht wurden, was insgesamt 14 t Abfall bedeutete. Es mussten am Schluss also nur 350 t gefährlicher Abfall deponiert werden, anstatt der ursprünglichen 1 386 t.</p> <p>Bei der Anschließenden Podiumsdiskussion ging es hauptsächlich um die Frage, ob die Handwerksbetriebe den heutigen Anforderungen hinsichtlich der Schadstoffe im Bestandsbau überhaupt noch gerecht werden können. Ich denke, die Frage lässt sich durchaus mit ja beantworten. Zumindest wenn die Fortbildungsangebote zum Beispiel der BG Bau sowie die dort auch angebotenen Schutzpakete entsprechend angenommen werden. Es stellt sich ja auch die Frage, wer, wenn nicht die Handwerksbetriebe.</p> <h2>Kreislaufwirtschaft – Potentiale, Pflichten und Perspektiven</h2> <p>Wenn man über Bauen, und hier vor allem über Bauen im Bestand spricht, kommt man um die Kreislaufwirtschaft nicht herum. Kai Kummert von der Berliner Hochschule für Technik sieht die Kreislaufwirtschaft entsprechend auch zusammen mit der Nachhaltigkeit als Schlüsselthema.</p> <p>Man muss sich auch nur mal die Zahlen vor Augen halten. Rund 90 % der inländischen mineralischen Rohstoffe werden von der Bauwirtschaft verbraucht. Rund 40 % der Treihausgasemissionen gehen auf das Konto der Herstellung, Einrichtung, Modernisierung, Nutzung und Betrieb von Gebäuden.</p> <p>Der deutsche Gebäudebestand besteht aus rund 15 Mrd. t Material, davon alleine stellen die mineralischen Materialien wie Beton; Ziegel und Co. Gut 90 %. Und das Ganze ist ja nicht statisch. Jährlich kommen 500 Mio. t Material im Neubau hinzu, gleichzeitig fallen durch Rückbau, Umbau und so weiter auch 230 Mio. t Bauabfälle an. Man kann sich also unschwer vorstellen, dass hier ein enormes Rohstoffpotential schlummert.</p> <p>Dabei erfordert die Kreislaufwirtschaft einen Paradigmenwechsel, der bereits früh in der Produktionskette ansetzen muss. Aber auch ein Umdenken im Sinne einer Strategie, die ältere Gebäude ertüchtigt, gegebenenfalls umnutzt oder auch anfallende Materialien direkt wiederverwendet. Am Schluss muss dann natürlich eine stoffliche oder energetische Wiederverwertung oder gegebenenfalls eine industrielle Aufarbeitung stehen.</p> <p>Eine Schlüsselposition wird hier die Europäische Zentralbank einnehmen, welche nicht-nachhaltige „grüne“ Bauprojekte mit Zinsvorteilen belohnt, so dass diese an billigeres Geld kommen als entsprechende nicht-nachhaltige Projekte. Damit wird laut Herrn Kummert die Nachhaltigkeit über den Zins zum neuen Preis des Geldes werden.</p> <h2 id="h-nachhaltig-planen-wirtschaftlich-bauen">Nachhaltig Planen – Wirtschaftlich Bauen</h2> <p>Das Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit beim Bauen kein Widerspruch sind, zeigte auch der Beitrag von Fritz Breitenthaler von der BauWerke GmbH. Denn die Preise für das Bauen steigen in Deutschland schneller als die allgemeine Preissteigerung, und dabei bleibt es relativ egal, ob man nun den Wohnungsbau, den Bau von Bürogebäuden oder den Straßenbau betrachtet.</p> <p>Wenn man aber die Definitionen von Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit gegenüberstellt, so fallen einem viele Parallelen auf.</p> <p>Bei Nachhaltigkeit steht der Nutzen bzw. der Ertrag gegenüber dem Aufwand im Vordergrund, es geht um eine möglichst langfristige Befriedigung eines Bedarfs und die Werthaltigkeit von Investitionen und um einen Wertschöpfungszuwachs durch eine Steigerung der Effizienz.</p> <p>Für Nachhaltigkeit findet sich eine möglichst langfristige Bewirtschaftung, ähnlich wie in der Forstwirtschaft, wo heute Bäume gepflanzt werden, die erst spätere Generationen als Nutzholz ernten können. Es geht um den Erhalt von Grundlagen und einen Wertschöpfungszuwachs durch eine Steigerung der Effizienz. Schon hier kann man gut erkennen, dass die beiden Begriffe durchaus parallel gehen und kein Widerspruch sein müssen. Je früher man die Nachhaltigkeitsziele in seine Planung einbezieht, desto besser. Man kann schon bei der Materialauswahl eine spätere Recyclingfähigkeit oder eine Drittverwendungsfähigkeit einplanen. Materialien sollten möglichst langlebig sein und / oder regional bezogen werden. Es zählt immer die Planung des gesamten Lebenszyklus.</p> <h2 id="h-moglichkeiten-im-holzbau-heute">Möglichkeiten im Holzbau heute</h2> <p>Ein Baustoff, der heute zumindest in meinen Augen immer noch etwas zu kurz kommt, ist Holz. Dass da aber einiges in Bewegung ist, weiß ich durchaus aus eigener Erfahrung. Ich lebe, zumindest teilweise, in einem architektonisch modernen Haus aus Holz. Johannes Lederbauer von der WIHAG sieht ebenfalls eine große Chance für das Bauen aus Holz im Zeitalter der Nachhaltigkeit. Wobei er sich allerdings nicht mit kleinen Wohnhäusern abgibt, sondern in ganz anderen Dimensionen denkt.</p> <p>Immerhin ist alleine die Bauwirtschaft für 38 % der CO2 Emissionen weltweit verantwortlich. Davon entfallen 26 % auf den Betrieb der Gebäude, also das Heizen und so weiter, während 12 % aus der Produktion der Baumaterialien stammen. Zum Vergleich, die Luftfahrt ist mit 3,5 % an den CO2 Emissionen beteiligt. Das alleine sollte deutlich machen, wie groß hier der Hebel sein kann, möglichst klimaschonende Baustoffe einzusetzen.</p> <h4 id="h-holza-als-klimaneutraler-baustoff">Holza als klimaneutraler Baustoff</h4> <p>Da kommt Holz als vergleichsweise CO2 neutraler Baustoff ganz gelegen, denn gerade junge Bäume speichern relativ viel Kohlendioxid. Diese Speicherung lässt sich gut für langlebige Holzprodukte nutzen. Dadurch verlängert sich die Speicherung des ursprünglich von den Bäumen aufgenommenen Kohlendioxids zumindest über den Zeitraum der Nutzungsdauer, bei anschließendem Recycling des Materials sogar noch darüber hinaus. Das gilt natürlich ganz besonders für Holz aus nachhaltigem Anbau, daher ist die WIHAG auch Partner der Schweizer Timber Finance Initiative (THI), welche die weltweit erste Methode entwickelt hat, um langlebige Produkte aus Biomasse als hochwertige CO2 Speicher zu zertifizieren und am freiwilligen CO2 Markt zu verkaufen. Das kann für die Bauwirtschaft einen durchaus attraktiven Erlös darstellen.</p> <p>Es wurden auch einige interessante Gebäude aus Holz vorgestellt, so etwa das Timber Pioneer in Frankfurt, ein Bürogebäude in Holz-Hybridbauwiese mit 8 Stockwerken und 30 m Höhe mit rund 15 000 m² Nutzfläche. Auch die Geschäfststelle des FB Leipzig Bundesligaclubs ist aus Holz erbaut, immerhin 4 Geschosse und 14 500 m² Fläche.</p> <p>In Marktredwitz steht das größte aus Holz erbaute Zentrallager für EDEKA, Insgesamt 100 000 m² Hallenfläche. Oder der Atlassian Tower in Sydney, das weltweit höchste Gebäude aus Holz mit 180 m Höhe, 39 Stockwerken und 75 000 m² Bruttogeschößfläche.<br></br>Alleine diese Beispiele zeigen, welche vielfältigen Möglichkeiten Holz, gerade auch in Kombination mit anderen Baustoffen wie Stahl oder Beton bietet.</p> <h2 id="h-wege-zu-bezahlbarem-wohnraum">Wege zu bezahlbarem Wohnraum</h2> <p>Die steigenden Kosten für das Bauen, besonders für das Bauen von Wohnungen hatte ich weiter oben bereits angesprochen. Ulrich Brüggerhoff von der Postbaugenossenschaft München und Oberbayern eG hat hierzu den Vorschlag, nach Mindeststandard zu bauen.</p> <p>In diesem Fall sollte ein neues Wohnquartier bebaut werden wobei zumindest ein Teil eben auch in genossenschaftlicher Hand sein sollte. Das bedeutet rund 56 Wohnungen in Holz-Hybridbauweise. Durch Einhaltung der Mindeststandards erhofft man sich Einsparungen. Das bedeutet auch, eben kein erhöhter Standard zum Beispiel im Schallschutz, obwohl dieser meist als Stand der Technik angesehen wird. Überdachte Laubengänge ermöglichen auch eine Abweichung von der Abdichtungsrichtlinie an Eingangstüren. Es sollten weniger raumhohe Fensterelemente verbaut werden und die Außenanlagen nur reduziert beleuchtet werden (was in meinen Augen auch aus Gründen der Verminderung der Lichtverschmutzung durchaus interessant sein kann).</p> <p>Verzichtet werden soll auch auf eine kontrollierte Be- und Entlüftung der Wohnungen sowie konsequente Einsparungen bei der Auswahl zum Beispiel der Balkonbrüstungen, Pflaster und ähnlichem.</p> <h2 id="h-zirkulares-bauen-reuse-und-nachhaltigkeit">Zirkuläres Bauen – Reuse und Nachhaltigkeit</h2> <p>Kim LeRoux von LXSY Architektur informierte uns über die Grundlagen des zirkulären Bauens. Generell geht es darum, mit dem zu Bauen, was an Material vorhanden ist, wobei man eine Wiederverwendung in der Zukunft auch immer mit im Blick behalten sollte. Das bedingt natürlich eine hohe Flexibilität in der Planung sowie gegebenenfalls auch einen neuen Umgang mit Standards. Was wird wirklich benötigt und kann gegebenenfalls der Nutzen auch anders erbracht werden? Wenn möglich, kann es reduziert werden, in Größe oder Menge?</p> <p>Oder kann man vielleicht auch etwas bereits Gebrauchtes verwendet werden? Muss dieses und kann es repariert oder eventuell auf den aktuellen Stand der Technik gebracht werden?</p> <p>Können noch tadellos intakte Komponenten eventuell wieder in andere, neue Produkte integriert werden? Vielleicht kann man es auch in ein anderes Produkt einbauen und ihm so einen vollkommen neuen Nutzen geben.</p> <p>Und wenn alle Stränge reißen: Kann es getrennt oder gar recycelt werden?</p> <p>Ein Ansatz hierzu sind Materialpässe, aus welchen unter anderem die Art, Größe und Menge des Materials, seine Zusammensetzung und sein Herstellungs- und Einbauzeitraum hervorgehen.</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Mir hat das wieder sehr viel Spaß gemacht. Es war schön zu sehen, dass die Schadstoffproblematik und dier Gedanke des zirkulären Bauens nicht unbedingt im Widerspruch zueinander stehen müssen. Ich hoffe, auch bei nächsten Mal wieder dabeis ein zu dürfen. Die Bilder der Vaeranstaltung sind unter <a href="https://flic.kr/s/aHBqjCzPEk">https://flic.kr/s/aHBqjCzPEk</a> zu finden.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>3. Berliner Bauherrentag – Bauen neu denken! » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Am 5. November fand in diesem Jahr der 3. Berliner Bauherrentag statt, diesmal in der Beuth Halle an der Berliner Hochschule für Technik. Auch in diesem Jahr standen sowohl die Schadstoffe beim Bauen im Bestand als auch möglichst kostenreduziertes Bauen und die Kreislaufwirtschaft im Fokus. Die Beuth Halle direkt an der Berliner Hochschule konnte als alte Werkshalle durchaus mit dem alten Hubertusbad mithalten und bot zudem eine deutlich bessere Akustik.</p> <p>Nach der Begrüßung durch den Vizepräsidenten der Berliner Hochschule für Technik, Prof. Joachim Villwock und den Vorsitzenden der Fördergemeinschaft Bauwesen, Bernd Ahlsdorf sollte Holger Gültzow von der Fachgemeinschaft Bau den ersten Block über die Anforderungen der Schadstoffsanierung im Bestandsbau eröffnen. Getreu dem Motto: Bauen neu denken!</p> <h2 id="h-bauen-im-bestand-und-schadstoffe">Bauen im Bestand und Schadstoffe</h2> <p>Bernd Ahlsdorf brachte uns in seinem Beitrag die Herausforderung dar, welche die Gebäudeschadstoffe und die Kreislaufwirtschaft gerade für die Bauunternehmen darstellen. Dabei stellen unsere Gebäude durchaus bedeutende Rohstofflager für die Zukunft dar, die man keinesfalls unterschätzen sollte. Diese Rohstoffe werden einerseits zu ihrem Bau verbraucht und werden daher immer knapper, beispielsweise Sand und Kies. Dagegen stehen rund 80 Mio. Tonnen Bauschutt, die jedes Jahr anfallen. Diese könnten durchaus zumindest einen Teil der Rohstoffe ersetzen oder zumindest ergänzen. Doch auch wenn die Recyclingquote durchaus hoch ist, handelt es sich dabei meist nicht um hochwertige Recyclingbaustoffe, sondern in der Regel um minderwertige Produkte, sogenanntes Downcycling.</p> <h3 id="h-gebaudeschadstoffe-sind-uberall">Gebäudeschadstoffe sind überall</h3> <p>Wichtig ist dabei auch immer, die Ausschleusung von alten Gebäudeschadstoffen wie etwa Asbest im Auge zu behalten. Das ist leider nicht immer allen Beteiligten klar, denn in der aktuellen Gefahrstoffverordnung wurde die Bauherrenverantwortung abgeschwächt, ich hatte das Thema hier im Blog ja auch schon verschiedentlich aufgegriffen. Aktuell muss so der Auftraggeber dem ausführenden Unternehmen nur noch entsprechende Informationen zur Verfügung stellen. Der Unternehmer ist dann in der Pflicht, die ihm zur Verfügung gestellten Informationen dahingehend zu prüfen, ob bei den Tätigkeiten Gefahrstoffe freigesetzt und eine Gesundheitsgefahr für die Beschäftigten bestehen könnte.</p> <p>Das wirft dann eine Menge weiterer Fragen auf. Aber ganz allgemein, wie können Handwerksbetriebe den neuen Anforderungen der Gefahrstoffverordnung gerecht werden? Wie sieht es mit Altbausanierungen aus? Können diese in Zukunft nur noch durch Spezialbetriebe ausgeführt werden? Wie funktioniert eine fachgerechte Entsorgung asbesthaltiger Materialien?<aside></aside></p> <p>Und schließlich haben wir über die Zeit eine recht ansehnliche Palette an Gefahrstoffen in unseren Gebäuden verbaut. Das fängt bei meinem Lieblingsschadstoff, der ehemaligen Wunderfaser Asbest an und geht über PAK (früher auch als „Teer“ bekannt) und PCB bis hin zu diversen Pestiziden oder PCP.</p> <p>Dabei kommen auch die jeweils schadstoffspezifischen Verwendungszeiträume zum Tragen. Und um die Sache noch etwas komplizierter zu machen, kann dabei sogar die Wiedervereinigung eine Rolle spielen, denn manche Stoffe wurden z.B. in der alten Bundesrepublik deutlich früher verboten als in der ehemaligen DDR, so etwa DDT oder auch die PCP und Lindan.</p> <h3 id="h-pak-pcp-lindan-und-asbest">PAK, PCP, Lindan und Asbest</h3> <p>Die Polycyclischen aromatischen Kohlenwasserstoffe, kurz PAK, waren früher auch als „Teer“ bekannt. Verwendet wurden sie gerne in schwarzen Klebern oder Anstrichen, aber auch in Dachpappen und Dichtungsbahnen, Asphaltestrichen oder Holzschutzmitteln.</p> <p>Pentachlorphenol, kurz PCP findet man in dauerelastischen Dichtungsmassen in Gebäudetrennfugen, aber auch in Brandschutzanstrichen, Kondensatoren, Buntsteinputz oder Vergussmasse. Lindan und andere Pestizide sind in Holzschutzmitteln zu finden, aber auch in Farben, Lacken und Bodenbelägen. Sie wurden gerne gegen Insektenbefall und als Pflanzenschutzmittel eingesetzt.</p> <p>Und wo überall Asbest zu finden sein kann, habe ich hier im Blog schon zu diversen Gelegenheiten dargelegt. Um es kurz zu machen, es gibt über 3000 bauchemische Produkte, in denen die ehemalige Wunderfaser eingesetzt wurde. Darunter Putze, Spachtelmassen, Fliesenkleber, Brandschutzplatten, Pappen, Vliese, Dichtschnüre, im Brandschutz oder in Bodenbelägen und deren Klebern. Und nicht zuletzt die bekannteste Verwendung als Asbestzement. In der Dämmung findet man auch gerne sogenannte „alte“ Mineralwolle, die vor dem Mai 2000 in Verkehr gebracht wurde und entsprechend nicht über ein RAL Gütezeichen verfügt.</p> <h3 id="h-asbest-eine-lauernde-gefahr">Asbest – eine lauernde Gefahr</h3> <p>Wenn man sich die Altersverteilung unserer Bestandsgebäude in der Bundesrepublik so ansieht, so fällt einem eines auf. Ein sehr großer Teil ist vor dem Verwendungsverbot von Asbest im Jahr 1993 errichtet worden. Das bedeutet, dass vermutlich in den meisten Gebäuden, also allen, deren Baubeginn vor 1993 lag, Asbest zu finden sein dürfte. In vielen Fällen vermutlich sogar noch in einem Zeitraum bis 1995, wenn man noch diverse „ich hab da noch etwas auf Lager“ Fälle mit einberechnet.</p> <p>Diese lauernde Gefahr durch Asbest ist nicht zu unterschätzen. Denn es ist auch auffällig, dass wir immer noch pro Jahr rund über 3000 Fälle von asbestbedingten Berufskrankheiten haben. Immerhin ist das Verbot auch schon über 30 Jahre her. Wenn man die Schwere der von Asbest ausgelösten Krankheiten betrachtet, sind das auf jeden Fall immer noch zu viel, zumal die Dunkelziffer vermutlich höher liegt.</p> <h4 id="h-unbeabsichtigte-asbestbelastung-schon-bei-einfachen-tatigkeiten">unbeabsichtigte Asbestbelastung schon bei einfachen Tätigkeiten</h4> <p>Das kann unter anderem sicher auch daran liegen, dass man schnell unabsichtlich mit Asbest im Berührung kommen kann, selbst wenn man nur relativ überschaubare Tätigkeiten, etwa als Heimwerker durchführt.</p> <p>Hat man etwa eine Tapete über asbesthaltigem Spachtel und möchte diese gerne abreißen, können dabei bis zu 5000 Fasern /m³ in die Luft gelangen, selbst wenn der asbesthaltige Spachtel nur 10 bis 20 % der Fläche einnimmt.</p> <p>Bohrt man hingegen ein Loch in einen Fliesenspiegel, der mit asbesthaltigem Fliesenkleber befestigt wurde, können es schon rund 36 000 Fasern / m³ sein. Holt man diese Fliesen später großflächig von der Wand, reden wir über 77 000 Fasern /m³.</p> <p>Und bevor jetzt jemand meint, die asbesthaltigen Spachtel oder Fliesenkleber einfach abschleifen zu wollen. Dabei werden rund 1,5 Mio. Fasern / m³ freigesetzt.</p> <p>Der Umgang mit Gefahrstoffen ist durch verschiedene Gesetze und Verordnungen geregelt. Ziemlich zentral ist hier die gerade (2024) frisch erneuerte Gefahrstoffverordnung, die hier auf dem Blog ja schon öfter Thema war. Sie regelt die Mitwirkungs- und Informationspflichten für den Veranlasser von Baumaßmaßnahmen, aber sie bürdet den ausführenden Firmen auch einiges an Verantwortung auf, wie etwa die Gefährdungsbeurteilung.</p> <h3 id="h-und-was-ist-mit-handwerksbetrieben">Und was ist mit Handwerksbetrieben?</h3> <p>Weiterhin regelt sich auch die Ausnahmen für Abbruch, Sanierung und Instandhaltung. Hier ist für Handwerksbetriebe besonders wichtig, dass handwerksnahe Tätigkeiten beim Bauen im Bestand erlaubt sind.</p> <p>Gleichzeitig sind Tätigkeiten im Bereich des hohen Risikos, also bei Freisetzung von mehr als 100 000 Fasern / m³ nur zertifizierten Sanierungsfachbetrieben mit entsprechender Ausrüstung und Zulassung erlaubt. Und wie wir oben gesehen haben, könne diese Faserzahlen durchaus schon bei vergleichsweise einfachen Tätigkeiten erreicht werden.</p> <p>Gerade für den Bereich des mittleren Risikos, also für Faserzahlen zwischen 10 000 und 100 000 Fasern / m³ kann es aber für Handwerksbetriebe einige Lösungen geben. So eigne sich etwa staubarme oder brucharme Verfahren, wenn sie als geprüfte emissionsarme Verfahren gelten. Bei Arbeiten in Innenräumen können entsprechend die Arbeitsbereiche abgeschottet werden, der Zugang wird dann über Schleusen (mindestens Ein-Kammer-Schleusen) geregelt. Luftwechsel, mindestens 8-fach pro Stunde und eine entsprechende persönliche Schutzausrüstung.</p> <p>Als Fazit lässt sich sagen, dass eine Schadstofferkundung, Sanierungsplanung und ein entsprechendes Entsorgungs- bzw. Verwertungskonzept vor einer Störung des Bauablaufs schützt, die Bau- und Entsorgungskosten reduziert und entsprechend Probleme mit dem Arbeits- und Nutzerschutz verhindert. Außerdem verbessert sie die Recyclingfähigkeit der Bauabfälle.</p> <h2 id="h-arbeitsschutz-nach-der-novellierten-gefahrstoffverordnung">Arbeitsschutz nach der novellierten Gefahrstoffverordnung</h2> <p>Im Folgenden ging es um die im letzten Jahr frisch novellierte Gefahrstoffverordnung und ihre Bedeutung für den Arbeitsschutz. Berit Schuchmann von der BG Bau setzte uns hier ins Bild.</p> <p>Die Gefahrstoffverordnung sorgt immer noch für Informationsbedarf. Da ist zum einen das risikobezogene Maßnahmenkonzept mit seinen drei Stufen vom niedrigen über das mittlere hin zum hohen Risiko. Gleichzeitig wurden hier die Veranlasserpflichten eingeführt (und gleich auch wieder abgeschwächt) sowie neue Regelungen für Asbest eingeführt.</p> <p>Das risikobezogene Maßnahmenkonzept besteht aus den stoffübergreifenden Risikogrenzen. Das Akzeptanzrisiko liegt bei unter 4:10 000, was für Asbest zum Beispiel eine Faserkonzentration von weniger als 10 000 Fasern je m³ bedeutet. Alles darunter ist im Bereich des niedrigen Risikos, alles darüber der des mittleren Risikos. Oberhalb des Toleranzrisikos von 4 : 1000 beginnt der Bereich des hohen Risikos, was für Asbest eine Faserkonzentration von 100 000 Fasern je m³ bedeutet.</p> <p>Die Mitwirkungs- und Informationspflichten des Veranlassers waren hier im Blog auch schon öfters Thema. Sie wurden erst mit großem Getöse eingeführt. Der Veranlasser von Baumaßnahmen hat dem beauftragten Unternehmer Informationen bezüglich der Baugeschichte und vorhandenen oder auch vermuteten Schadstoffen zur Verfügung zu stellen.</p> <p>Leider wurden diese dann auch ebenso schnell wieder abgeschwächt, denn dies gilt, wenn diese Informationen in zumutbarem Aufwand zugänglich sind…</p> <p>er Unternehmer hat diese Informationen zu prüfen, ob sie plausibel sind und ob sie zur Gefährdungsabschätzung ausreichend sind. Gegebenenfalls hat er zu prüfen, ob im Rahmen der geplanten Tätigkeiten Schadstoffe freigesetzt werden können und ob die Tätigkeiten zulässig sind. Dabei hat er, wenn eigene Kenntnisse nicht ausreichen, auch externen Sachverstand mit hinzuzuziehen.</p> <h3 id="h-verwendungs-und-tatigkeitsbeschrankungen-bei-asbest">Verwendungs – und Tätigkeitsbeschränkungen bei Asbest</h3> <p>In § 11 werden die Verwendungsbeschränkungen und Tätigkeitsbeschränkungen für Asbest beschrieben. Eigentlich sollte das klar sein, aber manches muss doch immer wieder gesagt werden. So ist die Gewinnung, Aufbereitung, Wiederverwendung und Weiterverarbeitung von natürlich vorkommenden mineralischen Rohstoffen und daraus hergestellten Gemischen und Erzeugnissen mit einem Massengehalt von mehr als 0,1 % Asbest verboten.</p> <p>Ebenso verboten ist die weitere Verwendung von asbesthaltigen Materialien, denen Asbest absichtlich zugesetzt wurde und die bei Tätigkeiten anfallen. Ausgenommen sind die Abfallbehandlung und die Abfallentsorgung.</p> <p>Ebenfalls verboten sind Tätigkeiten mit asbesthaltigen Materialien in baulichen oder technischen Anlagen.</p> <p>Wie immer gibt es auch hier Ausnahmen. So ist das vollständige Entfernen von asbesthaltigen Bauteilen oder Materialien selbstverständlich weiterhin möglich, auch in Teilbereichen.</p> <p>Auch Sanierungsarbeiten, d.h. Maßnahmen zur Vermeidung von Gefährdungen der Nutzer, z.B. durch räumliche Trennung, wenn z.B. eine vollständige Entfernung des asbesthaltigen Materials aus technischen Gründen nicht möglich ist. Dies gilt auch für Sofortmaßnahmen zur Sicherung beschädigter asbesthaltiger Bauteile. Hier ist unverzüglich mit der Entfernung zu beginnen.</p> <h3 id="h-anforderungen-an-tatigkeiten-mit-asbest">Anforderungen an Tätigkeiten mit Asbest</h3> <p>Nach Möglichkeit sind immer Verfahren anzuwenden, die eine Faserfreisetzung verhindern oder zumindest minimieren. Darüber hinaus gelten die risikobasierten Schutzmaßnahmen und Qualifikationsanforderungen. Für Arbeiten mit Expositionen unter 1000 Fasern pro m³ gelten keine asbestspezifischen Anforderungen.</p> <p>Der Arbeitgeber hat hier die Aufgabe, im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung festzustellen, ob die Tätigkeiten überhaupt zulässig sind und ob sie zu einer Faserfreisetzung führen können. Weiterhin muss er festlegen, ob die Tätigkeiten in Bereichen mit geringer, mittlerer oder hoher Gefährdung durchgeführt werden und welche Schutzmaßnahmen dafür vorgesehen sind. Außerdem muss er einen Arbeitsplan erstellen.</p> <p><span>Die Zulassung für Tätigkeiten mit hohem Risiko gilt für 6 Jahre und kann w</span><span>iderrufen werden</span></p> <p>Die beteiligten Personen müssen, je nach Risikoabschätzung, unterschiedliche Qualifikationen mitbringen. Diese werden auch bei der BG Bau als Fortbildung angeboten, zum Beispiel als Grundkenntnisse Asbest mit 5 Lerneinheiten Theorie und 5 Lerneinheiten Praxis, Je Lerneinheit 45 min.</p> <p>Zusätzlich bietet die BG Bau auch Schutzpakete für das Bauen im Bestand an, welche unter anderem Handmaschinen mit Absaugung, Entstauber der Klasse H, Einwegschutzanzüge und Einkammerschleusen beinhaltet.</p> <h2 id="h-schadstoffsanierung-am-beispiel-flughafen-tegel">Schadstoffsanierung am Beispiel Flughafen Tegel</h2> <p>Der Flughafen Tegel , Terminal A, war ja auch schon auf dem letzten Bauherrentag ein Thema. Und da es sich hier um ein e herausforderndes Projekt mit einer Menge an Bauschadstoffen handelt, das es so in der Form und Größe in der Bundesrepublik vermutlich so nicht wieder geben wird, auch in diesem Jahr wieder Thema. Denis Zurek von der Kluge Sanierung GmbH brachte uns auf den neuesten Stand.</p> <p>Das zweigeschossige, sechseckige Ringebäude stammt aus dem Bauzeitraum 1969 bis 1972 und hat einen Umfang von750 m. Errichtet wurde es in Stahlbeton-Skelett Bauweise auf einem massiven Kellergeschoss.</p> <h4 id="h-abfallreduzierung-durch-auswahl-des-strahlverfahrens">Abfallreduzierung durch Auswahl des Strahlverfahrens</h4> <p>Innerhalb von 15 Monaten sollte hier eine Schadstofffreiheit hergestellt werden. Das bedeutete einen hohen Einsatz an Personal, aber vor allem auch an Gerät, die über den gesamten Projektzeitraum vor Ort vorgehalten werden mussten. Dabei galt es, ein möglichst optimale Lösung zwischen einer minimalen Umweltbelastung, sprich: Abfallvermeidung, aber auch hoher Wirtschaftlichkeit und Funktionalität zu finden.</p> <p>Ein gutes Beispiel hierfür ist der asbesthaltige Mörtel, der in dem Gebäude zur Füllung von Fehlstellen im Beton großflächig eingesetzt worden war. Dabei ging es um rund 70 000 Quadratmeter Fläche, was in etwa 10 Fußballfeldern entspricht. Wenn man von rund 2 mm Betonabtrag ausgeht, kommen bei der Dichte von Beton bei 2400 kg/m³ rund 4,8 kg je m³ und insgesamt 333 000 kg Material, die als gefährlicher Abfall auf die Deponie gebracht werden müssen.</p> <p>Bei Anwendung eines klassischen Strahlverfahrens würden zusätzlich ca. 15 bis 20 kg Strahlmittel pro m² verbraucht, was noch einmal 1 050 000 kg gefährlichen Abfall bedeutet hätte.<br></br>Bei Anwendung eines Mehrweg-Strahlmittels konnte diese Abfallmenge deutlich reduziert werden, da nur 0,2 kg Strahlmittel je m² verbraucht wurden, was insgesamt 14 t Abfall bedeutete. Es mussten am Schluss also nur 350 t gefährlicher Abfall deponiert werden, anstatt der ursprünglichen 1 386 t.</p> <p>Bei der Anschließenden Podiumsdiskussion ging es hauptsächlich um die Frage, ob die Handwerksbetriebe den heutigen Anforderungen hinsichtlich der Schadstoffe im Bestandsbau überhaupt noch gerecht werden können. Ich denke, die Frage lässt sich durchaus mit ja beantworten. Zumindest wenn die Fortbildungsangebote zum Beispiel der BG Bau sowie die dort auch angebotenen Schutzpakete entsprechend angenommen werden. Es stellt sich ja auch die Frage, wer, wenn nicht die Handwerksbetriebe.</p> <h2>Kreislaufwirtschaft – Potentiale, Pflichten und Perspektiven</h2> <p>Wenn man über Bauen, und hier vor allem über Bauen im Bestand spricht, kommt man um die Kreislaufwirtschaft nicht herum. Kai Kummert von der Berliner Hochschule für Technik sieht die Kreislaufwirtschaft entsprechend auch zusammen mit der Nachhaltigkeit als Schlüsselthema.</p> <p>Man muss sich auch nur mal die Zahlen vor Augen halten. Rund 90 % der inländischen mineralischen Rohstoffe werden von der Bauwirtschaft verbraucht. Rund 40 % der Treihausgasemissionen gehen auf das Konto der Herstellung, Einrichtung, Modernisierung, Nutzung und Betrieb von Gebäuden.</p> <p>Der deutsche Gebäudebestand besteht aus rund 15 Mrd. t Material, davon alleine stellen die mineralischen Materialien wie Beton; Ziegel und Co. Gut 90 %. Und das Ganze ist ja nicht statisch. Jährlich kommen 500 Mio. t Material im Neubau hinzu, gleichzeitig fallen durch Rückbau, Umbau und so weiter auch 230 Mio. t Bauabfälle an. Man kann sich also unschwer vorstellen, dass hier ein enormes Rohstoffpotential schlummert.</p> <p>Dabei erfordert die Kreislaufwirtschaft einen Paradigmenwechsel, der bereits früh in der Produktionskette ansetzen muss. Aber auch ein Umdenken im Sinne einer Strategie, die ältere Gebäude ertüchtigt, gegebenenfalls umnutzt oder auch anfallende Materialien direkt wiederverwendet. Am Schluss muss dann natürlich eine stoffliche oder energetische Wiederverwertung oder gegebenenfalls eine industrielle Aufarbeitung stehen.</p> <p>Eine Schlüsselposition wird hier die Europäische Zentralbank einnehmen, welche nicht-nachhaltige „grüne“ Bauprojekte mit Zinsvorteilen belohnt, so dass diese an billigeres Geld kommen als entsprechende nicht-nachhaltige Projekte. Damit wird laut Herrn Kummert die Nachhaltigkeit über den Zins zum neuen Preis des Geldes werden.</p> <h2 id="h-nachhaltig-planen-wirtschaftlich-bauen">Nachhaltig Planen – Wirtschaftlich Bauen</h2> <p>Das Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit beim Bauen kein Widerspruch sind, zeigte auch der Beitrag von Fritz Breitenthaler von der BauWerke GmbH. Denn die Preise für das Bauen steigen in Deutschland schneller als die allgemeine Preissteigerung, und dabei bleibt es relativ egal, ob man nun den Wohnungsbau, den Bau von Bürogebäuden oder den Straßenbau betrachtet.</p> <p>Wenn man aber die Definitionen von Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit gegenüberstellt, so fallen einem viele Parallelen auf.</p> <p>Bei Nachhaltigkeit steht der Nutzen bzw. der Ertrag gegenüber dem Aufwand im Vordergrund, es geht um eine möglichst langfristige Befriedigung eines Bedarfs und die Werthaltigkeit von Investitionen und um einen Wertschöpfungszuwachs durch eine Steigerung der Effizienz.</p> <p>Für Nachhaltigkeit findet sich eine möglichst langfristige Bewirtschaftung, ähnlich wie in der Forstwirtschaft, wo heute Bäume gepflanzt werden, die erst spätere Generationen als Nutzholz ernten können. Es geht um den Erhalt von Grundlagen und einen Wertschöpfungszuwachs durch eine Steigerung der Effizienz. Schon hier kann man gut erkennen, dass die beiden Begriffe durchaus parallel gehen und kein Widerspruch sein müssen. Je früher man die Nachhaltigkeitsziele in seine Planung einbezieht, desto besser. Man kann schon bei der Materialauswahl eine spätere Recyclingfähigkeit oder eine Drittverwendungsfähigkeit einplanen. Materialien sollten möglichst langlebig sein und / oder regional bezogen werden. Es zählt immer die Planung des gesamten Lebenszyklus.</p> <h2 id="h-moglichkeiten-im-holzbau-heute">Möglichkeiten im Holzbau heute</h2> <p>Ein Baustoff, der heute zumindest in meinen Augen immer noch etwas zu kurz kommt, ist Holz. Dass da aber einiges in Bewegung ist, weiß ich durchaus aus eigener Erfahrung. Ich lebe, zumindest teilweise, in einem architektonisch modernen Haus aus Holz. Johannes Lederbauer von der WIHAG sieht ebenfalls eine große Chance für das Bauen aus Holz im Zeitalter der Nachhaltigkeit. Wobei er sich allerdings nicht mit kleinen Wohnhäusern abgibt, sondern in ganz anderen Dimensionen denkt.</p> <p>Immerhin ist alleine die Bauwirtschaft für 38 % der CO2 Emissionen weltweit verantwortlich. Davon entfallen 26 % auf den Betrieb der Gebäude, also das Heizen und so weiter, während 12 % aus der Produktion der Baumaterialien stammen. Zum Vergleich, die Luftfahrt ist mit 3,5 % an den CO2 Emissionen beteiligt. Das alleine sollte deutlich machen, wie groß hier der Hebel sein kann, möglichst klimaschonende Baustoffe einzusetzen.</p> <h4 id="h-holza-als-klimaneutraler-baustoff">Holza als klimaneutraler Baustoff</h4> <p>Da kommt Holz als vergleichsweise CO2 neutraler Baustoff ganz gelegen, denn gerade junge Bäume speichern relativ viel Kohlendioxid. Diese Speicherung lässt sich gut für langlebige Holzprodukte nutzen. Dadurch verlängert sich die Speicherung des ursprünglich von den Bäumen aufgenommenen Kohlendioxids zumindest über den Zeitraum der Nutzungsdauer, bei anschließendem Recycling des Materials sogar noch darüber hinaus. Das gilt natürlich ganz besonders für Holz aus nachhaltigem Anbau, daher ist die WIHAG auch Partner der Schweizer Timber Finance Initiative (THI), welche die weltweit erste Methode entwickelt hat, um langlebige Produkte aus Biomasse als hochwertige CO2 Speicher zu zertifizieren und am freiwilligen CO2 Markt zu verkaufen. Das kann für die Bauwirtschaft einen durchaus attraktiven Erlös darstellen.</p> <p>Es wurden auch einige interessante Gebäude aus Holz vorgestellt, so etwa das Timber Pioneer in Frankfurt, ein Bürogebäude in Holz-Hybridbauwiese mit 8 Stockwerken und 30 m Höhe mit rund 15 000 m² Nutzfläche. Auch die Geschäfststelle des FB Leipzig Bundesligaclubs ist aus Holz erbaut, immerhin 4 Geschosse und 14 500 m² Fläche.</p> <p>In Marktredwitz steht das größte aus Holz erbaute Zentrallager für EDEKA, Insgesamt 100 000 m² Hallenfläche. Oder der Atlassian Tower in Sydney, das weltweit höchste Gebäude aus Holz mit 180 m Höhe, 39 Stockwerken und 75 000 m² Bruttogeschößfläche.<br></br>Alleine diese Beispiele zeigen, welche vielfältigen Möglichkeiten Holz, gerade auch in Kombination mit anderen Baustoffen wie Stahl oder Beton bietet.</p> <h2 id="h-wege-zu-bezahlbarem-wohnraum">Wege zu bezahlbarem Wohnraum</h2> <p>Die steigenden Kosten für das Bauen, besonders für das Bauen von Wohnungen hatte ich weiter oben bereits angesprochen. Ulrich Brüggerhoff von der Postbaugenossenschaft München und Oberbayern eG hat hierzu den Vorschlag, nach Mindeststandard zu bauen.</p> <p>In diesem Fall sollte ein neues Wohnquartier bebaut werden wobei zumindest ein Teil eben auch in genossenschaftlicher Hand sein sollte. Das bedeutet rund 56 Wohnungen in Holz-Hybridbauweise. Durch Einhaltung der Mindeststandards erhofft man sich Einsparungen. Das bedeutet auch, eben kein erhöhter Standard zum Beispiel im Schallschutz, obwohl dieser meist als Stand der Technik angesehen wird. Überdachte Laubengänge ermöglichen auch eine Abweichung von der Abdichtungsrichtlinie an Eingangstüren. Es sollten weniger raumhohe Fensterelemente verbaut werden und die Außenanlagen nur reduziert beleuchtet werden (was in meinen Augen auch aus Gründen der Verminderung der Lichtverschmutzung durchaus interessant sein kann).</p> <p>Verzichtet werden soll auch auf eine kontrollierte Be- und Entlüftung der Wohnungen sowie konsequente Einsparungen bei der Auswahl zum Beispiel der Balkonbrüstungen, Pflaster und ähnlichem.</p> <h2 id="h-zirkulares-bauen-reuse-und-nachhaltigkeit">Zirkuläres Bauen – Reuse und Nachhaltigkeit</h2> <p>Kim LeRoux von LXSY Architektur informierte uns über die Grundlagen des zirkulären Bauens. Generell geht es darum, mit dem zu Bauen, was an Material vorhanden ist, wobei man eine Wiederverwendung in der Zukunft auch immer mit im Blick behalten sollte. Das bedingt natürlich eine hohe Flexibilität in der Planung sowie gegebenenfalls auch einen neuen Umgang mit Standards. Was wird wirklich benötigt und kann gegebenenfalls der Nutzen auch anders erbracht werden? Wenn möglich, kann es reduziert werden, in Größe oder Menge?</p> <p>Oder kann man vielleicht auch etwas bereits Gebrauchtes verwendet werden? Muss dieses und kann es repariert oder eventuell auf den aktuellen Stand der Technik gebracht werden?</p> <p>Können noch tadellos intakte Komponenten eventuell wieder in andere, neue Produkte integriert werden? Vielleicht kann man es auch in ein anderes Produkt einbauen und ihm so einen vollkommen neuen Nutzen geben.</p> <p>Und wenn alle Stränge reißen: Kann es getrennt oder gar recycelt werden?</p> <p>Ein Ansatz hierzu sind Materialpässe, aus welchen unter anderem die Art, Größe und Menge des Materials, seine Zusammensetzung und sein Herstellungs- und Einbauzeitraum hervorgehen.</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Mir hat das wieder sehr viel Spaß gemacht. Es war schön zu sehen, dass die Schadstoffproblematik und dier Gedanke des zirkulären Bauens nicht unbedingt im Widerspruch zueinander stehen müssen. Ich hoffe, auch bei nächsten Mal wieder dabeis ein zu dürfen. Die Bilder der Vaeranstaltung sind unter <a href="https://flic.kr/s/aHBqjCzPEk">https://flic.kr/s/aHBqjCzPEk</a> zu finden.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/3-berliner-bauherrentag-bauen-neu-denken/#comments 1 Schau mir in die Augen, Kleines https://scilogs.spektrum.de/klartext/schau-mir-in-die-augen-kleines/ https://scilogs.spektrum.de/klartext/schau-mir-in-die-augen-kleines/#respond Fri, 21 Nov 2025 07:54:31 +0000 klartext https://scilogs.spektrum.de/klartext/?p=1198 <h1>Schau mir in die Augen, Kleines » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den <span><a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</a> 2</span>023 in der Kategorie Informatik veranschaulichte Christina Breil, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p>Neuere Computeralgorithmen können Augenkontakt nun auch in Videokonferenzen simulieren. Was auf den ersten Blick aussieht wie eine große Hilfe, hat bei näherer Betrachtung jedoch erhebliche Nachteile. Denn auch bei Blickkontakt ist weniger manchmal mehr.</p> <p>Ein Blick sagt mehr als tausend Worte. Mag sie mich? Was hat er vor? Darf ich mir das letzte Stück Kuchen nehmen? Indem wir unseren Mitmenschen in die Augen schauen, gewinnen wir wichtige Einblicke in ihr Denken, Fühlen und Handeln. Gleichzeitig nutzen wir unsere eigenen Augenbewegungen, um gezielt mit anderen zu kommunizieren. Ganz im Sinne des Film-Zitats „Schau mir in die Augen, Kleines“ scheint direkter Blickkontakt dabei eine besondere Wirkung zu haben. Wer viel Augenkontakt sucht, wird als besonders sympathisch, attraktiv, vertrauenswürdig und intelligent wahrgenommen – ganz unabhängig davon, ob er oder sie es tatsächlich ist. Doch auch das Gegenteil kann zutreffen. So gibt es Situationen, in denen es akzeptiert oder sogar erwünscht ist, den Blick anderer Menschen zu meiden. Wir kennen es alle: die Fahrt im Aufzug eines Kaufhauses. Alle schauen leicht beklemmt auf den Boden, denn man will ja kein unangenehmes Gespräch beginnen. Berühren sich die Blicke doch, ringt man sich ein kurzes Lächeln ab – man will ja nicht unhöflich sein – und ist dann sehr dankbar, wenn man wieder aussteigen kann. Welches Blickverhalten als angemessen empfunden wird, kommt also auf den Kontext an. Zum Glück meistern viele von uns das ganz natürlich, ohne großartig darüber nachdenken zu müssen. Alles andere wäre auch ganz schön anstrengend!</p> <p>Leider zeigen diese intuitiven Regeln in Videokonferenzen, die bei den meisten von uns mittlerweile zum Alltag gehören, nicht die gewohnte Wirkung. Das hat einen einfachen Grund: um ein Gefühl von Blickkontakt mit den anderen Beteiligten herstellen zu können, müsste die Kamera mitten auf dem Bildschirm angebracht sein, idealerweise genau auf den Augen der anderen Person. Die derzeit gängigen Geräte können diesen Aufbau leisten. Um das Problem zu beheben, wurden in jüngster Zeit Computeralgorithmen entwickelt, die unsere Blickrichtung in Videotelefonaten so „korrigieren“ können, dass man sich scheinbar gegenseitig in die Augen schaut: während ich in Wirklichkeit die Person auf dem Monitor anschaue, statt direkt die Kamera zu fixieren, nimmt die andere Person es so wahr, als würde ich ihr direkt in die Augen sehen. Das wirkt zunächst vielversprechend, hat aber seine Tücken. Wie meine Kolleg:innen und ich in unserer Forschungsarbeit zeigen konnten, ist es nämlich häufig gerade das Wechselspiel aus direktem und abgewandtem Blick, dass uns einander nahe bringt.</p> <p>In unseren Studien haben wir Personen unterschiedlichsten Alters und Geschlechts an vorher aufgenommenen Videokonferenzen teilnehmen lassen. Sie sollten dabei in die Rolle der Person schlüpfen, aus deren Perspektive die Konferenz aufgenommen wurde und die im Video nicht zu sehen, sondern nur zu hören war. Während diese Erzählperson eine hoch emotionale Geschichte aus ihrem eigenen Leben erzählte, konnten die Versuchspersonen die Reaktionen des Gegenübers auf dem Bildschirm beobachten. Nach jedem Gespräch haben wir die Versuchspersonen gefragt, wie sie die zuhörende Person, die sie zuvor beobachten konnten, einschätzen. Dabei fanden wir: Personen, die während einer dramatischen Geschichte durchgängig direkten Blick zeigten, schnitten deutlich besser ab als Personen, die permanent wegschauten. Am empathischsten wirkten jedoch Personen, die in solchen Situationen abwechselnd hin- und wieder wegschauten. Sie schafften es, ein stärkeres Gefühl der Nähe zwischen den Beteiligten aufzubauen.<aside></aside></p> <p>Diese Art des Blickverhaltens scheint sich nicht nur auf die Wahrnehmung von uns Menschen auszuwirken, sondern auch das tatsächliche Verhalten beeinflussen zu können. In weiteren Experimenten haben wir Versuchspersonen erneut an kurzen Videokonferenzen mit verschiedenen, ihnen völlig fremden Personen teilnehmen lassen. Im Anschluss an jedes Gespräch gaben wir den Teilnehmer:innen Geld, das sie entweder behalten oder mit der anderen Person teilen durften. Der Clou dabei: wie die Versuchspersonen wussten, haben wir ihre Geldabgaben nicht einfach überwiesen, sondern den Betrag vorher verdreifacht. Die begünstigte Person konnte der Versuchsperson anschließend einen frei wählbaren Betrag zurückschicken, sozusagen als Dank. Sie konnte sich aber auch dazu entschließen, den kompletten Geldbetrag selbst einzustecken. Für die Versuchspersonen war es in diesem Szenario also am sichersten, nicht zu teilen. Allerdings stellte die Alternative, nämlich Geld abzugeben, die Strategie mit dem größeren Gewinnpotenzial dar: im günstigsten Fall zeigte sich die andere Person erkenntlich. Wenn sie zum Beispiel vier der neun Münzen zurückschickte, gingen beide mit mehr Geld nach Hause, als ihnen vor der Interaktion zur Verfügung stand. Wenn sich die andere Person hingegen dazu entschloss, den überwiesenen Betrag in voller Höhe zu behalten, ging die Versuchsperson leer aus. Das Vertrauen hat sich nicht ausgezahlt.</p> <p>Wie wir erwartet haben, wurde der fremden Person eher vertraut – also eher Geld geschickt – wenn sie zuvor abwechselnd direkten und abgewandten Blick gezeigt hatte. Das galt sogar dann, wenn wir der fremden Person die Möglichkeit entzogen, Geld zurückzuschicken. Wenn die Versuchsperson also freiwillig Geld an die fremde Person verschenkte oder „spendete“, ohne dabei einen Gewinn erzielen zu können.</p> <p>Aus all diesen Experimenten haben wir geschlossen, dass Personen, die in emotionalen Gesprächen zwischen abgewandtem und direktem Blick wechseln, nicht nur empathischer und vertrauenswürdiger wirken, sondern dass ihnen auch bereitwilliger geholfen wird.  Das war ein relativ neuer Befund, da man bisher davon ausging, dass direkter Blickkontakt ohne Einschränkungen die besten Wirkungen erzielt. Bei Gesprächen mit neutralem Inhalt konnten wir diesen Effekt übrigens nicht finden. Auch hier war wichtig, dass Blickkontakt hergestellt wurde, ob er aber permanent gehalten oder zeitweise unterbrochen wurde, machte keinen Unterschied. Wir vermuten, dass eine Unterbrechung des Blickkontakts in emotionalen Gesprächen eine wichtige Funktion erfüllt, zum Beispiel, sich selbst und dem Gegenüber die Möglichkeit zu geben, die eigenen Gefühle zu regulieren. Wer bei einer traurigen Geschichte hin und wieder wegsieht, könnte damit also Mitgefühl signalisieren.</p> <p>Was aber bedeuten unsere Befunde für Videokonferenzen, in denen Blickkontakt gar nicht möglich ist? Zunächst einmal, dass die Wahrnehmung von direktem Blick auch hier äußerst positiv auf uns wirkt – und das, obwohl wir wissen, dass unser Gegenüber genau in diesen Momenten die Kamera fixiert und nicht uns. Außerdem zeigen unsere Studien, dass Algorithmen zur Blickkorrektur wichtige Aspekte von natürlichem Blickverhalten vernachlässigen. Die Algorithmen lassen es so aussehen, als schauten wir unseren Gesprächspartnern permanent in die Augen. Wenn wir zwischendurch wegschauen, kommt das beim Gegenüber also gar nicht mehr an. Das ist tragisch, denn oft ist es genau dieses Verhalten, das echtes Mitgefühl und echte Emotionen signalisiert. Momentan ist der Verzicht auf Blickkorrekturen also das Mittel der Wahl, zumindest so lange, bis es Algorithmen gibt, die natürliches Blickverhalten widerspiegeln können. Bis dahin können wir zum Glück selbst etwas tun, wenn wir uns die Bedeutung von Augenkontakt in Videokonferenzen ab und zu ins Gedächtnis rufen. Ein Blick in die Kamera ist wie ein Blick in die Augen unserer Gesprächspartner. Er signalisiert Aufmerksamkeit und Zuwendung und kann dazu beitragen, dass wir uns einander ein bisschen näher fühlen, selbst wenn in Wahrheit eine Kamera zwischen uns helfen muss, die fehlende räumliche Nähe zu ersetzen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Schau mir in die Augen, Kleines » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den <span><a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</a> 2</span>023 in der Kategorie Informatik veranschaulichte Christina Breil, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p>Neuere Computeralgorithmen können Augenkontakt nun auch in Videokonferenzen simulieren. Was auf den ersten Blick aussieht wie eine große Hilfe, hat bei näherer Betrachtung jedoch erhebliche Nachteile. Denn auch bei Blickkontakt ist weniger manchmal mehr.</p> <p>Ein Blick sagt mehr als tausend Worte. Mag sie mich? Was hat er vor? Darf ich mir das letzte Stück Kuchen nehmen? Indem wir unseren Mitmenschen in die Augen schauen, gewinnen wir wichtige Einblicke in ihr Denken, Fühlen und Handeln. Gleichzeitig nutzen wir unsere eigenen Augenbewegungen, um gezielt mit anderen zu kommunizieren. Ganz im Sinne des Film-Zitats „Schau mir in die Augen, Kleines“ scheint direkter Blickkontakt dabei eine besondere Wirkung zu haben. Wer viel Augenkontakt sucht, wird als besonders sympathisch, attraktiv, vertrauenswürdig und intelligent wahrgenommen – ganz unabhängig davon, ob er oder sie es tatsächlich ist. Doch auch das Gegenteil kann zutreffen. So gibt es Situationen, in denen es akzeptiert oder sogar erwünscht ist, den Blick anderer Menschen zu meiden. Wir kennen es alle: die Fahrt im Aufzug eines Kaufhauses. Alle schauen leicht beklemmt auf den Boden, denn man will ja kein unangenehmes Gespräch beginnen. Berühren sich die Blicke doch, ringt man sich ein kurzes Lächeln ab – man will ja nicht unhöflich sein – und ist dann sehr dankbar, wenn man wieder aussteigen kann. Welches Blickverhalten als angemessen empfunden wird, kommt also auf den Kontext an. Zum Glück meistern viele von uns das ganz natürlich, ohne großartig darüber nachdenken zu müssen. Alles andere wäre auch ganz schön anstrengend!</p> <p>Leider zeigen diese intuitiven Regeln in Videokonferenzen, die bei den meisten von uns mittlerweile zum Alltag gehören, nicht die gewohnte Wirkung. Das hat einen einfachen Grund: um ein Gefühl von Blickkontakt mit den anderen Beteiligten herstellen zu können, müsste die Kamera mitten auf dem Bildschirm angebracht sein, idealerweise genau auf den Augen der anderen Person. Die derzeit gängigen Geräte können diesen Aufbau leisten. Um das Problem zu beheben, wurden in jüngster Zeit Computeralgorithmen entwickelt, die unsere Blickrichtung in Videotelefonaten so „korrigieren“ können, dass man sich scheinbar gegenseitig in die Augen schaut: während ich in Wirklichkeit die Person auf dem Monitor anschaue, statt direkt die Kamera zu fixieren, nimmt die andere Person es so wahr, als würde ich ihr direkt in die Augen sehen. Das wirkt zunächst vielversprechend, hat aber seine Tücken. Wie meine Kolleg:innen und ich in unserer Forschungsarbeit zeigen konnten, ist es nämlich häufig gerade das Wechselspiel aus direktem und abgewandtem Blick, dass uns einander nahe bringt.</p> <p>In unseren Studien haben wir Personen unterschiedlichsten Alters und Geschlechts an vorher aufgenommenen Videokonferenzen teilnehmen lassen. Sie sollten dabei in die Rolle der Person schlüpfen, aus deren Perspektive die Konferenz aufgenommen wurde und die im Video nicht zu sehen, sondern nur zu hören war. Während diese Erzählperson eine hoch emotionale Geschichte aus ihrem eigenen Leben erzählte, konnten die Versuchspersonen die Reaktionen des Gegenübers auf dem Bildschirm beobachten. Nach jedem Gespräch haben wir die Versuchspersonen gefragt, wie sie die zuhörende Person, die sie zuvor beobachten konnten, einschätzen. Dabei fanden wir: Personen, die während einer dramatischen Geschichte durchgängig direkten Blick zeigten, schnitten deutlich besser ab als Personen, die permanent wegschauten. Am empathischsten wirkten jedoch Personen, die in solchen Situationen abwechselnd hin- und wieder wegschauten. Sie schafften es, ein stärkeres Gefühl der Nähe zwischen den Beteiligten aufzubauen.<aside></aside></p> <p>Diese Art des Blickverhaltens scheint sich nicht nur auf die Wahrnehmung von uns Menschen auszuwirken, sondern auch das tatsächliche Verhalten beeinflussen zu können. In weiteren Experimenten haben wir Versuchspersonen erneut an kurzen Videokonferenzen mit verschiedenen, ihnen völlig fremden Personen teilnehmen lassen. Im Anschluss an jedes Gespräch gaben wir den Teilnehmer:innen Geld, das sie entweder behalten oder mit der anderen Person teilen durften. Der Clou dabei: wie die Versuchspersonen wussten, haben wir ihre Geldabgaben nicht einfach überwiesen, sondern den Betrag vorher verdreifacht. Die begünstigte Person konnte der Versuchsperson anschließend einen frei wählbaren Betrag zurückschicken, sozusagen als Dank. Sie konnte sich aber auch dazu entschließen, den kompletten Geldbetrag selbst einzustecken. Für die Versuchspersonen war es in diesem Szenario also am sichersten, nicht zu teilen. Allerdings stellte die Alternative, nämlich Geld abzugeben, die Strategie mit dem größeren Gewinnpotenzial dar: im günstigsten Fall zeigte sich die andere Person erkenntlich. Wenn sie zum Beispiel vier der neun Münzen zurückschickte, gingen beide mit mehr Geld nach Hause, als ihnen vor der Interaktion zur Verfügung stand. Wenn sich die andere Person hingegen dazu entschloss, den überwiesenen Betrag in voller Höhe zu behalten, ging die Versuchsperson leer aus. Das Vertrauen hat sich nicht ausgezahlt.</p> <p>Wie wir erwartet haben, wurde der fremden Person eher vertraut – also eher Geld geschickt – wenn sie zuvor abwechselnd direkten und abgewandten Blick gezeigt hatte. Das galt sogar dann, wenn wir der fremden Person die Möglichkeit entzogen, Geld zurückzuschicken. Wenn die Versuchsperson also freiwillig Geld an die fremde Person verschenkte oder „spendete“, ohne dabei einen Gewinn erzielen zu können.</p> <p>Aus all diesen Experimenten haben wir geschlossen, dass Personen, die in emotionalen Gesprächen zwischen abgewandtem und direktem Blick wechseln, nicht nur empathischer und vertrauenswürdiger wirken, sondern dass ihnen auch bereitwilliger geholfen wird.  Das war ein relativ neuer Befund, da man bisher davon ausging, dass direkter Blickkontakt ohne Einschränkungen die besten Wirkungen erzielt. Bei Gesprächen mit neutralem Inhalt konnten wir diesen Effekt übrigens nicht finden. Auch hier war wichtig, dass Blickkontakt hergestellt wurde, ob er aber permanent gehalten oder zeitweise unterbrochen wurde, machte keinen Unterschied. Wir vermuten, dass eine Unterbrechung des Blickkontakts in emotionalen Gesprächen eine wichtige Funktion erfüllt, zum Beispiel, sich selbst und dem Gegenüber die Möglichkeit zu geben, die eigenen Gefühle zu regulieren. Wer bei einer traurigen Geschichte hin und wieder wegsieht, könnte damit also Mitgefühl signalisieren.</p> <p>Was aber bedeuten unsere Befunde für Videokonferenzen, in denen Blickkontakt gar nicht möglich ist? Zunächst einmal, dass die Wahrnehmung von direktem Blick auch hier äußerst positiv auf uns wirkt – und das, obwohl wir wissen, dass unser Gegenüber genau in diesen Momenten die Kamera fixiert und nicht uns. Außerdem zeigen unsere Studien, dass Algorithmen zur Blickkorrektur wichtige Aspekte von natürlichem Blickverhalten vernachlässigen. Die Algorithmen lassen es so aussehen, als schauten wir unseren Gesprächspartnern permanent in die Augen. Wenn wir zwischendurch wegschauen, kommt das beim Gegenüber also gar nicht mehr an. Das ist tragisch, denn oft ist es genau dieses Verhalten, das echtes Mitgefühl und echte Emotionen signalisiert. Momentan ist der Verzicht auf Blickkorrekturen also das Mittel der Wahl, zumindest so lange, bis es Algorithmen gibt, die natürliches Blickverhalten widerspiegeln können. Bis dahin können wir zum Glück selbst etwas tun, wenn wir uns die Bedeutung von Augenkontakt in Videokonferenzen ab und zu ins Gedächtnis rufen. Ein Blick in die Kamera ist wie ein Blick in die Augen unserer Gesprächspartner. Er signalisiert Aufmerksamkeit und Zuwendung und kann dazu beitragen, dass wir uns einander ein bisschen näher fühlen, selbst wenn in Wahrheit eine Kamera zwischen uns helfen muss, die fehlende räumliche Nähe zu ersetzen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/klartext/schau-mir-in-die-augen-kleines/#respond 0 Qualia https://scilogs.spektrum.de/3g/qualia/ https://scilogs.spektrum.de/3g/qualia/#comments Fri, 14 Nov 2025 16:53:26 +0000 Christian Hoppe https://scilogs.spektrum.de/3g/?p=312 <h1>Qualia » 3G » SciLogs</h1><h2>By Christian Hoppe</h2><div itemprop="text"> <p>Am Ende verdichten sich alle Fragen der Philosophie und Religion zu der einen Frage nach der Natur des subjektiven Erlebens: Ist Bewusstsein von dieser Welt – oder ist es der Fingerzeig auf eine zweite, geistige Welt jenseits der Welt physischer Dinge, Eigenschaften und Ereignisse?</p> <p>Bewusstsein macht den alles entscheidenden Unterschied: Ohne Bewusstsein kein Erkennen. Ohne bewusstes Erleben „hätte“ niemand eine Welt, zu der er sich erkennend und handelnd irgendwie verhalten könnte. Ohne Bewusstsein auch kein Schmerz, kein Leiden – sondern allenfalls Schmerzreaktionen, schmerzartiges Grimassieren, schmerzvermeidendes Verhalten. Wo es kein Leiden geben kann, muss Leiden auch nicht mehr vermieden werden – daher: Ohne Bewusstsein keine Ethik, keine Moral, keine Verantwortung oder Schuld. Die Welt als Aneinanderreihung bloßer Tatsachen, die niemanden interessieren, die sind, was sie sind, weder gut noch böse. Alles wäre einfach und eindimensional ausschließlich Welt. Und wenn niemand mehr da ist, der irgendetwas bemerkt, wird am Ende auch die Aussage schwierig, dass es die Welt überhaupt gibt (oder dass es in der Welt irgendetwas gibt).</p> <p>Die Alltagswelt, die physische Realität – sie sind offensichtlich das Ergebnis einer Interaktion zwischen einer irgendwie gearteten materiellen Wirklichkeit (zu der wir selbst dazugehören) mit unserem Organismus, unseren Wahrnehmungsorganen und unserem Gehirn, letztlich mit unserem bewussten Erleben. Wie sieht Rot aus, wenn niemand es sieht? Es ist klar, wie es aussehen wird, sobald jemand es wieder anschaut – aber wie sieht Rot aus, wenn niemand es sieht? Warum und wie überhaupt die unterschiedlichen Sinnesmodalitäten – Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen –, wo uns die Welt doch ausschließlich über den einheitlichen und wenig sinnlichen neuronalen Code des sensorischen Interfaces unseres Nervensystems erreicht?</p> <p>Die Bewusstseinstheorien beschäftigen sich meistens mit der Frage, warum uns etwas Bestimmtes bewusst wird oder nicht, während wir wach sind. Hier geht es mir aber mehr um diese Wachheit selbst – bei Bewusstsein sein, überhaupt irgendetwas erleben können. Vigilanz kennt Abstufungen: Beim Erwachen gibt es einen Moment – ab dem sind wir da und mit uns die Welt; und beim Einschlafen gibt es einen Moment, wo beide, ich und meine Welt, zugleich verschwinden. Während des Tages gibt es tranceartige, automatische Momente – ganze Stunden manchmal – und dann immer wieder lichte, hellwache Momente mit glasklarer Aufmerksamkeit und messerscharfem Denken. Offensichtlich korreliert unsere Leistungsfähigkeit mit dem Bewusstsein im Sinne von Wachheit (wobei manchmal auch in tranceartigen Zuständen erstaunliche Dinge vollbracht werden).</p> <p><em>Exkurs: Bewusstsein hat normalerweise einen intentionalen Gehalt und ein Subjekt, das diesen erlebt, erfährt, denkt, erinnert usw.: Es ist für mich irgendwie, rot zu sehen, sauer zu schmecken etc. In Meditationskreisen wird behauptet, es gäbe Bewusstsein außerhalb dieser epistemischen Subjekt-Objekt-Struktur, d.h. „reines Bewusstsein“, niemandes Bewusstsein, Bewusstsein ohne irgendeine Welt, ohne „Inhalt“. Mir scheint dies als extremes Ende der gegebenen positiven Korrelation zwischen dem Erstehen eines Subjekts und einer objektiven Welt durchaus denkbar – aber im Folgenden werde ich mich auf subjektives Bewusstsein mit phänomenalem Gehalt konzentrieren. —</em><aside></aside></p> <p>Informationsverarbeitung kann in physischen Systemen realisiert werden – in Zeiten von ChatGPT und AlphaFold 3 eine Binse. Aber vielleicht doch bemerkenswert: Informationsverarbeitung ist gar nicht das Problem. Solange wir über Informationsverarbeitung reden, hat der Physikalismus auch kein Problem (siehe „conscious access“, Ned Block). Es ist absolut denkbar, dass sich physische System entwickeln, die erstaunliche Fähigkeiten in der (unbewussten) Verarbeitung und Integration großer Informationsmengen in Richtung eines adaptiven Verhaltens entwickeln. Für mein eigenes sichtbares Verhalten gilt ohnehin: Alles, was daran physisch ist, unterliegt physischen Gesetzmäßigkeiten. Aber auch für die Informationsverarbeitung in meinem Nervensystem sowie anderen Organsystemen gilt: Sie unterliegt den Gesetzen der Physik. Fraglich ist einzig und allein dieser letzte, wie wir oben gesehen haben, entscheidende Moment des Bewusstseins, des subjektiven Erlebens, der Qualia: das „<em>hard problem of consciousness</em>“ (David Chalmers).</p> <p>Es ist im Grunde ganz einfach: Entweder ist Bewusstsein (im strengen zugespitzten Sinne der Qualia) physisch oder nicht.</p> <p>Physisch ist es, wenn es kausale Power in der physischen Realität besitzt – es sollte dann letztlich messbar und beobachtbar sein, weil es das Potential hätte, mit unseren Messinstrumenten und Wahrnehmungsorganen zu interagieren. Die Tatsache des subjektiven Erlebens als solcher würde dann in der physischen Realität einen Unterschied machen (unabhängig vom konkreten Inhalt, der ohnehin als Informationsverarbeitung physisch real wirkt). Bewusstsein wäre dann ein weiteres physikalisches Phänomen. Man könnte über Mechanismen wie Emergenz, Supervenienz usw. nachdenken. Formulierungen wie „hirnorganische Prozesse liegen dem Bewusstsein zugrunde“ wären verständlich, weil wir uns innerhalb der Physik und der physischen Realität bewegen. Interaktionen zwischen Bewusstsein und der physischen Realität des Körpers und der Umgebung scheinen in beide Richtungen, also perzeptiv und motorisch, ohne Weiteres denkbar. Es ist verständlich, wie mein Bewusstsein mit meinem Körper verknüpft sein kann, sodass ich immer dort bin, wo sich meine Körper befindet (außer in Traum und Fantasie). Die Schlussfolgerung, dass Bewusstsein selbst in der physischen Welt relevant ist und den entscheidenden Unterschied macht, erscheint uns zudem unbedingt wünschenswert.</p> <p><em>Exkurs: Ich verstehe „kausale Geschlossenheit der physischen Realität“ nicht exklusiv, sondern inklusiv. Alles, was in der physischen Realität kausale Power besitzt, muss seinerseits dieser physischen Realität zugerechnet werden, muss Untersuchungsgegenstand der Physik werden. Wenn Gott in der physischen Welt wirkt, ist er für die Physik relevant; man kann dann nicht sagen, Gott ist immateriell und daher nichtphysisch. Was physisch wirkt, ist physisch. —</em></p> <p>Nun haben wir bislang aber kein <em>Conscious-o-meter</em> entwickelt. Wenn überhaupt erscheint allerhöchstens denkbar, dass wir eines Tages physiologische Biomarker bewussten Erlebens finden, die bewusstes Erleben mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erkennen und vielleicht sogar entziffern können (idealerweise speziesübergreifend). Solange aber stehen wir vor einem wirklichen Problem: Ist mein Gegenüber wirklich bei Bewusstsein, wie es mir erscheint (Rapport) – oder handelt es sich um einen perfekt programmierten androiden Roboter, der mir nur äußerst echt vorspielt, dass er etwas erlebt, obwohl er nichts erlebt (<em>other mind problem</em>, Thomas Nagel)? Wie könnte ich das eine oder andere beweisen? Ist dieser Embryo, dieser Fötus bei Bewusstsein, fühlt er/sie Schmerz? Was ist mit dem Bewusstsein von Tieren: Säugetieren, Insekten, Bakterien – erleben sie die Welt, spüren sie sich? Ist die nach einer Hemisphärotomie diskonnektierte Großhirnhälfte weiterhin bei Bewusstsein? Und hat das <em>Large Language Model </em>von OpenAI mittlerweile Bewusstsein entwickelt? Wir wissen, dass Selbstauskünfte fehlerhaft sein (vgl. <em>Blindsight</em>-Phänomen: unbewusst „sehen“; Anton-Syndrom: irrtümlich davon überzeugt sein, dass man sieht) und dass Responsivität fehlen kann aufgrund rein motorischer Blockaden (vgl. <em>Locked-in</em>-Syndrom, teilweise epileptische Anfälle, <em>minimal conscious states</em>/vgl. die Arbeiten von Owen et al.). Es scheint methodisch jedoch keinen anderen Weg zu geben: Wir sind auf die für uns verständliche Selbstauskunft angewiesen, müssen dieser Auskunft trauen und können unsere physiologischen Messungen nur daran kalibrieren. (Reine Wahrnehmungsexperimente laufen unter Informationsverarbeitung, sie verpassen grundsätzlich das Problem der phänomenalen Bewusstheit). Von diesem Standpunkt aus, erscheint Bewusstsein streng subjektiv, streng privat, prinzipiell von außen nicht beobachtbar, messbar, nachweisbar.</p> <p>Eine mögliche Erklärung für die Unbeobachtbarkeit des Bewusstseins könnte sein, dass Bewusstsein nichtphysischer Natur ist. Phänomenologisch erscheint diese Beschreibung durchaus ansprechend, etwa mit Blick auf das tiefgründige Problem des Fremdpsychischen. Das Bewusstsein wäre dann nicht Teil der physischen Realität, es stände außerhalb – und begründete damit die Vorstellung von der Existenz einer weiteren, nichtphysischen Wirklichkeit (ideelle oder geistige Wirklichkeit). Es wäre dann aber auch klar, dass Bewusstsein im engen Sinne (Qualia) in der physischen Welt keinen Unterschied macht; nur Informationsverarbeitung kann das. Welche Informationen verarbeitet werden, ist relevant, aber die Tatsache selbst, dass ich diese Prozesse teilweise bewusst erlebe, dass ich etwas denke, fühle, erinnere usw., wäre irrelevant und absolut wirkungslos im Hinblick auf den eigenen Körper und die physische Welt um uns herum.</p> <p>Ein nichtphysisches Bewusstsein könnte in keinem physikalischen Verhältnis zur physischen Realität stehen. Jedenfalls wüssten wir nicht, was Emergenz, Supervenienz oder selbst eine Formulierung wie „zugrunde liegen“ usw. zwischen physischen Prozessen einerseits und etwas Nichtphysischem andererseits überhaupt bedeuten sollen, jenseits bloßer Metaphern. Niemand ist je auf den Gedanken gekommen, irgendein Verhältnis zwischen der Zahl 3 (oder allen Zahlen) und der physischen Realität zu behaupten. Es ergäbe einfach keinen Sinn, es wäre ein schwerer Kategorienfehler. Die absolute Unwirksamkeit des subjektiven Erlebens (Qualia) in der physischen Realität ist nun keinesfalls wünschenswert, und sie scheint auch sehr starken alltagspsychologisch begründeten Intuitionen diametral zu widersprechen. Sie entspricht allerdings unserer heutigen Physik, die so etwas wie „mentale Ursachen“ bzw. Wechselwirkungen nicht kennt (vgl. die bekannten vier Wechselwirkungen in der Quantenfeldtheorie). Wäre diese Sichtweise zutreffend, befänden sich alle bewussten Wesen in dem denkbar radikalsten <em>Locked-In</em>-Syndrom: Während Sie vielleicht glauben, dass Sie selbst irgendetwas absichtlich tun, stecken Sie tatsächlich aus unbekanntem Grunde in einem Körper fest. Alle Dinge an ihrem Körper und um sie herum geschehen von ganz alleine ohne Ihr Zutun, aber Sie sind gezwungen, diesen Ereignissen beizuwohnen, sie zu erleben und zu erleiden, jeden Tag für viele Stunden.</p> <p><em>Exkurs: Aber wir erleben doch die Welt! Also wirkt sie doch auf unser Bewusstsein physisch ein! Nein – richtig ist, dass Informationsverarbeitung abläuft. Manchmal sind wir hinreichend wach und als erlebensfähiges Subjekt präsent und dann sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen wir die Welt mit uns darin. In bestimmten Phasen geht quasi das Licht an (aber diese Art Licht hat absolut keinen Einfluss auf das, was geschieht!); in der Regel laufen wesentlich komplexere perzeptuelle und motorische Prozesse ab, wenn das Licht an ist. Wäre es jedoch so, dass diese Prozesse das Bewusstseins-Licht anschalten oder umgekehrt – dann wäre Bewusstsein doch wieder ein physisches Emergenzphänomen mit kausaler Power. –</em></p> <p>In früheren Beiträgen hatte ich bereits gezeigt, dass die Idee eines Bewusstseins an und für sich keinen Sinn macht; dieses Konzept steht dem Gedanken eines nichtphysischen Bewusstseins zumindest nahe, u.a. wäre dieses ja auch hirnunabhängig. Gegeben, dass seine Bezeichnung seine Natur bezeichnen soll, müsste man eines von einem absoluten Bewusstsein verlangen dürfen: dass es bei Bewusstsein ist. Ein absolutes Bewusstsein kann deswegen nicht mein individuelles Bewusstsein sein, weil ich phasenweise bewusstlos bin (Tiefschlaf, Narkose, K.O., epileptischer Anfall, usw.) und mein Bewusstsein in diesen Phasen ein <em>bewusstloses Bewusstsein</em> wäre – offensichtlich eine <em>contradictio in se adiecto</em>. Die Variabilität meiner Bewusstseinszustände bis hin zur völligen Bewusstlosigkeit ist mit einem absoluten Bewusstsein an und für sich nicht vereinbar. Die Möglichkeit, Bewusstsein pharmakologisch zu kontrollieren, spricht sehr stark für seine physische Natur. Es mag also ein absolutes Bewusstsein existieren – es ist aber nicht mein Bewusstsein oder das irgendeines anderen endlichen Wesens, das variable Bewusstseinszustände durchläuft.</p> <p>Mir erscheint zusammenfassend dann folgende Sicht am plausibelsten: Bewusstsein ist eine Eigenschaft einiger informationsverarbeitender Prozesse (bisher) in Gehirnen bzw. Nervensystemen; es ist aber – jenseits stets möglicher sprachlicher Abstraktion (vgl. rote Tomate – die Farbe Rot – das Rote an sich) – keine Substanz. Bewusstsein kennzeichnet alle informationsverarbeitenden Prozesse, bei denen ein Subjekt etwas wahrnimmt oder bemerkt: Empfindungen, Wahrnehmungen, Gedanken, Erinnerungen, was auch immer; in der Regel wird ein gesunder Proband dies dann auch berichten (oder durch entsprechende Reaktionen markieren) können.</p> <p>Das erlebensfähige Subjekt, das dieser Proband zeitweise ist, existiert ausschließlich, <em>indem</em> es etwas wahrnimmt; es ko-existiert stets mit dem erlebten Inhalt, in einer epistemischen Subjekt-Objekt-Spannung. Da Informationsverarbeitung im Wachzustand um ein vielfaches leistungsfähiger ist als in bewusstlosen Phasen (vgl. aber auch Traum), ist die Eigenschaft „bewusst“ auch physisch relevant. Es macht in der physischen Realität demnach einen Unterschied, ob bestimmte Informationen bewusst verarbeitet werden oder nicht. Gegeben hinreichende Wachheit, gibt es allerdings durchaus Prozesse, die unterbewusst (vorbewusst) effizienter verarbeitet werden als wenn sich bewusste Informationsverarbeitungsprozesse einschalten (z.B. die Fingerbewegungen beim Spielen eines Musikinstrumentes).</p> <p><em>Exkurs: Es ist in vielen Bereichen immer wieder eine praktisch hochwichtige Frage, bei welchen Tätigkeiten, Problemen und Aufgabenstellungen bewusste Informationsverarbeitung (in strenger Trennung von Subjekt und Objekt) das Mittel der Wahl ist und wann man „das Denken besser abschalten“ und die Dinge automatisch ablaufen, von alleine geschehen lassen sollte (vgl. Trance/Flow, Dissoziation, sowie Intuition/“Bauchgefühl“; ferner Absorption: „eins sein mit der Handlung“). Hierzu gibt es auch umfangreiche experimental- und sozialpsychologische Literatur. –</em></p> <p>Bewusste Informationsverarbeitung ist weitgehend identisch mit aufmerksamer Informationsverarbeitung, wobei das Gesamtmaß verfügbarer Aufmerksamkeit von Wachheit abhängt und die Aufmerksamkeit dann mehr oder weniger auf einzelne Objekte zentriert werden kann („Konzentration“). (Ein Teil der Aufmerksamkeit wird immer auf den Hintergrund gerichtet; vgl. Orientierungsreaktion.) Aufmerksamkeit können wir phasenweise „bewusst“ lenken, d.h. wir richten Aufmerksamkeit auf die Lenkung der Aufmerksamkeit selbst (die normalerweise automatisch abläuft).</p> <p><em>Exkurs: Ein (vermeintlich) höheres Subjekt (Selbst) resultiert immer dann, wenn die Aufmerksamkeit auf (vermeintlich) höhere Ebenen und Metaebenen der Informationsverarbeitung (z.B. auf die Aufmerksamkeit selbst) gelenkt und dort eine Zeitlang gehalten wird; auch das (höhere) Subjekt ko-existiert also stets mit seinen (höheren) Erlebensinhalten. Letztlich wird aber auch bei diesen Prozessen der physische Determinismus und Automatismus der gesamten Informationsverarbeitung nicht durchbrochen: Warum komme ich ausgerechnet jetzt auf den Gedanken, mich auf X konzentrieren zu wollen, und warum schweife ich nach exakt 13,247 Sekunden wieder ab, um meinem nächsten Gedanken zu folgen? —</em></p> <p>Es ergeben sich folgende Schlussfolgerungen bzw. Forschungsresiduen:</p> <ul> <li>Wir sollten wieder mehr über Vigilanz (Arousal, Wachheit/Schlaf, usw.) forschen – auch über das Eintreten in die und das Erwachen aus der Narkose, einem epileptischen Anfall oder einem Koma.</li> <li>Wir sollten weiter an dem Unterschied zwischen nachweislich stattfindender, aber nicht berichtsfähiger („unbewusster“, z.B. unter-/vorbewusster) versus bewusster und berichtsfähiger Informationsverarbeitung forschen.</li> <li>Möglicherweise gewinnen wir aus der oben beschriebenen notwendigen Subjekt-Objekt-Struktur allen Erlebens (d.h. Ko-Existenz bzw. Ko-Emergenz von erlebendem Subjekts und erlebtem Objekt), d.h. aus der epistemischen Spannung, Anhaltspunkte für die Entdeckung physiologischer Prozesse mit vergleichbaren informationstheoretischen Eigenschaften. (Weltfremde Spekulationen über „reines Bewusstsein“ lenken von dieser interessanten Eigenschaft bewusster Zustände eher ab.) Die Qualia-Definition sollte nicht lauten: „<em>there is something it is like to &lt; see, hear, feel etc. &gt;</em>”, sondern “<em>there is something it is like </em>for someone<em> to &lt; see, hear, feel etc. &gt;</em>”.</li> <li>Wir sollten sehr viel mehr über Aufmerksamkeit sowie über unbewusste und bewusste Aufmerksamkeitslenkung wissen – nicht nur in neurowissenschaftlicher, sondern auch in praktischer Hinsicht (was ist wann indiziert?). Es gibt definitiv ineffiziente, missbräuchliche, störende und vielleicht sogar krankmachende Anwendungen bewussten Denkens.</li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Qualia » 3G » SciLogs</h1><h2>By Christian Hoppe</h2><div itemprop="text"> <p>Am Ende verdichten sich alle Fragen der Philosophie und Religion zu der einen Frage nach der Natur des subjektiven Erlebens: Ist Bewusstsein von dieser Welt – oder ist es der Fingerzeig auf eine zweite, geistige Welt jenseits der Welt physischer Dinge, Eigenschaften und Ereignisse?</p> <p>Bewusstsein macht den alles entscheidenden Unterschied: Ohne Bewusstsein kein Erkennen. Ohne bewusstes Erleben „hätte“ niemand eine Welt, zu der er sich erkennend und handelnd irgendwie verhalten könnte. Ohne Bewusstsein auch kein Schmerz, kein Leiden – sondern allenfalls Schmerzreaktionen, schmerzartiges Grimassieren, schmerzvermeidendes Verhalten. Wo es kein Leiden geben kann, muss Leiden auch nicht mehr vermieden werden – daher: Ohne Bewusstsein keine Ethik, keine Moral, keine Verantwortung oder Schuld. Die Welt als Aneinanderreihung bloßer Tatsachen, die niemanden interessieren, die sind, was sie sind, weder gut noch böse. Alles wäre einfach und eindimensional ausschließlich Welt. Und wenn niemand mehr da ist, der irgendetwas bemerkt, wird am Ende auch die Aussage schwierig, dass es die Welt überhaupt gibt (oder dass es in der Welt irgendetwas gibt).</p> <p>Die Alltagswelt, die physische Realität – sie sind offensichtlich das Ergebnis einer Interaktion zwischen einer irgendwie gearteten materiellen Wirklichkeit (zu der wir selbst dazugehören) mit unserem Organismus, unseren Wahrnehmungsorganen und unserem Gehirn, letztlich mit unserem bewussten Erleben. Wie sieht Rot aus, wenn niemand es sieht? Es ist klar, wie es aussehen wird, sobald jemand es wieder anschaut – aber wie sieht Rot aus, wenn niemand es sieht? Warum und wie überhaupt die unterschiedlichen Sinnesmodalitäten – Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen –, wo uns die Welt doch ausschließlich über den einheitlichen und wenig sinnlichen neuronalen Code des sensorischen Interfaces unseres Nervensystems erreicht?</p> <p>Die Bewusstseinstheorien beschäftigen sich meistens mit der Frage, warum uns etwas Bestimmtes bewusst wird oder nicht, während wir wach sind. Hier geht es mir aber mehr um diese Wachheit selbst – bei Bewusstsein sein, überhaupt irgendetwas erleben können. Vigilanz kennt Abstufungen: Beim Erwachen gibt es einen Moment – ab dem sind wir da und mit uns die Welt; und beim Einschlafen gibt es einen Moment, wo beide, ich und meine Welt, zugleich verschwinden. Während des Tages gibt es tranceartige, automatische Momente – ganze Stunden manchmal – und dann immer wieder lichte, hellwache Momente mit glasklarer Aufmerksamkeit und messerscharfem Denken. Offensichtlich korreliert unsere Leistungsfähigkeit mit dem Bewusstsein im Sinne von Wachheit (wobei manchmal auch in tranceartigen Zuständen erstaunliche Dinge vollbracht werden).</p> <p><em>Exkurs: Bewusstsein hat normalerweise einen intentionalen Gehalt und ein Subjekt, das diesen erlebt, erfährt, denkt, erinnert usw.: Es ist für mich irgendwie, rot zu sehen, sauer zu schmecken etc. In Meditationskreisen wird behauptet, es gäbe Bewusstsein außerhalb dieser epistemischen Subjekt-Objekt-Struktur, d.h. „reines Bewusstsein“, niemandes Bewusstsein, Bewusstsein ohne irgendeine Welt, ohne „Inhalt“. Mir scheint dies als extremes Ende der gegebenen positiven Korrelation zwischen dem Erstehen eines Subjekts und einer objektiven Welt durchaus denkbar – aber im Folgenden werde ich mich auf subjektives Bewusstsein mit phänomenalem Gehalt konzentrieren. —</em><aside></aside></p> <p>Informationsverarbeitung kann in physischen Systemen realisiert werden – in Zeiten von ChatGPT und AlphaFold 3 eine Binse. Aber vielleicht doch bemerkenswert: Informationsverarbeitung ist gar nicht das Problem. Solange wir über Informationsverarbeitung reden, hat der Physikalismus auch kein Problem (siehe „conscious access“, Ned Block). Es ist absolut denkbar, dass sich physische System entwickeln, die erstaunliche Fähigkeiten in der (unbewussten) Verarbeitung und Integration großer Informationsmengen in Richtung eines adaptiven Verhaltens entwickeln. Für mein eigenes sichtbares Verhalten gilt ohnehin: Alles, was daran physisch ist, unterliegt physischen Gesetzmäßigkeiten. Aber auch für die Informationsverarbeitung in meinem Nervensystem sowie anderen Organsystemen gilt: Sie unterliegt den Gesetzen der Physik. Fraglich ist einzig und allein dieser letzte, wie wir oben gesehen haben, entscheidende Moment des Bewusstseins, des subjektiven Erlebens, der Qualia: das „<em>hard problem of consciousness</em>“ (David Chalmers).</p> <p>Es ist im Grunde ganz einfach: Entweder ist Bewusstsein (im strengen zugespitzten Sinne der Qualia) physisch oder nicht.</p> <p>Physisch ist es, wenn es kausale Power in der physischen Realität besitzt – es sollte dann letztlich messbar und beobachtbar sein, weil es das Potential hätte, mit unseren Messinstrumenten und Wahrnehmungsorganen zu interagieren. Die Tatsache des subjektiven Erlebens als solcher würde dann in der physischen Realität einen Unterschied machen (unabhängig vom konkreten Inhalt, der ohnehin als Informationsverarbeitung physisch real wirkt). Bewusstsein wäre dann ein weiteres physikalisches Phänomen. Man könnte über Mechanismen wie Emergenz, Supervenienz usw. nachdenken. Formulierungen wie „hirnorganische Prozesse liegen dem Bewusstsein zugrunde“ wären verständlich, weil wir uns innerhalb der Physik und der physischen Realität bewegen. Interaktionen zwischen Bewusstsein und der physischen Realität des Körpers und der Umgebung scheinen in beide Richtungen, also perzeptiv und motorisch, ohne Weiteres denkbar. Es ist verständlich, wie mein Bewusstsein mit meinem Körper verknüpft sein kann, sodass ich immer dort bin, wo sich meine Körper befindet (außer in Traum und Fantasie). Die Schlussfolgerung, dass Bewusstsein selbst in der physischen Welt relevant ist und den entscheidenden Unterschied macht, erscheint uns zudem unbedingt wünschenswert.</p> <p><em>Exkurs: Ich verstehe „kausale Geschlossenheit der physischen Realität“ nicht exklusiv, sondern inklusiv. Alles, was in der physischen Realität kausale Power besitzt, muss seinerseits dieser physischen Realität zugerechnet werden, muss Untersuchungsgegenstand der Physik werden. Wenn Gott in der physischen Welt wirkt, ist er für die Physik relevant; man kann dann nicht sagen, Gott ist immateriell und daher nichtphysisch. Was physisch wirkt, ist physisch. —</em></p> <p>Nun haben wir bislang aber kein <em>Conscious-o-meter</em> entwickelt. Wenn überhaupt erscheint allerhöchstens denkbar, dass wir eines Tages physiologische Biomarker bewussten Erlebens finden, die bewusstes Erleben mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erkennen und vielleicht sogar entziffern können (idealerweise speziesübergreifend). Solange aber stehen wir vor einem wirklichen Problem: Ist mein Gegenüber wirklich bei Bewusstsein, wie es mir erscheint (Rapport) – oder handelt es sich um einen perfekt programmierten androiden Roboter, der mir nur äußerst echt vorspielt, dass er etwas erlebt, obwohl er nichts erlebt (<em>other mind problem</em>, Thomas Nagel)? Wie könnte ich das eine oder andere beweisen? Ist dieser Embryo, dieser Fötus bei Bewusstsein, fühlt er/sie Schmerz? Was ist mit dem Bewusstsein von Tieren: Säugetieren, Insekten, Bakterien – erleben sie die Welt, spüren sie sich? Ist die nach einer Hemisphärotomie diskonnektierte Großhirnhälfte weiterhin bei Bewusstsein? Und hat das <em>Large Language Model </em>von OpenAI mittlerweile Bewusstsein entwickelt? Wir wissen, dass Selbstauskünfte fehlerhaft sein (vgl. <em>Blindsight</em>-Phänomen: unbewusst „sehen“; Anton-Syndrom: irrtümlich davon überzeugt sein, dass man sieht) und dass Responsivität fehlen kann aufgrund rein motorischer Blockaden (vgl. <em>Locked-in</em>-Syndrom, teilweise epileptische Anfälle, <em>minimal conscious states</em>/vgl. die Arbeiten von Owen et al.). Es scheint methodisch jedoch keinen anderen Weg zu geben: Wir sind auf die für uns verständliche Selbstauskunft angewiesen, müssen dieser Auskunft trauen und können unsere physiologischen Messungen nur daran kalibrieren. (Reine Wahrnehmungsexperimente laufen unter Informationsverarbeitung, sie verpassen grundsätzlich das Problem der phänomenalen Bewusstheit). Von diesem Standpunkt aus, erscheint Bewusstsein streng subjektiv, streng privat, prinzipiell von außen nicht beobachtbar, messbar, nachweisbar.</p> <p>Eine mögliche Erklärung für die Unbeobachtbarkeit des Bewusstseins könnte sein, dass Bewusstsein nichtphysischer Natur ist. Phänomenologisch erscheint diese Beschreibung durchaus ansprechend, etwa mit Blick auf das tiefgründige Problem des Fremdpsychischen. Das Bewusstsein wäre dann nicht Teil der physischen Realität, es stände außerhalb – und begründete damit die Vorstellung von der Existenz einer weiteren, nichtphysischen Wirklichkeit (ideelle oder geistige Wirklichkeit). Es wäre dann aber auch klar, dass Bewusstsein im engen Sinne (Qualia) in der physischen Welt keinen Unterschied macht; nur Informationsverarbeitung kann das. Welche Informationen verarbeitet werden, ist relevant, aber die Tatsache selbst, dass ich diese Prozesse teilweise bewusst erlebe, dass ich etwas denke, fühle, erinnere usw., wäre irrelevant und absolut wirkungslos im Hinblick auf den eigenen Körper und die physische Welt um uns herum.</p> <p>Ein nichtphysisches Bewusstsein könnte in keinem physikalischen Verhältnis zur physischen Realität stehen. Jedenfalls wüssten wir nicht, was Emergenz, Supervenienz oder selbst eine Formulierung wie „zugrunde liegen“ usw. zwischen physischen Prozessen einerseits und etwas Nichtphysischem andererseits überhaupt bedeuten sollen, jenseits bloßer Metaphern. Niemand ist je auf den Gedanken gekommen, irgendein Verhältnis zwischen der Zahl 3 (oder allen Zahlen) und der physischen Realität zu behaupten. Es ergäbe einfach keinen Sinn, es wäre ein schwerer Kategorienfehler. Die absolute Unwirksamkeit des subjektiven Erlebens (Qualia) in der physischen Realität ist nun keinesfalls wünschenswert, und sie scheint auch sehr starken alltagspsychologisch begründeten Intuitionen diametral zu widersprechen. Sie entspricht allerdings unserer heutigen Physik, die so etwas wie „mentale Ursachen“ bzw. Wechselwirkungen nicht kennt (vgl. die bekannten vier Wechselwirkungen in der Quantenfeldtheorie). Wäre diese Sichtweise zutreffend, befänden sich alle bewussten Wesen in dem denkbar radikalsten <em>Locked-In</em>-Syndrom: Während Sie vielleicht glauben, dass Sie selbst irgendetwas absichtlich tun, stecken Sie tatsächlich aus unbekanntem Grunde in einem Körper fest. Alle Dinge an ihrem Körper und um sie herum geschehen von ganz alleine ohne Ihr Zutun, aber Sie sind gezwungen, diesen Ereignissen beizuwohnen, sie zu erleben und zu erleiden, jeden Tag für viele Stunden.</p> <p><em>Exkurs: Aber wir erleben doch die Welt! Also wirkt sie doch auf unser Bewusstsein physisch ein! Nein – richtig ist, dass Informationsverarbeitung abläuft. Manchmal sind wir hinreichend wach und als erlebensfähiges Subjekt präsent und dann sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen wir die Welt mit uns darin. In bestimmten Phasen geht quasi das Licht an (aber diese Art Licht hat absolut keinen Einfluss auf das, was geschieht!); in der Regel laufen wesentlich komplexere perzeptuelle und motorische Prozesse ab, wenn das Licht an ist. Wäre es jedoch so, dass diese Prozesse das Bewusstseins-Licht anschalten oder umgekehrt – dann wäre Bewusstsein doch wieder ein physisches Emergenzphänomen mit kausaler Power. –</em></p> <p>In früheren Beiträgen hatte ich bereits gezeigt, dass die Idee eines Bewusstseins an und für sich keinen Sinn macht; dieses Konzept steht dem Gedanken eines nichtphysischen Bewusstseins zumindest nahe, u.a. wäre dieses ja auch hirnunabhängig. Gegeben, dass seine Bezeichnung seine Natur bezeichnen soll, müsste man eines von einem absoluten Bewusstsein verlangen dürfen: dass es bei Bewusstsein ist. Ein absolutes Bewusstsein kann deswegen nicht mein individuelles Bewusstsein sein, weil ich phasenweise bewusstlos bin (Tiefschlaf, Narkose, K.O., epileptischer Anfall, usw.) und mein Bewusstsein in diesen Phasen ein <em>bewusstloses Bewusstsein</em> wäre – offensichtlich eine <em>contradictio in se adiecto</em>. Die Variabilität meiner Bewusstseinszustände bis hin zur völligen Bewusstlosigkeit ist mit einem absoluten Bewusstsein an und für sich nicht vereinbar. Die Möglichkeit, Bewusstsein pharmakologisch zu kontrollieren, spricht sehr stark für seine physische Natur. Es mag also ein absolutes Bewusstsein existieren – es ist aber nicht mein Bewusstsein oder das irgendeines anderen endlichen Wesens, das variable Bewusstseinszustände durchläuft.</p> <p>Mir erscheint zusammenfassend dann folgende Sicht am plausibelsten: Bewusstsein ist eine Eigenschaft einiger informationsverarbeitender Prozesse (bisher) in Gehirnen bzw. Nervensystemen; es ist aber – jenseits stets möglicher sprachlicher Abstraktion (vgl. rote Tomate – die Farbe Rot – das Rote an sich) – keine Substanz. Bewusstsein kennzeichnet alle informationsverarbeitenden Prozesse, bei denen ein Subjekt etwas wahrnimmt oder bemerkt: Empfindungen, Wahrnehmungen, Gedanken, Erinnerungen, was auch immer; in der Regel wird ein gesunder Proband dies dann auch berichten (oder durch entsprechende Reaktionen markieren) können.</p> <p>Das erlebensfähige Subjekt, das dieser Proband zeitweise ist, existiert ausschließlich, <em>indem</em> es etwas wahrnimmt; es ko-existiert stets mit dem erlebten Inhalt, in einer epistemischen Subjekt-Objekt-Spannung. Da Informationsverarbeitung im Wachzustand um ein vielfaches leistungsfähiger ist als in bewusstlosen Phasen (vgl. aber auch Traum), ist die Eigenschaft „bewusst“ auch physisch relevant. Es macht in der physischen Realität demnach einen Unterschied, ob bestimmte Informationen bewusst verarbeitet werden oder nicht. Gegeben hinreichende Wachheit, gibt es allerdings durchaus Prozesse, die unterbewusst (vorbewusst) effizienter verarbeitet werden als wenn sich bewusste Informationsverarbeitungsprozesse einschalten (z.B. die Fingerbewegungen beim Spielen eines Musikinstrumentes).</p> <p><em>Exkurs: Es ist in vielen Bereichen immer wieder eine praktisch hochwichtige Frage, bei welchen Tätigkeiten, Problemen und Aufgabenstellungen bewusste Informationsverarbeitung (in strenger Trennung von Subjekt und Objekt) das Mittel der Wahl ist und wann man „das Denken besser abschalten“ und die Dinge automatisch ablaufen, von alleine geschehen lassen sollte (vgl. Trance/Flow, Dissoziation, sowie Intuition/“Bauchgefühl“; ferner Absorption: „eins sein mit der Handlung“). Hierzu gibt es auch umfangreiche experimental- und sozialpsychologische Literatur. –</em></p> <p>Bewusste Informationsverarbeitung ist weitgehend identisch mit aufmerksamer Informationsverarbeitung, wobei das Gesamtmaß verfügbarer Aufmerksamkeit von Wachheit abhängt und die Aufmerksamkeit dann mehr oder weniger auf einzelne Objekte zentriert werden kann („Konzentration“). (Ein Teil der Aufmerksamkeit wird immer auf den Hintergrund gerichtet; vgl. Orientierungsreaktion.) Aufmerksamkeit können wir phasenweise „bewusst“ lenken, d.h. wir richten Aufmerksamkeit auf die Lenkung der Aufmerksamkeit selbst (die normalerweise automatisch abläuft).</p> <p><em>Exkurs: Ein (vermeintlich) höheres Subjekt (Selbst) resultiert immer dann, wenn die Aufmerksamkeit auf (vermeintlich) höhere Ebenen und Metaebenen der Informationsverarbeitung (z.B. auf die Aufmerksamkeit selbst) gelenkt und dort eine Zeitlang gehalten wird; auch das (höhere) Subjekt ko-existiert also stets mit seinen (höheren) Erlebensinhalten. Letztlich wird aber auch bei diesen Prozessen der physische Determinismus und Automatismus der gesamten Informationsverarbeitung nicht durchbrochen: Warum komme ich ausgerechnet jetzt auf den Gedanken, mich auf X konzentrieren zu wollen, und warum schweife ich nach exakt 13,247 Sekunden wieder ab, um meinem nächsten Gedanken zu folgen? —</em></p> <p>Es ergeben sich folgende Schlussfolgerungen bzw. Forschungsresiduen:</p> <ul> <li>Wir sollten wieder mehr über Vigilanz (Arousal, Wachheit/Schlaf, usw.) forschen – auch über das Eintreten in die und das Erwachen aus der Narkose, einem epileptischen Anfall oder einem Koma.</li> <li>Wir sollten weiter an dem Unterschied zwischen nachweislich stattfindender, aber nicht berichtsfähiger („unbewusster“, z.B. unter-/vorbewusster) versus bewusster und berichtsfähiger Informationsverarbeitung forschen.</li> <li>Möglicherweise gewinnen wir aus der oben beschriebenen notwendigen Subjekt-Objekt-Struktur allen Erlebens (d.h. Ko-Existenz bzw. Ko-Emergenz von erlebendem Subjekts und erlebtem Objekt), d.h. aus der epistemischen Spannung, Anhaltspunkte für die Entdeckung physiologischer Prozesse mit vergleichbaren informationstheoretischen Eigenschaften. (Weltfremde Spekulationen über „reines Bewusstsein“ lenken von dieser interessanten Eigenschaft bewusster Zustände eher ab.) Die Qualia-Definition sollte nicht lauten: „<em>there is something it is like to &lt; see, hear, feel etc. &gt;</em>”, sondern “<em>there is something it is like </em>for someone<em> to &lt; see, hear, feel etc. &gt;</em>”.</li> <li>Wir sollten sehr viel mehr über Aufmerksamkeit sowie über unbewusste und bewusste Aufmerksamkeitslenkung wissen – nicht nur in neurowissenschaftlicher, sondern auch in praktischer Hinsicht (was ist wann indiziert?). Es gibt definitiv ineffiziente, missbräuchliche, störende und vielleicht sogar krankmachende Anwendungen bewussten Denkens.</li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/3g/qualia/#comments 105 Der Rassismus-Begriff: Von internationalen zu deutschen Diskursen. Ein Überblick über die Forschung und wissenschaftliche Perspektiven. https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/der-rassismus-begriff-von-internationalen-zu-deutschen-diskursen-ein-ueberblick-ueber-die-forschung-und-wissenschaftliche-perspektiven/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/der-rassismus-begriff-von-internationalen-zu-deutschen-diskursen-ein-ueberblick-ueber-die-forschung-und-wissenschaftliche-perspektiven/#respond Fri, 14 Nov 2025 14:45:44 +0000 Paulina Seelmann https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=341 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Buechstapel-Blogbeitrag-Nov2025-4-768x627.png <link>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/der-rassismus-begriff-von-internationalen-zu-deutschen-diskursen-ein-ueberblick-ueber-die-forschung-und-wissenschaftliche-perspektiven/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Buechstapel-Blogbeitrag-Nov2025-4.png" /><h1>Der Rassismus-Begriff: Von internationalen zu deutschen Diskursen. Ein Überblick über die Forschung und wissenschaftliche Perspektiven. » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Paulina Seelmann</h2><div itemprop="text"> <p>Obwohl eine der ersten Publikationen zum Thema 1938 vom deutschen Wissenschaftler Hirschfeld verfasst wurde<sup data-fn="48484f9f-f747-48c1-a387-80c7de225d80"><a href="#48484f9f-f747-48c1-a387-80c7de225d80" id="48484f9f-f747-48c1-a387-80c7de225d80-link">1</a></sup>, wurde ein Großteil der Rassismusforschung jahrzehntelang hauptsächlich im anglo-amerikanischen Raum betrieben. Anfangs prägten Sklaverei und NS-Zeit, später der Kampf um Gleichberechtigung internationale Publikationen zu Rassismus<sup data-fn="5427af2a-846a-4620-92ec-5aa844ba80e2"><a href="#5427af2a-846a-4620-92ec-5aa844ba80e2" id="5427af2a-846a-4620-92ec-5aa844ba80e2-link">2</a></sup>. Bahnbrechend waren die in Zusammenarbeit mit Wissenschaftler*innen entstandenen UNESCO-Erklärungen zu dem Thema in den 1950/60er Jahren sowie die sog. <em>International Convention on the Elimination of Racial Discrimination</em> (ICERD) zum Schutz vor rassistischer Diskriminierung. Der Tod von George Floyd durch rassistisch motivierte Polizeigewalt in den USA befeuerte globale Proteste sowie eine intensive Diskussion über Rassismus. Dieser Blogbeitrag zeichnet die Entwicklung der Rassismusforschung, ihrer Perspektiven und des Begriffsverständnisses von der internationalen zur deutschen Debatte nach.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/demonstration-5267931_1280-2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="590" sizes="(max-width: 886px) 100vw, 886px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/demonstration-5267931_1280-2-edited.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/demonstration-5267931_1280-2-edited.jpg 886w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/demonstration-5267931_1280-2-edited-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/demonstration-5267931_1280-2-edited-768x511.jpg 768w" width="886"></img></a><figcaption><em>Foto: UnratedStudio auf Pixabay </em></figcaption></figure> <h3 id="h-die-internationale-rassismusforschung">Die internationale Rassismusforschung</h3> <p>International entwickelten sich in der kritischen Rassismusforschung verschiedene Perspektiven aus(einander). Die marxistische Perspektive sieht in Rassismus die Abwertung einer Menschengruppe mit dem Ziel ihrer (ökonomischen) Ausbeutung. Laut dem neomarxistischen Forscher Miles ist Rassismus eine Ideologie, bei der durch die Einteilung von Menschen in konstruierte Gruppen negative Folgen für die Betroffenen entstehen<sup data-fn="937c96de-659f-47bc-9315-a01f475e32e7"><a href="#937c96de-659f-47bc-9315-a01f475e32e7" id="937c96de-659f-47bc-9315-a01f475e32e7-link">3</a></sup>. Die Einteilung basiert auf biologischen Merkmalen, die gesellschaftlich mit negativen Bedeutungen verbunden werden. Rassistische Ideologie entsteht laut Hall durch die Verknüpfung der Schaffung und Zuschreibung von Bedeutung mit Machtstrategien, in deren Folge Gruppen von Ressourcen ausgeschlossen werden<sup data-fn="8f35d114-13aa-4d07-ad1d-d774ee829bd5"><a href="#8f35d114-13aa-4d07-ad1d-d774ee829bd5" id="8f35d114-13aa-4d07-ad1d-d774ee829bd5-link">4</a></sup>.  </p> <p>Die institutionelle Perspektive nimmt die Beziehung zwischen Vorurteilen und Macht in den Blick. Rassismus dient dem Erhalt von Macht bestimmter gesellschaftlicher Gruppen<sup data-fn="98c36701-edac-40ee-8405-05f0b3eedf3b"><a href="#98c36701-edac-40ee-8405-05f0b3eedf3b" id="98c36701-edac-40ee-8405-05f0b3eedf3b-link">5</a></sup>. Basierend auf Erfahrungen mit rassistischer Unterdrückung im Kontext der Jim Crow Order in Mississippi, unterscheiden Carmichael und Hamilton 1967 zwischen „persönlicher und institutionell rassistischer“ Unterdrückung: zwischen Rassismus zwischen Einzelpersonen und durch gesellschaftliche Institutionen<sup data-fn="6894c35c-8c23-493c-8b38-f70a32762a3f"><a href="#6894c35c-8c23-493c-8b38-f70a32762a3f" id="6894c35c-8c23-493c-8b38-f70a32762a3f-link">6</a></sup>. Die erste Praxisdefinition von institutionellem Rassismus legt 1999 MacPherson of Cluny im Rahmen seiner Untersuchung der Aufklärung des Mordes an einem von Rassismus betroffenen Jugendlichen durch die Londoner Polizei vor<sup data-fn="be1741d0-93ca-498e-827f-e23f94c663d6"><a href="#be1741d0-93ca-498e-827f-e23f94c663d6" id="be1741d0-93ca-498e-827f-e23f94c663d6-link">7</a></sup>. Institutioneller Rassismus findet auch heute statt, z.B. in Form von Racial Profiling der Polizei oder von rassistischer Diskriminierung auf den Arbeitsmarkt.</p> <p>In den 1970er Jahren bemerkten Forschende, dass sich rassistische Erzählungen nach dem 2. Weltkrieg zunehmend auf kulturelle anstatt biologische Unterschiede zwischen Menschen bezogen: Die Unvereinbarkeit von Kulturen wird betont und ihre Vermischung abgelehnt<sup data-fn="f3862229-af12-4157-b21d-089270b57b8f"><a href="#f3862229-af12-4157-b21d-089270b57b8f" id="f3862229-af12-4157-b21d-089270b57b8f-link">8</a></sup>. Dieser kulturell argumentierende Rassismus wird auch „Neuer Rassismus”<sup data-fn="62e16f65-3e0c-48c8-a692-3cb7de72114b"><a href="#62e16f65-3e0c-48c8-a692-3cb7de72114b" id="62e16f65-3e0c-48c8-a692-3cb7de72114b-link">9</a></sup>, „Differentialistischer Rassismus”<sup data-fn="2b9fc92f-53f8-46a9-9900-79af2a82b32e"><a href="#2b9fc92f-53f8-46a9-9900-79af2a82b32e" id="2b9fc92f-53f8-46a9-9900-79af2a82b32e-link">10</a></sup> oder „Neo-Rassismus”<sup data-fn="ac7c127a-185b-4004-8413-5129f17e7b1b"><a href="#ac7c127a-185b-4004-8413-5129f17e7b1b" id="ac7c127a-185b-4004-8413-5129f17e7b1b-link">11</a></sup> genannt. Heute wird diese Form oftmals in der antimuslimischen Rhetorik rechtspopulistischer oder -extremer Parteien genutzt. In den 1980er Jahren rückte die Forschung dann die alltäglichen Konsequenzen von Rassismus für Betroffene in den Blick: Mithilfe des Konzepts des Alltagsrassismus untersucht Essed 1984 die Alltagserfahrung betroffener Frauen aus deren Perspektive<sup data-fn="5c69b7f9-fc77-4c0d-a664-5a2e280183a3"><a href="#5c69b7f9-fc77-4c0d-a664-5a2e280183a3" id="5c69b7f9-fc77-4c0d-a664-5a2e280183a3-link">12</a></sup>.</p> <p>Die strukturelle Perspektive beleuchtet ab den 1980/90er Jahren, dass Staat und Gesellschaft von Rassismus durchdrungen sind. Omi &amp; Winant betrachten die USA: Hier strukturiere die Einteilung von Personen in Menschengruppen die Gesellschaft als eine Art “Ordnungsprinzip”<sup data-fn="4365f6f9-7189-4a3e-93cf-c330c1ef9115"><a href="#4365f6f9-7189-4a3e-93cf-c330c1ef9115" id="4365f6f9-7189-4a3e-93cf-c330c1ef9115-link">13</a></sup>. Dadurch würden die Identität von Personen und ihr soziales Leben in der Gesellschaft geprägt. Laut Bonilla-Silvas Konzept der sog. <em>Racialized Social Systems</em> ergeben sich Strukturen der Gesellschaft aus der Zuordnung von Menschen(gruppen) in rassistische Kategorien. Rassismus beeinflusst folglich den Platz von Personen in der gesellschaftlichen Hierarchie, ihre Beziehungen zu anderen Personen(gruppen), ihren Zugang zu Ressourcen, ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt und/oder gesellschaftliche Reputation<sup data-fn="85521894-a134-4084-b039-ff40409bf667"><a href="#85521894-a134-4084-b039-ff40409bf667" id="85521894-a134-4084-b039-ff40409bf667-link">14</a></sup>.    <aside></aside></p> <h3 id="h-die-deutsche-rassismusforschung">Die deutsche Rassismusforschung</h3> <p>Aufgrund der deutschen Geschichte und der Verbrechen während des Nationalsozialismus blieb der Rassismusbegriff bis in die 1990er Jahre in Politik und Wissenschaft weitestgehend tabuisiert und wurde nur im Kontext dieser Zeit verwendet. Zudem wurde die Forschung im deutschen Diskurs stark durch das Phänomen Rechtsextremismus beeinflusst: Lange wurde die Rassismusforschung der Rechtsextremismusforschung untergeordnet oder von dieser überschattet<sup data-fn="20eec823-1958-4f07-8d4b-242ab55a55fb"><a href="#20eec823-1958-4f07-8d4b-242ab55a55fb" id="20eec823-1958-4f07-8d4b-242ab55a55fb-link">15</a></sup>. Erst als internationale Diskurse deutsche Gesetzgebung beeinflussten, begann die deutsche Forschungslandschaft sich dem Rassismus unabhängig von Rechtsextremismus und Nationalsozialismus zuzuwenden. Folglich ist die Rassismusforschung eine relativ junge Disziplin.</p> <p>Laut Mecherils Definition basiert Rassismus auf der Unterscheidung zwischen „Wir“ und „den Anderen“. Zweitere werden auf Grundlage rassistischer Bilder und Erzählungen vom „Wir“ unterschieden und herabgewürdigt, ihre Ungleichbehandlung als legitim dargestellt. Durch Abgrenzung von den rassistisch markierten „Anderen“ definiert sich die „Wir“-Gruppe selbst<sup data-fn="055adc03-9675-47fd-a68f-7a001e3fde32"><a href="#055adc03-9675-47fd-a68f-7a001e3fde32" id="055adc03-9675-47fd-a68f-7a001e3fde32-link">16</a></sup>.</p> <p>Rassismus wird in Definitionen der 2010/20er Jahre mit Machtausübung, -erhaltung und Herrschaft verbunden. Foroutan analysiert Rassismus als Ordnungssystem und Dominanzstruktur<sup data-fn="6f83ffa5-32aa-4e02-91c5-af320ddfb7ef"><a href="#6f83ffa5-32aa-4e02-91c5-af320ddfb7ef" id="6f83ffa5-32aa-4e02-91c5-af320ddfb7ef-link">17</a></sup>. Als „globales Gruppenprivileg“<sup data-fn="6c276906-309c-475d-abd8-3ef1456f2266"><a href="#6c276906-309c-475d-abd8-3ef1456f2266" id="6c276906-309c-475d-abd8-3ef1456f2266-link">18</a></sup> nutze Rassismus laut Sow “soziale, wirtschaftliche, politische und kulturelle Beziehungen” zum Erhalt von Herrschaft. Rommelspacher versteht ihn als ein System von Diskursen und Praxen, die Machtverhältnisse rechtfertigen, wiedergeben und nachbilden. Menschen werden aufgrund von vermeintlich naturgegebenen biologischen und kulturellen Merkmalen als ungleich eingestuft und in vereinheitlichte und als grundsätzlich unterschiedlich angesehene Gruppen zusammengefasst. Daraus ergibt sich eine vermeintliche Rangfolge dieser Gruppen<sup data-fn="be92ab78-7baf-44a7-a845-6dfc2ecf90ac"><a href="#be92ab78-7baf-44a7-a845-6dfc2ecf90ac" id="be92ab78-7baf-44a7-a845-6dfc2ecf90ac-link">19</a></sup>. </p> <p>Die Kritische Diskursanalyse beschäftigt sich mit Diskriminierung und Sprache: Rassismus, Ungleichheit und Machtstrukturen werden in politischen und medialen Debatten sowie Alltagsgesprächen analysiert. Rassismus manifestiert sich durch Sprache als soziales Konzept, Praktik und Ideologie: durch Diskurse werden sowohl rassistische als auch antirassistische Äußerungen ab- und nachgebildet sowie verbreitet<sup data-fn="1aa04cb4-4f8c-4266-b22b-807150ef6305"><a href="#1aa04cb4-4f8c-4266-b22b-807150ef6305" id="1aa04cb4-4f8c-4266-b22b-807150ef6305-link">20</a></sup>.</p> <p>Weitere Entwicklungen zeigen sich in der empirischen Forschung mit den Studien des Nationalen Rassismusmonitors (NaDiRa) sowie den Afro-Zensus und im Kontext der politischen Bildung mit der Arbeitsdefinition Rassismus für die berufliche Praxis<sup data-fn="a2e009a6-7eae-4e00-9ee8-fc56ed8a1e82"><a href="#a2e009a6-7eae-4e00-9ee8-fc56ed8a1e82" id="a2e009a6-7eae-4e00-9ee8-fc56ed8a1e82-link">21</a></sup>.  <br></br> </p> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <p>Balibar, Ètienne (1989): Gibt es einen “neuen Rassismus”? In: Das Argument, 175, 369-380.<br></br>Barker, Martin (1981): The New Racism: Conservatives and the Ideology of the Tribe. London: Junction Books.<br></br>Barskanmaz, Cengiz (2019): Rassismus differenziert. In: Cengiz Barskanmaz (Hg.): Recht und Rassismus. Das menschenrechtliche Verbot der Diskriminierung aufgrund der Rasse. Wiesbaden: Springer VS, S. 51-66.<br></br>Bonilla-Silva, Eduardo (1997): Rethinking Racism: Toward a Structural Interpretation. In: American Sociological Review 62 (3), S. 465–480.<br></br>Carmichael, Stokely; Hamilton, Charles (1967): Black Power: the politics of liberation in America. New York: Vintage Books.<br></br>Essed, Philomena (1984): Alledaags Racisme. Amsterdam: Feministische Uitgeverij Sara.<br></br>Foroutan, Naika (2020): Rassismus in der Postmigrantischen Gesellschaft. In: APuZ, (70)42-44, 12-28.<br></br>Hall, Stuart (1989): Rassismus als ideologischer Diskurs. In: Das Argument, 178, S. 913-921.<br></br>Hirschfeld, Magnus (1938): Racism. London: Gollancz.<br></br>MacPherson of Cluny, William (1999): The Stephen Lawrence Inquiry. Report of an Inquiry by Sir WIlliam MacPherson of Cluny. Hg. v. Home Office. Online verfügbar unter https://www.gov.uk/government/publications/the-stephen-lawrence-inquiry.<br></br>Mecheril, Paul (2004): Einführung in die Migrationspädagogik. Weinheim: Beltz.<br></br>Mecheril, Paul; Melter, Claus (2011): Rassismustheorie und -forschung in Deutschland. Kontur eines wissenschaftlichen Feldes. In: Claus Melter und Paul Mecheril (Hg.): Rassismuskritik. Band 1: Rassismustheorie und -forschung. 2. Aufl. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verl. (Reihe Politik und Bildung, 47), S. 13–24.<br></br>Miles, Robert (1989): Bedeutungskonstitution und der Begriff des Rassismus. In: Das Argument, 175, S. 353–367.<br></br>Miles, Robert (2014): Einführung in die Geschichte und Theorie eines Begriffs. Hamburg: Argument Verlag.<br></br>Omi, Michael; Winant, Howard (2014): Racial Formation in the United States (3rd Edition). Third edition. New York, London: Taylor and Francis.<br></br>Rattansi, Ali (2020): Racism: a very short introduction: Oxford University Press.<br></br>Rommelspacher, Birgit (2011): Was ist eigentlich Rassismus? In: Claus Melter und Paul Mecheril (Hg.): Rassismuskritik. Band 1: Rassismustheorie und -forschung. 2. Aufl. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verl. (Reihe Politik und Bildung, 47), S. 25–38.<br></br>Schellenberg, Britta (2020): Training Antidiskriminierung. Den Menschen im Blick : Schwerpunkt Rassismus. 1. Aufl. Schwalbach am Taunus, Stuttgart: Wochenschau Verlag; UTB GmbH.<br></br>Scherr, Albert (2011): Rassismus oder Rechtsextremismus? Annäherung an eine vergleichende Betrachtung zweier Paradigmen jenseits rhetorischer Scheinkontroversen. In: Claus Melter und Paul Mecheril (Hg.): Rassismuskritik. Band 1: Rassismustheorie und -forschung. 2. Aufl. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verl. (Reihe Politik und Bildung, 47), S. 75–97.<br></br>Sow, Noah (2011): Rassismus. In: Susan Arndt und Nadja Ofuatey-Alazard (Hg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Münster: Unrast Verlag, S. 37<br></br>Taguieff, Pierre-André (1990): The New Cultural Racism in France. In: Telos, 83, 109-122.<br></br>Wodak, Ruth; Reisigl, Martin (1999): Discourse and Racism: European Perspectives. In: Annual Review of Anthropology 1999 (28), S. 175–199.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Buechstapel-Blogbeitrag-Nov2025-4.png" /><h1>Der Rassismus-Begriff: Von internationalen zu deutschen Diskursen. Ein Überblick über die Forschung und wissenschaftliche Perspektiven. » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Paulina Seelmann</h2><div itemprop="text"> <p>Obwohl eine der ersten Publikationen zum Thema 1938 vom deutschen Wissenschaftler Hirschfeld verfasst wurde<sup data-fn="48484f9f-f747-48c1-a387-80c7de225d80"><a href="#48484f9f-f747-48c1-a387-80c7de225d80" id="48484f9f-f747-48c1-a387-80c7de225d80-link">1</a></sup>, wurde ein Großteil der Rassismusforschung jahrzehntelang hauptsächlich im anglo-amerikanischen Raum betrieben. Anfangs prägten Sklaverei und NS-Zeit, später der Kampf um Gleichberechtigung internationale Publikationen zu Rassismus<sup data-fn="5427af2a-846a-4620-92ec-5aa844ba80e2"><a href="#5427af2a-846a-4620-92ec-5aa844ba80e2" id="5427af2a-846a-4620-92ec-5aa844ba80e2-link">2</a></sup>. Bahnbrechend waren die in Zusammenarbeit mit Wissenschaftler*innen entstandenen UNESCO-Erklärungen zu dem Thema in den 1950/60er Jahren sowie die sog. <em>International Convention on the Elimination of Racial Discrimination</em> (ICERD) zum Schutz vor rassistischer Diskriminierung. Der Tod von George Floyd durch rassistisch motivierte Polizeigewalt in den USA befeuerte globale Proteste sowie eine intensive Diskussion über Rassismus. Dieser Blogbeitrag zeichnet die Entwicklung der Rassismusforschung, ihrer Perspektiven und des Begriffsverständnisses von der internationalen zur deutschen Debatte nach.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/demonstration-5267931_1280-2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="590" sizes="(max-width: 886px) 100vw, 886px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/demonstration-5267931_1280-2-edited.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/demonstration-5267931_1280-2-edited.jpg 886w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/demonstration-5267931_1280-2-edited-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/demonstration-5267931_1280-2-edited-768x511.jpg 768w" width="886"></img></a><figcaption><em>Foto: UnratedStudio auf Pixabay </em></figcaption></figure> <h3 id="h-die-internationale-rassismusforschung">Die internationale Rassismusforschung</h3> <p>International entwickelten sich in der kritischen Rassismusforschung verschiedene Perspektiven aus(einander). Die marxistische Perspektive sieht in Rassismus die Abwertung einer Menschengruppe mit dem Ziel ihrer (ökonomischen) Ausbeutung. Laut dem neomarxistischen Forscher Miles ist Rassismus eine Ideologie, bei der durch die Einteilung von Menschen in konstruierte Gruppen negative Folgen für die Betroffenen entstehen<sup data-fn="937c96de-659f-47bc-9315-a01f475e32e7"><a href="#937c96de-659f-47bc-9315-a01f475e32e7" id="937c96de-659f-47bc-9315-a01f475e32e7-link">3</a></sup>. Die Einteilung basiert auf biologischen Merkmalen, die gesellschaftlich mit negativen Bedeutungen verbunden werden. Rassistische Ideologie entsteht laut Hall durch die Verknüpfung der Schaffung und Zuschreibung von Bedeutung mit Machtstrategien, in deren Folge Gruppen von Ressourcen ausgeschlossen werden<sup data-fn="8f35d114-13aa-4d07-ad1d-d774ee829bd5"><a href="#8f35d114-13aa-4d07-ad1d-d774ee829bd5" id="8f35d114-13aa-4d07-ad1d-d774ee829bd5-link">4</a></sup>.  </p> <p>Die institutionelle Perspektive nimmt die Beziehung zwischen Vorurteilen und Macht in den Blick. Rassismus dient dem Erhalt von Macht bestimmter gesellschaftlicher Gruppen<sup data-fn="98c36701-edac-40ee-8405-05f0b3eedf3b"><a href="#98c36701-edac-40ee-8405-05f0b3eedf3b" id="98c36701-edac-40ee-8405-05f0b3eedf3b-link">5</a></sup>. Basierend auf Erfahrungen mit rassistischer Unterdrückung im Kontext der Jim Crow Order in Mississippi, unterscheiden Carmichael und Hamilton 1967 zwischen „persönlicher und institutionell rassistischer“ Unterdrückung: zwischen Rassismus zwischen Einzelpersonen und durch gesellschaftliche Institutionen<sup data-fn="6894c35c-8c23-493c-8b38-f70a32762a3f"><a href="#6894c35c-8c23-493c-8b38-f70a32762a3f" id="6894c35c-8c23-493c-8b38-f70a32762a3f-link">6</a></sup>. Die erste Praxisdefinition von institutionellem Rassismus legt 1999 MacPherson of Cluny im Rahmen seiner Untersuchung der Aufklärung des Mordes an einem von Rassismus betroffenen Jugendlichen durch die Londoner Polizei vor<sup data-fn="be1741d0-93ca-498e-827f-e23f94c663d6"><a href="#be1741d0-93ca-498e-827f-e23f94c663d6" id="be1741d0-93ca-498e-827f-e23f94c663d6-link">7</a></sup>. Institutioneller Rassismus findet auch heute statt, z.B. in Form von Racial Profiling der Polizei oder von rassistischer Diskriminierung auf den Arbeitsmarkt.</p> <p>In den 1970er Jahren bemerkten Forschende, dass sich rassistische Erzählungen nach dem 2. Weltkrieg zunehmend auf kulturelle anstatt biologische Unterschiede zwischen Menschen bezogen: Die Unvereinbarkeit von Kulturen wird betont und ihre Vermischung abgelehnt<sup data-fn="f3862229-af12-4157-b21d-089270b57b8f"><a href="#f3862229-af12-4157-b21d-089270b57b8f" id="f3862229-af12-4157-b21d-089270b57b8f-link">8</a></sup>. Dieser kulturell argumentierende Rassismus wird auch „Neuer Rassismus”<sup data-fn="62e16f65-3e0c-48c8-a692-3cb7de72114b"><a href="#62e16f65-3e0c-48c8-a692-3cb7de72114b" id="62e16f65-3e0c-48c8-a692-3cb7de72114b-link">9</a></sup>, „Differentialistischer Rassismus”<sup data-fn="2b9fc92f-53f8-46a9-9900-79af2a82b32e"><a href="#2b9fc92f-53f8-46a9-9900-79af2a82b32e" id="2b9fc92f-53f8-46a9-9900-79af2a82b32e-link">10</a></sup> oder „Neo-Rassismus”<sup data-fn="ac7c127a-185b-4004-8413-5129f17e7b1b"><a href="#ac7c127a-185b-4004-8413-5129f17e7b1b" id="ac7c127a-185b-4004-8413-5129f17e7b1b-link">11</a></sup> genannt. Heute wird diese Form oftmals in der antimuslimischen Rhetorik rechtspopulistischer oder -extremer Parteien genutzt. In den 1980er Jahren rückte die Forschung dann die alltäglichen Konsequenzen von Rassismus für Betroffene in den Blick: Mithilfe des Konzepts des Alltagsrassismus untersucht Essed 1984 die Alltagserfahrung betroffener Frauen aus deren Perspektive<sup data-fn="5c69b7f9-fc77-4c0d-a664-5a2e280183a3"><a href="#5c69b7f9-fc77-4c0d-a664-5a2e280183a3" id="5c69b7f9-fc77-4c0d-a664-5a2e280183a3-link">12</a></sup>.</p> <p>Die strukturelle Perspektive beleuchtet ab den 1980/90er Jahren, dass Staat und Gesellschaft von Rassismus durchdrungen sind. Omi &amp; Winant betrachten die USA: Hier strukturiere die Einteilung von Personen in Menschengruppen die Gesellschaft als eine Art “Ordnungsprinzip”<sup data-fn="4365f6f9-7189-4a3e-93cf-c330c1ef9115"><a href="#4365f6f9-7189-4a3e-93cf-c330c1ef9115" id="4365f6f9-7189-4a3e-93cf-c330c1ef9115-link">13</a></sup>. Dadurch würden die Identität von Personen und ihr soziales Leben in der Gesellschaft geprägt. Laut Bonilla-Silvas Konzept der sog. <em>Racialized Social Systems</em> ergeben sich Strukturen der Gesellschaft aus der Zuordnung von Menschen(gruppen) in rassistische Kategorien. Rassismus beeinflusst folglich den Platz von Personen in der gesellschaftlichen Hierarchie, ihre Beziehungen zu anderen Personen(gruppen), ihren Zugang zu Ressourcen, ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt und/oder gesellschaftliche Reputation<sup data-fn="85521894-a134-4084-b039-ff40409bf667"><a href="#85521894-a134-4084-b039-ff40409bf667" id="85521894-a134-4084-b039-ff40409bf667-link">14</a></sup>.    <aside></aside></p> <h3 id="h-die-deutsche-rassismusforschung">Die deutsche Rassismusforschung</h3> <p>Aufgrund der deutschen Geschichte und der Verbrechen während des Nationalsozialismus blieb der Rassismusbegriff bis in die 1990er Jahre in Politik und Wissenschaft weitestgehend tabuisiert und wurde nur im Kontext dieser Zeit verwendet. Zudem wurde die Forschung im deutschen Diskurs stark durch das Phänomen Rechtsextremismus beeinflusst: Lange wurde die Rassismusforschung der Rechtsextremismusforschung untergeordnet oder von dieser überschattet<sup data-fn="20eec823-1958-4f07-8d4b-242ab55a55fb"><a href="#20eec823-1958-4f07-8d4b-242ab55a55fb" id="20eec823-1958-4f07-8d4b-242ab55a55fb-link">15</a></sup>. Erst als internationale Diskurse deutsche Gesetzgebung beeinflussten, begann die deutsche Forschungslandschaft sich dem Rassismus unabhängig von Rechtsextremismus und Nationalsozialismus zuzuwenden. Folglich ist die Rassismusforschung eine relativ junge Disziplin.</p> <p>Laut Mecherils Definition basiert Rassismus auf der Unterscheidung zwischen „Wir“ und „den Anderen“. Zweitere werden auf Grundlage rassistischer Bilder und Erzählungen vom „Wir“ unterschieden und herabgewürdigt, ihre Ungleichbehandlung als legitim dargestellt. Durch Abgrenzung von den rassistisch markierten „Anderen“ definiert sich die „Wir“-Gruppe selbst<sup data-fn="055adc03-9675-47fd-a68f-7a001e3fde32"><a href="#055adc03-9675-47fd-a68f-7a001e3fde32" id="055adc03-9675-47fd-a68f-7a001e3fde32-link">16</a></sup>.</p> <p>Rassismus wird in Definitionen der 2010/20er Jahre mit Machtausübung, -erhaltung und Herrschaft verbunden. Foroutan analysiert Rassismus als Ordnungssystem und Dominanzstruktur<sup data-fn="6f83ffa5-32aa-4e02-91c5-af320ddfb7ef"><a href="#6f83ffa5-32aa-4e02-91c5-af320ddfb7ef" id="6f83ffa5-32aa-4e02-91c5-af320ddfb7ef-link">17</a></sup>. Als „globales Gruppenprivileg“<sup data-fn="6c276906-309c-475d-abd8-3ef1456f2266"><a href="#6c276906-309c-475d-abd8-3ef1456f2266" id="6c276906-309c-475d-abd8-3ef1456f2266-link">18</a></sup> nutze Rassismus laut Sow “soziale, wirtschaftliche, politische und kulturelle Beziehungen” zum Erhalt von Herrschaft. Rommelspacher versteht ihn als ein System von Diskursen und Praxen, die Machtverhältnisse rechtfertigen, wiedergeben und nachbilden. Menschen werden aufgrund von vermeintlich naturgegebenen biologischen und kulturellen Merkmalen als ungleich eingestuft und in vereinheitlichte und als grundsätzlich unterschiedlich angesehene Gruppen zusammengefasst. Daraus ergibt sich eine vermeintliche Rangfolge dieser Gruppen<sup data-fn="be92ab78-7baf-44a7-a845-6dfc2ecf90ac"><a href="#be92ab78-7baf-44a7-a845-6dfc2ecf90ac" id="be92ab78-7baf-44a7-a845-6dfc2ecf90ac-link">19</a></sup>. </p> <p>Die Kritische Diskursanalyse beschäftigt sich mit Diskriminierung und Sprache: Rassismus, Ungleichheit und Machtstrukturen werden in politischen und medialen Debatten sowie Alltagsgesprächen analysiert. Rassismus manifestiert sich durch Sprache als soziales Konzept, Praktik und Ideologie: durch Diskurse werden sowohl rassistische als auch antirassistische Äußerungen ab- und nachgebildet sowie verbreitet<sup data-fn="1aa04cb4-4f8c-4266-b22b-807150ef6305"><a href="#1aa04cb4-4f8c-4266-b22b-807150ef6305" id="1aa04cb4-4f8c-4266-b22b-807150ef6305-link">20</a></sup>.</p> <p>Weitere Entwicklungen zeigen sich in der empirischen Forschung mit den Studien des Nationalen Rassismusmonitors (NaDiRa) sowie den Afro-Zensus und im Kontext der politischen Bildung mit der Arbeitsdefinition Rassismus für die berufliche Praxis<sup data-fn="a2e009a6-7eae-4e00-9ee8-fc56ed8a1e82"><a href="#a2e009a6-7eae-4e00-9ee8-fc56ed8a1e82" id="a2e009a6-7eae-4e00-9ee8-fc56ed8a1e82-link">21</a></sup>.  <br></br> </p> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <p>Balibar, Ètienne (1989): Gibt es einen “neuen Rassismus”? In: Das Argument, 175, 369-380.<br></br>Barker, Martin (1981): The New Racism: Conservatives and the Ideology of the Tribe. London: Junction Books.<br></br>Barskanmaz, Cengiz (2019): Rassismus differenziert. In: Cengiz Barskanmaz (Hg.): Recht und Rassismus. Das menschenrechtliche Verbot der Diskriminierung aufgrund der Rasse. Wiesbaden: Springer VS, S. 51-66.<br></br>Bonilla-Silva, Eduardo (1997): Rethinking Racism: Toward a Structural Interpretation. In: American Sociological Review 62 (3), S. 465–480.<br></br>Carmichael, Stokely; Hamilton, Charles (1967): Black Power: the politics of liberation in America. New York: Vintage Books.<br></br>Essed, Philomena (1984): Alledaags Racisme. Amsterdam: Feministische Uitgeverij Sara.<br></br>Foroutan, Naika (2020): Rassismus in der Postmigrantischen Gesellschaft. In: APuZ, (70)42-44, 12-28.<br></br>Hall, Stuart (1989): Rassismus als ideologischer Diskurs. In: Das Argument, 178, S. 913-921.<br></br>Hirschfeld, Magnus (1938): Racism. London: Gollancz.<br></br>MacPherson of Cluny, William (1999): The Stephen Lawrence Inquiry. Report of an Inquiry by Sir WIlliam MacPherson of Cluny. Hg. v. Home Office. Online verfügbar unter https://www.gov.uk/government/publications/the-stephen-lawrence-inquiry.<br></br>Mecheril, Paul (2004): Einführung in die Migrationspädagogik. Weinheim: Beltz.<br></br>Mecheril, Paul; Melter, Claus (2011): Rassismustheorie und -forschung in Deutschland. Kontur eines wissenschaftlichen Feldes. In: Claus Melter und Paul Mecheril (Hg.): Rassismuskritik. Band 1: Rassismustheorie und -forschung. 2. Aufl. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verl. (Reihe Politik und Bildung, 47), S. 13–24.<br></br>Miles, Robert (1989): Bedeutungskonstitution und der Begriff des Rassismus. In: Das Argument, 175, S. 353–367.<br></br>Miles, Robert (2014): Einführung in die Geschichte und Theorie eines Begriffs. Hamburg: Argument Verlag.<br></br>Omi, Michael; Winant, Howard (2014): Racial Formation in the United States (3rd Edition). Third edition. New York, London: Taylor and Francis.<br></br>Rattansi, Ali (2020): Racism: a very short introduction: Oxford University Press.<br></br>Rommelspacher, Birgit (2011): Was ist eigentlich Rassismus? In: Claus Melter und Paul Mecheril (Hg.): Rassismuskritik. Band 1: Rassismustheorie und -forschung. 2. Aufl. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verl. (Reihe Politik und Bildung, 47), S. 25–38.<br></br>Schellenberg, Britta (2020): Training Antidiskriminierung. Den Menschen im Blick : Schwerpunkt Rassismus. 1. Aufl. Schwalbach am Taunus, Stuttgart: Wochenschau Verlag; UTB GmbH.<br></br>Scherr, Albert (2011): Rassismus oder Rechtsextremismus? Annäherung an eine vergleichende Betrachtung zweier Paradigmen jenseits rhetorischer Scheinkontroversen. In: Claus Melter und Paul Mecheril (Hg.): Rassismuskritik. Band 1: Rassismustheorie und -forschung. 2. Aufl. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verl. (Reihe Politik und Bildung, 47), S. 75–97.<br></br>Sow, Noah (2011): Rassismus. In: Susan Arndt und Nadja Ofuatey-Alazard (Hg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Münster: Unrast Verlag, S. 37<br></br>Taguieff, Pierre-André (1990): The New Cultural Racism in France. In: Telos, 83, 109-122.<br></br>Wodak, Ruth; Reisigl, Martin (1999): Discourse and Racism: European Perspectives. In: Annual Review of Anthropology 1999 (28), S. 175–199.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/der-rassismus-begriff-von-internationalen-zu-deutschen-diskursen-ein-ueberblick-ueber-die-forschung-und-wissenschaftliche-perspektiven/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Proteinverklumpungen entwirren: Auf dem Pfad zur Heilung von Chorea Huntington https://scilogs.spektrum.de/klartext/proteinverklumpungen-entwirren-auf-dem-pfad-zur-heilung-von-chorea-huntington/ https://scilogs.spektrum.de/klartext/proteinverklumpungen-entwirren-auf-dem-pfad-zur-heilung-von-chorea-huntington/#comments Fri, 14 Nov 2025 10:06:35 +0000 klartext https://scilogs.spektrum.de/klartext/?p=1191 https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-9-768x244.png <link>https://scilogs.spektrum.de/klartext/proteinverklumpungen-entwirren-auf-dem-pfad-zur-heilung-von-chorea-huntington/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-9-1024x326.png" /><h1>Proteinverklumpungen entwirren: Auf dem Pfad zur Heilung von Chorea Huntington » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den <a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><span>KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</span></a> 2023 in der Kategorie Biologie veranschaulichte Monika Witzenberger, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Was passiert bei neurodegenerativer Erkrankungen wie Chorea Huntington, im Volksmund Veitstanz genannt, in unserem Gehirn? Können wir neueste Erkenntnisse aus der Forschung nutzen, um ein mögliches Heilmittel zu finden? Monika Witzenberger, die am Helmholtz Zentrum München promoviert hat, beschäftigt sich genau mit diesen Fragen.</em></p> <p>“Huntington. Für die meisten ist es nur ein Name. Für mich eine Bedrohung. […] Ich habe Angst zu wissen, ob ich sie geerbt habe. Zu vergessen, wer ich bin, wer ich war.”, so Miranda aus der Serie Lady Voyeur. Für mehr als 12.000 Personen in Deutschland ist das die Realität, nicht nur Teil einer TV-Serie. Chorea Huntington, auch bekannt als “Veitstanz”, ist eine unheilbare, erbliche Erkrankung des Gehirns. Die ersten Symptome treten zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr auf. Sie umfassen fortschreitenden Gedächtnisverlust, unkontrollierte Zuckungen, sowie Depressionen. Diese verschlechtern sich im Laufe der Zeit zunehmend und enden tödlich.</p> <p>Chorea Huntington wird durch eine Mutation im Huntingtin Gen verursacht. Mithilfe des Gens stellt die Zelle ein wichtiges Eiweiß her. Aber durch die Mutation entsteht fehlerhaftes Eiweiß, das Klumpen bildet – ähnlich wie das Eiweiß vom Ei beim Braten in der Pfanne. Im Normalzustand entsorgt unser Körper fehlerhaftes Eiweiß, aber bei Chorea Huntington ist die körpereigene Müllabfuhr überfordert. Die Eiweiß Aggregate sammeln sich an und zerstören schlussendlich Nervenzellen. Es sind vor allem Zellen in denjenigen Gehirnregionen betroffen, die für Bewegung zuständig sind.</p> <p>Leider gibt es bislang keine Behandlung, die Chorea Huntington vollständig heilen kann; Lediglich Medikamente, die die Symptome lindern. Forscher arbeiten seit Jahrzehnten daran ein Heilmittel zu finden, bisher erfolglos. Dennoch gibt es Hoffnung – jeder neue Ansatz, jedes neu erforschte Detail ist wie ein Puzzlestück, das uns einen Schritt näher an ein mögliches Heilmittel bringt. Dafür müssen WissenschaftlerInnen allerdings zuerst verstehen was in unseren Nervenzellen bei Chorea Huntington schief läuft.<aside></aside></p> <p>Unsere Zelle ist ein hochkomplexes System, das wie eine riesige, sich selbstversorgende Fabrik funktioniert. Die Zentrale ist der Zellkern, in dem unsere Gene gespeichert werden. Aus diesem werden Anweisungen an die Produktionsketten (Ribosome) geschickt. Diese Ribosome stellen aus einzelnen Bausteinen fertige Produkte her: die Proteine. Sie errichten und erhalten den Betrieb. Wie in jeder Fabrik sorgt ein Kraftwerk (Mitochondrien) für die Energieversorgung. Die eigene Müllabfuhr (Proteasom) entsorgt fehlerhafte Produkte. Unzählige Maschinen arbeiten in dieser Fabrik zusammen, um verschiedene Aufgaben zu erfüllen wie zum Beispiel den Transport des Endproduktes, die Bereitstellung der Bausteine oder die Instandhaltung anderer Maschinen. Doch manchmal läuft nicht alles wie geplant. Bei Chorea Huntington sammelt sich in der Zelle das fehlerhafte Produkt Huntingtin-Eiweiß an, welches die normalen Funktionen beeinträchtigt und letztendlich zum komplettem Kollaps der Fabrik führt.</p> <p>WissenschaftlerInnen versuchen den Betrieb wieder zum Laufen zu bringen, bevor er unwiderruflich zusammenbricht. Ähnlich wie HandwerkerInnen müssen sie herumschrauben, Einstellungen ändern oder sogar ganze Maschinen abschalten, um zu erreichen, dass weniger oder gar kein fehlerhaftes Produkt mehr hergestellt wird. Aber wie finden sie heraus welches der tausend Einzelteile angepasst werden muss? Dafür gibt es einen Trick: Sie führen einen „Screen“ durch, bei dem sie eine Maschine nach der anderen abschalten, um dann zu überprüfen, ob weniger oder mehr fehlerhaftes Produkt hergestellt wird. Natürlich werden solche „Screen“ Tests nicht im Menschen selbst, sondern in speziellen Testsystemen verwirklicht.</p> <p>Einen solchen Screen führten WissenschaftlerInnen des Universitätsklinikums Aachen am Testsystem Fruchtfliege durch. Diese wurde so manipuliert, dass sich eine Huntington-ähnliche Krankheit im Fliegenauge entwickelte. Im kranken Auge sammeln sich dadurch Eiweiß-Aggregate an, es kommt zu einer Farbänderung und die typische Augenstruktur geht verloren. In dieser Fruchtfliege schalteten sie nun eine Maschine nach der anderen aus. Das Fehlen einer bestimmten Maschine, stellte das fast gesunde Fliegenauge wieder her: Diese Maschine ist ein Protein mit dem Namen TRMT2A. Noch besser: In menschlichen Zellen reduzierte das fehlende TRMT2A die krankmachenden Eiweiß-Ansammlungen und weniger Zellen starben.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8.png"><img alt="" decoding="async" height="326" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-1024x326.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-1024x326.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-300x95.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-768x244.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-1536x489.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-2048x652.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Zellen oder Bakterien produzieren große Mengen eines Proteins (links). Aus diesen Bakterien oder Zellen wird das Protein TRMT2A aufgereinigt (blaue Band, mitte). In bestimmten Lösungen kristallisiert das hochkonzentrierte Protein zu Proteinkristallen (rechts). (Quelle: Monika Witzenberger)</em></figcaption></figure> <p>Der Screen war erfolgreich. Aber wie hängen TRMT2A und Chorea Huntington zusammen? Wie können WissenschaftlerInnen dieses Protein im Menschen ausschalten? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Monika Witzenberger, die im Forschungsfeld der Strukturbiologie arbeitet. StrukturbiologInnen sind wie IngenieurInnen, die versuchen herauszufinden wie die Einzelteile einer molekularen Maschine aussehen und wie sie zusammenpassen. Nur so ist es möglich die Funktionsweise zu verstehen und ihren „Aus-Knopf“ zu finden. Diese Informationen sind dringend notwendig, um ein Medikament zu entwickeln, welches TRMT2A gezielt reduzieren und somit die Eiweiß-Ansammlungen vermindern kann. TRMT2A ist ein Protein, von dem wir nicht viel wissen, außer das es mit bestimmten anderen Molekülen in der Zelle interagiert. Zur Untersuchung des Proteins TRMT2A verwenden wir in der Arbeitsgruppe Niessing am Helmholtz Zentrum München die Technik der Kristallographie.</p> <p>Das klingt zuerst etwas esoterisch, ist aber eine Form des Fotografierens, bei der sogar einzelnen Atome abgebildet werden können. Um ein genaues Bild der molekularen Struktur von TRMT2A zu erhalten, trennen wir es vom Rest der Zelle ab und fotografieren es. Ähnlich wie bei unscharfen Fotos, die durch Bewegungen des Motivs verwackeln, bewegen sich Proteine wie TRMT2A ständig. Um es zu fixieren wird es kristallisiert. Ein Kristall entsteht, wenn extrem reines, konzentriertes Protein mit Salzlösungen gemischt wird. Ein guter Vergleich ist das Entstehen von Salzkristallen, sobald Wasser verdampft. Danach richten wir einen sehr starken Laser auf den TRMT2A Proteinkristall. Dieser Laser schießt dann aus verschiedenen Winkeln „Fotos“. Im Computer werden dann die Bilder zu einer dreidimensionalen Struktur von TRMT2A zusammengesetzt. Somit konnten wir erstmals einen Teil von TRMT2A sehen und beginnen die Funktionsweise zu verstehen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7.png"><img alt="" decoding="async" height="306" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-1024x306.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-1024x306.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-300x90.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-768x230.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-1536x459.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-2048x612.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Das „Fotografieren“ der Kristalle passiert in einer grossen Anlage, die Synchrotron genannt wird (links). Ein Beugungsmuster, oder „Foto“ des Kristalles ist das Ergebnis des Experiment. WissenschaftlerInnen bauen daraus ein Model der atomaren Struktur des Proteins (rechts). (Quelle: Monika Witzenberger, Elena Davydova, Biorender)</em></figcaption></figure> <p>In unserem nächsten Schritt wollten wir Moleküle finden, die TRMT2A zielgerichtet abschalten. Solche Moleküle werden Inhibitoren genannt und stellen den ersten Entwicklungsschritt eines Medikaments dar. Wir suchen quasi den passenden Schraubenzieher, um die Maschine auszuschalten, was wiederum die Herstellung des fehlerhaften Produkts unterbinden und die Fabrik retten kann.</p> <p>Gemeinsam mit Forschern am Forschungszentrum Jülich machten wir uns auf die Suche nach diesen „Schraubenzieher-Molekülen“. Dazu kombinierten wir computergestützte Modelle und das erzeugte 3D-Bild von TRMT2A. Analog zum Puzzeln versuchten wir im PC Millionen von Molekülen in die TRMT2A Struktur einzufügen. Wir fanden schließlich einige wenige Moleküle, die sehr gut hineinpassten. Als wir diese an menschlichen Zellen testeten, halfen einige tatsächlich dabei fehlerhaftes, aggregiertes Eiweiß und den damit einhergehenden Zelltod zu verringern. Wir haben diese Moleküle identifiziert, aber es gibt noch viel Arbeit, um aus ihnen ein neues und sicheres Medikament für Menschen zu entwickeln. Wir müssen weitere Tests durchführen, weitere Moleküle finden, sie optimieren und nach möglichen Nebenwirkungen Ausschau halten. Trotzdem ist es ein erster Schritt in die richtige Richtung, der hoffentlich eines Tages Patienten mit Chorea Huntington helfen wird.</p> <hr></hr> <p>Monika Witzenberger studierte Molekulare Biotechnologie an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg und der Cambridge University in Großbritannien. Während ihres Promotionsstudiums am Helmholtz Zentrum in München und der Universität Ulm konzentrierte sie sich auf die Erforschung der neurodegenerativen Erkrankung Chorea Huntington, sowie auf die Identifizierung eines neuen potenziellen Wirkstoffziels für deren Behandlung. Derzeit setzt sie ihre Forschung am Weizmann Institute of Science in Israel im Bereich der RNA-Therapeutika fort.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-9-1024x326.png" /><h1>Proteinverklumpungen entwirren: Auf dem Pfad zur Heilung von Chorea Huntington » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den <a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><span>KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</span></a> 2023 in der Kategorie Biologie veranschaulichte Monika Witzenberger, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Was passiert bei neurodegenerativer Erkrankungen wie Chorea Huntington, im Volksmund Veitstanz genannt, in unserem Gehirn? Können wir neueste Erkenntnisse aus der Forschung nutzen, um ein mögliches Heilmittel zu finden? Monika Witzenberger, die am Helmholtz Zentrum München promoviert hat, beschäftigt sich genau mit diesen Fragen.</em></p> <p>“Huntington. Für die meisten ist es nur ein Name. Für mich eine Bedrohung. […] Ich habe Angst zu wissen, ob ich sie geerbt habe. Zu vergessen, wer ich bin, wer ich war.”, so Miranda aus der Serie Lady Voyeur. Für mehr als 12.000 Personen in Deutschland ist das die Realität, nicht nur Teil einer TV-Serie. Chorea Huntington, auch bekannt als “Veitstanz”, ist eine unheilbare, erbliche Erkrankung des Gehirns. Die ersten Symptome treten zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr auf. Sie umfassen fortschreitenden Gedächtnisverlust, unkontrollierte Zuckungen, sowie Depressionen. Diese verschlechtern sich im Laufe der Zeit zunehmend und enden tödlich.</p> <p>Chorea Huntington wird durch eine Mutation im Huntingtin Gen verursacht. Mithilfe des Gens stellt die Zelle ein wichtiges Eiweiß her. Aber durch die Mutation entsteht fehlerhaftes Eiweiß, das Klumpen bildet – ähnlich wie das Eiweiß vom Ei beim Braten in der Pfanne. Im Normalzustand entsorgt unser Körper fehlerhaftes Eiweiß, aber bei Chorea Huntington ist die körpereigene Müllabfuhr überfordert. Die Eiweiß Aggregate sammeln sich an und zerstören schlussendlich Nervenzellen. Es sind vor allem Zellen in denjenigen Gehirnregionen betroffen, die für Bewegung zuständig sind.</p> <p>Leider gibt es bislang keine Behandlung, die Chorea Huntington vollständig heilen kann; Lediglich Medikamente, die die Symptome lindern. Forscher arbeiten seit Jahrzehnten daran ein Heilmittel zu finden, bisher erfolglos. Dennoch gibt es Hoffnung – jeder neue Ansatz, jedes neu erforschte Detail ist wie ein Puzzlestück, das uns einen Schritt näher an ein mögliches Heilmittel bringt. Dafür müssen WissenschaftlerInnen allerdings zuerst verstehen was in unseren Nervenzellen bei Chorea Huntington schief läuft.<aside></aside></p> <p>Unsere Zelle ist ein hochkomplexes System, das wie eine riesige, sich selbstversorgende Fabrik funktioniert. Die Zentrale ist der Zellkern, in dem unsere Gene gespeichert werden. Aus diesem werden Anweisungen an die Produktionsketten (Ribosome) geschickt. Diese Ribosome stellen aus einzelnen Bausteinen fertige Produkte her: die Proteine. Sie errichten und erhalten den Betrieb. Wie in jeder Fabrik sorgt ein Kraftwerk (Mitochondrien) für die Energieversorgung. Die eigene Müllabfuhr (Proteasom) entsorgt fehlerhafte Produkte. Unzählige Maschinen arbeiten in dieser Fabrik zusammen, um verschiedene Aufgaben zu erfüllen wie zum Beispiel den Transport des Endproduktes, die Bereitstellung der Bausteine oder die Instandhaltung anderer Maschinen. Doch manchmal läuft nicht alles wie geplant. Bei Chorea Huntington sammelt sich in der Zelle das fehlerhafte Produkt Huntingtin-Eiweiß an, welches die normalen Funktionen beeinträchtigt und letztendlich zum komplettem Kollaps der Fabrik führt.</p> <p>WissenschaftlerInnen versuchen den Betrieb wieder zum Laufen zu bringen, bevor er unwiderruflich zusammenbricht. Ähnlich wie HandwerkerInnen müssen sie herumschrauben, Einstellungen ändern oder sogar ganze Maschinen abschalten, um zu erreichen, dass weniger oder gar kein fehlerhaftes Produkt mehr hergestellt wird. Aber wie finden sie heraus welches der tausend Einzelteile angepasst werden muss? Dafür gibt es einen Trick: Sie führen einen „Screen“ durch, bei dem sie eine Maschine nach der anderen abschalten, um dann zu überprüfen, ob weniger oder mehr fehlerhaftes Produkt hergestellt wird. Natürlich werden solche „Screen“ Tests nicht im Menschen selbst, sondern in speziellen Testsystemen verwirklicht.</p> <p>Einen solchen Screen führten WissenschaftlerInnen des Universitätsklinikums Aachen am Testsystem Fruchtfliege durch. Diese wurde so manipuliert, dass sich eine Huntington-ähnliche Krankheit im Fliegenauge entwickelte. Im kranken Auge sammeln sich dadurch Eiweiß-Aggregate an, es kommt zu einer Farbänderung und die typische Augenstruktur geht verloren. In dieser Fruchtfliege schalteten sie nun eine Maschine nach der anderen aus. Das Fehlen einer bestimmten Maschine, stellte das fast gesunde Fliegenauge wieder her: Diese Maschine ist ein Protein mit dem Namen TRMT2A. Noch besser: In menschlichen Zellen reduzierte das fehlende TRMT2A die krankmachenden Eiweiß-Ansammlungen und weniger Zellen starben.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8.png"><img alt="" decoding="async" height="326" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-1024x326.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-1024x326.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-300x95.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-768x244.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-1536x489.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild1-8-2048x652.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Zellen oder Bakterien produzieren große Mengen eines Proteins (links). Aus diesen Bakterien oder Zellen wird das Protein TRMT2A aufgereinigt (blaue Band, mitte). In bestimmten Lösungen kristallisiert das hochkonzentrierte Protein zu Proteinkristallen (rechts). (Quelle: Monika Witzenberger)</em></figcaption></figure> <p>Der Screen war erfolgreich. Aber wie hängen TRMT2A und Chorea Huntington zusammen? Wie können WissenschaftlerInnen dieses Protein im Menschen ausschalten? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Monika Witzenberger, die im Forschungsfeld der Strukturbiologie arbeitet. StrukturbiologInnen sind wie IngenieurInnen, die versuchen herauszufinden wie die Einzelteile einer molekularen Maschine aussehen und wie sie zusammenpassen. Nur so ist es möglich die Funktionsweise zu verstehen und ihren „Aus-Knopf“ zu finden. Diese Informationen sind dringend notwendig, um ein Medikament zu entwickeln, welches TRMT2A gezielt reduzieren und somit die Eiweiß-Ansammlungen vermindern kann. TRMT2A ist ein Protein, von dem wir nicht viel wissen, außer das es mit bestimmten anderen Molekülen in der Zelle interagiert. Zur Untersuchung des Proteins TRMT2A verwenden wir in der Arbeitsgruppe Niessing am Helmholtz Zentrum München die Technik der Kristallographie.</p> <p>Das klingt zuerst etwas esoterisch, ist aber eine Form des Fotografierens, bei der sogar einzelnen Atome abgebildet werden können. Um ein genaues Bild der molekularen Struktur von TRMT2A zu erhalten, trennen wir es vom Rest der Zelle ab und fotografieren es. Ähnlich wie bei unscharfen Fotos, die durch Bewegungen des Motivs verwackeln, bewegen sich Proteine wie TRMT2A ständig. Um es zu fixieren wird es kristallisiert. Ein Kristall entsteht, wenn extrem reines, konzentriertes Protein mit Salzlösungen gemischt wird. Ein guter Vergleich ist das Entstehen von Salzkristallen, sobald Wasser verdampft. Danach richten wir einen sehr starken Laser auf den TRMT2A Proteinkristall. Dieser Laser schießt dann aus verschiedenen Winkeln „Fotos“. Im Computer werden dann die Bilder zu einer dreidimensionalen Struktur von TRMT2A zusammengesetzt. Somit konnten wir erstmals einen Teil von TRMT2A sehen und beginnen die Funktionsweise zu verstehen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7.png"><img alt="" decoding="async" height="306" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-1024x306.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-1024x306.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-300x90.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-768x230.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-1536x459.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Bild2-7-2048x612.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Das „Fotografieren“ der Kristalle passiert in einer grossen Anlage, die Synchrotron genannt wird (links). Ein Beugungsmuster, oder „Foto“ des Kristalles ist das Ergebnis des Experiment. WissenschaftlerInnen bauen daraus ein Model der atomaren Struktur des Proteins (rechts). (Quelle: Monika Witzenberger, Elena Davydova, Biorender)</em></figcaption></figure> <p>In unserem nächsten Schritt wollten wir Moleküle finden, die TRMT2A zielgerichtet abschalten. Solche Moleküle werden Inhibitoren genannt und stellen den ersten Entwicklungsschritt eines Medikaments dar. Wir suchen quasi den passenden Schraubenzieher, um die Maschine auszuschalten, was wiederum die Herstellung des fehlerhaften Produkts unterbinden und die Fabrik retten kann.</p> <p>Gemeinsam mit Forschern am Forschungszentrum Jülich machten wir uns auf die Suche nach diesen „Schraubenzieher-Molekülen“. Dazu kombinierten wir computergestützte Modelle und das erzeugte 3D-Bild von TRMT2A. Analog zum Puzzeln versuchten wir im PC Millionen von Molekülen in die TRMT2A Struktur einzufügen. Wir fanden schließlich einige wenige Moleküle, die sehr gut hineinpassten. Als wir diese an menschlichen Zellen testeten, halfen einige tatsächlich dabei fehlerhaftes, aggregiertes Eiweiß und den damit einhergehenden Zelltod zu verringern. Wir haben diese Moleküle identifiziert, aber es gibt noch viel Arbeit, um aus ihnen ein neues und sicheres Medikament für Menschen zu entwickeln. Wir müssen weitere Tests durchführen, weitere Moleküle finden, sie optimieren und nach möglichen Nebenwirkungen Ausschau halten. Trotzdem ist es ein erster Schritt in die richtige Richtung, der hoffentlich eines Tages Patienten mit Chorea Huntington helfen wird.</p> <hr></hr> <p>Monika Witzenberger studierte Molekulare Biotechnologie an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg und der Cambridge University in Großbritannien. Während ihres Promotionsstudiums am Helmholtz Zentrum in München und der Universität Ulm konzentrierte sie sich auf die Erforschung der neurodegenerativen Erkrankung Chorea Huntington, sowie auf die Identifizierung eines neuen potenziellen Wirkstoffziels für deren Behandlung. Derzeit setzt sie ihre Forschung am Weizmann Institute of Science in Israel im Bereich der RNA-Therapeutika fort.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/klartext/proteinverklumpungen-entwirren-auf-dem-pfad-zur-heilung-von-chorea-huntington/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeo Podcast: Von Marskanälen zum Wolkenatlas – dünne Luft auf dem Mars https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-von-marskanaelen-zum-wolkenatlas-duenne-luft-auf-dem-mars/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-von-marskanaelen-zum-wolkenatlas-duenne-luft-auf-dem-mars/#comments Sun, 09 Nov 2025 05:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1782 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-4-768x768.jpg Düstere Landschaft: Ein Bergrücken, der dunkel, aber leicht rötlich erscheint, darüber ein grauer Himmel mit diffusen Wolkenformationen. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-von-marskanaelen-zum-wolkenatlas-duenne-luft-auf-dem-mars/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel_sl-1-scaled.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Von Marskanälen zum Wolkenatlas - dünne Luft auf dem Mars » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag126-wolkenatlas.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Am 15. Juli 1965 kommt es in den Räumen des Jet Propulsion Laboratory der NASA in Kalifornien zu einem Showdown: Drei Männer betrachten eine der ersten Aufnahmen der Marsoberfläche, welche die Raumsonde Mariner 4 nur wenige Stunde zuvor beim Vorbeiflieg aus der Nähe gemacht hatte. Ein Foto vom Mars – eigentlich ein großartiger Erfolg für die Wissenschaft! Und doch war jene Aufnahme eine riesige Enttäuschung – denn ein Bild sagt mehr als tausend Worte, und jenes Bild der Marsoberfläche sagte den NASA-Vertretern: Der Mars ist ganz anders als gedacht – und vor allem ist er kalt und tot. Das Bild zeigte, dass es wohl kein weit verbreitetes Leben auf dem Mars gibt, was vor allem mit seiner Atmosphäre zusammenhängt.</p> <p>In dieser Folge erzählt Karl eine kleine Geschichte der Mars-Atmosphäre. Die Astronomen der Antike sahen beim Mars zunächst nicht mehr als einen rötlichen Wandelstern, der in Schleifen übers Firmament läuft. Und während auch die ersten Astronomen der Neuzeit nur wenige Details des Planeten in Erfahrung bringen konnten, so waren sie doch überzeugt: Der Mars ist eine belebte Welt, die der Erde ähneln sollte.<aside></aside></p> <p>Doch bis ins 20. Jahrhundert hinein wussten Forscherinnen und Forscher lediglich: Die Tage auf dem Mars sind vergleichbar lang wie auf der Erde (24 Stunden und 37 Minuten), der Planet besitzt vermutlich Polkappen und Jahreszeiten. Der italienische Astronom Giovanni Schiaparelli hatte im 19. Jahrhunderte lange Linien beschrieben, die er <em>canali</em> nannte und die folgende Generationen über die Möglichkeit einer marsianischen Zivilisation spekulieren ließen. Doch die Voraussetzung für solches Leben auf dem Mars wäre, dass diese Außerirdischen Luft zum atmen hätten. Die Aufnahmen der NASA-Sonde Mariner 4 aus dem Jahr 1965 bereitete all diesen Mutmaßungen ein abruptes Ende: Auf ihnen erschien der Rote Planet als tote, kalte und tiefgefrorene Welt mit einer extrem dünnen Atmosphäre.</p> <p>Dass in der kaum vorhandenen Marsluft dennoch etwas passiert, wurde zwar früh erkannt, war aber nie genauer untersucht worden. Marsianische Wolken bestehen aus Eiskristallen und waren eher ein Störfaktor für Kameras, die eigentlich Krater, Canyons oder Flusstäler der festen Oberfläche fotografieren sollten. Erst 2018 gibt ein spanischer Doktorand Anlass, die Marswolken genauer zu untersuchen. Jorge Hérnandez-Bernal findet am Riesenvulkan Arsia Mons eine extrem lange Wolke, die über die letzten Jahrzehnte immer zu einer bestimmten Jahreszeit wiederkehrt.</p> <p>Diese Entdeckung von Hérnandez-Bernal motiviert schließlich ein Team um Daniela Tirsch vom Institut für Weltraumforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt genauer nachzusehen. Die europäische Raumsonde Mars Express hatte seit 2003 tausende Bilder gemacht. Und damit gelingt etwas, was sich die NASA-Mitarbeitenden aus dem Jahr 1965 kaum hätten vorstellen können: der allererste Wolkenatlas einer außerirdischen Welt.</p> <h3 id="h-mehr-bei-astrogeo">Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 44: <a href="https://astrogeo.de/die-raetselhafte-marswolke/">Die rätselhafte Marswolke</a></li> <li>Folge 70: <a href="https://astrogeo.de/mars-musik-eine-klangliche-expedition/">Mars-Musik: Eine klangliche Expedition</a></li> <li>Folge 74: <a href="https://astrogeo.de/leuchtende-nachtwolken-aesthetische-boten-der-klimakrise/">Leuchtende Nachtwolken: ästhetische Boten der Klimakrise</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mariner#Mariner_4">Mariner 4</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_B._Leighton">Bob Leighton</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Galileo_Galilei">Galileo Galilei</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Christiaan_Huygens">Christiaan Huygens</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Herschel">William Herschel</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Caroline_Herschel">Caroline Herschel</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Atmosph%C3%A4re_des_Mars">Atmosphäre des Mars</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Marskan%C3%A4le">Marskanäle</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Giovanni_Schiaparelli">Giovanni Schiaparelli</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Krieg_der_Welten">Krieg der Welten</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Zond_2">Zond-2</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Marsianer">Der Marsianer</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Arsia_Mons">Arsia Mons</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mars_Express">Mars Express</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schwerewelle">Schwerewellen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Staubsturm_(Mars)">Staubsturm (Mars)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Opportunity">Opportunity</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Valles_Marineris">Valles Marineris</a></li> <li>DLF: <a href="https://www.deutschlandfunk.de/neues-vom-mars-rot-und-tot-100.html">Rot und tot</a> (Feature von Karl)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://ui.adsabs.harvard.edu/abs/1947ApJ...106..251K/abstract">Andre Kuiper: Infrared Spectra of Planets, Astrophysical Journal (1947)</a></li> <li>Buch: Sarah Stewart Johnson: The Sirens of Mars, Penguin (2020) [<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/The_Sirens_of_Mars">WP</a>] [<a href="https://www.penguinrandomhouse.com/books/529592/the-sirens-of-mars-by-sarah-stewart-johnson/">Penguin</a>] [<a href="https://www.goodreads.com/book/show/50751225-the-sirens-of-mars">Goodreads</a>]</li> <li>DLR: <a href="https://hrscteam.dlr.de/public/data.php">HRSC Cloud Atlas</a></li> <li>Konferenzbeitrag: Tirsch et al.: <a href="https://www.europlanet.org/cloud-atlas-of-mars-showcases-array-of-atmospheric-phenomena/">Cloud Atlas of Mars Showcases Array of Atmospheric Phenomena</a>, Europlanet (2024)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: NASA/JPL-Caltech/MSSS/Simeon Schmauß</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel_sl-1-scaled.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Von Marskanälen zum Wolkenatlas - dünne Luft auf dem Mars » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag126-wolkenatlas.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Am 15. Juli 1965 kommt es in den Räumen des Jet Propulsion Laboratory der NASA in Kalifornien zu einem Showdown: Drei Männer betrachten eine der ersten Aufnahmen der Marsoberfläche, welche die Raumsonde Mariner 4 nur wenige Stunde zuvor beim Vorbeiflieg aus der Nähe gemacht hatte. Ein Foto vom Mars – eigentlich ein großartiger Erfolg für die Wissenschaft! Und doch war jene Aufnahme eine riesige Enttäuschung – denn ein Bild sagt mehr als tausend Worte, und jenes Bild der Marsoberfläche sagte den NASA-Vertretern: Der Mars ist ganz anders als gedacht – und vor allem ist er kalt und tot. Das Bild zeigte, dass es wohl kein weit verbreitetes Leben auf dem Mars gibt, was vor allem mit seiner Atmosphäre zusammenhängt.</p> <p>In dieser Folge erzählt Karl eine kleine Geschichte der Mars-Atmosphäre. Die Astronomen der Antike sahen beim Mars zunächst nicht mehr als einen rötlichen Wandelstern, der in Schleifen übers Firmament läuft. Und während auch die ersten Astronomen der Neuzeit nur wenige Details des Planeten in Erfahrung bringen konnten, so waren sie doch überzeugt: Der Mars ist eine belebte Welt, die der Erde ähneln sollte.<aside></aside></p> <p>Doch bis ins 20. Jahrhundert hinein wussten Forscherinnen und Forscher lediglich: Die Tage auf dem Mars sind vergleichbar lang wie auf der Erde (24 Stunden und 37 Minuten), der Planet besitzt vermutlich Polkappen und Jahreszeiten. Der italienische Astronom Giovanni Schiaparelli hatte im 19. Jahrhunderte lange Linien beschrieben, die er <em>canali</em> nannte und die folgende Generationen über die Möglichkeit einer marsianischen Zivilisation spekulieren ließen. Doch die Voraussetzung für solches Leben auf dem Mars wäre, dass diese Außerirdischen Luft zum atmen hätten. Die Aufnahmen der NASA-Sonde Mariner 4 aus dem Jahr 1965 bereitete all diesen Mutmaßungen ein abruptes Ende: Auf ihnen erschien der Rote Planet als tote, kalte und tiefgefrorene Welt mit einer extrem dünnen Atmosphäre.</p> <p>Dass in der kaum vorhandenen Marsluft dennoch etwas passiert, wurde zwar früh erkannt, war aber nie genauer untersucht worden. Marsianische Wolken bestehen aus Eiskristallen und waren eher ein Störfaktor für Kameras, die eigentlich Krater, Canyons oder Flusstäler der festen Oberfläche fotografieren sollten. Erst 2018 gibt ein spanischer Doktorand Anlass, die Marswolken genauer zu untersuchen. Jorge Hérnandez-Bernal findet am Riesenvulkan Arsia Mons eine extrem lange Wolke, die über die letzten Jahrzehnte immer zu einer bestimmten Jahreszeit wiederkehrt.</p> <p>Diese Entdeckung von Hérnandez-Bernal motiviert schließlich ein Team um Daniela Tirsch vom Institut für Weltraumforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt genauer nachzusehen. Die europäische Raumsonde Mars Express hatte seit 2003 tausende Bilder gemacht. Und damit gelingt etwas, was sich die NASA-Mitarbeitenden aus dem Jahr 1965 kaum hätten vorstellen können: der allererste Wolkenatlas einer außerirdischen Welt.</p> <h3 id="h-mehr-bei-astrogeo">Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 44: <a href="https://astrogeo.de/die-raetselhafte-marswolke/">Die rätselhafte Marswolke</a></li> <li>Folge 70: <a href="https://astrogeo.de/mars-musik-eine-klangliche-expedition/">Mars-Musik: Eine klangliche Expedition</a></li> <li>Folge 74: <a href="https://astrogeo.de/leuchtende-nachtwolken-aesthetische-boten-der-klimakrise/">Leuchtende Nachtwolken: ästhetische Boten der Klimakrise</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mariner#Mariner_4">Mariner 4</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_B._Leighton">Bob Leighton</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Galileo_Galilei">Galileo Galilei</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Christiaan_Huygens">Christiaan Huygens</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Herschel">William Herschel</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Caroline_Herschel">Caroline Herschel</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Atmosph%C3%A4re_des_Mars">Atmosphäre des Mars</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Marskan%C3%A4le">Marskanäle</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Giovanni_Schiaparelli">Giovanni Schiaparelli</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Krieg_der_Welten">Krieg der Welten</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Zond_2">Zond-2</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Marsianer">Der Marsianer</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Arsia_Mons">Arsia Mons</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mars_Express">Mars Express</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schwerewelle">Schwerewellen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Staubsturm_(Mars)">Staubsturm (Mars)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Opportunity">Opportunity</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Valles_Marineris">Valles Marineris</a></li> <li>DLF: <a href="https://www.deutschlandfunk.de/neues-vom-mars-rot-und-tot-100.html">Rot und tot</a> (Feature von Karl)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://ui.adsabs.harvard.edu/abs/1947ApJ...106..251K/abstract">Andre Kuiper: Infrared Spectra of Planets, Astrophysical Journal (1947)</a></li> <li>Buch: Sarah Stewart Johnson: The Sirens of Mars, Penguin (2020) [<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/The_Sirens_of_Mars">WP</a>] [<a href="https://www.penguinrandomhouse.com/books/529592/the-sirens-of-mars-by-sarah-stewart-johnson/">Penguin</a>] [<a href="https://www.goodreads.com/book/show/50751225-the-sirens-of-mars">Goodreads</a>]</li> <li>DLR: <a href="https://hrscteam.dlr.de/public/data.php">HRSC Cloud Atlas</a></li> <li>Konferenzbeitrag: Tirsch et al.: <a href="https://www.europlanet.org/cloud-atlas-of-mars-showcases-array-of-atmospheric-phenomena/">Cloud Atlas of Mars Showcases Array of Atmospheric Phenomena</a>, Europlanet (2024)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: NASA/JPL-Caltech/MSSS/Simeon Schmauß</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-von-marskanaelen-zum-wolkenatlas-duenne-luft-auf-dem-mars/#comments 2 Schatzsuche im Mutterleib – Wie funktioniert das Gehirn vor der Geburt? https://scilogs.spektrum.de/klartext/schatzsuche-im-mutterleib-wie-funktioniert-das-gehirn-vor-der-geburt/ https://scilogs.spektrum.de/klartext/schatzsuche-im-mutterleib-wie-funktioniert-das-gehirn-vor-der-geburt/#respond Fri, 07 Nov 2025 09:47:14 +0000 klartext https://scilogs.spektrum.de/klartext/?p=1189 <h1>Schatzsuche im Mutterleib - Wie funktioniert das Gehirn vor der Geburt? » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den </strong><a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><strong>KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</strong></a><strong> 2023 in der Kategorie Neurowissenschaften veranschaulichte Katrin Sippel, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Wer erforschen will, wie sich die Gehirnaktivität im Mutterleib entwickelt und was ein Baby dort schon alles lernt, der braucht zweifelsohne ein bisschen Glück, gute Signalverarbeitungsalgorithmen und zuallererst ein tolles wissenschaftliches Verfahren. In unserem Fall ist das die fetale Magnetenzephalographie (fMEG), ein harmloses, nicht-invasives Verfahren mit dem die Herz- und Gehirnaktivität von Babys in der zweiten Schwangerschaftshälfte gleichzeitig mit der Herzaktivität der Mutter aufgezeichnet werden kann.</em></p> <p>Ich kann mich noch genau daran erinnern, als mein Sohn mir wenige Stunden nach seiner Geburt das erste Mal so richtig tief in die Augen geschaut hat. Ein Blick, in dem schon so viel Weisheit lag. In diesem Moment habe ich mit nichts sehnlicher gewünscht, als zu wissen, was in diesem kleinen Kopf so vor sich geht und was sich in den vergangenen 9 Monaten dort alles schon entwickelt hat. Betrachtet man das Gehirn eines neugeborenen Babys im wissenschaftlichen Sinn, so sind quasi alle Nervenzellen angelegt und miteinander vernetzt. Im Laufe des Lebens werden diese Nervenzellen wachsen und ihre Signalweiterleitung wird schneller werden. Einige Verbindungen zwischen den Nervenzellen werden sich im Laufe des Lebens verfestigen und ausbilden, wenn neue Sachen gelernt oder Zusammenhänge erkannt werden. Andere Verbindungen werden abgebaut, wenn sie nicht benötigt werden. Insgesamt werden aber keine neuen Nervenzellen hinzukommen. Bereits im Mutterleib sind wichtige Verbindungen im Gehirn entstanden. Wie sonst könnte ein Baby schon direkt nach der Geburt die Stimme seiner Mutter von anderen Frauenstimmen unterscheiden oder ein Schlaflied wieder erkennen, das ihm schon während der Schwangerschaft vorgesungen wurde?</p> <p>Zu untersuchen, ob und wann ein Fetus bestimmte Dinge lernt, ist nicht ganz einfach und ein bisschen mit einer Schatzsuche vergleichbar. Bei Erwachsenen oder Kleinkindern kann man die elektrische oder magnetische Aktivität, die bei der Aktivierung von Nervenzellen im Gehirn entsteht, mittels Sensoren messen, die direkt auf oder über der Kopfhaut angebracht werden. So ähnlich funktioniert das auch bei der fetalen Magnetenzephalographie.</p> <p>Fetus ist der Fachbegriff für ein ungeborenes Kind im Mutterleib ab der 9. Schwangerschaftswoche. Die Magnetenzephalographie ist eine Untersuchungsmethode, mit der Magnetfelder gemessen werden, die durch die elektrische Hirnaktivität erzeugt werden. Im Gegensatz zur elektrischen Aktivität können die Magnetfelder das umliegende Gewebe, in diesem Fall das Fruchtwasser und den Bauch der Mutter, problemlos passieren und so auch von ausserhalb gemessen werden. Das fMEG Gerät besteht aus ca. 150 magnetischen Sensoren, die in einer muschelförmigen Schale rund um den Bauch der Schwangeren Frau angeordnet sind und diese Aktivität messen. Diese funktionieren ähnlich wie ein Kompass, sind also völlig ungefährlich für Mutter und Kind. Um die empfindlichen Sensoren von äusseren magnetischen Einflüssen abzuschirmen, befindet sich das fMEG Gerät dazu in einem magnetisch abgeschirmten Raum, dessen Wände mit dicken Schichten aus Metall überzogen sind. Jedoch erzeugt nicht nur die Hirnaktivität magnetische Felder, sondern auch jede Form von Muskelaktivität. Deshalb ist es wichtig, dass die Schwangere während der Messung möglichst entspannt auf dem Gerät Platz nimmt und auch der Fetus möglichst ruhig bleibt. Eine Art von Muskelaktivität, die in den Messungen immer mit erfasst wird, ist die Herzaktivität – sowohl die der Mutter als auch die des Kindes. Die Herzrate und Herzratenvariabilität gewähren Einblick in die Funktion des Autonomen Nervensystems und des aktuellen Stresslevels. Andererseits überlagern die starken Magnetfelder der Herzaktivitäten aber auch das fetale Hirnsignal. Das Signal des Magnetfelds, welches so ein fetales Gehirn erzeugt, ist ungefähr so schwach wie die magnetische Aktivität eines Autos in 2 km Entfernung. Das fetale Herzsignal ist im Vergleich dazu um ein 10- bis 100- faches, das des mütterlichen Herzens sogar bis zu 1000 fach stärker. Wenn man also aus den Messdaten ein fetales Hirnsignal herauslesen will, muss man die unterschiedlichen Magnetfelder nachträglich wieder voneinander trennen, um die fetale Hirnaktivität freizulegen. Es ist in etwa so wie Goldschürfen. Zuerst wird mit einem groben Sieb die mütterliche Herzaktivität entfernt, dann mit einem feineren Sieb die fetale Herzaktivität. Wenn Mutter und Baby sich während der Messung nicht zu heftig bewegt haben, findet man so mit etwas Glück ein deutlich sichtbares Bündel an fetaler Hirnaktivität – das Goldnugget nach dem wir suchen. Bisher wurde die Erkennung der Herzaktivität zu einem großen Teil von Hand durchgeführt und ihre Entfernung mithilfe mehrerer unterschiedlicher Methoden. Die Auswertung der Hirndaten war so häufig nur nach etlichen Wiederholungszyklen und dem Löschen einzelner störender Sensorsignale möglich. Dieser Prozess war sehr zeitaufwändig und setzte viel Erfahrung voraus. Er konnte daher nur von sehr wenigen Experten durchgeführt werden. Meine Mission war es deshalb, die Herzaktivität vollautomatisiert zu erkennen und zu entfernen und die Datenverarbeitung somit wesentlich schneller und effizienter zu gestalten. Dabei musste dieses Verfahren so flexibel sein, dass es sowohl gegen Ende der Schwangerschaft funktioniert als auch schon in der 20 Schwangerschaftswoche, wenn der Fetus noch viel kleiner und seine Herz- und Hirnaktivität somit auch noch viel schwächer ist.<aside></aside></p> <p>Das erste Signal, das entfernt werden muss, ist die Herzaktivität der Mutter. Dazu werden zuerst die Zeitpunkte aller mütterlichen Herzschläge markiert. Danach wird das Signal über genau diese Zeitpunkte gemittelt, wodurch eine Art Schablone für das Signal des gesamten Herzschlag erstellt wird. Wendet man diese Schablone dann auf das gesamte Signal an, erhält man eine recht gute Schätzung der mütterlichen Herzaktivität über die komplette Zeit der Messung. Diese geschätzte Aktivität wird dann vom ursprünglichen Signal subtrahiert, zusammen mit anderen Signalbestandteilen, die eine hohe Korrelation mit der entfernten Herzaktivität aufweisen. Beim Goldschürfen filtern unterschiedlich feine Siebe ungewünschte Stoffe heraus, damit man am Ende das Gold übrig behält. Nichts anderes macht dieser Algorithmus.</p> <p>Nachdem die mütterliche Herzaktivität erfolgreich von den restlichen Daten getrennt worden ist, wird dasselbe mit der Aktivität des fetalen Herzens gemacht. Da der fetale Herzschlag schneller und weniger stark ist, werden dazu einige Parameter im Algorithmus etwas feinmaschiger eingestellt. Mit etwas Glück bleibt nun noch etwas magnetische Aktivität übrig, die ein deutlich sichtbares Bündel auf 5-10 benachbarten Sensoren bildet. Das ist dann die fetale Hirnaktivität, unser kleines Goldnugget. Hat man diesen Schatz gefunden, eröffnet sich eine faszinierende Welt. Die spontane Hirnaktivität eines Fetus gibt Aufschluss über die fetalen Schlaf-/Wachzustände und darüber, wie sich das Gehirn immer besser vernetzt und komplexere Vorgänge zulässt. Man kann dem Baby über den Bauch der Mutter auch Töne vorspielen und analysieren wie es darauf reagiert. Dadurch wissen wir inzwischen, wie lange das fetale Gehirn braucht, um einzelne Töne zu verarbeiten und wie der Blutzuckerspiegel der Mutter dies beeinflussen kann. Wir wissen, ab wann der Fetus einfache oder komplexere Muster in Tonabfolgen lernen kann und sogar ein grundlegendes Mengenverständnis hat. Dank der neuen automatisierten Verarbeitungsmethoden konnten wir sogar untersuchen, wann der Fetus beginnt, die Stimme seiner Mutter von anderen Frauenstimmen zu unterscheiden. Da die fetale Magnetenzephalographie die einzige Methode ist, mit der man die Hirnaktivität von Kindern bereits im Mutterleib messen kann, und es weltweit nur wenige Arbeitsgruppen gibt, die sich mit dieser Thematik beschäftigen, befinden wir uns in diesem Bereich noch in der Grundlagenforschung. Dies bedeutet aber auch, dass es noch viele spannende Fragestellungen gibt, die wir mit dieser Methode untersuchen können. Dank der neuen automatisierten Signalverarbeitungsmethoden kommen wir mit der Beantwortung dieser Fragen in Zukunft dann hoffentlich auch noch viel schneller voran. Und wenn mein Enkel mir eines Tages in die Augen schaut, dann kann ich mir vielleicht schon denken: „Ja mein Schatz, ich weiss!“.</p> <hr></hr> <p>Katrin Sippel hat an der Eberhardt-Karls-Universität Tübingen Bioinformatik studiert. Während des Masterstudiums spezialisierte sie sich auf den Bereich der Neurowissenschaften. Ihre Doktorarbeit schrieb sie im Rahmen der Inneren Medizin IV am Universitätsklinikum Tübingen und dem Institut für Diabetesforschung und metabolische Erkrankungen des Helmholtz Zentrum München an der Universität Tübingen. Dabei lag der Fokus auf der Entwicklung sensibler, vollautomatisierter Vorverarbeitungsmethoden für das Verfahren der fetalen Magnetenzephalographie sowie einer Studie zur fetalen Wahrnehmung der Mutterstimme. Auch nach der Promotion ließ sie die Faszination für dieses Themengebiet nicht los, daher ist sie in diesem Bereich weiterhin als PostDoc tätig.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Schatzsuche im Mutterleib - Wie funktioniert das Gehirn vor der Geburt? » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den </strong><a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><strong>KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</strong></a><strong> 2023 in der Kategorie Neurowissenschaften veranschaulichte Katrin Sippel, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Wer erforschen will, wie sich die Gehirnaktivität im Mutterleib entwickelt und was ein Baby dort schon alles lernt, der braucht zweifelsohne ein bisschen Glück, gute Signalverarbeitungsalgorithmen und zuallererst ein tolles wissenschaftliches Verfahren. In unserem Fall ist das die fetale Magnetenzephalographie (fMEG), ein harmloses, nicht-invasives Verfahren mit dem die Herz- und Gehirnaktivität von Babys in der zweiten Schwangerschaftshälfte gleichzeitig mit der Herzaktivität der Mutter aufgezeichnet werden kann.</em></p> <p>Ich kann mich noch genau daran erinnern, als mein Sohn mir wenige Stunden nach seiner Geburt das erste Mal so richtig tief in die Augen geschaut hat. Ein Blick, in dem schon so viel Weisheit lag. In diesem Moment habe ich mit nichts sehnlicher gewünscht, als zu wissen, was in diesem kleinen Kopf so vor sich geht und was sich in den vergangenen 9 Monaten dort alles schon entwickelt hat. Betrachtet man das Gehirn eines neugeborenen Babys im wissenschaftlichen Sinn, so sind quasi alle Nervenzellen angelegt und miteinander vernetzt. Im Laufe des Lebens werden diese Nervenzellen wachsen und ihre Signalweiterleitung wird schneller werden. Einige Verbindungen zwischen den Nervenzellen werden sich im Laufe des Lebens verfestigen und ausbilden, wenn neue Sachen gelernt oder Zusammenhänge erkannt werden. Andere Verbindungen werden abgebaut, wenn sie nicht benötigt werden. Insgesamt werden aber keine neuen Nervenzellen hinzukommen. Bereits im Mutterleib sind wichtige Verbindungen im Gehirn entstanden. Wie sonst könnte ein Baby schon direkt nach der Geburt die Stimme seiner Mutter von anderen Frauenstimmen unterscheiden oder ein Schlaflied wieder erkennen, das ihm schon während der Schwangerschaft vorgesungen wurde?</p> <p>Zu untersuchen, ob und wann ein Fetus bestimmte Dinge lernt, ist nicht ganz einfach und ein bisschen mit einer Schatzsuche vergleichbar. Bei Erwachsenen oder Kleinkindern kann man die elektrische oder magnetische Aktivität, die bei der Aktivierung von Nervenzellen im Gehirn entsteht, mittels Sensoren messen, die direkt auf oder über der Kopfhaut angebracht werden. So ähnlich funktioniert das auch bei der fetalen Magnetenzephalographie.</p> <p>Fetus ist der Fachbegriff für ein ungeborenes Kind im Mutterleib ab der 9. Schwangerschaftswoche. Die Magnetenzephalographie ist eine Untersuchungsmethode, mit der Magnetfelder gemessen werden, die durch die elektrische Hirnaktivität erzeugt werden. Im Gegensatz zur elektrischen Aktivität können die Magnetfelder das umliegende Gewebe, in diesem Fall das Fruchtwasser und den Bauch der Mutter, problemlos passieren und so auch von ausserhalb gemessen werden. Das fMEG Gerät besteht aus ca. 150 magnetischen Sensoren, die in einer muschelförmigen Schale rund um den Bauch der Schwangeren Frau angeordnet sind und diese Aktivität messen. Diese funktionieren ähnlich wie ein Kompass, sind also völlig ungefährlich für Mutter und Kind. Um die empfindlichen Sensoren von äusseren magnetischen Einflüssen abzuschirmen, befindet sich das fMEG Gerät dazu in einem magnetisch abgeschirmten Raum, dessen Wände mit dicken Schichten aus Metall überzogen sind. Jedoch erzeugt nicht nur die Hirnaktivität magnetische Felder, sondern auch jede Form von Muskelaktivität. Deshalb ist es wichtig, dass die Schwangere während der Messung möglichst entspannt auf dem Gerät Platz nimmt und auch der Fetus möglichst ruhig bleibt. Eine Art von Muskelaktivität, die in den Messungen immer mit erfasst wird, ist die Herzaktivität – sowohl die der Mutter als auch die des Kindes. Die Herzrate und Herzratenvariabilität gewähren Einblick in die Funktion des Autonomen Nervensystems und des aktuellen Stresslevels. Andererseits überlagern die starken Magnetfelder der Herzaktivitäten aber auch das fetale Hirnsignal. Das Signal des Magnetfelds, welches so ein fetales Gehirn erzeugt, ist ungefähr so schwach wie die magnetische Aktivität eines Autos in 2 km Entfernung. Das fetale Herzsignal ist im Vergleich dazu um ein 10- bis 100- faches, das des mütterlichen Herzens sogar bis zu 1000 fach stärker. Wenn man also aus den Messdaten ein fetales Hirnsignal herauslesen will, muss man die unterschiedlichen Magnetfelder nachträglich wieder voneinander trennen, um die fetale Hirnaktivität freizulegen. Es ist in etwa so wie Goldschürfen. Zuerst wird mit einem groben Sieb die mütterliche Herzaktivität entfernt, dann mit einem feineren Sieb die fetale Herzaktivität. Wenn Mutter und Baby sich während der Messung nicht zu heftig bewegt haben, findet man so mit etwas Glück ein deutlich sichtbares Bündel an fetaler Hirnaktivität – das Goldnugget nach dem wir suchen. Bisher wurde die Erkennung der Herzaktivität zu einem großen Teil von Hand durchgeführt und ihre Entfernung mithilfe mehrerer unterschiedlicher Methoden. Die Auswertung der Hirndaten war so häufig nur nach etlichen Wiederholungszyklen und dem Löschen einzelner störender Sensorsignale möglich. Dieser Prozess war sehr zeitaufwändig und setzte viel Erfahrung voraus. Er konnte daher nur von sehr wenigen Experten durchgeführt werden. Meine Mission war es deshalb, die Herzaktivität vollautomatisiert zu erkennen und zu entfernen und die Datenverarbeitung somit wesentlich schneller und effizienter zu gestalten. Dabei musste dieses Verfahren so flexibel sein, dass es sowohl gegen Ende der Schwangerschaft funktioniert als auch schon in der 20 Schwangerschaftswoche, wenn der Fetus noch viel kleiner und seine Herz- und Hirnaktivität somit auch noch viel schwächer ist.<aside></aside></p> <p>Das erste Signal, das entfernt werden muss, ist die Herzaktivität der Mutter. Dazu werden zuerst die Zeitpunkte aller mütterlichen Herzschläge markiert. Danach wird das Signal über genau diese Zeitpunkte gemittelt, wodurch eine Art Schablone für das Signal des gesamten Herzschlag erstellt wird. Wendet man diese Schablone dann auf das gesamte Signal an, erhält man eine recht gute Schätzung der mütterlichen Herzaktivität über die komplette Zeit der Messung. Diese geschätzte Aktivität wird dann vom ursprünglichen Signal subtrahiert, zusammen mit anderen Signalbestandteilen, die eine hohe Korrelation mit der entfernten Herzaktivität aufweisen. Beim Goldschürfen filtern unterschiedlich feine Siebe ungewünschte Stoffe heraus, damit man am Ende das Gold übrig behält. Nichts anderes macht dieser Algorithmus.</p> <p>Nachdem die mütterliche Herzaktivität erfolgreich von den restlichen Daten getrennt worden ist, wird dasselbe mit der Aktivität des fetalen Herzens gemacht. Da der fetale Herzschlag schneller und weniger stark ist, werden dazu einige Parameter im Algorithmus etwas feinmaschiger eingestellt. Mit etwas Glück bleibt nun noch etwas magnetische Aktivität übrig, die ein deutlich sichtbares Bündel auf 5-10 benachbarten Sensoren bildet. Das ist dann die fetale Hirnaktivität, unser kleines Goldnugget. Hat man diesen Schatz gefunden, eröffnet sich eine faszinierende Welt. Die spontane Hirnaktivität eines Fetus gibt Aufschluss über die fetalen Schlaf-/Wachzustände und darüber, wie sich das Gehirn immer besser vernetzt und komplexere Vorgänge zulässt. Man kann dem Baby über den Bauch der Mutter auch Töne vorspielen und analysieren wie es darauf reagiert. Dadurch wissen wir inzwischen, wie lange das fetale Gehirn braucht, um einzelne Töne zu verarbeiten und wie der Blutzuckerspiegel der Mutter dies beeinflussen kann. Wir wissen, ab wann der Fetus einfache oder komplexere Muster in Tonabfolgen lernen kann und sogar ein grundlegendes Mengenverständnis hat. Dank der neuen automatisierten Verarbeitungsmethoden konnten wir sogar untersuchen, wann der Fetus beginnt, die Stimme seiner Mutter von anderen Frauenstimmen zu unterscheiden. Da die fetale Magnetenzephalographie die einzige Methode ist, mit der man die Hirnaktivität von Kindern bereits im Mutterleib messen kann, und es weltweit nur wenige Arbeitsgruppen gibt, die sich mit dieser Thematik beschäftigen, befinden wir uns in diesem Bereich noch in der Grundlagenforschung. Dies bedeutet aber auch, dass es noch viele spannende Fragestellungen gibt, die wir mit dieser Methode untersuchen können. Dank der neuen automatisierten Signalverarbeitungsmethoden kommen wir mit der Beantwortung dieser Fragen in Zukunft dann hoffentlich auch noch viel schneller voran. Und wenn mein Enkel mir eines Tages in die Augen schaut, dann kann ich mir vielleicht schon denken: „Ja mein Schatz, ich weiss!“.</p> <hr></hr> <p>Katrin Sippel hat an der Eberhardt-Karls-Universität Tübingen Bioinformatik studiert. Während des Masterstudiums spezialisierte sie sich auf den Bereich der Neurowissenschaften. Ihre Doktorarbeit schrieb sie im Rahmen der Inneren Medizin IV am Universitätsklinikum Tübingen und dem Institut für Diabetesforschung und metabolische Erkrankungen des Helmholtz Zentrum München an der Universität Tübingen. Dabei lag der Fokus auf der Entwicklung sensibler, vollautomatisierter Vorverarbeitungsmethoden für das Verfahren der fetalen Magnetenzephalographie sowie einer Studie zur fetalen Wahrnehmung der Mutterstimme. Auch nach der Promotion ließ sie die Faszination für dieses Themengebiet nicht los, daher ist sie in diesem Bereich weiterhin als PostDoc tätig.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/klartext/schatzsuche-im-mutterleib-wie-funktioniert-das-gehirn-vor-der-geburt/#respond 0 Neuer Podcast: Was ist Psychologie? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neuer-podcast-was-ist-psychologie/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neuer-podcast-was-ist-psychologie/#comments Tue, 04 Nov 2025 13:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3464 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Verruecktland-Logo-1-SciLogs-768x627.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neuer-podcast-was-ist-psychologie/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Verruecktland-Logo-1-SciLogs.jpg" /><h1>Neuer Podcast: Was ist Psychologie? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Ist die Welt verrückt geworden? Dann schnell zum Psychologen! Stephan Schleim begleitet Sie durch “Verrücktland”</strong></p> <span id="more-3464"></span> <p>Immer mehr Studierende schreiben sich für das Fach Psychologie ein. Damit ist es heute eines der beliebtesten in ganz Deutschland. Und immer mehr Menschen suchen die Hilfe “vom Psychologen”, womit sie eine Psychotherapeutin oder einen Psychotherapeuten meinen.</p> <p>Psychologie ist heute so allgegenwärtig, dass manche schon den überbordenden “Psycho-Markt” kritisieren. Und tatsächlich gibt es viele Akteure, die zweifelhaftes Halbwissen verkaufen. Der immer weiter wachsende Markt der Selbsthilfe- und Ratgeberliteratur ist hierfür ein Beispiel. Doch was ist überhaupt Psychologie?</p> <p>Stephan Schleim beschäftigt sich seit inzwischen einem Vierteljahrhundert mit dem Thema. An der Universität Groningen in den Niederlanden hat er über 5.000 Studierende im Fach Psychologie ausgebildet. Im neuen Podcast teilt er sein Wissen mit der Allgemeinheit. Dabei soll es weniger um rein theoretische Debatten gehen, sondern um Relevantes für den Alltag und die Praxis.</p> <p>In der ersten Folge stellt der Autor sich kurz vor und erklärt er, was es mit “Verrücktland” auf sich hat. Danach behandeln wir die Frage, was Psychologie ist, aus verschiedenen Blickwinkeln. Das Ergebnis dürfte Sie überraschen.<aside></aside></p> <figure></figure> <p>Diskutieren Sie mit, stellen Sie fragen oder schlagen Sie ein Thema vor. Das Gebiet der Psychologie ist so reichhaltig, dass für alle etwas Interessantes dabei ist.</p> <h2 id="h-inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis</h2> <ul> <li>1:23 Teil 1: Verrücktland</li> <li>3:33 Teil 2: Biografie</li> <li>5:41 Teil 3: Verhalten &amp; Erleben</li> <li>6:29 Teil 4: Psychologie als Studienfach</li> <li>7:41 Teil 5: Antwort der Deutschen Gesellschaft für Psychologie</li> <li>16:53 Teil 6: Die Gegenstandsfrage</li> <li>21:25 Teil 7: Das Unsichtbare</li> <li>24:09 Teil 8: Berühmter Psychologe</li> <li>27:48 Zusammenfassung</li> </ul> <h2 id="h-zusammenfassung">Zusammenfassung</h2> <ul> <li>Die Psychologie ist sehr wichtig, meiner Meinung nach die wichtigste Disziplin vom Menschen.</li> <li>Auch bei den Studierenden ist das Fach sehr beliebt – und wird sogar immer populärer: Psychologie landet mit Medizin und den Rechtswissenschaften auf Platz drei an den Hochschulen.</li> <li>Trotzdem kann auch nach über 100 Jahren niemand genau sagen, was “die Psyche” eigentlich ist.</li> <li>Wir haben gesehen, dass man die Frage, was Psychologie ist, mit Blick auf die vielen Teildisziplinen beantworten kann.</li> <li>Dass Seelisches in einem bestimmten Sinn unsichtbar ist, stellt das Fach und auch uns Menschen vor besondere Herausforderungen, insbesondere bei den psychischen Störungen.</li> <li>Die Behavioristen wollten das Problem lösen, indem sie alles außer dem Verhalten aus der Wissenschaft verbannen – und waren damit über Jahrzehnte hinweg erfolgreich.</li> <li>Wir werden hier im Podcast noch genauer untersuchen, ob man den Begriff der Psyche oder Seele besser verstehen – und so auch die Trennung zwischen Psychologie in der Theorie und Praxis überwinden kann.</li> </ul> <p>Das Buchzitat kommt (leicht gekürzt) aus Mark Galliker (2016), <em>Ist die Psychologie eine Wissenschaft?</em>, S. 217.</p> <h2 id="h-zum-weiterlesen">Zum Weiterlesen</h2> <ul> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/warum-die-hirnforschung-die-psychologie-braucht/">Warum die Hirnforschung die Psychologie braucht</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/gehirnscanner-oder-verhalten-wer-hat-hier-das-sagen/">Gehirnscanner oder Verhalten – Wer hat hier das Sagen?</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychologie-der-freiheit-einmal-anders-dar-ber-nachgedacht/">Psychologie der Freiheit – einmal anders darüber nachgedacht</a></li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis). Abbildung: Mit einem Foto von Elsbeth Hoekstra.</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/99c70dd8efc647b298e11b6e574d4634" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Verruecktland-Logo-1-SciLogs.jpg" /><h1>Neuer Podcast: Was ist Psychologie? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Ist die Welt verrückt geworden? Dann schnell zum Psychologen! Stephan Schleim begleitet Sie durch “Verrücktland”</strong></p> <span id="more-3464"></span> <p>Immer mehr Studierende schreiben sich für das Fach Psychologie ein. Damit ist es heute eines der beliebtesten in ganz Deutschland. Und immer mehr Menschen suchen die Hilfe “vom Psychologen”, womit sie eine Psychotherapeutin oder einen Psychotherapeuten meinen.</p> <p>Psychologie ist heute so allgegenwärtig, dass manche schon den überbordenden “Psycho-Markt” kritisieren. Und tatsächlich gibt es viele Akteure, die zweifelhaftes Halbwissen verkaufen. Der immer weiter wachsende Markt der Selbsthilfe- und Ratgeberliteratur ist hierfür ein Beispiel. Doch was ist überhaupt Psychologie?</p> <p>Stephan Schleim beschäftigt sich seit inzwischen einem Vierteljahrhundert mit dem Thema. An der Universität Groningen in den Niederlanden hat er über 5.000 Studierende im Fach Psychologie ausgebildet. Im neuen Podcast teilt er sein Wissen mit der Allgemeinheit. Dabei soll es weniger um rein theoretische Debatten gehen, sondern um Relevantes für den Alltag und die Praxis.</p> <p>In der ersten Folge stellt der Autor sich kurz vor und erklärt er, was es mit “Verrücktland” auf sich hat. Danach behandeln wir die Frage, was Psychologie ist, aus verschiedenen Blickwinkeln. Das Ergebnis dürfte Sie überraschen.<aside></aside></p> <figure></figure> <p>Diskutieren Sie mit, stellen Sie fragen oder schlagen Sie ein Thema vor. Das Gebiet der Psychologie ist so reichhaltig, dass für alle etwas Interessantes dabei ist.</p> <h2 id="h-inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis</h2> <ul> <li>1:23 Teil 1: Verrücktland</li> <li>3:33 Teil 2: Biografie</li> <li>5:41 Teil 3: Verhalten &amp; Erleben</li> <li>6:29 Teil 4: Psychologie als Studienfach</li> <li>7:41 Teil 5: Antwort der Deutschen Gesellschaft für Psychologie</li> <li>16:53 Teil 6: Die Gegenstandsfrage</li> <li>21:25 Teil 7: Das Unsichtbare</li> <li>24:09 Teil 8: Berühmter Psychologe</li> <li>27:48 Zusammenfassung</li> </ul> <h2 id="h-zusammenfassung">Zusammenfassung</h2> <ul> <li>Die Psychologie ist sehr wichtig, meiner Meinung nach die wichtigste Disziplin vom Menschen.</li> <li>Auch bei den Studierenden ist das Fach sehr beliebt – und wird sogar immer populärer: Psychologie landet mit Medizin und den Rechtswissenschaften auf Platz drei an den Hochschulen.</li> <li>Trotzdem kann auch nach über 100 Jahren niemand genau sagen, was “die Psyche” eigentlich ist.</li> <li>Wir haben gesehen, dass man die Frage, was Psychologie ist, mit Blick auf die vielen Teildisziplinen beantworten kann.</li> <li>Dass Seelisches in einem bestimmten Sinn unsichtbar ist, stellt das Fach und auch uns Menschen vor besondere Herausforderungen, insbesondere bei den psychischen Störungen.</li> <li>Die Behavioristen wollten das Problem lösen, indem sie alles außer dem Verhalten aus der Wissenschaft verbannen – und waren damit über Jahrzehnte hinweg erfolgreich.</li> <li>Wir werden hier im Podcast noch genauer untersuchen, ob man den Begriff der Psyche oder Seele besser verstehen – und so auch die Trennung zwischen Psychologie in der Theorie und Praxis überwinden kann.</li> </ul> <p>Das Buchzitat kommt (leicht gekürzt) aus Mark Galliker (2016), <em>Ist die Psychologie eine Wissenschaft?</em>, S. 217.</p> <h2 id="h-zum-weiterlesen">Zum Weiterlesen</h2> <ul> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/warum-die-hirnforschung-die-psychologie-braucht/">Warum die Hirnforschung die Psychologie braucht</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/gehirnscanner-oder-verhalten-wer-hat-hier-das-sagen/">Gehirnscanner oder Verhalten – Wer hat hier das Sagen?</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychologie-der-freiheit-einmal-anders-dar-ber-nachgedacht/">Psychologie der Freiheit – einmal anders darüber nachgedacht</a></li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis). Abbildung: Mit einem Foto von Elsbeth Hoekstra.</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/99c70dd8efc647b298e11b6e574d4634" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neuer-podcast-was-ist-psychologie/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>18</slash:comments> </item> <item> <title>Zur psychischen Gesundheit der Jugend – ein Kommentar https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zur-psychischen-gesundheit-der-jugend-ein-kommentar/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zur-psychischen-gesundheit-der-jugend-ein-kommentar/#comments Sun, 02 Nov 2025 12:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3458 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/woman-2048905_1920-768x592.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zur-psychischen-gesundheit-der-jugend-ein-kommentar/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/woman-2048905_1920.jpg" /><h1>Zur psychischen Gesundheit der Jugend – ein Kommentar » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Die Bundesschülerkonferenz und das Institut der Deutschen Wirtschaft schlagen Alarm. Über individuelle und strukturelle Lösungen.</strong></p> <span id="more-3458"></span> <p>Am 30. Oktober veröffentlichte das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) einen Bericht <a href="https://www.iwkoeln.de/studien/christina-anger-julia-betz-wido-geis-thoene-die-oekonomische-bedeutung-der-psychischen-gesundheit-von-schuelerinnen-und-schuelern.html">über die ökonomische Bedeutung der psychischen Gesundheit von Schülerinnen und Schülern</a>. Natürlich sollte man sich in erster Linie wegen des Leidens und der Lebensqualität mit dem mentalen Wohlsein beschäftigen. Aber für manche Entscheidungsträger ist das Argument durchschlaggebend, damit auch der Wirtschaft etwas Gutes zu tun.</p> <p>Laut dem IW entsteht der deutschen Volkswirtschaft wegen psychischer Störungen jährlich ein Schaden von fast 150 Milliarden Euro. Auf diese Problematik würden rund zwei Drittel der Erwerbsminderungsrenten bei den Unter-30-Jährigen zurückgehen.</p> <p>Ich erklärte schon vor vielen Jahren, dass solche Kostenrechnungen <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/verursachen-psychisch-kranke-finanziellen-schaden/">mit Vorsicht zu genießen sind</a>. Die so hohen wie runden Milliardenbeträge machen sich natürlich gut in den Medien und politischen Diskussionen. Aber es sind abstrakte Größen.</p> <p>Zum Teil werden sie auf dem Gesundheitsmarkt sogar zu einem Nullsummenspiel, weil viele Akteure mit Krankheit Geld verdienen und in diesem Sinne volkswirtschaftlichen Wert erzeugen. Und auch das Risiko der Stigmatisierung sollte man nicht unterschätzen, wenn man beispielsweise Depressive als Milliardenposten darstellt.<aside></aside></p> <p>Dass die Krankheitslasten – sowohl für eher psychische als auch eher körperliche Probleme – <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/die-deutschen-sind-kraenker-denn-je/">steigen</a>, obwohl wir immer mehr Geld ins Gesundheitssystem und die Gesundheitsforschung pumpen, sollte uns aber aufhorchen lassen. Und die Probleme der jungen Menschen sind ein Spiegel der Erwachsenenwelt.</p> <p>Umgekehrt wird auch ein Schuh daraus: Weil (ohne passende Migration) immer weniger Menschen auf dem Arbeitsmarkt verfügbar sind aber immer mehr Bürger Behandlung und Pflege brauchen, werden die Probleme in Zukunft noch größer werden. Allein das kann einen schon deprimieren.</p> <h2 id="h-individualisierung">Individualisierung</h2> <p>Insofern ist es zu begrüßen, wenn sich auch das IW des Themas psychische Gesundheit annimmt. Doch leider wiederholt das Institut den häufigen Fehler, es primär als <em>medizinisches</em> und <em>individuelles</em> Problem zu sehen. So lautet dann die Empfehlung: “Um die psychische Gesundheit von Schülerinnen und Schülern in Deutschland nachhaltig zu verbessern, sollte die medizinische Versorgung und Unterstützung der Kinder und Jugendlichen verbessert werden.” Außerdem sollten alle Beteiligten noch mehr für psychische Problematik sensibilisiert werden.</p> <p>Viele haben immer noch nicht verstanden, was durch Industrialisierung, das Leben in großen Ballungsräumen und andere Aspekte des sogenannten technologischen Fortschritts mit der Medizin geschah: Seit dem 19. Jahrhundert wurden zunehmend menschliche und gesellschaftliche Probleme ihren Bereich verschoben. So entstand überhaupt erst die Psychiatrie als Fachdisziplin innerhalb der Medizin, im 20. Jahrhundert auch die klinische Psychologie.</p> <p>Auch die WHO versteht ihr Aufgabengebiet Gesundheit seit ihrer Gründung so offiziell wie breit als: Zustand des vollständigen körperlichen, seelischen und sogar sozialen(!) Wohlergehens. Dann sind die Aufgabengebiete für Ärztinnen und Ärzte natürlich endlos.</p> <p>Doch die Tatsache, dass trotz immer mehr Behandlern und Behandlungen, trotz immer mehr Therapie und Medikamentenverschreibungen die Anzahl der Krankheitstage und Erwerbsminderungsrenten wegen psychischer Probleme steigt, <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychiatrie-gebt-das-medizinische-modell-endlich-auf/">zeigt die Beschränkungen des medizinische Modells in diesem Bereich</a>. Volkswirtschaftlich reiche Länder wie Deutschland, die Schweiz oder die Niederlande haben heute schon die weltweit höchsten Pro-Kopf-Raten von Psychotherapeuten und Psychiatern.</p> <p>Trotzdem werden in solchen Diskussionen unermüdlich immer mehr Behandler gefordert. Wie viel mehr sollen es denn noch sein? Anno 2023 meinte die scheidende Familienministerin, die psychische Gesundheit der Jüngeren mit mehr “Mental Health Coaches” in Schulen zu verbessern. Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychologische-hilfe-fuer-schulkinder-jetzt-sollen-mental-health-coaches-es-richten/">dafür bereitgestellten 10 Millionen Euro</a> sind natürlich ein Klacks im Vergleich zu dem angeblichen Milliardenschaden. Aber auch Coaches werden die Probleme nicht lösen.</p> <h2 id="h-fehler-im-system">Fehler im System</h2> <p>Natürlich gibt es medizinische Erkrankungen, die – zum Beispiel wegen Schmerzen, Einschränkungen im Alltag oder biochemischer Störungen – mit starkem psychischem Leiden einhergehen können. Diese sollte man nach Möglichkeit primär medizinisch behandeln, und zwar an der Wurzel des Übels. Einen verfaulenden Zahn würde man auf Dauer auch nicht nur symptomatisch mit gutem Zureden und Schmerzmitteln behandeln, sondern reparieren oder ziehen.</p> <p>Man darf nicht vergessen: Trotz all dem neurobiologischen und genetischen Geforsche der letzten 225(!) Jahre, können die biologischen Psychiater auch heute <em>keine einzige</em> der Hunderten klassifizierten psychischen Störungen mit einem Gehirn-, Gen- oder Bluttest diagnostizieren. Ihre mit unzähligen Forschungsmilliarden belohnten Versprechen haben sie nicht einmal ansatzweise erfüllt. Dass ihr Paradigma trotzdem die Forschung und Ausbildung dominiert, hat ideologische Gründe, die ich in meinem neuen Buch <em>Perspektiven aus der Depressions-Epidemie</em> näher erkläre.</p> <p>Leider ist das nicht nur eine wissenschaftliche Debatte. Die ewig ergebnislose Suche nach den vermuteten “neuronalen Mechanismen” psychischer Störungen steht der Umsetzung und Verbesserung der Hilfe im Weg: Wenn man wartet, bis psychische Probleme behandlungsbedürftig werden, sichert das zwar die Jobs der Behandler. Mit gesellschaftlichen Maßnahmen und individueller Präventionsarbeit könnte man das Gros der Störungen aber verhindern oder zumindest abmildern.</p> <p>Zum Beispiel sind die größten Risikofaktoren für die immer häufiger diagnostizierten depressiven Störungen schwere Lebensereignisse: Traumata, Verluste, Krisen. Dazu kommt der Stress durch Überforderung, Vereinsamung und das Wegfallen sozialer Strukturen, die einen stützen könnten.</p> <p>Wir leben zwar in einem Sozialstaat. Die überbordende Bürokratisierung dürfte aber gerade diejenigen, die Hilfe am nötigsten haben, als Kampf der Verwaltung gegen Bürgerinnen und Bürger erfahren. Wenn die Entscheidung über den Wohnzuschlag oder die Übernahme einer Behandlung lange dauert und nicht nachvollziehbar ist, erzeugt das Not. Dabei betonen sogar führende Politiker die Notwendigkeit des Bürokratieabbaus und der Vereinfachung der Systeme – und halten diesen Zustand trotzdem seit Jahrzehnten instand.</p> <h2 id="h-unsichtbares">Unsichtbares</h2> <p>Im Bereich der psychischen Störungen ist das Problem besonders groß, weil “die Psyche” nicht direkt sichtbar ist. Das ist gerade das (zum Scheitern verurteilte) Versprechen der biologischen Psychiatrie und Neuropsychologie: das Seelenleben sichtbar zu machen und zu objektivieren. Im Ergebnis herrscht dann aber Seelenleere in der Seelenlehre, den etablierten Psy-Disziplinen.</p> <p>Die so ausgebildeten Fachleute zucken mit den Schultern und diagnostizieren allenfalls sogenannte somatoforme oder Konversionsstörungen, wenn Menschen unverstandene körperliche Beschwerden haben und von Facharzt zu Facharzt geschickt wurden. In der “harten”, sich gerne naturwissenschaftlich und objektiv gebenden Medizin sind die Patienten nicht mehr willkommen, wenn alle Laboruntersuchungen und Scans erst einmal abgerechnet sind. Die Honorare einer radiologischen Praxis <a href="https://rwf-online.de/artikel/finanzen-und-steuern/2024/10/radiologie-erwirtschaftet-weniger-reinertrag-fachbeitrag">in Höhe von durchschnittlich 3,5 Millionen Euro pro Jahr</a> müssen ja irgendwoher kommen.</p> <p>Mit weniger Wohlwollen wirft man den Hilfesuchenden Simulantentum vor. Das war vor 100 Jahren nicht anders, wenn im Ergebnis auch viel preiswerter.</p> <p>Wir Menschen heute sind von uns selbst, Leib und Seele entfremdet. Wie sich dauerhafte Spannung, Stress oder Angst körperlich äußern können – zum Beispiel in Herzklopfen, Taubheitsgefühlen, Schwindel, Schwitzen, Schlaflosigkeit, Zittern, Magen- oder anderen Schmerzen und Durchfall –, bringt einem keiner bei. Und der Hinweis, dass solche Erscheinungen <em>psychische</em> Ursachen haben können, erzeugt schnell Abwehr. Denn die Betroffenen haben verinnerlicht, dass Psychisches im Gesundheitssystem als weniger real gilt.</p> <h2 id="h-unverstanden">Unverstanden</h2> <p>Tipps wie: “Entspann dich doch mal”, “Mach doch mal Urlaub”, “Nimm’s dir nicht so zu Herzen” oder gar “Stell dich nicht so an” von Bekannten oder Vorgesetzten dürften den Leidensdruck eher vergrößern. Im Ergebnis erhalten Frauen etwa zweieinhalbmal so oft Diagnosen einer Depression oder Angststörung als Männer. Letztere, die insgesamt seltener Hilfe suchen, bekommen dafür zwei- bis dreimal so oft eine Substanzkonsumstörung attestiert. Probleme mit Drogen zu betäuben, geht meist nicht lange gut.</p> <p>Damit sind die häufigsten psychologisch-psychiatrischen Störungsbilder fast schon abgedeckt. Sehr im Kommen sind zurzeit die Aufmerksamkeitsstörungen – die sich diagnostisch aber stark mit depressiven, Angst- und Substanzkonsumstörungen überschneiden. Ein Schelm, wer denkt, dass ADHS jetzt als weniger stigmatisierende Variante zur Depression fungiert. Über Burnout – mit dem Aufkommen der Industrialisierung sprach man noch von “<a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/warum-man-burn-out-nicht-als-modeerscheinung-abtun-sollte/">Neurasthenie</a>“, Nervenschwäche – haben wir ja lange genug geredet. Wer nicht privat versichert ist und auch kein Jahr auf die Diagnose warten will, legt dafür schon einmal 500 Euro auf den Tisch. Bei den Therapeuten klingeln die Kassen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg"><img alt="" decoding="async" height="563" sizes="(max-width: 850px) 100vw, 850px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg 850w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb-300x199.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb-768x509.jpg 768w" width="850"></img></a></figure> <p><em><strong>Bildzitat nach Originalvorlage:</strong> Bei einer auf ADHS-Diagnosen spezialisierten Praxis in einer deutschen Großstadt kann man ein vorbereitendes Gespräch für rund 143 Euro reservieren. Bis zur gewünschten Diagnose wird man tiefer in die Tasche greifen müssen. Da ist die Erwartungshalten der Kunden, das gewünschte Resultat zu erhalten, natürlich hoch. Aber dafür winken “rechtliche und finanzielle Vorteile”.</em></p> <p>Jenseits der bekannten Raster bleibt ohne Befund aber mit den genannten körperlichen Problemen vielleicht die mysteriöse somatoforme Störung. Laut Epidemiologen trifft sie jährlich immerhin fünf Prozent der Bevölkerung. Die im Volks- aber auch manchem Arztmund eher abwertende Bezeichnung “Hypochondrie” war nicht immer negativ besetzt. Ein Blick auf die wortwörtliche Bedeutung entschlüsselt das: altgriechisch <em>hypo</em> = unter und <em>khondros</em> = Knorpel. Mit Letzterem ist der Brustkorb gemeint.</p> <p>Das heißt, Hypochondrie war nicht unbedingt ein eingebildetes Kranksein. Sie konnte auch wahrgenommenes Unwohlsein unter den Rippen bedeuten: Und dort finden sich mit Herz, Lungen, Leber, Milz, Nieren, Bauchspeicheldrüse und Magen nicht ganz unwichtige Organe. Über das vegetative Nervensystem – kurz gesagt: Vagusnerv, Parasympathikus und Sympathikus – nimmt es an unserer lebenden Intelligenz (im Wortsinn von “Erkennen, Verstehen”) teil. Das heißt, die Organe bekommen mit, ob es uns gut geht oder wir gestresst sind.</p> <h2 id="h-umdeutung">Umdeutung</h2> <p>Doch Stress wird selten beseitigt, sondern meist umgedeutet und gemanagt. Mit Ideen wie: “Wie du Stress als deinen Freund siehst”, haben Gesundheitspsychologen viel Geld verdient. Die “Mental Health Coaches” wurden schon erwähnt. Und auch Yoga, Achtsamkeit oder Meditation werden langfristig nichts lösen, <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wozu-meditation-und-achtsamkeit-und-wozu-nicht/">wenn sie immer nur kurzfristig die Schäden durch den Alltag reparieren</a>. Allen Ansätzen ist gemein, dass sie die Umgebung als konstant – man könnte auch sagen: alternativlos – und das Individuum als formbar ansehen.</p> <p>Was daraus folgt, können wir anhand eines anderen Gesundheitsbeispiels verdeutlichen, der Ernährung: Auch hier werden wir permanent mit Botschaften bombardiert, unser Verhalten zu optimieren. Wir sollen möglichst ausgewogen, abwechslungsreich, frisch und vollkorn essen.</p> <p>In der Reklame und den Supermarktregalen werden uns aber permanent Produkte schmackhaft gemacht, die das Gegenteil davon sind: Mit viel Fett, Zucker, Salz, Aromen und anderen Geschmacksverstärkern lassen sich zwar günstig Massenwaren herstellen. Doch echte Lebensmittel, die diesen Namen verdienen, muss man aufwendig suchen – und auch wissen, wie man sie schmackhaft zubereitet.</p> <p>Obendrein kann man nicht mal mehr Zeitschriften oder Batterien kaufen, ohne dass beim erforderlichen Abrechnen fett- und zuckerreiche Produkte wie Schokoriegel oder Energydrinks präsentiert werden. Sie sind so schnell bezahlt wie verzehrt und aktivieren garantiert das Belohnungssystem im Gehirn. Jedenfalls für ein paar Sekunden.</p> <p>Das heißt, die Botschaften an das <em>Individuum</em>, sich möglichst gesund zu verhalten, kollidieren permanent mit den Angeboten unserer <em>Lebenswelt</em>. Dieser andauernde Spagat muss die Menschen stressen.</p> <p>Doch als richtig gestresste Konsumenten füttern wir die kapitalistische Maschine noch besser: dann verdienen auch die Coaches und Yogalehrer an uns. Werden wir krank, die Ärzte und Therapeuten. Die krankmachenden Umstände gelten als normal. Der Einzelne, der darauf normal reagiert, nämlich mit Krankheit, gilt als das Problem. Hier setzen so gut wie alle therapeutischen Verdienmodelle an – nicht an der Lebenswelt, wo die Probleme entstehen.</p> <h2 id="h-stress-und-keine-losung">Stress und keine Lösung</h2> <p>Ach ja: Und bitte trennen Sie Ihren Müll, damit Ihnen weiter einfach zu standardisierende, komfortabel verpackte Produkte verkauft werden können. Denken Sie nicht an Weichmacher oder Mikroplastik. Vergessen Sie aber nicht ihre 10.000 Schritte am Tag, bitte mindestens drei bis fünf Stunden Bewegung pro Woche. Alkohol und Tabak sind Gift – verwenden Sie diese bloß nicht zur Stresskompensation. Letzterer bringt Sie nicht nur als Passivrauch ins Grab, sondern sogar als Tertiärrauch aus Textilien. Stresst Sie das alles? Aber gut schlafen müssen Sie schon!</p> <p>Auch die psychiatrische Forschung bestreitet heute nicht mehr, dass die Störungsbilder “stressreaktiv” sind. Es wird zwar immer noch von individuell unterschiedlichen Veranlagungen für die psychischen Störungen ausgegangen, was nicht ganz falsch ist, doch auch nicht ganz richtig. Doch dass viel Stress schlecht für die Psyche sein kann, wird jetzt allgemein anerkannt. Dennoch wird als Lösung nicht die Beseitigung von Stress in der Umgebung angeboten, sondern die Erhöhung von <em>Resilienz</em> im Individuum.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em><strong>Deutsche Bücher als Trendbarometer:</strong> Man sieht, wie die Diskussion um Neurasthenie im späten 19. Jahrhundert aufkam. In bürgerlichen Kreisen galt eine gewisse Sensibilität damals durchaus als schick. Doch mit dem Ende der Weimarer Republik und der erneuten Militarisierung wurden die “Nervenschwachen” zunehmend stigmatisiert. Stress wurde dann nach dem Zweiten Weltkrieg zum Thema, sehr viel stärker gegen Ende der 1990er. Burnout kam um die Jahrtausendwende als Thema auf, Resilienz etwas später. Der psychischen Gesundheit der Masse hat all das Gerede bisher nicht geholfen. Datenquelle: Google Ngram</em></p> <p>Historisch nachvollziehbar stützt sich <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/09/das-dogma-der-biologischen-psychiatrie-in-historischer-perspektive/">seit dem 19. Jahrhundert die Psychiatrie</a> und etwas später auch die klinische Psychologie mit dem Gen- und Gehirndenken auf diesen Individualismus. Gleichzeitig versprachen sie damit das Sichtbarmachen der unsichtbaren Seele. Zugegeben, es gab und gibt immer wieder auch einmal soziale Ansätze. Doch in der Forschung und der Darstellung der Probleme führen sie eher ein Schattendasein.</p> <h2 id="h-zuruck-zur-jugend">Zurück zur Jugend</h2> <p>Wie wir sahen, ist dieser Status quo für eine ganze Reihe einflussreicher Marktteilnehmer äußerst lukrativ. In diesen Markt wachsen die jungen Menschen hinein, ohne dass sie davon profitieren könnten oder eine Alternative angeboten bekämen.</p> <p>Dazu kommen zahlreiche Probleme, die ihnen die Erwachsenen, die sie in Zukunft versorgen sollen, überlassen: Denken wir an Staatsschulden, klimaschädliche Gase in der Luft und Stickstoff in den Böden, steigende Temperaturen und Meeresspiegel, Müll in den Meeren, zerbröckelnde Infrastruktur, zunehmende Kosten im Zusammenhang mit den wachsenden Unterschieden zwischen Wohlhabenden und Ärmeren, die Destabilisierung demokratischer Rechtsstaaten und kriegerische Konflikte.</p> <p>Die Antwort der zuständigen Fachleute lautet im Wesentlichen: Achtet mehr auf eure psychische Gesundheit und tut mehr für die Resilienz! Ersteres, auch bekannt als “mental health awareness”, dürfte die Probleme eher vergrößern. Die Symptome der Hunderten Störungsbilder sind nämlich oft so vage formuliert und überschneiden sich mit der Normalität, dass man sich leicht darin wiedererkennt. Das kennt jeder, der ein Diagnosehandbuch aufschlägt und darin liest. Ehe man sich versieht, hat man sich schon selbst diagnostiziert.</p> <p>Die ZEIT hatte gerade am 25. Oktober einen längeren Artikel darüber, dass das unablässige Reden über psychische Probleme diese gerade noch verstärken kann. Und die Zunahme an Menschen mit leichten Problemen, die jetzt alle Psychotherapie wollen, macht die Versorgung für die Härtefälle gerade schwerer. Dabei haben diese die Hilfe am nötigsten.</p> <p>Das Vermitteln von Resilienz wird die Probleme vielleicht etwas verzögern, aber nicht lösen – weil es nichts an den Ursachen ändert.</p> <h2 id="h-therapie">Therapie</h2> <p>Natürlich <em>kann</em> man individuell etwas bewirken. Gerade bei Ängsten gibt es wirksame Verfahren der Verhaltenstherapie, die oft auf eine Konfrontation und dann Überwindung der Angst hinauslaufen. Wer unter negativen Gedankenmustern leidet, kann diese ebenso wie wiederkehrende Probleme in zwischenmenschlichen Beziehungen in einer Gesprächstherapie bearbeiten.</p> <p>Für den Umgang mit schmerzhaften Erinnerungen gibt es spezialisierte Verfahren. Und zur Unterstützung können insbesondere bei schweren Störungen Psychopharmaka sinnvoll sein. In <em>Perspektiven aus der Depressions-Epidemie</em> gehe ich ausführlicher auf die Möglichkeiten ein.</p> <p>Aber auch die Therapeutinnen und Therapeuten haben nicht nur hehre Ziele. Zugegeben, der Weg zur Approbation ist hart. Und dann hat man noch lange keinen Kassensitz, um die Masse der gesetzlich Versicherten abrechnen zu können.</p> <p>Durch den inoffiziellen Handel mit den Lizenzen lassen sich Psychotherapeuten, die schon jahrzehntelang ihre Leistungen gut abrechnen konnten, heute den Übergang in die Rente vergolden: Dass man in Großstädten sechsstellige Beträge für die Übernahme einer Praxis verlangt, gilt inzwischen als normal. Offiziell zahlt man das für die Praxiseinrichtung. Aber wie teuer kann die bei Psychotherapeuten schon sein?</p> <p>Hat man es geschafft – und sich für Ausbildung und Praxis wahrscheinlich verschuldet –, dann hat man im Prinzip eine Lizenz zum Gelddrucken. Wer es gut anstellt, kommt mit 25 Klienten pro Woche auf ein sechsstelliges Einkommen. Mit Gruppentherapie und Privatpatienten kann man mehr verdienen. Das müssen Normalbürger mit im Median 45.000 Euro brutto pro Jahr erst einmal schaffen.</p> <p>Also gilt auch hier, dass strukturelle Faktoren das Angebot bestimmen, wenn man sich individuell auf die Suche macht. Willkommen auf dem kapitalistischen Gesundheitsmarkt. Und viel Glück beim Finden eines Behandlungsplatzes, wo dann die therapeutische Beziehung auch noch passt!</p> <h2 id="h-strukturelle-losungen">Strukturelle Lösungen</h2> <p>Ein Hoffnungsschimmer für die Jugend ist allerdings eine Initiative, mit der die Bundesschülerkonferenz jetzt selbst aufwartet. Mit ihrer Kampagne “<a href="https://bundesschuelerkonferenz.com/uns-gehts-gut/">Uns geht’s gut?</a>” hat sie einen Zehn-Punkte-Plan für eine bessere Zukunft aufgestellt.</p> <p>Anders als die gut bezahlten Fachleute haben die Schülerinnen und Schüler immerhin ein Bewusstsein für strukturelle Lösungen: mehr Personal für Sozialarbeit, bessere Schulstrukturen, Fortbildungen für das Personal, Gesundheitsförderung durch zum Beispiel mehr Angebote für Bewegung und gesunde Ernährung, Schutz vor Mobbing und Diskriminierung, Verbesserung der Schulbauten sowie zielgerichtete Hilfe für benachteiligte Gruppen.</p> <p>Unterstützen wir sie dabei!</p> <h2 id="h-mehr-zur-depressions-epidemie">Mehr zur Depressions-Epidemie</h2> <figure><a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die Depressions-Epidemie im neuen Buch von Stephan Schleim: Was sind Depressionen überhaupt? Wie werden sie diagnostiziert? Wie veränderte sich das Störungsbild im Laufe der Zeit? Warum wird es in den letzten Jahrzehnten so viel häufiger diagnostiziert und haben sich die Medikamentenverschreibungen verfielfacht? Das Buch kombiniert 27 alte und neue Perspektiven aus Psychologie, Neurowissenschaft und Soziologie mit viel Orientierungswissen zum Verstehen, Vorbeugen und Heilen. Das eBook gibt es für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="http://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play</a><a href="https://play.google.com/store/books/details?id=pbRPEQAAQBAJ"> Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/woman-sad-portrait-crying-2048905/">Anemone123</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/379d17df4c474f8b82cc8b66e5a9e004" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/woman-2048905_1920.jpg" /><h1>Zur psychischen Gesundheit der Jugend – ein Kommentar » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Die Bundesschülerkonferenz und das Institut der Deutschen Wirtschaft schlagen Alarm. Über individuelle und strukturelle Lösungen.</strong></p> <span id="more-3458"></span> <p>Am 30. Oktober veröffentlichte das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) einen Bericht <a href="https://www.iwkoeln.de/studien/christina-anger-julia-betz-wido-geis-thoene-die-oekonomische-bedeutung-der-psychischen-gesundheit-von-schuelerinnen-und-schuelern.html">über die ökonomische Bedeutung der psychischen Gesundheit von Schülerinnen und Schülern</a>. Natürlich sollte man sich in erster Linie wegen des Leidens und der Lebensqualität mit dem mentalen Wohlsein beschäftigen. Aber für manche Entscheidungsträger ist das Argument durchschlaggebend, damit auch der Wirtschaft etwas Gutes zu tun.</p> <p>Laut dem IW entsteht der deutschen Volkswirtschaft wegen psychischer Störungen jährlich ein Schaden von fast 150 Milliarden Euro. Auf diese Problematik würden rund zwei Drittel der Erwerbsminderungsrenten bei den Unter-30-Jährigen zurückgehen.</p> <p>Ich erklärte schon vor vielen Jahren, dass solche Kostenrechnungen <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/verursachen-psychisch-kranke-finanziellen-schaden/">mit Vorsicht zu genießen sind</a>. Die so hohen wie runden Milliardenbeträge machen sich natürlich gut in den Medien und politischen Diskussionen. Aber es sind abstrakte Größen.</p> <p>Zum Teil werden sie auf dem Gesundheitsmarkt sogar zu einem Nullsummenspiel, weil viele Akteure mit Krankheit Geld verdienen und in diesem Sinne volkswirtschaftlichen Wert erzeugen. Und auch das Risiko der Stigmatisierung sollte man nicht unterschätzen, wenn man beispielsweise Depressive als Milliardenposten darstellt.<aside></aside></p> <p>Dass die Krankheitslasten – sowohl für eher psychische als auch eher körperliche Probleme – <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/die-deutschen-sind-kraenker-denn-je/">steigen</a>, obwohl wir immer mehr Geld ins Gesundheitssystem und die Gesundheitsforschung pumpen, sollte uns aber aufhorchen lassen. Und die Probleme der jungen Menschen sind ein Spiegel der Erwachsenenwelt.</p> <p>Umgekehrt wird auch ein Schuh daraus: Weil (ohne passende Migration) immer weniger Menschen auf dem Arbeitsmarkt verfügbar sind aber immer mehr Bürger Behandlung und Pflege brauchen, werden die Probleme in Zukunft noch größer werden. Allein das kann einen schon deprimieren.</p> <h2 id="h-individualisierung">Individualisierung</h2> <p>Insofern ist es zu begrüßen, wenn sich auch das IW des Themas psychische Gesundheit annimmt. Doch leider wiederholt das Institut den häufigen Fehler, es primär als <em>medizinisches</em> und <em>individuelles</em> Problem zu sehen. So lautet dann die Empfehlung: “Um die psychische Gesundheit von Schülerinnen und Schülern in Deutschland nachhaltig zu verbessern, sollte die medizinische Versorgung und Unterstützung der Kinder und Jugendlichen verbessert werden.” Außerdem sollten alle Beteiligten noch mehr für psychische Problematik sensibilisiert werden.</p> <p>Viele haben immer noch nicht verstanden, was durch Industrialisierung, das Leben in großen Ballungsräumen und andere Aspekte des sogenannten technologischen Fortschritts mit der Medizin geschah: Seit dem 19. Jahrhundert wurden zunehmend menschliche und gesellschaftliche Probleme ihren Bereich verschoben. So entstand überhaupt erst die Psychiatrie als Fachdisziplin innerhalb der Medizin, im 20. Jahrhundert auch die klinische Psychologie.</p> <p>Auch die WHO versteht ihr Aufgabengebiet Gesundheit seit ihrer Gründung so offiziell wie breit als: Zustand des vollständigen körperlichen, seelischen und sogar sozialen(!) Wohlergehens. Dann sind die Aufgabengebiete für Ärztinnen und Ärzte natürlich endlos.</p> <p>Doch die Tatsache, dass trotz immer mehr Behandlern und Behandlungen, trotz immer mehr Therapie und Medikamentenverschreibungen die Anzahl der Krankheitstage und Erwerbsminderungsrenten wegen psychischer Probleme steigt, <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychiatrie-gebt-das-medizinische-modell-endlich-auf/">zeigt die Beschränkungen des medizinische Modells in diesem Bereich</a>. Volkswirtschaftlich reiche Länder wie Deutschland, die Schweiz oder die Niederlande haben heute schon die weltweit höchsten Pro-Kopf-Raten von Psychotherapeuten und Psychiatern.</p> <p>Trotzdem werden in solchen Diskussionen unermüdlich immer mehr Behandler gefordert. Wie viel mehr sollen es denn noch sein? Anno 2023 meinte die scheidende Familienministerin, die psychische Gesundheit der Jüngeren mit mehr “Mental Health Coaches” in Schulen zu verbessern. Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychologische-hilfe-fuer-schulkinder-jetzt-sollen-mental-health-coaches-es-richten/">dafür bereitgestellten 10 Millionen Euro</a> sind natürlich ein Klacks im Vergleich zu dem angeblichen Milliardenschaden. Aber auch Coaches werden die Probleme nicht lösen.</p> <h2 id="h-fehler-im-system">Fehler im System</h2> <p>Natürlich gibt es medizinische Erkrankungen, die – zum Beispiel wegen Schmerzen, Einschränkungen im Alltag oder biochemischer Störungen – mit starkem psychischem Leiden einhergehen können. Diese sollte man nach Möglichkeit primär medizinisch behandeln, und zwar an der Wurzel des Übels. Einen verfaulenden Zahn würde man auf Dauer auch nicht nur symptomatisch mit gutem Zureden und Schmerzmitteln behandeln, sondern reparieren oder ziehen.</p> <p>Man darf nicht vergessen: Trotz all dem neurobiologischen und genetischen Geforsche der letzten 225(!) Jahre, können die biologischen Psychiater auch heute <em>keine einzige</em> der Hunderten klassifizierten psychischen Störungen mit einem Gehirn-, Gen- oder Bluttest diagnostizieren. Ihre mit unzähligen Forschungsmilliarden belohnten Versprechen haben sie nicht einmal ansatzweise erfüllt. Dass ihr Paradigma trotzdem die Forschung und Ausbildung dominiert, hat ideologische Gründe, die ich in meinem neuen Buch <em>Perspektiven aus der Depressions-Epidemie</em> näher erkläre.</p> <p>Leider ist das nicht nur eine wissenschaftliche Debatte. Die ewig ergebnislose Suche nach den vermuteten “neuronalen Mechanismen” psychischer Störungen steht der Umsetzung und Verbesserung der Hilfe im Weg: Wenn man wartet, bis psychische Probleme behandlungsbedürftig werden, sichert das zwar die Jobs der Behandler. Mit gesellschaftlichen Maßnahmen und individueller Präventionsarbeit könnte man das Gros der Störungen aber verhindern oder zumindest abmildern.</p> <p>Zum Beispiel sind die größten Risikofaktoren für die immer häufiger diagnostizierten depressiven Störungen schwere Lebensereignisse: Traumata, Verluste, Krisen. Dazu kommt der Stress durch Überforderung, Vereinsamung und das Wegfallen sozialer Strukturen, die einen stützen könnten.</p> <p>Wir leben zwar in einem Sozialstaat. Die überbordende Bürokratisierung dürfte aber gerade diejenigen, die Hilfe am nötigsten haben, als Kampf der Verwaltung gegen Bürgerinnen und Bürger erfahren. Wenn die Entscheidung über den Wohnzuschlag oder die Übernahme einer Behandlung lange dauert und nicht nachvollziehbar ist, erzeugt das Not. Dabei betonen sogar führende Politiker die Notwendigkeit des Bürokratieabbaus und der Vereinfachung der Systeme – und halten diesen Zustand trotzdem seit Jahrzehnten instand.</p> <h2 id="h-unsichtbares">Unsichtbares</h2> <p>Im Bereich der psychischen Störungen ist das Problem besonders groß, weil “die Psyche” nicht direkt sichtbar ist. Das ist gerade das (zum Scheitern verurteilte) Versprechen der biologischen Psychiatrie und Neuropsychologie: das Seelenleben sichtbar zu machen und zu objektivieren. Im Ergebnis herrscht dann aber Seelenleere in der Seelenlehre, den etablierten Psy-Disziplinen.</p> <p>Die so ausgebildeten Fachleute zucken mit den Schultern und diagnostizieren allenfalls sogenannte somatoforme oder Konversionsstörungen, wenn Menschen unverstandene körperliche Beschwerden haben und von Facharzt zu Facharzt geschickt wurden. In der “harten”, sich gerne naturwissenschaftlich und objektiv gebenden Medizin sind die Patienten nicht mehr willkommen, wenn alle Laboruntersuchungen und Scans erst einmal abgerechnet sind. Die Honorare einer radiologischen Praxis <a href="https://rwf-online.de/artikel/finanzen-und-steuern/2024/10/radiologie-erwirtschaftet-weniger-reinertrag-fachbeitrag">in Höhe von durchschnittlich 3,5 Millionen Euro pro Jahr</a> müssen ja irgendwoher kommen.</p> <p>Mit weniger Wohlwollen wirft man den Hilfesuchenden Simulantentum vor. Das war vor 100 Jahren nicht anders, wenn im Ergebnis auch viel preiswerter.</p> <p>Wir Menschen heute sind von uns selbst, Leib und Seele entfremdet. Wie sich dauerhafte Spannung, Stress oder Angst körperlich äußern können – zum Beispiel in Herzklopfen, Taubheitsgefühlen, Schwindel, Schwitzen, Schlaflosigkeit, Zittern, Magen- oder anderen Schmerzen und Durchfall –, bringt einem keiner bei. Und der Hinweis, dass solche Erscheinungen <em>psychische</em> Ursachen haben können, erzeugt schnell Abwehr. Denn die Betroffenen haben verinnerlicht, dass Psychisches im Gesundheitssystem als weniger real gilt.</p> <h2 id="h-unverstanden">Unverstanden</h2> <p>Tipps wie: “Entspann dich doch mal”, “Mach doch mal Urlaub”, “Nimm’s dir nicht so zu Herzen” oder gar “Stell dich nicht so an” von Bekannten oder Vorgesetzten dürften den Leidensdruck eher vergrößern. Im Ergebnis erhalten Frauen etwa zweieinhalbmal so oft Diagnosen einer Depression oder Angststörung als Männer. Letztere, die insgesamt seltener Hilfe suchen, bekommen dafür zwei- bis dreimal so oft eine Substanzkonsumstörung attestiert. Probleme mit Drogen zu betäuben, geht meist nicht lange gut.</p> <p>Damit sind die häufigsten psychologisch-psychiatrischen Störungsbilder fast schon abgedeckt. Sehr im Kommen sind zurzeit die Aufmerksamkeitsstörungen – die sich diagnostisch aber stark mit depressiven, Angst- und Substanzkonsumstörungen überschneiden. Ein Schelm, wer denkt, dass ADHS jetzt als weniger stigmatisierende Variante zur Depression fungiert. Über Burnout – mit dem Aufkommen der Industrialisierung sprach man noch von “<a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/warum-man-burn-out-nicht-als-modeerscheinung-abtun-sollte/">Neurasthenie</a>“, Nervenschwäche – haben wir ja lange genug geredet. Wer nicht privat versichert ist und auch kein Jahr auf die Diagnose warten will, legt dafür schon einmal 500 Euro auf den Tisch. Bei den Therapeuten klingeln die Kassen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg"><img alt="" decoding="async" height="563" sizes="(max-width: 850px) 100vw, 850px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb.jpg 850w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb-300x199.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ADHS-Diagnose-in-den-Warenkorb-768x509.jpg 768w" width="850"></img></a></figure> <p><em><strong>Bildzitat nach Originalvorlage:</strong> Bei einer auf ADHS-Diagnosen spezialisierten Praxis in einer deutschen Großstadt kann man ein vorbereitendes Gespräch für rund 143 Euro reservieren. Bis zur gewünschten Diagnose wird man tiefer in die Tasche greifen müssen. Da ist die Erwartungshalten der Kunden, das gewünschte Resultat zu erhalten, natürlich hoch. Aber dafür winken “rechtliche und finanzielle Vorteile”.</em></p> <p>Jenseits der bekannten Raster bleibt ohne Befund aber mit den genannten körperlichen Problemen vielleicht die mysteriöse somatoforme Störung. Laut Epidemiologen trifft sie jährlich immerhin fünf Prozent der Bevölkerung. Die im Volks- aber auch manchem Arztmund eher abwertende Bezeichnung “Hypochondrie” war nicht immer negativ besetzt. Ein Blick auf die wortwörtliche Bedeutung entschlüsselt das: altgriechisch <em>hypo</em> = unter und <em>khondros</em> = Knorpel. Mit Letzterem ist der Brustkorb gemeint.</p> <p>Das heißt, Hypochondrie war nicht unbedingt ein eingebildetes Kranksein. Sie konnte auch wahrgenommenes Unwohlsein unter den Rippen bedeuten: Und dort finden sich mit Herz, Lungen, Leber, Milz, Nieren, Bauchspeicheldrüse und Magen nicht ganz unwichtige Organe. Über das vegetative Nervensystem – kurz gesagt: Vagusnerv, Parasympathikus und Sympathikus – nimmt es an unserer lebenden Intelligenz (im Wortsinn von “Erkennen, Verstehen”) teil. Das heißt, die Organe bekommen mit, ob es uns gut geht oder wir gestresst sind.</p> <h2 id="h-umdeutung">Umdeutung</h2> <p>Doch Stress wird selten beseitigt, sondern meist umgedeutet und gemanagt. Mit Ideen wie: “Wie du Stress als deinen Freund siehst”, haben Gesundheitspsychologen viel Geld verdient. Die “Mental Health Coaches” wurden schon erwähnt. Und auch Yoga, Achtsamkeit oder Meditation werden langfristig nichts lösen, <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wozu-meditation-und-achtsamkeit-und-wozu-nicht/">wenn sie immer nur kurzfristig die Schäden durch den Alltag reparieren</a>. Allen Ansätzen ist gemein, dass sie die Umgebung als konstant – man könnte auch sagen: alternativlos – und das Individuum als formbar ansehen.</p> <p>Was daraus folgt, können wir anhand eines anderen Gesundheitsbeispiels verdeutlichen, der Ernährung: Auch hier werden wir permanent mit Botschaften bombardiert, unser Verhalten zu optimieren. Wir sollen möglichst ausgewogen, abwechslungsreich, frisch und vollkorn essen.</p> <p>In der Reklame und den Supermarktregalen werden uns aber permanent Produkte schmackhaft gemacht, die das Gegenteil davon sind: Mit viel Fett, Zucker, Salz, Aromen und anderen Geschmacksverstärkern lassen sich zwar günstig Massenwaren herstellen. Doch echte Lebensmittel, die diesen Namen verdienen, muss man aufwendig suchen – und auch wissen, wie man sie schmackhaft zubereitet.</p> <p>Obendrein kann man nicht mal mehr Zeitschriften oder Batterien kaufen, ohne dass beim erforderlichen Abrechnen fett- und zuckerreiche Produkte wie Schokoriegel oder Energydrinks präsentiert werden. Sie sind so schnell bezahlt wie verzehrt und aktivieren garantiert das Belohnungssystem im Gehirn. Jedenfalls für ein paar Sekunden.</p> <p>Das heißt, die Botschaften an das <em>Individuum</em>, sich möglichst gesund zu verhalten, kollidieren permanent mit den Angeboten unserer <em>Lebenswelt</em>. Dieser andauernde Spagat muss die Menschen stressen.</p> <p>Doch als richtig gestresste Konsumenten füttern wir die kapitalistische Maschine noch besser: dann verdienen auch die Coaches und Yogalehrer an uns. Werden wir krank, die Ärzte und Therapeuten. Die krankmachenden Umstände gelten als normal. Der Einzelne, der darauf normal reagiert, nämlich mit Krankheit, gilt als das Problem. Hier setzen so gut wie alle therapeutischen Verdienmodelle an – nicht an der Lebenswelt, wo die Probleme entstehen.</p> <h2 id="h-stress-und-keine-losung">Stress und keine Lösung</h2> <p>Ach ja: Und bitte trennen Sie Ihren Müll, damit Ihnen weiter einfach zu standardisierende, komfortabel verpackte Produkte verkauft werden können. Denken Sie nicht an Weichmacher oder Mikroplastik. Vergessen Sie aber nicht ihre 10.000 Schritte am Tag, bitte mindestens drei bis fünf Stunden Bewegung pro Woche. Alkohol und Tabak sind Gift – verwenden Sie diese bloß nicht zur Stresskompensation. Letzterer bringt Sie nicht nur als Passivrauch ins Grab, sondern sogar als Tertiärrauch aus Textilien. Stresst Sie das alles? Aber gut schlafen müssen Sie schon!</p> <p>Auch die psychiatrische Forschung bestreitet heute nicht mehr, dass die Störungsbilder “stressreaktiv” sind. Es wird zwar immer noch von individuell unterschiedlichen Veranlagungen für die psychischen Störungen ausgegangen, was nicht ganz falsch ist, doch auch nicht ganz richtig. Doch dass viel Stress schlecht für die Psyche sein kann, wird jetzt allgemein anerkannt. Dennoch wird als Lösung nicht die Beseitigung von Stress in der Umgebung angeboten, sondern die Erhöhung von <em>Resilienz</em> im Individuum.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Stress-Neurasthenie-Burnout-Resilienz-Ngram.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em><strong>Deutsche Bücher als Trendbarometer:</strong> Man sieht, wie die Diskussion um Neurasthenie im späten 19. Jahrhundert aufkam. In bürgerlichen Kreisen galt eine gewisse Sensibilität damals durchaus als schick. Doch mit dem Ende der Weimarer Republik und der erneuten Militarisierung wurden die “Nervenschwachen” zunehmend stigmatisiert. Stress wurde dann nach dem Zweiten Weltkrieg zum Thema, sehr viel stärker gegen Ende der 1990er. Burnout kam um die Jahrtausendwende als Thema auf, Resilienz etwas später. Der psychischen Gesundheit der Masse hat all das Gerede bisher nicht geholfen. Datenquelle: Google Ngram</em></p> <p>Historisch nachvollziehbar stützt sich <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/09/das-dogma-der-biologischen-psychiatrie-in-historischer-perspektive/">seit dem 19. Jahrhundert die Psychiatrie</a> und etwas später auch die klinische Psychologie mit dem Gen- und Gehirndenken auf diesen Individualismus. Gleichzeitig versprachen sie damit das Sichtbarmachen der unsichtbaren Seele. Zugegeben, es gab und gibt immer wieder auch einmal soziale Ansätze. Doch in der Forschung und der Darstellung der Probleme führen sie eher ein Schattendasein.</p> <h2 id="h-zuruck-zur-jugend">Zurück zur Jugend</h2> <p>Wie wir sahen, ist dieser Status quo für eine ganze Reihe einflussreicher Marktteilnehmer äußerst lukrativ. In diesen Markt wachsen die jungen Menschen hinein, ohne dass sie davon profitieren könnten oder eine Alternative angeboten bekämen.</p> <p>Dazu kommen zahlreiche Probleme, die ihnen die Erwachsenen, die sie in Zukunft versorgen sollen, überlassen: Denken wir an Staatsschulden, klimaschädliche Gase in der Luft und Stickstoff in den Böden, steigende Temperaturen und Meeresspiegel, Müll in den Meeren, zerbröckelnde Infrastruktur, zunehmende Kosten im Zusammenhang mit den wachsenden Unterschieden zwischen Wohlhabenden und Ärmeren, die Destabilisierung demokratischer Rechtsstaaten und kriegerische Konflikte.</p> <p>Die Antwort der zuständigen Fachleute lautet im Wesentlichen: Achtet mehr auf eure psychische Gesundheit und tut mehr für die Resilienz! Ersteres, auch bekannt als “mental health awareness”, dürfte die Probleme eher vergrößern. Die Symptome der Hunderten Störungsbilder sind nämlich oft so vage formuliert und überschneiden sich mit der Normalität, dass man sich leicht darin wiedererkennt. Das kennt jeder, der ein Diagnosehandbuch aufschlägt und darin liest. Ehe man sich versieht, hat man sich schon selbst diagnostiziert.</p> <p>Die ZEIT hatte gerade am 25. Oktober einen längeren Artikel darüber, dass das unablässige Reden über psychische Probleme diese gerade noch verstärken kann. Und die Zunahme an Menschen mit leichten Problemen, die jetzt alle Psychotherapie wollen, macht die Versorgung für die Härtefälle gerade schwerer. Dabei haben diese die Hilfe am nötigsten.</p> <p>Das Vermitteln von Resilienz wird die Probleme vielleicht etwas verzögern, aber nicht lösen – weil es nichts an den Ursachen ändert.</p> <h2 id="h-therapie">Therapie</h2> <p>Natürlich <em>kann</em> man individuell etwas bewirken. Gerade bei Ängsten gibt es wirksame Verfahren der Verhaltenstherapie, die oft auf eine Konfrontation und dann Überwindung der Angst hinauslaufen. Wer unter negativen Gedankenmustern leidet, kann diese ebenso wie wiederkehrende Probleme in zwischenmenschlichen Beziehungen in einer Gesprächstherapie bearbeiten.</p> <p>Für den Umgang mit schmerzhaften Erinnerungen gibt es spezialisierte Verfahren. Und zur Unterstützung können insbesondere bei schweren Störungen Psychopharmaka sinnvoll sein. In <em>Perspektiven aus der Depressions-Epidemie</em> gehe ich ausführlicher auf die Möglichkeiten ein.</p> <p>Aber auch die Therapeutinnen und Therapeuten haben nicht nur hehre Ziele. Zugegeben, der Weg zur Approbation ist hart. Und dann hat man noch lange keinen Kassensitz, um die Masse der gesetzlich Versicherten abrechnen zu können.</p> <p>Durch den inoffiziellen Handel mit den Lizenzen lassen sich Psychotherapeuten, die schon jahrzehntelang ihre Leistungen gut abrechnen konnten, heute den Übergang in die Rente vergolden: Dass man in Großstädten sechsstellige Beträge für die Übernahme einer Praxis verlangt, gilt inzwischen als normal. Offiziell zahlt man das für die Praxiseinrichtung. Aber wie teuer kann die bei Psychotherapeuten schon sein?</p> <p>Hat man es geschafft – und sich für Ausbildung und Praxis wahrscheinlich verschuldet –, dann hat man im Prinzip eine Lizenz zum Gelddrucken. Wer es gut anstellt, kommt mit 25 Klienten pro Woche auf ein sechsstelliges Einkommen. Mit Gruppentherapie und Privatpatienten kann man mehr verdienen. Das müssen Normalbürger mit im Median 45.000 Euro brutto pro Jahr erst einmal schaffen.</p> <p>Also gilt auch hier, dass strukturelle Faktoren das Angebot bestimmen, wenn man sich individuell auf die Suche macht. Willkommen auf dem kapitalistischen Gesundheitsmarkt. Und viel Glück beim Finden eines Behandlungsplatzes, wo dann die therapeutische Beziehung auch noch passt!</p> <h2 id="h-strukturelle-losungen">Strukturelle Lösungen</h2> <p>Ein Hoffnungsschimmer für die Jugend ist allerdings eine Initiative, mit der die Bundesschülerkonferenz jetzt selbst aufwartet. Mit ihrer Kampagne “<a href="https://bundesschuelerkonferenz.com/uns-gehts-gut/">Uns geht’s gut?</a>” hat sie einen Zehn-Punkte-Plan für eine bessere Zukunft aufgestellt.</p> <p>Anders als die gut bezahlten Fachleute haben die Schülerinnen und Schüler immerhin ein Bewusstsein für strukturelle Lösungen: mehr Personal für Sozialarbeit, bessere Schulstrukturen, Fortbildungen für das Personal, Gesundheitsförderung durch zum Beispiel mehr Angebote für Bewegung und gesunde Ernährung, Schutz vor Mobbing und Diskriminierung, Verbesserung der Schulbauten sowie zielgerichtete Hilfe für benachteiligte Gruppen.</p> <p>Unterstützen wir sie dabei!</p> <h2 id="h-mehr-zur-depressions-epidemie">Mehr zur Depressions-Epidemie</h2> <figure><a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die Depressions-Epidemie im neuen Buch von Stephan Schleim: Was sind Depressionen überhaupt? Wie werden sie diagnostiziert? Wie veränderte sich das Störungsbild im Laufe der Zeit? Warum wird es in den letzten Jahrzehnten so viel häufiger diagnostiziert und haben sich die Medikamentenverschreibungen verfielfacht? Das Buch kombiniert 27 alte und neue Perspektiven aus Psychologie, Neurowissenschaft und Soziologie mit viel Orientierungswissen zum Verstehen, Vorbeugen und Heilen. Das eBook gibt es für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6">Amazon</a>, <a href="http://books.apple.com/us/book/id6752545677">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ">Google Play</a><a href="https://play.google.com/store/books/details?id=pbRPEQAAQBAJ"> Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/woman-sad-portrait-crying-2048905/">Anemone123</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/379d17df4c474f8b82cc8b66e5a9e004" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zur-psychischen-gesundheit-der-jugend-ein-kommentar/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>18</slash:comments> </item> <item> <title>Sehr tief ins Glas geschaut https://scilogs.spektrum.de/klartext/sehr-tief-ins-glas-geschaut/ https://scilogs.spektrum.de/klartext/sehr-tief-ins-glas-geschaut/#respond Thu, 30 Oct 2025 09:53:49 +0000 klartext https://scilogs.spektrum.de/klartext/?p=1182 https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-768x575.png <link>https://scilogs.spektrum.de/klartext/sehr-tief-ins-glas-geschaut/</link> </image> <description type="html"><h1>Sehr tief ins Glas geschaut » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für seine Bewerbung um den <span><a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</a></span> 2023 in der Kategorie Chemie veranschaulichte Stefan Pieczonka, was er für seine Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Der tiefgreifende analytische Blick der ultrahochauflösenden Massenspektrometrie ermöglicht neue Konzepte, unsere Lebensmittel zu überwachen, ihre Sicherheit zu gewährleisten und Produktionsprozesse zu optimieren. Die umfangreichen molekularen Fingerabdrücke stehen dabei keineswegs im Widerspruch zur Unbelassenheit und Qualität unserer Nahrungsmittel. Am Beispiel des Bieres verdeutlichen wir, wie sie vielmehr versprechen, diese zu bewahren und weiterzuentwickeln.</em></p> <p>Zutatenlisten, Nährwerttabellen, Nutri-Scores – sie begegnen uns bei jedem Einkauf. Doch unsere Lebensmittel beherbergen eine molekulare Welt, die noch weit über Kohlenhydrate, Proteine und Fette hinausgeht. Eine Technik mit dem schlichten Namen „Fourier-Transform Ionenzyklotronresonanz Massenspektrometrie“ (oder für Versierte: FT-ICR-MS) ermöglicht es, diese mannigfaltige molekulare Ebene unserer Lebensmittel zu betreten. Die Auswahl eines anschaulichen Probenmaterials fällt dabei nicht schwer: Nicht allein die Tradition oder der Genuss, sondern die Komplexität seiner Zusammensetzung macht das Bier zum bestgeeigneten Untersuchungsobjekt. Ausgehend von den Rohstoffen prägen biologische, biochemische und chemische Prozesse in vielfältiger Weise das komplexe molekulare Gemisch, das wir Bier nennen. Pünktlich zum 500-jährigen Jubiläum des Reinheitsgebots begann 2016 an der Technischen Universität München also unsere Mission, die molekularen Fingerabdrücke der Biere zu decodieren. Das dabei eingesetzte Massenspektrometer begnügt sich schon mit einem tausendstel Tropfen des Hopfengetränks!</p> <p>Mithilfe des FT-ICR-MS ist es uns möglich, die Masse von Molekülen äußerst akkurat zu bestimmen. Das Prinzip ist simpel: je schneller die Moleküle sich auf einer Kreisbahn bewegen, desto leichter müssen sie sein. Der Messfehler ist dabei so klein, dass jedem Signal nur eine einzige Kombination aus Atomgewichten zugrunde liegen kann. Nur zehn Minuten dauert es, und wir kennen die atomare Zusammensetzung eines jeden Moleküls unseres Lebensmittels. Ging es der Forschung der letzten Jahrzehnte im Wesentlichen darum, vordefinierte Verbindungen zu quantifizieren („targeted analysis“), so gestattet unser Ansatz einen Blick auf die gesamte Diversität kleinster Moleküle („non-targeted analysis“). Noch unbekannte Inhaltsstoffe des köstlichen Molekülmixes sollen nicht länger vorschnell ignoriert werden. Die statistische Datenauswertung dieses Gesamtbildes weist uns schließlich auf spezifische Fingerabdrücke für bestimmte Zutaten und Produktionsweisen hin. Auch die ermittelte atomare Zusammensetzung der Moleküle nutzen wir geschickt. Ihre Summenformeln spiegeln biochemische Verwandtschaftsbeziehungen wider. Eine Oxidierung sorgt für „+O“, das Anfügen einer Glucoseeinheit für „+C6H10O5“. Auf diese Weise spannen sich molekulare Netzwerke verwandter Moleküle auf. Über diese Pfade führt uns die analytische Reise durch die molekulare Welt des Brauens von der modernen Überwachung des Reinheitsgebots bis zurück zur Brauweise der Deutschen Kaiserzeit.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-scaled.png"><img alt="" decoding="async" height="767" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-1024x767.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-1024x767.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-300x225.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-768x575.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-1536x1150.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-2048x1534.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Die Vielfält der molekularen Welt des Bieres speist sich aus seinen natürlichen Rohstoffen und dem komplexen Brauprozess. ©Stefan Pieczonka</em></figcaption></figure> <p>Es lässt aufhorchen, es wirkt zunächst alarmierend: Wir konnten mehr als 10.000 unterschiedliche Moleküle im Bier nachweisen! Doch gerade diese Vielzahl hilft uns, die Brauweise eines Bieres nachzuvollziehen. Auf dem internationalen Markt wird zuhauf mit kostengünstigem Mais und Reis gebraut. Die traditionelle deutsche Brauweise lehnt diese Stärkequellen und den damit erforderlichen Einsatz von zugesetzten Enzymen ab. Unser analytischer Blick zeigt, dass sich Reinheitsgebot-konforme Biere auch molekular von denjenigen unterscheiden, die zusätzlich Mais oder Reis enthalten: Es sind die Verbindungen des Sekundärstoffwechsels der Pflanzen, die im fertigen Bier als spezifische Signatur wiedergefunden werden können. Diese reichen von antimikrobiellen pflanzlichen Abwehrstoffen über die Wachstumsregulatoren bis zu Phytohormonen. Die vollumfänglichen molekularen Signaturen versprechen also, Betrugsversuche aufdecken zu können.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="550" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-1024x550.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-1024x550.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-300x161.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-768x412.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-1536x824.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-2048x1099.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Ein kleiner Ausschnitt aus dem Fingerabdruck des Kaiserbieres: All diese Moleküle haben die Masse 317. Sie unterscheiden sich lediglich in ihrer Nachkommastelle. Abgewandelt entnommen aus <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-022-12943-6">Pieczonka, S.A. et al. Archeochemistry reveals the first steps into modern industrial brewing. Sci Rep 12, 9251 (2022).</a></em></figcaption></figure> <p>Findet der Brauprozess nach dem Reinheitsgebot statt, belässt man es nebst Hopfen und Wasser bei der Gerste. Im ersten Schritt wird diese vermälzt. Die hohen Temperaturen beim Mälzen führen dabei zur sogenannten Maillard-Reaktion. Aus unserem Alltag nicht wegzudenken, sorgt diese auch für das betörende Aroma des Röstkaffees, gibt dem Grillfleisch Farbe und Geschmack und veredelt unseren Ofenkäse. Es handelt sich dabei nicht um eine einzelne definierte Reaktion, sondern um ein großes Reaktionsnetzwerk, das die chemische Interaktion von Aminosäuren mit Zuckern beschreibt. Die prinzipiellen Mechanismen sind gut erforscht. Die schiere Vielfalt an Molekülen hingegen, die während dieses Prozesses entstehen, verbirgt sich tief im molekularen Fingerabdruck der Lebensmittel. Selbst im Bier, das von natürlichen Zutaten und Prozessen geprägt ist, verstecken sich über 3.000 Moleküle, die diesem chemischen Reaktionsnetzwerk entspringen. Ihr atomarer Aufbau teilt sich eine intrinsische Natur, die den Regeln Maillards folgt: Viele bekannte Teilschritte der Maillard-Reaktion führen in ihrer Gesamtheit zu komplexen Veränderungen. Diesen Prozess, der den malzigen Charakter des Bieres prägt, können wir nun auf molekularer Ebene beschrieben. Die Grundlagenforschung dieser bedeutenden Reaktionskaskade profitiert von unserem holistischen analytischen Blick.</p> <p>Zum besonderen Protagonisten unserer Studien sollte ein archäologischer Fund avancieren. Ein hopfiger Zeitzeuge der Deutschen Kaiserzeit, gefunden im westfälischen Lübbecke und auf das Jahr 1885 datiert, wird Einblicke in eine längst vergangene Zeit gewähren. Eng verknüpft mit der Brauforschung setzten damals die Pioniere Louis Pasteur und Carl v. Linde mit der Mikrobiologie und der Kältemaschine die ersten Grundbausteine für die moderne Lebensmittelhygiene und industrielle Lebensmittelproduktion.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2-474x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2-474x1024.jpg 474w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2-139x300.jpg 139w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2-711x1536.jpg 711w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2.jpg 754w" width="474"></img></a><figcaption><em>Ein Zeitungsartikel weist auf den Fund des historischen Bieres in Lübbecke hin. Erscheinungsort des Artikels unbekannt. © Foto Brauerei Ernst Barre GmbH.</em></figcaption></figure> <p>Eine FT-ICR-MS Analyse des historischen Bieres und der forensische Abgleich mit molekularen Fingerabdrücken moderner Vergleichsbiere gibt Einblick in seine historische Brauweise. Das Bier wurde seinerzeit nach dem Reinheitsgebot gebraut, Spuren von anderen Getreidesorten als Gerste sind nicht erkennbar. Die Anwesenheit von Niacin (Vitamin B3) weist auf eine technologisch ungenügende Entfernung des Gerstenkeimlings hin. Unsere Maillard-Forschung sollte sich nur bedingt auszahlen: Die Braugerste  wurde anschließend bei niedrigen Temperaturen gedarrt. Das Bier anzusäuern, um die Enzymaktivität zu optimieren, ist eine brautechnische Feinheit, die offenbar noch nicht erprobt war. Fortschrittlicher zeigte sich der Gärkeller, in dem die erst kürzlich erfundene Kältemaschine Lindes zum Einsatz kam. Von den untergärigen Brauhefen, die auf diesen  Umstand hinweisen, verblieben lediglich molekulare Abdrücke; denn selbst für das mikroskopische Auge waren keinerlei Mikroorganismen mehr erkennbar. Wenngleich der verkorkte, verdrahtete und versiegelte Flascheninhalt unwahrscheinlich gut erhalten blieb, der Zahn der Zeit ist nicht spurlos an diesem „Jahrzehnte laufenden Minilabor“ vorbeigegangen: Die typischen Inhaltsstoffe des Hopfens wichen hunderten unerforschten, oxidierten Verbindungen. Seinem Alter zum Trotz hat das kaiserliche Bier den Connaisseur Dr. Martin Zarnkow von der Brau- und Lebensmittelqualität Weihenstephan überzeugt: Mit vollmundigen 4 Vol.-% Alkohol sei es „sehr ausgewogen und harmonisch, mit einer angenehmen Bittere, einem erfrischenden Säurecharakter und Sherry-artigen Dörrobstnoten“.</p> <p>Auch in unserer heutigen Zeit und gerade mit dem stetig steigenden Maßstab der Lebensmittelproduktion ist die tiefgreifende molekulare Analyse unserer Nahrungsmittel von entscheidender Bedeutung. Einen Ausblick auf die Zukunft gibt der Wissenschaftsjournalist Lars Fischer: Die sich im Zuge des Klimawandels ändernden Versorgungsstrukturen und neue Ernährungsgewohnheiten bedürfen einer umfassenden analytischen Begleitung. Der molekulare Blick auf unsere Lebensmittel wird es ermöglichen, neue Prozesse zu entwickeln und die Qualität unserer Lebensmittel und der Agrikultur auch weiterhin zu gewährleisten.</p> <hr></hr> <p>Stefan Pieczonka studierte Lebensmittelchemie an der Technischen Universität München (TUM). Während seiner Promotionszeit am Lehrstuhl für Analytische Lebensmittelchemie spezialisierte er sich auf die Analyse kleiner Moleküle (Metabolomics). Mit dem Forschungsschwerpunkt seiner Thesis, die umfassende molekulare Charakterisierung von Bier, war er nicht nur ein gerne gesehenen Gast auf den gemeinsamen Sommerfeiern. Auch die deutsche Wissenschaftslandschaft machte er mit seiner innovativen Arbeit auf sich aufmerksam. Angetrieben von verschiedenen Auszeichnungen geht er seit 2022 als Post-Doktorand den nächsten Schritte einer möglichen akademischen Laufbahn nach.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Sehr tief ins Glas geschaut » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für seine Bewerbung um den <span><a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</a></span> 2023 in der Kategorie Chemie veranschaulichte Stefan Pieczonka, was er für seine Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Der tiefgreifende analytische Blick der ultrahochauflösenden Massenspektrometrie ermöglicht neue Konzepte, unsere Lebensmittel zu überwachen, ihre Sicherheit zu gewährleisten und Produktionsprozesse zu optimieren. Die umfangreichen molekularen Fingerabdrücke stehen dabei keineswegs im Widerspruch zur Unbelassenheit und Qualität unserer Nahrungsmittel. Am Beispiel des Bieres verdeutlichen wir, wie sie vielmehr versprechen, diese zu bewahren und weiterzuentwickeln.</em></p> <p>Zutatenlisten, Nährwerttabellen, Nutri-Scores – sie begegnen uns bei jedem Einkauf. Doch unsere Lebensmittel beherbergen eine molekulare Welt, die noch weit über Kohlenhydrate, Proteine und Fette hinausgeht. Eine Technik mit dem schlichten Namen „Fourier-Transform Ionenzyklotronresonanz Massenspektrometrie“ (oder für Versierte: FT-ICR-MS) ermöglicht es, diese mannigfaltige molekulare Ebene unserer Lebensmittel zu betreten. Die Auswahl eines anschaulichen Probenmaterials fällt dabei nicht schwer: Nicht allein die Tradition oder der Genuss, sondern die Komplexität seiner Zusammensetzung macht das Bier zum bestgeeigneten Untersuchungsobjekt. Ausgehend von den Rohstoffen prägen biologische, biochemische und chemische Prozesse in vielfältiger Weise das komplexe molekulare Gemisch, das wir Bier nennen. Pünktlich zum 500-jährigen Jubiläum des Reinheitsgebots begann 2016 an der Technischen Universität München also unsere Mission, die molekularen Fingerabdrücke der Biere zu decodieren. Das dabei eingesetzte Massenspektrometer begnügt sich schon mit einem tausendstel Tropfen des Hopfengetränks!</p> <p>Mithilfe des FT-ICR-MS ist es uns möglich, die Masse von Molekülen äußerst akkurat zu bestimmen. Das Prinzip ist simpel: je schneller die Moleküle sich auf einer Kreisbahn bewegen, desto leichter müssen sie sein. Der Messfehler ist dabei so klein, dass jedem Signal nur eine einzige Kombination aus Atomgewichten zugrunde liegen kann. Nur zehn Minuten dauert es, und wir kennen die atomare Zusammensetzung eines jeden Moleküls unseres Lebensmittels. Ging es der Forschung der letzten Jahrzehnte im Wesentlichen darum, vordefinierte Verbindungen zu quantifizieren („targeted analysis“), so gestattet unser Ansatz einen Blick auf die gesamte Diversität kleinster Moleküle („non-targeted analysis“). Noch unbekannte Inhaltsstoffe des köstlichen Molekülmixes sollen nicht länger vorschnell ignoriert werden. Die statistische Datenauswertung dieses Gesamtbildes weist uns schließlich auf spezifische Fingerabdrücke für bestimmte Zutaten und Produktionsweisen hin. Auch die ermittelte atomare Zusammensetzung der Moleküle nutzen wir geschickt. Ihre Summenformeln spiegeln biochemische Verwandtschaftsbeziehungen wider. Eine Oxidierung sorgt für „+O“, das Anfügen einer Glucoseeinheit für „+C6H10O5“. Auf diese Weise spannen sich molekulare Netzwerke verwandter Moleküle auf. Über diese Pfade führt uns die analytische Reise durch die molekulare Welt des Brauens von der modernen Überwachung des Reinheitsgebots bis zurück zur Brauweise der Deutschen Kaiserzeit.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-scaled.png"><img alt="" decoding="async" height="767" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-1024x767.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-1024x767.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-300x225.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-768x575.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-1536x1150.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung1-1-2048x1534.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Die Vielfält der molekularen Welt des Bieres speist sich aus seinen natürlichen Rohstoffen und dem komplexen Brauprozess. ©Stefan Pieczonka</em></figcaption></figure> <p>Es lässt aufhorchen, es wirkt zunächst alarmierend: Wir konnten mehr als 10.000 unterschiedliche Moleküle im Bier nachweisen! Doch gerade diese Vielzahl hilft uns, die Brauweise eines Bieres nachzuvollziehen. Auf dem internationalen Markt wird zuhauf mit kostengünstigem Mais und Reis gebraut. Die traditionelle deutsche Brauweise lehnt diese Stärkequellen und den damit erforderlichen Einsatz von zugesetzten Enzymen ab. Unser analytischer Blick zeigt, dass sich Reinheitsgebot-konforme Biere auch molekular von denjenigen unterscheiden, die zusätzlich Mais oder Reis enthalten: Es sind die Verbindungen des Sekundärstoffwechsels der Pflanzen, die im fertigen Bier als spezifische Signatur wiedergefunden werden können. Diese reichen von antimikrobiellen pflanzlichen Abwehrstoffen über die Wachstumsregulatoren bis zu Phytohormonen. Die vollumfänglichen molekularen Signaturen versprechen also, Betrugsversuche aufdecken zu können.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="550" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-1024x550.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-1024x550.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-300x161.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-768x412.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-1536x824.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung3-2048x1099.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Ein kleiner Ausschnitt aus dem Fingerabdruck des Kaiserbieres: All diese Moleküle haben die Masse 317. Sie unterscheiden sich lediglich in ihrer Nachkommastelle. Abgewandelt entnommen aus <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-022-12943-6">Pieczonka, S.A. et al. Archeochemistry reveals the first steps into modern industrial brewing. Sci Rep 12, 9251 (2022).</a></em></figcaption></figure> <p>Findet der Brauprozess nach dem Reinheitsgebot statt, belässt man es nebst Hopfen und Wasser bei der Gerste. Im ersten Schritt wird diese vermälzt. Die hohen Temperaturen beim Mälzen führen dabei zur sogenannten Maillard-Reaktion. Aus unserem Alltag nicht wegzudenken, sorgt diese auch für das betörende Aroma des Röstkaffees, gibt dem Grillfleisch Farbe und Geschmack und veredelt unseren Ofenkäse. Es handelt sich dabei nicht um eine einzelne definierte Reaktion, sondern um ein großes Reaktionsnetzwerk, das die chemische Interaktion von Aminosäuren mit Zuckern beschreibt. Die prinzipiellen Mechanismen sind gut erforscht. Die schiere Vielfalt an Molekülen hingegen, die während dieses Prozesses entstehen, verbirgt sich tief im molekularen Fingerabdruck der Lebensmittel. Selbst im Bier, das von natürlichen Zutaten und Prozessen geprägt ist, verstecken sich über 3.000 Moleküle, die diesem chemischen Reaktionsnetzwerk entspringen. Ihr atomarer Aufbau teilt sich eine intrinsische Natur, die den Regeln Maillards folgt: Viele bekannte Teilschritte der Maillard-Reaktion führen in ihrer Gesamtheit zu komplexen Veränderungen. Diesen Prozess, der den malzigen Charakter des Bieres prägt, können wir nun auf molekularer Ebene beschrieben. Die Grundlagenforschung dieser bedeutenden Reaktionskaskade profitiert von unserem holistischen analytischen Blick.</p> <p>Zum besonderen Protagonisten unserer Studien sollte ein archäologischer Fund avancieren. Ein hopfiger Zeitzeuge der Deutschen Kaiserzeit, gefunden im westfälischen Lübbecke und auf das Jahr 1885 datiert, wird Einblicke in eine längst vergangene Zeit gewähren. Eng verknüpft mit der Brauforschung setzten damals die Pioniere Louis Pasteur und Carl v. Linde mit der Mikrobiologie und der Kältemaschine die ersten Grundbausteine für die moderne Lebensmittelhygiene und industrielle Lebensmittelproduktion.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2-474x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2-474x1024.jpg 474w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2-139x300.jpg 139w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2-711x1536.jpg 711w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung2.jpg 754w" width="474"></img></a><figcaption><em>Ein Zeitungsartikel weist auf den Fund des historischen Bieres in Lübbecke hin. Erscheinungsort des Artikels unbekannt. © Foto Brauerei Ernst Barre GmbH.</em></figcaption></figure> <p>Eine FT-ICR-MS Analyse des historischen Bieres und der forensische Abgleich mit molekularen Fingerabdrücken moderner Vergleichsbiere gibt Einblick in seine historische Brauweise. Das Bier wurde seinerzeit nach dem Reinheitsgebot gebraut, Spuren von anderen Getreidesorten als Gerste sind nicht erkennbar. Die Anwesenheit von Niacin (Vitamin B3) weist auf eine technologisch ungenügende Entfernung des Gerstenkeimlings hin. Unsere Maillard-Forschung sollte sich nur bedingt auszahlen: Die Braugerste  wurde anschließend bei niedrigen Temperaturen gedarrt. Das Bier anzusäuern, um die Enzymaktivität zu optimieren, ist eine brautechnische Feinheit, die offenbar noch nicht erprobt war. Fortschrittlicher zeigte sich der Gärkeller, in dem die erst kürzlich erfundene Kältemaschine Lindes zum Einsatz kam. Von den untergärigen Brauhefen, die auf diesen  Umstand hinweisen, verblieben lediglich molekulare Abdrücke; denn selbst für das mikroskopische Auge waren keinerlei Mikroorganismen mehr erkennbar. Wenngleich der verkorkte, verdrahtete und versiegelte Flascheninhalt unwahrscheinlich gut erhalten blieb, der Zahn der Zeit ist nicht spurlos an diesem „Jahrzehnte laufenden Minilabor“ vorbeigegangen: Die typischen Inhaltsstoffe des Hopfens wichen hunderten unerforschten, oxidierten Verbindungen. Seinem Alter zum Trotz hat das kaiserliche Bier den Connaisseur Dr. Martin Zarnkow von der Brau- und Lebensmittelqualität Weihenstephan überzeugt: Mit vollmundigen 4 Vol.-% Alkohol sei es „sehr ausgewogen und harmonisch, mit einer angenehmen Bittere, einem erfrischenden Säurecharakter und Sherry-artigen Dörrobstnoten“.</p> <p>Auch in unserer heutigen Zeit und gerade mit dem stetig steigenden Maßstab der Lebensmittelproduktion ist die tiefgreifende molekulare Analyse unserer Nahrungsmittel von entscheidender Bedeutung. Einen Ausblick auf die Zukunft gibt der Wissenschaftsjournalist Lars Fischer: Die sich im Zuge des Klimawandels ändernden Versorgungsstrukturen und neue Ernährungsgewohnheiten bedürfen einer umfassenden analytischen Begleitung. Der molekulare Blick auf unsere Lebensmittel wird es ermöglichen, neue Prozesse zu entwickeln und die Qualität unserer Lebensmittel und der Agrikultur auch weiterhin zu gewährleisten.</p> <hr></hr> <p>Stefan Pieczonka studierte Lebensmittelchemie an der Technischen Universität München (TUM). Während seiner Promotionszeit am Lehrstuhl für Analytische Lebensmittelchemie spezialisierte er sich auf die Analyse kleiner Moleküle (Metabolomics). Mit dem Forschungsschwerpunkt seiner Thesis, die umfassende molekulare Charakterisierung von Bier, war er nicht nur ein gerne gesehenen Gast auf den gemeinsamen Sommerfeiern. Auch die deutsche Wissenschaftslandschaft machte er mit seiner innovativen Arbeit auf sich aufmerksam. Angetrieben von verschiedenen Auszeichnungen geht er seit 2022 als Post-Doktorand den nächsten Schritte einer möglichen akademischen Laufbahn nach.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/klartext/sehr-tief-ins-glas-geschaut/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Jenseits der Wolken lauern Selbstakzeptanz – und manchmal ein dünner Sumo https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/jenseits-der-wolken-lauern-selbstakzeptanz-und-manchmal-ein-duenner-sumo/ https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/jenseits-der-wolken-lauern-selbstakzeptanz-und-manchmal-ein-duenner-sumo/#comments Tue, 28 Oct 2025 23:43:27 +0000 Karin Schumacher https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/?p=4559 https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5924-768x330.jpg Blick von Chamonix’ Grand Balcon Nord auf die Aiguilles de Chamonix. https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/jenseits-der-wolken-lauern-selbstakzeptanz-und-manchmal-ein-duenner-sumo/ <h1>Jenseits der Wolken lauern Selbstakzeptanz - und manchmal ein dünner Sumo » Medicine & More » SciLogs</h1><h2>By Karin Schumacher</h2><div itemprop="text"> <p><strong><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/dc1266b5f8e347d8b5b7976fb0fb99be" width="1"></img>Über dem Nebelmeer liegt nicht nur der blaue Himmel, sondern auch ein klarerer Blick auf uns selbst und auf die Welt, in der wir leben. Inspiriert von Éric-Emmanuel Schmitts Parabel “<em>Der Sumo-Ringer, der nicht dick werden konnte</em>“, lädt dieser Text dazu ein, die Kunst der Selbstakzeptanz und eines bewussten Lebens zu entdecken.</strong><span id="more-4559"></span></p> <p>Neulich stand ich endlich mal wieder über dem Nebelmeer. Nicht ganz wie Caspar David Friedrichs berühmter Wanderer, sondern etwas höher, in den Alpen. Dabei kam mir ein Zitat aus einem kleinen Buch des französischen Philosophen und Bestseller-Autors Éric-Emmanuel Schmitt wieder in den Sinn, das mich vor einigen Jahren fasziniert hat:</p> <blockquote> <p>“À l’envers des nuages, il y a toujours un ciel.”</p> <p>“Auf der anderen Seite der Wolken, ist immer ein Himmel.”</p> </blockquote> <p>So versucht der alte Sumo-Meister Shomintsu in Éric-Emmanuel Schmitts Parabelroman “<em>Der Sumo-Ringer, der nicht dick werden konnte</em>” (französisch “<em>Le sumo qui ne pouvait pas grossir</em>“) einem Straßenjungen aus Tokio eine Zen-Weisheit näherzubringen.<aside></aside></p> <p>Doch warum soll gerade der 15-jährige, schlanke Jun, voller Wut und Gleichgültigkeit, zu einem Dicken werden? Gibt es davon in der sogenannten zivilisierten Welt nicht längst schon mehr als genug?</p> <p>In den industrialisierten Gesellschaften wachsen die gravierenden Folgen des Überflusses: Stress, Sinnleere, Bewegungsmangel und fehlende echte Verbindungen – all das wird für viele Menschen zur toxischen Falle.</p> <p>Übermäßiges Essen dient oft der Selbstberuhigung oder als Belohnung. Auch andere Verhaltenssüchte – Alkohol, Nikotin, exzessiver Sport, Arbeit, Shopping oder stundenlanger Internetkonsum – erfüllen ähnliche Funktionen. Was auf den ersten Blick wie Genuss aussieht, ist häufig der Versuch, Schmerz zu regulieren, Einsamkeit oder Selbstzweifel zu überdecken oder ungelöste Konflikte zu verdrängen.<br></br>Jun steht am anderen Ende dieses Spektrums: Er ist mager – fast durchsichtig. Auch Untergewicht kann Ausdruck seelischer Not sein.</p> <h2>Sinnlosigkeit</h2> <p>Im Sinne von <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/gesundheit-und-heilung-durch-sinn-ja-zu-viktor-frankl-sagen/" rel="noopener" target="_blank">Viktor Frankl</a> oder Erich Fromm verkörpert Jun eine Form der Selbstentfremdung. Sein Leben ist sinn- und beziehungslos, sein Körper wird zum Symbol dieser inneren Leere – fast unsichtbar.</p> <h2>Vermeidung</h2> <p>Jun zeigt Züge einer vermeidenden Persönlichkeit. Er zieht sich zurück, meidet emotionale Nähe, weil er Angst vor Zurückweisung und Schmerz hat. Untergewicht und Gleichgültigkeit werden zu Formen des Selbstschutzes. Während Übergewicht wie ein Schutzpanzer wirken kann, schützt Untergewicht vor dem Leben selbst.</p> <h2>Selbstverleugnung</h2> <p>Man könnte auch sagen, Jun leidet an einer narzisstischen Leere, nicht an einer narzisstischen Überhöhung. Das ist ein feiner, aber wesentlicher Unterschied: Auch mangelnde Selbstachtung ist ein narzisstisches Thema – nur am anderen Pol. Jun verhält sich nicht selbstbezogen, sondern selbstentwertend; statt Selbstliebe dominiert Selbstverneinung.</p> <h2>Beginn der Individuation</h2> <p>Wäre Jun dem Schweizer Psychoanalytiker C. G. Jung begegnet, hätte dieser ihn wohl am Beginn einer Individuation gesehen: Jun muss erst lernen, sich selbst zu akzeptieren und in Beziehung zur Welt zu treten. Seine Selbstvergessenheit ist der Ausgangspunkt, aus dem echte Selbstliebe erwachsen kann.</p> <p>Starkes Untergewicht ist medizinisch oft gefährlicher als Übergewicht, wird gesellschaftlich jedoch häufig verharmlost oder gar bewundert. Herzprobleme, hormonelle Störungen, Infektanfälligkeit, Knochenschwund und psychische Erkrankungen sind typische Folgen. Unter den Essstörungen weist das extreme Untergewicht die höchste Sterblichkeitsrate auf.</p> <p>Schlankheit gilt noch immer als Ideal. Wer zu dick ist, wird stigmatisiert; wer zu dünn ist, oft entschuldigt (“isst halt wenig”) oder gar beneidet. Dass auch Untergewicht Ausdruck suchtähnlicher, lebensbedrohlicher Verhaltensmuster sein kann, wird selten offen thematisiert.</p> <p>Dabei geht es – auf beiden Seiten – um Beziehungen. Menschen mit Essstörungen oder anderen Süchten sind oft in ungesunde Bindungen verstrickt: zu <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/herz-kreislauf-erkrankungen-dicke-kinder-kranke-erwachsene/" rel="noopener" target="_blank">Essen</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/weltkrebstag-mit-alkohol-glas-f-r-glas-zum-tumor/" rel="noopener" target="_blank">Alkohol</a>, Nikotin, Arbeit, Sport, Internet, sozialen Medien (<a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/tiktokst-du-oder-lebst-du-noch/" rel="noopener" target="_blank">TikTok</a>, Instagram, Facebook und Co.) – oder zu <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-wesir-abdul-%d0%b2%d0%b8%d0%b7%d0%b8%d1%80%d1%8c-%d0%b0%d0%b1%d0%b4%d1%83%d0%bb-maerchen-von-leo-tolstoi/" rel="noopener" target="_blank">Menschen</a>, die ihnen nicht guttun.</p> <p>Was all diesen Phänomenen gemeinsam ist – von exzessivem Konsum über Körperideale bis hin zu pathologischen Selbstkontrollversuchen – ist das Verlorengehen des gesunden Maßes. Wir leben in einer Welt, in der das “Zuviel” gefeiert und das “Zuwenig” romantisiert wird, während das <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-lange-weg-zu-einem-wahren-gesundheitswesen/" rel="noopener" target="_blank">Maßvolle</a> kaum Beachtung findet. Doch genau hier liegt die Basis für körperliche und seelische Gesundheit – und für gesellschaftliche wie ökologische Nachhaltigkeit.</p> <p>Wohl kaum ein anderes Lebewesen kann so erfinderisch, aber auch so toxisch mit sich selbst umgehen wie der Mensch. Vielleicht noch der Oktopus, der eines der raffiniertesten Nervensysteme unter allen Lebewesen besitzt. Auch er kennt die Selbstzerstörung – nach der Fortpflanzung stirbt er, um Platz für die nächste Generation zu schaffen.</p> <p>Doch beim <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/was-verbindet-mensch-und-oktopus/" rel="noopener" target="_blank">Oktopus</a> ist dieses Sterben biologisch notwendig. Zum Glück sind wir Menschen keine Oktopusse, sondern empathische, soziale Wesen. Wir sind fähig zur Reflexion, zur Veränderung und zur Verbindung.</p> <p>Und genau hier liegt auch die Wendung in Schmitts Erzählung. Jun trifft jemanden, der an ihn glaubt. Der in ihm Potenzial sieht – und nicht nur Mangel.</p> <p><span>“Je vois un gros en toi.”</span></p> <p>“Ich sehe einen Dicken in dir,” sagt Shomintsu. Nicht aus Spott, sondern aus tiefem Mitgefühl.Es ist eine Einladung zur Fülle – im Sinne von Vollständigkeit: körperlich, geistig und spirituell.</p> <p>“Exaspérant!” – “Ärgerlich!” – beschwert sich der 15-Jährige anfangs über diese dreiste Behauptung seines ungewollten Mentors.</p> <p>Doch die Hartnäckigkeit des Sumotrainers setzt sich durch. Denn Shomintsu hat etwas, das Jun fehlt: innere Harmonie und Lebenserfahrung. Er ist mit sich und der Welt im Reinen. So kann er über seinen eigenen Horizont hinausblicken und das Potenzial des Jungen erkennen.</p> <p>“Ich sehe einen Dicken in dir,” sagt Shomintsu wieder und wieder – bis der Junge schließlich selbst daran glaubt. Der Himmel steht dabei nicht für eine abergläubische, von irgendjemandem manipulierte Chimäre, sondern für ein “Jenseits” des Sichtbaren und Vernünftigen. Es ist ein Raum, der von Menschen nicht vollständige kontrollierbar ist, in dem wir aber eine innere Verankerung finden können und vielleicht auch sollten.</p> <h2>Der Himmel über dem Nebel – Verantwortung für uns selbst und andere</h2> <p>Was Schmitt mit erzählerischer Leichtigkeit vermittelt, ist tief philosophisch: Der Weg zur Heilung beginnt dort, wo Kontrolle losgelassen werden kann und Vertrauen entsteht. Vertrauen in sich selbst, in andere, in das Leben. Selbstakzeptanz ist dabei kein Luxus, sondern Grundbedingung für jedes gesunde Wachstum.</p> <p>Selbstliebe ist keine egoistische oder narzisstische Haltung, denn bei diesen fehlt ja eigentlich sogar die Selbstliebe. Daher werden dann andere dafür “missbraucht”. Die Liebe und Fürsorge für sich selbst ist vielmehr eine notwendige Grundlage für gesunde Beziehungen zu anderen Menschen, für persönliches Wachstum und für die innere Heilung.</p> <p>Jun beginnt – nicht über Nacht, aber Schritt für Schritt – seinen Körper zu bewohnen. Er entwickelt Kraft, Form, Haltung. Er hat nun ein Ziel: Er wird ein “Dicker” werden, er wird sein Potential entfalten, er wird es schaffen. Der Junge fasst Vertrauen in den Weg, in sich selbst. Es ist ein Prozess der Selbstheilung, der durch Beziehung, Fokus und Konzentration auf das Ziel gelingt.</p> <h2>Auf der anderen Seite der Wolken beginnt die Akzeptanz</h2> <p>Was Shomintsu ihm schenkt, ist kein Ernährungsplan, kein sportlicher Drill, keine Ideologie – sondern: Akzeptanz. Er ist ein Mentor, der das Potential sieht und nicht nur die Defizite. Er schaut durch den Nebel aus Wut, Verweigerung und Schmerz hindurch – und erkennt den Himmel dahinter. Genau wie in jenem Satz, der sich ebenfalls durch das Buch zieht:</p> <blockquote> <p>“A l’envers des nuages, il y a toujours un ciel.”…<br></br>“Auf der anderen Seite der Wolken, ist immer ein Himmel.”…</p> </blockquote> <p>“Pardon?” erwidert Jun.<br></br>Shomintsu erklärt: “Dieser Zen-Satz bedeutet, dass man die positive Seite der Erscheinungen im Auge behalten und optimistisch bleiben muss. Das Wichtigste im Moment ist, dass du Fortschritte machst.”</p> <p>Der 1940 in der Region von Lyon geborene Éric-Emmanuel Schmitt ist Philosoph, aber kein Dogmatiker. Agnostiker, aber kein Zyniker. Er will uns weder spirituell noch esoterisch vertrösten. Vielmehr lädt er dazu ein, sich wieder an das zu erinnern, was längst in uns angelegt ist: Vertrauen, Mitgefühl, Verbundenheit – mit uns selbst und mit der Welt.</p> <p>Schmitt begann seinen “<em>Zyklus des Unsichtbaren</em>” (französisch: <em>cycle d’invisible</em>) über die Weltreligionen mit “<em>Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran</em>“, in dem es um den Sufismus geht und schloss ihn mit “<em>Vom Sumo, der nicht dick werden konnte</em>” über den Zen-Buddhismus ab. Dazwischen lagen Werke über das Christentum (“<em>Oskar und die Dame in Rosa</em>“), das Judentum (“<em>Das Kind von Noah</em>“) und den tibetischen Buddhismus (“<em>Milarepa</em>“).<br></br>Meister Shomintsu nimmt Jun und uns mit auf die Reise in die Welt des Zen-Buddhismus. Der Weise hilft dem Jungen, seinen eigenen Weg zu finden, der gut für ihn und seine Umwelt ist.</p> <h2>Der Himmel – viel mehr als ein Symbol</h2> <p>Der Himmel steht für die Möglichkeiten, für die Weite, für Perspektiven, aber auch für ständige Veränderung. Für das, was wir nicht kontrollieren können – und vielleicht erst erahnen können, wenn wir loslassen. Für jenes “Jenseits des Sichtbaren und Vernünftigen”, das Schmitt in einem Interview so beschreibt: Ein Ort innerer Verankerung, ein Vertrauen in das Leben jenseits des rein Machbaren. Und auch: Der Weg ist das Ziel, nicht das Ziel des Weges.</p> <p>Auch Rosa Luxemburg schrieb 1917 aus dem Breslauer Gefängnis an ihre beste Freundin Sonja Liebknecht über den Himmel – und damit meinte sie keinen Traum von einem jenseitigen Paradies:</p> <blockquote> <p>“Jetzt eben – ich habe eine kleine Pause gemacht, um den Himmel zu beobachten […]<br></br>Es liegt so viel Unbekümmertheit und kühles Lächeln in diesem Wolkenflug, dass ich mitlächeln muss […].<br></br>Wie könnte man bei solchem Himmel ‚bös‘ oder kleinlich sein? Vergessen Sie bloß nie, um sich zu blicken, dann werden Sie immer wieder »gut« sein.”</p> </blockquote> <p>Und Jun, der junge Sumo? Mit 18 Jahren ist er mental und körperlich bereit, in den <em>Dojo</em> zu steigen. Er nimmt sich vor, zwei Wochen lang, mit einem Kampf pro Tag, seinem Mentor zu beweisen, dass dieser seine Zeit nicht mit ihm verschwendet hat. Am Ende der zwei Wochen geht er zu seinem Mentor.</p> <blockquote> <p>“- Je m’arrête, maître Shomintsu. Je ne remonterai plus sur le doyo.<br></br>– Ich höre auf, Meister Shomintsu. Ich werde nicht mehr in den Dojo steigen.</p> <p><span>– Pourquoi? Tu pèses quatre-vingt-quinze kilos et tu y arrives enfin.<br></br></span><span>– Warum? Du wiegst 95 Kilo und schaffst es endlich.</span></p> <p><span>– Comme vous dites: j’y arrive! Le but, c’était d’y arriver. […] Cependant, mon but n’a jamais été de devenir un champion, encore moins le champions de champions. Ai-je tort?<br></br></span><span>– Wie Sie sagen: Ich schaffe es! Das Ziel war, hierher zu gelangen. […] Mein Ziel war jedoch nie, ein Champion zu werden, geschweige denn der Champion der Champions. Habe ich unrecht?</span></p> <p><span>– Tu seul le sais.<br></br></span><span>– Das weißt nur du.</span></p> <p><span>– Vous avez répété que vous voyiez un gros en moi, pas un champion.<br></br></span><span>– Sie haben wiederholt, dass Sie in mir einen Dicken sehen, keinen Champion.</span></p> <p><span>– Tu m’as entendu.<br></br></span><span>– Du hast mich verstanden.</span></p> <p><span>– Le gros en moi, ça y est, je le vois: le gros, ce n’est pas le vainqueur des autres, mais le vainqueur de moi; le gros, c’est le meilleur de moi qui marche devant moi, qui me guide, m’inspire. Ça y est, je vois le gros en moi. Maintenant, je vais maigrir et entreprendre des études pour devenir médecin.<br></br></span><span>– Der Dicke in mir, das ist es, ich sehe ihn: Der Dicke ist nicht derjenige, der andere besiegt, sondern derjenige, der mich besiegt; der Dicke ist das Beste in mir, das vor mir geht, das mich führt, mich inspiriert. Das ist es, ich sehe den Dicken in mir. Jetzt werde ich abnehmen und ein Medizinstudium beginnen. </span><span>[…]</span></p> <p><span>– Bien vu. La vie n’est ni un jeu ni un match, sinon il y aurait des gagnants.”<br></br></span><span>– Gut erkannt. Das Leben ist weder ein Spiel noch ein Wettkampf, sonst gäbe es Gewinner.</span><em> [Eigene Übersetzung]</em><span>.</span></p> </blockquote> <figure aria-describedby="caption-attachment-4569" id="attachment_4569"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4569"><em>Der Weg als Ziel – Grand Balcon Nord, Chamonix-Mont-Blanc, Oktober 2025 [Foto <span>Credit Dr. Karin Schumacher]</span></em></figcaption></figure> <p>In einer Gesellschaft, die oft zwischen Extremen schwankt – zwischen Disziplin und Genuss, Kontrolle und Exzess, Selbstoptimierung und Selbstaufgabe – ist die Suche nach dem richtigen Maß eine radikale und heilsame Entscheidung.</p> <p>Sie verlangt <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/pseudo-moralismus-vs-phaenomen-dr-jordan-peterson/" rel="noopener" target="_blank">Mut</a> und Selbsterkenntnis (altgriechisch Γνῶθι σεαυτόν, <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/arbeitszeiten-machen-klinik-rzte-krank/" rel="noopener" target="_blank">gnôthi seautón</a>) – das wussten schon die alten Griechen:</p> <ul> <li>Mut zur Ehrlichkeit gegenüber sich selbst.</li> <li>Mut zur Verbindung und zur Empathie mit anderen.</li> <li>Und Mut zum Fokus auf das wirklich Wichtige in einer Welt, die uns ständig zur Maßlosigkeit und <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-bullshit-krieg/" rel="noopener" target="_blank">Ablenkungen</a> verführt.</li> </ul> <p>Das hat auch gesellschaftliche Dimensionen. Denn wie wir mit uns selbst umgehen, so gehen wir oft auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/die-wahrheit-ist-das-erste-opfer/" rel="noopener" target="_blank">mit anderen</a> um – und mit dem <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/alpen-klimawandel-katastrophen-und-die-konsequenzen/" rel="noopener" target="_blank">Planeten</a>, den wir bewohnen. Selbstfürsorge und <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/vier-kleine-freuden-pro-tag-und-eine-spritze-zufall/" rel="noopener" target="_blank">Achtsamkeit</a> sind kein egoistischer Luxus, sondern wichtige <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/forschung-zu-naturrisiken-in-der-schweiz-was-koennen-wir-daraus-lernen/" rel="noopener" target="_blank">Grundlagen</a> für Nachhaltigkeit.<br></br>Und genau deshalb ist Selbstakzeptanz auch keine Schwäche, sondern eine Stärke. Als Ausgangspunkt für Veränderung. Für Heilung. Für <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/empathie-und-andere-geschenke-der-unvollkommenheit/" rel="noopener" target="_blank">Mitgefühl</a> und Achtsamkeit – mit sich selbst und mit anderen.</p> <h2>Persönlicher Nachklang</h2> <p>Meine persönliche Verbindung zum Thema ist eng: Mein Vater litt viele Jahre an einer schweren Essstörung mit Untergewicht. Erst nach seinem Tod verstand ich besser, wie komplex, tief verborge, generationsübergreifend (<a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/vier-kleine-freuden-pro-tag-und-eine-spritze-zufall/" rel="noopener" target="_blank">psychogenealogisch</a>) und somit schwer heilbar innere Konflikte sein können.</p> <p>Die Herausforderungen, die Jun erlebt, sind keine abstrakten Probleme, sondern real – und tief menschlich, auch wenn die Geschichte nach etwa 100 Seiten in einem Happy End endet. Im echten Leben läuft es nicht immer so optimal, aber gerade dafür ist es ja eine Geschichte, die uns inspirieren soll. Denn über dem Nebelmeer – und das sollten wir nie vergessen – ist immer ein Himmel.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4570" id="attachment_4570"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-scaled.jpg"><img alt="Das Mer de Glace, das „Eismeer“, ist der größte Gletscher Frankreichs und der viertgrößte der Alpen. Seit 150 Jahren zieht sich das Eis zurück - in den letzten Jahren schmilzt es wie ein Eis am Stil in der Sonne.&#xA;1779 stand Goethe auf dem Mer de Glace am Montenvers und notierte: „Was für eine Hingabe an dieses Schauspiel aus Eis!“ Was würde er heute wohl notieren?" decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4570"><em>Das Mer de Glace im Oktober 2025. Das “Eismeer” ist der größte Gletscher Frankreichs und der viertgrößte der Alpen. Seit 150 Jahren zieht sich das Eis zurück – in den letzten Jahren schmilzt es wie ein Eis am Stil in der Sonne.</em><br></br><em>1779 stand Goethe auf dem Mer de Glace am Montenvers und notierte: “Was für eine Hingabe an dieses Schauspiel aus Eis!” Was würde er heute wohl notieren? [Foto Credit: <span>Dr. Karin Schumacher]</span></em></figcaption></figure><h3>Titelfoto: </h3> <p>Über dem Nebelmeer: Blick vom Grand Balcon Nord auf die Aiguilles de Chamonix, Chamonix-Mont-Blanc, Oktober 2025 [Foto Credit Dr. Karin Schumacher].</p> <ul> <li>Schmitt, É. E. (2009). Le sumo qui ne pouvait pas grossir. Éditions Albin Michel.</li> <li>Schmitt, É. E. (2009). Der Sumo-Ringer, der nicht dick werden konnte (K. Laabs, Übers.). Ammann.</li> <li>Schmitt, É. E. Offizielle Website. Abgerufen am 28.10.2025, von <a href="https://www.eric-emmanuel-schmitt.com/literature.cfm?nomenclatureId=1772&amp;catalogid=853&amp;lang=DE" rel="noopener" target="_blank">https://www.eric-emmanuel-schmitt.com/literature.cfm?nomenclatureId=1772&amp;catalogid=853&amp;lang=DE</a></li> <li>Luxemburg, R. (1917, 2. August). Brief aus Breslau an Sonja Liebknecht. Abgerufen am 28.10.2025, von<a href="https://www.tha.de/~harsch/germanica/Chronologie/20Jh/Luxemburg/lux_br21.html" rel="noopener" target="_blank"> https://www.tha.de/~harsch/germanica/Chronologie/20Jh/Luxemburg/lux_br21.html</a></li> <li>World Health Organization (WHO). (2025, 8. Mai). Obesity and Overweight – Key Facts. Abgerufen am 28.10.2025, von <a href="https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/obesity-and-overweight" rel="noopener" target="_blank">https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/obesity-and-overweight</a></li> <li>National Institute of Mental Health (NIMH). (2024). Eating Disorders (revised). Abgerufen am 28.10.2025, von <a href="https://www.nimh.nih.gov/health/publications/eating-disorders" rel="noopener" target="_blank">https://www.nimh.nih.gov/health/publications/eating-disorders</a></li> <li>Dill, B., &amp; Holton, R. (2014). The addict in us all. Frontiers in Psychiatry, 5, 139. <a href="https://doi.org/10.3389/fpsyt.2014.00139" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.3389/fpsyt.2014.00139</a></li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Jenseits der Wolken lauern Selbstakzeptanz - und manchmal ein dünner Sumo » Medicine & More » SciLogs</h1><h2>By Karin Schumacher</h2><div itemprop="text"> <p><strong><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/dc1266b5f8e347d8b5b7976fb0fb99be" width="1"></img>Über dem Nebelmeer liegt nicht nur der blaue Himmel, sondern auch ein klarerer Blick auf uns selbst und auf die Welt, in der wir leben. Inspiriert von Éric-Emmanuel Schmitts Parabel “<em>Der Sumo-Ringer, der nicht dick werden konnte</em>“, lädt dieser Text dazu ein, die Kunst der Selbstakzeptanz und eines bewussten Lebens zu entdecken.</strong><span id="more-4559"></span></p> <p>Neulich stand ich endlich mal wieder über dem Nebelmeer. Nicht ganz wie Caspar David Friedrichs berühmter Wanderer, sondern etwas höher, in den Alpen. Dabei kam mir ein Zitat aus einem kleinen Buch des französischen Philosophen und Bestseller-Autors Éric-Emmanuel Schmitt wieder in den Sinn, das mich vor einigen Jahren fasziniert hat:</p> <blockquote> <p>“À l’envers des nuages, il y a toujours un ciel.”</p> <p>“Auf der anderen Seite der Wolken, ist immer ein Himmel.”</p> </blockquote> <p>So versucht der alte Sumo-Meister Shomintsu in Éric-Emmanuel Schmitts Parabelroman “<em>Der Sumo-Ringer, der nicht dick werden konnte</em>” (französisch “<em>Le sumo qui ne pouvait pas grossir</em>“) einem Straßenjungen aus Tokio eine Zen-Weisheit näherzubringen.<aside></aside></p> <p>Doch warum soll gerade der 15-jährige, schlanke Jun, voller Wut und Gleichgültigkeit, zu einem Dicken werden? Gibt es davon in der sogenannten zivilisierten Welt nicht längst schon mehr als genug?</p> <p>In den industrialisierten Gesellschaften wachsen die gravierenden Folgen des Überflusses: Stress, Sinnleere, Bewegungsmangel und fehlende echte Verbindungen – all das wird für viele Menschen zur toxischen Falle.</p> <p>Übermäßiges Essen dient oft der Selbstberuhigung oder als Belohnung. Auch andere Verhaltenssüchte – Alkohol, Nikotin, exzessiver Sport, Arbeit, Shopping oder stundenlanger Internetkonsum – erfüllen ähnliche Funktionen. Was auf den ersten Blick wie Genuss aussieht, ist häufig der Versuch, Schmerz zu regulieren, Einsamkeit oder Selbstzweifel zu überdecken oder ungelöste Konflikte zu verdrängen.<br></br>Jun steht am anderen Ende dieses Spektrums: Er ist mager – fast durchsichtig. Auch Untergewicht kann Ausdruck seelischer Not sein.</p> <h2>Sinnlosigkeit</h2> <p>Im Sinne von <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/gesundheit-und-heilung-durch-sinn-ja-zu-viktor-frankl-sagen/" rel="noopener" target="_blank">Viktor Frankl</a> oder Erich Fromm verkörpert Jun eine Form der Selbstentfremdung. Sein Leben ist sinn- und beziehungslos, sein Körper wird zum Symbol dieser inneren Leere – fast unsichtbar.</p> <h2>Vermeidung</h2> <p>Jun zeigt Züge einer vermeidenden Persönlichkeit. Er zieht sich zurück, meidet emotionale Nähe, weil er Angst vor Zurückweisung und Schmerz hat. Untergewicht und Gleichgültigkeit werden zu Formen des Selbstschutzes. Während Übergewicht wie ein Schutzpanzer wirken kann, schützt Untergewicht vor dem Leben selbst.</p> <h2>Selbstverleugnung</h2> <p>Man könnte auch sagen, Jun leidet an einer narzisstischen Leere, nicht an einer narzisstischen Überhöhung. Das ist ein feiner, aber wesentlicher Unterschied: Auch mangelnde Selbstachtung ist ein narzisstisches Thema – nur am anderen Pol. Jun verhält sich nicht selbstbezogen, sondern selbstentwertend; statt Selbstliebe dominiert Selbstverneinung.</p> <h2>Beginn der Individuation</h2> <p>Wäre Jun dem Schweizer Psychoanalytiker C. G. Jung begegnet, hätte dieser ihn wohl am Beginn einer Individuation gesehen: Jun muss erst lernen, sich selbst zu akzeptieren und in Beziehung zur Welt zu treten. Seine Selbstvergessenheit ist der Ausgangspunkt, aus dem echte Selbstliebe erwachsen kann.</p> <p>Starkes Untergewicht ist medizinisch oft gefährlicher als Übergewicht, wird gesellschaftlich jedoch häufig verharmlost oder gar bewundert. Herzprobleme, hormonelle Störungen, Infektanfälligkeit, Knochenschwund und psychische Erkrankungen sind typische Folgen. Unter den Essstörungen weist das extreme Untergewicht die höchste Sterblichkeitsrate auf.</p> <p>Schlankheit gilt noch immer als Ideal. Wer zu dick ist, wird stigmatisiert; wer zu dünn ist, oft entschuldigt (“isst halt wenig”) oder gar beneidet. Dass auch Untergewicht Ausdruck suchtähnlicher, lebensbedrohlicher Verhaltensmuster sein kann, wird selten offen thematisiert.</p> <p>Dabei geht es – auf beiden Seiten – um Beziehungen. Menschen mit Essstörungen oder anderen Süchten sind oft in ungesunde Bindungen verstrickt: zu <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/herz-kreislauf-erkrankungen-dicke-kinder-kranke-erwachsene/" rel="noopener" target="_blank">Essen</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/weltkrebstag-mit-alkohol-glas-f-r-glas-zum-tumor/" rel="noopener" target="_blank">Alkohol</a>, Nikotin, Arbeit, Sport, Internet, sozialen Medien (<a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/tiktokst-du-oder-lebst-du-noch/" rel="noopener" target="_blank">TikTok</a>, Instagram, Facebook und Co.) – oder zu <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-wesir-abdul-%d0%b2%d0%b8%d0%b7%d0%b8%d1%80%d1%8c-%d0%b0%d0%b1%d0%b4%d1%83%d0%bb-maerchen-von-leo-tolstoi/" rel="noopener" target="_blank">Menschen</a>, die ihnen nicht guttun.</p> <p>Was all diesen Phänomenen gemeinsam ist – von exzessivem Konsum über Körperideale bis hin zu pathologischen Selbstkontrollversuchen – ist das Verlorengehen des gesunden Maßes. Wir leben in einer Welt, in der das “Zuviel” gefeiert und das “Zuwenig” romantisiert wird, während das <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-lange-weg-zu-einem-wahren-gesundheitswesen/" rel="noopener" target="_blank">Maßvolle</a> kaum Beachtung findet. Doch genau hier liegt die Basis für körperliche und seelische Gesundheit – und für gesellschaftliche wie ökologische Nachhaltigkeit.</p> <p>Wohl kaum ein anderes Lebewesen kann so erfinderisch, aber auch so toxisch mit sich selbst umgehen wie der Mensch. Vielleicht noch der Oktopus, der eines der raffiniertesten Nervensysteme unter allen Lebewesen besitzt. Auch er kennt die Selbstzerstörung – nach der Fortpflanzung stirbt er, um Platz für die nächste Generation zu schaffen.</p> <p>Doch beim <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/was-verbindet-mensch-und-oktopus/" rel="noopener" target="_blank">Oktopus</a> ist dieses Sterben biologisch notwendig. Zum Glück sind wir Menschen keine Oktopusse, sondern empathische, soziale Wesen. Wir sind fähig zur Reflexion, zur Veränderung und zur Verbindung.</p> <p>Und genau hier liegt auch die Wendung in Schmitts Erzählung. Jun trifft jemanden, der an ihn glaubt. Der in ihm Potenzial sieht – und nicht nur Mangel.</p> <p><span>“Je vois un gros en toi.”</span></p> <p>“Ich sehe einen Dicken in dir,” sagt Shomintsu. Nicht aus Spott, sondern aus tiefem Mitgefühl.Es ist eine Einladung zur Fülle – im Sinne von Vollständigkeit: körperlich, geistig und spirituell.</p> <p>“Exaspérant!” – “Ärgerlich!” – beschwert sich der 15-Jährige anfangs über diese dreiste Behauptung seines ungewollten Mentors.</p> <p>Doch die Hartnäckigkeit des Sumotrainers setzt sich durch. Denn Shomintsu hat etwas, das Jun fehlt: innere Harmonie und Lebenserfahrung. Er ist mit sich und der Welt im Reinen. So kann er über seinen eigenen Horizont hinausblicken und das Potenzial des Jungen erkennen.</p> <p>“Ich sehe einen Dicken in dir,” sagt Shomintsu wieder und wieder – bis der Junge schließlich selbst daran glaubt. Der Himmel steht dabei nicht für eine abergläubische, von irgendjemandem manipulierte Chimäre, sondern für ein “Jenseits” des Sichtbaren und Vernünftigen. Es ist ein Raum, der von Menschen nicht vollständige kontrollierbar ist, in dem wir aber eine innere Verankerung finden können und vielleicht auch sollten.</p> <h2>Der Himmel über dem Nebel – Verantwortung für uns selbst und andere</h2> <p>Was Schmitt mit erzählerischer Leichtigkeit vermittelt, ist tief philosophisch: Der Weg zur Heilung beginnt dort, wo Kontrolle losgelassen werden kann und Vertrauen entsteht. Vertrauen in sich selbst, in andere, in das Leben. Selbstakzeptanz ist dabei kein Luxus, sondern Grundbedingung für jedes gesunde Wachstum.</p> <p>Selbstliebe ist keine egoistische oder narzisstische Haltung, denn bei diesen fehlt ja eigentlich sogar die Selbstliebe. Daher werden dann andere dafür “missbraucht”. Die Liebe und Fürsorge für sich selbst ist vielmehr eine notwendige Grundlage für gesunde Beziehungen zu anderen Menschen, für persönliches Wachstum und für die innere Heilung.</p> <p>Jun beginnt – nicht über Nacht, aber Schritt für Schritt – seinen Körper zu bewohnen. Er entwickelt Kraft, Form, Haltung. Er hat nun ein Ziel: Er wird ein “Dicker” werden, er wird sein Potential entfalten, er wird es schaffen. Der Junge fasst Vertrauen in den Weg, in sich selbst. Es ist ein Prozess der Selbstheilung, der durch Beziehung, Fokus und Konzentration auf das Ziel gelingt.</p> <h2>Auf der anderen Seite der Wolken beginnt die Akzeptanz</h2> <p>Was Shomintsu ihm schenkt, ist kein Ernährungsplan, kein sportlicher Drill, keine Ideologie – sondern: Akzeptanz. Er ist ein Mentor, der das Potential sieht und nicht nur die Defizite. Er schaut durch den Nebel aus Wut, Verweigerung und Schmerz hindurch – und erkennt den Himmel dahinter. Genau wie in jenem Satz, der sich ebenfalls durch das Buch zieht:</p> <blockquote> <p>“A l’envers des nuages, il y a toujours un ciel.”…<br></br>“Auf der anderen Seite der Wolken, ist immer ein Himmel.”…</p> </blockquote> <p>“Pardon?” erwidert Jun.<br></br>Shomintsu erklärt: “Dieser Zen-Satz bedeutet, dass man die positive Seite der Erscheinungen im Auge behalten und optimistisch bleiben muss. Das Wichtigste im Moment ist, dass du Fortschritte machst.”</p> <p>Der 1940 in der Region von Lyon geborene Éric-Emmanuel Schmitt ist Philosoph, aber kein Dogmatiker. Agnostiker, aber kein Zyniker. Er will uns weder spirituell noch esoterisch vertrösten. Vielmehr lädt er dazu ein, sich wieder an das zu erinnern, was längst in uns angelegt ist: Vertrauen, Mitgefühl, Verbundenheit – mit uns selbst und mit der Welt.</p> <p>Schmitt begann seinen “<em>Zyklus des Unsichtbaren</em>” (französisch: <em>cycle d’invisible</em>) über die Weltreligionen mit “<em>Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran</em>“, in dem es um den Sufismus geht und schloss ihn mit “<em>Vom Sumo, der nicht dick werden konnte</em>” über den Zen-Buddhismus ab. Dazwischen lagen Werke über das Christentum (“<em>Oskar und die Dame in Rosa</em>“), das Judentum (“<em>Das Kind von Noah</em>“) und den tibetischen Buddhismus (“<em>Milarepa</em>“).<br></br>Meister Shomintsu nimmt Jun und uns mit auf die Reise in die Welt des Zen-Buddhismus. Der Weise hilft dem Jungen, seinen eigenen Weg zu finden, der gut für ihn und seine Umwelt ist.</p> <h2>Der Himmel – viel mehr als ein Symbol</h2> <p>Der Himmel steht für die Möglichkeiten, für die Weite, für Perspektiven, aber auch für ständige Veränderung. Für das, was wir nicht kontrollieren können – und vielleicht erst erahnen können, wenn wir loslassen. Für jenes “Jenseits des Sichtbaren und Vernünftigen”, das Schmitt in einem Interview so beschreibt: Ein Ort innerer Verankerung, ein Vertrauen in das Leben jenseits des rein Machbaren. Und auch: Der Weg ist das Ziel, nicht das Ziel des Weges.</p> <p>Auch Rosa Luxemburg schrieb 1917 aus dem Breslauer Gefängnis an ihre beste Freundin Sonja Liebknecht über den Himmel – und damit meinte sie keinen Traum von einem jenseitigen Paradies:</p> <blockquote> <p>“Jetzt eben – ich habe eine kleine Pause gemacht, um den Himmel zu beobachten […]<br></br>Es liegt so viel Unbekümmertheit und kühles Lächeln in diesem Wolkenflug, dass ich mitlächeln muss […].<br></br>Wie könnte man bei solchem Himmel ‚bös‘ oder kleinlich sein? Vergessen Sie bloß nie, um sich zu blicken, dann werden Sie immer wieder »gut« sein.”</p> </blockquote> <p>Und Jun, der junge Sumo? Mit 18 Jahren ist er mental und körperlich bereit, in den <em>Dojo</em> zu steigen. Er nimmt sich vor, zwei Wochen lang, mit einem Kampf pro Tag, seinem Mentor zu beweisen, dass dieser seine Zeit nicht mit ihm verschwendet hat. Am Ende der zwei Wochen geht er zu seinem Mentor.</p> <blockquote> <p>“- Je m’arrête, maître Shomintsu. Je ne remonterai plus sur le doyo.<br></br>– Ich höre auf, Meister Shomintsu. Ich werde nicht mehr in den Dojo steigen.</p> <p><span>– Pourquoi? Tu pèses quatre-vingt-quinze kilos et tu y arrives enfin.<br></br></span><span>– Warum? Du wiegst 95 Kilo und schaffst es endlich.</span></p> <p><span>– Comme vous dites: j’y arrive! Le but, c’était d’y arriver. […] Cependant, mon but n’a jamais été de devenir un champion, encore moins le champions de champions. Ai-je tort?<br></br></span><span>– Wie Sie sagen: Ich schaffe es! Das Ziel war, hierher zu gelangen. […] Mein Ziel war jedoch nie, ein Champion zu werden, geschweige denn der Champion der Champions. Habe ich unrecht?</span></p> <p><span>– Tu seul le sais.<br></br></span><span>– Das weißt nur du.</span></p> <p><span>– Vous avez répété que vous voyiez un gros en moi, pas un champion.<br></br></span><span>– Sie haben wiederholt, dass Sie in mir einen Dicken sehen, keinen Champion.</span></p> <p><span>– Tu m’as entendu.<br></br></span><span>– Du hast mich verstanden.</span></p> <p><span>– Le gros en moi, ça y est, je le vois: le gros, ce n’est pas le vainqueur des autres, mais le vainqueur de moi; le gros, c’est le meilleur de moi qui marche devant moi, qui me guide, m’inspire. Ça y est, je vois le gros en moi. Maintenant, je vais maigrir et entreprendre des études pour devenir médecin.<br></br></span><span>– Der Dicke in mir, das ist es, ich sehe ihn: Der Dicke ist nicht derjenige, der andere besiegt, sondern derjenige, der mich besiegt; der Dicke ist das Beste in mir, das vor mir geht, das mich führt, mich inspiriert. Das ist es, ich sehe den Dicken in mir. Jetzt werde ich abnehmen und ein Medizinstudium beginnen. </span><span>[…]</span></p> <p><span>– Bien vu. La vie n’est ni un jeu ni un match, sinon il y aurait des gagnants.”<br></br></span><span>– Gut erkannt. Das Leben ist weder ein Spiel noch ein Wettkampf, sonst gäbe es Gewinner.</span><em> [Eigene Übersetzung]</em><span>.</span></p> </blockquote> <figure aria-describedby="caption-attachment-4569" id="attachment_4569"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5929-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4569"><em>Der Weg als Ziel – Grand Balcon Nord, Chamonix-Mont-Blanc, Oktober 2025 [Foto <span>Credit Dr. Karin Schumacher]</span></em></figcaption></figure> <p>In einer Gesellschaft, die oft zwischen Extremen schwankt – zwischen Disziplin und Genuss, Kontrolle und Exzess, Selbstoptimierung und Selbstaufgabe – ist die Suche nach dem richtigen Maß eine radikale und heilsame Entscheidung.</p> <p>Sie verlangt <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/pseudo-moralismus-vs-phaenomen-dr-jordan-peterson/" rel="noopener" target="_blank">Mut</a> und Selbsterkenntnis (altgriechisch Γνῶθι σεαυτόν, <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/arbeitszeiten-machen-klinik-rzte-krank/" rel="noopener" target="_blank">gnôthi seautón</a>) – das wussten schon die alten Griechen:</p> <ul> <li>Mut zur Ehrlichkeit gegenüber sich selbst.</li> <li>Mut zur Verbindung und zur Empathie mit anderen.</li> <li>Und Mut zum Fokus auf das wirklich Wichtige in einer Welt, die uns ständig zur Maßlosigkeit und <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-bullshit-krieg/" rel="noopener" target="_blank">Ablenkungen</a> verführt.</li> </ul> <p>Das hat auch gesellschaftliche Dimensionen. Denn wie wir mit uns selbst umgehen, so gehen wir oft auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/die-wahrheit-ist-das-erste-opfer/" rel="noopener" target="_blank">mit anderen</a> um – und mit dem <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/alpen-klimawandel-katastrophen-und-die-konsequenzen/" rel="noopener" target="_blank">Planeten</a>, den wir bewohnen. Selbstfürsorge und <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/vier-kleine-freuden-pro-tag-und-eine-spritze-zufall/" rel="noopener" target="_blank">Achtsamkeit</a> sind kein egoistischer Luxus, sondern wichtige <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/forschung-zu-naturrisiken-in-der-schweiz-was-koennen-wir-daraus-lernen/" rel="noopener" target="_blank">Grundlagen</a> für Nachhaltigkeit.<br></br>Und genau deshalb ist Selbstakzeptanz auch keine Schwäche, sondern eine Stärke. Als Ausgangspunkt für Veränderung. Für Heilung. Für <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/empathie-und-andere-geschenke-der-unvollkommenheit/" rel="noopener" target="_blank">Mitgefühl</a> und Achtsamkeit – mit sich selbst und mit anderen.</p> <h2>Persönlicher Nachklang</h2> <p>Meine persönliche Verbindung zum Thema ist eng: Mein Vater litt viele Jahre an einer schweren Essstörung mit Untergewicht. Erst nach seinem Tod verstand ich besser, wie komplex, tief verborge, generationsübergreifend (<a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/vier-kleine-freuden-pro-tag-und-eine-spritze-zufall/" rel="noopener" target="_blank">psychogenealogisch</a>) und somit schwer heilbar innere Konflikte sein können.</p> <p>Die Herausforderungen, die Jun erlebt, sind keine abstrakten Probleme, sondern real – und tief menschlich, auch wenn die Geschichte nach etwa 100 Seiten in einem Happy End endet. Im echten Leben läuft es nicht immer so optimal, aber gerade dafür ist es ja eine Geschichte, die uns inspirieren soll. Denn über dem Nebelmeer – und das sollten wir nie vergessen – ist immer ein Himmel.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4570" id="attachment_4570"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-scaled.jpg"><img alt="Das Mer de Glace, das „Eismeer“, ist der größte Gletscher Frankreichs und der viertgrößte der Alpen. Seit 150 Jahren zieht sich das Eis zurück - in den letzten Jahren schmilzt es wie ein Eis am Stil in der Sonne.&#xA;1779 stand Goethe auf dem Mer de Glace am Montenvers und notierte: „Was für eine Hingabe an dieses Schauspiel aus Eis!“ Was würde er heute wohl notieren?" decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_5947-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4570"><em>Das Mer de Glace im Oktober 2025. Das “Eismeer” ist der größte Gletscher Frankreichs und der viertgrößte der Alpen. Seit 150 Jahren zieht sich das Eis zurück – in den letzten Jahren schmilzt es wie ein Eis am Stil in der Sonne.</em><br></br><em>1779 stand Goethe auf dem Mer de Glace am Montenvers und notierte: “Was für eine Hingabe an dieses Schauspiel aus Eis!” Was würde er heute wohl notieren? [Foto Credit: <span>Dr. Karin Schumacher]</span></em></figcaption></figure><h3>Titelfoto: </h3> <p>Über dem Nebelmeer: Blick vom Grand Balcon Nord auf die Aiguilles de Chamonix, Chamonix-Mont-Blanc, Oktober 2025 [Foto Credit Dr. Karin Schumacher].</p> <ul> <li>Schmitt, É. E. (2009). Le sumo qui ne pouvait pas grossir. Éditions Albin Michel.</li> <li>Schmitt, É. E. (2009). Der Sumo-Ringer, der nicht dick werden konnte (K. Laabs, Übers.). Ammann.</li> <li>Schmitt, É. E. Offizielle Website. Abgerufen am 28.10.2025, von <a href="https://www.eric-emmanuel-schmitt.com/literature.cfm?nomenclatureId=1772&amp;catalogid=853&amp;lang=DE" rel="noopener" target="_blank">https://www.eric-emmanuel-schmitt.com/literature.cfm?nomenclatureId=1772&amp;catalogid=853&amp;lang=DE</a></li> <li>Luxemburg, R. (1917, 2. August). Brief aus Breslau an Sonja Liebknecht. Abgerufen am 28.10.2025, von<a href="https://www.tha.de/~harsch/germanica/Chronologie/20Jh/Luxemburg/lux_br21.html" rel="noopener" target="_blank"> https://www.tha.de/~harsch/germanica/Chronologie/20Jh/Luxemburg/lux_br21.html</a></li> <li>World Health Organization (WHO). (2025, 8. Mai). Obesity and Overweight – Key Facts. Abgerufen am 28.10.2025, von <a href="https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/obesity-and-overweight" rel="noopener" target="_blank">https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/obesity-and-overweight</a></li> <li>National Institute of Mental Health (NIMH). (2024). Eating Disorders (revised). Abgerufen am 28.10.2025, von <a href="https://www.nimh.nih.gov/health/publications/eating-disorders" rel="noopener" target="_blank">https://www.nimh.nih.gov/health/publications/eating-disorders</a></li> <li>Dill, B., &amp; Holton, R. (2014). The addict in us all. Frontiers in Psychiatry, 5, 139. <a href="https://doi.org/10.3389/fpsyt.2014.00139" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.3389/fpsyt.2014.00139</a></li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/jenseits-der-wolken-lauern-selbstakzeptanz-und-manchmal-ein-duenner-sumo/#comments 11 Heroin auf Empfehlung vom AI-Chatbot? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/heroin-auf-empfehlung-vom-ai-chatbot/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/heroin-auf-empfehlung-vom-ai-chatbot/#comments Tue, 28 Oct 2025 12:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3453 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-768x576.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/heroin-auf-empfehlung-vom-ai-chatbot/</link> </image> <description type="html"><h1>Heroin auf Empfehlung vom AI-Chatbot? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Der medienwirksame Patzer der künstlichen Intelligenz von Reddit aus pharmakologischer und drogenpolitischer Sicht</strong></p> <span id="more-3453"></span> <p>Über den Sinn und Unsinn von künstlicher Intelligenz erscheinen zurzeit fast täglich Nachrichten. Dass man nicht alles, was einem ein Chatbot als Antwort gibt, für bare Münze nehmen sollte, hat sich hoffentlich inzwischen herumgesprochen. Das gilt insbesondere auch für medizinische Themen, wo es um Leben und Tod gehen kann.</p> <p>Englischsprachige Medien, zum Beispiel die Newsseite des <em>PC Magazine</em> vom 17. Oktober 2025, berichteten nun von einem Fauxpas des Chatbots der beliebten Diskussionsplattform Reddit. Dieser wird mit Antworten der eigenen Nutzerinnen und Nutzer trainiert. Und laut den Berichten empfahl der Reddit-Bot nun <a href="https://www.pcmag.com/news/cant-trust-chatbots-yet-reddits-ai-was-caught-suggesting-heroin-for-pain">Heroin zur Schmerzbehandlung</a>. Dabei verwies er auf den Kommentar eines Nutzers, der behauptete, die Droge <a href="https://imgur.com/a/Ld5RYSO">habe ihm das Leben gerettet</a>.</p> <h2 id="h-was-ist-eigentlich-heroin">Was ist eigentlich Heroin?</h2> <p>Wahrscheinlich wissen die meisten Leserinnen und Leser nicht genau, was Heroin eigentlich ist. Sie glauben nur so viel: Es ist eine ganz schlimme Droge, von der man ganz schnell abhängig wird und die bei Überdosierung zum Tod führen kann.</p> <p>Fangen wir am Anfang an: “Heroin” ist kein pharmazeutischer Name. Ursprünglich – das ist 1898 – war er ein von der heute noch in der chemischen Industrie tätigen Bayer AG eingetragener Markenname. Zum ersten mal produziert wurde die Substanz übrigens im Bayer-Stammwerk in Wuppertal-Elberfeld.<aside></aside></p> <p>Im 19. Jahrhundert interessierten sich Chemiker für das seit Jahrtausenden medizinisch und in manchen Kulturen auch als Genussmittel verbreitete Opium. Der Milchsaft, die wörtliche Bedeutung des altgriechischen Worts “opium”, der botanisch <em>Papaver somniferum</em> (Schlafmohn) genannten Pflanze produziert unter geeigneten klimatischen Bedingungen eine hohe Konzentration psychoaktiver Stoffe.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920.jpg 1920w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Der Schlafmohn: Grundstock aller Opiate. Foto von Sabine Löwer, Pixabay-Lizenz.</em></p> <p>Nachweislich über Jahrhunderte, wahrscheinlich aber viel länger, rätselte die Ärzteschaft, woher die medizinisch nützlichen Eigenschaften des Opiums rührten: Es konnte beruhigen, beim Einschlafen helfen, unterdrückte den Hustenreiz, half bei Durchfall, linderte Schmerzen und wahrscheinlich noch sehr viel mehr. Erstaunlicherweise konnte es aber auch berauschen und wurde darum auch für Kämpfe eingesetzt. Entsprechend der alten Säftelehre oder Naturphilosophie vermutete man, dass es mal besondere “kalte”, mal “warme” Eigenschaften des Opiums seien, die diese Effekte hervorrufen.</p> <p>Erst die moderne Naturwissenschaft lüftete das Rätsel: Ebenso wie das Cannabisharz enthält auch die Opiummilch eine Vielzahl auf das menschliche Nervensystem wirkende Substanzen. Über diesen Gleichklang von menschlichem Gehirn und Erdenpflanzen nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip kann man staunen. Man nannte im 20. Jahrhundert die neuronalen Rezeptoren – Endocannabinoid- oder Opioid-Rezeptoren – nach den Pflanzen, nicht umgekehrt.</p> <p>Doch zunächst isolierte man im 19. Jahrhundert aus der Vielzahl der Opium-Stoffe das nach dem griechischen Gott des Schlafs benannte Morphin oder Morphium als denjenigen mit dem stärksten schmerzlindernden Effekt.</p> <h2 id="h-schmerzstillung">Schmerzstillung</h2> <p>Als man dann auch noch die Spritze entwickelte und die Substanzen nicht mehr indirekt über den Speise- und Verdauungsapparat verabreichen musste, stand der Menschheit ein sehr viel stärkeres Betäubungsmittel zur Verfügung denn je zuvor.</p> <p>Nebenbei: Auch Kokain wurde damals <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zweite-opiumkonferenz-100-jahre-boeses-cannabis/">als praktisches Anästhetikum erkannt</a>. Während der Kokainliebhaber Sigmund Freud (1856-1939) damit allerdings eine Patientin fast umbrachte und mit dem gescheiterten Versuch, die Opiumabhängigkeit mit dem anderen Rauschmittel zu behandeln, sein öffentliches Ansehen ruinierte, erntete ein anderer Wiener Arzt die Lorbeeren der betäubenden Eigenschaften. Es war Freuds Kollege Carl Koller (1857-1944), der mit Kokain den Augenmuskel vorübergehend anästhesieren und damit chirurgischen Eingriffen an diesem sensiblen Organ einen Teil ihres Schreckens nehmen konnte.</p> <p>Bleiben wir aber beim Opium und seinen Abkömmlingen. Morphium verbesserte also die Schmerztherapie enorm. Es war schnell nicht mehr aus der Feldapotheke der Militärärzte wegzudenken. Betäubt vom Saft des Schlafgotts fühlte manch ein versehrter Soldat nicht einmal mehr die Amputation eines Gliedes. Der körperliche wie psychische Schmerz würde erst später auftreten.</p> <p>Man hätte auch auf das Kriegführen verzichten können. Doch wir sind ja Menschen.</p> <p>Übrigens gönnte sich so mancher Arzt hin und wieder einen Schuss Morphium als Aufputschmittel. Hierin äußert sich schon die Janusköpfigkeit so gut wie aller Medikamente beziehungsweise Drogen: Die starken Schmerzmittel konnten oft helfen, manchmal vielleicht sogar heilen, mitunter aber auch als Rauschmittel missbraucht werden.</p> <p>Unter den Eindrücken des Ersten Weltkriegs promovierte 1919 der in Frankfurt am Main geborene, 1938 wegen seiner jüdischen Herkunft in die USA geflohene Arzt und Philosoph Erwin W. Straus (1891-1975) “Zur Pathogenese des chronischen Morphinismus” – gerade einmal 16 Seiten reichten für ihn zum Doktor der Medizin. In einzelnen Fallgeschichten beschrieb er, wie Menschen morphiumabhängig wurden. In der Regel hatten sie schwere Schicksale erlebt, worauf wir später noch einmal zurückkommen.</p> <h2 id="h-veredelung">Veredelung</h2> <p>Wozu aber dieser Umweg über Opium und Morphium, wo es doch um Heroin gehen soll? Nun ja, weil Heroin nichts anderes ist als – <em>veredeltes</em> Morphium. Der deutsche Chemiker und Bayer-Angestellte Felix Hoffmann (1868-1946) erzeugte es, indem er Morphium mit Essigsäureanhydrid reagieren ließ. Ihm hat der Konzern übrigens auch das Aspirin zu verdanken.</p> <p>Chemisch heißt das Ergebnis der Reaktion eigentlich Diamorphin. Marketing-Leute von Bayer hielten dann aber “Heroin” für einen besseren Handelsnamen. Und weil die deutsche chemisch-pharmazeutische Industrie damals Weltmarktführer war, verbreitete der Name sich auf dem Globus.</p> <p>Opium, Morphium oder gar Heroin waren damals in vielen gängigen Erkältungs- und Grippemitteln enthaltene Wirkstoffe. Wer sich sozusagen schon die halbe Lunge herausgehustet hat, dürfte sich über die Stillung des Hustenreizes freuen. Die Aufhellung des Gemüts, die man den Drogenabhängigen als “Euphorie” vorwirft, nimmt man gerne als Begleiterscheinung in Kauf.</p> <p>Wer sich jetzt empört, dass diese Mittel, allgemein “Opiate” genannt, damals sogar zur Anwendung bei Kindern beworben und frei verfügbar waren, sollte einen Moment innehalten: Denn noch heute gibt es in der Apotheke Grippemittel mit einem anderen Opiat, nämlich Codein. Auch dieses ist in der natürlichen Opiummilch enthalten.</p> <p>Hin und wieder hört man davon, dass hohe Mengen dieses Hustensafts in der Hip Hop-Szene beliebt sind, mit dem Szenenamen “Lean”. Dem einen oder anderen wurde das zum Verhängnis. Bei Überdosierung kann aus der Unterdrückung des Hustenreizes nämlich die lebensgefährliche Betäubung der Atemmuskulatur werden. Außerdem wird dem Hustensaft neben dem Opiat oft auch Paracetamol hinzugefügt, das in hohen Mengen die Leber schädigt. Als Heroinersatz sollte man ihn daher nicht verwenden.</p> <p>Trotzdem ist Diamorphin alias Heroin eigentlich das medizinisch bessere Produkt. Denn aufgrund der chemischen Veredlung passiert es die Blut-Gehirn-Schranke schneller. Wenn man es richtig anwendet, kann man damit also gezielter behandeln als mit Morphium.</p> <h2 id="h-medizin-droge-oder-gift">Medizin, Droge oder Gift?</h2> <p>Im Wort “pharmakon” der alten Griechen steckt mehr Weisheit, als man heute in gesundheits- und drogenpolitischen Diskussionen findet: Es bedeutete nämlich <em>sowohl</em> Arzneimittel <em>als auch</em> Gift. Im Englischen ist man sprachlich noch näher an dieser Realität dran, weil “drugs” Arzneimittel und verbotene Drogen sein können.</p> <p>“Droge”, wahrscheinlich von niederländisch “droog” für trocken, was sich auf getrocknete Kolonialwaren bezog, die man in der Drogerie kaufte, ist heute vor allem ein politischer Begriff: Er bezeichnet meist diejenigen Mittel, die eifrige Politiker auf die Verbotsliste setzen. Und, ja, darauf findet sich natürlich auch Heroin.</p> <p>Die Verbote der Opiate wurden vor ziemlich genau 100 Jahren <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zweite-opiumkonferenz-100-jahre-boeses-cannabis/">auf den Opiumkonferenzen mit internationaler Verbindlichkeit durchgedrückt</a>. Dem ging vor allem in den USA die Dämonisierung der teils seit Jahrtausenden bewährten Arzneimittel und Handelsgüter durch puritanische Extremisten voraus: Was früher (und teils noch heute) als unerlässliche Medizin galt, sollte auf einmal die Geißel der Gesellschaft sein.</p> <p>Die Frage, ob Diamorphin nun Medizin oder Rauschgift ist, hängt daher vom Standpunkt ab. Bis heute gibt es Ärzte, die es bei Lungenerkrankungen einsetzen wollen. Politisch haben sie einen schweren Stand, weil viele die H-Substanz für die absolute Horrordroge halten.</p> <p>Doch warum haben dann viele von uns, mich eingeschlossen, schon stärkere Opiate wie Oxycodon vom Arzt bekommen? Mir wurde es sogar ohne Vorwarnung bei einer Operation verabreicht – und ich wachte in einem starken, euphorischen Rausch auf. Wenn Heroin der Horror ist, dann müsste man Oxycodon eigentlich als Über-Horror ansehen.</p> <p>Diese Doppelmoral findet man auch im deutschen Betäubungsmittelgesetz wieder: Will man die Substanz verbieten, dann setzt man sie als “Heroin” auf Anlage I der “nicht verkehrsfähigen” Mittel; will man die medizinische Abgabe zur Substitutionstherapie nach § 13 BtMG regulieren, dann spricht man ausschließlich vom “Diamorphin”. Dabei ist die Substanz immer dieselbe.</p> <h2 id="h-rassismus-und-kolonialismus">Rassismus und Kolonialismus</h2> <p>Praktischerweise hatten und haben in den USA vor allem Randgruppen einen problematischen Konsum, also meist Einwanderer und Schwarze. Das verdeutlicht die kolonialistische <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/mit-drogenpolitik-wird-sozial-und-migrationspolitik-gemacht/">und sozialpolitische Dimension der Drogenpolitik</a>. Der Neuropsychopharmakologe Carl L. Hart, nach eigenem Bekunden der erste schwarze Professor in dieser Funktion an der angesehenen Columbia University in New York, hat dafür in seinem Buch <em>Drug Use for Grown-Ups</em> viele Beispiele gesammelt.</p> <p>Demnach ist nicht nur angeblicher Cannabisgeruch im Auto vor allem in konservativen US-Bundesstaaten eine häufige Begründung der Polizei, um Schwarze und migrantisch aussehende Bürger harten Maßnahmen zu unterziehen – immer wieder mit tödlichem Verlauf. Auch historisch sei man gegen den Substanzkonsum von Nicht-Weißen immer besonders hart vorgegangen. Als man schließlich die – übrigens bis heute bestehenden – Probleme der Verbote von Opiaten einsah, ließ man die Substitutionstherapie an speziellen Abgabestellen zu. Weil das Warten in der Schlange vor allem von Weißen als Demütigung erfahren wurde, so Hart, habe man dann doch die diskrete Abgabe beim Arzt erlaubt.</p> <p>Und während ich diese Zeilen schreibe, droht der US-Präsident Venezuela mit Kriegsschiffen und einem Flugzeugträger. Angeblich geht es darum, Drogenkuriere zu bekämpfen. Dabei waren es die US-eigenen Ärzte, Apotheker und Pharmafirmen, die überhaupt erst so viele Bürgerinnen und Bürger von den heutigen, so viel stärkeren Opium-artigen Mitteln – wörtlich: Opioiden – <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/opioide-wennnicht-drogen-sondern-medikamente-und-die-falsche-politik-toeten/">abhängig machten</a>.</p> <p>Sie haben den Menschen ein schmerzfreies Leben versprochen. Das war zwar eine Lüge, doch hervorragend fürs Geschäft. Manche nennen es “<a href="https://www.imdb.com/title/tt14055432/">Das Verbrechen des Jahrhunderts</a>“.</p> <p>Mit dem desolaten Resultat lassen sich heute nicht nur die sozial Schwachen polizeilich kontrollieren, sondern international machtpolitische Ziele rechtfertigen. Auch Erzfeind China warf man schon vor, die Heimat mit den Drogen zu überfluten. Der Weltmacht konnte man zur Strafe allerdings nicht militärisch, dafür aber mit Einfuhrzöllen und Sanktionen drohen.</p> <h2 id="h-doppelte-stigmatisierung">Doppelte Stigmatisierung</h2> <p>Im Vietnamkrieg (ca. 1955-1975) hielten sich viele US-Soldaten mit Heroin über Wasser. Nahe an der Quelle und aufgrund niedriger Preise und der hohen Qualität konnten sie es aber <em>rauchen</em>, was ungefährlicher ist als der direkte Weg über die Spritze. Interessanterweise hörten viele <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/warum-geht-es-in-der-drogenpolitik-selten-um-freiheit/">nach der Rückkehr in die Heimat wieder auf</a>. Den problematischen Konsum behielten vor allem diejenigen bei, die vorher schon psychosoziale Probleme hatten.</p> <p>Und so kommen wir zu meiner Hauptkritik an den Drogenverboten: Denn international replizierte Studien mit Hunderttausenden Personen zeigten immer wieder, dass Menschen mit traumatischen Erfahrungen ein viel größeres Risiko für den exzessiven Gebrauch von Rauschmitteln haben. Wenn diese darum polizeiliche Maßnahmen erfahren, erhalten sie nach ihrem psychosozialen Pech jetzt ein weiteres, diesmal institutionelles Unglück.</p> <p>Sie werden gewissermaßen für ihre alte Stigmatisierung erneut stigmatisiert. Wie kann das gerecht sein? Und selbst wenn die Drogen wirklich so gefährlich wären, wie es immer wieder heißt: Man ist in so gut wie allen Ländern aus Gründen der Menschenwürde auch davon abgerückt, Menschen für Suizidversuche zu bestrafen.</p> <h2 id="h-horror-heroin">Horror Heroin</h2> <p>Es sollte klar geworden sein, dass in der Öffentlichkeit ein verzerrtes Bild über Diamorphin alias Heroin verbreitet wurde. Das verdeutlicht auch die folgende Abbildung mit historischen beziehungsweise aktuellen Produkten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine.jpg"><img alt="" decoding="async" height="496" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-1024x496.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-1024x496.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-300x145.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-768x372.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-1536x744.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-2048x991.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Zwei Namen, eine Substanz: Links eine Werbung für Heroin von Bayer, wahrscheinlich um 1920, in New York. Vor den Dämonisierungskampagnen waren Opiate als Erkältungsmittel beliebt. Codein-Präparate gibt es noch heute. Rechts ein aktuelles pharmazeutisches Produkt aus dem Vereinigten Königreich. Lizenz: Pete Chapman, <u><a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/">CC BY-SA 3.0</a></u></em></p> <p>Aber ist Heroin nicht gefährlich? Ja, natürlich – wenn man es falsch konsumiert. Die Verabreichung sicherer Produkte ist eine Hauptaufgabe der Pharmafirmen und Apotheken. Umgekehrt können auch viele frei verkäufliche Substanzen bei falscher Verwendung zu schweren Gesundheitsschäden oder sogar dem Tod führen.</p> <p>Interessanterweise sind die oft mit Heroin verbundenen Gesundheitsprobleme – wie AIDS/HIV oder Hepatitis – gar keine Nebenwirkung der Substanz, sondern von verunreinigtem Besteck. Bei richtiger Anwendung der Opiate ist eine häufige Nebenwirkung: Verstopfung.</p> <p>Das Abhängigkeitsrisiko wächst mit der Dauer der Verwendung. Wer seine körperlichen oder psychischen Schmerzen anders nicht verträgt, muss mit der Zeit wahrscheinlich die Dosis erhöhen. Das körpereigene Opioid-System passt sich an die von außen zugeführten Mengen an. Wenn man dann aufhört, erlebt man wahrscheinlich noch viel stärkere Schmerzen als vorher. Die konnte man ja auch schon nicht ertragen. Willkommen im Teufelskreis der Sucht.</p> <p>Darum sollen die hier genannten Substanzen auch gar nicht verharmlost werden. Ich glaube allerdings, dass man das zunehmende Drogenproblem nicht ohne ehrliche Aufklärung wird lösen können. Dazu gehört auch, von der Ursache her psychische oder soziale Probleme nicht fälschlich als Drogenprobleme darzustellen, wie es in Politik und Medien leider tagtäglich passiert.</p> <h2 id="h-drogen-statt-soziales-problem">Drogen- statt soziales Problem</h2> <p>Die allgemeine Verelendung wird auch in vielen europäischen Städten zu einem immer größeren und sichtbareren Problem. Arme und Obdachlose sind die andere Seite der Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft. “Sollen sie sich doch eine Arbeit suchen – oder reiche Eltern zum Erben!”</p> <p>Das niederländische Rotterdam – um nur ein Beispiel zu nennen – ist eine der Städte mit besonders großen Problemen. Weil sich die “guten” Bürgerinnen und Bürgern dadurch zunehmend gestört fühlen, diskutiert man jetzt kreative Lösungen: So soll etwa die im Stadtzentrum gelegene Pauluskirche, in der viele Arme, Obdachlose und Drogenabhängige Hilfe suchen, in einen Außenbezirk umziehen. Aus den Augen, aus dem Sinn.</p> <p>Die <em>sozialen</em> Probleme löst man damit nicht. Da diese die andere Seite der Ungleichverteilung des Wohlstands sind, nimmt man sie vorzugsweise als <em>Drogen</em>problem wahr. Dann kann man den Substanzen die Schuld geben und das Problem in den Bereich von Polizei und Justiz verschieben; dann ist nicht mehr die Gesellschaft in der Verantwortung, sondern die Drogen und die angeblich willensschwachen Individuen.</p> <p>Ist es Zufall, dass im Altgriechischen der “pharmakos” der <em>Sündenbock</em> war? Auch in diesem Sinne passen die Substanzen 2000 Jahre später noch zur ursprünglichen Wortbedeutung.</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Wenn also ein Chatbot im Jahr 2025 Heroin als Schmerzmittel empfiehlt, dann ist das pharmakologisch konsistent. Die Entrüstung in den Medien sagt mehr über unsere drogenpolitische Indoktrination aus.</p> <p>Diese Indoktrination wird immer dogmatischer: Alkohol gilt jetzt als Gift, vom ersten Tropfen an. Der Diabetologe und Bestsellerautor Matthias Riedl nannte kürzlich sogar Zucker ein “dosisabhängiges Gift”. Ja, würde man den Zucker aus einem gängigen Schokoriegel direkt ins Blut spritzen, wäre das tödlich. Über den Verdauungsapparat können die meisten Menschen die Menge aber problemlos regulieren – jedoch nicht die Zuckerkranken.</p> <p>Die antike Idee von “pharmakon” – Arzneimittel <em>und</em> Gift – drückte es eigentlich perfekt aus. Dosis, Art und Zweck des Konsums entscheiden über Nutzen und Gefährlichkeit. Dabei sind die Substanzen ohne Qualitätskontrollen vom Schwarzmarkt am gefährlichsten.</p> <p>Opium, Codein, Morphium, Diamorphin/Heroin, Oxycodon, Fentanyl sind alles Opioide mit zunehmender Potenz. Keines ist moralisch schlechter als das andere, wenn man es denn richtig anwendet. Der Rest ist politisches “Framing”.</p> <p>Diesen Griff in die Trickkiste sehen wir auch beim Cannabis: Verschreiben Ärzte es selbst, dann betonen sie den medizinischen Nutzen; besorgen die Menschen es sich selbst, dann ruft man “Psychoserisiko!” und “Hirnschaden!”. Es scheint, als könnten die Moleküle die Gedanken der Menschen lesen.</p> <p>Das ist kein Plädoyer für eine radikale Freigabe aller psychoaktiven Substanzen. Aber es ist ein Fingerzeig darauf, dass man das Drogenproblem nicht lösen kann, ohne psychologische Traumatisierung und soziale Ausgrenzung aufzufangen.</p> <p>Die deutsche Drogenpolitik scheint diese historische Wahrheit immer noch zu ignorieren: Die ohnehin bescheidenen Fortschritte durch die Entkriminalisierung von Cannabis sollen jetzt zum Teil wieder rückgängig gemacht werden, wenn es nach führenden Unionspolitikern geht. Nun ja, wenn man sein “Kraut” nicht mehr bequem bei der Online-Apotheke bestellen kann, werden die Dealer vor Ort wieder vermehrt die Nachfrage bedienen.</p> <p>Anstatt wichtige Probleme zu lösen, werden so beständig neue geschaffen.</p> <h2 id="h-mehr-zum-thema">Mehr zum Thema</h2> <figure><a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die Cannabis-Gesetzgebung sowie wichtige Grundlagen: Was ist eine Droge? Was ist Abhängigkeit? Seit wann gibt es Cannabiskonsum in der Menschheitsgeschichte? Und was sind sein Nutzen und seine Risiken? Das neue Buch von Stephan Schleim gibt es als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/nl/book/die-cannabis-protokolle/id6745148090">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=f5pZEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/poppy-opium-poppy-field-poppy-field-1574273/">Sabine Löwer</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/46685928ab994c90854555ffad5b417c" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Heroin auf Empfehlung vom AI-Chatbot? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Der medienwirksame Patzer der künstlichen Intelligenz von Reddit aus pharmakologischer und drogenpolitischer Sicht</strong></p> <span id="more-3453"></span> <p>Über den Sinn und Unsinn von künstlicher Intelligenz erscheinen zurzeit fast täglich Nachrichten. Dass man nicht alles, was einem ein Chatbot als Antwort gibt, für bare Münze nehmen sollte, hat sich hoffentlich inzwischen herumgesprochen. Das gilt insbesondere auch für medizinische Themen, wo es um Leben und Tod gehen kann.</p> <p>Englischsprachige Medien, zum Beispiel die Newsseite des <em>PC Magazine</em> vom 17. Oktober 2025, berichteten nun von einem Fauxpas des Chatbots der beliebten Diskussionsplattform Reddit. Dieser wird mit Antworten der eigenen Nutzerinnen und Nutzer trainiert. Und laut den Berichten empfahl der Reddit-Bot nun <a href="https://www.pcmag.com/news/cant-trust-chatbots-yet-reddits-ai-was-caught-suggesting-heroin-for-pain">Heroin zur Schmerzbehandlung</a>. Dabei verwies er auf den Kommentar eines Nutzers, der behauptete, die Droge <a href="https://imgur.com/a/Ld5RYSO">habe ihm das Leben gerettet</a>.</p> <h2 id="h-was-ist-eigentlich-heroin">Was ist eigentlich Heroin?</h2> <p>Wahrscheinlich wissen die meisten Leserinnen und Leser nicht genau, was Heroin eigentlich ist. Sie glauben nur so viel: Es ist eine ganz schlimme Droge, von der man ganz schnell abhängig wird und die bei Überdosierung zum Tod führen kann.</p> <p>Fangen wir am Anfang an: “Heroin” ist kein pharmazeutischer Name. Ursprünglich – das ist 1898 – war er ein von der heute noch in der chemischen Industrie tätigen Bayer AG eingetragener Markenname. Zum ersten mal produziert wurde die Substanz übrigens im Bayer-Stammwerk in Wuppertal-Elberfeld.<aside></aside></p> <p>Im 19. Jahrhundert interessierten sich Chemiker für das seit Jahrtausenden medizinisch und in manchen Kulturen auch als Genussmittel verbreitete Opium. Der Milchsaft, die wörtliche Bedeutung des altgriechischen Worts “opium”, der botanisch <em>Papaver somniferum</em> (Schlafmohn) genannten Pflanze produziert unter geeigneten klimatischen Bedingungen eine hohe Konzentration psychoaktiver Stoffe.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/poppy-1574273_1920.jpg 1920w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Der Schlafmohn: Grundstock aller Opiate. Foto von Sabine Löwer, Pixabay-Lizenz.</em></p> <p>Nachweislich über Jahrhunderte, wahrscheinlich aber viel länger, rätselte die Ärzteschaft, woher die medizinisch nützlichen Eigenschaften des Opiums rührten: Es konnte beruhigen, beim Einschlafen helfen, unterdrückte den Hustenreiz, half bei Durchfall, linderte Schmerzen und wahrscheinlich noch sehr viel mehr. Erstaunlicherweise konnte es aber auch berauschen und wurde darum auch für Kämpfe eingesetzt. Entsprechend der alten Säftelehre oder Naturphilosophie vermutete man, dass es mal besondere “kalte”, mal “warme” Eigenschaften des Opiums seien, die diese Effekte hervorrufen.</p> <p>Erst die moderne Naturwissenschaft lüftete das Rätsel: Ebenso wie das Cannabisharz enthält auch die Opiummilch eine Vielzahl auf das menschliche Nervensystem wirkende Substanzen. Über diesen Gleichklang von menschlichem Gehirn und Erdenpflanzen nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip kann man staunen. Man nannte im 20. Jahrhundert die neuronalen Rezeptoren – Endocannabinoid- oder Opioid-Rezeptoren – nach den Pflanzen, nicht umgekehrt.</p> <p>Doch zunächst isolierte man im 19. Jahrhundert aus der Vielzahl der Opium-Stoffe das nach dem griechischen Gott des Schlafs benannte Morphin oder Morphium als denjenigen mit dem stärksten schmerzlindernden Effekt.</p> <h2 id="h-schmerzstillung">Schmerzstillung</h2> <p>Als man dann auch noch die Spritze entwickelte und die Substanzen nicht mehr indirekt über den Speise- und Verdauungsapparat verabreichen musste, stand der Menschheit ein sehr viel stärkeres Betäubungsmittel zur Verfügung denn je zuvor.</p> <p>Nebenbei: Auch Kokain wurde damals <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zweite-opiumkonferenz-100-jahre-boeses-cannabis/">als praktisches Anästhetikum erkannt</a>. Während der Kokainliebhaber Sigmund Freud (1856-1939) damit allerdings eine Patientin fast umbrachte und mit dem gescheiterten Versuch, die Opiumabhängigkeit mit dem anderen Rauschmittel zu behandeln, sein öffentliches Ansehen ruinierte, erntete ein anderer Wiener Arzt die Lorbeeren der betäubenden Eigenschaften. Es war Freuds Kollege Carl Koller (1857-1944), der mit Kokain den Augenmuskel vorübergehend anästhesieren und damit chirurgischen Eingriffen an diesem sensiblen Organ einen Teil ihres Schreckens nehmen konnte.</p> <p>Bleiben wir aber beim Opium und seinen Abkömmlingen. Morphium verbesserte also die Schmerztherapie enorm. Es war schnell nicht mehr aus der Feldapotheke der Militärärzte wegzudenken. Betäubt vom Saft des Schlafgotts fühlte manch ein versehrter Soldat nicht einmal mehr die Amputation eines Gliedes. Der körperliche wie psychische Schmerz würde erst später auftreten.</p> <p>Man hätte auch auf das Kriegführen verzichten können. Doch wir sind ja Menschen.</p> <p>Übrigens gönnte sich so mancher Arzt hin und wieder einen Schuss Morphium als Aufputschmittel. Hierin äußert sich schon die Janusköpfigkeit so gut wie aller Medikamente beziehungsweise Drogen: Die starken Schmerzmittel konnten oft helfen, manchmal vielleicht sogar heilen, mitunter aber auch als Rauschmittel missbraucht werden.</p> <p>Unter den Eindrücken des Ersten Weltkriegs promovierte 1919 der in Frankfurt am Main geborene, 1938 wegen seiner jüdischen Herkunft in die USA geflohene Arzt und Philosoph Erwin W. Straus (1891-1975) “Zur Pathogenese des chronischen Morphinismus” – gerade einmal 16 Seiten reichten für ihn zum Doktor der Medizin. In einzelnen Fallgeschichten beschrieb er, wie Menschen morphiumabhängig wurden. In der Regel hatten sie schwere Schicksale erlebt, worauf wir später noch einmal zurückkommen.</p> <h2 id="h-veredelung">Veredelung</h2> <p>Wozu aber dieser Umweg über Opium und Morphium, wo es doch um Heroin gehen soll? Nun ja, weil Heroin nichts anderes ist als – <em>veredeltes</em> Morphium. Der deutsche Chemiker und Bayer-Angestellte Felix Hoffmann (1868-1946) erzeugte es, indem er Morphium mit Essigsäureanhydrid reagieren ließ. Ihm hat der Konzern übrigens auch das Aspirin zu verdanken.</p> <p>Chemisch heißt das Ergebnis der Reaktion eigentlich Diamorphin. Marketing-Leute von Bayer hielten dann aber “Heroin” für einen besseren Handelsnamen. Und weil die deutsche chemisch-pharmazeutische Industrie damals Weltmarktführer war, verbreitete der Name sich auf dem Globus.</p> <p>Opium, Morphium oder gar Heroin waren damals in vielen gängigen Erkältungs- und Grippemitteln enthaltene Wirkstoffe. Wer sich sozusagen schon die halbe Lunge herausgehustet hat, dürfte sich über die Stillung des Hustenreizes freuen. Die Aufhellung des Gemüts, die man den Drogenabhängigen als “Euphorie” vorwirft, nimmt man gerne als Begleiterscheinung in Kauf.</p> <p>Wer sich jetzt empört, dass diese Mittel, allgemein “Opiate” genannt, damals sogar zur Anwendung bei Kindern beworben und frei verfügbar waren, sollte einen Moment innehalten: Denn noch heute gibt es in der Apotheke Grippemittel mit einem anderen Opiat, nämlich Codein. Auch dieses ist in der natürlichen Opiummilch enthalten.</p> <p>Hin und wieder hört man davon, dass hohe Mengen dieses Hustensafts in der Hip Hop-Szene beliebt sind, mit dem Szenenamen “Lean”. Dem einen oder anderen wurde das zum Verhängnis. Bei Überdosierung kann aus der Unterdrückung des Hustenreizes nämlich die lebensgefährliche Betäubung der Atemmuskulatur werden. Außerdem wird dem Hustensaft neben dem Opiat oft auch Paracetamol hinzugefügt, das in hohen Mengen die Leber schädigt. Als Heroinersatz sollte man ihn daher nicht verwenden.</p> <p>Trotzdem ist Diamorphin alias Heroin eigentlich das medizinisch bessere Produkt. Denn aufgrund der chemischen Veredlung passiert es die Blut-Gehirn-Schranke schneller. Wenn man es richtig anwendet, kann man damit also gezielter behandeln als mit Morphium.</p> <h2 id="h-medizin-droge-oder-gift">Medizin, Droge oder Gift?</h2> <p>Im Wort “pharmakon” der alten Griechen steckt mehr Weisheit, als man heute in gesundheits- und drogenpolitischen Diskussionen findet: Es bedeutete nämlich <em>sowohl</em> Arzneimittel <em>als auch</em> Gift. Im Englischen ist man sprachlich noch näher an dieser Realität dran, weil “drugs” Arzneimittel und verbotene Drogen sein können.</p> <p>“Droge”, wahrscheinlich von niederländisch “droog” für trocken, was sich auf getrocknete Kolonialwaren bezog, die man in der Drogerie kaufte, ist heute vor allem ein politischer Begriff: Er bezeichnet meist diejenigen Mittel, die eifrige Politiker auf die Verbotsliste setzen. Und, ja, darauf findet sich natürlich auch Heroin.</p> <p>Die Verbote der Opiate wurden vor ziemlich genau 100 Jahren <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zweite-opiumkonferenz-100-jahre-boeses-cannabis/">auf den Opiumkonferenzen mit internationaler Verbindlichkeit durchgedrückt</a>. Dem ging vor allem in den USA die Dämonisierung der teils seit Jahrtausenden bewährten Arzneimittel und Handelsgüter durch puritanische Extremisten voraus: Was früher (und teils noch heute) als unerlässliche Medizin galt, sollte auf einmal die Geißel der Gesellschaft sein.</p> <p>Die Frage, ob Diamorphin nun Medizin oder Rauschgift ist, hängt daher vom Standpunkt ab. Bis heute gibt es Ärzte, die es bei Lungenerkrankungen einsetzen wollen. Politisch haben sie einen schweren Stand, weil viele die H-Substanz für die absolute Horrordroge halten.</p> <p>Doch warum haben dann viele von uns, mich eingeschlossen, schon stärkere Opiate wie Oxycodon vom Arzt bekommen? Mir wurde es sogar ohne Vorwarnung bei einer Operation verabreicht – und ich wachte in einem starken, euphorischen Rausch auf. Wenn Heroin der Horror ist, dann müsste man Oxycodon eigentlich als Über-Horror ansehen.</p> <p>Diese Doppelmoral findet man auch im deutschen Betäubungsmittelgesetz wieder: Will man die Substanz verbieten, dann setzt man sie als “Heroin” auf Anlage I der “nicht verkehrsfähigen” Mittel; will man die medizinische Abgabe zur Substitutionstherapie nach § 13 BtMG regulieren, dann spricht man ausschließlich vom “Diamorphin”. Dabei ist die Substanz immer dieselbe.</p> <h2 id="h-rassismus-und-kolonialismus">Rassismus und Kolonialismus</h2> <p>Praktischerweise hatten und haben in den USA vor allem Randgruppen einen problematischen Konsum, also meist Einwanderer und Schwarze. Das verdeutlicht die kolonialistische <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/mit-drogenpolitik-wird-sozial-und-migrationspolitik-gemacht/">und sozialpolitische Dimension der Drogenpolitik</a>. Der Neuropsychopharmakologe Carl L. Hart, nach eigenem Bekunden der erste schwarze Professor in dieser Funktion an der angesehenen Columbia University in New York, hat dafür in seinem Buch <em>Drug Use for Grown-Ups</em> viele Beispiele gesammelt.</p> <p>Demnach ist nicht nur angeblicher Cannabisgeruch im Auto vor allem in konservativen US-Bundesstaaten eine häufige Begründung der Polizei, um Schwarze und migrantisch aussehende Bürger harten Maßnahmen zu unterziehen – immer wieder mit tödlichem Verlauf. Auch historisch sei man gegen den Substanzkonsum von Nicht-Weißen immer besonders hart vorgegangen. Als man schließlich die – übrigens bis heute bestehenden – Probleme der Verbote von Opiaten einsah, ließ man die Substitutionstherapie an speziellen Abgabestellen zu. Weil das Warten in der Schlange vor allem von Weißen als Demütigung erfahren wurde, so Hart, habe man dann doch die diskrete Abgabe beim Arzt erlaubt.</p> <p>Und während ich diese Zeilen schreibe, droht der US-Präsident Venezuela mit Kriegsschiffen und einem Flugzeugträger. Angeblich geht es darum, Drogenkuriere zu bekämpfen. Dabei waren es die US-eigenen Ärzte, Apotheker und Pharmafirmen, die überhaupt erst so viele Bürgerinnen und Bürger von den heutigen, so viel stärkeren Opium-artigen Mitteln – wörtlich: Opioiden – <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/opioide-wennnicht-drogen-sondern-medikamente-und-die-falsche-politik-toeten/">abhängig machten</a>.</p> <p>Sie haben den Menschen ein schmerzfreies Leben versprochen. Das war zwar eine Lüge, doch hervorragend fürs Geschäft. Manche nennen es “<a href="https://www.imdb.com/title/tt14055432/">Das Verbrechen des Jahrhunderts</a>“.</p> <p>Mit dem desolaten Resultat lassen sich heute nicht nur die sozial Schwachen polizeilich kontrollieren, sondern international machtpolitische Ziele rechtfertigen. Auch Erzfeind China warf man schon vor, die Heimat mit den Drogen zu überfluten. Der Weltmacht konnte man zur Strafe allerdings nicht militärisch, dafür aber mit Einfuhrzöllen und Sanktionen drohen.</p> <h2 id="h-doppelte-stigmatisierung">Doppelte Stigmatisierung</h2> <p>Im Vietnamkrieg (ca. 1955-1975) hielten sich viele US-Soldaten mit Heroin über Wasser. Nahe an der Quelle und aufgrund niedriger Preise und der hohen Qualität konnten sie es aber <em>rauchen</em>, was ungefährlicher ist als der direkte Weg über die Spritze. Interessanterweise hörten viele <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/warum-geht-es-in-der-drogenpolitik-selten-um-freiheit/">nach der Rückkehr in die Heimat wieder auf</a>. Den problematischen Konsum behielten vor allem diejenigen bei, die vorher schon psychosoziale Probleme hatten.</p> <p>Und so kommen wir zu meiner Hauptkritik an den Drogenverboten: Denn international replizierte Studien mit Hunderttausenden Personen zeigten immer wieder, dass Menschen mit traumatischen Erfahrungen ein viel größeres Risiko für den exzessiven Gebrauch von Rauschmitteln haben. Wenn diese darum polizeiliche Maßnahmen erfahren, erhalten sie nach ihrem psychosozialen Pech jetzt ein weiteres, diesmal institutionelles Unglück.</p> <p>Sie werden gewissermaßen für ihre alte Stigmatisierung erneut stigmatisiert. Wie kann das gerecht sein? Und selbst wenn die Drogen wirklich so gefährlich wären, wie es immer wieder heißt: Man ist in so gut wie allen Ländern aus Gründen der Menschenwürde auch davon abgerückt, Menschen für Suizidversuche zu bestrafen.</p> <h2 id="h-horror-heroin">Horror Heroin</h2> <p>Es sollte klar geworden sein, dass in der Öffentlichkeit ein verzerrtes Bild über Diamorphin alias Heroin verbreitet wurde. Das verdeutlicht auch die folgende Abbildung mit historischen beziehungsweise aktuellen Produkten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine.jpg"><img alt="" decoding="async" height="496" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-1024x496.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-1024x496.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-300x145.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-768x372.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-1536x744.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Heroin-Diamorphine-2048x991.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Zwei Namen, eine Substanz: Links eine Werbung für Heroin von Bayer, wahrscheinlich um 1920, in New York. Vor den Dämonisierungskampagnen waren Opiate als Erkältungsmittel beliebt. Codein-Präparate gibt es noch heute. Rechts ein aktuelles pharmazeutisches Produkt aus dem Vereinigten Königreich. Lizenz: Pete Chapman, <u><a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/">CC BY-SA 3.0</a></u></em></p> <p>Aber ist Heroin nicht gefährlich? Ja, natürlich – wenn man es falsch konsumiert. Die Verabreichung sicherer Produkte ist eine Hauptaufgabe der Pharmafirmen und Apotheken. Umgekehrt können auch viele frei verkäufliche Substanzen bei falscher Verwendung zu schweren Gesundheitsschäden oder sogar dem Tod führen.</p> <p>Interessanterweise sind die oft mit Heroin verbundenen Gesundheitsprobleme – wie AIDS/HIV oder Hepatitis – gar keine Nebenwirkung der Substanz, sondern von verunreinigtem Besteck. Bei richtiger Anwendung der Opiate ist eine häufige Nebenwirkung: Verstopfung.</p> <p>Das Abhängigkeitsrisiko wächst mit der Dauer der Verwendung. Wer seine körperlichen oder psychischen Schmerzen anders nicht verträgt, muss mit der Zeit wahrscheinlich die Dosis erhöhen. Das körpereigene Opioid-System passt sich an die von außen zugeführten Mengen an. Wenn man dann aufhört, erlebt man wahrscheinlich noch viel stärkere Schmerzen als vorher. Die konnte man ja auch schon nicht ertragen. Willkommen im Teufelskreis der Sucht.</p> <p>Darum sollen die hier genannten Substanzen auch gar nicht verharmlost werden. Ich glaube allerdings, dass man das zunehmende Drogenproblem nicht ohne ehrliche Aufklärung wird lösen können. Dazu gehört auch, von der Ursache her psychische oder soziale Probleme nicht fälschlich als Drogenprobleme darzustellen, wie es in Politik und Medien leider tagtäglich passiert.</p> <h2 id="h-drogen-statt-soziales-problem">Drogen- statt soziales Problem</h2> <p>Die allgemeine Verelendung wird auch in vielen europäischen Städten zu einem immer größeren und sichtbareren Problem. Arme und Obdachlose sind die andere Seite der Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft. “Sollen sie sich doch eine Arbeit suchen – oder reiche Eltern zum Erben!”</p> <p>Das niederländische Rotterdam – um nur ein Beispiel zu nennen – ist eine der Städte mit besonders großen Problemen. Weil sich die “guten” Bürgerinnen und Bürgern dadurch zunehmend gestört fühlen, diskutiert man jetzt kreative Lösungen: So soll etwa die im Stadtzentrum gelegene Pauluskirche, in der viele Arme, Obdachlose und Drogenabhängige Hilfe suchen, in einen Außenbezirk umziehen. Aus den Augen, aus dem Sinn.</p> <p>Die <em>sozialen</em> Probleme löst man damit nicht. Da diese die andere Seite der Ungleichverteilung des Wohlstands sind, nimmt man sie vorzugsweise als <em>Drogen</em>problem wahr. Dann kann man den Substanzen die Schuld geben und das Problem in den Bereich von Polizei und Justiz verschieben; dann ist nicht mehr die Gesellschaft in der Verantwortung, sondern die Drogen und die angeblich willensschwachen Individuen.</p> <p>Ist es Zufall, dass im Altgriechischen der “pharmakos” der <em>Sündenbock</em> war? Auch in diesem Sinne passen die Substanzen 2000 Jahre später noch zur ursprünglichen Wortbedeutung.</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Wenn also ein Chatbot im Jahr 2025 Heroin als Schmerzmittel empfiehlt, dann ist das pharmakologisch konsistent. Die Entrüstung in den Medien sagt mehr über unsere drogenpolitische Indoktrination aus.</p> <p>Diese Indoktrination wird immer dogmatischer: Alkohol gilt jetzt als Gift, vom ersten Tropfen an. Der Diabetologe und Bestsellerautor Matthias Riedl nannte kürzlich sogar Zucker ein “dosisabhängiges Gift”. Ja, würde man den Zucker aus einem gängigen Schokoriegel direkt ins Blut spritzen, wäre das tödlich. Über den Verdauungsapparat können die meisten Menschen die Menge aber problemlos regulieren – jedoch nicht die Zuckerkranken.</p> <p>Die antike Idee von “pharmakon” – Arzneimittel <em>und</em> Gift – drückte es eigentlich perfekt aus. Dosis, Art und Zweck des Konsums entscheiden über Nutzen und Gefährlichkeit. Dabei sind die Substanzen ohne Qualitätskontrollen vom Schwarzmarkt am gefährlichsten.</p> <p>Opium, Codein, Morphium, Diamorphin/Heroin, Oxycodon, Fentanyl sind alles Opioide mit zunehmender Potenz. Keines ist moralisch schlechter als das andere, wenn man es denn richtig anwendet. Der Rest ist politisches “Framing”.</p> <p>Diesen Griff in die Trickkiste sehen wir auch beim Cannabis: Verschreiben Ärzte es selbst, dann betonen sie den medizinischen Nutzen; besorgen die Menschen es sich selbst, dann ruft man “Psychoserisiko!” und “Hirnschaden!”. Es scheint, als könnten die Moleküle die Gedanken der Menschen lesen.</p> <p>Das ist kein Plädoyer für eine radikale Freigabe aller psychoaktiven Substanzen. Aber es ist ein Fingerzeig darauf, dass man das Drogenproblem nicht lösen kann, ohne psychologische Traumatisierung und soziale Ausgrenzung aufzufangen.</p> <p>Die deutsche Drogenpolitik scheint diese historische Wahrheit immer noch zu ignorieren: Die ohnehin bescheidenen Fortschritte durch die Entkriminalisierung von Cannabis sollen jetzt zum Teil wieder rückgängig gemacht werden, wenn es nach führenden Unionspolitikern geht. Nun ja, wenn man sein “Kraut” nicht mehr bequem bei der Online-Apotheke bestellen kann, werden die Dealer vor Ort wieder vermehrt die Nachfrage bedienen.</p> <p>Anstatt wichtige Probleme zu lösen, werden so beständig neue geschaffen.</p> <h2 id="h-mehr-zum-thema">Mehr zum Thema</h2> <figure><a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em>Erfahren Sie mehr über die Cannabis-Gesetzgebung sowie wichtige Grundlagen: Was ist eine Droge? Was ist Abhängigkeit? Seit wann gibt es Cannabiskonsum in der Menschheitsgeschichte? Und was sind sein Nutzen und seine Risiken? Das neue Buch von Stephan Schleim gibt es als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/nl/book/die-cannabis-protokolle/id6745148090">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=f5pZEQAAQBAJ">Google Play Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/poppy-opium-poppy-field-poppy-field-1574273/">Sabine Löwer</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/46685928ab994c90854555ffad5b417c" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/heroin-auf-empfehlung-vom-ai-chatbot/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>7</slash:comments> </item> <item> <title>Bildung für die Zukunft im Anthropozän – Herausforderungen, Potenziale, Leuchttürme und Abbruchsvorhaben. https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/bildung-fuer-die-zukunft-im-anthropozaen-herausforderungen-potenziale-leuchtuerme-und-abbruchsvorhaben/ https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/bildung-fuer-die-zukunft-im-anthropozaen-herausforderungen-potenziale-leuchtuerme-und-abbruchsvorhaben/#comments Tue, 28 Oct 2025 08:51:09 +0000 Reinhold Leinfelder https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/?p=2085 https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo-768x508.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/bildung-fuer-die-zukunft-im-anthropozaen-herausforderungen-potenziale-leuchtuerme-und-abbruchsvorhaben/</link> </image> <description type="html"><h1>Bildung für die Zukunft im Anthropozän - Herausforderungen, Potenziale, Leuchttürme und Abbruchsvorhaben. » Der Anthropozäniker » SciLogs</h1><h2>By Reinhold Leinfelder</h2><div itemprop="text"> <h3>1. Intro: Alles hängt mit allem zusammen</h3> <p><a href="https://userpage.fu-berlin.de/leinfelder/palaeo_de/leinfelder/freepdfs/Leinfelder%202025-PHNOE-Anthropozaeniker_30_10_2025_vers1b2_noed.pdf" rel="noopener" target="_blank">-&gt; pdf-Version</a></p> <p>Im Anthropozäniker-Blog gibt es bereits mehrere Beiträge zu obigem Haupthema, also zu neuen Bildungsaspekten im Anthropozän. Aus aktuellem Anlass sei dies aber hier nochmals aufgegriffen, um einen Überblick zu geben und mit Aktuellem, durchaus auch „Schrägem“, um nicht zu sagen „Skandalösem“ – zu ergänzen. Aber schauen wir der Reihe nach nochmals durch:</p> <ul> <li>„Alles hängt mit allem zusammen“, dies ist ein revolutionäres Zitat von A.v. Humboldt, übernommen auch als häufiges Bonmot hier im Anthropozäniker-Blog sowie in vielen meiner Vorträge. Es gilt in den Zeiten des Anthropozäns – im Sinne eines <strong>ganzheitlichen, systemischen Ansatzes</strong> – natürlich insbesondere auch für Bildung und Zukunftsgestaltung (z.B. Leinfelder 2018a,b, 2020a, Leinfelder &amp; Lehmann 2015, ggf. auch <a href="https://www.youtube.com/watch?v=4-4cOuriGpU" rel="noopener" target="_blank">hier (youtube</a>)).</li> <li>Ebenso gelten die hier immer wieder erwähnten <strong>Herausforderungen des Anthropozän</strong>s auch im <strong>Kontext Bildung zur Zukunftskompetenz</strong>. Dies betrifft insbesondere die hier bereits behandelte <strong>Sektoralisierung</strong> unserer Welt, um sie besser „bearbeitbar“ zu machen, also die Aufteilung von Behörden und Verwaltungen in „fachspezifische“ Abteilungen bzw. Ministerien, aber natürlich auch Gliederung in Fächer, Fach- und Wissenschaftsbereiche in Wissenschaften und Bildung. Wie schon mehrfach hier erwähnt, ist nichts gegen tiefgehende, fachspezifische Forschung und Bildung zu sagen, allerdings muss diese gerade in der heutigen Zeit auch wieder stärker fächerverbindend und fachübergreifend, also interdisziplinär und ggf. transdisziplinär verbunden werden, damit die Kleinteile des Wissenspuzzles wieder zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden können, etwa im Humboldtianischen Sinne. (siehe hierzu viele Beiträge in diesem Anthropozäniker-Blog, bzw Leinfelder 2020b, 2023 etc.)</li> <li>Auch unser „westlicher“ <strong>Dualismus</strong>, also die Suche nach der EINEN richtigen Lösung für einen komplexes Problempaket, sowie unser Wunsch nach <strong>Ranking</strong>, d.h. Abarbeitung komplexer, zusammenhängender Problemkreise zerlegt in Einzelprobleme, in ihrer angeblichen Wichtigkeit gereiht und dann nacheinander abgearbeitet werden sollen, gehört zu diesem Herausforderungspaket (Leinfelder et al. 2025).</li> <li>Versucht man, Obiges bereits im Schulunterricht zu thematisieren und neue, zukunftsorientierte Unterrichtswege zu beschreiten, ist dies eine weitere große Herausforderung, da Derartiges mit einem “weiter wie bisher”-Schulunterricht nicht zu machen ist und damit also die Ausbildung wie auch Fort- und Weiterbildung von Lehrer*innen auch entsprechend erweitert werden müssen. Manche möchten solche notwendigen Änderungen verhindern, dies aber nicht zugeben, weshalb sie  sich auf ein Bild von Lehre berufen, das längst überholt ist und einer zeitgemäßen schüler- oder studierendenzentrierten Didaktik widerspricht. Dieser Beitrag behandelt im Kontext von neuen, interdisziplinären und zukunftsorientierten Unterrichtswegen (und damit einhergehend auch neuen Unterrichtsformen) einen derartigen,  nicht nachvollziehbaren (um nicht zu sagen, skandalösen) Vorgang. </li> </ul> <h3>2. Herausforderungen (nicht nur) für den Unterricht</h3> <p>Für den schulischen Unterricht bedeutet all dies, dass neben dem Fachunterricht insbesondere auch der fächerverbindende und fächerübergreifende Unterricht sehr wichtig ist und vor allem immer noch wichtiger wird. Dies gilt nicht nur, aber insbesondere auch bereits für die Primarstufe. Unsere heutige Weltsituation zeigt ja mehr denn je, wie Probleme zusammenhängen, sich gegenseitig bedingen, miteinander wechselwirken und oft verstärken, sich dabei zu Kipppunkten zusammenbrauen, und vieles mehr. Diese Weltsituation zeigt aber auch, wie Mächteverhältnisse, insbesonderer auch finanzieller Art sowie die „Eigentumsfrage“ (siehe z.B. „<a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/wem-gehoert-die-erde/" rel="noopener" target="_blank">Wem gehört die Erde?</a>“) hier enorm viel Wichtiges verhindern, und zunehmend Diskurse wegen der „Spaltpille” <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/kann-das-anthropozaen-gegen-populismus-und-fake-news-helfen/" rel="noopener" target="_blank">Populismus</a> unmöglich werden. Dies betrifft auch die Zukunftskompetenzen. Hier ist es wieder die Suche nach der EINEN, „richtigen“ Zukunftslösung, dem „richtigen“ Zukunftspfad, auf dem wir dann wieder 200 Jahre ruhig voranschreiten können. Die Zukunftsdiskussion ist damit zu einer Farce verkommen, denn es gibt einfach keine „Silver Bullets“, die mit einem „Schuss“ alles regeln, genauso wie es keine, uns aus Science Fiction doch so gut bekannte Supermänner/-frauen gibt, die dann in letzter Minute doch noch alles wieder retten und richten, puh! So sind etwa beim Thema Klimakrise weder CCS noch Nuclear Fusion solche „Silver Bullets”, doch sie könnten – bei entsprechenden Tests auf Machbarkeit und Nebenwirkungen vor ihrem zukünftigen Einsatz – ggf. Teil späterer, gemischter Zukunftsportfolios werden, welche aber eben auch erneuerbare Energien, Suffizienzansätze, enorme Ausweitung des Recyclings und ja, natürlich auch reaktive Schutzmaßnahmen beinhalten müssen.</p> <p>Leider sind wir Erwachsene meist ziemlich gefangen in dem, was wir kennen, also dem „Weiter wie bisher“-Pfad, obwohl wir eigentlich wissen, dass wir es anders machen sollten. Aber den meisten von uns fehlt das Vorstellungsvermögen dazu, vor allem auch weil wir uns sicherer fühlen bei dem, was wir bereits kennen; Vertrautes gibt man halt so ungern auf, denn das Neue erscheint so fremd. Damit ergeben sich für Zukunftsszenarien meist nur kleinere Abweichungen von diesem BAU-Pfad – die Zukunfswissenschaften nennen dies die explorative Pfadgruppe (also ausgehend vom Bekannten und Weitermachen mit eher kleineren Abweichungen davon, siehe Abb 1a, b. Uns fehlt schlichtweg das Vorstellungsvermögen, andere Wegmöglichkeiten zu erdenken, also weitere mögliche Zukünfte zu imaginieren und daraus dann auch wünschbare Zukünfte herauszufiltern sowie Gestaltungswege dorthin zu finden. Mögliche Zukunftspfade sollten dann miteinander begangen werden, um zu sehen, ob wir da wirklich vorankommen. Also nochmals: wir benötigen keine Suche nach „Silver Bullets”, sondern müssen gemischte Portfolios von Lösungsansätzen zusammenstellen, deren Wirksamkeit überwacht wird, und die immer wieder auch umgebaut werden können, ja sollten, sofern etwa neue Technologien, neue Bereitschaften in der Bevölkerung oder auch zu große Nebenwirkungen verwendeter Techniken festgestellt werden. Es sollte also gemeinsam, jedoch auf vielen Wegen in eine kreative und offene Zukunft gehen (mehr dazu siehe z.B. <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/haus-zukunft-berlin/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/zukunft-teil3-zukuenfte/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> im Blog sowie Leinfelder 2016, 2020b). Dazu benötigen wir aber sehr viel Imaginationsfähigkeit, die uns leider oft – um nicht zu sagen: meist – fehlt.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1116" sizes="(max-width: 1894px) 100vw, 1894px" src="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg 1894w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-300x177.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-1024x603.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-768x453.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-1536x905.jpg 1536w" width="1894"></img></a><aside></aside></p> <p><span>Abb. 1a: Weshalb Szenarien? Der Zukünfte-Szenarientrichter mit Erläuterungen nach Steinmüller (2011), mit kleinen Änderungen und Ergänzungen. (Version aus Leinfelder 2023).</span> </p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1196" sizes="(max-width: 1822px) 100vw, 1822px" src="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr.jpg 1822w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr-300x197.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr-1024x672.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr-768x504.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr-1536x1008.jpg 1536w" width="1822"></img></a></p> <p><span>Abb. 1b: Grafische Hinführung zum Mehrwege-Zukünfte-Konzept (basierend auf Leinfelder 2014), Grafik von Tanja Föhr (aus Leinfelder &amp; Föhr 2015, siehe dort auch weitere graphische Umsetzung des Konzepts.) </span></p> <h3>3. Potentiale für die Zukunftsgestaltung: Imagination fördern, fächerübergreifend ausbilden, selbst Wissen schaffen, ausprobieren.</h3> <p>Hier kommt gleich die <span>nächste</span> Herausforderung: Obige Herausforderungsliste benötigt doch hochkomplexe, insbesondere auch wissenschaftliche Ansätze zu ihrer Bewältigung – was haben denn die Schulen damit zu tun, gar die Grundschulen? Dies ist sehr einfach zu beantworten: Wie oben geschildert,<span> brauchen wir eine viel bessere Imaginationsfähigkeit. </span>Das Imaginationsvermögen von Kindern ist bekanntermaßen besonders im jungen Alter enorm gut ausgeprägt, dies ist also eine offene Türe, um bereits junge Kinder auch für Zukunftsfragen besser zu schulen und insgesamt die verbundenen Themenkomplexe besser in unseren ethischen Wertekanon mit einzubringen (auch hierzu u.a. Leinfelder 2018a,b, 2020a,b, Leinfelder &amp; Sippl 2023a,b).</p> <p>Natürlich ist die Notwendigkeit zum Erreichen einer besseren KulturNatur-Kompetenz (CNL-Literacy) und Zukünfte-Kompetenz (Futures Literacy) nicht nur auf die Primarschulen begrenzt. Wir müssen insgesamt <em>Wissen schaffen </em>(also Wissenschaften), <em>Wissen lernen </em>(also Bildung) und <em>erlerntes Wissen nutzen und verbreiten</em> (also Aus-/Weiterbildung, Wissenschaftskommunikation, Anwendung), was alles ebenfalls besser verknüpft werden muss. Viel mehr Wissenschaftler*innen als früher sind heute bereit, ihr geschaffenes Wissen auch zu kommunizieren. Auch bei DFG-Anträgen (sowie bei vielen anderen Formen der Forschungsförderung) ist seit längerem nun immer auch anzugeben, wie neue Projekt-Forschungsergebnisse dann kommuniziert werden sollen. Früher (und z.T. noch heute) wurde man als Wissenschaftler*in, der/die auch Wissenschaftskommunikation betreibt, allerdings schon mal gefragt, ob man seine Forschung eingestellt habe, wenn für derartiges wie „Wisskomm” Zeit bleibt, bzw. ob man den Journalist*innen ihre Jobs wegnehmen möchte. Ja, ich weiß leider auch aus eigener Erfahrung, wovon ich hier spreche.</p> <p>Dabei sollte doch Wissenskommunikation ein echtes Bedürfnis sein. Um von mir zu reden: Mir war es schon als Diplomand, der dort am Mikroskop über 150 Millionen Jahre alten, selbst ausgebuddelten Mikrofossilien saß bzw. sich dann später mit ebenso alten Korallenriffen beschäftigte, wichtig, mir selbst die mich umtreibende Frage zu beantworten, was denn die ganze Welt von diesen Studien habe. Ja, Minipuzzleteile zum besseren Verständnis der Evolution der Lebensformen und ihre Ansprüche sowie Anpassungsfähigkeiten, das war die Antwort, die ich schon damals sah und die mich beruhigte. Tatsächlich hat sich viel später herausgestellt, dass insbesondere bei den Korallenriffen die Kenntnis ihrer evolutionären und adaptiven Entwicklung von ihren Ursprüngen bis heute maßgeblich auch zur Einschätzung der weiteren Entwicklung / des möglichen Untergangs heutiger Riffe (Stichwort „atavistische“ Korallen, siehe z.B. <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/zukunftsoptionen-fuer-korallenriffe/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/die-zukunft-der-korallenriffe-auftakt-zum-internationalen-jahr-des-riffs-iyor-2018-deutsche-aktivitaeten/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/zombie-riffe-im-anthropoz-n/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> im Blog sowie z.B. Leinfelder 2019, Cardoso et al. 2025 sowie <a href="https://www.fu-berlin.de/en/featured-stories/research/2025/corals-at-risk-gabriel-cardoso/index.html" rel="noopener" target="_blank">Feature dazu</a>) immer wichtiger wurde.  Und weil ich also schon immer schon meinte, dass bereits in den Schulen neues Wissen in entsprechender, adäquater Weise eingebracht werden sollte, habe ich quasi vom Anfang meiner Laufbahn an – und zunehmend verstärkt – an Wissenschaftskommunikation und Bildungskooperationen mit Schulen gearbeitet. Wegen meiner Überzeugung, dass Wissenskommunikation überaus wichtig für die Gesellschaft sei, habe ich zukunftsrelevante Ausstellungen mitinitiiert und mitkonzipiert (so etwa die weltweit erste große Anthropozän-Ausstellung am Deutschen Museum München), sowie Museumsleitungen an naturkundlichen Museen, aber auch fürs damals zu gründende „Haus der Zukunft” / „Futurium” in Berlin übernommen, dabei auch immer wieder mit Schüler*innen Ausstellungen gemacht bzw. Ausstellungen für Schulen mitkonzipiert (die an Schulen ausgeliehen wurden, wenn sich dort viele Lehrkräfte aus verschiedenen Fächern gemeinsam mit dem Thema beschäftigten) (siehe z.B. Leinfelder et al., 1998/2002, 2007, Leinfelder 2010a,b, 2021, Leinfelder &amp; Zinfert 2015). Bildbasierte Formate waren und sind dabei ebenfalls überaus wichtig. Thematisch ging es vom wohl ersten <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/forschung-und-entwicklung/anthropozaen/mutmachbuch" rel="noopener" target="_blank">Kinderbuch zum Anthropozän (ab 8 Jahren)</a> (Abb. 2) bis hin zu Sachcomics für ältere Jugendliche und Erwachsene, darunter die „Übersetzung“ eines 400-seitigen Hauptgutachtens des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung (dem ich damals angehörte) zur Großen Transformation in einen Comic (Hamann et al. 2013, siehe z.B. <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/forschung-und-entwicklung/anthropozaen/mutmachbuch" rel="noopener" target="_blank">hier</a> oder <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/trafocomicprojekt/" rel="noopener" target="_blank">hier</a>), ein Begleit-Sachcomic zur großen Anthropozän-Ausstellung im Deutschen Museum (Hamann et al. 2014), aber auch die Darstellung großer Forschungsprojekte als Wissenscomics, etwa das Projekt „Die Anthropozän-Küche” des Excellenzclusters Bild-Wissen-Gestaltung (Leinfelder et al. 2016, siehe auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/anthropozaen-kueche/" rel="noopener" target="_blank">hier im Blog</a>) oder die <a href="https://macobios.eu/prp/other-products/" rel="noopener" target="_blank">Ergebnisse des EU-Projekts MaCoBios auch als Sachcomic</a> (Tregardot et al. 2025). Auch die Arbeit der Internationalen Anthropocene Working Group wurde als Wissenscomic umgesetzt (Hamann et al. 2024, Leinfelder &amp; Hamann 2025).</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2000px) 100vw, 2000px" src="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg 2000w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-1536x1152.jpg 1536w" width="2000"></img></a></p> <p>Abb. 2:  Das in Kooperation mit der PH produzierte Mutmachbuch von Laibl et al. (2022), mit Buchcover (links), Seitenbeispielen (rechts) sowie Buchcover der umfangreichen Lehrhandreichungen dazu. (Näheres dazu <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/forschung-und-entwicklung/anthropozaen/mutmachbuch" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>)</p> <p>Solche bildbasierten Formate, also auch Sach-Comics, haben Ähnlichkeiten mit Ausstellung: beide sollten nicht ausschließlich „linear“ sein, also wie Filme, Bücher, Frontalunterricht etc., sondern stellen „slow Media“ dar. So erlauben es Wissenschaftscomics (ähnlich wie auch Ausstellungen), Komplexitäten zu vermitteln, indem man verschiedene Handlungs- und Zeitstränge nebeneinander herlaufen lassen und darin „umherspringen“ kann (siehe hierzu auch Hangartner et al. 2013, Heydenreich 2019, Wagenbreth 2023, Leinfelder &amp; Hamann 2025, Leinfelder et al. 2015, 2017) und fördern damit eben auch die Schulung unseres Imaginationsvermögens. Um dies auch im Unterricht zu ermöglichen, wurden unsere Sachcomics in fast allen Fällen durch umfangreiche Lehrhandreichungen (siehe z.B. <a href="http://anthropocene-kitchen.com/fileadmin/user/handreichung/Mehlwurmburger/Mehlwurmburger-web.pdf" rel="noopener" target="_blank">hier</a> und <a href="https://www.deutsches-museum.de/museum/verlag/publikation/willkommen-im-anthropozaen" rel="noopener" target="_blank">hier</a> und <a href="https://userpage.fu-berlin.de/leinfelder/palaeo_de/leinfelder/freepdfs/die_grosse_transformation_web.pdf" rel="noopener" target="_blank">hier</a>) ergänzt (siehe auch Abb 2). Auch viele andere an den Schulunterricht anpassungsfähgige Formate, wie Zukunftswerkstätten, Design Thinking-Projekte, Repair Cafés, partizipative Exkursionen, Monitoringprojekte uvm. (s. Abb. 3) ermöglichen das Erkennen von Zusammenhängen, der Bedeutung der Natur für uns und unsere Zukunft, sowie die Schulung unseres Imaginationsvermögens. Sie können damit wichtige Beiträge zur Erarbeitung einer  CultureNature Literacy und einer Futures Literacy liefern (siehe auch Leinfelder &amp; Sippl 2023a,b; zu partizipativen Monitoring-Projekten siehe auch die Dissertation von A. Rost 2014).</p> <p>Abb. 3: Beispiele für fächerübergreifende Aktivformate auch für den schulischen Unterricht. (Vortragsfolie Leinfelder, näheressiehe Text)</p> <p>Dies alles waren ja immer wieder auch wichtige Themen hier im Anthropozäniker-Blog. Wer aber erarbeitet insgesamt das Wissen um derartige Projekte, stellt den schulischen Unterricht in entsprechender Weise neu auf, so dass eben die fächerübergreifenden Aspekte und damit auch CultureNature-Literacy, Futures-Literacy auch erarbeitet und im schulischen Unterricht umgesetzt werden können? Daran sind natürlich viele beteiligt, wie der nachfolgende kurze Überblick klar machen und an einem herausragenden Leuchtturmbeispiel verdeutlichen möchte.</p> <h3>4. Die Rolle der Hochschulausbildung von Lehrkräften für die Primarstufe und Sekundarstufe I</h3> <p>Früher waren in Deutschland Pädagogische Hochschulen (PHs) für die (damalige) Volksschulausbildung für Lehramtsstudierende zuständig. Häufig (etwa in Bayern) waren sie römisch-katholisch oder evangelisch ausgerichtet. Forschung sowie Ausbildung für angehende Gymnasiallehrer*innen waren an den Universitäten angesiedelt. Details hierzu führen für diesen Blogpost zu weit (siehe ggf. hier <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pädagogische_Hochschule" rel="noopener" target="_blank">https://de.wikipedia.org/wiki/Pädagogische_Hochschule</a>). Allerdings wurden die PHs in Deutschland etwa ab den 1970er Jahren zunehmend abgeschafft (in den östlichen Bundesländern nach der Wende). Nur Baden-Württemberg hat heute noch PHs, die alle jeweils eine etwas unterschiedliche Schwerpunktsetzung haben und auch auch über Promotions- und Habilitationsrecht verfügen. Im restlichen Deutschland findet die Lehrkraftausbildung auch für die Primarstufe i.d.R. nun in den Sektoren der Fachdisziplinen statt, ergänzt durch spezielle Kurse, die von Lehrveranstaltungen in pädagogischen Fachbereichen (bzw. in anderen Fachbereichen – etwa Sozialwissenschaften, Psychologie etc.-  angesiedelten pädagogischen Fachgebieten) sowie Referendarzeiten ergänzt werden. Damit wurde auch die Primarstufe doch deutlich fachspezifischer, was fächerverbindende und -übergreifende Projekte erschweren kann, aber nicht muss.</p> <h4><strong>4. 1. Der österreichische Weg: Pädagogische Hochschulen</strong></h4> <p>Österreich ging hier einen anderen Weg. Dort gibt es derzeit neun öffentliche und vier private Pädagogische Hochschulen, dazu eine zusätzlich für Agrar- und Umweltwissenschaften. Vor 2006 gab es keine PHs, dafür verschiedenste Pädagogische Akademien und Institute, die dann österreichweit ab Oktober 2007 zu Pädagogischen Hochschulen zusammengefasst wurden, welche für die Primarstufe und Sekundarstufe I zuständig sind. (Näheres siehe z.B. hier: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bildungssystem_in_%C3%96sterreich">https://de.wikipedia.org/wiki/Bildungssystem_in_Österreich</a>.) Obwohl die österreichischen PHs an die jeweiligen Bundesländer angebunden sind, unterstehen sie (im Unterschied zu Deutschland) direkt dem nationalen Bildungsministerium. Die PHs haben neben den Ausbildungsaufgaben auch Forschungsaufgaben. Auch ist ihr Spektrum durchaus unterschiedlich, was die derzeitige österreichische Regierung mit einem Bildungsminister aus der Partei NEOS (einer Abzweigung der FPÖ, ausgeschriebener Name: „Das Neue Österreich und Liberales Forum”) jedoch im Rahmen des aktuellen Regierungsprogramms ändern möchte (siehe dazu <a href="https://www.bmb.gv.at/Themen/regierungsprogramm.html" rel="noopener" target="_blank">Regierungsprogramm, u.a. S. 214, Bullet 3</a>).</p> <h4><strong>4.2 Der Leuchtturm Pädagogische Hochschule Niederösterreich</strong></h4> <p>Ein besonders herausragendes Beispiel, welches in den letzten Jahren sogar ein großes EU-Projekt („<a href="https://cnl.ph-noe.ac.at" rel="noopener" target="_blank"><em>CultureNature Literacy: Curricular key competences for shaping the future in the Anthropocene</em></a>“) mit vielen anderen europäischen Partnern organisiert und geleitet hat und des weiteren auch einen Unesco Chair für „<a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/ph-noe/unesco-chair/learning-and-teaching-futures-literacy-in-the-anthropocene" rel="noopener" target="_blank"><em>Learning and Teaching Futures Literacy in the Anthropocene</em></a>“ eingeworben hat, sei hier besonders genannt: Die <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/" rel="noopener" target="_blank">Pädagogische Hochschule Niederösterreich</a> (University College of Teacher Education Lower Austria, PH NÖ).</p> <p>Weshalb ist dies hier von Interesse? Nun, zum einen, weil für die Ausbildung zur Primarstufe, wie oben erwähnt, möglichst viel Fächerverbindendes und Fächerübergreifendes notwendig ist und eben auch die Imaginationsfähigkeit sowie mit innovativen Lehransätzen auch CultureNature- und Futures Literacy in der Primarstufe besonders gut entwickelbar sind. Das ist beim heutigen Schulsystem in Deutschland nicht so leicht möglich, auch wenn es selbstverständlich auch dort fächerübergreifenden Unterricht gibt (siehe dazu aber <a href="#Kollegen">unten</a>). Auch die Forschung zu neuen inter- und transdisziplinären Schulbildungsansätzen ist damit ebenfalls besser möglich, wie das Beispiel der PH NÖ gut zeigt. Dort existiert sogar eine eigene Literaturreihe, „Pädagogik für Niederösterreich”,  in der viele der Forschungs- und Projektergebnisse der PH NÖ und ihrer Partner dokumentiert und dauerhaft (in <a href="https://www.studienverlag.at/produkt-kategorie/reihen/paedagogik-noe/" rel="noopener" target="_blank">Buchform</a>, aber seit etlichen Jahren auch als <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/forschung-und-entwicklung/schriftenreihe-paedagogik-fuer-niederoesterreich" rel="noopener" target="_blank">open access eBooks</a>) zugänglich sind. Und ja, ich bin überaus begeistert von der PH NÖ, nicht nur, aber auch, weil sie das Thema Anthropozän, beginnend beim Rektor der Universität (siehe z.B. Rauscher 2022), bis weit darüber hinaus als äußerst geeignet für ihren zukunftsorientierten, konstruktiven und verantwortungsgelenkten Ansatz ansehen und verwenden, genauso wie sie auch sehr am Potenzial bildbasierter Formate für die Lehre interessiert sind. Ich wurde im Februar 2019 erstmals vom Rektor zu einem Vortrag eingeladen, mein Vortragsthema damals lautete „<em>Von der Umwelt zur Unswelt – Das Potenzial des Anthropozän-Konzepts für den Schulunterricht</em>“, also ganz „Anthropozäniker-like”. Es ergab sich schon damals eine spannende Diskussion zum Begriff <em>Umwelt</em> und <em>Unswelt</em>; Rektor Rauscher brachte dazu noch den Begriff „<em>Wirwelt</em>“ mit ein (siehe dazu auch Rauscher 2020). (Nicht nur) diese Diskussion führten wir über etliche Jahre in überaus konstruktiver und gegenseitig befruchtender Weise (und derzeit ist in oben erwähnter Reihe auch eine gemeinsame Publikation dazu im Druck, siehe Leinfelder, Rauscher &amp; Sippl 2025). Ich war auch zu weiteren Vortragsterminen an der PH NÖ, führte z.T. dort auch Lehre durch (in Corona-Zeiten hybrid bzw. via VidCon) und wurde auch assoziierter Partner der PH NÖ für das CNL-EU-Projekt. Ja, ich verdanke dem Rektor, dem UNESCO Chair und der gesamten PH NÖ sehr viel für meine inhaltliche Weiterentwicklung in den letzten Jahren. Für Näheres zu den spannenden Aktivitäten dieser Leuchtturm-PH mit ihren wegweisenden Projekten und Zentren (etwa Zentren Lernen-Lehren, Zukünfte-Bildung, Prohairesis-Demokratie etc.)verweise ich auf die <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/" rel="noopener" target="_blank">Webseite der PHNÖ</a> (die leider nun doch eingedünnt wurde, siehe dazu auch nachfolgend). Ja, sicherlich gibt es auch etliche weitere Leuchttürme in der Bildung für eine anthropozäne Zukunft, darunter Universitäten oder auch andere Forschungsinstitutionen (wie etwa das Karlsruher Institut für Technologie, die Universität Augsburg oder auch das Institut Futur der Freien Universität Berlin, an denen auch ich u.a. an Ringvorlesungen beteiligt war). Aber die PH NÖ ragt, zumindest nach meiner Einschätzung, wegen der Gesamtheit und Kooperationsfähigkeit ihres Teams da doch noch deutlich weiter hervor. Überaus vieles verdankt sie hier der Initiativen und der Unterstützung durch Rektor Rauscher, den ich als überaus offenen, konstruktiven, dialogbereiten, sympathischen, wissensdurstigen, unkonventionellen, unterstützenden, fördernden und alle mitnehmenden Menschen kennen und überaus schätzen lernte. Hätten doch viel mehr Führungspersonen so ein „Kaliber”! </p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2000px) 100vw, 2000px" src="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic.jpg 2000w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic-1536x1152.jpg 1536w" width="2000"></img></a></p> <p><span>Abb. 4: Links: Überreichung des Sammelbandes „Die Verführung zur Güte” an den Rektor der PHNÖ, Herrn Prof. Rauscher (links) als Festschrift anlässlich seines  70. Geburtstags (im Jahr 2020). Neben ihm Grafikkünstler Leopold Maurer. Die Festschrift wird von Leitsätzen des Rektors durchzogen, die von L. Maurer in Comic-Paneele übersetzt wurden (mit dem Rektor in Comic-Form) und auch die Festschrift durchziehen. Rechts ein Beispiel dazu (zu weiteren Infos <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/news/news-detail/paedagogische-leitsaetze-als-comic" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>)</span></p> <p>Warum ist mir meine Erfahrung um die PH NÖ und rund um Prof. Dr.Dr. Erwin Rauscher hier so wichtig? Wir haben ja noch den Begriff „Abbruchsvorhaben“ im Titel, wozu wir gleich kommen werden. <a id="Kollegen"></a>Aber zuvor noch generell zu einer weiteren „Herausforderung”, die es natürlich weit verbreitet – aber nicht dermaßen bekannt – eben auch an Forschungs- und Bildungsinstitutionen gibt, wobei ich keinesfalls verallgemeinern möchte, sondern nur wenige Beispiele in allgemeiner Art herausgreife. Es geht um Kolleg*innen, die teilweise – und aus verschiedenen Gründen – doch sehr kritisch auf so manches schauen, was man ggf. anders macht als sie dies tun. Schon in den Anfängen meiner Kooperationen mit Schulen berichtete mir eine ältere, leider schon längst verstorbene, hochverdiente Lehrerin, dass viele angehende junge Lehrkräfte mit hohem Elan und überaus guten Projektideen, gerade auch für fächerübergreifenden und fächerverbindenden Unterricht, von den Hochschulen kommen und bald versuchen, derartige Projekte an ihren Schulen zu etablieren. (Zu) viele ältere Kolleg*innen würden dabei allerdings sehr kritisch auf den Elan und die Innovationsfreude der jungen blicken, und diese dann häufig ausbremsen, aus Angst, derartiges würde dann von ihnen auch erwartet. Manche begründen diese Ablehnung auch ganz formell damit, dass solche neuen Formate, wie Zukunftswerkstätten, Design-Thinking-Projekte, Outdoor-Seminare, selbständige Geländearbeiten u.v.m. ja gar nicht in Lehrplänen vorgesehen sind, keine behördlich zugelassenen Materialien dazu vorlägen, bzw. Mehrkosten entstünden, die nicht wirklich abrechenbar seien. Das hat durchaus einen wahren Kern, es gehört also schon auch etwas Mut dazu, derartig Neues anzupacken und das Vorgehen ggf. auch zu verteidigen (s.u.).</p> <p>Aus eigener Erfahrung mit meiner Universitätslaufbahn (die über viele Stationen und Institutionen an verschiedenen Orten führte) hab ich durchaus auch Neid-Vorbehalte unter Kolleg*innen kennengelernt, etwa nach dem Motto „<em>Der ist laufend in den Medien mit seinem neuen Zeugs, als ob das Anthropozän etwas mit Geologie und Paläontologie zu tun hätte!</em>” (doch, das hat es, und wie!). Oder auch Neid, dass Studierende bei Wahlpflichtveranstaltungen oft eher solche mit neuen Themen wählten, statt sich den klassischeren Themen zuzuwenden. (Warum fällt mir da wieder das Anthropozän ein?) Dies ging so weit, dass ein Kollege einmal einen extrem kritischen Zeitungsartikel zum Anthropozän (Titel: Epochaler Irrtum) vergrößert als Poster im Forschungsposterformat des Departments direkt neben der Ankündigung meiner Anthropozän-Kurse aushängte (- wir haben dies danach konstruktiv besprochen und gelöst -) oder sich ein anderer Kollege einmal weigerte, eine Studierende in seinem Fach zur Abschlussprüfung zuzulassen, weil sie ihre schriftliche Abschlussarbeit zum Thema Anthropozän durchgeführt hatte (, was dann auch noch irgendwie gelöst wurde). Oder auch, dass angeblich keine Verlängerung meiner aktiven Tätigkeit nach Erreichen des 65. Lebensjahrs möglich war (was der Fachbereich hätte bewilligen müssen). Nach einer Initiative der Studierenden (die unbedingt nochmals einen Anthropozän-Kurs haben wollten) gemeinsam mit dem Studiendekan gab es dann doch noch einen einsemestrigem Lehrvertrag, so dass der interdisziplinäre Anthropozän-Kurs nochmals stattfand. </p> <p>Lassen wir es bei diesen Beispielen bewenden und kommen zurück zum Beispiel der PH NÖ und ihrem so überaus beeindruckenden Kanzler (Kanzler ist hier im Österreichischen im Sinne eines Hochschulpräsidenten bzw. -rektors gemeint, nicht als Finanz- und Verwaltungschef einer Universität, wie dies in Deutschland häufig der Fall ist).</p> <h4><strong>4.3 Abbruchinitiierung eines überragenden Leuchtturms? </strong></h4> <p>Die Aktivitäten der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich (PH NÖ) sind – nicht nur – in Österreich in vieler Munde. Nicht nur, gerade aber auch die projektbasierten, institutsübergreifenden Aktivitäten, mit entsprechend vielen Drittmitteleinwerbungen, sind sehr gut und sehr weit sichtbar. Wegen dieser herausragenden Sichtbarkeit werden dann schon auch ab und an von den Ministerien entsprechende Papiere, etwa zur Zukunftskompetenz-Entwicklung in der schulischen Bildung erwünscht, die man dann natürlich auch erstellt und zuschickt. Ja, da kann es schon mal ein paar Probleme geben, etwa: wer hatte die Idee zu Polyzukünften und deren Einbringung im Unterricht?. Sind Polyzukünfte dasselbe wie die polyperspektivischen Zukünfte, auf denen u.a. das Gründungskonzept eines gewissen Leinfelders für das Berliner Haus der Zukunft / Futurium beruht (siehe <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/haus-zukunft-berlin/" rel="noopener" target="_blank">hier im Blog</a> sowie Leinfelder 2016)? Was sind Unterschiede und Verbindungen zwischen Umwelt, Mitwelt, Unswelt, Wirwelt? (siehe Leinfelder, Rauscher &amp; Sippl. 2025)? Wer schickt dann mit wem etwas an das Ministerium und was wird dabei zitiert? Da kann es schon mal Abstimmungsbedarf geben, aber all das ist (und war) lösbar. </p> <p>Anders sieht es jedoch derzeit aus. Prof. Rauscher, der Gründungsrektor und seit 2006 durchgängig Rektor der PHNÖ, also nicht nur Erbauer, sondern mit seinem gesamten Team aktiver Miterweiterer und ja, auch Wächter dieses Leuchtturms, wurde geschasst, genauer: über Nacht vom Bildungsministerium als Rektor abberufen, in den Ruhestand geschickt und strafrechtlich angezeigt. Sein Name wurde auch innerhalb von Minuten von der Webseite der PH NÖ getilgt, zumindest von der Rektoratseite und anderen Einträgen ist er komplett verschwunden, so als hätte es ihn nie gegeben (die Webseiten der PHs werden übrigens vom österreichischen Bildungsministerium “mitbetreut”, oha!). Dann gleich noch eine heftige Pressemeldung raushauen (via APA, der österreichischen Presseagentur, die von den Medien sofort und quasi völlig unüberprüft übernommen wurde? Siehe z.B. hier: die <a href="https://www.sn.at/panorama/oesterreich/rektor-paedagogischen-hochschule-noe-185360365" rel="noopener" target="_blank">APA-Meldung in den Salzburger Nachrichten vom 2.10.2025</a>.  Was ist passiert? Honni soit que mal y pense? Oder hat da wer gezündelt und der ganze Leuchtturm ist versehentlich abgebrannt? Nein, der Betrieb geht weiter. Aber es läuft wirklich eine handfeste Intrige dort ab, anders kann ich es leider nicht bezeichnen. Ich bin an der PHNÖ nur assoziierter Projektpartner, bin mit dem österreichischen Bildungssystem nicht so vertraut wie mit dem deutschen (siehe auch oben) und will grundsätzlich niemanden direkt anschwärzen. Doch ein paar Aspekte zu diskutieren sei erlaubt, weil es sich nicht nur um ein m.E. skandalöses Vorgehen gegen einen überaus geschätzten Kollegen handelt, sondern viele andere davon in Mitleidenschaft gezogen werden, und damit auch der ganze Leuchtturm stark beschädigt wird. Vor allem aber möchte ich dazu berichten, weil auch für das Unterrichten viel daraus gelernt werden kann. Ich versuche mich möglichst kurz zu fassen und verweise für Vertiefungen auf einige, unten angegebene Medienartikel, damit sich die Anthropozäniker-Leser*innen ihre eigene Meinung bilden können. Aus einigen Medienartikeln erlaube ich mir, kurze, als solche kenntlich gemachte Ausschnitte, wiederzugeben bzw. sie direkt im Text zu verlinken.</p> <p><strong><em>Zur Anschuldigung: <br></br></em></strong>Die in vielen Medien nachzulesenden Anschuldigungen lauten zusammengefasst so.  “<em>Das Bildungsministerium hat Erwin Rauscher, den Rektor der Pädagogischen Hochschule (PH) Niederösterreich, mit sofortiger Wirkung von seinem Amt abberufen. Das teilte das Ministerium von Christoph Wiederkehr (Neos) am Donnerstag in einer Aussendung mit. Grund dafür seien „schwerwiegende dienst- und strafrechtlich relevante Vorwürfe”</em> (aus: <a href="https://www.derstandard.at/consent/tcf/story/3000000290324/bildungsministerium-beruft-rektor-der-ph-niederoesterreich-ab-und-zeigt-ihn-an" rel="noopener" target="_blank">Der Standard vom 2.10.2025</a>). Weiter heißt es dort, „<em>es seien ‚fingierte Lehrveranstaltungen’ im Verwaltungssystem angelegt worden. .. Auch eine Strafanzeige sei eingebracht worden.” Dadurch sei wohl „ein mutmaßlicher Schaden in Höhe von mindestens 32.522 Euro entstanden</em>“. Die weiteren Details will ich nicht groß ausmalen. Nur soviel dazu: Es geht darum, dass dieses Verwaltungssystem vor allem für klassische Lehrveranstaltungen angelegt ist. Für alles andere, was Geld kostet, müsse man Lehraufträge abschließen. Dieses System ist also ähnlich unflexibel wie in Deutschland. Zusätzliche, gerade auch im Kontext der Lehre und des Lehrstudiums wichtige Aktivitäten, angefangen von Social Media-Training, über spezielle, neuartige Lehrprojekte (z.B. Monitoring draußen, Werkstattprojekte uvm) gelten formal nicht als klassische Lehre, wurden aber dennoch hier verbucht. Hätte man diese via Werksverträge abgeschlossen, wären etwa statt dieser 32.000 Euro Kosten von ca. 150.000 Euro entstanden (siehe hier <a href="https://www.oe24.at/oesterreich/chronik/niederoesterreich/verjagter-rektor-schlaegt-zurueck-habe-150-000-euro-eingespart/651567225">oe24 vom 7.10.2025</a>). (Vom gigantischen Verwaltungsaufwand, incl. „Ausschreiberitis” selbst für kleinste Vorhaben, oft unter der Missachtung von Wissenschaftsfreiheit und Lehrfreiheit mal ganz abgesehen, ich weiß, wovon ich spreche). Die PH NÖ hat somit also kräftig Kosten und Verwaltungsarbeit gespart. (Warum kommt mir da dieser Artikel in den Sinn, der darüber berichtet, dass unter diesem Bildungsminister das Ministerium in einem Monat 126.000 Euro für externe Beratung ausgegeben hat? Siehe hier: <a href="https://www.derstandard.at/consent/tcf/story/3000000275629/was-hinter-wiederkehrs-ueppigen-ausgaben-steckt" rel="noopener" target="_blank">Der Standard v. 26.6.2025</a>. Könnte es sein, dass Herr Rauscher ihm dies durch seine einsparende Abrechnung indirekt ermöglicht hat? Zynismus off). Das Ganze ist also ein verwaltungstechnisches, ein „legistisches” Problem, worauf auch der <a href="https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20251008_OTS0015/offener-brief-von-lehrenden-der-ph-noe-an-bm-wiederkehr-zur-abberufung-von-rektor-erwin-rauscher" rel="noopener" target="_blank">offene Brief der PH NÖ-Mitarbeiter*innen</a> (verantwortlich Prof. Christoph Hofbauer, ebenfalls PH NÖ) hinweist. Aber halt, angeblich machen es die anderen PHs ja überhaupt nicht so mit ihrer Abrechnung, solche Dummy-Veranstaltungen gäbe es da nicht, meint zumindest die derzeitige Vorsitzende der Rektor*innenkonferenz der österreichischen PHs, Prof. Beatrix Karl, ehemalige Justizministerin Österreichs, die nun selbst auch eine andere PH in Österreich leitet. Sie meinte dazu in der Kleinen Zeitung vom 10.10.2025: „<em>Eine Nachjustierung und mehr Flexibilität des Dienstrechts wäre wünschenswert, aber es funktioniert auch in seiner jetzigen Form. Es zwingt niemanden dazu, rechtswidrig zu agieren”</em> (<a href="https://www.kleinezeitung.at/oesterreich/20185027/eskalation-in-streit-um-geschassten-rektor-andere-phs-werden-gewarnt" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>). Nur dumm, dass im Kurier von 18.10.2025 (S. 5, Print, bzw. online <a href="https://www.pressreader.com/article/284279601309059" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>) ein Artikel mit dem Titel „<em>Fake-Kurse auch an der PH Steiermark?”</em> dazu herauskam. Oh, das ist ja die PH von Frau Karl. Hier nur der Teaser: „<em>Was in Niederösterreich zur Entlassung des Rektors führte, scheint andernorts auch System zu haben. An der PH Graz kann mal leicht 79 ‚Dummy’-Lehrveranstaltungen finden.”</em> Aha!</p> <p>Es gab übrigens auch eine interne Prüfung an der PHNÖ von all dem, die nichts Strafbares beanstandete. Und natürlich gibt es auch bei allgemein hervorragendem Arbeitsklima immer ein paar Ausnahmen. Und wenn mal Fehler passieren: Herrr Rauscher stellte sich immer auch vor evtl. Fehler anderer Mitarbeiter*innen und übernahm immer die Verantwortung. </p> <p>Ich muss nun zum Verständnis doch noch einmal auf Personelles eingehen. Sehr lange wurden alle Gesprächswünsche der Belegschaft mit dem Ministerium zur Causa Rauscher abgelehnt (drei unbeantwortete Schreiben an den Minister, sieben an die Sektionschefin), daraufhin gab es den oben erwähnten offenen Brief der Belegschaft ans Ministerium, was nach der Abberufung des Rektors doch noch zu einem Gespräch an der PHNÖ mit dem Generalsekretär des Ministers, Herrn Netzer, führte. Dieses Gespräch fand am 14.10.2025 statt und ist offensichtlich komplett entgleist;  ich war nicht dabei, mir wurde aber davon berichtet, und im schon oben erwähnten Artikel des Kurier vom 18.12.2025 wird auch dazu kommentiert; hier ein Ausschnitt daraus: „<em>Wie sehr die Nerven in der Causa Rauscher im Ministerium blank liegen, zeigt ein Vorfall bei einer Veranstaltung an der PH NÖ, bei der der Generalsektretär des Bildungsministeriums, Martin Netzer, seine Sicht der Causa Rauscher schilderte. Eine Hochschulprofessorin stellte dann in einer Wortmeldung fest, dass Rauscher immer ein umsichtiger Rektor gewesen sei, für ihn müsse jedenfalls die Unschuldsvermutung gelten. Netzer konterte scharf: ‚Ich bin erschüttert. Erschüttert über Ihr Rechtsverständnis. Und mache mir Sorgen, wenn Personen wie Sie mit diesem Rechtsverständnis unsere Lehrerinnen und Lehrer ausbilden.’</em>“</p> <p>Was soll man dazu sagen? Das war m.E. nichts anderes als eine „trumpeske” Bedrohung einer Professorin, die es wagte, die Unschuldsvermutung gerade auch für den honorigen Prof. Rauscher anzunehmen, bevor das Urteil in einem etwaigen Strafprozess gesprochen wird. Unglaublich! Mir wurde zusätzlich berichtet, das eine andere anwesende, schwangere Kollegin daraufhin ein medizinischer Notfall ereilte, so dass der Rettungsnotdienst gerufen werden musste. Mehr muss man zu diesem Auftritt wohl nicht sagen / schreiben.</p> <p><strong><em>Weitere Kollateralschäden und die Rolle der Politik<br></br></em></strong>Einer Person im Bildungsministerium scheint diese PH NÖ ein Dorn im Auge zu sein. Die PH NÖ kann offensichtlich mehr Forschungspublikationen als die anderen österreichischen PHs vorweisen und ist eben auch sehr innovativ: Anthropozän, Zukunftsaspekte, Werte, Verantwortung usw. usw.. Rektor Rauscher ist dabei keinesfalls eine „ultralinke” Socke, sondern ein wertebewusster, offener und kooperativer Mensch, dabei auch aktiver Christ, insgesamt fernab jeglicher Unterstellung von „<em>Wokeness”,</em> „Linksgrünversiffung” oder was auch immer für entsprechende Begriffe zur Demontage gewählt würden. Dennoch gab es schon im Sommer eine andere, ebenfalls absolut unnachvollziehbare heftige Rüge des Ministeriums für Rektor Rauscher. An einer mit der PH NÖ assoziierten Primarstufen-Schule war in einer Stellenausschreibung für eine Lehrkraft angegeben, dass auch Türkischkenntnisse sehr wichtig wären. Darauf gab es Reaktionen von ÖVP und FPÖ wie „<em>Deutsch müsse als Unterrichts- und Integrationssprache im Mittelpunkt stehen”</em> (ÖVP) und „<em>die Ausschreibung sei ‚unfair, unvernünftig und diskriminierend’ gegenüber heimischen Lehrkräften ohne Türkischkenntnisse. … ‚Deutsch [sei] auch in Pausen via Hausordnung durchzusetzen'”</em> (Landes-FPÖ), <a href="https://noe.orf.at/stories/3318144/" rel="noopener" target="_blank">siehe hier in ORF_at vom 18.8.2025</a>. Ja, genauso wie in Deutschland ist natürlich auch in Österreich an Volksschulen die Lehrsprache Deutsch, aber etliche der Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund, vor allem aber die Eltern dieser Kinder, haben oft Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Dass es solchen Familien überaus hilft bzw. sie z.T. sogar nur dann erreichbar sind, wenn sie in Gesprächen ggf. auch in der Heimatsprache sprechen können, ist doch bekannt. Damit ist dieser Wunsch nach Türkischkenntnissen absolut sinnvoll.</p> <p>Der junge Bundesminister ist von der Partei der NEOS (einer Abspaltung der FPÖ, <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/politiklexikon/17792/liberales-forum-neos/" rel="noopener" target="_blank">siehe hierzu die Bundeszentrale für politische Bildung, Deutschland</a> (schon etwas älter)); einen <a href="https://www.diepresse.com/19458600/zib-2-die-radikale-gesinnungsaenderung-des-christoph-wiederkehr" rel="noopener" target="_blank">Beitrag zum neuen Bildungsminister Österreichs von ORF-TV, ZIB 2 (vom 11.3.2025) gibt es hier</a>. Der langjährige Generalsekretär Netzer des Bildungsministeriums ist gleichzeitig auch noch Sektionschef der Präsidialsektion des Ministeriums, es steht aber offensichtlich ein Wechsel an; der Minister möchte seinen bisherigen Kabinettschef, Huber, zum Generalsekretär machen (<a href="https://www.diepresse.com/20188544/was-neos-personalien-mit-dem-streit-um-ph-rektor-rauscher-zu-tun-haben" rel="noopener" target="_blank">siehe Die Presse vom 10.10.2025</a>). Tendenzen, wonach von den Organisationsplänen bis zu den Curricula der PH’s möglichst Einheitlichkeit dominieren müsse, kann ich nur als Angriff auf die Themen Anthropozän und Zukunft interpretieren, die eben eine neue, aber überaus notwendige Sicht- und Denkweise schulen. </p> <p><strong><i>Bewertung der Causa Rauscher?<br></br></i></strong>Ich maße mir als Nichtjurist nicht an, eine juristische Bewertung des Vorgangs vorzunehmen. Ich wollte mit obigen Gedanken vor allem anregen, die wichtige Rolle der frühen schulischen Ausbildung für unsere vielfältigen, in neuer Weise anzugehenden Zukunftsherausforderungen zu betonen, aber auch darauf hinzuweisen, wie schnell derartiges Vorgehen aus unterschiedlichsten Gründen in Misskredit gebracht werden kann. Hierbei stellt leider auch die gewisse Einseitigkeit von Vorwürfen mit Hilfe der Medien, ohne die Gegenseitig in voller Weise darzustellen, offensichtlich eine zusätzliche Herausforderung dar. Aber jede*r kann sich hierzu ein eigenes Bild erstellen, so denke ich.</p> <p>Statt eines weiteren Fazits zur Bewertung der Causa Rauscher erlaube ich mir lieber, ein paar Zitate hier anzufügen:</p> <p>a) „<em>Für Erwin Rauscher dreht sich immer alles um die Menschen. Für ihn ist seine Hochschule daher zwar ein besonderer Ort, vielmehr und unverzichtbar aber besteht sie aus dem großen Team der PH-NÖ-Mitarbeiter/innen. Sie sind das starke Fundamentum; auf sie, für sie und mit ihnen hat er diese Hochschule gebaut und gestaltet sie beharrlich weiter, in wechselseitigem Respekt und Vertrauen fördert er ihr Wirken nach Kräften, die Unterstützung und Entwicklung jedes und jeder Einzelnen liegt ihm am Herzen. Er macht Mut für das kreative Verknüpfen von Wissen, das Denken in Alternativen und Zusammenhängen, das Überwinden alter Kausalitätsmuster und Infragestellen herkömmlicher Gewissheiten und Schlussfolgerungen – für visionäres Denken und Imaginationsfähigkeit schlechthin.</em>” (aus Schörg 2020 im Hinführungsartikel der damaligen PHNÖ-Vizerektorin Christine Schörg zur Festschrift von Herrn Rauschers 70 Geburtstag. Zu Glückwünschen weiterer Personen an Herrn Rauscher siehe im selben Band: Mikl-Leitner et al. (2020) (siehe auch Abb. 4 und 5).</p> <p><em><span>b) „Gerechtigkeit, Unvoreingenommenheit und das Prinzip der Fairness sind Grundpfeiler unseres demokratischen Staatsgefüges … Im Wirbel um die PH NÖ, der nun am 2.10.2025 in der Abberufung von Rektor Erwin Rauscher gipfelte, ist dieser Grundsatz missachtet worden. </span><span>Lehrende und Studierende der PH NÖ haben seit Mai 2025 wiederholt an Sie appelliert, auch jene zu hören, die hier gerne arbeiten – aber von einem Dienstrecht betroffen sind, das fachlich-organisationale Tätigkeiten nicht berücksichtigt. Wir wurden abgewiesen oder es kam keine Reaktion. .. </span></em><span><em>Das Dienstrecht lässt hier keine andere Möglichkeit als ein „Hilfskonstrukt“ zur Abgeltung der Administration und Organisation zu – welches jedenfalls an vielen anderen Hochschulen ebenfalls im Einsatz ist</em>.” <br></br>Auszug aus dem <a href="https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20251008_OTS0015/offener-brief-von-lehrenden-der-ph-noe-an-bm-wiederkehr-zur-abberufung-von-rektor-erwin-rauscher" rel="noopener" target="_blank">Offenen Brief von Lehrenden der PH NÖ an Bildungsminister Wiederkehr zur Abberufung von Rektor Erwin Rauscher</a> (vom 8.10.2025) (Rückfragen und Kontakt Prof. Christoph Hofbauer, PH NÖ). </span></p> <div title="Page 1"> <div> <div> <div> <p><em><span>c) „</span>Der jahrzehntelange Rektor der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich, Erwin Rauscher, wurde suspendiert. Er hätte ein System technisch so programmiert, dass Leistungen, die tatsächlich erbracht wurden, nicht mit dem formal richtigen Etikett versehen wurden. So wurde die Betreuung von Sozialen Medien auch als Lehre verbucht. Jeder, der auf der Höhe der Zeit ist, weiß, dass mittlerweile Lehre mehr ist, als vor 25 Personen zu stehen und Monologe zu halten. Es gibt verschiedenste Möglichkeiten, Lehrinhalte, im besten Fall interaktiv, zu vermitteln.</em></p> <ul> <li><em><span>Anstatt real erbrachte Leistungen extern zu vergeben, wurden die Leistungen intern und billiger erbracht.</span></em></li> <li><em><span>Anstatt in einer budgetär taumelnden Republik dem Rektor ein Lobschreiben zukommen zu lassen, werden formale Mängel in der Art der Verbuchung festgestellt.</span></em></li> <li><em><span>Anstatt in Spalte A wurde eine tatsächlich erbrachte Leistung in Spalte B eingetragen – und sicher nicht vom Rektor selbst.</span></em></li> <li><em><span>Anstatt dies in der gebotenen verhältnismäßigen Weise zu lösen, nämlich durch einen Hinweis, diese Leistung sei anders zu buchen, passiert Folgendes:</span></em></li> </ul> <div title="Page 1"> <div> <div> <div> <p><em>Ein seit Jahrzehnten über das durchschnittliche Maß hinaus engagierter Mann, der Inbegriff eines integren Menschen, ein Mensch, der für das Bildungssystem und für die Republik Österreich Unbezahlbares geleistet hat, der sich persönlich so weit engagiert, dass er nicht mit 65 Jahren in Pension geht, sondern stattdessen bis zu seinem 75. Lebensjahr voll weiterarbeitet, wird mit Schimpf und Schande davongejagt.</em></p> <div title="Page 2"> <div> <div> <div> <p><em>Wie schon Hannes Androsch sagte: Wenn man einen Hund schlagen möchte, dann findet man einen Stock dazu. Hingegen ist kein Fall eines Beamten überliefert, der aufgrund völliger Untätigkeit jemals suspendiert worden wäre. Es häufen sich jedoch die Fälle, dass über viele Jahre engagierte Beamte, besonders Ausnahmetalente, die in ihrem Leben bereits wiederholte Male Topleistungen erbracht haben, von noch nie positiv in Erscheinung getretenen Heckenschützen erlegt werden. Der unqualifizierte Neuling richtet die hoch integre erfahrene Person durch kabinettsjustizielle Vorverurteilung hin. Attackiert werden heutzutage jene, die etwas erreicht und geleistet haben. Leute, die sich meist vom Durchschnitt abheben. Dieser Mann soll nie mehr die Durchschnittlichkeit Österreichs stören. ….<span>Die Besten werden entfernt. …</span></em></p> <div title="Page 3"> <div> <div> <div> <p><em>Die Botschaft lautet: Sei möglichst inaktiv und ja nicht innovativ, denn durch eine falsche Buchung stehen die Pseudoanzeige und der Rufmord ins Haus. Und nur keine Innovation, denn bei neuen Initiativen ist das Risiko viel höher, Fehler zu machen.</em>“<br></br>Auszüge aus <a href="https://www.andreas-unterberger.at/m/2025/10/leistungstrger-raus-zur-skandalsen-intrige-gegen-erwin-rauscher/" rel="noopener" target="_blank">“<span>Leistungsträger raus! Zur skandalösen Intrige gegen Erwin Rauscher”, Gastbeitrag </span>von Franz Schabhüttl, 12.10.2025 auf das-tagebuch-at</a> (Blog von Andreas Unterberger)</p> <p>d) Und hier nochmals meine Kurz-Charakterisierung des Rektors von weiter oben (Leinfelder 28.10.2025)<br></br><em>Überaus vieles verdankt [die PH] der Unterstützung durch Rektor Rauscher, den ich als überaus offenen, konstruktiven, dialogbereiten, sympathischen, wissensdurstigen, unkonventionellen, unterstützenden, fördernden und alle mitnehmenden Menschen kennen und überaus schätzen lernte. Hätten doch viel mehr Führungspersonen so ein “Kaliber”!</em>“</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo.jpg"><img alt="" decoding="async" height="728" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1100px) 100vw, 1100px" src="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo.jpg 1100w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo-300x199.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo-1024x678.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo-768x508.jpg 768w" width="1100"></img></a></p> <p><span>Abb 5: Danke, lieber Herr Rauscher!  (aus Schörg 2020, Grafik von Leopold Maurer)</span></p> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> <h3>5. Versuch eines Fazits: </h3> <p>Dem Anthropozän-Konzept wird ja häufig unterstellt, es sei ein Ansatz zur Untersuchung des Erdsystems und ergäbe wegen der immensen Unterschiede zu den weiteren Epochen des Quartärs als Konsequenz eine Notwendigkeit zur Ausrufung einer neuen erdgeschichtlichen Epoche, dem Anthropozän. Damit sei es ja ausschließlich naturwissenschaftlich. Dass dies so keinesfalls stimmt, ist in diesem Blog schon häufig behandelt worden. Was nützt ein analytischer Befund, wenn dieser dem Patienten nicht erläutert wird?  Was nützt es, wenn ggf. keine Behandlung verordnet wird? Was nützt die Empfehlung einer Behandlung, wenn diese dann nicht durchgeführt wird? Was nützt eine tatsächlich begonnene Behandlung, wenn sie zu früh abgebrochen wird bzw. weitere Behandlungsnotwendigkeiten der systemischen Erkrankung des Systems nicht umgesetzt werden? </p> <p>Daher sind neue Narrative und Metaphern (siehe z.B.  <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/narrative/">hier im Blog</a>) im Kontext der Verantwortungs-Metaebene der Anthropozän-Konzeptes so wichtig (dazu <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/das-anthropozan-was-bin-ich-und-wenn-ja-wie-viele/" rel="noopener" target="_blank">hier im Blog</a>, siehe auch Leinfelder 2022, Abb. 3). Und dazu gehört eben auch die Bildung, beginnend beim jungen Schulkind bis hin zum lebenslangen Lernen, weswegen etwa das mit der Kooperation mit der PHNÖ entstandene Mutmachbuch so wichtig ist (s. Abb. 2), sowie die vielen weiteren innovativen Aktivitäten der PHNÖ mit dieser Altersgruppe. Andererseits ist Bildung ohne entsprechendes Umdenken im Handeln auch nicht ausreichend. Gerade daher sind neue Lernformen, bei denen – etwa im Sinne des Design Thinking-Ansatzes oder von Naturlaborlernorten (s. Abb 3)- die Schüler*innen selbst versuchen, Probleme zu erkennen, dann vielfältige Möglichkeiten der evtl. Lösung konstruktiv miteinander zu diskutieren, dann auszuprobieren, sich dabei von Spezialisten  helfen zu lassen, Fortschritte und Fehlversuche zu erkennen und zu analysieren und dann eben iterativ unter Modifikationen weiterzumachen, so wichtig für die Zukunftsgestaltung. Dazu sind KulturNatur-Kompetenz, Zukünftekompetenz, darunter auch Imaginationsvermögen und vieles mehr notwendig. Vielfältigste, oben und andernorts hier im Blog erwähnte, erweiterte Lehrformen sind hier sinnvoll und sollten fest in die Bildungslandschaften mit eingebaut werden – all dies bieten die Forschungs-, Lehr- und Schulausbildungsaktivitäten der PH-NÖ-Teams und ihres Rektors in herausragender Weise.</p> <p>Dies alles mag sehr nachvollziehbar klingen, wenn es dann aber um die entsprechenden Themen geht, wie eben Zukünfte im Anthropozän, ist das Erschrecken oft groß. Altbekanntes verlassen? Keine klaren Zuständigkeiten (in Bereichen, Fächern etc.), wer soll’s machen? Und dann auch keine Polarisierungen, keine simplifizierten externe Schuldzuweisungen als Selbstentschuldigung für Nichtstun? Dann ist vielen ein <em><span>„</span>Jetzt möchte ich möglichst gut leben, nach mir zwar vielleicht nicht gleich die Sintflut, aber da wird der neuen Generation dann schon noch etwas einfallen</em>” doch lieber. Auf all dies wollte ich einerseits im Sinne einer Zusammenfassung von bereits häufig Gesagtem, andererseits aber insbesondere auch am konkreten Beispiel für beeindruckende neue Ansätze, sowie leider dann auch an der, wie in diesem Falle, extrem vehementen Opposition dagegen, hier klarmachen. Und auch die Aussage vom verstorbenen Politiker Hannes Androsch sollte ein Augenöffner sein: “<em>Wenn man einen Hund schlagen möchte, dann findet man einen Stock dazu”</em> (s.o.). Der hochverdiente Rektor der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich, Prof. DDr. Erwin Rauscher ist dazu nicht der Richtige.</p> <p>Vielen Dank! Konstruktive Kommentare sind sehr erwünscht. </p> <p><em>Version 1a vom 28.10.2025<br></br>Version 1b vom 30.10.2025 mit einer Ergänzung im Intro-Kapitel sowie kleineren Korrekturen (v.a. Rechtschreibung und Layout)</em></p> <h4>Literaturverzeichnis</h4> <p>Cardoso, G., Kersting, D., Brachert, T., Heiss, G., Leinfelder, R., Maréchal, J.-P., D’Olivo, J.-P. (2025): Emerging skeletal growth responses of <em>Siderastrea siderea</em> corals to multidecadal anthropogenic impacts in Martinique, Caribbean Sea.- Nature Scientific Reports, 15, 23127 2025, doi: 10.1038/s41598-025-08709-5, <a href="https://www.nature.com/articles/s41598-025-08709-5" rel="noopener" target="_blank">nature.com/articles/s41598-025-08709-5</a></p> <p>Hangartner, U., Keller, F., Öechslin, D. (Hg) (2013): Wissen durch Bilder. Sachcomics als Medien von Bildung und Information, 330 S., Kultur und Medientheorie, Bielefeld (Transcript-Verlag)</p> <p>Hamann, A., Zea-Schmidt, C. &amp; Leinfelder, R. (Hrsg.) (2013): Die Große Transformation. Klima – Kriegen wir die Kurve? – 144 S., Stuttgart (Jakoby&amp; Stuart). ISBN 978-3-941087-23-1 (<a href="https://www.wbgu.de/de/publikationen/publikation/the-great-transformation" rel="noopener" target="_blank">download engl. Ausgabe siehe hier</a>)</p> <p>Hamann, A., Leinfelder, R., Trischler, H. &amp; Wagenbreth, H. (Hrsg.) (2014): Anthropozän – 30 Meilensteine auf dem Weg in ein neues Erdzeitalter. Eine Comic-Anthologie, 82 S., München (Verlag Deutsches Museum) (zur Online-Version der Meilensteine <a href="https://mintwissen.com/Anthropozan-Meilensteine" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>)</p> <p>Hamann, A., Leinfelder, R, Shimizu, M. (2024, 2nd Ed): Taming Time. A Golden Spike for the Anthropocene. A Science Graphic Novel.- 105 pp., eBook, Refubium Open Access-Server, Freie Universität Berlin, <a href="http://dx.doi.org/10.17169/refubium-40617.2" rel="noopener" target="_blank">http://dx.doi.org/10.17169/refubium-40617.2</a>, (Info blog: <a href="https://tamingtime.de" rel="noopener" target="_blank">https://tamingtime.de</a>)</p> <p>Heydenreich, C. (Hg) (2019): Comics und Naturwissenschaften, 273 S., Berlin (<a href="http://www.christian-bachmann.de/b_comfor5.html" rel="noopener" target="_blank">CH.A. Bachmann-Verlag</a>).</p> <p>Laibl, M. &amp; Jegelka, C. (in Coop. m. R. Leinfelder) (2022): WErde wieder wunderbar. 9 Wünsche fürs Anthropozän. Ein Mutmachbuch, 64 S., Edition Nilpferd, G&amp;G-Kinderbuchverlag (Wien). ISBN: 978-3-7074-5272-3, <a href="http://wwww.werdewiederwunderbar.com/" rel="noopener" target="_blank">Infos und Ressourcen</a>,  <a href="https://www.ph-noe.ac.at/fileadmin/root_phnoe/MitarbeiterInnen/Carmen_Sippl/PM_Laibl_Erde_FJ2022.pdf" rel="noopener" target="_blank">Ausschnitte, incl. Geleitwort</a></p> <p>Leinfelder, R. (2010a): Vom Handeln zum Wissen – das Museum zum Mitmachen.- In: Damaschun, F., Hackethal, S., Landsberg, H. &amp; Leinfelder, R. (eds.)(2010): Klasse, Ordnung, Art. 200 Jahre Museum für Naturkunde, S. 62-67, Rangsdorf (Basilisken-Presse)<span> </span></p> <p>Leinfelder, R.R. (2010b): Die wunderbare Natur.- In: Bödeker, K. &amp; Hammer, C. (eds.), Wunderforschung – Ein Experiment von Kindern, Wissenschaftlern und Künstlern, S. 54-62, Berlin (Nicolai-Verlag)</p> <p>Leinfelder, R. (2014): Das Haus der Zukunft (Berlin) als Ort der Partizipation.- Der Anthropozäniker, SciLogs, Spektrum der Wissenschaften-Verlag (20 S., 24 Abb.), <a href="http://www.scilogs.de/der-anthropozaeniker/haus-zukunft-berlin/" rel="noopener" target="_blank">http://www.scilogs.de/der-anthropozaeniker/haus-zukunft-berlin/</a> (oder direkt <a href="https://doi.org/10.13140/2.1.2720.5920" rel="noopener" target="_blank">zur pdf-Version, DOI: 10.13140/2.1.2720.5920</a></p> <p>Leinfelder, R. (2016): Das Haus der Zukunft (Berlin) als Ort der Partizipation.- In: Popp, R., Fischer, N., Heiskanen-Schüttler, M., Holz, J. &amp; Uhl, A. (ed.), Einblicke, Ausblicke, Weitblicke. Aktuelle Perspektiven der Zukunftsforschung, S. 74-93, Berlin, Wien etc. (LIT-Verlag)</p> <p>Leinfelder, R. (2018a): Nachhaltigkeitsbildung im Anthropozän – Herausforderungen und Anregungen. In: LernortLabor – Bundesverband der Schülerlabore e.V. (Hrsg), MINT-Nachhaltigkeitsbildung in Schülerlaboren – Lernen für die Gestaltung einer zukunftsfähigen Gesellschaft, S. 130-141, Berlin, ISBN 978-3-946709-02-2. (<a href="https://www.researchgate.net/publication/323934863_Nachhaltigkeitsbildung_im_Anthropozan_-_Herausforderungen_und_Anregungen" rel="noopener" target="_blank">check reprint via RG</a>)</p> <p>Leinfelder, R. (2018b): Das Anthropozän. Ein integratives Wissenschafts- und Bildungskonzept.- Gemeinsam lernen. Zeitschrift für Schule, Pädagogik und Gesellschaft. 3/2018 (Themenheft Global Goals), S. 8-14, Schwalbach/Ts (Debus). (check <a href="https://www.researchgate.net/publication/326380990_Das_Anthropozan_Ein_integratives_Wissenschafts-_und_Bildungskonzept" rel="noopener" target="_blank">Reprint via Researchgate</a>)</p> <p>Leinfelder , R. (2019): Using the state of reefs for Anthropocene stratigraphy: An ecostratigraphic approach.- In: Jan Zalasiewicz, Colin Waters, Mark Williams, Colin Summerhayes, (eds), The Anthropocene as a Geological Time Unit. A Guide to the Scientific Evidence and Current Debate, pp. 128-136, Cambridge (Cambridge University Press), <a href="https://www.cambridge.org/de/academic/subjects/earth-and-environmental-science/sedimentology-and-stratigraphy/anthropocene-geological-time-unit-guide-scientific-evidence-and-current-debate?format=HB" rel="noopener" target="_blank">ISBN 9781108475235</a>, <a href="https://www.researchgate.net/publication/331608833_Using_the_state_of_reefs_for_Anthropocene_stratigraphy_An_ecostratigraphic_approach" rel="noopener" target="_blank">RG-availability?</a></p> <p>Leinfelder, R. (2020a): Von der Umwelt zur Unswelt – Das Potenzial des Anthropozän-Konzeptes für den Schulunterricht. In: Schörg, Ch. &amp; Sippl, C. (Hrsg.): Die Verführung zur Güte. Beiträge zur Pädagogik im 21. Jahrhundert. Festschrift für Erwin Rauscher, Pädagogik für Niederösterreich, Band 8, S. 81-97, Innsbruck, Wien (StudienVerlag). print: ISBN 978-3-7065-4967-7.  online access download des ganzen Festbands <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.140" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.53349/oa.2022.a2.140</a></p> <p>Leinfelder, R. (2020b): Das Anthropozän – mit offenem Blick in die Zukunft der Bildung. In: Sippl, C.Rauscher, E.&amp; Scheuch, M. (Hrsg.): Das Anthropozän lernen und lehren, S. 17-65, Pädagogik für Niederösterreich, Band 9, Innsbruck, Wien (StudienVerlag), print ISBN 978-3-7065-5598-2, ebook EAN 9783706560832. Open-access download des ganzen Buchs <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.130">doi: 10.53349/oa.2022.a2.130</a>.</p> <p>Leinfelder, R. (2021): Die Zukunft im Museum ausstellen?.- In: Mohr, Henning &amp; Modarressi-Tehrani, Diana (Hsg.) Museen der Zukunft. Trends und Herausforderungen eines innovationsorientierten Kulturmanagements. S. 363-399, Bielefeld (<a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-4896-6/museen-der-zukunft/" rel="noopener" target="_blank">Transcript-Verlag, ISBN 978-3-8376-4896-6</a> (ebook/print)</p> <p>Leinfelder, R. (2022): “Auch Maschinen haben Hunger” – Biosphäre als Modell für die Technosphäre im Anthropozän.- In: Carmen Sippl &amp; Erwin Rauscher. (Hrsg.) <a href="https://www.studienverlag.at/produkt/6180/kulturelle-nachhaltigkeit-lernen-und-lehren/">Kulturelle Nachhaltigkeit lernen und lehren</a>. Reihe: Pädagogik für Niederösterreich, Bd. 11, S.S 489-521 Innsbruck, Wien (StudienVerlag), ISBN 978-3-7065-6180-8 open-access eBook des gesamten Buchs via <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.110" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.53349/oa.2022.a2.110</a>.</p> <p>Leinfelder, R. (2023): Die Zukunft als Skalen- und Perspektivenproblem – Tiefenzeit-Einsichten, Szenarien und Partizipation als Grundlage für Futures Literacy.- In: Sippl, C., Brandhofer, G. &amp; Rauscher, E. (eds.), Futures Literacy – Zukunft lernen und lehren. Pädagogik für Niederösterreich, Bd. 13, 35-60. Innsbruck, Vienna (StudienVerlag); Open access ebook des Bands:  <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.170" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.53349/oa.2022.a2.170</a>.</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Hamann, A. (2019): Das WBGU-Transformations-Gutachten als Sachcomic – ein neuer Wissenstransferansatz für komplexe Zukunftsthemen?.- In: Heydenreich, C. (ed.): Comics und Naturwissenschaften, S. 127-147, Berlin (<a href="http://www.christian-bachmann.de/b_comfor5.html" rel="noopener" target="_blank">CH.A. Bachmann-Verlag</a>).</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Hamann, A. (2025, in press): Imagining the Anthropocene with Images. The Potential of Slow-Media for Co-Designing Futures.- In: Sippl, C, Capatu, I. &amp; Krebs, R.E. (eds), Es wird einmal – Wissen schaffen – Zukünfte erzählen, Pädagogik für Niederösterreich, Bd. 17, (13.Nov.2025), Innsbruck, Wien. (StudienVerlag) (<a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/futures-literacy/sparkling-science-projekt" rel="noopener" target="_blank">Info</a>)</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Föhr, T. (2015): Auf dem Weg ins Haus der Zukunft. Extrablatt, Nr. 1 vom 10.6.2015., Haus der Zukunft gGmbH (Berlin). Faltblatt, 4 S., doi: <a href="https://doi.org/10.13140/RG.2.1.5074.9606" rel="noopener" target="_blank">10.13140/RG.2.1.5074.9606;</a> (bzw. 24S Präsentationsfassung: <a href="https://userpage.fu-berlin.de/leinfelder/palaeo_de/leinfelder/pdfs/HdZExtrablatt_24S.pdf" rel="noopener" target="_blank">download</a>)</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Lehmann, R. (2015): Das Anthropozän-Konzept. Ein neuer Ansatz für fachübergreifende Umweltbildung.- In: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt (Hrsg), Umweltbildung für Berlins biologische Vielfalt – nachhaltig und zielgruppenorientiert. Dokumentation der Berliner Umweltbildungskonferenz vom 4. September 2014, Rotes Rathaus, Berlin, S. 34-37, doi: <a href="https://doi.org/10.13140/RG.2.1.3540.8089" rel="noopener" target="_blank">10.13140/RG.2.1.3540.8089</a></p> <p>Leinfelder, R. &amp; Sippl, C. (2023a): CNL &amp; Anthropozän. Welche Impulse bietet das Anthropozän als Denkrahmen für CultureNature Literacy? – In: Sippl, C. &amp; Wanning, B. (Hrsg.) (2023): CultureNature Literacy (CNL). Schlüsselkompetenzen für Zukunftsgestaltung im Anthropozän. Ein Handbuch für den Theorie-Praxis-Transfer in Schule und Hochschule, S.41-49, Baden: Pädagogische Hochschule Niederösterreich, <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2023.a1.210" rel="noopener" target="_blank">DOI: 10.53349/oa.2023.a1.210</a> (op.acc. for entire eBook).</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Sippl, C. (2023b): CNL &amp; Wissenschaftskommunikation. Wie lassen sich komplexe Mensch-Natur-Beziehungen verständlich kommunizieren? -In: Sippl, C. &amp; Wanning, B. (Hrsg.) (2023): CultureNature Literacy (CNL). Schlüsselkompetenzen für Zukunftsgestaltung im Anthropozän. Ein Handbuch für den Theorie-Praxis-Transfer in Schule und Hochschule, S.142-152,Baden: Pädagogische Hochschule Niederösterreich, <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2023.a1.210" rel="noopener" target="_blank">DOI: 10.53349/oa.2023.a1.210</a> (op.cc. for entire eBook).</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Zinfert, M. (2015): Zukunftsbilder – Unsichtbares sichtbar machen. In: Zechlin, R. (ed) Wie leben? Zukunftsbilder von Malewitsch bis Fujimoto, (Ausstellungskatalog-Wilhelm Hack-Museum, Ludwigshafen), S. 16-29, (also in english: Images of the Future. Making the Invisible Visible), Köln (Wienand-Verlag), ISBN 978-3-86832-303-0</p> <p>Leinfelder, R., Adeney Thomas, J., Vidas, D., Williams, M. &amp; Zalasiewicz, J. (2024): Geoethics and the Anthropocene: Five Perspectives.- In: Silvia Peppoloni &amp; Giuseppe Di Capua (eds): Chap. 6; Geoethics for the Future: Facing Global Challenges, pp 69-83, chap. doi: <a href="https://doi.org/10.1016/B978-0-443-15654-0.00005-0" rel="noopener" target="_blank">10.1016/B978-0-443-15654-0.00005-0</a> (Elsevier, ISBN 978-0443156540), 69-83, (<a href="https://www.geoethics.org/geoethics-for-the-future-elsevier" rel="noopener" target="_blank">Book Info</a>)</p> <p>Leinfelder, R. Hamann, A., Jens Kirstein, J. &amp; Schleunitz, M. (Hrsg.)(2016): Die Anthropozän-Küche. Matooke, Bienenstich und eine Prise Phosphor – in zehn Speisen um die Welt. 248 S., Berlin, Heidelberg Springer-Verlag. ISBN 978-3-662-49871-2 (<a href="https://mintwissen.com/Eating-Anthropocene" rel="noopener" target="_blank">Info</a>)</p> <p>Leinfelder, R., Hamann, A. &amp; Kirstein, J. (2015): Wissenschaftliche Sachcomics: Multimodale Bildsprache, partizipative Wissensgenerierung und raumzeitliche Gestaltungsmöglichkeiten.- in: Bredekamp, H. &amp; Schäffner, W. (Hrsg.)(2015): Haare hören, Strukturen wissen, Räume agieren. Berichte aus dem Interdisziplinären Labor Bild-Wissen-Gestaltung, S. 45-59, Bielefeld (transcript-Verlag); ISBN 978-3-8376-3272-9 (Open access für gesamtes Buch <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-3272-9/haare-hoeren-strukturen-wissen-raeume-agieren/?number=978-3-8394-3272-3" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>)</p> <p>Leinfelder, R., Hamann, A., Kirstein, J. &amp; Schleunitz, M. (Hrsg.) (2017): Science meets Comics.- Proceedings of the Symposium on Communicating and Designing the Future of Food in the Anthropocene. With contributions by Jaqueline Berndt, Anne-Kathrin Kuhlemann, Toni Meier, Veronika Mischitz, Stephan Packard, Lukas Plank, Nick Sousanis, Katerina Teaiwa, Arnold van Huis, and the editors. 117 pp, Berlin (<a href="http://www.christian-bachmann.de/b_sciencemeets.html" rel="noopener" target="_blank">Ch. Bachmann publ.</a>)(4 April 2017); Open Access version: <a href="http://doi.org/10.5281/zenodo.556383" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.5281/zenodo.556383</a></p> <p>Leinfelder, R., Kull, U. &amp; Brümmer, F. (Hrsg.)(1998): Riffe – ein faszinierendes Thema für den Schulunterricht.-Materialien für die Fächer Biologie, Erdkunde und Geologie, Profil, 13, 150 S. (2nd ed 2002, ebook <a href="https://www.researchgate.net/profile/Reinhold-Leinfelder/publication/260069283_Riffe_-ein_faszinierendes_Thema_fur_den_Schulunterricht_Materialien_fur_die_Facher_Biologie_Erdkunde_und_Geologie/links/0c96052f4b801bee4a000000/Riffe-ein-faszinierendes-Thema-fuer-den-Schulunterricht-Materialien-fuer-die-Faecher-Biologie-Erdkunde-und-Geologie.pdf" rel="noopener" target="_blank">-&gt; download via ResearchGate</a>)</p> <p>Leinfelder, R.R., Maaßen, Ch. &amp; Püschel, H. (2007): Das Thema “Riffe” im Schulunterricht. Informationen, Anregungen, Erfahrungen.- In: Stritzke, R. (coord.), Geologie macht Schule, scriptum, 14, S. 32-51, Geol.Dienst NRW, <a href="https://www.gd.nrw.de/pdf/Scriptum14_scr.pdf" rel="noopener" target="_blank">https://www.gd.nrw.de/pdf/Scriptum14_scr.pdf</a> (für ganzes Heft)</p> <p>Leinfelder, R., Rauscher, E. &amp; Sippl, C. (2025, in press): Die Vierfalt der Weltverantwortung, Lernen und Lehren für nachhaltige Zukünfte im Anthropozän.- In: Sippl, C, Capatu, I. &amp; Krebs, R.E. (Hrsg), Es wird einmal – Wissen schaffen – Zukünfte erzählen, Pädagogik für Niederösterreich, Bd. 17, (13.Nov.2025), Innsbruck, Wien. (StudienVerlag) (<a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/futures-literacy/sparkling-science-projekt" rel="noopener" target="_blank">Info</a>)</p> <p>Mikl-Leitner, J., Teschl-Hofmeister, C., Henzinger, Thomas A., Schnabl, C. &amp; Mettinger, A. (2020): Glückwünsche.- In: Schörg, Ch. &amp; Sippl, C. (Hrsg.): Die Verführung zur Güte. Beiträge zur Pädagogik im 21. Jahrhundert. Festschrift für Erwin Rauscher, Pädagogik für Niederösterreich, Band 8, S. 37-42, Innsbruck, Wien (StudienVerlag). print: ISBN 978-3-7065-4967-7.  online access download des ganzen Festbands <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.140" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.53349/oa.2022.a2.140</a></p> <p>Rauscher, Erwin (2020). Unswelt als Wirwelt. Anthropozän – Herausforderung für Schulleitungshandeln. In Carmen Sippl, Erwin Rauscher &amp; Martin Scheuch (Hrsg.), Das Anthropozän lernen und lehren (S. 181–202). Studienverlag. (Pädagogik für Niederösterreich, 9) – DOI: <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.130" rel="noopener" target="_blank">10.53349/oa.2022.a2.130</a></p> <p>Rauscher, E. (2022): Wenn nicht die Schule, wer dann? Zukunftsfähigkeit als Bildungsverantwortung im Anthropozän. In Carmen Sippl &amp; Erwin Rauscher (Hrsg.), Kulturelle Nachhaltigkeit lernen und lehren (S. 273–305). Studienverlag. (Pädagogik für Niederösterreich, 11) – DOI: <a href="http://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.110" rel="noopener" target="_blank">10.53349/oa.2022.a2.110</a></p> <p>Rost, A. (2014): Konzeption und Evaluierung von fächerübergreifenden Forscherheften zum Biodiversitätsmonitoring – Beeinflusst eine Intervention das systemische Denken?- 302 S., Dissertation, Freie Universität Berlin (AG Geobiologie und Anthropozänforschung). Op.Acc. <a href="https://refubium.fu-berlin.de/bitstream/handle/fub188/10721/Rost_Anneli.diss.pdf" rel="noopener" target="_blank">https://refubium.fu-berlin.de/bitstream/handle/fub188/10721/Rost_Anneli.diss.pdf</a></p> <p>Schörg, C. (2020): Vom Kreidekreis zum Themen-Reigen. Eine Hinführung. In: Schörg, Ch. &amp; Sippl, C. (Hrsg.): Die Verführung zur Güte. Beiträge zur Pädagogik im 21. Jahrhundert. Festschrift für Erwin Rauscher, Pädagogik für Niederösterreich, Band 8, S. 9-22, Innsbruck, Wien (StudienVerlag). print: ISBN 978-3-7065-4967-7.  online access download des ganzen Festbands: Doi: <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.140" rel="noopener" target="_blank">10.53349/oa.2022.a2.140</a></p> <div title="Page 25"> <div> <div> <div title="Page 25"> <div> <p>Sippl, C., Tengler, K., Capatu, I., Krebs, R.E. &amp; Wittmann, A (2025): Die Zukunft des Bodens – Eine Pilotstudie zur Förderung von Zukünftedenken in der Primarstufe im methodischen Format der Zukünftewerkstatt.- R&amp;E-SOURCE 12. Jg. (2025)(Nr. 4):93 – 116, DOI: 10.53349/re-source.2025.i4.a1486</p> <p>Steinmüller, K. (2011): Weshalb Szenarien? (Grafik). In Autorenkollektiv Internet &amp; Gesellschaft Co:llaboratory (Hrsg.), Gleichgewicht und Spannung zwischen digitaler Privatheit und Öffentlichkeit (S. 58). Publikationen UB Uni Frankfurt -&gt; <a href="https://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/opus4/frontdoor/deliver/index/docId/27240/file/13510754.pdf" rel="noopener" target="_blank">pdf download</a>.</p> </div> </div> </div> </div> </div> <p>Trégarot, Ewan, Elena Allegri, Andrea Cabrito, Gema Casal, Gabriel Cardoso, Cindy Cornet, Juan Pablo D’Olivo, Kieran Deane, Silvia de Juan, Georg Heiss, Diego Kersting, Reinhold Leinfelder, Bethan O’Leary, Christian Simeoni, Marina Vergotti, Elisa Furlan; Llorenç Garrit &amp; Pato Conde (2024): Waves of Hope.- Science Graphic Novel, eBook 36pp, open access, <a href="https://macobios.eu/prp/other-products/#ComicBook" rel="noopener" target="_blank">macobios.eu/prp/other-products/#ComicBook</a> (produced by Horizon 2020 – EU-Research Project ‘Marine Coastal Ecosystems, Biodiversity and Services in a Changing World’) <i>(translations into German, French, Italian, Spanish, Catalan and Portuguese are now also availabe via above link)</i>.</p> <p>Zalasiewicz, J., Waters, C.N., Ellis, E.C., Head, M.J., Vidas, D., Steffen, W., Adeney Thomas, J., Horn, E., Summerhayes, C.P., Leinfelder, R., McNeill, J. R., Galuszka, A., Williams, M., Barnosky, A.D., Richter, D. deB., Gibbard, P.L., Syvitski, J., Jeandel, C., Cearreta, A., Cundy, A.B., Fairchild, I.J., Rose, N.L., Ivar do Sul, J.A., Shotyk, W., Turner, S., Wagreich, M., Zinke, J. (2021): The Anthropocene: comparing its meaning in geology (chronostratigraphy) with conceptual approaches arising in other disciplines.- Earth’s future, EFT2777, <a href="https://agupubs.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1029/2020EF001896" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.1029/2020EF001896</a> (open access).</p> <p>Wagenbreth, Henning (Hrsg.)(2023): Bilder schreiben, Wörter zeichnen. Was wir mit Illustrationen machen können. 512 S., Wuppertal (Peter Hammer Verlag, ISBN 978-3779507079).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Bildung für die Zukunft im Anthropozän - Herausforderungen, Potenziale, Leuchttürme und Abbruchsvorhaben. » Der Anthropozäniker » SciLogs</h1><h2>By Reinhold Leinfelder</h2><div itemprop="text"> <h3>1. Intro: Alles hängt mit allem zusammen</h3> <p><a href="https://userpage.fu-berlin.de/leinfelder/palaeo_de/leinfelder/freepdfs/Leinfelder%202025-PHNOE-Anthropozaeniker_30_10_2025_vers1b2_noed.pdf" rel="noopener" target="_blank">-&gt; pdf-Version</a></p> <p>Im Anthropozäniker-Blog gibt es bereits mehrere Beiträge zu obigem Haupthema, also zu neuen Bildungsaspekten im Anthropozän. Aus aktuellem Anlass sei dies aber hier nochmals aufgegriffen, um einen Überblick zu geben und mit Aktuellem, durchaus auch „Schrägem“, um nicht zu sagen „Skandalösem“ – zu ergänzen. Aber schauen wir der Reihe nach nochmals durch:</p> <ul> <li>„Alles hängt mit allem zusammen“, dies ist ein revolutionäres Zitat von A.v. Humboldt, übernommen auch als häufiges Bonmot hier im Anthropozäniker-Blog sowie in vielen meiner Vorträge. Es gilt in den Zeiten des Anthropozäns – im Sinne eines <strong>ganzheitlichen, systemischen Ansatzes</strong> – natürlich insbesondere auch für Bildung und Zukunftsgestaltung (z.B. Leinfelder 2018a,b, 2020a, Leinfelder &amp; Lehmann 2015, ggf. auch <a href="https://www.youtube.com/watch?v=4-4cOuriGpU" rel="noopener" target="_blank">hier (youtube</a>)).</li> <li>Ebenso gelten die hier immer wieder erwähnten <strong>Herausforderungen des Anthropozän</strong>s auch im <strong>Kontext Bildung zur Zukunftskompetenz</strong>. Dies betrifft insbesondere die hier bereits behandelte <strong>Sektoralisierung</strong> unserer Welt, um sie besser „bearbeitbar“ zu machen, also die Aufteilung von Behörden und Verwaltungen in „fachspezifische“ Abteilungen bzw. Ministerien, aber natürlich auch Gliederung in Fächer, Fach- und Wissenschaftsbereiche in Wissenschaften und Bildung. Wie schon mehrfach hier erwähnt, ist nichts gegen tiefgehende, fachspezifische Forschung und Bildung zu sagen, allerdings muss diese gerade in der heutigen Zeit auch wieder stärker fächerverbindend und fachübergreifend, also interdisziplinär und ggf. transdisziplinär verbunden werden, damit die Kleinteile des Wissenspuzzles wieder zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden können, etwa im Humboldtianischen Sinne. (siehe hierzu viele Beiträge in diesem Anthropozäniker-Blog, bzw Leinfelder 2020b, 2023 etc.)</li> <li>Auch unser „westlicher“ <strong>Dualismus</strong>, also die Suche nach der EINEN richtigen Lösung für einen komplexes Problempaket, sowie unser Wunsch nach <strong>Ranking</strong>, d.h. Abarbeitung komplexer, zusammenhängender Problemkreise zerlegt in Einzelprobleme, in ihrer angeblichen Wichtigkeit gereiht und dann nacheinander abgearbeitet werden sollen, gehört zu diesem Herausforderungspaket (Leinfelder et al. 2025).</li> <li>Versucht man, Obiges bereits im Schulunterricht zu thematisieren und neue, zukunftsorientierte Unterrichtswege zu beschreiten, ist dies eine weitere große Herausforderung, da Derartiges mit einem “weiter wie bisher”-Schulunterricht nicht zu machen ist und damit also die Ausbildung wie auch Fort- und Weiterbildung von Lehrer*innen auch entsprechend erweitert werden müssen. Manche möchten solche notwendigen Änderungen verhindern, dies aber nicht zugeben, weshalb sie  sich auf ein Bild von Lehre berufen, das längst überholt ist und einer zeitgemäßen schüler- oder studierendenzentrierten Didaktik widerspricht. Dieser Beitrag behandelt im Kontext von neuen, interdisziplinären und zukunftsorientierten Unterrichtswegen (und damit einhergehend auch neuen Unterrichtsformen) einen derartigen,  nicht nachvollziehbaren (um nicht zu sagen, skandalösen) Vorgang. </li> </ul> <h3>2. Herausforderungen (nicht nur) für den Unterricht</h3> <p>Für den schulischen Unterricht bedeutet all dies, dass neben dem Fachunterricht insbesondere auch der fächerverbindende und fächerübergreifende Unterricht sehr wichtig ist und vor allem immer noch wichtiger wird. Dies gilt nicht nur, aber insbesondere auch bereits für die Primarstufe. Unsere heutige Weltsituation zeigt ja mehr denn je, wie Probleme zusammenhängen, sich gegenseitig bedingen, miteinander wechselwirken und oft verstärken, sich dabei zu Kipppunkten zusammenbrauen, und vieles mehr. Diese Weltsituation zeigt aber auch, wie Mächteverhältnisse, insbesonderer auch finanzieller Art sowie die „Eigentumsfrage“ (siehe z.B. „<a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/wem-gehoert-die-erde/" rel="noopener" target="_blank">Wem gehört die Erde?</a>“) hier enorm viel Wichtiges verhindern, und zunehmend Diskurse wegen der „Spaltpille” <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/kann-das-anthropozaen-gegen-populismus-und-fake-news-helfen/" rel="noopener" target="_blank">Populismus</a> unmöglich werden. Dies betrifft auch die Zukunftskompetenzen. Hier ist es wieder die Suche nach der EINEN, „richtigen“ Zukunftslösung, dem „richtigen“ Zukunftspfad, auf dem wir dann wieder 200 Jahre ruhig voranschreiten können. Die Zukunftsdiskussion ist damit zu einer Farce verkommen, denn es gibt einfach keine „Silver Bullets“, die mit einem „Schuss“ alles regeln, genauso wie es keine, uns aus Science Fiction doch so gut bekannte Supermänner/-frauen gibt, die dann in letzter Minute doch noch alles wieder retten und richten, puh! So sind etwa beim Thema Klimakrise weder CCS noch Nuclear Fusion solche „Silver Bullets”, doch sie könnten – bei entsprechenden Tests auf Machbarkeit und Nebenwirkungen vor ihrem zukünftigen Einsatz – ggf. Teil späterer, gemischter Zukunftsportfolios werden, welche aber eben auch erneuerbare Energien, Suffizienzansätze, enorme Ausweitung des Recyclings und ja, natürlich auch reaktive Schutzmaßnahmen beinhalten müssen.</p> <p>Leider sind wir Erwachsene meist ziemlich gefangen in dem, was wir kennen, also dem „Weiter wie bisher“-Pfad, obwohl wir eigentlich wissen, dass wir es anders machen sollten. Aber den meisten von uns fehlt das Vorstellungsvermögen dazu, vor allem auch weil wir uns sicherer fühlen bei dem, was wir bereits kennen; Vertrautes gibt man halt so ungern auf, denn das Neue erscheint so fremd. Damit ergeben sich für Zukunftsszenarien meist nur kleinere Abweichungen von diesem BAU-Pfad – die Zukunfswissenschaften nennen dies die explorative Pfadgruppe (also ausgehend vom Bekannten und Weitermachen mit eher kleineren Abweichungen davon, siehe Abb 1a, b. Uns fehlt schlichtweg das Vorstellungsvermögen, andere Wegmöglichkeiten zu erdenken, also weitere mögliche Zukünfte zu imaginieren und daraus dann auch wünschbare Zukünfte herauszufiltern sowie Gestaltungswege dorthin zu finden. Mögliche Zukunftspfade sollten dann miteinander begangen werden, um zu sehen, ob wir da wirklich vorankommen. Also nochmals: wir benötigen keine Suche nach „Silver Bullets”, sondern müssen gemischte Portfolios von Lösungsansätzen zusammenstellen, deren Wirksamkeit überwacht wird, und die immer wieder auch umgebaut werden können, ja sollten, sofern etwa neue Technologien, neue Bereitschaften in der Bevölkerung oder auch zu große Nebenwirkungen verwendeter Techniken festgestellt werden. Es sollte also gemeinsam, jedoch auf vielen Wegen in eine kreative und offene Zukunft gehen (mehr dazu siehe z.B. <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/haus-zukunft-berlin/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/zukunft-teil3-zukuenfte/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> im Blog sowie Leinfelder 2016, 2020b). Dazu benötigen wir aber sehr viel Imaginationsfähigkeit, die uns leider oft – um nicht zu sagen: meist – fehlt.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1116" sizes="(max-width: 1894px) 100vw, 1894px" src="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg 1894w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-300x177.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-1024x603.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-768x453.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/steinmueller-szenarien-farbig-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-1536x905.jpg 1536w" width="1894"></img></a><aside></aside></p> <p><span>Abb. 1a: Weshalb Szenarien? Der Zukünfte-Szenarientrichter mit Erläuterungen nach Steinmüller (2011), mit kleinen Änderungen und Ergänzungen. (Version aus Leinfelder 2023).</span> </p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1196" sizes="(max-width: 1822px) 100vw, 1822px" src="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr.jpg 1822w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr-300x197.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr-1024x672.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr-768x504.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Zukunftspfade_foehr-1536x1008.jpg 1536w" width="1822"></img></a></p> <p><span>Abb. 1b: Grafische Hinführung zum Mehrwege-Zukünfte-Konzept (basierend auf Leinfelder 2014), Grafik von Tanja Föhr (aus Leinfelder &amp; Föhr 2015, siehe dort auch weitere graphische Umsetzung des Konzepts.) </span></p> <h3>3. Potentiale für die Zukunftsgestaltung: Imagination fördern, fächerübergreifend ausbilden, selbst Wissen schaffen, ausprobieren.</h3> <p>Hier kommt gleich die <span>nächste</span> Herausforderung: Obige Herausforderungsliste benötigt doch hochkomplexe, insbesondere auch wissenschaftliche Ansätze zu ihrer Bewältigung – was haben denn die Schulen damit zu tun, gar die Grundschulen? Dies ist sehr einfach zu beantworten: Wie oben geschildert,<span> brauchen wir eine viel bessere Imaginationsfähigkeit. </span>Das Imaginationsvermögen von Kindern ist bekanntermaßen besonders im jungen Alter enorm gut ausgeprägt, dies ist also eine offene Türe, um bereits junge Kinder auch für Zukunftsfragen besser zu schulen und insgesamt die verbundenen Themenkomplexe besser in unseren ethischen Wertekanon mit einzubringen (auch hierzu u.a. Leinfelder 2018a,b, 2020a,b, Leinfelder &amp; Sippl 2023a,b).</p> <p>Natürlich ist die Notwendigkeit zum Erreichen einer besseren KulturNatur-Kompetenz (CNL-Literacy) und Zukünfte-Kompetenz (Futures Literacy) nicht nur auf die Primarschulen begrenzt. Wir müssen insgesamt <em>Wissen schaffen </em>(also Wissenschaften), <em>Wissen lernen </em>(also Bildung) und <em>erlerntes Wissen nutzen und verbreiten</em> (also Aus-/Weiterbildung, Wissenschaftskommunikation, Anwendung), was alles ebenfalls besser verknüpft werden muss. Viel mehr Wissenschaftler*innen als früher sind heute bereit, ihr geschaffenes Wissen auch zu kommunizieren. Auch bei DFG-Anträgen (sowie bei vielen anderen Formen der Forschungsförderung) ist seit längerem nun immer auch anzugeben, wie neue Projekt-Forschungsergebnisse dann kommuniziert werden sollen. Früher (und z.T. noch heute) wurde man als Wissenschaftler*in, der/die auch Wissenschaftskommunikation betreibt, allerdings schon mal gefragt, ob man seine Forschung eingestellt habe, wenn für derartiges wie „Wisskomm” Zeit bleibt, bzw. ob man den Journalist*innen ihre Jobs wegnehmen möchte. Ja, ich weiß leider auch aus eigener Erfahrung, wovon ich hier spreche.</p> <p>Dabei sollte doch Wissenskommunikation ein echtes Bedürfnis sein. Um von mir zu reden: Mir war es schon als Diplomand, der dort am Mikroskop über 150 Millionen Jahre alten, selbst ausgebuddelten Mikrofossilien saß bzw. sich dann später mit ebenso alten Korallenriffen beschäftigte, wichtig, mir selbst die mich umtreibende Frage zu beantworten, was denn die ganze Welt von diesen Studien habe. Ja, Minipuzzleteile zum besseren Verständnis der Evolution der Lebensformen und ihre Ansprüche sowie Anpassungsfähigkeiten, das war die Antwort, die ich schon damals sah und die mich beruhigte. Tatsächlich hat sich viel später herausgestellt, dass insbesondere bei den Korallenriffen die Kenntnis ihrer evolutionären und adaptiven Entwicklung von ihren Ursprüngen bis heute maßgeblich auch zur Einschätzung der weiteren Entwicklung / des möglichen Untergangs heutiger Riffe (Stichwort „atavistische“ Korallen, siehe z.B. <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/zukunftsoptionen-fuer-korallenriffe/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/die-zukunft-der-korallenriffe-auftakt-zum-internationalen-jahr-des-riffs-iyor-2018-deutsche-aktivitaeten/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/zombie-riffe-im-anthropoz-n/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> im Blog sowie z.B. Leinfelder 2019, Cardoso et al. 2025 sowie <a href="https://www.fu-berlin.de/en/featured-stories/research/2025/corals-at-risk-gabriel-cardoso/index.html" rel="noopener" target="_blank">Feature dazu</a>) immer wichtiger wurde.  Und weil ich also schon immer schon meinte, dass bereits in den Schulen neues Wissen in entsprechender, adäquater Weise eingebracht werden sollte, habe ich quasi vom Anfang meiner Laufbahn an – und zunehmend verstärkt – an Wissenschaftskommunikation und Bildungskooperationen mit Schulen gearbeitet. Wegen meiner Überzeugung, dass Wissenskommunikation überaus wichtig für die Gesellschaft sei, habe ich zukunftsrelevante Ausstellungen mitinitiiert und mitkonzipiert (so etwa die weltweit erste große Anthropozän-Ausstellung am Deutschen Museum München), sowie Museumsleitungen an naturkundlichen Museen, aber auch fürs damals zu gründende „Haus der Zukunft” / „Futurium” in Berlin übernommen, dabei auch immer wieder mit Schüler*innen Ausstellungen gemacht bzw. Ausstellungen für Schulen mitkonzipiert (die an Schulen ausgeliehen wurden, wenn sich dort viele Lehrkräfte aus verschiedenen Fächern gemeinsam mit dem Thema beschäftigten) (siehe z.B. Leinfelder et al., 1998/2002, 2007, Leinfelder 2010a,b, 2021, Leinfelder &amp; Zinfert 2015). Bildbasierte Formate waren und sind dabei ebenfalls überaus wichtig. Thematisch ging es vom wohl ersten <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/forschung-und-entwicklung/anthropozaen/mutmachbuch" rel="noopener" target="_blank">Kinderbuch zum Anthropozän (ab 8 Jahren)</a> (Abb. 2) bis hin zu Sachcomics für ältere Jugendliche und Erwachsene, darunter die „Übersetzung“ eines 400-seitigen Hauptgutachtens des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung (dem ich damals angehörte) zur Großen Transformation in einen Comic (Hamann et al. 2013, siehe z.B. <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/forschung-und-entwicklung/anthropozaen/mutmachbuch" rel="noopener" target="_blank">hier</a> oder <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/trafocomicprojekt/" rel="noopener" target="_blank">hier</a>), ein Begleit-Sachcomic zur großen Anthropozän-Ausstellung im Deutschen Museum (Hamann et al. 2014), aber auch die Darstellung großer Forschungsprojekte als Wissenscomics, etwa das Projekt „Die Anthropozän-Küche” des Excellenzclusters Bild-Wissen-Gestaltung (Leinfelder et al. 2016, siehe auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/anthropozaen-kueche/" rel="noopener" target="_blank">hier im Blog</a>) oder die <a href="https://macobios.eu/prp/other-products/" rel="noopener" target="_blank">Ergebnisse des EU-Projekts MaCoBios auch als Sachcomic</a> (Tregardot et al. 2025). Auch die Arbeit der Internationalen Anthropocene Working Group wurde als Wissenscomic umgesetzt (Hamann et al. 2024, Leinfelder &amp; Hamann 2025).</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2000px) 100vw, 2000px" src="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023.jpg 2000w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/mutmachbuch-Leinfelder_LFU_UniAugsburg_Anthropozaen_231023-1536x1152.jpg 1536w" width="2000"></img></a></p> <p>Abb. 2:  Das in Kooperation mit der PH produzierte Mutmachbuch von Laibl et al. (2022), mit Buchcover (links), Seitenbeispielen (rechts) sowie Buchcover der umfangreichen Lehrhandreichungen dazu. (Näheres dazu <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/forschung-und-entwicklung/anthropozaen/mutmachbuch" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>)</p> <p>Solche bildbasierten Formate, also auch Sach-Comics, haben Ähnlichkeiten mit Ausstellung: beide sollten nicht ausschließlich „linear“ sein, also wie Filme, Bücher, Frontalunterricht etc., sondern stellen „slow Media“ dar. So erlauben es Wissenschaftscomics (ähnlich wie auch Ausstellungen), Komplexitäten zu vermitteln, indem man verschiedene Handlungs- und Zeitstränge nebeneinander herlaufen lassen und darin „umherspringen“ kann (siehe hierzu auch Hangartner et al. 2013, Heydenreich 2019, Wagenbreth 2023, Leinfelder &amp; Hamann 2025, Leinfelder et al. 2015, 2017) und fördern damit eben auch die Schulung unseres Imaginationsvermögens. Um dies auch im Unterricht zu ermöglichen, wurden unsere Sachcomics in fast allen Fällen durch umfangreiche Lehrhandreichungen (siehe z.B. <a href="http://anthropocene-kitchen.com/fileadmin/user/handreichung/Mehlwurmburger/Mehlwurmburger-web.pdf" rel="noopener" target="_blank">hier</a> und <a href="https://www.deutsches-museum.de/museum/verlag/publikation/willkommen-im-anthropozaen" rel="noopener" target="_blank">hier</a> und <a href="https://userpage.fu-berlin.de/leinfelder/palaeo_de/leinfelder/freepdfs/die_grosse_transformation_web.pdf" rel="noopener" target="_blank">hier</a>) ergänzt (siehe auch Abb 2). Auch viele andere an den Schulunterricht anpassungsfähgige Formate, wie Zukunftswerkstätten, Design Thinking-Projekte, Repair Cafés, partizipative Exkursionen, Monitoringprojekte uvm. (s. Abb. 3) ermöglichen das Erkennen von Zusammenhängen, der Bedeutung der Natur für uns und unsere Zukunft, sowie die Schulung unseres Imaginationsvermögens. Sie können damit wichtige Beiträge zur Erarbeitung einer  CultureNature Literacy und einer Futures Literacy liefern (siehe auch Leinfelder &amp; Sippl 2023a,b; zu partizipativen Monitoring-Projekten siehe auch die Dissertation von A. Rost 2014).</p> <p>Abb. 3: Beispiele für fächerübergreifende Aktivformate auch für den schulischen Unterricht. (Vortragsfolie Leinfelder, näheressiehe Text)</p> <p>Dies alles waren ja immer wieder auch wichtige Themen hier im Anthropozäniker-Blog. Wer aber erarbeitet insgesamt das Wissen um derartige Projekte, stellt den schulischen Unterricht in entsprechender Weise neu auf, so dass eben die fächerübergreifenden Aspekte und damit auch CultureNature-Literacy, Futures-Literacy auch erarbeitet und im schulischen Unterricht umgesetzt werden können? Daran sind natürlich viele beteiligt, wie der nachfolgende kurze Überblick klar machen und an einem herausragenden Leuchtturmbeispiel verdeutlichen möchte.</p> <h3>4. Die Rolle der Hochschulausbildung von Lehrkräften für die Primarstufe und Sekundarstufe I</h3> <p>Früher waren in Deutschland Pädagogische Hochschulen (PHs) für die (damalige) Volksschulausbildung für Lehramtsstudierende zuständig. Häufig (etwa in Bayern) waren sie römisch-katholisch oder evangelisch ausgerichtet. Forschung sowie Ausbildung für angehende Gymnasiallehrer*innen waren an den Universitäten angesiedelt. Details hierzu führen für diesen Blogpost zu weit (siehe ggf. hier <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pädagogische_Hochschule" rel="noopener" target="_blank">https://de.wikipedia.org/wiki/Pädagogische_Hochschule</a>). Allerdings wurden die PHs in Deutschland etwa ab den 1970er Jahren zunehmend abgeschafft (in den östlichen Bundesländern nach der Wende). Nur Baden-Württemberg hat heute noch PHs, die alle jeweils eine etwas unterschiedliche Schwerpunktsetzung haben und auch auch über Promotions- und Habilitationsrecht verfügen. Im restlichen Deutschland findet die Lehrkraftausbildung auch für die Primarstufe i.d.R. nun in den Sektoren der Fachdisziplinen statt, ergänzt durch spezielle Kurse, die von Lehrveranstaltungen in pädagogischen Fachbereichen (bzw. in anderen Fachbereichen – etwa Sozialwissenschaften, Psychologie etc.-  angesiedelten pädagogischen Fachgebieten) sowie Referendarzeiten ergänzt werden. Damit wurde auch die Primarstufe doch deutlich fachspezifischer, was fächerverbindende und -übergreifende Projekte erschweren kann, aber nicht muss.</p> <h4><strong>4. 1. Der österreichische Weg: Pädagogische Hochschulen</strong></h4> <p>Österreich ging hier einen anderen Weg. Dort gibt es derzeit neun öffentliche und vier private Pädagogische Hochschulen, dazu eine zusätzlich für Agrar- und Umweltwissenschaften. Vor 2006 gab es keine PHs, dafür verschiedenste Pädagogische Akademien und Institute, die dann österreichweit ab Oktober 2007 zu Pädagogischen Hochschulen zusammengefasst wurden, welche für die Primarstufe und Sekundarstufe I zuständig sind. (Näheres siehe z.B. hier: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bildungssystem_in_%C3%96sterreich">https://de.wikipedia.org/wiki/Bildungssystem_in_Österreich</a>.) Obwohl die österreichischen PHs an die jeweiligen Bundesländer angebunden sind, unterstehen sie (im Unterschied zu Deutschland) direkt dem nationalen Bildungsministerium. Die PHs haben neben den Ausbildungsaufgaben auch Forschungsaufgaben. Auch ist ihr Spektrum durchaus unterschiedlich, was die derzeitige österreichische Regierung mit einem Bildungsminister aus der Partei NEOS (einer Abzweigung der FPÖ, ausgeschriebener Name: „Das Neue Österreich und Liberales Forum”) jedoch im Rahmen des aktuellen Regierungsprogramms ändern möchte (siehe dazu <a href="https://www.bmb.gv.at/Themen/regierungsprogramm.html" rel="noopener" target="_blank">Regierungsprogramm, u.a. S. 214, Bullet 3</a>).</p> <h4><strong>4.2 Der Leuchtturm Pädagogische Hochschule Niederösterreich</strong></h4> <p>Ein besonders herausragendes Beispiel, welches in den letzten Jahren sogar ein großes EU-Projekt („<a href="https://cnl.ph-noe.ac.at" rel="noopener" target="_blank"><em>CultureNature Literacy: Curricular key competences for shaping the future in the Anthropocene</em></a>“) mit vielen anderen europäischen Partnern organisiert und geleitet hat und des weiteren auch einen Unesco Chair für „<a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/ph-noe/unesco-chair/learning-and-teaching-futures-literacy-in-the-anthropocene" rel="noopener" target="_blank"><em>Learning and Teaching Futures Literacy in the Anthropocene</em></a>“ eingeworben hat, sei hier besonders genannt: Die <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/" rel="noopener" target="_blank">Pädagogische Hochschule Niederösterreich</a> (University College of Teacher Education Lower Austria, PH NÖ).</p> <p>Weshalb ist dies hier von Interesse? Nun, zum einen, weil für die Ausbildung zur Primarstufe, wie oben erwähnt, möglichst viel Fächerverbindendes und Fächerübergreifendes notwendig ist und eben auch die Imaginationsfähigkeit sowie mit innovativen Lehransätzen auch CultureNature- und Futures Literacy in der Primarstufe besonders gut entwickelbar sind. Das ist beim heutigen Schulsystem in Deutschland nicht so leicht möglich, auch wenn es selbstverständlich auch dort fächerübergreifenden Unterricht gibt (siehe dazu aber <a href="#Kollegen">unten</a>). Auch die Forschung zu neuen inter- und transdisziplinären Schulbildungsansätzen ist damit ebenfalls besser möglich, wie das Beispiel der PH NÖ gut zeigt. Dort existiert sogar eine eigene Literaturreihe, „Pädagogik für Niederösterreich”,  in der viele der Forschungs- und Projektergebnisse der PH NÖ und ihrer Partner dokumentiert und dauerhaft (in <a href="https://www.studienverlag.at/produkt-kategorie/reihen/paedagogik-noe/" rel="noopener" target="_blank">Buchform</a>, aber seit etlichen Jahren auch als <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/forschung-und-entwicklung/schriftenreihe-paedagogik-fuer-niederoesterreich" rel="noopener" target="_blank">open access eBooks</a>) zugänglich sind. Und ja, ich bin überaus begeistert von der PH NÖ, nicht nur, aber auch, weil sie das Thema Anthropozän, beginnend beim Rektor der Universität (siehe z.B. Rauscher 2022), bis weit darüber hinaus als äußerst geeignet für ihren zukunftsorientierten, konstruktiven und verantwortungsgelenkten Ansatz ansehen und verwenden, genauso wie sie auch sehr am Potenzial bildbasierter Formate für die Lehre interessiert sind. Ich wurde im Februar 2019 erstmals vom Rektor zu einem Vortrag eingeladen, mein Vortragsthema damals lautete „<em>Von der Umwelt zur Unswelt – Das Potenzial des Anthropozän-Konzepts für den Schulunterricht</em>“, also ganz „Anthropozäniker-like”. Es ergab sich schon damals eine spannende Diskussion zum Begriff <em>Umwelt</em> und <em>Unswelt</em>; Rektor Rauscher brachte dazu noch den Begriff „<em>Wirwelt</em>“ mit ein (siehe dazu auch Rauscher 2020). (Nicht nur) diese Diskussion führten wir über etliche Jahre in überaus konstruktiver und gegenseitig befruchtender Weise (und derzeit ist in oben erwähnter Reihe auch eine gemeinsame Publikation dazu im Druck, siehe Leinfelder, Rauscher &amp; Sippl 2025). Ich war auch zu weiteren Vortragsterminen an der PH NÖ, führte z.T. dort auch Lehre durch (in Corona-Zeiten hybrid bzw. via VidCon) und wurde auch assoziierter Partner der PH NÖ für das CNL-EU-Projekt. Ja, ich verdanke dem Rektor, dem UNESCO Chair und der gesamten PH NÖ sehr viel für meine inhaltliche Weiterentwicklung in den letzten Jahren. Für Näheres zu den spannenden Aktivitäten dieser Leuchtturm-PH mit ihren wegweisenden Projekten und Zentren (etwa Zentren Lernen-Lehren, Zukünfte-Bildung, Prohairesis-Demokratie etc.)verweise ich auf die <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/" rel="noopener" target="_blank">Webseite der PHNÖ</a> (die leider nun doch eingedünnt wurde, siehe dazu auch nachfolgend). Ja, sicherlich gibt es auch etliche weitere Leuchttürme in der Bildung für eine anthropozäne Zukunft, darunter Universitäten oder auch andere Forschungsinstitutionen (wie etwa das Karlsruher Institut für Technologie, die Universität Augsburg oder auch das Institut Futur der Freien Universität Berlin, an denen auch ich u.a. an Ringvorlesungen beteiligt war). Aber die PH NÖ ragt, zumindest nach meiner Einschätzung, wegen der Gesamtheit und Kooperationsfähigkeit ihres Teams da doch noch deutlich weiter hervor. Überaus vieles verdankt sie hier der Initiativen und der Unterstützung durch Rektor Rauscher, den ich als überaus offenen, konstruktiven, dialogbereiten, sympathischen, wissensdurstigen, unkonventionellen, unterstützenden, fördernden und alle mitnehmenden Menschen kennen und überaus schätzen lernte. Hätten doch viel mehr Führungspersonen so ein „Kaliber”! </p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2000px) 100vw, 2000px" src="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic.jpg 2000w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_maurer_comic-1536x1152.jpg 1536w" width="2000"></img></a></p> <p><span>Abb. 4: Links: Überreichung des Sammelbandes „Die Verführung zur Güte” an den Rektor der PHNÖ, Herrn Prof. Rauscher (links) als Festschrift anlässlich seines  70. Geburtstags (im Jahr 2020). Neben ihm Grafikkünstler Leopold Maurer. Die Festschrift wird von Leitsätzen des Rektors durchzogen, die von L. Maurer in Comic-Paneele übersetzt wurden (mit dem Rektor in Comic-Form) und auch die Festschrift durchziehen. Rechts ein Beispiel dazu (zu weiteren Infos <a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/news/news-detail/paedagogische-leitsaetze-als-comic" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>)</span></p> <p>Warum ist mir meine Erfahrung um die PH NÖ und rund um Prof. Dr.Dr. Erwin Rauscher hier so wichtig? Wir haben ja noch den Begriff „Abbruchsvorhaben“ im Titel, wozu wir gleich kommen werden. <a id="Kollegen"></a>Aber zuvor noch generell zu einer weiteren „Herausforderung”, die es natürlich weit verbreitet – aber nicht dermaßen bekannt – eben auch an Forschungs- und Bildungsinstitutionen gibt, wobei ich keinesfalls verallgemeinern möchte, sondern nur wenige Beispiele in allgemeiner Art herausgreife. Es geht um Kolleg*innen, die teilweise – und aus verschiedenen Gründen – doch sehr kritisch auf so manches schauen, was man ggf. anders macht als sie dies tun. Schon in den Anfängen meiner Kooperationen mit Schulen berichtete mir eine ältere, leider schon längst verstorbene, hochverdiente Lehrerin, dass viele angehende junge Lehrkräfte mit hohem Elan und überaus guten Projektideen, gerade auch für fächerübergreifenden und fächerverbindenden Unterricht, von den Hochschulen kommen und bald versuchen, derartige Projekte an ihren Schulen zu etablieren. (Zu) viele ältere Kolleg*innen würden dabei allerdings sehr kritisch auf den Elan und die Innovationsfreude der jungen blicken, und diese dann häufig ausbremsen, aus Angst, derartiges würde dann von ihnen auch erwartet. Manche begründen diese Ablehnung auch ganz formell damit, dass solche neuen Formate, wie Zukunftswerkstätten, Design-Thinking-Projekte, Outdoor-Seminare, selbständige Geländearbeiten u.v.m. ja gar nicht in Lehrplänen vorgesehen sind, keine behördlich zugelassenen Materialien dazu vorlägen, bzw. Mehrkosten entstünden, die nicht wirklich abrechenbar seien. Das hat durchaus einen wahren Kern, es gehört also schon auch etwas Mut dazu, derartig Neues anzupacken und das Vorgehen ggf. auch zu verteidigen (s.u.).</p> <p>Aus eigener Erfahrung mit meiner Universitätslaufbahn (die über viele Stationen und Institutionen an verschiedenen Orten führte) hab ich durchaus auch Neid-Vorbehalte unter Kolleg*innen kennengelernt, etwa nach dem Motto „<em>Der ist laufend in den Medien mit seinem neuen Zeugs, als ob das Anthropozän etwas mit Geologie und Paläontologie zu tun hätte!</em>” (doch, das hat es, und wie!). Oder auch Neid, dass Studierende bei Wahlpflichtveranstaltungen oft eher solche mit neuen Themen wählten, statt sich den klassischeren Themen zuzuwenden. (Warum fällt mir da wieder das Anthropozän ein?) Dies ging so weit, dass ein Kollege einmal einen extrem kritischen Zeitungsartikel zum Anthropozän (Titel: Epochaler Irrtum) vergrößert als Poster im Forschungsposterformat des Departments direkt neben der Ankündigung meiner Anthropozän-Kurse aushängte (- wir haben dies danach konstruktiv besprochen und gelöst -) oder sich ein anderer Kollege einmal weigerte, eine Studierende in seinem Fach zur Abschlussprüfung zuzulassen, weil sie ihre schriftliche Abschlussarbeit zum Thema Anthropozän durchgeführt hatte (, was dann auch noch irgendwie gelöst wurde). Oder auch, dass angeblich keine Verlängerung meiner aktiven Tätigkeit nach Erreichen des 65. Lebensjahrs möglich war (was der Fachbereich hätte bewilligen müssen). Nach einer Initiative der Studierenden (die unbedingt nochmals einen Anthropozän-Kurs haben wollten) gemeinsam mit dem Studiendekan gab es dann doch noch einen einsemestrigem Lehrvertrag, so dass der interdisziplinäre Anthropozän-Kurs nochmals stattfand. </p> <p>Lassen wir es bei diesen Beispielen bewenden und kommen zurück zum Beispiel der PH NÖ und ihrem so überaus beeindruckenden Kanzler (Kanzler ist hier im Österreichischen im Sinne eines Hochschulpräsidenten bzw. -rektors gemeint, nicht als Finanz- und Verwaltungschef einer Universität, wie dies in Deutschland häufig der Fall ist).</p> <h4><strong>4.3 Abbruchinitiierung eines überragenden Leuchtturms? </strong></h4> <p>Die Aktivitäten der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich (PH NÖ) sind – nicht nur – in Österreich in vieler Munde. Nicht nur, gerade aber auch die projektbasierten, institutsübergreifenden Aktivitäten, mit entsprechend vielen Drittmitteleinwerbungen, sind sehr gut und sehr weit sichtbar. Wegen dieser herausragenden Sichtbarkeit werden dann schon auch ab und an von den Ministerien entsprechende Papiere, etwa zur Zukunftskompetenz-Entwicklung in der schulischen Bildung erwünscht, die man dann natürlich auch erstellt und zuschickt. Ja, da kann es schon mal ein paar Probleme geben, etwa: wer hatte die Idee zu Polyzukünften und deren Einbringung im Unterricht?. Sind Polyzukünfte dasselbe wie die polyperspektivischen Zukünfte, auf denen u.a. das Gründungskonzept eines gewissen Leinfelders für das Berliner Haus der Zukunft / Futurium beruht (siehe <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/haus-zukunft-berlin/" rel="noopener" target="_blank">hier im Blog</a> sowie Leinfelder 2016)? Was sind Unterschiede und Verbindungen zwischen Umwelt, Mitwelt, Unswelt, Wirwelt? (siehe Leinfelder, Rauscher &amp; Sippl. 2025)? Wer schickt dann mit wem etwas an das Ministerium und was wird dabei zitiert? Da kann es schon mal Abstimmungsbedarf geben, aber all das ist (und war) lösbar. </p> <p>Anders sieht es jedoch derzeit aus. Prof. Rauscher, der Gründungsrektor und seit 2006 durchgängig Rektor der PHNÖ, also nicht nur Erbauer, sondern mit seinem gesamten Team aktiver Miterweiterer und ja, auch Wächter dieses Leuchtturms, wurde geschasst, genauer: über Nacht vom Bildungsministerium als Rektor abberufen, in den Ruhestand geschickt und strafrechtlich angezeigt. Sein Name wurde auch innerhalb von Minuten von der Webseite der PH NÖ getilgt, zumindest von der Rektoratseite und anderen Einträgen ist er komplett verschwunden, so als hätte es ihn nie gegeben (die Webseiten der PHs werden übrigens vom österreichischen Bildungsministerium “mitbetreut”, oha!). Dann gleich noch eine heftige Pressemeldung raushauen (via APA, der österreichischen Presseagentur, die von den Medien sofort und quasi völlig unüberprüft übernommen wurde? Siehe z.B. hier: die <a href="https://www.sn.at/panorama/oesterreich/rektor-paedagogischen-hochschule-noe-185360365" rel="noopener" target="_blank">APA-Meldung in den Salzburger Nachrichten vom 2.10.2025</a>.  Was ist passiert? Honni soit que mal y pense? Oder hat da wer gezündelt und der ganze Leuchtturm ist versehentlich abgebrannt? Nein, der Betrieb geht weiter. Aber es läuft wirklich eine handfeste Intrige dort ab, anders kann ich es leider nicht bezeichnen. Ich bin an der PHNÖ nur assoziierter Projektpartner, bin mit dem österreichischen Bildungssystem nicht so vertraut wie mit dem deutschen (siehe auch oben) und will grundsätzlich niemanden direkt anschwärzen. Doch ein paar Aspekte zu diskutieren sei erlaubt, weil es sich nicht nur um ein m.E. skandalöses Vorgehen gegen einen überaus geschätzten Kollegen handelt, sondern viele andere davon in Mitleidenschaft gezogen werden, und damit auch der ganze Leuchtturm stark beschädigt wird. Vor allem aber möchte ich dazu berichten, weil auch für das Unterrichten viel daraus gelernt werden kann. Ich versuche mich möglichst kurz zu fassen und verweise für Vertiefungen auf einige, unten angegebene Medienartikel, damit sich die Anthropozäniker-Leser*innen ihre eigene Meinung bilden können. Aus einigen Medienartikeln erlaube ich mir, kurze, als solche kenntlich gemachte Ausschnitte, wiederzugeben bzw. sie direkt im Text zu verlinken.</p> <p><strong><em>Zur Anschuldigung: <br></br></em></strong>Die in vielen Medien nachzulesenden Anschuldigungen lauten zusammengefasst so.  “<em>Das Bildungsministerium hat Erwin Rauscher, den Rektor der Pädagogischen Hochschule (PH) Niederösterreich, mit sofortiger Wirkung von seinem Amt abberufen. Das teilte das Ministerium von Christoph Wiederkehr (Neos) am Donnerstag in einer Aussendung mit. Grund dafür seien „schwerwiegende dienst- und strafrechtlich relevante Vorwürfe”</em> (aus: <a href="https://www.derstandard.at/consent/tcf/story/3000000290324/bildungsministerium-beruft-rektor-der-ph-niederoesterreich-ab-und-zeigt-ihn-an" rel="noopener" target="_blank">Der Standard vom 2.10.2025</a>). Weiter heißt es dort, „<em>es seien ‚fingierte Lehrveranstaltungen’ im Verwaltungssystem angelegt worden. .. Auch eine Strafanzeige sei eingebracht worden.” Dadurch sei wohl „ein mutmaßlicher Schaden in Höhe von mindestens 32.522 Euro entstanden</em>“. Die weiteren Details will ich nicht groß ausmalen. Nur soviel dazu: Es geht darum, dass dieses Verwaltungssystem vor allem für klassische Lehrveranstaltungen angelegt ist. Für alles andere, was Geld kostet, müsse man Lehraufträge abschließen. Dieses System ist also ähnlich unflexibel wie in Deutschland. Zusätzliche, gerade auch im Kontext der Lehre und des Lehrstudiums wichtige Aktivitäten, angefangen von Social Media-Training, über spezielle, neuartige Lehrprojekte (z.B. Monitoring draußen, Werkstattprojekte uvm) gelten formal nicht als klassische Lehre, wurden aber dennoch hier verbucht. Hätte man diese via Werksverträge abgeschlossen, wären etwa statt dieser 32.000 Euro Kosten von ca. 150.000 Euro entstanden (siehe hier <a href="https://www.oe24.at/oesterreich/chronik/niederoesterreich/verjagter-rektor-schlaegt-zurueck-habe-150-000-euro-eingespart/651567225">oe24 vom 7.10.2025</a>). (Vom gigantischen Verwaltungsaufwand, incl. „Ausschreiberitis” selbst für kleinste Vorhaben, oft unter der Missachtung von Wissenschaftsfreiheit und Lehrfreiheit mal ganz abgesehen, ich weiß, wovon ich spreche). Die PH NÖ hat somit also kräftig Kosten und Verwaltungsarbeit gespart. (Warum kommt mir da dieser Artikel in den Sinn, der darüber berichtet, dass unter diesem Bildungsminister das Ministerium in einem Monat 126.000 Euro für externe Beratung ausgegeben hat? Siehe hier: <a href="https://www.derstandard.at/consent/tcf/story/3000000275629/was-hinter-wiederkehrs-ueppigen-ausgaben-steckt" rel="noopener" target="_blank">Der Standard v. 26.6.2025</a>. Könnte es sein, dass Herr Rauscher ihm dies durch seine einsparende Abrechnung indirekt ermöglicht hat? Zynismus off). Das Ganze ist also ein verwaltungstechnisches, ein „legistisches” Problem, worauf auch der <a href="https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20251008_OTS0015/offener-brief-von-lehrenden-der-ph-noe-an-bm-wiederkehr-zur-abberufung-von-rektor-erwin-rauscher" rel="noopener" target="_blank">offene Brief der PH NÖ-Mitarbeiter*innen</a> (verantwortlich Prof. Christoph Hofbauer, ebenfalls PH NÖ) hinweist. Aber halt, angeblich machen es die anderen PHs ja überhaupt nicht so mit ihrer Abrechnung, solche Dummy-Veranstaltungen gäbe es da nicht, meint zumindest die derzeitige Vorsitzende der Rektor*innenkonferenz der österreichischen PHs, Prof. Beatrix Karl, ehemalige Justizministerin Österreichs, die nun selbst auch eine andere PH in Österreich leitet. Sie meinte dazu in der Kleinen Zeitung vom 10.10.2025: „<em>Eine Nachjustierung und mehr Flexibilität des Dienstrechts wäre wünschenswert, aber es funktioniert auch in seiner jetzigen Form. Es zwingt niemanden dazu, rechtswidrig zu agieren”</em> (<a href="https://www.kleinezeitung.at/oesterreich/20185027/eskalation-in-streit-um-geschassten-rektor-andere-phs-werden-gewarnt" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>). Nur dumm, dass im Kurier von 18.10.2025 (S. 5, Print, bzw. online <a href="https://www.pressreader.com/article/284279601309059" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>) ein Artikel mit dem Titel „<em>Fake-Kurse auch an der PH Steiermark?”</em> dazu herauskam. Oh, das ist ja die PH von Frau Karl. Hier nur der Teaser: „<em>Was in Niederösterreich zur Entlassung des Rektors führte, scheint andernorts auch System zu haben. An der PH Graz kann mal leicht 79 ‚Dummy’-Lehrveranstaltungen finden.”</em> Aha!</p> <p>Es gab übrigens auch eine interne Prüfung an der PHNÖ von all dem, die nichts Strafbares beanstandete. Und natürlich gibt es auch bei allgemein hervorragendem Arbeitsklima immer ein paar Ausnahmen. Und wenn mal Fehler passieren: Herrr Rauscher stellte sich immer auch vor evtl. Fehler anderer Mitarbeiter*innen und übernahm immer die Verantwortung. </p> <p>Ich muss nun zum Verständnis doch noch einmal auf Personelles eingehen. Sehr lange wurden alle Gesprächswünsche der Belegschaft mit dem Ministerium zur Causa Rauscher abgelehnt (drei unbeantwortete Schreiben an den Minister, sieben an die Sektionschefin), daraufhin gab es den oben erwähnten offenen Brief der Belegschaft ans Ministerium, was nach der Abberufung des Rektors doch noch zu einem Gespräch an der PHNÖ mit dem Generalsekretär des Ministers, Herrn Netzer, führte. Dieses Gespräch fand am 14.10.2025 statt und ist offensichtlich komplett entgleist;  ich war nicht dabei, mir wurde aber davon berichtet, und im schon oben erwähnten Artikel des Kurier vom 18.12.2025 wird auch dazu kommentiert; hier ein Ausschnitt daraus: „<em>Wie sehr die Nerven in der Causa Rauscher im Ministerium blank liegen, zeigt ein Vorfall bei einer Veranstaltung an der PH NÖ, bei der der Generalsektretär des Bildungsministeriums, Martin Netzer, seine Sicht der Causa Rauscher schilderte. Eine Hochschulprofessorin stellte dann in einer Wortmeldung fest, dass Rauscher immer ein umsichtiger Rektor gewesen sei, für ihn müsse jedenfalls die Unschuldsvermutung gelten. Netzer konterte scharf: ‚Ich bin erschüttert. Erschüttert über Ihr Rechtsverständnis. Und mache mir Sorgen, wenn Personen wie Sie mit diesem Rechtsverständnis unsere Lehrerinnen und Lehrer ausbilden.’</em>“</p> <p>Was soll man dazu sagen? Das war m.E. nichts anderes als eine „trumpeske” Bedrohung einer Professorin, die es wagte, die Unschuldsvermutung gerade auch für den honorigen Prof. Rauscher anzunehmen, bevor das Urteil in einem etwaigen Strafprozess gesprochen wird. Unglaublich! Mir wurde zusätzlich berichtet, das eine andere anwesende, schwangere Kollegin daraufhin ein medizinischer Notfall ereilte, so dass der Rettungsnotdienst gerufen werden musste. Mehr muss man zu diesem Auftritt wohl nicht sagen / schreiben.</p> <p><strong><em>Weitere Kollateralschäden und die Rolle der Politik<br></br></em></strong>Einer Person im Bildungsministerium scheint diese PH NÖ ein Dorn im Auge zu sein. Die PH NÖ kann offensichtlich mehr Forschungspublikationen als die anderen österreichischen PHs vorweisen und ist eben auch sehr innovativ: Anthropozän, Zukunftsaspekte, Werte, Verantwortung usw. usw.. Rektor Rauscher ist dabei keinesfalls eine „ultralinke” Socke, sondern ein wertebewusster, offener und kooperativer Mensch, dabei auch aktiver Christ, insgesamt fernab jeglicher Unterstellung von „<em>Wokeness”,</em> „Linksgrünversiffung” oder was auch immer für entsprechende Begriffe zur Demontage gewählt würden. Dennoch gab es schon im Sommer eine andere, ebenfalls absolut unnachvollziehbare heftige Rüge des Ministeriums für Rektor Rauscher. An einer mit der PH NÖ assoziierten Primarstufen-Schule war in einer Stellenausschreibung für eine Lehrkraft angegeben, dass auch Türkischkenntnisse sehr wichtig wären. Darauf gab es Reaktionen von ÖVP und FPÖ wie „<em>Deutsch müsse als Unterrichts- und Integrationssprache im Mittelpunkt stehen”</em> (ÖVP) und „<em>die Ausschreibung sei ‚unfair, unvernünftig und diskriminierend’ gegenüber heimischen Lehrkräften ohne Türkischkenntnisse. … ‚Deutsch [sei] auch in Pausen via Hausordnung durchzusetzen'”</em> (Landes-FPÖ), <a href="https://noe.orf.at/stories/3318144/" rel="noopener" target="_blank">siehe hier in ORF_at vom 18.8.2025</a>. Ja, genauso wie in Deutschland ist natürlich auch in Österreich an Volksschulen die Lehrsprache Deutsch, aber etliche der Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund, vor allem aber die Eltern dieser Kinder, haben oft Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Dass es solchen Familien überaus hilft bzw. sie z.T. sogar nur dann erreichbar sind, wenn sie in Gesprächen ggf. auch in der Heimatsprache sprechen können, ist doch bekannt. Damit ist dieser Wunsch nach Türkischkenntnissen absolut sinnvoll.</p> <p>Der junge Bundesminister ist von der Partei der NEOS (einer Abspaltung der FPÖ, <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/politiklexikon/17792/liberales-forum-neos/" rel="noopener" target="_blank">siehe hierzu die Bundeszentrale für politische Bildung, Deutschland</a> (schon etwas älter)); einen <a href="https://www.diepresse.com/19458600/zib-2-die-radikale-gesinnungsaenderung-des-christoph-wiederkehr" rel="noopener" target="_blank">Beitrag zum neuen Bildungsminister Österreichs von ORF-TV, ZIB 2 (vom 11.3.2025) gibt es hier</a>. Der langjährige Generalsekretär Netzer des Bildungsministeriums ist gleichzeitig auch noch Sektionschef der Präsidialsektion des Ministeriums, es steht aber offensichtlich ein Wechsel an; der Minister möchte seinen bisherigen Kabinettschef, Huber, zum Generalsekretär machen (<a href="https://www.diepresse.com/20188544/was-neos-personalien-mit-dem-streit-um-ph-rektor-rauscher-zu-tun-haben" rel="noopener" target="_blank">siehe Die Presse vom 10.10.2025</a>). Tendenzen, wonach von den Organisationsplänen bis zu den Curricula der PH’s möglichst Einheitlichkeit dominieren müsse, kann ich nur als Angriff auf die Themen Anthropozän und Zukunft interpretieren, die eben eine neue, aber überaus notwendige Sicht- und Denkweise schulen. </p> <p><strong><i>Bewertung der Causa Rauscher?<br></br></i></strong>Ich maße mir als Nichtjurist nicht an, eine juristische Bewertung des Vorgangs vorzunehmen. Ich wollte mit obigen Gedanken vor allem anregen, die wichtige Rolle der frühen schulischen Ausbildung für unsere vielfältigen, in neuer Weise anzugehenden Zukunftsherausforderungen zu betonen, aber auch darauf hinzuweisen, wie schnell derartiges Vorgehen aus unterschiedlichsten Gründen in Misskredit gebracht werden kann. Hierbei stellt leider auch die gewisse Einseitigkeit von Vorwürfen mit Hilfe der Medien, ohne die Gegenseitig in voller Weise darzustellen, offensichtlich eine zusätzliche Herausforderung dar. Aber jede*r kann sich hierzu ein eigenes Bild erstellen, so denke ich.</p> <p>Statt eines weiteren Fazits zur Bewertung der Causa Rauscher erlaube ich mir lieber, ein paar Zitate hier anzufügen:</p> <p>a) „<em>Für Erwin Rauscher dreht sich immer alles um die Menschen. Für ihn ist seine Hochschule daher zwar ein besonderer Ort, vielmehr und unverzichtbar aber besteht sie aus dem großen Team der PH-NÖ-Mitarbeiter/innen. Sie sind das starke Fundamentum; auf sie, für sie und mit ihnen hat er diese Hochschule gebaut und gestaltet sie beharrlich weiter, in wechselseitigem Respekt und Vertrauen fördert er ihr Wirken nach Kräften, die Unterstützung und Entwicklung jedes und jeder Einzelnen liegt ihm am Herzen. Er macht Mut für das kreative Verknüpfen von Wissen, das Denken in Alternativen und Zusammenhängen, das Überwinden alter Kausalitätsmuster und Infragestellen herkömmlicher Gewissheiten und Schlussfolgerungen – für visionäres Denken und Imaginationsfähigkeit schlechthin.</em>” (aus Schörg 2020 im Hinführungsartikel der damaligen PHNÖ-Vizerektorin Christine Schörg zur Festschrift von Herrn Rauschers 70 Geburtstag. Zu Glückwünschen weiterer Personen an Herrn Rauscher siehe im selben Band: Mikl-Leitner et al. (2020) (siehe auch Abb. 4 und 5).</p> <p><em><span>b) „Gerechtigkeit, Unvoreingenommenheit und das Prinzip der Fairness sind Grundpfeiler unseres demokratischen Staatsgefüges … Im Wirbel um die PH NÖ, der nun am 2.10.2025 in der Abberufung von Rektor Erwin Rauscher gipfelte, ist dieser Grundsatz missachtet worden. </span><span>Lehrende und Studierende der PH NÖ haben seit Mai 2025 wiederholt an Sie appelliert, auch jene zu hören, die hier gerne arbeiten – aber von einem Dienstrecht betroffen sind, das fachlich-organisationale Tätigkeiten nicht berücksichtigt. Wir wurden abgewiesen oder es kam keine Reaktion. .. </span></em><span><em>Das Dienstrecht lässt hier keine andere Möglichkeit als ein „Hilfskonstrukt“ zur Abgeltung der Administration und Organisation zu – welches jedenfalls an vielen anderen Hochschulen ebenfalls im Einsatz ist</em>.” <br></br>Auszug aus dem <a href="https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20251008_OTS0015/offener-brief-von-lehrenden-der-ph-noe-an-bm-wiederkehr-zur-abberufung-von-rektor-erwin-rauscher" rel="noopener" target="_blank">Offenen Brief von Lehrenden der PH NÖ an Bildungsminister Wiederkehr zur Abberufung von Rektor Erwin Rauscher</a> (vom 8.10.2025) (Rückfragen und Kontakt Prof. Christoph Hofbauer, PH NÖ). </span></p> <div title="Page 1"> <div> <div> <div> <p><em><span>c) „</span>Der jahrzehntelange Rektor der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich, Erwin Rauscher, wurde suspendiert. Er hätte ein System technisch so programmiert, dass Leistungen, die tatsächlich erbracht wurden, nicht mit dem formal richtigen Etikett versehen wurden. So wurde die Betreuung von Sozialen Medien auch als Lehre verbucht. Jeder, der auf der Höhe der Zeit ist, weiß, dass mittlerweile Lehre mehr ist, als vor 25 Personen zu stehen und Monologe zu halten. Es gibt verschiedenste Möglichkeiten, Lehrinhalte, im besten Fall interaktiv, zu vermitteln.</em></p> <ul> <li><em><span>Anstatt real erbrachte Leistungen extern zu vergeben, wurden die Leistungen intern und billiger erbracht.</span></em></li> <li><em><span>Anstatt in einer budgetär taumelnden Republik dem Rektor ein Lobschreiben zukommen zu lassen, werden formale Mängel in der Art der Verbuchung festgestellt.</span></em></li> <li><em><span>Anstatt in Spalte A wurde eine tatsächlich erbrachte Leistung in Spalte B eingetragen – und sicher nicht vom Rektor selbst.</span></em></li> <li><em><span>Anstatt dies in der gebotenen verhältnismäßigen Weise zu lösen, nämlich durch einen Hinweis, diese Leistung sei anders zu buchen, passiert Folgendes:</span></em></li> </ul> <div title="Page 1"> <div> <div> <div> <p><em>Ein seit Jahrzehnten über das durchschnittliche Maß hinaus engagierter Mann, der Inbegriff eines integren Menschen, ein Mensch, der für das Bildungssystem und für die Republik Österreich Unbezahlbares geleistet hat, der sich persönlich so weit engagiert, dass er nicht mit 65 Jahren in Pension geht, sondern stattdessen bis zu seinem 75. Lebensjahr voll weiterarbeitet, wird mit Schimpf und Schande davongejagt.</em></p> <div title="Page 2"> <div> <div> <div> <p><em>Wie schon Hannes Androsch sagte: Wenn man einen Hund schlagen möchte, dann findet man einen Stock dazu. Hingegen ist kein Fall eines Beamten überliefert, der aufgrund völliger Untätigkeit jemals suspendiert worden wäre. Es häufen sich jedoch die Fälle, dass über viele Jahre engagierte Beamte, besonders Ausnahmetalente, die in ihrem Leben bereits wiederholte Male Topleistungen erbracht haben, von noch nie positiv in Erscheinung getretenen Heckenschützen erlegt werden. Der unqualifizierte Neuling richtet die hoch integre erfahrene Person durch kabinettsjustizielle Vorverurteilung hin. Attackiert werden heutzutage jene, die etwas erreicht und geleistet haben. Leute, die sich meist vom Durchschnitt abheben. Dieser Mann soll nie mehr die Durchschnittlichkeit Österreichs stören. ….<span>Die Besten werden entfernt. …</span></em></p> <div title="Page 3"> <div> <div> <div> <p><em>Die Botschaft lautet: Sei möglichst inaktiv und ja nicht innovativ, denn durch eine falsche Buchung stehen die Pseudoanzeige und der Rufmord ins Haus. Und nur keine Innovation, denn bei neuen Initiativen ist das Risiko viel höher, Fehler zu machen.</em>“<br></br>Auszüge aus <a href="https://www.andreas-unterberger.at/m/2025/10/leistungstrger-raus-zur-skandalsen-intrige-gegen-erwin-rauscher/" rel="noopener" target="_blank">“<span>Leistungsträger raus! Zur skandalösen Intrige gegen Erwin Rauscher”, Gastbeitrag </span>von Franz Schabhüttl, 12.10.2025 auf das-tagebuch-at</a> (Blog von Andreas Unterberger)</p> <p>d) Und hier nochmals meine Kurz-Charakterisierung des Rektors von weiter oben (Leinfelder 28.10.2025)<br></br><em>Überaus vieles verdankt [die PH] der Unterstützung durch Rektor Rauscher, den ich als überaus offenen, konstruktiven, dialogbereiten, sympathischen, wissensdurstigen, unkonventionellen, unterstützenden, fördernden und alle mitnehmenden Menschen kennen und überaus schätzen lernte. Hätten doch viel mehr Führungspersonen so ein “Kaliber”!</em>“</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo.jpg"><img alt="" decoding="async" height="728" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1100px) 100vw, 1100px" src="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo.jpg 1100w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo-300x199.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo-1024x678.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/files/Rauscher_bravo-768x508.jpg 768w" width="1100"></img></a></p> <p><span>Abb 5: Danke, lieber Herr Rauscher!  (aus Schörg 2020, Grafik von Leopold Maurer)</span></p> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> </div> <h3>5. Versuch eines Fazits: </h3> <p>Dem Anthropozän-Konzept wird ja häufig unterstellt, es sei ein Ansatz zur Untersuchung des Erdsystems und ergäbe wegen der immensen Unterschiede zu den weiteren Epochen des Quartärs als Konsequenz eine Notwendigkeit zur Ausrufung einer neuen erdgeschichtlichen Epoche, dem Anthropozän. Damit sei es ja ausschließlich naturwissenschaftlich. Dass dies so keinesfalls stimmt, ist in diesem Blog schon häufig behandelt worden. Was nützt ein analytischer Befund, wenn dieser dem Patienten nicht erläutert wird?  Was nützt es, wenn ggf. keine Behandlung verordnet wird? Was nützt die Empfehlung einer Behandlung, wenn diese dann nicht durchgeführt wird? Was nützt eine tatsächlich begonnene Behandlung, wenn sie zu früh abgebrochen wird bzw. weitere Behandlungsnotwendigkeiten der systemischen Erkrankung des Systems nicht umgesetzt werden? </p> <p>Daher sind neue Narrative und Metaphern (siehe z.B.  <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/narrative/">hier im Blog</a>) im Kontext der Verantwortungs-Metaebene der Anthropozän-Konzeptes so wichtig (dazu <a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/das-anthropozan-was-bin-ich-und-wenn-ja-wie-viele/" rel="noopener" target="_blank">hier im Blog</a>, siehe auch Leinfelder 2022, Abb. 3). Und dazu gehört eben auch die Bildung, beginnend beim jungen Schulkind bis hin zum lebenslangen Lernen, weswegen etwa das mit der Kooperation mit der PHNÖ entstandene Mutmachbuch so wichtig ist (s. Abb. 2), sowie die vielen weiteren innovativen Aktivitäten der PHNÖ mit dieser Altersgruppe. Andererseits ist Bildung ohne entsprechendes Umdenken im Handeln auch nicht ausreichend. Gerade daher sind neue Lernformen, bei denen – etwa im Sinne des Design Thinking-Ansatzes oder von Naturlaborlernorten (s. Abb 3)- die Schüler*innen selbst versuchen, Probleme zu erkennen, dann vielfältige Möglichkeiten der evtl. Lösung konstruktiv miteinander zu diskutieren, dann auszuprobieren, sich dabei von Spezialisten  helfen zu lassen, Fortschritte und Fehlversuche zu erkennen und zu analysieren und dann eben iterativ unter Modifikationen weiterzumachen, so wichtig für die Zukunftsgestaltung. Dazu sind KulturNatur-Kompetenz, Zukünftekompetenz, darunter auch Imaginationsvermögen und vieles mehr notwendig. Vielfältigste, oben und andernorts hier im Blog erwähnte, erweiterte Lehrformen sind hier sinnvoll und sollten fest in die Bildungslandschaften mit eingebaut werden – all dies bieten die Forschungs-, Lehr- und Schulausbildungsaktivitäten der PH-NÖ-Teams und ihres Rektors in herausragender Weise.</p> <p>Dies alles mag sehr nachvollziehbar klingen, wenn es dann aber um die entsprechenden Themen geht, wie eben Zukünfte im Anthropozän, ist das Erschrecken oft groß. Altbekanntes verlassen? Keine klaren Zuständigkeiten (in Bereichen, Fächern etc.), wer soll’s machen? Und dann auch keine Polarisierungen, keine simplifizierten externe Schuldzuweisungen als Selbstentschuldigung für Nichtstun? Dann ist vielen ein <em><span>„</span>Jetzt möchte ich möglichst gut leben, nach mir zwar vielleicht nicht gleich die Sintflut, aber da wird der neuen Generation dann schon noch etwas einfallen</em>” doch lieber. Auf all dies wollte ich einerseits im Sinne einer Zusammenfassung von bereits häufig Gesagtem, andererseits aber insbesondere auch am konkreten Beispiel für beeindruckende neue Ansätze, sowie leider dann auch an der, wie in diesem Falle, extrem vehementen Opposition dagegen, hier klarmachen. Und auch die Aussage vom verstorbenen Politiker Hannes Androsch sollte ein Augenöffner sein: “<em>Wenn man einen Hund schlagen möchte, dann findet man einen Stock dazu”</em> (s.o.). Der hochverdiente Rektor der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich, Prof. DDr. Erwin Rauscher ist dazu nicht der Richtige.</p> <p>Vielen Dank! Konstruktive Kommentare sind sehr erwünscht. </p> <p><em>Version 1a vom 28.10.2025<br></br>Version 1b vom 30.10.2025 mit einer Ergänzung im Intro-Kapitel sowie kleineren Korrekturen (v.a. Rechtschreibung und Layout)</em></p> <h4>Literaturverzeichnis</h4> <p>Cardoso, G., Kersting, D., Brachert, T., Heiss, G., Leinfelder, R., Maréchal, J.-P., D’Olivo, J.-P. (2025): Emerging skeletal growth responses of <em>Siderastrea siderea</em> corals to multidecadal anthropogenic impacts in Martinique, Caribbean Sea.- Nature Scientific Reports, 15, 23127 2025, doi: 10.1038/s41598-025-08709-5, <a href="https://www.nature.com/articles/s41598-025-08709-5" rel="noopener" target="_blank">nature.com/articles/s41598-025-08709-5</a></p> <p>Hangartner, U., Keller, F., Öechslin, D. (Hg) (2013): Wissen durch Bilder. Sachcomics als Medien von Bildung und Information, 330 S., Kultur und Medientheorie, Bielefeld (Transcript-Verlag)</p> <p>Hamann, A., Zea-Schmidt, C. &amp; Leinfelder, R. (Hrsg.) (2013): Die Große Transformation. Klima – Kriegen wir die Kurve? – 144 S., Stuttgart (Jakoby&amp; Stuart). ISBN 978-3-941087-23-1 (<a href="https://www.wbgu.de/de/publikationen/publikation/the-great-transformation" rel="noopener" target="_blank">download engl. Ausgabe siehe hier</a>)</p> <p>Hamann, A., Leinfelder, R., Trischler, H. &amp; Wagenbreth, H. (Hrsg.) (2014): Anthropozän – 30 Meilensteine auf dem Weg in ein neues Erdzeitalter. Eine Comic-Anthologie, 82 S., München (Verlag Deutsches Museum) (zur Online-Version der Meilensteine <a href="https://mintwissen.com/Anthropozan-Meilensteine" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>)</p> <p>Hamann, A., Leinfelder, R, Shimizu, M. (2024, 2nd Ed): Taming Time. A Golden Spike for the Anthropocene. A Science Graphic Novel.- 105 pp., eBook, Refubium Open Access-Server, Freie Universität Berlin, <a href="http://dx.doi.org/10.17169/refubium-40617.2" rel="noopener" target="_blank">http://dx.doi.org/10.17169/refubium-40617.2</a>, (Info blog: <a href="https://tamingtime.de" rel="noopener" target="_blank">https://tamingtime.de</a>)</p> <p>Heydenreich, C. (Hg) (2019): Comics und Naturwissenschaften, 273 S., Berlin (<a href="http://www.christian-bachmann.de/b_comfor5.html" rel="noopener" target="_blank">CH.A. Bachmann-Verlag</a>).</p> <p>Laibl, M. &amp; Jegelka, C. (in Coop. m. R. Leinfelder) (2022): WErde wieder wunderbar. 9 Wünsche fürs Anthropozän. Ein Mutmachbuch, 64 S., Edition Nilpferd, G&amp;G-Kinderbuchverlag (Wien). ISBN: 978-3-7074-5272-3, <a href="http://wwww.werdewiederwunderbar.com/" rel="noopener" target="_blank">Infos und Ressourcen</a>,  <a href="https://www.ph-noe.ac.at/fileadmin/root_phnoe/MitarbeiterInnen/Carmen_Sippl/PM_Laibl_Erde_FJ2022.pdf" rel="noopener" target="_blank">Ausschnitte, incl. Geleitwort</a></p> <p>Leinfelder, R. (2010a): Vom Handeln zum Wissen – das Museum zum Mitmachen.- In: Damaschun, F., Hackethal, S., Landsberg, H. &amp; Leinfelder, R. (eds.)(2010): Klasse, Ordnung, Art. 200 Jahre Museum für Naturkunde, S. 62-67, Rangsdorf (Basilisken-Presse)<span> </span></p> <p>Leinfelder, R.R. (2010b): Die wunderbare Natur.- In: Bödeker, K. &amp; Hammer, C. (eds.), Wunderforschung – Ein Experiment von Kindern, Wissenschaftlern und Künstlern, S. 54-62, Berlin (Nicolai-Verlag)</p> <p>Leinfelder, R. (2014): Das Haus der Zukunft (Berlin) als Ort der Partizipation.- Der Anthropozäniker, SciLogs, Spektrum der Wissenschaften-Verlag (20 S., 24 Abb.), <a href="http://www.scilogs.de/der-anthropozaeniker/haus-zukunft-berlin/" rel="noopener" target="_blank">http://www.scilogs.de/der-anthropozaeniker/haus-zukunft-berlin/</a> (oder direkt <a href="https://doi.org/10.13140/2.1.2720.5920" rel="noopener" target="_blank">zur pdf-Version, DOI: 10.13140/2.1.2720.5920</a></p> <p>Leinfelder, R. (2016): Das Haus der Zukunft (Berlin) als Ort der Partizipation.- In: Popp, R., Fischer, N., Heiskanen-Schüttler, M., Holz, J. &amp; Uhl, A. (ed.), Einblicke, Ausblicke, Weitblicke. Aktuelle Perspektiven der Zukunftsforschung, S. 74-93, Berlin, Wien etc. (LIT-Verlag)</p> <p>Leinfelder, R. (2018a): Nachhaltigkeitsbildung im Anthropozän – Herausforderungen und Anregungen. In: LernortLabor – Bundesverband der Schülerlabore e.V. (Hrsg), MINT-Nachhaltigkeitsbildung in Schülerlaboren – Lernen für die Gestaltung einer zukunftsfähigen Gesellschaft, S. 130-141, Berlin, ISBN 978-3-946709-02-2. (<a href="https://www.researchgate.net/publication/323934863_Nachhaltigkeitsbildung_im_Anthropozan_-_Herausforderungen_und_Anregungen" rel="noopener" target="_blank">check reprint via RG</a>)</p> <p>Leinfelder, R. (2018b): Das Anthropozän. Ein integratives Wissenschafts- und Bildungskonzept.- Gemeinsam lernen. Zeitschrift für Schule, Pädagogik und Gesellschaft. 3/2018 (Themenheft Global Goals), S. 8-14, Schwalbach/Ts (Debus). (check <a href="https://www.researchgate.net/publication/326380990_Das_Anthropozan_Ein_integratives_Wissenschafts-_und_Bildungskonzept" rel="noopener" target="_blank">Reprint via Researchgate</a>)</p> <p>Leinfelder , R. (2019): Using the state of reefs for Anthropocene stratigraphy: An ecostratigraphic approach.- In: Jan Zalasiewicz, Colin Waters, Mark Williams, Colin Summerhayes, (eds), The Anthropocene as a Geological Time Unit. A Guide to the Scientific Evidence and Current Debate, pp. 128-136, Cambridge (Cambridge University Press), <a href="https://www.cambridge.org/de/academic/subjects/earth-and-environmental-science/sedimentology-and-stratigraphy/anthropocene-geological-time-unit-guide-scientific-evidence-and-current-debate?format=HB" rel="noopener" target="_blank">ISBN 9781108475235</a>, <a href="https://www.researchgate.net/publication/331608833_Using_the_state_of_reefs_for_Anthropocene_stratigraphy_An_ecostratigraphic_approach" rel="noopener" target="_blank">RG-availability?</a></p> <p>Leinfelder, R. (2020a): Von der Umwelt zur Unswelt – Das Potenzial des Anthropozän-Konzeptes für den Schulunterricht. In: Schörg, Ch. &amp; Sippl, C. (Hrsg.): Die Verführung zur Güte. Beiträge zur Pädagogik im 21. Jahrhundert. Festschrift für Erwin Rauscher, Pädagogik für Niederösterreich, Band 8, S. 81-97, Innsbruck, Wien (StudienVerlag). print: ISBN 978-3-7065-4967-7.  online access download des ganzen Festbands <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.140" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.53349/oa.2022.a2.140</a></p> <p>Leinfelder, R. (2020b): Das Anthropozän – mit offenem Blick in die Zukunft der Bildung. In: Sippl, C.Rauscher, E.&amp; Scheuch, M. (Hrsg.): Das Anthropozän lernen und lehren, S. 17-65, Pädagogik für Niederösterreich, Band 9, Innsbruck, Wien (StudienVerlag), print ISBN 978-3-7065-5598-2, ebook EAN 9783706560832. Open-access download des ganzen Buchs <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.130">doi: 10.53349/oa.2022.a2.130</a>.</p> <p>Leinfelder, R. (2021): Die Zukunft im Museum ausstellen?.- In: Mohr, Henning &amp; Modarressi-Tehrani, Diana (Hsg.) Museen der Zukunft. Trends und Herausforderungen eines innovationsorientierten Kulturmanagements. S. 363-399, Bielefeld (<a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-4896-6/museen-der-zukunft/" rel="noopener" target="_blank">Transcript-Verlag, ISBN 978-3-8376-4896-6</a> (ebook/print)</p> <p>Leinfelder, R. (2022): “Auch Maschinen haben Hunger” – Biosphäre als Modell für die Technosphäre im Anthropozän.- In: Carmen Sippl &amp; Erwin Rauscher. (Hrsg.) <a href="https://www.studienverlag.at/produkt/6180/kulturelle-nachhaltigkeit-lernen-und-lehren/">Kulturelle Nachhaltigkeit lernen und lehren</a>. Reihe: Pädagogik für Niederösterreich, Bd. 11, S.S 489-521 Innsbruck, Wien (StudienVerlag), ISBN 978-3-7065-6180-8 open-access eBook des gesamten Buchs via <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.110" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.53349/oa.2022.a2.110</a>.</p> <p>Leinfelder, R. (2023): Die Zukunft als Skalen- und Perspektivenproblem – Tiefenzeit-Einsichten, Szenarien und Partizipation als Grundlage für Futures Literacy.- In: Sippl, C., Brandhofer, G. &amp; Rauscher, E. (eds.), Futures Literacy – Zukunft lernen und lehren. Pädagogik für Niederösterreich, Bd. 13, 35-60. Innsbruck, Vienna (StudienVerlag); Open access ebook des Bands:  <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.170" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.53349/oa.2022.a2.170</a>.</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Hamann, A. (2019): Das WBGU-Transformations-Gutachten als Sachcomic – ein neuer Wissenstransferansatz für komplexe Zukunftsthemen?.- In: Heydenreich, C. (ed.): Comics und Naturwissenschaften, S. 127-147, Berlin (<a href="http://www.christian-bachmann.de/b_comfor5.html" rel="noopener" target="_blank">CH.A. Bachmann-Verlag</a>).</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Hamann, A. (2025, in press): Imagining the Anthropocene with Images. The Potential of Slow-Media for Co-Designing Futures.- In: Sippl, C, Capatu, I. &amp; Krebs, R.E. (eds), Es wird einmal – Wissen schaffen – Zukünfte erzählen, Pädagogik für Niederösterreich, Bd. 17, (13.Nov.2025), Innsbruck, Wien. (StudienVerlag) (<a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/futures-literacy/sparkling-science-projekt" rel="noopener" target="_blank">Info</a>)</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Föhr, T. (2015): Auf dem Weg ins Haus der Zukunft. Extrablatt, Nr. 1 vom 10.6.2015., Haus der Zukunft gGmbH (Berlin). Faltblatt, 4 S., doi: <a href="https://doi.org/10.13140/RG.2.1.5074.9606" rel="noopener" target="_blank">10.13140/RG.2.1.5074.9606;</a> (bzw. 24S Präsentationsfassung: <a href="https://userpage.fu-berlin.de/leinfelder/palaeo_de/leinfelder/pdfs/HdZExtrablatt_24S.pdf" rel="noopener" target="_blank">download</a>)</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Lehmann, R. (2015): Das Anthropozän-Konzept. Ein neuer Ansatz für fachübergreifende Umweltbildung.- In: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt (Hrsg), Umweltbildung für Berlins biologische Vielfalt – nachhaltig und zielgruppenorientiert. Dokumentation der Berliner Umweltbildungskonferenz vom 4. September 2014, Rotes Rathaus, Berlin, S. 34-37, doi: <a href="https://doi.org/10.13140/RG.2.1.3540.8089" rel="noopener" target="_blank">10.13140/RG.2.1.3540.8089</a></p> <p>Leinfelder, R. &amp; Sippl, C. (2023a): CNL &amp; Anthropozän. Welche Impulse bietet das Anthropozän als Denkrahmen für CultureNature Literacy? – In: Sippl, C. &amp; Wanning, B. (Hrsg.) (2023): CultureNature Literacy (CNL). Schlüsselkompetenzen für Zukunftsgestaltung im Anthropozän. Ein Handbuch für den Theorie-Praxis-Transfer in Schule und Hochschule, S.41-49, Baden: Pädagogische Hochschule Niederösterreich, <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2023.a1.210" rel="noopener" target="_blank">DOI: 10.53349/oa.2023.a1.210</a> (op.acc. for entire eBook).</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Sippl, C. (2023b): CNL &amp; Wissenschaftskommunikation. Wie lassen sich komplexe Mensch-Natur-Beziehungen verständlich kommunizieren? -In: Sippl, C. &amp; Wanning, B. (Hrsg.) (2023): CultureNature Literacy (CNL). Schlüsselkompetenzen für Zukunftsgestaltung im Anthropozän. Ein Handbuch für den Theorie-Praxis-Transfer in Schule und Hochschule, S.142-152,Baden: Pädagogische Hochschule Niederösterreich, <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2023.a1.210" rel="noopener" target="_blank">DOI: 10.53349/oa.2023.a1.210</a> (op.cc. for entire eBook).</p> <p>Leinfelder, R. &amp; Zinfert, M. (2015): Zukunftsbilder – Unsichtbares sichtbar machen. In: Zechlin, R. (ed) Wie leben? Zukunftsbilder von Malewitsch bis Fujimoto, (Ausstellungskatalog-Wilhelm Hack-Museum, Ludwigshafen), S. 16-29, (also in english: Images of the Future. Making the Invisible Visible), Köln (Wienand-Verlag), ISBN 978-3-86832-303-0</p> <p>Leinfelder, R., Adeney Thomas, J., Vidas, D., Williams, M. &amp; Zalasiewicz, J. (2024): Geoethics and the Anthropocene: Five Perspectives.- In: Silvia Peppoloni &amp; Giuseppe Di Capua (eds): Chap. 6; Geoethics for the Future: Facing Global Challenges, pp 69-83, chap. doi: <a href="https://doi.org/10.1016/B978-0-443-15654-0.00005-0" rel="noopener" target="_blank">10.1016/B978-0-443-15654-0.00005-0</a> (Elsevier, ISBN 978-0443156540), 69-83, (<a href="https://www.geoethics.org/geoethics-for-the-future-elsevier" rel="noopener" target="_blank">Book Info</a>)</p> <p>Leinfelder, R. Hamann, A., Jens Kirstein, J. &amp; Schleunitz, M. (Hrsg.)(2016): Die Anthropozän-Küche. Matooke, Bienenstich und eine Prise Phosphor – in zehn Speisen um die Welt. 248 S., Berlin, Heidelberg Springer-Verlag. ISBN 978-3-662-49871-2 (<a href="https://mintwissen.com/Eating-Anthropocene" rel="noopener" target="_blank">Info</a>)</p> <p>Leinfelder, R., Hamann, A. &amp; Kirstein, J. (2015): Wissenschaftliche Sachcomics: Multimodale Bildsprache, partizipative Wissensgenerierung und raumzeitliche Gestaltungsmöglichkeiten.- in: Bredekamp, H. &amp; Schäffner, W. (Hrsg.)(2015): Haare hören, Strukturen wissen, Räume agieren. Berichte aus dem Interdisziplinären Labor Bild-Wissen-Gestaltung, S. 45-59, Bielefeld (transcript-Verlag); ISBN 978-3-8376-3272-9 (Open access für gesamtes Buch <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-3272-9/haare-hoeren-strukturen-wissen-raeume-agieren/?number=978-3-8394-3272-3" rel="noopener" target="_blank">siehe hier</a>)</p> <p>Leinfelder, R., Hamann, A., Kirstein, J. &amp; Schleunitz, M. (Hrsg.) (2017): Science meets Comics.- Proceedings of the Symposium on Communicating and Designing the Future of Food in the Anthropocene. With contributions by Jaqueline Berndt, Anne-Kathrin Kuhlemann, Toni Meier, Veronika Mischitz, Stephan Packard, Lukas Plank, Nick Sousanis, Katerina Teaiwa, Arnold van Huis, and the editors. 117 pp, Berlin (<a href="http://www.christian-bachmann.de/b_sciencemeets.html" rel="noopener" target="_blank">Ch. Bachmann publ.</a>)(4 April 2017); Open Access version: <a href="http://doi.org/10.5281/zenodo.556383" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.5281/zenodo.556383</a></p> <p>Leinfelder, R., Kull, U. &amp; Brümmer, F. (Hrsg.)(1998): Riffe – ein faszinierendes Thema für den Schulunterricht.-Materialien für die Fächer Biologie, Erdkunde und Geologie, Profil, 13, 150 S. (2nd ed 2002, ebook <a href="https://www.researchgate.net/profile/Reinhold-Leinfelder/publication/260069283_Riffe_-ein_faszinierendes_Thema_fur_den_Schulunterricht_Materialien_fur_die_Facher_Biologie_Erdkunde_und_Geologie/links/0c96052f4b801bee4a000000/Riffe-ein-faszinierendes-Thema-fuer-den-Schulunterricht-Materialien-fuer-die-Faecher-Biologie-Erdkunde-und-Geologie.pdf" rel="noopener" target="_blank">-&gt; download via ResearchGate</a>)</p> <p>Leinfelder, R.R., Maaßen, Ch. &amp; Püschel, H. (2007): Das Thema “Riffe” im Schulunterricht. Informationen, Anregungen, Erfahrungen.- In: Stritzke, R. (coord.), Geologie macht Schule, scriptum, 14, S. 32-51, Geol.Dienst NRW, <a href="https://www.gd.nrw.de/pdf/Scriptum14_scr.pdf" rel="noopener" target="_blank">https://www.gd.nrw.de/pdf/Scriptum14_scr.pdf</a> (für ganzes Heft)</p> <p>Leinfelder, R., Rauscher, E. &amp; Sippl, C. (2025, in press): Die Vierfalt der Weltverantwortung, Lernen und Lehren für nachhaltige Zukünfte im Anthropozän.- In: Sippl, C, Capatu, I. &amp; Krebs, R.E. (Hrsg), Es wird einmal – Wissen schaffen – Zukünfte erzählen, Pädagogik für Niederösterreich, Bd. 17, (13.Nov.2025), Innsbruck, Wien. (StudienVerlag) (<a href="https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/futures-literacy/sparkling-science-projekt" rel="noopener" target="_blank">Info</a>)</p> <p>Mikl-Leitner, J., Teschl-Hofmeister, C., Henzinger, Thomas A., Schnabl, C. &amp; Mettinger, A. (2020): Glückwünsche.- In: Schörg, Ch. &amp; Sippl, C. (Hrsg.): Die Verführung zur Güte. Beiträge zur Pädagogik im 21. Jahrhundert. Festschrift für Erwin Rauscher, Pädagogik für Niederösterreich, Band 8, S. 37-42, Innsbruck, Wien (StudienVerlag). print: ISBN 978-3-7065-4967-7.  online access download des ganzen Festbands <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.140" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.53349/oa.2022.a2.140</a></p> <p>Rauscher, Erwin (2020). Unswelt als Wirwelt. Anthropozän – Herausforderung für Schulleitungshandeln. In Carmen Sippl, Erwin Rauscher &amp; Martin Scheuch (Hrsg.), Das Anthropozän lernen und lehren (S. 181–202). Studienverlag. (Pädagogik für Niederösterreich, 9) – DOI: <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.130" rel="noopener" target="_blank">10.53349/oa.2022.a2.130</a></p> <p>Rauscher, E. (2022): Wenn nicht die Schule, wer dann? Zukunftsfähigkeit als Bildungsverantwortung im Anthropozän. In Carmen Sippl &amp; Erwin Rauscher (Hrsg.), Kulturelle Nachhaltigkeit lernen und lehren (S. 273–305). Studienverlag. (Pädagogik für Niederösterreich, 11) – DOI: <a href="http://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.110" rel="noopener" target="_blank">10.53349/oa.2022.a2.110</a></p> <p>Rost, A. (2014): Konzeption und Evaluierung von fächerübergreifenden Forscherheften zum Biodiversitätsmonitoring – Beeinflusst eine Intervention das systemische Denken?- 302 S., Dissertation, Freie Universität Berlin (AG Geobiologie und Anthropozänforschung). Op.Acc. <a href="https://refubium.fu-berlin.de/bitstream/handle/fub188/10721/Rost_Anneli.diss.pdf" rel="noopener" target="_blank">https://refubium.fu-berlin.de/bitstream/handle/fub188/10721/Rost_Anneli.diss.pdf</a></p> <p>Schörg, C. (2020): Vom Kreidekreis zum Themen-Reigen. Eine Hinführung. In: Schörg, Ch. &amp; Sippl, C. (Hrsg.): Die Verführung zur Güte. Beiträge zur Pädagogik im 21. Jahrhundert. Festschrift für Erwin Rauscher, Pädagogik für Niederösterreich, Band 8, S. 9-22, Innsbruck, Wien (StudienVerlag). print: ISBN 978-3-7065-4967-7.  online access download des ganzen Festbands: Doi: <a href="https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.140" rel="noopener" target="_blank">10.53349/oa.2022.a2.140</a></p> <div title="Page 25"> <div> <div> <div title="Page 25"> <div> <p>Sippl, C., Tengler, K., Capatu, I., Krebs, R.E. &amp; Wittmann, A (2025): Die Zukunft des Bodens – Eine Pilotstudie zur Förderung von Zukünftedenken in der Primarstufe im methodischen Format der Zukünftewerkstatt.- R&amp;E-SOURCE 12. Jg. (2025)(Nr. 4):93 – 116, DOI: 10.53349/re-source.2025.i4.a1486</p> <p>Steinmüller, K. (2011): Weshalb Szenarien? (Grafik). In Autorenkollektiv Internet &amp; Gesellschaft Co:llaboratory (Hrsg.), Gleichgewicht und Spannung zwischen digitaler Privatheit und Öffentlichkeit (S. 58). Publikationen UB Uni Frankfurt -&gt; <a href="https://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/opus4/frontdoor/deliver/index/docId/27240/file/13510754.pdf" rel="noopener" target="_blank">pdf download</a>.</p> </div> </div> </div> </div> </div> <p>Trégarot, Ewan, Elena Allegri, Andrea Cabrito, Gema Casal, Gabriel Cardoso, Cindy Cornet, Juan Pablo D’Olivo, Kieran Deane, Silvia de Juan, Georg Heiss, Diego Kersting, Reinhold Leinfelder, Bethan O’Leary, Christian Simeoni, Marina Vergotti, Elisa Furlan; Llorenç Garrit &amp; Pato Conde (2024): Waves of Hope.- Science Graphic Novel, eBook 36pp, open access, <a href="https://macobios.eu/prp/other-products/#ComicBook" rel="noopener" target="_blank">macobios.eu/prp/other-products/#ComicBook</a> (produced by Horizon 2020 – EU-Research Project ‘Marine Coastal Ecosystems, Biodiversity and Services in a Changing World’) <i>(translations into German, French, Italian, Spanish, Catalan and Portuguese are now also availabe via above link)</i>.</p> <p>Zalasiewicz, J., Waters, C.N., Ellis, E.C., Head, M.J., Vidas, D., Steffen, W., Adeney Thomas, J., Horn, E., Summerhayes, C.P., Leinfelder, R., McNeill, J. R., Galuszka, A., Williams, M., Barnosky, A.D., Richter, D. deB., Gibbard, P.L., Syvitski, J., Jeandel, C., Cearreta, A., Cundy, A.B., Fairchild, I.J., Rose, N.L., Ivar do Sul, J.A., Shotyk, W., Turner, S., Wagreich, M., Zinke, J. (2021): The Anthropocene: comparing its meaning in geology (chronostratigraphy) with conceptual approaches arising in other disciplines.- Earth’s future, EFT2777, <a href="https://agupubs.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1029/2020EF001896" rel="noopener" target="_blank">doi: 10.1029/2020EF001896</a> (open access).</p> <p>Wagenbreth, Henning (Hrsg.)(2023): Bilder schreiben, Wörter zeichnen. Was wir mit Illustrationen machen können. 512 S., Wuppertal (Peter Hammer Verlag, ISBN 978-3779507079).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/bildung-fuer-die-zukunft-im-anthropozaen-herausforderungen-potenziale-leuchtuerme-und-abbruchsvorhaben/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>12</slash:comments> </item> <item> <title>Der dämonische Feind https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/der-daemonische-feind/ https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/der-daemonische-feind/#comments Mon, 27 Oct 2025 18:26:42 +0000 Thomas Grüter https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/?p=1759 https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/capitol2-768x419.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/der-daemonische-feind/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/capitol2.jpg" /><h1>Der dämonische Feind » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Donald Trump hat die Antifa zur einheimischen Terrororganisation erklärt. Ganz offiziell, per Dekret. Nur: Die Antifa ist keine Organisation. Der Begriff ist eher eine Selbstbeschreibung von locker verbundenen Gruppen und Individuen, die sich als „antifaschistisch“ verstehen. Was wie ein Versuch aussieht, einen Pudding an die Wand zu nageln, ist tatsächlich der bisher gefährlichste Vorstoß der Trump-Administration zur übergriffigen Machtausweitung – was hier offenbar fast niemand bemerkt hat.</b></p> <p>Autoritäre oder diktatorische Regime brauchen Feinde. Je diffuser, desto besser. Und die besten Feinde sind immer die, die man selbst erfindet. Putin hat die <i>Nazis</i> zu Feinden ernannt. In der russischen Propaganda sind das unbelehrbare Feinde Russlands, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie Russland vernichten wollen. Das rechtfertigt auch die härtesten Maßnahmen und eine unablässige Repression. In der DDR war es der <i>Klassenfeind</i>, der den Aufbau des Sozialismus immer und überall hintertrieb, bei Tag und bei Nacht („Der Klassenfeind schläft nicht!“).</p> <p>Auch Trump baut ein Feindbild auf, und zwar genau nach Lehrbuch. Seine Regierung konstruiert das diffuse Bild einer kaum fassbaren, aber ungeheuer mächtigen und reichen, militärisch gedrillten und ideologisch gefestigten Geheimorganisation, die den Amerikanern jede Freiheit nehmen will. In meinem Buch „<a href="https://www.fischerverlage.de/buch/thomas-grueter-freimaurer-illuminaten-und-andere-verschwoerer-9783104000374">Freimaurer, Illuminaten und andere Verschwörer</a>“ habe ich dafür den Begriff <i>Dämonenstereotyp</i> einführt.</p> <h3>Der Feind im Inneren</h3> <p>Die Stadt Portland in Oregon, traditionell eine Bastion linker Demokraten, hat Trump seit Langem im Visier. Nach verschiedenen, nicht immer ganz friedlichen Protestdemonstrationen bezeichnete er die Stadt als „kriegszerstört (war-ravaged)“, worüber sich die Einwohner <a href="https://www.theguardian.com/us-news/2025/oct/19/portland-oregon-residents-trump-housing-drugs">immer wieder lustig machen</a><a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a>. „Portland hat nicht mal Abwasserkanäle. Und kein Glas. Sie haben Sperrholzplatten in den Fenstern. Aber die meisten Geschäfte sind weg“, sagte Trump bei anderer Gelegenheit. Auch das ist Unsinn – aber er hört nicht auf. In einer <a href="https://www.whitehouse.gov/articles/2025/10/portland-fake-news-ignores-antifa-violence-residents-pleas-for-help/">aktuellen Mitteilung des Weißen Hauses heißt es</a> :</p> <p>„Seit Jahren verwandelt ein von der Antifa angeführtes Inferno [die Stadt] Portland in eine Ödnis aus Brandbomben, Schlägereien und dreisten Angriffen auf Bundesbeamte und Eigentum – dennoch leugnen die Fake News schändlicherweise die Terrorherrschaft der radikalen Linken.“<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a><aside></aside></p> <p>Um es noch einmal zu sagen: <a href="https://apnews.com/article/fact-check-trump-portland-oregon-protests-antifa-203826406efb7420911ae756b4331f60">In Portland herrscht Frieden</a>, trotz der anhaltenden Proteste gegen die Jagd der Bundesbehörden auf Einwanderer ohne Papiere. Wenn Sie sich selbst überzeugen möchten – der Site <a href="https://isportlandburning.com/#cameras">https://isportlandburning.com/#cameras</a> zeigt Life-Videos von diversen Kameras im Stadtgebiet.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1763" id="attachment_1763"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025.jpeg"><img alt="Portland 2025" decoding="async" height="239" sizes="(max-width: 424px) 100vw, 424px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025-300x169.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025-300x169.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025-1024x576.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025-768x432.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025.jpeg 1280w" width="424"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1763">Portland, Luftbild, PD</figcaption></figure> <p>Man könnte hier meinen, dass es sich wieder um die üblichen Lügen und Übertreibungen handelt, aber diesmal ist System dahinter. Es geht dabei weniger um Portland, sondern um die unscheinbare Formulierung „von der <i>Antifa</i> angeführt“.</p> <h3>Der angebliche Terror der Antifa</h3> <p>Eben diese Antifa hat Trump gerade als einheimische Terrororganisation eingestuft. In einer „<a href="https://www.whitehouse.gov/presidential-actions/2025/09/designating-antifa-as-a-domestic-terrorist-organization/">Executive Order</a><a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a>“ vom 22.9.2025 erklärte er, sie sei „eine militaristische, anarchistische Unternehmung, die ausdrücklich dazu aufruft, die Regierung der Vereinigten Staaten, die Strafverfolgungsbehörden und die gesetzmäßige Ordnung zu stürzen“.</p> <p>Sie vernetze sich außerdem mit anderen Gruppen, „um politische Gewalt zu verbreiten“ und „gesetzeskonforme politische Äußerungen zu unterdrücken.“</p> <p>Deshalb erkläre er sie zur „einheimischen Terrororganisation“.</p> <p>Diese Erklärung hängt allerdings in der Luft, weil erstens die Antifa weder eine Organisation und noch eine Unternehmung ist, und zweitens die amerikanischen Bundesgesetze den Begriff der „einheimischen Terrororganisation“ nicht kennen.</p> <p>Sie kennt nur „ausländische Terrororganisationen“. Sollten amerikanische Staatsbürger einer solchen Terrororganisation finanzielle, organisatorische und sonstige nachweisbare Hilfe (der englische Begriff lautet: „material Support“) leisten, müssen sie mit strengen Strafen rechnen. <a href="https://www.state.gov/foreign-terrorist-organizations">Eine Liste dieser Organisationen</a> kann auf der Website des US-amerikanischen Außenministeriums eingesehen werden.</p> <h3>Was ist eine Terrororganisation?</h3> <p>Bei einem <a href="https://www.npr.org/2025/09/19/nx-s1-5545764/trump-antifa-domestic-terrorist-organization">Interview mit dem National Public Radio</a> erklärte Tom Brzozowski, ehemaliger Mitarbeiter im „Counsel of Domestic Terrorism“ des amerikanischen Justizministeriums, den Unterschied an einem Beispiel:</p> <p>„Wenn ich beispielsweise eine Geschenkkarte im Wert von 20 Dollar an eine Organisation auf der Liste auf der Website des Außenministeriums schicke, obwohl ich weiß, dass sie eine ausländische Terrororganisation ist, müsste ich mit einer Freiheitsstrafe von 20 Jahren rechnen. Wenn ich jedoch dieselbe Geschenkkarte beispielsweise an den örtlichen Ableger des Ku-Klux-Klan schicke, würde dies keinerlei strafrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.“</p> <p>Jetzt könnte man auf die Idee kommen, die Unterscheidung aufzuheben. Aber so einfach ist das nicht. Beispielsweise hat jeder Amerikaner das verfassungsmäßige Recht, Waffen zu tragen. Selbst eine bewaffnete Gruppe lässt sich nicht so einfach auflösen, nicht einmal dann, wenn sie ausdrücklich ihre Gegnerschaft zur aktuellen Regierung erklärt – das fällt unter die von der Verfassung garantierte Meinungsfreiheit.</p> <p>R<a href="https://www.splcenter.org/resources/extremist-files/militia-movement/">echtsextreme bewaffnete Milizen</a>, die teilweise ausdrücklich den Kampf gegen die Regierung in ihre Programme geschrieben haben, sind bisher immer unbehelligt geblieben. Einige geben sogar an, mit der Trump-Regierung in Kontakt zu stehen. Trump selbst hat alle Kapitolstürmer begnadigt, auch dann, wenn sie bewaffnet waren und gewaltsam vorgegangen waren. Darunter waren auch Mitglieder der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Proud_Boys">„Proud Boys</a>“, einer rechtsextremen Vereinigung, die ausdrücklich den gewaltsamen Widerstand gegen den Staat und gegen politische Gegner propagiert. Diese Gruppen betrachtet die Trump-Regierung keineswegs als Terrorgruppen, und <a href="https://whyy.org/articles/trump-proud-boys-capitol-rioters-pardon/">der Präsident hat freundliche Worte für sie</a>.</p> <h3>Die Antifa als Dämon</h3> <p>Ist die Verteufelung der Antifa eine reine Propagandaaktion? Nein, keineswegs. Man sollte nicht vergessen, dass Donald Trump in seiner zweiten Amtszeit nicht allein handelt, sondern das Sprachrohr einer exzellent organisierten autoritär ausgerichteten Gruppe ist. Sie versteckt sich hinter seinem aufschneiderischen Auftreten und nutzt seinen wütenden Hass auf alle, die er für seine Feinde hält. Ihre wichtigsten Vertreter sind Russell Vought (Direktor des Office of Management and Budget der amerikanischen Regierung) und Stephen Miller (stellvertretender Stabschef im Weißen Haus).</p> <p>Wenn wir davon ausgehen, dass die Erklärung der Antifa zur Terrororganisation keine spontane Laune eines unsteten Herrschers ist, was soll diese Executive Order dann erreichen? Und warum gerade die Antifa?</p> <p>Zum einen existiert die Antifa nicht als Organisation und kann sich demzufolge nicht vor Gericht wehren. Hätte Trump einen Verein oder eine Partei zur Terrororganisation erklärt, dann müsste er sofort mit einer Klage rechnen, und seine juristisch frei schwebende Konstruktion würde zusammenfallen. Zum zweiten eignet sich die Antifa gerade wegen ihrer diffusen Struktur ideal als dämonisches Feindbild, auf das man alles projizieren kann. Damit legt die Regierung eine gute Grundlage für weitere einschneidende Schritte.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1764" id="attachment_1764"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="403" sizes="(max-width: 403px) 100vw, 403px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2.jpg 1024w" width="403"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1764">Dämonenbeschwörung. KI-generierte Karikatur</figcaption></figure> <h3>Das Memo NSPM-7</h3> <p>Die Zielrichtung lässt sich an einem „Presidential Memorandum“ NSPM-7 ablesen, das Trump nur drei Tage nach seiner Executive Order am 25.9.2025 veröffentlichte<a href="#sdendnote4sym" name="sdendnote4anc"><sup>4</sup></a>.</p> <p><a href="https://www.whitehouse.gov/presidential-actions/2025/09/countering-domestic-terrorism-and-organized-political-violence/">Es trägt den schönen Titel</a>: „Gegen einheimischen Terrorismus und organisierte politische Gewalt [Countering Domestic Terrorism and Organized Political Violence]“.</p> <p>Das Memorandum enthält Handlungsanweisungen an Ministerien und das FBI für das Vorgehen gegen einheimische Terrororganisationen. Die Präambel lässt allerdings keinen Zweifel, dass hier die Antifa und nur die Antifa gemeint ist.</p> <p>Die Anweisungen haben es in sich. Der Kern ist nicht ganz einfach zu finden, weil er sich unter sehr viel hohltönender Propaganda versteckt. Hat man das erst eliminiert, kommt zum Vorschein, dass sämtliche Geldströme, die irgendetwas mit der Antifa zu tun haben, untersucht und unterbunden werden sollen.</p> <p>Die Finanzbehörden sollen sicherstellen, dass keine gemeinnützige Organisation <i>direkt oder indirekt </i>an der Finanzierung der Antifa beteiligt ist.</p> <p>Damit schreibt sich die Regierung einen Freibrief, um gegen eine große Zahl von liberalen Stiftungen vorzugehen, auch solche, die lediglich Bürgerrechte einfordern. Viele davon sind mit der Demokratischen Partei verbunden. Selbst Spenden für die demokratische Partei oder für einzelne Kandidaten könnten dann mit Klagen bedroht werden.</p> <h3>Die Propaganda-Runde im Weißen Haus</h3> <p>Das ist mehr als ein theoretisches Gedankenspiel. Bei <a href="https://edition.cnn.com/2025/10/08/politics/antifa-white-house-roundtable">einer </a><a href="https://edition.cnn.com/2025/10/08/politics/antifa-white-house-roundtable">Diskussionsrunde im weißen Haus</a> am 8.10.2025 mit Kabinettsmitgliedern und handverlesenen rechten Influencern erklärte Donald Trump, dass Mitglieder der Antifa „den Menschen gegenüber sehr bedrohlich aufgetreten sind, aber wir werden ihnen gegenüber sehr bedrohlich auftreten, weitaus bedrohlicher, als sie es jemals uns gegenüber waren. Und das schließt auch die Leute ein, die sie finanzieren, wahrscheinlich einige Leute, die ich kenne, einige Leute, mit denen ich diniere. Aber wenn sie das tun, sind sie in großen Schwierigkeiten, also werden wir uns sehr genau mit den Leuten befassen, die diese Operationen finanzieren.“</p> <p>Und die Heimatschutzministerin Kristi Noem ergänzte, die Antifa sei so hoch organisiert (im Original „sophisticated“) „wie MS-13, wie TDA [zwei Drogenkartelle], wie die Hisbollah und wie die Hamas – wie sie alle – sie sind genauso gefährlich<a href="#sdendnote5sym" name="sdendnote5anc"><sup>5</sup></a>“.</p> <p>Die Bekämpfung der Antifa soll ähnlich wie die der organisierten Gewaltkriminalität angegangen werden. Und der Justizminister soll weitere Gruppen benennen, die er als „einheimische Terroristen“ ansieht und diese Liste an den Präsidenten schicken. Es kann also sein, dass Trump bald ein ganzes Ökosystem von mehr oder weniger organisierten Gruppen als „einheimische Terrorgruppen“ einstuft, deren finanzielle oder organisatorische Unterstützung er unter strenge Strafen stellen will. Wohlgemerkt: Das ist nicht etwa eine reine Vermutung. <a href="https://abcnews.go.com/US/doj-charges-alleged-antifa-followers-terrorism-offense-attack/story?id=126590253">Das Justizministerium hat bereits angefangen</a>, Menschen wegen „material Support“ für die Antifa anzuklagen, obwohl jeder Anwalt, der sein Geld Wert ist, diese Argumentation in Fetzen reißen würde.</p> <h3>Der Opposition die Mittel entziehen.</h3> <p>Insgesamt geht es darum, die eher linken Bürgerrechtsorganisationen und natürlich die Demokratische Partei finanziell auszutrocknen. Außerdem könnte der Wahlkampf der Demokratischen Partei empfindlich gestört werden, wenn Kandidaten wegen „materieller Unterstützung“ von einheimischen Terrororganisationen angeklagt werden. Das mag rechtlich unhaltbar sein, aber die Trump-Regierung hat bereits gezeigt, dass sie sich wenig darum kümmert, ob ihre Argumente vor Gericht überhaupt Substanz haben. Trump selber versucht immer wieder, von Presseorganen absurde Milliardensummen einzuklagen, weil sie angeblich parteiisch, nicht vollständig oder falsch berichten (was sie natürlich dürfen). <a href="https://www.axios.com/2025/07/22/trump-lawsuits-wsj-npr-pbs">Axios hat 34 Prozesse seit 2015 gezählt</a>. Aktuell laufen Klagen gegen die New York Times über 15 Milliarden US$ und das Wall Street Journal über 10 Milliarden US$. <a href="https://www.france24.com/en/live-news/20251009-trump-hosts-roundtable-accusing-sick-media-of-backing-antifa">Bei dem Pressegespräch beschuldigte Trump</a> übrigens „einige Medien“, mit der Antifa zusammenzuarbeiten. Namentlich erwähnte er ABC, NBC und MSNBC – das ist natürlich eine Aufforderung an das Justizministerium, sie für „materielle Unterstützung“ des Terrors zu verfolgen.</p> <p>Solche Prozesse stören in jedem Fall die Geschäftsabläufe, kosten Geld und Zeit, und sind, wenn sie Privatleute betreffen, außerordentlich belastend, selbst wenn sie keine Chance haben.</p> <h3>Lügen für einen bösen Zweck</h3> <p>Die massive Propaganda, mit der diese Aktionen vorbereitet werden, hat eine bestimmte Zielrichtung: Die eigene Klientel soll davon überzeugt werden, dass fundamentale Rechte der Opposition ausgehebelt werden dürfen – ja müssen –, weil die Opposition zusammen mit linken Splittergruppen einen gewaltsamen Umsturz plant.</p> <p>Andernfalls könnten die eigenen Wähler vielleicht das Gefühl bekommen, dass sich Trump zu viel Macht sichern will. Bei den meist knappen Wahlergebnissen könnte das gefährlich werden. Das gilt um so mehr, als sich die Trump-Familie und viele ihrer Helfer offen bestechlich gezeigt haben, Bundesrecht gebeugt oder gebrochen haben und bei einem Regierungswechsel vermutlich vor Gericht landen würden.</p> <p>Sagen wir es ganz deutlich: Trump, seine Familie und Teile seiner Regierung müssen eine Abwahl fürchten und werden alles unternehmen, um sie zu verhindern.</p> <h3>Wahrnehmung in Deutschland</h3> <p>Haben Sie das alles schon anderswo gelesen? Zumindest in der deutschsprachigen Presse hat Trumps Aktion gegen die Antifa allenfalls Kopfschütteln ausgelöst, das Memorandum fand kaum Erwähnung, das Pressegespräch war den meisten Portalen allenfalls eine Kurzmeldung wert. Einzig die <a href="https://www.rollingstone.de/dieses-trump-memo-soll-die-demokraten-zerstoeren-3063685/">deutsche Ausgabe des Rolling Stone Magazine</a> hat die Tragweite der Aktion erkannt und sie in dem Artikel „Dieses Trump-Memo soll die Demokraten zerstören“ eingehend beleuchtet. In den USA hat es wegen des Memos einen Aufschrei gegeben, den hier aber offenbar niemand gehört hat. <a href="https://www.tagesschau.de/ausland/europa/eu-parlament-fleischersatz-100.html">Die Berichterstattung über den Beschluss des Europaparlaments</a> gegen „Veggie-Würstchen“<a href="#sdendnote6sym" name="sdendnote6anc"><sup>6</sup></a> war jedenfalls sehr viel umfangreicher. Man muss eben Prioritäten setzen.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> Die Stadt hat natürlich durchaus ihre Probleme. Sie ist mit ca. 640000 Einwohner die größte Stadt des US-Bundesstaats Oregon, und kämpft, wie viele andere Städte, mit einer extremen Wohnungsnot und zu vielen Obdachlosen. 2021 beschloss die Stadt, Drogensüchtige nicht als Kriminelle zu behandeln, sondern die medizinischen Angebote für sie in den Vordergrund zu rücken. Das führte zu einem heftigen Streit über die Folgen, zumal die Ausweitung der medizinischen Versorgung sich als schwierig erwies. Die Gegner führten die hohe Zahl der in den Straßen der Stadt fast überall sichtbaren Obdachlosen und Drogenabhängigen auf die zu lasche Verfolgung zurück, die Befürworter verwiesen darauf, dass es anderswo auch nicht besser sei. Inzwischen ist die Regelung wieder aufgehoben, und der Besitz von illegalen Drogen, auch zum eigenen Gebrauch, ist wieder strafbar.</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Im englischen Original: „For years, an <a href="https://www.whitehouse.gov/fact-sheets/2025/09/fact-sheet-president-donald-j-trump-designates-antifa-as-a-domestic-terrorist-organization/#:~:text=Antifa%20has%20engaged,must%20be%20stopped.">Antifa-led</a> hellfire has turned Portland into a wasteland of firebombs, beatings, and brazen attacks on <a href="https://www.whitehouse.gov/articles/2025/09/president-trump-deploys-federal-resources-to-crush-violent-radical-left-terrorism-in-portland/">federal officers and property</a> — yet the Fake News remains in <a href="https://x.com/RapidResponse47/status/1975254876004491792">shameful denial</a> about the Radical Left’s reign of terror.“</p> <div id="sdendnote3"> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3]</a> Die oft verwendeten deutsche Übersetzungen „Durchführungsverordnung“ oder „Präsidentendekret“ treffen die Tragweite eines solchen Dokuments znur unzureichend. „Executive Orders“ dürfen offiziell kein neues Recht schaffen, tun es aber immer wieder. Eine Executive Order des Präsidenten kann vom Parlament aufgehoben werden. Bis dahin ist sie für die US-Bundesbehörden verbindlich. Donald Trump macht davon exzessiven Gebrauch. Er hat in den ersten neun Monaten seiner Amtszeit mehr Executive Orders erlassen als sein Vorgänger in vier Jahren (209 gegen 162).</p> </div> <p><a href="#sdendnote4anc" name="sdendnote4sym">[4]</a> Verfasser ist vermutlich Stephen Miller, nicht Donald Trump.</p> <p><a href="#sdendnote5anc" name="sdendnote5sym">[5]</a> Weitere absurde Behauptungen der Propagandarunde finden sich in einem Bericht von <a href="https://uk.news.yahoo.com/trump-just-hosted-antifa-roundtable-213414391.html">Yahoo UK</a>.</p> <p><a href="#sdendnote6anc" name="sdendnote6sym">[6]</a> Der Beschluss wurde am 8.10.2025 gefasst, am Tag des „Pressegesprächs“ im weißen Haus.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/capitol2.jpg" /><h1>Der dämonische Feind » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Donald Trump hat die Antifa zur einheimischen Terrororganisation erklärt. Ganz offiziell, per Dekret. Nur: Die Antifa ist keine Organisation. Der Begriff ist eher eine Selbstbeschreibung von locker verbundenen Gruppen und Individuen, die sich als „antifaschistisch“ verstehen. Was wie ein Versuch aussieht, einen Pudding an die Wand zu nageln, ist tatsächlich der bisher gefährlichste Vorstoß der Trump-Administration zur übergriffigen Machtausweitung – was hier offenbar fast niemand bemerkt hat.</b></p> <p>Autoritäre oder diktatorische Regime brauchen Feinde. Je diffuser, desto besser. Und die besten Feinde sind immer die, die man selbst erfindet. Putin hat die <i>Nazis</i> zu Feinden ernannt. In der russischen Propaganda sind das unbelehrbare Feinde Russlands, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie Russland vernichten wollen. Das rechtfertigt auch die härtesten Maßnahmen und eine unablässige Repression. In der DDR war es der <i>Klassenfeind</i>, der den Aufbau des Sozialismus immer und überall hintertrieb, bei Tag und bei Nacht („Der Klassenfeind schläft nicht!“).</p> <p>Auch Trump baut ein Feindbild auf, und zwar genau nach Lehrbuch. Seine Regierung konstruiert das diffuse Bild einer kaum fassbaren, aber ungeheuer mächtigen und reichen, militärisch gedrillten und ideologisch gefestigten Geheimorganisation, die den Amerikanern jede Freiheit nehmen will. In meinem Buch „<a href="https://www.fischerverlage.de/buch/thomas-grueter-freimaurer-illuminaten-und-andere-verschwoerer-9783104000374">Freimaurer, Illuminaten und andere Verschwörer</a>“ habe ich dafür den Begriff <i>Dämonenstereotyp</i> einführt.</p> <h3>Der Feind im Inneren</h3> <p>Die Stadt Portland in Oregon, traditionell eine Bastion linker Demokraten, hat Trump seit Langem im Visier. Nach verschiedenen, nicht immer ganz friedlichen Protestdemonstrationen bezeichnete er die Stadt als „kriegszerstört (war-ravaged)“, worüber sich die Einwohner <a href="https://www.theguardian.com/us-news/2025/oct/19/portland-oregon-residents-trump-housing-drugs">immer wieder lustig machen</a><a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a>. „Portland hat nicht mal Abwasserkanäle. Und kein Glas. Sie haben Sperrholzplatten in den Fenstern. Aber die meisten Geschäfte sind weg“, sagte Trump bei anderer Gelegenheit. Auch das ist Unsinn – aber er hört nicht auf. In einer <a href="https://www.whitehouse.gov/articles/2025/10/portland-fake-news-ignores-antifa-violence-residents-pleas-for-help/">aktuellen Mitteilung des Weißen Hauses heißt es</a> :</p> <p>„Seit Jahren verwandelt ein von der Antifa angeführtes Inferno [die Stadt] Portland in eine Ödnis aus Brandbomben, Schlägereien und dreisten Angriffen auf Bundesbeamte und Eigentum – dennoch leugnen die Fake News schändlicherweise die Terrorherrschaft der radikalen Linken.“<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a><aside></aside></p> <p>Um es noch einmal zu sagen: <a href="https://apnews.com/article/fact-check-trump-portland-oregon-protests-antifa-203826406efb7420911ae756b4331f60">In Portland herrscht Frieden</a>, trotz der anhaltenden Proteste gegen die Jagd der Bundesbehörden auf Einwanderer ohne Papiere. Wenn Sie sich selbst überzeugen möchten – der Site <a href="https://isportlandburning.com/#cameras">https://isportlandburning.com/#cameras</a> zeigt Life-Videos von diversen Kameras im Stadtgebiet.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1763" id="attachment_1763"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025.jpeg"><img alt="Portland 2025" decoding="async" height="239" sizes="(max-width: 424px) 100vw, 424px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025-300x169.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025-300x169.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025-1024x576.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025-768x432.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/1280px-Portland_Oregon_Aerial_June_2025.jpeg 1280w" width="424"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1763">Portland, Luftbild, PD</figcaption></figure> <p>Man könnte hier meinen, dass es sich wieder um die üblichen Lügen und Übertreibungen handelt, aber diesmal ist System dahinter. Es geht dabei weniger um Portland, sondern um die unscheinbare Formulierung „von der <i>Antifa</i> angeführt“.</p> <h3>Der angebliche Terror der Antifa</h3> <p>Eben diese Antifa hat Trump gerade als einheimische Terrororganisation eingestuft. In einer „<a href="https://www.whitehouse.gov/presidential-actions/2025/09/designating-antifa-as-a-domestic-terrorist-organization/">Executive Order</a><a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a>“ vom 22.9.2025 erklärte er, sie sei „eine militaristische, anarchistische Unternehmung, die ausdrücklich dazu aufruft, die Regierung der Vereinigten Staaten, die Strafverfolgungsbehörden und die gesetzmäßige Ordnung zu stürzen“.</p> <p>Sie vernetze sich außerdem mit anderen Gruppen, „um politische Gewalt zu verbreiten“ und „gesetzeskonforme politische Äußerungen zu unterdrücken.“</p> <p>Deshalb erkläre er sie zur „einheimischen Terrororganisation“.</p> <p>Diese Erklärung hängt allerdings in der Luft, weil erstens die Antifa weder eine Organisation und noch eine Unternehmung ist, und zweitens die amerikanischen Bundesgesetze den Begriff der „einheimischen Terrororganisation“ nicht kennen.</p> <p>Sie kennt nur „ausländische Terrororganisationen“. Sollten amerikanische Staatsbürger einer solchen Terrororganisation finanzielle, organisatorische und sonstige nachweisbare Hilfe (der englische Begriff lautet: „material Support“) leisten, müssen sie mit strengen Strafen rechnen. <a href="https://www.state.gov/foreign-terrorist-organizations">Eine Liste dieser Organisationen</a> kann auf der Website des US-amerikanischen Außenministeriums eingesehen werden.</p> <h3>Was ist eine Terrororganisation?</h3> <p>Bei einem <a href="https://www.npr.org/2025/09/19/nx-s1-5545764/trump-antifa-domestic-terrorist-organization">Interview mit dem National Public Radio</a> erklärte Tom Brzozowski, ehemaliger Mitarbeiter im „Counsel of Domestic Terrorism“ des amerikanischen Justizministeriums, den Unterschied an einem Beispiel:</p> <p>„Wenn ich beispielsweise eine Geschenkkarte im Wert von 20 Dollar an eine Organisation auf der Liste auf der Website des Außenministeriums schicke, obwohl ich weiß, dass sie eine ausländische Terrororganisation ist, müsste ich mit einer Freiheitsstrafe von 20 Jahren rechnen. Wenn ich jedoch dieselbe Geschenkkarte beispielsweise an den örtlichen Ableger des Ku-Klux-Klan schicke, würde dies keinerlei strafrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.“</p> <p>Jetzt könnte man auf die Idee kommen, die Unterscheidung aufzuheben. Aber so einfach ist das nicht. Beispielsweise hat jeder Amerikaner das verfassungsmäßige Recht, Waffen zu tragen. Selbst eine bewaffnete Gruppe lässt sich nicht so einfach auflösen, nicht einmal dann, wenn sie ausdrücklich ihre Gegnerschaft zur aktuellen Regierung erklärt – das fällt unter die von der Verfassung garantierte Meinungsfreiheit.</p> <p>R<a href="https://www.splcenter.org/resources/extremist-files/militia-movement/">echtsextreme bewaffnete Milizen</a>, die teilweise ausdrücklich den Kampf gegen die Regierung in ihre Programme geschrieben haben, sind bisher immer unbehelligt geblieben. Einige geben sogar an, mit der Trump-Regierung in Kontakt zu stehen. Trump selbst hat alle Kapitolstürmer begnadigt, auch dann, wenn sie bewaffnet waren und gewaltsam vorgegangen waren. Darunter waren auch Mitglieder der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Proud_Boys">„Proud Boys</a>“, einer rechtsextremen Vereinigung, die ausdrücklich den gewaltsamen Widerstand gegen den Staat und gegen politische Gegner propagiert. Diese Gruppen betrachtet die Trump-Regierung keineswegs als Terrorgruppen, und <a href="https://whyy.org/articles/trump-proud-boys-capitol-rioters-pardon/">der Präsident hat freundliche Worte für sie</a>.</p> <h3>Die Antifa als Dämon</h3> <p>Ist die Verteufelung der Antifa eine reine Propagandaaktion? Nein, keineswegs. Man sollte nicht vergessen, dass Donald Trump in seiner zweiten Amtszeit nicht allein handelt, sondern das Sprachrohr einer exzellent organisierten autoritär ausgerichteten Gruppe ist. Sie versteckt sich hinter seinem aufschneiderischen Auftreten und nutzt seinen wütenden Hass auf alle, die er für seine Feinde hält. Ihre wichtigsten Vertreter sind Russell Vought (Direktor des Office of Management and Budget der amerikanischen Regierung) und Stephen Miller (stellvertretender Stabschef im Weißen Haus).</p> <p>Wenn wir davon ausgehen, dass die Erklärung der Antifa zur Terrororganisation keine spontane Laune eines unsteten Herrschers ist, was soll diese Executive Order dann erreichen? Und warum gerade die Antifa?</p> <p>Zum einen existiert die Antifa nicht als Organisation und kann sich demzufolge nicht vor Gericht wehren. Hätte Trump einen Verein oder eine Partei zur Terrororganisation erklärt, dann müsste er sofort mit einer Klage rechnen, und seine juristisch frei schwebende Konstruktion würde zusammenfallen. Zum zweiten eignet sich die Antifa gerade wegen ihrer diffusen Struktur ideal als dämonisches Feindbild, auf das man alles projizieren kann. Damit legt die Regierung eine gute Grundlage für weitere einschneidende Schritte.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1764" id="attachment_1764"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="403" sizes="(max-width: 403px) 100vw, 403px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/antifa2.jpg 1024w" width="403"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1764">Dämonenbeschwörung. KI-generierte Karikatur</figcaption></figure> <h3>Das Memo NSPM-7</h3> <p>Die Zielrichtung lässt sich an einem „Presidential Memorandum“ NSPM-7 ablesen, das Trump nur drei Tage nach seiner Executive Order am 25.9.2025 veröffentlichte<a href="#sdendnote4sym" name="sdendnote4anc"><sup>4</sup></a>.</p> <p><a href="https://www.whitehouse.gov/presidential-actions/2025/09/countering-domestic-terrorism-and-organized-political-violence/">Es trägt den schönen Titel</a>: „Gegen einheimischen Terrorismus und organisierte politische Gewalt [Countering Domestic Terrorism and Organized Political Violence]“.</p> <p>Das Memorandum enthält Handlungsanweisungen an Ministerien und das FBI für das Vorgehen gegen einheimische Terrororganisationen. Die Präambel lässt allerdings keinen Zweifel, dass hier die Antifa und nur die Antifa gemeint ist.</p> <p>Die Anweisungen haben es in sich. Der Kern ist nicht ganz einfach zu finden, weil er sich unter sehr viel hohltönender Propaganda versteckt. Hat man das erst eliminiert, kommt zum Vorschein, dass sämtliche Geldströme, die irgendetwas mit der Antifa zu tun haben, untersucht und unterbunden werden sollen.</p> <p>Die Finanzbehörden sollen sicherstellen, dass keine gemeinnützige Organisation <i>direkt oder indirekt </i>an der Finanzierung der Antifa beteiligt ist.</p> <p>Damit schreibt sich die Regierung einen Freibrief, um gegen eine große Zahl von liberalen Stiftungen vorzugehen, auch solche, die lediglich Bürgerrechte einfordern. Viele davon sind mit der Demokratischen Partei verbunden. Selbst Spenden für die demokratische Partei oder für einzelne Kandidaten könnten dann mit Klagen bedroht werden.</p> <h3>Die Propaganda-Runde im Weißen Haus</h3> <p>Das ist mehr als ein theoretisches Gedankenspiel. Bei <a href="https://edition.cnn.com/2025/10/08/politics/antifa-white-house-roundtable">einer </a><a href="https://edition.cnn.com/2025/10/08/politics/antifa-white-house-roundtable">Diskussionsrunde im weißen Haus</a> am 8.10.2025 mit Kabinettsmitgliedern und handverlesenen rechten Influencern erklärte Donald Trump, dass Mitglieder der Antifa „den Menschen gegenüber sehr bedrohlich aufgetreten sind, aber wir werden ihnen gegenüber sehr bedrohlich auftreten, weitaus bedrohlicher, als sie es jemals uns gegenüber waren. Und das schließt auch die Leute ein, die sie finanzieren, wahrscheinlich einige Leute, die ich kenne, einige Leute, mit denen ich diniere. Aber wenn sie das tun, sind sie in großen Schwierigkeiten, also werden wir uns sehr genau mit den Leuten befassen, die diese Operationen finanzieren.“</p> <p>Und die Heimatschutzministerin Kristi Noem ergänzte, die Antifa sei so hoch organisiert (im Original „sophisticated“) „wie MS-13, wie TDA [zwei Drogenkartelle], wie die Hisbollah und wie die Hamas – wie sie alle – sie sind genauso gefährlich<a href="#sdendnote5sym" name="sdendnote5anc"><sup>5</sup></a>“.</p> <p>Die Bekämpfung der Antifa soll ähnlich wie die der organisierten Gewaltkriminalität angegangen werden. Und der Justizminister soll weitere Gruppen benennen, die er als „einheimische Terroristen“ ansieht und diese Liste an den Präsidenten schicken. Es kann also sein, dass Trump bald ein ganzes Ökosystem von mehr oder weniger organisierten Gruppen als „einheimische Terrorgruppen“ einstuft, deren finanzielle oder organisatorische Unterstützung er unter strenge Strafen stellen will. Wohlgemerkt: Das ist nicht etwa eine reine Vermutung. <a href="https://abcnews.go.com/US/doj-charges-alleged-antifa-followers-terrorism-offense-attack/story?id=126590253">Das Justizministerium hat bereits angefangen</a>, Menschen wegen „material Support“ für die Antifa anzuklagen, obwohl jeder Anwalt, der sein Geld Wert ist, diese Argumentation in Fetzen reißen würde.</p> <h3>Der Opposition die Mittel entziehen.</h3> <p>Insgesamt geht es darum, die eher linken Bürgerrechtsorganisationen und natürlich die Demokratische Partei finanziell auszutrocknen. Außerdem könnte der Wahlkampf der Demokratischen Partei empfindlich gestört werden, wenn Kandidaten wegen „materieller Unterstützung“ von einheimischen Terrororganisationen angeklagt werden. Das mag rechtlich unhaltbar sein, aber die Trump-Regierung hat bereits gezeigt, dass sie sich wenig darum kümmert, ob ihre Argumente vor Gericht überhaupt Substanz haben. Trump selber versucht immer wieder, von Presseorganen absurde Milliardensummen einzuklagen, weil sie angeblich parteiisch, nicht vollständig oder falsch berichten (was sie natürlich dürfen). <a href="https://www.axios.com/2025/07/22/trump-lawsuits-wsj-npr-pbs">Axios hat 34 Prozesse seit 2015 gezählt</a>. Aktuell laufen Klagen gegen die New York Times über 15 Milliarden US$ und das Wall Street Journal über 10 Milliarden US$. <a href="https://www.france24.com/en/live-news/20251009-trump-hosts-roundtable-accusing-sick-media-of-backing-antifa">Bei dem Pressegespräch beschuldigte Trump</a> übrigens „einige Medien“, mit der Antifa zusammenzuarbeiten. Namentlich erwähnte er ABC, NBC und MSNBC – das ist natürlich eine Aufforderung an das Justizministerium, sie für „materielle Unterstützung“ des Terrors zu verfolgen.</p> <p>Solche Prozesse stören in jedem Fall die Geschäftsabläufe, kosten Geld und Zeit, und sind, wenn sie Privatleute betreffen, außerordentlich belastend, selbst wenn sie keine Chance haben.</p> <h3>Lügen für einen bösen Zweck</h3> <p>Die massive Propaganda, mit der diese Aktionen vorbereitet werden, hat eine bestimmte Zielrichtung: Die eigene Klientel soll davon überzeugt werden, dass fundamentale Rechte der Opposition ausgehebelt werden dürfen – ja müssen –, weil die Opposition zusammen mit linken Splittergruppen einen gewaltsamen Umsturz plant.</p> <p>Andernfalls könnten die eigenen Wähler vielleicht das Gefühl bekommen, dass sich Trump zu viel Macht sichern will. Bei den meist knappen Wahlergebnissen könnte das gefährlich werden. Das gilt um so mehr, als sich die Trump-Familie und viele ihrer Helfer offen bestechlich gezeigt haben, Bundesrecht gebeugt oder gebrochen haben und bei einem Regierungswechsel vermutlich vor Gericht landen würden.</p> <p>Sagen wir es ganz deutlich: Trump, seine Familie und Teile seiner Regierung müssen eine Abwahl fürchten und werden alles unternehmen, um sie zu verhindern.</p> <h3>Wahrnehmung in Deutschland</h3> <p>Haben Sie das alles schon anderswo gelesen? Zumindest in der deutschsprachigen Presse hat Trumps Aktion gegen die Antifa allenfalls Kopfschütteln ausgelöst, das Memorandum fand kaum Erwähnung, das Pressegespräch war den meisten Portalen allenfalls eine Kurzmeldung wert. Einzig die <a href="https://www.rollingstone.de/dieses-trump-memo-soll-die-demokraten-zerstoeren-3063685/">deutsche Ausgabe des Rolling Stone Magazine</a> hat die Tragweite der Aktion erkannt und sie in dem Artikel „Dieses Trump-Memo soll die Demokraten zerstören“ eingehend beleuchtet. In den USA hat es wegen des Memos einen Aufschrei gegeben, den hier aber offenbar niemand gehört hat. <a href="https://www.tagesschau.de/ausland/europa/eu-parlament-fleischersatz-100.html">Die Berichterstattung über den Beschluss des Europaparlaments</a> gegen „Veggie-Würstchen“<a href="#sdendnote6sym" name="sdendnote6anc"><sup>6</sup></a> war jedenfalls sehr viel umfangreicher. Man muss eben Prioritäten setzen.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> Die Stadt hat natürlich durchaus ihre Probleme. Sie ist mit ca. 640000 Einwohner die größte Stadt des US-Bundesstaats Oregon, und kämpft, wie viele andere Städte, mit einer extremen Wohnungsnot und zu vielen Obdachlosen. 2021 beschloss die Stadt, Drogensüchtige nicht als Kriminelle zu behandeln, sondern die medizinischen Angebote für sie in den Vordergrund zu rücken. Das führte zu einem heftigen Streit über die Folgen, zumal die Ausweitung der medizinischen Versorgung sich als schwierig erwies. Die Gegner führten die hohe Zahl der in den Straßen der Stadt fast überall sichtbaren Obdachlosen und Drogenabhängigen auf die zu lasche Verfolgung zurück, die Befürworter verwiesen darauf, dass es anderswo auch nicht besser sei. Inzwischen ist die Regelung wieder aufgehoben, und der Besitz von illegalen Drogen, auch zum eigenen Gebrauch, ist wieder strafbar.</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Im englischen Original: „For years, an <a href="https://www.whitehouse.gov/fact-sheets/2025/09/fact-sheet-president-donald-j-trump-designates-antifa-as-a-domestic-terrorist-organization/#:~:text=Antifa%20has%20engaged,must%20be%20stopped.">Antifa-led</a> hellfire has turned Portland into a wasteland of firebombs, beatings, and brazen attacks on <a href="https://www.whitehouse.gov/articles/2025/09/president-trump-deploys-federal-resources-to-crush-violent-radical-left-terrorism-in-portland/">federal officers and property</a> — yet the Fake News remains in <a href="https://x.com/RapidResponse47/status/1975254876004491792">shameful denial</a> about the Radical Left’s reign of terror.“</p> <div id="sdendnote3"> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3]</a> Die oft verwendeten deutsche Übersetzungen „Durchführungsverordnung“ oder „Präsidentendekret“ treffen die Tragweite eines solchen Dokuments znur unzureichend. „Executive Orders“ dürfen offiziell kein neues Recht schaffen, tun es aber immer wieder. Eine Executive Order des Präsidenten kann vom Parlament aufgehoben werden. Bis dahin ist sie für die US-Bundesbehörden verbindlich. Donald Trump macht davon exzessiven Gebrauch. Er hat in den ersten neun Monaten seiner Amtszeit mehr Executive Orders erlassen als sein Vorgänger in vier Jahren (209 gegen 162).</p> </div> <p><a href="#sdendnote4anc" name="sdendnote4sym">[4]</a> Verfasser ist vermutlich Stephen Miller, nicht Donald Trump.</p> <p><a href="#sdendnote5anc" name="sdendnote5sym">[5]</a> Weitere absurde Behauptungen der Propagandarunde finden sich in einem Bericht von <a href="https://uk.news.yahoo.com/trump-just-hosted-antifa-roundtable-213414391.html">Yahoo UK</a>.</p> <p><a href="#sdendnote6anc" name="sdendnote6sym">[6]</a> Der Beschluss wurde am 8.10.2025 gefasst, am Tag des „Pressegesprächs“ im weißen Haus.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/der-daemonische-feind/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>24</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeoPlänkel: Gletscherflut, Geoengineering und Singularitäten https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-gletscherflut-geoengineering-und-singularitaeten/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-gletscherflut-geoengineering-und-singularitaeten/#comments Sat, 25 Oct 2025 13:56:33 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1776 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag125-768x768.jpg Das AstroGeo-Logo mit dem Schriftzug „AstroGeo“, darunter steht „Geplänkel“. Darunter ein dreigeteiltes Bild – Gletschereis von oben, und jeweils ein bläulich leuchtendes sternartiges Objekt https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-gletscherflut-geoengineering-und-singularitaeten/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag125-scaled.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Gletscherflut, Geoengineering und Singularitäten » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag125-geplaenkel.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten)</p> <p>In dieser Folge widmen sich Franzi und Karl dem Feedback zu den letzten drei Geschichten im AstroGeo Podcast. Hörer berichten, wo sie AstroGeo gehört haben, etwa bei einer Fahrradtour durch Frankreich oder im Zug bei der Fahrt quer durch Europa.</p> <p>In Folge 122 ging es um Seen tief unter dem Gletschereis der Antarktis und von Grönland, die künftig zum Problem werden könnten. Karl hatte erzählt, ob man einen rutschenden Gletscher trockenlegen könnte, indem man den darunterliegenden See abpumpt. Dazu gibt es eine korrigierte Zahl: Demnach wäre für die kritischsten Gletscherzungen „nur“ zehnmal mehr Flüssigkeit in Grönland und der Antarktis abzupumpen als heute an Erdöl an die Oberfläche gefördert wird (knapp 5 km³ Erdöl pro Jahr vs. 50 km³ Schmelzwasser pro Jahr). Darüber hinaus sprechen Franzi und Karl über den Hinweis, dass ein steigender Meeresspiegel heute noch das geringere Problem ist: Viele Städte sinken derzeit ab, weil unter ihnen zu viel Grundwasser gefördert wird.<aside></aside></p> <p>In den Rückmeldungen zu Franzis Folgen über Schwarze Löcher (AG123 und AG124) überwiegt begeistertes Lob: Viele finden die komplexen Inhalte zur Allgemeinen Relativitätstheorie und Quantenphysik hervorragend aufbereitet, manche wünschen sich jedoch mehr Vereinfachung. Es gibt eine physikalische Ergänzung zur Natur von Singularitäten und Franzi erklärt, warum Schwarze Löcher „keine Haare“ haben. Am Rande geht es auch um die Allgemeine Relativitätstheorie und die Frage, durch welche Effekte die hochgenauen Atomuhren auf Satelliten langsamer gehen als jene auf der Erde.</p> <p>Weitere Rückmeldungen betreffen alte Folgen – etwa Beobachtungen zur Nova in der Nördlichen Krone. Die Prognose aus Folge AG091 über einen Ausbruch im Jahr 2024 ist nicht eingetreten, was vermutlich an allzu schlechten Basisdaten liegt. Somit warten wir alle weiterhin auf den nächsten Ausbruch der Nova T Coronae Borealis.</p> <p>Zuletzt sprechen Franzi und Karl über andere Geologie-Podcasts. Karl kennt fast nur englischsprachige Produktionen und bittet um Mithilfe.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 91: <a href="https://astrogeo.de/ein-neuer-stern-die-bevorstehende-nova-in-der-noerdlichen-krone/">Ein neuer Stern – die bevorstehende Nova in der Nördlichen Krone</a></li> <li>Folge 122: <a href="https://astrogeo.de/unsichtbare-wasserwelten-was-verbirgt-sich-unter-gletschern-und-eisschilden/">Unsichtbare Wasserwelten: Was schlummert unter den Eisschilden?</a></li> <li>Folge 123: <a href="https://astrogeo.de/weisse-zwerge-die-rettung-vor-dem-schwarzen-loch/">Weiße Zwerge – die Rettung vor dem Schwarzen Loch?</a></li> <li>Folge 124: <a href="https://astrogeo.de/cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/">Cygnus X-1: Wie findet man ein Schwarzes Loch?</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kerr-Metrik">Kerr-Metrik</a></li> <li>Podcast: <a href="https://www.museumfuernaturkunde.berlin/de/besuch-planen/fuernatur-digital/beats-bones-der-podcast-aus-dem-museum-fuer-naturkunde-berlin">Beats and Bones</a></li> <li>Podcast: <a href="https://www.palaeocast.com/">Palaeocast</a></li> <li>Podcast: <a href="https://planetgeocast.com/">Planet Geo</a></li> <li>Podcast: <a href="https://www.geologybites.com/">Geology Bites</a></li> <li>Podcast: <a href="https://www.bedrockpodcast.com/">Bedrock</a></li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>MPG: <a href="https://www.mpg.de/21320411/schmelzende-gletscher-groenland">Die große Schmelze</a> (02.01.2024)</li> <li>IEA: <a href="https://www.eia.gov/outlooks/ieo/data/pdf/G_G2_r_230822.081459.pdf">Erdölproduktion: 80,4 Millionen Barrel pro Tag</a> → 4,6 km³ pro Jahr (2022)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">CC-BY 4.0</a> <a href="https://doi.org/10.1371/journal.pone.0088640">Motani R, Jiang D-y, Tintori A, Rieppel O, Chen G-b (2014)</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag125-scaled.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Gletscherflut, Geoengineering und Singularitäten » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag125-geplaenkel.html">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten)</p> <p>In dieser Folge widmen sich Franzi und Karl dem Feedback zu den letzten drei Geschichten im AstroGeo Podcast. Hörer berichten, wo sie AstroGeo gehört haben, etwa bei einer Fahrradtour durch Frankreich oder im Zug bei der Fahrt quer durch Europa.</p> <p>In Folge 122 ging es um Seen tief unter dem Gletschereis der Antarktis und von Grönland, die künftig zum Problem werden könnten. Karl hatte erzählt, ob man einen rutschenden Gletscher trockenlegen könnte, indem man den darunterliegenden See abpumpt. Dazu gibt es eine korrigierte Zahl: Demnach wäre für die kritischsten Gletscherzungen „nur“ zehnmal mehr Flüssigkeit in Grönland und der Antarktis abzupumpen als heute an Erdöl an die Oberfläche gefördert wird (knapp 5 km³ Erdöl pro Jahr vs. 50 km³ Schmelzwasser pro Jahr). Darüber hinaus sprechen Franzi und Karl über den Hinweis, dass ein steigender Meeresspiegel heute noch das geringere Problem ist: Viele Städte sinken derzeit ab, weil unter ihnen zu viel Grundwasser gefördert wird.<aside></aside></p> <p>In den Rückmeldungen zu Franzis Folgen über Schwarze Löcher (AG123 und AG124) überwiegt begeistertes Lob: Viele finden die komplexen Inhalte zur Allgemeinen Relativitätstheorie und Quantenphysik hervorragend aufbereitet, manche wünschen sich jedoch mehr Vereinfachung. Es gibt eine physikalische Ergänzung zur Natur von Singularitäten und Franzi erklärt, warum Schwarze Löcher „keine Haare“ haben. Am Rande geht es auch um die Allgemeine Relativitätstheorie und die Frage, durch welche Effekte die hochgenauen Atomuhren auf Satelliten langsamer gehen als jene auf der Erde.</p> <p>Weitere Rückmeldungen betreffen alte Folgen – etwa Beobachtungen zur Nova in der Nördlichen Krone. Die Prognose aus Folge AG091 über einen Ausbruch im Jahr 2024 ist nicht eingetreten, was vermutlich an allzu schlechten Basisdaten liegt. Somit warten wir alle weiterhin auf den nächsten Ausbruch der Nova T Coronae Borealis.</p> <p>Zuletzt sprechen Franzi und Karl über andere Geologie-Podcasts. Karl kennt fast nur englischsprachige Produktionen und bittet um Mithilfe.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 91: <a href="https://astrogeo.de/ein-neuer-stern-die-bevorstehende-nova-in-der-noerdlichen-krone/">Ein neuer Stern – die bevorstehende Nova in der Nördlichen Krone</a></li> <li>Folge 122: <a href="https://astrogeo.de/unsichtbare-wasserwelten-was-verbirgt-sich-unter-gletschern-und-eisschilden/">Unsichtbare Wasserwelten: Was schlummert unter den Eisschilden?</a></li> <li>Folge 123: <a href="https://astrogeo.de/weisse-zwerge-die-rettung-vor-dem-schwarzen-loch/">Weiße Zwerge – die Rettung vor dem Schwarzen Loch?</a></li> <li>Folge 124: <a href="https://astrogeo.de/cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/">Cygnus X-1: Wie findet man ein Schwarzes Loch?</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kerr-Metrik">Kerr-Metrik</a></li> <li>Podcast: <a href="https://www.museumfuernaturkunde.berlin/de/besuch-planen/fuernatur-digital/beats-bones-der-podcast-aus-dem-museum-fuer-naturkunde-berlin">Beats and Bones</a></li> <li>Podcast: <a href="https://www.palaeocast.com/">Palaeocast</a></li> <li>Podcast: <a href="https://planetgeocast.com/">Planet Geo</a></li> <li>Podcast: <a href="https://www.geologybites.com/">Geology Bites</a></li> <li>Podcast: <a href="https://www.bedrockpodcast.com/">Bedrock</a></li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>MPG: <a href="https://www.mpg.de/21320411/schmelzende-gletscher-groenland">Die große Schmelze</a> (02.01.2024)</li> <li>IEA: <a href="https://www.eia.gov/outlooks/ieo/data/pdf/G_G2_r_230822.081459.pdf">Erdölproduktion: 80,4 Millionen Barrel pro Tag</a> → 4,6 km³ pro Jahr (2022)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">CC-BY 4.0</a> <a href="https://doi.org/10.1371/journal.pone.0088640">Motani R, Jiang D-y, Tintori A, Rieppel O, Chen G-b (2014)</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-gletscherflut-geoengineering-und-singularitaeten/#comments 3 Virtuelle Realität unterstützt Ärzte im Kampf gegen Krebs https://scilogs.spektrum.de/klartext/virtuelle-realitaet-unterstuetzt-aerzte-im-kampf-gegen-krebs/ https://scilogs.spektrum.de/klartext/virtuelle-realitaet-unterstuetzt-aerzte-im-kampf-gegen-krebs/#respond Fri, 24 Oct 2025 07:43:19 +0000 klartext https://scilogs.spektrum.de/klartext/?p=1171 https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-768x563.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/klartext/virtuelle-realitaet-unterstuetzt-aerzte-im-kampf-gegen-krebs/</link> </image> <description type="html"><h1>Virtuelle Realität unterstützt Ärzte im Kampf gegen Krebs » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den <a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</a> 2023 in der Kategorie Neurowissenschaften veranschaulichte Anke Reinschlüssel, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Neue Technologien werden Ärzt:innen in Zukunft helfen, ihre Fähigkeiten noch besser einzusetzen. Virtuelle Realität wird Ärzt:innen unterstützen, Operationen besser zu planen und erfolgreicher abzuschließen. Für viele Patient:innen kann das bedeuten, dass dem Krebs jetzt mehr entgegen zu setzen ist.</em></p> <p>Im Jahr 2021 war Krebs die zweithäufigste Todesursache in Deutschland. Aufgrund des demographischen Wandels und des modernen Lebensstils beobachten wir weltweit einen Anstieg an Krebspatient:innen. In der Krebstherapie nutzt die Medizin die neuen technischen Möglichkeiten noch nicht ausreichend, um die Fähigkeiten von Ärzt:innen zu unterstützen. Zu den Technologien mit dem größten ungenutzten Potenzial gehören Virtual Reality auch VR abgekürzt, und Augmented Reality (AR), die erweiterte Realität.  </p> <p>Diese Technologien sind sogenannte 3D-Technologien, d.h., sie erzeugen und zeigen eine räumliche Darstellung von Informationen. Mit einer VR-Brille kann jeder in eine völlig andere Welt eintauchen. Dabei handelt es sich um ein Display, das das gesamte Sichtfeld abdeckt und wie im 3D-Kino für jedes Auge ein Bild generiert, um einen Tiefeneindruck zu erzeugen. Eine AR-Brille hingegen lässt Science-Fiction Szenen aus Minority Report oder Ironman Wirklichkeit werden. Wie die VR-Brille erzeugt sie ebenfalls ein 3D-Bild, blendet es aber über die reale Welt, die man ebenfalls durch die AR-Brille sieht. Diese Technologien können helfen, Chirurg:innen vorab eine bessere Übersicht über die Situation im Körper der Patient:innen zu geben.</p> <p>Dank moderner radiologischer Verfahren wie Magnetresonanztomographie (MRT) oder Computertomographie (CT) können sich Chirurg:innen ein ungefähres Bild der Situation im Patienten machen, die Größe von Tumoren abschätzen und entscheiden, ob und wie diese entfernt werden können. MRT- und CT-Bilder stellen standardmäßig den Körper jedoch nur in Graustufen dar und geben nur eine Schicht, quasi eine hauchdünne Scheibe, des gesamten Körpers wider. Es erfordert viel Erfahrung, gute anatomische Kenntnisse und ein sehr gutes räumliches Vorstellungsvermögen um diese Informationen gedanklich zusammenzusetzen, um Lagebeziehungen zu erkennen. Moderne Technologien können diese Bilder bereits als 3D-Darstellung aufbereiten. Ergänzt man diese nun mit künstlicher Intelligenz, unterstützen sie erfahrene Radiolog:innen darin aus den 2D-Daten der radiologischen Verfahren ein hochwertiges und genaueres 3D-Modell des von Krebs-befallenen Organs, z.B. der Leber, zu generieren. Das Modell kann wie in einem Anatomiebuch eingefärbt werden, was die Unterscheidung der verschiedener Gewebearte und Gefäße erleichtert.<aside></aside></p> <p>Diese 3D-Modelle ermöglichen einen ganz anderen Blick auf die Ergebnisse des MRTs oder CTs, reduzieren den Aufwand für der Erstellung des mentalen Modells und schaffen eine gemeinsame Diskussionsgrundlage zwischen den Ärzt:innen. Um alle Vorteile eines 3D-Modells nutzen zu können, bedarf es allerdings eines 3D-fähiges Anzeigemediums – zum Beispiel eine VR- oder AR-Brille. Doch was braucht es noch, damit ein 3D-Modell und eine VR-Brille Chirurg:innen bei der Operationsplanung unterstützen können?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-1024x576.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-1024x576.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-300x169.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-768x432.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-1536x864.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-2048x1152.jpeg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Ein Blick auf die Benutzeroberfläche des VR-Planungstools, wo man das virtuelle Lebermodell inklusive der 2D Schichtaufnahmen aus dem MRT sieht sowie das Menü zum Zugriff auf verschiedene Planungswerkzeuge. ©BMBF Projekt VIVATOP  &amp; Anke Reinschlüssel</em></figcaption></figure> <p>In enger Zusammenarbeit mit Chirurg:innen haben wir ein VR-System entwickelt, das diese bei der Vorbereitung auf eine Operation an der Leber optimal unterstützt. Hierbei war es zuerst wichtig, die Arbeitsabläufe und Herausforderungen der Chirurg:innen kennen zu lernen, sodass wir im Krankenhaus inklusive OP hospitiert haben. Anschließend entwickelten wir im interdisziplinären Team mit Spezialist:innen aus den Bereichen medizinische Bildaufbereitung, Informatik und Mensch-Technik Interaktion einen ersten Prototypen um den medizinischen Expert:innen eine Vorstellung der technischen Möglichkeiten zu geben. In enger Zusammenarbeit mit den Chirurg:innen und durch mehrere gemeinsame Evaluationen gewannen wir ein immer tiefergehendes Verständnis für die Anforderungen an unser System und entwickelten es entsprechend weiter. So entstand aus einem einfachen Prototyp ein elaboriertes Werkzeug für die OP-Planung. Das finale System besteht aus mehreren Komponenten: einem 3D-Modell der Leber des Patienten, einem Menü mit wichtigen Tools zur OP-Planung, einer VR-Brille und den Controllern, also der Steuerung. Chirurg:innen können ein Organmodell von allen Seiten betrachten, die entscheidenden Abstände zwischen Tumoren und Gefäßen messen und sogar virtuell Gewebe entfernen, um die Überlebenschancen besser einschätzen zu können.</p> <p>Chirurg:innen sind mit handwerklichem Geschick ausgestattet und verlassen sich viel auf ihren Tastsinn. Herkömmliche VR-Interaktionsmethoden unterstützen dies jedoch kaum, da sie generische „Controller“ wie bei einer Playstation verwenden. Im Gegensatz dazu, geben wir den Chirurg:innen ein „Organ“ in die Hand – z.B. eine 3D-gedruckte Leber, die alle wichtigen Merkmale zum Ertasten hat. Diese kombinieren wir mit der Darstellung in VR – sodass, wenn ein:e Chirurg:in die Leber in der Hand dreht, sich auch die virtuelle Leber dreht. Dies ermöglicht eine intuitive Bedienung und macht die Technologie zugänglicher. Somit geben wir jedem Chirurgen und jeder Chirurgin die Möglichkeit, die Patientendaten räumlich zu erfahren. Ein Chirurg des Teams hob hervor, dass dies „den Unterschied zwischen einem palliativen und einem kurativen Ansatz“ aus chirurgischer Sicht der Krebstherapie bedeuten kann, d.h., ob der Patient Chancen auf Heilung und damit auf ein Überleben der Krebserkrankung hat.</p> <p>Auch wenn diese 3D-Modelle sehr einprägsam sind, wäre es doch schön, wenn die Chirurg:innen sie mit in den OP nehmen könnten. Hier bietet sich eine AR-Brille an – der Nutzer sieht sowohl die Umgebung, also den Patienten, als auch das dazugehörige virtuelle 3D-Modell. So können die Chirurg:innen auch während der Operation die virtuelle Leber an verschiedenen Stellen im Raum platzieren und drehen. Mittels natürlicher Gesten wie dem Greifen mit Zeigefinger und Daumen können Chirurg:innen das virtuelle Modell anfassen und es beispielsweise „neben“ den Patienten legen – die Hände bleiben dabei steril, da sie nur Luft greifen.</p> <p>Während im oben beschriebenen Szenario VR- und AR-Brillen einen großen Vorteil bieten, gibt es in der Medizin auch Situationen, in denen diese Technologien aufgrund der Rahmenbedingungen nicht eingesetzt werden können. Ein Beispiel hierfür sind Untersuchungen, die in einem MRT stattfinden. Weil dabei ein sehr starkes Magnetfeld erzeugt wird, stellen fast alle technischen Geräte eine potentielle Gefahrenquelle dar oder sie funktionieren schlichtweg nicht mehr.  Hierfür haben wir auch an anderen Technologien geforscht. Eine mögliche Technologie in diesem Anwendungskontext ist die  „Elektrolumineszenz“– mit Hilfe eines elektrischen Feldes geben Elektronen in bestimmten Materialen ihre Energie in Form von Licht ab – und zwar ohne vom Magnetfeld gestört zu werden. Displays mit dieser Technologie können dann direkt am Patienten angebracht werden, weil sie sehr leicht und flexibel sind. Diese erweitern dann ähnlich wie die AR-Brille die Realität für die Mediziner:innen indem sie beispielsweise Navigationshinweise für korrekte Einstichstellen von Nadeln geben. Dies erlaubt eine präzisere  Durchführung von Untersuchungen und Eingriffen.</p> <p>All diese Anwendungen haben wir in enger Zusammenarbeit mit den (zukünftigen) Anwender:innen entwickelt. Unser vorrangiges Ziel ist es, Ärzt:innen zu unterstützen, damit sie ihre Fähigkeiten noch besser einsetzen können. Die Anwendungen sind jedoch momentan Zukunftsmusik, da sie sich im Entwicklungsstadium befinden und noch die Zertifizierung als Medizinprodukt durchlaufen müssen. Dann können diese Technologien helfen, viele Erkrankungen, wie z.B. Krebs, noch besser zu bekämpfen und damit die Lebensqualität und Heilungschancen der Betroffenen zu erhöhen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="751" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-1024x751.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-1024x751.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-300x220.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-768x563.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-1536x1127.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C.jpeg 1820w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Ein virtuelles Lebermodell, das die Gefäßstrukturen (in blau und türkis) sowie die Tumore (in gelb) als 3D Visualisierung zeigt. Weitere anliegende Strukturen sind hier in orange und grün zu sehen. ©BMBF Projekt VIVATOP, Fraunhofer MEVIS &amp; Anke Reinschlüssel</em></figcaption></figure> <hr></hr> <p>Anke Reinschlüssel studierte Kognitionswissenschaften im Bachelor und wandte sich im Master dem Feld Mensch-Technik Interaktion (engl. Human-Computer Interaction – HCI) zu. Während ihrer Promotion an der Universität Bremen entwickelte und erforschte sie Anwendungen und neue Interaktionsmethoden für bestehende Technologien wie Virtuelle Realität und Tangibles, auf deutsch auch ‚begreifbare Objekte‘ genannt. Weil zu ihrer Faszination für Technik und Menschen eine Begeisterung für Medizin gehört, spezialisierte sie sich auf den Anwendungskontext Chirurgie. Aktuell forscht sie als PostDoc an der Universität Konstanz weiter an den Möglichkeiten von Virtueller Realität.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Virtuelle Realität unterstützt Ärzte im Kampf gegen Krebs » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den <a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</a> 2023 in der Kategorie Neurowissenschaften veranschaulichte Anke Reinschlüssel, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Neue Technologien werden Ärzt:innen in Zukunft helfen, ihre Fähigkeiten noch besser einzusetzen. Virtuelle Realität wird Ärzt:innen unterstützen, Operationen besser zu planen und erfolgreicher abzuschließen. Für viele Patient:innen kann das bedeuten, dass dem Krebs jetzt mehr entgegen zu setzen ist.</em></p> <p>Im Jahr 2021 war Krebs die zweithäufigste Todesursache in Deutschland. Aufgrund des demographischen Wandels und des modernen Lebensstils beobachten wir weltweit einen Anstieg an Krebspatient:innen. In der Krebstherapie nutzt die Medizin die neuen technischen Möglichkeiten noch nicht ausreichend, um die Fähigkeiten von Ärzt:innen zu unterstützen. Zu den Technologien mit dem größten ungenutzten Potenzial gehören Virtual Reality auch VR abgekürzt, und Augmented Reality (AR), die erweiterte Realität.  </p> <p>Diese Technologien sind sogenannte 3D-Technologien, d.h., sie erzeugen und zeigen eine räumliche Darstellung von Informationen. Mit einer VR-Brille kann jeder in eine völlig andere Welt eintauchen. Dabei handelt es sich um ein Display, das das gesamte Sichtfeld abdeckt und wie im 3D-Kino für jedes Auge ein Bild generiert, um einen Tiefeneindruck zu erzeugen. Eine AR-Brille hingegen lässt Science-Fiction Szenen aus Minority Report oder Ironman Wirklichkeit werden. Wie die VR-Brille erzeugt sie ebenfalls ein 3D-Bild, blendet es aber über die reale Welt, die man ebenfalls durch die AR-Brille sieht. Diese Technologien können helfen, Chirurg:innen vorab eine bessere Übersicht über die Situation im Körper der Patient:innen zu geben.</p> <p>Dank moderner radiologischer Verfahren wie Magnetresonanztomographie (MRT) oder Computertomographie (CT) können sich Chirurg:innen ein ungefähres Bild der Situation im Patienten machen, die Größe von Tumoren abschätzen und entscheiden, ob und wie diese entfernt werden können. MRT- und CT-Bilder stellen standardmäßig den Körper jedoch nur in Graustufen dar und geben nur eine Schicht, quasi eine hauchdünne Scheibe, des gesamten Körpers wider. Es erfordert viel Erfahrung, gute anatomische Kenntnisse und ein sehr gutes räumliches Vorstellungsvermögen um diese Informationen gedanklich zusammenzusetzen, um Lagebeziehungen zu erkennen. Moderne Technologien können diese Bilder bereits als 3D-Darstellung aufbereiten. Ergänzt man diese nun mit künstlicher Intelligenz, unterstützen sie erfahrene Radiolog:innen darin aus den 2D-Daten der radiologischen Verfahren ein hochwertiges und genaueres 3D-Modell des von Krebs-befallenen Organs, z.B. der Leber, zu generieren. Das Modell kann wie in einem Anatomiebuch eingefärbt werden, was die Unterscheidung der verschiedener Gewebearte und Gefäße erleichtert.<aside></aside></p> <p>Diese 3D-Modelle ermöglichen einen ganz anderen Blick auf die Ergebnisse des MRTs oder CTs, reduzieren den Aufwand für der Erstellung des mentalen Modells und schaffen eine gemeinsame Diskussionsgrundlage zwischen den Ärzt:innen. Um alle Vorteile eines 3D-Modells nutzen zu können, bedarf es allerdings eines 3D-fähiges Anzeigemediums – zum Beispiel eine VR- oder AR-Brille. Doch was braucht es noch, damit ein 3D-Modell und eine VR-Brille Chirurg:innen bei der Operationsplanung unterstützen können?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-1024x576.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-1024x576.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-300x169.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-768x432.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-1536x864.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_B-2048x1152.jpeg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Ein Blick auf die Benutzeroberfläche des VR-Planungstools, wo man das virtuelle Lebermodell inklusive der 2D Schichtaufnahmen aus dem MRT sieht sowie das Menü zum Zugriff auf verschiedene Planungswerkzeuge. ©BMBF Projekt VIVATOP  &amp; Anke Reinschlüssel</em></figcaption></figure> <p>In enger Zusammenarbeit mit Chirurg:innen haben wir ein VR-System entwickelt, das diese bei der Vorbereitung auf eine Operation an der Leber optimal unterstützt. Hierbei war es zuerst wichtig, die Arbeitsabläufe und Herausforderungen der Chirurg:innen kennen zu lernen, sodass wir im Krankenhaus inklusive OP hospitiert haben. Anschließend entwickelten wir im interdisziplinären Team mit Spezialist:innen aus den Bereichen medizinische Bildaufbereitung, Informatik und Mensch-Technik Interaktion einen ersten Prototypen um den medizinischen Expert:innen eine Vorstellung der technischen Möglichkeiten zu geben. In enger Zusammenarbeit mit den Chirurg:innen und durch mehrere gemeinsame Evaluationen gewannen wir ein immer tiefergehendes Verständnis für die Anforderungen an unser System und entwickelten es entsprechend weiter. So entstand aus einem einfachen Prototyp ein elaboriertes Werkzeug für die OP-Planung. Das finale System besteht aus mehreren Komponenten: einem 3D-Modell der Leber des Patienten, einem Menü mit wichtigen Tools zur OP-Planung, einer VR-Brille und den Controllern, also der Steuerung. Chirurg:innen können ein Organmodell von allen Seiten betrachten, die entscheidenden Abstände zwischen Tumoren und Gefäßen messen und sogar virtuell Gewebe entfernen, um die Überlebenschancen besser einschätzen zu können.</p> <p>Chirurg:innen sind mit handwerklichem Geschick ausgestattet und verlassen sich viel auf ihren Tastsinn. Herkömmliche VR-Interaktionsmethoden unterstützen dies jedoch kaum, da sie generische „Controller“ wie bei einer Playstation verwenden. Im Gegensatz dazu, geben wir den Chirurg:innen ein „Organ“ in die Hand – z.B. eine 3D-gedruckte Leber, die alle wichtigen Merkmale zum Ertasten hat. Diese kombinieren wir mit der Darstellung in VR – sodass, wenn ein:e Chirurg:in die Leber in der Hand dreht, sich auch die virtuelle Leber dreht. Dies ermöglicht eine intuitive Bedienung und macht die Technologie zugänglicher. Somit geben wir jedem Chirurgen und jeder Chirurgin die Möglichkeit, die Patientendaten räumlich zu erfahren. Ein Chirurg des Teams hob hervor, dass dies „den Unterschied zwischen einem palliativen und einem kurativen Ansatz“ aus chirurgischer Sicht der Krebstherapie bedeuten kann, d.h., ob der Patient Chancen auf Heilung und damit auf ein Überleben der Krebserkrankung hat.</p> <p>Auch wenn diese 3D-Modelle sehr einprägsam sind, wäre es doch schön, wenn die Chirurg:innen sie mit in den OP nehmen könnten. Hier bietet sich eine AR-Brille an – der Nutzer sieht sowohl die Umgebung, also den Patienten, als auch das dazugehörige virtuelle 3D-Modell. So können die Chirurg:innen auch während der Operation die virtuelle Leber an verschiedenen Stellen im Raum platzieren und drehen. Mittels natürlicher Gesten wie dem Greifen mit Zeigefinger und Daumen können Chirurg:innen das virtuelle Modell anfassen und es beispielsweise „neben“ den Patienten legen – die Hände bleiben dabei steril, da sie nur Luft greifen.</p> <p>Während im oben beschriebenen Szenario VR- und AR-Brillen einen großen Vorteil bieten, gibt es in der Medizin auch Situationen, in denen diese Technologien aufgrund der Rahmenbedingungen nicht eingesetzt werden können. Ein Beispiel hierfür sind Untersuchungen, die in einem MRT stattfinden. Weil dabei ein sehr starkes Magnetfeld erzeugt wird, stellen fast alle technischen Geräte eine potentielle Gefahrenquelle dar oder sie funktionieren schlichtweg nicht mehr.  Hierfür haben wir auch an anderen Technologien geforscht. Eine mögliche Technologie in diesem Anwendungskontext ist die  „Elektrolumineszenz“– mit Hilfe eines elektrischen Feldes geben Elektronen in bestimmten Materialen ihre Energie in Form von Licht ab – und zwar ohne vom Magnetfeld gestört zu werden. Displays mit dieser Technologie können dann direkt am Patienten angebracht werden, weil sie sehr leicht und flexibel sind. Diese erweitern dann ähnlich wie die AR-Brille die Realität für die Mediziner:innen indem sie beispielsweise Navigationshinweise für korrekte Einstichstellen von Nadeln geben. Dies erlaubt eine präzisere  Durchführung von Untersuchungen und Eingriffen.</p> <p>All diese Anwendungen haben wir in enger Zusammenarbeit mit den (zukünftigen) Anwender:innen entwickelt. Unser vorrangiges Ziel ist es, Ärzt:innen zu unterstützen, damit sie ihre Fähigkeiten noch besser einsetzen können. Die Anwendungen sind jedoch momentan Zukunftsmusik, da sie sich im Entwicklungsstadium befinden und noch die Zertifizierung als Medizinprodukt durchlaufen müssen. Dann können diese Technologien helfen, viele Erkrankungen, wie z.B. Krebs, noch besser zu bekämpfen und damit die Lebensqualität und Heilungschancen der Betroffenen zu erhöhen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="751" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-1024x751.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-1024x751.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-300x220.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-768x563.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C-1536x1127.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Abbildung_C.jpeg 1820w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Ein virtuelles Lebermodell, das die Gefäßstrukturen (in blau und türkis) sowie die Tumore (in gelb) als 3D Visualisierung zeigt. Weitere anliegende Strukturen sind hier in orange und grün zu sehen. ©BMBF Projekt VIVATOP, Fraunhofer MEVIS &amp; Anke Reinschlüssel</em></figcaption></figure> <hr></hr> <p>Anke Reinschlüssel studierte Kognitionswissenschaften im Bachelor und wandte sich im Master dem Feld Mensch-Technik Interaktion (engl. Human-Computer Interaction – HCI) zu. Während ihrer Promotion an der Universität Bremen entwickelte und erforschte sie Anwendungen und neue Interaktionsmethoden für bestehende Technologien wie Virtuelle Realität und Tangibles, auf deutsch auch ‚begreifbare Objekte‘ genannt. Weil zu ihrer Faszination für Technik und Menschen eine Begeisterung für Medizin gehört, spezialisierte sie sich auf den Anwendungskontext Chirurgie. Aktuell forscht sie als PostDoc an der Universität Konstanz weiter an den Möglichkeiten von Virtueller Realität.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/klartext/virtuelle-realitaet-unterstuetzt-aerzte-im-kampf-gegen-krebs/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Wer kontrolliert den Untergang von Nervenzellen? https://scilogs.spektrum.de/klartext/wer-kontrolliert-den-untergang-von-nervenzellen/ https://scilogs.spektrum.de/klartext/wer-kontrolliert-den-untergang-von-nervenzellen/#respond Mon, 20 Oct 2025 10:47:25 +0000 klartext https://scilogs.spektrum.de/klartext/?p=1168 https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613-768x584.png <link>https://scilogs.spektrum.de/klartext/wer-kontrolliert-den-untergang-von-nervenzellen/</link> </image> <description type="html"><h1>Wer kontrolliert den Untergang von Nervenzellen? » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den <a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</a> 2023 in der Kategorie molekulare Medizin veranschaulichte Maike Hartlehnert, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Unser Immunsystem verteidigt uns gegen Bakterien und Viren. Kämpfen unsere Immunzellen jedoch am falschen Ort, können sie gesunde Zellen zerstören – zum Beispiel Nervenzellen in unserem Gehirn. Wer begrenzt den Schadensumfang?</em></p> <p>Spätestens der letzte Herbst hat uns daran erinnert, wie wichtig eine gute Immunabwehr ist. Reagiert unser Immunsystem zu schwach oder zu spät auf Krankheitserreger, die uns bei dem nasskalten Wetter vermehrt begegnen, machen Erkältungen und grippale Infekte unseren Alltag ungemütlich. Um das möglichst zu vermeiden, arbeitet eine Vielfalt an Immunzellen mit verschiedenen Aufgaben Hand in Hand.</p> <p>Wichtig sind regulierende Faktoren, die wie ein Regler am Gasherd die Immunreaktion nach Bedarf anpassen können. Während sich eine zu schwache Immunantwort häufig in ständigen Infekten zeigt, kann eine zu starke und zugleich fehl gerichtete Immunreaktion körpereigene Zellen angreifen. Das passiert zum Beispiel bei Multipler Sklerose (MS): Bei dieser Krankheit bilden Immunzellen oft Entzündungsherde im Gehirn und Rückenmark, also im zentralen Nervensystem (ZNS), und können den Untergang von Nervenzellen fördern. Unsere Nervenzellen empfangen, verarbeiten und versenden Signale und ermöglichen eine Reihe von Muskelbewegungen wie beim Laufen, Stehen, Greifen, Sehen. Je nachdem, welche Nervenzellen angegriffen werden, können Symptome bei MS stark variieren. Sichtbare Symptome sind zum Beispiel Muskelschwäche und Koordinationsprobleme.</p> <p>Unser Forschungsteam von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster wollte wissen, wie sich eine Fehlregulation des Immunsystems auf die Funktionalität von Halte- und Gangmuskulatur samt Koordination bei MS Patient:innen auswirkt. Wir haben untersucht, ob ein bestimmter Immunsystem-Regulator das Gangbild verändert.<aside></aside></p> <p>Wir haben den Regulator „Bcl6“ ausgewählt: Das ist ein Protein, das den Charakter von bestimmten Immunzellen –dem Typ T– gezielt beeinflussen kann. Unseren Regulator Bcl6 nennen wir hier „X“ und die von ihm beeinflussten Zellen bekommen den Zusatz „X-Charakter“. X wird von der T Immunzelle selbst hergestellt. Wofür brauchen wir T Immunzellen mit X-Charakter? Sie sind wichtig, damit sich andere Immunzellen entwickeln können: die B Immunzellen. Unsere beiden Immunzelltypen T und B arbeiten eng zusammen: In unseren Lymphknoten bilden die Abwehrzellen Gruppen. Sie unterstützen sich auf engem Raum – eine wichtige Voraussetzung für eine gesunde Abwehr.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 815px) 100vw, 815px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage-815x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage-815x1024.jpg 815w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage-239x300.jpg 239w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage-768x964.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage-1223x1536.jpg 1223w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage.jpg 1333w" width="815"></img></a><figcaption><em>Forschungsfrage: Befeuert der Regulator Bcl6 (im Text „X“ genannt) das Zusammenspiel zwischen Immunzellen vom Typ T und B – wirkt Bcl6 also wie ein Regler am Gasherd und verstärkt das Entzündungs-„Feuer“ im ZNS im Tierversuch?</em></figcaption></figure> <p>Was passiert, wenn Immunzellen am „falschen“ Ort kämpfen? Bei MS Patient:innen findet man oft Entzündungsherde mit vielen Immunzellen im ZNS und in den Hirnhäuten. Hirnhäute umhüllen das Nervengewebe in Gehirn und Rückenmark. Studien haben gezeigt: je größer und häufiger die Entzündungsherde, desto ausgeprägter sind Muskelschwäche und -lähmungen bei MS Patient:innen. Die Zusammensetzung dieser Immunzell-Gruppen erinnert an jene in den Lymphknoten: Neben Immunzellen vom Typ T finden wir auch hier zahlreiche Immunzellen vom Typ B. Spannend ist: Therapien, die Immunzellen vom Typ T oder B eindämmen, können das Fortschreiten von MS deutlich verlangsamen. Ein Indiz, dass B und T Immunzellen eine große Rolle bei MS spielen. Wie und wo genau die B und T Immunzellen bei MS interagieren, ist nicht vollständig geklärt. Weil unser Regulator X das Zusammenspiel von B und T Immunzellen in der gesunden Abwehr fördert, war er der perfekte Kandidat für unsere Studie.</p> <p>Mit Tierversuchen in Mäusen wollten wir Interaktionen von T und B Immunzellen im ZNS und in den Hirnhäuten nachstellen: Wir haben gesunden Mäusen Immunzellen vom Typ T gespritzt. Das besondere an diesen T Immunzellen: Sie sind hoch reaktiv und können gezielt Nervenzellen angreifen. Diese „angriffslustigen“ T Immunzellen wandern ins ZNS und bilden gemeinsam mit anderen Immunzellen, unter anderem vom Typ B, Entzündungsherde im ZNS und in den Hirnhäuten. Die Mäuse entwickeln Muskelschwäche und Koordinationsprobleme. Diese Symptome nehmen zu – mit der Anzahl und Größe der Immunzell-Gruppen im ZNS und den Hirnhäuten.</p> <p>Wir wollten wissen: Welche Rolle spielt unser Regulator X in diesen Tierversuchen? Unsere Idee: T Immunzellen mit X-Charakter wandern ins ZNS und arbeiten mit B Immunzellen zusammen. Entzündungsherde bilden sich im ZNS und in den Hirnhäuten. Nervenzellen werden zerstört und Muskelbewegungen gestört. Wir haben uns gefragt: Befeuert X das Zusammenspiel zwischen T und B Immunzellen in unseren Tierversuchen – wirkt X also wie ein Regler am Gasherd und verstärkt das Entzündungs-„Feuer“ im ZNS und in den Hirnhäuten? Und können wir die Folgen im Gangbild der Mäuse beobachten?</p> <p>Unsere Fragen bauen aufeinander auf – ein Schritt für Schritt Plan musste her. Bevor wir in die Tiefen der Immunzell-Interaktionen abtauchten, waren wir neugierig, ob unser Regulator X überhaupt das Gangbild der Mäuse beeinflussen kann. Dafür haben wir mit zwei Maustypen gearbeitet: Während bei der Mausgruppe „AN“ der Regulator X vorhanden war, wurde dieser spezifisch aus dem Erbgut der angriffslustigen T Immunzellen in der Mausgruppe „AUS“ gelöscht. Das kann man sich so vorstellen, dass die Erbinformation für die Herstellung des Regulators mit einer Schere ausgeschnitten wird. Die angriffslustigen T Immunzellen der Mausgruppe „AUS“ bilden dann kein X.</p> <p>Unsere Versuchsmäuse durften über einen Laufsteg krabbeln – in unserem Fall ein Tisch im Tierstall. Wir haben sie dabei beobachtet. Lähmungen zeigten sich zuerst in den Hinterläufen: statt ihre Tatzen sauber aufzusetzen, schleiften die Mäuse ihre Hinterläufe über den Boden. Tatsächlich beeinflusste X das Gangbild: Bei den kranken Mäusen der Gruppe „AN“ beobachteten wir stärkere Muskellähmungen als bei der Gruppe „AUS“.</p> <p>Aus ähnlichen Tierversuchen wussten wir: Starke Lähmungen gehen meist einher mit vielen Entzündungen im ZNS. War das bei unseren Mäusen auch so? Sehr dünne „Scheiben“ von Gehirn und Rückenmark der kranken Mäuse waren unser abgestecktes Terrain: hier gingen wir auf Immunzell-Suche. Um Zellen unter dem Mikroskop sichtbar zu machen, kann man sie anfärben. Die Farbstoffe passen jeweils nur zu einem Zelltyp – so wie ein Schlüssel nur zu einem Schloss passt. Somit erscheinen zum Beispiel T Immunzellen unter dem Mikroskop weiß und B Immunzellen grün.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613.png"><img alt="" decoding="async" height="659" sizes="(max-width: 867px) 100vw, 867px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613.png 867w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613-300x228.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613-768x584.png 768w" width="867"></img></a><figcaption><em>Immunzellen leuchten unter dem Mikroskop – Immunzellen vom Typ T in weiß, Immunzellen vom Typ B in grün. Der Ausschnitt zeigt Immunzellen in den Hirnhäuten von kranken Mäusen mit Muskellähmungen.</em></figcaption></figure> <p>Wir fanden häufiger große Immunzell-Gruppen im ZNS der Mäuse der Gruppe „AN“ (mit den stärkeren Lähmungen). Auffällig waren große Immunzell-Gruppen in den Hirnhäuten mit vielen Immunzellen vom Typ B.</p> <p>Nur ein kleiner Teil von allen T Immunzellen in den kranken Mäusen waren unsere angriffslustigen T Immunzellen mit X-Charakter. Befanden sie sich in der Nähe von B Immunzellen? Unter dem Mikroskop haben wir gesehen: Unsere T Immunzellen mit X-Charakter waren umringt von B Immunzellen – und zwar in den Hirnhäuten.</p> <p>„Sprachen“ die T und B Immunzellen in den Hirnhäuten miteinander und welche Rolle spielte der Regulator X dabei? Immunzellen senden Proteine aus, die an Rezeptoren anderer Zellen binden und so Signale übertragen können. Bestimmte Protein-Rezeptor-Paare deuten auf Interaktionen zwischen T und B Immunzellen hin. Konnten wir einige davon in den Hirnhäuten finden? Ja, und es gab mehr „Gespräche“ zwischen B und T Immunzellen, wenn unser Regulator X vorhanden war.</p> <p>Am Ende waren wir neugierig, warum der rege Austausch zwischen T und B Immunzellen gerade in den Hirnhäuten der kranken Mäuse stattfand. Mikroskop-Bilder der Hirnhäute zeigten Faserstrukturen, die umso dichter werden, je mehr Immunzellen sich dort ansiedelten. Als wir zusätzlich T und B Immunzellen anfärbten, entdeckten wir große Immunzellgruppen vom Typ B zwischen den Fasern, gemeinsam mit angriffslustigen T Immunzellen.</p> <p>Immunzellen vom Typ T und B inmitten verwobener Faserstrukturen fanden wir in vielen kranken Mäusen der Gruppe „AN“. Die Kombination erinnert an Immunzell-Gruppen in den Lymphknoten: hier geben enge Faserstrukturen den Immunzellen Halt – als Teil einer gesunden Immunabwehr.</p> <p>Diese Parallelen zu den Lymphknoten lassen uns vermuten, dass sich Immunzell-Gruppen gerne innerhalb der faserreichen Hirnhäute bilden. Hier kann unser Regulator X Gespräche zwischen angriffslustigen T Immunzellen und B Immunzellen vermutlich besonders gut unterstützen – und so den Untergang von Nervenzellen beeinflussen.</p> <hr></hr> <p>Maike Hartlehnert studierte Molekulare Medizin an der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg. Neugierig auf die großen Zusammenhänge im menschlichen Körper und die Wirkweise des Immunsystems führte ihr Weg sie zu ihrer Promotion an die Westfälische Wilhelms-Universität Münster. Parallel absolvierte sie eine Ausbildung in Akupunktur und Chinesischer Medizin. Seit März 2023 unterstützt sie als Heilpraktikerin in Erlangen Menschen auf ihrem Weg zu einem gesünderen Leben.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Wer kontrolliert den Untergang von Nervenzellen? » KlarText Blog » SciLogs</h1><h2>By klartext</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Für ihre Bewerbung um den <a href="http://www.klartext-preis.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation</a> 2023 in der Kategorie molekulare Medizin veranschaulichte Maike Hartlehnert, was sie für ihre Promotion erforscht hat.</strong></p> <hr></hr> <p><em>Unser Immunsystem verteidigt uns gegen Bakterien und Viren. Kämpfen unsere Immunzellen jedoch am falschen Ort, können sie gesunde Zellen zerstören – zum Beispiel Nervenzellen in unserem Gehirn. Wer begrenzt den Schadensumfang?</em></p> <p>Spätestens der letzte Herbst hat uns daran erinnert, wie wichtig eine gute Immunabwehr ist. Reagiert unser Immunsystem zu schwach oder zu spät auf Krankheitserreger, die uns bei dem nasskalten Wetter vermehrt begegnen, machen Erkältungen und grippale Infekte unseren Alltag ungemütlich. Um das möglichst zu vermeiden, arbeitet eine Vielfalt an Immunzellen mit verschiedenen Aufgaben Hand in Hand.</p> <p>Wichtig sind regulierende Faktoren, die wie ein Regler am Gasherd die Immunreaktion nach Bedarf anpassen können. Während sich eine zu schwache Immunantwort häufig in ständigen Infekten zeigt, kann eine zu starke und zugleich fehl gerichtete Immunreaktion körpereigene Zellen angreifen. Das passiert zum Beispiel bei Multipler Sklerose (MS): Bei dieser Krankheit bilden Immunzellen oft Entzündungsherde im Gehirn und Rückenmark, also im zentralen Nervensystem (ZNS), und können den Untergang von Nervenzellen fördern. Unsere Nervenzellen empfangen, verarbeiten und versenden Signale und ermöglichen eine Reihe von Muskelbewegungen wie beim Laufen, Stehen, Greifen, Sehen. Je nachdem, welche Nervenzellen angegriffen werden, können Symptome bei MS stark variieren. Sichtbare Symptome sind zum Beispiel Muskelschwäche und Koordinationsprobleme.</p> <p>Unser Forschungsteam von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster wollte wissen, wie sich eine Fehlregulation des Immunsystems auf die Funktionalität von Halte- und Gangmuskulatur samt Koordination bei MS Patient:innen auswirkt. Wir haben untersucht, ob ein bestimmter Immunsystem-Regulator das Gangbild verändert.<aside></aside></p> <p>Wir haben den Regulator „Bcl6“ ausgewählt: Das ist ein Protein, das den Charakter von bestimmten Immunzellen –dem Typ T– gezielt beeinflussen kann. Unseren Regulator Bcl6 nennen wir hier „X“ und die von ihm beeinflussten Zellen bekommen den Zusatz „X-Charakter“. X wird von der T Immunzelle selbst hergestellt. Wofür brauchen wir T Immunzellen mit X-Charakter? Sie sind wichtig, damit sich andere Immunzellen entwickeln können: die B Immunzellen. Unsere beiden Immunzelltypen T und B arbeiten eng zusammen: In unseren Lymphknoten bilden die Abwehrzellen Gruppen. Sie unterstützen sich auf engem Raum – eine wichtige Voraussetzung für eine gesunde Abwehr.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 815px) 100vw, 815px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage-815x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage-815x1024.jpg 815w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage-239x300.jpg 239w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage-768x964.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage-1223x1536.jpg 1223w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Hartlehnert_Forschungsfrage.jpg 1333w" width="815"></img></a><figcaption><em>Forschungsfrage: Befeuert der Regulator Bcl6 (im Text „X“ genannt) das Zusammenspiel zwischen Immunzellen vom Typ T und B – wirkt Bcl6 also wie ein Regler am Gasherd und verstärkt das Entzündungs-„Feuer“ im ZNS im Tierversuch?</em></figcaption></figure> <p>Was passiert, wenn Immunzellen am „falschen“ Ort kämpfen? Bei MS Patient:innen findet man oft Entzündungsherde mit vielen Immunzellen im ZNS und in den Hirnhäuten. Hirnhäute umhüllen das Nervengewebe in Gehirn und Rückenmark. Studien haben gezeigt: je größer und häufiger die Entzündungsherde, desto ausgeprägter sind Muskelschwäche und -lähmungen bei MS Patient:innen. Die Zusammensetzung dieser Immunzell-Gruppen erinnert an jene in den Lymphknoten: Neben Immunzellen vom Typ T finden wir auch hier zahlreiche Immunzellen vom Typ B. Spannend ist: Therapien, die Immunzellen vom Typ T oder B eindämmen, können das Fortschreiten von MS deutlich verlangsamen. Ein Indiz, dass B und T Immunzellen eine große Rolle bei MS spielen. Wie und wo genau die B und T Immunzellen bei MS interagieren, ist nicht vollständig geklärt. Weil unser Regulator X das Zusammenspiel von B und T Immunzellen in der gesunden Abwehr fördert, war er der perfekte Kandidat für unsere Studie.</p> <p>Mit Tierversuchen in Mäusen wollten wir Interaktionen von T und B Immunzellen im ZNS und in den Hirnhäuten nachstellen: Wir haben gesunden Mäusen Immunzellen vom Typ T gespritzt. Das besondere an diesen T Immunzellen: Sie sind hoch reaktiv und können gezielt Nervenzellen angreifen. Diese „angriffslustigen“ T Immunzellen wandern ins ZNS und bilden gemeinsam mit anderen Immunzellen, unter anderem vom Typ B, Entzündungsherde im ZNS und in den Hirnhäuten. Die Mäuse entwickeln Muskelschwäche und Koordinationsprobleme. Diese Symptome nehmen zu – mit der Anzahl und Größe der Immunzell-Gruppen im ZNS und den Hirnhäuten.</p> <p>Wir wollten wissen: Welche Rolle spielt unser Regulator X in diesen Tierversuchen? Unsere Idee: T Immunzellen mit X-Charakter wandern ins ZNS und arbeiten mit B Immunzellen zusammen. Entzündungsherde bilden sich im ZNS und in den Hirnhäuten. Nervenzellen werden zerstört und Muskelbewegungen gestört. Wir haben uns gefragt: Befeuert X das Zusammenspiel zwischen T und B Immunzellen in unseren Tierversuchen – wirkt X also wie ein Regler am Gasherd und verstärkt das Entzündungs-„Feuer“ im ZNS und in den Hirnhäuten? Und können wir die Folgen im Gangbild der Mäuse beobachten?</p> <p>Unsere Fragen bauen aufeinander auf – ein Schritt für Schritt Plan musste her. Bevor wir in die Tiefen der Immunzell-Interaktionen abtauchten, waren wir neugierig, ob unser Regulator X überhaupt das Gangbild der Mäuse beeinflussen kann. Dafür haben wir mit zwei Maustypen gearbeitet: Während bei der Mausgruppe „AN“ der Regulator X vorhanden war, wurde dieser spezifisch aus dem Erbgut der angriffslustigen T Immunzellen in der Mausgruppe „AUS“ gelöscht. Das kann man sich so vorstellen, dass die Erbinformation für die Herstellung des Regulators mit einer Schere ausgeschnitten wird. Die angriffslustigen T Immunzellen der Mausgruppe „AUS“ bilden dann kein X.</p> <p>Unsere Versuchsmäuse durften über einen Laufsteg krabbeln – in unserem Fall ein Tisch im Tierstall. Wir haben sie dabei beobachtet. Lähmungen zeigten sich zuerst in den Hinterläufen: statt ihre Tatzen sauber aufzusetzen, schleiften die Mäuse ihre Hinterläufe über den Boden. Tatsächlich beeinflusste X das Gangbild: Bei den kranken Mäusen der Gruppe „AN“ beobachteten wir stärkere Muskellähmungen als bei der Gruppe „AUS“.</p> <p>Aus ähnlichen Tierversuchen wussten wir: Starke Lähmungen gehen meist einher mit vielen Entzündungen im ZNS. War das bei unseren Mäusen auch so? Sehr dünne „Scheiben“ von Gehirn und Rückenmark der kranken Mäuse waren unser abgestecktes Terrain: hier gingen wir auf Immunzell-Suche. Um Zellen unter dem Mikroskop sichtbar zu machen, kann man sie anfärben. Die Farbstoffe passen jeweils nur zu einem Zelltyp – so wie ein Schlüssel nur zu einem Schloss passt. Somit erscheinen zum Beispiel T Immunzellen unter dem Mikroskop weiß und B Immunzellen grün.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613.png"><img alt="" decoding="async" height="659" sizes="(max-width: 867px) 100vw, 867px" src="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613.png 867w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613-300x228.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/klartext/files/Screenshot-2025-09-30-100613-768x584.png 768w" width="867"></img></a><figcaption><em>Immunzellen leuchten unter dem Mikroskop – Immunzellen vom Typ T in weiß, Immunzellen vom Typ B in grün. Der Ausschnitt zeigt Immunzellen in den Hirnhäuten von kranken Mäusen mit Muskellähmungen.</em></figcaption></figure> <p>Wir fanden häufiger große Immunzell-Gruppen im ZNS der Mäuse der Gruppe „AN“ (mit den stärkeren Lähmungen). Auffällig waren große Immunzell-Gruppen in den Hirnhäuten mit vielen Immunzellen vom Typ B.</p> <p>Nur ein kleiner Teil von allen T Immunzellen in den kranken Mäusen waren unsere angriffslustigen T Immunzellen mit X-Charakter. Befanden sie sich in der Nähe von B Immunzellen? Unter dem Mikroskop haben wir gesehen: Unsere T Immunzellen mit X-Charakter waren umringt von B Immunzellen – und zwar in den Hirnhäuten.</p> <p>„Sprachen“ die T und B Immunzellen in den Hirnhäuten miteinander und welche Rolle spielte der Regulator X dabei? Immunzellen senden Proteine aus, die an Rezeptoren anderer Zellen binden und so Signale übertragen können. Bestimmte Protein-Rezeptor-Paare deuten auf Interaktionen zwischen T und B Immunzellen hin. Konnten wir einige davon in den Hirnhäuten finden? Ja, und es gab mehr „Gespräche“ zwischen B und T Immunzellen, wenn unser Regulator X vorhanden war.</p> <p>Am Ende waren wir neugierig, warum der rege Austausch zwischen T und B Immunzellen gerade in den Hirnhäuten der kranken Mäuse stattfand. Mikroskop-Bilder der Hirnhäute zeigten Faserstrukturen, die umso dichter werden, je mehr Immunzellen sich dort ansiedelten. Als wir zusätzlich T und B Immunzellen anfärbten, entdeckten wir große Immunzellgruppen vom Typ B zwischen den Fasern, gemeinsam mit angriffslustigen T Immunzellen.</p> <p>Immunzellen vom Typ T und B inmitten verwobener Faserstrukturen fanden wir in vielen kranken Mäusen der Gruppe „AN“. Die Kombination erinnert an Immunzell-Gruppen in den Lymphknoten: hier geben enge Faserstrukturen den Immunzellen Halt – als Teil einer gesunden Immunabwehr.</p> <p>Diese Parallelen zu den Lymphknoten lassen uns vermuten, dass sich Immunzell-Gruppen gerne innerhalb der faserreichen Hirnhäute bilden. Hier kann unser Regulator X Gespräche zwischen angriffslustigen T Immunzellen und B Immunzellen vermutlich besonders gut unterstützen – und so den Untergang von Nervenzellen beeinflussen.</p> <hr></hr> <p>Maike Hartlehnert studierte Molekulare Medizin an der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg. Neugierig auf die großen Zusammenhänge im menschlichen Körper und die Wirkweise des Immunsystems führte ihr Weg sie zu ihrer Promotion an die Westfälische Wilhelms-Universität Münster. Parallel absolvierte sie eine Ausbildung in Akupunktur und Chinesischer Medizin. Seit März 2023 unterstützt sie als Heilpraktikerin in Erlangen Menschen auf ihrem Weg zu einem gesünderen Leben.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/klartext/wer-kontrolliert-den-untergang-von-nervenzellen/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Rettet das Oberharzer Bergwerksmuseum! https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/rettet-das-oberharzer-bergwerksmuseum/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/rettet-das-oberharzer-bergwerksmuseum/#comments Thu, 16 Oct 2025 21:39:58 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3711 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/563429194_1122598546661903_2570412127739280128_n.jpg Rettet das Oberharzer Bergwersmuseum https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/rettet-das-oberharzer-bergwerksmuseum/ <h1>Rettet das Oberharzer Bergwerksmuseum! » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/563429194_1122598546661903_2570412127739280128_n.jpg"><img alt="" decoding="async" height="440" sizes="(max-width: 660px) 100vw, 660px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/563429194_1122598546661903_2570412127739280128_n.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/563429194_1122598546661903_2570412127739280128_n.jpg 660w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/563429194_1122598546661903_2570412127739280128_n-300x200.jpg 300w" width="660"></img></a></figure> <p>Wenn kein Wunder geschieht, muss das Oberharzer Bergwerksmuseum in Clausthal-Zellerfeld zum 1. Januar 2026 schließen. So wurde es vom zuständigen Stadtrat beschlossen, da sich bislang kein neuer Betreiber für das Museum gefunden hat. Zusätzlich wären hohe Kosten für eine notwendige Sanierung des Gebäudes zu stemmen. Das Gebäude gehört der Stadt, die das dafür benötigte Geld nicht zur Verfügung hat. <br></br>Mit seinem Gründungsjahr 1892  zählt das Museum zu den ältesten Technikmuseen Deutschlands. Das überaus sehenswerte Museum mit seinem Schaubergwerk ist in meinen Augen ein Kleinod, das gerade für den Harz und seine Geschichte von großem Wert ist. Es erforscht und präsentiert die Geschichte des Harzer Bergbaus, die bis ins Mittelalter zurückreicht. Für mich ist der Harz ohne einen zentralen Ort, der die reiche Bergbau- und Technikgeschichte sowie das UNESCO-Welterbe der Oberharzer Wasserwirtschaft präsentiert, schlicht unvorstellbar. <br></br>Die rund 15.000 Besucher, die hier jedes Jahr gezählt werden, zeigen, wie wichtig das Museum auch für den Tourismus der Region ist. Eine Schließung wäre ein unwiederbringlicher Verlust für den Tourismus sowie für Bildung und Kultur im Harz. <br></br>Ich kann verstehen, dass sich die Stadt, vertreten durch ihre Bürgermeisterin Frau Emmerich-Kopatsch, in einer finanziell herausfordernden Lage befindet. Mit meiner Stimme in der <a href="https://www.openpetition.de/zpjvn">Petition</a> zum Erhalt des Museums möchte ich den Befürwortern des Erhalts ein wenig den Rücken stärken.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Rettet das Oberharzer Bergwerksmuseum! » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/563429194_1122598546661903_2570412127739280128_n.jpg"><img alt="" decoding="async" height="440" sizes="(max-width: 660px) 100vw, 660px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/563429194_1122598546661903_2570412127739280128_n.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/563429194_1122598546661903_2570412127739280128_n.jpg 660w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/563429194_1122598546661903_2570412127739280128_n-300x200.jpg 300w" width="660"></img></a></figure> <p>Wenn kein Wunder geschieht, muss das Oberharzer Bergwerksmuseum in Clausthal-Zellerfeld zum 1. Januar 2026 schließen. So wurde es vom zuständigen Stadtrat beschlossen, da sich bislang kein neuer Betreiber für das Museum gefunden hat. Zusätzlich wären hohe Kosten für eine notwendige Sanierung des Gebäudes zu stemmen. Das Gebäude gehört der Stadt, die das dafür benötigte Geld nicht zur Verfügung hat. <br></br>Mit seinem Gründungsjahr 1892  zählt das Museum zu den ältesten Technikmuseen Deutschlands. Das überaus sehenswerte Museum mit seinem Schaubergwerk ist in meinen Augen ein Kleinod, das gerade für den Harz und seine Geschichte von großem Wert ist. Es erforscht und präsentiert die Geschichte des Harzer Bergbaus, die bis ins Mittelalter zurückreicht. Für mich ist der Harz ohne einen zentralen Ort, der die reiche Bergbau- und Technikgeschichte sowie das UNESCO-Welterbe der Oberharzer Wasserwirtschaft präsentiert, schlicht unvorstellbar. <br></br>Die rund 15.000 Besucher, die hier jedes Jahr gezählt werden, zeigen, wie wichtig das Museum auch für den Tourismus der Region ist. Eine Schließung wäre ein unwiederbringlicher Verlust für den Tourismus sowie für Bildung und Kultur im Harz. <br></br>Ich kann verstehen, dass sich die Stadt, vertreten durch ihre Bürgermeisterin Frau Emmerich-Kopatsch, in einer finanziell herausfordernden Lage befindet. Mit meiner Stimme in der <a href="https://www.openpetition.de/zpjvn">Petition</a> zum Erhalt des Museums möchte ich den Befürwortern des Erhalts ein wenig den Rücken stärken.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/rettet-das-oberharzer-bergwerksmuseum/#comments 2 Sonst noch was? – Die Abstellkammer der polizeilichen Erfassung politisch motivierter Kriminalität https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/sonst-noch-was-die-abstellkammer-der-polizeilichen-erfassung-politisch-motivierter-kriminalitaet/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/sonst-noch-was-die-abstellkammer-der-polizeilichen-erfassung-politisch-motivierter-kriminalitaet/#respond Thu, 16 Oct 2025 12:59:48 +0000 Hannah Weinert https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=298 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Social-Media-Mockup-ForGeRex-Blogpost-Okt25-e1760686604123-768x688.png <link>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/sonst-noch-was-die-abstellkammer-der-polizeilichen-erfassung-politisch-motivierter-kriminalitaet/</link> </image> <description type="html"><h1>Sonst noch was? – Die Abstellkammer der polizeilichen Erfassung politisch motivierter Kriminalität » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Hannah Weinert</h2><div itemprop="text"> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel.png 1920w" width="1024"></img></a></figure> <p>Jedes Jahr im Mai stellt das Bundesinneministerium die neuen Zahlen zur politisch motivierten Kriminalität (PMK) vor. Grundlage dafür sind die Daten, die dem Bundeskriminalamt (BKA) durch die Landeskriminalämter übermittelt wurden. Strukturiert werden die Meldungen durch die Vorgaben des Kriminalpolizeilichen Meldedienst in Fällen politisch motivierter Kriminalität (KPMD-PMK), der festlegt, wie politisch motivierte Taten erfasst werden sollen.</p> <p>Erkennen Polizeibeamt*innen in einer Tat ein politisches Motiv, muss die Tat laut der Richtlinien unter anderem einem Phänomenbereich zugeordnet werden: PMK-rechts, PMK-links, PMK-ausländische Ideologie oder PMK-religiöse Ideologie. Lässt sich eine Tat nicht eindeutig in eine der vorgesehen Phänomenbereiche einordnen, wir diese unter <strong>PMK-sonstige Zuordnungen</strong> erfasst<sup data-fn="89c0db58-1ad6-49ad-904d-64ee9a9eaaea"><a href="#89c0db58-1ad6-49ad-904d-64ee9a9eaaea" id="89c0db58-1ad6-49ad-904d-64ee9a9eaaea-link">1</a></sup>.</p> <h2 id="h-das-problem-mit-den-sonstigen-zuordnungen">Das Problem mit den “sonstigen Zuordnungen”</h2> <p>Der Kategorie der „sonstigen Zuordnungen“ wird, im Gegensatz zu den Phänomenbereichen, häufig nur <strong>wenig Aufmerksamkeit</strong> geschenkt. Dabei lassen sich an anhand dieser einige zentrale Probleme der Erfassung politisch motivierter Kriminalität aufzeigen. Dass der <strong>Auffangkategorie</strong> mehr Beachtung geschenkt werden sollte, veranschaulicht die Entwicklung der Fallzahlen. Bis auf eine leichte Schwankung im Jahr 2017 zeigt sich für die vergangenen 10 Jahre ein kontinuierlicher Anstieg der „sonstigen Zuordnungen“, der 2022 seinen Höhepunkt erreichte, als etwa 40 % der erfassten Fälle politisch motivierter Kriminalität keinem der vier anderen Phänomenbereiche zugeordnet wurden<sup data-fn="5ef48a1e-4ba5-49b3-b613-2807627c1cf6"><a href="#5ef48a1e-4ba5-49b3-b613-2807627c1cf6" id="5ef48a1e-4ba5-49b3-b613-2807627c1cf6-link">2</a></sup>. Zurückgeführt wurde dieser Anstieg primär auf das Protestgeschehen während der Corona-Pandemie. Doch auch nach einem Rückgang 2023 und 2024 pendelte sich der Anteil der „sonstigen Zuordnungen“ am Gesamtstraftatenaufkommen politisch motivierter Kriminalität auf einem hohen Niveau ein. Zuletzt wurden 2024 rund ein Viertel (26 %) der registrierten Fälle politisch motivierter Kriminalität in den Bereich der „sonstigen Zuordnungen“ kategorisiert, womit dieser nach dem Phänomenbereich PMK-rechts der <strong>zweitgrößte</strong> war<sup data-fn="c4667501-b37c-4251-9d65-fe5ef8f907c9"><a href="#c4667501-b37c-4251-9d65-fe5ef8f907c9" id="c4667501-b37c-4251-9d65-fe5ef8f907c9-link">3</a></sup>.</p> <p>Um sich vom Extremismus-Konzept zu lösen und eine bundesweit einheitliche Erfassung zu etablieren, wurde das PMK-Definitionssystem 2001 umfassend überarbeitet. Dies sollte insbesondere durch einen neu eingeführten <strong>Themenfeldkatalog</strong> erreicht werden, in dessen Rahmen durch Oberfeldthemen und Unterfeldthemen die tatauslösende Motivation der Täter*innen genauer erfasst werden kann. Gesellschaftlicher Entwicklungen entsprechend werden die Themenfelder und ihnen zugeordnete Unterthemenfelder fortwährend angepasst und erweitert. Aktuell umfasst der Themenfeldkatalog 25 Oberfeldthemen und 114 Unterfeldthemen sowie einen politischen Kalender. Speziell die Betrachtung des Oberfeldthemas <strong>„Hasskriminalität“</strong> und den zur Kategorisierung vorgesehenen Unterfeldthemen offenbart, dass die Abgrenzungen, speziell der Unterfeldthemen, stellenweise unpräzise sind. Beispielhaft dafür kann das Nebeneinanderstehen der Unterfeldthemen „Ausländerfeindlich“, „Fremdenfeindlich“ und „Rassismus“ angeführt werden. Neben der kritisch zu bewertenden Verwendungung der Begriffe „fremdenfeindlich“ und „ausländerfeindlich“, kann die Abgrenzungsproblematik zu unterschiedlichen Erfassungspraxen führen und so die statistische Aussagekraft schwächen. Da die Kategorisierung einer politisch motivierten Tat maßgeblich von der (subjektiven) Bewertung in der polizeilichen Praxis abhängt, sollte die einheitliche Erfassung durch aussagekräftige und abgrenzbare Kategorien erleichtert und nicht erschwert werden.</p> <p>Zusätzlich zu den Unstimmigkeiten der oben genannten Unterfeldthemen lässt sich am 2022 eingeführten Unterfeldthema „Geschlechterbezogene Diversität“ die <strong>Entkopplung</strong> des Themenfeldes „Hasskriminalität“ von den Phänomenbereichen illustrieren. Im Unterfeldthema „Geschlechterbezogene Diversität“, werden Taten „[…] gegen Menschen, deren geschlechtliche Identität vom biologischen Geschlecht abweicht sowie intersexuelle Menschen bzw. das Geschlecht gerichtet, welches nicht eindeutig als männlich oder weiblich zu bestimmen ist“<sup data-fn="29675963-8f3c-45fc-8184-08b06b7fd669"><a href="#29675963-8f3c-45fc-8184-08b06b7fd669" id="29675963-8f3c-45fc-8184-08b06b7fd669-link">4</a></sup> erfasst. Mehr als die Hälfte (55 %) der registrierten Fälle in diesem Unterthemenfeld wurden 2024 im Phänomenbereich der „Sonstigen“ zugeordnet, während insgesamt 41 % der Fälle dem Phänomenbereich PMK-rechts zugeordnet werden konnten<sup data-fn="367afefb-23c4-4d7a-95ae-37eca13df36f"><a href="#367afefb-23c4-4d7a-95ae-37eca13df36f" id="367afefb-23c4-4d7a-95ae-37eca13df36f-link">5</a></sup>.<aside></aside></p> <p>Allerdings ist, wie sich auch immer wieder in Einstellungsumfragen zeigt, Transfeindlichkeit vor allem, aber nicht nur im politisch rechten Spektrum zu verorten. Zuletzt offenbarte die Leipziger Autoritarismus-Studie, dass 35 % der Personen, die sich selbst in der politischen Mitte verorten, ein geschlossen transfeindliches Weltbild haben<sup data-fn="98ebd543-d819-441d-831d-9c1fd956c369"><a href="#98ebd543-d819-441d-831d-9c1fd956c369" id="98ebd543-d819-441d-831d-9c1fd956c369-link">6</a></sup>. Transfeindlichkeit lässt sich damit nicht nur an den politischen Rändern (mit denen das PMK-Definitionssystem zugrundeliegende Extremismus-Konzept operiert) lokalisieren. Diese Befunde auf der Einstellungsebene können als Indiz dafür gewertet werden, dass für die Begehung einer vorurteilsmotivierten transfeindlichen Tat <strong>keine</strong> gefestigte ideologische Überzeugung oder ein explizites politisches Ziel vorliegen muss.</p> <p>Die Ausdehnung der Kategorie „sonstige Zuordnungen“, sowohl auf Ebene der Einordnung in Phänomenbereiche als auch in das Unterfeldthema „geschlechterbezogene Diversität“, verdeutlichen die Grenzen und Schwächen des aktuellen PMK-Definitionssystems. Für die Begehung einer durch Ungleichwertigkeitsideologien motivierten Straftat ist keine gefestigte Ideologie notwendig, die sich trennscharf in einer der vier anderen Phänomenbereiche verorten ließe. Die <strong>Auffangkategorie</strong> der „sonstigen Zuordnungen“ verdeutlicht dies.<a id="_msocom_1"></a></p> <h2 id="h-die-definition-politisch-motivierter-kriminalitat-auf-dem-prufstand">Die Definition politisch motivierter Kriminalität auf dem Prüfstand </h2> <p>Das nach wie vor am Extremismus-Konzept orientierte Definitionssystem politisch motivierter Kriminalität, mit seinen nicht trennscharfen Kategorien, ist damit nur eingeschränkt dazu geeignet Polizeibeamt*innen eine <strong>klare Orientierung</strong> bei der Kategorisierung an die Hand zu geben. Damit wird das Ziel einer adäquaten, und bundesweit einheitlichen Erfassung politisch motivierter Kriminalität sowie die Abbildung ihrer ideologischen Hintergründe unterlaufen.</p> <p>Es sollte kritisch geprüft werden, ob das zugrunde gelegte Extremismus-Konzept und die darauf basierenden Phänomenbereiche politisch motivierte Kriminalität noch angemessen abbilden. Zielführender könnte es sein, Vorurteilskriminalität als von gefestigten ideologischen Überzeugungen und expliziten politischen Zielen, <strong>unabhängiges Phänomen </strong>zu erfassen. Im Zuge dessen sollte auch die <strong>Perspektive der Opfer</strong> bei der Beurteilung der Motivation stärker berücksichtigt werden.</p> <p>Daneben ist eine <strong>Aktualisierung und Neustrukturierung</strong> des Themenfeldkataloges notwendig. Exemplarisch hierfür stehen die Unterfeldthemen „Ausländerfeindlich“ und „Fremdenfeindlich“, die zugunsten eines Unterfeldthemas „Rassismus“ abgeschafft werden sollten, um zum einen die sprachliche Übernahme der Täter*innenperspektive zu beenden und zum anderen die <strong>statistische Aussagekraft</strong> zu erhöhen. Denn auch wenn es sich bei der PMK-Statistik um eine Statistik handelt, die in erster Linie Auskunft über die polizeiliche Arbeitsweise und Erfassungspraxis gibt, prägt sie durch ihre mediale und gesellschaftliche Rezeption die<strong> gesellschaftliche Wahrnehmung</strong> politisch motivierter Kriminalität. Zudem werden auf ihrer Grundlage Lagebilder erstellt und politische Entscheidungsprozesse angestoßen. Insbesondere wenn die jährlichen Fallzahlen den Ausgangspunkt für die Entwicklung von <strong>Repressions- und Präventionsstrategien</strong> darstellen, wiegen die Schwächen des PMK-Definitionssystems schwer.</p> <p>Quellen:</p> <p>Bundeskriminalamt (Hrsg.). (2022). Definitionssystem Politisch motivierte Kriminalität.</p> <p>Bundeskriminalamt (Hrsg.). (2023). Themenfeldkatalog zur Kriminaltaktischen Anfrage in Fällen Politisch motivierter Kriminalität (KTA-PMK). </p> <p>Bundesministerium des Innern (Hrsg.). (2016). Politisch motivierte Kriminalität im Jahr 2015. Bundesweite Fallzahlen.</p> <p>Bundesministerium des Innern und für Heimat (Hrsg.). (2023). Politisch motivierte Kriminalität im Jahr 2022. Bundesweite Fallzahlen.</p> <p>Bundesministerium des Innern und für Heimat (Hrsg.). (2025). Bundesweite Fallzahlen 2024. Politisch motivierte Kriminalität.</p> <p>Decker, O., Kiess, J., Heller, A., &amp; Brähler, E. (Hrsg.). (2024). Vereint im Ressentiment: Autoritäre Dynamiken und rechtsextreme Einstellungen/Leipziger Autoritarismus Studie 2024. Psychosozial-Verlag. <a href="https://doi.org/10.30820/9783837962864">https://doi.org/10.30820/9783837962864</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Sonst noch was? – Die Abstellkammer der polizeilichen Erfassung politisch motivierter Kriminalität » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Hannah Weinert</h2><div itemprop="text"> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Design-ohne-Titel.png 1920w" width="1024"></img></a></figure> <p>Jedes Jahr im Mai stellt das Bundesinneministerium die neuen Zahlen zur politisch motivierten Kriminalität (PMK) vor. Grundlage dafür sind die Daten, die dem Bundeskriminalamt (BKA) durch die Landeskriminalämter übermittelt wurden. Strukturiert werden die Meldungen durch die Vorgaben des Kriminalpolizeilichen Meldedienst in Fällen politisch motivierter Kriminalität (KPMD-PMK), der festlegt, wie politisch motivierte Taten erfasst werden sollen.</p> <p>Erkennen Polizeibeamt*innen in einer Tat ein politisches Motiv, muss die Tat laut der Richtlinien unter anderem einem Phänomenbereich zugeordnet werden: PMK-rechts, PMK-links, PMK-ausländische Ideologie oder PMK-religiöse Ideologie. Lässt sich eine Tat nicht eindeutig in eine der vorgesehen Phänomenbereiche einordnen, wir diese unter <strong>PMK-sonstige Zuordnungen</strong> erfasst<sup data-fn="89c0db58-1ad6-49ad-904d-64ee9a9eaaea"><a href="#89c0db58-1ad6-49ad-904d-64ee9a9eaaea" id="89c0db58-1ad6-49ad-904d-64ee9a9eaaea-link">1</a></sup>.</p> <h2 id="h-das-problem-mit-den-sonstigen-zuordnungen">Das Problem mit den “sonstigen Zuordnungen”</h2> <p>Der Kategorie der „sonstigen Zuordnungen“ wird, im Gegensatz zu den Phänomenbereichen, häufig nur <strong>wenig Aufmerksamkeit</strong> geschenkt. Dabei lassen sich an anhand dieser einige zentrale Probleme der Erfassung politisch motivierter Kriminalität aufzeigen. Dass der <strong>Auffangkategorie</strong> mehr Beachtung geschenkt werden sollte, veranschaulicht die Entwicklung der Fallzahlen. Bis auf eine leichte Schwankung im Jahr 2017 zeigt sich für die vergangenen 10 Jahre ein kontinuierlicher Anstieg der „sonstigen Zuordnungen“, der 2022 seinen Höhepunkt erreichte, als etwa 40 % der erfassten Fälle politisch motivierter Kriminalität keinem der vier anderen Phänomenbereiche zugeordnet wurden<sup data-fn="5ef48a1e-4ba5-49b3-b613-2807627c1cf6"><a href="#5ef48a1e-4ba5-49b3-b613-2807627c1cf6" id="5ef48a1e-4ba5-49b3-b613-2807627c1cf6-link">2</a></sup>. Zurückgeführt wurde dieser Anstieg primär auf das Protestgeschehen während der Corona-Pandemie. Doch auch nach einem Rückgang 2023 und 2024 pendelte sich der Anteil der „sonstigen Zuordnungen“ am Gesamtstraftatenaufkommen politisch motivierter Kriminalität auf einem hohen Niveau ein. Zuletzt wurden 2024 rund ein Viertel (26 %) der registrierten Fälle politisch motivierter Kriminalität in den Bereich der „sonstigen Zuordnungen“ kategorisiert, womit dieser nach dem Phänomenbereich PMK-rechts der <strong>zweitgrößte</strong> war<sup data-fn="c4667501-b37c-4251-9d65-fe5ef8f907c9"><a href="#c4667501-b37c-4251-9d65-fe5ef8f907c9" id="c4667501-b37c-4251-9d65-fe5ef8f907c9-link">3</a></sup>.</p> <p>Um sich vom Extremismus-Konzept zu lösen und eine bundesweit einheitliche Erfassung zu etablieren, wurde das PMK-Definitionssystem 2001 umfassend überarbeitet. Dies sollte insbesondere durch einen neu eingeführten <strong>Themenfeldkatalog</strong> erreicht werden, in dessen Rahmen durch Oberfeldthemen und Unterfeldthemen die tatauslösende Motivation der Täter*innen genauer erfasst werden kann. Gesellschaftlicher Entwicklungen entsprechend werden die Themenfelder und ihnen zugeordnete Unterthemenfelder fortwährend angepasst und erweitert. Aktuell umfasst der Themenfeldkatalog 25 Oberfeldthemen und 114 Unterfeldthemen sowie einen politischen Kalender. Speziell die Betrachtung des Oberfeldthemas <strong>„Hasskriminalität“</strong> und den zur Kategorisierung vorgesehenen Unterfeldthemen offenbart, dass die Abgrenzungen, speziell der Unterfeldthemen, stellenweise unpräzise sind. Beispielhaft dafür kann das Nebeneinanderstehen der Unterfeldthemen „Ausländerfeindlich“, „Fremdenfeindlich“ und „Rassismus“ angeführt werden. Neben der kritisch zu bewertenden Verwendungung der Begriffe „fremdenfeindlich“ und „ausländerfeindlich“, kann die Abgrenzungsproblematik zu unterschiedlichen Erfassungspraxen führen und so die statistische Aussagekraft schwächen. Da die Kategorisierung einer politisch motivierten Tat maßgeblich von der (subjektiven) Bewertung in der polizeilichen Praxis abhängt, sollte die einheitliche Erfassung durch aussagekräftige und abgrenzbare Kategorien erleichtert und nicht erschwert werden.</p> <p>Zusätzlich zu den Unstimmigkeiten der oben genannten Unterfeldthemen lässt sich am 2022 eingeführten Unterfeldthema „Geschlechterbezogene Diversität“ die <strong>Entkopplung</strong> des Themenfeldes „Hasskriminalität“ von den Phänomenbereichen illustrieren. Im Unterfeldthema „Geschlechterbezogene Diversität“, werden Taten „[…] gegen Menschen, deren geschlechtliche Identität vom biologischen Geschlecht abweicht sowie intersexuelle Menschen bzw. das Geschlecht gerichtet, welches nicht eindeutig als männlich oder weiblich zu bestimmen ist“<sup data-fn="29675963-8f3c-45fc-8184-08b06b7fd669"><a href="#29675963-8f3c-45fc-8184-08b06b7fd669" id="29675963-8f3c-45fc-8184-08b06b7fd669-link">4</a></sup> erfasst. Mehr als die Hälfte (55 %) der registrierten Fälle in diesem Unterthemenfeld wurden 2024 im Phänomenbereich der „Sonstigen“ zugeordnet, während insgesamt 41 % der Fälle dem Phänomenbereich PMK-rechts zugeordnet werden konnten<sup data-fn="367afefb-23c4-4d7a-95ae-37eca13df36f"><a href="#367afefb-23c4-4d7a-95ae-37eca13df36f" id="367afefb-23c4-4d7a-95ae-37eca13df36f-link">5</a></sup>.<aside></aside></p> <p>Allerdings ist, wie sich auch immer wieder in Einstellungsumfragen zeigt, Transfeindlichkeit vor allem, aber nicht nur im politisch rechten Spektrum zu verorten. Zuletzt offenbarte die Leipziger Autoritarismus-Studie, dass 35 % der Personen, die sich selbst in der politischen Mitte verorten, ein geschlossen transfeindliches Weltbild haben<sup data-fn="98ebd543-d819-441d-831d-9c1fd956c369"><a href="#98ebd543-d819-441d-831d-9c1fd956c369" id="98ebd543-d819-441d-831d-9c1fd956c369-link">6</a></sup>. Transfeindlichkeit lässt sich damit nicht nur an den politischen Rändern (mit denen das PMK-Definitionssystem zugrundeliegende Extremismus-Konzept operiert) lokalisieren. Diese Befunde auf der Einstellungsebene können als Indiz dafür gewertet werden, dass für die Begehung einer vorurteilsmotivierten transfeindlichen Tat <strong>keine</strong> gefestigte ideologische Überzeugung oder ein explizites politisches Ziel vorliegen muss.</p> <p>Die Ausdehnung der Kategorie „sonstige Zuordnungen“, sowohl auf Ebene der Einordnung in Phänomenbereiche als auch in das Unterfeldthema „geschlechterbezogene Diversität“, verdeutlichen die Grenzen und Schwächen des aktuellen PMK-Definitionssystems. Für die Begehung einer durch Ungleichwertigkeitsideologien motivierten Straftat ist keine gefestigte Ideologie notwendig, die sich trennscharf in einer der vier anderen Phänomenbereiche verorten ließe. Die <strong>Auffangkategorie</strong> der „sonstigen Zuordnungen“ verdeutlicht dies.<a id="_msocom_1"></a></p> <h2 id="h-die-definition-politisch-motivierter-kriminalitat-auf-dem-prufstand">Die Definition politisch motivierter Kriminalität auf dem Prüfstand </h2> <p>Das nach wie vor am Extremismus-Konzept orientierte Definitionssystem politisch motivierter Kriminalität, mit seinen nicht trennscharfen Kategorien, ist damit nur eingeschränkt dazu geeignet Polizeibeamt*innen eine <strong>klare Orientierung</strong> bei der Kategorisierung an die Hand zu geben. Damit wird das Ziel einer adäquaten, und bundesweit einheitlichen Erfassung politisch motivierter Kriminalität sowie die Abbildung ihrer ideologischen Hintergründe unterlaufen.</p> <p>Es sollte kritisch geprüft werden, ob das zugrunde gelegte Extremismus-Konzept und die darauf basierenden Phänomenbereiche politisch motivierte Kriminalität noch angemessen abbilden. Zielführender könnte es sein, Vorurteilskriminalität als von gefestigten ideologischen Überzeugungen und expliziten politischen Zielen, <strong>unabhängiges Phänomen </strong>zu erfassen. Im Zuge dessen sollte auch die <strong>Perspektive der Opfer</strong> bei der Beurteilung der Motivation stärker berücksichtigt werden.</p> <p>Daneben ist eine <strong>Aktualisierung und Neustrukturierung</strong> des Themenfeldkataloges notwendig. Exemplarisch hierfür stehen die Unterfeldthemen „Ausländerfeindlich“ und „Fremdenfeindlich“, die zugunsten eines Unterfeldthemas „Rassismus“ abgeschafft werden sollten, um zum einen die sprachliche Übernahme der Täter*innenperspektive zu beenden und zum anderen die <strong>statistische Aussagekraft</strong> zu erhöhen. Denn auch wenn es sich bei der PMK-Statistik um eine Statistik handelt, die in erster Linie Auskunft über die polizeiliche Arbeitsweise und Erfassungspraxis gibt, prägt sie durch ihre mediale und gesellschaftliche Rezeption die<strong> gesellschaftliche Wahrnehmung</strong> politisch motivierter Kriminalität. Zudem werden auf ihrer Grundlage Lagebilder erstellt und politische Entscheidungsprozesse angestoßen. Insbesondere wenn die jährlichen Fallzahlen den Ausgangspunkt für die Entwicklung von <strong>Repressions- und Präventionsstrategien</strong> darstellen, wiegen die Schwächen des PMK-Definitionssystems schwer.</p> <p>Quellen:</p> <p>Bundeskriminalamt (Hrsg.). (2022). Definitionssystem Politisch motivierte Kriminalität.</p> <p>Bundeskriminalamt (Hrsg.). (2023). Themenfeldkatalog zur Kriminaltaktischen Anfrage in Fällen Politisch motivierter Kriminalität (KTA-PMK). </p> <p>Bundesministerium des Innern (Hrsg.). (2016). Politisch motivierte Kriminalität im Jahr 2015. Bundesweite Fallzahlen.</p> <p>Bundesministerium des Innern und für Heimat (Hrsg.). (2023). Politisch motivierte Kriminalität im Jahr 2022. Bundesweite Fallzahlen.</p> <p>Bundesministerium des Innern und für Heimat (Hrsg.). (2025). Bundesweite Fallzahlen 2024. Politisch motivierte Kriminalität.</p> <p>Decker, O., Kiess, J., Heller, A., &amp; Brähler, E. (Hrsg.). (2024). Vereint im Ressentiment: Autoritäre Dynamiken und rechtsextreme Einstellungen/Leipziger Autoritarismus Studie 2024. Psychosozial-Verlag. <a href="https://doi.org/10.30820/9783837962864">https://doi.org/10.30820/9783837962864</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/sonst-noch-was-die-abstellkammer-der-polizeilichen-erfassung-politisch-motivierter-kriminalitaet/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeo Podcast: Cygnus X-1 – wie findet man ein Schwarzes Loch? https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/#comments Sun, 12 Oct 2025 05:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1761 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag124-sl-768x768.jpg Das Röntgenbild des Schwarzen Lochs Cygnus X-1 zeigt ein helles blaues Licht in der Mitte, umgeben von einem dunklen Hintergrund. Die blaue Quelle hat ein körniges, leuchtendes Aussehen, das an einen sehr großen, aber leicht unscharfen Stern erinnert. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag124-sl-scaled.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Cygnus X-1 - wie findet man ein Schwarzes Loch? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag124-schwarze-loecher-entdeckung.html#/">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Je nach Masse beenden Sterne ihre Entwicklung auf unterschiedliche Weisen. Ein Stern wie unsere Sonne – eher klein, eher gelb – endet als Weißer Zwerg. Massereichere Sterne hingegen verwandeln sich in Neutronensterne, die dichtesten Gebilde im Universum. Nur den massereichsten Sternen ist das wohl spektakulärste Schicksal vorbehalten: Sie kollabieren zu einem Schwarzen Loch. Weiße Zwerge und Neutronensterne können Astronominnen und Astronomen problemlos im All beobachten – aber Schwarze Löcher? Wie sollte man ein Schwarzes Loch beobachten können, das seinem Namen wirklich alle Ehre macht, da schließlich noch nicht einmal Licht ihm entkommen kann? Schwarze Löcher sind per Definition unsichtbar.</p> <p>Nachdem Forschende im Jahr 1939 die Existenz von Schwarzen Löchern vorhergesagt hatten, blieben diese zunächst ein rein theoretisches Gebilde. Wenn überhaupt, beschäftigten sich Mathematiker und theoretische Physiker damit, vor allem waren das die Liebhaber der Allgemeinen Relativitätstheorie. Astronomen und Astrophysikerinnen hingegen kümmerten sich nicht um Schwarze Löcher – denn noch war sich niemand sicher, dass es sie tatsächlich gibt.<aside></aside></p> <p>Das sollte sich erst in den 1960er-Jahren ändern. Damals wurde klar, dass Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie nicht nur ein theoretisches Konstrukt ist, sondern sich auch an astronomischen Himmelsobjekten beobachten lässt. Da Schwarze Löcher eine Konsequenz aus der Allgemeinen Relativitätstheorie sind, stellte sich damit die Fragen, ob es sie tatsächlich gibt und falls ja, wie man sie überhaupt beobachten könnte.</p> <p>In dieser Folge erzählt Franzi, wie Astronominnen und Astronomen das erste Schwarze Loch entdeckt haben: eine helle Röntgenquelle namens Cygnus X-1 im Sternbild Schwan – und warum sie sich trotzdem lange Zeit nicht sicher sein konnten, dass es wirklich existierte.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 61: <a href="https://astrogeo.de/quasisterne-in-der-ferne/">Quasisterne in der Ferne</a></li> <li>Folge 75: <a href="https://astrogeo.de/ein-schwarzes-loch-im-zentrum-der-etwas-andere-quasi-stern/">Ein Schwarzes Loch im Zentrum: der etwas andere Quasi-Stern</a></li> <li>Folge 102: <a href="https://astrogeo.de/das-ende-des-anfangs-was-vom-urknall-uebrigblieb/">Das Ende des Anfangs: Was vom Urknall übrigblieb</a></li> <li>Folge 120: <a href="https://astrogeo.de/riss-in-der-raumzeit-wie-karl-schwarzschild-auf-schwarze-loecher-stiess/">Raumzeit-Riss: Wie Karl Schwarzschild auf Schwarze Löcher stieß</a></li> <li>Folge 123: <a href="https://astrogeo.de/weisse-zwerge-die-rettung-vor-dem-schwarzen-loch/">Weiße Zwerge – die Rettung vor dem Schwarzen Loch?</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links">Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Allgemeine_Relativit%C3%A4tstheorie">Allgemeine Relativitätstheorie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ereignishorizont">Ereignishorizont</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Singularit%C3%A4t_(Astronomie)">Singularität (Astronomie)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzes_Loch">Schwarzes Loch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Schwarzen_L%C3%B6cher">Geschichte der Schwarzen Löcher</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ereignishorizont">Ereignishorizont</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/David_Finkelstein">David Finkelstein</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Engelbert_Sch%C3%BCcking">Engelbert Schücking</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/3C_273">3C 273</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Quasar">Quasar</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Schwarzschild">Martin Schwarzschild</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Henry_Dicke">Robert Henry Dicke</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Cygnus_X-1">Cygnus X-1</a></li> <li>Welt der Physik: <a href="https://www.weltderphysik.de/gebiet/universum/schwarze-loecher/ereignishorizont/">Die Grenzen eines Schwarzen Lochs</a> (2016)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://www.nature.com/articles/235037a0">Cygnus X-1-a Spectroscopic Binary with a Heavy Companion? (1972)</a></li> <li>Buch: <a href="https://marcuschown.com/book/a-crack-in-everything/">Marcus Chown: A Crack in Everything</a></li> <li>Buch: <a href="https://yalebooks.yale.edu/book/9780300219661/black-hole/">Marcia Bartusiak: Black Hole</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s00016-025-00331-2">The Prediction and Interpretation of Singularities and Black Holes: From Einstein and Schwarzschild to Penrose and Wheeler</a> (2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://chandra.harvard.edu/photo/2009/cygx1/">NASA/CXC/SAO </a></em></p> <p><em>Schwarze Löcher sind unsichtbar – auch auf diesem Röntgenbild ist das Schwarze Loch Cygnus X-1 nicht zu sehen. Es verrät sich über seine Röntgenstrahlung: Weil das Schwarze Loch Materie von seinem Begleitstern abzieht, wird diese hochenergetische Strahlung freigesetzt, während die Materie selbst auf Nimmerwiedersehen ins Schwarze Loch stürzt.</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag124-sl-scaled.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Cygnus X-1 - wie findet man ein Schwarzes Loch? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag124-schwarze-loecher-entdeckung.html#/">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0">Fyyd</a></p> <p>Je nach Masse beenden Sterne ihre Entwicklung auf unterschiedliche Weisen. Ein Stern wie unsere Sonne – eher klein, eher gelb – endet als Weißer Zwerg. Massereichere Sterne hingegen verwandeln sich in Neutronensterne, die dichtesten Gebilde im Universum. Nur den massereichsten Sternen ist das wohl spektakulärste Schicksal vorbehalten: Sie kollabieren zu einem Schwarzen Loch. Weiße Zwerge und Neutronensterne können Astronominnen und Astronomen problemlos im All beobachten – aber Schwarze Löcher? Wie sollte man ein Schwarzes Loch beobachten können, das seinem Namen wirklich alle Ehre macht, da schließlich noch nicht einmal Licht ihm entkommen kann? Schwarze Löcher sind per Definition unsichtbar.</p> <p>Nachdem Forschende im Jahr 1939 die Existenz von Schwarzen Löchern vorhergesagt hatten, blieben diese zunächst ein rein theoretisches Gebilde. Wenn überhaupt, beschäftigten sich Mathematiker und theoretische Physiker damit, vor allem waren das die Liebhaber der Allgemeinen Relativitätstheorie. Astronomen und Astrophysikerinnen hingegen kümmerten sich nicht um Schwarze Löcher – denn noch war sich niemand sicher, dass es sie tatsächlich gibt.<aside></aside></p> <p>Das sollte sich erst in den 1960er-Jahren ändern. Damals wurde klar, dass Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie nicht nur ein theoretisches Konstrukt ist, sondern sich auch an astronomischen Himmelsobjekten beobachten lässt. Da Schwarze Löcher eine Konsequenz aus der Allgemeinen Relativitätstheorie sind, stellte sich damit die Fragen, ob es sie tatsächlich gibt und falls ja, wie man sie überhaupt beobachten könnte.</p> <p>In dieser Folge erzählt Franzi, wie Astronominnen und Astronomen das erste Schwarze Loch entdeckt haben: eine helle Röntgenquelle namens Cygnus X-1 im Sternbild Schwan – und warum sie sich trotzdem lange Zeit nicht sicher sein konnten, dass es wirklich existierte.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 61: <a href="https://astrogeo.de/quasisterne-in-der-ferne/">Quasisterne in der Ferne</a></li> <li>Folge 75: <a href="https://astrogeo.de/ein-schwarzes-loch-im-zentrum-der-etwas-andere-quasi-stern/">Ein Schwarzes Loch im Zentrum: der etwas andere Quasi-Stern</a></li> <li>Folge 102: <a href="https://astrogeo.de/das-ende-des-anfangs-was-vom-urknall-uebrigblieb/">Das Ende des Anfangs: Was vom Urknall übrigblieb</a></li> <li>Folge 120: <a href="https://astrogeo.de/riss-in-der-raumzeit-wie-karl-schwarzschild-auf-schwarze-loecher-stiess/">Raumzeit-Riss: Wie Karl Schwarzschild auf Schwarze Löcher stieß</a></li> <li>Folge 123: <a href="https://astrogeo.de/weisse-zwerge-die-rettung-vor-dem-schwarzen-loch/">Weiße Zwerge – die Rettung vor dem Schwarzen Loch?</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links">Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Allgemeine_Relativit%C3%A4tstheorie">Allgemeine Relativitätstheorie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ereignishorizont">Ereignishorizont</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Singularit%C3%A4t_(Astronomie)">Singularität (Astronomie)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzes_Loch">Schwarzes Loch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Schwarzen_L%C3%B6cher">Geschichte der Schwarzen Löcher</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ereignishorizont">Ereignishorizont</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/David_Finkelstein">David Finkelstein</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Engelbert_Sch%C3%BCcking">Engelbert Schücking</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/3C_273">3C 273</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Quasar">Quasar</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Schwarzschild">Martin Schwarzschild</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Henry_Dicke">Robert Henry Dicke</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Cygnus_X-1">Cygnus X-1</a></li> <li>Welt der Physik: <a href="https://www.weltderphysik.de/gebiet/universum/schwarze-loecher/ereignishorizont/">Die Grenzen eines Schwarzen Lochs</a> (2016)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://www.nature.com/articles/235037a0">Cygnus X-1-a Spectroscopic Binary with a Heavy Companion? (1972)</a></li> <li>Buch: <a href="https://marcuschown.com/book/a-crack-in-everything/">Marcus Chown: A Crack in Everything</a></li> <li>Buch: <a href="https://yalebooks.yale.edu/book/9780300219661/black-hole/">Marcia Bartusiak: Black Hole</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s00016-025-00331-2">The Prediction and Interpretation of Singularities and Black Holes: From Einstein and Schwarzschild to Penrose and Wheeler</a> (2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://chandra.harvard.edu/photo/2009/cygx1/">NASA/CXC/SAO </a></em></p> <p><em>Schwarze Löcher sind unsichtbar – auch auf diesem Röntgenbild ist das Schwarze Loch Cygnus X-1 nicht zu sehen. Es verrät sich über seine Röntgenstrahlung: Weil das Schwarze Loch Materie von seinem Begleitstern abzieht, wird diese hochenergetische Strahlung freigesetzt, während die Materie selbst auf Nimmerwiedersehen ins Schwarze Loch stürzt.</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/#comments 3